B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2874/2014 U r t e i l v o m 3 . N o v e m b e r 2 0 1 4 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter Markus König, Gerichtsschreiberin Simona Risi. Parteien A._______, Syrien, vertreten durch Rechtsanwalt Bernhard Jüsi, Advokatur Kanonengasse, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (ohne Vollzug); Verfügung des BFM vom 23. April 2014 / N (…). E-2874/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein Syrer kurdischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._______, verliess seinen Heimatstaat eig enen Angaben zufolge E n- de Mai 2012 und gelangte am 11. Juni 2012 in die S chweiz, wo er gle i- chentags im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen um Asyl nachsuchte. Die Befragung zur Person (BzP) fand am 22. Juni 2012 statt; die eingehende Anhörung zu den Asylgründen erfolgte am 25. Feb- ruar 2014. Zur Begründung seines A sylgesuchs machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er sei Sympathisant der Yekiti-Partei. Insbesonde- re seit 2008 habe er verschiedentlich Probleme mit den Behörden gehabt. Er habe sich aktiv politisch betätigt, indem er Märtyergräber besucht und an Newrozfesten und Demonstrationen teilgenommen habe. Zahlreiche Mitglieder der Yekiti-Partei hätten seinen (…) frequentiert. Der militärische Geheimdienst habe das Geschäft deshalb überwacht, und er sei mehr- mals verhört worden, um Informationen über seine Kundschaft erhältlich zu machen. Sein Bruder C._______ – der sich bereits seit Anfang (…) in der Schweiz befand – habe in einer Fernsehsendung von der syrischen Regierung verlangt, die kurdischen Gefangenen freizulassen. Dara ufhin sei der Landesgeheimdienst in sein Geschäft gekommen und habe ihn während zwei Tagen verhört und geschlagen. Seit dem Beginn der Revolution im April 2011 habe er als Mitglied der (…) an Freitags-Demonstrationen teilgenommen, für die Gruppe Plakate an- gefertigt und im Auftrag der Organisation Fotografien der Kundgebungen gemacht, was vom Kriminalgeheimdienst, dem Nachrichtengeheimdienst und dem militärischen Geheimdienst registriert worden sei. Seine Bilder seien im Internet veröffentlicht worden. Viele seiner Mitstreiter seien ve r- haftet worden. Diese hätten ihn später darüber informiert, dass auch er auf den Listen der zu verhaftenden Personen der Geheimdienste stehe. Am (…) 2011 um etwa 17.00 Uhr habe er gesehen, dass vor dem Nach- barhaus ein schwarzes Auto mit dem Kennzeichen von Damaskus vorge- fahren sei. Vier Personen seien ausgestiegen und in die Wohnung g e- gangen, eine sei im Hauseingang gestanden . Kurz darauf habe er Schüsse gehört. Die Personen hätten die Wohnung wieder verlassen und seien wegg efahren. Er sei ins Haus gegangen und hab gesehen, dass ein Vorsitzender einer kurdischen Partei, D._______, dessen (…) und dessen (…) angeschossen gewesen seien. Mit Hilfe zweier Jungen habe E-2874/2014 Seite 3 er die Verletzten ins Spital gebracht, wo D._______ in der Folge gesto r- ben sei. Da sich die Presse und verschiedene Organisationen für den Vorfall interessiert hätten, ha be er diesen gesagt, dass die syrische Re- gierung beziehungsweise die Assad-Shabiha hinter dem Angriff stecke. Seit dem darauffolgenden Ta g sei er durch den politischen Sicherheit s- dienst des Staates gesucht worden. Am (…) 2011 habe es am Rande der Vorbereitung der Beerdigung einen Streit zwischen Demonstranten und der Regierung gegeben, bei dem zwei Jungen getötet worden seien. Zur Zeit, als die Leiche von D._______ in seinem Beisein zur Beerdigung in dessen Heimatdorf gebracht worden sei, hätten Mitglieder des Krimina l- geheimdienstes das Gebiet um das Nachbarhaus abgesperrt und zahlre i- che Personen zu Anhörungen und Befragungen mitgenommen. Sie seien auch zu seiner Familie nach Hause gegangen, hätten nach ihm gesucht und seinen Vater mitgenommen und während zwei Stunden verhört. Sein Vater habe ihn anschliessend telefonisch warnen können, so dass er nicht mehr nach Hause gegangen sei, sondern s ich fortan versteckt bei verschiedenen Freunden aufgehalten habe. Der Kriminalgeheimdienst sei während etwa drei Monaten täglich bei seiner F amilie vorbeigegangen und habe seinen Vater bedroht. Seit seiner Ausreise habe er seine polit i- sche Aktivitäten in der Schweiz fortgeführt. Zum Beweis seiner Identität und seiner Vorbringen reichte der Beschwe r- deführer eine Kopie seiner Identitätskarte, zwei Schul zeugnisse, zwei Bewerbungsschreiben, einen USB-Stick betreffend seine politischen Akti- vitäten im Jahr 2008, drei Schreiben der Verwaltung der Stadt B._______ vom 31. Juli 2006, vom 21. Januar 2008 und vom 26. Mai 2009 und einen USB-Stick mit einem Video einer Demonstration im Frühjahr 2011 sowie zahlreiche Bilder, Fotografien der Beerdigung von D._______ und vo n dessen Haus, Fotografien von Kundgebungen in Syrien sowie solche ei- ner Kundgebung in der Schweiz zu den Akten. B. Mit am 26. April 2014 eröffneter Verfügung vom 23. April 2014 stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtli ngseigenschaft nicht, lehnte dessen Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Den Vollzug der Wegweisung schob es zufolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. C. Der Beschwerdeführer liess d ie Verfügung mit Beschwerde vom 26. Mai 2014 durch sein en Rechtsvertre ter beim Bundesverwaltungsgericht a n-E-2874/2014 Seite 4 fechten und beantragte in materieller Hinsicht, die Verfügung des BFM sei betreffend die Ziffern 1 –3 des Dispositivs aufzuheben und es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Eventuali- ter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und ne u- em Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem bea n- tragte er, es sei ihm in der Person seines Rechtsvertreters ein unentgeltli- cher Rechtsbeistand zu bestellen. Sodann seien die Akten seiner Brüder beizuziehen. D. Der vormalige Instruktionsrichter verfügte am 3. Ju ni 2014, das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung werde gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses werde verzichtet. Das Gesuch um Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes in der Person des Rechtsvertreters wies er ab. Zudem lud er die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. E. Mit Schreiben vom 13. Juni 2014 reichte der Beschwerdeführer als zu- sätzliche Beweismittel eine schriftliche Erklärung der (…) von D._______ vom 16. Mai 2014 samt einer Kopie von deren Identitätskarte sowie eine Bestätigung der Schweizer Sektion der Kurdischen Yekiti Partei in Syrien vom 12. Mai 2014 betreffend die Aktivitäten des Beschwerdeführers zu Gunsten der Partei zu den Akten. F. Mit Vernehmlassung vom 18. Juni 2014 – die dem Beschwerdeführer am 20. Juni 2014 zur Kenntnis gebracht wurde – führte die Vorinstanz aus , die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen würden. An den in der angefochtenen Verfügung aufgeführten Erwägu n- gen werde festgehalten. G. Am 25. Juni 2014 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers dem Gericht eine Honorarnote ein. H. Mit Eingaben vom 19. August 2014 und vom 26. Sep tember 2014 legte E-2874/2014 Seite 5 der Beschwerdeführer m ehrere Fotos von sich anlässlich verschiedener pro-kurdischer beziehungsweise gegen die syrische Regierung gericht e- ter Kundgebungen in der Schweiz , zwei durch ihn verteilte Flugblätter, Bilder einer Kundgebung in Syr ien an der Seite verschiedener Mitglieder der Yekiti-Partei, eine DVD mit Bildern von Freitags-Kundgebungen in Sy- rien sowie eine DVD mit Fotos und Videos einer Kundgebung in Syrien nach dem Tod von D._______ ins Recht. Zudem reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am 26. Se p- tember 2014 eine aktualisierte Kostennote zu den Akten. I. Am 9. Oktober 2014 reichte der Beschwerdeführer ein Bild von sich mit dem kurdischen Politiker E._______ und eine DVD zu den Akten, auf der ein mit ihm geführtes Interview zu sehen ist, welches am 25. September 2014 auf dem kurdischen Kanal "Orient News" ausgestrahlt wurde. J. Am 14. Oktober 2014 übernahm die erstrubrizierte Richterin den Vorsitz des Verfahrens. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bu n- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorlie - gend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadr essat zur Beschwerd e- führung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eing e-E-2874/2014 Seite 6 reichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 1.4 Da der Beschwerdeführer zufolge Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung vorlä ufig aufgenommen worden ist, beschränkt sich das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht auf die Frage, ob das BFM zu Recht dessen Asylgesuch abgelehnt und die Wegweisung aus der Schweiz verfügt hat. 2. Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, National i- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften N achteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält . Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.3 Bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft interessiert in erster Linie die im Zeitpunkt der Ausreise der asylsuchenden Person bestehende Ver- folgungssituation. Nach Lehre und Praxis wird jedoch dann auf die G e- fährdungslage im Moment des Asylentscheides abges tellt, wenn sich die Lage im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid massgeblich zu Gunsten oder zu Lasten der asylsuchenden Person verändert hat (vgl. etwa WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Auflage, Basel 2009, Rz. E-2874/2014 Seite 7 11.17; zur Relevanz des Zeitpunkts des Entscheides für die Bestimmung der Flüchtlingseigenschaft ferner Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 6 E. 5, 1995 Nr. 2 E. 3a S. 17). 3.4 Seit der Ausreise des Beschwerdeführers hat sich die politische und menschenrechtliche Lage in Syrien in erheblicher Weise verändert. Im Gefolge der politischen Umwälzungen des sogenannten Arabischen Frühlings in verschiedenen arabischen un d nordafrikanischen Staaten wurden in Syrien seit Beginn des Jahres 2011 ebenfalls Forderungen nach demokratischen Reformen laut. Durch das zunehmend gewaltsame Vorgehen des syrischen Regimes gegen eine landesweite Protestwelle mit Hunderten von Todesopfern, der Inhaftierung und Folterung Zehnta u- sender von Personen, darunter selbst Kindern (vgl. Human Rights Watch [HRW], Torture Archipelago. Arbitrary Arrests, Torture and Enforced D i- sappearances in Syria’s Underground Prisons since March 2011, Juli 2012; DIES., Syria: Witnesses Corroborate Mass Deaths in Custody Claims, August 2014), folgte eine Eskalation des Konflikts, die schlies s- lich in einen offenen Bürgerkrieg mündete. Dieser Bürgerkrieg ist zum e i- nen durch die Beteiligung an den Kampfhandlungen einer Vielzahl von Parteien und rivalisierenden Gruppierungen mit unterschiedlicher polit i- scher, ethnischer und religiöser Prägung gekennzeichnet, die zudem in wechselnden Koalitionen zueinander stehen. Zum anderen ist insbeso n- dere zu beobachten, dass im Konflikt auch gegen die Zivilbevölkerung mit massivster Gewalt und unter Einsatz von Kriegswaffen vorgegangen wird, so mittels Artillerie- und Bombenangriffen sowie (in der Vergangenheit) sogar der Verwendung von Giftgas . Infolge der das ganze Land erfa s- senden Kriegshandlungen kamen nach Schätzungen der Vereinten Nat i- onen bis Juli 2014 mindestens 150'000 Menschen ums Leben, mehr als 2,8 Millionen Menschen sind aus Syrien geflohen, und 6,4 Millionen Me n- schen gelten als intern vertrieben ( SICHERHEITSRAT DER VEREINTEN NATI- ONEN, Resolution 2165 vom 14. Juli 2014). Sämtliche Bemühungen, eine friedliche Beilegung des Konflikts zu erreichen, sind bislang gescheitert. Über diese kurze Zusammenfassung der wesentlichen Entwicklungen seit März 2011 hinaus lässt sich die Fest stellung treffen, dass die Situation in Syrien anhaltend instabil und in stetiger Veränderung begriffen ist. Diese Unübersichtlichkeit und Volatilität der Lage in Syrien und die damit ve r- bundene Ungewissheit der künftigen Entwicklung führt zu Erschwerni s- sen bei der Behandlung entsprechender Asylverfahren. Trotz der best e-E-2874/2014 Seite 8 henden Unklarheiten bezüglich der weiteren Entwicklung der relevanten Situation in Syrien ist dem Bundesverwaltungsgericht als zuständige I n- stanz aufgetragen, die Fluchtgründe von Asylsuchen den syrischer He r- kunft im Rahmen hängiger Beschwerdeverfahren abschliessend zu beu r- teilen. Dabei ist auf die zum heutigen Zeitpunkt gegebene Faktenlage a b- zustellen, soweit dem Gericht die entsprechenden Erkenntnisse vorli e- gen. 4. 4.1 Das BFM begründete seine Verfügung vom 23. April 2014 im Wesent- lichen damit, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anford e- rungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 nicht standhalten würden. So habe er sich einerseits in mehrere Widersprüche verstrickt (vgl. die ange- fochtene Verfügung E. II/1) . Anderseits habe er anlässlich der BzP die ausdrückliche Nachfrage verneint, ob er nebst der vorgebrachten Suche im Zusammenhang mit der Ermordung von D._______ noch aus anderen Gründen gesucht worden sei. Demgegenüber habe er anlässlic h der An- hörung geltend gemacht, er sei auch gesucht worden, weil er an D e- monstrationen teilgenommen habe. Dass er offensichtlich nicht gesucht werde, sei auch daraus zu schliessen, dass ihm die Behörden vor seiner Ausreise einen Reisepass ausgestellt hätte n und er beim Verlassen des Landes kontrolliert worden sei und dabei keine Probleme gehabt habe. Hinsichtlich der exilpolitischen Tätigkeiten verfüge der Beschwerdeführer nicht über ein Profil, welches erwarten liesse, dass er das Interesse der syrischen Behörden auf sich ziehen könnte. 4.2 In der Beschwerde wird diesen Erwägungen insbesondere entgege n- gehalten, der Beschwerdeführer habe bereits anlässlich der BzP einen kurdischsprechenden Dolmetscher verlangt. Daraufhin sei ihm mitgeteilt worden, dass es sich nur um eine kurze Befragung handle. Entsprechend kurz sei das Protokoll der Erstbefragung ausgefallen, bei der es zu Mis s- verständnissen gekommen sein dürfte. Im Übrigen wandte der Beschwerdeführer ein, der angefochtene En t- scheid sei sehr knapp und unsorgf ältig begründet worden. Die angeführ- ten Widersprüche liessen sich durch die Übersetzungsleistung anlässlich der beiden Befragungen erklären (vgl. die Beschwerdeschrift Ziff. 3.3 – 3.5). Zudem habe er sich anlässlich der BzP , wie dies vorgesehen sei, darauf beschränkt, seine wichtigsten Asylgründe vorzubringen, und habe diese anlässlich der eingehenden Anhörung konkretisiert. Hinsichtlich des Ausstellens des Reisepasses und der Kontrollen an der syrischen Grenze E-2874/2014 Seite 9 sei anzumerken, dass er erst nach der Ermordung von D._______ inten- siv gesucht worden sei. Vorher sei es ihm daher möglich gewesen, einen Pass zu erhalten. Bei der Überquerung der syrisch-libanesischen Grenze habe der Schlepper mit den Grenzwachen verhandelt, während er im A u- to geblieben sei. Die Vorinstanz habe es gänzlich unterlassen, auf seine ausführlich darge- legten und mit aussagekräftigem Bildmaterial untermalten politischen Ak- tivitäten in Syrien einzugehen, wodurch sie den Untersuchungsgrundsatz verletzt habe. Ausserdem habe sie die Substan ziiertheit seiner Vorbrin- gen, die von zahlreichen Realkennzeichen geprägt seien, aus gutem Grund nicht bemängelt. Zusammenfassend habe er glaubhaft machen können, dass er in Syrien an Leib und Leben gefährdet sei und im Falle einer Rückkehr bereits am Flugh afen verhaftet werden würde. Es sei d a- her seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. 5. Nachfolgend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung zu prüfen, ob die Vo r- instanz dem Beschwerdeführer zu Recht die Gewährung von Asyl ve r- weigerte. 5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtig- keit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwi e- gen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. E i- ne wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfo l- gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiier- te, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der da r- gelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer ta t- sächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Or i- ginalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglau b- haft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechsel n- den, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine G esamtbeur- teilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönl i- che Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller spr e- chen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdar stellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach E-2874/2014 Seite 10 nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdi- gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sac hverhaltsdarstellung sprechen (vgl. insb. BVGE 2013/11 E. 5.1 S. 142 f.) 5.2 Entgegen der in der angefochtenen Verfügung vertretenen Auffa s- sung kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vo r- bringen des Beschwerdeführers glaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG sind. Zwar ist in der Tat festzustellen, dass sich in seinen Ausführungen einige Ungereimtheiten finden. Indes hat der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung vom 25. Februar 2014 sehr ausführliche und lebensnahe An- gaben zu seinem politischen Engagement und betreffend die Vorfälle vom 7. und 8. Oktober 2011 sowie den Folgen für ihn gemacht (vgl. die vo- rinstanzliche Akte A22/37, insb. S. 9). Die Betrachtung des Protokolls e r- gibt das Bild substanziierter und spontaner Schilderungen. In den Aussa- gen des Beschwerdeführers sind zahlreiche Realkennzeichen auszum a- chen. So fällt beispielsweise auf, dass er teilweise ziemlich unstrukturie r- te, nicht chronologische aber nachvollziehbare und widerspruchsfreie Er- zählungen gemacht hat (vgl. beispielsweise a.a.O. S. 16). Im Übrigen hat der Beschwerdeführer seine Aussagen mit einer umfan g- reichen Bilddokumentation untermauert, welche durch das BFM mit der pauschalen Feststellung, diese vermöge an seiner Einschätzung nichts zu ändern, zu Unrecht unberücksicht igt geblieben ist. Die auf Beschwe r- deebene eingereichten Beweismittel, insbesondere die schriftliche Erkl ä- rung der in Deutschland als Flüchtling anerkannten (…) von D._______, die Bestätigung der Schweizer Sektion der Yekiti -Partei und die am 19. August 2014 und 26. September 2014 eingereichten Beweismittel betre f- fend sein Engagement in Syrien , stützen seine anlässlich der vor - instanzlichen Befragungen gemachten Ausführungen. Der Beschwerd e- führer verfügt aufgrund seiner stringenten, ausführlichen und aufric htigen Erzählweise schliesslich über eine hohe persönliche Glaubwürdigkeit. Zusammenfassend erscheinen sein dargelegtes politisches Engagement, welches er – wie er mit seinen Eingaben auf Beschwerde ebene belegt – in der Schweiz fortführt , sowie seine Vorbringen betreffend die fluchtau s- lösenden Vorfälle vom 7. und 8. Oktober 2011 im Sinne einer Gesamtbe- trachtung als überwiegend glaubhaft. Es ist ausserdem mit überwiege n- der Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer durch die syrischen B ehörden als Teilnehmer an den Demonstrationen seit dem Frühjahr 2011 und aufgrund seiner Beobachtungen, seines T ä-E-2874/2014 Seite 11 tigwerdens und seiner Aussagen in Zusammenhang mit der Tötung von D._______ namentlich identifiziert wurde. Vorliegend ist ausserdem festzust ellen, dass (…) Mitglieder der Yekiti - Partei Sektion Schweiz sind und sich auf einschlägigen Internetseiten in einer Weise exilpolitisch betätigten, dass ihnen vom BFM infolge subjekti- ver Nachfluchtgründe am (…) wiedererwägungsweise die Flüchtlingse i- genschaft zuerkannt worden ist. Der Beschwerdeführer macht glaubhaft geltend, infolge dieser exilpolitischen Tätigkeiten während zwei Tagen verhört und geschlagen worden zu sein (vgl. a.a.O. S. 16 ff.). 5.3 Wie durch eine Vielzahl von Berichten belegt ist, gehen die staatl i- chen syrischen Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner mit grösster Brutalität und Rücksichtslosigkeit vor. Zum Ziel tödlicher Gewaltanwe n- dung kann bereits werden, wer in einem Stadtviertel oder einer Ortschaft wohnt, die als regimefeindlich eingestellt erachtet wird (vgl. UNHCR, I n- ternational Protection Considerations with regard to people fleeing the Sy- rian Arab Republic, Update II, vom 22. Oktober 2013). Personen, die sich an regimekritischen Demonstrationen beteiligt haben, sind in grosser Zahl von Verhaftung, Folter und willkürlicher Tötung betroffen (vgl. HRW, Tortu- re Archipelago, a.a.O. ). Mit anderen Worten haben Personen, die durch die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte als Gegner des Regimes ide n- tifiziert werden, eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrech t- lich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt. 5.4 Im vorliegenden Fall ist davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh- rer aufgrund seiner politischen Aktivitäten und seinem Engagement für D._______ und die Aufklärung seines Todes als (…) identifiziert worden ist. Es erweist sich somit, dass er im Falle einer Rückkehr nach Syrien zum heutigen Zeitpunkt ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hätte. 6. Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerdefü h- rer die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Den Akten ist nichts zu entnehmen, das die Gewährung von Asyl ausschliessen würde. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen und die Verfügung des BFM vom 23. April 2014 ist aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. E-2874/2014 Seite 12 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 6.2 Mit Eingabe vom 26. September 2014 ersuchte der Beschwerdeführer sinngemäss erneut um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeistän- dung gestützt auf Art. 110a Abs. 1 AsylG. Angesichts des Verfahrensaus- gangs erübrigt sich jedoch eine Behandlung dieses Gesuchs. Aufgrund seines Obsiegens ist dem Beschwerdeführer in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG für die Kosten der Vertretung und allfällige weitere not wendige Auslagen eine Parteientschädigung zuz u- sprechen (vgl. auch Art. 7 des Reglements über die Kosten und Entsch ä- digungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter weist in seiner aktualisierten Kostennote vom 26. September 2014 einen Betrag von Fr. 3841.80 aus, welcher sich aus einem Aufwand von insge samt 11.65 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 300. – und Aus lagen von Fr. 62.2 0 zusamme n- setzt. Auch unter Berücksichtig ung der in der Kostennote noch nicht b e- rücksichtigten Eingabe vom 9. Oktober 2014 e rscheint dieser Betrag als überhöht, weshalb er zu kürzen ist. Gestützt auf die in Betracht zu zie- henden Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 9 – 13 VGKE) wird die Parteient- schädigung auf Fr. 3000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festg e- setzt. (Dispositiv nächste Seite) E-2874/2014 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 23. April 2014 wird aufgehoben und die Vor- instanz wird angewiesen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das BFM hat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bunde s- verwaltungsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Simona Risi Versand: