B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-414/2024, F-415/2024 U r t e i l v o m 23 . M a i 2 0 2 4 Besetzung Richter Sebastian Kempe (Vorsitz), Richter Yanick Felley, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiber Gero Vaagt. Parteien 1. A._______, geboren am (…), 2. B._______, geboren am (…), 3. C._______, geboren am (…), 4. D._______, geboren am (…), alle vertreten durch MLaw Mara Todeschini, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügungen des SEM vom 10. Januar 2024. F-414/2024, F-415/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer 1 und seine Ehefrau, die Beschwerdeführerin 2, so- wie ihre zwei Söhne, der minderjährige Beschwerdeführer 3 und der voll- jährige Beschwerdeführer 4, sind iranische Staatsa ngehörige kurdischer Ethnie. Am 11. Oktober 2023 ersuchten sie in der Schweiz um Asyl (Akten der Vorinstanz zu den Beschwerdeführenden 1-3 [SEM-1-act.] 1/2-3/2 und Akten der Vorinstanz zu dem Beschwerdeführer 4 [SEM -2-act.] 1/2). Ein Abgleich mit der europ äischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit EURODAC) ergab, dass sie bereits am 4. Oktober 2023 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt hatten (SEM-1-act. 14/1-17/1 und SEM-2-act. 9/1). B. Am 27. Oktober 2023 gewährte die Vorinstanz den Beschwerdeführen- den 1-3 (SEM-1-act. 23/2-24/2) und am 2. November 2023 dem Beschwer- deführer 4 (SEM-2-act. 16/3) im Rahmen des persönlichen Gesprächs ge- mäss Art. 5 Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge- stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) das rechtlich e Gehör zur Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu den beabsichtig- ten Nichteintretensentscheiden, zur Wegweisung in diesen Dublin -Mit- gliedstaat sowie zu ihrem Gesundheitszustand (nachfolgend: Dublin -Ge- spräch). C. Die Vorinstanz ersuchte die kroatischen Behörden am 20. November 2023 um Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO (SEM-1-act. 30/5 - 33/6 und SEM-2-act. 20/5 - 21/6). Diesen Gesuchen haben die kroatischen Behörden am 2. Dezember 2023 hinsichtlich der Beschwerdeführenden 1-3 und am 4. Dezember 2023 hin- sichtlich des Beschwerdeführers 4 jeweils gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dub- lin-III-VO entsprochen (SEM-1-act. 34/2-35/2, SEM-2-act. 22/2). D. Mit zwei Verfügungen vom 10. Januar 2024 – betreffend die Beschwerde- führenden 1 -3 respektive den Beschwerdeführer 4, jeweils eröffnet am 11. Januar 2024 – trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden F-414/2024, F-415/2024 Seite 3 nicht ein, ordnete ihre Wegweisung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der jeweiligen Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte sie die Aushändigung der editionspflichtigen Akten, wies auf die einer allfälligen Beschwerde feh- lende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton E._______ mit dem Vollzug der Wegweisungen (SEM -1-act. 39/18-40/1 und SEM -2- act. 25/16-26/1). E. Mit Beschwerden ihrer Rechtsvertretung vom 18. Januar 2024 gelangten die Beschwerdeführenden 1-3 (erfasst unter der Referenz F-414/2024) und der Beschwerdeführer 4 (erfasst unter der Referenz F-415/2024) gegen die Verfügungen vom 10. Januar 2024 an das Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragten, die angefochtenen Verfügu ngen seien aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf ihre Asylgesuche einzutreten und in der Schweiz die materiellen Asylverfahren durchzuführen. Eventualiter seien die Sachen zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und Neubeurtei- lung an die Vorins tanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten die Beschwerdeführenden um Erteilung der aufschiebenden Wirkung sowie um superprovisorische Aussetzung des Wegweisungsvoll- zugs. Weiter beantragten sie jeweils die Gewährung der unentgeltliche n Prozessführung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses (Akten des BVGer F-414/2024 [Rek-1-act.] 1 und F-415/2024 [Rek-2- act.] 1). F. Am 19. Januar 2024 ordnete der Instruktionsrichter in beiden Verfahren je- weils einen superprovisorischen Vollzugsstopp gestützt auf Art. 56 VwVG an (Rek-1-act. 2 und Rek-2-act. 2). G. Mit gerichtlicher Verfügung vom 26. Januar 2024 wurden die in engem per- sönlichen und sachlichen Zusammenhang stehenden Rechtsmittelverfah- ren F-414/2024 (Beschwerdeführende 1-3) und F-415/2024 (Beschwerde- führer 4) aus prozessökonomischen Gründen vereinigt (Rek-1-act. 4). Gleichzeitig wurden die Beschwerdeführenden aufgefordert, den in der Be- schwerdeschrift vom 18. Januar 2024 (Rek-1-act. 1) in Aussicht gestellten medizinischen Bericht bzw. Spitalbericht betreffend die Beschwerdeführe- rin 2 einzureichen (Rek-1-act. 4). H. Mit Eingabe vom 5. Februar 2024 übersandte die Rechtsvertretung der F-414/2024, F-415/2024 Seite 4 Beschwerdeführenden zwei Austrittsberichte des Universitätsspitals F._______ vom 16. Januar 2024 und 18. Januar 2024 betreffend die Be- schwerdeführerin 2 und einen Austrittsbericht des Universitätsspitals F._______ vom 23. Januar 2024 betreffend den Beschwerdeführer 4 sowie die Mitteilung von Medic-Help vom 26. Januar 2024 über dessen Hospita- lisierung (Rek-1-act. 5). I. Daraufhin wurden die Beschwerdeführenden mit weiterer gerichtlicher Ver- fügung vom 15. Februar 2024 aufgefordert, medizinische Berichte betref- fend die Hospitalisierung und den aktuellen gesundheitlichen Zustand des Beschwerdeführers 4 einzureichen (Rek-1-act. 6). J. Dem kam die Rechtsvertretung der Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 22. Februar 2024 nach und übersandte betreffend den Beschwerde- führer 4 einen ärztlichen Bericht der Psychiatrie G._______ vom 8. Feb- ruar 2024 (Rek-1-act. 8). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 6 AsylG). 1.2 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs- gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu- ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführerenden sind zur Beschwerdeanhebung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichten Beschwerden ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess- lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge- rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über- prüfen (Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der F-414/2024, F-415/2024 Seite 5 Beschwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vo- rinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2; je m.w.H.). 2.3 Das Bundesverwaltungsgericht verzichtet gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf die Durchführung eines Schriftenwechsels. 3. 3.1 Die Beschwerdeführenden erheben formelle Rügen, über die vorab zu befinden ist. 3.2 In formeller H insicht machen die Beschwerdeführenden geltend, die Vorinstanz habe ihre Pflicht zur vollständigen und richtigen Sachverhalts- ermittlung sowie ihre Begründungspflicht und damit den Anspruch der Be- schwerdeführenden auf rechtliches Gehör verletzt. In den ange fochtenen Verfügungen vom 10. Januar 2024 werde textbausteinartig ausgeführt, es lägen keine Hinweise vor, dass Kroatien seinen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nicht nachkommen und das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführen würde. Die Angaben der Beschwerdeführenden wür- den zwar wiedergegeben, blieben aber ohne konkrete und einzelfallge- rechte Würdigung. Die Vorinstanz führe lediglich aus, Abklärungen der schweizerischen Botschaft in Kroatien hätten ergeben, dass Dublin-Rück- kehrende grundsätzlich eine angemessene Unterkunft, soziale Unterstüt- zung sowie eine Arbeitserlaubnis erhalten würden. Bei Schwierigkeiten könnten sich die Beschwerdeführenden an die kroatischen Behörden wen- den, um ihre Ansprüche auf dem Rechtsweg einzufordern. Im W eiteren würden zahlreiche nichtstaatliche, karitative Organisationen Flüchtlinge unterstützen. Die Vorinstanz gehe somit zusammenfassend nicht davon aus, dass die Beschwerdeführenden bei einer Überstellung nach Kroatien in eine existenzielle Notlage gerate n würden, ohne Rechtsschutz wären oder ohne Prüfung ihrer Asylgesuche und unter Verletzung des Non -Re- foulement-Gebots in ihren Herkunftsstaat überstellt werden würden. Zu- dem sei die medizinische Versorgung in Kroatien grundsätzlich gewährleis- tet. Dem stünd en zahlreiche aktuelle Berichtserstattungen über Miss- stände und systemische Mängel im kroatischen Asylsystem sowie die glaubhaften Schilderungen der Beschwerdeführenden gegenüber. Die Vorinstanz habe daher die Situation in Kroatien nicht genügend unter- sucht und ihren Entscheiden unvollständige Abklärungen zugrunde gelegt; sie verletze damit ihre Untersuchungs- und Begründungspflicht. F-414/2024, F-415/2024 Seite 6 3.3 Im Asylverfahren gilt – wie in anderen Verwaltungsverfahren – der Un- tersuchungsgrundsatz (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss d arüber Beweis zu führen (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein- zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin- gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung des Entscheids ermöglicht. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein- lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi- derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 3.4 Soweit die Beschwerdeführenden darauf hinweisen, die Vorinstanz habe in Bezug auf die gegenwärtige Situation in Kroatien den Sachverhalt ungenügend abgeklärt und die Beschwerdevorbingen nicht ausreichen d berücksichtigt, gehen diese Rügen fehl. Die Vorinstanz hat die Vorbringen der Beschwerdeführenden bezüglich der Lage in Kroatien angemessen be- rücksichtigt, beziehungsweise rechtsgenügend in ihre Entscheide einbezo- gen. Sie macht in den angefochtenen Verfü gungen sowohl Ausführungen zur Situation von Personen, welche gestützt auf die Dublin -III-VO von der Schweiz nach Kroatien überstellt werden, im Allgemeinen als auch zur Si- tuation der Beschwerdeführenden im Besonderen. Sie äussert sich dabei insbesondere in rechtsgenüglicher Weise zum Zugang zum Asylverfahren in Kroatien, zur Frage von Kettenabschiebungen, zu systematischer Ge- waltanwendung seitens der kroatischen Polizei und dem Zugang zu wirk- samen Rechtsmitteln. Den Beschwerdeführenden ist eine sachgerecht e Anfechtung der vorinstanzlichen Verfügungen folglich möglich gewesen. Dass beziehungsweise inwiefern die Vorinstanz den Sachverhalt in den genannten Punkten weiter hätte abklären müssen, ist vor dem Hintergrund der diesbezüglichen bundesverwaltungsgerich tlichen Rechtsprechung (siehe hinten E. 6) weder aufgrund der Beschwerdevorbringen noch der übrigen Akten ersichtlich. F-414/2024, F-415/2024 Seite 7 3.5 Die formellen Rügen der Beschwerdeführenden sind unbegründet. Der Umstand, dass sie die Beurteilung durch die Vorinstanz nicht teilen, st ellt weder eine Verletzung der Begründungspflicht, des Anspruchs auf rechtli- ches Gehör im engeren Sinn noch der Pflicht zur vollständigen und richti- gen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts dar. Es besteht keine Veranlassung, die Sachen zur (weiteren Sachverhaltsabklärung und) Neu- beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. D ie diesbezüglichen Be- gehren sind abzuweisen. 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu - chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8-15 Dublin -III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 4.3 Der nach der Dublin -III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, eine antragstellende Person, welche während der Prüfung ihres Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder sich im Hoheits- gebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin -III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 4.4 Im Rahmen von Wiederaufnahmeverfahren (engl.: take back), wie sie hier vorliegen, findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt. Demgegenüber sind im Fall eines sogenannten Auf- nahmeverfahrens (engl.: take charge) die in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III- VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) an- zuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragstel- ler erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin -III-VO; vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). F-414/2024, F-415/2024 Seite 8 4.5 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmen schlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU -Grund- rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit- gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest- zustellen, ob ein anderer M itgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied- staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 4.6 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 4.7 Gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylgesuch «aus huma- nitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Entscheidung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgeric ht darf sein eigenes Er- messen nicht an dessen Stelle setzen (BVGE 2015/9 E. 7.6 und E. 8.1 in fine). 5. 5.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführenden mit der Zentraleinheit EURODAC ergab, dass diese vor ihrer Einreise in die Schweiz am 4. Oktober 2 023 in Kroatien um Asyl nachgesucht hatten (SEM-1-act. 14/1-17/1 und SEM -2-act. 9/1), weshalb die Vorinstanz ge- stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO die kroatischen Behörden um Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden ersuchte (SEM -1-act. 30/5- 33/6 und SEM-2-act. 20/5-21/6). Die kroatischen Behörden stimmten den F-414/2024, F-415/2024 Seite 9 Wiederaufnahmeersuchen der Vorinstanz gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dub- lin-III-VO zu (SEM-1-act. 34/2-35/2, SEM-2-act. 22/2). 5.2 Damit ist die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens für die Durchf üh- rung der Asyl- und Wegweisungsverfahren gegeben. Daran ändert auch das Vorbringen der Beschwerdeführenden, wonach sie ihre Fingerabdrü- cke in Kroatien hätten abgeben müssen, nichts. Die Fingerabdruckab- nahme bei illegal einreisenden ausländischen Personen und Asylsuchen- den beruht auf Art. 14 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 603/2013 des Euro- päischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 (Eurodac-Verord- nung). Es ist rechtlich nicht zu beanstanden, dass die kroatischen Behör- den die Fingerabdrücke der Besch werdeführenden abgenommen haben. Die Dublin-III-VO räumt asylsuchenden Personen kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 6. 6.1 In den Beschwerdeschriften vom 18. Januar 2024 (Rek-1-act. 1 und Rek-2-act. 1) wird auf eine mangelhafte Unterbringung sowie auf staatliche Gewalt hingewiesen, welcher die Beschwerdeführenden in Kroatien aus- geliefert gewesen seien und aufgrund geltend gemachter systemischer Mängel im Asyl- und Aufnahmesystem Kroatiens die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO gefordert. 6.2 Im Referenzurteil E-1488/2020 vom 22. März 2023 hat das Bundesver- waltungsgericht die seit dem Referenzurteil D -1611/2016 vom 22. März 2016 bestehende Praxis der grundsätzlichen Zulässigkeit von Dublin-Über- stellungen nach Kroatien bestätigt. Das Gericht stellte fest, dass nicht da- von auszugehen sei, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingun- gen in Kroatien systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufwiesen, die eine Überstellung von Gesuch- stellenden generell als unzulässig erscheinen lassen würden (vgl. E- 1488/2020 E. 9.5). Der Verdacht eines Gefährdungszusammenhangs zwi- schen Push-Backs und Dublin-Rückkehr lasse sich aufgrund der verfügba- ren Informationen und Erkenntnisse nicht erhärten. Im Rahmen einer auf die Dublin-III-VO gestützten Überstellung liege das Hauptaugenmerk auf der Frage, ob die gesuchstellende Person, zu deren Aufnahme sich die kroatischen Behörden bereit erklärt hätten, Zugang zum dortigen Asylver- fahren erhalten werde. Dabei stehe nicht mehr im Vordergrund, ob es für die schutzsuchende Person zuvor allenfalls äusserst schwierig gewesen sei, überhaupt auf kroatisches Territorium zu gelangen. Es sei nicht a priori von einer gleichgelagerten Gefährdung für Dublin-Rückkehrende auszuge- hen wie für Personen, welche erstmals versuchen würden, in das Land F-414/2024, F-415/2024 Seite 10 einzureisen oder es zu durchqueren. Zum aktuellen Zeitpunkt würden keine genügenden Anzeichen für die Befürchtung bestehen, im Dublin - Kontext nach Kroatien überstellte Personen würden ohne Eröffnung und Durchführung eines Asylverfahrens in unzulässiger Weise ausgeschafft. Dies treffe sowohl auf die Überstellung im Rahmen von Take-Charge-(Auf- nahme-) als auch von Take -Back-(Wiederaufnahme-) Verfahren zu (vgl. a.a.O. E. 9.4.4). Im Ergebnis sei davon auszugehen, dass Gesuchstel- lende, welche gestützt auf die Dublin -III-VO nach Kroatien überstellt wür- den, Zugang zum dortigen Asylverfahren erhalten, unabhängig davon, ob es sich um ein Take-Charge- oder Take-Back-Verfahren handle. Insbeson- dere bestehe keine beachtliche Wahrscheinlichkeit, die Überstellten wür- den der Gefahr einer Verletzung ihrer aus dem Refoulement -Verbot flies- senden Rechte ausgesetzt werden (vgl. a.a.O. E. 9.5). 6.3 An dieser aktuellen, auf einer Gesamtbetrachtung diverser staatlicher und nichtstaatlicher Quellen sowie der Rechtsprechung anderer Dublin - Mitgliedstaaten beruhenden Beurteilung des Bundesverwaltungsgerichts, wonach das kroatische Asyl - und Aufnahmesystem keine systemischen Schwachstellen aufweist, vermögen die Vorbringen der Beschwerdefüh- renden, einschliesslich der von ihnen angeführten Berichte, nichts zu än- dern. 6.4 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin- III-VO nicht gerechtfertigt. 7. 7.1 Zur Frage des Selbsteintrittsrechts nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dub- lin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, ist Folgendes auszufüh- ren: 7.2 Die Beschwerdeführenden tragen vor, in Kroatien würden sie keine fai- ren und rechtlich korrekten Asylverfahren erwarten. Weiter drohe ihnen, dass die kroatischen Behörden sie zurück in den Iran schicken würden. Dort erwarte den Beschwerdeführer 1 die Todesstrafe. Darüber hinaus wäre eine Rückführung nach Kroatien nicht mit der UNO-Kinderrechtskon- vention vom 20. November 1989 (KRK, SR 0.107) zu vereinbaren. 7.3 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls zur FK vom 31. Januar 1967 F-414/2024, F-415/2024 Seite 11 (SR 0.142.301). Ausserdem wird Kroatien durch die Richtlinien des Euro- päischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge- meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna- tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlin ie), gebun- den. 7.4 Mangels systemischer Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO kann vermutungsweise davon ausgegangen werden, dass Kroatien seinen völker- und gemeinschaftsrechtlichen Verpflichtungen gegenüber Perso- nen in der Situation der Beschwerdeführenden nachkommt und insbeson- dere auch die Rechte respektiert und schützt, die sich aus der Verfahrens- und Aufnahmerichtlinie ergeben (vgl. Urteile F -1883/2023 vom 12. April 2023 E. 8.2; F-647/2023 vom 9. Februar 2023 E. 7.1; je m.H.). Diese Ver- mutung kann zwar im Einzelfall widerlegt werden. Hierfür bedarf es aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die von der betroffenen Person glaub- haft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1). 7.5 Das Bundesverwaltungsgericht anerkennt angesichts der von den Be- schwerdeführenden geschilderten Erlebnisse, dass das Verhalten der kro- atischen Grenzbehörden und die Behandlung von Asylsuchenden im Rah- men der Erstaufnahme bis zur Gesuchstellung in Kroatien prob lematisch sein können. Die Beschwerdeführenden vermögen aber nicht rechtsgenü- gend darzutun, dass die von ihnen bei einer Rückführung nach Kroatien zu erwartenden Bedingungen derart schlecht wären, dass sie zu einer Verlet- zung von Art. 3 EMRK führen könnten . Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass sie sich nach der Dublin -Rücküberstellung in einer anderen Situation als bei der ersten Einreise nach Kroatien befinden wer- den (vgl. Urteil des BVGer E-1488/2020 E. 9.4 m.w.H.). Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet w ären oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung der ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen könnten sie sich nötigenfalls an die kroatischen Behörden wenden und ihre Rechte auf dem Rechtsweg einfor- dern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Sollten sie sich durch kroatische Be- hörden oder Drittpersonen ungerecht oder rechtswidrig behandelt fühlen, könnten sie sich mit einer Beschwerde an die zuständigen Stellen wenden F-414/2024, F-415/2024 Seite 12 oder eine Anzeige einreichen. Im Übrigen steht ihnen auch die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. 7.6 Bezüglich der gesundheitlichen Aspekte ist festzuhalten, dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellt. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Schwerkranke durch die Rückführung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei- nem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwie- derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. anstatt vieler Urteil des B VGer F-3746/2023 vom 11. Juli 2023 E. 6.4 unter Verweis auf das Urteil des Eu- ropäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180-193; letzteres bestätigt durch Urteil des EGMR Sa vran gegen Dänemark vom 7. Dezember 2021, Grosse Kammer, 57467/15, §§ 121 ff.). 7.7 Der medizinische Sachverhalt präsentiert sich vorliegend wie folgt: 7.7.1. Der Beschwerdeführer 1 gab im Rahmen des Dublin-Gesprächs am 27. Oktober 2023 an, an einer Diskushernie, Ang stzuständen und Stress zu leiden (SEM -1-act. 24/2). Auf Nachfragen der Vorinstanz teilte Medic - Help am 21. Dezember 2023 mit, dass der Beschwerdeführer 1 de ren Dienste wiederholt wegen Erkältungssymptomen in Anspruch genommen habe, eine Diskushernie aber nicht bekannt sei. Es lägen auch keine ärzt- lichen Berichte vor und aktuell benötige er keine Medikamente ( SEM-1- act. 36/3). 7.7.2. Die Beschwerdeführerin 2 gab im Rahmen ihres Dublin -Gesprächs am 27. Oktober 2023 an, unter Diabetes Typ 1, Eisenmangel/Blutarmut, Vitamin-B12-Mangel und Schlafstörungen zu leiden. Aufgrund ihrer Diabe- teserkrankung müsse sie Insulin spritzen. Wenn sie unterzuckert sei, würde sie das Bewusstsein verlieren. Dies käme ein- bis zweimal wöchent- lich vor (SEM-1-act. 23/2). Die Typ-1-Diabetes-Erkrankung und der Eisen- mangel sowie der Vitamin-B12-Mangel der Beschwerdeführerin 2 wurden im medizinischen Datenblatt für interne Arztbesuche im Bundesasylzent- rum F._______ vom 26. Oktober 2023 bestätigt (SEM-1-act. 37/4). Während ihres Aufenthalts in der Schweiz musste die Beschwerdeführe- rin 2 aufgrund ihrer Diabeteserkrankung hospitalisiert werden. Ausweislich des Austrittsberichts des Universitätsspitals F._______ vom 16. Januar F-414/2024, F-415/2024 Seite 13 2024 war sie dort vom 10. Januar 2024 an wegen einer Blutzuckerentglei- sung bei bekanntem Diabetes mellitus Typ 1 in stationärer Behandlung und konnte am 15. Januar 2024 in gutem Allgemeinzustand in die ambulante Versorgung entlassen werden (Rek-1-act. 5, Austrittsbericht des Universi- tätsspitals F._______, Klinik Innere Medizin, vom 16. Januar 2024). Nur ei- nen Tag nach ihrer Entlassung kam es erneut zu einer notfallmässigen Spi- talzuweisung der Beschwerdeführerin 2. Am 16. Januar 2024 erlitt sie eine psychische Dekompensation und wurde via Sanität der interdisziplinären Notfallstation im Universitätsspital F._______ zugeführt. Dort verweigerte sie eine körperliche Untersuchung und verliess das Spital am 17. Januar 2024 gegen ärztlichen Rat. Im Austrittsbericht vom 18. Januar 2024 wird ihre zeitnahe Anbindung an psychologische Unterstützung empfohlen (Rek-1-act. 5, Austrittsbericht des Universitätsspitals F._______, Interdis- ziplinäre Notfallstation, vom 18. Januar 2024). 7.7.3. Für den minderjährigen Beschwerdeführer 3 gaben seine Eltern, der Beschwerdeführer 1 und die Beschwerdeführerin 2, im Dublin -Gespräch am 27. Oktober 2023 an, dass er an Appetitlosigkeit, Magenschmerzen, Erbrechen und Ohrenschmerzen leide (SEM-1-act. 23/2 und 24/2). Bei ei- ner ärztlichen Untersuchung am 2. Dezember 2024 konnte eine begin- nende Mittelohrentzündung festgestellt werden. Zur Behandlung wurden ihm Schmerzmittel und Nasentropfen verschrieben (SEM-1-act. 37/4). Am 21. Dezember 2023 teilte Medic -Help der Vorinstanz mit, dass die Be- schwerden zwischenzeitlich ausgeheilt seien und er auch sonst keine wei- teren Medikamente benötige (SEM-1-act. 36/3). 7.7.4. Der Beschwerdeführer 4 gab im Rahmen seines Dublin -Gesprächs am 2. November 202 3 an, dass er zwar unter keinen körperlichen Be- schwerden leide, es ihm aber psychisch nicht gut gehe. Er sei gestresst, könne nicht gut schlafen und sei sehr mit sich selbst beschäftigt (SEM-2- act. 16/3). Am 21. Dezember 2023 teilte Medic-Help der Vorinstanz mit, dass der Beschwerdeführer 4 dort mehrfach wegen Schlafstörungen und Anspannungszuständen vorstellig gewesen sei. Zwar habe er keine be- stimmte Medikation, erhalte aber bei Bedarf Relaxane oder Redormin (SEM-2-act. 23/2). Vom 19. Januar 2024 bis zum 23. Januar 2024 befand sich der Beschwer- deführer 4 in stationärer Behandlung. Dem diesbezüglichen Austrittsbe- richt des Universitätsspitals F._______ zufolge wurden bei ihm intermittie- rende, unklare stechende rechtsthorakale Schmerzen und der Verdacht auf eine Anpass ungsstörung mit reaktiver Depression diagnostiziert. Da der Beschwerdeführer 4 psychosozial sehr belastet wirkte, wurde eine F-414/2024, F-415/2024 Seite 14 ambulante psychiatrische oder psychosomatische Anbindung empfohlen (Rek-1-act. 5, Austrittsbericht des Universitätsspitals F._______, Klinik In- nere Medizin, vom 23. Januar 2024). Vom 26. Januar 2024 bis zum 9. Februar 2024 war der Beschwerdefüh- rer 4 sodann in stationärer psychiatrischer Behandlung. Nach dem diesbe- züglichen ärztlichen Bericht habe er zum Zeitpunkt des Eintritts eine zu- mindest mittelgradig depressive Störung gezeigt. Er sei antriebslos mit ne- gativen Kognitionen und hoffnungslos gewesen. Darüber hinaus habe er Suizidgedanken gehabt. Unter der gestarteten Medikation mit Esci- talopram habe er sich in der Stimmung verbessert und mehr Antrieb ge- zeigt. Die Suizidgedanken seien auf der Station rückläufig gewesen. Trotz seiner verbesserten Stimmung falle es ihm aber weiterhin schwer, positiv in die Zukunft zu schauen. Für einen langfristigen Erfolg und die Stabilität seiner Psyche werde ihm eine längere Psychotherapie empfohlen (Rek-1- act. 8, ärztlicher Bericht der Psychiatrie G._______, Erwachsenenpsychi- atrie, vom 8. Februar 2024) . Seit seinem Austritt befindet sich der Be- schwerdeführer 4 nach den Vorbringen seiner Rechtsvertretung in ambu- lanter Therapie in der Psychiatrie G._______, Zentrum für psychische Ge- sundheit H._______. 7.8 Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerde führenden sind nicht derart gravierend, dass gestützt auf Art. 3 EMRK von einer Über- stellung nach Kroatien abgesehen werden müsste. Zwar ist nicht in Abrede zu stellen, dass die psychische Gesundheit des Beschwerdeführers 4 er- heblich reduziert ist. Diese Reduktion ist mit dem aktuellen Behandlungs- setting jedoch tragbar. Kroatien verfügt rechtsprechungsgemäss über eine ausreichende, für Dublin-Rückkehrende hinreichend zugängliche medizini- sche Infrastruktur (vgl. Referenzurteil E -1488/2020 E. 10.2 und E. 10.3 ; Urteile des BVGer D -2714/2021 vom 21. November 2023 E. 8.4.3; F - 1992/2023 vom 3. Mai 2023 E. 5.4; F-1981/2023 vom 20. April 2023 E. 5.6; vgl. auch Asylum Information Database [AIDA] Country Report Croatia, Up- date 2022 [nachfolgend: AIDA -Report], S. 94 ff ., < https://asylumineu- rope.org/wp-content/uploads/2023/06/AIDA-HR-2022-Update.pdf >, zu- letzt abgerufen am 16. April 2024). Nebst den staatlichen Einrichtungen bestehen in Kroatien auch Angebote von Nichtregierungsorganisationen für die psychische Betreuun g, womit von der grundsätzlichen Möglichkeit einer engmaschigen, wöchentlichen Behandlung ausgegangen werden darf (vgl. Urteile des BVGer D -2714/2021 E. 8.4.3; F -1657/2022 vom 21. April 2022 E. 7.3 m.w.H.; AIDA-Report, S. 96 ff.). Der Beschwerdeführer 4 wird demnach in Kroatien seine ambulante, medikamentöse psychiatrische Behandlung weiterführen können. Die Beschwerdeführerin 2 wird F-414/2024, F-415/2024 Seite 15 demnach in Kroatien sowohl hinsichtlich einer allfälligen Anbindung an psy- chologische Unterstützung als auch hinsichtlich ihrer Diabetes-Erkrankung (vgl. hierzu Urteil des BVGer F -3984/2022 vom 14. November 2022 E. 4.3.3) eine adäquate medizinische Versorgung vorfinden. Medikamente können den Beschwerdeführenden zudem auf Vorrat mitgegeben werden, wobei die kroatischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände zu informieren sind (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). 7.9 In Gesamtbetrachtung der aktenkundigen Umstände ist sodann nicht ersichtlich, dass das übergeordnete Kindsinteresse des Beschwe rdefüh- rers 3 einer Überstellung nach Kroatien gemeinsam mit seinen Eltern, den Beschwerdeführern 1 und 2, in entscheidwesentlichem Mass entgegenste- hen würde. Zumal den Akten auch keine Hinweise darauf zu entnehmen sind, dass er dort von ihnen getrennt werd en könnte. Das Vorbringen, bei einer Rücküberstellung nach Kroatien werde der Beschwerdeführer 3 aus seiner mittlerweile einigermassen stabilen und sicheren Umgebung in der Schweiz gerissen, rechtfertig t angesichts der kurzen Aufenthaltsdauer in der Schwei z keine andere Beurteilung. Angesichts der konkreten Um- stände gilt dies vorliegend – selbst bei gänzlicher Wahrunterstellung der Schilderungen der Beschwerdeführenden betreffend ihren dortigen Aufent- halt – auch für die geltend gemachte Gefahr einer Retraumatisierung des Beschwerdeführers 3 bei einer Rückkehr nach Kroatien. Aus der KRK kann sodann kein Anspruch auf Aufenthalt im Staat mit den für ein Kind vorteil- haftesten Lebensbedingungen abgeleitet werden (vgl. Urteil des BVGer E-474/2023 vom 16. Mai 2023 E. 6.3.5 m.H.). Für den Fall, dass aufgrund der vorgebrachten Magenbeschwerden eine medizinische Behandlung des Beschwerdeführers 3 erforderlich werden sollte, ist davon auszugehen, dass diese auch in Kroatien erfolgen kann (vgl. vorstehend E. 7.8). 7.10 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die V o- rinstanz bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermes- sensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtenen Verfügungen sind unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; i nsbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht ent- hält sich deshalb in diesem Zusammenhang einer weiteren Überprüfung. 7.11 Es liegen somit weder völkerrec htliche Vollzugshindernisse vor, wel- che die Schweiz zum Selbsteintritt verpflichten würden, noch Rechtsfehler bei der Ermessensbetätigung. Es besteht folglich kein Grund für einen F-414/2024, F-415/2024 Seite 16 Selbsteintritt der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 i .V.m. Art. 17 Dublin-III-VO. 8. Die Vorinstanz ist daher zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und hat die Wegweisung nach Kroatien angeordnet. Da nach dem Gesag- ten sämtliche Beschwerdeführenden die Schweiz zu verlassen haben, er- übrigt es sich, auf die Vorbringen des Beschwerdeführers 4 betreffend Art. 16 Dublin-III-VO näher einzugehen. Die beiden Beschwerden sind ab- zuweisen. 9. Aufgrund der gesundheitlichen Beeinträchtigungen (vgl. vorstehend E. 7.7) ist die Vorinstanz anzuweisen, den medizinischen Umständen bei der Be- stimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung der Beschwerdefüh- renden 1-4 Rechnung zu tragen und sicherzustellen, dass die kroatischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen Umstände informiert werden. Angesichts der offenkundig engen familiären Beziehung des volljährigen Beschwerdeführers 4 zu den Beschwerdeführenden 1-3 ist die Vorinstanz weiter anzuweisen, im Rahmen der Überstellungsmodalitäten dafür zu sor- gen, dass die Beschwerdeführenden 1-4 gemeinsam überstellt werden. 10. Die Gesuche um Gewährung der aufschiebenden Wirkung sind mit Ausfäl- lung des vorliegenden Endentscheids gegenstandslos geworden. Die am 19. Januar 2024 verfügten Vollzugsstopps fallen mit dem vorliegenden Ur- teil dahin. 11. 11.1 In den Beschwerden wird jeweils die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, einhergehend mit dem Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, beantragt. Diese Anträge sind in Bezug auf die Ge- währung der unentgeltl ichen Prozessführung gutzuheissen, da die Be- schwerdevorbringen hinsichtlich der gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht aussichtslos waren und die Beschwerdeführenden nach Aktenlage bedürftig sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Die Gesuche um Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses werden mit dem vorliegenden Urteil ge- genstandslos. F-414/2024, F-415/2024 Seite 17 11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer- deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da die Anträge auf Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch mit diesem Urteil gutge- heissen werden, werden keine Verfahrenskosten erhoben. (Dispositiv nächste Seite) F-414/2024, F-415/2024 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerden werden abgewiesen. 2. Die Vorinstanz wird angewiesen, den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung der Beschwerde- führenden 1-4 Rechnung zu tragen und sicherzustellen, dass die kroati- schen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen Um- stände informiert werden. Die Vorinstanz wird weiter angewiesen, im Rahmen der Überstellungsmo- dalitäten dafür zu sorgen, dass die Beschwerdeführenden 1-4 gemeinsam überstellt werden. 3. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung werden gutgeheissen. 4. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, die Vorinstanz und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Sebastian Kempe Gero Vaagt Versand: