<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 67 S.336</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">336</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>67</b></span> <span class="ft2"><b>Offizialmaxime und Rügeprinzip.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Innerhalb des Streitgegenstands gilt für die Rechtsmittelinstanzen der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen; keine Bindung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>an die Rechtsauffassung der Parteien und die von ihnen vorgebrach-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ten rechtlichen Überlegungen (Erw. 2/a).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Anhörungspflicht (Erw. 2/b).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 3. Mai 2005 in Sachen</span><br/> <span class="ft3">B. und Mitb. gegen Regierungsrat.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">337</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. In seinem Baubewilligungsentscheid vom 1. März 2004</span><br/> <span class="ft1">stellte der Stadtrat u.a. fest, dass das geplante Dreifamilienhaus auf</span><br/> <span class="ft1">seiner Nord- und Ostseite den gesetzlichen Abstand zur Meier-</span><br/> <span class="ft1">hofstrasse von 6 m unterschreite; weil das Projekt die Häuserflucht</span><br/> <span class="ft1">an der Meierhofstrasse weiterführe und deshalb eine städtebaulich</span><br/> <span class="ft1">erwünschte, gute Lösung sei, könne im Sinne von § 67 Abs. 1 BauG</span><br/> <span class="ft1">eine Ausnahmebewilligung erteilt werden. Die Einsprecher H. und</span><br/> <span class="ft1">K. machten ausschliesslich diesen Punkt zum Gegenstand ihrer</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsbeschwerde vom 23. März 2004. Der Regierungsrat</span><br/> <span class="ft1">bestätigte insoweit die Baubewilligung, griff aber von sich aus die</span><br/> <span class="ft1">Frage der Normkonformität der projektierten Fahrzeug-Abstellplätze</span><br/> <span class="ft1">auf und verpflichtete die Bauherrschaft zu Anpassungen. Dies</span><br/> <span class="ft1">wiederum fechten die Beschwerdeführer vor Verwaltungsgericht an.</span><br/> <span class="ft1">2. Vorab machen die Beschwerdeführer geltend, der Regie-</span><br/> <span class="ft1">rungsrat hätte nur unter den Voraussetzungen des aufsichtsrecht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Einschreitens von Amtes wegen die Rechtmässigkeit der ge-</span><br/> <span class="ft1">planten Parkplätze prüfen dürfen; obwohl diese Rechtsauffassung im</span><br/> <span class="ft1">vorinstanzlichen Verfahren einlässlich dargelegt und begründet wor-</span><br/> <span class="ft1">den sei, sei der Regierungsrat darauf nicht eingegangen, was einer</span><br/> <span class="ft1">Rechtsverweigerung gleichkomme.</span><br/> <span class="ft1">a) Die Beschwerdeführer übersehen bei ihrer Argumentation,</span><br/> <span class="ft1">dass im Verwaltungsrecht ganz allgemein die Offizialmaxime gilt,</span><br/> <span class="ft1">d.h. dass die Behörden das Recht von Amtes wegen anwenden (§ 20</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 Satz 2 VRPG). Dieser Grundsatz besagt, dass die Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsbehörde (und das Verwaltungsgericht) selbständig alle für einen</span><br/> <span class="ft1">bestimmten Tatsachenkomplex anwendbaren Rechtsnormen zu su-</span><br/> <span class="ft1">chen, diese auszulegen und die daraus sich ergebenden rechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Folgen zu ziehen hat. Die Behörde hat also von sich aus diejenigen</span><br/> <span class="ft1">Rechtsnormen heranzuziehen, die für einen Sachverhalt objektiv</span><br/> <span class="ft1">massgebend sind. Ihr obliegt die Verantwortung für die Rechtser-</span><br/> <span class="ft1">mittlung, und sie hat diese Vorschriften so anzuwenden, wie sie es</span><br/> <span class="ft1">für richtig hält. An die Rechtsauffassung der Parteien und an die von</span><br/> <span class="ft1">diesen vorgebrachten rechtlichen Überlegungen ist die Behörde nicht</span><br/> <span class="ft1">gebunden. Gilt der Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes we-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">338</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gen im erstinstanzlichen Verwaltungsverfahren absolut, so ist die</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelinstanz an den durch die Parteivorbringen festgelegten</span><br/> <span class="ft1">Streitgegenstand gebunden (siehe zum Ganzen: Alfred Kölz / Jürg</span><br/> <span class="ft1">Bosshart / Martin Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechtspflege-</span><br/> <span class="ft1">gesetz des Kantons Zürich, 2. Auflage, Zürich 1999, § 7 N 79 ff.;</span><br/> <span class="ft1">ferner BGE 110 V 52 f.; Thomas Merkli / Arthur Aeschlimann / Ruth</span><br/> <span class="ft1">Herzog, Kommentar zum Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsrechtspflege des Kantons Bern, Bern 1997, Art. 51 N 1 f.;</span><br/> <span class="ft1">Alexander Ruch, in: ZBl 101/2000, S. 422 f. mit weiteren Hinwei-</span><br/> <span class="ft1">sen).</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Falle wurde in der Verwaltungsbeschwerde</span><br/> <span class="ft1">vom 23. März 2004 beantragt, der Baubewilligungsentscheid vom</span><br/> <span class="ft1">1. März 2004 sei aufzuheben und die Baubewilligung zu verweigern.</span><br/> <span class="ft1">Damit war der Streitgegenstand umrissen; zu überprüfen war die</span><br/> <span class="ft1">Baubewilligung als Ganzes. Der Regierungsrat als rechtsanwendende</span><br/> <span class="ft1">Behörde war somit befugt, von sich aus einen Punkt -</span> <span class="ft1">die</span><br/> <span class="ft1">Parkplatzfrage - aufzugreifen, der in der Beschwerdebegründung und</span><br/> <span class="ft1">im späteren Verlauf des Verfahrens gar nicht genannt wurde. Das</span><br/> <span class="ft1">Rügeprinzip ist mit der Offizialmaxime grundsätzlich unvereinbar;</span><br/> <span class="ft1">die Praxis hat ihm nur insofern zum Durchbruch verholfen, als die</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelbehörden zur Prüfung von Rechtsmängeln, die von den</span><br/> <span class="ft1">Parteien nicht gerügt werden, aus verfahrensökonomischen Gründen</span><br/> <span class="ft1">nicht verpflichtet werden können (Kölz/Bosshart/Röhl, a.a.O., § 7</span><br/> <span class="ft1">N 82 und § 50 N 4; Ruch, a.a.O., S. 422).</span><br/> <span class="ft1">b) Geht eine Rechtsmittelinstanz so vor, sind die Verfahrens-</span><br/> <span class="ft1">beteiligten vorgängig anzuhören, wenn auf den Streitgegenstand eine</span><br/> <span class="ft1">bisher nicht herangezogene Bestimmung, mit deren Erheblichkeit für</span><br/> <span class="ft1">das Verfahren nicht zu rechnen war, angewendet werden soll</span><br/> <span class="ft1">(Kölz/Bosshart/Röhl, a.a.O., § 7 N 84 und § 50 N 4; Merkli/Aesch-</span><br/> <span class="ft1">limann/Herzog, a.a.O., Art. 51 N 3). Dieser Pflicht ist der Regie-</span><br/> <span class="ft1">rungsrat vollumfänglich nachgekommen. Ebenso wenig kann ihm</span><br/> <span class="ft1">vorgeworfen werden, er habe seinen Entscheid unzulänglich be-</span><br/> <span class="ft1">gründet; der Hinweis auf § 20 Abs. 1 VRPG ist zwar kurz und knapp,</span><br/> <span class="ft1">doch durfte der Regierungsrat auch voraussetzen, dass die</span><br/> <span class="ft1">Entscheidadressaten über die Bedeutung der Rechtsanwendung von</span><br/> <span class="ft1">Amtes wegen Bescheid wissen (siehe zur Begründungspflicht allge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">339</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mein: BGE 121 I 57; 119 Ia 269; 117 Ia 1, 117 Ib 64, 114 Ia 233, 112</span><br/> <span class="ft1">Ia 109 f., je mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">c) Zusammenfassend ergibt sich unter diesem Titel, dass der</span><br/> <span class="ft1">Regierungsrat die Parkplatzfrage im Rahmen des Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeverfahrens - d.h. nicht nur aufsichtsrechtlich - von sich aus</span><br/> <span class="ft1">aufgreifen durfte und von einer Rechtsverweigerung keine Rede sein</span><br/> <span class="ft1">kann.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>