<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">131</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>23</b></span> <span class="ft4"><b>Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung an vorläufig Aufgenommene;</b></span><br/> <span class="ft4"><b>schwerwiegender persönlicher Härtefall</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Bei der Beurteilung, ob bei einer vorläufig aufgenommenen Person</b></span><br/> <span class="ft4"><b>ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliegt, ist ein besonde-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>res Augenmerk auf die Frage zu werfen, weshalb die vorläufige Auf-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>nahme verfügt wurde und ob bzw. wann mit deren Aufhebung</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">132</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>gerechnet werden kann. Je unwahrscheinlicher die Aufhebung der</b></span><br/> <span class="ft4"><b>vorläufigen Aufnahme ist, desto weniger rechtfertigt es sich, die Be-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>troffenen auf unbestimmte Dauer den rechtlichen Einschränkungen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>zu unterwerfen, die mit dem Status der vorläufigen Aufnahme ein-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>hergehen, und umso eher ist von einem schwerwiegenden persönli-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>chen Härtefall auszugehen (Erw. 3.2.).</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Im konkreten Fall ist von einem schwerwiegenden persönlichen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Härtefall auszugehen, da nicht anzunehmen ist, dass die Gründe, die</b></span><br/> <span class="ft4"><b>zur vorläufigen Aufnahme geführt hatten, in absehbarer Zeit</b></span><br/> <span class="ft4"><b>wegfallen würden, womit eine Aufhebung der vorläufigen Aufnahme</b></span><br/> <span class="ft4"><b>weder jetzt noch in absehbarer Zeit zur Diskussion steht (Erw. 4.2.).</b></span><br/> <span class="ft8">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom</span><br/> <span class="ft8">26. September 2014 in Sachen A. gegen das Amt für Migration und Integra-</span><br/> <span class="ft8">tion (WBE.2012.1036).</span><br/> <span class="ft10"><i>Sachverhalt (Zusammenfassung)</i></span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer stammt aus Afghanistan. Er reiste am</span><br/> <span class="ft1">14. Mai 2006 in die Schweiz ein und ersuchte um Asyl. Während des</span><br/> <span class="ft1">hängigen Asylverfahrens beantragte er am 28. Juni 2011 die Ertei-</span><br/> <span class="ft1">lung einer Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 84 Abs. 5 AuG.</span><br/> <span class="ft1">Am 27. Juli 2011 wurde er vorläufig aufgenommen. Das MIKA</span><br/> <span class="ft1">lehnte das Gesuch des Beschwerdeführers um Erteilung einer</span><br/> <span class="ft1">ordentliche Aufenthaltsbewilligung ab. Die dagegen erhobene</span><br/> <span class="ft1">Einsprache wurde abgewiesen.</span><br/> <span class="ft10"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend geht es um die Erteilung einer Aufenthaltsbewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung im Sinne von Art. 33 AuG an eine Person, die vorläufig aufge-</span><br/> <span class="ft1">nommen wurde. Das BFM verfügt eine vorläufige Aufnahme, wenn</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">133</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der Vollzug einer angeordneten Wegweisung nicht möglich, nicht zu-</span><br/> <span class="ft1">lässig oder nicht zumutbar ist und kein Ausschlussgrund vorliegt</span><br/> <span class="ft1">(Art. 83 Abs. 1 und 7 AuG) und überprüft sodann periodisch, ob die</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzungen für die vorläufige Aufnahme noch gegeben sind. Ist</span><br/> <span class="ft1">dies nicht der Fall, hebt das BFM die vorläufige Aufnahme auf und</span><br/> <span class="ft1">ordnet den Vollzug der Wegweisung an (Art. 84 Abs. 1 und 2 AuG).</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Halten sich vorläufig aufgenommene Ausländerinnen und Aus-</span><br/> <span class="ft1">länder seit mehr als fünf Jahren in der Schweiz auf, sind deren Gesu-</span><br/> <span class="ft1">che um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung vertieft zu prüfen.</span><br/> <span class="ft1">Dabei sind insbesondere die Integration, die familiären Verhältnisse</span><br/> <span class="ft1">und die Zumutbarkeit einer Rückkehr in den Herkunftsstaat zu</span><br/> <span class="ft1">berücksichtigen (Art. 84 Abs. 5 AuG).</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung an vorläufig aufge-</span><br/> <span class="ft1">nommene Ausländerinnen und Ausländer erfolgt in der Regel in Ab-</span><br/> <span class="ft1">weichung von den Zulassungsvoraussetzungen gestützt auf Art. 30</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. b AuG. Gemäss dieser Bestimmung kann Ausländerinnen</span><br/> <span class="ft1">oder Ausländern eine Aufenthaltsbewilligung erteilt werden, um</span><br/> <span class="ft1">schwerwiegenden persönlichen Härtefällen Rechnung zu tragen. (...)</span><br/> <span class="ft1">2.4. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem sich der Beschwerdeführer bereits mehr als fünf Jahre</span><br/> <span class="ft1">in der Schweiz aufhält und vorläufig aufgenommen wurde, ist sein</span><br/> <span class="ft1">Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 84</span><br/> <span class="ft1">Abs. 5 AuG vertieft zu prüfen. Da weder die Voraussetzungen für die</span><br/> <span class="ft1">Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung mit Erwerbstätigkeit</span><br/> <span class="ft1">(Art. 18 - 26 AuG) noch ohne Erwerbstätigkeit (Art. 27 - 29 AuG) er-</span><br/> <span class="ft1">füllt sind, steht einzig die Erteilung einer Härtefallbewilligung im</span><br/> <span class="ft1">Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG zur Diskussion.</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Bei der Beurteilung, ob ein schwerwiegender persönlicher</span><br/> <span class="ft1">Härtefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG vorliegt, sind die</span><br/> <span class="ft1">Konkretisierungen in Art. 31 VZAE zu beachten.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">134</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Diese Bestimmung umschreibt in allgemeiner Form, dass</span><br/> <span class="ft1">Ausländerinnen und Ausländer, die ihre Identität offenlegen, bei Vor-</span><br/> <span class="ft1">liegen eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalles eine Aufent-</span><br/> <span class="ft1">haltsbewilligung erteilt werden kann. Sie bezieht sich gemäss Klam-</span><br/> <span class="ft1">merverweis im Titel sowohl auf Art. 14 Abs. 2 AsylG als auch auf</span><br/> <span class="ft1">den Anwendungsbereich des AuG (Art. 30 Abs. 1 lit. b, Art. 50</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. b und Art. 84 Abs. 5 AuG). (...)</span><br/> <span class="ft1">Die [in Art. 31 Abs. 1 VZAE genannten] Kriterien beziehen sich</span><br/> <span class="ft1">einerseits auf härtefallbegründende Umstände und andererseits auf</span><br/> <span class="ft1">Aspekte des öffentlichen Interesses, die der Erteilung einer Härtefall-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung entgegenstehen können. Mit Blick auf Art. 30 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">lit. b AuG sind zunächst nur die härtefallbegründenden bzw. privaten</span><br/> <span class="ft1">Interessen massgebend, da vorab zu klären ist, ob ein schwerwiegen-</span><br/> <span class="ft1">der persönlicher Härtefall vorliegt, der die Erteilung einer Aufent-</span><br/> <span class="ft1">haltsbewilligung zu rechtfertigen vermag. Liegt ein schwerwiegender</span><br/> <span class="ft1">persönlicher Härtefall vor, ist die Aufenthaltsbewilligung grund-</span><br/> <span class="ft1">sätzlich zu erteilen, es sei denn, der Erteilung der Bewilligung stehen</span><br/> <span class="ft1">Gründe entgegen, die zu einem überwiegenden öffentlichen Interesse</span><br/> <span class="ft1">an der Bewilligungsverweigerung führen.</span><br/> <span class="ft1">Die für das Vorliegen eines Härtefalles zu beachtenden Krite-</span><br/> <span class="ft1">rien stellen weder einen abschliessenden Katalog dar noch müssen</span><br/> <span class="ft1">sie kumulativ erfüllt sein, damit von einem Härtefall ausgegangen</span><br/> <span class="ft1">werden kann. Indessen ergibt sich bereits aufgrund der Stellung von</span><br/> <span class="ft1">Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG im Gesetz (unter dem Abschnitt "Abwei-</span><br/> <span class="ft1">chungen von den Zulassungsvoraussetzungen"), seiner Formulierung</span><br/> <span class="ft1">und der einschlägigen altrechtlichen Rechtsprechung des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts, dass dieser Bestimmung Ausnahmecharakter zukommt und</span><br/> <span class="ft1">die Voraussetzungen zur Anerkennung eines Härtefalls restriktiv zu</span><br/> <span class="ft1">handhaben sind. Die betroffene Person muss sich in einer persönli-</span><br/> <span class="ft1">chen Notlage befinden. Das bedeutet, dass ihre Lebens- und</span><br/> <span class="ft1">Existenzbedingungen, gemessen am durchschnittlichen Schicksal</span><br/> <span class="ft1">von ausländischen Personen, in gesteigertem Mass in Frage gestellt</span><br/> <span class="ft1">sein müssen bzw. die Verweigerung einer Abweichung von den</span><br/> <span class="ft1">Zulassungsvoraussetzungen für sie mit schweren Nachteilen verbun-</span><br/> <span class="ft1">den wäre. Bei der Beurteilung eines Härtefalles müssen sämtliche</span><br/> <span class="ft1">Umstände des jeweiligen Einzelfalls berücksichtigt werden. (...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">135</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Geht es um die Umwandlung einer vorläufigen Aufnahme in</span><br/> <span class="ft1">eine Härtefallbewilligung, ist gemäss Art. 84 Abs. 5 AuG dem Um-</span><br/> <span class="ft1">stand, dass sich die betroffene Person bereits seit fünf Jahren in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz aufhält, besonders Rechnung zu tragen.</span><br/> <span class="ft1">Zu beachten ist insbesondere, dass eine vorläufige Aufnahme</span><br/> <span class="ft1">gegenüber einer weggewiesenen Person dann verfügt wird, wenn der</span><br/> <span class="ft1">Vollzug der Wegweisung in den Herkunfts- oder Heimatstaat nicht</span><br/> <span class="ft1">möglich, nicht zulässig oder nicht zumutbar ist. Sie basiert auf der</span><br/> <span class="ft1">Vorstellung, dass ein temporäres Hindernis vorliegt, die Wegweisung</span><br/> <span class="ft1">zu vollziehen und dass bei Wegfall des Hindernisses die vorläufige</span><br/> <span class="ft1">Aufnahme aufgehoben und der Vollzug der Wegweisung angeordnet</span><br/> <span class="ft1">wird. Die vorläufige Aufnahme ist damit lediglich eine Ersatzmass-</span><br/> <span class="ft1">nahme bei undurchführbarem Vollzug. Aufgrund des temporären</span><br/> <span class="ft1">Charakters der Ersatzmassnahme sind vorläufig Aufgenommene im</span><br/> <span class="ft1">Vergleich zu Personen mit einer ausländerrechtlichen Bewilligung</span><br/> <span class="ft1">beachtlichen rechtlichen Einschränkungen unterworfen (vgl. Art. 85</span><br/> <span class="ft1">AuG). Bei der Beurteilung, ob bei einer vorläufig aufgenommenen</span><br/> <span class="ft1">Person ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliegt, ist des-</span><br/> <span class="ft1">halb ein besonderes Augenmerk auf die Frage zu werfen, weshalb die</span><br/> <span class="ft1">vorläufige Aufnahme verfügt wurde und ob bzw. wann mit einer</span><br/> <span class="ft1">Aufhebung der vorläufigen Aufnahme gerechnet werden kann. Je un-</span><br/> <span class="ft1">wahrscheinlicher die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme ist, desto</span><br/> <span class="ft1">weniger rechtfertigt es sich, die Betroffenen auf unbestimmte Dauer</span><br/> <span class="ft1">den rechtlichen Einschränkungen zu unterwerfen, die mit dem Status</span><br/> <span class="ft1">der vorläufigen Aufnahme einhergehen, und umso eher ist von einem</span><br/> <span class="ft1">schwerwiegenden persönlichen Härtefall auszugehen.</span><br/> <span class="ft1">Ergibt sich ein Härtefall nicht bereits aus dem Umstand, dass</span><br/> <span class="ft1">die vorläufige Aufnahme noch lange andauern wird, ist gemessen an</span><br/> <span class="ft1">den allgemeinen Härtefallkriterien zu prüfen, ob ein Härtefall vor-</span><br/> <span class="ft1">liegt. Obwohl Art. 84 Abs. 5 AuG nur drei der für Härtefälle zu be-</span><br/> <span class="ft1">achtenden Kriterien explizit nennt - Integration, familiäre Verhält-</span><br/> <span class="ft1">nisse, Zumutbarkeit der Rückkehr in den Herkunftsstaat - sind</span><br/> <span class="ft1">sämtliche Kriterien, die zu einem Härtefall führen können, zu beach-</span><br/> <span class="ft1">ten. Den explizit genannten Kriterien ist lediglich besondere Beach-</span><br/> <span class="ft1">tung zu schenken und verstärktes Gewicht beizumessen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">136</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4. (...)</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend präsentiert sich die Situation des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführers wie folgt: Der Beschwerdeführer reiste am</span><br/> <span class="ft1">14. Mai 2006 als Asylsuchender in die Schweiz ein und wurde am</span><br/> <span class="ft1">27. Juli 2011 vorläufig aufgenommen. Er lebt damit seit mehr als</span><br/> <span class="ft1">acht Jahren ununterbrochen in der Schweiz. Seit 2009 ist er</span><br/> <span class="ft1">erwerbstätig, kommt seither für seinen Lebensunterhalt selbständig</span><br/> <span class="ft1">auf und ist strafrechtlich nie in Erscheinung getreten.</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Für die Beurteilung, ob ein schwerwiegender persönlicher</span><br/> <span class="ft1">Härtefall vorliegt, ist bei vorläufig aufgenommenen Personen zu-</span><br/> <span class="ft1">nächst auf die Gründe, die zur vorläufigen Aufnahme geführt haben,</span><br/> <span class="ft1">einzugehen. Dabei ist zu prüfen, ob im konkreten Fall Anzeichen da-</span><br/> <span class="ft1">für bestehen, dass die vorläufige Aufnahme aufgehoben werden</span><br/> <span class="ft1">kann, weil die Voraussetzungen für deren Anordnung nicht mehr</span><br/> <span class="ft1">gegeben sind respektive in absehbarer Zeit wegfallen können. Ist auf-</span><br/> <span class="ft1">grund der konkreten Umstände nicht davon auszugehen, dass es in</span><br/> <span class="ft1">absehbarer Zeit zu einer Aufhebung der vorläufigen Aufnahme</span><br/> <span class="ft1">kommt, ist von einem schwerwiegenden persönlichen Härtefall</span><br/> <span class="ft1">auszugehen.</span><br/> <span class="ft1">Im Fall des Beschwerdeführers ist dem Urteil des Bundesver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgerichts vom 27. Juli 2011 betreffend die Zumutbarkeit des</span><br/> <span class="ft1">Wegweisungsvollzugs Folgendes zu entnehmen:</span><br/> <span class="ft8">"7.2 In Bezug auf die allgemeine Lage in Afghanistan ist auf die vom</span><br/> <span class="ft8">Bundesverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung der Lage im zur</span><br/> <span class="ft8">Publikation vorgesehenen Urteil E-7625/2008 vom 16. Juni 2011 verwiesen</span><br/> <span class="ft8">werden. Das Gericht stellt darin zusammenfassend fest, dass in weiten Tei-</span><br/> <span class="ft8">len von Afghanistan - ausser allenfalls in Grossstädten - eine derart</span><br/> <span class="ft8">schlechte Sicherheitslage und derart schwierige humanitäre Bedingungen</span><br/> <span class="ft8">bestünden, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83</span><br/> <span class="ft8">Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei die</span><br/> <span class="ft8">Situation in der Hauptstadt Kabul zu unterscheiden. Angesichts des Umstan-</span><br/> <span class="ft8">des, dass sich dort die Sicherheitslage im Verlaufe des vergangenen Jahres</span><br/> <span class="ft8">nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre Situation im Vergleich</span><br/> <span class="ft8">zu den übrigen Gebieten etwas weniger dramatisch sei, könne der Vollzug</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">137</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">der Wegweisung nach Kabul unter Umständen als zumutbar qualifiziert</span><br/> <span class="ft8">werden. Solche Umstände könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben</span><br/> <span class="ft8">sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann</span><br/> <span class="ft8">handle. Angesichts der bisher aufgezeigten konstanten Verschlechterung der</span><br/> <span class="ft8">Lage über die vergangenen Jahre hinweg und der auch in Kabul schwierigen</span><br/> <span class="ft8">Situation verstehe es sich aber von selbst, dass die bereits in EMARK 2003</span><br/> <span class="ft8">Nr. 10 formulierten strengen Bedingungen in jedem Einzelfall sorgfältig ge-</span><br/> <span class="ft8">prüft und erfüllt sein müssten, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul</span><br/> <span class="ft8">als zumutbar zu qualifizieren. Unabdingbar sei in erster Linie ein soziales</span><br/> <span class="ft8">Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des</span><br/> <span class="ft8">Rückkehres als tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder</span><br/> <span class="ft8">Bekannte würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unwei-</span><br/> <span class="ft8">gerlich in eine existenzielle beziehungsweise lebensbedrohende Situation</span><br/> <span class="ft8">führen (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.). Die Frage, ob hinsichtlich der Städte Mazar-</span><br/> <span class="ft8">i-Sharif und Herat in Bezug auf die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs</span><br/> <span class="ft8">Ähnliches gesagt werden könne wie zu Kabul, wurde im erwähnten Grund-</span><br/> <span class="ft8">satzurteil offen gelassen, weil von vornherein ungenügende Anknüpfungs-</span><br/> <span class="ft8">punkte bestanden (vgl. a.a.O. E. 9.9.3).</span><br/> <span class="ft8">7.3. Aufgrund der Aktenlage ist davon auszugehen, dass der ursprüng-</span><br/> <span class="ft8">lich aus Kabul stammende Beschwerdeführer Afghanistan bereits im</span><br/> <span class="ft8">Kindesalter verlassen hat und seither nie mehr nach Afghanistan zurückge-</span><br/> <span class="ft8">kehrt ist, womit er dort nie sozialisiert wurde. Seine Mutter zog nach dem</span><br/> <span class="ft8">Tode ihres Ehemannes zu ihrem in der Provinz Bamiyan wohnhaften Bruder</span><br/> <span class="ft8">(vgl. act. A15/20 S. 5 Frage und Antwort 24 i.V.m. S. 7 Frage und Antwort</span><br/> <span class="ft8">41). Sein Onkel kehrte mit seiner Familie nach Aussagen des</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführers im Jahre 2003 (und nicht 1993, wie das BFM irrtümli-</span><br/> <span class="ft8">cherweise in seiner Verfügung vom 16. April 2008 auf S. 2 Ziff. 1 Abs. 4</span><br/> <span class="ft8">festhält) nach Afghanistan zurück (act. A15/20 S. 3, Frage und Antwort 9),</span><br/> <span class="ft8">ohne ihn, den Beschwerdeführer, mitzunehmen (vgl. act. A15/20 S. 4, Frage</span><br/> <span class="ft8">und Antwort 13). Dieser Onkel lebte nach Angaben des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft8">nach seiner Rückkehr nach Afghanistan zunächst in Kabul im Quartier</span><br/> <span class="ft8">G._______ (vgl. act. A15/20 S. 5 Frage und Antwort 24), scheint nun aber</span><br/> <span class="ft8">laut einem mit der Beschwerde eingereichten Brief eines Freundes jenes</span><br/> <span class="ft8">Onkels von dort weggezogen zu sein, ohne dass derzeit Näheres über seinen</span><br/> <span class="ft8">momentanen Aufenthaltsort bekannt wäre. Somit muss davon ausgegangen</span><br/> <span class="ft8">werden, dass der Beschwerdeführer in Kabul über keinerlei Verwandte und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">138</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">damit auch über kein soziales Beziehungsnetz mehr verfügt. Mit Blick auf</span><br/> <span class="ft8">die vorstehend dargelegte Situation im Heimatland (vgl. E. 7.2) ist der Weg-</span><br/> <span class="ft8">weisungsvollzug des Beschwerdeführers nach Kabul somit als nicht zumut-</span><br/> <span class="ft8">bar zu qualifizieren. Da der Beschwerdeführer gemäss den Akten überdies</span><br/> <span class="ft8">weder in den Grossstädten Herat noch Mazar-i-Sharif über weitere Ver-</span><br/> <span class="ft8">wandte verfügt, kommt von vornherein auch keine Aufenthaltsalternative in</span><br/> <span class="ft8">diesen afghanischen Städten in Frage."</span><br/> <span class="ft1">Zwischenzeitlich ist betreffend die allgemeine Lage in</span><br/> <span class="ft1">Afghanistan weder eine Besserung eingetreten noch ist eine solche</span><br/> <span class="ft1">zu erwarten und der Vollzug der Wegweisung gilt für die meisten Re-</span><br/> <span class="ft1">gionen dieses Landes als generell nicht zumutbar. Nur für gewisse</span><br/> <span class="ft1">Gebiete wird der Vollzug der Wegweisung als zumutbar eingeschätzt,</span><br/> <span class="ft1">sofern bezogen auf den Einzelfall zusätzlich begünstigende Um-</span><br/> <span class="ft1">stände (insbesondere tragfähiges soziales Netz vor Ort) gegeben sind</span><br/> <span class="ft1">(Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Juli 2014</span><br/> <span class="ft1">[D-3219/2014], Erw. 6.4.1 mit weiteren Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Vor diesem Hintergrund erscheint die Aufhebung der vorläufi-</span><br/> <span class="ft1">gen Aufnahme des Beschwerdeführers innert absehbarer Zeit gera-</span><br/> <span class="ft1">dezu ausgeschlossen. Die verwandtschaftliche Konstellation des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers im Heimatland ist keinen Änderungen unterworfen.</span><br/> <span class="ft1">Inwiefern der Beschwerdeführer, welcher in seinem Heimatland</span><br/> <span class="ft1">ohnehin nie sozialisiert wurde und Afghanistan bereits im Kindesal-</span><br/> <span class="ft1">ter verlassen hat, in der Lage sein sollte, in Kabul ein tragfähiges</span><br/> <span class="ft1">soziales Netz aufzubauen, ist nicht ersichtlich.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten ist beim Beschwerdeführer von einem</span><br/> <span class="ft1">Härtefall auszugehen, da nicht davon auszugehen ist, dass die</span><br/> <span class="ft1">Gründe, die zur vorläufigen Aufnahme geführt hatten, in absehbarer</span><br/> <span class="ft1">Zeit wegfallen würden, womit eine Aufhebung der vorläufigen Auf-</span><br/> <span class="ft1">nahme weder jetzt noch in absehbarer Zeit zur Diskussion steht.</span><br/> <span class="ft1">Dass diesem Umstand eigentlich bereits im Zeitpunkt der</span><br/> <span class="ft1">Anordnung der vorläufigen Aufnahme durch Erteilung einer Härte-</span><br/> <span class="ft1">fallbewilligung hätte Rechnung getragen werden müssen, darf dem</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer heute nicht zum Nachteil gereichen.</span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">Mit Blick auf das Vorliegen eines Härtefalles kommt heute</span><br/> <span class="ft1">hinzu, dass sich der Beschwerdeführer seit mehr als acht Jahren in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">139</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der Schweiz aufhält. Obwohl er in sehr jungem Alter in die Schweiz</span><br/> <span class="ft1">eingereist ist und nicht auf verwandtschaftliche Unterstützung</span><br/> <span class="ft1">zurückgreifen konnte, vermochte er sich sowohl in sprachlicher als</span><br/> <span class="ft1">auch sozialer Hinsicht gut zu integrieren. Seine Integration ist zudem</span><br/> <span class="ft1">entsprechend der langen Aufenthaltsdauer weit fortgeschritten.</span><br/> <span class="ft1">Schliesslich ist der Beschwerdeführer seit fünf Jahren berufstätig und</span><br/> <span class="ft1">bestreitet seinen Lebensunterhalt selbständig, womit er sich dauer-</span><br/> <span class="ft1">hafte und stabile wirtschaftliche Verhältnisse erarbeitet hat. Auch</span><br/> <span class="ft1">diese Umstände sprechen für das Vorliegen eines Härtefalls.</span><br/> <span class="ft1">4.4.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten ist erstellt, dass ein schwerwiegender</span><br/> <span class="ft1">persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG vor-</span><br/> <span class="ft1">liegt.</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">Zu prüfen bleibt, ob der Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung</span><br/> <span class="ft1">an den Beschwerdeführer überwiegende öffentliche Interessen entge-</span><br/> <span class="ft1">genstehen.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer ist strafrechtlich nie in Erscheinung</span><br/> <span class="ft1">getreten und ist seinen finanziellen Verpflichtungen jeweils nachge-</span><br/> <span class="ft1">kommen. Auch bestehen keine Anzeichen dafür, dass der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer nicht weiterhin für seinen Lebensunterhalt aufkom-</span><br/> <span class="ft1">men könnte. Unter diesen Umständen sind keine überwiegenden</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Interessen ersichtlich, welche die Verweigerung einer</span><br/> <span class="ft1">Aufenthaltsbewilligung an den Beschwerdeführer zu rechtfertigen</span><br/> <span class="ft1">vermöchten.</span><br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass ein schwerwiegender</span><br/> <span class="ft1">persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG vor-</span><br/> <span class="ft1">liegt. Nachdem der Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung keine</span><br/> <span class="ft1">überwiegenden öffentlichen Interessen entgegenstehen, ist die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde gutzuheissen soweit darauf einzutreten ist. Das MIKA ist</span><br/> <span class="ft1">anzuweisen, das Gesuch des Beschwerdeführers um Erteilung einer</span><br/> <span class="ft1">Aufenthaltsbewilligung dem BFM mit dem Antrag auf Zustimmung</span><br/> <span class="ft1">zu unterbreiten.</span><br/></div> </div> </body> </html>