Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 25. September 2014 (715 13 129 / 237) ____________________________________________________________________ Arbeitslosenversicherung Rückforderung von zu viel ausbezahlter Arbeitslosenentschädigung; Neben- oder Zwi- schenverdienst; Wiedererwägungsvoraussetzung der zweifellosen Unrichtigkeit Besetzung Vorsitzende Kantonsrichterin Elisabeth Be rger Götz, Kantonsrichter Markus Mattle, Kantonsrichter Yves Thommen, Gerichtsschreiberin Vijitha Schniepper-Muthuthamby Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Martin Dumas , Advokat , Rümelinsplatz 14, Postfach, 4001 Basel gegen Öffentliche Arbeitslosenkasse Baselland , Bahnhofstrasse 32 , 4133 Pratteln, Beschwerdegegnerin Betreff Rückforderung A. Der 1968 geborene A.____ war seit 1. Juli 2001 b ei der B.____AG mit einem Pensum von 100% tätig. Ab 1. August 2006 war A.____ zudem beim C.____ als Lehrer an der Schule D.____ mit einem Pensum von 60% angestellt. Infolge Einstellung der operativen Tätigkeiten kündigte die B.____AG das Arbeitsverhältnis per 31. März 2007. Aufgrund einer Krankheit ver- längerte sich die Kündigungsfrist auf 30. April 200 7. A.____ meldete sich am 19. März 2007 beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zu r Arbeitsvermittlung an und stellte einen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ab 1. Mai 2007. G estützt auf eine "Vermittlungsfähigkeit von 70%" richtete die Öffentliche Arbeitslosenkasse (Arb eitslosenkasse) Baselland Arbeitslo- senentschädigungen für die Dauer von Mai 2007 bis Juli 2008 aus. A.____ meldete sich per 31. Juli 2008 von der Arbeitsvermittlung ab. Mit Verfügung vom 13. August 2010 forderte die Arbei tslosenkasse zu viel ausgerichtete Ar- beitslosenentschädigung in der Höhe von Fr. 59'478.95 zurück. Die dagegen erhobene Ein- sprache von A.____, vertreten durch die ORION Rechtsschutz- Versicherungsgesellschaft AG, hiess die Arbeitslosenkasse mit Entscheid vom 19. März 2013 i nsofern gut, als sie den Rück- forderungsbetrag auf Fr. 56'310.45 kürzte. B. Gegen diesen Einspracheentscheid erhob A.____, weit erhin vertreten durch die ORION Rechtsschutz-Versicherungsgesellschaft AG, mit Eingabe vom 2. Mai 2013 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicheru ngsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte er, es sei der angefochtene Einspracheentsche id aufzuheben, eventualiter sei die Angelegenheit zur korrekten Berechnung der Rückforderun gssumme an die Vorinstanz zurück- zuweisen; dies unter o/e-Kostenfolge. C. Das Kantonsgericht forderte die ORION Rechtsschutz-V ersicherungsgesellschaft AG mit Schreiben vom 3. Mai 2013 auf, zur Frage, ob sie im Si nne des Anwaltsgesetzes Basel- Landschaft zur Parteivertretung befugt sei, Stellung zu nehmen. D. Mit Schreiben vom 29. Mai 2013 teilte Advokat Marti n Dumas dem Kantonsgericht mit, dass er den Beschwerdeführer von nun an im Beschwerdeverfahren vertreten werde. E. Mit Eingabe vom 30. September 2013 liess sich die Arb eitslosenkasse vernehmen und beantragte die Abweisung der Beschwerde. F. In der Replik vom 10. Januar 2014 hielt der Besch werdeführer an seinen Anträgen fest. G. Mit Duplik vom 17. März 2014 hielt die Arbeitslosenka sse an ihrem Abweisungsantrag fest. H. An der heutigen Parteiverhandlung nehmen der Beschw erdeführer, sein Rechtsvertreter sowie die Vertreterin der Arbeitslosenkasse teil. Die Pa rteien halten an ihren gestellten Anträ- gen fest. Auf ihre Ausführungen wird – soweit erford erlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 100 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die o bligatorische Arbeitslosenversi- cherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) vom 25. Ju ni 1982 kann der Bundesrat die örtliche Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerichts in Abweichung von Art. 58 des Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche rungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 regeln. Gemäss Art. 128 der Verordnun g über die obligatorische Arbeitslosen- versicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV) vom 31. August 1983 richtet sich die Be- urteilung der Zuständigkeit des kantonalen Versicherungs gerichts nach Art. 119 AVIV. Örtlich zuständig ist gemäss Art. 128 in Verbindung mit Art. 119 Abs. 1 lit. a AVIV das Gericht desjeni- gen Kantons, in dem der Versicherte seine Kontrollpfl icht erfüllt. Während der Zeitdauer des Leistungsbezugs hat der Beschwerdeführer seine Kontrollpf licht im Kanton Basel-Landschaft erfüllt. Nach § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die V erfassungs- und Verwaltungsprozessord- nung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist das Kantonsgeric ht, Abteilung Sozialversicherungs- recht, als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Basel-L andschaft zur Behandlung von Be- schwerden gegen Verfügungen gemäss Art. 100 AVIG zuständig. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde vom 2. Mai 2013 ist einzutreten. 2. Streitig und zu prüfen ist, ob die von der Arbeitsl osenkasse im Einspracheentscheid auf Fr. 56'310.45 herabgesetzte Rückforderung rechtmässig ist. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, ob das vom Beschwerdeführer während der Arbeitsl osigkeit erzielte Einkommen als Schullehrer beim C.____ als Zwischenverdienst bei der Ar beitslosentaggeldberechnung mitein- zubeziehen oder als Nebenverdienst ausser Acht zu lassen ist. 3.1 Die Arbeitslosenkasse begründet die Rückforderung d amit, dass der Beschwerdeführer während der Arbeitslosigkeit beim C.____ als Lehrer an der Schule D.____ gearbeitet habe, sodass das daraus erzielte Einkommen für den Zeitraum vom 1. Mai 2007 bis 31. Juli 2008 als Zwischenverdienst anzurechnen gewesen wäre. Die Tätigkeit an der Schule D.____ stelle keine Nebenbeschäftigung dar, weil der Beschwerdeführer vor Antritt dieser Stelle bereits gewusst habe, dass er die Stelle bei der B.____AG verlieren w erde. Weiter hält die Arbeitslosenkasse fest, dass sie erst nach Einreichung der Bescheinigungen ü ber den Zwischenverdienst durch das C.____ vom 7. Juli 2010 bzw. 2. August 2010 erfahren habe, dass der Beschwerdeführer während seiner Arbeitslosigkeit gearbeitet habe. In de n monatlichen Formularen "Angaben der versicherten Person" habe der Beschwerdeführer jeweils die Frage verneint, ob er im jeweiligen Monat gearbeitet habe. Lediglich im Formular des Mon ats Mai 2007 habe der Beschwerdefüh- rer zunächst die Tätigkeit an der Schule D.____ angegeb en, habe es dann aber wieder durch- gestrichen und mit Unterschrift bestätigt. Die Rückforderung sei somit lediglich in Bezug auf den Monat Mai 2007 verwirkt. Die Arbeitslosenkasse habe zwar Kenntnis darüber gehabt, dass der Beschwerdeführer zu Beginn seiner Arbeitslosigkeit die Tätigkeit an der Schule D.____ ausge- übt habe. Jedoch könne sie die Angaben nicht laufend auf deren Richtigkeit überprüfen oder hinterfragen. Deshalb sei sie darauf angewiesen, dass d er Beschwerdeführer pflichtgemäss und wahrheitsgetreu die monatlichen Formulare "Angab en der versicherten Person" ausfülle. Schliesslich hält die Arbeitslosenkasse fest, dass der Besch werdeführer sich im Umfang von 70% dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt habe. Der " Vermittlungsgrad" könne nachträglich nicht auf 100% erhöht werden, sodass der einmal ermitte lte versicherte Verdienst grundsätzlich massgebend bleibt. 3.2 Der Beschwerdeführer hält dagegen fest, dass das Ein kommen aus der Tätigkeit als Schullehrer einen Nebenverdienst darstelle. Er habe beim Antritt dieser Stelle noch nicht wissen Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht können, dass er die Stelle bei der B.____AG verlieren werde. Vielmehr sei die Rede von einer Fusion bzw. Betriebsübernahme gewesen. Die Kündigung i m September 2006 sei sehr überra- schend gekommen. Bis kurz vor Kündigung habe er noch an We iterbildungen teilnehmen müs- sen. Beim Antrag auf Arbeitslosenentschädigung habe er angegeben, dass er teilzeitlich als Schullehrer tätig sei. Die entsprechenden Lohnabrechnu ngen sowie der entsprechende Ar- beitsvertrag seien ebenfalls im Juni 2007 bei der Arbei tslosenkasse eingereicht worden. Im Formular "Angaben der versicherten Person" für den Mon at Mai 2007 habe er zunächst ange- geben, dass er vom 1. Mai 2007 bis 31. Mai 2007 für d rei halbe Tage pro Woche an der Schule D.____ gearbeitet habe. Sein RAV-Berater habe ihm j edoch mitgeteilt, dass es sich bei der Tä- tigkeit als Schullehrer um einen nicht zu deklarierende n Nebenerwerb handle. Gestützt darauf habe er seine Angabe auf dem fraglichen Formular dur chgestrichen und dies unterschriftlich bestätigt. Auf den folgenden monatlichen Formularen h abe er es sodann nicht mehr angege- ben. Sollte die Tätigkeit an der Schule D.____ wider Erwarten als Zwischenverdienst berück- sichtigt werden, so müsse das Einkommen aus dieser Tätigkei t beim versicherten Verdienst ebenfalls berücksichtigt werden. Ohnehin sei der Rückfor derungsanspruch verwirkt, da die Ar- beitslosenkasse spätestens seit Mai 2007 bzw. Juni 2007 von d er Tätigkeit an der Schule D.____ Kenntnis gehabt habe. Er habe von Beginn an alles offengelegt. Das von der Arbeitslo- senkasse gegen ihn eingeleitete Strafverfahren sei eing estellt worden mit der Begründung, er habe von Beginn an alles der Arbeitslosenkasse mitgetei lt, sodass die Arbeitslosenkasse seit dem Jahr 2007 detailliert über seine Anstellung als Schullehrer Kenntnis gehabt habe. 4.1 Der Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung setzt nach Art. 8 Abs. 1 AVIG unter ande- rem voraus, dass die versicherte Person ganz oder teilweise arbeitslos (lit. a) und einen anre- chenbaren Arbeitsausfall erlitten hat (lit. b). Als ganz arbeitslos gilt gemäss Art. 10 Abs. 1 AVIG, wer in keinem Arbeitsverhältnis steht und eine Vollzeitbeschäftigung sucht. Als teilweise arbeits- los gilt hingegen, wer in keinem Arbeitsverhältnis ste ht und lediglich eine Teilzeitbeschäftigung sucht oder eine Teilzeitbeschäftigung hat und eine Voll zeit- oder weitere Teilzeitbeschäftigung sucht (Art. 10 Abs. 2 AVIG). 4.2 Die Arbeitslosenentschädigung wird als Taggeld ausg erichtet (Art. 21 AVIG). Die Höhe des Taggeldes richtet sich nach dem versicherten Verdienst (vgl. Art. 22 AVIG). Als versicherter Verdienst gilt der im Sinne der AHV-Gesetzgebung mas sgebende Lohn, der während eines Bemessungszeitraumes aus einem oder mehreren Arbeitsverh ältnissen normalerweise erzielt wurde; eingeschlossen sind die vertraglich vereinbarten regelmässigen Zulagen, soweit sie nicht Entschädigung für arbeitsbedingte Inkonvenienzen d arstellen (Art. 23 Abs. 1 Satz 1 AVIG). Der versicherte Verdienst berechnet sich nach dem gesuchten Beschäftigungsgrad, so- fern im Bemessungszeitraum eine beitragspflichtige Beschä ftigung im entsprechenden Umfang ausgeübt worden ist (B ARBARA KUPFER BUCHER , Rechtsprechung des Bundesgerichts zum So- zialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung, 4. Auflage, Zürich 2013, S. 130 mit weiteren Hinweisen). 4.3 Gemäss Art. 24 AVIG gilt als Zwischenverdienst jedes Ei nkommen aus unselbstständi- ger oder selbstständiger Erwerbstätigkeit, das die arbeitslose Person innerhalb einer Kontrollpe- riode erzielt. Die versicherte Person hat innerhalb der Rahmenfrist für den Leistungsbezug An- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht spruch auf Ersatz des Verdienstausfalles für Tage, an dene n sie einen Zwischenverdienst er- zielt (Art. 24 Abs. 2 AVIG). Als Verdienstausfall gilt die Differenz zwischen dem in der Kontroll- periode erzielten Zwischenverdienst, mindestens aber dem berufs- und ortsüblichen Ansatz für die betreffende Arbeit, und dem versicherten Verdienst. Ein Nebenverdienst bleibt unberück- sichtigt (Art. 24 Abs. 3 AVIG). Als solcher gilt ein Ein kommen, das die versicherte Person aus- serhalb ihrer normalen Arbeitszeit als Arbeitnehmer bzw . Arbeitnehmerin oder ausserhalb des ordentlichen Rahmens ihrer selbstständigen Erwerbstätigkeit erzielt (Art. 23 Abs. 3 AVIG), somit jede Arbeit, welche neben einem normalen Vollzeitpen sum verrichtet wird. Ein solcher Ver- dienst wird bei der Berechnung des versicherten Verdienstes nicht berücksichtigt (Art. 23 Abs. 3 Satz 1 AVIG). Dahinter steht der Grundgedanke, dass d ie Arbeitslosenversicherung nur für das Risiko des Verlusts einer üblichen Arbeitnehmertätigkeit Versicherungsschutz gewährt (BGE 126 V 208 E. 1, 123 V 74 E. 5c). Die Rechtsprechung ha t es daher abgelehnt, eine Entschädi- gung für Erwerbseinbussen auszurichten, die vom Wegfall einer ein normales Vollzeitpensum übersteigenden Beschäftigung stammen (BGE 125 V 479 E. 5b und c, 120 V 253 E. 5 und 6). 5.1 Gemäss Art. 95 Abs. 1 AVIG in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG ist die Ar- beitslosenkasse verpflichtet, zu Unrecht ausbezahlte Versicheru ngsleistungen vom Empfänger zurückzufordern. Eine aufgrund einer formell rechtskräft igen Verfügung ausgerichtete Leistung ist allerdings nur zurückzuerstatten, wenn entweder die für die Wiedererwägung oder die pro- zessuale Revision erforderlichen Voraussetzungen erfüllt sind (BGE 129 V 110 E. 1.1, 126 V 399 E. 1, je mit Hinweisen). Nach Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger in Form der Wiedererwägung auf formell rechtskräftige Ver fügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wen n ihre Berichtigung von erhebli- cher Bedeutung ist. Durch die rückwirkende Korrektur einer Verfügung entfällt die rechtliche Grundlage für die zugesprochenen Leistungen, womit sie im Nachhinein zu unrechtmässigen Leistungen werden (vgl. BGE 122 V 138 E. 2c). Diese fü r die Wiedererwägung formell rechts- kräftiger Verfügungen massgebenden Voraussetzungen gelten auch mit Bezug auf die Rücker- stattung zu Unrecht bezogener Geldleistungen der Arbeit slosenversicherung, unabhängig da- von, ob die zur Rückforderung Anlass gebenden Leistungen förmlich oder formlos verfügt wor- den sind (BGE 129 V 110 E. 1.1 mit Hinweisen). 5.2 Nach Art. 25 Abs. 2 ATSG erlischt der Rückforderung sanspruch mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem die auszahlende Stelle davon Kenntnis erh alten hat (relative Frist), spätes- tens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entr ichtung der einzelnen Leistung (absolu- te Frist). Bei diesen Fristen handelt es sich um Verwirkun gsfristen (BGE 138 V 77 E. 4.1 mit Hinweisen). Unter dem Ausdruck „nachdem die auszahlende S telle davon Kenntnis erhalten hat“ ist der Zeitpunkt zu verstehen, in welchem die Ver waltung bei Beachtung der ihr zumutba- ren Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen, dass die Vorau ssetzungen für eine Rückerstat- tung bestehen (BGE 122 V 274 f. E. 5a mit Hinweisen). Nach der Rechtsprechung ist dies nicht schon der Fall, wenn die Verwaltung nach den gesamten Umständen damit rechnen muss, dass möglicherweise ein Rückforderungstatbestand besteht. V ielmehr muss ihr bei Beachtung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit nicht nur der Rückford erungstatbestand, sondern insbe- sondere auch der Rückforderungsbetrag bekannt sein. Nötigenfalls hat die Verwaltung zusätzli- che Abklärungen vorzunehmen. Lässt sie es hieran fehlen, ist der Beginn der Verwirkungsfrist Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht auf den Zeitpunkt festzusetzen, in welchem sie mit dem erforderlichen und zumutbaren Einsatz diese Kenntnis hätte erlangen können (Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsge- richts [EVG, heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteil ungen] vom 23. April 2004, C 214/03, E. 4.1 mit Hinweisen; BGE 119 V 433 E. 3a, 112 V 181 E. 4a). 6.1 Der Beschwerdeführer war vom 1. Juli 2001 bis 30. Ap ril 2007 bei der B.____AG mit einem Pensum von 100% angestellt. Vor Erhalt der Künd igung seitens der B.____AG war der Beschwerdeführer ab 1. August 2006 zudem beim C.____ a ls Schullehrer im Umfang von 15 Wochenstunden tätig, dies bei einer Normalarbeitszeit von 25 Wochenstunden. Somit betrug das Pensum als Lehrer 60%. Anlässlich der Parteiverhandlung führt der Beschwerdeführer aus, dass er für die Tätigkeit als Schullehrer bei der B.___ _AG nur an anderthalb Tagen gefehlt ha- be, welche er mit Ferienguthaben und Überstunden habe kompensieren können. Ab 1. August 2007 erhöhte sich das Pensum als Schullehrer auf 68%. 6.2 Im Antrag auf Arbeitslosenentschädigung vom 26. Fe bruar 2007 gab der Beschwerde- führer an, er sei bereit und in der Lage eine Teilzei tstelle im Umfang von 70% auszuüben. Ebenfalls hielt er im Antrag seine Tätigkeit als Schul lehrer fest. Gestützt auf eine "Vermittlungs- fähigkeit von 70%" (der Begriff der Vermittlungsfähig keit als Anspruchsvoraussetzung schliesst graduelle Abstufungen aus: BGE 136 V 97 E. 5.1) richt ete die Arbeitslosenkasse dem Be- schwerdeführer in der Folge für die am 1. Mai 2007 er öffnete Rahmenfrist Taggelder auf der Basis eines versicherten Verdienstes von Fr. 5'609.-- aus. Dabei handelt es sich um das zuletzt bei der B.____AG erzielte Einkommen. Das als Schullehre r erzielte Einkommen blieb bei der Taggeldberechnung und bei der Zwischenverdienstanrechnung vorerst ausser Betracht. 7. Bei der Frage, ob es sich beim Einkommen aus der Tät igkeit als Schullehrer um einen Nebenverdienst oder einen Zwischenverdienst handelt, is t nachfolgend zwischen dem Pensum von anfänglich 60% und dem später auf 68% erhöhten Pensum zu differenzieren. 8.1 Nach der Rechtsprechung gilt als Zwischenverdienst – unbesehen um den Status der Teilarbeitslosigkeit – auch die vom Teilarbeitslosen im Sinn von Art. 10 Abs. 2 lit. b AVIG wei- terhin ausgeübte teilzeitliche Erwerbstätigkeit (BGE 127 V 480 E. 2, 122 V 433, 120 V 502). Die Anwendung der Zwischenverdienstregelung auf Teilzeitarbe itslose im Sinn von Art. 10 Abs. 2 lit. b AVIG wird von der Lehre kritisiert, wobei unter anderem ausgeführt wird, wenn die Recht- sprechung auch den verbleibenden, nicht vom Arbeitsausf all betroffenen Teil der Erwerbstätig- keit als Zwischenverdienst behandle, so mache sie den Teil zeitarbeitslosen aus gesetzessys- tematischer Sicht zum Ganzarbeitslosen. Eine Zwischenverdi ensttätigkeit könne sich nur auf unzumutbare Tätigkeiten und nur auf den Teil des Arb eitsausfalls und damit auf den Umfang der eingetretenen Arbeitslosigkeit beziehen. Richtiger weise sei die bisherige Beschäftigung einer Person, welche eine von mehreren Teilzeitbeschäf tigungen verloren habe, nicht als Zwi- schenverdienst zu betrachten. Die Entschädigung eines tei lweise Arbeitslosen sei daher wie gemäss der früheren Rechtsprechung (BGE 112 V 229 = Pra 76 Nr. 112, BGE 112 V 237) auf der Grundlage des versicherten Verdienstes zu bemessen, der sich auf den Arbeitsausfall be- ziehe. Als Zwischenverdienst kämen daher nur Teilzeitbeschäftigungen eines Ganzarbeitslosen und diejenigen eines Teilzeitarbeitslosen, welche für d ie dem Arbeitsausfall entsprechende Zeit Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht angenommen würden, in Frage (T HOMAS NUSSBAUMER , Arbeitslosenversicherung, in: Ulrich Meyer [Hrsg.], Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Soziale Sicherheit, 2. Aufl., Basel 2007, Rz 418 f; vgl. G ERHARD GERHARDS , Arbeitslosenversicherung: „Stempelferien“, Zwi- schenverdienst und Kurzarbeitsentschädigung für öffentliche Betriebe und Verwaltungen – Drei Streitfragen, SZS 1994, S. 321 ff., 335 ff.). Trotz dieser Kritik hielt das Bundesgericht an seiner Praxis, wonach die Zwischenverdienstregelung auf Teilzeitarbeitslose anzuwenden sei, fest und verwies zur Begründung auf die Regelungsabsicht des Gese tzgebers: Die während einer oder mehreren Kontrollperioden erzielten Verdienste sollt en unabhängig vom Status als Ganz- oder Teilarbeitslosen nach dem Prinzip des Verdienstausfalls u nd in einheitlicher Weise über den Weg von Art. 24 AVIG angerechnet werden (Urteil des Bundesgerichts vom 22. November 2010, 8C_721/2010, E. 4.2). 8.2 Die Arbeitslosenkasse war bei Anmeldung der Arbei tslosigkeit darüber informiert, dass der Beschwerdeführer auch nach Verlust der Stelle bei d er B.____AG weiterhin eine Tätigkeit im Rahmen von 60% als Gewerbeschullehrer ausübte. Dies wird auch nicht bestritten. Als Basis für den versicherten Verdienst nahm die Arbeitslosenkasse das zuletzt bei der B.____AG erziel- te Einkommen. Die Arbeitslosenkasse ging demnach implizit von einer Teilarbeitslosigkeit im Sinne von Art. 10 Abs. 2 lit. a AVIG aus. Ob vorliege nd von einem Nebenverdienst oder Zwi- schenverdienst auszugehen ist, kann offen gelassen werden. So oder anders kann auf die aus- bezahlten Taggelder im Zusammenhang mit der 60% Anst ellung als Schullehrer nicht zurück- gekommen werden. Wird ein Nebenverdienst angenommen, erweist sich die ursprüngliche Be- rechnung der Arbeitslosenkasse als korrekt. Wird hingegen von einem Zwischenverdienst aus- gegangen, sind die Wiedererwägungsvoraussetzungen nich t erfüllt. Denn die Bemessung des versicherten Verdienstes ohne Berücksichtigung der 60%igen T eilzeittätigkeit als Schullehrer kann nicht als zweifellos unrichtig gelten (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 22. November 2010, 8C_721/2010, E. 5). 8.3 Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass die Rückford erung, sofern sie auf der An- rechnung des Einkommens aus der Tätigkeit als Schullehr er mit einem Pensum von 60% ba- siert, nicht rechtens ist. 9. Die Erhöhung des Pensums als Schullehrer von 60% au f 68% ist anders zu beurteilen. Aus der Erhöhung des Pensums folgte eine Lohnerhöhung. Handelt es sich bei der Tätigkeit als Schullehrer im Umfang von 60% um eine Nebenbeschäftig ung und wird das Pensum wie vor- liegend nach Eintritt der Arbeitslosigkeit erhöht, ste llt der dementsprechend angestiegene Lohn einen Zwischenverdienst dar (vgl. BGE 123 V 230; vgl. Ur teil des Bundesgerichts vom 27. Januar 2003, C 149/02). Wird bereits die Tätigkeit im Umfang von 60% als Zwischenver- dienst betrachtet, so gilt dies auch für die Erhöhung des Pensums. Im Gegensatz zur vorheri- gen Feststellung in E. 8.2 ist insoweit die Wiedererw ägungsvoraussetzung der offensichtlichen Unrichtigkeit gegeben, da die Erhöhung des Pensums nach Eintritt der Arbeitslosigkeit erfolgte und somit keinen Einfluss auf den versicherten Verdienst h at. Somit ist der Mehrverdienst aus der Erhöhung des Pensums als Zwischenverdienst zu berücksichti gen und zwar unabhängig davon, ob die Tätigkeit im Umfang von 60% als Nebenve rdienst oder als Zwischenverdienst beurteilt wird. Auch die Voraussetzung der Erheblichkeit ist gegeben, weil die Pensumserhö- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht hung von 8% einem Mehrverdienst von etwa Fr. 500.-- mon atlich entsprochen hat. Die entspre- chende Rückforderung ist des Weiteren nicht verwirkt, da die Erhöhung des Pensums der Ar- beitslosenkasse erst nach Erhalt der Bescheinigungen über den Zwischenverdienst durch das C.____ am 7. Juli 2010 bzw. 2. August 2010 bekannt wur de. Die entsprechende Rückforde- rungsverfügung erfolgte am 13. August 2010, sodass weder die einjährige noch die fünfjährige Verwirkungsfrist abgelaufen war. Dementsprechend ist d ie Angelegenheit im Sinne dieser Er- wägung zur Neuberechnung der Rückforderung im Umfang der Entlöhnung für das aufgestock- te Pensum von 8% an die Arbeitslosenkasse zurückzuweisen. 10. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass offen gelassen w erden kann, ob der aus der Tätigkeit als Schullehrer mit einem Pensum von 60% er zielte Verdienst Nebenverdienst oder Zwischenverdienst darstellt. Würde er als Nebenverdienst betrachtet werden, so wäre dieser Verdienst bei der Berechnung des versicherten Verdienste s nicht zu berücksichtigen und die ursprüngliche Vorgehensweise der Arbeitslosenkasse wäre korrekt. Würde der aus der Tätigkeit als Schullehrer mit einem Pensum von 60% erzielte Verdienst als Zwischenverdienst betrachtet, so wäre mangels zweifelloser Unrichtigkeit der Taggeldabr echnung für die Rückforderung kein Rückkommenstitel gegeben. Nicht zu beanstanden ist der Rück forderungsanspruch, soweit er auf der nachträglichen Anrechnung der Einkommenserhöhun g aus der Erweiterung des Pen- sums von 8% als Zwischenverdienst basiert. Demzufolge ist die Beschwerde in dem Sinne gut- zuheissen, als der angefochtene Einspracheentscheid der Arb eitslosenkasse vom 19. März 2013 aufzuheben und die Angelegenheit zur Neuberechn ung der Rückforderung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an di e Arbeitslosenkasse zurückzuweisen ist. 11. Es bleibt über die Kosten zu befinden. Art. 61 li t. a ATSG hält fest, dass der Prozess vor dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorlie- gende Verfahren keine Kosten zu erheben. Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Be- schwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parte ikosten. Dem Ausgang des Verfah- rens entsprechend ist dem Beschwerdeführer deshalb eine Parteientschädigung zu Lasten der Arbeitslosenkasse zuzusprechen. Der Rechtsvertreter des Besch werdeführers hat in seiner Honorarnote vom 25. September 2014 für das vorliegen de Beschwerdeverfahren einen Zeit- aufwand von 22.19 Stunden sowie Auslagen von Fr. 342. -- ausgewiesen, was angesichts der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen nicht zu b eanstanden ist. Hinzu kommt eine Entschädigung des Rechtsvertreters für die Parteiverhand lung im Umfang von zwei Stunden, sodass insgesamt ein Zeitaufwand von insgesamt 24.19 St unden zuzuerkennen ist. Der aus- gewiesene Zeitaufwand von insgesamt 24.19 Stunden ist zu dem in Sozialversicherungspro- zessen für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelange nden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Dem Rechtsvertreter ist deshalb ein Hon orar in der Höhe von Fr. 6'900.65 (22.19 Stunden à Fr. 250.-- zuzüglich Auslagen von Fr. 342.-- plus 8% Mehrwertsteuer) zu Las- ten der Arbeitslosenkasse zuzusprechen. 12. Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesger icht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenh eiten an das Bundesgericht zulässig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbst ändig eröffnete Zwischenentscheide Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zustä ndigkeit und über Ausstandsbe- gehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öf fentlich-rechtlichen Angelegenheiten an- fechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzumachenden Na chteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschw erde sofort einen Endentscheid her- beiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Ze it oder Kosten für ein weitläufiges Be- weisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BG G). Nach der bundesgerichtlichen Recht- sprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung oder zur Neuberechnung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rückweisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehre- ren materiell-rechtlichen Anspruchsvoraussetzungen) bea ntwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich som it um einen Zwischenentscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn eine Beschwerd e in öffentlich-rechtlichen Angele- genheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 9 3 Abs. 1 BGG genannten Voraussetzun- gen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bunde sgericht. Die nachstehende Rechts- mittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird insofern gutgeheissen, als d er Einspracheent- scheid der Öffentlichen Arbeitslosenkasse Baselland vom 19 . März 2013 aufgehoben und die Angelegenheit zur Neuberech nung der Rückforderung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass ei ner neuen Verfügung an die Öffentliche Arbeitslosenkasse Baselland zurückge- wiesen wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Öffentliche Arbeitslosenkasse Baselland hat de m Beschwerdefüh- rer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 6‘900.65 (inkl. Ausla- gen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen.