<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 9 S.46</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">46</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>9</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 8 Abs. 1 lit. d BGFA</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Registereintrag: Voraussetzungen zur Gewährleistung der Unabhängig-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>keit bei Tätigkeit im Anstellungsverhältnis neben der Anwaltstätigkeit</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid der Anwaltskommission vom 26. Juni 2007 i.S. S. P.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">4.</span><br/> <span class="ft4">4.1.</span><br/> <span class="ft4">Ein Anwalt, der neben seiner Anwaltstätigkeit bei einem nicht</span><br/> <span class="ft4">im Register eingetragenen Arbeitgeber angestellt ist, muss im Hin-</span><br/> <span class="ft4">blick auf Art. 8 Abs. 1 lit. d BGFA vollständige Angaben über sein</span><br/> <span class="ft4">Arbeitsverhältnis beibringen, soweit sie für die Unabhängigkeits-</span><br/> <span class="ft4">frage von Belang sein können. Der Registereintrag darf zudem davon</span><br/> <span class="ft4">abhängig gemacht werden, dass der Anwalt die von ihm getroffenen</span><br/> <span class="ft4">Vorkehrungen aufzeigt, die ihm die Wahrung seines Berufsgeheim-</span><br/> <span class="ft4">nisses trotz seiner Anstellung erlauben. Er muss insgesamt für klare</span><br/> <span class="ft4">Verhältnisse sorgen (BGE 130 II 87 E. 6.1). So ist ein Arbeitsvertrag</span><br/> <span class="ft4">vorzulegen, aus dem insbesondere hervorgeht, dass</span><br/> <br/> <span class="ft4">1.</span> <span class="ft4">der Arbeitgeber über die nebenberufliche selbständige</span><br/> <span class="ft4">Anwaltstätigkeit seines Angestellten orientiert und da-</span><br/> <span class="ft4">mit einverstanden ist,</span><br/> <span class="ft4">2.</span> <span class="ft4">der Arbeitgeber keinen Einfluss auf diese Anwaltstätig-</span><br/> <span class="ft4">keit nehmen kann, beispielsweise aufgrund eines Wei-</span><br/> <span class="ft4">sungs- oder Einsichtsrechts,</span><br/> <span class="ft4">3.</span> <span class="ft4">weder der Arbeitgeber oder ihm nahe stehende Unter-</span><br/> <span class="ft4">nehmungen noch seine Kunden oder sonstige Ge-</span><br/> <span class="ft4">schäftspartner, sofern die Art der Beziehung dieser Per-</span><br/> <span class="ft4">sonen zum Arbeitgeber für die Unabhängigkeit der</span><br/> <span class="ft4">Mandatsführung nicht zum Vornherein irrelevant er-</span><br/> <span class="ft4">scheint, die anwaltlichen Dienstleistungen des Ange-</span><br/> <span class="ft4">stellten in Anspruch nehmen können,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">47</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">4.</span> <span class="ft4">die allfällige Führung von Mandaten gegen den Arbeit-</span><br/> <span class="ft4">geber oder dessen Kunden ausgeschlossen ist,</span><br/> <span class="ft4">5.</span> <span class="ft4">dem Arbeitgeber gegenüber keine Verpflichtungen (z.B.</span><br/> <span class="ft4">eine Auskunftspflicht) bestehen, die den Anwalt daran</span><br/> <span class="ft4">hindern könnten, den anwaltlichen Berufspflichten voll-</span><br/> <span class="ft4">umfänglich nachzukommen und v.a. das Anwaltsge-</span><br/> <span class="ft4">heimnis zu wahren,</span><br/> <span class="ft4">6.</span> <span class="ft4">in Bezug auf das Verhältnis zum übrigen Personal des</span><br/> <span class="ft4">Arbeitgebers zumindest implizit ausgeschlossen wird,</span><br/> <span class="ft4">dass vom Arbeitgeber angestelltes und entlöhntes Per-</span><br/> <span class="ft4">sonal Anwaltskanzleiarbeiten für den Anwalt ausübt</span><br/> <span class="ft4">(BGE 130 II 87 E. 6.3.1).</span><br/> <br/> <span class="ft4">Neben der Ausgestaltung des Arbeitsvertrags erachtet das Bun-</span><br/> <span class="ft4">desgericht weitere Punkte als bedeutsam. Es handelt sich dabei um</span><br/> <span class="ft4">organisatorische Vorkehrungen, die der Anwalt zu treffen hat; er</span><br/> <span class="ft4">muss namentlich den Nachweis erbringen für</span><br/> <br/> <span class="ft4">7.</span> <span class="ft4">die strikte Trennung von Vermögenswerten der Klien-</span><br/> <span class="ft4">ten, sowohl vom eigenen Vermögen des Anwalts als</span><br/> <span class="ft4">auch vom Vermögen des Arbeitgebers,</span><br/> <span class="ft4">8.</span> <span class="ft4">die Möglichkeit der gesonderten und für Organe, Ver-</span><br/> <span class="ft4">treter oder Angestellte des Arbeitgebers unzugänglichen</span><br/> <span class="ft4">Aufbewahrung der Anwaltsakten,</span><br/> <span class="ft4">9.</span> <span class="ft4">eine in der räumlichen Organisation zum Ausdruck</span><br/> <span class="ft4">kommende Trennung von unselbständiger und selbstän-</span><br/> <span class="ft4">diger Tätigkeit, d.h. die Geschäftsadresse des Anwalts</span><br/> <span class="ft4">muss sich in einem anderen Lokal befinden als die</span><br/> <span class="ft4">Räumlichkeiten seines Arbeitgebers (BGE 130 II 87</span><br/> <span class="ft4">E. 6.3.2; vgl. zu diesem gesamten Kontext auch H</span><span class="ft2">ESS</span><span class="ft4">,</span><br/> <span class="ft4">Unabhängigkeit angestellter Register-Anwälte, in: An-</span><br/> <span class="ft4">waltsrevue 3/2004, S. 94 f., Umsetzung des Bundesge-</span><br/> <span class="ft4">setzes über die Freizügigkeit von Anwältinnen und An-</span><br/> <span class="ft4">wälte [BGFA] durch die Kantone, in: SJZ 98 [2002] Nr.</span><br/> <span class="ft4">20, S. 489 ff.; N</span><span class="ft2">ATER</span> <span class="ft4">/</span> <span class="ft4">B</span><span class="ft2">AUMBERGER</span><span class="ft4">, Praktische Aus-</span><br/> <span class="ft4">wirkungen der neuen bundesgerichtlichen Praxis zur</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">48</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Unabhängigkeit angestellter Anwältinnen und Anwälte,</span><br/> <span class="ft4">in: SJZ 100 [2004] Nr. 16, S. 391 ff.).</span><br/> <span class="ft4">4.2.</span><br/> <span class="ft4">Zu beachten ist im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit Fol-</span><br/> <span class="ft4">gendes: Es geht bei der Eintragungsvoraussetzung gemäss Art. 8</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 lit. d BGFA um die so genannte ,,institutionelle Unabhängig-</span><br/> <span class="ft4">keit". Das Fehlen der institutionell verstandenen Unabhängigkeit ist</span><br/> <span class="ft4">zu vermuten bei Mandaten, die in irgendeinem Zusammenhang mit</span><br/> <span class="ft4">einer Anstellung stehen (BGE 130 II 87 E. 5.2). Nicht gemeint ist</span><br/> <span class="ft4">hier dagegen die Unabhängigkeit im konkreten Einzelfall, welche</span><br/> <span class="ft4">von Art. 12 lit. b (Unabhängigkeit) und lit. c BGFA (Verbot der Inte-</span><br/> <span class="ft4">ressenkollision) erfasst wird und bei der Frage der Einhaltung der</span><br/> <span class="ft4">Berufsregeln Bedeutung erlangt (E</span><span class="ft2">RNST</span> <span class="ft4">S</span><span class="ft2">TAEHELIN</span> <span class="ft4">/</span> <span class="ft4">C</span><span class="ft2">HRISTIAN</span><br/> <span class="ft4">O</span><span class="ft2">ETIKER</span> <span class="ft4">in: W</span><span class="ft2">ALTER</span> <span class="ft4">F</span><span class="ft2">ELLMANN</span> <span class="ft4">/</span> <span class="ft4">G</span><span class="ft2">AUDENZ</span> <span class="ft4">G.</span> <span class="ft4">Z</span><span class="ft2">INDEL</span> <span class="ft4">[Hrsg.],</span><br/> <span class="ft4">Kommentar zum Anwaltsgesetz, Zürich 2005, Art. 8 N 31).</span><br/> <span class="ft4">Beim Eintragungsgesuch hat der Anwalt zwar darzulegen, dass</span><br/> <span class="ft4">unter Berücksichtigung seiner persönlichen Situation (z.B. als Teil-</span><br/> <span class="ft4">zeitangestellter) die Gefahr des Auftretens von Interessenkollisionen</span><br/> <span class="ft4">in Einzelfällen minimiert wird. Er kann dies insbesondere tun, indem</span><br/> <span class="ft4">er sich eben verpflichtet, keinerlei Mandate für seinen Arbeitgeber</span><br/> <span class="ft4">oder dessen Kunden zu übernehmen. Die übernommenen Mandate</span><br/> <span class="ft4">dürfen in keinem Zusammenhang mit seiner Anstellung stehen, die</span><br/> <span class="ft4">Anwaltstätigkeit muss klar ausserhalb des Angestelltenverhältnisses</span><br/> <span class="ft4">ausgeübt werden und die Mandate müssen klar ausserhalb des Tätig-</span><br/> <span class="ft4">keitsbereichs des Arbeitgebers liegen (vgl. BGE 130 II 87, E. 5.2).</span><br/> <span class="ft4">Ein Anwalt muss aber im Zusammenhang mit seinem Eintra-</span><br/> <span class="ft4">gungsgesuch nicht beweisen, dass für die Zukunft jegliche denkbare</span><br/> <span class="ft4">Konstellation ausgeschlossen ist, welche zu einem Interessenkonflikt</span><br/> <span class="ft4">führen könnte - diesen Beweis wird auch ein rein freiberuflich tätiger</span><br/> <span class="ft4">Anwalt gar nicht erbringen können. Es darf kein Nachweis verlangt</span><br/> <span class="ft4">werden, dass jede künftige Beeinträchtigung der Unabhängigkeit</span><br/> <span class="ft4">ausgeschlossen ist. Hingegen hat jeder Anwalt bei späterem Auftre-</span><br/> <span class="ft4">ten einer fragwürdigen oder kritischen Situation bezüglich Unabhän-</span><br/> <span class="ft4">gigkeit und Interessenkollision im Zweifelsfall die Mandatsübernah-</span><br/> <span class="ft4">me eher abzulehnen, ansonsten er Gefahr läuft, gegen die Berufsre-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">49</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">geln von Art. 12 lit. b oder c BGFA zu verstossen (BGE 130 II 87, E.</span><br/> <span class="ft4">5.2).</span><br/> <span class="ft4">[...]</span><br/> <span class="ft4">4.7.</span><br/> <span class="ft4">Gemäss Bundesgericht spricht weder eine Teilzeit- noch gar</span><br/> <span class="ft4">eine Vollzeitanstellung gegen einen Eintrag im Anwaltsregister und</span><br/> <span class="ft4">damit eine anwaltliche teil- oder freizeitliche Tätigkeit (BGE 130 II</span><br/> <span class="ft4">87, E. 6.2). Der Anwalt ist zur unabhängigen, sorgfältigen und ge-</span><br/> <span class="ft4">wissenhaften, allein im Interesse der Klienten liegenden Berufsaus-</span><br/> <span class="ft4">übung verpflichtet. Dabei spielt letztlich auch die zeitliche Verfüg-</span><br/> <span class="ft4">barkeit des Anwalts eine Rolle. Allerdings ist diese auch bei rein frei-</span><br/> <span class="ft4">erwerbenden Anwälten nicht schon per se gewährleistet, denn auch</span><br/> <span class="ft4">sie können sich durch Übernahme von zu vielen Fällen in eine für</span><br/> <span class="ft4">den einzelnen Klienten unbefriedigende, wenn nicht gar problemati-</span><br/> <span class="ft4">sche Situation manövrieren. Es liegt in der Verantwortung des An-</span><br/> <span class="ft4">waltes, sein Kundensegment entsprechend zu wählen und unprakti-</span><br/> <span class="ft4">kable Mandate abzulehnen.</span><br/> <span class="ft4">Der Gesuchsteller arbeitet nicht alleine, sondern schliesst sich</span><br/> <span class="ft4">der bestehenden Kanzlei B. &amp; F. Rechtsanwälte, A., an. Die Erreich-</span><br/> <span class="ft4">barkeit und Stellvertretung dürfte somit auch während seiner 80% -</span><br/> <span class="ft4">Tätigkeit in den N.S.A. gewährleistet sein. Für seine eigene Organi-</span><br/> <span class="ft4">sation bezüglich Gerichts- und Anwaltstätigkeit ist er grundsätzlich</span><br/> <span class="ft4">selber zuständig, wobei zu vermuten ist, dass er auf die bestehende</span><br/> <span class="ft4">Infrastruktur der Kanzlei B. &amp; F. Rechtsanwälte zurückgreifen kann.</span><br/> <span class="ft4">Deshalb ergeben sich selbst bei einem 20%-Pensum keine Einwände</span><br/> <span class="ft4">gegen die Ausübung des Anwaltsberufes. Auch die Fristwahrung für</span><br/> <span class="ft4">seine Klienten sollte möglich sein, zumal Fristen in der Regel nicht</span><br/> <span class="ft4">von einem Tag auf den anderen angesetzt werden respektive zeitkriti-</span><br/> <span class="ft4">sche Mandate nicht angenommen werden müssen.</span><br/> <span class="ft4">Im vorliegenden Fall stellt die teilzeitliche Anwaltstätigkeit</span><br/> <span class="ft4">folglich keinen Hinderungsgrund für eine Registereintragung dar.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>