Abteilung IV D-7229/2006/dcl D-7039/2006 {T 0/2} U r t e i l v o m 2 6 . M a i 2 0 0 9 Richter Daniel Schmid (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer, Richter Bendicht Tellenbach, Gerichtsschreiberin Milva Franceschi. A._______, geboren (...), und dessen Ehefrau, B._______, geboren (...), und deren Kinder C._______, geboren (...) und D._______, geboren (...), Serbien, vertreten durch Alain Joset, Advokat, (...), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), vormals Bundesamt für Flüchtlinge (BFF), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Asyl und Wegweisung; Verfügungen des BFF vom 19. Dezember 2000 und 7. Mai 2002 / N (...). B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandD-7229/2006 D-7039/2006 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest: A. Der Beschwerdeführer, ein Roma aus Vojvodina, verliess seine Heimat eigenen Angaben zufolge gemeinsam mit seiner Ehefrau (Beschwer- deführerin), seinen Kindern und seinen Eltern (D-7038/2006) am 7. Ok tober 2000. Getrennt von den übrigen Familienmitgliedern ge- langten der Beschwerdeführer und sein Vater am 9. Oktober 2000 ille- gal in die Schweiz, wo sie gleichentags im Empfangs- und Verfahrens- zentrum E._______ um Asyl nachsuchten und am 13. Oktober 2000 sum marisch zum Reiseweg und zu den Asylgründen befragt wurden. Am 16. November 2000 führte die Vorinstanz gemäss Art. 29 Abs. 4 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) eine direkte Anhörung durch. B. Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er und seine Familie seien von den Serben verfolgt und zum Verlassen des Landes aufgefordert worden. Ab Juli 2000 hätten Unbekannte in zivilen Klei- dern die ganze Familie geschlagen und ihnen unter Todesdrohungen grössere Summen Geld genommen. Seine Ehefrau sei zu Hause von den Unbekannten überall berührt worden, um die Anwesenden zu er- niedrigen. Beim letzten Mal im Oktober 2000 hätte die Familie den Un- bekannten 10'000 DM aushändigen sollen, ansonsten sie umgebracht worden wären. Der Beschwerdeführer habe den Vorfall den Behörden gemeldet, diese habe jedoch nicht helfen können. Aufgrund der ethni- schen Zugehörigkeit hätten sie keine Rechte in ihrem Heimatland. C. Am 11. Dezember 2000 gelangte die Beschwerdeführerin zusammen mit den gemeinsamen Kindern illegal in die Schweiz, wo sie am 13. Dezember 2000 auch im EVZ E._______ um Asyl nachsuchten. Die Beschwerdeführerin wurde am 15. Dezember 2000 summarisch und am 17. Januar 2001 durch das BFM einlässlich gemäss Art. 29 Abs. 4 AsylG befragt. Im Wesentlichen wiederholte die Beschwerdeführerin die Vorbringen ihres Ehemannes. Die Kinder hätten nicht mehr zur Schule gehen kön- nen, weil sie von anderen Kindern beschimpft und mit Steinen bewor- fen worden seien. Zudem legte die Beschwerdeführerin bei der Bun- desanhörung Beweismittel – darunter ein Gerichtsurteil – zu den Ak- ten. Daraus sei zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer während Seite 2D-7229/2006 D-7039/2006 vier Monaten unschuldig im Gefängnis gewesen und gefoltert worden sei. Nur aufgrund der Bezahlung einer Kaution sei er freigekommen. Ihr Ehemann habe dies aus Angst bei der Befragung nicht vorge- bracht. D. Das Bundesamt lehnte mit Verfügung vom 19. Dezember 2000 das Asylgesuch des Beschwerdeführers (Ehemann/Vater) ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. E. Mit Eingabe vom 18. Januar 2001 erhob der Beschwerdeführer bei der damals zuständigen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung und beantragte de- ren Aufhebung sowie die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft be- ziehungsweise die Gewährung von Asyl. Eventualiter wurde um Rück- weisung der Angelegenheit zur weiteren Abklärung beziehungsweise um Vereinigung des Verfahrens des Beschwerdeführers mit demjeni- gen seiner Ehefrau und Kinder ersucht. Subeventualiter sei festzustel- len, dass die Wegweisung unzulässig und unzumutbar sei sowie der Be schwerdeführer deshalb vorläufig aufzunehmen sei. Weiter sei der Be schwerde aufschiebende Wirkung zu erteilen respektive dem Be- schwerdeführer zu gestatten, den Entscheid in der Schweiz abzuwar- ten. In formeller Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. De - zember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) und der Rechtsverbeiständung nach Art. 65 Abs. 2 VwVG ersucht. Zudem sei eine angemessene Frist zur ausführlichen Beschwerdebegründung einzuräumen. Der Beschwerdeschrift wurden zwei Zeitungsausschnit- te, ein Gerichtsentscheid betreffend U-Haft und diverse Haftverfügun- gen in einer Fremdsprache eingereicht (alles in Kopien). F. Am 19. Januar 2001 reichte der Beschwerdeführer beim BFM ein Wie- dererwägungsgesuch ein und beantragte, die vorinstanzliche Verfü- gung vom 19. Dezember 2000 sei wiedererwägungsweise aufzuheben, die Familienmitglieder seien als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei festzustellen, dass die Wegwei- sung für alle Familienmitglieder unzulässig beziehungsweise unzumut- bar sei, weshalb sie vorläufig in der Schweiz aufzunehmen seien. Wei- ter seien die Asylverfahren der Familie F._______ zu vereinigen. Zudem sei dem Wiedererwägungsgesuch aufschiebende Wirkung zu erteilen respektive dem Beschwerdeführer und seiner Familie zu Seite 3D-7229/2006 D-7039/2006 gestatten, den Entscheid in der Schweiz abzuwarten. Am 14. Mai 2002 verfügte die Vorinstanz, dass das erwähnte Gesuch und deren Be- handlung bis zum Urteil der ARK sistiert werde. G. Mit Zwischenverfügung vom 6. Februar 2001 verfügte die ARK, dass bis zum Entscheid der Vorinstanz über das noch hängige Asylgesuch der Ehefrau das Beschwerdeverfahren des Beschwerdeführers sistiert werde. Das Gesuch um Ergänzung der Beschwerdeschrift wurde ab- gewiesen. Der damals zuständige Instruktionsrichter der ARK verzich- tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gemäss Art. 63 Abs. 4 VwVG. Der Entscheid über das Gesuch um Erlass der Verfahrenskos- ten im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde auf einen späteren Zeit- punkt verschoben. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeistän- dung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wurde abgewiesen. H. Mit Verfügung vom 7. Mai 2002 lehnte das Bundesamt die Asylgesu- che der Beschwerdeführerin und der Kinder ab beziehungsweise ord- nete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. I. Mit Eingabe vom 11. Juni 2002 erhob die Beschwerdeführerin bei der ARK Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung und beantragte deren Aufhebung sowie die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft beziehungsweise die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei festzustel- len, dass die Wegweisung unzulässig beziehungsweise unzumutbar sei und die Beschwerdeführerin mit ihren Kindern vorläufig aufzuneh- men seien. Weiter sei der Beschwerde aufschiebende Wirkung zu er- teilen respektive der Beschwerdeführerin und ihren Kindern zu gestat- ten, den Entscheid in der Schweiz abzuwarten. Allenfalls sei die Sache zu weiteren Abklärungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. In formel- ler Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG und der Rechtsverbeiständung nach Art. 65 Abs. 2 VwVG ersucht. Zudem sei in verfahrensrechtlicher Hin- sicht eine angemessene Frist zur ausführlichen Beschwerdebegrün- dung einzuräumen und ein umfassendes medizinisches Gutachten einholen zu lassen. Ferner wurde ein Arztzeugnis von Dr. G._______, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 10. Juni 2002 zu den Akten gereicht. Seite 4D-7229/2006 D-7039/2006 J. Am 21. Juni 2002 überwies die ARK die Akten an die Vorinstanz zur Gewährung der Akteneinsicht. Gleichzeitig wurde Frist zur Beschwer- deergänzung gewährt. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde in Anwendung von Art. 63 Abs. 4 VwVG verzichtet. Die Ent- scheide über die Gesuche um Erlass der Verfahrenskosten und um un- entgeltliche Rechtsverbeiständung wurden auf einen späteren Zeit- punkt verschoben. K. Am 11. Juli 2002 reichte die Beschwerdeführerin die Beschwerdeer- gänzung ein. Aufgrund der nicht vorgenommenen Anhörung der Kinder sei der Asylentscheid völkerrechtswidrig und deshalb aufzuheben. Al- lenfalls sei die Streitsache an die Vorinstanz zur Anhörung der Kinder und erneuten Beurteilung zurückzuweisen. Zudem wurden das Zeug- nis zur Erlangung der unentgeltlichen Prozessführung des Kantons H._______ vom 28. Juli 2002 und eine Wohnsitzbestätigung zu den Akten gereicht. L. Das Bundesamt hielt in zwei Vernehmlassungen vom 25. August 2003 vollumfänglich an seinen Erwägungen der Verfügungen vom 19. Dezember 2000 beziehungsweise 7. Mai 2002 fest und beantragte die Abweisung der Beschwerden. M. Am 28. August 2003 stellte der Beschwerdeführer ein Gesuch um Akteneinsicht, welches am 29. August 2003 von der ARK als gegen- standslos betrachtet wurde. N. Am 2. September 2003 stellte der Beschwerdeführer erneut ein Ge- such um Akteneinsicht, welches am 11. September 2003 unter Hin- weis auf eine Kostenbeteiligung gutgeheissen wurde. Die Kosten wür- den im Endentscheid ausgewiesen. Die Akten wurden in Kopie ge- mäss separatem Verzeichnis dem Beschwerdeführer zugestellt. O. Nach einer gewährten Fristverlängerung reichten die Beschwerdefüh- rer am 30. September 2003 ihre Stellungnahmen zu den beiden Ver- nehmlassungen vom 25. August 2003 (vgl. Bst. L) ein. Seite 5D-7229/2006 D-7039/2006 P. Am 21. Oktober 2003 reichte die Beschwerdeführerin ein ärztliches Zeugnis von Dr. med. G._______ vom 14. Oktober 2003 ein. Q. Das Bundesamt liess sich am 22. November 2006 betreffend der Prü- fung einer schwerwiegenden persönlichen Notlage gemäss Art. 44 Abs. 3 aAsylG vernehmen. R. Mit Zwischenverfügung vom 5. März 2008 wurde die Beschwerdefüh- rerin aufgefordert, einen aktuellen ärztlichen Bericht einzureichen. S. Nach gewährter Fristverlängerung reichte die Beschwerdeführerin ein ärztliches Zeugnis von Dr. med. G._______ vom 8. April 2008, einen Internetausdruck der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) mit Bezug auf das – auch eingereichte – Interview mit Stéphane Laederich vom 1. Februar 2007, je einen Bericht der Unicef, der Deza beziehungsweise der Deutschen Welle vom 23. März 2006 und ein Internetausdruck des N-TV ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsge- richt Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorin- stanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffen- de Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundes- verwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorlie- genden Beschwerde und entscheidet in diesem Bereich endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat am 1. Januar 2007 die Beurtei- lung der bei der ARK hängigen Rechtsmittel übernommen. Das neue Verfahrensrecht ist anwendbar (vgl. Art. 53 Abs. 2 VGG). Seite 6D-7229/2006 D-7039/2006 1.3 Die beiden Beschwerden sind form- und fristgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführer sind durch die angefochtenen Verfügungen be- rührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung be- ziehungsweise Änderung. Die Beschwerdeführer sind daher zur Einrei- chung der Beschwerde legitimiert (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und 50 ff. VwVG). Auf die Beschwerden ist einzutreten. 2. Aus prozessökonomischen Gründen und aufgrund des engen persön- lichen Sachzusammenhangs werden die beiden Verfahren D-7229/2006 und D-7039/2006 antragsgemäss vereinigt. 3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 4. 4.1 Vorab ist auf die verfahrensrechtliche Rüge einzugehen, Art. 12 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK; SR 0.107) sei verletzt worden. Diesbezüglich wird ge- rügt, dass die Kinder nicht in angemessener Weise in das Asylverfah- ren einbezogen, insbesondere von der Vorinstanz nicht angehört wor- den seien. Die beiden Kinder seien acht- und elfjährig. Ihre kognitiven Fähigkeiten seien genügend entwickelt, um in ihren Persönlichkeits- und Mitwirkungsrechten im vorliegenden Verfahren respektiert zu wer- den. Dabei gehe es bei der Anhörung der Kinder nicht nur um die Klä- rung des Sachverhalts, sondern der Gehörsanspruch des Kindes sei ebenfalls Ausdruck seiner Persönlichkeitsrechte. Es soll verhindert werden, dass über das Kind verfügt werde, ohne seine eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Rechten zu behandeln. 4.2 Mit Art. 12 KRK sichern die Vertragsstaaten dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, grundsätzlich das Recht zu, seine Meinung vor allem in persönlich-privaten Angelegenheiten zu äussern. Die Meinung des Kindes ist somit angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife zu berücksichtigen. Zu diesem Zweck wird dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben, in allen es selber betreffenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter oder eine geeignete Stelle im Einklang mit den innerstaatlichen Verfahrensvorschriften gehört zu werden. Für die Schweiz ist die KRK seit dem 26. März 1997 in Kraft. In seinem Weg leitenden Entscheid vom 22. De zember 1997 Seite 7D-7229/2006 D-7039/2006 erklärte das Bundesgericht Art. 12 der KRK als direkt anwendbare Staatsvertragsbestimmung, deren Verletzung beim Bundesgericht angefochten werden kann (BGE 124 III 90). 4.3 Es ist somit zu untersuchen, ob die Kinder ihre Meinung im vorlie- genden Asylverfahren genügend kundtun konnten. I._______ und I._______ wurden nie direkt befragt. Sie konnten aber ihre Anliegen durch ihre Eltern äussern. So erklärte beispielsweise die Mutter, dass die Kinder nicht auf der Strasse hätten spielen dürfen und zunehmend Angst gehabt hätten, in die Schule zu gehen (vgl. Akten B1, S. 4 und 6). Den Befragungsprotokollen sind somit die Geschehnisse, welche die Kinder betreffen, zu entnehmen. Weitere asylrelevante Vorkomm- nisse wurden vom Rechtsanwalt, der auch die Kinder vertritt, während dem laufenden über mehrere Jahre dauernden Verfahren nicht eingebracht. Der Sachverhalt, der die Kinder berührt, ist daher erstellt und dem Gehörsanspruch der Kinder wurde genügend Rechnung ge- tragen. Im Übrigen wird dieser Sachverhalt sowohl von der Vorinstanz wie vom Bundesverwaltungsgericht (vgl. nachfolgende E. 11 ff.) nicht in Zweifel gezogen. Daraus folgt, dass entgegen der Darlegungen der Beschwerdeführer in casu das Anhörungsrecht gemäss Art. 12 KRK nicht verletzt ist. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine ausländische Person aner- kannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen An- schauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachwei- sen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrschein- lichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wider- sprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich Seite 8D-7229/2006 D-7039/2006 auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Die Vorinstanz führte in ihrer Verfügung betreffend den Beschwer- deführer im Wesentlichen aus, es treffe zwar zu, dass Roma zu den gesellschaftlichen Randgruppen gehörten, denen in Jugoslawien (heu- te: Republik Serbien) der Minderheitenstatus verweigert werde, doch handle es sich bei den genannten Übergriffen um solche Dritter. Dafür trage der Staat nur dann die Verantwortung, wenn seine Behörden diese Handlungen anregten, unterstützten, billigten oder tatenlos hinnähmen und damit den erforderlichen Schutz nicht gewähren wür- den, obwohl sie dazu verpflichtet und in der Lage wären. Zwar sei denkbar, dass die serbischen Behörden in Einzelfällen bei geltend ge- machten Übergriffen untätig blieben. Die Behörden stünden jedoch den schwerwiegenden Übergriffen auf Roma nicht generell gleichgültig gegenüber. Von einem allgemeinen fehlenden staatlichen Schutzwillen könne deshalb nicht ausgegangen werden. Es wäre dem Beschwerde- führer zuzumuten gewesen, sich bezüglich seiner Anzeige nochmals bei der Polizei zu melden beziehungsweise sich bei der nächst höhe- ren Instanz zu beschweren. Die eingereichten Dokumente vermöchten nichts zu ändern, da die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen bezüglich seines Ladens und seiner wirtschaftlichen Situation nicht in Frage ge- stellt werde. 6.2 In der angefochtenen Verfügung betreffend die Beschwerdeführe- rin wiederholte die Vorinstanz im Wesentlichen, was sie bereits beim Beschwerdeführer erwogen hatte. Zudem sei bei den Belästigungen – die Beschwerdeführerin sei körperlich angegriffen und betastet worden – die Polizei gar nicht in der Lage, ihre Schutzfunktion auszuüben und die geltend gemachte Verfolgung durch Dritte präventiv zu verhindern. Auch habe die Behörde die Anzeige registriert. Die blosse Behaup- tung, die Polizei sei untätig geblieben, könne nicht hingenommen wer- den. Die Lage der Roma in der Republik Serbien, die zwar nicht den internationalen Standards entspreche, beziehungsweise die schwieri- ge soziale und wirtschaftliche Lage stellten kein Rückkehrhindernis dar. Die aus der Republik Serbien stammenden Roma seien bei einer Rückkehr nicht existenziell gefährdet. 6.3 Der Beschwerdeführer machte demgegenüber in seiner Rechtsmit- teleingabe geltend, es sei ein Gerichtsverfahren gegen ihn hängig, wo- Seite 9D-7229/2006 D-7039/2006 bei er beschuldigt werde, in dubiose Betrugsangelegenheiten ver- wickelt zu sein. Als Angehöriger einer ethnischen Minderheit werde er von den wirklichen serbischen Tätern massiv unter Druck gesetzt, ein Ge ständnis abzulegen und die Schuld auf sich zu nehmen. Zudem hät- ten die wahren Täter die serbischen Untersuchungs- und Gerichtsbe- hörden bestochen, damit sie den unschuldigen Beschwerdeführer stellvertretend bestrafen würden. Während den vier Monaten Untersu- chungshaft sei er von den serbischen Behörden dauernd schikaniert und gedemütigt worden. Erst nach der Bezahlung einer Kaution sei er aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Auch die serbische Presse schrecke nicht vor Anprangerungen und pauschalen Vorverur- teilungen gegen Angehörige ethnischer Minderheiten zurück. Nach- dem es der Ehefrau mit den gemeinsamen Kindern gelungen sei, in die Schweiz zu fliehen, könne der Beschwerdeführer nun Beweismittel seiner Verfolgungssituation vorlegen. Somit bestehe eine asylrechtlich relevante Verfolgung einerseits durch Dritte, da Angehörige der Volks- gruppe Roma innerstaatlich – trotz Anzeigen bei der örtlichen Polizei – keinen Schutz erhielten, andererseits durch den Heimatstaat selbst, da dieser die Übergriffe auf Angehörige von Minderheiten unterstütze und billige. Es lägen zudem triftige Gründe vor, die auf die frühere Verfol- gung zurückgingen, weshalb dem Beschwerdeführer nicht zuzumuten sei, in sein Heimatland zurückzukehren. 6.4 Die Rechtsmitteleingabe der Beschwerdeführerin entspricht im Wesentlichen dem Inhalt der Beschwerde ihres Ehemannes (vgl. Ziff. 6.3). Weiter machte sie geltend, dass es primär Aufgabe der serbischen Polizei wäre, Privatjustiz zu unterbinden, mafiöse Struktu- ren aufzudecken und die entsprechenden Täter zu bestrafen, weshalb es nicht nachvollziehbar sei, dass gemäss Vorinstanz die Polizei nicht in der Lage sei, eine Bedrohung durch Dritte zu verhindern. Aufgrund der in ihrer Heimat erlittenen Traumatisierung sei die Gesundheit der Beschwerdeführerin angeschlagen und sie werde psychiatrisch-psy- chotherapeutisch behandelt. 6.5 Die Vorinstanz hielt in den beiden Vernehmlassungen vom 25. August 2003 an ihren Erwägungen fest. Die zusätzlichen Vorbrin- gen des Beschwerdeführers, welche er im Rahmen des Rechtsmittel- verfahrens geltend gemacht habe, seien anlässlich der beiden Anhörungen nicht erwähnt worden. Deshalb müsse ihm mangelhafte Glaubwürdigkeit vorgeworfen werden. Die eingereichten Dokumente seien sowohl formal als auch inhaltlich unauffällig und würden keinerlei Anhaltspunkte für die Annahme bieten, dass die Darstellung Seite 10D-7229/2006 D-7039/2006 des Beschwerdeführers zutreffe. Auch wenn es sich tatsächlich um fal- sche Anschuldigungen handeln sollte, entspreche die Massnahme der Strafverfolgungsbehörden dem legitimen Anspruch des Staates, ver- mutetes kriminelles Unrecht zu verfolgen und zu bestrafen. Dem Be- troffenen stehe es in einem solchen Fall frei, sich gegen falsche An- schuldigungen mit rechtsstaatlichen Mitteln zu wehren. Weiter litten in Serbien/Montenegro (heute: Republik Serbien) zahl- reiche Menschen an Kopfschmerzen, Nervosität und Müdigkeit. Ärztli- che Hilfe und notwendige Schmerz- und Beruhigungsmittel stünden in Serbien/Montenegro (heute: Republik Serbien) zur Verfügung. Allfällige suizidale Tendenzen der Beschwerdeführerin könnten ebenso in ihrem Heimatland medikamentös behandelt werden. Bei abgewiesenen Asyl- suchenden sei der neurotisch-manipulative Aspekt des angekündigten Selbstmordes nicht zu unterschätzen, zumal die bevorstehende Rück- kehr bei Betroffenen Gefühle der Überforderung und Perspektivlosig- keit hervorrufen könne. In dieser Situation geäusserte Selbstmordab- sichten vermöchten jedoch nach landes- und völkerrechtlichen Mass- stäben den bevorstehenden Wegweisungsvollzug nicht zu verhindern. Die gegenteilige Auffassung würde bedeuten, dass Asylsuchende in dieser Situation die faktische Möglichkeit hätten, durch Berufung auf eine tatsächliche oder vermeintliche Suizidgefahr nach Belieben ein zeitlich unbegrenztes Aufenthaltsrecht in der Schweiz zu erlangen, wo- durch die asyl- und ausländerrechtliche Gesetzgebung offensichtlich unterlaufen würde. Zudem wies die Vorinstanz auf den Umstand hin, dass den Roma im Februar 2003 der Status einer Minderheit zuge- sprochen worden sei. 6.6 In der Replik verwies die Beschwerdeführerin auf ihre starken Angst- gefühle und die Suizidgedanken, welche sich jeweils nach Berichter- stattungen über Roma im serbischen Fernsehen verstärkten. Aufgrund der allgemeinen Situation der Roma in Serbien/Montenegro (heute: Republik Serbien) und den gesundheitlichen Gründen sei die Wegwei- sung nicht zumutbar. Der Beschwerdeführer habe seine Inhaftierung in seinem Heimatland deshalb verschwiegen, weil er Repressalien der serbischen Behörden befürchtet habe. 7. 7.1 Im Beschwerdeverfahren nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz kön- Seite 11D-7229/2006 D-7039/2006 nen im Rahmen des Streitgegenstandes Noven geltend gemacht wer- den (R HINOW /KOLLER /KISS, Öffentliches Prozessrecht und Justizverfas- sungsrecht des Bundes, 1996, N 1050); es können bisher nicht gewür- digte, bekannte wie auch bis anhin nicht bekannte Sachverhaltsum- stände und neue Beweismittel vorgebracht werden (ANDRÉ M OSER /MICHAEL BEUSCH /LORENZ KNEUBÜHLER , Prozessieren vor dem Bun- desverwaltungsgericht, Basel 2008, Rz. 2.204). Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt wer- den müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist (ALFRED KÖLZ /ISABELLE HÄNER , a.a.O., Rz. 694). Die in diesen Fällen feh- lende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Be- schwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber nicht (vgl. EMARK 2004 Nr. 38 E. 7.1 S. 265; FRITZ GYGI, Bundes- verwaltungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern 1983, S. 233). 7.2 Das Wiedererwägungsgesuch vom 19. Januar 2001 wird vom Bun- desverwaltungsgericht somit als neues Parteivorbringen entgegenge- nommen, weshalb nicht spezifisch auf die darin gestellten Anträge ein- gegangen wird, zumal sie auch eine Wiederholung derjenigen in den Beschwerden darstellen. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass die Vorinstanz auf die Untersuchungshaft und die nachgereichten Urteile in der Vernehmlassung eingegangen ist und zu den entsprechenden Ausführungen den Beschwerdeführern das rechtliche Gehör gewährt hat. 7.3 Der Vorinstanz ist dahingehend zuzustimmen, dass nicht nachvoll- ziehbar ist, warum der Beschwerdeführer von der viermonatigen Haft erst auf Beschwerdeebene erzählte, obwohl ihm dies bereits bekannt war, als er um Asyl ersuchte. Seine Glaubwürdigkeit wurde dem- zufolge von der Vorinstanz zu Recht in Frage gestellt. Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Noven werden weiter dadurch untermauert, dass diese und die entsprechenden Gerichtsunterlagen von der Be- schwerdeführerin nicht unmittelbar nach der ersten Anhörung einge- bracht wurden – wie dies in Ziff. 4 der Replik vom 30. September 2003 behauptet wird – sondern erst anlässlich der Bundesanhörung (Akte B10 S. 2), also zirka ein Monat nach ihrer Ankunft in der Schweiz. Zudem sind dem Gerichtsdokument keinerlei Hinweise darauf zu entnehmen, dass die Strafuntersuchung gegen den Beschwerdeführer Seite 12D-7229/2006 D-7039/2006 nicht unter rechtsstaatlich legitimen Gesichtspunkten durchgeführt worden wäre. Diesbezüglich kann daher vollumfänglich auf die Ausführungen des Bundesamtes in seiner Vernehmlassung vom 25. August 2003 verwiesen werden. 8. 8.1 Gemäss dem im Jahre 2006 vollzogenen Wechsel von der Zure- chenbarkeits- zur Schutztheorie (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der ARK (EMARK) 2006 Nr. 18 S. 180 ff.) erfüllt die Flüchtlingseigen- schaft nicht, wer in seinem Heimatland Schutz vor nichtstaatlicher Ver- folgung finden kann. Die Inanspruchnahme eines solchen innerstaatli- chen Schutzsystems muss der betroffenen Person einerseits objektiv zugänglich sein (unabhängig, beispielsweise, vom Geschlecht oder von der Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen Minderheit); andererseits muss sie für die schutzbedürftige Person auch individuell zumutbar sein, was beispielsweise dann zu verneinen ist, wenn die betreffende Person sich mit einer Strafanzeige der konkreten Gefahr weiterer (oder anderer) Verfolgungsmassnahmen aussetzen würde. 8.2 Für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist auf die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides abzustützen. Dabei ist einerseits die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise aktuell vorhandenen Furcht zu stellen und andererseits kumulativ zu prüfen, ob die Furcht vor einer absehbaren Verfolgung noch begründet ist, beziehungsweise ob die Beschwerdeführer im Heimatstaat im heutigen Zeitpunkt effizienten Schutz vor nicht staatlicher Verfolgung finden könnten, respektive ob es ihnen individuell zumutbar wäre, ein solches innerstaatliches Schutzsystem in Anspruch zu nehmen. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind demzufolge zugunsten und zulasten der Beschwerdeführer zu berück- sichtigen (vgl. EMARK 2000 Nr. 2 und EMARK 1994 Nr. 24). 8.3 Nach der Eskalation von ethnisch motivierten Übergriffen gegen Minderheiten in der Vojvodina in den Jahren 2003 und 2004 interve- nierten verschiedene internationale Organisationen, wie die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), der Europarat und das Europäische Parlament. Letzteres verabschiedete zwei Resolutionen, mit welchen von den serbischen Behörden ein kon- sequentes und rasches Vorgehen zur Verhinderung weiterer ethnisch motivierter Überfälle gegenüber Minderheiten verlangt wurde. Weiter wurde im Jahre 2005 ein 10-Punkte-Plan zwischen den serbischen Be- hörden und denjenigen der Vojvodina verabschiedet, welcher die Seite 13D-7229/2006 D-7039/2006 Verbesserung der ethnischen Beziehungen zum Ziel hat (US Depart- ment of State, Country Reports on Human Rights Practices 2006, Ser- bia, section 5, Center for the Development of Civil Society, Ethnic Inci- dents in Vojvodina, October 2005, S. 1 f. und 14; Freedom House, Na- tions in Transit 2006 Serbia and Montenegro, Serbia section, S. 15; European Centre For Minority Issues, Ethnic Violence in Vojvodina: Glitch or Harbinger of Conflicts to Come?, ECMI Working Paper No. 27, April 2006, S. 24). Im Hinblick auf die spezifische Problematik der Roma ist die serbische Regierung im Jahre 2005 der "Decade of Roma Inclusion" beigetreten, einer internationalen Initiative, welche sowohl Regierungen, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen als auch die Roma-Zivilbevölkerung zusammenbringt, um die Entwick- lung im Zusammenhang mit der Verbesserung des Wohlergehens der Roma zu fördern. Diese Initiative konzentriert sich schwergewichtig auf die Bereiche Ausbildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnen und ver- pflichtet die Staaten, andere Kernaspekte der Armut, Diskriminierung und Geschlechtergleichstellung zu berücksichtigen (http://www.romadecade.org/ index.php?content=70 ). Auch bestehen Bemühungen, gegen diskriminierendes Verhalten gegenüber Roma vorzugehen. So haben beispielsweise das serbische Innenministerium, das Komitee für Sicherheit des Parlaments der Provinz Vojvodina und der Rat für Integration der Roma in der Vojvodina in Zusammenarbeit mit der OSZE diesbezüglich konkrete Bemühungen unternommen; un- ter anderem wurde angestrebt, Roma als Polizeiangestellte anzustel- len und den Dialog zwischen Polizei und Romagemeinschaften zu för- dern (vgl. OSCE Mission to Serbia, OSCE Mission organizes meeting to encourage dialogue between police and Roma communities in Vojvodina, press release, Belgrad 8. Dezember 2006). Wohl ist die Zahl der registrierten Übergriffe auf Minderheiten gegenüber den Jah- ren 2003 und 2004 zurückgegangen, doch muss bei diesen Angaben in Betracht gezogen werden, dass die Roma im Gegensatz zur ungari- schen Minderheit in Serbien, welche starke und aktive Unterstützung erhält, nicht über ein grosses Ressourcennetz verfügen, welches ihre Diskriminierung und ihre Übergriffe ausreichend dokumentieren und die Behörden anhalten kann, dagegen vorzugehen. Auch ist anzuneh- men, dass Roma Übergriffe und Gewalttaten weniger bei den Behör- den melden als andere Minderheiten, weshalb die diesbezügliche Dunkelziffer hoch ist. Auch wenn die Polizei in der Vojvodina dazu an- gehalten wird, bezüglich ethnisch motivierter Übergriffe sensibilisierter und aktiver zu sein, kann nicht negiert werden, dass immer wieder Fäl- le vorkommen, in denen sie nicht, zu spät, oder selbst mit Übergriffen handelt (vgl. Human Rights Watch, Dangerous Indifference, Violence Seite 14D-7229/2006 D-7039/2006 against Minorities in Serbia, October 2005, S. 43; Helsinki Committee for Human Rights in Serbia, Human Security in an unfinished State, Serbia 2005, Belgrad 2006, S. 334; Radio B92, Roma youths say they were mistreated by police in Serbia's Vojvodina, 1. August 2006). Den- noch existiert der Willen die Minoritäten und vor allem die Roma ver- mehrt in die Polizeiaufgaben einzubinden. Zudem untersucht grund- sätzlich die Polizei Übergriffe gegen die Minoritäten und vor allem ge- gen Roma (Center for Development of Civil society, Ethnic incidents in Vojvodina, 10.2006, S. 14). Weiter haben die serbischen Behörden er- kannt, dass diese Probleme lediglich mit einem funktionierenden Poli- zei- und Justizsystem angegangen werden können. Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Republik Serbien sich gegenüber den ethnischen Minderheiten schutzwillig zeigt. Obwohl die Situation der Roma zur Zeit noch nicht optimal ist, versuchen die serbischen Behör- den diese zu verbessern und die Roma vor Übergriffen besser zu schützen. Demzufolge ist die alleinige Zugehörigkeit zur Ethnie der Roma im aktuellen Zeitpunkt nicht zum Nachweis geeignet, einer zu- künftigen Verfolgung in der Republik Serbien ausgesetzt zu sein (vgl. zum Ganzen das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-4837/2006 vom 3. September 2007, E. 3.5.4 – 3.5.7). 8.4 Somit ist entgegen der in der Beschwerde und Replik dargelegten Auffassung im heutigen Zeitpunkt grundsätzlich nicht davon auszuge- hen, dass die Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die Republik Serbien auf dem gesamten Staatsgebiet einer gezielten Verfolgung ausgesetzt wären. Weiter sind die verschiedenen Vorbringen der Be- schwerdeführer, man habe sie als Zigeuner beschimpft beziehungs- weise geschlagen und Unbekannte hätten Geld von ihnen verlangt, als Übergriffe von Seiten Dritter auf Angehörige der Roma in der Republik Serbien zu qualifizieren. Gemäss den vorangehenden Ausführungen billigt der Staat Serbien weder diese Übergriffe noch unterstützt er sie, sondern zeigt sich diesbezüglich grundsätzlich schutzwillig und schutzfähig. Es ist denkbar, dass die Behörden niederer Chargen trotz wiederholten Intervenierens auf Anzeigen hin nicht unmittelbar die not- wendigen Untersuchungsmassnahmen einleiten. Diesfalls können sich die Beschwerdeführer jedoch an eine höhere Instanz wenden, um – nötigenfalls auf dem Rechtsweg – zu ihrem Recht zu gelangen. Daraus folgt, dass die Beschwerdeführer zumindest im heutigen Zeitpunkt Schutz vor nicht staatlicher Verfolgung finden können beziehungsweise es ihnen zumutbar ist, ein solches innerstaatliches Schutzsystem in An spruch zu nehmen. Die von den Beschwerdeführern geltend ge- Seite 15D-7229/2006 D-7039/2006 machte befürchtete Verfolgung in der Republik Serbien ist daher nicht begründet, weshalb die Flüchtlingseigenschaft zu verneinen ist. 9. 9.1 Ausnahmsweise ist eine erlittene Vorverfolgung nach Wegfall einer zukünftigen Verfolgungsgefahr als asylrechtlich relevant zu beurteilen, wenn eine Rückkehr in den früheren Verfolgungsstaat aus zwin- genden, auf diese Verfolgung zurückgehenden Gründen nicht zumut- bar ist (Art. 1 C Ziff. 5 Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Auf "zwingende Gründe" kann sich dabei nur berufen, wer im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat sämtliche Voraussetzungen zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft erfüllte, nicht dagegen, wer den ehemaligen Verfolgerstaat erst in einem Zeitpunkt verlassen hat, als die Verfolgungsgefahr bereits weggefallen war (vgl. EMARK 2001 Nr. 3 E. 5c S. 13, EMARK 2000 Nr. 2 E. 8b S. 20 f., EMARK 1999 Nr. 7 E. 4b S. 46 f.). 9.2 Gemäss herrschender Rechtssprechung erscheinen Gründe dann als zwingend (bzw. "raison impérieuses" oder "compelling reasons"; zur genauen Übersetzung dieses Begriffs in der in die Systematische Sammlung des Bundesrechts aufgenommenen deutschsprachige Ver- sion – nämlich "triftige Gründe" – vgl. EMARK 1995 Nr. 16 E. 6c S. 166), wenn ein Flüchtling vor seiner Flucht so schlecht behandelt – insbesondere gefoltert – worden ist, dass sich dies als ein Langzeit- trauma ausgewirkt hat. Er muss demnach besonders leidvollen und in- tensiven Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen sein (vgl. EMARK 2000 Nr. 21 E. 6b S. 199, 1995 Nr. 16 E. 6d S. 166 ff., u.a.). Bestehende psychische Blockaden im oben genannten Sinne können somit unter Umständen auch dann als "zwingende Gründe" anerkannt werden, wenn dieser Staat nunmehr demokratisch geführt wird und le- diglich eine Kontaktaufnahme mit seiner Botschaft notwendig wäre (vgl. EMARK 1995 Nr. 16 E. 6 f. S. 170 ). Die psychologische Unmög- lichkeit bezieht sich mithin nicht auf den "Ort des Schreckens", son- dern auf den Staat, der diese "Schrecken" im früheren Zeitpunkt ver- übt hat (vgl. EMARK 2001 Nr. 3 E. 5c S. 13). 9.3 Unabhängig davon, ob die Beschwerdeführer im Zeitpunkt ihrer Aus- reise aus der heutigen Republik Serbien die Flüchtlingseigenschaft er- füllt hätten, bestehen bei ihnen keine zwingenden Gründe im oben er- Seite 16D-7229/2006 D-7039/2006 wähnten Sinne. Die Beschwerdeführer seien zwar unter anderem ge- schlagen beziehungsweise betastet und ihre Kinder beschimpft sowie mit Steinen beworfen worden (B1/4 und 5, B10/3). Allerdings machte in diesem Zusammenhang kein Familienmitglied psychische Probleme im Sinne eines Langzeittraumas geltend. Ebensowenig sind den Akten Hinweise zu entnehmen, welche auf eine direkt mit der Flucht zusam- menhängende Traumatisierung hindeuten würde. An dieser Schlussfol- gerung ändert die diagnostizierte posttraumatische Belastungsstörung der Beschwerdeführerin nichts, auch wenn bei ihr Ängste und Unsi- cherheiten betreffend ihrer Zukunft bestehen (vgl. aktuellster Arztbe- richt vom 8. April 2008). Dem Arztzeugnis ist nämlich nicht abschlies- send zu entnehmen, auf welche Gründe sich die posttraumatische Be- lastungsstörung stützt. Zudem bleibt unklar, in welchem Umfang und mit welcher Regelmässigkeit die Therapiegespräche durchgeführt wor- den sind. Insgesamt kann vorliegend aufgrund der von den Beschwer- deführern geltend gemachten Verfolgungshandlungen nicht auf eine psychologische Unmöglichkeit jeglicher Kontaktaufnahme mit dem ser- bischen Staat oder dessen Auslandvertretung geschlossen werden. Somit sind keine zwingenden Gründe im Sinne von Art. 1C Ziff. 5 Abs. 2 FK zu erkennen. 10. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen erübrigt es sich, auf die wei- teren Ausführungen zum Asylpunkt in den Beschwerden einzugehen, weil sie am Ergebnis nichts ändern können. Zusammenfassend folgt, dass die Beschwerdeführer keine Gründe nach Art. 3 AsylG nachwei- sen oder glaubhaft machen konnten. Die Vorinstanz hat ihre Asylgesu- che demnach zu Recht angelehnt. 11. 11.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Ist der Vollzug der Wegwei- sung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt die Vorinstanz gemäss Art. 83 AuG das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Auslän- dern. 11.2 Der Vollzug ist nicht möglich, wenn der Ausländer weder in den Herkunfts- oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat verbracht werden kann. Er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtun- Seite 17D-7229/2006 D-7039/2006 gen der Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in seinen Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen. Der Vollzug kann ins- besondere nicht zumutbar sein, wenn er für den Ausländer eine konk- rete Gefährdung darstellt (Art. 83 AuG). 11.3 Diese Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Weg- weisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind alterna- tiver Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Weg- weisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesen- heit in der Schweiz ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. die diesbezüglich in EMARK 2001 Nr. 1 E. 6a S. 2 publizierte Praxis). Gegen eine allfällige Aufhebung der vorläufigen Aufnahme steht dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht offen (vgl. Art. 105 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 44 Abs. 2 AsylG). In diesem Verfahren wäre dann der Wegweisungsvollzug vor dem Hintergrund sämtlicher Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach Massgabe der in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse (vgl. EMARK 1997 Nr. 27) zu prüfen. 11.4 Aus humanitären Gründen, nicht in Erfüllung völkerrechtlicher Pflichten der Schweiz, wird auf den Vollzug der Wegweisung verzich- tet, wenn die Rückkehr in den Heimatstaat für die Betroffenen eine konkrete Gefährdung darstellt. Eine solche Gefährdung kann ange- sichts der im Heimatland herrschenden allgemeinen politischen Lage, die sich durch Krieg, Bürgerkrieg oder durch eine Situation allgemei- ner Gewalt kennzeichnet, oder aufgrund anderer Gefahrenmomente, wie beispielsweise einer notwendigen medizinischen Behandlung, an- genommen werden. Der Begriff der konkreten Gefährdung gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG ist eng auszulegen und bezieht sich vorab auf einen schwerwiegenden Eingriff in die körperliche Integrität des Ausländers. Insbesondere findet er auf Personen Anwendung, die nach ihrer Rückkehr einer konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil sie absolut notwendige medizinische Versorgung nicht erhalten können oder – aus objektiver Sicht – wegen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich in völlige Armut gestossen würden, dem Hunger und somit einer ernsthaften Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, der Invalidität oder sogar dem Tod ausgeliefert wären. Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer Seite 18D-7229/2006 D-7039/2006 völkerrechtskonformen Auslegung des Art. 83 Abs. 4 AuG im Licht von Art. 3 Abs. 1 KRK. Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind demnach sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen (vgl. EMARK 1998 Nr. 13 E. 5e.aa, EMARK 2005 Nr. 6 E. 6 ff.). 11.5 In Bezug auf das Kindeswohl können namentlich folgende Krite- rien im Rahmen einer gesamtheitlichen Beurteilung von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen (insbe- sondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Progno- se bezüglich Entwicklung/Ausbildung, Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade letzterer Aspekt, die Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hinblick auf die Prü- fung der Chancen und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem einmal vertrauten Umfeld wieder herausgeris- sen werden sollten. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige soziale Einbettung. Eine starke Assimilierung in der Schweiz kann mithin eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben, welche unter Um- ständen die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. EMARK 1998 Nr. 31 E. 8c.ff.ccc, EMARK 2005 Nr. 6 E. 6.2). 12. 12.1 Der Beschwerdeführer gelangte im Oktober 2000, die Beschwer- deführerin mit ihren beiden Kindern I._______, die damals gut neun Jahre alt und I._______, der damals sechsjährig war, im Dezember 2000 in die Schweiz. Den Akten ist zu entnehmen, dass die Tochter im April 2008 vor dem Abschluss der Realschule stand und der Sohn die sechste Klasse der Realschule besuchte. Die beiden Kinder haben einen grossen Teil ihrer Kindheit und den prägenden Beginn der Adoleszenz – mithin über 8 Jahre – in der Schweiz verbracht. Sie dürften in erheblichem Masse durch das hiesige kulturelle und soziale Umfeld geprägt worden beziehungsweise an die schweizerische Lebensweise assimiliert sein. Die Tochter steht vor dem Eintritt in das Berufsleben oder in die berufliche Ausbildung oder hat diesen Schritt bereits vollzogen. In ihrem Heimatland würde sie kaum über jene Gepflogenheiten und namentlich über die schriftlichen Kenntnisse (Ausdrucksweise) ihrer Muttersprache verfügen, welche für einen er- folgreichen Ausbildungsstart beziehungsweise Berufsstart vorauszu- Seite 19D-7229/2006 D-7039/2006 setzen wären. Für I._______ gilt sinngemäss das Gleiche bezüglich der Eingliederung ins Schulsystem in der Heimat. Zudem würden die gesundheitlichen Probleme der Mutter die Reintegration der Familie im Heimatland erschweren. Die Kinder, namentlich der 15½-jährige I._______ könnte in der Republik Serbien nicht oder nur beschränkt auf die Unterstützung der Mutter zählen. Der behandelnde Arzt diagnostizierte bei der Beschwerdeführerin eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) unter Zunahme von Angst und Depression aktualbedingt (ICD-10: F43.22). Die Beschwerdeführerin leide an Ängsten, Flashbacks, Nervosität, nächtlicher Schlaflosigkeit, Alpträumen und damit verbundener Tagesmüdigkeit. Sie klage über Kopfschmerzen und habe eine depressiv-bedrückte Stimmung (vgl. ärztliches Zeugnis von Dr. med. G._______ vom 8. April 2008). Werden alle aufgezählten Aspekte berücksichtigt, wäre bei einer Rückkehr in die Republik Serbien eine erfolgreiche Reintegration und damit das Kindswohl gefährdet. Daneben würde die Beschwerdeführerin im Heimatstaat nicht ohne weiteres unentgeltliche medizinische Behandlung erhalten, worauf sie jedoch angewiesen wäre. Die Familie bezieht in der Schweiz Sozialhil- fe und verfügt über keinerlei eigene finanziellen Mittel. Grundsätzlich kommen zwar Personen mit einem hohen Gesundheitsrisiko in der Re- publik Serbien in den Genuss einer Krankenversicherung, auch wenn sie die Bedingungen für den Eintritt in die Versicherung nicht erfüllen würden (vgl. Gutachten der SFH-Länderanalyse vom 20. Januar 2008, Be handlung einer Nierenerkrankung in Serbien). Trotzdem bleibt das Risiko bestehen, dass Zurückkehrende ohne geregelten Aufenthalts- status beziehungsweise ohne die nötigen Ausweispapiere keine kos- tenlose medizinische Versorgung erhalten, wenn sie keine berufliche Anstellung haben und nicht regulär angemeldet sind. Bereits im Allge- meinen ist der Zugang zur Gesundheitsvorsorge für Roma, Flüchtlin- ge, intern Vertriebene oder Zurückkehrende in die Republik Serbien problematisch, auch wenn diese Bevölkerungsgruppe rechtlich nicht diskriminiert wird (vgl. Auszüge des Country-Sheet Serbien vom August 2007, the Country of Return Project funded by the European Community). Überdies ist zu berücksichtigen, dass in der Republik Serbien jeder Dritte arbeitslos ist und der durchschnittliche Monatslohn lediglich 220 Euro beträgt. Die Roma sowie Flüchtlinge und Vertriebene zählen zu den am stärksten von ökonomischen und sozialen Problemen be- troffenen Bevölkerungsgruppen. Der Anteil der in Armut lebenden Seite 20D-7229/2006 D-7039/2006 Roma ist vier bis fünf Mal höher als der Landesdurchschnitt. Diese Ge- gebenheiten würde die Reintegration der Familie im Heimatland zu- sätzlich erschweren. Bei dieser Sachlage besteht für die Kinder – namentlich I._______ – die konkrete Gefahr, dass die mit einem Vollzug der Wegweisung verbundene Entwurzelung aus dem gewachsenen sozialen Umfeld in der Schweiz einerseits und die sich gleichzeitig abzeichnende Proble- matik einer Integration in die ihr weitgehend fremde Kultur und Umge- bung im Heimatland andererseits verbunden mit der angeschlagenen Gesundheit der Mutter und der desolaten wirtschaftlichen Situation der Republik Serbien zu starken Belastungen in ihrer Entwicklung führen würden, die mit dem Schutzanliegen des Kindeswohls nicht zu verein- baren wären. Daran ändert die Tatsache nichts, dass die Beschwerde- führerin drei Geschwister in der Republik Serbien hat (Akte B1, S. 2). 12.2 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet deshalb den Wegwei- sungsvollzug der Beschwerdeführer und ihrer Kinder unter Berücksich- tigung der erwähnten Gesichtspunkte zum heutigen Zeitpunkt insge- samt als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG. Aus den Akten ergeben sich im Übrigen keine Hinweise auf allfällige Ausschlussgrün- de gemäss Art. 83 Abs. 7 AuG. Damit erübrigt es sich, auf die weiteren Vorbringen und den Beweisantrag in den Eingaben der Beschwerde- führer bezüglich des Wegweisungsvollzuges einzugehen. 13. Einzig der Vollständigkeit halber bleibt anzufügen, dass die zweite Vernehm lassung des BFM vom 22. November 2006 zur Frage des Vorliegens einer schwerwiegenden persönlichen Notlage den Beschwerdeführern bis anhin noch nicht zur Kenntnis gebracht wurde. Angesichts des Obsiegens der Beschwerdeführer hinsichtlich der Fra- ge des Vollzuges der Wegweisung (vgl. unten stehende Erwägung 15 und 16) erübrigt sich diesbezüglich die Gewährung des rechtlichen Ge hörs (vgl. Art. 30 Abs. 2 Bst. c VwVG), zumal hinzukommt, dass die entsprechende Bestimmung von Art. 44 Abs. 3 aAsylG per 31. Dezem - ber 2006 aufgehoben wurde (vgl. neu Art. 14 Abs. 2-6 AsylG). Den Be- schwerdeführern ist allerdings zusammen mit dem vorliegenden Urteil eine Kopie der Vernehmlassung vom 22. November 2006 zur Kenntnis- nahme zuzustellen. 14. Nach den obenstehenden Erwägungen sind die Beschwerden teilwei- Seite 21D-7229/2006 D-7039/2006 se gutzuheissen. Die Ziffern 4 und 5 der vorinstanzlichen Verfügung vom 19. Dezember 2000 und vom 7. Mai 2002 sind aufzuheben. Das BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführer in der Schweiz wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges vorläufig aufzunehmen (vgl. Art. 44 Abs. 2 AsylG und Art. 83 Abs. 1 und 4 AuG). 15. 15.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären angesichts des hälftigen Obsiegens die reduzierten Kosten den Beschwerdeführern aufzuerle- gen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Da aufgrund der Akten davon auszugehen ist, dass sie fürsorgeabhängig sind und die beiden Be- schwerden sich nicht als zum Vornherein aussichtslos darstellten, wer- den in Gutheissung der Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG (vgl. Sachverhalt Bstn. G und J) keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 15.2 Mit Zwischenverfügung vom 6. Februar 2001 wurde das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG abgewiesen (Bst. G). Das entsprechende Gesuch der Beschwerdefüh- rerin wurde mit Zwischenverfügung vom 21. Juni 2002 auf einen späte- ren Zeitpunkt verschoben (Bst. J). In beiden Verfahren, welche verei- nigt wurden (E. 2), war derselbe Advokat Rechtsvertreter. Das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG ist mithin auch in Bezug auf das Gesuch ihres Ehemannes abzuweisen, da auch ihr Verfahren weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht besonders komplex war. 15.3 15.3.1Den rechtlich vertretenen Beschwerdeführern ist wegen ihres teilweisen Obsiegens eine Parteientschädigung für die ihnen notwen- digerweise erwachsenen Kosten (inkl. Vertretungskosten) zuzuspre- chen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG i.V.m. Art. 7 Abs. 1, Art. 8 u. 9 VGKE), welche praxisgemäss um die Hälfte herabzusetzen ist. 15.3.2Nach Prüfung der Kostennote vom 22. Oktober 2008, mit wel- cher insgesamt Aufwendungen von Fr. 7'062.45 geltend gemacht wer- den, gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass der Stundenansatz von Fr. 250.-- angemessen erscheint, nicht jedoch der geltend gemachte zeitliche Aufwand von 25,7 Stunden. In diesem Auf- Seite 22D-7229/2006 D-7039/2006 wandsposten sind einerseits Tätigkeiten enthalten, die nicht für das vorliegende Beschwerdeverfahren erbracht wurden, sondern mit ver- schiedenen Strafverfahren in Zusammenhang stehen, andererseits entspricht die Rechtsmitteleingabe vom 11. Juni 2002 grösstenteils der Beschwerde vom 18. Januar 2001, weshalb die diesbezüglichen Auf- wendungen nicht zweimal entschädigt werden können. Das Bundes- verwaltungsgericht erachtet im Vergleich zu ähnlich gelagerten Fall- konstellationen im vorliegenden Verfahren einen zeitlichen Vertre- tungsaufwand von 20 Stunden als angemessen (Art. 3 Bst. b VGKE, Art. 7 Abs. 1 VGKE, Art. 8 VGKE, Art. 10 Abs. 1 VGKE). Unter Berücksichtigung der als angemessen zu bezeichnenden Auslagen von Fr. 138.60 belaufen sich die Vertretungskosten demnach auf Fr. 5'529.15 (inkl. Mehrwertsteuer). Die reduzierte Parteientschädigung ist folglich auf Fr. 2'764.55 festzusetzen. 15.4 Gemäss Verfügung der ARK vom 11. September 2003 (vgl. Sach- verhalt Bst. N) ist den Beschwerdeführern aufgrund der damals erneut gewährten Akteneinsicht pro Kopie Fr. -.50 zu verrechnen. Insgesamt wurden 38 Seiten kopiert, was einen Betrag von Fr. 19.-- ausmacht. Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerden vom 18. Januar 2001 und 11. Juni 2002 werden teil- weise gutgeheissen. Die Ziffern 4 und 5 der vorinstanzlichen Verfü- gungen vom 19. Dezem ber 2000 und vom 7. Mai 2002 werden aufgehoben. Das BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführer und ihre gemeinsamen Kinder vorläufig aufzunehmen. Im Übrigen werden die Beschwerden abgewiesen. 2. In Gutheissung der beiden Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG werden keine Verfahrenskosten er- hoben. 3. Das Gesuch vom 11. Juni 2002 um unentgeltliche Rechtsverbeistän- dung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wird abgewiesen. Seite 23D-7229/2006 D-7039/2006 4. Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführern für die beiden Verfahren eine reduzierte Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2'764.55 auszurichten. 5. Die Beschwerdeführer haben Fr. 19.-- für die ihnen zugestellten Kopien der Verfahrensakten zu Gunsten der Gerichtskasse zu be- zahlen. 6. Dieses Urteil geht an: - den Rechtsvertreter der Beschwerdeführer (Einschreiben; Beilagen: Einzahlungsschein für die Kopiekosten von Fr. 19.--, Kopie der Ver- nehmlassung vom 22. November 2006) - das BFM, Abteilung Aufenthalt und Rückkehrförderung, mit den Ak- ten Ref.-Nr. N (...) (per Kurier; in Kopie mit Hinweis auf Ziffern 3 und 6 des Dispositivs sowie E. 7.2) - (...) ad (...) (in Kopie) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Daniel Schmid Milva Franceschi Versand: Seite 24