B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-819/2020 U r t e i l v o m 11 . O k t o b e r 2 0 2 2 Besetzung Richter Andreas Trommer (Vorsitz), Richter Gregor Chatton, Richterin Susanne Genner, Gerichtsschreiber Julius Longauer. Parteien C._______, Beschwerdeführerin, vertreten durch D._______, (…), gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Anerkennung der Staatenlosigkeit. F-819/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, nach eigenen Angaben eine im Jahr 2000 gebo- rene Kurdin aus der im äussersten Nordosten Syriens liegenden Kleinstadt al-Malikiya ( Kurdisch: «Dêrik hemko» auch bekannt als « Dêrik» oder «Dêrek»), ersuchte am 23. April 2019 in der Schweiz um Asyl. Im Rahmen des Asylverfahrens machte die Beschwerdeführerin geltend, sie gehöre den kurdischen Maktumin al -Qaid an und sei als solche ohne Staatsangehörigkeit. In die Schweiz sei sie hauptsächlich gekommen, weil hier ihr Ehemann lebe, mit dem sie kurz zuvor in ihrer Heimat nach islami- schem Recht eine staatlich nicht registrierte Ehe geschlossen habe. Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin eine am 31. Mai 2011 aus- gestellte Mukhtar-Bestätigung sowie einen vom 3. November 2018 datier- ten aussergerichtlichen Ehevertrag nach islamischem Recht zu den Akten, beides in Original (Akten der Vorinstanz betr. «Asylgesuch in CH», Vorha- ben: […] / N […] [SEM-1-act.] Beweismittelverzeichnis). Beim religiös angetrauten Ehemann (nachfolgend: Ehemann) der Be- schwerdeführerin und gleichzeitigen Rechtsvertreter im Asylverfahren han- delte es sich um den syrischen Staatsangehörigen kurdischer Ethnie D._______ (geb. 1992), der im Februar 2012 als Asylsuchender in die Schweiz gelangte und bei dem die Vorinstanz am 6. Juni 2014 die Flücht- lingseigenschaft verneinte, das Asylgesuch ablehnte und die Wegweisung aus der Schweiz verfügte, anstelle deren Vollzugs aber wegen Unzumut- barkeit eine vorläufige Aufnahme anordnete. Dieser Entscheid wurde auf Beschwerde hin bestätigt (Urteil des BVGer D-3769/2014 vom 11. Januar 2017). B. Nachdem ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentraleinheit «Eurodac») ergeben hatte, dass die Beschwerdeführerin am 28. März 2019 in Griechenland bei der illegalen Einreise aus einem Drittstaat aufgegriffen worden war (SEM-1-act. 9), gelangte die Vorinstanz am 8. Mai 2019 mit einem Informationsersuchen an die griechischen Be- hörden (SEM-1-act. 16). Diese teilten der Vorinstanz am 22. Mai 2019 mit, dass sich die Beschwerdeführe rin in Griechenland mit dem Reisepass Nr. (…) ausgewiesen habe und dort unter der Identität C._______, geboren (…) 1999, syrische Staatsangehörige, registriert sei (SEM-1-act. 20). F-819/2020 Seite 3 C. Mit Verfügung vom 7. August 2019 stellte die Vorinstanz fest, die Be- schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, wies ihr Asylge- such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Infolge Unzu- mutbarkeit schob sie den Vollzug der Wegweisung zu Gunsten einer vor- läufigen Aufnahme auf. Diese Verfügung ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen (SEM-1-act. 38]). D. Mit Eingabe vom 22. August 2019 ersuchte die Beschwerdeführerin, ver- treten durch ihren Ehemann, um Anerkennung der Staatenlosigkeit. Be- gründend führte sie aus, als kurdische Maktuma al-Qaid aus Syrien verfüge sie weder über die syrische Staatsangehörigkeit noch habe sie die Mög- lichkeit, die syrische Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung zu erwerben (Akten der Vorinstanz betr. «Staatenlosigkeit», Vorhaben: […] / N […] [SEM-2-act.] 1). E. Am 11. November 2019 konfrontierte die Vorinstanz die Beschwerdeführe- rin mit einer Reihe von Ungereimtheiten und teilte ihr unter Wahrung des rechtlichen Gehörs mit, dass sie erwäge, das Gesuch um Anerkennung der Staatenlosigkeit abzuweisen. Vom Recht auf Stellungnahme machte die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 2. Dezember 2019 Gebrauch (SEM-2-act. 5, 6). F. Mit Verfügung vom 14. Januar 2020 wies die Vorinstanz das Gesuch um Anerkennung der Staatenlosigkeit ab (SEM -2-act. 7). Zur Begründung führte die Vorinstanz zusammenfassend auf, der Beschwerdeführerin sei es nicht gelungen, ihre behauptete Zugehörigkeit zu der Personengruppe der Maktumin al-Qaid glaubhaft dazutun. Ihr Gesuch um Anerkennung der Staatenlosigkeit müsse daher abgewiesen werden. G. Mit Eingabe vom 11. Februar 2020 erhob die Beschwerdeführerin, wiede- rum vertreten durch ihren Ehemann, beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung und beantragte deren Auf- hebung sowie Anerkennung ihrer Staatenlosigkeit. Ferner beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses (Akten des BVGer [Rek-act. 1]). F-819/2020 Seite 4 H. In ihrer Vernehmlassung vom 25. März 2020 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde. I. Die Beschwerdeführerin machte von dem ihr eingeräumten Recht auf Ein- reichung einer Replik keinen Gebrauch, reichte aber am 27. Mai 2020 un- aufgefordert das in der Beschwerde in Aussicht gestellte Original einer Be- stätigung des Personenstandsregisterführers von al-Malikiya vom 23. Ja- nuar 2020 nach (Rek-act. 7). J. Es folgten weitere Schriftenwechsel (Duplik vom 11. August 2020, Triplik vom 12. September 2020, Quadruplik vom 23. September 2021, Quintuplik vom 25. Oktober 2021 sowie Sextuplik vom 29. November 2021), in deren Rahmen die eingereichten syrischen Dokumente thematisiert wurden (Rek-act. 9, 11, 17, 19, 21). K. Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun- gen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Verfügungen des SEM betreffend Anerkennung der Staatenlosigkeit unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 31 ff. VGG). 1.2 Gemäss Art. 37 VGG richtet sich das Verfahren vor dem Bundesver- waltungsgericht nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes be- stimmt (vgl. auch Art. 2 Abs. 4 VwVG). 1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG; vgl. auch BVGE 2021 VII/8 E. 4). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde is t einzutreten (Art. 49 ff. VwVG). F-819/2020 Seite 5 2. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er- messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb- lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be- schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis- sen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeit- punkt des Entscheids (BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1 E. 2). 3. 3.1 Gemäss Art. 1 Abs. 1 des Übereinkommens vom 28. September 1954 über die Rechtsstellung der Staatenlosen (Staatenlosenübereinkommen, StÜ, SR 0.142.40) gilt jemand als staatenlos, wenn kein Staat ihn aufgrund seiner Gesetzgebung (im englischen bzw. französischen Originaltext: «un- der the operation of its law», «par application de sa législation») als seinen Angehörigen betrachtet. Staatenlosigkeit bedeutet nach dieser Begriffsum- schreibung das Fehlen der rechtlichen Zugehörigkeit zu einem Staat (sog. «de iure» -Staatenlosigkeit). Das Übereinkommen bezieht sich dagege n nicht auf Personen, die zwar formell noch eine Staatsangehörigkeit besit- zen, deren Heimatstaat ihnen aber keinen Schutz mehr gewährt (sog. «de facto»-Staatenlose; vgl. YVONNE BURCKHARDT-ERNE, Die Rechtsstellung der Staatenlosen im Völkerrecht und Schweizerischen Landesrecht, 1977, S. 1 ff. m.H.; BGE 147 II 421 E. 5.1 m.H.; BVGE 2021 VII/8 E. 5.1). Die Rechtsprechung hält dazu präzisierend fest, dass als staatenlos nur angesehen werden kann, wem die Staatenlosigkeit nicht zuzurechnen ist, beispielsweise weil er die Staatsangehörigkeit ohne eigenes Zutun verlo- ren hat und diese nicht (wieder-)erlangen kann. Wer dagegen seine Staats- angehörigkeit freiwillig aufgibt oder es ohne triftigen Grund unterlässt, sie zu erwerben oder wieder zu erwerben, kann sich nicht auf die Rechte aus dem Staatenlosenübereinkommen berufen (Urteil des BGer 2C_36/2012 vom 10. Mai 2012 E. 3.1). Damit wird verhindert, dass der Status der Staa- tenlosigkeit den ihm im Übereinkommen zugedachten Auffang - und Schutzcharakter verliert und zu ei ner Sache der persönlichen Präferenz der betroffenen Person wird (BGE 147 II 421 E. 5.2 und 5.3 m.H.). 3.2 Das Verfahren auf Anerkennung der Staatenlosigkeit folgt mangels ei- ner spezialgesetzlichen Regelung dem VwVG und den allgemeinen F-819/2020 Seite 6 Grundsätzen des Verwalt ungsverfahrensrechts. Für das Vorliegen einer Tatsache ist daher grundsätzlich der volle Beweis zu erbringen. Gelingt der Beweis nicht, so geht die Beweislosigkeit nach der üblichen Beweislastre- gel zu Lasten dessen, der aus der Tatsache Rechte ableitet (Ar t. 8 ZGB). Es gilt sodann der Untersuchungsgrundsatz, der die Verantwortung für die Ermittlung des Sachverhalts der Behörde auferlegt (Art. 12 VwVG). Der Untersuchungsgrundsatz wird relativiert durch die Pflicht der Partei, an der Ermittlung des Sachverhal ts mitzuwirken. Die Mitwirkungspflicht kommt unter anderem in Verfahren zum Tragen, die auf Begehren der Partei ein- geleitet werden (Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG), und gilt namentlich für Tatsa- chen, welche die Partei besser kennt als die Behörde bzw. welche die Be- hörde ohne Mitwirkung der Partei gar nicht oder nur mit übermässigem Aufwand ermitteln kann (vgl. BGE 130 II 449 E. 6.6.1 und BGE 128 II 139 E. 2b). Dabei gilt es zwar zu berücksichtigen, dass eine negative Tatsache (hier: das Fehlen einer Staatsangeh örigkeit) anspruchsbegründend ist. Dies ändert aber nichts an der objektiven Beweislastverteilung (vgl. Urteil des BGer 2C_661/2015 vom 12. November 2015 E. 3.2 m.w.H.). 4. Die Beschwerdeführerin behauptet, sie sei Kurdin aus Syrien, gehöre den Maktjumin al-Qaid an (wörtlich: nicht registrierte Personen; Singular männ- lich: Maktum; Singular weiblich: Maktuma) und sei daher staatenlos. 4.1 Die Kurden in Syrien sind als grösste nichtarabische Minderheit gene- rell Diskriminierungen ausgesetzt. Im Nachgang zu einer 1962 in der syri- schen Provinz al -Hasaka durchgeführten Sondervolkszählung verloren viele von ihnen das syrische Bürgerrecht mit der Folge, dass sie staatenlos wurden. Abhängig vom rechtlichen Status können heute drei Gruppen sy- rischer Kurden unterschieden werden: Kurden mit syrischer Staatsangehö- rigkeit, registrierte staatenlose Kurden, die als Ajanib (wörtlich: Ausländer; Singular männlich: Ajnabi) bezeichnet werden, und schliesslich staatenlose Kurden, die in keinem staatlichen Register geführt werden, die sogenann- ten Maktumin al-Qaid. Bereits die Ajanib sind in Bezug auf ihre politischen Rechte, ihre Besitzrechte, ihre Bewegungsfreiheit, ihr Recht auf Bildung und freie Berufswahl vielfältigen Einschränkungen ausgesetzt. Immerhin haben sie neuerdings die Mög lichkeit einer Einbürgerung. Die rechtliche Situation der Maktumin ist durch eine noch wesentlich weitergehende Rechtlosigkeit gekennzeichnet. Im vorliegende n Zusammenhang ist von Interesse, dass ein Maktum zum Nachweis seiner Identität lediglich eine besondere, für Maktumin bestimmte Bescheinigung des für ihn zuständi-F-819/2020 Seite 7 gen Mukhtars erhalten kann, das sogenannte Erkennungszeugnis «shaha- dat ta’riif» (شهادة تعريفvgl. dazu etwa Kurdwatch, Bericht 5: Staatenlose Kurden in Syrien – Illegale Eindringlinge oder Opfer nationalistischer Poli- tik?, März 2010, online abrufbar unter kurdwatch.ezks.org > Deutsch > Be- richte, abgerufen am 26. August 2022), und dass Maktumin im Gegensatz zu den Ajanib die Möglichkeit eines Erwerbs des syrischen Staatsbürger- rechts nicht haben. 4.2 Im Asylverfahren sowie im Rahmen des vorliegenden Rechtsmittelver- fahrens reichte die Beschwerdeführerin zum Beweis für ihre Zugehörigkeit zu den kurdischen Maktumin al -Qaid drei syrische Dokumente ins Recht. Im Einzelnen handelt es sich um auf die Beschwerdeführerin lautendes Er- kennungszeugnis für Maktumin al-Qaid, ausgestellt am 12. Mai 2011 durch den Mukhtar des Viertels al-Wahda der Ortschaft al-Malikiya, ferner um ei- nen aussergerichtlichen Ehevertrag nach islamischen Recht, der am 3. No- vember 2018 zwischen der Beschwerdeführerin und dem nicht anwesen- den, von seinem Vater vertretenen Bräutigam (und gleichzeitig ihrem Rechsvertreter im Rahmen des vorliegenden Verfahrens), geschlossen wurde und in dem die Beschwerdeführerin als Maktuma al-Qaid bezeichnet wird, und schliesslich eine auf Gesuch hin ausgestellte Bestätigung des Leiters des Personenstandsregisters von al -Malikiya «an die zuständige Person/Behörde», datiert vom 23. Januar 2020, aus der hervorgeht, dass die Beschwerdeführerin eine Maktuma al-Qaid ist und über keinen Eintrag im Personenstandsregister verfügt. Die eingereichten Dokumente enthalten zwar keine objektiven Fälschungs- merkmale. Wie die Vorinstanz mit Hinweis auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts jedoch zu Recht fest hält, ist die Beweiskraft der von der Beschwerdeführerin eingereichten Dokumente in Anbetracht fehlender Echtheitsmerkmale (etwa Staatswappen oder Emblem im Brief- kopf, spezielle Papierqualität, Gebührenmarken) vergleichsweise gering. Hinzu tritt, dass im K ontext von Syrien – mithin nach Jahren des Bürger- krieges – nahezu jedes amtliche Dokument gegen Bezahlung erhältlich ge- macht werden kann. Aufgrund der grassierenden Korruption sind in Syrien nicht nur Fälschungen unterschiedlichster Qualität erhältlich, so ndern es können in Syrien gegen Bezahlung auch formell echte amtliche Doku- mente beschafft werden. Selbst einem formell echten amtlichen Dokument kann nur dann eine relevante Beweiskraft beigemessen werden, wenn die- ses im Kontext eines hinreichend schlüssigen Sachverhaltsvortrags einge- reicht wird (vgl. zur Beweiskraft amtlicher syrischer Dokumente Urteile des BVGer F-6478/2018 vom 30. September 2020 E. 7.3; D -5750/2017 vom F-819/2020 Seite 8 13. Mai 2019 E. 4.3; A-2291/2015 vom 17. August 2015 E. 7.1). Darauf ist nachfolgend einzugehen 4.3 Die Beschwerdeführerin machte stets geltend, dass sie eine Maktuma al-Qaid sei. Von dieser Darstellung ist sie nie abgewichen. Ihrer Anhörung zu den Asylgründen vom 28. Juni 2019 (nachfolgend: Anhörung, SEM -1- act. 27, F20–F21, F80, F111, F216) kann zudem entnommen werden, dass sie über einige Kenntnisse zu der rechtlichen Stellung der kurdischen Mak- tumin al-Qaid in Syrien verfügt. Dies wird auch durch den LINGUA-Bericht vom 25. Juli 2019 bestätigt, den die Vorinstanz im Rahmen des Asylverfah- rens erstellen liess (SEM-1-act. 34). Gemäss demselben LINGUA-Bericht hat die Beschwerdeführerin den Schwerpunkt ihrer Sozialisation «sehr wahrscheinlich» in der nordöstlichen Region Syriens erfahren, wo auch al- Malikiya gelegen ist. Der Gutachter bringt jedoch gleichzeitig einen Vorbe- halt an, denn er konstatiert teils überraschende Wissenslücken der Be- schwerdeführerin (Namen des syrischen Staatspräsidenten, Bezeichnung gewisser Schulfächer, Namen der syrischen Gouvernorate), die jedoch auf die Lebensgestaltung und die soziale Herkunft der Beschwerdeführerin zu- rückgeführt werden könnten. Anzufügen bleibt, dass der Beschwerdefüh- rerin auch der arabische Name ihrer Heimatstadt (al -Malikiya) unbekannt war (LINGUA-Bericht S. 9). Gestützt auf die Anhörung der Beschwerdefüh- rerin und dem genannten LINGUA -Bericht gelangte die Vorinstanz im in Rechtskraft erwachsenen Asylentscheid vom 7. August 2019 mit ausführli- cher Begründung zum Ergebnis, die Beschwerdeführerin verschleiere ihre Identität, ihre Herkunft und die tatsächli chen Ausreisemodalitäten. Dieser Beurteilung schliesst sich das Bundesverwaltungsgericht an. 4.4 So ist es bemerkenswert, dass die Beschwerdeführerin nichts Substan- tielles über Dêrik zu berichten wusste, also die Stadt, in der sie nach eige- nen Angaben bis zur Ausreise in die Schweiz ihr gesamtes Leben verbracht haben will. Nicht einmal der arabische Name der Stadt (al-Malikiya) war ihr geläufig. Darauf wurde bereits eingegangen. Sie konnte anlässlich ihrer Anhörung kein benachbartes Quartier nennen (F52), wusste nicht, in wel- chen Quartieren Dêriks ihre weitere Verwandtschaft lebt (F36–F39), kannte keine einzige Moschee der Stadt (F201–F202, F227), wusste den Namen des Flusses nicht, der durch Dêrik fliesst, nicht seine Fl iessrichtung und weder den Ort noch den Namen des an die Stadt angrenzenden Stausees (F61-F69). Sie hatte keinerlei Vorstellung über die Entfernung ihrer Hei- matstadt von der sehr nahe gelegenen türkischen und irakischen Grenze (F142–F145). Sie scheint nichts vom Bürgerkrieg mitbekommen zu haben und wusste nicht , welche Gruppierung ihre Heimatstadt kontrollierte F-819/2020 Seite 9 (F125–F134). Obwohl sie in Dêrik von ihrem sechsten bis dreizehnten Le- bensjahr sechs Jahre die Schule besucht haben will (F21, F54, F73) und obwohl d er Unterricht dort grösstenteils in Arabisch abgehalten wurde (F90-F93), gab sie vor, im Wesentlichen Analphabetin zu sein und Arabisch weder schreiben, noch lesen oder auch nur verstehen zu können (F39, F53–F54, F89, F92, F102, F104, F108–F110, F147, F154, F187, F194). An ihre Lehrer an der Schule konnte sich die Beschwerdeführerin nicht mehr erinnern (F94). Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich mit ih- rem späteren (religiös an getrauten) Ehemann verlobt hat (F171 –F174), wusste nicht, ob ihr Ehemann Geschwister hat (F167), gab vor, sich an die Namen der Trauzeugen, auch ihres eigenen, nicht erinnern zu können (F178-182), wusste nicht, wer in Vertretung des Bräutigams den Ehever- trag unterzeichnet hat (F195), gab zunächst vor, nicht in der Lage zu sein, die eigene Unterschrift auf dem Ehevertrag zu erkennen (F187–F191), und konnte schliesslich auch nicht sagen, wer ausser ihren Eltern und den El- tern des Bräutigams an der Eheschliessung teilnahm (F196 -F198). Sie hatte keinerlei Kenntnis von der Tatsache, dass ihr Ehemann im November 2018 die Vorinstanz um Bewilligung einer Reise in den Nordirak ersuchte (F211–F213). Auch über ihre Reise von Syrien in die Schweiz wusste sie kaum Konkretes zu berichten. Die meisten Fragen beantwortete sie mit Nichtwissen. Hinsichtlich weiterer Einzelheiten ihres von Unwissen ge- kennzeichneten Sachverhaltsvortrags kann auf die Erwägungen des nega- tiven Asylentscheids verwiesen werden. 4.5 Die Beschwerdeführerin versuchte, ihr Unwissen anlässlich ihrer Anhö- rung mit der Armut ihrer Familie zu erklären, die im Alltag andere Probleme gehabt habe, als sich für die Aussenwelt zu interessieren (F53, F136), fer- ner mit ihren fehlenden Kenntnissen von Sprache und Schrift (F39, F53, F101-104, F147, F187), die sie mit fehlendem Nachhilfeunterricht und feh- lender Unterstützung durch ihre Eltern bei den Hausaufgaben erklärte (F54, F92). Weiter brachte sie in diesem Zusammenhang vor, dass ihre Familie unpolitisch sei und dass sie selbst nach Abbruch der Schule und einem erfolglosen Versuch, eine Anstellung zu finden, während gut sechs Jahren die Tage zusammen mit ihrer Mutter zu Hause vor dem Fernseher verbracht habe (F81 –F83, F226). Diese Erklärungsversuche für ein der- massen ausgeprägtes Fehlen jeden Interesses an ihrer Umgebung, wie sie die Beschwerdeführerin an den Tag legt, sind jedoch völlig unglaubhaft. Dies gilt umso mehr, als sie nie geltend machte, sie sei gegen ihren Willen von ihrer Umwelt isoliert worden. Sich selbst bezeichnete die Beschwerde- führerin zudem als eine «sehr intelligent[e]» Person, die sich vieles merken könne (F228) und unter anderem deshalb in die Schweiz emigriert sei, weil F-819/2020 Seite 10 sie sich hier eine Zukunft sichern wolle. Sie, die Beschwerdeführerin, möchte unbedingt etwas erreichen und auch etwas Gutes für dieses Land tun. Sie würde gerne auch eine Sprache lernen, eine Schule besuchen und einer Arbeit nachgehen (F109). Die Eigenwahrnehmung der Beschwerde- führerin wird durch die Aussenwahrnehmung seitens des Mitarbeiters des SEM bestätigt, der die Anhörung durchgeführt hat. Auf ihn machte die Be- schwerdeführerin einen sehr aufgeweckten, lebendigen und gesprächigen Eindruck. Er bekundete grosse Mühe, diesen Eindruck mit dem Bild in Ein- klang zu bringen, d as die Beschwerdeführerin von sich zu vermitteln ver- suchte, nämlich das Bild einer völlig ahnungslosen Person, die die letzten Jahre nur zu Hause vor dem Fernseher verbracht habe (F228). 4.6 Nicht überzeugen kann auch der Versuch ihres Rechtsvertreters, das Unwissen der Beschwerdeführerin auf die traditionelle Stellung der Frauen in ihrer Heimatregion zurückzuführen, die zur Folge h abe, dass diese zu Hause blieben, während Aufgaben ausserhalb des Hauses von männli- chen Familienmitgliedern erledigt würden. Die geltend gemachten kulturel- len Gebräuche vermögen nämlich die ausserordentlich geringen Kennt- nisse der Beschwerdeführerin in Bezug auf das eigene soziale und geo- graphische Umfeld nicht zu erklären. Die Darstellung des Rechtsvertreters steht im Übrigen auch in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der kon- kreten Situation der Beschwerdeführerin, die gemäss eigener Aussage in ihrer Anhörung ohne männliche Geschwister als Einzelkind aufwuchs (F22) und sich nach Abbruch der Schule – wenn auch erfolglos – um eine Ar- beitsstelle bemühte, um d ie finanzielle Situation ihrer Familie zu verbes- sern (F81–F82). Zudem weist die Vorinstanz zu Recht darauf hin, dass ge- rade in der «Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien», auf de- ren Gebiet der Heimatort der Beschwerdeführerin liegt, eine relativ liberale Haltung gegenüber Frauenrechten herrscht. 4.7 Die Zweifel an den Sachverhaltsvorbringen der Beschwerdeführerin werden durch den Umstand bestärkt, dass sie von den griechischen Be- hörden gestützt auf einen Reisepass als syrische Staatsangehörige mit ei- nem abweichenden Geburtsdatum registriert wurde. Die Beschwerdefüh- rerin und ihr Rechtsvertreter bringen unterschiedliche Erklärungen für diese Tatsache vor. Die Beschwerdeführerin machte anlässlich ihrer Anhö- rung geltend, dass der Reisepass gefälscht gewes en sei und die griechi- schen Behörden dies erkannt hätten. Deshalb sei sie in Griechenland eine Zeitlang im Gefängnis gewesen (F220). Ihr Rechtsvertreter brachte im Ge- gensatz dazu vor, dass der Reisepass von der syrischen Opposition in der F-819/2020 Seite 11 Türkei ausgestellt worden sei, die sich als legitime Vertretung des syri- schen Volkes betrachte. Von ihr ausgestellte Dokumente würden jedoch international nicht anerkannt. Da die syrische Opposition keinen Zugriff auf syrische Register habe, verzichte sie auf eine vertiefte Prüfung der Perso- nalien. Der Inhalt des Reisepasses könne daher der Beschwerdeführerin nicht entgegengehalten werden. Keine dieser widersprüchlichen und damit ohnehin nicht glaubhaften Erklärungen überzeugt. Denn i m einen wie im anderen Fall hätten die g riechischen Behörden auf das Informationsersu- chen der Vorinstanz kaum vorbehaltlose Angaben zum Reisepass und den Personendaten gemacht, unter denen die Beschwerdeführerin in Grie- chenland registriert ist. Das gilt umso mehr, als die Vorinstanz in ihrem In- formationsersuchen genau diese Daten erfragte und die Beschwerdefüh- rerin als «ohne Staatsangehörigkeit» bezeichnete. 4.8 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt aufgrund einer gesamthaften Würdigung des Beweisergebnisses zum Schluss, dass die Ausführungen der Bes chwerdeführerin quantitativ und qualitativ von Mängeln geprägt sind, welche die zu ihren Gunsten sprechenden Elemente (Kenntnisse des Maktumin-Status und Sozialisation im Nordosten Syriens) zurückd rängen und ihre Behauptungen zur eigenen Identität und Herkunft als nicht glaub- haft erscheinen lassen. Nicht glaubhaft ist damit auch die behauptete Zu- gehörigkeit der Beschwerdeführerin zu den Maktumin al -Qaid und die mit diesem Status begründete Staatenlosigkeit. An diesem Ergebnis können die eingereichten syrischen Dokumente ihrer geringen Beweiskraft wegen nichts ändern. Das Ausmass der Ungereimtheiten lässt es zudem als aus- geschlossen erscheinen, dass weitere Untersuchungshandlungen, etwa in Form der vom Rechtsvertreter genannten Abklärungen über die schweize- rische Botschaft in Beirut, zu einem Erkenntnisgewinn führen könnten. Da- rauf kann in antizipierter Beweiswürdigung ohne Verletzung des Untersu- chungsgrundsatzes bzw. des Anspruchs auf rechtliches Gehör verzichtet werden. 5. Aus den vorstehenden Erwägungen ergi bt sich, dass die angefoch tene Verfügung, mit der das Gesuch der Beschwerdeführerin um Anerkennung der Staatenlosigkeit abgewiesen wurde, im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen. F-819/2020 Seite 12 6. Die Beschwerdeführerin ersu chte zusammen mit ihrer Rechtsmittelein- gabe um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege in Gestalt der Be- freiung von den Verfahrenskosten nach Art. 65 Abs. 1 VwVG. Mit Zwischenverfügung vom 28. Februar 2020 wurde der Beschwerdefüh- rerin mitgeteilt, dass über die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werde. Die Beschwerdeführerin wurde bei gleicher Gelegenheit ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ihre Prozessarmut als gesetzliche Voraussetzung der unentgeltlich en Rechts- pflege weder belegt noch gerichtsnotorisch sei und es ihr obliege, die ge- eigneten Beweise rechtzeitig in das Verfahren einzubringen. Das hat die Beschwerdeführerin bis zum heutigen Datum unterlassen. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ist daher abzuweisen, und die Kosten des Verfahrens sind entsprechend dessen Ausgang der Beschwer- deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind in Anwendung der massgeblichen Grundsätze auf Fr. 1'000.– festzusetzen (vgl. Art. 1 ff. des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2 (Dispositiv nächste Seite) F-819/2020 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. Die Verfahrenskosten von Fr. 1'000.– werden der Beschwerdefüh- rerin auferlegt. Dieser Betrag ist nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegenden Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. Die Zahlungsfrist beträgt 30 Tage ab Rechnungsdatum. Die Zustellung des Einzahlungsscheins erfolgt mit separater Post. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin und die Vorinstanz. Für die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Andreas Trommer Julius Longauer F-819/2020 Seite 14 Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun- desgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Ange- legenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 BGG). Die Frist ist gewahrt, wenn die Beschwerde spätestens am letzten Tag der Fr ist beim Bundesgericht eingereicht oder zu dessen Handen der Schweizerischen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsularischen Ver- tretung übergeben worden ist (Art. 48 Abs. 1 BGG). Die Rechtsschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der ange- fochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie die beschwerde- führende Partei in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG). Versand: