B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5343/2012 law/auj U r t e i l v o m 1 4. A u g u s t 2 0 1 4 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Yanick Felley, Richter Fulvio Haefeli; Gerichtsschreiberin Jacqueline Augsburger. Parteien A._______, geboren (…), alias A._______, geboren (…), Äthiopien, vertreten durch lic. iur. Pascale Bächler, BAS Beratungsstelle für Asylsuchende der Region Basel, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 10. September 2012 / N (…). D-5343/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer , ein äthiopischer Staatsangehöriger orthodoxen Glaubens aus Addis Abeba und Sohn eines Oromo und einer Amharin , verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 6. April 2011 im Alter von 16 Jahren und reiste über den Sudan und Italien am 12. April 2011 in die Schweiz , wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 21. April 2011 im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel erhob das BFM seine Personalien und befragte ihn summarisch zum Reiseweg und zu den Gründen für das Ver- lassen des Heimatlandes. B. Am 21. April 2011 erteilte das BFM einem Arzt den Auftrag, beim B e- schwerdeführer eine Handknochenanalyse zur Alters bestimmung durch- zuführen. Der Arzt gelangte in seiner Analyse am 26. April 2011 zum Schluss, das Alter liege bei 19 Jahren oder mehr. C. Am 10. Mai 2011 gewährte das Bundesamt dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zum Ergebnis der Knochenanalyse. Dabei versicherte dieser, er werde sich bemühen, Schulzeugnisse und eine Geburtsurku n- de beizubringen, die seine Minderjährigkeit belegen würden. Gleiche n- tags meldete das BFM ihn bei der zuständigen Behörde des Kantons X._______ als unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) und forderte diese auf, die entsprechenden Schutzmassnahmen in die Wege zu leiten. D. Mit Verfügung vom 11. Mai 2011 wies das Bundesamt den Beschwerde- führer für die Dauer des Asylverfahrens dem Kanton X._______ zu. E. Mit Beschluss vom 1 . Juni 2011 errichtete die Vormundschaftsbehörde X._______ eine Beistandschaft für den Beschwerdeführer. F. Am 29. Juni 2011 hörte das BFM den Beschwerdeführer in Anwesenheit einer Vertreterin der Amtsvormundschaftsbehörde zu seinen Asylgründen an. Zur Begründung des Asylgesuchs brachte er im Wesentlichen vor, er sei wegen de r Mitgliedschaft seines Vaters bei der ONEG (amharisches D-5343/2012 Seite 3 Kürzel für „Oromo Liberation Front“ [OLF]) und dessen langjährigen E n- gagements für diese Organisation immer wieder von de r Polizei behelligt worden. Sein Vater sei 2007/2008 wegen der Tätigkeit für die OLF sechs Monate inhaftiert gewesen und schliesslich nach der Zahlung einer Kauti- on entlassen worden. Nach der Haftentlassung sei er ein anderer Mensch gewesen, unsicher und u nruhig, und habe viel telefoniert. Zwei bis drei Monate nach der Entlassung habe der Vater Vorladungen von der Polizei erhalten, denen er aus Angst vor einer erneuten Inhaftierung keine Folge geleistet habe. Er habe sich nur noch selten und jeweils nur für wenige Stunden zu Hause aufgehalten. Polizisten seien immer wieder zum El- ternhaus gekommen und hätten von der Mutter wissen wollen, wo sich ihr Ehemann aufhalte. Sie hätten die Mutter misshandelt und geschlagen, da sie ihr nicht geglaubt hätten, dass sie den Aufenthaltsort ihres Eheman- nes nicht gekannt habe. Ihn hätten die Polizisten ebenfalls geschlagen, wenn er sich eingemischt habe. Er und seine Mutter hätten in Angst g e- lebt. Die Polizisten hätten mitten in der Nacht an die Tür geklopft und Steine auf d as Haus geworfen, wenn die Türe nicht geöffnet worden sei. Die Mutter sei schliesslich krank geworden und im Jahr 2009 verstorben. Nach ihrem Tod habe er, ein Einzelkind, im Elternhaus zusammen mit ei- ner Hausangestellten gewohnt, die für ihn gekocht habe. Die Polizisten seien immer noch zu ihm nach Hause gekommen, obwohl sie vom Tod seiner Mutter gewusst hätten. Sein Vater habe ihm jeweils über Mittels- männer Geld zukommen lassen. Er sei sehr einsam, traurig und verzwei- felt gewesen, habe jedoch weiterhin die Schule besucht. Eines Tages, als die Oppositionsparteien in Äthiopien Flugblätter verteilt hätten, es dort Unruhen gegeben habe und viele Leute von der Strasse mitgenommen worden seien, sei sein Vater zu ihm gekommen und habe ihm gesagt, dass er viele Probleme habe und gesucht werde. Der Vater habe ihm er- öffnet, dass er für ihn die Ausreise organisiert habe, er selber aber im Land bleiben werde. Sie hätten am gleichen Tag Addis Abeba in getren n- ten Autos verlassen, der Vater habe ihm noch eine Telefonnummer gege- ben und sich dann von ihm verabschiedet. Er sei mit anderen Leu ten in den Sudan gefahren, wo er einen älteren reichen Herrn getroffen habe, der ihn auf dem Luftweg nach Italien gebracht und von dort in die Schweiz gefahren habe. G. Mit Verfügung vom 10. September 2012 – eröffnet am 12 . September 2012 – stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüch t- lingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch gestützt auf Art. 3 des Asylgesetzes (AsylG, SR 142.31) ab. Gleichzeitig verfügte es die We g-D-5343/2012 Seite 4 weisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und ordnete den Vol l- zug der Wegweisung an. H. Gegen diesen Entscheid liess der Beschwerdeführer mit Eingab e vom 11. Oktober 2012 durch seine Rechtsvertreterin beim Bundesverwa l- tungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, die Verfügung des BFM vom 12. September 2012 sei vollumfänglich aufzuheben, es sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer minderjährig sei, und die Ange- legenheit sei der Vorinstanz zur erneuten Überprüfung unter Berücksich- tigung der Minderjährigkeit zurückzuweisen. Eventualiter sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft erfülle, und es sei ihm Asyl zu gewähren; subeventualiter sei festzustellen, dass eine Rüc k- kehr in sein Heimatland für den Beschwerdeführer nicht zumutbar respek- tive nicht zulässig sei, we shalb das BFM anzuweisen sei, den Aufenthalt im Rahmen einer vorläufigen Aufnahme zu regeln. In verfahrensrechtl i- cher Hinsicht liess er um die Gewährung der unentgeltlichen Recht spfle- ge sowie um den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses e r- suchen. I. Am 12. Oktober 2012 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ei n- gang der Beschwerde. J. Mit Verfügung vom 24. Oktober 2012 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch um Gewä hrung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unter dem Vorbehalt der Veränderung der finanzie l- len Lage des Beschwerdeführers gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud der Instruktionsrichter d ie Vor- instanz zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein. K. Die vorinstanzliche Vernehmlassung vom 30. Oktober 2012 liess der In- struktionsrichter dem Beschwerdeführer am 2. November 2012 zur Kenntnisnahme zukommen. L. Mit Eingabe vom 12. August 2013 reichte die Rechtsvertreterin einen Praktikumsvertrag ein, gemäss dem der Beschwerdeführer ein einjähri- ges Praktikum bei einer (…) in X._______ absolviert. D-5343/2012 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungs gericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bu n- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bund esverwaltungsgericht ist deshalb zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde; es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was hier nicht der Fall ist – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die be schwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 .Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilg e- nommen, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG, Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formge- recht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) und die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, National i- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe od er wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie M assnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-D-5343/2012 Seite 6 geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das BFM hielt zur Begründung seines ablehnenden Asylentscheides fest, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die Flüchtlingseigenschaft nicht stand. Im Einzelnen führte das Bundesamt aus, dem Beschwerdeführer sei es nicht gelungen, seine angebliche Minderjährigkeit zu belegen oder zumindest glaubhaft zu machen, weshalb von seiner Volljährigkeit auszugehen sei . Mit seinen Aussagen anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs habe er das Ergebnis der Handknochenanalyse, wel che ein Alter von mindestens 19 Jahren ergeben habe, nicht wi derlegen können. Überdies habe er oh- ne hinreichende Begründung keine Beweismittel oder Identitätspapiere beigebracht, die seine Altersangaben b elegen könnten. Hinsichtlich der Behelligungen des Beschwerdeführers durch die Polizei hielt das BFM fest, diese müssten zwar unangenehm gewesen sein, doch hätten die behördlichen Massnahmen offensichtlich seinem Vater gegolten und die Suche nach diesem erleichtern sollen. Der Beschwerdeführer habe weder härtere Massnahmen noch physische oder psychische Konsequenzen aus den Besuchen der Polizei erwähnt. Die Behelligungen hätten es ihm auch nicht verunmöglicht, sein Leben wie gewohnt weiterzuführen und sich beispielsweise weiterhin in seinem Elternhaus aufzuhalten sowie die Schule zu besuchen. Da ihnen aufgrund der mangelnden Intensität kein Verfolgungscharakter zukomme, seien sie nicht asylerheblich. Die geltend gemachte Furcht vor zukünftiger Verfolgung wegen der politischen Aktivi- täten des Vaters erachtete das Bundesamt aus objektiver Perspektive als unbegründet. Der Beschwerdeführer habe zur Begründung seiner Furcht erklärt, die Polizisten hätten ihn jedesmal bedroht, wenn sie vergeblich nach seinem Vater gesucht hätten. Der Vater habe entschieden, dass sein Sohn ausreisen müsse und habe dabei sicherlich mehr Informatio- nen darüber gehabt, was diesem widerfahren könne. Zur damaligen Zeit habe es überdies grössere Unruhen gegeben, und viele Personen, auch Jugendliche, seien unschuldig inhaftiert wo rden. Bei diesen Begründu n- gen handle es sich , so das Bundesamt, nicht um konkrete Hin weise auf eine tatsächliche asyl relevante künftige Bedrohung des Beschwerdefü h- rers, sondern lediglich um Vermutungen. Selbst wenn der Beschwerde- führer oder sein Vater Drohungen erhalten haben sollten, müssten diese als Einschüchterungsversuche qualifiziert werden. Die Polizei hätte längst D-5343/2012 Seite 7 Gelegenheit gehabt, den Beschwerdeführer zu verfolgen. Da dessen Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht stan d- hielten, erübrige es sich, auf vorhandene Unglaubhaftigkeitselemente in seinen Ausführungen einzugehen. 4.2 4.2.1 In der Beschwerde wird unter Hinweis auf die Praxis der Schweize- rischen Asylrekurskommission (ARK) (Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [ EMARK] 2000 Nr. 19, 2001 Nr. 23, 2004 Nr. 30 und 2004 Nr. 31) zunächst geltend gemacht, dem Be- schwerdeführer sei es entgegen der Ansicht der Vorinstanz gelungen, seine Minderjährigkeit glaubhaft zu machen, weshalb die Angelegenheit zur erneuten Überprüfung an die Vorinstanz zurückzuweisen sei. Die vom BFM in Auftrag gegebene Handknochenanalyse umfasse ein Schreiben von knapp vier Zeilen, aus dem ersichtlich sei, dass das Knochenwachs- tum der Han d respektive des Handgelenks mit der Fusion der radialen Epiphyse mit dem Schaft abgeschlossen sei. Diese r Knochenanalyse könne kein Beweiswert zukommen, weil sie den von der Rechtsprechung aufgestellten Anforderungen an ein wissenschaftli ches Gutachten nicht genüge. Überdies sei der reine Augenschein ebenfalls kein taugliches Mittel zur Altersfeststellung von Person en, welche, wie der Beschwerd e- führer, offensichtlich jugendlichen Alters seien. Angesichts des geringen Beweiswertes dieser beiden Beweismittel komme der Würdigung der A n- gaben der asylsuchenden Person zu ihrem Alter und der unterbliebenen Abgabe von Identitätspapieren entscheidende Bedeu tung zu. Der B e- schwerdeführer habe immer schlüssige Angaben zu seinem Alter g e- macht und stets den 26. Februar 1995 als sein Geburtsdatum bezeichnet. Er habe schon anlässlich der BzP klar gesagt, nie eine Identitätskarte oder einen Pass besessen zu haben und könne daher auch nur schwe r- lich etwas zur diesbezüglichen Papierbeschaffung unternehmen. Sein Schülerausweis sei im Heimatland zurück geblieben, und er sei nicht s i- cher, ob je eine Geburtsurkunde ausgestellt worden sei . Da er das Land unvorbereitet verlassen habe, habe er keine Kontaktadressen mitnehmen können. Die Betreuungsperson des Wohnheims für UMA könne b estäti- gen, dass der Beschwerdeführer wiederholt vergeblich versucht habe, mit seinem Vater, über dessen Mobiltelefonnumm er er verfüge, telefonisch Kontakt aufzunehmen, und deshalb bedrückt und traurig erschien en sei. Er habe ebenfalls erfolglos versucht, ü ber Facebook mit ehemaligen Schulkollegen in Kontakt zu treten. Bei den Kontakten in Äthiopien , über die er via Facebook verfüge, handle es sich allesamt um Personen, die er erst nach seiner Ausreise kennengelernt habe. Von diesen habe ihm ni e-D-5343/2012 Seite 8 mand dabei behilflich sein wollen, von seiner früheren Schule eine Bestä- tigung zu beschaffen. Die Aussagen des Beschwerdeführers, weshalb es ihm nicht gelungen sei, in Äthiopien Beweismittel für seine Minderjähri g- keit zu beschaffen, seien in sich konsistent und deckten sich mit seinen Ausführungen zum Reiseweg und zu den Fluchtgründen. 4.2.2 Hinsichtlich der Verneinung der Flüchtlingseigenschaft durch die Vorinstanz werden in der Beschwerde vorab Hintergrundinformationen di- verser Organisationen zur Behandlung der Oromo sowie von Mitgliedern der OLF und deren Familienangehörigen durch die äthiopischen Behö r- den und die Polizei zitiert. In Bezug auf den Beschwerdeführer wird vor- gebracht, dieser sei wegen der politischen Aktivitäten seines Vaters, eines Mitglieds der OLF, Opfer einer Reflexverfolgung geworden. Der Vater sei früher ein Staatsangestellter in leitender Funktion gewesen, und die F a- milie sei für äthiopische Verhältnisse wohlhabend gewesen. Nach der In- haftierung des Vaters im Jahr 2008/2009 habe sich die familiäre Situation stark verändert. Der Vater habe sich nicht mehr zu Hause aufgehalten, und seine Ehefrau sowie sein Sohn seien während Jahren immer wieder von der Polizei aufgesucht und misshandelt worden. Der Beschwerdefüh- rer sei einem konstanten psych ischen Druck ausgesetzt gewesen , da er nie gewusst habe, ob die Polizei das nächste Mal auch ihn verhaften würde. Die konstanten und wiederkehrenden Belästigungen und Gewal t- tätigkeiten durch die Polizei, die während Jahren nach seinem Vater g e- sucht hätten und das Haus zu beobachten schienen, hätten ihn ängstlich werden lassen und ihm eine normale Kindheit verunmöglicht. Er gehe da- von aus, dass die belastenden Umstände auch für den frühen Tod seiner Mutter verantwortlich gewesen seien. Den körperlichen und v erbalen Übergriffen durch die Polizei komme durchaus Verfolgungscharakter zu. Die Ungewissheit über den Aufenthaltsort seines Vaters und darüber, ob dieser überhaupt noch lebe, sei für den Beschwerdeführer sehr bela s- tend, dies umso mehr , als der Vater seit dem Tod der Mutter die einzige Bezugsperson sei, zumal sich die restlichen Verwandten aus Angst, ebenfalls Opfer von Repressalien durch die Polizei zu werden, von der Familie abgewandt hätten. Weiter wird argumentiert, es sei davon ausz u- gehen, dass der Be schwerdeführer – unabhängig davon, ob sein Vater mittlerweile das Land ebenfalls verlassen habe oder verstorben sei –, bei einer Rückkehr nach Äthiopien weiterhin mit Repressalien durch die Pol i- zei konfrontiert sein werde, da er sich durch die plötzliche A usreise ver- dächtig gemacht habe und die Polizei bis dahin während Jahren im El- ternhaus konstant nach seinem Vater gesucht habe. Aus den Hinte r- grundinformationen zu Äthiopien sei ersichtlich, dass die Reflexverfo l-D-5343/2012 Seite 9 gung von Familienangehörigen von OLF -Mitgliedern einer gängigen Pr a- xis entspreche. An dieser Tatsache habe sich seit der Ausreise des B e- schwerdeführers nichts geändert, weshalb davon auszugehen sei, dass er im Falle einer Rückkehr erneut Opfer von asylrelevanter Verfolgung werden würde – dies umso mehr, als er bald volljährig werde und daher auch eigener politischer Tätigkeiten verdächtigt werden könn te, ins be- sondere wenn die äthiopischen Behörden von seinem Auslandaufenthalt und der Asylgesuchstellung in der Schweiz erfahren sollten. Mit der Beschwerde liess der Beschwerdeführer unter anderem einen Be- richt des Wohnheims für unbegleitete m inderjährige Asylsuchende vom 24. September 2012, ein Schreiben der Klassenlehrerin der (…) Schule (…) in X._______ vom 20. September 2012 sowie eine Fürsor gebestäti- gung einreichen. 5. 5.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asyls u- chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachtei- le von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürc h- ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure z u- gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtling s- rechtlichen Schutzes setzt die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimatland ke i- nen adäquaten Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.1; S. 1016, 2008/12 E. 7.2.6.2; S. 174 f., 2008/4 E. 5.2 S. 37 f.). Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zei t- punkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die Si tuation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebe n- falls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und z ulas- ten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1 S. 141 f., 2011/51 E. 6.1 S. 1016, 2008/34 E. 7.1 S. 507 f., 2008/12 E. 5.2 S. 154 f., WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, S. 531 f. Rz. 11.17 f.). 5.2 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt D-5343/2012 Seite 10 der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welc he den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteili- gung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als re a- listisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2 S. 1016 f.). 5.3 Hinsichtlich des Alters des Beschwerdeführers ist vorab festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht vom (…) 1995 als Geburtsdatum ausgeht und damit von dessen Minderjährigkeit nicht nur im Zeitpunkt der Einreichung des Asylgesuchs, sondern auch d es vorinstanzlichen Ent- scheids vom 10. September 2012 . Der BFM -Mitarbeiter, der die BzP durchführte, hielt in einer internen Aktennotiz fest, der Beschwerdeführer wirke trotz eines starken Bartwuchses noch sehr kindlich (vgl. BFM - act. A6/1), hielt als Geburtsdatum den 26. Februar 1995 fest (vgl. act. A4/10 S. 1) und behandelte ihn nach der mündlichen Gewährung des rechtlichen Gehörs zur Knochenanalyse im weiteren Verfahren als mi n- derjährig (vgl. act. A12/3 und A21/11 S. 1; Sachverhalt Bst. C und F). In der angefochtenen Verfügung hingegen ging das BFM aufgrund d er – den Minimalanforderungen an ein wissenschaftliches Gutachten offe n- sichtlich nicht genügenden – Handknochenanalyse (vgl. obige E. 4.2.1) sowie des Aussehens des Beschwerdeführers von dessen Vo lljährigkeit aus (Geburtsdatum: 27.März 1994). Nachdem der Beschwerdeführer nun im Urteilszeitpunkt mit Sicherheit volljährig ist, ist der Beschwerdeantrag auf Feststellung der Minderjährigkeit und auf Kassation der angefocht e- nen Verfügung und Rückweisung an die Vorinstanz zur erneuten Übe r- prüfung unter Berücksichtigung der Minderjährigkeit abzuweisen. 5.4 Der Beschwerdeführer macht geltend, wegen des politischen Eng a- gements seines Vaters für die OLF im Zeitpunkt der Ausreise einer Re- flexverfolgung ausgesetzt gewesen zu sein und begründete Furch t zu haben, im Falle einer Rückkehr erneut verfolgt zu werden. 5.4.1 Das äthiopische Parlament hat im Juni 2011 , zirka zwei Monate nach der Ausreise des Beschwerdeführers, neben der al-Qaida und der al-Shabaab auch die drei nationalen oppositionelle Gruppierungen Og a- den National Liberation Front (ONLF), OLF und Ginbot 7 zu terrorist i- schen Organisationen erklärt . Im Jahr 2012 hat die OLF nach einem er-D-5343/2012 Seite 11 folglosen 40-jährigen Kampf für einen unabhängigen Oromia -Staat im Süden Äthi opiens erklärt, dass sie den Konflikt beenden wolle und den äthiopischen Staat in seinen aktuellen Grenzen akzeptiere. Trotz dem Friedensangebot der OLF bleibt diese auf der Liste terroristischer Organi- sationen und wird mit Gewalt bekämpft. Die OLF stellt keine Gefahr für das äthiopische Regime dar; dieses benützt den Konflikt vielmehr als Rechtfertigung für die Repression gegenüber Angehörigen der Ethnie der Oromo. Regimekritiker, Mitglieder legaler Oppositionsparteien, mutmas s- liche Anhänger separatistisch er Gruppierungen wie der OLF oder der ONLF sowie Studierende werden quasi routinemässig der Rebellion oder des Terrorismus bezichtigt und gefoltert. Oromo, die in legalen politischen Parteien, Gewerkschaften oder kulturellen Vereinen aktiv sind, werden überwacht. In den letzten Jahren wurden Tausende Oromo willkürlich verhaftet und gefoltert, ohne dass sie tatsächlich eine Verbindung zur OLF gehabt hät ten (vgl. zum Ganzen Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Äthiopien, Update: Aktuelle Entwicklungen bis J uni 2014, 17. Juni 2014, S. 7 f. und S. 12; United States Department of State ( USDOS), Country Report on Human Rights Practices for 2013, Ethiopia, 27. Februar 2014 ; H uman Rights Watch [HRW], Telecom and Internet Surveillance in Ethiopia, 25. März 2014, S. 15f.). 5.4.2 Übereinstimmend mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass die B e- helligungen des Beschwerdeführers durch die Polizei – deren Glaubhaf- tigkeit vorausgesetzt – nicht die für die Annahme einer asylrechtlich rel e- vanten V erfolgung erforderliche Intensi tät erreichten. Gemäss seinen Aussagen an der Anhörung hätten die Polizisten bei ihren Besuchen meistens seine Mutter misshandelt und geschlagen. Ihn hätten sie g e- schlagen, wenn er sich eingemischt habe (vgl. act. A21/11 S. 3 f.). Die Frage der BFM-Mitarbeiterin nach der Häufigkeit der Schläge beantworte- te er folgendermassen: "Ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft sie mich g e- schlagen haben. Sie schlugen mich nach Lust und Laune. Ich habe mich auch meistens so benommen, dass sie mich nic ht schlagen müssen" (a.a.O., S. 8 F47). Anlässlich der Besuche der Polizisten, die nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 2009 angedauert hätten, machte er an den Be- fragungen keine spezifischen Übergriffe geltend. Drohungen gegen seine Person erwähnte er nicht von sich aus, sondern erst auf Nachfragen der BFM-Mitarbeiterin hin, allerdings ohne sich näher zu deren Inhalt zu äu s- sern: "Sie haben mich jedesmal bedroht, weil sie von mir hören wollten, wo sich mein Vater aufhält" (a.a.O., S. 8 F48). Diese geltend gemachten Vorkommnisse sind weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit genügend in- tensiv, um ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG darzu-D-5343/2012 Seite 12 stellen. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer bis am Tag seiner Aus- reise weiterhin im Elternhaus wohnhaft war und regelmässig zur Sc hule ging, deutet nicht darauf hin , dass er sich tatsächlich bedroht fühlte. Er gab ferner zu Protokoll, selber keine Probleme mit den äthiopischen B e- hörden gehabt zu haben, da er, im Gegensatz zu anderen Jugendlichen, welche von den Behörden mitgenommen w orden seien, stets zu Hause habe bleiben müssen. Dass die Besuche der Polizei eher den Charakter von Schikanen hatten, keine ernsthafte Bedrohung für den Beschwerd e- führer darstellten, und er diese relativ gelassen hinnahm, geht im Übrigen auch aus seiner S childerung des letzten Polizeibesuchs ungefähr zwei Wochen vor seiner Ausreise hervor. Anlässlich diese Besuches habe es "eine Auseinandersetzung" gegeben, weil er sich geweigert habe, die T ü- re zu öffnen. Die Polizisten hätten nichts unternommen und seien wegge- gangen, und er habe sich schlafen gelegt (a.a.O., S. 7 F42 -44). Insge- samt erscheinen die von ihm geschilderten Behelligungen – soweit sie als glaubhaft zu erachten sind – als zu wenig intensiv, um als (R e- flex)verfolgung gemäss Art. 3 AsylG gelten zu k önnen. Im Zeitpunkt der Ausreise bestanden somit keine konkreten Hinweise für eine bestehende oder eine unmittelbar drohende asylrelevante Verfolgung des Beschwer- deführers. Von den Ausreiseplänen, die sein Vater für den Sohn hatte, ahnte dieser offenbar nichts. So wollte er an dem Tag, an dem der Vater ihn für die Ausreise abholte, wie im mer zur Schule gehen (vgl. act. A4/10 S. 6). Gleichzeitig gab er an, die Behörden hätten seinem Vater "zuletzt" gesagt, dass sie den Sohn "nehmen würden" (vgl. act. A4/10 S. 5). Wes- halb die Behörden bei dieser Gelegenheit nicht gleich den Vater verhaftet, sondern diesem gedroht haben sollten, an seiner Stelle den Sohn mitzu- nehmen, ist nicht nachvollziehbar. Weiter sagte er, sein Vater und er hät- ten gewusst, dass "eines Tages etwas Schlimmes passieren" könnte, z u- mal damals sogar Leute gefährdet gewesen seien, welche nicht politisch aktiv waren, viele Menschen, auch Jugendliche, inhaftiert worden seien, und Unruhen geherrscht hätten. Mit diesen vagen Aussagen zur persönli- chen Situation und dem Hinweis auf die im Zeitpunkt der Ausreise in Äthiopien herrschende politische Situation vermag der Beschwerdeführer ebenfalls keine im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende oder unmittelbar drohende asylrelevante Verfolgung nachzuweisen. An dieser Würdigung vermögen die Ausführungen in der Beschwerde nichts zu ändern. 5.4.3 Auf Beschwerdeebene wird ferner geltend gemacht, aufgrund der im Zeitpunkt der Ausreise vorgelegenen (Reflex)verfolgung des B e- schwerdeführers und des Umstandes, dass Reflexverfolgung von Famili- enangehörigen von OLF -Mitgliedern in Äthiopien einer gängigen Praxis D-5343/2012 Seite 13 entspreche, sei davon auszugehen, dass er im Falle einer Rückkehr e r- neut Opfer von asylrelevanter Verfolgung werden würde. Ferner könnte er auch eigener politischer Tä tigkeiten verdächtigt werden, insbesondere wenn die äthiopischen Behörden von seinem Auslandaufenthalt und der Asylgesuchstellung in der Schweiz erfahren sollten. 5.4.4 Reflexverfolgung von Familienangehörigen vermeintlicher oder ta t- sächlicher Oppositionsmitglieder kommt in Äthiopien zwar vor (vgl. Urteil des BVGer E -7622/2006 vom 16. März 2011 E. 6.2.3, m.w.H.). Aus den Quellen ergibt sich jedoch kein einheitliches Bild (vgl. SFH -Länderana- lyse, Äthiopien: Verfolgung von Sympathisanten der Oromo Liberation Front [OLF] / Reflexverfolgung, 15. September 2005, S. 3 f.), und es lässt sich daraus nicht auf systematische und flächendeckende Verfolgung von Familienangehörigen von OLF -Aktivisten schliessen. Eine solc he lässt sich auch nicht aus dem in der Beschwerde (S. 8) zitierten Bericht ablei- ten (vgl. CORI Research Analysis, Treatment of members of the Oromo Liberation Front [OLF], including members of their family, 6. Juli 2009). 5.4.5 Gegen das Risiko einer dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr drohenden Reflexverfolgung spricht neben der fehlenden Vo r- verfolgung (vgl. E. 5.4.2) auch der Umstand, dass sein Vater sich nicht in der Schweiz aufhält, er zu diesem gemäss eigenen Angaben keinen Kon- takt hat un d die äthiopischen Behörden somit keinen Anlass zur Verm u- tung haben, er stehe mit dem (allenfalls gesuchten) Vater in engem Ko n- takt und könne über dessen Aufenthaltsort Auskunft geben. Der B e- schwerdeführer ist überdies selbst nicht politisch aktiv. Es lieg en somit keine konkreten Anhaltspunkte für eine dem Beschwerdeführer mit erheb- licher Wahrscheinlichkeit in Äthiopien drohende Reflexverfolgung vor. 5.4.6 Weshalb das äthiopische Regime dem Beschwerdeführer mit des- sen Volljährigkeit quasi automatisch die Aufnahme missliebiger politischer Aktivitäten unterstellen sollte (vgl. Beschwerde S. 11), ist nicht ersichtlich. Ein exilpolitisches Engagement des seit (…) 2013 Volljährigen ist jede n- falls nicht aktenkundig. Den Akten ist auch kein besonderes Interesse des Beschwerdeführers an Politik im Allgemeinen oder an der Ethnie der Oromo und den Anliegen der OLF im Besonderen zu entnehmen. Obwohl er geltend macht e, sein Vater sei ein aktives und langjähriges OLF - Mitglied, vermochte er nicht anzugeben, wofür die OLF kämpft – "es hat etwas mit dem Oromo -Volk zu tun" (vgl. act. A4/10 S. 5). Es liegen schliesslich auch keine Informationen vor, wonach abgewiesene äthiopi- sche Asylsuchende nach der Rückkehr in ihr Heimatland aufgrund des D-5343/2012 Seite 14 Aufenthaltes und der Asylgesuchstellung in der Schweiz ernsthaften Nachteilen im Sinne des AsylG ausgesetzt wären. 5.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende oder unmi t- telbar drohende asylrelevante (Reflex)verfolgung nachzuweisen oder z u- mindest glaubhaft zu machen. Gleichzeitig liegen keine hinreichend ko n- kreten Anhaltspunkte für eine Reflexverfolgung oder eine andere für die Flüchtlingseigenschaft relevante Verfolgung vor, welche ihm bei einer Rückkehr nach Äthiopien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in a b- sehbarer Zukunft drohen würde. Das BFM hat das Asylgesuch des B e- schwerdeführers demnach im Ergebnis zu Recht abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das BFM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fam i- lie. Im Übrigen finden für die Anordnung des Vollzugs der Wegweisung die Artikel 83 und 84 des Ausländergesetzes (AuG, SR 142.20) Anwen- dung (Art. 44 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung (Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. Au- gust 1999 [AsylV 1, SR 142.311]) noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisun g wurde demnach zu Recht verfügt (vgl. BVGE 2012/31 E. 6.2 S. 588; 2011/24 E. 10.1 S. 10.1; EMARK 2001 Nr. 21). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Weg - oder Ausweisung nicht möglich, nicht zulä s- sig oder nicht zumutbar, so verfügt das BFM die vorläufige Aufnahme (Art. 83 Abs. 1 AuG). 7.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis mö glich ist, und andernfalls w e- nigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2012/31 E. 7.1 S. 588, 2011/24 E. 10.2 S. 502, STÖCKLI, a.a.O. S. 567 f. Rz. 11.148). D-5343/2012 Seite 15 7.3 7.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihr e Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung de r Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem- ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder e r- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nieman d der Folter oder unmenschlicher oder erniedr i- gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3.2 Der Vollzug der Wegweisung nach Äthiopien ist unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig, da der Beschwerdeführer – wie dargelegt – dort keinen Nachteilen i m Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt wäre. Aus seinen Vorbringen ergeben sich ausserdem auch keine konkreten und gewichtigen Anhaltspunkte für die Annahme, dass er im Falle einer Rück- schaffung nach Äthiopien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre (vgl. BVGE 2013/27 E. 8.2 S. 383; 2012/31 E. 7.2.2 S. 589; aus der Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vgl. EGMR [Grosse Kammer] Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, 37201/06, §§ 124-127, m.w.H.). Zwar ist die allgemeine Menschenrechtssituation in Äthiopien in verschiedener Hinsicht als problematisch zu bezeichnen (vgl. anstelle vieler HRW, World Report 2014, S. 119 ff.). In Bezug auf die Per- son des Beschwerdeführers sind jedoch keine gewichtigen Indizien vo r- handen, die darauf schliessen liessen, dass er den äthiopischen Behör- den beziehungsweise der Regierung in spezifischer Weise als verdächtig erscheinen und für ihn im Falle der Rückkehr eine Gefähr dung in einem flüchtlings- oder menschenrechtlich relevanten Ausmass bestehen kön n- te. Der Vollzug der Wegweisung ist daher sowohl im Sinne der asylg e- setzlichen als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4 Der Vollzug kann für Ausländerinnen oder Ausländer unzumutbar sein, wenn sie in Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage im Heimat - oder Herkunftsstaat konkret g e- fährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AuG). Wird eine konkrete Gefährdung festg e-D-5343/2012 Seite 16 stellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Au f- nahme zu gewähren. 7.4.1 Der Vollzug der Wegweisung nach Äthiopien ist nach konstanter Praxis grundsätzlich zumutbar ( vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3 S. 520). Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind allerdings noch immer prekär, wes- halb zur Existenzsicherung genügend finanzielle Mittel, gefragte berufl i- che Fähigkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz erforderlich sind (BVGE 2011/25 E. 8.4 S. 520 f.). Aufgrund der allgemeinen Lage in Äth i- opien ist somit nicht von einer k onkreten Gefährdung des Beschwerd e- führers auszugehen. 7.4.2 Der Beschwerdeführer ist eigenen Angaben zufolge in Addis Abeba geboren, als Einzelkind aufgewachsen und hat bis zur Ausreise im Alter von 16 Jahren dort gelebt. Er gab an, nach dem Tod der Mutter im J ahr 2009 weiterhin im Elternhaus gewohnt zu haben, wobei eine Hausang e- stellte sich um den Haushalt gekümmert sowie für ihn gekocht und der Vater ihn finanziell unterstützt habe. Zu den Verwandten seiner Eltern ha- be er bereits vor seiner Ausreise keinen Kontakt gehabt; ein Onkel und eine Tante mütterlicher seits lebten im Dorf Y._______ in der Provinz Z._______, und die Verwandten des Vaters würde er nicht wiedererken- nen, da er sie letztmals als kleines Kind gesehen habe (vgl. act. 4/10 S. 3 f.; A21/11 S. 3). Ob seine Aussagen zum angeblich völlig fehlenden familiären Beziehungsnetz zutreffen und es ihm seit seiner Ausreise nicht möglich war, seinen Vater auf dessen Mobiltelefon zu kontaktieren, kann letztlich offenbleiben. Sollten seine Angaben zutreffen, hätte er nämlich bereits als 14 -Jähriger bewiesen, dass er in der Lage ist, ein selbststän- diges Leben zu führen, weshalb davon auszugehen ist, dass ihm dies als mittlerweile volljährigem jungen Mann ebenfalls geling en wird. Zum an- dern hat er während neun Jahren in Addis Abeba die Schule besucht und während 16 Jahren am selben Ort gewohnt . An der Anhörung hat er selbst von "meinen Freunden" gesprochen und erwähnt, dass an der B e- erdigung seiner Mutter viele Leute anwesend gewesen seien (vgl. act. A21/11 S. 3 f.). Sein Vorbringen auf Beschwerdeebene, er habe e r- folglos versucht, über Facebook mit ehemaligen Schulkollegen in Kontakt zu treten, ist nicht plausibel, zumal er gleichzeitig angab, über dieses s o- ziale Netzwerk seit seiner Ausreise neue Personen in Äthiopien kennen- gelernt zu haben (vgl. Beschwerde S. 6). Es ist mithin davon auszug e- hen, dass er an seinem Wohnort in der Hauptstadt über ein soziales B e- ziehungsnetz verfügt, das ihm bei der Wiedereingliederung wir d behilflich sein können. D-5343/2012 Seite 17 7.4.3 Der Beschwerdeführer ist gesund und stammt gemäss eigenen A n- gaben aus einer für äthiopische Verhältnisse wohlhabenden Familie (B e- schwerde S. 9 Ziff. 2.6). Er verfügt über eine neunjährige äthiopische Schulbildung und hat in der Schweiz während gut zwei Monaten einen Computerkurs absolviert, seit Herbst 2011 eine Integrations - und Berufs- wahlschule besucht und Mitte Juli 2013 ein einjähriges Praktikum im B e- reich (…) begonnen. Die in der Schweiz erworbene n Fertigkeiten werden ihm in der äthiopischen Hauptstadt, welche bessere Arbeits - und Ei n- kommensmöglichkeiten als andere Städte oder ländliche Regionen bietet (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.6 S. 522), hilfreich sein. 7.4.4 Es ist mithin nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei der Rückkehr nach Äthiopien aus individuellen Gründen wirtschaftl i- cher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzielle Notlage geraten würde. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach nicht als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG. 7.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständ i- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513-515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz den Vollzug der Wegweisung nach Äthiopien wenn auch mit knapper Begründung, so doch im Ergebnis zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet hat. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt daher ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundes- recht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich vollumfänglich dem Beschwerdefüh rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Dieser hat im Rahmen seiner Beschwerde ein Gesuch um G e- währung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gestellt, das vom Instruktio nsrichter mit Verfügung vom 24. Okto-D-5343/2012 Seite 18 ber 2012 – unter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung der fina n- ziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers – gutgeheissen worden ist. Da dieser aufgrund der Aktenlage nach wie vor als prozessual bedürftig zu betrachten ist, ist die ihm gewährte unentgeltliche Rechtspflege nicht zu widerrufen und sind ihm folglich keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) D-5343/2012 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Jacqueline Augsburger Versand: