<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">KantonaleSteuern</span> <span class="page_no">129</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>27</b></span> <span class="ft2"><b>Mahnung vor Ermessensveranlagung</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Mahnung als in der Regel unverzichtbares formelles Erfordernis für</b></span><br/> <span class="ft2"><b>die Vornahme von Ermessensveranlagungen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 21. Oktober 2009 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen G. gegen Einwohnergemeinde O. und Kantonales Steueramt</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2009.111).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1</span><br/> <span class="ft1">Hat die steuerpflichtige Person trotz Mahnung ihre Verfah-</span><br/> <span class="ft1">renspflichten nicht erfüllt oder können die Steuerfaktoren mangels</span><br/> <span class="ft1">zuverlässiger Unterlagen nicht einwandfrei ermittelt werden, wird</span><br/> <span class="ft1">die Veranlagung nach pflichtgemässem Ermessen vorgenommen</span><br/> <span class="ft1">(§ 191 Abs. 3 StG; vgl. ebenso Art. 46 Abs. 3 StHG und Art. 130</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 DBG).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">130</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">1.2</span><br/> <span class="ft1">Entgegen der Gesetzesformulierung, die auf zwei Tatbestands-</span><br/> <span class="ft1">varianten hindeutet (Verletzung von Verfahrenspflichten, Fehlen zu-</span><br/> <span class="ft1">verlässiger Unterlagen), setzen die angeführten Bestimmungen für</span><br/> <span class="ft1">eine Veranlagung nach pflichtgemässem Ermessen stets einen Un-</span><br/> <span class="ft1">tersuchungsnotstand voraus (Martin Plüss, in: Kommentar zum Aar-</span><br/> <span class="ft1">gauer Steuergesetz, 3. Aufl., Muri/Bern 2009, § 191 N 14; Martin</span><br/> <span class="ft1">Zweifel, in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht [StHG],</span><br/> <span class="ft1">Bd. I/1, 2. Aufl., Basel 2002, Art. 46 N 29; Ders. in: Kommentar zum</span><br/> <span class="ft1">schweizerischen Steuerrecht [DBG], Bd. I/2b, 2. Aufl., Basel 2008,</span><br/> <span class="ft1">Art. 130 N 30; Markus Berger, Voraussetzungen und Anfechtung der</span><br/> <span class="ft1">Ermessensveranlagung, in: ASA 75, S. 196).</span><br/> <span class="ft1">1.2.1</span><br/> <span class="ft1">Das Erfordernis eines Untersuchungsnotstandes hat zum einen</span><br/> <span class="ft1">zur Folge, dass - ungeachtet der Verletzung von Verfahrenspflichten</span><br/> <span class="ft1">durch die steuerpflichtige Person - keine Ermessensveranlagung</span><br/> <span class="ft1">vorzunehmen ist, wenn die Verfahrenspflichtverletzung keinen Un-</span><br/> <span class="ft1">tersuchungsnotstand zur Folge hat (Zweifel, [DBG], a.a.O., Art. 130</span><br/> <span class="ft1">N 30).</span><br/> <span class="ft1">1.2.2</span><br/> <span class="ft1">Eine andere Folge des Erfordernisses des Untersuchungsnot-</span><br/> <span class="ft1">stands besteht darin, dass die Steuerbehörden, bevor sie zu einer</span><br/> <span class="ft1">Ermessensveranlagung Zuflucht nehmen dürfen, die ihnen zur Ver-</span><br/> <span class="ft1">fügung stehenden Untersuchungsmittel ausschöpfen müssen (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Berger, a.a.O., S. 198; so auch schon Känzig/Behnisch, Die direkte</span><br/> <span class="ft1">Bundessteuer, 2. Aufl., III. Teil [Art. 65 - 158 BdBSt], Basel 1992,</span><br/> <span class="ft1">Art. 92 N 2). Insbesondere können sie im Fall der Einreichung un-</span><br/> <span class="ft1">vollständiger Steuererklärungen oder fehlender Unterlagen nicht</span><br/> <span class="ft1">ohne weiteres zu einer Ermessensveranlagung schreiten, sondern</span><br/> <span class="ft1">müssen den Steuerpflichtigen zunächst auffordern die festgestellten</span><br/> <span class="ft1">Mängel zu beheben und, sofern dieser der Aufforderung nicht nach-</span><br/> <span class="ft1">kommt, zur Einhaltung seiner Verfahrenspflichten mahnen (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Zweifel [DBG], a.a.O., Art. 130 N 34), da erst nach erfolgloser Mah-</span><br/> <span class="ft1">nung feststeht, dass die Verfahrenspflichtverletzung des Steuer-</span><br/> <span class="ft1">pflichtigen auch einen Untersuchungsnotstand zur Folge hatte (bzw.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">KantonaleSteuern</span> <span class="page_no">131</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sich dieser mangels Mitwirkung des Steuerpflichtigen nicht beheben</span><br/> <span class="ft1">lässt).</span><br/> <span class="ft1">Dies gilt auch für den Fall einer sog. Veranlagung nach dem Le-</span><br/> <span class="ft1">bensaufwand. Stellt die Steuerbehörde nach Einreichung der Steuer-</span><br/> <span class="ft1">erklärung einen Widerspruch zwischen dem deklarierten Einkommen</span><br/> <span class="ft1">(sowie einer allfällig deklarierten Vermögenszunahme) und dem zu</span><br/> <span class="ft1">vermutenden Lebensaufwand fest, so muss sie den Steuerpflichtigen</span><br/> <span class="ft1">zunächst auffordern, diesen Widerspruch aufzuklären und ihre Auf-</span><br/> <span class="ft1">forderung gegebenenfalls mahnen. Erst wenn sich der Widerspruch</span><br/> <span class="ft1">trotz Mahnung nicht aufklären lässt, darf und muss die Steuerbehör-</span><br/> <span class="ft1">de eine Ermessensveranlagung vornehmen (unzutreffend insoweit</span><br/> <span class="ft1">Martin Plüss, a.a.O., § 191 N 23; auch bei der Ermessensveranlagung</span><br/> <span class="ft1">nach dem Lebensaufwand ist eine Mahnung erforderlich).</span><br/> <span class="ft1">Unterbleiben können Aufforderung und Mahnung grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">nur dann, wenn die steuerpflichtige Person den Sachverhalt der Natur</span><br/> <span class="ft1">der Sache nach nicht mehr klären kann. Als Beispiel dafür ist der Fall</span><br/> <span class="ft1">zu nennen, wenn der Steuerpflichtige ein mangelhaftes Kassenbuch</span><br/> <span class="ft1">vorlegt. Ein nachträglich erstelltes Kassenbuch kann nämlich von</span><br/> <span class="ft1">vornherein nicht die ihm zugedachte Kontrollfunktion übernehmen</span><br/> <span class="ft1">und ihm kommt damit keine Beweiskraft zu (vgl. dazu VGE II/57</span><br/> <span class="ft1">vom 15. Juli 2009 [WBE.2009.101], S. 8).</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1</span><br/> <span class="ft1">Hier ist unbestritten, dass die Steuerkommission O. den Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer vor Vornahme der Ermessensveranlagung weder</span><br/> <span class="ft1">aufgefordert noch gemahnt hat, den Widerspruch aufzuklären zwi-</span><br/> <span class="ft1">schen dem deklarierten Einkommen und Vermögen von Fr. 0.-- (so-</span><br/> <span class="ft1">wie der ihr bekannten Einstellung der Sozialhilfezahlungen an ihn</span><br/> <span class="ft1">per 30. September 2004) einerseits und anderseits der Tatsache, dass</span><br/> <span class="ft1">er seinen Lebensaufwand im Jahr 2006 auf irgendeine Weise be-</span><br/> <span class="ft1">stritten haben musste. Die Ermessensveranlagung vom 26. Novem-</span><br/> <span class="ft1">ber 2007 leidet damit an einem schwerwiegenden Verfahrensfehler.</span><br/> <span class="ft1">2.2</span><br/> <span class="ft1">Es trifft zu, dass der Beschwerdeführer bereits in den Vorjahren</span><br/> <span class="ft1">Steuererklärungen eingereicht hatte, mit denen er das gänzliche Feh-</span><br/> <span class="ft1">len von Einkünften und Vermögen behauptete. Dieser Umstand allein</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">132</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">kann indessen nicht von der Einhaltung der für die Vornahme einer</span><br/> <span class="ft1">Ermessensveranlagung massgeblichen Verfahrensnormen dispensie-</span><br/> <span class="ft1">ren. Dies ist schon deshalb ausgeschlossen, weil jede Veranlagung</span><br/> <span class="ft1">ein eigenes Verfahren darstellt. Die Veranlagungsbehörden sind denn</span><br/> <span class="ft1">auch in der Beurteilung von Sachverhalten nicht an ihre bereits in</span><br/> <span class="ft1">vorangegangenen Steuerperioden vorgenommene Beurteilung des</span><br/> <span class="ft1">gleichen Sachverhalts gebunden (vgl. Richner/Frei/Kaufmann/ Meu-</span><br/> <span class="ft1">ter, Kommentar zum harmonisierten Züricher Steuergesetz, 2. Aufl.,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 2006, Vorbemerkungen zu § 119 - 131 N 87 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">2.3</span><br/> <span class="ft1">Entgegen der Auffassung des Steuerrekursgerichts fällt auch die</span><br/> <span class="ft1">Annahme einer Heilung des festgestellten Mangels im Einsprache-</span><br/> <span class="ft1">verfahren ausser Betracht. Ermessensveranlagungen können nur we-</span><br/> <span class="ft1">gen offensichtlicher Unrichtigkeit angefochten werden. Die Einspra-</span><br/> <span class="ft1">che ist zudem zu begründen und muss allfällige Beweismittel nen-</span><br/> <span class="ft1">nen, wobei die Begründung der Einsprache sogar ein Gültigkeitser-</span><br/> <span class="ft1">fordernis bildet (§§ 192 Abs. 2 und 193 Abs. 1 StG, Art. 48 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">StHG, Art. 132 Abs. 3 DBG; vgl. zum Ganzen ausführlich Zweifel,</span><br/> <span class="ft1">[DBG], a.a.O., N 32 ff. sowie Berger, a.a.O., S. 203 ff.). Die ver-</span><br/> <span class="ft1">schärften Anforderungen an die Rechtsmittelerhebung, noch mehr</span><br/> <span class="ft1">aber die auf die Feststellung offensichtlicher Unrichtigkeit, d.h. im</span><br/> <span class="ft1">Ergebnis auf Willkür beschränkte Kognition der Einsprachebehörde</span><br/> <span class="ft1">bei der Überprüfung von Ermessensveranlagungen (auf welche die</span><br/> <span class="ft1">Steuerkommission O. in ihrem Entscheid vom 26. Februar 2008 aus-</span><br/> <span class="ft1">drücklich hinweist), verbieten es, hinsichtlich der fehlenden Mah-</span><br/> <span class="ft1">nung eine Heilung im Rechtsmittelverfahren anzunehmen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>