200 19 223 IV FUE/SCM/STA Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 7. Oktober 2019 Verwaltungsrichter Furrer, Kammerpräsident Verwaltungsrichterin Fuhrer, Verwaltungsrichter Jakob Gerichtsschreiberin Schädeli A.________ vertreten durch Rechtsanwalt B.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 27. Februar 2019 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1977 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin), gelernte …, von 2001 bis 2013 bei der C.________ AG als … im … zu 80 % und zuletzt von Oktober 2016 bis Oktober 2017 als … bei der D.________ GmbH zu 60 % erwerbstätig, meldete sich am 7. Februar 2013 unter Hinweis auf einen Diabetes, eine geschlechtsanpassende Operation, eine chronische Entzündung der Schultern sowie Depressionen bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (vgl. Akten der IV, Antwortbeilage [AB] 1, 9/2, 13, 28/6 Ziff. 5.4, 29/2, 45). Nach- dem die Versicherte per August 2013 eine 80%ige Anstellung als … bzw. … gefunden hatte (AB 24), schloss die IV-Stelle Bern (IVB bzw. Beschwer- degegnerin) das Dossier Arbeitsvermittlung am 12. Juli 2013 (AB 23). Am 8. März 2018 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (AB 28). Anlässlich der erwerblichen und medizinischen Abklärungen holte die IVB insbesondere zwei Berichte des Regionalen Ärztlichen Diens- tes (RAD) vom 25. Oktober 2018 (AB 60) und 7. Dezember 2018 (AB 71) ein, gestützt worauf sie mit Vorbescheid vom 13. Dezember 2018 (AB 72) die Verneinung des Anspruchs auf eine Invalidenrente in Aussicht stellte. Im Rahmen der Prüfung der dagegen erhobenen Einwände (AB 76, 80) nahm der RAD am 15. Februar 2019 (AB 82) abermals Stellung. Mit Verfü- gung vom 27. Februar 2019 (AB 83) entschied die IVB entsprechend dem Vorbescheid (AB 72). B. Hiergegen erhob die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt B.________, am 18. März 2019 Beschwerde. Sie stellt die folgenden An- träge: •Die Verfügung vom 27. Februar 2019 sei aufzuheben. •Der Beschwerdeführerin seien die gesetzlichen Leistungen auszu- richten, insbesondere eine Rente.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 3 •Eventualiter: Ein polydisziplinäres Gutachten sei zu veranlassen. •Subeventualiter: Das Dossier sei zur weiteren Abklärung an die Vor- instanz zurückzuweisen. Mit Beschwerdeantwort vom 2. Mai 2019 schliesst die Beschwerdegegnerin unter Einreichung eines weiteren Berichts des RAD vom 1. Mai 2019 auf Abweisung der Beschwerde. Mit Replik vom 2. Juli 2019 bzw. mit Duplik vom 9. August 2019 halten die Parteien an den gestellten Anträgen fest. Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 4 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 27. Februar 2019 (AB 83). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Invalidenrente. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 2.2Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 ATSG). Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG so- wie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische Be- fundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchti- gung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 141 V 281 E. 2.1 S. 285). Es ist dem klaren Willen des Gesetzgebers gemäss Art. 7 Abs. 2 ATSG Rechnung zu tragen, wonach im Zuge einer objektivierten Betrachtungsweise von der grundsätzlichen „Validität“ der versicherten Person auszugehen ist (BGE 141 V 281 E. 3.7.2 S. 295). Die Sachverständigen sollen die Diagnose so begründen, dass die Rechts- anwender nachvollziehen können, ob die klassifikatorischen Vorgaben tatsächlich eingehalten sind (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 141 V 281 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 5 E. 2.1.1 S. 285). Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung erfolgt die Prüfung, ob ein psychischer Gesundheitsschaden eine rentenbegründende Invalidität zu bewirken vermag, schliesslich anhand eines strukturierten normativen Prüfungsrasters (BGE 143 V 418 E. 7 S. 427, 141 V 281 E. 4.1 S. 296). Dies gilt für sämtliche psychischen Störungen (BGE 143 V 418 E. 7.2 S. 429). 2.3Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invali- ditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertelsrente. 2.4Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüg- lich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99; SVR 2018 IV Nr. 27 S. 87 E. 4.2.1). 3. 3.1Vorab ist festzuhalten, dass es sich vorliegend – auch wenn sich die Beschwerdeführerin bereits im Februar 2013 bei der IV zum Leistungsbe- zug angemeldet hatte (AB 1) – nicht um eine Neuanmeldung handelt, mit- hin keine Änderung erheblicher Tatsachen vorausgesetzt wird, damit eine Prüfung des Leistungsanspruchs erfolgen kann. Denn mit Mitteilung vom 12. Juli 2013 (AB 23) hat die Verwaltung einzig über die Arbeitsvermittlung befunden, nicht hingegen über den Anspruch auf eine Invalidenrente. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 6 3.2Den medizinischen Akten ist im Wesentlichen das Folgende zu ent- nehmen: 3.2.1Die RAD-Ärztin Dr. med. E.________, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie, hielt im Bericht vom 25. Oktober 2018 (AB 60) fest, die beigezogenen Behandlungsberichte wiesen die fol- genden Diagnosen bzw. Behandlungen aus: •Diabetes mellitus Typ I (Erstdiagnose 5/1989), gut eingestellt, keine Di- abetes-Folgeerkrankungen •(Ausgeprägter) paravertebraler Muskelhartspann in der HWS, segmen- tale Dysfunktion TH4-6, unter konservativer Behandlung mit ausrei- chendem Effekt behandelbar •Nasenatmungsbehinderung bei Septumdeformität Der dokumentierte Psychostatus (vgl. Bericht von Dr. med. F.________, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 29. März 2017 [AB 40/13-14]) und die laborchemischen Befunde deuteten auf eine stabile Mann-Frau-Transsexualität hin. Laborchemisch als auch klinisch würden keine Hinweise auf eine akute oder chronische Stressreaktion vorliegen. Unter Therapie bestünden somit keine funktionellen Einschränkungen im somatischen, psychischen und geistigen Bereich (AB 60/3). Die Beschwer- deführerin werde noch für fähig erachtet, körperlich mittelschwere und ge- legentlich schwere Arbeiten, ohne Heben und Tragen von dauernd schwe- ren Lasten ohne mechanische Hilfsmittel, in Früh- und Spätschicht, ohne regelmässige Nachtschicht, entsprechend ihren Fähigkeiten und Fertigkei- ten mit den betriebsüblichen Pausen mit einem 100 %-Pensum zu verrich- ten, so auch ihre zuletzt ausgeübte Tätigkeit als … bzw. … unter Berück- sichtigung der dargestellten qualitativen Leistungseinschränkungen (AB 60/3-4). Die seit dem 1. März 2018 fortlaufend attestierte Arbeitsun- fähigkeit von 40 % sei somit medizinisch nicht objektiv begründet und nicht plausibel (AB 60/4). 3.2.2Dr. med. F.________ diagnostizierte im Bericht vom 20. November 2018 (AB 65) das Nachstehende: •Transsexualität mit Status nach geschlechtsumwandelnder Operation (ICD-10 F64.0) •Soziale Phobie sekundär nach Transsexualität mit ausgeprägtem Ver- meidungsverhalten (ICD-10 F40.1)Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 7 •Rezidivierend depressive Episoden, derzeit schwer ausgeprägt (ICD-10 F33.2) •Gemischte Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen und selbstunsicheren Anteilen (ICD-10 F61.0) Die im letzten Bericht (vgl. AB 32) umschriebenen Symptome bestünden unverändert fort bzw. hätten sich verschlechtert (AB 65/1). Trotz regelmäs- siger und verlässlicher Wahrnehmung der Psychotherapietermine sei es bei der Beschwerdeführerin zu zunehmender Hoffnungslosigkeit und dem resignierenden Gefühl gekommen, dass es nicht mehr besser werde (AB 65/2). Wohl am ehesten durch den langjährigen Diabetes habe sie Mühe mit dem Sehen, wobei die …arbeiten auch durch Schmerzen im Schulterbereich eingeschränkt seien (AB 65/3). 3.2.3Im Bericht vom 24. November 2018 (AB 70) stellte Dr. med. G.________, Fachärztin für Endokrinologie-Diabetologie und Allgemeine Innere Medizin, die folgenden Diagnosen: •Diabetes mellitus Typ 1, Diagnose 5/89 •Status nach operativer Geschlechtsanpassung, Mann zu Frau, 11/99 •zeitweise depressive Grundstimmung Seit Anfang 2015 bestünden ausgeprägt schwankende Blutzuckerwerte bei vorher stabilem Verlauf und ohne dass die Diabetes-Therapie geändert worden sei. Diese Schwankungen seien oftmals verbunden mit vorüberge- henden Sehstörungen, vor allem in der Nähe. Dadurch sei die Beschwer- deführerin bei der Tätigkeit als … eingeschränkt. Zudem seien seit August 2017 Blutdruckschwankungen aufgefallen, was die Wahrnehmung von Hy- poglykämien erschwere (AB 70/2). Aus Sicht der Ärztin befinde sich die Beschwerdeführerin in einem Circulus vitiosus mit ausgeprägt schwanken- den Blutzuckerwerten, was sich auch auf die psychische Situation auswirke und umgekehrt (AB 70/3). 3.2.4Am 7. Dezember 2018 (AB 71) bestätigte die RAD-Ärztin Dr. med. E.________ in Würdigung der nachgereichten Arztberichte (vgl. AB 64, 65, 70), dass laborchemisch keine Hinweise auf eine akute bzw. chronische Stressreaktion vorliegen würden (vgl. bereits AB 60/3). Der Blutzucker sei unter einer intensivierten Insulintherapie gut eingestellt. Stimmungs- schwankungen in zeitnahem Zusammenhang mit Blutzuckerschwankungen Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 8 könnten durch das Diabetes-Regime mit ausreichendem Effekt behandelt werden. Die vorliegende Konstellation (histrionisches Verhalten, Verlust- und Existenzängste, keine anhaltende affektive Störung) stelle keine Indi- kation für die Behandlung mit Psychopharmaka bzw. Antidepressiva dar. Der Hormonstatus unter Hormonbehandlung wegen Transsexualität ein- schliesslich der Schilddrüsenfunktionsparameter sei normal. Diabetes- Folgeschäden lägen nicht vor. Die Blutzuckerschwankungen seien im Zu- mutbarkeitsprofil bereits berücksichtigt worden. Insgesamt ergäben sich keine neuen medizinischen Gesichtspunkte zur Leistungsbeurteilung vom 25. Oktober 2018 (vgl. AB 60), die auch weiterhin Gültigkeit habe (AB 71/3). 3.2.5In der Stellungnahme vom 6. Februar 2019 (AB 80/3-5) führte Dr. med. F.________ aus, bei komplexem Zustandsbild aufgrund verschiede- ner psychiatrischer Erkrankungen, die sich gegenseitig in ihrer Auswirkung auf die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit verstärkten, müsse sie die zuvor (vgl. AB 32/4, 65/1) gestellten Diagnosen revidieren (AB 80/3). Da weitere Abklärungen bezüglich dissoziativer Symptome ausstehend seien, sei die Liste der Diagnosen wohl noch nicht vollständig (AB 80/4): •ICD-10 F64.0: Transsexualität mit Status nach geschlechtsumwan- delnder Operation •ICD-10 F41.0: Panikstörung •ICD-10 F61.0: Gemischte Persönlichkeitsstörung •ICD-10 F33.2: Schwere depressive Episode bei rezidivierenden de- pressiven Episoden Rückblickend habe seit Therapiebeginn am 29. März 2017 wohl nie eine vollständige Arbeitsfähigkeit bestanden, wobei eine Krankschreibung zunächst nur zögerlich ab 26. Juni 2017 erfolgt sei. Seit dem 10. Septem- ber 2018 bestehe eine anhaltende Arbeitsunfähigkeit von 80 % (AB 80/3). 3.2.6Dr. med. E.________ stellte im Bericht vom 15. Februar 2019 (AB 82) die folgenden Diagnosen (AB 82/3): •Diabetes mellitus Typ 1 (Erstdiagnose 5/1989), sehr gut eingestellt, mit Affektschwankungen in zeitnahem Zusammenhang zu Blutzuckerspie- gelschwankungen •(Ausgeprägter) paravertebraler Muskelhartspann in der HWS, segmen- tale Dysfunktion Th4-6, unter konservativer Behandlung einschliesslich Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 9 eigener Mobilisations- und detonisierender Übungen mit ausreichen- dem Effekt behandelbar •Nasenatmungsbehinderung bei Septumdeformität (kräftige Septumleis- te nach links mit Impression in die linke basale Nasenmuschel, Ohren unauffällig, gut bewegliche Stimmbänder), keine Beeinträchtigung der sprachlichen Kommunikation •Stabile Mann-Frau-Transsexualität, laborchemisch als auch klinisch keine Hinweise auf eine akute/chronische Stressreaktion (keine hypo- thalamisch-hypophysäre Funktionsstörung) •Histrionisches Verhalten (aufmerksamkeitssuchendes und manipulati- ves Verhalten zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, Tendenz zur Dramatisierung bezüglich der eigenen Person) Die Einwände von Dr. med. F.________ (vgl. AB 80/3-5) seien medizinisch nicht plausibel (AB 82/5). Zum einen könne diagnostisch weder allein auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin im Gespräch noch auf ihre Angaben in den Selbsteinschätzungsfragebögen abgestellt werden, zum anderen widersprächen die subjektiven Angaben dem aktenkundigen Behandlungsverlauf und der gezielten und willentlichen Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsstrukturen. Die Diagnose einer Panikstörung sei einerseits eine Ausschlussdiagnose und könne andererseits anhand der ICD-10-Diagnosekritierien nicht objektiv klinisch gesichert werden. Sowohl die Diagnose einer Panikstörung als auch einer rezidivierenden depressi- ven Störung könnten wegen Fehlens der hierfür charakteristischen auto- nom-vegetativen Funktionsstörungen bzw. des Fehlens einer hypothala- misch-hypophysären Funktionsstörung ausgeschlossen werden. Gegen die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung spreche ebenfalls das attestierte fehlende Ansprechen auf die genannten Antidepressiva. Affekt- schwankungen in zeitnahem Zusammenhang mit Blutzuckerschwankungen seien plausibel, begründeten aber keine Behandlung mit Antidepressiva, sondern eine Anpassung der Ernährungs- und Essgewohnheiten im Rah- men der intensivierten Insulin-Therapie. Zusammengefasst könne den Ein- wänden von Dr. med. F.________ aus psychiatrischer Sicht nicht gefolgt werden. Die ganzheitliche Betrachtung der bisher objektivierten psychiatri- schen, somatischen und laborchemischen Befunde spreche gegen das Vorliegen eines invalidisierenden Gesundheitsschadens im psychiatrischen Fachgebiet (AB 82/6). 3.3Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 10 unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge- ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 125 V 351 E. 3a S. 352). Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi- nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag- gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei- nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 126, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweis- wert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverläs- sigkeit bestehen (BGE 125 V 351 E. 3b/ee S. 353 f.). Soll ein Versiche- rungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ver- sicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Ab- klärungen vorzunehmen (BGE 139 V 225 E. 5.2 S. 229; 135 V 465 E. 4 S. 467 ff., je mit Hinweisen). Auch reine Aktengutachten können beweis- kräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizini- schen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt. Dies gilt grundsätzlich auch in Bezug auf Berichte und Stellungnahmen des RAD (Entscheide des Bun- desgerichts [BGer] vom 2. Februar 2016, 8C_674/2015, E. 2.2.1, vom Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 11 7. Januar 2016, 9C_780/2015, E. 3.1.1, vom 29. Oktober 2015, 9C_610/2015, E. 3.1). 3.4Beim Erlass der angefochtenen Verfügung vom 27. Februar 2019 (AB 83) hat sich die Beschwerdegegnerin auf die Berichte von RAD-Ärztin Dr. med. E.________ vom 25. Oktober 2018 (AB 60), 7. Dezember 2018 (AB 71) und 15. Februar 2019 (AB 82) gestützt, wonach die Beschwerde- führerin bei Fehlen funktioneller Einschränkungen in der bisherigen Tätig- keit als … bzw. … sowie in einer angepassten körperlich mittelschweren bis gelegentlich schweren Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei. Die RAD- Ärztin untersuchte die Beschwerdeführerin nicht persönlich, sondern ver- fasste ihre Berichte aufgrund der Akten. Solche Aktenbeurteilungen sind nur unter eingeschränkten Voraussetzungen zulässig (vgl. E. 3.3 hiervor), wobei hier gerade kein unbestrittenes und vollständiges Bild über Anamne- se, Verlauf und gegenwärtigen Status vorliegt (vgl. RKUV 2006 U 578 S. 175 E. 3.4, 1988 U 56 S. 371 E. 5b). Mithin kann von einem feststehen- den medizinischen Sachverhalt nicht die Rede sein: Zunächst bezog sich Dr. med. E.________ hinsichtlich Psychostatus auf den Bericht von Dr. med. F.________ vom 29. März 2017 (AB 60/3), in welchem die Erkenntnisse des Aufnahmegesprächs vom 22. und 29. März 2017 festgehalten wurden (AB 40/11-14). Hierzu führte Dr. med. F.________ am 7. März 2019 (vgl. zur Massgeblichkeit von nach Erlass des angefochtenen Entscheides verfasster Arztberichte SVR 2008 IV Nr. 8 S. 25 E. 3.4) plausibel aus, dieser Befund sei bei Eintritt in die Therapie erhoben worden, zu welchem Zeitpunkt noch keine therapeutische Bezie- hung aufgebaut gewesen sei und die Beschwerdeführerin sich aus Sorge vor Verletzungen möglichst unauffällig präsentiert habe. Ebenso überzeugt ihr Einwand, dass ein einzelner unauffälliger psychischer Befund nicht be- sage, dass ein Patient vollkommen unauffällig sei und dies auch die nächs- ten Jahre bleiben werde (AB 85/35). Hinzu kommt, dass die behandelnde Psychiaterin im Therapieverlauf über eine Verschlechterung der Sympto- matik berichtete (vgl. Berichte vom 20. November 2018 [AB 65/1] und 6. Februar 2019 [AB 80/3]) und die Diagnosestellung insoweit anpasste, als sie am 20. November 2018 – nebst weiteren Diagnosen – noch eine sozia- le Phobie sekundär nach Transsexualität mit ausgeprägtem Vermeidungs-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 12 verhalten (ICD-10 F40.1 [AB 65/1]) diagnostizierte, im Bericht vom 6. Fe- bruar 2019 hingegen eine Panikstörung (ICD-10 F41.0 [AB 80/4]) nannte. Bei diesen Gegebenheiten stellt der am 29. März 2017 erhobene Psycho- status von vornherein keine hinreichende Grundlage für eine Aktenbeurtei- lung dar. Dies umso weniger, als angesichts der Transsexualität mit vor Jahren vollzogener Geschlechtsanpassung (vgl. u.a. AB 32/1-2, 53/6, 60/3) mit Dr. med. F.________ von einer komplexen psychiatrischen Situation auszugehen ist (AB 80/3). Unter diesen Umständen durfte die Beschwer- degegnerin nicht (ausnahmsweise) auf ein direktes Gespräch mit der Be- schwerdeführerin verzichten, ist doch gerade im Rahmen der Psychiatrie der persönliche Eindruck von ausschlaggebender Bedeutung (vgl. statt vieler: Entscheide des BGer vom 4. August 2016, 9C_410/2016, E. 2.2.1, und vom 27. April 2015, 8C_721/2014, E. 7.3). Dieser Mangel wird auch nicht dadurch behoben, dass die RAD-Ärztin sowohl die Diagnose einer Panikstörung als auch diejenige einer rezidivierenden depressiven Störung aufgrund von Laborwerten bzw. einer fehlenden hypothalamisch- hypophysären Funktionsstörung ausschloss (AB 82/6, Bericht vom 1. Mai 2019, S. 4 [im Gerichtsdossier]). Den Nachweis, dass diese Vorgehenswei- se medizinisch-wissenschaftlich anerkannt ist, bleibt die RAD-Ärztin schul- dig, macht sie hierzu doch keinerlei Angaben bzw. Hinweise auf die medi- zinische Literatur. In somatischer Hinsicht zweifelte Dr. med. E.________ den von der behan- delnden Ärztin für Endokrinologie-Diabetologie am 24. November 2018 festgehaltenen Circulus vitiosus, wonach trotz sehr gut eingestelltem Dia- betes mellitus seit Anfang 2015 ausgeprägt schwankende Blutzuckerwerte bestünden, die sich auf die psychische Situation auswirkten und umgekehrt (AB 70/2-3), nicht an (vgl. AB 71/3, 82/6). Weil somit eine mögliche gegen- seitige Beeinflussung der somatischen und psychischen Problematik vor- liegt und überdies Divergenzen zwischen der behandelnden Diabetologin und der RAD-Ärztin in Bezug auf die Auswirkungen der Blutzuckerschwan- kungen auf die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit bestehen (vgl. AB 60/3-4, 70/2, 71/3), ist eine interdisziplinäre (psychiatrisch- diabetologische) Beurteilung notwendig. Daran ändert die im Beschwerde- verfahren eingereichte weitere Stellungnahme von Dr. med. E.________ Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 13 vom 1. Mai 2019 (im Gerichtsdossier) nichts, enthält diese doch im We- sentlichen Wiederholungen des bisher Ausgeführten. 3.5Nach dem Dargelegten ist der medizinische Sachverhalt in diagnos- tischer Hinsicht sowie bezüglich der funktionellen Auswirkungen ungenü- gend abgeklärt. Daher ist in Gutheissung der Beschwerde (S. 2 Ziff. I.4) die angefochtene Verfügung vom 27. Februar 2019 (AB 83) aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin – welche den Sachverhalt nicht hin- reichend abklärte bzw. Widersprüche zwischen den verschiedenen ärztli- chen Auffassungen fortbestehen liess und damit den Untersuchungsgrund- satz verletzte (BGE 139 V 496 E. 4.4 S. 502, vgl. auch Entscheide des BGer vom 27. September 2017, 8C_295/2017, E. 2, vom 23. Februar 2017, 8C_344/2016, E. 2.1) – zurückzuweisen, damit sie ein versicherungsexter- nes psychiatrisch-diabetologisches Gutachten einhole und anschliessend über den Leistungsanspruch neu verfüge. Bei diesem Ergebnis erübrigt sich die von der Beschwerdeführerin bean- tragte Einholung der Akten der Arbeitslosenkasse im Zusammenhang mit dem Nachweis ihrer Schadenminderungsbemühungen (Replik S. 4 Ziff. III.3). 4. 4.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festzulegen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, hat bei diesem Ausgang des Verfahrens die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG; BVR 2009 S. 186 E. 4). Der geleistete Kostenvor- schuss von Fr. 800.-- ist der Beschwerdeführerin nach Eintritt der Rechts- kraft des Urteils zurückzuerstatten.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 14 4.2Die obsiegende Beschwerde führende Person hat Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsgericht festge- setzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit- sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). Nach der Rechtsprechung gilt es unter dem Gesichtspunkt des (bundesrechtlichen) Anspruchs auf eine Parteientschädigung im Streit um eine Sozialversicherungsleistung bereits als Obsiegen, wenn die versicher- te Person ihre Rechtsstellung im Vergleich zu derjenigen nach Abschluss des Administrativverfahrens insoweit verbessert, als sie die Aufhebung einer ablehnenden Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Ver- waltung zu ergänzender Abklärung und neuer Beurteilung erreicht (BGE 137 V 57 E. 2.1 S. 61). Dies gilt unabhängig davon, ob die Rückweisung beantragt oder ob das entsprechende Begehren im Haupt- oder im Eventu- alantrag gestellt wird (SVR 2017 KV Nr. 9 S. 43 E. 9.1). Mit Kostennote vom 2. Juli 2019 macht Rechtsanwalt B.________ ein Ho- norar von Fr. 4‘042.50 (16.17 h à Fr. 250.--) zuzüglich Auslagen von Fr. 79.50 und der Mehrwertsteuer von Fr. 317.40 (7.7 % von Fr. 4‘122.--) geltend, was – auch wenn der geltend gemachte Aufwand an der oberen Grenze des Gebotenen liegt – nicht zu beanstanden ist. Die Parteientschä- digung wird folglich auf Fr. 4‘439.40 festgesetzt. Diesen Betrag hat die Be- schwerdegegnerin der Beschwerdeführerin zu ersetzen. Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Bern vom 27. Februar 2019 aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen, damit sie – nach Vornahme der Abklärungen im Sinne der Erwägungen – neu verfüge. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt. Der von der Beschwerdeführerin geleistete Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2019, IV/19/223, Seite 15 Kostenvorschuss von Fr. 800.-- wird ihr nach Rechtskraft des Urteils zurückerstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin die Parteikosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 4‘439.40 (inkl. Auslagen und MWSt.), zu ersetzen. 4. Zu eröffnen (R): - Rechtsanwalt B.________ z.H. der Beschwerdeführerin - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.