Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 24. Mai 2012 (731 11 403 / 136) ____________________________________________________________________ Krankenversicherung Taggeld Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Kantons- richter Michael Guex, Gerichtsschreiberin Laura Manz Parteien A.____ , Kläger, vertreten durch Dr. Patrick Somm, Advokat, Steinen- vorstadt 73, Postfach, 4002 Basel gegen B.____ , Beklagte Betreff Taggeld A. Der 1976 geborene A.____ arbeitete bei der C.___ __AG, die bei der B.____ eine Krankentaggeldversicherung für Unternehmen abgeschlossen hatte. Die Versicherung deckte dabei einen Arbeitsausfall mit einem Maximum von 730 Taggelder. Infolge eines Unfalls zahlte die B.____ A.____ vom 3. Oktober 2008 bis zum 30. September 2010 insgesamt 446 Taggelder aus. Bei einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit betrug das Taggeld Fr. 195.90. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Mit Schreiben vom 23. September 2010 stellte die B.____ die Taggeldzahlung auf den 30. Sep- tember 2010 ein, da sie ab diesem Zeitpunkt – gestützt auf eine Begutachtung von Dr. med. D.____, FMH Neurochirurgie, – von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit von A.____ ausging. B. Mit Eingabe vom 4. November 2011 beim Kantonsgerich t Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht), erhob A.____, vertreten durch Dr. Patrick Somm, Advokat in Basel, Klage gegen die B.____ mit dem Begehren, die Beklagte sei zur Zahlung von mindestens Fr. 25'792.80 nebst Zins zu 5% seit 28. Febru ar 2011 (mittlerer Verfalltag) an den Kläger zu verurteilen; alles unter o/e-Kostenfolge zu L asten der Beklagten. Zur Begründung führt der Kläger im Wesentlichen an, dass er auch über d en 30. September 2011 hinaus auf- grund seines Gesundheitszustands zu mindestens 50% arbeitsunfähig gewesen sei. C. Mit Klageantwort vom 9. Januar 2012 beantragt di e Beklagte die Abweisung der Klage vom 4. November 2011; unter o/e-Kostenfolge zu Lasten des Klägers. Dabei führt sie aus, dass der Kläger seit dem 1. Oktober 2011 zu 100% arbeitsf ähig sei, weshalb er keinen Anspruch auf die Ausrichtung weiterer Taggeldzahlungen habe. D. Anlässlich der heutigen Parteiverhandlung halten di e Parteien an ihren Rechtsbegeh- ren und Ausführungen fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung unt erstehen gemäss Art. 12 Abs. 3 des Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) vom 18. März 1994 dem Bun- desgesetz über den Versicherungsvertrag (VVG) vom 2. Apr il 1908. Streitigkeiten im Bereich dieser Zusatzversicherungen sind privatrechtlicher Natur, weshalb strittige Ansprüche darüber in einem zivilprozessualen Verfahren geltend zu machen si nd. Das Verfahren im Zivilprozess regelt die Schweizerische Zivilprozessordnung (ZPO) vom 19. Dezember 2008. 1.2 Die sachliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel -Landschaft, Abteilung Sozial- versicherungsrecht, ergibt sich aus Art. 7 ZPO i.V.m. § 54 Abs. 1 lit. d des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. D ezember 1993. Wie das Kan- tonsgericht mit Grundsatzentscheid vom 1. Dezember 201 1 festhielt, ist bei Klagen betreffend Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Kranken versicherung keine vorgängige Schlichtung durchzuführen, womit sie direkt am Kantonsg ericht, Abteilung Sozialversicherungs- recht, einzureichen sind (Beschluss des Kantonsgerichts vom 1. Dezember 2011, 731 11 262). 1.3 Die örtliche Zuständigkeit richtet sich grundsätzlich nach Art. 9 ff. ZPO. Der dem vorlie- genden Fall zu Grunde liegende Versicherungsvertrag ist als Konsumentenvertrag i.S.v. Art. 32 ZPO zu qualifizieren, weshalb die Klage am Wohnsitz des Versicherten eingereicht werden kann (Art. 32 Abs. 1 lit. a ZPO; vgl. ZK vgl. F ELLER /B LOCH , in: Sutter-Somm/Hasen- böhler/Leuenberger, ZPO-Komm. Art. 32 N 45 ff.). Ni chts anderes ergibt sich in vorliegendem Fall aus Art. 23 der Allgemeinen Versicherungsbedingun gen (AVB) der Beklagten, wonach ein Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Wahlgerichtsstand am Wohnsitz des Versicherten besteht (Gerichtsstandsvereinbarung; Art. 17 Abs. 1 ZPO). Da der Kläger Wohnsitz in E.____, Kanton Basel-Landschaft, hat, ist das angeru- fene Gericht auch örtlich zuständig. Auf die formgerec ht beim örtlich und sachlich zuständigen Gericht erhobene Klage ist damit einzutreten. 2. Vorab ist auf folgende Verfahrensgrundsätze hinzu weisen: 2.1 Der vorliegende Prozess ist vom Untersuchungsgrundsat z beherrscht (Art. 247 Abs. 2 lit. a i.V.m. Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO). Danach hat das Gericht von Amtes wegen, aus eigener Initiative und ohne Bindung an die Vorbringen oder d ie Beweisanträge der Parteien für die rich- tige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen S achverhaltes zu sorgen. Dieser Grund- satz gilt indessen nicht uneingeschränkt, er wird ergänzt durch die Mitwirkungspflichten der Par- teien (vgl. Bundesgerichtsentscheid [BGE] 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinn e der Beweisführungslast beg- riffsnotwendig aus. Die Parteien tragen in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Par tei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der z umindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (vgl. BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen). 2.2 Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anam nese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in d er Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen d er Expertin oder des Experten begründet sind (vgl. BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei nes Beweismittels noch die Bezeich- nung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Ste llungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern ausschliesslich dessen Inhalt (vgl. BGE 125 V 352 f . E. 3, 122 V 160 E. 1c; AHI-Praxis 2001 S. 113 E. 3a). Das Gericht darf dabei eine Tatsac he nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt ist (vgl. M AX KUMMER , Grundriss des Zivilprozess- rechts, 4. Auflage, Bern 1984, S. 136). Während das Ge richt im Sozialversicherungsrecht sei- nen Entscheid, sofern das Gesetz nichts Abweichendes vorsieh t, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen hat (vgl. B GE 126 V 360 E. 5b, 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen), gründet die richterliche Überzeugung be i Streitigkeiten aus Zusatzversicherun- gen – wie für Zivilverfahren üblich – auf dem vollen B eweis. Mit Urteil 5C.184/2003 vom 29. Januar 2004 präzisiert e das Bundesgericht seine Rechtspre- chung zum Beweis des Eintritts des Versicherungsfalls im Zusa mmenhang mit Ansprüchen aus Versicherungsverträgen. Danach ist, wer gegenüber dem V ersicherer einen Anspruch erhebt, für den Eintritt des Versicherungsfalles behauptungs- u nd beweispflichtig. Da dieser Beweis allerdings regelmässig mit Schwierigkeiten verbunden ist , geniesst der beweispflichtige An- spruchsberechtigte insoweit eine Beweiserleichterung und genügt seiner Beweislast, wenn er Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht den Eintritt des Versicherungsfalls überwiegend wahrschei nlich zu machen vermag. Gelingt es dem Versicherer, im Rahmen des ihm zustehenden Gegenbew eises, an der Sachdarstellung des Anspruchsberechtigten erhebliche Zweifel zu wecken, so ist der Hauptbeweis des An- spruchsberechtigten gescheitert (Urteil des Bundesgerichts 5C.184/2003 vom 29. Januar 2004 E. 3.5). 3.1 Da das VVG ausser in Art. 87 keine spezifischen Bestimmu ngen zum Krankentaggeld enthält, sind die vertraglichen Vereinbarungen der P arteien, das heisst in erster Linie die AVB, massgebend. 3.2 Gemäss Art. 1 AVB gewährt die B.____ Versicherungssch utz für die wirtschaftlichen Folgen von Krankheit. Krankheit ist jede Beeinträchtigun g der körperlichen oder geistigen Ge- sundheit, die nicht Folge eines Unfalles ist und die ei ne medizinische Untersuchung oder Be- handlung erforderlich macht und die eine Arbeitsunfä higkeit zur Folge hat (Art. 3.1 AVB). Ar- beitsunfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person vorübergehend oder dauernd nicht mehr fähig ist, ihren Beruf oder eine andere ihr zumutbare Erwerbstätigkeit auszuüben und dies ärzt- lich bestätigt wird. Zumutbar ist eine andere Tätigkeit , wenn sie den Kenntnissen, Fähigkeiten und der bisherigen Lebensstellung sowie dem Gesundheitszu stand der versicherten Person angemessen ist (vgl. die Definition im Anhang der AVB) . Voraussetzung für einen Taggeldan- spruch ist zunächst eine ärztlich bestätigte Arbeitsunfähig keit von mindestens 25% (Art. 15.3 AVB). Die B.____ erbringt das versicherte Taggeld entsprechend dem Grad der Arbeitsunfähig- keit, ab einer Arbeitsunfähigkeit von 66 2/3 % bezahlt sie das ganze Taggeld (Art. 15.4 AVB). 3.3 Zwar sind im vorliegenden Verfahren Taggeldleistu ngen gestützt auf das VVG zu be- urteilen und es handelt sich demnach – wie bereits ausg eführt – um eine privatrechtliche Strei- tigkeit. Aufgrund der grossen Sachnähe des Streitgegen stands zum allgemeinen Sozialversi- cherungsrecht ist es jedoch angezeigt, bei der weiteren Pr üfung die Rechtsprechung im Sozial- versicherungsbereich in sinngemässer Weise mit zu berücksichtigen, wonach eine Person dann als arbeitsunfähig gilt, wenn sie infolge eines Gesundhe itsschadens ihre bisherige Tätigkeit nicht mehr, nur noch beschränkt oder nur unter der Ge fahr, ihren Gesundheitszustand zu ver- schlimmern, ausüben kann (vgl. BGE 129 V 53 E. 1.1, 11 4 V 283 E. 1c; RKUV 1987 Nr. U 27 S. 394 E. 2b). Diese Definition gilt in allen Zweige n der Sozialversicherung (P ETER OMLIN , Die Invalidität in der obligatorischen Unfallversicherung, 2 . Auflage, Fribourg 1999, S. 67). Massge- bend ist grundsätzlich die auf Grund ärztlicher Feststellun gen ermittelte tatsächliche Unfähig- keit, am angestammten Arbeitsplatz nutzbringend tätig zu sein (vgl. BGE 114 V 283 E. 1c; RKUV 2001 Nr. KV 174 S. 292 E. 2a, 1987 Nr. U 27 S. 394 E. 2b). 4.1 Zwischen den Parteien umstritten ist die Ausrichtung von Krankentaggeldleistungen ab dem 1. Oktober 2010 im Umfang auf 264 Taggelder. Unb estritten ist dabei die Höhe des Tag- geldes bei einer Arbeitsunfähigkeit von 50% (Fr. 97.70 ) sowie, dass bei einer entsprechenden Arbeitunfähigkeit ein Restanspruch von 264 Taggelder bestünde. Vorliegend strittig ist damit, ob und gegebenenfalls in welchem Masse der Kläger über den 1. Oktober 2010 hinaus arbeitun- fähig war. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 Zur Beurteilung der Frage der ärztlich bescheinigte n Arbeitsunfähigkeit liegen dem Gericht folgende medizinischen Unterlagen vor: 4.2.1 Dr. D.____ nahm mit Gutachten vom 21. Septemb er 2010 zum Gesundheitszustand des Klägers Stellung. Sie diagnostizierte ein lumboverte brales Schmerzsyndrom mit radikulärer Ausstrahlung S1 rechts bei Status nach Diskushernienoperation L5/S1 rechts am 18. November 2007 und Status nach Rezidivoperation L5/S1 rechts am 1 5. April 2009. In neurologischer Hin- sicht stellte sie eine verminderte Beweglichkeit der Lende nwirbelsäule (LWS), einen erhöhten lumbalen Muskeltonus im Stehen sowie eine Sensibilitätsst örung S1 rechts fest. Radiologisch und neuroradiologisch vermerkte Dr. D.____ zudem eine Fehlhaltung, degenerative Verände- rungen L5/S1 rechts mit epiduraler Fibrose und etwas v erdickter Wurzel S1 rechts sowie eine flache Diskushernie L4/S1 und L5/S1 ohne Neurokompression. Der Versicherte könne ganztä- gig eine dem Rückenleiden angepasste Tätigkeit ausübe n, wobei der angestammte Beruf des Versicherten als Telefonverkäufer eine geeignete angepa sste Tätigkeit darstelle. Sie könne deshalb keine Arbeitunfähigkeit feststellen. Dr. D.__ __ erachtete es zudem als wichtig, dass einer drohenden Chronifizierung durch die Wiederaufn ahme der vollständigen Erwerbstätigkeit entgegen gewirkt werde. 4.2.2 Dr. med. F.____, FMH Neurochirurgie, führte im Schreiben vom 10. Januar 2011 aus, dass aufgrund einer MRT Untersuchung ein erneuter Bandsch eibenvorfall und eine Kompressi- on der Nervenwurzeln ausgeschlossen werden könne. Die au sstrahlenden Beschwerden des Patienten seien aus seiner Sicht als Residualzustand zu bezeichnen, wobei jedoch eine schwe- re abnutzungsbedingte Veränderung in den unteren bei den Bandscheibensegmenten feststell- bar sei und eine Höhenminderung im Segment L5/S1 sow ie eine deutliche Schwarzfärbung ("blackdisk") auf Höhe L4/5 zu erkennen sei. Belastungen v on jeweils über 20 bis 30 Minuten, sei es sitzend, stehend oder gehend, würden zu einer Ver schlechterung des Zustandes des Patienten führen. Der Patient sei deshalb zu 50% arbe itsfähig, dies in einer angepassten, wechselbelastenden Tätigkeit. 4.2.3 Gemäss Bericht von Dr. med. G.____, FMH Allgemein medizin, vom 31. Mai 2011 zeigte eine MRI-Untersuchung vom 9. Mai 2011 eine Streck haltung der LWS sowie eine Ent- wässerung der Bandscheiben L4/L5 und L5/S1 (an der unte ren LWS und dem Übergang von der LWS zum Steissbein). Auf der Höhe des 4. und 5. L endenwirbels und des 1. Steisswirbels zeigten sich Schädigungen und Einrisse der Bandscheibenhül len. Als Zeichen der chronischen Überlastung seien auf der selben Höhe auch Abnutzungser scheinungen der Zwischenwirbel sowie degenerative Knorpelveränderungen zu erkennen. Be lastungen im LWS-Bereich sollten deshalb unbedingt vermieden werden, um den weiteren Verlauf nicht negativ zu beeinflussen. Dr. G.____ erachtete dabei eine Arbeit, bei der die Körperposition kontinuierlich gewechselt werden könne, vorzugsweise nicht länger als 4 Stunden am Stück pro Tag ohne mehrstündige Liegepause dazwischen, für ideal. Dr. G.____ attestierte dem Kläger zudem mittels Arbeitsun- fähigkeitszeugnissen im Zeitraum vom 13. August 2010 bis z um 31. Mai 2011 durchgehend eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 50%. Die genaue Aufstellung ist der Bestätigung von Dr. G.____ vom 23. September 2011 (vgl. Klagebeilage 7) zu entnehmen. Ab dem 1. Juni 2011 bis zum 23. September 2011 und bis auf Weiteres erklärte er den Patienten zu 50% arbeitsun- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht fähig. Auf den dem Gericht vorliegenden ärztlichen Zeug nissen fehlt jeweils eine Begründung der Arbeitsunfähigkeit. Eine solche ist jedoch auf dem "Arbeitsunfähigkeitszeugnis Nordwest- schweiz" auch nicht vorgesehen. 4.2.4 Dr. med. H.____, FMH Neurologie, diagnostizier te mit Gutachten vom 29. August 2011 ein Lumbovertebralsyndrom mit radikulärer Ausfallsympto matik und möglicher intermittierender Reizsymptomatik die Wurzel S1 betreffend bei a) Zustand nach Diskushernienoperation L5/S1 rechts am 18. November 2007; b) Zustand nach Rezidiv-Ope ration L5/S1 am 15. April 2009; c) Degenerativen Wirbelsäulenveränderungen betont in den Segmenten L4/5 und L5/S1 sowie postoperativen Veränderungen im Segment L5/S1 mit ep iduraler Fibrose und verdickter Wurzel S1 sowie residuell flacher Diskushernie L4/5 und L5/S1 ohne Neurokompression. Zudem diag- nostizierte er einen Zustand nach arthroskopischer Acromiop lastik der rechten Schulter am 3. Dezember 2010 bei Unterflächenpartialruptur der Supr aspinatussehne. Zur Arbeitsfähigkeit führte er aus, dass er eine 50%-ige Arbeitunfähigkeit für sehr hoch gegriffen halte. Wenn man bedenke, dass der Explorand den ganzen Vormittag einer Arbeit nachgehe und am Nachmittag in der Freizeit ebenfalls Dinge unternehmen könne, wär e es ihm wohl zumutbar, auch am Nachmittag seine Arbeitstätigkeit für erneut 2.5 Stunde n aufzunehmen – selbstverständlich nur in einer adaptierten Tätigkeit. Die Einschätzung, won ach der Explorand zu 100% arbeitsfähig sein solle, berücksichtige demgegenüber die Plausibilität nicht, dass die Beschwerden sich im Laufe des Tages aufbauen und stärker werden könnten, s odass bei chronischer Schmerzsym- ptomatik ein erhöhter Erholungsbedarf und Ermüdbarkeit vorläge, insbesondere deshalb, weil der Schlaf bei chronischen Rückenschmerzen eine gewisse Eins chränkung erfahre. Dr. H.____ attestierte dem Kläger sodann eine Arbeitsfähigkeit von 75%. 5.1 Bei der Erstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbesche inigung ist es Aufgabe des Arztes, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellun g zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeit die versicherte Person arbei tsunfähig ist. Dieser Aufgabe ist der vom Kläger beauftragte Dr. H.____ nachgekommen. Aus sei nem Bericht geht klar hervor, an welchen Beschwerden der Kläger leidet und weshalb es ih m nicht möglich ist, vollzeitig einer Arbeitstätigkeit nachzugehen. In Anbetracht der Diagn ose eines Lumbovertebralsyndroms mit radikulärer Ausfallsymptomatik und möglicher intermittierender Reizsymptomatik die Wurzel S1 betreffend sowie der bildgebenden Beschwerden im Bere ich der L4/5 und L5/S1 ist es nach- vollziehbar, dass sich die Beschwerden im Laufe des Tages auf bauen und es zur Ermüdung kommt. Dass diese Diagnose zu einer Einschränkung der Ar beitsfähigkeit führt, insbesondere wenn die Beschwerden auch den Schlaf beeinträchtigen, leuchtet ein. Die Einschätzungen von Dr. H.____ sind schlüssig begründet, das Gutachten basier t auf einer eingehenden Anamnese und wurde unter Würdigung der medizinischen Vorakten erstellt. Dass das Gutachten durch den Kläger in Auftrag gegeben wurde, mindert dessen Beweiswert nicht: Abgesehen davon, dass die objektive und differenzierte Abhandlung von Dr. H.____ keineswegs parteiisch ausfällt, ist nicht die Herkunft des Gutachtens entscheidend, sonde rn dessen Inhalt (vgl. Erwägung 2.2 hiervor). Auch der Umstand, dass das Gutachten erst im Na chhinein erstellt wurde, spielt vor- liegend keine Rolle. Aktengutachten sind insbesondere d ann von Belang, wenn die relevanten Befunde bereits mehrfach und ohne wesentlichen Widerspr uch erhoben worden sind, aber das Ausmass einer Behinderung verschieden bewertet wird. Di esfalls kann in einem Aktengutach- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht ten sehr wohl das Für und Wider der verschiedenen Mein ungen abgewogen und die überwie- gende Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Beurteilung deutlich gemacht werden (vgl. H ANS KIND , So entsteht ein medizinisches Gutachten, in: R ENÉ SCHAFFHAUSER /F RANZ SCHLAURI [Hrsg.], Rechtsfragen der medizinischen Begutachtung in der Sozialversicherung, Veröffentli- chungen des Schweizerischen Instituts für Verwaltungskurse an der Universität St. Gallen/Band 42, St. Gallen 1997, S. 52). Einem (nachträglichen) Aktengutachten kann somit durchaus voller Beweiswert zukommen, sofern ein lückenloser Befund vorlieg t und es im Wesentlichen nur um die ärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden med izinischen Sachverhalts geht (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_540/2007 vom 27. März 2008 E . 3.2; vgl. auch Urteile U 181/06 vom 21. Juni 2007 E. 2.3, und U 223/06 vom 8. Februa r 2007 E. 5.1.2). Dr. H.____ kam in sei- ner Anamnese und seiner Diagnose zu den selben Ergebn issen, wie sie in anderen aktenkun- digen Stellungnahmen zu finden sind, beurteilte sodann die vorliegenden Beschwerden umfas- send und würdigte die übrigen ärztlichen Stellungnahmen kritisch. Damit kommt dem Gutachten voller Beweiswert zu, weshalb darauf abzustellen ist. 5.2 Demgegenüber vermag das von der Beklagten ins Recht gelegte Gutachten von Dr. D.____ nicht zu überzeugen. Aus dem Gutachten ist nicht ersichtlich, welche Akten der Be- urteilung zu Grunde gelegt waren, weshalb das Gutach ten nicht dem geforderten Standard ent- spricht (vgl. G ABRIELA RIEMER -KAFKA [Hrsg.], Versicherungsmedizinische Gutachten, Ein inter- disziplinärer juristisch-medizinischer Leitfaden, 2. Auflage, Bern/Basel 2012, S. 45). Nach einer ausführlichen Anamnese und der gestellten Diagnosen kom mt Dr. D.____ ohne weitere Be- gründung zum Schluss, dass der Explorand zu 100% arbeits fähig sei. Eine eingehende und differenzierte Auseinandersetzung mit den diagnostiziert en Beschwerden liegt nicht vor. Insge- samt erfüllt das Gutachten von Dr. D.____ die praxisgem äss anerkannten Voraussetzungen an eine umfassende Beurteilung nicht (vgl. dazu Erwägung 2 .2 hiervor), weshalb es auch nicht geeignet ist, im Rahmen des Gegenbeweises an der Sachdar stellung des Klägers erhebliche Zweifel zu erwecken und somit nicht darauf abgestellt werden kann. 5.3 Die Beweisführung des Klägers zum geltend gemachte n Anspruch auf Taggeldleistun- gen basierend auf einer Arbeitsunfähigkeit von 50% wei st insofern eine gewisse Diskrepanz auf, als er einerseits Arztberichte von Dr. F.____ (Einschä tzung Arbeitsunfähigkeit 50%) und Dr. G.____ (teilweise 50%ige, teilweise 100%ige Arbe itsunfähigkeit attestiert) beibringt, ande- rerseits sich auf das Gutachten von Dr. H.____ beruft, das jedoch den Berichten von Dr. F.____ und Dr. G.____ widerspricht und eine Arbeitsunfähigkeit von 25% als realistisch begründet. Der Kläger untergräbt damit sein Klagefundament bezügli ch der 50% Arbeitunfähigkeit in quantitati- ver Weise bereits erheblich. Die Arztberichte von Dr. F .____ und Dr. G.____ würdigend, ist des Weiteren festzuhalten, dass diese insofern unvollständig sind, als sie keine soziale Anamnese enthalten, was vorliegend jedoch dringend angezeigt gew esen wäre. Dementsprechend be- rücksichtigen sie auch nicht, dass der Kläger gemäss der eige nen Angaben auch am Nachmit- tag fähig ist, in einem begrenzten Rahmen Betreuung saufgaben oder Freizeitbeschäftigungen nachzugehen. Demgegenüber erwägt Dr. H.____ korrekterweise, dass es dem Kläger mit Blick auf den geschilderten Tagesablauf zumutbar sei, seine E rwerbstätigkeit am Nachmittag noch- mals für 2.5 Stunden aufzunehmen. Dr. H.____ setzt sich sodann mit den Stellungnahmen von Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Dr. F.____ und Dr. G.____ auseinander und begründet schlüssig, weshalb nicht auf sie abge- stellt werden kann. Dieser Auffassung ist beizupflichten. 5.4 Nach dem Gesagten erübrigt es sich, ein erneutes Gu tachten einzuholen, da von einer erneuten Abklärung keine neuen Erkenntnisse zu erwarte n sind und die vorliegenden Stellung- nahmen für die Entscheidfindung umfassend und damit ausreichend sind. 5.5 Insgesamt erweist sich das Gutachten von Dr. H.____ als schlüssig, weshalb im stritti- gen Zeitpunkt von einer Arbeitsunfähigkeit des Klägers vo n 25% auszugehen ist. Dementspre- chend hat die Beklagte die ausstehenden 264 Taggelder zu leisten. 6.1 Umstritten ist des Weiteren, ab wann ein Verzugszin s geschuldet ist. Der Kläger ver- langt die Zahlung des Verzugszinses seit dem 28. Februar 2011 (als mittlerer Verfalltag), wäh- rend die Beklagte geltend macht, ein allfälliger Verzugszins wäre erst mit Einreichung der Klage geschuldet, da der Kläger die Beklagte zuvor nie gemahnt habe. 6.2 Gemäss Art. 100 Abs. 1 VVG finden auf den Versicher ungsvertrag die Bestimmungen des Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des Schweizer ischen Zivilgesetzbuches (OR) vom 30. März 1911 Anwendung. Nach Art. 104 Abs. 1 OR ha t der Schuldner, der mit der Zah- lung einer Geldschuld im Verzug ist, einen Verzugszins in der Höhe von 5% zu bezahlen. Der Eintritt des Verzugs setzt Fälligkeit der Forderung so wie eine Mahnung voraus (Art. 102 Abs. 1 OR). Vorliegend ist keine Mahnung aktenkundig, eine sol che wird sodann seitens des Klägers auch nicht behauptet. Demnach ist der Verzugszins ab Kla geeinreichung vom 4. November 2011 geschuldet. 7. Zusammengefasst ist die Klage teilweise gutzuheissen u nd die Beklagte hat dem Klä- ger 264 Taggelder à Fr. 48.85 – basierend auf einer Arbeitsunfähigkeit von 25% – von insge- samt Fr. 12'896.-- nebst Zins zu 5% seit 4. November 2011 – zu bezahlen. 8. Das Verfahren vor dem Versicherungsgericht ist gemäss Ar t. 114 Abs. 2 lit. f ZPO kos- tenlos. Dem obsiegenden Kläger ist gestützt auf Art. 10 6 Abs. 1 ZPO eine Parteientschädigung zu Lasten der Beklagten zuzusprechen. Der Rechtsvertreter des Klägers hat in seiner Honorar- note vom 7. Februar 2012 für das vorliegende Verfahre n einen Zeitaufwand von insgesamt 12.36 Stunden geltend gemacht. Hinzu kommen 2 Stunden für die heutige Verhandlung inklu- sive Vorbereitung. Dieser Gesamtaufwand ist umfangmässig in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen zwar nicht zu beanstanden, allerdings ist die Parteientschädi- gung aufgrund des nur teilweise (namentlich hälftigen) Obsiegens zu halbieren (Art. 106 Abs. 2 ZPO). Die Bemühungen sind zu dem durch den Rechtsvertreter ausgewiesenen Stundenansatz von Fr. 230.-- zu entschädigen. Nicht zu beanstanden si nd sodann die in der Honorarnote aus- gewiesenen Auslagen von Fr. 85.30. Dem Kläger ist desh alb eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1'876.-- (7.18 Stunden à Fr. 230.-- zuzüg lich Auslagen von Fr. 85.30 und 8% Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beklagten zuzusprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Klage wird teilweise gutgeheissen und die B.____ wird zur Zahlung von Fr. 12'896.-- nebst Zins zu 5% seit 4. November 201 1 an den Kläger verurteilt. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die B.____ hat dem Kläger eine Parteientschädigu ng in der Höhe von Fr. 1'876.-- (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Gegen diesen Entscheid wurde durch die Beklagte am 11. September 2012 Beschwerde beim Bundesgericht (siehe nach Vorliegen des Urteils: Verfahren-Nr. 4A_505/2012 ) erhoben.