B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3789/2020 U r t e i l v o m 1 9 . S e p t e m b e r 2 0 2 2 Besetzung Richterin Constance Leisinger (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richter Lorenz Noli, Gerichtsschreiberin Natassia Gili. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 17. Juli 2020 / N (…). E-3789/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 12. Juli 2018 in der Schweiz um Asyl. Am 19. Juli 2018 wurde er im Bundesasylzentrum (BAZ) Boudry zu seinen Personalien befragt (Befragung zur Person; PA) und am 25. Januar 2019 eingehend zu seinen Asylgründen angehört. Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, afghanischer Staatsangehöriger der Ethnie Sadat zu sein und in B._______im Iran geboren zu sein. Er habe – abgesehen von einem Aufenthalt in der Türkei und in Afghanistan im Alter von 20 Jahren – während 30 Jahren im Iran und anschliessend während rund sieben bis acht Jahren in Afghanistan gelebt. Nachdem er im Iran während sechs Jahren die Schule besucht und diverse Arbeiten ausgeführt habe, sei er in Afghanistan im (…)ministerium als Fah- rer und Personenschützer für den Minister tätig gewesen. Bei diesem habe es sich um einen Verwandten (…) gehandelt. Er machte überdies in gene- reller Weise geltend, er sei als Polizist, Leibwächter und Kommandant tätig gewesen. Für eine Anstellung als Leibwächter im Ministerium während der Wahlen hätte er unter 30 Jahre alt sein müssen, weswegen er sich auf Anraten des besagten Ministers eine gefälschte Tazkera unter Angabe ei- nes jüngeren Alters habe ausstellen lassen und diese im Auswahlprozess eingereicht habe. Daraufhin seien Ermittlungen gegen ihn geführt worden. Er sei verdächtigt worden, Angehöriger der Taliban zu sein und von der Antiterrorismusabteilung verhaftet worden. Er sei durch das Militärgericht des Innenministeriums am (…) wegen Betrugs zu einem Jahr Gefängnis sowie zu einem Kampfeinsatz verurteilt worden. Dabei sei festgestellt wor- den, dass er versucht habe, unter Angabe von verschiedenen Namen und einem jüngeren Alter einen biometrischen Ausweis zu erhalten. Er sei des Weiteren von einem Freund, dem Schwiegersohn eines Taliban-Komman- danten, aufgefordert worden, Verwandte des (…)ministers an die Taliban zu übergeben. Dieser Aufforderung sei er nicht nachgekommen und daher mehrfach von besagtem Freund kontaktiert worden, letztmals etwa vier Monate vor seiner Ausreise. Er habe Afghanistan aufgrund der Verurteilung wegen Betrugs und aus Angst, als Soldat im Kampfeinsatz getötet zu wer- den, im August 2016 verlassen. Am 9. Juli 2018 sei er von Griechenland aus mittels Familiennachzug zu seiner damaligen Ehefrau C._______ (ge- boren am […]; ebenfalls N […]) in die Schweiz gekommen. Seit dem 29. Oktober 2018 bestehe eine Trennungsvereinbarung zwischen ihm und E-3789/2020 Seite 3 seiner Ehefrau (Anmerkung Gericht: gemäss Eintrag im Zentralen Migrati- onssystem [ZEMIS] sind die Eheleute mittlerweile geschieden). Seine Mut- ter, sein Stiefvater und fünf seiner Geschwister befänden sich ebenfalls in der Schweiz, während sein Vater in Afghanistan lebe; einer seiner Brüder sei in Afghanistan verschwunden. Zur Untermauerung seiner Vorbringen und seiner Identität reichte der Be- schwerdeführer seine Tazkera, seinen Arbeitsausweis, ein Urteil des Mili- tärgerichts sowie die Anklageschrift zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 17. Juli 2020 – eröffnet am 21. Juli 2020 – verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug. C. Gegen diesen Ents cheid erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter – am 27. Juli 2020 beim Bundesverwal- tungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der vorinstanzli- chen Verfügung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Ge- währung von Asyl durch die Vorinstanz. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung d er unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand. D. Am 28. Juli 2020 stellte der Beschwerdeführer das Gesuch, das SEM sei anzuweisen, seinen Namen im ZEMIS lautend auf A._______ auf D._______ zu ändern. Das Gesuch um Berichtigung der Personendaten wurde vom SEM mit Verfügung vom 30. Oktober 2020 abgelehnt; di eser Entscheid ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen. E. Mit Zwischenverfügung vom 20. August 2020 wurde der Beschwerdeführer zur Einreichung einer Fürsorgebestätigung aufgefordert, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde verzichtet und die Vorinstanz zur Einrei- chung einer Vernehmlassung eingeladen. E-3789/2020 Seite 4 F. Mit Eingabe vom 26. August 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Für- sorgebestätigung nach. G. Die Vernehmlassung vom 25. August 2020 des SEM wurde dem Be- schwerdeführer am 27. August 2020 zur Kenntnisnahme zugestellt. H. Mit Zwischenverfügung vom 24. Februar 2022 wurde das SEM zu einer erneuten Vernehmlassung eingeladen. I. Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels zog das SEM den ursprüngli- chen Asylentscheid mit Verfügung vom 2. März 2022 teilweise in Wiede r- erwägung, hob die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung vom 17. Juli 2020 auf und ordnete infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz an. J. Mit Verfügung vom 4. März 2022 wurde der Beschwerdeführer aufgefordert mitzuteilen, ob er an seiner Beschwerde festhalten wolle, soweit diese nicht durch die vorinstanzliche Verfügung vom 2. März 2022 gegenstandslos ge- worden sei, oder ob er diese allenfalls zurückziehen wolle. Der Beschwer- deführer reichte innert Frist keine Stellungnahme ein. K. Mit Zwischenverfügung vom 3. Mai 2022 wurde dem Beschwerdeführer Gelegenheit eingeräumt, zur Frage einer möglichen Motivsubstitution Stel- lung zu nehmen. Die entsprechende Stellungnahme datiert vom 16. Mai 2022. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher E-3789/2020 Seite 5 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung d er Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Das SEM hat mit Verfügung vom 2. März 2022 die Verfügung vom 17. Juli 2020 teilweise in Wiedererwägung gezogen, deren Dispositiv-Ziffern 4 und 5 aufgehoben und die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges an geordnet. Demnach er- weist sich die Beschwerde diesbezüglich als gegenstandslos, weshalb sich das vorliegende Verfahren auf die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung beschränkt. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer E-3789/2020 Seite 6 politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub- haftmachen der Vorbringen in verschiede nen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.). 4.4 Das Bundesverwaltungsgericht ist an die Begründung der Vorinstanz nicht gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus anderen Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen (sog. Motivsub- stitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2019, N. 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., S. 398, Rz. 1136). 5. 5.1 Das SEM führte zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids im Wesentlichen aus, es erstaune, dass der Arbeitgeber des Beschwerdefüh- rers, ein Minister, der ihm geraten habe, unter Angabe eines jüngeren Al- ters einen biometrischen Ausweis zu erhalten und ihm einen Pass für die Ausreise seiner Ehefrau aus Afghanistan organisiert haben solle, nicht im- stande gewesen sein soll, ihm im Betrugsverfahren zu helfen. Der Be- schwerdeführer sei mit Urteil des Innenministeriu ms vom 12. Dezember 2015 zu einem Jahr Gefängnis und einem Einsatz an der Front verurteilt worden. Gemäss Art. 469 des Afghanischen Strafgesetzbuchs werde zu einer Geldstrafe beziehungsweise einer Gefängnisstrafe verurteilt, wer die Justiz irreführe. Weitergehende Strafandrohungen seien gesetzlich nicht vorgesehen. Der Beschwerdeführer habe unter Vortäuschung von Tatsa- chen versucht, eine Tazkera zu erlangen und sei aufgrund dessen verurteilt E-3789/2020 Seite 7 worden. Dies stelle eine strafrechtlich motivierte und rechtsstaat lich legi- time Verurteilung dar, welche keine Asylrelevanz im Sinne von Art. 3 AsylG entfalte. Hinsichtlich der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Kon- taktaufnahmen seitens der Taliban führte das SEM aus , die Ehefrau des Beschwerdeführers habe in der Bundesanhörung angegeben, sie sei über- rascht darüber gewesen, dass der Beschwerdeführer Afghanistan habe verlassen wollen. Er habe ihr erst in Griechenland mitgeteilt, dass der Be- kannte, der bei den Taliban gewesen sei, ihn dazu gezwungen habe, Infor- mationen über den Minister weiterzuleiten. An der Bundesanhörung habe der Beschwerdeführer sodann angegeben, dass er Afghanistan nicht auf- grund der Drohungen durch die Taliban verlassen habe, sondern aus Angst davor, an die Front geschickt zu werden. Insgesamt würden die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht standhalten. 5.2 In der Beschwerde wird dem entgegnet, der Beschwerdeführer sei für seine Straftat, bei welcher niemand zu Schaden gekommen sei und die er bloss begangen habe, um seine wirtschaftliche Existenz zu sichern, zu ei- nem Jahr Gefängnis und einem Kampfeinsatz verurteilt worde n; dieses Strafmass sei unverhältnismässig hoch. Diese Verurteilung könne unmög- lich auf einem fairen und rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren beruhen. Zu- dem seien die Bedingungen in den afghanischen Gefängnissen, in denen Folter und Missbrauch weit verbreitet seien, in Betracht zu ziehen. Damit sei vorliegend ein Politmalus im Sinne der Praxis des Bundesverwaltungs- gerichts gegeben. 6. 6.1 Nach P rüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass dem vorinstanzlichen Entscheid im Ergebnis zwar zuzustim- men ist. Das Bundesverwaltungsgericht stützt sich in seiner Begründung aber teilweise auf andere Überlegungen als die Vorinstanz und erachtet die Vorbringen des Beschwerdeführers in einer Gesamtschau als nicht glaub- haft. 6.2 So haben sich hinsichtlich der zentralen Asylvorbringen des Beschwer- deführers verschiedene Ungereimtheiten ergeben, indem er geltend machte, er habe nach dem gegen ihn ergangenen Urteil am 12. Dezember 2015 im Heimatstaat nur zwei Tage Zeit gehabt, um seine Ausreise und die seiner Ehefrau zu regeln. Er habe am ersten Tag einen Pass für seine Ehe- frau beantragt, am anderen Tag ein Visum für diese. Gemeinsam hätten sie sich dann auf die Flucht gemacht, seine Ehefrau sei legal in den Iran E-3789/2020 Seite 8 eingereist, er sei illegal über Umwege in den Iran gelangt (SEM-Akten […]- 28/20 [nachfolgend: act. A28/20] F13, F100 f.). Dabei blieb der Beschwer- deführer substanziierte Ausführungen da rüber schuldig, wie es ihm , als strafrechtlich verurteilter Person, innerhalb von nur zwei Tagen gelungen sein soll, einen neuen Pass und ein Visum für seine Ehefrau nicht nur zu beantragen, sondern auch zu erhalten. Seine Ausführungen zum Gerichts- verfahren, zum gegen ihn ergangenen Urteil sowie zu möglichen Rekurs- möglichkeiten sind vage ausgefallen (act. A28/20 F 12, F84, F110 ff.). Die Ausführungen des Beschwerdeführers, es habe gegen das Urteil keine Re- kursmöglichkeit gegeben (vgl. act. A28/20 F110) stehen dem Inhalt des eingereichten Beweismittels, bei welchem es sich um besagtes Urteil han- deln soll, entgegen, da in diesem Dokument eine Anfechtungsmöglichkeit von 20 Tagen genannt wird. Sodann entspricht das im eingereichten Be- weismittel ausgesprochene Strafmass nicht der höchsten Strafandrohung von Art. 469 des Strafgesetzbuches, sondern geht über dieses hinaus, wie auch die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat (maximal 3 Monate; vgl. Af- ghanistan, Penal Code, <https://ihl -databases.icrc.org/applic/ihl/ihl- natnsf/0/cca31567c689b4aec12571140033a15e/$FILE/Penal%20Code% 201976.pdf>; Afghanistan Legal Education Project (ALEP) /Stanford Law School, An introduction to the Criminal Law of Afghanistan, 12.2015, https://www-cdn.law.stanford.edu/wp-content/uploads/2015/12/ Intro -to- Crim-Lawof-Afg-2d-Ed.pdf, abgerufen am 12. Juli 2022). Unklar bleibt auch, inwiefern der Beschwerdeführer im Strafverfahren mitgewirkt haben soll: Zum einen führte er aus, in dieser Sache während sechs Monaten jeden Tag bei der Staatsanwaltschaft gewesen zu sein (act. A28/20 F12), zum anderen brachte er zu Protokoll, dass er sich nicht zu den Vorwürfen habe äussern dürfen (act. A28/20 F114) beziehungsweise dass er an einer Verhandlung zwei Tage vor Urteilsfällung teilgenommen habe (act. A28/20 F115). Weitere Ungereimtheiten ergeben sich sodann hinsichtlich seiner Tätigkeit für den Minister, für den er eigenen Angaben gemäss als Fahrer und Bodyguard tätig gewesen sein soll (act. A28/20 F65 f.). Diesbezüglich brachte er aber ebenfalls vor, dass er, um überhaupt als Bodyguard arbei- ten zu können, zunächst die gefälschte Tazkera habe beantragen müssen, in der Folge sei das ganze Strafverfahren in Gange gebracht worden (act. A28/20 F87 ff.). Relevante Zweifel an den Vorbringen ergeben sich schliesslich auch in zeitlicher Hinsicht, indem der Beschwerdeführer unter- schiedliche Angaben zu seinem Ausreisezeitpunkt gemacht hat: So führte er während der Befragung zur Person und im Rahmen des rechtlichen Ge- hörs zum Dublin-Verfahren aus, er sei im vierte n Monat des Jahre 2016 aus dem Heimatstaat ausgereist respektive im August 2016 ( SEM-Akten […]-14/4 S. 1; SEM-Akten […]-11/8 Ziff. 5.01). In der Anhörung hingegen E-3789/2020 Seite 9 brachte er vor, Afghanistan zwei Tage nach dem Urteil, welches vom 12. Dezember 2015 datiert (act. A28/20 F9), verlassen zu haben (act. A28/20 F13). Weder in der Beschwerde noch im Rahmen der Gewäh- rung des rechtlichen Gehörs zur möglichen Motivsubstitution vermochte der Beschwerdeführer diesen Widersprüchen etwas entgegen zu setzen. Insgesamt erweisen sich seine Darstellungen über weite Teile als inkonsis- tent und unplausibel und sind als unglaubhaft zu erachten, weshalb sich weitere Ausführungen zur Frage der Asylrelevanz erübrigen. 6.3 Der vom Beschwerdeführer geäusserten Aufforderung eines Freundes, der ein Taliban sei, er solle Angehörige seines Arbeitgebers an die Taliban ausliefern, kommt des Weiteren keine Asylrelevanz zu. Zum einen hat die- ser Vorfall den Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge nicht zur Aus- reise aus Afghanistan bewegt und lagen die Aufforderungen vor der Aus- reise bereits mehrere Monate zurück. Dass der Beschwerdeführer dieser Aufforderung nicht nachgekommen ist, blieb sodann ohne Konsequenzen für den Beschwerdeführer (vgl. act. A28/20 F98 f). Zum anderen wird den zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen in der Beschwerde in diesem Zusammenhang auch nichts entgegengesetzt, was zu einer anderen Ein- schätzung führen könnte. 6.4 Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgewiesen hat. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. Nachdem das SEM mit Verfügung vom 2. März 2022 angesichts der Lage in Afghanistan die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festgestellt und die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers angeordnet hat, er- übrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und E-3789/2020 Seite 10 Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. BVGE 2011/7 E. 8, 2009/51 E. 5.4). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung, so- weit sie nicht durch Wiedererwägung gegenstandslos geworden ist, Bun- desrecht nicht verletz t, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu bean- standen ist. Die Beschwerde ist insoweit abzuweisen. 10. 10.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung sind dem Beschwerdeführer grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsie- gen und Unterliegen aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüglich sei- nes Hauptantrags auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und der Asyl- gewährung unterlegen. Hinsichtlich seines Eventualbegehrens um Anord- nung der vorläufigen Aufnahme hat er zufolge der teilweisen Wiedererwä- gung durch das SEM obsiegt. Praxisgemäss bedeutet dies ein Obsiegen zur Hälfte. 10.2 Somit wären bei diesem Verfahrensausgang die reduzierten Kosten (soweit die Abweisung der Beschwerde betreffend) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da – ex ante betrachtet – die gestell- ten Rechtsbegehren nicht als aussichtslos zu bezeichnen sind und der Be- schwerdeführer aufgrund der am 26. August 2020 nachgereichten Fürsor- gebestätigung als bedürftig zu erachten ist und seither keine Veränderung seiner finanziellen Verhältnisse aktenkundig geworden sind, ist das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentge ltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen. Es sind daher keine Verfahrenskosten zu erheben. 10.3 Entsprechend ist auch das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Beiordnung des mandatierten Rechtsvertreters lic. iur. Dominik Löhrer als amtlicher Rechtsbeistand im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 und Abs. 3 AsylG gutzuheissen. Er ist für seinen Aufwand zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und soweit dies den abzu- weisenden Teil der Beschwerde betrifft. Der Rechtsvertreter hat keine Kos-E-3789/2020 Seite 11 tennote eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann indes ver- zichtet werden, da der Aufwand für das vorliegende Beschwerdeverfahren zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In An- wendung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) und unter Berücksichtigung der vom Gericht festgelegten Bedingungen für die Entschädigung amtlich bestellter Rechtsbeistände ist dem Rechtsver- treter des Beschwerdeführers ein anteiliges amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 400. (inkl. anteilige Auslagen) auszurichten. 10.4 Soweit der Beschwerdeführer zur Hälfte obsiegt hat, ist ihm zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 64 VwVG; Art. 7 ff. VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungs- faktoren (Art. 9–13 VGKE) ist die anteilige Parteientschädigung auf insge- samt Fr. 400. (inkl. anteilige Auslagen) festzulegen. (Dispositiv nächste Seite) E-3789/2020 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit die Flüchtlingseigenschaft , das Asyl und die Wegweisung betr effend; hinsichtlich des verfügten Weg wei- sungsvollzugs wird sie als gegenstandslos geworden abgeschrieben. 2. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung des mandatierten Rechtsvertreters als amtlicher Beistand wer- den gutgeheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird durch das Bundesverwaltungsgericht ein Honorar in Höhe von Fr. 400.– ausgerichtet. 5. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 400.– auszurichten. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Natassia Gili