<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 129 S.505</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Stimm- und Wahlrecht</span> <span class="page_no">505</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>X. Stimm- und Wahlrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>129 Bezirkswahlen; sind im ersten Wahlgang weniger wählbare Kandidaten</b></span><br/> <span class="ft3"><b>vorgeschlagen, als zu wählen sind, so ist keine Nachmeldefrist von 5</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Tagen nach § 30a Abs. 1 GPR anzusetzen, sondern eine Urnenwahl</b></span><br/> <span class="ft3"><b>durchzuführen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Departementes des Innern vom 20. Oktober 2004 in Sachen</span><br/> <span class="ft4">X. gegen Bezirksamt Y.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2. b) Es ist festzuhalten, dass die Bestimmung von § 30a Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">des Gesetzes über die politischen Rechte (GPR) vom 10. März 1992</span><br/> <span class="ft6">die Frage, ob eine Nachmeldefrist von 5 Tagen auch in den Fällen</span><br/> <span class="ft6">anzusetzen ist, in denen weniger Kandidaturen angemeldet, als Sitze</span><br/> <span class="ft6">zu besetzen sind, nicht ausdrücklich regelt. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft6">stützt seine Auffassung auf den Wortlaut der Bestimmung. Danach</span><br/> <span class="ft6">soll die Formulierung ,,sind nicht mehr wählbare Kandidaten vorge-</span><br/> <span class="ft6">schlagen" auch diejenigen Fälle mit umfassen, wo weniger Kandi-</span><br/> <span class="ft6">daturen vorgeschlagen werden, als zu wählen sind. Zu dieser Be-</span><br/> <span class="ft6">deutung der Bestimmung gelangt er durch (grammatikalische) Aus-</span><br/> <span class="ft6">legung.</span><br/> <span class="ft6">Die Gesetzesauslegung hat auch im Verwaltungsrecht zum Ziel,</span><br/> <span class="ft6">den rechtsverbindlichen Sinn eines Rechtssatzes zu ermitteln. Ausle-</span><br/> <span class="ft6">gung ist notwendig, wo der Gesetzeswortlaut nicht klar ist oder wo</span><br/> <span class="ft6">Zweifel bestehen, ob ein scheinbar klarer Wortlaut den wahren Sinn</span><br/> <span class="ft6">der Norm wiedergibt. Für die Normen des Verwaltungsrechts gelten</span><br/> <span class="ft6">die üblichen Methoden der Gesetzesauslegung. Demnach bejahen</span><br/> <span class="ft6">Lehre und Rechtsprechung auch für das Verwaltungsrecht den</span><br/> <span class="ft6">Methodenpluralismus, der keiner Auslegungsmethode einen grund-</span><br/> <span class="ft6">sätzlichen Vorrang zuerkennt (Ulrich Häfelin/Georg Müller, Allge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">506</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">meines Verwaltungsrecht, 4. Auflage, Zürich 2002, FN 214 ff.). So-</span><br/> <span class="ft6">mit ist zu prüfen, ob nicht dem vom Beschwerdeführer ins Feld ge-</span><br/> <span class="ft6">führten Ergebnis der grammatikalischen Auslegung eine andere Be-</span><br/> <span class="ft6">deutung der Norm vorzuziehen ist.</span><br/> <span class="ft6">Zur Ermittlung des Inhaltes von § 30a GPR sind deshalb wei-</span><br/> <span class="ft6">tere Elemente der Gesetzesauslegung heranzuziehen, insbesondere</span><br/> <span class="ft6">das historische, das systematische sowie das teleologische Element:</span><br/> <span class="ft6">Die regierungsrätliche Botschaft zur Teilrevision über die politischen</span><br/> <span class="ft6">Rechte bringt zum Ausdruck, dass die gegenüber stillen Wahlen ge-</span><br/> <span class="ft6">hegten Bedenken und Befürchtungen (Wahl nicht bekannter Perso-</span><br/> <span class="ft6">nen in Behörden, geringere demokratische Legitimität von stillen</span><br/> <span class="ft6">Wahlen) ernst genommen werden und diese Befürchtungen durch das</span><br/> <span class="ft6">Instrument der Nachmeldung entkräftet werden sollen. Unter Be-</span><br/> <span class="ft6">rücksichtigung der Entstehungsgeschichte ist deshalb davon auszu-</span><br/> <span class="ft6">gehen, dass einerseits die Wahl ohne Urnengang bloss restriktiv, d.h.</span><br/> <span class="ft6">als Ausnahmefall, zugelassen werden und andererseits die Nachmel-</span><br/> <span class="ft6">defrist ermöglichen sollte, mit einem einzigen Vorschlag eine Wahl</span><br/> <span class="ft6">mit Urnengang zu erzwingen. Die Botschaft hält in diesem Zusam-</span><br/> <span class="ft6">menhang fest, dass der Vorteil der Nachmeldefrist darin liegt, dass</span><br/> <span class="ft6">die Stimmberechtigten effektiv die Gelegenheit erhalten, auf Kandi-</span><br/> <span class="ft6">daturen mit einer weiteren zu reagieren und so eine Urnenwahl zu</span><br/> <span class="ft6">ermöglichen (Botschaft, S. 10 f.). Würden hingegen die stillen Wah-</span><br/> <span class="ft6">len bei weniger Wahlvorschlägen als zu besetzenden Stellen zugelas-</span><br/> <span class="ft6">sen, wäre es zwar auch möglich, einen Urnengang mittels Einreichen</span><br/> <span class="ft6">von weiteren Vorschlägen innert der Nachmeldefrist zu erzwingen.</span><br/> <span class="ft6">Dies wäre aber mit weit grösseren Schwierigkeiten verbunden, als</span><br/> <span class="ft6">wenn gerade soviel Personen vorgeschlagen werden, wie Stellen zu</span><br/> <span class="ft6">besetzen sind. Ausserdem wäre es bei weniger Wahlvorschlägen als</span><br/> <span class="ft6">zu besetzenden Stellen über das Instrument der Nachmeldefrist mög-</span><br/> <span class="ft6">lich, nicht nur die bereits vorgeschlagenen Kandidaten oder Kandi-</span><br/> <span class="ft6">datinnen, sondern auch weitere, innert der Nachmeldefrist eingege-</span><br/> <span class="ft6">bene Bewerber oder Bewerberinnen in stiller Wahl zu wählen, wenn</span><br/> <span class="ft6">gesamthaft nicht mehr Bewerbungen vorlägen, als Sitze zu vergeben</span><br/> <span class="ft6">sind. Gerade dies ist aber nach den erwähnten Ausführungen in der</span><br/> <span class="ft6">Botschaft nicht Sinn und Zweck der Nachmeldefrist gemäss § 30a</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 GPR. Diese Frist soll nämlich nicht dazu dienen, eine stille</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Stimm- und Wahlrecht</span> <span class="page_no">507</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Wahl zu ermöglichen, sondern eine solche zu verhindern. Mithin</span><br/> <span class="ft6">führt die Auslegung von § 30a GPR zum Resultat, dass nur dann eine</span><br/> <span class="ft6">Wahl ohne Urnengang durchgeführt werden kann, wenn gleichviel</span><br/> <span class="ft6">wählbare Kandidaten oder Kandidatinnen vorgeschlagen werden, als</span><br/> <span class="ft6">zu wählen sind, und innert der Nachmeldefrist von 5 Tagen keine</span><br/> <span class="ft6">weiteren Wahlvorschläge eingereicht werden. Liegen hingegen we-</span><br/> <span class="ft6">niger Wahlvorschläge vor, als Stellen zu besetzen sind, ist eine Wahl</span><br/> <span class="ft6">mit Urnengang durchzuführen. An dieser kann im ersten Wahlgang</span><br/> <span class="ft6">jede wahlfähige stimmberechtigte Person gültige Stimmen erhalten</span><br/> <span class="ft6">(§ 30 Abs. 1 GPR). Anders als bei der stillen Wahl erlaubt somit eine</span><br/> <span class="ft6">Urnenwahl die Ausgleichung einer zu tiefen Zahl von Wahlvorschlä-</span><br/> <span class="ft6">gen.</span><br/></div> </div> </body> </html>