B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 U r t e i l v o m 1 6 . O k t o b e r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richterin Aileen Truttmann; Gerichtsschreiber Daniel Grimm. Parteien 1. A._______, geboren am (…), 2. B._______, geboren am (…), 3. C._______, geboren am (…), alle Türkei, Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügungen des SEM vom 25. September 2023. F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerinnen, drei volljährige Schwestern, reichten am 12. Dezember 2022 in der Schweiz ein erstes Mal Asylgesuche ein. Im Rahmen der anschliessenden Dublin-Verfahren erliess die Vorinstanz am 1. Februar 2023 entsprechende Nichteintretensentscheide und ordnete ihre Wegweisung nach Deutschland an. Diese Entscheide erwuchsen un- angefochten in Rechtskraft. Am 29. März 2023 wurden die Betroffenen da- raufhin nach Deutschland überstellt. B. Am 17. August 2023 reisten die Beschwerdeführerinnen wiederum in die Schweiz ein und ersuchten mit Schreiben vom 20. August 2023 (beim SEM eingegangen am 21. August 2023 ) erneut um Asyl. Die Vorinstanz nahm die Eingaben als Mehrfachgesuche gemäss Art. 111 c Abs. 1 AsylG (SR 142.31) entgegen. C. Ein Abgleich der Fingerabdrücke mit der «Eurodac» -Datenbank ergab, dass die Beschwerdeführerinnen am 11. Mai 2022 in Deutschland als Asyl- suchende registriert worden waren und am 29. März 2023 dort erneut Asyl- gesuche gestellt hatten. D. Am 31. August 2023 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um Über- nahme der Beschwerdeführerinnen gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Ver- ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim- mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats- angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). E. Die deutschen Behörden stimmten den drei Übernahmeersuchen am 4. September 2023 gestützt auf die genannte Bestimmung zu. F. Von der ihnen vom SEM am 31. August 2023 gewährten Möglichkeit, sich schriftlich zur Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung de r Asyl- und Wegweisungsverfahren gemäss Dublin-III-VO zu äussern, machten F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 3 die Beschwerdeführerinnen mit Eingaben vom 7. September 2023 Ge- brauch. G. Mit drei separaten Verfügungen vom 25. September 2023 (alle eröffnet am Folgetag) trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen nicht ein, verfügte ihre Überstellung nach Deutschland und forderte sie – unter Androhung von Zwangsmassnahmen im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kanton Bern mit dem Vollzug der Wegweisung en, händigte den Be- schwerdeführerinnen die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeich- nis aus und stellte fest, dass allfälligen Beschwerden gegen die Entscheide keine aufschiebende Wirkung zukomme. H. Mit separaten, inhaltlich weitgehend identischen Beschwerden vom 2. Ok- tober 2023 gelangten die Beschwerdeführerinnen an das Bundesverwal- tungsgericht und ersuchten sinngemäss um Aufhebung der angefochtenen Verfügungen. Die Beschwerden wurden unter den Referenzen F-5368/2023 (A.______), F-5369/2023 (B.______) und F-5370/2023 (C._______) erfasst. I. Am 4. Oktober 2023 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellungen per sofort einstweilen aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Aufgrund des engen persönlichen und sachlichen Zusammenhangs recht- fertigt es sich vorliegend aus prozessökonomischen Gründen, die Verfah- ren F-5368/2023, F-5369/2023 und F-5370/2023 zu vereinigen und in ei- nem Urteil darüber zu befinden. 2. 2.1 Das Bundesverwaltun gsgericht ist zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33 F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 4 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2.3 Die Beschwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtenen Verfügungen berührt und ha- ben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Rechtsmittel legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichten Beschwerden ist einzutr eten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 3. Die Beschwerden erweisen sich als offensichtlich unbegründet und sind im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch- führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 4.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu üb erprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.H.). 5. Die Beschwerdeführerinnen monieren in formeller Hinsicht, sie hätten kei- ne Möglichkeit zu einem «Vorstellungsgespräch» erhalten, um ihre Asyl- gründe in allen Einzelheiten darzulegen. Wie sich dem Sachverhalt ent- nehmen lässt (siehe Bst. B und F weiter vorne), hat das SEM die schriftli- chen Asylgesuche der Geschwister vom 20. August 2023 als Mehrfachge- suche entgegengenommen und ihnen am 31. August 2023 das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Wegweisung nach Deutschland gewährt. Dieses F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 5 Vorgehen entspricht den gesetzesmässigen Vorgaben (vgl. Art. 111 c Abs. 1 AsylG). 6. 6.1 Auf ein Asylgesuch wird in der Regel nicht eingetreten, wenn der oder die Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen kann, der für die Durchfüh- rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt die Vorinstanz in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 6.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 6.3 Im Rahmen des – hier interessierenden – Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeits- prüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt. Die Zuständigkeit bezie- hungsweise die Verpflichtung des Mitglie dstaates zur Wiederaufnahme ergibt sich direkt aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d beziehungsweise Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO (vgl. Urteil des EuGH [Grosse Kammer] vom 2. April 2019, H. und R., C 582/17 und C -583/17, EU:C:2019:280, Rn. 47 –50; BVGE 2019 VI/7 E. 4-6, 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.). Die Dublin -III- VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfen- den Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 7. 7.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerinnen mit der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass sie am 11. Mai 2022 sowie am 29. März 2023 in Deutschland Asyl beantragt hatten. Das SEM ersuchte deshalb die deutschen Behörden am 31. August 2023 um ihre Wiederaufnahme. Die deutschen Behörden stimmten de n Ersuchen am 4. September 2023 zu. Die Zustimmungen stützten sich auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO. Die grundsätzliche Zuständigkeit Deutschland ist somit gegeben und wird auf Beschwerdeebene auch nicht bestritten. 7.2 Nachfolgend ist demnach im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO zu prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 6 und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Deutschland würden systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch- lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU - Grundrechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist. 8. 8.1 Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0 .142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver- pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner- kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt- linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber- kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Fest legung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie) ergeben. 8.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin - III-VO nicht gerechtfertigt. 9. 9.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend vo n Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts- recht). Dieses Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen Dublin-Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen die Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die Vorinstanz die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der Schweiz behandeln (BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2). 9.2 In ihren Rechtsmitteleingaben vom 2. Oktober 2023 führten die Be- schwerdeführerinnen hierzu aus, von den deutschen Behörden negative F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 7 Asylentscheide erhalten zu haben. I m Falle einer Überstellung werde Deutschland sie an die Türkei ausliefern. Dort drohe ihnen staatliche Ge- walt und sie gerieten in grosse Lebensgefahr . Die türkische Regierung werde sie mit Sicherheit im Gefängnis einsperren und sie foltern. Deshalb hätten sie grosse Angst vor einer Wegweisung in ihr Heimatland. 9.3 Dazu ist festzuhalten, dass negative Asylentscheide der deutschen Be- hörden genauso wenig ein Überstellungshindernis darstellen wie von die- sem Land ausgesprochene Wegweisungen. Nach rechtskräftigem Ab- schluss des Asylverfahrens bleibt Deutschland gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO bis zu einem allfälligen Wegweisungsvollzug aus dem Dublin-Raum oder einer Regelung des Aufenthaltsstatus zuständig. Es gilt das Prinzip, dass ein Asylgesuch lediglich von einem einzigen Dublin-Mit- gliedstaat zu p rüfen ist (Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO; BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Anzumerken gilt es an dieser Stelle, dass die Beschwer- deführerinnen im vorinstanzlichen Verfahren wohl die entsprechenden ne- gativen erstinstanzlichen Bescheide des deutschen Bundesamtes für Mig- ration und Flüchtlinge vom 21. Juni 2023 ins Recht legten. Dagegen ergrif- fen sie, soweit ersichtlich, allerdings kein Rechtsmittel. Stattdessen bega- ben sie sich eigener Darstellung zufolge im Anschluss daran via Serbien (dortige Anwesenheit drei bis vier Tage) in die Schweiz. Unabhängig davon bestehen keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass die deutschen Behör- den die Anträge de r Beschwerdeführerinnen a uf internationalen Schutz nicht unter Einhaltung der Verfahrensrichtlinie geprüft oder das Asylverfah- ren mangelhaft durchgeführt hätten . Als unbegründet erweist sich unter den konkreten Begebenheiten insbesondere die Befürchtung, die deut- schen Behörden könnten sie in Missachtung des Grundsatzes d es Non- Refoulement zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Gemäss den eingereichten Bescheiden gaben sie nämlich gegenüber den deutschen Asylbehörden unisono an, in der Türkei weder bedroht noch verfolgt zu werden (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 2/pag. 23 f. [A.______], 2/17 f. [B.______] bzw. 2/17 f. [C._______]). 9.4 Die Beschwerdeführerinnen hoben in ihren Eingaben vom 7. Septem- ber 2023 betreffend rechtliches Gehör sodann hervor, dass ihre Eltern in der Schweiz lebten. Im deutschen Asylverfahren erklärten die Geschwister, die zuvor bei einem Onkel in der Türkei gelebt hatten, denn auch ausdrück- lich, dass sie beabsichtigten, wieder mit ihren hierzulande ansässigen El- tern zusammenzuleben (siehe wiederum SEM act. 2). Deren Aufenthalt in F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 8 der Schweiz steht der Zuständigkeit Deutschlands für die volljährigen Be- schwerdeführerinnen indes nicht entgegen. Bei den Eltern handelt es sich weder um Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin -III-VO, noch ist von einem Abhängigkeitsverhältnis im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO auszugehen. Über die angestrebte Familienz usammenfüh- rung wäre in dem dafür vorgesehenen Verfahren zu befinden; sie kann vor- liegend nicht über die Bestimmungen der Dublin -III-VO erreicht bzw. um- gangen werden. Dem engen Verhältnis der Geschwister untereinander ist derweil mittels Koordination bzw. V ereinigung der Rechtsmittelverfahren sowie dem gemeinsamen Vollzug der angefochtenen Verfügungen Rech- nung zu tragen. 9.5 Was den medizinischen Sachverhalt angeht, so kann eine zwangs- weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Ein solcher würde voraussetzen, dass eine bereits schwer kranke Person durch die Abschiebung mit dem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund- heitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 9.6 Eine solche Situation liegt aufgrund der aktenkundigen und geschilder- ten gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht vor. Die Beschwerdeführe- rin 1 führte in ihrer Eingabe vom 7. September 2023 aus, an einer beidsei- tigen Schwerhörigkeit zu leiden und auf die Hilfe ih rer Schwestern ange- wiesen zu sein . Die Diagnose der Schwerhörigkeit w ird in einem sich in den Akten befindlichen Patientenbericht vom 5. September 2023 bestätigt (SEM act. 9/ 56). Die Beschwerdeführerin 3 ihrerseits erklärte in einer Ein- gabe gleichen Datums, Epileptikerin zu sein und ebenfalls die Hilfe ihrer Schwestern zu benötigen. In einer ärztlichen Bestätigung vom 5. Septem- ber 2023 ist hierzu festgehalten, dass die Patientin an einer Grand-mal Epilepsie leide und eine medikamentöse Therapie mache (SEM act. 9/57). Die Beschwerdeführerin 2 ist gesund. Auf Beschwerdeebene wird in die- sem Zusammenhang nurmehr erwähnt, dass die Beschwerdeführerin 3 während des kurzen Aufenthalts in Serbien schwer erkrankt s ei. Näheres ist hierzu nicht bekannt und die Betroffene hat sich gemäss Akten deswe- gen in der Schweiz danach nicht in ärztliche Behandlung begeben. Auf- grund dessen ergibt sich, dass sich die Beschwerdeführerinnen nicht zwin- gend in der Schweiz aufhalten müs sen, sondern eine adäquate F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 9 Behandlung der genannten Leiden in Deutschland ebenfalls möglich ist. Dementsprechend gelingt es ihnen nicht, nachzuweisen, dass sie nicht rei- sefähig seien oder eine Überstellung nach Deutschland sie gesundheitlich ernsthaft gefährden würde. Ihr Gesundheitszustand vermag eine Unzuläs- sigkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne der restriktiven Rechtspre- chung nicht zu rechtfertigen. 9.7 Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellenden die erforder- liche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psy- chischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Auf- nahmerichtlinie); Antragstellenden mit besonderen Bedürfnissen ist die er- forderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls ei- ner geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es ist allgemein bekannt, dass Deutschland über eine ausreichende, auch abgewiesenen Asylsuchenden offenstehende medizi- nische Infrastruktur verfügt, weshalb sich die Beschwerdeführerinnen im Bedarfsfall an das dafür zuständige medizinische Fachpersonal wenden können. Wie erwähnt, werden die Überstellungen im Übrigen gleichzeitig und koordiniert erfolgen, weshalb sie sich in Deutschland nötigenfalls ge- genseitig unterstützen können. 9.8 Nach dem Ausgeführten konnten die Beschwerdeführerinnen kein kon- kretes und ernsthaftes Risiko dartun, dass ihre Überstellung nach Deutsch- land die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. Ein notwendiger Selbsteintritt gebietet sich daher nicht. 10. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Di e angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hin- weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über - respektive Unter- schreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 11. Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes- sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Deutschland der für die Behandlung der Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen zuständige Mit- gliedstaat gemäss Dublin-III-VO. F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 10 12. Das SEM ist zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen nicht eingetreten. 13. Die Beschwerden sind abzuweisen und die Verfügungen des SEM zu be- stätigen. 14. Die am 4. Oktober 2023 angeordneten Vollzugsstopps fallen mit vorliegen- dem Urteil dahin. 15. Entsprechend dem Ausgang der vereinigten Verfahren sind die Kosten den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf ins- gesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs- gericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerdeverfahren F -5368/2023, F -5369/2023 und F -5370/2023 werden vereinigt. 2. Die Beschwerden werden abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750. – werden den Beschwerdeführerinnen auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen nach Versand des Urteils zu- gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Regula Schenker Senn Daniel Grimm Versand: F-5368/2023, F-5369/2023, F-5370/2023 Seite 12 Zustellung erfolgt an: – die Beschwerdeführerinnen (Einschreiben: Beilage: Einzahlungs - schein) – die Vorinstanz (ad Ref-Nr. […], […] und […]) – den Migrationsdienst des Kantons Bern (in Kopie)