<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">320</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>61</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 394 i.V.m. Art. 395, Art. 398 ZGB</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Bei stark ausgeprägter Demenz reicht eine Vertretungsbeistandschaft mit</b></span><br/> <span class="ft4"><b>besonders breit gefasstem Auftrag in der Regel aus, um dem Schutzbe-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>dürfnis der betagten Person zu begegnen. Liegt eine offensichtliche Hand-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>lungsunfähigkeit der betroffenen Person vor, ist keine Beschränkung der</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Handlungsfähigkeit anzuordnen.</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="ft6">nenschutz, vom 14. November 2014 in Sachen T. G. (XBE.2014.17).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz erwog zur Schutzbedürftigkeit der Betroffenen,</span><br/> <span class="ft1">die progrediente dementielle Erkrankung erlaube es der Schutzbe-</span><br/> <span class="ft1">dürftigen nicht mehr, Entscheidungen zu treffen, weshalb sie mittler-</span><br/> <span class="ft1">weile selbst im alltäglichen Leben umfassender Hilfe bedürfe. Die</span><br/> <span class="ft1">Betroffene befinde sich seit mehreren Jahren im Alters- und Pflege-</span><br/> <span class="ft1">heim X. und sei schwer pflegebedürftig, wobei eine weitere Ver-</span><br/> <span class="ft1">schlechterung der Erkrankung in den nächsten Monaten als sehr</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">321</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">wahrscheinlich erscheine. Die Betroffene vermöge keinerlei Angele-</span><br/> <span class="ft1">genheiten der Personensorge, der Vermögenssorge oder des Rechts-</span><br/> <span class="ft1">verkehrs selber zu erledigen, weshalb eine Vertretungsbeistandschaft</span><br/> <span class="ft1">mit Einkommens- und Vermögensverwaltung sowie ein umfassender</span><br/> <span class="ft1">Aufgabenkatalog zu errichten sei. Aufgrund der starken Demenz und</span><br/> <span class="ft1">der hohen Pflegebedürftigkeit sei indes eine umfassende Einschrän-</span><br/> <span class="ft1">kung der Handlungsfähigkeit nicht notwendig und es genüge, diese</span><br/> <span class="ft1">auf die Einkommens- und Vermögensverwaltung sowie Rechtsge-</span><br/> <span class="ft1">schäfte mit finanziellen Folgen zu beschränken (E. 2.2).</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin kritisiert die vorinstanzlich angeord-</span><br/> <span class="ft1">nete Vertretungsbeistandschaft mit nur teilweisem Entzug der Hand-</span><br/> <span class="ft1">lungsfähigkeit und verlangt eine umfassende Beistandschaft, da die</span><br/> <span class="ft1">Errichtung einer Vertretungsbeistandschaft mit "massgeschneider-</span><br/> <span class="ft1">tem" Aufgabenkatalog in der Praxis zu mehr Rechtsunsicherheit füh-</span><br/> <span class="ft1">re als eine umfassende Beistandschaft.</span><br/> <span class="ft1">Die Betroffene sei dauerhaft urteilsunfähig und verfüge über</span><br/> <span class="ft1">keine Ressourcen mehr, die sie zur Regelung der Personen- und Ver-</span><br/> <span class="ft1">mögenssorge oder im Rechtsverkehr zweckmässig einsetzen könne.</span><br/> <span class="ft1">Es sei daher widersprüchlich und sinnlos, ihre Handlungsfähigkeit</span><br/> <span class="ft1">formell zu erhalten. Dies würde vielmehr auf einen blossen "Eti-</span><br/> <span class="ft1">kettenschwindel" heraus laufen und die Gefahr bergen, dass je nach</span><br/> <span class="ft1">Haltung des Gläubigers die Urteilsfähigkeit zuerst in einem Prozess</span><br/> <span class="ft1">festgestellt werden müsse. Wobei der schutzbedürftigen Person sogar</span><br/> <span class="ft1">die Klägerrolle zukommen könne, wenn der Gläubiger unter Um-</span><br/> <span class="ft1">ständen über einen "abgenötigten" Rechtsöffnungstitel verfüge. Fak-</span><br/> <span class="ft1">tisch könne eine urteilsunfähige Person von der formell noch be-</span><br/> <span class="ft1">stehenden Handlungsfähigkeit gar keinen Gebrauch mehr machen.</span><br/> <span class="ft1">Bereits der Wortlaut von Art. 394 Abs. 1 ZGB spreche in Fällen,</span><br/> <span class="ft1">wo die Betroffenen keinerlei Angelegenheiten mehr selber erledigen</span><br/> <span class="ft1">könnten, gegen eine Vertretungsbeistandschaft, die zu errichten sei,</span><br/> <span class="ft1">wenn die hilfsbedürftige Person nur bestimmte Angelegenheiten</span><br/> <span class="ft1">nicht erledigen könne und deshalb vertreten werden müsse. Im Um-</span><br/> <span class="ft1">kehrschluss bedeute dies, dass eine umfassende Beistandschaft ange-</span><br/> <span class="ft1">ordnet werden müsse, wenn eine Person ihre Angelegenheiten über-</span><br/> <span class="ft1">haupt nicht mehr selber erledigen könne.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">322</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Anders als im bisherigen Recht sei mit dem revidierten Erwach-</span><br/> <span class="ft1">senenschutzrecht die stigmatisierende Wirkung einer Entmündigung</span><br/> <span class="ft1">eliminiert worden. Die Terminologie sei angepasst worden und die</span><br/> <span class="ft1">Massnahmen würden nicht mehr publiziert.</span><br/> <span class="ft1">Da eine dauerhaft urteilsunfähige Person den Unterschied dieser</span><br/> <span class="ft1">Massnahmen sowieso nicht mehr erfassen könne, werde sie durch die</span><br/> <span class="ft1">Errichtung einer umfassenden Beistandschaft auch subjektiv nicht</span><br/> <span class="ft1">belastet.</span><br/> <span class="ft1">Schliesslich seien die von der Vorinstanz verwendeten Um-</span><br/> <span class="ft1">schreibungen der mandatsgebundenen Aufgaben nicht praxistauglich.</span><br/> <span class="ft1">Die in Ziffer 2 Spiegelstrich 4 und 5 umschriebenen Aufgabenberei-</span><br/> <span class="ft1">che der Mandatsträgerin seien problematisch, da zu befürchten sei,</span><br/> <span class="ft1">dass diese in der Praxis zu Auslegungsproblemen und unnötiger</span><br/> <span class="ft1">Rechtsunsicherheit führten. Insbesondere sei unklar, in welchem Ver-</span><br/> <span class="ft1">hältnis diese zueinander stehen würden. Während die Mandatsträge-</span><br/> <span class="ft1">rin gemäss Punkt 4 beim Erledigen der finanziellen und administrati-</span><br/> <span class="ft1">ven Angelegenheiten nur "soweit nötig" zur Vertretung beauftragt</span><br/> <span class="ft1">sei, insbesondere im Verkehr mit Dritten, fehle bei Punkt 5 eine sol-</span><br/> <span class="ft1">che Einschränkung, obwohl es ebenfalls um die Erledigung der</span><br/> <span class="ft1">finanziellen Angelegenheiten (insbesondere die Einkommens- und</span><br/> <span class="ft1">Vermögensverwaltung) gehe. Angesicht der starken Hilfsbedürftig-</span><br/> <span class="ft1">keit der Betroffenen hätte die Vorinstanz bei der Formulierung des</span><br/> <span class="ft1">Aufgabenkatalogs das Muster der KOKES unter Ziff. 5.5.3. überneh-</span><br/> <span class="ft1">men müssen (Kombination von Beistandschaften, teilweise mit Ein-</span><br/> <span class="ft1">schränkung der Handlungsfähigkeit). Dieses kenne die Einschrän-</span><br/> <span class="ft1">kung "soweit nötig" weder in administrativen noch in finanziellen</span><br/> <span class="ft1">Belangen.</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Die behördlichen Massnahmen des Erwachsenenschutzes stel-</span><br/> <span class="ft1">len das Wohl und den Schutz hilfsbedürftiger Personen sicher</span><br/> <span class="ft1">(Art. 388 Abs. 1 ZGB). Gleichzeitig haben sie die Selbstbestimmung</span><br/> <span class="ft1">der betroffenen Person so weit wie möglich zu erhalten und zu för-</span><br/> <span class="ft1">dern (Art. 388 Abs. 2 ZGB). Voraussetzung einer beistandschaft-</span><br/> <span class="ft1">lichen Massnahme ist ein Schwächezustand, der in einer geistigen</span><br/> <span class="ft1">Behinderung, einer psychischen Störung oder in einem ähnlichen</span><br/> <span class="ft1">Schwächezustand des Betroffenen liegt sowie eine daraus folgende</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">323</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Schutzbedürftigkeit (Art. 390 Abs. 1 Ziff. 1 ZGB). Dabei ist auch die</span><br/> <span class="ft1">Belastung und der Schutz von Angehörigen und Dritten zu berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigen (Art. 390 Abs. 2 ZGB). Im Weiteren hat die Massnahme</span><br/> <span class="ft1">subsidiär und verhältnismässig zu sein (Art. 389 ZGB). Das heisst,</span><br/> <span class="ft1">Erwachsenenschutzmassnahmen dürfen nur angeordnet werden,</span><br/> <span class="ft1">wenn den negativen Folgen eines Schwächezustandes nicht anders</span><br/> <span class="ft1">begegnet werden kann und die Massnahme erforderlich und geeignet</span><br/> <span class="ft1">ist. Das bedeutet, dass die Massnahme so wenig wie möglich, aber so</span><br/> <span class="ft1">stark wie nötig in die Privatsphäre und in die Rechtsstellung des</span><br/> <span class="ft1">Betroffenen eingreifen darf, namentlich nur soweit als es der</span><br/> <span class="ft1">Schwächezustand erforderlich macht und dies den Bedürfnissen des</span><br/> <span class="ft1">Betroffenen entspricht. Die Befugnisse des Beistandes sind folglich</span><br/> <span class="ft1">so begrenzt wie möglich zu halten, sollen sich aber nicht auf einzelne</span><br/> <span class="ft1">Angelegenheiten beschränken, wenn weitere Bedürfnisse absehbar</span><br/> <span class="ft1">sind. Umgekehrt dürfen nicht Massnahmen auf Vorrat angeordnet</span><br/> <span class="ft1">werden. Zudem muss der mit der Massnahme einhergehende Eingriff</span><br/> <span class="ft1">in einer vernünftigen Relation zum Ziel desselben stehen und zwi-</span><br/> <span class="ft1">schen den öffentlichen und privaten Interessen an der Massnahme</span><br/> <span class="ft1">und dem privaten Interesse, keinen Eingriff erdulden zu müssen,</span><br/> <span class="ft1">abgewogen werden (H</span><span class="ft6">ENKEL</span><span class="ft1">, in: Basler Kommentar, Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutz, 2012, N. 5 ff. zu Art. 389 ZGB; R</span><span class="ft6">OSCH</span><span class="ft1">, in: Kurzkommentar,</span><br/> <span class="ft1">Schweizerisches Zivilgesetzbuch, 2012, N. 4 ff. zu Art. 389 ZGB;</span><br/> <span class="ft1">F</span><span class="ft6">OUNTOULAKIS</span><span class="ft1">, in: Handkommentar zum Schweizer Privatrecht,</span><br/> <span class="ft1">2. Aufl. 2012, N. 2 ff. zu Art. 389 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">Eine Vertretungsbeistandschaft wird errichtet, wenn die hilfsbe-</span><br/> <span class="ft1">dürftige Person bestimmte Angelegenheiten nicht erledigen kann und</span><br/> <span class="ft1">deshalb vertreten werden muss (Art. 394 Abs. 1 ZGB). Die Hand-</span><br/> <span class="ft1">lungsfähigkeit der betroffenen Person kann entsprechend einge-</span><br/> <span class="ft1">schränkt werden (Art. 394 Abs. 2 ZGB). Ist eine Person besonders</span><br/> <span class="ft1">hilfsbedürftig, ist eine umfassende Beistandschaft anzuordnen (Art.</span><br/> <span class="ft1">398 Abs. 1 ZGB). Diese lässt die Handlungsfähigkeit der betroffenen</span><br/> <span class="ft1">Person von Gesetzes wegen entfallen (Art. 398 Abs. 3 ZGB). Die</span><br/> <span class="ft1">umfassende Beistandschaft bezieht sich auf die gesamte Personen-</span><br/> <span class="ft1">und Vermögenssorge sowie auf die umfassende Vertretung mit Aus-</span><br/> <span class="ft1">nahme der absolut höchstpersönlichen Rechte (Art. 398 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">ZGB).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">324</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Lehre ist sich uneinig, ob es die starre und damit system-</span><br/> <span class="ft1">fremde Massnahme der umfassenden Beistandschaft angesichts der</span><br/> <span class="ft1">sonst durchwegs massgeschneiderten Beistandschaften überhaupt</span><br/> <span class="ft1">noch braucht (ablehnend L</span><span class="ft6">ANGENEGGER</span><span class="ft1">, Aspekte des Systems der</span><br/> <span class="ft1">amtsgebundenen behördlichen Massnahmen des neuen Erwachse-</span><br/> <span class="ft1">nenschutzrechtes, ZVW 5/2003 S. 317 ff., E. 3.2.3.). Immerhin er-</span><br/> <span class="ft1">weist sich ein Entzug der Handlungsfähigkeit bei Personen mit</span><br/> <span class="ft1">schwerer geistiger Behinderung oder demenzkranken pflegebedürfti-</span><br/> <span class="ft1">gen Menschen im fortgeschrittenen Stadium gerade nicht notwendig,</span><br/> <span class="ft1">da die Handlungsfähigkeit infolge der dauernden Urteilsunfähigkeit</span><br/> <span class="ft1">ohnehin gestützt auf Art. 17 ZGB nicht mehr besteht und dem</span><br/> <span class="ft1">Schutzbedürfnis mittels einer Vertretungsbeistandschaft in der Regel</span><br/> <span class="ft1">genügend begegnet werden kann (B</span><span class="ft6">IDERBOST</span><span class="ft1">, Eine Beistandschaft</span><br/> <span class="ft1">ist eine Beistandschaft?!?, ZVW 5/2003 S. 299 ff., Rz. 23;</span><br/> <span class="ft1">F</span><span class="ft6">ASSBIND</span><span class="ft1">, Erwachsenenschutz, 2012, S. 246, Fn. 548; H</span><span class="ft6">ÄFELI</span><span class="ft1">,</span><br/> <span class="ft1">Grundriss zum Erwachsenenschutzrecht, 2013, Rz. 19.60 f.; H</span><span class="ft6">EN</span><span class="ft2">-</span><br/> <span class="ft6">KEL</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 17 zu Art. 398 ZGB; KOKES, Praxisanleitung Er-</span><br/> <span class="ft1">wachsenenschutzrecht, 2012, Rz. 5.40; M</span><span class="ft6">EIER</span><span class="ft1">, in: FamKommentar,</span><br/> <span class="ft1">Erwachsenenschutz, 2013, N. 7 zu Art. 398 ZGB). Dennoch wird in</span><br/> <span class="ft1">der Literatur das Institut der umfassenden Beistandschaft mehrheit-</span><br/> <span class="ft1">lich befürwortet, allerdings sehr restriktiv und weitgehend in Fällen,</span><br/> <span class="ft1">in denen die betroffene Person unter dauernder Urteilsunfähigkeit</span><br/> <span class="ft1">leidet, ein Bedürfnis nach umfassender Personen- und Vermögens-</span><br/> <span class="ft1">sorge aufweist, ein ausgedehntes Vertretungsbedürfnis vorhanden ist</span><br/> <span class="ft1">und die betroffene Person gegen ihre Interessen zu handeln droht</span><br/> <span class="ft1">oder der Gefahr ausgesetzt ist, durch Dritte ausgenutzt zu werden. So</span><br/> <span class="ft1">beispielsweise bei Personen mit einer geistigen Behinderung, die für</span><br/> <span class="ft1">Dritte nicht offensichtlich ist, und die am sozialen Leben teilnehmen</span><br/> <span class="ft1">und Rechtsgeschäfte abschliessen, deren Tragweite sie nicht</span><br/> <span class="ft1">abschätzen können, und die deshalb auch besonders gefährdet sind,</span><br/> <span class="ft1">ausgenutzt zu werden. Aber auch, wenn eine Person an einer immer</span><br/> <span class="ft1">wieder auftretenden Urteilsunfähigkeit leidet und in den dazwischen</span><br/> <span class="ft1">liegenden Zeiträumen gegen ihre Interessen handelt. Während die</span><br/> <span class="ft1">mildere Variante der kombinierten Vertretungsbeistandschaft bei</span><br/> <span class="ft1">älteren Menschen bezüglich Schutz und Unterstützung regelmässig</span><br/> <span class="ft1">als hinreichend betrachtet wird (vgl. Fassbind, a.a.O., S. 245 f.;</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">325</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Fountoulakis, a.a.O., N. 2 f. zu Art. 398 ZGB; Hausheer/Geiser/</span><br/> <span class="ft1">Aebi-Müller, Das Familienrecht des Schweizerischen Zivilgesetz-</span><br/> <span class="ft1">buches, 5. Aufl. 2014, Rz. 20.116 f.; Henkel, a.a.O., N. 5/14 zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 398 ZGB; Häfeli, a.a.O., Rz. 19.62; KOKES, a.a.O., Rz. 5.51 f.;</span><br/> <span class="ft1">M</span><span class="ft6">EIER</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 10 ff. zu Art. 398 ZGB; S</span><span class="ft6">CHMID</span><span class="ft1">, Kommentar Er-</span><br/> <span class="ft1">wachsenenschutz, 2010, N. 6 ff. zu Art. 398 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">Nach der Botschaft kommen der umfassenden Beistandschaft</span><br/> <span class="ft1">zwei Funktionen zu: Zum einen steht sie zur Verfügung, wenn es</span><br/> <span class="ft1">nicht verantwortet werden kann, dass eine Person Rechtshandlungen</span><br/> <span class="ft1">vornimmt, und ihre Handlungsfähigkeit bewusst entzogen werden</span><br/> <span class="ft1">soll. Zum anderen geht es um Personen, die überhaupt nicht mehr</span><br/> <span class="ft1">handeln können und deren Handlungsfähigkeit ohnehin nicht mehr</span><br/> <span class="ft1">gegeben ist. Dabei werden als Beispiel für besonders ausgeprägte</span><br/> <span class="ft1">Hilfsbedürftigkeit schwer demezkranke Personen genannt (BBl 2006</span><br/> <span class="ft1">7048 f.).</span><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">Fest steht, dass die betagte Betroffene an einer neurodegenerati-</span><br/> <span class="ft1">ven Erkrankung mit progredienter Demenz leidet, so dass sie schwer</span><br/> <span class="ft1">pflegebedürftig ist und nach einem ärztlichen Attest vom 20. No-</span><br/> <span class="ft1">vember 2012 keinerlei Entscheidungen hinsichtlich ihres sozialen</span><br/> <span class="ft1">oder wirtschaftlichen Lebens mehr treffen kann (act. 11). Die Be-</span><br/> <span class="ft1">troffene verbringt denn auch 70 % im Bett, während sie die restli-</span><br/> <span class="ft1">chen 30 % im Rollstuhl sitzt (act. 32). Selbst ein Gespräch über</span><br/> <span class="ft1">grundlegende alltägliche Belange erweist sich nicht mehr als möglich</span><br/> <span class="ft1">(Anhörungsprotokoll der Vorinstanz, act. 37). Unter diesen Beding-</span><br/> <span class="ft1">ungen erscheint die Gefahr selbstschädigender Handlungen äusserst</span><br/> <span class="ft1">gering, zumal hier gutgläubige Dritte keine Urteilsfähigkeit und da-</span><br/> <span class="ft1">mit keine Handlungsfähigkeit der Betroffenen mehr vermuten kön-</span><br/> <span class="ft1">nen. Ausserdem sind rechtsgeschäftliche Handlungen allein infolge</span><br/> <span class="ft1">der fehlenden Mobilität der Betroffenen nicht zu erwarten. Eine er-</span><br/> <span class="ft1">weiterte Massnahme der Betroffenen bringt somit keinen konkret er-</span><br/> <span class="ft1">sichtlichen Zusatznutzen. Der Entzug der Handlungsfähigkeit bzw.</span><br/> <span class="ft1">eine umfassende Beistandschaft erscheinen daher mit Blick auf die</span><br/> <span class="ft1">Schutzbedürftigkeit der Betroffenen trotz umfassender Hilfsbedürf-</span><br/> <span class="ft1">tigkeit nicht erforderlich.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">326</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Nichtsdestotrotz sehen die Materialien explizit für Fälle schwer</span><br/> <span class="ft1">demenzerkrankter Personen die Möglichkeit der umfassenden Bei-</span><br/> <span class="ft1">standschaft vor. Hierfür sprechen zunächst die klaren Verhältnisse</span><br/> <span class="ft1">und die Rechtssicherheit, die mit einer umfassenden Beistandschaft</span><br/> <span class="ft1">geschaffen werden und es den Rechtsteilnehmenden erlauben, die</span><br/> <span class="ft1">Situation richtig einzuschätzen, was auch im Interesse der betroffe-</span><br/> <span class="ft1">nen Person sein kann. So hat eine umfassend verbeiständete Person</span><br/> <span class="ft1">einen unselbständigen gesetzlichen Wohnsitz (Art. 26 ZGB) am Sitz</span><br/> <span class="ft1">der Erwachsenenschutzbehörde, was dem Wohnsitz leichte Erkenn-</span><br/> <span class="ft1">barkeit und Stabilität verleiht. Dies erleichtert den Behörden, sich in</span><br/> <span class="ft1">administrativen und gerichtlichen Verfahren um das Wohl der schutz-</span><br/> <span class="ft1">bedürftigen Person zu kümmern (BBl 2006 7096 f.). Der mit einer</span><br/> <span class="ft1">umfassenden Beistandschaft einhergehende Entzug der Handlungs-</span><br/> <span class="ft1">fähigkeit hat weiter Auswirkungen auf Vollmachten bzw. Aufträge</span><br/> <span class="ft1">(Art. 35 Abs. 1 und 405 Abs. 1 OR) oder unter Umständen auf das</span><br/> <span class="ft1">Stimmrecht (Art. 2 BPR). Solange eine aufgetretene Handlungsun-</span><br/> <span class="ft1">fähigkeit behördlich nicht festgestellt ist, besteht im Rechtsverkehr</span><br/> <span class="ft1">womöglich Unsicherheit in den aufgeführten Punkten. Hinweise,</span><br/> <span class="ft1">dass im konkreten Fall solche Probleme zum Nachteil der Be-</span><br/> <span class="ft1">troffenen auftreten könnten, sind allerdings aus den Akten nicht er-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich.</span><br/> <span class="ft1">Kaum von Bedeutung für die Ausgestaltung der Massnahme</span><br/> <span class="ft1">sein kann, inwieweit diese der Beiständin die Aufgaben erleichtert,</span><br/> <span class="ft1">da für die Entscheidung der passenden Massnahme die Bedürfnisse</span><br/> <span class="ft1">der betroffenen Person entscheidend sind. Als Vertretungsbeiständin</span><br/> <span class="ft1">ist die Beschwerdeführerin allerdings - unabhängig einer Einschrän-</span><br/> <span class="ft1">kung der Handlungsfähigkeit der Betroffenen - selbständig hand-</span><br/> <span class="ft1">lungsberechtigt, ohne dass Dritte zu prüfen hätten, ob die Betroffene</span><br/> <span class="ft1">mit konkreten Handlungen einverstanden ist oder nicht. Zuzu-</span><br/> <span class="ft1">stimmen ist der Beschwerdeführerin hingegen in ihrem Einwand,</span><br/> <span class="ft1">dass die Einschränkung der Vertretungsbefugnis hinsichtlich admini-</span><br/> <span class="ft1">strativer und finanzieller Angelegenheiten "soweit nötig" zu un-</span><br/> <span class="ft1">nötigen Auslegungsproblemen führt. Bei der vorliegend ausgewiese-</span><br/> <span class="ft1">nen umfassenden Hilfsbedürftigkeit erscheint dieser Vorbehalt</span><br/> <span class="ft1">überflüssig, weshalb er zugunsten der Rechtssicherheit zu streichen</span><br/> <span class="ft1">ist.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">327</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Was die mit dem neuen Recht beseitigte stigmatisierende Wir-</span><br/> <span class="ft1">kung der Entmündigung anbelangt, ist zu befürchten, dass sich diese</span><br/> <span class="ft1">auf die umfassende Beistandschaft übertragen wird. Immerhin ent-</span><br/> <span class="ft1">fällt im neuen Recht die Publikation. Der Beschwerdeführerin ist als-</span><br/> <span class="ft1">dann zuzustimmen, dass es für ihre schwer demente Mutter subjektiv</span><br/> <span class="ft1">keine Rolle spielen dürfte, ob deren Handlungsunfähigkeit primär</span><br/> <span class="ft1">mit der fehlenden Urteilsfähigkeit oder aber der angeordneten umfas-</span><br/> <span class="ft1">senden Beistandschaft begründet wird. Dasselbe gilt wohl auch für</span><br/> <span class="ft1">eine allfällige stigmatisierende Wirkung einer umfassenden Beistand-</span><br/> <span class="ft1">schaft. Beizupflichten ist der Beschwerdeführerin auch hinsichtlich</span><br/> <span class="ft1">dem dargelegten grundsätzlichen Widerspruch, jemandem die Hand-</span><br/> <span class="ft1">lungsfähigkeit belassen zu wollen, der tatsächlich dauerhaft über</span><br/> <span class="ft1">keine solche mehr verfügt. Dennoch würde hier eine umfassende</span><br/> <span class="ft1">Beistandschaft trotz umfassender Hilfsbedürftigkeit der Betroffenen</span><br/> <span class="ft1">dem Geist des neuen Erwachsenenschutzrechts und der damit einher-</span><br/> <span class="ft1">gehenden Massschneiderung nach Bedarfsprinzip zuwiderlaufend. Es</span><br/> <span class="ft1">kann gerade nicht der Sinn der Revision sein, in Fällen mit sehr um-</span><br/> <span class="ft1">fangreicher Hilfsbedürftigkeit stets eine umfassende Beistandschaft</span><br/> <span class="ft1">anzuordnen, weil diese "ultima ratio" darstellt und mit gesamthaft</span><br/> <span class="ft1">umschriebenem Aufgabenbereich ein Teil der Massschneiderung</span><br/> <span class="ft1">möglich bleibt.</span><br/> <span class="ft1">Im konkreten Fall stellt sich überdies das Problem, dass gemäss</span><br/> <span class="ft1">der bundesgerichtlichen Auslegung von Art. 446 Abs. 2 ZGB, die</span><br/> <span class="ft1">sich auf die Botschaft und bewährte Lehre stützt, die Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutzbehörde ein Gutachten einer sachverständigen Person einzuho-</span><br/> <span class="ft1">len hat, wenn eine umfassende Beistandschaft ins Auge gefasst wird</span><br/> <span class="ft1">und dem Spruchkörper der erforderliche Sachverstand fehlt</span><br/> <span class="ft1">(BGE 140 III 97 E. 4.). Die Lehre befürwortet mit der bundesrätli-</span><br/> <span class="ft1">chen Botschaft (BBl 2006 7078 f.) das Einholen eines Gutachtens,</span><br/> <span class="ft1">falls eine Massnahme zur Beschränkung der Handlungsfähigkeit</span><br/> <span class="ft1">wegen psychischen Störungen oder Geistesschwäche führt und kein</span><br/> <span class="ft1">Mitglied der Behörde über die erforderlichen Fachkenntnisse verfügt</span><br/> <span class="ft1">(A</span><span class="ft6">UER</span><span class="ft1">/M</span><span class="ft6">ARTI</span><span class="ft1">, in: Basler Kommentar, Erwachsenenschutz, N. 19 zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 446 ZGB; F</span><span class="ft6">ASSBIND</span><span class="ft1">, in: Navigator-Kommentar, Schweizeri-</span><br/> <span class="ft1">sches Zivilgesetzbuch, 2. Aufl. 2011, N. 2 zu rev. Art. 446 ZGB;</span><br/> <span class="ft1">S</span><span class="ft6">TECK</span><span class="ft1">, in: FamKommentar, Erwachsenenschutz, 2013, N. 13 zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">328</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Art. 446 ZGB; vgl. auch BBl 2006 7078; unklar H</span><span class="ft6">ENKEL</span><span class="ft1">, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">N. 15 zu Art. 398 ZGB; S</span><span class="ft6">CHMID</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 6 zu Art. 446 ZGB;</span><br/> <span class="ft1">Urteil des Bundesgerichts 5A_211/2014 vom 17. Juli 2014 E. 3.2.1.).</span><br/> <span class="ft1">3.5.</span><br/> <span class="ft1">Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass bei einer so</span><br/> <span class="ft1">stark ausgeprägten Demenz wie bei der Betroffenen eine Vertre-</span><br/> <span class="ft1">tungsbeistandschaft mit besonders breit gefasstem Auftrag ausreicht,</span><br/> <span class="ft1">um dem Schutzbedürfnis der Betagten zu begegnen. Die angestreb-</span><br/> <span class="ft1">ten Wirkungen können auch im Rahmen dieser gegenüber einer</span><br/> <span class="ft1">umfassenden Beistandschaft milderen Massnahme erreicht werden.</span><br/> <span class="ft1">Die vorinstanzlich angeordnete Vertretungsbeistandschaft mit Ein-</span><br/> <span class="ft1">kommens- und Vermögensverwaltung ist daher im Grundsatz nicht</span><br/> <span class="ft1">zu beanstanden. Der Aufgabenkatalog ist indes im Sinne der vorer-</span><br/> <span class="ft1">wähnten Erwägungen anzupassen, namentlich der Vorbehalt der Ver-</span><br/> <span class="ft1">tretung "soweit nötig" zu streichen. Damit ist der Eventualantrag der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin gutzuheissen.</span><br/> <span class="ft1">Ferner ist infolge der offensichtlichen Handlungsunfähigkeit der</span><br/> <span class="ft1">Betroffenen die Beschränkung der Handlungsfähigkeit von Amtes</span><br/> <span class="ft1">wegen aufzuheben.</span><br/></div> </div> </body> </html>