B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4/2014 U r t e i l v o m 2 0 . F e b r u a r 2 0 1 7 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richter Jean-Pierre Monnet, Gerichtsschreiberin Sibylle Dischler. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Serif Altunakar, Rechtsberatung, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. November 2013 / N (…). E-4/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine ethnische Kurdin aus dem Dorf B._______ (Provinz C._______), verliess die Türkei gemäss eigenen Angaben zusam- men mit D._____ (…) und E._______ (…) und reiste auf dem Landweg am (...) in die Schweiz ein. Am selben Tag suchte sie im Empfangs - und Ver- fahrenszentrum in Basel um Asyl nach, wo am (...) die summarische Be- fragung zur Person (Protokoll in den SEM -Akten: A4) stattfand. Am (...) wurde die Beschwerdeführerin vertieft zu ihren Asylgründen angehört (Pro- tokoll in den SEM -Akten: A14). Eine ergänzende Anhörung fand am (...) statt (Protokoll in den SEM-Akten: A16). B. Zur Begründung ihres Asylgesuchs brachte die Beschw erdeführerin im Wesentlichen vor, aufgrund (…) hätten sie und ihre ganze Familie seit jeher Probleme mit den türkischen Sicherheitsbehörden. Sie selbst sei nicht po- litisch tätig gewesen, habe allerdings regelmässig an Demonstrationen und an kurdischen Festen teilgenommen. (…) habe sich F._______ (…) und sei (…) gegangen. Seither hätten die Behörden sie vermehrt unter Druck gesetzt, da man sie verdächtigt habe, (…). Wiederholt seien Sicherheitskräfte bei ihnen zu Hause vorbeigekom- men, hätten das Haus durchsucht und sie sowie weitere Familienmitglieder auf einen Militärposten mitgenommen. Sie selbst sei insgesamt rund (…) auf dem Posten festgehalten worden, wobei die längste Festnahme drei Tage gedauert habe. Seit dem Tod von F._______ sei die Situation schlim- mer geworden. Bei den Besuchen und Mitnahmen seien sie immer wieder nach F._______ gefragt worden. Darüber hinaus hätten die Sicherheits- kräfte sie als „(...)“ oder „(Huren- und …)“ beschimpft und hätten ihr damit gedroht, sie würden alle (…) umbringen. Zudem sei sie geschlagen und (…) genötigt worden, was nach dem Tod von F._______ vermehrt vorge- kommen sei. So sei sie gezwungen worden, sich auszuziehen, sei be- tatscht worden und sie sei auch mit kalten Wasser abgespritzt worden. Sie habe sich nicht wehren können. So hätten ihr die Sicherheitskräfte etwa – als sie geschrien und versucht habe, sie zu stossen – die Hände zusam- mengebunden. Einmal hätten sie ihr (…) gebissen, bis es geblutet habe. D._______ habe sie von den (…) Belästigungen nie erzählt, da diese ge- sundheitlich angeschlagen sei und sie dies nicht ertragen hätte. Darüber hinaus hätten die Sicherheitskräfte verlangt, dass sie als Spitzel arbeite, da ihr die Leute (…) vertrauen würden. Dies habe sie abgelehnt, obwohl E-4/2014 Seite 3 die Sicherheitskräfte ihr gedroht hätten, sie würden mit ihnen „immer wie- der das Gleiche tun“, wenn sie nicht mit ihnen zusammenarbeiten würden und sie würden „so enden, wie F._______“. G._______ habe den steigen- den Druck schliesslich nicht mehr ausgehalten und habe die Familie rund eineinhalb Jahre nach dem Tod von F._______ verlassen. Sie wüssten bis heute nicht, wo er sich aufhalte. Die Sicherheitskräfte hätten sich seither auch nach ihm erkundigt und gefragt, ob er auch „(…)“ gegangen sei. Die letzte Festnahme sei rund (…) Wochen vor der Ausreise gewesen. Danach hätten sie und (…) E._______ beschlossen (…). D._______ habe dies je- doch nicht zugelassen , und sie seien schliesslich aus der Türkei ausge- reist. (…). Aufgrund der schwierigen Situation (…) in der Türkei habe im Übrigen bereits eine Vielzahl ihrer Verwandten das Land verlassen. So lebten unter anderem ihre (…) und ein (…) als anerkannte Flüchtlinge in H._______ sowie (…) – ebenfalls als anerkannte Flüchtlinge – in I._______. Ein (…) sowie mehrere (…) und (…) lebten sodann in J._______. Auch sei ein wei- terer Verwandter (…) als Flüchtling anerkannt. Zu ihren persönlichen Verhältnissen gab sie schliesslich an, (…). Die Schule habe sie nur für insgesamt (…) Jahre besucht. Gearbeitet habe sie nie, jedoch der Fa milie in der (…) geholfen. Aufgrund der geschilderten Erlebnisse sei sie psychisch angeschlagen. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin di- verse Zeitungsartikel zum Tod von F._______, einen diesen betreffenden Haftbefehl vom (…), eine Anklageschrift des Staatssicherheitsgerichts (…) sowie eine Bewilligung der Staatsanwaltschaft für die Beerdigung vom (…), alle Dokumente in fremder Sprache und in Kopie, zu den Akten (vgl. Be- weiscouvert in den SEM-Akten: A1). C. Mit Verfügung vom 29. November (…) – eröffnet am 2. Dezember (…) – stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingsei- genschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Zur Begründung des ablehnenden Entscheides führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin seien überwie-E-4/2014 Seite 4 gend unglaubhaft ausgefallen. Auch lägen keine Wegweisungsvollzugshin- dernisse vor. Insbesondere seien die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten gesundheitlichen Probleme in der Türkei behandelbar. D. Mit Eingabe vom 2. Januar (…) liess die Beschwerdeführerin gegen die vorinstanzliche Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erheben und beantragen, diese sei aufzuheben, ih re Flüchtlingseigen- schaft sei anzuerkennen und es sei ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit oder die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die Beschwerdeführerin vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht beantragte sie, es sei auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses zu verzichten. Der Rechtsmitteleingabe legte die Beschwerdeführerin ein Schreiben von (…) und eines von (…), samt Übersetzung in die deutsche Sprache, meh- rere Auszüge aus Identitätsdokumenten von Verwandten der Beschwerde- führerin (in Kopie), sowie einen Bericht aus „Der Spiegel“, (…), S. 100 f., zur Situation in der Türkei bei. Auf die Begründung der Rechtsmitteleingabe wird, soweit für den Ent- scheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. E. E.a Mit Zwischenverfügung vom 22. Januar (…) verzichtete das Bundes- verwaltungsgericht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz zum Schriftenwechsel ein. E.b Mit Vernehmlassung vom 5. Februar (…) hielt die Vorinstanz an ihrer Verfügung und deren Begründung fest. E.c Mit Replik vom 24. Februar (…) nahm die Beschwerdeführerin zur Ver- nehmlassung vom 5. Februar (…) Stellung. F. Mit Eingabe vom 6. November 2015 wies die Beschwerdeführerin auf die Verschärfung der politischen Lage für Kurden in der Tür kei innerhalb der vergangenen fünf Monate hin und reichte einen Zeitungsausschnitt aus dem (…) ein. Gleichzeitig erkundigte sie sich nach dem Verfahrensstand und reichte eine Kostennote ihres Rechtsvertreters zu den Akten. E-4/2014 Seite 5 G. Mit Schreiben vom 12. November 2015 und vom 18. Juli 2016 nahm die Instruktionsrichterin zum Verfahrensstand Stellung. H. H.a (…). Gleichzeitig ersuchte er um Abschluss der Verfahren der Be- schwerdeführerin und D._______ und wies auf die Ver schlechterung der Lage in der Türkei hin. H.b (…) Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet be treffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesver waltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 1.4 Am 1. Februar 2014 trat die Revision des Asylgesetzes vom 14. De- zember 2012 in Kraft. Gemäss Abs. 1 der diesbezüglichen Übergangsbe- stimmungen gilt für die im Zeitpunkt des Inkrafttretens hängigen Verfahren – mit vorliegend nicht einschlägigen Ausnahmen – das neue Recht. E-4/2014 Seite 6 2. 2.1 Aufgrund der familiären Beziehung sowie der Sachnähe wird das vor- liegende Verfahren mit dem Beschwerdeverfahren D._______ insofern ko- ordiniert, als die Urteile zeitgleich ergehen und vom gleichen Spruchkörper behandelt werden. 2.2 Die Akten von E._______ (…) wurden zur Beurteilung im vorliegenden Verfahren herangezogen. Da in der Rechtsmitteleingabe auf (…) Aussa- gen, insbesondere die diesbezüglich vom SEM aufgeworfenen Widersprü- che (vgl. dazu E. 5), explizit Bezug genommen wird, erübrigt sich das Ein- holen einer diesbezüglichen Einwilligung. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Re ligion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsuchende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von be- stimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zuge- fügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexverfolgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Reflexverfolgung betroffenen Personen ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 ASylG ausgesetzt sind. E-4/2014 Seite 7 Als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG gelten nicht nur die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit, sondern auch staatliche Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck be- wirken, wobei an letzteres Kriterium hohe Anforderungen gestellt werden (vgl. dazu BVGE 2010/28 E. 3.3.1.1 m.w.H.). Ausgangspunkt, um einen unerträglichen psychischen Druck anzunehmen, sind in der Regel konkrete staatliche Eingriffe, die effektiv stattgefunden haben; die staatlichen Verfol- gungsmassnahmen müssen in einer objektivierten Betrachtung zudem als derart intensiv erscheinen, dass der betroffenen Person ein menschenwür- diges Leben vor Ort verunmöglicht beziehungsweise ein weiterer Verbleib in ihrem Hei matstaat objektiv nicht mehr zugemutet werden kann; aus- schlaggebend ist mit anderen Worten nicht, wie die betroffene Person die Situation subjektiv erlebt hat, sondern, ob aufgrund der tatsächlichen Situ- ation für Aussenstehende nachvollziehbar ist, dass de r psychische Druck unerträglich geworden ist (vgl. ebd.). Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur An- nahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit ver- wirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit eben- solcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen kon- krete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An- erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be- troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 200 8/12 E.7.2.6.2, BVGE 2008/4 E. 5.2). Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung auf eine a n- dauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation im Heimat- oder Herkunftsstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2, BVGE 2010/9 E. 5.2, BVGE 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.). E-4/2014 Seite 8 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen o- der den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren. Dar - über hinaus muss die asylsuchende Person pers önlich glaubwürdig er - scheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbrin- gen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt (Art. 7 Abs. 3 AsylG), wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch dar stellt, im Laufe des Ver fahrens Vorbringen auswechselt oder unbegründet nach- schiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit wir- kung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum f ür ge- wisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der Beschwerdefüh ren- den. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel b eseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As pekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamt würdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, über- wiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1 S. 142 f., BVGE 2010 /57 E. 2.3, Entscheidun- gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E- MARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1, EMARK 1996 Nr. 27 E. 3c/aa, EMARK 1996 Nr. 28 E. 3a). 5. 5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht stand, so dass es sich erübrige sie auf ihre Asylrelevanz hin zu prüfen. Die Beschwerdeführerin habe ins- besondere in Bezug auf den Zeitpunkt der ersten (…) Belästigung wider- sprüchliche Aussagen gemacht. Sodann seien ihre Aussagen in diversen Punkten nicht mit den Ausführungen von E._______ in Übereinstimmung zu bringen. Namentlich habe jene die Umstände der ersten Festnahme an- ders geschildert. Auch in Bezug auf weitere behördliche Massnahmen, die Kommunikation betreffend die (…) Belästigung sowie die Bekleidung bei der letzten Mitnahme hätten sie sich widersprochen. Auf die Widersprüche E-4/2014 Seite 9 angesprochen, sei es der Beschwerdeführerin nicht gelungen, diese aus- zuräumen. Aufgrund (…) und der Tatsache, dass ihr verstorbener (…) ums Leben ge- kommen sei, sei es indes durchaus möglich, dass die Beschwerdeführerin von den Behörden befragt worden sei. Derartige behördliche Nachfor- schungen gegenüber Familienangehörigen von (…) Personen würden be- züglich ihrer Intensität indes in der Regel kein asylbeachtliches Ausmass annehmen. In der Vernehmlassung vom 5. Februar (…) merkte die Vorinstanz ergän- zend an, von den in der Beschwerde genannten Familienmitgliedern, wel- che (…) geflüchtet seien, habe nur eine Person, welche ein ganz anderes Profil als die Beschwerdeführerin aufweise, Asyl erhalten. Die anderen Asylgesuche seien abgelehnt worden. 5.2 Die Beschwerdeführerin hielt dem auf Beschwerdeebene sinngemäss entgegen, aufgrund der als glaubhaft zu erachtenden Vorbringen liege sehr wohl eine Reflexverfolgung vor. Es treffe zwar zu, dass manche Angaben der Beschwerdeführerin mit denjenigen von E._______ nicht übereinge- stimmt hätten. Dies sei jedoch auf den mehrjährigen Druck durch die Be- hörden, die mehrfachen (…) Belästigungen, Schikanen und Festnahmen der Beschwerdeführerin sowie ihrer weiteren Familienmitglieder zurückzu- führen. Aufgrund der wiederholten menschenunwürdigen Behandlung durch die Behörden sei die Beschwerdeführerin traumatisier t und könne sich nicht an jedes einzelne Ereignis erinnern, die Angaben würden jedoch im Kern der Wahrheit entsprechen. Die Beschwerdeführerin und weitere Familienmitglieder seien damit jahre- langen Repressionen seitens der türkischen Sicherheitskräfte aus gesetzt gewesen. Unter dem ständigen Druck – den Verhören, Schikanen, Beleidi- gungen und Drohungen – hätten sie zuletzt keine Alternative gehabt, als ins Ausland zu flüchten. In der Replik vom 24. Februar (…) führte die Be- schwerdeführerin insbesondere aus, der Einwand der Vorinstanz in der Vernehmlassung (vgl. E. 5.1) treffe zwar zu, allerdings verdeutliche alleine schon die Tatsache, dass all die Verwandten die Türkei verlassen hätten, wie stark die Familie aufgrund (…) ihrer politischen Aktivitäten, Behelligun- gen und Druck ausgesetzt gewesen sei. Die politische Lage in der Türkei habe sich schliesslich nicht zugunsten der Beschwerdeführerin verändert, sondern im Gegenteil zu ihren Lasten, und im Falle einer Rückkehr hätte E-4/2014 Seite 10 sie mit noch mehr Schikanen und Dru ck seitens der türkischen Behörden zu rechnen. 6. 6.1 Feststeht, dass die Beschwerdeführerin (…). Es gibt keinen Grund, da- ran zu zweifeln, dass die Familie aufgrund (…) seit je her mit gewissen behördlichen Problemen im Alltag konfrontiert war. Auch dass sich F._______ (…) und (…) verstarb, ist hinreichend belegt (vgl. SEM-Akten: Beweiscouvert, A1) und unumstritten, zumal Informationen zu seinem Tod auch öffentlich auf dem Internet zugänglich sind, wo F._______ einerseits als „(…)“ andererseits als „(…)“ bezeichnet wird (vgl. die Internetseiten: […] und […]; beide abgerufen am 4. November 2016). Schliesslich ist bekannt, dass in verschiedenen europäischen Staaten nahe Verwandte der Be- schwerdeführerin als Flüchtlinge anerkannt sind, einer davon in K. _______ (vgl. […]). In den Erzählungen der Beschwerdeführerin, E._______ und D._______ zeigt sich sodann ein übereinstimmender Detailreichtum, der an den Kern- geschehnissen nicht ernsthaft zweifeln lässt. So schildern die (…) Be- schwerdeführerinnen in Bezug auf die vorgebrachten Inhaftierungen sei- tens türkischer Sicherheitskräfte unabhängig voneinander, dass der Mili- tärposten etwa eine halbe Stunde von ihrem Heimatort entfernt gewesen sei, sie jeweils in einem grünen Militärfahr zeug beziehungsweise Jeep dorthin gebracht und in eine getrennte Zellen gesperrt worden seien. Die Zellen seien klein gewesen und es habe sich „(…)“ darin befunden. Ge- mäss der Beschwerdeführerin und D._______ seien die Wände sodann „(…)“ beziehungsweise „(…)“ gewesen (vgl. insb. A14 F66 ff., 82, 91 f., 101; A16 F22, 43 f.; N […]: A12 F31, 48, 119 ff.; N […]: A4 S. 8, A13 F26, 75, 81 ff., 99). Solche Details, die objektiv irrelevant sind, die gesamte Dar- stellung aber plastisch erscheinen lassen, sprechen in der Regel für die Glaubhaftigkeit einer Darstellung, weil diese nicht aus Schemawissen ab- leitbar sind. Die Beschwerdeführerinnen gaben sodann konsistent an, dass sich die Mitnahmen seit dem Tod von F._______ gehäuft hätten und sich der Druck auf die Familie insgesamt intensiviert habe (vgl. A 14 F51; N […]: A12 F136; N […]: A 15 F161 ff.). Die längste Mitnahme habe drei Nächte gedauert. In Bezug auf die letzte Festnahme gaben alle übereinstimmend an, diese habe rund (…) Wochen vor der Ausreise stattgefunden, wobei sie für (…) festgehalten worden seien. Widerspruchsfrei schilderten sie auch, dass mehrere Vertreter der Sicherheitskräfte an die Tür geklopft hätten und die Beschwerdeführerin ihnen die Tür geöffnet habe, während E._______ und D._______ noch geschlafen hätten (vgl. insb. N […]: A4 S. 8; A14 F67 E-4/2014 Seite 11 A16 F122 f.; N […]: A12 F77 f.; N […]: A3 S. 7 f., A13 F67, 72, 124; A15 F54 ff., 114). Was die abweichende Aussage von D._______ zum Zeitpunkt der Festnahme betrifft, so kann diese nicht entscheidend zu Ungunsten der Beschwerdeführerin ins Gewicht fallen, zumal angesichts des beeinträch- tigen Gesundheitszustandes von D._______, die allerdings immerhin über- einstimmend angegeben hatte, im Bett gelegen zu haben, als A._______ den Soldaten die Türe geöffnet habe (vgl. N […]: A 12 F50 ff.). Die Soldaten hätten sie (…) in der Folge „wortwörtlich“ in den Jeep „gezerrt“ , was die (…) wiederum unaufgefordert und in lebensnaher Weise darlegen (vgl. N […]: A16 F125; N […]: A15 F137). Auf die Frage, wie die Soldaten beim Militärposten ausgesehen hätten, antwortete die Beschwerdeführerin so- dann, als „der Kleinere“ die (…) abgenommen habe, habe sie gesehen, dass er „(…)“ gewesen sei (vgl. A14 F100); ein Beispiel für eines von zahl- reichen Realkennzeichen (vgl. REVITAL LUDEWIG, DAPHNA TAVOR, SONJA BAUMER: Zwischen Wahrheit und Lüge, in: «Justice - Justiz - Giustizia» 2012/2, S. 10 f.). Hinzukommt, dass die Vorinstanz im Verfahren D._______ die regelmässig stattgefundenen Inhaftierungen und die Haus- durchsuchungen durch türkische Sicherheitskräfte aufgrund des Ver- dachts, (…), nicht in Frage gestellt hat (vgl. dazu Urteil des BVGer […]). Auch was die vorgebrachten Behelligungen und Schikanen während den wiederholten Festnahmen betrifft, schilderte die Beschwerdeführerin diese detailreich und lebensnah, wobei das Gericht insbesondere für glaubhaft hält, dass sie von den Sicherheitskräften wiederholt beschimpft und – unter anderem mit dem Hinweis, sie und ihre ganze Familie würde so enden, wie F._______ – bedroht sowie zur Spitzeltätigkeit aufgefordert wurde. Das Ge- richt hat sodann – (…) – keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es im Rah- men der Festnahmen zu körperlichen Übergriffen gekommen ist. Nicht aus- zuschliessen ist sodann, dass es während den Inhaftierungen zu (…) Be- lästigungen gekommen ist, auch wenn sich diesbezüglich in die Aussagen der Beschwerdeführerin gewisse Unstimmigkeiten ergaben . Aufschluss- reich ist in diesem Zusammenhang insbeson dere der spontane Hinweis der Beschwerdeführerin, sie habe D._______ von den (…) Übergriffen nicht erzählen können und auch E._______ gebeten, dies nicht zu tun, da es D._______ gesundheitlich bereits schlecht gegangen sei und D._______ habe schützen wollen (vgl. insb. A4 S. 7; A14 F44, 143). Wei- tere Realzeichen betreffend das Vorgehen der türkischen Behörden finden sich in diversen Aussagen der Beschwerdeführerin, etwa dort, wo sie be- schreibt, wie die Sicherheitskräfte sie gezwungen hätten, sich auszuzie- hen, und selbst als sie nur noch die Unterwäsche angehabt habe, habe dies nicht ausgereicht und sie hätten ihr befohlen, auch diese auszuziehen E-4/2014 Seite 12 (vgl. A16 F45; A14 F107). Als die Befragerin sie sodann nach dem Mobiliar in den Zellen befragte, zeigte die Beschwerdeführerin ihr spontan eine (…) und beschreibt, wie die Sicherheitskräfte sie bei einer Gelegenheit (…) ge- packt und (…) an die Wand geschlagen hätten (vgl. A14 F94; A16 F46 , 108; weitere Realkennzeichen siehe A16 F53, A14 F 46, 81, 102, 106). Schliesslich spricht zugunsten der Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführe- rin, dass sie ihre Vorbringen nicht aufbauscht, sondern eher noch relati- viert, indem sie etwa die Frage, ob sie auch vergewaltigt worden sei, ver- neint, jedoch die Befürchtung äussert, das dies hätt e geschehen können, wenn die Familie weiter vor Ort geblieben wäre (vgl. A14 F121). Schliess- lich zeugen die Bemerkungen im Protokoll von der Betroffenheit der Be- schwerdeführerin (vgl. A14 F103 und insbesondere die Bemerkungen der Hilfswerksvertretung [HWV], wonach die Beschwerdeführerin während der Rückübersetzung angespannt gewesen sei und vergeblich versucht habe, die Tränen zurückzuhalten, schliesslich aber stark geweint habe. Schon während der Anhörung habe sie oft Tränen in den Augen gehabt oder habe geweint [vgl. A14, Unterschriftenblatt der HWV]). Das Bundesverwaltungs- gericht erachtet es demnach als erstellt, dass die Beschwerdeführerin sei- tens türkischer Sicherheitskräfte nicht nur psychischen, sondern auch phy- sischen Behelligungen ausgesetzt war. Die von der Vorinstanz aufgezeigten Ungereimtheiten , insbesondere im Zusammenhang mit zeitlichen Angaben – welche die Beschwerdeführerin im Übrigen nicht bestreitet – reichen nach dem Gesagten nicht aus, um an ihrer Glaubwürdigkeit grundsätzlich zu zweifeln . Zumal aufgrund der lan- gen Zeitspanne, während der die Schikanen und Übergriffe wiederholend stattfanden, ist eine gewisse Ungenauigkeit in der Erinnerung der Be- schwerdeführerin nachvollziehbar. Soweit der Beschwerdeführerin Unstim- migkeiten zwischen der BzP und der Anhörung entgegengehalten werden, ist im Übrigen nicht auszuschliesse n, dass der Umstand, dass sie in der BzP von einem reinen Männerteam befragt worden ist, angesichts ihres kulturellen Hintergrundes sowie dessen, dass die Übergriffe regelmässi g von männlichen Personen ausgingen, ihr gewisse Schwierigkeiten bereite- ten, zumal Opfer von Übergriffen, die (…) betreffen, bekanntermassen Probleme haben können, über d as Erlittene zu sprechen (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.1). Im Übrigen werden der Beschwerdeführerin hauptsächlich Ungereimtheiten in Bezug auf die Aussagen von E._______ vorgehalten, was aufgrund des jungen Alters (…) (im Zeitpunkt der ersten Festna hme war jene erst […] Jahre alt) nicht überzeugt, zumal ihre Aussagen in ihrer Gesamtheit ein konsistentes Bild vermitteln. Was schliesslich die vom SEM E-4/2014 Seite 13 aufgezeigte Ungereimtheit bezüglich der Kleidung bei der letzten Mit- nahme betrifft, erscheint diese nicht zentral, wobei der Widerspruch ohne- hin nicht offensichtlich ist. 6.2 Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist damit festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht als glaubhaft erachtet, dass die Beschwerde- führerin aufgrund (…), des Engagements von F._______ (…) sowie dem entsprechenden Verdacht (…), von türkischen Sicherheitskräften über Jahre hin weg wiederholt zu Befragungen auf einen Militärposten mitge- nommen und dort regelmässig Schikanen in der Form von Beleidigungen und Drohungen sowie körperlichen – möglicherweise auch (…) – Übergrif- fen ausgesetzt war. Auch dass die Sicherheitskräfte regelmäs sig Haus- durchsuchungen durchführten sowie versuchten, die Beschwerdeführerin als Spitzel zu gewinnen, hält das Gericht für glaubhaft. Schliesslich zweifelt es nicht daran, dass sich der Druck auf die Familie nach dem Tod von F._______ 2011 intensivierte un d die Beschwerdeführerin, nachdem G._______ das Dorf verlassen hatte, weiterhin – zuletzt rund drei Wochen vor der Ausreise – von den Sicherheitskräften in unregelmässigen Abstän- den festgenommen und schikaniert worden war. 7. 7.1 Aufgrund des als glaubhaft erac hteten Sachverhalts ist unbestritten, dass Übergriffe seitens der türkischen Sicherheitsbeamten auf die Be- schwerdeführerin stattgefunden haben. In Bezug auf die Frage, ob diese als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu qualifizieren sind, ist dies hinsichtlich der einzelnen Schikanen und Übergriffe mangels Intensität zu verneinen. Betrachtet man sie in ihrer Gesamtheit, über die Jahre hinweg, wäre vora b an das Vorliegen eines unerträglichen psychi- schen Drucks zu denken . Angesichts der unter E. 4.1 dargelegten hohen diesbezüglichen Anforderungen sowie insbesondere auch in Anbetracht dessen, dass die Beschwerdeführerin nach dem Weggang von G._______ noch ein Jahr zuwartete, bis sie ausreiste, dürften aber auch diese Anfor- derungen nicht erfüllt sein. Letztlich kann die Frage jedoch offen gelassen werden, denn für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist nicht allein die Situation im Augenblick der Ausreise massgebend, sondern entschei- dend ist, ob im Zeitpunkt des Entscheides eine Furc ht vor Verfolgung ak- tuell begründet erscheint. Zur Annahme einer begründeten Furcht muss die Bedrohung aktuell und konkret sein (vgl. BVGE 2011/50, E. 3.1.1 und 3.1.2). E-4/2014 Seite 14 7.2 Bei der Beurteilung der Begründetheit der Furcht einer vorverfolgten Person ist nicht allein auf eine rein objektive Betrachtungsweise abzustel- len, sondern das von ihr bereits Erlebte und das Wissen um die Konse- quenzen in vergleichbaren Fällen sind mit in Betracht zu ziehen. Wer be- reits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht. Die subjektive Furcht ist diesfalls bereits dann begründet, wenn sie zwar diejenige eines in der gleichen Situation befindlichen „vernünftigen Dritten“ übersteigt, aber trotz- dem nachvollziehbar bleibt (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission EMARK 2004 Nr. 1 E. 6.a mit weiteren Hinweisen). Selbst wenn man vorliegend zum Schluss käme, die vor der Ausreise er- lebten Nachteile erreichten auch in ihrer Gesamtheit die Schwelle von ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG nicht, können die von der Beschwerdeführerin vor ihrer Ausreise erlebten Ereignisse nicht gänzlich unberücksichtigt bleiben. So wurde die Beschwerdeführerin im Rahmen der dargestellten Übergriffe und Schikanen über Jahre hinweg behelligt, von den staatlichen Sicherheitskräften massiv unter psychischen Druck gesetzt, wobei sie wiederkehrend auch körperlichen – möglicher- weise auch (…) – Übergriffen ausgesetzt war. Unter diesen Umständen ist die Angst der Beschwerdeführerin, bei einer Rückkehr in ihr Heimatland wieder vergleichbaren beziehungsweise schlimmeren Behelligungen aus- gesetzt zu werden, objektiv nachvollziehbar. 7.3 Entscheidend kommt hinzu, dass sich die Situatio n in der Türkei im Vergleich zur Situation bei der Ausreise der Beschwerdeführerin nicht ver- bessert hat, sondern vielmehr von einer Verschlechterung auszugehen ist, was bei der Prüfung, ob eine begründeten Furcht vor Verfolgung im aktu- ellen Zeitpunkt besteht, zu berücksichtigen ist (vgl. E. 4.1). Führen äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen konnte, nach der Ausreise aus dem Heimat - oder Herkunftsstaat zu einer drohenden Verfolgung, sind objektive Nachfluchtgründe gegeben. Die Vorinstanz ging in ihrer Verfügung vom 29. November (…) davon aus, dass sich die Lage in der Türkei in rechtstaatlicher und menschenrechtli- cher Lage deutlich verbessert habe. Willkürliche behördliche Übergriffe seien weitestgehend verdrängt worden, und sollte eine Person dennoch ausnahmsweise davon betroffen sein, habe sie die Möglichkeit, sich dage- gen zur Wehr zu setzen, beispielsweise mit Hilfe eines Anwalts oder einer E-4/2014 Seite 15 Menschenrechtsorganisation. Diese Einschätzung kann so nicht mehr auf- rechterhalten werden, zumal in Bezug auf den Südosten der Türkei, von wo die Beschwerdeführerin stammt. So hat das Bundesverwaltungsgericht in einem Urteil von 2013 aufgrund der bereits damals wieder anschwellenden bewaffneten Auseinanderset- zung zwischen türkischen Armeekräften und Anhängern der PKK betref- fend die südosttürkischen Provinzen Hakkari und Sirnak eine Situation all- gemeiner Gewalt festgestellt (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.5 f.). Weitere Regio- nen, so auch die Heimatprovinz der Beschwerdeführerin, C._______, seien von den Gewaltausbrüchen zwar nur punktuell betroffen, weshalb nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt gesprochen werden könne, die Entwicklung bleibe aber sorgfältig zu beobachten (vgl. ebd. E. 9.6). Spätestens seit der seitens des türkischen Präsidenten ausgerufenen Be- endigung des Friedensprozesses im Juli 2015 hat sich der Kurdenkonflikt in der Türkei wieder zugespitzt (Tagesspiegel, Erdogan und der Kurden- konflikt: Droht der Türkei ein Bürgerkrieg?, 22. Mai 2016, http://www.tages- spiegel.de/politik/erdogan-und-der-kurdenkonflikt-droht-der-tuerkei-ein- buergerkrieg/13 6 24292.html?print=true; Neue Zürcher Zeitung, Türkei: Erdogan beendet Friedensprozess mit den Kurden, 28. Juli 2015, http://www.nzz.ch/international/europa/erdogan-beendet-friedensprozes- ses-mit-kurden-1.1858688 8). Damit einher ging die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes im Sommer 2015, wobei es unter anderem auch zu Auseinandersetzungen in C._______ kam ([…], zuletzt aktualisiert am 14. Juni 2016, […]) Der wiederaufgeflammte K onflikt nahm dabei eine neue Form an: nicht mehr entlegene Bergregionen, sondern die Städte im mehr- heitlich kurdisch besiedelten Südosten der Türkei rückten ins Zentrum der Auseinandersetzung zwischen der PKK und dem türkischen Staat, wobei auch vermehrt k urdische Jugendliche im bewaffneten Kampf eine Rolle spielen (vgl. International Crisis Group, A Sisyphean Task? Resuming Tur- key-PKK Peace Talks, 17. Dezember 2015, http://www.crisis- group.org/~/media/Files/europe/turkey-cyprus/turkey/b077-a-sisyphean- task-resuming-turkey-pkk-peace-talks.pdf; Frankfurter Allgemeine, Die Wut der jungen Kurden, http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/eu- ropa/tuerkei/krieg-in-diyarbakir-die-wut-der-jungen-kurden- 14126545.html, 19. März 2016). Die Europäische Kommission wies schliesslich bereits in einem periodisch erscheinenden Bericht vom No- vember 2015 nicht nur auf eine sukzessive Verschlechterung der Sicher- heitslage in den Kurdengebieten hin, sondern stellte auch allgemein Rück- schritte im Bereich der Rechtsstaatlichkeit so wie bei der Umsetzung der verfassungsrechtlich garantierten Menschenrechte fest (vgl. European E-4/2014 Seite 16 Commission, Turkey 2015 Report, Brüssel 10. November 2015, S. 14, 21 ff.). Dieser Trend hat sich fortgesetzt und seit dem gegen den türkischen Präsidenten gerich teten Umsturzversuch vom 15. Juli 2016 intensiviert. Der militärische Putschversuch löste seitens der türkischen Regierung eine Welle von Verhaftungen und Entlassungen von regime -kritischen Perso- nen aus, wobei rund 85'000 Beamte und Angestellte öffentliche r Betriebe (unter anderem Lehrer, Polizisten, Richter und Professoren) freigestellt und zehntausende von Menschen verhaftet worden seien (vgl. Neue Zürcher Zeitung, Erdogans Treibjagd, http://www.nzz.ch/international/europa/die- tuerkei-im-ausnahmezustand-erdogans-treibjagd-ld.118867, 27. Septem- ber 2016). Dabei richten sich die Repressionen nicht nur gegen Anhänger der für den Putsch verantwortlich gemachten Gülen -Bewegung, sondern diese weiten sich auch auf kurdische Gruppierungen aus, was sich aktuell in der Verhaftung von mehreren Oppositionsführern der pro-kurdischen de- mokratischen Partei der Völker (HDP) zeigt (vgl. Neue Zürcher Zeitung , Kurdischer Konflikt in der Türkei: Die nächste Stufe der Eskalation, http://www.nzz.ch/international/asien-und-pazifik/kurdischer-konflikt-in- der-tuerkei-schlag-gegen-prominente-ku rdenpolitikerin-ld.124328, 26. Ok- tober 2016 ; Neue Zürcher Zeitung , Erdogan setzt auf Eskalation, http://www.nzz.ch/international/verhaftung-des-kurdenfuehrers-demirtas- erdogan-setzt-auf-eskalation-ld.126598, 4. November 2016; Spiegel -On- line, Festnahmen von kurdischen Oppositionellen: Schlag auf Schlag, http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-hdp-politiker-festgenommen- schlag-auf-schlag-a-1119724.html, 4. November 2016). 7.4 Zusammenfassend er weist sich u nter diesen Umständen die Furcht der Beschwerdeführerin, bei einer Rückkehr in die Türkei ernsthaften Nachteilen ausgesetzt zu werden, heute als begründet. Zum einen war sie bereits bei der Ausreise gewissen staatlichen Übergriffen ausgesetzt und ihre Angst ist, wie dargelegt, objektiv nachvollziehbar , selbst wenn die Übergriffe mangels Intensität nicht als ernsthafte Nachteile zu qualifizieren sind. Angesichts der – sich in Bezug auf den Konflikt mit der PKK und der kurdisch stämmigen Bevölkerung allgemein – zugespitzten Lage in der Türkei ist zum anderen auch aus objektiven Gesichtspunkten mit grosser Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in naher Zukunft mit weiteren Verfolgungshandlungen sei- tens der türkischen Behördenmitglieder zu rechnen hat, zumal diese nach ihrer Ausreise bei H._______ bereits nach ihrem Verbleib nachgefragt hät- ten (vgl. A14 F20ff.). Mithin wirken sich die seit der Ausreise eingetretenen Entwicklungen in der Türkei im vorliegenden Einzelfall insofern aus, als da- mit für die Beschwerdeführerin objektive Nachfluchtgründe entstanden E-4/2014 Seite 17 sind. Aufgrund (…), besteht die Gefahr, dass sie bereits bei ihrer Einreise über Istanbul oder Ankara Probleme bekommen würde. Zum einen ist den Behörden bekannt, dass F._______ (…) war. Zum anderen ist es aufgrund der Umstände naheliegend, dass die türkischen Behörden auch in Bezug auf G._______ davon ausgehen dürften, dass sich (…) hat, da sie bereits vor der Ausreise der Beschwerdeführerin nach dem Verbleib gefragt hat- ten. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich im Südosten der Türkei eine Vielzahl kurdischer Jugendlicher (…), ist es naheliegend, dass die Si- cherheitskräfte vermuten könnten, dass sich die junge Beschwerdeführerin bei einer allfälligen Rückkehr in die Türkei (…). Die Gefahr für sie, ins Visier der türkischen Sicherheitsbeamte n zu geraten und damit ernsthaften Nachteilen ausgesetzt zu werden, ist unter diesen Umständen als hoch zu betrachten. Bezeichnenderweise hat H._______ ihr Heimatland Ende letz- ten Jahres zusammen mit (…) schliesslich ebenfalls verlassen (vgl. Sach- verhalt Bst. B. sowie N […]: A15 F6). Damit sind mittlerweile alle unmittel- baren Familienmitglieder der Beschwerdeführerin sowie eine Vielzahl wei- terer Verwandter entweder verstorben, verschollen oder aus der Türkei ausgereist. Als alleinstehende Frau erscheint die Beschwerdeführerin, zu- mal sie bereits Opfer von behördlichen – auch körperlichen – Übergriffen war, im heutigen Zeitpunkt besonders gefährdet. Die Bedrohung ist dem- zufolge konkret und aktuell, wobei sie sich unter den gezeichneten Um- ständen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur auf den Südosten der Tür- kei, sondern auf den ganzen Staat bezieht. Im heutigen Zeitpunkt wäre so- dann auch nicht von einer valablen innerstaatlichen Schutzalternative aus- zugehen. Da die Beschwerdeführerin weder eine Schul - noch Berufsaus- bildung genoss und beinahe alle Verwandte das Heimatland mittlerweile verlassen haben, können die hohen Anforderungen, welche die Rechtspre- chung an die dortige Zumutbarkeit der innerstaatliche Schutzalternative stellt (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2), nicht als gegeben betrachtet werden. 7.5 Im Ergebnis kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in die Türkei in naher Zukunft und mit der notwendigen erheblichen Wahrscheinlichkeit mit Verfolgung im Sinne der massgeblichen Bestimmungen zu rechnen hat. Die Beschwer- deführerin hat eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG. Sie erfüllt damit die Flüchtlingseigenschaft und es ist ihr Asyl zu gewähren. Gründe für eine Verweigerung des Asyls beziehungsweise ei- nen Ausschluss aus der Flüchtlin gseigenschaft liegen nicht vor (Art. 53 AsylG). E-4/2014 Seite 18 8. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung verletzt Bundesrecht (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und ist aufzuheben. Die Beschwerdeführerin erfüllt die Flüchtlingseigenschaft und di e Vo- rinstanz ist anzuweisen, ihr in der Schweiz Asyl zu gewähren. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. […]. Dabei erweist sich der vom Rechtsvertreter geltend gemachte zeitli- che Aufwand von insgesamt 26 Stunden als klarerweise zu hoch bemes- sen. Der zeitliche Gesamtaufwand für das Verfassen der Beschwerdeschriften, der Stellungnahmen (Replik) sowie des Aktenstudiums ist unter Berück- sichtigung aller weiteren Eingaben nach Einreichen der Kostennote auf ins- gesamt 11.5 Stunden zu bemessen und für die jeweiligen Verfahren zu (…) (siehe im Einzelnen die Ausführungen im […]). Hinzukommt vorliegend ein (…) des Zeitaufwands für „Besprechung, Beratung, Abklärung“, welcher nur im Verfahren (…) ausgewiesen wurde, wom it insgesamt ein Zeitauf- wand von viereinhalb Stunden als angemessen erscheint. Beim angege- benen Honoraransatz von Fr. 200.– ist der Beschwerdeführerin aufgrund der Bemessungsgrundsätze nach Art. 7 ff. VGKE damit eine Parteient- schädigung zu Lasten des SEM in der Höhe von insgesamt Fr. 900.− (inkl. Auslagen, ohne Mehrwertsteuer) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-4/2014 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und die angefochtene Verfügung vom 29. November 2013 aufgehoben. 2. Die Beschwerdeführerin besitzt die Flüchtlingseigenschaft. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 900.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Sibylle Dischler