B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung I A-5368/2011 U r t e i l v o m 2 4 . A p r i l 2 0 1 2 Besetzung Richter Daniel Riedo (Vorsitz), Richter Michael Beusch, Richterin Marie-Chantal May Canellas, Gerichtsschreiberin Gabriela Meier. Parteien X.______ AG, Beschwerdeführerin, gegen Zollkreisdirektion Schaffhausen, Bahnhofstrasse 62, 8201 Schaffhausen, handelnd durch die Oberzolldirektion (OZD), Hauptabteilung Zolltarif und Aussenhandelsstatistik, Monbijoustrasse 40, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Zolltarif; Orchideen. A-5368/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. Am 27. Juli 201 0 und 3. August 2010 deklarierte die X._______ AG bei der Zollstelle Zürich -Flughafen zwei Sendungen "Orchideenpf lanzen mit nackten Wurzeln". Hierfür wurde auf der Zollanmel dung die Tarifnummer 0602.9091 als einschlägig genannt, was einem Zollansatz von Fr. 22. -- je 100 kg brutto entsprach. B. Die Zollstelle beanstandete im Rahmen der formellen Prüfung die Tarifi e- rung und stellte fest, dass die eingeführten Waren nicht wie deklariert un- ter die Tarifnummer 0602.9091, sondern unter 0601.2099 (Zollansatz von Fr. 39.-- je 100 kg brutto) fielen. C. Am 30. Juli 2010 und 9. August 2010 wurden die obgenannten Sendu n- gen definitiv mit der Zolltarifnummer 0601.2099 veranlagt. Dagegen e r- hob die X._______ AG bei der Zollkreisdirektion Schaffhausen mit Einga- be vom 19. August 2010 Beschwerde. Sie verlangte die Einreihung der eingeführten Waren in die Tarifnummer 0602.9091. D. Die Zollkreisdir ektion wies die Beschwerde mit Beschwerdee ntscheid vom 9. September 2011 ab. Sie erwog hauptsächlich, die Orchideengat- tung Phalaenopsis und deren Kulturhybride Doritaenopsis bildeten am Stamm und zwischen den unteren Blättern Luftwurzeln. Aufgrund des ge- setzlichen Tariftextes würden "Luftwurzeln […] ruhend, im Wachstum oder in Blüte" in die Tarifnummer 0601 eingereiht. Deshalb seien die eingeführ- ten Waren nach dieser Tarifnummer zollpflichtig. E. Gegen di esen Beschwerdeentscheid reicht die X._______ AG (B e- schwerdeführerin) mit Eingabe vom 26. September 2011 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein, und sie macht sinngemäss dessen Aufhebung geltend. Die Beschwerdeführerin beantragt ferner, es seien die Zollveranlagungen vom 27. Juli 2010 und 3. August 2010 zu korrigie- ren. Weiter sei anzuord nen, dass die L iste der Tarifnummern für lebende Pflanzen der Nummern 0601 und 0602 zu überarbeiten und den tatsäc h- lichen Gegebenheiten anzupassen sei. Insbesondere sei vorliegend zu berücksichtigen, dass im französischen Tariftext "Luftwurzeln" nicht g e- nannt würden. Überdies habe die Orchideengattung Phalaenopsis nach-A-5368/2011 Seite 3 weislich keine Speicherorgane wie Rhizome oder Knollen, weshalb sie nicht in die Tarifnummer 0601 eingeordnet werden dürften. Weiter seien Orchideen generell in die Tarifnummer 0602 und nur in botanisch begrün- deten Ausnahmen der Tarifnummer 0601 zuzuordnen. Die Beschwerde- führerin begründet ihre Eingabe weiter damit, dass sie in den letzten zwanzig Jahren hunderte von Sendungen unter der Tarifnummer 0602 eingeführt habe. Es sei nicht einsichtig, dass ohne Begründung nun plötz- lich eine andere Tarifnummer zur Anwendung gelangen solle. F. In ihrer Vernehmlassung vom 14. Dezember 2011 schlie sst die Oberzoll- direktion (OZD) auf kostenfällige Abweisung der Beschwerde. G. Auf die Begründung der Eingaben ans Bundesverw altungsgericht wird – soweit entscheidwesentlich – im Rahmen der nachfolgenden Erwägu n- gen näher eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Beschwerdeentscheide der Zollkreisdire ktionen können gemäss Art. 31 i.V.m. Art. 33 Bst. d des Bun desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesverwaltungsgericht (Verwaltungsgerichtsgesetz, VGG, SR 173.32) beim Bundesverwaltungsgericht angefochten werden (siehe auch Art. 116 Abs. 1bis i.V.m. Abs. 4 des Zollgesetzes vom 18. März 2005 [ZG, SR 631.0]). Im Verfahren vor dieser Instanz wird die Zollverwaltung durch die OZD vertreten (Art. 116 Abs. 2 ZG). Das Verfahren richtet sich – soweit das VGG nichts anderes bestimmt – nach den Vorschriften des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Die Be schwerdeführerin ist durch den angefoch tenen Entscheid berührt und hat ein schutz würdiges Interesse an dessen Aufhebung (Art. 48 VwVG). 1.2. Anfechtungsobjekt im Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht bildet einzig der vorinstanzliche Entscheid; dieser ersetzt allfällige Ent - scheide oder Verfügungen unterer Instanzen (sog. Devolutiveffekt; vgl. BGE 134 II 142 E. 1.4; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-6124/2008 vom 6. September 2010 E. 1.2; ANDRÉ MOSER/MICHAEL A-5368/2011 Seite 4 BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundes verwal- tungsgericht, Basel 2008, Rz. 2.7). Das Anfechtungsobjekt ist in casu der Beschwerdeents cheid der Zol l- kreisdirektion Schaffhausen vom 9. September 2011. Soweit die B e- schwerdeführerin auch die Aufhebung der Zollveranlagungen vom 27. Juli 2010 und 3. Aug ust 2010 beantragt, ist auf ihre Beschwerde nicht einz u- treten. 1.3. Die Beschwerdeführerin muss mit ihren Begehren die Änderung e i- ner bestimmten, sie betreffenden und mittels Ver fügung geschaffenen Rechtslage anstreben ( Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-2967/2008 vom 11. August 2010 E. 1.4; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 2. 211). Ein Feststellungsbegehren ist gegenüber dem negat i- ven Leistungsbegehren, dem Antrag auf Auf hebung der angefochtenen Zollforderungen (durch Aufhebung des Einspracheentscheids) subsidiär (BGE 132 V 257 E. 1 und 119 V 11 E. 2a; statt vieler: Urteil des Bunde s- verwaltungsgerichts A-5460/2008 vom 12. Mai 2010 E. 1.4; RENÉ RHI- NOW/BEAT KRÄHENMANN, Schwe izerische Verwaltungsrechtsprechung, Ergänzungsband, Basel 1990, S. 109 f; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 2.30). Auf das Begehren der Beschwerdeführerin, das in ganz allgemeiner We i- se und unabhängig von einem konkreten Rechtsanwendungsakt für die Zukunft verlangt, Orchideen seien generell in die Tarifnummer 060 2 und nur bei botanisch begründeten Ausnahmen in die Tarifnummer 0601 ein- zuordnen, ist deshalb nicht einzutreten. Vorliegend kann überdies bereits anhand des sinngemässen Leistungsbegehrens entschieden werden, in welche Tarifnummer die eingeführten Orchideen einzureihen sind, was ein Feststellungsinteresse ohnehin würde hinfällig werden lassen. Auch auf das Begehren, es sei die Liste der Tarifnummern für lebende Pflanzen d er Nummern 0601 und 0602 zu "überarbeiten" und den ta t- sächlichen botanischen Gegebenheiten "anzupassen", ist ebenfalls nicht einzutreten, da vorliegend lediglich die Tarifeinreihung einer bestimmten Ware im konkreten Fall zu beur teilen ist; dies soweit die Beschwerdefüh- rerin mit diesem Begehren eine durch die Verwaltung erstellte Tarifnu m- mernliste meint. Soweit sie sich damit auf anwendbares Tarifrecht b e- zieht, fiele eine "Überarbeitung" und "Anpassung" des Inhalts der Tari f- nummern und damit eine Änderung d er völkerrechtlich und – innerstaat- lich – gesetzlich bestimmten Tarifvorschriften ohnehin nicht in die Zustän-A-5368/2011 Seite 5 digkeit der Vorinstanz oder des Bundesverwaltungsgerichts, sondern in jene der entsprechenden Rechtsetzungsorgane (E. 2.4 f. hienach). 1.4. Mit diesen Einschränkungen (E. 1.2 und 1.3) ist auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten. 2. 2.1. Jede Wareneinfuhr über die schweizerische Zollgrenze unterliegt grundsätzlich der Zollpflicht (vgl. Art. 7 ZG). Derjenige, der Waren ins Zollgebiet verbringt, verbringen lässt oder sie danach übernimmt, hat die Waren unverzüglich und unverändert der nächstgelegenen Zollstelle z u- zuführen (Art. 21 Abs. 1 ZG). Dieser Artikel legt somit den Kreis der s o- genannt zuführungspflichtigen Personen fest. Es sind dies – wie die bun- desrätliche Verordnung präzisierend festlegt – insbesondere der Ware n- führer, die mit der Zuführung beauftragte Person, der Importeur, der Emp- fänger, der Versender und der Auftraggeber ( Art. 75 der Zollverordnung vom 1. November 2006 [ZV, SR 631.01]). Die zuführungspflichtige Person sowie (u.a.) die mit der Zollanmeldung beauftragte Person müssen die der Zollstelle zugeführten Waren sodann fristgemäss zur Veranlagung anmelden (Art. 25 Abs . 1 ZG ; statt vieler: Urteil des Bundesverwaltung s- gerichts A-829/2011 vom 30. Dezember 2011 E. 2.1). 2.2. Das Zollverfahren ist vom Selbstdeklarationsprinzip bestimmt. Die Zollmeldepflichtigen müssen die Zolldeklaration abgeben und haben für deren Richtigkeit e inzustehen (vgl. Art. 18 i.V .m. Art. 25 ZG ). Damit überbindet das Zollgesetz den Zollmeldepflichtigen die volle Verantwortung für den eingereichten Abfertigungsantrag und stellt hohe Anforderungen an ihre Sorgfaltspflicht (vgl. Urteil e des Bundesgerichts vom 7. Februar 2001, veröffentlicht in: Archiv für Schweizerisches Abgaberecht [ASA] 70 S. 330 E. 2c, 2A.1/2004 vom 31. März 2004 E. 2.1; statt vieler: Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-829/2011 vom 30. Dezember 2011 E. 2.2). Hat die Zollstelle einen v orhandenen Mangel in der Zollanmeldung nicht festgestellt, so kann die anmeldepflichtige Person daraus keine Rechte ableiten (Art. 32 Abs. 3 ZG; Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-2890/2011 vom 29. Dezember 2011 E. 2.3, A-1791/2009 vom 28. September 2 009 E. 2.2.1; REMO ARPAGAUS, Zollrecht, in: Koller/Müller/Tanquererl/Zimmerli [Hrsg.], Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Bd. XII, 2. Auflage, Basel 2007, Rz. 703). A-5368/2011 Seite 6 2.3. Für die Tarifeinreihung massgebend ist die Art, Menge und Beschaffenheit der Ware zum Zeitpunkt, in dem sie unter Zollkontrolle gestellt worden ist (vgl. Art. 19 Abs. 1 ZG). 2.4. 2.4.1. Die Ein- und Ausfuhrzölle werden gemäss dem Zolltarifgesetz fes t- gesetzt (vgl. Art. 7 ZG). Alle Waren, die über die schweizerische Zollgren- ze ein - und ausgeführt werden , müssen nach dem Generaltarif verzollt werden (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. den Anhängen 1 und 2 des Zolltarifgesetzes vom 9. Oktober 1986 [ZTG, SR 632.10]). Vorbehalten bleiben Abwe i- chungen, die sich ergeben aus Staatsverträgen, besonderen Bestimmu n- gen von Geset zen sowie Verordnungen des Bundesrates, die sich auf dieses Gesetz abstützen (Art. 1 Abs. 2 ZTG). Unter dem Begriff Generaltarif (vgl. Art. 3 ZTG) ist ein unter Beachtung der inländischen Gesetzgebung und unter Berücksichtigung der nation a- len Bedürfnisse g eschaffener Zolltarif zu verstehen. Er enthält die Tari f- nummern, die Bezeichnungen der Waren, die Einreihungsvorschriften, die Zollkontingente sowie die höchstmöglichen Zollansätze, wie sie grösste n- teils im GATT/WTO -Abkommen konsolidiert wurden. Die Strukt ur des Generaltarifs basiert auf der Nomenklatur des internationalen Überei n- kommens vom 14. Juni 1983 über das Harmonisierte System zur B e- zeichnung und Codierung der Waren (nachfolgend: HS -Übereinkommen, SR 0.632.11). Der Gebrauchstarif (vgl. Art. 4 ZTG) e ntspricht im Aufbau dem Generaltarif und enthält die aufgrund von vertraglichen Abmachu n- gen und von autonomen Massnahmen ermässigten Zollansätze. Er w i- derspiegelt die in Erlassen festgelegten gültigen Zollansätze (vgl. zum Ganzen auch Botschaft zu den für die Ratifizierung der GATT/WTO - Übereinkommen [Uruguay-Runde] notwendigen Rechtsanpassungen, BBl 1994 IV 1004 f.; vgl. auch Urteile des Bundes verwaltungsgerichts A-829/2011 vom 30. Dezember 2011 E. 2.4.1, A-3197/2009 vom 10. Mai 2011 E. 2.1.1, A-8527/2007 vom 12. Oktober 2010 E. 2.5.1.1). Der Generaltarif wird in der Amtlichen Sammlung des Bundesrechts (AS) nicht veröffentlicht. Die Veröffentlichung erfolgt durch Verweis (Art. 5 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 18. Juni 2004 über die Sammlungen des Bundesrec hts und das Bundesblatt [Publikationsgesetz, PublG, SR 170.512]). Der Generaltarif kann bei der OZD eingesehen oder im Inte r- net (unter www.ezv.admin.ch) abgerufen werden. Dasselbe gilt für den Gebrauchstarif (Art. 15 Abs. 2 und Anhänge 1 und 2 ZTG; Fussnot e 29 zum ZTG). Trotz fehlender Veröffentlichung in der AS kommt dem Gen e-A-5368/2011 Seite 7 raltarif Gesetzesrang zu (vgl. statt vieler: Urteil des Bundesverwaltung s- gerichts A-829/2011 vom 30. Dezember 2011 E. 2.4.1). 2.5. Die Vertragsstaaten des HS-Übereinkommens, wozu die Schweizeri- sche Eidgenossenschaft zu zählen ist, sind ver pflichtet, ihre Tarifnomen- klaturen mit dem Harmo nisierten System (HS) in Übereinstimmung zu bringen und beim Erstellen der nationalen Tarifnomenklatur alle Nummern und Unternummern des HS sowie die dazugehörenden Codenummern zu verwenden, ohne dabei etwas hinzuzufügen oder zu ändern. Sie sind ver- pflichtet, die allgemeinen Vorschriften für die Auslegung des HS sowie a l- le Abschnitt -, Kapitel - und Unternummern -Anmerkungen anzuwenden. Sie dürfen d en Geltungsbereich der Abschnitte, Kapitel, Nummern oder Unternummern des HS nicht verändern und sie haben die Nummernfolge des HS einzuhalten (Art. 3 Ziff. 1 Bst. a des HS-Übereinkommens). 2.5.1. Die Nomenklatur des HS bildet somit die systematische Grundlag e des Schweizerischen Generaltarifs, dessen Kodierung durchwegs als achtstellige Tarifnummer pro Warenposition ausgestaltet und damit g e- genüber der sechsstelligen Nomenklatur des HS um zwei Stellen verfe i- nert ist. Daraus folgt, dass die schweizerische Nomenklatur bis zur sechs- ten Ziffer völkerrechtlich bestimmt ist. Die siebte und achte Position bilden schweizerische Unternummern, denen grundsätzlich ebenso Gesetze s- rang zukommt, soweit sie mit Erlass des ZTG geschaffen worden sind. Da sowohl Bundesgesetze w ie auch Völkerrecht für die Zollverwaltung und alle anderen Rechtsanwender massgebendes Recht darstellen, ist auch das Bundesverwaltungsgericht an die gesamte achtstellige Nome n- klatur gebunden (Art. 190 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [ BV, SR 101]; vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-829/2011 vom 30. Dezember 2011 E. 2.5.1, A-3197/2009 vom 10. Mai 2011 E. 2.2.2; vgl. auch ARPAGAUS, a.a.O., Rz. 578). 2.5.2. Die Vertragsstaaten des HS -Übereinkommens beabsichtigen eine einheitliche Auslegung der völkerrechtlich festgelegten Nomenklatur (vgl. Art. 7 Ziff. 1 Bst. b und c, Art. 8 Ziff. 2 des HS -Übereinkommens). Dazu dienen insbesondere verbindliche Auslegungsregeln ("Règles générales pour l'interprétation du Système Harmonisé"), die das Vorgehen bei der Tarifierung im Detail regeln (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-829/2011 vom 30. Dezember 2011 E. 2.5.2, A-3197/2009 vom 10. Mai 2011 E. 2.2.3, A -8527/2007 vom 12. Oktober 2010 E. 2.6.2). Denselben Zweck erfüllen die sog. "Avis de classement" (nachfolgend: Einreihung s-A-5368/2011 Seite 8 avisen) und die "Notes explicatives du Système Harmonisé" (nachfo l- gend: Erläuterungen), welche vom Rat für die Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Zollwesens (Weltzollrat) auf Vorschlag des Ausschusses des Harmonisierten Systems genehmigt worden sind (Art. 1 Bst. e und f i.V.m. Art. 7 Ziff. 1 Bst. a - c i.V.m. Art. 8 Ziff. 2 und 3 des Übereinkommens). Diese Vorschriften sind als materiell internationales (Staatsve r- trags-)Recht für das Bu ndesverwaltungsgericht verbindlich. Die Vertrags- staaten haben einzig nach Art. 7 Ziff. 1 sowie Art. 8 Ziff. 1 und 2 des Übereinkommens die Möglichkeit, die Überprüfung oder Änderung der Er- läuterungen und Einreihungsavisen zu veranlassen (vgl. Urteile des B un- desverwaltungsgerichts A-829/2011 vom 30. Dezember 2011 E. 2.5.2, A-3197/2009 vom 10. Mai 2011 E. 2.2.3, A-3151/2008 vom 26. November 2010 E. 2.2.3, A-642/2008 vom 3. März 2010 E. 2.2.3). 2.5.3. Hinsichtlich der Auslegung sehen die von den schweizerischen Zollbehörden angewendeten "Allgemeinen Vorschriften für die Auslegung des Harmonisierten Systems" (AV) übereinstimmend mit den "Allgeme i- nen Vorschriften für die Auslegung des HS" des offiziellen Textes des Übereinkommens in Ziff. 1 vor, dass für die Tarifeinreihung einer Ware der Wortlaut der Nummern und der Abschnitt - oder Kapitel-Anmerkungen so- wie die weiteren Allgemeinen Vorschriften, soweit diese dem Wortlaut der Nummern und der Anmerkungen nicht widersprechen, massgebend sind. Bei den Überschriften der Abschnitte, Kapitel oder Unterkapitel handelt es sich hingegen um blosse Hinweise. Bei der Bestimmung der zutreffenden Tarifnummer ist somit in der gesetzlich festgelegten Reihenfolge (Tariftext – Anmerkungen – Allgemeine Vorschriften) vorzugehen. Die nächstf ol- gende Vorschrift ist immer erst dann heranzuziehen, wenn die vorang e- hende Bestimmung nicht zum Ziel geführt, d.h. keine einwandfreie Tarifie- rung ermöglicht hat (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-829/2011 vom 30. Dezember 2011 E. 2.5.3, A-3197/2009 vom 10. Mai 2011 E. 2.3.2, A-3151/2008 vom 26. November 2010 E. 2.3.2, A-642/2008 vom 3. März 2010 E. 2.3.2). 2.6. Die hier in Frage stehenden Tarifnummern gehören beide zu A b- schnitt II "Waren pflanzlichen Ursprungs" und dort zu Kapitel 06 "Lebende Pflanzen und Waren des Blumenhandels". Die Tarifnummern 0601 und 0602 gliedern sich systematisch wie folgt: 0601 Bulben, Zwiebeln, Knollen, Wurzelknollen, Luftwurzeln und Wurzelstöcke, ruhend, im Wachstum oder in Blüte; Zichoriensetzlinge, -pflanzen und -wurzeln, andere als Wurzeln der Nr. 1212: A-5368/2011 Seite 9 0601.10 - Bulben, Zwiebeln, Knollen, Wurzelknollen, Luftwurzeln und Wurzelstöcke, ruhend: 0601.20 - Bulben, Zwiebeln, Knollen, Wurzelknollen, Luftwurzeln und Wurzelstöcke, im Wachstum oder in Blüte; Zichorien- setzlinge, -pflanzen und -wurzeln: 0601.2010 - - Zichoriensetzlinge 0601.2020 - - mit Erdballen, auch in Kübeln oder Töpfen, ausgenom- men Tulpen und Zichoriensetzlinge - - andere: 0601.2091 - - - mit Knospen oder Blüten 0601.2099 - - - andere Normal 39.00 Fr. je 100 kg brutto 0602 Andere lebende Pflanzen (einschliesslich ihrer Wu r- zeln), Stecklinge und Pfropfreiser; Pilzmyzel: 0602.1000 - Stecklinge, unbewurzelt, und Pfropfreiser 0602.20 - Bäume, Sträucher und Büsche, von geniessbaren Fruchtarten, auch veredelt: 0602.3000 - Rhododendren und Azaleen, auch veredelt 0602.40 - Rosen, auch veredelt: 0602.90 - andere: d - - Setzlinge (Sämlinge, Pflänzlinge) von Nutzpflanzen; Pilzmyzel: - - andere: 0602.9091 - - - mit nackten Wurzeln Normal 22.00 Fr. je 100 kg brutto 0602.9099 - - - andere 3. 3.1. Im vorliegenden Fall steht die Tarifierung von lebenden Orchideen - Jungpflanzen mit nackten Wurzeln, ohne Knospen oder Blüten, zur Di s- kussion. Unbestrittenermassen handelt es sich dabei um die Gattungen der Phalaenopsis und Doritaenopsis. Die Parteien sind sich darüber einig, dass die eingeführten Orchideengattungen Luftwurzeln bilden. "Luftwur- zeln" werden im Tariftext explizit genannt. Die eingeführten Orchideen der Gattung Phalaenopsis und Doritaenopsis sind damit nach dem klaren Wortlaut des Tariftextes in die Tarifnummer 0601 einzureihen (E. 2.5.3). A-5368/2011 Seite 10 Die Einreihung in die Unternummer 2099 ist einschlägig und wird von der Beschwerdeführerin im Grunde auch nicht bestritten. 3.1.1. Die Beschwerdeführerin macht nun aber insbesondere geltend, der deutschsprachige Tariftext könne gar nicht zur Anwendung gelangen, da der Begriff der "Luftwurzeln" nicht im französischspr achigen Originaltarif- text enthalten sei. Insbesondere heisse der Begriff "griffes" des französi- schen Textes zur Tarifnummer 0601 nämlich nicht "Luftwurzeln". 3.1.2. Der französischsprachige Originaltext des HS der Nummer 0601, der auch mit dem schweizerischen Ge brauchstarif in französischer Spr a- che übereinstimmt, lautet: "Bulbes, oignons, tubercules, racines tubére u- ses, griffe s et rhizomes […] ". Diesem Text entspricht der folgende deutschsprachige Text des schweizerischen Gebrauchstarifs: "Bulben, Zwiebeln, Knollen, Wurzelknollen, Luftwurzeln und Wurzelstöcke […]". "Griffes" wurde damit vom französischsprachigen Originaltext als "Luf t- wurzeln" in den deutschsprachigen schweizerischen Gebrauchstarif übernommen. 3.1.3. Mit dem Inkrafttreten des HS am 1. Januar 1988 wurde das Brü s- seler Abkommen über das Zolltarifschema abgelöst (vgl. ARPAGAUS, a.a.O., Rz. 144). Bereits in dem auf der Brüsseler Nomenklatur beruhe n- den Tariftext aus dem Jahr 1959 wurde "griffes" im deutschsprachigen Text des schweizerischen Gebrauchstarifs mit "Luftwurzeln" übersetzt (siehe act. 35, 36, 37). Diese Übersetzung blieb bis heute unverändert bestehen. In Langenscheidts Taschenwörterbuch aus dem Jahr 1964 wird "griffe" denn auch explizit mit "Luftwurzel" übersetzt ( ERNST ERWIN LAN- GE-KOWAL, Langens cheidts Taschenwörterb uch, Französisch-Deutsch, Berlin/München/Zürich 1964, S. 242). Die wörtliche Übersetzung von "griffe" als "Luftwurzel" ist vorliegend im zeitgenössischen Kontext der Ursprünge des hier in Frage stehenden Ta- riftextes heranzuziehen. Es ist demnach davon auszugehen, dass in di e- ser Zeit "griffes" als "Luftwurzeln" verstanden wurden und die Überse t- zung entgegen den beschwerdeführerischen Vorbringen zutreffend ist. Die Beschwerdeführerin führt ferner auch nicht näher aus, welche ande r- weitige Bedeutung dem Begriff "griffes" zukommen soll. Die Tarifeinrei- hung in die Nummer 0601 hält somit auch vor dem französischen Tariftext stand. A-5368/2011 Seite 11 Daran ändert nichts, dass in der aktuellen deutschsprachigen Version der Kombinierten Nomenklatur der EU (KN) eine Übersetzung des Wortes "griffes" fehlt, da – wie die Vorinstanz überzeugend darlegt –, "Orchideen" sowohl in der KN als auch in den Erläuterungen zur Tarifnummer 0601.2030 namentlich genannt werden, hingegen bei der Tarifnummer 0602 jegliche Hinweise auf Orchideen fehlen. All d ies spricht jedenfalls nicht gegen die vorliegende Tarifeinreihung in die Nummer 0601. 3.2. Zu keinem anderen Ergebnis führt das heutige botanische Verstän d- nis des Begriffs. In der Botanik tritt "griffe" nämlich in sbesondere auch im Zusammenhang mit Wurzeln auf und wird etwa als "nom donné aux crampons de certaines plantes " (Le Petit La rousse illustré, Paris 2012, S. 517), " verschiedene Arten Wurzel" ( WALDEMAR DICKFACH, Lange n- scheidts Taschenwörterbuch, Französisch -Deutsch, Ber lin 1952, S. 200) oder "Wurzelranke" ( ERNST ERWIN LANGE-KOWAL/EDUARD WEYMUTH, Langenscheidts Taschenwörterbuch , Französisch-Deutsch, Be r- lin/München/Wien 1982, S. 244) verstanden. Diesem Begriffsverständnis, welches sich mit jenem der vorangehenden Erwägungen weitg ehend deckt, widerspricht jedenfalls nicht, dass "Griffe" auch als "Wurzelranke" oder "Kralle" übersetzt wird (MANFRED BLEHER/DANIELLE BLE- HER/GENEVIÈVE LOHR, Langenscheidts Taschenwörterbuch, Französisch- Deutsch, Ber lin/München/Wien 1999, S. 302), da Luftwurzeln u.a. dem Festhalten der Orchideen dienen (Brockhaus Enzyklopädie, 17. Auflage, Wiesbaden 1971, S. 776 ). Gemäss den überzeugenden vorinstanzlichen Ausführungen gehört überdies die Gattung der Phalaenopsis zu den Epiphyten (act. 44, 45), die typischerweise Luftwurzeln ausbilden (act. 46, 47). Aufgrund der engen Verwandtschaft der Doritaenopsis zur Phalae- nopsis hat die Vorinstanz mit Recht angenommen, dass auch die Dori- taenopsis Luftwurzeln haben, wie die Beschwerdeführerin nicht in Abrede stellt (siehe oben E. 3.1). Damit ist die Tarifeinreihung der eingeführten Orchideen unter die Nummer 0601 auch in botanischer Hinsicht (nebst der massgebenden E. 3.1; Tariftext) nicht zu beanstanden. 3.3. Aufgrund des Gesagten sind die eingeführten Orchideen unter d ie Tarifnummer 0601.2099 und damit nicht unter die Tarifnummer 0602.9091 einzureihen. 3.4. Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, in den vergan genen zwanzig Jahren hätte sie hunderte von Sendungen Orchideen unter der Zolltarifnummer 0602 eingeführt. Es sei nicht einsichtig, dass nun ohne Begründung plötzlich ein anderer Zolltarif angewendet werden solle. A-5368/2011 Seite 12 Mit diesem Vorbringen verm ag die Beschwerdeführerin nicht durchz u- dringen. Aufgrund des Selbstdeklarationsprinzips obliegt der Beschwe r- deführerin als anmeldepflichtige Person die Verantwortung für die rech t- mässige und richtige Deklaration ihrer grenzübers chreitenden Warenbe- wegungen. Dementsprechend kann die Beschwerdeführerin grundsätz- lich auch keine Rechte für sich ableiten, wenn di e Zollstelle einen bei der Zollanmeldung vorhandenen Mangel nicht festgestellt haben sollte (E. 2.2). Überdies ist aus den vorliegenden Akten nicht ersichtlich, dass die Zollbehörde etwa falsche Zusicherungen gemacht hätte oder durch ihr Verhalten bei der Beschwerdeführerin bestimmte nach dem Vertrauen s- grundsatz im Sinne von Art. 9 BV schützenswerte Erwartungen ausgelöst haben könnte. Vielmehr wurde bereits mit Schreiben der OZD vom 3. Juli 2003 (act. 7) eine richtige und dem vorliegenden Urteil nicht widerspre- chende Tarifauskunft für "diverse Gattungen der Familie der Orchid a- ceae", zu denen auch die Phalaenopsis gehören, erteilt. Gleichzeitig wur- de auf die Liste "Erläuterungen zum österreichischen Zoll tarif" (act. 12) hingewiesen, welche die Orchideengattung der Phalaenopsis in die Tarif- nummer 0601 einreiht. Die Beschwerdeführerin vermag damit auch aus dem Vertrauensschutzprinzip keine Vorteile für sich abzuleiten. 3.5. Schliesslich wirft die Beschwerdeführerin der Vorinstanz vor, sie habe es unterlassen, ein botanisches Gut achten zur Tarifierung der Orchideen einzuholen. Auch damit vermag die Beschwerdeführerin nicht durchz u- dringen. Die Vorinstanz hat sowohl den rechtserheblichen Sachverhalt bundesrechtskonform erstellt als auch die hier zu beurteilende Rechtsfr a- ge nach der Tarifeinreihung der Orchideen ohne Verletzung von Bunde s- recht beantwortet, wie die vorangehenden Erwägungen aufzeigen. Auf die Einholung einer Expertise durfte sie ohne weiteres verzichten. 4. Somit ist die Beschwerde abzuweisen , soweit darauf einzutreten ist . Der unterliegenden Beschwerdeführerin sind die Verfahrenskosten in der Hö- he von Fr. 500.-- aufzuerlegen (Art. 63 VwVG in Verbindung mit Art. 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 1 73.320.2]). Sie werden mit dem geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 500. -- verrech- net. Eine Parteientschädigung ist n icht zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario). A-5368/2011 Seite 13 5. Dieser Entscheid kann nicht mit Beschwerde in öffentlich -rechtlichen An- gelegenheiten an das Bundesgericht weitergezogen werden (Art. 83 Bst. l des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [BGG, SR 173.110]). Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 500.-- werden der Beschwerdeführerin auf- erlegt. Sie werden mit dem geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 500. -- verrechnet. 3. Eine Parteientschädigung wird nicht ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Einschreiben) – die Vorinstanz (Ref-Nr. _______; Einschreiben) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Daniel Riedo Gabriela Meier Versand: