2017 Waffenrecht 375 V. Waffenrecht 80 Art. 2 Abs. 1, 8 Abs. 1, 26 Abs. 1 und 29 Abs. 1 lit. a WG Waffenerwerbsschein; Verknüpfung mit einer Auflage betreffend Waffenaufbewahrung - Waffenerwerbsscheine lassen sich grundsätzlich mit Auflagen oder anderen Nebenbestimmungen verknüpfen; dabei können etwa Aufla- gen betreffend Waffenaufbewahrung auch auf bereits im Besitz der gesuchstellenden Person stehende Waffen ausgeweitet werden. - Bei Gefährdungssituationen im nahen räumlichen und/oder persönli- chen Umfeld der gesuchstellenden Person sind soweit möglich mil - dere Sicherungsmassnahmen als eine Waffenaufbewahrung aus ser- halb des betroffenen Umfelds anzuordnen. - Polizeiliche Waffen bleiben von rein waffenrechtlichen Anordnungen ausgenommen. Insbesondere über die Aufbewahrung von polizeili- chen Waffen befindet alleine die gemäss Polizeirecht jeweils zustän - dige Poli zeibehörde, d.h. hin sichtlich Waffen auswärtiger Polizeibe - hörden im Kanton Aargau die zuständige ausserkantonale Polizeibe - hörde. Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 16. August 2017 i.S. S.S. -B. gegen die Verfügung der Fachstelle SIWAS der Kantonspolizei Aargau (RRB Nr. 2017-000840). Aus den Erwägungen 3. Waffenerwerbsschein und Nebenbestimmungen (…) 3.2 Zulässigkeit von Nebenbestimmungen Aufgrund der vorstehend dargelegten Rechtsnatur des Waffen - erwerbsscheins ist entgegen der Meinung der beschwerdeführenden Person auch von keiner Bedingungs - und Auflagenfeindlichkeit der 376 Verwaltungsbehörden 2017 zugrundeliegenden polizeilichen Bewilligung auszugehen. Vielmehr dienen derartige Nebenbestimmungen dazu, die durch eine Verfü - gung begründeten verwaltungsrechtlichen Pflichten und Rechte ent - sprechend den konkreten Umständen auszugestalten, um den Beson - derheiten des Einzelfalls besser gerecht zu werden. Eine bedeutende Rolle spielen die Nebenbestimmungen somit insbesondere bei der Erteilung von Bewilligungen. Nebenbestimmungen sind gerecht fer- tigt, falls die Bewilligung verweigert werden könnte, wenn sie ohne Auflagen oder Bedingungen erlassen werden müsste. Auf diese Weise dient die Verbindung einer Verfügung mit einer Nebenbestim- mung dem Verhältnismässigkeitsprinzip: Eine Bewilligung wird nicht verweigert, sondern es wird stattdessen die mildere Massnahme – Erteilung einer Bewilligung in Verbindung mit einer Nebenbestim- mung – angeordnet, sofern dies das Gesetzmässigkeitsprinzip zulässt (ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Auflage, Zürich/St. Gallen 2016, N. 906 f.). Entgegen der Ansicht der beschwerdeführenden Person lässt sich die Bewilligung zum konkret nachgesuchten Waffenerwerb nicht nur mit fortwirkenden Nebenbestimmungen verbinden. Erge - ben sich bei der Prüfung des konkreten Waffenerwerbsgesuchs Um - stände, die einen entsprechenden Anordnungsbedarf auch für wei - tere, bereits im Besitz der gesuchstellenden Person stehende Waffen begründen, lassen sich die vorgesehenen Nebenbestimmun gen auch auf diese Waffen ausweiten. Das konkrete Waffenerwerbsgesuch bil- det diesbezüglich nur den auslösenden Anlass. Dies bringt mit sich, dass im Rahmen der konkret nachgesuchten Bewilligung dieselben Umstände auch für weitere Waffen berücksichtigt werden können, die be i früheren Waffenerwerben noch nicht bekannt waren bezie - hungsweise in ihrer grundsätzlichen Bedeutung für den Waffenbesitz noch nicht berücksichtigt wurden. Eine entsprechende Ausweitung der angeordneten Nebenbestimmungen ist somit nicht nur möglich, sondern je nach Umständen geradezu zwingend. (…) 4. Konkrete Auflage betreffend Waffenaufbewahrung (…) 2017 Waffenrecht 377 4.2.2 Mit Art. 26 des Bundesgesetzes über Waffen, Waffenzubehör und Munition (Waffengesetz, WG) vom 20. Juni 1997 hat der Ge - setzgeber ausdrücklich Sorg faltspflichten für Waffenbesitzende sta - tuiert. Demgemäss sind Waffen, wesentliche Waffenbestandteile, Waffenzubehör, Munition und Munitionsbestandteile sorgfältig aufzubewahren und vor dem Zugriff unberechtigter Dritter zu schüt - zen (Abs. 1). Der Geset zgeber hat allerdings davon abgesehen, das erforderliche Mass der Sorgfalt allgemein zu definieren oder V orkeh- rungen zu nennen, mit welchen die beiden genannten gesetz lichen Anforderungen zu erfüllen sind. Eine eigentliche recht satzmässige Spezifizierung besteht denn auch nur für Seriefeuerwaffen und für zu halbautomatischen Feuerwaffen umgebaute Seriefeuerwaffen, deren Verschlüsse getrennt von der übrigen Waffe verschlossen aufzube - wahren sind (Art. 47 Abs. 1 der Verordnung über Waffen, Waffen - zubehör und Munition, Waffenverordnung, WV , vom 2. Juli 2008). Im Falle der Erteilung einer Ausnahme bewilligung für verbo tene Waffen kann die Bewilligungsbehörde über dies ausdrücklich Aufla - gen machen, so auch bezüglich der Aufbewahrung; dies folgt aus der Kontrollbestimmung gemäss Art. 29 Abs. 1 lit. a WG. All diese Bestimmungen widerspiegeln den in Art. 1 Abs. 1 WG formulierten Zweck der Bekämpfung des Waffenmiss brauchs. Dement sprechend ist auch der Besitz Regelungsgegenstand des Gesetzes (Art. 1 Abs. 2 WG in der seit 12. Dezember 2008 geltenden Fassung). Dabei spielt die Regelung zur sorgfältigen Auf bewahrung eine zentrale Rolle. Eine unsorgfältige und gesetzes widrige Aufbewah rung erleichtert den Übergang von der legalen zur illegalen Waffe. Auf bewahrungs- mängel tangieren insbesondere die waffen rechtlichen Erwerbs - voraussetzungen nach Art. 8 ff. WG. Dies legt nahe, den Auf - bewahrungspflichten eine nicht bloss marginale Bedeu tung, sondern ein besonderes Gewicht einzuräumen (BGE 6B_884/2013 v om 9. Oktober 2014, Erw. 3.3.2). Waffenbesitzende haben demzufolge grundsätzlich abhängig von ihrer persönlichen Wohn - und Beziehungssituation sowie den konkreten örtlichen Gegebenheiten sicherzustellen, dass ihre Waffen in Relation zu ihrer konkreten Sit uation sicher aufbewahrt und vor 378 Verwaltungsbehörden 2017 dem Zugriff unberechtigter Dritter geschützt sind: Damit sind für Waffenbesitzende mit Kindern im Haushalt beziehungsweise in einer Wohngemeinschaft oder mit psychisch angeschlagenen Haus genos- sinnen und –genossen andere und strengere Sorgfaltsmassstäbe anzu- wenden als für alleine lebende Personen in einem Einzelhaushalt ohne nähere persönliche Beziehungen. Jede Konstellation ist somit als Einzelfall zu beurteilen, so dass auch individuell über Art und Mass der erforderli chen Sorgfalt zu entscheiden ist ( STEFAN MIORI, Waffenrecht in der Praxis der Strafverfolgung; in: Sicherheit & Recht, 1/2017, Ziffer II. 3.8). 4.2.3 V on den vorbeschriebenen waffenrechtlichen Regelungen aus- genommen bleiben grundsätzlich die in Art. 2 WG vorbehaltenen Be- reiche. So sind gemäss Art. 2 Abs. 1 WG insbesondere die Polizeibe- hörden ausdrücklich vom Anwendungsbereich des Waffengesetzes ausgeschlossen. Als Polizeibehörden sind alle Organe, welche durch Gesetz mit der Erfüllung polizeilicher Aufgaben betraut sind, zu ver- stehen (Kantons- und Stadtpolizei, Bahnpolizei usw.). Dieser V orbe- halt bedeutet allerdings nicht, dass das Waffengesetz auf Angehörige der Polizeibehörden überhaupt keine Wirkung haben könnte. Viel - mehr soll das Waffengesetz gemäss der bundesrätlichen Bot schaft zum Waffengesetz vom 24. Januar 1996 für Angehörige der Polizeibehörden Anwendung finden, sofern es sich um eine Waffen - verwendung zu privaten Zwecken handelt (vgl. BBl 1996 I S. 1057). Grundsätzlich sind für den Polizeibereich jedoch die diesbezüglichen Spezialbestimmungen anwendbar, wodurch das Waffen gesetz keine Geltung erlangt, es sei denn, das Polizeirecht verweise ausdrücklich darauf. Für die im vorliegenden Verfahren interessierende Frage der Waffenaufbewahrung hat dies zur Konsequenz, dass zwischen den privaten Waffen sowie den Waffen als Bestandteile der persönlichen Ausrüstung der Polizeiangehörigen (kurz: den polizeilichen Waffen) zu unterscheiden ist. So sind je nach Rechtsnatur der betroffenen Waffen verschiedene Zuständigkeiten und Verfahren zu berücksich - tigen. Während der Entscheid über die Aufbewahrung von Waffen im Geltungsbereich des Waffengesetzes im Kanton Aargau in den Zu -2017 Waffenrecht 379 ständigkeitsbereich des aargauischen Polizeikommandos fällt, ist ab - weichend hievon in Bezug auf polizeiliche Waffen abzuklären, ob es sich um Waffen aargauischer oder auswärtiger Polizeibehörden han - delt. Während über die Aufbewahrung von Waffen der aargaui schen Polizeibehörden im Kanton Aargau die hierfür zuständige Stelle der aargauischen Polizeibehörden zu entscheiden hat, bleibt hinsichtlich der Aufbewahrung von Waffen auswärtiger Polizeibehörden im Kan- ton Aargau grundsätzlich die jeweilige ausserkantona le Polizeibe - hörde zuständig. Demgemäss ist für die in einem kon kreten Fall zu regelnde Waffenaufbewahrung jeweils bei der betref fenden ausser - kantonalen Polizeibehörde der Antrag zu stellen, über die Aufbewah- rung der ausserkantonalen Polizeiwaffe zu befinden. 4.3 Konkrete Beurteilung 4.3.1 Gemäss den vorstehenden Ausführungen zu den rechtlich zulässigen Aufbewahrungsauflagen ist es der Fachstelle Sicherheits- dienste Waffen und Sprengmittel (SIWAS) als Bewilligungsbehörde grundsätzlich zugestanden, im Rahmen der von ihr beurteilten Waffenerwerbsbewilligung auch ü ber entsprechende Nebenbestim - mungen zu befinden. Die von ihr vorliegend vorgenommene Ver - knüpfung zwischen der erteilten Waffenerwerbsbewilligung und der zusätzlich angeordneten Aufbewahrungsauflage erweist sich auch als sachlich kohärent, hätte die nachg esuchte Bewilligung aufgrund der vorliegenden Gefährdungssituation im Haushalt der beschwerde füh- renden Person ansonsten gar nicht erteilt werden können. Zwar ha - ben sich bei der beschwerdeführenden Person selber keine Hinde - rungsgründe für den Waffenbesi tz feststellen lassen. Entgegen der Meinung der beschwerdeführenden Person hat aufgrund der nach wie vor in Frage stehenden Waffenbesitzfähigkeit des Ehepartners (…) jedoch ein ausreichender Anlass für eine die öffentliche und persön - liche Sicherheit gewährleistende Anordnung bestanden. Dies gilt ins- besondere, da das Gewaltpotential des Ehepartners aufgrund der nicht durchgeführten psychiatrischen Begutachtung bisher nicht ab - schliessend geklärt werden konnte. (…) Angesichts der bestehenden Lebens - und Wo hngemeinschaft lässt sich das beim Ehepartner der beschwerdeführenden Person er-380 Verwaltungsbehörden 2017 kannte Gefährdungspotenzial auch nicht – wie behauptet – einfach auf diesen und seine Waffen eingrenzen. Die sehr grosse persönlich e und räumliche Nähe zum Ehepartner macht es vielmehr notwendig, dass auch die Waffen der beschwerdeführenden Person , und zwar grundsätzlich sämtliche, möglichst aus dessen unmittelbaren Herr - schaftsbereich entfernt werden. Mit einer die Waffenaufbewahrung betreffenden Auflage kann dies zweifellos fü r alle Betroffenen am einfachsten gewährleistet werden. Aus Sicht der gefährdeten Sicher - heit erweist sich eine derartige Aufbewah rungsauflage somit als das geeignete Mittel. Der Grundsatz der Verh ältnismässigkeit verlangt allerdings, dass die zu treffenden Anordnungen stets auch auf das er- forderliche Mass beschränkt bleiben. Gemäss einem neuen Entscheid vom 12. Juni 2017 betreffend eine analoge Wohn - sowie Ge - fährdungssituation erachtete es das Verwaltungsgericht sogar als an - gemessen, die Auflage zu erteilen, dass keine Waffen im gemein sa- men Haushalt aufbewahrt werden dürfen und dem Lebens partner zu- dem der Zugriff zu verwehren sei. Aufgrund der besonderen Situa - tion im vorliegenden Fall erachtet der Regierungsrat eine Waffenauf- bewahrung ausserhal b des gemeinsamen Haushalts vor liegend je - doch als nicht zwingend erforderlich, wird der beschwerdeführenden Person doch gerade keine von ihr selber ausgehende Gefährdung der Sicherheit vorgeworfen und lässt sich das mit dem Verbot ange - strebte Ziel (vo rübergehend sollen keine Waffen in den Herr- schaftsbereich des Ehepartners der beschwerdeführenden Person ge- langen) auch mit einer milderen Massnahme erreichen. Dement spre- chend lässt es sich rechtlich n icht beanstanden, wenn von der be - schwerdeführenden Person als Angehörige einer Kantonspolizei ver- langt wird, innerhalb des gemeinsamen Haushalts für eine sichere und vor allem zugriffsfreie Waffenaufbewahrung zu sorgen. Die im angefochtenen Entscheid enthaltene A nordnung, sämtliche Waffen der beschwerdeführenden Person in einem abschliessbaren Waffen - schrank aufzubewahren, sowie die ergänzende Verpflichtung, dafür besorgt zu sein, dass der Ehepartner zu diesem Waffenschrank keinen Zugriff habe, vermag der Anforderung an eine erforderliche Mass - nahme somit zu genügen. Gemäss der Fachstelle SIWAS ist eine si - chere Aufbewahrung von Waffen letztlich auch nur in einem ab -2017 Waffenrecht 381 schliessbaren Schrank möglich. Insbesondere Waffenschränke eignen sich nämlich besonders gut als Diebstahlsschutz und zum Schutz vor dem unb efugten Zugriff durch Drittpersonen, insbesondere auch in Bezug auf Mitbewohnerinnen und Mitbewohner im selben Haushalt (…). Überdies entspri cht die angeordnete Waffenaufbe wahrung of - fenbar auch den bish erigen Verhältnissen, gibt die beschwerdefüh - rende Person doch selber an, ihre Waffen schon heute in einem mit Zahlenschloss versehenen Waffenschrank aufzubewahren, um Unbe- rechtigten einen Zugriff auf die Waffen zu verunmöglichen (…). Nach dem Gesagten ist die Beschwerde (…) auch insoweit ab - zuweisen, als damit verlangt wird, die streitgegenständliche Aufla ge als solche wegen fehlender gesetzlicher Grundlage beziehungs weise wegen fehlendem Anordnungsgrund aufzuheben. 4.3.2 Ist nach den vorstehenden Ausführungen die verfügte Auf - bewahrungsauflage als grundsätzlich rechtmässig einzustufen, ver - hält es sich indessen anders, soweit in die betreffende Auflage auch die Dienstwaffe der beschwerdeführenden Person einbezogen wird. Zwar ist es nachvollziehbar, dass die Fachstelle SIWAS ver suchte, mit dem Einbezug der Polizeiwaffe dem Sicherheitsfaktor vorliegend umfassend Rechnung zu tragen. Wie die Fachstelle SIWAS selber (...) zutreffend feststellt, erfolgte deren Beschaffung jedoch nicht nach der Waffengesetzgebung, sondern beruht auf den Bestimmun - gen und R eglementen der Kantonspolizei X (…). Das Tragen der Dienstwaffe zum privaten Wohnort und die Aufbewah rung aus - serhalb des Arbeitskantons sei denn auch durch einen Entscheid des Polizeikommandanten gutgeheissen worden und werde durch die Kantonspolizei Aargau toleriert. Gemäss den vorstehenden allgemei - nen Ausführungen bleibt für die vorliegend fragliche Dienstwaffe und deren sichere Aufbewahrung (insbesondere ausserhalb des Herr- schaftsbereichs des Ehepartners) somit grundsätzlich weiterhin die Polizeibehörde des Kantons X zuständig. Die Dienst waffe der be - schwerdeführenden Person ist somit – wie (…) verlangt – von der angeordneten Aufbewahrungsauflage auszunehmen. Gleichzeitig ist beim Polizeikommando des Kantons X jedoch der Antrag zu stellen, 382 Verwaltungsbehörden 2017 über eine der vorliegenden Situation angemessene Aufbewahrung der ausserkantonalen Polizeiwaffe zu befinden. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde (…) insoweit gut - zuheissen, als die Dienstwaffe aus der streitgegenständlichen Auflage herausgelöst und der Entsc heid über eine der vorliegenden Situation angemessene Aufbewahrung der hierfür zuständigen Kantonspolizei X überlassen wird. (…)