B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4172/2012/was U r t e i l v o m 1 2 . D e z e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn, Richter Bendicht Tellenbach; Gerichtsschreiberin Sara Steiner. Parteien A._______, geboren (…), B._______, geboren (…), C._______, geboren (…), Somalia, alle vertreten durch D._______, (…), Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 10. Juli 2012 / N (…). D-4172/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Mit Schreiben vom 7. Juli 2011 an das BFM ersuchte der Ehemann und Vater (D._______, N […]), welcher im vorliegenden Verfahren als Rechts- vertreter auftritt, für die Bes chwerdeführenden sowie für seine Mutter (E._______, N […] , Verfahren D -4173/2012) und seine Schwester (F._______, N […], Verfahren D-4171/2012) um Bewilligung der Einreise in die Schweiz und um Gewährung von Asyl. Zur Begründung des Gesuches wurde im Wesentlichen geltend gemacht, die Familie befinde sich a uf der Flucht vor der Al-Shabab, da sie in Elas- ha Biyaha immer wieder von diesen bedroht worden seien. Nach der Flucht des Ehemannes und Vaters der Beschwerdeführe nden, der auch zu der Al-Shabab gehört habe, seien sie zur Beschwerdeführerin g e- kommen und hätten sie mit einem jemenitischen Kämpfer zwangsverhe i- raten wollen. Nachdem sie diesem vorgestellt worden sei, hätten sie b e- reits am nächsten Tag zum Scheich gebracht werden sollen, damit dieser sie vermähle. Sie habe ihren Ehemann noch einmal kontaktiert und sei dann mit der Familie geflüchtet. B. Mit Schreiben vom 27. Juli 2011 forderte das BFM den Rechtsvertreter auf, eine Vollmacht einzureichen. C. Mit Schreiben vom 17. August 2011 wurde die eingeforde rte Vollmacht eingereicht. D. Mit Schreiben vom 15. September 2011 teilte das BFM dem Rechtsvertre- ter mit, im vorliegenden Verfahren könne keine Befragung stattfinden, da es in Somalia keine schweizerische Vertretung gebe, durch welche B e- fragungen durchgefüh rt werden könnten. Das BFM unterbreitete ihm deshalb eine Reihe von konkreten Fragen zur Abklärung des Sachverhal- tes. E. Am 11. Oktober 2011 nahm der Rechtsvertreter zu den Fragen des BFM Stellung. D-4172/2012 Seite 3 Dabei wurde vorab ausgeführt, es sei die Pflicht des BFM, den Sachver- halt festzustellen. In casu stelle es einen ganzen Fragekatalog einer Drittperson, obschon die Fragen nur von den Betroffenen persönlich b e- antwortet werden könnten. Die Anhörung zu den Asylgründen sei vertr e- tungsfeindlich und das BFM sei verpflich tet, den Beschwerdeführenden das rechtliche Gehör in einer Form zu gewähren, in der sie es auch wahrnehmen könnten. Anschliessend wurde in Beantwortung der Fragen des BFM ausgeführt, seit der Flucht des Ehemann es und Vaters vor der Al-Shabab im November 20 08 würden die Beschwerdeführenden von diesen gesucht. Die Beschwerdeführerin sei mehrmals mit der Zwang s- verheiratung bedroht worden. Am 11. Februar 2011 habe sich die Al - Shabab an der Familie rächen wollen. Die Situation werde immer krit i- scher, da die Al-Shabab überall ihre zielstrebenden Helfer habe. F. Am 26. März 2012 ging beim BFM ein Schreiben datierend vom 17. A u- gust 2011 ein, in welchem der Rechtsvertreter mitteilte , die Beschwerde- führenden hielten sich immer noch in Elasha Bi yaha auf, hätten jedoch keine fixe Unterkunft mehr . Sie hätten wegen der ständigen Bedrohung ihre bisherige Unterkunft verlassen müssen. Die Beschwerdeführerin lebe in ständiger Angst, dass die Töchter be schnitten und von der Al-Shabab zwangsverheiratet werden könnten. G. Mit Schreiben vom 4. Mai 2012 teilte das BFM dem Rechtsvertreter mit Verweis auf BVGE 2011/39 mit, es beabsichtige, das Asylgesuch der B e- schwerdeführenden mangels Höchstpersönlichkeit abzuschreiben und gab ihm Gelegenheit, sich dazu schriftlich zu äussern oder ein z ulässig gestelltes Asylgesuch der Beschwerdeführenden nachzureichen. H. Mit Eingabe vom 25. Juni 2012 wurde ein Schreiben der Beschwerdefü h- rerin eingereicht, in dem sie persönlich für sich und ihre Kinder um Asyl ersuchte und ihre Asylbegründung wiederholte. I. Mit Verfügung vom 10. Juli 2012 – eröffnet am 12. Juli 2012 – verweigerte das BFM den Beschwerdeführenden die Einreise in die Schweiz und lehnte ihre Asylgesuche ab. D-4172/2012 Seite 4 J. Mit Eingabe vom 8. August 2012 erhob der Rechtsvertreter gegen diese Verfügung beim Bun desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Erteilung einer Ein- reisebewilligung zur Durchführung eines Asylverfahrens. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) sowie um Verzicht auf die E r- hebung eines Kostenvorschusses ersucht. K. Nachdem vorab der Eingang der Beschwerde bestätigt worden war, ver- schob die Instruktionsrichterin mit Verfügung vom 24. August 2012 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung auf einen späteren Zeitpunkt und forderte den Rechtsvertreter und Ehemann b e- ziehungsweise Vater der Beschwerdeführenden auf, eine Fürsorgebestä- tigung einzureichen beziehungsweise seine Einkommensverhältnisse o f- fenzulegen. Gleichzeitig verzichtete sie auf die Erhebung eines Koste n- vorschusses. L. Mit Eingabe vom 29. August 2012 wurde die eingeforderte Fürsorgebe - stätigung eingereicht. M. In seiner Vernehml assung vom 10. September 2012 hielt das BFM an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. N. Mit Eingabe vom 27. September 2012 nahmen die Beschwerdeführenden zur Vernehmlassung des BFM schriftlich Stellung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r-D-4172/2012 Seite 5 waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist dah er zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entsche i- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetze s vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Zur Beschwerde legitimiert ist, wer vor der Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit z ur Teilnahme erhalten hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist und ein schut z- würdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Vorliegend stellt sich die Frage, ob die Beschwerdefü h- renden am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen haben, gilt doch das Stellen eines Asylgesuchs als relativ höchstpersönliches Recht, das ve r- tretungsfeindlich ist (BVGE 2011/39). Das Schreiben vom 7. Juli 2011, durch welches das erstinstanzliche Asylverfahren eingeleitet wurde, trägt lediglich die Unterschrift des Rechtsvertreters beziehungsweise Ehema n- nes und Vaters der Beschwerdeführenden . Auf Aufforderung des BFM ging jedoch am 17. August 2011 bei diesem eine Vollmacht, welche die Beschwerdeführerin persönlich unterschrieben hat te, und am 25. Juni 2012 ein von der Beschwerdeführerin persönlich verfasstes Asylgesuch ein. Somit ist von einem persönlichen Auftreten vor einer schweizerischen Behörde auszugehen und die Legitimation zu bejahen. Auf die ansonsten frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 VwVG) ist nach dem Gesagten einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts un d die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). D-4172/2012 Seite 6 3. 3.1 Das Bundesamt bewilligt Asylsuchenden die Einreise in die Schweiz zur Abklärung des Sachverhalts, wenn ihnen nicht zugemutet werden kann, im Wohnsitz- oder Aufenthaltsort zu bleiben oder in e inen anderen Staat auszureisen (Art. 20 Abs. 2 AsylG). Unzumutbar ist ein Verbleib na- mentlich dann, wenn die asylsuchende Person schutzbedürftig ist. Schutzbedürftig im Sinne des Asylgesetzes sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem si e zuletzt wohnten, wegen ihrer Ra s- se, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachtei - len ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge- fährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen un- erträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2 Das BFM kann einer Person, die sich im Ausland befindet, Asyl – und damit auch die Einreise in die Schweiz – verweigern, wenn keine Hin - weise auf eine aktuelle Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG vorliegen oder ihr zuzumuten ist, sich in einem Drittstaat um Aufnahme zu bemü - hen (Art. 52 Abs. 2 AsylG). 3.3 Die dringlichen Änderun gen des Asylgesetzes vom 28. September 2012, welche am 29. September 2012 in Kraft getreten sind, kommen vorliegend nicht zur Anwendung, wurde doch in der Übergangsbesti m- mung (Ziffer III) festgehalten, dass für Asylgesuche, die im Ausland vor dem Inkrafttreten der Änderung gestellt worden sind – was vorliegend der Fall ist – unter anderem die Art. 20 und 52 in der bisherigen Fassung ge l- ten. 3.4 Für die Erteilung einer Einreisebewilligung gelten restriktive Voraus - setzungen, wobei den Behörden ein weiter Ermesse nsspielraum zu - kommt. Neben der erforderlichen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG sind namentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz, die Möglichkeit der Schutzgewährung durch einen anderen Staat, die Beziehungsnähe zu anderen Staaten, die praktische und obj ektive Zumutbarkeit zur ander - weitigen Schutzsuche sowie die voraussichtlichen Eingliederungsmö g- lichkeiten in der Schweiz in Betracht zu ziehen. Ausschlaggebend für die Erteilung der Einreisebewilligung ist dabei die Schutzbedürftigkeit der b e- troffenen Personen, mithin die Prüfung der Frage, ob eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft gemacht wurde und ob der Verbleib am D-4172/2012 Seite 7 Aufenthaltsort für die Dauer der Sachverhaltsabklärungen zugemutet werden kann (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/10). 4. 4.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das BFM im Wesentlichen aus, vorliegend sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer Gefährdung der Beschwerdeführenden auszugehen . Ohne die Situation in Somalia bagatellisieren zu wollen, sei es dem BFM bekannt, dass noch immer Teile Somalias von Kampfhandlungen zwischen den Kräften der Übergangsregierung und verschiedenen Milizen betroffen seien. Die al l- gemeine Unsicherheit, die als unausweichliche Folge dieses Konfliktes in gewissen Teilen des Landes herrsche, betreffe indessen die gesamte somalische Bevölkerung in gleichem Masse. Gemäss konstanter Praxis gelten Bürgerkriegssituationen nicht als Asylgründe. Den Akten könnten keine Hinweise entnommen werden, dass den Beschwerdeführenden im heutigen Zeitpunkt Verfolgungsm assnahmen aus einem der in Art. 3 AsylG genannten Gründe drohen könnten. Abgesehen von der angebl i- chen Ankündigung einer Zwangsverheiratung und Drohungen sei es im Zusammenhang mit der geltend gemachten bald vier Jahre dauernden Suche der Al -Shabab in dies er Zeit zu keinen konkreten Vorfällen ge- kommen. Das BFM gehe davon aus, dass seitens der Al -Shabab kein ernsthaftes Verfolgungsinteresse bestehe. Darüber hinaus sei die Al - Shabab in den vergangenen Monaten aus verschiedenen Gebieten S o- malias vertrieben worden, womit sich eine unmittelbare Bedrohung weiter verringert haben dürfte. Im Zusammenhang mit dem Familiennachzug nach Art. 85 Abs. 7 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) sei die dreijährige Wart efrist nach Anor d- nung der vorläufigen Aufnahme vorliegend nicht erfüllt. 4.2 In der Beschwerde wurde dem entgegengehalten, das BFM verkenne die Realität Somalias gänzlich. Der Entscheid sei nicht sachlich abg e- stützt sondern basiere auf Vermutungen. Sie hätten wiederholt aufg e- zeigt, dass sie sich auf der Flucht vor den Al -Shabab befänden. Am 30. Juni 2012 seien sie wieder von diesen angegriffen worden. Die An- greifer hätten die Tochter B._______ mitnehmen wollen, um sie zu b e- schneiden. Dabei sei B._______ an der Hand verletzt worden. Weil die Grossmutter versucht habe, das Kind zu schützen , hätten die Mitglieder der Al-Shabab auf diese geschossen, woraufhin sie im Spital verstorben sei. Am 28. Juli 2012 sei die Familie erneut angegriffen worden, wobei die D-4172/2012 Seite 8 Schwägerin beziehungsweise Tante mitgenommen worden sei. Über de- ren Verbleib gäbe es keine Informationen. Die Beschwerdeführenden sei- en nun auf der Flucht in Richtung Jowhar und würden versuchen, in ein anderes Land zu gelangen. Zur Stützung der Beschwerde wurde n ein medizinischer Bericht vom 1. Juli 2012 betreffend die Tochter und eine Todesbestätigung vom 1. Juli 2012 betreffend die Schwieger- beziehungsweise Grossmutter der B e- schwerdeführenden eingereicht. Beide Dokumente tragen den Briefkopf des (…) Hospitals in Mogadischu und die Unterschrift dessen Direktors. 4.3 In seiner Vernehmlassung hielt das BFM fest, das Asylgesuch des Ehemannes und Vaters der Beschwerdeführenden sei am 19. März 2010 unter anderem deswegen abgelehnt worden, weil die von ihm nachträ g- lich ge ltend gemachte Verfolgung durch die Al -Shabab als unglaubhaft erachtet worden sei. Diese Verfügung sei unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Das Asylgesuch der Beschwerdeführenden stütze sich im Wesentlichen auf diese als unglaubhaft erachteten Vorbringe n. Es erg ä- ben sich daher bereits erhebliche Zweifel an der geltend gemachten R e- flexverfolgung. Diese Einschätzung werde dadurch gestärkt, als die ga n- ze Familie seit November 2008 – mithin während rund dreieinhalb Jahren – von der Al-Shabab, die sich habe r ächen wollen, gesucht worden sein wolle, sich aber trotzdem während Jahren weitgehend unbehelligt in dem von der Al-Shabab kontrollierten Gebiet habe aufhal ten können. Bei den auf Beschwerdeebene neu vorgebrachten Sachverhaltselementen handle es sich vorerst einmal um pauschale Behauptungen, die nicht belegt se i- en. Bei den lediglich in Kopie eingereichten Spitalberichten handle es sich um Dokumente, die leicht käuflich erworben werden könnten. Den beiden Dokumenten könne sodann lediglic h entnommen werden, d ass am 30. Juni 2012 die Tochter an der Hand verletzt worden sei und die Schwieger- beziehungsweise Grossmutter gewaltsam ums Leben g e- kommen sei. Was genau vorgefallen sei und wer der Urheber der Taten sei, werde darin nicht erwähnt. Die Darstellungen in d er Beschwerde sei- en insbesondere vor dem Hintergrund der Tatsache als unglaubhaft zu bezeichnen, dass gemäss öffentlich zugänglichen Quellen sich die Al - Shabab bereits im August 2001 aus Mogadischu zurückgezogen habe und im Mai 2 012 aus dem sogenannten Afg oye-Korridor, wo sich unter anderem das Flüchtlingslager Elasha Biyaha befinde, vertrieben worden sei. Seither befinde sich der Afgoye-Korridor nämlich unter Kontrolle von somalischen Regierungstruppen des Transitional Federal Government (TFG) und der African Union Mission in Somalia ( AMISOM). In den Ort-D-4172/2012 Seite 9 schaften des Korridors seien von der somalischen Regierung Verwaltu n- gen und Polizeiposten eingerichtet worden. Dass die Al-Shabab nach i h- rer Vertreibung aus dem Afgoye -Korridor nun plötzlich im Lager gerade zwei Mal gezielt die Beschwerdeführenden hätten angreifen sollen, nac h- dem es in den vergangenen Jahren, als sie diese Gegend noch weitg e- hend unter ihrer Kontrolle gehabt hätten, bei (angeblichen) Drohungen geblieben sei, sei somit nicht glaubhaft. Dem BFM sei bekannt, dass es auch seit der Vertreibung der Al -Shabab zu gewaltsamen Zwischenfällen gekommen sei, bei denen Menschen ve rletzt oder getötet worden seien . Bei den bekannt gewordenen Zwischenfällen habe es sich aber praktisch ausschliesslich um Kampfhandlungen zwischen der Al-Shabab und den Soldaten des TFG und von AMISOM gehandelt. Am 30. Juni 2012 und am 28. Juli 2012 seien keine Zwischenfälle registriert wor den (s. Somalia NGO Safety Progamme). Selbst wenn also tatsächlich die Tochter ve r- letzt, die Schwieger- beziehungsweise Grossmutter getötet und die Schwägerin beziehungsweise Tante verschleppt worden sein sollten, könne – auch wenn es sich dabei um tragische Ereignisse handle – mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass es si ch dabei um gezielt gegen die Beschwerdeführenden gerichtete Verfo l- gungsmassnahmen gehandelt habe. 4.4 Die Beschwerdeführenden hielten dem entgegen, sie hätten klar da r- auf hingewiesen, dass sie die ganze Zeit auf der Flucht ge wesen seien. Zudem seien die Al -Shabab nicht im August 2001 aus Mogadischu ve r- drängt worden. 5. 5.1 Gemäss Praxis zu Art. 20 AsylG und Art. 10 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311) ist im Auslandverfahren die asylsuchende Person in der Regel zu be fragen. Davon kann nur abgewichen werden, wenn eine Befragung faktisch oder aus organisatorischen oder kapazitätsmässigen Gründen unmöglich ist. Falls die Befragung nicht durchgeführt werden kann, muss die gesuc h- stellende Person – soweit möglich und notwen dig – mittels eines indiv i- dualisierten und konkretisierten Schreibens aufgefordert werden, ihre Gründe für das Asylgesuch schriftlich einzureichen. Dabei ist sie auf die allfällige Konsequenz eines negativen Entscheids infolge Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht aufmerksam zu machen. Ist der Sachverhalt schon aufgrund des eingereichten Asylgesuchs entscheidreif erstellt, kann sich eine persönliche Befragung ebenfalls erübrigen; der asylsuchenden Pe r- son ist diesbezüglich das rechtliche Gehör zu gewähren. Das Bundesamt D-4172/2012 Seite 10 ist gehalten, den Verzicht auf eine Befragung im Ausland in der Verfügung zu begründen (vgl. BVGE 2007/30 E. 5.8 S. 367 f.). 5.2 Im vorliegenden Fall wurde auf eine Botschaftsbefragung der B e- schwerdeführenden zu ihrem Asylgesuch verzichtet. Das BFM begründe- te in seiner Verfügung vom 10. Juli 2012 diesen Verzicht damit, dass eine Anhörung faktisch nicht möglich sei, da es in Somalia keine schweizer i- sche Vertretung gebe, und das Verfahren daher schriftlich durchzuführen sei. Mit Schreiben vom 15. September 2011 hatte es den Beschwerdefüh- renden zudem unter Verweis auf die Praxis des Bundesverwaltungsg e- richts die Gelegenheit gegeben, sich zu ihrem Asylgesuch nochmals zu äussern. Entgegen der Ansicht des Rechtsvertreters der Beschwerdefü h- renden ist ledigli ch das Stellen eines Asylgesuches vertretungsfeindlich. Den Fragekatolog zur Vervollständigung des rechtserheblichen Sachve r- halts durfte und musste das BFM aber über den Rechtsvertreter der B e- schwerdeführenden zustellen, der seinerseits für die Weiterleitu ng ve r- antwortlich ist. 6. Wie vom BFM mit ausführlicher und überzeugender Begründung darg e- legt, kann vorliegend eine Verfolgung der Beschwerdeführenden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. 6.1 Das Asylgesuch des Ehemannes und Vaters der B eschwerdeführen- den wurde am 19. März 2010 abgewiesen, weil die an der Anhörung nachträglich geltend gemachte Zuge hörigkeit zu der Al-Shabab als nicht glaubhaft qualifiziert wurde, nachdem er an der Befragung lediglich ange- geben hatte, er habe Somalia wegen der allgemeinen Lage verlassen und sei nicht persönlich betroffen gewesen. Diese Verfügung wurde nicht angefochten. Auch im vorliegenden Verfahren wurden diesbezüglich ke i- ne weiteren Ausführungen gemacht. Die Beschwerdeführenden ihrerseits stützen ihre Vo rbringen nun auf eben diese unglaubhafte Zugehörigkeit des Ehemannes und Vaters zu der Al-Shabab und machen eine diesb e- zügliche Reflexverfolgung geltend, weshalb bereits erhebliche Zweifel an ihren Vorbringen entstehen. Auffallend ist dabei zudem tatsächlich, dass sie seit dessen Ausreise im November 2008 über Jahre hinweg weitge- hend unbehelligt in Elasha Biyaha , einem damals von der Al-Shabab kontrollierten Gebiet, hatten leben können. Zwar machen sie geltend, sie seien immer auf der Flucht gewes en, ihren Eingaben vom 17. August 2011, 25. März 2012 und 25. Juni 2012 ist aber zu entnehmen, dass sie sich zu dieser Zeit immer in Elasha Biyaha befunden haben. Ebenfalls D-4172/2012 Seite 11 richtig sind die Erwägungen des BFM, wonach Mogadisch u seit August 2011 – bei der Angabe des Jahres 2001 durch das BFM handelt es sich offensichtlich um einen Schreibfehler – und der Afgoye-Korridor, in dem sich das Lager Elasha Biyaha befindet, seit Mai 2012 von den Al-Shabab befreit sind. Diese Informationen sind in Form von öffentlic hen Quellen zugänglich (vgl. UK Home Office , Security Situation In Southern and Central Somalia, 17. August 2012). Der Einwand in der Beschwerde, das BFM verkenne die Lage und stütze sich nur auf Vermutungen, kann vo r- liegend nicht gestützt werden. Auf Vern ehmlassungsebene hat das BFM einlässlich und mit Quellenhinweisen über die Lage in Somalia berichtet. Die Be schwerdeführenden behaupten zwar , dass die Erwägungen des BFM nicht zuträfen, vermögen aber auf keinerlei anderslautende Quellen zu verweisen. Dem G ericht wären solche denn auch nicht bekannt. Vor dem Hintergrund der Vertreibung der Al-Shabab aus den relevanten G e- bieten scheint es tatsächlich unglaubhaft, dass diese im Juni und Juli 2012 bei den Beschwerdeführenden aufgetaucht sein sollen, um diese gezielt an zugreifen, zumal die Beschwerdeführenden zuvor, als die Al- Shabab noch die Kontrolle über d as entsprechende Gebiet inne hatten, offenbar nie angegriffen worden waren. Auffallend ist denn auch, dass die angeblichen Angriffe just in den Zeitraum de r angefochtenen Verfügung fallen, in der erwogen wurde, eine Gefährdung sei unglaubhaft, weil die Beschwerdeführenden bisher nur bedroht worden sein wollen. Zwar wird insbesondere der Tod der Schwiegermutter nicht grundsätzlich angezwei- felt, und selbst wenn auch die Tochter verletzt worden und die Schwäg e- rin verschwunden sein sollten, bleibt vor diesem Hintergrund unglaubhaft, dass diese Ereignisse mit einer direkten Verfolgung der Beschwerdefü h- renden durch die Al-Shabab zusammenhängen. Vielmehr dürfte es s ich dabei allenfalls um Folgen der immer noch unsicheren Lage in Somalia handeln, welche die Bevölkerung Somalias aber allgemein betrifft. Insge- samt ist damit nicht von einer asylrechtlich relevanten Gefährdungslage auszugehen, die zu einer Einreisebewilligung im Sinne von Art. 20 Abs. 3 AsylG zu führen vermöchte. Dieser Einschätzung wird in der Beschwerde und der Stellungnahme nichts Stichhaltiges entgegengehalten. 6.2 Das BFM hat nach dem Gesagten den Beschwerdeführenden zu Recht die Einreise in die Schweiz v erweigert beziehungsweise deren Asylgesuch abgelehnt. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und D-4172/2012 Seite 12 vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be- schwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) . Mit der B e- schwerde wurde jedoch ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gestellt. Gemäss dieser Bestimmung wird von der Erhebung von Verfahrenskosten abgesehen, wenn die Partei nicht über die erforderlichen Mittel ver fügt und ihre B e- schwerde nicht aussichtslos erscheint. Die Mittellosigkeit der Beschwe r- deführenden ist durch die Fürsorgebestätigung vom 28. August 2012 betreffend deren Ehemann und Vater belegt. Nach dem Gesagten sind die Begehren auch nicht als aussichts los zu bewerten. Somit sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) D-4172/2012 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. In Gutheissung des Gesuches um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG werden keine Verfah- renskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das BFM und die z u- ständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Sara Steiner Versand: