180 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 19 Widerruf der Niederlassungsbewilligung; sch werwiegender Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung Unterstützt eine ausländische Person Dritte beim rechtsmissbräuch lichen Erlangen eines Anwesenheitsrechts, verstösst sie damit selbst im Sinne von Art. 62 Abs. 1 lit. c AIG gegen die öffentliche Ordnung. Abhängig von den Umständen des Einzelfalls kann auch ein schwer wiegender Verstoss im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG vorliegen (Erw. 2.2). Entscheid des V erwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 11. November 2020, in Sachen A. gegen Amt für Migration und Integration (WBE.2020.195). Sachverhalt A. Der Beschwerdeführer reiste am 1. Dezember 2008 illegal in die Schweiz ein und stellte am darauffolgenden Tag ein Asylgesuch (Akten des Amtes für Migration und Integration [MI -act.] 10). Mit Entscheid vom 16. September 2010 sprach ihm das BFM, heute SEM, die Flüchtlingseigenschaft zu und gewährte ihm Asyl (MI - act. 17 f.). Am 1. Oktober 2010 erteilte ihm das MIKA eine Aufenthaltsbewilligung, welche in der Folge jeweils verlängert und am 3. Februar 2014 in eine Niederlassungsbewilligung umgewandelt wurde (MI-act. 25, 43, 62). Am 11. August 2011 reiste die damalige Partnerin des Beschwerdeführers, B. (geb. 1991, eritreische Staatsangehörige), unter Angabe falscher Personalien ( B*., geb. 1981, eritreische Staatsangehörige) in die Schweiz ein. Mit der damaligen Part nerin des Beschwerdeführers reiste auch dessen Tochter aus einer frühe ren Beziehung, C. (geb. 2006, eritreische Staatsangehörige), in die Schweiz ein, wobei die beiden C. als ihre gemeinsame Tochter aus - gaben. Soweit aus den Akten ersichtlich, wurde daraufhin der damaligen Partnerin des Beschwerdeführers sowie dessen Tochter ebenfalls die Flüchtlingseigenschaft zugesprochen, Asyl gewährt und eine Aufenthaltsbewilligung erteilt (MI-act. 130 ff., 234, 255). 2020 Migrationsrecht 181 Im Jahr 2013 reiste sodann der Bruder des Beschwerdeführers, D. (geb. 1998, eritreischer Staatsangehöriger), alleine in die Schweiz ein, wobei er einen falschen Namen verwendete ( D*., geb. 1998, eritreischer Staatsangehöriger). Ausweislich der Akten gaben der Beschwerdeführer und seine damalige Partnerin auch den Bruder des Beschwerdeführers als ihr gemeinsames Kind aus, worauf auch der Bruder "den Status eines Flüchtlings und damit den gleichen Aufent - haltsstatus wie [der Beschwerdeführer]" erhielt (MI -act. 130 ff.). Gegenüber den Sozialbehörden der Gemeinde Z. gaben der Beschwerdeführer und seine damalige Partnerin den Bruder sodann als Sohn der Partnerin aus einer früheren Beziehung aus (MI -act. 60, 66). Wegen des Bruders als zusätzliches Haushaltsmitglied wurden zunächst die Sozialhilfeleistungen an den Beschwerdeführer und seine damalige Partnerin erhöht. Nach Er reichen der V olljährigkeit bezog der Bruder selbst Sozialhilfe im Umfang von gut CHF 21'000.00 (MI-act. 130 ff.). Der Beschwerdeführer hat mit seiner früheren Partnerin, B., drei gemeinsame Kinder: E. (geb. 2012), F. (geb. 2014) und G. (geb. 2015). Diese sind eben falls eritreische Staatsangehörige und ausweislich der Akten "in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt" (MI-act. 315). Mit Strafbefehl vom 24. Mai 2017 wurde der Beschwerdeführer wegen Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über die Personenbe- förderung vom 20. März 2009 (Personenbeförderungsgesetz, PBG; SR 745.1) zu einer Busse von CHF 100.00 verurteilt (MI-act. 124 f.). Am 14. Februar 2018 verurteilte ihn die Staatsanwaltschaft Y . – unter Verweis auf seine falschen Angaben gegenüber den Migrations - und den Sozialbehörden – wegen Täuschung der Behörden und Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von vier Jahren, und einer Busse von CHF 1'500.00 (MI-act. 130 ff.). In der Folge widerrief das SEM mit Entscheid vom 21. Septem- ber 2018 das dem Beschwerdeführer gewährte Asyl – bei gleichzei- tiger Beibehaltung der Flüchtlingseigenschaft. Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft (MI-act. 150 ff., 158, 163). 182 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 Nachdem das MIKA dem Beschwerdeführer am 13. Februar 2019 das rechtliche Gehör gewährt hatte (MI -act. 165 f., 208 ff., 229 ff., 232 f.), er liess es am 1. Oktober 2019 folgende Verfügung (MI-act. 246 ff.): 1. Die Niederlassungsbewilligung von A. wird widerrufen und der Genannte wird aus der Schweiz weggewiesen. 2. Nach Rechtskraft der vorliegenden Verfügung wird beim Staatssekretariat für Migration die vorläufige Aufnahme beantragt. 3. Dem Betroffenen wird für das erstinstanzliche Verfahren die unentgeltliche Rechtspflege gewährt und H., Rechtsanwalt, X., zum unentgeltlichen Rechts- vertreter bestellt. Über die Höhe der Entschä digung entscheidet nach Rechts- kraft die zuständige kantonale Behörde. B. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 4. November 201 9 beim Rechtsdienst des MIKA (V orinstanz) Einsprache (MI-act. 262 ff.). Am 11. Mai 2020 erliess die V orinstanz folgenden Einsprache- entscheid (act. 1 ff.): 1. Die Einsprache wird abgewiesen. 2. Es werden keine Gebühren erhoben. 3. Dem Einsprecher wird für das Einspracheverfahren die unentgeltliche Rechts - pflege gewährt und H., Rechtsanwalt, X., zum unentgeltlichen Rechtsvertreter bestellt. Über die Höhe der Entschä digung entscheidet nach Rechtskraft die zuständige kantonale Behörde. Auf die Begründung wird, soweit erforderlich, in den folgenden Erwägungen eingegangen. C. Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 12. Juni 2020 (Postaufgabe) erhob der Beschwerdeführer beim Verwaltungsgericht 2020 Migrationsrecht 183 des Kan tons Aargau (Verwaltungsgericht) Beschwerde und stellte folgende Anträge (act. 12 ff.): 1. Der angefochtene Einspracheentscheid des Rechtsdienstes des Amtes für Mig - ration und Integration vom 11. Mai 2020 sei aufzuheben und es sei vom Widerruf der Niederlassungsbewilligung und der Wegweisung aus der Schweiz abzusehen. 2. Eventualiter sei A. ausländerrechtlich zu verwarnen. 3. Prozessual: Es sei A. für vorliegendes Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und es sei ihm der unterzeichnende Anwalt als sein unentgeltlicher Rechtsvertreter beizuordnen. 4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Die Begründung ergibt sich, soweit erforderlich, aus den nach - stehenden Erwägungen. Aus der Beschwerde geht hervor, dass der Beschwerdeführer und seine frühere Partnerin, B., heute getrennt leben und kei ne Be- ziehung mehr führen. Die gemeinsamen Kinder E., F. und G. le ben bei ihrer Mutter, die Tochter C. des Beschwerdeführers beim Be - schwerdeführer (act. 20; vgl. bereits MI-act. 196). D. Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 17. Juni 2020 wurde die unentgeltliche Rechtspflege für das Be schwerdefahren bewilligt und H., Rechtsanwalt, X., als unentgeltlicher Rechtsvertre- ter eingesetzt (act. 26). Am 26. Juni 2020 reichte die V orinstanz aufforderungsgemäss die Akten ein, hielt an ihren Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde (act. 28). E. Das Verwaltungsgericht hat den Fall auf dem Zirkularweg ent - schieden (vgl. § 7 GOG). 184 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 Erwägungen I. (Eintreten und Kognition) II. 1. 1.1. Die V orinstanz hält im angefochtenen Entscheid fest, durch die Falschangaben gegenüber den Migrations - und den Sozialbehörden, welche zu sei ner Verurteilung wegen Täuschung der Behörden und Betrugs geführt hätten, habe der Beschwerdeführer in schwerwiegen- der Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung verstossen und somit den Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG erfüllt. Der Beschwerdeführer habe über viele Jahre hinweg und wiederholt die Schweizer Behörden getäuscht und sei nen Familienangehörigen damit eine n Aufenthalt in der Schweiz verschafft, der diesen unter normalen V oraussetzungen nicht zugestanden hätte. Zudem habe er sich dadurch massive finanzielle V orteile zulasten der Sozialhilfe ge- sichert. Es handle sich um gravierende Verstösse gegen das Ge setz, in welchen sich eine erschreckende Geringschätzung und Respektlo - sigkeit gegenüber der hiesigen Rechtsordnung manifestiere. Der Betrug im Bereich der Sozialhilfe bilde denn auch seit dem 1. Oktober 2016 eine An lasstat für die obligatorische Landesverweisung, worin zum Ausdruck komme, dass entsprechende Delikte als besonders verwerflich erachtet würden. Insgesamt sei von einem sehr grossen öffent lichen Interesse am Widerruf der Niederlassungsbewilligung und der Wegweisung des Be - schwerdeführers aus der Schweiz auszugehen. Bei der Bemessung des privaten Interesses sei zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer zwar seit gut elf Jahren in der Schweiz lebe, sich dabei jedoch in berufli cher, sprachlicher und – angesichts seiner Straffälligkeit – auch in sozialer Hinsicht schlecht integriert habe. Der Umstand, dass er in Eritrea flücht lingsrechtlich relevante Verfolgungsmassnahmen zu befürchten hätte, er höhe das private Interesse. Zu einer Erhöhung führten auch die bei einer Wegweisung drohenden familiären Nachteile. Allerdings sei es der Tochter C. des 2020 Migrationsrecht 185 Beschwerdeführers zumutbar, mit diesem nach Eritrea zu über - siedeln, während die Beziehung zu den drei weiteren Kindern aus der Distanz weitergeführt werden könne. Zudem sei eine Trennung von den bei ihrer Mutter lebenden Kindern E., F. und G. bis auf Weiteres kein Thema, da der V ollzug der Wegweisung derzeit unzulässig sei und kein Zweifel bestehe, dass das SEM dem Beschwerdeführer die vorläufige Auf nahme gewähren werde. Damit sei dem Beschwerdeführer insgesamt le diglich ein grosses privates Interesse am Verbleib in der Schweiz zuzubilli gen. Bei einer Gesamtbetrachtung überwiege das öffentliche Interesse am Widerruf der Niederlassungsbewilligung und der Weg weisung des Be - schwerdeführers aus d er Schweiz, womit sich die Mass nahmen als verhältnismässig erwiesen. 1.2. Der Beschwerdeführer stellt sich demgegenüber auf den Stand - punkt, der Widerrufsgrund gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG sei nicht erfüllt. Abgesehen von einer Busse wegen Schwarzfa hrens sei er einzig mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Y . vom 14. Februar 2018 wegen Betrugs und Täuschung der Behörden zu einer bedingten Frei heitsstrafe von sechs Monaten und einer Busse von CHF 1'500.00 verurteilt worden. Mit diesen Delikten habe e r kein besonders hoch wertiges Rechtsgut verletzt oder gefährdet. Es sei geradezu offensichtlich, dass sein Fehlverhalten nicht ausreiche, um einen schwerwiegen den Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu begrün den. Sollte das Verwaltung sgericht gleichwohl zum Schluss gelangen, es liege ein Widerrufsgrund vor, sei festzustellen, dass der Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung aus der Schweiz unverhältnismässig seien. Die ihm vorwerfbaren Handlungen seien nicht als derart schwerwiegend einzustufen, dass allein deswe gen von einem derart grossen öffentlichen Interesse ausge gangen werden könne, dass dieses sein privates Interesse am Verbleib in der Schweiz überwiegen würde. Zur Bemessung des privaten Interesses führt der Beschwerdeführer sinngemäss aus, dass die V orinstanz im Rah men der Verhältnismässigkeitsprüfung betreffend Widerruf und Wegwei sung nicht hätte darauf abstellen dürfen, dass bei ihm mit einer 186 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 vorläufigen Aufnahme und folglich mit einem Verbleib in der Schweiz zu rechnen sei. Die Interessenabwägung habe so zu erfolgen, als sei noch unklar, was nach dem Widerruf der Niederlassungsbewilligung und der Wegweisung geschehe. Mit Blick auf die Beziehung zu den drei bei ihrer Mutter lebenden Kindern E., F. und G. sei daher von einem grossen privaten Inte resse an seinem weiteren Verbleib in der Schweiz auszugehen. Seiner bei ihm lebenden Tochter C. könne sodann nicht zugemutet werden, mit ihm nach Eritrea auszureisen, wodurch sich das private Interesse weiter erhöhe. 2. 2.1. Gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG kann eine Niederlassungsbewilligung wi derrufen werden, wenn die Ausländerin oder der Ausländer in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen hat oder diese gefährdet oder die in nere oder äussere Sicherheit gefährdet ist. Die betroffene ausländische Person muss den Widerrufsgrund durch ihr eigenes Verhalten erfüllt haben. Dieser Widerrufsgrund gilt ge mäss Art. 65 AsylG selbst dann, wenn de r betroffenen Person – wie vorliegend dem Beschwerdeführer – die Flüchtlingseigenschaft zukommt (vgl. auch Art. 32 Ziff. 1 des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 [Flüchtlingskonvention, FK; SR 0.142.30]; eingehend BGE 139 II 65, Erw. 5). 2.2. 2.2.1. Wann ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 62 Abs. 1 lit. c und Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG vorliegt, wird in Art. 77a Abs. 1 VZAE konkretisiert – wobei der Wortlaut der Bestimmung deutlich m acht, dass die darin enthal - tene Aufzählung nicht als abschliessend zu verstehen ist. Die öffentliche Ord nung umfasst die Gesamtheit der ungeschriebenen Ordnungsvorstellungen, deren Befolgung nach der herrschenden sozialen und ethischen Anschauung als unerlässliche V oraussetzung eines geordneten menschlichen Zu sammenlebens 2020 Migrationsrecht 187 anzusehen ist (Botschaft des Bun desrats vom 8. März 2002 zum Bundesgesetz über d ie Ausländerinnen und Ausländer [Botschaft AuG], BBl 2002 3709 ff., 3809). Bei einem Verhal ten, we lches zu zentralen gesell schaftlichen Werten und Geboten in klarem Widerspruch steht, ist dementsprechend von einem erheblichen Verstoss gegen die öffent liche Ordnung aus zugehen (vgl. SILVIA HUNZIKER, in: MARTINA CARONI/THOMAS GÄCHTER/DANIELA THURNHERR [Hrsg.], Stämpflis Handkommentar zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG], Bern 2010 , Art. 62 N 38, Art. 63 N 19). Ein solches Verhalten liegt namentlich dann vor, wenn eine ausländische Person eine andere ausländische Person darin unterstützt, in rechtsmiss bräuchlicher Weise zu einem Anwesenheitsrecht in der Schweiz zu gelan gen. Zu denken ist etwa an Fälle, in denen die betroffene ausländische Person ihren Beziehungspartner darin unter stützt, mit einer Drittperson eine Scheinehe einzugehen, um in rechtsmissbräuchlicher Weise zu einem gefestigten Anwesenheitsrecht in der Schweiz zu gelangen. Indem sie das entsprechende V orgehen ihres Partners wissentlich zulässt und damit bil ligt, verstösst die auslän dische Person erheblich gegen die öffentliche Ord nung (VGE vom 16. Dezember 2016 [WBE.2015.408], Erw. II/3.2, vom 19. Dezember 2019 [WBE.2019.89], Erw. II/2.2, und vom 18. März 2020 [WBE.2019.366], Erw. II/4.2). Angesprochen sind aber auch auslän - dische Personen, die einen Beziehungspa rtner oder Familienangehörigen darin unterstützen, die Migrationsbehörden über dessen Personen daten – wie Name, Alter und Abstammungsverhältnisse – zu täuschen, um in rechts - missbräuchlicher Weise zu einem Anwesenheitsrecht in der Schweiz zu gelangen. Auch hier verstösst die betroffene ausländi sche Person erheblich gegen die öffentliche Ordnung, indem sie das rechtsmissbräuchliche V orgehen ihres Partners oder Familienangehö- rigen wissentlich zulässt und damit billigt. Noch offenkundiger ist das V orliegen eines erheblichen Ord nungsverstosses, wenn sich die betroffene ausländische Person gar aktiv an der Täuschung der Mig -188 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 rationsbehörden beteiligt, etwa eigene Falschangaben macht oder die falschen Angaben des Partners oder Familienangehörigen bestätigt. Mit Blick auf den hohen Stellenwert, welchen die Miss - brauchsbekämpfung im Ausländerrecht einnimmt (vgl. Botschaft AuG, BBl 2002 3709 ff., 3714 und 3720), kann es sich in den genannten Fällen – entgegen der offenba ren Auffassung des Beschwerdeführers ( act. 15 f.) – auch um einen schwerwiegen den Verstoss gegen die öffentliche Ordnung im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG handeln. Massgeblich sind das konkrete Verhalten des oder der Betroffenen sowie die weiteren Umstände im Einzelfall. 2.2.2. Nach dem Gesagten stellt sich vorliegend primär die Frage, ob der Be schwerdeführer durch sein Verhalten hin sichtlich der jeweiligen migrationsrechtlichen Zulassung seiner Tochter C., seiner früheren Partnerin, B., und seines Bruders, D., den Widerrufs grund des schwerwiegenden Verstosses gegen die öffentliche Ordnung in der Schweiz erfüllt hat. Dem Strafbefehl vom 14. Februar 2018, mit welchem ihn die Staatsanwaltschaft Y . unter anderem wegen Täuschung der Behörden im Sinne von Art. 118 Abs. 1 AuG verurteilte (MI-act. 130 ff.), sowie der Verfügung vom 21. September 2018, mit welchem das SEM sein Asyl wegen Begehung besonders verwerflicher strafbarer Handlungen im Sinne von Art. 63 Abs. 2 AsylG widerrief (MI - act. 150 ff.), lässt sich zum relevanten Verhalten des Beschwerdeführers, seiner damali gen Partnerin und seiner Familienangehörigen Folgendes entnehmen: Nachdem im September 2010 das BFM dem Beschwerdeführer selbst die Flüchtlingseigenschaft zugesprochen und ihm Asyl gewährt hatte, beantragte dessen damalige Partnerin, B., geb. 1991, bei der Schweizer Bot schaft in Addis Abeba Einreisevisa für sich und die Tochter C. des Be schwerdeführers. Dabei gab sie für sich einen falschen Namen ( B*.) sowie ein falsches Geburtsdatum ( 1981) an und behauptete, die Tochter C. des Beschwerdeführers sei ihre eigene Tochter. In der Folge durften sie und C. im August 2011 in die Schweiz einreisen, wo sie gegenüber dem BFM angab, neben C. noch ein weiteres leibli ches Kind mit den Personalien D*., geb. 2020 Migrationsrecht 189 1998, zu haben. Im Jahr 20 13 liess sich sodann der Bruder des Beschwerdeführers, D., geb. 1998, unter dem falschen Namen D*. registrieren, gab sich als gemeinsamer Sohn des Beschwerde führers und dessen damaliger Partnerin aus und durfte daraufhin im Rahmen des Fa miliennachzugs in die Schweiz einreisen. Die mitei nander korrespondierenden Falschangaben der damaligen Partnerin des Beschwerdeführers und des Bruders des Beschwerdeführers waren für die Migrationsbehörden nicht als solche erkennbar. Dies gilt insbesondere auch für die falsche Be hauptung, der eigentliche Bruder des Beschwerdeführers sei der Sohn des Beschwerdeführers und seiner Partnerin. Jene Falschbehauptung des Bru ders hatte die Partnerin im V orfeld abgesichert, indem sie sich bei ihrer eigenen Einreise als zehn Jahre älter ausgegeben hatte, als sie tatsächlich war, und bereits dannzumal fälschlicherweise behauptet hatte, sie habe ein leibliches Kind mit dem falschen Namen, den der Bruder später – in leicht abgeänderter Form – für sich verwendete. Gemäss dem SEM plante und organisierte der Beschwerdeführer die Einreise seiner Tochter und seiner damaligen Partnerin sowie seines Bruders D. und instruierte die Beteiligten anschliessend während mehrerer Jahre, um die bewerk stelligte Täu schung der Migrationsbehörden aufrechtzuerhalten (MI-act. 153; vgl. auch MI-act. 297 ff.). Der Beschwerdeführer hat sowohl den Strafbefehl vom 14. Feb- ruar 2018 als auch die Widerrufsverfügung des SEM vom 21. September 2018 unangefochten in Rechtskraft erwachsen lassen (siehe vorne l it. A). Der Verfü gung vom 21. September 2018 lässt sich zudem entnehmen, dass der Be schwerdeführer das ihm zur Last gelegte Verhalten nicht bestritt, nachdem ihm die entsprechenden V orwürfe im Rahmen des rechtlichen Gehörs un terbreitet worden waren (MI -act. 146 ff.). Bestritten hat er demnach ledig lich, seine Tochter C. entführt oder seine damalige Partnerin unter Druck gesetzt zu haben, damit sie seinen Bruder D. in die Schweiz hole. Nach ihrer jeweiligen Einreise in die Schweiz wurde, soweit aus den A kten ersichtlich, neben der Tochter C. des Beschwerdeführers auch seiner damaligen Partnerin und seinem Bruder D. die Flücht lingseigenschaft zugesprochen, Asyl gewährt und eine Aufenthaltsbe willigung erteilt (siehe vorne lit. A). 190 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 Hinsichtlich der Tochter und der damaligen Partnerin des Be - schwerdeführers geht aus den Akten jeweils nicht klar hervor, ob ihnen auch ohne das fälschlicherweise behauptete Mutter -Kind- Verhältnis zueinander die Einreise in die Schweiz bewilligt und ein Anwesenheitsrecht in der Schweiz gewährt worden wäre, bzw. welchen migrationsrechtlichen Status sie gegebe nenfalls erhalten hätten (vgl. MI -act. 130, 131). Dem Bru der D. des Beschwerdeführers hingegen wäre – gemäss den im Straf befehl der Staatsanwaltschaft Y . wiedergegebenen Angaben des BFM – ohne das fälschlicherweise behauptete Eltern -Kind-Verhältnis zum Beschwerdeführer und dessen Partnerin keine Flüchtlingseigenschaft zugekommen. Entsprechend ist davon auszugehen, dass ihm ohne die durch den Beschwerdeführer orchestrierte Täuschung der Migrationsbehörden keine Einreisebewilligung für die Schweiz erteilt worden wäre. Falls doch, wäre sein Asylgesuch mangels Flüchtlingseigenschaft abgewiesen worden. Er wäre aus der Schweiz weggewiesen und bestenfalls vorläufig aufgenommen w orden. Mithin hat der Bruder D. des Beschwerdeführers die Bewilligung zur Einreise in die Schweiz sowie die Flüchtlingseigen schaft, das Asyl und die Aufenthaltsbewilligung, welche er hier erhielt, in rechtsmissbräuchlicher Weise durch die Täuschung der Migrationsbehörden erlangt, bei welcher ihn der Beschwerdeführer unterstützte bzw. wel che der Beschwerdeführer für ihn plante und orchestrierte. Nach dem Gesagten hat der Beschwerdeführer seinen Bruder D. dabei unterstützt, durch Täuschung der Migration sbehörden in rechtsmissbräuchlicher Weise zu einem Anwesenheitsrecht in der Schweiz zu gelan gen. Er hat das Lügengebäude, welches seine damalige Part nerin und sein Bruder D. errichteten, um dessen Rechtsmissbrauch zu ermöglichen, gar geplant, hat die B eteiligten angeleitet und – in welcher Form auch im mer – dafür gesorgt, dass die Partnerin mitwirkt. Durch dieses Verhalten hat der Beschwerdeführer einen für das Institut des Asyls und dessen Ak - zeptanz essentiellen Grundsatz des gesell schaftlichen Zusammenlebens – dass nämlich Schutzsuchende den relevanten Sachverhalt gegenüber den zuständigen Behörden offen legen, und 2020 Migrationsrecht 191 ihnen dafür ein Anwesenheitsrecht gewährt wird, wenn sie die geltenden normativen V oraussetzungen erfüllen – gezielt unter - graben. Damit hat er in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Ordnung in der Schweiz verstossen, mithin den Widerrufsgrund von Art. 63 Abs.1 lit. b AIG erfüllt. Ob und inwieweit der Beschwerdeführer daneben noch einen weiteren Bruder, I., dabei unterstützt hat, die Migrationsbehörden zu täuschen und so in rechtsmissbräuchlicher Weise zu einem Anwesen- heitsrecht in der Schweiz zu gelangen, geht aus den Akten nicht eindeutig hervor (vgl. MI-act. 151, 153, 253), kann nach dem Gesag- ten indes offengelassen werden. 2.3. 2.3.1. Anzufügen bleibt, dass der Gesetzgeber – in Umsetzung von in Art. 121 Abs. 3 und 4 BV – eine Reihe von Straftaten festge - schrieben hat, bei deren Begehung eine ausländische Person die Schweiz, unter V orbehalt eines Härtefalls, obligatorisch zu verlassen hat (Art. 66a StGB). Auch wenn der am 1. Oktober 2016 in Kraft getretene Art. 66a StGB nicht rückwirkend angewendet werden darf, hat der Gesetzgeber mit der Normierung dieser Anlass - oder Katalogtaten klar manifes tiert, dass die genannten Delikte als schwere Delikte einzustufen sind. Es liegt deshalb auf der Hand, dass die Begehung einer solchen Anlasstat als schwerwie gender Verstoss gegen die öffentliche Sicher heit und Ordnung im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG einzustufen ist. 2.3.2. Der Beschwerdeführer wurde mit Strafbefehl der Staatsanwalt - schaft Y . vom 14. Februar 2018 – neben der Täuschung der Behörden im Sinne von Art. 118 Abs. 1 AuG – auch des Betrugs im Sinne von Art. 146 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen. Dem Schuldspruch wegen Be trugs legte die Staatsanwaltschaft in sachverhaltlicher Hinsicht Folgendes zugrunde (MI -act. 130 ff.): Der Beschwerdeführer und seine frühere Partnerin gaben auch gegenüber den Sozialbehörden den Bruder D. des Beschwerdeführers als i hren gemeinsamen Sohn aus (richtig: gegenüber den Migrationsbehörden als ihren gemeinsamen Sohn und gegenüber den Sozialbehörden als 192 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 Sohn der Partnerin aus einer früheren Beziehung; MI -act. 60, 66). Dadurch veranlassten sie die Sozialbehörden der Gemeinde Z. zunächst, ihnen wegen des zusätzlichen Haushaltsmitglieds hö here Sozialhilfeleistungen auszuzahlen. Nachdem er die V olljährigkeit er- reicht hatte, bezog der Bruder des Beschwerdeführers sodann selbst Sozialhilfe im Umfang gut CHF 21'000.00 (siehe vor ne lit. A). Gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. e StGB stellt die Verurteilung wegen Betrugs (Art. 146 Abs. 1 StGB) im Bereich der Sozialhilfe eine Anlasstat dar, die heute zu einer obligato rischen Landesverweisung führt. Damit steht fest, dass der Beschwerdeführer auch durch das am 14. Februar 2018 sanktionierte Be trugsdelikt – für sich allein genommen – in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung verstossen und so den Wider rufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG erfüllt hat. 3. 3.1. 3.1.1. Der Widerruf bzw. die Verweigerung einer Bewilligung recht - fertigt sich nur, wenn die jeweils im Einzelfall vorzunehmende Interessenabwägung die entsprechende Massnahme als verhältnis - mässig erscheinen lässt (BGE 135 II 377, Erw. 4.3). Konkret mus s bei Gegenüberstellung aller öf fentlichen und privaten Interessen ein überwiegendes öffentliches Inter esse an der Entfernung der betroffenen ausländischen Person aus der Schweiz resultieren. Ob sämtliche relevanten Kriterien berücksichtigt und richtig angewandt worden sind bzw. ob sich der Widerruf oder die Verwei - gerung einer Bewilligung als verhältnismässig erweist, ist als Rechts- frage durch das Verwaltungsgericht frei zu prüfen. 3.1.2. Sollten sich der Widerruf bzw. die Verweigerung einer Bewilli - gung und die damit verbundene Wegweisung der betroffenen Person als verhältnismässig und mithin als zulässig erweisen, wäre in einem weiteren Schritt zu prüfen, ob dem V ollzug der Wegweisung Hinder- nisse im Sinne von Art. 83 AIG entgegenstehen und desha lb beim SEM die vorläufige Aufnahme zu bean tragen ist. Angesichts der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers sowie des von ihm 2020 Migrationsrecht 193 erfüllten Widerrufsgrunds des schwerwiegenden Verstosses gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung wäre dabei im vorlie genden Fall zu klären, ob sich der Wegweisungsvollzug als völker rechtlich zulässig erweist (Art. 83 Abs. 3 und Abs. 7 lit. b AIG). Ob der Widerruf oder die Verweigerung einer Bewilligung und die Wegweisung der betroffenen Person verhältnismässig und da mit zulässig sind oder nicht, ist indessen jedenfalls unter der Prämisse zu beurteilen, dass die Wegweisung, sollte sie verfügt werden, früher oder später auch vollzogen würde. Das heisst, im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung ist bei der Bemessung d er entgegenstehenden öffentlichen und privaten Interessen ungeachtet allfälliger V ollzugshindernisse davon auszugehen, dass der Be - schwerdeführer die Schweiz effektiv verlassen muss, falls er weggewiesen wird. Als sub sidiäre, einstweilige Ersatzmassnahme anstelle des Wegwei sungsvollzugs, welche das SEM anordnet und aufrechterhält, wenn bzw. solange der V ollzug aufgrund eines gesetzlichen V ollzugshindernisses undurchführbar ist (Art. 83 Abs. 1, Art. 84 Abs. 1 und 2 AIG), setzt die vorläu fige Aufnahme e ine rechtskräftige Wegweisung voraus (vgl. Urteil des Bun desgerichts vom 2. Februar 2016 [2C_120/2015], Erw. 3.3). Die Frage, ob die Wegweisung der betroffenen Person derzeit vollzogen werden kann oder ob beim SEM die vorläufige Aufnahme zu beantragen ist , stellt sich demzufolge erst dann, wenn feststeht, dass eine Wegweisung überhaupt zulässig – das heisst begründet und verhältnismässig – ist. 3.2. 3.2.1. Wie aus den obigen Erwägungen erhellt, hat der Beschwerde - führer den Widerrufsgrund des schwerwiegend en Verstosses gegen die öffentliche Si cherheit und Ordnung gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG primär dadurch er füllt, dass er seinen Bruder D. darin unterstützte, die Migrationsbehör den zu täuschen und so in rechtsmissbräuchlicher Weise zu einem Anwe senheitsrecht in der Schweiz zu gelangen (Erw. 2.2). Ausgangspunkt für die Bemessung des öffentlichen Interesses an einer Aufenthaltsbeendi gung bildet somit sein diesbezügliches Verhalten. 194 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 3.2.2. Das gesamtgesellschaftliche Interesse, sicherzustellen, dass d ie Migrationsbehörden in vollständiger Kenntnis der wahren Sach lage über die Ge währung eines Anwesenheitsrechts entscheiden können, ist eminent (siehe vorne Erw. 2.2.2; Urteil des Bundesgerichts vom 24. April 2012 [2C_915/2011], Erw. 3.1), weshalb die Missbrauchsbekämpfung im Migra tionsrecht ein en hohen Stellenwert einnimmt. Nach dem Gesagten ist der Verstoss gegen die öffentliche Ordnung in der Schweiz, den der Beschwerdeführer durch Unter - stützung des rechtsmiss bräuchlichen V orgehens seines Bruders D. begangen hat, als gravie rend einzustufen und begründet ein ent - sprechend grosses öffentliches In teresse, seine Niederlassungsbewil- ligung zu widerrufen und ihn aus der Schweiz wegzuweisen. Dies umso mehr, als der Beschwerdeführer aus weislich der Akt en nicht bloss wissentlich zugelassen und damit gebilligt hat, dass sein Bruder die Migrationsbehörden durch Angabe falscher Per sonendaten täuschte, um ein Anwesenheitsrecht in der Schweiz zu er schleichen, sondern selbst die treibende Kraft hinter dem Re chtsmissbrauch seines Familienangehörigen war. So leitete er seine damalige Part - nerin und seinen Bruder dazu an, mittels aufeinander abgestimmter Falschangaben ein von ihm geplantes Lügengebäude zu errichten und dieses in der Folge mit ihm zusammen aufr echtzuerhalten (siehe wiederum vorne Erw. 2.2.2). Am grossen öffentlichen, namentlich ordnungspolizeilichen Interesse, wel ches vom schwer ordnungswidrigen Verhalten des Beschwerdeführers herrührt, ändert auch nichts, dass er dafür straf - rechtlich vergleichsweise milde sanktioniert wurde. Zwar belegte ihn die Staatsanwaltschaft Y . mit Strafbefehl vom 14. Februar 2018 wegen seiner Rolle beim Rechts missbrauch seiner Familienangehörigen im Asylverfahren – abgeurteilt als Täuschung der Behörden im Sinne von A rt. 118 Abs. 1 AuG – sowie eines weiteren Delikts insgesamt ledig lich mit einer bedingten Freiheitsstrafe von einem halben Jahr plus Busse (siehe vorne lit. A). Widerrufsbegründend im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG und damit aus migrationsrechtlicher Perspektive massgebend ist jedoch 2020 Migrationsrecht 195 das Verhalten des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit dem Rechtsmissbrauch seines Bruders als solches – und nicht die strafrechtliche Ahndung dieses Verhaltens. 3.2.3. Zu berücksichtigen ist sodann, dass der Beschwerd eführer den Widerrufsgrund des Verstosses gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung ge mäss Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG nicht bloss durch seine Mitwirkung beim Rechtsmissbrauch seines Bruders D. im Asylverfahren erfüllt hat, son dern – unabhängig davon – auch durch die Begehung von Sozialhilfebe trug. Dies nachdem Betrug im Bereich der Sozial hilfe eine Anlasstat für die obligatorische Landesverweisung (Art. 66a Abs. 1 lit. e StGB) und mithin ein schweres Delikt darstellt (siehe zum Ganzen vorne Erw. 2.3). Das öf- fentliche Interesse an einer Entfernung des Beschwerdeführers aus der Schweiz erfährt deshalb mit Blick auf den von ihm begangenen Sozialhilfebetrug eine zusätzliche Erhöhung. 3.2.4. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, aufgrund s eines zuletzt ge zeigten Wohlverhaltens sei das öffentliche Interesse am Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung und der Wegweisung aus der Schweiz tiefer zu veranschlagen (act. 18), kann dem nicht gefolgt werden. Der vom Be schwerdeführer orchestrierte Rechtsmissbrauch seines Bruders und der von ihm begangene Sozialhilfebetrug dauerten jeweils so lange an, wie die Migrations - bzw. die Sozialbehörden davon ausgehen mussten, die erhal tenen falschen Personendaten des Bruders und der früheren Partnerin des Beschwerdeführers entsprächen der Wahrheit – was ausweislich der Akten jedenfalls im Septem ber 2016 noch der Fall war (MI -act. 60, 66, 120 ff.). Seither hat der Beschwerdeführer, soweit aus den Akten ersichtlich, keine weiteren erheblichen Ordnungsverstö sse begangen und auch bloss noch ein rechtskräftiges Straferkenntnis erwirkt. Letzteres durch einen Verstoss gegen das Personenbeförderungsgesetz (siehe vorne lit. A), welcher als Bagatelle nicht ins Gewicht fällt. Allerdings stand er während eines Grossteils seines gezeigten Wohlverhaltens unter dem Druck zunächst des laufenden Strafverfahrens, welches auf Strafanzeige der 196 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 Gemeinde Z. vom 9. Mai 2017 eingeleitet wurde, und anschliessend der bis heute andauernden strafrechtlichen Probezeit gemäss Strafbe- fehl der Staatsanwaltschaft Y . vom 14. Februar 2018. Seit ihm am 13. Februar 2019 das MIKA das rechtliche Gehör betreffend Widerruf und Wegweisung gewährte, steht er zudem unter dem Druck des vorliegenden migrationsrechtlichen Verfahrens. Unter diesen Umstän den vermag das mittlerweile gut vierjährige Wohlverhalten des Beschwerdeführers noch keine entscheidwesentliche Tieferveranschlagung des öffentlichen Interes - ses zu begründen. 3.2.5. Im Ergebnis ist nach dem Gesagten von einem grossen bis sehr grossen öffentlichen Interesse am Widerruf der Niederlassungsbewil- ligung des Be schwerdeführers und seiner Wegweisung aus der Schweiz auszugehen. 3.3. 3.3.1. Dem festgestellten grossen bis sehr grossen öffentlichen In - teresse am Wi derruf der Niederlassungsbewill igung und der Weg - weisung des Beschwer deführers aus der Schweiz ist sein privates Interesse am weiteren Verbleib gegenüberzustellen. Das private Interesse einer Person am weiteren Verbleib in der Schweiz bestimmt sich aufgrund ihrer Aufenthaltsdauer in de r Schweiz und der dabei erfolgten Integration, ihrer familiären Verhält- nisse, ihrer gesundheit lichen Situation und ihrer (Re -)Integrations- chancen im Heimatland. 3.3.2. 3.3.2.1. Bei der Bemessung des privaten Interesses kommt der Aufent - haltsdauer in der Schweiz eine erhebliche Bedeutung zu. Je länger eine Person in ei nem bestimmten Land lebt, desto enger werden in der Regel die Beziehungen sein, die sie dort geknüpft hat, und umso grösser ist grundsätzlich ihr Interesse an einem Verbleib in diesem Land. Dabei ist die anrechen bare Aufenthaltsdauer praxisgemäss abstrakt – unter Abzug der in Unfrei heit bzw. ohne Aufenthaltsberechtigung in der Schweiz verbrachten Zeitspanne – zu 2020 Migrationsrecht 197 berechnen (vgl. VGE vom 22. Mai 2018 [WBE.2017.531], Erw. II/4.3.2, und vom 27. Juni 2018 [WBE.2016.546], Erw. II/4.3). Massgebend ist aber nicht die Aufenthaltsdauer für sich alleine. Vielmehr lässt sich das aus der Aufenthaltsdauer resultierende private Interesse erst unter Berücksichtigung der während der Aufenthalts - dauer erfolgten Integration – namentlich in sprachlicher, kultureller, sozialer, beruflicher und wirtschaftlicher Hinsicht – bestimmen. Damit gilt der Grundsatz "je länger die Aufenthaltsdauer, umso grösser das private Interesse an einem Ver bleib in der Schwe iz" nur, wenn die Integration einen der Aufenthalts dauer entsprechenden Grad erreicht. Wird der aufgrund der Aufenthaltsdauer zu erwartende Integrationsgrad übertroffen, ist das private In teresse an einem Verbleib in der Schweiz entsprechend höher zu v eranschlagen. Erreicht die Integra tion demgegenüber den mit Blick auf die Aufenthaltsdauer zu erwar tenden Grad nicht, stellt die Entfernungs - massnahme für die betroffene Per son einen weniger gravierenden Eingriff dar und ist das private Interesse an e inem Verbleib in der Schweiz ent sprechend tiefer zu veranschlagen. Demnach lässt sich das aus der an rechenbaren Aufent haltsdauer resultie rende private Interesse am weiteren Verbleib in der Schweiz erst im Rah men einer Gesamtbetrachtung feststellen. A nzumerken bleibt, dass bei sehr langer Aufenthaltsdauer ein entsprechend hoher Integrationsgrad, mithin eine sehr erfolgreiche In tegration, erwartet wird, weshalb das private Interesse in diesen Fällen in der Regel nicht höher zu veranschlagen ist. 3.3.2.2. Der Beschwerdeführer reiste am 1. Dezember 2008 illegal in die Schweiz ein und ersuchte am darauffolgenden Tag um Asyl. Nach Gutheissung sei nes Asylgesuchs wurde ihm zunächst eine Aufenthaltsbewilligung und an schliessend die Niederlassungsbewilligung erteilt. Damit lebt er heute seit rund zwölf Jahren ordnungsgemäss in der Schweiz. Diese lange Aufent - haltsdauer lässt grundsätzlich auf ein grosses privates Interesse am weiteren Verbleib in der Schweiz schliessen. 198 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 Zu prüfen ist im Folgenden, wie sic h der Beschwerdeführer mit Blick auf die Aufenthaltsdauer integriert hat und ob aufgrund des Integrationsgrads ein abweichendes privates Interesse resultiert. 3.3.2.3. Was die sprachliche Integration des Beschwerdeführers betrifft, finden sich in den Akten kaum Anhaltspunkte. Dem Entscheid der Sozialbehörden der Gemeinde Z. vom 29. März 2012 ist zu entnehmen, dass es ihm dannzumal an Deutschkenntnissen gefehlt hat (MI -act. 44). Sodann wurde der Beschwerdeführer am 9. September 2019 durch die Kantonspo lizei W. – mittels Dolmetscher – in seiner Muttersprache Tigrinya einvernommen (MI- act. 7, 237). Damit wäre an sich noch nicht rechtsgenü gend erstellt, dass der Beschwerdeführer heute gemessen an seiner Auf - enthaltsdauer über ungenügende Deutsch kenntnisse verfügt. Nachdem je doch die V orinstanz im angefochtenen Einspracheentscheid explizit fest gehalten hat, der Beschwerdeführer sei in sprachlicher Hinsicht schlecht integriert (act. 7), und der Beschwerdeführer dies in seiner Beschwerde nicht bestreitet, is t von einer mit Blick auf die lange Aufenthaltsdauer man gelhaften sprach- lichen Integration auszugehen. 3.3.2.4. Unter dem Aspekt der kulturellen und sozialen Integration ist namentlich zu berücksichtigen, in welchem Alter die betroffene Per - son in die S chweiz eingereist ist, welche sozialen Beziehungen sie ausserhalb ihrer Familie in der Schweiz pflegt und ob aufgrund ihres gesamten Verhaltens auf eine vertiefte Verwurzelung in der Schweiz zu schliessen ist. Der Beschwerdeführer übersiedelte im Alter v on 24 Jahren in die Schweiz (siehe vorne lit. A). Somit verbrachte er seine gesamte Kindheit, Jugend und Adoleszenz im Ausland (vgl. MI -act. 10). V on einer Sozialisierung in der Schweiz – im Sinne einer Einordnung des heranwachsenden Individu ums in die Gesellschaft und der damit verbundenen Übernahme gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen – kann demnach beim Beschwerde führer keine Rede sein. Angesichts seines mittlerweile rund zwölfjährigen Aufenthalts in der Schweiz ist jedoch davon auszugehen, dass ihm die hie sigen 2020 Migrationsrecht 199 kulturellen Gepflogenheiten zumindest bekannt sind. Hinweise auf eine besondere kulturelle Ein bindung des Beschwerdeführers in der Schweiz lassen sich derweil weder den Akten noch den V orbringen in der Beschwerde entnehmen. Ebenso w enig finden sich in den Akten konkrete Anhaltspunkte für be sonders enge soziale Beziehungen des Beschwerde führers zu Per sonen in der Schweiz ausserhalb seiner Familie. Mit Blick auf die lange Aufenthaltsdauer ist beim Be schwerde- führer damit in kultureller und sozialer Hinsicht insgesamt von einer bestenfalls normalen Integration auszugehen. 3.3.2.5. Weiter ist zu prüfen, ob sich die betroffene Person in beruflicher Hinsicht entsprechend ihrer Aufenthaltsdauer in der Schweiz integriert hat und beim Verlassen der Schweiz ein stabiles Arbeitsumfeld aufgeben müsste. Gemäss unbestritten gebliebener Feststellung der V orinstanz (act. 7) hat der Beschwerdeführer während seines Aufenthalts in der Schweiz nie gearbeitet. Etwas Anderes geht denn auch aus den Akten nicht hervor. Damit liegt in beruflicher Hinsicht mit Blick auf die lange Aufenthaltsdauer eine klar mangelhafte Integration des Beschwerdeführers in der Schweiz vor und er müsste bei einer Weg - weisung aus der Schweiz kein stabiles Arbeitsumfeld aufgeben. 3.3.2.6. Unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Integration ist einerseits von Bedeutung, ob die betroffene Person wirtschaftlich unabhängig ist, d.h. ihren Le bensunterhalt primär mit eigenen Mitteln, insbeson - dere ohne Inan spruchnahme der öffen tlichen Fürsorge, finanzieren kann, und andererseits wie sich ihre Schuldensituation präsentiert. Soweit aus den Akten ersichtlich, bezieht der Beschwerdeführer seit seiner Einreise in die Schweiz materielle Hilfe (MI -act. 22, 26, 86 ff., 217), wobei sein Lebensunterhalt komplett durch die öffent - liche Hand finanziert wird (vgl. soeben Erw. 3.3.2.5). Gleichzeitig ist mit der V orinstanz festzuhalten, dass keine offenen Betreibungen oder nicht getilgten Verlustscheine gegen ihn aktenkundig sind (act. 7; vgl. auch MI -act. 55). Angesichts seiner anhal tenden und gänzlichen finanziellen Abhängigkeit vom Staat ist ihm mit Blick auf 200 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 die lange Aufenthaltsdauer insgesamt dennoch eine mangelhafte wirtschaftliche Integration zu attestieren. 3.3.2.7. Zusammenfassend ist der Beschwerdeführer mit Blick auf die lange Auf enthaltsdauer in kultureller und sozialer Hinsicht bestenfalls normal in die schweizerischen Verhältnisse integriert, während ihm in sprachlicher, be ruflicher und wirtschaftlicher Hinsicht eine mangel hafte Integration zu attes tieren ist. Angesichts der langen Aufenthalts dauer in der Schweiz ist die dabei erfolgte Integration des Beschwer deführers damit insgesamt als mangelhaft zu qualifizieren und entsprechend lediglich noch von einem geringen bis mittleren privaten Interesse des Beschwerdeführers am weiteren Verbleib in der Schweiz auszugehen. 3.3.3. 3.3.3.1. Weiter ist zu prüfen, ob hinsichtlich der Kernfamilie und der weiteren Fami lienangehörigen der betroffenen Person von einem erhöhten privaten Interesse am weiteren Verbleib in der Schweiz aus- zugehen ist. Dabei sind na mentlich eine eheliche, partnerschaftli che oder gefestigte Konkubinatsbeziehung sowie das V orhandensein von Kindern bzw. erwachsenen Ver wandten in auf - oder absteigender Linie relevant. V on Bedeutung sind die Auswirkungen und die der betroffenen Person und ihrer Familie drohenden Nachteile bei einer Ausreise aus der Schweiz (BGE 135 II 377, Erw. 4.3; Urteil des Bun- desgerichts vom 7. September 2018 [2C_410/2018], Erw. 4.2). 3.3.3.2. Der Beschwerdeführer hat mit seiner früheren Partnerin, B., die Kinder E., F. und G., geboren in den Jahren 2012, 2014 und 2015. Aus einer vorangegangenen Beziehung hat er zudem die Tochter C., geboren 2006 (siehe vorne lit. A). Der Beschwerdeführer und B. leben heute getrennt und führen keine Beziehung mehr. Die gemeinsamen Kinder E., F. und G. leben bei ihrer Mutter, die Tochter C. des Beschwerdeführers beim Beschwerdeführer (siehe vorne lit. C). Was den migrationsrechtlichen Status der Kinder angeht, lässt sich den Akten entnehmen, dass C. über die Flüchtlingseigen schaft, Asyl in der Schweiz und eine Aufenthaltsbewilligung verfügt (MI -2020 Migrationsrecht 201 act. 225, 234, 269) und dass E., F. und G. "in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt" sind und über "ein Aufenth altsrecht in der Schweiz" verfügen (MI -act. 315, 322). Den Angaben des Beschwerdeführers in der Beschwerde zufolge lebt sodann sein Bruder D., der im Jahr 2013 unter falschem Namen einreiste, nach wie vor in der Schweiz (act. 21). Ob dies auch für I. – einen weiteren Bruder des Beschwerdeführers – gilt, geht aus den Akten nicht eindeutig hervor (vgl. MI-act. 151, 253). 3.3.3.3. Als faktisch nicht obhutsinhabender Elternteil kann der Beschwerdeführer die familiäre Beziehung zu seinen Kindern E., F. und G. von vorn herein nur im beschränkten Rahmen des mit der Kindsmutter vereinbarten Besuchsrechts pflegen. Zu dessen Wahr - nehmung ist ein dauerhafter Auf enthalt in der Schweiz in der Regel nicht erforderlich. Vielmehr ist grund sätzlich ausreichend, wenn das Besuchsrecht – unter entsprechender Ausgestaltung der Modalitäten – im Rahmen von Kurzaufenthalten sowie mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel vom Ausland her ausgeübt werden kann (vgl. Urteil des Bundes gerichts vom 22. Januar 2015 [2C_912/2014], Erw. 2.3). Gleichwohl ist die Beziehung des Beschwerde führers zu seinen drei Kindern bzw. sind die Aus wirkungen einer Ausreise des Beschwerdeführers nach Eritrea auf diese Beziehung bei der Bemessung des priva ten Interesses an dessen weiterem Verbleib in der Schweiz zu berück sichtigen. Dabei ist auch den grundsätz lichen Interessen der Kinder, in möglichst en gem Kontakt mit beiden Elternteilen aufwachsen zu können, Rechnung zu tragen (Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes [Kinderrechtskonven tion, KRK; SR 0.107]; vgl. BGE 144 I 91, Erw. 5.2). Was die affektive Beziehung des Beschwerdeführers zu E., F. und G. betrifft, bringt dieser in seiner Beschwerde vom 12. Juni 2020 vor, dass er eine Vater-Kind- Beziehung zu den dreien führe. Es gebe zwar kein festgelegtes Besuchsrecht, dennoch besuche er sie regelmässig und pflege engen Kontakt zu ihnen. Die Beziehung zu den drei Kindern spiele eine grosse Rolle in seinem Leben, weshalb es ihn hart treffen würde, von ihnen getrenn t zu werden (act. 20 f.). 202 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 Im Rahmen seiner Einvernahme durch die Kantonspolizei W. am 9. September 2019 hatte der Beschwerdeführer von sich aus erwähnt, dass seine anderen Kinder manch mal zu ihm und seiner Tochter C. auf Besuch kämen (MI -act. 241). Dass sodann aus einem Entscheid der Sozialbehörden der Gemeinde Z. hervorgeht, die Kindsmutter sei im Juni 2015 mit (damals) zwei gemeinsamen Kindern in ein Frauenhaus eingetre ten und habe dies mit häuslicher Gewalt des Beschwerdeführers ihr gegenüber begründ et (MI -act. 68; vgl. auch MI-act. 270), spricht zwar nicht für eine enge Be ziehung des Beschwerdeführers zu den Kindern, aber auch nicht in rele vanter Weise dagegen. Darüber hinaus finden sich weder in der Beschwerde noch in den sonstigen Akten konkrete Anhaltspunkte, anhand derer sich die Qua lität der affektiven Bezie hung zwischen dem Beschwerdeführer und den drei bei ihrer Mutter lebenden Kindern E., F. und G. eruieren liesse. Insgesamt ist nach dem Gesagten davon auszugehen, dass im heu tigen Zeitpu nkt eine affek tive Beziehung zwischen dem Beschwerdeführer und seinen Kindern E., F. und G. besteht. Dies aufgrund der An gaben des Beschwerde führers in der Beschwerde und da nichts Gegentei liges aus den Akten hervorgeht. V on einer in affektiver Hinsich t besonders engen Bezie hung ist mangels entsprechender Hinweise indes nicht auszu gehen (vgl. BGE 144 I 91, Erw. 5.2.1). In wirtschaftlicher Hinsicht kann dem Beschwerdeführer keine entscheiderhebliche Beziehung zu E., F. und G. attestiert werden, da er seit der Geburt des ältesten der drei Kinder, E., stets gänzlich von der So zialhilfe abhängig war und entsprechend keine eigenen Beiträge an den Lebensunterhalt der Kinder hat leisten können. Zu berücksichtigen bleibt in diesem Zusammenhang die relativ grosse Entfernung Eritreas zur Schweiz, welche es dem Beschwerde- führer erheblich erschweren wird, den Kontakt zu seinen Kindern E., F. und G. besuchsweise vom Ausland her zu pflegen, sollte er in sein Heimatland weggewiesen werden. Dies umso mehr, als er seit Langem von der So zialhilfe lebt und daher bis auf Weiteres nicht in der Lage sein dürfte, regel mässig Langstreckenflüge zu finanzieren. Immerhin sind jedoch tägliche Kontakte über moderne 2020 Migrationsrecht 203 Kommunikationsmittel möglich (vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts vom 7. September 2018 [2C_410/2018], Erw. 6.2). In der Gesamtbetrachtung führt die bestehende affektive Be - ziehung des Beschwerdeführers zu seinen Kindern E., F. und G. bzw. führen die Aus wirkungen, die seine Wegweisung auf diese Beziehung h ätte, zu einer Erhöhung des privaten Interesses am weiteren Verbleib des Beschwerdeführers in der Schweiz. 3.3.3.4. 3.3.3.4.1. Der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zufolge haben Minderjährige schon aus familienrechtlichen Gründen grundsätzlich dem Inh aber der el terlichen Sorge bzw. der faktischen Obhut (im Sinne einer überwiegenden Betreuung) zu folgen. Ein minderjähriges ausländisches Kind teilt also re gelmässig das ausländerrechtliche Schicksal des sorge - und be treuungsberechtigten bzw. faktisch be- treuungsausübenden Elternteils und hat das Land mit diesem zu ver - lassen, falls der Elternteil über keine Aufenthaltsbe rechtigung mehr verfügt (BGE 143 I 21, Erw. 5.4; vgl. BGE 133 III 305, Erw. 3.3, sowie Art. 25 Abs. 1, Art. 301 Abs. 3 und Art. 301a ZGB. Nach dem Gesagten müsste die minderjährige, unter der fak - tischen Obhut des Beschwerdeführers stehende Tochter C. die Schweiz – vorbehaltlich allfälliger V ollzugshindernisse (vgl. dazu vorne Erw. 3.1.2) – mit dem Be schwerdeführer verlassen, sollte dieser weggewiesen werden. Unter die sen Umständen ist bei der Bemessung des privaten Interesses an einem weiteren Verbleib des Beschwerdeführers in der Schweiz zu berücksichti gen, ob seiner Tochter C. zuge mutet werden kann, mit ihm nach Eritrea zu übersiedeln (vgl. Art. 3 KRK; Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] vom 8. November 2016 in Sachen El Ghatet ge gen die Schweiz [Nr. 56971/10], Rz. 27 f. und 46 f. betr. Berücksichtigung des Kindeswohls beim Entscheid über ausländerrechtliche Massnahmen gegen einen Elternteil). 3.3.3.4.2. Die Rechtsprechung geht davon aus, dass es ausländischen Kindern grundsätzlich zumutbar ist, ihren Eltern bzw. dem für sie sorgenden Eltern teil ins Ausland zu folgen, wenn sie sich noch in 204 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 einem anpassungsfähigen Alter befinden (vgl. BGE 143 I 21, Erw. 5.4). In einem anpassungsfähigen Alter befinden sich Kinder solange, als ihre persönli che Entwicklung stark an die Beziehung zu den Eltern gebun den ist und die Eingliederung in ein neues Lebensumfeld erfahrungs gemäss keine beson deren Schwierigkei ten bereitet, wovon nach konstanter Rechtsprechung in der Regel bis zum Erreichen der Adoleszenz auszugehen ist (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 4. August 2011 [C-1220/2008], Erw. 5.6; VGE vom 6. Mai 2019 [WBE.2018.438], Erw. II/4.3.3.1; Urteil des Bundesgerichts vom 21. Januar 2020 [2C_763/2019], Erw. 4.3). Befindet sich ein Kind im an passungsfähigen Alter (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 20. März 2019 [2C_730/2018], Erw. 6.2.1 f., und vom 12. September 2017 [2C_164/2017], Erw. 3.4.3, wo das Gericht bei einem 15 -jährigen bzw. bei einem 14- jährigen Kind jeweils noch von einem anpas sungsfähigen Alter ausgeht), heisst dies indes noch nicht, dass ihm eine Übersiedlung in sein Herkunftsland zu gemutet werden kann. Es gilt vielmehr zu differenzieren: Bei einem Kleinkind ist die Zumutbar keit einer Ausreise mit den Eltern bzw. dem (haupt -)betreuenden Elternteil regelhaft ohne Weiteres zu bejahen – bei bereits eingeschul ten Kindern hingegen nur da nn, wenn sie durch Sprachkenntnisse, gelegentliche Ferienaufenthalte und eine entspre chende Kulturver - mittlung im familiären Rahmen mit den Verhältnissen im Herkunfts - land vertraut sind (Urteile des Bundesgerichts vom 17. Januar 2020 [2C_709/2019], Erw. 6.2.2, vom 14. Oktober 2019 [2C_234/2019], Erw. 4.4, und vom 15. Juni 2018 [2C_1064/2017], Erw. 6.5). Je kürzer sodann der 16. Geburtstag eines Kindes bevorsteht (vgl. oben; Urteile des Bundesgerichts vom 20. März 2019 [2C_730/2018], Erw. 6.2.1 f., und vom 12. September 2017 [2C_164/2017], Erw. 3.4.3), umso eher ist davon auszugehen, dass sich dieses bereits an der Schwelle zur Adoleszenz befindet. Bei solchen altersmässigen Grenzfällen ist zur Beurteilung der Zumutbarkeit einer Übersiedlung ins Herkunftsl and beson ders zu beachten, ob Umstände vorliegen, aufgrund derer eine Ausreise aus der Schweiz bereits zu einer unzumutbaren Entwurzelung des be - troffenen Kindes führen würde. Zu berücksichtigen sind dabei 2020 Migrationsrecht 205 namentlich das Alter des Kindes bei der Einreise in die Schweiz, die im vorgesehenen Zeit punkt der Rückkehr ins Herkunftsland bereits absolvierte Schulzeit, Schul stufe und -leistungen sowie die Möglichkeit, die schulische Laufbahn bzw. berufliche Ausbildung im Herkunftsland weiterzuverfolgen. V or alle m Ju gendliche, die mehrere Jahre in der Schweiz die Schule besucht und gute schulische Leistungen erbracht haben, kann eine Rückkehr ins Her kunftsland hart treffen (vgl. BGE 123 II 125, Erw. 4b; Urteil des Bundesgerichts vom 9. Februar 2007 [2A.679/2006], Erw. 3). Zu beachten ist weiter, ob die Ausreise zur Trennung von einem Elternteil führt und wie intensiv die Beziehung des Kindes zu diesem Elternteil ist. Besteht eine intensive Beziehung zwischen dem Kind und dem in der Schweiz verbleibenden Elternt eil, erweist sich die Ausreise für das Kind als unzumutbar. Die Tochter C. des Beschwer- deführers ist heute 1 4 Jahre alt (geb. 2006) und befindet sich damit noch in einem anpassungs fähigen Alter im Sinne der bundesge - richtlichen Rechtsprechung, besucht ab er seit mindestens sechs Jahren in der Schweiz die Schule (MI -act. 59, 234). Was die Wiedereingliederungschancen C.s in ihrem Herkunftsland Eritrea angeht, ist auf die in sich schlüssigen Feststellungen der V orinstanz abzustellen (act. 8 f.). Dies mangels Bestreitung oder sub stantiierter gegenteiliger Angaben in der Beschwerde und da sich auch sonst keine gegenteiligen Hinweise in den Akten finden. Demnach ist mit der V orinstanz davon auszugehen, dass C. die heimatliche Sprache Tigrinya als Mutter sprache erlernt hat und ihr die Gepflogenheiten ihres Her kunftslands durch die elterliche Erziehung vermittelt wurden, zumal sie die ersten fünf Jahre ihres Lebens in Eritrea verbrachte und nach ihrer Übersiedlung in die Schweiz durch den Beschwerdeführer und dessen ebenfalls aus Eritrea stammende frühere Partnerin erzogen wurde. Anzufügen ist in diesem Zu - sammenhang, dass der Beschwer deführer, mit dem C. heute zusam - menlebt, bei seiner Einreise in die Schweiz im Jahr 2008 Tigrinya als seine Muttersprache angab und anlässlich seiner Einvernahme durch die Kantonspolizei W. am 9. September 2019 eine Übersetzung ins Tigrinya verlangte (MI -act. 7, 237). Nach dem Gesagten erscheint 206 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 für das Kind C. eine Rück kehr nach Erit rea grundsätzlich als zumutbar. Selbst wenn zu Gunsten des Beschwerdeführers angenommen würde, dass sich die 14 -jährige C. bereits an der Schwelle zur Adoleszenz be findet, und dementsprechend nicht mehr allein aufgrund ihres Alters und ihrer Ein gliederungschancen im Herkunftsland auf die Zumutba rkeit einer Übersied lung geschlossen werden dürfte, wäre die Zumutbarkeit nach den gesam ten Umständen zu bejahen. Zwar besucht C. bereits seit mehreren Jahren die Schulen in der Schweiz, womit grundsätzlich davon aus zugehen ist, dass bereits gewisse B indungen ausserhalb der Familie be stehen bzw. in ihrer Entstehung begriffen sind. Allerdings enthält die Be - schwerde keinerlei substan tiierte V orbringen, wonach C. in sozialer oder kultureller Hinsicht und/oder mit Blick auf ihre Ausbildung bereits eine besonders enge Bindung zur Schweiz aufgebaut hätte, deren Unter brechung unter den gegebenen Umständen zu einer unzumutbaren Ent wurzelung führen würde (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 12. September 2017 [2C_164/2017], Erw. 3.4.3). Auch sonst lassen s ich den Akten kaum dies bezügliche Anhaltspunkte – namentlich zum sozialen oder fami liären Um feld, allfälligen Vereins- oder sonstigen Mitgliedschaften, zur Schul stufe und den schulischen Leistungen oder zu den konkreten Berufs - oder Weiterbildungsperspektiven C.s in der Schweiz – entnehmen. Festzuhalten ist aufgrund der Akten lediglich, dass C. bei einer Ausreise von ihren Halbgeschwistern E., F. und G. getrennt würde, mit welchen sie aber bereits heute nicht mehr zusammenwohnt (siehe vorne Erw. 3.3.3.2). Sodann hielt im Januar 2014 die Primarschule Z. zuhanden des MIKA fest, dass nicht bestätigt werden könne, dass C. schulisch in jegli cher Beziehung gut integriert sei und ihr Verhalten nicht in schwerer Weise oder wiederholt zu Problemen geführt habe (MI-act. 59). Nachdem die V or instanz im angefochtenen Einspracheentscheid aus drücklich festgestellt hat, dass es C. zumutbar sei, die Schweiz zu verlassen (act. 9), wäre es unter Berücksichtigung seiner prozessualen Mitwirkungspflicht gemäss Art. 90 AI G am Beschwerdeführer gewesen, gegenteilige 2020 Migrationsrecht 207 Anhaltspunkte gegebenen falls ins Verfahren einzubringen und zumindest glaubhaft zu machen. Schliesslich ist mit der V orinstanz festzuhalten, dass dem Kind C. – soweit ersichtlich – im Fall einer Rückkehr nach Eritrea keine staatlichen Verfolgungsmassnahmen drohen (act. 9), wie sie nicht bloss zur völkerrechtli chen Unzulässigkeit eines Wegweisungsvoll - zugs im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG, sondern auch bereits zur Unzumutbarkeit der Rückkehr im hier diskutierte n Sinne, d.h. unter dem Gesichtspunkt des Kindswohls, führen würden (vgl. hinten Erw. 3.3.5.6). Damit steht fest, dass es der Tochter C. des Beschwerdeführers zumutbar ist, mit diesem nach Eritrea zurückzukehren. Dies trotz ihres bereits jugendlichen Alters und obwohl sie seit mehreren Jahren in der Schweiz die Schule besucht. Gleichzeitig liegt auf der Hand, dass die Ausreise einen schweren Einschnitt in ihrem Leben dar - stellen und sie entsprechend hart treffen wird, weshalb sich das private Interesse an einem Verbleib des Be schwerdeführers in der Schweiz mit Blick auf die Situation seiner Tochter C. leicht erhöht. 3.3.3.5. Zwischen dem Beschwerdeführer und seinem offenbar nach wie vor in der Schweiz lebenden Bruder D. (siehe vorne Erw. 3.3.3.2) be- steht – soweit aus den Akten ersichtlich – kein besonderes, über nor- male gefühlsmässige Bindungen hinausgehendes Abhängigkeitsver - hältnis und damit keine faktische Familieneinheit ausserhalb der Kernfamilie (BGE 137 I 154, Erw. 3.4.2; Urteil des EGMR vom 13. Dezember 2007 in Sachen Emonet gegen die Schweiz [Nr. 39051/03], Rz. 35; vgl. auch BGE 144 II 1, Erw. 6.1). Die ausweislich der Akten enge Beziehung des er wachsenen Beschwerdeführers zu seinem Bruder – der Bruder lebte bei ihm, bis er 2016 die V olljährigkeit erreichte, und spielt seinen Angaben in der Beschwerde zufolge eine grosse Rolle in seinem Leben (MI-act. 120; act. 21) – ist bei der Bemessung des privaten Interesses an seinem Verbleib in der Schweiz dennoch zu berücksichtigen. Sie führt indes bestenfalls zu einer leichten Erhöhung des privaten Interesses. Ob der andere Bruder des Beschwerdeführers, I., ebenfalls noch in der Schweiz lebt (siehe vorne Erw. 3.3.3.2), kann derweil 208 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 offenbleiben, da der Beschwerdeführer mit keinem Wort geltend macht, d ass zu diesem Bruder eine zu berücksichtigende familiäre Beziehung bestünde. 3.3.3.6. Insgesamt erhöht sich demnach das private Interesse am Verbleib des Be schwerdeführers mit Blick auf die familiären Verhältnisse. 3.3.4. Was die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers angeht, er geben sich weder aus den Akten noch aus dessen V orbringen in der Beschwerde Anhaltspunkte, wonach ihm unter diesem Aspekt ein erhöhtes privates Interesse am Verbleib in der Schweiz zuzubilligen sein könnte 3.3.5. 3.3.5.1. Schliesslich ist bei der Bemessung des privaten Interesses zu prüfen, welche Beziehungen die betroffene Person zum Heimatland unterhalten hat oder noch unterhält und ob sie bei einer Ausreise aus der Schweiz im Hei matland auf unüberwindbare (Re -)Integrations- probleme stossen würde. Zu beachten sind zudem auch jene Aspekte, die eine Rückkehr ins Heimat land aufgrund der dort bestehenden Situation als unzumutbar erscheinen lassen (vgl. Art. 83 Abs. 7 AIG; BGE 135 II 110, Erw. 4.2). 3.3.5.2. Soweit aus d en Akten ersichtlich, verbrachte der Beschwerde - führer seine gesamte Kindheit, Jugend und Adoleszenz in Eritrea, bevor er das Land im Alter von 22 Jahren verliess und zunächst nach Saudi-Arabien und an schliessend in die Schweiz übersiedelte (MI - act. 10). Entsprechend ist da von auszugehen, dass ihm die gesell - schaftlichen Gepflogenheiten in sei nem Heimatland nach wie vor vertraut sind. Es sind ihm in kultureller Hin sicht gute Wiederein - gliederungschancen in Eritrea zu attestieren. 3.3.5.3. Die Kenntnisse der heimatlichen Sprache sind mit Blick auf die (Re-)Integrationschancen einer ausländischen Person in ihrem Hei - matland im Rahmen der Interessenabwägung nur insofern von Rele -2020 Migrationsrecht 209 vanz, als die betroffene Person der heimatlichen Sprache nicht (mehr) mächti g ist und es ihr auch nicht z umutbar ist, diese zu erlernen. Nachdem er die ersten 22 Jahre seines Lebens in Eritrea verbrachte (siehe vorne Erw. 3.3.5.2) und nachdem er anlässlich seiner Einvernahme durch die Kantonspolizei W. am 9. September 2019 eine Übersetzung in seine Muttersprache Tigrinya beanspruchte (MI-act. 7, 237), ist davon aus zugehen, dass der Beschwerdeführer diese eritrei sche Landessprache nach wie vor beherrscht. Er macht denn auch nichts Gegenteiliges geltend . Somit sind ihm auch in sprachlicher Hinsicht gute Reintegrationschancen in seinem Heimatland zu attestieren. 3.3.5.4. Hinsichtlich der im Heimatland bestehenden sozialen und fami - liären Ver bindungen macht der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde geltend, dass er über fast keine Verwandten mehr in Eritrea verfügen würde (act. 21). Selbst wenn sich der heute 36- jährige Beschwerdeführer sein so ziales Beziehungsnetz im Heimatland bei einer Rückkehr mangels familiä rer oder anderweitiger Anknüpfungs punkte gänzlich neu aufbauen müsste, wäre darin angesichts seines Alters, seiner Sprachkenntnisse und seiner dortigen Sozialisierung indes kein unüberwindbares Reintegrationshindernis zu erblicken (siehe vorne Erw. 3.3.5.2 f.). In sozialer Hinsicht ist som it von intak ten Wiedereingliederungschancen des Beschwerdeführers auszugehen. 3.3.5.5. Was die beruflichen und wirtschaftlichen Reintegrationschancen des Be schwerdeführers in Eritrea betrifft, lässt sich den Akten entneh men, dass dieser in seinem Heima tland, welches er mit 22 Jahren verliess, nie gearbeitet hat. Während seines zweijährigen Aufenthalts in Saudi -Arabien arbeitete er gelegentlich als Handlanger auf dem Bau (MI-act. 7, 10, act. 8). In den rund zwölf Jahren seit seiner Einreise in die Schw eiz ist er wiederum keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen, sondern lebte und lebt gänzlich von staatlichen Unterstützungsleis tungen (siehe vorne Erw. 3.3.2.5 f.). Nach dem Gesagten dürfte es ihm bei einer Rückkehr nach Eritrea 210 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 schwerfallen, auf dem dortige n Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Im Vergleich zur Situation in der Schweiz ist damit in beruflicher Hinsicht indes keine Verschlechte rung zu er warten. In wirtschaftlicher Hinsicht ist unklar, ob dem Beschwer deführer bei einer Rückkehr in sein Heimatland e ine ähnlich umfassende staatliche Fürsorge zuteil würde, wie derzeit in der Schweiz. Nimmt man zu seinen Gunsten an, dass er in Eritrea keine oder eine mass - geblich weniger weitreichende Unterstützung erhalten würde, wäre sein wirtschaftliches Überleben oh ne eigene Erwerbs tätigkeit ernsthaft gefährdet. Allerdings macht der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde nicht geltend und geht auch sonst aus den Akten nicht hervor, dass seine langjährige Arbeits losigkeit durch eine beschränkte oder fehlende Arbeitsf ähigkeit bedingt wä re. Unter diesen Umständen ist grundsätzlich davon auszugehen, dass der 36- jährige Beschwerdeführer, welcher die eritreische Landessprache Tigrinya beherrscht, in Eritrea sozialisiert wurde und dort eine neunjährige Schul bildung durchl aufen hat (MI -act. 7), trotz zu erwartender Start schwierigkeiten in der Lage sein wird, in seinem Heimatland eine Erwerbsarbeit zu fin den und damit seinen Lebensunterhalt zu finan zieren. Gesamthaft be trachtet sind seine Reintegrationschancen daher a uch in beruflich -wirtschaftlicher Hinsicht als intakt zu qualifizieren. 3.3.5.6. Was die Zumutbarkeit einer Rückkehr ins Heimatland anbelangt, besteht vorliegend kein Anlass zur Befürchtung, dass der Beschwerdeführer bei ei ner Ausreise nach Eritrea auf grund der allgemeinen Situati on – namentlich wegen (Bürger -)Kriegs, allgemeiner Gewalt oder medizinischer Notlage – einer konkreten Gefährdung ausgesetzt wäre. Wie das SEM mit Stellung nahme vom 27. März 2020 zuhanden der V orinstanz festhielt, bestünde für den Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Eritrea indes die konkrete Gefahr, aufgrund seiner (vom SEM als glaubhaft eingestuften) Desertion von der Staatsgewalt verfolgt und unverhältnismässig hart und willkürlich bestraft zu werden (MI - act. 305 ff.). Dass sich demzufolge der V ollzug einer all fälligen Wegweisung nach Eritrea gemäss Art. 3 EMRK wie auch Art. 33 FK 2020 Migrationsrecht 211 als völkerrechtlich unzulässig er weisen dürfte (MI -act. 305 ff.), ist gemäss bundesgerichtlicher Rechtspre chung für die Frage der Verhältnismässigkeit des Bewilligungsentzugs und der damit einhergehenden Wegweisung nicht ausschlaggebend, sondern käme erst mit Blick auf den V ollzug der Wegweisung bzw. das all fällige V orliegen eines V ollzugshindernisses zum Tragen (BGE 135 II 110, Erw. 4.2; Ar t. 83 Abs. 3 AIG; vgl. auch Art. 83 Abs. 7 AIG). Gleichwohl ist bei der hier vorzunehmenden umfassen den Abwägung der öffentlichen Interessen für und der privaten Interessen wider die Wegweisung des Beschwerdeführers (siehe vorne Erw. 3.1) zu berücksicht igen, dass ihm in seinem Heimatland eine unverhältnismässig harte, willkürliche Bestrafung für seine Desertion droht. Wie – jedenfalls im Ergebnis – bereits die V orin stanz festgestellt hat, führt dieser Umstand bei objektiver Betrachtung, un - geachtet sein er völkerrechtlichen Qualifikation und deren Konsequenzen gemäss dem nationalen V ollzugsrecht, zu einer Erhöhung des privaten In teresses des Beschwerdeführers am Verbleib in der Schweiz (act. 8). 3.3.5.7. Mit Blick auf die Situation im Heimatland erhöht sich demnach das private Interesse. Dies in erster Linie aufgrund der staatlichen Verfolgung, die dem Beschwerdeführer dort in Form willkürlicher Bestrafung für seine Desertion droht. 3.3.6. Zusammenfassend erhöht sich das mit Blick auf die lange Aufenthaltsdauer und die dabei erfolgte mangelhafte Integration in der Schweiz geringe bis mittlere private Interesse des Beschwerdeführers an einem weiteren Verbleib in der Schweiz (siehe vorne Erw. 3.3.2.7) aufgrund seiner familiären Situation sowie der Situation im Heimatland und ist insgesamt als gross zu bezeichnen. 3.4. Bei Gesamtwürdigung der sich gegenüberstehenden öffentlichen und pri vaten Interessen überwiegt das grosse bis sehr grosse öffent liche Interesse an der Entfernung des Beschwerdeführers aus der Schweiz dessen gros ses privates Interesse, in der Schweiz verbleiben zu dürfen. Der Widerruf der 212 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 Niederlassungsbewilligung und die Weg weisung des Beschwerdeführers sind gemessen am nationalen Recht nicht zu be - anstanden. 4. Weiter ist zu prüfen, ob der Widerruf der Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung des Beschwerdeführers vor Art. 8 EMRK standhalten. Art. 8 Ziff. 1 EMRK und der – soweit hier von Interesse – inhaltlich im Wesentlichen übereinstimmende Art. 13 Abs. 1 BV ge- währleisten das Recht auf Achtung des Privat - und Familienlebens. Diese Garantien können na mentlich dann verletzt sein, wenn eine ausländische Person die Schweiz verlassen muss, nachdem sie sich lange hier aufge halten und entspre chend integriert hat, bzw. wenn einer a usländischen Per son, deren Fami lienangehörige in der Schweiz leben, die (weitere) Anwesenheit untersagt und dadurch das gemeinsame Familienleben vereitelt wird. Ob die angefochtenen aufenthaltsbeendenden Massnahmen einen Eingriff in das geschützte Priva tleben des Beschwerdeführers darstellen, ist trotz dessen rund zwölfjährigen ordnungsgemässen Aufenthalts mehr als zwei felhaft, zumal er sich wäh rend dieser Zeit klar mangelhaft in der Schweiz inte griert hat (vgl. BGE 144 I 266, Erw. 3.9; siehe vorne Erw. 3.3.2). Sollte indes ein Eingriff vorliegen, wäre dieser durch ein überwiegen des öffentli ches Interesse an der Entfernung des Beschwerde führers aus der Schweiz ge rechtfertigt (Art. 8 Ziff. 2 EMRK; siehe vorne Erw. 3.4). Wie weiter aus den obigen Erwägungen hervorgeht, ist zwischen dem Be schwerdeführer und seinem Bruder D. – sofern dieser über haupt noch in der Schweiz lebt – kein besonderes Abhängigkeitsverhältnis ersichtlich, aufgrund dessen die Beendigung des Aufenthalts des Beschwerdeführers das geschützte Familienleben tangieren würde (Erw. 3.3.3.5). Der Tochter C. des Beschwerdeführers ist es sodann – trotz der damit verbundenen Einschränkungen – zumutbar, mit diesem nach Eritrea zu übersiedeln (Erw. 3.3.3.4.2). Mit Blick auf die Beziehung des Beschwerdeführers zu sei ner Tochter C. wird das geschützte Familienleben durch den Widerruf der Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung des 2020 Migrationsrecht 213 Beschwerdeführers deshalb gemäss bundes gerichtlicher Rechtsprechung ebenso wenig tangiert (vgl. BGE 139 I 330, Erw. 2.1). Die Frage, ob die angefochtenen aufent haltsbeendenden Massnahmen gegen den Be schwerdeführer in das ge schützte Familienleben eingreifen, stellt sich demnach einzig mit Blick auf die Beziehung zu seinen Kindern E., F. und G., welche in der Schweiz bei ihrer Mutter (der früheren Partnerin des Beschwerdeführers) leben. Da anzunehmen ist, dass im heutigen Zeitpunkt eine – wenn auch nicht besonders enge – affektive Beziehung zwischen dem Beschwerde führer und seinen Kindern E., F. und G. bes teht (siehe vorne Erw. 3.3.3.3), tangieren der Widerruf der Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz den Schutzbe reich des Familienlebens gemäss Art. 8 Ziff. 1 EMRK. Dieser Eingriff ist je - doch durch ein überwie gendes öffentliches Interesse gerechtfertigt (Art. 8 Ziff. 2 EMRK; siehe vorne Erw. 3.4). Gleiches würde gelten, wenn – entgegen der soeben getroffenen Fest stellung – auch hinsichtlich der Beziehung zur Tochter C. und/oder der Beziehung zum Bruder D. ein Eingriff vorläge. Ein Verstoss gegen Art. 8 EMRK liegt damit weder hinsichtlich des geschützten Privatlebens noch hinsichtlich des geschützten Fami- lienlebens des Beschwerdeführers vor. 5. Grundsätzlich bliebe zu prüfen, ob sich der V ollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers als völkerrechtlich zulässig erweist. Verneinendenfalls wäre festzustellen, dass ein gesetzliches V ollzugshindernis vorliegt und das MIKA anzuweisen, beim SEM die vorläu fige Aufnahme des Beschwer deführers zu beantragen (Art. 83 Abs. 1, Abs. 3, Abs. 6 und Abs. 7 lit. b AIG). V orliegend hat indes das MIKA bereits in seiner erstinstanzlichen Verfügung vom 1. Oktober 2019 verfügt, dass nach Rechtskraft beim SEM die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers beantragt werde (MI -act. 246, 257). Da der angefochtene Einspracheentscheid der V orinstanz die Verfügung des MIKA auch in diesem Punkt bestätigt hat (MI-act. 322, 324) und das Verwaltungsgericht den Ein spracheentscheid mangels eines 214 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2020 entsprechenden Beschwerdeantrags nicht zum Na chteil des Beschwerdeführers abändern darf (§ 48 Abs. 2 VRPG), erübrigt sich eine verwaltungsgerichtliche Überprüfung der von den V orinstanzen festgestellten völker rechtlichen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs und des damit ein hergehenden gesetzli chen V ollzughindernisses. 6. Zusammenfassend steht fest, dass der Widerruf der Nieder - lassungsbewilligung und die Wegweisung des Beschwerdeführers gemäss nationa lem Recht nicht zu beanstanden sind und auch vor Art. 8 EMRK standhal ten. Eine verwaltungsg erichtliche Überprüfung des von den V orinstanzen fest gestellten V ollzugshindernisses erübrigt sich. Damit ist der angefochtene Einspracheentscheid nicht zu bean standen und die Beschwerde ist abzuweisen. III. (Kosten- und Entschädigungsfolgen) 2020 Migrationsrecht 215 20 Rückstufung; Kontinuitätsvertrauen Da es sich bei der (Des-)Integration um einen zeitlich offenen Dauersachverhalt handelt, darf bei der Beurteilung, ob bei einer nieder lassungsberechtigten ausländischen Person ein rückstufungsbegründendes Integrationsdefizit im Sinne von Art. 63 Abs. 2 i.V .m. Art. 58a AIG vorliegt, grundsätzlich auch deren Verhalten vor Inkrafttreten der genannten Bestimmungen am 1. Januar 2019 mitberücksichtigt werden. Durfte jedoch die betroffen e Person vor der Rechtsänderung vom 1. Januar 2019 aufgrund des damals geltenden Rechts davon ausgehen, dass das fragliche Verhalten den Fortbestand ihrer Niederlassungsbewilligung nicht gefährden könne, ist dies – nach Auffassung der Mehrheit des Gerichts – im Rahmen der Verhält nismässigkeitsprüfung zu ihren Gunsten zu berücksichtigen (Erw. 3.4.4.2.1). Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 8. Dezember 2020, in Sachen A. gegen Amt für Migration und Integration (WBE.2020.112). Sachverhalt A. Der ledige Beschwerdeführer ist 1963 in der Schweiz geboren worden, italienischer Staatsangehöriger und im Besitz einer Nieder - lassungsbewilligung EU/EFTA (Akten des Amts für Migration und Integration [MI-act.] 1, 24). Er ist vers chuldet und seit Ende Februar 2005 von der Sozialhilfe ab hängig (MI -act. 28, 30). Nach vorgängiger Gewährung des rechtlichen Ge hörs verfügte das MIKA am 11. Juni 2019 den Widerruf der Niederlassungsbewilligung EU/EFTA unter ersatzweiser Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung. Zugleich hielt es in Dispositiv -Ziffer 2 seines Entscheids fest, dass die Bewilligungs erteilung vorbehaltlich der Zustimmung durch das SEM erfolge (MI-act. 53 ff.). B. Gegen die Verfügung des MIKA vom 11. Juni 2019 liess der Beschwerdeführer mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 12. Juli 2019 beim Rechtsdienst des MIKA (V orinstanz) Einsprache erheben (MI-act. 63 ff.).