BRGE II Nr. 0070/2016 vom 22. März 2016 in BEZ 2018 Nr. 11 (Bestätigt mit VB.2016.00238 vom 4. Mai 2017, dieser bestätigt mit BGE 1C_343/2017 vom 12. Februar 2018.) 2. Beim streitbetroffenen Gebäude und dem rekurrentischen Nachbargebäude handelt es sich um zwei rund 100 Jahre alte, in geschlossener Bauweise erstellte und heute in der Wohnzone W3/2.75 situierte Mehrfamilienhäuser mit je einem Sockelgeschoss (Untergesch oss), zwei Vollgeschossen und einem Dachgeschoss. Strassenseitig fluchten die beiden Gebäude in derselben Tiefe entlang der S.-Strasse. Die rund («rund», weil in den Plänen nicht ve rmessen) 10 m lange Rückfassade des streitbetroffenen Gebäudes weist einen Fassadenvorsprung mit einer Länge von rund 4,8 m vor. An diesen Fassadenvors prung sollen rückwärtig die 3,9 m langen und 2,1 m tiefen Balkone vor den beiden Vollgeschossen und vor dem Dachgeschoss, das dort als Giebelfläche des Querfirstes ausgestaltet is t, angebracht werden. Vorgesehen ist ein zweiseitig abgestützter, an der Fassade befestigter Balkonturm in leichter Metall - konstruktion mit Betonplattenböden und Staketengeländer. Dieser Balkonturm soll die heute im Obergeschoss und im Dachgeschoss bestehen Balkone mit einer Bruttofläche von je 2,1 m2 ersetzen. Besagte Balkone wurden vor rund 10 Jahren angebracht, um die ursprünglichen Balkone zu ersetzen, die aus Sicherheitsgründen beseitigt werden mussten. Das rekurrentische Gebäude hat rückwärtig eine grössere Tiefe als das streitbetroffene Gebäude. Dergestalt weist der geplante Balkonturm einen seitlichen Abstand von rund 2,5 m zur Seitenfassade des rekurrentischen Gebäudes auf. 3.1 Der Rekurrent macht geltend, die geplanten Balkone führten in ihrer Dimensionierung, Positionierung und Ausführung dazu, dass der Licht - und Sonneneinfall massiv und auf Dauer beschränkt werde. Seine Räume würden stark beschattet. Durch Sichtschutzwände, Pflanzen oder andere Gegenstände auf den Balkonen könnte sich die Situa tion nochmals erheblich verschlechtern. Die Praxis, dass Balkone seitlich grundsätzlich keine Abstände einzuhalten hätten, könne hier nicht gelten. Die seitliche Abstandsbefreiung würde zu einer massiven Verschlechterung der Wohnsituation des Rekurrenten b etreffend Belichtung und Besonnung führen. Privatsphäre und Wohnqualität würden erheblich beeinträchtigt. (…) 3.2 Die private Rekursgegnerin hält dem entgegen, der angeblich beeinträchtigte Gebäudeteil der rekurrentischen Liegenschaft sei nach Osten ausgerichtet und somit ausschliesslich am Vormittag besonnt. Die geplanten Balkone gäben keinen zusätzlichen Schatten. Die Bauherrschaft habe zugesichert, sie werde geschlossene Abdeckungen der Balkongeländer ver - bieten. Eine Beschattung erfolge vor allem durch die bestehenden Bäume im rückwärtigen Bereich. Im betroffenen Gebäudebereich befänden sich Schlaf - zimmer. Die Balkone würden in keinen Abstandsbereich hineinragen. (…) - 2- 3.3 Die Vorinstanz weist darauf hin, dass nach der Praxis für Balkone mit einer Ausladun g von bis zu 2 m keine seitliche Abstandspflicht bestehe. Auflageweise sei eine Reduktion der Ba lkontiefe von den geplanten 2,1 m auf 2 m verlangt worden. (…) 4.1 Zunächst ist zu klären, ob die geplanten Balkone mit dem erwähnten seitlichen Abstand von run d 2,5 m zum rekurrentischen Gebäude eine Abstandspflicht verletzen. Der Grenz - und der Gebäudeabstand sind in § 260 PBG geregelt. Der Grenzabstand bestimmt die nötige Entfernung zwischen Fassade und mass - gebender Grenzlinie, der Gebäudeabstand diejenige zw ischen zwei Gebäuden (Abs. 1). Einzeln e Vorsprünge dürfen höchstens 2 m in den Abstandsbereich hineinragen, Balkone und dergleichen jedoch höchstens auf einem Drittel der betreffenden Fassadenlänge (Abs. 3). Das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich hat s ich verschiedentlich zur Frage der seitlichen Abstandspflicht von Balkonen geäussert. In RB 1991 Nr. 65 kam das Verwaltungsgericht zum Schluss, Balkone und Trennwände zwischen solchen seien seitlich nicht abstandspflichtig. Diese Rechtsprechung wurde mit RB 1997 Nr. 99 bes tätigt. Danach bestimmt § 260 Abs. 3 PBG ausschliesslich, wie weit Balkone und andere Gebäudevorsprünge in den für Gebäude gel - tenden, senkrecht zu messenden Grenzabstand hineinragen dürfen. Eine seitliche Abstandspflicht lässt sich aus dieser Bestimmung nicht ableiten. 4.2 Im Entscheid VB.2014.00232 vom 27. März 2015 (= BEZ 2015 Nr. 29) hat sich das Verwaltungsgericht in dieser Sache erneut geäussert. Es erwog: «Nach der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung ist die Abstands - privilegierung von § 260 Abs. 3 PBG restriktiv auszulegen, um den mit den Abstandsvorschriften verfolgten Zweck nicht zu unterlaufen, verschiedene Einflüsse von Bauten und ihrer Benutzung auf Nachbargrundstücke zu mildern. Die Immissionen, welche von den Balkonen au sgehen, unterscheiden sich in ihrer Richtung nicht. Zudem wäre der (reduzierte) Abstand auch einzuhalten, wäre ein Balkon an der parallel zur seitlichen Grundstücksgrenze verlaufenden Fassade betroffen. Zugunsten des seitlich angrenzenden Grundstücks muss daher eine analoge Regelung gelten. Der Gesetzgeber wollte mit der Regelung von § 260 Abs. 3 PBG kleinere Balkone privilegieren. Bei einem gemäss kantonalem Recht einzuhalten den Minimalabstand von 3,5 m zum Nachbargrundstück darf ein kleinerer Balkon von der Fassade gemesse n bis zu 2 m in diesen Abstandsbereich hineinragen (§ 260 Abs. 3 und § 270 Abs. 1 PBG). Mit andern Worten ist ein Abstand vom Abschluss des Balkons bi s zur Grundstücksgrenze von 1,5 m nach dem Willen des Gesetzgebers ausreichend. Das kom munale Recht sieht vorliegend keine davon abweichende Abstandsregelung vor. Es rechtfertigt sich, kleinere Balkone, welche höchstens einen Drittel der betreffenden Fassadenlänge umfassen, mit einem seitli chen Abstand von mindestens 1,5 m zum Nachbar - grundstück zuzulassen» (E. 5.2). - 3- 4.3 Der streitbetroffene Balkonturm weist einen seitlichen Abstand von rund 1,5 m zur Grundstücksgrenze auf, was dem vorstehend erwähnten Mass entspricht. Dass dieser Abstand um 1 m kleiner ist als der Abstand zur Fassade des rekurrentischen Gebäudes, erklärt sich damit, dass die gemeinsame Grund - stücksgrenze ab dem Punkt, wo die beiden Gebäude nicht mehr zusammen - gebaut sind, weil die rückwärtige Fassade des streitbetroffenen Gebäudes vorspringt, mithin also seitlich gesta ffelt ist, um rund 1 m zum rekurrentischen Grundstück hin verschoben weiterverläuft. 4.4 Im Gegensatz zum Fall, welcher dem in Rede stehenden Entscheid VB.2014.00232 vom 27. März 2015 zu Grunde lag, sieht die Bau - und Zonenordnung (BZO) vorliegend eine Ab standsregelung vor. In der Standortzone beträgt der Grundgrenzabstand 7 m (Art. 19 Abs. 1 BZO). Somit stellt sich die Frage, ob der seitliche Grenzabstand für Balkone 5 m (also gleich viel wie der vorderseitige Grenzabstand betragen) soll, oder ob das Verwaltungsgericht gestützt auf den kantonalrechtlichen Mindestgrenzab stand von 3,5 m (§ 270 Abs. 1 PBG) einen unabhängig von kommunalen Grenzabstandsbestimmungen geltenden seitlichen Grenzabstand von 1,5 m statuieren wollte. Diesfalls wäre der Passus «Das kom munale Recht sieht vorliegend keine davon abweichende Abstandsregelung vor» indes völlig sinn - verfälschend. Insgesamt lassen die fraglichen Erwägungen keine eindeutige Antwort zu. 4.5 Alsdann würde die Geltung eines seitlichen Grenzabstandes für Balkone die Frage nach der Geltung eines entsprechenden Gebäudeabstandes zwischen Balkonseite und seitlich gelegener N achbarfassade aufwerfen. Nach § 271 PBG hat der Abstand zwischen Gebäuden, die Grenzabstände einhalten müssen, ohne Rücksicht auf Grundstücksgrenzen der Summe der beidseitig nötigen Grenzabstände zu entsprechen. Da vorliegend das Nachbargebäude auf der Höhe der Balkone einen Abstand von bloss rund 1 m zur gemeinsamen Grundstücksgrenze aufweist, käme § 274 Abs. 1 PBG zum Zuge. Danach genügt, wenn ein n achbarliches Gebäude näher an der Grenze steht, als es nach den Bauvorschriften zulässig ist, als Abstand die Summe aus dem Grenzabstand, den das neue Bauvorhaben benötigt, und dem kantonal - rechtlichen Mindestgrenzabstand. Welcher seitliche Grenzabstand fü r die streitbetroffenen Balkon e auch immer gelten würde (5 m oder 1,5 m; vgl. die vorstehenden Erwägungen unter Ziffer 4.4), der sich aus § 274 PBG ergebende Gebäudeabstand wäre nicht eingehalten. 4.6 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass gemäss Verwa ltungsgericht nur «kleinere» Balkone, also Balkone, welche höchstens einen Drittel der betreffenden Fassadenlänge umfa ssen, mit einem Abstand von 1,5 m zum Nachbargrundstück zuzulassen sind. Fallbezogen stellte das Verwaltungsgericht im Entscheid VB.2014.0 0232 fest, der Mindestabstand von 1,5 m sei überall eingehalten. Bezüglich der Überschreitung des Drittelsmasses kam das Verwaltungsgericht zum Schluss, - 4- dem könne mit einer die erforderliche Längenreduktion anordnenden Nebenbe- stimmung im Sinne von § 321 PBG begegnet werden (E. 5.3). Damit fragt sich, welcher seitliche Abstand einzuhalten wäre, wenn kein «kleinerer» Balkon mehr gegeben ist, wie dies vorliegend der Fall ist. Die rückwärtige Fas sade hat eine Länge von rund 10 m, die geplanten Ba lkone weisen eine Länge von 3,9 m auf. 5. In dem in Rede stehenden Verwaltungsgerichtsentscheid VB.2014.00232 vom 27. März 2015 kann keine massgebende Praxisänderung erblickt werden. Es fehlt jegliche Bezugnahme auf die frühere Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtes u nd auch der Rekursinstanz (deren Rechtsprechung sich wiederum auf die vorerwähnten, in RB 1991 Nr. 65 und RB 1997 Nr. 99 publizierten Entscheide abstützt; BRKE II Nr. 239/1997 = BEZ 2003 Nr. 31). Nur nebenbei sei bemerkt, dass das Resümee der BEZ -Publikation von VB.2014.00232 keinerlei Hinweis zu dem in den publizierten Erwägungen enthaltenen Thema des seitlichen Abstandes von Vorsprüngen enthält. Erst recht steht dort nichts von einer Praxisänderung. Weshalb die bisherige Rechtsprechung nicht mehr gelten s ollte, ist dem fraglichen Entscheid nicht zu entnehmen und auch sonst nicht zu erkennen. Die in Rede stehenden Baubefugnisse richten sich nicht nach Feststellungen allgemeiner Art, wonach d ie Abstandsprivilegierung von § 260 Abs. 3 PBG restriktiv auszulegen sei und die von Balkonen ausgehenden Immissionen sich in ihrer Richtung nich t unterschieden. Ohnehin gilt § 260 Abs. 3 PBG auch für die weit weniger emissionsträchtigen Erker. Die Baubefugnisse richten sich vielmehr nach Gesetz und Veror dnung. Aus der Vo rschrift von § 22 Abs. 1 Halbsatz 2 der Allgemeinen Bauverordnung [ABV] ergibt sich, dass der Grenzabstand rechtwinklig zu den Fassaden und radial über die Gebäudeecken gemessen wird. Vorsprünge dürfen höchstens 2 m in den dergestalt gebildeten Abstandsbereich hineinragen. Hieraus ergibt sich ohne weiteres das Fehlen einer seitlichen Abstandspflicht. In Übereinstimmung mit der bisherigen Praxis ist an dieser Rechtsauffassung uneingeschränkt festzuhalten.