<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">293</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Zivilprozessrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>55</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 283 ZPO; Art. 545 ff. OR</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Das Scheidungsgericht <i>kann</i></b> <b>auf Antrag einer Partei die Versteigerung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einer von den Eheleuten im Rahmen einer Ehegattengesellschaft gehalte-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nen Liegenschaft anordnen. Damit ist kein Verstoss gegen den Grundsatz</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Einheit des Scheidungsurteils verbunden, weil nicht über eine Schei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dungsnebenfolge, sondern über einen mit der Scheidungsklage in objekti-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ver Klagenhäufung verbundenen Punkt entschieden wird. Die Versteige-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>rungsanordnung erfolgt in einem Teilentscheid und nicht in einem</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Zwischenentscheid im Sinne von Art. 237 ZPO.</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Zivilkammer, vom 17. Januar 2017</span><br/> <span class="ft5">in Sachen G.C.G. gegen I.Z.G (ZOR.2016.66).</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft7">3.</span><br/> <span class="ft7">3.1.</span><br/> <span class="ft7">Die Vorinstanz hat den vorliegend zu beurteilenden "Beschluss"</span><br/> <span class="ft7">explizit (vgl. dessen S. 7) als "Zwischenentscheid" bezeichnet. Ein</span><br/> <span class="ft7">solcher liegt nach Art. 237 Abs. 1 ZPO dann vor, wenn durch ab-</span><br/> <span class="ft7">weichende oberinstanzliche Beurteilung sofort ein Endentscheid her-</span><br/> <span class="ft7">beigeführt und so ein bedeutender Zeit- und Kostenaufwand gespart</span><br/> <span class="ft7">werden kann. An dieser Voraussetzung fehlt es vorliegend offensicht-</span><br/> <span class="ft7">lich, wird doch mit dem obergerichtlichen Entscheid kein Endent-</span><br/> <span class="ft7">scheid im Scheidungsverfahren herbeigeführt. Ebenso wenig ist der</span><br/> <span class="ft7">angefochtene Entscheid prozessleitender Natur, weil darin keine ver-</span><br/> <span class="ft7">fahrensrechtliche Anordnung, sondern mit dem darin angeordneten</span><br/> <span class="ft7">Eingriff in eine im (Gesamt-) Eigentum der Parteien stehende</span><br/> <span class="ft7">Liegenschaft eine materiell-rechtliche Anordnung getroffen worden</span><br/> <span class="ft7">ist (BGE 93 II 387 ff.). Da durch den angefochtenen Entscheid aber</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">294</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">nicht das ganze vom Kläger eingeleitete (Scheidungs-) Verfahren</span><br/> <span class="ft7">zum Abschluss gelangt, handelt es sich um einen (materiellen)</span><br/> <span class="ft7">Teilentscheid (Genna, Auflösung und Liquidation der Ehegatten-</span><br/> <span class="ft7">gesellschaft, Diss., Bern 2008, S. 97; Bessenich/Bopp, in: Sutter-</span><br/> <span class="ft7">Somm/Hasenböhler/Leuenberger, Schweizerisches Zivilprozessrecht,</span><br/> <span class="ft7">3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2016, N. 13 zu Art. 90 ZPO).</span><br/> <span class="ft7">3.2.</span><br/> <span class="ft7">3.2.1.</span><br/> <span class="ft7">Damit ist die Frage aufgeworfen, inwieweit mit der Ausfällung</span><br/> <span class="ft7">dieses Teilentscheids im Rahmen eines Scheidungsverfahrens allen-</span><br/> <span class="ft7">falls gegen den Grundsatz der Einheit des Scheidungsurteils (vgl.</span><br/> <span class="ft7">Art. 283 ZPO) verstossen wurde. Dies ist deshalb zu verneinen, weil</span><br/> <span class="ft7">es sich bei der Auflösung und Liquidation einer Ehegattengesell-</span><br/> <span class="ft7">schaft um ausserhalb des Scheidungsrechts stehende schuld- bzw. ge-</span><br/> <span class="ft7">sellschaftsrechtliche Fragen handelt (Genna, a.a.O., S. 117 und 151)</span><br/> <span class="ft7">und ein Streitpunkt, der nicht von Gesetzes wegen Gegenstand des</span><br/> <span class="ft7">Scheidungsverfahrens (vgl. Art. 120 ff. ZGB betreffend Güterrecht,</span><br/> <span class="ft7">Familienwohnung, Vorsorgeausgleich, nachehelichen Unterhalt und</span><br/> <span class="ft7">Kinderbelange) bildet, nach den allgemeinen prozessualen Grundsät-</span><br/> <span class="ft7">zen überhaupt nur auf dem Weg der (objektiven) Klagenhäufung mit</span><br/> <span class="ft7">der Scheidungsklage verbunden werden kann (vgl. dazu Genna,</span><br/> <span class="ft7">a.a.O., S. 147). Immerhin scheint das Bundesgericht in BGE 111 II</span><br/> <span class="ft7">404 (E. 4b) die Auffassung vertreten zu haben, dass alle vermögens-</span><br/> <span class="ft7">rechtlichen Streitigkeiten zwischen den Ehegatten, die im Schei-</span><br/> <span class="ft7">dungsprozess zufolge eines ausreichenden Bezugs zur ehelichen Ge-</span><br/> <span class="ft7">meinschaft behandelt werden <i>dürfen</i>, auch in diesem behandelt wer-</span><br/> <span class="ft7">den <i>müssen</i>.</span><br/> <span class="ft7">Vor dem Inkrafttreten des neuen Eherechts am 1. Januar 1988</span><br/> <span class="ft7">hatte sich die Auffassung durchgesetzt, dass - ohne Rücksicht auf die</span><br/> <span class="ft7">allfällig durch die damals gültigen kantonalen Prozessordnungen hin-</span><br/> <span class="ft7">sichtlich einer Klagenhäufung gesetzten Schranken - weitere Klagen</span><br/> <span class="ft7">mit der Scheidungsklage sollten verbunden werden können, wenn</span><br/> <span class="ft7">von ihrem Ausgang die Höhe von Unterhaltsleistungen abhing oder</span><br/> <span class="ft7">sie - wie etwa eine Klage auf Teilung von Miteigentum - in engem</span><br/> <span class="ft7">Zusammenhang mit der güterrechtlichen Auseinandersetzung stan-</span><br/> <span class="ft7">den (vgl. - neben dem bereits erwähnten BGE 111 II 404 E. 4b -</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">295</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Bühler/Spühler, Berner Kommentar 1980, N. 61 der Vorbemerkun-</span><br/> <span class="ft7">gen vor aArt. 149-157 ZGB; Guldener, Schweizerisches Zivilpro-</span><br/> <span class="ft7">zessrecht, 3. Aufl., Zürich 1979, S. 215). Die seit 1. Januar 2011 in</span><br/> <span class="ft7">Kraft stehende Schweizerische Zivilprozessordnung (die anders als</span><br/> <span class="ft7">die kantonalen Zivilrechtspflegegesetze dem ZGB gleichgeordnetes</span><br/> <span class="ft7">Recht darstellt) macht die objektive Klagenhäufung zwar davon</span><br/> <span class="ft7">abhängig, dass das gleiche Gericht für beide Klagen sachlich</span><br/> <span class="ft7">zuständig und die gleiche Verfahrensart anwendbar ist (Art. 90 ZPO).</span><br/> <span class="ft7">Aber abgesehen davon, dass es sich beim Scheidungsverfahren sei-</span><br/> <span class="ft7">ner Natur nach durchaus um ein (wenn auch "besonderes", vgl.</span><br/> <span class="ft7">Siehr/Bähler, Basler Kommentar, 2. Aufl., 2013, N. 1b zu Art. 274</span><br/> <span class="ft7">ZPO; Sutter-Somm/Stanischewski, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/</span><br/> <span class="ft7">Leuenberger, a.a.O., N. 5 zu Art. 274 ZPO) ordentliches Verfahren</span><br/> <span class="ft7">handelt, ist daraus nicht zu folgern, dass diese zur alten Rechtslage</span><br/> <span class="ft7">entwickelte Auffassung ihre Berechtigung verloren hätte. Dies umso</span><br/> <span class="ft7">weniger, als im Rahmen des neuen Scheidungsrechts Art. 205 ZGB</span><br/> <span class="ft7">in Kraft getreten war, der in seinen Absätzen 1 und 3 vorsieht, dass</span><br/> <span class="ft7">bei Auflösung des Güterstandes jeder Ehegatte seine Vermögens-</span><br/> <span class="ft7">werte, die sich im Besitz des andern befinden, zurücknimmt und die</span><br/> <span class="ft7">Ehegatten ihre gegenseitigen Schulden (gleichgültig aus welchem</span><br/> <span class="ft7">Rechtsgrund sie entstanden sind, Hausheer/Reusser/Geiser, Berner</span><br/> <span class="ft7">Kommentar, 1992, N. 65 zu Art. 205 ZGB; anders noch BGE 111 II</span><br/> <span class="ft7">404 E. 4b betreffend Ansprüchen aus ausservertraglicher Schädigung</span><br/> <span class="ft7">zum alten Scheidungsrecht) regeln (vgl. dazu Hausheer/Reusser/</span><br/> <span class="ft7">Geiser, a.a.O., N. 10 zu Art. 205 ZGB). Auf jeden Fall ist der Sach-</span><br/> <span class="ft7">zusammenhang zwischen der Auflösung und Liquidation einer</span><br/> <span class="ft7">Ehegattengesellschaft einerseits und der güterrechtlichen Auseinan-</span><br/> <span class="ft7">dersetzung anderseits derart eng, dass sich schon aus prozessöko-</span><br/> <span class="ft7">nomischen Gründen die entsprechende objektive Klagenhäufung</span><br/> <span class="ft7">zwingend aufdrängt (Genna, a.a.O., S. 151).</span><br/> <span class="ft7">3.2.2.</span><br/> <span class="ft7">Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass Eheleute im</span><br/> <span class="ft7">Rahmen des Scheidungsverfahrens (die Auflösung und) die <i>tatsäch-</i></span><br/> <span class="ft6"><i>liche</i> Liquidation einer von ihnen geschlossenen Ehegattengesell-</span><br/> <span class="ft7">schaft verlangen und damit zum Prozessgegenstand des Schei-</span><br/> <span class="ft7">dungsverfahrens machen können. Sie müssen es aber nicht.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">296</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Unterbleiben entsprechende Begehren der Eheleute im Scheidungs-</span><br/> <span class="ft7">verfahren, kann <i>und muss</i> der Scheidungsrichter im Rahmen der</span><br/> <span class="ft7">güterrechtlichen Auseinandersetzung die Liquidation der Ehe-</span><br/> <span class="ft7">gattengesellschaft <i>rechnerisch</i> vornehmen (Genna, a.a.O., S. 54 und</span><br/> <span class="ft7">152 sowie - zur rechnerischen Liquidation als solcher und der</span><br/> <span class="ft7">Notwendigkeit, einen umstrittenen Verkehrswert mittels Gutachten</span><br/> <span class="ft7">zu ermitteln - S. 56 ff.). Die Eheleute bleiben dann - vorbehältlich</span><br/> <span class="ft7">eigener Liquidationshandlungen - über die Scheidung hinaus Ge-</span><br/> <span class="ft7">samteigentümer der Liegenschaft (auch wenn die Ehegattengesell-</span><br/> <span class="ft7">schaft unter Umständen, z.B. zufolge Zweckfortfalls [Art. 545 Abs. 1</span><br/> <span class="ft7">Ziff. 1 OR] eventuell bereits von Gesetzes wegen aufgelöst ist, vgl.</span><br/> <span class="ft7">dazu Genna, a.a.O., S. 41 ff.).</span><br/> <span class="ft7">Wird im Scheidungsverfahren die (Auflösung und <i>tatsächliche)</i></span><br/> <span class="ft7">Liquidation der Ehegattengesellschaft verlangt, ist zum einen zu be-</span><br/> <span class="ft7">achten, dass die Auflösung und die Liquidation, die sich in eine</span><br/> <span class="ft7">äussere und eine innere unterteilt (Genna, a.a.O., S. 12 ff.), naturge-</span><br/> <span class="ft7">mäss aufeinanderfolgen, und zum andern, dass das tatsächliche</span><br/> <span class="ft7">Ergebnis der äusseren Liquidation zuerst gesellschaftsrechtlich bei</span><br/> <span class="ft7">der inneren Liquidation einzusetzen ist (Art. 548 f. OR) und dieses</span><br/> <span class="ft7">Ergebnis der inneren Liquidation noch nach güterrechtlichen</span><br/> <span class="ft7">Gesichtspunkten den Gütermassen zugeordnet werden muss</span><br/> <span class="ft7">(Hausheer, Anmerkungen zur Ehegattengesellschaft, ZBJV 1995,</span><br/> <span class="ft7">S. 622 f.). Das Güterrecht seinerseits ist grundsätzlich in einer Weise</span><br/> <span class="ft7">zu regeln, dass der entsprechende auf Geldleistung gerichtete Aus-</span><br/> <span class="ft7">gleichsanspruch (vgl. Art. 205 ZGB) im Urteilsdispositiv betrags-</span><br/> <span class="ft7">mässig festgehalten und so ein definitiver Rechtsöffnungstitel (Art.</span><br/> <span class="ft7">80 SchKG) geschaffen wird. Ist somit zufolge eines entsprechenden</span><br/> <span class="ft7">Antrags eines oder beider Ehegatten eine tatsächliche Liquidation</span><br/> <span class="ft7">durchzuführen, muss grundsätzlich deren Ergebnis bekannt sein,</span><br/> <span class="ft7">damit der güterrechtliche Schlussanspruch (vollstreckbar) franken-</span><br/> <span class="ft7">mässig bestimmt werden kann (Genna, a.a.O., S. 54 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft7">Daraus folgt, dass bei einem Antrag auf tatsächliche Liquidation der</span><br/> <span class="ft7">Ehegattengesellschaft, der sich ein Ehegatte widersetzt, das</span><br/> <span class="ft7">Scheidungsgericht zunächst darüber zu befinden hat, ob die Ehe-</span><br/> <span class="ft7">gattengesellschaft aufgelöst ist (vgl. die Fälle von Art. 545 Abs. 1</span><br/> <span class="ft7">Ziff. 1-6 OR, die von Gesetzes wegen zur Auflösung der Gesellschaft</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">297</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">führen) oder nach Art. 545 Abs. 1 Ziff. 7 in Verbindung mit Art. 545</span><br/> <span class="ft7">Abs. 2 OR aus wichtigem Grund durch Gestaltungsurteil aufzulösen</span><br/> <span class="ft7">(vgl. Genna, a.a.O., S. 37 ff.) und - gegebenenfalls - die (äussere)</span><br/> <span class="ft7">Liquidation (vgl. Genna, a.a.O., S. 11 ff. und 90 ff.) anzuordnen ist.</span><br/> <span class="ft7">Zwar spricht namentlich bei überschaubaren Verhältnissen grund-</span><br/> <span class="ft7">sätzlich nichts dagegen, die Auflösung und Liquidation im Schei-</span><br/> <span class="ft7">dungsurteil selber anzuordnen und für den (noch unbekannten)</span><br/> <span class="ft7">Liquidationserlös einen separaten Verteilschlüssel vorzusehen, der</span><br/> <span class="ft7">neben eine die übrigen Vermögenswerte umfassende güterrechtliche</span><br/> <span class="ft7">Auseinandersetzung tritt. Stellen sich die güterrechtlichen Verhält-</span><br/> <span class="ft7">nisse indes komplex dar oder ist gar ein negatives Liquidationsergeb-</span><br/> <span class="ft7">nis zu befürchten, drängt es sich hingegen - jedenfalls, soweit die</span><br/> <span class="ft7">Scheidung als solche unstrittig ist - auf, über die Auflösung und</span><br/> <span class="ft7">Liquidation der Ehegattengesellschaft im Scheidungsverfahren vor-</span><br/> <span class="ft7">weg einen Teilentscheid zu erlassen.</span><br/></div> </div> </body> </html>