<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">246</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>38</b></span> <span class="ft4"><b>§ 4 Abs. 3 GAL i.V.m. Art. 324 OR</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Art. 324 OR, der in Abs. 1 die Lohnfortzahlungspflicht bei Annahmever-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>zug des Arbeitgebers statuiert und in Abs. 2 die Anrechenbarkeit eines</b></span><br/> <span class="ft4"><b>durch anderweitige Arbeit (Ersatzarbeit) erzielten Erwerbseinkommens</b></span><br/> <span class="ft4"><b>vorsieht, ist auf das öffentlich-rechtliche Anstellungsverhältnis von Lehr-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>personen in globo analog anwendbar. Keine Ersatzarbeit ist zusätzliche</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Arbeit, die der Arbeitnehmer auch ohne den Annahmeverzug des</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Arbeitgebers geleistet hätte. Für durch Ersatzarbeit erzieltes Einkommen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>ist der Arbeitgeber beweispflichtig.</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom</span><br/> <span class="ft6">10. November 2015 in Sachen A. gegen Einwohnergemeinde B.</span><br/> <span class="ft6">(WKL.2015.10).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">II.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Weder das GAL, das in den §§ 15 ff. die Rechte und in den</span><br/> <span class="ft1">§§ 24 ff. die Pflichten der Lehrpersonen regelt, noch die VALL mit</span><br/> <span class="ft1">den §§ 20 ff. zu den Rechten und Pflichten der Lehrpersonen und</span><br/> <span class="ft1">den Lohnbestimmungen in den §§ 44 ff. oder das LDPL geben Ant-</span><br/> <span class="ft1">wort auf die Frage, ob der Lohnanspruch des Arbeitnehmers fortdau-</span><br/> <span class="ft1">ert, wenn der Arbeitgeber in Annahmeverzug gerät und der erfül-</span><br/> <span class="ft1">lungswillige Arbeitnehmer seine arbeitsvertraglich geschuldeten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Personalrecht</span> <span class="page_no">247</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Leistungen aus beim Arbeitgeber liegenden Gründen nicht mehr er-</span><br/> <span class="ft1">bringen kann. Die §§ 50/51 VALL beschränken sich auf die Rege-</span><br/> <span class="ft1">lung der Lohnfortzahlungspflicht bei Krankheit und Unfall bzw. bei</span><br/> <span class="ft1">Militär-, Zivilschutz-, Feuerwehr- und zivilem Ersatzdienst. Das</span><br/> <span class="ft1">LDPL regelt zusätzlich die Lohnfortzahlung bei Schwangerschaft</span><br/> <span class="ft1">und Mutterschaft (§ 21) und nach Stellvertretungen von ungewisser</span><br/> <span class="ft1">Dauer (§ 22), begründet jedoch genau so wenig wie die VALL eine</span><br/> <span class="ft1">Lohnfortzahlungspflicht bei Annahmeverzug des Arbeitgebers.</span><br/> <span class="ft1">Demgegenüber sieht Art. 324 Abs. 1 OR vor, dass der Arbeitgeber -</span><br/> <span class="ft1">ohne Nachleistungspflicht des Arbeitnehmers - zur Entrichtung des</span><br/> <span class="ft1">Lohns verpflichtet bleibt, wenn die Arbeit infolge Verschuldens des</span><br/> <span class="ft1">Arbeitgebers nicht geleistet werden kann oder der Arbeitgeber aus</span><br/> <span class="ft1">anderen Gründen mit der Annahme der Arbeitsleistung in Verzug</span><br/> <span class="ft1">kommt. Weil es sich dabei um eine zwingende, nicht zu dessen</span><br/> <span class="ft1">Nachteil abänderliche Schutzvorschrift zugunsten des Arbeitnehmers</span><br/> <span class="ft1">handelt (vgl. Art. 362 Abs. 1 OR), die kraft § 4 Abs. 3 GAL als Mini-</span><br/> <span class="ft1">malanspruch auch für die nach GAL angestellten Lehrpersonen gilt,</span><br/> <span class="ft1">nachdem der Kanton nichts Gegenteiliges legiferiert hat, ist Art. 324</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 OR analog auf das streitgegenständliche Anstellungsverhält-</span><br/> <span class="ft1">nis zwischen der Klägerin und der Beklagten anwendbar. Andernfalls</span><br/> <span class="ft1">hätte die Klägerin für die Monate August bis Dezember 2014, in de-</span><br/> <span class="ft1">nen sie an der Schule B. nicht zum Einsatz gekommen ist, keinen</span><br/> <span class="ft1">Lohnanspruch.