<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 91 S.391</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">391</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>91</b></span> <span class="ft2"><b>Ausstand (§ 5 Abs. 1 und 2 VRPG).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Es ist mit der Ausstandspflicht vereinbar, dass am Entscheid nicht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>unmittelbar beteiligte Amtsstellen von Bauherren vorgängig der Bau-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gesuchseinreichung konsultiert werden; die Ratsuchenden sind auf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>die Unverbindlichkeit entsprechender Auskünfte hinzuweisen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2/b).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 18. September 2000 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen A. AG gegen Regierungsrat.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. Die Beschwerdegegnerin beabsichtigt, auf der Parzelle</span><br/> <span class="ft1">Nr. 715 der Erbengemeinschaft G. nach vorgängigem Abbruch des</span><br/> <span class="ft1">bestehenden Wohnhauses und der bestehenden Garage (Gebäude</span><br/> <span class="ft1">Nrn. 909 und 792) eine Tankstelle mit Shop und Waschanlage zu er-</span><br/> <span class="ft1">richten. Der Tankstellenbereich umfasst acht überdachte Betankungs-</span><br/> <span class="ft1">plätze und eine Zweitakt-Säule. Das vorfabrizierte Shop-Gebäude hat</span><br/> <span class="ft1">eine Grundfläche von 18,00 m x 12,00 m; im Gebäude integriert sind</span><br/> <span class="ft1">ein Verkaufsraum von 143 m</span><span class="ft5"><sup>2</sup></span> <span class="ft1">Grundfläche und die notwendigen</span><br/> <span class="ft1">Nebenräume. Die ebenfalls vorfabrizierte Waschanlage weist eine</span><br/> <span class="ft1">Grundfläche von 10,35 m x 5,00 m auf. Zwischen dem Shop-Ge-</span><br/> <span class="ft1">bäude und der Waschanlage wird der Technik- und Geräteraum er-</span><br/> <span class="ft1">stellt.</span><br/> <span class="ft1">2. Die Beschwerdeführerin macht vorab geltend, aufgrund der</span><br/> <span class="ft1">Akten stehe fest, dass die Bauherrschaft die Verkehrsführung gemäss</span><br/> <span class="ft1">Baugesuch mit X. von der Abteilung Verkehr des Baudepartements</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">392</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">vorbesprochen und dieser sie als in Ordnung befunden habe; diese</span><br/> <span class="ft1">Vorbefassung habe zu einer Voreingenommenheit geführt, weshalb</span><br/> <span class="ft1">sich X. gemäss § 5 VRPG in den Ausstand hätte begeben müssen.</span><br/> <span class="ft1">Der Regierungsrat hat diese Rüge verworfen.</span><br/> <span class="ft1">a) Weil das Baugrundstück an die Kantonsstrasse K 110 an-</span><br/> <span class="ft1">grenzt, wurden mit dem Baugesuch auch kantonale Amtsstellen be-</span><br/> <span class="ft1">fasst. Bereits am 13. Dezember 1996 war das geplante Bauvorhaben</span><br/> <span class="ft1">zwischen der Bauherrschaft sowie Vertretern der Stadt Aarau und der</span><br/> <span class="ft1">Abteilung Verkehr des Baudepartements vorbesprochen worden;</span><br/> <span class="ft1">nachdem das Baugesuch am 5. Juni 1997 eingereicht worden war,</span><br/> <span class="ft1">fand am 19. Juni 1997 zwischen den Abteilungen Tiefbau und Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehr des Baudepartements eine Besprechung statt, an welcher die</span><br/> <span class="ft1">Vertreter der Abteilung Verkehr (X. und Y.) die Rahmenbedingungen</span><br/> <span class="ft1">bekannt gaben. Entsprechend stellten die Abteilungen Tiefbau und</span><br/> <span class="ft1">Verkehr in ihren Mitberichten vom 20. Juni bzw. 17. Juli 1997 an die</span><br/> <span class="ft1">Baugesuchszentrale u. a. den Antrag, die verkehrsmässige Erschlies-</span><br/> <span class="ft1">sung der Anlage mit Einfahrt über einen neuen südwestlichen An-</span><br/> <span class="ft1">schluss (mit signalisiertem Ausfahrverbot) und Ausfahrt über den be-</span><br/> <span class="ft1">stehenden nordöstlichen Weganschluss sei nur auf Zusehen hin zu</span><br/> <span class="ft1">tolerieren, und vor Beginn der Bauarbeiten hätten Absprachen über</span><br/> <span class="ft1">die Verkehrsführungen und Signalisationen zu erfolgen. In diesem</span><br/> <span class="ft1">Sinne nahm die Baugesuchszentrale in ihre Verfügung vom 30. Juli</span><br/> <span class="ft1">1997 eine Auflage auf, wonach das von den erwähnten Abteilungen</span><br/> <span class="ft1">vorgeschlagene Verkehrsregime (Einfahrt über den neuen Anschluss,</span><br/> <span class="ft1">Ausfahrt über den bestehenden Weganschluss) lediglich auf Zusehen</span><br/> <span class="ft1">hin toleriert werde; vor Beginn der Bauarbeiten seien die</span><br/> <span class="ft1">Verkehrsführungen und Signalisierungen im Bereich der bestehenden</span><br/> <span class="ft1">Wegeinmündung mit Rücksicht auf die bestehende Tankstelle und</span><br/> <span class="ft1">die Anlieferung mit Grossfahrzeugen mit dem Nachbarbetrieb und</span><br/> <span class="ft1">der Verkehrspolizei abzusprechen. Im Nachgang zur stadträtlichen</span><br/> <span class="ft1">Einspracheverhandlung mit Augenschein vom 17. September 1997,</span><br/> <span class="ft1">an der u. a. auch X. teilnahm, ersuchte hierauf das Stadtbauamt die</span><br/> <span class="ft1">Baugesuchszentrale mit Schreiben vom 10. Oktober 1997, eine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">393</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Lösung zu treffen, die ,,lediglich die betroffene Parzelle 715 sowie</span><br/> <span class="ft1">allenfalls die mit Dienstbarkeiten sichergestellte Zufahrt" tangiere. In</span><br/> <span class="ft1">einem Mitbericht vom 28. Oktober 1997 an die Baugesuchszentrale</span><br/> <span class="ft1">stellte sodann X. in seiner Eigenschaft als Chef der Sektion Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsplanung unter Bezugnahme auf den Augenschein vom 17. Sep-</span><br/> <span class="ft1">tember 1997 fest, dass die Eigentümerin der Nachbarparzelle Nr. 716</span><br/> <span class="ft1">(= Beschwerdeführerin) nicht bereit sei, zu einer gemeinsamen</span><br/> <span class="ft1">Lösung Hand zu bieten; gestützt auf die neue Ausgangslage sei die</span><br/> <span class="ft1">Teilverfügung der Baugesuchszentrale vom 30. Juli 1997 dahin-</span><br/> <span class="ft1">gehend zu überprüfen, dass eine Absprache mit der Eigentümerin der</span><br/> <span class="ft1">Parzelle Nr. 716 entfalle und lediglich eine Optimierung der Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsverhältnisse im Bereich der Ausfahrt gemäss Korrektur im</span><br/> <span class="ft1">Situationsplan 1:100 Nr. 96118-01 vom 30. Mai 1997 zu erfolgen</span><br/> <span class="ft1">habe. In einem weiteren Mitbericht vom 14. November 1997 erklärte</span><br/> <span class="ft1">sich der Chef der Sektion Verkehrsplanung auch damit einverstan-</span><br/> <span class="ft1">den, dass die Verkehrsführung aufgrund des von der Bauherrschaft</span><br/> <span class="ft1">eingereichten, vom 20. Oktober 1997 datierten Situationsplans 1:100</span><br/> <span class="ft1">Nr. 96118-10 erfolge. Mit Teilverfügung vom 25. November 1997</span><br/> <span class="ft1">(,,Änderung und Ergänzung der Zustimmung vom 30. Juli 1997")</span><br/> <span class="ft1">legte die Baugesuchszentrale die einschlägigen Auflagen abschlies-</span><br/> <span class="ft1">send wie folgt fest:</span><br/> <span class="ft6">,,(...)</span><br/> <span class="ft6">3. (Neu)</span><br/> <span class="ft6">Die Erschliessung der Anlage mit Einfahrt über einen neuen südwest-</span><br/> <span class="ft6">lichen Anschluss und Ausfahrt über den bestehenden nordöstlichen</span><br/> <span class="ft6">Weganschluss wird lediglich auf Zusehen hin toleriert. Dieses Regime</span><br/> <span class="ft6">ist nach Absprache mit dem Aargauischen Polizeikommando / Ver-</span><br/> <span class="ft6">kehrspolizei (...) zu signalisieren. Die Verkehrsverhältnisse im Bereich</span><br/> <span class="ft6">der Ausfahrt sind gemäss Korrektur im Plan 1:100, Nr. 96118-01,</span><br/> <span class="ft6">Eingang Baugesuchszentrale am 13. Okt. 1997, zu optimieren.</span><br/> <span class="ft6">(...)</span><br/> <span class="ft6">6. Entfällt.</span><br/> <span class="ft6">(...)"</span><br/> <span class="ft1">b) § 5 VRPG lautet wie folgt:</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">394</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7"><sup>1</sup></span><span class="ft6">Behördemitglieder und Sachbearbeiter dürfen beim Erlass von Ver-</span><br/> <span class="ft6">fügungen und Entscheiden nicht mitwirken, wenn ein Ausstandsgrund</span><br/> <span class="ft6">im Sinne der Zivilprozessordnung vorliegt.</span><br/> <span class="ft7"><sup>2</sup></span><span class="ft6">Sie haben sich insbesondere in Ausstand zu begeben, wenn sie selbst</span><br/> <span class="ft6">oder ihnen nahe verbundene Personen an der Verfügung oder dem</span><br/> <span class="ft6">Entscheid persönlich interessiert sind, sowie in Angelegenheiten von</span><br/> <span class="ft6">juristischen Personen, deren Verwaltung sie oder ihnen nahe verbun-</span><br/> <span class="ft6">dene Personen angehören, ferner wenn sie in der Sache schon in einer</span><br/> <span class="ft6">untern Instanz, oder als Berater oder Vertreter eines Beteiligten mit-</span><br/> <span class="ft6">gewirkt haben.</span><br/> <span class="ft7"><sup>3</sup></span><span class="ft6">(...)"</span><br/> <span class="ft1">Ein Ausstandsgrund im Sinne des Zivilrechtspflegegesetzes</span><br/> <span class="ft1">(Zivilprozessordnung, ZPO) vom 18. Dezember 1984 liegt nicht vor</span><br/> <span class="ft1">und wird auch nicht geltend gemacht. Ebenso wenig wird behauptet,</span><br/> <span class="ft1">X. oder ihm Nahestehende verträten im vorliegenden Fall persönli-</span><br/> <span class="ft1">che Interessen. Demnach kann sich die Ausstandspflicht nur aktuali-</span><br/> <span class="ft1">sieren, wenn X. in der Sache schon in einer untern Instanz oder als</span><br/> <span class="ft1">Berater oder Vertreter eines Beteiligten mitgewirkt hat. Dies ist zu</span><br/> <span class="ft1">verneinen. Fest steht zunächst, dass der Chef der Sektion Verkehrs-</span><br/> <span class="ft1">planung nicht - wie in § 5 Abs. 2 VRPG vorausgesetzt - auf zwei</span><br/> <span class="ft1">hierarchisch unterschiedlichen Verfahrensstufen tätig gewesen ist.</span><br/> <span class="ft1">Dazu kommt, dass der erwähnte Sachbearbeiter an keinen Entschei-</span><br/> <span class="ft1">den ,,mitgewirkt" hat. Entscheidungsträger waren im erstinstanzli-</span><br/> <span class="ft1">chen Verfahren die Baugesuchszentrale (nach Massgabe von § 63</span><br/> <span class="ft1">lit. b BauG) und der Stadtrat; die Funktion des Chefs der Sektion</span><br/> <span class="ft1">Verkehrsplanung erschöpfte sich darin, das Fachwissen seiner Amts-</span><br/> <span class="ft1">stelle im Sinne einer Antragstellung in die Meinungsbildung der</span><br/> <span class="ft1">kanntonalen Koordinationsstelle einzubringen. Zumindest in der ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsinternen Rechtspflege, wo nicht die gleich strengen Mass-</span><br/> <span class="ft1">stäbe gelten wie in Bezug auf die verwaltungsunabhängigen Organe</span><br/> <span class="ft1">(Thomas Merkli / Arthur Aeschlimann / Ruth Herzog, Kommentar</span><br/> <span class="ft1">zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, Bern</span><br/> <span class="ft1">1997, Art. 9 N 8), rechtfertigt es sich, den Begriff der ,,Mitwirkung"</span><br/> <span class="ft1">in einem rein formalen Sinne aufzufassen (so auch VGE III/21 vom</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">395</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">22. März 1996 in Sachen M., S. 5 ff., in Bezug auf die kantonale</span><br/> <span class="ft1">Denkmalpflege, welche einerseits in der ,,untern Instanz" am</span><br/> <span class="ft1">Baubewilligungsentscheid mitwirkte, anderseits im Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeverfahren als Fachstelle Stellungnahmen abgab). Andern-</span><br/> <span class="ft1">falls würde die namentlich im Zusammenhang mit der Planung</span><br/> <span class="ft1">komplexer Bauvorhaben durchaus sinnvolle Beratungstätigkeit der</span><br/> <span class="ft1">Verwaltung verunmöglicht. Es mag dahingestellt bleiben, ob sich</span><br/> <span class="ft1">§ 28 ABauV, der sogar zulässt, dass die Entscheidungsträger selber</span><br/> <span class="ft1">(Gemeinderat und kantonale Koordinationsstelle) vor der Einrei-</span><br/> <span class="ft1">chung eines Baugesuchs um unverbindliche Auskünfte und Stel-</span><br/> <span class="ft1">lungnahmen ersucht werden, in allen Teilen mit der gesetzlich gere-</span><br/> <span class="ft1">gelten Ausstandspflicht verträgt; die diesbezüglichen Bedenken der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin, wären in einer vertieften Prüfung zu hinterfra-</span><br/> <span class="ft1">gen (vgl. zur Problematik auch: AGVE 1984, S. 443 f.), wofür im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Verfahren kein Anlass besteht. Jedenfalls kann es nicht</span><br/> <span class="ft1">unzulässig sein, dass am Entscheid nicht unmittelbar beteiligte</span><br/> <span class="ft1">Amtsstellen des Kantons von Bauherren konsultiert werden, um ,,ab-</span><br/> <span class="ft1">zutasten, ob das Bauvorhaben überhaupt möglich ist"; von selbst</span><br/> <span class="ft1">versteht sich dabei, dass derartige Auskünfte und Stellungnahmen die</span><br/> <span class="ft1">rechtsanwendenden Instanzen nicht zu binden vermögen und die</span><br/> <span class="ft1">Ratsuchenden hierauf unmissverständlich hinzuweisen sind (vgl.</span><br/> <span class="ft1">§ 28 Abs. 2 Satz 1 ABauV; AGVE 1984, S. 444). Entgegen der Auf-</span><br/> <span class="ft1">fassung der Beschwerdeführerin konnte die Beratungstätigkeit von</span><br/> <span class="ft1">X. diesen somit nicht hindern, im Mitberichtsverfahren vor der Bau-</span><br/> <span class="ft1">gesuchszentrale erneut tätig zu werden.</span><br/></div> </div> </body> </html>