<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>15</b></span> <span class="ft2"><b>Angeordnete Nachbetreuung gemäss § 67l EG ZGB</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Während der Dauer einer durch die Klinik angeordneten Nachbetreuung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kann ein Antrag auf Änderung oder Aufhebung an das zuständige Fami-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>liengericht gestellt werden; das Gleiche gilt bei ambulanten Massnahmen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Lückenfüllung).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 26. März 2013 in Sachen</span><br/> <span class="ft3">D.R. gegen den Entscheid der Klinik Königsfelden (WBE.2013.78).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">6.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Vollständigkeit halber (und mangels entsprechender gesetz-</span><br/> <span class="ft1">licher Regelung) rechtfertigt es sich zu prüfen, ob eine von einer</span><br/> <span class="ft1">Nachbetreuung betroffene Person auch nach Ablauf der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">frist eine Möglichkeit hat, eine Änderung oder Aufhebung der ange-</span><br/> <span class="ft1">ordneten Nachbetreuung zu verlangen, und welche Behörde diesfalls</span><br/> <span class="ft1">dafür zuständig wäre.</span><br/> <br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">6.2.</span><br/> <span class="ft1">6.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 437 ZGB regeln die Kantone die Nachbetreuung</span><br/> <span class="ft1">und können ambulante Massnahmen vorsehen. Dem Bundesrecht</span><br/> <span class="ft1">können keine weiteren Vorgaben betreffend die Nachbetreuung ent-</span><br/> <span class="ft1">nommen werden (vgl. auch Botschaft zur Änderung des Schweizeri-</span><br/> <span class="ft1">schen Zivilgesetzbuches [Erwachsenenschutz, Personenrecht und</span><br/> <span class="ft1">Kindesrecht] vom 28. Juni 2006, BBl 2006 7071 [nachfolgend: Bot-</span><br/> <span class="ft1">schaft Erwachsenenschutz]).</span><br/> <span class="ft1">6.2.2.</span><br/> <span class="ft1">6.2.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Ist die Einrichtung für die Entlassung zuständig, legt sie gemäss</span><br/> <span class="ft1">den kantonalrechtlichen Regelungen auch die Nachbetreuung fest.</span><br/> <span class="ft1">Die Nachbetreuung ist höchstens auf sechs Monate zu befristen. Sie</span><br/> <span class="ft1">fällt spätestens mit Ablauf der festgelegten Dauer dahin, wenn keine</span><br/> <span class="ft1">Anordnung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde vorliegt</span><br/> <span class="ft1">(§ 67l EG ZGB). Wird die Nachbetreuung durch die Kindes- und Er-</span><br/> <span class="ft1">wachsenschutzbehörde angeordnet, weil ihr auch die Entlassungszu-</span><br/> <span class="ft1">ständigkeit zukommt, kann die Massnahme für maximal 12 Monate</span><br/> <span class="ft1">angeordnet werden (§ 67m EG ZGB).</span><br/> <span class="ft1">6.2.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Dem kantonalem Gesetz lässt sich keine Regelung entnehmen,</span><br/> <span class="ft1">ob und bei welcher Behörde sich eine betroffene Person während der</span><br/> <span class="ft1">Dauer der Nachbetreuung (maximal 6 bzw. 12 Monate) zur Wehr set-</span><br/> <span class="ft1">zen kann bzw. beantragen kann, dass die Nachbetreuung aufgehoben</span><br/> <span class="ft1">oder geändert wird, wenn die Voraussetzungen nicht mehr vorliegen.</span><br/> <span class="ft1">Auch in den kantonalen Materialien betreffend die Einführung des</span><br/> <span class="ft1">neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrechts sind keine diesbezügli-</span><br/> <span class="ft1">chen Hinweise ersichtlich (vgl. Botschaft des Regierungsrats des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 27. April 2011, Ziff. 9.6 ff.;</span><br/> <span class="ft1">Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aargau an den Grossen</span><br/> <span class="ft1">Rat vom 19. Oktober 2011, Ziff. 3.3.5). Anders ist dies beispielswei-</span><br/> <span class="ft1">se im Kanton Graubünden, wo gemäss ausdrücklicher Gesetzesbe-</span><br/> <span class="ft1">stimmung die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde die angeord-</span><br/> <span class="ft1">nete Massnahme von Amtes wegen oder auf Antrag aufhebt, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Zweck erreicht ist oder nicht erreicht werden kann (Art. 54b des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">80</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Einführungsgesetzes zum Schweizerischen Zivilgesetzbuches des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Graubündens; BR 210.100).</span><br/> <span class="ft1">6.3.</span><br/> <span class="ft1">6.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Es drängt sich daher die Frage auf, ob die aargauische kantonal-</span><br/> <span class="ft1">rechtliche Regelung diesbezüglich unvollständig ist, mithin eine Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzeslücke vorliegt, welche von der richterlichen Instanz gefüllt</span><br/> <span class="ft1">werden muss. Eine Gesetzeslücke liegt dann vor, wenn das Gesetz</span><br/> <span class="ft1">nach den ihm zugrunde liegenden Ziel- und Wertvorstellungen eine</span><br/> <span class="ft1">planwidrige Unvollständigkeit aufweist und deshalb anzunehmen ist,</span><br/> <span class="ft1">der Gesetzgeber hätte, wäre er sich der Tatsachen und Rechtslage be-</span><br/> <span class="ft1">wusst gewesen, anders entschieden. Bevor eine solche Lücke ange-</span><br/> <span class="ft1">nommen werden darf, muss zunächst durch Auslegung ermittelt wer-</span><br/> <span class="ft1">den, ob das Fehlen einer Anordnung nicht eine bewusste Antwort des</span><br/> <span class="ft1">Gesetzes bedeutet, d.h. ein sogenanntes qualifiziertes Schweigen dar-</span><br/> <span class="ft1">stellt (Entscheid des Verwaltungsgerichts vom 11. Dezember 1986,</span><br/> <span class="ft1">in: ZBl 88/1987, S. 556 f.; ULRICH</span> <span class="ft1">HÄFELIN/GEORG</span> <span class="ft1">MÜLLER/</span><br/> <span class="ft1">FELIX</span> <span class="ft1">UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6.</span> <span class="ft1">Auflage,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 2010, Rz. 234 ff.).</span><br/> <span class="ft1">6.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Bei einer fürsorgerischen Unterbringung kann die betroffene</span><br/> <span class="ft1">oder eine ihr nahestehende Person jederzeit ein Entlassungsgesuch</span><br/> <span class="ft1">stellen (Art. 426 Abs. 4 ZGB). Sodann muss gemäss Art. 383 Abs. 3</span><br/> <span class="ft1">ZGB eine Massnahme zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit re-</span><br/> <span class="ft1">gelmässig auf ihre Berechtigung hin überprüft werden. Wird diese</span><br/> <span class="ft1">Massnahme während eines Aufenthalts in einer Wohn- und Pflege-</span><br/> <span class="ft1">einrichtung angeordnet, kann die Erwachsenenschutzbehörde jeder-</span><br/> <span class="ft1">zeit angerufen werden (Art. 385 Abs. 1 ZGB). Bei Massnahmen zur</span><br/> <span class="ft1">Einschränkung der Bewegungsfreiheit im Rahmen einer fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft1">schen Unterbringung kann das Gericht immer angerufen werden</span><br/> <span class="ft1">(Art. 438 i.V.m. Art. 439 Abs. 2 ZGB). In diesem Zusammenhang ist</span><br/> <span class="ft1">ferner zu bemerken, dass gemäss Meinungen in der Lehre analog bei</span><br/> <span class="ft1">einer medizinischen Behandlung ohne Zustimmung (vgl. Art. 434</span><br/> <span class="ft1">ZGB), welche über eine längere Zeitspanne angeordnet wurde, auch</span><br/> <span class="ft1">nach Ablauf der 10-tägigen Beschwerdefrist seit Eröffnung des Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheides die Möglichkeit bestehen sollte, diesen mittels Beschwerde</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">81</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gerichtlich überprüfen zu lassen (THOMAS GEISER/MARIO</span><br/> <span class="ft1">ETZENSBERGER in: Geiser/Reusser [Hrsg.], Basler Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">Erwachsenenschutz, Basel 2012, Art. 434/435 N 27 und Art. 439</span><br/> <span class="ft1">N 35). Bereits in Anbetracht dieser Ausgangslage erscheint es nahe-</span><br/> <span class="ft1">liegend, dass eine ähnliche Möglichkeit auch im Rahmen einer</span><br/> <span class="ft1">zwangsweisen Nachbetreuung (oder ambulanten Massnahme), wel-</span><br/> <span class="ft1">che regelmässig über mehrere Wochen oder Monate angeordnet wird,</span><br/> <span class="ft1">bestehen muss.</span><br/> <span class="ft1">6.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Das kantonale Recht schreibt vor, dass bei Vorliegen einer</span><br/> <span class="ft1">Rückfallgefahr von Gesetzes wegen eine Nachbetreuung vorgesehen</span><br/> <span class="ft1">werden muss (§ 67k Abs. 1 EG ZGB). Stimmt eine betroffene Person</span><br/> <span class="ft1">der vorgeschlagenen Nachbetreuung nicht zu, so kann sie - wie im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Fall - gegen den Willen der betroffenen Person ange-</span><br/> <span class="ft1">ordnet werden (vgl. § 67k Abs. 2 und 3 EG ZGB). Als mögliche</span><br/> <span class="ft1">Massnahmen werden im Gesetz folgende Anordnungen beispielhaft</span><br/> <span class="ft1">aufgezählt (§ 67k Abs. 1 EG ZGB):</span><br/> <span class="ft1">"a) Verpflichtung, regelmässig eine fachliche Beratung oder Be-</span><br/> <span class="ft1">gleitung in Anspruch zu nehmen oder sich einer Therapie zu unter-</span><br/> <span class="ft1">ziehen,</span><br/> <span class="ft1">b) Anweisung, bestimmte Medikamente einzunehmen,</span><br/> <span class="ft1">c) Anweisung, sich alkoholischer Getränke oder anderer Sucht-</span><br/> <span class="ft1">mittel zu enthalten und dies gegebenenfalls mittels entsprechender</span><br/> <span class="ft1">Untersuchungen nachzuweisen."</span><br/> <span class="ft1">Die soeben zitierten gesetzlich vorgesehenen Massnahmen grei-</span><br/> <span class="ft1">fen zweifelsohne tief in den Persönlichkeitsbereich ein. Wie auch bei</span><br/> <span class="ft1">der fürsorgerischen Unterbringung muss aus diesem Grund eine re-</span><br/> <span class="ft1">gelmässige Überprüfung auf Antrag der betroffenen Person möglich</span><br/> <span class="ft1">sein. Beispielsweise ist es durchaus denkbar, dass der Zustand einer</span><br/> <span class="ft1">Person sich nach einigen Wochen derart stabilisiert, dass eine weni-</span><br/> <span class="ft1">ger engmaschige Überwachung oder sogar keine Massnahme mehr</span><br/> <span class="ft1">notwendig ist, da die Rückfallgefahr aufgrund der Stabilisation aus-</span><br/> <span class="ft1">reichend minimiert werden konnte. Möglich ist auch, dass die be-</span><br/> <span class="ft1">troffene Person anderen, ebenso geeigneten Massnahmen im Laufe</span><br/> <span class="ft1">der Zeit zustimmen würde.</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">82</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">6.3.4.