B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-1157/2023 U r t e i l v o m 7 . M ä r z 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichter Sebastian Kempe, mit Zustimmung von Richter David R. Wenger; Gerichtsschreiber Michael Spring. Parteien A._______, geboren am (…), Burundi, vertreten durch MLaw Lea Schlunegger, Rechtsanwältin, Freiplatzaktion Basel, Elsässerstrasse 7, 4056 Basel, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 21. Februar 2023 / N (…). F-1157/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 1. Dezember 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass er bereits am 25. November 2022 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt hatte. B. Am 19. Dezember 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zu- gewiesene Rechtsvertretung. C. Das SEM ersuchte am 3. Februar 2023 die kroatischen Behörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers . Diesem Gesuch wurde am 17. Februar 2023 entsprochen. D. Am 8. Februar 2023 erfolgte das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra- tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be- stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). E. Mit Verfügung vom 21. Februar 2023 (eröffnet am Folgetag) trat die Vo- rinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte den Be- schwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig stellte sie fest, einer allfälligen Beschwerde ge- gen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und verfügte die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis. F. Mit Eingabe vom 28. Februar 2023 (Datum Postaufgabe) erhob der Be- schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean- tragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz an- zuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung an das SEM zurückzuweisen. In verfah- rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wir- kung der Beschwerde sowie um Gewährung der unentgeltlichen Rechts- pflege, unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. F-1157/2023 Seite 3 G. Mit superprovisorischer Massnahme vom 1. März 2023 verfügte der In- struktionsrichter einen Vollzugsstopp. H. Mit Eingabe vom 1. März 2023 reichte die vom Beschwerdeführer manda- tierte Rechtsvertreterin eine Vollmacht nach. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 105 AsylG (SR 142.31) in Verbindung mit Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig. Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsad- ressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 2. 2.1. Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess- lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge- rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2 je m.w.H.). 3. Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zu- ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), F-1157/2023 Seite 4 ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1. Auf Beschwerdeebene werden formelle Rügen (Verletzung des An- spruchs auf rechtliches Gehör sowie der Pflicht zur vollständigen und rich- tigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts) erhoben. Sie sind vorab zu beurteilen, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 4.2. Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 29 VwVG haben die Parteien An- spruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 4.3. Die Sachverhaltsfeststellung ist namentlich dann unrichtig, wenn der Verfügung ein aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zu- grunde gelegt wurde oder wenn Beweise unzutreffend gewürdigt wurden. Unvollständig ist sie, w enn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für die Ent- scheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl. dazu BEN- JAMIN SCHINDLER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal- tungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 49 N. 29). 4.4. Der Beschwerdeführer rügt als eine Verletzung seines Gehörsan- spruchs sowie der Pflicht zur vollständigen Abklärung des rechtserhebli- chen Sachverhalts, dass die Vorinstanz die Gefahren beziehungsweise Übergriffe, denen er in Kroati en ausgesetzt gewesen sei und bei einer Rückführung wieder ausgesetzt wäre, nicht individuell geprüft, sondern nur auf behördliche Aussagen und «pauschale Versprechungen» verwiesen habe. Auch eine ausreichende Abklärung in Bezug auf systemische Schwachstellen im kroatischen Asylsystem sei unterblieben. 4.5. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers hat die Vorinstanz eine hinreichende Einzelfallprüfung vorgenommen, indem sie die Erkennt- nisse aus den Abklärungen der Schweizer Botschaft in Kroatien betreffend möglichen «push-backs» und betreffend Dublin-Rückkehrer sowie die im F-1157/2023 Seite 5 Dublin-Gespräch vom 8. Februar 2023 erhobenen Einwände in zusam- mengefasster Form wiedergegeben und gewürdigt hat. Sie hat nachvoll- ziehbar aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich bei ihrer Sachver- haltswürdigung leiten liess. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass sich die verfügende Behörde nicht ausdrücklich mit jeder tatbestand- lichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen muss, sondern sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken darf (BGE 143 III 65 E. 5.2). Alleine der Umstand, dass die Vorinstanz hier unter Berücksichtigung der entscheidwesentlichen Sachumstände und nach Würdigung der Parteivorbringen zu einem anderen Schluss als der Be- schwerdeführer kommt, stellt keine Verletzung des Anspruchs auf rechtli- ches Gehör respektive der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts dar, sondern beschlägt die Frage der materiellen Würdigung. 4.6. Soweit der Beschwerdeführer schliesslich geltend macht, die kroati- schen Behörden hätten seiner Rückübernahme nur teilweise zuge stimmt, trifft dies mit Blick auf den klaren Wortlaut der vorliegenden Zustimmungs- erklärung nicht zu. Anders als im noch rechtshängigen Fall , welchen die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers referenziert, lautet vorliegend die Erklärung der kroatischen Behörden auf «accepted» (und nicht bloss auf «partially accepted»). Somit ist die Bereitschaft zur Wiederaufnahme ausgewiesen und muss entgegen dem Dafürhalten des Beschwerdefüh- rers nicht weiter abgeklärt werden. Daran ändert auch nichts, dass die Zu- stimmung Kroatiens gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO erfolgt ist (vgl. dazu nachstehend E. 6). 4.7. Nach dem Ausgeführten besteht keine Veranlassung, die angefoch- tene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbezügliche Rechtsbegehren ist abzu- weisen. 5. 5.1. Auf Asylgesuche ist in der Regel nicht einzutreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 5.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als F-1157/2023 Seite 6 zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah- men des in den Art. 23–25 Dublin-III-VO geregelten sogenannten Wieder- aufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt. Die Zuständigkeit beziehungs- weise die Verpflichtung des Mitglie dstaates zur Wiederaufnahme ergibt sich direkt aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d beziehungsweise Art. 20 Abs. 5 Dub- lin-III-VO (vgl. Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union [EuGH] vom 2. April 2019, H. und R., C 582/17 und C-583/17, EU:C:2019:280, Rn. 47– 50; BVGE 2019 VI/7 E. 4–6, 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.). 5.3. Der Mitgliedstaat, bei dem der erste Antrag auf internationalen Schutz gestellt wurde, ist gehalten, einen Antragsteller, der sich ohne Aufenthalts- titel im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält oder dort einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, nachdem er seinen ersten Antrag noch während des Verfahrens zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats zurückgezogen hat, nach den Bestimmungen der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen, um das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats zum Abschluss zu bringen ( Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO). Diese Bestimmung findet auch – wie vorliegend – im Falle der Weiterreise eines Antragstellers in einen anderen Mitgl iedstaat bei noch nicht abgeschlossenem Zuständigkeitsverfahren Anwendung (vgl. CHRISTIAN FILZWIESER / ANDREA SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, 2014, Art. 20 K. 19). 5.4. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund der vorgenannten Kriterien ein anderer Mit- gliedstaat als zuständig bestimmt we rden kann. Kann kein anderer Mit- gliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prü- fende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III- VO). 5.5. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell- ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in F-1157/2023 Seite 7 dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin -III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintritts - recht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss der genann- ten Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Grün- den» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungs- hindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 6. 6.1. Vorliegend ist den Akten zu entnehmen, dass de r Beschwerdeführer am 25. November 2022 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt hat. Daraufhin stimmten die kroatischen Behörden dem Wiederaufnahmeersuchen der Vorinstanz am 17. Februar 2023 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin -III-VO zu und wiesen darauf hin, dass das Zuständigkeitsverfahren von ihnen fort- geführt werde. Damit ist die Antragsstellung in Kroatien erstellt. Gleiches gilt für den Umstand, dass das kroatische Verfahren zur Bestimmung des für das Asylgesuch des Beschwerdeführers zuständigen Mitgliedstaates gemäss Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO noch nicht abgeschlossen wurde und nach einer Rücküberstellung des Beschwerdeführers fortgesetzt wird (vgl. hierzu etwa die Urteile des BVGer E -4341/2022 vom 8. Dezember 2022 E. 4.3; D-5623/2022 vom 12. Dezember 2022 E. 5). 6.2. Dem Einwand des Beschwerdeführers, er sei in Kroatien zur Abgabe seiner Fingerabdrücke gezwungen worden und habe dort kein Asylgesuch gestellt, ist entgegen zu halten, dass sich die Abnahme der Fingerabdrücke von illegal einreisenden ausländischen Personen und Asylsuchenden auf Art. 14 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 603/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 (Eurodac-Verordnung) stützt. Im Übrigen sind keine konkreten Anhaltspunkte ersichtlich, dass er in Kroatien zur Stellung eines Asylgesuchs gezwungen worden wäre beziehungsweise weshalb ihn die kroatischen Behörden dazu zwingen sollten. Deren Vorge- hen ist insofern nicht zu beanstanden (vgl. Urteil des BVGer E -305/2023 vom 25. Januar 2023 E. 7). Auch beim Vorbringen, die kroatischen Behör- den seien ihrer Informationspflicht gemäss Art. 4 Dublin-III-VO nicht nach- gekommen, handelt es sich schliesslich um eine unbelegte Parteibehaup- tung. Ferner ist darauf hinzuweisen, dass die entsprechenden Informatio- nen auch anlässlich des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 Dublin-III- VO vermittelt werden können. Zudem hat sich der Beschwerdeführer durch seine Weiterreise in die Schweiz wenige Tage nach Erfassung der Finger- abdrücke und Stellung des Asylgesuchs in Kroatien einem dortigen Asyl- verfahren entzogen. F-1157/2023 Seite 8 6.3. Die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asylverfahrens ist somit gegeben. 7. 7.1. Der Beschwerdeführer macht systemische Mängel im Asyl- und Auf- nahmesystem Kroatiens geltend. Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist deshalb zu prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Kroa- tien würden systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden. 7.2. Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, ist Kroatien Signatar- staat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe (FoK, SR 0.105), des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), des Zusatzprotokolls zur FK vom 31. Ja- nuar 1967 (SR 0.142.301) sowie des Internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeglicher Form von Rassendiskriminierung vom 21. Dezember 1965 (SR 0.104) und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass es sei- nen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf ausserdem davon ausgegangen werden, dass Kroatien die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parla- ments und de s Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati- onalen Schutz beantrage n (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. Sodann hat die Vorinstanz im Sinne der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zutreffend dargelegt, dass aktuell im Bereich der Wiederaufnahmeverfahren («take back») keine Gründe für die An- nahme vorliegen, das Asylverfahren (inklusive Zuständigkeitsverfahren) und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Kroatien würden sys- temische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin- III-VO aufweisen (vgl. etwa die Urteile des BVGer E-5427/2022 vom 1. De- zember 2022 E. 5.2; D -4865/2022 vom 2. November 2022 E. 5.4; F-3957/2022 vom 11. Oktober 2022 E. 5). Unbehelflich ist in diesem Zu- sammenhang auch der Verweis des Beschwerdeführers auf das Urteil des BVGer F -5675/2021 vom 6. Janua r 2022, da sich dieses auf eine sog. «take charge» und nicht – wie vorliegend – eine «take back» Konstel- lation bezog. F-1157/2023 Seite 9 7.3. Weiter ist die Vorinstanz unter Verweis auf Abklärungen durch die Schweizer Botschaft in Kroatien zu Recht zum Schluss gekommen, dass Personen, welche im Rahmen eines Dublin -Verfahrens nach Kroatien zu- rückgeführt werden, jedenfalls im Bereich der Wiederaufnahmeverfahren, nicht von der problematischen «push-back»-Praxis betroffen sind (vgl. etwa Urteil des BVGer E -5787/2022 vom 19. Dezember 2022 E. 7.4 m.w.H.). 7.4. Für eine Änderung der dargestellten Rechtsprechung besteht auch in Würdigung der vom Beschwerdeführer gemachten Äusserungen zu seiner Behandlung in Kroatien, der zitierten Berichte und des Verweises auf die Rechtsprechung deutscher Gerichte keine Veranlassung. Das Gleiche gilt für den in der Beschwerde angeführten Bericht der Wochenzeitung (WOZ) vom 22. Dezember 2022 ("Eine Kette der Verachtung") beziehungsweise ein in selbigem enthaltenes Zitat einer Aktivistin des Centre of Peace Stu- dies (vgl. Urteil des BVGer D-272/2023 vom 8. Februar 2023 E. 7.1.1). Die Ergebnisse der genannten behördlichen Abklärungen (vorstehend E. 7.3) werden durch die unbelegte persönliche Aussage der Aktivistin nicht hin- reichend in Zweifel gezogen. Unter diesen Umständen gelangt Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht zur Anwendung. 8. 8.1. Weiter ist zu prüfen, ob – wie vom Beschwerdeführer geltend gemacht – völkerrechtliche Vollzugshindernisse bestehen, woraus sich zwingen de Gründe für einen Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ergeben würden. 8.2. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass der Be- schwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan hat, die kroatischen Behörden würden sich weigern, ihn wiederaufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Entgegen der Ansicht des Beschwerdefüh- rers sind den Akten denn auch keine Gründe für die Annahme zu entneh- men, Kroatien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet wäre oder in dem er Gefahr laufen würde , zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausserdem hat der Beschwerdefüh- rer nicht rechtsgenügend dargetan, die ihn bei einer Rückführung erwar- tenden Bedingungen in Kroatien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 F-1157/2023 Seite 10 FoK führen könnten. Er hat auch keine konkreten Hinweise dargetan, wo- nach ihm Kroatien dauerhaft die minimalen Lebensbedingungen vorenthal- ten würde, die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehen. Bei einer allfälli- gen vorübergehenden Einschränkung wäre er nötigenfalls gehalten, sich an die dortigen Behörden zu wenden und die ihm zustehenden Aufnahme- bedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmericht- linie). Dies gilt auch in Bezug auf die geltend gemachte Gewalt und die rassistischen Kommentare seitens der kroatischen Behörden. Das Vorbrin- gen schliesslich, gegen ihn sei in Kroatien ein willkürliches Strafverfahren eingeleitet worden, bleibt eine unsubstantiierte Behauptung, die kein ande- res Ergebnis herbeiführen kann. 8.3. Die im vorinstanzlichen Verfahren festgestellten gesundheitlichen Be- einträchtigungen in der Form von Schlafstörungen, Juckreiz und Schmer- zen in den Oberschenkeln und im Rückenbereich wurden zum Teil behan- delt. Sie stellen sich gesamthaft gesehen nicht als so schwerwiegend dar, dass die Gefahr einer Verletzung von Art. 3 EMRK bestünde (zu den An- forderungen vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] sowie zur neueren Praxis des EGMR das Urteil Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Dasselbe gilt für die erstmals auf Beschwerdeebene vorgebrachten psychischen Probleme. Es ist darauf hinzuweisen, dass Kroatien grundsätzlich über eine ausrei- chende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. Urteil des BVGer D-735/2022 vom 28. Februar 2022 E. 6.7.3) und gemäss Art. 19 Abs. 1 und 2 Aufnahmerichtlinie verpflichtet ist, dem Beschwerdeführer bei Bedarf die notwendige medizinische Behandlung zukommen zu lassen. Sodann be- stehen in Kroatien nebst den staatlichen Einrichtungen auch Angebote von Nichtregierungsorganisationen für die psychische Betreuung, womit von ei- nem genügenden psychologischen Behandlungsangebot auszugehen ist (vgl. Urteil des BVGer F-4368/2020 vom 14. Januar 2021 E. 7.3 m.H.). Ent- gegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht liegen keine rechtsgenü- gend konkreten Hinweise vor, wonach Kroatien dem Beschwerdeführer eine adäquate medizinische Behandlung verweigert hätte oder verweigern würde. Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus dem in der Beschwerde zitierten Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, wonach der Zugang zu einer angemessenen Behandlung in Kroatien unter Umständen er- schwert sein kann. 8.4. Nach dem Gesagten ist die Überstellung nach Kroatien nach Mass- gabe der einschlägig en völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig zu qualifizieren, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf F-1157/2023 Seite 11 das Asylgesuch des Beschwerdeführers nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO vorliegen. 9. Soweit der Beschwerdeführer schliesslich die Anwendung des Selbstein- trittsrechts aus humanitären Gründen fordert, ist festzuhalten, dass der Vo- rinstanz bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Ermessen zu- kommt (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Den Akten sind keine Hinweise auf eine gesetzeswidrige Ermessensausübung (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG) zu entnehmen. Unter diesen Umständen enthält sich das Bundesverwal- tungsgericht einer näheren Überprüfung. 10. Die Vorinstanz ist somit zu Recht von der Zuständigkeit Kroatiens im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ausgegangen und in Anwendung jener Be- stimmung auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da dieser nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungs- bewilligung ist, wurde die Ü berstellung nach Kroatien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 11. Nachdem das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Vorausset- zung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). 12. Die Beschwerde ist nach dem Ausgeführten abzuweisen und die Verfü- gung der Vorinstanz zu bestätigen. Das Beschwerdeverfahren ist mit vor- liegendem Urteil abgeschlossen, weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als gegenstandslos erweist. 13. 13.1. Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 VwVG, Art. 102m AsylG). Aufgrund der vor- stehenden Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten haben. Das Gesuch ist ungeachtet der geltend gemachten Mit- tellosigkeit abzuweisen. 13.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind di e Kosten dem Be - schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt F-1157/2023 Seite 12 Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das Gesuch um Erlass des Kostenvorschusses ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden. (Dispositiv nächste Seite) F-1157/2023 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Sebastian Kempe Michael Spring Versand: