Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 20. Mai 2021 (720 20 438 / 132) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Anspruch auf berufliche Massnahmen Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Kan- tonsrichterin Susanne Afheldt, Gerichtsschreiberin Margit Campell Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch Christian Haidlauf, Advo- kat, Hauptstrasse 8, Postfach 732, 4153 Reinach BL gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff Berufliche Massnahmen A.1 Der 1971 geborene A.____ absolvierte eine Ausbild ung zum Landschaftsgärtner und arbeitete zuletzt von März 2014 bis Mai 2016 in seinem angestammten Beruf bei der B.____ AG. Am 17. April 2014 erlitt A.____ einen Unfall, bei w elchem er sich eine Knorpelverletzung am rechten Knie zuzog. Die C.____ AG als zuständige Unfallversicherung erbrachte die gesetzlichen Leistungen für dieses Ereignis. Am 24. Mai 2016 meldete der Versicherte – nach erfolgter Fusion – der D.____ einen Rückfall zum Unfall vom 17. April 2 014. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A.2 Am 12. Oktober 2016 meldete sich A.____ unter Hinw eis auf die beim Unfall erlittenen Verletzungen am rechten Knie bei der Eidgenössischen In validenversicherung (IV) zum Bezug von Leistungen an. Die IV-Stelle klärte den rechtserheb lichen Sachverhalt ab und stellte fest, dass der Versicherte in der angestammten Tätigkeit als Landschaftsgärtner zu mehr als 20 % in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei, weshalb sie ihn mit beruflichen Eingliederungsmassnah- men zu unterstützen versuchte. Im Rahmen der Berufsberat ung äusserte der Versicherte den Wunsch, sich zum Arbeitsagogen umschulen zu lassen. Da die S uche nach einer entsprechen- den Praktikumsstelle erfolglos verlief, schlug die IV-Stelle dem Versicherten alternativ die Ausbil- dung zum technischen Kaufmann vor. Am 9. April 2019 m achte sie ihn jedoch auf eine Prakti- kumsstelle als Arbeitsagoge aufmerksam. Nachdem eine Rückm eldung des Versicherten dazu ausgeblieben war, wies ihn die IV-Stelle am 25. April 2019 auf seine Mitwirkungs- und Schaden- minderungspflicht hin. Mit Verfügung vom 20. Juni 20 19 lehnte sie das Leistungsbegehren auf berufliche Massnahmen – nach durchgeführtem Mahn- und Bedenkzeitverfahren – rechtskräftig ab. A.3 A.____ meldete sich am 25. Mai 2020 erneut zum Le itungsbezug an und wies daraufhin, dass er weitere Knieoperationen gehabt habe und sich deshalb nicht auf einen beruflichen Neu- start (Umschulung) habe einlassen können. Die IV-Stelle machte ihn in der Folge mit Schreiben vom 10. Juni 2020 darauf aufmerksam, dass auf ein neuerliches Gesuch nur eingetreten werden könne, wenn sich die tatsächlichen Verhältnisse seit Erl ass des ursprünglichen Entscheids in erheblicher Weise verändert hätten. Der Versicherte reichte deshalb mit Schreiben vom 22. Juli 2020 verschiedene medizinische Berichte ein. Gestützt auf diese Unterlagen untersuchte die IV- Stelle erneut den rechtserheblichen Sachverhalt und lehnte das Gesuch – nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren – mit Verfügung vom 9. Oktober 20 20 ab. Zur Begründung hielt sie im Wesentlichen fest, dass der vorgenommene Einkommensvergleich keine invaliditätsbedingte Er- werbseinbusse ergeben habe. B. Dagegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Chri stian Haidlauf, am 12. November 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialv ersicherungsrecht (Kantonsgericht), und beantragte, es sei die angefochtene Verfügung au fzuheben und es seien ihm die gesetzli- chen Leistungen auszurichten; unter o/e-Kostenfolge. Zu dem seien ihm die unentgeltliche Pro- zessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit A dvokat Christian Haidlauf als Rechts- vertreter zu gewähren. Zur Begründung wurde im Wesentlichen vorgebracht, dass der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen beruflicher Art (Umschulung ) nicht einzig vom Ergebnis eines Einkommensvergleichs abhängig gemacht werden dürfe. S chliesslich sei auch unklar, auf wel- chen medizinischen Unterlagen der Einkommensvergleich der Beschwerdegegnerin gründe. C. Das Kantonsgericht bewilligte dem Beschwerdeführer m it Verfügung vom 16. November 2020 die unentgeltliche Prozessführung und die unentge ltliche Verbeiständung mit Advokat Christian Haidlauf als Rechtsvertreter. D. In ihrer Vernehmlassung vom 4. Dezember 2020 beant ragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Gleichzeitig legte sie ihren Ausführungen eine Beurteilung von Dr. med. E.____, FMH Orthopädie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) beider Basel, vom 19. November 2020 bei. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht E. Der Fall wurde am 18. Dezember 2020 dem Gericht zu r Beurteilung überwiesen. F. Im Rahmen eines zweiten Schriftenwechsels hielt der Beschwerdeführer in seiner Replik vom 25. Februar 2021 an den in der Beschwerde gestell ten Rechtsbegehren und im Wesentli- chen auch an den bisherigen Ausführungen fest. Zudem r eichte er zwei Arztberichte seiner be- handelnden Ärzte ein. Entgegen der Auffassung der IV-Stelle hätte er ohne Gesundheitsschaden eine Einkommensentwicklung durchlaufen, die im Vergleich zu einer Hilfsarbeitertätigkeit zu einer 20%igen Erwerbseinbusse geführt hätte. Zudem erfülle er auch die Voraussetzungen für andere berufliche Massnahmen und er sei auf die fachspezifischen Kenntnisse der IV-Stelle angewiesen. Die Beschwerdegegnerin beantragte in ihrer Duplik vom 12. März 2021 unter Beilage eines wei- teren Berichts des RAD-Arztes Dr. E.____ vom 11. März 20 21 weiterhin die Abweisung der Be- schwerde. G. Nachdem der Fall am 17. März 2021 erneut dem Geric ht zur Beurteilung überwiesen worden war, reichte der Beschwerdeführer am 22. März 20 21 eine weitere Stellungnahme ein. Diese wurde der IV-Stelle am 23. März 2021 zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über di e Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungs- gericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anf echtungsobjekt des vorliegenden Verfah- rens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kan- tonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vor- liegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Be- schwerde des Versicherten vom 12. November 2020 ist demnach einzutreten. 1.2 Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur jene Rechts- verhältnisse zu beurteilen, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfügung – Stellung genommen hat. In soweit bestimmt die Verfügung den be- schwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfech- tungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfü- gung ergangen ist (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1, 125 V 413 E. 1a mit Hinweisen). Vorliegend hat die IV-Stelle in der angefochtenen Verfügung vom 9. Oktober 2020 einzig den Anspruch auf Um- schulung thematisiert und abgelehnt. Aus der Verfügung selbst, welche mit "Kein Anspruch auf berufliche Massnahmen" betitelt ist, und aus dem Abklärungsergebnis, wonach sich aufgrund des Einkommensvergleichs kein Leistungsanspruch auf beruflich e Massnahmen ergebe, ist davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin nicht nur einen Anspruch auf Umschulung, sondern auf sämtliche berufliche Massnahmen abgelehnt hat. Daraus muss auch unter Berücksichtigung Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Argumentation in der Vernehmlassung vom 4. Dezember 2020 (Ziffer 11) geschlossen wer- den, wo die IV-Stelle selbst einen Anspruch des Versicherten auf Arbeitsvermittlung thematisiert und abgelehnt hat. Strittig und zu prüfen ist demnac h, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf berufliche Massnahmen hat. 2.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG haben invalide oder von ei ner Invalidität unmittelbar bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, sowei t diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wiederher- zustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a) und die Voraussetzungen für den Anspruch der einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b). Die Einglie derungsmassnahmen umfassen gemäss Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG Massnahmen beruflicher Art wie Berufsberatung (Art. 15 IVG), erstmalige berufliche Ausbildung (Art. 16 IVG), Umschulung (Art. 17 IVG), Arbeitsvermittlung (Art. 18 Abs. 1 IVG) und Kapitalhilfe (Art. 18d IVG). 2.2 Ausgangspunkt jedes Anspruchs auf berufliche Massnah men der Invalidenversicherung ist das Vorhandensein eines (drohenden) invalidisierenden Gesundheitsschadens. Als Invalidität im Sinne von Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche- rungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG gilt die voraussicht- liche bleibende oder längere Zeit dauernde ganze ode r teilweise Erwerbsunfähigkeit als Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall. Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträch- tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutba- rer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmög- lichkeiten auf dem in Betracht kommenden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 2.3.1 Eine versicherte Person hat Anspruch auf Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraus- sichtlich erhalten oder verbessert werden kann (Art. 17 Abs. 1 IVG). Unter Umschulung ist dabei grundsätzlich die Summe der Eingliederungsmassnahmen berufsbildender Art zu verstehen, die notwendig und geeignet sind, der vor Eintritt der Inva lidität bereits erwerbstätig gewesenen ver- sicherten Person eine ihrer früheren annähernd gleichwertige Erwerbsmöglichkeit zu vermitteln. Dabei bezieht sich der Begriff der „annähernden Gleichw ertigkeit“ nicht in erster Linie auf das Ausbildungsniveau als solches, sondern auf die nach erfolgter Eingliederung zu erwartende Ver- dienstmöglichkeit. In der Regel besteht nur ein Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungs- zweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die nach den gegebenen Um- ständen bestmöglichen Vorkehren. Denn das Gesetz will di e Eingliederung lediglich so weit si- cherstellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber au ch genügend ist (vgl. BGE 130 V 488 E. 4.2; Urteil des Bundesgerichts vom 8. August 2008, 8C_163/2008, E. 2.2). 2.3.2 Voraussetzung für die Übernahme der Umschulungskoste n ist, dass der Invaliditätsgrad ein bestimmtes erhebliches Mass erreicht. Dies ist nach der Rechtsprechung grundsätzlich bei einer Erwerbseinbusse von etwa 20 % im Vergleich zum vor Eintritt des Gesundheitsschadens erzielten Erwerbseinkommen der Fall. Kann die versiche rte Person ihre angestammte Tätigkeit Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht nicht mehr ausüben, ist zuerst zu prüfen, ob sie ohne (zu sätzliche) Ausbildung eine andere zu- mutbare Tätigkeit ausüben kann. Die Erheblichkeitsschwelle von ca. 20 % – welche im Übrigen durch einen Einkommensvergleich im Sinne von Art. 16 AT SG ermittelt wird (vgl. ZAK 1984 S. 91) – bezieht sich also sowohl auf die Erwerbsmöglichkeit im angestammten als auch in einem leidensangepassten Beruf. Bei der Erheblichkeitsschwelle v on 20 % handelt es sich um einen von der Rechtsprechung entwickelten Richtwert. Hintergrund der Erheblichkeitsschwelle sind die relativ hohen Kosten einer Umschulung; so widerspricht es dem Verhältnismässigkeitsgrundsatz, wenn die Kosten einer Umschulung jene der auszugleichenden Erwerbseinbusse erheblich über- steigen. Dabei wird allerdings ausser Acht gelassen, da ss unter den Umschulungsbegriff nicht nur (teure) Berufsausbildungen fallen, sondern auch weniger kostspielige Massnahmen, wie eine kurze oder berufsbegleitende Ausbildung. Immerhin stell t die Erheblichkeitsschwelle von 20 % keine starre Grenze dar: Insbesondere bei Berufen mit tiefen Anfangslöhnen berücksichtigt die Rechtsprechung neben den aktuellen Verdienstmöglichkeiten im Rahmen einer Prognose auch weitere Faktoren, wie Lohnentwicklung und Aktivitätsdaue r. Regelmässig beachtet wird die zu erwartende zukünftige Einkommensentwicklung in der ursprünglich gelernten und einer allfälligen Hilfstätigkeit (vgl. BGE 130 V 488 E. 4.2, 124 V 108 E. 3; Urteil des Bundesgerichts vom 11. Januar 2018, 8C_808/2017, E. 3). 3. Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts ist e ine Neuanmeldung nach vorangegangener Ablehnung eines Leistungsgesuchs (um Re nte, Hilflosenentschädigung oder Eingliederungsmassnahmen) nur zu prüfen, wenn eine leistungsrelevante Änderung der tatsäch- lichen Verhältnisse glaubhaft gemacht worden ist. Diese Gerichtspraxis soll verhindern, dass sich die IV-Stellen immer wieder mit gleichlautenden und nicht näher begründeten, d.h. keine Verän- derung des Sachverhalts darlegenden Leistungsgesuchen befassen muss (Art. 87 Abs. 3 in Ver- bindung mit Abs. 2 der Verordnung über die Invaliden versicherung [IVV] vom 17. Januar 1961; vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 22. September 2020, 9C_287/2020, E. 1.3.1 mit zahlreichen Hinweisen). Tritt die Verwaltung auf ein Revisionsgesuch oder eine Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Veränderung des rechtserheblichen Sachverhalts auch tatsächlich eingetre- ten ist (SVR 2011 IV Nr. 2 E. 3.2; vgl. BGE 117 V 198 E. 4b). Stellt sie fest, dass seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung eingetreten ist, weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr einen Leistungsanspruch zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die glei- che materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (SVR 2008 IV Nr. 35 E. 2.1; vgl. BGE 117 V 198 E. 3a). Zeitliche Vergleichsbasis ist im vorliegenden Fal l die leistungsablehnende rechtskräftige Verfügung der IV-Stelle vom 20. Juni 2019 und die vo rliegend angefochtene Verfügung vom 9. Oktober 2020. 4.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und insb esondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde – die Ver- waltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterla gen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurtei- len und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang un d in Bezug auf welche Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (vgl. BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellun gnahmen eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem allgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch verrichtet werden können (U LRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditäts- schätzung, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der So- zialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmli che Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversi cherungsgericht alle relevanten Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgeg eben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch- tet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Ausschlagge- bend für den Beweiswert ist somit grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gut- achten (vgl. BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; AHI-Praxis 2001 S. 113 E. 3a). 4.3 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem G rundsatz der freien Beweiswürdi- gung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richt- linien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 ff. E. 3b und in AHI-Praxis 2001 S. 114 E. 3b, jeweils mit weiteren Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahre ns eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüs- sigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exp ertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass die se mitunter im Hinblick auf ihre auf- tragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Pati- enten aussagen (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/cc). Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauf- trag des therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und von Begutachtungsauftrag des amt- lich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits (vgl. BGE 124 I 170 E. 4; Urteil des dama- ligen Eidgenössischen Versicherungs-gerichts [EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Ab- teilungen] vom 13. Juni 2001, I 506/00, E. 2b) lässt nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgut- achten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weite rer Abklärungen zu nehmen, wenn die Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gel angen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt g eblieben sind (vgl. Urteil des Bundes- gerichts vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). 4.4 Die RAD stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funktionelle Leistungsfähigkeit der versicherten Person fest, eine zu- mutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medi- zinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2bis IVG). Die RAD können bei Bedarf selber ärztliche Untersuchungen von Versicherten du rchführen. Sie halten die Untersu- chungsergebnisse schriftlich fest (Art. 49 Abs. 2 IVV). RA D-Berichte sind versicherungsinterne Dokumente, die von Art. 44 ATSG betreffend Gutachten nicht erfasst werden; die in dieser Norm vorgesehenen Verfahrensregeln entfalten daher bei Einholung von RAD-Berichten keine Wirkung (vgl. BGE 135 V 254 E. 3.4; Urteil des Bundesgerichts vom 16. September 2014, 8C_385/2014, E. 4.2.1). 4.5 Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jenem externer me- dizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den praxisgemässen Anforde- rungen an ein ärztliches Gutachten (vgl. BGE 134 V 231 E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (vgl . BGE 137 V 210 E. 1.2.1). Allerdings ist hinsichtlich des Beweiswerts zu differenzieren: Stützt sich d er angefochtene Entscheid aus- schliesslich auf versicherungsinterne medizinische Unterlagen – zu denen die RAD-Berichte ge- hören –, sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderu ngen zu stellen. In solchen Fällen sind bereits bei geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellun- gen ergänzende Abklärungen vorzunehmen (vgl. BGE 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7; zum Ganzen auch: Urteil des Bundesgerichts vom 30. November 2015, 9C_627/2015, E. 2, mit weiteren Hinweisen). 5. Das Administrativverfahren wie auch der kantonale S ozialversicherungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben Verwaltung und Sozialversicherungsgericht von Amtes wege n für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinrei- chende Klarheit besteht (vgl. Urteil des Bundesgerichts vo m 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Unter- suchungsgrundsatz ist der Sachverhalt soweit zu ermitteln , dass über den Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 7. März 2019, 9C_57/2019, E. 3.2). 6.1 Für die Beurteilung des vorliegenden Falls sind im Wesentlichen nachfolgende Berichte zu berücksichtigen: Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2.1 In Bezug auf die rechtskräftige Verfügung vom 19 . Juni 2019 ist auf den Bericht von Dr. med. F.____, FMH Chirurgie sowie Orthopädische Chi rurgie und Traumatologie des Bewe- gungsapparats, vom 20. April 2017 hinzuweisen. Dr. F.____ nannte (1) einen Status nach diag- nostischer Arthroskopie, valgisierender medial-aufklappen der proximaler Tibiaosteotomie und Knorpelrekonstruktion mittels Novocartmembran des medialen Femurkondylus am rechten Knie vom 8. Juni 2016 und (2) eine stoffwechselaktive Raumforderung der Poplitea links, differential- diagnostisch (DD) eine Chondromatose bei Status nach Tu morresektion circa 2004. In der Zwi- schenanamnese wurde erwähnt, dass der Patient weiterhin über Beschwerden im rechten Knie- gelenk klage. Diese würden sich vor allem infrapatellar und nur geringgradig im Bereich der me- dialen Osteotomie akzentuieren. Zum aktuellen Zeitpun kt zeige sich weiterhin ein Osteotomie- spalt. Als ersten Schritt empfahl Dr. F._____ eine CT-Untersuchung, um anschliessend im Rah- men einer konsolidierten Osteotomie die Metallentfernu ng durchführen zu können. Der Be- schwerdeführer sei 100 % arbeitsunfähig als Gärtner. In einer leichten respektive einer sitzenden Tätigkeit bestünde eine volle Arbeitsfähigkeit. Der Versicherte sei grundsätzlich für eine Umschu- lung und eine Reintegration in einen neuen beruflichen Alltag qualifiziert. Ein Wiedereinstieg als Gärtner sei eher unwahrscheinlich. 6.2.2 In seiner RAD-Beurteilung diagnostizierte Dr. E .____ am 6. Juni 2017 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine eingeschränkte Belastbarkeit des rechten Knies bei posttraumatisch progredientem Knorpelverschleiss nach Arbeitsunfall am 17. April 2014. Weiter hielt er fest, dass die medizinischen Angaben plausibel seien. Eine massgebli ch eingeschränkte Kniefunktion für einseitige Kniegelenkbelastungen, wie sie in der bis anhin ausgeübten Tätigkeit nachvollziehbar vorgekommen seien, sei ausgewiesen. Er weise eine bleibende Einschränkung von mindestens 20 % in der angestammten Tätigkeit als Landschaftsgärtner auf. Dagegen könne dem Beschwer- deführer in einer entsprechend angepassten Tätigkeit (sch werpunktmässig sitzend, spontane Wechselbelastung) eine unlimitierte Arbeitsfähigkeit zugemutet werden. Er könne keine einseitig gehende oder stehende Tätigkeit ausüben und er dürfe keine Schläge oder Vibrationen auf das betroffene Gelenk erleiden. Er sei auch uneingeschränkt massnahmefähig. 6.3.1 Am 19. November 2020 nahm Dr. E.____ zu den Au sführungen in der Beschwerde vom 12. November 2020 Stellung und hielt fest, dass sich medizinisch seit der letzten RAD-Beurteilung vom 6. Juni 2017 insofern eine Verschlechterung ergebe n habe, als der Versicherte nun Prob- leme an beiden Kniegelenken habe, die jeweils operati v behandelt worden seien. An der versi- cherungsmedizinisch beurteilten Zumutbarkeit vom 6. Juni 2 017 ändere sich dadurch jedoch nichts, denn das ursprünglich eingeschränkte Belastungsp rofil für das rechte Kniegelenk schliesse bereits ein Schonprofil für das nunmehr auch symptomatische und zunehmend einge- schränkt belastbare linke Kniegelenk mit ein. Am bisherig en Zumutbarkeitsprofil im Sinne einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in einer schwerpunktmässig sitzenden Tätigkeit, ohne einseitige Knie- belastungen und ohne Schläge oder Vibrationen auf die betroffenen Gelenke könne unverändert festgehalten werden. 6.3.2 Im Rahmen des vorliegenden Beschwerdeverfahrens reichte der Beschwerdeführer zwei Arztberichte ein. Die G.____ hielt am 13. Januar 2021 betreffend einen Anspruch auf Um- schulung fest, dass diese Frage im Rahmen einer Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht (EFL) durch eine entsprechende Fachperson abgeklärt wer den müsse. Im Bericht des Spitals H.____ vom 12. Februar 2021 nannte Dr. med. I.____, FMH Orthopädische Chirurgie und Trau- matologie des Bewegungsapparats, am rechten Knie eine beginnende mediale Gonarthrose, per- sistierende Kniegelenksbeschwerden mit/bei Status nach Entfernung des Osteosynthesemateri- als (OSME) rechts am 7. August 2017, nach Arthroskopie, mit valgisierender proximaler Tibiaos- teotomie und Knorpelrekonstruktion mittels Novocartmemb ran am 8. September 2016, nach Kniearthroskopie, Débridement und Mikrofrakturierung im Mai 2014 und nach Distorsionstrauma am 17. April 2014. Am linken Knie bestünde ein Stat us nach Rezidiv-resektion einer synovialen Chondromatose am 24. September 2018 und ein Status nach Resektion im Jahr 2005. Es liege eine beginnende, aber progrediente mediale Gonarthrose nach mehrfachen operativen Interven- tionen mit Knorpelprozedur vor. Zuletzt seien im Jahr 2016 eine Umstellungsosteotomie, eine zellfreie Knorpelreparatur und eine OSME vorgenommen worden. Aufgrund der MRT vom 18. Januar 2019 seien erhebliche Knorpelschäden im medialen Femurkondylus erkennbar. Auch pa- tellofemoral bestünden erhebliche Knorpelverletzungen mit teilweiser Delamination von Knorpel- stückchen. Somit sei eine schwere körperliche Arbeit, wie der Gärtnerberuf, nicht zu empfehlen. Insbesondere das Knien, Hocken und Tragen von schweren Gegenständen sei nicht mehr dau- erhaft möglich. Daher sei eine überwiegend sitzende, noch besser eine wechselbelastende Tä- tigkeit mit regelmässigen Pausen zu empfehlen. Da bei einer erheblichen patellofemoralen Knor- peldegeneration durchaus auch längeres Sitzen Schmerzzustände verursachen könne, sei auch eine überwiegend sitzende Tätigkeit nur mit entsprechenden Pausen oder zumindest nicht zu 100 % mit 8 Stunden pro Tag möglich. 6.3.3 Dr. E.____ führte zu den vorstehenden Berichten am 11. März 2021 aus, dass eine EFL zur Beurteilung des zumutbaren ergonomischen Profils nicht unbedingt erforderlich sei, weil die objektiven Befunde eindeutig keine kniebelastenden Tät igkeiten mehr zulassen würden (keine schwere körperliche Arbeit, kein Knien oder Hocken etc.) . Andererseits könne jedoch eine schwerpunktmässig sitzende Tätigkeit uneingeschränkt zugem utet werden. Die per se unstritti- gen Knorpelschäden, schwerpunktmässig im Retropatellargelenk hinter der Kniescheibe, könn- ten zwar bei längerem Sitzen in stark gebeugter Knieha ltung zu Schmerzen führen. Dem Versi- cherten wäre es jedoch möglich und auch zumutbar, seine Knie im Sitzen zur Entlastung zeit- weise auszustrecken und zu lockern. Die Kniestellung am Sch reibtisch sei nämlich nicht zwin- gend in extremer Kniebeugestellung erforderlich, sondern lasse unter dem Schreibtisch durchaus eine gewisse Entlastungshaltung in Streckstellung zu, so dass zusammen mit intermittierendem Aufstehen auch eine schwerpunktmässig sitzende Tätigkeit d urchaus unlimitiert, nämlich in ei- nem Vollzeitpensum 8 Stunden/Tag zumutbar sei. Es seien zudem auch betriebsübliche Pausen von jeweils 15 Minuten am Vormittag und am Nachmittag sowie eine halbstündige Mittagspause vorgesehen. Konkrete objektive Befunde mit Funktionseinschränkungen der betroffenen Kniege- lenke, die auch in einer entsprechenden angepassten Tät igkeit eine massgebliche Limitierung der Arbeitsfähigkeit plausibel nahelegen oder gar beg ründen könnten, würden von Dr. I.____ nicht vorgebracht. In diesem Sinne postuliere dieser a uch keine massgebliche Reduktion des Arbeitspensums, sondern formuliere eher allgemein, dass auch längeres Sitzen zu Schmerzzu- ständen führen könne. Dies sei eine Feststellung, mit welcher aber nicht zwingend eine relevante Reduktion des Pensums einhergehen müsse. Zur Feststellung dieser Ausführungen sei anhand der aussagefähigen objektiven Befunde und unter ergonomischen Überlegungen nicht unbedingt Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine eigene Untersuchung von Nöten, wie dies in der B eschwerdeschrift moniert werde. Dr. E.____ kam aufgrund dieser Ausführungen zum Schluss, dass auch die nachgereichten medizi- nischen Berichte die bisherige, medizinisch-theoretische RAD-Beurteilung einer zeitlich und leis- tungsmässig uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit in einer Knie angepassten Tätigkeit nicht zu wi- derlegen vermögen. 7.1 Die IV-Stelle stützte ihre Verfügung vom 9. Oktobe r 2020 bei der Beurteilung des An- spruchs des Beschwerdeführers auf berufliche Massnahmen auf die Ausführungen ihres RAD- Arztes Dr. E.____ vom 6. Juni 2017 und ging davon aus, dass der Versicherte wegen seinen Kniebeschwerden in der angestammten Tätigkeit als Landschaftsgärtner zu mindestens 20 % in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei. Eine schwerpunktmässig sitzende Tätigkeit mit spontaner Wechselbelastung sei ihm aber zu 100 % zumutbar. Im Rahmen des vorliegenden Beschwerde- verfahrens bestätigte Dr. E.____ am 19. November 2020 diese Einschätzung. Dieser vorinstanz- lichen Beweiswürdigung kann nicht gefolgt werden. Wie oben ausgeführt, ist zwar nicht zu bean- standen, dass ein Versicherungsträger seinen Entscheid auf medizinische Unterlagen stützt, die versicherungsintern eingeholt wurden. In solchen Fällen sind jedoch strenge Anforderungen an die Beweiswürdigung zu stellen und zwar in dem Sinne, dass bei auch nur geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen ergän- zende Abklärungen vorzunehmen sind (vgl. E. 4.5 hiervor und die dortigen Hinweise auf die ent- sprechende bundesgerichtliche Rechtsprechung). Vorliegend ergeben sich insbesondere betref- fend die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der von der Beschwerdegegnerin als massg ebend erachteten versicherungs- internen ärztlichen Feststellungen, wie sich aus den nachstehenden Ausführungen ergibt. 7.2 Im Rahmen des vorliegenden Verfahrens hielt Dr. E. ____ in seinem Bericht vom 19. No- vember 2020 fest, dass sich medizinisch seit der letzten RAD-Beurteilung vom 6. Juni 2017 eine Verschlechterung des Gesundheitszustands ergeben habe. Der Versicherte habe zwischenzeit- lich Probleme mit beiden Kniegelenken, die jeweils operativ behandelt worden seien. Trotz dieser Feststellung hielt er an seiner ursprünglichen Zumutba rkeitsbeurteilung fest und erachtete den Beschwerdeführer in einer schwerpunktmässig sitzenden Tätigkeit als 100 % arbeitsfähig. Diese Einschätzung greift insbesondere unter Berücksichtigung des im Rahmen des vorliegenden Ver- fahrens eingereichten Berichts von Dr. I.____ vom 12. Februar 2021 zu kurz. In diesem Zusam- menhang ist zwar festzustellen, dass nach ständiger bunde sgerichtlicher Rechtsprechung das Sozialversicherungsgericht die Gesetzmässigkeit der Verwaltungsverfügungen in der Regel nach dem Sachverhalt beurteilt, der zur Zeit des Verfügung serlasses gegeben war. Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Ver- waltungsverfügung sein. Ausnahmsweise kann das Gericht aus prozessökonomischen Gründen auch die Verhältnisse nach Erlass der Verfügung in die richterliche Beurteilung miteinbeziehen und zu deren Rechtswirkungen über den Verfügungszeitpunkt hinaus verbindlich Stellung bezie- hen, mithin den das Prozessthema bildenden Streitgegenstand in zeitlicher Hinsicht ausdehnen. Eine solche Ausdehnung des richterlichen Beurteilungszeitraums ist jedoch – analog zu den Vo- raussetzungen einer sachlichen Ausdehnung des Verfahrens auf eine ausserhalb des durch die Verfügung bestimmten Rechtsverhältnisses liegende spruchreife Frage – nur zulässig, wenn der nach Erlass der Verfügung eingetretene, zu einer neuen rechtlichen Beurteilung der Streitsache Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht ab jenem Zeitpunkt führende Sachverhalt hinreichend genau abgeklärt ist, die betreffende Frage mit dem bisherigen Streitgegenstand so eng zusammenhän gt, dass von einer Tatbestandsge- samtheit gesprochen werden kann, und die Verfahrensrechte der Parteien, insbesondere deren Anspruch auf rechtliches Gehör, respektiert worden sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 15. Oktober 2015, 9C_540/2015, E. 3.1 mit Hinweisen; BGE 130 V 138 E. 2.1). Spätere Arztberichte sind in die Beurteilung miteinzubeziehen, soweit sie R ückschlüsse auf die im Zeitpunkt des Ab- schlusses des Verwaltungsverfahrens gegebene Situation erl auben (vgl. Urteil des Bundesge- richts vom 20. April 2017, 8C_71/2017, E. 8.3 mit Hinweisen). Diese Voraussetzungen sind vor- liegend erfüllt. Zunächst steht fest, dass die Ausführu ngen von Dr. I.____ am 12. Februar 2021 Rückschlüsse auf die Situation im Verfügungszeitpunkt zulass en, nahm er doch in seiner Beur- teilung auch Bezug auf den Krankheitsverlauf und den Zustand vor Erlass des ablehnenden Ent- scheids. Zudem konnten sich auch die Beschwerdegegnerin hinl änglich zum Gesundheitszu- stand und zu dessen Entwicklung bis zum Zeitpunkt der Aus führungen von Dr. I.____ äussern (vgl. Bericht von Dr. E.____ vom 11. März 2021). Der B ericht von Dr. I.____ vom 12. Februar 2021 ist daher im vorliegenden Verfahren zu berücksicht igen. Darin weist er in Bezug auf die Zumutbarkeit der Ausübung einer adaptierten Verweistätigkeit darauf hin, dass bei der bestehen- den erheblichen patellofemoralen Knorpeldegeneration auch längeres Sitzen Schmerzzustände verursachen könne. Daraus schloss er, dass auch eine überwie gend sitzende Tätigkeit nur mit entsprechenden Pausen oder zumindest nicht zu 100 % mit 8 Stunden pro Tag möglich sei. Ob- wohl auch Dr. I.____ Einschätzung vage ist, kann entge gen der Auffassung von Dr. E._____ in seinem Bericht vom 11. März 2021 dennoch nicht ohne wei teres auf eine unlimitierte Arbeitsfä- higkeit in einer adaptierten, schwerpunktmässig sitzenden Verweistätigkeit geschlossen werden. Daran ändern auch seine Hinweise auf Entlastungsmöglich keiten und Pausen nichts, denn ge- mäss Dr. I.____ ist fraglich, ob eine vollständige Arbei tsfähigkeit auch unter Einhaltung dieser Vorgaben in einer angepassten Arbeitsstelle möglich ist. Dies führt dazu, dass Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der Zumutbarkeitsbeurteilung des RAD-Arztes bestehen, wes- halb auf seine Ausführungen nicht abgestellt werden kann (vgl. oben E. 4.5). 7.3 Damit steht fest, dass die vorhandenen medizinischen U nterlagen keine abschliessende Beurteilung der Frage zulassen, ob der Beschwerdeführer die Voraussetzungen einer der vorlie- gend im Raum stehenden beruflichen Massnahmen (Umschulung/Arbeitsvermittlung) erfüllt. Dies lässt sich auch aufgrund des Berichts von Dr. I.____ vom 12. Februar 2021 nicht mit überwiegen- der Wahrscheinlichkeit abschliessend beurteilen. Die Unt ersuchungsergebnisse aus dem Ver- waltungsverfahren sind daher nicht ausreichend beweiskräf tig, weshalb darauf nicht abgestellt werden kann. 8.1 Rechtsprechungsgemäss können die Sozialversicherungsge richte nicht mehr frei ent- scheiden, ob sie eine Streitsache zur neuen Begutachtung an die Verwaltung zurückweisen. Die Beschwerdeinstanz hat vielmehr im Regelfall selbst ein Gerichtsgutachten einzuholen, wenn sie einen im Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen Sachverhalt überhaupt für gutachtlich ab- klärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativexper tise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Eine Rückweisung an die IV-Stelle bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist oder wenn Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzun g von gutachtlichen Ausführungen erfor- derlich ist (vgl. BGE 137 V 210 ff. E. 4.4.1 ff.). 8.2 Im vorliegenden Fall unterliess es die IV-Stelle, die für die rechtsgenügen Beurteilung nötigen Abklärungen zu veranlassen. Da es – wie vorstehen d ausgeführt – nicht Aufgabe des Kantonsgerichts ist, im Verwaltungsverfahren versäumte me dizinische Abklärungen nachzuho- len, steht einer Rückweisung an die Vorinstanz nichts entgegen (vgl. E. 6 hiervor). Die angefoch- tene Verfügung vom 9. Oktober 2020 ist deshalb aufzuheben und die Angelegenheit ist zur wei- teren Abklärung an die IV-Stelle zurückzuweisen. Diese hat den medizinischen Sachverhalt unter besonderer Beachtung der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Verweistätig- keit untersuchen zu lassen. Gestützt auf die Abklärungserg ebnisse wird die IV-Stelle anschlies- send neu über den Anspruch des Beschwerdeführers auf b erufliche Massnahmen zu befinden haben. 9.1 Aufgrund dieses Ergebnisses würde es sich grundsätzlich erübrigen, vorliegend auf die Berechnung der Erheblichkeitsschwelle der IV-Stelle in der angefochtenen Verfügung vom 9. Ok- tober 2020 hinzuweisen. Allerdings ist festzustellen, d ass die Berechnung der IV-Stelle fraglich ist, weshalb nachfolgend in aller Kürze darauf einzugehen ist. Dies umso mehr, als die IV-Stelle den Anspruch des Versicherten auf Umschulung in erster Linie mit der Argumentation ablehnte, dass er die Erheblichkeitsschwelle von 20 % nicht erreiche. 9.2 Wie oben in Erwägung 2.2.3 angeführt, erfolgt a uch die Berechnung der Erheblichkeits- schwelle nach Massgabe von Art. 16 ATSG (Einkommensvergle ich). Für das Invalideneinkom- men von Fr. 66'453.-- zog die IV-Stelle die Lohnstrukt urerhebungen (LSE) des Bundesamts für Statistik (BFS) bei, was nicht zu beanstanden ist. Das Valideneinkommen in Höhe von Fr. 63'700.-- stützte sie auf die Angaben der letzten A rbeitgeberin. Dieses Vorgehen ist aber in- sofern zweifelhaft, als gemäss den Ausführungen im Zwischenzeugnis vom 29. März 2016 (vgl. act. 20, Seite 23/26) das Arbeitsverhältnis des Beschwerdeführers aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt wurde. Unter diesen Umständen hätte die Be schwerdegegnerin wohl auch das Vali- deneinkommen aufgrund der LSE ermitteln müssen (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 25. August 2017, 8C_382/2017, E. 2.3.1 und vom 9. Juni 20 15, 9C_212/2015, E. 5.4). Da dieser Aspekt Einfluss auf die Höhe der Erheblichkeitsschwelle haben könnte, wird die Beschwerdegeg- nerin ihn im Rahmen ihrer weiteren Abklärungen zu berücksichtigen haben. 10. Somit ist als Ergebnis festzuhalten, dass die Beschwe rde in dem Sinne gutzuheissen ist, als die angefochtene Verfügung vom 9. Oktober 2020 au fzuheben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV- Stelle zurückzuweisen ist. 11.1 Abschliessend bleibt über die Kosten des Verfahrens zu befinden. 11.2 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahren s- und der Parteikosten ist grundsätz- lich auf den Prozessausgang abzustellen. Hebt das Kantonsgericht einen bei ihm angefochtenen Einspracheentscheid auf und weist es die Angelegenheit zum weiteren Vorgehen im Sinne der Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an den Versicherungsträger zurück, so gilt in prozessualer Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (vollständig) obsiegende und der Versicherungsträger als unterliegende Partei (vgl. BGE 1 37 V 57 E. 2.1 f., 132 V 215 E. 6.2, je mit Hinweisen; SUSANNE BOLLIGER , Allgemeiner Teil des Sozialversicherungsrechts, Basler Kom- mentar, Ghislaine Frésard-Fellay/Barbara Klett/Susanne Leuzinger [Hrsg.), Basel 2019, Rz 79 zu Art. 61 ATSG). 11.3 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemes- senem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, weshalb die Verfah- renskosten ihr aufzuerlegen sind. 11.4 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Be schwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verfahrens en tsprechend ist dem Beschwerde- führer deshalb eine angemessene Parteientschädigung zuzusp rechen. Dessen Rechtsvertreter hat in seiner Honorarnote vom 22. März 2021 einen Zeitaufwand von 10.75 Stunden sowie Aus- lagen in der Höhe von Fr. 21.20 geltend gemacht. Dieser Aufwand ist nicht zu beanstanden. Dem Beschwerdeführer ist demnach für das vorliegenden Besch werdeverfahren eine Parteientschä- digung in der Höhe von Fr. 2'917.25 (10.75 Stunden à Fr. 250.-- und Auslagen von Fr. 21.20 zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. 12.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesgeri cht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht zulässig ge- gen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbständig eröffnete Zwischenentscheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständi gkeit und über Ausstandsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öffentlich- rechtlichen Angelegenheiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und an- schliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenent- scheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch f ür einen Rückweisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvorausset- zungen) beantwortet wird (BGE 133 V 477 E. 4.2). 12.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Voraus- setzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bundesgericht. Die nachstehende Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen g utgeheissen, die an- gefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 9. Oktober 2020 aufgehoben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung sowie zum Erlass einer neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurück- gewiesen wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- w erden der Beschwer- degegnerin auferlegt. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat dem Beschwerdefü hrer eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 2'917.25 (inkl. Ausla gen und 7.7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht