B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5830/2018 U r t e i l v o m 2 1 . A u g u s t 2 0 2 0 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richterin Esther Marti, Gerichtsschreiberin Tina Zumbühl. Parteien A._______, geboren am (…), Tunesien, vertreten durch MLaw Dominic Nellen, Rechtsanwalt, Kiener & Nellen, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisung); Verfügung des SEM vom 10. September 2018 / N (…). E-5830/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reichte am 18. Mai 2018 im damaligen Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) in Kreuzlingen ein Asylgesuch ein, nachdem er bei einer Personenkontrolle [in der Schweiz] ohne gültigen Aufenthalts- titel erfasst wurde. B. Eine Abfrage des SEM bei verschiedenen Datenbanken ergab, dass dem Beschwerdeführer im Jahr 1996 eine zehnjährige Einreisesperre in die Schweiz auferle gt wurde. Eine weitere dreijährige Einreisesperre wurde ihm aufgrund zahlreicher illegaler Einreisen in die Schweiz am 18. Novem- ber 2015 mit Gültigkeit bis 17. November 2018 auferlegt. C. Am 31. Mai 2018 fand eine Befragung zur Person (BzP) statt. Dabei gab der Beschwerdeführer an, er sei in der Schweiz rechtlich vertreten. D. Am 20. Juni 2018 reichte die Rechtsvertretung dem SEM eine Mandatsan- zeige, datierend auf den 20. September 2016, ein, und führte aus, sie ver- trete den Beschwerdeführer in ausländerrechtlichen Belangen bereits seit geraumer Zeit. E. Am 6. August 2018 wurde der Beschwerdeführer in Anwesenheit seiner Rechtsvertretung vertieft zu seinen Asylgründen angehört. Dabei machte er im Wesentlichen folgenden Sachverhalt geltend: Er stamme aus Tunis und habe die Schule bis zur 6. Klasse besucht. In den 90er Jahren sei er bereits einmal in der Schweiz gewesen und habe mit seiner damaligen Partnerin ein Kind bekommen. 1996 sei er nach Tu- nesien ausgeschafft worden. Seine damalige Partnerin habe ihn nach Tu- nesien begleitet. In Tunesien seien sie mit einem Polizisten in Kontakt ge- kommen, welcher ihnen versprochen habe, ihm wieder einen Reisepass zu besorgen. Bei einer Verabredung mit dem Polizeibeamten sei er jedoch einer Kontrolle unterzogen und auf den Polizeiposten gebracht worden. Man habe ihm dabei Drogen unterschieben wollen. Erst am folgenden Tag sei er wieder freigelassen worden. Er habe sich danach über die Polizei- beamten beschwert und diese seien in der Folge aus dem Dienst entlassen worden. E-5830/2018 Seite 3 Etwa im Jahr 1999/2000 habe er in Tunesien einen Mann kennengelernt und habe mit diesem eine Beziehung geführt. Etwa bis zum Jahr 2010 hät- ten sie an einem Ort namens B._______ zusammengelebt. Seine Familie und auch Freunde hätten von der Beziehung gewusst. Damals habe er noch keine Probleme aufgrund seiner sexuellen Orientierung gehabt. Nach der Trennung sei er wieder zu seiner Familie in s ein Herkunftsquartier in Tunis zurückgekehrt. Nach der Revolution im Jahr 2011 habe er verschiedene Probleme gehabt, weshalb er bereits kurz darauf entschieden habe, Tunesien erneut zu ver- lassen. Damals habe er jedoch noch keine Möglichkeit gehabt auszurei- sen, weswegen er noch einige Jahre in Tunesien geblieben sei. Ab dem Jahr 2011 habe er keine Stelle mehr gehabt, habe aber Gelegenheitsjobs ausgeführt. Er habe sich fortan an verschiedenen Orten aufgehalten, da sich seine Probleme insbesondere in seinem Quartier abgespielt hätten; er sei jedoch immer wieder zu seiner Familie in sein Herkunftsquartier zurück- gekehrt. Nach der Revolution seien jene Polizeibeamte, welche wegen ihm entlassen worden seien, wieder an seinem Wohnort in Tunis tätig gewesen. Er sei mehrfach festgenommen und geschlagen worden, da man sich an ihm habe rächen wollen. Hinzukommend sei er von Kollegen und auch Un- bekannten, welche nach der Revolution religiös geworden seien, in seinem Herkunftsquartier aufgrund seiner sexuellen Orientierung wiederholt ge- schlagen worden. Sie hätten ihm beispielsweise im Jahr 2013 oder 2014 eine Verletzung am Hals zugefügt, von welcher er bis heute eine Narbe davontrage. Es seien in der Folge Polizisten ins Krankenhaus gekommen und er habe von der Verletzung a m Hals berichtet, es sei jedoch nichts weiter unternommen worden und er habe keine Anzeige erstattet. Im Jahr 2014 sei er von einem Auto angefahren worden und sei am Handgelenk verletzt worden. Im Jahr 2015 sei er abends auf dem Heimweg heftig auf den Kopf geschlagen worden und habe hospitalisiert werden müssen. Etwa drei bis vier Monate nach diesem Vorfall habe er Tunesien letztmals verlassen. Er habe sich insgesamt von den Polizisten und den Leuten im Quartier gefürchtet, da diese von seiner sexuellen Orientierung gewusst hätten, und radikale Islamisten geworden seien. Seit seiner Ausreise aus Tunesien im Jahr 2015 habe er sich bis zur Einreichung des Asylgesuchs im Jahr 2018 illegal in der Schweiz aufgehalten. Er habe ein Verfahren zur Eintragung der Partnerschaft mit einem in der Schweiz wohnhaften [euro- päischen] Staatsangehörigen eingeleitet. E-5830/2018 Seite 4 Er reichte eine Partnerschaftsurkunde, ausgestellt am (…) 2018 in Zürich, ein. Bei den Akten befinden sich ferner ein Geburtsschein und eine tunesi- sche Zivilstandsbescheinigung, beide datierend auf den (…) 2017, sowie eine tunesische Staatsangehörigkeitsbescheinigung. F. Mit Verfügung vom 10. September 2018 (eröffnet am 11. September 2018) stellte die Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingsei- genschaft nicht erfülle und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig hielt sie fest, dass der Entscheid über den weiteren Aufenthalt in der Schweiz oder eine allfällige Wegweisung in die Zuständigkeit der kantonalen Migrations- behörde falle. G. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer durch seinen Rechts- vertreter mit Eingabe vom 11. Oktober 2018 (Poststempel) Beschwerde. Er beantragte, die Verfügung der Vorinstanz vom 10. September 2018 sei auf- zuheben, seine Flüchtlingseigenschaft sei festzustellen und ihm sei Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Prozess- führung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu gewähren und der Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beizuord- nen. H. Mit Zwischenverfügungen vom 29. Oktober 2018 sowie 15. November 2018 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung gut und ordnete den Rechtsvertreter als a mtli- chen Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz eingeladen, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen. I. In seiner Vernehmlassung vom 20. November 2018 hielt das SEM fest, die Beschwerdeschrift enthalte keine erheblichen Tatsachen oder Beweismit- tel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Es verwies auf die Erwägungen seiner Verfügung, an denen es vollumfänglich festhielt. J. Am 11. Januar 2019 wurde die Vernehmlassung dem Beschwerdeführer zur Kenntnisnahme zugestellt. E-5830/2018 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer E-5830/2018 Seite 6 politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz begründete die ablehnende Verfügung im Wesentlichen mit der Un glaubhaftigkeit der Vorbringen. Zunächst führte das SEM aus, dass Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers, er habe wegen seiner Homosexualität Probleme gehabt, bestehen würden. Trotz der Be- ziehung im Jahr 1996, aus welcher eine Tochter hervorgegangen sei, sowie seiner Aussage gegenüber der (schweizerischen) Grenzwache im Jahr 2018, er habe beabsichtigt nach Frankreich zu reisen , um eine französi- sche Staatsbürgerin zu heiraten, könne die Frage der Tatsächlichkeit sei- ner Homosexualität und seines Willens, in der Schweiz eine eingetragene Partnerschaft einzugehen, offen bleiben. Diese Beurteilung falle in die Zu- ständigkeit des Kantons (…). Im Rahmen seines Asylverfahrens sei indes- sen festzustellen, dass ihm eine Verfolgung in Tunesien aufgrund seiner Homosexualität nicht geglaubt werden könne. An der BzP habe er ange- geben, bis auf den angeblichen Aufenthalt in B._______ bei seiner Familie in Tunis gewohnt zu haben. Er habe dabei nichts über die später vorge- brachten vorsorglichen Aufenthalte in anderen Quartieren aufgrund seiner Angst vor Verfolgung erzählt. In der Anhörung habe er h ingegen angege- ben, nur sporadisch seine Familie besucht zu haben, beziehungsweise Un- terstützung von ihnen verlangt zu haben. Demgegenüber habe er jedoch auch angegeben, mit seiner Familie Probleme gehabt und von dieser keine Unterstützung erhalten zu haben. Weshalb er zwischen 2011 und 2015 re- gelmässig in sein Quartier in Tunis hätte zurückkehren sollen, in welchem er im Gegensatz zu den anderen Quartieren verfolgt worden sei, er- schliesse sich nicht. Es sei auch nicht nachvollziehbar, weshalb er Tune- sien angesichts der angeblichen fortlaufenden Verfolgung nicht schon frü-E-5830/2018 Seite 7 her verlassen habe. Er habe bezüglich seiner Ausreisemotivation und sei- nem Ausreisezeitpunkt widersprüchliche, unsubstantiierte und inkongru- ente Angaben gemacht. Des Weiteren habe er nicht z u erklären vermocht, weshalb er erst nach seiner Festnahme [in der Schweiz] im Jahr 2018 ein Asylgesuch gestellt habe, obschon er bereits im Jahr 2015 Tunesien verlassen habe. Er habe zunächst verschiedene, nicht nachvollziehbare Gründe angegeben, wes- halb er trotz der angeblichen Verfolgung in Tunesien bei seinen mehrmali- gen illegalen Einreisen in die Schweiz ab 2015 nie um Schutz ersucht habe. Im Jahre 2015 habe er bei der Grenzwache überdies lediglich ange- geben, gegen eine Rückkehr nach Tunesien spreche ein Mangel an Arbeit. Seine Erklärung, weshalb er nach seiner Festnahme im Jahr 2018 ange- geben habe, er habe eine Französin ehelichen wollen, sei ebenfalls un- behelflich. Erst am Ende der Anhörung zu den Asylgründen habe er dann offenbart, dass er nicht wie von ihm zuvor dargelegt seit 2015 hauptsäch- lich in Italien gewohnt habe, sondern die Schweiz seit 2015 nicht mehr ver- lassen habe. Seine Angabe, dass sein Bruder ihm (nach seiner angeblich letzten Einreise in die Schweiz im Jahr 2018) wegen seiner Homosexualität drohe, erscheine somit umso mehr fraglich, wobei ohnehin nicht ersichtlich sei, mit was der Bruder ihm drohen solle, da gemäss seinen Angaben seine Familie bereits über seine frühere Partnerschaft mit einem Mann gewusst habe. Ausserdem erscheine seine Asylgeschichte auch vor dem Hinter- grund, dass er zum Zeitpunkt der Einreichung seines Asylgesuchs in Folge einer Festnahme bereits seit eineinhalb bis zwei Jahren rechtlich vertreten gewesen sei, konstruiert. Seine Vorbringen würden insgesamt den Anfor- derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten, weshalb auf die Prüfung von deren Asylrelevanz nach Art. 3 AsylG verzich- tet werden könne. In Bezug auf seine geltend gemachten Probleme mit Poliz isten ab dem Jahr 2011 und die mehrmaligen Inhaftierungen führte das SEM aus, dass gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers das Motiv der Poliz isten Rache für deren auf ihn zurückzuführende Dienstentlassung im Jahr 1996 gewesen sei. Dabei handle es sich n icht um ein asylrechtliches Motiv i m Sinne des Art. 3 AsylG. Diesem Vorbringen müsse vielmehr im Rahmen der Prüfung des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen werden. Es sei somit auf die auch in Bezug auf dieses Vorbringen vorhandenen Unglaub- haftigkeitsmerkmale nicht weiter einzugehen. E-5830/2018 Seite 8 4.2 In der Beschwerde wird moniert, dass die Argumentation des SEM, wo- nach das Motiv der Rache nicht vom Asylgesetz abgedeckt sei, unvollstän- dig sei. Der Beschwerdeführer habe zwar in Bezug auf die Polizeibeamten von Rache gespro chen. Er habe jedoch stets betont, dass sein soziales Umfeld und die staatlichen Behörden nach der Revolution im Jahr 2011 stark radikalisiert worden seien und ihm von verschiedenen Seiten viel Leid und Unrecht angetan worden sei. Die Verfolgung habe sich nicht auf die vom Dienst entlassenen Polizeibeamten beschränkt, sondern er sei auch von Unbekannten und von ehemaligen Bekannten verfolgt worden. Ihm sei von Fre mden mitgeteilt worden, dass homosexuelle Personen auszulö- schen seien. Es handle sich somit nicht nur um eine Rache von zwei ehe- maligen Polizisten, sondern um eine seit 2011 stattfindende Verfolgung von homosexuellen Personen, vor welcher der tunesische Staat keinen Schutz zu bieten vermöge. In Bezug auf die Glaubhaftigkeit der Vorbringen wird ferne r ausgeführt, dass die Erwägungen der Vorinstanz hinsichtlich der sexuellen Orientie- rung verkürzt, teilweise anmassend und realitätsfremd seien. Der Be- schwerdeführer habe an der Anhörung angegeben, erst seit dem Jahr 1999 in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gelebt zu haben. Er habe mit seinem damaligen Partner knapp zehn Jahre zusammengelebt, was eine beachtliche Dauer sei. Er habe auch betont, dass Familienmitglieder und zahlreiche Freunde von seiner Homosexualität gewusst oder diese zumin- dest vermutet hätten. Bereits vor der Re volution sei seine sexuelle Orien- tierung bekannt und teilweise auch ein Problem gewesen. Die gravieren- den Probleme hätten indes erst nach der Revolution begonnen. Aufgrund der Sachlage bestehe kein Anlass, an seiner Homosexualität zu zweifeln. Die Tatsache, dass er zuvor mit einer Frau eine Partnerschaft geführt und mit ihr ein Kind habe, könne die Vorinstanz nicht zu seinen Ungunsten aus- legen. Es sei angesichts seiner Herkunft und Religion verständlich, dass er möglicherweise seine Homosexualität nicht sch on früher habe offenlegen können beziehungsweise wollen. Inzwischen lebe er in der Schweiz in ei- ner eingetragenen Partnerschaft, womit seine Homosexualität belegt sei. Der Beschwerdeführer habe überdies betont, dass er die bei der Grenzwa- che getätigte Aussage, er habe eine französische Staatsangehörige eheli- chen wollen, aus rein taktischen Gründen und auf Ratschlag und Druck seines Bruders geäussert habe. Dieser habe ihm nämlich gedroht, seine Homosexualität seiner Familie zu offenbaren. E-5830/2018 Seite 9 Es erschliesse sich zudem nicht, inwiefern der Beschwerdeführer in Bezug auf seine Wohnverhältnisse widersprüchliche Aussagen gemacht haben solle. Die Frage in der BzP nach seinem letzten Wohnort ha be lediglich den Zweck gehabt, die letzte offizielle Wohnadresse des Beschwerdefüh- rers zu eruieren. Diese sei tatsächlich bei seiner Familie gewesen. Eine persönliche Wohnadresse habe er angesichts seiner schwierigen persön- lichen Verhältnisse und insbesondere aufgrund der Verfolgung wegen sei- ner Homosexualität nicht angeben können. Er sei aufgrund seiner Gesamt- situation nicht in der Lage gewesen, an einem bestimmten Ort sesshaft zu werden. Er habe ausgeführt, dass er immer wieder bei Freunden oder Ver- wandten gelebt und ab und zu – wenn es seine finanziellen Verhältnisse erlaubt hätten – eine eigene Wohnung gemietet habe. Er sei häufig umher- gereist, aber letztlich stets zu seiner Familie zurückgekehrt. Es habe für ihn keine sichere Alternative gegeben. Es sei somit naheliegend, dass er unter seinen vielen Aufenthaltsorten die konstant este Wohnadresse seiner Fa- milie in Tunis angegeben habe. Der Vorwurf der Vorinstanz, der Beschwerdeführer sei trotz der intensiven Verfolgung zwischen 2011 und 2015 regelmässig in sein Wohnquartier zu- rückgekehrt, anstatt sich dauerhaft an einem anderen Ort niederzulassen, mute ebenfalls seltsam an. Die Vorinstanz verkenne damit, dass es dem Beschwerdeführer an den persönlichen Voraussetzungen und finanziellen Mitteln gefehlt habe, um selbstständig zu werden und sich an einem neuen Ort ein Leben aufzubauen. Er habe ausserhalb von Tunis niemanden ge- kannt und sei auf die Unterstützung seiner Familie angewiesen gewesen. Nach der Trennung von seinem damaligen Lebenspartner sei er gezwun- gen gewesen, zu seiner Familie zurückzukehren und sich dem Risiko einer Verfolgung auszusetzen. Er habe durch die prägenden Erfahrungen der erlittenen Gewalt und der Einschüchterung seitens der Behörden eine ge- nerelle Unsicherheit und Mutlosigkeit verspürt. Dies könne mitunter als Er- klärung dienen, weshalb der Beschwerdeführer den Schritt ins Ausland erst nach jahrelanger Schikane gewagt habe. Die Hürde, in ein fremdes Land zu reisen und dort um Hilfe zu ersuchen, sei für ihn sehr hoch gewesen. Die Aussagen des Beschwerdeführers seien insgesamt äusserst glaubhaft und er habe seine Erfahrungen anschaulich zum Ausdruck gebracht. Das SEM habe hingegen auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Vor- bringen des Beschwerdeführers verzichtet und seine leidvollen Erfahrun- gen nicht erwähnt. Aus diesem Grund sei neben der Verletzung von Art. 3 und Art. 7 AsylG sowie Art. 1A Abs. 2 FK auch die unrichtige und unvoll- ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu rügen. E-5830/2018 Seite 10 5. Der Beschwerdeführer beantragt eventualiter die Kassation der angefoch- tenen Verfügung und macht geltend, die Vorinstanz habe den Sachverhalt unrichtig und unvollständig festgestellt (Beschwerde S. 4, 7f.). Diese for- melle Rüge ist vorab zu prüfen. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri- ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor- den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe- sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT- SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043). Die Rüge erweist sich nach Durchsicht der Akten als nicht berechtigt. Die Vorinstanz hat den Beschwerdeführer in der Befragung zur Person und in der Anhörung einlässlich zu all en seinen Vorbringen angehört; in der An- hörung war seine Rechtsvertretung anwesend, die die Möglichkeit gehabt hätte, Zusatzfragen zu stellen (vgl. Akte A31 S. 7, 15 und 20). Die bei der Anhörung anwesende Hilfswerkvertretung hatte keine Einwendungen ge- gen die Art der Befragung anzubringen und liess ebenfalls keine zusätzli- chen Fragen stellen (vgl. Akte A31 S. 7, 15, 20 und 22). Dass in der Anhö- rung relevante Aspekte der Vorbringen nicht zur Sprache gekommen wä- ren, lässt sich demnach nicht feststellen; der im Asylverfahren von Anfang an rechtlich vertretene Beschwerdeführer hat sich denn auch nie schriftlich mit ergänzenden Angaben an die Vorinstanz gewandt. Auch im Beschwer- deverfahren werden keine Sachverhaltsaspekte neu vorgetragen, die nicht im erstinstanzlichen Verfahren zur Sprache gekommen wären. Eine unrich- tige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung durch die Vorinstanz lässt sich nicht feststellen. Dass die Vorinstanz die Vorbringen des Be- schwerdeführers teils als unglaubhaft, teils als nicht asylrelevant gewürdigt hat, betrifft vielmehr die Frage der materiellen Prüfung der geltend gemach- ten Asylgründe; hierauf ist nachfolgend zurückzukommen. 6. 6.1 Grundsätzlich sind die Vorbringen eines Gesuchstellers dann glaub- haft, wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und E-5830/2018 Seite 11 auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss der Gesuchsteller persönlich glaubwürdig erschei- nen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn er seine Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt, aber auch dann, wenn er wichtige Tatsachen unterdrückt oder be wusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit- wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Bewei s – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwer- deführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sach- verhaltsdarstellung des Gesuchstellers sprechen, überwiegen od er nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (Art. 7 AsylG; vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 m.w.H.). 6.2 Nach Durchsicht der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrele- vante Verfolgung in Tunesien aufgrund seiner geltend gemachten Homo- sexualität glaubhaft zu machen. 6.2.1 Die Vorinstanz hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der Beschwer- deführer inkonsistente Angaben zum Verhältnis zu seiner Familie und zu seinen letzten Wohnorten gemacht hat, weshalb insgesamt nicht der Ein- druck entstand, er habe aufgrund seiner sexuellen Orientierung ernsthafte Probleme mit seiner Familie gehabt. Einerseits hat er angegeben, er habe bis zum Jahr 2010 während etwa neun bis zehn Jahren eine Beziehung mit einem Mann geführt. Se ine Familie habe davon gewusst und er habe keine Probleme gehabt (SEM Akte A31, F138f.). Erst nach der Revolution habe er Schwierigkeiten aufgrund seiner Homosexualität bekommen. Der Partner seiner Mutter habe e in Problem damit gehabt, wie auch die Part- nerin seines Vaters und der Mann der Schwester. Er sei bei seiner Familie nicht mehr erwünscht gewesen (a.a.O., F148). Es scheint jedoch wenig plausibel, dass die Familie vor der Revolution kein Problem mit seiner Ho- mosexualität gehabt haben soll, nach der Revolution hingegen schon, ins- besondere auch da gemäss verschiedenen Quellen nach der Revolution das gesellschaftliche Tabu der Homosexualität in Tunesien allmählich brö- ckelt (vgl. MONIA LACHHEB, Université de la Manouba, Tunesien, Pouvoir et contestation des normes de genre en Tunisie. A propos des corps de femmes lesbiennes, in: Kultūra ir visuomenė: socialinių tyrimų žurnalas, 2018, 9 (1), 115 -130 (S. 116), http://culturesociety.vdu.lt/wp-con- tent/uploads/2018/03/8_Monia-Lachheb_Pouvoir-et-contestation-des-E-5830/2018 Seite 12 normes-de-genre-en-Tunisie.pdf, abgerufen am 4.8.2020; Le Monde, La longue marche des homosexuels tunisiens vers l ’émancipation, 14.08.2018). Hinzukommend hat sich der Beschwerdeführer hinsichtlich seiner Wohnverhältnisse mehrfach widersprochen und seine Aussage, er habe aufgrund seiner Homosexualität nicht bei seiner Familie wohnen kön- nen, ist mit Zweifeln behaftet . An der BzP gab er an, er habe abgesehen von einem Unterbruch von 2000 bis 2008 sein ganzes Leben mit seiner Familie in Tunis gelebt. Dies sei auch seine letzte offizielle Wohnadresse gewesen und er habe mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und einem Halb- bruder zusammengelebt (SEM Akte A8, Ziff. 2.01). An der Anhörung führte er zunächst aus, er habe sich während den letzten vier bis fünf Jahren vor seiner Ausreise meistens im Haus (der Mutter) aufgehalten. Seine Mutter, sein Vater und seine Schwester würden alle im selben Quartier wohnen, weshalb er ab und zu zwischen deren Wohnorten gependelt sei. Da es immer wieder Streit mit dem Mann der Mutter gegeben habe, sei er zwi- schen den Wohnungen der Mutter und der Schwester gependelt (SEM Akte A31, F31ff.). Später gab er auf Vorhalt des SEM, dass er gemäs s seinen Aussagen trotz des Wissens der Familie um seine Homosexualität bei sei- ner Familie gewohnt habe, an, er sei jeweils heimlich in das Haus der Mut- ter gegangen um sie zu besuchen, da er mit dem Mann der Mutter aufgrund seiner Homosexualität Probleme gehabt habe. Er sei jeweils etwa zwei bis drei Tage geblieben (a.a.O., F151f.). Er sei zu jener Zeit ständig auf der Flucht gewesen und habe zwischen 2011 und 2015 keinen bestimmten Wohnort gehabt. Er habe hauptsächlich ausserhalb seines Quartiers gelebt und sei etwa während 10 bis 15 Tage pro Monat in seinem Quartier bei seiner Mutter, seinem Vater und seiner Schwester gewesen (a.a.O., F155ff.). Am Ende der Anhörung gab er erneut an, er habe keinen bestimm- ten Wohnsitz gehabt, sondern sich ab und zu in möbli erte Häuser einge- mietet oder sei bei Freunden in Tu nis wohnhaft gewesen (a.a.O., F 172). Seine widersprüchlichen Angaben betreffend seine Wohnorte in Tunis und auch betreffend das Wissen der Familie über seine Partnerschaft mit einem Mann bis zum Jahr 2010 lassen insgesamt nicht den Eindruck entstehen, dass er mit seiner Familie erhebliche Probleme aufgrund seiner Homose- xualität gehabt habe. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass seinen Aus- sagen in Bezug auf die Probleme mit seiner Familie keine Hinweise zu ent- nehmen sind, wonach diese bereits ein asylrelevantes Ausmass angenom- men hätten. 6.2.2 Ferner erschliesst sich nicht, inwiefern der in der Schweiz wohnhafte Bruder des Beschwerdeführers ihm gedroht haben soll, seiner Familie in Tunis von seiner gleichgeschle chtlichen Partnerschaft in der Schweiz zu E-5830/2018 Seite 13 berichten (SEM Akte A31, F48). In der Anhörung gab er nämlich wie oben erwähnt zu Protokoll, er habe keine Probleme mit seiner Familie gehabt, als er in Tunesien während zahlreichen Jahren mit einem Mann eine Part- nerschaft geführt habe (a.a.O., F138f.). Gemäss seinen Aussagen sei so- mit seine Familie bereits vor seiner Ausreise aus Tunesien über seine se- xuelle Orientierung im Bilde gewesen, weshalb es nicht einleuchtet, dass sein Bruder ihm damit hätte drohen sollen. 6.2.3 Auch seine vorgebrachten Schwierigkeiten mit ehemaligen Freunden und unbekannten Personen aufgrund seiner Homosexualität sind insge- samt nicht glaubhaft geworden. Er berichtete zwar an der BzP und an der Anhörung übereinstimmend, dass Freunde beziehungswei se Personen aus dem Quartier ihn am Hals verletzt hätten. Wegen seiner sexuellen Ori- entierung sei er im Quartier immer wieder geschlagen worden (SEM Akten A8, Ziff. 7.02; A31, F52f.). Seine Schilderungen der Behelligungen durch Unbekannte und Freund e blieben jedoch oberflächlich. Beispielsweise konnte er nicht konkret angeben, wer hinter den Behelligungen gesteckt habe, sondern gab vage an, es seien manchmal die Polizisten, manchmal Freunde und teilweise auch Unbekannte gewesen (SEM Akte A31, F57f ., F80). Auch die Schilderung des Vorfalls, bei welchem er einen Schlag auf den Kopf erhalten habe, blieb oberflächlich und ohne erlebnisgeprägte De- tails, und er konnte das Ereignis zeitlich auch nicht konkret einordnen (a.a.O., F71ff.). Neben seinen oberflächlichen Schilderungen der Über- griffe sind seine Aussagen auch nicht nachvollziehbar. Wäre seine Homo- sexualität tatsächlich an seinem Wohnort bekannt und er deswegen seit dem Jahr 2011 erheblichen Behelligungen ausgesetzt gewesen, leuchtet nicht ein, weshalb er bis zu seiner Ausreise im Jahre 2015 in ebendiesem Quartier wohnhaft gewesen beziehungsweise immer wieder dorthin zu- rückgekehrt wäre. Wie unter E.6.2.1 ausgeführt, fielen seine späteren Aus- sagen, wonach er nur ab und zu nachts ins Quartier zurückgekehrt sei, wenig überzeugend aus. Des Weiteren ist auch in Bezug auf seine Freunde nicht nachvollziehbar, weshalb diese kein Problem mit seiner Partnerschaft mit einem Mann bis zum Jahr 2010 gehabt und ihn auch an deren gemein- samen Wohnort besucht hätten (SEM Akte 31, F138), während sie nach der Revolution ihn deswegen behelligt hätten. Hinzukommend reichte er auch keinerlei Dokumente über die geltend gemachten Krankenhausauf- enthalte nach den Übergriffen ein. Vor dem Hintergrund, dass er seit Be- ginn seines Asylverfahrens rechtlich vertreten gewesen ist, wäre zu erwar- ten gewesen, dass er – auch ohne eine entsprechende Aufforderung des SEM – Belege eingereicht hätte. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass er sich den Behelligungen durch Freunde und Unbekannte habe entziehen E-5830/2018 Seite 14 können, indem er sich nicht in dem Quartier aufgehalten habe (a.a.O., F155, F174), weshalb diese – auch bei Wahrunterstellung – unter Beach- tung des Subsidiaritätsprinzips keine asylrechtliche Relevanz zu entfalte n vermögen (vgl. hierzu auch E.7.2). 6.2.4 Des Weiteren fällt auf, dass der Beschwerdeführer sowohl an der BzP als auch an der Anhörung auf die Frage nach seinen Asylgründen zu- nächst ausführlich über die Vorkommnisse nach seiner Rückkehr nach Tu- nesien aus der Schweiz im Jahr 1996 berichtete (SEM Akten A8, Ziff. 7.01; A31, F50). Über die angeblich nach der Revolution im Jahr 2011 erlebten Probleme mit den Polizisten wie auch mit Privatpersonen erzählte er erst auf Nachfrage ausführlicher, seine Ausführungen blieben jedoch im Ver- gleich zu sein en Schilderungen des Jahres 1996 eher knapp und ober- flächlich (SEM Akten A8, Ziff. 7.02; A31, F52ff.). Dies erstaunt umso mehr, als die damaligen Probleme mit der Polizei bereits über zwanzig Jahre zu- rückgelegen haben. Es wäre vielmehr zu erwarten gewesen, dass die gel- tend gemachten Probleme kurz vor seiner Ausreise aus Tunesien für den Beschwerdeführer in Bezug auf seine Asylgründe im Vordergrund gestan- den wären. Die unterschiedliche Erzähldichte kann als ein weiteres Ele- ment, welches für die Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Schwierig- keiten ab dem Jahr 2011 aufgrund seiner sexuellen Orientierung spricht, gewertet werden. 6.2.5 Ferner hat das SEM zu Recht darauf hingewiesen, dass vom Be- schwerdeführer hätte erwartet werden können, dass er bereits bei seiner Einreise in die Schweiz im Jahr 2015 ein Asylgesuch gestellt hätte, wäre er tatsächlich in seiner Heimat in einer asylrelevanten Weise verfolgt worden. Der Beschwerdeführer hat hingegen erst im Mai 2018, als er bei einer Per- sonenkontrolle festgehalten wurde, ein Asylgesuch eingereicht. Seine Er- klärung, er habe gehört gehabt, dass es Nordafrikanern damals verboten gewesen sei, ein Asylgesuch einzureichen (SEM Akte A31, F160f.), über- zeugt nicht. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass er zum Zeitpunkt der Einreichung seines Asylgesuchs im Jahr 2018 bereits seit etwa zwei Jah- ren in der Schweiz rechtlich vertreten gewesen war, wäre zu erwarten ge- wesen, dass er schon zu einem früheren Zeitpunkt um Schutz in der Schweiz ersucht hätte. Sein vor der Einreichung des Asylgesuchs bereits fast dreijähriger (illegaler) Aufenthalt in der Schweiz ist ein weiteres Indiz, welches gegen die Glaubhaftigkeit einer asylrelevanten Verfolgung in sei- ner Heimat spricht. E-5830/2018 Seite 15 6.2.6 Daneben leuchtet auch nicht ein, weshalb er erst im Jahr 2015 Tune- sien verlassen habe, obschon seine Probleme seit dem Jahr 2011 bestan- den hätten. Er gab an, die Möglichkeit auszureisen, habe sich erst 2015 ergeben, da er nicht mit zahlreichen Personen habe illegal ausreisen und dabei im Mittelmeer ertrinken wollen (SEM Akte A31, F59f.). Obschon diese Ängste nachvollziehbar sind, wäre doch zu erwarten gewesen, dass er etwas an seiner Situation geändert hätte, wäre er tatsächlich derart be- droht gewesen. Zumindest kann angenommen werden , dass er sich bei ernsthaften Benachteiligungen an einem anderen Ort in Tunesien nieder- gelassen hätte, da er mehrfach angab, die Probleme hätten sich auf sein Herkunftsquartier in Tunis beschränkt (a.a.O., F155, F174). Seine Ausfüh- rungen, es habe nach der Revolution keine Arbeit mehr gegeben und Tunis sei am sichersten gewesen, zudem habe er in keiner anderen Stadt Per- sonen gekannt und hätte auf der Strasse übernachten müssen (a.a.O., F69f.), überzeugen nicht. Von einem Mann in seinem Alter, welcher fast sein ganzes Leben in Tunesien verbracht hat, kann erwartet werden, dass er auch an einem anderen Ort als in seinem Herkunftsquartier sich hätte niederlassen und für seinen Lebensunterhalt sorgen können, insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass er gemäss seinen Angaben während fast zehn Jahren im Ort B._______ gelebt habe. 6.2.7 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass sich in den vorinstanzlichen Akten diverse Berichte der [Polizei] befinden (SEM Akte A1). Aus den Be- richten geht hervor, dass er bei seiner Festnahme im Mai 2018 angegeben habe, er habe nach Frankreich reisen wollen, um eine Französin zu eheli- chen, dies habe jedoch nicht geklappt . Seine spätere Aussage, er habe dies auf Druck seines Bruders gesagt (SEM Akte A31, F42ff.), leuchtet ent- gegen den Ausführungen in der Beschwerde nicht ein. Des Weiteren habe er gemäss der [Polizei] ausgesagt, er sei im Mai 2018 in die Schweiz ein- gereist, mit der Absicht, seine Tochter und seinen Bruder zu besuchen. Da- neben hat er von seiner Freundin, welche im Kanton (…) wohnhaft sei, berichtet (SEM Akte A1). Entsprechende Schwierigkeiten in Tunesien und einen männlichen Partner in der Schweiz erwähnte er damals zu keinem Zeitpunkt. Es wäre indes zu erwarten gewesen, da ss er bei erster Gele- genheit den Schweizer Behörden gegenüber seine Probleme in Tunesien erwähnt hätte und sein Schutzersuchen in der Schweiz im Vordergrund ge- standen wäre. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer wiederholt zuge- gebenermassen unrichtige Aussagen – auch den Asylbehörden gegenüber (vgl. Akten A8 S. 7, A31 F7, 167f.) – zu Protokoll gegeben hat, spricht eben- falls gegen die Glaubwürdigkeit seiner Darstellungen. E-5830/2018 Seite 16 6.3 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine asylrelevante Verfolgung aufgrund seiner geltend gemachten Homosexua- lität in Tunesien glaubhaft zu machen. Das SEM hat seine dementspre- chenden Vorbringen zu Recht als unglaubhaft eingestuft. 6.4 Abschliessend ist festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht die Frage der effektiven sexuellen Orientierung des Beschwerdeführers of- fen lassen kann, weshalb auf die diesbezüglichen Ausführungen in der Be- schwerde nicht weiter einzugehen ist. Wie oben dargelegt, ist es dem Be- schwerdeführer nicht gelungen, eine Verfolgung in Tunesien aufgrund sei- ner Homosexualität glaubhaft zu machen. Auch bei einer angenommenen Homosexualität des Beschwerdeführers ist nicht davon auszugehen, dass er begründete Furcht hätte, bei einer Rückkehr nach Tunesien mit erhebli- cher Wahrscheinlichkeit einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt zu werden. Es soll zwar nicht in Abrede gestellt werden, dass die Situation für homosexuelle Personen in Tunesien schwierig sein kann und homosexu- elle Handlungen gemäss dem tunesischen Strafgesetzbuch unter Strafe stehen. Von einer Kollektivverfolgung von homosexuellen Personen kann indes nicht ausgegangen werden und es ist jeweils eine Einzelfallprüfung vorzunehmen. In casu kann auch bei Annahme der Homosexualität des Beschwerdeführers eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen auf- grund der Unglaubhaftigkeit der Vorfluchtgründe und fehlender anderweiti- ger Hinweise für drohende Benachteiligungen im Sinne des Art. 3 AsylG nicht bejaht werden. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer in der Schweiz eine Partnerschaft h at eintragen lassen, vermag an dieser Ein- schätzung nichts zu ändern. Es ist auch darauf hinzuweisen, dass der Be- schwerdeführer in B._______ angeblich über mehrere Jahre eine homose- xuelle Partnerschaft hat führen können, ohne deswegen ernsthaften Be- nachteiligungen ausgesetzt gewesen zu sein und seinen Angaben zufolge dies (eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft zu führen) in der Gesell- schaft in B._______ üblich gewesen sei (SEM Akte A31, F139). 7. Die übrigen Vorbringen, namentlich die geltend gemachten Sch wierigkei- ten mit Polizeibeamten, sind auf deren Asylrelevanz zu prüfen. 7.1 In Bezug auf die geltend gemachten Probleme mit den Polizeibeamten im Jahr 1996 ist festzustellen, dass diese keine flüchtlingsrechtliche Rele- vanz zu entfalten vermögen. Einerseits stehen sie in keinem kausalen Zu- sammenhang mit seiner Ausreise im Jahr 2015. Anderseits konnte er sich erfolgreich gegen die Polizeibeamten zur Wehr setzen und er hat deren E-5830/2018 Seite 17 Fehlverhalten zur Anzeige gebracht, was schliesslich zur Dienstentlassung der involvierten Polizisten geführt habe. 7.2 Was seine vorgebrachten späteren Probleme mit den drei wieder in den Dienst aufgenommenen Polizisten betrifft, hat das SEM einerseits zu Recht darauf hingewiesen, dass diese ihn offenbar aus Rache schikaniert hätten (SEM Akte A31, F103) und die Schikanen nicht aus einem in Art. 3 AsylG genannten Motiv erfolgt sind. Andererseits setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrecht- lichen Schutzes unter anderem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, BVGE 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutztheorie ist somit die flüchtlingsrechtliche Relevanz einer Verfolgung vom Vorhan- densein eines adäquaten Schutzes durch den Heimatstaat abhängig. Die- ser Schutz ist als hinreichend zu qualifizieren, wenn die betroffene Person effektiven Zugang zu einer funktionierenden und effizienten Schutzinfra- struktur hat und ihr die Inanspruchnahme eines solchen i nnerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3). Der Beschwerdeführer wäre somit gehalten gewesen, sich zunächst erneut über das Fehlverhalten der Polizisten zu beschweren, hätten diese ihn tat- sächlich in dem von ihm gesch ilderten Ausmass schikaniert. Seine Erklä- rung, die Stelle, an welche er sich im Jahr 1996 gewendet habe, sei abge- schafft worden (SEM Akten A8, Ziff. 7.02; A31, F105ff.) , überzeugt nicht. Es wäre ihm möglich und auch zumutbar gewesen, sich gegen die unge- rechtfertigten Inhaftierungen und Diskriminierungen durch die drei Polizis- ten – allenfalls mit Hilfe eines Anwaltes oder einer Anwältin oder im Land tätigen internationalen Organisationen – auf dem Rechtsweg erneut zur Wehr zu setzen, zumal in Tunesien vom Bestehen einer funktionierenden und effizienten Schutzinfrastruktur auszugehen ist (vgl. D -522/2019 vom 12. Februar 2019 E.6.4.1 m.w.H.) und der Beschwerdeführer sich bereits in der Vergangenheit erfolgreich zur Wehr hat setzen können. Aus seinen Aussagen ge ht des Weiteren hervor, dass die Polizisten ihn lediglich in seinem Herkunftsquartier belästigt hätten. Die von ihm geltend gemachten Nachteile leiten sich demnach aus lokal beschränkten Verfol- gungsmassnahmen ab, welchen er sich durch einen Wegzug an einen an- deren Ort hätte entziehen können. Gemäss dem Subsidiaritätsprinzip sind Personen mit einer innerstaatlichen Fluchtalternative nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewiesen. E-5830/2018 Seite 18 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass seine Ausführungen über die Be- helligungen durch die Polizei ab 2011 und die kurzzeitigen Festnahmen sowie zum Vorfall, bei welchem er durch ein Polizeiauto in zivil absichtlich angefahren worden sei, vage geblieben sind und es ihm schwer fiel, eine zeitliche Einordnung der Geschehnisse wiederzugeben (SEM Akte A31, F84ff.). Die Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen kann indes letztlich offen bleiben, da sie asylrechtlich nicht relevant sind. 7.3 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen, asylrelevante Fluchtgründe nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat folglich zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 8. 8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Wegweisung wird unter anderem dann nicht verfügt, wenn die asylsuchende Person im Besitze einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist oder einen Anspruch auf die Erteilung einer solchen Bewilligung hat (Art. 32 Abs. 1 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). 8.2 Nachdem der Beschwerdeführer am (…) 2018 seine Partnerschaft mit einem in der Schweiz wohnhaften [europäischen] Staatsangehörigen ein- tragen liess, ist ein grundsätzlicher Anspruch auf Erteilung einer Aufent- haltsbewilligung zu bejahen (vgl. Art. 42 ff. AIG), wobei die materielle Prü- fung, ob die Anspruchsvoraussetzungen zur Erteilung einer Aufenthaltsbe- willigung gegeben sind, in die Zuständigkeit der kantonalen Migrationsbe- hörden fällt (vgl. Art. 14 AsylG; EMARK 2001 Nr. 21 E. 8d; BVGE 2013/37 E. 4.4), die gegebenenfalls auch über die Wegweisung und den Wegwei- sungsvollzug zu entscheiden ha ben. Das SEM hat somit zu Recht keine Wegweisung verfügt. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. E-5830/2018 Seite 19 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reg- lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenver- fügung vom 29. Oktober 2018 und 15. November 2018 wurde indes das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen. Eine allfällige Veränderung der finanziellen Lage des Beschwerdeführers geht aus den Akten nicht hervor. Dem Beschwerdeführer sind deshalb trotz Unterliegens keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 11. Infolge Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist dem eingesetzten Rechtsvertreter ein amtliches Honorar zu entrichten. Am 13. November 2018 wurde eine Honorarnote zu den Akten gereicht. Der Honoraransatz ist mit Verweis auf die Zwischenverfügung vom 29. Oktober 2018 auf Fr. 220.– festzulegen. Der in der Honorarnote ausgewiesene Zeitaufwand er- scheint für den Aufwand des Verfahrens insgesamt leicht überhöht. Für das Verfassen der 10 -seitigen Besch werde wird ein Arbeitsaufwand von 5 Stunden als angemessen betrachtet und die entsprechend ausgewiesenen Stunden sind zu kürzen . Die Sichtung der Eingangsbestätigung vom 16. Oktober 2018 und der Zwischenverfügung vom 29. Oktober 2018 wird nicht entschädigt. Die Eingabe ans SEM vom 1. Oktober 2018 wird vom Gericht ebenfalls nicht entschädigt. Auch die pro futuro berechnete Stunde für die Kenntnisnahme des Urteils und die Besprechung mit dem Klienten ist pra- xisgemäss nicht zu entschädigen. Der übrige ausgewiesene Zeitaufwand und die ausgewiesenen Auslagen sind als angemessen zu erachten. Dem Rechtsvertreter ist zulasten der Gerichtskasse somit ein amtliches Honorar von insgesamt Fr. 1821.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zu- zusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-5830/2018 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Herrn MLaw Dominic Nellen, Rechtsanwalt, wird zu Lasten der Gerichts- kasse ein amtliches Honorar von Fr. 1821.– ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Tina Zumbühl Versand: