<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 63 S.250</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">250</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>63</b></span> <span class="ft2"><b>Besitzstandsgarantie. Verwirkung des behördlichen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Beseitigungsanspruchs aufgrund des Vertrauensschutzes.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Die Gemeinden dürfen über § 69 BauG hinausgehendes Recht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schaffen, wenn dies durch ein entsprechendes öffentliches Interesse,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>etwa ein solches des Ortsbildschutzes, geboten erscheint; Anwendung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>auf eine kommunale Bestimmung, die in der Dorfkernzone den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wiederaufbau bestehender Bauten im Rahmen des vorhandenen Ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bäudekubus und des alten Grundrisses zulässt (Erw. 2/c).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Derartige Spezialbestimmungen setzen nur ein bestehendes Gebäude</b></span><br/> <span class="ft2"><b>voraus, nicht auch eine vorhandene Bausubstanz im Sinne der "Roh-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bau 1"-Praxis, d. h. der bauliche Zustand ist grundsätzlich nicht von</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Belang (Erw. 2/d).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Rechtmässigkeit der Erstellung als Grundvoraussetzung; rund</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zwanzigjährige behördliche Duldung als Rechtstitel (Erw. 2/e).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 31. Mai 2000 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen B. gegen Baudepartement.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. Der Beschwerdegegner beabsichtigt, die bestehende Scheune</span><br/> <span class="ft1">(Gebäude Nr. 84) auf der Parzelle Nr. 134 in ein Wohnhaus umzu-</span><br/> <span class="ft1">bauen. Vorgesehen sind im Erdgeschoss des ehemaligen Scheunen-</span><br/> <span class="ft1">trakts ein als ,,Keller" bezeichneter Raum - eine eigentliche Unter-</span><br/> <span class="ft1">kellerung ist nicht vorgesehen -, eine Garage sowie der Einbau einer</span><br/> <span class="ft1">Heizung/Waschküche und eines Öltanks. Im Obergeschoss ist eine</span><br/> <span class="ft1">Dreizimmer-Wohnung, bestehend aus Wohn/Esszimmer, Eltern-</span><br/> <span class="ft1">schlafzimmer, Entrée, Küche und Bad, geplant. Der Estrich soll,</span><br/> <span class="ft1">anders als dies noch das Baudepartement annahm, als Büro ausge-</span><br/> <span class="ft1">baut werden. Abgebrochen wird ein angebauter Holzschopf auf der</span><br/> <span class="ft1">Westseite des Gebäudes.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">251</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2. a) Gemäss dem Bauzonenplan der Gemeinde Unterlunkhofen</span><br/> <span class="ft1">vom 20. Juni 1986 / 22. September 1987 liegt die Parzelle Nr. 134 in</span><br/> <span class="ft1">der Dorfzone D. Diese Zone bezweckt die Erhaltung der baulichen</span><br/> <span class="ft1">Einheit und des typischen Charakters des alten Dorfkernes; sämtliche</span><br/> <span class="ft1">baulichen Veränderungen haben sich dem Dorfbild anzupassen,</span><br/> <span class="ft1">wobei als hauptsächliche Kriterien Stellung, Ausmass, Dach- und</span><br/> <span class="ft1">Fassadengestaltung, Baumaterialien und Farbgebung, Gestaltung der</span><br/> <span class="ft1">Vorplätze und Bepflanzung gelten (§ 45 Abs. 1 BNO). In der</span><br/> <span class="ft1">Dorfzone sind Wohnbauten und wenig störende Gewerbe- und</span><br/> <span class="ft1">Landwirtschaftsbetriebe zugelassen (§ 45 Abs. 2 BNO). Unter dem</span><br/> <span class="ft1">Randtitel ,,Bauvorschriften" bestimmt sodann § 45 Abs. 3 BNO:</span><br/> <span class="ft6">,,Die Dachneigung muss mindestens 35° und darf höchstens 45° be-</span><br/> <span class="ft6">tragen. Mit Ausnahme von Klein- und Anbauten gem. § 60 sind nur</span><br/> <span class="ft6">Dächer mit symmetrischer Neigung zugelassen.</span><br/> <br/> <span class="ft6">Für Dachaufbauten gilt § 62, Dacheinschnitte sind nicht erlaubt.</span><br/> <br/> <span class="ft6">Dachaufbauten sind mit demselben Material wie das Hauptdach ein-</span><br/> <span class="ft6">zudecken, sie sind von der Fassadenflucht um mindestens 50 cm zu-</span><br/> <span class="ft6">rückzusetzen, ihr oberer Ansatz muss, senkrecht gemessen, minde-</span><br/> <span class="ft6">stens 1 m unter dem Dachfirst sein (vergl. Anhang 6).</span><br/> <br/> <span class="ft6">Die Kniestockhöhe darf max. 50 cm betragen (vergl. Anh. 4).</span><br/> <br/> <table> <tr> <td width="150"><span class="ft6">Geschosszahl max.:</span></td> <td><span class="ft6">2 Vollgeschosse; das Dachgeschoss kann</span></td> </tr> <tr> <td></td> <td><span class="ft6">zusätzlich voll ausgebaut werden.</span></td> </tr> <tr> <td><span class="ft6">Grenzabstand min.:</span></td> <td><span class="ft6">4 m</span></td> </tr> <tr> <td><span class="ft6">Gebäudelänge max.:</span></td> <td><span class="ft6">25 m</span></td> </tr> <tr> <td><span class="ft6">Mehrlängenzuschlag:</span></td> <td><span class="ft6">ab 20 m</span></td> </tr> <tr> <td><span class="ft6">Gebäudehöhe max.:</span></td> <td><span class="ft6">7 m</span></td> </tr> <tr> <td><span class="ft6">Immissionsgrad:</span></td> <td><span class="ft6">II</span></td> </tr> <tr> <td><span class="ft6">Firsthöhe max.:</span></td> <td><span class="ft6">12 m"</span></td> </tr> </table> <span class="ft1">Schliesslich regelt § 45 Abs. 5 BNO die Rechtslage bei beste-</span><br/> <span class="ft1">henden Bauten wie folgt:</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">252</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">,,Sofern die gesundheits-, feuer- und sicherheitspolizeilichen Anfor-</span><br/> <span class="ft6">derungen gewahrt bleiben und die Verkehrssicherheit nicht beeinträch-</span><br/> <span class="ft6">tigt wird, dürfen bestehende Bauten unter Wahrung der vorhandenen</span><br/> <span class="ft6">First- und Traufhöhen unabhängig der Vorschriften über Geschoss-</span><br/> <span class="ft6">zahl, Ausnützungsziffer, Grenz- und Gebäudeabstand im Rahmen des</span><br/> <span class="ft6">bestehenden Gebäudekubus umgebaut und erneuert werden bzw. bei</span><br/> <span class="ft6">Abbruch auf dem alten Grundriss wieder aufgebaut werden.</span><br/> <br/> <span class="ft6">Das äussere Erscheinungsbild darf dabei nicht wesentlich verändert</span><br/> <span class="ft6">werden.</span><br/> <span class="ft6">(...)".</span><br/> <span class="ft1">b) Es ist unbestritten, dass sowohl die bestehende Scheune als</span><br/> <span class="ft1">auch das Umbauvorhaben den vorgeschriebenen Mindestgrenzab-</span><br/> <span class="ft1">stand von 4 m zur Parzelle Nr. 135 teilweise deutlich unterschreiten,</span><br/> <span class="ft1">indem der Abstand zur westlichen Parzellengrenze nur gerade 1.30 m</span><br/> <span class="ft1">beträgt; auch zur südlichen Parzellengrenze werden die vorgeschrie-</span><br/> <span class="ft1">benen 4 m nicht durchwegs eingehalten. Unterschritten werden auch</span><br/> <span class="ft1">die Gebäudeabstände von 8 m zu den Gebäuden Nr. 83A auf der</span><br/> <span class="ft1">Parzelle Nr. 135 und Nr. 85 auf der Parzelle Nr. 76. Ebenfalls nicht</span><br/> <span class="ft1">durchwegs eingehalten ist die Dachneigung von mindestens 35°.</span><br/> <span class="ft1">Wegen dieser Abweichungen von den Bauvorschriften hat der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinderat das Bauvorhaben aufgrund der Besitzstandsgarantie ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt auf § 69 BauG sowie in Anwendung der Ausnahmebestim-</span><br/> <span class="ft1">mung von § 4 BNO bewilligt. Das Baudepartement ist demgegen-</span><br/> <span class="ft1">über zur Auffassung gelangt, es liege kein Fall der Besitzstandsga-</span><br/> <span class="ft1">rantie nach § 69 BauG vor, sondern der geplante Umbau der Scheune</span><br/> <span class="ft1">in ein Wohnhaus könne gestützt auf § 45 Abs. 5 BNO als zonenkon-</span><br/> <span class="ft1">forme Baute in der Dorfzone bewilligt werden. Nach Auffassung des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführers hat das Baudepartement verkannt, ,,dass § 45</span><br/> <span class="ft1">Abs. 5 BNO ebenfalls Ausfluss der Besitzstandsgarantie ist".</span><br/> <span class="ft1">c) § 69 BauG, auf den sich der Gemeinderat abgestützt hat, lau-</span><br/> <span class="ft1">tet wörtlich:</span><br/> <span class="ft6">,,</span><span class="ft7"><sup>1</sup></span><span class="ft6">Bestehende, rechtmässig erstellte Bauten innerhalb der Bauzonen,</span><br/> <span class="ft6">die den geltenden Vorschriften widersprechen, können angemessen er-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">253</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">weitert, umgebaut oder in ihrem Zweck geändert werden, wenn da-</span><br/> <span class="ft6">durch ihre Rechtswidrigkeit nicht wesentlich verstärkt wird und keine</span><br/> <span class="ft6">besonderen Nutzungsvorschriften entgegenstehen.</span><br/> <span class="ft7"><sup>2</sup></span><span class="ft6">Bei Zerstörung durch Brand oder andere Katastrophen ist der Wie-</span><br/> <span class="ft6">deraufbau von rechtmässig erstellten, den geltenden Plänen oder Vor-</span><br/> <span class="ft6">schriften widersprechenden Bauten gestattet, wenn keine überwie-</span><br/> <span class="ft6">genden Interessen entgegenstehen und das Baugesuch innert fünf</span><br/> <span class="ft6">Jahren seit der Zerstörung eingereicht wird. Der Wiederaufbau hat der</span><br/> <span class="ft6">zerstörten Baute hinsichtlich Art, Umfang und Lage zu entsprechen.</span><br/> <span class="ft6">Eine Änderung ist möglich, sofern damit der bisherige Zustand ver-</span><br/> <span class="ft6">bessert wird."</span><br/> <span class="ft1">Das kantonale Recht regelt die Besitzstandsgarantie im Verhält-</span><br/> <span class="ft1">nis zu den Gemeinden grundsätzlich abschliessend; dies bezieht sich</span><br/> <span class="ft1">aber bloss auf die allgemeine, unabhängig von der zonenmässigen</span><br/> <span class="ft1">Differenzierung geltende Ordnung für bestehende Bauten und Anla-</span><br/> <span class="ft1">gen, d. h. die Gemeinden sind durchaus befugt, für einzelne Zonen</span><br/> <span class="ft1">nicht nur Vorschriften für Neu-, sondern auch solche für bestehende</span><br/> <span class="ft1">Bauten zu erlassen (AGVE 1986, S. 248). Freilich muss - namentlich</span><br/> <span class="ft1">im Blick auf § 69 Abs. 2 BauG, der den Wiederaufbau rechtswidriger</span><br/> <span class="ft1">Bauten ausschliesslich für den Fall der Zerstörung durch Brand und</span><br/> <span class="ft1">andere Katastrophen gestattet - ergänzend darauf hingewiesen wer-</span><br/> <span class="ft1">den, dass eine eigenständige kommunale Regelung der Rechtferti-</span><br/> <span class="ft1">gung durch ein besonderes öffentliches Interesse bedarf, beispiels-</span><br/> <span class="ft1">weise ein solches des Ortsbildschutzes. Das frühere Baugesetz des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Aargau vom 2. Februar 1971 (aBauG) enthielt in § 130</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 denn auch eine Bestimmung, wonach die Gemeinden für Alt-</span><br/> <span class="ft1">stadtgebiete und alte Dorfkerne zusätzliche Vorschriften zur Erhal-</span><br/> <span class="ft1">tung des Bestandes aufstellen können (vgl. dazu Erich Zimmerlin,</span><br/> <span class="ft1">Baugesetz des Kantons Aargau vom 2. Februar 1971, Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">2. Auflage, Aarau 1985, §§ 130-33 N 2). Eine analoge spezifische</span><br/> <span class="ft1">Rechtssetzungkompetenz fehlt zwar im neuen Baugesetz. § 40 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">BauG erklärt indessen u. a. die Erhaltung, Pflege und Gestaltung von</span><br/> <span class="ft1">Ortsbildern zur Sache des Kantons und der Gemeinden, und er</span><br/> <span class="ft1">verpflichtet sie u. a. zu Massnahmen, um ,,Ortsbilder entsprechend</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">254</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ihrer Bedeutung zu bewahren und Siedlungen so zu gestalten, dass</span><br/> <span class="ft1">eine gute Gesamtwirkung entsteht" (lit. f). Eine dieser Massnahmen</span><br/> <span class="ft1">bildet die Ausscheidung von Schutzzonen (§ 40 Abs. 3 lit. a BauG).</span><br/> <span class="ft1">Daraus lässt sich zwangslos ableiten, dass die Gemeinden nach wie</span><br/> <span class="ft1">vor befugt sind, über § 69 BauG hinausgehendes kommunales Recht</span><br/> <span class="ft1">zu schaffen, sofern dies durch ein entsprechendes öffentliches</span><br/> <span class="ft1">Interesse geboten erscheint (zur vergleichbaren Zürcher Regelung</span><br/> <span class="ft1">vgl. Walter Haller / Peter Karlen, Raumplanungs-, Bau- und</span><br/> <span class="ft1">Umweltrecht, 3. Auflage, Zürich 1999, Rz. 820).</span><br/> <span class="ft1">Die Dorfkernzone, in welcher das Baugrundstück gelegen ist</span><br/> <span class="ft1">(Erw. a hievor), will die bauliche Einheit und den typischen Cha-</span><br/> <span class="ft1">rakter des alten Dorfkerns erhalten (§ 45 Abs. 1 BNO). Der Errei-</span><br/> <span class="ft1">chung dieses Ziels dient - nebst detaillierten Vorschriften für Neu-</span><br/> <span class="ft1">bauten, namentlich zur Gestaltung der Dächer (§ 45 Abs. 3 BNO) -</span><br/> <span class="ft1">zweifellos auch die Sonderbestimmung von § 45 Abs. 5 BNO über</span><br/> <span class="ft1">die ,,bestehenden Bauten". Der kommunale Gesetzgeber ist zwar</span><br/> <span class="ft1">nicht so weit gegangen, einen Substanz- oder Volumenschutz vorzu-</span><br/> <span class="ft1">schreiben, doch hat er dem Ortsbildschutzinteresse in der Weise</span><br/> <span class="ft1">Rechnung getragen, dass er den Wiederaufbau bestehender Bauten</span><br/> <span class="ft1">auf dem alten Grundriss - unter Einhaltung bestimmter Randbedin-</span><br/> <span class="ft1">gungen - ganz generell gestattet hat. § 45 Abs. 5 BNO stellt somit</span><br/> <span class="ft1">eine als lex specialis der allgemeinen Vorschrift von § 69 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">BauG vorgehende Bestimmung dar.</span><br/> <span class="ft1">d) Der Beschwerdeführer bestreitet, dass das Gebäude Nr. 84</span><br/> <span class="ft1">der Besitzstandsgarantie überhaupt teilhaftig werden kann; es handle</span><br/> <span class="ft1">sich um ein Abbruchobjekt, das der Eigentümer in den letzten</span><br/> <span class="ft1">20 Jahren habe verfallen lassen und welches heute auch wirt-</span><br/> <span class="ft1">schaftlich nicht im geringsten mehr erhaltenswert sei.</span><br/> <span class="ft1">Im Rahmen der Anwendung der allgemeinen Bestimmungen</span><br/> <span class="ft1">über die Besitzstandsgarantie (§§ 68 ff. BauG) wird der Begriff der</span><br/> <span class="ft1">,,bestehenden" Baute so ausgelegt, dass jene Bauteile, welche unter</span><br/> <span class="ft1">dem technischen Begriff des ,,Rohbaus 1" subsumiert werden, noch</span><br/> <span class="ft1">ganz oder zu einem wesentlichen Teil vorhanden sein müssen; dies</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">255</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sind primär die die Grundsubstanz eines Bauwerks ausmachenden</span><br/> <span class="ft1">Bauteile, insbesondere die gesamte Tragkonstruktion und das Dach</span><br/> <span class="ft1">eines Gebäudes (vgl. AGVE 1998, S. 311 f.). Entgegen der Auffas-</span><br/> <span class="ft1">sung des Beschwerdeführers verlangt § 45 Abs. 5 BNO nichts Der-</span><br/> <span class="ft1">artiges. Diese Bestimmung setzt zwar wohl ein bestehendes Gebäude</span><br/> <span class="ft1">voraus, gestattet indessen anders als die §§ 69 BauG ausdrücklich</span><br/> <span class="ft1">auch den <i>freiwillig</i> erfolgenden vollständigen Abbruch und</span><br/> <span class="ft1">Wiederaufbau. Vor dem Hintergrund der Zielsetzung, dass in der</span><br/> <span class="ft1">Dorfzone die bauliche Einheit und der typische Charakter des alten</span><br/> <span class="ft1">Dorfkerns zu erhalten sind (§ 45 Abs. 1 Satz 1 BNO), kann dies sinn-</span><br/> <span class="ft1">vollerweise nur heissen, dass der bauliche Zustand des betreffenden</span><br/> <span class="ft1">Gebäudes grundsätzlich nicht von Belang ist. Die Beibehaltung des</span><br/> <span class="ft1">äusseren Erscheinungsbildes ist durch § 45 Abs. 5 Satz 2 BNO si-</span><br/> <span class="ft1">chergestellt. Dass das Gebäude Nr. 84 unbestrittenermassen baufällig</span><br/> <span class="ft1">ist, hilft dem Beschwerdeführer daher nicht.</span><br/> <span class="ft1">e) Weiter macht der Beschwerdeführer geltend, die bereits vor</span><br/> <span class="ft1">1984 zumindest teilweise eingestürzte Weidscheune sei vom da-</span><br/> <span class="ft1">maligen Eigentümer eigenmächtig durch eine Überdachung zwischen</span><br/> <span class="ft1">dem an der Grenze zur Parzelle Nr. 135 stehenden Zaun und der</span><br/> <span class="ft1">westlichen Scheunenwand erweitert worden; bei diesem Anbau</span><br/> <span class="ft1">handle es sich nicht um eine rechtmässig erstellte Baute, aus welcher</span><br/> <span class="ft1">Rechte bezüglich der Besitzstandsgarantie abgeleitet werden könn-</span><br/> <span class="ft1">ten.</span><br/> <span class="ft1">aa) Grundvoraussetzung jeder Besitzstandsgarantie ist, dass die</span><br/> <span class="ft1">,,bestehende" Baute ursprünglich rechtmässig erstellt wurde oder</span><br/> <span class="ft1">später rechtmässig geworden ist (§ 68 Abs. 1, § 69 Abs. 1, § 70</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 und § 71 Abs. 1 BauG). Rechtmässig ist eine Baute, wenn sie</span><br/> <span class="ft1">formell oder materiell rechtmässig war oder ist. Als formell recht-</span><br/> <span class="ft1">mässig gilt eine Baute, wenn dafür eine Baubewilligungspflicht be-</span><br/> <span class="ft1">steht oder bestand und eine rechtskräftige und weder nichtige noch</span><br/> <span class="ft1">widerrufene Baubewilligung vorliegt, gleichgültig, ob diese dem ma-</span><br/> <span class="ft1">teriellen Recht je entsprach oder entspricht. Die ausschliesslich ma-</span><br/> <span class="ft1">terielle Rechtmässigkeit einer Baute begründet die Besitzstands-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">256</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">garantie, wenn die Baute in Übereinstimmung mit dem materiellen</span><br/> <span class="ft1">Recht entstand oder damit zu einem Zeitpunkt in Übereinstimmung</span><br/> <span class="ft1">gebracht wurde, als (noch) keine Baubewilligungspflicht bestand</span><br/> <span class="ft1">(vgl. zum Ganzen: AGVE 1989, S. 229 und 242, je mit Hinweisen;</span><br/> <span class="ft1">1981, S. 225 f.; VGE III/95 vom 26. Juni 2000 in Sachen F. AG u.</span><br/> <span class="ft1">W., S. 12 f.). Einen für die Anrufung der Besitzstandsgarantie ausrei-</span><br/> <span class="ft1">chenden Rechtstitel stellt es schliesslich auch dar, wenn die betref-</span><br/> <span class="ft1">fende Baute zwar nicht nach den erwähnten Kriterien rechtmässig ist,</span><br/> <span class="ft1">aber aufgrund des Vertrauensschutzes der behördliche Anspruch auf</span><br/> <span class="ft1">Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands verwirkt ist (VGE</span><br/> <span class="ft1">III/3 vom 22. Januar 1996 in Sachen I., S. 6 f. mit Hinweis auf</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1994, S. 440). Dieselben Grundsätze müssen auch Platz grei-</span><br/> <span class="ft1">fen, wenn es um die Anwendung kommunaler Spezialbestimmungen</span><br/> <span class="ft1">in der Art von § 45 Abs. 5 BNO geht.</span><br/> <span class="ft1">bb) Die Scheune selber ist nach den unbestrittenen Angaben des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdegegners um 1900, d. h. lange vor jeder Bauordnung,</span><br/> <span class="ft1">erstellt worden. Ebenso wenig ist aber auch bestritten, dass es im</span><br/> <span class="ft1">Laufe der Zeit zu eigenmächtigen baulichen Veränderungen nament-</span><br/> <span class="ft1">lich im Dachbereich gekommen ist. Diese Bauteile sind angesichts</span><br/> <span class="ft1">der zu geringen Grenz- und Gebäudeabstände (Erw. b hievor) offen-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich auch nicht im materiellen Sinne rechtmässig. Anderseits ist</span><br/> <span class="ft1">davon auszugehen, dass die fraglichen Erweiterungen spätestens</span><br/> <span class="ft1">anfangs der Achtzigerjahre vorgenommen worden sind. Seither ist</span><br/> <span class="ft1">das Gebäude so toleriert worden. Dies hat rechtliche Konsequenzen.</span><br/> <span class="ft1">In der Regel verlieren die Behörden ihren Beseitigungsanspruch nach</span><br/> <span class="ft1">dreissigjähriger Duldung der baurechtswidrigen Baute, es sei denn,</span><br/> <span class="ft1">der rechtswidrige Zustand ist von der zuständigen Behörde über</span><br/> <span class="ft1">Jahre hinweg geduldet worden, obschon ihr die Gesetzwidrigkeit be-</span><br/> <span class="ft1">kannt war oder sie diese bei Anwendung der gebotenen Sorgfalt hätte</span><br/> <span class="ft1">kennen müssen, und es werden zudem durch den gesetzwidrigen</span><br/> <span class="ft1">Zustand nicht in schwerwiegender Weise öffentliche Interessen ver-</span><br/> <span class="ft1">letzt; verhält es sich so, kann der behördliche Beseitigungsanspruch</span><br/> <span class="ft1">schon früher verwirkt sein (BGE 107 Ia 124 f.; Bundesgericht, in:</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">257</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ZBl 81/1980, S. 73 f.; Walter Haller / Peter Karlen, Raumplanungs-,</span><br/> <span class="ft1">Bau- und Umweltrecht, Band I, 3. Auflage, Zürich 1999, Rz. 883 f.).</span><br/> <span class="ft1">Nach rund zwanzigjähriger Duldung ist dieser Tatbestand gegeben;</span><br/> <span class="ft1">von einer gravierenden Verletzung öffentlicher Interessen kann nicht</span><br/> <span class="ft1">gesprochen werden. Im Weitern ist im vorliegenden Falle noch</span><br/> <span class="ft1">Folgendes zu beachten: Gegen ein fertiggestelltes Bauvorhaben, das</span><br/> <span class="ft1">ihm gegenüber nicht in einem ordnungsgemässen Rechtsschutzver-</span><br/> <span class="ft1">fahren unterworfen war, darf sich der legitimierte Nachbar zwar noch</span><br/> <span class="ft1">wehren, doch muss er dies innert angemessener Frist tun (AGVE</span><br/> <span class="ft1">1988, S. 401 f.; 1978, S. 233 ff.; VGE III/119 vom 11. Dezember</span><br/> <span class="ft1">1996 in Sachen E. u. M., S. 11). Es erscheint nun nicht denkbar, dass</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer von den unbewilligten baulichen Änderungen</span><br/> <span class="ft1">erst seit dem laufenden Verfahren Kenntnis hatte. Indem er nicht</span><br/> <span class="ft1">früher bei der Baubewilligungsbehörde interveniert hat, ist er</span><br/> <span class="ft1">seinerseits des Rechts verlustig gegangen, ein nachträgliches Baube-</span><br/> <span class="ft1">willligungsverfahren zu erzwingen. Damit steht fest, dass als ,,beste-</span><br/> <span class="ft1">hende Baute" das Gebäude Nr. 84 in seiner heutigen Gestalt und</span><br/> <span class="ft1">Form zu gelten hat.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>