<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 8" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 8</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Steuern und Abgaben</span> <span class="page_no">75</span> </div> <div class="page" id="S75"> <div role="main"> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>8 </b> <b>Sicherstellungsverfügung</b></span><br/> <span class="text">Voraussetzungen für den Erlass einer Sicherstellungsverfügung </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 20. Juni</span><br/> <span class="text">2019, in Sachen Stadtrat X. gegen D. (WBE.2019.55).</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.</span><br/> <span class="text">2.1.</span><br/> <span class="text">Hat die steuerpflichtige Person keinen Wohnsitz in der Schweiz</span><br/> <span class="text">oder erscheint die Bezahlung der von ihr geschuldeten Steuer ge-</span><br/> <span class="text">fährdet, kann die Bezugsbehörde auch vor der rechtskräftigen Fest-</span><br/> <span class="text">stellung des Steuerbetrags jederzeit Sicherstellung verlangen (§ 232</span><br/> <span class="text">Abs. 1 StG).</span><br/> <span class="text">Für die direkte Bundessteuer enthält Art. 169 DBG eine inhalt-</span><br/> <span class="text">lich übereinstimmende Regelung, so dass Lehre und Rechtsprechung</span><br/> <span class="text">dazu bei der Anwendung von § 232 Abs. 1 StG ebenfalls herangezo-</span><br/> <span class="text">gen werden können.</span><br/> <span class="text">2.2.</span><br/> <span class="text">Mit der umstrittenen Sicherstellungsverfügung vom 7. August</span><br/> <span class="text">2018 will die Abteilung Finanzen der Stadt X. den Bezug der von der</span><br/> <span class="text">Beschwerdegegnerin geschuldeten, definitiv veranlagten Kantons-</span><br/> <span class="text">und Gemeindesteuern 2016 im noch offenen Gesamtbetrag von</span><br/> <span class="text">CHF 16'518.00 sicherstellen. Da die Beschwerdegegnerin ihren</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">76</span> </div> <div class="page" id="S76"> <div role="main"> <span class="text">Wohnsitz in der Schweiz hat, kommt als Sicherstellungsgrund ledig-</span><br/> <span class="text">lich die Gefährdung des Steueranspruchs in Frage.</span><br/> <span class="text">2.3.</span><br/> <span class="text">2.3.1.</span><br/> <span class="text">Die Tatsache, dass eine steuerpflichtige Person aus finanziellen</span><br/> <span class="text">Gründen nicht in der Lage ist, die in Frage stehenden Steuern zu be-</span><br/> <span class="text">zahlen, vermag für sich allein betrachtet keine Steuergefährdung zu</span><br/> <span class="text">bewirken. Unter Auslegung von Art. 271 Abs. 1 Ziff. 2 SchKG, dem</span><br/> <span class="text">der Sicherstellungsgrund der Zahlungsgefährdung nachgebildet ist,</span><br/> <span class="text">ergibt sich nämlich, dass die Gefährdung insofern eine besondere</span><br/> <span class="text">sein muss, als die Zwangsvollstreckung der Steuerschuld in Gefahr</span><br/> <span class="text">sein muss, was in den Umständen des Einzelfalls zum Ausdruck</span><br/> <span class="text">kommt (HANS FREY, in: MARTIN ZWEIFEL/MICHAEL BEUSCH</span><br/> <span class="text">[Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundes-</span><br/> <span class="text">gesetz über die direkte Bundessteuer, 3. Aufl., Basel 2017, Art. 169</span><br/> <span class="text">N 15 f.).</span><br/> <span class="text">Eine Gefährdung der Bezahlung der von der steuerpflichtigen</span><br/> <span class="text">Person geschuldeten Steuer ist zu bejahen, wenn der Steuerbezug bei</span><br/> <span class="text">objektiver Betrachtung aufgrund der gesamten Umstände als gefähr-</span><br/> <span class="text">det erscheint. Ein Verhalten der steuerpflichtigen Person, das sich auf</span><br/> <span class="text">die Bezahlung der Steuerforderung nachteilig auswirken könnte,</span><br/> <span class="text">wird nicht verlangt. Auf eine objektive Gefährdung schliessen lassen</span><br/> <span class="text">etwa die Vorbereitung zur Abreise, Fluchtgefahr, Beiseiteschaffen</span><br/> <span class="text">oder Veräusserung von Vermögenswerten, verschwenderische Le-</span><br/> <span class="text">bensführung, Ausgestaltung der steuerpflichtigen Tätigkeit, die eine</span><br/> <span class="text">rasche Disposition von Vermögenswerten ins Ausland ermöglicht,</span><br/> <span class="text">grobe oder fortgesetzte Verletzung der Mitwirkungs-, Aufzeich-</span><br/> <span class="text">nungs- oder Deklarationspflichten, wodurch gegenüber den Steuer-</span><br/> <span class="text">behörden die Einkommens- und Vermögensverhältnisse verschleiert</span><br/> <span class="text">werden, oder Wegweisung durch das Migrationsamt bzw. strafrecht-</span><br/> <span class="text">liche Landesverweisung. Unter Umständen genügt auch eine</span><br/> <span class="text">Häufung von an sich banalen Tatsachen für den Schluss auf die Ge-</span><br/> <span class="text">fährdung des Steueranspruchs, wie die Verzögerung des Veranla-</span><br/> <span class="text">gungs- oder eines Rechtsmittelverfahrens durch die steuerpflichtige</span><br/> <span class="text">Person, schlechte Zahlungsmoral, undurchsichtige wirtschaftliche</span><br/> <span class="text">Transaktionen zusammen mit der Veräusserung der Hauptbestand-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Steuern und Abgaben</span> <span class="page_no">77</span> </div> <div class="page" id="S77"> <div role="main"> <span class="text">teile des Vermögens (ANDREAS SCHORNO, in: MARIANNE KLÖTI-</span><br/> <span class="text">WEBER/DAVE SIEGRIST/DIETER WEBER [Hrsg.], Kommentar zum</span><br/> <span class="text">Aargauer Steuergesetz, 4. Aufl., Muri-Bern 2015, § 232 N 10</span><br/> <span class="text">m.w.H.). Auch das Vorliegen von Verlustscheinen kann zu einer</span><br/> <span class="text">Steuersicherung Anlass geben (FREY, a.a.O., Art. 169 N 24 und 28).</span><br/> <span class="text">Die vom Gesetz verlangte Gefährdung der Steuerforderung liegt</span><br/> <span class="text">nicht erst beim Risiko der endgültigen Vereitelung vor, sondern ist</span><br/> <span class="text">bereits dann gegeben, wenn deren Erfüllung als wesentlich erschwert</span><br/> <span class="text">erscheint (FREY, a.a.O., Art. 169 N 16).</span><br/> <span class="text">2.3.2.</span><br/> <span class="text">Die Gefährdung der Bezahlung der Steuerforderung muss nicht</span><br/> <span class="text">strikt bewiesen, sondern lediglich glaubhaft gemacht sein. Bloss vage</span><br/> <span class="text">Vermutungen genügen hingegen nicht. Ebenso müssen auch der Be-</span><br/> <span class="text">stand und der Umfang der sicherzustellenden Steuerforderung ledig-</span><br/> <span class="text">lich glaubhaft gemacht werden. Das Beweismass der Glaubhaft-</span><br/> <span class="text">machung bedeutet, dass das Gericht nicht von der Richtigkeit der</span><br/> <span class="text">aufgestellten Behauptungen überzeugt werden muss, sondern dass es</span><br/> <span class="text">genügt, wenn für deren Vorhandensein gewisse Elemente sprechen,</span><br/> <span class="text">selbst wenn das Gericht noch mit der Möglichkeit rechnet, dass sie</span><br/> <span class="text">sich nicht verwirklicht haben könnten (BGE 130 III 321 E. 3.1</span><br/> <span class="text">S. 325; zum Ganzen SCHORNO, a.a.O., § 232 N 11; FREY, a.a.O.,</span><br/> <span class="text">Art. 169 N 14).</span><br/> <span class="text">2.4.</span><br/> <span class="text">Die Beschwerdegegnerin hat Verlustscheine von total</span><br/> <span class="text">CHF 7'750.30 verwirkt. Diese betreffen die Steuern der Jahre 1998,</span><br/> <span class="text">1999, 2005, 2008, 2009, 2011 und 2012 und stammen aus den Jahren</span><br/> <span class="text">2001, 2008, 2013 und 2014. Überdies ist die Beschwerdegegnerin</span><br/> <span class="text">ihrer Pflicht zur fristgemässen Einreichung der Steuererklärung</span><br/> <span class="text">(§ 180 Abs. 2 StG) in den Jahren 2003 und 2005 gar nicht nachge-</span><br/> <span class="text">kommen, und die Steuererklärung 2017 hat sie erst nach Mahnung</span><br/> <span class="text">vom 10. Juli 2018 eingereicht. Schliesslich hat sie die Steuern 2017</span><br/> <span class="text">(CHF 2'751.80 gemäss provisorischer Rechnung, CHF 2'475.50 ge-</span><br/> <span class="text">mäss definitiver Rechnung) trotz mehrfacher Mahnung und die pro-</span><br/> <span class="text">visorische Steuerrechnung 2018 in Höhe von CHF 2'964.80, die am</span><br/> <span class="text">31. Oktober 2018 zur Zahlung fällig war, unbestrittenermassen bis</span><br/> <span class="text">heute nicht bezahlt.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">78</span> </div> <div class="page" id="S78"> <div role="main"> <span class="text">Aufgrund der rechtskräftigen Steuerveranlagung vom</span><br/> <span class="text">18. September 2017 hat die Beschwerdegegnerin für 2016 Kantons-</span><br/> <span class="text">und Gemeindesteuern im Gesamtbetrag von CHF 18'091.00 zu be-</span><br/> <span class="text">zahlen. Von dieser Steuerforderung sind nach Ratenzahlungen von</span><br/> <span class="text">CHF 1'786.00 und einer Umbuchung von CHF 213.00 auf das</span><br/> <span class="text">Steuerjahr 2017 noch CHF 16'518.00 offen. Beim Vollzug des</span><br/> <span class="text">Arrests am 8. August 2018 betrug das Guthaben der Beschwerde-</span><br/> <span class="text">gegnerin auf dem Privatkonto IBAN CHXXX bei der Y. Bank</span><br/> <span class="text">CHF 17'070.56. Bei diesem Kontoguthaben handelt es sich - soweit</span><br/> <span class="text">ersichtlich - um das einzige Vermögen der Beschwerdegegnerin.</span><br/> <span class="text">Insbesondere kann sie sich nicht darauf berufen, dass der Stadtrat X.</span><br/> <span class="text">zu Unrecht aus rückwirkend bezahlten Invalidenrenten noch</span><br/> <span class="text">CHF 21'807.60 einbehalten habe. Von diesem Betrag verrechnete der</span><br/> <span class="text">Stadtrat X. mit Beschluss vom 4. Oktober 2016 CHF 14'057.30 mit</span><br/> <span class="text">einem Rückerstattungsanspruch für in früheren Jahren geleistete So-</span><br/> <span class="text">zialhilfe (materielle Hilfe). Dieser Beschluss wurde unbestrittener-</span><br/> <span class="text">massen rechtskräftig. Diesbezüglich kann die Beschwerdegegnerin</span><br/> <span class="text">aus dem Urteil des Einzelrichters des Spezialverwaltungsgerichts 3-</span><br/> <span class="text">RB.2017.28 vom 19. März 2018 deshalb von vornherein nichts zu</span><br/> <span class="text">ihren Gunsten ableiten. Dasselbe gilt für die Verrechnung mit noch</span><br/> <span class="text">offenen Steuerforderungen in der Höhe von total CHF 7'750.30, für</span><br/> <span class="text">welche Verlustscheine bestanden, da der Einzelrichter nicht über die</span><br/> <span class="text">Zulässigkeit dieser Verrechnung, sondern jener im Umfang von</span><br/> <span class="text">CHF 16'518.00 mit den Kantons- und Gemeindesteuern 2016, für</span><br/> <span class="text">welche die Beschwerdegegnerin um Erlass ersuchte, zu befinden</span><br/> <span class="text">hatte.</span><br/> <span class="text">Im Lichte der in E. 2.3. dargestellten Lehre und Rechtsprechung</span><br/> <span class="text">erscheint es jedenfalls bei einer Gesamtwürdigung aller soeben ge-</span><br/> <span class="text">nannten Umstände glaubhaft, dass die Erfüllung der noch offenen</span><br/> <span class="text">Steuerforderung von CHF 16'518.00 wesentlich erschwert und damit</span><br/> <span class="text">i.S.v. § 232 Abs. 1 StG gefährdet ist. Deshalb kann - entgegen der</span><br/> <span class="text">Auffassung der Beschwerdegegnerin - keine Rede davon sein, dass</span><br/> <span class="text">mit der Sicherstellungsverfügung rein pönale und damit sachfremde</span><br/> <span class="text">Zwecke verfolgt würden. Die verfügte Sicherstellung ist zur Siche-</span><br/> <span class="text">rung des Bezugs der von der Beschwerdegegnerin geschuldeten Kan-</span><br/> <span class="text">tons- und Gemeindesteuern 2016 geeignet und nach den geschilder-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Steuern und Abgaben</span> <span class="page_no">79</span> </div> <div class="page" id="S79"> <div role="main"> <span class="text">ten Umständen erforderlich. Ein milderes Mittel zur Erreichung des</span><br/> <span class="text">Zwecks ist nicht ersichtlich. Die Sicherstellungsverfügung ist somit</span><br/> <span class="text">auch verhältnismässig.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>