<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 118 S.493</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Fremdenpolizei</div> <span class="page_no">493</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>118 Gestaffelter Familiennachzug</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Jedes einzelne Kind hat gestützt auf Art. 17 Abs. 2 Satz 3 ANAG einen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>eigenen Anspruch darauf, das familiäre Zusammenleben mit den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Eltern verwirklichen zu können. Es kann ausserdem verschiedene</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">494</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>vernünftige Gründe dafür geben, dass Geschwister einzeln nachge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zogen werden (Erw. II/3c/bb).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Eine Praxisänderung bezüglich der Bewilligung des Familiennach-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zugs innerhalb derselben Familie ist nicht zulässig (Erw. II/3d).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">24. November 2000 in Sachen R.M. gegen einen Entscheid der Fremdenpoli-</span><br/> <span class="ft3">zei (BE.1999.00022).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">A. Der Beschwerdeführer reiste 1968 erstmals als Saisonnier in</span><br/> <span class="ft1">die Schweiz ein. 1970 wurde ihm die Aufenthaltsbewilligung erteilt</span><br/> <span class="ft1">und seither ging er ohne Unterbruch einer Erwerbstätigkeit nach. Am</span><br/> <span class="ft1">18. Februar 1980 wurde ihm die Niederlassungsbewilligung erteilt.</span><br/> <span class="ft1">Am 3. Oktober 1990 wurde dem Beschwerdeführer der Nach-</span><br/> <span class="ft1">zug des älteren Sohnes und am 10. Juni 1992 der Nachzug der Ehe-</span><br/> <span class="ft1">frau und des jüngeren Sohnes bewilligt. Weiter stellte der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer ein Gesuch um Nachzug für seine ältere Tochter, welches</span><br/> <span class="ft1">am 20. September 1994 von der Fremdenpolizei ebenfalls bewilligt</span><br/> <span class="ft1">wurde.</span><br/> <span class="ft1">Schliesslich stellte der Beschwerdeführer am 12. Februar 1998</span><br/> <span class="ft1">ein Nachzugsgesuch für seine jüngere Tochter S., geb. 22. Juni 1982;</span><br/> <span class="ft1">das letzte in der Heimat verbliebene Kind. Die Fremdenpolizei for-</span><br/> <span class="ft1">derte ihn auf, verschiedene Fragen schriftlich zu beantworten. Dieser</span><br/> <span class="ft1">Aufforderung kam der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 8.</span><br/> <span class="ft1">September 1998 nach. Gleichzeitig erneuerte er sein Gesuch. Mit</span><br/> <span class="ft1">Verfügung vom 19. Januar 1999 lehnte die Fremdenpolizei, Sektion</span><br/> <span class="ft1">Aufenthalt, das Familiennachzugsgesuch ab.</span><br/> <span class="ft1">B. Mit Eingabe vom 5. Februar 1999 erhob der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer Einsprache. Am 15. März 1999 wies der Rechtsdienst der Frem-</span><br/> <span class="ft1">denpolizei die Einsprache ab.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Fremdenpolizei</div> <span class="page_no">495</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">C. Gegen diesen Entscheid reichte der Beschwerdeführer am 6.</span><br/> <span class="ft1">April 1999 Beschwerde ein.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 3. c) aa) Die Vorinstanz geht davon aus, dass ein gestaffelter</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzug nicht statthaft sei; laufe doch dieser dem Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck der Regelung in Art. 17 Abs. 2 ANAG zuwider. Vielmehr</span><br/> <span class="ft1">dienten die Bestimmungen der Ermöglichung und rechtlichen Absi-</span><br/> <span class="ft1">cherung des familiären Zusammenlebens in der intakten Gesamtfa-</span><br/> <span class="ft1">milie. Ebenso entspreche der gestaffelte Familiennachzug auch nicht</span><br/> <span class="ft1">der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, die sich in ihrem unveröf-</span><br/> <span class="ft1">fentlichten Entscheid vom 3. Dezember 1997 (2A.309/1997) gegen</span><br/> <span class="ft1">eine Zusammenführung der Familie "au compte-gouttes" ausgespro-</span><br/> <span class="ft1">chen habe.</span><br/> <span class="ft1">bb) Das Rekursgericht hat sich mit dieser Frage bereits in sei-</span><br/> <span class="ft1">nen Entscheiden vom 26. Januar 1999 (i.S. S.K., BE.98.00026, E. 4,</span><br/> <span class="ft1">S. 13 f.) und vom 30. Juni 2000 (i.S. A.A., BE.00.00014, E. 6, S. 7</span><br/> <span class="ft1">f.) auseinandergesetzt. Dabei ging es auch auf besagten bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richtlichen Entscheid ein. Dem erwähnten Entscheid lag der Sach-</span><br/> <span class="ft1">verhalt zugrunde, dass der Betroffene die Existenz weiterer Nach-</span><br/> <span class="ft1">kommen - der Vater gab seine Tochter als einziges Kind an - ver-</span><br/> <span class="ft1">schwiegen hatte (unveröffentlichter Entscheid des Bundesgerichtes</span><br/> <span class="ft1">vom 3. Dezember 1997 2A.309/1997, E. 3b, S. 12). Hier ist dies</span><br/> <span class="ft1">nicht der Fall; der Vorinstanz war bekannt, dass noch weitere Kinder</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers existieren. Somit ist die Sachlage des obigen</span><br/> <span class="ft1">Entscheides des Bundesgerichts nicht mit derjenigen im vorliegen-</span><br/> <span class="ft1">den Fall vergleichbar.</span><br/> <span class="ft1">Dennoch scheint die Vorinstanz davon auszugehen, dass ein</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzugsgesuch nur bewilligt werden könne, wenn die Ver-</span><br/> <span class="ft1">einigung sämtlicher Familienmitglieder gleichzeitig erfolge. Ver-</span><br/> <span class="ft1">schiedene Gründe sprechen jedoch gegen diese Annahme. Die Frem-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">496</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">denpolizei selber hat in den Jahren 1990, 1992 und 1994 die vom</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer gestellten Gesuche um Familiennachzug gestaffelt</span><br/> <span class="ft1">bewilligt. Die gesetzlichen Voraussetzungen für einen Anspruch auf</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzug haben sich seit dem letzten bewilligten Gesuch</span><br/> <span class="ft1">nicht geändert. Gestützt auf Art. 17 Abs. 2 Satz 3 ANAG hat nach</span><br/> <span class="ft1">wie vor jedes einzelne Kind einen Anspruch darauf, das familiäre</span><br/> <span class="ft1">Zusammenleben mit den Eltern verwirklichen zu können. Das heute</span><br/> <span class="ft1">allgemein anerkannte Selbstbestimmungsrecht eines Kindes erfor-</span><br/> <span class="ft1">dert, dass es den Entscheid, mit wem es in Familiengemeinschaft</span><br/> <span class="ft1">leben will, unabhängig vom Entscheid seiner allfälligen Geschwister</span><br/> <span class="ft1">treffen kann. Ausserdem kann es eine ganze Reihe von vernünftigen</span><br/> <span class="ft1">Gründen dafür geben, dass Geschwister einzeln nachgezogen werden</span><br/> <span class="ft1">sollen: Der Wunsch nach Familiennachzug kann zum Beispiel ab-</span><br/> <span class="ft1">hängig sein vom Alter der Kinder, von der jeweiligen Beziehung zu</span><br/> <span class="ft1">den Eltern oder von den finanziellen Verhältnissen. Ein anderes Re-</span><br/> <span class="ft1">sultat kann auch nicht aus der Rechtsprechung des Bundesgerichtes</span><br/> <span class="ft1">abgeleitet werden. In BGE 124 II 361, E. 4d, S. 371 liess es diese</span><br/> <span class="ft1">Frage jedenfalls offen, ebenso im unveröffentlichten Entscheid des</span><br/> <span class="ft1">Bundesgerichtes vom 26. Juli 1999 (2A.123/1999).</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Zweck von Art. 17</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 Satz 3 ANAG auch erreicht werden kann, wenn nicht alle</span><br/> <span class="ft1">Kinder gemeinsam nachgezogen werden. Die offenbare Änderung</span><br/> <span class="ft1">der fremdenpolizeilichen Bewilligungspraxis, derzufolge weder der</span><br/> <span class="ft1">Zeitpunkt noch die Anzahl der nachzuziehenden Kinder freigestellt</span><br/> <span class="ft1">wird, erweist sich damit als mit Art. 17 Abs. 2 Satz 3 ANAG unver-</span><br/> <span class="ft1">einbar.</span><br/> <span class="ft1">d) Selbst wenn man die Praxisänderung als zulässig erachten</span><br/> <span class="ft1">würde, müsste ihre Durchsetzung im konkreten Fall untersagt wer-</span><br/> <span class="ft1">den. Es geht nicht an, dass die Fremdenpolizei bei derselben Familie</span><br/> <span class="ft1">jahrelang und in Übereinstimmung mit dem klaren Wortlaut von Art.</span><br/> <span class="ft1">17 Abs. 2 ANAG den gestaffelten Familiennachzug zulässt, um dann</span><br/> <span class="ft1">unvermittelt den Nachzug des letzten Kindes zu verweigern. Dies</span><br/> <span class="ft1">würde einerseits zu einem stossenden Ergebnis führen, indem einer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Fremdenpolizei</div> <span class="page_no">497</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Familie die Vereinigung mit dem letzten im Heimatland verbliebenen</span><br/> <span class="ft1">Kind versagt würde. Andererseits widerspräche es klar dem Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck von Art. 17 Abs. 2 ANAG. Wenn schon hätte die Fremden-</span><br/> <span class="ft1">polizei die Praxisänderung so gestalten müssen, dass Kindern, die</span><br/> <span class="ft1">noch im Heimatland verblieben sind, der gemeinsame Nachzug ge-</span><br/> <span class="ft1">stattet würde. Das dies auch für ein einzelnes Kind gelten müsste,</span><br/> <span class="ft1">versteht sich von selbst. Nochmals festzuhalten ist aber, dass auch</span><br/> <span class="ft1">eine derartige Praxisänderung unzulässig wäre, da sie gegen die klare</span><br/> <span class="ft1">Rechtslage verstossen würde.</span><br/> <span class="ft1">e) Damit besteht im vorliegenden Fall ein vorbehaltloser</span><br/> <span class="ft1">Rechtsanspruch auf Bewilligung des Familiennachzuges, es sei denn,</span><br/> <span class="ft1">es liege ein rechtsmissbräuchlich gestelltes Gesuch vor.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>