B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5359/2018 U r t e i l v o m 8 . J a n u a r 2 0 2 0 Besetzung Richter Jürg Marcel Tiefenthal (Vorsitz), Richter David R. Wenger, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger; Gerichtsschreiber Daniel Widmer. Parteien A._______, Staat unbekannt, vertreten durch MLaw Roman Schuler, Rechtsanwalt, Advokatur Kanonengasse, (...), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Wegweisung und Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 17. August 2018 / N (...). D-5359/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am (...) 2018 im Empfangs- und Verfahren- szentrum (EVZ) B._______ um Asyl nach. Am 26. April 2018 führte das SEM im EVZ C._______ die Befragung zur Person (BzP) durch und am 23. Mai 2018 hörte es ihn im Beisein einer Vertrauensperson zu seinen Asylgründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, er sei als somalischer Staatsangehöriger vom Clan D._______ in der somalischen Stadt E._______ geboren, wo er immer im Qu artier F._______ gelebt habe. Er habe (...) ältere Geschwister und einen etwas jüngeren Bruder. Als er noch sehr klein gewesen sei, habe er in E._______ einige Monate lang eine Ko- ranschule besucht. Sein Vater sei von seinem Stamm zum (...) gewählt worden u nd habe dessen Rechte verteidigt. Er sei verhaftet und wahr- scheinlich im Gefängnis umgebracht worden. Weil der Beschwerdeführer danach den mächtigen Clans schutzlos ausgeliefert gewesen sei, sei seine Mutter mit der Familie nach G._______ in Somaliland gezogen. Dort habe er längere Zeit gelebt, aber die Schule nicht besucht. Seine Mutter habe kein genügendes Einkommen erzielt, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. Seine Schwester H._______ sei im Jahr 2015 von G._______ nach I._______ ausgereist. In der Folge sei seine Mutter mit ihm und seinen übrigen Geschwistern nach J._______ in Äthiopien gezo- gen. Sie habe ein Grundstück in E._______ verkauft und eines in J._______ gekauft. Er habe dort ein Jahr gelebt und die Schule besucht. Er habe aber in J._______ keine Existenzgrundlage gehabt und sei wegen seiner Clanzugehörigkeit von seinen Mitschülern und Lehrern verachtet und diskriminiert worden. Einmal sei er zusammen mit anderen Jugendli- chen festgenommen worden, weil sie alle lange Haare gehabt hät ten. Zu- dem sei er auf der Strasse wiederholt nach Ausweisen gefragt worden. Deshalb habe er Äthiopien (...) 2017 in Richtung K._______ verlassen und sei in der Folge über L._______ und M._______ in die Schweiz gereist. B. Mit Verfügung vom 17. August 2018 – eröffnet spätestens am 27. August 2018 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlings- eigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. C. Der Beschwerdeführer beantragte durch seinen Rechtsvertreter mit Ein-D-5359/2018 Seite 3 gabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 19. September 2018, die Ver- fügung der Vorinstanz sei in den Ziffern 3–5 des Dispositivs aufzuheben, die Sache sei zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsfeststellung sowi e zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen, eventualiter sei wegen Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Es sei dem Be- schwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung zu gew ähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ihm der rubrizierte Rechtsvertreter als unentgeltlichen Rechtsbeistand zu bestellen. Der Ein- gabe lag eine Unterstützungsbedürftigkeitserklärung bei. D. Mit Zwischenverfügung vom 25. September 2018 teilte die damals zustän- dige Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer mit, er dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Zudem wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen, auf die Er- hebung eines Koste nvorschusses verzichtet und dem Beschwerdeführer antragsgemäss sein Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beige- ordnet. Schliesslich wurde er aufgefordert, innert Frist einen Arztbericht be- ziehungsweise ein ärztliches Zeugnis einzureichen. E. Am 3. Oktober 2018 wurde ein Arztbericht vom 30. September 2018 frist- gerecht zu den Akten gereicht. F. Die Instruktionsrichterin übermittelte dem SEM am 10. Oktober 2018 die Akten zur Vernehmlassung. G. In seiner Vernehmlassung vom 12. Oktober 2018 beantragte das SEM die Abweisung der Beschwerde. Es führte aus, der in der Beschwerdeschrift erwähnte und durch das ärztliche Zeugnis vom 30. September 2018 beleg- ten Umstand, dass die N._______-Therapie des Beschwerdeführers neu habe begonnen werden müssen und nun bis mindestens (...) 2019 dauere, sei bei der Neuansetzung der Ausreisefrist zu berücksichtigen. Es entspre- che der Praxis des SEM, dass die N._______ bis zum Abschluss der The- rapie in der Schweiz behandelt werden könne. D-5359/2018 Seite 4 H. Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren am 7. Januar 2019 zur Behandlung auf Richter Jürg Marcel Tiefenthal übertra- gen. I. Mit Eingabe vom 13. September 2019 reichte der Rechtsvertreter eine Ko- pie der (...) Aufenthaltserlaubnis und Iden titätskarte der Schwester H._______ des Beschwerdeführers ein. Diesem sei es gelungen, den Kon- takt zur volljährigen H._______ wiederherzustellen. Zudem habe er den Wunsch einer Überstellung nach I._______ geäussert. H._______ sei dort am (...) 2017 als Flüchtling anerkannt worden und verfüge über eine per- manente Aufenthaltsbewilligung. Der Rechtsvertreter habe telefonisch Kontakt mit H._______ aufnehmen können. Sie habe ebenfalls den Wunsch geäussert, dass ihr jüngerer Bruder zu ihr nach I._______ trans- feriert werde. Die Vorinstanz sei im Rahmen einer zweiten Vernehmlas- sung einzuladen, sich zu einer Kontaktaufnahme mit den schwedischen Asylbehörden und Prüfung einer Familienzusammenführung des minder- jährigen Beschwerdeführers mit seiner volljährigen Schwester in I._______ zu äussern. Mit Blick auf das Kindeswohl seien die Möglichkeiten einer Fa- milienzusammenführung erneut zu prüfen, wobei auch auf Art. 6 Abs. 3 und 4 sowie Art. 8 Dublin-III-Verordnung hingewiesen wurde, da nun Kon- taktangaben und Aufenthaltsstatus der Schwester des Beschwerdeführers bekannt seien und beide den Wunsch betreffend Familienzusammenfüh- rung geäussert hätten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist da her zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. D-5359/2018 Seite 5 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än- derung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. D er vorliegend a nzuwendende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1 –4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbezeichnung verwendet. 1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die verfügte Wegweisung und deren Vollzug. Die Ziffern 1 (Verneinung der Flüchtlings- eigenschaft) und 2 (Ablehnung des Asylgesuchs) der Verfügung vom 17. August 2018 sind daher mangels Anfechtung in Rechtskraft erwach- sen. 4. 4.1 Zur Begründung ihrer abweisenden Verfügung führte die Vorinstanz aus, die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner Person, seinem Le- benslauf und seiner Herkunft seien sehr dürftig ausgefallen. So habe er bei der BzP angegeben, weder sein Geburtsjahr noch das Alter seiner Ge- schwister zu kennen, und nicht zu wissen, in welchem Alter er Somalia ver- lassen habe. Ebenso sei ihm unbekannt, wann er Somalia verlassen habe D-5359/2018 Seite 6 und wann er von E._______ nach G._______ gezogen sei. Auch über sei- nen Clan habe er auf entsprechende Fragen hin nur wenige oberflächliche Angaben gemacht. So habe er weder gewusst, wo dieser beheimatet sei, noch mit welchen anderen Clans er gute Beziehungen pflege. Wer der Füh- rer des Clans sei, sei ihm ebenfalls nicht bekannt gewesen. Auch bei der Anhörung habe er sich nicht auf genaue Angaben festlegen wollen. So habe er auf entsprechende Frage hin gesagt, er habe "eine Weile" in G._______ gelebt, könne sich aber nicht erinnern, wieviele Jahre dies ge- wesen seien. Erst auf die Frage hin, ob er länger in G._______ oder länger in J._______ gelebt habe, sei er etwas konkreter geworden, indem er ge- sagt habe, er habe nur etwas mehr als ein Jahr in J._______, aber auch eine längere Zeit in G._______ verbracht. Dennoch habe er auf entspre- chende Nachfragen hin nicht an zugeben vermocht, mit welcher Währung in G._______ bezahlt werde. Der Name der äthiopischen Währung sei ihm hingegen bekannt gewesen. Zudem habe er bezüglich der genauen Her- kunft seiner Eltern widersprüchliche Angaben gemacht. So habe er bei der BzP zu verstehen gegeben, dass sein Vater innerhalb von E._______ aus dem Quartier F._______ stamme, während seine Mutter früher in O._______ gelebt habe. Bei der Anhörung habe er hingegen gesagt, die Verwandten seines Vaters hätten im Quartier O._______ gelebt, und die Verwandten seiner Mutter würden im Quartier F._______ leben. Bezüglich seiner Schulbildung habe er angegeben, er habe in E._______ weniger als ein Jahr lang eine Koranschule, in G._______ nie eine Schule besucht und sei auch in Äthiopien nicht einmal ein Jahr zur Schule gegangen. Auf Nach- frage hin habe er indessen ausgeführt, er sei in J._______ je nach Fach in den Sprachen Somali, Amharisch und Englisch unterrichtet worden. Dies sei jedoch – so das SEM – mit seinen Angaben bezüglich Schulbildung nicht in Einklang zu bringen, zumal bereits das Erlernen der unterschiedli- chen Schriften dieser Sprachen mit einem erheblichen Aufwand verbunden sein dürfte und er gemäss seinen Aussa gen in G._______ keine andere Sprache als Somali gehört habe. Auf entsprechenden Vorhalt hin habe er erklärt, es sei zwar sehr schwer, dem Unterricht in drei Sprachen ohne ent- sprechende Vorkenntnisse zu folgen, doch wenn man sich anstrenge, sei es möglich. Dies überzeuge indessen aus den dargelegten Gründen nicht. Im weiteren Verlauf der Anhörung habe er überdies ausgeführt, er habe von seinem Bruder Privatunterricht erhalten und erfolgreich eine Prüfung abgelegt, welche ihn zum Besuch der (...) Klasse berechtigt habe. Dies sei mit seinen zuvor zu seinem Lebenslauf und seiner Schulbildung gemach- ten Angaben offensichtlich unvereinbar. Aus den genannten Gründen sei davon auszugehen, dass die von ihm zu seiner Person und seinem Le- benslauf gemachten Angaben in wesentlichen Punkten erfunden seien. D-5359/2018 Seite 7 Demzufolge entbehrten die von ihm geltend gemachten Ausreisegründe einer haltbaren Grundlage, so dass sie ebenfalls nicht glaubhaft seien. Überdies stehe unter den dargelegten Umständen die Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers nicht fest. Dies sei ihm gegen Ende der Anhörung zur Kenntnis gegeben worden. Daraufhin habe er lediglich darauf verwie- sen, dass er Somali spreche und Moslem sei. Diese Umstände bewiesen jedoch entgegen seiner Behauptung nicht, dass er somalischer Staatsan- gehöriger sei. Zudem habe er keine schriftlichen Unterlagen eingereicht, die Rückschlüsse auf seine Identität und insbesondere seine Staatsange- hörigkeit ermöglichen würden. Zumal er gemäss seinen Aussagen eine in I._______ lebende Schwester habe und seine Familienangehörigen offen- bar in einer mit Telekommunikationsmitteln erschlossenen äthiopis chen Stadt lebten, sei anzunehmen, dass ihm die Beschaffung schriftlicher Iden- titätsbelege möglich wäre. Seine S taatsangehörigkeit sei demzufolge als unbekannt zu erachten. 4.2 In der Beschwerde wurde dagegen vorgebracht, das SEM habe es ver- säumt, den Sachverhalt bezüglich des Wegweisungspunkts richtig und vollständig abzuklären. Der Beschwerdeführer habe präzise Anga ben zu seiner Clanzugehörigkeit und auch zu seinem letzten Wohnort bei seiner Mutter in J._______ gemacht. Er habe bereits bei der BzP den vollständi- gen Namen seiner Mutter und seines Vaters sowie seine letzte Wohnad- resse, wo seine Mutter nach wie vor wohne, und die Adresse seiner Schule genannt. Die Vorinstanz habe es dennoch unterlassen, mittels einer Bot- schaftsabklärung vor Ort in Äthiopien zu prüfen, ob er auf ein kindsgerech- tes familiäres Umfeld zurückgreifen könne. Zudem habe sie es auch ver- säumt, eine Linguaanalyse zu erstellen. Damit habe sie es unterlassen, wichtige Sachverhaltselemente angemessen zu berücksichtigen. Damit habe sie den Untersuchungsgrundsatz (und auch die Begründungspflicht) verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig beziehungsweise unvollständig abgeklärt. Deshalb sei die Sache an die Vorinstanz zur ver- tieften Abklärung des Sachverhalts zurückzuweisen. 5. 5.1 Die in der Beschwerde erhobenen formellen Rügen sind vorab zu be- urteilen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzli- chen Verfügung zu bewirken. D-5359/2018 Seite 8 5.2 Es ist nicht ersichtlich, inwiefern die Vorinstanz den rechtserheblichen Sachverhalt noch vertiefter hätte abklären sollen, zumal dem Beschwerde- führer im Rahmen der BzP und der Anhörung zu seiner angeblichen Her- kunft wie auch den Asylgründen zahlreiche Fragen gestellt wurden und die- ser abschliessend auch erklärte, dass er alles für sein Asylgesuch Wesent- liche habe sagen können. Namentlich steht seine Staatsangehörigkeit nicht fest. Er will von seinem a ngeblichen Heimatstaat erst im Alter von rund (...) oder (...) Jahren nach Äthiopien gezogen sein und sich dort nur während rund eines Jahres aufgehalten haben. Er habe in E._______ im Alter von (...) Jahren während kurzer Zeit beziehungsweise während weni- ger als eines Jahres eine Koranschule besucht, bevor er von dort wegge- zogen sei (vgl. act. […]) beziehungsweise er wisse nicht, wie alt er damals gewesen sei, aber die Koranschule habe er während rund (...) Monaten besucht (vgl. act. […]). Deshalb erscheint auf den ersten Blick nachvoll- ziehbar, dass seine Aussagen betreffend seine ersten Lebensjahre in E._______ nicht sehr detailliert ausgefallen sind. Dies ist jedoch insofern zu relativieren, als er erklärte, er habe seine Mutter immer wieder bezüglich seines in E._______ ums Leben gekommenen Vater gefragt und sie habe ihm darüber berichtet (vgl. act. […]). So erstaunt, dass er keine Namen von in E._______ vorherrschenden Clans zu nennen vermochte (vgl . a.a.O., […], act. […]) und sich hinsichtlich der dortigen Herkunftsquartiere seiner Eltern widersprach (vgl. a.a.O., act. […] und act. […]). Zudem sind die An- gaben bezüglich seines angeblichen neuen Wohnorts G._______ dürftig ausgefallen, und dies obwohl er sich dort während rund sieben Jahre auf- gehalten haben müsste, wenn davon ausgegangen wird, dass seine Aus- sagen zutreffen, er habe sich während ungefähr eines Jahres beziehungs- weise etwas mehr in Äthiopien aufgehalten (vgl. a.a.O., […]) und sei ge- mäss d en Angaben seiner Mutter (...) Jahre alt gewesen, als er diesen Staat (...) 2017 in Richtung K._______ verlassen habe (vgl. act. […]). So sei er noch ein Kind gewesen, als die Familie E._______ verlassen habe, aber in G._______ gross geworden. Er habe dort "eine Weile" gelebt, könne aber nicht sagen, wieviele Jahre. In G._______ sei er nicht zur Schule gegangen, da er noch zu jung gewesen sei , und auch die Koran- schule habe er nicht besucht, weil sie dort keinen festen Platz gehabt hät- ten. Sie hätten in einem traditionellen somalischen Haus gewohnt, das sie mithilfe der Nachbarn aus (...) gebaut und mit (...) hätten. Seine Mutter habe sich in G._______, einer sehr kleinen Grenzstadt, keine Lebens- grundlage schaffen können . Auf beiden Seit en habe es Grenzkontrollen gegeben. Als sie von dort nach Äthiopien gezogen seien, seien sie kontrol- liert worden. Nur sein Bruder habe Schulzeugnisse von Somalia gehabt. Diese seien aber bei der Grenzkontrolle wertlos gewesen. Trotzdem hätten D-5359/2018 Seite 9 sie die Grenze passieren dürfen. Die in Somaliland gebräuchliche Währung kenne er nicht. Sie sei verschieden von dem im äthiopischen Territorium verwendeten (...) (vgl. act. […]). Des Weiteren führte die Vorinstanz zutref- fend aus, dass die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Schulbe- such in Äthiopien unstimmig und mit seinen zuvor gemachten Angaben zu seinem Lebenslauf nicht vereinbar seien (vgl. a.a.O., […]). Insbesondere erklärte er, er sei in J._______ nur ein Jahr lang zur Schule gegangen (vgl. a.a.O., […]), wobei er einerseits im Alter von (...) oder (...) Jahren die erste Klasse besucht habe und der Unterric ht dreisprachig gewesen sei (vgl. a.a.O., […]), und anderseits in dieser Zeit eine Prüfung abgelegt und be- standen habe, die ihn zum Besuch der (...) Klasse berechtigt hätte (vgl. a.a.O., […]). Unter diesen Umständen hielt der Befrager gegen Ende der Anhörung zu Recht fest, dass bislang keine schriftlichen Hinweise betref- fend die Identität des Beschwerdeführers vorlägen und es diesem möglich sein sollte, zwecks Einreichung entsprechender Dokumente einen Fami- lienangehörigen zu kontaktieren (vgl. a.a.O., […]). Auch die vom Befrager aufgrund der nicht plausiblen Aussagen zum Schulbesuch geäusserte Ver- mutung, dass der Beschwerdeführer viel länger als von ihm angegeben in J._______ gelebt habe, ist nicht von der Hand zu weisen (vgl. a.a.O., […]). Nach dem Gesagten erweist sich der Vorwurf der Verletzung des Untersu- chungsgrundsatzes als unbegründet. Sodann erscheint unter den gegebe- nen Umständen zum Nachweis der geltend gemachten somalischen Staatsangehörigkeit weder eine Botschaftsabklärung noch eine Lingu- aanalyse zielführend. Vielmehr muss sich der Beschwerdeführer trotz sei- ner Minderjährigkeit eine Verletzung der Mitwirkungspflicht vorwerfen las- sen, zumal in Übereinstimmung mit der Vorinstanz davon auszugehen ist, dass ihm die Beschaffung schriftlicher Identitätsbelege über seine offenbar in einer mit Telekommunikationsmitteln erschlossenen äthiopischen Stadt lebenden Familienangehörigen möglich sein sollte . So fällt auf, dass der Beschwerdeführer, auf schriftliche Belege und die digitale Kommunikation angesprochen, wiederholt ausweichende Antworten gab beziehungsweise Verbindungsschwierigkeiten vorschob (vgl. a.a.O., […]) und es insbeson- dere ablehnte, sich zu al lfälligen Belegen im Zusammenhang mit dem Grundstückerwerb durch seine Mutter in J._______ zu äussern (vgl. a.a.O., […]). Zudem führte er in seiner Eingabe vom 13. September 2019 mit kei- nem Wort aus, wie es ihm gelungen sei, den Kontakt zu seiner in I._______ wohnhaften Schwester wiederherzustellen. Nach dem Gesagten erweist sich die Rüge der unvollständigen beziehungsweise unvollständigen Fest- stellung des rechtserheblichen Sachverhalts als unbegründet. Auch hat die die Vorinstanz die Begründungspflicht nicht verletzt. D-5359/2018 Seite 10 5.3 Die vom Beschwerdeführer erhobenen formellen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten als unbegründet. Damit besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung zu kassieren, weshalb das entsprechende Be- gehren abzuweisen ist. 6. Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylge- such ablehnt oder darauf nicht eintritt. Der Beschwerdeführer verfügt we- der über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet. 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). 7.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der str ikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.3 Aufgrund des Umstands, dass der Beschwerdeführer unglaubhafte An- gaben gemacht und keine Identitätspapiere eingereicht hat, ste hen seine Identität und seine genaue Herkunft nicht zweifelsfrei fest. Dem Gericht ist es demnach nicht möglich, sich in voller Kenntnis der tatsächlichen per- sönlichen und familiären Verhältnisse des Beschwerdeführers zum Vollzug der Wegweisung – auch in Bezug auf die im Rahmen des Kindeswohls spezifisch zu berücksichtigenden Aspekte – zu äussern, was aber für die Überprüfung von möglichen Vollzugshindernissen grundsätzlich Voraus- setzung ist. Wegweisungshindernisse sind zwar grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Diese Untersuchungs- pflicht findet jedoch nach Treu und Glauben ihre Grenzen an der Mitwir- kungspflicht der beschwerdeführenden Person (Art. 8 AsylG), die im Übri- gen auch die Substanziierungslast trägt (Art. 7 AsylG). Es kann nicht Sache der Asylbehörden sein, nach allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen zu forschen, wenn die asylsuchende Person durch Nichtabgabe rechts- genüglicher Identitätspapiere und unglaubhafte Aussagen eine vernünftige D-5359/2018 Seite 11 Prüfung des Wegweisungsvollzugs verhindert. Auch der unbegleitete Min- derjährige hat – unter einzelfallgerechter Berücksichtigung des jeweiligen Alters – die Pflicht, an der Feststellung des erheblichen Sachverhalts mit- zuwirken. Bei pflichtwidriger Unterlassung hat er die Folgen der Beweislo- sigkeit in Bezug auf die unter dem Aspekt des Kindeswohls gegebenenfalls zu berücksichtigenden Tatsachen zu tragen. Somit ist im vorliegenden Fall insbesondere auch zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer ge- mäss seinen Angaben (...) Jahre alt sein dürfte . Sodann zeichnet er sich durch eine nicht geringe Selbständigkeit aus, wie die Bewerkstelligung der weiten Reise in die Schweiz zeigt. Angesichts der vorstehenden Ausfüh- rungen ist in Bestätigung der Vorinstanz davon auszugehen, er habe es pflichtwidrig unterlassen, bei der Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts mitzuwirken. Er hat deshalb die Folgen seiner mangelhaften Mit- wirkung respektive Verheimli chung seiner wahren pers önlichen Verhält- nisse zu tragen, indem vermutungsweise davon auszugehen ist, ei ner Wegweisung in seinen tatsächlichen Heimat- oder Herkunftsstaat stünden keine Vollzugshindernisse im gesetzlichen Sinne entgegen (vgl. BVGE 2015/10 E. 8.2). Seinem Ersuchen in der Eingabe vom 13. September 2019, die Vorinstanz sei im Rahmen einer zweiten Vernehmlassung einzu- laden, sich zu einer Kontaktaufnahme mit den (...) Asylbehörden und einer Familienzusammenführung mit seiner Schwester in I._______ zu äussern, ist nicht nachzukommen. So hat er eine solche Familienzusammenführung entgegen den Ausführungen in der Eingabe vom 13. September 2019 im vorinstanzlichen Verfahren ausdrücklich abgelehnt und dies auch begrün- det (vgl. act. […], act. […]). Zudem bildete die Familienzusammenführung nicht Gegenstand des vorinstanzlichen Verfahrens und steht es dem Be- schwerdeführer oder seiner Schwester in I._______ jederzeit frei, dort ein Gesuch um Familienzusammenführung zu stellen. Sodann sind die Mög- lichkeiten einer Familienzusammenführung mit Blick auf das Kindeswohl entgegen den Ausführungen in der Eingabe vom 13. September 2019 auch unter Heranziehung gewisser Bestimmungen der Dublin -III-Verordnung nicht zu prüfen, da die vorliegende Beschwerde nicht ein Dublin-Verfahren betrifft. Schliesslich ist aufgrund der Aktenlage davon auszugehen, dass die N._______-Therapie des Beschwerdeführers zwischenzeitlich erfolg- reich abgeschlossen werden konnte. 7.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). D-5359/2018 Seite 12 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist somit abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wurde jedoch mit Zwischenverfügung vom 28. September 2018 gutgeheissen. 9.2 Mit der gleichen Zwischenverfügung wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtsverbeiständung gewährt und MLaw Roman Schuler, Rechtsanwalt, als amtliche r Vertreter eingesetzt. D er Rechtsvertreter machte in seiner Honorarnote vom 1. November 2018 einen zeitlichen Auf- wand von 13.90 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 220.– sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 18.80 geltend. Der zeitliche Aufwand er- scheint nicht angemessen und ist auf 11.90 Stunden zu kürzen. Hinzu kommt die Eingabe vom 13. September 2019, welche mit 0.50 Stunden zu veranschlagen ist, sowie das Porto. Dem Rechtsbeistand ist somit vom Bundesverwaltungsgericht ein Honorar in der Höhe von insgesamt Fr. 2'964.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-5359/2018 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird zu Lasten der Gerichtskasse ein Ho- norar in Höhe von Fr. 2'964.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Jürg Marcel Tiefenthal Daniel Widmer Versand: