B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3188/2015 U r t e i l v o m 3 0 . M ä r z 2 0 1 7 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Markus König, Gerichtsschreiber Peter Jaggi. Parteien A._______, geboren am (…), Beschwerdeführerin, und deren Kinder B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), Eritrea, amtlich verbeiständet durch lic. iur. Monique Bremi, Beratungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht, (…), gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 15. April 2015 / N (…). E-3188/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin verliess Eritrea eigenen Angaben zufolge zusam- men mit (…) im (…) und gelangte nach einem längeren Aufenthalt (…) am 28. August 2012 auf dem Luftweg in die Schweiz, wo sie gleichentags im B._______ um Asyl nachsuchte. Am 10. September 2012 erfolgte die Be- fragung zur Person (BzP) und am 6. Oktober 2014 die Anhörung zu ihren Asylgründen. Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie sei eritreische Staatsangehörige und ethnische Tigrinerin christlich-orthodoxen Glaubens aus C._______, wo sie geboren sei und bis zum Abschluss der (…) Schulklasse gelebt habe. Ab der (…) bis zur (…) Schulklasse habe sie mit ihren Eltern in D._______ gelebt. Am (…) habe sie ihren Mann geheiratet, der Soldat gewesen sei, und den sie im (…) das letzte Mal gesehen habe. Im (…) seien Angehörige der Einheit ihres Mannes bei ihr vorstellig geworden und hätten sich nach dessen Ver- bleib erkundigt. Da sie seinen Aufenthalt nicht gewusst habe, sei sie zu- sammen mit ihrem damals (…) mitgenommen und fü r (…) an einem ihr unbekannten Ort in einem Gefängnis inhaftiert worden, bevor sie in das Gefängnis E._______ in D._______ verlegt worden sei, wo sie (…) inhaf- tiert gewesen sei. Sie sei verhört und insbesondere im Gefängnis von E._______ mit (…) traktiert worden. Ein (…), und es habe eine Infektion gegeben. Weil sie den geforderten Betrag von (…) Nafka nicht habe auf- bringen können, habe ein Verwandter ihres Vaters für sie gebürgt. Darauf- hin sei sie freigelassen worden mit der Auflage, in D._______ zu bleiben. Im (…) sei sie nach (...) gegangen, von wo aus sie im (…) mit der Hilfe von Freunden aus (…) (…) gereist sei. Auf entsprechende Fragen antwortete sie, bis zu ihrer Ausreise sei nichts mehr geschehen, sie habe sich aber gestresst gefühlt, weil sie sich nicht frei habe bewegen können und weil sie Angst vor weiteren Nachstellungen gehabt habe. Für die weiteren Aussagen wird auf die Akten und, soweit für den Entscheid wesentlich, auf die nachfolgenden Erwägungen verwiesen. Die Beschwerdeführerin reichte ihre eritreische Identitätskarte und eine Kopie ihres Ehescheines zu den Akten. B. Mit am 17. April 2015 eröffneter Verfügung vom 15. April 2015 stellte das E-3188/2015 Seite 3 SEM fest, die Beschwerdeführerin und ihre Kinder erfüllten die Flüchtlings- eigenschaft gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG (SR 142.31), lehnte ihr Asylgesuch vom 28. August 2012 gestützt auf Art. 54 AsylG ab und ordnete die Weg- weisung aus der Schweiz an. Den Vollzug der Wegweisung schob es we- gen Unzulässigkeit zugunsten ei ner vorläufigen Aufnahme auf und hielt fest, die vorläufige Aufnahme dau ere ab Datum dieser Verfügung bis zu deren Aufhebung oder Erlöschen. Bei Aufhebung der vorläufigen Auf- nahme müsse die Beschwerdeführerin die Schweiz verlassen, ansonsten sie in Haft genommen und unter Zwang in ihren Heimatstaat zurückgeführt werden könne. Gleichzeitig beauftragte es den Kanton F._______ mit der Umsetzung der vorläufigen Aufnahme. C. Mit Rechtsmitteleingabe vom 18. Mai 2015 gelangte die Beschwerdeführe- rin durch ihre Rechtsvertreterin an das Bundesverwaltungsgericht und be- antragte im materieller Hinsicht die Gewährung von Asyl, eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur hinreichenden Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes. In verfahrensrechtlicher Hinsicht be- antragte sie sinngemäss, es sei ihr unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu bewilligen, und es sei ihr in der Person der unterzeich- nenden Rechtsvertreterin eine un entgeltliche Rechtsbeiständin im Sinne von Art. 110a AsylG zu bestellen. In Bezug auf ihre prozessuale Bedürftig- keit stellte sie eine Mittellosigkeitsbestätigung in Aussicht. D. D.a Am 20. Mai 2015 bestätigte das Gericht der Rechtsvertreterin den Ein- gang ihrer Beschwerde. D.b Mit Zwischenverfügung vom 1. Juni 2015 stellte die Instruktionsrichte- rin fest, die in der Beschwerde als Beilage aufgeführte „Arztbestätigung Praxis (…)“ sei nicht eingereicht worden und verwies diesbezüglich auf Art. 32 Abs. 2 VwVG, wonach die Behörde verspätete Vorbringen, die aus- schlagend erscheinen würden, trotz der Verspätung berücksichtigen könne. Gleichzeitig forderte sie die Beschwerdeführerin auf, bis zum 16. Juni 2015 entweder einen Kostenvorschuss von Fr. 600.– zu Gunsten der Gerichtsk asse zu bezahlen oder eine Fürsorgebestätigung einzu- reichen. Den Entscheid über die Anträge auf Verzicht auf die Erhebung ei- nes Kostenvorschusses, auf Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und auf Bestellung einer unentgeltlichen E-3188/2015 Seite 4 Rechtsverbeiständung in der Person der unterzeichnenden Rechtsvertre- terin im Sinne von Art. 110 a AsylG verlegte sie gegebenenfalls auf einen späteren Zeitpunkt. E. Mit Eingabe vom 5. Juni 2015 reichte die Rechtsvertreterin eine Mittello- sigkeitsbestätigung des kantonalen Sozialamtes F._______ vom 28. Mai 2015 und die der Beschwerde versehentlich nicht beigelegte ärztliche Be- stätigung der Praxis (…) vom (…) ein. F. Mit Zwischenverfügung vom 26. Juni 2015 hiess die Instruktionsrichterin unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses den Antrag auf Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und bestellte der Beschwerdeführerin unter Gutheissung des entsprechenden Antrags ihre Rechtsvertreterin als amtlich e Rechtsbei- ständin im Sinne von Art. 110 a AsylG. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz gestützt auf Art. 57 VwVG ein, sich bis zum 16. Juli 2015 zur Beschwerde vernehmen zu lassen. G. Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 2. Juli 2015, die der Beschwerdeführerin am 6. Juli 2015 zur Kenntnis gebracht wurde, un- ter Verweis auf ihre Erwägungen, an denen vollumfänglich festgehalten werde, ohne weiteren Ausführungen die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. E-3188/2015 Seite 5 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4 Prüfungsgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet einzig die Frage, ob das SEM zu Recht das Asylgesuch der Beschwerde- führerin abgelehnt (Dispositivziffer 2 der angefochtenen Verfügung) und sie aus der Schweiz weggewiesen (Dispositivziffer 3 der angefochtenen Ver- fügung) hat. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gilt namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen uner- träglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Flucht- gründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Flüchtlingen wird nach Art. 54 AsylG kein Asyl gewählt, wenn sie erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ih- res Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG wurden (subjektive Nachfluchtgründe). 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen E-3188/2015 Seite 6 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung an, gemäss konstanter schweizerischer Asylpraxis setze der Begriff der Flüchtlingseigenschaft einen in zeitlicher und sachlicher Hinsicht genügend engen Kausalzusammenhang zwischen Verfolgung und Flucht vor -aus. Vorliegend habe die Beschwerdeführerin erklärt, im (…) aus der Haft ent- lassen und anschliessend bis im (…) (recte: […]) in D._______ geblieben zu sein. Nach ihrer Entlassung sei nichts mehr passiert, nicht einmal nach- dem sie D._______ verlassen und nach (...) gegangen sei. Weder ihrer Familie noch ihrem Bürgen sei nach ihrer Ausreise etwas passiert. Da zwi- schen ihrer Freilassung und der Ausreise mehr als ein Jahr verstrichen sei und sie auch auf entsprechende Nachfragen keinerlei Probleme in dieser Zeit geltend gemacht habe, müsse davon ausgegangen werden, dass die von ihr erwähnte Haft nicht der Grund für ihre Ausreise gewesen sei. Folg- lich fehle der zeitliche Kausalzusammenhang zwischen Verfolgung und Flucht, womit es sich erübrige, auf die diversen Unglaubhaftigkeitsele- mente in den gesuchsbegründenden Aussagen einzugehen. Aus den Akten sei ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin Eritrea im (…) illegal verlassen habe. Die eritreischen Behörden würden solchen Perso- nen grundsätzlich eine regierungsfeindliche Haltung unterstellen und sie bei einer Rückkehr nach Eritrea sehr streng bestrafen, wobei sich die Straf- massnahmen durch ein hohes Mass an Brutalität auszeichnen würden. Da- mit habe die Beschwerdeführerin begründete Furcht, bei einer Rückkehr nach Eritrea ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden, womit sie die Flüchtlingseigenschaft erfülle. Flüchtlingen werde indessen gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl gewährt, wenn sie erst durch ih- res Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Ver- haltens nach der Ausreise Flüchtlinge würden. Vorliegend seien die flücht- lingsrelevanten Elemente erst mit der illegalen Ausreise entstanden, wes- halb die Beschwerdeführerin zwar von der Asylgewährung auszuschlies- sen, aber als Flüchtling in der Schweiz vorläufig aufzunehmen sei. Weil sie die Flüchtlingseigenschaft erfülle, gelange der Grundsatz der Nichtrück- schiebung zur Anwendung. Das SEM erachte deshalb den Vollzug d er Wegweisung nach Eritrea im gegenwärtigen Zeitpunkt als nicht zulässig. E-3188/2015 Seite 7 4.2 In der Beschwerde wurde entgegnet, die Vorinstanz übersehe, dass die Beschwerdeführerin zusammen mit ihrem damals (…) eine Reflexverfol- gung in Form einer (…) Haft erlitten habe. Sie sei in seiner Anwesenheit mit (…) geschlagen worden, und die damit zugefügte Wunde habe sich infiziert und sei unbehandelt geblieben. Im eingereichten Arztzeugnis werde bestätigt, dass eine (…) Jahre alte (…) bestehe. Hierzu sei ebenfalls anzumerken, dass die anwesende Hilfswerk svertretung auf dem Unter- schriftenblatt vermerkt habe, die Beschwerdeführerin habe mehrmals (…), so beispielsweise bei der Schilderung der Haft und dass ihr Kind dabei gewesen sei, was jedoch nicht vollständig protokolliert worden sei , und dass diesbezügliche Ergänzungen im Protokoll nicht erlaubt worden seien. Die Beschwerdeführerin sei unter einem unerträglichen psychischen Druck gestanden und sie habe objektiv begründ ete Furcht vor einer zukünftigen Verfolgung. Diesbezüglich werde auf das Urteil des Bundesverwaltungsge- richts E-6392/2013 vom 23. Mai 2014 verwiesen. Die Aussagen der Be- schwerdeführerin seien glaubhaft und es sei hinsichtlich des Verzichts der Vorinstanz, auf angeblich unglaubhafte Elemente in ihren Aussagen einzu- gehen, auf die Definition des Glaubhaftmachens durch das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) zu verweisen, die ebenfalls in der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bestätigt werde. Zusammenfassend sei festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin durch die erlittene Haft, die Misshandlungen und die mit ihrer Freilassung verknüpfte Auflage, D._______ nicht zu verlassen, asylrelevante Verfol- gung erlitten und auch weiterhin begründete Furcht vor zukünftiger Verfol- gung habe. Sollte das Gericht nicht zu einem abschliessenden Entscheid in der Lage sein, werde beantragt, den Fall zwecks Vornahme weiterer Ab- klärungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. 5. Von einer begründeten Furcht – auch im Sinne einer Reflexverfolgung – ist erst dann auszugehen, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, die Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit be- achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirkli cht bezie- hungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr- scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt dabei nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahr- scheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nach- vollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2). Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des E-3188/2015 Seite 8 Asylentscheids. Die Gewährung des Asyls kann nicht dazu dienen, einen Ausgleich für vergangenes Unrecht zu schaffen, sondern bezweckt viel- mehr, Schutz vor künftiger Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4). Ob in einem bestimmten Fall eine solche Wahrscheinlichkeit besteht, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu beurteilen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dennoch ist für die Bestimmung der begründeten Furcht nicht allein massgebend, was ein hypothetischer Durchschnittsmensch in de rselben Situation empfinden würde. Diese rein objektive Betrachtungsweise ist zusätzlich durch das von der betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungs- massnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht als jemand, der in der Vergangenheit keine entspre- chenden Erfahrungen gemacht hat (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen Asylrekurskommission [ EMARK] 1994 Nr. 24 E. 8b, EMARK 1993 Nr. 11 E. 4c). Die subjektive Furcht ist diesfalls bereits dann begründet, wenn sie zwar diejenige eines in der gleichen Si- tuation befindlichen Durchschnittsmenschen übersteigt, aber trotzdem nachvollziehbar bleibt (vgl. EMARK 2004 Nr. 1 E. 6a S. 9, mit weiteren Hin- weisen). 6. 6.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass das SEM zu Recht eine begründete Furcht der Beschwer- deführerin vor einer zukünftigen weiteren Reflexverfolgung wegen ihre s verschwundenen Ehemannes verneint hat. Vorab ist nicht zuletzt aufgrund der von der Vorinstanz bei der Anhörung aufgezeigten Widersprüche in den Aussagen, zu denen der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör ge- währt wurde (Akten SEM A17/25 S. 22), festzuhalten, dass gewisse Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen bestehen. Unbesehen davon ist auch bei Annahme, dass sich der geltend gemachte Sachverhalt tatsäch- lich so zugetragen hat, festzustellen, dass die Beschwerdeführerin nach ihrer Haftentlassung im (…) noch rund (…) Monate in Eritrea geblieben ist. Somit besteht zwischen dem von ihr geschilderten Ereignis (Inhaftierung von […] bis […]) und ihrer Ausreise im (…) weder in sachlicher noch in zeitlicher Hinsicht ein genügend enger Kausalzusammenhang. Die Antwor- ten der Beschwerdeführerin a uf die Frage n, was sie nach (…) in E-3188/2015 Seite 9 D._______ dazu bewogen habe, Eritrea zu verlassen respektive was für sie ausschlaggebend gewesen sei, dass sie sich nach (…) entschieden habe, wegzugehen, und nicht vorher und nicht später (A17/25 S. 16 Fragen 158 und 160), erweisen sich als wenig überzeugend und vermögen nicht wirklich zu erklären, was sie dazu veranlasst haben könnte, D._______ ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt zu verlassen. Die Beschwerdeführerin machte für den Zeitraum zwischen ihrer Haftentlassung und der Ausreise keine weiteren Nachstellungen seitens der eritreischen Behörden geltend und sie antwortete zudem auf die Frage, ob ihre Ausreise aus Eritrea Kon- sequenzen für jemanden gehabt habe, nein, sie sei nicht mehr bei ihrer Familie und verheiratet gewesen, deshalb sei sie nicht zur Verantwortung gezogen worden (A17/25 S. 20 Frage 209). Zudem bejahte sie die An- schlussfrage, ob das heisse, dass niemand in Eritrea Probleme gehabt habe, weil sie das Land verlassen habe, und führte auf die Frage, ob ihrem (…), der für sie gebürgt habe, etwas passiert sei, an, bis jetzt hätten sie ihm nichts gemacht (A17/25 S. 20 Fragen 210 und 211). Die Furcht der Beschwerdeführerin, wegen des Verschwindens ihres Ehema nnes einer erneuten Reflexverfolgung ausgesetzt zu werden, erweist sich angesichts dieser Sachlage als in objektiver Hinsicht unbegründet. 