<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para"> </div> <div class="para">Bundesgericht </div> <div class="para">Tribunal fédéral </div> <div class="para">Tribunale federale </div> <div class="para">Tribunal federal </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <img height="74" src="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/displayimage.php?id=2022-07-25-5A_519-2022.1&amp;type=gif" width="95"/> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>5A_519/2022</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Urteil vom 25. Juli 2022</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>II. zivilrechtliche Abteilung</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Besetzung </div> <div class="para">Bundesrichter Herrmann, Präsident, </div> <div class="para">Bundesrichter Schöbi, Bovey, </div> <div class="para">Gerichtsschreiber Möckli. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Verfahrensbeteiligte </div> <div class="para">A.________, </div> <div class="para">vertreten durch Rechtsanwalt Julian Burkhalter, </div> <div class="para">Beschwerdeführerin, </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <i>gegen</i> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Familiengericht Lenzburg, </div> <div class="para">Beschwerdegegner, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">B.________. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Gegenstand </div> <div class="para">Vaterschaftsaberkennung, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Beschwerde gegen den Entscheid des Obergerichts des Kantons Aargau, Kammer für Kindes- und Erwachsenenschutz, vom 27. Mai 2022 (XBE.2022.14). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Sachverhalt:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.</b> </div> <div class="para">A.________ und B.________ (beide geb. 1999) heirateten 2018 in den USA. A.________ hat die Töchter C.________ (geb. 2019) und D.________ (geb. 2021), als deren Vater aufgrund der bestehenden Ehe jeweils B.________ im Zivilstandsregister eingetragen ist. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.</b> </div> <div class="para">Mit Eingabe vom 4. Oktober 2021 an das Familiengericht Lenzburg hielt die Mutter fest, dass ihr Ehemann nicht der biologische Vater, sie selbst aber zur Kindesaberkennung nicht aktivlegitimiert sei und deshalb bitte, dass die notwendigen Schritte in die Wege geleitet würden. </div> <div class="para">Mit Entscheid vom 12. November 2021 hielt das Familiengericht fest, von der Errichtung einer behördlichen Massnahme werde abgesehen, sofern auf die Meldung vom 4. Oktober 2021 einzutreten sei; ferner auferlegte es der Mutter Gerichtskosten von Fr. 400.--. </div> <div class="para">Mit Entscheid vom 27. Mai 2022 hob das Obergericht des Kantons Aargau den erstinstanzlichen Kostenspruch auf, wies aber die Beschwerde im Übrigen ab. Es gewährte der Mutter die unentgeltliche Rechtspflege und auferlegte ihr unter deren Vorbehalt die Hälfte der oberinstanzlichen Gerichtskosten von Fr. 400.--. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>C.</b> </div> <div class="para">Mit Beschwerde vom 4. Juli 2022 verlangt die Mutter zusammengefasst die Rückweisung der Sache an das Familiengericht zwecks Errichtung einer Beistandschaft für C.________ und die Übernahme sämtlicher Kosten durch den Kanton. Ferner wird auch für das bundesgerichtliche Verfahren um unentgeltliche Rechspflege ersucht. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Erwägungen:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Das Familiengericht hat erwogen, die anwaltlich vertretene Mutter belasse ihr Vorbringen bei der einfachen Behauptung, wonach ihr Ehemann nicht der biologische Vater sei. Indes begründe allein die Tatsache, dass der rechtliche Vater allenfalls nicht der biologische sei, keine Kindeswohlgefährdung und falle demnach nicht in der Interventionsbereich der Kindesschutzbehörde. Dem Kind selbst verbleibe für eine Klage im Bedarfsfall genügend Zeit, so dass auch das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung gewahrt sei. </div> <div class="para">Das Obergericht befand demgegenüber, dass die Kindesschutzbehörde sehr wohl bestimmen müsse, ob die Erhebung einer Anfechtungsklage im Kindeswohl liege. Sie müsse zunächst untersuchen, ob es Indizien gebe, die ernsthaft an der biologischen Vaterschaft des Ehemannes zweifeln liessen. Soweit dies zutreffe, müsse sie in der Folge eine Abwägung der Kindesinteressen vornehmen, indem sie die Situation mit und ohne Anfechtung der Vaterschaft vergleiche. Im vorliegenden Fall sei der angefochtene Entscheid im Ergebnis dennoch zu schützen, da aus den Angaben der Mutter geschlossen werden müsse, dass nach der Aufhebung des bestehenden rechtlichen Vaterschaftsverhältnisses kein neues zum unbekannten biologischen Vater hergestellt werden könnte, bringe sie doch vor, dass C.________ aus einer Vergewaltigung an der Fasnacht von U.________ hervorgegangen sei. Selbst wenn sich der biologische Vater wider Erwarten ausfindig machen liesse, wäre aufgrund der zur Zeugung führenden Vergewaltigung höchst fraglich, ob das Kind ein positives Verhältnis zu diesem aufbauen könnte. Es liege demnach im Kindeswohl, dass C.________ ihren jetzigen rechtlichen Vater (und damit auch potentielle Unterhaltsansprüche und Erbanwartschaften) behalte, anstatt ohne einen rechtlichen Vater dazustehen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Die Beschwerde hat eine Begründung zu enthalten, in welcher in gedrängter Form dargelegt wird, inwiefern der angefochtene Entscheid Recht verletzt (<span class="artref">Art. 42 Abs. 2 BGG</span>), was eine sachbezogene Auseinandersetzung mit dessen Erwägungen erfordert (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=31&amp;from_date=25.07.2022&amp;to_date=13.08.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-III-115%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page115">BGE 140 III 115</a> E. 2; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=31&amp;from_date=25.07.2022&amp;to_date=13.08.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F142-III-364%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page364">142 III 364</a> E. 2.4). Diesen Anforderungen kommt die Beschwerdeführerin nur teilweise nach. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.1.</b> Soweit dem Familiengericht das Unterlassen von Abklärungen vorgeworfen wird, wendet sich die Beschwerdeführerin nicht gegen den oberinstanzlichen Entscheid, welcher allein das Anfechtungsobjekt bildet (vgl. <span class="artref">Art. 75 Abs. 1 BGG</span>) und in welchem dieser Vorwurf an die Adresse der Erstinstanz ebenfalls formuliert wurde. Entsprechend gehen auch die betreffenden Gehörsrügen an der Sache vorbei. </div> <div class="para">Gleiches gilt aber auch für das Vorbringen, es sei logisch nicht möglich, Abklärungen zu fordern und gleichzeitig deren Notwendigkeit zu verneinen: Das Obergericht hat im Unterschied zum Familiengericht nicht die Behauptung in Zweifel gezogen, wonach der Ehemann der biologische Vater sei, sondern ausgehend von den Tatsachenvorbringen darauf geschlossen, dass der biologische Vater mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht ausfindig gemacht werden könnte, und davon ausgehend direkt die rechtliche Wertung zwischen der bestehenden Situation und derjenigen als Ein-Eltern-Kind vorgenommen. </div> <div class="para">Schliesslich verfängt in diesem Kontext das Argument nicht, es bedeute eine Verletzung von <span class="artref">Art. 8 BV</span>, wenn D.________, was aber gegenwärtig nur auf Spekulation beruhe, Anspruch auf vertiefte Abklärungen betreffend Vaterschaft hätte, nicht aber C.________: Abgesehen davon, dass Grundrechte und insbesondere <span class="artref">Art. 8 BV</span> keine unmittelbare Drittwirkung zwischen Privatpersonen entfalten (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=31&amp;from_date=25.07.2022&amp;to_date=13.08.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-III-59%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page59">BGE 137 III 59</a> E. 4.1) und diese Norm auch nicht abstrakt angerufen werden kann, sondern sich die Beschwerdeführerin in diesem Zusammenhang konkret mit den einschlägigen zivilrechtlichen Normen auseinandersetzen müsste (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=31&amp;from_date=25.07.2022&amp;to_date=13.08.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F107-IA-277%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page277">BGE 107 Ia 277</a> E. 3a S. 280 f.<span class="artref">; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=31&amp;from_date=25.07.2022&amp;to_date=13.08.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-I-217%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page217">143 I 217</a></span> E. 5.2 S. 219; Urteile 5P.40/2003 vom 27. Mai 2003 E. 4; 5D_8/2016 vom 3. Juni 2016 E. 3; 5A_362/2016 vom 20. Februar 2017 E. 6.3; 5A_252/2017 vom 21. Juni 2017 E. 5; 5A_98/2016 vom 25. Juni 2018 E. 3.3; 5A_384/2018 vom 21. September 2018 E. 3, nicht publ. in <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=31&amp;from_date=25.07.2022&amp;to_date=13.08.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F144-III-377%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page381">BGE 144 III 381</a>; 5A_118/2022 vom 15. März 2022 E. 4), besteht in Bezug auf die beiden Kinder nicht die gleiche Ausgangslage; das Obergericht hat angesichts der Vorbringen der Mutter, C.________ sei aufgrund einer Vergewaltigung an der Fasnacht von U.________ gezeugt worden, wobei sie keine näheren Angaben zum mutmasslichen Erzeuger machen konnte, befunden, dass Abklärungen in Bezug auf die wahre Vaterschaft aussichtslos wären. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.2.</b> In Bezug auf die Abwägung bringt die Beschwerdeführerin einzig vor, die Beziehung zum Ehemann werde nicht mehr gelebt und die Familie habe sich aufgelöst, weshalb nicht von Stabilität gesprochen werden könne, sondern vielmehr die Familie als Institution abgewertet werde, wenn das Kindesverhältnis fortbestehen würde; auch seien die Unterhaltspflicht und das Bürgerrecht unklar. </div> <div class="para">Die letztgenannten Argumente gehen vollends an der Sache vorbei, ist doch die gesetzliche Folge einer Trennung oder Scheidung die Zuteilung des Kindes (Art. 176 Abs. 3 bzw. <span class="artref">Art. 133 Abs. 1 ZGB</span>) und nicht die Aufhebung des Kindesverhältnisses zum Vater; die Unterhaltspflicht sowie das Bürgerrecht des Kindes ergeben sich ebenfalls aus dem Gesetz (Art. 276 bzw. 271 ZGB), so dass nicht ersichtlich ist, inwiefern diesbezüglich Unklarheiten bestehen sollen. </div> <div class="para">Was die Abwägung als solche anbelangt, findet keine eigentliche Auseinandersetzung mit den Erwägungen des angefochtenen Entscheides statt. Es geht darum, ob dem Kind besser gedient ist, wenn es mit zwei rechtlichen Elternteilen oder wenn es als Ein-Eltern-Kind aufwächst. Das Obergericht hat die Frage mit Verweis auf die potentiellen Unterhaltsansprüche und Erbanwartschaften zutreffend beantwortet, wobei ergänzt werden kann, dass es auch in sozial-psychischer Hinsicht dem Kindeswohl nicht zuträglich ist, wenn C.________ als Ein-Eltern-Kind aufwachsen müsste. In diesem Kontext ist ferner an die Situation zu denken, dass der Mutter etwas zustossen und das Kind plötzlich gänzlich ohne rechtliche Eltern dastehen könnte. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit auf sie einzutreten ist. Wie die vorstehenden Erwägungen im Übrigen zeigen, konnte der Beschwerde von Anfang an kein Erfolg beschieden sein, weshalb es an den materiellen Voraussetzungen der unentgeltlichen Rechtspflege fehlt (<span class="artref">Art. 64 Abs. 1 BGG</span>) und das entsprechende Gesuch abzuweisen ist. Die Gerichtskosten sind der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Demnach erkennt das Bundesgericht:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit auf sie einzutreten ist. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird abgewiesen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>4.</b> </div> <div class="para">Dieses Urteil wird den Partein und dem Obergericht des Kantons Aargau, Kammer für Kindes- und Erwachsenenschutz, mitgeteilt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Lausanne, 25. Juli 2022 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Im Namen der II. zivilrechtlichen Abteilung </div> <div class="para">des Schweizerischen Bundesgerichts </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Der Präsident: Herrmann </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Der Gerichtsschreiber: Möckli </div> </div></body></html>