<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 28 S.86</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">86</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>28</b></span> <span class="ft2"><b>§ 222 Abs. 1 und 219 Abs. 2 StPO.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Ist eine Freiheitsstrafe von über 18 Monaten oder eine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>freiheitsentziehende Massnahme in Teilrechtskraft erwachsen und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nur der Zivilpunkt mit Berufung angefochten worden, ist eine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Parteiverhandlung vor Obergericht nicht obligatorisch (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Haben von mehreren Zivilklägern nur einzelne Berufung erhoben,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kann nur diesbezüglich Anschlussberufung eingereicht werden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 25. Oktober</span><br/> <span class="ft3">2001 i.S. Staatsanwaltschaft und verschiedene Zivilkläger gegen T.-M. H.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. Gemäss der am 1. März 1998 in Kraft getretenen Fassung</span><br/> <span class="ft1">von § 222 Abs. 1 StPO wird eine Parteiverhandlung nur in Fällen</span><br/> <span class="ft1">durchgeführt, in denen im angefochtenen Urteil eine Freiheitsstrafe</span><br/> <span class="ft1">von über 18 Monaten oder eine freiheitsentziehende Massnahme</span><br/> <span class="ft1">ausgesprochen oder mit der Berufung oder Anschlussberufung bean-</span><br/> <span class="ft1">tragt wurde. Da die aargauische Strafprozessordnung die Teilrechts-</span><br/> <span class="ft1">kraft kennt (§ 221 StPO), hätte eine wörtliche Auslegung dieser Be-</span><br/> <span class="ft1">stimmung zur Folge, dass auch dann eine Parteiverhandlung durch-</span><br/> <span class="ft1">zuführen wäre, wenn das vorinstanzliche Urteil im Straf- bzw. Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahmepunkt in Rechtskraft erwachsen ist. Dies kann nun aber nicht</span><br/> <span class="ft1">dem Sinn dieser Bestimmung entsprechen. So ist nicht einzusehen,</span><br/> <span class="ft1">weshalb etwa im Falle eines Streites über den Zivilpunkt die Frage</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">87</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der Durchführung einer Parteiverhandlung von der im selben Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahren ausgesprochenen Strafe abhängig sein soll, die im Übrigen</span><br/> <span class="ft1">möglicherweise gar nur mit einem von mehreren verübten Delikten</span><br/> <span class="ft1">zusammen hängt. In Fällen, in welchen die verhängte Freiheitsstrafe</span><br/> <span class="ft1">bzw. die freiheitsentziehende Massnahme in Rechtskraft erwachsen</span><br/> <span class="ft1">ist, ist demnach grundsätzlich keine Parteiverhandlung durchzufüh-</span><br/> <span class="ft1">ren. Folglich entscheidet des Obergericht im vorliegenden Fall ohne</span><br/> <span class="ft1">Berufungsverhandlung.</span><br/> <span class="ft1">3. Mit seiner Anschlussberufung verlangte der Angeklagte die</span><br/> <span class="ft1">Herabsetzung der Genugtuungsforderung der Zivilklägerin S.B., ob-</span><br/> <span class="ft1">wohl diese keine Berufung erhoben hatte.</span><br/> <span class="ft1">Die aargauische Strafprozessordnung sieht in § 219 Abs. 2 le-</span><br/> <span class="ft1">diglich vor, dass mit der Berufungsantwort eine begründete An-</span><br/> <span class="ft1">schlussberufung eingereicht werden kann, spricht sich aber über</span><br/> <span class="ft1">deren Umfang nicht aus. Während ein Teil der Kantone der An-</span><br/> <span class="ft1">schlussberufung unbegrenzte Wirkung in dem Sinne zumessen, dass</span><br/> <span class="ft1">sie nicht an den Umfang der Hauptberufung gebunden ist, sehen an-</span><br/> <span class="ft1">dere eine teilweise Beschränkung der Anschlussberufung vor (R</span><span class="ft3">O</span><span class="ft1">-</span><br/> <span class="ft3">BERT</span> <span class="ft1">H</span><span class="ft3">AUSER</span><span class="ft1">/E</span><span class="ft3">RHARD</span> <span class="ft1">S</span><span class="ft3">CHWERI</span><span class="ft1">, Schweizerisches Strafprozess-</span><br/> <span class="ft1">recht, 4.A., Basel/ Frankfurt a.M. 1999, § 99 N. 15). Einzig mit</span><br/> <span class="ft1">dieser Frage befasst sich B</span><span class="ft3">RÜHLMEIER</span> <span class="ft1">in seinem Werk an den vom</span><br/> <span class="ft1">Angeklagten angegebenen Stellen (B</span><span class="ft3">EAT</span> <span class="ft1">B</span><span class="ft3">RÜHLMEIER</span><span class="ft1">, Aargauische</span><br/> <span class="ft1">Strafprozessordnung, 2.A., Aarau 1980, Ziff. 5 und 8 zu § 219</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2). Davon zu unterscheiden ist jedoch die Frage, wie es sich im</span><br/> <span class="ft1">Falle der Anfechtung des Zivilpunktes durch nur einen von mehreren</span><br/> <span class="ft1">Zivilklägern verhält.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Verfahren wurde der Angeklagte mehrerer</span><br/> <span class="ft1">Straftaten gegen verschiedene Kinder schuldig gesprochen. Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rensrechtlich betrachtet bildet nun der geltend gemachte Zivilan-</span><br/> <span class="ft1">spruch jedes dieser Kinder ein eigenes Adhäsionsverfahren, woran</span><br/> <span class="ft1">die Tatsache des gemeinsam durchgeführten Verfahrens nichts zu</span><br/> <span class="ft1">ändern vermag. Mit Berufung wurde weder der Schuldpunkt bezüg-</span><br/> <span class="ft1">lich der Verfehlungen des Angeklagten gegen S.B. noch ihr Zivilan-</span><br/> <span class="ft1">spruch angefochten, so dass diese zusammen hängenden Punkte in</span><br/> <span class="ft1">Rechtskraft erwachsen sind und mit Anschlussberufung gegen die</span><br/> <span class="ft1">Berufung anderer Zivilkläger nicht mehr angefochten werden kön-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">88</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nen. Soweit die Anschlussberufung den Zivilanspruch von S.B. be-</span><br/> <span class="ft1">trifft, ist folglich auf sie nicht einzutreten.</span><br/></div> </div> </body> </html>