<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">129</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>22</b></span> <span class="ft3"><b>Anordnung einer Disziplinarstrafe in migrationsrechtlicher Administra-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tivhaft; Verhältnismässigkeit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Wird gegen einen Inhaftierten aufgrund eines begründeten Verdachts auf</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Drogenkonsum eine Urinprobe angeordnet und die Abgabe der Urin-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>probe durch den Betroffenen verweigert, kann das Verhalten im Rahmen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einer Disziplinarstrafe mit Entzug des Besuchsrechts und Telefonver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>kehrs sanktioniert werden. Ein zeitlich unbegrenzter Entzug ist nur in</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">130</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>Extremfällen gerechtfertigt und bei erstmaliger Verweigerung der Urin-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>probe auf jeden Fall unverhältnismässig.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft4">vom 7. November 2017, i.S. Amt für Migration und Integration gegen A.</span><br/> <span class="ft4">(WPR.2017.163)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Disziplinarstrafe wurde verfügt, weil sich der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer geweigert hatte, mit Blick auf die Überprüfung eines allfälli-</span><br/> <span class="ft1">gen Drogenkonsums eine Urinprobe abzugeben.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">Mit E-Mail vom 5. Juli 2017 orientierte der Leiter des Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffungszentrums Aarau das MIKA darüber, dass in der Zelle des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführers "Hasch" gefunden worden sei. Der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer bestreite, Besitzer der Drogen zu sein. In der Folge drohte das</span><br/> <span class="ft1">MIKA dem Beschwerdeführer im Falle eines weiteren Vorfalls den</span><br/> <span class="ft1">Entzug des Besuchsrechts an. Zu diesem Ereignis findet sich im</span><br/> <span class="ft1">Haftjournal kein Eintrag.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der telefonischen Meldung des Leiters des Ausschaf-</span><br/> <span class="ft1">fungszentrums Aarau vom 29. September 2017 ordnete das MIKA</span><br/> <span class="ft1">gleichentags eine Urinprobe an, verbunden mit der Androhung weite-</span><br/> <span class="ft1">rer Disziplinarmassnahmen bei Verweigerung der Urinprobe.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss</span> <span class="ft1">Aktennotiz</span> <span class="ft1">des</span> <span class="ft1">Gefängnisleiters-Stv.</span> <span class="ft1">vom</span><br/> <span class="ft1">5. Oktober 2017 verweigerte der Beschwerdeführer die Abgabe einer</span><br/> <span class="ft1">Urinprobe. Auch dieser Vorfall wurde im Haftjournal nicht vermerkt.</span><br/> <span class="ft1">In der Folge gewährte das MIKA dem Beschwerdeführer am</span><br/> <span class="ft1">11. Oktober 2017 das rechtliche Gehör betreffend die gleichentags</span><br/> <span class="ft1">verfügte Disziplinarstrafe. Dabei gab der Beschwerdeführer zu</span><br/> <span class="ft1">Protokoll, er verlange zuerst eine Blutprobe, bevor er bereit sei, eine</span><br/> <span class="ft1">Urinprobe abzugeben.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">131</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Wie die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung zutreffend ausführt,</span><br/> <span class="ft1">bezwecken Disziplinarstrafen im Rahmen des Vollzugs von Adminis-</span><br/> <span class="ft1">trativhaft primär die Aufrechterhaltung der Ordnung innerhalb der</span><br/> <span class="ft1">Anstalt. Widersetzt sich ein Betroffener den Anordnungen des Voll-</span><br/> <span class="ft1">zugspersonals oder des MIKA, können Disziplinarstrafen im Sinne</span><br/> <span class="ft1">eines letzten Mittels verfügt werden, um die Anordnungen durchzu-</span><br/> <span class="ft1">setzen.</span><br/> <span class="ft1">Die Disziplinarstrafen müssen aber unter anderem in einem ver-</span><br/> <span class="ft1">nünftigen Verhältnis zur durchzusetzenden Anordnung stehen. Dies</span><br/> <span class="ft1">sowohl in Bezug auf die Massnahme selbst, als auch in Bezug auf</span><br/> <span class="ft1">die Dauer der Massnahme.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall bestand aufgrund des Verdachts des Ge-</span><br/> <span class="ft1">fängnisleiters und aufgrund der früheren Vorkommnisse zweifellos</span><br/> <span class="ft1">eine Veranlassung zur Anordnung einer Urinprobe. Nachdem der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer die Urinprobe sowohl bei deren Anordnung, als auch</span><br/> <span class="ft1">anlässlich des rechtlichen Gehörs verweigert hatte, war die Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung einer Disziplinarstrafe zweifellos angebracht.</span><br/> <span class="ft1">Unangemessen war jedoch, den Entzug des Besuchsrechts und</span><br/> <span class="ft1">Telefonverkehrs bereits bei der erstmaligen Anordnung zeitlich nicht</span><br/> <span class="ft1">zu befristen. Ein zeitlich unbefristeter Entzug des Besuchsrechts und</span><br/> <span class="ft1">Telefonverkehrs aufgrund verweigerter Urinproben drängt sich erst</span><br/> <span class="ft1">dann auf, wenn gegen einen Betroffenen aufgrund eines jeweils kon-</span><br/> <span class="ft1">kreten Verdachts auf Drogenkonsum mehrmals Urinproben angeord-</span><br/> <span class="ft1">net wurden und dieser die Urinprobe trotz bereits entzogenen Be-</span><br/> <span class="ft1">suchsrechts und Telefonverkehrs weiterhin verweigert. Mit Blick auf</span><br/> <span class="ft1">die Verhältnismässigkeit und den Umstand, dass die maximale Dauer</span><br/> <span class="ft1">der Einschliessung als gravierendste Disziplinarstrafe gemäss § 23</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 lit. b EGAR fünf Tage beträgt, ist die erstmalige Verweige-</span><br/> <span class="ft1">rung einer Urinprobe mit einer relativ kurzen Dauer des Entzugs des</span><br/> <span class="ft1">Besuchsrechts und Telefonverkehrs zu sanktionieren. Verweigert ein</span><br/> <span class="ft1">Betroffener nach erneutem Verdacht auf Drogenkonsum die Urin-</span><br/> <span class="ft1">probe abermals, kann die Sanktion entsprechend länger ausfallen.</span><br/> <span class="ft1">Eine unbefristete Sanktionierung ist damit einzig in Extremfällen ge-</span><br/> <span class="ft1">rechtfertigt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">132</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall wurde die Sanktion am 11. Oktober 2017</span><br/> <span class="ft1">angeordnet und einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wir-</span><br/> <span class="ft1">kung entzogen. Nach dem Gesagten erhellt klar, dass die maximal</span><br/> <span class="ft1">zulässige Dauer der erstmaligen Sanktionierung der verweigerten</span><br/> <span class="ft1">Urinprobe bereits bei Eingang der Beschwerde beim Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richt am 23. Oktober 2017 überschritten war, weshalb die aufschie-</span><br/> <span class="ft1">bende Wirkung unverzüglich wiederhergestellt wurde.</span><br/> <span class="ft1">Den Akten ist überdies nicht zu entnehmen, dass weitere Anzei-</span><br/> <span class="ft1">chen auf erneuten Drogenkonsum hindeuten würden, womit offen-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich auch keine Veranlassung bestand, erneut eine Urinprobe zu</span><br/> <span class="ft1">verlangen. Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz in ihrer Ver-</span><br/> <span class="ft1">nehmlassung vom 27. Oktober 2017 lässt sich eine unbefristete Fort-</span><br/> <span class="ft1">setzung der Sanktion nicht rechtfertigen.</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">Unter diesen Umständen ist die angeordnete Disziplinarstrafe in</span><br/> <span class="ft1">Gutheissung der Beschwerde aufzuheben.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>