<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">427</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VII. Verwaltungsrechtspflege</b></span><br/> <span class="ft3"><b>90</b></span> <span class="ft3"><b>§ 42 Abs. 1 lit. a VRPG, § 4 Abs. 2 BauG und § 60 Abs. 2 BauV</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die Beschwerdeberechtigung in Bausachen setzt voraus, dass sich die be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>treffende Person mittels einer formrichtige Einwendung am erstinstanz-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>lichen Verfahren beteiligt hat; die im Einwendungsverfahren gestellte An-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>träge bestimmen den Streitgegenstand im Beschwerdeverfahren. An</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Laieneingaben sind jedoch keine allzu hohen Anforderungen zu stellen.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 25. Januar 2017 i.S. M.B. ge-</span><br/> <span class="ft4">gen den Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (Abteilung für</span><br/> <span class="ft4">Baubewilligungen)/Gemeinderats W. (RRB Nr. 2017-000052)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">1.</span><br/> <span class="ft6">1.1</span><br/> <span class="ft6">Im vorliegenden Verfahren stellt sich vorab die Frage der Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdelegitimation: Die Beschwerdegegner R. und C.S. bestreiten</span><br/> <span class="ft6">die Beschwerdeberechtigung von M. B. (nachstehend: Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führerin) und machen geltend, die Beschwerdeführerin habe sich</span><br/> <span class="ft6">innerhalb der Auflagefrist nicht formrichtig am erstinstanzlichen</span><br/> <span class="ft6">Verfahren beteiligt, weil ihre Einwendung vom 24. Juni 2015 - trotz</span><br/> <span class="ft6">vermutungsweisem Hinweis auf die Formerfordernisse einer</span><br/> <span class="ft6">Einwendung in der Baugesuchspublikation - keinen Antrag enthalten</span><br/> <span class="ft6">habe; der Gemeinderat W. hätte daher auf die Einwendung gar nicht</span><br/> <span class="ft6">eintreten dürfen und die Berechtigung zur anschliessenden Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführung sei verwirkt worden. Selbst wenn man aber zu</span><br/> <span class="ft6">Gunsten der Beschwerdeführerin von einem zumindest sinngemäss</span><br/> <span class="ft6">gestellten Antrag im Einwendungsverfahren ausgehen wolle, betreffe</span><br/> <span class="ft6">dieser ausschliesslich den Gewässerabstand; alle übrigen Punkte</span><br/> <span class="ft6">habe die Beschwerdeführerin verspätet - lange nach Ablauf der Ein-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">428</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">wendungsfrist - vorgebracht. Daher sei das Beschwerdeverfahren in</span><br/> <span class="ft6">diesem Eventualfalle auf den Punkt des Gewässerabstandes be-</span><br/> <span class="ft6">schränkt.</span><br/> <span class="ft6">1.2</span><br/> <span class="ft6">Zur Beschwerde ist berechtigt, wer ein schützenswertes eigenes</span><br/> <span class="ft6">Interesse an der Aufhebung oder Änderung des Entscheids hat (vgl.</span><br/> <span class="ft6">§ 42 Abs. 1 lit. a VRPG). In Bausachen sind diese Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft6">in aller Regel für unmittelbare Nachbarn des Bauvorhabens ohne</span><br/> <span class="ft6">weiteres zu bejahen; zu Recht anerkennen die Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft6">dies auch bei der Beschwerdeführerin, die unmittelbar auf der gegen-</span><br/> <span class="ft6">überliegenden Strassenseite der Bauparzelle wohnt. Zusätzlich wird</span><br/> <span class="ft6">allerdings in Bausachen für die Beschwerdeberechtigung verlangt,</span><br/> <span class="ft6">dass sich die betreffende Person mittels einer formrichtigen - d.h.</span><br/> <span class="ft6">schriftlichen sowie Antrag und Begründung enthaltenden - Einwen-</span><br/> <span class="ft6">dung am erstinstanzlichen Verfahren beteiligt hat und mit dieser</span><br/> <span class="ft6">nicht oder nur teilweise durchgedrungen ist (sog. Erfordernis der for-</span><br/> <span class="ft6">mellen Beschwer); wer es unterlässt, eine Einwendung zu erheben,</span><br/> <span class="ft6">obwohl Anlass dazu bestanden hätte, kann den Baubewilligungsent-</span><br/> <span class="ft6">scheid später nicht anfechten (vgl. § 4 Abs. 2 BauG). Die im Einwen-</span><br/> <span class="ft6">dungsverfahren fristgerecht gestellten Anträge bestimmen sodann</span><br/> <span class="ft6">auch den Streitgegenstand im Beschwerdeverfahren; eine spätere Er-</span><br/> <span class="ft6">weiterung der Anträge ist nicht mehr möglich (vgl. § 60 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">BauV). Zulässig ist allerdings das Vorbringen neuer Rügegründe, so-</span><br/> <span class="ft6">weit sich diese innerhalb des mit den Einwendungsanträgen um-</span><br/> <span class="ft6">schriebenen Streitgegenstands befinden. Mit andern Worten ausge-</span><br/> <span class="ft6">drückt: Wer in seiner Einwendung fordert, dass die Baubewilligung</span><br/> <span class="ft6">mit einer bestimmten Auflage zu ergänzen ist, kann im Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeverfahren nicht mehr die Verweigerung der Baubewilligung</span><br/> <span class="ft6">beantragen; wer dagegen in der Einwendung die Verweigerung der</span><br/> <span class="ft6">Baubewilligung verlangt, darf später im Beschwerdeverfahren wei-</span><br/> <span class="ft6">tere, in der Einwendungsbegründung noch nicht erwähnte Gründe</span><br/> <span class="ft6">vorbringen, die gegen die Erteilung einer Baubewilligung sprechen.</span><br/> <span class="ft6">1.3</span><br/> <span class="ft6">Entgegen der Argumentation der Bauherrschaft ist vorliegend</span><br/> <span class="ft6">die Legitimation der Beschwerdeführerin zu bejahen. Wohl trifft zu,</span><br/> <span class="ft6">dass ihre Einwendung vom 24. Juni 2015 keinen ausdrücklichen An-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">429</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">trag enthielt, sondern sich auf die Rüge beschränkte, dass der Ge-</span><br/> <span class="ft6">wässerabstand lediglich 6 m und nicht 8 m zuzüglich der Gewässer-</span><br/> <span class="ft6">breite betrage (vgl. ...). Allerdings werden bei Eingaben von juristi-</span><br/> <span class="ft6">schen Laien nach der Rechtsprechung (vgl. AGVE 2007 S. 234)</span><br/> <span class="ft6">keine allzu hohen Anforderungen an die formellen Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft6">gestellt, und die Praxis lässt es genügen, wenn sich das Ein-</span><br/> <span class="ft6">wendungsbegehren wenigstens sinngemäss aus der Begründung</span><br/> <span class="ft6">entnehmen lässt. Dies muss im vorliegenden Fall umso mehr gelten,</span><br/> <span class="ft6">als in der öffentlichen Publikation - anders, als dies die Bauherr-</span><br/> <span class="ft6">schaft vermutet - nicht ausdrücklich auf das Antragserfordernis hin-</span><br/> <span class="ft6">gewiesen, sondern lediglich festgehalten wurde, dass "Einwendun-</span><br/> <span class="ft6">gen (...) während der Auflagefrist schriftlich und begründet an den</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat zu richten" sind (vgl. Publikationstext vom 26. Mai</span><br/> <span class="ft6">2015). Hinzu kommt, dass der Gemeinderat W. trotz der expliziten</span><br/> <span class="ft6">Vorschrift in § 60 Abs. 1 BauV darauf verzichtet hat, eine Nachfrist</span><br/> <span class="ft6">zur Verbesserung anzusetzen; auch die Bauherrschaft selbst hat in</span><br/> <span class="ft6">ihrer Vernehmlassung vom 4. Dezember 2015 zur seinerzeitigen</span><br/> <span class="ft6">Einwendung der Beschwerdeführerin den fehlenden ausdrücklichen</span><br/> <span class="ft6">Antrag nicht beanstandet, sondern materiell zum Anliegen der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführerin Stellung genommen (vgl. ...). Angesichts</span><br/> <span class="ft6">dessen würde es aber dem Grundsatz von Treu und Glauben wider-</span><br/> <span class="ft6">sprechen, nunmehr im Rahmen des Beschwerdeverfahrens das</span><br/> <span class="ft6">Erfordernis der formellen Beschwer als nicht erfüllt zu bezeichnen</span><br/> <span class="ft6">und von einer Verwirkung der Berechtigung zur Beschwerdeführung</span><br/> <span class="ft6">auszugehen.</span><br/> <span class="ft6">Als nicht stichhaltig erweist sich sodann auch das im Eventual-</span><br/> <span class="ft6">standpunkt vertretene Argument der Bauherrschaft, die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">berechtigung sei allein auf die Frage des Gewässerabstands zu be-</span><br/> <span class="ft6">schränken. Hätte nämlich das Bauvorhaben - wie von der Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführerin in ihrer Einwendung vorgebracht - auf der südöstlichen</span><br/> <span class="ft6">Seite der Parzelle einen Gewässerabstand von rund 11.5 m (d.h. 8 m</span><br/> <span class="ft6">zuzüglich der Breite der Gerinnesohle von rund 3.5 m) statt des in</span><br/> <span class="ft6">den Bauplänen vorgesehenen Abstands von 6 m einhalten müssen,</span><br/> <span class="ft6">hätte es von vornherein nicht realisiert werden können; eine Ver-</span><br/> <span class="ft6">schiebung von rund 5.5 m war wegen des auf der Westseite vorge-</span><br/> <span class="ft6">sehenen Kantonsstrassenabstands von rund 2.6 m gar nicht möglich.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">430</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Sinngemäss wurde daher mit der Einwendung die Verweigerung der</span><br/> <span class="ft6">Baubewilligung beantragt. Dies erlaubt der Beschwerdeführerin -</span><br/> <span class="ft6">wie vorstehend unter Erw. 1.2 dargetan - die Geltendmachung von</span><br/> <span class="ft6">weiteren gegen eine Baubewilligung sprechenden Rügen.</span><br/> <span class="ft6">Auf die Beschwerde ist daher vollumfänglich einzutreten.</span><br/> <span class="ft6">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>