6.2 Die Vorbringen auf Beschwerdeebene sind mangels Stichhaltigkeit nicht geeignet, zu einer anderen Beurteilung zu gelan gen. Insbesondere gelingt es der Beschwerdeführerin mit dem zu den Akten gereichten Arzt- zeugnis betreffend (…) nicht, eine objektiv begründete Furcht vor weiterer Reflexverfolgung darzutun. Zudem erweist sich die Rüge mit Verweis auf die Bemerkung der Hilfswerkvertretung bei der Anhörung, der Umstand, dass die Beschwerdeführerin mehrmals (…) habe, sei nicht vollständig pro- tokolliert worden und diesbezügliche Ergänzungen im Protokoll seien nicht erlaubt worden, nach einer Durchsicht des Protokolls als unbegründet, zu- mal sich keine Hinweise darauf entnehmen lassen, die Beschwerdeführe- rin oder die Hilfswerkvertretung könnten daran gehindert worden sein, ent- sprechende Ergänzungen oder Korrekturen beim Protokoll zu veranlassen. Die Beschwerdeführerin verlangte vielmehr am Ende der Anhörung wäh- rend der Rückübersetzung eine Richtigstellung zu den Fragen 27, 39, 40 und 162, was entsprechend protokolliert wurde. Zudem bestätigte die Be- schwerdeführerin unterschriftlich, dass ihr das Protokoll Satz für Satz vor- gelesen und in eine ihr verständliche Sprache übersetzt worden sei. Des Weiteren bestätigte sie, dass das Protokoll vollständig sei und ihren freien Äusserungen entspreche. Der Verweis auf das Urteil E-6392/2013 vom 23. Mai 2014 ist zwar insofern gerechtfertigt, als die Beschwerdeführerin auf- grund des Erlebten objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) E-3188/2015 Seite 10 Furcht vor Verfolgung hat. Gleichzeitig ist indessen auch in Würdigung ih- rer gesuchsbegründenden Aussagen festzustelle n, dass es ihr aufgrund des fehlenden zeitlichen und sachlichen Kausalzusammenhangs zwischen der Inhaftierung und ihrer Ausreise nicht gelingt, Vorfluchtgründe darzutun. Schliesslich ist festzuhalten, dass sich eine Auseinandersetzung mit den zitierten Aus führungen des UNHCR zum Glaubhaftmachen der Flücht- lingseigenschaft im Sinne von Vorfluchtgründen erübrigt, weil vorliegend sowohl das SEM als auch das Bundesverwaltungsgericht davon ausge- hen, die Glaubhaftigkeit der gesuchsbegründenden Aussagen der Be- schwerdeführerin könne offenbleiben. 6.3 Zusammenfassend folgt, dass es der Beschwerdeführerin mangels ge- nügend engen Kausalzusammenhangs zwischen der Inhaftierung und ih- rer Ausreise aus Eritrea in zeitlicher und sachlicher Hinsicht nicht gelungen ist, Vorfluchtgründe im Sinne von Art. 3 AsylG darzutun, weshalb das SEM ihr Asylgesuch zu Recht gestützt auf Art. 54 AsylG abgelehnt hat. 7. 7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach d en gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). 8.2 Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 15. April 2015 die vorläu- fige Aufnahme der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder in der Schweiz an- geordnet hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zu- lässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. Die vorläufige Aufnahme tritt mit dem vorliegenden Entscheid formell in Kraft. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung E-3188/2015 Seite 11 Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der unter - liegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Weil indessen der Antrag auf Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 26. Juni 2015 gutgeheissen wurde und sich zudem aus den Akten keine Hinweise auf eine nachträgliche Veränderung in den finanziellen Verhältnissen der Be- schwerdeführerin ergeben, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 10.2 Da der Beschwerdeführerin mit Zwisc henverfügung vom 26. Juni 2015 die amtliche Rechtsverbeiständung gewährt wurde, sind die ihr not- wendigerweise erwachsenen Parteikosten durch das Bundesverwaltungs- gericht zu übernehmen (vgl. Art. 110 a Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9 –14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Auf das Ein- holen einer Kostennote kann verzichtet werden, da sich der notwendige Vertretungsaufwand hinreichend zuverlässig abschätzen lässt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 –14 VGKE) ist das amtliche Honorar der Rechtsbeiständin auf insgesamt Fr. (…) (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) E-3188/2015 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Der amtlichen Rechtsbeiständin wird zu Lasten der Gerichtskasse ein Ho- norar von Fr. (…) ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Esther Marti Peter Jaggi Versand: