<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">69</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span cla=""><span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>7</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 15 UVG, Art. 23 Abs. 7 UVV</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Eine für die Taggeldbemessung relevante Lohnerhöhung nach Art. 23</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Abs. 7 UVV muss im Zeitpunkt des Unfalls mit überwiegender Wahr-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>scheinlichkeit ausgewiesen sein. Diese Voraussetzung ist zu verneinen,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>wenn sich die Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit (Betrieb eines Tier-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>hotels) im Unfallzeitpunkt erst in den Abklärungs- und Vorbereitungs-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>handlungen befindet.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 2. Kammer, vom 4. Mai</span><br/> <span class="ft4">2016, i.S. P.U.. gegen IV-Stelle Kt. Aargau (VBE.2015.696; bestätigt durch</span><br/> <span class="ft4">Urteil des Bundesgerichts 8C_400/2016 vom 9. August 2016)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 15 Abs. 1 UVG werden Renten und Taggelder</span><br/> <span class="ft1">nach dem versicherten Verdienst bemessen. In zeitlicher Hinsicht</span><br/> <span class="ft1">legt Art. 15 Abs. 2 UVG fest, dass sich der versicherte Verdienst für</span><br/> <span class="ft1">die Bemessung der Taggelder anders bestimmt als jener für die Ren-</span><br/> <span class="ft1">ten. Grundlage der Berechnung des versicherten Verdienstes für die</span><br/></span></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">70</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Taggeldbemessung ist gemäss Art. 15 Abs. 2 Halbsatz 1 UVG der</span><br/> <span class="ft1">letzte vor dem Unfall bezogene Lohn. Damit orientiert sich die Tag-</span><br/> <span class="ft1">geldbemessung unmittelbar an jenem Einkommen, welches der</span><br/> <span class="ft1">verunfallten Person durch den Eintritt des versicherten Risikos</span><br/> <span class="ft1">entgeht (BGE 135 V 287 E. 4.3 S. 291). In der Regel soll damit der</span><br/> <span class="ft1">Umstand, wie viel die versicherte Person künftig ohne Unfall ver-</span><br/> <span class="ft1">dient hätte, unberücksichtigt bleiben (RKUV 1997 S. 181, U 12/95</span><br/> <span class="ft1">E. 3b/aa). (...)</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Art. 15 Abs. 3 UVG räumt dem Bundesrat die Befugnis ein,</span><br/> <span class="ft1">Bestimmungen über den versicherten Verdienst im Allgemeinen so-</span><br/> <span class="ft1">wie in Sonderfällen zu erlassen, wovon dieser mit Art. 22 - 25 der</span><br/> <span class="ft1">Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) Gebrauch gemacht</span><br/> <span class="ft1">hat. Gemäss Art. 23 Abs. 7 UVV wird - bei der Taggeldbemessung -</span><br/> <span class="ft1">der massgebende Lohn für die Zukunft neu bestimmt, sofern die</span><br/> <span class="ft1">Heilbehandlung wenigstens drei Monate gedauert hat und der Lohn</span><br/> <span class="ft1">der versicherten Person in dieser Zeit um mindestens 10 Prozent er-</span><br/> <span class="ft1">höht worden wäre. (...) Es ist im Rahmen der Mitwirkungspflicht</span><br/> <span class="ft1">Sache der versicherten Person, mit dem im Sozialversicherungsrecht</span><br/> <span class="ft1">üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit darzu-</span><br/> <span class="ft1">tun, dass eine solche Erhöhung erfolgt wäre, wenn kein Unfall einge-</span><br/> <span class="ft1">treten wäre (R</span><span class="ft4">UMO</span><span class="ft1">/J</span><span class="ft4">UNGO</span><span class="ft1">/H</span><span class="ft4">OLZER</span><span class="ft1">, Schweizerisches Unfallver-</span><br/> <span class="ft1">sicherungsrecht, 4. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2012, S. 116 zu Art. 15</span><br/> <span class="ft1">UVG bzw. Art. 23 Abs. 7 UVV). Zur Vermeidung des Missbrauchs</span><br/> <span class="ft1">ist daher ebenfalls entscheidend, dass die im Rahmen von Art. 23</span><br/> <span class="ft1">Abs. 7 UVV beachtliche Änderung des Arbeits- bzw. Lohnpensums</span><br/> <span class="ft1">schon vor dem Unfall konkret voraussehbar gewesen sein muss.</span><br/> <span class="ft1">Weder der blosse Wunsch nach einer Ausdehnung der Arbeitszeit</span><br/> <span class="ft1">bzw. Lohnänderung noch dahingehende einseitige Absichtser-</span><br/> <span class="ft1">klärungen der versicherten Person vermögen hiefür zu genügen.</span><br/> <span class="ft1">Erforderlich ist daher, dass die Änderung bereits vor dem Unfall</span><br/> <span class="ft1">arbeitsvertraglich vereinbart worden war oder dass sie sich sonst wie</span><br/> <span class="ft1">zuverlässig erkennen liess (Urteil des Bundesgerichts U 23/03 vom</span><br/> <span class="ft1">9. Mai 2003 E. 3.1).</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">71</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Für den Fall des Beschwerdeführers gilt es somit zu prüfen, ob</span><br/> <span class="ft1">er seine Arbeitstätigkeit, welche er im Zeitpunkt des Unfalles inne-</span><br/> <span class="ft1">hatte, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch ohne Unfall zu</span><br/> <span class="ft1">Gunsten des Baus bzw. Führens eines Hundehotels aufgegeben hätte,</span><br/> <span class="ft1">bei welcher er einen Bruttomonatslohn in der Höhe von Fr. 6'800.00</span><br/> <span class="ft1">bezogen hätte. Dabei ist entscheidend, dass konkrete Vorbereitungs-</span><br/> <span class="ft1">handlungen - auch hinsichtlich des Lohnes - vor dem Zeitpunkt des</span><br/> <span class="ft1">Unfalls vorgenommen wurden.</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Aus den hierzu relevanten Akten erschliesst sich durchaus, dass</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer bereits vor dem Zeitpunkt des Unfalls diverse</span><br/> <span class="ft1">Abklärungs- und Vorbereitungshandlungen für die Realisierung sei-</span><br/> <span class="ft1">nes Projektes "Tierhotel" in die Wege geleitet hatte. Entscheidend ist</span><br/> <span class="ft1">jedoch, dass die für Art. 23 Abs. 7 UVV relevante Lohnerhöhung be-</span><br/> <span class="ft1">reits im Zeitpunkt des Unfalls mit überwiegender Wahrscheinlichkeit</span><br/> <span class="ft1">bekannt bzw. konkret festgelegt gewesen sein muss. Dies ist vorlie-</span><br/> <span class="ft1">gend klar zu verneinen. Welchen Lohn sich der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">bei der Eröffnung des Tierhotels selber auszahlen würde, war im</span><br/> <span class="ft1">Zeitpunkt des Unfalles nicht mit der von der Rechtsprechung gefor-</span><br/> <span class="ft1">derten Konkretheit bekannt, da dieser von diversen Faktoren ab-</span><br/> <span class="ft1">hängig war, welche für die Bemessung des Taggeldes nicht von Rele-</span><br/> <span class="ft1">vanz sein können. So verfügte der Beschwerdeführer zu diesem Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt über kein geeignetes Grundstück, was zur Bestimmung der er-</span><br/> <span class="ft1">warteten Einnahmen jedoch unerlässlich gewesen wäre. Konkrete</span><br/> <span class="ft1">Kostenpläne bestanden ausweislich der Akten zudem auch nicht. Der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer hatte zu diesem Zeitpunkt einzig Kontakt mit der</span><br/> <span class="ft1">städtischen Planung und Bauleitung aufgenommen, welche ihm im</span><br/> <span class="ft1">Übrigen mitteilte, dass sein geplantes Budget nicht ausreichen werde.</span><br/> <span class="ft1">Zum Zeitpunkt des Unfalls bestanden diverse unsichere Faktoren,</span><br/> <span class="ft1">weshalb damit das Stadium einer reinen "Absichtserklärung" aus ob-</span><br/> <span class="ft1">jektiver Sicht noch nicht als überschritten zu qualifizieren ist - selbst</span><br/> <span class="ft1">wenn aus der Sicht des Beschwerdeführers bereits feste und konkrete</span><br/> <span class="ft1">Absichten zur Realisierung des Projektes selber bestanden.</span><br/> <span class="ft1">Entscheidend ist zudem weiter, dass der Beschwerdeführer vor</span><br/> <span class="ft1">dem Unfall noch keine Schritte zur konkreten Lohngestaltung oder</span><br/> <span class="ft1">Lohnberechnung eingeleitet hatte, welche - zumindest - mittels pro-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">72</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">visorischer Erfolgsrechnung zu bestimmen gewesen wäre. Eine sol-</span><br/> <span class="ft1">che Grundlage ist weder den relevanten Akten vor dem Unfallzeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt zu entnehmen, noch dem mit Schreiben vom Dezember 2014</span><br/> <span class="ft1">angegebenen Lohn von Fr. 6'800.00 beigelegt, weshalb insbesondere</span><br/> <span class="ft1">auch dieser Lohn nicht nachvollzogen werden kann und ungenügend</span><br/> <span class="ft1">bestimmbar ist. Eine zuverlässige und konkrete Voraussehbarkeit der</span><br/> <span class="ft1">effektiven Lohnhöhe im Zeitpunkt der Eröffnung des Tierheimes be-</span><br/> <span class="ft1">steht damit nicht. Es erscheint zudem fraglich, ob bei Aufnahme</span><br/> <span class="ft1">einer selbständigen Erwerbstätigkeit während einer Behandlung tat-</span><br/> <span class="ft1">sächlich auf den von der versicherten Person angegebenen Lohn</span><br/> <span class="ft1">abzustellen ist, zumal diese den Lohn selber bestimmen kann und</span><br/> <span class="ft1">keine Kontrollfunktion diesbezüglich vorliegt. (...)</span><br/></div> </div> </body> </html>