A bteilung III C -972/2006 {T 0/2} U rteil vom 13. A ugust 2007 M itw irkung: R ichter Antonio Im oberdorf (Kam m erpräsident); R ichterin R uth Beutler; R ichter Andreas Trom m er; G erichtsschreiber R udolf G run. I._______ und C ._______, Beschw erdeführer, gegen B undesam t für M igration (B FM ), Q uellenw eg 6, 3003 Bern, Vorinstanz, betreffend Verw eigerung der Einreisebew illigung in Bezug auf A ._______, Türkei B u n d e s v e rw a ltu n g s g e ric h t T rib u n a l a d m in is tra tif fé d é ra l T rib u n a le a m m in is tra tiv o fe d e ra le T rib u n a l a d m in is tra tiv fe d e ra l2 D as B undesverw altungsgericht stellt fest: A. D ie 1977 geborene türkische Staatsangehörige A._______ (nachfolgend: G esuchstellerin) ersuchte am 8. August 2006 bei der Schw eizerischen Bot- schaft in Ankara um ein Visum für einen dreim onatigen Besuchsaufenthalt bei ihrem Bruder und ihrer Schw ägerin (Beschw erdeführer) im Kanton St. G allen. D ie Schw eizerische Vertretung überw ies das G esuch in der Folge an die Vorinstanz zur Prüfung und zum Entscheid. B. N achdem w eitere Abklärungen seitens der kantonalen M igrationsbehörde vorgenom m en w orden w aren, w ies die Vorinstanz m it Verfügung vom 4. Septem ber 2006 das Einreisegesuch m it der Begründung ab, die G e- suchstellerin stam m e aus einer R egion, aus w elcher der Zuw anderungs- druck als Folge der dort herrschenden w irtschaftlichen und soziokulturellen Verhältnisse bekannterw eise nach w ie vor stark anhalte. Viele ihrer Lands- leute versuchten, ihren Aufenthalt in der Schw eiz durch Ausschöpfung säm tlicher rechtlicher M ittel zu verlängern, um sich so in U m gehung der bundesrätlichen Begrenzungsm assnahm en eine verm eintlich bessere Zu- kunft aufzubauen. Im W eitern oblägen der Eingeladenen in ihrem U r- sprungsland w eder zw ingende berufliche oder gesellschaftliche Verpflich- tungen noch fam iliäre Verantw ortlichkeiten, die gegebenenfalls G ew ähr für eine fristgerechte R ückkehr bieten könnten. Schliesslich lägen auch keine G ründe vor, w elche eine Einreise trotzdem zw ingend notw endig m achen w ürden. C . M it Eingabe vom 26. Septem ber 2006 beantragen die Beschw erdeführer sinngem äss die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Ertei- lung einer Einreisebew illigung für ihre Schw ester bzw . Schw ägerin. Zur Begründung m achen sie geltend, der vorinstanzliche Entscheid basiere nur auf Vorurteilen und Verm utungen und sei w illkürlich. Besonders die 11-jäh- rige Tochter, die eine innige Beziehung zur G esuchstellerin habe, w ünsche sich den Besuch ihrer Tante in der Schw eiz sehr. D ie Angst, dass die G e- suchstellerin die Schw eiz nach Ablauf des Visum s nicht w ieder verlassen w ürde, sei völlig grundlos. Für die fristgerechte R ückreise w erde garan- tiert. D . In ihrer Vernehm lassung vom 6. N ovem ber 2006 spricht sich die Vorin- stanz für die Abw eisung der Beschw erde aus und verw eist auf die Begrün- dung in der angefochtenen Verfügung. E. In der R eplik vom 7. D ezem ber 2006 halten die Beschw erdeführer an ihren Anträgen fest und bringen ergänzend vor, die Schw eizerische Vertretung in Ankara habe schon vielen Verw andten und Bekannten, die aus dem gleichen D orf w ie die Eingeladene stam m ten, Visa für die Schw eiz ausge- stellt. Auch seien früher G ästen aus dem Verw andtschaftskreis der Be- schw erdeführer Besuchervisa erteilt w orden. Eine Einladung für die G e- suchstellerin sei bis jetzt noch nicht erfolgt, w eil diese – nebst der M itarbeit auf dem H of – bis Ende 2003 ihren krebskranken Vater gepflegt habe.3 D ie w eiteren Vorbringen w erden – sow eit entscheiderheblich – in den Er- w ägungen berücksichtigt. D as B undesverw altungsgericht zieht in Erw ägung: 1. 1.1 Verfügungen des BFM betreffend Verw eigerung der Einreisebew illigung unterliegen der Beschw erde an das Bundesverw altungsgericht (Art. 20 Abs. 1 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und N iederlassung der Aus- länder vom 26. M ärz 1931 [AN AG , SR 142.20] i.V.m . Art. 31 und Art. 33 Bst. d des Verw altungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VG G , SR 173.32]). 1.2 D as Bundesverw altungsgericht übernim m t die Beurteilung der beim In- krafttreten des Verw altungsgerichtsgesetzes am 1. Januar 2007 bei Eidge- nössischen R ekurs- oder Schiedskom m issionen oder bei Beschw erde- diensten der D epartem ente hängigen R echtsm ittel. Für die Beurteilung gilt das neue Verfahrensrecht (Art. 53 Abs. 2 VG G ). G em äss Art. 37 VG G rich- tet sich das Verfahren vor dem Bundesverw altungsgericht nach dem Bun- desgesetz vom 20. D ezem ber 1968 über das Verw altungsverfahren (Vw VG , SR 172.021), sow eit das Verw altungsgerichtsgesetz nichts ande- res bestim m t. 1.3 D as Bundesverw altungsgericht entscheidet endgültig (Art. 1 Abs. 2 VG G i.V.m . Art. 83 Bst. c Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BG G , SR 173.110]). 2. D ie Beschw erdeführer sind als "M itbeteiligte" (G astgeber und Bruder bzw . Schw ägerin) gem äss Art. 20 Abs. 2 AN AG zur Beschw erde legitim iert; auf die frist- und form gerecht eingereichte Beschw erde ist einzutreten (Art. 48 ff. Vw VG ). 3. 3.1 D ie Schw eizerische R echtsordnung gew ährt grundsätzlich keinen An- spruch auf Bew illigung der Einreise. D er Entscheid darüber ist von der Be- w illigungbehörde in pflichtgem ässer Ausübung ihres Erm essens zu fällen (Art. 4 und Art. 16 Abs. 1 AN AG , Art. 9 Abs. 1 der Verordnung vom 14. Ja- nuar 1998 über Einreise und Anm eldung von Ausländerinnen und Auslän- dern [VEA, SR 142.221]; PETER U EBE R SAX , Einreise und Anw esenheit, in: ,PETER U EBE R SAX / PETER M Ü N C H / TH O M AS G EIS ER / M AR TIN AR N O LD [H rsg.], Aus- länderrecht, Ausländerinnen und Ausländer im öffentlichen R echt, Privat- recht, Steuerrecht und Sozialrecht der Schw eiz, Basel/G enf/M ünchen 2002, S. 143; U R S BO LZ, R echtsschutz im Ausländer- und Asylrecht, Basel und Frankfurt a.M . 1990, S. 29 m it w eiteren H inw eisen; PH ILIP G R AN T, La protection de vie fam iliale et de la vie privée en droit des étrangers, Basel/G enf/M ünchen 2000, S. 24). 3.2 Ausländerinnen und Ausländer benötigen zur Einreise in die Schw eiz ei-4 nen Pass und ein Visum , sofern sie nicht aufgrund besonderer R egelung von diesem Erfordernis ausgenom m en sind (vgl. Art. 1 bis 5 VEA). D ie G e- suchstellerin kann sich auf keine Ausnahm eregelung berufen; sie ist auf- grund ihrer Staatsangehörigkeit visum pflichtig. 4. U m ein Visum zu erhalten, m üssen Ausländerinnen und Ausländer die in Art. 1 Abs. 2 VEA aufgeführten Voraussetzungen erfüllen. U nter anderem haben sie gem äss Art. 1 Abs. 2 Bst. c VEA G ew ähr für eine fristgerechte W iederausreise zu beiten. D ie Vorinstanz verw eigerte der G esuchstellerin die Erteilung eines solchen Visum s m it der Begründung, ihre fristgerechte W iederausreise erscheine nicht als hinreichend gesichert. 5. 5.1 W enn es zu beurteilen gilt, ob das Kriterium der gesicherten W iederausrei- se erfüllt ist, m uss ein zukünftiges Verhalten beurteilt w erden. D azu lassen sich in der R egel keine Feststellungen, sondern lediglich Prognosen tref- fen. D abei rechtfertigt es sich durchaus, Einreisegesuchen von Bürgerin- nen und Bürgern aus Staaten oder R egionen m it politisch respektive w irt- schaftlich vergleichsw eise ungünstigen Verhältnissen zum Vornherein m it Zurückhaltung zu begegnen, da die persönliche Interessenlage in solchen Fällen häufig nicht m it dem Ziel und Zw eck einer zeitlich befristeten Einrei- sebew illigung in Einklang steht. 5.2 D ie Türkei zählt aufgrund der dort herrschenden politischen, gesellschaftli- chen und dam it verbunden auch w irtschaftlichen Verhältnisse zu denjeni- gen Ländern, deren Staatsangehörige erfahrungsgem äss nach einer Ein- reise versucht sein können, nicht m ehr in ihr H eim atland zurückzukehren. D ie soziale Lage ist nach w ie vor für w eite Teile der Bevölkerung unbefrie- digend. Entsprechend hoch ist der Anteil jener, die versuchen, nach W est- europa – und unter anderem in die Schw eiz – zu gelangen, um sich unter günstigeren Lebensbedingungen eine bessere Existenz aufzubauen. D iese Tendenz zur Ausw anderung zeigt sich erfahrungsgem äss besonders stark bei jüngeren und ungebundenen Personen. D em zufolge gilt es nach M ög- lichkeit zu verhindern, dass G esuchsteller solcher N ationen ihre Anw esen- heit in der Schw eiz, entgegen der ursprünglichen Absichtserklärung, dazu nutzen, ein Asylgesuch einzureichen oder die fristgerechte W iederausreise sonstw ie zu um gehen. Entsprechend ist darauf zu achten, dass eine w eit- gehende Verw urzelung m it entsprechenden Verpflichtungen im H eim atland angenom m en und gleichzeitig das Vorhandensein besonderer R isikofakto- ren ausgeschlossen w erden kann. 5.3 D ie G esuchstellerin lebt südlich von Ankara bei C ihanbeyli in der Provinz Konya. D iese G egend w ar – anders als die Provinzen im Südosten der Türkei – nicht betroffen von den bis Ende der 90er-Jahre dauernden m ilitä- rischen Auseinandersetzungen und gravierenden Ü bergriffen der Kam pf- parteien auf die Zivilbevölkerung, w as zur Flucht und Vertreibung von rund drei M illionen M enschen aus der engeren H eim atregion geführt haben soll. Auch die schw eren Zusam m enstösse zw ischen D em onstranten und Si- cherheitskräften in jüngster Vergangenheit (Ende M ärz / anfangs April 2006) ereigneten sich in den Städten der südöstlichen Landesteile. Ferner 5 ist die w irtschaftliche Lage in der H eim atregion der G esuchstellerin nicht so prekär w ie in den südöstlichen Landesteilen, w o die Arbeitslosigkeit bei über 50 Prozent liegt (Türkei: ca. 10, bei Jugendlichen ca. 18 Prozent). In- sofern sind die obgenannten R isikofaktoren für eine Person, die w ie die G esuchstellerin aus der Provinz Konya kom m t, zu relativieren. Im Ü brigen konnte das w irtschaftliche Klim a in der Türkei dank den in letzter Zeit durchgeführten Strukturreform en und der m akroökonom ischen Stabilisie- rung für U nternehm en und Investitionen schrittw eise verbessert w erden (vgl. Fortschrittsbericht Türkei der EU vom 8. N ovem ber 2006 zum Stand der Vorbereitungen für die EU -M itgliedschaft, S. 28 ff.). 6. 6.1 Bei der R isikoanalyse sind aber nicht nur solche allgem einen U m stände und Erfahrungen, sondern auch säm tliche G esichtspunkte des konkreten Einzelfalles zu berücksichtigen. O bliegt einem G esuchsteller bzw . einer G esuchstellerin im H eim atstaat beispielsw eise eine besondere berufliche, gesellschaftliche oder fam iliäre Verantw ortung, kann dieser U m stand durchaus die Prognose für eine anstandslose W iederausreise begünsti- gen. U m gekehrt m uss bei G esuchstellern und G esuchstellerinnen, die in ihrer H eim at keine der erw ähnten Verpflichtungen haben, die sie von einer m öglichen Em igration abhalten könnten, aufgrund entsprechender Erfah- rungen das R isiko eines frem denpolizeilich nicht vorschriftsgem ässen Ver- haltens (nach bew illigter Einreise zu einem Besuchsaufenthalt) hoch ein- geschätzt w erden. 6.2 Bei der G esuchstellerin handelt es sich um eine 30-jährige ledige Frau, die m angels eines erlernten Berufes (M itarbeit auf dem elterlichen H of) nicht einer Erw erbstätigkeit ausser H ause nachgeht. N ebst der M ithilfe auf dem H of hat sie auch noch ihren Vater gepflegt. Auf den ersten Blick obliegen ihr daher im H eim atland keine besonderen beruflichen Verpflichtungen oder fam iliären Verantw ortlichkeiten (ihr Vater ist im D ezem ber 2003 ver- storben), die sie ernsthaft von einer Em igration abzuhalten verm öchten, zum al bereits ein Bruder (Beschw erdeführer) und eine Schw ester (in C hur) definitiv in die Schw eiz übersiedelt sind. Andererseits leben ihre M utter und drei Brüder in der Türkei, w eshalb nach w ie vor von einer starken Ver- w urzelung auszugehen ist. Auch ist die G esuchstellerin inzw ischen in ei- nem Alter, w o der W unsch, die H eim at und das Elternhaus zu verlassen und an einem anderen O rt ein neues Leben anzufangen, nicht m ehr so gross ist w ie beispielsw eise beim Beschw erdeführer, der seine H eim at da- m als im Alter von 19 Jahren verlassen hat. Insbesondere durch die lang- jährige Pflege ihres Vaters hat die G esuchstellerin pflichtgem ässes und verantw ortungsbew usstes H andeln bew iesen, w eshalb in diesem speziel- len Fall auch von einer hohen W ahrscheinlichkeit regelkonform en Verhal- tens in Bezug auf den geplanten Besuchsaufenthalt in der Schw eiz und der rechtzeitigen W iederausreise ausgegangen w erden kann. D afür spricht auch, dass offenbar bereits Verw andte und Bekannte der Beschw erdefüh- rer aus dem gleichen O rt w ie die G esuchstellerin in der Schw eiz zu Be- such gew esen und anstandslos w ieder in ihr H eim atland zurückgekehrt sind.6 6.3 N ach dem G esagten kann der G esuchstellerin – obw ohl ein gew isses R isi- ko für ein m issbräuchliches Verhalten nicht gänzlich ausgeschlossen w er- den kann – insgesam t eine gute Prognose gestellt w erden. H inzu kom m t, dass in casu das private Interesse an der Verw irklichung fam iliärer Kontak- te (insbesondere zur 11-jährigen Tochter des Beschw erdeführers) auf der H and liegt und dem gegenüber keine überw iegenden öffentlichen Interes- sen ersichtlich sind, die für eine Aufrechterhaltung der Einreiseverw eige- rung sprächen. 7. Aus diesen D arlegungen folgt, dass die angefochtene Verfügung in unrich- tiger Ausübung des Erm essens ergangen ist (Art. 49 Bst. a Vw VG ). In G ut- heissung der Beschw erde ist die Verfügung daher aufzuheben und die Vorinstanz anzuw eisen, der G esuchstellerin die Einreise in die Schw eiz zu einem Besuchsaufenthalt zu bew illigen und die Schw eizerische Botschaft in Ankara zur Ausstellung des gew ünschten Visum s zu erm ächtigen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind den Beschw erdeführern keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 Vw VG ) und der geleistete Kostenvor- schuss ist zurückzuerstatten. Eine Parteientschädigung ist nicht zuzuspre- chen, da den nicht anw altlich vertretenen Beschw erdeführern keine not- w endigen und verhältnism ässig hohen Kosten erw achsen sind (Art. 64 Abs. 1 Vw VG i.V.m . Art. 7 Abs. 4 und Art. 8 des R eglem ents vom 11. D e- zem ber 2006 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver- w altungsgericht [VG KE, SR 173.320.2]). D ispositiv Seite 77 D em nach erkennt das B undesverw altungsgericht: 1. D ie Beschw erde w ird gutgeheissen und die angefochtene Verfügung vom 4. Septem ber 2006 w ird aufgehoben. 2. D as BFM w ird angew iesen, A._______ die Einreise in die Schw eiz zu ei- nem Besuchsaufenthalt zu bew illigen und die Schw eizerische Botschaft in Ankara zur Ausstellung des gew ünschten Besuchervisum s zu erm ächti- gen. 3. Es w erden keine Verfahrenskosten auferlegt und der am 24. O ktober 2006 geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- w ird den Beschw erdeführern zu- rückerstattet. 4. Eine Parteientschädigung w ird nicht zugesprochen. 5. D ieses U rteil w ird eröffnet: - den Beschw erdeführern (eingeschrieben) - der Vorinstanz (eingeschrieben; Akten R ef-N r. . ... ... zurück) D er Kam m erpräsident: D er G erichtsschreiber: Antonio Im oberdorf R udolf G run Versand am :