<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 1 S.21</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">21</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zivilrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>A. Erbrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft3"><b>1</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 518, 554 Abs. 1 Ziff. 4, 556 Abs. 3 und 559 Abs. 1 ZGB; Anordnung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Erbschaftsverwaltung; Voraussetzungen.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Haben die gesetzlichen Erben die Ausstellung einer Erbbescheinigung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>und damit die (vorläufige) Auslieferung der Erbschaft an die mittels</b></span><br/> <span class="ft3"><b>letztwilliger Verfügung eingesetzten Erben durch Erhebung einer</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Einsprache i.S.v. Art. 559 Abs. 1 ZGB erfolgreich verhindert, sind</b></span><br/> <span class="ft3"><b>entweder die ersteren oder die letzteren durch die amtliche Erb-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schaftsverwaltung i.S.v. Art. 556 Abs. 3 i.V.m. Art. 554 Abs. 1 Ziff. 4</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ZGB zu schützen (Erw. 1b).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Ist ein Willensvollstrecker eingesetzt, der das Amt angenommen hat,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>erübrigt sich in der Regel die Anordnung einer Erbschaftsverwaltung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nach Art. 556 Abs. 3 ZGB. Sie rechtfertigt sich hingegen dann, wenn</b></span><br/> <span class="ft3"><b>die blosse Orientierung des Willensvollstreckers über die Einsprache</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der gesetzlichen Erben keine ausreichende Gewähr für den Abbruch</b></span><br/> <span class="ft3"><b>allfälliger Liquidationshandlungen bietet. Abgrenzung der Befugnisse</b></span><br/> <span class="ft3"><b>des Willensvollstreckers von denjenigen des Erbschaftsverwalters.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 2b)</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Zivilkammer, vom 15. August 2000</span><br/> <span class="ft4">in Sachen D.P.S. u.a. gegen M.K u.a.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. a) Die Erbschaftsverwaltung wird gemäss Art. 554 Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">ZGB angeordnet, wenn ein Erbe dauernd und ohne Vertretung abwe-</span><br/> <span class="ft6">send ist, sofern es seine Interessen erfordern (Ziff. 1), wenn keiner</span><br/> <span class="ft6">der Ansprecher sein Erbrecht genügend nachzuweisen vermag oder</span><br/> <span class="ft6">das Vorhandensein eines Erben ungewiss ist (Ziff. 2), wenn nicht alle</span><br/> <span class="ft6">Erben des Erblassers bekannt sind (Ziff. 3), oder wo das Gesetz sie</span><br/> <span class="ft6">für besondere Fälle vorsieht (Ziff. 4).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">22</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Gemäss Art. 556 Abs. 3 ZGB hat die Behörde nach Einlieferung</span><br/> <span class="ft6">einer letztwilligen Verfügung des Erblassers, soweit tunlich nach</span><br/> <span class="ft6">Anhörung der Beteiligten, entweder die Erbschaft einstweilen den</span><br/> <span class="ft6">gesetzlichen Erben zu überlassen oder die Erbschaftsverwaltung</span><br/> <span class="ft6">anzuordnen. Diese Erbschaftsverwaltung gilt als Anwendungsfall</span><br/> <span class="ft6">von Art. 554 Abs. 1 Ziff. 4 und unterliegt nicht den Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft6">von Art. 554 Abs. 1 Ziff. 1 - 3 ZGB (Martin Karrer, Basler Kom-</span><br/> <span class="ft6">mentar, Basel 1998, N 28 zu Art. 556 ZGB; Arnold Escher, Zürcher</span><br/> <span class="ft6">Kommentar, 3. A., Zürich 1960, N 14 zu Art. 556 ZGB; Paul Piotet,</span><br/> <span class="ft6">Schweizerisches Privatrecht, Bd. IV/2, Basel/Stuttgart 1981, S. 735).</span><br/> <span class="ft6">Die Behörde hat ein Ermessen, welche von beiden in Art. 556 Abs. 3</span><br/> <span class="ft6">ZGB genannten Varianten sie anwenden will, ist aber nicht berech-</span><br/> <span class="ft6">tigt, eine andere Variante zu wählen (Karrer, a.a.O., N 25 zu Art. 556</span><br/> <span class="ft6">ZGB). Die Ueberlassung der Erbschaft i.S.v. Art. 556 Abs. 3 ZGB</span><br/> <span class="ft6">bedeutet lediglich, dass die Behörde die gesetzlichen Erben die tat-</span><br/> <span class="ft6">sächliche Gewalt über den Nachlass, welche diesen durch den Tod</span><br/> <span class="ft6">des Erblassers automatisch zusteht, weiter ausüben lässt (Escher,</span><br/> <span class="ft6">a.a.O., N 10 zu Art. 556 ZGB). Trifft die Behörde keinen förmlichen</span><br/> <span class="ft6">Entscheid, bleibt es daher bei der gesetzlichen Regelung von Art. 560</span><br/> <span class="ft6">ZGB, d.h. beim Fortdauern der tatsächlichen Gewalt der gesetzlichen</span><br/> <span class="ft6">Erben über die Erbschaftssachen (Karrer, a.a.O., N 27 zu Art. 556</span><br/> <span class="ft6">ZGB). Zuständige Behörde für den Erlass von Massnahmen zur</span><br/> <span class="ft6">Sicherung des Erbganges ist gemäss § 72 EG ZGB der Ge-</span><br/> <span class="ft6">richtspräsident am letzten Wohnsitz des Erblassers.</span><br/> <span class="ft6">b) Vorliegend haben die gesetzlichen Erben die Ausstellung ei-</span><br/> <span class="ft6">ner Erbbescheinigung - und damit die (vorläufige) Auslieferung der</span><br/> <span class="ft6">Erbschaft - an die mit letztwilliger Verfügung der Erblasserin ein-</span><br/> <span class="ft6">gesetzten Erben durch Erhebung einer Einsprache i.S.v. Art. 559 Abs.</span><br/> <span class="ft6">1 ZGB erfolgreich verhindert. Bei dieser Sachlage ist die Anordnung</span><br/> <span class="ft6">einer Erbschaftsverwaltung durch das Gerichtspräsidium K. nicht zu</span><br/> <span class="ft6">beanstanden. Schliesst der Erblasser die gesetzlichen Erben von der</span><br/> <span class="ft6">Erbfolge aus und wendet den Nachlass Dritten zu, so liegt es auf der</span><br/> <span class="ft6">Hand, dass - je nachdem, wieviele Zweifel an der Gültigkeit der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">23</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">letztwilligen Verfügung sich erheben - entweder die letzteren oder</span><br/> <span class="ft6">die ersteren durch die amtliche Erbschaftsverwaltung zu schützen</span><br/> <span class="ft6">sind (Claude Wetzel, Interessenkonflikte des Willensvollstreckers,</span><br/> <span class="ft6">Diss. Zürich 1985, Rz. 31 ff.). Die gesetzliche Grundlage hiefür</span><br/> <span class="ft6">findet sich im vorab dargelegten Art. 556 Abs. 3 i.V.m. Art. 554</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 Ziff. 4 ZGB. Die in Art. 554 Abs. 1 Ziff. 1 - 3 ZGB genannten</span><br/> <span class="ft6">Voraussetzungen müssen daher - entgegen der Auffassung der</span><br/> <span class="ft6">Gesuchsgegner - nicht erfüllt sein. Die vorinstanzliche Verfügung ist</span><br/> <span class="ft6">allerdings insoweit zu korrigieren, als sie fälschlicherweise nicht nur</span><br/> <span class="ft6">auf Ziff. 4, sondern auch auf Ziff. 3 des Art. 554 Abs. 1 ZGB</span><br/> <span class="ft6">abgestützt wurde, obwohl vorliegend kein Grund zur Annahme</span><br/> <span class="ft6">besteht, dass neben den zur Kenntnis gekommenen noch weitere</span><br/> <span class="ft6">Erben vorhanden sind (Peter Tuor/Vito Picenoni, Berner Kommentar,</span><br/> <span class="ft6">2. A., Bern 1964, N 9 zu Art. 554 ZGB; Escher, a.a.O., N 7 zu</span><br/> <span class="ft6">Art. 554 ZGB).