<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp403648"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>137 IV 145<br/><br/><br/><div class="paraatf">20. Auszug aus dem Urteil der I. öffentlich-rechtlichen Abteilung i.S. Eidgenössische Steuerverwaltung gegen X. (Beschwerde in Strafsachen)</div> <div class="paraatf">1B_417/2010 vom 1. April 2011</div> <a name="idp405200"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf">Art. 79 i.V.m. <span class="artref"><artref id="CH/173.110/81/2" type="start"></artref><artref id="CH/173.110/81/1" type="start"></artref>Art. 81 Abs. 1 und 2 BGG</span><artref id="CH/173.110/81/2" type="end"></artref><artref id="CH/173.110/2" type="end"></artref>; Art. 169 f. und <span class="artref">Art. 191 Abs. 1 DBG</span>; <span class="artref">Art. 46 Abs. 1 lit. b VStrR</span>; <span class="artref">Art. 333 Abs. 1 StGB</span>; Zulässigkeit von Einziehungsbeschlagnahmen im Rahmen von besonderen Fiskaluntersuchungen wegen des Verdachts von schweren Steuerwiderhandlungen. <div class="paratf">Anwendbarkeit des VStrR nach Inkrafttreten der Eidg. StPO; Übergangsrecht (E. 1.1). Beschwerdelegitimation der Eidg. Steuerverwaltung (E. 1.2). Massgebliches Fiskalstrafrecht; anwendbare Verfahrensvorschriften (E. 5). Dass die Fiskalbehörden im Rahmen eines allfälligen Hinterziehungs- bzw. Nachsteuerverfahrens auf verwaltungsrechtliche Instrumente der Steuersicherung zurückgreifen können, schliesst die vorsorgliche Anordnung von strafprozessualen Einziehungsbeschlagnahmen durch die Eidg. Steuerverwaltung im Verfahren der besonderen Fiskaluntersuchung nicht aus. Ebenso wenig ergibt sich in diesen Fällen aus <span class="artref">Art. 333 Abs. 1 StGB</span> ein Beschlagnahmehindernis (E. 6). </div> </div> </div> <a name="idp422720"></a> <a name="idp437008"></a> <br/><div> <a name="idp451120"></a><span class="big bold" id="sachverhalt">Sachverhalt</span> <span class="small">ab Seite 146</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page146"></a><div class="center pagebreak">BGE 137 IV 145 S. 146</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp452832"></a><span class="bold">A. </span> Die Eidgenössische Steuerverwaltung (EStV) führt gegen X. und dessen Ehefrau eine fiskalstrafrechtliche besondere Untersuchung wegen des Verdachts von schweren Steuerwiderhandlungen. Am 17. bzw. 18. August 2010 erliess die EStV bei verschiedenen Banken Beschlagnahmeverfügungen (Konten- und Depotsperren), in denen diese aufgefordert wurden, Vermögenswerte, welche dem Beschuldigten gehören oder an denen er wirtschaftlich berechtigt ist, zu blockieren. Eine vom Beschuldigten dagegen erhobene Beschwerde hiess das Bundesstrafgericht, I. Beschwerdekammer, mit Entscheid <a name="page147"></a><div class="center pagebreak">BGE 137 IV 145 S. 147</div> vom 1. Dezember 2010 gut, indem es die Beschlagnahmeverfügungen aufhob. </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp455456"></a><span class="bold">B. </span> Dagegen gelangte die EStV mit Beschwerde vom 21. Dezember 2010 an das Bundesgericht. Sie beantragt im Hauptstandpunkt die Aufhebung des Entscheides des Bundesstrafgerichtes vom 1. Dezember 2010. </div> <div class="paraatf">X. beantragt mit Beschwerdeantwort vom 14. Januar 2011 die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesstrafgericht hat auf eine Stellungnahme verzichtet.</div> <div class="paraatf">Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut.</div> <br/><div> <a name="idp457584"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> </div> <br/><div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp458544"></a><span class="bold" id="consideration_1.">1. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp459584"></a><span class="bold" id="consideration_1.1">1.1 </span> Auch nach Inkrafttreten der StPO (SR 312.0) und des StBOG (SR 173.71) am 1. Januar 2011 ist das VStrR (SR 313.0) auf Fälle der Bundesgerichtsbarkeit in Verwaltungsstrafsachen weiterhin anwendbar. Zwar wurde das VStrR per 1. Januar 2011 durch die StPO (Anhang 1 Ziff. II/11) und das StBOG (Anhang Ziff. II/9) teilweise geändert. Die fraglichen neuen VStrR-Bestimmungen sind auf den vorliegenden (altrechtlichen) Fall jedoch noch nicht anwendbar, zumal der streitige erstinstanzliche Entscheid vor dem 1. Januar 2011 gefällt wurde (vgl. <span class="artref">Art. 453 Abs. 1 und <artref id="CH/312.0/454/1" type="start"></artref>Art. 454 Abs. 1 StPO</span><artref id="CH/312.0/453/1" type="end"></artref>; Urteile des Bundesgerichtes 1B_411/2010 vom 7. Februar 2011 E. 1.3; 1B_224/2010 vom 11. Januar 2011 E. 2). </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp464736"></a><span class="bold" id="consideration_1.2">1.2 </span> Die EStV ist (gemäss Art. 79 i.V.m. Art. 81 Abs. 1-2, insb. Abs. 1 lit. b Ziff. 7 BGG) beschwerdelegitimiert (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=21&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2011&amp;to_year=2011&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-IV-156%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page156">BGE 130 IV 156</a> E. 1.1 S. 158; AEMISEGGER/FORSTER, in: Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 2008, N. 10 Fn. 42 zu <span class="artref">Art. 79 BGG</span>; s. auch <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=21&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2011&amp;to_year=2011&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-I-234%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page234">BGE 130 I 234</a> E. 3.1 S. 237; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=21&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2011&amp;to_year=2011&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-IV-154%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page154">BGE 130 IV 154</a> E. 1.2 S. 155 f., sowie Art. 28 Abs. 1 lit. d i.V.m. <span class="artref">Art. 30 SGG</span> und <span class="artref">Art. 26 Abs. 1 VStrR</span>). </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp477536"></a><span class="bold" id="consideration_1.3">1.3 </span> Auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen von <span class="artref">Art. 79 ff. BGG</span> sind erfüllt und geben zu keinen weiteren Bemerkungen Anlass. </div> <div class="paraatf">(...)</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp480864"></a><span class="bold" id="consideration_5.">5. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp481904"></a><span class="bold" id="consideration_5.1">5.1 </span> Der Bund erhebt gemäss dem Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer (DBG; SR 642.11) namentlich eine Einkommenssteuer von den natürlichen Personen (<span class="artref">Art. 1 lit. a DBG</span>). Die Steuerpflichtigen müssen die Steuererklärung für die Erhebung der <a name="page148"></a><div class="center pagebreak">BGE 137 IV 145 S. 148</div> direkten Bundessteuer wahrheitsgemäss und vollständig ausfüllen (<span class="artref">Art. 124 Abs. 2 DBG</span>). Die Veranlagungsbehörde prüft die Steuererklärung und nimmt die erforderlichen Untersuchungen vor (<span class="artref">Art. 130 Abs. 1 DBG</span>). Ergibt sich aufgrund von Tatsachen oder Beweismitteln, die der Steuerbehörde nicht bekannt waren, dass eine rechtskräftige Veranlagung unvollständig ist, oder ist eine unvollständige Veranlagung auf ein Verbrechen oder Vergehen gegen die Steuerbehörde zurückzuführen, so wird die nicht erhobene Steuer samt Zins als Nachsteuer eingefordert (<span class="artref">Art. 151 Abs. 1 DBG</span>). Die Eröffnung der Strafverfolgung wegen Steuerhinterziehung (<span class="artref"><artref id="CH/642.11/175" type="start"></artref>Art. 175-180 DBG</span><artref id="CH/642.11/180" type="end"></artref>) oder Steuervergehens (<span class="artref"><artref id="CH/642.11/186" type="start"></artref>Art. 186-189 DBG</span><artref id="CH/642.11/189" type="end"></artref>) gilt zugleich als Einleitung des Nachsteuerverfahrens (<span class="artref">Art. 152 Abs. 2 DBG</span>). </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp499456"></a><span class="bold" id="consideration_5.2">5.2 </span> Im Sechsten Teil ("Steuerstrafrecht") unterscheidet das DBG folgende Arten von Steuerdelikten: </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp500656"></a><span class="bold" id="consideration_5.2.1">5.2.1 </span> Im <i>Ersten Titel</i> werden die <i>Fiskalübertretungen</i> behandelt (nämlich die Verletzung von Verfahrenspflichten und die Steuerhinterziehung). Die Verletzung von fiskalischen Verfahrenspflichten (etwa betreffend Einreichung der Steuererklärung) wird im 1. Kapitel mit Busse bedroht (<span class="artref">Art. 174 DBG</span>). Das 2. Kapitel (<span class="artref"><artref id="CH/642.11/175" type="start"></artref>Art. 175-180 DBG</span><artref id="CH/642.11/180" type="end"></artref>) regelt die Steuerhinterziehung. Vollendete Steuerhinterziehung liegt namentlich vor, wenn der Steuerpflichtige vorsätzlich oder fahrlässig bewirkt, dass eine rechtskräftige Veranlagung unvollständig ausfällt. Die Steuerhinterziehung stellt ebenfalls eine Übertretung dar und wird mit Busse bestraft (<span class="artref">Art. 175 DBG</span>). </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp509952"></a><span class="bold" id="consideration_5.2.2">5.2.2 </span> Im <i>Zweiten Titel</i> (<span class="artref"><artref id="CH/642.11/186" type="start"></artref>Art. 186-189 DBG</span><artref id="CH/642.11/189" type="end"></artref>) werden die <i>Steuervergehen</i> unter Kriminalstrafe gestellt. Steuerbetrug nach <span class="artref">Art. 186 DBG</span> begeht, wer zum Zwecke einer Steuerhinterziehung gefälschte, verfälschte oder inhaltlich unwahre Urkunden wie Geschäftsbücher, Bilanzen, Erfolgsrechnungen oder Lohnausweise und andere Bescheinigungen Dritter zur Täuschung gebraucht. Die Strafdrohung beträgt "Gefängnis" (bzw. Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren) oder Busse bis zu Fr. 30'000.-. Ebenfalls als Vergehen (<span class="artref">Art. 10 Abs. 3 StGB</span>, s. auch aArt. 9 Abs. 2 StGB) mit "Gefängnis" als Höchststrafe bedroht, ist die Veruntreuung von Quellensteuern (<span class="artref">Art. 187 DBG</span>). Vermutet die kantonale Fiskalbehörde ein Fiskalvergehen im Sinne des DBG, so erstattet sie der für die Verfolgung des kantonalen Steuervergehens zuständigen Behörde Strafanzeige; diese Behörde verfolgt dann ebenfalls das Vergehen nach DBG (<span class="artref">Art. 188 Abs. 1 DBG</span>). Das betreffende Verfahren bei Fiskalvergehen richtet sich nach den Vorschriften der Eidg. StPO (<span class="artref">Art. 188 Abs. 2 DBG</span>). Wird <a name="page149"></a><div class="center pagebreak">BGE 137 IV 145 S. 149</div> der Täter für das kantonale Steuervergehen vom Strafrichter zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, so erfolgt für das Vergehen nach DBG eine Zusatzstrafe (<span class="artref">Art. 188 Abs. 3 DBG</span>); auch die EStV kann die Strafverfolgung wegen Steuervergehen durch die zuständigen Strafjustizbehörden verlangen (<span class="artref">Art. 188 Abs. 4 DBG</span>). </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp529152"></a><span class="bold" id="consideration_5.2.3">5.2.3 </span> Schliesslich unterscheidet das DBG im <i>Dritten Titel</i> noch zwischen schweren und minder schweren Steuerwiderhandlungen. Bei begründetem Verdacht von schweren Steuerwiderhandlungen sind besondere Untersuchungsmassnahmen durch die EStV zulässig. Als schwere Steuerwiderhandlungen kommen (gemäss <span class="artref">Art. 190 Abs. 2 DBG</span>) sowohl Fiskalübertretungen als auch Fiskalvergehen in Frage, nämlich (in nicht abschliessender Aufzählung) sowohl die fortgesetzte Hinterziehung grosser Steuerbeträge (<span class="artref"><artref id="CH/642.11/175" type="start"></artref>Art. 175 und 176 DBG</span><artref id="CH/642.11/176" type="end"></artref>), als auch die Steuervergehen (<span class="artref"><artref id="CH/642.11/186" type="start"></artref>Art. 186 und 187 DBG</span><artref id="CH/642.11/187" type="end"></artref>). Die gesetzliche Unterscheidung zwischen schweren und minder schweren Steuerwiderhandlungen ist verfahrensrechtlicher Natur: Bei Verdacht eines schweren Falles kann die EStV in Zusammenarbeit mit den kantonalen Steuerverwaltungen eine besondere Untersuchung durchführen (<span class="artref">Art. 190 Abs. 1 DBG</span>). Hingegen sieht das DBG auch für die "schwere" Steuerhinterziehung (nämlich für die fortgesetzte Hinterziehung grosser Steuerbeträge) keine qualifizierte Strafe vor, insbesondere keine Vergehensstrafe (StGB-Geldstrafe bzw. Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren). Für die (quantitativ) schwere Steuerhinterziehung gelten vielmehr die Bussendrohungen von <span class="artref"><artref id="CH/642.11/175" type="start"></artref>Art. 175-178 DBG</span><artref id="CH/642.11/178" type="end"></artref>. Auch die (quantitativ) schwere Steuerhinterziehung (im Sinne von <span class="artref">Art. 190 Abs. 2 DBG</span>) stellt somit eine Fiskalübertretung dar, für die keine Kriminalstrafe angedroht ist. Ebenso wenig fällt sie in die Zuständigkeit der Strafjustizbehörden. Zuständig zur Verfolgung und Beurteilung der schweren Steuerhinterziehung sind ausschliesslich Verwaltungsbehörden, nämlich die EStV und die kantonalen Steuerverwaltungen (<span class="artref">Art. 190 Abs. 1, <artref id="CH/642.11/193" type="start"></artref>Art. 193 und <artref id="CH/642.11/194/1" type="start"></artref>Art. 194 Abs. 1 DBG</span><artref id="CH/642.11/193" type="end"></artref><artref id="CH/642.11/190/1" type="end"></artref>; vgl. Urteile des Bundesgerichtes 1S.8/2006 vom 12. Dezember 2006 E. 4.2.3; 1S.5/2005 vom 26. September 2005 E. 6.2.3). </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp551856"></a><span class="bold" id="consideration_5.3">5.3 </span> Ist die Verfolgung und Beurteilung von Widerhandlungen einer Verwaltungsbehörde des Bundes übertragen, so findet das VStrR Anwendung (<span class="artref">Art. 1 VStrR</span>). <span class="artref">Art. 191 Abs. 1 DBG</span> schreibt ausdrücklich vor, welche Zwangsmassnahmen die EStV gestützt auf das VStrR im Rahmen der Untersuchung von "schweren Steuerwiderhandlungen" anordnen darf: Im Verfahren gegen die mutmasslichen Täter und Teilnehmer können Massnahmen gemäss <span class="artref"><artref id="CH/313.0/19" type="start"></artref>Art. 19-50 VStrR</span><artref id="CH/313.0/50" type="end"></artref> <a name="page150"></a><div class="center pagebreak">BGE 137 IV 145 S. 150</div> verfügt werden; die vorläufige Festnahme (nach <span class="artref">Art. 19 Abs. 3 VStrR</span>) ist ausgeschlossen. <span class="artref">Art. 46 Abs. 1 lit. b VStrR</span> erlaubt die strafprozessuale Beschlagnahme von Gegenständen und anderen Vermögenswerten, die voraussichtlich der <i>Einziehung</i> unterliegen. Die besondere Untersuchung von schweren Steuerwiderhandlungen liegt in den Händen der Verwaltungsbehörden. Die EStV führt die Untersuchung in Zusammenarbeit mit den kantonalen Steuerverwaltungen durch (<span class="artref">Art. 190 Abs. 2 DBG</span>). Die EStV erstellt nach Abschluss der Untersuchung einen Bericht (<span class="artref">Art. 193 DBG</span>). Kommt die EStV zum Ergebnis, dass eine (quantitativ) schwere Steuerhinterziehung (<span class="artref"><artref id="CH/642.11/175" type="start"></artref>Art. 175 und 176 DBG</span><artref id="CH/642.11/176" type="end"></artref>) begangen wurde, so verlangt sie von der zuständigen kantonalen Verwaltung die Durchführung eines Hinterziehungsverfahrens (<span class="artref">Art. 194 Abs. 1 DBG</span>). Kommt sie zum Schluss, es liege ein Steuervergehen vor (<span class="artref"><artref id="CH/642.11/186" type="start"></artref>Art. 186 und 187 DBG</span><artref id="CH/642.11/187" type="end"></artref>), so erstattet sie bei der zuständigen kantonalen Strafverfolgungsbehörde Anzeige (<span class="artref">Art. 194 Abs. 2 DBG</span>). </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp578080"></a><span class="bold" id="consideration_6.">6. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp579120"></a><span class="bold" id="consideration_6.1">6.1 </span> Die im angefochtenen Entscheid vertretene Ansicht der Vorinstanz würde dazu führen, dass im Rahmen von besonderen Fiskaluntersuchungen wegen des Verdachts von schweren Steuerwiderhandlungen (insbesondere von fortgesetzten Hinterziehungen grosser Steuerbeträge) entgegen der bundesgerichtlichen Praxis keine sichernden Vermögensbeschlagnahmen bei mutmasslichen Tätern und Teilnehmern (sowie Dritten) mehr möglich wären. </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp580928"></a><span class="bold" id="consideration_6.2">6.2 </span> Falls nach Abschluss der besonderen Fiskaluntersuchung gemäss <span class="artref">Art. 190 ff. DBG</span> ein Verdacht auf <i>Steuervergehen</i> (namentlich Steuerbetrug) resultiert, wird ein Fiskalstrafverfahren vor den kantonalen Strafverfolgungsbehörden eingeleitet. Bei Verdacht auf <i>Steuerhinterziehung</i> erfolgt ein Hinterziehungsverfahren (Strafsteuerverfahren) sowie ein separates Nachsteuerverfahren vor den Verwaltungsbehörden. Ob eine strafrechtliche Einziehung (oder allenfalls die Deckung einer Strafbusse, von Verfahrenskosten oder von Nachsteuern) in Frage kommt, hängt vom Ergebnis des hängigen Untersuchungsverfahrens wegen mutmasslichen schweren Steuerwiderhandlungen ab. Selbst wenn eine (abgeschlossene) besondere Fiskaluntersuchung der EStV "lediglich" Anhaltspunkte für eine (allenfalls qualifizierte) Steuerhinterziehung ergäbe, wären mit der zuvor verfügten Beschlagnahme als provisorische Sicherungsmassnahme grundsätzlich auch mögliche Nach- und Strafsteuern vorläufig (verwaltungsstrafprozessual) sichergestellt worden: <a name="page151"></a><div class="center pagebreak">BGE 137 IV 145 S. 151</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp586592"></a><span class="bold" id="consideration_6.3">6.3 </span> <span class="artref">Art. 191 Abs. 1 Satz 1 DBG</span> bestimmt ausdrücklich, dass sich Untersuchungsmassnahmen (gegenüber den mutmasslichen Tätern oder Teilnehmern bei Verfahren wegen des Verdachts schwerer Steuerwiderhandlungen) nach den Vorschriften von <span class="artref"><artref id="CH/313.0/19" type="start"></artref>Art. 19-50 VStrR</span><artref id="CH/313.0/50" type="end"></artref> richten. Dazu gehört insbesondere <span class="artref">Art. 46 Abs. 1 lit. b VStrR</span> betreffend die Einziehungsbeschlagnahme. Im Gegensatz zur vorläufigen Festnahme (<span class="artref">Art. 19 Abs. 3 VStrR</span>) wird diese Zwangsmassnahme von <span class="artref">Art. 191 Abs. 1 Satz 2 DBG</span> nicht ausgeschlossen. Anders wäre zu entscheiden, wenn im hängigen Untersuchungsverfahren bereits absehbar wäre, dass eine spätere strafrechtliche Einziehung (von mutmasslichem Steuersubstrat bzw. illegaler "Steuerersparnis") oder eine Sicherung von gesetzlichen Pfandrechten (<span class="artref">Art. 46 Abs. 2 VStrR</span> i.V.m. <span class="artref"><artref id="CH/642.11/169" type="start"></artref>Art. 169 und 170 DBG</span><artref id="CH/642.11/170" type="end"></artref>) von vornherein ausgeschlossen wäre. Es liefe sowohl dem Wortlaut als auch dem Sinn und Zweck der gesetzlichen Vorschriften zuwider, wenn die EStV zwar bereits schwerwiegende Verdachtsfälle fiskalstrafrechtlich zu untersuchen hätte, wirksame sichernde Zwangsmassnahmen aber - wenn überhaupt - frühestens im Rahmen eines allfällig sich anschliessenden Fiskalstrafverfahrens bzw. Hinterziehungs- und Nachsteuerverfahrens verfügt werden könnten. Da die betroffenen mutmasslichen Täter oder Teilnehmer gewarnt wären, würden (verspätete) Sicherungsmassnahmen bei schweren Verdachtsfällen regelmässig ins Leere laufen. Auch die verwaltungsrechtlichen Instrumente der Steuersicherung (gemäss Art. 169 f. DBG) würden nach der Konzeption des Gesetzgebers - während der besonderen Fiskaluntersuchung durch die EStV - nicht ohne Weiteres genügen, soweit sie (vor Eröffnung eines allfälligen Hinterziehungs- bzw. Nachsteuerverfahrens durch die zuständige Behörde) überhaupt schon anwendbar wären. Dementsprechend verweist <span class="artref">Art. 191 Abs. 1 DBG</span> für zulässige besondere Untersuchungsmassnahmen wegen des Verdachts schwerer Steuerwiderhandlungen ausdrücklich auf <span class="artref"><artref id="CH/313.0/19" type="start"></artref>Art. 19-50 VStrR</span><artref id="CH/313.0/50" type="end"></artref>. </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp609616"></a><span class="bold" id="consideration_6.4">6.4 </span> Entgegen der Ansicht der Vorinstanz ergibt sich auch aus <span class="artref">Art. 333 Abs. 1 StGB</span> keine Unzulässigkeit verwaltungsstrafprozessualer Vermögensbeschlagnahmen im Rahmen der besonderen Untersuchung von mutmasslichen schweren Steuerwiderhandlungen, insbesondere von fortgesetzten Hinterziehungen grosser Steuerbeträge (oder von Steuervergehen). Die spezialgesetzliche Grundlage für die provisorische Sicherungsmassnahme findet sich in <span class="artref"><artref id="CH/313.0/46/2" type="start"></artref><artref id="CH/313.0/46/1" type="start"></artref>Art. 46 Abs. 1 und 2 VStrR</span><artref id="CH/313.0/46/2" type="end"></artref><artref id="CH/313.0/2" type="end"></artref> i.V.m. <span class="artref">Art. 191 Abs. 1 DBG</span>. Bei der Prüfung der Rechtmässigkeit von Einziehungsbeschlagnahmen im besonderen <a name="page152"></a><div class="center pagebreak">BGE 137 IV 145 S. 152</div> Untersuchungsverfahren ist im Einzelfall namentlich abzuklären, ob eine fiskalstrafrechtliche Einziehung grundsätzlich möglich erscheint oder nicht (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=21&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2011&amp;to_year=2011&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F135-I-257%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page257">BGE 135 I 257</a> E. 1.5 S. 260 mit Hinweisen; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=21&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2011&amp;to_year=2011&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-I-103%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page103">BGE 129 I 103</a> E. 2.1 S. 105 f.; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=21&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2011&amp;to_year=2011&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F120-IV-365%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page365">BGE 120 IV 365</a> E. 1c S. 366 f.; Urteile 1S.8/2006 vom 12. Dezember 2006 E. 4-6; 1S.9/2005 vom 6. Oktober 2005 E. 7; 1S.5/2005 vom 26. September 2005 E. 7). Dabei sind (gestützt auf <span class="artref">Art. 46 Abs. 1 lit. b VStrR</span> und nach der Praxis des Bundesgerichtes) die <span class="artref"><artref id="CH/311.0/70" type="start"></artref>Art. 70 und 71 StGB</span><artref id="CH/311.0/71" type="end"></artref> vorfrageweise anzuwenden ("voraussichtlich der Einziehung unterliegen"). Dass das VStrR oder das DBG eine provisorische Vermögensbeschlagnahme (bzw. eine allfällige fiskalstrafrechtliche Einziehung bzw. Herausgabe an den Fiskus) spezialgesetzlich ausschlössen, trifft nicht zu. </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp632048"></a><span class="bold" id="consideration_6.5">6.5 </span> Der angefochtene Entscheid erweist sich als bundesrechtswidrig. Die Vorinstanz wird zu prüfen haben, ob die materiellrechtlichen Voraussetzungen der streitigen Beschlagnahmen erfüllt sind. </div> <div class="paraatf"> Die Frage, ob (und gegebenenfalls in welchem Umfang) die hier streitigen strafprozessualen Zwangsmassnahmen in einem allfälligen anschliessenden Hinterziehungs- und Nachsteuerverfahren (oder Fiskalstrafverfahren) <i>aufrechterhalten</i> werden könnten, bildet nicht Gegenstand des streitigen Beschlagnahmeentscheides. </div> </div></body></html>