B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1672/2020 U r t e i l v o m 1 9 . M a i 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichterin Mia Fuchs, mit Zustimmung von Richter Walter Lang; Gerichtsschreiberin Mareile Lettau. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch MLaw Roman Schuler, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 20. Februar 2020 / N (…). D-1672/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der tamilische Beschwerdeführer reiste eigenen Angaben gemäss am 30. Juli 2016 auf dem Luftweg aus dem Heimatland über Bahrain in die Türkei aus und am 15. August 2016 über verschiedene Länder in die Schweiz ein, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Die Befragung zur Person (BzP) erfolgte am 25. August 2016, die Anhörung zu den Asylgrün- den am 28. August 2019. Der Beschwerdeführer brachte vor, er stamme aus Jaffna und sei in B._______ aufgewachsen. 1995 sei er kriegsbedingt in die Vanni -Region geflohen. Damals habe er sich für kurze Zeit den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) angeschlossen. Er habe zwei Jahre in der Vanni-Region ge- lebt, bevor er 1997 nach C._______ gegangen sei, wo er bis zu seiner Ausreise gelebt habe. 1998 sei er vom Militär in C._______ mitgenommen worden und für 15 Tage festgehalten und gefoltert worden. Anschliessend sei er an die Polizei übergeben und vom Gericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen wor- den. Er sei seit Dezember 2003 verheiratet und habe mit seiner Ehefrau drei gemeinsame Kinder. Die Schule habe er bis zur neunten Klasse besucht. Anschliessend habe er als Tagelöhner in der Baubranche gearbeitet. Zur Begründung seines Asylgesuch es brachte er vor, er sei am 5. April 2016, als er auf dem Rückweg von der Arbeit gewesen sei, von drei frem- den, maskierten Personen angehalten worden. Diese hätten ihn gewalt- sam bedroht und ihm seinen bei sich tragenden Lohn von 300.000 Rupien weggenommen. Sie hätten ihm auch mit dem Tod gedroht, sollte er irgend- wem von dem Vorfall erzählen. Drei Monate später, am 20. Juli 2016, seien nachts drei maskierte Männer bei ihm zu Hause aufgetaucht und hätten von ihm in gebrochenem Tami- lisch eine Million Rupien gefordert, wobei sie ihn mit einer Waffe bedroht hätten. Er habe ihnen gesagt, dass er kein Geld habe, auch seine Ehefrau sei dazu gekommen und habe dies weinend bestätigt. Schliesslich habe er ihnen die 100.000 Rupien gegeben, die er zu Hause gehabt habe. Sie hät- ten von ihm die Restsumme von 900.000 Rupien bis spätestens in 15 Ta- gen gefordert, ansonsten würden sie ihn töten. Es sei ihm angedroht wor- den, sie würden wiederkommen, um die geforderte Summe abzuholen. D-1672/2020 Seite 3 Auch hätten sie ihm gesagt, dass er noch me hr Probleme bekommen würde, sollte er zur Polizei zu gehen. Am nächsten Tag habe er (der Be- schwerdeführer) mit seiner Ehefrau Hilfe beim Pfarrer gesucht . Dieser habe ihm geraten, das Land zu verlassen. Er habe sich nicht an die Polizei gewandt, da er vermutet habe, dass die Polizei in die Erpressung der nicht tamilischen Täter involviert gewesen sei. Er habe daher gleich am Abend seine Flucht organisiert und am 30. Juli 2016 Sri Lanka auf dem Luftweg verlassen. Er befürchte, dass ihn die Täter immer wieder um Geld erpresst und ihn schliesslich erschossen hätten, wenn er ihnen kein Geld gegeben hätte. Auch vor dem Hintergrund der früher erlebten Folter habe er bei den Drohungen Angst verspürt. Die Ehefrau sei heute noch mit den drei Kindern in C._______. Im Oktober 2016, als er bereits ausgereist gewesen sei, habe die Ehefrau vermutungs- weise von den Erpressern stammende Geräusche an der Tür gehört, aber nicht geöffnet. Sie sei dann in ein anderes Haus in C._______ umgezogen, wo sie auch, etwa ein Jahr später, gehört habe, wie sein Name genannt worden und sie gerufen worden sei. Sie habe aber aus Angst die Tür wie- der nicht geöffnet. Seit 2017 sei sie nicht mehr aufgesucht worden. Er mache sich Sorgen um seine Kinder. Vier seiner Geschwister lebten mit Aufenthaltsbewilligungen in D._______, eine Schwester lebe in E._______, ein Bruder in F._______. Er sei in der Schweiz politisch aktiv, (…) an LTTE-Festen, wobei seine (…) auch auf (…) aufgeschaltet seien. Er (…). Auch an Demonstrationen in der Schweiz habe er teilgenommen. Der Beschwerdeführer reichte folgende Dokumente ein: Heiratsurkunde im Original, G eburtsregisterauszüge in Kopie (der Kinder, der Ehefrau und des Beschwerdeführers). B. Mit Verfügung vom 20. Februar 2020 – eröffnet am 21. Februar 2020 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Das SEM erachtete die geltend gemachten Geld-Erpressungen und Dro- hungen durch die unbekannten maskierten Privatpersonen als nicht asyl- relevant, da die Drohungen nicht aus einem asylrelevanten Motiv erfolgt seien. D-1672/2020 Seite 4 Auch habe der Beschwerdeführer die sri-lankischen Behörden anlässlich der Erpressungen und Drohungen nicht um Hilfe ersucht, weshalb es nicht zu einer Strafverfolgung habe kommen können. Den Behörden könne nicht vorgeworfen werden, ihm keinen Schutz geboten zu haben, weshalb die geltend gemachten Verfolgungsmassnahmen durch Drittpersonen nicht asylrelevant seien. Auch hätte der Beschwerdeführer vor der regionalen Verfolgung eine innerstaatliche Fluchtalternative in Anspruch nehmen sol- len, zumal seine Frau mit den Kindern nach ihrem Umzug nicht mehr be- droht worden sei. Auch sei bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer unter Berücksichtigung der Risi- kofaktoren mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit oder in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein werde. Zudem führten die aktuellen politischen Geschehnisse in Sri Lanka mit dem Re- gimewechsel und der Ma chtübernahme der Brüder Rajapa ksa nicht zur Annahme, es bestünde eine kollektive ethnische Verfolgung. Vielmehr habe weiterhin eine Einzelfallprüfung stattzufinden. Insgesamt sei nicht an- zunehmen, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka asylrelevante Verfolgung drohen würde. Wegen fehlender Asylrele- vanz erübrige sich die Prüfung der Glaubhaftigkeit. Den Wegweisungsvoll- zug erachtete das SEM für zulässig, zumutbar und möglich. C. Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 23. März 2020 – handelnd durch seinen Rechtsvertreter – Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte dabei, die Verfügung der Vorinstanz vollumfänglich aufzuheben, die Sache zur rechtsgenüg enden Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen, eventualiter die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und die Vorinstanz anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfah- rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, um Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständung durch den Unterzeichnenden und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. In der Hauptsache werde die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz wegen der Verletzung des rechtlichen Gehörs beantragt. Das SEM habe das rechtliche Gehör verletzt, da es das exilpolitische Engagement des Be- schwerdeführers im Ents cheid mit keinem Wort erwähnt und auch nicht berücksichtigt habe, obwohl der Beschwerdeführer dieses in der Anhörung D-1672/2020 Seite 5 explizit erwähnt habe. Auch habe es das SEM versäumt, spezifische Nach- fragen zum exilpolitischen Engagement zu stellen. Dadurch habe das SEM das Engagement mangelhaft abgeklärt beziehungsweise ungenügend be- rücksichtigt, obwohl der Beschwerdeführer seiner Mitwirkungspflicht nach- gekommen sei. Das rechtliche Gehör sei verletzt worden, weshalb eine Aufhebung der Verfügung mangels der Möglichkeit der Heilung des Man- gels zu erfolgen habe. Weiter habe der Beschwerdeführer entgegen der Ansicht des SEM eine asylrelevante Verfolgung glaubhaft gemacht. Das SEM habe zwar korrek- terweise die Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht angezweifelt, aber zu Un- recht die Asylrelevanz verneint. Schliesslich habe der Beschwerdeführer angesichts dessen, dass die Erpresser offensichtlich Singhalesen gewe- sen seien und die Korruption der Polizei bekannt sei, sich nicht an die Be- hörden wenden können, aus berechtigter Angst, die Erpresser stünden in guter Beziehung zur lokalen Polizei. Das Risiko weiterer Verfolgung durch die Einschaltung der wahrscheinlich bestochenen Polizeibehörden habe der Beschwerdeführer als Tamile und mit seiner schwachen sozialen Stel- lung als Hilfsarbeiter nicht eingehen können. Auch habe keine innerstaatli- che Fluchtalternative zur Verfügung gestanden, da er in den Fokus der sin- ghalesischen Gruppe geraten war. Zu betonen sei auch die veränderte po- litische Situation in Sri Lanka, das politische Klima habe sich seit November 2019 massiv verschärft. Für Angehörige der tamilischen Ethnie sei die Si- tuation äusserst unsicher und gefährlich. Eventualiter sei daher festzustellen, dass der Beschwerdeführer von den nichtstaatlichen Akteuren asylrelevant verfolgt worden sei, da er habe an- nehmen können, dass die Polizei weder gewillt n och fähig sei, ihm und seiner Familie Schutz zu gewähren. Auch sei es ihm aufgrund seiner frühe- ren Foltererfahrungen unzumutbar, di e Polizei zur Hilfe beizuziehen. Vor dem Hintergrund der verschlechterten Situation für Angehörige der tamili- schen Minderheit durch die Machtübernahme der neuen Rajapaksa-Regie- rung sei zudem erst recht von fehlendem Schutzwillen im Fall des Be- schwerdeführers auszugehen. Der Beschwerde lagen Ausdrucke bei von auf (…) veröffentlichten (…) von (…) des Beschwerdeführers in der Schweiz vo m 12. Juni 2018 und 20. Januar 2019, auf (…) veröffentlichte Fotos von einer Kundgebung des (…) in G._______ vom 9. März 2020, an welcher der Beschwerdeführer teilge- nommen habe, sowie weitere (…)-Beiträge des Beschwerdeführers (unter seinem persönlichen Profil und seinem öffentlichen (…)profil). D-1672/2020 Seite 6 D. Am 24. März 2020 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde. E. Mit Zwischenverfügung vom 7. April 2020 hielt die zuständige Instruktions- richterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig wurde auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses einstweilen verzichtet und der Entscheid über die weiteren Anträge auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. F. Am 28. April 2020 ging eine Fürsorgebestätigung des Beschwerdeführers vom 22. April 2020 bei Gericht ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie- gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss A rt. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. D-1672/2020 Seite 7 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu- ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summa- risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Vorab ist die formelle Rüge der Verletzung des Anspruches auf rechtli- ches Gehör beziehungsweise der Verletzung des Untersuchungsgrundsat- zes zu beurteilen, da diese allenfalls geeign et wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 5. 5.1 Der Rechtsvertreter rügt, das SEM habe das exilpolitische Engage- ment des Beschwerdeführers in der Verfügung mit keinem Wort erwähnt und in den Erwägungen nicht berücksichtigt, obwohl der Beschwerdeführer in der Anhörung explizit Ausführungen hierzu gemacht habe. Auch habe es das SEM in der Anhörung versäumt, hierzu spezifische Nachfragen zu stel- len, wie beispielsweise zum konkreten Inhalt der politischen (…) des Be- schwerdeführers, zu deren Reichweite oder zur Bekannt heit des Be- schwerdeführers. Damit habe das SEM das exilpolitische Engagement mangelhaft abgeklärt beziehungsweise ungenügend berücksichtigt und so- mit das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt. 5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen s ind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehör sanspruch korreliert die Pflicht der Be- hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, D-1672/2020 Seite 8 dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich a usei- nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1). 5.3 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellt die Asylbehörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest. Di e unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts kann nach Art. 49 Bst. b VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG gerügt werden. Un- richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1; KRAUSKOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: P raxiskom- mentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, Wald- mann/Weissberger (Hrsg.), 2. Aufl. 2016, Art. 12 VwVG N 15 ff.). Ihre Grenze findet die Untersuchungspflicht allerdings in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). Mit dem Gehörsanspruch korreliert di e Pflicht der Behörden, die Vor brin- gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit- frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab- gefasst sein, dass der oder die Bet roffene den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Sie mu ss kurz die wesentlichen Überle gun- gen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1). 6. 6.1 Der Beschwerdeführer macht e in der Anhörung geltend, er habe an mehreren exilpolitischen Aktivitäten in der Schweiz teilgenommen, habe mit dem (…) (…) gesungen und solche auch auf (…) veröffentlicht, wobei das SEM in Bezug auf dieses Engagement zwar durchaus zwei Nachfra- gen gestellt hat, diese allerdings – vom Beschwerdeführer nicht zu Unrecht bemängelt – nicht als besonders spezifisch bezeichnet werden können (vgl. act. A17, S. 8, F60-61). In der Beschwerde ergänzt der Beschwerde- führer seine Ausführungen zum exilpolitischen Engagement dahingehend (vgl. Beschwerde, S. 4-6 sowie Beschwerdebeilagen), dass er sich als (…) zur Unterstützung des Freiheitskampfes der LTTE einen Namen gemacht D-1672/2020 Seite 9 habe und regelmässig für (…) gebucht werde. Er sei zudem Mitglied des (…) der LTTE, an deren Veranstaltungen, Festen und Demonstrationen er auftrete. Er habe bei (…) neben seinem persönlichen Profil auch ein öffent- liches (…)profil. Unter beiden Profilen veröffentliche er Videos seiner (…) und sonstige Unterstützungsbekundungen für die LTTE. Seine (…) sowie seine (…) der (…) würden von einem grossen Personenkreis angeschaut, was auch den der Beschwerde beigelegten Auszügen von Internet-Ausdru- cken entnommen werden könne. Auch aus weiteren (…)-Beiträgen, in de- nen der Beschwerdeführer Videos zu Ehren des tamilischen Freiheits- kampfes teile und s eine Meinung kundtue, sei das exilpoli tische Engage- ment ersichtlich. 6.2 Exilpolitisches Engagement ist im Kontext von Sri Lanka als nicht un- wesentlicher Faktor zu bezeichnen, stützen sich die im Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 definierten Ri- sikofaktoren auch auf diesen Umstand (vgl. E. 8.5.4). Neben der Teilnahme an regimekritischen Demonstrationen und Versammlungen und der Mitwir- kung bei regimekritischen Publikationen ist bei den exilpolitischen Aktivitä- ten auch an die Verbindung zu einer von der sri-lankischen Regierung ver- botenen exilpolitischen Organisation zu denken. Ex ilpolitische Aktivitäten sind als stark risikobegründend zu qualifizieren, da sie unter den im ge- nannten Entscheid dargelegten Umständen bereits für sich alleine genom- men zur Bejahung einer begründeten Furcht führen können (vgl. E. 8.5.5). Sie müssen demnach in der Gesamtwürdigung des Risi koprofils berück- sichtigt werden. In der angefochtenen Verfügung hätte dieses Sachverhalt- selement deshalb erwähnt und gewürdigt werden müssen, auch im Zusam- menhang mit der ebenfalls unerwähnten Tatsache, dass sich der Be- schwerdeführer im Jahr 1995 für kurze Zeit den LTTE angeschlossen hatte (vgl. A17, S. 8, F65). So gelten praxisgemäss vermeintliche oder tatsächli- che, aktuelle oder vergangene Verbindungen zu den LTTE ebenfalls als stark risikobegründend. 6.3 Auch das Vorliegen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Be- hörden (üblicherweise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder ver- muteten Verbindung zu den LTTE) zählt als stark risikobegründender Fak- tor (vgl. Referenzurteil, E. 8.4.1-8.4.3). Der Beschwerdeführer hatte in der BzP und in der Anhörung geltend gemacht, dass er 1998 in Haft gewesen und gefoltert worden sei (vgl. act. A5, S. 9; A17, S. 8, F65 ff.). Insofern hätte das SEM auch diese n früheren Gefängnisaufenthalt in der Verfügung im Rahmen der Risikofaktorenprüfung berücksichtigen müssen, was es aber ebenfalls unterlassen hat. D-1672/2020 Seite 10 6.4 Da das SEM die exilpolitischen Aktivit äten und die frühere Haft in der angefochtenen Verfügung im Sachverhalt vollständig unerwähnt und in der Gesamtwürdigung des Risikoprofils unberücksichtigt gelassen hat, ist vor- liegend der Untersuchungsgrundsatz und die Begründungspflicht und so- mit das rechtliche Gehör als verletzt zu erachten. 7. Der Anspruch auf rechtliches Ge hör ist formeller Natur, eine Verletzung desselben führt deshalb grundsätzlich – das heisst ungeachtet der materi- ellen Auswirkungen – zur Aufhebung des daraufhin ergangenen Entschei- des (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2, 2012/24 E. 3.4, 2010/41 E. 6.4.2, m.w.H.). Die Heilung von Gehörsverletzungen ist zwar in Ausnahmefällen auf Be- schwerdeebene unter gewissen Voraussetzungen möglich. Da im Kontext von Sri Lanka jedoch die Würdigung des Risikoprofils von gewichtiger Be- deutung ist, ist auf eine Heilung zu verzichten (vgl. Urteil des BVGer D-5463/2018 vom 15. November 2018 E. 8). Die Sache ist deshalb zu kas- sieren und das Verfahren einer neuen Verfügung – unter Würdigung aller entscheidwesentlichen Sachverhaltselemente – beizubringen. 8. Nach dem Gesagten ist die Verfügung des SEM vom 20. Februar 2020 – in Gutheissung der Beschwerde – aufzuheben und die Sache zur erneuten Beurteilung an das SEM zurückzuweisen. 9. Bei dieser Sachlage erübrigt sich eine weitere Auseinandersetzung mit den Vorbringen in der Beschwerde. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die mit der Beschwerdeschrift gestellten Anträge auf Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG samt Ver- zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und auf Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands gemäss aArt. 110a Abs. 1 AsylG sind mit die- sem Urteil gegenstandslos geworden. 11. Dem Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 D-1672/2020 Seite 11 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei- kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehe nden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 900. – zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-1672/2020 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des SEM vom 20. Februar 2020 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteie ntschädigung von insgesamt Fr. 900.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Mareile Lettau Versand: