B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4155/2019 U r t e i l v o m 1 3 . J u l i 2 0 2 0 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Jürg Marcel Tiefenthal, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), Äthiopien, vertreten durch MLaw Katarina Socha, Caritas Schweiz, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des SEM vom 18. Juli 2019 / N (…). D-4155/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer ersuchte in der Schweiz am 24. August 2012 um Asyl. Am 5. September 2012 wurde eine Befragung zur Person (BzP) durchgeführt und am 6. Juni 2014 erfolgte die einlässliche Anhörung zu den Asylgründen. Mit Verfügung vom 13. Juni 2014 stel lte das damalige Bundesamt für Migration (BfM; heute SEM) fest, der Beschwerdeführer er- fülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. Eine ge- gen diesen Entscheid erho bene Beschwerde wies das Bundesverwal- tungsgericht mit Urteil D-3971/2014 vom 22. September 2014 ab. A.b Mit Eingabe vom 15. April 2015 liess der Beschwerdeführer durch sei- nen damaligen Rechtsvertreter ein zweites Asylgesuch einreichen. Die Vorinstanz lehnte das zweite Asylgesuch mit Verfügung vom 5. November 2015 ab und ordnete wiederum die Wegweisung sowie deren Vollzug an. Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft. A.c Der Beschwerdeführer liess durch seinen Rechtsvertreter mit Schrei- ben vom 16. Dezember 2015 beim SEM eine als "neues Asylgesuch" be- zeichnete Eingabe einreichen. Diese wurde vom SEM als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch entgegengenommen. Mit Verfügung vom 20. Ja- nuar 2016 trat die Vorinstanz auf das Wiedererwä gungsgesuch nicht ein und hielt fest, die Verfügung vom 5. November 2015 sei rechtskräftig und vollstreckbar. Das Bundesverwaltungsgericht wies eine gegen diesen Ent- scheid gerichtete Beschwerde mit Urteil D-533/2016 vom 8. Februar 2016 ab. B. Mit Eingabe vom 1. November 2018 stellte der Beschwerdeführer – han- delnd durch seinen neu mandatierten Rechtsvertreter – beim SEM erneut ein Wiedererwägungsgesuch. Er beantragte insbesondere die wiedererwä- gungsweise Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzug s und als Folge davon die Regelung seines weiteren Aufenthalts in Form der vorläufigen Aufnahme gemäss Art. 44 AsylG (SR 142.31) i.V.m. Art. 83 Abs. 3 AIG (SR 142.20) . Zur Begründung führte er aus, am (…) sei sein Sohn B._______ zur Welt gekommen. Mit dess en Mutter C._______ (N […]) lebe er in einer festen Beziehung. Sowohl seine Partnerin als auch das gemeinsame Kind seien in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Er selbst sei hingegen von einer Ausschaffung nach Äthiopien bedroht. Ob-D-4155/2019 Seite 3 wohl er offiziell im Kanton D._______ angemeldet sei, werde ihm der Auf- enthalt bei seiner Partnerin und seinem Kind durch das Migrationsamt D._______ gestattet. Seit der rechtskräftigen Ablehnung des Asylgesuchs respektive der Anordnung des Wegweisungsvollzugs habe sich die Sach- lage daher massgeblich verändert. Er sei vom Zivilstandsamt als Vater des Kindes registriert worden und habe zusammen mit seiner Partnerin eine Erklärung über die gemeinsame elterliche Sorge eingereicht. Seine Weg- weisung würde zu einer Trennung von seinem So hn und seiner Partnerin führen, was nicht mit dem in Art. 44 AsylG verankerten Grundsatz der Ein- heit der Familie vereinbar sei. Diese Bestimmung gehe über die Tragweite von Art. 8 EMRK hinaus und beinhalte, dass die vorläufige Aufnahme eines Familienmitglieds "in der Regel" auch zur vorläufigen Aufnahme von des- sen Familie führe. Der Begriff der Familie umfasse sowohl den Ehepartner – wobei der in dauerhafter eheähnlicher Gemeinschaft lebende Partner dem Ehepartner gleichzustellen sei – und die minderjährigen Kinder. So- dann sei das Kindeswohl gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundes- verwaltungsgerichts in Verfahren, in denen Kinder von einem Wegwei- sungsvollzug betroffen seien, von gewichtiger Bedeutung. Faktisch lebe er dauerhaft bei seinem Sohn und seiner P artnerin und aufgrund der Erklä- rung über die gemeinsame elterliche Sorge sei er zu gleichen Teilen für das Wohl des Kindes verantwortlich wie dessen Mutter. Ein Vollzug der Weg- weisung hätte eine Trennung der intakten und gelebten Familienbeziehung zur Folge, weshalb sich dieser unter dem Aspekt des Kindeswohls als un- zumutbar erweise. Aus der Kinderrechtskonvention (KRK; SR 0.107) er- gebe sich, dass eine Trennung von Eltern und Kind nur im Notfall angeord- net werden dürfe und zwar dann, wenn dies dem Wohl des Kindes zuträg- lich sei. Dies sei vorliegend nicht der Fall. Die KRK sehe auch vor, dass die Einheit der Familie sicherzustellen sei und beide Elternteile gemeinsam Verantwortung für die Erziehung und Entwicklung übernehmen könnten. Aufgrund seines negativen Asylentscheids müsste er die Schweiz jedoch dauerhaft verlassen, was es ihm verunmögliche, das elterliche Sorgerecht auszuüben. Zudem habe er sich trotz seiner schwierigen Situation ein- wandfrei verhalten und besitze einen tadellosen Leumund. C. Das SEM wies das Wiedererwägungsgesuch vom 1. November 2018 mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 18. Juni 2019 ab, erhob eine Ge- bühr von Fr. 600.– und hielt fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu. D-4155/2019 Seite 4 D. Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe vom 16. August 2019 gegen die- sen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben. Da- bei beantragte er, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei die Unzulässigkeit/Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustel- len und ihm in der Schweiz eine vorläufige Aufnahme zu gewähren. Zudem sei festzustellen, dass die Vorinstanz zu Unrecht eine Gebühr von Fr. 600.– erhoben habe. Eventualtier sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vor - instanz zurückzuweisen. Weiter sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und es sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu ge- währen, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Als Beschwerdebeilagen wurden – neben einer Vollmacht und der angefoch- tenen Verfügung – mehrere Fotoaufnahmen und eine Auflistung der Auf- wendungen der Rechtsvertretung zu den Akten gereicht. E. Der Instruktionsrichter setzte den Vollzug der Wegweisung mit superprovi- sorischer Massnahme vom 19. August 2019 per sofort einstweilen aus. Mit Zwischenverfügung vom 22. August 2019 wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, einen Nachweis für seine prozessuale Bedürftigkeit vorzule- gen. Gleichzeitig erhielt er die Gelegenheit, eine ergänzende Stellung- nahme sowie allfällige weitere Beweismittel einzureichen. Des Wei teren wurde festgehalten, dass der Vollzug ausgesetzt bleibe. F. Mit Eingabe vom 4. September 2019 liess der Beschwerdeführer dem Ge- richt eine Fürsorgebestätigung vom 2. März 2018 und eine Stellungnahme zukommen. Als Beilagen wurden zwei Fotoaufnahmen vom 6 . August 2016, ein Arztzeugnis vom 8. Juli 2019 sowie ein Schreiben des Kantons (…) vom 8. Juli 2019 eingereicht. G. Durch seine Rechtsvertreterin reichte der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 9. September 2019 eine aktuelle Bestätigung seines Nothilfebezugs vom 6. September 2019 zu den Akten. H. Mit Verfügung vom 10. September 2019 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses und setzte dem Beschwerdeführer eine Frist zur Einreichung von weiteren Beweismitteln an. D-4155/2019 Seite 5 I. Der Beschwerdeführer reichte mit Schreiben vom 18. September 2019 er- neut eine Stellungnahme ein. Als weitere Beweismittel wurden ein Flyer des (…) sowie diverse Fotos von diesem Anlass, je eine Bestätigung von E._______, F._______ und der (…) vom 24. April 2018, ein Bericht der (…) vom 27. September 2016 sowie wiederum das Bestätigungsschreiben des Kantons (…) vom 8. Juli 2019 vorgelegt. J. Mit Schreiben vom 2. Juni 2020 liess sich das SEM zur Beschwerde vom 16. August 2019 vernehmen. K. Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe vom 24. Juni 2020 innert erstreck- ter Frist eine Replik zu den Akten reichen, unter Beilage einer aktualisierten Liste mit den Aufwendungen der Rechtsvertretung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än- derung des AsylG vom 25. September 2015). D-4155/2019 Seite 6 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (A rt. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt (vgl. aArt. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist der Vorinstanz innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift- lich und begrü ndet einzureichen. Im Übrigen richtet sich das Verfahren nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG (aArt. 111b Abs. 1 AsylG). In seiner klassischen Konstellation bezweckt das Wie- dererwägungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehle rfreien Asyl- und Wegweisungsverfügung an nachträglich eingetretene Wegweisungs- vollzugshindernisse (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuän- dernde Verfügung unangefochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwer- deverfahren mit einem blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisionsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung be- gründen ( sogenanntes «qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch»). Eben- falls im Rahmen einer Wiedererwägung zu prüfen sind Beweismittel, die erst nach einem materie llen Beschwerdeentscheid des Bundesverwal- tungsgerichts entstanden sind und daher revisionsrechtlich nicht von Rele- vanz sein können (vgl. BVGE 2013/22 E. 12 und 13). 4. 4.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM aus, der Beschwer- deführer bringe vor, er lebe in einer festen Beziehung mit seiner Partnerin und habe mit dieser einen am (…) geborenen gemeinsamen Sohn . Bei seiner Partnerin handle es sich um eine äthiopische Staatsangehörige, welche am 7. April 2016 wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufgenommen worden sei. Das Kind sei in die vor- läufige Aufnahme der Mutter einbezogen worden. Aus dem Dossier der Partnerin gehe jedoch nicht hervor, dass sie in ihrem Heimatland verfolgt D-4155/2019 Seite 7 worden sei oder bei einer Rückkehr einer Verf olgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt sein könnte. Auch der Beschwerdeführer habe in Äthio- pien nichts zu befürchten, zumal seine Vorbringen in den vorangehenden Verfahren als unglaubhaft erachtet und seine Gesuche ab- gewiesen worden seien. Es sei ihm daher möglich und zumutbar, in sein Heimatland zurückzukehren und dort allenfalls die Beziehung zu seiner Partnerin fortzuführen. Letzterer stehe es frei, zusammen mit ihm und dem gemeinsamen Kind nach Äthiopien zurückzukehren. Der Beschwerdefüh- rer habe keine gesundheitlichen Beschwerden geltend gemacht, in seiner Heimat die Schule besucht und an der Universität von H._______ (…) stu- diert. Er verfüge somit über eine gute Ausbildung und habe in Äthiopien Verwandte und Freunde, weshalb davon ausgegangen werd en könne, dass er bei einer Rückkehr nicht auf sich alleine gestellt wäre. Zusammen- fassend lägen keine Gründe vor, welche eine Wiedererwägung rechtferti- gen könnten. Das entsprechende Gesuch sei daher abzuweisen. 4.2 Auf Beschwerdeebene wurde geltend gemacht, das SEM halte in sei- nem Handbuch fest, dass die vorläufige Aufnahme des einen Familienmit- glieds in der Regel zur vorläufigen Aufnahme weiterer Mitglieder der Kern- familie führe, wenn eine tatsächlich gelebte und intakte Beziehung be- stehe, das Kernfamilienmitglied über ein mit dem Asylverfahren in Zusam- menhang stehendes Anwesenheitsrecht verfüge und kein Ausnahmetatbe- stand vorliege. Diese Voraussetzungen seien vorliegend erfüllt. Der Be- schwerdeführer lebe bereits seit mehreren Jahren mit seiner Partnerin in einer Beziehung und sie hätten im (…) 2016 nach islamischem Brauch ge- heiratet. Am (…) sei der gemeinsame Sohn zur Welt gekommen, wobei er die Vaterschaft anerkannt habe und die elterliche Sorge mit der Kindsmut- ter teile. Er nehme seine Familienpflichten ern st und erfülle diese, so gut es unter den schwierigen äusseren Umständen möglich sei. So lebe er un- gefähr drei Tage pro Woche bei seiner Familie, während er die restlichen Tage zurück in seinen Kanton müsse, unter anderem um seine Nothilfegel- der zu beziehen. Nachdem seine Partnerin kürzlich ihren (…) habe operie- ren müssen und körperlich eingeschränkt gewesen sei, habe er in Abspra- che mit den zuständigen Kantonsbehörden bei ihr leben können, um sie und das Kind zu betreuen. Es bestehe zweifelsfrei ein zu schützendes Fa- milienleben. Aus dem in Art. 44 AsylG statuierten Grundsatz der Einheit der Familie resultiere, dass dem Beschwerdeführer eine vorläufige Aufnahme zu gewähren sei. Eine Wegweisung verletze nicht nur die Familieneinheit, sondern auch das Kindeswohl, da dies für den Sohn B._______ eine Tren- nung vom Vater bedeuten würde, welcher eine zentrale Rolle für seine per-D-4155/2019 Seite 8 sönliche Entwicklung spiele. Zudem würde eine Rückkehr des Kindes be- ziehungsweise der ganzen Familie nach Äthiopien keineswegs dem Kin- deswohl entsprechen. Auch nach der Wahl des neuen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed herrsche dort weiterhin eine prekäre Menschenrechtssitua- tion. Die Anzahl und Intensität lokaler Konflikte habe sogar noch zugenom- men und die Zahl von intern Vertriebenen sei stark angestiegen. Die aktu- elle Lage sei äussert fragil und die Vorinstanz habe sich in keiner Weise mit der Situation in Äthiopien auseinandergesetzt. Es gebe grosse Span- nungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen im Land, was immer wieder zu Angriffen führe und viele Personen veranlasse, vor den lokalen Gewaltausbrüchen zu fliehen. Anlässlich einer Demonstration in Addis Ab- eba gegen die Untätigkeit der Regierung bezüglich der ethnisch motivier- ten Zusammenstösse im ganzen Land sei die Polizei g ewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen, wobei mehrere Personen den Tod gefunden hätten. Weiter zeige die jüngste Ermordung des Armeechefs, des Präsi- denten der Region Amhara sowie weiterer hochrangiger Regionalvertreter, wie explosiv und gefährl ich die La ge in Äthiopien sei. Das Land sei von enormen politischen und ethnischen Rissen durchzogen und erweise sich als instabil. Auch der Friedensprozess mit Eritrea sei auf Eis gelegt und die Grenzen seien wieder geschlossen worden. Insgesamt sei hervorzuheben und zu rügen, dass sich die Vorinstanz in ihrem Entscheid zu wenig mit der aktuellen Situation in Äthiopien auseinandergesetzt habe, weshalb sie die Begründungspflicht und damit das rechtliche Gehör des Beschwerdefüh- rers verletzt habe. 4.3 In seiner Stellungnahme vom 4. September 2019 führte der Beschwer- deführer aus, dass er seine heutige Partnerin im Jahr 2014 an einem äthi- opischen Fest in G._______ kennengelernt habe. Nach einigen weiteren Begegnungen im Rahmen von Veranstaltungen hätten sie zwischen Feb- ruar und März 2016 eine Beziehung begonnen. Diese habe folglich bereits bestanden, als seiner Partnerin im April 2016 eine vorläufige Aufnahme er- teilt worden sei. Als Beweismittel hierfür könnten Fotografien von Anfang August 2016 vorgelegt werden, welche sie als Paar sehr vertraut miteinan- der zeigten. Diese erkennbare Vertrautheit lasse darauf schliessen, dass sie sich bereits vor April 2016 kennen und lieben gelernt hätten. Es sei auch zu beachten, dass nicht nur die Partnerin, sondern auch das gemeinsame Kind als Familienmitglied im Sinne von Art. 44 AsylG zähle. Für die Prüfung der Familieneinheit sei nicht nur die Beziehung zwischen den Eltern, son- dern auch jene zwischen Vater und Kind zu berücksichtigen. Das Gericht werde ersucht, sich ausdrücklich mit dem Kindeswohl des Sohnes B._______ beziehungsweise mit der Kinderrechtskonvention zu befassen. D-4155/2019 Seite 9 Es sei eine Interessensabwägung vorzunehmen zwischen dem Wohl und den Rechten des Kindes sowie dem Risiko einer Umgehung der Bestim- mungen über den Familiennachzug i m Sinne von Art. 44 AIG respektive Art. 85 Abs. 7 AIG, wobei erstere zweifelsfrei höher zu gewichten seien. Bereits in der Beschwerdeschrift sei dargelegt worden, dass eine Auf- nahme des Familienlebens in Äthiopien aufgrund der dort herrschenden prekären Um stände nicht in Frage komme. Neben dem Kindeswohl sei auch der Gesundheitszustand der Partnerin zu berücksichtigen, welche bereits mehrmals am (…) habe operiert werden müssen und dadurch stark eingeschränkt sei. 4.4 Mit ergänzender Stellungnahme vom 18. Septe mber 2019 bekräftigte der Beschwerdeführer, dass die Beziehung zu seiner Partnerin bereits be- gonnen habe, bevor dieser im April 2016 eine vorläufige Aufnahme erteilt worden sei. Die eingereichten Fotos eines (…) vom (…) sowie die Bestäti- gungen von Freunden zeigten, dass sie beide dort anwesend gewesen seien und sich mithin weit vor April 2016 kennengelernt hätten. Dem Schreiben der (…) vom 24. April 2018 lasse sich zudem entnehmen, dass er sich seit über drei Jahren regelmässig im Kanton G._______ und damit am Wohnort seiner Partnerin aufhalte. Zusammenfassend lasse sich auf- grund der Aktenlage annehmen, dass ihre Beziehung bereits vor der An- ordnung der vorläufigen Aufnahme von C._______ begonnen habe. Erneut sei darauf hinzuweisen, dass vorliegend auch das Kind zu berücksichtigen sei, welches ebenfalls über eine vorläufige Aufnahme verfüge und ein über- geordnetes Interesse am Verbleib seines Vaters in der Schweiz habe. Dem Schreiben der (…) lasse sich entnehmen, dass er sein Kind und seine Part- nerin vorbildlich in allen Belangen unterstütze. Es liege somit ein enges Vater-Kind-Verhältnis vor, womit seine Wegweisung nach Äthiopien sowohl dem Wohl als auch den Rechten des Kindes klar widersprechen würde. 4.5 Das SEM führte in sein er Vernehmlassung aus, dass sowohl der Be- schwerdeführer als auch seine Partnerin äthiopische Staatsangehörige seien. Aus den Akten von beiden Personen gehe nicht hervor, dass sie bei einer Rückkehr in ihr Heimatland eine Verfolgung nach Art. 3 AsylG zu be- fürchten hätten. Der Beschwerdeführer sei jung und gesund, habe in H._______ die Universität besucht und verfüge somit über eine sehr gute Ausbildung, die es ihm ermöglichen werde, in Äthiopien eine Arbeit zu fin- den und für seine Familie aufzukommen. Zudem verfüge er dort über Fa- milienangehörige und Freunde. Zwar habe sich seine Partnerin einer Ope- ration am (…) unterziehen müssen. Dies stelle indessen kein Hindernis für D-4155/2019 Seite 10 eine Rückkehr in den Heimatstaat dar, zumal auch dort medizinische Infra- strukturen vorhanden seien. Hinsichtlich des Kindeswohls sei anzumerken, dass der Sohn in der Schweiz geboren und vom Beschwe rdeführer aner- kannt worden sei. Aufgrund des jungen Alters des Kindes könne nicht da- von ausgegangen werden, dass es in der Schweiz ein Beziehungsnetz auf- gebaut habe und hier verwurzelt sein könnte, zumal es noch nicht zur Schule gehe. Unter diesen Umständen sei ihm eine Rückkehr nach Äthio- pien zusammen mit seinen Eltern zuzumuten. Sodann sei es vorliegend unerheblich, wann genau sich der Beschwerdefüh rer und seine Partnerin kennengelernt hätten. Auch wenn sie sich bereits einige Monate vor der Erteilung der vorläufigen Aufnahme an die Partnerin gekannt haben sollten, könne nicht von einer gefestigten und gelebten Partnerschaft im damaligen Zeitpunkt ausgegangen werden. 4.6 Im Rahmen der Replik machte der Beschwerdeführer geltend, dass die Vorinstanz zwar davon ausgehe, dass er mit seiner Partnerin und dem ge- meinsamen Kind nac h Äthiopien zurückkehren könne, es dabei aber un- terlasse, unter Angabe der erforderlichen aktuellen Quellen eine einlässli- che Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorzunehmen. An dieser Stelle werde das Gericht ersucht, die Vorinstanz anzuweisen, ihm die Akten betreffend die Anordnung beziehungsweise Begründung der vorläufigen Aufnahme von C._______ zuzustellen. Aufgrund der unruhigen und nicht vorhersehbaren Situation in Äthiopien erscheine eine Wegwei- sung der Familie dorthin unzulässig und unzumutbar. Die Menschenrechts- lage sei bis heute in vielerlei Hinsicht – trotz oder gerade wegen der Ein- setzung von Abiy Ahmed als Ministerpräsident – höchst problematisch. Es gebe eine steigende Anzahl von lokalen Konflikten, die an Intensität zuneh- men würden, womit es auch immer mehr intern Vertriebene gebe. Die Lage in Äthiopien sei höchst fragil, weshalb eine detaillierte Prüfung von Weg- weisungsvollzugshindernissen nötig gewesen wäre. Die Vorinstanz habe jedoch die aktuelle politische s owie sozioökonomische Lage nicht gewür- digt. Sowohl in Berichten der Schweizerischen Flüchtlingshilfe als auch in Medienberichten werde die anhaltend prekäre Situation in Äthiopien doku- mentiert. Es zeige sich eine allgemein sehr problematische Menschen- rechtsentwicklung, wobei nicht absehbar sei, wie sich die Situation in den nächsten Monaten und Jahren verändern werde. Eine Rückkehr nach Äthi- opien als Familie, mit einem Kleinkind und nach jahrelanger Abwesenheit – wodurch kein intaktes Beziehungsnetz mehr vorliege – verstärke die vor- liegenden Wegweisungsvollzugshindernisse. Sodann würde eine Wegwei- sung nach Äthiopien auch dem Wohl des Kindes B._______ widerspre- chen. Die sozioökonomische Lage verbessere sich dort – wenn überhaupt D-4155/2019 Seite 11 – nur langsam und Mangel - sowie Fehlernährungen seien vor allem bei Kindern weit verbreitet. Im Zuge der Corona -Pandemie habe sich die Er- nährungssituation der Bevölkerung noch massiv verschlechtert. Es fehle regional an sauberem Trinkwasser und der Zugang zu Bildung sei nicht gewährleistet. Nach dem Ge sagten erweise sich eine Wegweisung der ganzen Familie nach Äthiopien als unzulässig und unzumutbar, weshalb der Beschwerdeführer vor dem Hintergrund der Einheit der Familie vorläu- fig aufzunehmen sei. 5. 5.1 Im vorliegenden Verfahren ist die Frage zu beantworte n, ob dem Be- schwerdeführer aufgrund des Umstands, dass sich seine Partnerin und sein Kind als vorläufig aufgenommene Ausländer in der Schweiz befinden, ein Aufenthaltsrecht zu steht. Als Anspruchsgrundlagen kommen dabei Art. 8 EMRK (Recht auf Achtung des Pr ivat- und Familienlebens) sowie Art. 44 AsylG (Grundsatz der Einheit der Familie) in Frage. 5.2 Gemäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann sich je- mand nur dann auf den Schutz des Familienlebens nach Art. 8 EMRK be- rufen, wenn eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung zu einer in der Schweiz gefestigt anwesenheitsberechtigen Person besteht und es dieser nicht möglich beziehungsweise zumutbar wäre, das entspre- chende Familienleben andernorts zu pflegen (vgl. BGE 139 I 330 E. 2.1 m.H.). Ein gefestigtes Aufenthaltsrecht liegt vor, wenn die betroffene Per- son über das Schweizer Bürgerrecht, eine Niederlassungsbewilligung oder eine Aufenthaltsbewilligung verfügt, welche ihrerseits auf einem gefestig- ten Rechtsanspruch beruht (vgl. BGE 130 I 281 E. 3.1. m.w.H.). Zudem kann in Ausnahmesituationen auf die Voraussetzung eines gefestigten Auf- enthaltsrechts verzichtet werden, wenn von einem faktischen Anwesen- heitsrecht auszugehen ist. Ein solches wurde von der Rechtsprechung na- mentlich bei einer über viele Jahre hinweg verlängerten Aufenthaltsbewilli- gung bejaht (vgl. BGE 130 II 281 E. 3.2 f.) oder im Fall von vorläufig auf- genommenen Flüchtlingen, bei denen eine Aufhebung ihres rechtlichen Status in absehbarer Zukunft nicht anzunehmen ist (vgl. BVGE 2017 VII/4 E. 6.3). Vorliegend wurden die äthiopische Lebenspartnerin des Beschwer- deführers und das gemeinsame Kind in der Schweiz vorläufig aufgenom- men, da der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar eingestuft wurde. Sie verfügen somit nicht über ein ge festigtes Aufenthaltsrecht. Ebenso wenig kann von einem faktischen Aufenthaltsrecht ausgegangen werden, da sie nicht als Flüchtlinge anerkannt sind und C._______ erstmals im Jahr 2016 eine Aufenthaltsbewilligung erhielt, womit diese noch nicht über viele Jahre D-4155/2019 Seite 12 hinweg verlängert worden sein kann. Die Voraussetzungen für eine Beru- fung auf Art. 8 EMRK sind daher nicht erfüllt. 5.3 Unter dem Begriff der „Einheit der Familie“ ist zu verstehen, dass Fa- milienmitglieder nicht voneinander getrennt werden, sondern tatsä chlich zusammenleben können, und dass der Familie nach Möglichkeit ein ein- heitlicher Rechtsstatus eingeräumt wird. Der Beschwerdeführer weist in diesem Sinne zutreffend darauf hin, dass nach Art. 44 AsylG die vorläufige Aufnahme eines Familienmitglieds in der Regel auch die vorläufige Auf- nahme der anderen Familienmitglieder nach sich zieht. Dabei kommt Art. 44 AsylG eine Tragweite zu, die über die aus Art. 8 EMRK abgeleiteten Ansprüche hinausgeht. Es werden mithin unter diesem Titel Angehörige von vorläufig aufgenommenen Personen ebenfalls vorläufig aufgenom- men, obwohl sich der Wegweisungsvollzug als mit Art. 8 EMRK vereinbar und damit völkerrechtlich zulässig erwiese (vgl. Entscheide und Mitteilun- gen der Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 24 E. 9 und 11a). Der in Art. 44 AsylG statuierte Grundsatz verpflichtet dabei aber in erster Linie die Asylbehörden, eine Familie von Asylsuchenden nicht zu trennen und ein- zelne Familienmitglieder wegzuweisen , andere jedoch nicht (vgl. BVGE 2012/4 E. 4.8). Demgegenüber ist dieses Prinzip nicht anwendbar, wenn ein Familienmitglied die vorläufige Aufnahme vor der Ankunft seiner Ange- hörigen in der Schweiz erhalten hat, da andernfalls die Bestimmungen über den Familiennachzug von vorläufig aufgenommenen Per sonen (Art. 85 Abs. 7 AIG) durch die Stellung eines – allenfalls von vornherein unbegrün- deten – Asylgesuchs in der Schweiz umgangen werden könnten. Aus den- selben Gründen kann sich nicht auf den Grundsatz der Einheit der Familie berufen, wer eine Beziehung erst eingeht, nach dem seinem Familienmit- glied die vorläufige Aufnahme erteilt wurde, da ansonsten durch (erneute) Asylgesuchstellung die erwähnten Bestimmungen ebenfalls umgangen werden könnten (vgl. Urteile des BVGer D-5648/2017 vom 6. Februar 2019 E. 6.2 und D-1596/2019 vom 16. Dezember 2019 E. 5.2.2). 5.4 Der Beschwerdeführer lernte seine Partnerin C._______, welche vom SEM mit Verfügung vom 7. April 2016 vorläufig aufgenommen wurde, in der Schweiz kennen. Auf Beschwerdeebene machte er geltend, dass die Beziehung zu seiner P artnerin bereits vor der Anordnung der vorläufigen Aufnahme bestanden habe. Die von ihm eingereichten Beweismittel kön- nen jedoch höchstens belegen, dass er seine Partnerin anlässlich eines (…) im (…) 2015 kennengelernt hat (vgl. BVGer act. 7). Eigenen Angaben zufolge hätten sie ab Februar/März 2016 begonnen, sich alleine zu treffen, und seither eine Beziehung geführt. Diese Behauptung wurde jedoch durch D-4155/2019 Seite 13 keinerlei Beweismittel belegt. Die ersten gemeinsamen Fotoaufnahmen, welche dem Gericht vor liegen, datieren vo m August 2016 (vgl. BVGer act. 4). Auch wenn diese das Paar vertraut zeigen, lässt sich daraus – ent- gegen der vom Beschwerdeführer vertretenen Auffassung – keineswegs schliessen, dass bereits Monate zuvor ei ne Beziehung aufgenommen wurde. Dabei ist auch zu beachten, dass die Partnerin anlässlich ihrer Zweitanhörung vom 31. März 2016 auf die Frage, ob sie verheiratet oder verlobt sei, lediglich antwortete, sie sei nicht verheiratet (vgl. Akten N […] A21, F35). Sie erwähnte dabei aber nicht, dass sie sich in einer festen Be- ziehung befinde. Auch wenn die Frage nicht darauf abzielte, wäre zu er- warten gewesen, dass sie eine bestehende Beziehung in diesem Zusam- menhang erwähnt hätte. Auch in den Akten des Beschwerdeführers findet die Beziehung zu seiner Partnerin erstmals im Rahmen einer Anfrage des Zivilstandsamtes vom 22. September 2017 Erwähnung, in welcher um Ein- sicht in das Asyldossier ersucht wurde (vgl. Akten SEM act. C10). Insge- samt lässt sich den Akten an keiner Stelle entnehmen, dass bereits im April 2016 – mithin zum Zeitpunkt, als der Partnerin die vorläufige Aufnahme erteilt wurde – eine stabile Beziehung zu dieser bestand. Ergänzend ist anzumerken, dass sich der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang auch nicht auf die Vater -Kind-Beziehung zu seinem Sohn berufen kann, welche offensichtlich zu einem noch späteren Zeitpunkt entstanden ist. Eine Abwägung zwischen dem Interesse des Staates, dass die Bestim- mungen zum Familiennachzug nicht umgangen werden, sowie dem Inte- resse des Ki ndes, da ss sein Vater ebenfalls ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz erhält, hat an dieser Stelle nicht zu erfolgen. Weder aus Art. 44 AsylG noch aus Art. 8 EMRK lässt sich ein Anspruch auf Wahl des für das Familienleben am geeignetsten erscheinenden Ortes oder auf einen be- sonderen Aufenthaltstitel ableiten. Für den vorliegenden Fall ist unter Hin- weis auf die nachfolgenden Erwägungen zudem festzuhalten, dass eine Aufnahme des Familienlebens an einem anderen Ort – dem gemeinsamen Heimatstaat der Eltern – möglich und zumutbar ist. Der Beschwerdeführer kann sich daher nicht auf den Grundsatz der Einheit der Familie gemäss Art. 44 AsylG berufen. 5.5 5.5.1 Sodann ist festzustellen, dass – selbst wenn die Voraussetzungen für eine Berufung auf Art. 44 AsylG erfüllt wären – vom Grundsatz der Einheit der Familie abgewichen werden kann, wenn eine Familienvereinigung im Ausland möglich ist (vgl. EMARK 1998 Nr. 31). Sowohl der Beschwerde- führer als auch seine Partnerin stammen aus Äthiopien, weshalb die ganze Familie grundsätzlich die Möglichkeit hat, sich dort niederzulassen. Das D-4155/2019 Seite 14 SEM hielt in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest, dass weder aus den Akten des Beschwerdeführers noch aus dem Dossier seiner Partnerin hervorgeht, dass sie im Heimatstaat einer Verfolgung nach Art. 3 AsylG ausgesetzt wären. Bei der Lebenspartnerin wurde der Vollzug der Wegwei- sung zwar unter Würdigung sämtlicher Umstände als unzumutbar angese- hen, weshalb eine vorläufige Aufnahme angeordnet wurde. Im Rahmen der Replik wurde diesbezüglich beantragt, die Vorinstanz sei anzuweisen, dem Beschwerdeführer die Akten betreffend Anordnung beziehungsweise Be- gründung der vorläufigen Aufnahme von C._______ zuzustellen. Sinnge- mäss wird damit um Einsicht in den internen Antrag (Akten N […] A22) er- sucht, welchem sich di e Gründe dafür entnehmen liessen, weshalb der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar eingeschätzt wurde. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um ein ausschliesslich für den Amtsgebrauch respektive zur internen Entscheidfindung bestimmtes Ak- tenstück handelt, in welches – ohne dass hierdurch der Anspruch auf recht- liches Gehör verletzt würde – keine Einsicht zu gewähren ist (vgl. Urteil des BVGer D-1571/2014 vom 4. Juni 2015 E. 4.1.2). Der sinngemässe Antrag auf Einsicht in das Aktenstück A22 des Dossiers N […] ist daher abzuwei- sen. Zudem ist die vorläufige Aufnahme der Lebenspartnerin nicht Gegen- stand des Verfahrens und wird durch den vorliegenden Entscheid auch nicht weiter berührt. Vielmehr erfolgt eine abstrakte Prüfung, ob sich die Familie ins Heimatland des nicht gefährdeten Lebenspartners begeben kann (vgl. dazu Urteil des BVGer D -277/2013 vom 18. Juni 2013 E. 9.6). Dabei spricht der Grundsatz der Einheit der Familie dann nicht gegen den Vollzug der Wegweisung, wenn den Familienmitgliedern eine Rückkehr in den betreffenden Staat – vorliegend Äthiopien – möglich und zumutbar ist. 5.5.2 Das SEM führte in diesem Zusammenhang aus, dass der Beschwer- deführer jung und gesund sei. Er habe in Äthiopien die Schule besucht und an der Universität von H._______ (…) studiert, womit er über eine sehr gute Ausbildung verfüge. Zudem habe er in der Heimat Freunde und Ver- wandte, weshalb er bei einer Rückkehr nicht auf sich allein gestellt sei. Es sei daher davon auszugehen, dass er in der Lage sein werde, eine Arbeit zu finden und für seine Familie aufzukommen. Weiter wurde im Rahmen der Vernehmlassung festgehalten, dass sich seine Partnerin zwar einer Operation am (…) habe unterziehen müssen. Dies stelle jedoch kein Hin- dernis für eine Rückkehr nach Äthiopien dar, zumal auch dort medizinische Infrastrukturen vorhanden seien. Die Vorinstanz setzte sich somit durchaus mit der Frage auseinander, ob eine Rückkehr nach Äthiopien für die ganze Familie – und nicht nur für den Beschwerdeführer – möglich respektive zu-D-4155/2019 Seite 15 mutbar sei. Diesbezüglich ist anzumerken, dass das Bundesverwaltungs- gericht in ständiger Rechtsprechung von einer generellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Äthiopien ausgeht (vgl. Referenzurteil D- 6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2, in Bestätigung v on BVGE 2011/25 E. 8.3). Demgegenüber ist der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar einzustufen, wenn konkrete Gründe für die Annahme vorliegen, dass den betroffenen Personen eine individuelle Gefährdung dr oht. Auf Beschwer- deebene werden zahlreiche Berichte hinsichtlich der allgemeinen Lage in Äthiopien zitiert, welche jedoch keinen konkreten Bezug zum Beschwerde- führer respektive seiner Familie aufweisen. Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Referenzurteil D-6630/2018 eine Analyse der aktuellen Situ- ation in Äthiopien vorgenommen und ist dabei zum Schluss gekommen, dass – trotz ethnischen Spannungen und Protestbewegungen – nicht da- von auszugehen ist, dass allen äthiopischen Staatsangehörigen eine kon- krete Gefährdung im Si nne von Art. 83 Abs. 4 AIG droh t (vgl. Urteil D - 6630/2018 E. 12.2). Trotz einer gewissen Zunahme von lokalen Gewalt- ausbrüchen und dem Anstieg von intern Vertriebenen ist nicht von einer derart gravierenden Verschlechterung der Situation auszugehen, dass sich die Annahme einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Äthiopien rechtfertigen würde. Die Praxis des Gerichts ist daher auch unter Berücksichtigung der aktuellen Lage zu bestätigen (vgl. Urteil des BVGer D-1627/2020 vom 2. Juni 2020 E. 8.3.1 m.H.) . Vor diesem Hinter- grund geht die Rüge, dass sich das SEM nur ungenügend mit der politi- schen und sozioökonomischen Lage in Äthiopien auseinandergesetzt habe, ins Leere. Die grundsätzliche Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs nach Äthiopien entspricht der geltenden Rechtsprechung und der Be- schwerdeführer hat gerade keine individuellen Gründe vorgebracht, wel- che in seinem Fall auf eine konkrete Gefährdung schliessen lassen wür- den. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs aufgrund einer mangelhaften Berücksichtigung der aktuellen Lage in Äthiopien liegt nicht vor. 5.5.3 In individueller Hinsicht ist für den vorliegenden Fall festzustellen, dass aufgrund der persönlichen Verhältnisse des Beschwerdeführers an- zunehmen ist, er verfüge trotz der schwierigen allgemeinen Gegebenhei- ten in Äthiopien über relativ gute Voraussetzungen, um sich dort erfolgreich wirtschaftlich und sozial zu integrieren. Zur Vermeidung von Wiederholun- gen kann diesbezüglich auf die zutreffenden Ausführungen in der ange- fochtenen Verfügung sowie im Urteil D -3971/2014 vom 22. September 2014 (E. 7.7) verwiesen werden, welchen auf Beschwerdeebene keine substanziierten Einwände entgegengehalten werden. Seine Lebenspart- nerin stammt ebenfalls aus Äthiopien und hat bis zu ihrer Ausreise im Alter D-4155/2019 Seite 16 von (…) Jahren stets dort gelebt (vgl. Akten N […] A6, Ziff. 2.01), weshalb sie nicht in ein ihr fremdes Land zurückkehren würde. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nö- tigenfalls in der Lage sein wird, für die ganze Familie aufzukommen, so dass (auch) seine Partnerin und das gemeinsame Kind in Äthiopien nicht in eine existenzbedrohende Lage geraten würde n. Weiter wurde geltend gemacht, dass C._______ nach einer (…)-Operation noch immer an be- lastungsabhängigen (…) leide (vgl. Arztzeugnis vom 8. Juli 2019 ). Das SEM hielt jedoch zutreffend fest, dass diese gesundheitlichen Probleme – sollten sie weiterhin bestehen – auch im Heimatstaat behandelt werden könnten. Es ist darauf hinzuweisen, dass medizinische Probleme ei nem Wegweisungsvollzug nur dann entgegenstehen, wenn eine notwendige Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesund- heitszustandes, zur Invalidität oder sogar zum Tod der betroffenen Person führen würde (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D -7341/2018 vom 31. Ja- nuar 2019 E. 6.1 m.w.H.). Von einer solchen Situation ist vorliegend nicht auszugehen. Weitere Wegweisungsvollzugshindernisse hinsichtlich der Partnerin sind weder ersichtlich noch werden solche geltend gemacht. 5.5.4 Im Zusammenhang mit dem vom Beschwerdeführer mehrfach ange- führten Kindeswohl ist festzuhalten, dass dieses – wenn ein Kind von ei- nem allfälligen Wegweisungsvollzug betroffen sein wird – einen Gesichts- punkt von gewichtiger Bedeutung bildet. Unter dem Aspekt des Kindes- wohls sind dabei sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen. Dabei können un- ter anderem Kriterien wie Alter, Abhängigkeiten, Art der Beziehungen sowie der Grad der erfolgten Integration bei längerem Aufenthalt in der Schweiz Berücksichtigung finden (vgl. zum Ganzen BVGE 2009/51 E. 5.6 m.w.H.). Das SEM wies zu Recht darauf hin, dass sich der Sohn des Beschwerde- führers noch im Kleinkin dalter befindet und ein allfälliger Wegzug nach Äthiopien nicht zu einer Entwurzelung führen würde. Die hauptsächlichen Bezugspersonen eines Kindes in diesem jungen Alter sind seine Eltern, weshalb das Kindeswohl einer Rückkehr nach Äthiopien zusammen mit diesen nicht entgegensteht. Medizinische Probleme des Sohnes wurden nicht geltend gemacht und es gibt auch keine k onkreten Hinweise dafür, dass er – namentlich aufgrund der vor allem bei Kindern verbreiteten Man- gel- und Fehlernährung in Äthiopien – bei einer Rückkehr gesundheitliche Beeinträchtigungen erleiden würde. Soweit die allgemein schlechte Lage in Äthiopien als Grund dafür vorgebracht wird, dass eine Rückkehr dorthin dem Kindeswohl widerspräche, ist anzumerken, dass auch diesbezüglich D-4155/2019 Seite 17 keine Anhaltspunkte für eine individuelle Gefährdung bestehen. Der Um- stand, dass ein Kind in Äthiopien grundsätzlich nicht in den Genuss der medizinischen, schulischen und materiellen Standards der Schweiz kommt, vermag keine Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu b e- gründen. 5.5.5 Insgesamt erwiese sich somit auch eine Niederlassung der ganzen Familie in Äthiopien als zumutbar. Das SEM hat sich ausreichend mit der konkreten Situation des Beschwerdeführers auseinandergesetzt und zu- treffend festgehalten, dass das Familienle ben allenfalls auch in seinem Heimatstaat geführt werden könnte. Eine Verletzung der Begründungs- pflicht respektive des Anspruchs auf rechtliches Gehör in diesem Zusam- menhang ist zu verneinen. 5.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM das Vorliegen einer wiedererwägungsrechtlich relevanten Veränderung der Sachlage zu Recht und in Übereinstimmung mit der massgeblichen Rechtsprechung verneint hat. Das Wiedererwägungsgesuch wurde daher zu Recht abgelehnt, womit sich auch die Erhebung einer Gebühr von Fr. 600.– gestützt auf Art. 111d AsylG als rechtmässig erweist. 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Auf die Erhe- bung von Kosten ist indessen angesichts der mit Verfügung vom 10. Sep- tember 2019 gewährten unentgeltlichen Prozessführung zu verzichten. 8. Mit dem vorli egenden Urteil fällt die mit superprovisorischer Massnahme vom 19. August 2019 angeordnete und mit Verfügung vom 22. August 2019 bestätigte Aussetzung des Vollzugs dahin. (Dispositiv nächste Seite) D-4155/2019 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Regula Aeschimann Versand: