<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Fürsorgerische Unterbringung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>12</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 434 Abs. 1 ZGB</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Eine medizinische Massnahme ohne Zustimmung gestützt auf Art. 434</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Abs. 1 ZGB darf nicht von der gleichen Ärztin angeordnet werden, die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schon den Behandlungsplan aufgestellt hat. Zur Wahrung des Vier-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Augen-Prinzips muss die Zwangsbehandlung von einer anderen als der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>behandelnden Arztperson autorisiert werden.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 14. Februar</span><br/> <span class="ft4">2017, i.S. A. gegen die Entscheide der Psychiatrischen Klinik Königsfelden</span><br/> <span class="ft4">(WBE.2017.71/72/81)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">III.</span><br/> <span class="ft6">1.</span><br/> <span class="ft6">Im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung dürfen (medi-</span><br/> <span class="ft6">kamentöse) Behandlungen auch gegen den Willen der betroffenen</span><br/> <span class="ft6">Person vorgenommen werden (Art. 434 ZGB). Kumulativ müssen</span><br/> <span class="ft6">die folgenden Voraussetzungen erfüllt sein: (1) ohne Behandlung</span><br/> <span class="ft6">droht der betroffenen Person ein ernsthafter Schaden oder das Leben</span><br/> <span class="ft6">oder die körperliche Integrität von Drittpersonen ist gefährdet; (2)</span><br/> <span class="ft6">die betroffene Person ist bezüglich ihrer Behandlungsbedürftigkeit</span><br/> <span class="ft6">urteilsunfähig; (3) es steht keine angemessene Massnahme zur Verfü-</span><br/> <span class="ft6">gung, die weniger einschneidend ist (Abs. 1). Die Anordnung wird</span><br/> <span class="ft6">der betroffenen Person und ihrer Vertrauensperson verbunden mit</span><br/> <span class="ft6">einer Rechtsmittelbelehrung schriftlich mitgeteilt (Abs. 2).</span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">2.1.</span><br/> <span class="ft6">Die Beschwerdeführerin rügt vorab formelle Fehler, mit denen</span><br/> <span class="ft6">die Zwangsmedikationsentscheide der Psychiatrischen Klinik</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">80</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Königsfelden vom 2. Februar 2017 und 3. Februar 2017 behaftet</span><br/> <span class="ft6">seien. Beide Entscheide seien mit Dr. med. C. von ein und derselben</span><br/> <span class="ft6">Oberärztin gefällt worden, die schon den ursprünglichen und den</span><br/> <span class="ft6">abgeänderten Behandlungsplan für die Beschwerdeführerin unter-</span><br/> <span class="ft6">zeichnet habe. Das sei rechtswidrig, denn das Gesetz verlange unte-</span><br/> <span class="ft6">rschiedliche Zuständigkeiten für den Behandlungsplan und allfällige</span><br/> <span class="ft6">Zwangsmassnahmenentscheide und wolle damit garantieren, dass</span><br/> <span class="ft6">zwei Ärzte mit der vorgesehenen Spezialausbildung von der Notwen-</span><br/> <span class="ft6">digkeit einer medizinischen Behandlung überzeugt seien. Hinzu</span><br/> <span class="ft6">komme, dass der Zwangsmedikationsentscheid vom 3. Februar 2017</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdeführerin erst am 8. Februar 2017, mithin erst am Fol-</span><br/> <span class="ft6">getag des Vollzugs der darin vorgesehenen Zwangsmedikation mit</span><br/> <span class="ft6">50 mg Haldol am 7. Februar 2017 ausgehändigt worden sei, was</span><br/> <span class="ft6">absolut unzulässig sei.</span><br/> <span class="ft6">2.2.</span><br/> <span class="ft6">2.2.1.</span><br/> <span class="ft6">Fehlt die Zustimmung der betroffenen Person zur (medikamen-</span><br/> <span class="ft6">tösen) Behandlung, ist nach Art. 434 Abs. 1 ZGB die "Chefärztin</span><br/> <span class="ft6">oder der Chefarzt der Abteilung" die für die (schriftliche) Anordnung</span><br/> <span class="ft6">der im Behandlungsplan vorgesehenen medizinischen Massnahmen</span><br/> <span class="ft6">zuständige Person. Die Lehre geht davon aus, dass die Chefärztin</span><br/> <span class="ft6">oder der Chefarzt diese Kompetenzen an Oberärztinnen und</span><br/> <span class="ft6">Oberärzte delegieren können, da diese über die notwendige Erfah-</span><br/> <span class="ft6">rung verfügen. Die in einer Klinik tätige Chefärztin oder der Chef-</span><br/> <span class="ft6">arzt der Abteilung - und aufgrund einer Delegation auch die Ober-</span><br/> <span class="ft6">ärztinnen und Oberärzte - haben bundesrechtlich die Kompetenz,</span><br/> <span class="ft6">medizinische Massnahmen ohne Zustimmung der betroffenen Person</span><br/> <span class="ft6">unter fürsorgerischer Unterbringung anzuordnen (Botschaft des</span><br/> <span class="ft6">Regierungsrats des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom</span><br/> <span class="ft6">19. Oktober 2011, Nr. 11.316, S. 20 f.). Grundvoraussetzung ist, dass</span><br/> <span class="ft6">es sich um einen Arzt mit Spezialausbildung handelt. Zudem muss</span><br/> <span class="ft6">die entscheidende Person innerhalb der Klinik eine bestimmte Stel-</span><br/> <span class="ft6">lung innehaben. Mit "Chefärztin oder Chefarzt der (zuständigen) Ab-</span><br/> <span class="ft6">teilung" ist eine Person gemeint, welche für die ganze Klinik oder</span><br/> <span class="ft6">wenigstens für die entsprechende Abteilung die medizinische</span><br/> <span class="ft6">Gesamtverantwortung trägt. Es darf überdies nicht diejenige Person</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">81</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">sein, die den Behandlungsplan aufgestellt hat, d.h. die behandelnde</span><br/> <span class="ft6">Ärztin oder der behandelnde Arzt. Mit der unterschiedlichen Kompe-</span><br/> <span class="ft6">tenzzuweisung in den Art. 434 und 435 ZGB garantiert das Gesetz,</span><br/> <span class="ft6">wie die Beschwerdeführerin zu Recht festhält, dass eine Behandlung</span><br/> <span class="ft6">ohne Zustimmung nur dann erfolgt, wenn mindestens zwei Spezial-</span><br/> <span class="ft6">ärzte von deren Notwendigkeit überzeugt sind. Damit wird auch dem</span><br/> <span class="ft6">rechtsstaatlichen Gebot der Unbefangenheit Rechnung getragen</span><br/> <span class="ft6">(T</span><span class="ft4">HOMAS</span> <span class="ft6">G</span><span class="ft4">EISER</span><span class="ft6">/M</span><span class="ft4">ARIO</span> <span class="ft6">E</span><span class="ft4">TZENSBERGER</span><span class="ft6">, in: Basler Kommentar,</span><br/> <span class="ft6">Zivilgesetzbuch I [Art.1-456 ZGB], 5. Auflage, Basel 2014,</span><br/> <span class="ft6">Art. 434/435 N 32 f.).</span><br/> <span class="ft6">2.2.2.</span><br/> <span class="ft6">Die Psychiatrische Klinik Königsfelden ist in vier Bereiche</span><br/> <span class="ft6">unterteilt (Zentrum Psychiatrie und Psychotherapie stationär [ZPPS];</span><br/> <span class="ft6">Zentrum Suchtpsychiatrie und -psychotherapie [ZSPP]; Bereich</span><br/> <span class="ft6">Alters- und Neuropsychiatrie [BANP]; Bereich Forensische</span><br/> <span class="ft6">Psychiatrie [BFP]), denen je ein Chefarzt vorsteht. Die vier Bereiche</span><br/> <span class="ft6">wiederum sind in diverse Abteilungen aufgegliedert, die von</span><br/> <span class="ft6">Oberärzten geleitet werden. Leitender Oberarzt der Abteilungen mit</span><br/> <span class="ft6">Schwerpunkt Psychose ist D. Dr. med. C. leitet die Abteilung X. Als</span><br/> <span class="ft6">Oberärztin, welche für die Abteilung X. die Gesamtverantwortung</span><br/> <span class="ft6">trägt und über eine Spezialausbildung in Psychiatrie verfügt, ist</span><br/> <span class="ft6">Dr. med. C. grundsätzlich zu Zwangsmedikationsentscheiden befugt.</span><br/> <span class="ft6">Allerdings darf sie gegenüber Patienten, deren Behandlungsplan sie</span><br/> <span class="ft6">aufgestellt hat, keine Zwangsmedikationen anordnen. Dafür läge die</span><br/> <span class="ft6">Zuständigkeit bei einem anderen Oberarzt, dem Leitenden Oberarzt</span><br/> <span class="ft6">der Abteilungen mit Schwerpunkt Psychose oder dem Chefarzt des</span><br/> <span class="ft6">Bereichs Zentrum Psychiatrie und Psychotherapie stationär.</span><br/> <span class="ft6">Im vorliegenden Fall stammen sowohl der (abgeänderte) Be-</span><br/> <span class="ft6">handlungsplan vom 2. Februar 2017 betreffend die Medikation der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführerin mit Haldol als auch die beiden darauf basieren-</span><br/> <span class="ft6">den Zwangsmedikationsentscheide vom 2. Februar 2017 und</span><br/> <span class="ft6">3. Februar 2017 von Dr. med. C. Dieses Vorgehen ist nach dem oben</span><br/> <span class="ft6">Ausgeführten formell rechtsfehlerhaft und verstösst gegen das Vier-</span><br/> <span class="ft6">Augen-Prinzip.</span><br/></div> </div> </body> </html>