<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Übriges Verwaltungsrecht</span> <span class="page_no">309</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>XII. Übriges Verwaltungsrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>49</b></span> <span class="ft3"><b>Zugang zu amtlichen Dokumenten</b></span><br/> <span class="ft3"><b>§ 5 IDAG stellt in Fällen, in denen um Zugang zu amtlichen Dokumenten</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mit nicht anonymisierbaren Personendaten Dritter ersucht wird, keine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gesetzliche Grundlage im Sinne von § 15 Abs. 1 lit. a IDAG da.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 28. Juni</span><br/> <span class="ft4">2016 in Sachen Beauftragte für Öffentlichkeit und Datenschutz gegen Regie-</span><br/> <span class="ft4">rungsrat (WBE.2015.190).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">1.</span><br/> <span class="ft6">1.1.</span><br/> <span class="ft6">Das dem Verfahren zugrundeliegende Einsichtsgesuch stützt</span><br/> <span class="ft6">sich auf § 5 IDAG. Demnach hat jede Person Zugang zu amtlichen</span><br/> <span class="ft6">Dokumenten, unabhängig davon, welche Interessen sie mit diesem</span><br/> <span class="ft6">Zugang verfolgt.</span><br/> <span class="ft6">Ein amtliches Dokument liegt vor, wenn ein öffentliches Organ</span><br/> <span class="ft6">Verfügungsmacht über das Dokument hat, sich das Dokument auf die</span><br/> <span class="ft6">Erfüllung öffentlicher Aufgaben bezieht und sich die Informationen</span><br/> <span class="ft6">auf einem beliebigen Informationsträger befinden (§ 3 Abs. 1 lit. a</span><br/> <span class="ft6">IDAG).</span><br/> <span class="ft6">1.2.</span><br/> <span class="ft6">Der Gesuchsteller beantragte vorliegend Einsicht in den zwi-</span><br/> <span class="ft6">schen dem KSD und der Vermieterschaft geschlossenen Mietvertrag.</span><br/> <span class="ft6">Dieser Mietvertrag für eine als Asylunterkunft genutzte Liegenschaft</span><br/> <span class="ft6">bezieht sich auf die Erfüllung öffentlicher Aufgaben und befindet</span><br/> <span class="ft6">sich bei der kantonalen Verwaltung als Mieterin. Der Vertrag stellt</span><br/> <span class="ft6">somit ein amtliches Dokument dar und untersteht grundsätzlich dem</span><br/> <span class="ft6">Öffentlichkeitsprinzip.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">310</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">1.3. (...)</span><br/> <span class="ft6">1.4.</span><br/> <span class="ft6">Abgesehen von der allgemeinen Regelung der Zugangs-</span><br/> <span class="ft6">beschränkung enthält § 6 Abs. 1 IDAG für amtliche Dokumente mit</span><br/> <span class="ft6">Personendaten Dritter die Spezialregelung, wonach diese</span><br/> <span class="ft6">Personendaten auszusondern oder zu anonymisieren sind.</span><br/> <span class="ft6">Personendaten sind nach § 3 Abs. 1 lit. d IDAG alle Daten, die sich</span><br/> <span class="ft6">auf eine bestimmte oder bestimmbare Person beziehen. Eine</span><br/> <span class="ft6">Anonymisierung liegt erst vor, wenn die betroffene Person vernünf-</span><br/> <span class="ft6">tigerweise nicht identifizierbar ist (J</span><span class="ft4">ENNIFER</span> <span class="ft6">E</span><span class="ft4">HRENSPERGER</span><span class="ft6">, in:</span><br/> <span class="ft6">U</span><span class="ft4">RS</span> <span class="ft6">M</span><span class="ft4">AURER</span><span class="ft6">-L</span><span class="ft4">AMBROU</span><span class="ft6">/G</span><span class="ft4">ABOR</span> <span class="ft6">P.</span> <span class="ft6">B</span><span class="ft4">LECHTA</span> <span class="ft6">[Hrsg.], Basler Kom-</span><br/> <span class="ft6">mentar zum Datenschutzgesetz/Öffentlichkeitsgesetz, 3. Aufl., Basel</span><br/> <span class="ft6">2014, Art. 19 N 35 DSG). Ist dies nicht oder nur mit</span><br/> <span class="ft6">unverhältnismässigem Aufwand möglich, ist für den Zugang zu den</span><br/> <span class="ft6">Dokumenten § 15 IDAG zu beachten. Demnach geben öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Organe Privaten Personendaten nur bekannt, wenn</span><br/> <span class="ft6">a) sie dazu gesetzlich verpflichtet sind, oder</span><br/> <span class="ft6">b) die Bekanntgabe nötig ist, um eine gesetzliche Aufgabe</span><br/> <span class="ft6">erfüllen zu können, oder</span><br/> <span class="ft6">c) die um Auskunft ersuchende Person glaubhaft macht, dass</span><br/> <span class="ft6">sie ohne die Bekanntgabe an der Durchsetzung von</span><br/> <span class="ft6">Rechtsansprüchen gehindert wird, oder</span><br/> <span class="ft6">d) die betroffene Person eingewilligt hat.</span><br/> <span class="ft6">Ausserdem sind Personendaten weder zu anonymisieren bzw.</span><br/> <span class="ft6">auszusondern noch ist der Zugang zu beschränken, wenn der Be-</span><br/> <span class="ft6">troffene selber die Daten öffentlich zugänglich gemacht hat bzw.</span><br/> <span class="ft6">wenn der öffentliche Zugang offensichtlich im Interesse des</span><br/> <span class="ft6">Betroffenen liegt (§ 6 Abs. 3 IDAG).</span><br/> <span class="ft6">1.5.</span><br/> <span class="ft6">Der vorliegend zur Diskussion stehende Mietvertrag enthält</span><br/> <span class="ft6">Personendaten im Sinn von § 6 IDAG, da sich der Vertragsinhalt</span><br/> <span class="ft6">auch auf die Vermieterschaft bezieht. Zwar lassen sich im Vertrag</span><br/> <span class="ft6">Name und Adresse der Vermieterschaft schwärzen. Aufgrund der</span><br/> <span class="ft6">Öffentlichkeit des Grundbuchs einerseits sowie der bereits breit er-</span><br/> <span class="ft6">folgten öffentlichen Berichterstattung andererseits ist aber der Name</span><br/> <span class="ft6">der Vermieterschaft kein Geheimnis mehr bzw. lässt sich in jedem</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Übriges Verwaltungsrecht</span> <span class="page_no">311</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Fall leicht eruieren. Sämtliche übrigen Personendaten im Vertrag las-</span><br/> <span class="ft6">sen sich demzufolge, auch bei Schwärzung der Personalien, ohne</span><br/> <span class="ft6">weiteres direkt der Vermieterschaft zuordnen. Während also die Ano-</span><br/> <span class="ft6">nymisierung in Bezug auf Name und Adresse nichts bringt, würde</span><br/> <span class="ft6">die Schwärzung der übrigen Daten, insbesondere der detaillierten</span><br/> <span class="ft6">Mietkonditionen, keinen Sinn ergeben, weil gerade diese Angaben</span><br/> <span class="ft6">die Öffentlichkeit und insbesondere den Gesuchsteller interessieren.</span><br/> <span class="ft6">Damit liegt ein Dokument mit nicht anonymisierbaren Personendaten</span><br/> <span class="ft6">vor.</span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">Zu klären ist vorliegend die Frage, ob gestützt auf § 6 Abs. 2 in</span><br/> <span class="ft6">Verbindung mit § 15 IDAG der Mietvertrag als amtliches Dokument</span><br/> <span class="ft6">mit darin enthaltenen, nicht anonymisierbaren Personendaten öffent-</span><br/> <span class="ft6">lich zugänglich zu machen ist.</span><br/> <span class="ft6">2.1.</span><br/> <span class="ft6">2.1.1.</span><br/> <span class="ft6">Der Kanton Aargau regelt in einem einzigen Gesetz sowohl das</span><br/> <span class="ft6">Öffentlichkeitsprinzip (§§ 4-7 IDAG) wie auch den Datenschutz</span><br/> <span class="ft6">(§§ 8-29 IDAG) und das Archivwesen (§§ 43-48 IDAG), mit allge-</span><br/> <span class="ft6">meinen Bestimmungen für alle drei Bereiche (§§ 1-3 IDAG) und ge-</span><br/> <span class="ft6">meinsamen Bestimmungen für Öffentlichkeitsprinzip und Daten-</span><br/> <span class="ft6">schutz (§§ 30-42 IDAG). Die gemeinsamen Bestimmungen betreffen</span><br/> <span class="ft6">dabei die beauftragte Person für Öffentlichkeit und Datenschutz so-</span><br/> <span class="ft6">wie das Verfahren zur Überprüfung und Durchsetzung der sich aus</span><br/> <span class="ft6">dem Gesetz ergebenden Ansprüche.</span><br/> <span class="ft6">Während sich Einsichtsgesuche allgemein auf § 5 IDAG abstüt-</span><br/> <span class="ft6">zen können, gelangt, sofern im Dokument Personendaten enthalten</span><br/> <span class="ft6">sind, § 6 IDAG zur Anwendung. Demnach sind die Personendaten zu</span><br/> <span class="ft6">anonymisieren. Falls dies nicht möglich ist, wird auf § 15 IDAG und</span><br/> <span class="ft6">andere Erlasse verwiesen, welche den Zugang in solchen Fällen re-</span><br/> <span class="ft6">geln.</span><br/> <span class="ft6">Spezialgesetzliche Bestimmungen, welche einen Zugang zum</span><br/> <span class="ft6">nicht anonymisierbaren Mietvertrag vorsehen, sind nicht ersichtlich.</span><br/> <span class="ft6">2.1.2.</span><br/> <span class="ft6">Die Voraussetzungen nach § 15 Abs. 1 lit. c IDAG (Bekannt-</span><br/> <span class="ft6">gabe erforderlich zur Durchsetzung von Rechtsansprüchen) sowie</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">312</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">lit. d (Einwilligung der betroffenen Person) sind nicht erfüllt. Auch</span><br/> <span class="ft6">§ 15 Abs. 1 lit. b IDAG (Notwendigkeit der Bekanntgabe zur Erfül-</span><br/> <span class="ft6">lung einer gesetzlichen Aufgabe) ist nicht anwendbar. Diese Bestim-</span><br/> <span class="ft6">mung entspricht derjenigen von Art. 19 Abs. 1 lit. a des Bundesgeset-</span><br/> <span class="ft6">zes über den Datenschutz vom 19. Juni 1992 (DSG; SR 235.1), wo-</span><br/> <span class="ft6">bei die Formulierung dort etwas präziser lautet: "[...] die Daten für</span><br/> <span class="ft6">den Empfänger im Einzelfall zur Erfüllung seiner gesetzlichen Auf-</span><br/> <span class="ft6">gabe unentbehrlich sind".</span><br/> <span class="ft6">Somit stellt sich die Frage, ob die Voraussetzungen nach § 15</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 lit. a IDAG (gesetzliche Verpflichtung zur Bekanntgabe)</span><br/> <span class="ft6">gegeben sind.</span><br/> <span class="ft6">2.2.</span><br/> <span class="ft6">2.2.1.</span><br/> <span class="ft6">Ausgangspunkt der Auslegung eines Gesetzes bildet der Wort-</span><br/> <span class="ft6">laut der Bestimmung (grammatikalisches Element). Ist der Wortlaut</span><br/> <span class="ft6">klar, d.h. eindeutig und unmissverständlich, darf davon nur abgewi-</span><br/> <span class="ft6">chen werden, wenn ein triftiger Grund für die Annahme besteht, der</span><br/> <span class="ft6">Wortlaut ziele am "wahren Sinn" der Regelung vorbei. Anlass für</span><br/> <span class="ft6">eine solche Annahme können die Entstehungsgeschichte der Bestim-</span><br/> <span class="ft6">mung (historisch), ihr Zweck (teleologisch) oder der Zusammenhang</span><br/> <span class="ft6">mit andern Vorschriften (systematisch) geben. Ist der Text unklar</span><br/> <span class="ft6">bzw. nicht restlos klar und bleiben verschiedene Interpretationen</span><br/> <span class="ft6">möglich, muss nach der wahren Tragweite der Bestimmung gesucht</span><br/> <span class="ft6">werden. Dabei sind alle anerkannten Auslegungselemente zu berück-</span><br/> <span class="ft6">sichtigen (Methodenpluralismus). Von Bedeutung sind insbesondere</span><br/> <span class="ft6">der Zweck der Regelung, die dem Text zugrunde liegenden Wertun-</span><br/> <span class="ft6">gen sowie der Sinnzusammenhang, in dem die Norm steht. Bleiben</span><br/> <span class="ft6">bei nicht klarem Wortlaut letztlich mehrere Auslegungen möglich, ist</span><br/> <span class="ft6">jene zu wählen, die der Verfassung am besten entspricht. Auch eine</span><br/> <span class="ft6">verfassungskonforme Auslegung findet ihre Grenzen aber am klaren</span><br/> <span class="ft6">Wortlaut und Sinn einer Gesetzesbestimmung (BGE 140 II 495,</span><br/> <span class="ft6">Erw. 2.3 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">2.2.1.1.</span><br/> <span class="ft6">Allein gestützt auf den Wortlaut lässt sich die vorliegende Frage</span><br/> <span class="ft6">nicht beantworten. Von wesentlicher Bedeutung ist demgegenüber im</span><br/> <span class="ft6">konkreten Fall das Zusammenspiel der §§ 5, 6 und 15 IDAG.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Übriges Verwaltungsrecht</span> <span class="page_no">313</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Systematisch enthält § 5 IDAG den Grundsatz der Öffentlichkeit</span><br/> <span class="ft6">amtlicher Dokumente, wobei zur Beantwortung der Frage, ob Zu-</span><br/> <span class="ft6">gangsbeschränkungen nötig sind, regelmässig eine Interessenabwä-</span><br/> <span class="ft6">gung vorzunehmen ist (§ 5 Abs. 3 IDAG). § 6 IDAG enthält die</span><br/> <span class="ft6">spezielle Regelung, sofern die Dokumente Personendaten enthalten.</span><br/> <span class="ft6">In diesen Fällen ist grundsätzlich eine Aussonderung oder</span><br/> <span class="ft6">Anonymisierung der Dokumente vorzunehmen. Ist dies nicht mög-</span><br/> <span class="ft6">lich, besteht kein Zugangsrecht (Ausschluss der Öffentlichkeit), es</span><br/> <span class="ft6">sei denn, der Zugang sei gestützt auf § 15 IDAG zu gewähren.</span><br/> <span class="ft6">Aus systematischer Sicht erschiene es unlogisch, wenn auch das</span><br/> <span class="ft6">in § 5 Abs. 1 IDAG verankerte Öffentlichkeitsprinzip als gesetzliche</span><br/> <span class="ft6">Grundlage im Sinne von § 15 Abs. 1 lit. a IDAG zu verstehen wäre.</span><br/> <span class="ft6">Die spezielle Regelung in § 6 IDAG würde dadurch insoweit obsolet,</span><br/> <span class="ft6">als alle amtlichen Dokumente mit nicht anonymisierbaren Personen-</span><br/> <span class="ft6">daten mit dem "Umweg" über § 6 Abs. 2 in Verbindung mit § 15</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 lit. a und § 5 Abs. 1 IDAG doch wieder zugänglich würden</span><br/> <span class="ft6">(unter Vorbehalt der allgemeinen Zugangsbeschränkung nach § 5</span><br/> <span class="ft6">Abs. 3 IDAG). Diese Lösung hätte, falls sie tatsächlich so gewollt</span><br/> <span class="ft6">wäre, gesetzestechnisch deutlich einfacher geregelt werden können.</span><br/> <span class="ft6">Entsprechend lässt sich aufgrund der Systematik darauf schliessen,</span><br/> <span class="ft6">dass in § 15 Abs. 1 IDAG lediglich spezialgesetzliche Regelungen</span><br/> <span class="ft6">ausserhalb des IDAG selber gemeint sind. Dies gilt umso mehr, als</span><br/> <span class="ft6">andernfalls die Dokumente mit anonymisierbaren Personendaten</span><br/> <span class="ft6">restriktiver gehandhabt würden als diejenigen mit nicht</span><br/> <span class="ft6">anonymisierbaren Personendaten.</span><br/> <span class="ft6">2.2.1.2.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss Botschaft hat das IDAG den Zweck, einerseits die</span><br/> <span class="ft6">Transparenz der Verwaltung zu fördern, andererseits aber auch Per-</span><br/> <span class="ft6">sönlichkeit und Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger zu</span><br/> <span class="ft6">schützen und in diesem Zusammenhang den Missbrauch von Perso-</span><br/> <span class="ft6">nendaten zu verhindern (Botschaft des Regierungsrats des Kantons</span><br/> <span class="ft6">Aargau an den Grossen Rat vom 6. Juli 2005, 05.180, S. 24). Zwar</span><br/> <span class="ft6">statuiert das Öffentlichkeitsprinzip ein allgemeines und jederzeitiges</span><br/> <span class="ft6">Zugangsrecht zu amtlichen Dokumenten, für bestimmte Fälle sind je-</span><br/> <span class="ft6">doch Einschränkungen vorgesehen (Botschaft des Regierungsrats des</span><br/> <span class="ft6">Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 6. Juli 2005, 05.180,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">314</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">S. 30). In Bezug auf Personendaten wird zu § 6 IDAG in der Bot-</span><br/> <span class="ft6">schaft ausgeführt, es sei hinsichtlich der Einschränkungen das</span><br/> <span class="ft6">Verhältnismässigkeitsprinzip zu beachten. Vorenthalten werden dürfe</span><br/> <span class="ft6">nur, was zur Wahrung überwiegender öffentlicher oder privater Inte-</span><br/> <span class="ft6">ressen unbedingt notwendig sei. Unter Umständen sei den betroffe-</span><br/> <span class="ft6">nen Interessen mit Auflagen, Bedingungen oder Fristen Rechnung zu</span><br/> <span class="ft6">tragen oder je nachdem nur ein Teil der Akten zugänglich zu machen</span><br/> <span class="ft6">(Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aargau an den Grossen</span><br/> <span class="ft6">Rat vom 6. Juli 2005, 05.180, S. 31). Zu § 15 IDAG wird allerdings</span><br/> <span class="ft6">ausgeführt, Privaten würden grundsätzlich keine Personendaten be-</span><br/> <span class="ft6">kannt gegeben, weshalb ihnen konsequenterweise auch im Rahmen</span><br/> <span class="ft6">des Öffentlichkeitsprinzips keine Einsicht in amtliche Dokumente zu</span><br/> <span class="ft6">gewähren sei, wenn diese nicht anonymisierbare Personendaten ent-</span><br/> <span class="ft6">halten (Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aargau an den</span><br/> <span class="ft6">Grossen Rat vom 6. Juli 2005, 05.180, S. 39).</span><br/> <span class="ft6">Die Ausführungen in der Botschaft zu § 6 IDAG einerseits und</span><br/> <span class="ft6">§ 15 IDAG widersprechen sich zwar teilweise. Die zitierte Aussage</span><br/> <span class="ft6">zu § 15 IDAG betrifft allerdings genau die vorliegend zu beurtei-</span><br/> <span class="ft6">lende Frage, weshalb ihr im Rahmen der Auslegung nach dem Willen</span><br/> <span class="ft6">des Gesetzgebers ein erhöhtes Gewicht beizumessen ist.</span><br/> <span class="ft6">2.2.1.3.</span><br/> <span class="ft6">Sinn und Zweck des IDAG liegen zur Hauptsache darin, die</span><br/> <span class="ft6">Interessen des Anspruchs auf umfassenden Zugang zu amtlichen Do-</span><br/> <span class="ft6">kumenten einerseits und auf umfassenden Schutz der die</span><br/> <span class="ft6">Privatsphäre betreffenden Personendaten andererseits aufeinander</span><br/> <span class="ft6">abzustimmen. Zur Auflösung des dadurch entstehenden Zielkonflikts</span><br/> <span class="ft6">enthält das IDAG in § 6 Abs. 2 eine Kollisionsnorm, wonach bei</span><br/> <span class="ft6">amtlichen Dokumenten mit nicht anonymisierbaren Personendaten</span><br/> <span class="ft6">Dritter ein grundsätzlicher Vorrang zugunsten des Datenschutzes be-</span><br/> <span class="ft6">steht. Auch wenn bei Einführung des IDAG von einem richtungswei-</span><br/> <span class="ft6">senden Wechsel vom Geheimhaltungsprinzip mit Öffentlichkeitsvor-</span><br/> <span class="ft6">behalt hin zum Öffentlichkeitsprinzip mit Geheimhaltungsvorbehalt</span><br/> <span class="ft6">die Rede war (Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aargau an</span><br/> <span class="ft6">den Grossen Rat vom 6. Juli 2005, 05.180, S. 5) und mit diesem</span><br/> <span class="ft6">Richtungswechsel dem Öffentlichkeitsprinzip ein hoher Stellenwert</span><br/> <span class="ft6">eingeräumt wurde, kann somit nicht auf einen höheren Stellenwert</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Übriges Verwaltungsrecht</span> <span class="page_no">315</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">des Öffentlichkeitsprinzips im Vergleich zum Datenschutz geschlos-</span><br/> <span class="ft6">sen werden.</span><br/> <span class="ft6">2.2.1.4.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss Art. 13 Abs. 2 BV hat jede Person Anspruch auf Schutz</span><br/> <span class="ft6">vor Missbrauch ihrer persönlichen Daten. Gemäss Rechtsprechung</span><br/> <span class="ft6">beinhaltet das verfassungsmässig geschützte Recht auf informatio-</span><br/> <span class="ft6">nelle Selbstbestimmung, dass grundsätzlich ohne Rücksicht darauf,</span><br/> <span class="ft6">wie sensibel die fraglichen Informationen tatsächlich sind, dem</span><br/> <span class="ft6">Einzelnen die Herrschaft über seine personenbezogenen Daten zu-</span><br/> <span class="ft6">steht (BGE 138 II 346, Erw. 8.2). Demnach muss jede Person gegen-</span><br/> <span class="ft6">über fremder, staatlicher oder privater Bearbeitung und Speicherung</span><br/> <span class="ft6">von sie betreffenden Informationen bestimmen können, ob und zu</span><br/> <span class="ft6">welchem Zwecke diese Informationen über sie bearbeitet und gespei-</span><br/> <span class="ft6">chert werden (BGE 140 I 2, Erw. 9.1). Der sachliche Anwendungsbe-</span><br/> <span class="ft6">reich von Art. 13 Abs. 2 BV setzt somit voraus, dass Personendaten</span><br/> <span class="ft6">bearbeitet werden. Als persönlich gelten alle Daten, die sich auf die</span><br/> <span class="ft6">betroffene Person beziehen, also etwa auch Informationen über die</span><br/> <span class="ft6">wirtschaftlichen Verhältnisse (E</span><span class="ft4">VA</span> <span class="ft6">M</span><span class="ft4">ARIA</span> <span class="ft6">B</span><span class="ft4">ELSER</span><span class="ft6">, in: E</span><span class="ft4">VA</span> <span class="ft6">M</span><span class="ft4">ARIA</span><br/> <span class="ft6">B</span><span class="ft4">ELSER</span><span class="ft6">/A</span><span class="ft4">STRID</span> <span class="ft6">E</span><span class="ft4">PINEY</span><span class="ft6">/B</span><span class="ft4">ERNHARD</span> <span class="ft6">W</span><span class="ft4">ALDMANN</span><span class="ft6">, Datenschutz,</span><br/> <span class="ft6">Grundlagen und öffentliches Recht, Bern 2011, § 6 N 31). Bearbeiten</span><br/> <span class="ft6">stellt jeden Umgang mit personenbezogenen Angaben dar, insbeson-</span><br/> <span class="ft6">dere auch die Weitergabe (B</span><span class="ft4">ELSER</span><span class="ft6">, a.a.O., § 6 N 95). Somit fällt die</span><br/> <span class="ft6">Offenlegung des nicht anonymisierbaren Mietvertrags in den sachli-</span><br/> <span class="ft6">chen Anwendungsbereich des Grundrechts auf informationelle</span><br/> <span class="ft6">Selbstbestimmung. Im Gegensatz etwa zum Kanton Bern, wo ein</span><br/> <span class="ft6">Grundrecht auf Zugang zu amtlichen Dokumenten statuiert ist (vgl.</span><br/> <span class="ft6">Art. 17 Abs. 3 der Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993</span><br/> <span class="ft6">[KV; BSG 101.1]), stellt der Zugang zu amtlichen Dokumenten im</span><br/> <span class="ft6">Kanton Aargau lediglich ein Prinzip dar, auf das kein</span><br/> <span class="ft6">verfassungsmässiger Anspruch besteht (vgl. die Einordnung von § 72</span><br/> <span class="ft6">KV ausserhalb des Grundrechtskatalogs sowie Botschaft des Regie-</span><br/> <span class="ft6">rungsrats des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 6. Juli 2005,</span><br/> <span class="ft6">05.180, S. 23), wohingegen sich das Recht auf informationelle</span><br/> <span class="ft6">Selbstbestimmung unter anderem aus internationalen Konventionen</span><br/> <span class="ft6">(Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte vom</span><br/> <span class="ft6">16. Dezember 1966 [SR 0.103.2] und EMRK) sowie der BV ergibt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">316</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Deshalb ist gestützt auf eine verfassungskonforme Auslegung für</span><br/> <span class="ft6">einen Eingriff in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestim-</span><br/> <span class="ft6">mung eine klare gesetzliche Grundlage erforderlich. Eine solche ist</span><br/> <span class="ft6">indessen im vorliegenden Kontext nicht erkennbar.</span><br/> <span class="ft6">2.2.1.5.</span><br/> <span class="ft6">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass alle Auslegungs-</span><br/> <span class="ft6">elemente den Schluss nahe legen, dass in Fällen, in denen um Zu-</span><br/> <span class="ft6">gang zu amtlichen Dokumenten ersucht wird, die nicht anonymisier-</span><br/> <span class="ft6">bare Personendaten Dritter enthalten, § 5 IDAG keine gesetzliche</span><br/> <span class="ft6">Grundlage im Sinne von § 15 Abs. 1 lit. a IDAG darstellt. Auch</span><br/> <span class="ft6">wenn sich Gesuche um Zugang zu amtlichen Dokumenten in vielen</span><br/> <span class="ft6">Fällen auf Dokumente beziehen, die nicht anonymisierbare</span><br/> <span class="ft6">Personendaten enthalten, sind aufgrund des IDAG in der geltenden</span><br/> <span class="ft6">Fassung solche Gesuche abzuweisen. Sollte es dem Willen des</span><br/> <span class="ft6">Gesetzgebers entsprechen, dass auch nicht anonymisierbare Doku-</span><br/> <span class="ft6">mente zugänglich zu machen sind, so hätte er dies - beispielsweise</span><br/> <span class="ft6">wie der Bundesgesetzgeber mit Art. 19 Abs. 1</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span> <span class="ft6">DSG - entsprechend</span><br/> <span class="ft6">zu legiferieren.</span><br/> <span class="ft6">(...)</span><br/> <span class="ft6">2.2.2.</span><br/> <span class="ft6">Vorliegend wäre für einen Anspruch auf Zugang zu amtlichen</span><br/> <span class="ft6">Dokumenten mit nicht anonymisierbaren Personendaten Dritter eine</span><br/> <span class="ft6">gesetzliche Grundlage Voraussetzung. Da eine solche jedoch nicht</span><br/> <span class="ft6">vorhanden ist, stellt sich zusätzlich die Frage, ob der Mietvertrag auf-</span><br/> <span class="ft6">grund des Verhältnismässigkeitsprinzips teilweise zugänglich ge-</span><br/> <span class="ft6">macht werden soll. Ein solches Vorgehen ergibt jedoch keinen Sinn,</span><br/> <span class="ft6">da Leistung und Gegenleistung in einem Austauschverhältnis</span><br/> <span class="ft6">zueinander stehen, weshalb es wenig aussagekräftig wäre, nur ein-</span><br/> <span class="ft6">zelne Verpflichtungen - beispielsweise ausschliesslich den Mietzins</span><br/> <span class="ft6">- offen zu legen. Nachdem somit auch eine teilweise Zugänglichma-</span><br/> <span class="ft6">chung nicht zielführend ist, ist die Beschwerde vollumfänglich abzu-</span><br/> <span class="ft6">weisen.</span><br/></div> </div> </body> </html>