<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 17 S.71</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Abgaben</span> <span class="page_no">71</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Abgaben</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>17 Stromgebühren.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Der Einzug verfallener Stromgebühren durch Erhöhung des Tarifs</b></span><br/> <span class="ft3"><b>für den aktuellen Strombezug ist bundesrechtswidrig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 23. Oktober 2007 in</span><br/> <span class="ft6">Sachen Einwohnergemeinde R. gegen Schätzungskommission nach Baugesetz</span><br/> <span class="ft6">und K.B. (WBE.2007.160).</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">1. Zur Beurteilung steht vorliegend allein, ob die vom Gemein-</span><br/> <span class="ft8">derat R. angeordnete Erhöhung des Münzzähler-Tarifs über den ge-</span><br/> <span class="ft8">wöhnlichen Bezugspreis hinaus zur Tilgung offener Stromrechnun-</span><br/> <span class="ft8">gen zu Recht erfolgte. Dies hängt davon ab, ob die dafür angerufene</span><br/> <span class="ft8">Grundlage von Art 12.1 des Elektra-Reglements der Gemeinde R.</span><br/> <span class="ft8">rechtmässig ist oder gegen höherrangiges Recht verstösst.</span><br/> <span class="ft8">2./2.1. Art 12.1 Elektra-Reglement lautet wie folgt (Hervorhe-</span><br/> <span class="ft8">bung beigefügt):</span><br/> <span class="ft8">"Die Rechnungsstellung an die Bezüger erfolgt in regelmässi-</span><br/> <span class="ft8">gen, von der ER (sc. Elektra der Gemeinde R.) bestimmten Zeitab-</span><br/> <span class="ft8">ständen. Die ER behält sich vor, zwischen den Zählerablesungen</span><br/> <span class="ft8">Teilrechnungen im Rahmen des voraussichtlichen Bezuges zu stel-</span><br/> <span class="ft8">len. Die ER ist berechtigt, Vorauszahlungen oder Sicherstellungen zu</span><br/> <span class="ft8">verlangen, Zahlautomaten einzubauen oder wöchentlich Rechnung</span><br/> <span class="ft8">zu stellen. Zahlautomaten können von der ER so eingestellt werden,</span><br/> <span class="ft8">dass ein Teil des einzugebenden Betrages zur Tilgung bestehender</span><br/> <span class="ft8">Forderungen aus Strombezug verwendet wird. Die Kosten für Ein-</span><br/> <span class="ft8">und Ausbau sowie für zusätzliche Aufwendungen gehen zu Lasten</span><br/> <span class="ft8">des Kunden."</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">72</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">2.2. Nach § 2 Abs. 2 VRPG sind die Erlasse der Gemeinden, öf-</span><br/> <span class="ft8">fentlich-rechtlichen Körperschaften und Anstalten für die Behörden</span><br/> <span class="ft8">nur insoweit verbindlich, als sie dem eidgenössischen und kantona-</span><br/> <span class="ft8">len Recht entsprechen. Mit dieser Bestimmung wird die Verpflich-</span><br/> <span class="ft8">tung der kantonalen (und Gemeinde-) Behörden statuiert, Gemeinde-</span><br/> <span class="ft8">erlasse im Rahmen eines Beschwerdeverfahrens inzident zu überprü-</span><br/> <span class="ft8">fen. Die inzidente Normenkontrolle besteht in der vorfrageweisen</span><br/> <span class="ft8">Überprüfung eines anzuwendenden generellen Rechtsatzes unterer</span><br/> <span class="ft8">Stufe im Zusammenhang mit einem konkreten Rechtsanwendungsakt</span><br/> <span class="ft8">auf die Übereinstimmung mit Normen höherer Stufe. Widerspricht</span><br/> <span class="ft8">die geprüfte Bestimmung einer massgeblichen höheren Norm, so</span><br/> <span class="ft8">wird sie nicht aufgehoben, sondern es ist ihr im konkreten Einzelfall</span><br/> <span class="ft8">die Anwendung zu versagen (§ 95 Abs. 2 KV; AGVE 2002, S. 164 f.</span><br/> <span class="ft8">mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft8">2.3. Nach Art. 38 SchKG sind Zwangsvollstreckungen, die auf</span><br/> <span class="ft8">eine Geldzahlung (oder eine Sicherheitsleistung) gerichtet sind, auf</span><br/> <span class="ft8">dem Wege der Schuldbetreibung durchzuführen. Auch wenn es diese</span><br/> <span class="ft8">Bestimmung nicht mit der wünschbaren Deutlichkeit zum Ausdruck</span><br/> <span class="ft8">bringt, ist in Rechtsprechung und Lehre unbestritten, dass das</span><br/> <span class="ft8">SchKG die Vollstreckung von Ansprüchen auf Geldzahlung - vorbe-</span><br/> <span class="ft8">hältlich der vorliegend nicht einschlägigen Ausnahmen in Art. 30, 44</span><br/> <span class="ft8">und 45 SchKG - abschliessend regelt und zwar gleichgültig, ob sie</span><br/> <span class="ft8">ihren Rechtsgrund im privaten oder öffentlichen Recht haben</span><br/> <span class="ft8">(BGE 125 V 328 f.; Häfelin/Müller/Uhlmann, Grundriss des Allge-</span><br/> <span class="ft8">meinen Verwaltungsrechts, 5.</span> <span class="ft8">Aufl., Zürich/Basel/Genf 2006,</span><br/> <span class="ft8">Rz. 1152; Domenico Acocella, in: Basler Kommentar, SchKG I, Ba-</span><br/> <span class="ft8">sel 1998, Art. 38 N 4, 7, je mit Hinweisen; Kurt Amonn/Fridolin</span><br/> <span class="ft8">Walther, Grundriss des Schuldbetreibungs- und Konkursrechts,</span><br/> <span class="ft8">7. Aufl., Bern 2003, S. 3, 58). Ein kantonales Vollstreckungsverfah-</span><br/> <span class="ft8">ren zur Eintreibung einer Geldzahlung ist in diesem Bereich ausge-</span><br/> <span class="ft8">schlossen (BGE 86 II 295; 85 II 196). Entsprechend sieht § 75</span><br/> <span class="ft8">VRPG ausdrücklich vor, dass auf Geldzahlung oder Sicherheits-</span><br/> <span class="ft8">leistung lautende Verfügungen und Entscheide nach den Vorschriften</span><br/> <span class="ft8">des SchKG vollstreckt werden.</span><br/> <span class="ft8">Die Beschwerdeführerin hat es trotz entsprechender Aufforde-</span><br/> <span class="ft8">rung unterlassen, zu dieser Problematik Stellung zu nehmen, und be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Abgaben</span> <span class="page_no">73</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">gnügt sich damit, auf ihre Praxis und diejenige anderer Gemeinden</span><br/> <span class="ft8">bzw. die für die AEW Energie AG geltende Regelung (Art. 3.4.2 des</span><br/> <span class="ft8">Reglements des Verwaltungsrats AEW über die Lieferung elektri-</span><br/> <span class="ft8">scher Energie aus dem Niederspannungsnetz des Aargauischen</span><br/> <span class="ft8">Elektrizitätswerkes vom 23. März 1994 [SAR 773.533]) hinzuwei-</span><br/> <span class="ft8">sen. Dass eine (rechtswidrige) kommunale Praxis oder das Regle-</span><br/> <span class="ft8">ment einer Elektrizitätsgesellschaft, selbst wenn der Kanton daran</span><br/> <span class="ft8">beteiligt ist und sie einen Leistungsauftrag zu erfüllen hat, höher-</span><br/> <span class="ft8">rangigem Bundesrecht zu weichen hat, bedarf keiner weiteren Erör-</span><br/> <span class="ft8">terung. Eine solche Praxis hätte ganz im Gegenteil eine im SchKG</span><br/> <span class="ft8">nicht vorgesehene Privilegierung der Elektrizitätsgesellschaften ge-</span><br/> <span class="ft8">genüber anderen Gläubigern zur Folge, da sie ohne vorgängige</span><br/> <span class="ft8">Durchführung des Betreibungsverfahrens (Art. 67 ff. SchKG), bzw.</span><br/> <span class="ft8">im Falle eines Konkurses im Widerspruch zu Art. 219 SchKG, vor</span><br/> <span class="ft8">den anderen Gläubigern Befriedigung erlangen könnten. Soweit die</span><br/> <span class="ft8">Regelung in Art. 12.1 Elektra-Reglement Bundesrecht widerspricht,</span><br/> <span class="ft8">ist der Argumentation der Minderheit der Schätzungskommission,</span><br/> <span class="ft8">dass selbst weitergehende Sanktionen, bis hin zur Verweigerung von</span><br/> <span class="ft8">Stromlieferungen, zulässig seien, von vornherein der Boden entzo-</span><br/> <span class="ft8">gen.</span><br/> <span class="ft8">3. Art. 12.1 Elektra-Reglement widerspricht damit dem überge-</span><br/> <span class="ft8">ordneten Bundesrecht, soweit er über den gewöhnlichen Bezugspreis</span><br/> <span class="ft8">hinaus zwecks Tilgung bestehender Schulden aus Strombezug die</span><br/> <span class="ft8">Möglichkeit der Erhöhung der Stromgebühren vorsieht. Die Verfü-</span><br/> <span class="ft8">gung des Gemeinderates vom 23. Oktober 2006 entbehrt damit einer</span><br/> <span class="ft8">gültigen gesetzlichen Grundlage und wurde deshalb von der Vorin-</span><br/> <span class="ft8">stanz zu Recht aufgehoben. Dies führt zur Abweisung der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerde.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>