B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3766/2017 U r t e i l v o m 1 . A p r i l 2 0 1 9 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter David R. Wenger, Richter Gérald Bovier, Gerichtsschreiberin Irina Wyss. Parteien A._______, geboren am (…), Staat unbekannt, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), (…) Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 7. Juni 2017. D-3766/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reiste gemäss eigenen Angaben am 21. Februar 2012 aus Tibet aus und gelangte am 5. Mai 2012 in die Schweiz, wo sie am selben Tag um Asyl nachsuchte. B. Am 4. Juni 2012 befragte das SEM sie zu ihrer Person sowie summarisch zu ihren Asylgründen (Befragung zur Person; BzP). Am 20. März 2014 fand die eingehende Anhörung statt. Die Beschwerdeführerin machte in den Befragungen im Wesentlichen gel- tend, dass sie ethnische Tibeterin sei und im Dorf B._______, Gemeinde C._______, Bezirk D._______, Präfektur Shigatse, aufgewachsen sei und dort bis zu ihrer Ausreise gelebt habe. Sie habe die Schule nur bis 5-jährig besucht, da man dafür habe Chinesisch lernen müssen. Danach sei sie zuhause geblieben, habe gekocht und bei der Haus - und Landarbeit ge- holfen. Im Jahr 2002 sei ihr Vater – so habe es ihr ihre Mutter berichtet – aufgrund politischer Aktivitäten festgenommen worden. Ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder würden nach wie vor in B._______ leben. Ihre Identitäts- karte befinde sich bei ihrem Onkel in ihrem Heimatdorf. Sie habe sich politisch betätigt, indem sie am 20. Februar 2012 am Tor des Gemeindebüros von C._______ zwei selbstverfasste Flugblätter mit tibeti- schen Parolen aufgeklebt habe. Dabei sei sie von einem chinesischen Spion gesehen worden, welcher sie verraten habe. A ufgrund dessen sei sie von den chinesischen Behörden gesucht worden. Danach sei sie auf- grund des Drucks ihrer Mutter und ihres Onkels geflohen und noch am sel- ben Tag mit ihrem Onkel, welcher die Reise organisiert habe, mit dem Auto nach E._______ gefahren. Von dort sei sie weiter mit einem LKW nach F._______ gereist, von wo sie ihre Reise mit einem Nepalesen zu Fuss fortgesetzt habe. C. Mit Verfügung vom 26. März 2014 stellte das SEM fest, die Beschwerde- führerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an, wobei es den Vollzug in die Volksrepublik China explizit ausschloss. D-3766/2017 Seite 3 D. Mit Eingabe vom 16. April 2014 erhob die Beschwerdeführerin gegen diese Verfügung durch ihren Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht. E. Mit Instruktionsverfügung vom 16. November 2016 hiess der damals zu- ständige Instruktionsrichter das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung ei- nes Kostenvorschusses, ordnete der Beschwerdeführerin ihren Rechtsver- treter als amtlichen Rechtsbeistand bei und lud die Vorinstanz ein, innert Frist eine Vernehmlassung einzureichen. F. Mit Verfügung vom 22. November 2016 hob das SEM seinen Entscheid vom 26. März 2014 auf und nahm das erstinstanzliche Ver fahren wieder auf. G. Mit Urteil D -2081/2014 vom 24. November 2016 schrieb das Bundesver- waltungsgericht das Beschwerdeverfahren als gegenstandslos geworden ab. H. Am 21. März 2017 wurde mit der Beschwerdeführerin durch eine Expertin der LINGUA (Fachstelle de s SEM für Herkunftsabklärungen in der Schweiz) ein einstündiges Telefoninterview zur Herkunftsabklärung ge- führt. Im gestützt auf dieses Telefongespräch erstellten Bericht (nachfol- gend: LINGUA-Analyse) vom 21. April 2017 wurde festgehalten, dass die Beschwerdeführerin sehr wahrscheinlich nicht in Tibet, sondern in einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China soziali- siert wurde. I. Am 18. Mai 2017 gewährte das SEM der Beschwerdeführerin das recht li- che Gehör zur LINGUA-Analyse in Form einer persönlichen Anhörung. J. Mit Verfügung vom 7. Juni 2017 (eröffnet am 21. Juni 2017) stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie D-3766/2017 Seite 4 den Vollzug an, wobei es den Vollzug in die Volksrepublik China explizit ausschloss. K. Mit Eingabe vom 5. Juli 2017 erhob die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsvertreter gegen diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht. Dabei beantragte sie die Aufhebung der Verfügung und Rück- weisung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz, eventualiter die Gewährung von Asyl oder zumindest die Feststellung der Flüchtlingseigen- schaft, subeventualiter die Feststellung der Unzumutbarkeit oder Unzuläs- sigkeit des Wegweisungsvollzugs und die Gewährung der vorläufigen Auf- nahme. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses und um amtliche Rechtsverbeiständung. L. Mit Zwischenverfügung vom 13. Juli 2017 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amt- lichen Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses und ordnete der Beschwerdeführerin ihren Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz ein, innert Frist eine Vernehmlassung einzureichen. M. Mit Eingabe vom 19. Juli 2017 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung zu den Akten. N. Mit Instruktionsverfügung vom 3. August 2017 gab die Instruktionsrichterin der Beschwerdeführerin Gelegenheit, eine Replik einzureichen. O. Mit Eingabe vom 9. August 2017 replizierte die Beschwerdeführerin. D-3766/2017 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berüh rt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausges etzt zu werden (Art. 3 D-3766/2017 Seite 6 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM begründete seine Verfügung damit, es sei aufgrund der BzP und der A nhörung zum Schluss gekomm en, dass die geltend gemachte Herkunft der Beschwerdeführerin unglaubhaft sei. Aufgrund dessen sei eine Herkunfts- und Sprachanalyse durchgeführt worden, welche ergeben habe, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht in Tibet, sondern in ei- ner exiltibetischen Gemeinde ausserhalb Tibets sozialisiert worden sei. Sie habe zwar einige landeskundlich -kulturellen Kenntnisse zur angegeben Heimatregion nachweisen und einige Fragen zur Landwirtschaft korrekt beantworten können. Es hätten sich aber einige Lücken und Unstimmig- keiten ergeben, welche auch unter Berüc ksichtigung ihrer Angaben, die Schule nicht lange besucht zu haben und ab dem elften oder zwölften Le- bensjahr das Haus nicht mehr verlassen zu haben, nicht erklärbar seien. So habe sie unerwartet nicht ge wusst, dass ein von ihr genanntes Nach- barsdorf auf der anderen Seite des Stromes G._______ liege und nicht auf derselben Seite wie ihr Heimatdorf. Ausserdem habe sie keine Nachbar- kreise ihres angegebenen Heimatkreises namentlich nennen können. Die tibetischen Entsprechungen grundlegender administrativer chinesischer Termini habe sie ebenfalls nicht gekannt. Obwohl sie angegeben habe, dass ihre Familie vier Yak -Kühe besessen habe, habe sie nicht gewusst, welchen Nutzen ihre Familie aus diesen Tieren ziehe. Schliesslich habe sie keine Kenntnisse zum tibetischen Schulwesen vorweisen können. Mit die- sen Wissens- und Erfahrungslücken sei bei einer Person ihres Alters und dem angegebenen sozialen und ethnischen Hintergrund nicht zu rechnen. Die sachverständige Person, welche die linguistische Analyse durchgeführt habe, habe festgestellt, dass ihre Sprache in den Bereichen der Phone-D-3766/2017 Seite 7 tik/Phonologie, der Morphologie und der Lexikologie keine Gemeinsamkei- ten mit dem Referenzdialekt zu ihrem in der angegebenen Region gespro- chenen Dialekt habe. Zudem verfüge sie über fast keine Chinesisch-Kennt- nisse. Da sie angegeben habe, vor der Ausreise ausschliesslich in Shi- gatse gelebt zu haben, sei nicht anzunehmen, dass ihre Sprache von aus- serhalb beeinflusst worden sei. Wenn ihr mehrjähriger Aufenthalt in der Schweiz und der Kontakt zu den hier lebenden tibetisch-stämmigen Perso- nen ihre Sprache beeinflusst hätten, wäre dies eher im Bereich der Lexiko- logie, jedoch weniger im Bereich der Morphologie und der Phonologie zu erwarten gewesen. Anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs zur LINGUA-Analyse habe sie, auf ihre landeskundlichen Wissenslücken angesprochen, erklärt, sie sei zwar in B._______ sozialisiert worden, habe aber keinen Kontakt nach aussen gepflegt und das Haus f ast nie verlassen. Zu der Frage der administrativen Gliederung beziehungsweise Einheit von Shigatse habe sie der sachverständigen Person am Telefon eine unwahrscheinliche Ant- wort gegeben. Anlässlich des rechtlichen Gehörs habe sie ihre Antwort vom Telefoninterview wiederholt und ausgeführt, dass Shigatse damals vor ihrer Ausreise „Provinzbezirk“ genannt worden sei. Ebenfalls habe sie ihre Antwort vom Telefoninterview beim Thema Nachbarsdorf wiederholt : Ob- wohl sie darauf angesprochen worden sei, dass ihre An twort unwahr- scheinlich sei, habe sie während des rechtlichen Gehörs (gleich wie bei der Telefonbefragung) angegeben, dass H._______ auf der gleichen Seite des Stromes wie ihr Heimatdorf liege und zu Fuss fün f bis zehn Minuten ent- fernt sei. Weiter habe sie darauf bestanden, dass sie den Zweck, zu wel- chem Yak-Kühe gehalten würden, i m Telefoninterview sehr wohl genannt habe. Ihre Wissenslücke zum Schulwesen habe sie mit der Tatsache be- gründet, dass sie sehr früh nic ht mehr zur Schule gegangen sei. Auf die Feststellung, dass ihre Sprache fast ausschliesslich Übereinstimmungen mit dem Dialekt von Lhasa oder dem exiltibetischen Dialekt habe, habe sie geantwortet, dass sie ihr ganzes Leben drinnen im Haus verbracht habe und die Möglichkeit betont, dass ihre Mutter vielleicht aus Lhasa stamme und diese genau wie sie gesprochen habe. Mit ihren Stellungnahmen zu den mangelnden landeskundlich-kulturellen Kenntnissen und zur linguisti- schen Analyse sei es ihr nicht gelungen, ihre angegebene Herkunft glaub- haft zu machen. Durch diese Feststellung sei auch ihren geltend gemachten Asylgründen die Grundlage entzogen. Zudem seien ihre Aussagen zu den wesentlichen D-3766/2017 Seite 8 Punkten ihres Vorbringens unsubstantiiert, nachgeschoben und realitäts- fremd. Die Schilderungen über das Aufhängen der Plakate seien vage und oberflächlich ausgefallen, und auch auf mehrfaches Nachfragen habe sie nicht ausführlich über diese Aktion und deren Vorbereitung berichten kön- nen. Dies erwecke den Eindruck , dass sie das Geschi lderte nicht selbst erlebt habe. Zudem habe sie nicht überzeugend erklären können, wie sie zur Annahme komme, dass sie von den chinesischen Behörden gesucht werde. In der BzP habe sie erwähnt, dass sie bei dieser Aktion alleine ge- wesen sei. Erst in der Anhörung habe sie berichtet, dass sie von einem Nachbar, welcher chinesischer Spion gewesen sei, gesehen worden sei und deshalb von einer Suche nach ihr durch die chines ischen Behörden ausgehe. Es hätte erwartet werden können, dass sie diesen zentralen Punkt bereits in der BzP erwähnt hätte. Auch in ihrer Stellungnahme habe sie diese Unstimmigkeit nicht nachvollziehbar begründen können. Schliesslich sei zu bezweifeln, dass sich die vorgebrachten Ereignisse, welche zur Flucht aus Tibet geführt hätten, wie geschildert zugetragen hät- ten. Ihre Angaben zum Grenzübertritt nach Nepal würden keine Substanz enthalten und daher nicht den Eindruck von selbst E rlebtem vermitteln. Auch sei nicht nachvollziehbar, weshalb sie die Fahrt zur nepalesischen Grenze, den Fussmarsch oder die Flussüberquerung nicht ausführlicher habe beschreiben können. Ferner seien ihre Ausführungen zur behaupte- ten Reise nach Nepal in die Schweiz gehaltlos. Sie sei nicht in der Lage gewesen, dazu irgendwelche näheren Auskünfte über die Route, die Flug- gesellschaft, Destinationen oder das dazu verwendete Reisedokument zu geben. Zusammenfassend seien ihre angebliche Herkunft aus der Region Tibet, ihre Asylgründe und die illegale Ausreise nicht glaubhaft. Gemäss gelten- der Rechtsprechung könne bei Personen tibetisc her Ethnie, welche über ihre Sozialisation unglaubhafte Angaben machen würden, davon ausge- gangen werden, sie würden in einem Drittstaat über eine Aufenthaltsbewil- ligung oder eine Duldung verfügen, wodurch keine Gründe vorlägen, wel- che gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort sprechen wür- den. 4.2 Diesen Erwägungen entgegnete die Beschwerdefüh rerin auf Be- schwerdeebene im Wesentlichen, dass das SEM sich hauptsächlich mit ihrer geltend gemachten Herkunft auseinandergesetzt habe , nicht hinge- gen mit ihren Fluchtvorbringen. Gestützt auf die Vermutung, dass sie nicht D-3766/2017 Seite 9 aus Tibet stamme, sei es davon ausgegangen, dass auch ihre Flucht- gründe nicht wahr seien. Warum das SEM nach den beiden Befragungen zum Schluss gekommen sei, dass ihre geltend gemachte Herkunft un- glaubhaft sei, könne der angefochtenen Verfügung nicht entnommen wer- den. Angesichts der verstrichenen Zeit zwischen den beiden Befragungen erstaune nicht, dass sie in der Anhörung nicht noch einmal wortwörtlich dasselbe ausgesagt habe wie in der BzP , da mit der Zeit – was das SEM jedoch nicht berücksichtigt habe – Erinnerungen schwinden würden. Das SEM habe zudem unterlassen auszuführen, warum eine asylsuchende Person in der vertieften Anhörung keine inhaltlichen Erweiterunge n ma- chen dürfe, obwohl diese Anhörung genau diesem Zweck diene. Zudem liege die BzP bereits über fünf Jahre zurück und die Anhörung über d rei, weshalb sie zum heutigen Zeitpunkt zu diesen Vorwürfen nicht mehr Stel- lung nehmen könne. Die lange Verfahrensdauer müsse von der Vorinstanz – bevor ihr Ungereimtheiten in den Anhörung vorgehalten würden und nicht nach für die Glaubhaftigkeit sprechenden Elementen gesucht werde – nachvollziehbar begründet werden. Aufgrund dessen, dass eine ande re Person die Anhörung durchgeführt habe als diejenige, welche die Verfü- gung verfasst habe, fehle dem SEM ein realer Bezug zu den Anhörungen. In der Verfügung seien nur Elemente aufgeführt, welche gegen eine Gut- heissung des Asylgesuchs sprechen würden, weshalb die Verfügung nicht als fair und ausgewogen bezeichnet werden könne. Die angefochtene Ver- fügung stütze sich zudem einzig und alleine auf die LINGUA-Analyse ab. Diese sei jedoch erst beinahe fünf Jahre, nachdem sie (die Beschwerde- führerin) in der Schweiz um Asyl nachgesucht hatte, durchgeführt worden, womit ihr Beweiswert äusserst gering sei. Beim rechtlichen Gehör zur LIN- GUA-Analyse sei sie völlig überfordert gewesen und habe nicht genau ge- wusst, um was es gehe. Der Werdegang des Alltagsspezialisten sei im Ak- tenverzeichnis nicht aufgeführt worden, und es sei u nklar, wer diese Per- son sei, ob sie genügend qualifiziert sei und ob sie gewusst habe, dass die Asylgesuchstellung bereits so lange zurückgelegen habe. Diese grosse Zeitlücke sei in der vorinstanzlichen Verfügung nicht berücksichtigt worden. Es sei gut möglich, dass sich in diesen fünf Jahren gewisse Tatsachen in Tibet verändert hätten, oder sie ein Teil ihres Wissens verloren habe. An- lässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs habe sie angegeben, dass es ihr in den letzten Jahren nicht gut ergangen sei, was jedoch in der an- gefochtenen Verfügung nicht berücksichtigt worden sei. Schliesslich sei ihr das Gutachten auch nicht ediert worden, sondern nur in verkürzter Form in der angefochtenen Verfügung wiedergegeben worden. D-3766/2017 Seite 10 4.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, dass im LINGUA-Gutach- ten entgegen der Beschwerde ausgeführt worden sei, dass dem mehrjäh- rigen Aufenthalt der Beschwerdeführerin in der Schweiz und dem sprachli- chen Einfluss der hier lebenden Exiltibetern auf den Dialekt der Beschwer- deführerin Rechnung getragen worden sei. Die Beschwerdeführerin habe ihre Herkunft in keinem Verfahrensschritt glaubhaft machen können , und die erstinstanzliche Einschätzung des ersten Asylentscheides vom 26. März 2014 sei durch das LINGUA-Gutachten bestätigt worden. 4.4 In der Replik führte die Beschwerdeführerin aus, es sei stossend, dass sich das SEM in der Vernehmlassung nicht zu der langen Verfahrensdauer geäussert habe. Ob das SEM in der Verfügung ihrer langjähri gen Aufent- haltsdauer wirklich Rechnung getragen habe, werde bezweifelt. Es wäre zu erwarten gewesen, dass sich ein LINGUA-Experte detaillierter und kon- kreter dazu äussern würde und auf den vorliegenden Fall Bezug nehme. 5. 5.1 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs beinhaltet die Pflicht der Behör- den, die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffe- nen sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu be- rücksichtigen (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Daraus folgt die grundsätzliche Pflicht der Behörden, sich mit den wesentlichen Vorbringen des Rechtssuchen- den zu befassen und Entscheide zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Die Begründung eines Entscheids muss so abgefasst sein, dass der Betroffene ihn sachgerecht anfechten kann. Es müssen die wesentlichen Überlegun- gen kurz genannt werden, von denen sich die Behörde leiten liess und auf welche sie ihren Entscheid stützt (BVGE 2009/35 E. 6.4.1). 5.2 Wie nachfolgend aufgezeigt, begründete die Vorinstanz ihre Verfügung nachvollziehbar und führte die wesentlichen Punkte auf, welche zur Schlussfolgerung geführt hatten, die Vorbringen der Beschwerdefüh rerin seien nicht glaubhaft. Die entsprechenden Unstimmigkeiten in den Anga- ben der Beschwerdeführerin in den Befragungen, welche das Ergebnis der LINGUA-Analyse stützen, sind in der angefochtenen Verfügung aufgeführt worden (vgl. A37 S. 5 oben). Aufgrund der vorliegenden Begründungs- dichte war eine sachgerechte Anfechtung der vorinstanzlichen Verfügung ohne weiteres möglich. Den Anforderungen an das rechtliche Gehör hat das SEM damit Genüge getan und ein Verfahrensfehler liegt nicht vor. 5.3 Die Beschwerdeführerin rügt, dass ihr die LINGUA-Analyse nicht ediert worden sei. Damit macht sie sinngemäss eine Verletzung des Anspruchs D-3766/2017 Seite 11 auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV geltend. Nach der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts, welche auf EMARK (Ent- scheide und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission) 2004 Nr. 24 zurückgeht, ist in einen LINGUA-Bericht aufgrund entgegen- stehender öffentlicher Interessen keine vollständige Einsicht zu gewähren. Vielmehr genügt es, wenn im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Ge- hörs die angeblich falschen oder unzureichenden Antworten so detailliert aufgezeigt werden, d ass hierzu konkrete Einwände vorgebracht werden können (vgl. EMARK 2004 Nr. 24 E. 7b). Dies ist vorliegend geschehen, zumal die konkreten Themenbereiche, zu welchen sich die Beschwerde- führerin unzutreffend geäussert hat, in der Anhörung vom 18. Mai 2017 in genügender Weise offengelegt wurden und der Beschwerdeführerin Gele- genheit zur Stellungnahme geboten wurde. Der Einwand erweist sich dem- nach als unbegründet. 5.4 Betreffend die Verfahrensdauer des Asylverfahrens vor der Vorinstanz ist festzuhalten, dass zwischen der Stellung des Asylgesuchs durch die Beschwerdeführerin (Mai 2012) und des Erlasses der ersten vorinstanzli- chen Verfügung (März 2014) ein Jahr und zehn Monate vergangen sind. Nachdem die Beschwerdeführerin bereits gegen diese Verfügung Be- schwerde beim Bundesverwaltungsgericht erhoben hat, war das Verfahren über zwei Jahre beim Gericht hängig, um dann am 22. November 2016 von der Vorinstanz wieder aufgenommen zu werden. Bis zur nächsten Verfü- gung dauerte es wiederum 6,5 Monate, und in dieser Zeit führte das SEM die LINGUA-Evaluation durch. Insgesamt dauerte das vorinstanzliche Ver- fahren demnach 2 Jahre und 4 Monate (unterbrochen vom Beschwerde- verfahren). Zwar wäre es durchaus wünschenswert, wenn zwischen den einzelnen Verfahrensschritten jeweils ein re lativ kurzer Zeitraum liegen würde; allerdings gibt es keine zwingende, mit Rechtsfolgen versehene ge- setzliche Verpflichtung des SEM, eine LINGUA-Evaluation innerhalb eines gewissen Zeitraums durchzuführen. Angesichts der nicht vorhersehbaren und durch die schweizerischen Asylbehörden nicht steuerbaren Geschäfts- last ist die Erwartung, entsprechende Ordnungsfristen könnten ungeachtet der Anzahl der gestellten Asylgesuche ausnahmslos eingehalten werden, keineswegs realistisch. Immerhin ist der Länge des verst richenen Zeit- raums zwischen der Stellung des Asylgesuchs und der Durchführung der LINGUA-Analyse bei der Würdigung derselben Rechnung zu tragen. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass es der Beschwerdeführerin un- benommen gewesen wäre, während des hängig en vorinstanzlichen Ver- fahrens eine Rechtsverzögerungsbeschwerde beim Bundesverwaltungs-D-3766/2017 Seite 12 gericht einzureichen, was sie jedoch unterlassen hat. Eine Gehörsverlet- zung liegt demnach nicht vor, womit auch auf den Einwand, die Vorinstanz hätte sich in der Vernehm lassung zur Verfahrensdauer äussern müssen, nicht weiter einzugehen ist. 6. 6.1 Der Frage der Verlässlichkeit der Herkunftsangaben der Beschwerde- führerin kommt eine wesentliche Bedeutung zu. Gemäss EMARK 2005 Nr. 1 ist auf eine chinesische Staatsangehörigkeit zu schliessen, wenn im Einzelfall als erstellt gilt, dass eine asylsuchende Person tibetischer Ethnie sei. In BVGE 2014/12 präzisierte das Bundesverwaltungsgericht seine Pra- xis gemäss EMARK 2005 Nr. 1 dahingehend, dass bei Personen tibeti- scher Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder verheimlichen wür- den, vermutungsweise davon auszugehen sei, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ihren bisheri- gen Aufenthaltsort beständen. Die Abklärungspflicht der Asylbe hörden finde ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Verunmögliche eine solche Person tibetischer Abstammung durch die Ver- letzung ihrer Mitwirkungspflicht die Abklärung, welchen effektiven Status sie in Nepal respektive in Indien in nehabe, könne namentlich keine Dritt- staatenabklärung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden. Überdies werde durch die Verheimlichung und Verschleierung der wahren Herkunft auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Per- son in Bezug auf ihren effektiven Heimatstaat verunmöglicht (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 f.). 6.2 Aufgrund der Aktenlage besteht vorliegend Grund zur Annahme, dass die Beschwerdeführerin ihre wahre Herkunft zu verschleiern versucht. Da- bei kann hauptsächlich auf die ausführliche und fundierte LINGUA-Analyse verwiesen werden, wonach die Beschwerdeführerin sehr wahrscheinlich nicht in Tibet, sondern in einer exiltibetischen Gemeinsch aft sozialisiert wurde (vgl. A32 sowie die untenstehende E. 6.3) . Eine solche LINGUA - Analyse stellt zwar kein Sachverständigengutachten (Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57 ff. des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über den Bundes- zivilprozess [BZP , SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), sondern eine schriftliche Auskunft einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG) dar. Sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifika- tion, Objektivität und Neutralität der befragenden Person wie auch an die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analyse erfüllt sind, ist ihr jedoch erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2014/12 D-3766/2017 Seite 13 E. 4.2.1 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 14 E. 7 und EMARK 1998 Nr. 34). Von einem solchen erhöhten Beweiswert kann vorliegend ausgegangen werden. Die fachlichen Qualifikationen der sachverständigen Person mit dem Kürzel AS19 sind nicht zu bemängeln (vgl. dazu SEM-Akte A32), und es bestehen mangels gegenteiliger Hinweise auch keine Gründe, an der Unabhängigkeit respektive Objektivität des Experten zu zweifeln. Das Do- kument „Werdegang und Qualifikatio n der sachverständigen Person“ wurde in den vorinstanzlichen Akten gemeinsam mit der LINGUA-Analyse ordnungsgemäss abgelegt (A32). 6.3 Die in der LINGUA -Analyse gezogene Schlussfolgerung, wonach die Beschwerdeführerin sehr wahrscheinlich nicht im Kreis E._______, son- dern in einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China sozialisiert worden sei, ist nachvollziehbar begründet. Auffallend in diesem Zusammenhang ist insbesondere, dass die Beschwerdeführerin das Nachbarsdorf H._______, welches sie von sich aus genannt hatte, falsch lokalisierte (auf derselben Seite des Flusses wie ihr Heimatdorf an- statt korrekterweise auf der anderen), keine Nachbarkreise ihres angege- benen Heimatkreises E._______ nennen konnte, die tibetischen Begriffe für administrative Einheiten nicht kannte, nicht wusste, für was Yakkühe genutzt werden (Milch), obwohl ihre Familie ihren Angaben zufolge solche besessen habe, und über elementare Aspekte des Schulwesens wie den Ort der nächstgelegenen Schule, das Schulgeld oder die unterrichteten Fä- cher keine oder falsche Angaben machte. Der Einwand auf Beschwerde- ebene, wonach sie aufgrund ihres über fünfjährigen Aufenthalts in der Schweiz wohl einige Dinge vergessen habe, ist nicht überzeugend, zumal es sich bei den ihr unbekan nten Gegebenheiten in Tibet um elementare Punkte handelt, von welchen erwartet werden kann, dass sie der betroffe- nen Person auch nach einigen Jahren noch bekannt sein müssten. Auch der in der Anhörung zur LINGUA-Analyse vorgebrachte Einwand, sie habe sich grösstenteils in ihrem Haus aufgehalten, habe keinen Kontakt mit der Gesellschaft gepflegt und wisse deshalb nicht viel von den Umständen ih- rer Heimatregion (A36 F7, F14) , vermag diese grossen Wissenslücken nicht zu erklären. Diese mangelnden Landeskenntnisse können somit nicht damit erklärt werden, dass sie ungebildet sei oder in einem von der Aus- senwelt isolierten Dorf gelebt habe, zumal e infache Kenntnisse über das tibetische Schulwesen gemäss dem Gutachten als allgemein bekannt vo- rausgesetzt werden dürfen. Ihr Unwissen betreffend viehwirtschaftliche Be- lange spricht gerade deshalb gegen die angebliche Sozialisation in Tibet, D-3766/2017 Seite 14 da sie (erst im Telefongespräch, bei den beiden Anhörungen erwähnte sie ausschliesslich die Landwirtschaft, A14 F20) angegeben hat, ihre Eltern hätten Nutztiere gehabt und Landwirtschaft betrieben Die von der Be- schwerdeführerin in diesem Zusammenhang angeführte Erklärung für ihr Unwissen, sie habe es bestimmt richtig angegeben , muss als nicht über- zeugende Schutzbehauptung gewertet werden (A36 F15). Der linguistische Teil der Analyse sowie die daraus gezogenen Schlussfol- gerungen sind ebenfalls konsistent und überzeugend. Auch hier ist festzu- halten, dass dem angegebenen biografischen Hintergrund der Beschwer- deführerin Rechnung getragen w urde (wie beispielsweise dem Umstand, dass sie viel Zeit mit ihrer möglicherweise aus Lhasa stammenden Mutter verbracht habe, was ihren Dialekt beeinflusst haben könnte). Zudem er- wartete die befragende Person unter Berücksichtigung, dass die Be- schwerdeführerin eher ländlich aufgewachsen ist, eher passive als aktive Chinesisch-Kenntnisse. Die entsprechenden Kenntnisse haben jedoch der LINGUA-Analyse zufolge die auf ihrer Biografie basierenden Erwartungen nicht erfüllt. Ebenfalls zu kurz gegriffen ist die in der Beschwerde ange- führte Erklärung, die exiltibetischen Elemente in der Sprache der Be- schwerdeführerin seien auf ihren langen Aufenthalt in der Schweiz zurück- zuführen. Dazu wurde in der LINGUA-Analyse unter Berücksichtigung die- ses Aufenthalts ausgeführt, dass solche Einflüsse zwar bis zu einem ge- wissen Grad erklärbar seien, aber weder in der festgestellten Konsistenz, noch auf sämtlichen der untersuchten linguistischen Ebenen zu erwarten gewesen wäre. Zudem seien solche Einflüsse in erster Linie in den Berei- chen der Phonetik/Phonologie und des Lexikons zu e rwarten gewesen, aber weniger auf der Ebene der in der Sprecherin tief verankerte Morpho- logie/Morphosyntax. Zumindest in diesem Bereich hätte sie überwiegend Formen verwenden müssen, welche mit dem Refere nzdialekt verwandt seien. Auch unter Berücksichtigung des langen Aufenthalts der Beschwer- deführerin im Exil und einer möglichen Herkunft ihrer Mutter aus Lhasa sei unerwartet, dass ihre Sprache in sämtlichen Bereichen fast keine Gemein- samkeiten mit dem Referenzdialekt aufweise. 6.4 Entgegen der Ausführungen der Beschwerdeführerin hat das SEM nicht nur diejenigen Angaben, welche gegen die Glaubhaftigkeit einer Her- kunft aus Tibet, sondern auch diejenigen Landeskenntnisse berücksichtigt, welche für eine Sozialisie rung im angegebenen Kreis der Region Tibet sprechen. Insgesamt überwiegen aber im vorliegenden Fall die für die Richtigkeit der LINGUA-Analyse und ihrer Schlussfolgerung sprechenden D-3766/2017 Seite 15 Elemente und erscheint diese als verwertbar. Dies gilt insbesondere ange- sichts dessen, dass es der Beschwerdeführerin weder im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur Analyse noch in der Beschwerdeschrift gelang, die oben erwähnten einzelnen Wissenslücken und die zusammenfassende Einschätzung des Experten argumentativ zu entkräften. 6.5 Das Ergebnis der LINGUA-Analyse wird schliesslich auch durch fest- gehaltenen Wissenslücken in den Angaben der Beschwerdeführerin in den Befragungen untermauert, welche, wie das SEM zu Recht ausgeführt hat, die vom Experten gezogene Schlussfolgerung stützen. Bereits in der Be- fragungen gab die Beschwerdeführerin an, den Hauptort ihres Bezirks E._______ nicht zu kennen (A14 F55) und auch keine anderen Dörfer aus- ser ihr angebliches Heimatdorf (A14 F60 f. , solche Dörfer konnte sie hin- gegen erstaunlicherweise bei der Telefonbefragung nennen). Wie weit ihr Dorf vom nächstgelegenen Fluss I._______ liege, k onnte sie ebenfalls nicht angeben (A14 F59). Schliesslich wird die Unglaubhaftigkeit der Herkunft der Beschwerdeführe- rin durch ihre Angaben zu ihren Fluchtgründen und zur Ausreise bestätigt. So sind die Vorbringen zum fluchtauslösenden Ereignis (Aufhängen von Plakaten unter Beobachtung eines chinesischen Spiones), wie das SEM richtig erkannte, trotz mehrmaliger Nachfrage ohne jegliche Substanz aus- gefallen (vgl. A14 F32–F38, F47–F50, F75–87). Den angeblich gegange- nen Weg von ihrem Dorf bis nach C._______, wo sie Plakate aufgehängt haben will, konnte sie nur sehr ungenau beschreiben (A14 F50). Dass sie – wie in der Anhörung vorgebracht (A14 F32) – beim Aufhängen der Pla- kate einen Nachbarn getroffen habe, welcher als Spion für die Chinesen gearbeitet habe, erwähnte sie in der BzP nicht, sondern führte in dieser Befragung aus, beim Aufhängen der Plakate alleine gewesen zu sein (A7 7.02). Ihren Aufbruch zur Flucht beschrieb die Beschwerdeführerin mit „wir sind einfach gleich los von zuhause“ (A14 F90 ff.), Einzelheiten zu ihrem Fluchtbeginn waren ihren Schilderungen auch auf Nachfrage nicht zu ent- nehmen. 6.6 In Übereinstimmung mit dem SEM ist somit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin über ihre Herkunft täuschende Angaben gemacht hat. In Anwendung der in BVGE 2014/12 E. 5.10 entwickelten Rechtspre- chung muss angenommen werden, dass keine flüchtlingsrechtlich relevan- ten Gründe bestehen, welche gegen eine Rückkehr an den bisherigen Auf- enthaltsort sprechen. Das SEM hat demnach die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin zu Recht verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt. D-3766/2017 Seite 16 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 8.2 Die Frage nach der Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs ist zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersu- chungspflicht findet jedoch wie erwähnt ihre Grenzen an der Mitwirkungs- pflicht der Beschwerdeführenden. Es ist nicht Sache der Behörden, bei feh- lenden Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in hy- pothetischen Herkunftsländern zu forschen. Die Beschwerdeführerin hat daher die Folgen ihrer fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als vonsei- ten der Asyl behörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts gegen eine Rückkehr an ihren bisherigen Aufenthaltsort, zumal sie keine konkreten, glaubhaften Hinweise geliefert hat, die gegen eine ent- sprechende Rückkehr sprechen würden. 8.3 Da die Beschwerdeführerin unbestrittenermassen tibetischer Ethnie ist und von daher die Möglichkeit besteht, dass sie die chinesische Staatsan- gehörigkeit besitzt, hat das SEM zu Recht den Wegweisungsvollzug nach China im Sinne von Art. 45 Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen (vgl. dazu BVGE 2014/12 E. 6). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. D-3766/2017 Seite 17 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer- deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr jedoch mit Instrukti- onsverfügung vom 13. Juli 2017 die unentgeltliche Prozessführung ge- mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind ihr keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 10.2 Mit derselben Verfügung hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung gestützt auf Art. 110a Abs. 1 AsylG gut und ordnete der Beschwerdeführerin ihren Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei. Demnach ist diesem ein Honorar für seine notwendi- gen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Der Rechtsver- treter reichte keine Kostennote zu den Akten. Der notwendige Vertretungs- aufwand lässt sich jedoch aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Unter Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 – 13 VGKE) sowie der Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen ist ihm zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar von pauschal Fr. 975.– (inkl. Auslagen) zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) D-3766/2017 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem Rechtsvertreter wird zulasten der Gerichtskasse ein Honorar von Fr. 975.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Irina Wyss Versand: