Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 4. Dezember 2018 (460 18 214) ____________________________________________________________________ Strafrecht Führen eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand Besetzung Präsident Dieter Eglin, Richterin Helena Hess (Ref. ), Richter Dominique Steiner; Gerichtsschreiber Marius Vogelsanger Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Allgemeine Hauptabteilung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Anklagebehörde gegen A.____ , vertreten durch Advokat Gioele Ballarino, Blumenrain 20, Postfach 1228, 4001 Basel, Beschuldigter und Berufungskläger Gegenstand Führen eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand Berufung gegen das Urteil des Strafgerichtsvizepräs idiums Basel- Landschaft vom 24. Mai 2018 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Sachverhalt A. Mit Urteil des Strafgerichtsvizepräsidiums Basel-La ndschaft vom 24. Mai 2018 wurde A.____ in teilweiser Abänderung des Strafbefehls der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 26. Juli 2017 des Führens eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand schuldig gesprochen und zu einer unbedingt vollziehbaren Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je CHF 20. ‒ verurteilt (Ziffer 1 des Urteilsdispositivs). Zudem wurden die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kos- ten des Vorverfahrens in Höhe von CHF 1‘415. ‒ und der Gerichtsgebühr in Höhe von CHF 1'000. ‒, A.____ auferlegt (Ziffer 2 des Urteilsdispositivs). B. Gegen dieses Urteil meldete A.____, vertreten durc h Advokat Gioele Ballarino, mit Ein- gabe vom 31. Mai 2018 die Berufung an. Mit Berufung serklärung vom 27. Juni 2018 beantragte sein Verteidiger, es sei das Urteil des Strafgerich tsvizepräsidiums Basel-Landschaft vom 24. Mai 2018 vollumfänglich aufzuheben und der Besc huldigte vom Vorwurf des Führens eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand kostenlos f reizusprechen, unter o/e-Kostenfolge zu Lasten des Staates. Zudem sei dem Berufungskläger f ür das zweitinstanzliche Verfahren die amtliche Verteidigung gemäss Art. 132 und 133 StPO mit dem Unterzeichneten zu bewilligen. C. In seiner Berufungsbegründung vom 3. September 2018 hielt der Beschuldigte an seinen mit Berufungserklärung vom 27. Juni 2018 gestellten Rechtsbegehren fest, wobei er überdies beantragte, es sei seine Ehefrau, B.____, als Ausku nftsperson zur Berufungsverhandlung vor- zuladen und zu befragen. D. Demgegenüber begehrte die Staatsanwaltschaft Basel -Landschaft mit Berufungsantwort vom 26. September 2018, die Berufung sei gänzlich a bzuweisen und das vorinstanzliche Urteil zu bestätigen. E. Was die wesentlichen verfahrensleitenden Verfügung en des Kantonsgerichts Basel- Landschaft, Abteilung Strafrecht, betrifft, wurde m it Verfügung vom 4. Juli 2018 festgestellt, dass die Staatsanwaltschaft weder Berufung noch Ans chlussberufung erhoben hat. Des Weite- ren wurde dem Beschuldigten mit Verfügung vom 12. J uli 2018 die amtliche Verteidigung mit Advokat Gioele Ballarino für das Berufungsverfahren bewilligt. Gleichzeitig wurde der amtliche Verteidiger ersucht, seine Aufwendungen auf das in casu notwenige Ausmass zu beschränken. Mit Verfügung vom 27. September 2018 wurde in Guthe issung des Beweisantrages des Be- schuldigten gemäss Berufungsbegründung vom 3. Septe mber 2018 entschieden, die Ehefrau des Beschuldigten, B.