<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 2 S.25</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">25</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>B. Registerrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>2</b></span> <span class="ft2"><b>Kenntnis der eigenen Abstammung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der verfassungsrechtliche Anspruch auf Kenntnis der eigenen Abstam-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mung ist beschränkt auf die Angaben, welche registerrechtlich erfasst</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sind.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Urteil des Obergerichts, 3. Zivilkammer, vom 12. März 2007 i.S. I.B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">1.</span><br/> <span class="ft5">1.1. Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie verlange Kennt-</span><br/> <span class="ft5">nis über die Person ihres Erzeugers, D. sel., der gemäss altem Kin-</span><br/> <span class="ft5">desrecht als Zahlvater bezeichnet werde. Sie beantrage, dass ihr in</span><br/> <span class="ft5">Anerkennung ihres rechtmässigen Anspruches auf Kenntnis ihrer</span><br/> <span class="ft5">eigenen Abstammung bezüglich ihres verstorbenen leiblichen Vaters</span><br/> <span class="ft5">Zugang zu denjenigen Informationen zu gewähren sei, welche ihr er-</span><br/> <span class="ft5">möglichten, sich ein Bild von ihrem Erzeuger zu machen. Dazu ge-</span><br/> <span class="ft5">höre für sie auch, dass sie sich ein Bild von dessen äusserer Erschei-</span><br/> <span class="ft5">nung machen könne, weshalb sie eine Fotografie von ihm verlange.</span><br/> <span class="ft5">Da eine solche wohl kaum in den Zivilstandsakten vorhanden sei,</span><br/> <span class="ft5">verlange sie die Kenntnisgabe allfälliger Nachkommen oder der letz-</span><br/> <span class="ft5">ten Ehefrau ihres Vaters. Da ihr leiblicher Vater bereits 1982 verstor-</span><br/> <span class="ft5">ben sei und er offenbar Nachkommen und eine Witwe hinterlassen</span><br/> <span class="ft5">habe, seien diese Personen als Rechtsnachfolger des gesuchten leib-</span><br/> <span class="ft5">lichen Vaters durch die zuständige Behörde anzufragen, ob sie mit</span><br/> <span class="ft5">der Bekanntgabe ihrer Adresse an sie - die Beschwerdeführerin -</span><br/> <span class="ft5">einverstanden seien, damit sie den gewünschten Kontakt zu den</span><br/> <span class="ft5">Angehörigen ihres verstorbenen Vaters herstellen könne. Zudem</span><br/> <span class="ft5">beantrage sie die Angabe seiner letzten Ruhestätte.</span><br/> <span class="ft5">1.2. Nach Art. 119 Abs. 2 lit. g BV hat jede Person Zugang zu</span><br/> <span class="ft5">den Daten über ihre Abstammung. Dieser grundrechtliche Anspruch</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">26</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">auf Kenntnis der eigenen Abstammung wurde im Zusammenhang</span><br/> <span class="ft5">mit der Regelung der künstlichen Fortpflanzung mit Keimzellen-</span><br/> <span class="ft5">spende in der Bundesverfassung verankert, gilt indes nicht nur für</span><br/> <span class="ft5">das mittels Samenspende gezeugte Kind, sondern für jedes Kind,</span><br/> <span class="ft5">unabhängig von der Art seiner Zeugung (Schweizer, in: Kommentar</span><br/> <span class="ft5">zur schweizerischen Bundesverfassung, Stand Mai 1995, N 101 ff.</span><br/> <span class="ft5">zu Art. 24novies aBV; Reusser/Schweizer, Das Recht auf Kenntnis</span><br/> <span class="ft5">der eigenen Abstammung aus völker- und landesrechtlicher Sicht</span><br/> <span class="ft5">[Abstammung], in: ZBJV 2000, S. 619 f.; Besson, Das Grundrecht</span><br/> <span class="ft5">auf Kenntnis der eigenen Abstammung - Wege und Auswirkungen</span><br/> <span class="ft5">der Konkretisierung eines Grundrechts, Jusletter vom 15. März 2005</span><br/> <span class="ft5">[www.weblaw.ch], S. 3 und 5; BGE 128 I 63 ff.). Das Zugangsrecht</span><br/> <span class="ft5">beschränkt sich dabei auf die Daten der Abstammung; ein Recht auf</span><br/> <span class="ft5">persönlichen Verkehr gibt es nicht (Schweizer, a.a.O., N 101 zu</span><br/> <span class="ft5">Art. 24 novies aBV; Reusser/Schweizer, in: Ehrenzeller/Mastronardi/</span><br/> <span class="ft5">Schweizer/Vallender [Hrsg.], Die schweizerische Bundesverfassung</span><br/> <span class="ft5">[BV], Zürich 2002, N 37 zu Art. 119 BV).</span><br/> <span class="ft5">1.3. Im Rahmen der Fortpflanzungsmedizin sind die Daten der</span><br/> <span class="ft5">Abstammung vom behandelnden Arzt zu dokumentieren und dem</span><br/> <span class="ft5">Eidgenössischen Amt für Zivilstandwesen zu übermitteln (Art. 24 f.</span><br/> <span class="ft5">FMedG). Die Daten umfassen neben der Angabe von Name, Vorna-</span><br/> <span class="ft5">me, Geburtstag, Geburtsort, Wohnort, Heimatort oder Nationalität,</span><br/> <span class="ft5">Beruf und Ausbildung u.a. auch Angaben zur äusseren Erscheinung</span><br/> <span class="ft5">des Samenspenders (Art. 24 Abs. 2 lit. a und d FMedG). Sie sind</span><br/> <span class="ft5">dem Kind, welches das 18. Lebensjahr vollendet hat, ohne weiteren</span><br/> <span class="ft5">Interessennachweis - so wie sie vom Arzt oder der Ärztin gemeldet</span><br/> <span class="ft5">und beim Eidgenössischen Amt für Zivilstandswesen registriert wor-</span><br/> <span class="ft5">den sind - bekannt zu geben (Art. 27 Abs. 1 FMedG; Reusser/</span><br/> <span class="ft5">Schweizer, Abstammung, a.a.O., S. 628). Das Recht auf Kenntnis der</span><br/> <span class="ft5">eigenen Abstammung wird im Rahmen einer gesetzgeberischen</span><br/> <span class="ft5">Interessenabwägung dabei auf die Bekanntgabe der im Register er-</span><br/> <span class="ft5">fassten Daten des Spenders beschränkt.</span><br/> <span class="ft5">Ähnliches gilt für die Bekanntgabe der leiblichen Eltern eines</span><br/> <span class="ft5">adoptierten Kindes. Gemäss Art. 268c Abs. 1 ZGB kann das Kind,</span><br/> <span class="ft5">welches das 18. Lebensjahr vollendet hat, jederzeit Auskunft über die</span><br/> <span class="ft5">Personalien seiner leiblichen Eltern verlangen. Das Recht des Adop-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">27</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">tivkindes, seine leiblichen Eltern zu kennen, umfasst gegenüber dem</span><br/> <span class="ft5">Zivilstandsamt einzig den Anspruch des Adoptivkindes auf Zugang</span><br/> <span class="ft5">zu den überdeckten Eintragungen betreffend seine Abstammung</span><br/> <span class="ft5">(BGE 128 I 72 und 77), d.h. den Anspruch auf Ausstellung eines</span><br/> <span class="ft5">Registerauszuges mit den daraus ersichtlichen Daten seiner leibli-</span><br/> <span class="ft5">chen Eltern. Mitzuteilen sind dem Adoptierten die aktualisierten</span><br/> <span class="ft5">Daten, d.h. Familiennamen, Vornamen, Heimatort bzw. Staatsange-</span><br/> <span class="ft5">hörigkeit und - sofern die leiblichen Eltern den Kontakt mit dem</span><br/> <span class="ft5">Kind nicht ablehnen - deren Adresse (Kreisschreiben des Eidgenössi-</span><br/> <span class="ft5">schen Amtes für das Zivilstandswesen vom 21. März 2003 N 3.5.1.</span><br/> <span class="ft5">und 3.5.2.). Über diese vorhandenen Daten hinaus hat das Zivil-</span><br/> <span class="ft5">standsamt keine weiteren Angaben z.B. über das Aussehen der</span><br/> <span class="ft5">leiblichen Eltern oder deren Angehörige zu sammeln bzw. dem Ge-</span><br/> <span class="ft5">suchsteller bekannt zu geben.</span><br/> <span class="ft5">1.4. Nach dem Gesagten hat der Verfassungsgeber zwar einen</span><br/> <span class="ft5">Anspruch auf Kenntnis der eigenen Abstammung verankert. Die Mo-</span><br/> <span class="ft5">dalitäten der Rechtsausübung werden indes durch die gesetzlichen</span><br/> <span class="ft5">Bestimmungen geregelt und gegenüber dem Zivilstandsamt (Adop-</span><br/> <span class="ft5">tion) bzw. dem Eidgenössischen Amt für Zivilstandswesen (Fort-</span><br/> <span class="ft5">pflanzungsmedizin) auf die Bekanntgabe der registerrechtlich erfass-</span><br/> <span class="ft5">ten Personalien der leiblichen Eltern bzw. des Samenspenders be-</span><br/> <span class="ft5">schränkt. Ein Anspruch auf Bekanntgabe von Angehörigen eines</span><br/> <span class="ft5">leiblichen Elternteils oder auf Beschaffung von weiteren Informatio-</span><br/> <span class="ft5">nen über diesen besteht nicht. Soweit dem ausserhalb einer Ehe ge-</span><br/> <span class="ft5">borenen Kind oder dem Ehebruchskind ein verfassungsrechtlicher</span><br/> <span class="ft5">Anspruch auf Kenntnis der eigenen Abstammung zukommt, kann er</span><br/> <span class="ft5">in Bezug auf die Auskunftserteilung durch das Zivilstandsamt nicht</span><br/> <span class="ft5">darüber hinausgehen, was registerrechtlich überhaupt vermerkt ist.</span><br/> <span class="ft5">Gemäss Art. 7 Abs. 2 lit. l und m ZStV werden die Angaben über</span><br/> <span class="ft5">Kindesverhältnis und Adoption erfasst; eine Aufnahme von Daten</span><br/> <span class="ft5">über die altrechtliche Zahlvaterschaft, mit welcher die biologische</span><br/> <span class="ft5">Vaterschaft nicht im rechtlichen Sinne anerkannt und kein</span><br/> <span class="ft5">Kindesverhältnis begründet wurde (Tuor/Schnyder, Das schweizeri-</span><br/> <span class="ft5">sche Zivilgesetzbuch, 9.A., Zürich 1975, S. 258), ist nicht vorgese-</span><br/> <span class="ft5">hen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">28</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Eine Bekanntgabe von Personalien des mutmasslichen biologi-</span><br/> <span class="ft5">schen Vaters der Beschwerdeführerin, zu welchem offenbar lediglich</span><br/> <span class="ft5">eine Zahlvaterschaft besteht, kann daher nicht mittels Ausstellung ei-</span><br/> <span class="ft5">nes entsprechenden Registerauszuges erfolgen. Ebenso wenig kann</span><br/> <span class="ft5">das Zivilstandsamt verpflichtet werden, der Beschwerdeführerin Zu-</span><br/> <span class="ft5">gang zu Daten allfälliger Nachkommen bzw. der Ehefrau ihres mut-</span><br/> <span class="ft5">masslichen leiblichen Vaters zu gewähren oder von diesen eine Foto-</span><br/> <span class="ft5">grafie und Angaben über dessen Grabstätte zu verlangen. Die Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerde ist damit abzuweisen.</span><br/></div> </div> </body> </html>