B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4817/2014, D-4821/2014 U r t e i l v o m 2 7 . N o v e m b e r 2 0 1 4 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn, Richter Yanick Felley, Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren (…), (Beschwerdeführerin 1) B._______, geboren (…), (Beschwerdeführerin 2) beide Eritrea, beide vertreten durch lic. iur. Monique Bremi, Beratungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht, (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügungen des BFM vom 25. Juli 2014 / N (…) und N (…). D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Am 29. August 2012 reichte die damalige Rechtsvertreterin der Beschwer- deführerinnen beim BFM ein Asylgesuch aus dem Ausland sowie ein Ge- such um Einreisebewilligung ein. B. Am 5. Februar 2014 sowie am 26. Juni 2014 wurden die Beschwerdefüh- rerinnen auf der schweizerischen Botschaft in Addis Abeba (Äthiopien) zu ihren Asylgründen angehört. Dabei machten die Beschwerdeführerinnen geltend, dass sie in Eritrea Mi- litärdienst geleistet hätten. Nach zwei erfolglosen Fluchtversuchen sei e s ihnen schliesslich gelungen, sich dem Militärdienst zu entziehen und nach Äthiopien zu fliehen. Beide Beschwerdeführerinnen seien dort als Flücht- linge registriert und würden zusammen in Addis Abeba leben. C. Mit zwei separaten Verfügungen vom 25. Juli 2014 (Eröffnung am 29. Juli 2014) lehnte das BFM die Einreise- und Asylgesuche der Beschwerdefüh- rerinnen ab. D. Diese Verfügungen fochten die Beschwerdeführerinnen mit Eingaben ihrer Rechtsvertreterin vom 27. August 2014 beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragten die Aufhebung der angefochtenen Verfügungen und die Bewilligung zur Einreise, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter seien die Beschwerdeführerinnen als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen. Subeventualite r sei die Sache zur ergänzenden Abklärung und erneuten Entscheidung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung und Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG ersucht. E. Mit Zwischenverfügung vom 3. September 2014 vereinigte das Bundesver- waltungsgericht die beiden Verfahren, hiess die Gesuche um unentgeltli- che Prozessführung gut, während diejenigen um unentgeltliche Rechtsver- beiständung abgewiesen wurden. D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 3 F. Mit Vernehmlassung vom 11. September 2014 äusserte sich das BFM zu den Beschwerden. Die Beschwerdeführerinnen nahmen mit Replik vom 1. Oktober 2014 Stellung zur vorinstanzlichen Vernehmlassung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG lie gt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsge- richt endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde n sind frist- und formgerecht eingereicht. Die Be - schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtenen Verfügungen besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerden legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerden ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht und die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge- rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Mit der dringlichen Änderung des Asylgesetzes vom 28. September 2012 (AS 2012 5359), welche am 29. September 2012 in Kraft trat, wurden unter D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 4 anderem die Bestimmungen betreffend die Stellung von Asylgesuchen aus dem Ausland aufgehoben. Die Übergangsregelungen halten jedoch fest, dass für die im Ausland vor dem Inkrafttreten der Änderung vom 28. September 2012 gestellten Gesu- che die massgeblichen Artikel (aArt. 12, 19, 20, 41 Abs. 2, 52 und 68 AsylG) in der bisherigen Fassung anwendbar sind. Demnach sind auf den vorliegenden Fall die bisherigen Bestimmungen be- treffend das Auslandverfahren anzuwenden. 4. 4.1 Einer Person, welche im Ausland ein Asylgesuch gestellt hat, ist die Einreise in die Schweiz zu bewilligen, wenn eine unmittelbare Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG glaub- haft gemacht wird (aArt. 20 Abs. 3 AsylG) – das heisst im Hinblick auf die Anerkennung als Flüchtling und die Asylgewährung – oder aber, wenn für die Dauer der näheren Abklärung des Sachverhalts ein weiterer Aufenthalt im Wohnsitz- oder Aufenthaltsstaat oder die Ausreise in einen Drittstaat nicht zumutbar erscheint (aArt. 20 Abs. 2 AsylG). Asyl – und damit die Ein- reise in die Schweiz – ist ihr zu verweigern, wenn keine Hinweise auf eine aktuelle Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG vorliegen oder ihr zuzumu- ten ist, sich in einem Drittstaat um Aufnahme zu bemühen (aArt. 52 Abs. 2 AsylG). 4.2 Für die Erteilung einer Einreisebewilligung gelten restriktive Vorausset- zungen, wobei den Behörden ein weiter Ermessenssp ielraum zukommt. Neben der erforderlichen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG sind na- mentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz, die Möglichkeit der Schutzge- währung durch einen anderen Staat, die Beziehungsnähe zu anderen Staaten, die praktische und objektiv e Zumutbarkeit zur anderweitigen Schutzsuche sowie die voraussichtlichen Eingliederungsmöglich keiten in der Schweiz in Betracht zu ziehen (vgl. EMARK 2004 Nr. 21 E. 2b, EMARK 1997 Nr. 15 E. 2e –g). Ausschlaggebend für die Erteilung der Einreisebe- willigung ist dabei die Schutzbedürftigkeit der betroffenen Personen (vgl. EMARK 1997 Nr. 15 E. 2c), mithin die Prüfung der Frage, ob eine Gefähr- dung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft gemacht wurde, und ob der Ver- bleib am Aufenthaltsort für die Dauer der Sachverha ltsabklärungen zuge- mutet werden kann (vgl. zum Gan zen BVGE 2012/3 E. 2.3 und BVGE 2011/10 E. 3 - 5) . D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 5 4.3 Nach aArt. 52 Abs. 2 AsylG kann einer Person, die sich im Ausland befindet, das Asyl verweigert werden, wenn es ihr zugemutet werden kann, sich in einem anderen Staat um Aufnahme zu bemühen. Bei der Anwendung von aArt. 52 Abs. 2 AsylG ist in einer Gesamtschau zu prüfen, ob es aufgrund der ganzen Umstände geboten erscheint, dass es gerade die Schweiz ist, die den angesichts der bestehenden Gefährdung erforderlichen Schutz gewähren soll (vgl . EMARK 2004 Nr. 21 E. 4a). In diese Gesamtschau sind namentlich die bereits vorstehend unter E. 4.2 erwähnten Kriterien zu berücksichtigen (vgl. EMARK 1997 Nr. 15, insb. E. 2f; vgl. auch BVGE 2012/3 E. 2.3 und BVGE 2011/10 E. 3.2 und E. 5.1). 5. 5.1 Die Beschwerdeführerinnen begründeten ihre Gesuche damit, dass sie eritreische Staatsangehörige seien und in Äthiopien geboren sei en. 1998 seien sie im Zuge des Kriegsausbruchs und der ersten Abschiebewelle nach Eritrea deportiert w orden. Von 2000 bis 2009 h ätten sie dort Natio- naldienst geleistet. Im Jahre 2005 sei die Beschwerdeführerin 1 in einem Militärlager vergewaltigt worden. Die Beschwerdeführerinnen hätten 2009 ein erstes Mal versucht, nach Äthiopien zu fliehen, seien aber erwischt worden. Die Beschwerde-führerin 1 sei für sechs Monate und die Beschwerdeführerin 2 für drei Monate im Gefängnis (…) inhaftiert worden. Anschliessend hätten sie wieder zu ihren Einheiten zurückkehren müssen. Ein zweiter Fluchtversuch sei ebenfalls gescheitert. Sie s eien wiederum festgenommen und für neun Monate in C._______ inhaftiert worden. Schliesslich sei es ihnen gelungen, Eritrea zu verlassen. In Äthiopien hätten sie sich als Flüchtlinge beim Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) registrieren las- sen. Sie seien dem Flüchtlingslager (…) zugewiesen worden, wo sie sich vom (…) Januar 2012 bis zum März 2012 aufgehalten hätten. Derzeit wür- den sie zusammen in Addis Abeba leben. Ihr Bruder lebe in der Schweiz und schicke ihnen alle vier Monate Geld zur Unterstützung. Ein weiterer Aufenthalt in Äthiopien sei unzumutbar, da sie dort keine Familienangehö- rigen hätten und arbeitslos sei en. Daher sei en sie von ihrem Bruder ab- hängig. Die Beschwerdeführerinnen seien aus dem Militärdienst desertiert und seien illegal ausgereist. Daher würden sie in asylrelevanter Weise verfolgt und seien – zumindest aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe – als Flücht-D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 6 linge anzuerkennen. Im Flüchtlingslager (…) hätten sie unter prekären Be- dingungen leben müssen. Sie würden in Äthiopien über keine Angehörigen verfügen und seien auf sich allein gestellt. Als alleinstehende Frauen ohne Beziehungsnetz gestalte sich das Leben sehr hart und als Flüchtlinge seien sie in Äthiopien gegenüber der übrigen Bevölkerung in vielen Belangen schlechter gestellt. In der Schweiz würde sich der Bruder der Beschwerde- führerinnen aufhalten, zu welchem sie stets Kontakt gepflegt hätten. Nebst dem Bruder befinde sich auch die Schwägerin in der Schweiz. In Dubai, wo sich ihre Schwester aufhalte, bestehe keine Möglichkeit, einen Aufent- haltsstatus zu erlangen. Als Beweismittel reichten sie Kopien ihrer Identitätskarten, zwei Ausweise für Vertriebene, ein Familienfoto sowie zwei Bestätigungen des äthiopi- schen National Intelligence and Security Service, Administration for Refu- gee- Returnee Affairs vom (…), ein. 5.2 Das BFM begrü ndete seine Verfügungen damit, es könne – trotz ge- wisser Zweifel – nicht ausgeschlossen werden, dass die Beschwerdeführ- erinnen in Eritrea in asylrelevanter Weise gefährdet seien. Allerdings sei ihnen ein Verbleib in Äthiopien zumutbar. So befänden sich zahlreiche erit- reische Flüchtlinge in Äthiopien. Die Beschwerdeführerinnen hätten gel- tend gemacht, in Äthiopien über keine Arbeit und keine Angehörigen zu verfügen. Die Lage vor Ort gestalte sich zwar sicherlich nicht einfach, doch unterscheide sie sich nur wenig von der Situation vieler Äthiopier, insbe- sondere de rjenigen, die aus ländlichen Gegenden stammen würden , wodurch der Verbleib nicht als per se und generell unzumutbar betrachtet werden könne. Zudem würden die Beschwerdeführerinnen von ihrem in der Schweiz lebenden Bruder finanziell unterstützt. Es komme hinzu, dass die Beschwerdeführerin 1 in Äthiopien geboren sei und bis zu ihrem (…) Lebensjahr dort gewohnt habe. Auch die Beschwerdeführerin 2 sei in Äthi- opien geboren und aufgewachsen. Sie würden derzeit gemeinsam in Addis Abeba leben und die Beschwerdeführerin 2 habe in der Anhörung ausge- führt, in Addis Abeba befänden sich weitere Familienangehörige. Es könne daher davon ausgegangen werden, sie würden dort über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfügen. Den Akten seien keine konkreten Anhaltspunkte zu entnehmen, den Beschwerdeführerinnen würden mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit einreiserelevante Nachteile drohen oder sie hätten in Äthio- pien Schwierigkeiten, die nicht auch ein Grossteil der in Äthiopien lebenden Eritreer hätten. Dem BFM sei bekannt, dass viele Eritreer in Äthiopien über kein freies Aufenthaltsrecht verfügen würden, sondern einem Flüchtlings-D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 7 lager zugeteilt seien, wo sie sich aufzuhalten hätten und die nötige Versor- gung erhalten würden. Es sei den Beschwerdeführerinnen daher zumutbar, sich in das ihnen zugewiesene Flüchtlingslager zu begeben, sollte die Si- tuation tatsächlich kritisch sein. Die Beziehung zum in der Schweiz leben- den Bruder reiche für eine Einreisebewilligung nicht aus. Diese r Kontakt sei zu wenig gewichtig, als dass er in einer Abwägung der Gesamtum- stände dazu führen müsste, dass es gerade die Schweiz sei, die den er- forderlichen Schutz gewähren solle. Allein die Anwesenheit des Bruders bedeute noch keine enge Bindung mit der Schweiz, welche die vorange- henden Feststellungen umzustossen vermöge. 5.3 Diesen Erwägungen wurde in den Beschwerdeschriften entgegnet, dass die beiden Beschwerdeführerinnen mittlerweile wieder in das Flücht- lingslager zurückgekehrt seien. Entgegen der Auffassung des BFM unter- scheide sich die rechtliche Lage für Schutzsuchende von derjenigen der Einheimischen stark. Die Aufnahme einer legalen Arbeitstätigkeit sei nicht möglich und in den Flüchtlingslagern würden die Grundbedürfnisse nur knapp abgedeckt. Besonders schwierig sei die Situation von Frauen. Al- leinstehende Frauen seien sexueller und physischer Gewalt sowie Diskri- minierungen und Stigmatisierungen ausgesetzt. In den Städten sei die Si- tuation nicht besser. Auch dort könnten sie keiner geregelten Arbeitstätig- keit nachgehen, sondern seien gezwungen, auf dem Schwarzmarkt zu ar- beiten. Die Beschwerdeführerinnen würden daher einer Gruppe besonders verletzlicher Personen angehören und ihre Lage unterscheide sich stark von derjenigen anderer eritreischer Flüchtlinge in Äthiopien. Die Beschwer- deführerinnen hätten in Äthiopien weder Familienangehörige noch gute Bekannte. Die Familienangehörigen würden sich entweder im Ausland be- finden (eine Schwester sei in Dubai, ein Bruder in der Schweiz) oder seien verstorben, was aus den Anhörungen klar hervorgehe. Frauen ohne männ- liche Familienangehörige seien auf sich allein gestellt und oft schutzlos. Das BFM beziehe sich in seinen V erfügungen auf ein Urteil, welches die Situation von Bruder und Schwester behandelt h abe, während die Be- schwerdeführerinnen keine männliche Bezugsperson hätten. Ein Bericht der Woman's Refugee Commission komme zum Schluss, dass allei nste- hende Frauen in äth iopischen Flüchtlingslagern verschiedenen Arten von Gewalt ausgesetzt seien und oftmals unzumutbare Kompromisse einzuge- hen hätten, um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Die Praxis des Bundesverwaltungsgerichts gehe von vergleichbaren Prämissen aus. Das UNHCR habe auf Anfrage der Rechtsvertreterin bestätigt, dass es in den äthiopischen Flüchtlingscamps keinen angemessenen Schutz vor sexuel- ler Gewalt bieten können. Das Gericht habe in einem ähnlich gelagerten D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 8 Fall entschieden, dass die finanzielle Unters tützung durch Verwandte in der Schweiz (i.c. der Ehemann) auch eine Gefährdung der unterstützten Person bedeuten könne. Ferner sei zu beachten, dass Äthiopien ein Land mit starker geschlechtsspezifischer Repression sei, in welchem Gewalt ge- gen Frauen oft vorkomme. So seien alleinstehende Frauen einer hohen Gefahr einer geschlechtsspezifischen Verfolgung ausgesetzt, was gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führe. Das BFM mutmasse in unzutreffender Weise, dass die Beschwerdeführerinnen in Äthiopien über ein soziales Netz ver- fügen würden, ohne dass sich diese Annahme auf konkrete Anhaltspunkte stützen liesse. Gemäss konstanter Praxis setze eine solche Annahme nämlich konkrete Hinweise auf ein real existierendes soziales Netz voraus. Aus den Anhörungen gehe klar hervor, dass von den Angehörigen der Be- schwerdeführerinnen lediglich noch der in der Schweiz wohnhafte Bruder sowie die sich in Dubai befindende Schwester vorhanden seien. Sie hätten in Äthiopien auch keine Bekannten, was sich daran zeige, dass sie in Addis Abeba alleine gelebt hätten. Die Beschwerdeführerin 2 habe sich in der Anhörung in missverständlicher Weise dahingehend geäussert, dass sie über Familienangehörige in Addis Abeba verfüge. Dies treffe jedoch nicht zu, was aus den Aussagen der Beschwerdeführerin 1 klar ersichtlich werde. Grund für die Falschangabe, dass sie Familienangehörige in Addis Abeba hätten, sei der Umstand gewesen, dass sie nur auf diese Weise das Flüchtlingslager hätten verlassen dürfen. Die Eltern der Beschwerdeführe- rinnen sowie vier ihrer Brüder seien verstorben. Bereits daraus ergebe sich die besondere Beziehungsnähe zum Bruder in der Schweiz. Dieser habe sich stets und – seit er in der Schweiz sei – nach seinen Möglichkeiten um die Beschwerdeführerinnen gekümmert. Ihre Beziehung sei daher als eng zu qualifizieren. 5.4 In der Vernehmlassung führte das BFM aus, selbst wenn die Beschwer- deführerinnen mittlerweile wieder ins Flüchtlingslager zurückgekehrt seien, sei ihnen ein weit erer Verbleib in Äthiopien zumutbar, zumal es sich um zwei volljährige Frauen handle. Das Bundesverwaltungsge richt erachte den Aufenthalt in äthiopischen Flüchtlingslagern grundsätzlich für zumut- bar. 5.5 In der Replik machten die Bes chwerdeführerinnen geltend, das BFM verkenne, dass sich die Beschwerdeführerinnen ohne männliche Begleit- person in Äthiopien aufhalten würden, während sich das von der Vorinstanz in der Vernehmlassung zitierte Urteil auf eine andere Konstellation – Bru-D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 9 der mit zwei Schwestern – beziehe. Frauenflüchtlinge seien demgegen- über um einiges gefährdeter und würden zu den besonders verletzlichen Personen gehören. 6. 6.1 Vorliegend gelangt das Bundesverwaltungsgericht nach einlässlicher Prüfung der Akten in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schl uss, dass die geltend gemachten Vorbringen der Beschwerdeführerinnen hin- sichtlich der Vorfluchtgründe – trotz gewisser Zweifel – nicht a priori un- glaubhaft erscheinen. Ob die Beschwerdeführerinnen bei einer allfälligen Rückkehr nach Eritrea einer asylrechtlich relevanten Verfolgung ausge- setzt sein könnten, kann vorliegend dennoch offengelassen werden, da sie den zusätzlichen Schutz der Schweiz gemäss aArt. 52 Abs. 2 AsylG nicht benötigen, weil es ihnen trotz der zugestandenermassen nicht einfachen Bedingungen für eritreische Flüchtlinge in Äthiopien zuzumuten ist, dort zu verbleiben. 6.2 Halten sich die asylsuchenden Personen – wie im vorliegenden Fall – in einem Drittstaat auf, bedeutet dies noch nicht zwingend, dass es ihnen auch zuzumuten ist, sich dort um Aufnahme zu bemühen. In einem solchen Fall ist aber im Sinne einer Vermutung davon auszugehen, die betreffen- den Personen hätten in diesem Drittstaat bereits den erforderlichen Schutz gefunden, was in der Regel zur Ablehnung des Asylgesuchs und der Ver- weigerung der Einreisebewilligung führt. In jedem Falle sind die Kriterien zu prüfen, welche die Zufluchtnahme in diesem Drittstaat als zumutbar er- scheinen lassen, und diese sind mit einer allfälligen Beziehungsnähe zur Schweiz abzuwägen (vgl. BVGE 2011/10). Mit Bezug auf die Situation eritreischer Flüchtlinge in Äthiopien ist festzu- halten, dass die Grundversorgung in den dortigen Flüchtlingslagern ge- währleistet und der dortige Aufenthalt für die vom UNHCR registrierten Flüchtlinge grundsätzlich zumutbar ist (vgl. Urteile des Bundesverwal- tungsgerichts E-2252/2014 vom 29. September 2014 E. 6.6, D-5279/2014 vom 26. September 2014 E. 5 .2, D-3536/2013 vom 15. November 2013 E. 6.2). Die Beschwerdeführerinnen bringen keine konkreten Einwände vor, welche auf die Unzumutbarkeit des weiteren Verbleibs hinweisen könnten. In den Anhörungen führten sie auf ihre Situation in Äthiopien an- gesprochen lediglich aus, dass sie keine Arbeit hätten und gerne bei ihrem Bruder in der Schweiz leben würden. Spezifische Vorkommnisse während ihres Aufenthalts in Addis Abeba oder im Flüchtlingslager (…), die auf eine persönliche und konkrete Gefährdung hinzudeuten vermöchten, wurden D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 10 nicht vorgebracht. Die Ausführungen in den schriftlichen Eingaben der Rechtsvertreterin beinhalten im Wesentlichen abstrakte und allgemei ne Vorbringen zur allgemein schwierigen Lage. Dass die Beschwerdeführerin- nen in ihrer Person konk ret mit unhaltbaren Zuständen und Situationen konfrontiert gewesen wären, wurde demgegenüber nicht geltend gemacht. Hinsichtlich der Situation der Beschwerdeführerinnen ist überdies festzu- halten, dass beide in Äthiopien geboren sind, dort für eine nicht unerhebli- che Zeit gelebt haben und zudem Amharisch sprechen. Es kann daher an- genommen werden, dass ihnen die dortige Umgebung nicht gänzlich un- vertraut ist. Überdies werden sie von ihrem in der Schweiz wohnhaften Bru- der finanziell unterstützt . Hinzu tritt, d ass es sich um zwei volljährige Frauen handelt, so dass ihre Situation nicht mir derjenigen einer alleinste- henden Frau (insbesondere mit minderjährigem Kind) gleichgesetzt wer- den kann. Die Beschwerdeführerinnen sind nach dem Gesagten nicht auf den sub- sidiären Schutz der Schweiz a ngewiesen. Schliesslich vermag der in der Schweiz sich aufhaltende Bruder und dessen Ehefrau keinen derart ge- wichtigen Anknüpfungspunkt darzustellen, wonach eine Abwägung der Ge- samtumstände im Sinne von aArt. 52 Abs. 2 AsylG dazu f ühren müsste, dass es gerade die Schweiz ist, die ihnen den erforderlichen Schutz ge- währen soll. Das BFM hat somit zu Recht die Einreise in die Schweiz ver- weigert und die Asylgesuche aus dem Ausland abgelehnt. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtenen Verfügungen Bundesrecht nicht verletzen und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellen (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerden sind abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG), indes wurde mit Verfügung vom 3. September 2014 die unentgeltliche Prozess- führung gewährt, so dass keine Verfahrenskosten zu erheben sind. (Dispositiv nächste Seite) D-4817/2014, D-4821/2014 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerden werden abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen , das BFM und die schweizerische Vertretung. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Linus Sonderegger Versand: