Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 22. August 2013 (725 13 81) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung HWS-Distorsion: Adäquater Kausalzusammenhang verneint Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichterin El isabeth Berger Götz, Kantonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiberin Margit Campell Parteien A.____, Beschwerdeführerin, vertreten durch Jürg Tschopp, Advokat, Aeschenvorstadt 67, Postfach, 4010 Basel gegen Zürich Versicherungs -Gesellschaft , Zürich Schweiz, Geschäftsb e- reich Schaden, Postfach, 8085 Zürich, Beschwerdegegnerin Betreff Leistungen A. Die 1963 geborene A.____ arbeitete (neben anderen B eschäftigungen) seit 2004 in ei- nem 20%igen Teilzeitpensum als Raumpflegerin bei der B .____ AG und war durch die Arbeit- geberin bei der Zürich Versicherungsgesellschaft (Zürich) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert. Am 23. Februar 2007 erlitt A.____ als Beifahrerin bei einem Auffahrunfall eine Commotio cerebri und eine Distorsion der Halswirbelsäule (HWS). In der Folge klagte sie über einen Drehschwindel, eine Se hstörung, Kopfschmerzen und eine Lichtempfindlichkeit. Nachdem die Zürich nach Eingang d er Unfallmeldung die gesetzlichen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Leistungen (Heilkosten, Taggeld) erbracht hatte, stellte sie mit Verfügung vom 11. Juli 2011 ihre Leistungen betreffend das Taggeld rückwirkend per 11. Mä rz 2007 und für die Heilbehandlung per 31. März 2008 ein. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass zwischen den anhaltenden Beschwerden der Versicherten und dem Unfallereignis vom 23. Februar 2007 kein Kausalzusammenhang mehr bestehe. Daran hielt die Züric h auf Einsprache hin mit Entscheid vom 20. Februar 2013 fest. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat J ürg Tschopp, am 25. März/8. April 2013 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialv ersicherungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte sie, es seien die Verfügung vom 11. Juli 2011 und der Einspracheentscheid vom 20. Februar 2013 aufzuheben und die Beschwerdebeklagte sei zu verpflichten, die gesetz- lichen Leistungen über den 11. März 2007 (Taggeld) und den 31. März 2008 (Heilbehandlung) hinaus zu erbringen. Weiter sei eine angemessene Parte ientschädigung auszurichten. Zudem sei ihr die unentgeltliche Verbeiständung mit dem Unte rzeichner als Rechtsvertreter zu gewäh- ren. Zur Begründung wurde im Wesentlichen sinngemäss vor gebracht, die Beschwerdeführerin habe beim Unfall vom 23. Februar 2007 ein Schleudert rauma erlitten und dieses sei bis heute verantwortlich für die bestehenden Beschwerden sowie die Einschränkung in der Arbeitsfähig- keit. Weiter habe die Zürich nicht berücksichtigt, dass sie bei verschiedenen Arbeitgebern an- gestellt sei, weshalb diese Verdienste abzuklären und die Taggelder dementsprechend rückwir- kend und für die Zukunft anzupassen seien. C. In ihrer Vernehmlassung vom 17. Mai 2013 beantragt e die Zürich die Abweisung der Beschwerde. D. Am 10. Juni 2013 liess die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsvertreter eine kurze Stellungnahme zu den Ausführungen der Zürich einreichen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes ü ber den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, desse n Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bunde sgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einsprache- entscheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantona len Versicherungsgericht Be- schwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 AT SG das Versicherungsgericht desjeni- gen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat. Vorliegend befindet sich dieser in C.____, weshal b die örtliche Zuständigkeit des Kantons- gerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs . 1 lit. a des Gesetzes über die Verfas- sungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantons- gericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden ge- gen Einspracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Ar t. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zustä ndig. Auf die - im Übrigen frist- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht und formgerecht erhobene - Beschwerde der Versicherten vom 25. März/8. April 2013 ist dem- nach einzutreten. 2. Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Beschwerd egegnerin sei zu verpflichten, die Höhe des Taggeldanspruchs neu zu berechnen, weil sie bei mehreren Arbeitgebern in Teil- zeitpensen tätig sei. Auf diesen Antrag kann im vorlie genden Beschwerdeverfahren jedoch mangels Anfechtungsobjekt nicht eingetreten werden, da diese Frage weder Gegenstand der Verfügung vom 11. Juli 2011 noch des Einspracheentscheids vom 20. Februar 2013 war. 3.1 In ihrer Verfügung vom 11. Juli 2011, welche sie mit dem angefochtenen Einsprache- entscheid vom 20. Februar 2013 bestätigte, stellte die Beschwerdegegnerin ihre Versicherungs- leistungen rückwirkend per 11. März 2007 (Taggeld) und p er 31. März 2008 (Heilbehandlung) ein. Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführ erin über diese Zeitpunkte hinaus weiter- hin Anspruch auf Leistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung hat. 3.2 Nach Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer in der obligatorischen Unfallversiche- rung, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Versicherungsleistungen bei Berufsunfäl- len, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten zu gewäh ren. Art. 10 Abs. 1 UVG gewährt der versicherten Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Heilbehand- lung). Ist die versicherte Person infolge des Unfalles v oll oder teilweise arbeitsunfähig, so hat sie gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG Anspruch auf ein Taggeld. Der Anspruch entsteht gemäss Art. 16 Abs. 2 UVG am dritten Tag nach dem Unfalltag und er erlischt mit der Wiedererlangung der vollen Arbeitsfähigkeit, mit dem Beginn einer Rente oder mit dem Tod der versicherten Per- son. Art. 18 Abs. 1 UVG gewährt der versicherten Person A nspruch auf eine Invalidenrente, wenn sie infolge des Unfalles zu mindestens 10% invalid ist . Der Rentenanspruch entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesund- heitszustandes der versicherten Person mehr erwartet wer den kann und allfällige Eingliede- rungsmassnahmen der Invalidenversicherung (IV) abgeschloss en sind. Mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG). Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebl iche Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie nach Art . 24 Abs. 1 UVG Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung. Diese wird mit der Invalidenrente festgesetzt oder, falls kein Rentenanspruch besteht, bei der Beendigung der ä rztlichen Behandlung gewährt (Art. 24 Abs. 2 UVG). 4.1 Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt als erstes voraus, dass zwischen dem versicherten Ereignis und dem eingetreten en Schaden (Krankheit, Arbeits- unfähigkeit, Invalidität, Integritätsschädigung) ein na türlicher Kausalzusammenhang besteht (BGE 129 V 181 E. 3.1). Ursachen im Sinne des natürli chen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene E rfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit ei ngetreten gedacht werden kann. Ent- sprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des nat ürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Stö- rungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht körperliche oder geistige Integrität der versicherten Pe rson beeinträchtigt hat, das Ereignis mit anderen Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitli- che Störung entfiele (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinwe isen). Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natür licher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die rechtsanwendende Behör d e - die Verwaltung oder im Streitfall das Gericht - im Rahmen der ihr obliegenden Beweiswürdig ung nach dem im Sozialversicherungs- recht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinl ichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründu ng eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen). 4.2 Zur Abklärung medizinischer Sachverhalte - wie der B eurteilung des Gesundheitszu- standes und der Arbeitsfähigkeit der versicherten Person sowie der Feststellung natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin - ist die recht sanwendende Behörde regelmäs- sig auf Unterlagen angewiesen, die ihr vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind (BGE 122 V 158 f. E. 1b mit zahlreichen weiteren Hinweisen). Das Gericht hat diese medi- zinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsp rozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle anderen Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und p flichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismi ttel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspru chs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe an zugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsich tlich des Beweiswertes eines Arztbe- richtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streit igen Belange umfassend ist, auf allsei- tigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwe rden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Dar legung der medizinischen Zusammen- hänge und in der Beurteilung der medizinischen Situati on einleuchtet und ob die Schlussfolge- rungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 5. Vorliegend sind nachfolgende Berichte zu berücksichti gen: 5.1.1 Dem Dokumentationsbogen "Erstkonsultation nach kra niozervikalem Beschleunigungs- trauma" vom 24. Februar 2007 ist zu entnehmen, dass di e Beschwerdeführerin in Begleitung ihres Ehemannes und ihres Sohnes das Spital D.____ aufge sucht hat. Sie habe angegeben, sofort an Kopfschmerzen und innerhalb von 30 - 120 Min uten nach dem Unfall an Nacken- schmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen gelitten zu haben. Sie habe jedoch eine Be- wusstlosigkeit verneint. Als vorläufige Diagnosen wurden N ackenbeschwerden und muskulos- kelettale Befunde erhoben und die Beschwerdeführerin während (voraussichtlich) 5 Tagen zu 100% arbeitsunfähig geschrieben. 5.1.2 Dr. med. E.____, FMH Allgemeinmedizin, diagnost izierte am 27. März 2007 einen Sta- tus nach Commotio cerebri und HWS-Distorsionstrauma nach Auffahrunfall am 23. Februar Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2007. Der bisherige Heilungsverlauf sei zögerlich. Es best ünden weiterhin Drehschwindel, Seh- störungen und Kopfschmerzen. Die Beschwerdeführerin sei auch lichtscheu. Die Hausärztin erachtete die Beschwerdeführerin trotz dieser Beschwerden mit Wirkung ab 12. März 2007 wie- derum zu 100% arbeitsfähig in ihrer angestammten Tätigkeit als Putzfrau. 5.1.3 Am 30. März 2007 fand eine neurologische Untersu chung der Beschwerdeführerin bei Dr. med. F.____, FMH Neurologie, statt. In seinem gleichentags erstellten Bericht diagnostizier- te er einen Status nach Auffahrunfall mit HWS-Distorsi onstrauma und fraglicher Contusio ce- rebri bei passagerer Abduzenparese links. Im Anschluss an die turbulenten Ereignisse (Unfall und Tätlichkeit) habe die Beschwerdeführerin Kopfschmerze n, Augenschmerzen links, Übelkeit und ein Taubheitsgefühl in der linken Körperhälfte be kommen. Aktuell würden noch Kopf- schmerzen, zum Teil Sehstörungen, Schmerzen nuchal, Müdig keit, Übelkeit, Vergesslichkeit und ausgeprägte Angstgefühle bestehen. Die Ergebnisse der durchgeführten neurologischen Untersuchung ergaben eine wache allseits orientierte P atientin, keinen Meningismus, ein mäs- sig ausgeprägtes Zervikalsyndrom mit Druckdolenzen nuchal am Trapeziusoberrand und im Bereich der Schulterblätter linksbetont. Der Hirnner venstatus sei mit Ausnahme einer Hypäs- thesie im Gesicht links und einer Schwerhörigkeit links una uffällig und die Sprache normal ge- wesen. In der Beurteilung wurde ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin seit dem Unfall unter Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen, einer linksseitigen sensiblen Störung, Sehstörungen, Müdigkeit, Vergesslichkeit und Übelkeit sowie einer ausgeprägten posttraumatischen emotiona- len Störung, möglicherweise im Sinne einer posttrau matischen Belastungsstörung, leide. Dr. F.____ empfahl die Durchführung einer Physiotherapie und eine psychologische Betreuung der Beschwerdeführerin. Zum Ausschluss weiterer unfallbedingt er Läsionen, vor allem wegen der passageren Abduzenparese links, wurde eine MRI-Untersuchung des Schädels angemeldet. 5.1.4 Am 16. April 2007 wurde durch die G.____ eine MRI-Untersuchung des Schädels ge- macht. Diese ergab einen unauffälligen Befund. 5.1.5 In ihrem Schlusszeugnis zuhanden der Zürich vom 7. Mai 2007 führte Dr. E.____ aus, dass eine Besserung der Beschwerden - insbesondere des Schwindels und der Sehstörungen - eingetreten sei. Die Beschwerdeführerin leide aber wei terhin an Kopf- und Nackenschmerzen. Am 16. September 2007 berichtete Dr. E.____ der Züri ch, dass es sich um einen zögerlichen Heilungsverlauf mit persistierenden HWS- und Kopfschmerz en, Schwindel und Sehstörungen handle. Die Beschwerdeführerin sei weiterhin zu 100% arbeitsfähig. 5.1.6 Nachdem die Beschwerdeführerin bereits im April 2 007 in der Klinik H.____ untersucht worden war, berichtete diese am 22. Oktober 2007, da ss aus ophtalmologischer Sicht die Schielproblematik nicht mit dem Unfallereignis in Zus ammenhang habe gebracht werden kön- ne. 5.1.7 Am 25. Oktober 2007 diagnostizierte Dr. med. I. ____, FMH Physikalische Medizin und Rehabilitation, Spital D.____, bei der Beschwerdefüh rerin einen Status nach Auffahrunfall am 13. (recte 23.) Februar 2007 mit/bei Commotio cereb ri, passagerer Abduzenparese links, de- kompensierter Hyperopie, Akkommodations- und Konvergenzschw äche, vegetativer Sympto- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht matik mit Vergesslichkeit, Müdigkeit und Übelkeit, abgel ehnter psychotherapeutischer Behand- lung, aktuell unter durchgeführter Physiotherapie eine Therapieresistenz, im MRI vom 16. April 2007 unauffälligen Befunden und konventionell radio logisch vorbestehenden degenerativen Veränderungen der HWS mit Bandscheibendegenerationen C3/C4 und C5/C6 bis C6/C7 mit begleitender Unkovertebralarthrose ohne Hinweise auf eine Gefügelockerung, im Vergleich zu den Vorausnahmen am 23. Februar 2007 (Konventionell und CT) annähernd stationäres Aus- mass. In der Beurteilung wurde festgehalten, dass klinisch keine Hinweise auf radikuläre Reiz- und Ausfallsyndrome bestehen würden. Im Vordergrund st ünden deutliche muskuläre Dysba- lancen zervikothorakal und eine Beweglichkeitseinschränkung der HWS. Am 10. Januar 2008 berichtete Dr. I.____, dass die gekla gten Beschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf das Unfallereignis vom 23. Februa r 2007 zurückzuführen seien. Da die aktive Physiotherapie nicht angesprochen habe, sei die Besc hwerdeführerin zur Akupunktur überwiesen worden. Nach Ansicht von Dr. I.____ habe die erschwerte Schmerzverarbeitung deutlich im Vordergrund gestanden, weshalb auch psychotherapeutische Gespräche empfohlen worden seien. Dies werde von der Beschwerdeführerin jedoch nicht gewünscht. Dr. I.____ äusserte sich am 21. Februar 2008 erneut zum Gesundheitszustand der Beschwer- deführerin und berichtete, dass die Akupunktur nicht erfo lgreich gewesen sei. Die Beschwerde- führerin habe sich danach müde, matt, abgeschlagen, de pressiv und wie geköpft gefühlt. Die Schmerzproblematik sei - so Dr. I.____ weiter - eher n icht orthopädisch bedingt, sondern im Rahmen eines Schmerzverarbeitungsproblems zu sehen. Aus die sem Grund werde weiterhin dringend eine Schmerzcopingsstrategie/Schmerztherapie empfohlen. Es seien keine weiteren Verlaufskontrollen vorgesehen. 5.1.8 In den Akten findet sich sodann der Bericht von P rof. Dr. med. J.____, FMH Neurolo- gie, vom 3. Februar 2010. Er hielt fest, dass sich aufgr und der Gesamtsituation zunehmend der Verdacht auf eine somatoforme Schmerzstörung im Rahmen einer posttraumatischen Belas- tungsstörung erhärte. 5.1.9 Bei den medizinischen Akten des Falles liegt ein a ktuelles ausführliches polydisziplinä- res Gutachten, welches die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) im Rahmen des bei ihr hängi- gen Verfahrens bei der MEDAS erstellen liess. Am 5. Feb ruar 2013 diagnostizierte die aus den Fachbereichen Allgemeine und Innere Medizin, Rheumatologie, Neurologie, Ophtalmologie und Psychiatrie stammende Fachärzteschaft eine anhaltende Pers önlichkeitsänderung nach Ext- rembelastung bei Status nach posttraumatischer Belastung, eine dissoziative Störung (gemischt = Konversionsstörung) und histrionisch akzentuierte Persö nlichkeitszüge (differentialdiagnos- tisch: histrionische Persönlichkeitsstörung). Die Beschwer deführerin klage über Kopfschmer- zen, lokalisiert im Hinterhaupt sowie über ein Zitter n mit dem Kopf, gelegentlich aber auch mit dem ganzen Körper, Schlafstörungen und eine Hypästhesie auf der ganzen linken Körperseite. Daneben gebe sie an, an Gefühlsstörungen in allen Fing ern und Zehenspitzen sowie an Kon- zentrations- und Gedächtnisstörungen, Schluckbeschwerden, At emproblemen, Sehstörungen, gelegentlichem Stimmverlust, unspezifischen Schwindelbesc hwerden, Erstickungsgefühlen, Angstzuständen und -träumen, Herzrasen und Magenbeschwerd en zu leiden. In der Beurtei- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht lung der medizinischen Situation wurde festgehalten, da ss im somatischen Bereich sowohl in- ternistisch, neurologisch, rheumatologisch und ophtalmologisch keine objektivierbaren Verände- rungen bestünden, die Einfluss auf die Arbeitsfähigkei t hätten. Aufgrund der degenerativen Veränderungen der HWS wären der Versicherten schwere kör perliche Tätigkeiten mit Halsbe- lastung und Arbeiten in Zwangshaltungen der Wirbelsäu le nicht mehr zumutbar. Die gesund- heitliche Hauptproblematik habe ihre Ursache eindeutig auf psychiatrischer und psychosomati- scher Ebene. Diesbezüglich seien zwei Probleme, die unlösbar miteinander verknüpft seien und die beide zeitlich mit dem erlittenen Unfall im Jahr 2007 im Zusammenhang stehen würden, erkennbar. Aufgrund des Unfalls habe die Beschwerdeführerin die Symptome einer posttrauma- tischen Belastungsstörung mit persistierenden Schlafproblem en und depressive Zuständen entwickelt. Es sei aber auch eine deutliche Konversionssym ptomatik entstanden, welche aus heutiger Sicht als Ursache für die von der Beschwerdefü hrerin erlebten Leidensanteilen zu ver- stehen sei. Für das Zittern und die Hypästhesie in der linken Körperseite gebe es keine neuro- logische Erklärung. Diese seien eindeutig Konversionssymptome. Aufgrund der psychiatrischen Störung mit einer anhaltenden Persönlichkeitsänderung nach dem erlittenen Unfall und insbe- sondere von den durch die Versicherte als dramatisch erle bten Umständen, sei der Symptoma- tik ein eigenständiges Krankheitswert zuzugestehen, aufg rund welcher die Beschwerdeführerin als zu 40% in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei. Di es sei eine Gesamtbeurteilung der psy- chischen und der ebenfalls durch das gleiche Ereignis ausg elösten begleitenden Konversions- symptome, die sich nicht von einander abgrenzen liessen. D iese Einschränkung in der Arbeits- fähigkeit von 40% wurde sodann auch für alle adaptierten Tätigkeiten bestätigt. Die Ärzteschaft der MEDAS hielt schliesslich fest, es sei pra ktisch mit Sicherheit davon auszu- gehen, dass zwischen der Entwicklung der psychischen und der psychosomatischen Sympto- matik und dem Unfall vom 23. Februar 2007 ein natürlicher Kausalzusammenhang bestehe. 5.2 Aus den vorgenannten Berichten geht hervor, dass di e Beschwerdeführerin beim Unfall vom 23. Februar 2007 eine Distorsion der HWS erlitten hat. Im Zeitpunkt der Leistungseinstel- lung lagen jedoch keine objektivierbaren organischen Unf allfolgen, sondern organisch nicht (hinreichend) nachweisbare Gesundheitsbeeinträchtigungen vor. Dies wird insbesondere in den Berichten von Dr. I.____ überzeugend bestätigt. Im Wei teren ist aber aufgrund der umfassen- den Abklärung davon auszugehen, dass der Unfall vom 23. Februar 2007 eine Teilursache für die persistierenden Beschwerden der Versicherten bilden . Somit kann der für die Leistungs- pflicht des Unfallversicherers vorausgesetzte natürliche K ausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und den anhaltenden Beschwerden der Ve rsicherten mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit bejaht werden. 6.1 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im W eiteren voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausalzusammenhang be- steht. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann al s adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenser- fahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allgeme in als begünstigt erscheint (BGE 129 V 181 E. 3.2 mit Hinweis). Der Voraussetzung des adäquaten Kausalzusammen- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht hangs kommt dabei die Funktion einer Haftungsbegrenzun g zu (BGE 125 V 462 E. 5c, 123 V 102 E. 3b mit Hinweisen). Ob bei Vorliegen ein es natürlichen Kausalzusammenhanges zwischen dem versicherten Ereignis und der eingetretenen g esundheitlichen Schädigung auch der erforderliche adäquate, d.h. rechtserhebliche Ka usalzusammenhang besteht, ist eine Rechtsfrage, die nach den von Doktrin und Praxis entwicke lten Regeln vom Gericht zu beurtei- len ist (BGE 112 V 33 E. 1b). 6.2 Im Bereich organisch objektiv ausgewiesener Unfallfol gen spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen Kaus alzusammenhang ergebenden Haf- tung des Unfallversicherers praktisch keine Rolle, da sich hi er die adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 134 V 111 f. E. 2.1, 127 V 103 E. 5b/bb). Als objektivierbar gelten Untersuchungsergebnisse, die reproduzierbar und vo n der Person des Untersuchenden und den Angaben des Patienten unabhängig sind. Würde lediglich auf Ergebnisse klinischer Untersuchungen abgestellt, so würde fast in allen Fälle n ein organisches Substrat namhaft ge- macht, welches eine Adäquanzprüfung als nicht erforderlich erscheinen liesse. Nach konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann deshalb von organisc h objektiv ausgewiesenen Un- fallfolgen erst dann gesprochen werden, wenn die erhob enen Befunde mit apparati- ven/bildgebenden Abklärungen bestätigt werden (Urteil des Bundesgerichts vom 7. August 2008, 8C_806/2007, E. 8.2 mit zahlreichen Hinweisen). Diese Untersuchungsmethoden müs- sen zudem wissenschaftlich anerkannt sein (BGE 134 V 231 ff. mit Hinweisen). 6.3 Liegen wie im hier zu beurteilenden Fall keine or ganisch (hinreichend) nachweisbaren Unfallfolgeschäden vor, hat eine besondere Adäquanzprüfu ng zu erfolgen. Dabei ist rechtspre- chungsgemäss (BGE 127 V 103 E. 5b/bb mit Hinweisen) wie folgt zu differenzieren: Hat die versicherte Person beim Unfall ein Schleudertrauma der H WS, einen äquivalenten Verlet- zungsmechanismus oder ein Schädel-Hirntrauma, dessen Folg en sich mit jenen eines Schleu- dertraumas vergleichen lassen (BGE 117 V 382 E. 4b), erl itten und liegt in der Folge das für diese Verletzung typische bunte Beschwerdebild vor (diff use Kopfschmerzen, Schwindel, Kon- zentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Erm üdbarkeit, Visusstörungen, Reiz- barkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw., vgl. BGE 119 V 338 E. 1), so ist die Adäquanz nach Massgabe der in BGE 117 V 359 ff. entwickelten und mit BGE 134 V 109 ff. modifizierten (vgl. die nachfolgende E. 7) Grundsätze zu prüfen. Liegt kein Unfall mit einem Schleudertrauma oder einer adäquanzrechtlich äquivalente n Verletzung vor oder fehlt es nach einer solchen Verletzung an dem hierfür typischen bunte n Beschwerdebild, so hat die Adä- quanzbeurteilung psychischer Folgeschäden des Unfalls nach den in BGE 115 V 133 ff. entwi- ckelten Kriterien zu erfolgen. Der Unterschied besteht darin, dass bei Unfällen mit einem Schleudertrauma der HWS oder einer äquivalenten Verl etzung auf eine Differenzierung zwi- schen physischen und psychischen Unfallfolgen verzichtet wird (B GE 134 V 117 E. 6.2.1, 117 V 367 E. 6a in fine), währenddem bei den übrige n Unfällen für die Beurteilung der Adä- quanz psychischer Fehlentwicklungen lediglich das Unfallere ignis als solches und die dabei erlittenen körperlichen Gesundheitsschäden sowie deren objektive Folgen massgebend sind (BGE 115 V 140 E. 6c/aa). Als Ausnahme von diesen Regel n greift allerdings die auf die objek- tiven, physischen Unfallfolgen beschränkte Adäquanzbeurteil ung auch bei Unfällen mit Schleu- dertrauma oder einer äquivalenten Verletzung Platz, w enn die zum hiefür typischen Beschwer- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht debild (vgl. dazu BGE 119 V 338 E. 1, 117 V 382 E. 4b ) gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zu einer vorhanden en, ausgeprägten psychischen Prob- lematik aber ganz in den Hintergrund treten (BGE 123 V 99 E. 2a mit Hinweisen). 6.4 Wie den Akten entnommen werden kann, zog sich die B eschwerdeführerin anlässlich des Auffahrunfalls vom 23. Februar 2007 eine HWS-Distor sion zu (vgl. ärztliches Zeugnis von Dr. E.____ vom 27. März 2007). In der Folge klagte sie über Kopf- und Nackenschmerzen, eine linksseitige sensible Störung, Sehstörungen, Müdigkeit, Vergesslichkeit, Übelkeit sowie über eine ausgeprägte emotionale Störung möglicherweise im Sinne einer posttraumatischen Belas- tungsstörung (vgl. Bericht von Dr. F.____ vom 30. März 2 007). Somit ist dokumentiert, dass bei der Beschwerdeführerin nach dem Unfall eine Symptomat ik vorlag, die dem sogenannten bun- ten Beschwerdebild einer HWS-Distorsion entspricht. Die A däquanzprüfung hat deshalb nach Massgabe der in BGE 117 V 359 ff. dargelegten, mit BG E 134 V 109 ff. modifizierten (vgl. die nachfolgende E. 7) Grundsätze zu erfolgen. 7.1 In BGE 134 V 109 ff. hat sich das Bundesgericht a usführlich mit der bisherigen Praxis zur Kausalitätsprüfung bei Unfall mit Schleudertrauma, äquivalenter Verletzung der HWS oder Schädel-Hirntrauma ohne organisch objektiv ausgewiesene Beschwerden (so genannte Schleudertrauma-Praxis nach BGE 117 V 359 ff.) befasst. Dabei hat es entschieden, dass am Erfordernis einer besonderen Adäquanzprüfung bei Unfä llen mit solchen Verletzungen festzu- halten sei (S. 118 ff. E. 7-9). Auch bestehe keine Veranlassung, die bewährten Grundsätze über die bei dieser Prüfung vorzunehmende Einteilung der Unfälle nach deren Schweregrad und den abhängig von der Unfallschwere gegebenenfalls erforde rlichen Einbezug weiterer Kriterien in die Adäquanzbeurteilung zu ändern (S. 126 f. E. 10.1 ). Demnach ist für die Bejahung des adä- quaten Kausalzusammenhangs im Einzelfall nach wie vor zu verlangen, dass dem Unfall eine massgebende Bedeutung für die Entstehung der Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit zukommt. Dies trifft dann zu, wenn er eine gewisse Schwere aufw eist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt. Für die Beurteilung dieser Frage ist an das Unfallereignis anzuknüpfen, wobei - ausgehend vom augenfälligen Geschehensablauf - zwische n banalen bzw. leichten Unfällen einerseits, schweren Unfällen anderseits und schliesslich d em dazwischen liegenden mittleren Bereich unterschieden wird. Während der adäquate Kausa lzusammenhang in der Regel bei schweren Unfällen ohne Weiteres bejaht und bei leichten Unfällen verneint werden kann, lässt sich die Frage der Adäquanz bei Unfällen aus dem mittle ren Bereich nicht aufgrund des Unfall- geschehens allein schlüssig beantworten. Es sind weitere, o bjektiv erfassbare Umstände, wel- che unmittelbar mit dem Unfall in Zusammenhang stehen oder als direkte bzw. indirekte Folgen davon erscheinen, in eine Gesamtwürdigung einzubezieh en. Je nachdem, wo im mittleren Be- reich der Unfall einzuordnen ist und abhängig davon, o b einzelne dieser Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sind, genügt zur Bejahung d es adäquaten Kausalzusammenhangs ein Kriterium oder müssen mehrere herangezogen werden (S. 126 f. E. 10.1 mit Hinweisen ). 7.2 Im Übrigen hat das Bundesgericht jedoch die bisheri ge Schleudertrauma-Praxis im genannten Urteil BGE 134 V 109 ff. in mehrfacher Hinsicht präzisiert. So hat es die Anforderun- gen an den Nachweis einer natürlich unfallkausalen Verl etzung, welche die Anwendung der Schleudertrauma-Praxis rechtfertigt, erhöht (S. 121 ff. E. 9) und die adäquanzrelevanten Krite- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht rien teilweise modifiziert (S. 126 ff. E. 10.2 und 10 .3). Dies betrifft zunächst das Kriterium der "ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung", das nur dann vorliegt, wenn nach dem Unfall fortgesetzt spezifische und die versicherte Person belastende ärztliche Behandlung im Zeitraum bis zum Fallabschluss notwendig gewesen war ( S. 128 E. 10.2.3). Weiter wird für die Erfüllung des Kriteriums "Dauerbeschwerden" vorausgesetzt , dass diese erheblich sind, was auf Grund glaubhaft geltend gemachter Schmerzen und n ach der Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person im Lebensalltag erfährt, zu beurtei len ist (S. 128 f. E. 10.2.4). Hinsichtlich des Kriteriums "Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit" schliesslich ist nicht die Dauer an sich, sondern eine erhebliche Arbeitsunfähigkeit als solche massg eblich, die zu überwinden die ver- sicherte Person ernsthafte Anstrengungen unternimmt (S. 129 f. E. 10.2.7). Zusammenfassend hat das Bundesgericht den Katalog der bisherigen adäq uanzrelevanten Kriterien (BGE 117 V 367 E. 6a, 383 E. 4b) in BGE 134 V 109 wie folgt neu gefasst (S. 130 E. 10.3): - besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; - die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen; - fortgesetzt spezifische, belastende ärztliche Behandlung; - erhebliche Beschwerden; - ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; - schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen; - erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen. 8.1 Im Rahmen der erforderlichen besonderen Adäquanzp rüfung ist zunächst auf die Fra- ge der Unfallschwere einzugehen. Massgebend für deren B eurteilung ist der augenfällige Ge- schehensablauf mit den sich dabei entwickelnden Kräften (vgl. RKUV 1999 Nr. U 335 S. 207 E. bb), nicht jedoch Folgen des Unfalles oder Begleitumstä nde, die nicht direkt dem Unfallgesche- hen zugeordnet werden können. Derartigen dem eigentli chen Unfallgeschehen nicht zuzuord- nenden Faktoren ist gegebenenfalls bei den Adäquanzkrit erien Rechnung zu tragen. Dies gilt etwa für die - ein eigenes Kriterium bildenden - Ver letzungen, welche sich die versicherte Per- son zuzieht, aber auch für - unter dem Gesichtspunkt der besonders dramatischen Begleitum- stände oder besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls zu prüfende - äussere Umstände, wie eine allfällige Dunkelheit im Unfallzeitpunkt oder Verletzu ngs- resp. gar Todesfolgen, die der Unfall für andere Personen nach sich zieht. Dieser Grundsatz gi lt sowohl in Bezug auf die Adäquanz- beurteilung bei psychischen Fehlentwicklungen nach Unfall (SVR 2008 UV Nr. 8 S. 27 E. 5.3.1) als auch bei Anwendung der Schleudertrauma-Praxis (Urte il des Bundesgerichts vom 11. Juni 2008, 8C_536/2007, E. 6.1). 8.2 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung werden Auffahrkollisionen auf ein (hal- tendes) Fahrzeug in der Regel als mittelschwere Unfälle im Grenzbereich zu den leichten Unfäl- len betrachtet (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 236 E. 5.1.2 ). Die Beschwerdegegnerin ist der Auffas- sung, dass vorliegend höchstens von einem Unfall im mittl eren Bereich, allenfalls im engeren Sinne, ausgegangen werden kann. Demgegenüber macht d ie Beschwerdeführerin sinngemäss geltend, der Unfall sei als mittelschwer eher im Grenzbe reich zu den schweren Unfällen zu be- zeichnen. Gestützt auf die aktenkundigen Angaben ist dem Unfall eine gewisse Heftigkeit nicht abzusprechen. Der Unfall hat im rollenden Verkehr bei hoher Geschwindigkeit stattgefunden. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Allerdings ist zu beachten, dass es sich nicht um eine Front alkollision gehandelt hat, da die Fahrzeuge in die gleiche Richtung gefahren sind. Zur Ko llision kam es, als der vom Ehemann der Beschwerdeführerin gelenkte Wagen wegen eines Abbre msmanövers des vor ihm fahren- den Fahrzeuglenkers nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte. Gemäss Unfallanalyse vom 19. Juni 2013 betrug die kollisionsbedingte Geschwindig keitsänderung im Zeitpunkt des Frontanstosses zwischen 13,2 km/h und 17,9 km/h. Das nachfol gende Auto, welches ebenfalls nicht rechtzeitig abbremsen konnte, wies eine kollisionsb edingte Geschwindigkeitsänderung von 3,3 km/h und 5,7 km/h auf. Unter Berücksichtigung der Massstäbe, welche die Rechtspre- chung entwickelt hat (vgl. Urteil des Bundesgericht vom 9. August 2007, U 515/06, E. 4.2.3), scheidet daher eine Einordnung des Unfalls bei den schwer en Unfällen und auch im mittleren Bereich, Grenzbereich schwere Unfälle, aus. Vielmehr i st davon auszugehen, dass der Ge- schehensablauf im vorliegenden Fall die erforderliche H eftigkeit für einen mittelschweren Unfall im engeren Sinne erreicht hat. 9.1 Geht man von einem mittelschweren Unfall im engere n Sinne aus, müssen für die Be- jahung des adäquaten Kausalzusammenhangs von den weiteren, objektiv fassbaren und unmit- telbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehenden oder als Folge davon erscheinenden Um- ständen, welche als massgebende Kriterien in die Gesamt würdigung einzubeziehen sind, ent- weder ein einzelnes in besonders ausgeprägter Weise od er aber drei dieser Kriterien gegeben sein (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Januar 2010, 8C_897/2009, E. 4.5 mit Hinweisen). 9.2.1 Die Beschwerdeführerin erachtet zunächst das Krit erium der besonderen Begleitum- stände oder der besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls a ls erfüllt. So habe das Ereignis mit einer Verfolgungsjagd begonnen, sei dann mit einem l ebensbedrohlichem Manöver des Unfall- verursachers fortgesetzt und habe mit einer unvermeidbar en Kollision geendet. Das Fahrzeug sei mit Totalschaden mitten auf der meist befahrenen St recke der Schweiz stehen geblieben. Die Beschwerdeführerin habe nicht nur um ihr, sondern auch um das Leben ihrer Familienan- gehörigen gebangt. 9.2.2 Der Berücksichtigung des Kriteriums der besonders dramatischen Begleitumstände oder besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls liegt der G edanke zugrunde, dass solche Um- stände geeignet sind, bei der betroffenen Person währe nd des Unfallgeschehens oder nachher psychische Abläufe in Bewegung zu setzen, die an den nachf olgenden psychischen Fehlent- wicklungen mitbeteiligt sein können. Dabei sind objektive Massstäbe anzuwenden. Nicht was im einzelnen Betroffenen beim Unfall psychisch vorgeht - sofe rn sich dies überhaupt zuverlässig feststellen liesse -, soll entscheidend sein, sondern die objektive Eignung solcher Begleitum- stände, bei Betroffenen psychische Vorgänge der genannt en Art auszulösen. Zu beachten ist zudem, dass jedem mindestens mittelschweren Unfall eine g ewisse Eindrücklichkeit eigen ist (Urteil des Bundesgerichts vom 11. März 2011, 8C_584/2010 , E. 4.3.2 mit Hinweisen; vgl auch ALEXANDRA RUMO -JUNGO /A NDRÉ PIERRE HOLZER , Rechtssprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversi cherung, Zürich Basel und Genf 2012, S. 65). Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9.2.3 Dem Unfallereignis ist auch aus objektiver Sicht ein e gewissen Eindrücklichkeit nicht abzusprechen, ereignete es sich doch bei hoher Geschwindig keit auf der Autobahn. Zur Kollisi- on kam es, nachdem das Fahrzeug, welches vor demjenigen de r Beschwerdeführerin und ihrer Familie, fuhr, abrupt abbremste. Der Ehemann der Beschwerdeführerin konnte in dieser Situati- on nicht mehr rechtzeitig abbremsen. Bereits diese Tatsach e ist aus objektiver Sicht eindrück- lich. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin ei gnet sich auch die im Anschluss an den Auffahrunfall stattgefundene Tätlichkeit, welcher die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann ausgesetzt waren, um vorliegend von einer besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls zu spre- chen. So ist ein unerwarteter Angriff auf die körperli che Integrität immer aussergewöhnlich und ängstigend und kann zu psychischen Beschwerden führen. Die s um so mehr als er sich nach einem Unfall auf der Autobahn ereignete. Damit ist a ber das Kriterium der besonderen Ein- drücklichkeit des Unfalls, jedoch nicht in besonders ausgeprägter Weise, erfüllt. 9.3. Die Kriterien der Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, der fortge- setzt spezifische, belastende ärztliche Behandlung, der ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert sowie des schwierige n Heilungsverlaufs und erhebliche Komplikationen (vgl. RUMO -JUNGO /H OLZER , a.a.O., S. 71 ff.) sind nach Lage der Akten zu Recht und unbestrittenermassen nicht erfüllt. 9.4. Im Zusammenhang mit dem Kriterium der erhebliche n Beschwerden ist festzuhalten, dass nur diejenigen Beschwerden adäquanzrelevant sein können, die in der Zeit zwischen dem Unfall und dem Fallabschluss nach Art. 19 Abs. 1 UVG o hne wesentlichen Unterbruch bestan- den haben. Die Erheblichkeit beurteilt sich nach Massgabe der glaubhaften Schmerzen und der Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person durch die Beschwerden im Lebensalltag erfährt (BGE 134 V 128 E. 10.2.4). Vorliegend ist davon auszugehen, dass dieses Kriterium in einfa- cher Form erfüllt ist, was auch von der Beschwerdegegneri n anerkannt wird (vgl. Einsprache- entscheid E. 4c./dd Seite 7). Der Alltag der Beschwerdeführerin ist durch die glaubhaft gemach- ten Beschwerden seit dem Unfall beeinträchtigt. Ein Quervergleich mit ähnlich gelagerten Fällen Fällen zeigt jedoch, dass die Beschwerden das übliche Mass b ei HWS-Distorsionen nicht übermässig übersteigen, weshalb das Kriterium zwar bejah t werden kann, aber nicht in beson- ders ausgeprägter Weise. 9.5.1 Schliesslich ist das Kriterium der erheblichen Arbe itsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen zu prüfen (BGE 134 V 129 E. 10.2.7 mit Hinweisen). Hierbei ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass bei leichten bis mittelschweren HWS-Distorsionen ein längerer oder gar dauernder Ausstieg aus dem Arbeitsprozess vom medizinisc hen Standpunkt aus eher un- gewöhnlich erscheint. Dies ist auch vorliegend zu bestät igen, war die Beschwerdeführerin nur während 16 Tagen bis zum 11. März 2007 in der Arbeits fähigkeit eingeschränkt und ging da- nach ihrer angestammten Tätigkeit wieder nach. An de r Einschätzung der Arbeitsfähigkeit wur- de sodann durchwegs festgehalten. Lediglich die Einschät zung im MEDAS-Gutachten weicht davon ab, indem ausgeführt wurde, dass die Beschwerdef ührerin aus psychiatrischer Sicht zu 40% in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei. Hierzu ist festzustellen, dass die MEDAS die Be- schwerdeführerin im Auftrag der IV-Stelle begutachtete und die Einschätzung der Arbeitsfähig- keit nicht nur aus traumatischer, sondern aus gesamtmedizini scher Sicht erfolgte, weshalb da- Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht rauf vorliegend jedoch nicht abgestellt werden kann. Es kann daher vorliegend nicht von einer erheblichen Arbeitsunfähigkeit im Sinne der Rechtsprechung gesprochen werden. Diese Kriteri- um ist demnach zu verneinen. 9.6 Im Ergebnis können vorliegend somit höchstens zwei der sieben Adäquanzkriterien als erfüllt betrachtet werden, wobei diese jedoch nicht i n besonders ausgeprägter Weise vorliegen. Der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallerei gnis vom 23. Februar 2007 und den über den Zeitpunkt der Leistungseinstellung (11. März 2007/31. März 2008) hinaus vorhan- denen Beschwerden der Versicherten ist demnach zu verneinen. 10. Zusammenfassend ist nach dem Gesagten nicht zu beanstan den, dass es die Be- schwerdegegnerin abgelehnt hat, der Versicherten im Zusa mmenhang mit dem Unfallereignis vom 23. Februar 2007 über den 11. März 2007 bzw. 31. M ärz 2008 hinaus Leistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung auszurichten. Die gegen den betreffenden Einspracheent- scheid vom 20. Februar 2013 erhobene Beschwerde erweist sich demnach als unbegründet, weshalb sie abzuweisen ist. 11.1 Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass der Prozess vor dem kantonalen Gericht für die Par- teien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorlie gende Verfahren keine Kosten zu er- heben. 11.2 Es bleibt über den Antrag der Beschwerdeführerin zu befinden, es sei ihr die unentgelt- liche Verbeiständung zu bewilligen. Gemäss Art. 61 lit. f Satz 2 ATSG wird der Beschwerde führenden Person, wo die Verhältnisse es rechtfertigen, ein unentgeltlicher Rechtsbeistand be- willigt. Gemäss Rechtsprechung ist die unentgeltliche V erbeiständung im kantonalen Be- schwerdeverfahren zu bewilligen, wenn der Prozess nicht offensichtlich aussichtslos erscheint, die Partei bedürftig und die anwaltliche Verbeiständu ng notwendig oder doch geboten ist (vgl. auch U ELI KIESER , ATSG-Kommentar, Zürich/Basel/Genf 2009, Art. 61 Rz. 102). Vorlie- gend steht unbestritten fest, dass der Prozess nicht offe nsichtlich aussichtslos und die anwaltli- che Verbeiständung notwendig bzw. zumindest geboten ist. Hingegen ist die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin zu verneinen. Gemäss Rechtsprechung d es Bundesgerichts ist eine Per- son bedürftig, wenn sie ohne Beeinträchtigung des für sie und ihre Familie nötigen Lebensun- terhaltes nicht in der Lage ist, die Prozesskosten zu best reiten (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 22. Juli 2009, 8C_173/2009, E. 6 mit Hinweisen). Gemäss den Unterlagen, die der Rechts- vertreter der Beschwerdeführerin am 8. April 2013 (Bei lage 9) eingereicht hat, besteht beim Vergleich des prozessualen Grundbedarfs in Höhe von Fr. 7'687.50 und dem zu berücksichti- genden Einkommen der Beschwerdeführerin und ihres Ehe mannes von Fr. 8'692.65 ein - auch von der Beschwerdeführerin nicht bestrittener - Überschuss von Fr. 1'005.15 pro Monat. In die- sem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass gemäss de r von der Abteilung Sozialversi- cherungsrecht des Kantonsgerichts zwischenzeitlich an die R echtsprechung der Abteilungen Zivilrecht und Strafrecht des Kantonsgerichts sowie derje nigen des Bundesgerichts (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 11. Januar 2010, 9C_253/2009, E. 3 mit weiteren Hinweisen) ange- passten Praxis es der versicherten Person zumutbar ist, den auf zwölf Monate (nicht mehr nur auf drei Monate) hochgerechneten Überschuss zur Eigenfina nzierung des Prozesses aufzu- Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht wenden. Im vorliegenden Fall beträgt dieser Zwölfmon atsüberschuss Fr. 12'061.80.-- und liegt damit weit über dem durch den Rechtsvertreter am 13. Juni 2013 geltend gemachten Honorar. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Verbeiständ ung ist daher abzuweisen und die ausserordentlichen Kosten sind dem Prozessausgang entsprechend wettzuschlagen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht