<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 117 S.489</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Fremdenpolizei</div> <span class="page_no">489</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Beschwerden gegen Einspracheentscheide der</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Fremdenpolizei</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>117 Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 13 lit. f BVO.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Für die Erteilung einer Härtefallbewilligung nach Art. 13 lit. f BVO</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ist nicht vorausgesetzt, dass der Betroffene bereits über eine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Anstellung verfügt (Erw. II/4).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Von einem Härtefall nach Art. 13 lit. f BVO ist bei Erwachsenen, die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sich 9 Jahre in der Schweiz aufhalten und bei Familien mit Kindern,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>die älter als 13 Jahre sind und länger als fünf Jahre in der Schweiz</b></span><br/> <span class="ft3"><b>weilen, auszugehen, falls die übrigen Voraussetzungen der guten</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Integration, der finanziellen Unabhängigkeit und des tadellosen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Verhaltens erfüllt sind (Erw. II/5/b/aa).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Bei der Berechnung der Anwesenheitsdauer von Personen, die in der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Schweiz mündig geworden sind, zählen die Jahre als Unmündige</b></span><br/> <span class="ft3"><b>doppelt (Erw. II/5/b/cc).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 24. Novem-</span><br/> <span class="ft4">ber 2000 in Sachen S.O. gegen einen Entscheid der Fremdenpolizei</span><br/> <span class="ft4">(BE.1999.00003).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">A. Der Beschwerdeführer 1 reiste am 25. September 1992 in die</span><br/> <span class="ft6">Schweiz ein, die Beschwerdeführer 2, 3 und 4 am 7. Dezember 1992.</span><br/> <span class="ft6">Mit Verfügung des Bundesamtes für Flüchtlinge (BFF) vom 2. No-</span><br/> <span class="ft6">vember 1992 beziehungsweise 15. März 1993 wurden die Asylgesu-</span><br/> <span class="ft6">che der Beschwerdeführer abgelehnt. Das BFF verfügte gleichzeitig</span><br/> <span class="ft6">die Wegweisung der Beschwerdeführer aus der Schweiz und, gestützt</span><br/> <span class="ft6">auf einen Beschluss des Bundesrates vom 18. Dezember 1991, ihre</span><br/> <span class="ft6">gruppenweise vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des</span><br/> <span class="ft6">Vollzuges der Wegweisung.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">490</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Nachdem der Beschwerdeführer 1 aufgrund seiner schweren</span><br/> <span class="ft6">Erkrankung bereits 1995 erfolglos um Erteilung einer Jahresaufent-</span><br/> <span class="ft6">haltsbewilligung ersucht hatte, beantragten er und die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führerin 2 am 24. Februar 1998 für sich und ihre Kinder die Um-</span><br/> <span class="ft6">wandlung der vorläufigen Aufnahme in eine Jahresaufenthaltsbewil-</span><br/> <span class="ft6">ligung. Sie begründeten das Gesuch im Wesentlichen mit der nicht</span><br/> <span class="ft6">ausreichenden Behandlungsmöglichkeit des Schilddrüsenkarzinoms</span><br/> <span class="ft6">des Beschwerdeführers 1 in Bosnien, der kritischen Lage im ehema-</span><br/> <span class="ft6">ligen Wohnort und der guten Integration - vor allem der beiden Kin-</span><br/> <span class="ft6">der - in der Schweiz. Mit Verfügung der Fremdenpolizei, Sektion</span><br/> <span class="ft6">Aufenthalt, vom 30. Juni 1998 wurde das Gesuch abgewiesen.</span><br/> <span class="ft6">B. Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführer am</span><br/> <span class="ft6">21. Juli 1998 Einsprache. Am 17. Dezember 1998 wies der Rechts-</span><br/> <span class="ft6">dienst der Fremdenpolizei die Einsprache ab.</span><br/> <span class="ft6">C. Am 25. Januar 1999 reichten die Beschwerdeführer gegen</span><br/> <span class="ft6">den vorinstanzlichen Entscheid beim Rekursgericht Beschwerde ein.</span><br/> <span class="ft6">Am 22. September 1999 orientierte die Fremdenpolizei das Rekurs-</span><br/> <span class="ft6">gericht, der Beschwerdeführer 1 sei am 14. September 1999 verstor-</span><br/> <span class="ft6">ben.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">II. 4. Die Vorinstanz geht davon aus, dass ein Gesuch um Er-</span><br/> <span class="ft6">teilung einer Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 13 lit. f BVO</span><br/> <span class="ft6">nur dann bewilligt werden könne, wenn die Betroffenen über eine</span><br/> <span class="ft6">ausreichende Anstellung verfügen würden. Die Anstellung sei für</span><br/> <span class="ft6">einen auf Dauer hin angelegten Verbleib der Familie in der Schweiz</span><br/> <span class="ft6">vorausgesetzt. Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Zwar</span><br/> <span class="ft6">kann aus der systematischen Stellung von Art. 13 BVO der Schluss</span><br/> <span class="ft6">gezogen werden, dass es sich beim Gesuchsteller um einen inskünf-</span><br/> <span class="ft6">tig erwerbstätigen Ausländer handeln muss. Dies im Gegensatz zu</span><br/> <span class="ft6">Art. 36 BVO, bei dem es ebenfalls um die Erteilung einer "Härtefall-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Fremdenpolizei</div> <span class="page_no">491</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">bewilligung" geht, jedoch ohne Erwerbstätigkeit. Daraus die Voraus-</span><br/> <span class="ft6">setzung abzuleiten, nur einem Betroffenen mit bereits bestehender</span><br/> <span class="ft6">Anstellung könne eine Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 13</span><br/> <span class="ft6">BVO erteilt werden, ist nicht zulässig. Dies ergibt sich auch aus der</span><br/> <span class="ft6">bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu Art. 13 lit. f BVO, wonach</span><br/> <span class="ft6">eine Bewilligung gestützt auf diese Bestimmung sogar dann erteilt</span><br/> <span class="ft6">werden kann, wenn der Betroffene noch gar nicht in der Schweiz</span><br/> <span class="ft6">weilt und damit selbstredend noch nicht über eine Anstellung verfügt</span><br/> <span class="ft6">(BGE 119 Ib 33, E. 4c, S. 43).</span><br/> <span class="ft6">Unter diesen Umständen ist nachfolgend zu prüfen, ob die Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführer die Voraussetzungen für die Erteilung einer Aufent-</span><br/> <span class="ft6">haltsbewilligung gemäss Art. 13 lit. f BVO erfüllen.</span><br/> <span class="ft6">5. (...) b) aa) Das Bundesgericht ist in BGE 124 II 110, E. 3, S.</span><br/> <span class="ft6">113 davon ausgegangen, dass ein Härtefall gestützt auf Art. 13 lit. f</span><br/> <span class="ft6">BVO aufgrund der Anwesenheitsdauer in der Schweiz gegeben ist,</span><br/> <span class="ft6">wenn ein in beruflicher und sozialer Hinsicht gut integrierter Aus-</span><br/> <span class="ft6">länder, der nicht von der staatlichen Fürsorge abhängig ist und sich</span><br/> <span class="ft6">tadellos verhalten hat, seit 10 Jahren in der Schweiz lebt. Gemäss</span><br/> <span class="ft6">schriftlicher Auskunft des Bundesamtes für Ausländerfragen (BFA)</span><br/> <span class="ft6">an das Rekursgericht vom 27. April 2000 zur Praxis der Härtefall-</span><br/> <span class="ft6">bewilligung gemäss Art. 13 lit. f BVO, die sich an der bundes-</span><br/> <span class="ft6">gerichtlichen Praxis orientiert, ist davon auszugehen, dass bei gut</span><br/> <span class="ft6">integrierten, unbescholtenen ledigen Personen die Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft6">für einen schwerwiegenden persönlichen Härtefall in der Regel</span><br/> <span class="ft6">bereits bei einem Aufenthalt von 9 Jahren erfüllt sind. Bei sozial und</span><br/> <span class="ft6">wirtschaftlich integrierten Familien mit Kindern und Jugendlichen,</span><br/> <span class="ft6">die älter als 13 Jahre sind und länger als 5 Jahre in der Schweiz</span><br/> <span class="ft6">weilen, ist gemäss Praxis ebenfalls von einem Härtefall auszugehen.</span><br/> <span class="ft6">Diese Praxis wurde durch die Fremdenpolizei des Kantons Aargau</span><br/> <span class="ft6">übernommen (Entscheid des Rekursgerichts vom 10. November</span><br/> <span class="ft6">2000 i.S. A.Z., BE.1999.00033, E. 4b, S. 7).</span><br/> <span class="ft6">bb) Die heute über 16-jährige Beschwerdeführerin 4 lebt seit 8</span><br/> <span class="ft6">Jahren in der Schweiz und erfüllt somit die gemäss Praxis für die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">492</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Annahme eines Härtefalls erforderliche Voraussetzung der Mindest-</span><br/> <span class="ft6">aufenthaltsdauer bei weitem.</span><br/> <span class="ft6">cc) Fraglich ist, wie es sich verhält, wenn ein Betroffener als</span><br/> <span class="ft6">Jugendlicher einreiste, während weniger als 5 Jahren als Jugendli-</span><br/> <span class="ft6">cher in der Schweiz weilte und insgesamt noch nicht 9 Jahre hier</span><br/> <span class="ft6">war. Die Festlegung einer bestimmten Aufenthaltsdauer, nach der -</span><br/> <span class="ft6">unter der Bedingung der in beruflicher und sozialer Hinsicht guten</span><br/> <span class="ft6">Integration, der Unabhängigkeit von der staatlichen Fürsorge und des</span><br/> <span class="ft6">tadellosen Verhaltens - in der Regel davon ausgegangen wird, es</span><br/> <span class="ft6">liege ein Härtefall vor, hängt damit zusammen, dass nach einer ge-</span><br/> <span class="ft6">wissen Aufenthaltsdauer in der Schweiz die Vermutung besteht, ein</span><br/> <span class="ft6">Betroffener, der sich über eine lange Zeitdauer in einem Land auf-</span><br/> <span class="ft6">halte, gewöhne sich derart stark an dieses Land, dass eine unfreiwil-</span><br/> <span class="ft6">lige Rückkehr in sein Heimatland für ihn eine eigentliche Entwurze-</span><br/> <span class="ft6">lung darstelle. Durch Festlegung einer bestimmten Mindestaufent-</span><br/> <span class="ft6">haltsdauer soll eine messbare Grösse definiert werden, um eine mög-</span><br/> <span class="ft6">lichst rechtsgleiche Behandlung der Betroffenen sicherzustellen.</span><br/> <span class="ft6">Dabei wird für Jugendliche rund eine halb so lange Mindestaufent-</span><br/> <span class="ft6">haltsdauer definiert als für Erwachsene, da sich Jugendliche in einer</span><br/> <span class="ft6">für ihre Entwicklung prägenden Phase befinden und sich in der Regel</span><br/> <span class="ft6">während dieser Zeit stärker verwurzeln als Erwachsene. Diese Praxis</span><br/> <span class="ft6">ist grundsätzlich nicht zu beanstanden. Hingegen darf sie im kon-</span><br/> <span class="ft6">kreten Fall nicht zu einem stossenden Ergebnis führen. Unzulässig</span><br/> <span class="ft6">wäre insbesondere, aufgrund einer knapp zu kurzen Aufenthaltsdauer</span><br/> <span class="ft6">das Vorliegen eines Härtefalles zu verneinen und das Element der</span><br/> <span class="ft6">Aufenthaltsdauer später im Rahmen der Gesamtbetrachtung ausser</span><br/> <span class="ft6">Acht zu lassen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass nach Über-</span><br/> <span class="ft6">schreiten der Mindestaufenthaltsdauer grundsätzlich ein Härtefall</span><br/> <span class="ft6">vorliegt, wenn ein Betroffener in beruflicher und sozialer Hinsicht</span><br/> <span class="ft6">gut integriert ist, er nicht durch staatliche Fürsorge unterstützt wer-</span><br/> <span class="ft6">den muss und sich zudem tadellos verhalten hat. In diesem Falle</span><br/> <span class="ft6">muss die persönliche Notlage des Betroffenen nicht mit zusätzlichen</span><br/> <span class="ft6">Argumenten belegt werden. Je weniger lange ein Betroffener aber in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Fremdenpolizei</div> <span class="page_no">493</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">der Schweiz weilte, je länger es demzufolge dauert, bis er die fest-</span><br/> <span class="ft6">gelegte Mindestaufenthaltsdauer erreicht, umso mehr müssen andere</span><br/> <span class="ft6">Elemente für die Begründung der Notlage beziehungsweise zur An-</span><br/> <span class="ft6">nahme eines Härtefalles hinzukommen.</span><br/> <span class="ft6">Weilt ein Betroffener längere Zeit als Jugendlicher und an-</span><br/> <span class="ft6">schliessend als junger Erwachsener in der Schweiz, wäre es stossend,</span><br/> <span class="ft6">erst nach neunjähriger Anwesenheitsdauer ein Härtefall anzunehmen.</span><br/> <span class="ft6">Geht man davon aus, dass die Aufenthaltsdauer als Jugendlicher</span><br/> <span class="ft6">gemäss Praxis doppelt zu zählen ist, ergibt sich für den Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führer 3 eine anrechenbare Aufenthaltsdauer als Jugendlicher von 14</span><br/> <span class="ft6">Jahren. Zählt man die Aufenthaltsdauer als junger Erwachsener</span><br/> <span class="ft6">hinzu, erhellt klar, dass der Beschwerdeführer die erforderliche Min-</span><br/> <span class="ft6">destaufenthaltsdauer von 9 Jahren bei weitem überschritten hat.</span><br/> <span class="ft6">Seine Anwesenheitsdauer begründet damit in analoger Anwendung</span><br/> <span class="ft6">der Praxis des BFA und der Fremdenpolizei - unter der Vorausset-</span><br/> <span class="ft6">zung der guten Integration, der finanziellen Unabhängigkeit und des</span><br/> <span class="ft6">tadellosen Verhaltens - für sich allein bereits eine derart enge Bezie-</span><br/> <span class="ft6">hung zur Schweiz, dass ein Härtefall im Sinne von Art. 13 lit. f BVO</span><br/> <span class="ft6">vorliegt.</span><br/> <span class="ft6">c) Die Anwesenheitsdauer der Beschwerdeführerin 4 und auch</span><br/> <span class="ft6">diejenige des Beschwerdeführers 3 begründen - unter Vorbehalt der</span><br/> <span class="ft6">erfüllten anderen Voraussetzungen - je für die ganze Familie einen</span><br/> <span class="ft6">schwerwiegenden persönlichen Härtefall nach Art. 13 lit. f BVO</span><br/> <span class="ft6">(unveröffentlichter Entscheid des Bundesgerichtes vom 21. Novem-</span><br/> <span class="ft6">ber 1995, 2A.187/1995, E. 4, S. 10). Unter diesen Umständen ist</span><br/> <span class="ft6">nachfolgend noch zu prüfen, wie sich die Beschwerdeführer 2 bis 4</span><br/> <span class="ft6">gesellschaftlich und beruflich in die hiesigen Verhältnisse integriert</span><br/> <span class="ft6">haben, ob sie finanziell unabhängig sind und sich tadellos verhalten</span><br/> <span class="ft6">haben.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>