</span><br/> <span class="ft1">Wie bereits erwähnt, äussert sich das kantonale Gesetz bezüg-</span><br/> <span class="ft1">lich der Frage, ob eine einmal angeordnete Nachbetreuung im Laufe</span><br/> <span class="ft1">der Zeit auf Antrag der betroffenen Person neu überprüft werden</span><br/> <span class="ft1">kann, nicht. Immerhin regelt § 67o EG ZGB, dass die mit der Durch-</span><br/> <span class="ft1">führung der angeordneten Massnahme im Einzelfall beauftragte</span><br/> <span class="ft1">Stelle der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Meldung zu er-</span><br/> <span class="ft1">statten hat, sobald sich die betroffene Person nicht an die Anordnun-</span><br/> <span class="ft1">gen hält oder die Nachbetreuung beziehungsweise die ambulanten</span><br/> <span class="ft1">Massnahmen die gewünschte Wirkung nicht erzielen. Dies zeigt,</span><br/> <span class="ft1">dass zumindest in diesen Fällen eine Nachbetreuung beziehungswei-</span><br/> <span class="ft1">se ambulante Massnahme durch das zuständige Familiengericht auf-</span><br/> <span class="ft1">gehoben oder abgeändert werden kann.</span><br/> <span class="ft1">6.3.5.</span><br/> <span class="ft1">Insgesamt drängt es sich auf, von einer planwidrigen Unvoll-</span><br/> <span class="ft1">ständigkeit des kantonalen Gesetzes auszugehen.</span><br/> <span class="ft1">6.4.</span><br/> <span class="ft1">6.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Bei der Lückenfüllung hat das Gericht nach der Regel zu ent-</span><br/> <span class="ft1">scheiden, die es als Gesetzgebungsorgan aufstellen würde (Art. 1</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 ZGB). Die richterrechtliche Regel ist generell-abstrakt zu for-</span><br/> <span class="ft1">mulieren und muss systematisch und wertungsmässig in das Gesetz</span><br/> <span class="ft1">hineinpassen (IVO SCHWANDER in: Kostkiewicz/Nobel/Schwan-</span><br/> <span class="ft1">der/Wolf [Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Zivilgesetzbuch,</span><br/> <span class="ft1">2. Aufl., Zürich 2011, Art. 1 N 2). Überzeugende Lehrmeinungen</span><br/> <span class="ft1">und bisherige Rechtsprechung sollten berücksichtigt werden (Art. 1</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">6.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Im Sinne einer ersten Feststellung im Rahmen der Lücken-</span><br/> <span class="ft1">füllung ist mit Blick auf die bestehenden Gesetzesbestimmungen und</span><br/> <span class="ft1">auf den erwähnten Eingriff in den Persönlichkeitsbereich (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Erw. 6.3.2. ff. hiervor) bei einer gegen den Willen einer Person ange-</span><br/> <span class="ft1">ordneten Nachbetreuung festzuhalten, dass eine betroffene Person je-</span><br/> <span class="ft1">derzeit einen Antrag auf Aufhebung oder Abänderung einer angeord-</span><br/> <span class="ft1">neten Nachbetreuung stellen kann. Würden in unvernünftigen Ab-</span><br/> <span class="ft1">ständen und in querulatorischer Weise wiederholt Beschwerden ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">83</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gen die angeordnete Nachbetreuung eingereicht, müsste - in analo-</span><br/> <span class="ft1">ger Anwendung der Rechtsprechung zu entsprechenden Entlassungs-</span><br/> <span class="ft1">gesuchen - nicht auf die Beschwerden eingetreten werden</span><br/> <span class="ft1">(vgl. BGE 130 III 729, Erw. 2.1).</span><br/> <span class="ft1">6.4.3.</span><br/> <span class="ft1">Fraglich bleibt, welche Behörde zur Beurteilung eines solchen</span><br/> <span class="ft1">Antrags zuständig ist. Denkbar wäre einerseits jene Stelle, welche</span><br/> <span class="ft1">die Nachbetreuung angeordnet hat, und somit entweder die Einrich-</span><br/> <span class="ft1">tung (vgl. § 67l Abs. 1 EG ZGB) oder das Familiengericht als Kin-</span><br/> <span class="ft1">des- und Erwachsenenschutzbehörde (vgl. § 67m Abs. 1 i.V.m. § 59</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 EG ZGB). In Frage kommt ferner, dass stets das Familienge-</span><br/> <span class="ft1">richt oder das Verwaltungsgericht zuständig ist. Nachfolgend ist zu</span><br/> <span class="ft1">prüfen, welche der Möglichkeiten systematisch und wertungsmässig</span><br/> <span class="ft1">am besten in die bestehenden gesetzlichen Regelungen passt.</span><br/> <span class="ft1">6.4.4.</span><br/> <span class="ft1">Ist die Einrichtung für die Entlassung zuständig, legen in Ein-</span><br/> <span class="ft1">richtungen mit ärztlicher Leitung die diensthabenden Kaderärztinnen</span><br/> <span class="ft1">und Kaderärzte die Nachbetreuung fest (§ 67l Abs. 1 EG ZGB). Die</span><br/> <span class="ft1">Einrichtung ist einerseits gestützt auf Art. 429 Abs. 3 ZGB für die</span><br/> <span class="ft1">Entlassung zuständig, wenn die Unterbringung auf einem ärztlichen</span><br/> <span class="ft1">Entscheid beruht, welcher jedoch höchstens für eine Dauer von sechs</span><br/> <span class="ft1">Wochen angeordnet werden darf. In allen anderen Fällen liegt die</span><br/> <span class="ft1">Entlassungszuständigkeit grundsätzlich bei der Erwachsenenschutz-</span><br/> <span class="ft1">behörde, ausser sie überträgt diese auf die Einrichtung (Art. 428</span><br/> <span class="ft1">ZGB). In jedem Fall ist die durch eine Einrichtung angeordnete</span><br/> <span class="ft1">Nachbetreuung auf sechs Monate zu befristen, und sie fällt spätestens</span><br/> <span class="ft1">mit Ablauf der festgelegten Dauer dahin, wenn keine Anordnung des</span><br/> <span class="ft1">Familiengerichts vorliegt (§ 67l Abs. 2 EG ZGB). Die Einrichtung</span><br/> <span class="ft1">lässt dem Familiengericht eine Kopie der vorgesehenen Nachbetreu-</span><br/> <span class="ft1">ung zukommen (§ 67l Abs. 2 EG ZGB). Hat die Einrichtung keine</span><br/> <span class="ft1">ärztliche Leitung, ist nur das Familiengericht zur Anordnung der</span><br/> <span class="ft1">Nachbetreuung ermächtigt (67l Abs. 4 EG ZGB). Das Familienge-</span><br/> <span class="ft1">richt kann eine Nachbetreuung für eine Dauer von maximal zwölf</span><br/> <span class="ft1">Monaten anordnen (§ 67m Abs. 2 EG ZGB). Unabhängig davon, ob</span><br/> <span class="ft1">die Nachbetreuung durch die Einrichtung oder das Familiengericht</span><br/> <span class="ft1">angeordnet wurde, muss die beauftragte Stelle (z.B. ambulant behan-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">84</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">delnder Psychiater) dem Familiengericht Meldung erstatten, sobald</span><br/> <span class="ft1">sich die betroffene Person nicht an die Anordnungen hält oder die</span><br/> <span class="ft1">Nachbetreuung nicht die gewünschte Wirkung erzielt (§</span> <span class="ft1">67o</span><br/> <span class="ft1">EG ZGB). Gemäss § 67p EG ZGB ist das Familiengericht ausserdem</span><br/> <span class="ft1">für die Vollstreckung der angeordneten Nachbetreuung zuständig.</span><br/> <span class="ft1">Den zitierten gesetzlichen Bestimmungen lässt sich entnehmen,</span><br/> <span class="ft1">dass es dem Willen des aargauischen Gesetzgebers entsprach, den</span><br/> <span class="ft1">Familiengerichten die hauptsächliche Verantwortung im Bereich der</span><br/> <span class="ft1">Nachbetreuung sowie der ambulanten Massnahmen zuzusprechen.</span><br/> <span class="ft1">Selbst wenn die Einrichtung zur Anordnung der Nachbetreuung zu-</span><br/> <span class="ft1">ständig ist, muss diese dem Familiengericht eine Kopie des Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheids zukommen lassen. Auch während der Dauer der durch die</span><br/> <span class="ft1">Einrichtung angeordneten Nachbetreuung ist das Familiengericht für</span><br/> <span class="ft1">die beauftragten Stellen diejenige Behörde, an welche sie Meldungen</span><br/> <span class="ft1">erstatten muss, wenn die Nachbetreuung nicht wie vorgesehen ver-</span><br/> <span class="ft1">läuft. Vor diesem Hintergrund erscheint es naheliegend und gerecht-</span><br/> <span class="ft1">fertigt, dass Anträge zur Aufhebung oder Abänderung der Nachbe-</span><br/> <span class="ft1">treuung an das Familiengericht gestellt werden müssen. Wie nachfol-</span><br/> <span class="ft1">gend überdies aufgezeigt wird, kann die Zuständigkeit der Ein-</span><br/> <span class="ft1">richtung oder des Verwaltungsgerichts nicht als sinnvolle Alternative</span><br/> <span class="ft1">betrachtet werden.</span><br/> <span class="ft1">6.4.5.</span><br/> <span class="ft1">Die Zuständigkeit bei der Einrichtung zu belassen, wenn diese</span><br/> <span class="ft1">die Nachbetreuung ursprünglich angeordnet hat, passt weniger gut in</span><br/> <span class="ft1">die bestehenden kantonalen Regelungen hinein, entsprach es doch,</span><br/> <span class="ft1">wie dargestellt (vgl. Erw. 6.4.4. hiervor), dem Willen des Gesetzge-</span><br/> <span class="ft1">bers, die massgebliche Verantwortung für die Nachbetreuung dem</span><br/> <span class="ft1">Familiengericht zuzusprechen. Die Einrichtung ist nach dem Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid über die Nachbetreuung nicht mehr mit der eigentlichen</span><br/> <span class="ft1">Durchführung konfrontiert.</span><br/> <span class="ft1">Ferner erscheint eine solche Lösung auch nicht praktikabel: Die</span><br/> <span class="ft1">betroffene Person befindet sich allenfalls schon seit mehreren Wo-</span><br/> <span class="ft1">chen nicht mehr in der Einrichtung und diese müsste, um den Antrag</span><br/> <span class="ft1">überhaupt beurteilen zu können, zunächst die beauftragte Stelle auf-</span><br/> <span class="ft1">fordern, schriftliche Stellungnahmen einzureichen oder diese gar zu</span><br/> <span class="ft1">einer Verhandlung vorladen. Da die Einrichtung keine Justizbehörde</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">85</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ist, steht für das Verwaltungsgericht zweifellos fest, dass ein solches</span><br/> <span class="ft1">Vorgehen weder sinnvoll ist noch dem Willen des Gesetzgebers ent-</span><br/> <span class="ft1">sprochen hätte, hätte er die Situation geregelt.</span><br/> <span class="ft1">Sinn und Zweck der bundesrechtlichen Regelung, wonach nach</span><br/> <span class="ft1">Ablauf der 10-tägigen Beschwerdefrist in gewissen Fällen (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Art. 428 Abs. 2 ZGB und Art. 429 Abs. 3 ZGB) ein Entlassungsge-</span><br/> <span class="ft1">such im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung an die Einrich-</span><br/> <span class="ft1">tung gestellt werden muss, ist, dass möglichst schnell über eine</span><br/> <span class="ft1">Entlassung entschieden werden soll, wenn die Voraussetzungen der</span><br/> <span class="ft1">fürsorgerischen Unterbringung nicht mehr gegeben sind. Mit anderen</span><br/> <span class="ft1">Worten soll keine Zeit verloren gehen (vgl. Botschaft Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutz, BBl 2006 7064). Wenn die Einrichtung im Rahmen einer für-</span><br/> <span class="ft1">sorgerischen Unterbringung nach Ablauf der 10-tägigen Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">frist über die Entlassung entscheiden kann, präsentiert sich die Sach-</span><br/> <span class="ft1">lage insofern anders als bei angeordneten Nachbetreuungen, als dass</span><br/> <span class="ft1">sich die betroffene Person noch in der Einrichtung befindet und die</span><br/> <span class="ft1">zuständigen Ärzte die Situation daher ohne weitergehende Abklärun-</span><br/> <span class="ft1">gen ausreichend beurteilen können, um einen ersten Entscheid fällen</span><br/> <span class="ft1">zu können. Vorliegend würde ein Antrag an die Einrichtung aber ge-</span><br/> <span class="ft1">genüber einem Antrag an das Familiengericht keine Zeitersparnis be-</span><br/> <span class="ft1">deuten, weshalb auch damit nicht gerechtfertigt werden kann, die Si-</span><br/> <span class="ft1">tuation zwingend analog wie bei der fürsorgerischen Unterbringung</span><br/> <span class="ft1">zu handhaben.</span><br/> <span class="ft1">6.4.6.</span><br/> <span class="ft1">Bei Einschränkungen der Bewegungsfreiheit im Rahmen einer</span><br/> <span class="ft1">fürsorgerischen Unterbringung kann das Verwaltungsgericht jederzeit</span><br/> <span class="ft1">und unabhängig von der 10-tägigen Beschwerdefrist angerufen wer-</span><br/> <span class="ft1">den (Art. 439 Abs. 2 ZGB i.V.m. § 67q Abs. 1 lit. f EG ZGB). Denk-</span><br/> <span class="ft1">bar wäre, in analoger Anwendung dieser Bestimmungen die Zustän-</span><br/> <span class="ft1">digkeit für Anträge auf Aufhebung und Abänderung von Nachbetreu-</span><br/> <span class="ft1">ungen beim Verwaltungsgericht anzusiedeln. Allerdings können die</span><br/> <span class="ft1">Konstellationen wertungsmässig nicht verglichen werden: Bei einer</span><br/> <span class="ft1">Einschränkung der Bewegungsfreiheit handelt es sich um einen der</span><br/> <span class="ft1">massivsten Eingriffe im Rahmen der fürsorgerischen Unterbringung,</span><br/> <span class="ft1">weshalb ein besonderer Rechtsmittelweg mit einer Garantie auf eine</span><br/> <span class="ft1">sehr schnelle und definitive Entscheidung gerechtfertigt ist. Der Ein-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">86</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">griff durch die Anordnung einer Nachbetreuung ist demgegenüber</span><br/> <span class="ft1">deutlich geringer. Ausserdem handelt es sich vom Wesen der Nach-</span><br/> <span class="ft1">betreuung her grundsätzlich um eine längerfristige Massnahme, wel-</span><br/> <span class="ft1">che aufgrund verschiedener Abklärungen festgelegt wurde. Eine Ein-</span><br/> <span class="ft1">schränkung der Bewegungsfreiheit hingegen ist eine Massnahme, die</span><br/> <span class="ft1">im Regelfall kurzfristig aufgrund einer akuten Belastungssituation</span><br/> <span class="ft1">getroffen wird.</span><br/> <span class="ft1">Ferner würde die Bejahung der Zuständigkeit des Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">gerichts bedeuten, dass den betroffenen Personen nur eine kantonale</span><br/> <span class="ft1">Instanz zur Verfügung steht, was in Anbetracht des Prinzips des</span><br/> <span class="ft1">doppelten Instanzenzugs, welches den Kantonen grundsätzlich nicht</span><br/> <span class="ft1">gestattet, ihre oberen Gerichte in Zivilsachen als einzige Instanz</span><br/> <span class="ft1">einzusetzen (vgl. Art. 75 Abs. 2 BGG; K</span><span class="ft3">ARL</span> <span class="ft1">S</span><span class="ft3">PÜHLER</span><span class="ft1">/A</span><span class="ft3">NNETTE</span><br/> <span class="ft1">D</span><span class="ft3">OLGE</span><span class="ft1">/D</span><span class="ft3">OMINIK</span> <span class="ft1">V</span><span class="ft3">OCK</span><span class="ft1">, Kurzkommentar zum Bundesgerichtsgesetz,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 2006, Art. 110 N 4), problematisch sein könnte.</span><br/> <span class="ft1">6.5.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist festzustellen, dass bei einer durch die</span><br/> <span class="ft1">Einrichtung rechtskräftig angeordneten Nachbetreuung die betroffene</span><br/> <span class="ft1">Person jederzeit beim zuständigen Familiengericht einen Antrag auf</span><br/> <span class="ft1">Aufhebung oder Abänderung der angeordneten Nachbetreuung stel-</span><br/> <span class="ft1">len kann. Gleiches gilt selbstredend bei einer ambulanten Massnah-</span><br/> <span class="ft1">me, welche durch das Familiengericht gemäss § 67n EG ZGB an-</span><br/> <span class="ft1">geordnet worden ist. Der entsprechende Entscheid des Familienge-</span><br/> <span class="ft1">richts kann anschliessend innerhalb der 10-tägigen Frist mittels Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde beim Verwaltungsgericht angefochten werden (Art. 450b</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 ZGB i.Vm. § 67q lit. g EG ZGB).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>