Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 22. August 2017 (460 17 32) ____________________________________________________________________ Strafrecht Mehrfache fahrlässige Körperverletzung mit schwerer Schädigung Besetzung Präsident Enrico Rosa, Richterin Susanne Afheldt (R ef.), Richter Stephan Gass; Gerichtsschreiber Marius Vogelsanger Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Allgemeine Hauptabteilung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Anklagebehörde A.____ , vertreten durch Advokat Stephan Bläsi, Birsigstrasse 34, 4054 Basel, Privatkläger B.____ , vertreten durch Advokat Ivo Trüeb, Militärstrasse 17, 4410 Liestal, Privatkläger gegen C.____ , vertreten durch Advokat Patrick Frey, Solothurnerstrasse 21, Postfach 2110, 4002 Basel, Beschuldigter und Berufungskläger Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gegenstand Mehrfache fahrlässige Körperverletzung mit schwerer Schädi- gung Berufung gegen das Urteil des Strafgerichtsvizepräs idiums Basel- Landschaft vom 28. September 2016 A. Mit Urteil des Strafgerichtsvizepräsidiums Basel-L andschaft vom 28. September 2016 wurde C.____ der mehrfachen fahrlässigen Körperverl etzung mit schwerer Schädigung schul- dig gesprochen und zu einer bedingt vollziehbaren G eldstrafe von 150 Tagessätzen zu je CHF 50. ‒, bei einer Probezeit von 2 Jahren, verurteilt (Urteilsdispositiv-Ziffer I.1). Zudem wurde D.____ der mehrfachen fahrlässigen Körp erverletzung mit schwerer Schädigung sowie der fahrlässigen Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde schuldig erklärt und zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 1 80 Tagessätzen zu je CHF 80. ‒, bei einer Probezeit von 2 Jahren, verurteilt (Urteilsdispositiv-Ziffer I.2). Schliesslich wurde E.____ mit demselben Urteil der mehrfachen fahrlässigen Körperverletzung mit schwerer Schädigung, der fahrlässigen Gefährdun g durch Verletzung der Regeln der Bau- kunde, des mehrfachen Missbrauchs von Ausweisen und Schildern, der einfachen Verletzung der Verkehrsregeln sowie der Widerhandlung gegen di e Verkehrsregelnverordnung schuldig erklärt und zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je CHF 100. ‒, bei einer Probezeit von 2 Jahren, sowie zu einer Busse von CHF 400. ‒ verurteilt (Urteilsdispositiv- Ziffer I.3). Die von den Privatklägern A.____, B.____ und F.____ gegen die Beschuldigten unbeziffert gel- tend gemachten Zivilforderungen (Schadenersatz und Genugtuung) wurden dem Grundsatz nach gutgeheissen und im Übrigen (Höhe sowie Quote) auf den Zivilweg verwiesen (Urteilsdis- positiv-Ziffer II.1). Die Beschuldigten trugen in A nwendung von Art. 426 Abs. 1 StPO die sie betreffenden Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vorverfahrens in Höhe von – CHF 9‘098.10 betreffend C.____, – CHF 9‘102.10 betreffend D.____, – CHF 9‘491.10 betreffend E.____, jeweils einem Drittel der Expertisekosten des geric htlichen Verfahrens von CHF 1‘350. ‒ sowie der Gerichtsgebühr in Höhe von CHF 6‘000. ‒ (Urteilsdispositiv-Ziffer II.2). Schliesslich wurd e das Honorar des amtlichen Verteidigers Advokat Patr ick Frey in Höhe von insgesamt CHF 14‘838.70 (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer), unter Vorbehalt der Rückzahlungsver- pflichtung von C.____ nach Art. 135 Abs. 4 StPO, au s der Gerichtskasse entrichtet (Urteilsdis- positiv-Ziffer II.3). Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Gegen das obgenannte Urteil meldete der Beschuldigt e C.____, vertreten durch Advo- kat Patrick Frey, nach Eröffnung des Urteilsdisposi tivs die Berufung an. In seiner Berufungser- klärung vom 5. März 2017 beantragte er einen vollum fänglichen Freispruch vom Vorwurf der mehrfachen fahrlässigen Körperverletzung gemäss Art . 125 Abs. 1 und Abs. 2 StGB. Ferner beantragte er, die von den drei Privatklägern unbez iffert geltend gemachten Zivilforderungen seien vollumfänglich abzuweisen und es sei ihm die amtliche Verteidigung für das Berufungs- verfahren mit dem Unterzeichnenden als Rechtsvertreter des Beschuldigten zu bewilligen. Alles unter o/e-Kostenfolge zu Lasten des Staates. C. Demgegenüber begehrte die Staatsanwaltschaft Basel -Landschaft mit Berufungsantwort vom 16. Juni 2017, die Berufung des Beschuldigten s ei vollumfänglich abzuweisen, unter o/e- Kostenfolge. D. Was die wesentlichen verfahrensleitenden Verfügung en des Kantonsgerichts Basel- Landschaft, Abteilung Strafrecht, betrifft, so wurde mit Verfügung vom 4. April 2017 festgestellt, dass die Staatsanwaltschaft und die Privatklägersch aft innert 20 Tagen seit Empfang der Beru- fungserklärung weder begründeten Antrag auf Nichtei ntreten gestellt noch Anschlussberufung erklärt haben. E. Anlässlich der heutigen Verhandlung vor dem Kanton sgericht, Abteilung Strafrecht, er- scheinen Advokat Patrick Frey als Vertreter des Beschuldigten C.____ sowie die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Der Beschuldigte C.____ bleibt der kantonsgerichtlichen Hauptverhandlung trotz ordnungsgemässer Vorladung fern. Erwägungen I. Formelles a) Die Berufung ist gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO zu lässig gegen Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilwei se abgeschlossen worden ist. Es können Rechtsverletzungen, die unvollständige oder unricht ige Feststellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden, wobei das Berufungs gericht das Urteil in allen angefochte- nen Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 398 Abs. 2 und Abs. 3 StPO). Gemäss Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Berufung dem erstinstanzlichen Ge- richt innert 10 Tagen seit Eröffnung des Urteils sc hriftlich oder mündlich anzumelden und da- nach dem Berufungsgericht innert 20 Tagen seit der Zustellung des begründeten Urteils eine schriftliche Berufungserklärung einzureichen. Jede Partei, die ein rechtlich geschütztes Interes- se an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, ist zur Berufung legitimiert (Art. 382 Abs. 1 StPO). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht b) Vorliegend wird das Urteil des Strafgerichtsviz epräsidiums Basel-Landschaft vom 28. September 2016 angefochten, welches ein tauglic hes Anfechtungsobjekt gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO darstellt. Mit Eingaben vom 30. Septemb er 2016 (Berufungsanmeldung) und 5. März 2017 (Berufungserklärung) hat der Beschuldi gte die Rechtsmittelfrist gewahrt und ist seiner Erklärungspflicht nachgekommen. Die Berufung ist somit rechtzeitig und formgerecht erhoben worden (Art. 399 Abs. 3 und 4 StPO). Die Zu ständigkeit der Dreierkammer des Kan- tonsgerichts, Abteilung Strafrecht, zur Beurteilung der vorliegenden Berufung ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 li t. a des kantonalen Einführungsgesetzes vom 12. März 2009 zur Schweizerischen Strafprozessordnung (EG StPO; SGS 250). c) Zunächst ist festzustellen, dass der Beschuldig te C.____ im Berufungsverfahren trotz ordnungsgemässer Vorladung nicht erschienen ist. De r Vertreter des Beschuldigten erklärt an- lässlich der kantonsgerichtlichen Hauptverhandlung, er habe seit der Verhandlung vor Strafge- richt den Beschuldigten nicht erreichen können und bislang einzig mit seiner Mutter Kontakt gehabt. d) Die Säumnisfolgen im Berufungsverfahren untersch eiden sich von denjenigen im erstin- stanzlichen Verfahren (Art. 366 ff. StPO). Das Beru fungsverfahren unterliegt weitgehend der Disposition der Parteien, was zur Folge hat, dass b ei Säumnis des Berufungsklägers die Beru- fung als zurückgezogen gilt (vgl. zum Rückzug Art. 386 Abs. 2 und 3 StPO). Von einem Rück- zug ist allerdings nur auszugehen, wenn der Berufungskläger der Berufungsverhandlung unent- schuldigt fernbleibt und sich auch nicht vertreten lässt (Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO). Erscheint die persönliche Anwesenheit des Berufungsklägers – wie im vorliegenden Fall – erforderlich, kann dieser zwar obligatorisch zur Verhandlung vorgelade n werden, doch bewirkt sein Ausbleiben keinen Rückzug der Berufung, wenn ein Vertreter ers cheint (vgl. M ARKUS HUG /A LEXANDRA SCHEIDEGGER , Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 407 N 1 ff.). Demgemäss gilt die Berufung des Beschuldigten vorliegend als nicht zur ückgezogen. Da überdies sämtliche Eintre- tensvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Berufung einzutreten. II. Materielles A. Allgemeines a) Mit Blick auf die Prozessökonomie erlaubt es A rt. 82 Abs. 4 StPO den Rechtsmitte- linstanzen, für die tatsächliche und rechtliche Wür digung des in Frage stehenden Sachverhalts auf die Begründung der Vorinstanz zu verweisen, wenn sie dieser beipflichten. Hingegen ist auf neue tatsächliche Vorbringen und rechtliche Argumen te einzugehen, die erst im Rechtsmittel- verfahren vorgetragen werden (D ANIELA BRÜSCHWEILER , Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 82 N 9). Insoweit die strafrechtliche Ab teilung des Kantonsgerichts vorliegend das Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht vorinstanzliche Urteil bestätigt, mithin den Ausführungen der Vorinstanz nichts mehr beizufügen hat, wird es im Folgenden gestützt auf Art. 82 Abs. 4 StPO auf die entsprechenden Erwägun- gen des angefochtenen Entscheides verweisen. b) Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung mus s sich die urteilende Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und jedes einzelne Vorbringen aus- drücklich widerlegen. Sie kann sich auf die für ihr en Entscheid wesentlichen Punkte beschrän- ken. Es genügt, wenn die Behörde wenigstens kurz di e Überlegungen nennt, von denen sie sich hat leiten lassen und auf welche sich ihr Ents cheid stützt (BGE 141 IV 249, E. 1.3.1 mit weiteren Hinweisen; BGer 1C_143/2016 vom 2. Mai 2016, E. 2). B. Fahrlässige Körperverletzung mit schwerer Schäd igung (Art. 125 Abs. 2 StGB) 1.1 a) Mit Urteil vom 28. September 2016 führt das Str afgericht hinsichtlich des Sachver- halts aus, die äusseren Umstände, die zum Absturz d er Liftkabine vom 26. Oktober 2011 ge- führt haben, seien unbestritten und würden ausserde m durch den kriminaltechnischen Bericht der Polizei Basel-Landschaft vom 23. Januar 2012 (a ct. 525 ff.) sowie durch das EMPA- Gutachten "Abklärung der technisches Ursachen eines Liftkabinenabsturzes während der Rückbauarbeiten" vom 18. März 2014 (act. 695 ff.) b elegt. Der Absturz der Liftkabine sei zu- nächst darauf zurückzuführen, dass die Hebegurte, m it welchen die Liftkabine aufgehängt wor- den war, in zweierlei Hinsicht nicht fachgerecht ei ngesetzt worden seien. Zum einen seien Gur- te mit nicht ausreichender zulässiger Tragkraft ver wendet worden. Zum anderen seien die Gur- te an der Liftkabine um einen Stahlträger mit scharfer Kante gelegt worden, ohne einen Kanten- schutz anzubringen, weswegen die scharfen Kanten di e ohnehin überlasteten Gurte durchge- schnitten hätten. Sodann sei der Absturz der Liftka bine darauf zurückzuführen, dass die Fall- bremse des Liftes, durch Kappen ausser Funktion ges etzt worden sei. Des Weiteren seien die in der Anklageschrift beschriebenen Verletzungen der Privatkläger erstellt. Hinsichtlich der umstrittenen Rolle des Beschuldigt en lasse sich den weitgehend übereinstim- menden Aussagen aller Beteiligten zweifelsfrei entn ehmen und sei folglich erstellt, dass der Beschuldigte am Tattag auf der fraglichen Baustelle die Funktion des Vorarbeiters inne gehabt habe. Er sei seit mehreren Jahren für die G.____ AG tätig gewesen und habe bereits mehrere Rückbauarbeiten auf kleineren Baustellen (Lüftungen und Heizungen) sowie den Rückbau ei- nes Personenlifts geleitet. Weil es sich vorliegend um einen grösseren Bettenlift gehandelt ha- be, sei der Baustelle nebst dem Beschuldigten in der Person von A.____ ein weiterer erfahrener Mitarbeiter zugeteilt worden. Es bestünden zudem ke ine Gründe für die Annahme, dass der Beschuldigte für die Funktion des Vorarbeiters nich t ausreichend qualifiziert gewesen sei. Die Vorinstanz erachtete es ferner als zweifellos erste llt, dass der Beschuldigte das Seil der Fall- bremse vor dem Unfall durchgeschnitten habe. Er habe den Zweck der Fallbremse gekannt und sei sich bewusst gewesen, dass im Falle eines unkon trollierten Absinkens der Kabine die Fall- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht bremse nicht (mehr) eingreifen würde und entsprechend die Gefahr eines Absturzes geschaffen worden sei. Bezüglich des fehlenden Kantenschutzes sei unbestritten und somit erstellt, dass der Beschuldigte weder selbst einen Kantenschutz an gebracht, noch sich vergewissert habe, dass durch die anderen Mitarbeiter ein Kantenschutz angelegt werde. Dies obwohl ihm bewusst gewesen sei, dass aufgrund der Beschaffenheit der K anten die Anbringung eines Schutzes nö- tig gewesen wäre. Schlussendlich sei der Absturz der Liftkabine vom 2 6. Oktober 2011 auf zwei gravierende Feh- ler zurückzuführen, welche der Beschuldigte zu vera ntworten habe: Zum einen sei dies der nicht fachgerechte Einsatz der Hebegurte ohne notwe ndiger Kantenschutz sowie der vorzeitige Ausbau der Fallbremse. Im Weiteren sei der Einsatz von Polyester-Gurten und Habegger an- statt Stahlseilen oder Ketten ebenfalls als ursächl ich zu betrachten, jedoch nicht dem Beschul- digten zuzurechnen. b) In rechtlicher Hinsicht erachtete die Vorinstanz den Tatbestand der fahrlässigen Körper- verletzung mit schwerer Schädigung gemäss Art. 125 Abs. 2 StGB als erstellt. Die schwere Schädigung sei aufgrund der in der Anklageschrift b eschriebenen und erstellten Verletzungen der Privatkläger gegeben. Hätte der Beschuldigte da s Seil der Fallbremse nicht durchschnitten und die Rückbauarbeiten trotz unterlassener Sicherstellung der Anbringung eines Kantenschut- zes nicht fortgesetzt, so wäre es nicht zum Absturz der Liftkabine gekommen und die drei Pri- vatkläger wären nicht verletzt worden. Folglich sei das Verhalten des Beschuldigten für die Ver- letzungen der Privatkläger natürlich kausal gewesen . Dass der fehlende Kantenschutz dazu führen könnte, dass die Tragegurte von den Kanten d er Kabine zerschnitten werden, dass die Fallbremse mit durchgeschnittenem Seil einen Abstur z der Liftkabine nicht verhindern würde, dass es folglich zu einem Absturz der Liftkabine ko mmen könnte und dass sich die mit dem Rückbau der Kabine beschäftigten Mitarbeiter im Fal le eines Absturzes der Kabine schwer ver- letzen könnten, sei für den Beschuldigten vorherseh bar gewesen. Die tatbestandsrelevante Sorgfaltspflichtverletzung des Beschuldigten liege – so die Vorinstanz weiter – darin, dass er das Seil der Fallbremse durchgeschnitten und als Vo rarbeiter die Rückbauarbeiten dennoch fortgesetzt habe, ohne einen Kantenschutz anzubringen beziehungsweise die Anbringung eines solchen zu kontrollieren. Vorliegend habe sich gera de das Risiko verwirklicht, welches der Be- schuldigte durch seine Sorgfaltspflichtverletzungen geschaffen habe. Folglich sei der Erfolg (die Verletzung der drei Privatkläger) dem Beschuldigten objektiv zuzurechnen und der Beschuldigte habe sich der mehrfachen fahrlässigen schweren Körperverletzung gemäss Art. 125 Abs. 1 und Abs. 2 StGB zum Nachteil der drei Privatkläger schuldig gemacht. 1.2 Dem hält der Vertreter des Berufungsklägers im Wes entlichen entgegen, die Vorinstanz gehe zu Unrecht davon aus, dass der Beschuldigte alleiniger Vorarbeiter respektive Verantwort- licher in Zusammenhang mit der Demontage des Liftes gewesen sei. Die (Teil-)Verantwortung von A.____ werde vorliegend im angefochtenen Urteil zu Unrecht völlig ausser Acht gelassen. Ferner erscheine es als stoss end, dass der Beschuldigte im Gegensatz Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht zu A.____, dem faktisch bzw. aufgrund der Umstände ebenfalls eine Vorarbeiterstellung zuge- kommen sei, verurteilt und das relevante Fehlverhal ten von A.____ in keiner Weise in der Kau- salität des Unfallherganges berücksichtigt worden s ei. Zudem habe der Beschuldigte gemäss Urteil der Vorinstanz einen Arbeitsstopp angeordnet und seine Vorgesetzten informiert, nach- dem er realisiert habe, dass die Demontage mit zu grossen Gefahren verbunden war. Im Weite- ren sei es auch aufgrund der Person des Beschuldigt en und aufgrund seines Werdeganges sowie seiner Ausbildung nicht ersichtlich, inwiefern er als verantwortlicher Vorarbeiter hätte gel- ten sollen. Schliesslich wäre der Unfall nicht gesc hehen, wenn der Arbeitgeber über ein ausrei- chendes Sicherheitskonzept verfügt hätte und die Mitarbeiter entsprechend ausgebildet worden wären. 1.3 Die Staatsanwaltschaft führt derweil im Wesentlich en aus, der Berufungskläger bringe in seiner Berufung wiederum die gleiche Argumentation vor, die er bereits vor Strafgericht vorge- tragen habe. In seiner Berufungsbegründung vom 24. Mai 2017 erwecke der Berufungskläger den Anschein, dass er als alleiniger Verantwortlich er für den Unfall vom 26. Oktober 2011 an- geklagt und verurteilt worden wäre, was nicht zutre ffe. Neben dem Berufungskläger seien auch E.____, Geschäftsführer der G.____ AG, und D.____ a ls Vorgesetzter und rechte Hand des Geschäftsführers, wegen mehrfacher fahrlässiger Kör perverletzung mit schwerer Schädigung sowie wegen fahrlässiger Gefährdung durch Verletzun g der Regeln der Baukunde schuldig ge- sprochen und ebenfalls zu bedingt vollziehbaren Gel dstrafen verurteilt worden. Im Falle von D.____ sei die ausgesprochene Strafe sogar höher al s jene des Berufungsklägers ausgefallen. Ob gegen den beim Unfall selber schwer verletzten A .____ auch ein Strafverfahren hätte eröff- net werden sollen, bilde nicht Gegenstand des vorli egenden Berufungsverfahrens. Jedoch sei darauf hinzuweisen, dass selbst eine allfällige Mit schuld am Liftabsturz seitens von A.____ kei- nen Einfluss auf die Strafbarkeit des Berufungsklägers gehabt hätte. 1.4 a) Vorab ist festzuhalten, dass die Vorinstanz mit ausführlicher und in allen Teilen zutref- fender Begründung darlegt, weshalb sich der Beschul digte der fahrlässigen Körperverletzung mit schwerer Schädigung (Art. 125 Abs. 2 StGB) stra fbar gemacht hat. Um Wiederholungen zu vermeiden, ist hier in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO auf die zutreffenden Ausführungen des angefochtenen Urteils (vgl. Urteil der Vorinsta nz, S. 8–23) zu verweisen. Im Folgenden werden daher nur insoweit ergänzende Ausführungen g emacht, als dies aufgrund der Einwen- dungen des Verteidigers als erforderlich erscheint. b) Die Vorinstanz hat zu Recht erkannt, dass der Be schuldigte die Position eines Vorarbei- ters innehatte. Das Beweisergebnis zeigt zudem, das s er diese Stellung auch faktisch wahrge- nommen hat und hierfür ausreichend qualifiziert war . Er war sich überdies bewusst, aufgrund seiner Erfahrung (neu) als Vorarbeiter eingesetzt z u werden. Dies ergibt sich zunächst aus den weitgehend übereinstimmenden Aussagen sämtlicher Be teiligter (vgl. B.____, act. 829 ff.; F.____, act. 841, 849; A.____, act. 815, 1059, 1995 f.; D.____, act. 803, 871 ff., 1999; E.____, Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht act. 905 f., 1031, 1035, 1985 f.). Der Berufungsklä ger gibt in seinen teils widersprüchlichen Aussagen selbst an, A.____ angewiesen zu haben, den Lift zu demontieren (act. 861). Bereits zuvor war der Berufungskläger mehrfach auf kleinere n Baustellen in der Funktion als Vorarbei- ter tätig und hatte bei der Demontage eines Persone nlifts mitgewirkt. So bestellte der Beschul- digte im Rahmen der vorliegend zu beurteilenden Lif tdemontage eigenständig einen grösseren Habegger, da ihm der vorhandene als unzureichend erschien. Über diesen Umstand informierte er seine Vorgesetzten und veranlasste bis zum Eintr effen eines grösseren Habeggers einen Baustopp. c) Der Einwand der Verteidigung, die Teilverantwort ung von A.____ werde zu Gunsten des Beschuldigten bzw. zu seiner Entlastung von der Vor instanz zu Unrecht völlig ausser Acht ge- lassen, greift nicht. Die Vorinstanz hat sehr wohl berücksichtigt, dass auch A.____ auf der frag- lichen Baustelle eine leitende Funktion zukam. Mith in ist die Vorinstanz explizit davon ausge- gangen, dass die Leitung in gewissem Masse zwischen dem Beschuldigten und A.____ aufge- teilt war (vgl. angefochtenes Urteil, S. 21). Der U mstand, dass A.____ ebenfalls am Unfallort anwesend war und den Hilfsarbeitern ebenfalls Weisu ngen erteilen konnte, führte allerdings nicht dazu, dass der Beschuldigte blindlings und oh ne Rücksprache zu nehmen darauf vertrau- en durfte, A.____ werde den Kantenschutz besorgen u nd anbringen. Folglich stellt das Nicht- anbringen eines Kantenschutzes beziehungsweise die unterlassene Kontrolle, ob ein Kanten- schutz angebracht war, eine Pflichtverletzung des Beschuldigten im Sinne von Art. 125 StGB in Verbindung mit Art. 12 Abs. 3 StGB dar. Selbst wenn festzustellen wäre, dass den durch den betreffenden Unfall selbst schwer verletzten A.____ (siehe Bericht Kantonsspital Liestal vom 7. August 2012, act. 1233 f.; Bericht Rehaklinik Be llikon vom 12. November 2012, act. 1241 ff.; Bericht Spital Netz Bern vom 12. März 2013, act. 12 51 f.; Bericht Schmerzklinik Basel vom 1. Juli 2013, act. 1265 f.; Bericht Universitätsspi tal Basel vom 3. Juli 2013, act. 1269 f.; Bericht Schulthess Klinik vom 9. April 2015, act. 1273 ff.) ebenso ein strafrelevantes Verschulden am Liftabsturz getroffen hätte, würde seine strafrecht liche Verantwortlichkeit lediglich neben dieje- nige des Berufungsklägers treten, diese aber keineswegs ausschliessen. d) Bezüglich der vorgebrachten Sicherheits- und Org anisationsmängel trifft es zwar zu, dass solche in der G.____ AG festzustellen waren, w elche letztlich zu den inzwischen rechts- kräftigen Verurteilungen der Mitbeschuldigten D.___ _ und E.____ geführt haben. Dieser Um- stand vermag allerdings nichts daran zu ändern, das s der Beschuldigte in seinem eigenen Ver- antwortungsbereich die von der Vorinstanz korrekt f estgehaltenen gravierenden Sorgfaltspflich- ten begangen hat. e) Schliesslich geht die Argumentation des Beschul digten, aufgrund des von ihm angeord- neten Baustopps habe er ab diesem Moment seine Vera ntwortung in erkennbarer Weise an seinen Arbeitgeber zurückdelegiert und somit die Ka usalität zu seinen Gunsten unterbrochen, ebenfalls fehl. Grund für den vorübergehenden, vom Beschuldigten angeordneten Arbeitsstopp war einzig, dass der verwendete Habegger nach Auffassung des Beschuldigten zu klein für den Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht schweren Bettenlift erschien. Nach dessen Austausch wurde der Liftausbau unter Leitung und Zustimmung des Beschuldigten fortgeführt. f) In Anbetracht der Bestätigung des Schuldspruchs gegenüber dem Beschuldigten sowie, sowie unter Berücksichtigung des Umstandes, dass de r Berufungskläger die Zivilforderungen nicht substantiiert anficht, ist auch der vorinstanzliche Entscheid, wonach die von den Privatklä- gern A.____, B.____ und F.____ gegen die Beschuldig ten unbeziffert geltend gemachten Zivil- forderungen (Schadenersatz und Genugtuung) dem Grundsatz nach gutgeheissen und im Übri- gen (Höhe sowie Quote) auf den Zivilweg verwiesen werden, zu bestätigen. g) Entsprechend den obigen Ausführungen ist das Urt eil des Strafgerichtsvizepräsidiums Basel-Landschaft vom 28. September 2016 in Abweisun g der Berufung des Beschuldigten voll- umfänglich zu bestätigen. III. Kosten a) Der Beschuldigte wurde mit verfahrensleitender V erfügung vom 4. April 2017 ersucht, dem Kantonsgericht das Formular "Gesuch um amtliche Verteidigung" samt den dazu gehören- den Belegen einzureichen. Dieser Aufforderung kam d er Beschuldigte in der Folge nicht nach, weswegen er den ihm obliegenden Nachweis einer Mitt ellosigkeit i.S.v. Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO nicht erbracht hat. b) Gemäss Art. 130 lit. d StPO muss die beschuldigt e Person notwendig verteidigt wer- den, wenn die Staatsanwaltschaft vor dem Berufungsg ericht persönlich auftritt, was im vorlie- genden Verfahren der Fall ist. Aus diesem Grund wur de Advokat Patrick Frey anlässlich der kantonsgerichtlichen Hauptverhandlung durch die Ver fahrensleitung als amtlicher Verteidiger des Beschuldigten für das Rechtsmittelverfahren eingesetzt. c) Anlässlich der kantonsgerichtlichen Hauptverhan dlung reichte der Rechtsvertreter des Beschuldigten seine Honorarnote vom 21. August 2017 ein, welche ohne kantonsgerichtliche Hauptverhandlung einen Aufwand von 21.42 Stunden au sweist. Dieser Aufwand erscheint im Hinblick auf die im vorliegenden Verfahren notwendi gen und angemessenen Arbeiten als ins- gesamt zu hoch, zumal in der Berufung weitgehend di eselben Argumente wie bereits vor der Vorinstanz vorgebracht worden sind, das Studium des erstinstanzlichen Urteils praxisgemäss bereits in der erstinstanzlichen Parteientschädigun g inbegriffen ist und rechtliche Abklärungen grundsätzlich nicht vergütet werden. Dementsprechen d ist der geltend gemachte Aufwand auf angemessene 17.42 Stunden (inklusive kantonsgericht liche Hauptverhandlung) zu reduzieren, weshalb dem Rechtsvertreter des Beschuldigten für s eine Bemühungen im Berufungsverfahren eine Parteientschädigung von CHF 3'804.50 (inklusiv e Auslagen und CHF 281.80 Mehrwert- steuer) aus der Gerichtskasse zu entrichten ist. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht d) Gemäss Art. 422 Abs. 1 lit. a StPO setzen sich die Verfahrenskosten aus den Gebühren zur Deckung des Aufwands und den Auslagen im konkreten Straffall zusammen, wobei die Kos- ten für die amtliche Verteidigung und unentgeltliche Verbeiständung zu den Auslagen zu zählen sind. Die Parteien tragen die Kosten des Rechtsmitt elverfahrens nach Massgabe ihres Obsie- gens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Berufung des Beschuldigten ist vorliegend vollumfänglich abzuweisen. In Anbetracht dieses Ver fahrensausgangs gehen die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahrens in der Höhe von CHF 5‘000. ‒, beinhaltend eine Urteilsgebühr von CHF 4‘500. ‒ sowie Auslagen von CHF 500. ‒, zuzüglich der Kosten der notwendigen amtli- chen Verteidigung in der Höhe von CHF 3'804.50 (som it insgesamt in der Höhe von CHF 8'804.50), zu Lasten des Berufungsklägers. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichtsvizepräsidiums Basel-Landschaft vom 28. Sep- tember 2016, auszugsweise lautend: "I. 1. C.____ wird der mehrfachen fahrlässigen Körperv erletzung mit schwerer Schädigung schuldig erklärt und zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je Fr. 50.--, bei einer Probezeit von 2 Jahren, verurteilt, in Anwendung von Art. 125 Abs. 2 StGB, Art. 34 StGB , Art. 42 Abs. 1 StGB, Art. 44 Abs. 1 StGB, Art. 48 lit. e StGB sowie Art. 49 Abs. 1 StGB. […] II. 1. Die von den Privatklägern A.____, B.____ und F.____ gegen die Beschuldigten unbeziffert geltend gemachten Zivilfo rderungen (Schadenersatz und Genugtuung) werden dem Grundsatz nach gutgeheissen und im Übrigen (Höhe sowie Quote) auf den Zivil- weg verwiesen. 2. Die Beschuldigten tragen in Anwendung von Art . 426 Abs. 1 StPO die sie betreffenden Verfahrenskosten, bestehend au s den Kos- ten des Vorverfahrens in Höhe von - Fr. 9‘098.10.-- betreffend C.____, - Fr. 9‘102.10.-- betreffend D.____, - Fr. 9‘491.10.-- betreffend E.____, jeweils einem Drittel der Expertisekosten des geric htlichen Ver- fahrens von Fr. 1‘350.-- sowie jeweils einem Dritte l der Gerichts- gebühr in Höhe von Fr. 6‘000.--. Wird kein Rechtsmittel ergriffen und kein begründet es Urteil ver- langt (Art. 82 Abs. 2 StPO), wird die strafgerichtl iche Gebühr auf Fr. 3‘000.-- ermässigt (§ 4 Abs. 1 GebT). Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Das Honorar des amtlichen Verteidigers Advoka t Patrick Frey in Höhe von insgesamt Fr. 14‘838.70 (inkl. Auslagen un d 8% Mehr- wertsteuer) wird - unter Vorbehalt der Rückzahlungs verpflichtung von C.____ nach Art. 135 Abs. 4 StPO - aus der Geri chtskasse entrichtet." wird in Abweisung der Berufung des Beschuldigten vollumfänglich bestä- tigt. II. Zufolge Bewilligung der notwendigen amtlichen Verteidigung wird dem Rechtsvertreter des Beschuldigten, Advokat Patrick Frey, ein Honorar in der Höhe von insgesamt CHF 3'804.50 (inklusive Auslagen und CHF 281.80 Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entrichtet. Die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahrens in der Höhe von CHF 5‘000. ‒, beinhaltend eine Urteilsgebühr von CHF 4‘500. ‒ sowie Ausla- gen von CHF 500. ‒, zuzüglich der Kosten der notwendigen amtlichen Vertei- digung in der Höhe von CHF 3'804.50 (somit insgesam t in der Höhe von CHF 8'804.50), gehen zu Lasten des Beschuldigten. Präsident Enrico Rosa Gerichtsschreiber Marius Vogelsanger Auf die gegen diesen Beschluss von C.____ erhobene Beschwerde in Strafsachen ist das Schweizerische Bundesgericht mit Urteil vom 24. Jan uar 2018 nicht eingetreten (Verfahrens- nummer: 6B_1319/2017).