____, vor Kantonsgericht einzu vernehmen. Mit nämlicher Verfügung wur- de der Beschuldigte zur kantonsgerichtlichen Hauptv erhandlung geladen, wobei die Staatsanwaltschaft gestützt auf ihren Antrag in der Eingabe vom 29. Juni 2018 vom persönli- chen Erscheinen vor dem Berufungsgericht dispensiert wurde. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht F. Anlässlich der heutigen Hauptverhandlung vor dem K antonsgericht, Abteilung Strafrecht, erscheinen der Beschuldigte mit Advokat Gioele Ball arino sowie die als Zeugin vorgeladene Ehefrau des Beschuldigten, B.____. Der Beschuldigte hält an den bereits schriftlich gestellten Anträgen fest. Auf die Aussagen des Beschuldigten s owie der Zeugin wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Erwägungen I. Formelles Die Berufung ist gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO zulässig gegen Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abgesch lossen worden ist. Es können Rechtsver- letzungen, die unvollständige oder unrichtige Fests tellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden, wobei das Berufungs gericht das Urteil in allen angefochte- nen Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 398 Abs . 2 und Abs. 3 StPO). Gemäss Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Berufung de m erstinstanzlichen Gericht innert 10 Tagen seit Eröffnung des Urteils schriftlich ode r mündlich anzumelden und danach dem Be- rufungsgericht innert 20 Tagen seit der Zustellung des begründeten Urteils eine schriftliche Berufungserklärung einzureichen. Das Berufungsgeric ht überprüft das erstinstanzliche Urteil nur in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 S tPO). Gemäss Art. 382 Abs. 1 StPO ist jede Partei, die ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Ent- scheides hat, zur Berufung legitimiert. Vorliegend wird das Urteil der Strafgerichtsvizeprä sidiums Basel-Landschaft vom 24. Mai 2018 angefochten, welches ein taugliches Anfechtungsobje kt darstellt. Mit seinen Eingaben vom 31. Mai 2018 (Berufungsanmeldung) respektive vom 27 . Juni 2018 (Berufungserklärung) hat der Berufungskläger die Rechtsmittelfrist gewahrt. Die Zuständigkeit der Dreierkammer des Kantonsgerichts, Abteilung Strafrecht, als Berufung sgericht zur Beurteilung der vorliegenden Berufung ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 lit. a des Einführungs- gesetzes zur Schweizerischen Strafprozessordnung (E G StPO; SGS 250). Auf die rechtzeitig und formgerecht (Art. 399 Abs. 3 und 4 StPO) erhobe ne Berufung des Beschuldigten ist somit einzutreten. II. Materielles 1.1 Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, er sei am 4. De zember 2016, 10:45 Uhr, nach vorgängigem Alkoholkonsum als Lenker des Personenwa gens X.____ in fahrunfähigem Zu- stand (Blutalkoholkonzentration: minimal 1.52 Promi lle, zulässiger Grenzwert: 0.5 Promille) in Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht den Parkplatz an der X.____strasse, Höhe Liegenscha ft Nr. 1 in Y.____, gefahren (act. 335 i.V.m. act. 343 ff.). 1.2 Die Vorinstanz erachtete den angeklagten Sachverha lt vollumfänglich als erstellt. Dabei kam sie zum Schluss, es erscheine als lebensfremd, dass der Beschuldigte die Wohnung nur deshalb verlassen habe, um sein Tourenbüchlein zu h olen und darin nachzusehen, ob er die Zeitungen auch tatsächlich in die richtigen Briefkä sten geworfen habe. Insgesamt bestünden keine vernünftigen Zweifel an den Depositionen des Zeugen C.____, welcher konstant über mehrere Aussagen zu Protokoll gegeben habe, dass de r Beschuldigte aus demjenigen Fahr- zeug, welches sich kurze Zeit zuvor noch nicht auf dem betreffenden Parkplatz befunden habe, auf der Fahrerseite ausgestiegen sei. 1.3 Seitens der Verteidigung wird demgegenüber bestritten, dass der Beschuldigte im ange- klagten Zeitraum sein Fahrzeug gelenkt habe. Objektive Beweise für diesen Sachverhalt fehlten gänzlich, obwohl es für die Polizei einfach gewesen wäre, die Motorhaube des Fahrzeugs des Berufungsklägers zu berühren, um festzustellen, ob der Motor warm gewesen sei oder nicht, was auf eine Inbetriebnahme hingedeutet hätte. Fest stehe einzig, dass der Beschuldigte zum Zeitpunkt, zu welchem er angeblich ein Fahrzeug gel enkt habe, einen Alkoholblutwert von 1,52 Gewichtspromille aufgewiesen habe. Er habe hauptsächlich Alkohol konsumiert, um wieder in den durch die Arbeitszeit unterbrochenen Schlafrhyt hmus zu kommen, wobei diverse gesund- heitliche Probleme sowie Schlafstörungen des Beschu ldigten aktenkundig seien. Nur durch die Kontrolle des Dienstbüchleins und das Nachzählen der Reservezeitungen habe der Beschuldig- te sicherstellen können, dass die Route korrekt ein gehalten worden sei. Diese für ihn wichtige Angelegenheit als lebensfremd zu bezeichnen, gehe nicht an. 2.1 Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Ar t. 10 Abs. 2 StPO) hat das urtei- lende Gericht frei von Beweisregeln und nur nach se iner aus dem gesamten Verfahren gewonnenen persönlichen Überzeugung aufgrund gewiss enhafter Prüfung darüber zu ent- scheiden, ob es eine Tatsache für bewiesen hält. Da s Gericht trifft sein Urteil unabhängig von der Anzahl der Beweismittel, welche für eine bestim mte Tatsache sprechen, und ohne Rück- sicht auf die Art des Beweismittels. Auch besteht k eine Rangfolge der Beweise. Massgebend soll allein deren Stichhaltigkeit sein (C HRISTOF RIEDO /G ERHARD FIOLKA /M ARCEL ALEXANDER NIGGLI , Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 10 N 4 1 ff.). Als Beweiswürdigungsregel besagt die Maxime "in dubio pro reo", dass sich der Strafrichter nicht von der Existenz eines für den Beschuldigten ungünstigen Sachverhalts überzeug t erklären darf, wenn bei objektiver Be- trachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat. Die Beweiswürdigungsregel ist verletzt, wenn der Strafr ichter an der Schuld des Beschuldigten hät- te zweifeln müssen. Dabei sind bloss abstrakte und theoretische Zweifel nicht massgebend, weil solche immer möglich sind und absolute Gewissh eit nicht verlangt werden kann. Es muss sich um erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel handeln, das heisst um solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen (BGE 124 IV 87, E. 2a; mit Verweis auf BGE 120 Ia Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 31). Dem Sachgericht steht im Bereich der Beweiswür digung ein erheblicher Ermessensspiel- raum zu (BGE 134 IV 132, E. 4.2; BGE 129 IV 6, E. 6 .1). Eine Verurteilung darf nur ergehen, wenn das Gericht über jeden vernünftigen Zweifel hi naus überzeugt ist, dass sämtliche Straf- barkeitsvoraussetzungen in tatsächlicher Hinsicht v orliegen. Eine überwiegende Wahrscheinlichkeit reicht hierfür nicht. Auf der an deren Seite ist eine absolute Gewissheit an- gesichts der Unvollkommenheit der Erkenntnismittel und des menschlichen Urteilsvermögens nicht erreichbar. Gefordert ist indessen ein sehr h oher Grad an Wahrscheinlichkeit, oft wird die Formel "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich keit" verwendet (vgl. E STHER TOPHINKE , Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 10 N 83, mit Hinweisen). Das Bundesgericht greift auf Beschwerde hin nur ein, wenn das Sachgericht se in Ermessen missbraucht, insbesondere offensichtlich unhaltbare Schlüsse zieht, erheblich e Beweise übersieht oder solche willkürlich ausser Acht lässt (BGE 132 III 209, E. 2.1). Im Bereich rechtfertigender Tatsachen trifft den Be schuldigten eine gewisse Beweislast. Seine Behauptungen müssen plausibel sein; es muss ihnen e ine gewisse Überzeugungskraft zukom- men. Zumindest bedarf die Behauptung des Beschuldig ten gewisser Anhaltspunkte, sei es in Form konkreter Indizien oder einer natürlichen Verm utung für seine Darstellung, damit sie als Entlastungstatsache dem Urteil zugrunde gelegt wird . Wenn die belastenden Beweise nach einer Erklärung rufen, welche der Beschuldigte gebe n können müsste, dies jedoch nicht tut, darf nach Massgabe des gesunden Menschenverstandes der Schluss gezogen werden, es ge- be keine mögliche Erklärung und er sei schuldig. Ni chts anderes kann gelten, wenn er zwar eine Erklärung gibt, diese aber unglaubhaft oder ga r widerlegt ist. Der Grundsatz "in dubio pro reo" zwingt somit nicht dazu, jede entlastende Anga be des Beschuldigten, für deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit kein spezifischer Beweis vorhand en ist, als unwiderlegt zu betrachten. Nicht jede aus der Luft gegriffene Schutzbehauptung brauc ht durch einen hieb- und stichfesten Be- weis widerlegt zu werden (vgl. BGer 6B_453/2011 vom 20. Dezember 2011, E. 1.6 und 6B_562/2010 vom 28. Oktober 2010, E. 2.1). 2.2 Der Beschuldigte wird vorliegend einzig durch die Depositionen des Zeugen C.____ belastet, welcher am 4. Dezember 2016 gegenüber der Polizei Basel-Landschaft (act. 203 ff.), am 23. Juni 2017 bei der Staatsanwaltschaft (act. 2 71 ff.) und schliesslich am 24. Mai 2018 vor den Schranken des Strafgerichts (act. 417 ff.) Auss agen getätigt hat. Der Belastungszeuge er- klärte, er habe beobachtet, wie das Parkfeld, auf d em sich das Auto des Berufungsklägers befunden habe, noch wenige Minuten zuvor leer gestanden, beim erneuten Hinausschauen aus dem Fenster hingegen mit dem Fahrzeug des Berufungs klägers besetzt gewesen sei (vgl. Poli- zeirapport vom 12. Dezember 2016, act. 205; staatsa nwaltschaftliche Zeugeneinvernahme vom 23. Juni 2017, act. 273; vorinstanzliche Hauptverhandlung vom 24. Mai 2018, act. 417 f.). 2.3 a) Was die Würdigung der Zeugenaussagen betrifft, so gilt es zunächst zu beachten, dass es sich beim Polizeirapport vom 12. Dezember 2 016, welcher von C.____ weder gelesen noch unterschrieben worden ist, um eine bloss indir ekte und somit sinngemässe Wiedergabe Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht seiner Depositionen handelt. Dennoch erscheint es i n casu als auffällig, dass im Vergleich zu den nachfolgenden Aussagen von C.____ anlässlich de r staatsanwaltschaftlichen Zeugenein- vernahme vom 23. Juni 2017 sowie vor dem Vorderrich ter am 24. Mai 2018 in einem entscheidenden Punkt erhebliche Differenzen auszuma chen sind. So wurde im Polizeirapport vom 12. Dezember 2016 ausdrücklich festgehalten, C. ____ habe beobachten können, wie der Personenwagen des Beschuldigten parkiert worden sei . Wörtlich wird folgende Aussage von C.____ festgehalten: "Als ich um 10:45 Uhr nach draussen sah, konnte ich das besagte Fahr- zeug mit dem Kontrollschild X.____ nicht sehen. Die s befindet sich normalerweise auf einem Parkplatz, direkt vis à vis meiner Liegenschaft in der X.____strasse. Um 10:53 Uhr schaute ich nochmals nach draussen und konnte beobachten, wie d er Personenwagen parkiert wurde. Als dieser dann stillstand, stieg eine männliche, dunke l gekleidete Person aus dem Fahrzeug" . Zu- dem war sich C.____ gemäss dem Polizeirapport "sehr sicher" , dass dieser Mann das Fahrzeug in Bewegung gesetzt habe. Der Personenwagen habe si ch zuvor "zu 100% nicht auf diesem Parkplatz" befunden und sei danach wieder dorthin gestellt wo rden (act. 205). Demgegenüber gab C.____ in den nachfolgenden Zeugeneinvernahmen zweimal explizit zu Protokoll, er habe das betreffende Parkmanöver nicht gesehen (vgl. act. 273 ff. und 421). Aus welchem Grund der rapportierende Polizeibeamte in diesem entscheidenden Punkt eine derart anderslautende Version der Geschehnisse vom 4. Dezember 2016 festhält, ist nicht ohne weiteres erklärbar und kann im vorliegenden Zusamme nhang auch nicht mehr eruiert werden. Grundsätzlich denkbar wäre einerseits, dass sich der betreffende Polizeibeamte zum Rapportie- rungszeitpunkt über eine Woche nach dem Ereignis nu r noch ungenau an gewisse Aussagen von C.____ zu erinnern vermochte und diese mit Deta ils anreicherte, welche nicht den von C.____ getätigten Aussagen entsprachen. Ebenso gut vorstellbar erscheint es aber auch, dass C.____ in diesem Punkt bei der Staatsanwaltschaft u nd vor dem Strafgerichtsvizepräsidenten über ein halbes Jahr nach dem betreffenden Ereignis anderslautende Aussagen zu Protokoll gab als zuvor gegenüber der Polizei. b) Ausgehend von den prozesskonform zustande gekom menen Zeugenaussagen anläss- lich der staatsanwaltschaftlichen Zeugeneinvernahme vom 23. Juni 2017 sowie der vor- instanzlichen Hauptverhandlung vom 24. Mai 2018, auf welche die strafrechtliche Abteilung des Kantonsgerichts – wie bereits der Vorderrichter – v orliegend abstellt, gilt es als weiteres Ele- ment zu berücksichtigen, dass keine direkte unmitte lbare Wahrnehmung des Zeugen, wie der Beschuldigte gefahren ist, vorliegt. Vielmehr sagte der Zeuge aus, er habe um 10:45 Uhr beim Blick aus seinem Fenster an der Y.____strasse 10 keinen Wagen auf dem von ihm einsehbaren Parkfeld gesehen. Um 10:50 Uhr sei auf diesem aber plötzlich ein Wagen gestanden. Demnach tätigte der Zeuge lediglich einen indirekten Rücksc hluss, der Beschuldigte müsse sein Fahr- zeug gelenkt haben, ohne dass dies effektiv von ihm realiter und in eigener Wahrnehmung beobachtet werden konnte. Der Beweiswert eines blossen Rückschlusses auf ein Fahrmanöver erscheint im Vergleich zu einer unmittelbaren Wahrn ehmung eines solches als deutlich vermin- dert. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Die strafrechtliche Abteilung des Kantonsgerichts erachtet ferner die Eventualität, dass sich der zum Ereigniszeitpunkt 78-jährige Zeuge beim raschen Blick aus dem Fenster über das Vorhan- densein bzw. das Nichtvorhandensein eines Fahrzeugs auf dem betreffenden Parkplatz ge- getäuscht haben könnte, als durchaus im Bereich des Möglichen. Zudem ging der Beschuldigte unbestrittenermassen von seinem Fahrzeug zu Fuss in den nahegelegenen Z.____-Shop, um Bier zu kaufen. Hätte er vorgängig tatsächlich sein Fahrzeug benutzt, so wäre er logischer- und konsequenterweise auch mit diesem Alkohol kaufen gegangen. 2.4 Was das Aussageverhalten des Beschuldigten betriff t, so ist festzustellen, dass dieser von Beginn an vehement bestritt, im angeklagten Zei traum sein Fahrzeug gelenkt zu haben (vgl. Polizeirapport vom 12. Dezember 2016, act. 215). Als Beschuldigter einvernommen gab er zu Protokoll, es treffe zu, dass er frühmorgens zwi schen 4:00 und ca. 8:00–8:30 Uhr mit seiner Ehefrau Zeitungen ausgeliefert habe. In der Folge h abe er Alkohol getrunken, um besser ein- schlafen zu können. Er habe auf seinem Laptop Progr amme angeschaut und dann bemerkt, dass er das Dienstbüchlein, in welchem die gesamte Route festgehalten sei, die seine Ehefrau beim Austragen der Zeitungen absolvieren müsse, im parkierten Auto vergessen habe. Er sei dies holen gegangen, wobei er – weil er zuhause kei nen Alkohol mehr gehabt habe – noch zu Fuss den nahegelegenen Z.____-Shop aufgesucht und sich zwei Bier geholt habe (vgl. act. 233 ff., act. 403 ff. sowie Prot. KGer S. 8 ff.). Im Ke rngeschehen erscheinen die Aussagen des Be- schuldigten über alle Einvernahmen hin als konstant . Diese werden zudem durch die Depositionen seiner Ehefrau als Zeugin vor Kantonsgericht (Prot. KGer S. 5 ff.) bestätigt, wobei diesen Aussagen allerdings aufgrund ihrer Nähe zum Beschuldigten vorliegend kein starkes Gewicht zukommt. 2.5 Zusammenfassend ergibt sich demnach folgendes Bil d: Mangels objektiver Beweismittel liegt eine klassische "Aussage gegen Aussage"-Konstellation vor, wobei sowohl die Version des Zeugen als auch diejenige des Beschuldigten als grundsätzlich denkbare Varianten erscheinen, wie sich der Vorfall vom 4. Dezember 2016 abgespiel t haben könnte. Mit Blick auf mögliche Kundenreklamationen und der Abhängigkeit der Ehegat ten von der betreffenden Arbeitsstelle erscheint die Darstellung des Beschuldigten nach Auffassung der strafrechtlichen Abteilung des Kantonsgerichts zumindest als eine plausible Erklär ung, weswegen er zum angeklagten Zeit- punkt seinen Wagen in angetrunkenem Zustand aufgesu cht haben könnte. Diese Handlungsweise erscheint zwar nicht als besonders n aheliegend, ist aber – im Unterschied zur Vorinstanz – auch nicht zum vornherein als geradezu lebensfremd einzustufen. Hinsichtlich der Aussagen des Zeugen C.____ verblei ben nach Würdigung sämtlicher vorlie- gender Beweismittel zudem aufgrund der unter Ziffer II. 2.3.a)–b) relevierten Umstände massgebliche, begründete und unüberwindbare Zweifel an der Verwirklichung des angeklagten und von der Vorinstanz angenommenen Sachverhalts. Mithin wird bei dieser Ausgangslage das für einen Schuldspruch erforderliche Beweismass der mit an Sicherheit grenzenden Wahr- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht scheinlichkeit nicht erreicht, weswegen es in Anwen dung des strafprozessualen Grundsatzes "in dubio pro reo" nicht als hinreichend erstellt e rscheint, dass der Beschuldigte die ihm ange- lastete Tat begangen hat. Folgerichtig ist das Urte il des Strafgerichtsvizepräsidiums Basel- Landschaft vom 24. Mai 2018 in Gutheissung der Beru fung des Beschuldigten aufzuheben und dieser von Schuld und Strafe freizusprechen. III . K OSTEN 1. Gestützt auf § 12 Abs. 2 i.V.m. § 3 der Verordnung vom 15. November 2010 über die Gebühren der Gerichte (SGS 170.31) ist die Urteilsg ebühr für das kantonsgerichtliche Verfah- ren auf CHF 6‘000. ‒ festzusetzen; hinzu kommen Auslagen in der Höhe von CHF 250. ‒. Da der Beschuldigte mit seinem Begehren obsiegt, sind dies e Kosten dem Staat aufzuerlegen. Die Verfahrenskosten des erstinstanzlichen Verfahrens von insgesamt CHF 2‘415. ‒, bestehend aus den Kosten des Vorverfahrens von CHF 1‘415. ‒ sowie der Gerichtsgebühr von CHF 1'000. ‒, gehen ausgangsgemäss ebenfalls zu Lasten des Staates. 2. Zudem ist dem Rechtsvertreter des Beschuldigten, A dvokat Gioele Ballarino, eine Ent- schädigung auszurichten, wobei der mit Honorarnote vom 4. Dezember 2018 ausgewiesene Aufwand von 13.58 Stunden für das erstinstanzliche Verfahren als angemessen erscheint. Be- züglich des Stundenansatzes ist festzustellen, dass der vorliegende Fall in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht als durchschnittlich schwierig einzustufen ist, weswegen ein Stundensatz von CHF 230. ‒ in casu als angemessen erscheint und der gängigen Praxis der strafrechtlichen Abteilung des Kantonsgerichts entspricht (vgl. etwa KGer 470 11 14 vom 18. April 2011, E. 2; Entscheid des Bundesstrafgerichts vom 19. November 2008 i.S. A. gegen Bundesanwaltschaft [BK.2008.7], E. 2.3.3). Ausgehend von einem Aufwand von 13.58 Stunden und einem Stunden- satz von CHF 230. ‒ ist dem Vertreter der Beschuldigten demnach für da s erstinstanzliche Verfahren eine Entschädigung in der Höhe von CHF 3' 605.65 (inkl. Auslagen von CHF 237.60 und Mehrwertsteuer von 8% [CHF 88.95] bzw. 7.7% [CH F 154.95]) aus der Gerichtskasse aus- zurichten. Für das Berufungsverfahren wurde dem Beschuldigten mit verfahrensleitender Verfügung vom 12. Juli 2018 die amtliche Verteidigung mit Advokat Gioele Ballarino bewilligt. Der vom amtli- chen Verteidiger ausgewiesene Zeitaufwand von 9.58 Stunden erscheint unter Berücksichtigung der Komplexität des vorliegenden F alles als angemessen, wobei ergänzend für die Teilnahme an der Hauptverhandlung insgesamt 5 Stunden zu berücksichtigen sind, weswegen ihm für das zweitinstanzliche Verfahren ei ne Entschädigung von in der Höhe von insgesamt CHF 3'239.15 (inkl. 7.7% Mehrwertsteuer v on CHF 231.60) aus der Gerichtskasse auszurichten ist. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: I. a) Das Urteil des Strafgerichtsvizepräsidiu ms Basel-Landschaft vom 24. Mai 2018 wird in Gutheissung der Berufung des Beschuldigten aufgeho- ben und A.____ von Schuld und Strafe freigesprochen. b) Die Verfahrenskosten des erstinstanzlichen Ver fahrens von insgesamt CHF 2‘415. ‒, bestehend aus den Kosten des Vorverfahrens von CHF 1‘415. ‒ sowie der Gerichtsgebühr von CHF 1'000. ‒, gehen zu Las- ten des Staates. c) Dem Wahlverteidiger von A.____ für das erstins tanzliche Verfahren, Ad- vokat Gioele Ballarino, wird für das strafgerichtli che Verfahren eine Entschädigung in der Höhe von insgesamt CHF 3'605.6 5 (inkl. Auslagen von CHF 237.60 und Mehrwertsteuer von 8% [CHF 88.95 ] bzw. 7.7% [CHF 154.95]) aus der Gerichtskasse ausgerichtet. II. a) Die ordentlichen Kosten des Berufungsverfa hrens in der Höhe von CHF 6‘000. ‒, zuzüglich Auslagen von CHF 250. ‒, gehen zu Lasten des Staates. b) Dem eingesetzten amtlichen Verteidiger für das Berufungsverfahren, Advokat Gioele Ballarino, wird für das zweitinstanz liche Verfahren eine Entschädigung in der Höhe von insgesamt CHF 3'239.1 5 (inkl. 7.7% Mehrwertsteuer von CHF 231.60) aus der Gerichtskasse ausgerichtet. Präsident Dieter Eglin Gerichtsschreiber Marius Vogelsanger