<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">432</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>86 Untersuchungsgrundsatz; Verspätet erhobene Einsprache; Amtshilfe</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(§ 179 Abs. 1 StG, § 190 Abs. 1 StG, § 187 Abs. 2 StG, § 171 Abs. 1 StG)</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Das unbesehene Abstützen auf die Veranlagung in einem Zweitkanton</b></span><br/> <span class="ft2"><b>stellt allenfalls eine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar, was vorlie-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gend zur Anfechtbarkeit der Veranlagung führt. Verspätet erhobene Ein-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sprache. Die Nichtweiterleitung einer in einem anderen Kanton erhobene</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Einsprache an die Aargauer Steuerbehörden stellt keinen Hinderungs-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>grund dar.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Steuern,</span><br/> <span class="ft3">vom 24. Oktober 2013 in Sachen S. + A.N. (3-RV.2013.108).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">3.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Wie aus den vorliegenden Akten abzulesen ist, hat die Steuer-</span><br/> <span class="ft1">kommission X. beim Erlass der (aargauischen) Veranlagung vollstän-</span><br/> <span class="ft1">dig auf die Veranlagung des Kantons Solothurn abgestellt. Damit ist</span><br/> <span class="ft1">zu untersuchen, ob der Untersuchungsgrundsatz nach § 179 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">Satz 1 StG und § 190 Abs. 1 StG (und damit des Anspruch auf recht-</span><br/> <span class="ft1">liches Gehör) verletzt wurde. Bei Verfahrensfehlern stellt sich regel-</span><br/> <span class="ft1">mässig die Frage nach der Nichtigkeit einer Verfügung, was deren</span><br/> <span class="ft1">absolute Unwirksamkeit bedeutet. Die Nichtigkeit ist von Amtes we-</span><br/> <span class="ft1">gen und jederzeit zu berücksichtigen, weshalb zuerst auf diesen</span><br/> <span class="ft1">Punkt einzugehen ist (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix Uhl-</span><br/> <span class="ft1">mann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Auflage, Zürich/ St. Gal-</span><br/> <span class="ft1">len 2010, N 947 ff.).</span><br/> <span class="ft1">3.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht hat hierzu in Bestätigung der langjährigen</span><br/> <span class="ft1">Rechtsprechung folgendes festgehalten (BGE 137 II 273, E. 3.1, mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen):</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">433</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">,,Fehlerhafte Verwaltungsakte sind in der Regel nicht nichtig, sondern</span><br/> <span class="ft3">nur anfechtbar, und sie werden durch Nichtanfechtung rechtsgültig. Nichtig-</span><br/> <span class="ft3">keit, d.h. absolute Unwirksamkeit, einer Verfügung wird nur angenommen,</span><br/> <span class="ft3">wenn sie mit einem tiefgreifenden und wesentlichen Mangel behaftet ist,</span><br/> <span class="ft3">wenn dieser schwerwiegende Mangel offensichtlich oder zumindest leicht</span><br/> <span class="ft3">erkennbar ist und wenn zudem die Rechtssicherheit durch die Annahme der</span><br/> <span class="ft3">Nichtigkeit nicht ernsthaft gefährdet wird."</span><br/> <span class="ft1">Bei der Verletzung des rechtlichen Gehörs gelten dieselben</span><br/> <span class="ft1">Grundsätze (vgl. VGE vom 28. September 2005 in Sachen A.S.</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2005.191]; AGVE 2000 S. 159; Kommentar zum harmonisier-</span><br/> <span class="ft1">ten Zürcher Steuergesetz, Felix Richner/Walter Frei/Stefan Kauf-</span><br/> <span class="ft1">mann/Hans Ulrich Meuter [Hrsg.], 2. Auflage, Zürich 2006, Vorbe-</span><br/> <span class="ft1">merkungen zu §§ 243-259 N 46).</span><br/> <span class="ft1">3.2.3.</span><br/> <span class="ft1">Ein schwerwiegender Mangel ist vorliegend nicht erkennbar.</span><br/> <span class="ft1">Der Steuerkommission X. lag die Selbstdeklaration der Rekurrenten</span><br/> <span class="ft1">vor, was ihr grundsätzlich die Überprüfung der (solothurnischen)</span><br/> <span class="ft1">Veranlagung vor Erlass der (aargauischen) Veranlagung ohne weitere</span><br/> <span class="ft1">Abklärungen ermöglichte. Ein offensichtlicher Fehler liegt damit</span><br/> <span class="ft1">nicht vor. Sollten dennoch weitere Abklärungen erforderlich gewe-</span><br/> <span class="ft1">sen, jedoch nicht durchgeführt worden sein, hätte dies aufgrund der</span><br/> <span class="ft1">umfassenden Kognition und Untersuchungspflicht (§ 194 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">StG) im ordentlichen Einspracheverfahren korrigiert werden können.</span><br/> <span class="ft1">Eine Nichtigkeit der Veranlagungsverfügung kann demnach vorlie-</span><br/> <span class="ft1">gend nicht festgestellt werden. Durch die Nichtanfechtung der (aar-</span><br/> <span class="ft1">gauischen) Veranlagung ist diese vielmehr rechtsgültig geworden.</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Auf verspätet erhobene Rechtsmittel wird nur eingetreten, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Steuerpflichtige durch erhebliche Gründe oder durch fehlende</span><br/> <span class="ft1">oder unrichtige Rechtsmittelbelehrung an der rechtzeitigen Einrei-</span><br/> <span class="ft1">chung verhindert war und das Rechtsmittel innert 30 Tagen nach</span><br/> <span class="ft1">Wegfall des Hinderungsgrundes eingereicht wird (§ 187 Abs. 2 StG).</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">434</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">3.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Rekurrenten machen zunächst geltend, sie seien nach Ein-</span><br/> <span class="ft1">spracheerhebung gegen die (solothurnische) Veranlagung im Ju-</span><br/> <span class="ft1">ni 2012 von den Steuerbehörden (des Kantons Solothurn) informiert</span><br/> <span class="ft1">worden, dass ihre Unterlagen genau überprüft würden. Daraus hätten</span><br/> <span class="ft1">sie geschlossen, dass sich auch die Rechtsmittelfrist im Verfahren</span><br/> <span class="ft1">beim Gemeindesteueramt X. ,,automatisch verlängert" (undatierte</span><br/> <span class="ft1">Stellungnahme der Rekurrenten im Einspracheverfahren). Da die Re-</span><br/> <span class="ft1">kurrenten im Kanton Solothurn Einsprache gegen die (solothur-</span><br/> <span class="ft1">nische) Veranlagung eingereicht hätten, seien sie davon ausgegan-</span><br/> <span class="ft1">gen, dass die Behörden (des Kantons Solothurn) die Einsprache di-</span><br/> <span class="ft1">rekt an das Gemeindesteueramt X. weiterleiten würden (Rekurs).</span><br/> <span class="ft1">3.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 171 Abs. 1, 2. Satz StG und Art. 39 Abs. 2 StHG hat</span><br/> <span class="ft1">die Veranlagungsbehörde bei Steuerpflicht einer Person in mehreren</span><br/> <span class="ft1">Kantonen die Steuerbehörden des andern Kantons von der Steuerer-</span><br/> <span class="ft1">klärung und von der Veranlagung Kenntnis zu geben. Demnach ist</span><br/> <span class="ft1">ein automatischer Austausch zwischen den Steuerbehörden verschie-</span><br/> <span class="ft1">dener Kantone gesetzlich auf die Steuererklärung und Veranlagung</span><br/> <span class="ft1">beschränkt. Im Umstand, dass die Steuerverwaltung des Kantons</span><br/> <span class="ft1">Solothurn die gegen die (solothurnische) Veranlagung erhobene Ein-</span><br/> <span class="ft1">sprache nicht an das Gemeindesteueramt X. weitergeleitet hat, ist</span><br/> <span class="ft1">nach dem im Kanton Aargau geltenden Recht damit kein Verfahrens-</span><br/> <span class="ft1">fehler zu erblicken. Der Umstand, dass die Einsprache im Kanton</span><br/> <span class="ft1">Solothurn nicht weitergeleitet wurde, stellt damit betreffend das vor-</span><br/> <span class="ft1">liegende Verfahren keinen gültigen Hinderungsgrund dar.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.5.4.</span><br/> <span class="ft1">Auf den ersten Blick stossend wirkt allerdings der Umstand,</span><br/> <span class="ft1">dass die Steuerkommission X. für die (aargauische) Veranlagung oh-</span><br/> <span class="ft1">ne eingehende Untersuchungshandlungen auf die (solothurnische)</span><br/> <span class="ft1">Veranlagung abstellte (siehe oben Erw. 3.2.1.) und letztere im Nach-</span><br/> <span class="ft1">hinein zugunsten der Rekurrenten abgeändert wurde. Da die Rekur-</span><br/> <span class="ft1">renten nach ihren Ausführungen indessen bereits bei Erlass der (aar-</span><br/> <span class="ft1">gauischen) Veranlagung erkannten, dass sie mit dieser nicht einver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">435</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">standen waren, hätten sie sogleich das ordentliche Rechtmittel (Ein-</span><br/> <span class="ft1">sprache) erheben müssen. Nachdem sie zudem bereits im Kanton So-</span><br/> <span class="ft1">lothurn Einsprache erhoben hatten, hätte das Verfassen und Einrei-</span><br/> <span class="ft1">chen einer Einsprache gegen die (aargauische) Veranlagung bei gera-</span><br/> <span class="ft1">dezu deckungsgleicher Sachlage keines grossen Aufwands bedurft.</span><br/> <span class="ft1">Dass die Rekurrenten dies - im Zweifel - nicht sicherheitshalber vor-</span><br/> <span class="ft1">kehrten, obwohl eine Sachlage von gewisser Tragweite für sie in</span><br/> <span class="ft1">Frage stand, ist nicht nachvollziehbar. Die Rekurrenten können dem-</span><br/> <span class="ft1">nach nach verpasster Einsprachefrist aus dem für sie unglücklichen</span><br/> <span class="ft1">Ablauf der Ereignisse nichts zu ihren Gunsten ableiten.</span><br/></div> </div> </body> </html>