Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 11. März 2015 (810 14 328) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA und Wegweisung Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, K antonsrichter Markus Clausen, Christian Haidlauf, Claude Jeanneret, Niklaus Ruckstuhl , Gerichtsschreiber Stefan Suter Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Dr. Nicolas Roulet , Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal , Be- schwerdegegner Betreff Widerruf der Aufenthaltsbewilligung und Weg weisung (RRB Nr. 1535 vom 21. Oktober 2014) A. A.____, geboren 1962, stammt aus Italien. Er kam am 17. Mai 2010 in die Schweiz und erhielt gestützt auf ein unbefristetes Arbeitsv erhältnis als Maurer eine bis am 16. Mai 2015 gültige Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Im September 2011 erfuhr das Amt für Migration de s Kantons Basel-Landschaft (AfM) über das Bundesamt für Polizei, dass A.____ in It alien wegen sexueller Handlungen mit einem Kind zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worde n sei. Mit Schreiben vom 29. Oktober 2012 fragte das AfM A.____ an, ob dieser Sachverhalt zutref fe, von welchem Gericht er allenfalls verurteilt worden sei und ob ein Rechtsmittelverfahren hängig sei. Gleichzeitig forderte es ihn auf, diesbezügliche Urteile in beglaubigter deutscher Ü bersetzung einzureichen. In seiner am 27. November 2012 beim AfM eingegangenen Antwort te ilte A.____ mit, er sei am 14. Januar 2011 vom Strafgericht in B.____ (Apulien) zu einer Haf tstrafe von vier Jahren verurteilt worden, auf seine Berufung hin sei die Strafe am 4. Juli 201 2 auf zwei Jahre reduziert worden. Da A.____ lediglich das jeweilige Urteilsdispositiv der Str afurteile eingereicht hatte, bestand das AfM in der Folge mit verschiedenen Schreiben und - nach entsprechender Vorladung durch das Amt - in einem persönlichen Gespräch darauf, dass er di e begründeten Strafurteile vom 14. Januar 2011 und vom 4. Juli 2012 mit beglaubigter Übersetzung einzureichen habe. Aus- serdem habe er seine Behauptung zu belegen, gegen le tzteren Entscheid ein Rechtsmittel er- griffen zu haben. Mit E-Mail vom 17. Juli 2013 liess A.____ über seine Tochter mitteilen, dass er die Übersetzungskosten nicht bezahlen könne. Daraufhin erlaubte ihm das AfM die Einreichung der italienischen Urteile ohne Übersetzung. Der entspr echenden Eingabe (Eingang beim AfM am 5. August 2013) legte er ein Schreiben seines itali enischen Anwaltes bei, wonach in dieser Sache ein Rechtsmittelverfahren hängig sei. Das AfM verlangte im Anschluss daran vergeblich, dass er eine Bestätigung des entsprechenden Gerichts beibringe. C. Nachdem der rechtshilfeweise eingeholte italienische Strafregisterauszug eine rechtskräftige Verurteilung A.____s durch das Berufungsge richt in B.____ zu zwei Jahren Frei- heitsstrafe wegen sexueller Gewalt gegen Minderjährig e ausgewiesen hatte, widerrief das AfM nach gewährtem rechtlichem Gehör am 15. Mai 2014 desse n Aufenthaltsbewilligung. Die Aus- reise habe bis spätestens 15. Juni 2014 zu erfolgen. D. Die von A.____ gegen diese Verfügung erhobene Besch werde wies der Regie- rungsrat des Kantons Basel-Landschaft (Regierungsrat) mi t Entscheid Nr. 1535 vom 21. Oktober 2014 ab. Der Regierungsrat verfügte weite r, dass er die Schweiz 30 Tage nach Rechtskraft des Entscheids zu verlassen habe. Der Entscheid w urde hauptsächlich damit be- gründet, dass A.____ zu einer längerfristigen Freiheitss trafe verurteilt worden sei. Er sei wegen sexueller Handlungen mit Kindern zweitinstanzlich zu eine r zweijährigen Freiheitsstrafe verur- teilt worden. Unklar sei, ob gegen ihn ein weiteres St rafverfahren wegen Sexualdelikten geführt werde. Es sei jedoch unabhängig davon von einer konkrete n Rückfallgefahr auszugehen, denn ihm sei vom Gericht untersagt worden, als Vormund oder B eistand zu walten. Da von ihm eine konkrete Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ausgehe , bestünden gewichtige öffentliche Interessen an seiner Wegweisung, welche seine privaten Interessen am weiteren Aufenthalt überwögen. E. Mit Eingabe vom 27. Oktober 2014 erhob A.____, ve rtreten durch Nicolas Roulet, Advokat, gegen den Regierungsratsbeschluss vom 21. Oktober 2014 Beschwerde beim Kan- tonsgericht, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrech t (Kantonsgericht). Er beantragt, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und dementsprec hend sei ihm der weitere Aufenthalt Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht im Kanton Basel-Landschaft zu bewilligen. Eventualiter sei die Angelegenheit zu neuer Ent- scheidung an das Amt für Migration zurückzuweisen. Dies hab e unter o/e-Kostenfolge zu ge- schehen, eventualiter sei dem Beschwerdeführer die unent geltliche Prozessführung und Ver- beiständung zu bewilligen. In der innert Frist einger eichten Beschwerdebegründung vom 5. Januar 2015 rügt er in erster Linie, der angefocht ene Entscheid verstosse gegen das Perso- nenfreizügigkeitsabkommen mit der Europäischen Union. Eine strafrechtliche Verurteilung sei bei der Einschränkung der Personenfreizügigkeit aus Grü nden der öffentlichen Ordnung und Sicherheit nur insofern zu berücksichtigen, als dass die ih r zugrunde liegenden Umstände eine gegenwärtige Gefährdung der Gesellschaft verdeutlichten. Von ihm gehe aktuell keine solche konkrete tatsächliche Gefahr aus. F. In seiner Vernehmlassung vom 3. Februar 2015 stellt der Regierungsrat das Begehren auf kostenfällige Abweisung der Beschwerde. Zur Begrün dung verweist er in erster Linie auf den angefochtenen Entscheid. Zusätzlich unterstreicht er, dass er sich bei seinem Entscheid auf das Urteil des Berufungsgerichts vom 14. Juli 2012 u nd nicht auf ein offenbar am 30. Mai 2011 ergangenes Urteil des Strafgerichts B.____ gestützt habe. Ersteres sei in einem rechts- staatlichen Verfahren zustande gekommen und rechtskräftig , weshalb es nicht zu hinterfragen sei. Es sei von einer hinreichend schweren und gegenwärt igen Gefährdung der öffentlichen Ordnung auszugehen, zumal bei derartigen Delikten eine generelle Rückfallgefahr von ca. 33% bestehe. G. Mit Präsidialverfügung vom 12. Februar 2015 wurde der Fall der Kammer zur Beurtei- lung überwiesen und dem Beschwerdeführer die unentge ltliche Prozessführung sowie Verbei- ständung bewilligt. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g: 1. Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- u nd Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrates die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kantonsgericht zulässig. Demnach ist das Kantonsgericht zur Beurteilung der vorliegenden Besch werde örtlich und sachlich zustän- dig. Der Beschwerdeführer ist vom angefochtenen Entsche id berührt und hat ein schutzwürdi- ges Interesse an dessen Aufhebung. Auch die weiteren f ormellen Voraussetzungen sind erfüllt, sodass auf die Beschwerde eingetreten werden kann. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können n ach § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststel lung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit ist dem Kanto nsgericht dagegen - abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen - untersagt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO). 3. Streitgegenstand bildet die Frage, ob der Widerru f der Aufenthaltsbewilligung des Be- schwerdeführers und dessen Wegweisung aus der Schweiz zu Recht erfolgten. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.1 Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in der Schweiz nur berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitz t oder wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 und Art. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländer innen und Ausländer [AuG] vom 16. Dezember 2005; vgl. auch Art. 2 AuG). Die zuständi ge kantonale Behörde entscheidet in den Fällen nach Art. 18 ff. und 27 ff. AuG - im Rahm en der gesetzlichen Vorschriften und Ver- träge mit dem Ausland - nach freiem Ermessen über die Zulassung zu einem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbstätigkeit. Einen Rechtsanspruch auf die Erteilung einer Aufenthaltsbewilli- gung hat die ausländische Person somit grundsätzlich nicht , es sei denn, das AuG oder völker- rechtliche Verpflichtungen sehen dies vor (BGE 135 II 1 E. 1.1; P ETER UEBERSAX , in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser [Hrsg. ], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 7.84 ff.). 4.2 Die Erteilung bzw. Verlängerung von Aufenthaltsbe willigungen richtet sich grundsätz- lich nach dem Ausländergesetz. Für Staatsangehörige der Mitgliedstaaten der Europäischen Union hat das Ausländergesetz allerdings nur insoweit Ge ltung, als das Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft ei nerseits und der Europäi- schen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (FZA) keine abweichende Bestimmung enthält oder das Ausländergese tz eine für den Ausländer vorteilhaf- tere Regelung enthält (Art. 2 Abs. 2 AuG), was hier n icht der Fall ist. Gemäss Art. 4 FZA i.V.m. Art. 6 Abs. 1 Anhang I FZA hat ein Staatsangehöriger einer Vertragspartei, der mit einem Ar- beitgeber des Aufnahmestaates ein Arbeitsverhältnis eing egangen ist, Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis. Der Beschwerdeführer, ein italienischer Staatsbürger, ist ursprüng- lich am 17. Mai 2010 mit einem Bauunternehmen in der Schweiz ein unbefristetes Arbeitsver- hältnis eingegangen, weshalb er über einen Rechtsanspr uch auf Erteilung einer Aufenthaltsbe- willigung verfügte. Der Umstand, dass er im Jahr 2013 schwerwiegend kardiovaskulär erkrankte und in der Folge arbeitslos geworden ist, weswegen er se it November 2013 von der Sozialhilfe unterstützt wird, ändert am grundsätzlichen Anspruch auf A ufenthalt nichts. Dies gilt unabhän- gig davon, ob die Arbeitsunfähigkeit vorliegend von v orübergehender oder von dauerhafter Na- tur ist (vgl. Art. 6 Abs. 6 Anhang I FZA resp. Art. 4 Anhang I FZA i.V.m. Art. 2 Abs. 1 lit. b der Verordnung [EWG] Nr. 1251/70). 5. Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat und de r Beschwerdeführer auch aner- kennt, gilt dieser Anspruch jedoch nicht absolut. Gemä ss Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA dürfen die vom Freizügigkeitsabkommen gewährten Rechtsansprüche nur durch Massnahmen, die aus Gründen der öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Ge sundheit gerechtfertigt sind, einge- schränkt werden. Nach Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 64/221 /EWG - auf welche Art. 5 Abs. 2 An- hang I FZA verweist - darf bei Massnahmen der öffentlic hen Ordnung oder Sicherheit aus- schliesslich das persönliche Verhalten der betreffenden Pe rson ausschlaggebend sein, und nach Absatz 2 dieses Artikels können strafrechtliche Verurt eilungen allein nicht ohne Weiteres diese Massnahmen begründen. Nach der gemäss Art. 16 Abs. 2 FZA zu berücksichtigenden Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) und derjenigen des Bundesgerichts darf daher eine strafrechtliche Verurteilung nur insow eit als Anlass für eine Massnahme heran- gezogen werden, als die ihr zugrunde liegenden Umständ e ein persönliches Verhalten erken- nen lassen, das eine gegenwärtige Gefährdung der öff entlichen Ordnung darstellt. Art. 5 An- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht hang I FZA steht somit Massnahmen entgegen, die (allein ) aus generalpräventiven Gründen verfügt werden. Insoweit kommt es wesentlich auf das Rück fallrisiko an. Verlangt wird eine nach Art und Ausmass der möglichen Rechtsgüterverletzung zu differenzierende, hinreichende Wahrscheinlichkeit, dass der Ausländer auch künftig die öf fentliche Sicherheit und Ordnung stören wird. Je schwerer die möglichen Rechtsgüterverl etzungen wiegen, desto niedriger sind die Anforderungen, welche an die hinzunehmende Rückfa llgefahr zu stellen sind (Urteil des BGer 2C_903/2010 vom 6. Juni 2011 E. 4.3, nicht publ. in: BGE 137 II 233; BGE 136 II 5 E. 4.2, je mit Hinweisen; vgl. auch Urteil des BGer 2C_485/201 4 vom 22. Januar 2015 E. 2.2). Als schwerwiegende Rechtsgüterverletzungen gelten Beeinträch tigungen der physischen, psychi- schen und sexuellen Integrität, organisierte Kriminalit ät und namentlich Terrorismus, Men- schenhandel und Drogenhandel (BGE 139 II 121 E. 6.3, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung zu Art. 5 Anhang I FZA). 6. Die Vorinstanz hat in ihrem Entscheid die oben darg elegten Grundsätze korrekt darge- stellt, sich in der Folge aber nicht daran orientiert : Aus den Erwägungen des angefochtenen Entscheids geht einzig hervor, dass der Beschwerdeführer in Italien für im Juli 2006 begangene Delikte gegen die sexuelle Integrität Minderjähriger strafrechtlich verurteilt worden sei. Zwei Zeuginnen hätten im Strafverfahren ausgesagt, ebenfa lls Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Ob die der Verurteilung zugrunde liegenden Umst ände ein persönliches Verhalten erken- nen lassen, das eine gegenwärtige Gefährdung der öff entlichen Ordnung darstellt, wird nicht geprüft. Es fehlen überhaupt jegliche Angaben zum Sachverhalt, wie etwa die Anzahl der Opfer und der Übergriffe oder die weiteren Begleitumstände der Tatbegehung. Obwohl für die auslän- derrechtliche Prüfung auch die Erwägungen des Strafg erichts von Bedeutung sind (vgl. BGE 130 II 176 E. 4.3.3 mit Hinweisen), unterlässt es di e Vorinstanz gänzlich, sich mit dem Strafur- teil des Berufungsgerichts vom 14. Juli 2012 auseinanderz usetzen. So bleiben allfällige Überle- gungen der italienischen Strafjustiz zum Vorleben des B eschwerdeführers, zum Verschulden, zu den in die Strafzumessung eingeflossenen Faktoren oder zur vorliegend besonders interes- sierenden Legalprognose unberücksichtigt. Der Beschwerdege gner führt hinsichtlich der Rück- fallgefahr aus, das italienische Gericht habe dem Beschwe rdeführer auf unbestimmte Zeit un- tersagt, als Vormund oder Beistand zu walten oder ein Amt oder eine Tätigkeit in einer öffentli- chen oder privaten Institution auszuüben, welche von Min derjährigen besucht werde. Daraus könne geschlossen werden, dass das Gericht von einer konkreten Rückfallgefahr ausgegangen sei. Diese Beurteilung