Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 14. März 2013 (731 12 236) ___________________________________________________________________ Zusatzversicherung Echtzeitliche, zeitnahe und auf persönliche Untersuchungen beruhende ärztliche Beurteilungen sind im vor- liegenden Fall beweisrechtlich höher zu gewichten als nachträgliche Aktengutachten Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichterin Elisabe th Berger Götz, Kan- tonsrichter Yves Thommen, Gerichtsschreiberin Christina Markiewicz Parteien A.____, Klägerin, vertreten durch Daniel Alt ermatt, Rechtsanwalt, Kasernenstrasse 21, 4410 Liestal gegen Helsana Zusatzversicherungen AG , Zürichstrasse 130, 8600 Dübendorf, Beklagte, vertreten durch Helsana Versicherungen AG, Versicherungsrecht - Unfall, Postfach, 8081 Zürich Betreff Forderung A. Die 1982 geborene A.____ war bei der Helsana Zusa tzversicherungen AG (Helsana) im Rahmen eines Kollektiv-Taggeldvertrages über ihre Arbeit geberin, die B.____, zu 80% ihres versicherten Jahreseinkommens bei einer Wartefrist von 7 Tagen und einer Leistungsdauer von 730 Tagen gegen Krankheit versichert. Am 25. März 2011 meldete die Arbeitgeberin A.____ ab dem 10. März 2011 arbeitsunfähig, woraufhin die Helsa na nach Ablauf der Wartefrist die ver- Seite 2 traglich vereinbarten Taggeldleistungen erbrachte. Am 1 6. September 2011 stellte die Helsana nach Eingang des Attests des Hausarztes Dr. med. C.____, FMH Allgemeine Medizin, vom 5. September 2011 und nach Rücksprache mit ihrem beratende n Arzt Dr. med. D.____, FMH All- gemeine Medizin, die Leistungen rückwirkend per 31. Juli 2011 ein. Am 26. September 2011 begab sich die Versicherte in psych iatrische Behandlung zu Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, welcher eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attes- tierte. Mit Bericht vom 5. Januar 2012 hielt Dr. E.___ _ als Diagnose eine Erschöpfungsdepres- sion fest. Am 10. Dezember 2011 bat die Versicherte die Helsana de n Leistungsfall zu überprüfen. Diese hielt mit Schreiben vom 19. Januar 2012 gestützt auf d en Bericht von Dr. D.____ vom 18. Ja- nuar 2012 an ihrem Entscheid vom 16. September 2011 fe st. Aus medizinischer Sicht seien keine neuen Fakten vorhanden, die eine andere Beurteilung der Arbeitsfähigkeit rechtfertigten. B. Mit Eingabe vom 12. August 2012 erhob die Versicher te, vertreten durch Advokat Daniel Altermatt, beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversiche rungsrecht, Klage gegen die Helsana mit dem Begehren, die Beklagte sei zur Zahlung von Fr . 26'384.80 nebst Zins zu 5% seit 1. Au- gust 2011 zu verpflichten. Zur Begründung führte der Rechtsvertreter an, dass die Beklagte ihre Leistungspflicht einzig unter Berufung auf eine Beurteilung durch ihren beratenden Arzt bestrei- te. Weder liege ein entsprechender Bericht vor noch se i die Versicherte persönlich untersucht worden. Es sei somit keine Grundlage vorhanden, auf welcher die Beklagte ihre Leistungspflicht ablehnen könne. Die Arbeitsunfähigkeit der Klägerin s ei für den Zeitraum vom 1. August 2011 bis 30. April 2012 durch Zeugnisse belegt. Demgegenüb er vermöge die Beklagte keinen ärztli- chen Bericht vorzuweisen, aus welchem schlüssig hervorginge, weshalb die Klägerin im ge- nannten Zeitraum arbeitsfähig gewesen sein soll. C. Die Helsana beantragte mit Klagantwort vom 18. Sep tember 2012 die Abweisung der Klage. Gemäss den medizinischen Stellungnahmen von Dr. D.____ vom 18. Januar 2012 sowie des Vertrauensarztes Dr. med. F.____, FMH Rechtsmedizin, vom 7. September 2012 sei von einer vollen Arbeitsfähigkeit der Versicherten ab 1. August 2011 auszugehen, womit die Einstel- lung der Taggelder per 31. Juli 2011 rechtmässig erfolgt sei. D. An der heutigen Parteiverhandlung halten die Part eien an ihren Anträgen und Begrün- dungen fest. Der Rechtsvertreter der Helsana reicht als No vum einen Arztbericht des Vertrau- ensarztes Dr. med. G.____ vom 12. März 2013 ein. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung un terstehen gemäss Art. 12 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung ( KVG) vom 18. März 1994 dem Seite 3 Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag (VVG) vom 2. Apr il 1908. Streitigkeiten im Be- reich dieser Zusatzversicherungen sind privatrechtlicher Natu r, weshalb strittige Ansprüche darüber in einem zivilprozessualen Verfahren geltend zu machen sind. Das Verfahren im Zivil- prozess regelt die Schweizerische Zivilprozessordnung (ZPO) vom 19. Dezember 2008. 1.2 Die sachliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts, Abte ilung Sozialversicherungsrecht, ergibt sich aus Art. 7 ZPO i.V.m. § 54 Abs. 1 lit. d d es Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993. Wie das Kantonsgericht mit Grundsatzentscheid vom 1. Dezember 2011 festhielt, ist bei Klagen betreffend Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung ke ine vorgängige Schlichtung durchzuführen, womit sie direkt am Kantonsgericht, Abt eilung Sozialversicherungsrecht, einzu- reichen sind (Beschluss des Kantonsgerichts vom 1. Dezember 2011, 731 11 262). 1.3 Die örtliche Zuständigkeit richtet sich grundsätzlich nach Art. 9 ff. ZPO. Der dem vorlie- genden Fall zu Grunde liegende Versicherungsvertrag ist als Konsumentenvertrag im Sinne von Art. 32 ZPO zu qualifizieren, weshalb die Klage am Woh nsitz der Versicherten eingereicht wer- den kann (Art. 32 Abs. 1 lit. a ZPO; vgl. U RS FELLER / JÜRG BLOCH , in: Sutter- Somm/Hasenböhler/Leuenberger, ZPO-Kommentar, Art. 32 N 45 ff.). Nichts anderes ergibt sich im vorliegenden Fall aus Art. 38 der Allgemeinen Versi cherungsbedingungen (AVB), wonach ein Wahlgerichtsstand am Wohnsitz der Versicherten besteht . Da die Klägerin Wohnsitz in Fül- linsdorf hat, ist das angerufene Gericht auch örtlich zust ändig. Auf die formgerecht beim örtlich und sachlich zuständigen Gericht erhobene Klage ist damit einzutreten. 2.1 Nach Art. 247 Abs. 2 lit. a i.V.m. Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO ist der vorliegende Prozess vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Die Untersuchungsmaxi me gebietet es dem Gericht zwar, den Sachverhalt mit eigenen Mitteln abzuklären un d mit vertretbarem Aufwand zu einem hinreichend sicheren Beweisergebnis zu gelangen; es ist dabei aber nicht an Beweisanträge gebunden und kann auch von sich aus Beweis erheben. Die Parteien werden dadurch jedoch nicht von der Mitwirkung an der Erhebung der Beweise un d der Erstellung des Sachverhaltes entbunden. Sie sind es, die primär die Verantwortung für die Ermittlung des Sachverhaltes tra- gen. Das Bundesgericht hat die in den Vorgängernormen zu Abs. 2 enthaltene Untersu- chungsmaxime daher bisweilen auch als gemilderte Verhand lungsmaxime bezeichnet. Nur wenn an der Vollständigkeit der Behauptungen oder Be weise ernsthafte Zweifel bestehen, muss das Gericht nachforschen. Diese Nachforschung besteht aber allein darin, die Parteien auf ihre Mitwirkungspflicht sowie auf die Pflicht zum Be ibringen von Beweisen hinzuweisen. Die Untersuchungsmaxime zwingt das Gericht nicht dazu, das Bew eisverfahren beliebig auszudeh- nen oder alle möglichen Beweise abzunehmen. Ebenso wen ig verleiht die Untersuchungsma- xime den Parteien Anspruch auf ein bestimmtes Beweismit tel. Das Gericht muss die betroffene Partei nur einmal auf etwaige Unzulänglichkeiten in i hren Tatsachenbehauptungen und Be- weismitteln hinweisen. Bei anwaltlicher Vertretung ist das Mass der gerichtlichen Mitwirkung auf "einschlägige Fälle" beschränkt. Indessen verpflichtet die Untersuchungsmaxime das Gericht, Seite 4 ordnungsgemäss eingebrachte und taugliche Beweismittel zu berücksichtigen, wenn es von der Nichterweislichkeit einer bestimmten Tatsache ausgehen wi ll. Die Untersuchungsmaxime än- dert nichts an der formellen Beweislast. Kann etwa das Bestehen einer entscheidungserhebli- chen Tatsache durch das Gericht weder bejaht noch verneint werden, so entscheidet das Ge- richt trotz Untersuchungsmaxime gemäss Art. 8 des Schweizer ischen Zivilgesetzbuches (ZGB) vom 10. Dezember 1907 nach Beweislastgesichtspunkten (vgl. B ERND HAUCK , in: Sutter- Somm/Hasenböhler/Leuenberger, ZPO-Kommentar, Art. 247 Abs. 2 ZPO N 33 ff.) 2.2 Wo das Gesetz es nicht anders bestimmt, hat gemäss Ar t. 8 ZGB derjenige das Vor- handensein einer behaupteten Tatsache zu beweisen, de r aus ihr Rechte ableitet. Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung müssen im Privatversicherungsrecht die anspruchsbegrün- denen Tatsachen lediglich mit dem Beweisgrad der über wiegenden Wahrscheinlichkeit erwie- sen sein (BGE 130 III 327 E. 3.5). Das gilt auch für den Beweis von anspruchshindernden Tat- sachen, für welche die Beweislast aufgrund von Art. 8 Z GB beim Versicherer liegt (Praxis 80/1991, Nr. 230, S. 964 f. E. 3b [Urteil des Schwei zerischen Bundesgerichts vom 22. Novem- ber 1990]). 2.3 Gelangt das Gericht in Würdigung der Beweise zur Üb erzeugung, eine Tatsachenbe- hauptung sei bewiesen oder widerlegt, ist die Beweisla stverteilung gegenstandslos (BGE 109 II 251 E. 3.5). Diesfalls liegt freie Beweiswürdigung vor , die bundesrechtlich nicht geregelt ist, auch nicht durch Art. 8 ZGB. Diese Bestimmung schreibt dem Gericht nicht vor, mit welchen Mitteln der Sachverhalt abzuklären und wie das Ergebnis zu würdigen ist (BGE 112 II 179); sie schliesst selbst eine vorweggenommene Beweiswürdigung und Indizienbeweise nicht aus (BGE 109 II 31 E. 3b und 344/45). Eine beschränkte Beweisab nahme verletzt Art. 8 ZGB daher nicht, wenn das Gericht schon nach deren Ergebnis von der Sachda rstellung einer Partei überzeugt ist, gegenteilige Behauptungen also für unbewiesen h ält (BGE 114 II 290 E. 2). Ebensowenig schliesst der im Verfahren zur Beurteilung von Streitigke iten aus einer Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicherung herrschende Untersuchungsgrunds atz die antizipierte Beweis- würdigung aus (Urteil des Bundesgerichts vom 9. November 2006, 5C.206, E. 2.1). 2.4 Dem Versicherer steht ein - aus Art. 8 ZGB abgeleit etes - Recht auf Gegenbeweis zu. Für das Gelingen des Gegenbeweises ist mithin bloss erford erlich, dass der Hauptbeweis er- schüttert wird (BGE 120 II 393 E. 4b) und damit die S achbehauptungen nicht mehr als überwie- gend wahrscheinlich erscheinen. Gelingt der Gegenbeweis, an der Sachdarstellung des An- spruchsberechtigten erhebliche Zweifel zu wecken, so ist der Hauptbeweis des Anspruchsbe- rechtigten gescheitert. 