B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5205/2015 U r t e i l v o m 6 . J u n i 2 0 1 7 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter David R. Wenger, Gerichtsschreiber Peter Jaggi. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea (derzeit in Äthiopien), vertreten durch (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des SEM vom 28. Juli 2015 / N (…). E-5205/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Mit Entscheid vom (…) gewährte das damalige BFM dem Bruder und Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ( …) unter Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft Asyl in der Schweiz. B. Mit schriftlicher Eingabe vom 3. Mai 2012 gelangte die Beschwerdeführerin durch ihren Bruder und Rechtsvertreter an das BFM und beantragte, sie sei in sein Familienasyl aufzunehmen und es sei ihr ebenfalls Asyl zu ge- währen. Eventualiter sei ihr zur Abklärung des Sachverhalts die Einreise in die Schweiz zu bewilligen und es sei ihr Asyl in der Schweiz zu gewähren. Zudem seien ihr die für die Reise nötigen Reisepapiere auszustellen. Am 12. Juni 2015 wurde die Beschwerdeführerin durch die Schweizerische Vertretung in Addis Abeba (Äthiopien) zu ihren Asylgründen angehört. Zur Begründung ihres Asylgesuchs aus dem Ausland führte die Beschwer- deführerin an, sie sei Anfang (…) zum Nationaldienst in (…) eingezogen worden, aber sie habe keine militärische Ausbildung absolviert. Nach drei Monaten sei sie zusammen mit (…) weiteren Personen nach (…) im Sudan geflüchtet, wo sudanesische Soldaten sie aufgegriffen und eritreischen Soldaten übergeben hätten. In Eritrea sei sie in das Gefängnis von B._______ verbracht worden. Nach einer (…) Inhaftierung sei sie dank der Intervention der Kirche freigelasse n worden. Danach habe sie sich wäh- rend (…) oder (…) Monaten bei ihrer Schwester in C._______ aufgehalten und sei dann erneut nach (…) gebracht worden, wo sie ungefähr im (…) nach weniger als einem Monat erneut geflüchtet und danach wiederum in den Sudan gegangen sei. Im Sudan habe sie sich im UNHCR-Flüchtlings- lager D._______ registrieren lassen. Sie habe sich im Sudan nicht frei be- wegen können und Schwierigkeiten mit ihren Arbeitgebern gehabt, wes- halb sie nach Äthiopien geflüchtet sei, wo sie sich nach ihre r Ankunft am (…) im UNHCR-Flüchtlingslager E._______ habe registrieren lassen. Nach (…) Monaten habe sie das Flüchtlingslager verlassen, weil das Leben dort schwierig gewesen sei, und weil ihr Bruder jemanden gefunden habe, mit dem sie habe zusammenleben k önnen. Sie lebe nun in Addis Abeba mit der alten Tante eines Bekannten zusammen, die sie mit Essen und Klei- dern versorge. Ihr Bruder (…), mit dem sie einmal pro Monat Kontakt habe respektive dem sie fast täglich Chatnachrichten sende, schicke ihr alle vier bis sechs Monate (…) USD, wenn sie ihn darum bitte. Sie könne nicht in Äthiopien bleiben, weil sie abgesehen von dieser alten Frau niemanden E-5205/2015 Seite 3 kenne. In Äthiopien habe sie erfahren, dass ihr Vater Ende (…) in Eritrea bei einem Unfall ums Leben gekommen sei. Sie sei aus Eritrea geflüchtet, weil sie dort ihre Rechte nicht habe ausüben und auch nicht frei habe ar- beiten können, um sich und ihre Familie zu unterstützen. Sie habe Eritrea auch aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Auf entsprechende Fragen bei der Anhörung hin führte die Beschwerdeführerin aus, sie leide an (...). Im Flüchtlingslager sei sie dagegen behandelt worden, in Addis Abeba habe sie deswegen keinen Arzt aufgesucht. Auf die Frage, ob sie noch et- was hinzufügen möchte, antwortete sie, sie habe viele Probleme und sie frage sich, wie lange sie noch von der alten Tante des Bekannten abhängig bleibe. Sie sei gestresst wegen dem Tod ihres Vaters und weil sie ihre Fa- milie nicht kontaktieren könne. Für den Inhalt der weiteren Vorbringen wird auf die Akten und, soweit für den Entscheid wesentlich, auf die nachfolgenden Erwägungen verwiesen. Die Beschwerdeführerin liess zur Stützung ihrer Vorbringen einen Brief des „National Intelligence and Security Service“ vom (…) auf Amharisch, ein „Certificate of Ba ptism“, eine UNHCR -Flüchtlingsidentitätskarte, ein Ge- burtszertifikat und ein Foto jeweils in Kopie einreichen. C. Mit am 29. Juli 2015 eröffneter Verfügung vom 28. Juli 2015 bewilligte das SEM der Beschwerdeführerin die Einreise in die Schweiz nicht und lehnte ihr Asylgesuch ab. D. Mit Rechtsmitteeingabe vom 26. August 2015 gelangte die Beschwerde- führerin durch ihren Bruder und Rechtsvertreter an das Bundesverwal- tungsgericht und beantragte unter Aufhebung dieser Verfügung die Bewil- ligung der Einreise in die Schweiz zur Abklärung des Sachverhalts und zur Gewährung von Asyl. Zudem seien ihr die für die Reise nötigen Reisepa- piere auszustellen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. E. Am 31. August 2015 bestätigte das Gericht dem Rechtsvertreter den Ein- gang der Beschwerde. F. Mit Schreiben vom 16. November 2015, 10. Februar 2016, 1. Juni 2016 E-5205/2015 Seite 4 und 23. August 2016 beantwortet e die Instruktionsrichterin Anfragen des Rechtsvertreters zum Verfahrensstand und um prioritäre Behandlung der Beschwerde. G. G.a Mit Eingabe vom 20. März 2017 teilte der Bruder und Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mit, er bedaure sehr, dass seine Schweste r und er nun schon seit einem Jahr und acht Monaten auf einen Entscheid warten müssten. Seine Schwester sei in einer prekären Lage und auf fremde Hilfe angewiesen. Sie habe sich deshalb beim UNHCR gemeldet. Damit sie die volle Unterstützung erhalten könne, müsse sie dem UNHCR verschiedene Dokumente zu ihrer Person einreichen. Sie habe ihn deshalb gebeten, ihr ihren Geburtsschein im Original und diejenigen Fotos, die sie als ganze Person ablichten würden, zukommen zu lassen. Die besagen Dokumente befänden sich zurzeit in den Akten, weshalb er um deren Zustellung ersu- che. G.b Mit Schreiben vom 22. März 2017 teilte die Instruktionsrichterin dem Rechtsvertreter mit, seine Anfrage vom 20. März 2017 sei zuständigkeits- halber an das SEM zur gutscheinenden Beantwortung w eitergeleitet wor- den. G.c Mit Schreiben vom 29. März 2017 stellte das SEM dem Rechtsvertreter die gewünschten Dokumente zu und teilte ihm mit, Fotos, die seine Schwester als ganze Person ablichten würden, befänden sich nicht in den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). E-5205/2015 Seite 5 Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz t eilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Soweit mit den dringlichen Änderungen des Asylgesetzes vom 28. Sep- tember 2012 (AS 2012, 5359; in Kraft getreten am 29. September 2012) die Möglichkeit der Asylgesuchstellung im Ausland abgeschafft wurde, kommt dies im vor liegenden Fall nicht zur Anwendung, da gemäss Über- gangsbestimmung zur Änderung vom 28. September 2012 für Asylgesu- che aus dem Ausland, die vor dem Inkrafttreten der Änderung gestellt wor- den sind – was vorliegend zutrifft –, die einschlägigen Normen in der bis- herigen Fassung gelten. 4. 4.1 Gemäss aArt. 19 Abs. 1 AsylG kann ein Asylgesuch aus dem Ausland direkt beim SEM (vormals BFM) eingereicht werden (vgl. BVGE 2007/19 E. 3.3). Hinsichtlich des Verfahrens bei der schweizerischen Vertretung im Ausland sieht aArt. 10 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) vor, dass diese mit der asylsuchenden Person in der Regel eine Befragung durchführt. Das Staatsekretariat bewilligt Asylsu- chenden die Einreise in die Schweiz zur Abklärung des Sachverhalts, wenn ihnen nicht zugemutet werden kann, im Wohnsitz- oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in einen andern Staat auszureisen (aArt. 20 AsylG). Unzumut- bar ist ein Verbleib namentlich dann, wenn die asylsuchende Person schutzbedürftig ist, das heisst wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, E-5205/2015 Seite 6 in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge- hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi- schen Anschauung ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nach- teile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2 Die Vorinstanz kann einer Person, die sich im Ausland befindet, Asyl – und damit auch die Einreise in die Schweiz – verweigern, wenn keine Hin- weise auf eine aktuelle Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG vorliegen oder ihr zuzumuten ist, sich in einem Drittstaat um Aufnahme zu bemühen (aArt. 52 Abs. 2 AsylG). 4.3 Für die Erteilung einer Einreisebewilligung gelten restriktive Vorausset- zungen, wobei den Behörden ein weiter Beurteilungsspielraum zukommt. Neben der erforderlichen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG sind na- mentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz, die Möglichkeit der Schutzge- währung durch einen anderen Staat, die Beziehungsnähe zu anderen Staaten, die praktische Möglichkeit und objektive Zumutbarkeit zur ander- weitigen Schutzsuche sowie die voraussichtlichen Eingliederungs- und As- similationsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Ausschlaggebend für die Erteilung der Einreisebewilligung ist dabei die Schutzbedürftigkeit der be- treffenden Person, mithin die Prüfung der Frage, ob eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft gemacht wur de und ob der Verbleib am Aufenthaltsort für die Dauer der Sachverhaltsabklärungen zugemutet wer- den kann. Die Einreise ist aber selbst im Falle einer allfälligen Schutzbe- dürftigkeit zu verweigern, wenn Asylausschlussgründe vorliegen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/10 E. 3.3). 4.4 Eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG ist dann glaubhaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das SEM begründete seine Verfügung vom 28. Juli 2015 damit, das vom Rechtsvertreter mit Sch reiben vom 14. Juli 2015 eingereichte Doku-E-5205/2015 Seite 7 ment stelle keine rechtsgenügliche Vollmacht dar, weil seine Schwester da- rin sinngemäss lediglich bestätige, dass alle gemachten Ausführungen ih- rem Willen entsprechen würden. Angesichts der vollumfänglichen Akten- kenntnis des Rechtsvertreters und dem Umstand, dass er das bisherige Verfahren im Interesse seiner Schwester geführt habe , und nach wie vor führe, könne jedoch auf das Nachreichen einer Vollmacht verzichtet wer- den. Das Gesuch der Beschwerdeführerin sei als e igenständiges Asylge- such aus dem Ausland zu beurteilen. Die Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes erfordere vorliegend ihre Anwesenheit in der Schweiz nicht, weshalb das Ausstellen einer Einreisebewilligung nicht in Frage komme. Die Beschwerdeführe rin habe anlässlich ihrer Befragung vom 12. Ju- ni 2015 zu Protokoll gegeben, Eritrea aus ökonomischen Gründen verlas- sen zu haben. Gleichzeitig habe sie jedoch ausgeführt, geflüchtet zu sein, weil sie ihre Rechte in Eritrea nicht habe ausüben können. Ferner habe sie in ihrem Asylgesuch vom 3. Mai 2012 angegeben, Eritrea aufgrund ihrer Zwangsrekrutierung verlassen zu haben. Insgesamt könne nicht mit hinrei- chender Sicherheit ausgeschlossen werden, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Ausreise aufgrund ihrer Desertion – auch wenn die diesbezüglichen Aus- führungen wenig substanziiert seien – ernsthaften Nachteilen seitens der eritreischen Behörden im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen sei und bei einer Rückkehr nach Eritrea befürchten müsse, wiederum solchen ausgesetzt zu werden. Zu prüfen bleibe, ob einer allfälligen Asylgewährung durch die Schweiz der Asylausschlussgrund von aArt. 52 Abs. 2 AsylG ent- gegenstehe, wonach einer Person das Asyl verweigert werden könne, wenn ihr zugemutet werden könne, sich in einem and eren Staat um Auf- nahme zu bemühen. Des Weiteren habe sie anlässlich der Befragung vom 12. Juni 2015 mitge- teilt, dass sie sich während drei Monaten im UNHCR-Flüchtlingslager (…) (recte: E._______) aufgehalten habe. Zurzeit lebe sie zusammen mit der Tante einer Bekanntschaft in Addis Abeba. Gemäss Berichten des UNHCR befänden sich zahlreiche eritreische Flüchtlinge und asylsuchende Perso- nen in Äthiopien. Vor diesem Hintergrund sei nicht zu verkennen, dass die Lage vor Ort für diese Menschen wie auch für die Beschwerdeführerin nicht einfach sei. Dennoch bestünden keine konkreten Anhaltspunkte für die An- nahme, dass ein weiterer Verbleib in Äthiopien für sie nicht zumutbar oder nicht möglich wäre. Zunächst sei darauf hinzuweisen, dass vom UNHCR in Äthiopien regis trierte Flüchtlinge einem Flüchtlingslager zugeteilt wür- den, wo sie sich aufzuhalten hätten und die nötige Versorgung erhielten. Sie würden in Äthiopien nicht über ein freies Aufenthaltsrecht für das ganze E-5205/2015 Seite 8 Land verfügen. Seit dem Jahr 2010 sei es eritreisc hen Flüchtlingen mög- lich, im Rahmen der Out of Camp Policy (OCP) ausserhalb des Flüchtlings- lagers zu leben. Voraussetzung dafür sei die Anerkennung als Flüchtling, ein Aufenthalt von mindestens drei Monaten in einem Flüchtlingslager so- wie ein Sponsor, der die Kostendeckung garantiere. In der Praxis würden von der „A dministration for Refugee and Returnee Affairs (ARRA)“ auch Sponsoren aus dem Ausland akzeptiert, wobei der Nachweis des Geldflus- ses in der Regel nicht überprüft werde. Mit der Ausstellung einer OCP- Karte entfalle jedoch die Unterstützungsleistung in Form von Essensmar- ken (mit Hinweis auf eine 2013 erfolgte Auskunft der Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH] zur Situation eritreischer Flücht- linge in Äthiopien). Ausserdem habe der UNHCR in Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Staat spezielle Richtlinien und Massnahmen zum Schutz von alleinstehenden Frauen ausgearbeitet. Die Grundversorgung in den äthiopischen Flüchtlingslagern sei gewährleistet und der dortige Aufenthalt für die vom UNHCR registrierten Flüchtlinge grundsätzlich zumutbar (mit Hinweis auf die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts D-4817/2014 vom 27. November 2014 und D-4821/2014 vom 27. November 2014 S. 9). Die Beschwerdeführerin lebe eigenen Angaben zufolge zurzeit in Addis Ab- eba und werde von der Frau, bei der sie lebe, mit Kleidern und Nahrung versorgt. Ihr Bruder und Rechtsvertreter unterstütze sie finanziell. Spezifi- sche Vorkommnisse während ihres Aufenthaltes im UNHCR-Flüchtlingsla- ger oder in Addis Abeba, die auf eine persönliche und konkrete Gefährdung hindeuten würden, habe sie keine vorgebracht. Auch aus den Akten liessen sich keine Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass sie mit unhaltbaren Zu- ständen und Situationen konfrontiert gewesen wäre. Ihre wirtschaftliche Si- tuation in Addis Abeba gestalte sich gewiss nicht einfach, aber sie werde von der Frau, bei der sie lebe, und von ihrem Bruder unterstützt. Ferner lebe in Äthiopien eine aktive eritreische Diaspora, die für in Not geratene Landsleute bereit stehe und weit gehend Unterstützung biete. Zudem sei es ihr zuzumuten, sich in das ihr zugewiesene UNHCR-Flüchtlingslager zu begeben respektive sich erneut beim UNHCR zu melden, sollte die Situa- tion tatsächlich kritisch sein (mit Hinweis auf das Urteil des Bundesverwal- tungsgerichts E-3203/2014 vom 25. März 2015 E. 6.3). Der Vollständigkeit sei in Bezug auf die (...)-Erkrankung der Beschwerde- führerin festzuhalten, dass sie beim UNHCR um Schutz und Unterstützung ersuchen könne, falls dies notwendig sein sollte. Gemäss inter nen Abklä- rungen stelle die ARRA zusammen mit Umsetzungspartnern wie der „De- velopment and Inter -Church Aid Commission (DICAC)“ die medizinische E-5205/2015 Seite 9 Versorgung in den Flüchtlingslagern sicher. Die Behandlung und Medika- tion sei kostenlos. Wenn eine Krankheit oder Verletzung in den Flüchtlings- lagern nicht behandelt werden könne, würden die Patienten an das nächst- gelegene öffentliche Spital überwiesen, oder es werde eine Überweisung nach Addis Abeba vorgenommen. Flüchtlinge mit Einkommen, die sich nicht in einem Lager aufhalten würden, müssten medizinische Leistungen selber bezahlen. Zudem stelle der UNHCR erwerbslosen Flüchtlingen, die sich ausserhalb eines Lagers aufhalten würden, auf Anfrage hin einen Überweisungsschein für eine unentgeltliche Behandlung aus. Solche Über- weisungsscheine würden auch für in den Flüchtlingslagern nicht behandel- bare Krankheiten oder Verletzungen ausgestellt. Flüchtlinge, die sich in Ad- dis Abeba aufhalten und kostenfreie medizinische Behandlung benötigen würden, müssten sich beim UNHCR m elden. Nach dem Gesagten könne angenommen werden, dass für die Beschwerdeführerin die Hürden für eine zumutbare Existenz in Äthiopien nicht unüberwindbar seien. Des Weiteren ergebe eine Gesamtschau der Beziehungsnähe zur Schweiz und derjenigen zu anderen S taaten, dass der Anknüpfungspunkt der Be- schwerdeführerin zur Schweiz nicht derart wichtig sei, als dass eine Abwä- gung der Gesamtumstände im Sinne von aArt. 52 Abs. 2 AsylG dazu führen müsste, dass es gerade die Schweiz sei, die den erforderlichen Schutz ge- währen sollte. Alleine die Anwesenheit ihres Bruders und dessen Familie als nicht der Kernfamilie angehörende Personen bedeute noch keine enge Bindung zur Schweiz in dem Sinne, als die Zumutbarkeit eines Verbleibs in Äthiopien gemäss aArt. 52 Abs. 2 AsylG verneint werden müsste. Somit sei keine besondere Beziehungsnähe zur Schweiz gegeben, die die voran- gegangen Feststellungen umzustossen vermöchte. Zusammenfassend sei festzustellen, dass ein Ausschlussgrund nach aArt. 52 Abs. 2 AsylG vor- liege. Auch eine unmittelbare Gefahr im Sinne von aArt. 20 Abs. 3 AsylG habe nicht dargetan werden können, weshalb die Beschwerdeführerin den subsidiären Schutz der Schweiz nicht benötige. Es sei ihr zuzumuten, in Äthiopien zu verbleiben. Der Vollständigkeit halbe r sei festzuhalten, dass gemäss Rechtsprechung im Rahmen von Asylgesuchen aus dem Ausland eingereichte Familiennachzugsgesuche gemäss Art. 51 Abs. 2 AsylG ab dem 1. Februar 2014 einer materiellen Beurteilung nicht mehr zugänglich seien (unter Hinweis auf das Urteil D-1590/2015 vom 8. Dezember 2014). 5.2 In der Beschwerde vom 26. August 2015 wurde angeführt, die Um- stände hätten sich seit dem Einreichen des Asylgesuchs aufgrund der lan- gen Bearbeitungszeit wesentlich geändert. Die Tante des Bekannten sei nach Eritrea zurückge kehrt, weshalb die Beschwerdeführerin nun alleine E-5205/2015 Seite 10 in Addis Abeba sei und versuche, sich durchzuschlagen. Sie sei zum Zeit- punkt der Einreichung des Asylgesuchs minderjährig gewesen und spre- che nicht Amharisch, sondern Tigrinja. Sie sei verängstigt und fühle sich einsam. Sie werde soweit möglich durch ihren Bruder in der Schweiz un- terstützt. Ansonsten habe sie keine finanzielle Unterstützung. Sie traue sich kaum alleine aus dem Haus, weil sie sich wegen den sprachlichen Barrieren nicht verständigen könne und sich als Frau alleine sehr unwohl fühle. Die Beschwerdeführerin habe in Äthiopien keine Bezugsperson und auch keine Kernfamilie. Ihr Vater sei (…) verstorben. Ihr zweiter Bruder befinde sich in Eritrea. Ihr Bruder in der Schweiz sei somit die einzige le- bende Person in einem sicheren Drittstaat. Eine Rückkehr nach Eritrea sei nicht möglich, was auch die Vorinstanz nicht bestreite. Zwar handle es sich beim Bruder in der Schweiz nicht um die Kernfamilie im engeren Sinne. Der Beschwerdeführerin würden jedoch ke ine weiteren Personen in der nächsten Verwandtschaft verbleiben, weshalb ihr in der Schweiz lebender Bruder und dessen Familie als Kernfamilie im weiteren Sinne zu verstehen seien. Eine Rückkehr in ein Flüchtlingslager sei aufgrund der dort herr- schenden Bedingungen undenkbar und nicht realistisch. Es wäre äusserst angebracht, die ständige Praxis des Bundesverwaltungsgerichts diesbe- züglich dringend zu überdenken. 6. 6.1 Nachdem in der angefochtenen Verfügung die Gefährdung der Be- schwerdeführerin im Zeitpunkt der A usreise aus dem Heimatstaat bejaht worden ist, bleibt nachfolgend zu prüfen, ob es der Beschwerdeführerin zugemutet werden kann, in einem anderen Staat um Schutz zu ersuchen (vgl. aArt. 52 Abs. 2 AsylG). Der Vorhalt der möglichen Schutzsuche in ei- nem Dritt staat bedingt eine Abwägung zwischen der Zumutbarkeit einer solchen sowie der Beziehungsnähe der Beschwerdeführerin zum Drittstaat und zur Schweiz in einer Gesamtwürdigung. 6.2 Zur diesbezüglichen Kognition ist festzuhalten, dass die Schutzgewäh- rung respektive die Zumutbarkeit der Schutzsuche in einem anderen Staat vom Bundesverwaltungsgericht vollumfänglich überprüft werden kann. Hat aber die asylsuchende Person in einem Drittstaat zumutbaren Schutz ge- funden, fällt es in die Befugnis des SEM zu entscheiden, ob ihr im zu beur- teilenden Einzelfall die Einreise zwecks Asylgewährung zu bewilligen ist oder nicht, was einen ausserhalb der gerichtlichen Kognition liegenden Er- messensentscheid darstellt (BVGE 2015/2 E. 7.2 f.). E-5205/2015 Seite 11 6.3 Hält sich die asylsuchende Person – wie im vorliegenden Fall – in ei- nem Drittstaat auf, bedeutet dies noch nicht zwingend, dass es ihr auch zuzumuten ist, sich dort um Aufnahme zu bemühen. In einem solchen Fall ist aber im Sinne einer Vermutung davon auszugehen, die betreffende Per- sonen habe in diesem Drittstaat bereits den erforderlichen Schutz gefun- den, was in der Regel zur Ablehnung des Asylgesuchs und der Verweige- rung der Einreisebewilligung führt. In jedem Falle sind die Kriterien zu prü- fen, welche die Zufluchtnahme in diesem Drittst aat als zumutbar erschei- nen lassen, und diese sind mit einer allfälligen Beziehungsnähe zur Schweiz abzuwägen (vgl. BVGE 2011/10). 6.4 Die Vorinstanz hat sich in der angefochtenen Verfügung zur Schutzfä- higkeit von Äthiopien nicht geäussert. Gemäss Einschätzung des Bundes- verwaltungsgerichts ist das Risiko für eritreische Flüchtlinge in Äthiopien, Opfer einer Deportation oder Entführung zu werden, aber als gering einzu- stufen (vgl. etwa Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E-1635/2016 vom 12. Januar 2017 E. 6.3.4 ; E-5344/2015 vom 7. Dezember 2016 E. 4.4). Zudem können weder den vorinstanzlichen Akten noch den Beschwerde- vorbringen Anhaltspunkte dafür entnommen werden, dass die Beschwer- deführerin mit einer drohenden Repatriierung rechnen müsste. Es rechtfer- tigt sich demnach, von einer aktuell grundsätzlich bestehenden Schutzfä- higkeit auszugehen. 6.5 6.5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in BVGE 2011/25 eingehend zur Situation alleinstehender Frauen in Äthiopien geäussert. Es gelangte zum Schluss, für alleinstehende und zurückkehrende Frauen sei es nicht leicht, sozialen Anschluss zu finden, da nicht verheiratete und allein le - bende Frauen von der Gesellschaft – auch der städtischen – nicht akzep- tiert würden. Alleinstehende Frauen würden in der Nachbarschaft nicht gerne gesehen, sie gälten als suspekt, da die kulturelle Norm für unverhei- ratete Frauen ein Leben in der Familie vorsehe. Eine Wohnung zu finden, sei in der Regel nur über Bekannte möglich. Allgemein werde davon aus- gegangen, dass sie auf der Suche nach sexuellen Abenteuern seien. Werde eine alleinstehende Frau Opfer sexueller Gewalt, gebe man ihr die Schuld. Die Arbeitslosigkeit von Frauen in Addis Abeba werde auf 40 bis 55 Prozent geschätzt. Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass eine Frau in Äthiopi en einer eigenständigen Erwerbstätigkeit nachgehen könne, seien eine höhere Schulbildung, das Leben in der Stadt, eigene finanzielle Mittel, Unterstützung durch ein soziales Netzwerk sowie Zugang E-5205/2015 Seite 12 zu Informationen. Ohne diese Voraussetzungen blieben Frauen oft nur Ar- beiten, welche gesundheitliche Risiken bergen würden, so beispielsweise in der Prostitution oder in Haushalten, wo sie regelmässig verschiedenen Formen der Gewalt, auch sexueller, ausgesetzt seien (vgl. E. 8.5 und die dort angegebenen Quellen). Mit Bezug auf die Situation eritreischer Flüchtlinge in Äthiopien ist festzu- halten, dass die Grundversorgung in den dortigen Flüchtlingslagern ge- währleistet und der dortige Aufenthalt für die vom UNHCR registrierten Flüchtlinge grundsätzlich zumutbar ist (v gl. etwa Urteile des Bundesver- waltungsgerichts E-5344/2015 vom 7. Dezember 2016, E-2252/2014 vom 29. September 2014 E. 6.6, D-5279/2014 vom 26. September 2014 E. 5.2, D-3536/2013 vom 15. November 2013 E. 6.2). 6.5.2 Vorliegend ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin keine kon- kreten Einwände vorbringt, die auf die Unzumutbarkeit des weiteren Ver- bleibs hinweisen könnten. In der Anhörung führt sie auf ihre Situation in Äthiopien angesprochen lediglich aus, dass sie ausser der alten Tante ei- nes Bekannten niema nden habe und gerne bei ihrem Bruder in der Schweiz leben würde. Spezifische Vorkommnisse während ihres Aufent- halts in Addis Abeba oder im Flüchtlingslager E._______, die auf eine per- sönliche und konkrete Gefährdung hinzudeuten vermöchten, wurden nicht vorgebracht. Das Vorbringen in der Beschwerde, die Situation habe sich für die Beschwerdeführerin verschlechtert, weil die alte Tante einer Be- kanntschaft als ihre einzige Bezugsperson in Äthiopien nach Eritrea zu- rückgekehrt sei, ist nicht geeignet, eine persönliche Gefährdung darzutun. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin soweit akten- kundig nach wie vor von ihrem Bruder in der Schweiz finanziell unterstützt wird. Darüber hinaus ist festzustellen, dass sich die Beschwerdeführerin seit nunmehr über vier Jahren in Äthiopien aufhält, ohne einen wesentli- chen sicherheitsrelevanten Vorfall geltend gemacht zu haben, woraus zu schliessen ist, dass sie sich ein verhältnismässig sicheres Leben in Addis Abeba einzurichten vermochte. Sie verfügt offenbar über eine Bewilligung, ausserhalb eines Flüchtlingslagers zu leben, zumal sie bei der Anhörung auf die Frage, ob sie nach dem Interview wieder zurück nach E._______ gehe, antwortete, nein, ihr Dokument erlaube ihr zu bleiben. Dank der Un- terstützung ihres in der Schweiz lebenden Bruders verfügt sie auch über eigene finanzielle Mittel. Zudem ist festzuhalten, dass es ihr im Bedarfsfall unbenommen bleibt, beim UNHCR um Unterstützung zu ersuchen respek- tive als registrierter Flüchtling in das Flüchtlingslager E._______ zurückzu-E-5205/2015 Seite 13 kehren. Der UNHCR stellt in den Flüchtlingslagern die medizinische Ver- sorgung sicher, zu welcher sämtliche Flüchtlinge unentgeltlich Zugang ha- ben. Auch wenn die Lebensumstände der Beschwerdeführerin in Äthiopien unbestrittenermassen sch wierig sind und sie offenbar kein Amharisch spricht, sind sie nicht dergestalt, dass sie einen weiteren Verbleib gänzlich unzumutbar machen würden. Zudem ist davon auszugehen, dass es ihr möglich und zumutbar sein sollte, die amharische Sprache zu erlernen. Die Beschwerdeführerin ist nach dem Gesagten nicht auf den subsidiären Schutz der Schweiz angewiesen. Schliesslich vermag der in der Schweiz sich aufhaltende Bruder und dessen Familie keinen derart gewichtigen An- knüpfungspunkt darzustellen, wonac h eine Abwägung der Gesamtum- stände im Sinne von aArt. 52 Abs. 2 AsylG dazu führen müsste, dass es gerade die Schweiz ist, die ih r den erforderlichen Schutz gewähren soll. Das SEM hat somit zu Recht die Einreise in die Schweiz nicht bewilligt und das Asylgesuch aus dem Ausland abgelehnt. 6.5.3 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerde hat sich allerdings im Zeitpunkt der Einreichung des Antrages auf Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht als aussichtslos erwiesen. Zudem ist aufgrund der Akten von der pro- zessualen Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin auszugehen. Weil sich aus den Akten auch keine Hinwei se auf eine nachträgliche Veränderung der finanziellen Verhältnisse ergeben, ist der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutzuheissen und die Beschwerdeführerin von der Bezahlung der Verfahrenskosten zu befreien. (Dispositiv nächste Seite) E-5205/2015 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. Die Beschwerdeführerin wird von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Esther Marti Peter Jaggi Versand: