B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6803/2024 law/blp U r t e i l v o m 23 . J a n u a r 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichter Walter Lang, mit Zustimmung von Richter Simon Thurnheer; Gerichtsschreiber Patrick Blumer. Parteien A._______, geboren am (…), Russland, (…), Beschwerdeführerin, Gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 26. September 2024 / N (…). D-6803/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 26. Juli 2022 in der Schweiz um Asyl nach und wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region L._______ zugewiesen. A.b Das SEM befragte sie am 18. August 2022 gemäss Art. 5 Verordnung (EU) Nr. 604/213 und verfügte am 15. Dezember 2022 einen Nichteintre- tensentscheid mit einer Wegweisung in den zuständigen Dublin-Staat. Mit Verfügung vom 6. Juli 2023 nahm das SEM ihr Asylgesuch im nationalen Verfahren wieder auf. A.c Am 7. Mai 2024 wurde sie vom SEM in Anwesenheit der ihr zugewi e- senen Rechtsvertretung gemäss Art. 29 AsylG (SR 142.31) zu den Asyl- gründen angehört. Alsdann verfügte das SEM am 8. Mai 2024, das Asyl- gesuch der Beschwerdeführerin werde im erweiterten Verfahren behandelt und hörte sie am 11. Juli 2024 ergänzend an. B. Das SEM stellte mit Verfügung vom 26. September 2024 (eröffnet am 27. September 2024) fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlings- eigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch vom 26. Juli 2022 ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und stellte fest, s ie sei verpflichtet, das Staatsgebiet der Schweiz sowie den Schengen -Raum bis am Tag nach Eintritt der Rechtskraft dieser Verfügung zu verlassen, dies zur Rückreise in ihren Heimatstaat beziehungsweise ihren Herkunftsstaat oder zur Wei- terreise in ein Land, das sich ausserhalb des Schengen-Raumes befindet und in dem sie aufgenommen werde, verbunden mit dem Hinweis, wenn sie ihrer Verpflichtung nicht innert Frist nachkomme, könnte die Wegwei- sung unter Zwang vollzogen werden. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kanton B._______ mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte der Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeich- nis aus. C. Mit Eingabe vom 28. Oktober 2024 erhob die Beschwerdeführerin gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsger icht Beschwerde. In dieser wurde beantragt, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren. Es sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich se i und die vorläufige Aufnahme sei anzuordnen. In ver -D-6803/2024 Seite 3 fahrensrechtlicher Hinsicht wurde zudem beantragt, es sei der Beschwer- deführerin die unentgeltliche Prozessführung samt Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses und Beiordnung eines amtlichen Re chts- beistandes zu gewähren. D. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 30. Oktober 2024 den Eingang der Beschwerde. E. Mit Zwischenverfügung vom 23. Dezember 2024 stellte der Instruktions- richter fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig wies er die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistan- des ab und forderte sie auf, bis zum 7. Januar 2025 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten, dies mit dem Hinweis, auf die Beschwerde werde nicht eingetreten, wenn der Kostenvorschuss innert Frist nicht bezahlt werde. Sodann hielt er fest, dass bei Ausbleiben der Zahlung innert F rist und unveränderter beziehungsweise nicht wesentlich veränderter Sach- lage ein allfälliges weiteres Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, Kostenvorschusserlass oder -reduktion, Ratenzahlung oder Fristverlängerung abgewiesen und auf die Beschwerde ohne Ansetzen ei- ner Nachfrist nicht eingetreten werde. F. Die Beschwerdeführerin leistete den Kostenvorschuss am 6. Januar 2025. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 In der Zwischenverfügung vom 23. Dezember 2024 wurde festgestellt, dass das Bundesverwaltungsgericht zur Behandlung der Beschwerde zu- ständig, die Beschwerdeführerin zur Einreichung der Beschwerde legiti- miert und diese frist - und formgerecht eingereicht worden ist (vgl. a.a.O. E. 1.1 und 1.2). Nachdem der einverlangte Kostenv orschuss innert ange- setzter Frist bezahlt wurde, ist auf die Beschwerde einzutreten. D-6803/2024 Seite 4 1.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 2. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eine s zweiten Richter s entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb auf einen Schriftenwechsel zu verzich- ten und der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bew irken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Begründete Furcht vor Verfolgung besteht nach konstanter Rechtspre- chung nur dann, wenn hinreichend Anlass zur Annahme besteht, die be- hauptete Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen – eine bloss entfernte Möglichkeit künfti- ger Verfolgung genügt nicht (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2). 3.3 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion erns thaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal- tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 1 AsylG). 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin führte anlässlich ihrer Anhörungen zu ihren Asylgründen vom 7. Mai 2024 und 11. Juli 2024 zu ihrem persönlichen und familiären Hintergrund aus, sie sei Tschetschenin, geboren und aufge- wachsen in C._______ in der Republik Tschetschenien in der russischen D-6803/2024 Seite 5 Föderation, wo sie mehrheitlich ihr ganzes Leben verbracht habe. Mitglie- der ihrer Familie und der Verwandtschaft hätten in den vergangenen zwei Tschetschenienkriegen im Widerstand gegen die russische Föderation ge- kämpft und seien deswegen teilweise entführt, gefoltert, inhaftiert, getötet worden und/oder würden seither als verschollen gelten. Beispielsweise seien zwei ihrer Schwestern in diesem Kampf ums Leben gekommen; der leibliche Vater von D._______ (N […]), E._______, über dessen Tochter – sprich ihre Nichte – sie seit 2017 die Vormundschaft zugesprochen erhal- ten habe und die sie (die Beschwerdeführerin) deswegen selbst als ihre Tochter bezeichne, sei seit 2004 im Gefängnis; zwei ihrer Brüder seien ak- tuell unter Hausarrest. Auch sie selber sei in der Vergangenheit Opfer von solchen Massnahmen gewesen und werde seit dieser Zeit vom Kadyrov - Regime belästigt, unter Druck gesetzt und mit dem Tode bedroht. Zur Be- gründung ihres Asylgesuches machte sie im Wesentlichen geltend, im (…) 2021 sei ihr Haus beschlagnahmt worden; am (…) 2021 habe man sie zum Untersuchungsamt vorgeladen hinsichtlich ihres seit Jahren verschwunde- nen Bruders F._______. In dieser Sache habe sie schon seit Jahren ver- sucht, von den lokalen Behörden seine damalige Ent führung beziehungs- weise sein Verschwinden im Jahr 2004 offiziell bestätigen zu lassen. Des- wegen habe sie sich schon an den EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) in Strasburg gewandt. Beim Untersuchungsamt habe man sie aber verbal und physisch attackiert, sodass sie im Anschluss me- dizinische Hilfe benötigt habe. Am (…) 2022 habe man sie angerufen und ihr mitgeteilt, dass ein Treffen mit dem Vater ihrer Nichte organisiert werde. Dafür sollte sie sich gemeinsam mit ihrer Nichte zu einem Standort d er ROWD (regionale Abteilung des Ministeriums für Innere Angelegenheiten; Anmerkung BVGer) begeben, der bekannt für seine Brutalität sei. Deswe- gen sei sie nicht dorthin gegangen. Am (…) 2022 sei sie wieder von ROWD, dieses Mal jedoch von einem anderen Standort als zuvor, angeru- fen worden. Man habe über den Vater ihrer Nichte mit ihnen beiden spre- chen wollen. Sie seien gemeinsam dorthin gegangen. Man habe sie ge- fragt, warum sie nicht schon der ersten Vorladung gefolgt sei, welche Pläne sie habe, und habe ihre Mobiltelefone durchsucht. Nach einer Stunde habe man sie wieder gehen lassen. Am gleichen Tag gegen 17 Uhr auf dem Nachhauseweg habe ein schwarzes Auto neben ihnen beiden angehalten, zwei Männer seien ausgestiegen und hätten sie gezwungen, einzusteigen. Man habe sie zur ROWD von G._______ gebracht, und sie sei in eine Zelle gesteckt worden, in der sich schon sehr viele junge Frauen befunden hät- ten. Am Abend habe man sie beide in getrennte Büros gebracht. Sie sei in einem Raum mit drei Leuten gewesen. Man habe sie beschuldigt, Schwes- tern von Terroristen zu sein, und ihr gedroht, sie zu töten oder in die D-6803/2024 Seite 6 H._______ zu schicken. Man habe sie beschimpft und auch geschlagen. Später sei sie wieder in eine Zelle geführt worden, in der sich ihre Nichte schon befunden habe. Am nächsten Tag gegen 13 Uhr seien sie beide ent- lassen worden. Sie vermute, dass dies aufgrund eines Anrufes geschehen sei seitens eines Kadyrov-Mannes, der einige Tage davor ein Auge auf ihre Nichte im Fitnesscenter geworfen haben soll. Wegen dieser Vorkommnisse hätten sie gemeinsam am 24. Juli 2022 das Land verlassen. Sie und ihre Nichte hätten nach ihrer Ausreise Vorladun- gen fürs Militär erhalten. Bei einer Rückkehr würde der Tod auf sie warten. Sie wisse nicht, was ihrer Nichte dort angetan wer de. Man werde sie ent- weder vergewaltigen oder in den Krieg schicken. Zum Nachweis ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin ihren russi- schen Reisepass (im Original), eine Einzelunternehmer -Registrierungsur- kunde ausgestellt am 3. November 2011, einen Einzelunternehmer-Online- Auszug, den Wohnungskaufvertrag vom 20. April 1996, den Grundstücks- kaufvertrag, die Wohnsitzbescheinigung vom (…) 2022, den Vormund- schaftsausweis, die Minderjährigen-Registrierungsverfügung vom 27. Mai 2009 und den Minderjährigen-Registrierungsbefehl (je in Kopie) sowie Dut- zende von Beweismitteln in Kopie ein (vgl. die Auflistung in Ziff. I 3. der angefochtenen Verfügung). 4.2 4.2.1 Das SEM führt in der angefochtenen Verfügung zur Begründung sei- nes Entscheides im Wesentlichen aus, dass es den Vorbringen der Be- schwerdeführerin an flüchtlingsrechtlicher Relevanz gemäss Art. 3 AsylG fehle beziehungsweise auch Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbrin- gen bestehen würden. Im Einzelnen hält es im Wesentlichen fest, aus den Aussagen der Be- schwerdeführerin und den eingereichten Beweismitteln zu ihren Vorbrin- gen liessen sich keine konkreten Hinweise einer Verfolgung erkennen, die in einem zeitlichen Kausalzusammenhang zu ihrem Ausreisezeitpunkt im Juli 2022 stehen würden beziehungsweise eine Intensit ät von ihr gegen- über ergriffenen Massnahmen widerspiegle, um damit eine flüchtlings- rechtliche Relevanz zu begründen. Auch eine mögliche Reflexverfolgung aufgrund ihrer Familien und/oder Verwandtschaft sei nicht ersichtlich, da diese von ihr genannten Vorfä lle teilweise Jahrzehnte zurücklägen und/oder die betreffenden Personen entweder seit vielen Jahren tot, ver -D-6803/2024 Seite 7 schollen oder sich aktuell immer noch im direkten Einflussbereich des Kadyrov-Regimes befänden. Zwar habe sie – so das SEM weiter – erwähnt, dass ihr Haus im Novem- ber 2021 beschlagnahmt worden sei, sie deswegen ihre aktuelle Wohnung auf eine andere Person registriert habe und sie gemeinsam mit ihrer Nichte im Juni 2022 kurzzeitig festgenommen, befrag t und bedroht worden sei. Sie habe jedoch dazu keine Unterlagen eingereicht, welche belegen wür- den, dass diese Vorbringen flüchtlingsrechtlich relevant sein könnten. Aus den eingereichten medizinischen Unterlagen liessen sich die Ursachen der darin genannten gesundheitlichen Beschwerden ebenfalls nicht von ihren vorgebrachten Ereignissen ableiten. Die Befragung von ihr und ihrer Nichte am (…) 2022 sei der einzige Vorfall, der ihre subjektive Furcht im Zusam- menhang mit ihrem Ausreisezeitpunkt damals, nachvollziehbar erscheinen lasse, obwohl die Tatsache, dass sie schon am nächsten Tag aus der Haft entlassen worden seien nicht auf ein starkes Interesse der Behörden an ihrer Person hinweise. In diesem Zusammenhang würden die Umstände und der weitere Verlauf bis und seit ihrer Ausreise aus Russland ohnehin auf eine regionale beziehungsweise lokale Begebenheit hindeuten, da die Beschwerdeführerin sich ohne erkennbare Probleme die entsprechenden Ausreisedokumente habe besorgen und im Anschluss auch ohne Weiteres habe ausreisen können beziehungsweise abgesehen von der Vorladung zum Militärdienst diesbezüglich nichts mehr vorgefallen sei. Es sei auch – so das SEM – eine flüchtlingsrechtlich relevante Bedrohung aufgrund der vorgebrachten Verfahren in Zusammenhang mit ihrem ver- missten Bruder F._______ nicht erkennbar. Einerseits lägen einige dieser Verfahren Jahre zurück oder würden noch gar nicht abgeschlossen er- scheinen beziehungsweise eingeleitet worden sein. Im ersten Fall fehle es an der Aktualität, zum Beispiel in Bezug auf das Verfahren vor dem EGMR; im zweiten Fall habe sie in dieser Sache noch nicht alle möglichen rechtli- chen Schritte ausgeschöpft. Aus den Verweisen auf allgemeine Praktiken und Aussagen des Kadyrov-Regimes lasse sich ebenso wenig eine flücht- lingsrechtlich relevante individuelle Verfolgung für sie persönlich ableiten. Des Weiteren bleibe bezüglich ihrer eigenen Erlebnisse um den Zeitraum der beiden Tschetschenienkriege anzumerken, dass das Asylrecht nicht dazu dienen könne, mögliches erlittenes Un recht wiedergutzumachen – ohne dabei ihre persönliche Betroffenheit durch das Erlebte damit verken- nen zu wollen. Somit fehle es ihren Vorbringen in Verbindung mit ihrer Fa- miliengeschichte der Vergangenheit an der zeitlichen Kausalität, der flücht- lingsrechtlichen Intensität, der begründeten Furcht vor einer gegen -D-6803/2024 Seite 8 wärtigen und zukünftigen Verfolgung oder sie würden sich auf Ereignisse beziehen, für die das Asylrecht nicht als Retribution dienen könne. Auch unter der Annahme, dass aus der ihrer Nichte dargelegten Aufmerk- samkeit durch einen Kadyrov -Mann tatsächlich eine für die Beschwerde- führerin persönlich abgeleitete Furcht begründet werden könnte – eine Schlussfolgerung, die das SEM explizit bestreite –, mache sie Nachteile geltend, die sich aus lokal oder re gional beschränkten Verfolgungsmass- nahmen ableiten würden. Da sie sich diesen Verfolgungsmassnahmen durch einen Wegzug in einen anderen Teil ihres Heimatlandes entziehen könne, sei sie nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. Des Weiteren lasse sich we der aus diesem Vorbringen in Bezug auf ihre Nichte noch durch ihre eigene Familiengeschichte der Vergangenheit für sie ein Risikoprofil ableiten, das eine fortwährende Bedrohung durch die- sen Kadyrov -Mann, geschweige denn das Kadyrov -Regime selbst aus- serhalb der Republik Tschetschenien nachvollziehbar erscheinen lasse. Auch wenn solche durch das Kadyrov -Regime ergriffenen Massnahmen gegenüber missbilligen Personen durchaus auch innerhalb der russischen Föderation bekannt seien, erfülle sie nicht die in diese m Zusammenhang gängigen Kriterien. Einer hypothetischen Bedrohung auch in einer anderen Region Russlands ausgesetzt zu sein, reiche nicht aus, um eine innerstaat- liche Fluchtalternative auszuschliessen, wenn keine hinreichenden spezi- fischen und direkt auf sie bezogene Anzeichen erkennbar seien. Abgesehen davon, dass die Möglichkeit, Militärdienst leisten zu müssen, keine automatisch flüchtlingsrechtliche Relevanz entfalte, sei schliesslich zweifelhaft, inwiefern eine solche im Falle der Beschwerdeführerin tatsäch- lich vollzogen werde. Zwar seien Fälle von Zwangsrekrutierungen in Tschetschenien bekannt, dies treffe jedoch ausschliesslich auf bestimmte männliche Gruppen zu; Zwangsrekrutierungen von Frauen seien keine be- kannt. Es scheine somit unwahrscheinlich, d ass die Beschwerdeführerin als eine bald (…)-jährige Frau mit ihren vorgebrachten gesundheitlichen Beschwerden tatsächlich rekrutiert, geschweige denn auch als diensttaug- lich qualifiziert und später eingezogen werde. Zudem werfe ihre dazu ein- gereichte Vorladung Fragen auf, die Zweifel an deren Authentizität aufkom- men lasse. Bei solchen Vorladungen würden die Personen an die entspre- chenden Oblast-Stellen in der Nähe ihrer offiziellen Wohnadresse einberu- fen. Weshalb bei ihrer Vorladung das Oblast I._______ mit der entspre- chenden Kennzeichennummer verzeichnet worden sei anstatt diejenige der Republik Tschetschenien gemäss ihrer angegebenen Wohnadresse in D-6803/2024 Seite 9 C._______ sei nicht plausibel und schlüssig. Bei ihrer Nichte sei offensicht- lich die entsprechende Kennziffe r für J._______ verwendet worden. Es müsste schon ein sehr grosser Zufall sein, dass sie beide gleichzeitig eine Vorladung zum Militärdienst erhalten hätten, diese dann aber in circa zwei- tausend Kilometer auseinanderliegenden Ortschaften zu ihrer offiziell en Wohnadresse ausgestellt würden. 4.2.2 In ihrer Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht macht die Be- schwerdeführerin im Wesentlichen geltend, der ausschlaggebende Punkt für ihre Flucht sei ihre Festnahme im Juni 2022 gewesen und dass erst- mals auch ihre Nichte beziehungsweise Pflegetochter in den Fokus des Regimes geraten sei. Die Vorbringen, die sie in den Anhörungen erläutert habe, sollten den Kontext verständlich machen, weshalb man als Familien- angehörige von aktiven Kämpfern in den Tschetschenien-Kriegen von den russischen Behörden und dem Kadyrov -Regime verfolgt werde. Sie und ihre Familie hätten Schreckliches durchleben müssen. Das SEM habe wohl recht damit, dass das Asyl nicht der Wiedergutmachung von erlittener Un- bill diene. Jedoch soll es vor zukünftigem Unrecht schützen. Die Inhaftie- rung und was ihr dort gesagt worden sei, habe bestätigt, dass das Regime sie nicht vergesse und so lange verfolge, bis sie ausgelöscht worden sei. Sie habe die Beweismittel vorgelegt, wie ihre Brüder zu Unrecht inhaftiert und danach mit Hausarrest belegt worden seien und wie ihre Schwestern brutal getötet worden seien. Zusätzlich habe sie auch früher schon Inhaf- tierungen und Misshandlungen erlebt. Dass das SEM nun verneine, dass sie auch von der Verfolgung aufgrund ihrer Famil ie betroffen sei, scho- ckiere sie. Es sei allgemein bekannt, dass in Tschetschenien die Angehö- rigen von als Widerstandskämpfer betrachteten Menschen verfolgt wür- den. Dies sei auch heute noch der Fall, wie beispielsweise der Bericht von Human Rights Watch zeige. Sie bitte, nicht wie das SEM die Augen zu ver- schliessen vor diesen Fakten und ihre Vorbringen als lange zurückliegend zu verwerfen. Der zeitliche Zusammenhang ziehe sich in ihren Fällen zwar über Jahrzehnte, jedoch müsse die Gefahr als akut betrachtet werden. Bei einer Rückkehr würde sie zweifelsohne irgendwann wieder in den Fokus geraten. So sei es auch kürzlich ihrer Schwester geschehen, die vor drei Wochen eine polizeiliche Vorladung erhalten habe. Sie habe leider keine Dokumentation davon, da die V orladung mündlich erfolgt sei. Aber sie müsse nun zum Verhör und sie habe grosse Angst, was geschehen werde. Das SEM schreibe konsequent von ihrer Nichte. Ihr sei aber wichtig zu be- tonen, dass sie ihre Pflegetochter sei. Sie hätten eine Mutter -Tochter-Be- ziehung, sodass klar sei, dass sie um ihr Wohl besorgt sei und die Ausreise D-6803/2024 Seite 10 sich aufgedrängt habe, als sich die zusätzliche Gefahr einer Entführung durch das Kadyrow-Regime abgezeichnet habe. Sie werde vom Kadyrow- Mann wohl nicht verfolgt, jedoch fürchte sie um das Leben ihrer Tochter, sollte sie in deren Fänge geraten und sie sei daher indirekt von dieser Ge- fahr betroffen. Es könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass sie zum Ziel dieser Leute werde, wenn sie sich für ihre Tochter und gegen Kadyrow stelle. Das SEM gehe davon aus, dass es sich nur um eine regionale Ver- folgung handle und dass sie sich an einem anderen Ort in Tschetschenien oder dann ausserhalb der Republik innerhalb Russlands niederlassen könne. Sie werde aber doch von den Behörden verfolgt. Diese würden sie auch an anderen Orten auffinden können, weshalb es ihr nicht möglich sei, ausserhalb C._______ ein Leben zu führen. 4.2.3 In der Zwischenverfügung vom 23. Dezember 2024 wurde festgehal- ten, dass die Einwände in der Beschwerde nicht geeignet seien , hinsicht- lich der Frage der Flüchtlingseigenschaft und der Asylgewährung zu einer von derjenigen des SEM abweichenden Beurteilung zu gelangen. Diese Einschätzung ist auch nach einer erneuten Prüfung der Akten zu bestäti- gen. So hat das SEM zutreffend auf den fehlenden zeitlichen Kausalzu- sammenhang, die mangelnde flüchtlingsrechtliche Intensität und die feh- lende begründete Furcht vor einer gegenwärtigen und zukünftigen Verfol- gung hingewiesen. Zwecks Vermeidung von Wiederholungen kann auf die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung beziehungsweise auf die Zu- sammenfassung derselben in Erwägung 4.2.1 verwiesen werden. An der Beurteilung ihrer Vorbringen durch das SEM ändert auch der Einwand in der Beschwerde nichts, dass ihre Schwester vor drei Wochen eine polizei- liche Vorladung erhalten habe, zumal die Beschwerdeführerin für diese Be- hauptung keine Beweismittel vorlegen kann. Im Übrigen hat das SEM auch zu Recht den Schluss gezogen, dass die Beschwerdeführerin als bald (…)- jährige Frau mit ihren vorgebrachten gesundheitlichen Beschwerden kaum mehr dienstpflichtig sein, geschweige denn auch als diensttauglich qualifi- ziert und später eingezogen werden dürfte. An dieser Einschätzung ändern die Einwände in der Beschwerde nichts, da die Beschwerdeführerin keine hinreichend konkreten Argumente geltend macht, die dazu führen könnten, ihr in diesem Zusammenhang eine begründete Furcht vor Verfolgung zu attestieren. Hinsichtlich der Einwände, sie würde bei einer Rückkehr zwei- felsohne irgendwann wieder in den Fokus der Behö rden geraten bezie- hungsweise, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie zum Ziel der Leute werde, die ihrer Tochter (beziehungsweise ihrer Nichte) nachstellten, wenn sie sich für sie einsetzte, ist darauf hinzuweisen, dass ihre diesbe -D-6803/2024 Seite 11 züglich geäusserten, auf blossen Mutmassungen basierenden Befürchtun- gen im flüchtlingsrechtlichen Sinne nicht begründet sind. 4.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass das SEM zu Recht die Flüchtlings- eigenschaft der Beschwerdeführerin verneint und das Asylgesuch abge- lehnt hat. 5. 5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerin verfü gt weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50, je m.w.H.). 5.2 Das SEM hat sodann überzeugend ausgeführt, weshalb der Wegwei- sungsvollzug vorliegend zulässig, zumutbar und möglich sei (vgl. ange- fochtene Verfügung Ziff. III). In der Beschwerde weist die Beschwerdefüh- rerin zwar auf ihre psychischen Beschwerden hin und sie reichte am 20. November 2024 eine Stellungnahme ihrer Ärztin, Frau Dr. K._______, vom (…) 2024 ein. Gleichzeitig räumt sie aber ein, dass einige ihrer ge- sundheitlichen Probleme vermutlich auch in Tschetschenien und Russland behandelbar seien (vgl. Beschwerde S. 3). Inwiefern die sich als ausführ- lich und zutreffenden Argumente des SEM im Zusammenhang mit ihren gesundheitlichen Beschwerden als falsch erweisen würden, legt sie denn auch nicht ansatzweise substantiiert dar. 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung im Lichte von Art. 106 Abs. 1 AsylG und Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 7. Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens sind die Kosten dessel- ben von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten u nd Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der am 6. Januar 2025 in derselben Höhe eingezahlte Kos- tenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden. (Dispositiv nächste Seite) D-6803/2024 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Der eingezahlte Kostenvorschuss wird zur Bezahlung der Verfahrens- kosten verwendet. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Patrick Blumer