<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 13 S.59</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">59</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <br/> <br/> <span class="ft1"><b>13</b></span> <span class="ft1"><b>§ 140 Abs. 1 StPO; § 139 Abs. 3 StPO</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Voraussetzungen für die Verweigerung einer Entschädigung für Untersu-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>chungshaft und andere erlittene Nachteile bzw. für die Kostenauflage.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Straf-</span><br/> <span class="ft2">sachen, vom 18. April 2006 i.S. R.B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">1. Gemäss § 140 Abs. 1 StPO kann einem Beschuldigten, gegen</span><br/> <span class="ft5">den das Verfahren fallen gelassen oder eingestellt wird, von der</span><br/> <span class="ft5">Staatsanwaltschaft auf Begehren eine Entschädigung für die Untersu-</span><br/> <span class="ft5">chungshaft und andere erlittene Nachteile gewährt werden. Die Ent-</span><br/> <span class="ft5">schädigung kann verweigert werden, wenn der Beschuldigte das Ver-</span><br/> <span class="ft5">fahren durch ein verwerfliches oder leichtfertiges Benehmen ver-</span><br/> <span class="ft5">schuldet oder erschwert hat.</span><br/> <span class="ft5">Die Gründe für eine Verweigerung der anbegehrten Entschädi-</span><br/> <span class="ft5">gung sind die gleichen wie jene für eine ganze oder teilweise Kosten-</span><br/> <span class="ft5">auflage an den Beschuldigten (§ 139 Abs. 3 StPO). Diese Gründe be-</span><br/> <span class="ft5">ruhen auf dem Verursacherprinzip, das für die Kostenauflage, resp.</span><br/> <span class="ft5">die Verweigerung einer Entschädigung, ein für die entstandenen Ver-</span><br/> <span class="ft5">fahrenskosten, bzw. den entstandenen Schaden, ursächliches, qualifi-</span><br/> <span class="ft5">ziertes Fehlverhalten des Beschuldigten verlangt, das unter haft-</span><br/> <span class="ft5">pflichtrechtlichen Gesichtspunkten nach seiner Schwere die Haftbar-</span><br/> <span class="ft5">keit des Beschuldigten zu rechtfertigen vermag. Es ist mit der</span><br/> <span class="ft5">Bundesverfassung und der Europäischen Konvention für Menschen-</span><br/> <span class="ft5">rechte vereinbar und verstösst nicht gegen die Unschuldsvermutung,</span><br/> <span class="ft5">einem nicht verurteilten Angeschuldigten die Kosten zu überbinden,</span><br/> <span class="ft5">oder eine Entschädigung zu verweigern, wenn er in zivilrechtlich</span><br/> <span class="ft5">vorwerfbarer Weise, d.h. im Sinne einer analogen Anwendung der</span><br/> <span class="ft5">sich aus Art. 41 OR ergebenden Grundsätze, gegen eine geschriebene</span><br/> <span class="ft5">oder ungeschriebene Verhaltensnorm klar verstossen und dadurch</span><br/> <span class="ft5">das Strafverfahren veranlasst oder dessen Durchführung erschwert</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">60</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">hat (BGE 120 Ia 155 Erw. 3b, 119 Ia 334 Erw. 1b, 116 Ia 175</span><br/> <span class="ft5">Erw. 2e). Solche Verhaltensnormen ergeben sich aus der Gesamtheit</span><br/> <span class="ft5">der schweizerischen Rechtsordnung, u.a. aus Privat-, Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft5">und Strafrecht, gleichgültig, ob es sich um eidgenössisches oder</span><br/> <span class="ft5">kantonales, geschriebenes oder ungeschriebenes Recht handelt (BGE</span><br/> <span class="ft5">116 Ia 169 Erw. 2c mit Verweisungen).</span><br/> <span class="ft5">Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf Art. 23</span><br/> <span class="ft5">Abs. 2 KV, wonach das verantwortliche Gemeinwesen vollen Ersatz</span><br/> <span class="ft5">des Schadens und allenfalls Genugtuung schuldet, wenn sich ein</span><br/> <span class="ft5">Freiheitsentzug oder eine andere schwere Beschränkung der persön-</span><br/> <span class="ft5">lichen Freiheit als ungesetzlich oder unbegründet erweist. Es kann</span><br/> <span class="ft5">demnach auch eine Staatshaftung für rechtmässig zugefügten Scha-</span><br/> <span class="ft5">den geltend gemacht werden, wenn in concreto der Freiheitsentzug</span><br/> <span class="ft5">zwar auf gesetzlicher Regelung beruht, diese jedoch unzutreffend an-</span><br/> <span class="ft5">gewendet worden ist (Kurt Eichenberger, Verfassung des Kantons</span><br/> <span class="ft5">Aargau, Textausgabe mit Kommentar, Aarau 1986, S. 120, N 7 zu</span><br/> <span class="ft5">§ 23 KV).</span><br/> <span class="ft5">2.</span><br/> <span class="ft5">2.1. Unabhängig von einer strafrechtlichen Beurteilung ist fest-</span><br/> <span class="ft5">zustellen, dass der Beschuldigte in seinen SMS vom 28. Juli 2005</span><br/> <span class="ft5">massive Drohungen ausgestossen hat. Er hat gedroht, seine Knarre</span><br/> <span class="ft5">zu laden, Bomben an Plätzen mit vielen Leuten loszulassen und mit</span><br/> <span class="ft5">dieser Welt aufzuräumen, bevor er selbst gehe. Damit hat er ernst zu</span><br/> <span class="ft5">nehmende Morddrohungen gegen eine unbestimmte Vielzahl von</span><br/> <span class="ft5">nicht näher bezeichneten Personen ausgestossen und zur Bekräfti-</span><br/> <span class="ft5">gung dieser Vorsätze (zu Handen seiner Ex-Freundin) noch ausge-</span><br/> <span class="ft5">führt, sie solle ihn nicht unterschätzen, das Leben bedeute ihm gar</span><br/> <span class="ft5">nichts mehr, es tue ihm leid, sie zu enttäuschen, sie solle aber nie an</span><br/> <span class="ft5">ihm zweifeln.</span><br/> <span class="ft5">Zu Recht nahm X. die Drohungen sehr ernst und alarmierte die</span><br/> <span class="ft5">Polizei, die beim Beschuldigten eine grössere Anzahl Waffen samt</span><br/> <span class="ft5">Munition sicherstellte. Angesichts dieser bedrohlichen Situation und</span><br/> <span class="ft5">der Lebenskrise, in welcher der Beschuldigte steckte, wurde er ge-</span><br/> <span class="ft5">stützt auf § 67 Abs. 2 StPO zu Recht in Präventionshaft genommen,</span><br/> <span class="ft5">denn es konnte nicht abgeschätzt werden, ob er seine Drohungen</span><br/> <span class="ft5">wahr machen würde oder nicht. Es blieb den Untersuchungsbehörden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">61</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">gar nichts anderes übrig, als ihn festzunehmen und seine Gefährlich-</span><br/> <span class="ft5">keit eingehend abzuklären. Nach 14 Tagen wurde er dann, nachdem</span><br/> <span class="ft5">sich die Untersuchungsbehörden davon überzeugt hatten, dass im</span><br/> <span class="ft5">Moment keine akute Gefahr mehr bestand, resp. dass sich die Situa-</span><br/> <span class="ft5">tion beruhigt hatte, bereits wieder aus der Untersuchungshaft entlas-</span><br/> <span class="ft5">sen.</span><br/> <span class="ft5">2.2. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschuldigte</span><br/> <span class="ft5">durch sein krass rechtswidriges und grob schuldhaftes Verhalten die</span><br/> <span class="ft5">Strafuntersuchung und auch die Untersuchungshaft adäquat kausal</span><br/> <span class="ft5">verursacht hat. Die Voraussetzungen für eine Präventionshaft nach</span><br/> <span class="ft5">§ 67 Abs. 2 StPO waren erfüllt. Die Haft war nicht nur nicht unbe-</span><br/> <span class="ft5">gründet, sondern zum Schutz der Bevölkerung unvermeidlich, und es</span><br/> <span class="ft5">kann auch keine Rede davon sein, dass sie mit 14 Tagen zu lange ge-</span><br/> <span class="ft5">dauert hat.</span><br/> <span class="ft5">2.3. Für eine Haftentschädigung besteht demnach kein Raum.</span><br/> <span class="ft5">Die staatsanwaltschaftliche Verfügung ist zu bestätigen, und die Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerde ist abzuweisen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>