Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 17. Dezember 2014 (810 14 181) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung aus der Schweiz Besetzung Abteilungs-Vizepräsident Beat Walther, Ka ntonsrichter Claude Jeanneret, Niklaus Ruckstuhl, Stefan Schulthess, Markus Clausen , Gerichtsschreiber i.V. Sebastian Rieger Parteien A.____ , Beschwerde führer , vertreten durch Dr. Christian von Wartburg , Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal , Be- schwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung aus der Schweiz (RRB Nr. 939 vom 24. Juni 2014) A. Der 1986 geborene türkische Staatsangehörige A._ ___ reiste am 24. Juli 1993 im Rahmen des Familiennachzuges in die Schweiz ein und wurde in die Niederlassungsbewilli- gung seiner Eltern einbezogen. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Mit Urteil des Strafgerichtspräsidenten B.____ vom 22. Oktober 2009 wurde A.____ wegen einfacher Körperverletzung zu einer bedingten G eldstrafe von zehn Tagessätzen zu Fr. 60.-- mit einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt. Die Staatsanwaltschaft C.____ verurteil- te A.____ mit Strafbefehl vom 7. November 2011 zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagess- ätzen zu Fr. 110.-- wegen grober Verletzung der Verkeh rsregeln mit einer Probezeit von zwei Jahren und einer Busse von Fr. 1‘100.--. Mit Urteil d es Strafgerichtspräsidenten B.____ vom 19. April 2012 wurde A.____ wegen Angriffs zu einer bedingten Geldstrafe von 200 Tagessät- zen zu Fr. 110.-- mit einer Probezeit von drei Jahren verurteilt. C. A.____ wurde infolge seiner wiederholten Straffä lligkeit vom Amt für Migration Basel- Landschaft (AfM) mit Schreiben vom 31. Oktober 2012 au sländerrechtlich verwarnt. Im besag- ten Schreiben wies das AfM daraufhin, dass A.____ im F alle einer erneuten Straffälligkeit mit der Wegweisung aus der Schweiz zu rechnen habe. Zudem behalte sich das AfM eine erneute Prüfung der Anwendung ausländerrechtlicher Massnahmen vor, wenn weitere bereits begange- ne Straftaten bekannt werden sollten, respektive das be im Appellationsgericht B.____ hängige Verfahren wegen schwerer Körperverletzung rechtskräftig werde. D. Das Appellationsgericht B.____ verurteilte A.____ mi t Urteil vom 25. Januar 2013 we- gen schwerer Körperverletzung (begangen am 29. Septemb er 2008) zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten. E. Mit Schreiben vom 13. August 2013 gewährte das AfM A .____ das rechtliche Gehör zum beabsichtigten Widerruf der Niederlassungsbewilligung. A.____, vertreten durch Dr. Chris- tian von Wartburg, Advokat, beantragte mit Schreiben vom 7. Oktober 2013 es sei von einer Wegweisung abzusehen und es sei stattdessen erneut eine Verwarnung auszusprechen. F. Mit Verfügung vom 5. November 2013 widerrief das AfM unter Berufung auf die ergan- genen strafrechtlichen Urteile die Niederlassungsbewill igung von A.____ und wies ihn auf den Zeitpunkt der (bedingten) Entlassung aus dem Strafvollzug aus der Schweiz weg. G. Mit Beschluss Nr. 939 vom 24. Juni 2014 wies der Regie rungsrat des Kantons Basel- Landschaft (Regierungsrat) die von A.____, vertreten d urch Dr. Christian von Wartburg, gegen die Verfügung des AfM vom 5. November 2011 erhobene Beschwerde ab. Der Entscheid wurde im Wesentlichen damit begründet, dass A.____ einerseits den Widerrufsgrund der längerfristi- gen Freiheitsstrafe erfülle und andererseits durch sein strafrechtlich relevantes Verhalten die öffentliche Sicherheit und Ordnung in schwerwiegender Weise gefährde. Zudem sei der finanzi- elle Leumund von A.____ aufgrund der zwei Betreibung en mit hohen Beträgen aktenkundig getrübt. Auch die am 17. Mai 2014 neu geschlossene Ehe mit seiner Landsfrau D.____, gebo- ren am 4. August 1994, ändere nichts am Widerruf, da d iese in einem Zeitpunkt geschlossen wurde, als das regierungsrätliche Beschwerdeverfahren bere its hängig war und sie damit hätte rechnen müssen, die Ehe nicht in der Schweiz leben zu können. H. Mit Eingabe vom 4. Juli 2014 reichte A.____, nach wie vor vertreten durch Dr. Christian von Wartburg und neu auch durch Elisabeth Maier, Advokat in, Beschwerde beim Kantonsge- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht richt Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwal tungsrecht (Kantonsgericht), ein. Es wird beantragt, der Entscheid des Regierungsrates vom 5 . November 2013 sei vollumfänglich aufzuheben und das AfM sei gerichtlich anzuweisen, dem Beschwerdeführer die Niederlas- sungsbewilligung zu belassen resp. zu verlängern. Mit ergä nzender Beschwerdebegründung vom 4. September 2014 führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, der Widerrufsgrund infolge einer längerfristigen Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr sei zwar gegeben, das Vor- liegen des Widerrufsgrundes aufgrund einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ord- nung in schwerwiegender Weise sei jedoch zu verneinen. Insbesondere weil dieser Widerrufs- grund subsidiär zum erstgenannten sei. Auch sei eine Niederlassungsbewilligung eines Auslän- ders der zweiten Generation nur mit Zurückhaltung zu wi derrufen, weshalb die Wegweisung des Beschwerdeführers trotz Vorliegens eines Widerrufsgru ndes unverhältnismässig wäre. Zu- dem sei der Beschwerdeführer inzwischen aktenkundig mit D. ____ verheiratet. Da die Verlo- bung bereits im Jahr 2012 erfolgte und damit vor Beginn des Widerrufsverfahrens, könnten sich die Eheleute auch auf das Recht auf Familienleben ber ufen. Der Ehefrau sei eine Ausreise in die Türkei nicht zumutbar, da sie bereits ihr ganzes Leben hier in der Schweiz verbracht habe. I. Am 4. November 2014 liess sich der Regierungsrat verne hmen. Im Wesentlichen führt er aus, der Widerrufsgrund der Gefährdung der öffentl ichen Sicherheit und Ordnung sei zwar subsidiär zum hier unbestrittenermassen erfüllten Wide rrufsgrund der längerfristigen Freiheits- strafe, dennoch sei der Umstand, dass der erstgenannte Wi derrufsgrund ebenfalls erfüllt sei, bei der Verhältnismässigkeitsprüfung zu berücksichtigen. Die s gelte auch für die Legalprogno- se. Demzufolge sei die Beschwerde im Hinblick auf den Wi derrufsgrund, auf die begangenen Delikte und die kurze Zeitspanne, in welcher sich der B eschwerdeführer wohl verhalten habe, vollumfänglich abzuweisen. J. Mit Verfügung vom 11. November 2014 wurde der Fal l der Kammer zur Beurteilung überwiesen und ein aktueller Betreibungsregisterauszug des Beschwerdeführers angefordert. K. An der heutigen Parteiverhandlung nehmen der Besc hwerdeführer mit seiner Rechts- vertreterin, ein Vertreter des Regierungsrates sowie di e Ehefrau des Beschwerdeführers als Auskunftsperson teil. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss § 47 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassu ngs- und Verwaltungspro- zessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist zur Beschwerde befugt, wer durch die ange- fochtene Verfügung oder den angefochtenen Entscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Inte- resse an dessen Änderung oder Aufhebung hat. Da der Be schwerdeführer Adressat des ange- fochtenen Entscheides ist und ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung hat, die üb- rigen formellen Voraussetzungen erfüllt und sowohl di e örtliche wie auch die sachliche Zustän- digkeit des Kantonsgerichts gegeben sind, kann auf die vorliegende Beschwerde eingetreten werden. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können gem äss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststel lung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit des angefochte nen Rechtsaktes ist dem Kantonsge- richt dagegen - abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen - verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO, e contrario). 3.1 Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob der Widerruf der Niederlassungsbewilligung des Beschwerdeführers und dessen Wegweisung aus der Schweiz zu Recht erfolgten. 3.2 Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in der Schweiz nur berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitz t oder wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 und 11 des Bundesgesetzes über die Ausländeri nnen und Ausländer [AuG] vom 16. Dezember 2005; vgl. auch Art. 2 AuG). Die zuständ ige kantonale Behörde entscheidet ge- mäss Art. 18 ff. und 27 ff. AuG im Rahmen der gesetzlic hen Vorschriften und Verträge mit dem Ausland nach freiem Ermessen über die Zulassung zu einem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbs- tätigkeit. Einen Rechtsanspruch auf die Erteilung ein er Niederlassungsbewilligung hat die aus- ländische Person somit grundsätzlich nicht, es sei denn, das AuG oder völkerrechtliche Ver- pflichtungen sehen dies vor (BGE 133 I 185 E. 2.3; P ETER UEBERSAX , in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 7.84 ff.). 4. Aus dem Niederlassungsabkommen zwischen der Schweiz und d er Türkischen Repub- lik vom 13. Dezember 1930 (SR 0.142.117.632) lässt sich kein selbständiger staatsvertraglicher Aufenthaltsanspruch zugunsten des Beschwerdeführers ableiten , denn Art. 1 des Abkommens hält ausdrücklich fest, dass die einschlägigen fremdenpoli zeilichen Regelungen des innerstaat- lichen Rechts vorbehalten sind (vgl. auch Urteil des Bunde sgerichts 2A_473/2006 vom 24. Ja- nuar 2007 E. 2.2.2). Es sind entsprechend die Bestimmungen des AuG anwendbar. 5. Gemäss Art. 34 Abs. 1 AuG verleiht die Niederlassun gsbewilligung einen zeitlich unbe- fristeten und unbedingten Anspruch auf Anwesenheit in der Schweiz. Es ist somit von einem grundsätzlichen gesetzlichen Anspruch des Beschwerdeführer s auf Aufenthalt in der Schweiz auszugehen. Der von der Niederlassungsbewilligung grund sätzlich eingeräumte gesetzliche Anspruch auf Anwesenheit gilt indes nicht absolut. Be i Vorliegen eines Widerrufsgrundes nach Art. 63 AuG kann die Niederlassungsbewilligung entzogen werden. 6.1 Gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. a AuG i.V.m. Art. 62 li t. b AuG kann die Niederlassungs- bewilligung widerrufen werden, wenn die Ausländerin oder der Ausländer zu einer längerfristi- gen Freiheitsstrafe verurteilt worden ist. Das Bundesger icht hat das Kriterium der Länger- fristigkeit der Strafe in diesem Kontext dahingehend ko nkretisiert, dass es einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr bedarf, wobei mehrere unterjäh rige Strafen bei der Berechnung nicht kumuliert werden dürfen (BGE 137 II 297 E. 2.3.6 und 135 II 377 E. 4.2). Keine Rolle spielt, ob die Sanktion bedingt, teilbedingt oder unbedingt aus gesprochen wurde (Urteil des Bundesge- richts 2C_515/2009 vom 27. Januar 2010 E. 2.1). Ein Wi derruf ist auch möglich, wenn die aus- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht ländische Person in schwerwiegender Weise gegen die öff entliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen oder diese gefährd et hat (Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG). Die Praxis geht hiervon aus, wenn sie durch ihr Handeln besonders hochwertige Rechtsgüter verletzt oder in Gefahr gebracht hat, sich von strafrechtl ichen Massnahmen nicht beeindrucken lässt und sich im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zeigt, d ass sie auch künftig weder gewillt noch fähig erscheint, sich an die Rechtsordnung zu halte n (BGE 137 II 297 E. 3; Urteil des Bundesgerichts 2C_562/2011 vom 21. November 2011 E. 3.2). 6.2 Mit der Verurteilung vom 25. Januar 2013 zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten durch das Appellationsgericht des Kantons B.____ ist vorliegend eine längerfristige Freiheitsstrafe ausgesprochen worden und der Widerruf sgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. a AuG i.V.m. Art. 62 lit. b AuG gegeben, was der Beschwerd eführer zu Recht nicht bestreitet. Ob sein Verhalten zugleich als schwerwiegender Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG zu werten ist, wie es die Vorinstanz angenommen hat, bedarf keiner näheren Betrachtung, da dieser Widerruf sgrund nur dann zur Anwendung ge- langt, wenn es an den Voraussetzungen für einen Wider ruf aufgrund der Verurteilung zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe fehlt (vgl. BGE 135 II 377 E. 4.2; Urteile des Bundesgerichts 2C_888/2012 vom 13. März 2013 E. 3 und 2C_1029/2011 vo m 10. April 2012 E. 3.1). In der vorliegenden Konstellation kommt diesem Widerrufsgrund somit nur subsidiäre und damit keine entscheidwesentliche Bedeutung zu. 7.1 Eine Wegweisung rechtfertigt sich nach Art. 96 Abs. 1 AuG nur dann, wenn diese Mas- snahme im Einzelfall gestützt auf eine umfassende Güterabwägung verhältnismässig erscheint. Nach dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit muss eine Verwaltungsmassnahme zur Verwirk- lichung des im öffentlichen Interesse liegenden Ziels ge eignet und notwendig sein. Ausserdem muss der angestrebte Zweck in einem vernünftigen Verhält nis zu den Belastungen stehen, die dem Privaten auferlegt werden (vgl. U LRICH HÄFELIN /G EORG MÜLLER /F ELIX UHLMANN , Allgemei- nes Verwaltungsrecht, 6. Aufl., Zürich 2010, Rz. 581 ff .). Dabei sind alle Umstände des Einzel- falls zu berücksichtigen und die öffentlichen und privaten Interessen sorgfältig gegeneinander abzuwägen (M ARTINA CARONI , in: Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Bundesgesetz ü ber die Ausländerinnen und Ausländer, Bern 2010, Art. 51 Rz. 3 ; ANDREAS ZÜND /L ADINA ARQUINT HILL , in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], a.a.O., R z. 8.48). Verlangt ist insofern eine Abwä- gung der sich gegenüberstehenden privaten Interessen an d er Erteilung der Bewilligung und der öffentlichen Interessen an deren Verweigerung, wo bei Letztere in dem Sinne überwiegen müssen, dass sich der Eingriff als notwendig erweist (vgl. BGE 135 I 143 E. 2.1 mit Hinweisen). Zur Beurteilung der Frage, ob dies der Fall ist, sind namentlich die Schwere des Delikts und des Verschuldens des Betroffenen, der seit der Tat vergange ne Zeitraum, das Verhalten des Aus- länders während diesem, der Grad seiner Integration b zw. die Dauer der bisherigen Anwesen- heit sowie die ihm und seiner Familie drohenden Nach teile zu berücksichtigen (BGE 135 II 377 E. 4.3). 7.2 Demzufolge ist anhand der aufgezeigten Rechtslage zu prüfen, ob unter Berücksichti- gung der konkreten Umstände des vorliegenden Falles die ö ffentlichen Interessen am Widerruf Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Niederlassungsbewilligung die privaten Interessen de s Beschwerdeführers an einem Ver- bleib in der Schweiz überwiegen. 7.3 Der Regierungsrat führt in seinem Entscheid vom 2 4. Juni 2014 aus, es bestünden aufgrund der strafrechtlichen Verurteilungen des Beschwe rdeführers, dessen Verschulden so- wie der Missachtung der hiesigen Rechtsordnung und Ordnun gsvorstellungen gewichtige öf- fentliche Sicherheitsinteressen an der Fernhaltung des Beschwerdeführers von der Schweiz. Der Beschwerdeführer legt in seiner ergänzenden Beschwer debegründung vom 4. September 2014 dar, seine Verurteilung sei ernst zu nehmen und mit Sicherheit nicht zu verharmlosen, es müsse aber darauf hingewiesen werden, dass beim Tatbestand der schweren Körperverletzung ein gesetzlicher Strafrahmen bis zu zehn Jahren vorgese hen sei, weshalb das Verschulden bei seiner Verurteilung zu 24 Monaten teilbedingter Freih eitsstrafe nicht als besonders schwer an- zusehen sei. Die gerichtliche Qualifikation als schwere K örperverletzung sei auch nicht Folge einer lebensgefährlichen Verletzung gewesen, weshalb m an im vorliegenden Fall nicht von ei- nem besonders schweren Gewaltdelikt ausgehen könne. 7.4 Es steht ausser Frage, dass eine Wegweisung für die Erreichung der fremdenpolizeili- chen Ziele eine geeignete Massnahme ist. Ausländer, dere n Aufenthaltszweck weggefallen ist, haben die Schweiz unter bestimmten Umständen zu verlassen . Dieses fremdenpolizeiliche Ziel kann auch nicht durch eine weniger einschneidende Massnah me erreicht werden. Es bleibt zu prüfen, ob die Massnahme als verhältnismässig im engeren Sinn zu qualifizieren ist, ob also der angestrebte Zweck in einem vernünftigen Verhältnis zu den Belastungen steht, die dem Be- schwerdeführer mit der Wegweisung auferlegt werden. D iesbezüglich muss eine Interessenab- wägung vorgenommen werden. 7.5 Ausgangspunkt für die Schwere des Verschuldens und die vorzunehmende ausländer- rechtliche Interessenabwägung ist die vom Strafgericht verhängte Strafe (Urteil des Bundesge- richts 2C_733/2012 vom 24. Januar 2013 E. 8.4.1). Das St rafgericht B.____ verurteilte den Be- schwerdeführer am 11. August 2010 zu 17 Monaten und 20 Tagen Freiheitsstrafe mit beding- tem Strafvollzug wegen schwerer Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft sowie der Be- schwerdeführer appellierten gegen dieses Urteil. Mit Urteil vom 25. Januar 2013 hob das Appel- lationsgericht B.____ das Urteil vom 11. August 2010 au f und erhöhte die Freiheitsstrafe auf zwei Jahre, davon 18 Monate bedingt vollziehbar, mit e iner Probezeit von drei Jahren. Das Appellationsgericht B.____ führt in seinem Urteil b ezüglich des Verschuldens des Beschwerde- führers aus, dieser habe aus nichtigem Anlass – aufgrund einer angeblichen Provokation des Opfers – eine Schlägerei begonnen und dieses auf äusserst feige Weise von hinten angegrif- fen. Neben der aus taktischen Gründen vom Beschwerdeführ er erhobenen Gegenstrafanzeige wirke sich auch der Umstand sehr belastend aus, dass er vo m Opfer – selbst nachdem es am Boden lag – nicht abliess. Es sei sodann nur dem Zufall zu verdanken, dass das Opfer nicht noch schwerere Verletzungen davon getragen habe. Im Ur teil des Appellationsgericht vom 25. Januar 2013 wurde ferner ausgeführt, das Verschuld en des Beschwerdeführers wiege schwer. Strafmildernd wirke sich demgegenüber der Umstand aus, dass er über eine feste Ar- beitsstelle verfüge. Eine gute Legalprognose könne ihm mit Blick auf die bisherigen Verurteilun- gen dennoch nicht gestellt werden. Erschwerend komme hi nzu, dass er gemäss eigener Aus- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht sage auch weiterhin als Türsteher tätig sein wolle. Es be stehe daher ein nicht unerhebliches Risiko für weitere gewaltassoziierte Straftaten. Aufgrund des Angeführten ist sowohl von schwe- ren gegen Leib und Leben gerichteten Delikten, als auch von einem schweren Verschulden des Beschwerdeführers auszugehen, woraus sich grundsätzlich ein gewichtiges öffentliches Sicher- heitsinteresse am Widerruf der Niederlassungsbewilligung und der Wegweisung des Be- schwerdeführers ergibt. 7.6 Diesem öffentlichen Interesse sind die privaten Inter essen des Beschwerdeführers an einem Verbleib in der Schweiz gegenüberzustellen. Der Beschwerdeführer lebt seit seinem siebten Lebensjahr und damit seit nunmehr 21 Jahren in der Schweiz. Es ist somit von einer langen Aufenthaltsdauer auszugehen, was - wie die Vori nstanz zu Recht ausführt - zu seinen Gunsten zu berücksichtigen ist. Bei einer solch langen A ufenthaltsdauer ist eine Niederlas- sungsbewilligung nur mit Zurückhaltung zu widerrufen. Abgesehen von den Kindergartenjahren, welche der Beschwerdeführer gemäss eigener Aussage in de r Türkei zugebracht habe, ver- brachte er somit die ganze Schulzeit wie auch die prägen den Jugendjahre in der Schweiz. Aus den Akten ist ersichtlich, dass der Beschwerdeführer in der Schweiz über viele soziale Kontakte verfügt. Die sozialen Kontakte stammen gemäss Aussage des B eschwerdeführers aus dem Vereinsleben des Sport-Clubs E.____, von der Arbeit un d von sonstigen Gelegenheiten. Den zahlreichen Empfehlungsschreiben in den Akten ist zu entn ehmen, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner freundlichen, hilfsbereiten und zuvorkommenden Art äusserst geschätzt werde. Neben dem vorgenannten Bekanntenkreis, befindet sich die gesamte nahe Verwandtschaft des Beschwerdeführers – abgesehen von den betagten Grosselter n mütterlicherseits – in der Schweiz. Insbesondere zu den beiden Geschwistern und seinen Eltern hat der Beschwerdefüh- rer nach eigenen Angaben ein gutes Verhältnis. Neben den zahlreichen vom Beschwerdeführer aufgelisteten Verwandten aus dem engeren familiären U mkreis (Tanten, Onkel und Cousins), haben auch die beiden Geschwister des Beschwerdeführers d ie Schweizer Staatsbürgerschaft. Dem Beschwerdeführer wurde diese, trotz Antrages, zunäc hst wegen der zu kurzen Aufent- haltsdauer im Kanton und später aufgrund des hängige n Strafverfahrens verweigert. Zu seiner Familie besteht ein sehr enger Kontakt, was auch von all en Familienmitgliedern bestätigt wird. Der Beschwerdeführer ist zudem seit dem 17. Mai 2014 mit D.____ verheiratet. Diese führt an- lässlich der heutigen Parteiverhandlung aus, sie habe den Beschwerdeführer am 28. Mai 2011 kennengelernt und sich am 14. April 2012 mit ihm verlob t. Am 30. November 2013 hätten sie traditionell und am 17. Mai 2014 standesamtlich gehei ratet. Sowohl die Ehefrau wie auch der Beschwerdeführer legen an der heutigen Verhandlung g laubhaft dar, dass sie in einer intakten und tatsächlich gelebten Beziehung zusammenleben. Sie l eben im selbst renovierten Haus in F.____, welches der Beschwerdeführer mit der finanziell en Unterstützung seines Vaters erwor- ben habe. Gemäss den Schreiben der Schwiegereltern de s Beschwerdeführers besteht auch zwischen ihnen und dem Beschwerdeführer ein sehr gutes, e nges und liebevolles Verhältnis. Der Beschwerdeführer weist somit eine starke familiäre Verwurzelung in der Schweiz auf. Des Weiteren beherrscht der Beschwerdeführer die deutsche Sp rache sehr gut. Neben der ohne Zweifel vorhandenen sozialen Integration, ist der Be schwerdeführer auch wirtschaftlich inte- griert. Er hat im Jahr 2007 eine Berufslehre als Metal lbaukonstrukteur erfolgreich abgeschlos- sen und verfügt über eine feste und unbefristete Arbei tsstelle (100% Pensum) bei der G.____ AG in H.____. Der Beschwerdeführer verfügt somit über eine Arbeitsstelle, die ihm neben ei- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht nem gesicherten Einkommen auch berufliche Entwicklungspe rspektiven bietet. Abgesehen von den beiden offenen Betreibungen von gesamthaft Fr. 80‘747.60, welche unmittelbar aus dem Strafurteil des Appellationsgerichts vom 25. Januar 2 013 zugesprochenen Schadens- und Ge- nugtuungsansprüchen sowie aus der im strafgerichtlichen Urteil vom 11. August 2010 formulier- ten solidarischen Haftung gegenüber der SUVA resultieren, ist der Beschwerdeführer schulden- frei. Diese Schulden begleicht er gemäss der Lohnpfänd ungsverfügung vom 14. Juli 2014 in monatlichen Raten. Sozialhilfe hat der Beschwerdeführer nie bezogen. Damit erweist sich die- ser sowohl in sozialer wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht als gut integriert. Der Beschwerde- führer ist kurdischer Abstammung, weshalb eine Rückkehr i n die Türkei, gemäss seiner Aussa- ge an der heutigen Parteiverhandlung, insbesondere mi t Blick auf seine Dienstpflicht im türki- schen Militär mit Nachteilen verbunden sein kann. Zudem befinden sich – mit Ausnahme der betagten Grosseltern – keine Verwandten des Beschwerdefü hrers in der Türkei, die ihn beim Aufbau einer neuen Existenz unterstützen könnten. So fü hrt auch der Regierungsrat im Ent- scheid vom 24. Juni 2014 aus, eine Rückkehr in die Türkei würde den Beschwerdeführer – zu- mindest zu Beginn – hart treffen. Auch der Ehefrau dr ohen bei einer Wegweisung des Be- schwerdeführers beachtliche Nachteile. So könnte sie unt er Umständen ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau, ohne die finanzielle Unterstützung durch den Beschwerdeführer, nicht beenden. Zudem würde sie das Haus in F.____ aus finanziellen Grü nden wohl nicht alleine halten kön- nen. Die Ehefrau führt anlässlich der heutigen Verhandlung glaubhaft aus, es sei für sie unmög- lich ihrem Ehemann in die Türkei zu folgen, da sie sich als Schweizer Bürgerin fühle und ein Einbürgerungsgesuch hängig sei. Überdies befänden sich ih r Lebensmittelpunkt wie auch ihre ganze Familie in der Schweiz. Eine Wegweisung würde d amit unweigerlich zur Trennung der jungen Ehegatten führen. Es bestehen somit sehr gewich tige private Interessen des Beschwer- deführers an einem Verbleib in der Schweiz. 7.7 Der Beschwerdeführer beging am 27. August 2008 ei ne einfache und am 29. Septem- ber 2008 eine schwere Körperverletzung. Der Angriff er folgte am 15. März 2009. Die Delikte gegen Leib und Leben wurden somit in einem Zeitraum von rund sieben Monaten begangen. Das AfM hat den Beschwerdeführer daraufhin am 31. Okto ber 2012 verwarnt und ausgeführt, dass er im Falle einer erneuten Straffälligkeit mit d er Wegweisung aus der Schweiz zu rechnen habe. Da zu diesem Zeitpunkt das Strafverfahren vor dem Appellationsgericht B.____, welches schlussendlich zum widerrufsbegründenden Strafurteil führ te, noch hängig war, wurde dieses nicht berücksichtigt. Das AfM teilte dem Beschwerdeführer mit, dass sofern das besagte Urteil in Rechtskraft erwachse, eine Wegweisung erfolgen werde. Gemäss Strafregisterauszug vom 22. Oktober 2013 erwuchs das Strafurteil am 20. Juni 2013 in Rechtskraft. Das Appellationsver- fahren betraf jedoch nicht die Frage der Schuld sonder n die Frage der Strafhöhe, ein allfälliger Freispruch war nicht Verfahrensgegenstand. Somit hatte der Beschwerdeführer nach der aus- gesprochenen Verwarnung keine Einflussmöglichkeit mehr a uf seine Verurteilung. Demnach hat sich der Beschwerdeführer – abgesehen von einem Ve rkehrsdelikt – seit der Tatbegehung und damit nunmehr seit sechs Jahren wohl verhalten. Die s mag einerseits mit dem Strafvollzug zu begründen sein, hängt andererseits sicher auch mit de n neugeschaffenen stabilen Lebens- umständen wie der neuen festen Arbeitsstelle sowie der H eirat mit D.____ zusammen. Wie der Beschwerdeführer anlässlich der heutigen Parteiverhandl ung glaubhaft ausführt, hat er die Tä- tigkeit als Türsteher aufgegeben, weshalb die Gefahr g ewaltassoziierter Straftaten im Zusam- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht menhang mit dieser Tätigkeit ausgeschlossen werden kann. Dadurch kann dem Beschwerde- führer im Gegensatz zum Zeitpunkt des Appellationgerichtsurteils durchaus eine positive Legal- prognose gestellt werden. Zu dieser Auffassung gelangt auch die Vollzugsverantwortliche des Vollzugszentrums I.____, J.____, wenn sie in ihrer Stellu ngnahme vom 30. Juli 2014 ausführt, dass der Beschwerdeführer seine Tat bereue und aus seinen Fehlern gelernt habe. Die Voll- zugsverantwortliche attestiert dem Beschwerdeführer deshalb eine positive Legalprognose. Der Beschwerdeführer hat sich demzufolge seit der Tat vom 2 9. September 2009, bis auf eine Ver- kehrsregelverletzung, wohl verhalten. Die Schweiz und da s hiesige familiäre Umfeld verlassen zu müssen, würde den Beschwerdeführer hart treffen. Deme ntsprechend ist von einem sehr gewichtigen privaten Interesse des Beschwerdeführers an e inem Verbleib in der Schweiz aus- zugehen. 7.8 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen überwiegt im vorliegenden Fall das private Interesse des Beschwerdeführers an einem Verbleib in de r Schweiz das öffentliche Interesse am Widerruf der Niederlassungsbewilligung und der Wegw eisung des Beschwerdeführers, wo- bei insbesondere die lange Aufenthaltsdauer, die gute Integration des Beschwerdeführers in der Schweiz, die stabilen Lebensumstände und der damit verb undene Wandel ins Gewicht fallen. Ein Widerruf der Niederlassungsbewilligung des Beschwe rdeführers und dessen Wegweisung aus der Schweiz wären demnach unverhältnismässig. Die Besc hwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. 8. Bei diesem Ergebnis kann offengelassen werden, ob si ch der Beschwerdeführer dar- über hinaus auf den Schutz des Privat- und Familienlebe ns nach Art. 8 Ziff. 1 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (Euro päische Menschenrechtskonventi- on, EMRK) vom 4. November 1950 berufen kann. 9. Es bleibt über die Kosten des vorliegenden Verfahre ns zu befinden. 9.1 Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das verwaltungsgerichtliche Verfahren vor dem Kantons- gericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen di e Gerichtsgebühren sowie die Be- weiskosten und werden gemäss § 20 Abs. 3 VPO in der Regel der unterliegenden Partei in an- gemessenem Ausmass auferlegt, wobei den Vorinstanzen – ab gesehen von hier nicht vorlie- genden Ausnahmen – keine Verfahrenskosten auferlegt we rden. Da vorliegend der Regierungs- rat unterlegen ist, werden keine Verfahrenskosten erhoben. 9.2 Dem obsiegenden Beschwerdeführer wird für den Beizu g des Anwalts eine Parteient- schädigung entsprechend dem ausgewiesenen Stundenaufwand des Rechtsvertreters von 16.4 Stunden zu dem in der Honorarnote ausgewiesenen Stun denansatz von Fr. 250.-- sowie Aus- lagen in der Höhe von Fr. 192.-- zu Lasten des Regierungsrates zugesprochen (vgl. § 21 Abs. 1 VPO). Der Regierungsrat hat dem Beschwerdeführer somit eine Parteientschädigung in der Höhe von insgesamt Fr. 4‘458.25 (inkl. 8% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. 9.3 Was die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens anbel angt, so ist die Angelegenheit zu deren Neuverlegung an den Regierungsrat zurückzuweisen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Koste n des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat des Kantons Basel-La ndschaft zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben und der g eleistete Kosten- vorschuss in der Höhe von Fr. 1‘800.-- wird dem Beschwerd eführer zu- rückerstattet. 4. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat de m Beschwerde- führer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 4 ‘458.25 (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Vizepräsident Gerichtsschreiber i.V.