<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 22 S.73</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">73</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Strafprozessrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>22</b></span> <span class="ft3"><b>§ 18 GOG.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Dritte sind nur ausnahmsweise berechtigt, in Strafakten oder in ein</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Strafurteil Einsicht zu nehmen. Beispiel einer Interessenabwägung.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Die Fragen einer öffentlichen Urteilsverkündung nach Art. 6 Ziff. 1</b></span><br/> <span class="ft3"><b>EMRK stehen hier nicht zur Diskussion und bleiben vorbehalten)</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 17. August 2000</span><br/> <span class="ft4">i.S. Staatsanwaltschaft gegen X.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">Nach Abschluss des Berufungsverfahrens, in welchem X. zu ei-</span><br/> <span class="ft6">ner Zuchthausstrafe von 2½ Jahren und einer Busse von Fr. 1'000.--</span><br/> <span class="ft6">verurteilt wurde, ersuchte die Universität Y. mit Eingabe vom</span><br/> <span class="ft6">20. Juni 2000 um Zustellung eines begründeten Urteils und führte</span><br/> <span class="ft6">aus, sie möchte prüfen, ob seitens der Universität ein Disziplinarver-</span><br/> <span class="ft6">fahren gegen den bei ihr studierenden Verurteilten eingeleitet werden</span><br/> <span class="ft6">müsse.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">3. Nach § 18 GOG sind Dritte in der Regel nicht berechtigt, Ge-</span><br/> <span class="ft6">richtsakten einzusehen (Abs. 1). Der Regierungsrat wird angewiesen,</span><br/> <span class="ft6">in einer Verordnung die Einsichtnahme in Gerichtsakten durch Be-</span><br/> <span class="ft6">hörden und durch Dritte zu regeln, die ein berechtigtes Interesse</span><br/> <span class="ft6">nachweisen (Abs. 2).</span><br/> <span class="ft6">Eine regierungsrätliche Verordnung über das Akteneinsichts-</span><br/> <span class="ft6">recht ist bisher nicht ergangen. Immerhin kann dem Gesetz aber ent-</span><br/> <span class="ft6">nommen werden, dass Behörden und Dritte, die ein berechtigtes</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">74</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Interesse nachweisen, in Gerichtsakten Einsicht nehmen können. Die</span><br/> <span class="ft6">Aushändigung eines Urteils ist eine Variante des Akteneinsichts-</span><br/> <span class="ft6">rechts und gleich zu behandeln. Es ist vorliegend zwischen den In-</span><br/> <span class="ft6">teressen der Universität an der Abklärung des Sachverhalts zwecks</span><br/> <span class="ft6">Prüfung einer Disziplinierung und den Interessen des Verurteilten an</span><br/> <span class="ft6">der Geheimhaltung abzuwägen.</span><br/> <span class="ft6">4. Die Universität kann u.a. ein Disziplinarverfahren gegen ei-</span><br/> <span class="ft6">nen Studenten durchführen, der wegen schwerwiegender Straftaten,</span><br/> <span class="ft6">durch welche die Interessen der Universität beeinträchtigt oder ge-</span><br/> <span class="ft6">fährdet werden, zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde (§ 7 lit. f der</span><br/> <span class="ft6">Disziplinarordnung). Als Disziplinarmassnahmen sind neben einem</span><br/> <span class="ft6">schriftlichen Verweis oder dem Ausschluss von Lehrveranstaltungen</span><br/> <span class="ft6">(§ 8 lit. a, b) auch der Ausschluss vom Studium oder von Prüfungen</span><br/> <span class="ft6">oder von beidem für die Dauer von einem bis zu sechs Semestern</span><br/> <span class="ft6">vorgesehen, wobei bei Verfehlungen gem. § 7 lit. f auch ein Aus-</span><br/> <span class="ft6">schluss für die Dauer der Strafverbüssung ausgesprochen werden</span><br/> <span class="ft6">kann (§ 8 lit. c der Disziplinarordnung).</span><br/> <span class="ft6">Auch wenn vorliegend die Verfehlungen des Verurteilten in kei-</span><br/> <span class="ft6">nem direkten Zusammenhang mit seinem Studium stehen, besteht ein</span><br/> <span class="ft6">berechtigtes Interesse der Universität auf Kenntnis der Personalien</span><br/> <span class="ft6">des Täters, des Sachverhalts und der strafrechtlichen Verurteilung.</span><br/> <span class="ft6">Mit der bedingungslosen Zulassung von Studenten, die sich derartig</span><br/> <span class="ft6">schwere Straftaten haben zuschulden kommen lassen, zum Studium</span><br/> <span class="ft6">und zu den Abschlussprüfungen, wird das Ansehen der Universität</span><br/> <span class="ft6">beeinträchtigt. Das Interesse der Universität an der Zustellung eines</span><br/> <span class="ft6">Strafurteils zwecks Abklärung allfälliger Disziplinierungsmöglich-</span><br/> <span class="ft6">keiten ist vorliegend höher einzustufen als das Geheimhaltungsinter-</span><br/> <span class="ft6">esse des Verurteilten. Dem Ersuchen vom 20. Juni 2000 ist folglich</span><br/> <span class="ft6">stattzugeben.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>