ALV 200 2024 846 MAK/REL/WSI Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil der Einzelrichterin vom 20. Februar 2025 Verwaltungsrichterin Mauerhofer Gerichtsschreiberin Bischof A.________ Beschwerdeführer gegen Amt für Arbeitslosenversicherung des Kantons Bern Rechtsdienst, Lagerhausweg 10, 3018 Bern Beschwerdegegner betreffend Einspracheentscheid vom 23. Dezember 2024 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Feb. 2025, ALV 200 2024 846 -2- Sachverhalt: A. Der 1997 geborene A.________ (Versicherter bzw. Beschwerdeführer) war ab dem 12. Juli 2024 in einem auf maximal drei Monate befristeten Arbeits- verhältnis über die B.________ AG (Arbeitgeberin) als ... bei der C.________ AG (Einsatzbetrieb) angestellt (Akten des Amtes für Arbeitslo- senversicherung [AVA bzw. Beschwerdegegner], Akten der Arbeitslosen- kasse D.________ [act. II] 201). Diese Anstellung wurde von der Arbeitge- berin am 23. August 2024 per 25. August 2024 gekündigt (act. II 202 - 203). Am 28. August 2024 (act. II 197 - 200) stellte der Versicherte einen Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ab dem 23. August 2024 und melde- te sich per 24. August 2024 zur Arbeitsvermittlung an (act. II 143). Nach- dem die Arbeitslosenkasse (ALK) bei der Arbeitgeberin Auskünfte zum Kündigungsgrund eingeholt hatte (act. 173 - 174, 127) forderte sie den Versicherten auf, seinerseits zum Kündigungsgrund Stellung zu nehmen, und setzte ihn über eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung im Falle einer Arbeitslosigkeit durch eigenes Verschulden in Kenntnis (act. II 130). Nach Erhalt der Stellungnahme des Versicherten (act. II 124) stellte die ALK den Versicherten mit Verfügung vom 9. Oktober 2024 infolge selbst- verschuldeter Arbeitslosigkeit für 36 Tage ab dem 26. August 2024 in der Anspruchsberechtigung ein (act. II 100 - 102). Die dagegen erhobene Ein- sprache (act. II 81 - 83) hiess der Rechtsdienst des AVA – nach Einholen weiterer Stellungnahmen der Arbeitgeberin (act. II 61 - 64, 51 - 52) und des Versicherten (act. II 54 - 55) – mit Einspracheentscheid vom 23. Dezember 2024 teilweise gut und reduzierte die Einstellung in der Anspruchsberechti- gung von 36 Tagen auf 24 Tage (act. II 11 - 15). B. Dagegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 27. Dezember 2024 Be- schwerde. Sinngemäss beantragt er die Aufhebung des angefochtenen Entscheides. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Feb. 2025, ALV 200 2024 846 -3- Mit Beschwerdeantwort vom 13. Januar 2025 beantragt der Beschwerde- gegner die Abweisung der Beschwerde. Erwägungen: 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Der Beschwerdeführer ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 100 Abs. 3 des Bundesgesetzes vom 25. Juni 1982 über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0] i.V.m. Art. 128 Abs. 1 und Art. 119 der Verordnung vom 31. August 1983 über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet der Einspracheentscheid vom 23. Dezem- ber 2024 (act. II 11 - 15). Streitig und zu prüfen ist die Einstellung in der Anspruchsberechtigung im Umfang von 24 Tagen wegen selbstverschulde- ter Arbeitslosigkeit. 1.3Bei der Einstellungsdauer von 24 Tagen und einem Taggeld von Fr. 153.– (vgl. z.B. act. II 5) liegt der Streitwert bei Fr. 3'672.– und damit Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Feb. 2025, ALV 200 2024 846 -4- unter Fr. 20'000.–, weshalb die Beurteilung der Beschwerde in die einzel- richterliche Zuständigkeit fällt (Art. 57 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Nach Art. 17 Abs. 1 AVIG müssen Versicherte, die Versicherungs- leistungen beanspruchen wollen, mit Unterstützung des zuständigen Ar- beitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu vermei- den oder zu verkürzen. 2.2Nach Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG sind Versicherte in der Anspruchsbe- rechtigung einzustellen, wenn sie durch eigenes Verschulden arbeitslos sind. Die Arbeitslosigkeit gilt namentlich dann als selbstverschuldet, wenn die versicherte Person durch ihr Verhalten, insbesondere wegen Verlet- zung arbeitsvertraglicher Pflichten, dem Arbeitgeber Anlass zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses gegeben hat (Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV). Die Ein- stellung in der Anspruchsberechtigung wegen selbstverschuldeter Arbeits- losigkeit gemäss Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV setzt jedoch keine Auflösung des Arbeitsverhältnisses aus wichtigen Gründen gemäss Art. 337 bzw. Art. 346 Abs. 2 Schweizerischen Obligationenrechts (OR; SR 220) voraus. Es genügt, dass das allgemeine Verhalten Anlass zur Kündigung bzw. Entlas- sung gegeben hat; Beanstandungen in beruflicher Hinsicht müssen nicht vorgelegen haben. (BGE 112 V 242 E. 1 S. 244; ARV 2016 S. 60 E. 5; SVR 2006 ALV Nr. 15 S. 51, C 223/05 E. 1). 2.3Ein Selbstverschulden im Sinne der Arbeitslosenversicherung liegt dann vor, wenn und soweit der Eintritt oder das Andauern der Arbeitslosig- keit nicht objektiven Faktoren zuzuschreiben ist, sondern in einem nach den persönlichen Umständen und Verhältnissen vermeidbaren Verhalten der versicherten Person liegt, für das die Versicherung die Haftung nicht übernimmt. Dieses Verhalten muss gemäss Art. 20 lit. b des Übereinkom- mens Nr. 168 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) vom 21. Juni Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Feb. 2025, ALV 200 2024 846 -5- 1988 über Beschäftigungsförderung und den Schutz gegen Arbeitslosigkeit (SR 0.822.726.8) vorsätzlich erfolgt sein, wobei Eventualvorsatz genügt. Folglich reicht es aus, dass das allgemeine Verhalten am Arbeitsplatz aus sachlich gerechtfertigten Gründen vom Arbeitgeber missbilligt wurde und die versicherte Person trotz Wissens um diese Missbilligung ihr Verhalten nicht geändert hat, womit sie dem Arbeitgeber Anlass zur Kündigung gab bzw. eine solche in Kauf nahm. Ausschlaggebend ist, ob die versicherte Person wissen konnte und musste, dass sie durch ihr Handeln womöglich eine Kündigung bewirkt (BGE 147 V 342 E. 6.1 S. 357; Urteil des BGer 8C_466/2007 vom 19. November 2007 E. 3.1; ARV 2016 S. 60 E. 5). 3. 3.1Zu prüfen ist zunächst, ob der Beschwerdeführer zu Recht wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit in seiner Anspruchsberechtigung ein- gestellt wurde. Der Beschwerdeführer trat am 12. Juli 2024 ein durch die Arbeitgeberin B.________ AG vermitteltes, auf maximal drei Monate befristetes Tem- porär-Arbeitsverhältnis beim Einsatzbetrieb C.________ AG an (vgl. Ein- satzvertrag [act. II 201]). Am 23. August 2024 löste die Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis unter der Einhaltung der vertraglich vereinbarten Kündi- gungsfrist von zwei Tagen auf den 25. August 2024 auf (act. II 202 -203). Auf Nachfrage des Beschwerdeführers (act. II 173 - 174) führte die Arbeit- geberin aus, dass eine Nichteinhaltung der Sicherheitsregeln der Grund für die Kündigung gewesen sei (act. II 127): Der Beschwerdeführer habe trotz ausdrücklichem Verbot die ... im ... der ... bei laufender Maschine ... (act. II 61 Ziff. 1). Soweit der Beschwerdeführer in seiner Stellungnahme vom 27. September 2024 (act. II 124) und auch in seinen Ausführungen vom 14. Oktober 2024 (act. 81 - 83) geltend gemacht hat, er habe nicht gewusst bzw. ihm habe niemand gesagt, dass er das nicht machen dürfe, kann er daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten. Denn aus den Akten ergibt sich, dass er am 22. Juli 2024 bezüglich der Bedienung, Handha- bung und Sicherheit der ...maschinen geschult worden war (vgl. act. II 61). Mit seiner Unterschrift hat der Beschwerdeführer bestätigt, diese Schulung Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Feb. 2025, ALV 200 2024 846 -6- durchlaufen und die Sicherheitsvorgaben der Standardarbeitsanweisungen ("Standard Operating Procedure" [SOP; vgl. act. II 62 - 63]) verstanden zu haben. In letzteren wird auf die "Gefahr des Einzugs der Extremitäten (Hand, Arm, Körper)" hingewiesen und mehrmals ausdrücklich sowie fett- gedruckt festgehalten, dass deshalb "das ... der ... im ... […] nur während dem Stillstand durchgeführt werden" darf. Wenn der Beschwerdeführer in seiner E-Mail vom 27. November 2024 (act. II 54 - 55) ausführt, dass er aufgrund seiner schlechten Deutschkenntnisse "einige Teile" der SOP "nicht verstanden oder vergessen" habe, ist dies unbehilflich, denn diesfalls wäre er verpflichtet gewesen, bei Unklarheiten bei einem Vorgesetzten nachzufragen und um weitere Instruktionen zu bitten. Indem er das nicht getan und damit zumindest eventualvorsätzlich die Sicherheitsvorgaben der Arbeitgeberin missachtet (vgl. E. 2.3 hiervor) und seine arbeitsvertragli- chen Pflichten verletzt hat (vgl. E. 2.2 hiervor), hat der Beschwerdeführer den Grund für die Kündigung selbst gesetzt. Infolgedessen ist er für die Arbeitslosigkeit verantwortlich. 3.2Zu prüfen bleibt die Angemessenheit der Sanktion von 24 Einstell- tagen. 3.2.1Die Dauer der Einstellung bemisst sich nach dem Grad des Ver- schuldens (Art. 30 Abs. 3 Satz 3 AVIG) und beträgt ein bis 15 Tage bei leichtem, 16 bis 30 Tage bei mittelschwerem und 31 bis 60 Tage bei schwerem Verschulden (Art. 45 Abs. 3 lit. a - c AVIV). Die Einstellung gilt nur für Tage, für die die arbeitslose Person die Voraussetzungen der An- spruchsberechtigung erfüllt (Art. 30 Abs. 3 Satz 1 AVIG). Innerhalb dieses Rahmens entscheidet die Kasse nach pflichtgemässem Ermessen. Das Sozialversicherungsgericht darf sein Ermessen nicht ohne triftigen Grund anstelle desjenigen der Verwaltung setzen; die Rekursbehörde muss sich somit auf Gegebenheiten abstützen können, welche ihre abweichende Er- messensausübung als näher liegend erscheinen lassen (BGE 123 V 150 E. 2 S. 152; SVR 2020 ALV Nr. 11 S. 36 E. 3.3; ARV 2020 S. 95 E. 4.2). 3.2.2Nachdem die ALK am 9. Oktober 2024 (act. II 100 - 102) zunächst eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit von 36 Tagen verfügt hatte, wurde die Einstellung im Ein- spracheentscheid in masslicher Hinsicht auf 24 Tage reduziert. Diese Ein-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Feb. 2025, ALV 200 2024 846 -7- stelldauer liegt etwas über dem mittleren Bereich des mittelschweren Ver- schuldens (Art. 45 Abs. 3 Bst. b AVIV). Der Beschwerdegegner hat sich dabei an der Weisung des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) betref- fend Arbeitslosenentschädigung (AVIG-Praxis ALE, Stand 1. Juli 2024 [ab- rufbar unter: <www.treffpunkt-arbeit.ch>]) orientiert (vgl. AVIG-Praxis ALE D72 Ziff. 1.J [Einstellung bei Auflösung eines befristeten Arbeitsvertrags vor dessen Ablauf durch den Arbeitgeber oder die versicherte Person: leichtes, mittleres oder schweres Verschulden]). Mit Blick auf die gesamte Situation und insbesondere unter Berücksichtigung des Umstandes, dass gemäss AVIG-Praxis ALE die Einstellung rund zwei Dritteln des Schadens entspre- chen sollte, der aufgrund des geplanten Endes des befristeten Arbeitsver- trags berechnet wird (vgl. AVIG-Praxis ALE D72 Ziff. 1.J), erscheint dieses Einstellmass von 24 Tagen als angemessen. Das auf drei Monate befriste- te Arbeitsverhältnis hätte am 11. Oktober 2024 – mithin nach 35 weiteren Arbeitstagen – geendet (act. II 201) und 24 Einstelltage entsprechen rund zwei Dritteln von 35 Tagen. Der Beschwerdeführer macht zwar beschwer- deweise geltend, auch die nunmehr 24 Einstelltage würden ihn in finanziel- le Schwierigkeiten bringen, doch kann dieser Umstand bei der Bemessung der Einstelltage nicht berücksichtigt werden. Ein triftiger Grund, seitens des Gerichts in das diesbezügliche Ermessen des Beschwerdegegners einzu- greifen, besteht nicht. 3.3Nach dem Dargelegten ist die Einstellung in der Anspruchsberechti- gung sowohl grundsätzlich als auch in masslicher Hinsicht nicht zu bean- standen. Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 4. 4.1In Anwendung von Art. 1 Abs. 1 AVIG i.V.m. Art. 61 lit. f bis ATSG (Umkehrschluss; vgl. auch BBl 2018 1639) sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 4.2Bei diesem Ausgang des Verfahrens besteht gemäss Art. 1 Abs. 1 AVIG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG (Umkehrschluss) kein Anspruch auf eine Parteientschädigung.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Feb. 2025, ALV 200 2024 846 -8- Demnach entscheidet die Einzelrichterin: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden weder Verfahrenskosten erhoben noch wird eine Parteien- tschädigung zugesprochen. 3. Zu eröffnen (R): - A.________ - Amt für Arbeitslosenversicherung des Kantons Bern, Rechtsdienst - Staatssekretariat für Wirtschaft – SECO Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.