Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 4. Juni 2020 (720 20 5 / 118) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Medizinischer Sachverhalt nicht hinreichend abgeklärt; Rückweisung an die Vorinstanz Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter Jürg Pulver, Kantons- richter Daniel Noll, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführer, vertreten durch Nikolaus Tamm, Advokat, Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der 1963 geborene A.____, gelernter Forstwart, ist seit dem 1. April 2012 bei der von seiner Lebenspartnerin betriebenen B.____GmbH als Sachbearbeiter (Pensum 50 %) tätig. Am 23. Februar 2017 meldete er sich unter Hinweis auf ei ne Depression, eine chronische Leberzir- rhose und Hepatitis C bei der Invalidenversicherung (IV ) zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) klärte in der Folge die gesundheitlichen und erwerblichen Verhält- nisse ab, wobei sie den Versicherten durch die Ärztliche Be gutachtungsinstitut GmbH (ABI) polydisziplinär begutachten liess (Expertise vom 13. Aug ust 2018). Gestützt auf die daraus ge- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht wonnenen Erkenntnisse wies die IV-Stelle das Leistungsbe gehren mit Verfügung vom 20. No- vember 2019 ab. Begründend hielt sie fest, A.____ habe das einjährige Wartejahr für den An- spruch auf eine IV-Rente nicht erfüllt. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Niko laus Tamm, am 6. Januar 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicheru ngsrecht (Kantonsgericht). Er be- antragte, in Gutheissung der Beschwerde sei die Verfüg ung vom 20. November 2019 aufzuhe- ben und es sei ihm unter o/e-Kostenfolge mindestens ein e halbe Rente zuzusprechen. Zur Be- gründung führte er im Wesentlichen aus, dass der angef ochtene Entscheid auf unzureichenden medizinischen Unterlagen beruhe. C. In ihrer Vernehmlassung vom 4. März 2020 schloss die IV-Stelle unter Hinweis auf eine Stellungnahme von Dr. med. C.____, Facharzt für Psychi atrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), vom 17. Januar 2020 auf Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf d ie im Übrigen frist- und formgerecht erhobene Beschwerde vom 6. Januar 2020 ist demnach einzutreten. 2. Streitig ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführers. Massgebend ist der Sachver- halt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verf ügung vom 20. November 2019 entwi- ckelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemä ss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 129 V 4 E. 1.2). Später ei ngereichte ärztliche Berichte sind aber ausnahmsweise zu berücksichtigen, wenn daraus Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand im Zeitpunkt des Verfügungserlasses gezogen werden kö nnen (vgl. BGE 121 V 362 E. 1b in fine). 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c) Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erw erbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsun- fähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperliche n, geistigen oder psychischen Gesund- heit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in B etracht kommenden allgemeinen Ar- beitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 3.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person A nspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente , wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf e ine Viertelsrente, wenn sie zu min- destens 40 % invalid ist. 4.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrade s bildet die Frage, in welchem Ausmass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheit lichen Beeinträchtigungen arbeitsun- fähig ist. 4.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls a uch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 4.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vg l. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 4.4 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem G rundsatz der freien Beweiswürdi- gung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen me dizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 ff. E. 3b und in AHI-Praxis 2001 S. 114 E. 3b, jeweils mit weiteren Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwalt ungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund e ingehender Beobachtungen und Unter- suchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befun- de zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswür digung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlä ssigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellu ng in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ih- rer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 125 V 353 E. 3b/cc). Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach- )Arztes einerseits und von Begutach- tungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Expe rten anderseits (BGE 124 I 175 E. 4; Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteilungen] vom 13. Juni 2001, I 506/ 00, E. 2b) lässt nicht zu, ein Administra- tiv- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen un d zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautende n Einschätzungen gelangen. Vorbe- halten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behan- delnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver är ztlicher Interpretation entspringende – As- pekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkan nt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteil des EVG vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). 5. Das Administrativverfahren vor der IV-Stelle wie auc h der kantonale Sozialversiche- rungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben IV-Stelle und Sozialversicherungsgericht vo n Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungs- pflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteil ung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (Urteil des Bun desgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. 6.1 Zur Beurteilung des vorliegenden Falls liegen zah lreiche medizinische Unterlagen vor, die vom Gericht gesamthaft gewürdigt wurden. Im Folge nden sollen indessen lediglich diejeni- gen Gutachten und Berichte wiedergegeben werden, wel che sich für den vorliegenden Ent- scheid als zentral erweisen. 6.2 Im Bericht vom 8. März 2017 (Eingang bei der IV-St elle) diagnostizierte Dr. med. D.____, FMH Infektiologie, Intensivmedizin und Allgemeine Innere Medizin, mit Aus- wirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Leberzirrhose (Child A) bei Status nach chronischer Hepa- titis C und nach chronischem Aethylabusus, eine chronische Pankreatitis nach chronischem Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Aethylabusus, einen Status nach rezidivierend depressiven E pisoden, eine Opioidabhändigkeit, in Opioid-Substitutionstherapie, eine Benzodiazepinabhängigkeit, einen Status nach Alkoholab- hängigkeit, nach schädlichem Konsum von Cannabinoiden, Kokain und LSD. Der Versicherte sei rasch erschöpft, habe Konzentrationsstörungen und einen hohen Erholungsbedarf. Es seien ihm nur noch leichteste Arbeiten (Büroarbeiten) halbtags zumutbar. 6.3 Am 9. Mai 2017 diagnostizierten Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psychothera- pie, und Dr. med. F.____, Abteilungsarzt beim Zentru m G.____, eine Leberzirrhose bei aethyli- scher und viraler Leberkrankheit, einen Status nach chroni scher Hepatitis C, eine chronische Fatigue, rezidivierend depressive Störungen, eine aktuel l abstinente Alkoholabhängigkeit und eine Opioidabhängigkeit, aktuell Opioid-Substitutionstherapie. Sie würden den Versicherten seit dem 5. März 2008 behandeln. Die Kombination von (fam iliär mitbedingter) chronischer Depres- sivität wechselnden Ausmasses mit der wahrscheinlich posthepa tischen chronischen Fatigue führe beim Versicherten seit August 2014 zu einer eingeschränkten Lebensqualität mit reduzier- ter Erwerbsfähigkeit um 60 %. 6.4 Die IV-Stelle liess den Versicherten bei der ABI p olydisziplinär (allgemeininternistisch, psychiatrisch, neuropsychologisch und gastroenterologisch) be gutachten. Am 13. August 2018 diagnostizierte das Expertenteam mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Leberzirrhose Child A (ICD-10 K70.3), eine chronische Hepatitis C (I CD-10 B18.2) und eine Angst und de- pressive Störung gemischt (ICD-10 F41.2). Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestün- den ein Status nach psychischer Verhaltensstörung durch m ultiplen Substanzgebrauch, ge- genwärtige Teilnahme an einem ärztlich überwachten Er satzprogramm (ICD-10 F19.22), und ein fortgesetzter Nikotinabusus (ICD-10 F17.1). Aus gas troenterologischer Sicht könne eine chronische Lebererkrankung zur Kenntnis genommen werde n mit einer Zirrhose, einerseits äthyltoxischer Natur, andererseits bei Status nach langjä hriger Hepatitis C bzw. erfolgreicher Remission der Virusreplikation seit 2014. Klinisch sei es bisher nie zu einer Dekompensation gekommen. Ein Anteil der angegebenen Beschwerden, vor allem der Müdigkeit und Leistungs- insuffizienz, könne mit der Lebererkrankung erklärt werd en, was zu einer geringen Leistungs- einbusse von 25 % führe. Aus allgemeinmedizinischer Sicht seien keine weiteren Befunde und Diagnosen zu erkennen, die eine Einschränkung der Arbeit sfähigkeit bewirken würden. Aus psychiatrischer Sicht bestünde eine leichtgradige Angst und depressive Störung gemischt. Die- se führe zu einer geringen Leistungseinbusse von 20 %. Ei n Anteil der angegebenen Sympto- me und Beschwerden mit Leistungseinbusse und Müdigkeit könnte dadurch erklärt werden. Der Substanzgebrauch sei nicht mehr gegeben. Die dauerhafte Teilnahme am Ersatzprogramm mit der Einnahme von Serve-Long (Opioid-Analgetikum) dür fte sich ungünstig auf die Motivations- fähigkeit des Versicherten