erfolgt ohne Verweis auf das St rafurteil und ohne dass aufgezeigt wird, dass nach dem anwendbaren Recht als Tatbestandsvoraussetzu ng für das ausgesprochene Amts- resp. Tätigkeitsverbot überhaupt eine konkrete Rückfallgefahr vorliegen muss. Die Folge- rung der Vorinstanz beruht mithin auf einer reinen M utmassung und übersieht gleichzeitig den Umstand, dass in Italien bei der Verurteilung wegen be stimmter Straftaten automatische Be- rufsverbote ausgesprochen werden (vgl. die rechtsvergleich enden Ausführungen im erläutern- den Bericht des Bundesamtes für Justiz vom Januar 2011 zum Vernehmlassungsverfahren be- treffend Einführung eines neuen strafrechtlichen Tätigk eitsverbots und Kontakt- und Rayonver- bots, S. 27). Aus den verhängten Verboten kann somit n icht ohne Weiteres auf eine gerichtlich festgestellte konkrete Rückfallgefahr geschlossen werden. Wenn der Beschwerdegegner in der Vernehmlassung vom 3. Februar 2015 sodann darauf hinw eist, dass bei Gewaltdelikten eine erhebliche generelle Rückfallgefahr von ca. 33% innert drei Jahren seit der Verurteilung beste- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht he, so vermag er daraus von Vornherein für den vorlieg enden Fall keine konkrete Rückfallge- fahr abzuleiten. Der vom Beschwerdeführer herangezoge ne Datensatz des Bundesamts für Statistik klassifiziert Verurteilungen wegen sexueller Han dlungen mit Kindern ohnehin nicht als allgemeine Gewaltdelikte (vgl. Bundesamt für Statistik, Rückfall - Erwachsene, Rückfallraten nach Verurteilungsjahr, Fn. 4), weshalb die entsprech enden Vorbringen zur Rückfallrate von Gewalttätern auch aus diesem Grund an der Sache vorbe i gehen. Soweit der Beschwerdegeg- ner schliesslich eine absolute Nulltoleranz bei Gewaltde likten gegen Minderjährige proklamiert, so ist ihm insofern beizupflichten, als dass die Anforderun gen, welche an die hinzunehmende Rückfallgefahr zu stellen sind, vorliegend niedrig anzusetzen sind. Dies entbindet ihn aber nicht davon, anhand der Umstände des konkreten Falles eine en tsprechende hinreichende Wahr- scheinlichkeit aufzuzeigen. Letztlich stützt sich die Argument ation des Beschwerdegegners oh- ne gesamtheitliche spezifische Prüfung der unter dem Bl ickwinkel der dem Schutz der öffentli- chen Ordnung innewohnenden Interessen einzig auf die Ta tsache, dass der Beschwerdeführer (einmal) strafrechtlich verurteilt wurde. Nach Art. 5 Abs. 2 Anhang I FZA i.V.m. Art. 3 Abs. 2 der Richtlinie 64/221/EWG genügt eine strafrechtliche Veru rteilung für sich allein jedoch gerade nicht, um die vom Freizügigkeitsabkommen gewährten Rechtsansprüche einzuschränken. 7. Die dargelegten Mängel des angefochtenen Entscheids sind in erster Linie auf eine unzureichende Sachverhaltsabklärung durch die Vorinstanzen zurückzuführen. 7.1 Der allgemeine Untersuchungsgrundsatz, demgemäss di e Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen ermittelt (§ 9 des Verwaltungsverfahren sgesetzes Basel-Landschaft [VwVG BL] vom 13. Juni 1988), gilt auch im ausländerrechtlich en Verfahren. Er besagt, dass die Be- hörde von sich aus für die richtige und vollständige Abklä rung des entscheidwesentlichen Sachverhalts besorgt sein muss und sich nicht mit den Part eivorbringen begnügen darf. Sie hat die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaf fen, die rechtlich relevanten Umstän- de abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Die Sachverhaltsdarstellung und die Beweisanträge der Parteien binden die Behörd e nicht. Sie kann und soll aus eigener Initiative fehlende Sachverhaltselemente ergänzen und die Beweismittel vervollständigen (vgl. MICHAEL PFEIFER , Der Untersuchungsgrundsatz und die Offizialmaxime im V erwaltungsverfah- ren, Basel 1980, S. 82 ff.). Die Untersuchungsmaxime w ird im Ausländerrecht durch eine be- sondere Mitwirkungspflicht der Parteien erheblich relat iviert (vgl. Art. 90 AuG; U EBERSAX , Aus- länderrecht, a.a.O., Rz. 7.273). Die Mitwirkungspflich t bestimmt die Parteien, aktiv zur Ermitt- lung des Sachverhalts beizutragen. Die Mitwirkungspflich t gilt namentlich für solche Tatsachen, welche eine Partei besser kennt als die Behörde und wel che diese ohne ihre Mitwirkung gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erheben kann (BGE 138 II 465 E. 8.6.4). Sie besteht besonders dort, wo die Parteien mit eigenen Begehren an den Staat herantreten und nicht um- gekehrt der Staat an sie: Die Mitwirkungspflicht entspr icht dann ja der tatsächlichen Interessen- lage und sie entfällt auch nicht dadurch, dass sich die gesc huldeten Auskünfte zum Nachteil des Gesuchstellers auswirken könnten (P IERRE TSCHANNEN /ULRICH ZIMMERLI /MARKUS MÜLLER , Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl., Bern 2014, § 30 Rz. 24 mit Verweis auf BGE 132 II 113 E. 3.2). Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.2 Werden im Rahmen der Sachverhaltsermittlung frem dsprachige Urkunden oder Unter- lagen beigezogen, so darf sich die Behörde für ihren E ntscheid nur auf diese Beweise abstüt- zen, wenn ihre Entscheidungsträger die entsprechende Spr ache verstehen - was im Kanton Basel-Landschaft namentlich bei Französisch oder Englisch zutreffen mag -, oder wenn sie den wesentlichen Inhalt aus dem Gesamtkontext ausreichend er fassen können. Ansonsten gilt für entscheidrelevante Dokumente eine allgemeine Pflicht z ur Übersetzung. Sie sind im Rahmen der Entscheidvorbereitung von der Behörde von Amtes wege n übersetzen zu lassen (vgl. THOMAS PFISTERER , in: Christoph Auer/Markus Müller/Benjamin Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, Zürich 20 08, Art. 33a Rz. 17; P ETER UEBERSAX , in: Marcel Alexander Niggli/Peter Uebersax/Hans Wiprä chtiger [Hrsg.], Basler Kommentar zum Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl., Basel 2011, Art. 54 Rz. 30 ff.). Beim Urteil des Berufungsgerichts in Lecce vom 14. Juli 2012 handelt es sich im vorliegenden Fall um ein zent- rales Beweiselement. Die Erwägungen des Gerichts auf Ita lienisch sind augenscheinlich von entscheidwesentlicher Bedeutung. Nachdem sich entgegen ihrer sonstigen Praxis weder das AfM noch der Regierungsrat in erkennbarer Weise mit der Begründung des Strafurteils ausei- nandergesetzt haben, kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Behördenmitglieder nicht über ausreichende Italienischkenntnisse verfügen. Nach de m Gesagten hätte vorliegend dem- nach eine Übersetzung des italienischen Strafurteils vom 14. Juli 2012 eingeholt werden müs- sen. Indem das AfM und nachfolgend der Regierungsrat kei ne Übersetzung anordneten, haben sie den Sachverhalt mangelhaft abgeklärt. Die Relevanz des Urteils vom 14. Juli 2012 ist dem AfM ni cht entgangen, forderte es den Be- schwerdeführer doch mehrfach eindringlich auf, eine be glaubigte Übersetzung des Urteils ein- zureichen. Da das vorliegende Verfahren nicht durch ein Gesuch des Beschwerdeführers ein- geleitet wurde und auch nicht erkennbar ist, inwiefern seine Mitwirkung bei der Einholung einer Übersetzung des Urteils nötig oder hilfreich ist, erschein t es zweifelhaft, ob ihn das AfM in die- ser Hinsicht zur Mitwirkung anhalten durfte. Die Behör den können sich ihrer Abklärungspflicht nämlich nicht durch blossen Verweis auf die Mitwirkungspf licht entziehen (U EBERSAX , Auslän- derrecht, a.a.O., Rz. 7.274). Nachdem der Beschwerdefü hrer sinngemäss ein Gesuch um un- entgeltliche Rechtspflege gestellt hatte, verzichtete da s AfM darauf, die Sache weiter zu verfol- gen. Wenn das AfM dem Beschwerdeführer bedeutet hat, eine Ergänzung der Beweislage mit- tels Übersetzung sei unerlässlich, verstösst das Amt aber in jedem Fall gegen das Verbot wi- dersprüchlichen Verhaltens, wenn es auf die Übersetzung ve rzichtet, sobald es selbst tätig werden müsste (vgl. zum Verbot widersprüchlichen Verhalte ns T SCHANNEN /ZIMMERLI /MÜLLER , a.a.O., § 22 Rz. 21 ff.). 7.3 Die Vorinstanzen stützen sich für die Begründung ein er gegenwärtigen Gefährdung der Öffentlichkeit durch den Beschwerdeführer massgeblich au f den Umstand, dass gegen diesen ein Tätigkeitsverbot verhängt wurde (vgl. oben E. 6). In diesem Zusammenhang gebietet der Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen (vgl. § 1 1 Abs. 2 VwVG BL), dass die Be- hörde das in der Sache anwendbare ausländische materie lle Recht von Amtes wegen ermittelt (ausdrücklich statuiert in Art. 16 des Bundesgesetzes vom 18 . Dezember 1987 über das Inter- nationale Privatrecht; vgl. auch U LRICH MEYER /JOHANNA DORMANN , in: Basler Kommentar zum Bundesgerichtsgesetz, a.a.O., Art. 106 Rz. 9). Sofern si ch die Beweggründe für die Anordnung Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht des Tätigkeitsverbotes nicht aus den Erwägungen des Beru fungsgerichts ergaben, hätten die Vorinstanzen demnach die anwendbaren Bestimmungen des italienischen Strafgesetzbuches beiziehen und von den Tatbestandsvoraussetzungen für die Verhängung der Nebensanktion soweit möglich Rückschlüsse auf die Umstände des vorliegenden Falles ziehen müssen. 7.4 Aus den Akten ergaben sich des Weiteren konkrete Hinw eise, dass der Beschwerde- führer neben dem in die bekannte Verurteilung münden den Strafverfahren in mindestens ein weiteres Verfahren der italienischen Strafjustiz verwicke lt ist oder war. So sprach er in seiner Eingabe an das AfM vom 1. April 2014 im Rahmen der Ge währung des rechtlichen Gehörs von einer zweiten Episode, ohne jedoch Näheres dazu auszufüh ren. Im Verfahren vor dem Regie- rungsrat wies er in der Beschwerdebegründung weiter da rauf hin, dass das (den Behörden zu- vor nicht bekannte) Strafurteil des Strafgerichts in B.__ __ vom 30. Mai 2011 durch den Obers- ten Kassationsgerichtshof aufgehoben worden sei. Der Besc hwerdegegner hält im angefochte- nen Entscheid hierzu lediglich fest, es sei unklar, ob geg en den Beschwerdeführer ein weiteres Strafverfahren wegen sexueller Gewalt gegen Minderjä hrige laufe. Dies, obwohl er an anderer Stelle selber festhält, dass die Prognose über das künft ige Wohlverhalten zentraler Gesichts- punkt der vorzunehmenden Prüfung ist. Hierbei ist offe nkundig von elementarer Bedeutung, ob es in der Vergangenheit zu Rückfällen gekommen ist oder etwaige weitere Strafverfahren im Gange sind, welche allenfalls auf eine anhaltende schwer e Gefährdung der öffentlichen Ord- nung schliessen lassen. Von Behördenseite ungeklärt und e benfalls von wesentlicher Bedeu- tung ist die Frage, ob und gegebenenfalls wann der Be schwerdeführer in Italien den Strafvoll- zug anzutreten hat. Indem die Vorinstanzen trotz eindeu tiger Hinweise auf die Existenz zusätz- licher sach- und entscheidwesentlicher Tatsachen auf eine weitere Sachverhaltsabklärung ver- zichteten, haben sie ihre Untersuchungspflicht verletzt. 7.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanzen wichtige Elemente des Sachverhalts nicht bzw. nicht hinreichend ermittelt haben. Ohne die erforderlichen ergänzenden Abklärungen durch die Behörden erweist sich die Beweise rhebung demnach als ungenügend und die Sachverhaltsfeststellung als unvollständig. Die Beschwerde ist begründet. 8. Erachtet das Gericht eine Beschwerde für begründet, so entscheidet es in der Sache selbst oder weist diese mit verbindlichen Weisungen an d ie Vorinstanz zurück (§ 17 Abs. 1 VPO). Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzu- führen ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidung sreife kann grundsätzlich zwar auch durch das Kantonsgericht selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessöko- nomischen Gründen angebracht erscheint; das Gericht muss dies aber nicht. Urteilt das Gericht in der Sache selbst, so bringt es die Verwaltung um ih r Recht, einen eigenen Sachentscheid zu fällen; zudem wird der Rechtsweg der Beschwerdeführend en verkürzt (vgl. Urteil des Kantons- gerichts, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht [K GE VV], vom 30. November 2011 [810 11 236] E. 7.8; KGE VV vom 27. August 2008 [810 08 56] E. 3). Vorliegend erweist sich eine Kassation als angezeigt. Mangels genügender Sachve rhaltsabklärung kann dem sinnge- mässen Antrag des Beschwerdeführers, es sei auf den Widerr uf der Aufenthaltsbewilligung zu verzichten, jedoch nicht entsprochen werden. Vielmehr ha t in Gutheissung des Eventualbegeh- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht rens eine Rückweisung an das Amt für Migration zu erfol gen zur Vornahme der erforderlichen ergänzenden Sachverhaltsabklärung sowie zu neuem Entscheid. 9.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten werden in der Regel der unterliegen- den Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Kantonale n Behörden und den Gemeinden können nur dann Verfahrenskosten auferlegt werden, wenn sie das Kantonsgericht in Anspruch nehmen (vgl. § 20 Abs. 4 VPO). Demgemäss sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 9.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann für den Beizug eines Anwalts oder einer Anwältin eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden (§ 21 Abs. 1 VPO). Gemäss dem Ausgang des Verfah rens ist dem Beschwerdeführer antragsgemäss eine Parteientschädigung zu Lasten des Besch werdegegners zuzusprechen. Der vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers in seiner H onorarnote geltend gemachte Auf- wand von 5.5 Stunden (à Fr. 250.--) sowie die Auslage n in der Höhe von insgesamt Fr. 154.70 sind nicht zu beanstanden. Demzufolge hat der Beschwerdege gner dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung in der Höhe von total Fr. 1'6 52.10 (inkl. Auslagen und 8% MWST) auszurichten. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Entscheid des Regierungsrats Nr. 1535 vom 21. Oktober 2014 aufgehoben und die An gelegenheit wird an das Amt für Migration des Kantons Basel-Landschaft zu r Neubeurtei- lung im Sinne der Erwägungen zurückgewiesen. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Koste n des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat des Kantons Basel-La ndschaft zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat de m Beschwerde- führer für das Verfahren vor Kantonsgericht eine Partei entschädigung in der Höhe von Fr. 1'652.10 (inkl. Auslagen und 8% MWST) auszurichten. Präsidentin Gerichtsschreiber