B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1745/2023 U r t e i l v o m 6 . A p r i l 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichter David R. Wenger, mit Zustimmung von Richterin Barbara Balmelli; Gerichtsschreiberin Giulia Marelli. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Kilian Ruchti, Rechtsschutz für Asylsuchende - Bundesasylzentrum Region (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 21. März 2023 / (…). E-1745/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger – ersuchte am 12. Januar 2023 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich mit der Euro- dac-Datenbank ergab, dass er am 1. und am 5. Januar 2023 in Kroatien daktyloskopisch erfasst worden war. B. Am 23. Januar 2023 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zuge- wiesene Rechtsvertretung. Tags darauf gewährte das SEM dem Beschwer- deführer im Rahmen des persönlichen Gesprächs das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asylver- fahrens, zu einer allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentlichen geltend, er habe in Kroatien Probleme mit dem Schlepper gehabt und sei von Dieben gefasst worden, die ihm Geld abgenommen und ihn bis zur slowenischen Grenze verfolgt hätten, da sie noch mehr wollten. In der Folge sei er von der Polizei aufgegriffen worden, die ihn für 24 Stunden in ein Gefängnis gebracht habe. Im Anschluss daran sei ihm ein Papier ausgehändigt worden mit der Aufforderung, das Land innert sieben Tagen zu verlassen, andernfalls er zurückgeschickt würde. Die Polizei habe ihn sehr schlecht behandelt; er habe während 24 Stunden kein Essen erhalten und sei gezwungen wor- den, seine Fingerabdrücke abzugeben. Zum medizinischen Sachverhalt gab der Beschwerdeführer an, er fühle sich wohl. Gesundheitliche Beschwerden habe er aktuell keine, jedoch habe er im Hals zu viel Gewebe, was ihm im Moment keine Probleme be- reite, jedoch in der Zukunft einen Eingriff notwendig machen könnte. C. Die kroatischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen des SEM vom 20. Januar 2023 am 20. März 2023 zu. D. Mit Verfügung vom 21. März 2023 (am Folgetag eröffnet) trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Überstel- lung nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ab- lauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es den zu-E-1745/2023 Seite 3 ständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung, verfügte die Aushän- digung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be- schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. E. Mit Beschwerdeeingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 28. März 2023 beantragt der – Beschwerdeführer, die angefochtene Verfü- gung sei aufzuheben und die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhaltes und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen von den kroatischen Behörden bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren und zu adäquater medizinischer Versorgung und Unterbringung einzuholen. In prozessualer Hinsicht ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung einschliesslich des Verzichts auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses. Ferner sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen vorsorglicher Massnahmen anzuweisen, bis zum Entscheid über das vor- liegende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 ff. VGG ist das Bun- desverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig und entscheidet in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist daher einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). E-1745/2023 Seite 4 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wie die vorliegende wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (vgl. Art. 111 Bst. e AsylG). Der Beschwerdeentscheid ist nur summarisch zu begründen (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Auf einen Schriftenwechsel wurde in Anwendung von Art. 111 a Abs. 1 AsylG verzichtet. 4. 4.1 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht gerügt, die Vorinstanz habe den Sachverhalt unzureichend abgeklärt und ihre Begründungspflicht sowie weitere Teilgehalte des rechtlichen Gehörs verletzt (Beschwerde Pt. 2, S. 4 ff.). Diese Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls ge- eignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 4.2 Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein fal- scher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein- zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/ 35 E. 6.4.1 m. H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheid- findung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). E-1745/2023 Seite 5 5. 5.1 Der Beschwerdeführer macht in seinem Rechtsmittel in formeller Hin- sicht im Wesentlichen geltend, die Vorinstanz habe das Vorliegen systemi- scher Mängel im kroatischen Asylverfahren nicht (hinreichend vertieft) ge- prüft. In Kroatien herrschten gemäss den zitierten Berichten internationaler und nationaler Organisationen, der Korrespondenz mit diesen sowie der Rechtsprechung ausgewählter ausländischer Gerichte besorgniserre- gende Zustände. Die zitierten Quellen zeigten deutlich auf, dass vor allem Dublin-Rückkehrende von den Problematiken betroffen seien und ihnen der Zugang zum Asylverfahren praktisch verunmöglicht werde. Die gene- rellen Ausführungen der Vorinstanz, die sich hauptsächlich auf die Bot- schaftsabklärung vom März 2022 stützten, seien unzutreffend und reichten für eine genügende Sachverhaltsabklärung nicht aus. Die Vorinstanz habe sich insbesondere mit der Situation von Dublin-Rückkehrenden nach Kro- atien, die dort noch kein Asylgesuch gestellt haben, zu befassen. Ferner sei der medizinische Sachverhalt nicht erstellt, da er aufgrund der in Kroa- tien erlebten Polizeigewalt an psychischen Problemen leide und deswegen medizinische Hilfe beanspruche. 5.2 5.2.1 Entgegen den Beschwerdevorbringen hat die Vorinstanz in der an- gefochtenen Verfügung nachvollziehbar und in einem für einen Nichtein- tretensentscheid angemessenen Rahmen dargelegt, weshalb sie eine Überstellung nach Kroatien als zuständigen Dublin-Mitgliedstaat als zuläs- sig erachtet und zum Schluss kommt, es lägen ke ine Elemente vor, auf- grund derer sie auf das Asylgesuch hätte eintreten müssen. Ebenfalls sind die vom Beschwerdeführer anlässlich des Dublin -Gesprächs vom 24. Ja- nuar 2023 gemachten Ausführungen in die angefochtene Verfügung auf- genommen worden. Die Vorinstanz hat sich ferner auch mit allfälligen sys- temischen Mängeln auseinandergesetzt und sich dabei auf umfangreiche Abklärungen durch die Schweizerische Botschaft in Kroatien abgestützt, gemäss denen bis heute keine Hinweise auf systemische Schwachstellen im kroatischen Asyl- und Aufnahmesystem festgestellt werden konnten. Aus diesen geht denn auch nicht hervor, dass Dublin-Rückkehrenden eine Rückschiebung nach Bosnien und Herzegowina (Kettenabschiebung) oder systematisch Gewalt seitens der kroatischen Polizei behörden drohe. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer eine andere Auffassung bezüglich der Situation von Asylsuchenden im kroatischen Asylsystem vertritt, be- gründet noch keine Verletzung verfahrensrechtlicher Vorschriften. Die ent- sprechenden Ausführungen des Beschwerdeführers tangieren denn auch im Wesentlichen materielle Aspekte, die nachfolgend zu prüfen sind. E-1745/2023 Seite 6 5.2.2 Die Vorinstanz war – entgegen der in der Beschwerde vertreten en Auffassung (Pt. 2, S. 6) – auch nicht gehalten, weitere medizinische Abklä- rungen zu treffen. Den vorinstanzlichen Akten können keine Hinweise ent- nommen werden, dass solche nötig gewesen wären, zumal keine medizi- nischen Akten vorliegen und der Beschwerdeführer im Dublin-Gespräch zu Protokoll gegeben hat, er fühle sich wohl und er habe aktuell keine gesund- heitlichen Beschwerden (SEM-Akte […]). Soweit im Rechtsmittel vorge- bracht wird, der Beschwerdeführer sei aufgrund der in Kroatien erlebten Gewalt psychisch belastet und am 23. März 2023 zu einem «Notfalltermin» im Praxiszentrum für Familienmedizin in B._______ aufgeboten worden, wo er eine medikamentöse Therapie begonnen habe (Beschwerde Pt. 1, S. 3), hat sich dieser Umstand nach der Eröffnung de r vorinstanzlichen Verfügung zugetragen und musste und konnte somit darin nicht berück- sichtigt werden. Im Übrigen ist bezüglich des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers auf die nachstehenden Erwägungen E. 8.6.3 f. zu ver- weisen. 5.3 Aufgrund des Gesagten er weisen sich die formellen Rügen als unbe- gründet und es besteht keine Veranlassung, die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das Begehren ist abzuweisen. 6. 6.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asyl - suchende in einen Drittstaat ausrei sen können, der für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 6.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehöri gen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mit- gliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit- gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines soge- nannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin -III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten E-1745/2023 Seite 7 Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit- punkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied- staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen ei- nes Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 6.3 Vorliegend ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer in Kroatien ille- gal in das Hoheitsgebiet der Dublin -Staaten eingereist ist und dort am 1. und am 5. Januar 2023 daktyloskopisch erfasst worden war. Das SEM ersuchte deshalb die kroatischen Behörden um Übernahme des Be- schwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO, welcher diese r zustimmte. Vor diesem Hintergrund ist die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gege- ben. Dies wird in der Beschwerde nicht bestritten. 6.4 Nachfolgend bleibt zu prüfen, ob Gründe für eine Übernahme der Zu- ständigkeit durch die Schweiz vorliegen. 7. 7.1 Als mögliche Rechtsgrundlage für den Zuständigkeitsübergang auf die Schweiz kommt Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO in Betracht. 7.2 Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO regelt, wie zu verfahren ist, wenn es sich als unmöglich erweist, einen Antragsteller in den zunächst als zuständig be- stimmten Mitgliedstaat zu übe rstellen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen. In diesem Fall setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzustellen, ob ein an- derer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Über- stellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapi- tels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zustän- digkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat. 7.3 Im zur Publikation vorgesehenen Referenzurteil E -1488/2020 vom 22. März 2023 wurde die seit dem Referenzurteil D -1611/2016 vom 22. März 2016 bestehende Praxis der grundsätzlichen Zulässigkeit von E-1745/2023 Seite 8 Dublin-Überstellungen nach Kroatien bestätigt, da nicht davon auszugehen sei, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Kroatien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dub- lin-III-VO auf, die eine Überstellung von Gesuchstellenden generell als un- zulässig erscheinen lassen würden (vgl. a.a.O. E. 9.5). Der – aufgrund der (im Urteil in E. 9.4.2 f.) dargelegten Situation prima vista nicht unbegründete – Verdacht eines Gefährdungszusammenhangs zwi- schen Pushbacks und Dublin-Rückkehr lasse sich aufgrund der verfügba- ren Informationen und Erkenntnisse nicht erhärten. Insofern bestünden zum heutigen Zeitpunkt keine genügenden Anzeichen , Dublin-Rückkeh- rende würden ohne Eröffnung und Durchführung eines Asylverfahrens aus Kroatien rechtswidrig ausgeschafft. Noch weniger sei aufgrund dieser Aus- gangslage davon auszugehen, dass dies systematisch geschehe. Auch liessen sich aufgrund der verfügbaren Informationen keine Anzeichen dafür finden, wonach Take -Charge-Fälle (Aufnahme) diesbezüglich anders zu beurteilen wären als Take -Back-Fälle (Wiederaufnahme), beziehungs- weise dass für die erste Kategorie eine erhöhte Gefährdung von Abschie- bungen ohne Durchführung eines Asylverfahrens bestehen würde (vgl. a.a.O. E. 9.4.4). Im Ergebnis sei davon auszugehen, dass Gesuchstel- lende, welche gestützt auf die Dublin -III-VO nach Kroatien überstellt wer- den, Zugang zum dortigen Asylverfahren erhalten, unabhängig davon, ob sie im Rahmen eines Take -Charge- oder eines Take-Back-Verfahrens überstellt würden. Insbesondere bestehe keine beachtliche Wahrschein- lichkeit, die Überstellten würden der Gefahr einer Verletzung ihrer aus dem Refoulement-Verbot fliessenden Rechte ausgesetzt werden (vgl. a.a.O. E. 9.5). 7.4 Von einer Überstellung ist nur in Ausnahmefällen abzusehen, in wel- chen die Gesuchstellenden durch substantiierte Vorbringen darlegen kön- nen, dass die generelle Annahme wie im Urteil E -1488/2020 dargelegt im Einzelfall nicht zutrifft. Dies gelingt dem Besch werdeführer vorliegend nicht. Unter diesen Umständen ist vorliegend die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. 8. 8.1 Als weitere potentielle Rechtsgrundlage für einen Zuständigkeitsüber- gang auf die Schweiz ist Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO zu prüfen. E-1745/2023 Seite 9 8.2 Gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat abwei- chend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten Antrag auf inter- nationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist. Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder- nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 8.3 Bei der Beurteilung des Selbsteintritts gilt es zu beachten, dass Kroa- tien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist. Ferner ist Kroatien durch die Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per- sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) gebunden. 8.4 Soweit der Beschwerdeführer den Zugang zum Asylverfahren und zu einer adäquaten Unterbringung in Frage stellt, vermag er ke in konkretes und ernsthaftes Risiko darzutun, die kroatischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn – entgegen seinen Befürchtungen – auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würd e, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden. 8.5 Der Beschwerdeführer hat weiter auch nicht dargetan, dass die ihn bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Kroatien derart schlecht seien, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, E-1745/2023 Seite 10 Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Die Vermutung, Kroatien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein, kann im Einzelfall zwar wider- legt werden. Hierfür bedarf es aber konkreter und ernsthafter Hinweise. Dies gelingt dem Besch werdeführer namentlich mit seinen allgemeinen Äusserungen zu den dortigen Lebensbedingungen und zu fehlender staat- licher Unterstützung indes nicht. Bei einer allfälligen vorübergehenden Ein- schränkung der ihm zustehenden Aufnahmebedingungen könnte er sich im Übrigen im funktionierenden Rechtsstaat Kroatien an die Behörden wen- den und seine Rechte gegebenenfalls auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Daran vermag auch die – erstmals auf Be- schwerdeebene konkret vorgebrachte – angeblich erlebte Polizeigewalt (Beschwerde Pt. 2, S. 6 f.; Pt. 3, S. 7) nichts zu ändern, zumal dieses Vor- bringen unsubstantiiert und unbelegt bleibt. Im Übrigen ist diesbezüglich auf die obigen Ausführungen zu verweisen. 8.6 8.6.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelan gt, so kann eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H. und Urteil des EGMR Paposhvili gegen Bel- gien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 8.6.2 In den vorinstanzlichen Akten befinden sich keine medizinischen Un- terlagen und der Beschwerdeführer hat i m Dublin-Gespräch angegeben, sich wohl zu fühlen und keine gesundheitlichen Probleme zu haben, wobei im Hals vorhandenes exzessives Gewebe in der Zukunft behandlungsbe- dürftig werden könnte (SEM-Akte […]). Im Rechtsmittel macht der Be- schwerdeführer geltend, er leide aufgrund von in Kroatien erlebter Gewalt an psychischen Problemen, die inzwischen medikamentös behandelt wer- den müssten (Beschwerde Pt. 1, S. 3; Pt. 2, S. 7). 8.6.3 Eine Ausnahmesituation im Sinne der zitierten restriktiven Rechtspre- chung ist vorliegend nicht gegeben. Der Beschwerdeführer hat nicht nach- gewiesen, dass er nicht reisefähig wäre oder eine Überstellung seine Ge- sundheit ernsthaft gefährden würde. Sein Gesundheitszustand, soweit dies aus den vorliegenden Akten hervorgeht, vermag eine Unzulässigkeit im Sinne dieser restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. An dieser Einschätzung vermögen auch die erstmals auf Beschwerdeebene geltend gemachten psychischen Probleme nichts zu ändern, zumal sie unsubstan- tiiert und unbelegt bleiben. Nachdem seit dem fraglichen Arztbesuch inzwi- schen rund zwei Wochen vergangen sind und der Beschwerdeführer dem E-1745/2023 Seite 11 Gericht weder die in Aussicht gestellten medizinischen Unterlagen ( Be- schwerde Pt. 2, S. 7) noch nähere Informationen zu seinem aktuellen Ge- sundheitszustand hat zukommen lassen, sieht das Gericht keinen Anlass, allfällige diesbezügliche Eingaben weiter abzuwarten. 8.6.4 Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass Kroatien über eine ausrei- chende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind ver- pflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugäng- lich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Be- treuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine Hinweise vor, wonach Kroatien dem Beschwerdeführer eine adäquate me- dizinische Behandlung verweigern würde. Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, werden den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerde- führers sodann Rechnung tragen und die kroatischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände infor- mieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). 8.7 Die Schweiz war und ist damit nicht völkerrechtlich verpflichtet, im Rah- men eines Selbsteintritts auf das Asylgesuch einzutreten. 8.8 Aufgrund des Gesagten ist es nicht angezeigt, die Vorinstanz zu ver- pflichten, vor der Überstellung von den kroatischen Behörden individuelle Zusicherungen bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren und zu adäqua- ter medizinischer Versorgung und Unterbringung einzuholen. Der entspre- chende Eventualantrag ist abzuweisen (Beschwerde Pt. 3, S. 7). 8.9 8.9.1 Soweit der Beschwerdeführer einen Selbsteintritt aus «humanitären Gründen» fordert beziehungsweise eine diesbezügliche Ermessenunter- schreitung seitens der Vorinstanz rügt (vgl. Beschwerde Pt. 2, S. 7) , ist Folgendes festzuhalten: 8.9.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der Anwendung der Kann -Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über E-1745/2023 Seite 12 einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions- beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei- chung der Angemessenheitskontrolle durch das Bundesverwaltungsge- richt gemäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vo- rinstanzlichen Verzicht der Anwen dung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Angemessenheit hin. Es beschränkt seine Beurteilung nunmehr im Wesentlichen auf die Frage, ob das SEM den Sachverhalt korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). 8.9.3 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be- anstanden. Der Sachverhalt ist, wie erwähnt, hinreichend erstellt, und den Akten sind keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das SEM hat die Vorbringen des Beschwerdeführers berücksichtigt und kam zum Schluss, diese würden kein Überstellungshindernis darstellen. Dass der Beschwer- deführer in seiner Einschätzung bezüglich des Selbsteintrittes zu einer an- deren Beurteilung gelangt, reicht nicht aus, um von einer Ermessensunter- schreitung und entsprechend einer Rechtsverletzung auszugehen. 8.10 Nach dem Gesagten bestand kein Grund für eine Anwendung der Er- messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein- räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 9. Die Vorinstanz ist an gesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht nicht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers eingetreten und hat seine Überstellung nach Kroatien verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. 10.1 Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen. Die Anträge auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung und Befreiung von der Kostenvorschusspflicht erweisen sich als gegenstandslos. 10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um un-E-1745/2023 Seite 13 entgeltliche Prozessführung ist gutzuheissen, da von der Prozessbedürf- tigkeit des Beschwerdeführers auszugehen ist und die Rechtsbegehren sich zum Gesuchszeitpunkt nicht als aussichtlos darstellten. Es sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 65 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) E-1745/2023 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz und die kan- tonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: David R. Wenger Giulia Marelli Versand: