Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 11. September 2014 (720 14 106) ___________________________________________________________________ Invalidenversicherung Stationäre psychiatrische Behandlung als medizinische Massnahme zur Behandlung so- wohl von Symptomen des POS als auch von qualifiziert adäquaten sekundären Erkran- kungen Besetzung Vorsitzender Kantonsrichter Daniel Noll, Kantonsrichter Beat Hers- berger, Kantonsrichter Dieter Freiburghaus, Gerichtsschreiberin Christina Markiewicz Parteien A.____, Beschwerdeführerin gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Beigeladener B.____, vertreten durch C.____ Betreff Medizinische Massnahmen (756.4379.5602.28) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Der 2004 geborene B.____ leidet unter anderem an einem frühkindlichen psychoorgani- schen Syndrom (POS), entsprechend dem Geburtsgebrechen Z iff. 404 des Anhangs zur Ver- ordnung über Geburtsgebrechen (GgV Anhang). Seine Mu tter meldete ihn am 22. Januar 2010 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an. M it Verfügung vom 16. April 2010 ge- währte die IV-Stelle B.____ im Rahmen medizinischer M assnahmen Kostengutsprache für eine ambulante Psychotherapie vom 10. Dezember 2009 bis 31. D ezember 2012. Am 28. Septem- ber 2012 ersuchte die Mutter von B.____ die IV-Stelle um Übernahme der Kosten für einen sta- tionären Aufenthalt in der D.____. Mit Verfügung vom 5. März 2014 lehnte die IV-Stelle das Kostengesuch ab. B. Gegen diese Verfügung erhob die Versicherungsgesell schaft A.____ mit Eingabe vom 7. April 2014 Beschwerde ans Kantonsgericht, Abteilung So zialversicherungsrecht, mit dem An- trag, es sei die Verfügung vom 5. März 2014 aufzuheben und es sei festzustellen, dass die IV- Stelle für die medizinischen Massnahmen (stationäre Psycho therapie) vom 9. Februar 2012 bis 16. November 2012 gestützt auf Art. 13 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 bzw. Art. 12 IVG leistungspflichtig sei. C. Mit Vernehmlassung vom 23. Mai 2014 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Be- schwerde. Das psychoreaktive Leiden sei ausschlaggebend für die stationäre Behandlung ge- wesen. Dabei handle es sich um ein POS-unabhängiges Le iden. Die Kosten dafür seien weder unter Art. 13 IVG noch unter Art. 12 IVG zu übernehmen. D. Am 26. Mai 2014 wurde der Versicherte, vertreten d urch seine Mutter, zum Verfahren beigeladen. Mit Eingabe vom 21. Juli 2014 erklärte di e Mutter, dass der Aufenthalt in der D.____ aufgrund seines Geburtsgebrechens notwendig geworden sei. B.____ sei wegen seines aggressiven Verhaltens in der Schule nicht mehr tragbar gewesen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Zu prüfen ist, ob die IV-Stelle die Übernahme der Kosten für den stationären Aufenthalt von B.____ vom 9. Februar 2012 bis 16. November 2012 zu Recht abgelehnt hat. 2.1 Nach Art. 13 Abs. 1 IVG haben Versicherte bis zum voll endeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (Art. 3 A bs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG] vom 6. Oktober 2000) notwendigen medizinischen Massnahmen. Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Mass- nahmen gewährt werden (Art. 13 Abs. 2 IVG). Als medi zinische Massnahmen, die für die Be- handlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelte n sämtliche Vorkehren, die nach be- währter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 der Verordnung über Geburtsgebrechen [GgV] vom 9. Dezember 1985). Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.2 Die nach Art. 13 IVG gewährten medizinischen Massnah men sind grundsätzlich auf die Behandlung des Geburtsgebrechens an sich gerichtet, zu wel cher ohne Weiteres auch die Be- handlung aller Folgeleiden und Begleiterscheinungen zählt, welche medizinisch gesehen in den Symptomenkreis des infrage stehenden Geburtsgebrechens fa llen. Der Anspruch auf medizini- sche Massnahmen nach Art. 13 IVG erstreckt sich jedoch ausnah msweise auch auf die Be- handlung sekundärer Gesundheitsschäden, die zwar nicht mehr zum Symptomenkreis des Ge- burtsgebrechens gehören, aber nach medizinischer Erfahr ung häufig die Folge dieses Gebre- chens sind, wobei allerdings die Häufigkeit des sekundäre n Leidens nicht allein entscheidend und eine Leistungspflicht auch für ein seltenes Folgel eiden nicht von vornherein ausgeschlos- sen ist. Eine Leistungspflicht für sekundäre Folgen eines Geburtsgebrechens setzt voraus, dass zwischen dem Geburtsgebrechen und dem sekundären Leiden ein qualifizierter adäquater Kau- salzusammenhang besteht (BGE 100 V 41 mit Hinweisen; A HI 2001 S. 79 E. 3a; Urteile des Bundesgerichts vom 2. August 2005, I 220/05 und vom 9. August 2007, I 29/06 E. 4.2). Der erforderliche qualifizierte adäquate Kausalzusammenhang wird als erfüllt betrachtet in Fällen, in denen ein sekundärer Gesundheitsschaden eine fast zwangsl äufige Konsequenz des betroffe- nen Geburtsgebrechens darstellt – mit anderen Worten e ine nahezu unvermeidliche Folge die- ses Leidens ist. Demgemäss reicht es für die Annahme eine s qualifizierten adäquaten Kausal- zusammenhangs nicht aus, dass das Geburtsgebrechen das zusätzl iche Leiden lediglich be- günstigt (vgl. ANDREAS HIRTH /S ILVIA BUCHER , Medizinische Massnahmen der Invalidenversiche- rung, in: Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, S . 154 ff., Luzerner Beiträge zur Rechts- wissenschaft, Band 54, 2011, Gabriela Riemer-Kafka [Hrsg .]; vgl. zum Begriff adäquater Kau- salzusammenhang BGE 129 V 177 E. 3.2). 3.1 Es gilt als in der medizinischen Fachwelt grundsätzlich anerkannt, dass die Symptome des POS (bzw. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndro m [ADHS]) andere psychische Erkrankungen wie Depressionen, Sucht- und Angsterkrankun gen hervorrufen oder mit ihnen einhergehen können (Urteil des Bundesgerichts vom 28. Mär z 2012, 9C_917/2011 E. 3.2 mit Literaturhinweis). Das Bundesgericht erwog im Urteil I 29/06 E. 6.1, das POS sei ein komplexes Leiden mit breitem Symptomspektrum wie beispielsweise em otionalen Schwierigkeiten, niedri- gem Selbstwertgefühl, Unsicherheit, Reizbarkeit, Antriebsarmut, Stimmungslabilität, Aggression und Depression. Die Symptome könnten vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter auftreten mit alters- und geschlechtstypischer Symptomausprägung. Jedes von einer solchen Störung be- troffene Kind sei hinsichtlich der Beeinträchtigungen u nd deren Ausmass anders und habe ein entsprechend unterschiedliches Therapiebedürfnis. 3.2 Die IV-Stelle ist der Auffassung, dass die stationär e Behandlung aufgrund eines schwe- ren psychoreaktiven Leidens mit starken Verlustängsten, Angst vor Dunkelheit, Enuresis, Enko- presis und einer (narzisstischen) Verletzlichkeit und Traur igkeit sowie reaktiv aggressiven Durchbrüchen notwendig gewesen sei. Die Symptomatik lass e sich bezüglich Qualität und Ausmass aber nicht auf ein POS reduzieren. Beim psychoreakt iven Leiden handle es sich um einen POS-unabhängigen Gesundheitsschaden. Eine Kosteng utsprache gestützt auf Art. 13 IVG sei deshalb nicht möglich. Zudem habe es sich um eine Behandlung des Leidens an sich gehandelt, bei der in der Einzeltherapie intrapsychisch e Konflikte bearbeitet und Verhaltensmo- dalitäten erarbeitet worden seien. Der Aufenthalt sei nicht unmittelbar auf den schulischen Be- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht reich gerichtet gewesen. Somit könne auch gestützt auf A rt. 12 IVG keine Kostengutsprache verfügt werden. Die IV-Stelle stützt sich dabei hauptsäch lich auf die Stellungnahmen von Dr. med. E.____, FMH Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Die A.____ ist da- gegen gemäss Darstellung ihres Vertrauensarztes der Meinung, dass vorliegend nicht von einer primären Behandlung eines schweren psychoreaktiven Leiden s gesprochen werden könne. Vielmehr sei der stationäre Aufenthalt erfolgt wegen der Intensivierung derjenigen Verhaltens- auffälligkeiten und psychischen Beeinträchtigungen, wel che schon im Jahr 2009 dokumentiert worden seien und zur Anerkennung des Geburtsgebrechens Z iff. 404 geführt hätten. Sinnge- mäss macht die A.____ damit geltend, dass die Behandlu ng des POS im Vordergrund gestan- den habe. 4. In medizinischer Hinsicht ergeben die Akten Folgende s: 4.1 Dr. med. F.____, FMH Kinder- und Jugendpsychiatri e sowie –psychotherapie, diagnosti- zierte bei B.____ gemäss Bericht vom 22. März 2010 am 10. Dezember 2009 nach einer test- psychologischen Abklärung im G.____ vom 12. Januar 2009 bi s 12. November 2009 ein POS. Der Versicherte zeige ein hyperaktives, impulsives und a ggressives Verhalten. Er habe einen grossen Bewegungsdrang und könne kaum ruhig sitzen. Seine Frustrationstoleranz sei sehr niedrig, weshalb es zum Kindergartenausschluss gekommen sei. Seit Januar 2010 wohne er im Kinderheim Vogelsang. Im sozialen Bereich habe er grosse Schwierigkeiten. Er schlage und trete Gleichaltrige, begehe Regelverstösse und halte sich nicht an Anweisungen. Er weise deut- liche Defizite in der visuellen Wahrnehmung auf. Die Analyse abstrakter Reize falle ihm schwer. Bei der Aufmerksamkeitsleistung habe er Schwierigkeiten mit der Konzentrationsfähigkeit. Die geteilte Aufmerksamkeit, die aktive Steuerung der Aufm erksamkeitsprozesse und das visuelle Absuchen des Gesichtsfeldes lägen unter seiner Altersno rm. Zudem sei die Merkfähigkeit un- terdurchschnittlich. Als medizinische Massnahme sei eine Psychotherapie durchzuführen. Mit Verfügung vom 16. April 2010 gewährte die IV-Ste lle Kostengutsprache für eine ambulante Psychotherapie für die Dauer von 2 Jahren. 4.2 Da diese Massnahme nicht den gewünschten Erfolg brach te, war B.____ vom 9. Febru- ar 2012 bis zum 16. November 2012 in stationärer psychia trischer Behandlung in der D.____. Gemäss Austrittsbericht vom 20. Dezember 2012 waren Verha ltensauffälligkeiten ausschlagge- bend für den stationären Aufenthalt. Diese Auffällig keiten führten sowohl zuhause, als auch im Kindergarten und in der Schule zu massiven Schwierigkeite n. Wenn B.____ sich eingegrenzt fühlte, kam es zu heftigen Wutausbrüchen. Er hatte gr osse Mühe, sich zu steuern. Neben sei- nem impulsiven und aggressiven Verhalten litt B.____ auch unter sehr vielen und starken Ängs- ten. Zudem lag eine massive Einnässproblematik vor. Diag nostiziert wurden eine einfache Akti- vitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0), eine phobisch e Störung des Kindesalters (F93.1), eine Störung der motorischen Funktionen (F82), durchsc hnittliche Intelligenz, eine Enuresis (F 98.1), eine psychische Störung (abweichendes Verhalte n eines Elternteils; abweichende El- ternsituation) und eine deutliche soziale Beeinträchtigu ng. Die behandelnde Fachpsychologin berichtete, dass mit Hilfe der Medikation, der intensiven Therapie, der engen und hochstruktu- rierten Begleitung sowie der Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenzen die Schwierigkei- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht ten von B.