B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3555/2017 U r t e i l v o m 1 6 . S e p t e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr. Parteien A._______, geboren am (…), die Ehefrau B._______, geboren am (…), und die Kinder C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch dipl.-jur. Tilla Jacomet, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des SEM vom 23. Mai 2017 / N (…). D-3555/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden suchten am 11. November 2013 in der Schweiz um Asyl nach. Sie machten im Wesentlichen geltend, sie seien türkische Staatsangehö- rige kurdischer Et hnie und alevitischen Glauben s und stammten aus der Provinz E._______. Seit (…) hätten sie in F._______ gelebt und dort ein (…) geführt. Der Beschwerdeführer sei 1992 un d 1996 wegen der kurdi- schen Zugehörigkeit von der Polizei geschlagen und (…) wegen des Vor- wurfs, dass Angehörige der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê) bei d er Hochzeitsfeier anwesend gewesen seien, kurzzeitig verhaftet worden. 1994 sei das Haus der Beschwerdeführerin in ih rem Heimatdorf zerstört worden. Der Beschwerdefüh rer sei Mitglied der kurdischen Partei BDP (Barış ve Demokrasi Partisi ), ohne eine spezielle Funktion zu haben. Im Sommer 2013 habe er in F._______ an den (…)-Protesten teilgenommen und sei deshalb von der Polizei festgenommen und unter Drohungen und Schlägen befragt worden. Ferner habe man ihm ein Angebot gemacht, als Agent für die Behörden tätig zu sein. Wegen der Teilnahme an den Protes- ten sei er zwischen Juni und August 2013 mehrere Male von Polizisten in seinem (…) aufgesucht worden. Am Tag nach dem letzten Besuch vom 14. August 2013 sei an dem Geschäft ein "X" angebracht worden. Auch eine Aussenwand ihrer Wohnung sei mit der Aufschrift "Tod den Aleviten" versehen worden. Er vermute, dass die Polizei die Urheberin sei. Als er die Polizei nach Entdeckung der Wandaufschriften gerufen habe, sei er von dieser bedroht worden. Sie hätten die Türkei deshalb a m 7 . November 2013 verlassen und seien am 11. November 2013 in die Schweiz gelangt. B. Mit Verfügung vom 4. April 2014 stellte das vormalige Bundesamt für Mig- ration (BFM; heute: SEM) fest, dass die Beschwerdeführenden die Flücht- lingseigenschaft nicht erfüllten. Es lehnte die Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung führte es aus, der Beschwerdeführer habe bezüglich der geltend gemachten Verhaftungen keine Beweismittel eingereicht, obwohl die Ausstellung solcher Dokumente in der Türkei amtsnotorisch sei. Auch wenn es sich bei der BDP um eine legale Partei handle , sei zwar nicht auszuschliessen, dass er wegen der Mitgliedschaft und der Teilnahme an den (…)-Protesten von der Polizei festgenommen, eingeschüchtert und ge-D-3555/2017 Seite 3 schlagen worden sei. Angesichts dessen, dass er keine expo nierte Stel- lung in der BDP innegehabt und sich bei den (…)-Protesten nicht auf be- sondere Weise engagiert habe, sei aber ein weiteres Verfolgungsinteresse des türkischen Staats und damit eine begründete Furcht vor künftiger Ver- folgung zu verneinen. Die Ausführungen zu den Wandaufschriften und der Bedrohung des Beschwerdeführers durch die Polizei nach entsprechender Meldung seien in Zweifel zu ziehen. Das Verhalten des Beschwerdefüh- rers, die Polizei zu benachrichtigen, obwohl er diese als Urheberin der Wandaufschriften vermutet und als Bedrohung wahrgenommen habe, sei nicht nachvollziehbar. Die Beweismittel seien zum Nachweis dieses Vor- bringens nicht geeignet. Die Schikanierungen als Kurden seien mangels Intensität und die Vorfälle in den 1990er-Jahren und im Jahr (…) mangels sachlichem und zeitlichem Zusammenhang zur Ausreise im Jahr 2013 als nicht asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG (SR 142.31) zu erachten. Der Wegweisungsvollzug sei zulässig, zumutbar und möglich. C. Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 7. Mai 2014 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie machten geltend, der Beschwerdeführer habe kei ne Haftbestätigung erhalten. Die allgemeine Situation der alevitischen Kurden habe sich nicht verbessert und auch einfache Mitglieder der BDP würden verhaftet. Auf- grund der Parteimitgliedschaft und Teilnahme an den (…)-Protesten sei der Beschwerdeführer ins Visier sowohl der Polizei als auch von Rechtsradi- kalen geraten. Die Furcht vor künftiger Verfolgung sei begründet. D. Mit Urteil D-2456/2014 vom 12. November 2014 wies das Bundesverwal- tungsgericht die Beschwerde ab. Das Gericht führte an, die Vorinstanz habe die Vorbringen zu den Wand- aufschriften und der Bedrohung des Beschwerdeführers durch die Polizei nach Meldung des Vorfalls in nachvollziehbarer Weise in Zweifel gezogen. Die erstmals auf Beschwerdeebene geltend gemachte Behelligung durch Rechtsradikale sei nicht substanziiert worden. Auch wenn der Beschwer- deführer wegen der Teilnahme an den (…)-Protesten von der Polizei fest- genommen worden sein sollte, sei im heutigen Zeitpunkt ein Verfolgungs- interesse des türkischen Staats und damit eine begründete Furcht vor künf- tiger Verfolgung zu verneinen, nach dem der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge keine exponierte Stellung in der BDP innegehabt und sich D-3555/2017 Seite 4 bei den Demonstrationen nicht auf besondere Weise engagiert habe. Die ethnische und religiöse Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden vermöge für sich allein keine asylrelevante Verfolgungsfurcht zu begründen. Die Vor- fälle in den 1990er-Jahren und im Jahr (…) seien mangels hinreichendem Zusammenhang zur Ausreise im Jahr 2013 nicht asylrelevant. Der Weg- weisungsvollzug sei als zulässig, zumutbar und möglich zu erachten. E. Mit als "Wiedererwägungsgesuch" bezeichneter Eingabe vom 12. Januar 2015 ersuchten die Beschwerdeführenden durch ihren damaligen Rechts- vertreter beim SEM um Aufhebung der Verfügung vom 4. April 2014 und um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie Gewährung des Asyls, eventualiter um Feststellung der Unzumutb arkeit des Wegweisungsvoll- zugs und Gewährung der vorläufigen Aufnahme. Sie wiederholten die Vorbringen aus dem Asylverfahren und machten im Wesentlichen geltend, nach dem Beschwerdeführer werde wegen seiner politischen Aktivitäten, insbesondere der Teilnahme an den (…)-Protesten, gesucht. Ein Rechtsanwalt in der Türkei habe diesbezügliche Abklärungen getätigt. Seit ihrer Ausreise habe sich die Polizei mindestens zwei Mal bei ihren Nachbarn nach ihnen erkundigt. Zudem wären sie als Angehörige der kurdisch-alevitischen Minderheit Diskriminierungen ausgesetzt. Zumindest sei d er Wegweisungsvollzug aufgrund des schlechten Gesundheitszu- stands des Beschwerdeführers als unzumutbar zu erachten. Sie reichten im Verlauf des Wiedererwägungsverfahrens folgende Doku- mente ein: Festnahmebefehl vom (…) 2013, Anklageschrift aus dem Jahr 2013 und Ermittlungsprotokoll vom (…) 2013 (mit Übersetzung), Arztbe- richt vom 29. Januar 2015 (Verdacht auf Posttraumatische Belastungsstö- rung [PTBS] beim Beschwerdeführer), Verfügung vom (…) (fürsorgerische Unterbringung des Beschwerdeführers), Zeitungsartikel vom (…) (…), Arzt- schreiben vom 14. Februar 2017 (psychiatrische Therapie des Beschwer- deführers), Arztbericht vom 6. April 2016 (recte: 2017). F. Mit Verfügung vom 23. Mai 2017 – eröffnet am 24. Mai 2017 – wies das SEM das Wiedererwägungsgesuch ab. Es erklärte die Verfügung vom 4. April 2014 als rechtskräftig und vollstreckbar, erhob eine Gebühr v on Fr. 600.– und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschie- bende Wirkung zukomme. D-3555/2017 Seite 5 Es führte aus, die Eingabe vom 12. Januar 2015 sei als einfaches Wieder- erwägungsgesuch bezüglich der Frage der Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs entgegengenommen worden. Die Beweismittel, die potenzi- ell geeignet seien, Vorbringen in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft zu untermauern (Festnahmebefehl, Anklageschrift und Ermittlungsprotokoll ), seien im Jahr 2013 und da mit vor Erlass des Beschwerdeurteils vom 12. November 2014 entstanden. Sie würden daher in die Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts fallen, weshalb sie grundsätzlich zur Behand- lung als allfälliges Revisionsgesuch an das Gericht zu überweisen wären. Eine vorfrageweise Prüfung der besagten Beweismittel habe jedoch erge- ben, dass es sich bei diesen Dokumenten um Totalfälschungen handle. Den Beschwerdeführenden sei dazu das rechtliche Gehör gewährt wor- den. Soweit die Beschwerdeführenden geltend machen würden, der Weg- weisungsvollzug würde sich nunmehr als unzumutbar erweisen, handle es sich bei ihrer Eingabe vom 12. Januar 2015 um ein einfaches Wiedererwä- gungsgesuch im Sinne von Art. 111b Abs. 1 AsylG. Die diesbezüglichen Beweismittel (Arztberichte vom 29. Januar 2015, 14. Februar 2017 und 6. April 2017, fürsorgerische Unterbringung des Beschwerdeführers vom […] und Zeitungsartikel vom […]) würden sich auf den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers beziehen. Demzufolge sei bei ihm eine komplexe PTBS und eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert worden, für deren Behandlung laut aktuellstem Arztbericht vom 6. April 2017 eine psy- chotherapeutische Behandlung, Antidepressive und die Gewährung von Ruhe und Sicherheit am wirksamsten seien; bei einer Ausweisung sei mit einer Verschlechterung des Gesundheitszustands bis zu einer suizidalen Krise zu rechnen. Diesbezüglich sei festzustellen, dass aufgrund gesund- heitlicher Probleme nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs geschlossen werden könne, wenn eine notwendige medizinische Be- handlung im Heimatland nicht zur Verfügung stehe und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesund- heitszustands führe. In der Türkei sei die medizinische Grundversorgung gewährleistet und insbesondere in den grösseren St ädten würden ange- messene psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten bestehen. Es sei deshalb davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden und ins- besondere der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die Türkei die er- forderliche Behandlung erhältlich ma chen könn ten. Allein der Umstand, dass die dortigen Behandlungsmöglichkeiten nicht dem medizinischen Standard in der Schweiz entsprechen würden, mache den Vollzug nicht unzumutbar. In Bezug auf die am (…) angeordnete fürsorgerische Unter- bringung des Beschwerdeführers und eine allfällige künftige Suizidgefahr sei auf die Möglichkeiten stabilisierender Massnahmen bei der Rückkehr D-3555/2017 Seite 6 und medizinischer Rückkehrhilfe hinzuweisen. Im Rahmen der Zumutbar- keitsprüfung sei zudem der Gesichtspunkt des Kindswohls zu berücksich- tigen. Die Beschwerdeführenden hätten diesbezüglich keine Bedenken ge- äussert. Der Wegweisungsvollzug sei denn auch unter Berücks ichtigung des Wohls der zwischenzeitlich (…) und (…) Jahre alten Kinder als zumut- bar zu erachten. Die in der Schweiz geborene Tochter sei noch vorwiegend durch den Familienkern und nicht durch soziale Bindungen ausserhalb ge- prägt. Der Sohn befinde sich zwar im jugendlichen Alter, habe aber den grössten Teil der prägenden Jugendjahre und einen wesentlichen Teil der Schulzeit noch vor sich, und es könne davon ausgegangen werden, dass er sich in der Türkei, wo er bereits zehn Jahre gelebt habe, wieder integ- rieren könne. Die Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden zur kurdisch - alevitischen Gemeinschaft sei bereits in der Verfügung vom 4. April 2014 und dem Beschwerdeurteil vom 12. November 2014 gewü rdigt worden. Beweismittel, die diesbezüglich zu einer anderen Einschätzung führen könnten, seien nicht eingereicht worden. Das Wiedererwägungsgesuch sei folglich abzuweisen. G. Mit Eingabe vom 22. Juni 2017 erhoben die Beschwerdeführenden durch die rubrizierte Rechtsvertreterin beim Bundesverwa ltungsgericht Be- schwerde. Sie ersuchten um Aufhebung der Verfügung vom 23. Mai 2017 und um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie um Gewährung des Asyls, eventualiter um Gewährung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzu- lässigkeit und/oder Unzumutb arkeit des Wegweisungsvollzugs, subeven- tualiter um Rückweisung der Sache an das SEM zur Neubeurteilung. Zu- dem ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zur Begründung brachten sie im Wesentlichen vor, das SEM hätte die ver- änderte Situation in der Türkei von Amtes wegen erwägen müssen. Indem es dies nicht getan habe, habe es die Begründungspflicht verletzt. Es habe unbeachtet gelassen, dass sich die Lage in der Türkei seit der Verfügung vom 4. April 2014 massgeblich verändert habe (Putschversuch 2016, Aus- nahmezustand, verschärftes Vorgeh en gegen Kurden und angebliche PKK-Anhänger/-Sympathisanten). Es komme vermehrt zu Gewalt gegen und Diskriminierung von Kurde n. Angesichts der verstärkten Einfluss- nahme der regierenden Partei und des Präsidenten auf den Justizapparat sei die Unabhängigkeit der Justiz anzuzweifeln. Es sei nicht auszuschlies- sen, dass eine Person allein aufgrund der kurdischen Ethnie verhaftet und die Festnahme mit illegalen Aktivitäten begründet würde. Ein V erwandter D-3555/2017 Seite 7 sei bei einer Demonstration, auf die ein Anschlag verübt wo rden sei, ge- storben, und im Heimatdorf des Beschwerdeführers hätten Militärpanzer Gräber der PKK nahestehender Verstorbenen geschändet. Der Beschwer- deführer engagiere sich zudem exilpolitisch. Er nehme hierzulande an De- monstrationen gegen die türkische Regierung teil und äussere sich auf Fa- cebook regierungskritisch. Dass er dies nicht früher erwähnt habe, könne nicht ihm allein angelastet werden. Der frühere Rechtsvertreter habe ihn nicht auf die mögliche Relevanz des exilpolitischen Engagements für die Frage der Flüchtlingseigenschaft hingewiesen. Es sei unklar, weshalb das SEM die revisionsrechtlich relevanten Eingaben nicht an das Bundesver- waltungsgericht weitergeleitet oder mit dem Hinweis, eine Revision einzu- leiten, an sie retourniert habe. Im heutigen Zeitpunkt wär e ein Revisions- gesuch verfristet. Sie möchten aber festhalten, dass sie davon ausgegan- gen seien, dass die Beweismittel, um deren Beschaffung sie ihre Verwand- ten in der Türkei gebeten hätten, echt seien . Sie seien wütend, dass ihr früherer Rechtsvertreter die Fälschungen nicht erkannt habe. Sie würden das Gericht nun ersuchen zu prüfen, ob sie angesichts der aktuellen Ver- hältnisse in der Türkei begründete Furcht vor künftigen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG hätten und daher die Flüchtlingseigenschaft erfüllen wür- den. Auch hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs habe es das SEM unter- lassen, die aktuelle Situation in der Türkei, insbesondere in ihrer Her- kunftsprovinz G._______ (E._______), zu analysieren. Seit einem An- schlag in der Stadt Suruc im Jahr 2015 sei der Waffenstillstand zwischen der PKK und dem Staat faktisch beendet. Seither sei es zu zahlreichen Verhaftungen gekommen. Bezüglich einer innerstaatlichen Aufenthaltsal- ternative sei die Situation nicht mehr so einfach wie vor ihrer Ausreise. Als alevitische Kurden wären sie im nichtkur dischen Staatsgebiet der Gefahr von Diskriminierung ausgesetzt. Zudem leide der Beschwerdeführer unter erheblichen psychischen Störungen, die mit dem in der Türkei erlittenen Leid und der Angst vor der Rückkehr dorthin zusammenhängen würden. Die Vorstellung, in die Türkei zurückkehren zu müssen , löse bei ihm ext- reme Angst und psychotische Zustände aus, wie (…) zeige, (…). Er rede nicht mit seiner Frau über seine Ängste, was wiederum diese und die ganze Familie belaste. Insbesondere der Sohn leide unter d er Situation und auch er sei – wie die Eltern – in psychiatrischer Behandlung. Er habe gut Deutsch gelernt und seine Eingliederung ins Berufsleben stehe bevor. Eine Rückkehr in die Türkei würde für ihn einen massiven Einschnitt be- deuten. Es sei zudem ungewiss, wo sie unterkommen und wie sie sich so- zial und wirtschaftlich reintegrieren könnten. Die psychiatrische Versor- gung wäre nicht sichergestellt. Wie eine Recherche der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 18. August 2016 zeige, bestehe in der Türkei D-3555/2017 Seite 8 ein Mangel an psychiatrischen Behandlungsmöglichkeiten und Fachperso- nen. In Anbetracht der genannten Faktoren sei der Wegweisungsvollzug als unzumutbar zu erachten. Eventualiter sei die Sache wegen Verletzung der Begründungspflicht und unvollst ändiger Sachverhaltsabklärung zu- rückzuweisen. Das SEM habe, wie gesagt, die politischen Entwicklungen (Parlamentswahlen 2015, Wiederaufflammen des Kurdenkonflikts, Militär- putsch, Ausnahmezustand, Repressionen) nicht angesprochen und damit auch die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die Fragen der Flüchtlingsei- genschaft und des Wegweisungsvollzugs nicht geprüft. Auch zum exilpoli- tischen Engagement des Beschwerdeführers habe es nichts gesagt. Der Beschwerde lagen folgende Dokumente bei: Zeitungsartikel vom (…) (…), SFH-Bericht vom 19. Mai 2017 (zur allgemeinen Lage in der Türkei), Fotos geschändeter Gräber, Zeitungsartikel zum Anschlag auf eine De- monstration, Schreiben des H._______ vom 20. Juni 2017, zwei Fotos (zur Teilnahme des Beschwerdeführers an einer Demonstration). H. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 23. Juni 2017 den Eingang der Beschwerde. I. Mit Zwischenverfügung vom 3. Juli 2017 stellte di e Instruktionsrichterin fest, dass die Bedürftigkeit der Beschwerdeführenden bisher nicht belegt sei. Über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses einstweilen verzichtet. Gleichzeitig lud sie Vorinstanz zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein. Mit Eingabe vom 10. Juli 2017 reichten die Beschwerdeführenden eine Fürsorgeabhängigkeitsbestäti- gung nach. J. In seiner Vernehmlassung vom 18. Juli 2017 führte das SEM an, der SFH- Bericht, die Fotos geschändeter Gräber und der A rtikel über einen An- schlag bei einer Demonstration , bei dem ein Verwandter ums Leben ge- kommen sei, würden die allgemeine Lage in der Türkei betreffen und hät- ten keinen persönlichen Bezug zu den Beschwerdeführenden und ihren Vorbringen. Das Schreiben des (…) habe lediglich den Charakter eines Gefälligkeitsschreibens. Die Fotos zu politischen Aktivitäten des Beschwer- deführers in der Schweiz seien weder datiert noch mit Ort oder Art der Ver-D-3555/2017 Seite 9 anstaltung gekennzeichnet. Zum exilpolitischen Engagement könnten da- her keine abschliessenden Bemerkungen gemacht werden. Es falle aber auf, dass dieses bisher nie erwähnt worden sei. Es seien daher Zweifel an diesen Tätigkeiten anzubringen. In Bezug auf eine Verfristung der Revisi- onsgründe sei festzuhalten, dass das SEM als sachlich eigentlich unzu- ständige Stelle die betreffen den Beweismittel einer Prüfung unterzogen und den Beschwerdeführenden zum Ergebnis (Fälschung) das rechtliche Gehör gewährt habe. Dieser Formfehler sollte nicht den Beschwerdefüh- renden zulasten gelegt werden. Wie bereits im Asylentscheid vom 4. April 2014 und im Beschwerdeurteil vom 12. November 2014 ausgeführt, handle es sich beim Beschwerdeführer um keine politisch exponierte Person, die in der Grossstadt F._______ ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 AsylG ausgesetzt wäre. Umso weniger als die exilpolitischen Tätigkeiten und die polizeiliche Suche als unglaubhaft zu erachten seien. An dieser Einschät- zung vermöge die aktuelle Situation in der Türkei nichts zu ändern. Bei der Bestimmung von Wegweisungsvollzugshindernissen sei der Integrations- grad in der Schweiz nicht entscheidend. K. In der Replik vom 4. August 2017 entgegneten die Beschwerdeführenden im Wesentlichen, der Beschwerdeführer habe die exilpolitischen Tätigkei- ten nicht erwähnt, weil er diese als Privatsache angesehen und die Wich- tigkeit, darüber zu informieren, verkannt habe. Der frühere Rechtsvertreter habe ihn nicht über die Relevanz informiert. Die fehlenden Angaben auf den Fotos habe er nun ergänzt. Zudem sei er auf zwei weiteren Fotos an Veranstaltungen des (…) im Jahr 2015 zu sehen. Er habe organisatorische Aufgaben erledigt und sei auch heute noch an solchen Veranstaltungen engagiert. Auch auf den sozialen Netzwerken sei er politisch aktiv. Er poste auf Facebook PKK-freundliche und regierungskritische Beiträge und werde deshalb immer wieder beschimpft und bedroht, wie die beiliegenden Screenshots zeigen würden. Nach Unterzeichnung einer Online -Unter- schriftensammlung einer ihm unbekannten Userin habe er von der Face- book-Administration eine Meldung bekommen, dass auf seinen Account zugriffen worden sei. Er vermute dahint er den türkis chen Geheimdienst. Die politische Lage in der Türkei sei besorgniserregend. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass selbst wenig exponierte Personen Verfol- gungsmassnahmen ausgesetzt sein könnten. Sie würden auch nochmals auf die Situation ihr er hierzulande gut integrierten Kinder hinweisen, die kein Türkisch sprechen würden. D-3555/2017 Seite 10 L. Mit Eingabe vom 16. März 2018 reichten die Beschwerdeführenden wei- tere Beweismittel ein (Facebook-Auszüge). Diese würden belegen , dass der Beschwerdeführer auf den sozialen Medien aktiv sei und sich kritisch zu politischen und gesellschaftlichen Themen in der Türkei äussere. M. Mit Eingabe vom 22. Mai 2018 ersuchten die Beschwerdeführenden in ver- fahrensrechtlicher Hinsicht um Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde. Mit Zwischenverfügung vom 28. Mai 2018 erteilte die In- struktionsrichterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und stellte fest, dass die Beschw erdeführenden den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfen. N. Mit Eingabe vom 11. Juni 2019 reichten die Beschwerdeführenden weitere Beweismittel zu den Akten. Diese würden belegen, dass die türkischen Be- hörden wegen der (exil-)politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers im (…) einen Haftbefehl gegen ihn erlassen hätten, dessen Gültigkeit (…) be- stätigt worden sei. Weitere Belege würden seine anhaltenden Aktivitäten auf den sozialen Medien aufzeigen. O. Im (…) 2020 wurde dem Sohn I._______ von den kantonalen Behörden im Rahmen einer Härtefallbeurteilung eine Aufenthaltsbewilligung erteilt. P. Mit Zwischenverfügung 7. Mai 2020 forderte die Instruktionsrichterin die Vorinstanz mit Blick auf die seit der Vernehmlassung vom 18. Juli 2017 eingegangenen Beschwerdeergänzungen und die veränderte Aufenthalts- situation des Sohnes zu einer weiteren Vernehmlassung auf. Q. Das SEM liess sich am 3. Juli 2020 vernehmen. Es führte aus, die Beweis- mittel zu exilpolitischen Aktivitäten des Beschwerdeführers würden die Prü- fung der Flüchtlingseigenschaft betreffen und könnten nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens sein, das gegen den Entscheid des SEM betreffend das (einfache) Wiedererwägungsgesuch der Be- schwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ge- führt werde. Es schlage vor, d ass die Beschwerdeführenden die Be- schwerde gegen die Verfügung vom 23. Mai 2017 zurückziehen würden D-3555/2017 Seite 11 und das Bundesve rwaltungsgericht das Beschwerdev erfahren anschlies- send abschreiben würde. In der Folge würde das SEM die neuen Beweis- mittel im Rahmen eines Mehrfachgesuchs prüfen. In diesem Verfahren wäre dann auch über die Wegweisung und den Vollzug, unter Berücksich- tigung der Härtefallbewilligung des Sohns, zu befinden. R. Die Instruktionsrichterin liess den Beschwerdeführenden die Vernehmlas- sung am 8. Juli 2020 zukommen und räumte ihnen Gelegenheit ein, sich dazu bis zum 23. Juli 2020 zu äussern. S. In ihrer Stellungnahme vom 21. Juli 2020 führten die Beschwerdeführen- den an, laut dem Urteil D-626/217 des Bundesverwaltungsgerichts vom 18. Dezember 2018 könne die Prüfung der Frage, ob jemand die Flücht- lingseigenschaft erfülle, auch dann Gegenstand des Beschwerdeverfah- rens sein, wenn in der Beschwerde die Gewährung von Asyl nicht bean- tragt worden sei. Gleichermassen sollte ihrer Ansicht nach die Ermittlung der Flüchtlingseigenschaft (und Prüfung diesbezüglicher Beweismittel) auch dann Gegenstand eines Beschwerdeverfahrens sein könn en, wenn ursprünglich nur die Unzumutbarkeit, nicht aber die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs geltend gemacht worden sei. Vorliegend sollte dies wiederum auch möglich sein, auch wenn es sich um eine Beschwerde ge- gen einen Wiedererwägungsentscheid handle. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist dahe r zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-D-3555/2017 Seite 12 det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen (vgl. E. 3) – einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Für die Bestimmung des Streitgegenstands des vorliegenden Be- schwerdeverfahrens ist das Anfechtungsobjekt – die Verfügung des SEM vom 23. Mai 2017 – massgeblich. 3.2 Das SEM hat in der Verfügung vom 23. Mai 2017 nur über die Frage befunden, ob der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden ge- genüber der im Jahr 2014 erfolgten Beurteilung unzumutbar geworden sei. Auf den entsprechenden Antrag der Beschwerdeführenden vom 12. Ja- nuar 2015 auf wiedererwägungsweise Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und Gewährung der vorläufigen Aufnahme we- gen gesundheitlicher Probleme de s Beschwerdeführers ist das SEM ein- getreten. Es hat die entsprechenden Noven und Beweismittel in seiner Ver- fügung vom 23. Mai 2017 materiell geprüft und ist zum Ergebnis gelangt, dass der Wegweisungsvollzug weiterhin zumutbar sei. Diese Feststellung haben die Beschwerdeführenden in ihrer Beschwerde vom 22. Juni 2017 angefochten und auf den entsprechenden Beschwerdeantrag auf Feststel- lung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und um Gewährung der vorläufigen Aufnahme ist vorliegend einzutreten. D-3555/2017 Seite 13 3.3 Auf den unter Verweis auf die Fluchtvorbringen im Asylverfahren und diesbezügliche, im Jahr 2013 entstandene Beweismittel gestellten Antrag der Beschwerdeführenden vom 12. Januar 2015 auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung des Asyls ist das SEM in der Ver- fügung vom 23. Mai 2017 hingegen (implizit) nicht eingetreten. Dies wurde von den Beschwerdeführenden nicht angefochten; sie machten in ihrer Be- schwerde vom 22. Juni 2017 nicht geltend, das SEM hätte auf den besag- ten Antrag auf Asylgewährung eintreten müssen. Sie bemängelten ledig- lich, dass das SEM die Vorbringen nicht von sich aus an das Bunde sver- waltungsgericht weitergeleitet, oder sie auf die Möglich keit eines Revisi- onsgesuchs hingewiesen habe. Einen Eventualantrag auf Weiterleitung an das Bundesverwaltungsgericht hatten sie in ihrem an das SEM gerichteten Gesuch vom 12. Januar 2015 indes nicht gestellt, und auch nach Eröffnung der Verfügung vom 23. Mai 2017 und damit Kenntnis des Nichteintretens des SEM haben die – juristisch vertretenen – Beschwerdeführenden kein Revisionsgesuch gestellt; im vorliegenden Beschwerdeverfahren äusser- ten sie vielmehr ihr Bedauern über die Einreichung gefälschter Dokumente. Nachdem die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Zuläs- sigkeit des W egweisungsvollzugs nicht Gegenstand der vorinstanzlichen Verfügung vom 23. Mai 2017 waren, sind sie auch nicht Gegenstand des Beschwerdeverfahrens. Auf die diesbezüglichen Ausführungen der Be- schwerdeführenden in den Rechtsmitteleingaben ist daher nicht einzuge- hen und auf die e ntsprechenden Beschwerdebegehren nicht einzutreten. Nachfolgend ist somit einzig zu beurteilen, ob das SEM zu Recht zum Schluss gelangt ist, dass die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung der Beschwerdeführenden nach wie vor zu bejahen sei. 3.4 Die in den Rechtsmitteleingaben neu geltend gemachten Vorbringen und Beweismittel, welche die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Zulässigkeit des Wegweisungsvoll zugs beschlagen, sind aus- nahmsweise angesichts der vorliegenden speziellen Fallkonstellation und in Anbetracht der Ausführungen des SEM in seiner Vernehmlassung vom 3. Juli 2020 nach Abschluss des Beschwerdeverfahrens betreffend Wie- dererwägung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zur Prüfung an das SEM zu überweisen. 4. 4.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge- regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrunds schriftlich D-3555/2017 Seite 14 und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66-68 VWVG (Art. 111b Abs. 1 AsylG). 4.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä- gungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange- fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi- onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (vgl. zum so- genannten „qualifizierten Wiedererwägungsgesuch“ BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.). Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Tatsachen und Beweismittel abstützen, die erst nach Abschluss eines Beschwerde- verfahrens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei der Vorinstanz einzubringen (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a [letzter Satz] BGG; BVGE 2013/22). Nach Art. 66 Abs. 2 VwVG liegen Re- visionsgründe unter anderem dann vor, wenn eine Partei neue erhebliche Tatsachen oder Beweismittel vorbringt (Bst. a). Neue Beweismittel im Sinne von Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG müssen entweder den Beweis für neue erhebliche Tatsachen oder den Beweis für Tatsachen erbringen kön- nen, deren Existenz oder Eigenschaften im Beschwerdeverfahren respek- tive im Asylverfahren vor dem SEM zum Nachteil der beschwerdeführen- den Person unbewiesen geblieben sind. 4.3 Das SEM hat den Anspruch der Beschwerdeführenden auf Behandlung ihres Wiedererwägungsgesuchs vom 12. Januar 2015, mit dem sie unter Verweis auf nach Abschluss des Beschwerdeverfahrens D-2456/2014 ent- standene Dokumente zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers um wiedererwägungsweise Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs ersuchten, nicht in Abrede gestellt, und die entsprechenden Noven und Beweismittel materiell geprüft. Im vorliegenden Beschwerde- verfahren ist somit (wie unter E. 3.2-3.3. dargelegt) zu prüfen, ob das SEM zu Recht davon ausgegangen ist, dass die neuen Vorbringen und Beweis- mittel die Sachlage nicht derart verändern, als dass sie den Vollzug der Wegweisung unzumutbar machen würden. F ür die Beurteilung ist praxis- gemäss der sich im Urteils zeitpunkt präsentierende Sachverhalt massge- bend. 5. D-3555/2017 Seite 15 Vorab ist festzuhalten, dass keine Veranlassung besteht, die vorinstanzli- che Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an das SEM zurückzuweisen. Das entsprechende Rückweisungs begehren der Beschwerdeführenden ist abzuweisen. Ihre Rüge, das SEM habe die Be- gründungspflicht verletzt, indem es in seiner Verfügung nichts zum exilpo- litischen Engagement des Beschwerdeführers gesagt habe, geht von vorn- herein fehl, wurden die entsprechenden Aktivitäten des Beschwerdeführers doch erstmals auf Beschwerdeebene vorgebracht. Auch der Einwand, das SEM hätte bei der Beurteilung der Frage, ob der Wegweisungsvollzug wei- terhin zumutbar sei, von sich aus die aktuelle, allgemeine Lage in der Tür- kei thematisieren müssen, vermag keine Kassation des vorinstanzlichen Entscheids zu bewirken. Die Beschwerdeführenden, welche im Wiederer- wägungsverfahren die Substanziierungslast tragen, haben im vorinstanzli- chen Verfahren keine auf allgemeine n Veränderungen beruhende Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorgebracht, und das SEM hat in seinem Entscheid in genügender Weise dargelegt, weshalb es den Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden weiterhin als zumutbar erach- tet. Ob dessen Einschä tzung zuzustimmen ist, ist nunmehr Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens. 6. 6.1 Im Folgenden ist zu p rüfen, ob für die Beschwerdeführenden (Eltern) und ihre Tochter der Vollzug der Wegweisung in die Türkei weiterhin zu- mutbar ist. Den Sohn I._______ betreffend stellt sich diese Frage nicht mehr, nachdem ihm in der Schweiz im (…) 2020 eine Aufenthaltsbewilli- gung erteilt wurde. Auf den Sohn I._______ betreffende Ausführungen in den Rechtsmitteleingaben , insbesondere zu seiner Integration in der Schweiz, ist daher vorliegend nicht näher einzugehen. 6.2 Im Beschwerdeurteil vom 12. November 2014 hat das Bundesverwal- tungsgericht festgestellt, dass der Vollzug in die Türkei, mit Ausnahme der Provinzen Hakkari und Sirnak, als generell zumutbar erachtet werde, und keine individuellen Gründe der Beschwerdeführenden, die seit vielen Jah- ren in F._______ gelebt und den Lebensunterhalt mit der Führung eines (…) bestritten hätten, gegen die Zumutbarkeit des Vollzugs sprechen wür- den. Vorliegend machten die Beschwerdeführenden nun geltend, der Voll- zug sei aufgrund einer Veränderung der allgemeinen Lage i n der Türkei und des gesundheitlichen Zustands des Beschwerdeführers sowie in An- betracht des Kindswohls unzumutbar geworden. D-3555/2017 Seite 16 6.2.1 Hinsichtlich der allgemeinen Situation in der Türkei ist festzustellen, dass die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der PKK und staat- lichen Sicherheitskräften im Südosten des Landes seit Juli 2015 wieder aufgeflammt sind. Betroffen waren von Juli 2015 bis Ende 2016 neben den Provinzen Hakkari und Sirnak, bei denen das Bundesverwaltungsgericht seit längerer Zeit von der generellen Unzumutbarkeit des Vollzugs von Wegweisungen ausgeht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6), weitere Gebiete im Südosten der Türkei. Seit Ende 2016 hat sich der Brennpunkt des türkisch- kurdischen Konflikts in die ländlichen Geb iete der Südosttürkei verlagert; in den dortigen Städten hat sich die Lage seither beruhigt (vgl. hierzu das Urteil des BVGer E -6993/2017 vom 21. April 2020 E. 9.3.2 m.w.H.). Ge- mäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist auch unter Be- rücksichtigung der Entwicklungen im Nachgang des P utschversuchs vom Juli 2016 nicht davon auszugehen, dass in der Türkei eine landesweite Si- tuation allgemeiner Gewalt herrscht. Auch in den vorwiegend von Kurden besiedelten Provinzen im Osten und Südosten des Landes ist – mit Aus- nahme der genannten Provinzen Hakkari und Sirnak – nicht von einer flä- chendeckenden Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen au szugehen (vgl. das Referenzurteil E -1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3 sowie etwa die Urteile des BVGer D-5957/2018 vom 21. Juli 2020 E. 8.4.1 und D-6401/2018 vom 22. Juni 2020 E. 8.3.1). Der Vollzug der Wegweisung der aus der Provinz E._______ stammenden und vor der Ausreise aus der Tü rkei jahrelang in F._______ wohnhaften Be- schwerdeführenden ist daher weiterhin als generell zumutbar zu bezeich- nen. 6.2.2 Hinsichtlich der wiedererwägungsweise geltend gemachte n psychi- schen Erkrankung des Beschwerdeführers ist darauf hinzuweisen, dass aus gesundheitlichen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG (SR 142.20) geschlossen werden kann, wenn eine absolut notwendige medizinische Behandlung im Heimatland schlicht nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit der (Weiter-)Behandlung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebens- gefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur Invalidität oder gar zum Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit je- denfalls nicht vorlieg t, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizeri- schen Standard entsprechende medizinische Behandlung grundsätzlich möglich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2). Von einer solchen, den Wegweisungs- vollzug unzumutbar machenden existenziellen medizinischen Notlage ist vorliegend aufgrund der Aktenlage nicht auszugehen. Am (…) wurde die D-3555/2017 Seite 17 fürsorgerische Unterbringung des Beschwerdeführers ang eordnet, nach- dem er (…). Bei ihm wurden eine komplexe PTBS und eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert. Gemäss ärztlichen Berichten vom 14. Februar 2017 und 6. April 2017 befand sich der Beschwerdeführer da- mals in psychiatrischer Behandlung. Er wurde somit fachärztlich betreut und therapeutisch sowie medikamentös behandelt. Dass es seither zu ei- ner Verschlechterung der gesundheitlichen Situation respektive zu einer (erneuten) Akzentuierung der Symptomatik gekommen wäre, wurde von den Beschwerdeführenden, denen die entsprechende Substanziierungs- last zukommt, im Beschwerdeverfahren nicht geltend gemacht. Hinsichtlich des Einwands, die Behandlung der PTBS müsse weiterhin in der Schweiz erfolgen, ist darauf hinzuweisen, dass die Beurteilung der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine Rechtsfrage ist, deren Beantwortung Auf- gabe der entscheidenden Behörde ist. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) anerkennt grundsätzlich keinen Anspruch auf Verbleib in einem Konventionsstaat, um weiterhin in den Genuss medizini- scher Unterstützung zu kommen (vgl. Urteil vom 2. Mai 1997 i.S. D. gegen Vereinigtes Königreich). Die Behandlung psychischer Probleme, wie sie laut den vorliegenden ärztlichen Berichten beim Beschwerdeführer beste- hen, ist in der Türkei sowohl stationär als auch ambulant möglich. Es exis- tieren landesweit psychiatrische Einrichtungen und es st ehen moderne Psychopharmaka zur Verfügung. Namentlich in türkischen Gross- und Pro- vinzhauptstädten ist der Zugang zu Gesundheitsdiensten, Beratungsstel- len und Behandlungseinrichtungen für psychische Leiden gewährleistet (vgl. hierzu etwa die Urteile des BV Ger D-5957/2018 vom 21. Juli 2020 E. 8.4.2.1, D-6401/2018 vom 22. Juni 2020 E. 8.3.4 und E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3.5.3 m.w.H.). Es ist mithin davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer, sollte er weiterhin psychiatrische Hilfe in Anspruch neh- men müssen, auch in der Türkei eine adäquate Behandlung erhalten würde, wobei e ine allfällige Einbusse des Betreuungsstandards im Ver- gleich zur Schweiz nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu führen vermöchte. Gleiches gilt für die Beschwerdeführerin und die Tochter, sollten sie gesundheitliche Beschwerden aufweisen , wofür keine Belege eingereicht wurden. Es kann somit vorliegend nicht geschlossen werden, dass der Beschwerdeführer – und seine Familienangehörigen – bei einer Rückkehr in die Türkei mangels einer notwendigen medizinischen (Weiter- )Behandlung einer akuten Lebensgefahr ausgesetzt wären. Bezüglich des Einwands fehlender Mittel zur Finanzierung entsprechender Medikamente und Therapien ist auf die Möglichkeit spezifischer medizinischer Rückkehr- hilfe hinzuweisen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG). Diese kann durch Mitgabe D-3555/2017 Seite 18 benötigter Medikamente oder auch in Form von Beiträgen zur Durchfüh- rung einer Behandlung oder der Ausrichtung einer Pauschale für medizini- sche Leistungen gewährt werden. Schlie sslich ist dem Gesundhei tszu- stand der Beschwerdeführenden bei der Vollzugsorganisation mit einer an- gemessenen Vorbereitung Rechnung zu tragen. Es ist zwar nachvollzieh- bar, dass der negative Ausgang des Asylverfahrens und die damit verbun- dene Zukunftsangst eine grosse Belastung für die Beschwerdeführenden darstellen, aber aus der bestehenden Aktenlage lassen sich keine medizi- nischen Gründe ableiten, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs sprechen würden. 6.2.3 Sind Kinder von einem Wegweisungsvollzug betroffen, bildet das Kindswohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung einen zu beachtenden Gesichtspunkt. Dies ergibt sic h insbesondere aus einer völker rechtskon- formen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Licht von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens über die Rech te des Kindes vom 20. November 1989 (KRK, SR 0 107). Unter dem Aspekt des Kindswohls sind sämtliche Um- stände zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich er- scheinen, namentlich das Alter des Kindes, dessen Reife und Abhängig- keit, die Art der Beziehung zu Bezugspersonen, Stand und Prognose be- züglich der Entwicklung und Ausbildung des Kindes sowie der Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz (BVGE 2009/51 E. 5.6; 2009/28 E. 9.3.2 je m.w.H.). Die hierzulande geborene Tochter der Beschwerdeführenden ist mittler- weile (…) Jahre alt. Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass sie sich an die ihr bisher nicht vertraute Umgebung in der Türkei wird gewöhnen müssen. Sie ist jedoch noch in einem Alter, in dem die Eltern die primären Bezugs- personen sind und nicht davon auszugehen ist, dass bei ihr in der Schweiz derart starke soziale Beziehungen entstanden sind, deren Bruch eine I n- tegration in der Türkei massgeblich erschweren würde. Das Kindswohl ver- mag damit n icht entscheidend gegen die Zumutbarkeit der Rückkehr der Eltern mit ihrer Tochter in die Türkei zu sprechen. 6.3 Schliesslich vermögen die aus der Provinz E._______ stammenden Beschwerdeführenden, die vor der Ausreise aus der Türkei viele Jahre in F._______ gelebt haben und über mehrjährige Erfahrung im Betrieb eines (…) verfügen, auch mit den auf Beschwerdeebene geäusserten weiteren Bedenken, wonach es ungewiss sei, wo sie in der Türkei unterkommen und wie sie sich sozial und wirtschaftlich reintegrieren könn ten, kein Wegwei- sungshindernis zu begründen. D-3555/2017 Seite 19 6.4 Ohne die Schwierigkeiten bei einer Rückkehr zu verkennen, ist somit weiterhin nicht davon auszugehen, die Beschwerdeführenden – die Eltern mit ihrer Tochter – würden bei einer Rückkehr in ihr Heimatland aus indivi- duellen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine ihre Existenz gefährdende Situation geraten, die als konkrete Gefähr- dung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu werten wäre. 6.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die von den Beschwerdefüh- renden im Wiedererwägungs- und vorliegenden Beschwerdeverfahren vor- gelegten Dokumente und ihre diesbezüglichen Vorbringen keine verän- derte Sachlage zu begründen vermögen, die eine von der bisherigen Be- urteilung abweichende Würdigung der Frage d er Zumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs zulassen würde. Sie sind nicht geeignet, zu einer Anpas- sung der Verfügung vom 4. April 2014 zu führen. Das SEM hat das Wie- dererwägungsgesuch vom 12. Januar 2015 zu Recht abgewiesen. Die Be- schwerde ist somit abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die Be- schwerde aber nicht aussichtslos war und die Beschwerdeführenden ihre Bedürftigkeit belegt haben, ist ihnen antragsgemäss die unentgeltliche Pro- zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren und von der Kos- tenerhebung abzusehen, zumal nicht ersichtl ich ist, dass sie im heutigen Zeitpunkt nicht mehr bedürftig wären. 8. Wie in E. 3.4 festgehalten, sind die Beschwerdeakten zur Prüfung der von den Beschwerdeführenden in den Rechtsmitteleingaben neu geltend ge- machten Vorbringen und Beweismittel zu den Fragen der Flüchtlingseigen- schaft und des Asyls respektive der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs an das SEM zu überweisen. (Dispositiv nächste Seite) D-3555/2017 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Die Beschwerdeakten werden zur Prüfung der von den Beschwerdefüh- renden in den Rechtsmitteleingaben neu geltend gemachten Vorbringen und Beweismittel an das SEM überwiesen. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Susanne Burgherr Versand: