B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-1189/2019 U r t e i l v o m 4 . D e z e m b e r 2 0 1 9 Besetzung Richter Andreas Trommer (Vorsitz), Richterin Sylvie Cossy, Richter Blaise Vuille, Gerichtsschreiber Julius Longauer. Parteien 1. A._______, geb. (…) 1975, Ehefrau 2. B._______, geb. (…) 1988, und Kinder 3. C._______, geb. (…) 2008, 4. D._______, geb. (…) 2010, 5. E._______, geb. (…) 2013, 6. F._______, geb. (…) 2018, Afghanistan, Beschwerdeführende, alle vertreten durch lic. iur. Shahryar Hemmaty, BBFM Beratung und Betreuung für Migranten, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 28. Februar 2019 / N (…). F-1189/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden 1 bis 5 gelangten nach eigenen Angaben am 19. Juli 2018 in die Schweiz und ersuchten am gleichen Tag um Asyl. B. Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführenden 1 und 2 in der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass sie am 16. Juli 201 8 von einem Dritt- staat kommend rechtswidrig nach Italien gelangt waren (elektronische Ak- ten der Vorinstanz N (…) / (…) [SEM-act.] 28, 30). C. Anlässlich des am 2. August 2018 durchgeführten persönlichen Gesprächs nach Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsang ehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol- gend: Dublin-III-VO, ABl. L 180/31 vom 29.6.2013) wurde den Beschwer- deführenden das rechtliche Gehör zur möglichen Zuständigkeit Italiens für die Behandlung ihres Asylgesuchs gewährt (SEM-act. 39, 40). Die Beschwerdeführenden 1 und 2 räumten ein, dass sie von der Türkei kommend auf dem Seeweg Italien erreicht und sich von dort in die Schweiz begeben hätten. Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens zur Behandlung ihres Asylgesuchs stellten sie nicht in Abrede. Sie machten jedoch gegen eine Rückkehr in dieses Land geltend, bei der Ankunft in Italien seien sie sehr erschöpft gewesen. Wenn sie in Italien hätten bleiben wollen, hätten sie sich eine Weiterreise in die Schweiz erspart. Die Beschwerdeführerin sei nämlich schwanger und psychisch nicht in der Lage, eine weitere Reise anzutreten und einen Neubeginn zu unternehmen. D. Am (…) 2018 kam die Tochter F._______, die Beschwerdeführerin 6, zur Welt (SEM-act. 69). E. Bereits am 14. September 2018 ersuchte die Vorinstanz die italienischen Behörden um Aufnahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO (SEM-act. 42, 43). F-1189/2019 Seite 3 Nachdem die italienischen Behörden innerhalb der festgelegten Frist zum Aufnahmeersuchen des SEM keine Stellung genommen hatten, stimmten sie ihm am 26. Februar 2019 mittels des Formulars «Nucleo Familiare» nachträglich zu. Sie gaben bei dieser Gelegenheit die explizite Zusiche- rung ab, dass die Familie, bestehend aus den Beschwerdeführenden 1 bis 6, entsprechend dem Rundschreiben vom 8. Januar 2019 untergebracht werde (SEM-act. 65). F. Mit Verfügung vom 28. Februar 2019 – eröffnet am 4. März 2019 – trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein und wies sie nach Ita- lien weg, das gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung ihrer Asylgesuche zuständig sei. Weiter händigte sie den Beschwerdeführenden die editions- pflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, einer allfäl- ligen Beschwerde gegen die Verfügung komme keine aufschiebende Wir- kung zu (SEM-act. 67, 70). G. Mit Beschwerde vom 9. März 2019 an das Bundesverw altungsgericht beantragten die Beschwerdeführenden , die Verfügung vom 28. Februar 2019 sei aufzuheben, und auf ihre Asylgesuche sei einzutreten, eventuali- ter sei die Sache zwecks Ergänzung des Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragten die Beschwerdeführenden die Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie der unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG (Be- freiung von den Verfahrenskosten). Ferner seien die Vollzugsbehörden im Sinn einer superprovisorischen Massnahme anzuweisen, bis zu einem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts über die aufschiebende Wir- kung von einer Überstellung der Beschwerdeführenden nach Italien abzu- sehen (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [Rek-act.] 1). H. Am 13. März 2019 verfügte der zuständige Instruktionsrichter gestützt auf Art. 56 VwVG im Sinne einer superprovisorischen Massnahme die einst- weilige Aussetzung des Vollzugs der Überstellung (Rek-act. 3). I. Mit Zwischenverfügung vom 19. März 291 9 erteilte der Instruktionsrichter der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und gewährte den Beschwer- deführenden die unentgeltliche Rec htspflege nach Art. 65 Abs. 1 VwVG (Rek-act. 5). F-1189/2019 Seite 4 J. Am 2. April 2019 (Datum Poststempel) gelangten die Beschwerdeführen- den unaufgefordert mit einer Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht (Rek-act. 8). K. In ihrer Vernehmlassung vom 7. Mai 2019 hielt die Vorinstanz an ihrer Ver- fügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde (Rek-act. 11). L. Die Beschwerdeführenden replizierten mit einer Eingabe vom 7. Juni 2019 (Rek-act. 16). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für die zu diesem Zeitpunkt hängigen Verfahren gilt gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015 das bisherige Recht. Das ist in der vorliegenden Streitsache der Fall. 2. 2.1. Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Aus nahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 2.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2.3. Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. F-1189/2019 Seite 5 3. 3.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründethe it hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 4. 4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmun g des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriteri en des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 4.3. Im Fall eines sogen annten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri- terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si- tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei- nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet dem- gegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Ka- pitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). F-1189/2019 Seite 6 4.4. Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Ant rag ge- stellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin -III-VO aufzuneh- men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO). 5. Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens zur Behandlung der Asylgesuche der Beschwerdeführenden ist unbestritten und wird von den ita lienischen Behörden ausdrücklich anerkannt. Sie ergibt sich aus Art. 13 Abs. 1 in Ver- bindung mit Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO, die vorsehen, dass in Ermangelung eines höherrangigen Zuständigkeitskriteriums des Kapitels III derjenige Mitgliedstaat zur Behandlung eines Antrags auf internationalen Schutz zu- ständig ist, über dessen Grenze die antragstellende Person nicht mehr als zwölf Monate zuvor aus einem Drittstaat kommend rechtswidrig in das Ho- heitsgebiet der Mitgliedstaaten gelangt ist. 6. 6.1. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat syst emische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (nachfolgend: EU-Grundrechtecharta, ABl. C 364/1 vom 18. Dezem- ber 2000; entspricht inhaltlich Art. 3 EMRK) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig be- stimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig be- stimmt werden, wird der die Zuständigkeit p rüfende Mitgliedstaat zum zu- ständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 6.2. Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013 ) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von F-1189/2019 Seite 7 Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz bean- tragen (sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) ergeben. 6.3. Bislang haben weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Euro- päische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) – und im Übrigen auch nicht der Europäische Gerichtshof (EuGH) – systemische Schwachstellen im italienischen Asylsystem erkannt. Zwar steht das italienische Fürsorge- system für Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus in der Kritik. Ge- mäss den bisherigen Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts ist je- doch auch nach dem Inkrafttreten des Gesetzesdekrets Nr. 113 vom 4. Ok- tober 2018 über dringende Massnahmen auf dem Gebiet des internationa- len Schutzes, der Einwanderung und der öffentlichen Sicherheit (nachfol- gend: Salvini-Dekret) davon auszugehen, dass Italien die Verfahrensricht- linie und die Aufnahmerichtlinie einhält, weshalb an der konstanten Recht- sprechung zur Situation in Italien grundsätzlich festzuhalten ist. Eine auf Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO gestützte Zuständigkeit der Schweiz ist deshalb nicht anzunehmen (statt vieler: Urteile des BVGer F -3046/2019 vom 26. September 2019 E. 5.3; E-4932/2019 vom 26. September 2019). 7. 7.1. Gemäss der Souverä nitätsklausel des Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten An- trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (sog. Selbsteintrittsrecht). Dieses Selbsteintrittsrecht wird landesrechtlich durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert, gemäss dem das SEM das Asylgesuch "aus huma- nitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin- III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Der Entscheid über den Selbst- eintritt liegt im pflichtgemässen Ermessen der Behörde. E in einklagbarer Anspruch auf die Ausübung des Selbsteintrittsrechts besteht jedoch dann, wenn die Überstellung der antragstellenden Person in den an sich zustän- digen Mitgliedstaat übergeordnetes Recht, namentlich eine Norm des Völ- kerrechts verletzten würde (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2; ferner Urteil des BVGer F-3457/2019 vom 11. Juli 2019 E. 4.4, je m.H). 7.2. Mit Urteil vom 4. November 2014 in Sachen Tarakhel gegen die Schweiz hatte sich der EGMR mit der EMRK-Konformität der Überstellung einer Familie nach Italien zu befassen. Es stellte fest, dass das italieni- schen Asylstrukturen zwar keine systemischen Mängel aufwiesen, dass je- doch Zweifel an den Aufnahmekapazitäten dieses Landes bestünden, die F-1189/2019 Seite 8 es als möglich erscheinen liessen, dass Familien mit Kindern nach ihrer Überstellung dorthin keine kindgerechte und die Familieneinheit wahrende Unterkunft erhielten. Angesichts der Verletzlichkeit von Asylsuchenden im Allgemeinen und von Kindern im Besonde rn erwog der EGMR, dass es eine Verletzung von Art. 3 EMRK darstellen würde, wenn die Schweizer Behörden eine Überstellung von Familien mit Kindern nach Italien vornäh- men, ohne zuvor von den italienischen Behörden eine individuelle Garantie erhalten zu haben, dass für eine kindgerechte Unterbringung gesorgt sei und die Einheit der Familie gewahrt werde (Urteil des EGMR Tarakhel ge- gen Schweiz vom 4. November 2014, 29217/12, Ziff. 120-122). 7.3. In einem Grundsatzurteil vom 12. März 2015 stellte das Bundesver- waltungsgericht klar, dass die einzuholenden individuellen Garantien einer kindgerechten und die Einheit der Familie respektierenden Unterbringung nicht eine blosse Überstellungsmodalität darstellen würden, sondern eine Voraussetzung der völkerrechtlichen Zuläs sigkeit der Anordnung einer Überstellung seien. Demzufolge müsse im Zeitpunkt der Verfügung der Vorinstanz eine konkretisierte individuelle Zusicherung ‒ insbesondere un- ter Namens- und Altersangaben der betroffenen Personen ‒ vorliegen, mit welcher namentlich garantiert werde, dass eine dem Alter des Kindes ent- sprechende Unterkunft bei der Ankunft der Familie in Italien zur Verfügung stehe und die Familie bei der Unterbringung nicht getrennt werde (BVGE 2015/4 E. 4.3). In einem weiteren Grundsatzurteil vo m 7. April 2016 bewertete das Bun- desverwaltungsgericht Zusicherungen der italienischen Behörden als aus- reichend, in denen die Betroffenen unter expliziter Namensnennung und Altersangabe als Familiengemeinschaft (nucleo familiare) anerkannt wer- den und die i mplizit oder explizit auf die Rundschreiben der italienischen Behörden vom 2. Februar 2015 bzw. 8. Juni 2015 an die anderen Dublin- Mitgliedstaaten Bezug nehmen (BVGE 2016/2 E. 5.2). Mit den beiden ge- nannten Rundschreiben sowie einem Schreiben an die Europäische Kom- mission vom 15. April 2015 sicherten die italienischen Behörden die kind- und familiengerechte Unterbringung von Familien mit Kindern in Einrich- tungen des «Sistema per Richiedenti Asilo e Rifugiati» (SPRAR) zu. 7.4. Das italienische Asylwesen erfuhr mit dem am 5. Oktober 2018 in Kraft getretenen Salvini-Dekret ein e Umstrukturierung. SPRAR-Zentren (neue Bezeichnung: Sistema di protezione per titolari di protezione internazionale e per minori stranieri non accompagnati, S IPROIMI) stehen neu nur noch unbegleiteten Minderjährigen und Personen mit internationalem Schutz of- fen. Andere Personen, darunter auch Familien mit Kindern und vulnerable F-1189/2019 Seite 9 Personen, sind ausschliesslich zur Unterbringung in den grösseren Kol- lektivzentren der Erstaufnahme (CDA oder CARA) oder in den Notaufnah- mezentren (CAS) berechtigt. Es liegen ernstzunehmende Berichte vor, dass im Rahmen des Dublin -Verfahrens rücküberstellte Personen von mangelhaftem oder verzögertem Zugang zu Unterbringung und medizini- scher Versorgung betroffen sind. Die Bedingungen in Erstaufnahmeein- richtungen lägen deutlich unter den Standards für Personen mit besonde- ren Bedürfnissen, und die empfangenden Behörden seien verschiedentlich nicht über die besondere Gefährdung der Rückkehrer i nformiert gewesen (vgl. Asylum Info Database [AIDA], Country Report: Italy, Update 2018, S. 56, https://www.asylumineurope.org/sites/default/files/report-download/ aida_it_2018update.pdf, abgerufen am 26.11.2019). 7.5. Bei den Beschwerdeführenden handelt es sic h um ein Ehepaar mit vier Kindern im Alter von einem bis elf Jahren. Als solche gehören sie seit dem Inkrafttreten und der Umsetzung des Salvini-Dekrets nicht mehr zu den Personengruppen, die Anspruch auf Zuteilung in einem SPRAR- bzw. SIPROIMI-Zentrum haben. Es bestehen daher nach dem weiter oben Ge- sagten Zweifel, ob sie nach ihrer Überstellung nach Italien adäquat unter- gebracht werden. Die am 26. Februar 2019 abgegebene Zusicherung der italienischen Behörden vermag diese Zweifel nicht auszuräumen. Wohl ist sie individualisiert. Sie verweist jedoch auf ein neues Rundschreiben der italienischen Behörden an ihre Partnerstaaten vom 8. Januar 2019, wel- ches das bereits genannte Rundschreiben vom 8. Juni 2015 ersetzt. Das neue Rundschreiben enthält eine Zusammenfassung der aktuellen, sich als Folge des Salvini -Dekrets ergebenden Rechtslage und die Versiche- rung, dass die Einrichtungen der Erst- und Notaufnahme aufgrund der er- folgreichen Bemühungen der italienischen Regierung, die Migrations- ströme einzudämmen, nunmehr in der Lage seien, die Wahrung der Grund- rechte – namentlich die der Familieneinheit und des Schutzes der Minder- jährigen – zu gewährleisten. Genau dieser Punkt erscheint aufgrund erst- zunehmender Berichte sehr fraglich. Die im Falle der Beschwerdefü hren- den abgegebene Zusicherung der italienischen Behörden erweist sich da- her als ungenügend, wie das Bundesverwaltungsgericht in analogen Fällen bereits wiederholt festgestellt hat (vgl. etwa Urteile des BVGer F-3628/2019 vom 25. November 2019 E. 8; F-3577/2019 vom 13. Novem- ber 2019 E. 6; F-1562/2019 vom 6. November 2019 E. 5.3; F-843/2019 vom 31. Oktober 2019 E. 10; je m.H). F-1189/2019 Seite 10 8. 8.1. Angesichts des Ungenügens der italienischen Zusicherung wäre die Vorinstanz im Hinblick auf die Anwendung der Souveränitätsklausel gehal- ten gewesen, zusätzliche, den Anforderungen der Rechtsprechung genü- gende Garantien einer adäquaten Unterbringung einzuholen oder die tat- sächlichen Unterbringungsverhältnisse zu ermitteln. Der rechtserhebliche Sachverhalt ist mithin ungenügend abgeklärt (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). 8.2. Der Umfang der Sachverhaltsabklärungen und die gegenüber der Vorinstanz engere Kognition bei der Handhabung des Selbsteintrittsrechts (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8) verbietet die Herstellung der Entscheidreife durch das Bundesverwaltungsgericht selbst. Die angefochtene Verfügung ist daher aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zu ergänzenden Sachverhaltsabklärungen und zu einer Neubeurteilung zurückzuweisen. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen. 9. 9.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten auf- zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG) 9.2. Den rechtskundig vertretenen Beschwerdeführenden ist für die ihnen erwachsenen notwendigen bzw. nicht mehr verhältnismässig geringen Kosten eine Parteientschädigung zu Lasten der Vorinstanz zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Höhe der Parteientschädigung ist unter Berücksichtigung des ak ten- kundigen Aufwands, der Bedeutung und der Komplexität der Sache und in Anwendung der gesetzlichen Bemessungskriterien (Art. 8 ff . VGKE) auf Fr. 1’000.- festzusetzen ist. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auf Art. 10 Abs. 2 VG KE zu verweisen, der für nichtanwaltliche Vertreter und Vertreterinnen einen reduzierten Stundenansatz vorsieht. (Dispositiv nächste Seite) F-1189/2019 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung vom 28. Februar 20 19 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur ergänzender Sachverhaltsabklärung und Neu- beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Die Vorinstanz hat die Beschwerdeführenden für das Verfahren v or dem Bundesverwaltungsgericht mit Fr. 1'000.- zu entschädigen. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Andreas Trommer Julius Longauer Versand: