Verwaltungsgericht des Kantons Schwyz Kammer III III 2021 56 Entscheid vom 28. Juni 2021 Besetzung lic.iur. Gion Tomaschett, Vizepräsident lic.iur. Karl Gasser, Richter Irene Thalmann, Richterin MLaw Stefanie Zlauwinen, a.o. Gerichtsschreiberin Parteien A.________, Beschwerdeführerin, gegen Verkehrsamt, Schlagstrasse 82, Postfach 3214, 6431 Schwyz, Vorinstanz, Gegenstand Strassenverkehrsrecht (Sicherungsentzug/ Fahreignung)2 Sachverhalt: A.A.________ (geb. am ____19__ in Johannesburg) lenkte am 21. Mai 2020 in G.________ einen Personenwagen mit einer Geschwindigkeit von 90 km/h, womit sie die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h nach Abzug der Si- cherheitsmarge um 25 km/h überschritten hat. Am 29. Juni 2020 ging beim kantonalen Verkehrsamt Schwyz ein Bericht der Kantonspolizei B.________ ein, wonach A.________ am 27. Mai 2020 in C.________ um 14.20 Uhr "mehrmals eine Fahrzeugkolonne trotz Gegenverkehr vor und in einer unübersichtlichen Kurve" überholte und dabei mehrfach die Sicherheitslinie überfuhr (vgl. Vi-act. 1/ Anhang). Unter Hinweis auf diese Vorfälle vom 21. und 27. Mai 2020 verfügte das Ver- kehrsamt am 29. Juli 2020 gegenüber A.________ einen vorsorglichen Siche- rungsentzug des Führerausweises auf unbestimmte Zeit. Die Wiedererlangung des Führerausweises wurde vom Ergebnis einer verkehrspsychologischen Un- tersuchung bei einer entsprechenden Fachperson abhängig gemacht (Vi-act. 1). Diese Verfügung ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen. B.Am 25. November 2020 unterzog sich A.________ einer verkehrspsycho- logischen Fahreignungsuntersuchung durch D.________ (Dipl. Psychologin FH und Dipl. Fachpsychologin für Verkehrspsychologie FSP). Im verkehrspsycholo- gischen Gutachten vom 20. Januar 2021 gelangte die Fachperson zum Ergebnis, dass die Fahreignung von A.________ aktuell zu verneinen sei (vgl. Vi-act. 4). Mit Schreiben vom 27. Januar 2021 gewährte das Verkehrsamt A.________ das rechtliche Gehör zur vorgesehenen Anordnung eines Sicherungsentzugs (Vi-act. 5). Dazu äusserte sich A.________ mündlich im Rahmen eines Telefonge- sprächs vom 23. Februar 2020 (Vi-act. 6). C.Gestützt auf das Gutachten vom 20. Januar 2021 hat das Verkehrsamt mit Verfügung vom 4. März 2021 einen Sicherungsentzug angeordnet und A.________ den Führerausweis für unbestimmte Zeit entzogen. Die Wiederaus- händigung des Führerausweises wurde an die Erfüllung folgender Auflagen ge- knüpft: -Bei Vorliegen einer deutlichen Stabilisierung des psychischen Befindens, Durch- führung einer psychiatrischen Differentialdiagnose (z.B. bei Herrn Dr. med. E.________ oder durch einen Verkehrsmediziner SGRM); -Erneute Überprüfung der charakterlichen Problematik durch einen verkehrspsy- chologischen Untersuch bei einem Verkehrspsychologen VfV; -Allfällige zusätzliche Überprüfung der kognitiven Fahreignung; -Evtl. Lernfahrausweis, theoretische und praktische Führerprüfung.3 D.Gegen diese am Postschalter am 12. März 2021 ausgehändigte Verfügung reichte A.________ rechtzeitig am 31. März 2021 (= Datum der Postaufgabe) beim Verwaltungsgericht Beschwerde ein mit den sinngemässen Hauptbegeh- ren, wonach die angefochtene Verfügung aufzuheben und ihr der Führerausweis wieder auszuhändigen sei. In ihren umfangreichen Ausführungen formulierte sie unter anderem noch folgende Anträge (S. 8 der Beschwerde): 1) Dass die Verkehrsabteilung meine Adresse in Zukunft niemals an Schläger weitergeben wird und dass ich als zusätzliche Sicherheitsmassnahme ein neues Kennzeichen erhalten kann, um Verfolgung und weiteren Schaden für meinen Ruf und mein Leben zu verhindern, und für immer zu stoppen. 2) Dass dieser Befehl des Leiters der Verkehrsabteilung (…) rückgängig ge- macht und ohne Wirkung widerrufen wird. Bitte, ich bitte Sie, mir meine Freiheit und mein Leben zurückzugeben, denn es fühlt sich an, als wäre ich vergewaltigt und beraubt worden. (…) 3) Dass, wenn und wann ich meinen Führerschein und meine daraus resultie- rende Freiheit und Mobilität zurückerhalte. Ich bitte Sie, dass Ihr Gericht oder die Kantonspolizei von Schwyz es mir zurücksenden (…). In einem zweiten Teil (S. 5) beantragte A.________, dass der Bericht der Gut- achterin für nichtig zu erklären sei, da er keine Wirkung habe. E.Mit Vernehmlassung vom 20. April 2021 beantragte das Verkehrsamt, die Beschwerde sei vollumfänglich abzuweisen, soweit auf diese einzutreten sei, un- ter Kostenfolgen zulasten der Beschwerdeführerin. F.Innert erstreckter Frist nahm die Beschwerdeführerin mit einer Eingabe vom 14. Juni 2021 (= Datum der Postaufgabe) zur vorinstanzlichen Vernehmlas- sung Stellung. Diese Eingabe endet mit den folgenden Ausführungen (hinsicht- lich der deutschen Sprache geringfügig korrigiert): Das Fazit: Hiermit erhebe ich deshalb Anklage und erstatte ich Strafanzeige gegen das Ver- kehrsamt des Kantons Schwyz aus folgenden Gründen. 1) Internationale und nationale Menschenrechtsverletzungen (z.B. mir meine Freiheit und mein Recht auf Arbeit weg zu nehmen) 2) Mich bestrafen, strafrechtliche Verfolgung gegen mich und mich zu kriminali- sieren ohne Beweise 3) Vorsätzliche und böse Absicht, mich um jeden Preis zu schädigen und zu zer- stören 4) Offensichtliche und absichtliche Lügen und Manipulation der Fakten 5) Falsche Anschuldigungen gegen mich 6) Personenschäden (einschliesslich Rufschädigung, Stellenangebot, Schäden und Diskriminierung gegenüber mir) 7) Betrügerische, unseriöse (korrupte) und unethische Arbeitsmethoden 8) Verletzung des Datenschutzgesetzes, Verletzung des Geheimhaltungsgeset- zes und Verletzung meiner Privatsphäre4 9) Falsches Fachwissen und falsche Diagnose, die mein Leben ernsthaft gefähr- den hätte können 10) Schwerer und massiver Machtmissbrauch auf oberster Ebene des Verkehrs- amts des Kantons Schwyz Ich bitte Sie als oberstes Justizgericht des Kantons Schwyz, diesen Fall zu unter- suchen und mir meinen Führerschein, meine Freiheit und mein Recht auf Arbeit wieder zurückzugeben. Ich bitte Sie auch, dieses rechtliche Verfahren gegen mich als nichtig zu widerru- fen. Ich verlange, dass das vergeudete, an Frau D.________ bezahlte Geld und al- le Kosten (mir) erstattet werden. Schliesslich verlange ich vom Verkehrsamt des Kantons Schwyz CHF 600'000.-- (sechshunderttausend Schweizer Franken) als Schadenersatz für all die Kollate- ralschäden, die mir dieses ungültige und rechtswidrige Verfahren nun zugefügt hat. Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.1.1 Vor Erlass eines Entscheides prüft das Verwaltungsgericht von Amtes wegen, ob die Voraussetzungen für einen Sachentscheid erfüllt sind. Es prüft u.a. insbesondere die Zuständigkeit, die Rechtsmittelbefugnis, die Zulässigkeit des Rechtsmittels, die frist- und formgerechte Geltendmachung des Rechts- anspruches sowie die Rechtsanhängigkeit oder das Vorliegen einer rechtskräfti- gen Verfügung oder eines rechtskräftigen Entscheides in der gleichen Sache (siehe § 27 Abs. 1 lit. a, lit. d, lit. e, lit. f und lit. g Verwaltungsrechtspflegegesetz, VRP, SRSZ 234.110 vom 6.6.1974). Ist eine dieser Voraussetzungen nicht ge- geben, trifft das Gericht einen Nichteintretensentscheid (§ 27 Abs. 2 VRP). 1.1.2 Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu beurteilen, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich − in Form einer Verfügung − Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den beschwerdeweise weiter- ziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungs- gegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfügung ergangen ist (vgl. Verwaltungsgerichtsentscheid [VGE] III 2019 147 vom 16.10.2019 Erw. 1.1.2 mit zahlreichen Hinweisen, u.a. auch auf BGE 125 V 414 Erw. 1a; 119 Ib 36 Erw. 1b; 118 V 313 Erw. 3b). Dazu wird in der kantonalen Rechtsprechung festgehalten, dass nach konstanter Praxis der Umfang der Tätigkeit des Verwaltungsgerichts als Beschwerdeinstanz durch den Anfechtungsgegenstand abgegrenzt wird. Es kann nur das Gegen- stand des Beschwerdeverfahrens sein, was auch Gegenstand der zugrundelie- genden Verfügung war bzw. nach richtiger Gesetzesauslegung hätte sein müs- sen. Gegenstände, über welche die erste Instanz bzw. die Vorinstanz zu Recht (noch) nicht entschieden hat, fallen nicht in den Kompetenzbereich des Verwal-5 tungsgerichts als Beschwerdeinstanz (vgl. statt vieler VGE III 2016 193 vom 21.12.2016 Erw. 1.2 mit Hinweisen; EGV-SZ 1979, S. 122). 1.2Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet die Verfügung vom 4. März 2021, mit welcher die Vorinstanz einen Sicherungsentzug des Füh- rerausweises angeordnet hat. Soweit die Beschwerdeführerin mit ihrer Be- schwerde erreichen will, dass diese Sicherungsentzugsverfügung ersatzlos auf- gehoben und ihr der Führerausweis wieder ausgehändigt wird, ist die Zuständig- keit des Verwaltungsgerichts nach dem Einführungsgesetz zum Strassenverkehr (EGzSVG, SRSZ 782.110) vom 14. April 1967 bzw. nach § 4a Abs. 1 lit. a EGz- SVG zu bejahen. Auch wurde diese Verfügung rechtzeitig innert der Rechtsmit- telfrist von 20 Tagen (§ 47 Abs. 1 VRP) angefochten. Bei dieser Sachlage ist auf die vorliegende Beschwerde gegen die erwähnte Sicherungsentzugsverfügung einzutreten (siehe dazu nachfolgend unter Erwägung 2ff.). 1.3Die Beschwerdeführerin erhebt zusätzliche Einwände, welche eindeutig über die Sicherungsentzugsverfügung vom 4. März 2021 hinausgehen. Zudem macht sie namentlich auch Geldforderungen geltend und sie thematisiert eine Strafanzeige gegen die Vorinstanz bzw. gegen Mitarbeiter dieser Vorinstanz. Darauf kann hier aus den folgenden Gründen im vorliegenden Beschwerdever- fahren nicht eingetreten werden. 1.3.1 Soweit die Beschwerdeführerin sich daran stört, dass die Vorinstanz mit Verfügung vom 29. Juli 2020 im Rahmen des damals vorsorglich angeordneten Sicherungsentzuges die Durchführung einer verkehrspsychologischen Untersu- chung verlangte, ist zu beachten, dass diese Verfügung vom 29. Juli 2020 unan- gefochten in Rechtskraft erwachsen ist. Damit ist es dem Gericht verwehrt, hier auf allfällige Kritik an dieser damaligen Verfügung einzutreten. 1.3.2 Soweit mit der Beschwerde ein nicht näher belegter Schadenersatz gefor- dert wird, übersieht die Beschwerdeführerin zunächst, dass eine solche Thematik nicht zum Gegenstand des Anfechtungsobjekts gehört. Abgesehen davon han- delt es sich beim Schadenersatz grundsätzlich um einen öffentlich-rechtlichen Entschädigungsanspruch, welcher gegenüber dem betreffenden Gemeinwesen auf dem Klageweg geltend zu machen wäre (§ 67 Abs. 1 lit. c VRP). 1.3.3 Soweit die Beschwerdeführerin vor Verwaltungsgericht eine Strafanzeige gegen die Vorinstanz vorbringt, übersieht sie, dass die Fragestellung, ob ein strafbares Verhalten vorliege, nicht zum Anfechtungsgegenstand gehört. Das Verwaltungsgericht ist nicht zuständig, um ein allfälliges, strafrechtlich relevantes Fehlverhalten einzelner Personen zu untersuchen und zu ahnden. Für eine sol- che Thematik wären die Strafverfolgungsbehörden zuständig. Von einer Weiter-6 leitung von Amtes wegen wird abgesehen, nachdem den pauschalen Vorwürfen nichts Konkretes entnommen werden kann. 1.3.4 Schliesslich kann auch auf weitere Kritik der Beschwerdeführerin, welche nicht direkt die Sicherungsentzugsverfügung vom 4. März 2021 betrifft, hier nicht eingetreten werden. Dies gilt namentlich auch für die sinngemässen Einwände der Beschwerdeführerin, welche sich gegen den aktenkundigen Bericht der B.________ Polizei im Zusammenhang mit dem vorschriftswidrigen Überholen in C.________ vom 27. Mai 2020 richten. Das Schwyzer Verwaltungsgericht ist of- fenkundig nicht zuständig, um Amtshandlungen von B.________ Polizisten zu überprüfen und in Frage zu stellen. 1.4Nach dem Gesagten ist auf die vorliegende Beschwerde insofern einzutre- ten, als die Beschwerdeführerin gegen die Sicherungsentzugsverfügung des Verkehrsamts vom 4. März 2021 opponiert und die Herausgabe des Führeraus- weises fordert (siehe dazu nachfolgend). 2.1Motorfahrzeugführer müssen über Fahreignung und Fahrkompetenz verfü- gen (Art. 14 Abs. 1 Strassenverkehrsgesetz, SVG, SR 741.01 vom 19.12.1958). Über Fahreignung verfügt, wer nach Art. 14 Abs. 2 SVG: a. das Mindestalter erreicht hat; b. die erforderliche körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von Motorfahrzeugen hat; c. frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von Motorfahrzeugen beeinträch- tigt; und d. nach seinem bisherigen Verhalten Gewähr bietet, als Motorfahrzeugführer die Vorschriften zu beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreig- nung. Mit diesem Begriff umschreiben alle betroffenen wissenschaftlichen Diszi- plinen (insbesondere Medizin, Psychologie und Jurisprudenz) die körperlichen und geistigen Voraussetzungen des Individuums, ein Fahrzeug im Strassenver- kehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss grundsätzlich dauernd vor- liegen (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_79/2007 vom 6.9.2007 Erw. 3.1 mit Verweis auf die bundesrätliche Botschaft vom 31.3.1999 zur Änderung des Strassenverkehrsgesetzes; BBl 1999 S. 4462 ff., 4483 f.). 2.2.1 Ausweise und Bewilligungen sind zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr be- stehen (Art. 16 Abs. 1 SVG). Art. 16d Abs. 1 SVG bestimmt überdies, dass der Führerausweis einer Person auf unbestimmte Zeit entzogen wird, wenn ihre kör- perliche und geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht, ein 7 Motorfahrzeug sicher zu führen (lit. a), sie an einer Sucht leidet, welche die Fahr- eignung ausschliesst (lit. b) oder sie auf Grund ihres bisherigen Verhaltens nicht Gewähr bietet, dass sie künftig beim Führen eines Motorfahrzeugs die Vorschrif- ten beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen wird (lit. c). 2.2.2 Die einzelnen Tatbestände des Katalogs von Art. 16d Abs. 1 SVG dürfen weder eng noch streng ausgelegt werden; geboten ist eine Gesamtbetrachtung des Einzelfalls im Hinblick auf die Fahreignung. Nach dem früheren Recht ver- hielt es sich nicht anders und die diesbezügliche Gesetzesrevision hat nicht be- zweckt, den Anwendungsbereich des Sicherungsentzugs einzuengen. Vielmehr kommt es darauf an, dass der Entscheid über den Sicherungsentzug, der einen schwerwiegenden Eingriff in den Persönlichkeitsbereich des Betroffenen bedeu- tet, auf einer sorgfältigen Abklärung aller wesentlichen Gesichtspunkte beruht (Urteil des BGer 6A.44/2006 vom 4.9.2006 Erw. 2.2). 2.3Angesichts des in Art. 16 Abs. 1 SVG verankerten Grundsatzes muss ein Sicherungsentzug in jedem Fall angeordnet werden, wenn die Fahreignung nicht mehr gegeben ist. Unter Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG fallen alle medizinischen und psychischen Gründen, welche die Fahreignung ausschliessen (vgl. die Botschaft, BBl 1999 S. 4491). 2.3.1 Während es beim Warnungsentzug um die Stichhaltigkeit einer strafrecht- lichen Anklage geht, bezweckt der Sicherungsentzug die Fernhaltung eines Fahrzeugführers vom Strassenverkehr aus Gründen der Verkehrssicherheit, und dies unabhängig vom Verschulden. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung (Art. 32 Abs. 1 BV, Art. 6 Ziff. 2 EMRK) findet in Verfahren betreffend Sicherungs- entzüge daher keine Anwendung (vgl. Urteil des BGer 1C_308/2012 vom 3.10.2012 Erw. 2.4 mit Verweis auf BGE 122 II 359 Erw. 2c S. 363; 1C_384/2011 vom 7.2.2012 Erw. 2.3.2). Allerdings ist zu beachten, dass nicht vage Verdachtsmomente ausreichen, son- dern vielmehr konkrete Anhaltspunkte gegeben sein müssen, die den Fahrzeug- führer als besonderes Risiko für die anderen Verkehrsteilnehmer erscheinen las- sen und ernsthafte Bedenken an seiner Fahreignung erwecken (vgl. u.a. BGE 122 II 364 Erw. 3a mit Hinweisen). 2.3.2 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann ein Sicherungsentzug aufgrund von charakterlichen Gründen nach Art. 16d Abs. 1 lit. c SVG vorge- nommen werden, wenn eine schlechte Prognose über das Verhalten des Motor- fahrzeugführers vorliegt. Dabei dürfen die Behörden gestützt auf ein Gutachten den Ausweis entziehen, wenn hinreichend begründete Hinweise dafür vorliegen, dass der Lenker entweder vorsätzlich oder aufgrund seines Unvermögens in Zu-8 kunft rücksichtlos fahren wird. Die Frage, ob genügend Anhaltspunkte dafür vor- liegen, soll gemäss Bundesgericht anhand der Vorfälle (u.a. der Schwere, Art und die Häufigkeit der begangenen Verkehrsdelikte) und der persönlichen Um- stände des Führers beurteilt werden. In Zweifelsfällen ist aber ein verkehrs- psychologisches oder psychiatrisches Gutachten anzuordnen (BGE 125 II 492 Erw. 2a; Urteil des BGer 1C_98/2007 vom 13.9.2007; ferner Urteil des BGer 1C_307/2007 vom 17.12.2007 Erw. 3.3; Urteil des BGer 6A-72/2003 vom 13.2.2004). 2.3.3 Das Gericht ist gemäss ständiger Rechtsprechung an die Auffassung von Sachverständigen gebunden, soweit Fachfragen betroffen sind und keine trif- tigen Gründe für eine abweichende Würdigung sprechen (vgl. Urteil BGer 1C_164/2020 vom 20.8.2020 Erw. 4.4 mit Verweis auf BGE 145 II 70 Erw. 5.5 S. 78; vgl. auch Urteil 1C_147/2018 vom 5.10.2018 Erw. 5.1, BGE 132 II 257 Erw. 4.4.1; Urteil 1C_5/2014 vom 22.5.2014 Erw. 3.3). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Fachberichts einer sachverständigen Person ist namentlich von Bedeutung, ob dieser Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, in voller Kenntnis der Aktenlage abgegeben worden ist, in der Beurteilung der Zusammenhänge und der Situation einleuchtet sowie ob die Schlussfolgerungen der sachverständigen Person begründet sind (vgl. zit. Urteil 1C_164/2020 vom 20.8.2020 Erw. 4.4 in Anlehnung an den Beweiswert von Arztberichten im Sozialversicherungsrecht, namentlich BGE 125 V 352 Erw. 3a). 3.1Im vorliegenden Fall hat sich die Vorinstanz in der angefochtenen Verfü- gung auf ein verkehrspsychologisches Fahreignungsgutachten einer dipl. Fach- psychologin für Verkehrspsychologie FSP vom 20. Januar 2021 abgestützt. 3.2Dieses Gutachten erfüllt grundsätzlich die von der Rechtsprechung formu- lierten Anforderungen, wie nachfolgend dargelegt wird. 3.2.1 Es beruht auf einer Auseinandersetzung mit den Akten der Vorinstanz, welche u.a. zwei verkehrsrelevante Vorfälle innert kurzer Zeit, und zwar vom 21. und 27. Mai 2020 umfassen. Dass die Beschwerdeführerin beim ersten Vor- fall die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h nach Abzug der Sicher- heitsmarge um 25 km/h überschritten hat, ist vor Gericht unbestritten. Bei- zupflichten ist den Ausführungen der Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde (Teil 2, Seite 5), dass (sinngemäss) niemand perfekt ist und jede Person Fehler machen kann. Dieser Vorfall mit einer Geschwindigkeitsüberschreitung hätte denn auch - ohne den zweiten Vorfall - grundsätzlich für sich allein keinen Anlass für einen (vorsorglichen) Sicherungsentzug gegeben. Aus der Argumentation in 9 der Eingabe vom 14. Juni 2021 (S. 7 unten), wonach die Beschwerdeführerin die verschiedenen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Strecke zwischen F.________ und G.________ nicht gekannt habe (siehe dazu auch Beschwerde, S. 1 unten), kann die Beschwerdeführerin hier nichts zu ihren Gunsten ableiten. Entscheidend ist vielmehr, dass man beim Lenken eines Fahrzeuges hinreichend aufmerksam ist bzw. sein muss, um jeweils die signalisierten Höchstgeschwin- digkeiten rechtzeitig zu bemerken und sich regelmässig daran zu halten, auch wenn man eine bestimmte Strassenstrecke nicht kennt und gegebenenfalls zum ersten Mal befährt. 3.2.2 Schwerer wiegt der zweite Vorfall vom 27. Mai 2020, als die Beschwerde- führerin eine langsam fahrende Fahrzeugkolonne trotz Gegenverkehr vor und in einer unübersichtlichen Kurve überholte und dabei mehrfach die Sicherheitslinie überfuhr, was im aktenkundigen Bericht der B.________ Polizei nachvollziehbar dargelegt und mit Bildaufnahmen dokumentiert worden ist. In der Beschwerde (Teil 1, S. 2) werden diese Überholvorgänge an sich insoweit anerkannt, als die Beschwerdeführerin von einem "plötzlichen Verkehrshindernis und einem riesi- gen Stau" spricht. Nach ihren Angaben war die Beschwerdeführerin in Eile, weil sie um 15.00 Uhr einen Zahnarzttermin in B.________ hatte und sich der Stras- senverkehr im Abschnitt zwischen H.________ und C.________ (I.________) um ca. 14.20 Uhr staute. Ein solcher Termindruck kann indessen nicht als Recht- fertigung dienen, um die betreffende Fahrzeugkolonne bei potentiellem Gegen- verkehr durch gefährliche Manöver (in teilweise unübersichtlichen Bereichen und unter Missachtung der Sicherheitslinie) zu überholen und sich so nach vorne zu drängen. Soweit die Beschwerdeführerin dies nicht einsehen kann, spricht allein schon dieser Umstand für eine mangelhafte Fahreignung. Immerhin lässt die Be- schwerdeführerin durchblicken, dass das Überholmanöver auch nach ihrer Ein- schätzung gefährliche Aspekte beinhaltete (vgl. Beschwerde, S. 2: "Das Zurück- fahren in den Stau hinter mir war zu gefährlich und keine Option…", sowie: "ich setzte meine Route fort und war erleichtert, dass niemand verletzt worden war…"). 3.3Im Abschnitt Untersuchungsablauf sowie Verhaltensbeobachtung hielt die Gutachterin u.a. was folgt fest: Bereits zu Beginn der Untersuchung zeigen sich Auffälligkeiten in Frau A.________ Auftreten. Sie übernimmt bei Eintritt die Gesprächsführung, ist sicht- lich aufgebracht und nur schwer zu strukturieren. Sie verteilt verschiedene Doku- mente, Bücher, Fotoalben, etc. im Untersuchungsraum, mit denen sie ihre Her- kunft, ihre berufliche Laufbahn und ihre Familie erklären möchte. Auf erste Versu- che, sie dazu aufzufordern, die Führung der Begutachtung unbesorgt der Untersu- chungsleiterin überlassen zu dürfen, reagiert sie empfindlich. (…)10 Mit zunehmender Untersuchungsdauer gelingt es zumindest phasenweise, Frau A.________ Aufmerksamkeit auf die Inhalte und Fragen der Begutachtung zu fo- kussieren. Generell ist es ihr jedoch nicht möglich, gedanklich nicht sofort abzu- schweifen und in ihren Ausführungen auf Inhalte überzugehen, welche sie offen- kundig stark belasten. (…) Ihren Schilderungen schwingt eine wahnhafte Kompo- nente mit und es kann teilweise nur schwer eruiert werden, welche Informationen ab welchem Zeitpunkt in unrealistisches, wahnhaftes Erleben abdriften. Das explorative Interview, wie für eine verkehrspsychologische Untersuchung ge- wohnt abzuhalten, ist nicht möglich. (…) Ebenfalls konnten die Leistungsverfahren zur Prüfung der kognitiven Fahreignung nicht durchgeführt werden, bzw. erschien es angesichts Frau A.________ Gemütslage sowie ihrer deutlich verminderten, emotionalen Belastbarkeit, als nicht zumutbar, sie Leistungstests bearbeiten zu lassen. Die Ergebnisse hätten aufgrund ihrer Verfassung kaum eine objektive Aus- sagekraft. Es wurde darum nur ein Verfahren eingesetzt, welches das logisch- schlussfolgernde Denken (SPM) erhebt. Was an diesen Ausführungen der Gutachterin zu beanstanden wäre, bleibt uner- findlich. Die Beschwerdeführerin übersieht, dass es einer sachverständigen Per- son grundsätzlich möglich sein muss, für einen Exploranden weniger vorteilhafte Ergebnisse oder Erkenntnisse klar anzusprechen und ihre Sicht der Dinge darzu- legen, ohne dass deshalb ohne weiteres auf Voreingenommenheit oder Einsei- tigkeit oder dergleichen geschlossen werden darf (vgl. VGE III 2020 182 vom 28.6.2021 Erw. 4.3.2; VGE I 2020 16 vom 28.4.2020 Erw. 3.4 und I 2016 31 vom 14.6.2017 Erw. 2.2 per analogiam). 3.4Auch hinsichtlich der zusammengefassten Ergebnisse des explorativen Interviews ist nicht ersichtlich, dass diesbezüglich die Gutachterin nicht lege artis vorgegangen sei. Der Fachperson fiel namentlich auf, dass die Beschwerdefüh- rerin in der Stellungnahme zum Kolonnenverkehr vom 27. Mai 2020 in C.________ sowie dem damaligen Überholmanöver keine Einsicht zeigte, wes- halb die vor Ort anwesende B.________ Polizei intervenierte und Strafanzeige an die zuständige B.________ Staatsanwaltschaft erstattete. Hinzu kommt, dass beim durchgeführten Testverfahren (Raven's Standard Pro- gressive Matrices SPM, zur Prüfung des logisch-schlussfolgernden Denkens) mit dem Wert "PR 11" ein leicht auffälliges Ergebnis erhoben wurde, welches in der Testauswertung für Einbussen im objektiven Erkennen und Schlussfolgern spricht. 3.5Für die Beurteilung der (derzeit fehlenden) Fahreignung fällt nach Ein- schätzung der Sachverständigen zusammenfassend ins Gewicht (vgl. zit. Gut- achten, S. 7): -Deutliche Diskrepanzen zwischen Frau A.________ Schilderungen der Umstän- de betreffend den Vorfall vom 27.05.2020 und der Aktenlage (Akten, Polizeirap- port).11 -Hinweise auf ein Unvermögen, das Vorgefallene im Strassenverkehr aus einer objektiven Sichtweise zu bewerten (gem. Interview, Verhaltensbeobachtung). -Unzureichendes Gefahrenbewusstsein für das gezeigte Fahrverhalten (gem. In- terview). -Hoch empfundenes Unrecht betreffend die Abnahme des Führerausweises sowie der polizeilichen Intervention (gem. Interview, Verhaltensbeobachtung) -Hinweise auf Beeinträchtigungen der psychischen Stabilität (gem. Verhaltensbe- obachtung) -Aufgrund der Hinweise auf eine mögliche, psychische Beeinträchtigung/ Erkran- kung ergibt sich aus aktueller verkehrspsychologischen Sicht eine fehlende Basis für die Einschätzung ihrer Verhaltensprognostik als Motorfahrzeuglenkerin. Eben- falls musste aus diesem Grund auf eine kognitive Fahreignungsabklärung ver- zichtet werden (gem. Verhaltensbeobachtung, Interview). Damit hat die Gutachterin hinreichend und nachvollziehbar begründet, weshalb sie im Begutachtungszeitpunkt die Fahreignung nicht bejahen konnte. 4.Die Vorbringen der Beschwerdeführerin vor Gericht sind nicht geeignet, das von der Vorinstanz berücksichtigte Gutachten der betreffenden Verkehrspsy- chologin in Frage zu stellen. Unbehelflich sind namentlich die Ausführungen zur Lebensgeschichte der Beschwerdeführerin, welche mit der Frage der aktuellen Fahreignung grundsätzlich nichts zu tun haben. Auch dass die Beschwerdeführe- rin selber 2 Jahre Psychologie studiert habe und in Südafrika (wo sie zur Welt kam bzw. aufwuchs) oder in Frankreich (wo ihr Vater an der Universität Sorbonne doktorierte) sinngemäss andere Verhältnisse herrschen, vermag an der ange- fochtenen Verfügung nichts zu ändern. Auch aus dem Umstand, wonach die Be- schwerdeführerin der Gutachterin "Geldsucht" vorwirft, kann sie hier nichts zu ih- ren Gunsten ableiten. Analoges gilt auch für die sinngemässe Argumentation, wonach ohne Führerausweis vom Wohnort F.________ aus die Suche einer ge- eigneten Arbeitsstelle bzw. die Ausübung einer Erwerbstätigkeit erschwert sei. Einmal abgesehen davon, dass der Wohnort durch den öffentlichen Verkehr und regelmässige Verbindungen (Auto AG-Busse) von morgens bis spätabends er- schlossen ist, muss die Frage der Fahreignung rechtsprechungsgemäss unab- hängig von einer (beruflichen) Angewiesenheit auf den Führerausweis geprüft werden. 5.Aus all diesen Gründen erweist sich die Beschwerde, soweit darauf einzu- treten ist, als unbegründet. Diesem Ergebnis entsprechend werden die Verfah- renskosten der Beschwerdeführerin auferlegt.12 Demnach erkennt das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird, soweit darauf einzutreten ist, im Sinne der Erwägun- gen abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten (Gerichtsgebühr, Kanzleikosten und Barauslagen) werden auf Fr. 600.-- festgelegt und der Beschwerdeführerin auferlegt. Sie hat bislang einen Kostenvorschuss von Fr. 300.-- bezahlt, so dass sie noch Fr. 300.-- auf das PC-Konto _________ des Gerichts zu bezahlen hat. 3. Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit Zustellung Beschwerde* in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht, 1000 Lau- sanne 14, erhoben werden (Art. 42 und 82ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht [BGG; SR 173.110] vom 17.6.2005). Soweit die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten nicht zulässig ist, kann in derselben Rechtsschrift subsidiäre Verfassungsbe- schwerde* erhoben und die Verletzung von verfassungsmässigen Rechten gerügt werden (Art. 113ff. BGG). 4. Zustellung an: -die Beschwerdeführerin (R) -die Vorinstanz (EB/ inkl. Kopie der Eingabe der Bf vom 14.6.2021) -und das Bundesamt für Strassen, Sekretariat Administrativmassnah- men, 3003 Bern (A). Schwyz, 28. Juni 2021 Im Namen des Verwaltungsgerichts Der Vizepräsident: Die a.o. Gerichtsschreiberin: *Anforderungen an die Beschwerdeschrift Die Beschwerdeschrift ist in einer Amtssprache (Deutsch, Französisch, Italienisch, Ru- mantsch Grischun) abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. In der Begründung ist in gedrängter Form darzulegen, inwiefern der angefochtene Entscheid Recht verletzt. Die Urkunden, auf die sich die Partei als Beweismittel beruft, sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat; der angefochtene Entscheid ist beizulegen. Versand: 12. Juli 2021