B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2914/2020 law/fes U r t e i l v o m 3 0. N o v e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer, Richterin Mia Fuchs, Gerichtsschreiberin Sarah Ferreyra. Parteien A._______, geboren am (…), und ihre beiden Kinder, B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), Irak, alle vertreten durch Laura Aeberli, Advokatur Aeberli, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 5. Mai 2020 / N (…). D-2914/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der aus dem Iran stammende Ehemann der Beschwerdeführerin , D._______, wurde mit Verfügung des SEM vom 14. Juli 2017 als Flüchtling gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG (SR 142.31) anerkannt und ihm wurde in der Schweiz Asyl gewährt. Am 10. August 2017 ersuchte er um eine Ein- reisebewilligung zwecks Familienvereinigung für die sic h im Irak aufhal- tende Beschwerdeführerin und den gemeinsamen Sohn B._______. Mit Verfügung vom 27. September 2017 bewilligte das SEM die Einreise nicht und lehnte das Gesuch um Familiennachzug ab. Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsg ericht mit Urteil D -6113/2017 vom 6. Dezember 2017 ab. B. Die Beschwerdeführerin und ihr Sohn B._______ verliessen am 2. Juli 2018 den Nordirak und flogen von E._______ in die Türkei. Anschliessend gelangten sie via Griechenland nach Frankreich und schliessl ich am 20. August 2018 in die Schweiz , wo sie am gleichen Tag um Asyl nach- suchten. Am 24. August 2018 wurde die Beschwerdeführerin zu ihrer Per- son, zum Reiseweg und summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Be- fragung zur Pers on [BzP]). Am 21 . Januar 2019 wurde sie eingehend zu den Asylgründen angehört. Zur Begründung ihres Asylgesuches machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie und ihr Sohn seien irakische Staatsangehörige kurdischer Ethnie mit letztem offiziellem Wohnsitz in F._______ in der Pro- vinz Suleimaniya, wo sie seit ihrer Heirat im Jahr 2010 mit ihrem Ehemann, D._______ gelebt habe. Im Jahr (…) sei ihr gemeinsamer Sohn geboren. Von Februar 2013 bis Oktober 2016 habe sie sich zu Studienzwecken in Frankreich aufgehalten. In den Semesterferien habe sie jeweils ihre Fami- lie im Irak besuch t. Ihr Ehemann sei im Iran politisch aktiv gewesen und habe wegen drohender Verfolgung im Jahr 2001 seinen Heimatstaat ver- lassen. Seither habe er im Irak gelebt und sich auch dort politisch enga- giert. Als er Anfang 2016 erfahren habe, dass sein Bruder im Iran vom Si- cherheitsdienst verhaftet worden sei, habe er befürchtet, der iranische Ge- heimdienst könne sich seiner auch im Irak habhaft werden und habe daher den Irak im März 2016 verlassen und im Mai 2017 in der Schweiz um Asyl ersucht. Sie habe seit der Ausreise ihres Ehemannes bei ihren Eltern ge- lebt, da es nicht sicher gewesen sei als allein lebende, verheiratete Frau. Im Sommer 2017 sei sie auf dem Bazar von e inem Unbekannten gefragt D-2914/2020 Seite 3 worden, ob sie die Ehefrau des Iraners sei. Er habe sich als Freund ihres Ehemannes ausgegeben und ausgeführt, dass er auf der Suche nach ihm sei. Da sie alle Freunde ihres Ehemannes gekannt habe, sei sie skeptisch geworden und habe dem unbekannten Mann nichts über den Aufenthalts- ort ihres Mannes erzählt. Später habe sie ihren Mann gefragt, ob er diese Person, welche sich als G._______ vorgestellt habe, kenne, was er ver- neint habe. Ihr Ehemann habe sie gebeten, vorsichtig zu sein, da es ein Mitarbeiter des Geheimdienstes sein könne. Ab diesem Moment habe sie Angst gehabt und sich nicht mehr getraut, ihren Sohn in die Schule zu schi- cken. Ihr Mann habe daher versucht, sie und den Sohn legal in die Schweiz zu holen, was nicht geklappt habe. Im Frühling und im Sommer 2018 sei sie zudem zweimal von Unbekannten telefonisch kontaktiert und ebenfalls zum Aufenthaltsort ihres Mannes befragt worden. Sie habe auch diesen Personen keine Auskunft erteilt. Da der Anrufer ihr beim zweiten Mal ge- droht und gesagt habe, dass er wisse, wo sie wohne, habe sie noch mehr Angst bekommen und sich deshalb zur Ausreise entschlossen. Die Beschwerdeführerin reichte anlässlich der Anhörung ihre Identitäts- karte und die ihres Sohnes B._______, einen Ehevertrag, einen Zivilregis- terauszug, ein Arztzeugnis, ein Masterdiplom der Universität (…) und einen Auszug des Art. 6 des irakischen Staatsbürgerschaftsgesetzes mit Über- setzung ein. C. Am 11. Februar 2019 reichte die Beschwerdeführerin einen Arztbericht des Spitals (…) zu ihrer Diabeteserkrankung ein. D. Am (..) gebar die Beschwerdeführerin ihr zweites Kind C._______. E. Mit Schreiben vom 4. Dezember 2019 teilte das SEM der Beschwerdefüh- rerin mit, dass mit Blick auf die mögliche Zuständigkeit der kantonalen Mig- rationsbehörde vorfrageweise zu prüfen sei, ob sich die asylsuchende Per- son im Sinne von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen potenziellen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen könne. Es komme im Rah- men der vorfrageweisen Prüfung zum Schluss, dass die Beschwerdefüh- rerin als Ehefrau einer Perso n mit Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 8 EMRK einen offensichtlichen Anspruch auf Erteilung im Sinne der einschlä- gigen bundesgerichtlichen Rechtsprechung habe ( vgl. Urteil des BGer D-2914/2020 Seite 4 2C_947/2016 vom 17. März 2017 E. 3.3 m.w.H.). Das SEM gab der Be- schwerdeführerin daher Gelegenheit, ihren obgenannten Anspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung bei der zuständigen kantonalen Migrationsbe- hörde geltend zu machen und bis zum 27. Dezember 2019 ein entspre- chendes Bewilligungsverfahren einzuleiten. F. Mit Verfügung vom 11. März 2020 trat das Migrationsamt (…) auf die Ge- suche um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung vom 11. Dezember 2019 nicht ein. Eventualiter wies es die Gesuche vom 11. Dezember 2019 ab. Es stellte fest, dass das SEM die damalige Ablehnung d es Gesuchs um Familiennachzug damit begründet habe, dass es dem Ehemann möglich sei, das erwünschte Familienleben in einem Drittstaat – namentlich dem Irak – zu führen. Er sei folglich für die Zusammenführung mit seiner Ehe- frau und seinem Sohn nicht auf den Nachzug in die Schweiz angewiesen, sondern könne die Familiengemeinschaft im Heimatstaat der Ehegattin und Kindsmutter führen. Die rechtlichen Ansprüche aus Art. 8 EMRK auf Achtung des Privat- und Familienlebens seien folglich auch dann gewahrt, wenn die Einreise in die Schweiz verweigert werde. Inwiefern es der Fami- lie nunmehr nicht mehr zuzumuten wäre, gemeinsam im Irak Wohnsitz zu nehmen, kön ne nicht erkannt und auch dem Schreiben des SEM vom 4. Dezember 2019 nicht entnommen werden. Von einem offensich tlichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthalts bewilligung kö nne unter diesen Umständen keine Rede sein. Selbst wenn vorliegend davon auszugehen wäre, dass die Beschwerdeführenden aus Art. 8 Ziff. 1 EMRK einen Anwe- senheitsanspruch geltend machen könnten, wären die Gesuche um Ertei- lung einer Aufenthaltsbewilligung abzuweisen, zumal die Voraussetzungen für die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung auf Grundlage von Art. 44 Abs. 1 Bst. c AIG (SR 142.20) nicht erfüllt seien, weil der Ehemann der Be- schwerdeführenden von der Sozialhilfe abhängig sei. Zudem liege auch kein schwerwiegender Härtefall nach Art. 30 Abs. 1 Bst. b AIG vor. G. Mit Schreiben vom 29. April 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin um Ein- bezug ihres Kindes C._______ in die Flüchtlingseigenschaft und das Asyl dessen Vaters, D._______ gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG. H. Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 5. Mai 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Asyl G nicht erfüllen , die Beschwerdeführerin und ihr Sohn D-2914/2020 Seite 5 B._______ würden (auch) die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG und ihr Sohn C._______ gemäss Art. 51 Abs. 3 nicht erfüllen. Die Asylgesuche vom 21. Januar 2019 lehnte es ab und verfügte die Weg- weisung der Beschwerdeführenden aus der Schweiz, schob den Vollzug der Wegweisung jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufi- gen Aufnahme auf. I. Mit Eingabe vom 4. Juni 2020 liessen die Beschwerdeführerin und ihre Söhne – handelnd durch ihre Rechtsvertreterin – gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei in den Dispositivziffern 2 -8 aufzuheben, sie seien als Flüchtlinge in die Flüchtlingseigenschaft ihres Ehemannes bezie- hungsweise Vaters einzubeziehen und ihre Asylgesuche seien im Sinne von Art. 51 AsylG gutzuheissen. Eventualiter sei die Sache zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht lies- sen sie zudem beantragen, es sei ihnen die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ihnen die unterzeichnende Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbei- ständin beizuordnen. Mit der Beschwerde reichten sie das Auszahlungsbudget der Monate Mai und Juni 2020 der Sozialberatung vom 27. Mai 2020 und eine Honorarnote ein. J. Mit Verfügung vom 25. Juni 2020 hiess der zuständige Instruktionsrichter des Bundesverwaltungsgerichts die Gesuche um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung unter dem Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse der Be- schwerdeführenden gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses und ordnete den Beschwerdeführenden die Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig gab er dem SEM Gelegenheit, zur Beschwerde Stellung zu nehmen. K. In seiner Vernehmlassung vo m 7. Juli 2020 nahm das SEM zur Be- schwerde Stellung. L. Am 5. August 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein. Mit D-2914/2020 Seite 6 der Replik wurde ein Schreiben der Klassenlehrerin von B._______, eine Gefährdungsmeldung bei der K indes- und Erwachsenenschutzbeh örde (KESB) (…) durch die Kinderärztin vom 23. Juli 2020 betreffend B._______ und eine Mail der Rechtsvertreterin an die irakische Botschaft vom 17. Juli 2020 eingereicht. M. Mit Schreiben vom 24. September 2020 informierten die Beschwerdefüh- renden über die aktuellen Entwicklungen und reichten ein Schreiben der KESB (…) und eine Honorarnote ein. N. Mit Eingabe vom 10. November 2020 wurde ein Bericht der Psychologin der Beschwerdeführerin eingereicht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn e von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil- genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs- weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti- miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. D-2914/2020 Seite 7 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Im vorliegenden Fall ist festzustellen, dass in der angefochtenen Verfügung die originäre Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden abgelehnt worden ist (Dispositivziffer 1). Dieser Punkt wird in der Beschwerde nicht beanstandet. Streitgegenstand bildet demnach einzig die geltend ge- machte derivative Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden und ein daraus abgeleitetes Familienasyl. 4. 4.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten, eingetragene Partne- rinnen oder Partner von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, wenn keine besonderen Um- stände dagegen sprechen. 4.2 Auch in der Schweiz geborene Kinder von Flüchtlin gen werden als Flüchtlinge anerkannt, sofern keine besonderen Umstände dagegen spre- chen (Art. 51 Abs. 3 AsylG). 4.3 Dem Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft und der Asylgewährung entgegenstehende besondere Umstände sind gemäss der Rechtspre- chung beispielsweise anzunehmen, wenn das Familienmitglied Bürger ei- nes anderen Staates als der Flüchtling ist und die Familie in diesem Staat nicht gefährdet ist (vgl. BVGE 2019 VI/8 E. 4.1; 2012/32 E. 5.1; Entschei- dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskomm ission [E- MARK] 1996 Nr. 14), wenn der Flüchtling seinen Status derivativ erworben hat (BVGE 2013/21 E. 3.3) oder wenn das Familienleben während einer längeren Zeit nicht gelebt wurde und erkennbar ist, dass die Familienmit- glieder nicht den Willen haben, als Familie zusammenzuleben (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.4.2). Weiter wurden beispielsweise besondere Umstände, die gegen einen Einbezug der Kinder in die Flüchtlingseigenschaft des Vaters sprechen, darin erkannt, dass die Eltern der Kinder eine polygame Ehe führten, die aufgrund des Vorbehalts des schweizerischen Ordre public im Rahmen des Familienasyls nicht anerkannt wer den konnte (vgl. BVGE 2012/5 E. 5). D-2914/2020 Seite 8 4.4 Bei gemischtnationalen Familien, wo der Einbezug eines Kindes res- pektive Ehepartners in die Flüchtlingseigenschaft des Elternteils respektive Ehegatten in Frage steht, der Bürger eines anderen Drittstaates ist, in dem ihm keine Verfolgung droht, ist in hypothetischer Weise zu prüfen, ob die ganze Familie sich gegebenenfalls im Heimatland des dort nicht verfolgten Elternteils beziehungsweise Ehegatten niederlassen könnte. Dies ist auf der Grundlage der Kriterien zu prüfen, die gemäss Art. 83 AIG in Bezug auf die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Vollzugs der Wegwei- sung gelten. Ist hingegen ein gemeinsames Leben im Land des nichtge- fährdeten Familienmitgliedes nicht realisierbar oder nicht zumutbar, bietet sich mit anderen Worten keine Alternative zur Schweiz, besteht umgekehrt auch kein Anlass, die andere Staatsangehörigkeit als besonderen Um- stand zu betrachten. Vielmehr wäre es in diesem Fall angemessen, der Sicherstellung eines einheitlichen Rechtsstatus für die ganze Familie in der Form des Asyls Vorrang einzuräumen (vgl. BVGE 2020 VI/6 E. 5 m.w.H.). 5. 5.1 Das SEM stellte in der angefochtenen Verfügung fest, dass der Ehe- mann beziehungsweise Vater der Beschwerdeführenden iranischer Staats- angehöriger und deshalb anderer Nationalität sei als die Beschwerdefüh- renden. Es komme daher zum Schluss, dass es den Beschwerde führen- den in hypothetischer Weise zulässig, zumutbar und möglich sei, dass sie ihr Familienleben in ihrem Heimatstaat Irak fortführen könnten. In Bezug auf die Zulässigkeit und Möglichkeit sei darauf hinzuweisen, dass die Be- schwerdeführerin und ihr Ehemann bereits von 2010 bis zu seiner Abreise 2016 in F._______ zusammengelebt und ihre Ehe dort hätten registrieren lassen können. Wie bereits das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil D-6113/2017 vom 6. Dezember 2017 zur verweigerten Einreisebewilligung festgehalten habe, sei davon auszugehen, dass sie im Irak das Fam ilien- leben fortführen und sich ihr Ehemann nach einigen Jahren werde einbür- gern lassen können (vgl. www.refworld.org/docid/4b1e364c2.html). In Be- zug auf eine allfällig geltend gemachte Gefährdung des Ehemannes im Irak sei erneut festzuhalten, dass ihm wegen einer drohenden asylrelevanten Verfolgung in seinem Heimatstaat – dem Iran – in der Schweiz Asyl ge- währt worden sei. Das abreiseauslösende Ereignis, namentlich die Verhaf- tung seines Bruders durch die iranischen Sicherheitskräfte, habe denn be- zeichnenderweise auch in seinem Heimatstaat stattgefunden. Zwar hätten sowohl die Beschwerdeführerin als auch i hr Ehemann zu Protokoll gege- ben, dass die iranischen Geheimdienste auch im Irak operativ seien. Dies habe sich an den Kontaktaufnahmen durch Unbekannte auf dem Bazar D-2914/2020 Seite 9 beziehungsweise per Telefon gezeigt. Daraus könne jedoch nicht ge- schlossen werden, dass ihr Ehemann auch im Irak, wo er notabene fünf- zehn Jahre unbehelligt habe leben, arbeiten und eine Familie gründen kön- nen, an Leib und Leben gefährdet gewesen sei. Hinweise für eine im Irak stattfindende Verfolgung lägen demnach keine vor. Die Kriterien der Zuläs- sigkeit und Möglichkeit seien demnach erfüllt. Zudem sei auch die Zumut- barkeit zu bejahen. Sie würden in ihrem Heimatstaat über ein breites fami- liäres Beziehungsnetz und ihr Mann über ein soziales Beziehungsnetz ver- fügen. Die Beschwerdeführerin könne einen universitären Abschluss einer europäischen Universität und i hr Mann mehrere Jahre Arbei tserfahrung vorweisen. Bis auf i hre Diabetes -Erkrankung, die sie jedoch bereits ab 2010 im Irak habe behandeln lassen, seien sie und ihr Ehemann gemäss Akten bei guter Gesundheit. Somit sei festzustellen, dass es hypothetisch zulässig, zumutbar und möglich sei, dass sie ihr Familienleben statt in der Schweiz in i hrem Heimatland leben könnten, so wie s ie dies bereits von 2010 bis 2016 getan hätten. Demnach sei in ihrem Fall das Vorliegen «be- sonderer Umstände» zu bejahen, so dass Art. 51 Abs. 1 AsylG nicht zur Anwendung komme. Diese Beurteilung treffe auch auf den in der Schweiz geborenen Sohn zu. Gemäss Praxis würden bei dieser Sachlage die Best- immungen von Art. 8 EMRK keine ergänzende Anwendung finden (vgl. EMARK 2002 Nr. 6 E. 5 f.). 5.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, es sei unbestritten, dass der Ehemann beziehungsweise Vater der Beschwerdeführenden, D._______, die Flüchtlingseigenschaft erfülle und ihm in der Schweiz Asyl gewährt wor- den sei. Ebenso unbestritten sei die Tatsache, dass die Beschwerdefüh- renden als Ehefrau beziehungsweise minderjährige Kinder von D._______ grundsätzlich anspruchsberechtigt seien, in seine Flüchtlingseigenschaft einbezogen zu werden und Familienasyl zu erhalten. Es stelle sich deshalb nur die Frage, ob die andere Nationalität der Beschwerdeführenden einen besonderen Umstand darstelle, welche den Nichteinbezug zu rechtfertigen vermöge. Die Vorinstanz bestreite nicht, dass D._______ früher illegal im Irak gelebt und nie über eine Aufenthaltsbewilligung beziehungsweise ei- nen gesicherten Aufenthaltsst atus verfügt habe. In Bezug auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-6113/2017 vom 6. Dezember 2017 sei darauf hinzuweisen, dass die Voraussetzungen für eine Einreisebewilli- gung nach Art. 51 Abs. 4 AsylG strenger seien als die Voraussetzungen für Familienasyl nach Art. 51 Abs. 1 beziehungsweise Abs. 3 AsylG. Eine Ein- reisebewilligung werde nur dann erteilt, wenn die anspruchsberechtigten Personen durch die Flucht getrennt worden seien . Das Bund esverwal- tungsgericht habe die Einreise der Beschwerdeführenden damals denn D-2914/2020 Seite 10 auch gerade deshalb verweigert, weil die Heirat beziehungsweise Geburt erst nach der Flucht von D._______ aus seinem Heimatland Iran erfolgt seien. Da diese Voraussetzung vorliegend jedoch nicht zur Anwendung komme, müsse über das vorliegende Gesuch um Einbezug in die Flücht- lingseigenschaft beziehungsweise Familienasyl neu entschieden werden. Es sei jedoch richtig, dass sich das Bundesverwaltungsgericht schon da- mals kurz z ur Frage geäussert habe. Diese Ausführungen seien jedoch nicht abschliessend und müssten als obiter dictum qualifiziert werden, da sie für das damalige Urteil nicht entscheidrelevant gewesen seien, weshalb sie für den aktuellen Entscheid auch nicht verbindlich seien. Das Bundes- verwaltungsgericht habe sich im Rahmen des fraglichen obiter dictums da- hingehend geäussert, dass aus der Tatsache, dass das SEM die Wegwei- sung in den früheren Aufenthaltsstaat Irak nicht geprüft habe (Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG) und auf das Asylgesuch eingetreten sei, nicht darauf geschlossen werden könne, dass D._______ im Irak asylrelevanter Verfol- gung ausgesetzt wäre. Ob eine Rückkehr von D._______ in den Irak dar- über hinaus zulässig, möglich und zumutbar sei, habe das Bundesverwal- tungsgericht nicht thematisiert. Ausserdem habe sich das Bundesverwal- tungsgericht ohne Begründung der Meinung der Vorinstanz angeschlos- sen, dass eine Einbürgerung von D._______ im Irak nach einem fünfjähri- gen Aufenthalt möglich sei. Die Vorinstanz begnüge sich vorliegend damit, eine as ylrelevante Verfolgung von D._______ im Irak zu verneinen. Ob seine Rückkehr dorthin darüber hinaus überhaupt möglich oder zulässig wäre, werde nicht geprüft. D._______ habe trotz wiederholter Bemühun- gen nie über einen legalen Aufenthaltstitel im Irak verfügt. Er habe dort il- legal gelebt, sei nie als Flüchtling anerkannt worden und hab e keine Si- cherheit vor einer allfälligen Rückschiebung in seinen Heimatstaat Iran ge- habt. Er habe mit unsicheren Perspektiven und unter schwierigen Lebens- bedingungen gelebt. Es seien keine Hinweise ersichtlich, die darauf schliessen liessen, dass D._______ in Zukunft über einen legalen und si- cheren Status im Irak verfüge. Eine Rückkehr ohne gültigen Aufenthaltstitel oder Rückübernahmezusicherung der irakischen Behörden wäre damit un- möglich. Zudem wäre die Wegweisung in den Irak auch unzulässig, so- lange D._______ nicht über einen gesicherten Aufenthaltstitel verfüge, da ansonsten die Rückschiebung in den Verfolgerstaat Iran n icht ausge- schlossen werden könne. Schliesslich sei das Leben in der Illegalität auch keine zumutbare Zukunftsaussicht. Es sei unklar, worauf sich die Vo- rinstanz und das Bundesverwaltungsgericht stützten, wenn sie behaupten würden, D._______ könne die irakische Staatsbürgerschaft beantragen. Nur weil eine Person sich lange in einem Land aufgehalten habe und ihre D-2914/2020 Seite 11 Ehe sowie die Geburt ihres Kindes habe registrieren lassen können, be- deute dies nichts im Hinblick auf das Ein bürgerungsverfahren. Gemäss Art. 6 sowie Art. 7 des irakische n Staatsbürgerschaftsgesetzes werden Einbürgerungsgesuche nur dann gutgeheissen, wenn der Gesuchsteller le- gal eingereist sei (Art. 6 Ziff. I Bst. b), im Zeitpunkt der Gesuchstellung im Irak wohnhaft sei (Art. 6 Ziff. I Bst. b) sowie sich seit fünf Jahren legal im Land aufhalte (Art. 6 Ziff. 1 Bst. c i.V.m. Art. 7). D._______ sei weder legal eingereist noch habe er sich legal im Land aufgehalten und er habe über- dies aktuell keinen Wohnsitz im Irak. Da er nach wie vor über keine Aufent- haltsbewilligung verfüge, sei nicht ersichtlich, inwiefern ihm die Einbürge- rung im Irak nun offenstehen solle. Die Vorinstanz verweise als Quelle für ihre Annahme bloss allgemein auf das irakische Staatsbürgerschaftsge- setz. Gestützt auf welche Bestimmung D._______ eingebürgert werden solle, bleibe unklar. Sowieso steh e fest, dass ein Einbürgerungsgesuch erst nach einem fünfjährigen Aufenthalt gestellt werden könne. Mit welcher Aufenthaltsbewilligung D._______ sich bis dahin im Irak aufhalten solle, lasse die Vorinstanz offen. Sie bestreite aber nicht, dass D._______ nie über einen legalen Aufenthaltsstatus im Irak verfügt habe. Sollte das Bun- desverwaltungsgericht zum Schluss kommen, der Sachverhalt sei in dieser Hinsicht unvollständig erhoben, wäre die Sache eventualiter an die Vor- instanz zurückzuweisen, um offenzulegen, wie sie zur fraglichen Annahme komme, D._______ könne aktuell in den Irak zurückkehren, und um zu er- klären, wie sie zur Annahme komme, D._______ könne sich nach fünf Jah- ren Aufenthalt einbürgern lassen, wenn da s zitierte Gesetz offensichtlich anders laute. Im Hinblick auf den Anspruch auf das rechtliche Gehör müss- ten die Quellen offengelegt werden, damit die Beschwerdeführenden sich dazu äussern und sich wirksam dagegen wehren könn ten. Zudem müsse die Vorinstanz eine Rückübernahmezusicherung vorlegen, da es faktisch um eine Wegweisung in einen Drittstaat ginge. Der jüngste Beschwerde- führer verfüge aktuell noch über keinerlei Ausweispapiere – weder schwei- zerische noch irakische. Das Verfahren für die Eintragung der Geburt sei beim Zivilstandsamt hängig. Auch seine Rückkehr in den Irak erschein e mangels gültiger Ausweispapiere zum aktuellen Zeitpunkt unmöglich. Ob- wohl für alle Familienmitglieder eine Rückkehr in den Irak als unzumutbar bezeichnet werde, komme die Vorinstanz im Rahmen der hypothetischen Prüfung gemäss Art. 51 AsylG dennoch zum Schluss, es sei zumutbar, das Familienleben im Irak fortzuführen. Dieses Ergebnis mute seltsam an. Wie könne es sein , dass die Rückkehr in den Irak für alle Familienmitglieder einzeln faktisch als unzumutbar eingeschätzt werde, aber im Rahmen der hypothetischen Prüfung gleichzeitig zum Schluss gekommen werde, es sei für die Familie zumutbar, ihr Familienle ben im Irak fortzuführen ? Es sei D-2914/2020 Seite 12 nicht nachvollziehbar, wie die gleiche P rüfung unterschiedlich ausfallen könne, je nachdem ob es sich um eine hypothetische oder die eigentliche Prüfung handle. Es sei für die Familie tatsächlich sowie hypothetisch nicht zumutbar, ihr Familienleben im Irak fortzuführen. Ob D._______ darüber hinaus im Irak asylrelevant verfolgt werde, spiele bei dieser Prüfung wie gesagt keine Rolle. Das Familienleben und die Familieneinheit können nur in der Schweiz effektiv und sicher gewährleistet werden. Mit anderen Wor- ten gebe es neben der Schweiz keine Alter native für die Familie, um ihr Familienleben zusammen und sicher fortführen zu können. Deshalb er- scheine es in diesem Fall angemessen, von der fraglichen Ausnahmeklau- sel keinen Gebrauch zu machen und der Familie einen einheitlichen Rechtsstatus in der Form des Asyls einzuräumen. Die Beschwerdeführen- den seien folglich in die Flüchtlingseigenschaft von D._______ aufzuneh- men und es sei ihnen Familienasyl zu gewähren. Abschliessend sei darauf hinzuweisen, dass es vorliegend um ein Verfahren gehe, bei dem Kinder betroffen seien. Gemäss Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. No- vember 1989 über die Rechte des Kindes (nachfolgend: KRK, SR 0.107) sei bei allen Massnahmen, die Kinder beträfen, das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen s ei. Die Konsequenzen, die der Nichteinbezug in die Flüchtlingseigenschaft für die Familie und die Kinder in der Schweiz mit sich gebracht und welche die Familie schon in- nert kurzer Zeit zu spüren bekommen habe , zeige auf, was n un auf die Familie zukommen werde. Obwohl der Ehemann beziehungsweise Vater anerkannter Flüchtling sei und Asyl erhalten habe, werde er zur Wahrung der Familieneinheit in eine Unterkunft verlegt, welche für Personen mit F - Bewilligung gedacht sei. Die Lebensumstände und Rechtstellung der Fa- milie verschlechtere sich durch diesen Entscheid merklich. Die Beschwer- deführenden hätten dadurch zum Beispiel schlechteren Zugang zu Mass- nahmen für die berufliche Integration, würden weniger finanzielle Unter- stützung erhalten, hätten einen schwierigeren Stand auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und seien in ihrer Mobilität eingeschränkt. Gerade im Hin- blick auf die Integration und Perspektiven der minderjährigen Beschwerde- führenden würden diese Veränderungen eine massive Verschlechterung darstellen. Auch im Hinblick auf das Kindeswohl erscheine der Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft folglich klar angezeigt. Das Anwenden der Aus- nahmeklausel erscheine unverhältnismässig. 5.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, die Prüfung der Zulässig- keit, Zumutbarkeit und Möglichkeit einer Wohnsitznahme im Heimatstaat des nichtverfolgten Familienangehörigen sei eine hypothetische Prüfung. Die in der Beschwerde zitierte gesetzliche Grundlage, Art. 7 des irakischen D-2914/2020 Seite 13 Staatsbürgerschaftsgesetzes, sehe vor, dass ein Ehepartner eines iraki- schen Staatsangehörigen ein Einbürgerungsgesuch stellen könne. Somit sei die hypothetische Möglichkeit gegeben. Die Argumente, wonach der Ehemann der Beschwerdeführerin die weiteren Bestimmungen nicht er- fülle, seien somit hinfälli g. Die Beschwerdeführenden seien auch jegliche Beweise für die Argumentation schuldig geblieben, D._______ drohe im Irak eine Rückführung in seinen Heimatstaat Iran beziehungsweise , dass die irakischen Behörden ihm den Schutz verweigern würden. Weder habe er entsprechende erfolglose Versuche dargelegt, noch andere Beweismit- tel eingereicht, welche diese vagen Ausführungen belegen würden. Ange- sichts dessen, dass D._______ vor seiner Reise in die Schweiz offenbar rund fünfzehn Jahre unbehelligt im Nordirak habe leben können, seien ge- genüber dieser Darstellung denn auch erhebliche Zweifel anzubringen. Auch die Ausführungen in Bezug auf das in der Schweiz geborene Kind würden nicht überzeugen, zumal es gemäss Art. 3 des irakischen Staats- bürgerschaftsgesetzes Anre cht auf die irakische Staatsangehörigkeit habe. Weiter werde in der Beschwerde beanstandet, dass das SEM einer- seits die Rückkehr in den Irak als unzumutbar einstufe, andererseits zum Schluss komme, dass das Familienleben im Irak fortgeführt werden könne. Diesbezüglich verweise es erneut auf die rein hypothetische Prüfung, die ausschlaggebend sei für die Beurteilung des Vorliegens besonderer Um- stände. Zudem erfolge letzten Endes die Gewährung der vorläufigen Auf- nahme in Anwendung von Art. 44 AsylG. Abschliessend sei Folgendes an- zumerken: Mit Verfügung vom 27. September 2017 habe das SEM das Einreisegesuch der Beschwerdeführenden abgelehnt. Diesen Entscheid habe das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 6. Dezember 2017 ge- stützt. Folglich müsse den Beschwerd eführenden bereits seit geraumer Zeit bewusst sein, dass sie aus Art. 51 Abs. 1 beziehungsweise 3 AsylG keine Ansprüche für sich ableiten könn ten. Vor diesem Hintergrund er- scheine es nun überaus stossen d, wenn sie nun – notabene nach Miss- achtung der verweigerten Einreisebewilligung und der selbständigen ille- galen Einreise in die Schweiz – durch eigenes Zutun die früheren Ent- scheide der Schweizer Behörden hinfällig werden lassen könnten. 5.4 In der Replik wird geltend gemacht, die ständigen Transfers von einer Unterkunft in die nächste und die damit verbundenen Schulwechsel seien für B._______ gemäss der Kinderärztin und der Klassenlehrerin ungünstig und für das Kindeswohl schädlich. Die Kinderärztin von B._______ emp- fehle eine Spieltherapie, um ihn in seiner Entwicklung zu unterstützen. Auf- grund der ständigen Umzüge habe die Kinderärztin eine Gefährdungsmel-D-2914/2020 Seite 14 dung bei der KESB eingereicht. C._______ verfüge immer noch über kei- nerlei Ausweispapiere. Die schweizerischen Behörden hätten noch keine Geburtsurkunde ausgestellt und die irakischen Behörden würden die Aus- stellung von Identitätspapieren verweigern. Eine befreundete Übersetzerin habe telefonisch angefragt und eine negative Antwort erhalten. Im Rahmen des vorliegenden Beschwerdeverfahrens habe die unterzeichnende Rechtsvertreterin mit E-Mails vom 17. sowie 24. Juli 2020 eine schriftliche Anfrage an die irakische Regierung gerichtet und um Ausstellung von Aus- weispapieren für C._______ gebeten. Am 28. Juli 2020 habe schliesslich ein Telefongespräch zwischen der Rechtsvertreterin und einem Mitarbeiter der irakischen Vertretung stattgefunden. Die unterzeichnende Rechtsver- treterin habe erklärt, dass sie eine irakische Staatsbürgerin vertrete, die Ausweispapiere für ihr in der Schweiz geborenes Kind beantragen wolle. Der Vertreter habe erläutert, dass Ausweispapiere nur im Irak selber aus- gestellt würden. Die Mutter und das Kind müssten in den Irak reisen, damit dort die notwendigen Informationen erhoben werden könnten, um die Pa- piere auszustellen. Als die Rechtsvertreterin daraufhin erwähnt habe, dass der Vater des Kindes Iraner sei, erklärte der Vertreter, Ausweispapiere wür- den in solchen Fällen keine ausgestellt, und habe das Gespräch beendet. C._______ sei folglich nach wie vor nicht im Besitz von irak ischen Aus- weispapieren und sei von den irakischen Behörden auch nicht als Staats- bürger anerkannt worden. Die Beschwerdeführerin sei neu bei Frau J._______ in psychologischer Behandlung. Eine Bestätigung werde nach- gereicht. Es sei vorliegend unbestritten, dass die Voraussetzungen für die Einreise damals nicht erfüllt gewesen seien. Die Frage des Einbezugs in die Flüchtlingseigenschaft sei damals jedoch noch nicht entschieden wor- den. Der Auffassung des SEM, ein Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft wäre vor dem Hintergrund der bisherigen Prozessgeschichte „stossend", könne deshalb nicht gefolgt werden. Es gehe hier um zwei verschiedene Anspruchsgrundlagen, die andere Voraussetzungen enthalten und damit nicht zu einem widersprüchlichen Ergebnis führen würden. Im Hinblick auf den Anspruch auf rechtliches Gehör beziehungsweise die Begründungs- pflicht scheine es in formeller Hinsicht problematisch, dass das SEM nicht offenlege, gestützt auf welche konkreten Überlegungen eine Wegweisung in den Irak im vorliegenden Fall faktisch als unzumutbar qualifiziert und warum die vorläufige Aufnahme angeordnet worden sei. Die Rechtsvertre- terin verstehe die langjährige Rechtsprechung der Asylrekurskommission und des Bundesverwaltungsgerichts dahingehend, dass jeweils zu prüfen sei, ob die ganze Familie sich gegebenenfalls im Heimatland des nicht ver- folgten Ehepartners niederlassen könne, wenn sie dies denn wolle. Die Be-D-2914/2020 Seite 15 hörden müssten laut Praxis der Asylrekurskommission im Rahmen der hy- pothetischen Wegweisungsprüfung prüfen, ob der Familie sowohl faktisch wie auch rechtlich die Möglichkeit offenstehe, sich im Heimatland des nicht- verfolgten Ehepartners legal niederzulassen, wobei überdies selbstver- ständlich vorausgesetzt werde, dass der Flüchtling im Heimatland seines Ehepartners vor Verfolgung, menschenrechtswidriger Behandlung und Rückschiebung in den Verfolgerstaat geschü tzt sei (vgl. EMARK 1997 Nr. 22 S. 180). Fakt sei jedoch, dass D._______ von den dortigen Behör- den nie irgendeinen Aufenthaltsstatus erhalten habe oder als Flüchtling an- erkannt worden sei. Auch wenn er damals nicht in den Iran abgeschoben worden sei, sei eine künftige Abschiebung angesichts seines unsicheren Status nicht auszuschliessen. Es sei aus Sicht der Rechtsvertretung nicht ersichtlich, warum vorliegend auf eine Rückübernahmegarantie durch die irakischen Behörden verzichte t werden könne . D._______ habe im Rah- men seines Asylverfahrens zu seiner Papierlosigkeit im Irak Angaben ge- macht. Zum damaligen Zeitpunkt sei das SEM offenkundig zum Ergebnis gekommen, dass seine diesbezüglichen Aussagen glaubhaft seien. An- sonsten hätte es gemäss Art. 3 1a Abs. 1 Bst . c AsylG gar nicht auf sein Asylgesuch eintreten dürfen und ihn in den Irak wegweisen müssen. Die Aufforderung des SEM, D._______ müsse diesbezüglich heute weitere Be- weismittel einreichen, gehe daher fehl. In diesem Zusammenhang sei auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1683/2013 vom 21. April 2015 hinzuweisen. Das Gericht habe es in diesem Fall abgelehnt, die bloss hypothetische Möglichkeit, eine andere ausländische Staatsbürgerschaft zu erwerben, als „besonderen Umstand" zu werten (vgl. hierzu E. 7.3.3). Aufgrund der aktuellen Aktenlage könne nicht davon ausgegangen wer- den, dass C._______ überhaupt irakischer Staatsbürger sei. Mit Blick auf die Rechtsprechung sei er deshalb in die Flüchtlingseigenschaft seines Va- ters einzubeziehen. Darüber hinaus zeige das aktuelle Verhalten der iraki- schen Vertretung in der Schweiz auch auf, welchen Umgang die irakischen Behörden mit Iranern beziehungsweise deren Kindern im Irak pflegen wür- den. Als Kinder e ines iranischen Flüchtlings seien sie mit Diskriminierun- gen konfrontiert und in ihrem Fortkommen behindert. Eine Rückkehr in den Irak erschein e aus gesundheitli cher und entwicklungspsychologischer Sicht unzumutbar. Das Bundesverwaltungsgericht ha be im Urteil D-7013/2006 vom 2. Oktober 2007 festgehalten, dass dem Kindeswohl im Rahmen der hypothetischen Zumutbarkeitsprüfung eine vorrangige Be- deutung zukomme. Der Persönlichkeit des Kindes und seinen Lebensum- ständen sei umfassend Rechnung zu tragen. Eine Rückkehr in den Irak müsse auch deshalb als unzumutbar eingeschätzt werden. D-2914/2020 Seite 16 6. 6.1 Der Ehemann beziehungsweise Vater der Beschwerdeführenden wurde in der Schweiz als Flüchtling im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG aner- kannt (vgl. Bst. A). Da die Beschwerdeführenden irakische Staatsangehö- rige sind, der Ehemann beziehungsweise Vater iranischer Staatsangehöri- ger ist, stellt sich die Frage, ob sich das gemischtnationale Eh epaar mit ihren Kindern im Nordirak niederlassen könnte (vgl. E. 4.4). Damit läge ein «besonderer Umstand» im Sinne von Art. 51 Abs. 1 und 3 AsylG vor, der dem Einbezug der Beschwerdeführenden in die Flüchtlingseigenschaft entgegenstehen würde. 6.2 Im publizierten Urteil BVGE 2008/5 – in dem eine einlässliche Ausei- nandersetzung mit der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die drei damaligen kurdischen Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil, Suleimaniya) stattfand – hielt das Gericht fest, dass sich sowohl die Sicher- heits- als auch die Menschenrechtslage in dieser Region im Verhältnis zum restlichen Irak relativ gut darstelle. Gestützt darauf kam es zum Schluss, dass ein Wegweisungsvollzug in die Provinzen Dohuk, Erbil und Suleima- niya unter der Voraus setzung zumutbar sei, dass die betreffende Person ursprünglich aus der Region stammt oder eine längere Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz (Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu den herrschenden Parteien verfügt . Für allein- stehende Frauen und Familien mit Kindern sowie für Kranke und Betagte sei die Zumutbarkeit nur mit grosser Zurückhaltung zu bejahen (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5, insbesondere E. 7.5.1 und 7.5.8). Diese Praxis wurde in den folgenden Jahren in zahllos en Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts umgesetzt und bekräftigt. Im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien und der damit ausgelösten Flüchtlingswelle in die kurdischen Provinzen Nord- iraks stellte das Bundesverwaltungsgericht im Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 fest, dass die Sicherheitslage in den vier Provin- zen der Autonomen Kurdischen Region (das KRG-Gebiet wird seit Anfang 2015 durch die Provinzen Dohuk, Erbil, Suleimaniya sowie der von Letzte- rer abgespalteten Provinz Halabja gebildet) zwar aufgrund dieser Um- stände angespannt, aber grundsätzlich weiterhin stabil sei. Die Feststel- lung einer stabilen Sicherheitslage gelte auch für die Provinz Suleimaniya, was dort zu einem gros sen Zustrom an intern vertriebe nen Personen (In- ternally Displaced Persons, IDP) geführt habe . Die wachsende Bevölke- rungszahl stelle eine Belastung der lokalen Wirtschaft und Infrastruktur dar und erschwere die Grundve rsorgung (vgl. Referenzurteil D -3737/2015 E. 7.4.3). Zum Schutz vor Infiltranten oder Sympathisanten de s "Islami- schen Staates" (auch Islamischer Staat im Irak und in der Levante [ISIL] D-2914/2020 Seite 17 oder Islamischer Staat im Irak und in Syrien [ISIS]; nachfolgend IS) hat das KRG die Einreisebedingungen und die Sicherheitsvorkehrungen ver- schärft. Die lokale Bevölkerung so ll Vertriebenen und Rückkehrern mit Misstrauen und Argwohn begegnen. Bei dieser Sachlage stellte das Ge- richt auch unter Berücksichtigung der mit der Beschwerde eingereichten Lageberichte fest, dass in den vier Provinzen der Autonomen Kurdischen Region nach wie vor nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AuG auszugehen sei und keine konkreten Anhaltspunkte für die Annahme vorlägen, dies werde sich in absehbarer Zeit massgeblich verändern. Die langjährige Praxis gemäss BVGE 2008/5 für aus dieser Re- gion stammende Kurden bleibe somit grundsätzlich weiterhin anwendbar. Angesichts der Belastung der behördlich en Infrastrukturen durch IDP sei allerdings jeweils der Prüfung des Vorliegens begünstigender individueller Faktoren – insbesondere denjenigen eines tragfähigen familiären Bezie- hungsnetzes (vgl. auch BVGE 2008/5 E. 7.5) – besonderes Gewicht bei- zumessen. 6.3 Bei den Beschwerdeführenden und D._______ handelt es sich um eine Familie mit minderjährigen Kindern, welche vor der Ausreise in der Provinz Suleimaniya gelebt hat. Die Beschwerdeführerin verfügt dort zwar mit ihren Eltern und Geschwistern über ein Beziehungsnetz und ist mit einem abge- schlossenen (…)-studium gut ausgebildet. Dennoch war sie im Irak nie im Arbeitsmarkt integriert und kümmerte sich um ihr Kind und den Haushalt . D._______s Arbeitserfahrung beschränkt sich auf Arbeiten als Tagelöhner. Es ist vor diesem Hintergrund nicht davon auszugehen, dass er in der Lage wäre, eine Existenzgrundlage für seine inzwischen vierköpfige Familie zu erarbeiten. Zudem werden sie als Rückkehrer beziehungsweise D._______ als Ausländer im Nordirak auf Misstrauen der Bevölkerung und eine überlastete Infrastrukt ur stossen. Nebst diesen erschwerenden Um- ständen fällt ins Gewicht, dass die Beschwerdeführerin an einer Diabetes- Erkrankung und einer mittelgradig depressiven Episode leidet. Der Sohn B._______ ist gemäss seiner Kinderärztin aufgrund der zurückliegenden Trennung von seinem Vater und der ständigen Umzüge in der Schweiz in seiner emotionalen Entwicklung gefährdet und benötigt eine Psychothera- pie. Ein erneuter allfälliger Wohnortswechsel aus der Schweiz in den Irak und damit eine erneute Instabilität in seinem Alltagssystem würde dem Kin- deswohl entgegenstehen. Die medizinische Versorgung im Nordirak ist ins- gesamt als mangelhaft zu bezeichnen. Geringfügige gesundheitliche Be- schwerden können zwar in der Regel in den Städten behandelt werden, aber auch dort beste ht ein Mangel an adäquater Infrastruktur, qualifizier- tem Personal und Medikamenten (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5.6). Angesichts D-2914/2020 Seite 18 der rudimentären und teilweise mangelhaften medizinischen Versorgungs- lage im Nordirak ist zu erwarten, dass bei einer allfälligen Rückkehr nach Suleimaniya die emotionale Entwicklung von B._______ gefährdet und die nötige Behandlung hierfür nicht vorhanden wäre . Unter Berücksichtigung der Rechtsprechung, wonach die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bei Familien mit minderjährigen Kindern nur mit grosser Zurückhaltung an- zunehmen ist, und in Anbetracht dessen, dass es dem Vater, als Ausländer im Nordirak, kaum möglich s ein würde, für seine vierköpfige Familie eine Existenzgrundlage zu schaffen sowie unter Berücksichtigung der gesund- heitlichen Probleme der Beschwerdeführerin und von B._______ ist der Vollzug der Wegweisung in den Nordirak als hypothetisch nicht zumutbar zu beurteilen. Die Tatsache der unterschiedlichen Staatsangehörigkeit der beiden Ehegatten erweist sich demna ch nicht als "besonderer Umstand" im Sinne des Art. 51 Abs. 1 und 3 AsylG. Dem Einbezug der Ehefrau und der beiden Söhne in die Flüchtlingseigenschaft des Ehemannes steht so- mit nichts entgegen. 7. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und die Dis positiv- ziffern 2-8 der angefochtenen Verfügung des SEM vom 5. Mai 2020 sind aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin und B._______ gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG und C._______ gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG derivativ als Flüchtling e anzuerkennen und ih nen in der Schweiz Asyl zu gewähren. Angesichts des Ausgangs des Verfahrens erübrigt es sich, auf die weiteren Anträge einzugehen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9. Sodann ist den vertretenen Beschwerdeführenden angesichts ihres Obsie- gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In der Kostennote vom 24 . September 2020 weist die Rechtsvertreterin einen zeitlichen Aufwand von 20 ,35 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 220.- sowie Spesen von Fr. 161.90 aus. Der zeitliche Aufwand hinsicht- lich der Verfassung der Beschwerde und der Replik sowie auch mehrere r D-2914/2020 Seite 19 Telefonate und Schreiben zum Verfahrensstand erscheint nicht vollum- fänglich angemessen beziehungsweise notwendig und ist deshalb auf 17 Stunden zu kürzen. Ausgehend von der Kostennote und gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten des SEM eine Parteientschädigung von Fr. 4203.– (inklusive Spesen und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v. Art . 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-2914/2020 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des SEM vom 5. Mai 2020 wird in den Dispositivziffern 2-8 aufgehoben. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführ enden eine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 4203.– zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Ferreyra Versand: