<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 50 S.184</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">184</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>50</b></span> <span class="ft2"><b>Beschwerde gegen Abweisung eines Entlassungsgesuches im Rahmen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fürsorgerischer Freiheitsentziehung; Sperrfrist für erneute richterliche</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Überprüfung?</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Fehlendes Rechtsschutzinteresse bei erneuter Beschwerde kurze Zeit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nach Gerichtsentscheid in gleicher Sache</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Vernünftiger zeitlicher Abstand zwischen zwei Entlassungsgesuchen?</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 12. September 2000 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen B.L. gegen Entscheid der Klinik Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. Gemäss Art. 397d Abs. 2 ZGB besteht das Recht, den Richter</span><br/> <span class="ft1">anzurufen, auch bei Abweisung eines Entlassungsgesuchs. Im Gesetz</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">185</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ist keine Sperrfrist vorgesehen, sodass ein Entlassungsgesuch grund-</span><br/> <span class="ft1">sätzlich jederzeit gestellt werden kann. Die Wahrnehmung dieses</span><br/> <span class="ft1">Rechts, jederzeit die Entlassung und bei Verweigerung die gerichtli-</span><br/> <span class="ft1">che Beurteilung zu verlangen, steht, wie die Rechtsausübung</span><br/> <span class="ft1">schlechthin, auch unter dem Vorbehalt des Handelns nach Treu und</span><br/> <span class="ft1">Glauben. Es stellt sich die Frage, ob eine rechtsmissbräuchliche Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführung vorliegt, wenn die Beschwerdeführerin nur wenige</span><br/> <span class="ft1">Tage nach Empfang einer umfassenden gerichtlichen Beurteilung der</span><br/> <span class="ft1">fürsorgerischen Freiheitsentziehung erneut den Richter anruft.</span><br/> <span class="ft1">a) Zur Beschwerdeführung ist gemäss § 38 Abs. 1 VRPG be-</span><br/> <span class="ft1">rechtigt, wer durch eine angefochtene Verfügung oder einen ange-</span><br/> <span class="ft1">fochtenen Rechtsmittelentscheid berührt ist, und wer ein schutzwür-</span><br/> <span class="ft1">diges eigenes Interesse an der Beschwerdeführung hat. Kein Rechts-</span><br/> <span class="ft1">schutzinteresse besteht, wenn die Beschwerde dem Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer keinerlei nennenswerte Vorteile bringen kann (Michael Merker,</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren nach dem aar-</span><br/> <span class="ft1">gauischen Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege [Kommentar zu</span><br/> <span class="ft1">den §§ 38 - 72 VRPG], Zürich 1998, § 38 N 129 f.). Ein Interesse ist</span><br/> <span class="ft1">überdies nur dann schutzwürdig, wenn es aktuell ist (AGVE 1991,</span><br/> <span class="ft1">S. 369; Michael Merker, a.a.O., § 38 N 139 mit Hinweisen). Nicht</span><br/> <span class="ft1">einzutreten ist auf Beschwerden, die offensichtlich rechtsmiss-</span><br/> <span class="ft1">bräuchlich und der richterlichen Überprüfung nicht würdig sind</span><br/> <span class="ft1">(Michael Merker, a.a.O., § 38 N 131; AGVE 1993, S. 410).</span><br/> <span class="ft1">b) Diese Grundsätze gelten auch für das Verfahren bei fürsorge-</span><br/> <span class="ft1">rischen Freiheitsentziehungen ohne Einschränkung. Sie halten über-</span><br/> <span class="ft1">dies auch vor Art. 31 Abs. 4 BV und Art. 5 Ziff. 4 EMRK stand,</span><br/> <span class="ft1">welcher bestimmt, dass jede Person, der die Freiheit entzogen ist,</span><br/> <span class="ft1">innerhalb kurzer Frist die gerichtliche Überprüfung der Rechtmäs-</span><br/> <span class="ft1">sigkeit des Freiheitsentzugs beantragen kann. Darin ist das Recht</span><br/> <span class="ft1">beinhaltet, in vernünftigen Abständen eine gerichtliche Überprüfung</span><br/> <span class="ft1">der Rechtmässigkeit zu verlangen (BGE 126 I 27 ff.; 123 I 38 mit</span><br/> <span class="ft1">weiteren Hinweisen). Entsprechend hat es auch der Europäische</span><br/> <span class="ft1">Gerichtshof als zulässig betrachtet, bei offensichtlich unzulässigen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">186</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Beschwerden die Häufigkeit von Rekursen zu begrenzen (Alexander</span><br/> <span class="ft1">Imhof, Der formelle Rechtsschutz, insbesondere die gerichtliche</span><br/> <span class="ft1">Beurteilung, bei der fürsorgerischen Freiheitsentziehung, Disserta-</span><br/> <span class="ft1">tion, Bern 1999, S. 137 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">c) Zur Frage, welche Abstände zwischen den gerichtlichen</span><br/> <span class="ft1">Überprüfungen als ,,vernünftig" anzusehen sind, kommt es auf die</span><br/> <span class="ft1">Verhältnisse des konkreten Falls und die anwendbaren Prozessvor-</span><br/> <span class="ft1">schriften an. Bei der Unterbringung von Geisteskranken sind relativ</span><br/> <span class="ft1">lange Abstände angebracht und zulässig (BGE 123 I 38; Imhof,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., S. 137).</span><br/> <span class="ft1">d) Im vorliegenden Fall erfolgte die erste gerichtliche Überprü-</span><br/> <span class="ft1">fung der fürsorgerischen Freiheitsentziehung im Jahre 2000 am</span><br/> <span class="ft1">18. April. Am 13. Juni 2000 leitete die Beschwerdeführerin ein wei-</span><br/> <span class="ft1">teres Verfahren ein, anlässlich welchem ihr ein amtlicher Anwalt zur</span><br/> <span class="ft1">Seite gestellt wurde. Seit der letzten Gerichtsverhandlung bis zum</span><br/> <span class="ft1">heutigen Urteilsdatum sind lediglich drei Wochen verstrichen. Die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin hat am 31. August 2000 und damit unmittelbar</span><br/> <span class="ft1">an die Aushändigung des schriftlich begründeten Urteils (Empfang</span><br/> <span class="ft1">durch den amtlichen Anwalt am 30. August 2000) das nächste Ent-</span><br/> <span class="ft1">lassungsgesuch gestellt und die sofortige gerichtliche Entlassung</span><br/> <span class="ft1">beantragt. Unter diesen Umständen ist es offensichtlich, dass sie kein</span><br/> <span class="ft1">Rechtsschutzinteresse an einer erneuten Überprüfung hat. Die Be-</span><br/> <span class="ft1">sonderheit des vorliegenden Falls rechtfertigt zweifellos eine längere</span><br/> <span class="ft1">Sperrfrist. Einerseits erfolgten bereits zwei gerichtliche Überprüfun-</span><br/> <span class="ft1">gen der aktuellen Zwangshospitalisation, anderseits befindet sich die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin ausschliesslich deshalb seit über fünf Monaten</span><br/> <span class="ft1">im Rahmen einer rechtmässigen fürsorgerischen Freiheitsentziehung</span><br/> <span class="ft1">in der Klinik Königsfelden, weil ihr die notwendige persönliche Für-</span><br/> <span class="ft1">sorge nur im Rahmen einer Institution mit Betreuung und Aufsicht</span><br/> <span class="ft1">erwiesen werden kann, wobei aufgrund der Verhaltensauffälligkeiten</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin seit längerer Zeit keine der bekannten</span><br/> <span class="ft1">Heime und Institutionen mehr bereit ist, die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">aufzunehmen. Die Klinik ist daher so lange eine geeignete Anstalt,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">187</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">bis eine Institution für die Beschwerdeführerin gefunden wird (vgl.</span><br/> <span class="ft1">dazu die ausführliche Begründung in den Urteilen vom 18. April</span><br/> <span class="ft1">2000 und vom 22. August 2000).</span><br/> <span class="ft1">e) Zusammenfassend ist daher festzustellen, dass auf die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde wegen fehlendem Rechtsschutzinteresse nicht einzutreten</span><br/> <span class="ft1">ist.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>