____ zunehmend hätten aufgefangen werden kö nnen. Nach wie vor seien die Emo- tionsregulation und das soziale Verhalten in der Gruppe schwierig für ihn. Er habe Mühe, Auf- forderungen nachzukommen und Begrenzungen anzunehmen. Er reagiere darauf mit heftigen Wutausbrüchen und Tätlichkeiten. B.____ leide zudem se hr unter seinen starken Ängsten. Er sei verunsichert, leide an Versagensängsten und einem ti efen Selbstwertgefühl. Diese Aspekte im Zusammenhang mit seiner Impulsivität und seinen enor men Defiziten in den Bereichen Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen und sozialen S ignalen führten dazu, dass B.____ schon bei Kleinigkeiten ausraste. In diesem Zusammenhang sei auch sein zwanghaftes Verhal- ten zu verstehen. Es helfe ihm, Kontrolle über sich und seine Umwelt zu erlangen. B.____ sei einerseits auf enge pädagogische Führung mit klaren Re geln, Strukturen und Grenzen ange- wiesen. Anderseits brauche er sehr viele positive Rückmel dungen über sein Verhalten sowie eine medikamentöse Unterstützung. Genauso wichtig seien das Erleben von Verlässlichkeit und emotionaler Nähe im Kontakt mit seiner Familie und Be zugspersonen. Beide Elternteile hätten mit eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen, weshalb sie in ihrer emotionalen Verlässlichkeit ge- genüber B.____ beeinträchtigt seien. 4.3 Dr. E.____ nahm für die IV-Stelle am 21. Januar 2013 und 20. Juni 2013 zum Austritts- bericht der D.____ und zur Frage der Übernahme der K osten für den stationären Aufenthalt Stellung. Beim Versicherten bestehe neben dem bekannt en POS – aufgrund einer belastenden psychosozialen Situation mit Gewalterfahrung und Trennung innerhalb der Familie - ein schwe- res psychoreaktives Leiden mit starken Verlustängsten, Angst vor Dunkelheit, Enuresis, Enko- presis und einer narzisstischen Verletzlichkeit und Traurigk eit sowie reaktiv aggressiven Durch- brüchen. Die Symptomatik lasse sich nicht auf ein POS redu zieren. In Einzeltherapie seien in- trapsychische Konflikte bearbeitet und Verhaltensmodalitäten erarbeitet worden. Da es sich um eine Behandlung des Leidens an sich handle, seien die Kosten nicht von der IV-Stelle zu über- nehmen. 4.4 Der Vertrauensarzt der Sanitas, Dr. med. H.____, F MH Psychiatrie und Psychotherapie, teilte die Einschätzung von Dr. E.____, dass das psychoreakt ive Leiden hauptverantwortlich für den stationären Aufenthalt gewesen sei, nicht. Zwar we rde im Austrittsbericht der D.____ er- wähnt, dass der Versicherte - neben dem impulsiven und aggressiven Verhalten - auch unter sehr vielen Ängsten leide und dass eine massive Einnässprob lematik tags- und nachtsüber be- stehe. Diese Leidensaspekte seien allerdings nicht als p rioritär eingestuft worden. So sei be- zeichnend, dass eine Medikation (Methylphenidat, Risperdal) ausschliesslich wegen der Verhal- tensauffälligkeiten verabreicht worden sei. Das von Dr . E.____ beschriebene schwere psycho- reaktive Leiden infolge einer belastenden psychosozialen Situation sei weder durch die Befunde belegt noch in diagnostischer Hinsicht im Austrittsbericht ausgewiesen. Aus der ausführlichen Verlaufsbeschreibung der D.____ sei auch nicht ersichtli ch, dass es sich um eine Behandlung des Leidens an sich gehandelt habe. Die Einzeltherapie sei im Austrittsbericht denn auch nur kurz erwähnt worden. Der stationäre Aufenthalt sei vorr angig wegen der Intensivierung derjeni- gen Verhaltensauffälligkeit und psychischen Beeinträchtig ungen des Versicherten notwendig gewesen, welche schon im Jahr 2009 dokumentiert worden seien und die zur Anerkennung des Geburtsgebrechens Ziff. 404 geführt hätten. Auf die Einschätzung von Dr. E.____ könne folglich nicht abgestellt werden (vgl. Bericht vom 16. April 2013). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.5 Dr. E.____ nahm dazu am 3. Februar 2014 Stellung . Das Krankheitsbild sei umfassend in Bezug auf Ätiologie, Pathogenese und Psychopathologie zu beurteilen. Somit seien nicht nur die Symptome eines – unbestritten vorliegenden – Geburt sgebrechens Ziff. 404 in die Beurtei- lung einzubeziehen, sondern auch die schwerwiegenden ps ychosozialen Belastungen mit den bekannten Gewalterfahrungen, deren Folgen sich aus kind erpsychiatrischer Sicht nicht einfach durch die einjährige gewaltfreie Beziehung zur Kindsmu tter aufheben liessen. Traumatische Erlebnisse und die Bindungsstörung hinterliessen nachhalti ge Spuren in der Persönlichkeits- entwicklung eines Kindes. Schliesslich habe die Gesamtheit der Symptomatik zur stationären Behandlungsbedürftigkeit geführt. Im Gegensatz zur Beu rteilung von Dr. H.____ seien die pho- bische Störung im Kindesalter und die Enuresis nicht nur als eigenständige Diagnosen aufge- führt, sondern seien auch relevante therapeutische Inh alte gewesen. Die im Austrittsbericht der D.____ beschriebenen Inhalte der Einzeltherapie (heftige Kämpfe zwischen Gut und Böse) und die Bewältigung konkreter Ängste (alleine aufs WC gehen ) hätten sich klar auf die therapeuti- sche Auseinandersetzung mit intrapsychischen Konflikten (An gst-Aggressionsproblematik) be- zogen, die nicht einem POS zugeordnet werden könnten (vgl. auch Bericht vom 15. April 2014). 5. Aus den medizinischen Berichten kann geschlossen werde n, dass sowohl Symptome des POS als auch sekundäre Leiden stationär zu behande ln waren, wobei gemäss dem Aus- trittsbericht der D.____ vom 20. Dezember 2012 die Ve rhaltensauffälligkeiten des Versicherten, insbesondere sein impulsives und aggressives Verhalten – b eides Hauptsymptome eines POS – die Hauptgründe für die stationäre Aufnahme waren (vgl. auch Bericht vom 22. März 2010 von Dr. F.____). Zusätzlich zum POS diagnostizierte die D.____ unter anderem eine phobische Störung des Kindesalters (F93.1) und eine Enuresis (F98 .1). Welche Befunde und deren Be- handlung schliesslich im Vordergrund standen, lässt sich aufgrund der Verwobenheit der Symp- tome schwer feststellen. In diesem Sinne kann auf die Aussage von Dr. E.____ in seinem letz- ten Bericht vom 3. Februar 2014 verwiesen werden, wo nach die Gesamtheit der Symptomatik wohl zur stationären Behandlungsbedürftigkeit geführt habe. 6.1 Das Störungsbild POS bzw. ADHS ist auf das Engste ve rwoben mit anderen Faktoren, welche Ausprägung und Verlauf der Krankheit mitbestim men. Der Verlauf einer ADHS kann wesentlich durch psychische Begleiterkrankungen geprägt se in (vgl. E.3.1). Bei komorbiden Störungen handelt es sich um eigenständige psychische oder psychosomatische Erkrankun- gen, welche entweder als Folge der Symptomatik auftret en können, oder aber um Störungsbil- der, die neben einer ADHS bestehen und andere Ursachen haben. Es ist deshalb zu beurteilen, ob die phobische Störung und die Enuresis als qualifizier te adäquate sekundäre Erkrankungen in Frage kommen. Gemäss dem Aufsatz „Komorbide Störunge n bei Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS“ von P IERO ROSSI UND SUSANNE BÜRGI (abrufbar unter: www.adhs.ch ) sind the- rapie-relevante Begleitstörungen bei der ADHS nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Zu den wichtigsten komorbiden Begleiterkrankungen bei Kindern mit POS gehören unter anderem Lernstörungen, motorische Entwicklungsstörungen, Enuresi s, Enkopresis, Angststörungen und Depressionen. Es kann somit gesagt werden, dass diese Kr ankheitsbilder erfahrungsgemäss Folgen des Geburtsgebrechens POS bzw. der Symptome des POS sind und demnach als qua- lifizierte adäquate sekundäre Erkrankungen einzustufen sind, wovon auch im vorliegenden Fall Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht auszugehen ist. Der Versicherte litt zudem unter einer äusserst schwierigen familiären Situati- on. In Kombination mit POS ist eine psychische Erkrankung fast zwangsläufige Folge. Denn Kindern mit POS mangelt es gerade wegen ihrer Grunde rkrankung oftmals an den erforderli- chen Fähigkeiten, mit sozialen Belastungen adäquat umzug ehen, weshalb das Risiko, an einer Angststörung, einer Somatisierungsstörung oder Depressione n zu erkranken, relativ hoch ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 28. März 2012, 9C_917/2011). 7. Zusammenfassend ist jedoch festzuhalten, dass die Verh altensauffälligkeiten des Versi- cherten in Form von aggressivem und impulsivem Verhalten d en Ausschlag für den Eintritt in die D.____ gaben. Diese Verhaltensweisen gehören unbest rittenermassen zu den Hauptsymp- tomen einer ADHS. Berichtet wurde zwar auch von starke n Ängsten und einer Einnässproble- matik. Eigenständige Diagnosen für diese Störungsbilde r waren zum Eintrittszeitpunkt jedoch nicht gestellt. Einzig das POS galt gemäss Bericht von Dr. F.____ als gesichert. Erst nachträg- lich und infolge des stationären Aufenthaltes liessen si ch die Störungsbilder phobische Störung des Kindesalters (F82) und Enuresis (F98.1) diagnostizieren. Wie es sich mit der retrospektiven Beurteilung des Eintrittsgrundes verhält, kann vorliege nd jedoch offengelassen werden. Fest steht, dass sowohl Symptome des POS als auch qualifiziert adäquate sekundäre Erkrankungen behandelt worden sind. Die Beschwerde ist demnach gutzuh eissen und die IV-Stelle hat die Kosten für den stationären Aufenthalt im Rahmen medizi nischer Massnahmen gemäss Art. 13 IVG zu übernehmen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens e rübrigt sich die Prüfung des An- spruchs unter Art. 12 IVG. 8.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1bis Satz 1 IVG ist das Beschwerde verfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistung en vor dem kantonalen Versicherungs- gericht kostenpflichtig. Nach § 20 Abs. 3 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwal- tungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 werden V erfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei auferlegt, gegenüber der Vorinstanz bzw. den kantonalen Behörden werden indes keine Verfahrenskosten erhoben. Da vorliege nd die Vorinstanz unterlegen ist, ist demnach auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzicht en. Der geleistete Kostenvor- schuss in der Höhe von Fr. 600.-- wird der Beschwerdeführerin zurückerstattet. 8.2 Nach Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Vorliegend ist die Beschwerde führende A.____ obsiegende Partei. Als mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben betraute Organisat ion steht ihr jedoch trotz Obsiegens pra- xisgemäss keine Parteientschädigung zu (BGE 118 V 169 E. 7, 112 V 49 E. 3 und 362 E. 6). Die ausserordentlichen Kosten sind deshalb wettzuschlagen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügu ng der IV-Stelle Ba- sel-Landschaft vom 5. März 2014 aufgehoben und diese v erpflichtet, Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Kosten für die stationäre Psychotherapie vom 9. Febr uar 2012 - 16. November 2012 zu übernehmen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- wird der Beschwerdeführerin zurückerstattet. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. Vermerk eines allfälligen Weiterzugs http://www.bl.ch/kantonsgericht