B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4489/2017 U r t e i l v o m 1 . M a i 2 0 2 0 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer, Richterin Muriel Beck Kadima, Gerichtsschreiberin Susanne Bolz. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 13. Juli 2017 / N (…). E-4489/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ist afghanischer Staatsangehöriger, er gehört der Minderheit der Hazara an. Geboren wurde er gemäss eigenen Angaben im Dorf B._______ in der Provinz Ma idan Wardak. Ungefähr von 2000 bis 2008 habe die Familie in Exil in Iran gelebt, bis zur zwölften Klasse habe er dort die Schule besucht. Etwa im Jahr 2009 sei die Familie nach Afgha- nistan zurückgekehrt und habe sich in Kabul niedergelass en. Am 1. No- vember 2015 ersuchte der Beschwerdeführer um Asyl in der Schweiz. Die Befragung zur Person (BzP) fand am 8. Dezember 2015 statt, am 18. Au- gust 2016 wurde der Beschwerdeführer einlässlich zu seinen Asylgründen angehört. B. Zur Begründung seines G esuchs brachte der Beschwerdeführer Folgen- des vor: Er habe nach der Rückkehr aus dem Iran in Kabul die Schule ab- geschlossen. Danach habe er dort verschiedene Journalistenkurse be- sucht. Er habe sich in der Journalisten-Community engagiert und als Jour- nalist für die Wochenzeitung C._______ gearbeitet, um nebenbei Geld für die Familie zu verdienen. Sein Vater, ein Buchhalter und Sekretär, sei un- gefähr im Jahr 2012 verstorben. Bis zur Ausreise habe er die Verantwor- tung für seine Mutter, seinen jüngeren Bruder und seine jüngere Schwester getragen. Die Familie habe in Kabul zwei Häuser besessen. Kurz nachdem er seine Tätigkeit als Journalist aufgenommen habe, sei er nachts auf dem Heimweg mit einem Messer attackiert worden und habe im Spital behan- delt werden müssen. Der Vorfall sei nie aufgeklärt, die Täterschaft sei nie ermittelt worden, er habe jedoch seither eine Narbe am Arm. Da er die Ar- beit als Journalist nach diesem Vorfall als zu gefährlich erachtet habe, habe er sich beruflich umorientiert und habe ab Juni 2014 in der Stadt D._______, Provinz E._______, eine Stelle als Sekretär des Bürgermeis- ters angetreten. Diese Stelle habe er auch aufgrund seiner Mitgliedschaft in der Mehaz Melli (wohl Mehaz-e-Melli-ye Islami, National Islamic Front of Afghanistan) bekommen, er habe dort seinen zukünftigen Vorgesetzten kennengelernt. In E._______ sei er von den Taliban bedroht worden, diese hätten zwei Drohbriefe an seinen Arbeitgeber geschickt und den Be- schwerdeführer wiederholt telefonisch eingeschüchtert. Einmal hätten ihn die Taliban auch auf dem Weg zur Arbeit angehalten und kontrolliert. Ab Juli 2015 hätte er eine neue Stelle in der Verwaltung im Bereich Finanzen und Steuern gehabt. Die Taliban hätten auch von dieser Anstellung erfah-E-4489/2017 Seite 3 ren und ihn bereits am ersten Arbeitstag kontrolliert. Die Taliban hätten her- ausgefunden, dass er für die Regierung arbeite und ihn deshalb entführt. Zusammen mit weiteren Personen sei er in einem Zimmer festgehalten worden. Er sei während der rund zweiwöchigen Festhaltung dauernd ohn- mächtig gewesen; danach sei ihm, zusammen mit anderen Festgehalte- nen, die Flucht gelungen. Zusammen mit einem Kollegen sei er zu Fuss nach Pakistan geflüchtet. Mit einem Schlepper sei er von dort über Iran, die Türkei und die Balkanroute am 29. Oktober 2015 illegal in die Schweiz eingereist. Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer seinen afgha- nischen Pass, seine Tazkara, seinen Führerschein, zwei Drohbriefe der Ta- liban sowie Bestätigungen über seine Ausbildungen und seinen beruflichen Werdegang zu den Akten. C. Mit Verfügung vom 13. Juli 2017 lehnte die Vorinstanz das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung und beauftragte den Kanton F._______ mit dem Vollzug. Zur Begründung erklärte das SEM, der Beschwerdeführer habe zwar Nachteile geltend gemacht, jedoch sei die Verfolgungssituation regi- onal auf die Provinz E._______ begrenzt gewesen, und die geltend ge- machten Behelligungen durch die Taliban hätten sich alle ausserhalb Ka- buls ereignet, weshalb der Beschwerdeführer in der Stadt K abul eine in- nerstaatliche Fluchtalternative vorfinde, da er dort von den Taliban nie be- helligt worden sei. Die geltend gemachten Vorbringen seien daher nicht asylrelevant. Darüber hinaus bestünden erhebliche Zweifel am Wahrheits- gehalt der Angaben. Insbeson dere sei die Schilderung der Festhaltung durch die Taliban widersprüchlich ausgefallen; es sei auch unwahrschein- lich, dass er mehrere Wochen bewusstlos gewesen sein wolle und danach ohne weiteres habe durch ein Fenster flüchten können. Schliesslich fehle es am Kausalzusammenhang zwischen den angeblichen Bedrohungen und Überfällen in Kabul und seiner Ausreise, habe er kurz vor der Ausreise doch noch eine neue Stelle angetreten. Die Vorbringen betreffend die schlechten Lebensumstände für Angehörige der Hazara-Minderheit seien ebenfalls asylrechtlich nicht beachtlich, da praxisgemäss nicht von einer Kollektivverfolgung ausgegangen werde. Der Wegweisungsvollzug sei zu- lässig und auch zumutbar, da begünstigende Faktoren vorlägen: Die Fami- lie habe in Kabul ein Einkommen und der Beschwerdeführer verfüge über eine gute Ausbildung. Der Entscheid wurde am 17. Juli 2017 eröffnet. E-4489/2017 Seite 4 D. Am 12. August 2017 focht der Beschwerdeführer mittels Formular be- schwerde den abweisenden Entscheid des SEM an. Er beantragte die Auf- hebung der Verfügung des SEM; es sei seine Flüchtlingseigenschaft fest- zustellen und ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei er wegen Unzulässig- keit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die unentgeltliche Prozessführung einhergehend mit dem Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses und die Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands. Ferner ersuchte er um die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde. Zur Begründung seiner Beschwerdevorbringen legte er einen «Erklärungsbrief» in Farsi-Dari mit Übersetzung vor, einen Zeitungsartikel über die Lage in Afghanistan sowie einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH übe r die Lage in Afghanistan und Kabul, ein Arztrezept betreffend seine Tante mütterlicherseits, zwei Arztre- zepte betreffend seinen Bruder, Fotos, die seinen Bruder im Spital zeigten, sowie eine afghanische Zeitung. Zur Begründung der Beschwerde erklärte er, beim letzten Telefonat mit sei- ner Mutter am 6. Juni 2017 habe sie über grosse Sicherheitsprobleme in Kabul berichtet. Unbekannte hätten seinen jüngeren Bruder zusammenge- schlagen und sich nach seinem (Beschwerdeführer) Verbleib erkundigt; wenn der Bruder di e genaue Adresse des Beschwerdeführers nicht mit- teile, würden alle umgebracht werden. Seine Familie sei mehrmals bedroht worden, so dass sie Kabul schliesslich verlassen hätten. Seine Mutter habe gesagt, sie wolle zurück in den Iran. Seither habe er keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter gehabt; er mache sich grosse Sorgen. Seine Tante, die ebenfalls in Kabul gelebt habe, sei inzwischen verstorben. Ihr Sohn, sein Cousin, sei bei einem kürzlich verübten Attentat umgekom- men, daraufhin habe die Mutter – seine Tante – einen Herzinfarkt erlitten und sei gestorben. Schliesslich wolle er bei dieser Gelegenheit auch anmerken, dass die Dol- metscherin der ersten Anhörung ihn nur sehr schlecht verstanden habe. Er habe jedoch keine Möglichkeit gehabt, dies zu reklamieren. Auch bei der zweiten Anhörung sei die Übersetzung sehr schlecht gewesen. Diesmal habe er darauf hingewiesen, dass seine Aussagen beim ersten Mal nicht richtig übersetzt worden seien. Man habe ihm aber entgegnet, er habe das Protokoll unterschrieben und damit genehmigt. E-4489/2017 Seite 5 Die Taliban seien nicht nur in E._______, sondern im ganzen Land aktiv, sie hätten auch in der Regierung Einfluss. Ihre Nachrichtendienste seien sehr mächtig. Bei den Taliban gelte er, als schiitischer Hazara, als Spion und Ungläubiger. Er werde ausserdem auch durch die Regierung verfolgt. Nach seiner An- kunft in der Schweiz habe der Bürgermeister der Provinz E._______ in Ka- bul eine Verdächtigung über ihn verbreitet und ihn der Geldwäsche von mehreren Millionen Afghani beschuldigt. Es sei so gar in der Zeitung ge- standen. Diese Nachricht habe er von einem Freund erhalten, mit dem er noch in Kontakt stehe, er habe ihm ein Bild aus der Zeitung weitergeleitet. Die Anschuldigungen seien unglaublich, er sei nie an den korrupten Hand- lungen der afghan ischen Regierung beteiligt gewesen. Er befürchte, im Fall der Rückkehr vom Sicherheitsdienst und der Kriminaldirektion des In- nenministeriums sofort verhaftet zu werden. E. Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2017 stellte die Instruktionsrichte- rin fest, die Beschwerde habe ohnehin aufschiebende Wirkung, der Be- schwerdeführer könne den Entscheid in der Schweiz abwarten. Sie hiess das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Sie forderte den Beschwerdeführer auf, innert Frist einen Rechtsvertreter zu benennen. F. Am 1. September 2017 legitimierte sich der Rechtsvertreter durch Vorlage einer Vollmacht vom 29. August 2017 und reichte eine Beschwerdeergän- zung ein. Die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei dem Be- schwerdeführer Asyl zu gewähren oder jedenfalls seine Flüchtlingseigen- schaft festzustellen; eventualiter sei die Sache zwecks weiterer Abklärun- gen mit Bezug auf die Sicherheitslage in Kabul zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen; subeventualiter sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuord- nen. In Ergänzung der Begründung erklärte der Rechtsvertreter, der Beschwer- deführer habe seine Tätigkeit als Journalist aus Furcht vor Verfolgung auf- gegeben und eine Stelle in E._______ angetreten, wo er dann von den Taliban bedroht worden sei. Das SEM habe die drohende Verfolgung in Kabul wohl einmal als beach tlich erachtet, halte den Kausalzusammen- hang aber für unterbrochen. Auch die Verfolgung in E._______ sei an sich E-4489/2017 Seite 6 asylrelevant – jedoch habe der Beschwerdeführer dem SEM zufolge die Möglichkeit sich dieser Verfolgung zu entziehen, wenn er sich in Kabul auf- halte. Zwar habe das SEM auch Zweifel an der Glaubhaftigkeit geäussert, in erster Linie das Gesuch aber wegen mangelnder Asylrelevanz abgewie- sen. Diese Argumentation sei nicht zulässig, das SEM müsse von Anfang an offenlegen, wenn es dem Beschwerdeführer ni cht glauben wolle – es könne sich nicht eine Abweisung wegen möglicher Unglaubhaftigkeit – sozusagen als alternative Begründung – vorbehalten. Journalisten gehörten in Afghanistan einer gefährdeten Risikogruppe an; der Beschwerdeführer habe viele Belege fü r seine Tätigkeit vorgelegt. Er sei als Journalist in Kabul gefährdet gewesen, deshalb habe er eine neue Stelle gesucht. Der Kausalzusammenhang sei durch dieses Verhalten nicht unterbrochen worden, vielmehr habe er aus Angst vor Schlimmerem die Arbeit gewechselt, um sich zu schützen. Das SEM habe auch nicht ver- tieft, weshalb er das Land nicht sofort nach der Messerattacke in Kabul verlassen habe. Ab Juni 2014 habe er eine andere Stelle in D._______, Provinz E._______, innegehabt und ab Juli 2015 habe er in der Provinz E._______ im Bereich Finanzen und Steuern gearbeitet. Auch dort sei er dann von den Taliban verfolgt worden. Die Anforderungen an eine sichere Fluchtalternative seien gemäss Praxis sehr hoch. Das Bundesverwaltungs- gericht habe die Schutzfähigkei t der Sicherheitskräfte in Kabul für Perso- nen mit hohem Risikoprofil relativiert; eine sichere Fluchtalternative be- stehe für den Beschwerdeführer in Kabul daher sicher nicht; er sei sowohl in E._______ als auch in Kabul verfolgt worden. Betreffend die Ano rdnung des Wegweisungsvollzug s sei festzuhalten, dass die Vorinstanz die Sicherheitslage in Kabul völlig ausser Acht gelas- sen habe. Die Situation habe sich massiv verschlechtert, was aus einem aktuellen Bericht der SFH hervorgehe. Die Rechtsprechung hinke den ak- tuellen Entwicklungen hinterher, eine Anpassung sei nötig. Das SEM stütze den Entscheid betreffend die Zumutbarkeit des Vollzugs nach Kabul auf eine veraltete Einschätzung; damit habe es das rechtliche Gehör verletzt. Die Verfügung müsse im Wegweisungsvollzugspunkt aufgehoben und der Sachverhalt im Lichte der aktuellen Quellenlage neu beurteilt werden. G. Mit Zwischenverfügung vom 6. September 2017 wurde der Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Am 8. Januar 2018 reichte er eine Kostennote ein. E-4489/2017 Seite 7 H. Am 30. Juli 2018 reichte der Rechtsvertreter einen aktuellen Arztbericht des G._______ vom 24. Juli 2018 zu den Akten. Aus diesem geht hervor, dass der Beschwerdeführer unter einer posttraumatischen Belastungsstö- rung leidet. D er Rechtsvertreter ersuchte um Würdigung dieses Berichts und aller bereits im Beschwerdeverfahren geltend gemachten Vorbringen im Lichte der neuen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts im Verfahren D-5800/2016 (inzwischen als Referenzurteil publiziert). Gemäss diesem Urteil habe sich sowohl die Sicherheitslage als auch die humanitäre Situation in Kabul verschlechtert und sei grundsätzlich als existenzbedro- hend zu bezeichnen. Der Beschwerdeführer habe in der Anhörung geltend gemacht, seine Familie sei aufgrund der Probleme an einen unbekannten Ort gezogen. Er selbst habe viele Jahre im Iran gelebt, zwar habe er auch einige Jahre in Kabul verbracht, dort verfüge er jedoch nicht über ein intak- tes soziales Netz. Das SEM sei jedoch ohne weitere Prüfung davon aus- gegangen, dass ein solches vorliege. Der Beschwerdeführer sei nicht ge- sund, was das Zeugnis belege, der Vollzug der Wegweisung sei auch des- halb unzumutbar. I. Am 27. Mai 2019 ersuchte der Rechtsvertreter um Mitteilung des Verfah- rensstands, der Beschwerdeführer leide zunehmend unter dem noch hän- gigen Asylverfahren. Sein persönliches Fortkommen sei durch den Status als Asylsuchender blockiert, er habe , sobald er ein Bleiberecht erhalten würde, eine Erwerbstätigkeit in Aussicht . Auch sein behandelnder Thera- peut halte im Arztzeugnis vom 24. Mai 2019 fest, dass die anhaltende Un- sicherheit sich negativ auf den Gesundheitszustand auswirke. Am 5. Juni 2019 reichte der Rechtsvertreter ergänzend einen Brief des Be- schwerdeführers vom 30. Mai 2019 sowie eine Bestätigung des potenziel- len Arbeitgebers vom 30. Mai 2019 ein, wonach der Beschwerdeführer, den man gerne einstellen wolle, keine Arbeitsbe willigung erhalten könne, so- lange er nur den Status als Asylsuchender habe. Das Gericht beantwortete das Ersuchen am 8. Juli 2019. J. Am 26. Juli 2019 beantwortete das SEM eine Anfrage des Zivilstandsamts H._______ zum Stand des Asylverfahrens im Rahmen eines Gesuchs um Ehevorbereitung und übermittelte den Reisepass des Beschwerdeführers. E-4489/2017 Seite 8 K. Am 5. Dezember 2019 erkundigte sich der Rechtsvertreter erneut nach dem Stand des Verfahrens und ersuchte um einen raschen Entscheid. L. Am 18. Februar 2020 lud die Instrukt ionsrichterin die Vorinstanz zur Ver- nehmlassung ein. M. In seiner Vernehmlassung vom 26. Februar 2020 hielt das SEM an seinen Erwägungen fest und beantragte sinngemäss die Abweisung der Be- schwerde. Der Wegzug der Familie aus Kabul in den Iran sei in keiner Weise belegt worden und müsse daher bezweifelt werden. Ausserdem sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer ein eigenes – über die Fa- milie hinausgehendes – soziales Netz in Kabul habe. Die geltend gemach- ten psychischen Beschwerden könnten in Kabul beh andelt werden. Das SEM legte der Vernehmlassung eine Abklärung betreffend medizinische Behandlungsmöglichkeiten vom 4. November 2019 bei. Zur geltend ge- machten drohenden Verfolgung als Medienschaffender in Kabul sei festzu- halten, dass aus den Akten nicht h ervorgehe, dass er sich in besonders herausragender Weise als Journalist exponiert habe; vielmehr habe er diese Tätigkeit nur sehr kurz ausgeübt. Zu den geltend gemachten An- schuldigungen durch den Bürgermeister von E._______ sei schliesslich festzustellen, dass sich die Datierung des Zeitungsberichts nicht mit den Angaben des Beschwerdeführers zu seinen Asylvorbringen vereinbaren lasse. Ausserdem sei anzumerken, dass die möglicherweise drohende Strafverfolgung einem staatlich legitimen Zweck dienen dürfte u nd keine Hinweise auf einen mit der Strafverfolgung verbundenen Politmalus er- sichtlich seien. N. In der Replik vom 4. März 2020 erklärte der Beschwerdeführer , er könne den offiziellen Aufenthalt seiner Mutter und Geschwister im Iran nicht bele- gen, diese hätten dort keine Aufenthaltsbewilligung. Allerdings könne er ihn durch Vorlage eines Fotos seiner Mutter im Iran glaubhaft machen. Ferner sei die Familie gerade kein tragfähiges Beziehungsnetz, er sei vielmehr der Unterstützer und Ernährer der Mutter und der jüngeren Geschwister gewe- sen. Das Ableben seines Cousins und der Tante habe das SEM nicht be- zweifelt. Unter diesen Umständen könne das SEM nicht von einem Bezie- hungsnetz im Sinne der Rechtsprechung gemäss BVGE 2011/7 sprechen. Zu berücksichtigen sei in diesem Zusammenhang auch die inzwischen E-4489/2017 Seite 9 mehr als zweieinhalbjährige Landesabwesenheit. Nicht nachvollziehbar er- schienen auch die Ausführungen des SEM zu den beruflichen Perspekti- ven. Einerseits sei vorgebracht worden, die Behelligungen des Beschwer- deführers als Journalist in Kabul seien nicht erheblich, seine Tätigkeit sei nur kurz und unbedeutend gewesen, andererseits gehe das SEM davon aus, er könne auf seine Ausbildung und seine erfolgreiche Tätigkeit als Journalist in Kabul zurückgreifen, in Bezug auf seine berufliche Wiederein- gliederung im Fall der Rückkehr. Es sei ferner eine aktenwidrige Behaup- tung, wenn das SEM davon ausgehe, der Beschwerdeführer habe Afgha- nistan nur wegen der Probleme in E._______ verlassen; vielmehr habe er in der Anhörung geltend gemacht, er habe sich als Journalist in Kabul nicht sicher gefühlt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist E-4489/2017 Seite 10 daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen gr und- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz erachtete die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht für asylrelevant. D ie geltend gemac hten Behelligungen durch die Taliban seien auf ein lokal umgrenztes Gebiet beschränkt gewesen, der Beschwer- deführer hätte sich diesen Behelligungen durch einen Aufenthalt bezie- hungsweise Verbleib in Kabul entziehen können. Seine Schilderungen be- treffend die Bedrohung durch die Taliban während seiner Zeit in der Provinz E._______ seien ausserdem in wesentlichen Punkten widersprüchlich und zudem auch wenig plausibel ausgefallen. Hinsichtlich des geltend gemach- ten Überfalls durch Unbekannte während seiner Täti gkeit als Journalist in Kabul und weiteren Behelligungen bestehe kein ausreichender Kausalzu- sammenhang zur Ausreise; die Messerattacke habe sich vor Juni 2014 er- eignet, er sei jedoch noch länger als ein Jahr in Afghanistan verblieben und E-4489/2017 Seite 11 habe mehrmals unte rstrichen, in erster Linie wegen der Bedrohungen durch die Taliban das Land verlassen zu haben. Zudem habe er sowohl die Messerattacke als auch die Behelligungen in Kabul erstmals an der Anhö- rung erwähnt. Schliesslich seien auch seine Vorbringen betreffend die Nachteile der Hazara-Minderheit nicht asylerheblich. In Hinblick auf den Wegweisungsvollzug seien keine völkerrechtlichen Voll- zugshindernisse ersichtlich. Betreffend die Zumutbarkeit des Vollzugs sei in seinem Falle vom Vorliegen begünstigender Faktoren auszugehen: Er sei jung, gesund und gut ausgebildet und verfüge in Kabul über ein famili- äres Netz . Die Erklärung, dass die Familie inzwischen Kabul verlassen habe und an einem unbekannten Ort lebe , müsse als Schutzbehauptung aufgefasst werden. Da die Familie gemäss Angaben des Beschwerdefüh- rers auch über Wohnraum verfüge, könne seine Wohnsituation in Kabul als gesichert erachtet werden. Der Wegweisungsvollzug sei zumutbar. Im Rahmen der Vernehmlassung stellte das SEM weiter fest, die angeblich zu Unrecht erhobenen Vorwürfe, wonach der Beschwerdeführer im Rah- men seiner Funktion als Staatsbediensteter in der Region E._______ Geld veruntreut haben solle, seien nicht asylbeachtlich, da es sich bei der Straf- ermittlung um eine legitime staatliche Massnahme handeln dürfte. Zudem stimme das vorgelegte Beweismittel nicht mit den vom Beschwerdeführer geltend gemachten Abläufen überein. 4.2 In der Beschwerde entgegnete der Beschwerdeführer, er habe kein so- ziales Netz in Kabul. Seine Mutter habe wegen der Sicherhe itsprobleme das Land in Richtung Iran verlassen, seine Tante und sein Cousin seien verstorben. Die Taliban seien im ganzen Land aktiv, auch in der Regierung hätten sie Einfluss. Als schiitischer Hazara gelte er bei diesen als Spion und Ungläubiger. Verfolgung drohe ihm auch durch die Regierung . Nach der Ausreise seien gegen ihn Korruptionsvorwürfe erhoben und er der Geldwäsche beschuldigt worden. Dies entspreche nicht der Wahrheit, je- doch drohe ihm im Fall der Rückkehr deshalb die sofortige Verhaftung. In der Beschwerdeergänzung vom 1. September 2017 erklärte der Rechts- vertreter, dem Beschwerdeführer drohe asylbeachtliche Verfolgung, der Kausalzusammenhang sei keineswegs unterbrochen. Der Beschwerdefüh- rer sei bereits in Kabul bedroht worden, als er dort als Journalist gearbeitet habe. Nur um sich in Sicherheit zu bringen, habe er eine andere Arbeit an anderem Ort gesucht – wo er jedoch aus anderen Gründen wieder in den Fokus der Taliban geraten sei. Es sei nachvollziehbar, dass er zunächst – E-4489/2017 Seite 12 da er sich in Kabul vor weiteren Behelligungen gefürchtet habe – versucht habe, an anderem Ort einer sichereren Beschäftigung nachzugehen, des- halb habe er die Stellen in der Region E._______ angenommen. Jedoch sei er auch dort von den Taliban verfolgt und bedroht worden. Als Journalist erfülle der Beschwerdeführer ein Gefährdungsprofil, die afghanischen Si- cherheitsbehörden vermöchten ihn nicht zu schützen. Betreffend den Weg- weisungsvollzug erachtete der Rechtsvertreter den Sachverhalt als nicht genügend erstellt, da das SE M seinen Entscheid auf veraltete Lagebe- richte abgestützt und die aktuell verschlechterte Sicherheitslage nicht be- rücksichtigt habe. Mit weiterer Eingabe vom 30. Juli 2018 machte der Beschwerdeführer un- ter Vorlage eines Arztberichts eine posttraumatische B elastungsstörung, verursacht durch die wiederholte Verfolgung und die Übergriffe durch die Taliban geltend. Mit der Replik vom 4. März 2020 legte der Beschwerdeführer die Kopie eines Fotos vor, das gemäss einen Angaben seine Mutter im Iran zeigt, zur Glaubhaftmachung der Übersiedlung seiner Familie in den Iran. 5. 5.1 Der vorliegend zu beurteilende Sachverhalt ist komplex insofern als der Beschwerdeführer beginnend im Jahr 2014 Behelligungen sowohl durch die Taliban oder Unbekannte in Kabul geltend macht, als auch weitere Be- drohungen durch die Taliban, die in einer Entführung gegipfelt hätten, an seinem weiteren Arbeitsort in E._______, beziehungsweise auf dem Weg dorthin. Gemäss seinen Angaben liess er sich in Kabul, wohin die Familie nach der Rückkehr aus dem Iran gezogen war, im Bereich Medien und Journalismus ausbilden, was er mit der Eingabe zahlreicher Diplome und Kursbestätigungen belegen konnte . Bereits während des Studiums habe er in Kabul als Journalist gearbeitet (vgl. act. A15/25 F38, 116). In der An- hörung machte er geltend, sein zweijähriges Studium im Bereich Journa- lismus aufgrund seiner Sicherheitsprobleme nicht abgeschlossen zu haben (vgl. act. A15/25 F52). Auf Nachfrage erklärte er, er sei während der Zeit, in der er in Kabul als Journalist gearbeitet habe, mehrmals von unbekann- ten Leuten bedroht worden, mehrmals hätten Unbekannt e auch versucht, in das Haus der Familie einzubrechen, und hätten gegen die Tür getreten (vgl. act. A15/25 F112-115). Einmal, als er sich nachts gegen 22 Uhr auf dem Heimweg von der Arbeit befunden habe, hätten Leute ihn überfallen, zusammengeschlagen und mit einem Messer attackiert. Er habe stark ge- blutet und sei ohnmächtig geworden und erst im Spital wieder aufgewacht E-4489/2017 Seite 13 (vgl. act. A15/25 F113). Nach diesem Vorfall habe er sich eine neue Arbeit gesucht, weil er sich nicht mehr sicher gefühlt habe (vgl. act. A15/25 F118). Auch während seiner Tätigkeit als Sekretär des Bürgermeisters (Sharwal) von E._______ sei er bedroht worden. Er sei als einziger Hazara dort auf- gefallen und habe die ganze Zeit Probleme gehabt (vgl. act. A15/25 F82). Die Behelligungen durch die Taliban hätten ungefähr drei Monate nach sei- nem Stellenantritt begonnen, er habe Briefe und Anrufe erhalten, zweimal hätten sie ihn auch persönlich getroffen (vgl. act. A15/25 F83, 84, 122) oder unterwegs angehalten (vgl. act. A15/25 F85, 87). Er habe es jeweils seinem Vorgesetzten gemeldet, doch dieser habe nichts unternehmen können (act. A15/25 F. 121, 122). Kurz vor der Ausreise sei er – auf dem Weg zu seiner neuen Arbeitsstelle in einem Büro für Taxen, Finanzen und Steuern – von den Taliban entführt worden. Sein Taxi sei an einem Kontrollposten angehalten worden und er sei gezwungen worden auszusteigen. Man habe bei ihm Papiere gefunden, die ihn als Staatsbediensteten ausgewiesen hätten; er sei dann verschleppt worden. E r sei ohnmächtig geworden und erst in einem Raum aufgewacht, aus dem er dann mit einem Mitgefange- nen habe flüchten können (vgl. act. A15/25 F102). Daraufhin habe er das Land verlassen. 5.2 5.2.1 Die Vorinstanz erachtete die Vorbringen des Beschwerdeführers im angefochtenen Entscheid in erster Linie als nicht asylbeachtlich. Das SEM ging davon aus, der Beschwerdeführer sei wegen der Behelligungen durch die Taliban in E._______ geflüchtet und könne sich einer dort drohenden Verfolgung durch einen Wohnortswechsel nach Kabul entziehen, wo er eine interne Fluchtalternative vorfinde. Die geltend gemachten Bedrohun- gen in Kabul stufte das SEM als nicht fluchtauslösend ein, da der zeitliche Kausalzusammenhang unterbrochen worden sei (vgl. Verfügung SEM Ziff. II 1, 2). Allerdings wies die Vorinstanz im Entscheid vom 13. Juli 2017 auch bereits auf Widersprüche betreffend zentraler Vorbringen hin und erachtet es beispielsweise als unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer wäh- rend der Entführung mehrere Wochen bewusstlos gewesen sei, um dann ohne Weiteres der Festnahme der Taliban entfliehen zu können. Das SEM verwies in diesem Zusammenhang auf weitere Ungereimtheiten und stellte im Übrigen fest, dass der Beschwerdeführer wesentliche Vorbringen erst in der Anhörung und nicht bereits im Rahmen der BzP erwähnt hatte (vgl. ebenda, Ziff. 1, S. 4). Auch betreffend die geltend gemachte Messer-Atta- cke in Kabul brachte das SEM Zweifel am Wahrheitsgehalt an, auch dieser Vorfall sei erst in der Anhörung erstmalig erwähnt worden (vgl. ebenda, Ziff. 2, S. 4). E-4489/2017 Seite 14 5.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht nach Prüfung der Akten davon aus, dass die geltend gemachten Verfolgungsvorbringen des Beschwerde- führers – wären sie denn glaubhaft gemacht – sehr wohl asylrelevant im Sinne des Art. 3 AsylG sein könnten. Das Bundesverwaltungsgericht hält es auch für erstellt, dass der Beschwerdeführer – wie durch viele Doku- mente belegt – zunächst eine Journalisten-Ausbildung in Kabul absolvierte und dort auch versuchte, in diesen Beruf Fuss zu fassen, er davon jedoch abliess, um eine Verwaltungsstelle als Sekretär des Bürgermeisters von E._______ anzutreten (vgl. Vorakten A9/1 Beweismittel 7, A10/1 Beweis- mittel 20, beide eingereicht am 2. März 2016). Beide Aspekte der berufli- chen Karriere konnte er durch Dokumente belegen. Zudem reichte er einen Datenträger ein, auf dem sich viele Fo tos befinden, die ihn in Ausübung seiner Tätigkeit als Sekretär des Bürgermeisters von E._______ (oder je- denfalls im Rahmen einer erkennbar «offiziellen» Funktion zeigen, vgl. act. A10/1, Beweismittelcouvert, Datenträger mit Fotos). Allerdings hält es das Bundesverwaltungsgericht nicht für glaubhaft ge- macht im Sinne von Art. 7 AsylG , dass der Beschwerdeführer tatsächlich vor der Ausreise in der von ihm geschilderten Weise Opfer von Verfol- gungshandlungen und Behelligungen durch die Taliban – sowohl in Kabul als auch in E._______ – geworden ist, was im Folgenden genauer ausge- führt wird. 5.2.3 Das Bundesverwaltungsgericht setzt den Schwerpunkt der Überprü- fung der Vorbringen des Beschwerdeführers im Rahmen des Beschwerde- verfahrens anders als die Vorinstanz. Dieses Vo rgehen bedeutet jedoch keine Motivsubstitution im eigentlichen Sinne. Zur Motivsubstitution gilt Folgendes: Der Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen verpflichtet die Verwaltung und das Gericht, auf den fest- gestellten Sachverhalt jenen Rechtssatz anzuwenden, den sie als den ein- schlägigen erachten, und ihm jene Auslegung zu geben, von der sie über- zeugt sind. Dieses Prinzip hat zur Folge, dass das Bundesverwaltungsge- richt als Beschwerdeinstanz den angefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestätigen kann, die von jener der Vorinstanz abweicht (Art. 62 Abs. 4 VwVG; sog. Motivsubstitution). Sollte sich der neue Ent- scheid auf Rechtsnormen stützen, mit deren Anwendung die Parteien nicht rechnen mussten, ist ihnen Gelegenheit zu geben, sich vorgängig dazu zu äussern (zur Motivsubstitution vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozes- sieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 1.54; BVGE 2007/41 E. 2 m.w.H.). E-4489/2017 Seite 15 Vorliegend kann aus den folgenden Gründen auf die Gewährung des recht- lichen Gehörs verzichtet werden: Auch die Vorinstanz hatte in ihrem Ent- scheid bereits Zweifel an der Glaubhaftigkeit zentraler Aspekte der Asyl- vorbringen des Beschwerdeführers geäussert. Der Beschwerdefü hrer wäre deshalb seinerseits bereits im Rahmen der Beschwerdeeingabe oder auf Stufe der Replik gehalten gewesen, sich zur Einschätzung des SEM hinsichtlich der Zw eifel an der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen zu äus- sern. Der Rechtsvertreter macht e diesbezüglich zwar geltend, das SEM dürfe sich keine Alternativbegründung (mangelnde Glaubhaftigkeit) vorbe- halten (Vgl. Beschwerdeergänzung vom 1. September 2017, Beschwerde- akten act. 3, S. 3 ). Er warf dem SEM in diesem Zusammenhang vor, auf eine vertiefte Glaubh aftigkeitsprüfung verzichtet zu haben und sich den Rückgriff auf die Ablehnung des Gesuch s mittels einer später vorzuneh- menden Glaubhaftigkeitsprüfung in unzulässiger Weise vor zubehalten. Dieser Vorwurf stellt keine substanziierte Auseinandersetzung mit den Aus- führungen des SEM bezüglich der Glaubhaftigkeit dar. Eine solche ist bis- her ausgeblieben, ob wohl die Vorinstanz den Beschwerdeführer im Ent- scheid konkret auf wesentliche Aspekte hingewiesen hatte, aus denen sich aus ihrer Sicht Zweifel an der Glaubhaftigkeit ergeben hätten. Setzt das Gericht nun den Schwerpunkt seiner Prüfung ander s als das SEM, so dürfte dies für den Beschwerdeführer nicht – wie im Rahmen einer echten Motivsubstitution der Regelfall –, eine völlig unerwartete Wendung im Ver- fahren sein. Der Beschwerdeführer hätte vielmehr damit rechnen müssen, dass auch die Glaubhaftigkeit der Vorbringen im Rahmen des Beschwer- deverfahrens vertieft geprüft werden würde , da bereits das SEM auf ver- schiedene Unglaubhaftigkeitsaspekte hingewiesen hatte. Zu diesen hätte der Beschwerdeführer im Rahmen des Beschwerdeverfahrens bereits Stellung nehmen können und müssen. Auf die Gewährung des rechtlichen Gehörs kann daher verzichtet werden, ohne dass die Verfahrensrechte des Beschwerdeführers in unzulässiger Weise tangiert würden. 5.3 Das Gericht hält die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Verfol- gungshandlungen durch die Taliban aus den folgenden Gründen nicht für glaubhaft gemacht: Es fällt auf, dass der Beschwerdeführer, eine Person mit höherer Bildung, zwar in der Anhörung sehr viel berichtete, die angeblich erlittenen Miss- handlungen und Bedrohungen jedoch jeweils nur sehr schablonenartig und vage schilderte und wenig wirkliche Details lieferte; auch die zeitliche Ein- ordnung fiel sehr ungenau aus. Es soll sich bei den Aggressoren immer nur um «Unbekannte» gehandelt haben . Er sprach von Anfang an nur von E-4489/2017 Seite 16 «den Taliban» (vgl. act. A3/12 F7.01, 7.02) oder «von den Leuten» (vgl. act. A15/25 F85, 87, 102, 112-114). Merkwürdig ist auch, dass er jedes Mal in Ohnmacht gefallen sein will, wenn er tätlich bedroht oder angegriffen wurde und sich daher an nichts mehr zu erinnern vermag (vgl. act. A15/25 F102 [Entführung in I._______], F113 [Messerattacke in Kabul]). Auf diesen As- pekt war bereits die Vorinstanz eingegangen. Wenig wahrscheinlich ist ferner seine Flucht nach der Entführung durch die Taliban (act. A15/25 F102; vgl. dazu neben dem Anhörungsprotokoll auch die persönliche Anamnese im Arztbericht vom 24. Juli 2018, Beilage zu Beschwerdeakten act. 9, S. 5: «Er wisse nicht, was dann passiert sei, je- denfalls sei er plötzlich neben anderen schlafenden Personen in einer ihm unbekannten Hütte aufgewacht. Er sei aufgestanden und zum nächsten Ort gelaufen»). Auch die Erklärungen auf den Vorhalt der Wid ersprüche (act. A15/25 ab F130 ff.) vermögen den Eindruck nicht zu erschüttern, dass er seine Verfolgungsvorbringen nur sehr wenig konkretisiert hat , seine Schilderungen weisen keine Realkennzeichen auf, sondern waren stets sehr oberflächlich, wenn es um die Schilderung der Angriffe und Bedrohun- gen ging. Gerade von einer Person mit einem journalistischen Hintergrund hätte man in diesem Punkt deutlich mehr Substanz bei der Schilderung des Erlebten erwarten dürfen. Dies kann auch nicht – wie vom Beschwerdefüh- rer in der Beschwerde vorgebracht – auf eine mangelhafte Übersetzung zurückgeführt werden. 5.4 Bei dieser Ausgangslage vermögen auch die zum Beleg der Bedro- hung im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens eingereichten Droh- briefe der Taliban (vgl. Vorakten A9/1 Beweismittel 6) an der Einschätzung, der Beschwerdeführer habe die Behelligungen durch die Taliban mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so erlebt, wie geschildert, nichts zu ändern. Do- kumente wie der vorgelegte Drohbrief der Taliban sind nicht fälschungssi- cher, sie können gefälscht oder auf «Bestellung» fabriziert werden. Es kommt ihnen daher nur geringer Beweiswert zu (vgl. statt vieler das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-5479/2016 vom 7. Juni 2019 E. 5.5). Sie können deshalb für sich allein genommen nicht als Beleg für die Glaubhaf- tigkeit eines Vorbringens dienen. 5.5 Die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Schwierigkeiten für An- gehörige der Minderheit der Hazara erreichen nach Praxis des Bundesver- waltungsgerichts nicht die Schwelle einer asylerheblichen Verfolgung (Vgl. E-4489/2017 Seite 17 Urteil des BVGer D-4548/2016 vom 27. März 2018 E. 6 betreffend die Pro- vinz Ghazni; für die Provinz Maidan Wardak stellt sich die Lage nicht rele- vant anders dar). 5.6 Der Beschwerdeführer hat im Rahmen der Beschwerde einen Zei- tungsartikel eingereicht, der ihn mit Foto zeigt und in dem ihm vorgeworfen wird, im Rahmen seiner Tätigkeit als Sekretär des Bürgermeisters von E._______ Gelder im Zusammenhang mit Landverkäufen unterschlagen zu haben (vgl. Beschwerde vom 12. August 1027, Beschwerdeakten act. 1, Beilage 8). Der Beschwerdeführer hat diesbezüglich vorgetragen, er sei – nach der Ausreise – auch noch zu Unrecht beschuldigt worden und man habe ihm kriminelle Handlungen unterstellen wollen. In Wahrheit habe er sich immer korrekt verhalten. Das SEM hat im Rahmen der Vernehmlas- sung angemerkt, dass die Datierung im Zeitungsartikel nicht mit dem vom Beschwerdeführer geschilderten Zeitablauf übereinstimm en könne . Ge- mäss dem Bericht in der Zeitung « J._______», der vom 24. Mi zan 1390, also umgerechnet vom 16. Oktober 2011, datiert, wurde der Beschwerde- führer für die Veruntreuung im Rahmen seiner Tätigkeit als Sekretär des Bürgermeisters von E._______ bereits im Jahr 2011 gesucht, und dem Be- richt ist ferner zu entnehmen, dass er zu diesem Zeitpunkt flüchtig gewesen sei, beziehungsweise keine Informationen über seine Adresse vorlägen. Auch dieser Aspekt wirft Fragen auf. Einerseits liegen Belege für die Tätig- keit des Beschwerdeführers als Sekretär des Bürgermeisters von E._______ vor, die einen deutlich späteren – wie von ihm angegeben (vgl. act. A3/12 F1.17.05) – Zeitraum umfassen. Zum Beispiel datiert die Arbeits- bestätigung vom umgerechnet 28. März 2015 (vgl. das Datum auf Vorakten A9/1 Beweismittel 8, vgl. auch A15/25 F7). Weiter liegt der Mitarbeiter-Aus- weis des E._______ Municipality Directorates vor, der dem Beschwerde- führer am 11. August 2014 ausgestellt wurde (vgl. Vorakten A10/1 Beweis- mittel 20, vgl. A15/25 F54 ). Andererseits liegt auch ein Beweismittel vor, wonach der Beschwerdeführer von Januar 201 0 bis 31. Juni 2011 für K._______ tätig war (vgl. Vorakten A9/1 Beweismittel 11). Der Zeitungsar- tikel ist vor diesem Hintergrund nicht geeignet, die Glaubhaftigkeit einer dem Beschwerdeführer drohenden Verfolgung durch die Taliban zu bele- gen, er verstärkt vielmehr die Widersprüchlichkeiten in Bezug auf eine ihm drohende Verfolgung. 5.7 In Würdigung aller Sachverhaltselemente kommt das Bundesverwal- tungsgericht zum Ergebnis, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine ihm im Fall der Rückkehr nach Afghanistan drohende Verfolgung E-4489/2017 Seite 18 durch die Taliban – sei es in E._______ oder in Kabul – glaubhaft zu ma- chen im Sinne von Art. 7 AsylG. Das SEM hat das Asylgesuch daher zu Recht abgelehnt, wenn es auch den Schwerpunkt der Prüfung der Asylvor- bringen anders setzte. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-E-4489/2017 Seite 19 gende Behandlung oder Strafe (nachfolgend: FoK, SR 0.105) und der Pra- xis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder er- niedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be- schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in de n Heimatstaat wäre demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs- sig. 7.4 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh- rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen S trafe oder Behand- lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei- sen oder glaubhaft machen, dass ih m im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124- 127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt – entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Ansicht – den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erschei- nen. In der Beschwerdeschrift werden keine neuen Anhaltspunkte vorgebracht, wonach dem Beschwerdeführer eine nach Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK verbotene Behandlung drohen würde. Nach dem Gesagten wäre der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 8. Hingegen erachtet das Gericht den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als nicht zumutbar. E-4489/2017 Seite 20 8.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Urteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 eine ausführliche Lageanalyse zur Situation in der afgha- nischen Hauptstadt Kabul vorgenommen (vgl. E. 6.3 ff. [als Referenzurteil publiziert]); diese Einschätzungen sind weiterhin zutreffend . Danach stellt sich zum heutigen Zeitpunkt sowohl die Sicherheitslage, welche als volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen ist, als auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7 be- schriebenen Situation klar verschlechtert dar. Die Lage in Kabul ist daher grundsätzlich als existenzbedrohend und somit unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Von dieser Regel kann abgewichen wer- den, falls besonders begünstigende Faktoren vor liegen, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen werden kann. 8.2.1 Solche besonders begünstigenden Faktoren können nach dem vor- genannten Referenzurteil namentlich dann gegeben sein, wenn es sich bei der zurückkehrenden Person um einen jungen, gesunden Mann handelt. Unabdingbar ist ferner in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung der zurückkehrenden Person als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss ihr insbesondere eine an- gemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirt- schaftlichen Reintegration bieten können. Allein aufgrund von losen Kon- takten zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftlic he Fortkommen sowie die Un- terbringung ungeklärt sind, kann nicht von einem tragfähigen sozialen Be- ziehungsnetz ausgegangen werden . Entscheidrelevant ist zudem, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungs- weise inwiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer bezahl- ten Arbeit im Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden kann. Angesichts der festgestellten Verschlechte rung der Lage in Kabul versteht es sich von selbst, dass das Vorliegen dieser strengen Anfor de- rungen in jedem Einzelfall sorgfältig geprüft werden muss und diese erfüllt sein müssen, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu E-4489/2017 Seite 21 qualifizieren (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4.1 [als Referenzurteil publiziert]). Zusammenfassend ergibt sich somit, dass eine Wegweisung nach Kabul lediglich bei Vorliegen besonders günstiger Voraussetzungen – so insbe- sondere für alleinstehende, gesunde Männer mit einem tragfähigen Bezie- hungsnetz, einer Möglichkeit zur Sicherung des Existenzminimums und ei- ner gesicherten Wohnsituation – als zumutbar zu qualifizieren ist. 8.3 8.3.1 Der Beschwerdeführer stammt aus der Pr ovinz Maidan Wardak; er wurde im Dorf B._______ geboren (vgl. A15/25 F61). Als er sieben oder acht Jahre alt war, verliess die Familie Afghanistan und begab sich in den Iran (vgl. act. A3/12 F1.07, F2.04; A15/25 F15). Im Jahr 2008/2009 kehrte die Familie nach Afghanistan zurück und liess sich in Kabul nieder, wo der Beschwerdeführer die Schule beendete und ein Studium aufnahm (vgl. act. A15/25 F15, 29) . Nach dem Tod des Vaters lebte der Beschwerdeführer mit seiner Mutter und den jüngeren Geschwistern in einem Haus, das der Familie gehörte (vgl. act. A3/12 F3.01). Die Mutter arbeitete ab und zu als Schneiderin. Bereits als Student arbeitete der Beschwerdeführer deshalb, um die Familie zu unterstützen (vgl. A15/25 F15, 32, 44- 46, 77). Gemäss seinen Angaben vermietete die Familie im eigenen Haus auch Zimmer, was ihr Einnahmen von ungefähr 20'000 Afghani (rund Fr. 250.–) ermöglichte (vgl. A15/25 F77 -79, 97, 98). Der Beschwerdeführer hatte gemäss eigenen Angaben von 2008 bis 2015 seinen Wohns itz in Kabul, von August 2014 bis zur Ausreise im Jahr 2015 arbeitete er jedoch in E._______, wo er sich jeweils mehrere Monate aufhielt (vgl. A15/25 F16-20, 72, 75, 76). Der Be- schwerdeführer behauptete in der Anhörung, auch seine Mutter und die Geschwister seien wegen seiner Person in Kabul bedroht worden (vgl. A15/25 F111). In der Beschwerdeeingabe vom 12. August 2017 widersprach der Be- schwerdeführer der Einschätzung des SEM, wonach er eine zumutbare Aufenthaltsalternative in Kabul habe. Er erklärte, er habe beim letzten Te- lefonat mit seiner Mutter am 6. Juni 2017 erfahren, dass die Mutter und die jüngeren Geschwister grosse Sicherheitsprobleme gehabt hätten. Sein jüngerer Bruder sei von Unbekannten zusammengeschlagen worden, man habe diesen nach der Adresse und dem Aufenthalt des Beschwerdeführers gefragt und der ganzen Familie gedroht. Dies könne er mit Fotos belegen, welche den Bruder im Spital zeigten, er reichte auch ein Rezept ein, be- treffend die Behandlung des Bruders (vgl. Beschwerde vom 12. Au gust E-4489/2017 Seite 22 2017, Beschwerdeakten act. 1 Beilagen 9 und 11) . Aus Angst habe die Familie schliesslich Kabul verlassen und sich in den Iran begeben. Auch seine Tante mütterlicherseits und sein Cousin, die beide in Kabul ge lebt hätten, seien inzwischen verstorben, zum Beleg legte der Beschwerdefüh- rer deren Todesanzeigen vor (Beilagen zur Beschwerde vom 12. August 2017, Beschwerdeakten act. 1). Der mandatierte Rechtsvertreter ergänzte in der Beschwerdeergänzung, es könne unter diesen Umständen nicht von einem tragfäh igen Bezie- hungsnetz ausgegangen werden (vgl. Beschwerdeergänzung vom 30. Juli 2018, Beschwerdeakten act. 9; vgl. auch Replik vom 4. März 2020, Be- schwerdeakten act 18), auch habe das SEM die aktuelle Sicherheitslage in Kabul nicht berücksichtigt und seine E inschätzung auf überholte Infor- mationen abgestützt. Das SEM habe damit das rechtliche Gehör respek- tive den Untersuchungsgrundsatz verletzt, weshalb die Verfügung aufzu- heben sei. Es müsse eine neue Lageeinschätzung vorgenommen werden. In der Beschwerdeergänzung vom 30. Juli 2018 argumentierte der Rechts- vertreter unter Vorlage eines Arztzeugnisses, der Beschwerdeführer leide unter einer PTBS und mittelgradigen Depressio nen, was zu berücksichti- gen sei. Insbesondere seien die Angaben des Beschwerdeführers betref- fend den Verlust des sozialen Netzes in Kabul realistisch, und die Anforde- rungen seit dem ergangenen Referenzurteil D-5800/2016 hätten sich dies- bezüglich auch erhöht. Auf den Vorhalt in der Vernehmlassung des SEM, wonach die Behauptung, die Familie habe Kabul verlassen, nicht belegt worden sei, weshalb es sich um eine unbelegt gebliebene Schutzbehauptung handle, entgegnete der Beschwerdeführer in der Replik vom 4. März 2020, unter Vorlage der Kopie eines Fotos, das seine Mutter im Iran zeige, dass es letztlich gar keine Rolle spiele, wo sich die Mutter und die jüngeren Geschwister aufhielten, da sie ohnehin kein «tragfähiges Beziehungsnetz» bieten könnten. Im Ge- genteil sei es der Beschwerdeführer gewesen, der seine Familie unterhal- ten habe. 8.3.2 Der Wegweisungsvollzug in sein Heimatdorf in der Provinz Maidan Wardak ist gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ge- nerell unzumutbar (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 7.6 [als Referenzurteil publiziert]). E-4489/2017 Seite 23 8.3.3 Aber auch die vom SEM genannte Aufenthaltsalternative in Kabul er- weist sich im vorliegenden Fall als unzumutbar: Der Beschwerdeführer ist zwar jung und gut ausgebildet, er leidet aber gemäss Arztzeugnis vom 24. Juli 2018, ausgestellt von der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psy- chosomatik des G._______, an einer posttraumatischen Belastungsstö- rung (ICD-10: F.43.1) sowie an einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10: F32.1). Seit dieser Erstdiagnose scheint er in Behandlung geblie- ben zu sein (vgl. Behandlungsbestätigung vom 24. Mai 2019, Beilage zu Beschwerdeakten act. 10). Zwar geht das SE M davon aus, diese Leiden seien in Kabul gut behandelbar (vgl. Medizinisches Konsulting vom 4. No- vember 2019, Beilage zur Vernehmlassung, Beschwerdeakten act. 16), je- doch sind dem Bundesverwaltungsgericht auch andere Quellen bekannt, wonach der Zugang zu psychiatrischer Behandlung und zu Psychotherapie in ganz Afghanistan und auch in Kabul nur in äusserst unzureichendem Masse möglich sei (vgl. BVGer Urteil E-2381/2019 vom 12. Juli 2019 E. 4.8 mit Verweis auf einen Bericht des Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen [EASO] vom 1. April 2019 ). Der Bericht des EASO hält fest, dass es in Kabul nur eine einzige öffentliche psychiatrische Klinik gibt (vgl. EASO-Country of Origin Information Report, Afghanistan - Key socio- economic indicators, Focus on Kabul City, Mazar-e Sharif and Herat City, April 2019, Kapitel Mental Health Care, Ziff. 8.4 S. 49 f., https://coi.easo.eu- ropa.eu/administration/easo/-PLib-/EASO_COI_Afghanistan_KSEI_Ap- ril_2019.pdf, besucht am 17.04.2020). EASO zitiert ferner eine Studie aus dem Jahr 2017, wonach in Kabul drei ausgebildete Psychiater und zehn Psychologen eine Bevölkerung von mehr als 30 Millionen zu betreuen hät- ten (vgl. EASO-Bericht, a.a.O., S. 49). Unter diesen Vorzeichen ist es völlig ungewiss, ob der Beschwerdeführer zu dieser Klinik in Kabul oder zu einer privaten Behandlungsmöglichkeit, allenfalls im nahen Ausland, Zugang er- halten könnte (vgl. EASO-Bericht, a.a.O., S. 50). Zu berücksichtigen ist auch , dass der Beschwerdeführer in Kabul nicht lange gearbeitet hat und er seine Ausbildung als Journalist gerade aus Furcht vor Sicherheitsproblemen nicht beendet hat. Die Ausführungen in der Beschwerdeergänzung zum Gefährdungsprofil teilt das Bundesverwal- tungsgericht dahingehend, dass Journalisten und Medienschaffende als Personengruppe besonders gefährdet seien (vgl. Beschwerdeergänzung vom 1. September 2017, Beschwerdeakten act. 3 S. 5 mit Verweis auf ei- nen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe). Es ist also ungewiss, ob er im Fall der Rückkehr in Kabul ein gesichertes Auskommen in seinem Beruf finden könnte. Zudem hält sich der Beschwerdeführer , der gemäss eigenen Angaben am 23. Juli 2015 aus Afghanistan ausreiste, seit bald fünf E-4489/2017 Seite 24 Jahren ausserhalb de s Landes auf (vgl. act. A3/12 F2.02, F5.01), seine Tante und sein Cousin sind gestorben, Personen, die er selbst als wichtige Angehörige in Kabul bezeichnete (vgl. act. A3/12 F3.01, vgl. zum Beweis die Todesanzeigen in der Beilage zur Beschwerdeeingabe). Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer in nennenswer- tem Umfang auf früher bestehende Kontakte zurückgreifen kann. Selbst wenn seine Mutter und die Geschwister sich in Kabul aufhalten wür- den – was nach wie vor nicht als erstellt erachtet werden kann – so ist den Ausführungen in der Beschwerde zuzustimmen, dass es der Beschwerde- führer war, der den Lebensunterhalt der Familie sicherte, nicht umgekehrt. Von der Mutter, die Hausfrau war und gelegentliche Näharbeiten verrich- tete, sowie den jüngeren Geschwistern (inzwischen circa 18 und 16 Jahre alt) kann keine grosse Unterstützung bei der Reintegration erwartet wer- den. Als einzig belegter positiver Faktor ist festzuhalten, dass der Be- schwerdeführer in Kabul wahrscheinlich im Haus der Familie wohnen könnte (vgl. Ausführungen in E. 8.3.1). Dieser Umstand allein reicht jedoch nicht aus, um besonders begünstigende Faktoren im Sinne des Referenz- urteils D -5800/2016 zu begründen . Schliesslich ist im Rahmen der Ge- samtwürdigung auch beachtlich, dass er als Hazara generell zusätzliche Diskriminierungen zu befürchten hätte, welche insbesondere beim wirt- schaftlichen Fortkommen Schwierigkeiten bereiten könnten (vgl. dazu das Urteil des BVGer D-4548/2016 vom 27. März 2018 E. 9.4.2). 8.4 In der Gesamtabwägung folgt daraus, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Kabul insbesondere aufgrund des ungenügenden so- zialen Netzes in Kabul, welches ihm bei der wirtschaftlichen und sozia len Reintegration behilflich sein könnte, sowie des Fehlens von anderen be- sonders günstigen Voraussetzungen mit überwiegender Wahrscheinlich- keit in eine existenzbedrohende Lage geraten würde. Der Wegweisungs- vollzug ist demnach als unzumutbar im Sinne von A rt. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. 8.5 Den Akten lassen sich keinerlei Hinweise entnehmen, wonach der Be- schwerdeführer einen der Tatbestände von Art. 83 Abs. 7 AIG (Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme) erfüllen würde. 9. Die Beschwerde ist demnach teilweise gutzuheissen, die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung vom 13. Juli 2017 sind aufzuheben und das SEM E-4489/2017 Seite 25 ist anzuweisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Weg- weisungsvollzuges in der Schweiz vorläufig aufzune hmen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen. 10. 10.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüg- lich seiner Anträge auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, der Asylge- währung und der Aufhebung der Wegweisung unterlegen. Bezüglich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs hat er obsiegt. Pr axisgemäss be- deutet dies ein hälftiges Obsiegen. 10.2 Nach dem Gesagten wären die Verfahrenskosten zur Hälfte dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da der mit der Be- schwerde gestellte Antrag auf unentgeltliche Prozessführung mit Verfü- gung vom 18. August 2017 gutgeheissen wurde und die Bedürftigkeit des Beschwerdeführers auch heute weiterhin zu bejahen ist , werden vorlie- gend keine Verfahrenskosten auferlegt. 10.3 Der Beschwerdeführer ist im Umfang seines Obsiegens – hier also hälftig – für die ihm erwachsenen notwendigen Kosten zu entschädigen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. VGKE). Der Rechtsvertreter legte am 4. März 2020 eine Kostennote vor, in welcher ein Aufwand von 10.5 Stun- den zu Fr. 200.– bei Obsiegen zuzüglich Fr. 40.– für Kopien, Telefon und Porti geltend gemacht wird. Der Aufwand (von insgesamt Fr. 2140.–) ist in zeitlicher und finanzieller Hinsicht als angemessen zu erkennen. Das SEM ist demnach anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädi- gung hälftig in der Höhe von Fr. 1070.– auszurichten. 10.4 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter dem Beschwerdeführer als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet worden ist (vgl. Art. 110a Abs. 1 AsylG), ist er im Weiteren für seinen Aufwand unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen, sowei t dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das Gericht geht bei amtlicher Vertretung praxis- gemäss von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-an- waltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschädigen ist (vgl. Art. 8 E-4489/2017 Seite 26 Abs. 2 VGKE). Dieser Stundensatz wurde dem Rechtsvertreter im Rahmen der amtlichen Verbeiständung bereits mitgeteilt (vgl. Zwischenverfügung vom 6. September 2017). Der in der Kostennote angegebene Stundenan- satz von Fr. 200.– ist entsprechend auf Fr. 150.– zu reduzieren, der geltend gemachte Aufwand ist indessen bereits als angemessen erkannt worden. Dem Rechtsvertreter ist demnach der weitere Aufwand hälftig zulasten der Gerichtskasse als amtliches Honorar in Höhe von Fr. 807.50 zu erstatten. (Dispositiv nächste Seite) E-4489/2017 Seite 27 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird betreffend Vollzug der Wegweisung (Dispositivziffern 4‒5 der angefochtenen Verfügung) gutgeheissen. Betreffend Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, Gewährung von Asyl und Anordnung der Weg- weisung wird die Beschwerde abgewiesen. 2. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführer vorläufig aufzuneh- men. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1070.– auszurichten. 5. Dem Rechtsvertreter ist zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar in Höhe von Fr. 807.50 auszurichten. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Susanne Bolz Versand: