<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">352</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>58</b></span> <span class="ft2"><b>Unentgeltliche Rechtspflege im Straf- und Massnahmenvollzug</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Praxis, wonach Strafgefangenen grundsätzlich keine vollumfängliche</b></span><br/> <span class="ft2"><b>unentgeltliche Rechtspflege gewährt wird, verletzt den verfassungsrecht-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>lich garantierten Mindestanspruch gemäss Art. 29 Abs. 3 BV.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 19. September 2013 in Sa-</span><br/> <span class="ft3">chen X. (WBE.2013.317).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">10.1.</span><br/> <span class="ft1">10.1.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer die unentgeltli-</span><br/> <span class="ft1">che Rechtspflege nur teilweise und auferlegte dem - anwaltlich nicht</span><br/> <span class="ft1">vertretenen - Beschwerdeführer reduzierte Verfahrenskosten in der</span><br/> <span class="ft1">Höhe von Fr. 150.00.</span><br/> <span class="ft1">10.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Sie wies - unter Verweis auf unpublizierte frühere Regierungs-</span><br/> <span class="ft1">ratsbeschlüsse, welche ihrerseits auf einen publizierten Entscheid des</span><br/> <span class="ft1">Regierungsrats vom 24. Oktober 1983 (AGVE 1983, S. 470 ff.) ver-</span><br/> <span class="ft1">weisen - darauf hin, dass der Regierungsrat praxisgemäss Strafge-</span><br/> <span class="ft1">fangene als in der Lage erachte, mit ihrem Pekulium geringe Verfah-</span><br/> <span class="ft1">renskosten zu bezahlen, weshalb er ihnen grundsätzlich auch keine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">353</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">vollumfängliche unentgeltliche Rechtspflege gewähre. Damit sollten</span><br/> <span class="ft1">Strafgefangene für die mit dem Strafvollzug zusammenhängenden</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeverfahren einem gewissen, auf ihre finanziellen Mög-</span><br/> <span class="ft1">lichkeiten zugeschnittenen Kostenrisiko unterworfen werden, um</span><br/> <span class="ft1">sicherzustellen, dass sie von den ihnen zustehenden Rechtsmitteln</span><br/> <span class="ft1">einen vernünftigen Gebrauch machten. Allerdings werde bei der Be-</span><br/> <span class="ft1">messung der Staatsgebühr der besonderen Situation und finanziellen</span><br/> <span class="ft1">Lage der Strafgefangenen Rechnung getragen. Der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer erhalte pro Monat ein Arbeitsentgelt von Fr. 520.00, wobei dieses</span><br/> <span class="ft1">zu 75 % dem Frei- und zu 25 % dem Sperrkonto gutgeschrieben wer-</span><br/> <span class="ft1">de. Somit stünden dem Beschwerdeführer pro Monat durchschnitt-</span><br/> <span class="ft1">lich Fr. 390.00 zur Verfügung. Damit müsse er nebst den üblichen</span><br/> <span class="ft1">Beschaffungen für sämtliche anfallenden Krankenkosten von seinem</span><br/> <span class="ft1">Freikonto selber aufkommen (Krankenkassenprämien, Franchise,</span><br/> <span class="ft1">Selbstbehalt). Das Freikonto habe per 8. Januar 2013 einen Saldo</span><br/> <span class="ft1">von Fr.</span> <span class="ft1">815.25 aufgewiesen. Der Saldo des Sperrkontos habe</span><br/> <span class="ft1">Fr. 22'716.15 betragen. Angesichts des vorhandenen Guthabens auf</span><br/> <span class="ft1">dem Freikonto sei es gerechtfertigt, dem Beschwerdeführer im Sinne</span><br/> <span class="ft1">einer teilweisen Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege eine</span><br/> <span class="ft1">reduzierte Staatsgebühr von Fr. 150.00 aufzuerlegen.</span><br/> <span class="ft1">10.2.</span><br/> <span class="ft1">10.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 29 Abs. 3 BV hat jede Person, die nicht über die</span><br/> <span class="ft1">erforderlichen Mittel verfügt, Anspruch auf unentgeltliche Rechts-</span><br/> <span class="ft1">pflege, wenn ihr Rechtsbegehren nicht als aussichtslos erscheint. So-</span><br/> <span class="ft1">weit es zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist, hat sie ausserdem</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand. Diese Ansprüche</span><br/> <span class="ft1">gründen überdies in § 34 VRPG. § 34 Abs. 3 VRPG verweist auf die</span><br/> <span class="ft1">Bestimmungen des Zivilprozessrechts, d.h. auf Art. 117 ff. ZPO.</span><br/> <span class="ft1">10.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Der verfassungsrechtliche Anspruch auf Unentgeltlichkeit von</span><br/> <span class="ft1">Rechtspflege und Rechtsbeistand gemäss Art. 29 Abs. 3 BV gewähr-</span><br/> <span class="ft1">leistet jedem Betroffenen ohne Rücksicht auf seine finanzielle Situa-</span><br/> <span class="ft1">tion tatsächlichen Zugang zum (Gerichts-)Verfahren und effektive</span><br/> <span class="ft1">Wahrung seiner Rechte (BGE 131 I 350, Erw. 3.1). Chancengleich-</span><br/> <span class="ft1">heit als Element eines gerechten rechtsstaatlichen Verfahrens erfor-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">354</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">dert die Unterstützung bedürftiger Personen im Hinblick auf eine</span><br/> <span class="ft1">sachgerechte Prozessführung (G</span><span class="ft3">EROLD</span> <span class="ft1">S</span><span class="ft3">TEINMANN</span><span class="ft1">, in: Die Schwei-</span><br/> <span class="ft1">zerische Bundesverfassung, St. Galler Kommentar, 2. Auflage 2008,</span><br/> <span class="ft1">Art. 29 BV Rz. 34).</span><br/> <span class="ft1">Eine partielle Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege ist</span><br/> <span class="ft1">nicht von vornherein ausgeschlossen. Sie bedeutet eine Einschrän-</span><br/> <span class="ft1">kung der durch die unentgeltliche Rechtspflege vermittelten An-</span><br/> <span class="ft1">sprüche in sachlicher Hinsicht, indem die Bewilligung nur für einen</span><br/> <span class="ft1">Teil der Prozesskosten erteilt und der Beschwerdeführer hinsichtlich</span><br/> <span class="ft1">des anderen Teils zur Kostenübernahme verpflichtet wird. Die par-</span><br/> <span class="ft1">tielle unentgeltliche Rechtspflege erklärt sich aus der Relativität der</span><br/> <span class="ft1">Mittellosigkeit, welche es gebietet, auf die konkreten finanziellen</span><br/> <span class="ft1">Verhältnisse des Betroffenen Rücksicht zu nehmen. Sie kommt in</span><br/> <span class="ft1">Frage, wenn aus der Gegenüberstellung von Einkommen und Vermö-</span><br/> <span class="ft1">gen einerseits und notwendigem Lebensunterhalt andererseits ein ge-</span><br/> <span class="ft1">wisser Überschuss resultiert, der es dem Beschwerdeführer erlaubt,</span><br/> <span class="ft1">einen Teil der Prozesskosten selbst zu bestreiten (S</span><span class="ft3">TEFAN</span><br/> <span class="ft1">M</span><span class="ft3">EICHSSNER</span><span class="ft1">, Das Grundrecht auf unentgeltliche Rechtspflege</span><br/> <span class="ft1">[Art. 29 Abs. 3 BV], Basel 2008, S. 165 f.).</span><br/> <span class="ft1">10.3.</span><br/> <span class="ft1">10.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Die vom Regierungsrat angeführte Praxis, den Strafgefangenen</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich keine vollumfängliche unentgeltliche Rechtspflege zu</span><br/> <span class="ft1">gewähren, um auf diese Weise sicherzustellen, dass sie von den ih-</span><br/> <span class="ft1">nen zustehenden Rechtsmitteln einen vernünftigen Gebrauch mach-</span><br/> <span class="ft1">ten, verletzt den verfassungsrechtlich garantierten Mindestanspruch</span><br/> <span class="ft1">gemäss Art. 29 Abs. 3 BV. Sie stellt eine nicht zu rechtfertigende Un-</span><br/> <span class="ft1">gleichbehandlung von Strafgefangenen im Vergleich zu den übrigen</span><br/> <span class="ft1">(natürlichen) Personen dar, indem dadurch Strafgefangene, selbst</span><br/> <span class="ft1">wenn ihre Beschwerde nicht aussichtslos erscheint und ihre Mittello-</span><br/> <span class="ft1">sigkeit erwiesen ist - im Gegensatz zu allen anderen natürlichen Per-</span><br/> <span class="ft1">sonen - einen Teil der Verfahrenskosten selbst tragen müssen. Die</span><br/> <span class="ft1">Praxis des Regierungsrats berücksichtigt nicht, dass auch Strafge-</span><br/> <span class="ft1">fangenen der Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege nur dann zu-</span><br/> <span class="ft1">steht, wenn ihre Beschwerde nicht aussichtslos erscheint. Des Weite-</span><br/> <span class="ft1">ren ist zu bedenken, dass die unentgeltliche Rechtspflege nur für ein</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">355</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">konkretes Verfahren beansprucht werden kann, nicht aber generell</span><br/> <span class="ft1">für die gesamte Dauer des Massnahmenvollzugs (BGE 128 I 225,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2.4. ff.). Die Argumentation des Regierungsrats berücksichtigt</span><br/> <span class="ft1">zudem nicht, dass der Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege dem</span><br/> <span class="ft1">Mittellosen keine definitive Übernahme der Kosten durch den Staat</span><br/> <span class="ft1">garantiert und damit zulässt, dass die im Endentscheid verlegten Pro-</span><br/> <span class="ft1">zesskosten bloss gestundet werden und nach Prozessende aufgrund</span><br/> <span class="ft1">einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation des Betroffenen</span><br/> <span class="ft1">von diesem zurückgefordert werden können (BGE 122 I 322,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2c; M</span><span class="ft3">EICHSSNER</span><span class="ft1">, a.a.O., S. 175 f.).</span><br/></div> </div> </body> </html>