Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 22. April 2022 (710 21 397 / 87) ____________________________________________________________________ Alters- und Hinterlassenenversicherung Schadenersatzforderung gegenüber einem Geschäftsführer einer GmbH Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Gerichtsschreiber in Gisela Warten- weiler Parteien A.____ , Beschwerdeführer gegen Ausgleichskasse Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Bin- ningen, Beschwerdegegnerin Betreff Schadenersatz A. Die B.____ GmbH mit Sitz in X.____ war ab dem 1. Juli 2013 als beitragspflichtige Ar- beitgeberin bei der Ausgleichskasse Basel-Landschaft (Ausgl eichskasse) angeschlossen. Am 11. Juni 2019 wurde über die B.____ GmbH der Konkurs eröffnet. Mit Schreiben vom 18. Februar 2020 erliess die Ausgleichskasse eine an A.____ gerichtete Verfügung, mit welcher sie vom Ge- nannten in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der B._ ___ GmbH mit Einzelzeichnungsbe- rechtigung die Bezahlung von Schadenersatz für die Jahre 2014, 2015, 2017, 2018 und 2019 in Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Höhe von insgesamt Fr. 6'723.80 (inkl. Verwaltun gskosten, Mehrkosten für Arbeitgeberkon- trolle, Mahngebühren, Verzugszinsen und Betreibungskosten) in solidarischer Haftung forderte. Mit Eingabe vom 23. März 2020 erhob A.____ gegen die Schadenersatzverfügung Einsprache bei der Ausgleichskasse. Daraufhin sistierte die Ausgleichsk asse das Einspracheverfahren bis zum Abschluss des Konkursverfahrens. B. Mit Verfügung des Zivilkreisgerichts Basel-Landschaft O st vom 21. Mai 2021 wurde das Konkursverfahren als geschlossen erklärt und die Gesellschaft von Amtes wegen gelöscht. Aus dem Konkursverfahren resultierten zwei Verlustscheine vom 19. Mai 2021 in Höhe von Fr. 6'356.45 für ausstehende Arbeitgeberbeiträge sowie von Fr. 88.75 für Leistungen der Famili- enausgleichskasse. C. Die Ausgleichskasse hiess die Einsprache mit Einsprachee ntscheid vom 6. Oktober 2021 teilweise gut, indem sie die Schadenersatzforde rung auf Fr. 4'994.55 reduzierte. Zur Be- gründung führte sie an, dass die Akontobeiträge für da s 2. Quartal 2019 erst am 10. Juli 2019 und somit nach der Konkurseröffnung fällig geworden seien, weshalb für diese kein Schadener- satz zu fordern sei. D. Gegen diesen Entscheid erhob A.____ am 5. November 2021 Beschwerde ans Kan- tonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Er beantragte sinngemäss die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids. Zur Begründung brachte er im Wesentli- chen vor, dass ihm zum Zeitpunkt der Liquidation der Gmb H nur die Forderung der Ausgleichs- kasse für die Akontobeiträge des 1. Quartals 2019, aber keine für frühere Zeiträume vorgelegen habe. Im Nachhinein habe er erfahren, dass der Liquida tor unter anderem diese Forderungen zurückbehalten habe. Weiter wies er darauf hin, dass ihm kein Verschulden vorgeworfen werden könne. Er sei stets den Verpflichtungen der B.____ Gm bH nachgekommen. Zudem zeige sein geringes Jahressalär, dass er sich nie auf Kosten der Firma bereichert habe. E. In ihrer Vernehmlassung vom 24. November 2021 schlo ss die Ausgleichskasse auf Ab- weisung der Beschwerde. Der Präsident zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den All gemeinen Teil des Sozialversi- cherungsrechtes (ATSG) vom 6. Oktober 2000 kann gegen Einspracheentscheide der Versiche- rungsträger Beschwerde erhoben werden. Jeder Kanton bestellt ein Versicherungsgericht als einzige Instanz zur Beurteilung von Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherung (Art. 57 ATSG). Laut § 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes über die Verfassungs- und Ver- waltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist das Kantonsgericht als einzige ge- richtliche Instanz des Kantons zur Beurteilung von Beschwer den gegen Einspracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 ATSG sachlich zuständig. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.2. Nach Art. 52 Abs. 5 des Bundesgesetzes über die Alte rs- und Hinterlassenenversiche- rung (AHVG) vom 20. Dezember 1946 ist in Abweichung von Art. 58 Abs. 1 ATSG für Beschwer- den betreffend Schadenersatzansprüche der Ausgleichskassen das Versicherungsgericht desje- nigen Kantons zuständig, in dem der Arbeitgeber seinen Wohnsitz hat, beziehungsweise die als Arbeitgeberin auftretende juristische Person ihr statutarisches Domizil hat, ungeachtet des jewei- ligen Wohnsitzes der in Anspruch genommenen Organe. Da d ie B.____ GmbH ihren Sitz in X.____ hatte, ist auch die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts gegeben. Auf die im Übrigen form- und fristgerecht erhobene Beschwerde vom 5. November 2021 ist demnach einzutreten. 1.3 Laut § 55 Abs. 1 VPO entscheidet die präsidierende Person des Kantonsgerichts Strei- tigkeiten bis zu einem Streitwert von Fr. 20'000.-- dur ch Präsidialentscheid. Vorliegend ist die Schadenersatzforderung der Ausgleichskasse in Höhe von F r. 4'994.55 strittig. Die Beurteilung der Beschwerde fällt demnach in die Kompetenz der präsi dierenden Person der Abteilung So- zialversicherungsrecht des Kantonsgerichts. 2.1 Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführe r gemäss Art. 52 AHVG für den bei der Ausgleichskasse entstandenen Schaden haften muss. Na ch Art. 52 Abs. 1 AHVG hat ein Arbeitgeber, welcher der Versicherung durch absichtliche oder grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften einen Schaden zufügt, diesen zu ersetzen. Ha ndelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglied er der Verwaltung und alle mit der Ge- schäftsführung oder Liquidation befassten Personen. Sin d mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG). Die Haftung nach Art. 52 AHVG sieht eine Verschuldensh aftung nach öffentlichem Recht vor. Damit eine Schadenersatzpflicht entstehen kann, müssen al le Haftungsvoraussetzungen gege- ben sein, d.h. es muss ein Schaden eingetreten sein, der auf widerrechtliches und schuldhaftes Verhalten des Arbeitgebers und – subsidiär – des veran twortlichen Organs zurückzuführen ist. 2.2 Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nac h Art. 52 AHVG sowie die dazu entwi- ckelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestimmungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (Art. 66 des Bundesgesetzes über die Invaliden-ver- sicherung vom 19. Juni 1959), Erwerbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Er- werbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft vom 25. September 1952) und Arbeitslo- senversicherungsbeiträge (Art. 6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosen-ver- sicherung und die Insolvenzentschädigung vom 25. Juni 19 82) sowie auf jene an die Familien- ausgleichskassen gemäss dem Bundesgesetz über die Familien zulagen vom 24. März 2006 (Art. 25 lit. c). 3.1 Art. 52 Abs. 3 AHVG sieht vor, dass der Schadener satzanspruch zwei Jahre, nachdem die zuständige Ausgleichskasse vom Schaden Kenntnis erha lten hat, und jedenfalls fünf Jahre nach Eintritt des Schadens verjährt (Satz 1). Diese Fristen können unterbrochen werden (Satz 2). Der Arbeitgeber kann auf die Einrede der Verjährung verzichten (Satz 3). Dabei handelt es sich, wie das damalige Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG, heute: Bundesgericht,) unter Hin- weis auf den Gesetzeswortlaut und die Materialien entschieden hat, um Verjährungsfristen (vgl. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG]; heute: Bundesgericht) vom 30. Novem- ber 2004, H 96/03, E. 5.1; BGE 131 V 427 E. 3.1). 3.2 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist Kenntn is des Schadens im Sinne der genannten Bestimmung von dem Zeitpunkt an gegeben, in welchem die Ausgleichskasse unter Beachtung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit und unter Berücksichtigung der Praxis erkennen muss, dass die tatsächlichen Gegebenheiten nicht mehr er lauben, die Beiträge einzufordern, wohl aber eine Schadenersatzpflicht begründen können (BGE 131 V 427 E. 3.1, 119 V 92 E. 3). 3.3 Im konkreten Fall wurde der Konkurs über die B.___ _ GmbH am 11. Juni 2019 eröffnet. Indem die Ausgleichskasse am 18. Februar 2020 gegenüber dem heutigen Beschwerdeführer die Schadenersatzverfügung erliess, hat sie die zweijähr ige Frist von Art. 52 Abs. 3 AHVG ge- wahrt. 4. Der Schaden der Ausgleichskasse besteht bei einer Anwe ndung von Art. 52 Abs. 1 AHVG darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschuldeter Beitrag entgeht. Die Höhe des Scha- dens entspricht dabei dem Betrag, den die Ausgleichskasse nicht erhältlich machen kann. Ver- waltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahn gebühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 384 E. 3bb mit Hinweisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 27. August 2013, 9C_646/2012, E. 4.1; zum Ganzen: T HOMAS NUSSBAUMER , Die Ausgleichskasse als Partei im Schadenersatz- prozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Im Hinblick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitgeberbeiträge zum massgeblichen Schaden (BGE 98 V 26 E. 5). 5.1 Der Schaden der Ausgleichskasse muss auf ein widerrech tliches Verhalten des Scha- denersatzpflichtigen zurückzuführen sein. Art. 14 Abs. 1 AHVG in Verbindung mit Art. 34 ff. der Verordnung über die Alters- und Hinterlassenenversicher ung (AHVV) vom 31. Oktober 1947 schreibt vor, dass der Arbeitgeber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit seinen eigenen Beiträgen der Ausgleichskasse periodisch zu entrich- ten hat. Diese werden von der Ausgleichskasse aufgrund der voraussichtlichen Lohnsumme fest- gesetzt, wobei die Arbeitgeber wesentliche Änderungen der Lohnsumme während des Jahres zu melden haben. Nach Ablauf einer Abrechnungsperiode, welche jeweils das Kalenderjahr umfasst, nimmt die Ausgleichskasse aufgrund der Abrechnung der A rbeitgeber den Ausgleich zwischen den geleisteten Akontobeiträgen und den tatsächlich geschuldeten Beiträgen vor, wobei ausste- hende Beiträge innert 30 Tagen ab Rechnungsstellung z u bezahlen sind (Art. 36 Abs. 3 und 4 AHVV). Diese Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene öffentlich-rechtliche Aufgabe. Dazu erklärte das Bundesgericht wiederholt, dass die Nichterfüllung dieser öffentlich-rechtlichen Aufga be eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 AHVG bedeute und die volle Schadensd eckung nach sich ziehe (BGE 118 V 195 E. 2a und 111 V 173 E. 2; Urteil des EVG vom 21. April 2006, H 157/05, E. 4.1; vgl. auch MARCO REICHMUTH , Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG, Freiburg 2008, Rz. 504). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.2 Im vorliegenden Fall muss der B.____ GmbH insofern eine Missachtung von Vorschrif- ten vorgeworfen werden, als sie in den Jahren 2014, 201 5, 2017, 2018 und 2019 den ihr oblie- genden Zahlungsverpflichtungen nicht oder nur unvollst ändig nachkam und damit öffentlich- rechtliche Vorschriften verletzte. Sie wurde deswegen vo n der Ausgleichskasse wiederholt ge- mahnt und betrieben. Schliesslich blieben Sozialversicherungsbeiträge (inklusive Nebenkosten) in der Höhe von Fr. 4'994.55 offen. 6. Zwischen dem bei der Ausgleichskasse eingetretenen Sch aden und dem pflichtwidrigen Verhalten des Arbeitgebers bzw. seiner Organe muss sodann ein adäquater Kausalzusammen- hang bestehen (BGE 119 V 406 E. 4a mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 2. Novem- ber 2012, 9C_369/2012 und 9C_370/2012, E. 7.1; so a uch Urteile des Kantonsgerichts vom 7. April 2016, 710 14 238/84, E. 6 und vom 10. Dezember 2015, 710 14 283/326, E. 3.4). Vorlie- gend ist offensichtlich, dass die Nichterfüllung der der B.____ GmbH als Arbeitgeberin obliegen- den Pflicht zur vollständigen Begleichung der parität ischen Sozialversicherungsbeiträge für den bei der Ausgleichskasse entstandenen Schaden kausal ist und dass ein derartiges Verhalten nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, den eingetretenen Erfolg zu bewirken. Der adäquate Kausalzusammenhang ist somit gegeben. 7.1 Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpfl icht besteht nach dem Wortlaut des Art. 52 Abs. 1 AHVG darin, dass die Missachtung von Vorschriften in absichtlicher oder grob- fahrlässiger Weise erfolgt ist. Art. 52 Abs. 1 AHVG statuiert demnach eine Verschuldens-haftung aus öffentlichem Recht. Sowohl der Arbeitgeber als auc h das allfällige Arbeitgeberorgan muss ein Verschulden treffen. Verlangt wird damit ein dop peltes oder zweistufiges Verschulden (vgl. REICHMUTH , a.a.O., Rz. 535). 7.2 Zu prüfen ist in einem ersten Schritt, ob und inwi eweit der entstandene Schaden auf ein qualifiziert schuldhaftes Verhalten der B.____ GmbH zurückzuführen ist. Das Bundesgericht geht in seiner Praxis davon aus, dass bei Verletzung der Beit ragszahlungs- und Abrechnungspflicht ein Verschulden des Arbeitgebers grundsätzlich gegeben ist. Lediglich wenn besondere Um- stände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft er- scheinen lassen, entfällt eine Haftung (vgl. R EICHMUTH , a.a.O., Rz. 536; T HOMAS NUSSBAUMER , Die Haftung des Verwaltungsrates nach Art. 52 AHVG [Haf tung des Verwaltungsrates], in: AJP 1996 S. 1077 f. mit Hinweisen auf BGE 108 V 183 E. 1b und ZAK 1985 S. 576 E. 2). Zu diesen besonderen Umständen gehört etwa, wenn es einem Arbei tgeber, der sich in schwieriger finan- zieller Lage befindet, durch das (absichtliche) Nichtbezahlen der Beiträge gelingt, das Überleben des Unternehmens zu sichern. Es muss aber feststehen, dass der Arbeitgeber im Zeitpunkt, in welchem er diese Entscheidung trifft, aufgrund der objektiven Umstände und einer seriösen Be- urteilung der Lage damit rechnen durfte, die Forderung der Ausgleichskasse innert nützlicher Frist befriedigen zu können (BGE 108 V 183 E. 2). Die höchst richterliche Rechtsprechung geht dies- bezüglich davon aus, dass ein konkretes Sanierungskonzept detailliert aufgezeigt werden muss (vgl. Urteil des EVG vom 19. November 2003, H 397/01, E. 6.2.3 mit Hinweis auf BGE 108 V 183 E. 2, 121 V 243; U ELI KIESER , Alters- und Hinterlassenenversicherung, in: Rechtsprec hung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Murer/Stauffer [Hrsg.], Zürich 2012, Art. 52 AHVG, Rz. 49). In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass fehlende finanzielle Mittel der Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gesellschaft für sich allein keinen Rechtfertigungs- oder Entschuldigungsgrund darstellen, da an- sonsten die Haftungsvorschrift von Art. 52 Abs. 1 AHVG we itgehend ihres Gehaltes entleert würde (vgl. Urteile des Kantonsgerichts vom 7. April 2016, 710 14 238/84, E. 8.1 und vom 10. De- zember 2015, 710 14 283/326, E. 3.4). 7.3 Der Beschwerdeführer macht weder die Existenz eines Sanierungskonzeptes noch ei- nen vorübergehenden Liquiditätsengpass der Firma geltend. Solche Anhaltspunkte ergeben sich auch nicht aus den Akten. Wenn die Gesellschaft – wie hi er – die Beiträge über einen längeren Zeitraum nur unvollständig zahlt, kann denn auch nicht von einem kurzfristigen Liquiditätseng- pass gesprochen werden, aufgrund welchem die Firma in guten Treuen hätte davon ausgehen dürfen, die Beitragsrückstände innert nützlicher Frist beg leichen zu können. Unter den geschil- derten Umständen ist festzustellen, dass die B.____ GmbH hinsichtlich ihrer Beitragszahlungs- pflicht ein Verschulden im Umfang grober Fahrlässigkeit trifft, und dass keine Anhaltspunkte er- sichtlich sind, die das fehlerhafte Verhalten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Die Haftbarkeit der B.____ GmbH als Arbeitgeberin ist daher zu bejahen. 7.4 Daran ändern auch die Vorbringen des Beschwerdefüh rers nichts. Er weist darauf hin, die GmbH habe die eingehende Post stets sofort bearb eitet, sei über eine E-Mail-Adresse stets erreichbar gewesen, habe die E-Mails innert Wochenfrist beantwortet, habe eine ordentliche Buchhaltung geführt und habe ihren Mitarbeitern stets die geforderten Mindestlöhne ausbezahlt. Bei seiner Argumentation übersieht er jedoch, dass der B.____ GmbH nicht eine mangelhafte Geschäftsführung oder eine Missachtung von Lohnvorschriften, sondern eine Verletzung der Bei- tragszahlungspflicht zur Last gelegt wird. Im Weiteren bringt er zur Entlastung der Firma vor, zum Zeitpunkt der Liquidation habe der Firma lediglich die Akontobeitragsforderung für das 1. Quartal 2019 vorgelegen. Die Zahlung sei noch von ihr veranlasst worden, doch der Liquidator habe diese zurückgehalten, obwohl zum damaligen Zeitpunkt genügend liquide Mittel vorgelegen hätten, um diese Forderung begleichen zu können. Auch aus diesem Vorbringen kann der Beschwerdeführer nichts zu seinen Gunsten ableiten. Den Akten ist die Mahnung vom 14. April 2019 zu entnehmen, aus welcher hervorgeht, dass die Akontobeiträge für das 1. Quartal 2019 bereits im März 2019, also 3 Monate vor Konkurseröffnung, in Rechnung gestellt wurden. Nach Eingang der Mahnung standen immer noch rund 1 ½ Monate zur Verfügung, um die fällige Forderung vor der Konkurser- öffnung zu bezahlen. Ob die übrigen ausstehenden Beit ragszahlungen der B.____ GmbH zum Zeitpunkt der Liquidation vorlagen oder nicht, ist nicht von Belang. Wesentlich ist einzig, dass sie von den ausstehenden Beitragszahlungen Kenntnis hatte. Vom Ausstand wusste sie spätestens mit Erhalt der Mahnungen, welche zwischen April 2015 un d Januar 2018 bei ihr eingingen (vgl. gesetzliche Mahnungen vom 14. April 2015, 14. Juli 2015 , 29. Januar 2016, 29. April 2016, 20. Juli 2016, 31. Januar 2017, 15. Mai 2017, 14. Juli 2017, 18. April 2018, 2. Mai 2018, 15. Ok- tober 2018 und 29. Januar 2019). Es wäre der Firma da her durchaus möglich gewesen, ihren Zahlungsverpflichtungen für die Jahre 2014 und 2015 sowie 2017 und 2018 vor Konkurseröffnung nachzukommen. 8.1 In einem zweiten Schritt ist das Verschulden des B eschwerdeführers zu prüfen, denn nicht jedes einer Firma anzulastende Verschulden muss auch ein solches ihrer Organe sein. Vielmehr ist abzuwägen, ob und inwieweit eine Handlu ng der Arbeitgeberin einem bestimmten Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb der Firma zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach entscheidend von der Verantwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen P erson übertragen wurden (BGE 108 V 202 E. 3a; ZAK 1985 S. 620 E. 3b). Bei einfachen Ve rhältnissen muss vom einzigen Verwal- tungsrat einer Aktiengesellschaft, der als solcher die Verwaltung der Gesellschaft als einzige Per- son in Organstellung zu besorgen hat, in der Regel der Überblick über alle wesentlichen Belange der Firma verlangt werden, und dies selbst dann, wen n er seine Befugnisse weitgehend an ei- nen Geschäftsführer delegiert hat. Er kann mit der Del egation der Geschäftsführung nicht zu- gleich auch seine Verantwortung als einziges Verwaltungsorgan an den Geschäftsführer delegie- ren (BGE 108 V 199 E. 3b). Formell eingesetzte Geschäftsführer einer GmbH wie auch Personen, die faktisch die Funktion eines Geschäftsführers ausüben, haften für den der Ausgleichskasse zufolge nicht bezahlter Bundessozialversicherungsbeiträge entstandenen Schaden nach den gleichen Grundsätzen wie Organe einer Aktiengesellschaft (BGE 126 V 237). 8.2 Vorliegend ist unbestritten, dass der Beschwerdeführ er seit der Gründung der B.____ GmbH deren Geschäftsführer und als solcher im Handelsr egister eingetragen ist. Diese GmbH ist als Kleinbetrieb mit einfacher Verwaltungsstruktur anzusehen. Entsprechend darf und muss von den Organen der Überblick über alle Belange verla ngt werden und es sind an deren Sorg- faltspflicht grundsätzlich strenge Anforderungen zu stell en (vgl. REICHMUTH , a.a.O., Rz. 638 mit zahlreichen Hinweisen; vgl. BGE 108 V 199 E. 3a). In seiner Eigenschaft als Geschäftsführer, dem die Geschäftsleitung im administrativen und finanziellen Bereich des Unternehmens oblag, hatte der Beschwerdeführer darauf zu achten, dass keine Beitragsausstände entstehen und mas- sgebender Lohn nur in dem Umfang ausgerichtet wird, al s die darauf geschuldeten, unmittelbar mit der Lohnauszahlung anfallenden Beitragsverbindlichkeiten bezahlt oder doch wenigstens si- chergestellt werden können (vgl. Urteil des EVG vom 25. Oktober 2004, H 239/03, E. 3.4; REICHMUTH , a.a.O., Rz. 674 mit Hinweisen). Auch wenn davon ausgegangen wird, dass der Be- schwerdeführer die Geschäfte der Gesellschaft stets nach bestem Wissen und Gewissen geführt hat und sich nie auf deren Kosten bereichert hat, ist i hm vorzuwerfen, dass er nicht genügend darum besorgt war, die ausstehenden Beitragszahlungen der Ausgleichskasse sicherzustellen. Grobe Fahrlässigkeit wird auch bejaht, wenn keine Rückstellungen gebildet werden, obwohl die Arbeitgeberin durch die Ausgleichskasse mittels Verfügung zur Nachzahlung von Sozialversiche- rungsbeiträgen verpflichtet wurde (vgl. KIESER , a.a.O., Rz 48 f., 51 zu Art. 52 AHVG mit Hinwei- sen). Da keine zusätzlichen Anhaltspunkte ersichtlich sind, die gegen eine persönliche Schaden- ersatzpflicht des Beschwerdeführers sprechen würden, ist dessen Haftung nach Art. 52 AHVG zu bejahen. 9.1 Es bleibt über die Höhe der Schadenssumme zu befind en, welche der Beschwerdeführer der Ausgleichskasse zu ersetzen hat. Die Ausgleichskasse mach t aufgrund der ungedeckt ge- bliebenen Forderung einen Schaden im Umfang von Fr. 4'994.55 geltend. Dieser Betrag setzt sich gemäss der detaillierten Auflistung im Einspracheent scheid aus ausstehenden Sozialversi- cherungsbeiträgen und Verwaltungskosten sowie aus Mahngebühren, Mehrkosten Arbeitgeber- kontrolle, Betreibungskosten und Verzugszinsen abzüglich der von der B.____ GmbH geleisteten Zahlungen zusammen. Die ausstehenden Sozialversicherungsbeiträge sind anhand der von der B.____ GmbH eingereichten Lohnbescheinigungen für die Jahre 2014, 2015 sowie für 2017 und Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2018 belegt. Die für das 1. Quartal 2019 berücksichtigt en Akontobeiträge von Fr. 10'000.-- ent- sprechen den Angaben der B.____ GmbH in der Lohnbescheinigung für das 2018 vom 11. Feb- ruar 2019, wurde doch darin eine voraussichtliche AHV-Jah reslohnsumme von Fr. 40'000.-- für das Jahr 2019 deklariert. 9.2 Nicht vollumfänglich überprüft können dagegen – ma ngels vollständiger Akten – die in der Schadenersatzforderung aufgeführten Verwaltungskoste n, Mehrkosten für Arbeitgeberkon- trolle, Mahngebühren, Verzugszinsen und Betreibungskost en. Wie detailliert die in der Aufstel- lung enthaltenen Positionen zu belegen sind, hängt we sentlich davon ab, ob und inwieweit der Beschwerdeführer die Beitragsforderung substantiiert bestreitet (vgl. Urteil des EVG vom 20. Au- gust 2002, H 295/01, E. 4.3). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung muss das (kantonale) Gericht die von der Ausgleichskasse ermittelte Schadenersat zforderung betragsmässig nicht überprüfen, wenn es die schadenersatzpflichtige Person unterlässt, den eingeklagten Schadens- betrag substantiiert zu bestreiten. Der Verwaltungspr ozess ist zwar vom Untersuchungsgrund- satz beherrscht, dies entbindet jedoch die rechtsuchende Pa rtei nicht davon, selber die Bean- standungen vorzubringen, die sie anzubringen hat (Rügep flicht), und ihrerseits zur Feststellung des Sachverhaltes beizutragen (Mitwirkungspflicht; Urteil des EVG vom 19. Juli 1996, H 313/95, E. 4; ZAK 1991 S. 126 E. II/1b; vgl. auch T HOMAS NUSSBAUMER , Das Schadenersatzverfahren nach Art. 52 AHVG, in: René Schaffhauser/Ueli Kieser [Hrsg.], Aktuelle Fragen aus dem Beitrags- recht der AHV, St. Gallen 1998, S. 119). Dieser höchstrichterlichen Auffassung ist jedenfalls dann ohne Weiteres beizupflichten, wenn den Akten – anhand einer summarischen Prüfung – keine Anhaltspunkte für eine offensichtliche Unrichtigkeit der geltend gemachten Beiträge entnommen werden können. 9.3 Der Beschwerdeführer beanstandet in Bezug auf die S chadenersatzhöhe die von der Ausgleichskasse berücksichtigten Mehrkosten für die Arbeitge berkontrolle. Wie der dem Ein- spracheentscheid beigelegten Aufstellung der Schadenersa tzforderung zu entnehmen ist, for- derte die Ausgleichskasse im Jahr 2018 Mehrkosten für die Arbeitgeberkontrolle in Höhe von Fr. 450.--. Gemäss Art. 170 Abs. 2 AHVV geltend die Koste n der Arbeitgeberkontrolle als Verwal- tungskosten. Sie dürfen daher dem Arbeitgeber – bzw. im Rahmen von Art. 52 AHVG dem ver- antwortlichen Organ – normalerweise nicht überbunden w erden. Erschwert jedoch der Arbeitge- ber die Kontrolle in pflichtwidriger Weise, so kann ihm die Ausgleichskasse die Mehrkosten auf- erlegen, die ihr dadurch entstehen (Art. 170 Abs. 3 AHVV). Als Massstab für die Beurteilung der Pflichtwidrigkeit ist auf Art. 52 AHVG zurückzugreifen; pflichtwidrig handelt der Arbeitgeber etwa, wenn er keine oder eine nur sehr unvollständige Buchhaltung vorlegt oder gar die Ermittlung der Buchhaltungspositionen behindert (vgl. REICHMUTH , a.a.O., Rz. 413 mit Hinweis auf Rechtspre- chung). Vorliegend konnten die Arbeitgeberkontrolle vom 4. April 2018 mangels Buchhaltungs- unterlagen und Auffinden der zuständigen Person, namentlich des Beschwerdeführers, nicht ord- nungsgemäss durchgeführt werden. Damit ist der Tatbestand von Art. 170 Abs. 3 AHVV als erfüllt zu betrachten. Da die Höhe der Kosten für die Arbeit geberkontrolle von Fr. 450.-- angemessen ist, durfte die Ausgleichskasse diese zu Recht auf die B.____ GmbH abwälzen. 9.4 Weiter macht der Beschwerdeführer geltend, dass d ie Akontobeiträge für das 1. Quartal 2019 zu hoch bemessen seien. Im Jahr 2019 habe die Lohnsumme anstelle der deklarierten Fr. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 40'000.-- effektiv nur Fr. 5'919.97 betragen. Im Pauschalverfahren liegt es in der Natur der Sache, dass Abweichungen der Pauschalen von den effektiv geschuldeten Beiträgen sowohl nach oben als auch nach unten vorkommen. Wenn Änderungen der massgebenden Lohnsumme – entgegen den Vorschriften – nicht der Ausgleichskasse gemeldet we rden, wird diese daran gehindert, die Beiträge anzupassen (vgl. K IESER , a.a.O., zu Art. 52, Rz. 40 f.). Vorliegend hat es di e B.____ GmbH bzw. der Beschwerdeführer unterlassen, der Ausgleic hskasse die effektive Lohnsumme für das Jahr 2019 zu melden. Sie haben auch nicht dafü r gesorgt, dass die Ausgleichskasse anlässlich der Arbeitgeberkontrolle am 6. März 2020 Einblick in die Buchhaltungsunterlagen neh- men und gestützt darauf gegebenenfalls die Akontobeitr äge für das 1. Quartal 2019 entspre- chend der effektiven Lohnsumme korrigieren konnte. Mang els Einreichen von Lohnunterlagen hatte die Ausgleichskasse keine Kenntnis von einer tieferen Lohnsumme. Auch im vorliegenden Verfahren substantiiert der Beschwerdeführer die von ihm geltend gemachte Lohnhöhe nicht. Die fehlende Anpassung der Akontobeiträge an die tatsächli che Lohnsumme hat somit die B.____ GmbH bzw. der Beschwerdeführer zu verantworten. Da der Beschwerdeführer die weiteren von der Ausgleichskasse ermittelten und geltend gemachten Positionen der Schadenersatzforderung weder im Bestand noch in der Höhe bemängelt und sich den Akten keine Anhaltpunkte ergeben, dass der Umfang der Schadenersatzforderung nicht korrekt wäre, kann an dieser Stelle eine wei- tergehende Auseinandersetzung unterbleiben. 9.5 Aus dem Gesagten ergibt sich zusammenfassend, dass d ie Voraussetzungen für eine Schadenersatzforderung erfüllt sind. Rechtfertigungs- oder Exkulpationsgründe liegen keine vor. Die Ausgleichskasse hat den Beschwerdeführer mit Schadene rsatzverfügung vom 18. Februar 2020 demnach zu Recht verpflichtet, ihr Schadenersatz für entgangene Beiträge in Höhe von Fr. 4'994.55 in solidarischer Haftung zu bezahlen. Die g egen den genannten Einspracheent- scheid erhobene Beschwerde erweist sich demnach als unbegrü ndet, weshalb sie abgewiesen werden muss. 10. Der seit 1. Januar 2021 in Kraft stehende Art. 61 lit. f bis ATSG hält fest, dass das Verfahren bei Streitigkeiten über Leistungen kostenpflichtig ist, wenn dies im jeweiligen Einzelgesetz vorge- sehen ist. Das AHVG sieht in Art. 85 bis Abs. 2 AHVG keine Kostenpflicht vor, weshalb der vorlie- gende Prozess vor dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind dem- nach für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Vermerk eines allfälligen Weiterzugs