<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 35" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 35</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">234</span> </div> <div class="page" id="S234"> <div role="main"> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>35 </b> <b>Art. 23 Abs. 1 ZGB; Art. 24 Abs. 1 ZGB</b></span><br/> <span class="text">Zur Beantwortung der Frage, ob die von einer erwachsenenschutz-</span><br/> <span class="text">rechtlichen Massnahme betroffene Person durch einen Eintritt in ein be-</span><br/> <span class="text">treutes Wohnheim Wohnsitz begründet hat, sind Lehre und Recht-</span><br/> <span class="text">sprechung zum zivilrechtlichen Wohnsitz heranzuziehen. Die Vermutung,</span><br/> <span class="text">dass der Aufenthalt zu Ausbildungszwecken oder zu anderen Sonder-</span><br/> <span class="text">zwecken in einer spezifischen Einrichtung für sich allein keinen Wohnsitz</span><br/> <span class="text">begründet, kann umgestossen werden, wenn sich eine urteilsfähige mün-</span><br/> <span class="text">dige Person freiwillig und selbstbestimmt zu einem Anstaltsaufenthalt</span><br/> <span class="text">unbeschränkter Dauer entschlossen und überdies die Anstalt und den</span><br/> <span class="text">Aufenthaltsort frei gewählt hat. Die Frage des örtlich zuständigen Fa-</span><br/> <span class="text">miliengerichts ist von der Frage der örtlich zuständigen Sozialhilfebehör-</span><br/> <span class="text">de abzugrenzen </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="text">nenschutz, vom 31. August 2019, i.S. B.I. (XBE.2019.38)</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">235</span> </div> <div class="page" id="S235"> <div role="main"> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.2.</span><br/> <span class="text">2.2.1. Der zivilrechtliche Wohnsitz bestimmt sich nach den Re-</span><br/> <span class="text">geln von Art. 23-26 ZGB. Der Wohnsitz einer Person befindet sich</span><br/> <span class="text">an dem Ort, wo sie sich mit der Absicht dauernden Verbleibens auf-</span><br/> <span class="text">hält; der Aufenthalt zum Zweck der Ausbildung oder die Unter-</span><br/> <span class="text">bringung einer Person in einer Erziehungs- oder Pflegeeinrichtung,</span><br/> <span class="text">einem Spital oder einer Strafanstalt begründet für sich allein keinen</span><br/> <span class="text">Wohnsitz (Art. 23 Abs. 1 ZGB). Der einmal begründete Wohnsitz</span><br/> <span class="text">einer Person bleibt bestehen bis zum Erwerb eines neuen Wohnsitzes</span><br/> <span class="text">(Art. 24 Abs. 1 ZGB). Nicht massgebend für den zivilrechtlichen</span><br/> <span class="text">Wohnsitz ist, wo eine Person angemeldet ist und ihre Schriften hin-</span><br/> <span class="text">terlegt hat (vgl. BGE 133 V 313 E. 3.3). Dies sind lediglich Indizien</span><br/> <span class="text">für die Absicht dauernden Verbleibens. Bei der Bestimmung des</span><br/> <span class="text">selbständigen Wohnsitzes geht es darum, festzustellen, wo eine Per-</span><br/> <span class="text">son ihre intensivsten familiären, gesellschaftlichen und beruflichen</span><br/> <span class="text">Beziehungen unterhält, d.h. wo sich ihr Lebensmittelpunkt befindet.</span><br/> <span class="text">Dabei spielen die gesamten Lebensumstände eine Rolle (vgl. DANIEL</span><br/> <span class="text">STAEHELIN, in: Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Auflage</span><br/> <span class="text">2018, N. 5 ff. und N. 23 zu Art. 23 ZGB; BGE 134 V 236).</span><br/> <span class="text">2.2.2. Der Aufenthalt zu Ausbildungszwecken oder der Aufent-</span><br/> <span class="text">halt zu anderen Sonderzwecken in einer spezifischen Einrichtung be-</span><br/> <span class="text">gründet - wie erwähnt - für sich allein keinen Wohnsitz. Er setzt eine</span><br/> <span class="text">widerlegbare Vermutung, der Aufenthalt am Studienort oder in einer</span><br/> <span class="text">Anstalt bedeute nicht, dass auch der Lebensmittelpunkt an den frag-</span><br/> <span class="text">lichen Ort verlegt worden sei. Die Vermutung kann umgestossen</span><br/> <span class="text">werden, wenn sich eine urteilsfähige mündige Person freiwillig und</span><br/> <span class="text">selbstbestimmt zu einem Anstaltsaufenthalt unbeschränkter Dauer</span><br/> <span class="text">entschlossen und überdies die Anstalt und den Aufenthaltsort frei</span><br/> <span class="text">gewählt hat. Als freiwillig und selbstbestimmt hat der Anstaltseintritt</span><br/> <span class="text">auch dann zu gelten, wenn er vom Zwang der Umstände (etwa An-</span><br/> <span class="text">gewiesensein auf Betreuung, finanzielle Gründe) diktiert wird (vgl.</span><br/> <span class="text">BGE 137 III 593 E. 4.1). Wer in diesem Sinn freiwillig und selbstbe-</span><br/> <span class="text">stimmt seinen Lebensmittelpunkt an diesen Ort verlegt, begründet</span><br/> <span class="text">dort einen Wohnsitz und behält nicht gemäss Art. 24 Abs. 1 ZGB</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">236</span> </div> <div class="page" id="S236"> <div role="main"> <span class="text">seinen bisherigen Wohnsitz als fiktiven bei (vgl. zum Ganzen:</span><br/> <span class="text">DANIEL STAEHELIN, a.a.O., N. 19d zu Art. 23 ZGB mit Hinweisen,</span><br/> <span class="text">insbesondere auf BGE 138 V 23 E. 3.1.2; URS VOGEL, in: Basler</span><br/> <span class="text">Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Auflage 2018, N. 5 zu Art. 442</span><br/> <span class="text">ZGB).</span><br/> <span class="text">(...)</span><br/> <span class="text">2.4</span><br/> <span class="text">Von einer autoritativen Einweisung bzw. Unterbringung in das</span><br/> <span class="text">begleitete Wohnheim kann vorliegend nicht gesprochen werden. So</span><br/> <span class="text">wird als Unterbringung in einer Anstalt die Einweisung durch</span><br/> <span class="text">Dritte gegen den eigenen Willen der betroffenen Person betrachtet.</span><br/> <span class="text">Trotz der Empfehlung der Mutter des Betroffenen, er solle lernen</span><br/> <span class="text">selbständiger zu leben, und der Hilfe der Psychiaterin bei der Woh-</span><br/> <span class="text">nungssuche, ist vorliegend von einem freiwilligen und selbstbe-</span><br/> <span class="text">stimmten Eintritt in das begleitete Wohnheim auszugehen mit dem</span><br/> <span class="text">Zweck, auf unbestimmte Zeit dort zu leben. Gemäss der Aussage des</span><br/> <span class="text">Betroffenen wollte er sich sogar bei der Gemeinde X. anmelden und</span><br/> <span class="text">seine Schriften dort hinterlegen, was als Indiz für die Absicht dauern-</span><br/> <span class="text">den Verbleibens gewertet werden kann, doch erlaubte ihm die Ge-</span><br/> <span class="text">meinde lediglich die Anmeldung als Wochenaufenthalter.</span><br/> <span class="text">Die Aussage der Beiständin, sie traue dem Betroffenen zu, wie-</span><br/> <span class="text">der selbständig zu wohnen, aber nicht in den nächsten zwei Jahren,</span><br/> <span class="text">vermag am Ergebnis des dauernden Verbleibens in X. nichts zu än-</span><br/> <span class="text">dern. Selbst wenn der Betroffene die Absicht hat, einen Ort später</span><br/> <span class="text">(auf Grund veränderter, nicht mit Bestimmtheit vorauszusehender</span><br/> <span class="text">Umstände) wieder zu verlassen, schliesst dies eine Wohnsitz-</span><br/> <span class="text">begründung nicht aus (BGE 127 V 237 E. 2c).</span><br/> <span class="text">Schliesslich ist auch der Einwand des Familiengerichts A., das</span><br/> <span class="text">soziale Leben des Betroffenen spiele sich im Umkreis von B. ab, zu</span><br/> <span class="text">relativieren. Es ist zwar richtig, dass der Betroffene in W. bei der</span><br/> <span class="text">Stiftung Z. arbeitet und seine Eltern nach wie vor in B. wohnen.</span><br/> <span class="text">Doch hat er ausgeführt, dass er seine Eltern am Wochenende ledig-</span><br/> <span class="text">lich besuche und nicht bei ihnen übernachte. Er habe bei seinen El-</span><br/> <span class="text">tern kein eigenes Zimmer mehr. Er unternehme am Wochenende sel-</span><br/> <span class="text">ber etwas in A. oder in X. Mit seinen Kollegen aus dem Umkreis B.</span><br/> <span class="text">treffe er sich nur selten. Der Lebensmittelpunkt einer Person liegt in</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">237</span> </div> <div class="page" id="S237"> <div role="main"> <span class="text">der Regel dort, wo sie abends regelmässig heimkehrt, übernachtet,</span><br/> <span class="text">von wo aus sie ihre familiären Beziehungen pflegt, die Freizeit ver-</span><br/> <span class="text">bringt und sich ihre persönlichen Effekten befinden. Der Betroffene</span><br/> <span class="text">hat unter den gegebenen und auch für Aussenstehende erkennbaren</span><br/> <span class="text">Umständen - nach mittlerweile über einjährigem Aufenthalt im be-</span><br/> <span class="text">gleiteten Wohnheim - seinen Lebensmittelpunkt in X.</span><br/> <span class="text">(...)</span><br/> <span class="text">3.</span><br/> <span class="text">Im Übrigen erweist sich auch der in der Stellungnahme der</span><br/> <span class="text">Gemeinde X. vom 8. April 2019 vorgebrachte Einwand, die Gemein-</span><br/> <span class="text">de würde auf Kosten im Sozialhilferecht sitzen bleiben, als unbe-</span><br/> <span class="text">gründet. Die Frage des örtlich zuständigen Familiengerichts ist von</span><br/> <span class="text">der Frage der örtlich zuständigen Sozialhilfebehörde abzugrenzen.</span><br/> <span class="text">Der Aufenthalt in einem Heim, Spital oder einer anderen Einrichtung</span><br/> <span class="text">sowie behördliche Unterbringung einer volljährigen Person in Fami-</span><br/> <span class="text">lienpflege begründen keinen Unterstützungswohnsitz (§ 6 Abs. 1 und</span><br/> <span class="text">3 Sozialhilfe- und Präventionsgesetz [SPG] i.V.m. Art. 5 Zuständig-</span><br/> <span class="text">keitsgesetz [ZUG]). Damit wird verhindert, dass die Gemeinden mit</span><br/> <span class="text">Spezialeinrichtungen finanziell allzu stark belastet werden. Es kann</span><br/> <span class="text">somit am Ort der Einrichtung unter Umständen zivilrechtlicher, aber</span><br/> <span class="text">nicht unterstützungsrechtlicher Wohnsitz begründet werden. Vom</span><br/> <span class="text">vorliegenden Entscheid betroffen sind einzig die moderaten Kosten</span><br/> <span class="text">für die Führung der Beistandschaft (vgl. zum Ganzen: URS VOGEL,</span><br/> <span class="text">a.a.O., N. 5 zu Art. 442 ZGB).</span><br/> <br/> </div> </div> </body> </html>