Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 6. Januar 2022 (725 21 59 / 04) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Prüfung des Tatbestandsmerkmals des ungewöhnlichen äusseren Faktors im Zusam- menhang einer reflexartigen Reaktion einer Pflegefachkraft zur Verhinderung eines Stur- zes eines Bewohners Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richter Beat Hersberger, Gerichtsschreiberin i.V. Céline Christen Parteien CONCORDIA Schweizerische Kranken - und Unfallversiche- rung AG , Rechtsdienst, Bundesplatz 15, 6002 Luzern, Beschwerde- führerin gegen SOLIDA Versicherungen AG , Saumackerstrasse 35, Postfach, 8048 Zürich, Beschwerdegegnerin, vertreten durch Martin Bürkle, Rechtsanwalt LL.M., Thouvenin Rechtsanwälte KLG, Klausstras- se 33, 8024 Zürich Beigeladener A.____ , vertreten durch Raffaella Biaggi, Advokatin, Advokatur Biag- gi, St. Jakobs-Strasse 11, Postfach 2102, 4002 Basel Betreff Leistungen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A.1 Der 1988 geborene A.____ arbeitet seit Februar 2018 als Pflegefachmann mit einem 80% Pensum im Pflegewohnheim B.____ in X.____ und ist bei der SOLIDA Versicherungen AG (SOLIDA) gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufs unfällen sowie Berufskrankheiten ver- sichert. Mit Schadenmeldung vom 7. Juni 2019 teilte di e Arbeitgeberin von A.____ der SOLIDA mit, dass A.____ am 2. Juni 2019 (recte am 28. Mai 201 9), einen Bewohner, welcher ins Leere gegriffen habe, gestützt und dabei eine unkontrolliert e Bewegung gemacht habe. Auf Aufforde- rung der SOLIDA hat A.____ zum Hergang des Ereignisses in einem entsprechenden Fragebo- gen am 13. Juni 2019 präzisierend ausgeführt, dass er al s Supervisor einen Bewohner im Pfle- geheim beim Laufen am Rollator beurteilt habe und d abei neben ihm hergelaufen sei. Plötzlich habe der Bewohner den Rollator mit der rechten Hand losgelassen und ins Leere nach links gegriffen. Aufgrund dessen habe der Bewohner seine Gru ndhaltung und sein Gleichgewicht verloren, was fast zum Sturz geführt habe. Durch eine reflexartige Reaktion habe A.____ das gesamte Gewicht des Bewohners stemmen und ihn vor den Sturzfolgen bewahren können. A.2 Gestützt auf diese Ausführungen lehnte die SOLIDA ihre Leistungspflicht mit formlo- sem Schreiben vom 7. November 2019 mit der Begründung ab, dass weder ein Unfall noch eine Körperschädigung vorliege. A.3 Dagegen liess A.____ mit Email vom 28. November 2 019 einwenden, dass das Kriteri- um des ungewöhnlichen äusseren Faktors beim fraglichen Ere ignis und somit auch der Unfall- begriff erfüllt sei und der Anspruch auf Versicherungsleistungen bestehe. A.4 Mit Verfügung vom 11. Dezember 2019 lehnte die SOLIDA jedoch einen Leistungsan- spruch ab. Gegen diese Verfügung erhoben sowohl A.___ _, vertreten durch die Protekta Rechtschutzversicherung, als auch sein obligatorischer Kran kenversicherer, die CONCORDIA Schweizerische Kranken- und Unfallversicherung AG (CONCOR DIA), am 6. Januar 2020 bzw. am 17. Februar 2020 Einsprache. Mit Einspracheentschei d vom 26. Januar 2021 hielt die SOLIDA an ihrem ablehnenden Entscheid fest und brachte im Wesentlichen vor, dass bei der Beurteilung von Überanstrengungen im Pflegebereich d er für den Unfallbegriff massgebliche ungewöhnliche äussere Faktor praxisgemäss nur dann zu bejahen sei, wenn das aufgefangene Gewicht der fallenden Person deutlich höher sei als das Körpergewicht der auffangenden Pfle- geperson. Ferner sei eine reflexartige Auffangbewegun g nicht ungewöhnlich, solange keine eigene unkoordinierte Bewegung damit verbunden sei. E ine solche unkoordinierte Bewegung werde aber im vorliegenden Fall nicht geltend gemacht. B. Hiergegen erhob die CONCORDIA am 11. Februar 202 1 Beschwerde am Kantonsge- richt Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht ( Kantonsgericht). Darin beantragte sie, dass der Einspracheentscheid vom 26. Januar 2021 aufzu heben und die Beschwerdegeg- nerin zu verpflichten sei, für das Unfallereignis vom 2 8. Mai 2019 die gesetzlichen Leistungen nach UVG zu erbringen; unter Kosten- und Entschädigung sfolgen zulasten der Beschwerde- gegnerin. Zur Begründung wurde vorgebracht, dass die vo n der SOLIDA zitierten Präjudizien nicht mit dem vorliegenden Fall vergleichbar seien, wei l in den zitierten Beispielen im Zeitpunkt des Auffangens bereits Körperkontakt zwischen Pflegeperson und Patient bestanden habe. Nur Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht in diesem Fall spiele das Verhältnis zwischen den Körperge wichten der Beteiligten eine Rolle. Im vorliegenden Fall bestehe der äussere Faktor darin, dass mangels vorbestehenden Körper- kontaktes der Körper des Bewohners von aussen plötzlich auf den Körper von A.____ aufge- troffen sei. Auch das Bundesgericht habe bereits in meh reren Fällen bestätigt, dass der Unfall- bergriff beim effektiven Auffangen eines Patienten du rch eine Pflegefachkraft erfüllt sei. Im vor- liegenden Fall habe es keinen vorbestehenden Körperkonta kt zwischen Bewohner und Pfle- gendem und auch keine Anhaltspunkte dafür gegeben, dass ein Sturz hätte erwartet werden müssen, so dass der Körper des Bewohners als ungewöhnlicher Faktor auf den Pflegenden eingewirkt habe und der Unfallbegriff somit erfüllt sei. C. Die Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwalt Martin Bürkle, beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 30. April 2021 die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen. D. Mit Verfügung vom 4. Mai 2021 wurde A.____ zum Ve rfahren beigeladen. Gleichzeitig erhielt er Gelegenheit sich zur Sache zu äussern, wovon e r am 14. Juni 2021 Gebrauch mach- te. E. Mit weiterer Eingabe vom 24. Juni 2021 beantragte A.____, vertreten durch die Advoka- tin Raffaella Biaggi, die Gutheissung der Beschwerde, unter o/e-Kostenfolge. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, de ssen Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bun desgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einsprache- entscheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantona len Versicherungsgericht Be- schwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Versicherungsgericht desjeni- gen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat. Vorliegend befindet sich der Wohnsitz des beigelad enen Versicherten in Z.____, weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-La ndschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige ge- richtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Einsprac heentscheide der Versicherungs- träger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Be- schwerde zuständig. 1.2 Zur Beschwerde berechtigt ist gemäss Art. 59 ATSG ne bst der versicherten Person auch, wer durch die angefochtene Verfügung oder den E inspracheentscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderu ng hat. Die CONCORDIA erfüllt diese Voraussetzungen, denn der angefochtene Einspracheen tscheid tangiert ihre Leistungs- pflicht als Krankenpflegeversicherung des Versicherten. Auf die – im Übrigen frist- und formge- recht erhobene – Beschwerde der CONCODIA vom 11. Feb ruar 2021 ist demnach einzutreten. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.1 Streitig und im Folgenden zu prüfen ist, ob das Er eignis vom 28. Mai 2019 als Unfall im Rechtssinne zu qualifizieren ist. 2.2 Als Unfall gilt gemäss Art. 4 ATSG die plötzliche, n icht beabsichtigte schädigende Ein- wirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den m enschlichen Körper, die eine Beein- trächtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. 2.3 Das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors kann n ach Lehre und Rechtspre- chung auch in einer unkoordinierten Bewegung bestehen ( BGE 130 V 117 E. 2 mit Hinweis auf Kranken- und Unfallversicherung Rechtsprechung und Verw altungspraxis (RKUV) 2000 Nr. U 368 S. 100). Bei Körperbewegungen gilt dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam "programmwidrig" beeinflusst hat. Bei einer solchen unkoordinierten Bewegung ist der ungewö hnliche äussere Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor − Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt − ist wegen der er- wähnten Programmwidrigkeit zugleich ein ungewöhnlich er Faktor (BGE 130 V 117 E. 2 mit Hinweisen). Weiter hat sich das Bundesgericht in BGE 1 34 V 72 einlässlich zum Begriffsmerk- mal der Ungewöhnlichkeit geäussert. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er − nach ei- nem objektiven Massstab − nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den jeweili gen Le- bensbereich alltäglich und üblich ist. Der äussere Faktor ist zentrales Begriffscharakteristikum eines jeden Unfallereignisses; er ist Gegenstück zur − den Krankheitsbegriff konstituierenden − inneren Ursache. Die Bezeichnung der massgebenden Genese wird aber erst durch die weiter erforderliche Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors ermög licht. Die meisten Krankheiten be- ruhen auf einer Wechselwirkung von inneren und äussere n Faktoren; oft ist die letztlich patho- gene innere Ursache ihrerseits ohne Umwelteinflüsse nic ht denkbar. Das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit wurde entwickelt, um die "tausendfält igen kleinen und kleinsten Insulte des täglichen Lebens, die als solche gänzlich unkontrollierba r sind und deshalb nur beim Hinzutre- ten von etwas Besonderem Berücksichtigung finden sollen" , aus dem Unfallbegriff auszuschei- den (BGE 134 V 72 E. 4.1.1, mit Hinweis auf A LFRED BÜHLER , Der Unfallbegriff, in: Alfred Koller [Hrsg.], Haftpflicht- und Versicherungsrechtstagung 1995, S. 234). Das Merkmal des Unge- wöhnlichen macht den alltäglichen Vorgang zum einmalig en Vorfall. Einwirkungen, die aus all- täglichen Vorgängen resultieren, taugen in aller Reg el nicht als Ursache einer Gesundheits- schädigung. Liegt der Grund somit allein im Innern de s Körpers, ist Krankheit gegeben. Daran ändert die blosse Auslösung des Gesundheitsschadens durch e inen äusseren Faktor nichts; Unfall setzt vielmehr begrifflich voraus, dass das exogene Element so ungewöhnlich ist, dass eine endogene Verursachung ausser Betracht fällt (BGE 134 V 72 E. 4.1.1). Nach der Recht- sprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichk eit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selbst. Ohne B elang für die Prüfung der Ungewöhn- lichkeit ist, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiege nde, unerwartete Folgen nach sich gezogen hat. Ausschlaggebend ist, dass sich der äussere Fa ktor vom Normalmass an Umwelt- einwirkungen auf den menschlichen Körper abhebt (BGE 1 34 V 72 E. 4.3.1). Bei Schädigun- gen, die sich auf das Körperinnere beschränken, unterliegt der Nachweis eines Unfalls strengen Anforderungen, weil die unmittelbare Ursache der Sch ädigung unter besonders sinnfälligen Umständen gesetzt werden muss; denn ein Unfallereignis manifestiert sich in der Regel in einer Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht äusserlich wahrnehmbaren Schädigung, während bei deren Fehlen eine erhöhte Wahrschein- lichkeit rein krankheitsbedingter Ursachen besteht (Urte il des Bundesgerichts vom 9. Juli 2010, 8C_189/2010, E. 3.2 mit Hinweis auf BGE 99 V 136 E. 1). 3.1 Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungsverfahren u nd der Sozialversicherungs- prozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen, aus eigener Ini tiative und ohne Bindung an die Vorbringen oder Beweisanträge der Parteien für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneinge- schränkt, er wird ergänzt durch die Mitwirkungspflichten d er Parteien (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). Zu beachten ist j edoch, dass der Untersuchungsgrundsatz die Beweislast im Sinne der Beweisführungslast begriff snotwendig ausschliesst, da es Sache der verfügenden Verwaltungsstelle bzw. des Sozialversicheru ngsgerichts ist, für die Zusam- mentragung des Beweismaterials besorgt zu sein. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofer n, als im Falle der Beweislosigkeit der Ent- scheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem u nbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift aller dings erst Platz, wenn es sich als unmög- lich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes au fgrund einer Beweiswürdigung ei- nen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen). 3.2 Die Verwaltung als verfügende Instanz und − im Beschwerdefall − das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht gilt, soweit das Gesetz nicht et was Abweichendes vorsieht, der Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 353 E. 5b). Im Streitfall obliegt es dem Gericht zu beurteilen, ob die einzelnen Vorauss etzungen des Unfallbegriffs erfüllt sind. Der Untersuchungsmaxime entsprechend hat es von Amtes we gen die notwendigen Beweise zu erheben und kann zu diesem Zwecke auch die Parteien heranziehen. Wird auf Grund dieser Massnahmen das Vorliegen eines Unfallereignisses nicht we nigstens mit Wahrscheinlichkeit erstellt − die blosse Möglichkeit genügt nicht − , so hat dieses als unbewiesen zu gelten, was sich zu Lasten der den Anspruch erhebenden Person auswir kt (BGE 116 V 136 E. 4b mit Hin- weis; Urteile des Bundesgerichts vom 31. Januar 2011, 8C_709/2010, E. 2.2 und vom 20. Februar 2007, U 346/05, E. 2.2, je mit weiteren Hinweisen). 4.1 Der rechtserhebliche Sachverhalt stellt sich aufgrund der unbestritten gebliebenen An- gaben des Versicherten im Verwaltungsverfahren wie folgt dar: Der Versicherte beobachtete als Supervisor einen Bewohner beim Laufen am Rollator. Dieser lies plötzlich mit der rechten Hand den Rollator los und griff ins Leere nach links. Dab ei verlor der Bewohner seine Grundhaltung und das Gleichgewicht. Durch eine reflexartige Reaktion konnte der Versicherte das Gewicht stemmen und den Bewohner vor Sturzfolgen bewahren. In seinem Bericht vom 30. September 2019 diagnostizierte der Hausarzt Dr. med. C.____, Al lgemeine Innere Medizin FMH, ein He- betrauma mit konsekutivem thorakolumbalem Schmerzsyndrom. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2.1 Strittig und zu prüfen ist, ob das Tatbestandsmerkm al des ungewöhnlichen äusseren Faktors gegeben ist. 4.2.2 Die Beschwerdegegnerin verneint das Vorliegen ei nes ungewöhnlichen äusseren Fak- tors. Zur Begründung wird vorgebracht, dass der Beige ladene als ausgebildeter Pflegefach- mann mit dem Alltag in einem Pflegeheim bestens vertra ut und täglich konfrontiert sei. Auch wenn er in der konkreten Situation lediglich eine Beo bachterfunktion innehabe, seien mögliche Stürze von Patienten alltägliche und übliche Situatio nen (Urteil des Bundesgerichts 8C_827_827 vom 22. September 2008, E. 4.2). Allein gestützt auf diesen Umstand könne aller- dings die Ungewöhnlichkeit des Gefahreneintritts noch nicht verneint werden. Der äussere Fak- tor sei vielmehr dann ungewöhnlich, wenn er nicht mehr im Rahmen dessen liege, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich oder üblich sei (B GE 134 V 72 E. 4.1). Die Rechtsprechung habe bei der Beurteilung von Überanstrengungen im Pf legebereich einen ungewöhnlichen äusseren Faktor etwa bejaht im Falle einer Gemeindekra nkenschwester, die einen schwerge- wichtigen Patienten beim Transfer vom Bett in den Ro llstuhl vor dem unvermuteten Sturz be- wahrte, indem sie ihn in Sekundenschnelle mit übermässige n Kraftaufwand in den bereitste- henden Rollstuhl zu setzen vermochte, oder bei einer 35- jährigen, 57 kg schweren Physiothe- rapiepraktikantin mit Rotkreuzausbildung, welche einen 84 kg schweren Patienten, der das Gleichgewicht verloren hatte, auffing (Urteil des Eidge nössischen Versicherungsgerichts U 166/04 vom 18. April 2005, E. 4.2.5). Verneint worde n sei demgegenüber ein Unfall bei einer 39-jährigen, 62 kg schweren Krankenschwester, welche unver sehens das Gewicht einer 66 kg schweren Patientin auffangen musste (Urteil des Eidgenössi schen Versicherungsgerichts U 421/01 vom 15. Januar 2003). Unter Angabe weiterer Beispiele der Rechtsprechung stellt die Beschwerdegegnerin zusammenfassend fest, dass Unfälle stet s verneint wurden, wenn eine Pflegefachkraft etwa 107 % ihres Körpergewichts trug. B ejaht worden sei der Unfallbegriff im Zusammenhang mit einem Ereignis, bei dem die Pflegeri n 147 % des eigenen Körpergewichts stemmen musste. Vorliegend wog der Patient etwa 90 kg, was einem Verhältnis vom 117 % zum Körpergewicht des Beigeladenen entspreche. Im Sinne der Rechtsprechung und mit Blick darauf, dass der Versicherte mit damals 31 Jahren auch e twa 15 cm grösser war als der Pati- ent, sei die Konstitution nicht ungewöhnlich unvorteilh aft gewesen und es sei somit die Unge- wöhnlichkeit zu verneinen. Auch der Umstand, dass das gesa mte Gewicht eines Patienten auf- gefangen werden musste, reiche nicht für die Bejahung des Unfallbegriffs. Auch gemäss der höchstrichterlichen Rechtsprechung komme es auf die gesamten Umstände des Einzelfalles an (BGE 134 V 72 E. 41; BGE 116 V 139 E. 3b). Zudem ge höre - objektiv betrachtet - eine Auf- fangbewegung bei einem drohenden Sturz grundsätzlich z ur gewöhnlichen Bandbreite der Be- wegungsmuster des Pflegeberufes. Dementsprechend sei der Unfalltatbestand nicht erfüllt, da es am Tatbestandselement der Ungewöhnlichkeit fehle. 4.2.3 Zu den Vorgängen in Heimen und Spitälern, bei denen Pflegende behinderte oder be- tagte Patientinnen und Patienten oder Bewohnerinnen und Bewohner vor einem Sturz bewahrt haben, gibt es einige höchstrichterliche Präjudizien. Te ndenzielles Abgrenzungskriterium ist dabei die Frage, ob ein effektives Auffangen vorliegt oder ob nur ein plötzlich erhöhter Kraftauf- wand im Umgang mit einer Patientin bzw. einem Patien ten erfolgt. Während beim effektiven Auffangen der Unfallbegriff zu bejahen ist, ist beim nur plötzlich erhöhten Kraftaufwand der Un- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht fallbegriff in der Regel nicht erfüllt. In diesem Sin ne hat das Bundesgericht im Entscheid vom 22. September 2008 (8C_827/2007) ausgeführt, dass die Situation, bei der im Zeitpunkt des Einsackens des Patienten bereits ein Körperkontakt zwische n dem Patienten und der Pflege- person bestanden habe, nicht gleichgesetzt werden könne mit der Situation, bei der Patient und Pflegeperson selbständig unterwegs seien und der Körp erkontakt zwischen ihnen erst im Mo- ment des Auffangens durch die Pflegeperson zustande komme. Das Auftreffen des Körpers des Patienten auf den Körper der Pflegeperson stelle bere its eine Einwirkung eines äusseren Fak- tors auf den Körper der versicherten Person dar. Was di e Frage der Ungewöhnlichkeit angehe, so könne einzig aufgrund der Tatsache, dass die versicherte Person mit dem Eintritt der Gefahr habe rechnen müssen, noch nicht die Ungewöhnlichkeit vern eint werden. Andernfalls müsste bei Verkehrsunfällen die Ungewöhnlichkeit regelmässig ve rneint werden, da Verkehrsteilneh- mer immer mit dem Eintritt verschiedenster Gefahren re chnen müssten. Der äussere Faktor sei vielmehr dann ungewöhnlich, wenn er nach einem objekt iven Massstab nicht mehr im Rahmen dessen liege, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich sei. Im erwähnten Ent- scheid vom 22. September 2008 hat das Bundesgericht fest gestellt, dass die Pflegeperson seit rund einem halben Jahr die Patientin betreut habe, o hne je beobachtet zu haben, dass sich die Patientin plötzlich fallen gelassen habe. Gegen eine A lltäglichkeit spreche auch, dass die Pfle- geperson der Patientin zugetraut habe, den Weg zwischen der Toilette und dem Rollstuhl selb- ständig zurückzulegen. Damit habe das Ereignis den Rahm en des Alltäglichen und Üblichen gesprengt, so dass das Auffangen der Patientin als Unfa ll zu qualifizieren sei. Bei dieser Sach- lage brauche nicht mehr geprüft zu werden, ob die Pf legeperson auf einen äusseren Faktor mittels einer unkoordinierten Bewegung, welche allenfa lls ihrerseits als ungewöhnlicher Faktor zu bewerten wäre, reagiert habe. 4.2.4 Der vorliegende Fall ist durchaus mit dem hiervor in E. 4.2.3 erörterten bundesgericht- lichen Sachverhalt vergleichbar. So lag im vorliegenden Fall unbestrittenermassen kein vorbe- stehender Körperkontakt vor. Der Pflegefachmann hat den Bewohner weder geführt noch ge- stützt, sondern ist lediglich neben ihm hergelaufen. Na chdem der Bewohner unvermittelt ins Leere gegriffen und sein Gleichgewicht verloren hat, ist das Auftreffen des Bewohners auf den Pflegefachmann bei der Auffangbewegung als Einwirkung eines äusseren Faktors auf dessen Körper zu qualifizieren. Das unvermittelte Umfallen be tagter Bewohnerinnen und Bewohner oder Patientinnen und Patienten in einem Pflegeheim kann gemäss bundesgerichtlicher Recht- sprechung nicht generell als alltäglich und üblich beze ichnet werden, wie das von der Be- schwerdegegnerin geltend gemacht wurde. Vielmehr ist zu prüfen, ob in der konkreten Situation mit einem Sturz des Bewohners als alltäglich und üblich zu rechnen war und die Pflegefachkraft von dieser Gefahr wusste oder wissen musste. Aus den Akten s ind keine Hinweise ersichtlich, dass der Patient schon einmal gestürzt war und der Pfle gefachmann davon Kenntnis hatte. Auch der Umstand, dass er neben dem Patienten hergelau fen ist, indiziert nicht, dass er mit einem Sturz des Bewohners im Sinne eines alltäglichen un d üblichen Vorganges rechnen musste. Im Gegenteil spricht die Tatsache, dass der Pfle gende den Patienten alleine am Rolla- tor laufen liess, dafür, dass er ihm dies auch zutraute. Wie beim erwähnten Vergleichsfall ist das unvermittelte Fallen und Auftreffen des Patiente n auf den Pflegefachmann bei der Auffang- bewegung als ungewöhnliche Einwirkung eines äusseren Faktors auf ihn zu qualifizieren. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2.5 Nachdem die Ungewöhnlichkeit zu bejahen ist, br aucht im vorliegenden Fall nicht ge- prüft zu werden, ob der Pflegefachmann auf den äusser en Faktor mittels einer unkoordinierten Bewegung, welche allenfalls ihrerseits als ungewöhnlich er Faktor zu bewerten wäre, reagiert hat. 5. Zusammenfassend ergibt sich, dass sowohl das Tatbestandsm erkmal des äusseren Faktors wie auch dasjenige der Ungewöhnlichkeit gegeben ist und das Ereignis vom 28. Mai 2019 somit als Unfall im Rechtssinne zu qualifi zieren ist. Demzufolge ist die Beschwer- de in dem Sinne gutzuheissen, als der angefochtene Eins pracheentscheid vom 26. Januar 2021 aufzuheben ist und die Beschwerdegegnerin verpfli chtet wird, dem Beigeladenen die ge- setzlichen Leistungen für den Unfall vom 28. Mai 2019 zu erbringen. 6.1 Gemäss § 20 Abs. 2 VPO ist das Verfahren in Sozialve rsicherungssachen vorbehält- lich des hier nicht interessierenden Abs. 2 bis für die Parteien kostenlos. Es sind deshalb für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. 6.2 Nach dem Wortlaut von Art. 61 lit. g ATSG hat di e obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Rechtsprech ungsgemäss steht darüber hinaus aber auch der anwaltlich vertretenen beigeladenen Per son, die mit ihrem Antrag durchdringt, eine Parteienschädigung zu (C HRISTIAN ZÜND , Kommentar zum Gesetz über das Sozialversi- cherungsgericht des Kantons Zürich, Zürich 1999, S. 239, mit Hinweisen auf BGE 109 V 62 E. 4 und auf verschiedene unveröffentlichte Urteile des dama ligen EVG). Diese Parteienschädigung ist grundsätzlich vom unterliegenden Versicherungsträger zu übernehmen (UELI KIESER , ATSG- Kommentar, 2. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2009, Art. 6 1 Rz 115). Dem Prozessausgang ent- sprechend ist dem Beigeladenen deshalb eine Parteientsch ädigung zu Lasten der SOLIDA zu- zusprechen. Die Rechtsvertreterin des Beigeladenen hat i n ihrer Honorarnote vom 30. Juni 2021 für das vorliegende Verfahren einen Zeitaufwand von 3,55 Stunden à Fr. 250.-- geltend gemacht. Dieser Aufwand erweist sich als angemessen. Dem Beigeladenen ist deshalb eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1'070.70 (3,5 5 Stunden à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 15.-- zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der SOLIDA zuzusprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der angefoch tene Einsprache- entscheid vom 26. Januar 2021 aufgehoben und die Besc hwerdegeg- nerin verpflichtet, dem Beigeladenen die gesetzlichen Leistungen für den Unfall vom 28. Mai 2019 zu erbringen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beigeladenen eine Parteientschädi- gung in der Höhe von Fr. 1'070.70 (inkl. Auslagen und 7,7% Mehrwert- steuer) zu bezahlen. Im Übrigen werden die ausserordentlichen Kosten wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht