<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 43 S.148</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">148</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>43 Anstaltseinweisung; Wiedererwägung; Rechtliches Gehör; Zwangsbe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>handlung im Rahmen einer Einweisung zur Untersuchung.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Wird eine Einweisungsverfügung in Wiedererwägung gezogen, ist die</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ursprüngliche Verfügung formell aufzuheben und eine neue Verfü-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gung zu erlassen. Dabei müssen wiederum alle formellen Erforder-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nisse erfüllt sein, insbesondere der Anspruch auf rechtliches Gehör</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2/a).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Grundsätzliche Unterscheidung zwischen ordentlicher Einweisung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(zur Behandlung) und Einweisung zur Untersuchung (Erw. 2/b/aa-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dd).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Eine Zwangsbehandlung i.S.v. § 67e</b></span><span class="ft3"><sup><b>bis</b></sup></span> <span class="ft2"><b>Abs. 1 EGZGB ist <i>ausnahms-</i></b></span><br/> <span class="ft4"><i><b>weise</b></i> <b>auch bei einer Anstaltseinweisung zur Untersuchung zulässig,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>aber nur, wenn die verlangten und notwendigen Abklärungen nicht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>anders bewerkstelligt werden können (Erw. 2/b/dd)</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 21. Oktober 2003 in</span><br/> <span class="ft5">Sachen M.M. gegen Verfügung des Bezirksarztes B.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Der Beschwerdeführer wurde am 1. Mai 2003 mit Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung des Bezirksarztes B. zur Untersuchung betreffend Fremdge-</span><br/> <span class="ft1">fährlichkeit und Beurteilung der Betreuungstauglichkeit in die PKK</span><br/> <span class="ft1">eingewiesen. Der Beschwerdeführer liess jedoch die zur Abklärung</span><br/> <span class="ft1">notwendigen Untersuchungen nicht zu. Auf Anregung des Oberarztes</span><br/> <span class="ft1">der Klinik passte der Bezirksarzt am 2. Mai 2003 seine Verfügung</span><br/> <span class="ft1">an, indem er den Auftrag auf "Behandlung und/oder Untersuchung"</span><br/> <span class="ft1">erweiterte.</span><br/> <span class="ft1">Dies ist aus dem Erscheinungsbild der Verfügung jedoch nicht</span><br/> <span class="ft1">ersichtlich. Vielmehr wird der Eindruck vermittelt, als habe es nur</span><br/> <span class="ft1">die Verfügung zur "Behandlung und/oder Untersuchung" gegeben, da</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">149</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">auch die abgeänderte neue Verfügung mit dem 1. Mai 2003 datiert</span><br/> <span class="ft1">ist. Die Vorgehensweise des Bezirksarztes entspricht einer Wieder-</span><br/> <span class="ft1">erwägung i.S.v. § 25 VRPG. Um eine für alle Beteiligten unzumut-</span><br/> <span class="ft1">bare Rechtsunsicherheit zu vermeiden, ist dann, wenn eine Einwei-</span><br/> <span class="ft1">sungsverfügung in Wiedererwägung gezogen wird, die ursprüngliche</span><br/> <span class="ft1">Einweisungsverfügung formell aufzuheben und eine neue, neu da-</span><br/> <span class="ft1">tierte Verfügung zu erlassen; dabei müssen wiederum alle formellen</span><br/> <span class="ft1">Erfordernisse erfüllt sein, insbesondere - jedenfalls wenn die neue</span><br/> <span class="ft1">Verfügung für den Betroffenen belastender ausfällt als die ursprüng-</span><br/> <span class="ft1">liche - der Anspruch auf eine persönliche Anhörung gemäss § 67k</span><br/> <span class="ft1">lit. a EGZGB und § 15 VRPG (vgl. AGVE 1983, S. 121). Die neue</span><br/> <span class="ft1">Verfügung des Bezirksarztes war somit formell mangelhaft.</span><br/> <span class="ft1">b) aa) In AGVE 1982, S. 130 f. hat das Verwaltungsgericht ent-</span><br/> <span class="ft1">schieden, dass die massgeblichen Einweisungsgründe und -zwecke in</span><br/> <span class="ft1">der Einweisungsverfügung selber enthalten sein und so dem Einge-</span><br/> <span class="ft1">wiesenen und der Anstalt zur Kenntnis gebracht werden müssen.</span><br/> <span class="ft1">Insbesondere muss der Klarheit halber in der Einweisungsverfügung</span><br/> <span class="ft1">selber ausdrücklich angeführt sein, wenn es sich nicht um eine or-</span><br/> <span class="ft1">dentliche Einweisung (im Sinne von Art. 397a ZGB), sondern um</span><br/> <span class="ft1">eine Einweisung zur Untersuchung gemäss § 67d EGZGB handelt</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 1994, S. 350 f.; 1982, S. 138).</span><br/> <span class="ft1">bb) Die erste Verfügung des Bezirksarztes B. lautete auf "Un-</span><br/> <span class="ft1">tersuchung - bis über die Fremdgefährlichkeit entschieden werden</span><br/> <span class="ft1">kann. Beurteilung der Betreuungstauglichkeit". Die zweite Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung lautet genau gleich mit dem Zusatz, dass neu die Rubrik "Be-</span><br/> <span class="ft1">handlung" angekreuzt wurde. Die zweite Verfügung enthält somit</span><br/> <span class="ft1">Elemente einer Einweisung zur Untersuchung und einer (definitiven)</span><br/> <span class="ft1">Einweisung zur Behandlung. Beiden Verfügungen ist jedoch kein</span><br/> <span class="ft1">Hinweis zu entnehmen, dass der Bezirksarzt B. das Vorliegen einer</span><br/> <span class="ft1">Geistesschwäche oder Geisteskrankheit als Einweisungsgrund ab-</span><br/> <span class="ft1">schliessend bejaht hätte, was Voraussetzung für eine definitive Ein-</span><br/> <span class="ft1">weisung wäre. In seiner Eingabe vom 9. Mai 2003 bestätigt der Be-</span><br/> <span class="ft1">zirksarzt denn auch, dass er in seiner Verfügung keine Geistesschwä-</span><br/> <span class="ft1">che oder Geisteskrankheit diagnostiziert habe. Sein Auftrag habe auf</span><br/> <span class="ft1">Abklärung und Behandlung gelautet. Mit der Beurteilung der</span><br/> <span class="ft1">Fremdgefährlichkeit hätte auch eine Diagnose einhergehen sollen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">150</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">In seiner Eingabe vom 9. Mai 2003 hält der Bezirksarzt weiter</span><br/> <span class="ft1">fest, dass der zuständige Klinikarzt ihm telefonisch mitgeteilt habe,</span><br/> <span class="ft1">dass auf Grund des schweren Erregungszustands des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führers eine Abklärung nicht möglich sei. Der Klinikarzt bat ihn</span><br/> <span class="ft1">deshalb, die Verfügung auf "Behandlung" auszuweiten, um eine Se-</span><br/> <span class="ft1">dation (und als Folge davon die verlangte Abklärung) zu ermögli-</span><br/> <span class="ft1">chen.</span><br/> <span class="ft1">cc) Hieraus geht deutlich hervor, dass die Einweisung des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers einzig der Untersuchung und Abklärung einer</span><br/> <span class="ft1">Fremdgefährlichkeit und der Behandlungs- und Betreuungsmöglich-</span><br/> <span class="ft1">keit dienen sollte. Offensichtlich hielt der zuständige Klinikarzt zur</span><br/> <span class="ft1">Durchführung der Abklärungen eine Zwangsmedikation für notwen-</span><br/> <span class="ft1">dig, sah jedoch in der Einweisung zur Untersuchung keine rechtsge-</span><br/> <span class="ft1">nügliche Grundlage dazu. Mit der Ausweitung der Verfügung auf</span><br/> <span class="ft1">"Behandlung" wollte der Bezirksarzt eine Zwangsmedikation als</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzung der verlangten Abklärung ermöglichen. Nach wie vor</span><br/> <span class="ft1">war indessen bloss eine Einweisung zur Untersuchung beabsichtigt.</span><br/> <span class="ft1">dd) Eine Zwangsbehandlung im Sinne von § 67e</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">EGZGB ist in aller Regel nur im Rahmen einer definitiven fürsorge-</span><br/> <span class="ft1">rischen Freiheitsentziehung zulässig, ausnahmsweise aber auch bei</span><br/> <span class="ft1">einer Anstaltseinweisung zur Untersuchung, wenn die verlangten und</span><br/> <span class="ft1">notwendigen Abklärungen anders nicht bewerkstelligt werden kön-</span><br/> <span class="ft1">nen (vgl. VGE I/145 vom 23. Juli 2002 [BE.2002.00244] in Sachen</span><br/> <span class="ft1">M.Z., S. 5). Es ist verständlich, dass sich der zuständige Klinikarzt</span><br/> <span class="ft1">absichern wollte. Wenn der Bezirksarzt aber ohne die verlangte Un-</span><br/> <span class="ft1">tersuchung ausserstande war, die Voraussetzungen und die Begrün-</span><br/> <span class="ft1">detheit einer ordentlichen Anstaltseinweisung zu bejahen, hätte er</span><br/> <span class="ft1">nicht eine Einweisung zur Behandlung (was zwingend eine definitive</span><br/> <span class="ft1">Einweisung impliziert) anordnen dürfen. Korrekt wäre es gewesen,</span><br/> <span class="ft1">an der Einweisung zur Untersuchung festzuhalten und die Klinik</span><br/> <span class="ft1">darauf hinzuweisen, dass diese Einweisung zur Untersuchung ganz</span><br/> <span class="ft1">ausnahmsweise auch eine Zwangsbehandlung rechtfertigen könne,</span><br/> <span class="ft1">wobei der Ausnahmesachverhalt nach den Ausführungen des Klinik-</span><br/> <span class="ft1">arztes offenbar gegeben sei.</span><br/> <span class="ft1">ee) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es sich bei der an-</span><br/> <span class="ft1">gefochtenen Verfügung <i>materiell</i> um eine Einweisung zur Untersu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">151</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">chung im Sinne von § 67d EGZGB handelt. Dies wurde indessen erst</span><br/> <span class="ft1">im Laufe des verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahrens klar,</span><br/> <span class="ft1">da das <i>formelle</i> Vorgehen des Bezirksarztes fehlerhaft war und zu</span><br/> <span class="ft1">erheblicher Unsicherheit führte.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>