2000 Zivilprozessrecht 65 Rechtspflege nicht abgedeckt sind, beispielsweise, indem er seinen Klienten nicht nur in einem Scheidungsverfahren, sondern zusätzlich auch noch in einer Erbschaftsangelegenheit vertritt. Der beschuldigte Anwalt hat nun aber weder behauptet noch nach gewiesen, dass sich seine Forderung auf Leistungen bezog, wel che von der unentgeltli - chen Rechtspflege nicht erfasst wurden, weshalb sich weitere Erwä - gungen dazu erübrigen. (...) 3. c) Soweit der beschuldigte Anwalt anführt, er sei vom Staat nur unzureichend entschädigt worden, ist er darauf hinzuweisen, dass eine Bezahlung durch die unentgeltlich vertretene Partei selbst dan n ausgeschlossen ist, wenn die öffentlichrechtliche Entschädi gung nicht einem vollen Honorar entspricht. Die Frage, ob es rich tig sei, den unentgeltlichen Anwalt schlechter zu entschädigen als den frei gewählten, berührt nur das Verhältnis zwischen dem u nentgeltlichen Anwalt und dem Staat und rechtfertigt es nicht, von der vertretenen Partei eine zusätzliche Entschädigung zu verlangen (BGE 108 Ia 13). 18 Verbot aufdringlicher Werbung (§ 16 Abs. 1 AnwG). Fall eines Zei tungsinserates, worin für ein Seminar geworben und eine Anwältin als eine der Referentinnen vorgestellt wird. Aus dem Entscheid der Anwaltskommission vom 13. Dezember 2000 Aus den Erwägungen 2. (...) d) Die Werbung des Anwaltes unterliegt in vierfacher Hinsicht Beschränkungen: Rechtfertigung, Inhalt, Form und Art der Ver brei- tung. aa) Die Nennung des Namens in Verbindung mit der Berufsbe - zeichnung ist grundsätzlich als Werbung anzusehen. Diese darf nicht dem Zweck dienen, den Anwalt gegenüber seinen Kollegen hervor -66 Obergericht 2000 zuheben und ihm eine besondere Nachfrage zu verschaffen, sondern braucht eine be sondere Recht fertigung, einen besonderen Anlass (vgl. dazu Michael Pfeifer, Der Rechtsanwalt in der heutigen Gesell- schaft, ZSR 115 (1996) II, S. 345; Felix Wolffers, Der Rechtsanwalt in der Schweiz, Schulthess Polygraphischer Verlag, Zürich 1986, S. 145; Verein Züricherischer Rechtsanwälte (Hrsg.), Handbuch über die Berufspflichten des Rechtsanwa ltes im Kanton Zürich, Zürich 1988, S. 195; Christof Bernhart, Die Werbebeschränkungen für wissenschaftliche Berufsarten als Problem der Grundrechte, Berner Diss., Barnberg 1994, S. 81). Zumeist wird dieser in Praxis eröff- nungen, Adress änderungen, länger en Abwesen heiten etc. erblickt. Vorliegend kann die Rechtfertigung der Namens- und Berufsnennung in der Teilnahme als Referentin an einem Seminar (....) erblickt werden. bb) Die Werbung muss inhaltlich wahr sein und keine Über - treibungen oder Irreführungen enthalten (Christof Bernhart, Werbung der Rechtsanwälte – Ansätze für verfassungsrechtliche Neube wer- tung, in: plädoyer 1993, S. 34; Handbuch, S. 196). Sie darf keine un- richtigen Erwartungen wecken (BGE 123 I 17). Unwahre oder irre - führende Aussa gen über die (Anwalts -)Tätigkeit der beschuldigten Anwältin sind dem beanstandeten Inserat nicht zu entnehmen.(...) Die Werbemassnahme darf keine übertrieben auffällige oder re- klamehafte Form haben (Handbuch, S. 199). Markt schreierische und auf eigentlichen Kundenfang ausgerichtete Werbung ist nicht erlaubt. Sie soll zurückhaltend sein und auf sensationelles und reklamehaftes Sichherausstellen gegenüber Berufskollegen verzichten (BGE 123 I 17). cc) Vorliegend erfolgt der Auftritt der beschuldigten Anwältin in einem Zeitungsinserat, das allerdings nicht für ihre An waltstätigkeit sondern für ein Seminar, an dem sie als Refe rentin teilnimmt, wirbt (vgl. lit. aa vorstehend). Das Hauptgewicht des Inserateauftrittes liegt somit klar in der Werbung für das Seminar als solches, ein allfälliger Werbeeffekt erfolgt nur indirekt. D ass die Gestaltung des Inserates 2000 Zivilprozessrecht 67 als wenig zurückhaltend angesehen werden kann, stellt für sich allein noch keinen Verstoss gegen das Verbot aufdringlicher Wer bung dar. Vielmehr massgebend ist, dass die - knapp gehaltene – Vorstellung der beschuldigten Anwältin in der Gesamterscheinung des Inserates einen relativ kleinen Platz einnimmt und neben der Vorstellung der anderen Referenten sowie dem übrigen Textteil nicht besonders h er- vorsticht sowie k eine anpreisende, sich hervorhebende Werbewir - kung für die An waltstätigkeit der beschuldigten Anwältin und auch keine herabsetzende Wirkung in Bezug auf andere Anwälte zeitigt. Auch die Abbildung der Anwältin mit Foto ist nicht zu bea n- standen. Während früher der Hinweis des Anwaltes auf sei nen Beruf mit Foto grundsätzlich verpönt war, ist ein Verbot der Werbung mit Foto heute nicht mehr zeitgerecht und kann daher entsprechend der eingetretenen Lockerung der Vorschriften über die anw altliche Wer- bung nicht mehr aufrecht erhalten werden, solange das Bild selbst, allein oder im Zu sammenhang mit dem übrigen Text, keine auf - dringliche, marktschreierische Anpreisung darstellt (Maya Stutzer, Der Anwalt zwischen Werbung und Würde, in: Anwaltswerbung und -marketing, DACH Schriftenreihe 10, Verlag Dr. Otto Schmidt Köln/Schulthess Polygraphischer Verlag Zürich 1999, S. 89). Eine solche aufdringliche Anpreisung ist im vorliegenden Fall zu vernei - nen. Weder hinsichtlich der Grösse noch der Art d er Abbildung hebt sich die Fotografie der beschuldigten Anwältin aus dem Inserat be - sonders hervor. Gesamthaft kann festgehalten werden, dass die Wer - bewirkung des Inserates für die Anwaltstätigkeit der beschuldigten Anwältin gegenüber dem Informationsgeh alt für das Seminar in den Hintergrund tritt. Nicht zu beanstanden ist vorliegend auch die Angabe der Pra - xisausrichtung. Mit zunehmender Dichte der Rechts normen ist eine klare Tendenz zur Spezialisierung anwalt licher Tätigkeit auszuma - chen. Deshalb wir d der Hinweis auf bevor zugte Tätigkeitsgebiete heute als zulässig erachtet (vgl. Pfeifer, S. 339 ff.). Nicht erlaubt ist hingegen, den Eindruck eines staatlich geprüften Spezialisten zu 68 Obergericht 2000 erwecken (Hand buch, S. 198), was auf den vorliegenden Fall ein - deutig nicht zutrifft. Im Zusammenhang mit der Vorstellung als Refe- rentin entspricht die Angabe der Praxisausrichtung sodann dem Be - dürfnis der Seminarteil nehmerinnen, sich ein Bild über den berufli - chen Hintergrund der Referentin machen zu können. dd) Die in einem Zeitungsinserat enthaltene Information erfährt wohl eine breite Streuung, ist aber naturgemäss weniger aufdringlich, als an bestimmte Personen direkt abgegebene re spektive verschickte Werbung. Es rechtfertigt sich vorliegend nicht, allein aus der Ver- breitungsart einen Verstoss gegen das Verbot aufdringlicher Werbung abzuleiten, nachdem die Dar stellung der beschuldigten An wältin innerhalb des Inserates in Bezug auf Rechtfertigung, Inhalt und Form nicht zu beanstanden ist. e) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die beschuldigte An- wältin sich keines Verstosses gegen das Verbot aufdringlicher Wer - bung i.S.v. § 16 Abs. 1 AnwG schuldig gemacht hat.