<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">38</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>4</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 147 Abs. 1 und Art. 185 StPO</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft1"><b>Recht der beschuldigten Person auf Teilnahme ihrer Verteidigung bei</b></span><br/> <span class="ft1"><b>der Untersuchung durch eine sachverständige Person.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft1"><b>Eine beschuldigte Person hat während der Untersuchung durch eine</b></span><br/> <span class="ft1"><b>sachverständige Person kein Recht auf Teilnahme ihrer Verteidi-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gung.</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft5">vom 16. Januar 2014 i.S. Y.Ü. gegen Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm</span><br/> <span class="ft5">(SBK.2013.373).</span><br/> <span class="ft7"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <span class="ft9">Y.Ü., beschuldigte Person, ersuchte durch ihre Rechtsvertretung</span><br/> <span class="ft9">bei der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm um Teilnahmemöglichkeit</span><br/> <span class="ft9">der Verteidigung bei der Untersuchung durch die sachverständige</span><br/> <span class="ft9">Person. Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm verfügte die Abwei-</span><br/> <span class="ft9">sung des Ersuchens. Y.Ü. erhebt dagegen Beschwerde.</span><br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft9">2.1.</span><br/> <span class="ft9">Zu beurteilen ist die Frage, ob ein Beschuldigter während der</span><br/> <span class="ft9">Untersuchung durch einen sachverständigen Psychiater das Recht auf</span><br/> <span class="ft9">Anwesenheit seines Verteidigers hat.</span><br/> <span class="ft9">2.3.</span><br/> <span class="ft9">2.3.1.</span><br/> <span class="ft9">Gemäss Art. 182 StPO ziehen Staatsanwaltschaft und Gerichte</span><br/> <span class="ft9">eine oder mehrere sachverständige Personen bei, wenn sie nicht über</span><br/> <span class="ft9">die besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, die zur Fest-</span><br/> <span class="ft9">stellung oder Beurteilung eines Sachverhalts erforderlich sind.</span><br/> <span class="ft9">Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm führt gegen den Be-</span><br/> <span class="ft9">schwerdeführer ein Strafverfahren wegen Drohung und Nötigung.</span><br/> <span class="ft9">Um abzuklären, ob er für Dritte eine Gefahr darstellen könnte oder</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">39</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">zum Tatzeitpunkt unter Umständen vermindert zurechnungsfähig</span><br/> <span class="ft9">war, hat die Staatsanwaltschaft Frau Dr. T., Fachärztin für Psychi-</span><br/> <span class="ft9">atrie, als Sachverständige mit der Erstellung eines Kurzgutachtens</span><br/> <span class="ft9">beauftragt.</span><br/> <span class="ft9">2.3.2.</span><br/> <span class="ft9">2.3.2.1.</span><br/> <span class="ft9">Das Gespräch mit einer zu begutachtenden Person durch den</span><br/> <span class="ft9">Sachverständigen wird gemäss Botschaft zur Vereinheitlichung des</span><br/> <span class="ft9">Strafprozessrechts vom 21. Dezember 2005 (BBl 2005 1212) von</span><br/> <span class="ft9">Art. 185 Abs. 4 StPO erfasst, wonach der Sachverständige einfache</span><br/> <span class="ft9">Erhebungen, die mit dem Auftrag in engem Zusammenhang stehen,</span><br/> <span class="ft9">selbst vornehmen kann. Eine Beteiligung der Justizorgane ist bei sol-</span><br/> <span class="ft9">chen Gesprächen nicht sinnvoll möglich, der Sachverständige muss</span><br/> <span class="ft9">deshalb zu selbständigen Erhebungen befugt sein (M</span><span class="ft5">ARIANNE</span> <span class="ft9">H</span><span class="ft5">EER</span><span class="ft9">,</span><br/> <span class="ft9">in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2011,</span><br/> <span class="ft9">N. 29 zu Art. 185).</span><br/> <span class="ft9">2.3.2.2.</span><br/> <span class="ft9">Fraglich ist, ob die Teilnahmerechte nach Art. 147 Abs. 1 StPO</span><br/> <span class="ft9">auch für selbständige Erhebungen der Sachverständigen nach</span><br/> <span class="ft9">Art. 185 StPO gelten.</span><br/> <span class="ft9">Gemäss der herrschenden Lehre erstreckt sich das Teilnahme-</span><br/> <span class="ft9">recht nach Art. 147 Abs. 1 StPO nur auf die Beweisabnahme als sol-</span><br/> <span class="ft9">che, nicht auf deren Vorbereitung. Konkret gilt als Beweisabnahme</span><br/> <span class="ft9">nur das Erstatten des Gutachtens, nicht aber die Erstellung. Bei erste-</span><br/> <span class="ft9">rem gelten die Teilnahmerechte, bei letzterem nicht (W</span><span class="ft5">OLFGANG</span><br/> <span class="ft9">W</span><span class="ft5">OHLERS</span><span class="ft9">, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung</span><br/> <span class="ft9">(StPO), 2010, N. 1 zu Art. 147 StPO). Art. 185 StPO gilt als lex spe-</span><br/> <span class="ft9">cialis zu Art. 147 StPO (J</span><span class="ft5">OËLLE</span> <span class="ft9">V</span><span class="ft5">UILLE</span><span class="ft9">, in: Commentaire romand,</span><br/> <span class="ft9">Code de procédure pénale suisse, 2011, N. 15 zu Art. 185 StPO).</span><br/> <span class="ft9">Dem Beschuldigten oder seinem Verteidiger muss bei der Befragung</span><br/> <span class="ft9">durch den Sachverständigen (oder allenfalls später im Rahmen einer</span><br/> <span class="ft9">weiteren Befragung durch die Strafbehörde) nur Gelegenheit zur An-</span><br/> <span class="ft9">wesenheit und zum Stellen von Ergänzungsfragen geboten werden,</span><br/> <span class="ft9">wenn es sich bei der befragten Person um einen Belastungszeugen</span><br/> <span class="ft9">gemäss Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK handelt (A</span><span class="ft5">NDREAS</span> <span class="ft9">D</span><span class="ft5">ONATSCH</span><span class="ft9">, in:</span><br/> <span class="ft9">Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung (StPO), 2010,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">40</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">N. 40 zu Art. 185 StPO). Es kann demnach selbst bei Sachverständi-</span><br/> <span class="ft9">gen als Belastungszeugen genügen, wenn der Betroffene später Gele-</span><br/> <span class="ft9">genheit zu Ergänzungsfragen erhält. Teilweise wird der fehlende An-</span><br/> <span class="ft9">spruch auf Teilnahme durch die parlamentarische Diskussion begrün-</span><br/> <span class="ft9">det, dort wurde der Antrag auf Schaffung solcher Rechte zurückgezo-</span><br/> <span class="ft9">gen (N</span><span class="ft5">IKLAUS</span> <span class="ft9">S</span><span class="ft5">CHMID</span><span class="ft9">, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxis-</span><br/> <span class="ft9">kommentar, 2. Auflage 2013, N. 10 zu Art. 185; zum Ganzen siehe</span><br/> <span class="ft9">auch Beschluss der 1. Strafkammer des Obergerichts des Kantons</span><br/> <span class="ft9">Bern vom 30. März 2011, SK-Nr. 10 387 und Beschluss der III.</span><br/> <span class="ft9">Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich vom 11. Mai</span><br/> <span class="ft9">2011, publiziert in ZR 110/2011 Nr. 41).</span><br/> <span class="ft9">2.3.2.3.</span><br/> <span class="ft9">Das Bundesgericht hat sich in BGE 132 V 443 mit einer ähnli-</span><br/> <span class="ft9">chen Frage befasst. Es hatte zu beurteilen, ob der Rechtsvertreter ei-</span><br/> <span class="ft9">ner Versicherten bei einer polydisziplinären Begutachtung im Auf-</span><br/> <span class="ft9">trag der IV-Stelle seine Klientin begleiten könne. Im Urteil differen-</span><br/> <span class="ft9">ziert das Bundesgericht zwischen der Verhandlung vor einem Gericht</span><br/> <span class="ft9">oder einer Behörde und einer Begutachtung durch einen Experten,</span><br/> <span class="ft9">wenn die Partei in einem Verfahren selbst Gegenstand der Beweisab-</span><br/> <span class="ft9">nahme ist, bspw. wenn es darum geht, den Gesundheitszustand der</span><br/> <span class="ft9">betroffenen Person abzuklären. Diese Person ist dabei nicht in erster</span><br/> <span class="ft9">Linie als Verfahrenspartei beteiligt, die sich zum Begutachtungsob-</span><br/> <span class="ft9">jekt äussert, sondern sie wird selbst begutachtet. Es geht darum, dem</span><br/> <span class="ft9">medizinischen Begutachter eine möglichst objektive Beurteilung zu</span><br/> <span class="ft9">ermöglichen, was bedingt, dass diejenigen Rahmenbedingungen zu</span><br/> <span class="ft9">schaffen sind, die aus wissenschaftlicher Sicht am ehesten geeignet</span><br/> <span class="ft9">sind, eine solche Beurteilung zu ermöglichen. Es muss eine Interak-</span><br/> <span class="ft9">tion zwischen der begutachtenden und der zu begutachtenden Person</span><br/> <span class="ft9">stattfinden. Die Begutachtung soll möglichst ohne äussere Einfluss-</span><br/> <span class="ft9">nahme vorgenommen werden. Die Anwesenheit eines Rechtsbeistan-</span><br/> <span class="ft9">des wäre diesem Zweck nicht dienlich: Dessen Aufgabe ist es, die</span><br/> <span class="ft9">Interessen seiner Klientschaft zu wahren. Er kann zu diesem Zweck</span><br/> <span class="ft9">auch einseitige Ansichten vertreten und entsprechend im Verfahren</span><br/> <span class="ft9">intervenieren. Eine solche Intervention verträgt sich indessen nicht</span><br/> <span class="ft9">mit der wissenschaftlichen Begutachtung, wo es - ähnlich wie bei</span><br/> <span class="ft9">einer Zeugeneinvernahme, bei welcher sich der Zeuge auch nicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">41</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">verbeiständen lassen kann - darum geht, dem Gutachter ein mög-</span><br/> <span class="ft9">lichst unverfälschtes und wahrheitsgetreues Bild zu verschaffen</span><br/> <span class="ft9">(BGE 132 V 443 E. 3.5).</span><br/> <span class="ft9">Das Bundesgericht weist weiter darauf hin, dass das Zugestehen</span><br/> <span class="ft9">der Parteirechte der zu begutachtenden Person zur Folge hätte, dass</span><br/> <span class="ft9">aus Gründen der Waffengleichheit dieses Recht auch allfällig weite-</span><br/> <span class="ft9">ren Parteien zugestanden werden müsste. Damit würden sich neue</span><br/> <span class="ft9">Problemfelder öffnen und die Begutachtung als sinnlos erscheinen</span><br/> <span class="ft9">lassen (vgl. BGE 132 V 443 E. 3.6).</span><br/> <span class="ft9">In diesem Sinn ist eine sozialversicherungsrechtlich relevante</span><br/> <span class="ft9">Untersuchung durchaus mit derjenigen des Beschuldigten im</span><br/> <span class="ft9">Strafprozess zu vergleichen: Der Sachverständige ist nicht als Hand-</span><br/> <span class="ft9">langer des Staats und damit als Gegner des Beschuldigten anzusehen,</span><br/> <span class="ft9">sondern als aussenstehender, neutraler Beobachter. Er hat unter ande-</span><br/> <span class="ft9">rem durch persönliche Untersuchung des Betroffenen dessen Persön-</span><br/> <span class="ft9">lichkeit und allenfalls dessen Geisteszustand zum Tatzeitpunkt zu er-</span><br/> <span class="ft9">forschen. Um zu einem möglichst objektiven Eindruck zu kommen,</span><br/> <span class="ft9">muss diese Untersuchung in einer neutralen Umgebung und ohne</span><br/> <span class="ft9">äussere Einflussnahme stattfinden können. Dass bei einer solchen</span><br/> <span class="ft9">Begutachtung keine weiteren Parteien wie Mitbeschuldigte oder Pri-</span><br/> <span class="ft9">vatkläger zugelassen werden können, erscheint unbestreitbar. Der</span><br/> <span class="ft9">Beschuldigte hätte vor Publikum Hemmungen, sein Innerstes</span><br/> <span class="ft9">preiszugeben oder würde ihn allenfalls belastende, für das Gesamt-</span><br/> <span class="ft9">bild jedoch wesentliche Aussagen nicht mehr machen. Für einen</span><br/> <span class="ft9">vollständigen Einblick in seine Persönlichkeit sind solche Auskünfte</span><br/> <span class="ft9">jedoch unerlässlich.</span><br/> <span class="ft9">Wird aber der Sachverständige nicht als Gegner angesehen und</span><br/> <span class="ft9">werden keine weiteren Parteien zur Begutachtung zugelassen, besteht</span><br/> <span class="ft9">auch kein Anlass, den Verteidiger des Beschuldigten beizuziehen.</span><br/> <span class="ft9">Ohnehin wäre der Nutzen dieser Teilnahme als höchst fraglich</span><br/> <span class="ft9">anzusehen. Das Gespräch mit dem Beschuldigten dient dazu, das</span><br/> <span class="ft9">Bild des Sachverständigen abzurunden, um gestützt auf das</span><br/> <span class="ft9">psychiatrische Fachwissen ein Gutachten erstellen zu können. Ergän-</span><br/> <span class="ft9">zungsfragen des Verteidigers machen in diesem Rahmen im Gegen-</span><br/> <span class="ft9">satz zu einer Einvernahme durch die Behörden wenig Sinn.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">42</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">2.3.2.4.</span><br/> <span class="ft9">Die ablehnende Haltung der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm</span><br/> <span class="ft9">findet sich demnach im Einklang mit der herrschenden Lehre und</span><br/> <span class="ft9">Rechtsprechung. Es ist davon auszugehen, dass die schweizerische</span><br/> <span class="ft9">Strafprozessordnung tatsächlich kein Teilnahmerecht des Verteidi-</span><br/> <span class="ft9">gers bei einer psychiatrischen Untersuchung vorsieht.</span><br/> <span class="ft9">2.3.3.</span><br/> <span class="ft9">2.3.3.1.</span><br/> <span class="ft9">Offen ist noch die Frage, ob möglicherweise das übergeordnete</span><br/> <span class="ft9">Recht Teilnahmerechte vorsieht und die Argumentation des Be-</span><br/> <span class="ft9">schwerdeführers unterstützt.</span><br/> <span class="ft9">Gemäss Praxis zum übergeordneten Recht hat ein Beschuldig-</span><br/> <span class="ft9">ter, der durch ein Gutachten belastet wird, Anspruch auf eine Kon-</span><br/> <span class="ft9">frontation mit dem Sachverständigen. In einem solchen Fall kann der</span><br/> <span class="ft9">Sachverständige als Belastungszeuge gelten (F</span><span class="ft5">RANK</span> <span class="ft9">M</span><span class="ft5">EYER</span><span class="ft9">, in:</span><br/> <span class="ft9">EMRK, Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfrei-</span><br/> <span class="ft9">heiten, Kommentar, 2012, N. 199 zu Art. 6 EMRK). Art. 6 Ziff. 3 lit.</span><br/> <span class="ft9">d EMRK garantiert einem Beschuldigten das Recht auf mindestens</span><br/> <span class="ft9">einmalige, angemessene und hinreichende Gelegenheit, das Gutach-</span><br/> <span class="ft9">ten in Zweifel zu ziehen und Fragen an den Sachverständigen zu stel-</span><br/> <span class="ft9">len (M</span><span class="ft5">ARIANNE</span> <span class="ft9">H</span><span class="ft5">EER</span><span class="ft9">, in: Basler Kommentar, Schweizerische Straf-</span><br/> <span class="ft9">prozessordnung, 2011, N. 5 zu Art. 187 StPO). Hintergrund dieser</span><br/> <span class="ft9">Rechtsprechung ist das Urteil EGMR Bönisch gegen Österreich vom</span><br/> <span class="ft9">6. Mai 1985, in dem es um die Frage ging, ob ein Experte, dessen</span><br/> <span class="ft9">Bericht auch für die Anhebung der Strafuntersuchung ursächlich war,</span><br/> <span class="ft9">als neutraler Sachverständiger gelten kann (Ziff. 32). Der Gerichts-</span><br/> <span class="ft9">hof kam zum Schluss, der betreffende Experte sei eher als</span><br/> <span class="ft9">Belastungszeuge anzusehen. Diese Konstellation ist aber nicht mit</span><br/> <span class="ft9">der vorliegenden zu vergleichen. Die Sachverständige hatte keinen</span><br/> <span class="ft9">Einfluss auf die Anhebung des Strafverfahrens, sondern wurde nach-</span><br/> <span class="ft9">träglich hinzugezogen. In einem solchen Fall wie im erwähnten Ur-</span><br/> <span class="ft9">teil EGMR würden in der Schweiz tatsächlich die Schutzmechanis-</span><br/> <span class="ft9">men der StPO greifen, weil der betreffende Beschuldigte sich bei der</span><br/> <span class="ft9">Auswahl des Sachverständigen äussern und seine Bedenken mitteilen</span><br/> <span class="ft9">könnte (vgl. Art. 184 Abs. 3 StPO). Die Garantien von Art. 6 Ziff. 1</span><br/> <span class="ft9">EMRK beziehen sich auf das gerichtliche Verfahren und haben nur</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">43</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">ausnahmsweise Auswirkungen auf Ermittlungen durch Sachverstän-</span><br/> <span class="ft9">dige. Als Grundsatz gilt, dass Beteiligte kein Recht haben, bei Anhö-</span><br/> <span class="ft9">rungen durch den Sachverständigen anwesend zu sein (J</span><span class="ft5">ENS</span> <span class="ft9">M</span><span class="ft5">EYER</span><span class="ft10">-</span><br/> <span class="ft9">L</span><span class="ft5">ADEWIG</span><span class="ft9">, EMRK, Europäische Menschenrechtskonvention, Hand-</span><br/> <span class="ft9">kommentar, 3. Auflage 2011, N. 155 f. zu Art. 6 EMRK). Anderer</span><br/> <span class="ft9">Meinung ist Carolina Isabel Marques Lopes, die davon ausgeht, der</span><br/> <span class="ft9">EGMR statuiere ein Recht auf Teilnahme des Beschuldigten und sei-</span><br/> <span class="ft9">nes Vertreters an Erhebungen durch Sachverständige (C</span><span class="ft5">AROLINA</span><br/> <span class="ft9">I</span><span class="ft5">SABEL</span> <span class="ft9">M</span><span class="ft5">ARQUES</span> <span class="ft9">L</span><span class="ft5">OPES</span><span class="ft9">, La participation de la défense aux experti-</span><br/> <span class="ft9">ses pénales, in: Jusletter vom 6. Januar 2014, S. 6 f.). Die von ihr</span><br/> <span class="ft9">angeführten Entscheide behandeln jedoch die Gespräche von</span><br/> <span class="ft9">Sachverständigen mit Dritten, nicht die Untersuchung des Be-</span><br/> <span class="ft9">schuldigten persönlich. Sie sind mithin nicht vergleichbar.</span><br/> <span class="ft9">Die Rechtsprechung des EGMR bietet folglich keinen Grund,</span><br/> <span class="ft9">die Sachverständige im zu beurteilenden Fall als Belastungszeugin</span><br/> <span class="ft9">anzusehen, und begründet demnach auch kein Teilnahmerecht des</span><br/> <span class="ft9">Verteidigers an den Untersuchungsgesprächen mit dem Beschwerde-</span><br/> <span class="ft9">führer. Anders zu beurteilen wäre allenfalls der Fall von Befragungen</span><br/> <span class="ft9">von Dritten durch den Sachverständigen, dieses Problem stellt sich</span><br/> <span class="ft9">aber in casu nicht.</span><br/> <span class="ft9">2.3.3.2.</span><br/> <span class="ft9">Die vom Beschwerdeführer eingebrachten Entscheide und Lite-</span><br/> <span class="ft9">ratur vermögen dieses Resultat nicht zu ändern. Im Urteil Barbera,</span><br/> <span class="ft9">Messegué und Jabardo gegen Spanien vom 6. Dezember 1988 hielt</span><br/> <span class="ft9">der EGMR fest, dass Beweise prinzipiell in öffentlicher Verhandlung</span><br/> <span class="ft9">vor dem Beschuldigten erhoben werden müssen, damit eine kontra-</span><br/> <span class="ft9">diktorische Verhandlung stattfinden kann (Ziff. 78). Das Urteil A.M.</span><br/> <span class="ft9">gegen Italien vom 14. Dezember 1999 behandelt die Einvernahme</span><br/> <span class="ft9">von (einzigen) Zeugen der Anklage in Übersee ohne Beisein der Ver-</span><br/> <span class="ft9">teidigung. Damit behandeln beide Urteile Einvernahmen von Belas-</span><br/> <span class="ft9">tungszeugen und sind nach dem oben gesagten nicht einschlägig.</span><br/> <span class="ft9">Wolfgang Peukert schliesslich beleuchtet verschiedene Besonderhei-</span><br/> <span class="ft9">ten im Strafverfahren, ohne dass eine auf den vorliegenden Fall</span><br/> <span class="ft9">anzuwenden wäre (W</span><span class="ft5">OLFGANG</span> <span class="ft9">P</span><span class="ft5">EUKERT</span><span class="ft9">, in: Europäische Men-</span><br/> <span class="ft9">schenRechtsKonvention, EMRK-Kommentar, 3. Auflage 2009,</span><br/> <span class="ft9">N. 167 ff. zu Art. 6 EMRK).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">44</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">2.3.4.</span><br/> <span class="ft9">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass weder die StPO noch</span><br/> <span class="ft9">das übergeordnete Recht ein Teilnahmerecht des Verteidigers des Be-</span><br/> <span class="ft9">schwerdeführers bei der Untersuchung durch die Sachverständige be-</span><br/> <span class="ft9">gründen. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.</span><br/> <span class="ft9">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>