B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6093/2022 U r t e i l v o m 8. J u n i 2 0 2 3 Besetzung Richter Lorenz Noli (Vorsitz), Richter Yannick Antoniazza-Hafner, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiber Kevin Schori. Parteien A._______, geboren am (…), Beschwerdeführerin, sowie deren Kinder, B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), Irak, alle vertreten durch Stefan Frost, Rechtsschutz für Asylsuchende, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 19. Dezember 2022 / N (…). E-6093/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden suchten am 7. September 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Daten- bank (Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführenden am 24. August 2022 in Kroatien um Asyl nachgesucht hatten. B. B.a Anlässlich des sogenannten Dublin -Gesprächs vom 28. September 2022 wurde der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zu einem allfäl- ligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Kroatien oder Italien gewährt, welche gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die P rüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), mutmasslich für die Behandlung ihrer Asylgesuche zuständig seien. B._______ verzichtete aus gesundheitlichen Gründen auf ein persönliches Gespräch und gab zu verstehen, dass seine Mutter für ihn sprechen solle (vgl. vorinstanzliche Akten […]-25/1 [nachfolgend: act. 25]). B.b Die grundsätzliche Zuständigkeit dieser Mitgliedstaaten wurde von der Beschwerdeführerin nicht bestritten. Jedoch machte sie geltend, weder nach Kroatien noch nach Italien zurückkehren zu wollen. Sie hätten dort niemanden, lieber solle man sie erschiessen. In der Schweiz lebten zwei (…) sowie zwei Kinder ihres (…). Aufgrund der Erlebnisse in Kroatien und Italien hätten ihre Kinder Angst vor Polizisten. In Bezug auf Kroatien machte sie Folgendes geltend: Sie seien angehalten und in ein Zimmer gebracht worden. Der Schlepper habe ihr gesagt, sie müssten sich den Soldaten stellen, um Wasser und Behandlung für ihren Sohn zu erhalten. Das Zimmer sei sehr schmutzig gewesen. Bis um Mitternacht hätten sie nichts zu essen erhalten und das Zimmer nicht verlassen dürfen. Sie habe ihrem Sohn Essen und Medika- mente geben wollen, aber das sei ihr verwehrt worden , obwohl sie den Beamten gesagt habe, dass ihr Sohn (…) habe. Um Mitternacht seien sie in ein anderes Camp gebracht worden, wo sie etwas zu essen bekommen hätten. Es habe dort aber keine Ärzte gegeben. Sie habe auch einmal um Kopfschmerztabletten gebeten, aber keine bekommen. Im Zimmer hätten E-6093/2022 Seite 3 sie Wasser von der Toilette holen müssen. Am nächsten Morgen hätten sie Frühstück erhalten. Man habe ihnen gesagt, sie dürften das Camp erst ver- lassen, wenn sie Papiere erhalten hätten. Dort seien ihnen auch die Fin- gerabdrücke abgenommen worden und man habe Fotos gemacht. Danach habe sie etwas unterschreiben müssen, von dem sie nicht wisse, was es gewesen sei. Sie könne weder schreiben noch lesen und wisse nicht, was dort gestanden habe. Nach ein paar Tagen seien ihre Schlepper gekom- men und sie hätten den Ort verlassen. In Kroatien habe es weder Dolmet- scher noch Rechtsvertreter gegeben. Eine Person aus der Türkei, welche etwas Englisch gekonnt habe, habe für sie übersetzt. Es habe auch keine Aktivitäten für die Kinder gegeben. Sie könne nicht sagen, wann sie Kroa- tien verlassen hätten oder durch welche Länder sie gereist seien. Sie hät- ten einfach gemacht, was der Schlepper gesagt habe. Sie seien manchmal mit Taxis und Zügen unterwegs gewesen. In Kroatien würden ihre Kinder die notwendige Behandlung nicht erhalten. In Bezug auf Italien gab sie an, dass sie dort ebenfalls daktyloskopiert wor- den seien. Der Schlepper habe sie zum Bahnhof geschickt, wo sie von der Polizei angehalten worden seien. Ein anwesender Dolmetscher habe ihr gesagt, dass sie etwas unterschreiben müsse. Dies sei ungefähr eine oder zwei Wochen vor der Einreise in die Schweiz gewesen. Sie würde es nicht schaffen, dorthin zurückzukehren, lieber würde sie sterben. Die italieni- schen Polizisten hätten ihnen gegenüber Gewalt angewendet. Man habe sie an der Hand gezogen, das Telefon weggenommen und zur Seite ge- worfen sowie schlechte Wörter gegen sie au sgesprochen. Die Polizisten hätten die Hand von C._______ festgehalten und gedreht. Sie habe ge- schrien und dann habe man ihr zu verstehen gegeben, dass man sie ins Gesicht schlagen wolle. B.c Hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts gab die Beschwerdefüh- rerin an, an (…), (…) sowie an Problemen mit (…) zu leiden. Sie könne sich nicht gut bewegen und habe starke Schmerzen in den Beinen. Das Gehen bereite ihr Schwierigkeiten. Der Gesundheitsdienst habe ihr gesagt, dass ein Arzttermin vereinbart würde. Weiter sei sie sehr müde und könne nicht schlafen. Wegen einiger Hormone erfahre sie eine Gewichtszu- nahme. Betreffend die Kinder gab die Beschwerdeführerin an, ihre Tochter C._______ habe Schmerzen in beiden Nieren und auch ständig Schmer- zen an ihrem rechten Bein . D._______ habe ebenfalls Nierenschmerzen und kaum Appetit. Ihr Sohn B._______ wasche seine Hände zwanghaft E-6093/2022 Seite 4 rund um die Uhr. Wenn ihn jemand anfasse, mache er sich sofort sauber. Und wenn man nicht auf ihn achte, schlage er sich selber oder jemand anderes. Er schlage auch seinen Kopf gegen die Wand. Zudem habe er (…). C. Am 29. September 2022 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Rückübernahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. D. D.a Am 13. Oktober 2022 stimmten die kroatischen Behörden dem Ersu- chen teilweise – lediglich in Bezug auf die Beschwerdeführerin – zu und lehnten das Ersuchen in Bezug auf die Kinder ab, da deren Namen und Geburtsdaten nicht mit den registrierten Angaben in Kroatien überein- stimmten. D.b Daraufhin ersuchte das SEM im Rahmen eines sogenannten Re- monstrationsverfahrens die kroatischen Behörden erneut um Übernahme der Beschwerdeführenden. D.c Am 28. Oktober 2022 hiessen die kroatischen Behörden das Gesuch gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO gut. Darüber hinaus führten sie aus, dass die Beschwerdeführerin am 24. August 2022 ihren Willen kund- getan habe, um internationalen Schutz zu ersuchen, sie aber das Emp- fangszentrum noch vor dem Interview verlassen habe. E. Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichten die Beschwerdeführen- den drei Arztberichte vom (…) September 2022, (…) November 2022 und (…) Dezember 2022 betreffend B._______, ein Zuweisungsschreiben vom (…) November 2022 betreffend D._______ sowie zwei Arztberichte vom (…) Oktober 2022 und (…) November 2022 betreffend die Beschwerdefüh- rerin ein. F. F.a Mit Verfügung vom 19. Dezember 2022 (eröffnet am 22. Dezember 2022) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein und ver- fügte die Überstellung nach Kroatien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung ihrer Asylgesuche zuständig sei. Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug der Wegweisung nach Kroatien und stellte fest, einer E-6093/2022 Seite 5 allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. Darüber hinaus ordnete es die Aushändigung der editio ns- pflichtigen Akten an. F.b Zur Begründung führte das SEM im Wesentlichen aus, dass ein Ab- gleich der Fingerabdrücke mit der Datenbank Eurodac nachweise, dass sie am 24. August 2022 in Kroatien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin - Staaten eingereist seien und gleichentags Asylgesuche eingereicht hätten. Die kroatischen Behörden hätten ein Übernahmeersuchen des SEM ge- stützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO gutgeheissen, womit die Zuständig- keit für die Durchführung des weiteren Verfahrens bei Kroatien liege. De r geäusserte Wunsch nach einem weiteren Verbleib in der Schweiz habe keinen Einfluss auf die Zuständigkeit für das Asyl - und Wegweisungsver- fahren. Vom Umstand, dass die Beschwerdeführerin über Verwandte in der Schweiz verfüge, könne sie nichts zu ihren Gunsten ableiten, da (…), (…), (…) oder (…) nicht als Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dub- lin-III-VO gälten und keine Hinweise auf ein besonderes Abhängigkeitsver- hältnis bestünden. Sodann gebe es keine wesentlichen Gründe für die An- nahme gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien Schwachstellen auf- wiesen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be- handlung im Sinne von Art. 4 der EU -Grundrechtecharta (nachfolgend: GRC) und Art. 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) mit sich bringen würden. Kroatien habe die Richtlinien 2013/32/EU (Verfah- rensrichtlinie), 2011/95/EU (Qualifikationsrichtlinie) und 2013/33/EU (Auf- nahmerichtlinie) ohne Beanstandungen von Seiten der Europäischen Kom- mission umgesetzt. Im Weiteren könne die sogenannte Push-back Proble- matik im kroatischen Grenzgebiet nicht mit Dublin -Rückführungen in Ver- bindung gebracht werden. Es hätten bis heute keine Hinweise auf gene- relle systemische Schwachstellen im kroatischen Asyl- und Aufnahmesys- tem festgestellt werden können. Dublin -Rückkehrende hätten in Kroatien Zugang zu einem rechtsstaatlichen Asyl- und Wegweisungsverfahren, un- abhängig davon, ob die Personen zuvor in Kroatien bereits um Asyl nach- gesucht hätten oder nicht. Dublin-Rückkehrende würden regelkonform und im Einklang mit dem Völkerrecht behandelt; es drohten auch keine Ketten- abschiebung oder systematische