auswirken. Eine Reduktion der Dosierung wäre sinnvoll anzustreben. Die Behandlung mit Cipralex (Antidepressivum) sei geeignet, sowohl die depressive Störung als auch die Angststörung effektiv zu minimieren. Der Erfo lg sollte sich in vier bis sechs Wochen einstellen. Alsdann wäre auch die attestierte Arbeits fähigkeit einlösbar. Aus neuropsychologi- scher Sicht hätten testpsychologisch keine wesentlichen Ei nbussen nachgewiesen werden können. Eine neuropsychologisch objektivierbare Einschränkun g bestünde nicht. Ungünstig sei der ärztlich verordnete anhaltend hohe substituierende Morphinkonsum. Aus beruflicher und psychosozialer Sicht sei die lange Arbeitsabwesenheit ab 2002 zu vermerken und die Tatsache, Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht dass der Wiedereinstieg quasi im geschützten Rahmen bei d er Partnerin des Versicherten er- folgt sei. Er sei seit vielen Jahren nicht mehr den echt en Belastungen des ersten Arbeitsmarkts ausgesetzt gewesen und habe sich in dieser Situation ein gerichtet. Wesentliche Einschränkun- gen der kognitiven, psychischen oder auch medizinischen Ress ourcen seien nicht zu verzeich- nen. Die leichten Leistungseinbussen aus gastroenterolo gischer und psychiatrischer Sicht wür- den sich ergänzen, da einerseits die gleichen Zeitabschn itte für Pausen und Erholung genutzt werden könnten. Andererseits sei die Symptomatik letztl ich deckungsgleich und ätiologisch nicht sicher zuordenbar, sodass eine überwiegende Schnittmenge bestünde. In der zuletzt aus- geübten und in einer angepassten Verweistätigkeit sei d er Versicherte acht Stunden pro Tag arbeitsfähig. Es bestünde ein erhöhter Pausenbedarf bei reduzierter Leistungsfähigkeit mit einer leichten Verlangsamung. Insgesamt betrage die Arbeits- und Leistungsfähigkeit seit der Anmel- dung bei der IV im Februar 2017 75 %. Psychiatrisch sei der affektive Teil der Störung ungenü- gend behandelt. Durch die effektive Behandlung mit Ci pralex könnte eine leichte Verbesserung erreicht werden. Zudem dürfte eine Reduktion des Opiats die Wachheit und Motivation des Ver- sicherten verbessern. Er selbst sehe sich nur sehr gering fügig arbeitsfähig, obwohl dafür keine medizinischen Gründe zu finden seien. Wahrscheinlich wär e es sinnvoll, eine Reduktion des Opiats vorzunehmen, um dann zu evaluieren, ob sich seine Motivation für ein höheres Pensum steigern würde und dieses auch umsetzbar wäre. 6.5 Im Rahmen des Vorbescheidverfahrens nahm Dr. med. H.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, leitende Ärztin des Zentrums G.____, zum G utachten der ABI vom 13. August 2018 Stellung. Sie hielt fest, die Gutachter hätten die traumatischen Erfahrungen des Versicher- ten in der Kindheit mit einem depressiven Vater und einer alkoholkranken Mutter nicht beachtet. Eine Schüchternheit, wie im Gutachten als Prädispositio n zur Suchterkrankung angedeutet, könne so nicht angenommen werden. Es sei davon auszugehen, dass sich der Versicherte während der Begutachtung überangepasst gezeigt und scham besetzte Inhalte nicht wiederge- geben habe. Die aktuelle erhebliche Einschränkung der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit ent- spreche der Realität. Laut Angaben des Arbeitsgebers be trage die Arbeitsleistung trotz hoher Motivation maximal 20 % bis 25 %. Der im Gutachten darg estellte Zusammenhang zwischen den Beschwerden, der Motivation des Versicherten und de r Dosierung des Substitutionsmittels sei nicht nachvollziehbar und die Infragestellung der Substitutionsbehandlungsbedürftigkeit sei absurd. Eine stabile Dosis des Substitutionsmittels sei wed er motivationsmindernd noch führe es zu anhaltender Müdigkeit, Aufmerksamkeits- oder Konze ntrationsproblemen. Weiter bestün- den Inkongruenzen zwischen dem psychiatrischen Befund und d en Resultaten der neuropsy- chologischen Untersuchung. Während der Psychiater einen verlangsamten formellen Gedan- kengang sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörunge n erwähne und diese Beschwer- den als die Arbeitsfähigkeit einschränkend sehe, ergeb e die neuropsychologische Untersu- chung keine Hinweise für Verlangsamung oder Konzentrati ons- und Aufmerksamkeitsstörun- gen. Zudem werde im Gutachten die seit Jahren diagno stizierte rezidivierende depressive Stö- rung weder diskutiert noch seien die depressiven Symptome gemäss ICD-10 vollständig explo- riert worden. Der psychiatrische Gutachter begründe nich t, weshalb seines Erachtens die Ver- langsamung, die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstör ungen nicht in einem Zusammen- hang mit der depressiven Erkrankung stünden. Die Behauptu ng, mit einer effektiven Behand- lung mit Cipralex könne eine leichte Verbesserung err eicht werden, sei eine reine Vermutung. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Der Versicherte werde aufgrund seiner rezidivierenden S törung seit Jahren psychotherapeu- tisch und pharmakologisch behandelt. Er vertrage die ant idepressive Medikation schlecht. Cipralex habe er zwar am besten vertragen, nach jahre langer Behandlung bei Unverträglichkeit und mangelnder Wirksamkeit habe der Versicherte das Me dikament in letzter Zeit nur noch un- regelmässig eingenommen, was verständlich sei. Die depressive Störung sei beim Versicherten vor dem Erwachsenenalter eingetreten. Als beste (Selbst- )Medikation hätten sich bisher Alko- hol, Benzodiazepine und Opioide erwiesen. Chronisch rezidivierende depressive Verläufe seien oft therapieresistent und würden zu einer erheblichen Krankheitslast führen. Die Arbeitsunfähig- keit sei beim Versicherten deutlich höher zu veranschlage n. Schliesslich sei im Gutachten die (somatische) Diagnose des chronischen Fatigue-Syndroms (ICD-10 G93.3) nicht berücksichtigt worden. 6.6 Am 22. Juni 2019 nahm die RAD-Ärztin pract. med. I.____ Stellung. Sie hielt fest, dass die subjektive Müdigkeit und die Leistungsintoleranz nich t vollumfänglich objektivierbar seien. Dennoch seien diese subjektiven Beschwerden im Gutachten mit einer 20%igen Arbeitsunfä- higkeit resp. Leistungseinbusse aus gesamtmedizinischer Sicht ausreichend berücksichtigt worden. Die Diagnose eines chronischen Fatigue-Syndroms sei hingegen zu Recht nicht ge- stellt worden, da die subjektiven Beschwerden des Versic herten nicht vollumfänglich objekti- vierbar gewesen seien und in einem gewissen Ausmass ander en Grunderkrankungen hätten zugeordnet werden können. 6.7 Der RAD-Arzt Dr. C.____ führte am 27. Juni 2019 a us, die von Dr. H.____ angeführten Punkte seien weder dazu geeignet, das psychiatrische Guta chten in Zweifel zu ziehen noch zusätzliche Informationen einzubringen, die die Einschätzu ng des Psychiaters in ein anderes Licht rücken würden. Die wesentlichen Befunde, nament lich die des depressiven Formenkrei- ses, seien im Gutachten diskutiert und in Relation zu de n teilweise abweichenden Einschätzun- gen der behandelnden Ärzte gesetzt worden. Auch auf da s chronische Fatigue-Syndrom werde Bezug genommen. Aufgrund der Befunde komme der Guta chter jedoch zu einer unterschiedli- chen Bewertung des Sachverhalts. Die vom psychiatrischen G utachter erhobenen Befunde (eingeschränkte Konzentration und Aufmerksamkeit) hätten sich in der neuropsychologischen Untersuchung nicht objektivieren lassen, was jedoch eher für als gegen eine Arbeitsfähigkeit spreche. Die im Zusammenhang mit der antidepressiven Beha ndlung gemachte Aussage, als beste Selbstmedikation gegen die depressive Störung hätte n sich beim Versicherten bislang Alkohol, Benzodiazepine und Opiate erwiesen, spreche f ür sich und bedürfe keines weiteren Kommentars. 6.8 Am 19. November 2019 führte Dr. C.____ ergänzend aus, die Gutachter hätten dem Abhängigkeitssyndrom bzw. der Substanzkonsumstörung hinreichend Rechnung getragen. Der Einfluss des Substanzkonsums auf die Arbeitsfähigkeit se i ausführlich diskutiert und bewertet worden. 6.9 Am 6. Januar 2020 nahm Dr. H.____ erneut Stellu ng. Für das Verständnis der Psy- chodynamik der Erkrankung seien die anamnestischen Angaben i m Gutachten lückenhaft. So seien die traumatischen Erlebnisse des Versicherten nicht er fragt und verständlicherweise vom Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Versicherten nicht spontan berichtet worden. Der realtra umatische Familienhintergrund mit se- xualisierter und emotionaler Gewalt seitens der schwer a lkoholkranken Mutter und der emotio- nalen Vernachlässigung seitens des depressiven Vaters spiele eine wesentliche Rolle. Der Ver- sicherte habe bereits als Jugendlicher unter schweren dep ressiven Symptomen und einer Angstsymptomatik gelitten, welche er als Minderjähriger m it Substanzgebrauch (Drogen, Alko- hol) zu bewältigen versucht habe. Daher seien sowohl di e psychiatrischen Störungen als auch die Abhängigkeitserkrankungen unter einer traumatologi schen Bedeutung und gegenseitiger Kausalität zu betrachten. Die Suchtentwicklung sei beim Versicherten eindeutig die Folge eines schweren psychischen Leidens. Die aktuelle Substitutionsbeha ndlung mit Opioiden und Ben- zodiazepinen ermögliche ihm das Überleben und überdeckte auch teilweise strukturelle Persön- lichkeitsdefizite. Es sei nicht nachvollziehbar, dass der Gu tachter diesen Aspekt nicht erkenne und die Substitutionsbehandlung in Frage stelle. Diagn ostisch sei von einer rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10 F33), einer strukturellen St örung im Sinne einer entwicklungsbe- dingten Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F61 und F62) sowie von einer Traumafolgestörung auszugehen. Die Diagnose einer sekundären Sucht sei im Gutachten nicht beachtet worden. Es bestünden eine Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, eine leichte Erschöpfbarkeit und ver- minderte Belastbarkeit, im Verlauf durchaus flukturier end, rezidivierende depressive Verstim- mungen mit Antriebs-, Kraft- und Interessenlosigkeit, c hronisch rezidivierende Suizidgedanken, diffuse Ängste, Störungen in der Regulation von Affekt en und Impulsen, Störungen der Auf- merksamkeit und des Bewusstseins mit Amnesien und Depersonal isationserleben, eine Stö- rung der Selbstwahrnehmung, eine schwere Selbstwertpro blematik und ein schwankendes Selbstwertgefühl, eine Sorge vor Kritik und Ablehnung , rezidivierende interpersonelle Schwie- rigkeiten, ein abhängiges Beziehungsmuster, gewaltsame i ntime Beziehungen mit Retraumati- sierungen, ein sozialer Rückzug, eine soziale Gehemmtheit , starke Verlassensängste und Ab- grenzungsprobleme, ein Unterordnen eigener Bedürfnisse, ein Perfektionismus und übermässig hohe Anspruche ans Selbst, rezidivierende Gefühle der Le ere und Hoffnungslosigkeit, ein chro- nisches Gefühl der Anspannung, Besorgtheit, eine einge schränkte Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ein Erleben von innerer Zerstörtheit und H ilflosigkeit, rezidivierende Zustände der Überregung oder Erstarrung, Schlafprobleme sowie Soma tisierungsbeschwerden. Die Symp- tome seien chronisch-rezidivierend und könnten in ihrer Gesamtheit bei 1 bis 2 Untersuchungen durch einen Psychiater oder durch eine neuropsychologische Testung nicht erfasst werden. Der Gutachter spreche von einer Abstinenz und sehe das Problem einer schweren chronischen Suchterkrankung aktuell nicht mehr. Gleichzeitig werde aber die notwendige Opiat- und Ben- zodiazepinsubstitution bemängelt. Diese Sichtweise sei in konsistent. Die Substitutionsbehand- lung sei per se keine Abstinenzbehandlung. Die Annahme des Gutachters, der Versicherte sei mangelhaft motiviert, sei nicht begründet. 6.10 Am 17. Januar 2020 führte der RAD-Arzt Dr. C.__ __ aus, die vorgebrachte Kritik am Gutachten sei in einzelnen Punkten berechtigt, ohne j edoch die grundsätzliche Einschätzung der Gutachter in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit umstür zen zu können. Tatsächlich falle die Be- schreibung psychodynamischer Prozesse im Gutachten eher knapp aus, was jedoch in der Fragestellung begründet liege. Im versicherungsmedizini schen Kontext stehe die Einschätzung der Leistungsfähigkeit im Vordergrund, psychodynamische Üb erlegungen würden dabei eine untergeordnete Rolle spielen. Auch liesse sich aus den hi er gestellten Diagnosen und Diagno- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht sekombinationen noch keine Aussage über die effektive Arbe itsfähigkeit treffen, auch wenn über die vergebenen Diagnosen durchaus diskutiert wer den könnte. Von entscheidender Be- deutung sei die medizinische Querschnittuntersuchung für d ie aktuelle Beurteilung von Ein- schränkungen und Ressourcen in Kombination mit dem Längssch nittvergleich, wie von Dr. H.____ angemerkt. Daraus prognostische Aussagen für d en Krankheitsverlauf und die Ar- beitsfähigkeit abzuleiten, sei grundsätzlich nicht mögli ch. Auch wenn der Krankheitsverlauf des Versicherten von schwerer Suchterkrankung und affektiven Stö rungen gekennzeichnet sei, ergäben sich mit der bereits bestehenden Abstinenz von A lkohol und dem Verzicht auf Beikon- sum von Substanzen neben der Substitutionsbehandlung Hinweise auf eine erfreuliche Verbes- serung des Gesundheitszustands. Ob beim Versicherten die Sucht Folge oder Ursache einer weiterreichenden Psychopathologie gelten müsse, sei unerh eblich. Für die Beurteilung der Ar- beitsfähigkeit seien vielmehr die funktionellen Einschrän kungen im Vergleich über alle Lebens- bereiche hinweg massgeblich, wie auch deren Konsistenz. An diesem Punkt komme das Gut- achten zu einer anderen Einschätzung als die behandelnde Ärztin. Die vom Versicherten ge- zeigten Leistungen in der neuropsychologischen Testung kö nnten dabei ebenso wenig unbe- rücksichtigt bleiben, wie auch die lebenspraktisch gezeigt e Arbeitsfähigkeit (50 %). Das in der Querschnittsuntersuchung erhobene Bild zeige sich insof ern konsistent mit dem Funktionsni- veau im Alltag, in den sozialen Beziehungen und auch in der Berufstätigkeit. Im Gegensatz zu der ausführlichen Auseinandersetzung mit den genannte n Themen komme im Gutachten die Auseinandersetzung mit den Themenkreis Persönlichkeit deut lich zu kurz. Eine Auseinander- setzung mit den sogenannten „komplexen ICH-Funktionen“ und anderen, die Persönlichkeit betreffenden Merkmalen finde nur in sehr verkürzter F orm statt. Gesamthaft habe das Gutach- ten jedoch sämtliche relevanten Faktoren erfasst, die pe rsönliche, berufliche und gesundheitli- che Entwicklung hinreichend wiedergegeben und die bisherigen Therapien gewürdigt. Die unter Einbezug der durchgeführten Untersuchungen gezogenen Sch lussfolgerungen mit Bezug auf die funktionalen Einschränkungen und die Arbeitsfähigkeit würden trotz berechtigter Kritik nach- vollziehbar und plausibel erscheinen, weshalb auf das Gutachten abgestellt werden könne. 7.1 Die IV-Stelle ging in der angefochtenen Verfügun g vom 20. November 2019 gestützt auf die Beurteilung im Gutachten der ABI vom 13. Aug ust 2018 davon aus, dass dem Versi- cherten angepasste Tätigkeiten im Umfang von 75 % zumutb ar seien. Wie in Erwägung 4.4 hiervor ausgeführt, ist den im Rahmen des Verwaltungsver fahrens eingeholten Gutachten ex- terner Spezialärztinnen und Spezialärzten volle Beweiskraf t zuzuerkennen, wenn diese auf- grund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sow ie nach Einsicht in die Akten Be- richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, und solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen. Solche Indi- zien sind vorliegend jedoch nicht von der Hand zu weisen , wie die nachstehenden Erläuterun- gen aufzeigen. 7.2 Zunächst bestehen in psychiatrischer Hinsicht bei der Be urteilung der Leistungsfähig- keit fachärztliche Diskrepanzen. Zweifel an der Schlüssigkeit der psychiatrischen Expertise er- geben sich namentlich aufgrund der erheblich unterschied lichen Beurteilung in den Berichten des Zentrums G.____ vom 9. Mai 2017, 13. Februar 20 19 und 6. Januar 2020. Während der psychiatrische Gutachter – aufgrund einer eimaligen Explor ation und eher spärlichen psychiatri- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht schen Vorakten – eine Angst und depressive Störung gemisch t (ICD-10 F41.2), feststellte, deswegen eine geringe Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im Umfang von 20 % attestierte und davon ausging, dass sich eine Reduktion der Substitutio nsmedikation positiv auf die Motivati- onsfähigkeit und eine Behandlung mit dem Antidepressivu m Cipralex positiv auf die depressive Störung und die Angststörung auswirke, ergibt sich aus de n Berichten der behandelnden Ärzte ein deutlich anderes Bild: So diagnostizierte Dr. H.___ _ eine rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33), eine strukturelle Störung im Sinne ein er entwicklungsbedingten Persönlichkeits- störung (ICD-10 F61 und F62) sowie eine Traumafolgestö rung. Sie beobachtete beim Versi- cherten diverse chronisch-rezidivierende Symptome (etwa Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, leichte Erschöpfbarkeit, verminderte Belastbarkeit, dep ressive Verstimmungen mit Antriebs-, Kraft- und Interessenlosigkeit, chronisch rezidivierende Suizidgedanken, diffuse Ängste, Stö- rungen in der Regulation von Affekten und Impulsen, S törungen der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins mit Amnesien und Depersonalisationserleben, eine schwere Selbstwertproblema- tik, ein sozialer Rückzug) die vom psychiatrischen Gutachter w eitgehend unerkannt oder unge- würdigt geblieben sind. Aufgrund ihrer Beobachtungen attestierte sie beim Versicherten – unter Hinweis auf einen Bericht der Arbeitgeberin vom 20. F ebruar 2019, wonach die Arbeitsleistung trotz hoher Motivation maximal 20 % bis 25 % betrage – im Vergleich zum psychiatrischen Gut- achter eine deutlich höhere Einschränkung der Leistungs fähigkeit. Alsdann wies sie begründet auf Mängel im Gutachten hin. So stellte sie zutreffend fest, dass die Gutachter die depressiven Symptome gemäss ICD-10 nicht vollständig explorierten un d die (somatische) Diagnose des chronischen Fatigue-Syndroms (ICD-10 F93.3) nicht berücksich tigten. Soweit sie weiter die Anamnese im Gutachten als lückenhaft bezeichnet, erscheint diese Kritik insofern nachvollzieh- bar, als auch der RAD-Arzt Dr. C.____ in seiner Stel lungnahme vom 17. Januar 2020 den vor- gebrachten Mangel am Gutachten in einzelnen Punkten al s berechtigt wertete und feststellte, dass die Beschreibung psychodynamischer Prozesse im Gutachten eher knapp, die Auseinan- dersetzung mit den Themenkreis Persönlichkeit deutlich zu kurz und eine Erörterung mit den sogenannten „komplexen ICH-Funktionen“ sowie anderer, die Persönlichkeit betreffender Merkmale nur in sehr verkürzter Form ausgefallen seien. Un lösbare Diskrepanzen bestehen sodann hinsichtlich den Auswirkungen der Substitutionsmed ikation auf die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers. So legte die auf Abhängigkeitserkrankungen spezialisierte Psychiaterin glaubhaft dar, dass die verabreichte Medikation erford erlich und entgegen der Auffassung des Gutachters eine stabile Dosis des Substitutionsmittels weder motivationsmindernd sei noch zu anhaltender Müdigkeit, Aufmerksamkeits- oder Konzentrat ionsproblemen führe. Zwar enthalten die Berichte des Zentrums G.____ vom 9. Mai 2017, 13. Februar 2019 und 6. Januar 2020 kei- ne vollständige bzw. ausreichende Begründung. Dennoch la ssen sie unüberwindbare Zweifel an der psychiatrischen Beurteilung im ABI Gutachten aufkommen. Dies gilt umso mehr, als sich der psychiatrische Gutachter mit den vorhandenen medizinischen Unterlagen – wenn überhaupt – nur sehr oberflächlich auseinandersetzte und seine Be urteilung, wonach mittels Behandlung mit Cipralex auch „auch die attestierte Arbeitsfähigke it einlösbar wäre“ keine aussagekräftige Einschätzung der aktuellen Leistungsfähigkeit ist. Mit B lick auf die Beurteilung der behandeln- den Psychiaterin bestehen vielmehr Zweifel, ob der Gutachter den Gesundheitszustand und die daraus resultierende Leistungsfähigkeit korrekt erfasste. Bei dieser Sachlage kann jedenfalls nicht ausgeschlossen werden, dass beim Versicherten bereits s eit längerer Zeit eine schwer- wiegendere psychische Erkrankung vorliegen könnte, als der Gutachter der ABI annahm. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3 Auch die gastroenterologische Beurteilung überzeu gt nicht. Zwar wird eine Einschrän- kung der Leistungsfähigkeit durch eine erhöhte Ermüdba rkeit und Konzentrationsschwäche bejaht. Seine Schlussfolgerungen, wonach nicht plausibel sei, dass der Versicherte „zwar keine Büroarbeit verrichten könne, aber doch mit dem Hund sp azieren gehe“ (Gutachten Ziff. 7.3.2) und dass er „noch Ressourcen für eine Tätigkeit zu haben sc heine, welche keine erhöhte Kon- zentration erfordere, wie bei der Büroarbeit“ (Gutach ten Ziff. 7.4) sind indes auch mit Blick auf den Bericht der Arbeitgeberin vom 20. Februar 2019, w onach die Arbeitsleistung trotz hoher Motivation maximal 20 % bis 25 % betrage (act. 53), nicht einleuchtend, weshalb die im Übrigen nicht weiter begründete Leistungsfähigkeit von 75 % nicht zu überzeugen vermag. Dies gilt um- so mehr, als sich der Gutachter mit dem von den behandel nden Ärzten diagnostizierten chroni- schen Fatigue-Syndrom nicht hinreichend auseinandersetzte. 7.4 Schliesslich wirft auch die im ABI-Gutachten vorgeno mmene interdisziplinäre Gesamt- beurteilung der Arbeitsfähigkeit Fragen auf. Die Gut achter gingen unter blossem Hinweis, dass sich die Einschränkungen in den einzelnen Disziplinen hin sichtlich eines erhöhten Pausenbe- darfs bei reduzierter Leistungsfähigkeit mit einer lei chten Verlangsamung ergänzten, sodass kein additiver Effekt entstehe, davon aus, dass der V ersicherte gesamthaft betrachtet unter spezifischen Arbeitsplatzbedingungen eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 75% aufweise. Bei dieser weder allgemein noch im Hinblick auf ein best immtes Belastungsprofil begründeten Einschätzung bleibt die Frage nach dem Zusammenspiel d er somatischen und psychischen Einschränkungen auf die Leistungsfähigkeit weitgehend unklar. 7.5 Insgesamt bestehen erhebliche Zweifel an der Vollst ändigkeit und Richtigkeit der Aus- führungen im Gutachten der ABI vom 13. August 2018. S ie stellt daher keine geeignete Ent- scheidgrundlage für eine abschliessende Beurteilung der m edizinischen Sachlage dar. So wie sich die Aktenlage präsentiert, ist der massgebende medizi nische Sachverhalt nicht ausrei- chend abgeklärt, weshalb die Auswirkungen der gesundheitlichen Beschwerden auf die Arbeits- fähigkeit des Beschwerdeführers aufgrund der bestehenden Aktenlage nicht abschliessend be- urteilt werden können. Folglich ist der rechtserhebliche Sachverhalt durch geeignete medizini- sche Abklärungen zu vervollständigen. Von weiteren Abklär ungen kann nicht abgesehen wer- den, da nicht von vornherein angenommen werden kann, eine ergänzende Begutachtung ver- möge zu keinen besseren Erkenntnissen führen. Damit steht fest, dass die angefochtene Ver- fügung vom 20. November 2019 auf unzureichenden medi zinischen Abklärungsergebnissen beruht und deshalb aufzuheben ist. 8. Gemäss neuerer bundesgerichtlicher Rechtsprechung kön nen die Sozialversiche- rungsgerichte nicht mehr frei entscheiden, ob sie eine Streitsache zur neuen Begutachtung an die Verwaltung zurückweisen. Die Beschwerdeinstanz hat vie lmehr im Regelfall selbst ein Ge- richtsgutachten einzuholen, wenn sie einen im Verwaltu ngsverfahren anderweitig erhobenen Sachverhalt überhaupt für gutachtlich abklärungsbedürf tig hält oder wenn eine Administrativex- pertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräfti g ist. Eine Rückweisung an die IV- Stelle bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in de r notwendigen Erhebung einer bisher voll- ständig ungeklärten Frage begründet ist oder wenn ledi glich eine Klarstellung, Präzisierung Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht oder Ergänzung von gutachtlichen Ausführungen erforderlich ist (BGE 137 V 210 ff. E. 4.4.1 ff.). Vorliegend erweist sich das der angefochtenen Verfügung zugrunde gelegte Gutachten der ABI vom 13. August 2018 als nicht beweistauglich. Da es die I V-Stelle unterliess, den massgebli- chen medizinischen Sachverhalt – trotz eingehender und de taillierter fachärztlicher Kritik am Gutachten und Hinweisen des RAD-Arztes Dr. C.____ auf Mä ngel im psychiatrischen Teilgut- achten – mit der gebotenen Sorgfalt widerspruchsfrei a bzuklären und es nicht die Aufgabe der kantonalen Gerichte ist, im Verwaltungsverfahren versäumt e medizinische Abklärungen nach- zuholen, steht einer Rückweisung an die Vorinstanz nichts e ntgegen. Diese wird angehalten, den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers von einer bisher nicht involvierten Institution erneut polydisziplinär abklären zu lassen. Gestützt auf die Ergebnisse dieser Aktenergänzungen wird die IV-Stelle anschliessend über den Rentenanspruch des Be- schwerdeführers neu zu befinden haben. Die Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen. 9.1 Nach Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitw ert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1‘000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfah- rensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfah renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass aufer- legt. Hebt das Kantonsgericht eine bei ihm angefochtene Verfügung auf und weist es die Ange- legenheit zum weiteren Vorgehen im Sinne der Erwägu ngen und zum Erlass einer neuen Ver- fügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessualer Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (vollständig) obsiegende und die IV-Stelle als unte rliegende Partei (BGE 137 V 61 f. E. 2.1 und 2.2, BGE 132 V 235 E. 6.2, je mit Hinweisen). D ie ordentlichen Kosten von Fr. 800.-- wer- den somit ihr auferlegt. Der geleistete Kostenvorschuss ist dem Beschwerdeführer zurückzuer- statten. 9.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die Beschwerde füh rende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt un d ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schw ierigkeit des Prozesses bemessen. Nach ständiger Praxis des Bundesgerichts genügt für den bundesrechtlichen Anspruch auf eine Parteientschädigung auch ein formelles Obsiegen in dem S inne, dass der Beschwerde führen- den Person durch die Aufhebung der angefochtenen Verf ügung und der Rückweisung der Sa- che an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neue n Beurteilung alle Rechte im Hinblick auf eine beanspruchte Leistung gewahrt bleiben (BGE 1 32 V 215 E. 6.2). Nachdem die Be- schwerde gutzuheissen und die Sache zur erneuten Abklärun g im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, hat diese dem Beschwerdef ührer eine Parteientschädigung auszurichten. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ha t in seiner Honorarnote vom 24. März 2020 einen Zeitaufwand von 16 Stunden gelte nd gemacht. Darin befindet sich eine Bemühung im Umfang von 15 Minuten, welche auf den Kon takt des Rechtsvertreters mit der Rechtsschutzversicherung des Versicherten zurückzuführen ist. So lche Bemühungen würden im Falle einer nicht rechtsschutzversicherten Person nicht anfallen und müssen daher unbe- rücksichtigt bleiben. Die Bemühungen im Zusammenhang mit der Rechtschutzversicherung Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht sind deshalb im genannten Umfang in Abzug zu bringen. Im Übrigen ist der geltend gemachte Aufwand in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen nicht zu beanstan- den. Nach Abzug von 0,25 Stunden ist somit ein Aufwan d von 15,75 Stunden zu dem im Sozi- alversicherungsrecht üblichen Stundenansatz von Fr. 250. -- zu vergüten (vgl. § 3 Abs. 1 der Tarifordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17 . November 2003). Hinzu kommen die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslagen von insgesamt Fr . 42.60. Somit ist dem Beschwer- deführer für das vorliegende Beschwerdeverfahren eine P arteientschädigung in der Höhe von Fr. 4'286.55 (15,75 Stunden à Fr. 250.-- sowie Ausla gen von Fr. 42.60 zuzüglich 7,7 % Mehr- wertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. 10.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesge richt (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angel egenheiten an das Bundesgericht zuläs- sig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Sel bständig eröffnete Zwischenent- scheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständigkeit und über Aus- standsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegen- heiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzum achenden Nachteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endent- scheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläu- figes Beweisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rück- weisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage ( z.B. eine von mehreren materiellrechtli- chen Anspruchsvoraussetzungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). 10.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vo- raussetzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet d as Bundesgericht. Die nachstehen- de Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 20. November 2019 aufge- hoben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an di e Beschwer- degegnerin zurückgewiesen wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der Be- schwerdegegnerin auferlegt. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Dem Beschwerdeführer wird der geleistete Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 800.-- zurückerstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 4'286.55 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht