B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3518/2020 U r t e i l v o m 2 2 . O k t o b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Barbara Balmelli (Vorsitz), Richterin Esther Marti, Richterin Roswitha Petry, Gerichtsschreiberin Nathalie Schmidlin. Parteien A._______, geboren am (…), Pakistan, vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (verkürzte Beschwerdefrist); Verfügung des SEM vom 10. Juni 2020 / N (…). E-3518/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Angaben im Dezember 2019. In B._______ habe er sich zirka zwei Monate aufgehalten. Am 17. März 2020 reiste er in die Schweiz ein und suchte gleichentags um Asyl nach. Am 20. März 2020 fand die Personalienauf- nahme (PA) statt. A.b Mit Schreiben vom 26. März 2020 forderte die Vorinstanz den Be- schwerdeführer auf, schriftlich einige Fragen zu b eantworten, insbeson- dere zu seinem Aufenthalt in B._______. Am 6. April 2020 führte der da- malige Rechtsvertreter des Beschwerdeführers schriftlich aus, er könne dieser Aufforderung nicht nachkommen, da sich der Beschwerdeführer auf- grund des Coronavirus in Quarantäne befinde und ein Gespräch mit ihm nicht möglich sei. A.c Am 14. April 2020 mandatierte der Beschwerdeführer die ihm zugewie- senen Rechtsvertretung. A.d Die Vorinstanz hörte den Beschwerdeführer am 29. Mai 2020 einläss- lich zu seinen Asylgründen an. Dabei gab der Beschwerdeführer an, er sei ethnischer Hazara schiitischen Glaubens und stamme aus Quetta. Dort lebten seine Mutter, eine Schwes- ter und ein (…). Ein (…) lebe in der Schweiz. Seine Eltern stammten aus C._______. Sein Vater, ein (…), sei seit Jahren verschollen. Seine Mutter sei krank. Er habe (…), um zum Lebensunterhalt seiner Familie beizutra- gen. Im Jahr 2014 habe er sich zwei oder drei Monate im D._______ auf- gehalten. Die Schule habe er i m (…) nach Abschluss der zehnten Klasse beendet. Im Januar 2019 habe er sich am (…) eingeschrieben und dieses ab April 2019 besucht. Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer aus, die Hazara seien in Quetta Zielscheib e von Terroristen. Unbekannte Personen hätten ver- mutlich seine Daten im (…) gestohlen und ihn daraufhin verfolgt. Sie hätten ihm und seinem in der Schweiz lebenden (…) vorgeworfen, keine Muslime mehr zu sein. Eines Tages hätten sie ihn auf dem Weg zum (…) angehal- ten, mit dem Tod bedroht und aufgefordert, sich in dieser Gegend nicht mehr aufzuhalten. Als sie angefangen hätten, ihn zu schlagen, habe er um Hilfe gerufen , worauf seine Verfolger die Flucht ergr iffen hätten. In der Folge sei er per Telefon mit dem Tod bedroht worden, weswegen er fünf E-3518/2020 Seite 3 oder sechs Monate lang das (…) nicht mehr besucht habe. Die Lehrer habe er nicht informiert. Nachdem er während eines Monats keine telefonischen Drohungen mehr erhalten habe, habe er gedacht, sie würden ihn nun ihn Ruhe lassen. Er habe das (…) wieder besucht. Seine Freunde hätten ihn gewarnt, dass sich jeden Tag unbekannte Personen unter Vorlage eines Fotos nach ihm erkundigen würden. An jenem Tag, seien seine Verfolger wieder auf dem Gelände des (…) erschienen, worauf er nach Hause ge- flüchtet sei. In der Nacht hätten sie ih n erneut tele fonisch bedroht. Sein Onkel habe ihm daraufhin geraten, zu seinem (…) in die Schweiz zu reisen. Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer einen Auszug aus dem Fa- milienregister und seine Identitätskarte – beides jeweils in Kopie – ein. B. Am 8. Juni 202 0 stellte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer den Ent- scheidentwurf zu und gewährte ihm das rechtliche Gehör. Am 9. Juni 2020 nahm der Beschwerdeführer Stellung. C. Mit Verfügung vom 10. Juni 2020 verneinte die Vorinstanz die Flüchtlings- eigenschaft des Besch werdeführers, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Den zustän- digen Kanton beauftragte sie mit dem Vollzug der Wegweisung und hän- digte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Akten- verzeichnis aus. D. Am 23. Juni 2020 legte die dem Beschwerdeführer zugewiesene Rechts- vertretung ihr Mandat nieder. E. Mit Eingabe vom 10. Juli 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die Verfügung der Vor - instanz sei vollumfänglich aufzuheben. E s sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeven- tualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, die vorläufige Aufnahme anzuord- nen. Prozessual sei ihm die unentgeltliche Prozessführung, inklusive Ver- zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, und die amtliche Verbei- ständung zu gewähren. E-3518/2020 Seite 4 F. Am 13. Juli 2020 bestätigte das Gericht dem Beschwerdeführer den Ein- gang der Beschwerde. G. Mit Zwischenverfügung vom 21. August 2020 hiess die Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amt- lichen Verbeiständung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. H. Am 2. September 2020 wies die Vorinstanz den Beschwerdeführer dem Kanton E._______ zu. I. In der Vernehmlassung vom 8. September 2020 hielt die Vorinstanz an ih- ren Erwägungen in der angefochtenen Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 A sylG). Der Beschwerde- führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammen- hang mit dem Coronavirus vom 1. April 2020 [Covid-19-Verordnung Asyl, SR 142.318] und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im E-3518/2020 Seite 5 Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub- haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2012/5 E. 2.2). 4. 4.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an das Glaubhaftmachen nach Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht- lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG stand. Anlässlich der Anhörung seien dem Beschwerdeführer verschiedenen Fra- gen zum Bildungsweg gestellt worden. Seine Antworten seien knapp, dürf- tig und teilweise nicht nachvollziehbar gewesen. So habe er angegeben, als Achtjähriger mit der Schule begonnen und im (…) die zehnte Klasse abgeschlossen zu haben. Demnach hätte er für zehn Schuljahre 16 Jahre benötigt, wofür er indes keine Erklärung habe. Auf entsprech ende Nach- frage habe er zwar angegeben, die Schule einmal unterbrochen zu haben, jedoch nicht zu wissen, für wie lange. Zudem habe er angegeben, das (…) fünf oder sechs Monate nach den ersten Bedrohungen nicht mehr besucht zu haben. Die Frage, ob er nach so langer Zeit ans (…) habe zurückkehren können, habe er zunächst mit der Begründung bejaht, die Lehrer wüssten über die Situation der Hazara Bescheid. Erst auf den Hinweis hin, dass ein Schuljahr nach einer so langen Absenz nicht abgeschlossen werden könne, habe er eingeräumt, dass dies so sei, er aber den Lehrern die lange E-3518/2020 Seite 6 Abwesenheit habe erklären wollen. Zudem habe der Beschwerdeführer nicht nachvollziehbar darlegen können, weshalb er das (…) nicht früher über seine Situation informiert habe. Auch die Schilderung der angeblichen Bedrohung sei zu wenig lebhaft ausgefallen, um auf einen Erlebnisbezug schliessen zu können. Ferner habe er die Frage, ob er vor seiner Ausreise schon einmal im D._______ gewesen sei, zunächst verneint und dies erst eingeräumt, als er auf die entsprechende Aussage seines (…) hingewiesen worden sei. Schliesslich habe er angegeben, bei der Ausstellung der Iden- titätskarte die Adresse eines Freundes angegeben zu haben, was er je- doch auf Nachfrage nicht habe plausibel erklären können. Se ine Vorbrin- gen seien insgesamt zu wenig begründet. Bezüglich seines Vorbringens, Hazara seien in Quetta Zielscheibe von Ter- roristen sei festzuhalten, dass nicht glaubhaft sei, dass er persönlich von terroristischen Übergriffen oder vergleichbaren Nachteilen betroffen gewe- sen sei. Gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung sei eine Kollektivverfolgung von ethnischen Hazara schiitischer Religionszugehö- rigkeit zu verneinen. Zwar herrsche in Pakistan insgesamt ein hohes Mass an religiös motivierter Gewalt. Die Angriffe, welche meist von sunnitischen Extremisten ausgehen würden, blieben weitgehend straflos, und es be- stehe kein oder nur ungenügender Schutz gegen die sunnitischen Gewalt- übergriffe. Als Angehörige der schiitischen Minderheit seien Hazara immer wieder religiös motivierten gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt, wobei diesbezüglich in den vergangenen Jahren eine Zunahme zu verzeichnen sei. Gemessen an der Anzahl in Pakistan lebender Hazara erscheine die Zahl der Übergriffe jedoch nicht als ge nügend hoch, als dass von einer Kollektivverfolgung durch Dritte beziehungsweise staatliche Organe aus- gegangen werden müsse. 4.2 In der Rechtsmitteleingabe hält der Beschwerdeführer an der Glaub- haftigkeit und Asylrelevanz seiner Vorbringen fest und rügt damit eine Ver- letzung von Art. 7 und Art. 3 AsylG. Er habe die von der Vorinstanz aufgeführten Widersprüche – sofern es überhaupt solche seien – bezüglich der D auer seines Schulbesuchs und des Aufenthalts im D._______ – auflösen können. Zudem handle es sich lediglich um nebensächliche Details und keinesfalls um entscheidrelevante Aspekte. Aus diesen eine mangelnde Glaubwürdigkeit ableiten zu wollen oder seine übrigen Aussagen als unglaubhaft ein zustufen, gehe nicht an. Er sei als in Quetta lebender ethnischer Hazara schiitischen Glaubens eth-E-3518/2020 Seite 7 nisch-religiös motivierter Verfolgung durch sunnitische Extremisten ausge- setzt. Dies habe er am eigenen Leib zu spüren bekommen, als er von Un- bekannten überfallen, geschlagen und telefonisch bedroht worden sei. Da- mit sei er gezielt persönlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewe- sen. Hinzu komme die Reflexverf olgung durch seinen in die Schweiz ge- flüchteten (…). Dieser habe dasselbe (…) besucht und sei ebenfalls auf dem Weg zum (…) verletzt worden. Gewalttätige Übergriffe gegen in Quetta lebende Hazara hätten zwar in den letzten Jahren leicht abgenom- men. Dies habe jedoch primär damit zu tun, dass Hazara in Quetta richtig- gehend «ghettoisiert» würden. Der pakistanische Staat sei weder schutz- fähig noch schutzwillig. Es sei demnach von einer Kollektivverfolgung d er Hazara in Quetta auszugehen. 5. 5.1 Dem Beschwerdeführer ist beizupflichten, dass es sich bei den Anga- ben zur Dauer des Schulbesuchs und zu seinem Aufenthalt im D._______ nicht um gravierende Widersp rüche handelt, welche seine persönliche Glaubwürdigkeit ernsthaft in Frage stellen würden . So wies er bezüglich der Dauer des Schulbesuchs daraufhin, dass er aufgrund der schlechten finanziellen Situation seiner Familie habe arbeiten müssen. Aus diesem Grund habe er später mit dem (…) begonnen (vgl. Anhörung F41 ff.). Be- treffend den Aufenthalt im D._______ führte er aus, er habe nicht verstan- den, dass sich die Frage auch auf länger zurückliegende Ereignisse be- ziehe (vgl. a.a.O. F90). Indes ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass der vom Beschwerdeführer geltend gemachte Vorfall und die anschliessenden telefonischen Bedro- hungen mangels Substanziiertheit seiner Aussagen nicht glaubhaft sind. Er führte aus, eines Tages sei er von vier unbekannten Personen auf (…) an- gehalten worden. Sie hätten ihm vorgeworfen, sein in der Schweiz leben- der (…) und er seien keine Muslime mehr und er solle sich nicht mehr in dieser Region blicken lassen. Sie hätten begonnen, ihn zu schlagen, wo- rauf andere Personen dazu gestossen seien und seine Verfolger die Flucht ergriffen hätten (vgl. a.a.O. F71). Auch auf Nachfrage blieben seine Schil- derungen zum angeblichen Vorfall vage, substanzlos und ohne Realkenn- zeichen (vgl. a.a.O. F101 ff.). Ferner führte die Vor - instanz zutreffend a us, es sei nicht nachvollziehbar, weshalb der Be- schwerdeführer fünf oder sechs Monate dem (…) ferngeblieben sei, ohne die Lehrer über seine Abwesenheit zu informieren. Auf Nachfrage erklärte er, er hätte dafür ans (…) gehen müssen. Auf den Einwand des Befragers E-3518/2020 Seite 8 hin, wonach er die Lehrer auch telefonisch hätte informieren können, erwi- derte er, sie seien telefonisch sowieso nicht erreichbar. Das pakistanische System sei korrupt (vgl. a.a.O. F145 f.). Sodann gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, wenn man einen Monat nicht ans (…) gehe und die Gebühren nicht bezahle, erhalte ma n einen Brief mit einer Zahlungsaufforderung. Falls man dieser Aufforderung nicht nachkomme, werde man vom (…) aus- geschlossen. Auf Nachfrage führte er im Widerspruch dazu aus, die Regel sei, wenn man die Gebühren nicht bezahle, werde man ins Büro berufen und es werde mündlich mitgeteilt. E r habe keinen Brief erhalten , sondern es sei ihm mündlich mitgeteilt worden (a.a.O. F143 f.). Diese Aussage steht wiederum im Widerspruch zu sei nen Angaben, wonach er sich nach dem Vorfall im (…) 2019 versteckt gehalten habe und aus Angst nicht mehr ans (…) gegangen sei (a.a.O. F105 und F107). Schliesslich erscheint das Vor- bringen des Beschwerdeführers, seine Familie werde nach seiner Ausreise telefonisch bedroht, als nachgeschoben. Dem Beschwerdeführer ist es demnach weder gelungen, eine gezielt ge- gen seine Person gerichtete Verfolgung noch eine Reflexverfolgung auf- grund seines in der Schweiz lebenden (…) glaubhaft zu machen. 5.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in BVGE 2014/32 ausführlich zur Lage der Hazara in Pakistan, insbesondere in der Provinz Belutschis- tan und in der Stadt Quetta geäussert. Dabei führte es aus, als Schiiten gehörten die Hazara in Pakistan zu den von religiöser Gewalt seitens sun- nitischer Extremisten besonders betroffenen Minderheiten. Der pakistani- sche Staat vermöge nicht oder nur unzulänglich vor der Gewalt extremisti- scher Gruppen zu schützen (vgl. a.a.O. E. 6.9). Eine Kollekt ivverfolgung der Hazara sei zwar nicht anzunehmen (vgl. a.a.O. E. 7.2). Hingegen sei die Zugehörigkeit zu dieser ethnischen Minderheit ein starkes Indiz für die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs; ergebe sich aus der persönli- chen Situation eines abgewi esenen Asylsuchenden ein zusätzliches Ge- fährdungsindiz, das über die schwierige generelle Lage hinausgeht, sei der Wegweisungsvollzug als unzumutbar zu bezeichnen (vgl. a.a.O. E. 9.4). Das Bestehen von internen Flucht- oder Aufenthaltsalternativen sei für Ha- zara nur mit äusserster Zurückhaltung anzunehmen (vgl. a.a.O. E. 9.5). 5.3 Diese Lageeinschätzung ist – entgegen der vom Beschwerdeführer in der Rechtsmitteleingabe vertretenen Auffassung – nach wie vor aktuell, und das Bundesverwaltungsgericht stützt sich darauf weiterhin ab (vgl. Ur- teile des BVGer D-773/2020 vom 22. Mai 2020, E-4132/2018 vom 4. Mai 2020 E. 5.1, D-4580/2018 vom 18. November 2019 E. 5.5 und E. 7.3, E-3518/2020 Seite 9 D-2282/2018 vom 5. April 2019 E. 5.5 und E. 7.5, D -6993/2015 vom 6. Februar 2019 E. 6, E-3954/2018 vom 24. Juli 2018 E. 7.3 f. und E. 9.4). 5.4 Die Hazara unterliegen in Pakistan, wie erwähnt, keiner Kollektivverfol- gung und der Beschwerdeführer hat das Vorliegen zusätzlicher Risikofak- toren im Sinne der Rechtsprechung gemäss BVGE 2014/32 nicht glaubhaft machen können. 5.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 6. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 7.2 Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weit ere Anwesen- heit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Auf - nahme zu regeln (BVGE 2009/51 E. 5.4). Auf die Prüfung weiterer Vollzugshindernisse kann diesfalls verzichtet werden. 8. 8.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. E-3518/2020 Seite 10 8.2 8.2.1 Die Zugehörigkeit zur Minderheit der Hazara ist bei der behaupteten geografischen Herkunft, wie erwähnt, ein starkes Indiz für die Unzu - mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. E. 5.2). 8.2.2 Zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges führte die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung aus, im Falle des Beschwerdeführers seien keine zusätzlichen Gefährdungsindizien ersichtlich, welche über die gene- rell schwierige Lage der Hazara in Quetta hinausgehen würden. Er sei we- der politisch aktiv noch habe er Probleme mit den pak istanischen Behör- den gehabt. Seine Mutter sei zwar chronisch krank und der Vater verschol- len. Der Beschwerdeführer sei jedoch gesund und im erwerbsfähigen Alter. Er habe seit seiner Kindheit zum Lebensunterhalt seiner Familie betragen können, weshalb davon auszugehen sei, dass er dies auch nach seiner Rückkehr könne. Zudem könne sein in der Schweiz lebender (…) die Fa- milie in Pakistan finanziell unterstützen. Im Übrigen sei die Glaubhaftigkeit seiner Angaben bezüglich der wirtschaftlichen Situation der Familie nicht uneingeschränkt gegeben. Es sei davon auszugehen, dass der Beschwer- deführer in Quetta über hinreichende soziale und wirtschaftliche Ressour- cen verfüge, um nicht in eine existenzbedrohende Situation zu geraten. 8.3 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen (…)-jährigen, gesun- den Mann mit einer zehnjährigen Schulbildung. Mit seiner Mutter, seiner Schwester, einem Bruder und einem Onkel verfügt er in Quetta über ein familiäres Beziehungsnetz. Der Vater, welcher als (…) für den Unterhalt der Familie aufgekommen ist, gilt seit Jahren als verschollen (vgl. Anhörung. F54 ff.). Gemäss den Angaben des Beschwerdeführers lebt die Familie seit jeher in einer schlechten finanziellen Situation, hatte teilweise nichts zu es- sen und konnte die Strom- und Gaskosten nicht bezahlen (vgl. a.a.O. F41 ff. und F128 ff.). Die Mutter ist chronisch krank und kann nicht zum Unter- halt der Familie beitragen. Bereits in jungen Jahren musste der Beschwer- deführer als (…) zum Unterhalt der Familie beitragen. Seine beiden jünge- ren Geschwister gehen der gleichen Tätigkeit nach, da die Familie auf das Geld angewiesen ist (vgl. a.a.O. F45 ff.). Vor diesem Hintergrund kann das Beziehungsnetz des Beschwerdeführers , entgegen der vorinstanzlichen Ansicht, insbesondere in finanzieller Hinsicht, nicht als tragfähig bezeich- net werden. Demnach liegen beim Beschwerdeführer zusätzliche Gefähr- dungsindizien vor, die über die allgemeine schwierige Lage der Hazara in Quetta hinausgehen. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit als unzumutbar. Da den Akten keine Gründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen sind, ist der Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. E-3518/2020 Seite 11 9. Die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen. Die Ziffern 4 und 5 der Verfü- gung vom 10. Juni 2020 sind aufzuheben und das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegwei- sung vorläufig aufzunehmen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen. 10. 10.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüg- lich seiner Anträge auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, der Asylge- währung und der Aufhebung der Wegweisung unterlegen. Bezüglich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs hat er o bsiegt. Praxisgemäss be- deutet dies ein hälftiges Obsiegen. 10.2 Nach dem Gesagten wären die Verfahrenskosten zur Hälfte dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 21. August 2020 gutgeheissen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 10.3 Der Beschwerdeführer ist im Umfang seines Obsiegens – hier also hälftig – für die ihm erwachsenen notwendigen Kosten zu entschädigen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. VGKE). Der Rechtsvertreter reichte keine Kostennote ein. Auf entsprechende Nachforderung kann verzichtet wer- den, da sich die Vertretungskosten aufgrund der Akten abschätzen lassen (Art. 14 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltung sgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfakto- ren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht zu Lasten der Vorinstanz eine um die Hälfte re- duzierte Parteientschädigung von Fr. 900.– (inkl. hälftige Auslagen) auszu- richten. 10.4 Mit Zwischenverfügung vom 21. August 2020 wurde das Gesuch um Gewährung der amtlichen Verbeiständung gutgeheissen und Rechtsanwalt Urs Ebnöther als amtlicher Rech tsbeistand einzusetzen. Dem Rechtsver- treter ist demnach der weitere Aufwand hälftig zulasten der Gerichtskasse als amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 900.– (inkl. hälftige Auslagen) auszurichten. E-3518/2020 Seite 12 (Dispositiv nächste Seite) E-3518/2020 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen. Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung vom 10. Juni 2020 werden aufgehoben. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. 2. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführer vorläufig aufzuneh- men. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteient schädigung von insgesamt Fr. 900.– auszurichten. 5. Dem amtlichen Rechtsvertreter wird durch das Bundesverwaltungsgericht ein Honorar von Fr. 900.– ausgerichtet. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Barbara Balmelli Nathalie Schmidlin Versand: