B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1140/2017 U r t e i l v o m 7 . J a n u a r 2 0 2 0 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting-Schalch, Richterin Roswitha Petry, Gerichtsschreiberin Eveline Chastonay. Parteien A._______, geboren am (…), Äthiopien, vertreten durch MLaw Jana Maletic, Rechtsanwältin, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 20. Januar 2017 / N (…). E-1140/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin, somalischer Ethnie vom Clan der Ogaden, aufgewachsen in B._______ (Provinz Fiiq / Region Nogob), verliess Äthio- pien ihren Angaben zufolge am (…) November 2014 und gelangte über C._______ nach D._______ im Sudan und von dort nach E._______, Li- byen. Sie habe E._______ am 9. April 2015 auf einem Schiff in Richtung Italien verlassen. Von Sizilien aus sei sie zunächst nach F._______ und nach einer Woche Aufenthalt am 24. April 2015 in die Schweiz gereist. A.b Am 26. April 2015 stellte die Beschwerdeführerin in der Schweiz ein Asylgesuch. Ihre Befragung zur Person (BzP) fand am 15. Mai 2015 im Empfangs- und Verfahrenszentrum G._______ statt. Das SEM führte a m 5. Februar 2016 die eingehende Anhörung mit ihr durch. A.c Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie habe als kleines Kind nur ein oder zwei Jahre die Koranschule besucht. Als sie zwölf Jahre alt gewesen sei, sei der Vater mitgenommen worden; er sei seither verschwunden. In der Folge sei sie zu einer Tante in H._______ gekommen. Mit etwa fünfzehn Jahren habe sie am Wasserloch einen jungen äthiopi- schen Soldaten, einen Christen, kennengelernt. Sie sei mit ihm eine Bezie- hung eingegangen, dies auch deswegen, um sich zu schützen, zumal die jungen Frauen beim Wasserholen immer wieder von Soldaten sexuell be- lästigt, geschlagen und mitgenommen worden seien. Sie hätten sich regel- mässig gesehen und manchmal heimlich getroffen. Die Tante habe davon erfahren, die Beschwerdeführerin deswegen geschlagen und ihr diese Be- ziehung verboten. Bereits vorher sei das Verhältnis zur Tante schlecht ge- wesen. Diese habe sie von Anfang an gemein behandelt und sie kurz nach ihrer Ankunft auch beschneiden lassen. Auch der Freund habe Schwierig- keiten bekommen. Kollegen hätten ihn geschlagen und ihm die Beendi- gung der Beziehung nahegelegt . Eines Tages sei der Freund auf offener Strasse vor den Augen der Beschwerdeführerin von drei unbekannten So- maliern erschossen worden. Sie sei weggerannt und ins nächstbeste Haus geflüchtet. Dort sei sie von Soldaten, die wahrscheinlich die Schüsse ge- hört gehabt hätten, aufgegriffen, mitgenommen und in H._______ ins Ge- fängnis gebracht worden. Man habe sie geschlagen und von ihr das Ge- ständnis erzwingen wollen, dass sie ihren Freund erschossen respektive seine Tötung organsiert habe. Nach zwei Tagen sei sie und mit weiteren Inhaftierten in das grosse Gefängnis in I._______ überführt worden. Dort E-1140/2017 Seite 3 sei sie drei weitere Monate inhaftiert geblieben. Auch in dieser Zeit habe man sie – wie auch andere Mädchen – regelmässig geschlagen und belei- digt. Sie habe dann Malaria bekommen und sei glücklicherweise freigelas- sen worden, ohne dass es zu einer Anklage gekommen wäre. Nach der Freilassung sei sie einfach mit zwei Mädchen in I._______ und einen Tag später mit Nachbarn/Bekannten dieser Mädchen mitgegangen, die aus Äthiopien hätten ausreisen wollen. Sie sei bis Libyen bei diesen Bekannten geblieben. In E._______ sei sie im Gefängnis gewesen, da sie kein Geld für die Weiterreise gehabt habe. Sie sei mit einem Mädchen von E._______ bis in die Schweiz gereist. A.d Nachdem die angegebene Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin dem SEM im Rahmen der Erstbefragung zweifelhaft erschien, liess es eine radiologische Analyse ihrer Handknochen durchführen, welche die Minder- jährigkeit bestätigte (vgl. A7/2 Bericht vom 27. April 2015). A.e Die Beschwerdeführerin wurde in der Folge dem ihr zuge wiesenen Aufenthaltskanton als unbegleitete minderjährige Asylsuchende gemeldet und der Kanton J._______ ordnete ihr eine Vertrauensperson bei, welche durch die (…) bezeichnet und durch entsprechende Vollmacht ausgewie- sen wurde (vgl. A17/2 Auftrag und Voll macht vom 8. Juni 2015 sowie Schreiben vom 10. Dezember 2015). Die Vertrauensperson wohnte der eingehenden Anhörung vom 5. Februar 2016 bei (vgl. Protokoll A20/19 S. 2). B. Das SEM stellte mit Verfügung vom 20. Januar 2017 – eröffnet am 23. Ja- nuar 2017 – fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. C. C.a Mit Eingabe vom 22. Februar 2017 erhob die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die Verfügung vom 20. Januar 2017 und bean tragte deren Aufhe- bung; es sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr Asyl zu ge- währen; eventualiter sei die Unzulässigkeit, Unzumutbarkei t, Unmöglich- keit des Vollzugs festzustellen und sie als Folge davon vorläufig aufzuneh- men; subeventualiter beantragte die Beschwerdeführerin das Erstellen ei- nes medizinischen Gutachtens von Amtes wegen. E-1140/2017 Seite 4 C.b In prozessualer Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Gewäh- rung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Beiordnung ihrer Rechts- vertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin. D. Mit Zwischenverfügung vom 2. März 2017 wurde die Beschwerdeführerin aufgefordert, ihre Bedürftigkeit zu belegen, ansonsten die Gesuche um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung und amtliche Rechtsverbei- ständung abzuweisen wären. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Ver- nehmlassung eingeladen. E. Am 6. März 2017 reichte die Beschwerdeführerin innert Frist eine Für - sorgebestätigung zum Beleg ihrer Mittellosigkeit zu den Akten. F. Das SEM kam im Rahmen der Vernehmlassung am 16. März 2017 in teil- weiser Wiedererwägung auf seine Verfügung vom 20. Januar 2017 zurück und verfügte, die Wegweisung werde zufolge Unzumutbarkeit nicht v oll- zogen, der Vollzug werde zugunsten einer vorläufigen Aufnahme au f- geschoben. G. Am 21. März 2017 stellte der Instruktionsrichter fest, durch die wieder- erwägungsweise gewährte vorläufige Aufnahme sei die Beschwerde vom 22. Februar 2017 hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs gegenstandslos geworden. Er ersuchte die Beschwerdeführerin, dem Gericht innert Frist mitzuteilen, ob sie bei dieser Sachlage an ihrer Beschwerde hinsichtlich Asyl und verfügter Wegweisung festhalten oder diese zurückziehen wolle. H. H.a Mit Schrei ben vom 5. April 2017 teilte die Beschwerdeführerin mit, dass sie an der Beschwerde im Asylpunkt und bezüglich Anordnung der Wegweisung festhalte. Sie wies ausserdem auf medizinische Abklärungen ihre Genitalverstümmelung betreffend hin und stellte in Aussicht, allfällige neue Arztberichte würden dem Gericht nachgereicht. H.b Mit Eingabe vom 5. Juni 2018 kündigte die Beschwerdeführerin erneut das Nachreichen aktueller Arzt- und Fachberichte an und ersuchte um Be- rücksichtigung derselben vor Entscheidfäll ung. Der Eingabe wurde eine Terminbestätigung beigelegt. E-1140/2017 Seite 5 H.c Bis zum heutigen Zeitpunkt gingen keine weiteren Beweismittel der Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Aus - lieferungsersuchens des Staates, v or welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bishe rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG; vgl. BVGE 2014/26 E. 5). E-1140/2017 Seite 6 3. 3.1 Die Vorinstanz ist mit ihrer Verfügung vom 16. März 2017 teilweise auf ihre Verfügung vom 20. Januar 2017 zurückgekommen, hat den Vollzug der Wegweisung als nicht zumutbar beurteilt und die Beschwerdeführerin vorläufig in der Schweiz aufgenommen. Bei dieser S achlage ist die Be- schwerde vom 22. Februar 2017, soweit den Wegweisungsvollzug betref- fend, gegenstandslos geworden (vgl. auch Zwischenverfügung vom 21. März 2017). 3.2 Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden damit nur noch die Fragen des Asyls und der Wegweisung als solche. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das SEM begründete seinen Entscheid dami t, dass die Beschwerde- führerin sich an mehreren Punkten ihrer Schilderungen widersprochen habe. Dies betreffe Angaben zu familiären Verhältnissen und zu ihren ei- genen Lebensumständen in der Heimat. Weitere Widersprüche würden die Asylvorbringen aufweisen. So habe sie den Tathergang bei der angeb - lichen Ermordung ihres Freundes unterschiedlich geschildert. Auch in Be- zug auf den Ausreisezeitpunkt seien Ungereimtheiten festzustellen. Viele Aussagen, namentlich diejenigen zu den Lebensverhältnissen, zum Wohn-E-1140/2017 Seite 7 ort und ihrer Familie sowie zum Aufenthalt bei der Tante und de ren Ehe- mann seien zudem substanzlos geblieben. Es dränge sich der Schluss auf, die Beschwerdeführerin versuche die schweizerische Asylbehörde über Herkunft, Wohnort sowie Aufenthaltsort ihrer Familie zu täuschen. 5.2 Ebenso oberflächlich seien ihre Asylvorbrin gen ausgefallen. So habe sie keinerlei nähere Angaben zu den Mördern ihres Freundes machen kön- nen, obwohl sie diese aus nächster Nähe gesehen haben wolle. Ausser- dem habe sie in der BzP Angehörige der Ogaden National Liberation Front (ONLF) als Täter benannt; gemäss Protokoll der Anhörung sei es nur eine Vermutung von ihr, dass die ONLF involviert gewesen sei. 5.3 Die Beschreibung ihres Freundes und dessen Charakter s sei ober- flächlich und unpersönli ch geblieben und die Angaben zur eigenen Fest- nahme und Ha ft seien emotionslos, detailarm und frei von persönlichen Erlebnismomenten geblieben. Insbesondere habe die Beschwerdeführerin ihre Flucht nicht substanziiert vorbringen können; ihre Antworten bezüglich Organisation und Vorbereitung seien nur oberflächlich geblieben und wür- den unwahrscheinlich sowie nicht nachvollziehbar wirken, mithin keine Realitätskennzeichen aufweisen. Die Reise selbst habe sie demgegenüber mit verschiedenen Details geschildert. 5.4 Auch wenn die Beschwerdeführerin im Zeitpunk t der Befragung (…) Jahre alt gewesen und der Massstab des Glaubhaftmachens bei minder- jährigen Asylsuchenden tiefer anzusetzen sei, wäre zu erwarten gewesen, dass sie zu zentralen Umständen ihres Lebens, ihrer Familie und den per- sönlichen Erlebnissen sowie der Organisation der Ausreise genauere, kon- sistentere und emotional authentischere Angaben hätte machen können. 5.5 Insgesamt könnten unter diesen Umständen ihre Asylgründe und ihre Angaben zu den Lebensumständen nicht geglaubt werden. Der Beschwer- deführerin gelinge es damit nicht, eine Verfolgung im Sinn von Art. 3 AsylG glaubhaft zu machen, weshalb die Asylrelevanz ihrer Vorbringen nicht ge- prüft werden müsse. 6. 6.1 Auf Beschwerdeebene wird vorweg auf die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin hingewiesen, bei der eine Posttraumatische Be- lastungsstörung diagnostiziert worden sei. E-1140/2017 Seite 8 6.2 Im Weiteren wird der Sachverhalt erneut aufgeführt. Was die Glaubhaf- tigkeit der Asylvorbringen betreffe, sei an das hier geltende reduzierte Be- weismass sowie an die Tatsache zu erinnern, das die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Anhörung noch minderjährig gewesen sei, womit diesen herabgesetzten Beweisanforderungen umso mehr Rechnung zu tragen sei. Während der Anhörung habe die befragende Person nicht erwähnt, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin zu wenig substanziiert und un- glaubhaft seien. Im Entscheid habe die Vorinstanz weder ihre Beschnei- dung noch die Traumatisierung berücksichtigt. Weder die damalige Ver- trauensperson noch die Hilfswerkvertreterin hätten anlässlich der A nhö- rung Zweifel an der Glaubhaftigkeit angebracht. Das SEM hätte daher bei Zweifeln zwingend vor Entscheidfällung das rechtliche Gehör gewähren sowie Arztberichte einfordern müssen. Die bei der Anhörung anwesende Hilfswerkvertreterin gehe in ihrem anschliessend verfassten (dem Rechts- mittel in Kopie beigelegten) Bericht vom 5. Februar 2016 ebenfalls von der Glaubhaftigkeit der vorgebrachten Asylgründe aus. 6.3 Das Übereinkommen über die Rechte des Kindes vom 20. November 1989 (SR 0.107) schreibe in Art. 12 Abs. 1 vor, dass die Meinung eines Kindes, welches fähig sei, sich eine eigene Meinung zu bilden, angemes- sen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife zu berücksichtigen sei. Art. 7 Abs. 5 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) gewährleiste eine kindsgerechte Anhörung. Dies beinhalte insbe- sondere die Beachtung der kindlichen Entwicklung, Psychologie und die kulturelle Sensibilität sowie interkulturelle Kommunikation. Dabei dürften an einen von einem Minderjährigen vorgebrachten Sach verhalt nicht die- selben strengen Voraussetzungen der Glaub haftmachung geknüpft wer- den wie bei Erwachsenen. 6.4 Den Arztberichten sei zu entnehmen, dass es sich bei der Beschwer- deführerin um ein knapp volljähriges – zwar intelligentes, jedoch schwerst- traumatisiertes – Mädchen mit einer Genitalverstümmel ung handle. Es falle diesem entsprechend besonders schwer, Details zu erzählen und offen auf Fremde zuzugehen. Ihre Erzählweise gehe auf ihren soziokultu- rellen Hintergrund und auf diese Traumatisierung zurück. Damit eine wahr- heitsgetreue Schilderung erfolge , müsse daher bei einer minderjährigen Person das Vertrauen vorhanden sein, dass ihre Vorbringen ernst genom- men und vertraulich behandelt würden, zumal, wenn es sich wie vorliegend um eine besonders verletzliche und traumatisierte Person handle. Der Be- weismassstab bei der Glaubhaftigkeitsprüfung müsse daher zwingend viel tiefer angesetzt und die Befragung durch auf Träume spezialisierte und für E-1140/2017 Seite 9 solche Umstände sensibilisierte Personen und im Beisein einer Vertr au- ensperson für den jeweiligen Minderjährigen durchgeführt werden. Die BzP vom 15. Mai 2015 habe ohne Vertrauensperson und damit in Verletzung dieser Bestimmungen stattgefunden. Die dort befragende Person habe zu- dem keine erkennbaren Anstrengungen unternommen, die Situation für die Beschwerdeführerin zu erleichtern. Dies sei vom SEM nicht berücksichtigt worden; stattdessen habe dieses sich auf wenige Widersprüche zwischen der BzP und der Anhörung fokussiert. Zudem komme den Aussagen in der ersten Anhörung p raxisgemäss bereits angesichts des summarischen Charakters für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit beschränkter Beweis- wert zu. 6.5 Die Aussagen der Beschwerdeführerin in der BzP und Anhörung wür- den keine wesentlichen Widersprüche aufweisen, zumal, wie erwähnt, das BzP-Protokoll nicht für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit beigezogen wer- den dürfe. Den zentralen Asylgrund der Ermordung des Freundes habe die Beschwerdeführerin in beiden Befragungen genannt. Wie der Freund ge- storben sei, sei teils falsch übersetzt worden, teils sei sie sich nicht sicher gewesen; er sei jedenfalls erschossen worden. Dies habe sie auch gegen- über der Psychologin erzählt. Ausserdem habe die Beschwerdeführerin an dieser Stelle der Anhörung geweint. Traumatisierte Personen könnten nicht alles kohärent erzählen. Was die Daten der Ausreise betreffe, sei ebenfalls kein wesentlicher Widerspruch erkennbar, zumal der Zeitraum November/ Dezember 2014 identisch sei. Die Beschwerdeführerin könne sich auch nicht erinnern, den genauen Tag erwähnt zu haben, sondern dass sie un- gefähr 15 Tage lang unterwegs gewesen und ungefähr an Neujahr in Libyen angekommen sei. 6.6 Sie habe auch nie behauptet, die Geschwister würden in I._______ le- ben; sie habe nur ausgesagt, diese hätten dorthin ziehen wollen. Sie habe jedoch keinen Kontakt mehr zu den Geschwistern und wisse daher nicht, wo diese tatsächlich seien. Dass die Beschwerdeführerin bei der Bundes- anhörung trotz fehlender Schulbildung etwas Englisch könne (und während Hängigkeit dieses Asylverfahrens etwas De utsch gelernt habe), spreche nicht gegen den Wahrheitsgehalt der geschilderten Lebensumstände. Die Vorinstanz als mit Asyl befasste Fachbehörde müsse in Bezug auf die Gefährdung von Menschen kulturelle Unterschiede im Verhalten staatlicher Behörden berücksichtigen und besonders bei Minderjährigen mit erhöhter Sensibilität agieren. Vorliegend würden im Kontext und gesamtwürdigend klar die Elemente überwiegen, die für die Glaubhaftigkeit der geschilderten E-1140/2017 Seite 10 Asylgründe sprechen würden. Sollte an der Glaubhaftigkeit gezweifelt wer- den, müsste vor Entscheidfällung ein ärztliches Gutachten erstellt, die Ver- trauensperson befragt und ein LINGUA-Herkunftsgutachten erstellt wer- den. 6.7 Es treffe zu, dass die Beschwerdeführerin keine Reise- und Identitäts- papiere abgegeben habe. Sie habe jedoch alle Angaben zu ihrer Person gemacht, ihre Minderjährigkeit sei durch die Handknochenanalyse bestä- tigt und sie habe allen behördlichen Aufforderungen Folge geleistet und ihre Asylgründe im Rahmen ihrer Möglichkeiten als noch Minderjährige vor- gebracht. Inwiefern darin noch eine Verletzung der Mitwirkungspflichten zu sehen sei, werde mithin nicht klar. 6.8 Die Beschwerdeführerin erfülle zudem die Flüchtlingseigenschaft auf- grund erlittener geschlechtsspezifischer Verfolgung. Die Arztberichte wür- den belegen, dass der Beschwerdeführerin die stärkste Form einer Geni- talverstümmelung zugefügt worden sei. Diese elementare Menschen- rechtsverletzung sei als eine die Flüchtlingseigenschaft begründende Ver- letzung zu qualifizieren. Damit erfülle sie die Flüchtlingseigenschaft und es sei ihr Asyl zu gewähren. 6.9 Weiter würden auch die Schilderungen der Verhaftung und der in Haft erlebten Gewalt klarerweise Fluchtgründe im Sinn von Art. 3 Abs. 1 AsylG darstellen. 6.10 Schliesslich habe das Bundesverwaltungsgericht in seiner Rechtspre- chung wiederholt unterstrichen, dass bei der Beurteilung der Flüchtlingsei- genschaft alle Faktoren einzubeziehen seien und eine Kombination von Risikofaktoren den Ausschlag für die flüchtlingsrelevante Gefährdung ge- ben könne. 7. 7.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, das bei der Erstbefragung er- stellte Protokoll (BzP) – sie sei zu jenem Zeitpunkt minderjährig gewesen – dürfe mangels Mitwirkung einer Vertrauensperson nicht in die Entscheid- findung einbezogen werden. Diese Rüge ist vorab z u prüfen, da ein Ver- fahrensmangel allenfalls geeignet wäre, eine Kassation des vor - instanzlichen Entscheides zu bewirken (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Ver- waltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1156 m.w.H.). E-1140/2017 Seite 11 7.1.1 Die Gerichtspraxis zum hier relevanten bisherigen Recht (vgl. vorste- hende E. 1.3) hat wiederholt festgestellt, dass die Vertrauensperson für un- begleitete minderjährige Asylsuchende grundsätzlich vor der – und vorab für die – Anhörung zu den Asylgründen einzusetzen ist (vgl. Entscheidun- gen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommis- sion [EMARK] 1998 Nr. 13 E. 4.b S. 93 ff. und 1999 Nr. 2 E. 5, je m.w.H.). Von dieser Regel wurde bereits damals abgewichen, wenn ausnahms- weise vor der einlässlichen Anhör ung relevante Verfahrensschritte vorzu- nehmen waren, namentlich, wenn vor der Anhörung eine vorgängige Be- fragung durch einen von der Asylbehörde beauftragten Sprachsachver- ständigen der Fachstelle LINGUA durchzuführen war (vgl. EMARK 1999 Nr. 18 E. 5.b f.). Für die eigentliche Durchführung der BzP wurde die Not- wendigkeit der vorgängigen Einsetzung der Vertrauensperson jedoch be- reits durch die Asylrekurskommission verneint (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 insbes. E. 7); gemäss dieser Praxis durfte die Asylbehörde vor der einläss- lichen Anhörung zu den Asylgründen ohne Beiordnung einer Vertrauens- person vorfrageweise über die Frage der Glaubhaftigkeit der Minderjährig- keit befinden, wenn Zweifel an den Altersangaben der asylsuchenden Person bestanden (vgl. a.a.O. E. 6.4.5). 7.1.2 Die vorliegend relevante Fassung von aArt. 17 AsylG war per 1. Ja- nuar 2008 in das Gesetz eingefügt worden (vgl. Bundesgesetz vom 16. De- zember 2005; AS 2006 4745, 2007 5573); sie sieht vor, dass während der Dauer des Aufenthaltes in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum eine Vertrauensperson nur zuzuteilen ist, wenn dort über die Kurzbefragung ge- mäss Art. 26 Abs. 2 AsylG hinausgehende entscheidrelevante Verfahrens- schritte durchgeführt" werden (aArt. 17 Abs. 3 Bst. b AsylG). 7.1.3 In BVGE 2011/23 hat das Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass bei Dublin-Zuständigkeitsverfahren die BzP "den entscheidrelevanten Verfahrensschritt" für die Entscheidung des SEM darstelle, ob ein Nichtein- tretensentscheid wegen Zuständigkeit eines and eren Staates für die Be- handlung des Asylgesuchs ausgefällt werde. Aus diesem Grund sei bei Dublin-Verfahren eine Vertrauensperson grundsätzlich bereits vor dieser Befragung beizuordnen. Das Gericht stellte in diesem Urteil hingegen auch fest, dies könne erst geschehen, wenn die entscheidenden Vorfragen hier- für geklärt seien, namentlich ob die asylsuchende Person unbegleitet und minderjährig sei; deshalb erscheine es als " zweckdienlicher, bei unbeglei- teten minderjährigen Asylsuchenden, für welche das Dublin -Verfahren in Frage kommen könnte, nachträglich eine weitere Befragung in Anwesen- heit einer Vertrauensperson zum für dieses Verfahren entscheidrelevanten E-1140/2017 Seite 12 Sachverhalt durchzuführen" (vgl. BVGE 2011/23 E. 5.4.6 S. 472 f.). Das Bundesverwaltungsgericht ging m ithin bereits in diesem Publikations - entscheid davon aus, dass – auch in Dublin-Verfahren – medizinische Al- tersabklärungen in der Regel keine entscheidrelevanten Verfahrensschritte gemäss aArt. 17 Abs. 3 Bst. b AsylG darstellen. 7.1.4 Nach dem Stellen des Asylgesuchs wurde die Beschwerdeführerin am 15. April 2015 in der BzP befragt. Nach den vorstehenden Ausführun- gen durfte das SEM diese Summarbefragung ohne Mitwirkung einer Vertrauensperson durchführen. Die Beschwerdeführerin hatte in jenem Zeitpunkt (und bis heute) keine ihre Identität belegenden Unterlagen ein- gereicht. Da das SEM an ihren Alter sangaben Zweifel hegte , wurde ein radiologisches Knochenaltersgutachten angeordnet, welches am 27. April 2015 die Minderjährigkeit bestätigte. Die Beschwerdeführerin wurde in der Folge am 29 . Mai 2015 darüber informiert und sie konnte sich dazu äus- sern. Sie wurde anschliessend dem Kanton J._______ zugewiesen und als Minderjährige gemeldet. Am 8. Juni 2015 wurde die kantonale Vertrauens- person bevollmächtigt und zur Beratung und Vertretung in allen Belangen beauftragt (vgl. E. A.f). Dieser Verfahrensablauf ist nicht zu beanstanden. 7.1.5 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, das in der BzP er- stellte Protokoll aus dem Recht zu weisen, zumal diesem auch keine Hin- weise darauf zu entnehmen sind, dass die Beschwerdeführerin mit der Be- fragungssituation überfordert gewesen wäre. 7.2 7.2.1 Im Rechtsmittel wird weiter bemängelt, die Beschwerdeführerin hätte vor Erlass der Verfügung zu Widersprüchen in ihren Aussagen angehört werden müssen. 7.2.2 Es trifft zu, dass eine asylsuchende Person nach Möglichkeit mit Wi- dersprüchen in den eigenen Angaben konfrontier t werden soll, um so die Gelegenheit zum Erklären und allfälligen Auflösen derselben zu erhalten . Dieser Grundsatz gründet in der Pflicht zur vollständigen und richtigen Ab- klärung des rechtserheblichen Sachverhalts, stellt jedoch keinen eigentli- chen verfahrensrechtlichen Anspruch im Sinn des rech tlichen Gehörs dar (vgl. EMARK 1994 Nr. 13 E. 3b). 7.2.3 Vorliegend erscheint der Sachverhalt insgesamt als rechtsgenüglich erstellt. Die Beschwerdeführerin hat während des erstinstanzlichen Verfah-E-1140/2017 Seite 13 rens Vertrauenspersonen und mit Asylverfahrensfragen vertraute P erso- nen an ihrer Seite gewusst und konnte sich nicht zuletzt mit vorliegender Beschwerde eingehend mit den Erwägungen der Vorinstanz namentlich die Glaubhaftigkeit betreffend auseinandersetzen und entsprechend ihre Gegeneinwände im Rechtsmittel aufnehmen. 7.3 Die prozessualen Rügen der Beschwerdeführerin erweisen sich nach dem Gesagten als unbegründet. Für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht keine Veranlassung. 8. 8.1 Das Gericht schliesst sich der Einschätzung des SEM an, wonach die Schilderungen der Beschwerdeführerin mit verschiedenen Zweifeln behaf- tet sind: 8.2 So hat sie beispielsweise zu ihrer Biografie einerseits festhalten lassen, sie sei Analphabetin; sie habe nie die Schule und einzig als Kleinkind etwa ein oder zwei Jahre lang eine Koranschule besucht (vgl. Protokoll A8/15 S. 5). Auf der anderen Seite erklärte sie i hr zu spätes Erscheinen an der Erstbefragung damit, sie habe eine Person zum Arzt begleitet und für diese ins Englische übersetzt (vgl. a.a.O. S. 11). Dass sie mit fehlender Schulbil- dung Übersetzungshilfe – bei einem Gespräch in einer Fremdsprache, wel- che sie zudem nur wenig beherrsche (vgl. a.a.O. S. 5) – leisten konnte, ist entgegen der Auffassung im Rechtsmittel schwer nachvollziehbar respek- tive lässt dies ihre Angaben zur fehlenden Schulbildung als zweifelhaft er- scheinen. 8.3 Weiter sind insbesondere ihre Schilderungen der Tötung des Freundes unstimmig ausgefallen. In der Anhörung führte sie dazu zunächst in der freien Erzählung aus, drei Männer seien gekommen, hätten den Freu nd – auch mit dem Gewehr – geschlagen und anschliessend erschossen (vgl. Protokoll A20/19 F/A 43). Kurz darauf führte sie aus, diese bewaffneten Männer seien gekommen, hätten gesehen, dass der Freund eine Uniform getragen habe und "direkt auf ihn geschoss en" (vgl. a.a.O. F/A 68 f.). An dieser Stelle ist der Vollständigkeit halber anzumerken, dass die dies- bezüglichen Schilderungen bei der Anamnese des Berichts der (…) Psy- chiatrie vom 16. Februar 2017 weitere Ungereimtheiten im Vergleich zu den protokollierten Aussagen aufweisen (auf die hier namentlich aufgrund der nachfolgenden Erwägungen allerdings nicht weiter einzugehen ist). E-1140/2017 Seite 14 8.4 Der Vorinstanz ist sodann zuzustimmen, soweit sie in ihrer Verfügung festhält, die Beschwerdeführerin habe auf Fragen zu ihrem Freund und zur Art und Weise der mit ihm gelebten Beziehung jeweils nur vage und kaum erlebnisbasierte Antworten gegeben. 8.5 Schliesslich hat d ie Beschwerdeführerin einmal erklärt, sie habe in I._______ niemanden gekannt, ausser einer Polizistin, die zwar freundlich gewesen sei, ihr aber nicht weitergeholfen habe. Auf der anderen Seite führte sie aus, sie habe sich nach der Freilassung aus dem Gefängnis zu zwei Mädchen begeben; diese habe sie in I._______ kennengelernt. Und einen Tag später will sie sogar ohne Weiteres mit ihr völlig unbekannten Menschen – Nachbarn dieser Mädchen – mitgegangen sein. Nicht nach- vollziehbar ist auch ihre Aussage, sie habe dafür nichts bezahlt, vielleicht hätten Freunde von ihr oder die beiden Mädchen Geld gegeben (vgl. a.a.O. F/A 112 ff. und F/A 136 ff.). Diese Schilderungen wirken in ihrer Gesamt- heit unplausibel und lebensfremd. 8.6 Im Rechtsmittel wird auf die Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin und ihre Traumatisierung sowie die dazu eingereichten ärztlichen Unterla- gen hingewiesen und festgehalten, dies sei bei der Beurteilung der Glaub- haftigkeit – was das SEM unterlassen habe – ernsthaft zu berücksichtigen. Entgegen dieser Auffassung hält das Gericht dafür, dass die gesundheitli- chen Probleme die festgestellten Widersprüche nicht allesamt relativieren können. Auch diese Schlussfolgerungen der Vorinstanz sind nicht zu be- anstanden. 8.7 8.7.1 Die Beschwerdeführerin kann auch aus einem im Anschluss an die Eröffnung der erstinstan zlichen Verfügung durchgeführte n Gespräch mit der Vertrauensperson und der dabei erstellten Notiz nichts zu ihren Guns- ten ableiten; sie hatte in diesem Gespräch offenbar die Richtigkeit der Pro- tokollierung respektive Übersetzung ihrer Angaben bestritten. 8.7.2 Die minderjährige Beschwerdeführerin hat das – im Beisein ihrer Ver- trauensperson erstellte – ausführliche Protokoll nach der Rückübersetzung unterschriftlich als korrekt, vollständig und ihren freien Äusserungen ent- sprechend bestätigt. Auch die mitwirkende Hilfswerkvertreterin hat dies- bezüglich keine Mängel festgehalten (vgl. das entsprechende Formular- blatt als Anhang zum Anhörungsprotokoll A20/19 ). Vielmehr hat diese in ihrem offenbar zusätzlich direkt im Anschluss an die Anhörung verfassten E-1140/2017 Seite 15 (dem Rechtsmittel beigelegten) Bericht ausdrücklich bestätigt, dass es we- der während der Protokollierung noch während der Übersetzung Mängel gegeben habe. In diesem Bericht wird ausserdem ein ruhiges und respekt- volles Befragungsklima attestiert. Vor diesem Hintergrund erscheint der bei Eröffnung der negativen Verf ü- gung geäusserte Vorwurf einer Falschübersetzung als unbehelflich. 8.8 Letztlich ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin gemäss ihren Angaben im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt in den Verdacht gera- ten ist, etwas mit der Ermordung des Freundes zu tun zu haben. Ihre Fest- nahme wäre damit – bei unterstellter Glaubhaftigkeit – im Kontext nicht aus einem in Art. 3 Abs. 1 AsylG, sondern aus in strafrechtlichen Tatbeständen gründenden Motiven erfolgt. Ihre diesbezüglichen Schilderungen wären demnach auch flüchtlingsrechtlich kaum relevant. 9. 9.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie sei im Alter von (…) Jahren nach dem Verschwinden des Vaters bei der Tante untergekommen, die kurz darauf ihre Beschneidung veranlasst habe. Im Rechtsmittel wird unter Hinweis auf die Arztberichte dargelegt, der Beschwerdeführerin sei die stärkste Form einer Genitalverstümmelung zugefügt worden. Diese ele- mentare Menschenrechtsverletzung sei als eine die Flüchtlingseigenschaft begründende Verletzung zu qualifizieren. 9.2 9.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in den Urteilen E-5441/2006 vom 16. September 2010 und E-4538/2006 vom 18. Februar 2010 einläss- lich zur Thematik der Beschneidung von Mädchen und Frauen in Äthiopien geäussert (das in der Eingabe der Beschwerdeführerin vom 4. April 2 017 zitierte Urteil BVGer E-1425/2014 vom 6. August 2014 betrifft demgegen- über die Genitalverstümmelung im Kontext des Herkunftslands Somalia). Es kann vorab auf die Erwägungen in diesen Urteilen verwiesen werden , zumal sich die Situation in Äthiopien dies bezüglich in den letzten Jahren offenbar nicht grundlegend verändert hat. Gemäss einem Bericht des äthi- opischen Statistikamts vom Juli 2017 (Central Statistical Agency of Ethio- pia, Demographic and Health Survey 2016) sind 65 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Gegenüber den für das Jahr 1980 ermittelten Werten, in dem 80 Prozent der äthiopischen Frauen beschnitten waren, ist somit ein Rückgang dieser Praxis festzustellen, wobei es bedeu- tende lokale Unterschiede zu verzeichnen gibt. Die äthiopische Regierung E-1140/2017 Seite 16 setze weiterhin darauf, die Beschneidung von Mädchen und Frauen durch Bildung in den Schulen, das Programm zur Ausdehnung der Gesundheit und durch Medienkampagnen einzudämmen. Strafrechtliche Verfolgungen von Tätern beziehungsweise Täterinnen seien jedoch selten. 9.2.2 Unbesehen dieser Situation in Äthiopien hinsichtlich der weiblichen Genitalverstümmelung ist festzuhalten, dass die von der Beschwerdefüh- rerin erlittene Beschneidung flüchtlingsrechtlich schon deshalb nicht rele- vant erscheint, weil ihr diese kurz nach der Ankunft bei der Tante und damit mit etwa (…) Jahren zugefügt worden ist. Die Beschwerdeführerin verliess ihr Heimatland gemäss eigenen Angaben Ende 2014 und damit drei bis vier Jahre nach diesem schwerwiegenden Eingriff. Die Beschwerdeführe- rin hat im erstinstanzlichen Verfahren nicht geltend gemacht, die erlittene Beschneidung habe sie zum Ausreisen aus dem Heimatstat ver anlasst. Vielmehr bezeichnete sie die nicht gutgeheissene Beziehung zu ihrem Freund, die nach dessen Ermordung zu ihrer Festnahme und Inhaftierung geführt habe, als zentral für das Verlassen der Heimat. Bei dieser Akten- lage muss sowohl der zeitliche als auch der inhaltliche Kausalzusammen- hang zwischen Beschneidung und Ausreise verneint werden. 9.2.3 Hinsichtlich der Frage einer Furcht vor einer Weiterführung dieser Verfolgungsmassnahmen – im Rahmen einer allfälligen Reinfibulation – ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungsgericht in seiner Praxis (vgl. namentlich die beiden in E. 9.2.1 zitierten Urteile) davon ausgeht, von Beschneidung bedrohten Frauen sei es zuzumuten, sich an die zuständi- gen äthiopischen Behörden zu wenden, sollten sie sich in einer Situation befinden, in der sie staatlichen Schutzes bedürften. Soweit eine subjektive Furcht der Beschwerdeführerin vor einem erneuten Eingriff im Raum steht, ist eine solche demnach nicht als objektiv begründet im asylrechtlichen Sinn zu beurteilen. 9.3 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach dem Gesagten zum Schluss, dass das Vorliegen einer objektiv begründe ten Furcht vor einer zukünftigen (geschlechtsspezifischen) Verfolgung im Sinn von Art. 3 AsylG nicht zu bejahen ist. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen auf Beschwerdeebene und die eingereichten Beweismittel im Einzelnen einzu- gehen, da sie an der Würdigung des vorliegenden Sachverhalts nichts zu ändern vermögen. Es besteht auch keine Veranlassung für die in der Be- schwerde eventualiter beantragten Instruktionsmassnahmen (vgl. dort S. 9: Einholen eines ärztlichen Gutachtens, Befragung eines Zeugen , Er- stellen einer LINGUA-Herkunftsanalyse). E-1140/2017 Seite 17 9.4 Bei dieser Sachlage lässt auch die bei der Beschwerdeführerin diag- nostizierte Traumatisierung nicht auf eine begründete Furcht vor Verfol- gung im Heimatstaat schliessen. Den medizinischen Aspekten ist vom SEM mit der (wiedererwägungsweise gewährten) vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz Rechnung getragen worden. 9.5 Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdefüh- rerin verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt. 10. 10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 10.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung als so lche wurde demnach zu Recht verfügt (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 11. 11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 11.2 Nachdem die Beschwerdeführerin von der Vorinstanz wiedererwä- gungsweise zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen worden ist , stellt sich die Frage nach dem Vorliegen weiterer Voraussetzungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung – Unzulässigkeit und Unmöglichkeit – heute praxisgemäss nicht, da diese Vollzugshindernisse alternativer Natur sind: Ist eines erfüllt, gilt der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 12. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist, soweit nicht gegen- standslos geworden, abzuweisen. E-1140/2017 Seite 18 13. 13.1 Die Beschwerdeführerin ersuchte mit Einreichen des Rechtsmittels um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und u m Beiordnung der Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin. Die am 2. März 2017 einverlangte Fürsorgebestätigung wurde am 6. März 2017 nach- gereicht. Den Akten sind keine Hinweise auf eine (relevante) Veränderung der finanziellen Situation der Beschwerdeführerin zu entnehmen. Damit ist den Rechtsbegehren um unentgeltliche Prozessführung zu entsprechen und es sind folglich keine (reduzierten) Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 13.2 13.2.1 Nachdem die Rechtsvertreterin die persönlichen Voraussetzungen gemäss aArt. 110a Abs. 3 AsylG erfüllt, ist Rechtsanwältin Jana Maletic als unentgeltliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführerin einzusetzen. 13.2.2 Das SEM hat seine Verfügung im Rahmen des Schriftenwechsels teilweise in Wiedererwägung gezogen. In diesem (praxisgemäss hälftigen) Umfang steht der Beschwerdeführerin eine reduzierte Parteientschädigung zu (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 15 und Art. 5 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 13.2.3 In der Beschwerde wird ein Vertretungsaufwand von neun Honorar- stunden und Auslagen von Fr. 54.– geltend gemacht, was angemessen er- scheint. Für die drei nachträglichen Eingaben der Rechtsbeiständin sind zwei weitere Honorarstunden (und zusätzliche Fr. 20.– Auslagen) hinzuzu- rechnen. 13.2.4 Unter Berücksichtigung de s geltend gemachten Stundenansatzes von Fr. 200.– ist die hälftige Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 1230.– (inkl. hälftige Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzulegen. 13.2.5 Das verbleibende Honorar der amtlichen Rechtsbeiständin in glei- cher Höhe ist ihr durch die Gerichtskasse zu vergüten. (Dispositiv nächste Seite) E-1140/2017 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit sie nicht gegenstandslos gewor- den ist. 2. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beigabe einer unentgeltlichen Rechtsbeiständin werden gutgeheissen. Rechtsanwältin Jana Maletic wird als amtliche Rechtsbeiständi n der Be- schwerdeführerin eingesetzt. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. 4.1 Das hälftige Honorar der Rechtsbeiständin, insgesamt Fr. 1230.– aus- machend, wird dem SEM zur Vergütung als Parteientschädigung auferlegt. 4.2 Die zweite Hälfte des Honorars (Fr. 1230.–) wird der Rechtsbeiständin durch die Gerichtskasse vergütet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Eveline Chastonay