Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 8. März 2012 (720 11 238/67) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Eingliederungsmassnahmen und realisierbare Erwerbsmöglichkeiten Besetzung Präsidentin Eva Meuli Ziegler, Kantonsrichter Markus Mattle, Kan- tonsrichter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiber Maurizio Greppi Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch N ikolaus Tamm, Advokat, Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel gegen IV-Stelle Basel-Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. A.____, geb. 1988, wurde am 26. August 1996 auf d em Fussgängerstreifen von der rechten Frontseite eines Lastwagens erfasst und auf die Strasse geschleudert. Dabei zog er sich namentlich schwere Kopfverletzungen zu und erlitt e in Schädel-Hirn-Traum mit Commotio cerebri (epidurales Hämatom frontal links). B. Am 10. November 2004 meldete sich A.____ bei der Eidgenössischen Invalidenversi- cherung zum Bezug von IV-Leistungen an. Mit Vorbescheid vom 26. Juli 2010 wies die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) sein Rentengesuch aufgrund eines Invaliditätsgrades von 37% ab. Darauf erhob A.____, vertreten durch Nikolaus Tamm, Ad vokat in Basel, Einwand gegen den Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Vorbescheid und beantragte, die gutachterlich vorgeschla genen beruflichen Massnahmen zu prüfen und umzusetzen. Sollte es keine angepasste Eingl iederungsmöglichkeit geben, sei ihm eine ganze IV-Rente zuzusprechen. Mit Verfügung vom 6. Juni 2011 wies die IV-Stelle das L eistungsbegehren wiederum ab. Sie habe das MEDAS Gutachten vom 26. Mai 2010 dem Region alen Ärztlichen Dienst (RAD) bei- der Basel zur Prüfung und Beurteilung vorgelegt. Diese r sei zum Schluss gekommen, dass das Gutachten die versicherungsmedizinischen Kriterien erfülle und die Beurteilung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 70% als valide bezeichnet werden könne. Nach einem Einkommensver- gleich ermittelte die IV-Stelle einen Invaliditätsgrad von 37% und verneinte deshalb einen Ren- tenanspruch. C. Gegen diese Verfügung erhob A.____, wiederum vert reten durch Nikolaus Tamm, Ad- vokat in Basel, mit Eingabe vom 4. Juli 2011 Beschwerde an das Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Er beantragte unter o/e-Kostenfolge, es sei ihm in Aufhebung der angefochtenen Verfügung, eventualiter gestützt auf ein gerichtlich anzuordnen- des Obergutachten, mindestens eine halbe IV-Rente zuzuspr echen. Subeventualiter sei die Angelegenheit im Sinne der Erwägungen an die Vorinst anz zur Vornahme weiterer Abklärun- gen, insbesondere zur Einholung eines Obergutachtens zurü ckzuweisen. Ferner beantragte er die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung. Z ur Begründung führte er an, dass die im polydisziplinären Gutachten der MEDAS Zentralschweiz vom 26. Mai 2010 festgestellte Arbeits- fähigkeit von 70% in Tätigkeiten, die den gesundheit lichen Einschränkungen angepasst werden können, implizit davon abhängig gemacht werde, dass eine Nachreifung der Persönlichkeit und den besonderen Umständen angepasste berufliche Massnahme n stattfinden können. Die Ver- fügung setze sich über die klare Empfehlung des Gutacht ens hinweg, berufliche Massnahmen durchzuführen. Die Vorinstanz habe die von den Gutacht ern vorgeschlagenen beruflichen Massnahmen sorgfältig zu prüfen und umzusetzen. Falls kein e den besonderen Bedürfnissen von A.____ angepasste Eingliederungsmöglichkeit bestehen sollte, sei ihm eventualiter mindes- tens eine halbe Rente zuzusprechen. D. Die IV-Stelle beantragte in ihrer Vernehmlassung vo m 5. Januar 2012 die Abweisung der Beschwerde. Die bisher durchgeführten Eingliederu ngsmassnahmen hätten keinen Erfolg gehabt und es liege unbestrittenerweise ein komplexes Be schwerdebild vor. Sowohl aus rein neurologischer, neuropsychologischer wie auch psychiatrischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit im Umfang von 70% gegeben. A.____ sei hochgradig arbeit sfähig, zumindest auf dem Niveau ei- ner Anlehre. Die bestehende psychische Dekonditionierun g sei höher zu bewerten als allfällige unfall- oder krankheitsbedingte Faktoren. Als Hauptur sache für die bestehenden Einschränkun- gen sei die Überprotektion der Familie zu benennen. Es sei festzustellen, dass es sich dabei um einen IV-fremden Faktor handle. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Inval idenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 in Verbindung mit Art. 8 des Bundesgeset zes über den Allgemeinen Teil des So- zialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 gilt als Invalidität die durch einen körper- lichen oder geistigen Gesundheitsschaden als Folge von Geb urtsgebrechen, Krankheit oder Unfall verursachte, voraussichtlich bleibende oder länge re Zeit dauernde Erwerbsunfähigkeit. Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person Anspr uch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 Prozent, auf eine Dreiviertelsrente, wen n sie zu mindestens 60 Prozent, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 Prozent und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 Prozent invalid ist. 2.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 und Abs. 3 lit. b IVG haben I nvalide oder von einer Invalidität un- mittelbar bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen beruflicher Art, soweit diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigke it wiederherzustellen, zu verbessern, zu erhalten oder ihre Verwertung zu fördern. Zu diesen Eingliederungsmassnahmen gehören unter anderem die Berufsberatung (Art. 15 IVG), die erstma lige berufliche Ausbildung (Art. 16 IVG), die Umschulung (Art. 17 IVG), die Arbeitsvermittlung ( Art. 18 Abs. 1 IVG) und die Kapitalhilfe (Art. 18 IVG). 2.2 Nach Art. 16 Abs. 1 IVG haben Versicherte, die noch nicht erwerbstätig waren und de- nen infolge Invalidität bei der erstmaligen beruflic hen Ausbildung in wesentlichem Umfange zu- sätzliche Kosten entstehen, Anspruch auf Ersatz dieser Koste n, sofern die Ausbildung ihren Fähigkeiten entspricht und unter der weiteren Vorausse tzung, dass das Eingliederungsziel da- durch voraussichtlich erreicht werden kann (vgl. BGE 124 V 110 E. 2a; Urteil des Eidgenössi- schen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Bu ndesgericht, sozialrechtliche Abtei- lungen] vom 13. November 1995, I 139/94, E. 2b/aa, i n: AHI-Praxis 2/1997, S. 81 f.). Unter erstmaliger beruflicher Ausbildung im Sinne von Art. 1 6 IVG ist eine gezielte und planmässige Förderung in beruflicher Hinsicht zu verstehen, mit and eren Worten der Erwerb oder die Ver- mittlung spezifisch beruflicher Kenntnisse und Fertigkei ten (Urteil des EVG vom 15. Mai 2002, I 485/01, E. 3c; Urteil des EVG vom 24. Oktober 2001, I 705/00, E. 3b/aa mit Hinweisen; vgl. auch Urteil des EVG vom 7. November 2001, I 84/01, E . 3a). Der erstmaligen beruflichen Aus- bildung gleichgestellt sind nach Art. 16 Abs. 2 lit. a IVG die Vorbereitung auf eine Hilfsarbeit oder auf eine Tätigkeit in einer geschützten Werkstätte, gemäss lit. b die berufliche Neuausbil- dung invalider Versicherter, die nach dem Eintritt der Invalidität eine ungeeignete und auf die Dauer unzumutbare Erwerbstätigkeit aufgenommen haben s owie nach lit. c die berufliche Wei- terausbildung im bisherigen oder in einem anderen Ber ufsfeld, sofern sie geeignet und ange- messen ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich verbessert werden kann (vgl. auch ULRICH MEYER -BLASER , Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG), Zü rich 1997, Art. 16, S. 119 ff.). Als erstmalige berufliche Ausbi ldung gilt laut Art. 5 Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 196 1 jede Berufslehre oder Anlehre so- wie, nach Abschluss der Volks- oder Sonderschule, der Besu ch einer Mittel-, Fach- oder Hoch- schule und die berufliche Vorbereitung auf eine Hilfsar beit oder auf die Tätigkeit in einer ge- schützten Werkstätte. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.3 Um eine strittige Frage zuverlässig beurteilen zu kön nen, ist die Verwaltung und im Be- schwerdefall das Gericht in besonderem Masse auf Unterlagen angewiesen, die vorab von Ärz- tinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind (vgl. auch MEYER -BLASER , IVG, Art. 16, S. 116). Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. A rt. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen Be- weismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Bew eisregeln, sowie umfassend und pflicht- gemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicher ungsgericht alle Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen un d danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung d es streitigen Rechtsanspruchs gestat- ten. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter suchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anam nese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in d er Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen d er Expertin oder des Experten begründet sind. Gemäss Rechtsprechung des EVG ist den im Rahmen de s Verwaltungsverfahrens einge- holten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobach- tungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die A kten Bericht erstatten und bei der Er- örterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Ex- pertise sprechen (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 3. Die IV-Stelle stützte sich beim Erlass der Verfügung vom 6. Juni 2011 auf das Gutach- ten der MEDAS Zentralschweiz (MEDAS) vom 26. Mai 2010 ab, welches zu Handen der Allianz Suisse, Versicherungsgesellschaft, als zuständige Unfallversicherung erstellt worden ist. 3.1 Aufgrund einer neuropsychologischen Untersuchung stel lten lic.phil. B.____ und lic.phil. C.____, Fachpsychologinnen für Neuropsychologi e FSP in X.____, beim Beschwerde- führer eine verminderte mentale Leistungsfähigkeit dom iniert von Aufmerksamkeits- und sprachlichen Gedächtniseinschränkungen bei Status nach Sch ädel-Hirn-Trauma vom 26. Au- gust 1996 fest. Im Vergleich zur umfassenden Voruntersu chung (Neuropsychologisches Gut- achten von Dr. phil. D.____, Inselspital Bern vom 21. Dezember 2005), zeige die aktuelle Un- tersuchung eine verbesserte Leistung. Minderleistungen hätten sich noch bei Parallelanforde- rungen sowie bei komplexen sprachlichen Gedächtnisanforde rungen gezeigt. In den übrigen Bereichen seien die Resultate durchschnittlich ausgefal len. Aus neuropsychologischer Sicht könne nicht beurteilt werden, ob und in welchem Anteil die Aufmerksamkeits- und verbal mnestischen Einschränkungen auf das erlittene Schädel-Hirn -Trauma zurückzuführen seien oder diese lediglich auf die Schmerzen, die Müdigkeit, die schwankende Motivation, die Dekon- ditionierung und die vorbestehend nicht übermässigen Re ssourcen zurückzuführen seien. Sie hielten fest, dass allfällige Integrationsmassnahmen von der Bereitschaft des Beschwerdefüh- rers abhängen würden. Aufgrund der kognitiven Ressourcen seien entsprechende Massnah- men zu empfehlen, die als erfolgversprechend beurteilt werden. Sie empfahlen eine Anlehre, weniger im sprachlastigen, eher im handwerklich orientie rten Ausbildungsfeld, idealerweise im geschützten Rahmen. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.2 Im neurologischen Fachgutachten diagnostizierte Dr. med. E.____, Neurologie FMH in X.____, chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp und reduzierte mentale und körperliche Leistungsfähigkeit bei Status nach Schädel-Hirn-Trauma vom 26. August 1996 mit Commotio cerebri und Epiduralhämatom links frontal, bei neuropsy chologisch verminderter mentaler Leis- tungsfähigkeit dominiert von Aufmerksamkeits- und verbal en mnestischen Einschränkungen und bei intermittierend unspezifischem Schwindel. Klin isch finde sich unverändert zu den Vor- untersuchungen ein normaler Befund. Eine reduzierte mentale und körperliche Leistungsfähig- keit könne zwar als Folge eines Schädel-Hirn-Traumas auft reten, relevanter seien jedoch die ausgeprägte Schonung vor allem im familiären Umfeld und eine ungenügende Förderung zu bewerten. Aufgrund der angegebenen Beschwerden könne von einer Arbeitsfähigkeit von 70% für leichte Tätigkeiten ausgegangen werden, dies mit Steigerungspotential, falls der Beschwer- deführer das Durchhaltevermögen aufbringen könne, eine regelmässige Tätigkeit aufzuneh- men. Die Frage, ob der Beschwerdeführer überhaupt fäh ig sei, eine genügende Motivation und Durchhaltevermögen aufzubringen, um eine Tätigkeit (od er Ausbildung) durchzuhalten, müsse aus psychiatrischer Sicht beurteilt werden. 3.3 Dr. med. F.____, FMH Psychiatrische Psychotherapie in X .____, stellte anlässlich des erstellten psychiatrischen Teilgutachtens als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen, abhängigen und emotional retar- dierten Anteilen, sowie ein subsyndromales organisches Psyc hosyndrom fest. Ohne Auswir- kung auf die Arbeitsfähigkeit seien die Intelligenzmi nderung und psychologische Faktoren und Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizierten Krankhe iten. Als Hauptbefund habe der Be- schwerdeführer anlässlich der klinischen Untersuchung eine affektive Verflachung mit vermin- derter affektiver Schwingungsfähigkeit sowie verminde rtem Antrieb gezeigt. Er habe über Schmerzen, welche er als Kopfschmerzen bezeichne, geklagt. Als Folge davon leide er an er- höhter Ermüd- und Erschöpfbarkeit, sowie an einer einge schränkten Konzentrationsfähigkeit, was anhand der Physiologie beobachtbar gewesen sei. Dr. F.____ diskutierte ausführlich ver- schiedene Differentialdiagnosen. Das Beschwerdebild und die erhobenen Befunde könnten mit der Diagnose einer komplexen Persönlichkeitsstörung beschr ieben werden, welche sich ge- mäss fremdanamnestischen Angaben chronifiziert habe. Der Beschwerdeführer habe wenig Druck aus eigener Kraft etwas zu ändern. Intensität und Ausprägungsbild der kombinierten Per- sönlichkeitsstörung würden die Kriterien einer schweren psychischen Komorbidität nicht erfül- len. Der Gutachter überprüfte deshalb anhand der Foer sterschen Kriterien, ob dem Beschwer- deführer die Willensanstrengung zur Überwindung der Sch merzen zugemutet werden könne und bejahte dies schliesslich. Das Zusammenspiel der psych ischen Dekonditionierung und kombinierten Persönlichkeitsstörung habe eine beruflich e Eingliederung bisher verhindert. Aus psychiatrischer Sicht müsse von einem andauernden Gesundhei tsschaden ausgegangen wer- den, welcher sich in reduzierter psychischer Belastbarkeit äussere und die Arbeitsfähigkeit in einer seiner Intelligenz angepassten Tätigkeit auf 70% reduziere. Betreffend die bisher geschei- terten Integrationsmassnahmen sei die psychische Dekonditio nierung höher zu werten als un- fall- oder krankheitsbedingte Faktoren. Aus psychiatrischer Sicht seien dem Beschwerdeführer erneute Arbeitsversuche zumutbar. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.4 In der Gesamtbeurteilung wurden die gestellten Di agnosen und Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit bestätigt. Die Gutachter beurteilten den Beschwerdeführer aus polydisziplinärer Sicht in einer seiner Fähigkeiten entsprechenden Tätig keit im Umfang von 70% arbeitsfähig bei ganztägiger Präsenz. Grundsätzlich seien ihm jegliche Täti gkeiten möglich, infolge körperlicher und psychischer Dekonditionierung, welche Hauptursache de r Einschränkungen sei, soll es idealerweise eine leicht bis mittelschwere, wechselbela stende Tätigkeit sein. Die Gutachter wiesen darauf hin, dass der Beschwerdeführer wie auch se ine Familie bei einem erneuten Ein- gliederungsversuch unterstützt werden müssten. Der Beschwer deführer bedürfe einer Nachrei- fung, Stützung, aber auch beharrlicher Führung und Er munterung. Er sei jedoch in der Lage, eine Ausbildung auf dem Niveau einer Anlehre zu abso lvieren und seinen Lebensunterhalt sel- ber zu verdienen, falls eine Nachreifung erzielt werde und eine Ablösung aus dem Elternhaus gelinge. 4. Das Gutachten der MEDAS Zentralschweiz (MEDAS) vom 26 . Mai 2010 empfiehlt Ein- gliederungsmassnahmen, welche die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung vom 6. Juni 2011 in Aussicht stellte zu prüfen. Sie vert ritt jedoch den Standpunkt, der Be- schwerdeführer könne unabhängig davon ohne weiteres ein rentenausschliessendes Er- werbseinkommen erzielen. Die Parteien sind sich also dari n einig, dass eine berufliche Abklä- rung durchgeführt und gegebenenfalls entsprechende Eing liederungsmassnahmen eingeleitet werden müssen. Zu prüfen bleibt, welche Folgen für den Rentenanspruch sich daraus ergeben. 4.1 Nach dem Konzept des Art. 16 ATSG müssen dem Invalid eneinkommen - losgelöst von der aktuellen konjunkturellen Verfassung des Arbeitsmarktes - effektiv realisierbare Erwerbs- möglichkeiten aus sogenannten Verweisungstätigkeiten zu grunde liegen. Diese Voraussetzung ist unter Umständen nicht erfüllt, wenn aus den Akten ei nwandfrei hervorgeht, dass die renten- ausschliessende (oder -reduzierende) Verwertung eines b estimmten Leistungspotentials ohne vorgängige Durchführung befähigender Massnahmen allein vermittels Eigenanstrengung der versicherten Person nicht möglich ist (Urteil 9C_720/2007 vom 28. April 2008 E. 4.1 mit Hinwei- sen und E. 4.2). Der Schluss, ein auf der medizinisch-the oretischen Arbeitsfähigkeit (hier von 70 Prozent in einer angepassten Tätigkeit) beruhendes I nvalideneinkommen dürfe (noch) nicht angerechnet werden, fällt zunächst dann in Betracht, wenn das grundsätzlich attestierte Leis- tungsvermögen in der ärztlichen Beurteilung selber unte r den Vorbehalt einer Durchführung befähigender Massnahmen gestellt wird (Urteil I 2/06 vo m 23. Mai 2006 E. 2.2). Ein medizini- sches Anforderungsprofil trägt sodann naturgemäss nur de n funktionellen Beeinträchtigungen Rechnung; die weiterführende Frage nach der berufsprak tischen Umsetzbarkeit wird hierdurch nicht berührt. Daher können im Einzelfall auch Erford ernisse des Arbeitsmarktes einer Anrech- nung entgegenstehen. Unmittelbare Anrechenbarkeit ist jedoch immer dann gegeben, wenn lediglich eine Hilfestellung in Form von Arbeitsvermittlung (Art. 18 IVG) nötig erscheint. 4.2 Die Annahme der Beschwerdegegnerin, dass der Besch werdeführer unabhängig von Eingliederungsmassnahmen ein rentenausschliessendes Einkom men erzielen könne, stützt sich auf die Stellungnahme des Ärztlichen Dienstes vom 11. Oktober 2010. Sie ist aber nach der Aktenlage nicht gesichert und lässt die besonderen U mstände und psychischen Auswirkun- gen der langjährigen Gesundheits- und Entwicklungsstör ungen des Beschwerdeführers, die Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht sich in einem komplexen Beschwerdebild äussern, zu Unrecht a usser Betracht. Diese hatten zur Folge, dass der Beschwerdeführer keine berufliche Ausbi ldung absolvierte und zahlreiche Arbeitsversuche abbrach. Zunächst ist der Behauptung de r Beschwerdegegnerin zu widerspre- chen, dass die bestehende psychische Dekonditionierung höhe r zu bewerten sei als allfällige unfall- oder krankheitsbedingte Faktoren und es sich des halb bei den bestehenden Einschrän- kungen um einen IV-fremden Faktor handle. Dr. F.____ führt aus, dass der Beschwerdeführer zwar die diagnostischen Kriterien für eine organische Per sönlichkeitsstörung nicht vollständig erfülle, sich aber deutlich Anzeichen fänden, dass ein Teil der Persönlichkeitsänderung auf or- ganische Ursachen zurückgeführt werden müssten (S. 17 sein es Berichtes). Es fänden sich Symptome wie erhöhte Ermüd- und Erschöpfbarkeit, Störu ng der Konzentrationsfähigkeit und des geistigen Leistungsvermögens und des Gedächtnisses, die p athognomonisch seien für ein organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma. Diagnostisch erfülle der Beschwerdefüh- rer die Kriterien eines subsyndromalen organischen Psychosyn droms nach Schädelhirntrauma. Ebenso bestätigt der Gutachter, dass sich beim Beschwerd eführer, der nach dem Unfall nicht einer eingehenden, neuropsychologischen Untersuchung zugeführt worden sei, durch rechtzei- tiges Erkennen von Defiziten und durch Einleitung geeig neter Rehabilitationsmassnahmen wahrscheinlich ein anderer Verlauf eingestellt hätte (S. 17). 4.3. Dr. F._____ gelangt zwar zum Schluss, dass die unfa ll- und krankheitsbedingte Ar- beitseinschränkung des Beschwerdeführers 30% betrage (S. 24) und ihm demnach eine Rest- arbeitsfähigkeit von 70% zumutbar sei (S. 26), vertr itt aber die Meinung, dass zur Realisierung dieser Restarbeitsfähigkeit zunächst in einem stationären Rahmen, z.B. in einer dazu geeigne- ten Psychiatrischen Klinik, ein mehrwöchiges Arbeitstrain ing unter Einbezug der Familie in das Behandlungssetting durchgeführt werden müsse (S. 27). Der Beschwerdeführer sei in seiner Persönlichkeitsentwicklung in einem vorpubertären Stadium stehen geblieben (S. 36). Alle bis- herigen beruflichen Eingliederungsmassnahmen seien dara n gescheitert, dass sie der Be- schwerdeführer nach einigen Tagen mit sehr undurchsichti gen Vorgaben abgebrochen habe (Kopfschmerzen, Grippe usw.). Dies basiere auf seiner in fantil-regredierten Persönlichkeits- struktur, die einem 12-jährigen entspreche und unbedingt eine Nachreifung erfordere. 4.4 In der Gesamtbeurteilung gelangt das Gutachten zu m Schluss, dass beim Beschwer- deführer eine Nachreifung und Ablösung vom Elternhaus gefördert und er auftrainiert werden müsse. Das geschehe am idealsten im stationären Rahmen, mit Distanz zum Elternhaus, was am ehesten in einer BEFAS mit interner Aufenthaltsmö glichkeit, z.B. im Appisberg oder im "Brüggli" Romanshorn geschehe (S. 34). An anderer Ste lle (S. 35 unten) wird vorgeschlagen, dass eine Eingliederung über eine Institution mit stationärer Aufenthaltsmöglichkeit durchgeführt wird, z.B. eine BEFAS wie die VEBO Oensingen. Aufgrun d dieser gutachterlichen Ausführun- gen kann nur die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Zumutbarkeitsbeurteilung von der Durchführung beruflicher Massnahmen abhängig gemach t wird. Das nach Ansicht aller be- teiligten Ärzte prinzipiell gegebene Potential für eine erwerblich verwertbare Leistung kann beim Beschwerdeführer offenkundig nur mit Hilfe beruflich er Massnahmen (Art. 15 ff. IVG) ausge- schöpft werden (vgl. Urteil I 2/06 vom 23. Mai 2006, E. 2.2). Jedenfalls ist die erwerbliche Ver- wertbarkeit des Leistungsvermögens von 70 Prozent auf d em für den Beschwerdeführer in Be- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht tracht fallenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht ausgewiesen. Die Akten erlauben aber nicht die Beurteilung der in Betracht fallenden Massnahmen. Die Sache ist daher an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit sie zur erwerblichen Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit, die Kooperation des Beschwerdeführers vorausgesetzt (Art. 21 Abs. 4 ATSG), die erforderlichen Vorkehren tref- fe. Anschliessend hat die Beschwerdegegnerin über die Rentenfrage neu zu verfügen. 5. Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person An- spruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verfa hrens entsprechend ist dem Be- schwerdeführer deshalb eine Parteientschädigung zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzu- sprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird d ie Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 6. Juni 2011 aufgehoben und die Angele- genheit im Sinne der Erwägungen zur Anordnung weiter er beruflicher Eingliederungsmassnahmen an die Beschwerdegegnerin zur ückge- wiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird dem Be schwerde- führer zurückerstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 4'083.85 (inkl. Auslagen und 8% MwSt.) zu bezahlen.