<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">27</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Strafprozessrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>1</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 141 Abs. 4 StPO</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Eine Fernwirkung gemäss Art. 141 Abs. 4 StPO ist zu verneinen, wenn</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Folgebeweis im Sinne eines hypothetischen Ermittlungsverlaufs zu-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mindest mit einer grossen Wahrscheinlichkeit auch ohne den illegalen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ersten Beweis erlangt worden wäre.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 13. August</span><br/> <span class="ft4">2015 i.S. Staatsanwaltschaft Baden gegen M.L. (SST.2015.45).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">2.9.1.</span><br/> <span class="ft6">Betroffen vom Verwertungsverbot sind nicht die überwachten</span><br/> <span class="ft6">Gespräche bzw. Gesprächsprotokolle an sich, sondern lediglich die</span><br/> <span class="ft6">damit zusammenhängenden Übersetzungen, die von der AGK-Num-</span><br/> <span class="ft6">mer 33 erstellt worden sind. Es wäre dem Obergericht unbenommen,</span><br/> <span class="ft6">die betroffenen Gespräche nochmals übersetzen zu lassen und die</span><br/> <span class="ft6">neu übersetzten Gespräche zu verwerten (vgl. Urteil des Bundesge-</span><br/> <span class="ft6">richts 1P.548/2002 vom 13. Februar 2003 E. 4.3). Davon kann vorlie-</span><br/> <span class="ft6">gend aber abgesehen werden, da es auf diese Übersetzungen nicht</span><br/> <span class="ft6">massgebend ankommt bzw. die vom Beschuldigten behauptete Fern-</span><br/> <span class="ft6">wirkung ohnehin nicht derart weitreichende Folgen zeitigt.</span><br/> <span class="ft6">Bei der Frage nach der Fernwirkung von Beweisverwertungs-</span><br/> <span class="ft6">verboten gilt es, einen angemessenen Ausgleich zwischen den di-</span><br/> <span class="ft6">vergierenden Interessen zu erzielen. Während für eine Fernwirkung</span><br/> <span class="ft6">von Beweisverwertungsverboten spricht, dass andernfalls die Regeln</span><br/> <span class="ft6">über die Beweiserhebung unterminiert würden, können indirekte</span><br/> <span class="ft6">Beweisverbote auf der anderen Seite der Ermittlung der materiellen</span><br/> <span class="ft6">Wahrheit hinderlich sein. Im Gegensatz zur früheren Praxis wollte</span><br/> <span class="ft6">der Gesetzgeber in Art. 141 Abs. 4 StPO zwar eine sehr weitgehende,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht,AbteilungStrafgericht</span> <span class="page_no">28</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">nicht jedoch eine absolute Fernwirkung verankern. Würde ein</span><br/> <span class="ft6">Verwertungsverbot von Folgebeweisen immer angenommen, wenn</span><br/> <span class="ft6">nicht sicher bzw. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit</span><br/> <span class="ft6">feststeht, dass der zweite Beweis nicht auch ohne den ersten, ille-</span><br/> <span class="ft6">galen Beweis erlangt worden wäre, käme es gerade nicht zu einem</span><br/> <span class="ft6">"Ausgleich zwischen den divergierenden Interessen". Dies ent-</span><br/> <span class="ft6">spräche nicht dem mit Art. 141 Abs. 4 StPO anvisierten Mittelweg,</span><br/> <span class="ft6">sondern käme einer strikten Bejahung der Fernwirkung gleich. Steht</span><br/> <span class="ft6">sicher fest, dass der erste Beweis keinen Einfluss auf die Erlangung</span><br/> <span class="ft6">des zweiten Beweises hatte, sondern Letzterer auch ohne bzw.</span><br/> <span class="ft6">unabhängig vom Ersteren erhoben worden wäre, besteht grund-</span><br/> <span class="ft6">sätzlich kein Grund für eine Unverwertbarkeit des zweiten Beweises,</span><br/> <span class="ft6">da der illegale Beweis nicht kausal für den zweiten Beweis war und</span><br/> <span class="ft6">demnach nicht von einer Fernwirkung gesprochen werden kann</span><br/> <span class="ft6">(BGE 138 IV 169 E. 3.3.2 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">Eine Fernwirkung gemäss Art. 141 Abs. 4 StPO ist demnach zu</span><br/> <span class="ft6">verneinen, wenn der Folgebeweis im Sinne eines hypothetischen Er-</span><br/> <span class="ft6">mittlungsverlaufs zumindest mit einer grossen Wahrscheinlichkeit</span><br/> <span class="ft6">auch ohne den illegalen ersten Beweis erlangt worden wäre.</span><br/> <span class="ft6">Entscheidend sind die konkreten Umstände des Einzelfalls (Urteil</span><br/> <span class="ft6">des Bundesgerichts 6B_1021/2013 vom 29. September 2014 E. 2.3.2</span><br/> <span class="ft6">mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">2.9.2.</span><br/> <span class="ft6">[...]</span><br/> <span class="ft6">2.9.3.</span><br/> <span class="ft6">Die Kantonspolizei hat den Beschuldigten in 19 delegierten</span><br/> <span class="ft6">Einvernahmen ausführlich zum Marihuana-Handel befragt und mit</span><br/> <span class="ft6">weiteren Beweismitteln (u.a. Whatsapp-Chat zwischen Beschuldig-</span><br/> <span class="ft6">tem und H.R.) konfrontiert. Auch ohne die nicht verwertbaren</span><br/> <span class="ft6">Telefonprotokolle hätte sie den Sachverhalt in alle Richtungen hin</span><br/> <span class="ft6">ausgeleuchtet, so dass der geständige Beschuldigte mit grösster</span><br/> <span class="ft6">Wahrscheinlichkeit ohnehin auf das geplatzte Geschäft zu sprechen</span><br/> <span class="ft6">gekommen wäre. Ohnehin hat der Beschuldigte sodann anlässlich</span><br/> <span class="ft6">der Konfrontationseinvernahme vom 21. Januar 2014 den ihm</span><br/> <span class="ft6">vorgeworfenen Sachverhalt in eigenen Worten bestätigt. Auch anläss-</span><br/> <span class="ft6">lich der Schlusseinvernahme legte der Beschuldigte nochmals ein</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">29</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Geständnis ab: Nachdem die Staatsanwaltschaft die bisherigen Aus-</span><br/> <span class="ft6">sagen des Beschuldigten bzw. die ihm vorgeworfenen Sachverhalte</span><br/> <span class="ft6">zunächst gesamthaft zusammenfasste (siehe vorne), bestätigte der</span><br/> <span class="ft6">Beschuldigte die Korrektheit dieser Zusammenfassung. Die in</span><br/> <span class="ft6">Art. 317 StPO gesetzlich vorgesehene Schlusseinvernahme wäre</span><br/> <span class="ft6">auch durchgeführt worden, wenn die vom Beschuldigten bemängel-</span><br/> <span class="ft6">ten Beweise nicht erhoben worden wären. Es trifft nicht zu, dass das</span><br/> <span class="ft6">Geständnis an der Schlusseinvernahme auf früheren, angeblich</span><br/> <span class="ft6">rechtswidrig erlangten Beweisen (delegierte Einvernahmen, Kon-</span><br/> <span class="ft6">frontationseinvernahme und Telefonüberwachung) basiert - vielmehr</span><br/> <span class="ft6">hat es eigenständigen Charakter.</span><br/> <span class="ft6">Selbst ohne die vom Beschuldigten zu Recht bemängelten über-</span><br/> <span class="ft6">setzten Gesprächsüberwachungen hätte der stets geständige Beschul-</span><br/> <span class="ft6">digte unter dem Druck der Aussagen von A. A. sowie der verwertba-</span><br/> <span class="ft6">ren (nicht übersetzten) Gesprächsüberwachungen mit grösster Wahr-</span><br/> <span class="ft6">scheinlichkeit den ihm in der Anklage vorgeworfenen Sachverhalt</span><br/> <span class="ft6">anlässlich der Schlusseinvernahme vom 21. Februar 2014 sowie an-</span><br/> <span class="ft6">lässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung vom 2. Juli 2014</span><br/> <span class="ft6">eingestanden. Darauf deuten im Übrigen auch seine Ausführungen</span><br/> <span class="ft6">im Rahmen der Strafzumessung hin, wonach er "bereits ab der ersten</span><br/> <span class="ft6">delegierten Einvernahme" begonnen habe, ein Geständnis abzulegen.</span><br/> <span class="ft3"><b>2</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 122 StPO</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Vertragliche Ansprüche fallen nicht unter Art. 122 StPO.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 12. November</span><br/> <span class="ft4">2015, i.S. Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten gegen M.J. (SST.2015.156).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">5.2</span><br/> <span class="ft6">5.2.1.</span><br/></div> </div> </body> </html>