<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 41 S.137</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">137</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Fürsorgerische Freiheitsentziehung</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>41</b></span> <span class="ft3"><b>Anstaltseinweisung; Abgrenzung Einweisung zur Behandlung/zur Unter-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>suchung/zur Behandlung und Untersuchung (Doppelcharakter).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Bei der Einweisung eines psychisch Kranken zur Behandlung ist der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Behandlungsauftrag in der Regel nicht zu definieren, da die Art der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Behandlung Sache der Klinik ist; Pflicht der Klinik, nebst der Be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>handlung auch alle notwendigen Untersuchungen vorzunehmen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 1/a).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Voraussetzungen der Einweisung zur Untersuchung (Erw. 1/b).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Voraussetzungen der Einweisung zur Behandlung und Untersuchung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Doppelcharakter) (Erw. 1/c).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Stützt sich die Einweisungsverfügung hauptsächlich auf eine über ei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nen Monat zurück liegende ärztliche Beurteilung, so hat das Bezirks-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>amt eine aktuelle ärztliche Beurteilung einzuholen (Erw. 3a/bb).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 13. Januar 2004 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen D.B. gegen die Verfügung des Bezirksamts Z.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. Gemäss § 67d EGZGB kann die Einweisungsbehörde vor</span><br/> <span class="ft6">dem Entscheid über eine Anstaltsunterbringung eine ärztliche Unter-</span><br/> <span class="ft6">suchung anordnen und die Person zur Durchführung der Untersu-</span><br/> <span class="ft6">chung vorübergehend in eine Anstalt einweisen. Die massgeblichen</span><br/> <span class="ft6">Einweisungsgründe und auch die Einweisungszwecke müssen in der</span><br/> <span class="ft6">Einweisungsverfügung aufgeführt sein. Insbesondere muss sich aus</span><br/> <span class="ft6">der Einweisungsverfügung klar ergeben, ob es sich um eine defini-</span><br/> <span class="ft6">tive Anstaltsunterbringung oder um eine bloss vorübergehende Ein-</span><br/> <span class="ft6">weisung zur Untersuchung gemäss § 67d Abs. 1 und 2 EGZGB han-</span><br/> <span class="ft6">delt (AGVE 1994, S. 350 f. mit Hinweisen).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">138</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">a) Dabei gilt zu beachten, dass in der Regel die Klinikeinwei-</span><br/> <span class="ft6">sung von psychisch kranken Menschen im Rahmen einer fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft6">schen Freiheitsentziehung eine <i>Anstaltseinweisung</i> <i>zur Behandlung</i></span><br/> <span class="ft6">ist, wobei die Art der Behandlung in der Kompetenz der Klinik liegt.</span><br/> <span class="ft6">Der Behandlungsauftrag muss daher in der Regel von der Einwei-</span><br/> <span class="ft6">sungsbehörde nicht definiert werden. Eine solche Anstaltseinweisung</span><br/> <span class="ft6">ist eine definitive fürsorgerische Freiheitsentziehung und darf bei</span><br/> <span class="ft6">psychisch kranken Menschen nur erfolgen, wenn nach der Über-</span><br/> <span class="ft6">zeugung der Einweisungsbehörde sämtliche Voraussetzungen einer</span><br/> <span class="ft6">fürsorgerischen Freiheitsentziehung gegeben sind, also eine Geistes-</span><br/> <span class="ft6">krankheit oder eine Geistesschwäche sowie eine stationäre Behand-</span><br/> <span class="ft6">lungsbedürftigkeit vorliegt, keine mildere Massnahme möglich ist</span><br/> <span class="ft6">(Verhältnismässigkeitsprüfung) und die Anstalt zur Behandlung ge-</span><br/> <span class="ft6">eignet ist. In diesen Fällen gehört es zu den selbstverständlichen</span><br/> <span class="ft6">Pflichten der Klinik, neben der Behandlung auch alle notwendigen</span><br/> <span class="ft6">Untersuchungen vorzunehmen.</span><br/> <span class="ft6">b) Eine <i>Anstaltseinweisung</i> <i>zur Untersuchung</i> ist dann ange-</span><br/> <span class="ft6">zeigt und zulässig, wenn die Einweisungsbehörde ernsthaften Anlass</span><br/> <span class="ft6">hat, eine definitive fürsorgerische Freiheitsentziehung (zur Be-</span><br/> <span class="ft6">handlung) für angezeigt zu halten, über einzelne Einweisungsvor-</span><br/> <span class="ft6">aussetzungen aber noch Ungewissheit besteht, die sie weder durch</span><br/> <span class="ft6">eigene Abklärung noch durch Anordnung einer ambulanten Untersu-</span><br/> <span class="ft6">chung beheben kann. Der Abklärungsauftrag ist genau zu benennen</span><br/> <span class="ft6">und die Einweisung zur Untersuchung ist zu befristen. Die stationäre</span><br/> <span class="ft6">Untersuchung ist so schnell wie möglich abzuschliessen (§ 67d</span><br/> <span class="ft6">Abs. 3 EGZGB; vgl. auch AGVE 1995, S. 252). Die Klinik hat die</span><br/> <span class="ft6">gestellten Fragen (z.B. nach dem Vorliegen einer Geisteskrankheit)</span><br/> <span class="ft6">der Einweisungsbehörde zu beantworten, worauf diese entscheiden</span><br/> <span class="ft6">muss, ob eine definitive Einweisung zur Behandlung (in diesem Fall</span><br/> <span class="ft6">ist eine neue Verfügung zu erlassen) oder eine Entlassung erfolgt</span><br/> <span class="ft6">(§ 67d Abs. 1 und 2 EGZGB; AGVE 2002, S. 200 f. mit Hinweisen;</span><br/> <span class="ft6">1995, S. 248 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">c) Im Normalfall liegt entweder eine definitive Einweisung zur</span><br/> <span class="ft6">Behandlung oder eine (provisorische) Einweisung zur Untersuchung</span><br/> <span class="ft6">vor. Nur in Ausnahmefällen ist es zulässig, eine ordentliche Einwei-</span><br/> <span class="ft6">sung zur Behandlung mit einer Einweisung zur Untersuchung zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">139</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">verbinden (<i>Doppelcharakter</i>). Die Voraussetzungen für eine defini-</span><br/> <span class="ft6">tive Einweisung zur Behandlung müssen in diesen Fällen nach der</span><br/> <span class="ft6">Überzeugung der Einweisungsbehörde eindeutig erfüllt sein und der</span><br/> <span class="ft6">Abklärungsauftrag muss eine zusätzliche Frage betreffen (z.B. "Ab-</span><br/> <span class="ft6">klärung, ob neben der Geisteskrankheit noch eine Drogensucht vor-</span><br/> <span class="ft6">liegt", oder "soziale Abklärungen im Hinblick auf einen Übertritt in</span><br/> <span class="ft6">eine geeignete betreute Wohnsituation"). Im Dispositiv der Einwei-</span><br/> <span class="ft6">sungsverfügung muss in diesem Fall genau und eindeutig festgehal-</span><br/> <span class="ft6">ten werden, warum die Einweisung auch zur Untersuchung erfolgt</span><br/> <span class="ft6">(AGVE 1982, S. 138), und welche Untersuchungen/Abklärungen der</span><br/> <span class="ft6">Klinik aufgetragen werden.</span><br/> <span class="ft6">2. a) Vorliegendenfalls erfolgte die Einweisung des Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführers durch das Bezirksamt X. Das Bezirksamt erliess eine Ein-</span><br/> <span class="ft6">weisung zur Behandlung wie auch zur Untersuchung. Die wider-</span><br/> <span class="ft6">sprüchliche Begründung lautete einerseits, dass der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft6">rer infolge Geisteskrankheit der persönlichen Fürsorge bedürfe<i>,</i> an-</span><br/> <span class="ft6">dererseits wurde die Klinik ersucht, sie solle unter anderem abklären,</span><br/> <span class="ft6">ob der Beschwerdeführer geisteskrank sei.</span><br/> <span class="ft6">b) Die Einweisungsverfügung des Bezirksamts X. stützte sich</span><br/> <span class="ft6">auf den Beschluss des Gemeinderates B. vom 8. Dezember 2003, in</span><br/> <span class="ft6">welchem für den Beschwerdeführer eine fürsorgerische Freiheitsent-</span><br/> <span class="ft6">ziehung beantragt wurde. Diesem Beschluss lag die psychiatrische</span><br/> <span class="ft6">Beurteilung von Dr. H. vom 3. Dezember 2003 zu Grunde. In seiner</span><br/> <span class="ft6">Beurteilung wurde der Verdacht geäussert, dass eine recht hohe</span><br/> <span class="ft6">Wahrscheinlichkeit bestehe, dass die Wesensveränderung des Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführers auf eine schleichende schwere Erkrankung aus dem</span><br/> <span class="ft6">schizophrenen Formenkreis zurückzuführen sei. Entsprechend ver-</span><br/> <span class="ft6">fügte das Bezirksamt X. die Einweisung des Beschwerdeführers "für</span><br/> <span class="ft6">die Dauer der medizinischen Abklärung und allfälligen Behandlung"</span><br/> <span class="ft6">und verlangte von der Klinik unter anderem die Abklärung, ob beim</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführer eine Geisteskrankheit vorliege und ob die Unter-</span><br/> <span class="ft6">bringung in eine geeignete Anstalt erforderlich sei, oder ob allenfalls</span><br/> <span class="ft6">eine ambulante Behandlung genüge. Damit ist offensichtlich, dass</span><br/> <span class="ft6">die Voraussetzungen für eine definitive Einweisung zur Behandlung</span><br/> <span class="ft6">im Einweisungszeitpunkt nicht vorlagen, da gerade nicht klar war, ob</span><br/> <span class="ft6">beim Beschwerdeführer eine Geisteskrankheit vorlag. Soweit die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">140</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">angefochtene Verfügung von einer Geisteskrankheit des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führers spricht und der Klinik einen entsprechenden Behandlungs-</span><br/> <span class="ft6">auftrag erteilt, ist sie somit aufzuheben.</span><br/> <span class="ft6">3. a) Es bleibt zu prüfen, ob im Zeitpunkt der Einweisung des</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführers die Voraussetzungen für eine Anstaltseinweisung</span><br/> <span class="ft6">zur Untersuchung gegeben waren (siehe vorne Erw. 1/b).</span><br/> <span class="ft6">aa) Auf Grund der Beurteilung durch Dr. H. vom 3. Dezember</span><br/> <span class="ft6">2003 konnte eine psychische Erkrankung des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft6">nicht ausgeschlossen werden. Die Mutter des Beschwerdeführers hat</span><br/> <span class="ft6">am Tag seiner Einweisung (3. Januar 2004) dem einweisenden Be-</span><br/> <span class="ft6">zirksamtmann-Stellvertreter gesagt, dass sich der Gesundheitszu-</span><br/> <span class="ft6">stand ihres Sohnes in den letzten vier Wochen erheblich verbessert</span><br/> <span class="ft6">habe, weshalb von einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung abzuse-</span><br/> <span class="ft6">hen sei.</span><br/> <span class="ft6">bb) Die Einweisungsverfügung stützte sich hauptsächlich auf</span><br/> <span class="ft6">die über einen Monat zurück liegende Beurteilung durch Dr. H. Auf</span><br/> <span class="ft6">Grund dieser im Bereich der fürsorgerischen Freiheitsentziehung</span><br/> <span class="ft6">langen Zeitspanne hätte das Bezirksamt eine aktuelle ärztliche Beur-</span><br/> <span class="ft6">teilung in die Wege leiten müssen. Dies um so mehr, als die Mutter</span><br/> <span class="ft6">den Bezirksamtmann-Stellvertreter ausdrücklich darauf hingewiesen</span><br/> <span class="ft6">hat, dass sich der Gesundheitszustand ihres Sohnes erheblich ver-</span><br/> <span class="ft6">bessert habe und darum eine Klinikeinweisung nicht nötig sei. Auf</span><br/> <span class="ft6">Grund der Schilderung der Mutter des Beschwerdeführers steht für</span><br/> <span class="ft6">das Verwaltungsgericht fest, dass im Zeitpunkt seiner Einweisung die</span><br/> <span class="ft6">gesetzlichen Voraussetzungen für eine Einweisung zur Untersuchung</span><br/> <span class="ft6">nicht gegeben waren. Zwar bestand der Verdacht, dass der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführer an einer Geisteskrankheit leiden könnte; im Zeit-</span><br/> <span class="ft6">punkt der Einweisung gab der Gesundheitszustand des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führers aber keinerlei Anlass zur Besorgnis, weshalb kein unauf-</span><br/> <span class="ft6">schiebbarer Handlungsbedarf für die Anordnung einer fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft6">schen Freiheitsentziehung bestand. Weder war von einer akuten</span><br/> <span class="ft6">Selbst- und Fremdgefährdung noch von einer schweren Verwahrlo-</span><br/> <span class="ft6">sung oder übermässigen Belastung der Umgebung auszugehen. Im</span><br/> <span class="ft6">Übrigen befand sich der Beschwerdeführer unter der Obhut seiner</span><br/> <span class="ft6">Mutter, welche dem Bezirksamtmann-Stellvertreter anlässlich der</span><br/> <span class="ft6">Einweisung ausdrücklich mitgeteilt hatte, dass sich der Beschwerde-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">141</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">führer in den letzten vier Wochen angemessen verhalten und am</span><br/> <span class="ft6">Familienleben wieder teilgenommen habe. Allfällige psychiatrische</span><br/> <span class="ft6">Abklärungen hätten unter diesen Umständen ambulant durchgeführt</span><br/> <span class="ft6">werden können. Die Einweisung des Beschwerdeführers in die PKK</span><br/> <span class="ft6">war daher unverhältnismässig.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>