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Den nach GAL angestellten Lehrpersonen ist im Sinne einer</span><br/> <span class="ft1">Minimalvorschrift derjenige Schutz angedeihen zu lassen, den</span><br/> <span class="ft1">Art. 324 OR insgesamt bietet, nicht weniger, aber auch nicht mehr.</span><br/> <span class="ft1">Mangels entsprechender kantonaler Regelung besteht in diesem Be-</span><br/> <span class="ft1">reich (Annahmeverzug des Arbeitgebers) kein weitergehender Schutz</span><br/> <span class="ft1">der Lehrpersonen gegenüber privatrechtlich angestellten Arbeitneh-</span><br/> <span class="ft1">mern. Unter diesem Gesichtspunkt ist die analoge Anwendung von</span><br/> <span class="ft1">Art. 324 OR nicht etwa auf dessen Abs. 1 limitiert. Zur (analogen)</span><br/> <span class="ft1">Anwendung gelangt vielmehr auch Abs. 2, der die Lohnfortzahlungs-</span><br/> <span class="ft1">pflicht bei Annahmeverzug des Arbeitgebers entfallen lässt, soweit</span><br/> <span class="ft1">der Arbeitnehmer im fraglichen Zeitraum ein Ersatzeinkommen bei</span><br/> <span class="ft1">einem anderen Arbeitgeber generiert. Dieses muss sich der Arbeit-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">248</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nehmer an den Lohn, den er vom säumigen Arbeitgeber zugut hat,</span><br/> <span class="ft1">anrechnen lassen. Art. 324 Abs. 2 OR liegt die Überlegung zu Grun-</span><br/> <span class="ft1">de, dass sich der Arbeitnehmer nicht auf Kosten des Arbeitgebers be-</span><br/> <span class="ft1">reichern darf, indem er ohne Arbeitsleistung vom Arbeitgeber Lohn</span><br/> <span class="ft1">erhält und gleichzeitig aus anderweitiger Arbeitstätigkeit ein zusätzli-</span><br/> <span class="ft1">ches Einkommen erzielt (Urteil des Bundesgerichts vom 12. Februar</span><br/> <span class="ft1">2002 [4C.57/2001], Erw. 4a/aa). Dieser aus der allgemeinen Treue-</span><br/> <span class="ft1">pflicht abgeleitete Grundsatz gilt für privatrechtlich angestellte Ar-</span><br/> <span class="ft1">beitnehmer und die nach GAL angestellten Lehrpersonen, die diesbe-</span><br/> <span class="ft1">züglich nicht privilegiert sind, gleichermassen. Nichts anderes ergibt</span><br/> <span class="ft1">sich aus § 7 GAL, der sich nur auf die Bestimmungen über die Be-</span><br/> <span class="ft1">gründung des Anstellungsverhältnisses, die Probezeit, die Auflösung</span><br/> <span class="ft1">des Anstellungsverhältnisses und den Kündigungsschutz bezieht und</span><br/> <span class="ft1">in diesem Teilbereich (des Personalrechts) die Art. 334-337d OR für</span><br/> <span class="ft1">anwendbar erklärt. Würde § 7 GAL die analoge Anwendung der</span><br/> <span class="ft1">übrigen Bestimmungen des OR zum Einzelarbeitsvertrag</span><br/> <span class="ft1">(Art. 319 ff.) - wie von der Klägerin postuliert - ausschliessen, wäre</span><br/> <span class="ft1">§ 4 Abs. 3 GAL ohne jeden Gehalt.</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">Entsprechend muss sich die Klägerin Lohn, den ihr eine allfälli-</span><br/> <span class="ft1">ge Ersatzarbeit in den Monaten August bis Dezember 2014 eingetra-</span><br/> <span class="ft1">gen hat, an den ihr gegenüber der Beklagten für denselben Zeitraum</span><br/> <span class="ft1">zustehenden Bruttolohn von (...) anrechnen lassen.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Anrechnungspflichtig ist gemäss Art. 324 Abs. 2 OR der Er-</span><br/> <span class="ft1">werb aus Arbeit, die der Arbeitnehmer dank des Freiwerdens seiner</span><br/> <span class="ft1">Arbeitskraft (infolge Annahmeverzug des Arbeitgebers) anderweitig</span><br/> <span class="ft1">leistet. Ob die Ersatzarbeit während oder ausserhalb der Arbeitszeit</span><br/> <span class="ft1">geleistet wird, die für die dahingefallene Arbeit gegolten hätte, ist</span><br/> <span class="ft1">unerheblich. Wesentlich ist allein, dass es sich um Ersatzarbeit han-</span><br/> <span class="ft1">delt und nicht um zusätzliche Arbeit, die der Arbeitnehmer auch ohne</span><br/> <span class="ft1">den Annahmeverzug des Arbeitgebers geleistet hätte (A</span><span class="ft6">DRIAN</span><br/> <span class="ft1">S</span><span class="ft6">TAEHELIN</span><span class="ft1">, in: Zürcher Kommentar, Teilband V 2c, Der Arbeitsver-</span><br/> <span class="ft1">trag, Art. 319-330a OR, 4. Auflage, Zürich 2006, Art. 324 N 33).</span><br/> <span class="ft1">Grundsätzlich nicht anzurechnen ist der Verdienst, den der Arbeit-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Personalrecht</span> <span class="page_no">249</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nehmer schon vor dem Annahmeverzug zum Beispiel durch eine</span><br/> <span class="ft1">Nebentätigkeit erzielte (U</span><span class="ft6">LLIN</span> <span class="ft1">S</span><span class="ft6">TREIFF</span><span class="ft1">/A</span><span class="ft6">DRIAN VON</span> <span class="ft1">K</span><span class="ft6">AENEL</span><span class="ft1">/</span><br/> <span class="ft1">R</span><span class="ft6">OGER</span> <span class="ft1">R</span><span class="ft6">UDOLPH</span><span class="ft1">, Der Arbeitsvertrag, 7. Auflage, Zürich 2012,</span><br/> <span class="ft1">Art. 324 N 12). Unzulässig wäre aus diesem Grunde die arbeitsver-</span><br/> <span class="ft1">tragliche Vereinbarung, der Arbeitnehmer müsse sich auch anrechnen</span><br/> <span class="ft1">lassen, was er schon bisher in einer Nebenbeschäftigung erworben</span><br/> <span class="ft1">habe (S</span><span class="ft6">TREIFF</span><span class="ft1">/</span><span class="ft6">VON</span> <span class="ft1">K</span><span class="ft6">AENEL</span><span class="ft1">/R</span><span class="ft6">UDOLPH</span><span class="ft1">, a.a.O., Art. 324 N 14;</span><br/> <span class="ft1">M</span><span class="ft6">ANFRED</span> <span class="ft1">R</span><span class="ft6">EHBINDER</span><span class="ft1">/J</span><span class="ft6">EAN</span> <span class="ft1">F</span><span class="ft6">RITZ</span> <span class="ft1">S</span><span class="ft6">TÖCKLI</span><span class="ft1">, in: Berner Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">Band VI, 2. Abteilung, 2. Teilband, 1. Abschnitt, Der Arbeitsvertrag,</span><br/> <span class="ft1">Einleitung und Kommentar zu den Art. 319-330b OR, Bern 2010,</span><br/> <span class="ft1">Art. 324 N 27).</span><br/> <span class="ft1">3.2. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">(...) Im Anwendungsbereich von Art. 324 Abs. 2 OR muss nicht</span><br/> <span class="ft1">die Klägerin beweisen, dass sie mit ihrer Tätigkeit an der Musik-</span><br/> <span class="ft1">schule Y. einen Zusatzverdienst generieren wollte. Vielmehr müsste</span><br/> <span class="ft1">die Beklagte nachweisen, dass die Tätigkeit an der Musikschule Y.</span><br/> <span class="ft1">Ersatzarbeit für die Tätigkeit an der Schule B. war, um den Lohn der</span><br/> <span class="ft1">Klägerin für ihre Tätigkeit in Y. an den von der Beklagten für diesel-</span><br/> <span class="ft1">be Periode geschuldeten Lohn anrechnen zu können (vgl. R</span><span class="ft6">EHBIN</span><span class="ft2">-</span><br/> <span class="ft6">DER</span><span class="ft1">/S</span><span class="ft6">TÖCKLI</span><span class="ft1">, a.a.O., Art. 324 N 25). Dieser Beweis ist der Beklag-</span><br/> <span class="ft1">ten nach dem oben Dargelegten misslungen.</span><br/></div> </div> </body> </html>