2.5 Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitig en Untersuchungen beruht, auch die ge- klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakt en (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizini- Seite 5 schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerung en der Expertin oder des Experten be- gründet sind (vgl. BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die He rkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebe nen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern ausschliesslich dessen Inhalt (vgl. BGE 125 V 352 f. E. 3, 122 V 160 E. 1c; AHI-Praxis 2001 S. 113 E. 3a). Das Gericht darf dabei e ine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt ist (vg l. MAX KUMMER , Grundriss des Zivil- prozessrechts, 4. Auflage, Bern 1984, S. 136). 3. Strittig zwischen den Parteien ist die Ausrichtung von Krankentaggeldleistungen vom 1. August 2011 bis 30. April 2012. 3.1 Da das VVG ausser in Art. 87 keine spezifischen Bes timmungen zum Krankentaggeld enthält, sind die vertraglichen Vereinbarungen der P arteien, das heisst in erster Linie die AVB von 2006 massgebend. Die Helsana gewährt Versicherungsschut z gegen die wirtschaftlichen Folgen von Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit und, sofern vertraglich vereinbart, von Unfällen. Krankheit ist jede Beeinträchtigung der körperlichen, g eistigen oder psychischen Gesundheit, die nicht Folge eines Unfalls ist und die eine medizinisch e Untersuchung oder Behandlung er- fordert oder eine Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat. A rbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beein- trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge sundheit bedingte volle oder teil- weise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgaben bereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in ei nem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 3.4). Das Taggeld wird bei nachgewi esener Arbeitsunfähigkeit von mindes- tens 25% anteilsmässig entsprechend dem Grad der Arbeitsunfähigkeit ausgerichtet (Art. 12.1). Eine Arbeitsunfähigkeit muss durch den Versicherungsnehme r bei Versicherungen mit Warte- fristen bis 10 Tagen spätestens 15 Tage nach Beginn der A rbeitsunfähigkeit beim Versicherer gemeldet werden. Innert weiterer 3 Tage seit Krankmel dung ist eine Arbeitsunfähigkeitsbe- scheinigung des Arztes einzureichen (Art. 13.1). Die versich erte Person hat den Erwerbsausfall nachzuweisen, sonst besteht kein Anspruch auf Leistungen ( Art. 13.2). Die versicherte Person hat sich regelmässig in ärztliche Behandlung oder Kontrol le zu begeben. Zusätzlich ist die ver- sicherte Person verpflichtet, sich auf Kosten des Versicher ers den von diesem als nötig erach- teten ärztlichen Untersuchungen zu unterziehen. Der Ver sicherer ist berechtigt, die Einhaltung der ärztlichen Anordnungen durch Krankenbesuche zu kontrollieren (Art. 13.6). 3.2 Die Arbeitgeberin meldete der Helsana am 25. Mä rz 2011 eine Arbeitsunfähigkeit der Klägerin ab 10. März 2011. Diese richtete die vertrag lich vereinbarten Leistungen nach Ablauf der Wartefrist aus. Gemäss Zwischenbericht für die Kollekt ivversicherung nach VVG vom 14. Juni 2011 diagnostizierte Dr. C.____ eine Psychoasthenie und Insomnie. Die Versicherte sei ein Opfer von Mobbing am Arbeitsplatz und könne aus " arbeitsplatz-psychohygienischen" Gründen nicht arbeiten. Er attestierte eine Arbeitsu nfähigkeit von 100% seit 10. März 2011. Ei- ne Arbeitsaufnahme sei am 1. Juli 2011 vorgesehen. A m 5. September 2011 vermerkte Dr. Seite 6 C.____ auf dem Informationsschreiben der Beklagten betreffend IV-Anmeldung, dass die Versi- cherte sich um eine neue Arbeitsstelle bemühe. Sie sei bi s zum 19. September 2011 weiterhin zu 100% arbeitsunfähig. Ab dem 20. September 2011 be stehe somit wieder volle Arbeitsfähig- keit. Die Helsana stellte die Taggeldleistungen mit Schreiben vom 16. September 2011 aufgrund einer mündlichen Auskunft des beratenden Arztes Dr. D.____ rückwirkend per 31. Juli 2011 ein. Dr. D.____ wurde gemäss Ausführungen der Helsana konsul tiert, da Zweifel an der Verlänge- rung der Arbeitsunfähigkeit bis 19. September 2011 bestanden hätten. 3.3 Dr. C.____ notierte am 31. Dezember 2011, dass di e Versicherte nach wie vor in Be- handlung stehe. Da die erwartete Besserung nicht eingetreten sei, stehe die Versicherte zusätz- lich bei Dr. E.____ in Behandlung. Eine Arbeitsfähigkeit sei zurzeit nicht gegeben. Dr. E.____ berichtete mit Schreiben vom 5. Januar 2012, dass die Versicherte seit 26. September 2011 bei ihm in Behandlung sei. Als Di agnose nannte er eine Erschöpfungsde- pression nach ICD-10 F 32.2. Er stellte eine depressive G rundstimmung, eine emotionale Labi- lisierung, eine Antriebsverminderung, eine psychomotori sche Verlangsamung, Müdigkeit, Schlafstörungen, Appetitverlust mit Gewichtsabnahme, ein e rasche Erschöpfung und Konzent- rationsstörungen mit Vergesslichkeit fest. Es finde eine Gesprächstherapie statt und die Versi- cherte werde mit Trittico und Sertralin actavis behandel t. Der Verlauf der Behandlung sei stag- nierend. Die Versicherte sei im Alltag durch die Müdig keit und rasche Erschöpfung stark beein- trächtigt. Durch die Betreuung von zwei Kleinkindern hab e sie wenig Erholungszeit. Zudem sei sie durch ein Karpaltunnelsyndrom beim Heben auch schon von leichten Gewichten einge- schränkt. Gemäss Hamilton Score seien von 15 items alle posi tiv. Alle Kernsymptome - ausser Schuldgefühle und Behinderung sozialer Aktivitäten - seien zu bejahen. Die sozialen Aktivitäten seien aber eindeutig reduziert. Die Versicherte sei seit Behandlungsbeginn am 26. September 2011 zu 100% arbeitsunfähig. Bei günstigem Verlauf be stehe ab 1. April 2012 eine 40%ige Ar- beitsfähigkeit. Diese Prognose sei aber unwahrscheinlic h, weil die Risikofaktoren kaum zu be- einflussen seien. 3.4 Dr. D.____ erachtete mit Schreiben vom 18. Januar 2012 die Arbeitsunfähigkeit per En- de Juli 2011 als nicht ausgewiesen. Die zwei Kleinkinder seien ursächlich für die Schlafstörun- gen und die Erschöpfung. Die Helsana hielt deshalb an ihrem Entscheid vom 16. September 2011 fest und lehnte die Ausrichtung von Taggeldern ab. 3.5 Mit ärztlichen Zeugnissen vom 3. März 2012 und 27. Jun i 2012 bescheinigte Dr. E.____ eine Arbeitsunfähigkeit von 100% bis 14. Februar 201 2 und vom 15. Februar bis 30. April 2012 eine 50%ige. Ab 1. Mai 2012 sei die Versicherte wieder voll arbeitsfähig. Am 4. August 2012 führte Dr. E.____ aus, dass er anlässlich der Erstkonsultati on ein schweres depressives Syn- drom diagnostiziert habe. Auch unter der Behandlung mi t Trittico und Sertralin sei der Behand- Seite 7 lungsverlauf sehr stagnierend gewesen. Noch am 5. Janu ar 2012 habe der Diagnosetest für Depressionen nach Hamilton für eine schwere depressive Erkr ankung gesprochen, welche die klinischen Befunde bestätigt hätten. Für den Zeitraum vo m 1. August 2011 bis zum 26. Sep- tember 2011 sei die depressive Erkrankung mit einer gän zlichen Arbeitsunfähigkeit verbunden gewesen. 3.6 Daraufhin äusserte sich der Vertrauensarzt Dr. F.___ _ am 7. September 2012 mittels Aktenbericht zur Gesundheitssituation der Versicherten. Er kam zum Schluss, dass eine Ar- beitsunfähigkeit aus Krankheitsgründen mangels einer ob jektivierbaren Symptomatik nach AMDP (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentatio n in der Psychiatrie) und mangels zweifelsfreier Krankheitsdiagnose aus versicherungsmedizin ischer Sicht nicht anerkannt wer- den könne. Der Bericht von Dr. E.____ sei unklar. Eine rseits sei die Diagnose einer Erschöp- fungsdepression heute nicht mehr gebräuchlich. Anderseits könne die Diagnose einer schweren depressiven Episode ohne psychotische Symptome aufgrund der angegebenen subjektiven Symptome und objektiven Befunde nicht nachvollzogen werden. Zentral sei die langjährige Stö- rung des Schlafs durch die zwei Kleinkinder. Dies führe nach einer gewissen Zeit - wie auch die allgemeine Alltagserfahrung junger Eltern zeige - zu Erschöpfung, Freudlosigkeit und Tages- müdigkeit. Auch eine emotionale Instabilität stelle i n derartigen Situationen nichts Ausserge- wöhnliches dar. Aus den Schilderungen von Dr. E.____ g ehe nicht hervor, dass diese primär natürlichen Reaktionen auf eine derartige Belastung da s Ausmass des normalerweise in einer derartigen Situation zu Erwartenden überschritten hätten. Erst wenn die Reaktionen auf die Be- lastung dieses Ausmass überschritten, könne von einem ob jektiv krankhaften Zustand nach ICD-10 gesprochen werden. Dies sei hier nicht der Fall. 4.1 Bei den vorliegenden strittigen Krankentaggelder n handelt es sich um vorübergehende Leistungen und nicht um Dauerleistungen wie beispielswei se eine Invalidenrente. Dauerleistun- gen sind geschuldet, wenn eine voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbs- unfähigkeit anzunehmen ist. Taggeldleistungen werden ge mäss den AVB ausgerichtet, wenn eine ärztlich attestierte Arbeitsunfähigkeit von 25% vorl iegt. Hier geht es in einer ersten Phase um die unmittelbare Sicherung des Einkommens im Krankh eitsfall. Die Anforderungen an den Nachweis krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit sind desh alb für die Begründung des An- spruchs auf Krankentaggelder nicht zuletzt auch aus Gründe n der Praktikabilität tiefer als für den Nachweis der Invalidität. 4.2 Sofern der Hausarzt wie hier die versicherte Person krank schreibt und eine Arbeitsun- fähigkeit attestiert, muss dies anfänglich für die Leistun gspflicht genügen (vgl. auch Art. 12.1 AVB). In diesem Sinne hat die Helsana denn auch nach Ablauf der Wartefrist die vereinbarten Taggeldleistungen ausgerichtet. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Einstellung der Leistun- gen am 16. September 2012 rückwirkend per 31. Juli 2011 gestützt auf die mündliche Auskunft des beratenden Arztes Dr. D.____ und nachfolgend das Fest halten an diesem Entscheid ge- stützt auf die Aktenberichte von Dr. D.____ vom 18. Janu ar 2012 und Dr. F.____ vom Seite 8 7. September 2012 rechtens war. Denn die Klägerin we ist nicht nur für die Anfangsphase der Erkrankung Arztzeugnisse vor, sondern auch für die Zeit bis Ende April 2012. 4.3 Selbstverständlich steht es dem Versicherer frei, hinsi chtlich seiner Leistungspflicht Rückfragen zu stellen und die medizinische Diagnose über prüfen zu lassen, insbesondere wenn die Arbeitsunfähigkeit längere Zeit andauert, da Arztzeugnisse nicht selten zu wenig aus- führlich sind. Für eine solche Überprüfung mit einer Le istungsverweigerung als Folge genügt eine telefonische Nachfrage beim beratenden Arzt jedoch nicht (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 19. Oktober 2011, 8C_515/2011, E. 4.5). Ein solches Gespräch kann lediglich Anlass bie- ten, den Sachverhalt genauer zu untersuchen. Dem Versic herer steht dafür gemäss Art. 13.6 AVB die vertrauensärztliche Untersuchung zur Verfügung, w elche unverzüglich vorzunehmen ist. Erst Monate später verfasste Aktenberichte wie im vorliegenden Fall können die zeitnahe Untersuchung kaum je ersetzen. 4.4 Dazu kommt, dass eine psychiatrische Beurteilung sich gr undsätzlich auf eine persönli- che Untersuchung abstützen muss (RKUV 2001 Nr. U 438 S. 345, U 492/00 (mit Hinweis auf BGE 127 I 54 E. 2e-g S. 57 ff. Urteil des Bundesgerich ts vom 23. September 2009, E. 3.4.1 mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts vom 27. Juni 2012, 8C _681/2011, E. 4.1). Denn das Ge- spräch zwischen Arzt und versicherte Person ist unerlässlich, u m eine fundierte psychiatrische Beurteilung abgeben zu können. Vorliegend fehlt es an einer solchen persönlichen Untersu- chung. Die Aktenberichte von Dr. D.____ und Dr. F.____ beruhen lediglich auf Erfahrungswer- ten und sind folglich zurückhaltend zu beurteilen (vgl. U rteil des Bundesgerichts vom 31. Okto- ber 2012, 9C_365/2012, E. 4.1). Des weiteren fehlt e s Dr. D.____ und Dr. F.____ an der fach- ärztlichen psychiatrischen Ausbildung, womit ein weitere r Aspekt gegen die Beweistauglichkeit spricht. Die Aktenbeurteilungen sind denn auch geprägt von theoretischen Annahmen. So wird im gegebenen Fall ohne weiteres davon ausgegangen, dass das zentrale Problem die Störung des Schlafs durch die Kinder sei. Die gesundheitlichen Pro bleme traten jedoch in erster Linie wegen Unstimmigkeiten am Arbeitsplatz auf. Es mag sein, dass die verwendete Diagnose der Psychasthenie gemäss Dr. C.____ kaum mehr gebräuchlich ist und dass Mobbing an und für sich krankheitsfremd ist. Es kann aber nicht von der Hand gewiesen werden, dass Schwierig- keiten am Arbeitsplatz gepaart mit anderen belastenden Umständen durchaus geeignet sind, eine psychische Störung mit Krankheitswert auszulösen. Die s bleibt von Dr. F.____ in seinem Aktenbericht unberücksichtigt. 4.5 Im Ergebnis ist auf die beweisrechtlich höher zu gew ichtenden, zeitnahen und auf per- sönlichen Untersuchungen beruhenden Beurteilungen von D r. C.____ und insbesondere des Psychiaters Dr. E.____ abzustellen. Die zu optimistischen Pr ognosen von Dr. C.____ mit vor- gesehener Arbeitsaufnahme ab 1. Juli 2011 bzw. 20. Se ptember 2011 stehen den Attesten der längeren Arbeitsunfähigkeit von Dr. E.____ als behande lnder Facharzt nicht entgegen. Daran ändert auch das Aktengutachten von Dr. med. G.____ vom 12. März 2013 nichts, welches die Helsana an der heutigen Parteiverhandlung eingereicht hat. Zwar handelt es sich bei Dr. Seite 9 G.____ um einen Facharzt, doch auch er hat die Versiche rte nicht persönlich untersucht und führt auch keine wesentlich neuen medizinischen Aspekte an. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Beurteilung zwei Jahre nach Eintritt der Arbeitsunf ähigkeit abgegeben worden ist und somit zeitlich weit entfernt vom zu beurteilenden Zeitraum. Damit steht aber auch fest, dass es der Beklagten nicht gelungen ist, mit den ins Recht gelegten Aktengutachten den Gegenbeweis der Arbeitsfähigkeit der Klägerin ab 1. August 2011 zu er bringen (vgl. E. 2.4). Somit ist von einer über den 31. Juli 2011 bis 14. Februar 2012 andauernden 100%igen und vom 15. Februar 2012 bis 30. April 2012 bestehenden 50%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen. 5. Die Berechnung der Taggeldhöhe erfolgt mittels Um rechnung des versicherten Lohnes auf ein volles Jahr und Teilung der versicherten Jahreslohnsumme durch die Zahl 365 bzw. 366 in Schaltjahren (vgl. Art. 21 AVB). Die Höhe der Taggelder wird nicht bestritten. Die Klägerin hat demnach Anspruch auf 198 Taggelder à Fr. 111.80 (100 %) und auf 76 Taggelder à Fr. 55.90 (50%) und somit auf den geforderten Betrag von Fr. 2 6'384.80. Die Klage ist in diesem Sinne gutzuheissen. 6.1 Die Klägerin beantragt eine Verzinsung der Forder ung zu 5% seit dem 1. August 2011. Die Helsana habe mit Schreiben vom 16. September 2011 erklärt, dass sie ab 1. August 2011 keine Taggeldleistungen mehr ausrichten werde. Aufgrund der erklärten Leistungsverweigerung sei die Beklagte somit bereits per 1. August 2011 in Ver zug geraten. Die Verzugsfolgen seien aber spätestens mit Schreiben vom 10. Dezember 2011 ein getreten, mit welchem die Beklagte zur Zahlung der Taggelder aufgefordert worden sei. 6.2 Gemäss Art. 100 Abs. 1 VVG finden auf den Versicheru ngsvertrag die Bestimmungen des Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des Schweizer ischen Zivilgesetzbuches (OR) vom 30. März 1911 Anwendung. Die definitive Leistungsabl ehnung der Helsana erfolgte mit Brief vom 19. Januar 2012. Gemäss Art. 102 Abs. 1 OR gerät der Versicherer jedoch mit einer Mahnung in Verzug. Mit Schreiben vom 10. Dezember 20 11 forderte der Rechtsvertreter die Helsana auf, Taggelder für den Zeitraum ab 1. August 2011 auszurichten. Mit dieser Mahnung setzte er die Helsana in Verzug, womit ab diesem Datum ein Verzugszins von 5% ab Fälligkeit der monatlichen Zahlungen zu leisten ist. Die Berechnung gestaltet sich wie folgt: Taggeldrate Saldo Tage Nummern 10.12.2011 Fr. 14'757.60 20 2'952 31.12.2011 2'347.80 Fr. 17'105.40 30 5'132 31.01.2012 3'465.80 Fr. 20'571.20 30 6'171 29.02.2012 2'403.70 Fr. 22'974.90 30 6'892 31.03.2012 1'732.90 Fr. 24'707.80 30 7'412 30.04.2012 1'677.00 Fr. 26'384.80 - Total 140 28'559 Seite 10 Zinssatz 5% Zins 396.65 (28'559 x 5%:360) Die Helsana hat demnach der Klägerin Fr. 26'384.80 n ebst dem seit 10. Dezember 2011 bis 30. April 2012 aufgelaufenen Zins von Fr. 396.65 zu b ezahlen. Der geschuldete Betrag von Fr. 26'761.45 ist ab 1. Mai 2012 mit 5% zu verzinsen. 7. Das Verfahren vor dem Versicherungsgericht ist gemä ss Art. 114 Abs. 2 lit. f ZPO kos- tenlos. Der obsiegenden Klägerin ist gestützt auf Art. 106 Abs. 1 ZPO eine Parteientschädigung zu Lasten der Beklagten zuzusprechen. Gemäss Honorarnote vom 21. November 2012 machte der Rechtsvertreter angemessene 9.58 Stunden à Fr. 250. -- geltend. Zusätzlich gewährt das Gericht 3 Stunden für die Parteiverhandlung. Demnach h at die Klägerin Anspruch auf Vergü- tung der Parteikosten in Höhe von Fr. 3'466.80 (inklusive Fr. 65.-- Auslagen und 8% Mehr- wertsteuer). Seite 11 Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Klage wird gutgeheissen und die Beklagte ve rpflichte t, der Klägerin Fr. 26'384.80 nebst dem seit 10. Dezember 2011 bis 30. April 2012 aufgelaufenen Zins von Fr. 396.65 zu bezahlen. Der ge schuldete Be- trag von Fr. 26'781.45 ist ab 1. Mai 2012 mit 5% zu verzinsen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beklagte hat der Klägerin eine Parteientschäd igung in der Höhe von Fr. 3'466.-- (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht