B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4405/2020 U r t e i l v o m 1 8 . S e p t e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Barbara Balmelli (Vorsitz), Richterin Constance Leisinger, Richterin Roswitha Petry, Gerichtsschreiber Olivier Gloor. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch Kerstin Krüger, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren Nordwestschweiz, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch (sicherer Drittstaat) und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 27. August 2020 / N (…). E-4405/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden suchten am 28. Mai 2020 in der Schweiz um Asyl nach. Tags darauf fand d ie Personalienaufnahme statt. Am 2. Juni 2020 bevollmächtigten sie die ihnen zugewiesene Rechtsvertretung. B. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruckdatenb ank (Zentralein- heit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführenden am 18. Mai 2017 in Bulgarien um Asyl ersucht hatten und ihnen dort am 11. August 2017 inter- nationaler Schutz gewährt wurde. Ferner ersuchten sie am 15. November 2017 um Asyl in Deutschland. C. Anlässlich des am 8. Juni 2020 durchgeführten Dublin -Gesprächs führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus, ihr und ihrer Familie sei im Jahre 2017 in Bulgarien Asyl erteilt worden. Noch im selben Jahr seien sie nach Deutschland weitergereist, wo ihr Asylgesuch jedoch abgelehnt wor- den sei. Sie hätten sich die letzten Jahre in Deutschland aufgehalten. We- gen Problemen mit dem Ehemann – dieser wolle sie umbringen – sei sie mit den Kindern in die Schweiz gereist und ersuche um Asyl nach. Sie führe hier eine Beziehung mit einem anderen Mann. Ihre Reisedokumente seien damals auf dem Weg nach Deutschland vernichtet worden. Zu einer möglichen Überstellung nach Deutschland gab die Beschwerde- führerin an, sie werde sich das Leben nehmen, falls sie wieder nach Deutschland zurück müsse. Ihr Mann wolle sie umbringen. Auch die Kinder seien von ihm misshandelt worden und hätten Angst vor dem Vater. Sie hätten ihn bei der Polizei angezeigt. Zu einer möglichen Überstellung nach Bulgarien gab die Beschwerdefüh- rerin sinngemäss an, sie sei en dort 15 Tage inhaftiert worden, die Kinder hätten nicht zur Schule gehen können und sie hätten nichts zu Essen und keine finanzielle Unterstützung gehabt. Sie hätten hin und wieder betteln müssen. Sie habe sich dort Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder gemacht. Sodann führte die Beschwerdeführerin aus, dass zwei ihrer Kinder krank seien und zwei kaum sprechen würden. Der ältere Sohn sei traumatisiert. Die entsprechenden medizinischen Akten habe sie in Deutschland zurück- gelassen. E-4405/2020 Seite 3 D. Die Vorinstanz ersuchte die deutschen Behörden mit Schreiben vom 8. Juni 2020 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (Neufassung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dublin-III-VO) um Wiederaufnahme der Beschwerdeführen- den. E. Mit Mitteilung vom 10. Juni 2020 lehnten die deutschen Behörden das Wie- deraufnahmeersuchen der Vorinstanz – unter Verweis auf den in Bulgarien gewährten Schutzstatus – ab. F. Die Vorinstanz ersuchte die bulgarischen Behörden am 12. Juni 2020 ge- stützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver- fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Dritt- staatsangehöriger (nachf olgend: Rückführungsrichtlinie) sowie das Ab- kommen vom 21. November 2008 zwischen dem Schweizerischen Bun- desrat und der Regierung der Republik Bulgarien über die Rückübernahme von Personen mit unbefugtem Aufenthalt (SR 0.142.112.149; nachfolgend: bilaterales Rückübernahmeabkommen) um Wiederaufnahme der Be- schwerdeführenden. G. Mit Mitteilung vom 15. Juni 2020 bestätigten die bulgarischen Behörden den Status der Beschwerdeführenden und stimmten dem Wiederaufnah- meersuchen der Vorinstanz zu. Weiter wird in der Mitteilung ausgeführt, den Beschwerdeführenden sei in Bulgarien der Flüchtlingsstatus zuerkannt worden. H. Am 7. Juli 2020 teilte die Vorinstanz den Beschwerdeführenden mit, sie beabsichtige, gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR. 142.31) auf ihre Asylgesuche nicht einzutreten und sie nach Bulgarien wegzuweisen. Dazu räumte sie ihnen das rechtliche Gehör ein. E-4405/2020 Seite 4 I. Die Beschwerdeführenden nahmen im Rahmen des ihnen eingeräumten rechtlichen Gehörs zum geplanten Nichteintretensentscheid mit Schreiben vom 10. Juli 2020 Stellung und machten darin geltend, sie hätten Bulgarien damals aufgrund der prekären Lebensverhältnisse verlassen. Während des Asylverfahrens sei die ganze Familie während 15 Tagen inhaftiert wor- den. Nach Anerkennung ihres Schutzstatus hätten sie in Armut gelebt. Es habe keinen Zugang zum Arbeitsmarkt gegeben und die Familie habe ihre Mietwohnung und die benötigten Lebensmittel nicht bezahlen können. Mangels staatlicher Unterstützung hätten sie Betteln gehen müssen. Sodann gebe es in Bulgarien seit 2014 keine Integrationsmassnahmen für Personen mit Schutzstatus mehr und es bestehe insbesondere kein An- spruch auf Unterbringung. Der Zugang zu staatlicher Unterstützung oder einer Mietwohnung sei bereits aufgrund der administrativen Hürden prak- tisch unmöglich. Bei der Beschwerdeführerin handle es sich ferner um eine alleinstehende Mutter mit vier Kindern, welche in Bulgarien nicht hätten zur Schule gehen können. Ihnen allen drohe bei einer Rückkehr nach Bulga- rien Obdachlosigkeit und Hungersnot, weshalb eine Überstellung dem Re- foulement-Verbot sowie dem Kindeswohl klar entgegenstehe. J. Am 25. August 2020 räumte die Vorinstanz den Beschwerdeführenden Ge- legenheit ein, zum Entscheidentwurf Stellung zu nehmen. K. In ihrer Stellungnahme vom 26. August 2020 führten die Beschwer defüh- renden im Wesentlichen aus, nach der ihnen in Bulgarien erteilten Schutz- gewährung habe sich ihre Situation nicht verbessert, sondern verschlech- tert. S ie hät ten zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes Betteln gehen müssen. Sie seien vulnerable Personen und es lägen zahlreiche Indizien für ihre angeschlagene psychische Gesundheit beziehungsweise ihre Traumatisierung vor, welche in Bulgarien nicht behandelt werden könne. L. Mit Verfügung vom 27. August 2020 trat die Vorinstanz auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen, ansonsten sie in Haft genommen und unter Zwang nach Bulgarien zurückgeführt würden. Gleichzeitig beauf-E-4405/2020 Seite 5 tragte die Vorinstanz den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Weg- weisung und händigte den Beschwerdeführenden die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus. M. Mit Eingabe vom 3. September 2020 reichten die Beschwerdeführenden gegen den Entsche id der Vorinstanz Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht ein. Sie beantragen, die angefochtene Verfügung sei vollum- fänglich aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung zur rechtsgenüg- lichen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. Subeventualiter sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs festzustellen. Ferner sei ihnen die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und insbesondere von der Erhebung eines Kostenvorschus- ses abzusehen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh- renden sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. In der angefochtenen Verfügung hält die Vorinstanz fest, die Beschwerde- führenden seien in Bulgarien als Flüchtlinge anerkannt, weshalb es ihnen an einem schutzwürdigen Interesse bezüglich der Behandlung ihrer Asyl- gesuche durch die Schweizer Behörden fehle. Ferner handle es sich bei Bulgarien um einen sicheren Drittstaat, weshalb auf die Asylgesuche nicht einzutreten und das Refoulement-Verbot nicht näher zu prüfen sei. E-4405/2020 Seite 6 Im Zusammenhang mit der Zumutbarkeit der Überstellung nach Bulgarien verweist die Vorinstanz auf die Qual ifikationsrichtlinie (Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezem- ber 2011 über Normen für die Anerken nung von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Personen mit Anspruch auf internationalen Schutz, für einen einheitlichen Status für Flüchtlinge oder für Personen mit Anrecht auf subsidiären Schutz und für den Inhalt des zu gewährenden Schutzes) welche den Beschwerdeführenden unter anderem den Zugang zu medizi- nischer Versorgung, zum Arbeitsmarkt sowie Sozialleistungen gewähre. Sodann vermöchten sie aus den zitierten Urteilen nichts zu ihren Gunsten abzuleiten, da es sich dabei um Einzelfälle handle, welche nicht mit der Situation der Besch werdeführenden vergleichbar sei. Die allgemeine an- gespannte ökonomische Situation in Bulgarien stehe einem Wegweisungs- vollzug nicht entgegen und es sei ihnen unbenommen, ihre Ansprüche al- lenfalls auf dem Rechtsweg geltend zu machen. Zudem verfüge Bulgarien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur und ihrem aktuellen Ge- sundheitszustand werde bei der Überstellung Rechnung getragen. 4. In der Rechtsmitteleingabe wird im Wesentlichen geltend gemacht, die Vorinstanz habe den medizinischen Sachverhalt u ngenügend abgeklärt beziehungsweise unvollständig erhoben. Auch habe sie die im Rahmen des rechtlichen Gehörs erhobenen Einwände nicht gewürdigt und damit die Begründungspflicht verletzt. Die Beschwerde sei deshalb bereits aus for- mellen Gründen aufzuheben und zurückzuweisen. Zudem würden die Verhältnisse in Bulgarien sowohl von zahlreichen nati- onalen und als auch internationalen Organisationen äusserst kritisch beur- teilt. Namentlich würden unter anderem die fehlenden Integrationsleistun- gen, das hohe Risiko von Obdachlosigkeit und die weit verbreitete Frem- denfeindlichkeit angeprangert. Sodann bestünden Mängel im Asylsystem sowie den damit verbundenen Hilfsdiensten und es werde von fehlender Grundversorgung, unverhältnismässigen Inhaftierungen und Misshandlun- gen berichtet. Auch hätten sich in den letzten Jahren zahlreiche Gerichte diverser europäischer Länder gegen die Überstellung von Personen mit Schutzstatus nach Bulgarien ausgesprochen. Des Weiteren habe die Vor- instanz bei ihrer Beurteilung die von den Beschwerdeführenden geschil- derten Erlebnisse, insbesondere das Fehlen der notwendigen Lebens- grundlagen, völlig ignoriert. Ferner sei nicht berücksichtigt worden, dass die auf sich allein e gestellte und für mehrere Kinder verantwortliche Be- schwerdeführerin in Bulgarien auf unüberwindbare Hindernisse stossen E-4405/2020 Seite 7 würde, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Die gesetzliche Regelver- mutung, wonach Bulgarien seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach- kommen werde, könne aufgrund des Ausgeführten – insbesondere der Vul- nerabilität der Beschwerdeführenden – nicht aufrechterhalten werden. Der Vollzug der Wegweisung würde gegen Art. 3 EMRK sowie Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) verstossen. Die Asylgesuche der Beschwerdeführenden seien in Anwendung der Souverenitätsklausel in der Schweiz zu prüfen. 5. Der Bundesrat hat sichere Drittstaaten bezeichnet, in denen nach seinen Feststellungen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Durch den Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche Länder der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet, mithin auch Bulgarien. Die Beschwerdeführenden machen nicht geltend, sie befürchteten von den bulgarischen Behörden in einen Verfolgerstaat ab geschoben zu werden. Somit machen sie keine Umstände geltend, welche als Einwände gegen die in Art. 6a Abs. 2 AsylG statuierte Regelvermutung zu behandeln wären. Solches ist auch nicht ersichtlich. Vielmehr wurde in Bulgarien ihre Flücht- lingseigenschaft anerkannt. Die Vorinstanz ist demgemäss zu Recht ge- stützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf die Asylgesuche nicht eingetre- ten. Ergänzend ist festzuhalten, dass bei Drittstaatenkonstellationen kein Raum für die Anwendung der Souverenitätsklausel (vgl. Art. 17 Dublin-III- VO i.V.m. Art. 29a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311] besteht. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG). E-4405/2020 Seite 8 7. 7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 1 AIG (SR 142.20) i.V.m. Art. 44 AsylG regelt die Behörde das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmun- gen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern, wenn der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, zumutbar oder möglich ist. Vorliegend ist einzig der Vollzug nach Bulgarien einer Prüfung zu unterzie- hen, nicht aber ein solcher in den Heimat - oder Herkunftsstaat der Be- schwerdeführenden. 7.2 7.2.1 Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenste- hen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Pra- xis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder er- niedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.2.2 Sodann kann der Vollzug der Wegweisung nach Art. 83 Abs. 4 AIG für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat - oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, all- gemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. 7.2.3 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG hat der Bundesrat Bulgarien als Staat bezeichnet, in welchen die Rückkehr in der Regel zumutbar ist (vgl. An- hang 2 der Verordnung über den Vollzug der Weg- und Ausweisung sowie der Landesverweisung von ausländischen Personen [VVWAL, SR 142.281]). Es obliegt der betroffenen Person, diese Legalvermutung umzustossen (vgl. Urteil des BVGer E-2613/2020 vom 28. Mai 2020 E.8). E-4405/2020 Seite 9 7.3 7.3.1 Die Vorinstanz hat bereits zutreffend auf die Verpflichtungen Bulgari- ens gegenüber Schutzberechtigten unter anderem in Bezug auf die Unter- bringung, die medizinische Versorgung, Sozialhilfe und den Zugang zum Arbeitsmarkt hingewiesen, welche sich insbesondere aus der Qualifikati- onsrichtlinie sowie aus der Flüchtlingskonvention ergeben. Was die von den Beschwerdeführenden in der Rechtsmitteleingabe erneut vorgebrachten Schwierigkeiten insbesondere betreffend Zugang zu Unter- künften und staatlicher Unterstützung anbelangt, anerkennt das Gericht, dass die Situation in Bulgarien teilweise problematisch ist. Dennoch geht das Gericht nicht davon aus, die bekannten Unzulänglichkeiten würden in einer Weise auftreten, welche darauf schliessen liesse, Bulgarien sei grundsätzlich nicht gewillt oder nicht fähig, Schutzberechtigten die ihnen zustehenden Rechte und Ansprüche zu gewähren beziehungsweise dass diese bei Bedarf nicht auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden könnten . In dem in der Rechtsmitteleingabe zitierten Referenzurteil F -7195/2018 des Bundesverwaltungsgerichts vom 11. Februar 2020 wurden im Zusam- menhang mit Dublin-Überstellungen nach Bulgarien zwar Mängel bezüg- lich des Asylverfahrens und der Aufnahmebedingungen festgestellt, diese wurden im Ergebnis je doch nicht als systemisch qualif iziert (vgl. a.a.O. E. 6.6.7). Das Gericht kam unter anderem zum Schluss, es bestünden keine Hinweise darauf, r ücküberstellten Personen würden in Bulgarien keine Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden (vgl. a.a.O. E. 6.6.4). Die Stellung der Beschwerdeführenden ist im Vergleich dazu insofern privile- giert, als sie nicht als Asylgesuchsteller , sondern als anerkannte Flücht- linge überstellt würden . Sodann ist festzuhalten, dass der Bundesrat auf seine Einschätzung im Zusammenhang mit der Zumutbarkeitsvermutung betreffend Überstellungen nach Bulgarien (welche periodisch zu überprü- fen ist [vgl. Art. 83 Abs. 5bis AIG]), denn bisher auch nicht zurückgekommen ist. Im Zusammenhang mit den Verweisen auf die Rechtsprechung and erer europäischer Staaten betreffend Bulgarien ist im Wesentlichen festzuhal- ten, dass diese kein einheitliches Bild ergibt. So vermögen die französi- schen Rechtsprechungsorgane im Rahmen von Dublin -Verfahren keine systemischen Mängel zu erkennen, wohingegen die italienische Recht- sprechung starke Bedenken im Zusammenhang mit den Aufnahmebedin- gungen äussert (vgl. Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.5.1 f.). Sodann trifft zu, dass mittlere deutsche Rechtssprechungsinstanzen selbst bei Perso- nen mit Schutzstatus in Bulgarien von einem hohen Risiko unmenschlicher E-4405/2020 Seite 10 Behandlung ausgegangen sind, wobei diese Ansicht vom deutschen Bun- desverwaltungsgericht insofern relativiert wurde, indem es gewisse Zweifel an der genügenden Sachverhaltsabklärung bezogen auf die Verhältnisse in Bulgarien durch die Vor instanz äusserte (vgl. a.a.O. E. 6.5.3. m.w.H., insbesondere den Entscheid 1 B 25.18 des deutschen Bundesverwal- tungsgerichts 8. August 2018). Aufgrund des Ausgeführten vermag der Verweis auf die ausländische Rechtsprechung an der eingangs beschrieben Einschätzung, dass Bulga- rien seinen Verpflichtungen gegenüber Schutzberechtigten grundsätzlich nachkommt, nichts zu ändern. 7.3.2 Zu den gesundheitliche n Vorbringen der Beschwerdeführenden ist festzuhalten, dass insbesondere die geltend gemachten und vorliegend nicht durch ärztliche Diagnosen ausgewiesenen psychischen Probleme auch in Bulgarien behandelt werden können (vgl. dazu auch Art. 83 Abs. 5 i.V.m. Art. 18 Abs. 1 Bst. b VVWAL). Gleiches gilt für die sich aus den vor- instanzlichen Prozessakten ergebenden und auf Beschwerdeebene nicht explizit vorgebrachten Sehschwächen der Kinder, ihre angeführten Kopf- schmerzen wegen zugefügter Schläge durch den Vater, die Borreliose-In- fektion der Beschwerdeführerin sowie ihre verstärkten Monatsblutungen. Zum Vorbringen, es seien in der angefochtenen Verfügung die geschilder- ten Erlebnisse in Bulgarien zu wenig berücksichtigt worden, ist festzuhal- ten, dass die Vorinsta nz zutreffend festhielt, Schutzberechtigte könnten ihre Ansprüche bei ungerechtfertigter Verweigerung auf dem Rechtsweg geltend machen. Die Beschwerdeführenden haben dagegen weder im erstinstanzlichen Verfahren noch im Beschwerdeverfahren dargelegt, wel- che konkreten Schritte sie in den rund vier Monaten nach Anerkennung ihres Schutzstatus im Zusammenhang mit den geltend gemachten vorent- haltenen Ansprüchen eingeleitet hätten. Der Umstand, dass die Beschwer- deführerin sich als alleinstehende Mutter um vier Kinder kümmern muss, kann sie nicht davon befreien, nötigenfalls die erforderlichen Schritte ge- genüber den bulgarischen Behörden beziehungsweise dem bulgarischen Staat – welcher im Übrigen die Kindesschutzkonvention ratifiziert hat – ein- zuleiten. Aufgrund des Ausgeführten ist ergänzend festzuhalten, dass nicht festge- stellt werden kann, der angefochtene Entscheid habe sich unzureichend mit den Vorbringen der Beschwerdeführenden zur ihrer Gesundheit und ihren Erlebnissen in Bulgarien auseinandergesetzt. Die Rügen, das SEM E-4405/2020 Seite 11 habe den Sachverhalt unvollständig erhoben und die Begründungspflicht verletzt, gehen demnach fehl. Die Vorbringen gegen den Wegweisungs vollzug erweisen sich nach dem Ausgeführten sowohl unter dem Aspekt der Zulässigkeit als auch der Zu- mutbarkeit als unbegründet. 7.4 Der Vollzug der Wegweisung ist schliesslich nach Art. 83 Abs. 2 AIG möglich, da die bulgarischen Behörden einer Rückübernahme d er Be- schwerdeführenden ausdrücklich zugestimmt haben, sie dort aufgrund ih- rer anerkannten Flüchtlingseigenschaft über eine Aufenthaltsbewilligung verfügen und den Akten keine Hinweise auf eine Reiseunfähigkeit zu ent- nehmen sind. 7.5 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll- zug nicht entgegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um ein temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitä- ten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation in Bulgarien angepasst wird (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis- sion [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e sowie das Urteil des BVGer D-4796/2019 vom 27. April 2020 E. 8.9 m.w.H.). 7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfü gung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Die Beschwerdeführenden stellen in ihrer Rechtsmitteleingabe das Ge- such um unentgeltliche Prozessführung, inklusive Verzicht au f Erhebung eines Kostenvorschusses. 9.2 Die Beschwerdeinstanz befreit eine Partei, welche nicht über die erfor- derlichen Mittel verfügt, auf Antrag von den Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren nicht als aussichtslos erscheint (Art. 65 Abs. 1 VwVG). E-4405/2020 Seite 12 Da die Rechtsbegehren der Beschwerdeführenden nicht als von vornhe- rein aussichtslos zu bezeichnen sind und aufgrund ihrer gegenwärtigen Si- tuation von ihrer Bedürftigkeit auszugehen ist (vgl. unter anderem Art. 43 Abs. 1 AsylG), ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess- führung gutzuheissen und auf die Auferlegung der Verfahrenskosten zu verzichten. Mit vorliegendem Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf Erhebung eines Kos- tenvorschusses gegenstandslos geworden. (Dispositiv nächste Seite) E-4405/2020 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Barbara Balmelli Olivier Gloor Versand: