Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 24. Oktober 2012 (810 12 100) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Aufenthaltsbewilligung und Wegweisung Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, Kantonsri chter Markus Clausen, Christian Haidlauf, Niklaus Ruckstuhl, Stefan Schulthess , Gerichtsschreiberin i.V. Patricia Bäckert Parteien A.____, Beschwerdeführerin 1, B.____, Beschwerdeführerin 2, beide vertreten durch Javier Ferreiro, Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft , 4410 Liestal, Be- schwerdegegner Betreff Widerruf der Aufenthaltsbewilligungen und We gweisung (RRB Nr. 456 vom 20. März 2012) A. Die 1971 geborene brasilianische Staatsbürgerin A. ____ reiste am 21. Dezember 2007 zusammen mit ihrer damals 6-jährigen Tochter, B. ____, in die Schweiz ein. Infolge der Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Heirat vom 15. Februar 2008 mit dem im Kanton Basel-Landschaft niedergelassenen deutschen Staatsbürger C.____, stellte ihnen das Amt für Migra tion Basel-Landschaft (AfM) Aufenthalts- bewilligungen bis zum 20. Dezember 2012 aus. Am 1. März 2011 wurde den Ehegatten das Getrenntleben bewilligt und A.____ verpflichtet, die eheliche Wohnung bis Ende Juni 2011 zu verlassen, was sie schliesslich erst am 12. Juli 2011 machte (Umzug von D.____ nach E.____). Im Rahmen einer Stellungnahme an das AfM vom 16. Sept ember 2011 liess C.____ verlauten, dass er sich scheiden lassen wolle, da die Ehe gescheitert sei. Mit E-Mail vom 29. September 2011 fügte er ferner hinzu, seiner Ansicht nach habe die Ehegemeinschaft lediglich bis im Sommer 2010 bestanden. Im Rahmen des am 30. September 2011 durch das AfM gewährten rechtlichen Gehörs hinsicht- lich eines allfälligen Widerrufs der Aufenthaltsbewil ligung und Wegweisung, machte A.____ geltend, dass sie und ihr Ehemann bis Weihnachten 2010 e in vollkommen normales Eheleben geführt hätten. Erst als sie anschliessend erfahren habe , dass sich ihr Ehemann mit einem an- deren Mann verlobt habe, sei es zu Gewalttätigkeiten in der Ehe gekommen. Am 22. November 2011 widerrief das AfM die Aufenthal tsbewilligungen und wies A.____ und ihre Tochter aus der Schweiz. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, die eheliche Haushaltsgemeinschaft habe weniger als drei Jahre ged auert und es bestünden keine wichti- gen Gründe gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Aus- länder [AuG] vom 16. Dezember 2005, da die vorgebrach te häusliche Gewalt nicht hinreichend nachgewiesen sei. Schliesslich sei die Wegweisung verhältnismässig. B. Mit Schreiben vom 5. Dezember 2011 erhoben A.____ u nd ihre Tochter, vertreten durch Javier Ferreiro, Advokat, Beschwerde beim Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft (Regierungsrat) und beantragten die Aufhebung der Ve rfügung vom 22. November 2011. Ent- gegen den Ausführungen des AfM könne von einer mehr a ls drei Jahre andauernden Ehege- meinschaft ausgegangen werden. Da A.____ zudem gut in tegriert sei, müsse die Aufenthalts- bewilligung verlängert werden. Die gute Integration der Tochter (Schule, Freundschaften) und deren fehlende Beziehung zum leiblichen Vater in Brasi lien müsse im Rahmen der Verhältnis- mässigkeitsprüfung sowie unter dem Gesichtspunkt eines Härt efalls geprüft werden. Das AfM liess sich am 23. Dezember 2011 vernehmen und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Zu beachten sei insbesondere, dass sich A.____ und ihre To chter erst seit vier Jahren in der Schweiz aufhalten würden und die Tochter noch vor der Pubertät sei, weshalb eine Rückkehr zumutbar sei. Der Regierungsrat wies die Beschwerde mit Entscheid vom 20 . März 2012 ab. Er führte aus, dass sich A.____ zu Recht nicht auf das Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenos- senschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft u nd ihren Mitgliedern andererseits über die Freizügigkeit (FZA) vom 21. Juni 1999 berufe , da dieses aufgrund der gescheiterten Ehe keine Anspruchsgrundlage mehr biete. Entgegen den in der Beschwerde vom 5. Dezember Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2011 vorgebrachten Rechtsbegehren könne A.____ keine Verlängerung der Aufenthaltsbewilli- gung verlangen, vielmehr müsse sie sich auf eine selbständi ge Aufenthaltsbewilligung berufen. Letztere komme jedoch nicht in Betracht, da vorliegend keine dreijährige Ehegemeinschaft be- standen habe. Zwar habe die grundsätzlich massgebende H aushaltsgemeinschaft insgesamt länger als drei Jahre gedauert, verschiedene Äusserungen und die Einleitung eines Eheschutz- verfahrens würden jedoch darauf schliessen lassen, dass die Ehe bereits vor Ablauf von drei Jahren ihr Ende gefunden habe. Folglich komme ein Ansp ruch gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. a AuG nicht in Betracht. Daneben würden auch die geltend gemachten und mit einem Foto beleg- ten Vorfälle von häuslicher Gewalt keinen wichtigen Gr und im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG darstellen. Ein Anspruch auf Aufenthalt lasse sich f erner nicht aus Art. 8 EMRK ableiten, da dieser aufgrund der Auflösung der kinderlosen Ehe ni cht angerufen werden könne. Der Re- gierungsrat kam zum Schluss, dass der Entscheid des AfM auch aus Sicht der Angemessenheit vertretbar sei. A.____ und ihre Tochter seien gut integ riert, was grundsätzlich für sie sprechen würde. Hingegen würden die öffentlichen Interessen sow ie die Tatsache, dass keine vertieften persönlichen Beziehungen in der Schweiz geknüpft worden seien, überwiegen. Zudem sei der Entscheid des AfM auch verhältnismässig. C. Mit Schreiben vom 30. März 2012 erhoben A.____ und ihre Tochter, weiterhin vertre- ten durch Javier Ferreiro, beim Kantonsgericht, Abteilu ng Verfassungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht) Beschwerde gegen den Entscheid des Regie rungsrats vom 20. März 2012. Die Beschwerdebegründung folgte innert erstreckter Fri st am 11. Juni 2012. Die Beschwerde- führerinnen beantragten die vollumfängliche Aufhebung des Regierungsratsbeschlusses und der Verfügung des AfM und die Verlängerung der Aufen thaltsbewilligung bzw. die Belassung des Aufenthaltsstatus. Ferner wurde die unentgeltliche Prozessführung beantragt und vom Ge- richt verlangt, die Lehrperson und die Beschwerdeführe rin 2 im Rahmen der Parteiverhandlung anzuhören. Inhaltlich brachten sie folgende Begründu ngen vor; Grundsätzlich bestehe ein An- spruch auf Aufrechterhaltung der Aufenthaltsbewilligu ng gestützt auf die Bestimmungen des FZA, da kein Scheidungsverfahren eröffnet worden sei und die Trennung alleine keine Auflö- sung der Ehe bedeute. Zudem habe die Ehegemeinschaft länger als drei Jahre gedauert, da für das Ende der Ehe nicht auf den 21. Januar 2011 (Gesuch des Ehemannes um Getrenntleben) abgestellt werden dürfe. Vielmehr sei das effektive Zus ammenleben massgebend, welches bis Ende Juni 2011 stattgefunden habe. Neben der Tatsach e, dass die Ehe drei Jahre angedauert habe, sei − was durch die Vorinstanzen auch nicht bestrit ten werde − von einer erfolgreichen Integration auszugehen. Selbst wenn nicht von einer dr eijährigen Ehedauer ausgegangen wer- de, bestehe ein selbständiges Aufenthaltsrecht, da die B eschwerdeführerin 1 Opfer ehelicher Gewalt geworden sei. Hinsichtlich der Aufenthaltsdauer hielten die Beschwerdeführerinnen fest, dass diese numerisch betrachtet nicht sehr lang sei. In B ezug auf die Beschwerdeführerin 2 sei die Aufenthaltsdauer jedoch in Relation zum Alter zu setzen, was zur Tatsache führe, dass die- se beinahe ihr halbes Leben in der Schweiz verbracht ha be. Ferner verfüge sie über keinerlei soziale Kontakte in Brasilien, weshalb eine Entwurzelung aus pädagogischer und psychischer Sicht nicht ohne Folgen bliebe. Im Zusammenhang mit de n während dieser Zeit gelebten, prä- genden Jugendjahren, sei eine Wegweisung unverhältnismässi g, was dem Grundsatz nach durch das Bundesgericht bestätigt werde. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht D. Der Beschwerdegegner liess sich mit Schreiben vom 9. Juli 2012 vernehmen und be- antragte die Abweisung der Beschwerde. Mit Verfügung vom 28. August 2012 wurde auf die Vorladung der Beschwerdeführerin 2 und die Anhörung der Lehrperson verzichtet. E. Mit Schreiben vom 24. September 2012 reichte der B eschwerdegegner dem Kantons- gericht einen gegen die Beschwerdeführerin 2 infolge geringfügigen Diebstahls (Fr. 161.60) ergangenen Strafbefehl ein. F. An der heutigen Parteiverhandlung nehmen die Beschw erdeführerinnen mit ihrem Rechtsvertreter, ein Vertreter des Regierungsrates sowie eine Dolmetscherin teil. Als Aus- kunftsperson wird C.____ befragt. Die Parteien halten an ihren Rechtsbegehren und wesentli- chen Begründungen fest. Auf ihre Vorbringen wird - so weit erforderlich - in den Erwägungen eingegangen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- u nd Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrates die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim K antonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand gemäss § 44 VPO noch ein spezialg esetzlicher Ausschlusstatbe- stand vorliegen, ist die Zuständigkeit des Kantonsgericht s zur Beurteilung der vorliegenden An- gelegenheit gegeben. Da die Beschwerdeführerinnen Ad ressatinnen des angefochtenen Ent- scheids sind und ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhe bung haben, die übrigen for- mellen Voraussetzungen erfüllt und sowohl die örtliche wie auch sachliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts gegeben sind, ist auf die Beschwerde einzutreten. 2. Bei der Beurteilung der vorliegenden verwaltungs gerichtlichen Beschwerde ist die Kognition des Kantonsgerichts gemäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO darauf beschränkt, den angefochtenen Entscheid hinsichtlich allfälliger Rechtsver letzungen zu überprüfen bzw. zu prü- fen, ob der Beschwerdegegner ein allfälliges Ermessen re chtsfehlerhaft ausgeübt hat. Im Wei- teren kann beurteilt werden, ob dieser den Sachverhalt unrichtig oder unvollständig festgestellt hat. Die Überprüfung der Angemessenheit dagegen ist d em Kantonsgericht verwehrt (vgl. § 45 Abs. 1 lit. c VPO e contrario). 3. Strittig und zu prüfen ist, ob die Nichtverlängerun g der Aufenthaltsbewilligungen der Beschwerdeführerinnen und deren Wegweisung aus der Schweiz zu Recht verfügt worden sind. 3.1 Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in der Schweiz nur berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitz t oder wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 und 11 des Bundesgesetzes über die Ausländeri nnen und Ausländer [AuG] vom 16. Dezember 2005; vgl. auch Art. 2 AuG). Die zuständige kan tonale Behörde entscheidet gemäss Art. 18 ff. und 27 ff. AuG – im Rahmen der gesetzlich en Vorschriften und Verträge mit dem Aus- land – nach freiem Ermessen über die Zulassung zu einem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbstä- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht tigkeit. Einen Rechtsanspruch auf die Erteilung eine r Aufenthaltsbewilligung hat die ausländi- sche Person somit grundsätzlich nicht, es sei denn, das AuG oder völkerrechtliche Verpflich- tungen sehen dies vor (BGE 133 I 189 E. 2.3; M ARC SPESCHA in: Spescha/Thür/Zünd/Bolzli, Kommentar Migrationsrecht, 3. Auflage, Zürich 2012, Ar t. 3 AuG, N 1ff.; P ETER UEBERSAX in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser, Ausländerrecht, Eine umfassende Darstellung der Rechtsstel- lung von Ausländerinnen und Ausländern in der Schweiz, 2. Auflage, Basel 2009, N 7.84 ff.). 3.2 Im vorliegenden Fall ist zunächst festzuhalten, dass zwi schen der Schweiz und Brasi- lien keine staatsvertragliche Vereinbarung besteht, we lche den Beschwerdeführerinnen einen Anspruch auf Aufenthalt in der Schweiz einräumen würde. 3.3 Das AuG gilt für Staatsangehörige der Mitgliedst aaten der Europäischen Gemeinschaft und ihre Familienangehörigen nur so weit, als das FZA keine abweichenden Bestimmungen enthält oder das AuG günstigere Bestimmungen vorsieht (A rt. 2 Abs. 2 AuG). Gemäss Art. 3 Absatz 1 Anhang I FZA haben Familienangehörige einer Person, die Staatsangehörige einer Vertragspartei ist und ein Aufenthaltsrecht hat, das Rec ht bei dieser Person Wohnung zu neh- men. Das FZA gewährt mit dieser Bestimmung teilweise we itergehende Ansprüche auf Famili- ennachzug als Art. 43 AuG. So gelten als Familienangeh örige nach Art. 3 Abs. 2 lit. a bis c An- hang I FZA der Ehegatte und die Verwandten in abstei gender Linie, die noch nicht 21 Jahre alt sind oder denen Unterhalt gewährt wird; die Verwandt en und die Verwandten des Ehegatten in aufsteigender Linie, bei denen Unterhalt gewährt wi rd, und im Falle von Studierenden der Ehe- gatte und die unterhaltsberechtigten Kinder. 3.4 Durch die Eheschliessung am 15. Februar 2008 mit d em in der Schweiz niedergelas- senen C.____ und das anschliessende Zusammenwohnen konnten die Beschwerdeführerinnen anfänglich einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenth altsbewilligung geltend machen. Mittels Verfügung des Bezirksgerichts vom 1. März 2011 wurde der B eschwerdeführerin 1 und ihrem Mann das Getrenntleben bewilligt und festgestellt, da ss sie dieses durch Auszug der Ehefrau aus der ehelichen Wohnung per 1. Juni 2011 aufnehmen w ürden. Am 12. Juli 2011 zogen die Beschwerdeführerinnen aus der gemeinsamen Wohnung aus. Es ist vorliegend nicht strittig, dass die Beschwerdeführerinnen nicht mehr mit C.____ zu sammen wohnen. Den Aussagen an der heutigen Parteiverhandlung ist zu entnehmen, dass d ie eheliche Beziehung nicht wieder aufgenommen wird. Die eheliche Gemeinschaft ist somit a ls definitiv gescheitert anzusehen, womit der ursprüngliche Anspruch der Beschwerdeführerin 1 auf Anwesenheit in der Schweiz gemäss Anhang I zum FZA weggefallen ist. 4. Die Beschwerdeführerinnen beriefen sich ferner auf Art. 50 Abs. 1 AuG. Nach Auflö- sung der Familiengemeinschaft besteht der Anspruch des E hegatten einer niedergelassenen Person auf Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung nach Art. 50 Abs. 1 AuG wei- ter, wenn die Ehegemeinschaft mindestens drei Jahre besta nden hat und eine erfolgreiche In- tegration vorliegt (lit. a) oder wenn wichtige persönliche Gründe einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen (lit. b). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.1 Die Beschwerdeführerin 1 machte geltend, dass die Ehegemeinschaft länger als drei Jahre gedauert habe und sie und ihre Tochter in der Sch weiz gut integriert seien, weshalb ih- nen die Bewilligungen verlängert werden müssten. 4.2 Das zeitliche Erfordernis der 3-jährigen Ehedauer verlangt ein effektives Zusammenle- ben der Ehegatten bzw. dass eine tatsächlich gelebte eh eliche Beziehung und ein entspre- chender Ehewille bestehen (vgl. Botschaft des Bundesrats zu m Ausländergesetz, in BBl 2002 S. 3709 ff., S. 3753). Die blosse Dauer der Ehe genü gt also nicht. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist für die Berechnung der 3-Jahresfrist vor allem auf die Dauer der nach aus- sen wahrnehmbaren ehelichen Wohngemeinschaft abzustelle n (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_544/2010 vom 23. Dezember 2010 E. 2.2). Der Ehema nn der Beschwerdeführerin 1 sowie der Beschwerdegegner gehen davon aus, dass die Ehegemeinschaft nicht während drei Jahren bestanden hat. Bei der Beurteilung der Ehedauer müsse zwischen der rein formellen Ehedauer und der Dauer der tatsächlichen Ehegemeinschaft unter schieden werden. Eine relevante Ehe- gemeinschaft liege vor, solange die eheliche Beziehung tatsächlich gelebt werde und ein ge- genseitiger Ehewille bestehe. Der Ehemann habe am 21. Januar 2011 um Bewilligung der un- entgeltlichen Rechtspflege im Eheschutzverfahren ersucht und habe dadurch gezeigt, dass sei- nerseits spätestens ab diesem Zeitpunkt kein Ehewille meh r bestanden habe, obwohl die Ehe- gatten noch im gemeinsamen Haushalt gelebt hätten. In einem E-Mail vom 29. September 2011 an das AfM habe der Ehemann zudem ausgeführt, dass die Ehegemeinschaft bereits seit Sommer 2010 nicht mehr bestanden habe. Im Rahmen des r echtlichen Gehörs vom 9. Oktober 2011 habe die Beschwerdeführerin ausgesagt, dass sie und i hr Ehemann bis Weihnachten 2010 ein vollkommen normales Leben geführt hätten. Ab Weihnachten 2010 habe es mehrere Auseinandersetzungen gegeben und sie habe daraufhin ge wusst, dass es nicht mehr gehe. Aufgrund dieser Willensäusserungen der Eheleute sowie der Tatsache, dass der Ehemann das Eheschutzverfahren am 21. Januar 2011 eingeleitet habe, liesse sich darauf schliessen, dass die eheliche Gemeinschaft bereits vor Auflösung des gem einsamen Haushalts ihr Ende gefun- den und die Ehe somit keine drei Jahre gedauert habe. 4.3 Dagegen wendeten die Beschwerdeführerinnen ein, dass die Ehegatten nachweislich bis zum 12. Juli 2011 zusammengelebt hätten. Die Beschwe rdeführerin 1 sei im Dezember 2007 eingereist um habe am 15. Februar 2008 C.____ g eheiratet. Stelle man auf den Zeitpunkt der effektiven Trennung ab, so bestehe kein Zweifel da ran, dass ein dreijähriges Zusammenle- ben bestanden habe. Selbst wenn man auf den Zeitpunkt der Verfügung des Bezirksgerichts vom 1. März 2011 abstellen würde, welche die Berechtigung zur Aufnahme des Getrenntlebens gegeben habe, so habe das eheliche Zusammenleben minde stens drei Jahre und 13 Tage be- standen. Entgegen der Ansicht des Beschwerdegegners könne nicht auf den Zeitpunkt, in wel- chem der Ehemann das Eheschutzverfahren eingeleitet habe , abgestellt werden, zumal die Ehefrau bis zur Vorladung durch das Bezirksgericht nichts vo n der Trennungseingabe des Ehemannes gewusst habe. Auch auf die nachträgliche Aussage des Ehemannes, die Ehe habe nur bis Sommer 2010 bestanden, könne nicht abgestellt we rden, da die Ehegatten es trotz auf- kommender Probleme immer wieder versucht hätten. Hätte der Ehemann effektiv nicht mehr an die Ehe geglaubt, hätte er die eheliche Wohnung verla ssen können, was er jedoch nicht ge- macht habe. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.4 Aufgrund der unterschiedlichen Aussagen der Ehegatt en ist nicht zu eruieren wann der gegenseitige Ehewille tatsächlich erloschen ist. Entgege n der Ansicht des Beschwerdegegners kann nicht aufgrund von ehelichen Problemen und der A nordnung von Eheschutzmassnahmen auf das definitive Scheitern der Ehegemeinschaft geschlosse n werden, dienen doch Ehe- schutzmassnahmen nach Art. 171 ZGB gerade dem Schutz und damit in erster Linie dem Be- stand der ehelichen Gemeinschaft und wirken nicht auf d eren Auflösung hin (MARTINA CARONI , in: Caroni/Gächter/Thurnherr, Stämpflis Handkommentar zu m Bundesgesetz über die Auslän- derinnen und Ausländer, Bern 2010, Art. 50 AuG N 17; SPESCHA , a.a.O., Art. 50 AuG; BGE 127 II 49 E. 5a; BGE 128 II 145 E. 2.2). Nach herrschender Lehre und Rechtsprechung ist bezüglich des Kriteriums der Ehedauer auf die Dauer des tatsäc hlichen, faktischen Zusammenlebens in einer Haushaltsgemeinschaft abzustellen (BGE 136 II 1 13 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts 2C_ 304/2009 vom 9. Dezember 2009 E. 3.3). Es ist somit − entgegen der Ansicht des Be- schwerdegegners − für die Ermittlung der Ehedauer auf die Dauer des Zusammenlebens abzu- stellen, zumal unklar ist, wann der Ehewille tatsächlich erloschen ist. Folglich ist davon auszu- gehen, dass die Ehegemeinschaft bzw. die Familiengemei nschaft bis zum Auszug der Be- schwerdeführerinnen aus der gemeinsamen Wohnung am 12 . Juli 2011 angedauert. Es kann somit festgestellt werden, dass die Ehegemeinschaft über drei Jahre bestanden hat und die in Art. 50 Abs. 1 lit. a AuG genannte Voraussetzung erfüllt ist. 5.1 Als Nächstes gilt es zu prüfen, ob eine erfolgreiche Integration der Beschwerdeführe- rinnen vorliegt. Zu bejahen ist eine erfolgreiche In tegration, wenn die ausländische Person die rechtsstaatliche Ordnung und die Werte der Bundesverfassung respektiert sowie den Willen zur Teilnahme am Wirtschaftsleben und zum Erwerb der am W ohnort gesprochenen Landesspra- che bekundet (Art. 77 Abs. 4 VZAE; vgl. auch S PESCHA , a.a.O., Art. 50 AuG N 5). Der Begriff der Integration wird zudem in Art. 4 AuG sowie in Art. 4 der Verordnung über die Integration von Ausländerinnen und Ausländern (VIntA) vom 24. Oktober 2007 umschrieben (weiterführend AuG-Weisungen zur Integration, provisorische Version St and 28. Januar 2009; MARTIN PHILIPP WYSS in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser, a.a.O., N 26.1 ff.). 5.2 Die Beschwerdeführerinnen haben sich in die hiesig en Verhältnisse erfolgreich integ- riert (vgl. Art. 77 Abs. 4 VZAE). Dies wird selbst vom AfM und dem Regierungsrat hervorgeho- ben. Beide Beschwerdeführerinnen sprechen die deutsche Sprache, die Beschwerdeführerin 1 ist bemüht, die deutsche Sprache noch besser zu erlernen und besucht weiterhin Deutschkur- se. Zudem arbeitet die Beschwerdeführerin 1 bei mehrer en Arbeitgebern als Raumpflegerin, von welchen sie sehr geschätzt wird. Die Beschwerdeführerin 1 wurde, obwohl ihr Ehemann sie finanziell nicht mehr unterstützte, nie sozialhilfebedür ftig und hat keinerlei Betreibungen oder Schulden. Schliesslich liegen keine negative Berichte üb er die Beschwerdeführerin 1 vor. Die Beschwerdeführerin 2 ist in schulischer, sozialer und ku ltureller Hinsicht erfolgreich integriert. Sie geht in der Schweiz zur Schule und hat zwischenzeitlich viele Freundschaften geknüpft. 5.3 Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass die Beschwer deführerinnen gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. a AuG einen gesetzlichen Anspru ch auf eine Bewilligungsverlängerung haben. Demzufolge ist die Beschwerde gutzuheissen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6. Es bleibt über die Kosten zu befinden. 6.1 Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das verwaltungsgerichtliche Verfahren vor dem Kantons- gericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen di e Gerichtsgebühren sowie die Be- weiskosten und werden gemäss § 20 Abs. 3 VPO in der Regel der unterliegenden Partei aufer- legt, wobei den Vorinstanzen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmen – keine Ver- fahrenskosten auferlegt werden. Demzufolge werden im vo rliegenden Verfahren keine Kosten erhoben. 6.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann g estützt auf § 21 Abs. 1 VPO für den Beizug einer Anwältin oder eines Anwalts eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden. In seiner Honorarnot e vom 25. Juli 2012 macht der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin einen Zeitaufwa nd von 11.75 Stunden zum Stunden- ansatz von Fr. 180.-- sowie Auslagen in der Höhe von F r. 103.75 exklusive Hauptverhandlung geltend. In der nachgereichten Honorarnote vom 23. O ktober 2012 weist der Rechtsvertreter weitere 6 Stunden (inkl. Hauptverhandlung) zum Stunde nansatz von Fr. 200.-- aus. Somit wird den obsiegenden Beschwerdeführerinnen für den Beizug des Anwalts eine Parteientschädigung von Fr. 3'773.30 (11.75 Stunden à Fr. 180.--, 6 Stun den à Fr. 200.-- inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) zulasten des Regierungsrats zugesprochen. 6.3 Zur Neuverlegung der Kosten des vorinstanzlichen Ver fahrens wird die Angelegenheit an den Regierungsrat zurückgewiesen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Koste n des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat des Kantons Basel-La ndschaft zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat d er Beschwerde- führerin für das Verfahren vor Kantonsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'773.30 (inkl. Auslagen und 8 % M ehrwertsteuer) auszurichten. Präsidentin Gerichtsschreiberin i.V.