<h2>SubmittedText<h2><p>Im "Tages-Anzeiger" vom 23. Juni 1995 wird unter dem Titel "Patienten zu Tode bestrahlt" konstatiert: "An den Universitätsspitälern von Basel, Bern und Zürich verstarben in den fünfziger Jahren etliche Patienten nach Strahlentherapien. Ihnen wurden viel zu hohe Dosen verabreicht. Die Direktoren der entsprechenden Röntgeninstitute interessierten sich stark dafür, wie sich radioaktive Strahlung auf den Menschen auswirkt. Dieses Interesse war in erster Linie wissenschaftlicher Art, doch spielten wohl auch andere Motive eine Rolle. Einige der beteiligten Ärzte befürworteten eine atomare Bewaffnung der Schweiz und beteiligten sich aktiv an den politischen Auseinandersetzungen um die Atombombe."</p><p>Heute werden weltweit ebenfalls somatische Gentherapieversuche bei Menschen durchgeführt. In der "Weltwoche" vom 5. September 1996 (S. 43) wird dazu konstatiert: "Die Crème de la crème der Gentherapie war in Washington zusammengetroffen, um sich ein Bild über den Zustand ihres Handwerkes zu machen. Ihre Bilanz fiel düster aus. 125 gentechnische Eingriffe an über 500 Patienten sind seit 1990 vorgenommen worden, klar erfolgreich verlief keiner. Es hagelte Selbstkritik. Der 'wissenschaftliche Standard' sei gehörig abgerutscht, heisst es im Bericht des Gremiums, vorschnell sei man von Tierexperimenten zu klinischen Versuchen am Menschen übergegangen, um Financiers zu locken. 'Mäuse sind keine Menschen', stimmten führende Immunologen und Genetiker im Fachjournal 'Nature Genetics' ins mea culpa ein."</p><p>Auch in der Schweiz hat die Interdisziplinäre schweizerische Kommission für biologische Sicherheit in Forschung und Technik (SKBS) eine Reihe von somatischen Gentherapieexperimenten freigegeben, und diese werden offenbar trotz der bisher schlechten Resultate weitergeführt. In von der Genlobby bezahlten mehrseitigen Beiträgen in Zeitungen und Illustrierten werden der Bevölkerung vielversprechende Resultate und Heilaussichten vorgegaukelt.</p><p>Ich bitte den Bundesrat, nun folgende Fragen zu beantworten:</p><p>1. In einer Sitzung der SGK des letzten Jahres hat Frau Bundesrätin Dreifuss versprochen, dass den im "Tages-Anzeiger" erhobenen Vorwürfen nachgegangen wird und darüber Bericht erstattet werden soll. Was ist das Ergebnis dieser Recherchen? Wann allenfalls kann ein solcher Bericht erwartet werden?</p><p>2. Wie viele und welche somatischen Gentherapien wurden in der Schweiz bisher durchgeführt?</p><p>a. Welches waren die Ergebnisse:</p><p>- Besserung; Langzeitergebnisse;</p><p>- Heilung;</p><p>- Todesfälle, welche auf die somatische Gentherapie zurückzuführen sind?</p><p>b. Drängt sich nach der "düsteren Bilanz" der Washingtoner Tagung ein Überdenken der von der SKBS freigegebenen somatischen Gentherapieexperimente an Menschen in der Schweiz ganz oder teilweise auf?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1. Die im Artikel "Patienten zu Tode bestrahlt" im "Tages-Anzeiger" vom 23. Juni 1995 geschilderten Anwendungen ionisierender Strahlen an krebskranken Patienten in den fünfziger Jahren haben die Chefin des EDI veranlasst, in einem Schreiben vom 16. August 1995 an die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) zu gelangen und diese um Abklärung der erhobenen Vorwürfe zu bitten. Um genaue Auskunft auf die Frage geben zu können, sind umfassende, wissenschaftliche Abklärungen anhand von Krankheitsgeschichten und Bestrahlungsdaten in den Kliniken erforderlich. Der Bundesrat verfügt nicht über die Möglichkeit, eine solche Untersuchung verwaltungsintern durchführen zu lassen. Die Schweizerische Gesellschaft für medizinische Radiologie als interessierte Fachgesellschaft sowie die SAMW haben von einer umfassenden Abklärung bisher Abstand genommen, da der erforderliche Aufwand den erwarteten Nutzen einer solchen Untersuchung bei weitem übertroffen hätte. Allerdings hat die SAMW in diesen Tagen bei externen Experten eine Analyse zur Prüfung einer weiter gehenden Studie in Auftrag gegeben. Es ist zurzeit deshalb nicht möglich, die Aussagen aus obenerwähntem Artikel zu bestätigen oder zu dementieren.</p><p>2. Seit 1994 wurden in der Schweiz sieben verschiedene Projekte mit Gentherapien angemeldet. Eines der Projekte wurde bis heute nicht gestartet, eines ist abgeschlossen, während die anderen zurzeit laufen.</p><p>Zeitweise konnten geringe Besserungen beobachtet werden, eine Heilung wurde nicht gemeldet. Dieses Ergebnis war allerdings zu erwarten, da es sich um Studien in einer früheren Phase handelt (Verträglichkeitsprüfung) und nur schwere Krankheiten und schwerst betroffene Patienten eingeschlossen werden. Bei den Krebstherapien werden vor allem terminale Patienten behandelt, bei denen die Aussicht auf Heilung sehr gering ist. Langzeitergebnisse liegen keine vor (die erste Behandlung wurde im März 1995 gestartet). Nebenwirkungen oder gar Todesfälle, die auf die Gentherapie zurückzuführen sind, wurden keine beobachtet. Auch aus dem Ausland werden nur wenige und geringe Nebenwirkungen gemeldet.</p><p>Die erste Euphorie bezüglich der Erfolgserwartungen der Gentherapie ist in Fachkreisen etwas abgeklungen. Es muss in verschiedenen Bereichen noch viel Forschungsarbeit geleistet werden. Aus medizinischer Sicht gibt es aber zurzeit keinen Grund, die laufenden Gentherapiestudien zu stoppen.</p><p>Sollten unerwartete Ereignisse bei den Gentherapien auftreten, dann müssten diese gemeldet werden, und ein Unterbruch/Abbruch der Studie könnte angeordnet werden.</p><p>Alle Patienten, die eine experimentelle Gentherapie erhalten, wurden vorgängig vollumfänglich informiert und haben ihre Zustimmung zum Versuch erteilt (fully informed consent). Den Patienten steht es frei, jederzeit die Studie für sich abzubrechen. Heilversprechungen wurden keine gemacht.</p><p>Gentherapiestudien werden in der Schweiz von ethischen Komitees bewilligt und ihre biologische Sicherheit von der Interdisziplinären schweizerischen Kommission für biologische Sicherheit in Forschung und Technik, künftig von der Eidgenössischen Fachkommission für biologische Sicherheit, geprüft.</p>  Antwort des Bundesrates.