B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-7920/2009/wif U r t e i l v o m 7 . M a i 2 0 1 2 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter Yanick Felley; Gerichtsschreiberin Sara Steiner. Parteien A._______, geboren (…), Serbien, vertreten durch Roth Dieter, Advokat, Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 16. November 2009 / N (…). D-7920/2009 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin stellte zusammen mit fünf ihrer Kinder im Jahre 1991 ein erstes Asylgesuch in der Schweiz. Auf dieses wurde mit Verf ü- gung vom 6. November 1991 des damals zuständigen Bundesamtes für Flüchtlinge nicht eingetreten, nachdem die Beschwerdef ührerin unb e- kannten Aufenthaltes war. B. Die Beschwerdeführerin verliess eigenen Angaben zufolge Serbien am 20. Januar 2008 erneut zusammen mit ihrer volljährigen Tochter B._______ (D-7914/2009) und gelangte über ihr unbekannte Länder am 21. Januar 2008 in die Schweiz, wo sie gleichentags zum zweiten Mal ein Asylgesuch stellte. Am 12. Februar 2008 wurde sie summarisch befragt und am 19. Dezember 2008 einlässlich angehört. Die Beschwerdeführerin gab an, sich nach ihrem ersten Aufenthalt in der Schweiz mehrere Jahre in Deutschland aufgehalten zu haben und dort auch verheiratet gewesen zu sein. Sie sei allerdings im Jahre 2002 aus Deutschland ausgewiesen worden und habe seither in Serbien gelebt. Zur Begründung ihres Gesuches gab sie an, sie sei in Serbien aufgr und ihrer Zugehörigkeit zur ethnischen Minderheit der Roma diskriminiert wor- den. Ihre Tochter sei vergewaltigt worden. Deshalb habe sie Angst, dass bei einer Rückkehr wieder etwas passiere , und wolle mit ihrer Tochter in der Schweiz bleiben. C. Mit Verfügung vom 16. November 2009 – eröffnet am 18. November 2009 – wies das BFM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete deren Wegweisung sowie den Vollzug an. D. Mit Eingabe vom 18. Dezember 2009 erhob die Beschwerdeführerin – handelnd durch ihren Rechts vertreter – beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Asylgewährung, eventualiter die Rüc k- weisung des Verfahrens an die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen sowie subeventualiter die Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unz u- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. In formeller Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 D-7920/2009 Seite 3 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG , SR 172.021) und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E. Mit Verfügung vom 7. Januar 2010 stellte die damals zuständige Instru k- tionsrichterin fest, die Beschwerdeführerin könne den Ausgang des Ve r- fahrens in der Schweiz abwarten. F. Mit Verfügung vom 19. Januar 2010 wurde auf die Erhebung eines Ko s- tenvorschusses verzichtet, der Entscheid über das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG auf einen späteren Zeitpunkt verschoben und das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG abgewiesen. Gleichzeitig wur- de die Beschwerdeführerin aufgefordert, allfällige Beweisunterlagen ei n- zureichen. Die entsprechend angesetzte Frist lief jedoch ungenutzt ab. G. In seiner Vernehmlassung vom 10. März 2010, welche der Beschwerd e- führerin am 16. März 2010 zur Kenntnis gebracht wurde, hielt das BFM an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwer- de. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesve rwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungs- gericht endgültig entscheidet. D-7920/2009 Seite 4 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdi- ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Die Beschwerdeführerin beantragte in ihrer Beschwerde ev entualiter die Rückweisung des Verfahrens an die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen. Der Antrag wurde in der Folge in keiner Weise begründet. Der Sachver- halt ist jedoch vorliegend rechtsgenüglich erstellt. Demzufolge ist der An- trag abzuweisen. 4. 4.1. Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia len Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Fre iheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 4.2. Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den D-7920/2009 Seite 5 Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1. Zur Begründung seiner Verfügung hielt das BFM im Wesentlichen fest, die Lage der ethnischen Minderheiten in Serbien habe sich im Zuge des demokratischen Wandels entspannt und das am 25. Februar 2002 in Kraft getretene Bundesgesetz zum Schutz und zur Freiheit der nationalen Minderheiten schütze auch die als Minderheit anerkannten Romas. G e- mäss diesem Minderheitengesetz erhielten die Minoritäten das Recht auf Schulbildung in der Muttersprache, das Recht auf Gebrauch der Mutte r- sprache als Amtssprache sowie das Recht auf Information in eigener Sprache. Zudem sei auch deren proportionale Vertretung in öffentlichen Ämtern vorgesehen. Vereinzelte Benachteiligungen und Schikanen g e- genüber Romas könnten zwar nicht restlos ausgeschlossen werden . Al- lerdings billige oder unterstütze der Staat selbst Übergriffe durch Drittpe r- sonen nicht. Solche Vorfälle stellten auch in Serbien Straftatbestände dar, die strafrechtlich verfolgt würden. Es könne zwar in einzelnen Fällen vo r- kommen, dass Behördenvertreter mit niederen Chargen die notwendigen Untersuchungsmassnahmen trotz wiederholtem Intervenieren nicht einlei- teten. Es bestehe jedoch die Möglichkeit, gegen fehlbare B eamten auf dem Rechtsweg vorzugehen und die zustehenden Rechte bei höheren In- stanzen einzufordern. Der serbische Staat sei bestrebt, Verfehlungen von Beamten zu ahnden. Zudem gelte Serbien seit dem 6. März 2009 als ver- folgungssicherer Staat im Sinne von A rt. 6a Abs. 2 lit. a AsylG . Im Weite- ren könne festgehalten werden, dass d ie Vergewaltigung der Tochter nicht glaubhaft sei . Infolgedessen könne auch nicht geglaubt werden, dass die Beschwerdeführerin aus diesem Vorkommnis Nachteile erwac h- sen seien. Schliesslich erfüllten auch die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht. 5.2. Die Beschwerdeführerin hielt dem entgegen, Roma unterlägen in Serbien einer Kollektivverfolgung. Zudem habe die Tochter sehr wo hl glaubhaft dargetan, dass und unter welchen Umständen sie verschleppt und vergewaltigt worden sei. In diesem Zusammenhang werde sie versu- chen, weitere Beweismittel über die Anzeigeerstattung zu erlangen. Der serbische Staat unternehme im Falle solcher Üb ergriffe gegenüber R o- ma-Frauen nicht wirklich etwas zu ihrem Schutz beziehungsweise zur effi- zienten Aufklärung der Taten und zeige sich somit als schutzunwillig. So D-7920/2009 Seite 6 sei auch ihr auf dem Polizeiposten beschieden worden, sie habe kein Recht auf eine Klage. 6. Wie die Vorinstanz richtigerweise ausführt, ergeben sich hinsichtlich der angeblichen Vergewaltigung der Tochter gewisse Zweifel bezüglich des Ablaufs der Geschehnisse. Das BFM hat aber ohnehin in seinen weiteren Erwägungen im Ergebnis zu Recht erkannt, d ass die Vorbringen der B e- schwerdeführerin nicht asylrelevant sind. 6.1. Nach Lehre und Rechtsprechung ist für die Anerkennung der Flücht- lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, be ziehungsweise solche im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrschei n- lichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile mü s- sen der asylsuchenden Person gezielt und aufgrund bestimmter Verfo l- gungsmotive drohen oder zugef ügt worden sein. Nach neuerer Rech t- sprechung kann eine Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG von staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren ausgehen. Danach ist nich t- staatliche Verfolgung als Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes zu erach- ten, wenn d er Staat unfähig oder nicht willens ist, Schutz vor besagter Verfolgung zu bieten. Es ist dabei nicht eine faktische Garantie für lan g- fristigen individuellen Schutz der von nichtstaatlicher Verfolgung bedro h- ten Person zu verlangen, weil es keinem Staat gelingen kann, die absolu- te Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger jederzeit und überall zu g a- rantieren. Erforderlich ist aber, dass eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht, wobei in erster Linie an polizeil i- che Aufgaben wahrnehmende Organe sowie an ein Rechts- und Justizsy- stem zu denken ist, welche eine effektive Strafverfolgung ermöglichen. Die Inanspruchnahme dieses Schutzsystems muss der betroffenen Pe r- son zudem objektiv zugänglich und individuell zumutbar sein, was jeweils im Rahmen einer Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspe- zifischen Kontexts zu beurteilen ist (vgl. BVGE 2008/12 E. 5 S. 154 f. mit weiteren Hinweisen). 6.2. Im Zuge des demokratischen Wandels hat sich die Situation der et h- nischen Minderheiten in Serbien entspannt. Am 25. Februar 2002 ist das Bundesgesetz zum Schutz und zur Freiheit der nationalen Minderheiten, welches auch für die anerkannte Minderheit der Roma Geltung bea n- sprucht, in Kraft getreten. Nach einer Gewalteskalation in den Jah ren 2003 und 2004 intervenierten verschiede ne internationale Organisati o-D-7920/2009 Seite 7 nen. Im Jahr 2005 wurde ein 10 -Punkte-Plan zwischen den serbischen Behörden und den Behörden der Vojvodina ver abschiedet, welcher die Verbesserung der ethnischen Beziehungen zum Ziel hat. Im gleichen Jahr ist die serbische Regierung der "Decade of Ro ma Inclusion", einer internationalen Initiative, welche sowohl Regierungs - und Nichtregi e- rungsorganisationen als auch die Roma -Zivilbevölkerung zusamme n- bringt, um die Entwicklung im Zus ammenhang mit der Verbesserung des Wohlergehens der Roma zu fördern und die diesbezüglichen Fortschritte zu überwachen und transparent zu machen, beigetreten. Diese Initiative konzentriert sich schwergewichtig auf die Bereiche Ausbildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnen und verpflichtet die Staaten, andere Kernaspek- te der Armut, Diskriminierung und Geschlechtergleichstellung zu berüc k- sichtigen. Serbien hat in diesem Zusammenhang vier nationale Aktion s- programme verabschiedet, welche sich auf die Bereiche Wohne n, G e- sundheit, Ausbildung und Arbeit beziehen. Es bestehen Bemühungen, ge- gen diskriminierendes Verhalten gegenüber Roma vorzugehen; unter a n- derem wurde angestrebt, Roma als Polizeiangestellte anzustellen und den Dialog zwischen Polizei und Romagemeinschaf ten zu fördern (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E -3741/2009 vom 30. November 2011 mit weiteren Hinweisen). 6.3. In jüngster Zeit konnten weitere Verbesserungen im Minderheite n- schutz verzeichnet werden. So wurde beispielsweise am 26. März 2009 ein Anti-Diskriminierungsgesetz verabschiedet. Am 31. August 2009 folgte das Gesetz über nationale Minderheitsräte, welches den Minderheiten grosse Autonomie in den Bereichen Sprache, Bildung und Kultur gewährt, und am 6. Juni 2010 wurden die ersten Wahlen für di ese Räte durchg e- führt. Die inter -ethnische Situation in der Vojvodina, wo die Beschwerde- führerin herstammt, hat sich weiter verbessert und es konnte ein Rüc k- gang inter-ethnischer Vorfälle verzeichnet werden. Vereinzelte Über griffe durch Drittpersonen gege n Roma können aber weiterhin nicht ausg e- schlossen werden. Der serbische Staat billigt oder unterstützt solche Übergriffe jedoch nicht, sondern erweist sich grundsätzlich als schutzwillig und schutzfähig und verfolgt die Vorfälle strafrechtlich. So konnten in jüngster Zeit in Bezug auf polizeiliche Untersuchungen bei inter -ethni- schen Vorfällen Verbesserungen verzeichnet werden. Trotz politischer Sensibilisierung in diesem Bereich und Massnahmen zur Stärkung der Ef- fizienz der Polizeiarbeit, kann es aber vork ommen, dass polizeilich unter- geordnete Behörden bei einer Anzeige die notwendigen Untersuchung s- massnahmen nicht einleiten. In solchen Fällen besteht jedoch die Mö g- lichkeit, gegen fehlbare Beamte auf dem Rechtsweg vorzugehen. Wenn D-7920/2009 Seite 8 auch eine klare Ahndung von ethnisch motivierter Gewalt auf gerichtlicher Ebene weiterhin nur zögerlich voranzugehen scheint, wurden vereinzelte Übergriffe gegen Minderheiten in jüngster Zeit gerichtlich verfolgt (vgl. EUROPEAN ROMA RIGHTS CENTRE [ERRC], Parallel submission by the Eu- ropean Roma Rights Centre to the Committee On The Elimination Of All Forms Of Racial Discrimination on Serbia for its consideration at the 78th Session 14 February To 11 March 2011, Januar 2011; EUROPEAN COMMIS- SION, Serbia 2010 Progress Report, 9. November 2010; HUMAN RIGHTS WATCH, World Report 2011, Januar 2011; US DEPARTMENT OF STATE, Country Report on Human Rights Practices 2009, 11. März 2010; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E -3741/2009 vom 30. November 2011 mit weiteren Hinweisen). 6.4. Entgegen de r Ansicht der Beschwerdeführe rin kann nach dem G e- sagten nicht davon gesprochen werden, dass sie als Roma in Serbien e i- ner Kollektivverfolgung unterliegt, und es ist von einem adäquaten staatl i- chen Schutz durch die serbischen Behörden auszugehen. Zudem war die Schutzsuche – eventuell verbunden mit einer Wohnsitzänderung – für die Beschwerdeführerin auch zumutbar, wurde doch innerhalb der Familie of- fen über die angebliche Vergewaltigung ihrer Tochter gesprochen und sie von der Familie unterstützt. Zudem war es der Beschwerdeführerin zuzu- muten, sich an eine obere Instanz zu wenden, hätte die lokale Polizei tat- sächlich nichts unternommen . Diesen Erwägungen ver mag die B e- schwerdeführerin auf Rechtsmittelebene nichts Stichhaltiges entgegen zu halten. Vor diesem H intergrund kann dahingestellt bleiben, inwiefern die entsprechend geltend gemachten Nachteile – die Vergewaltigung der Tochter –, die allein die in diesem Zeitpunkt bereits volljährige Tochter be- trafen, die Flüchtlingseigenschaft der Mutter zu begründen vermöchten. 6.5. Trotz der Bemühungen der Behörden zur Förderung der Gleichb e- handlung, werden Roma in Serbien aber nach wie vor Opfer verschied e- ner Diskriminierungen, namentlich in den Bereichen Bildung, Arbeit, Woh- nen und Gesundheit, welche sie in eine prekäre Situation versetzen. Al- lein mit der Zugehörigkeit zur serbischen Minderheit der Roma und den in diesem Zusammenhang geltend gemachten widrigen Lebensumständen wird aber noch keine individuelle Betroffenheit im Sinne der asylrechtl i- chen Bestimmungen dargelegt. 6.6. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorbringen der B e- schwerdeführerin den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft ge -D-7920/2009 Seite 9 mäss Art. 3 AsylG nicht genügen. Das BFM hat das Asylgesuch demnach zu Recht abgelehnt. 7. 7.1. Lehnt das Bundesamt das Asylgesu ch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ord- net den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.2. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer so l- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei- zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 8. 8.1. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt g e- mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und seiner Vo r- gängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüch t- lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn de r strikte B e- weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Au s- länderrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 8.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land g e- zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). D-7920/2009 Seite 10 Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Ei d- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkom- mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau same, un- menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder e rniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 8.3. Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend dar- auf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non -Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be- schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin nach Serbien ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus- schaffung nach Serbien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMR K oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie je ner des UN -Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nac h- weisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Fol- ter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Auch die allgeme i- ne Menschenrechtssituation in Serbien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem G e- sagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl - als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 8.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt un d medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr- dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vor- läufige Aufnahme zu gewähren. D-7920/2009 Seite 11 8.4.1. Die allgemeine Lage in Serbien lässt nicht auf eine konkrete G e- fährdung der Bes chwerdeführerin im Falle einer Rückkehr schliessen. Zwar werden Angehörige der Roma – wie erwähnt – beim Zugang zu Bil- dung, Arbeit, Wohnen und Gesundheit diskriminiert. Diese Diskriminierun- gen erreichen indessen nicht ein Ausmass, das den Vollzug der Wegwei- sung allgemein als unzumutbar erscheinen liesse. Auch sprechen keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit der Rückkehr der B e- schwerdeführerin. Zwar wurde ihre Tochter mit Verfügung vom 12. März 2012 aufgrund der vorläufigen Aufnahme deren Ehem annes ebenfalls vorläufig aufgenommen , sodass die Beschwerdeführerin nicht wie vom BFM angenommen, mit der Tochter zusammen nach Serbien zurückke h- ren kann. Jedoch wohnen in Serbien drei weitere Töchter der Beschwe r- deführerin (B10 F51 ff.) und ein Onkel, bei dem sie offenbar schon vor ih- rer Ausreise leben konnte und der sie finanziell unterstützte und ihr sogar die Ausreise finanzierte, welche 2400 Euro gekostet habe (B10 F30). So- mit verfügt sie über ein familiäres- und soziales Beziehungsnetz, welches sie bei einer Rückkehr unterstützen kann. Auch wohnen drei Söhne und eine Tochter in Deutschland sowie eine Tochter in der Schweiz (B10 F51 ff.), welche sie allenfalls finanziell unterstützen können. Der Einwand, sie habe zu ihren Kindern kaum Kontakt, kann an gesichts des kulturell bedingten engen Zusammenhalts in der Romagemeinschaft, nicht g e- glaubt werden. 8.4.2. Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde gesundheitl i- che Probleme geltend. Entgegen ihrer Ankündigung wurden bis anhin je- doch keine diesbezüglichen Beweismittel eingereicht. Es ist aber ohnehin davon auszugehen, dass die geltend gemachten Beschwerden (Bronch i- tis, Herzprobleme) in Serbien behandelt werden können. Zwar haben Ro- ma in Serbien verschiedenen Quellen zufolge nur beschränkt Zugang zu medizinischer Versorgung. Dies hängt jedoch hauptsächlich damit z u- sammen, dass sie oft weder über Dokumente noch eine feste Wohnsit z- adresse verfügen. Zudem hat die serbische Regierung jüngst 45 Roma - Gesundheitsmediatoren eingestellt (vgl. ERRC, a.a.O., Z iff. 29 f.; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-912/2011 vom 16. Juni 2011 mit weite- ren Hinweisen ). Die Beschwerdeführerin dürfte über Dokumente verf ü- gen, konnte sie doch in der Vergangenheit einen Pass erhältlich machen, und hatte im Haus ihres Onkels einen festen Wohnsitz, sodass sie nicht wie andere Roma in einer illegalen Siedlung leben musste. Schliesslich besteht auch die Möglichkeit, medizinische Rückkehrhilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist demnach nicht davon auszugehen, die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin würden im Falle des Vollzugs der D-7920/2009 Seite 12 Wegweisung nach Serbien mangels ausreichender medizinischer B e- handlungsmöglichkeiten eine drastische und lebensbedrohende Ve r- schlechterung ihres Gesundheitszustandes nach sich ziehen. 8.4.3. Nach dem Gesagten ist – trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage in Serbien, insbesondere für Angehörige der Ethnie der Roma – nicht da- von auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in eine existenzgefäh r- dende Lage geraten wird. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch als zumutbar. 8.5. Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 8.6. Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechts erheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist nach dem Gesagten abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde- führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) . Diese stellte in ihrer Be- schwerde jedoch ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. Gemäss dieser Bestimmung wird von der Erhe- bung von Verfahrenskosten abgesehen, wenn die Partei nicht über die er- forderlichen Mittel verfügt und ihre Beschwerdevorbringen nicht au s- sichtslos erscheinen. Zwar wurde die in Aussicht gestellte Fürsorgebe s- tätigung bis anhin nicht zu den Akten gereicht. Aufgrund der Akten und insbesondere aufgrund des hohen Alters der Beschwerdeführerin sowie der Tatsache, dass sie keiner Erwerbstätigkeit nachgeht, ist jedoch insge- samt von ihrer Bedürftigkeit auszugehen. Nach dem Gesagten sind die Begehren auch nicht als aussichtslos zu bezeichnen. Das Gesuch um un-D-7920/2009 Seite 13 entgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist somit gut- zuheissen und es sind keine Kosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) D-7920/2009 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. In Gutheissung des Gesuches um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Sara Steiner Versand: