<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 34 S.108</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">108</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft1"><b>34 §</b></span> <span class="ft1"><b>26</b></span><span class="ft3"><sup><b>quinquies</b></sup></span> <span class="ft1"><b>KZG</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Wird die Verfassungswidrigkeit einer anspruchsausschliessenden Norm</b></span><br/> <span class="ft1"><b>festgestellt, finden die Regeln über die Rückwirkung keine Anwendung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>und der Anspruch auf Kinderzulagen ist ohne deren Anwendung zu be-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>urteilen (Erw. 3c und d).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 4. Kammer, vom 13. Januar</span><br/> <span class="ft2">2001 in Sachen E. und A.S. gegen SVA</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">3. c) Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin handelt es</span><br/> <span class="ft5">sich beim Grundsatzurteil des Versicherungsgerichts vom 18. August</span><br/> <span class="ft5">1998 (vgl. AGVE 2001 32 107) nicht um eine Praxisänderung und</span><br/> <span class="ft5">auch nicht um eine Gesetzesänderung. Vielmehr wurde im damaligen</span><br/> <span class="ft5">Verfahren die Norm eines kantonalen Gesetzes (§ 2 Abs. 2 KZG)</span><br/> <span class="ft5">überprüft. Dieses sogenannte akzessorische Prüfungsrecht führt nicht</span><br/> <span class="ft5">zur formellen Aufhebung von Rechtsnormen. Es gibt dem Gericht</span><br/> <span class="ft5">lediglich die Befugnis, den betreffenden Rechtssatz als rechtswidrig</span><br/> <span class="ft5">zu erklären und ihm in dem zu beurteilenden Fall die Anwendung zu</span><br/> <span class="ft5">versagen. Die Norm wird also durch ein negatives Prüfungsergebnis</span><br/> <span class="ft5">nicht aufgehoben, doch kann ihre Rechtswidrigkeit in jedem weite-</span><br/> <span class="ft5">ren Anwendungsfall geltend gemacht werden; der negative Entscheid</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Kinderzulagen</span> <span class="page_no">109</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">wirkt somit faktisch wie eine Ungültigerklärung (Häfelin/Haller,</span><br/> <span class="ft5">Schweizerisches Bundesstaatsrecht, Zürich 1998, S. 594, N 1798).</span><br/> <span class="ft5">Die formelle Aufhebung der für rechtswidrig erklärten Rechtsnorm</span><br/> <span class="ft5">ist jedoch ausschliesslich Sache der zuständigen Rechtssetzungsor-</span><br/> <span class="ft5">gane.</span><br/> <span class="ft5">Eine Praxisänderung kann schliesslich nur dann vorliegen,</span><br/> <span class="ft5">wenn vorgängig über längere Zeit eine gefestigte Gerichtspraxis</span><br/> <span class="ft5">bestanden hat, d.h. ein Gericht muss in mehreren Fällen jeweils</span><br/> <span class="ft5">gleich entschieden haben und so eine Vertrauensbasis auch für zu-</span><br/> <span class="ft5">künftige Fälle begründet haben. Im vorliegenden Fall bestand vor</span><br/> <span class="ft5">dem Urteil vom 18. August 1998 aber keine Praxis des aargauischen</span><br/> <span class="ft5">Versicherungsgerichts, wonach § 2 Abs. 2 KZG verfassungskonform</span><br/> <span class="ft5">und demzufolge uneingeschränkt anwendbar sei. Mit dem Entscheid</span><br/> <span class="ft5">von 1998 konnte denn auch keine gefestigte Praxis geändert werden.</span><br/> <span class="ft5">d) Da somit weder eine Gesetzes- noch eine Praxisänderung</span><br/> <span class="ft5">vorliegt, sind die von der Lehre und Rechtsprechung aufgestellten</span><br/> <span class="ft5">(und von der Beschwerdegegnerin zur Begründung ihres Entscheides</span><br/> <span class="ft5">beigezogenen) Grundsätze bezüglich der Rückwirkung bei derartigen</span><br/> <span class="ft5">Fällen der Änderung der Rechtsgrundlage in concreto nicht anwend-</span><br/> <span class="ft5">bar. Allein massgebend ist, dass § 2 Abs. 2 KZG als verfassungswid-</span><br/> <span class="ft5">rig erklärt wurde und daher keine Anwendung finden darf. Das Be-</span><br/> <span class="ft5">gehren der Beschwerdeführerin ist demzufolge gestützt auf das KZG,</span><br/> <span class="ft5">jedoch ohne Beachtung der genannten Norm zu beurteilen. Soweit</span><br/> <span class="ft5">sich durch die Nichtanwendbarkeit dieser Norm eine Gesetzeslücke</span><br/> <span class="ft5">ergibt, so ist dieser Mangel gestützt auf die allgemeinen Grundsätze</span><br/> <span class="ft5">der Lückenfüllung zu lösen; die angesprochene Rückwirkungspro-</span><br/> <span class="ft5">blematik stellt sich mithin in diesem Zusammenhang gar nicht.</span><br/></div> </div> </body> </html>