<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 46 S.265</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">265</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"> <p><span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>46</b></span> <span class="ft2"><b>Kürzung der materiellen Hilfe</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Grenze der Kürzung bei gebundenen Auslagen (§ 15 Abs. 2 SPV).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 23. Dezember 2008 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen Einwohnergemeinde X. gegen das Bezirksamt Bremgarten</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2008.315).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">2.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 15 Abs. 2 SPV liegt die Grenze der zulässigen Kür-</span><br/> <span class="ft1">zungen bei 65 % des Grundbedarfs, wobei diese Grenze auch bei der</span><br/> <span class="ft1">Kürzung von gebundenen Ausgaben nicht unterschritten werden darf.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend hat die Sozialbehörde auf eine Kürzung des Grund-</span><br/> <span class="ft1">bedarfs II verzichtet, indessen für den Autoeinstellplatz (Fr. 110.--),</span><br/> <span class="ft1">für die Krankenversicherung nach VVG (Fr. 150.--), für drei Bastel-</span><br/> <span class="ft1">räume (Fr. 360.--) und für Autobetriebskosten (Fr. 350.--) gebunde-</span><br/> <span class="ft1">nen Ausgaben als (hypothetisches) Einkommen in der Höhe von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 970.-- aufgerechnet und zudem bei der Bedarfsberechnung den</span><br/> <span class="ft1">Autoabzug (Fr. 350.--) eingesetzt. Begründet werden die Aufrech-</span><br/> <span class="ft1">nungen im Wesentlichen mit nicht nachvollziehbaren Vermutungen</span><br/> <span class="ft1">zu Einkommen aus Teppichhandel oder "andern Geldquellen" und</span><br/> <span class="ft1">unklaren Angaben zu früheren oder neuen Bankkonten oder "Bar-</span><br/> <span class="ft1">zahlungsverkehr". Die Begründung erstaunt vor allem, weil der So-</span><br/> <span class="ft1">zialdienst im Beschluss vom 18. Dezember 2006 den geringen Ver-</span><br/></p> </div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">266</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mögenswert des Teppichlagers festgestellt und auf eine Verwertung</span><br/> <span class="ft1">verzichtet hatte. Die aufgerechneten Auslagen sind aber unbestritten</span><br/> <span class="ft1">Aufwand des Beschwerdegegners und belegen allenfalls eine</span><br/> <span class="ft1">zweckwidrige Verwendung der Sozialhilfe, können aber keinesfalls</span><br/> <span class="ft1">mit (hypothetischen) Einnahmen gleichgesetzt werden. Vorausset-</span><br/> <span class="ft1">zungen für die Aufrechnung gebundener Ausgaben sind ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechende Anordnungen an die Hilfe suchenden Personen mittels</span><br/> <span class="ft1">Auflagen und Weisungen (vgl. SKOS-Richtlinien, Kapitel A.8).</span><br/> <span class="ft1">Die Sozialbehörde hat somit die materielle Unterstützung an</span><br/> <span class="ft1">den Beschwerdegegner und seine Familie um insgesamt Fr. 1'320.--</span><br/> <span class="ft1">an gebundenen Auslagen gekürzt und mit der zusätzlichen Kürzung</span><br/> <span class="ft1">um 18 % des Grundbetrags (Fr. 377.--) die Kürzungsgrenze von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 933.25 (Fr. 2'095.-- x 35 % + Fr. 200.-- Grundbedarf II) um</span><br/> <span class="ft1">Fr. 763.75 überschritten.</span><br/> <span class="ft1">Die Überprüfung der vorinstanzlichen Berechnung (Fr. 350.--</span><br/> <span class="ft1">Autoabzug; Fr.</span> <span class="ft1">438.-- gebundene Auslagen; 10</span> <span class="ft1">%-Kürzung</span><br/> <span class="ft1">Fr. 209.50) ergibt ein Total von Fr. 997.50 und liegt damit um</span><br/> <span class="ft1">Fr. 64.25 über der für die Existenzsicherung zulässigen Kürzung.</span><br/> <span class="ft1">2.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Nach den Feststellungen der Vorinstanz wird die Miete für den</span><br/> <span class="ft1">(dritten) Bastelraum und für den Autoabstellplatz vom Bruder des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdegegners übernommen. Gemäss der Bestätigung vom</span><br/> <span class="ft1">12. Februar 2008 bezahlt der Bruder diese Mietkosten.</span><br/> <span class="ft1">Zu den eigenen Mitteln gehören alle geldwerten Leistungen,</span><br/> <span class="ft1">u.a. alle Einkünfte und Forderungen sowie Zuwendungen aller Art</span><br/> <span class="ft1">(§ 11 Abs. 1 SPG). Zuwendungen im Sinne dieser Bestimmung sind</span><br/> <span class="ft1">freiwillige Leistungen Dritter mit einem wirtschaftlichen Wert, die</span><br/> <span class="ft1">ansonsten über den Grundbedarf zu decken sind (§ 11 Abs. 2 SPV).</span><br/> <span class="ft1">Ist tatsächlich davon auszugehen, dass die Mieten für den Abstell-</span><br/> <span class="ft1">platz und einen Bastelraum vom Bruder des Beschwerdegegners be-</span><br/> <span class="ft1">zahlt werden und Letzterem kostenlos zur Verfügung stehen, liegt</span><br/> <span class="ft1">eine private Leistung im Sinne der zitierten Bestimmung vor. Erfolgt</span><br/> <span class="ft1">die Leistung nicht in Bargeld bzw. kann sie nicht unmittelbar zur Be-</span><br/> <span class="ft1">streitung des Lebensunterhalts herangezogen werden, so ist eine An-</span><br/> <span class="ft1">rechnung als Einkommen nicht zulässig, zumal weder der Abstell-</span><br/> <span class="ft1">platz noch der zusätzliche Bastelraum zum Grundbedarf des Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">267</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schwerdegegners und seiner Familie gehören. Die Sozialbehörden</span><br/> <span class="ft1">hatten schliesslich von den Bastelräumen des Beschwerdegegners</span><br/> <span class="ft1">seit 21. Juni 2006 Kenntnis, bis heute wurde dem Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft1">aber keine Auflage oder Weisung zur Kündigung der Mietverträge</span><br/> <span class="ft1">erteilt.</span><br/> <span class="ft1">Die Kürzungen der Vorinstanz sind somit nur in der Höhe von</span><br/> <span class="ft1">insgesamt Fr. 559.50 (Fr. 350.-- Autoabzug + Fr. 209.50 Kürzung</span><br/> <span class="ft1">Grundbetrag) rechtmässig.</span><br/> <span class="ft1">2.5. (...)</span><br/> <span class="ft1">2.6.</span><br/> <span class="ft1">Im Hinblick auf die Frage, ob in Zukunft nach rechtsgenügli-</span><br/> <span class="ft1">cher Auflage bzw. Weisung und Verwarnung erneut eine Kürzung der</span><br/> <span class="ft1">materiellen Hilfe angeordnet werden könnte, sofern der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdegegner weiterhin die Bastelräume und den Abstellplatz</span><br/> <span class="ft1">mietet bzw. Mietkosten trägt, erscheinen folgende Aspekte wesent-</span><br/> <span class="ft1">lich:</span><br/> <span class="ft1">2.6.1.</span><br/> <span class="ft1">Vermuten die Sozialbehörden, der Beschwerdegegner verfüge</span><br/> <span class="ft1">über ein nicht deklariertes bzw. nicht nachweisbares Einkommen, mit</span><br/> <span class="ft1">welchem er diese oder andere Auslagen finanziert, so sind sie gehal-</span><br/> <span class="ft1">ten, entsprechende Abklärungen zu treffen (§ 20 Abs. 1 VRPG). Es</span><br/> <span class="ft1">ist klarerweise nicht zulässig, die Unterstützungsleistungen allein</span><br/> <span class="ft1">aufgrund vermuteter, aber in keiner Art und Weise nachgewiesener</span><br/> <span class="ft1">Einkünfte zu kürzen oder einzustellen. Die erforderlichen Auskünfte</span><br/> <span class="ft1">können nötigenfalls mittels Verfügung eingeholt werden; werden sie</span><br/> <span class="ft1">verweigert, kann dies - nach entsprechender Verwarnung - mit einer</span><br/> <span class="ft1">Kürzung oder gegebenenfalls Verweigerung der Unterstützungslei-</span><br/> <span class="ft1">stungen geahndet werden (§ 15 SPV).</span><br/> <span class="ft1">2.6.2.</span><br/> <span class="ft1">Ist davon auszugehen, dass der Beschwerdegegner solche Aus-</span><br/> <span class="ft1">lagen durch eine Zweckentfremdung von Sozialhilfegeldern finan-</span><br/> <span class="ft1">ziert, drängt sich gestützt auf § 13 SPG z.B. die Auflage bzw. Wei-</span><br/> <span class="ft1">sung auf, die Mietverträge zu kündigen. Wird sie und die ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechende Verwarnung (§ 13 Abs. 2 SPG) nicht befolgt, rechtfertigt</span><br/> <span class="ft1">sich eine Kürzung gemäss § 15 SPV. Diese Massnahme ist indessen</span><br/> <span class="ft1">zu befristen oder an die auflösende Bedingung zu knüpfen, dass die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">268</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Kürzung dahin fällt, sobald die Auflage bzw. Weisung erfüllt ist.</span><br/> <span class="ft1">Dem Sozialhilfeempfänger soll schliesslich die Gelegenheit geboten</span><br/> <span class="ft1">werden, sich wiederum kooperativ zu verhalten (Felix Wolffers,</span><br/> <span class="ft1">Grundriss des Sozialhilferechts, 2. Auflage, Bern 1999, S. 169).</span><br/> <span class="ft1">2.6.3.</span><br/> <span class="ft1">Eine Auflage oder Weisung im dargestellten Sinne erschiene im</span><br/> <span class="ft1">Übrigen auch dann vertretbar, wenn zwar solche Auslagen während</span><br/> <span class="ft1">der Dauer der Sozialhilfe vollumfänglich drittfinanziert wären, das</span><br/> <span class="ft1">Geld aber später zurückbezahlt werden müsste. Unter "Verhaltensre-</span><br/> <span class="ft1">geln, die nach den Umständen angebracht erscheinen" (§ 14 lit. f</span><br/> <span class="ft1">SPV), lassen sich auch Anordnungen subsumieren, welche einer Ver-</span><br/> <span class="ft1">schuldung entgegenwirken.</span><br/> <span class="ft1">2.6.4.</span><br/> <span class="ft1">In jedem Fall ist es unabdingbar, dass die Sozialbehörden genau</span><br/> <span class="ft1">angeben, gestützt auf welchen Sachverhalt (nicht deklariertes Ein-</span><br/> <span class="ft1">kommen [siehe vorne Erw. 2.6.1], Missbrauch der Sozialhilfe [siehe</span><br/> <span class="ft1">vorne Erw. 2.6.2] oder Zuwendung durch nicht unterstützungspflich-</span><br/> <span class="ft1">tige Dritte [siehe vorne Erw. 2.6.3]) eine Kürzung der materiellen</span><br/> <span class="ft1">Hilfe erfolgt. Ansonsten wird gegen die Begründungspflicht (§ 23</span><br/> <span class="ft1">Abs. 4 VRPG) verstossen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>