Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 22. August 2018 (810 17 329) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung Besetzung Vizepräsident Daniel Ivanov, Kantonsricht er Hans Furer, Markus Clau- sen, Claude Jeanneret, Niklaus Ruckstuhl , Gerichtsschreiberin Chiara Piras Beteiligte A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Oliver Borer , Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , Beschwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung (RRB Nr. 1619 vom 21. November 2017) A. Der kosovarische Staatsangehörige A.____ (gebore n 1986) reiste am 7. Januar 1991 im Alter von nicht ganz fünf Jahren im Rahmen des F amiliennachzugs in die Schweiz ein. Er erhielt zunächst eine Aufenthaltsbewilligung und ab 2002 eine Niederlassungsbewilligung. B. In den folgenden Jahren beging A.____ mehrere St raftaten, bezog Sozialhilfeleistun- gen und wies offene Betreibungen sowie Verlustscheine aus. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht C. Am 28. September 2012 wurde A.____ vom Amt für Mi gration Basel-Landschaft (AfM) verwarnt und darauf aufmerksam gemacht, dass, falls er er neut zu Klagen Anlass geben oder straffällig werden sollte, weitergehende fremdenpolizeiliche Massnahmen (Wegweisung) geprüft würden. D. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Landsch aft vom 23. Juni 2016 wurde A.____ wegen einfacher Körperverletzung, mehrfachen Tätlichkeiten, Beschimpfung, versuch- ter Nötigung sowie der mehrfachen Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über Waffen, Waffenzubehör und Munition (Waffengesetz) vom 20. Juni 1 997 zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 45 Tagessätzen à Fr. 30.-- bei einer Probezeit von zwei Jahren und einer Busse von Fr. 700.-- verurteilt. E. Am 4. Juni 2016 lief die Gültigkeitsdauer des Ausw eises für die Niederlassungsbewilli- gung von A.____ ab. Das AfM teilte ihm mit Schreiben v om 2. November 2016 mit, dass das Verfahren um die Verlängerung seiner ‟Aufenthaltsbewilligung” hängig sei. Aus diesem Grunde sei er nicht im Besitze eines ordentlichen Ausländerauswe ises, jedoch berechtigt, einer Er- werbstätigkeit nachzugehen. F. Am 25. Januar 2017 (per Einschreiben zugestellt, jed och nicht abgeholt) und am 23. März 2017 (per A-Post) gewährte das AfM A.____ das rechtliche Gehör zum beabsichtigten Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung sowie zur bea bsichtigten Wegweisung aus der Schweiz. A.____ nahm den Anspruch auf rechtliches Gehör nicht wahr. G. Mit Verfügung vom 13. Juli 2017 widerrief das AfM die Niederlassungsbewilligung von A.____ und ordnete dessen Wegweisung bis 12. September 2017 aus der Schweiz an. H. Die Verfügung vom 13. Juli 2017 wurde vom AfM glei chentags der Post per Einschrei- ben übergeben. Bei der Zustellung am 14. Juli 2017 k onnte der Postbote A.____ an seiner Ad- resse nicht antreffen, weshalb er ihm die Abholungseinladung mit Frist bis zum 21. Juli 2017 im Briefkasten hinterliess. Am 24. Juli 2017 retourniert e die Post das Einschreiben mit dem Ver- merk ‟nicht abgeholt”. I. Am 31. Juli 2017 erschien A.____ am Schalter des AfM , um ein Rückreisevisum für eine Urlaubsreise in seinen Heimatstaat zu beantragen . Bei dieser Gelegenheit wurde ihm die Verfügung vom 13. Juli 2017 persönlich überreicht und e r wurde auf die laufende Rechtsmittel- frist aufmerksam gemacht. J. Gegen die Verfügung vom 13. Juli 2017 erhob A.____, vertreten durch Oliver Borer, Advokat, am 9. August 2017 Beschwerde beim Regierungsr at des Kantons Basel-Landschaft (Regierungsrat). Auf die Beschwerde vom 9. August 2017 trat der Regierungsrat mit Beschluss (RRB) Nr. 2017-1619 vom 21. November 2017 nicht ein u nd verfügte, dass A.____ innert 30 Tagen ab Rechtskraft des Entscheids die Schweiz zu verlassen habe. Zur Begründung führt der Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Regierungsrat aus, vorliegend komme die Zustellfiktion zum Tragen und die Beschwerde sei folglich verspätet erhoben worden. K. Gegen den RRB Nr. 2017-1619 vom 21. November 201 7 liess A.____, stets vertreten durch Oliver Borer, Advokat, am 4. Dezember 2017 beim K antonsgericht, Abteilung Verfas- sungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht), Beschwerde e rheben mit den Rechtsbegehren, es sei in Aufhebung des Nichteintretensentscheids des Re gierungsrats Nr. 2017-1619 vom 21. November 2017 die Angelegenheit zur materiellen Prüfung an die Vorinstanz zurückzuwei- sen (Ziff. 1). Eventualiter seien in Gutheissung der Be schwerde der Entscheid des Regierungs- rats Nr. 2017-1619 vom 21. November 2017 und der Wider ruf der Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung des Beschwerdeführers aufzuheben (Zif f. 2); alles unter o/e-Kostenfolge (Ziff. 3). Die Beschwerdebegründung erfolgte mit Eingabe vom 1. Februar 2018. L. Am 1. März 2018 liess sich der Regierungsrat vernehmen und schloss auf kostenfällige Abweisung der Beschwerde. M. Mit präsidialer Verfügung vom 21. März 2018 wurde d er Fall der Kammer zur Beurtei- lung im Rahmen einer Urteilsberatung überwiesen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- u nd Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Ka ntonsgericht zulässig. Der Be- schwerdeführer ist als Adressat vom angefochtenen Beschluss berührt und hat ein schutzwürdi- ges Interesse an dessen Aufhebung. Da auch die übrigen fo rmellen Voraussetzungen erfüllt sind und sowohl die örtliche als auch die sachliche Zustän digkeit des Kantonsgerichts gegeben sind, ist auf die vorliegende Beschwerde einzutreten. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können ge mäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Untersch reitung oder Missbrauch so- wie die unrichtige oder unvollständige Feststellung de s Sachverhalts gerügt werden. Demge- genüber ist dem Kantonsgericht die Überprüfung der An gemessenheit im vorliegenden Fall verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO e contrario). 3. Wird ein Nichteintretensentscheid angefochten, prüft das Kantonsgericht grundsätzlich nur die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf die Beschwerde eingetreten ist. Es kann folglich auch nur geltend gemacht werden, die Vorinsta nz habe zu Unrecht das Bestehen einer Eintretensvoraussetzung verneint. Der Streitgegenstand bleibt auf die Eintretensfrage be- schränkt (vgl. BGE 132 V 74 E. 1.1; BGE 125 V 503 E. 1) . Auf materielle Begehren des Be- schwerdeführers kann demnach nicht eingetreten werden (Urteil des Kantonsgerichts, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht [KGE VV], vom 31. Mai 2017 [810 16 181] E. 3 m.w.H.; KGE VV vom 27. August 2008 [810 08 56] E. 3). Stritt ig ist vorliegend deshalb einzig, ob der Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Regierungsrat zu Recht nicht auf die vom Beschwerdeführer erhobene Beschwerde gegen die Verfügung des AfM vom 13. Juli 2017 eingetreten ist. 4.1 Der Beschwerdegegner weist im angefochtenen RRB Nr . 2017-1619 vom 21. Novem- ber 2017 darauf hin, dass nach der Praxis des Regierungsr ats und des Kantonsgerichts eine schuldhafte Verhinderung der Zustellung einer eingeschr iebenen Sendung durch den Adressa- ten dann vorliege, wenn der Adressat die erforderlichen Vorkehren für die Zustellbarkeit von be- hördlichen Postsendungen unterlässt, obwohl er aufgrund des Bestehens eines Prozessrechts- verhältnisses nach Treu und Glauben die Zustellung eines behördlichen Akts im konkreten Fall mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hätte erwarten müs sen. Selbst wenn eine zweite Zustel- lung vorgenommen worden sei, ergebe sich daraus kein R echt des Adressaten, die erste Zu- stellung einer Abholungseinladung zu ignorieren und erst der zweiten Folge zu leisten. Die erste Zustellung gelte deshalb als erfolgt, wenn dem Adressat en seine schuldhafte Verhinderung nachgewiesen werden könne. Hierzu reiche der Nachweis, dass die Abholungseinladung in den Machtbereich des Adressaten gelangt sei (RRB Nr. 2017-1 619 vom 21. November 2017 E. 3). Der Beschwerdeführer sei spätestens seit der Gewährung d es rechtlichen Gehörs in einem Prozessrechtsverhältnis gestanden, habe mit der Zustellung allfälliger Verfügungen rechnen müssen und sei verpflichtet gewesen, deren ordnungsgemäss e Zustellung durch geeignete Massnahmen sicherzustellen (RRB Nr. 2017-1619 vom 21. Novem ber 2017 E. 4a). Der Be- schwerdegegner kommt deshalb zum Schluss, dass der Beschwerd eführer die Zustellbarkeit der Verfügung des AfM vom 13. Juli 2017 schuldhaft verhin dert habe (RRB Nr. 2017-1619 vom 21. November 2017 E. 4b). Da am 14. Juli 2017 dem B eschwerdeführer die Abholungseinla- dung für das Schreiben vom 13. Juli 2017 ausgehändigt w orden sei, die siebentägige Abholfrist am 21. Juli 2017 geendet habe und die nicht abgeholte Sendung am 24. Juli 2017 dem AfM re- tourniert worden sei, schliesst der Beschwerdegegner, da ss die zehntägige Rechtsmittelfrist gegen die Verfügung vom 13. Juli 2017 am 31. Juli 2017 geendet habe. Die am 9. August 2017 erfolgte Beschwerdeeingabe des Beschwerdeführers sei desh alb zu spät erfolgt, weshalb der Beschwerdegegner nicht auf die Beschwerde eintrat (RRB Nr. 2017-1619 vom 21. November 2017 E. 4c). 4.2 Der Beschwerdeführer stellt sich demgegenüber auf de n Standpunkt, dass vorliegend nicht von einem bestehenden Prozessrechtsverhältnis zwischen ihm und dem AfM ausgegan- gen werden könne: Er sei im Besitze einer Niederlassung sbewilligung gewesen, deren Gültig- keit von einer Kontrollfrist beschränkt gewesen sei. Er habe deshalb davon ausgehen dürfen, dass seine Niederlassungsbewilligung wie in den vorange henden Jahren verlängert werde. Obwohl der Beschwerdeführer im Jahr 2012 vom AfM verwar nt worden sei, sei seine Nieder- lassungsbewilligung seither vorbehaltlos verlängert wor den (Beschwerdebegründung vom 1. Februar 2018, Rz. 20). Aus der Tatsache, dass ihm keine Verlängerung mitgeteilt worden sei, könne deshalb kein Prozessrechtsverhältnis im Sinne der Z ustellfiktion abgeleitet werden. Fer- ner sei es belegt und unbestritten, dass er alle vorherge henden Mitteilungen des AfM unver- schuldet nicht zur Kenntnis genommen habe oder nicht habe zur Kenntnis nehmen können (Be- schwerdebegründung vom 1. Februar 2018, Rz. 21). Das Schreiben des AfM vom 2. November 2016 begründe ebenfalls kein Prozessrechtsverhältnis, da er im Besitze einer Niederlassungs- und nicht einer Aufenthaltsbewilligung gewesen sei. Na ch Treu und Glauben habe der Be- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht schwerdeführer davon ausgehen dürfen und müssen, dass das Sc hreiben vom 2. November 2016 fälschlicherweise an ihn adressiert gewesen sei und di eses für ihn keine weiteren Folgen nach sich ziehen würde (Beschwerdebegründung vom 1. Febr uar 2018, Rz. 8 und 22). In Be- zug auf die Schreiben vom 25. Januar 2017 und vom 23. März 2017 führt der Beschwerdefüh- rer aus, dass er letzteres Schreiben nicht habe zur Kenn tnis nehmen können, weil er in dieser Zeit gesundheitlich sehr angeschlagen und nicht in der Lage gewesen sei, sich um seine Post zu kümmern. Dies ergebe sich auch aus der noch nachzureichen den Bestätigung der behan- delnden Ärztin (Beschwerdebegründung vom 1. Februar 2018, Rz. 9). 5.1 Gemäss § 33 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes B asel-Landschaft (VwVG BL) vom 13. Juni 1988 ist eine Beschwerde innert zehn T agen seit Eröffnung der Verfügung schriftlich bei der Beschwerdeinstanz einzureichen. Bei d er Berechnung der Rechtsmittelfrist wird der erste Tag, an dem sie zu laufen beginnt, nicht mitgerechnet (vgl. § 5 Abs. 1 VwVG BL i.V.m § 46 Abs. 1 des Gerichtsorganisationsgesetzes [GOG] vom 22. Februar 2001). Fällt der letzte Tag einer Frist auf einen Samstag, Sonntag oder einen staatlich anerkannten Feiertag, so endet die Frist am ersten darauf folgenden Werktag (vgl . § 46 Abs. 2 GOG). Bei der Rechtsmit- telfrist handelt es sich um eine gesetzliche Frist. Geset zliche Fristen können im Gegensatz zu behördlich festgesetzten Fristen nicht erstreckt werden (vgl. § 5 Abs. 1 und 2 VwVG BL). Im Versäumnisfall tritt die Behörde auf die Eingabe nich t ein (vgl. § 5 Abs. 2 VwVG BL). Die Eröff- nung der Verfügung bedeutet, dass der Erlass und der In halt der Verfügung dem Adressaten mitgeteilt werden. Die Verfügung gilt als mitgeteilt respektive zugestellt, wenn sie vom Adressa- ten oder einer anderen hierzu berechtigten Person entgegengenommen oder in den Briefkasten des Adressaten eingeworfen ist (U LRICH HÄFELIN /GEORG MÜLLER /FELIX UHLMANN , Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl., Zürich/St. Gallen 2016, N 1067). 5.2 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung gelten be hördliche Sendungen in Pro- zessverfahren nicht erst dann als zugestellt, wenn der Adre ssat sie tatsächlich in Empfang nimmt. Es genügt, wenn die Sendung in den Machtbereich des Adressaten gelangt, so dass er sie zur Kenntnis nehmen kann. Wird der Adressat anlässlich einer versuchten Zustellung nicht angetroffen und daher eine Abholeinladung in seinen Briefkasten oder sein Postfach gelegt, so gilt die Sendung in jenem Zeitpunkt als zugestellt, in welchem sie auf der Post abgeholt wird; geschieht das nicht innert der Abholfrist, die sieben Ta ge beträgt, so gilt eine eingeschriebene Sendung als am letzten Tag dieser Frist zugestellt, sofern der Adressat mit der Zustellung hatte rechnen müssen (sog. Zustellfiktion; BGE 138 III 225 E . 3.1; Urteile des Bundesgerichts 2C_990/2015 vom 19. Februar 2016 E. 3.2 und 2P.120/ 2005 vom 23. März 2006 E. 3; K ATHRIN AMSTUTZ /PETER ARNOLD , in: Marcel Alexander Niggli/Peter Uebersax/Hans Wipr ächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. , Basel 2011, N 21 ff. zu Art. 44 BGG; R ENÉ RHINOW /H EINRICH KOLLER /CHRISTINA KISS /DANIELA THURNHERR /DENISE BRÜHL - MOSER , Öffentliches Prozessrecht, 3. Aufl., Basel 2014, N 906 ff., 1248, 1831). Diese Fiktion ist auch in Art. 44 Abs. 2 des Bundesgesetzes über das Bundesge richt (BGG) vom 17. Juni 2005 festgehalten. Nach der Rechtsprechung entsteht erst mi t der Rechtshängigkeit ein Prozess- rechtsverhältnis, das die Parteien verpflichtet, sich nach Treu und Glauben zu verhalten, d.h. unter anderem dafür zu sorgen, dass ihnen behördliche Akte zugestellt werden können, die das Verfahren betreffen. Diese prozessuale Pflicht entsteht folglich mit der Begründung eines Ver- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht fahrensverhältnisses und gilt insoweit, als während des h ängigen Verfahrens mit einer gewis- sen Wahrscheinlichkeit mit der Zustellung eines behördli chen Aktes gerechnet werden muss (BGE 138 III 225 E. 3.1). Die Geltung der Zustellfi ktion setzt somit ein hängiges bzw. laufendes Verfahren voraus; d.h., das relevante Prozessrechtsverhältn is entsteht erst mit Rechtshängig- keit (Urteil des Bundesgerichts 2C_988/2012 vom 19. Februar 2013 E. 3.1). Die Zustellfiktion ist zwar streng, dient jedoch einem geordneten Ablauf der Justiz, da andernfalls ein Verfahren be- liebig verzögert oder umgangen werden könnte (vgl. Urte il des Bundesgerichts 2C_783/2016 vom 20. Februar 2017 E. 2.2). 5.3 Der Begriff der Rechtshängigkeit definiert sich im hier zu beurteilenden verwaltungsge- richtlichen Verfahren – anders als im zivilrechtlichen Verf ahren (vgl. Art. 62 der Schweizeri- schen Zivilprozessordnung [ZPO] vom 19. Dezember 2008) – nicht nach einer einschlägigen Bestimmung. Zu beachten ist, dass vorliegend nicht die Dispositionsmaxime gilt und ein Verfah- ren des öffentlichen Rechts auch von Amtes wegen eingeleitet werden kann, weshalb die Frage der Rechtshängigkeit nicht einzig vom Verhalten der re chtsuchenden Person abhängen kann. Im öffentlichen Recht besteht oft Anlass zu staatlich ini tiiertem Handeln, so dass diesfalls ein Verfahren von Amtes wegen eröffnet wird (BGE 140 II 298 E. 5.3). Das erstinstanzliche Verwal- tungsverfahren zielt auf den Erlass einer Verfügung ab und wird entweder auf Gesuch hin oder von Amtes wegen eröffnet. Der Zeitpunkt der Eröffnung des erstinstanzlichen Verwaltungsver- fahrens ist oftmals schwierig zu bestimmen; massgebend sind Vorkehrungen der Behörde, wel- che den Erlass einer Verfügung erwarten lassen. Bei der Einleitung eines Verwaltungsverfah- rens von Amtes wegen ergibt sich das Handeln einer Behör de schwergewichtig aus dem mate- riellen Recht, welches auch den Ermessensspielraum der Be hörde sowohl bezüglich der mate- riellen Beurteilung als auch bezüglich der Frage der Einleitung eines Verfahrens vorgibt (BGE 140 II 298 E. 5.4). 6.1 Vorliegend ist einerseits darauf hinzuweisen, dass m it Schreiben vom 2. November 2016 dem Beschwerdeführer durch das AfM bekannt gegebe n wurde, dass das Verfahren um Verlängerung seiner ‟Aufenthaltsbewilligung” hängig und er deshalb nicht im Besitze eines or- dentlichen Ausländerausweises sei. Er dürfe jedoch weiterhin einer Erwerbstätigkeit nachgehen (Schreiben des AfM vom 2. November 2016 betreffend die Bestätigung über die Anwesenheits- berechtigung in der Schweiz). Die Behauptung des Besch werdeführers, er sei davon ausge- gangen, dass dieses Schreiben fälschlicherweise an ihn adressiert gewesen sei, da er im Besit- ze einer Niederlassungs- und nicht einer Aufenthaltsbewi lligung sei (Beschwerdebegründung vom 1. Februar 2018, Rz. 22), vermag nicht zu überzeuge n. Nach der Verwarnung durch das AfM im Jahre 2012, der nachfolgenden Verurteilung mi t Strafbefehl vom 23. Juni 2016 und der Nichtverlängerung seines Niederlassungsbewilligungsauswei ses musste dem Beschwerde- führer bewusst gewesen sein, dass das AfM eine Prüfung sein es Aufenthaltsstatus eingeleitet und er mit weiteren Postsendungen zu rechnen hatte. 6.2 Anderseits ist festzustellen, dass das AfM dem Beschwerde führer am 25. Januar 2017 und am 23. März 2017 das rechtliche Gehör im Zusammenhang mit dem allfälligen Widerruf der Niederlassungsbewilligung und der Wegweisung aus der Schweiz gewährt hat. Es versandte das Schreiben zunächst als eingeschriebene Sendung und a nschliessend, da diese mit dem Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Vermerk ‟nicht abgeholt” ans AfM retourniert wurde, erneut pe r A-Post. Das AfM teilte dem Be- schwerdeführer in diesem Schreiben mit, dass er aufgrun d seiner Delinquenz sowie offener Verlustscheine in der Höhe von Fr. 8‘263.-- und bezoge ner Sozialhilfeleistungen über Fr. 200‘000.-- einen Widerrufsgrund gesetzt habe. We iter erläuterte das AfM, dass der Be- schwerdeführer Gelegenheit zur Äusserung zu den geplante n Massnahmen (Widerruf der Nie- derlassungsbewilligung und Wegweisung aus der Schweiz) erhalte, bevor es zu einem definiti- ven Ergebnis gelange. Der Beschwerdeführer nahm sein re chtliches Gehör unbestrittenermas- sen nicht wahr. Im vorliegenden Verfahren bestreitet er jedoch nicht, das Schreiben vom 23. März 2017 erhalten zu haben, sondern stellt sich auf den Standpunkt, dass er dieses Schreiben nicht habe zur Kenntnis nehmen können, da er in dieser Zeit gesundheitlich sehr an- geschlagen und nicht in der Lage gewesen sei, sich um seine Post zu kümmern (Beschwerde- begründung vom 1. Februar 2018, Rz. 9). In diesem Zusa mmenhang gilt es festzuhalten, dass der Beschwerdeführer auch in der Beschwerdebegründung wiederholt auf gesundheitliche Probleme verwiesen hat (Beschwerdebegründung vom 1. Februar 2018, Rz. 9, 30, 35 f.), die er jedoch nie näher dargelegt und auch die in Aussicht ges tellte Bestätigung seiner gesundheitli- chen Situation durch die behandelnde Ärztin nicht einge reicht hat. Dem Gericht ist es deshalb nicht möglich, durch einen ärztlichen Bericht oder auf an dere Weise eine gesundheitliche Be- einträchtigung des Beschwerdeführers festzustellen. Der letzte Arztbericht datiert vom 11. Ja- nuar 2017 und hält lediglich den Verdacht einer Sinusi tis (Nasennebenhöhlenentzündung) fest (vgl. Austrittsbericht des Kantonsspitals Baselland vom 11. Januar 2017). Zudem schien der Beschwerdeführer sich trotz seiner angeblich prekären gesundheitlichen Situation am 1. August 2017 ohne Weiteres eine Urlaubsreise zuzumuten, zumal e r an diesem Tag beim AfM persön- lich ein Rückreisevisum für sein Heimatland beantragte (Aktennotiz des AfM vom 31. Juli 2017). 6.3 Es ist vorliegend deshalb festzustellen, dass dem Besch werdeführer spätestens mit dem Erhalt des Schreibens vom 23. März 2017 bewusst gewese n sein musste, dass das AfM das Widerrufsverfahren eingeleitet hatte und er sich in einem Prozessrechtsverhältnis mit dem AfM befand, weshalb er mit einer gewissen Wahrscheinlic hkeit mit der Zustellung weiterer be- hördlicher Schreiben rechnen musste (vgl. BGE 138 III 2 25 E. 3.1; BGE 130 III 396 E. 1.2.3 m.w.H.; Urteil des Bundesgerichts 2C_1057/2013 vom 28. Mai 2014 E. 2 in fine). Die geltend gemachten Entschuldigungsgründe sind nicht belegt und d arüber hinaus nicht glaubhaft (vgl. E. 6.2 hiervor). Auch hat er offensichtlich keine V orkehrungen getroffen, damit behördliche Akte zugestellt werden konnten. Mit der Eröffnung des Verwaltungsverfahrens trat somit die Rechtshängigkeit (sog. Litispendenz) ein (vgl. auch Urtei l des Bundesgerichts 2C_155/2014 vom 28. Oktober 2014 E. 3.2). Es ist daher mit der Vori nstanz festzuhalten, dass die Zustellfik- tion im vorliegenden Fall zur Anwendung gelangt. Gem äss Auszug Track & Trace der einge- schriebenen Sendung (Sendungs-Nr. xxx) wurde die Verfügu ng des AfM am 13. Juli 2017 der Post übergeben und dem Beschwerdeführer am 14. Juli 20 17 zur Abholung mit einer Frist bis zum 21. Juli 2017 gemeldet. Daher ist nach besagter Z ustellfiktion von einer Zustellung der an- gefochtenen Verfügung am 21. Juli 2017 auszugehen. Dad urch endete die Beschwerdefrist am 31. Juli 2017. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.4 Ein allfälliger zweiter Versand oder die spätere E ntgegennahme der Sendung am Schalter des AfM sind für die Frage, ob die Beschwerde frist eingehalten worden ist, grundsätz- lich unerheblich (BGE 111 V 99 E. 2.b; KGE VV vom 24 . Juni 2015 [810 14 354] E. 3.4; KGE VV vom 20. Januar 2010 [810 09 273] E. 2.2). Eine Verlängerung der Rechtsmittelfrist rechtfertigt sich gestützt auf das verfassungsmässige Recht au f Vertrauensschutz allenfalls dann, wenn noch vor Fristende eine vertrauensbegründen de Auskunft erteilt wird (BGE 115 Ia 12 E. 5). Eine solche Auskunft kann darin bestehen, da ss der Entscheid mit vorbehaltloser Rechtsmittelbelehrung dem Betroffenen noch vor Ablauf d er Frist erneut zugestellt wird (AMSTUTZ /A RNOLD , a.a.O., N 27 zu Art. 44 BGG). Aus den Verfahrensakten ergibt sich, dass sich der Beschwerdeführer am 31. Juli 2017 persönlich an den Schalter des AfM begab, um ein Rückreisevisum in seine Heimat zu erhalten, in die er am 1. August 2017 zu Urlaubszwecken reisen wollte. Dem Beschwerdeführer wurde bei dieser G elegenheit die originale Verfügung ausgehändigt und er wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Beschwerdefrist ablaufe und er sich deshalb unverzüglich an einen Rechtsvertreter wen den solle (Aktennotiz des AfM vom 31. Juli 2017). Dieses Vorgehen ist nicht zu beanstanden und stellt keine vertrauenserwecken- de Auskunft dar. Folglich hat sich die Rechtsmittelfrist dadurch nicht verlängert und der Be- schwerdeführer kann daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten. 7.1 Schliesslich ist vorliegend darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer durch seine Ausführungen im Zusammenhang mit seiner gesundheitliche n Situation sinngemäss geltend macht, es lägen Gründe für die Wiederherstellung der Beschwerdefrist vor (Beschwerdebegrün- dung vom 1. Februar 2018, Rz. 9, 30, 35 f.). 7.2 Sowohl gesetzliche wie auch behördliche Fristen könn en auf Gesuch hin wiederherge- stellt werden, wenn die gesuchstellende Person oder ihr Vertreter unverschuldet davon abge- halten worden ist, innert Frist zu handeln: Gemäss § 5 Abs. 5 VwVG BL kann eine Partei, wel- che unverschuldet verhindert gewesen ist, fristgemäss zu handeln, innert zehn Tagen seit Weg- fall des Hindernisses die Wiederherstellung der Frist ver langen (vgl. auch Art. 24 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren [VwVG] vom 20 . Dezember 1968). Die Frist- wiederherstellung setzt somit in formeller Hinsicht ein Gesuch voraus, welches innert zehn Ta- gen nach Wegfall des Hinderungsgrundes zu stellen ist. Der Hinderungsgrund gilt als weggefal- len und die zehntägige Wiederherstellungsfrist beginn t zu laufen, sobald der Gesuchsteller ob- jektiv und subjektiv imstande ist, selber zu handeln oder ei nen Dritten mit der entsprechenden Handlung zu beauftragen (BGE 119 II 86 E. 2a; Urtei l des Bundesgerichts 2C_1139/2013 vom 18. September 2014 E. 2.2). Als unverschuldet gilt ein Versäumnis dann, wenn dem Betroffe- nen keine Nachlässigkeit vorgeworfen werden kann und obj ektive Gründe vorliegen. Dies ist etwa der Fall bei einer plötzlichen Erkrankung, welche derart schwer ist, dass der Gesuchsteller von der notwendigen Rechtshandlung abgehalten wird u nd auch nicht mehr in der Lage ist, ei- nen Vertreter zu bestimmen. Demzufolge dauert das Hindernis nur solange an, als der Betroffe- ne wegen seiner körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung weder selbst die Rechtshandlung vornehmen noch einen Dritten beauftragen kann, wobei im zweiten Fall erforderlich ist, dass der Betroffene trotz seiner Beeinträchtigung die Notwendigkeit einer Vertretung überhaupt wahrneh- men kann. Sobald es für den Betroffenen objektiv und s ubjektiv zumutbar wird, entweder selbst tätig zu werden oder die Interessenwahrung an einen D ritten zu übertragen, hört das Hindernis Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht auf, unverschuldet zu sein. Ein ärztliches Zeugnis, welches eine Arbeitsunfähigkeit von 100 Prozent attestiert, ist dabei nicht zwingend ein genügen der Beweis einer derartigen schweren Erkrankung. Vielmehr ist im Einzelfall zu prüfen, ob die Erkrankung tatsächlich das Bestellen eines Vertreters verunmöglichte (vgl. BGE 119 II 86 E . 2b). Nicht ausreichend sind sodann blosse organisatorische Unzulänglichkeiten, Arbeitsüberlas tung, Ferienabwesenheit oder Un- kenntnis der gesetzlichen Vorschriften (Urteil des Bunde sgerichts 2C_847/2013 vom 18. Sep- tember 2013 E. 2.2). Es gilt dabei ein strenger Massstab anzuwenden: Nur klare Schuldlosigkeit des Gesuchstellers und seines Vertreters können zur Fristwied erherstellung führen. Insbeson- dere stellt ein auf Unachtsamkeit zurückzuführendes Verse hen kein unverschuldetes Hindernis dar (Urteil des Bundesgerichts 2C_703/2009 vom 21. Sept ember 2010 E. 3.3 m.w.H.). Gestützt auf die bereits dargelegten Umstände (vgl. E. 6.1 bis 6 .4 hiervor) ist hinsichtlich der vom Be- schwerdeführer geltend gemachten gesundheitlichen Beei nträchtigungen festzustellen, dass diese vom Beschwerdeführer weder belegt wurden noch als Hindernis für rechtzeitiges Handeln gelten können. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass de r Beschwerdeführer durchaus im- stande gewesen ist, sich am 31. Juli 2017 persönlich an den Schalter des AfM zu begeben, um ein Rückreisevisum für seine Urlaubsreise zu beantragen. Daraus ist zu schliessen, dass er am gleichen Tag auch in der Lage gewesen wäre, (fristgere cht) eine Beschwerdeschrift einzu- reichen oder einen Rechtsvertreter zu mandatieren, der dies für ihn hätte tun können. 8. Zusammenfassend ist aus den vorstehenden Erwägungen fes tzustellen, dass aufgrund der Zustellfiktion die fristauslösende Zustellung am 21 . Juli 2017 erfolgt ist. Folglich hat die Rechtsmittelfrist am 22. Juli 2017 zu laufen begonnen u nd endete am 31. Juli 2017. Damit ist die Beschwerde an den Regierungsrat vom 9. August 2017 verspätet erhoben worden. Gründe für die Wiederherstellung der versäumten Frist sind kein e ersichtlich. Der vorinstanzliche (Nichteintretens-) Entscheid ist somit nicht zu beanstand en. Die Beschwerde ist folglich abzu- weisen. 9. Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 A bs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren und die Beweiskosten und werden in der Regel der unterlieg enden Partei in angemessenem Aus- mass auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Vorliegend sind die Verfahrenskosten in der Höhe von insge- samt Fr. 1‘400.-- dem unterlegenen Beschwerdeführer au fzuerlegen und mit dem geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1‘400.-- zu verrechnen. Die Parteikosten sind wettzu- schlagen (§ 21 Abs. 1 und 2 VPO). Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1‘400.-- werden dem Be- schwerdeführer auferlegt und mit dem geleisteten Koste nvorschuss in der Höhe von Fr. 1‘400.-- verrechnet. 3. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Vizepräsident Gerichtsschreiberin