<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 78 S.367</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">367</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>78 Rechtliches</b></span> <span class="ft2"><b>Gehör.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Eine Gemeinde kann sich auf diesen Anspruch berufen, wenn sie wie</b></span><br/> <span class="ft2"><b>eine Privatperson betroffen ist oder wenn es um den Umfang der ihr</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zustehenden Autonomie geht (Erw. 4/b).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 21. November 2000 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen Einwohnergemeinde B. gegen Regierungsrat.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">4. a) Die Beschwerdeführerin bezichtigt den Regierungsrat</span><br/> <span class="ft1">einer Gehörsverletzung, weil im vorinstanzlichen Entscheid auf die</span><br/> <span class="ft1">Problematik der Einhaltung der Sonntagsruhe nicht eingegangen</span><br/> <span class="ft1">worden sei. Gerügt wird also eine Verletzung der Begründungs-</span><br/> <span class="ft1">pflicht, welche allgemein aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör</span><br/> <span class="ft1">abgeleitet wird (Ulrich Häfelin/Georg Müller, Grundriss des Allge-</span><br/> <span class="ft1">meinen Verwaltungsrechts, 3. Auflage, Zürich 1998, Rz. 1293; BGE</span><br/> <span class="ft1">112 Ia 109; AGVE 1998, S. 426).</span><br/> <span class="ft1">b) Art. 29 Abs. 2 BV billigt den Parteien einen Anspruch auf</span><br/> <span class="ft1">rechtliches Gehör zu. Auch § 22 Abs. 1 KV schreibt fest, dass die</span><br/> <span class="ft1">Betroffenen in behördlichen Verfahren Anspruch auf rechtliches</span><br/> <span class="ft1">Gehör und faire Behandlung haben. In beiden Verfassungen sind die</span><br/> <span class="ft1">angeführten Bestimmungen im Kapitel bzw. Abschnitt über die</span><br/> <span class="ft1">,,Grundrechte" eingeordnet. Diese bringen zum Ausdruck, dass jeder</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">368</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Mensch voraussetzungslos Inhaber bestimmter Rechte ist; er gilt als</span><br/> <span class="ft1">Rechtsperson und ist Träger einer besonderen Würde (Jörg Paul</span><br/> <span class="ft1">Müller, in: Kommentar zur Bundesverfassung der Schweizerischen</span><br/> <span class="ft1">Eidgenossenschaft vom 29. Mai 1874 [im Folgenden: Kommentar</span><br/> <span class="ft1">BV], Basel/Zürich/Bern 1996, Einleitung zu den Grundrechten, N 1).</span><br/> <span class="ft1">Die gemäss Art. 29 Abs. 2 BV bzw. § 22 Abs. 1 KV anspruchsbe-</span><br/> <span class="ft1">rechtigten ,,Parteien" bzw. ,,Betroffenen" sind also Private, die in</span><br/> <span class="ft1">Verfahren involviert sind, deren Ergebnisse sie mehr als Andere be-</span><br/> <span class="ft1">lasten können (Georg Müller, in: Kommentar BV, Art. 4 N 101; Jörg</span><br/> <span class="ft1">Paul Müller, Grundrechte in der Schweiz [im Folgenden: Grund-</span><br/> <span class="ft1">rechte], 3. Auflage, Bern 1999, S. 509). Auch gemäss aargauischem</span><br/> <span class="ft1">Verfassungsverständnis gelten die allgemeinen Verfahrensgarantien</span><br/> <span class="ft1">(nur) für ,,Betroffene", d. h. für subjektiv-rechtlich Beschwerte (Kurt</span><br/> <span class="ft1">Eichenberger, Verfassung des Kantons Aargau, Textausgabe mit</span><br/> <span class="ft1">Kommentar, Aarau 1986, § 22 N 9, 11). Demzufolge kann sich eine</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde auf die Garantien verfahrensrechtlicher Kommunikation</span><br/> <span class="ft1">berufen, wenn sie wie eine Privatperson betroffen ist, z. B. in ihrer</span><br/> <span class="ft1">Rechtsstellung als Grundeigentümerin oder als Bauherrin. Darüber</span><br/> <span class="ft1">hinaus wird den Gemeinden ein Anspruch auf rechtliches Gehör im</span><br/> <span class="ft1">Verfahren über den Umfang der ihr zustehenden Autonomie zugebil-</span><br/> <span class="ft1">ligt; in dieser Hinsicht hat der erwähnte Anspruch dieselbe Tragweite</span><br/> <span class="ft1">wie der verfassungsrechtlich verankerte Gehörsanspruch der Privaten</span><br/> <span class="ft1">(Jörg Paul Müller, Grundrechte, S. 511 mit Fn. 10; Michele Albertini,</span><br/> <span class="ft1">Der verfassungsmässige Anspruch auf rechtliches Gehör im Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsverfahren des modernen Staates, Bern 2000, S. 140; Pra</span><br/> <span class="ft1">81/1992, S. 103; Bundesgericht, in: ZBl 98/1997, S. 261). Im vorlie-</span><br/> <span class="ft1">genden Fall geht es um die Wahrung der Sonn- und Festtagsruhe</span><br/> <span class="ft1">bzw. um die Anwendung des kantonalen Gesetzes über die Feier der</span><br/> <span class="ft1">Sonn- und Festtage (SFG) vom 7. November 1861. In diesem Be-</span><br/> <span class="ft1">reich sind die Gemeinden nach Massgabe von § 106 Abs. 2 KV au-</span><br/> <span class="ft1">tonom. Mit der ersatzlosen Aufhebung von Ziffer B/9 Abs. 2 der</span><br/> <span class="ft1">Baubewilligung vom 4. Januar 1999 (soweit die Schliessung der</span><br/> <span class="ft1">Autowaschanlage an Sonn- und allgemeinen Feiertagen betreffend)</span><br/> <span class="ft1">hat der Regierungsrat in diesen Autonomiebereich eingegriffen. Er</span><br/> <span class="ft1">war daher auch in Bezug auf Argumente, welche der Gemeinderat im</span><br/> <span class="ft1">vorinstanzlichen Verfahren vorbrachte, begründungspflichtig.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">369</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Begründungspflicht ist zudem noch aus einer andern Über-</span><br/> <span class="ft1">legung zu bejahen. Zweck und Leitgedanke dieser Pflicht ist es u.a.,</span><br/> <span class="ft1">dass die Betroffenen die getroffene Entscheidung verstehen und</span><br/> <span class="ft1">sachgerecht anfechten können; durch die angemessene Begründung</span><br/> <span class="ft1">einer Verfügung soll dem Betroffenen ermöglicht werden, sich über</span><br/> <span class="ft1">die Tragweite eines Entscheides Rechenschaft zu geben und in voller</span><br/> <span class="ft1">Kenntnis der Gründe ein Rechtsmittel zu ergreifen (Albertini, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">S. 403; BGE 122 II 362 f.; AGVE 1998, S. 426). Auf die Begrün-</span><br/> <span class="ft1">dungspflicht müssen sich deshalb alle potentiell zur Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rung Legitimierten berufen können, und dazu gehört klarerweise</span><br/> <span class="ft1">auch ein Gemeinderat, der in seiner Eigenschaft als erstinstanzlich</span><br/> <span class="ft1">verfügende Behörde in das Verfahren einbezogen wird (vgl. auch</span><br/> <span class="ft1">Michael Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren</span><br/> <span class="ft1">nach dem Aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege,</span><br/> <span class="ft1">Diss. Zürich 1998, § 41 Rz. 25).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>