Gewalt seitens der kroatischen Polizei- behörden. Der Zugang zu wirksamen Rechtsmitteln sei gewährleistet. Hin- sichtlich der medizinischen Beschwerden sei festzuhalten, dass Kroatien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfüge und gemäss Art. 19 Abs. 1 der Aufnahmerichtlinie verpflichtet sei, ihnen die erforderli- che medizinische Versorgung zu gewähren. Der Zugang zur medizinischen E-6093/2022 Seite 6 Versorgung sei gewährleistet. Es lägen keine Hinweise vor, wonach Kroa- tien seinen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde, ihnen eine medizinische Behandlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern würde. Ihre medizinischen Probleme seien nicht von einer derartigen Schwere und insbesondere auch unter Berücksichtigung der in Kroatien verfügbaren Behandlungs- möglichkeiten nicht derart spezifisch, dass eine Überstellung nach Kroatien einen Verstoss gegen internationale Verpflichtungen der Schweiz bedeute. Ein Indiz für das Bestehen einer besonders schwerwiegenden Erkrankung im Sinne der Rechtsprechung zu Art. 3 EMRK, die dazu noch in Kroatien nicht adäquat behandelt werden könnte und deshalb einen Selbsteintritt der Schweiz bedingen würde, ergebe sich aus den vorhandenen Akten nicht. Im Übrigen sei darauf hinzuweisen, dass Kroatien das Übereinkom- men vom 20. November 1989 über die Rechte des Kin des (Kinderrechts- konvention [KRK]; SR 0.107) ratifiziert habe. Vulnerable Dublin -Rückkeh- rende erhielten von den kroatischen Behörden besondere Unterstützung. Es gebe ein spezielles Auffangzentrum für vulnerable Personen, wobei di- verse nichtstaatliche Organ isationen Unterstützung leisteten. Sie hätten keine konkreten Hinweise für die Annahme dargetan, Kroatien würde ihnen dauerhaft die ihnen gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung seien sie gehalten, sich nötigenfalls selbständig an die kro- atischen Behörden zu wenden, um die ihnen zustehenden Ansprüche auf dem Rechtsweg einzufordern. Es bestehe daher kein Anlass zur Anwen- dung der Souveränitätsklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO respek- tive Art. 29a Abs. 3 AsylV1 G. G.a Mit Beschwerde vom 29. Dezember 2022 an das Bundesverwaltungs- gericht beantragten die Beschwerdeführenden, die Verfügung vom 19. De- zember 2022 sei aufzuheben und auf ihre Asylgesuche sei einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhal- tes und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, subeventu- aliter sei die Sache zur Einholung individueller Zusicherungen von den kro- atischen Behörden bezüglich adäquater m edizinischer Versorgung sowie Unterbringung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragten sie die unverzügliche Anweisung an die Vollzugsbehörden im Rahmen vorso rglicher Massnahmen, bis zum Entscheid über die Be- schwerde von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen , sowie die Ge- währung der aufschiebenden Wirkung und der unentgeltlichen Prozessfüh- rung inklusive Kostenvorschussverzicht. E-6093/2022 Seite 7 G.b In ihrer Rechtsmitteleingabe machen die Beschwerdeführenden im Wesentlichen Folgendes geltend: Das SEM verkenne, dass die Probleme in Kroatien nicht nur die Handhabe in den Grenzregionen, sondern das gesamte Asylverfahren beträfen. Auf- grund der massiven Verstösse gegen Art. 3 EMRK und das zwingende Völ- kerrecht fordere auch die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH), auf Über- stellungen nach Kroatien zu verzichten. Es sei von einer systematischen Gewaltanwendung auszugehen. Bei den Beschwerdeführenden handle es sich um zudem um höchst vu lnerable Personen. Beim in der angefochte- nen Verfügung erwähnten Zentrum, welches eigens für vulnerable Perso- nengruppen vorgesehen sei, handle es sich mutmasslich um das Aufnah- mezentrum Kutina. Dieses sei jedoch infolge Renovationen über mehrere Monate nicht in Betrieb gewesen und es sei unklar, ob es inzwischen wie- der geöffnet sei. Unabhängig davon seien der Verfügung keinerlei Hin- weise darauf zu entnehmen, inwiefern sichergestellt wäre, dass sie tat- sächlich in diesem Zentrum untergebracht würden. In Kroatien herrsche ein akuter Mangel an Unterbringungsplätzen für vulnerable Personen, wel- che zudem möglicherweise bereits durch Flüchtlinge aus der Ukraine be- ansprucht würden. In ähnlich gelagerten Fällen habe das Bundesverwal- tungsgericht die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung aufge- fordert. Eine ihrer Vulnerabilität gerecht werdende Unterbringung und Ver- sorgung entsprechend den Verpflichtungen der Aufnahmerichtlinie sei Stand heute nicht garantiert . Es könne angesichts ihrer Schilderungen nicht davon ausgegangen werden, dass sich die kroatischen Behörden in Sachen Unterbringung und Berücksichtigung der Vulnerabilität an die se Richtlinie halten werde. Weiter seien sie in gesundheitlicher Hinsicht auf vielseitige medizinische und psychotherapeutische U nterstützung angewiesen. Ihnen sei bereits einmal nicht geholfen worden, als sie in Kroatien nach Medikamenten ge- fragt hätten. B._______ benötige eine beständige medizinische Versor- gung und es bestehe der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungs- störung. Aufgrund erheblicher Mängel und Einschränkungen im Zugang zum Gesundheitssystem könne nicht davon ausgegangen werden, dass sie in Kroatien Zugang zu der dringend notwendigen medizinischen und insbesondere psychologischen Behandlung hätten. Bei einer Wegweisung nach Kroatien sei mit einer massiven und unwiderruflichen Verschlechte- rung des Gesundheitszustands sämtlicher Familienmitglieder – insbeson- dere von B._______ – zu rechnen, weshalb die Wegweisung gegen Art. 3 EMRK verstosse. Das Wohl der Kinder und ihre Entwicklung im Sinne von E-6093/2022 Seite 8 Art. 3 und Art. 6 Abs. 2 KRK wären bei einer Rückweisung nach Kroatien massiv gefährdet. Die pauschale Prüfung eines Selbsteintritts durch die Vorinstanz sei ange- sichts ihrer Vulnerabilität unzureichend. Damit unterschreite das SEM sein Ermessen und verletze das rechtliche Gehör, weshalb das Verfahren zur erneuten Abklärung und Beurteilung zurückzuweisen sei. Zumindest sei das SEM anzuweisen, individuelle Zusicherungen bezüglich adäquater medizinischer Behandlung und Unterbringung von den kroatischen Behör- den einzuholen. G.c Als Beweismittel lagen der Beschwerde zwei Arztberichte des E._______ vom (…) und (…) Dezember 2022 betreffend B._______ sowie zwei E-Mails von F._______ vom 27. September 2022 und 10. November 2022 hinsichtlich der Unterbringungssituation in Kroatien bei. H. Am 30. Dezember 2022 setzte das Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus. I. Mit Eingabe vom 1. Februar 2023 reichten die Beschwerdeführenden ei- nen Austrittsbericht des E._______ betreffend B._______ vom (…) Januar 2023 ein. J. Mit Eingabe vom 3. Februar 2023 reichten die Beschwerdeführenden vier weitere Arztberichte des E._______ betreffend B._______ vom (…) No- vember 2022, (…) November 2022, (…) November 2022 und (…) Dezem- ber 2022 ein. K. Mit Schreiben vom 27. Februar 2023 reichte n die Beschwerdeführenden ein Zuweisungsschreiben an die Kinder- und Jugendpsychiatrie betreffend B._______ vom (…) Februar 2023 ein. L. Mit Eingabe n vom 20. März 2023 und 17. April 2023 reichten die Be- schwerdeführenden weitere Arztberichte (vom […] resp. […] März 2023) des E._______ betreffend B._______ ein. E-6093/2022 Seite 9 M. Mit Eingabe vom 20. April 2023 reichten die Beschwerdeführenden eine gleichentags erhaltene E-Mail-Nachricht der Oberärztin vom E._______ betreffend B._______ ein. N. Mit Eingabe vom 24. April 2023 reichten die Beschwerdeführenden einen Bericht des G._______ mit dem Titel «Mutationsscreening mittels Duo - Exomsequenzierung» vom (…) Februar 2023, einen Bericht «EEG -Be- fund/Anfallsprechstunde» des E._______ vom (…) April 2023 sowie eine E-Mail-Nachricht der Ob erärztin des E._______ vom (…) April 2023 ein (alle betreffend B._______). Darüber hinaus befanden sich in den Unterla- gen auch drei Seiten Laborresultate des H._______, welche aber offen- kundig nicht die Beschwerdeführenden betreffen. O. Mit Verfügung vom 1. Mai 2023 leitete der Instruktionsrichter den Schriften- wechsel ein. P. Mit Vernehmlassung vom 8. Mai 2023 hielt die Vorinstanz an ihren Erwä- gungen vollumfänglich und mit der nachfolgenden Begründung fest: Auch im Lichte der neuen Berichte und Diagnosen sei an den Erwägungen festzuhalten, wonach Kroatien über eine ausreichende medizinische Infra- struktur verfüge und gemäss der Aufnahmerichtlinie verpflichtet sei, die notwendige medizinische Versorgung zu gewähren. Auch unter Berück- sichtigung der neuen, schwerwiegenden Diagnosen betreffend B._______ sei nicht davon auszugehen, dass es nach einer Überstellung zu einer Ver- letzung von Art. 3 EMRK und einer raschen und unumkehrbaren Ver- schlechterung des Gesundheitszustands kommen würde, welche schwe- res Leiden oder eine erhebliche Verkürzung der Lebenserwartung zur Folge hätte. Bei Kroatien handle es sich um einen europäischen Staat, bei dem keine Hinweise vorlägen, wonach eine adäquate medizinische Be- handlung verweigert würde. Q. Mit Replik vom 17. Mai 2023 hielten die Beschwerdeführenden an den ge- stellten Rechtsbegehren und deren Begrü ndung vollumfänglich fest und führten Folgendes aus: E-6093/2022 Seite 10 Die Vorinstanz habe in ihrer Vernehmlassung nicht ausgeführt, wie sie zum Schluss komme, dass für B._______ bei einer Überstellung nach Kroatien keine Gefahr bestehe und inwiefern sie die eingereichten Arztberichte be- rücksichtigt habe. Wie auch aus dem E-Mail der Oberärztin vom (…) April 2023 hervorgehe, bestehe die reelle Gefahr einer nochmaligen und drasti- schen Befundverschlechterung bis hin zum Tode, sollten die zahlreichen Abklärungen, Untersuchungen und die verschiedenen Behandlungspläne unterbrochen werden. Unter Berücksichtigung der bekannten Mängel im kroatischen Asyl- und Aufnahmesystem verstosse die Wegweisung der Fa- milie und insbesondere von B._______ gegen Art. 3 EMRK. Zumindest aber sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen zwecks vollständiger Erstellung des (medizinischen) Sachverhalts. In den entsprechenden Arzt- berichten werden weitere Untersuchungen empfohlen, auch sei die (…) gemäss E -Mail der Oberärztin nicht ausreichend eingestellt, was zu le- bensbedrohlichen Situationen führen könne. Es sei nicht abschliessend er- stellt, welche Behandlung B._______ genau benötige, auch wenn bereits klar sei, dass er besonderer, interdisziplinärer medizinscher Betreuung be- dürfe. Das SEM habe sich mit keinem Wort dazu geäussert, inwiefern diese spezialisierten Behandlungsmöglichkeiten in Kroatien vorhanden seien be- ziehungsweise der Zugang dazu gewährleistet sei. Zumindest habe das SEM bei den kroatischen Behörden zwingend entsprechende Garantien einzuholen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde- führenden sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legiti- miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). E-6093/2022 Seite 11 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eing eleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah- men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back; Art. 23–25 Dub- lin-III-VO) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). Der nach Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen An- tragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem anderen Mit- gliedstaat einen Antrag gestell t hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin- III-VO). 3.3 Der Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführenden mit der Zentraleinheit Eurodac ergab, dass sie am 24. August 2022 in Kroatien Asylgesuche eingereicht hatten und dort als asylsuchende Personen regis- triert wurden. Die kroatischen Behörden stimmten dem Wiederaufnahme- ersuchen des SEM am 28. Oktober 2022 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin- III-VO zu und wiesen gleichzeitig darauf hin, dass die Beschwerde -E-6093/2022 Seite 12 führenden das Empfangszentrum noch vor ihrem Interview verlassen hät- ten. Diese Umstände wurden von den Beschwerdeführenden nicht bestrit- ten. Die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens ist somit gegeben. 4. 4.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 GRC mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat die Prüfung der in Ka- pitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzustellen, ob ein anderer Mit- gliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III be- stimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prü- fende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III- VO). 4.2 Gemäss der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist nicht davon auszugehen, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Kroatien systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dub- lin-III-VO auf weisen (vgl. hierzu Urteile des BVGer E-1488/2020 vom 22. März 2023 E. 9.5, D-5976/2022 vom 5. Januar 2023 E. 7.2, F - 3984/2022 vom 14. November 2022 E. 3.2 sowie F-3903/2022 vom 16. September 2022 E. 4). Eine Verletzung von Art. 4 GRC wäre erreicht, wenn die Gleichgültigkeit der Behörden eines Mitglieds taats zur Folge hätte, dass eine unterstützungsbedürftige Person sich unabhängig von ih- rem Willen in einer Situation extremer Not befände, die es ihr nicht ermög- lichte, ihre elementarsten Bedürfnisse zu befriedigen, wie insbesondere sich zu ernähren, sich zu waschen und eine Unterkunft zu finden, und die ihre physische oder psychische Gesundheit beeinträchtigt oder sie in einen Zustand der Verelendung versetzt, der mit der Menschenwürde unverein- bar ist (vgl. Urteil des EuGH [Grosse Kammer] vom 19. März 2019 , Deutschland gegen A. J., C-163/17 Rn. 87 ff.). Der Umstand, dass die Le- bensverhältnisse im ersuchenden Mitgliedstaat günstiger sind als im grundsätzlich zuständigen Mitgliedstaat, lassen nicht den Schluss zu, die betreffende Person sei im Fall ihrer Über stellung tatsächlich der Gefahr E-6093/2022 Seite 13 ausgesetzt, eine gegen Art. 4 GRC verstossende Behandlung zu erleiden (vgl. a.a.O. Rn. 93 ff.). Auch in Würdigung der von den Beschwerdeführen- den gemachten Aussagen zu ihrer Behandlung in Kroatien – ohne allfällige Probleme und Schwierigkeiten bei der Anhaltung von Asylsuchenden zu verkennen (vgl. nachfolgend E. 5.2) – ist nicht davon auszugehen, sie wür- den nach einer Überstellung in dieses Land in eine Situation extremer Not im Sinne der vorstehend skizzierten Rechtsprechung geraten. Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. 5. 5.1 Die Beschwerdeführenden fordern die Anwendung der Ermessens- klausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbstein- trittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss welcher das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen » auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. 5.2 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt aufgrund der von den Be- schwerdeführenden im Dublin-Gespräch geschilderten Erlebnisse und der in ihren Eingaben gemachten Ausführungen nicht, dass der Empfang und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien problematisch sein können. Die Beschwerdeführenden vermögen indessen nicht darzu- tun, dass die sie bei einer Rückführung nach Kroatien zu erwartenden Be- dingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen könnten. Auch mit der Schilderung der von ihnen angeblich erlittenen Gewalt und der angeblichen Nichtabgabe von Medikamenten kurz nach dem Aufgriff wird nicht dargetan, die Beschwerdeführenden lie- fen ernsthaft Gefahr, bei einer Rückkehr nach Kroatien unmenschlich im Sinne von Art. 3 EMRK behandelt zu werden. Sie werden sich nach der Dublin-Überstellung in einer anderen Situation als bei ihrer ersten Einreise nach Kroatien befinden. Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass Kroatien als Rechtsstaat mit einem funktionierenden Justizsystem einzustufen ist. Folglich ist vom grundsätzlichen Schutzwillen und der Schutzfähigkeit dieses Staates auszugehen. B ei einer allfälligen vorüber- gehenden Einschränkung der ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen könnten sich die Beschwerdeführenden an die kroatischen Behörden wen- den und ihre Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnah- merichtlinie). Dies gilt auch in Bezug auf die geltend gemachte Gewalt sei- tens kroatischer Polizisten. Sie könnten zudem die vor Ort tätigen karitati- ven Organisationen kontaktieren, sollten sie deren Hilfestellung in E-6093/2022 Seite 14 Anspruch nehmen wollen. Der geltend gemachte Umstand, wonach eini- gen dieser Organisationen der Zugang zu den Aufnahmezentren in Zagreb und Kutina verweigert respektive eingeschränkt worden sei, vermag an die- ser Einschätzung zum jetzigen Zeitpunkt nichts zu ändern. Im Übrigen musste sich das SEM entgegen der im Rahmen de s Beschwerdeverfah- rens vertretenen Auffassung nicht veranlasst sehen, weitere Abklärungen zu den in Kroatien zur Verfügung stehenden Unterbringungsmöglichkeiten zu machen. Der geltend gemachte Umstand, dass das spezielle Auffang- zentrum für vulnerable Personen in Kutina derzeit renoviert werde, vermag daran nichts zu ändern, denn es obliegt den kroatischen Behörden im Rah- men der von ihnen eingegangenen Verpflichtungen, Familien mit Kindern rechtskonform unterzubringen und zu betreuen (vgl. Urteil des BVGer F - 3957/2022 vom 11. Oktober 2022 E. 6.4). Es liegen keine Hinweise vor, dass die kroatischen Behörden dieser Verpflichtung nicht nachkommen würden. Aus dem Umstand, dass in den von den Beschwerdeführenden genannten «ähnlich gelagerten Fällen» ein Schriftenw echsel vorgenom- men wurde, vermögen sie nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Zum einen erfolgt die Beurteilung des Bundesverwaltungsgerichts stets anhand des konkreten Einzelfalles, zum anderen wurde auch in diesen Verfahren den Beschwerdevorbringen betreffe nd Unterbringungsplätze für vulnerable Personen nicht gefolgt (vgl. Urteile des BVGer D -4163/2022 vom 2. Feb- ruar 2023 E. 7.4, 8.2 und 9.2; D -5422/2022 vom 23. Januar 2023 E. 7.4, 8.2 und 9.2). 5.3 Die Beschwerdeführenden berufen sich darauf, ihr Gesundheitszu- stand stehe einer Überstellung entgegen; die Überstellung nach Kroatien setze sie einer Gefahr für ihre Gesundheit aus und verletze damit Art. 3 EMRK. 5.3.1 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss ge gen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche- ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar- ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei- tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra- schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheits -E-6093/2022 Seite 15 zustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei den oder einer er- heblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 5.3.2 Bei B._______ wurde eine (…) diagnostiziert (vgl. medizinische Be- richte vom […] Februar 2023 und […] April 2023 sowie E-Mail der Oberärz- tin vom […] April 2023). Dabei handle es sich um eine seltene neurodege- nerative/fortschreitende Erkrankung, welche mit einer fortschreitenden (…), (…) und (…) einhergehe und einer besonderen, interdisziplinären me- dizinischen Betreuung bedürfe. Die (…) sei zudem derzeit nicht ausrei- chend eingestellt, was zu lebensbedrohlichen Situation en führen könne. Gegebenenfalls wäre auch eine medikamentöse Therapi e denkbar, was besonderer Expertise bedürfe (vgl. a.a.O.). Weiter bestehe ein Verdacht auf eine (…). Bisher sei noch keine kinder - und jugendpsychiatrische Ab- klärung erfolgt. Zur weiteren Behandlung sei längerfristig eine Dreifachtherapie mit (…), (…) und (…) niedrig dosiert vorgesehen. Weiter sei eine ambulante psy- chiatrische Anbindung beim I._______ mit telefonischer Übergabe am (…) Mai 2023 vorgesehen. Im E._______ sei B._______ für eine ambu- lante Physio - und Ergotherapie sowie Logopädie angemeldet. Zud em seien weitere klinische Kontrollen sowie eine Blutentnahme bei B._______ und der Kindsmutter für ein (…) vorgesehen, wonach gegebenenfalls eine probatorische (…)-Therapie besprochen werden solle (vgl. Arztbericht vom […] April 2023). 5.3.3 Die obgenannten med izinischen Beschwerden von B._______ sind erheblich und zweifellos mit besonderen Schwierigkeiten und (Behand- lungs-)Bedürfnissen verbunden. Vorliegend ergeben sich jedoch keine An- haltspunkte für die Annahme, dass die erforderliche medizinische Betreu- ung mit den notwendigen Untersuchungen und Therapien in Kroatien – ei- nem Mitgliedstaat der Europäischen Union mit einem dem Schweizer Ni- veau qualitativ vergleichbaren Gesundheitssystem – nicht verfügbar res- pektive zugänglich wäre. Auch ist davon auszugehen, dass der Zugang zum dortigen Gesundheitssystem für asylsuchende Personen gewährleis- tet ist, zumal die Mitgliedstaaten den Antragsstellenden die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbe- dingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi- schen Störungen umfasst, zugänglich machen müssen (Art. 19 Abs. 1 Auf- nahmerichtlinie). Den Antragsstellenden mit besonderen Bedürfnissen ist E-6093/2022 Seite 16 sodann die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe, einschliesslich psychologischer Betreuung, zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtli- nie; vgl. auch Urteile des BVGer D-919/2023 vom 11. Mai 2023 E. 8.4, E- 1488/2020 E. 10.2). Wie vorstehend ausgeführt (vgl. E. 4.2, 5.2; vgl. auch zutreffende Feststellungen des SEM in der angefochtenen Verfügung S. 4 und 7 sowie der Vernehmlassung S. 2 f.) ist davon auszugehen, dass Kro- atien seinen diesbezüglichen Verpflichtungen nachkommt und es sind keine Hinweise ersichtlich, dass Kroatien den Beschwerdeführenden eine adäquate medizinische sowie psychologische Behandlung verweigern werde. Bei einer unterbruchlos in Kroatien fortgeführten angemessenen Behandlung B._______ ist daher nicht davon auszugehen, dass ihm bei einer Überstellung nach Kroatien eine ernste, rasche und unwiederbringli- che Verschlechterung seines Gesundheitszustands droht, die zu intensi- vem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung und damit einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen würde. 5.3.4 Hinsichtlich der gesundheitlichen Beschwerden der Kindsmutter und sowie C._______ und D._______ ergeben sich vorliegend ebenfalls keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass ihre Gesundheit bei einer Überstel- lung nach Kroatien im Sinne der vorstehend skizzierten Rechtsprechung gefährdet würde. Die geltend gemachten und in den (ärztlichen) Berichten dokumentierten physischen Beschwerden (vgl. act. 33, 40, 43, 45) stellen keine derart gravierenden Erkrankungen dar, die in Kroatien nicht behan- delt werden könnten. Sollten sich weitere medizinische Abklärungen, me- dikamentöse oder therapeutische Behandlungen als notwendig erweisen, so steht in Kroatien wie erwähnt eine ausreichende medizinische Infra- struktur zur Verfügung. Nebst den staatlichen Einrichtungen bieten auch Nichtregierungsorganisationen Hilfestellung bei der psychologischen Be- treuung von Asylsuchenden an, womit von einem genügenden Behand- lungsangebot auszugehen ist (vgl. Urteile des BVGer E -4348/2021 vom 15. Dezember 2022 E. 7.3.2, E -4341/2022 vom 8. Dezember 2022 E. 7.3.3, F-5023/2022 vom 23. November 2022 E. 6.4.3, F-4542/2022 vom 11. November 2022 E. 7.5 je m.w.H.). 5.3.5 Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner Praxis ebenso wie das SEM davon aus, dass die schweizerischen Behörden bei den kroatischen Behörden in der Regel keine individuellen Zusicherungen bezüglich des Zugangs zu adäquater Unterbringung, Betreuung und medizinischer Ver- sorgung einzuholen haben, zumal wie vorstehend ausgeführt davon aus- zugehen ist, dass sich die kroatischen Behörden an die entsprechenden Verpflichtungen halten (vgl. E. 4.2 und 5.2) . Vorliegend bestehen keine E-6093/2022 Seite 17 Gründe, die ein Abweichen von dieser Regel aufdrängten, der entspre- chende Subeventualantrag ist abzuweise n. Die schweizerischen Behör- den, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, werden dem aktuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführenden bei der Organisation der Überstellung nach Kroatien Rechnung tragen, indem sie die dortigen Be hörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig über den Gesundheitszustand und die allenfalls notwendige me- dizinische Behandlung der Beschwerdeführenden – insbesondere von B._______ – informieren werden. Das Bundesverwaltungsgericht erachtet es angesichts der Erkrankung, un- ter der B._______ leidet, als unabdingbar, dass die kroatischen Behörden rechtzeitig und vollumfänglich über die aktuelle Diagnose, sämtliche rele- vanten Aspekte seiner Erkrankung und der medizinischen Bedürfnisse – inklusive den erforderlichen und in Kroatien fortzuführenden Therapien und Untersuchungen – informiert werden, um eine lückenlose Fortführung der Behandlung zu gewährleisten (vgl. auch deren Zustimmungsschreiben vom 28. Oktober 2022, act. 41 S. 2). Um einen Unterbruch bei der Medika- menteneinnahme zu vermeiden, ist den Beschwerdeführenden allenfalls ein entsprechender Medikamentenvorrat mitzugeben. Der gegenwärtigen Unsicherheit hinsichtlich der Einstellung der (…) (vgl. E-Mail der Oberärztin vom […] April 2023) können die Vollzugsbehörden mit der Wahl eines ge- eigneten Vollzugszeitpunkts – allenfalls in Absprache mit den behandeln- den Ärzten – Rechnung tragen. 5.4 Im Zusammenhang mit den Rügen bezüglich der Beachtung de s Kin- deswohls ist festzuhalten, dass Kroatien Signatarstaat der KRK ist und sei- nen daraus erwachsenen Verpflichtungen grundsätzlich nachkommt, wes- halb eine Überstellung nach Kroatien weder eine Verletzung von Art. 3 KRK noch Art. 3 EMRK bedeutet. Angesichts der relativ kurzen Aufent- haltsdauer in der Schweiz sind sie hier noch nicht verwurzelt, sodass ein Vollzug der Wegweisung nicht gegen das Kindeswohl spricht. Die notwen- dige medizinische Behandlung kann nach dem Ausgeführten (vgl. vorste- hend E. 5.3) auch in Kroatien erfolgen. 5.5 Soweit in der Beschwerde eine unzureichende Prüfung der humanitä- ren Gründe geltend macht wird, ist Folgendes festzuhalten: Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessens- spielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Das Gericht beschränkt seine Beur- teilung im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt E-6093/2022 Seite 18 diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umstän- den Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 5.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass weder völkerrechtliche Voll- zugshindernisse, die die Schweiz zum Selbsteintritt verpfl ichten würden, noch Rechtsfehler bei der Ermessensbetätigung vorliegen. Das SEM hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin -III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist folglich zu verneinen und eine Rückweisung der Sa- che an die Vorinstanz nicht angezeigt. Der Vollständigkeit halber ist festzu- halten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). Kroatien bleibt somit der für die Behandlung der Asylge- suche der Beschwerdeführenden zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin- III-VO. 6. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und hat die Wegweisung nach Kroatien angeordnet. 7. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachver- halt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be- schwerde ist folglich abzuweisen. 8. 8.1 Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen. Die Anträge auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung und Befreiung von der Kostenvorschusspflicht erweisen sich somit als gegenstandslos. Der am 30. Dezember 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin 8.2 Bei diesem Ausgang d es Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da jedoch aufgrund der Akten von ihrer Bedürftigkeit auszugehen ist und die E-6093/2022 Seite 19 Beschwerde nicht als aussichtslos zu bezeichnen war, ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen und es sind keine Verfahrenskosten zu erhe- ben. (Dispositiv nächste Seite) E-6093/2022 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragten Behörden werden angewiesen, die kroatischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände zu informieren. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Kevin Schori Versand: