B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2743/2011 und E-2744/2011 U r t e i l v o m 1 9 . S e p t e m b e r 2 0 1 3 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richterin Christa Luterbacher, Gerichtsschreiberin Tu-Binh Tschan. Parteien 1. A._______, geboren (…), Iran, und ihr Sohn B._______, geboren (…), Armenien, 2. C._______, geboren (…), Armenien, alle vertreten durch Stefan Hery, (…), Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügungen des BFM vom 12. April 2011 / N (…) und N (…). E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführenden – die iranische Mutter (Beschwerdeführe- rin 1) mit ihren Kindern armenischer Staatsangehörigkeit, beide damals minderjährig – verliessen eigenen Angaben zufolge Armenien, wo sie ihren letzten Wohnsitz hatten, am 22. Januar 2010 und reisten gleichentags l e- gal mit einem gültigen Visum in die Schweiz ein. Sie verliessen die Schweiz am 3. Februar 2010 Richtung Schweden und suchten dort um Asyl nach. Im Rahmen der Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Besti m- mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaat s- angehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags z uständig ist (Dublin-II-VO), wurden sie am 23. Juni 2010 in die Schweiz überstellt. Gleichentags wurden ihre Asylgesuche – die Mutter mit dem minderjähri- gen Sohn unter N (…) und die mittlerweile volljährige Tochter (Beschwer- deführerin 2) unter N (…) – im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ registriert. Am 13. und 19. Juli 2010 wurde die Beschwerd e- führerin 1 und am 16. Juli 2010 die Beschwerdeführerin 2 im EVZ E._______ summarisch befragt. Am 9. September 2010 fanden die Anhö- rungen zu ihren Asylgründen statt. Die Beschwerdeführenden machten im Wesentlichen geltend, ihre Fam i- lie werde von unbekannten Personen verfolgt, dies als Folge der politi- schen Aktivitäten des Ehemannes beziehungsweise Vaters der B e- schwerdeführenden, welcher Mitglied des armenischen Nationalkongres- ses und Vertrauensperson von Lewon Ter-Petrosjan (armenischer Präs i- denten von 1991 -1998 und Präsidentschaftskandidat für die Wahlen von 2007) beziehungsweise Wahlbeobachter gewesen sei. A.b Mit Verfügungen vom 12. April 201 1 – am 13. April 2011 eröffnet – lehnte das BFM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden ab , verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. B. Die Beschwerdeführenden reichten am 13. Mai 2011 durch ihren vormali- gen Rechtsvertreter zwei Beschwerden ein mit den Anträgen , die Verf ü- gungen vom 12. April 2013 seien aufzuheben und die Sache sei zum neuen Entscheid an s BFM zurückzuweisen. Eventuell seien die Verf ü- gungen aufzuheben und ihnen sei Asyl zu gewähren. Subeventuell sei en sie wegen unzulässigen Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 3 In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, es sei die unentgeltliche Pr o- zessführung zu gewähren und den Beschwerdeführenden sei der unte r- zeichnende Rechtsvertreter als amtlicher Anwalt beizuordne n. Zude m seien die beiden Beschwerdeverfahren zu vereinigen. C. Mit separaten Zwischenverfügungen vom 1. Juni 2011 wies das Bunde s- verwaltungsgericht die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pr o- zessführung und um Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsbei standes wegen Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren ab. Von einer formellen Verfahrensvereinigung sah das Gericht ab, verfügte aber die koordinierte Behandlung der beiden Verfahren E -2743/2011 (Beschwerdeführerin 1 mit Sohn) und E-2744/2011 (Beschwerdeführerin 2). Die Beschwerdefüh- renden wurden unter der Androhung des Nichteintretens im Säumnisfall aufgefordert, bis zum 15. Juni 2011 je Verfahren einen Kostenvorschuss von Fr. 600.– einzuzahlen. Beide Zahlungen wurden innert Frist geleistet. D. Am 28. August 2012 teilte der damalige Rechtsvertreter dem Bundesver- waltungsgericht die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit. E. Die neu mandatierte Rechtsvertreterin zeigte mit Schreiben vom 1. Okt o- ber 2012 unter Beilage der Vollmacht vom 20. September 2012 die Ma n- datsübernahme in beiden Verfahren an. Gleichzeitig informierte sie da r- über, dass die Beschwerdeführerin 1 an Multiple r Sklerose (MS) erkrankt sei, und stellte die Einreichung von ärztlichen Berichten in Aussicht. F. Am 25. Oktober 2012 wurden drei ärztliche Be richte vom 9. und 16. Au- gust sowie 17. Oktober 2012 der Kliniken F._______ eingereicht betref- fend das diagnostizierte Krankheitsbild der Beschwerdeführerin 1 und die erfolgte beziehungsweise beabsichtigte Therapie. Weiter wurde ein bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) in Auftrag gegebenes Gutach- ten zur Frage, ob das Leiden der Beschwerdeführerin 1 in Armenien b e- handelt werden könne, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sie nicht armenische Staatsbürgerin sei, eingereicht. G. Das Bundesverwaltun gsgericht forderte die Beschwerdeführenden mit Verfügung vom 22. März 2013 auf, weitere Informationen namentlich be- züglich des heutigen Zivilstands der Beschwerdeführerin 1 und des aktu-E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 4 ellen Aufenthalts und der politischen Aktivitäten des Ehemannes bezie- hungsweise Vaters zu liefern sowie allfällige Belege für seine vergangene oder allenfalls aktuelle politische Verfolgung und eine aktuelle Kostennote der Rechtsvertretung einzureichen. H. Mit Sch reiben vom 27. März 2013 teilte der im Rubrum aufgeführte Rechtsvertreter dem Gericht mit, dass die vormalige Rechtsvertreterin (Anita Biedermann) die Rechtsberatungsstelle verlassen habe; er zeigte unter Beilage der gleichentags datierten , auf ihn und eine Bürokollegin lautende Vollmacht die Mandatsübernahme an. I. Mit seiner Stellungnahme vom 11. April 2013 (beide Verfahren betreffend) reichte der Rechtsvertreter die Scheidungsklage der Beschwerdeführ e- rin 1 vom 10. April 2013 und einen ärztlichen Bericht vom 25. Februar 2013 die diagnostizierte MS betreffend ein. Zudem wurden Schulzeugnis- se vom 8. Juli 2012 und 6. Februar 2013 sowie eine Schulbestätigung vom 9. April 2013 des Gymnasiums G._______ die Beschwerdeführerin 2 betreffend eingereicht. Am 18. April 2013 gab er zudem eine Reihe von weiteren Dokumenten zu den Akten , so ein Empfehlungsschreiben vom 15. April 2013 des Rektors des Gymnasiums G._______, ein Schreiben vom 17. April 2013 und ein Zeugnis vom 20. Juli 2012 der Sekundarschu- le H._______ den (…)jährigen B._______ betreffend, sowie zwei Arbeits- zeugnisse vom 1. April 2012 und 23. Februar 2013 die Beschwerdeführe- rin 1 betreffend. J. Die Vorinstanz liess sich im Verfahren E-2743/2011 am 14. Mai 2013 und im Verfahren E-2744/2011 am 26. April 2013 vernehmen. Die Beschwer- deführenden replizierten beide Verfahren betreffend am 24. Mai 2013. K. Am 9. August 2013 wurden weitere Belege für die fortgeschrittene Inte g- ration der Familie in der Schweiz eingereicht. L. Am 6. September 2013 ist beim Gericht ein Arztbericht einge gangen, wo- nach die Beschwerdeführerin 1 wegen Verschlechterung ihres Allgemein- zustandes (u.a. akuter Schub der MS) am 14. August 2013 notfallmässig habe hospitalisiert werden müssen. E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 5 M. Mit Eingabe vom 19. September 2013 liessen die Beschwerdeführere n- den den Entscheid des Bezirksgerichts J._______ vom 22. August 2013 betreffend der Ehescheidung der Beschwerdeführerin 1 zu den Akten re i- chen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das BFM ge- hört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Au s- nahme i .S. von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsg e- richt ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asy ls in der Regel – so auch vorlie- gend – endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Ju- ni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde n sind frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilg e- nommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders be rührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungswei- se Änderung; sie sind daher zur Beschwerdeeinreichung legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die beiden Beschwerden ist einzutreten. 2. Aufgrund des engen persönlichen und sachlichen Zusammenhanges der beiden Verfahren erachtet das Bundesverwaltungsgericht im heutigen Zeitpunkt ihre Vereinigung als angezeigt. Die vereinigten Verfahren we r- den deshalb im selben Entscheid beurteilt. E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 6 3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin 1 führte a ls massgebende Fluchtgründe eine Reihe von Verfolgungsmassnahmen an, von denen ihre Familie betroffen gewesen sei und die Folge des starken politischen Engagement s ihres Ehemannes zugunsten des Kandidaten Lewon Ter-Petrosjan anlässlich der Präsidentschaftswahlen vom Februar 2008 beziehungsweise der Bür- germeisterwahlen von K._______ im März 2009 gewesen seien. So sei sie Zeuge eines Wahlbetruges geworden, als sie am 19. Februar 2008 ih- ren Ehemann und einen Freund ihres Mannes anlässlich der Präsiden t- schaftswahl ins Wahllokal begleitet habe. Weil ihr Ehemann diesen Vorfall mit dem Mobiltelefon fotografisch habe festhalten wollen, sei er von A n- hängern des Gegenkandidaten verprügelt worden. Im Nachgang dieser Wahl habe es eine Reihe von Demonstrationen beim (Standort) gegeben. In der Nacht vom 1. März 2008 seien die Demonstranten – auch der Ehemann der Beschwerdeführerin – von der Polizei geschlagen und viele Autos seien in Brand gesteckt worden, unter anderem dasjenige der B e- schwerdeführenden. Am Morgen sei der Ehemann nach Hause geko m- men, wobei seine Augen geschwollen gewesen seien und er blutve r- schmiert gewesen sei. Da sie Angst gehabt hätten, seien sie nicht ins Spi- tal gegangen; ihr Ehemann habe sich von einer Ärztin aus dem Bekann- tenkreis untersuchen lassen. Diese habe eine Gehirnerschütterung fes t- gestellt und eine zweiwöchige Bettruhe angeordnet. Ende März habe der Ehemann erneut an Demonstrationen und Aktionen teilgenommen. Aus Rücksicht auf ihre Kinder habe sie selbst nur an wenigen Demonstrati o- nen teilgenommen; so sei sie im Nachgang der Präsidentschaftswahlen bis März 2008 an einigen Protestdemonstrationen zugegen gewesen und habe am 21. und 22. März 2008 Kerzen für die Opfer der Ausschreitu n- gen angezündet. Im April 2008 sei ihrem Ehemann, welcher (berufliche Tätigkeit), gekündigt worden. Am 31. Mai 2009, dem Tag der Bürgermeis- terwahlen von K._______, hätten sie und ihr Ehemann Wahlverfälschu n- gen beobachtet – das Wahllokal habe sich gegenüber der Wohnung der Familie befunden – und zur Anzeige gebracht. Gegen Abend habe sie im Lebensmittelgeschäft einkaufen wollen und sei dabei von zwei unbekann- ten Männern als Muslimin beschimpft und wegen der Ter -Pertrosjan- Anhängerschaft des Eh emannes aufgefordert worden, da s Land zu ve r- lassen. Da ihr Ehemann bis vor Mitt ernacht mit dem Stimmenzählen b e- schäftigt gewesen sei, habe sie sich ins Wahllokal begeben, um ihn dort E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 7 abzuholen. Auf dem Rückweg seien sie von vier unbekannten Männern angegriffen worden. Sie habe sich zwischen ihren Ehemann und die A g- gressoren gestellt, weshalb sie mehrere Schläge auf den Kopf erhalten habe. Sie sei bei einem Nervenarzt in ärztlicher Behandlung gewesen und habe fünf Spritzen täglich erhalten, da sie auf der linken Gesicht s- hälfte teilweise gelähmt gewesen sei , mit dem linken Auge doppelt gese- hen und an starken Kopfschmerzen und Angstzuständen gelitten habe. Die Gesichtslähmung habe sich zurückentwickelt, die Kopfschmerzen hingegen seien geblieben. Sie hätte bis Ende Juni 2009 (berufliche Tätig- keit) sollen, aber nach diesem Vorfall habe sie ihrem Beruf nicht weiter nachgehen können. Zudem leide sie seither an Gedächtnislücken. In di e- ser Zeit sei ihr Ehemann auch mehrmals durch unbekannte Personen abgeholt worden, wovon sie indes keine Einzelheiten wisse, da er – um die Familie zu schüt zen – nichts Konkretes von diesen Vorfällen erzählt habe. Ihr Ehemann habe seine politischen Aktivitäten trotzdem fortg e- setzt, weshalb es ständig zu Eheproblemen gekommen sei. Sie habe ihre Tochter (Beschwerdeführerin 2 ) für die Vorbereitung zur A ufnahmeprü- fung an der Universität zu ihrer in der Schweiz lebenden Schwester ge- schickt. Im September 2009 habe sie ihre Arbeit an der Schule wieder aufgenommen, habe aber dann erneut eine Lähmung bekommen. Die linke Seite ihres Gesichtes sei völlig verzogen gewesen. S ie habe da r- aufhin ihr Pensum auf zwei Tage in der Woche reduziert (vgl. Akten BFM A1/18 S. 5 ff., A11/16 S. 5 ff., A22/11 S. 4 ff.). Für die Beschwerdeführerin 2 war folgendes Ereignis, welches auch für die Beschwerdeführerin 1 eine n der Ausreisegründe darstellte, das au s- reisebestimmende Motiv (vgl. A1/18 S. 7, A11/16 S. 6, A22/11 S. 6): Mitte September 2009 sei sie aus der Schweiz zurückgekehrt und habe ihr Universitätsstudium begonnen. An der Universität habe sie sich offen zur politischen Lage in Armeni en geäussert. Eines Abends im November 2009 sei sie auf ihrem Heimweg durch eine Parkanlage von drei Männern überfallen worden. Sie hätten ihr Mund und Nase zugehalten, so dass sie fast erstickt wäre. Danach hätten die Männer sie ins Gebüsch gezerrt. Ihre Kleider seien dabei zerrissen worden , und es habe sich ein grosses Hämatom auf der Brust gebildet. Sie hätten ihren Vater beschimpft und ihr mit einer Vergewaltigung gedroht, um damit auch den Vater zu entehren. Sie habe sich irgendwie befreien können beziehungsweise hätten diese Männer irgendwann von ihr gelassen. Sie habe sich nach Hause beg e- ben, wo sie ihre Mutter angetroffen und ihr vom Vorfall erzählt habe. Aus Scham habe sie ihrem Vater nichts davon erzählt. Der Polizei hätten sie den Vorfall nicht gemeldet, da er in der armenischen Kultur falsch gede u- tet worden wäre. Zudem seien die Aggressoren selber Regierungsleute E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 8 gewesen, weshalb eine Anzeige nichts gebracht hätte. Sie habe schon vor diesem Vorfall ständig anonyme Anrufe von Männern erhalten, di e ei- nerseits lediglich mit ihr hätten ausgehen woll en, sie aber andererseits darauf hingewiesen hätten, dass sie Kenntnis hät ten von der Ter- Petrosjan-Anhängerschaft ihres Vaters. Nach dem Vorfall habe sie ihr Mobiltelefon nicht mehr abgenommen und auch ni cht mehr an den Vorle- sungen teilgenommen, weil sie Angst gehabt habe, das Haus zu verla s- sen. Da sie depressiv geworden sei und Suizidgedanken gehabt habe, habe ihre Mutter ihre Stelle aufgegeben. Danach habe sie zuerst erfolglos einen Rückreiseantrag (die Beschwerdeführenden hatten von 1989 bis 1996 in Schweden gelebt) bei der Schwedischen Botschaft gestellt. Da- nach sei ihnen von der Schweizer Botschaft aufgrund der Einladung der in der Schweiz wohnhaften Tante ein Schengen-Visum ausgestellt wor- den, weshalb sie zuerst in die Schweiz gereist seien (vgl. A1/11 S. 4 ff., A16/14 S. 4 ff.). 4.2 4.2.1 Zur Begründung seines ablehnenden Entscheides im Verfahren der Beschwerdeführerin 1 und ihres Sohnes führte das BFM aus, die von die- ser geschilderten Ereignisse um die Präsidentschaftswahlen 2008 – Gross- demonstrationen, Auseinandersetzungen, Tote und Verletzte, Verhaftu n- gen und Verurteilungen von Oppositionsanhängern – seien dem BFM be- kannt, und es halte fest, dass Serge Sargisian mit knapp 53 % der Stim- men als Sieger d er Wahlen vom 19. Februar 2008 hervorgegangen sei, derweil sein Hauptgegner Lewon Ter-Petrosjan nur gut 25 % der Wähler- stimmen auf sich habe vereinigen können. Da die Beschwerdeführerin 1 für die Zeit nach den Unruhen keine staatlichen Verfolgungsmassnahmen wie beispielweise eine Verhaftung, die Einleitung eines Verfahrens oder eine Verurteilung geltend gemacht habe, seien ihre diesbezüglichen Vo r- bringen indes asylrechtlich nicht relevant. Ihren Vorbringen zum Überfall nach den Bürgermeisterwahlen im Mai 2009 sprach es ebenfalls die Asyl- relevanz ab, da es unverständlich sei, dass sie den Übergriff nicht bei der Polizei gemeldet hätten. Da diese Meldung unterblieben sei, könne dem Staat für einen Vorfall, über den er nicht in Kenntnis gesetzt worden sei, kein mangelnder Schutzwille und keine mangelnde Schutzfähigkeit vo r- geworfen werden. Die geltend gemachte Beschimpfung als Muslimin hä t- te sie ebenfalls zur Anzeige bringen können, zumal in Armenien Relig i- onsfreiheit herrsche. Aus ihrer Darstellung ergebe sich z udem, dass es sich um einen Vorfall von geringer Intensität gehandelt habe, und die Männer danach gleich verschwunden seien. Zudem sei sie gemäss eig e- nen Angaben Angehörige der armenisch apostalischen Kirche und damit der dominierenden Konfession in Armeni en. Sie hätte damit den Vorwurf E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 9 dieser Männer, eine Muslimin zu sein, leicht ent kräften können. Damit komme auch diesem Vorbringen keine Asylrelevanz zu. Insgesamt wü r- den ihre Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Den Wegweisungsvollzug der mit einem Armenier verheirateten iranischen Staatsangehörigen nach Arme- nien erachtete das Bundesamt als zulässig und möglich sowie – unter Hinweis auf ihren gültigen Aufenthaltstitel in Armenien – zumutbar. 4.2.2 Die Ablehnung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin 2 begrün- dete das BFM mit der Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen: I hre Angaben stünden einerseits im Widerspruch zum Inhalt v on eingereichten Be- weismitteln und würden andererseits in wesentlichen Punkten der allg e- meinen Erfahrung oder Logik des Handelns widersprechen ; zudem wü r- den ihre im Verfahrensverlauf gemachten Aussagen in wesentlichen Punkten Widersprüche aufweisen. Den Wegweisungsvollzug nach Arm e- nien erachtete das BFM als zulässig, möglich und angesichts der allge- meinen politischen Lage in Armenien zumutbar. 4.3 4.3.1 In der Beschwerdeschrift im Verfahren E-2743/2011 wurde der Kas- sationsantrag im Wesentlichen damit begründet, dass der Sachverhalt ungenügend festgestellt worden sei, da die Vorinstanz nicht erwähnt und gewürdigt habe, dass d as Auto der Beschwerdeführenden angezündet worden sei und die ganze Familie nach ihrer ersten Flucht aus Armenien in Schweden nach drei Monaten Asyl erhalten habe. Ebenso nicht beach- tet worden seien die von der Beschwerdeführerin 1 geschilderten Prob- leme im Iran seit 1985 , diejenigen im Zusammenhang mit der Verläng e- rung der Aufenthaltsbewilligung in Armenien sowie ihre Eheprobleme. Aus dem diese Ergänzungen enthaltenden Sachverhalt ergebe sich die b e- gründete Furcht der Beschwerdeführerin 1 vor einer Wiederholung staat- licher, quasi -staatlicher oder privater Verfolgung ihrer selbst und ihrer Tochter – welche Verfolgung unmittelbar die Flucht ausgelöst habe –, und es zeige sich darin eine Situation des unerträglichen psychischen Dr u- ckes. Ferner habe die Vorinstanz zu Unrecht den Vorbringen der B e- schwerdeführerin 1 die Asylrelevanz abgesprochen. Ihrer Ansicht nach sei es erwiesen, dass bei den Wahlen betrogen worden sei. Die armen i- sche Regierung habe somit zu keinem Zeitpunkt ein Interesse daran g e- habt, diesen Wahlbetrug (und die damit einhergehenden anderen Straft a- ten) aufzuklären. Ange sichts des bestehenden Machtgefälles habe sie keine Chance gehabt, mit einer Anzeige bei den Behörden Gehö r zu fi n- den. Der vorinstanzliche Vorhalt, der Staat sei seiner Schutzpflicht nac h- gekommen, erweise sich somit als falsch. Es sei vielmehr notorisch, dass E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 10 es bei allen Wahlen in den letzten Jahren zu Unregelmässigkeiten g e- kommen sei, was auch von den Wahlbe obachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit Bezug auf die Präsidentschaftswahlen bestätigt worden sei. Ferner habe das BFM ve r- kannt, dass vorliegend mehrere Ereignisse zusammengekommen seien, welche insgesamt zu einem unerträglichen psychischen Druck und schliesslich zum Entscheid geführt hätten, dieser Situation zu entfliehen. 4.3.2 Im Verfahren E -2744/2011 wurde der Kassationsantrag zwar auch mit einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung begründet, indes be- schränken sich die Ausführungen darauf, die vom BFM angenommene Unglaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin 2 zu widerlegen. 4.3.3 Der Subeventualantrag auf Feststellung der Unzulässigkeit bezie- hungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs wird i n beiden Eingaben mit der Verletzung der Begründungspflicht gemäss Art. 35 VwVG durch die Vorinstanz begründet, welche im Vollzugspunkt jeweils nur Textbausteine verwendet habe. Dadurch sei der Entscheid in diesem Punkt nicht nachvollziehbar und es falle schwer, argumentativ damit um- zugehen; eine sachgerechte Anfechtung sei nicht möglich, da die Überle- gungen, von denen das BFM sich habe leiten lassen, nicht auszumachen seien. Der Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführenden sei ang e- sichts der im Verfahren dargelegten Tatsachen und im Lichte aller rel e- vanten aktenkundigen Umstände unzulässig und unzumutbar. Die Vori n- stanz verkenne im Fall der Beschwerdeführerin 1, dass sie Iranerin sei und aus den im Verfahren genannten Gründen nicht ohne grosses Risiko nach Armenien zurückkehren könne. Zudem sei ihre Aufenthaltsbewill i- gung abgelaufen. Bei der Beschwerdeführerin 2 werde die vom BFM vor- genommene allgemeine Einschätzung der Lage in Armenien bestritten. 4.4 In der Stellungnahme vom 11. April 2013 teilten die Beschwerdefüh- renden mit, dass die Beschwerdeführerin 1 am 10. April 2013 die Schei- dungsklage eingereicht habe. Sie und ihr Ehemann seien seit der Ausre i- se aus Armenien Anfang 2010 getrennt gewesen. Man habe sie dahing e- hend informiert, dass eine Scheidung erst na ch dreijährigem Getrenntl e- ben erfolgen könne. Daher habe sie erst kürzlich einen Anwalt aufg e- sucht. Ferner liess sie mitteilen, dass sie zu ihrem Mann keinerlei Kontakt mehr wolle und auch nicht mehr gehabt habe, seit sie Armenien verla s- sen habe. Sie könne daher keine Auskunft geben zu seinem heutigen Aufenthalt und seinen politischen Aktivitäten. Auch über eine aktuelle poli- tische Ver folgung des Gatten beziehungsweise Vaters seien die B e- schwerdeführenden nicht informiert, weshalb s ie dazu ebenfalls keine E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 11 Angaben machen könnten. Die armenische Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin 1 sei am 19. November 2010 abgelaufen ; allein mit ihrem iranischen Pass sei es ihr nicht möglich, in Armenien einzureisen. Die baldige Scheidung bringe es mit sich, dass de r einzige Bezug zu A r- menien in der Person ihres "Noch-Ehemannes" wegfallen werde. Sie ver- füge damit in Armenien über kein familiäres Netz. Zum Arztbericht vom 25. Februar 2013 und zur bereits am 25. Oktober 2012 zu den Akten g e- gebenen Auskunft der SFH -Länderanalyse vom 8. Oktober 2013 betref- fend die Behandlungsmöglichkeiten von MS-Patienten in Armenien wurde erläutert, die Kosten für die MS-Behandlung würden rund Fr. 12 000.– pro Jahr betragen, wobei diese von ihr selbst getragen werden müssten, z u- mal sie als nichtarmenische Staatsangehörige keine kostenlose Gesun d- heitsdienstleistungen in Anspruch nehmen könne. Überdies seien soziale Netzwerke wie Familie und Freundeskreise von zentraler Bedeutung für Rückkehrer. Daraus ergebe sich, dass im Fall einer Rückk ehr der B e- schwerdeführenden damit zu rechnen wäre, dass die bei der Beschwe r- deführerin 1 notwendigen medizinischen Behandlungen nicht durchg e- führt werden könnten. 4.5 4.5.1 In ihrer vom 14. Mai 2013 datierten Vernehmlassung im Verfahren E-2743/2011 stellte die Vorinstanz fest, dass das Gericht in der Zwischen- verfügung vom 1. Juni 2011 die Beschwerde als aussichtslos beurteilt ha- be, und bezeichnete die seither dazugekommenen Elemente als nicht geeignet, eine andere Beurteilung zu bewirken. Die Beschwerdeführerin 1 habe in der Schweiz die Scheidung eingereicht. Diese sei indes noch nicht vollzogen, weshalb sie nach wie vor als verheiratet gelte, so dass nichts gegen die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung bei der Rüc k- kehr spreche. Selbst wenn die Ehe geschieden würde, könn te sie aus dem Umstand, dass ihre Kinder – davon eines minderjährig – armenische Staatsangehörige seien, einen Aufenthaltsanspruch gemäss Art. 20 b des "Gesetzes über den Status von Ausländern in der Republik Armenien" (vgl. http://www.legislationline.org/documents/action/popip/id/6640) herlei- ten. Die geltend gemachte MS -Erkrankung spreche aus medikamentöser und medizinischer Sicht nicht gegen ihre Rückkehr : Gemäss Abklärung des BFM seien die benötigten Medikamente erhältlich , und es gebe i n K._______ mehrere Kliniken mit neurologischen Abteilungen. 4.5.2 In ihrer Vernehmlassung im Verfahren E -2744/2011 stellte die Vo r- instanz lediglich fest, dass die Beschwerdeschrift keine neuen erhebl i- chen Tatsachen oder Beweismittel enthalte, welche eine Änderung ih res Standpunktes rechtfertigen könnten. Sie verwies auf die Erwägungen in E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 12 der angefochtenen Verfügung, an denen sie vollumfänglich festhalte, und beantragte die Abweisung der Beschwerde. 4.6 In der Replik vom 24. Mai 2013 wurde gerügt, dass das BFM sich in der Vernehmlassung mit den in der Beschwerde formulierten Argumenten betreffend die Asylgründe der Beschwerdeführerin 1 nicht auseinander- gesetzt habe; a n der Begründung der Beschwerdeschrift werde vollu m- fänglich festgehalten. Dasselb e gelte in Bezug auf die Beschwerde im Verfahren E-2744/2011, zu der sich das BFM in der separaten Verneh m- lassung vom 26. April 2013 nur pauschal geäussert habe. Zur gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin 1 habe das BFM lediglich bemerkt, dass gemäss eigenen Abklärungen die bei einer MS - Erkrankung benötigten Medikamente in Armenien erhältlich seien und es Kliniken mit neurologischen Abteilungen gebe. Damit habe die Vorinstanz es unterlassen, zu den in der Eingabe vom 11. April 2013 vorgebrachten Argumenten und zur SFH-Länderanalyse Stellung zu nehmen. In jenem Bericht werde ausgeführt, dass in Armenien lediglich ein einziges Med i- kament zur Behandlung einer MS -Erkrankung erhältlich sei, die Kosten dafür allerdings derart hoch seien, dass damit zu rechnen sei, dass der Beschwerdeführerin 1 der Zugang dazu verwehrt bliebe. Das BFM habe sich in der Vernehmlassung offenbar auf die Frage beschränkt, ob in A r- menien eine Möglichkeit zur Behandlung einer solchen Krankheit existi e- re. Dabei habe es die Frage ausser Acht gelassen, ob im vorliegenden Fall auch der Zugang dazu gewährleistet sei. Hinzu komme die im Arztbe- richt vom 25. Februar 2013 erwähnte depressive Symptomatik bei der Beschwerdeführerin 1, welche bedingt sei durch die Erkrankung ihres zentralen Nervensystems. Ferner verfüge die Familie in Armenien über kein familiäres Netzwerk und wäre im Fall einer Rückkehr gänzlich auf sich allein gestellt : beim Versuch, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, bei den Bemühungen um eine adäquate Behandlung der M S-Erkrankung und bei der Suche nach einer Wohnmöglichkeit und einer für den Unte r- halt ausreichenden Erwerbstätigkeit. Es sei davon auszugehen, dass die Familie keine finanzielle Unterstützung erwarten könne, auch nicht vom Ehemann beziehungsweise Vater der Beschwerdeführenden. Die Familie habe keinen Kontakt mehr zu ihm, seit sie Armenien verlassen habe. Die Scheidung werde gemäss dem Anwalt der Beschwerdeführerin 1 etwa in drei Monaten vollzogen sein. Selbst unter der Annahme, dass Letztere in Armenien Zug ang zur notwendigen medizinischen Behandlung erhalten würde, wäre sie aufgrund ihrer psychischen Verfassung und der einge- schränkten Leistungsfähigkeit kaum in der Lage, eine Arbeitsstelle zu fi n- den und ein Einkommen zu erzielen, welches den Lebensunterhalt der E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 13 dreiköpfigen Familie sichern würde. Die Beschwerdeführerin 2 habe bis anhin die Schule besucht und habe keinerlei berufliche Erfahrungen. Deshalb könne auch nicht damit gerechnet werden, dass sie im Falle e i- ner Rückkehr einen entscheidenden Beitrag zu r Existenzsicherung der Familie leisten könne. Zudem habe die Vorinstanz sich nicht zur darg e- legten Integration der Besch werdeführerin 2 und des minderjährigen Sohnes geäussert, und diese Tatsache sei entsprechend unberücksichtigt geblieben. Dazu werde mitgeteilt, dass die Beschwerdeführerin 2 vorau s- sichtlich im Sommer 2014 das Gymnasium im G._______ mit der Matura abschliessen werde. Schliesslich habe das BFM sich zur Frage, ob die Beschwerdeführerin 1 in Armenien eine Aufenthaltsbewilligung erhalten könne, sehr vage geäussert und lediglich bemerkt, sie könne aus dem Umstand, dass ihre Kinder die armenische Staatsangehörigkeit hätten, einen Aufenthaltsanspruch herleiten. Theoretisch möge dem so sein, ob praktisch eine solche erteilt würde – auch unter Berüc ksichtigung der mittlerweile dreijährigen Landesabwesenheit – sei fraglich. Aus all diesen Gründen ergebe sich, dass der Wegweisungsvollzug der Beschwerdefüh- renden nach Armenien unzumutbar sei. Ein Wegweisungsvollzug nach I ran sei ebenfalls unzumutbar , da die Be- schwerdeführerin 1 zuletzt im Jahr 1985 im Iran gelebt habe und die be i- den Kinder die Landessprache nicht sprechen würden. 5. 5.1 Die Beschwerdeführenden rügen in ihren Beschwerdeschriften in formeller Hinsicht vorab eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes durch das BFM , da es den Sachverhalt unvollständig festgestellt habe, und beantragen die Kassation der Verfügungen vom 12. April 2011 wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs . Im Wegweisungsvollzugspunkt wird zudem die Verletzung der Begründungspflicht gerügt. 5.2 Nach dem i m Verwaltungsverfahren geltenden Untersuchungsgrund- satz obliegt der zuständigen Behörde die Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts (Art. 6 AsylG i.V.m. 12 VwVG; Art. 49 Bst. b VwVG). Die zuständige Behörde ist de m- nach verpflichtet, den für die Beurteilung eines Asylgesuchs relevanten Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen. Der Grundsatz des rechtl i- chen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101] , Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt zudem, dass die verfügende Behörde die Vorbrin- gen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung berück sichtigt, was sic h ent sprechend in der En t-E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 14 scheidbegründung niederschlagen muss. Die Abfassung der Begründung soll es dem Betroffenen also ermög lichen, den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anzufechten. Die verfügende Behörde muss sich allerdings nicht ausdrücklich mit j eder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinander setzen, sondern kann sich auf die w e- sentlichen Gesichtspunkte beschränken (vgl. BVGE 2008 /47 E. 3.2). So- weit in der Beschwerdeschrift im Verfahren E-2743/2011 eine Verletzung des rechtlichen Gehörs wegen unvollständiger Erwähnung der gesamten vorgebrachten Sachverhaltselemente gerügt wird, wird festgestellt, dass die Einschätzung der Vorinstanz , ob ein Sachverhaltselement w esentlich oder unwesentlich ist (und dementsprechend in der Be gründung abz u- handeln ist oder nicht ), nicht die Abklärung des Sachverhalts, sondern dessen rechtliche Würdigung betrifft. Dasselbe gilt für die Einschätzung der Vorinstanz im Verfahren E -2744/2011, der sexuelle Übergriff auf die Beschwerdeführerin 2 sei nicht glaubhaft; auch diese Erkenntnis be- schlägt nicht die Abklärung des Sachverhalts, sondern dessen rechtliche Würdigung. Im Asylpunkt wurde der Sachverhalt von der Vorinstanz somit nicht u n- vollständig festgestellt, und der vorinstanzliche Entscheid konnte von den Beschwerdeführenden sachgerecht angefochten werden. 5.3 Das Bundesverwaltungsgericht stellt indessen gestützt auf den Unter- suchungsgrundsatz gemäss Art. 12 VwVG fest, dass die Vorinstanz sich in den angefochtenen Verfügungen betreffend die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs der Beschwerdeführenden nach Armenien auf die pauschale F eststellung beschränkte, weder die herrschende polit i- sche Situation noch andere Gründen würden dagegen sprechen , womit sie ihrer Begründungspflicht nicht genügend nachgekommen ist . Diese umfasst nämlich wie erwähnt, dass die verfügende Behörde die einschlä- gigen Vorbringen zur Kenntnis nimmt und einer sorgfältigen und ernsthaf- ten Prüfung unterzieht, welche auch in der Begründung des Entscheides ihren Niederschlag finden muss. Die Abfassung der Begründung soll es dem Betroffenen möglich machen, den Entscheid gegebenenfalls sac h- gerecht anzufechten, was nur möglich ist, wenn sich sowohl der Betroff e- ne als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entsc heides ein Bild machen können ( vgl. BGE 129 I 232 E. 3.2; zur Begründung s- dichte: BGE 112 Ia 110; BVGE 2008/47 E. 3.2, m.w.H.). Die Vorinstanz hat es indes in ihrem Entscheid unterlassen, auch nur ansatzweise die individuelle Situation der Beschwerdeführend en im Rahmen der Zumut- barkeitsprüfung des Wegweisungsvollzugs zu benennen und sich damit E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 15 auseinanderzusetzen, womit sie diesen die Möglichkeit verwehrt hat, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Der festgestellte Verfahrensmangel kann im vorliegenden Fall mangels ausreichender und hinlänglich individualisierter Begründung hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzug durch die Vorinstanz auf Ve r- nehmlassungsebene nicht als geheilt betrachte t werden (zu den Voraus- setzungen der Heilung von Gehörsverletzungen vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 m.w.H.). Auf eine Kassation (im Wegweisungsvollzugspunkt) kann de n- noch verzichtet werden, da das Bundesverwaltungsgericht aufgrund e i- nes hinlänglich erstellten Sachverhaltes in der Sache selbst zu einer Gut- heissung (vgl. Ausführungen in E. 8 f.) gelangt. Nach dem Gesagten b e- steht somit keine Veranlassung, di e Verfügungen des BFM vom 12. April 2011 aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache zur Neubeurte i- lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der Umstand, dass die angefoch- tenen Verfügungen an einem Verfahrensmangel leiden, der auf B e- schwerdeebene nicht geh eilt werden konnte, wäre im Kosten - und Ent- schädigungspunkt zu berücksichtigen gewesen; indes wird in der Sache selbst von einem Obsiegen der Beschwerdeführenden auszugehen sein (vgl. E. 8 f.), was ohnehin die entsprechenden Kosten - und Entschäd i- gungsfolgen zeitigen wird (vgl. E. 10). 6. 6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind nach Art. 3 AsylG Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Ra s- se, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer besti mmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachte i- len ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge- fährdung des Leibes, des Lebens o der der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen. 6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 16 6.3 Das Bundesverwaltungsgericht stellt einleitend fest, dass der Grun d- satz der Rechtsanwendung von Amtes wegen die Verwaltung und das Gericht verpflichtet, auf den festgestellten Sachverhalt jenen Rechtssatz anzuwenden, den sie als den zutreffenden erachten, und ihm jene Ausl e- gung zu geben, von der sie überzeugt sind. Dieses Prinzip hat zur Folge, dass das Bundesverwaltungsgericht als Beschwerdeinstanz an die rechtli- che Begründung der Begehren nicht gebunden ist (Art. 62 Abs. 4 VwVG), und bedeutet, dass es eine Beschwerde auch aus anderen Gründen als den geltend gemachten gutheissen oder den angefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestätigen kann, die von jener der Vori n- stanz abweicht (sog. Motivsubstitution). Soll sich der Entscheid allerdings auf Rechtsnormen stützen, mit deren Anwendung die Parteien nicht rech- nen mussten, ist ihnen Gelegenheit zu geben, sich vorgängig zu äussern (vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, Basel 2008, S. 21 Rz. 1.54). 6.4 In diesem Sinne ist zu bemerken, dass die von der Beschwerdeführe- rin 2 in ihrer Beschwerdeschrift "Punkt für Punkt" vorgenommene Wide r- legung der in der angefochtenen Verfügung dargelegten Unglaubhafti g- keitselemente (vgl. Beschwerde Ziff. III.6 S. 6 ff. ; E -2744/2011 act. 1 ) vollumfänglich überzeugt. Bezeichnenderweise hat die Vorinstanz im Ent- scheid der Beschwerdeführerin 1 deren Asylgründe, zu denen als eines der ausreisebestimmenden Motive auch der sexuelle Übergriff auf die Beschwerdeführerin 2 gehören, nicht als un glaubhaft qualifiziert. Die da- mit erfolgende Ersetzung des Sachverhalts, von dem die Vorinstanz au s- ging, durch den in den Augen des Gerichts glaubhaft gemachten relevan- ten Sachverhalt würde in der Regel zur Aufhebung der Verfügung und Rückweisung wegen offensichtlicher Begründetheit führen. Vorliegend wird indes aus prozessökonomischen Gründen darauf verzichtet, die S a- che zur Beurteilung der Vorbringen auf ihre Asylrelevanz an die Vori n- stanz zurückzuweisen, zumal die beiden Verfahren aufgrund des engen sachlichen Zusammenhanges vereinigt wurden und der rechtserhebliche Sachverhalt nach dem oben Gesagten im Asylpunkt als vollstä ndig e r- stellt und für beide Verfahren als glaubhaft gemacht gilt (vgl. die Zusam- menfassung der Asylvorbringen in E. 4.1). 6.5 Allerdings kommt das Bundesverwaltungsgericht nach einer Gesam t- würdigung der Akten zum weitgehend mit der Beurteilung des BFM im Verfahren der Beschwerdeführerin 1 übereinstimmenden Schluss, dass es den insgesamt als glaubhaft gemachten Vorbringen der Beschwerde- führenden aus den nachfolgenden Gründen an der Asylrelevanz mangelt: E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 17 6.5.1 Einleitend ist festzustellen, dass das eigene geltend gemachte polti- sche Engagement der Beschwerdeführenden (vereinzelte Teilnahme an Massenkundgebungen durch die Beschwerdeführerin 1 sowie die Kun d- gabe ihrer politischen Anschauung an der Universität durch die B e- schwerdeführerin 2) nicht als derart bedeutend einzustufen ist, als dass ihnen allein deswegen asylrelevante Verfolgung drohen könnte, bezi e- hungsweise bestehen keine Hinweise, dass ihnen von den Behörden ein eigenes bedeutendes Engagement unterstellt worden sei. Daran vermag auch das als "Proxy of the Armenian National Congress" übersetzte D o- kument, welches als Beweismittel zu den Akten gereicht wurde, nichts zu ändern, belegt es doch lediglich das pol itische Engage ment des Eh e- mannes beziehungsweise Vaters der Beschwerdeführenden. 6.5.2 Ferner hat gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG einer Verfolgungshandlung ein bestimmtes Verfolgungsmotiv (Rasse, Religion, Nationalität, Gru p- penzugehörigkeit, politische Anschauungen) zugrunde zu liegen, damit der betroffenen Person die Flüchtlingseigenschaft anerkannt und ihr Asyl gewährt werden kann. Dabei sind d ie genannten fünf Verfolgungsmotive über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merk- male, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers ve r- bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 32 E. 8.7.1). Auch eine nur unterstellte politische Meinung (oder ein anderes zu Unrecht der betreffenden Person zugeschriebenes Merkmal) weist als Verfolgungsmotivation grundsätzlich flüchtlingsrechtlich e Rele- vanz auf, da in diesem Zusammenhang die Sicht weise des Verfolgers massgeblich ist (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 9 ). Vorliegend ist aber fest- zustellen, dass die Beschwerdeführenden eigenen Angaben zufolge eine Verfolgung nicht hauptsächlich aufgrund eigene r äusserer oder innerer Merkmale, namentlich eigener politischer Aktivitäten und Ansichten, gel- tend machen, sondern sie das exponierte politische Engagements ihres Ehemannes beziehungsweise Vaters in den Jahre 2008 und 2009 als U r- sache und Motiv der Verfolgung darstellen. Mithin wird eine Reflexverfolgu ng geltend gemacht, d.h. die Anwendung von (staatlichen) Repressalien gegen Familienangehörige von politischen Aktivisten, was durchaus unter den Verfolgungsbegriff von Art. 3 AsylG zu subsumieren ist. Der von der Tochter glaubhaft gemachte Übergriff und die Drohungen erfolgten im November 2009 und stellen mitunter das Mo- tiv für die Ausreise im Januar 2010 dar . Damit ist der Kausalzusamme n-E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 18 hang zwischen der Verfolgungshandlung und der Flucht in zeitlicher und sachlicher Hinsicht gegeben. 6.5.3 Gemäss Angaben der Beschwerdeführenden handelte es sich bei den Verfolgern indes um unbekannte Anhänger der Regierungspartei, die sich am politischen Engagements des Ehemannes beziehungsweise V a- ters störten, also um Privatpersonen. Gemäss der Schutztheorie (vgl. da- zu BVGE 2011/51 E. 7.1 -7.4) ist bei Bejahung flüchtlingsrechtlicher Nachteile seitens von Drittpersonen zu prüfen, ob der Betroffene auf dem Gebiet seines Heimatstaates Schutz vor dieser Art von Verfolgung findet. Schutz vor privater Verfolgung ist als solcher ausreichend zu erachten, wenn im Heimatstaat eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruk- tur zur Verfügung steht, also in erster Linie polizeiliche Aufgaben wah r- nehmende Organe und ein Rechts - und Justizsystem, das eine effektive Strafverfolgung ermöglicht. Ob das bestehende Schutzsystem als in di e- sem Sinne effizient erachtet werden kann, hängt letztlich auch davon ab, ob der Schutz die von Verfolgung betroffene Person tatsächlich erreicht. Ein subsidiäres internationales Schutzbedürfnis im Sinne der Schutztheo- rie kann sich für die von Verfolgung betroffene Person demnach ergeben, weil im Heimatstaat keine Schutzinfrastruktur besteht, die ihr Schutz bi e- ten könnte (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E. 11.2), oder weil der Staat ihr ke i- nen Schutz gewährt, obwohl er dazu in der Lage wäre. Ein Schutzbedür f- nis besteht aber auch dann, wenn die bestehende Schutzinfrastruktur der von Verfolgung betroffenen Person nicht zugänglich ist oder ihr deren I n- anspruchnahme aus individuellen Gründen nicht zuzumuten i st; ob ein solches Schutzbedürfnis besteht, ist im Rahmen einer individuellen Ei n- zelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes zu beantworten, wobei es den Asylbehörden obliegt, die Effektivität des Schutzes vor Verfolgung im Heima tstaat abzuklären und zu begründen (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.8, BVGE 2008/5 E. 4.2, BVGE 2008/4 E. 5.2.; EMARK 2006 Nr. 18 E.10.3.1 f.). Gemäss den aktuellen Erkenntnissen des Gerichts haben die seit 2007 eingeleiteten Versuche von Justizreformen in Armenien nicht entschei- dend dazu beigetragen, die Abhängigkeit der Polizei- und Justizbehörden von der Regierung erheblich zu reduzieren . Menschenrechtsorganisatio- nen berichten nach wie vor von politisch motivierter Verfolgung durch die Strafverfolgungsbehörden. Moniert w ird auch die Manipulation von Ge- richten durch politische Behörden in Prozessen gegen politische Aktivi s- ten, die mit unverhältnismässig hohen Haftstrafen geendet haben. Prob- lematisch sei auch die Behandlung solcher Aktivisten während der Unter- suchungshaft – namentlich Folter und unmenschliche Behandlung durch E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 19 die Polizei sowie die allgemeine Negierung der Verfahrensgarantien der Inhaftierten – und das "Wegschauen" der Gerichte bei Bekanntwerden solcher Menschenrechtsverletzungen (vgl. ALEXANDER ISKANDARYAN (Freedom House ), Nations in Transit – Armenia, Juni 2013, S. 77 f., einsehbar unter: http://www.freedomhouse.org/sites/default /files/NIT13_ Armenia_3rdProof.pdf, besucht am 5. September 2013). Mangelnder Schutzwille der Behörden sei auch auszumachen, wenn bei Demonstrationen gegen die Regierung Gewaltübergriffe auf die Demonst- ranten stattgefunden hätten, die von den Behörden nicht untersucht oder geahndet worden seien (vgl. Amne sty International, Annual Report 2013 Armenia, Mai 2013, einsehbar unter: http://www.amnesty.org/en/regi on/armenia/report-2013, besucht am 5. September 2013). Andererseits ist festzuhalten, dass vorliegend die geltend gemachten Übergriffe auch in Armenien strafrechtlich geahndete Verbrechen darstellen. Auf Vergewalti- gung stehe beispielsweise eine Strafandrohung von maximal 15 Jahren. Probleme bei der Durchsetzung von Strafmassnahmen seien in diesem Bereich darauf zurückzuführen, dass viele Fälle aus Angst vor dem sozia- len Stigma, insbesondere im Bereich der häuslichen oder familiären G e- walt, nicht gemeldet würden (vgl. U.S. State Departement, Country R e- ports on Human Rights Practices for 2012 – Armenia, Ap ril 2013, einsehbar unter: http://www.state.gov/j/drl/rls/hrrpt/humanrightsrepo rt/index.htm?year=2012&dlid=204258, besucht am 5. September 2013). Das Bundesverwaltungsgericht kommt aufgrund der vorliegenden Info r- mationen zum Schluss, dass die in Armenien bestehende Schutzinfr a- struktur gegen Übergriffe Dritter, wie sie vorliegend vorgebracht worden sind, den oben umrissenen Anforderungen trotz Defiziten insgesamt g e- nügt. Der glaubhaft gemachte Übergriff auf die Beschwerdeführerin 2 im November 2009 bes chlägt nämlich lediglich indirekt die oben festgestell- ten Unzulänglichkeiten des Strafverfolgungs- und Justizsystems in Arme- nien. Die Beschwerdeführenden machen einerseits nicht geltend, dass es sich bei den Verfolgern um staatliche Strafverfolgung - oder Justizbehör- den handelt. Andererseits hätten diese Übergriffe von Dritten auch nicht wegen ihres eigenen aktiven poltischen Engagements , namentlich bei oder nach der Teilnahme an einer Demonstration, stattgefunden . Vie l- mehr bringen sie vor, dass die politisch motivierte Verfolgung durch Dritt- personen, obwohl dabei Straftatbestände erfüllt worden seie n, nicht von den Strafverfolgungs- und Justizbehörden geahndet worden sei, weil es sich bei den Verfolgern um Regierungsanhänger gehandelt habe. Dieses konkrete Vorbringen können sie indes nicht belegen. Ein solcher Schluss kann auch nicht aus den erwähnten Länderberichten gezogen werden. Es wäre also an d en Beschwerdeführenden gelegen, bei den heimatlichen E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 20 Behörden vor der geltend gemachten Verfolgung Schutz zu suchen. Dazu gilt zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin 2 nach dem letztlich fluchtauslösenden Ereignis eigenen Angaben zufolge aus Schamgefühl weder einen Arzt auf gesucht noch die Tat bei der Polizei an gezeigt hat. Zutreffen mag, dass in Armenien sexuelle Gewalt stark tabuisiert und ver- harmlost wird. Damit die Unzumutbarkeit der Schutzsuche bejaht werden kann, braucht es aber gewichtigere Gründe als Schamgefühl und die g e- sellschaftliche Tabuisierung sexueller Gewalt. Individuelle, in der Person der Beschwerdeführerin 2 liegende Gründe, aufgrund derer eine Schut z- suche im Heimatland nicht zumutbar wäre, liegen deshalb nicht vor. Da die Beschwerdeführenden weder den Angriff auf den Ehemann im Jahr 2009, bei welchem die Beschwerdeführerin 1 "Nebenopfer" wurde, noch den Übergriff auf d ie Beschwerdeführerin 2 der Polizei meldeten, kann dem armenischen Staat diesbezüglich weder mangelnde Schutzf ä- higkeit noch fehlender Schutzwille angelastet werden. Vielmehr konnten die Beschwerdeführenden nicht glaubhaft darlegen, inwiefern es ihnen nicht zuzumuten gewesen wäre, das innerstaatliche Schutzsystem in A n- spruch zu nehmen. Das diesbezügliche Versäumnis der Beschwerdefü h- renden bewirkt, dass sie das Andauern von Übergriffen trotz Einreichens einer Strafanzeige nicht belegen oder glaubhaft machen können. 6.5.4 Zusammenfassend sind die geltend gemachten Verfolgungsvorbrin- gen aus den oben genannten Gründen als nicht asylrechtlich relevant zu qualifizieren, mithin die Ablehnung der Asylgesuche durch die Vorinstanz im Ergebnis zu stützen ist. Auch die Ausführungen in den Beschwerd e- schriften beziehungsweise der Replik vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern, weshalb nicht weiter auf diese einzugehen ist. 7. Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; dabei ist der Grundsatz der Einheit der Familie zu berücksich- tigen (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Nachdem die Ablehnung der Asylgesuche im Ergebnis zu bestätigen ist und die Beschwerdeführenden keinen ausländerrechtlichen Aufenthaltsti- tel besitzen oder beanspruchen können , ist die Anordnung der Wegwe i- sung rechtmässig erfolgt (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.1). E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 21 8. Ist der Vollzug der Wegweisung unmöglich, unzulässig oder unzumutbar, so regelt das Bundesam t das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzl i- chen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG, Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. D e- zember 2006 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Der Vollzug ist nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder in den Herkunfts - oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann , er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Au s- länderin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder in einen Drittstaat entgegenstehen, und er kann für Ausländerinnen oder Auslä n- der unzumutbar sein, wenn sie in Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, al l- gemeiner Gewalt und medizi nischer Notlage im Heimat - oder Herkunfts- staat konkret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 2-4 AuG). Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wiedererwägung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Soba ld eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwese n- heit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Au f- nahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4. m.w.H.). Bei der Prüfung der drei genannten Kriterien ist auf die im Zeitpunkt des Entscheides beste- henden Verhältnisse abzustellen. 8.1 In Übereinstimmung mit den Ausführungen in der Replik (vgl. E. 4.6) ist aufgrund der Aktenlage die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs der Beschwerdeführenden in den Heimatstaat der Beschwerdeführerin 1, Iran, anzunehmen. Davon scheint au ch die Vorinstanz ausgegangen zu sein, hat sie doch eine Rück - bzw. Ausreise der Beschwerdeführenden in den Iran weder geprüft noch angeordnet . Weitere diesbezügliche Ausfüh- rungen erübrigen sich somit. Geprüft wird im Folgenden, ob eine Rückkehr nach Armenien, ins He r- kunftsland der Beschwerdeführerin 1 und Heimatland ihre s Sohnes z u- mutbar ist. 8.1.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Ge-E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 22 fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vor- läufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). Neben einer konkreten Gefährdung können aber auch andere Umstände im Heimat- oder Herkunftsstaat dazu führen, dass der Vollzug der We g- weisung – aus humanitären Überlegungen – nicht zumutbar ist. So kann sich der Wegweisungsvollzug gestützt auf Art. 83 Abs. 4 AuG auch aus medizinischen Gründen als unzumutbar erweisen, was aber grundsätzlich nur dann der Fall ist, wenn für die betroffene Person bei einer Rückkehr in ihre Heimat eine wesentliche medizinische Behandlung nicht erhältlich wäre. Der Umstand alleine, dass die Spitalinfrastruktur oder das mediz i- nische Fachwissen im Heimatstaat nicht dasselbe Niveau aufweisen wie in der Schweiz, führt praxisgemäss nicht zur Unzumutbarkeit des We g- weisungsvollzugs. Von einer solchen Unzumutbarkeit ist erst dann au s- zugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiterbehandlung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesundheitsz u- standes nach sich zieht. Bei der Prüfung der Voraussetzungen von Art. 83 Abs. 4 AuG sind humanitäre Überlegungen im Einzelfall gegen andere öf- fentliche Interessen abzuwägen, die allenfalls für den Vollzug der We g- weisung sprechen würden, was den Asylbehörden einen Ermessensspiel- raum lässt. Entsprechend bilden etwa gesundheitliche Probleme, welche für sich allein betrachtet den Wegweis ungsvollzug nicht bereits als unz u- mutbar erscheinen lassen, ein Beurteilungselement, welches bei der Inte- ressenabwägung mit zu berücksichtigen ist und zusammen mit weiteren humanitären Aspekten zur Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegwe i- sungsvollzugs führen kann (vgl. zum Ganzen EMARK 2004 Nr. 7 E. 5d , EMARK 2003 Nr. 24 E. 5a und 5b, EMARK 2001 Nr. 16 E. 6b). 8.1.2 Den zu den Akten gereichten ärztlichen Berichten ist zu entnehmen, dass bei der Beschwerdeführerin 1 erstmals am 7. August 2012 der Ve r- dacht auf e ine Erkrankung an einer schubförmigen Multiplen Sklerose aufkam, welcher sich anlässlich der zweiten Konsultation vom 16. August 2012 erhärtete. Die behandelnde Ärztin führte in den drei Berichten vom 9. und 16. August sowie 17. Oktober 2012 dazu aus, dass aus neurologi- scher Sicht eine Indikation zum Beginn einer immunmodulierenden Th e- rapie bestehe. Hierdurch könnten bei einer schubförmigen Verlaufsform, wie sie bei der Patientin vorliege, die Wahrscheinlichkeit des Auftrete ns von Schüben verringert , die Be hinderungsprogression verlangsamt und auch die beeinträchtigenden Folgen auf die Kognition abgemildert we r- den. Ein möglichst früher Beginn der Therapie sei hinsichtlich dieser Ziele entscheidend. Hierzu würden derzeit in der Schweiz vier verschiedene Präparate als regelmässige Injektionstherapie zur Verfügung stehen. Zu E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 23 bevorzugen sei eine Immunmodulation mit einem Injektionspräparat. Dies wäre jedoch nur möglich, wenn die Patientin dauerhaft in der Schweiz beziehungsweise in einem Land wohnhaft wäre, wo die Möglichkeit, eine solche Therapie unter entsprechender neurologischer Begleitung durc h- zuführen, besteht. Im letzten eingereichten Arztbericht vom 25. Februar 2013 wies die behandelnde Ärztin erneut darauf hin, dass ein möglichst rascher Beginn einer immunmodulierenden Therapie indiziert sei. Ein po- sitiver Entscheid der Asylbehörden wäre höchst wünschenswert, um der Patientin in einem möglichst frühen Stadium der MS mit noch relativ g e- ringgradigen neurologischen Ausfällen eine evidenzbasierte prophylakt i- sche Therapie weiterer Schübe zu ermöglichen. Sollte sich die Schubfr e- quenz bei gleichzeitig steigender Läsionslast im MRI ("Magnetic Res o- nance Imaging" = Magnetresonanztomographie) erhöhen, müsse eine Eskalationstherapie evaluiert werden. 8.1.3 Die Beschwerdeführenden liessen zur Frage der Behandlungsmö g- lichkeiten von MS in Armenien von der SFH-Länderanalyse ein Gutachten erstellen, welches sie mit der Eingabe vom 25. Oktober 2012 zu den Ak- ten reichten (vgl. JULIA MOSER, Armenien: Behandlungsmöglichkeiten von Mulitpler Sklerose – Auskunft der SFH-Länderanalyse, 23. Oktober 2012). Danach sei von den für eine immunmodulierende Therapie von MS benö- tigten Medikamente n in Armenien lediglich Betaferon registriert und e r- hältlich. Die jährlichen Kosten für die für eine Person benötigte Menge Betaferon würden rund Fr. 12 000.– betragen. Das Medikament müsse, wie alle Medikamente, bei Bedarf erst aus dem Ausland importiert we r- den. Die durchschnittlichen Kosten für eine allgemeine Untersuchung würden 5000 armenische Dram (ca. Fr. 11.50) betragen. Für eine stati o- näre Behandlung in einer neurologischen Abteilung sei mit 110 000 arme- nische Dram (ca. Fr. 250. –) als Durchschnittswert zu rechnen. Zu den durch das armenische staatliche Unterstüt zungsprogramm BBP ("Basic Benefits Package") festgelegten Krankheiten, bei welchen mit einer finan- ziellen Unterstützung des armenischen Staates gerechnet werde könne, gehöre MS nicht , weshalb die Beschwerdeführenden die vollen Kosten für die regelmässige Injektionsther apie mit dem in Armenien verfügbaren Medikament Betaferon selber übernehmen müssten. Gewisse andere Bestandteile einer MS-Behandlung, wie beispielsweise die stationäre B e- handlung von Schüben oder MRI-Untersuchen, würden unter Umständen durch das BBP abgedeckt werden, wofür allerdings keine Garantie beste- he. Aufgrund der weitverbreiteten Korruption würden aber selbst bei einer partiellen Kostenübernahme zusätzliche Handgelder und informelle Za h- lungen für die erkrankte Person anfallen. Nach Angaben der "Armenian Neurological Association" sei es ausserdem möglich, dass eine an MS im E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 24 fortgeschrittenen Stadium leidende Person eine staatliche Behinderte n- rente von etwa Fr. 37.50 pro Monat für die Lebenskosten erhalten würde. Diese Unterstützung sei aber weder gewährleistet, noch würde sie die an- fallenden Kosten für eine immunmodulierende Therapie a uch nur ann ä- hernd decken. Für Rückkehrer seien soziale Netzwerke wie Familienve r- bände und Freundeskreise von zentraler Bedeutung für finanzielle und psychosoziale Unterstützung. Aufgrund der fehlenden Infrastruktur und Unterstützungsleistungen zur Reintegration von Rückkehre rn sei eine Mehrheit von ihnen vollständig auf ihr soziales N etz angewiesen, um e t- wa eine temporäre Unterkunft und eine Stelle zu finden. Generell seien Rückkehrer in Armenien von wirtschaftlicher Unsicherheit stark betroffen. Das Risiko, in extreme Armut zu verfallen und obdachlos zu werden, e r- höhe sich besonders f ür Rückkehrer, die mit unerwarteten Lebenskosten (etwa für medizinische Dienstleistungen) konfrontiert seien. Im stark von der globalen Wirtschaftskrise b etroffenen Armenien, wo 2011 36 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben würden und der durchsch nitt- liche Monatslohn Fr. 267 .– betrage ( und derjenige einer (Beruf) – der einstmalige Beruf der Beschwerdeführerin – etwa Fr. 94. –), seien G e- sundheitskosten in der Höhe von über Fr. 12 000.– pro Jahr eine immen- se Belastung. Vor liegend komme h inzu, dass für die Inanspruchnahme der kostenlosen Gesundheitsdienstleistungen (medizinische Basisdienst- leistungen, zu denen die Behandlungskosten für MS ohnehin nicht gehö- ren) zusätzlich zur Bedürftigkeit die armenische Staatsbürgerschaf t vor- ausgesetzt werde. 8.1.4 Das BFM verzichtet darauf, sich zu dieser SFH-Analyse im Detail zu äussern und beschränkt sich in seiner Vernehmlassung vom 14. Mai 2013, unter Verweis auf seine "Consultings" vom 24. April und 7. Mai 2013 (A35 und A36), auf die Feststellung, dass die Beschwerdeführerin 1 noch gar nicht geschieden sei und aus dem Umstand, dass ihre Kinder, davon eines noch minderjährig, die armenische Staatsbürgerschaft besi t- zen, einen Aufenthaltsanspruch ableiten könne; die erforderlichen Med i- kamente und neurologische Kliniken seien vorhanden. 8.1.5 Wohl ist davon auszugehen, dass die von der Beschwerdeführerin 1 benötigten Medikamente zur Behandlung ihrer M S in Armenien grund- sätzlich erhältlich sind. Es muss aber damit gerechnet werden, dass sie die Kosten für ihre Behandlung und die Medikamente vollständig oder zu einem grossen Teil selber tragen müss te. Ob ihr, wie vom BFM eing e- wendet wurde, ein Aufenthaltsanspruch zukommt beziehungsweise sie wieder aufenthaltsberechtigt in Armenien sein wird, ist dabei nicht die entscheidende Frage – das Gericht setzt im Folgenden voraus, dass dem E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 25 so ist –, da die Aufenthaltsberechtigung für die Beurteilung der Möglich- keit der Inanspruchnahme unentgeltlicher Gesundheitsdienstleistungen beziehungsweise der Selbstfinanzierung nicht relevant ist. Wenn schon hätte die Vorinstanz die Möglichkeit des Erwerbs der armenischen Staats- bürgerschaft durch die Beschwerdeführerin 1 abklären können. D ie Vor- aussetzungen werden im Art. 13 des armenischen Bürgerrechtsgesetzes (vgl. die englische Version "Law of the Republic of Armenia on Citizenship of the Republic of Armenia" [ einsehbar unter: www.mfa.am › Home › Mi- nistry › Consular service › Citizenship]) aufgeführt. Danach könnte die Beschwerdeführerin 1 aufgrund der armenischen Staatsangehörigkeit i h- rer Kinder ein Gesuch zum Erwerb der armenischen Staatsangehörigkeit einreichen, ohne dass sie sich während der letzten drei Jahre legal in Ar- menien aufgehalten haben und ohne dass sie der armenischen Sprache mächtig sein muss (vgl. Art. 13 Abs. 2 Ziff. 1 i.V.m. Art. 13 Abs. 1 Ziff. 1 und 2). Ein solches Gesuch kann aus einer Reihe von Gründen – na- mentlich wenn die ersuchende Person dem Staat, der Sozialhilfe, der ö f- fentlichen Ordnung oder Gesundheit schaden beziehungsweise zur Last fallen würde – abgelehnt werden, wobei die Gründe bei einer Ablehnung nicht genannt werden müssen (vgl. Art. 13 Abs. 6). Angesichts der Sozi- alhilfebedürftigkeit der Beschwerdeführerin 1 erscheint es als sehr u n- wahrscheinlich, dass ihr die armenische Staatsbürgerschaft erteilt würde. Aber selbst dann müssten die anfallenden Kosten für die Medikamente im Umfang von Fr. 12 000. – von den Beschwerdeführenden überno mmen werden, da diese Krankheit nicht vom BBP abgedeckt werde (welche Feststellung in der SFH-Analyse vom BFM nicht bestritten wird). 8.1.6 Aufgrund der Aktenlage muss in Übereinstimmung mit den Ausfü h- rungen in der Stellungnahme vom 11. April 2013 (vgl. E. 4.4) und der Replik vom 24. Mai 2013 (vgl. E. 4.6) stark bezweifelt werden, dass die Beschwerdeführerin 1 in der Lage wäre, die dafür notwendigen finanzie l- len Mittel aufzubringen, zumal es sich bei ihrer Erkrankung um ein chr o- nisches Leiden mit unbestimmter Behandlungsdauer handelt. Die Au f- nahme einer eigenen Erwerbstätigkeit dürfte für die Beschwerdeführerin 1 kaum – oder wenn, dann nur in eingeschränktem Umfang und für b e- schränkte Zeit – möglich sein. Zudem ist zu berücksichtigen, dass im Arztbericht vom 25. Februar 2013 eine depressive Symptomatik bei der Beschwerdeführerin 1 erwähnt wird, und eine Verstärkung ihrer psych i- schen Symptome beziehungsweise eine Verschlechterung ihres Krank- heitsverlaufes im Falle einer erzwungenen Rückkehr nach Armenien nicht unwahrscheinlich wäre. Es kann im Weiteren nicht davon ausgegangen werden, dass die [Zahl]-jährige Tochter und der [Zahl]-jährige Sohn in der Lage wären, die erforderliche Hilfe zu leisten, da erstere noch über keine E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 26 berufliche Erfahrung und letzerer noch nicht einmal über einen schul i- schen Abschluss verfügt. Aufgrund dieser Umstände ist festzustellen, dass die Beschwerdeführenden nur mithilfe finanzieller und tätiger Unte r- stützung eines tragfähigen sozialen Netzes in der Lage wäre n, für die Kosten der medizinischen Behandlung der Beschwerdeführerin 1 aufzu- kommen und für sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Gemäss eigenen Aussagen verfügen die Beschwerdeführenden indes in ihrem Herkunftsland über kein familiäres Netz. Inwieweit d er (Ex - )Ehemann/Vater zur Unterstützung der Beschwerdeführenden bereit sein würde oder verpflichtet wäre, bleibe dahingestellt. Ferner liegen keine konkreten Hinweise dafür vor, dass sie entgegen ihren Aussagen darüber hinaus in ihrem Heimatland über Bezug spersonen verfügen, auf deren Unterstützung sie sich verlassen könnten. Vielmehr ist festzustellen, dass gemäss ihren Angaben alle Verwandten im Ausland leben (vgl. A1/18 S. 3 und A11/16 S. 3 im Verfahren E -2743/2011; A1/11 S. 3 im Verfahren E - 2744/2011). Aufgrund der vorliegenden Aktenlage erscheint somit nicht gewährleistet, dass die Beschwerdeführenden in ein gesichertes und tragfähiges familiäres Umfeld zurückkehren könnten, welches die von i h- nen benötigte persönliche Unterstützung sicherstellen könnte. 8.1.7 Zusammenfassend gelangt das Gericht aufgrund einer Abwägung aller massgeblichen Elemente zum Schluss, dass die Beschwerdeführ e- rin 1 und – unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Einheit der Fami- lie im Sinne von Art. 44 Abs. 1 AsylG – ihr minderjähriger Sohn im Falle der Rückschaffung nach Armenien einer existenziellen Gefährdung in ge- sundheitlicher und wirtschaftlicher Hinsicht ausgesetzt wären und sich daher der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar erweist. 8.2 Zu prüfen bleibt, ob für die Beschwerdeführe rin 2 die Rückkehr in ihr Heimatland zumutbar ist. Da sie volljährig ist, kann sie nicht in die vorläu- fige Aufnahme ihrer Mutter und ihres Bruders einbezogen werden, um- fasst doch der asylrechtliche Familienbegriff nur Ehegatten und minde r- jährige Kinder (Art. 1a Bst. e der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). 8.2.1 Den eingereichten Dokumenten kann entnommen werden, dass der im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung [Zahl]-jährigen Beschwerdeführerin 2, welche mittlerweile [Zahl] Jahre alt ist, in der Schweiz offenbar eine gu- te Integration gelungen ist. Gemäss der eingereichten Schulbestätigung vom 9. April 2013 besucht sie seit dem 29. August 2011 das Gymnasi um G._______ und wird den Unterricht voraussichtlich im Sommer 201 4 mit der Matura abschliessen. Dem Empfehlungsschreiben des Rektors vom E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 27 15. April 2013 zufolge habe sie durch grossen Lerneifer, Talent und den Willen zum Erfolg ihre anfänglichen Sprachdefizite in Deutsch sehr rasch eliminieren können, was eine wesentlich e Voraussetzung darstelle, um auch in geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern dem Unterricht fo l- gen zu können. Beim Besuch des Schulunterrichts profitiere sie nicht nur in den sprachlichen Fächern von ihrer Vorbildung und ihrem Lernfokus, so dass sie am Ende der Schuljahre im intellektuell sehr anspruchsvollen und umfangreichen Fächer -Curriculum des Kantons K._______ immer definitiv habe promoviert werden können. Zudem habe sie sich sehr gut in die Internats- und Klassengemeinschaft eingefügt. Sie werd e allerseits geachtet und sehr geschätzt. Es kann somit festgestellt werden, dass die Beschwerdeführerin 2 den für das zukünftige Berufsleben wesentlichen Teil der Sozialisation im Umfeld und in der Kultur der Schweiz erlebt hat. Der Grad der Integration ist al- lerdings als solcher nicht von rechtlicher Bedeutung, da es im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung nur um die Ermittlung der im Heimat - oder Herkunftsland, in welches zu Rückreise geprüft wird, bestehen den kon- kreten Gefährdung geht. 8.2.2 Den Akten kann nicht entnommen werden, dass die Beschwerde- führerin 2 in den über drei Jahren ihres Aufenthaltes in der Schweiz eine mit den hiesigen Bindungen vergleichbare Beziehung zu in Armenien l e- benen Personen hat aufrechterhalten können. Sie würde heute aus einer Lebensstruktur, die während der letzten Jahre ihre Persönlichkeitsen t- wicklung und ihren Alltag geprägt hat und welche sich erheblich von de r- jenigen in Armenien unterscheiden dürfte, herausgerissen. Nach der Pra- xis der schweizerischen Asylbehörden (vgl. BVGE 2009/20 E. 9.3.2 , m.w.H.) kann die Verwurzelung einer asylsuchenden Person in der Schweiz eine reziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine starke Assimilierung in der Schweiz eine Entwurzelung im Heimatstaat z ur Folge haben kann, we l- che unter Umständen die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt; eine solche Überlagerung der früheren Sozialisierung durch die a k- tuelle Einbettung in die schweizerische Gesellschaft ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Zu berücksichtigen ist zudem, dass die Beschwerdeführerin 2 ihre mit einem Schweizer verheiratete Tante bereits in den Jahren 2004, 2007, 2009 und 2010 jeweils für die Dauer von mehreren Monate besucht hat. Somit dürfte diese Tante, nebst der Mutter, ihre wichtigste Vertrauensperson sein, und manche schweize- rische Gegebenheiten waren ihr entsprechend schon früh vertraut. Ange- sichts der weit fortgeschrittenen Integration der noch jungen und in Au s-E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 28 bildung stehenden Beschwerdeführerin 2 und ihrer während mehr als drei Jahren eingesetzten, sämtliche Lebensbereiche betreffenden Prägung durch die hiesigen Verhältnisse einerseits und der bei einer Rückkehr nach Armenien erfolgenden Trennung von ihren nächsten Familienang e- hörigen – selbst blosse Besuche dürften für die drei Familienmitglieder kaum zu bewerkstelligen sein – und des vorzeitigen Abbruches des Gym- nasiums anderseits ist bei ihr für den Fall einer Rückkehr ins Heimatland eine konkrete Gefährdung ihrer physischen und psychischen Gesundh eit und Weiterentwicklung wegen Entwurzelung und mangels positiver Rei n- tegrationsfaktoren zu bejahen. Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht deshalb zum Schluss, dass auch bezüglich der Beschwerdeführerin 2 ein Wegwe i- sungsvollzug heute unzumutbar ist. 8.2.3 Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise auf ein unbotmässiges Verhalten der Beschwerdeführenden, welches eine nähere Prüfung unter dem Gesichtspunkt des Ausschlussgrundes von Art. 83 Abs. 7 AuG b e- dingen würde. Die Voraussetzungen für eine vorläu fige Aufnahme in der Schweiz gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG sind damit gegeben. 9. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerden gutzuheissen sind, soweit sie die Frage des Wegeweisungsvollzuges betreffen. Die vor - instanzlichen Verfügungen vom 12. April 2011 werden demnach – soweit sie die Frage des Wegweisungsvollzuges betreffen – aufgehoben, und die Vorinstanz wird angewiesen, die Beschwerdeführenden wegen Unzu - mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzune h- men. Im Übrigen werden die Beschwerden abgewiesen. 10. Die Beschwerdeinstanz auferlegt einer ganz oder teilweise unterliege n- den Partei die Verfahrenskosten im Umfang des Unterliegens (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Sie kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei eine Parteientschädigung zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG). 10.1 Die vollen Verfahrenskosten würden sich praxisgemäss auf Fr. 800.– (Normaltarif plus Zuschlag von Fr. 200. – für die Verfahrens vereinigung) belaufen. Wie in E. 5.3 aufgezeigt, weisen die angefochtenen Verfügun- gen in der Form einer Verletzung der Begründungspflicht bezüglich des Wegweisungsvollzugs einen Verfahrensmangel auf. Zwar wurde dieser formelle Mangel auf Beschwerdeebene nicht geheilt, indes erwächst den E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 29 Beschwerdeführenden mit dem vorliegen den, im Wegweisungsvollzugs- punkt gutheissenden Urteil kein finanzieller Nachteil , weshalb ihnen die Kosten für das Unterliegen im Asylpunkt trotzdem aufzuerlegen sind (vgl. BVGE 2008/47 E. 5.1 e contrario). Somit ist der Verfahrensausgang als hälftiges Obsiegen zu gewichten, und die Kosten sind auf Fr. 400.– zu re- duzieren. Dieser Betrag ist der Beschwerdeführerin 1 und ihrem Sohn e i- nerseits und der Beschwerdeführerin 2 anderseits je zur Hälfte aufzuerle- gen. Diese Kosten sind mit den bereits geleisteten Kostenvorschüssen von zweimal Fr. 600.– getilgt. Die Restbeträge von je Fr. 400. –, d.h. in s- gesamt Fr. 800.–, sind den Beschwerdeführenden zurückzuerstatten. Die Beschwerdeführenden werden aufgefordert, ihre Kontodaten dem Bu n- desverwaltungsgericht zu übermitteln. 10.2 Nachdem die Beschwerdeführenden mit ihre n Beschwerden zur Hälfte durchgedrungen sind, ist den rechtlich vertretenen Beschwerdefüh- renden für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig ho- hen Kosten eine um die Hälfte reduzierte Parteientschädigung zuzuspr e- chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG; Art. 7 ff. des Reglements vom 11. Dezember 2006 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 10.2.1 Gemäss Art. 14 Abs. 1 VGKE haben die Parteien, die Anspruch auf Parteientschädigung erheben, dem Gericht vor dem Entscheid eine detaillierte Kostennote einzureichen. Der bis am 28. August 2012 manda- tierte Rechtsvertreter reichte entgegen der Ankündigung in der B e- schwerde keine Kostenno te ein . Der Vertretungsaufwand ab Mandat s- übernahme durch die für die Bündner Beratungsstelle tätig gewesene Rechtsvertreterin und den für die gleiche Organisation aktiv en gegenwär- tigen Rechtsvertreter wurde für den Zeitraum 1. Oktober 2012 bis heute auf Fr. 2130.– (10½ Stunden zu Fr. 200.–, Fr. 30.– Auslagen) beziffert. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 -13 VGKE) und in Anbetracht des als angemessen erscheinenden Vertre- tungsaufwandes ist die Entschädigung der Beschwerdeführenden für die zuerst separat geführten und dann vereinigten Beschwerdeverfahren auf insgesamt Fr. 4000. – festzusetzen. Angesichts des Anteils des Unterli e- gens ist sie auf die Hälfte zu kürzen und auf die beschwerdeführenden Parteien aufzuteilen. 10.2.2 Das BFM ist somit anzuweisen, der Beschwerdeführerin 1 und i h- rem Sohn Fr. 1000.– und der Beschwerdeführerin 2 Fr. 1000. – (jeweils inkl. Auslagen) auszurichten. E-2743/2011 und E-2744/2011 Seite 30 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerdeverfahren E-2743/2011 und E-2744/2011 werden vereinigt. 2. Die Beschwerden werden insoweit gutgeheissen, als die Anordnung d er vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführenden beantragt wird. Im Übri- gen werden sie abgewiesen. 3. Die Verfügungen vom 12. April 2011 werden betreffend die Dispositivzif- fern 4 und 5 aufgehoben , und das BFM wird angewiesen, die Beschwe r- deführenden in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 4. Die Verfahrenskosten von je Fr. 200.– sind mit den bereits e ingezahlten Kostenvorschüssen von je Fr. 600. – getilgt. Der Restbetrag von jeweils Fr. 400.– ist den Beschwerdeführenden zurückzuerstatten. 5. Das BFM hat für die Verfahren vor de m Bundesverwaltungsgericht die Beschwerdeführerin 1 mit Fr. 1000.– und die Beschwerdeführerin 2 eben- falls mit Fr. 1000.– zu entschädigen. 6. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden , d as BFM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Stöckli Tu-Binh Tschan Versand: