<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 7 S.49</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">49</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Zivilprozessrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>A. Zivilprozessordnung</b></span><br/> <br/> <span class="ft3"><b>7</b></span> <span class="ft3"><b>Zivilprozess, Stufenklage; Anspruch auf Auskunft und Rechnungslegung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>1. Die Prüfung, ob ein Gewinnherausgabeanspruch tatsächlich besteht,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>kann erst nach Auskunftserteilung und Rechnungslegung vorgenommen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>werden.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>2. Die auskunftspflichtige Partei kann die Auskunftserteilung über ihren</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Verletzergewinn nicht unter Berufung auf ihr Geschäftsgeheimnis ver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>weigern.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Auszug aus dem Teilurteil des Handelsgerichts vom 10. Juni 2004 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen S. AS und S. AG gegen T. AS und A.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1.</span><br/> <span class="ft6">1.1 Die Unterlassungs- und Bestandesansprüche gemäss Klage-</span><br/> <span class="ft6">/Replikbegehren Ziffern 1 und 2 und Widerklage sind mit Teilurteil</span><br/> <span class="ft6">vom 21. August 2003 rechtskräftig beurteilt worden. Zu entscheiden</span><br/> <span class="ft6">ist noch über die mit den Klagebegehren Ziffern 3 und 4 geltend</span><br/> <span class="ft6">gemachten Ansprüche.</span><br/> <span class="ft6">1.2 Beim Klagebegehren Ziffer 3 handelt es sich um eine sog.</span><br/> <span class="ft6">Stufenklage. Sie beinhaltet die Auskünfte oder die Rechnungslegung</span><br/> <span class="ft6">über den auf Grund der Verletzung der Rechte der Klägerinnen an</span><br/> <span class="ft6">der Marke "X" von den Beklagten erzielten Umsatz und Gewinn.</span><br/> <span class="ft6">Dabei handelt es sich um den Hilfsanspruch für die Bezifferung der</span><br/> <span class="ft6">mit Klagebegehren Ziffer 4 geltend gemachten reparatorischen</span><br/> <span class="ft6">Hauptansprüche auf Schadenersatz oder Gewinnherausgabe. Der</span><br/> <span class="ft6">Hilfsanspruch auf Auskunft oder Rechnungslegung ist darauf ausge-</span><br/> <span class="ft6">richtet, die in der Rechtssphäre der Beklagten eingetretenen wirt-</span><br/> <span class="ft6">schaftlichen Faktoren, die für den Bestand und Umfang der reparato-</span><br/> <span class="ft6">rischen Ansprüche der Klägerinnen massgebend sind, offen zu legen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">50</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">und so den Klägerinnen zu ermöglichen, ihre reparatorischen An-</span><br/> <span class="ft6">sprüche überhaupt beziffern zu können. Ist der mit einer Stufenklage</span><br/> <span class="ft6">geltend gemachte Hilfsanspruch auf Rechnungslegung oder Auskunft</span><br/> <span class="ft6">streitig, ist hierüber ein Teilurteil zu erlassen, das mit eidgenössischer</span><br/> <span class="ft6">Berufung angefochten werden kann (BGE 123 III 143 f. Erw. 2c; O.</span><br/> <span class="ft6">Vogel, Die Stufenklage und die dienende Funktion des</span><br/> <span class="ft6">Zivilprozessrechts, recht 1992, 63).</span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">2.1 Die Beklagten bestreiten ihre Auskunfts- und Rechnungsle-</span><br/> <span class="ft6">gungspflicht. Sie sind der Auffassung, vorgängig der Auskunftser-</span><br/> <span class="ft6">teilung oder Rechnungslegung sei vorfrageweise zu entscheiden, ob</span><br/> <span class="ft6">den Klägerinnen überhaupt ein Gewinnherausgabeanspruch gestützt</span><br/> <span class="ft6">auf Art. 423 Abs. 1 OR zustehe oder nicht. Dieser Auffassung kann</span><br/> <span class="ft6">aus mehreren Gründen nicht beigepflichtet werden.</span><br/> <span class="ft6">2.2 Der Hilfsanspruch auf Auskunft oder Rechnungslegung</span><br/> <span class="ft6">stellt eine Nebenpflicht zur Hauptpflicht auf Leistung von Schaden-</span><br/> <span class="ft6">ersatz oder Gewinnherausgabe dar (L. David, Der Rechtsschutz im</span><br/> <span class="ft6">Immaterialgüterrecht, SIWR I/2, 2. A., Basel e.a. 1998, 104). Er setzt</span><br/> <span class="ft6">den Bestand einer Hauptleistung sachlogisch voraus und dient deren</span><br/> <span class="ft6">prozessualer Durchsetzung. Da indessen der Hilfsanspruch auf Aus-</span><br/> <span class="ft6">kunft oder Rechnungslegung dem (Haupt-)Leistungsberechtigten die</span><br/> <span class="ft6">Bezifferung seines Leistungsanspruches überhaupt erst ermöglichen</span><br/> <span class="ft6">soll, ist es verfahrensrechtlich ausgeschlossen, dass vorerst (oder</span><br/> <span class="ft6">vorfrageweise) über den Bestand des Hauptleistungsanspruches ent-</span><br/> <span class="ft6">schieden wird, um dann in einem zweiten Verfahrensschritt über den</span><br/> <span class="ft6">Hilfsanspruch und erst danach - in einem dritten Verfahrensschritt -</span><br/> <span class="ft6">über den Umfang der geschuldeten Hauptleistung zu entscheiden.</span><br/> <span class="ft6">Das wäre eine unnötige Verfahrensaufsplitterung, die weder mit dem</span><br/> <span class="ft6">prozessualen Beschleunigungsgebot (§ 72 Abs. 1 ZPO), noch mit</span><br/> <span class="ft6">dem Justizgewährleistungsanspruch (§ 29 Abs. 1 BV), noch mit der</span><br/> <span class="ft6">dienenden Funktion des Zivilprozessrechts (BGE 116 II 218 Erw. 3)</span><br/> <span class="ft6">zu vereinbaren wäre; alle drei genannten Verfahrensgrundsätze ver-</span><br/> <span class="ft6">bieten derartige unnötige Hindernisse oder Erschwerungen der</span><br/> <span class="ft6">Durchsetzung des materiellen Rechts. Umgekehrt versteht es sich</span><br/> <span class="ft6">von selbst, dass dort, wo die Voraussetzungen des geltend gemachten</span><br/> <span class="ft6">(Haupt-)Leistungsanspruches nicht erfüllt sind, auch nicht vorgängig</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">51</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ein selbständiger Entscheid über den Hilfsanspruch auf Rechnungs-</span><br/> <span class="ft6">legung oder Auskunft zu treffen und dieser abzuweisen ist.</span><br/> <span class="ft6">2.3 Schadenersatz und Gewinnherausgabe stehen dem Geschä-</span><br/> <span class="ft6">digten als selbständige, aber sich gegenseitig ausschliessende An-</span><br/> <span class="ft6">sprüche zu (BGE 97 II 178 Erw. 3a in fine). Daraus folgt, dass der</span><br/> <span class="ft6">Geschädigte die beiden Ansprüche alternativ einklagen darf und sich</span><br/> <span class="ft6">erst nach durchgeführtem Beweisverfahren entscheiden muss, wel-</span><br/> <span class="ft6">chen der beiden Hauptleistungsansprüche er als günstiger erachtet</span><br/> <span class="ft6">und zugesprochen erhalten will (David, a.a.O., 121). Mit der Aus-</span><br/> <span class="ft6">übung seines Wahlrechts erklärt er mittelbar auch sein dahingefalle-</span><br/> <span class="ft6">nes Rechtsschutzinteresse an dem nicht mehr weiterverfolgten</span><br/> <span class="ft6">Hauptleistungsanspruch. Führt aber die mit einer alternativen Haupt-</span><br/> <span class="ft6">klage auf Schadenersatz oder Gewinnherausgabe verbundene Stu-</span><br/> <span class="ft6">fenklage zwingend zur Gegenstandslosigkeit einer der beiden Haupt-</span><br/> <span class="ft6">klagen, schliesst dies ebenfalls aus, dass vor Beurteilung der beiden</span><br/> <span class="ft6">alternativen Hauptklagen oder vorfrageweise im Rahmen der Beur-</span><br/> <span class="ft6">teilung der Stufenklage über den Bestand eines oder beider Hauptlei-</span><br/> <span class="ft6">stungsansprüche definitiv entschieden werden muss.</span><br/> <span class="ft6">2.4 Schliesslich kann auch der Umstand, dass die im vorliegen-</span><br/> <span class="ft6">den Fall von den Beklagten zu erteilenden Auskünfte und die von</span><br/> <span class="ft6">ihnen geschuldete Rechnungslegung Geschäftsgeheimnischarakter</span><br/> <span class="ft6">haben, das verlangte prozessuale Vorgehen nicht rechtfertigen. Im</span><br/> <span class="ft6">Verhältnis zu den Klägerinnen als Schutzrechtsinhaberinnen bilden</span><br/> <span class="ft6">die offen zu legenden Geschäftszahlen gerade keine Geschäftsge-</span><br/> <span class="ft6">heimnisse, weil das, was die Beklagten als Schutzrechtsverletzerin-</span><br/> <span class="ft6">nen aus ihrem rechtswidrigen Verhalten an Vorteilen erlangt haben,</span><br/> <span class="ft6">kein Geschäftsgeheimnis darstellen kann (P. Mes, si tacuisses - Zur</span><br/> <span class="ft6">Darlegungs- und Beweislast im Prozess des gewerblichen Rechts-</span><br/> <span class="ft6">schutzes, GRUR 2000, 940).</span><br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">3.1. [...] Die Beklagten sind daher in dem mit Verfügung des In-</span><br/> <span class="ft6">struktionsrichters vom 9./10. März 2004 festgelegten Sinne und Um-</span><br/> <span class="ft6">fang zur Auskunft oder Rechnungslegung zu verpflichten.</span><br/></div> </div> </body> </html>