Baurekursgericht des Kantons Zürich 2. Abteilung G.-Nr. R2.2012.00147 BRGE II Nr. 0034/2013 Entscheid vom 12. März 2013 Mitwirkende Abteilungspräsident Peter Rütimann, Baurichter Emil Seliner , Ersatzrichter Jürg Trachsel, Gerichtsschreiber Andreas Mahler in Sachen Rekurrierende V. und U. Z., [….] gegen Rekursgegnerin 1. Politische Gemeinde X, [….] Beigeladene 2. [….] 3. [….] 4. [….] betreffend Gemeindeversammlungsbeschluss vom 20. September 2012; Fests etzung fehlender Waldabstandslinien _______________________________________________________ R2.2012.00147 Seite 2 hat sich ergeben: A. Mit Beschluss vom 20. September 2012 setzte die Gemeindeversammlung X auf dem Grundstück Kat.-Nr. 4620 an der S.-Strasse eine Waldabstands- linie auf 30 Meter fest. B. Gegen diesen Beschluss erhoben V. und U. Z. mit Eingabe vom 12. Okt o- ber 2012 fristgerecht Rekurs beim Baurekursgericht des Ka ntons Zürich und beantragten in teilweiser Aufhebung des Be schlusses die Festsetzung der Waldabstandslinie in einem Abstand von 10 m zur Wal dgrenze, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Gemeinde X. C. Mit Präsidialverfügung vom 17. Oktober 2012 wurde der Rekurseingang vorgemerkt und das Vernehmlassungsverfahren eröffnet. D. Mit Eingabe vom 12. November 2012 verzichtete der Gemeinderat auf eine Stellungnahme und verwies auf die eingereichten Akten. E. Mit Präsidialverfügung vom 16. November 2012 wurde S. N. auf sein Ersu- chen hin in das R ekursverfahren beigeladen und es wurde ihm Frist zur Vernehmlassung angesetzt. F. Mit Präsidialverfügung vom 26. November 2012 wurde den weiteren, von der angefochtenen Festsetzung potentiell betroffenen Grundeigentümern Gelegenheit gegeben, ein Beiladungs gesuch zu stellen. Mit Präsidialverfü- gung vom 10. Dezember 2012 wurden L. Z.und M. H.auf ihr Ersuchen hin R2.2012.00147 Seite 3 in das Rekursverfahren beig eladen und es wurde i hnen Frist zur Vernehm- lassung angesetzt. Auf das Beiladungsg esuch von T. O. wurde mit Präsidi- alverfügung vom 23. Januar 2013 nicht eingetreten. G. Mit Eingaben vom 6. Dezember 2012, 7. Januar 2013 und 8. Januar 2013 reichten die Beigeladenen ihre Stellungnahmen ein und beantragten die Abweisung des Rekurses unter Kosten - und Entschädigungsfolgen zula s- ten der Rekurrierenden. H. Am 22. Januar 2013 führte eine Delegation der 2. Abteilung des Baur e- kursgerichtes im Beisein der Parteien und der Beigeladenen 2 und 3 einen Augenschein auf dem Lokal durch. I. Auf die Vorbringen der Parteien und die anlässlich des Lokaltermins g e- machten Feststellungen wird, soweit für den Entscheid erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen Bezug genommen. Es kommt in Betracht: 1. Die Rekurrierenden sind Eigentümer des Grundstücks Kat.-Nr. 4620 an der S.-Strasse in X und als solche aufgrund der mit dem angefocht enen B e- schluss auf ihrem Grundstück festgesetzten Waldabstandslinie o hne We i- teres im Sinne von § 338a Abs. 1 des Planungs- und Baugesetzes (PBG) zur Rekurserhebung legiti miert. Da auch die übrigen Prozessv or- aussetzungen erfüllt sind, ist auf den Rekurs einzutreten. R2.2012.00147 Seite 4 2. Der nördliche Teil des unüberbauten Grundstücks Kat.-Nr. 4620 besteht aus einer 530 m2 grossen, im Zonenplan entsprechend ausgeschiedenen Waldfläche, die im Norden an die dem M .-bach entlang verlaufende G e- meindegrenze von Y angrenzt. Der südliche Grundstücksteil liegt in der Wohnzone W1 gemäss Bau - und Zonenordnung der Gemeinde X (BZO). Dieser Teil umfasst eine Fläche von 620 m2 und wird im Norden durch das besagte Waldstück und im Übrigen durch die S.-Strasse begrenzt, die an dieser Hanglage in einer Kurve um das Grun dstück herum führt. Das schmale Waldstück auf der rekurrentischen Parze lle setzt sich bergwärts beidseits des M .-bachs auf einer Länge von ca. 6 0 m fort. Das gesamte überbaute Gebiet um das 1'431 m2 grosse Wäl dchen herum g ehört der Bauzone der Gemeinden X bzw. Y an. Die Bebauung rund um das Wäl d- chen reicht bis auf 10 bis 12 m an die Wal dgrenze heran. 3. Der angefochtenen Festsetzung liegt folgende Vorgeschichte zugrunde: Anders als auf dem Gemeindegebiet von Y (s. act. 6.2) war auf dem Gebiet der Gemeinde X bislang keine Waldabstandslinie festgelegt. Im Jahre 2011 arbeitete der Gemein derat im Rahmen der Überarbe itung der BZO eine Vorlage zur Festsetzung der fehlenden Waldabstandsl inien aus. Der e r- gänzte Waldabstandslinienplan sah auf dem streitbetroff enen Grundstück eine Waldabstandslinie in einem Abstand von 10 m zur Wal dgrenze vor, er wurde jedoch am 18. Januar 2012 mit der Gesamtvo rlage (BZO - Teilrevision) von der Gemeindeversammlung zurückgewiesen. In der Folge stellte das "Überparteiliche Komitee zur Erhaltung des Au ssichts- und Ru- hebänkli A" ein Initiativbegehren an den Gemeind erat (act. 10.10). Die In i- tianten verlangten, es sei "im Teilbereich A hinsichtlich des bisher u nüber- bauten und einzigen direkt an den Wald angrenze nden Grundstücks Kat.-Nr. 4620 die Waldabstandslinie auf 30 Meter (g esetzlicher Walda b- stand) festzusetze n. Hinsichtlich der übrigen, auf der sü dlichen Seite der S.-Strasse liegenden Grundstücke, sei die Walda bstandslinie entlang der südlichen Verkehrsbaulinie der S.-Strasse festzusetzen (Bestandesschutz)" (s. Weisung für die Gemeindeversammlung vom 20. September 2012, S. 2, act. 10.3). Im Übrigen sei die BZO um die gesetzlich verlangten und bisher fehlenden Waldabstandslinien zu ergä nzen. Die Initianten begründeten ihr Begehren wie folgt: Das heute unüberbaute und angesichts der fehlenden R2.2012.00147 Seite 5 Waldabstandslinie nicht baureife Grundstück Kat.-Nr. 4620 liege am Wal d- rand an einer der schönsten Au ssichtslagen von X. Die heutige Nutzung als Ruhe - und Aussichtspunkt und wertvoller Erholungsraum in der Nähe und auf dem Weg zum Park V soll den künftigen Gene rationen erha lten bleiben. Die Festsetzung der Waldabstandslinie auf dem geset zlich vorge- sehenen Mass erlaube z udem die spätere Eintragung eines g eschützten Aussichtspunkts. Der Gemeinderat beantragte der Gemeindeversammlung im Sinne eines Gegenvorschlags, dass die Waldabstandslinie durchgehend, auch im B e- reich des Grundstücks Kat.-Nr. 4620, in einem Abstand von 10 m zur Waldgrenze festgesetzt werde (s. Ergänzu ng Waldabstandslinienplan, act. 10.6). Die Gemeindeversammlung folgte diesem Gegenvorschlag nicht und setzte die Waldabstandslinie entsprechend der Initiative bei 30 m fest (s. Ergänzung Waldabstandslinienplan, act. 10.5). Damit kommt bis auf wenige Quadratmeter der gesamte in der Bauzone gelegene Grundstück s- teil in den Waldabstandsbereich zu liegen. 4.1. Die Rekurrierenden machen zunächst geltend, nur mit einem reduzierten Waldabstand von 10 m sei eine angemessene Überbauung möglich. Die nun bei 30 m festgelegte Waldabstandslinie verhindere jede Form der B e- bauung und sei deshalb unverhältnismä ssig. Es würden besondere örtliche Verhältnisse im Sinne von § 66 Abs. 2 Halbsatz 2 PBG vorliegen, bei dem eine Abweichung vom Regelmass von 30 m gerechtfertigt sei. Beim betro f- fenen Wald handle es sich um eine kleine Waldparzelle im Sinne der g e- nannten Be stimmung. Das Grundstück Kat.-Nr. 4620 sei das einzige zw i- schen S.-Strasse und Wald. Dessen Anstossbereich an den Wald betr age lediglich rund 40 m. Die Bebaubarkeit sei bereits wegen seiner spezie llen Form und der Topographie erheblich erschwert und werd e ohne verminder- ten Waldabstand gänzlich verunmöglicht. Das Grundstück grenze mit se i- ner Nordseite an den Wald an, weshalb ein reduzierter Waldabstand nicht mit wohnhygienischen Nachteilen verbunden sei. Aufgrund der G elände- ausrichtung müsse auch nicht mit einer Gefährdung der Bauten durch Windwurf gerechnet werden. Ebenso wenig würden die mit dem Walda b- stand verfolgten Ziele, insbesondere die Erhaltung, Pflege und Nutzung des Waldes, in einer nicht vertretbaren Weise beeinträchtigt. Die Rekurri e- renden halten fest, dass auf ihrem Grundstück kein in der BZO festgele g- R2.2012.00147 Seite 6 ter, kommunaler Aussichtspunkt bestehe und die Öffentlichkeit keine Nu t- zungsansprüche habe, obgleich sie die Nutzung des Grundstücks als Au s- sichts- und Verweilort geduldet hätten. Die Initianten w ürden ausschlies s- lich subjektive und eigennützige Interessen verfolgen, indem sie eine Überbauung verhindern wollen, um sich ihre Seesicht oder eine unübe r- baute Nachbarschaft zu sichern. Es entbehre der planerischen Notwendi g- keit und sei sachlich nicht ger echtfertigt, einzig auf dem rekurrentische n Grundstück einen Waldabstand von 30 m festzusetzen, während auf allen übrigen Grundstücken, einschliesslich denjenigen auf der Seite der G e- meinde Y, die Waldabstandsli nie in einem Abstand von nur 10 m zu r Waldgrenze verlaufe. Die gemeinderätlichen Argumente in der We isung zuhanden der Gemeindeversammlung vom 20. September 2012 wü rden klar für einen reduzierten Waldabstand von 10 m sprechen. 4.2. Der Gemeinderat verzichtete auf eine Stellungnahme. Wie erwä hnt, hatte er das Initiativbegehren zur Ablehnung empfohlen. In der Weisung zur Gemeindeversammlung vom 20. September 2012 führte er aus, das kleine Wäldchen diene insbesondere dem Erosionsschutz an der Böschung des M.-bachs. Ferner komme ihm eine gewisse Umwelt- und Erholungsfunktion im Sinne einer kleinen ökologischen Oase im Siedlungsgebiet zu. Innerhalb des Regelabstands von 30 m würden sich verschiedene Wohng ebäude entlang der S.-Strassemit einem Waldabstand von 11 m befi nden. Betref- fend Wohnhygiene respektive Schattenwurf und der damit ei nhergehenden Feuchtigkeit sei der Wald für Bauten auf der Xer Seite wegen der Südlage als unproblematisch anzusehen. Mit einer Gefährdung der Bauten durch Windwurf müsse nicht gerechnet werden. Die Nutzung des privaten, öffent- lich nicht frei zugänglichen Grundstücks als Aussichts - und Verweilort mit Sitzbank sei von den Eigentümern lediglich geduldet worden. Die Walda b- standslinie bei 30 m verunmögliche zwar die Beba uung, nicht aber die E r- richtung eines Sichtsch utzes in Form von Einfriedu ngen, Hecken und B ü- schen. Die Festsetzung von Waldabstandslinien habe sachlich nichts mit den Anliegen des Aussichtschutzes zu tun. Auf die von der Initi ative ange- strebte öffentliche Nutzung des Grundstücks habe die Walda bstandslinie keinen Einfluss. Damit ziele die Massnahme am eigen tlichen Sinn und Zweck der Initiative vorbei und es sei kein gesicherter ö ffentlicher Nutzen erkennbar. R2.2012.00147 Seite 7 Seinen Gegenantrag zur Initiative (Waldabstandslinie bei 10 m) begründete der Gemeinderat damit , dass das Grundstück Kat.-Nr. 4620 überbaut we r- den könne, die bestehenden Gebäude nicht rechtswidrig würden und dabei insbesondere die Funktion und der Schutz des Waldes in zweckmässiger Weise erhalten blieben. Das Interesse der Überbaubarkeit der Grundst ü- cke sei gegenüber den Funktionen des Waldes abzuwägen. Mit der Übe r- baubarkeit würden die Funktionen des Wäldchens nicht wesentlich eing e- schränkt und der Schutz von Menschen und Sachwerten gewährleistet. Durch den verringerten Waldabstand verliere das Grundstück Kat.-Nr. 4620 wegen des schrofferen Überganges vom Baugebiet zum Wald jedoch e t- was von seinem ökologischen Potenzial. Ein durchgehender Waldabstand bei 10 m werde den verschiedenen Interessen am besten gerecht und sei auch im Sinne einer rechtsgleic hen Behandlung der verschiedenen Grundstücke zweckmässig. 4.3. Der Beigeladene 2 beantragt die Abweisung des Rekurses und führt aus, die Bevölkerung habe sich in einer breiten, öffentlichen Diskussion eing e- hend mit der Festsetzung der Waldabstandslinie und den rechtlich relevan- ten Kriterien auseinandergesetzt und sich mit eindeutigem Mehr gegen e i- ne Abweichung vom Regelabstand ausgesprochen. Es würden keine b e- sonderen Verhältnisse im Sinne von § 66 Abs. 2 PBG vorliegen. Vielmehr bestehe ein erhebliches öffe ntliches Interesse an der Erhaltung des Wa l- des und des Waldabstandbereiches als Ruhe -, Erholungs- und Aussichts- punkt. Es habe seit längerer Zeit ein mündliches Übereinkommen zwischen der Gemeinde und dem vormaligen Grundeigentümer bestanden, wonach die Gemeinde eine öffentliche Sitzbank auf dem Grundstück aufstellen dü r- fe (s. act. 23.3, S. 1). Das A.-wäldchen sei massiv gerodet worden. Eine Überbauung würde den Wald zusätzlich zerstören und schliesslich obsolet machen. Die Waldabstandslinie im Regelabstan d ermögliche den Erhalt der für das Zürichseeufer typischen Unterteilung von Siedlungsgebieten und Seitentobel. Zu diesem Landschaftselement gehöre das M .-bachtobel als natürliche Gemeindegrenze. Aufgrund seiner Grösse, Form, Neigung, Lage und Strassenbaul inien habe das streitbetroffene Grundstück bislang als unüberbaubar gegolten. Die Rekurrierenden hätten es im Wissen um die fehlende Baureife und den fehlenden Anspruch auf einen reduzierten Waldabstand erworben. Die Ermöglichung der Überba ubarkeit würde zwar für eine Reduktion des Waldabstandes sprechen, doch seien die anderen R2.2012.00147 Seite 8 Gesichtspunkte wie Wald -, Landschafts -, Natur - und Aussichtsschutz h ö- her zu gewichten. Zur Waldabstandslinie auf dem G emeindegebiet von Y führt der Beigeladene 2 aus, diese sei nach der 1996/98 erteilten Baubewil- ligung für 10 Einfamilienhäuser und unter U mfahrung der b estehenden Gebäude festgesetzt worden. Auf der Seite der Gemeinde X seien die Par- zellen südlich der S.-Strasse bereits in den 1930er und 1940er Jahren erstmals überbaut worden. Der Umstand, dass das streitb etroffene Grund- stück als einziges noch nicht überbaut sei, rech tfertige es nicht, dort ebe n- falls vom Regelabstand abzuweichen, zumal di eses direkt an den Wald angrenze und von diesem nicht durch die Strasse getrennt sei. Die Beigeladenen 3 und 4 beantragen ebenfalls die Abweisung des Reku r- ses und verweisen zunächst auf die Eingabe des Beigeladenen 2. Die Be i- geladene 3 bringt vor, durch die Verringerung des gesetzlichen Walda b- standes würde die Aussicht vo n ihrem Grundstück auf den A.-wald und die natürliche Waldrandzone verstellt und der Erholungswert ihres Grun dstü- ckes beeinträchtigt. Die Beigeladene 4 erklärt, das streitbetroffene Grun d- stück verfüge über einen hohen Erholungswert aufgrund der sehr r uhigen Lage und seiner einmaligen Aussicht. Überdies würde die Bebauung im Waldabstandsbereich die Besonnung ihrer Liegenschaft einschränken. 4.4.1. Gemäss Art. 17 des Bundesgesetzes über den Wald (WaG) sind Bauten und Anlagen in Waldesnähe nur zulässig, wenn sie die Erhaltung, Pflege und Nutzung des Waldes nicht beeinträchtigen (Abs. 1). Die Kantone h a- ben einen angemessenen Mindestabstand der Bauten und Anlagen vom Waldrand vorzuschreiben; dabei sind die Lage und die zu erwartende H ö- he des Bestandes zu berück sichtigen (Abs. 2). Die Bestimmung von § 66 PBG schreibt vor, dass der Zonenplan im Bauzonengebiet Waldabstand s- linien festsetzt (Abs. 1). Die Linien sind in einem Abstand von 30 m von der Waldgrenze festzusetzen; bei kleinen Waldparzellen oder bei besonder en örtlichen Verhältnissen können sie aber auch näher an der Waldgrenze oder weiter davon entfernt gezogen werden (Abs. 2). Was unter "besond e- ren örtlichen Verhältnissen" zu verstehen ist, bestimmt das kantonale Recht. Die Rechtswirkungen der Waldabstandsl inien ergeben sich a us § 262 PBG; danach ist im Waldabstandsbereich die Erstellung oberird i- scher Gebäude verboten. Mithin werden mit der Festlegung von Walda b- standslinien die Nutzungsrechte der Grundeigentümer erheblich eing e- R2.2012.00147 Seite 9 schränkt. Der Eingriff bedarf d aher nicht nur einer klaren gesetzlichen Grundlage, sondern muss überdies zweckmässig und angemessen sein. Besondere örtliche Verhältnisse im Sinne von § 66 Abs. 2 PBG, die bei der Festsetzung von Waldabstandslinien eine Abweichung vom Regelabstand rechtfertigen, können bei aussergewöhnlichen topographischen Gegebe n- heiten vorliegen, insbesondere bei steilem Gelände. Eine Abweichung kann sodann gerechtfertigt sein, wenn bereits bestehende Bauten in mehr als nur geringfügiger Zahl den Waldabstand von 30 m unterschreiten, fer- ner allenfalls auch dann, wenn die Einhaltung des Regelabstandes die Überbaubarkeit der betroffenen Grundstücke verunmöglichen oder übe r- mässig erschweren würde. Dabei ist jedoch zu beachten, dass an der Ei n- haltung angemessener Waldabstände gewichtige öffentliche Interessen forstwirtschaftlicher, forstpolizeilicher, raumplanerischer sowie gesun d- heitspolizeilicher Natur bestehen. Eine Abweichung vom Regelabstand setzt somit eine umfassende Interessenabwägung voraus. 4.4.2. Den Gemeinden kommt bei ihren Planungsentscheiden ein erhebliches prospektiv-technisches Ermessen zu. Jedoch müssen sie das Ermessen nach sachlichen Kriterien ausüben und insbesondere die verschiedenen ö f- fentlichen und privaten Interessen sachgerecht gewichten (VB.2011.00083 vom 25. August 2011, E. 2.2, mit Hinweisen). Nach § 20 Abs. 1 des Ver- waltungsrechtspflegegesetzes ( VRG) können mit Rekurs gerügt werden: Rechtsverletzungen einschliesslich Ermessensmissbrauch, Ermessen s- überschreitung oder Ermessensunterschreitung (lit. a), unrichtige oder u n- genügende Feststellung des Sachverhaltes (lit. b) sowie Unangemesse n- heit der angefochtenen Anordnung (lit. c). Dem Baurekursgericht kommt damit grundsätzlich volle Kognition in der Rechts -, der Sachverhalts - und der Ermessenskontrolle zu . Im Gegensatz zum Verwaltungsgericht kann das Baurekursgericht somit auch die Ermessensausübung durch die unt e- ren Instanzen in vollem Umfange überprüfen. Indes bestehen Einschrä n- kungen auf Grund der Gemeindeautonomie. Diese gelten unter anderem bei der Überprüfung von kommunalen Nutzungsplänen samt den zugehör i- gen Bauvorschriften sowie von Quartierplänen. Bei der Beurteilung solcher Entscheide darf das Baurekursgericht nur dann korrigierend eingreifen, wenn die kommunale Planfestsetzung übergeordnetem Rech t einschliess- lich der Grundsätze und Ziele der Raumplanung widerspricht oder die U n- zweckmässigkeit oder Unangemessenheit der Planfestsetzung offensich t- R2.2012.00147 Seite 10 lich ist. Hingegen sieht das Baurekursgericht regelmässig davon ab, an die Stelle von nachvollziehbaren P lanungsentscheiden, die mit dem überg e- ordneten Recht in Einklang stehen, eigene planerische Vorstellungen zu setzen (vgl. Alfred Kölz/Jürg Bosshart/Martin Röhl, Kommentar zum Ve r- waltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 2. Aufl., Zürich 1999, § 20 Rz. 17 ff.). Die Festlegung von Waldabstandslinien richtet sich nach kant o- nalem Recht. Bei der Überprüfung der Ermessensausübung hat sich das Baurekursgericht höchstens insofern Zurückhaltung aufzuerlegen, als es um die Beurteilung der örtlichen Verhältnisse durch die kommunalen B e- hörden geht. 4.4.3. Ganz offensichtlich liess sich eine Mehrheit der Gemeindeversammlung von den Überlegungen der Initianten leiten, die die Erhaltung des Au s- sichts- und Ruhebänkli " A" anstreben. Die Festlegung der umstrittenen Waldabstandslinie ist zu diesem Zweck aber in doppelter Hinsicht verfehlt. Zunächst ist festzuhalten, dass sich der besagte Aussichtspunkt auf priv a- tem Grund befindet. Ein öffentliches Interesse eines wie auch immer au s- gestalteten Aussichtsschutzes besteht hier nicht, denn es liegt ganz im B e- lieben der Grundeigentümer, ob und inwieweit sie das Betreten ihres Grundstücks durch die Allgemeinheit zulassen wollen . Bereits aus diesem Grund erweist sich die Festlegung als unverhältnismässig, da der mit ihr beabsichtigte Zweck nicht erreicht wird. Sodann liegt der Zweck von Waldabstandslinien nicht darin, Aussichtsl a- gen vor der Verbauung zu bewahren. Der Waldabstand soll sicherstellen, dass die Erhaltung, Pflege und Nutzung des Waldes nicht durch Bauten und Anlagen in Waldesnähe beeinträchtigt wird (Art. 17 Abs. 1 WaG). Der Wald soll vor natürlicher oder menschlicher Zerstörung bewahr t werd en. Zudem soll der Waldabstand eine zweckmässige Bewirtschaftung und E r- schliessung des Waldes ermöglichen, den Wald vor Feuer sc hützen sowie dem hohen ökologischen Wert des Waldrands Rechnung tragen. Waldrä n- der sind sowohl wegen ihres landschaftlichen, biologischen und ästhet i- schen Wertes als auch angesichts ihrer vermehrten Gefährdung besonders zu schützen. Zu erhalten ist nicht a llein die Quantität, sondern auch die Qualität des Waldes , wofür der Waldrand wesentlich ist. Angemessen ist der Mindestabstand der Bauten und Anlagen vom Waldrand, wenn er den Schutz dieser im öffentlichen Interesse liegenden Zwecke gewährleistet, welche durch eine zu enge Nachbarschaft von Bauten und Anlagen zum R2.2012.00147 Seite 11 Wald beeinträchtigt wären ( BGr 1C_476/2008 vom 6. Juli 2009, E. 5.4.1., mit Hinweisen). Weiter dient der Waldabstand dem Schutz waldnaher Bau- ten und ihrer Bewohner gegen Schädigung durch Windwurf sowie vor Schatten und Feuchtigkeit (vgl. BGE 119 Ia 113, E. 5 , mit Hinweis). Die Festlegung des Waldabstandes hat sich einzig an diesen Zielen zu orie n- tieren. Die von einem Standort am Waldrand aus gegebene Aussicht ist hingegen für keine der mit Waldabst andslinien bezweckten Schutzfunkti o- nen massgeblich und daher kein sachgerechtes Kriterium. 4.4.4. Wie nachfolgend zu zeigen ist, besteht vorliegend kein überwiegendes ö f- fentliches Interesse an einem Waldabstand von 30 m. Vielmehr fällt das private wie auch das öffentliche Interesse an der Überbaubarkeit des Grundstückes weitaus stärker ins Gewicht. Das Vorliegen besonderer örtl i- cher Verhältnisse im Sinne von § 66 Abs. 2 PBG, welches ein Abweichen vom Regelmass von 30 m rechtfertigt, kann zweifellos bejaht werden. Vor- ab fällt ins Gewicht , dass das betroffene Grundstück mit der festgesetzten Waldabstandslinie im Abstand von 30 m nicht überbaut werden kann und eine zonengemässe Wohnnutzung dieser Parzelle verhindert wird. Eine konkrete Möglichkeit zur Nutzungs übertragung besteht nicht. Demgege n- über liesse ein reduzierter Waldabstand eine angemessene Überbauung noch zu und bedeutete für die betroffenen Grundeigentümer eine ungleich geringere Beeinträchtigung als das Beharren auf dem Regelmass. Zudem dient die He rstellung der Überbaubarkeit einem zentralen Anliegen der Raumplanung, nämlich der haushälterischen Bodennutzung (Art. 1 Abs. 1 des Raumplanungsgesetzes [RPG]). Im Weiteren handelt es sich um einen sehr kleinen Waldbestand im Sinne von § 66 Abs. 2 PBG, des sen Waldrand zu einem grossen Teil durch die S.-Strasse gebildet wird und an den die bestehende Überbauung run dher- um bis auf 10 bis 12 m heranreicht. Mit der angefochtenen Festsetzung würde eine Waldabstandsfläche geschaffen, die die Fläche des zu sch o- nenden Waldes im betreffenden Abschnitt deutlich übersteigt und die nebst dem rekurrentischen Grundstück im Wesentlichen aus befestigter Stra s- senfläche und einer Grundstückszufahrt besteht, die ungeachtet der Wal d- abstandslinie weiterhin befahren werden. Unte r diesen Umständen ist nicht nachvollziehbar, weshalb ausgerechnet auf dem noch unüberbauten reku r- rentischen Grundstück, mithin in einem ca. 35 m langen Teilabschnitt des R2.2012.00147 Seite 12 Waldes, ein Waldabstandsbereich von 30 m notwendig sein soll, jedenfalls soweit mit der Waldabstandslinie sachgerechte Ziele verfolgt werden. Die Zugänglichkeit und die Bewirtschaftung des Wäldchens sind unabhä n- gig vom Waldabstand auf dem rekurrentischen Grundstück über die S.- Strasse und den durch das M .-bachtobel führenden Weg sicherg estellt. Dass von einem auf dem rekurrentischen Grundstück denkbaren, ohnehin eher kleinvolumigen Wohnhaus nebst den bestehenden umliegenden G e- bäuden eine massgebliche, zusätzliche Beeinträchtigung des Waldes au s- gehen könnte, ist nicht erkennbar, zumal der Wald gegen Norden steil a b- fällt, während der nicht bewaldete Grundstücksteil gegen Süden geneigt ist. Jedenfalls hält sich d ie mit der Verkürzung des Waldabstands grundsät z- lich verbundene Beeinträchtigung von Anliegen des Natur - und Heima t- schutzes in vertretbaren Grenzen. Dies gilt insbesondere für den Erosion s- schutz entlang des M.-bachs. Umgekehrt wird ein künftiges Gebäude durch den nördlich davon gelegenen Wald nicht verschattet. Die mit stü rzenden Bäumen verbundenen Gefahren bestehen überall dort, wo W ohnhäuser von Bäumen umgeben sind, namentlich auch in Gartenanlagen. Dieser Umstand spricht somit ebenfalls nicht gegen einen reduzierten Walda b- stand (vgl. VB.2010.00147, E. 3.3.). Sodann gilt e ine grössere Anzahl vor- bestandener Gebäude im Abstandsbereich – wie sie vorliegend besteht – ebenfalls als Grund für eine Herabsetzung des Regelmasses (vgl. VB.2010.00147 vom 15.07.2010, E. 2.2). Damit erweist sich die angefochtene Festsetzung als offensichtlich una n- gemessen, was in Gutheissung des Rekurses zu deren Aufhebung führt. 5. Die Rekurrierenden verlangen über die teilweise Aufhebung des angefoc h- tenen Beschlusses hinaus, dass die Rekursinstanz die Waldabstandslinie selbst festsetze . Indes kommt die Festsetzung von Waldabstandslinien grundsätzlich den Gemeinden zu und es fällt nicht in die Kompetenz des Baurekursgerichts, derartige planerische Festsetzungen selbst vorzune h- men (§ 88 PBG). Der Gemeinderat hatte nach öffentlicher Auflage der Pl ä- ne (§ 7 PBG) an den Gemeindeversammlungen vom 18. Januar 2012 und vom 20. September 2012 die von den Rekurrierenden anbegehrte Walda b- standslinie im Abstand von 10 m zur Annahme empfohlen. Die Baudirekt i- on Kanton Zürich stimmte d ieser Festsetzung im Rahmen der Vorprüfung R2.2012.00147 Seite 13 explizit zu (s. Weisung zur Gemeindeversammlun g vom 18. Januar 2012, S. 58, act. 10.2). Der bis auf 10 m reduzierte Waldabstand ist nicht zu b e- anstanden. Gemäss verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung hält ein Waldabstand von nicht weniger als 10 m bei zureichenden Gründen im Einzelfall vor § 66 Abs. 2 PBG stand und es wird damit auch dem Bunde s- recht Genüge getan (vgl. VB.2010.00147 vom 15. Juli 2010, E. 3.2). Mit der vom Gemeinderat vorgeschlagenen Lösung w ird den gegeneinander a b- zuwägenden privaten und öffentlichen Interessen in angemessener Weise Rechnung getragen. Ein Ermessensspielraum seitens der Gemeinde, nach Aufhebung der festgesetzten Waldabstandlinie aus den vorstehend g e- nannten Gründen den Abstand anders als auf 10 m festzusetzen, ist nicht zu erkennen. Die Gemeinde X ist somit einzula den, die Walda bstandslinie im Abstand von 10 m festzusetzen. 6. Zusammengefasst ist der Rekurs gutzuheissen. Demzufolge ist der ang e- fochtene Beschluss insoweit aufzuheben, als damit auf dem Grundstück Kat.-Nr. 4620 eine Waldabstandslinie festgese tzt wurde. Die Gemeinde X ist einzuladen, die Waldabstandslinie auf dem Grundstück Kat.-Nr. 4620 im Abstand von 10 m festzusetzen, wie vom Gemeinderat in der Gemeind e- versammlung vom 20. September 2012 beantragt (vgl. Ergä nzungen Waldabstandslinienplan, Teilbereich A, ö ffentliche Auflage vom 25. März 2011 bis 23. Mai 2011, act. 10.6). Bemerkungsweise ist festzuhalten, dass die Baudirektion als Aufsichtsb e- hörde (vgl. § 2 lit. b PBG) bei Nichtbefolgung dieses Entscheids durch die Gemeindeversammlung aufsichtsrechtliche Massnahmen zu prüfen hätte, namentlich die ersatzvornahmeweise Festlegung der Waldabstandslinie.