<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 86 S.366</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">366</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>86</b></span> <span class="ft2"><b>Anwaltskommission, Disziplinarverfahren.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Aufgaben und Besetzung der Anwaltskommission; diese ist kein Ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>richt im Sinne von Art. 30 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK (Erw.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>1/b/bb,dd).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Der Anzeiger bzw. die anzeigende Behörde ist nicht Partei im Diszi-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>plinarverfahren (Erw. 1/b/dd).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Bei einer Anzeige durch das Obergericht müssen Oberrichter, die der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Anwaltskommission angehören, nicht in den Ausstand treten, wenn</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sie an der Anzeige nicht direkt beteiligt waren (Erw. 1/b,c).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Beruht der Vorwurf ausschliesslich auf der Kombination der Tätig-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>keiten als Anwalt und als Notar, richtet sich die Zuständigkeit zur</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Disziplinierung (Anwaltskommission oder Notariatskommission/ Re-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gierungsrat) nach der näheren sachlichen Beziehung (Erw. 2,3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 11. Dezember 2002 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen Fürsprecher X. gegen Entscheid der Anwaltskommission.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. a) Mit seinem Eventualantrag beantragt der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer, der angefochtene Entscheid sei wegen unkorrekter Besetzung der</span><br/> <span class="ft1">Anwaltskommission aufzuheben und zur Neubeurteilung in richtiger</span><br/> <span class="ft1">Besetzung zurückzuweisen. Dieses Vorbringen führt, sofern zutref-</span><br/> <span class="ft1">fend, zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids ohne materielle</span><br/> <span class="ft1">Überprüfung und ist deshalb vorab zu behandeln.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">367</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">b) aa) Der Beschwerdeführer hat in seiner Eingabe vom</span><br/> <span class="ft1">6. Juni 2002 an die Anwaltskommission darauf hingewiesen, dass</span><br/> <span class="ft1">beim Entscheid der Anwaltskommission seines Erachtens keine</span><br/> <span class="ft1">Oberrichter und Ersatzrichter des Obergerichts mitwirken dürften, da</span><br/> <span class="ft1">die Anzeige vom Obergericht ausgegangen sei. Es handelte sich nicht</span><br/> <span class="ft1">um ein formelles Ablehnungsbegehren, doch war dies auch nicht</span><br/> <span class="ft1">erforderlich angesichts der Behauptung, es liege ein - von Amtes</span><br/> <span class="ft1">wegen zu beachtender - Ausschliessungsgrund vor.</span><br/> <span class="ft1">bb) Die Anwaltskommission ist eingesetzt als Aufsichtsbehörde</span><br/> <span class="ft1">über die Anwälte. Sie setzt sich zusammen aus zwei Oberrichtern,</span><br/> <span class="ft1">zwei praktizierenden Anwälten und einem weiteren Juristen mit Fä-</span><br/> <span class="ft1">higkeitsausweis als Anwalt sowie einer gleichen Zahl von Ersatz-</span><br/> <span class="ft1">mitgliedern mit entsprechenden Voraussetzungen. Wahlbehörde ist</span><br/> <span class="ft1">das Obergericht; für die Mitglieder aus dem Anwaltsstand steht dem</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Anwaltsverband ein Vorschlagsrecht zu (Art. 3 AnwG).</span><br/> <span class="ft1">Die Aufgaben der Anwaltskommission bestehen aus der Durchfüh-</span><br/> <span class="ft1">rung der Prüfungen mit der Erteilung des Fähigkeitsausweises und</span><br/> <span class="ft1">der Berufsausübungsbewilligung, der Entbindung vom Berufsge-</span><br/> <span class="ft1">heimnis sowie der Aufsicht einschliesslich der Verhängung von Dis-</span><br/> <span class="ft1">ziplinarstrafen und dem Entzug der Berufsausübungsbewilligung</span><br/> <span class="ft1">(§ 4 AnwG; vgl. auch Art. 14 ff. des Bundesgesetzes über die Freizü-</span><br/> <span class="ft1">gigkeit der Anwältinnen und Anwälte [BGFA; SR 935.61] vom</span><br/> <span class="ft1">23. Juni 2000). Die Anwaltskommission gilt von ihrer Funktion her</span><br/> <span class="ft1">nicht als Gericht im Sinne von Art. 30 Abs. 1 BV und von Art. 6</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 1 EMRK (BGE 126 I 230 ff. betreffend die zürcherische Auf-</span><br/> <span class="ft1">sichtskommission über die Rechtsanwälte, bei vergleichbarer Rege-</span><br/> <span class="ft1">lung; BGE 123 I 90 ff. betreffend die bündnerische Notariatskam-</span><br/> <span class="ft1">mer), sondern als mit administrativen Aufgaben beauftragte Behörde.</span><br/> <span class="ft1">Soweit sie Disziplinarverfahren durchführt, verfolgt sie das öffentli-</span><br/> <span class="ft1">che Interesse an der ordnungsgemässen Ausübung des Anwaltsbe-</span><br/> <span class="ft1">rufs.</span><br/> <span class="ft1">Das Anwaltsgesetz enthält für das Verfahren vor der Anwalts-</span><br/> <span class="ft1">kommission keine Ausstandsbestimmungen und verweist auch nicht</span><br/> <span class="ft1">ausdrücklich auf das VRPG (anders für das Beschwerdeverfahren</span><br/> <span class="ft1">vor Verwaltungsgericht [vgl. § 35 Abs. 2 AnwG]). § 1 Abs. 1 und 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG, wonach dieses Gesetz (zumindest subsidiär) für das Verfah-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">368</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ren vor dem Verwaltungsgericht, den Spezialverwaltungsgerichten</span><br/> <span class="ft1">und den Verwaltungsbehörden gilt, führt trotzdem zur Anwendung</span><br/> <span class="ft1">der VRPG-Bestimmungen. Für Behördemitglieder und Sachbearbei-</span><br/> <span class="ft1">ter gelten neben der ausdrücklichen Bestimmung von § 5 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG (persönliches Interesse; Mitglied der Verwaltung einer juristi-</span><br/> <span class="ft1">schen Person; vorherige Mitwirkung in der Sache, in einer unteren</span><br/> <span class="ft1">Instanz oder als Vertreter oder Berater) die Ausstandsgründe der ZPO</span><br/> <span class="ft1">(Art. 5 Abs. 1 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">cc) Liegt ein Ausschliessungsgrund (§ 2 ZPO) vor, so muss sich</span><br/> <span class="ft1">der Richter von Amtes wegen in den Ausstand begeben, ohne dass es</span><br/> <span class="ft1">eines Anstosses durch die Verfahrensparteien bedürfte (§ 4 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">ZPO; Alfred Bühler, in: Kommentar zur aargauischen Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft1">ordnung, 2. Auflage, Aarau/Frankfurt a.M./Salzburg 1998, § 2 N 1,</span><br/> <span class="ft1">§ 4 N 1). Der Beschwerdeführer beruft sich auf § 2 lit. a Ziff. 8 ZPO,</span><br/> <span class="ft1">wonach der Richter von der Ausübung seines Amtes ausgeschlossen</span><br/> <span class="ft1">ist in Streitsachen, in denen eine Behörde Partei ist, der er oder sein</span><br/> <span class="ft1">Ehegatte als Mitglied angehört.</span><br/> <span class="ft1">dd) Wie bereits ausgeführt, ist die Anwaltskommission eine mit</span><br/> <span class="ft1">administrativen Aufgaben beauftragte Behörde. Soweit sie Diszipli-</span><br/> <span class="ft1">narverfahren durchführt, verfolgt sie selber das öffentliche Interesse</span><br/> <span class="ft1">an der ordnungsgemässen Ausübung des Anwaltsberufs. Sie ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidet nicht im Streit zwischen einem Anzeiger (bzw. der anzei-</span><br/> <span class="ft1">genden Behörde) und dem Anwalt, sondern ist vielmehr selber eine</span><br/> <span class="ft1">Art "Gegenpartei" des Anwalts (BGE 126 I 232); der Anzeiger ist am</span><br/> <span class="ft1">Disziplinarverfahren ausschliesslich insoweit beteiligt, als es durch</span><br/> <span class="ft1">seine Anzeige in Gang kommt, und er nimmt insbesondere nicht</span><br/> <span class="ft1">Parteistellung ein. Dass es einer anzeigenden Behörde nicht um die</span><br/> <span class="ft1">Wahrung eigener Interessen geht (was mit der Parteistellung re-</span><br/> <span class="ft1">gelmässig verbunden ist), zeigt sich schon daran, dass Gerichte und</span><br/> <span class="ft1">andere Behörden ungeachtet der Interessenlage verpflichtet sind, der</span><br/> <span class="ft1">Anwaltskommission Meldung zu erstatten, wenn das Verhalten eines</span><br/> <span class="ft1">Anwalts gegen seine Berufspflichten verstossen könnte (Art. 15</span><br/> <span class="ft1">BGFA; § 24 Abs. 2 AnwG).</span><br/> <span class="ft1">Demgemäss ist festzuhalten, dass weder das Obergericht noch</span><br/> <span class="ft1">dessen 2. Zivilkammer als Partei am Disziplinarverfahren vor der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">369</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Anwaltskommission beteiligt waren. § 2 lit. a Ziff. 8 ZPO kommt</span><br/> <span class="ft1">somit nicht zur Anwendung.</span><br/> <span class="ft1">c) Weiter beruft sich der Beschwerdeführer auf die Ableh-</span><br/> <span class="ft1">nungsgründe von § 3 lit. b und c ZPO.</span><br/> <span class="ft1">aa) Ablehnungsbegehren müssen so früh wie möglich gestellt</span><br/> <span class="ft1">werden (vgl. BGE 119 Ia 228 f.; Bühler, a.a.O., Vorbemerkungen</span><br/> <span class="ft1">§§ 2-8 N 8). Die Eingabe des Beschwerdeführers vom 6. Juni 2002</span><br/> <span class="ft1">war seine erste nach der Eröffnung des Disziplinarverfahrens. Auch</span><br/> <span class="ft1">wenn er kein formelles Ablehnungsbegehren stellte, machte er damit</span><br/> <span class="ft1">rechtzeitig geltend, Mitglieder und Ersatzmitglieder des Obergerichts</span><br/> <span class="ft1">dürften in der Anwaltskommission nicht mitwirken.</span><br/> <span class="ft1">bb) Der Ablehnungsgrund von § 3 lit. b ZPO (Freundschaft,</span><br/> <span class="ft1">Feindschaft oder ein Pflicht- oder Abhängigkeitsverhältnis zwischen</span><br/> <span class="ft1">dem Richter und einer Partei) ist nicht gegeben, denn, wie bereits</span><br/> <span class="ft1">dargelegt, war das Obergericht nicht Partei des Disziplinarverfahrens</span><br/> <span class="ft1">vor der Anwaltskommission.</span><br/> <span class="ft1">cc) Gemäss § 3 lit. c ZPO kann ein Richter abgelehnt werden,</span><br/> <span class="ft1">wenn (andere) Umstände vorliegen, die ihn als befangen erscheinen</span><br/> <span class="ft1">lassen können.</span><br/> <span class="ft1">Dass die Anwaltskommission nicht als Gericht tätig ist, sondern</span><br/> <span class="ft1">als mit administrativen Aufgaben beauftragte Behörde, hat zur Folge,</span><br/> <span class="ft1">dass in diesem Verfahren - unter Vorbehalt ausdrücklicher, weiter</span><br/> <span class="ft1">gehender Bestimmungen - etwas weniger strenge Ausstandsbestim-</span><br/> <span class="ft1">mungen einzuhalten sind als diejenigen, die für Gerichte gelten, wo-</span><br/> <span class="ft1">bei immerhin höhere Mindestanforderungen gelten als bei eigentli-</span><br/> <span class="ft1">chen Verwaltungsbehörden (BGE in ZBl 100/1999, S. 76 f.).</span><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht hat bei weitgehend identischem Sachverhalt</span><br/> <span class="ft1">entschieden, wenn die Anzeige gegen einen Anwalt von einer Be-</span><br/> <span class="ft1">hörde ausgehe, müssten die Mitglieder der Anzeige erstattenden</span><br/> <span class="ft1">Behörde nicht zwingend als befangen erscheinen. Die Befürchtung</span><br/> <span class="ft1">der Voreingenommenheit (mit der Folge, dass sie bei Mitwirkung in</span><br/> <span class="ft1">der Aufsichtsbehörde abgelehnt werden könnten) könne aber entste-</span><br/> <span class="ft1">hen, wenn das behauptete Disziplinarvergehen des Anwalts mit ei-</span><br/> <span class="ft1">nem vor dieser Behörde durchgeführten Verfahren zusammenhänge.</span><br/> <span class="ft1">Dies treffe namentlich dann zu, wenn die Mitglieder der Behörde mit</span><br/> <span class="ft1">der Anzeige bereits die Auffassung manifestiert hätten, es liege ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">370</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mutlich ein Disziplinarverstoss vor. Auch in einem solchen Fall liess</span><br/> <span class="ft1">das Bundesgericht aber nur die Ablehnung derjenigen Behördemit-</span><br/> <span class="ft1">glieder zu, die an der Anzeige direkt beteiligt gewesen waren (ZBl</span><br/> <span class="ft1">100/1999, S. 78 ff., insbesondere S. 80 oben). Dieser bundesgericht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Rechtsprechung ist zu folgen. Gerade angesichts der Ver-</span><br/> <span class="ft1">pflichtung zur Anzeigeerstattung (siehe vorne Erw. b/dd) kann aus</span><br/> <span class="ft1">der Anzeige allein nicht auf eine Voreingenommenheit der Mitglieder</span><br/> <span class="ft1">der anzeigenden Behörde geschlossen werden. Im Weiteren muss</span><br/> <span class="ft1">von Mitgliedern des Obergerichts erwartet werden können, dass sie</span><br/> <span class="ft1">Ansichten ihrer Kolleginnen und Kollegen kritisch überprüfen. Dies</span><br/> <span class="ft1">gehört bei Kollegialgerichten zum Alltag und hat auch Geltung,</span><br/> <span class="ft1">wenn Mitglieder des Obergerichts in der Anwaltskommission tätig</span><br/> <span class="ft1">sind und in einem Disziplinarverfahren zu entscheiden haben, das</span><br/> <span class="ft1">durch eine Anzeige des Obergerichts in Gang gesetzt wurde.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall ging die Anzeige von der 2. Zivilkammer</span><br/> <span class="ft1">des Obergerichts aus, die den Zivilprozess in der Besetzung mit den</span><br/> <span class="ft1">Oberrichtern A, B und C behandelte. Soweit die wegen unzulässiger</span><br/> <span class="ft1">Prozessvertretung erstattete Anzeige auf eine relevante Vorbefassung</span><br/> <span class="ft1">schliessen lassen könnte - was angesichts der einlässlichen Begrün-</span><br/> <span class="ft1">dung der Anzeige wohl zu bejahen wäre -, sind davon nur die ge-</span><br/> <span class="ft1">nannten Richter betroffen, nicht aber Oberrichterin D. und Ober-</span><br/> <span class="ft1">richter E., die beim angefochtenen Entscheid der Anwaltskommis-</span><br/> <span class="ft1">sion mitwirkten; dass Oberrichter E. ebenfalls Mitglied der 2. Zivil-</span><br/> <span class="ft1">kammer ist, ändert nach dem zuvor Ausgeführten nichts an dieser</span><br/> <span class="ft1">Beurteilung. Andere, konkrete Hinweise, aus denen auf eine Befan-</span><br/> <span class="ft1">genheit von Oberrichterin D. und Oberrichter E. geschlossen werden</span><br/> <span class="ft1">könnte, nennt der Beschwerdeführer nicht.</span><br/> <span class="ft1">d) Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass die</span><br/> <span class="ft1">Besetzung der Anwaltskommission beim angefochtenen Entscheid</span><br/> <span class="ft1">nicht zu beanstanden ist. Das Eventualbegehren erweist sich als un-</span><br/> <span class="ft1">begründet.</span><br/> <span class="ft1">2. a) (...) Diese Begründung hat die Anwaltskommission in ih-</span><br/> <span class="ft1">rem Entscheid übernommen. Der Vorwurf erstreckt sich somit auf</span><br/> <span class="ft1">die Kombination der Tätigkeiten des Beschwerdeführers als Notar</span><br/> <span class="ft1">und als Anwalt, die in der vorliegenden Konstellation als unzulässig</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">371</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">erachtet wurde. Weder die Tätigkeit als Anwalt noch diejenige als</span><br/> <span class="ft1">Notar, je für sich allein genommen, werden beanstandet.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Anwälte unterstehen im Bereich ihrer Tätigkeit der Auf-</span><br/> <span class="ft1">sicht der Anwaltskommission, die Notare für ihren Tätigkeitsbereich</span><br/> <span class="ft1">derjenigen der Notariatskommission und des Regierungsrats (§ 1,</span><br/> <span class="ft1">§ 43 NO). Wo jemand, wie im vorliegenden Fall, Anwalt und Notar</span><br/> <span class="ft1">ist und sich der erhobene Vorwurf aus der Kombination beider Tätig-</span><br/> <span class="ft1">keiten ergibt, stellt sich deshalb die Frage der aufsichtsrechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Zuständigkeit bzw. der Abgrenzung der Zuständigkeiten der An-</span><br/> <span class="ft1">waltskommission einerseits und von Notariatskommission/ Regie-</span><br/> <span class="ft1">rungsrat andererseits.</span><br/> <span class="ft1">Sinnvoll wäre eine Bestimmung, die für solche Sachverhalte ein</span><br/> <span class="ft1">gemeinsam durchzuführendes Verfahren oder allenfalls die Kompe-</span><br/> <span class="ft1">tenzattraktion bei der einen Behörde vorsieht. An einer derartigen</span><br/> <span class="ft1">Regelung fehlt es indessen. Sie ohne generell-abstrakte Vorgaben</span><br/> <span class="ft1">allein durch die Rechtsprechung einzuführen, wäre fragwürdig, da</span><br/> <span class="ft1">die Anwalts- und die Notariatskommission je spezifisch im Hinblick</span><br/> <span class="ft1">auf die erforderlichen Fachkenntnisse besetzt sind, da sich Kompe-</span><br/> <span class="ft1">tenzen und Verfahren unterscheiden (die Notariatskommission kann</span><br/> <span class="ft1">Disziplinarfälle nur untersuchen und dem Regierungsrat Antrag stel-</span><br/> <span class="ft1">len, hat aber keine eigenen Disziplinarbefugnisse [vgl. § 43 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">NO]) und da die Anwaltskommission ausserhalb der Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">hierarchie steht (was eine Abtretung ihrer Befugnisse an den Regie-</span><br/> <span class="ft1">rungsrat problematisch macht). Die Anwalts- und die Notariatskom-</span><br/> <span class="ft1">mission haben denn auch, soweit ersichtlich, das Vorgehen nicht</span><br/> <span class="ft1">miteinander abgesprochen.</span><br/> <span class="ft1">Wenn für die Tätigkeiten als Anwalt einerseits und als Notar an-</span><br/> <span class="ft1">dererseits keine Verfahrenskoordination stattfinden kann, bedarf es</span><br/> <span class="ft1">einer Abgrenzung, und die Anwaltskommission bzw. Notariatskom-</span><br/> <span class="ft1">mission/Regierungsrat dürfen sich je nur mit den in ihren Bereich</span><br/> <span class="ft1">fallenden Verhaltensweisen befassen. Wenn es wie vorliegend um die</span><br/> <span class="ft1">Kombination beider Tätigkeiten geht, die beanstandet wird, muss als</span><br/> <span class="ft1">Abgrenzungskriterium dienen, zu welchen Berufspflichten (Anwalt</span><br/> <span class="ft1">oder Notar) die nähere sachliche Beziehung besteht.</span><br/> <span class="ft1">c) Vorliegend geht es durchwegs um Verhaltenspflichten, die</span><br/> <span class="ft1">dem Beschwerdeführer nach Ansicht der Vorinstanz und der Anzei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">372</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gerin daraus entstanden, dass er den Erbvertrag vom 23. Januar 1992</span><br/> <span class="ft1">öffentlich beurkundete.</span><br/> <span class="ft1">aa) Der Notar ist verpflichtet, die Interessen der Vertragspar-</span><br/> <span class="ft1">teien, für die er eine Urkunde erstellt, zu wahren; nach den Standes-</span><br/> <span class="ft1">regeln schuldet er seinen Auftraggebern "Treue und Verschwiegen-</span><br/> <span class="ft1">heit" (Art. 12 der Standesregeln der Aargauischen Notariatsgesell-</span><br/> <span class="ft1">schaft vom 21. November 1957; Art. 9 der Standesregeln vom</span><br/> <span class="ft1">8. Dezember 1998). Daraus leitet sich die Pflicht zu strenger Unpar-</span><br/> <span class="ft1">teilichkeit ab (Christian Brückner, Schweizerisches Beurkundungs-</span><br/> <span class="ft1">recht, Zürich 1993, Rz. 895 ff.; Peter Ruf, Notariatsrecht, Langenthal</span><br/> <span class="ft1">1995, Rz. 988 ff.). Entsteht Streit zwischen den Vertragsparteien, so</span><br/> <span class="ft1">darf der Notar nicht die eine gegen die andere vertreten. Wenn in</span><br/> <span class="ft1">diesem Zusammenhang häufig ausgeführt wird, es sei unzulässig,</span><br/> <span class="ft1">dass die Urkundsperson, die eine Urkunde errichtet hat, im Rechts-</span><br/> <span class="ft1">streit über die Entstehung der Urkunde oder die Gültigkeit des beur-</span><br/> <span class="ft1">kundeten Geschäfts eine der Parteien anwaltlich vertrete (Brückner,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Rz. 902; Ruf, a.a.O., Rz. 1013), wirkt dies als Einschränkung</span><br/> <span class="ft1">der Pflicht zur Unparteilichkeit. Die Formulierung dürfte auf einen</span><br/> <span class="ft1">konkreten Fall zurückgehen (vgl. Ruf, a.a.O., Rz. 1013), die (schein-</span><br/> <span class="ft1">bare) Einschränkung unbeabsichtigt sein (vgl. Brückner, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 899). Die richtig verstandene Pflicht zur Unparteilichkeit führt</span><br/> <span class="ft1">zum Schluss, dass sich das Verbot, die eine Vertragspartei gegen die</span><br/> <span class="ft1">andere zu vertreten, auf <i>sämtliche Streitigkeiten aus dem beurkun-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>deten Vertrag</i> (also namentlich auch über Vertragsfolgen) beziehen</span><br/> <span class="ft1">muss (ebenso Ruf, a.a.O., Rz. 1013 a.E.) und dass es nicht auf die</span><br/> <span class="ft1">anwaltliche Vertretung beschränkt ist, sondern für <i>jede Vertretung</i></span><br/> <span class="ft1">gilt, also beispielsweise auch in Verfahren, die nicht vom An-</span><br/> <span class="ft1">waltsmonopol beherrscht sind (im vorliegenden Verfahren stellt sich</span><br/> <span class="ft1">allerdings die Frage, ob das Verbot auch noch gilt, wenn die eine</span><br/> <span class="ft1">Partei verstorben ist und es daher um die Vertretung der einen Ver-</span><br/> <span class="ft1">tragspartei gegen die Erben der anderen geht).</span><br/> <span class="ft1">cc) ... die generelle Pflicht der Urkundsperson zur Unparteilich-</span><br/> <span class="ft1">keit, die ihr auch für das spätere Verhalten - nach der Beurkundung</span><br/> <span class="ft1">und Grundbuchanmeldung - Einschränkungen auferlegt. Ob sie ge-</span><br/> <span class="ft1">gen diese Einschränkungen verstösst, indem sie als Anwalt auftritt,</span><br/> <span class="ft1">oder auf andere Weise, ist von untergeordneter Bedeutung. Entschei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">373</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">dend ist, dass es sich um Verpflichtungen handelt, die sich aus der</span><br/> <span class="ft1">Tätigkeit als <i>Urkundsperson</i> ableiten; deren Verletzung disziplina-</span><br/> <span class="ft1">risch zu ahnden, fällt deshalb ausschliesslich in die Kompetenz der</span><br/> <span class="ft1">Notariatskommission und des Regierungsrats (siehe vorne Erw. b).</span><br/> <span class="ft1">3. Die Notariatskommission hat es abgelehnt, dem Regierungs-</span><br/> <span class="ft1">rat Antrag auf Disziplinierung zu stellen, da sie sich für die vom</span><br/> <span class="ft1">Anzeiger vorgeworfene Pflichtverletzung nicht als zuständig erach-</span><br/> <span class="ft1">tete. Aus den vorangehenden Darlegungen ergibt sich, dass das Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgericht diese Ansicht nicht zu teilen vermag. Ob ein Verfah-</span><br/> <span class="ft1">ren vor Notariatskommission/Regierungsrat zu einer disziplinari-</span><br/> <span class="ft1">schen Sanktion geführt hätte, muss hier offen bleiben. So oder anders</span><br/> <span class="ft1">vermag das Nichthandeln der Notariatskommission keine "ersatz-</span><br/> <span class="ft1">weise" Zuständigkeit der Anwaltskommission zur Disziplinierung zu</span><br/> <span class="ft1">begründen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>