<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">361</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>72</b></span> <span class="ft4"><b>Untersuchungsgrundsatz; Nachsteuer; neue Tatsache (§ 206 Abs. 1 StG)</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Verfügen die Steuerbehörden in der Steuererklärung über Anhaltspunkte</b></span><br/> <span class="ft4"><b>für eine mögliche andere steuerliche Qualifikation (Einkommens- statt</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Schenkungssteuer), so haben sie dies abzuklären. Wird die erforderliche</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Abklärung unterlassen, liegt keine neue Tatsache vor.</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">362</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Steuern,</span><br/> <span class="ft6">vom 24. April 2014 in Sachen J.W. (3-RV.2012.201).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">6.3.</span><br/> <span class="ft1">6.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Steuererklärung 2010 legte der Rekurrent die Bestätigung</span><br/> <span class="ft1">einer von R. K. ausgerichteten Schenkung über den Betrag von</span><br/> <span class="ft1">CHF 40'000.00 bei. In die Rubrik "Schenkungen" 2010 setzte der</span><br/> <span class="ft1">Rekurrent "Schenkung von K. R., (...), nicht verwandt, an: W. J.,</span><br/> <span class="ft1">14.12.2010 Bargeld, 40'000" ein. Als Arbeitgeberin wurde in der</span><br/> <span class="ft1">Rubrik "Personalien, Berufs- und Familienverhältnisse am</span><br/> <span class="ft1">31.12.2010" die "K. AG" eingetragen.</span><br/> <span class="ft1">6.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der der Steuerklärung 2010 beigelegten schriftlichen</span><br/> <span class="ft1">Schenkungsbestätigung vom 25. Januar 2011 in Verbindung mit den</span><br/> <span class="ft1">Angaben zur Arbeitgeberin hätten nach der Auffassung der Mehrheit</span><br/> <span class="ft1">des Spezialverwaltungsgerichtes von den Steuerbehörden weitere</span><br/> <span class="ft1">Abklärungen vorgenommen werden müssen. Auch wenn die Unrich-</span><br/> <span class="ft1">tigkeit oder Unvollständigkeit der deklarierten Schenkung nicht gera-</span><br/> <span class="ft1">dezu offensichtlich ins Auge sprang, hätte die Übereinstimmung des</span><br/> <span class="ft1">Namens des Schenkers mit der Firma der Arbeitgeberin Zweifel an</span><br/> <span class="ft1">einer Schenkung wecken müssen. Das gilt auch deshalb, da</span><br/> <span class="ft1">Schenkungen von Arbeitgebern zwar nicht vollständig ausgeschlos-</span><br/> <span class="ft1">sen sind, jedoch regelmässig Anlass zu weiteren Abklärungen geben,</span><br/> <span class="ft1">da diese Zuwendungen eher den steuerbaren Einkünften aus einem</span><br/> <span class="ft1">Arbeitsverhältnis zugerechnet werden. In Bezug auf die Deklaration</span><br/> <span class="ft1">hat sich der Rekurrent lediglich an die Empfehlung der mit R. K. ge-</span><br/> <span class="ft1">troffenen internen Vereinbarung "Schenkung an J. W." gehalten, was</span><br/> <span class="ft1">ihm nicht vorgeworfen werden kann. Er durfte davon ausgehen, dass</span><br/> <span class="ft1">diese Empfehlung von einer Fachperson stammte. Dies ändert an ei-</span><br/> <span class="ft1">ner von Anfang an bestehenden Abklärungspflicht der Steuerbehör-</span><br/> <span class="ft1">den jedoch nichts.</span><br/> <span class="ft1">6.4.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">363</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">6.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Rekurrent macht weiter geltend, am 29. September 2011</span><br/> <span class="ft1">habe das Gemeindesteueramt X dem Regionalen Steueramt Y die</span><br/> <span class="ft1">Schenkung gemeldet. Daraufhin sei das Gemeindesteueramt X vom</span><br/> <span class="ft1">Regionalen Steueramt Y telefonisch ersucht worden, mit der Veranla-</span><br/> <span class="ft1">gung 2010 zuzuwarten. Das Gemeindesteueramt X sei unter diesen</span><br/> <span class="ft1">Umständen verpflichtet gewesen, die Veranlagung offenzuhalten</span><br/> <span class="ft1">bzw. sie innert der laufenden Rechtsmittelfrist zu widerrufen. Damit</span><br/> <span class="ft1">lässt der Rekurrent geltend machen, die Steuerbehörden X hätten be-</span><br/> <span class="ft1">reits vor der Rechtskraft der Veranlagung 2010 von deren möglichen</span><br/> <span class="ft1">Unvollständigkeit erfahren, weshalb es an einer neuen Tatsache</span><br/> <span class="ft1">fehle.</span><br/> <span class="ft1">6.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Es trifft zu, dass das Gemeindesteueramt X am 29. September</span><br/> <span class="ft1">2011 dem Regionalen Steueramt Y eine Steuermeldung betreffend</span><br/> <span class="ft1">die Schenkung von R. K. an J. W. erstattete. Aus der E-Mail des</span><br/> <span class="ft1">Regionalen Steueramtes Y, Herr A., vom 30. Januar 2012 an (...),</span><br/> <span class="ft1">Gemeindesteueramt X, ergibt sich, dass nach erfolgter Meldung ein</span><br/> <span class="ft1">Telefongespräch stattgefunden hatte. Die E-Mail lautet wie folgt:</span><br/> <span class="ft6">"Durch Meldung haben Sie uns die genannte Schenkung gemeldet.</span><br/> <span class="ft6">Daraufhin haben wir Sie telefonisch gebeten, mit der Veranlagung 2010 zu-</span><br/> <span class="ft6">zuwarten, bis wir die diversen Schenkungen / Zahlungen des Herrn K., ehe-</span><br/> <span class="ft6">maliger Inhaber der K. AG, an seine Arbeitnehmer, geklärt haben. Es stellt</span><br/> <span class="ft6">sich heraus, dass der Geldfluss als Zusatzzahlung des Arbeitsgebers betrach-</span><br/> <span class="ft6">tet werden kann. Daher bitten wir Sie, den sogenannten Schenkungsbetrag</span><br/> <span class="ft6">als Lohnzahlung zu betrachten und in die Veranlagung 2010 einfliessen zu</span><br/> <span class="ft6">lassen."</span><br/> <span class="ft1">Auf die Frage, wie das Wort "daraufhin" in der E-Mail zu</span><br/> <span class="ft1">verstehen sei, führte Herr A. auf Anfrage des Spezialverwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richtes aus, er habe nach der Steuermeldung des Gemeindesteueram-</span><br/> <span class="ft1">tes X sicher innerhalb einer Woche etwas gemacht, das heisse, die</span><br/> <span class="ft1">Steuermeldung des Gemeindesteueramtes X sicher innert einer Wo-</span><br/> <span class="ft1">che bearbeitet. Herr A. führte weiter aus, er lasse Sachen nicht liegen</span><br/> <span class="ft1">(Aktennotiz vom 13. Januar 2014).</span><br/> <span class="ft1">6.4.3.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">364</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Aus den beigezogenen Steuerakten 2010 des Rekurrenten ergibt</span><br/> <span class="ft1">sich nicht genau, wann nach dem 29. September 2011 (Zeitpunkt der</span><br/> <span class="ft1">Steuermeldung des Gemeindesteueramtes X) und dem Ablauf der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelfrist der Veranlagung vom 21. Oktober 2011 zwischen</span><br/> <span class="ft1">Herrn A. vom Regionalen Steueramt Y und den Steuerbehörden X</span><br/> <span class="ft1">ein Gespräch stattgefunden hat. Aufgrund der glaubhaften Angaben</span><br/> <span class="ft1">von Herrn A. muss davon ausgegangen werden, dass dieses Ge-</span><br/> <span class="ft1">spräch etwa innert Wochenfrist nach Eingang der Steuermeldung,</span><br/> <span class="ft1">d.h. anfangs Oktober 2011 und damit vor dem Eintritt der Rechts-</span><br/> <span class="ft1">kraft der Veranlagung 2010 erfolgte. Auch deshalb wären die Steuer-</span><br/> <span class="ft1">behörden verpflichtet gewesen, die Veranlagung des Rekurrenten mit</span><br/> <span class="ft1">dem Ziel, weitere Abklärungen vornehmen zu können, offen zu hal-</span><br/> <span class="ft1">ten und die Veranlagung - soweit notwendig - zu widerrufen. Auch</span><br/> <span class="ft1">insofern fehlt es an einer neuen Tatsache.</span><br/> <span class="ft1">7.</span><br/> <span class="ft1">7.1.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Steuerbehörden</span><br/> <span class="ft1">nach der Auffassung der Mehrheit des Spezialverwaltungsgerichtes</span><br/> <span class="ft1">vor Erlass der Veranlagungsverfügung vom 21. Oktober 2011 über</span><br/> <span class="ft1">Anhaltspunkte verfügten (insbesondere Übereinstimmung des Na-</span><br/> <span class="ft1">mens des Schenkers mit der Firma der Arbeitgeberin), welche sie zu</span><br/> <span class="ft1">weiteren Abklärungen hätten veranlassen müssen. Aufgrund der</span><br/> <span class="ft1">mündlichen Mitteilung des Steueramtsvorstehers der Gemeinde Y</span><br/> <span class="ft1">betreffend steuerlicher Problematik "Schenkung oder Einkommen",</span><br/> <span class="ft1">welche im Zeitpunkt der Veranlagung beziehungsweise vor Rechts-</span><br/> <span class="ft1">kraft der definitiven Veranlagung vom 21. Oktober 2011 vorlag, hät-</span><br/> <span class="ft1">ten die Steuerbehörden X um ihre allfällig falsche Beurteilung</span><br/> <span class="ft1">(Schenkungssteuer statt Einkommenssteuer) wissen können. Daher</span><br/> <span class="ft1">wäre die Steuerkommission X verpflichtet gewesen, mit der definiti-</span><br/> <span class="ft1">ven Veranlagung zuzuwarten beziehungsweise diese vor Eintritt der</span><br/> <span class="ft1">Rechtskraft zurückzunehmen. So oder anders fehlt es an einer neuen</span><br/> <span class="ft1">Tatsache, die die Erhebung einer Nachsteuer rechtfertigen könnte.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">7.3.</span><br/> <span class="ft1">Der Rekurs ist dementsprechend gutzuheissen. Die Nachsteuer-</span><br/> <span class="ft1">verfügung und der Einspracheentscheid sind ersatzlos aufzuheben.</span><br/></div> </div> </body> </html>