</span><br/> <span class="ft6">2. a) Von den Gesuchstellern ist nicht angefochten, dass die</span><br/> <span class="ft6">Vorinstanz entgegen ihrem Antrag den Willensvollstrecker mit der</span><br/> <span class="ft6">Erbschaftsverwaltung betraut hat. Dies entspricht denn auch der ge-</span><br/> <span class="ft6">setzlichen Regelung in Art. 554 Abs. 2 ZGB, wonach die Verwaltung</span><br/> <span class="ft6">der Erbschaft dem vom Erblasser bezeichneten Willensvollstrecker</span><br/> <span class="ft6">zu übergeben ist. Die Gesuchsgegner machen hingegen geltend, die</span><br/> <span class="ft6">Anordnung einer Erbschaftsverwaltung sei unnötig und unverhält-</span><br/> <span class="ft6">nismässig, nachdem die Erblasserin bereits einen Willensvollstrecker</span><br/> <span class="ft6">bestellt habe; letztlich komme sie einer Absetzung des Willensvoll-</span><br/> <span class="ft6">streckers und damit einer Missachtung des Willens der Erblasserin</span><br/> <span class="ft6">gleich.</span><br/> <span class="ft6">b) Das Gerichtspräsidium K. stellte dem von der Erblasserin</span><br/> <span class="ft6">eingesetzten Willensvollstrecker nach dessen Annahmeerklärung am</span><br/> <span class="ft6">9. Februar 2000 das Willensvollstreckerzeugnis aus. Dieser hat damit</span><br/> <span class="ft6">das ausschliessliche Besitz-, Verwaltungs- und Verfügungsrecht über</span><br/> <span class="ft6">die Erbschaft erworben, währenddem die diesbezüglichen Rechte der</span><br/> <span class="ft6">Erben sistiert sind (Karrer, a.a.O., N 14 zu Art. 518 ZGB). Damit</span><br/> <span class="ft6">bestand vorliegend keine Gefahr, dass die gesetzlichen Erben nach</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">24</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">erfolgreicher Einsprache gegen die Ausstellung der Erbbescheini-</span><br/> <span class="ft6">gung an die eingesetzten Erben die Erbschaft zu deren Nachteil ver-</span><br/> <span class="ft6">silbern. Wie die Gesuchsgegner zutreffend geltend machen, erübrigt</span><br/> <span class="ft6">sich daher in der Regel die Anordnung der Erbschaftsverwaltung</span><br/> <span class="ft6">nach Art. 556 Abs. 3 ZGB, wenn ein Willensvollstrecker eingesetzt</span><br/> <span class="ft6">ist, der das Amt angenommen hat (Karrer, a.a.O., N 28 zu Art. 556</span><br/> <span class="ft6">ZGB; Claude Wetzel, a.a.O., Rz. 178). Sie rechtfertigt sich hingegen</span><br/> <span class="ft6">dann, wenn die blosse Orientierung des Willensvollstreckers über die</span><br/> <span class="ft6">Einsprache der gesetzlichen Erben keine ausreichende Gewähr für</span><br/> <span class="ft6">den Abbruch allfälliger Liquidationshandlungen bietet (Wetzel,</span><br/> <span class="ft6">a.a.O., Rz. 179). In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die</span><br/> <span class="ft6">Befugnisse des Willensvollstreckers weiter gehen als diejenigen des</span><br/> <span class="ft6">Erbschaftsverwalters. Die Kompetenzen des Letzteren sind einge-</span><br/> <span class="ft6">schränkt auf konservatorische Massnahmen: Der Erbschaftsverwalter</span><br/> <span class="ft6">darf weder Liquidationshandlungen vornehmen, noch die Erbteilung</span><br/> <span class="ft6">vorbereiten oder durchführen; er muss den Nachlass wert- und be-</span><br/> <span class="ft6">standesmässig erhalten und in möglichst ursprünglicher Form den</span><br/> <span class="ft6">Erben übergeben; insbesondere hat er keine Kompetenz zur Aus-</span><br/> <span class="ft6">richtung von Vermächtnissen (Karrer, a.a.O., N 39 und 48 zu Art.</span><br/> <span class="ft6">554 ZGB; vgl. auch Piotet, a.a.O., S. 707 f.). Demgegenüber ist der</span><br/> <span class="ft6">Willensvollstrecker, soweit der Erblasser nichts anderes verfügt,</span><br/> <span class="ft6">gemäss Art. 518 Abs. 2 ZGB beauftragt, die Vermächtnisse auszu-</span><br/> <span class="ft6">richten, wofür er keiner Zustimmung der Erben bedarf (Karrer,</span><br/> <span class="ft6">a.a.O., N 50 zu Art. 518 ZGB), sowie die Teilung auszuführen, d.h.</span><br/> <span class="ft6">diese vorzubereiten und nach Abschluss des Teilungsvertrages zu</span><br/> <span class="ft6">vollziehen (Karrer, a.a.O., N 52 zu Art. 518 ZGB; Wetzel, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft6">Rz. 135). Es stehen ihm somit gewisse Rechte zu, die dem</span><br/> <span class="ft6">Erbschaftsverwalter versagt sind.</span><br/> <span class="ft6">Dass das Gerichtspräsidium K. bei der vorliegend gegebenen</span><br/> <span class="ft6">Konstellation die Erbschaftsverwaltung angeordnet hat, um allfällige</span><br/> <span class="ft6">Liquidationsmassnahmen vorsorglich zu verhindern, lässt sich daher</span><br/> <span class="ft6">nicht beanstanden. Dem Einwand der Gesuchsgegner, mit der An-</span><br/> <span class="ft6">ordnung der Erbschaftsverwaltung sei der Willensvollstrecker fak-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">25</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">tisch abgesetzt und der letzte Wille der Erblasserin missachtet wor-</span><br/> <span class="ft6">den, kann nicht gefolgt werden. Die Stellung als Willensvollstrecker</span><br/> <span class="ft6">ist durch die Anordnung der Erbschaftsverwaltung lediglich sistiert</span><br/> <span class="ft6">und lebt nach deren Beendigung wieder auf (Karrer, a.a.O., N 24 zu</span><br/> <span class="ft6">Art. 554 ZGB; Piotet, a.a.O., S. 706; Wetzel, a.a.O., Rz. 136). Wäh-</span><br/> <span class="ft6">rend der Erbschaftsverwaltung ist der Willensvollstrecker auf jene</span><br/> <span class="ft6">Aufgaben, Rechte und Pflichten beschränkt, die ihm aus der Erb-</span><br/> <span class="ft6">schaftsverwaltung zukommen. Diese ist durch behördlichen Ent-</span><br/> <span class="ft6">scheid von Amtes wegen zu beenden, wenn die Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft6">bzw. der Grund für die Anordnung weggefallen oder wenn ihr Zweck</span><br/> <span class="ft6">erreicht ist (Karrer, a.a.O, N. 31 zu Art. 554 ZGB; Escher, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft6">N 17 zu Art. 554 ZGB; Tuor/Picenoni, a.a.O., N 22 zu Art. 554</span><br/> <span class="ft6">ZGB). Bei einer gestützt auf Art. 556 Abs. 3 ZGB angeordneten</span><br/> <span class="ft6">Erbschaftsverwaltung ist dies solange nicht der Fall, als eine</span><br/> <span class="ft6">Einsprache nach Art. 559 ZGB besteht und die Erbbescheinigung</span><br/> <span class="ft6">zugunsten der eingesetzten Erben nicht ausgestellt werden kann</span><br/> <span class="ft6">(Karrer, a.a.O., N 30 zu Art. 556 ZGB; SJZ 1953 S. 377).</span><br/></div> </div> </body> </html>