<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 48 S.271</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Waffenrecht</span> <span class="page_no">271</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>48 Waffenbeschlagnahmung.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Voraussetzungen für eine vorläufige Waffenbeschlagnahmung.</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 30. April 2008 in Sachen</span><br/> <span class="ft6">R.D. gegen den Regierungsrat (WBE.2007.356).</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">1. (...)</span><br/> <span class="ft8">1.1.</span><br/> <span class="ft8">(...) Nach Art. 31 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über Waffen,</span><br/> <span class="ft8">Waffenzubehör und Munition vom 20. Juni 1997 (Waffengesetz,</span><br/> <span class="ft8">WG; SR 514.54) werden Waffen, wesentliche Waffenbestandteile,</span><br/> <span class="ft8">Waffenzubehör, Munition und Munitionsbestandteile aus dem Besitz</span><br/> <span class="ft8">einer Person beschlagnahmt, bei der ein Hintergrundsgrund nach</span><br/> <span class="ft8">Art. 8 Abs. 2 WG besteht. Ein solcher liegt unter anderem bei Perso-</span><br/> <span class="ft8">nen vor, welche entweder zur Annahme Anlass gegeben haben, dass</span><br/> <span class="ft8">sie sich selbst oder Dritte gefährden (Art. 8 Abs. 2 lit. c WG), die</span><br/> <span class="ft8">wegen einer Handlung, welche eine gewalttätige oder gemeingefähr-</span><br/> <span class="ft8">liche Gesinnung bekundet, oder die wegen wiederholt begangener</span><br/> <span class="ft8">Verbrechen oder Vergehen im Strafregister eingetragen sind, so lange</span><br/> <span class="ft8">der betreffende Eintrag nicht gelöscht ist (Art. 8 Abs. 2 lit. d WG;</span><br/> <span class="ft8">zum Ganzen: AGVE 2003, S. 545).</span><br/> <span class="ft8">Hinsichtlich der Erteilung eines Waffenerwerbsscheines sieht</span><br/> <span class="ft8">Art. 10 Abs. 2 der Verordnung über Waffen, Waffenzubehör und</span><br/> <span class="ft8">Munition vom 21.</span> <span class="ft8">September 1998 (Waffenverordnung, WV;</span><br/> <span class="ft8">SR 514.541) vor, dass die zuständige Behörde zu prüfen hat, ob die</span><br/> <span class="ft8">Voraussetzungen für den Waffenerwerb (Art. 8 WG) erfüllt sind.</span><br/> <span class="ft8">Gleiches muss für den Fall der Beschlagnahmung nach Art. 31</span><br/> <span class="ft8">Abs. 1 WG gelten, d.h. die zuständige Behörde hat abzuklären, ob</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">272</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">ein Hinderungsgrund gemäss Art. 8 Abs. 2 WG vorliegt (Art. 31</span><br/> <span class="ft8">Abs. 1 lit. b WG) oder Waffen ohne Berechtigung getragen werden</span><br/> <span class="ft8">(lit. a).</span><br/> <span class="ft8">An den Nachweis der von der betroffenen Person ausgehenden</span><br/> <span class="ft8">Gefahr für sich oder für Dritte (Art. 8 Abs. 2 lit. c WG) sind keine</span><br/> <span class="ft8">allzu hohen Anforderungen zu stellen, weil die Beschlagnahmung</span><br/> <span class="ft8">präventiven Charakter hat. Immerhin muss aber ein ausreichendes</span><br/> <span class="ft8">Mass an Wahrscheinlichkeit bestehen, dass ohne Beschlagnahmung</span><br/> <span class="ft8">die Sicherheit von Personen oder der öffentlichen Ordnung gefährdet</span><br/> <span class="ft8">wäre. Das Gesetz stellt für den Träger verbotener Waffen, für Un-</span><br/> <span class="ft8">mündige und Entmündigte die unumstossbare Vermutung auf, dass</span><br/> <span class="ft8">diese Voraussetzung erfüllt ist. Abgesehen von diesen unproblemati-</span><br/> <span class="ft8">schen Fällen wird man eine Selbst- oder Fremdgefährdung bzw. An-</span><br/> <span class="ft8">haltspunkte dafür etwa bei Betrunkenen, Geisteskranken sowie sui-</span><br/> <span class="ft8">zidgeneigten Personen regelmässig bejahen müssen. Eine ausrei-</span><br/> <span class="ft8">chende Gefährdung muss auch für Personen gelten, welche einen</span><br/> <span class="ft8">Dritten mit einer Waffe bedrohen, einen Waffeneinsatz in Aussicht</span><br/> <span class="ft8">stellen oder mit einer Schusswaffe unkontrolliert in die Luft schies-</span><br/> <span class="ft8">sen. Waffen dürfen sodann auch bei einer einmaligen Entgleisung be-</span><br/> <span class="ft8">schlagnahmt werden, weil den Polizeibehörden im ersten Moment</span><br/> <span class="ft8">eine nähere Abklärung, ob die Gefahr für einen Waffenmissbrauch</span><br/> <span class="ft8">fortbesteht, nicht zugemutet werden kann (AGVE 2003, S. 546;</span><br/> <span class="ft8">VGE IV/13 vom 15. März 2007 [WBE.2006.75], S. 7; Philippe</span><br/> <span class="ft8">Weissenberger, Die Strafbestimmungen des Waffengesetzes, in: AJP</span><br/> <span class="ft8">2000, S. 163).</span><br/> <span class="ft8">1.2.</span><br/> <span class="ft8">Mit Beschlagnahmeverfügung vom 6. August 2007 ordnete die</span><br/> <span class="ft8">Kantonspolizei an, dass die sichergestellten Gegenstände (Waffen</span><br/> <span class="ft8">und Munition) bis zum Abschluss der Prüfung einer definitiven Be-</span><br/> <span class="ft8">schlagnahme bei der Kantonspolizei, Fachstelle SIWAS, eingelagert</span><br/> <span class="ft8">bleiben. Zur Begründung wurden die Hinderungsgründe von Art. 31</span><br/> <span class="ft8">Abs. 1 lit. b WG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 lit. c und d WG sowie die Dro-</span><br/> <span class="ft8">hung mit Selbstjustiz angeführt.</span><br/> <span class="ft8">Die Vorinstanz führte diesbezüglich insbesondere aus, aufgrund</span><br/> <span class="ft8">des Schreibens des Beschwerdeführers habe ein grosses Mass an</span><br/> <span class="ft8">Wahrscheinlichkeit bestanden, dass er mit den sich in seinem Besitz</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Waffenrecht</span> <span class="page_no">273</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">befindlichen Waffen eine Verzweiflungstat begehen könnte. Die</span><br/> <span class="ft8">Häufung bzw. Zunahme entsprechender Vorkommnisse in den letzten</span><br/> <span class="ft8">Jahren, insbesondere auch der Vorfall im zugerischen Parlament im</span><br/> <span class="ft8">Herbst 2001, habe zu einer Sensibilisierung der Behörden geführt.</span><br/> <span class="ft8">Aufgrund dieser Vorkommnisse hätten die Erklärungen des Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführers nicht als Meinungsäusserung aufgefasst werden</span><br/> <span class="ft8">können, immerhin habe er mit der Drohung der Selbstjustiz ganz</span><br/> <span class="ft8">konkret Straftaten in Aussicht gestellt. Aufgrund seines Umgangs mit</span><br/> <span class="ft8">Behörden sowie seiner Ausbildung und beruflichen Stellung habe</span><br/> <span class="ft8">sodann nicht einfach von einer unerheblichen Unbedachtheit oder</span><br/> <span class="ft8">"Unbedarftheit im Sprachgebrauch" ausgegangen werden können.</span><br/> <span class="ft8">1.3. (...)</span><br/> <span class="ft8">1.4.</span><br/> <span class="ft8">1.4.1.</span><br/> <span class="ft8">Die im Schreiben des Beschwerdeführers vom 12. April 2007</span><br/> <span class="ft8">an den Vorsteher DVI verwendete Formulierung "Sollte eine solche</span><br/> <span class="ft8">[Antwort auf sein Gesuch um Gewährung eines Rechtsbeistandes]</span><br/> <span class="ft8">ausbleiben, verstehe ich dies als ultimative Aufforderung zur Selbst-</span><br/> <span class="ft8">justiz." kann entgegen den Ausführungen des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft8">nicht anders verstanden werden, als dass er, sofern die Behörden sei-</span><br/> <span class="ft8">ner Forderung um Gewährung eines Rechtsbeistandes nicht (recht-</span><br/> <span class="ft8">zeitig) nachgekommen, sich aufgefordert fühle, seine vermeintlichen</span><br/> <span class="ft8">Rechte selber und mit Gewalt durchzusetzen. Mit dem Hinweis auf</span><br/> <span class="ft8">Notwehr bzw. Notstand werden strafrechtliche Handlungen gerecht-</span><br/> <span class="ft8">fertigt.</span><br/> <span class="ft8">Die Ausführungen im Schreiben des Beschwerdeführers vom</span><br/> <span class="ft8">12. April 2007 an den Vorsteher DVI zeigen deutlich, dass sich der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer bei der Durchsetzung seiner vermeintlichen Rech-</span><br/> <span class="ft8">te gegenüber seiner früheren Lebenspartnerin nicht nur als ungerecht</span><br/> <span class="ft8">behandelt fühlt, sondern sich als Opfer behördenübergreifender und</span><br/> <span class="ft8">systematisch gefällter Fehlurteile sieht. Ohne behördliche Abhilfe</span><br/> <span class="ft8">dieser Missstände fühlt und erklärte er sich zudem zur Selbstjustiz</span><br/> <span class="ft8">berechtigt. Diese Erklärungen können damit nicht als blosse Mei-</span><br/> <span class="ft8">nungsäusserung verstanden werden. Aufgrund der Umstände musste</span><br/> <span class="ft8">vielmehr mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Beschwer-</span><br/> <span class="ft8">deführer zur Durchsetzung seiner vermeintlichen Rechte tatsächlich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">274</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">zur Selbstjustiz greifen könnte und dabei auch vor deliktischen</span><br/> <span class="ft8">Handlungen nicht zurückschreckt. Die Gefahr, dass er Straftaten un-</span><br/> <span class="ft8">ter Einsatz von Waffengewalt begehen könnte, war damit nicht aus-</span><br/> <span class="ft8">zuschliessen. Der Vorwurf des Beschwerdeführers, der im Entscheid</span><br/> <span class="ft8">des Regierungsrates dargelegte Sachverhalt beschränke sich im We-</span><br/> <span class="ft8">sentlichen auf aus dem Zusammenhang gezogene Formulierungen</span><br/> <span class="ft8">und Passagen seiner Eingabe vom 12. April 2007, trifft nicht zu.</span><br/> <span class="ft8">Seine Ausführungen betreffend Aufforderung zur Selbstjustiz und</span><br/> <span class="ft8">Berufung auf Notwehr und Notstand sind unmissverständlich for-</span><br/> <span class="ft8">muliert. Dem Beschwerdeführer wurde in den Zivilurteilen die</span><br/> <span class="ft8">Rechtslage und auch das Vorgehen zur Durchsetzung seiner be-</span><br/> <span class="ft8">haupteten Forderungen dargelegt. Auch aus der Vorgeschichte konnte</span><br/> <span class="ft8">daher eine irrationale Reaktion des Beschwerdeführers auf die ver-</span><br/> <span class="ft8">meintlich ungerechte Behandlung durch systematische Fehlurteile</span><br/> <span class="ft8">gegen ihn nicht völlig ausgeschlossen werden. Solche Gefühlslagen</span><br/> <span class="ft8">können Anlass zur Annahme geben, dass es tatsächlich zur Selbst-</span><br/> <span class="ft8">justiz mit Waffengewalt kommen kann.</span><br/> <span class="ft8">Die Beschlagnahme gemäss Art. 31 WG setzt nicht die Bege-</span><br/> <span class="ft8">hung eines Deliktes voraus. Es spielt daher keine Rolle, ob mit die-</span><br/> <span class="ft8">sem Schreiben tatsächlich der Tatbestand der Drohung bzw. Nöti-</span><br/> <span class="ft8">gung erfüllt ist oder der Adressat Strafanzeige erhoben hat bzw. sich</span><br/> <span class="ft8">tatsächlich bedroht fühlte.</span><br/> <span class="ft8">Aus diesen Gründen haben die Kantonspolizei und die Vorin-</span><br/> <span class="ft8">stanz die Voraussetzungen einer präventiven Beschlagnahmung zu</span><br/> <span class="ft8">Recht bejaht.</span><br/> <span class="ft8">1.4.2.</span><br/> <span class="ft8">Ob der Beschwerdeführer sich über eine hohe Belastbarkeit so-</span><br/> <span class="ft8">wie die Fähigkeit, Verantwortung zu tragen, ausweisen kann, muss</span><br/> <span class="ft8">und kann im Rahmen dieses Verfahrens nicht beurteilt werden. Ein</span><br/> <span class="ft8">ausreichendes Mass an Wahrscheinlichkeit, dass die Sicherheit ge-</span><br/> <span class="ft8">fährdet ist, und objektive Zweifel an der charakterlichen Fähigkeit im</span><br/> <span class="ft8">Umgang mit Waffen genügen für die vorsorgliche, vorläufige Be-</span><br/> <span class="ft8">schlagnahmung. Im anschliessenden Verfahren sind die Hintergründe</span><br/> <span class="ft8">und die Voraussetzungen im Einzelnen abzuklären.</span><br/></div> </div> </body> </html>