B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6618/2023 U r t e i l v o m 7 . D e z e m b e r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichter Simon Thurnheer, mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiberin Sarah Rutishauser. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (sicherer Drittstaat); Verfügung des SEM vom 20. November 2023 / N (…). D-6618/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Am 31. August 2023 suchte die Beschwerdeführerin in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass sie am 22. Januar 2019 bereits in Griechenland sowie am 9. November 2020 in Deutschland um Asyl nach- gesucht hatte. In Griechenland wurde ihr am 21. Oktober 2019 internatio- naler Schutz gewährt. Die deutschen Behörden teilten dem SEM auf Nach- frage vom 4. Oktober 2023 mit, die Beschwerdeführerin habe ihrerseits ei- nen negativen Asylentscheid erhalten. B. Im Rahmen des persönlichen Dublin Gesprächs vom 4. Oktober 2023 gab die Beschwerdeführerin an, von November 2018 bis November 2020 ge- meinsam mit ihrem Ehemann und drei Söhnen, wovon einer (22 Jahre alt) währenddessen an Krebs verstorben sei, in Griechenland gelebt zu haben. Sie (und ihre Familie) habe aufgrund des Trauerprozesses nicht arbeiten können. Nach gutgeheissenem Asylgesuch sei sie mangels weiterer Sozi- alleistungen der griechischen Behörden und trotz vorübergehender Unter- stützung verschiedene r Nichtregierungsorganisationen ( NGO) und de s HELIOS Hilfsprogramms sowie Zugang zu wie auch Inanspruchnahme von medizinischer und psycholo gischer Unterstützung nach Deutschland ge- reist. In die Schweiz sei sie mit dem Zug eingereist, während ihr Ehemann sich im Irak aufhalte und ihre Söhne sich noch in Deutschland befinden würden. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs betreffend eine allfällige R ückkehr nach Griechenland erklärte die Beschwerdeführerin hauptsächlich, sie wolle nicht dorthin zurückkehren, weil sie wegen Diabetes Beinbeschwer- den (Schwellungen, Schmerzen) habe und sich dort niemand um sie küm- mere. Hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Situation gab sie an, es gehe ihr nicht besonders gut und in der Unterkunft «passe» ihr das Essen, das zu- dem ihrer Gesundheit nicht förderlich sei, «gar nicht». Gegen ihre Bein- schmerzen habe sie nur Stützstrümpfe und Cremes erhalten. Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte sie medizinische Unterlagen aus Deutschland ein. C. Am 11. Oktober 2023 ersuchte die Vorinstanz die griechischen Behörden gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und D-6618/2023 Seite 3 des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver- fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal anwesender Dritt- staatsangehöriger (nachfolgend: Rückführungs-Richtlinie) und auf das Ab- kommen zwischen der Schweiz und Griechenland über die Rücküber- nahme von Personen mit irregulärem Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729) schriftlich um Rückübernahme der Beschwerdeführe- rin. D. Am 19. Oktober 2023 stimmten die griechischen Behörden dem Übernah- meersuchen des SEM vom 11. Oktober 2023 zu. Sie bestätigten, die Be- schwerdeführerin sei in Griechenland als Flüchtling anerkannt (gültiger Schutzstatus seit 21. Oktober 2019). E. Das SEM erhielt auf Nachfrage vom 14. November 2023 bei der Pflege des BAZ Thun weitere medizinische Unterlagen zu den Akten. F. Mit Stellungnahme vom 20. November 2023 äusserte sich die Rechtsver- tretung der Beschwerdeführerin zum beabsichtigten Nichteintretensent- scheid der Vorinstanz und zur Wegweisung nach Griechenland. G. Mit am 21. November 2023 eröffnetem Entscheid vom 20. November 2023 trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, wies sie aus der Schweiz weg und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen; ansonsten werde sie in Haft genommen und unter Zwang nach Griechenland zurückgeführt. Gleichzeitig beauftragte die Vorinstanz den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. H. Die Beschwerdeführerin erhob mit Eingabe vom 27. November 2023 (Post- eingang 30. November 2023) beim Bundesverw altungsgericht Be- schwerde gegen den vorinstanzlichen Entscheid vom 20. November 2023. Sie beantragte dessen Aufhebung und die Anweisung an die Vorinstanz, auf das Asylgesuch einzutreten und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen, eventualiter die Rückweisung der Sache zur Neubeurtei- lung an die Vorinstanz . In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um D-6618/2023 Seite 4 Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses. I. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Gericht am 30. No vember 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 und 4 AsylG). J. Mit Schreiben vom 4. Dezember 2023 bestätigte das Bundesverwaltungs- gericht den Eingang der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwer- deführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vor- instanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2 m.w.H.). Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Vollzugs hat das SEM eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb dem Gericht diesbe- züglich volle Kognition zukommt. 3. Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensichtlich u nbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e D-6618/2023 Seite 5 AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein- getreten, wenn die asylsuchende Person in einen sicheren Drittstaat nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG zurückkehren kann, in welchem sie sich vorher aufgehalten hat. Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellungen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG be- steht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Durch den Be- schluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche Län- der der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelsasso- ziation (EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet. 4.2 Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest, dass es sich bei Griechenland, als Mitglied der EU, um einen sicheren Dritt- staat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG handelt. Den Akten ist zu entnehmen, dass die griechischen Behörden der Beschwerdeführerin am 21. Oktober 2019 internationalen Schutz gewährten und ihrer Rücküber- nahme am 19. Oktober 2023 ausdrücklich zugestimmt haben (A21/1). Grie- chenland ist unter anderem Signatarstaat des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK) und es bestehen weder objektive An- haltspunkte noch substanzielle Hinweise für eine drohende Rückschiebung in ihren Heimatstaat unter Verletzung des Refoulement-Verbots. Weder der vorherige Aufenthalt in Griechenland noch die erhaltene Aufenthaltsbewil- ligung werden in der Beschwerde bestritten. 4.3 Bei dieser Sachlage ist das Begehren um Rückweisung der Sache an die Vorinstanz mit der Anweisung, auf das Asylge such einzutreten, abzu- weisen. Festzustellen ist vielmehr, dass die Voraussetzungen für einen Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erfüllt sind. Das SEM ist demnach zu Recht auf das Asylgesuch der Beschwerdefüh- rerin nicht eingetreten. 5. 5.1 Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). D-6618/2023 Seite 6 5.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen An spruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 6. 6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM da s Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 6.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be weisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7. 7.1 Die Vorinstanz hielt in Würdigung der Aussagen der Beschwerdeführe- rin in der angefochtenen Verfügung fest, ihr sei hinsichtlich der Befürchtung von fehlender Unterstützung zuzumuten, sich in Griechenland – als Rechtsstaat mit funktionierende r Justiz- und Polizeibehörde – an die zu- ständigen staatlichen Stellen zu wenden , auch wenn die diesbezüglichen Prozedere langwierig oder mit Erschwernissen verbunden sein sollten. Griechenland komme seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Nöti- genfalls könne sie erneut die Unterstützung von vor Ort tätigen karitativen Organisationen (NGO) in Anspruch nehmen oder sich nochmals bei ihrem Sozialarbeiter darum bemühen. Für vulnerable Personen oder Opfer von Gewalt und Missbrauch bestünden zusätzliche Angebote (Safe Plac e In- ternational, NGO Za’atar, Orange House Shelter, National Center for Social Solidarity EKKA). Als Zusatzprogramm sei auf das Projekt HELIOS hinzu- weisen, das die Integration von Begünstigten in die griechische Gesell- schaft fördere. Gemäss ihren Angaben könne sie auf ein Beziehungsnetz zurückgreifen, das sie nötigenfalls erneut unterstützen würde, und sie ver- füge über eine AMKA-Nummer. Mit dieser habe sie unter anderem Zugang zum griechischen Gesundheits- und Versicherungswesen und könne sich als arbeitssuchend bei den entsprechenden Stellen melden. Im Übrigen habe sie die AMKA-Karte bereits mehrfach für ihre medizinische Behand- lung in Griechenland genutzt. D-6618/2023 Seite 7 Hinsichtlich des Gesundheitszustands führte die Vorinstanz aus, gemäss den medizinischen Unterlagen aus Deutschland würden der Beschwerde- führerin nebst einem guten Allgemeinzustand eine schwere depressive Störung, eine Anpassungsstörung, Spannungskopfschmerzen sowie Dia- betes mellitus Typ 2 und Lumbago (Rückenschmerzen) attestiert (Berichte vom 28. Januar 2021, 30 . Januar 2021, 2. März 2023, 11. August 2023). Aus den bei der Pflege vom BAZ Thun am 14. November 2023 eingeholten medizinischen Unterlagen ginge nebst depressiven Verstimmungen der Beschwerdeführerin (seit dem Verlust ihres Sohnes) und einer leichten ve- nösen Insuffizienz ein guter Allgemeinzustand hervor, wobei ihre Diabetes- Medikation gut eingestellt sei. Angesichts des medizinischen Sachverhal- tes könne vorliegend mit Hinweis auf das Referenzurteil des Bundesver- waltungsgerichts E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 nicht da- rauf geschlossen werden, die gesundheitlichen Beschwerden der Be- schwerdeführerin seien derart gravierend, dass die Schwelle einer Verlet- zung von Art. 3 EMRK erreicht sei. Bei der Beschwer deführerin sei ange- sichts ihrer Gesamtsituation einzig die Reisefähigkeit ausschlaggebend, welche kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt werde. Insgesamt seien keine Tatsachen – auch nicht mit den Vorbringen in der Stellungnahme des Rechtsvertreter s (keine Sozialhilfeleistungen; keine Unterstützung trotz Bemühungen; körperlich und psychisch angeschla- gene, ungebildete, alleinstehende Frau) – oder Beweismittel vorgelegt wor- den, welche eine Änderung des Standpunktes des SEM rechtfertigen könnten. Der Wegweisungsvollzug sei sowohl zulässig als auch zumutbar und tech- nisch möglich. 7.2 In der Beschwerde brachte die Beschwerdeführerin einzig in Wieder- holung ihrer bisherigen Ausführungen vor, eine Rückführung nach Grie- chenland sei menschenunwürdig und daher nicht mit den völkerrechtlichen Verpflichtungen der Schweiz zu vereinbaren. Es sei auf zahlreiche öffentli- che Berichte hinzuweisen, welche – entgegen den Erwägungen der ange- fochtenen Verfügung – aufzeigten, dass anerkannte Flüchtlinge in Grie- chenland nicht au sreichend unterstützt würden, über längere Zeit keine Unterkunft oder Arbeit fänden, der Zugang zu Nahrung unzureichend und das HELIOS Programm unwirksam sei (Austrian Centre for Country of Ori- gin and Asylum Research and Documentation [ACCORD]; Al Jazeera vom 3. Dezember 2021; Save the Children vom 25. November 2021; Balkan In- sight vom 5. Januar 2022; InfoMigrants vom 21. Oktober 2021, EUobserver D-6618/2023 Seite 8 vom 22. Dezember 2021, TNH vom 5. Oktober 2021; Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH] vom 3. August 2022; Links zu ZEIT ONLINE und lto.de). Im Weiteren würden zwei Dokumentationen von Refugee Support Aegean (RSA) vom Januar 2019 sowie März 2023 die Situation für nach Griechenland zurückgeführte Menschen aufzeigen. 8. 8.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im erwähnten Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 einlässlich mit der Situation in Griechenland auseinandergesetzt und an seiner bisherigen Rechtsprechung festgehal- ten, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland für Personen, die dort einen Schutzstatus e rhalten haben, grundsätzlich zulässig ist. In Griechenland ist nicht von einer Situation auszugehen, in der jeder Person mit Schutzstatus eine unangemessene und erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht. Trotz der schwierigen Verhältnisse geht das Gericht davon aus, dass schutzberechtigte Personen grundsätzlich in der Lage sind, ihre existenziellen Bedürfnisse abzudecken (a.a.O. E. 11.2 ; BVGer Urteil D-6009/2023 E. 9.1 vom 13. November 2023). 8.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass der Wegweisungsvollzug in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (a.a.O. E. 11.3). Wie die Vorinstanz zutreffend berücksichtigt hat, gilt die Legalvermutung der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung bezüglich Griechenlands grundsätzlich auch für vulnerable Personen, wie zum Bei- spiel Schwangere oder Personen, die an gesundheitlichen Problemen lei- den, die nicht als schwerwiegende Erkrankung einzustufen sind (vgl. a.a.O. E. 11.5.1). Es obliegt der betroffenen Person, diese Legalvermutungen um- zustossen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die Behörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensum- ständen aussetzen würden respektive dass sie in Griechenland aufgrund von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitli- cher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. a.a.O. E. 11.4 ; BVGer Urteil D-6009/2023 E. 9.2). 9. 9.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). D-6618/2023 Seite 9 9.2 Die Beschwerdeführer in wurde in Griechenland als Flüchtling aner- kannt. Sie kann sich – und konnte sich auch bereits während ihres zwei- jährigen dortigen Aufenthalts – auf die Garantien der Qualifikationsrichtlinie berufen (insbesondere die Regeln betreffend den Zugang zu Besch äfti- gung [Art. 26], zu Bildung [Art. 27], zu Sozialhilfeleistungen [Art. 29], zu Wohnraum [Art. 32] und zu medizinischer Versorgung [Art. 30]), auf die sich Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaften lassen muss. Aufgrund der Ak- ten liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass sie für den Fall einer Rück- kehr nach Griechenland mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) verbotenen Strafe oder Behand- lung ausgesetzt wäre. Es ist unbestritten, dass die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig sind . Entgegen der Behauptung in der Be- schwerde ist aber auch unter den genannten schwierigen Umständen im heutigen Zeitpunkt nicht von einem «real risk» auszugehen, dass die Be- schwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Griechenland einer menschen- rechtswidrigen Behandlung ausgesetzt wäre (vgl. dazu auch Urteil Papos- hvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, 41738/10, § 183). Auch unter Berücksichtigung der Schwächen des griechischen Aufnahmesystems ver- mag die blosse Möglichkeit, in nicht absehbarer Zeit aus nicht vorausseh- baren Gründen in eine missliche Lebenssituation zu geraten, die einer Aus- setzung einer existenziellen Notlage und andauernden menschenrechts- widrigen Behandlung gleichkäme, die hohe Schwelle zu einem entspre- chenden «real risk» nicht zu erreichen. Die Beschwerdeführerin kann aus den in der Beschwerde zitierten öffentlichen Berichten, welche weder ak- tuell sind (November 2021 bis März 2023; Beschwerde Ziff. II./2.) noch sie persönlich beziehungsweise konkret betreffen, nichts zu ihren Gunsten ab- leiten, zumal sie gemäss eigenen Angaben während ihres Aufenthalts in Griechenland (immer wieder) Unte rstützung erhalten hat (von Seiten von Sozialarbeitern, dem HELIOS Programm und NGOs; A15/6, S. 2 f.). Sie weist zudem kein derart gravierendes Krankheitsbild auf, welches die An- nahme der Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung im Sinne der Rechtsprechung rechtfertigen würde. 9.3 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit als zulässig. 10. 10.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und D-6618/2023 Seite 10 medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr- dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläu- fige Aufnahme zu gewähren. 10.2 Betreffend die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass Griechenland an die Qualifikationsr ichtlinie gebunden ist. Auch wenn eine adäquate Eingliederung der Beschwerde- führerin in die sozialen Strukturen Griechenlands als Person mit internati- onalem Schutzstatus mit nicht zu verkennenden Erschwernissen verbun- den ist, vermögen ihre Vorbringen die h ohen Anforderungen an eine kon- krete Gefährdung nicht zu erfüllen. Die Beschwerdeführerin verbrachte be- reits zwei Jahre in Griechenland und war in der Lage, Unterkunft und Arbeit zu finden, ein wenig die griechische Sprache zu lernen , sich zu ihrer Un- terstützung um Unterstützung durch einen Sozialarbeiter und um die Hilfe von NGOs sowie von HELIOS zu bemühen, wie auch ihre gesundheitlichen Bedürfnisse anzubringen und medizinisch behandeln zu lassen (A15/6). Sie hat damit gezeigt, dass sie in der Lage ist, bei allfälligen Problemen die erforderliche Hilfe zu organisieren, und es ist ihr auch zuzumuten, sich bei Unterstützungsbedarf an die griechischen Behörden zu wenden und nöti- genfalls den Rechtsweg zu beschreiten. 10.3 Hinsichtlich des Gesundheitszustandes der B eschwerdeführerin ist festzuhalten, dass gemäss konstanter Praxis aus medizinischen Gründen nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu schliessen ist, wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Zielstaat nicht zur Ver- fügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person füh- ren würde (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2). Die Beschwerdeführerin macht e zu Recht nicht geltend, dem Vollzug der Wegweisung stünden medizinische Gründe entgegen. 10.4 Insgesamt besteht kein Grund zu der Annahme, die Beschwerdefüh- rerin gerate bei einer Rückkehr nach Griechenland in eine Existenz gefähr- dende Situation. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann im Übrigen auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Der Vollzug der Wegweisung ist demnach zumutbar. 10.5 Bei dieser Sachlage ist das Eventualbegehren um Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung abzuweisen. D-6618/2023 Seite 11 11. Nachdem die griechischen Behörden einer Rückübernahme der Be- schwerdeführerin ausdrücklich zugestimmt haben, ist der Vollzug der Weg- weisung auch möglich (Art. 83 Abs. 2 AIG). 12. Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der vorläu- figen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 13. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch s onst nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 14. 14.1 Mit Ergehen des vorliegenden Urteils wird das Gesuch um Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses gegenstandslos. 15. Die Beschwerde erschien im Zeitpunkt der Einreichung als aussichts- los, weshalb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung unabhängig vom Vorliegen einer allfälligen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 –3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-6618/2023 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Simon Thurnheer Sarah Rutishauser Versand: