B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4592/2013 U r t e i l v o m 8 . J a n u a r 2 0 1 4 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richter Walter Stöckli, Richter Thomas Wespi, Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren (…), Türkei, vertreten durch Dr. iur. Oliver Brunetti, BAS Beratungsstelle für Asylsuchende der Region Basel, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisung); Verfügung des BFM vom 10. Juli 2013 / N (…). D-4592/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ist türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._______ (Südostanatolien). Sie verliess ihr Heimatland am 28. März 2012 und reiste am 31. März 2012 in die Schweiz ein. Am darauf folgenden Tag suchte sie im Empfangs- und Ver- fahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl nach. B. Die Beschwerdeführerin wurde am 13. April 2012 zu ihrer Person und summarisch zum Reiseweg sowie ihren Gesuchsgründen befragt (Befr a- gung zur Person [BzP]). Eine eingehende Anhörung zu den Asylgründen fand am 15. Juni 2012 statt. C. In diesen Befragungen machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, dass ihre Eltern sie mit ihrem Cousin h ätten zwangsverheiraten wollen. Ausserdem sei sie von ihrer Familie geschlagen, bedroht und ein- gesperrt worden. Im Rahmen der Anhörung beim BFM reichte die Beschwerdeführerin mehrere Artikel über Ehrenmorde und einen Artikel über das Zwangshe i- ratsverbot in der Schweiz zu den Akten. D. Am 24. Januar 2013 heiratete die Beschwerdeführerin einen türkische n Staatsangehörigen, welcher über eine Niederlassungsbewilligung "C" ver- fügt. Anlässlich der Ehevorbereitung übergab die Beschwerdeführerin ihre türkische Identitätskarte (Nüfus) den kantonalen Behörden, welche die se zuhanden des BFM sicherstellten. E. Mit Verfügung vom 10. Juli 2013 – eröffnet am 15. Juli 2013 – verneinte das BFM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin und lehnte ihr Asylgesuch ab. Eine Wegweisung wurde nicht verfügt, da deren allfä l- lige Anordnung in die Zuständigkeit der kantonalen Behörden fällt. F. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 14. August 2013 focht die B e- schwerdeführerin die ablehnende Verfügung beim Bundesverwaltungsge- richt an. Dabe i beantragte sie die Aufhebung der angefochtenen Verfü-D-4592/2013 Seite 3 gung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Mit der Beschwerdeschrift wurde ein Arztbericht von C._______ vom (…) August 2013 eingereicht. G. Mit Zwischenverfügung vom 20. August 2013 wurde die Beschwerdefü h- rerin aufgefordert , einen Kostenvorschuss zu leisten, welcher am 2. September 2013 fristgerecht einbezahlt wurde. H. In seiner Vernehmlassung vom 19. September 2013 nahm das BFM zu den Vorbringen in der Beschwerdeschrift Stellung und beantragte die Ab- weisung der Beschwerde. I. In der Replik vom 8. Oktober 2013 äusserte sich die Beschwerdeführerin zur vorinstanzlichen Vernehmlassung. J. Mit Zwischenverfügung vom 18. Oktober 2013 wurde die Beschwerdefüh- rerin auf verschiedene Widersprüche in den Schilderungen des Sachve r- halts hingewiesen und ihr Gelegenheit geboten, sich zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu äussern. Am 15. November 2013 reichte die B e- schwerdeführerin ihre Stellungnahme ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende D-4592/2013 Seite 4 Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Be - schwerdefürherin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungswe ise Änd e- rung. Sie ist daher zur Einre ichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtser heblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wese ntli- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den D-4592/2013 Seite 5 Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin begründete ihr Gesuch damit, dass sie kurdi- scher Volkszugehörigkeit sei und aus B._______ stamme. Sie habe nie Probleme mit den türkischen Behörden gehabt. Allerdings habe ihre F a- milie sie gegen ihren Willen mit einem Cousin verheiraten wollen, we l- chem sie bereits als Kind versprochen wor den sei. Ihr Vater habe sie g e- schlagen und eingesperrt, um seiner Anordnung Nachdruck zu verleihen. Nachdem ihr Vater ihr mitgeteilt habe, dass die Hochzeit im Juni 2012 stattfinden werde , habe sie sich entschieden, die Familie zu verlassen . Zuerst habe sie versucht, sich dem bewaffneten kurdischen Kampf anzu- schliessen, sei jedoch nicht aufgenommen worden . Sie habe sich im Ja- nuar 2012 nach C._______ zu einer Freundin begeben und sei am 28. März 2012 mit Hilfe von Schleppern an Bord eines Lastwagens ausg e- reist. Bei einer Rückkehr in die Heimat befürchte sie, aufgrund ihres Ve r- haltens von Familienangehörigen getötet zu werden . Sie habe von einer Freundin erfahren, dass ihr Vater, ihr Onkel, ihr Cousin und ihre Brüder ih- re Mutter beschuldigen würden, und diese geschlagen worden sei. Die Familienangehörigen würden überdies darüber beraten, was mit ihr (der Beschwerdeführerin) geschehen solle. Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin drei Internetartikel über Ehrenmorde (einer betreffend einen Mord in B._______, einen hinsichtlich einer Bekannten und einen über eine Tötung in Berlin) sowie einen Zei- tungsartikel über das Verbot von Zwangsheirat in der Schweiz zu den Ak- ten. 4.2 Das BFM liess in der angefochtenen Verfügung die Glaubhaftigkeit der Fluchtgeschichte offen, führte jedoch aus, die Vorbringen seien nicht asylrelevant. Nicht-staatliche Übergriffe seien nur dann beachtlich, wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkomme. Von effektiver Schut z- gewährung sei auszugehen, wenn geeignete Massnahmen zur Ve rhinde- rung von Verfolgungshandlungen getroffen würden, insbesondere durch wirksame Polizei- und Justizorgane, zu denen der Zugang sichergestellt sei. Die Beschwerdeführerin werde durch ihre Familienangehörigen und somit durch nicht -staatliche Drittpersonen verfolgt. Sie habe bereits in B._______ die Möglichkeit gehabt, bei den zuständigen Behörden oder etwa Frauenhäusern um Schutz zu ersuchen. Dies habe sie jedoch nicht getan. Die türkischen Behörden seien gegenüber solchen Bedrohungsl a-D-4592/2013 Seite 6 gen sensibilisiert , und es sei von einer wirksamen Schutzinfrastruktur auszugehen. Die Beschwerdeführer in habe auch tatsächlichen Zugang zu diesen Institutionen, indem sie als selbständige Frau über eine gute Ausbildung und berufliche Erfahrung verfüge, wodurch sie sich bei de n zuständigen Behörden Gehör verschaffen könne, nötigenfalls mit Hilfe e i- nes Anwalts. Zudem verfüge sie über eine innerstaatliche Schutzalterna- tive, indem sie sich in einer türkischen Grossstadt niederlassen könnte. Zu denken sei etwa an C._______, wo sie bereits vorübergehend bei ei- ner Freundin gelebt habe. Aufgrund ihrer Ausbildung und Berufserfahrung erscheine eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Eingliederung mö g- lich. Die subjektive Furcht der Beschwerdeführerin, überall in der Türkei gefährdet zu sein, sei daher objektiv unbegründet. Da die Beschwerd e- führerin bisher keine Komplikationen mit dem türkischen Staat gehabt habe und lediglich kurz erfolglos versucht habe, sich dem kurdischen W i- derstand anzuschliessen, seien auch keine Nachteile seitens der türk i- schen Behörden zu befürchten. 4.3 Die Beschwerdeführerin hielt diesen Erwägungen entgegen, dass die Vorinstanz die Glaubhaftigkeit der Ausführungen nicht angezweifelt habe und daher von diesem Sachverhalt auszugehen sei. Als Ergänzung sei anzufügen, d ass die Beschwerdeführerin während ihres Aufenthalts in C._______ von einem Bekannten vergewaltigt worden sei, worüber sie in der Anhörung nicht habe berichten können. Die Vergewaltigung habe sie erstmals gegenüber ihrem Psychiater erwähnt und habe auch do rt nur sehr eingeschränkt darüber berichten können. Dem BFM sei zwar zuz u- stimmen, dass der türkische Staat in jüngster Zeit vermehrt Anstrengu n- gen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt unternommen habe. Dennoch könne nicht von einem effektiven Schutz ausgegange n werden , indem etwa die Gesetze nicht umgesetzt würden. Selbst wenn man von einem genügenden Schutz ausgehen würde, wäre der Beschwerdeführerin de s- sen Inanspruchnahme nicht zumutbar. Sie sei durch ihre traumatisiere n- den Erlebnisse schwer gezeichnet, wodur ch sie nicht in der Lage wäre, sich effektiven Schutz bei den Behörden zu verschaffen. Dadurch sei auch das Vorliegen einer innerstaatlichen Schutzalternative zu verneinen. 4.4 In der Vernehmlassung führte das BFM aus, dass die Wegweisung sowie der Wegweisungs vollzug nicht Prozessgegenstand sei en und da- her keine Veranlassung bestehe, sich zu den psychischen Problemen der Beschwerdeführerin zu äussern. Der Beschwerdeführerin könne die I n- anspruchnahme des staatlichen Schutzes zugemutet werden und ihre diesbezügliche Unterlassung in der Vergangenheit könne nun nicht den D-4592/2013 Seite 7 staatlichen Behörden angelastet werden. Das staatliche Schutzniveau fal- le je nach Region unterschiedlich aus, indem im Osten des Landes eher Defizite auszumachen seien, während im Westen und Südwesten die Schutzfähigkeit eindeutig zu bejahen sei. Der Beschwerdeführerin könne aufgrund ihrer Biografi e zugemutet werden, sich in anderen Regionen niederzulassen, um d adurch einer Gefährdung in B._______ zu entg e- hen. Die erst auf Beschwerdeebene geltend gemachte Vergewaltigung stelle ebenfalls einen rein kriminellen Übergriff von privater Seite dar, wo- vor sie bei staatlichen Stellen Schutz erlangen könne. 4.5 In der Replik wurde diesen Ausführungen entgegnet, dass – obwohl der Wegweisungsvollzug nicht Gegenstand des Verfahrens sei – die psy- chischen Beschwerden dennoch bei der Beurteilung einer innerstaatl i- chen Schutzalternative entscheidende Bedeutung besässen. So müsse eine alternative Schutzsuche im Lichte der aktuellen Rechtsprechung der privat verfolgten Person auch zumutbar sein. Dies setze voraus, dass der betreffenden Person individuell zugemutet werden könne, sich am Z u- fluchtsort längerfristig niederzulassen und eine neue Existenz aufzuba u- en. Das BFM führe aus, dass die Schutzgewährung insbesondere in den Städten der Westtürkei zu bejahen und der Beschwerdeführerin eine dor- tige Wohnsitznahme zumutbar sei. Dabei werde verkannt, dass die U m- setzung der in der Türkei jüngs t erfolgten Sensibilisierung hinsichtlic h frauenspezifischer Verfolgung landesweit noch sehr mangelhaft ausfalle , woraus sich trotz anderslautender Gesetze (noch) ein mangelhafter Schutz ergebe. Im Gegensatz zu den in der Beschwerde genannten B e- richten vertrauenswürdiger Institutionen belege das BFM sein andersla u- tendes Fazit in keiner Weise. Auf subjektiver Ebene werde verkannt, dass bei der Beschwerdeführerin ärztlich attestiert davon auszugehen sei, eine Rückkehr in die Türkei würde zu einer Retraumatisi erung, verbunden mit einer wesentlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes und e i- ner akuten Suizidgefahr , führen. Die Möglichkeit einer Behandlung im Heimatstaat sei daher zu verneinen. Folglich könne vorliegend auch nicht von einer zumutbaren inner staatlichen Schutzalternative ausgegangen werden. 5. 5.1 Das BFM kam zu Recht zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt. Einleitend ist zu erwähnen, dass auch durch die Stellungnahme ihres Rechtsvertreters zur teils wide r- sprüchlichen Sachverhalts darstellung die Zweifel an deren Glaubhaftig- keit nicht vollständig beseitigt werden konnten. Wie jedoch bereits vom D-4592/2013 Seite 8 BFM ausgeführt, kann die Glaubhaftigkeit der Asylgründe offenbleiben. Die Beschwerdeführerin macht e eine Verfolgung durch nicht -staatliche Akteure geltend, indem sie angab, wegen ihrer Weigerung, ihren Cousin zu ehelichen, wolle ihre Familie sie umbringen. Soweit auf Beschwerd e- ebene geltend gemacht wurde, den türkischen Behörden fehle es sowohl an Schutzfähigkeit als auch an Schutzwille, die von (häuslicher) Gewalt betroffenen Frauen vor ihren Peinigern zu schüt zen, ist Folgendes fes t- zuhalten: Die Türkei hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich Schri t- te zur Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation der Frauen im Allgemeinen sowie im Besonderen zu deren Schutz vor Über - griffen mit soziokulturellem Hintergrund bis hin zum Ehrenmord unter - nommen. So trat im Jahre 1998 das Familienschutzgesetz Nr. 4320 in Kraft, welches im Jahre 2007 ergänzt wu rde und auf Gewaltprävention, Opferschutz sowie Bestrafung von Übergriffen abzielt. Zu diesem Zweck wurden 166 Familiengerichte eingerichtet, von denen derzeit 157 operat i- onell sind; der Zugang zu diesen Gerichten ist für die klagende Partei kostenlos, wie im Übrigen auch die Vollstreckung eines allfälligen Urteils. Mit einer entsprechenden Revision des türkischen Strafgesetzbuches wurden im Jahre 2004 zudem die Strafrahmen von Straftaten gegen Frauen erhöht und gleichzeitig die früher bestehenden Strafmild erungs- gründe in Fällen von Ehrenmord und Vergewaltigung aufgehoben; g e- mäss Art. 82 des türkischen Strafgesetzbuches gilt Ehrenmord nunmehr als qualifiziertes Tötungsdelikt, welches mit lebenslänglicher Gefängni s- strafe zu ahnden ist (vgl. Urteil des Bundesv erwaltungsgerichts D-5327/2009 vom 26. März 2010 E. 6.3.3, mit weiteren Hinweisen). B e- reits i m Jahr e 1990 wurden die offiziell als "Gästehäuser" bekannten Frauenhäuser in der Türkei eröffnet, um Hilfe für Opfer von häuslicher verbaler, emotionaler, wirtschaftlicher, sexueller oder körperlicher Gewalt zu bieten. Die Einrichtungen sind bemüht, die Frauen derart zu stärken, dass sie am Ende wirtschaftliche Unabhängig keit erlangen können , und helfen auch bei der Lösung psychologischer oder sozialer Probleme , mit denen sich die Hilfesuchenden konfrontiert sehen (vgl. www.deutsch- tuerkische-nachrichten.de > Häusliche Gewalt in der Türkei: Rund 11'000 Frauen in staatlicher Obhut , vom 3. Dezember 2012, aufgerufen am 10. Dezember 2013). Das Ministerium arbeitet am Ausbau der Infrastruk- tur, um sicherzustellen, dass in jeder türkischen Provinz mindestens eine dieser Zufluchtstätten vorhanden ist. Mit Stand vom 19. November 2012 betrug die Anzahl der türkischen Frauenhäuser 76 (vgl. a.a.O .). Auf dem 30. Kongress über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau in der Türkei (CEDAW) sagte Fatma Şahin, die türkische Familie n- ministerin, dass die Aktionen gegen diejenigen, die Ge walt gegen Frauen D-4592/2013 Seite 9 anwenden würden, verstärkt worden seien (vgl. www.deutsch-tuerkische- nachrichten.de > Familienministerin Şahin: "Häusliche Gewalt ist schli m- mer als Rassismus", vom 3. November 2012, aufgerufen am 10. Dezember 2013). Im Jahr 2011 hat die Türkei eine neue europäische Konvention unterzeichnet, mit welcher der Europarat konkret gegen häus- liche Gewalt vorgehen will. Die neue europäische Konvention soll Frauen besser vor Gewalt und häuslichen Übergriffen schützen. Die entspr e- chende Übereinkunft wurde bei einem Aussenministertreffen des Europa- rates von 13 Staaten unterzeichnet, unter anderem von Deutschland, Ös- terreich und der Türkei. In dem Dokument verpflichten sich die Staaten erstmals auf ein konkretes Vorgehen gegen häusliche Gewalt (vgl. www.zeit.de > Gesellschaft > Neue Konvention > Europarat be kämpft Gewalt gegen Frauen, vom 11. Mai 2011, aufgerufen am 10. Dezember 2013). Dass die Türkei die Konvention in den Verhandlungen unter stützt und unterzeichnet hat, gilt als Erfolg (vgl. a.a.O.). So wird denn auch die Konvention von Menschenrechtlern als bahnbrechend be zeichnet. Ein Vertreter der Organisation "Human Righ ts Watch" sagte, es handle sic h dabei um das erste, rechtlich verbindliche internationale Dokument, das einen übergreifenden rechtlichen Rahmen zur Bekämp fung von Gewalt gegen Frauen schaffe (vgl. a.a.O.). Anfang März 2012 wurde in der Türkei ein Gesetz verabschiedet, das Frauen besser vor häuslicher Gewalt schützen soll. Die wichtigste Neuerung dieses Geset zes ist, dass alle Frauen unabhängig von ihrem Beziehungsstatus An recht auf Schu tz ha- ben. Ausserdem soll die Polizei nun schneller auf Anzeigen und Hilfeg e- suche durch Betroffene reagieren (vgl. www.big-berlin.info > BIG newslet- ter Ausgabe 33 // Juni 2012 > Türkei > Neues Ge setz zum Schutz vor häuslicher Gewalt, aufgerufen am 10. Dezember 2013). Ausserdem wur- den unter dem Gesetz Nr. 6284 über die Verhütung von Ge walt gegen Frauen (verabschiedet am 8. März 2012) vorbeugende Massnahmen ge- gen häusliche Gewalt und Missbrauch ger egelt (vgl. www.deutsch- tuerkische-nachrichten.de > Häusliche Gewalt in der Türkei: Rund 11'000 Frauen in staatli cher Obhut, vom 3. Dezember 2012, aufgerufen am 10. Dezember 2013). Zudem wurden unter diesem Gesetz 14 neue Zen t- ren zur Gewaltprävention und Überwachung (ŞÖNIM) geschaffen, weitere seien geplant, und bis Ende dieses Jahres sollte jede Provinz über eines dieser Zentren verfügen (vgl. a.a.O.; vgl. zum Ganzen Urteil des Bunde s- verwaltungsgerichts D-4016/2013 vom 24. September 2013 E. 5.2). 5.2 Auch wenn – wie in der Beschwerde vorgebracht und was an sich nicht zu bestreiten ist – in der Türkei nach wie vor häufig Ehrenmorde ge- schehen, so bedeutet dies keineswegs, dass die bedrohten Frauen inner-D-4592/2013 Seite 10 familiären Übergriffen völlig schutzlos ausgel iefert wären. Vielmehr zeigt sich gemäss vorstehenden Ausführungen, dass die türkischen Behörden entschlossen sind, gegen das Phänomen der Ehrenmorde effektiv vorz u- gehen und dass sie grundsätzlich auch in der Lage sind, Schutz zu g e- währen. Daran vermögen a uch die Hinweis e auf die beiden in Zeitungs- berichten der Jahre 2010 und 2011 genannten Ehrenmorde in B._______ nichts zu ändern, zumal diese keinen direkten Bezug zur Beschwerdefüh- rerin aufweisen. Entgegen den anderslautenden Ausführungen auf B e- schwerdeebene ist somit in Übereinstimmung mit der Vorinstanz vom b e- hördlichen Schutzwillen und der behördlichen Schutzfähigkeit auszuge- hen. Dies trifft insbesondere auf die türkischen Grossstädte zu, so dass die Beschwerdeführerin sich allenfalls dort niederzulassen hätte. 5.3 Zu Recht wird in der Beschwerde darauf hingewiesen, dass die Ina n- spruchnahme einer staatlichen Schutzinfrastruktur der betroffenen Person auch subjektiv zumutbar sein müsse (vgl. dazu etwa BVGE 2013/5 E. 5.4.3 S. 57; BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 38 ; Entscheidungen und Mitteilun- gen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 18 E. 10.3.1 und 10.3.2 S. 203). 5.4 Dies ist im vorliegenden Fall zu bejahen. Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich um eine selbständige Frau mit guter Ausbildung und be- ruflicher Erfahrung, wodurch von ihr erwartet werden kann, dass sie sich bei den zuständigen Behörden Gehör verschaffen kann, nötigenfalls mit Hilfe eines Anwalts. An dieser Einschätzung vermögen auch die mit Beschwerde geltend g e- machten psychischen Probleme der Beschwerdeführerin nichts zu ä n- dern. Gemäss Arztbericht vom (…) August 2013 leidet sie an einer Pos t- traumatischen Belastungsstörung (PTBS; ICD-10 F43.1) und einer rezidi- vierenden depressiven Störung (ICD -10 F33.11). Die Türkei verfügt je- doch über eine medizinische Infrastruktur, welche eine Therapie dieser psychischen Leiden ermöglicht. Auch wenn in der Türkei der Standard der Behandlung von psychisch Erkrankten nicht dem schweizerischen Sta n- dard entsprechen dürfte, ist grundsätzlich davon aus zugehen, dass es der Beschwerdeführerin möglich wäre, die notwendigen ärztlichen B e- handlungen zu erhalten. Psychotherapien können in Universitätsspitälern oder in landesweit tätigen psychiatrischen Einrichtungen, welche über ausgebildetes Personal verfügen , durchgeführt werden (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts D -5797/2012 vom 12. März 2013 E. 12.5.3 und D -1062/2012 vom 10. Januar 2013 E. 11.4.3). Einer allfälligen D-4592/2013 Seite 11 Retraumatisierung im Zusammenhang mit der Rückkehr in die Heimat könnte mit geeignet er psychiatrischer Betreuung im Zeitraum der Rüc k- kehr begegnet werden. Somit sind keine individuellen Gründe ersichtlich, welche die Inanspruchnahme der staatlichen Schutzinfrastruktur – even- tuell verbunden mit der Niederlassung in einer türkischen Grossst adt – als unzumutbar erscheinen lassen würden. 5.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Türkei hinsichtlich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten privaten Verfolgung als schutzwillig und schutzfähig zu erachten ist, und dass der Beschwerd e- führerin die Inanspruchnahme dieses Schutzes zumutbar ist. Somit hat das BFM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylg e- such abgelehnt. 6. Wie von der Vorinstanz zu Recht ausgeführt, fällt die Prüfung des We g- weisungs- und Wegweisungsvollzugspunkts vorliegend in die Zuständi g- keit der kantonalen Migrationsbehörden, wodurch darüber nicht weiter zu befinden ist. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerdefüh- rerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 600. – festzusetzen (Art. 1 –3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Sie sind mit dem in gleicher Höhe geleisteten Kostenvo r- schuss zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite) D-4592/2013 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 600. – werden der Beschwerdeführerin au f- erlegt. Sie werden mit dem in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss verrechnet. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Linus Sonderegger Versand: