<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 142 S.621</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">621</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>142</b></span> <span class="ft2"><b>Gemeindeversammlung; nachträgliche Durchführung der vergessenen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Hauptabstimmung ohne formellen Rückkommensantrag auf das Ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schäft.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Departements des Innern vom 4. April 2002 in Sachen G.M.</span><br/> <span class="ft3">sowie A. und R.F gegen den Gemeinderat W.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">An der Gemeindeversammlung vom 11. Dezember 2001 wurde</span><br/> <span class="ft1">unter dem Traktandum 3 über den Verpflichtungskredit zur Sportan-</span><br/> <span class="ft1">lage "Ländli" entschieden. Bei diesem Geschäft standen sich mehrere</span><br/> <span class="ft1">Varianten gegenüber, so dass nach dem Eventualprinzip abgestimmt</span><br/> <span class="ft1">wurde, bis eine Variante übrig blieb. Ohne jedoch über diese Variante</span><br/> <span class="ft1">in einer Hauptabstimmung entschieden zu haben, wurde die Ver-</span><br/> <span class="ft1">handlung fortgesetzt. Nachdem dieses Versäumnis bemerkt worden</span><br/> <span class="ft1">war, kam man nach dem Traktandum 6 noch einmal auf den Ver-</span><br/> <span class="ft1">pflichtungskredit zur Sportanlage zurück und holte die Hauptab-</span><br/> <span class="ft1">stimmung nach.</span><br/> <span class="ft1">Mit separaten Eingaben vom 19. bzw. 20. Dezember 2001 rei-</span><br/> <span class="ft1">chen G. M. und das Ehepaar A. und R. F. Beschwerde ein und ver-</span><br/> <span class="ft1">langen die Aufhebung bzw. die Wiederholung des unter Traktandum</span><br/> <span class="ft1">3 gefällten Beschlusses. Zur Begründung bringen sie sinngemäss und</span><br/> <span class="ft1">im Wesentlichen vor, dass es nicht zulässig sei, eine Hauptabstim-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">622</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mung über ein traktandiertes Geschäft, welches als erledigt galt -</span><br/> <span class="ft1">weshalb eine grosse Zahl der Teilnehmer (darunter die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer) die Versammlung verlassen hatten - nach der Behandlung</span><br/> <span class="ft1">weiterer Traktanden nachzuholen. Damit habe man den Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führern und weiteren Personen die Möglichkeit genommen, sich zum</span><br/> <span class="ft1">Geschäft zu äussern und an der Abstimmung teilzunehmen.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. a) Weder das Gemeindegesetz noch das Gesetz über die poli-</span><br/> <span class="ft1">tischen Rechte enthalten Vorschriften darüber, auf welche Weise</span><br/> <span class="ft1">Sachabstimmungen in der Gemeindeversammlung durchzuführen</span><br/> <span class="ft1">sind, wenn zum gleichen Verhandlungsgegenstand mehrere Anträge</span><br/> <span class="ft1">vorliegen. Über die Gestaltung des Abstimmungsverfahrens hat da-</span><br/> <span class="ft1">her grundsätzlich die Versammlungsleiterin oder der Versamm-</span><br/> <span class="ft1">lungsleiter zu entscheiden. Dies ergibt sich aus § 24 Abs. 1 GG, wel-</span><br/> <span class="ft1">cher dem Gemeindeammann die Leitung der Verhandlung überträgt.</span><br/> <span class="ft1">Vorsitzende sind jedoch bei der Festsetzung des Abstimmungsproze-</span><br/> <span class="ft1">deres nicht völlig frei. Sie haben sich vielmehr an die allgemeingül-</span><br/> <span class="ft1">tigen, durch die Praxis herausgebildeten Verfahrensgrundsätze zu</span><br/> <span class="ft1">halten. Dazu gehört nicht bloss, dass für jede einzelne Abstimmung</span><br/> <span class="ft1">die Fragestellung klar ist, sondern auch, dass die Abstimmung voll-</span><br/> <span class="ft1">ständig ist (AGVE 1980, S. 508). Werden wie im vorliegenden Fall</span><br/> <span class="ft1">jeweils zwei Alternativen nach dem Eventualprinzip sich gegenüber-</span><br/> <span class="ft1">gestellt, so gilt die obsiegende Alternative nur als vorläufig ange-</span><br/> <span class="ft1">nommen; sie wird ihrerseits der nächsten Alternative gegenüberge-</span><br/> <span class="ft1">stellt. Ist nur noch eine Variante übrig, so ist in einer endgültigen</span><br/> <span class="ft1">Abstimmung zu ermitteln, ob diese definitiv angenommen oder ab-</span><br/> <span class="ft1">gelehnt werden soll (Andreas Baumann, Die Kompetenzordnung im</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Gemeinderecht, Aarau 2001, S. 427). Wird diese</span><br/> <span class="ft1">Schlussabstimmung vergessen, so ist das Verfahren nicht vollständig</span><br/> <span class="ft1">durchgeführt worden und es liegt ein schwerwiegender Mangel vor</span><br/> <span class="ft1">(vgl. AGVE 1990, S. 425). Nachdem dieser Fehler aber erkannt wor-</span><br/> <span class="ft1">den ist, hat die Versammlungsleiterin korrekterweise versucht, den</span><br/> <span class="ft1">Mangel noch an der laufenden Gemeindeversammlung zu beheben.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">623</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Diesbezüglich war es notwendig auf das Traktandum 3 zurückzu-</span><br/> <span class="ft1">kommen und die vergessene Hauptabstimmung nachzuholen.</span><br/> <span class="ft1">b) Nach § 27 Abs. 1 GG hat jeder Stimmberechtigte das Recht,</span><br/> <span class="ft1">zu den in der Traktandenliste aufgeführten Sachgeschäften Anträge</span><br/> <span class="ft1">zur Geschäftsordnung und zur Sache zu stellen. Aus dieser Bestim-</span><br/> <span class="ft1">mung folgt, dass die Versammlung die ihr vom Gemeinderat unter-</span><br/> <span class="ft1">breiteten Vorschläge annehmen, abändern, zurückweisen oder ver-</span><br/> <span class="ft1">werfen kann. Gestützt auf dieses im aargauischen Gemeinderecht</span><br/> <span class="ft1">weitgefasste Antragsrecht hat die Praxis stets den Standpunkt ver-</span><br/> <span class="ft1">treten, dass auch das Stellen von Wiedererwägungsanträgen ohne</span><br/> <span class="ft1">spezielle Voraussetzungen gestattet ist, wobei für Wiedererwägungs-</span><br/> <span class="ft1">beschlüsse grundsätzlich die gleichen Vorschriften betreffend Ge-</span><br/> <span class="ft1">schäftsbehandlung in der Gemeindeversammlung anwendbar sind</span><br/> <span class="ft1">wie für die ordentlichen Versammlungsbeschlüsse (AGVE 1979,</span><br/> <span class="ft1">S. 431 f.). Nur in den Fällen, in denen besondere gesetzliche Vor-</span><br/> <span class="ft1">schriften dies speziell normieren, ist die Beschränkung des</span><br/> <span class="ft1">Antragsrechts statthaft (AGVE 1978, S. 488). Die Anwesenden kön-</span><br/> <span class="ft1">nen demnach bis zum Ende der Versammlung mittels Wiedererwä-</span><br/> <span class="ft1">gungsbeschluss auf ein traktandiertes Geschäft zurückkommen. Im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Fall wäre es formell richtig gewesen, wenn die Ver-</span><br/> <span class="ft1">sammlungsleiterin einen Rückkommensbeschluss hätte fassen lassen,</span><br/> <span class="ft1">um die Hauptabstimmung zum Traktandum 3 nachzuholen. Es kann</span><br/> <span class="ft1">diesbezüglich aber davon ausgegangen werden, dass dieser Be-</span><br/> <span class="ft1">schluss problemlos zustande gekommen wäre. Da dies jedoch nicht</span><br/> <span class="ft1">geschehen ist, leidet der Versammlungsbeschluss, trotz Nachholen</span><br/> <span class="ft1">der Hauptabstimmung, weiterhin an einem Mangel. Wer aber wie die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer vorzeitig die Versammlung verlässt, verzichtet auf</span><br/> <span class="ft1">seine Rechte an der weiteren Versammlung mitzuwirken und hat</span><br/> <span class="ft1">damit das Risiko selbst zu tragen, bei einem allfälligen Rückkommen</span><br/> <span class="ft1">auf ein Geschäft, nicht an der Diskussion und der Abstimmung dar-</span><br/> <span class="ft1">über teilnehmen zu können.</span><br/> <span class="ft1">4. Auf eine Aufhebung der Beschlussfassung unter Traktandum</span><br/> <span class="ft1">3 ist zu verzichten. Zwar gibt das vom Verfassungsrecht des Bundes</span><br/> <span class="ft1">gewährleistete politische Stimmrecht jeder Bürgerin und jedem Bür-</span><br/> <span class="ft1">ger einen Anspruch darauf, dass kein Abstimmungsresultat anerkannt</span><br/> <span class="ft1">wird, das nicht den freien Willen der Stimmberechtigten zuverlässig</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">624</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">und unverfälscht zum Ausdruck bringt (BGE 114 Ia 43). Aus diesem</span><br/> <span class="ft1">Grundsatz folgt allerdings nicht, dass jede mit einem Mangel behaf-</span><br/> <span class="ft1">tete Beschlussfassung ohne weiteres aufzuheben wäre. Steht ein</span><br/> <span class="ft1">Fehler allgemeiner Natur in Frage, so ist nach den gesamten Um-</span><br/> <span class="ft1">ständen zu beurteilen, ob eine Beeinflussung des Abstimmungser-</span><br/> <span class="ft1">gebnisses möglich gewesen sei oder nicht. Dabei ist auf die Grösse</span><br/> <span class="ft1">des Stimmenunterschiedes, die Schwere des konstatierten Mangels</span><br/> <span class="ft1">und dessen Bedeutung im Rahmen der gesamten Abstimmung abzu-</span><br/> <span class="ft1">stellen (BGE 105 Ia 155). Hier kann immerhin festgehalten werden,</span><br/> <span class="ft1">dass in der Hauptabstimmung der Kredit zum Sportplatz "Ländli"</span><br/> <span class="ft1">mit grosser Mehrheit bei nur vereinzelten Gegenstimmen angenom-</span><br/> <span class="ft1">men wurde. Es liegt somit ein eindeutiges Ergebnis vor. Daran hätte</span><br/> <span class="ft1">sich auch nichts geändert, wenn die Abstimmung direkt im Anschluss</span><br/> <span class="ft1">an die Variantenwahl, unter Einbezug sämtlicher zu diesem</span><br/> <span class="ft1">Zeitpunkt anwesender Teilnehmerinnen und Teilnehmer, vorgenom-</span><br/> <span class="ft1">men worden wäre. Von den Beschwerdeführern wird denn auch nicht</span><br/> <span class="ft1">behauptet, dass bei einer solchen Konstellation ein anderes Ergebnis</span><br/> <span class="ft1">zu erwarten gewesen wäre. Richtigerweise ist davon auszugehen,</span><br/> <span class="ft1">dass nach dem vermeintlich abgeschlossenen Traktandum 3, auch</span><br/> <span class="ft1">Befürworter der Sportanlage die Versammlung verlassen haben.</span><br/> <span class="ft1">Selbst bei der Annahme, es müssten sämtliche Personen, welche die</span><br/> <span class="ft1">Versammlung vorzeitig verlassen haben, als Gegenstimmen gewertet</span><br/> <span class="ft1">werden, wäre der Beschluss nicht anders ausgefallen. Gründe für</span><br/> <span class="ft1">eine Kassation des Versammlungsbeschlusses liegen demnach trotz</span><br/> <span class="ft1">Vorliegen eines verfahrensrechtlichen Fehlers keine vor.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>