B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-8078/2010 U r t e i l v o m 1 3 . D e z e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer, Richter Walter Stöckli, Gerichtsschreiberin Blanka Fankhauser. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch lic. iur. Peter Frei, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 14. Oktober 2010 / N (…). E-8078/2010 Seite 2 Sachverhalt: A. Gemäss eigenen Angaben verliess di e Beschwerdeführerin, eine Kurdin yezidischen Glaubens mit letztem Wohnsitz in B._______ ihre Heimat am 1. April 2010 mit einem Bus in Richtung Istanbul, v on wo sie im Lade n- raum eines T.I.R. - Lastkraftwagens unter Umgehung der Grenzkontrolle am 7. April 2010 in die Schweiz gelangte. Gleichentags suchte sie im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) C._______ um Asyl nach. Das Bundesamt befragte sie am 19. April 2010 summarisch und am 4. Mai 2010 eingehend zu ihren Asylgründen. B. Anlässlich der Befragungen machte d ie Beschwerdeführerin im Wesentli- chen geltend, ihr Vater habe sich politisch betätigt und habe Schwierigkei- ten mit den Behörden gehabt, weshalb di e Familie von B._______ nach D._______ umgezogen sei. Auch dort hätten sie keine Ruhe vo r den Si- cherheitskräften gehabt. Diese hätten ihre Wohnung verwüstet , ihren Va- ter und ihre Mutter beschimpft und bedroht. Nach der Flucht ihrer Eltern und Geschwister i n die Schweiz sei die Beschwerdeführerin mit ihrem Bruder zurück ins Dorf gegangen, wo sie bei der Grossmutter gelebt ha- be. Sie sei damals mit ihrer Familie deswegen nicht mitgegangen, weil ih- re Eltern die Türkei fluchtartig hätten verlassen müssen und sie sich zu dieser Zeit mit ihrem Bruder bei einem kranken Onkel in E._______ auf- gehalten habe. Zurück im Dorf habe sie keine Ruhe gehabt und sei etwa zehn Mal von den Dorfschützern und Soldaten auf den Posten von B._______ mitgenommen worden. Sie sei hauptsächlich nach dem Verbleib ihres Vaters befragt und, weil sie Yezidin sei, beschimpft und er- niedrigt worden. Sie sei jeweils am Morgen mitgenommen und am Abend freigelassen worden. Das letz te Mal sei es zehn Tage vor ihrer Ausreise gewesen, und sie sei damals am Abend mitgenommen und am Morgen freigelassen worden. Da sie sich vor weiteren Festnahmen gefürchtet h a- be, sei sie geflüchtet. Ihr Bruder F._______ sei nur einmal auf den Posten mitgenommen worden und danach verschwunden. Sie denke, dass er nach Izmir gegangen sei. C. Mit Verfügung vom 1 4. Oktober 2010 – eröffnet am 21. Oktober 2010 – lehnte das BFM das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an. Zur Begründung stell- te das Bundesamt fest, dass die V orbringen der Beschwerdeführerin we-E-8078/2010 Seite 3 der den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 des Asylge- setzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) noch denjenigen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG standhalten würden. Ausser- dem sei der Vollzug der Wegweisung zulässig, zumutbar und möglich. D. Mit Beschwerde vom 1 8. November 2010 (Eingabe und Poststempel) an das Bundesverwaltungsgericht liess die Beschwerdeführe rin durch ihren Rechtsvertreter beantragen, die Verfügung der Vorinstanz vom 14. Okto- ber 2010 sei aufzuheben, sie sei als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihr Asyl zu gewähren, eventuell sei festzustellen dass die Wegweisung unzulässig und unzumutbar sei. In prozessualer Hinsicht wurde um G e- währung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwa l- tungsverfahren (VwVG, SR 172.021) ersucht. Der Beschwerde lagen eine Vollmacht vom 12. April 2010 und eine Für- sorgeabhängigkeitserklärung des Zentrums für Asylsuchende G._______ vom 2. November 2010 bei. E. Die Instruktionsrichter in stellte mit Verfügung vom 2 4. November 2010 zunächst fest, die Beschwerdeführe rin könne den Ausgang des Verfa h- rens in der Schweiz abwarten (Art. 42 AsylG). Ferner wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung – unter Vorbehalt ei- ner nachträglicher Veränderung der finanziellen Verhältnisse – gutgeheis- sen. Das Gesuch um unentgeltliche Verbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wurde abgewiesen. F. Das BFM hielt in seiner Vernehmlas sung vom 2. Dezember 2010 vollum- fänglich an seiner Verfügung fest und beantragte die Abweisung der B e- schwerde. Die vorinstanzliche Vernehmlassung wurde de r Beschwerde- führerin am 7. Dezember 2010 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden E-8078/2010 Seite 4 gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinsta nz des Bundesverwaltungs- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls e ndgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unert räglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). E-8078/2010 Seite 5 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gef älschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 4.1.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres ablehnenden En t- scheids im Wesentlichen aus, die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin seien nicht glaubhaft. Deren Schilderungen seien zu wenig konkret, d e- tailliert und differenziert dargelegt und würden somit den Eindruck vermit- teln, dass sie das Geschilderte nicht selbst erlebt habe. So erscheine es zunächst übertrieben und realitätsfremd, dass sie allein wegen ihres V a- ters während zweier J ahre zehnmal von der Gendarmer ie mitgenommen und nach dessen Verbleib befragt worden sei, da davon ausgegangen werden könne, dass auch die türki schen Behörden nach einiger Zeit vom Auslandaufenthalt ihres Vaters Kenntnis erhalten hätten. Weiter habe sie unsubstanziierte und ungereimte Angaben zu den angeblichen Mitna h- men auf den Posten gemacht. So habe sie zunächst erklärt, die zeitlichen Umstände dieser Mitnahmen seien immer verschieden gewesen (vgl. Ak- te A1, S. 7). Später habe sie dagegen zu Protokoll gegeben, sie sei j e- weils entweder am Abend mitgenommen und am Morgen wieder freig e- lassen worden oder umgekehrt (A 1, S. 7). Diese stereotype und u n- substanziierte Beschreibung der angeblichen Festnahmen wirke realitäts- fremd und unglaubhaft. Auf die Frage, o b die Soldaten versucht hätten, sich ihr unsittlich zu nähern, habe sie darüber hinaus erklärt, sie habe Angst gehabt und sei immer wieder "abgehauen" . Sie sei jedoch nicht in der Lage gewesen, plausibel zu beantworten, wie es ihr möglich gewesen sei, vom Gendarmerieposten aus der Überwachung der Sicherheitskräfte einfach "abzuhauen." Schliesslich wirke lebensfremd und unwahrschei n- lich, dass der Bruder bereits nach einer einzigen Mitnahme durch die Gendarmen nach E._______ geflüchtet sei und seine Schwester in dieser Situation im Dorf zurückgelassen habe. Es erscheine auch realitätsfremd, dass die Beschwerdeführerin angesichts der zahlreichen Mitnahmen fre i- willig so lange im Dorf geblieben sei, obwohl sie, wie ihr Bruder, offenbar sicherere Aufenthaltsalter nativen gehabt h abe. Diese unsubstanziierten und realitätsfremden Aussagen der Beschwerdeführer in zu wesentlichen Elementen ihrer angeblichen Verfolgungssituation führten zum Schluss, E-8078/2010 Seite 6 dass sie sich mit diesen Vorbringen auf einen konstruierten Sachverhalt und nicht auf tatsächlich Erlebtes stütze. Die von ihr geltend gemachte Reflexverfolgung wegen ihrer Eltern könne daher nicht geglaubt werden. 4.1.2 Die übrigen Vorbringen der Beschwerdeführerin vermöchten den Anforderungen an die Asylrelevanz nicht zu genügen. Die Eltern der B e- schwerdeführerin seien in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt worden und hätten Asyl erhalten. Die Beschwerdeführerin habe trotzdem nicht glaubhaft darlegen können, ihretwegen Reflexverfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Aus diesem Grund könne sie auch keine ausreichend begründete Furcht vor zukünftiger asylrelevanter Verfolgung geltend machen. Weiter habe die Beschwerdeführerin geltend gemacht, Yezidin zu sein und allein wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit von den Si- cherheitskräften verfolgt worden zu sein. Aufgrund ihrer teilweise u n- substanziierten Angaben seien Zweifel an ihrer tatsächlicher Zugehöri g- keit zur yezidischen Glaubensgemeinschaft anzumelden (Akte A 14, S. 11 f.). Ungeachtet der Frage der Glaubhaftigkeit dieser Vorb ringen sei jedoch darauf zu verweisen, dass die Beschwerdeführerin an keiner Ste l- le konkrete Benachteiligungen geltend gemacht habe, die sie allein auf ih- re Religionszugehörigkeit zurückführe. Dies decke sich mit den Erkenn t- nissen des BFM, wonach in den le tzten Jahren keine Fälle von Übergri f- fen auf die yezidische Bevölkerung in den wenigen noch von ihnen b e- wohnten Dörfern bekannt geworden sei. Daher könne die Beschwerd e- führerin aus ihrer yezidischen Glaubenzugehörigkeit auch für die Zukunft keine ausreiche nd begründete Furcht von einer asylrelevanten Verfo l- gung ableiten. 4.2 4.2.1 In ihrer Beschwerdeeingabe hielt die Beschwerdeführerin zunächst fest, dass es sich bei den Erwägungen des BFM, wonach es realität s- fremd und übertrieben sei, wenn sie in den vergangenen zwei Jahren wegen ihres Vaters etwa zehnmal auf den Gendarm erieposten mitg e- nommen und nach dessen Verbleib gefragt, beschimpft und geschlagen worden sei, um eine mögliche aber weder logisch noch tatsächlich zwi n- gende Annahme handle. Hierzu komme, dass die Vorinstanz ihren Vo r- wurf auch nicht nachvollziehbar begrün det habe, womit sie ihrer Begrün- dungspflicht nicht nachgekommen sei und damit den Anspruch auf die Gewährung des rechtlichen Gehörs verletzt habe. Somit könne die B e- schwerdeführerin lediglich den Standpunkt des BFM pauschal bestreiten, und nicht substanziiert und durch Nennung von Gegenbeweisen replizie- ren. Ihre einfachen Satzkonstruktionen hätten wohl mehr mit ihre m kar-E-8078/2010 Seite 7 gen landwirtschaftlichen Leben als mit einem Erfinden von Fluchtgründen zu tun. 4.2.2 Weiter finde die Vorinstanz, dass die Beschwerdeführerin nicht habe plausibel erklären können, wie es ihr gelungen sei, vom Gendarmeriepos- ten "einfach abzuhauen ". Dieser Vorwurf sei nicht zutreffend , denn sie habe nie gesagt, sie sei vom Posten abgehauen , sondern, dass sie sich immer von den Soldaten und dem Posten ferngehalten habe (vgl. A14, S. 8, Frage 874; recte: Antworten 84-86). 4.2.3 Dass F._______ seine Schwester im Dorf allein zurückgelassen h a- be sei darauf zurückzuführen, dass er von H._______ aus einen Studien- platz in I._______ habe belegen können, weshalb er dorthin umgezogen sei. 4.2.4 Weiter machte die Beschwerdeführerin in Bezug auf den Vorhalt des BFM, dass es r ealitätsfremd erscheine, wenn sie trotz zahlreiche r Mitnahmen so lange im Dorf ge blieben sei , geltend, dass sie weder in H._______ noch in E._______ habe leben können. In H._______ habe sie als alleinstehende ungebildete Frau keine ree lle Chance auf Brote r- werb gehabt und zudem habe si e befürchten müssen, auch dort von den Sicherheitskräften, die ihren Vater gesucht hätten, behelligt zu werden. Dies treffe auch für E._______ zu, wo sie – der Tradition entsprechend – nicht so lange bei ihrem Onkel habe leben können. Die Annahme des BFM, die Beschwerdeführerin sei keiner Reflexverfolgung ausgesetzt gewesen, sei pauschal und treffe nicht zu. 4.3 Die Zweifel des BFM über die Zugehörigkeit der Beschwerdeführerin zur yezidischen Glaubensgemeinschaft seien unverständlich, da es bei der ganzen in der Schweiz lebenden Familie J._______ nie solche Zwei- fel ins Feld geführt habe. Zur Abklärung dieser Frage w urde auf den Be i- zug de r Asyldossiers ihrer Eltern verwiesen (D-3754/2009). Im Übrigen habe die Beschwerdeführerin keineswegs unsubstanziierte Angaben über die Yezidi gemacht, sondern ihrer Hierarc hiestufe entsprechend erklärt, dass es viele Geheimnisse gebe, die ihr nicht bekannt seien. Sodann tref- fe es unter Verweis auf die Vertreibung der Yeziden aus ihrem Dorf B._______ im Jahre 1993 nicht zu, dass sie wegen ihrer Religion keine nennenswerten Behelligungen erlitten h abe,. Bei der Anhörung habe sie auch erklärt, dass man sie wegen ihrer Religion verachtet habe. Schliess- lich verwies die Beschwerdeführerin auf den Grundsatzentscheid der Schweizerischen Asylrekurskommission ([ARK], Entscheidungen und Mit-E-8078/2010 Seite 8 teilungen der ARK [EMARK] 1995 Nr. 1) und fügte hinzu, dass dieser bis heute ohne Einschränkung Anwendung finde. 5. 5.1 In der Beschwerde wird zunächst in formeller Hinsicht ge ltend ge- macht, die Vorinstanz sei ihrer Begründungspflicht nicht nachgekommen, weil sie ihren Vorwurf des als realitätsfremd bezeichneten Verhaltens der Beschwerdeführerin nicht näher begründet habe, womit sie den Anspruch auf die Gewährung des rechtlichen Gehörs verletzt habe. 5.2 Die Frage, ob nun im vorliegenden Fall ein Verfahrensmangel vorliegt, kann offengelassen werden, weil – wie nachstehend aufgezeigt wird – die Beschwerdeführerin materiell mit ihren Rechtsbegehren durchdringt, weshalb eine Aufhebung der angefochtenen Verfüg ung wegen allfälliger Verfahrensmängel und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung einem prozessualen Leerlauf gleichkäme. 6. 6.1 Im Jahre 1995 nahm die damalige ARK eine ausführliche Analyse der Situation der Yeziden in der Türkei vor und führte in ihrem Grundsatzurteil EMARK 1995 Nr. 1 im Ergebnis aus, hinsichtlich dieser Glaubensgemein- schaft werde von einer gezielten Gruppen - oder Kollektivverfolgung aus- gegangen. Im Falle der Yeziden würden die Verfolgungsmassnahmen weit über das hinausgehen, was andere religiöse oder ethnische Gruppen in der Türkei an Benachteiligungen und Schikanen hinzunehmen hätten. Allein die Zugehörigkeit zu dieser Zielgruppe sei als Indiz dafür zu werten, dass bei jedem einzelnen Angehörigen begründete Furcht vo r Verfolgung vorliege. Die Anforderungen an die begründete Furcht einer solchen staatlichen, gezielt und intensiv gegen eine bestimmte Zielgruppe geric h- teten Verfolgung seien herabgesetzt. Es könne daher aufgrund der Ve r- folgung eines Kollektivs – wie vorli egend der Yeziden – durchaus der Schluss gezogen werden, dass der einzelne Angehörige dieser Gruppe mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit bereits gefährdet sei, bevor bezi e- hungsweise ohne dass er bereits konkreten Massnahmen ausgesetzt gewesen sei. Vom einzelnen Betroffenen, sich auf die Verfolgung des Kol- lektiv Berufenden, sei allerdings zu erwarten, dass er seine Zugehörigkeit zu diesem Kollektiv sowie die Zustände und Verfolgungsmassnahmen zumindest glaubhaft machen könne, wobei den individuellen Möglichke i- ten des Einzelnen Rechnung zu tragen sei (vgl. zum Ganzen EMARK 1995 Nr. 1 E. 7a S. 12). Dieser Praxis der ARK schl oss sich auch das Bundesverwaltungsgericht an (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsg e-E-8078/2010 Seite 9 richts E-6666/2006 vom 29. Januar 2008; D -3833/2006 vom 1 1. August 2008; D-3754/2009 vom 23. August 2010 [in Sachen Abdullah J._______ und Familie]). 6.1.1 Weiter ist aufgrund der dem Bundesverwaltungsgericht zur Verf ü- gung stehenden Quellen festzuhalten, dass die im genannten Grundsat z- urteil dokumentierte Verdrängungspolitik eine Ab- und Auswanderung zur Folge hatte. Heute leben deutlich weniger glaubensgebundene Yeziden in der Türkei. Die genaue Anzahl ist unbekannt; die Angaben schwanken von einigen hundert bis zu 2'000. Innerhalb des traditionellen Siedlung s- gebietes von etwa 20 Dörfern ist von wenigen hundert glaubensgebund e- nen Yeziden auszugehen. Die meisten der früher von den Yeziden b e- wohnten Ortschaften wurden, soweit sie nicht zerstört worden sind, en t- weder vollständig von den Yeziden verlassen oder die Verbli ebenen bil- den eine kleine, im Wesentlichen aus älteren Personen bestehende Mi n- derheit, die kaum mehr eine lebendige Gemeinde im Geiste des Yezidi s- mus zu formen in der Lage ist. Nur noch einige wenige Familien leben in angestammten Dörfern in der Provinz Ma rdin und Siirt (vgl. Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Türkei vom 08.04.2011, Az.: 508-516.80/3 TUR). 6.1.2 Mit dem generellen Hinweis der Vorinstanz – welche es unterlässt, sich mit dem erwähnten Grundsatzurteil au seinanderzusetzen – auf Ver- besserungen der allgemeinen Menschenrechtslage in der Türkei alleine ist jedenfalls die konkrete Situation von Angehörigen der religiösen G e- meinschaft der Yeziden nicht angemessen zu erfassen. Zudem kann der einseitigen Feststellung an sich, die allgemeine Menschenrechtslage h a- be sich in derartigem Ausmass verbessert, dass eine Verfolgung der Y e- ziden in der Türkei ohne weiteres ausgeschlossen werden kann, nicht ge- folgt werden. Zwar waren in den letzten Jahren gewisse Verbesserunge n der Menschenrechtslage in der Türkei zu erkennen. Indessen wird etwa von der Europäischen Union – wie auch seitens weiterer Beobachter – durchwegs kritisiert, dass die Bestrebungen zur Verbesserung der rechts- staatlichen und menschenrechtlichen Lage nicht ausreichend sind bezie- hungsweise nicht konsequent genug verfolgt werden. Dabei wurde in jü n- gerer Zeit sogar festgestellt, die Entwicklung in Bezug auf den Menschen- rechtsschutz sei in der Türkei tendenziell rückläufig (vgl. zum Folgenden Human Rights Watch [HRW], World Report 2010, S. 455 ff.; Amnesty I n- ternational [AI], Report 2010, S. 328 ff. [AI -Index: POL 10/001/2010]; Helmut Oberdiek/Schweizerische Flüchtlingshilfe, Türkei - Update: Aktuel- le Entwicklungen, Bern 2008, S. 8 ff.; U.S. Departement of State , Country E-8078/2010 Seite 10 Reports on Human Rights Practices 2009: Turkey). Ob die seinerzeitige Feststellung der ARK, dass die Angehörigen der yezidischen Glauben s- gemeinschaft in der Türkei als Kollektiv verfolgt sind, auch heute noch zu- trifft, ist fraglich. Bei den deuts chen Gerichten hat es, nachdem die deu t- sche Rechtsprechung ab den 1990 -er-Jahre die Kollektivverfolgung di e- ser Glaubensgemeinschaft bejaht hat, zu dieser Frage in den letzten Jah- ren unterschiedliche Erkenntnisse gegeben (fortgesetzte Bejahung der Kollektivverfolgung z.B. Urteil des Verwaltungsgerichts Darmstadt 7 E 2413/05.A vom 19. April 2007; Urteil des Oberverwaltungsgerichts [OVG] Rheinland-Pfalz 10 A 11576/06 vom 5. Juni 2007; Abrücken von der Pr a- xis der Kollektivverfolgung: z.B. OVG Nordrhein -Westfalen, Urteil vom 14. Februar 2006, 15 A 21192.A; OVG Lüneburg, Urteil vom 17. Juli 2007, 11 LB 3323; OVG Saarland, Urteil vom 11. März 2010, 2 A 401/08; OVG Sachsen, Urteil vom 24. Februar 2011, A 3 B 5517). Die letztgenannten Gerichte argumentieren nicht nur mit dem starken Rückgang registrierter Übergriffe auf Yeziden in der Türkei, welcher auch allein damit erklärt werden kann, dass heute nur noch einige hundert Yeziden (gegenüber rund 60'000 im Jahr 1980) in der Türkei leben, sondern auch damit, dass die türkischen Behörden vermehrt bereit seien, Yeziden gegen Übergriffe Privater zu schützen. Aus den nachfolgenden Gründen kann diese gen e- relle Frage im vorliegenden Fall allerdings offen gelassen werden. 6.2 Im konkreten Fall hat die Beschwerdeführerin ihre Zugehörigkei t zur Glaubensgemeinschaft der Yeziden von Beginn des Verfahrens weg gel- tend gemacht. So gab sie bereits anlässlich der ersten Befragung auf die Frage nach ihrer Religionszugehörigkeit zu Protokoll, dass sie der Gla u- bensgemeinschaft der Yeziden angehör e (A1/12, S. 2). Bei den Ausfü h- rungen zu ihren Asylgründen kam sie in beiden Befragungen entweder spontan auf ihre Religionszugehörigkeit zu sprechen oder gab aufgrund des Nachfragens Auskunft in Bezug auf die verschied enen Nachteile auf- grund ihres Glaubens sowie über die wichtigen Eckpunkte des Yezide n- tums (vgl. A/12, S. 7, A/16, Antworten 101-126). So nannte sie beispiel s- weise bei der Frage nach der Feier am 1. Mittwoch des Monats April den Namen des Engels Tavus (Antwort 114) und wusste wie und aus welchem Grunde gefeiert und wohin gepilgert wird. Dass sie bezüglich ihrer Relig i- on selbst die Fragen relativ allgemein beantwortete , hängt offenbar damit zusammen, dass die Yeziden ihren Glauben geheim praktizieren. Sie un- terliegen dem "taqiyeh", das heisst, sie sollen sich nach aussen defensiv verhalten, dabei Gott und den Engel Pfau nicht verleugnen . Diese verin- nerlichte Einstellung bewirkt offenbar auch, dass Yeziden der angeme s- sene Einblick in die Mysterien ihrer eigenen Religion ganz oder teilweise E-8078/2010 Seite 11 abhanden kommt. Hinzu kommt, dass die Anzahl der in der Türkei lebe n- den Yeziden drastisch zur ückgegangen ist, soda ss sich die mündliche Übermittlung dieser Religion schwierig gestal ten dürfte. In diesem Z u- sammenhang ist sodann darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführe- rin bereits in der EVZ-Befragung darum ersuchte, künftig auf Kurdisch be- fragt zu werden (A1/12, S 2). Dies wiederholte sie gleich am Anfang der Anhörung und gab an, Türkisch zwar gut zu verstehen, jedoch ausdrück- lich fest hielt, Schwierigkeiten zu haben, Fragen über ihre Religion auf Türkisch zu beantworten, da sie die türkischen Ausdrücke nicht kenne (Antworten 1-9). Schliesslich muss auch berücksichtigt werden, dass es sich bei der Beschwerdeführ erin um eine Ana lphabetin handelt, die sich einer einfachen Sprache bedient. Somit kann der Argumentation der Vor- instanz, die Zweifel an der Zugehörigkeit zur yezidischen Glaubensge- meinschaft hegte, nicht gefolgt werden. Dies umso weniger als in der a n- gefochtenen Verfügung nicht bestritten wurde, dass sie die Tochter von Eltern ist, deren Beschwerde zum überwiegenden Teil aufgrund ihrer ye- zidischen Glaubenszugehörigkeit und der damit zusammenhängenden Behelligungen gutgeheissen wurde und die in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt worden sind und politisches Asyl erhalten haben. 6.3 Selbst wenn die Beschwerdeführerin ihre Festnahmen beziehung s- weise Behelligungen ihrer Person durch die Behörden nur recht allgemein dargestellt hat, was möglicherweise mit ihrer fehlenden Schul bildung und ihrer zurückhaltender Art zusammenhängt, kann nicht behauptet werden, dass ihre Aussagen – entgegen den Erwägungen des BFM – unglaubhaft ausgefallen sind. Insbesondere trifft es nicht zu, dass die Beschwerdefüh- rerin ungereimte und unsubstanziie rte Angaben zu den Mitnahmen auf den Posten gemacht habe, denn sie gab kohärent an , manchmal am Morgen und manchmal am Abend auf den Posten mitgenommen worden zu sein. Angesichts der politischen Aktivitäten ihres Vaters und seiner wiederholten Verfolgung würde es vielmehr erstaunen, wenn sie keinen Behelligungen unterworfen gewesen wäre. Die Schlussfolgerung der Vor- instanz, wonach die Beschwerdeführerin nicht glaubhaft habe darlegen können, in der Vergangenheit Reflexverfolgungsmassnahmen wegen i h- rer Elte rn ausgesetzt gewesen zu sein und daher ke ine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung habe geltend machen k önnen, ist – angesichts obiger Erwägungen – in keiner Weise nachvollziehbar. 6.4 Nach dem Gesagten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz die Bestimmung von Art. 7 AsylG über das Glaubhaftmachen zu restriktiv angewendet und damit Bund esrecht v er-E-8078/2010 Seite 12 letzt hat. Im Gegensatz zum strikten Beweis stellt Glaubhaftmachen ein reduziertes Beweismass dar und lässt durchaus Rau m für gewisse Ei n- wände und Zweifel an den Vorbringen. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, übe r- wiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. EMARK 2004 Nr. 1 E. 5.a S. 4 f.), welche bezüglich der Beschwe r- deführerin das Ergebnis zu ihren Gunsten ausfallen lässt. 6.5 Unabhängig von der Frage, ob auch im heutigen Zeitpunkt gemäss dem erwähnten Grundsatzurteil der ARK noch alle Yeziden in der Türkei als Kollektiv verfolgt sind, hat die Beschwerdeführerin als Angehörige die- ser Glaubensgemeinschaft aufgrund des selber Erlebten und der Zugehö- rigkeit zu einer politisch aktiven und verfolgten Familie besonderen An- lass, eine solche Verfolgung auch heute mit guten Gründen zu bef ürch- ten. Sie erfüllt daher die Flüchtlingseigenschaft. Die Beschwerde ist somit gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz aufzuheben. Nachdem sich aus den Akten keine Hinweise auf das Vorliegen von Asylau s- schlussgründen ergeben, ist das BFM anzuweisen, die Beschwerdeführe- rin als Flüchtling anzuerkennen und ihr in der Schweiz Asyl zu gewähren. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben. (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art.37 VGG). 7.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann der obsiege n- den Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten zugesprochen werden (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Par- teientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Fe b- ruar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Seitens der Rechtsvertretung ist keine Kostennote eingereicht worden. Auf die Nachforderung einer solchen wird indessen verzichtet (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE), weil im vorliegenden Ve r- fahren der Aufwand des Schriftenwechsels zuverlässig abgeschätzt we r- den kann. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist die Parteientschädigung auf Grund der Akten auf Fr. 1’000.-- (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen. Dieser Betrag ist der Beschwerdeführerin durch das BFM zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) E-8078/2010 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Der Beschwerdeführerin wird eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1'000.- zugesprochen, die ihr durch das BFM zu entrichten ist. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Blanka Fankhauser Versand: