<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 18" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 18</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">221</span> </div> <div class="page" id="S221"> <span class="text"><b>18 </b> <b>Ästhetische Generalklausel; Beeinträchtigungsverbot (§ 42 Abs. 2 BauG)</b></span><br/> <span class="text">Eine nach § 42 Abs. 2 BauG relevante Beeinträchtigung bestimmt sich</span><br/> <span class="text">einerseits an der Sensibilität eines Orts- oder Quartierbildes gegenüber</span><br/> <span class="text">Eingriffen durch andersartige Bauten und Anlagen, andererseits an deren</span><br/> <span class="text">Störungswirkung. Auf einem belebten Stadtplatz, der von Gebäuden ge-</span><br/> <span class="text">säumt wird, die keine homogene Struktur aufweisen und deshalb weniger</span><br/> <span class="text">empfindlich auf bauliche Veränderungen reagieren, und wo bestehende</span><br/> <span class="text">Fassadenelemente (Leuchtbeschriftungen, Schaufenster etc.) und Waren-</span><br/> <span class="text">auslagen im Freien bereits eine gewisse Unruhe erzeugen, stellen Stelen</span><br/> <span class="text">mit integrierten Bildschirmen für die Ausstrahlung von Werbung im öf-</span><br/> <span class="text">fentlichen Raum (sog. digitale Stelen) kein erheblich störendes Element</span><br/> <span class="text">dar. Somit kann die Baubewilligung für solche Anlagen nicht aus ästheti-</span><br/> <span class="text">schen Gründen verweigert werden. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 12. Juni</span><br/> <span class="text">2018, in Sachen A. AG gegen Stadtrat B. und Departement Bau, Verkehr und</span><br/> <span class="text">Umwelt (WBE.2017.46).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">1.</span><br/> <span class="text">Die streitbetroffenen Parzellen Nrn. XXX und YYY liegen in</span><br/> <span class="text">der Zone Cityzone (C) der Stadt B., die für innenstädtische und pu-</span><br/> <span class="text">blikumsorientierte Nutzungen wie Einkaufszentren, Fachmärkte, La-</span><br/> <span class="text">dengeschäfte, Gaststätten, Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe so-</span><br/> <span class="text">wie Wohnen reserviert ist (§ 17 Abs. 1 BNO). (...) Für die Zone C</span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">222</span> </div> <div class="page" id="S222"> <div role="main"> <span class="text">gelten keine besonderen ästhetische Schutzvorschriften oder gestalte-</span><br/> <span class="text">rische Anforderungen.</span><br/> <span class="text">Die von der Beschwerdeführerin zur Bewilligung beantragten</span><br/> <span class="text">vier digitalen Stelen (aus beschichtetem Metall in einem dunklen,</span><br/> <span class="text">matten Grauton) sind rund 2,1 m (Modell Indoor) bis 2,35 m (Modell</span><br/> <span class="text">Outdoor) hoch, 90 cm breit und 12,3 cm (Modell Indoor) bis 20 cm</span><br/> <span class="text">(Modell Outdoor) tief. Der integrierte Bildschirm (aus entspiegeltem</span><br/> <span class="text">Verbundsicherheitsglas) ist rund 1,2 m hoch und 68 cm breit bzw. -</span><br/> <span class="text">in der Diagonale - 55 Zoll gross. Die Stelen sind wie folgt positio-</span><br/> <span class="text">niert: Stele 1 direkt neben dem Eingang des Gebäudes Nr. VVV am</span><br/> <span class="text">C.-Markt 2 (D.-Center), Stele 2 beim Ein-/Ausgang an der nordwest-</span><br/> <span class="text">lichen Ecke des Gebäudes Nr. WWW (E.-Laden), Stele 3 beim Ein-</span><br/> <span class="text">gang C.-Markt 1 an der südöstlichen Ecke des Gebäudes Nr. WWW</span><br/> <span class="text">und Stele 4 in einer Unterführung im Gebäude Nr. WWW, beim</span><br/> <span class="text">Durchgang vom Parkhaus zur Rolltreppe beim F.-Laden. Die beiden</span><br/> <span class="text">Gebäude Nrn. VVV und WWW stehen nicht unter (Denkmal-)</span><br/> <span class="text">Schutz.</span><br/> <span class="text">2.</span><br/> <span class="text">Der Stadtrat B. verweigerte der Beschwerdeführerin die nachge-</span><br/> <span class="text">suchte Baubewilligung für die oben beschriebenen digitalen Stelen</span><br/> <span class="text">aus ästhetischen Gründen, unter Berufung auf § 42 Abs. 2 BauG. Da-</span><br/> <span class="text">zu führte er im Beschluss vom 22. März 2016 aus, dass die Stelen</span><br/> <span class="text">mit den bewegten Bildern unruhig wirkten und auch noch auf eine</span><br/> <span class="text">grosse Entfernung eine entsprechend weiträumige Aufmerksamkeit</span><br/> <span class="text">auf sich zögen. Das Publikum wäre der dauerhaften Reklameberiese-</span><br/> <span class="text">lung schutzlos ausgesetzt. Das Orts-, Quartier- und Strassenbild wer-</span><br/> <span class="text">de durch den punktuellen, von den Stelen ausgehenden Einfluss emp-</span><br/> <span class="text">findlich gestört. Beim Standort im Untergeschoss des Gebäudes am</span><br/> <span class="text">C.-Markt 1 könne es vor der Reklamestele (Stele 4) zu Menschenan-</span><br/> <span class="text">sammlungen kommen, die weiter zur bereits vorhandenen Behinde-</span><br/> <span class="text">rung des Personendurchgangsverkehrs beitragen würden.</span><br/> <span class="text">Die Vorinstanz erwog, die östlich und westlich an den C.-</span><br/> <span class="text">Marktplatz angrenzende C.-Markt-Überbauung sei eine auffällige</span><br/> <span class="text">Überbauung von einheitlichem Erscheinungsbild. Der öffentliche</span><br/> <span class="text">Platz zwischen den genannten Gebäuden sei ein bedeutender Durch-</span><br/> <span class="text">gang zwischen dem Bahnhof und weiteren Teilen der Stadt bzw. der</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">223</span> </div> <div class="page" id="S223"> <div role="main"> <span class="text">Altstadt und bilde für viele Personen, die mit dem Zug anreisten, das</span><br/> <span class="text">Eingangstor, die Visitenkarte der Stadt. Er werde von vielen Men-</span><br/> <span class="text">schen begangen und sei dementsprechend von grosser Bedeutung,</span><br/> <span class="text">auch aus ortsbildschützerischer Sicht. Die Unterführung, in welcher</span><br/> <span class="text">die vierte Stele stehe, sei ebenfalls stark frequentiert. Alle Stelen</span><br/> <span class="text">stünden in unmittelbarer Nähe zu diesen wichtigen öffentlichen Räu-</span><br/> <span class="text">men. Die Monitore an den Stelen bzw. deren wechselnde Bilder seien</span><br/> <span class="text">in ihrem Umkreis gut sichtbar und auf die Passantenströme als Ziel-</span><br/> <span class="text">gruppe ausgerichtet. Demzufolge sei davon auszugehen, dass die Ste-</span><br/> <span class="text">len einen gewichtigen Einfluss auf den auch aus ortsbildschützeri-</span><br/> <span class="text">scher Sicht bedeutenden öffentlichen Raum ausübten. Die Bildschir-</span><br/> <span class="text">me seien gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung als grossfor-</span><br/> <span class="text">matig einzustufen und wirkten entsprechend stark auf ihre Umge-</span><br/> <span class="text">bung. Diese Wirkung werde durch die gezielte Ausrichtung auf den</span><br/> <span class="text">öffentlichen Raum zu Reklame- und Informationszwecken, die Ani-</span><br/> <span class="text">mation der Bilder, die Leuchtkraft der Bildschirme und deren Aus-</span><br/> <span class="text">stattung mit Lautsprechern für akustische Signale noch verstärkt. Die</span><br/> <span class="text">Bildschirme würden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bräch-</span><br/> <span class="text">ten Unruhe in die Umgebung, weshalb sie als erheblich störend zu</span><br/> <span class="text">beurteilen seien. Daran ändere nichts, dass der öffentliche Platz von</span><br/> <span class="text">Bewegungen geprägt sei, die von Menschen und realen Objekten</span><br/> <span class="text">ausgingen, und dass die nicht auf Passantenströme ausgerichteten</span><br/> <span class="text">Bildschirme in weit geringeren Dimensionen von Laptops, Smart-</span><br/> <span class="text">phones und dergleichen heute zum Alltag gehörten. Auch der Fach-</span><br/> <span class="text">berater Ortsbild, Siedlung und Städtebau (OSS) erachte die Stelen</span><br/> <span class="text">(mit Ausnahme der Stele am Standort 1) als nicht gut in die architek-</span><br/> <span class="text">tonische und städtebauliche Umgebung eingepasst und beantrage die</span><br/> <span class="text">Abweisung der Beschwerde. Unter den gegebenen Umständen ver-</span><br/> <span class="text">möge sich der Bauabschlag des Stadtrats auf vertretbare Gründe zu</span><br/> <span class="text">stützen. Mit Rücksicht auf die Gemeindeautonomie bestehe für die</span><br/> <span class="text">Rechtsmittelinstanz kein Anlass, korrigierend in die Würdigung des</span><br/> <span class="text">Stadtrats einzugreifen. Dabei falle auch ins Gewicht, dass das Verbot</span><br/> <span class="text">von Stelen mit Bildschirmen nicht als schwerwiegender Eingriff in</span><br/> <span class="text">die Wirtschaftsfreiheit und die Eigentumsgarantie zu qualifizieren</span><br/> <span class="text">sei. Auf die Durchführung eines Augenscheins könne in Anbetracht</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">224</span> </div> <div class="page" id="S224"> <div role="main"> <span class="text">des aktenkundigen Bildmaterials in antizipierter Beweiswürdigung</span><br/> <span class="text">verzichtet werden.</span><br/> <span class="text">3. (...)</span><br/> <span class="text">4.</span><br/> <span class="text">4.1.</span><br/> <span class="text">4.1.1.</span><br/> <span class="text">Gemäss § 42 Abs. 2 BauG dürfen Bauten und Anlagen, An-</span><br/> <span class="text">schriften, Bemalungen, Antennen und Reklamen insbesondere Land-</span><br/> <span class="text">schaften sowie Orts-, Quartier- und Strassenbilder nicht beeinträchti-</span><br/> <span class="text">gen.</span><br/> <span class="text">Die Begriffe Ortsbild , Quartierbild und Strassenbild be-</span><br/> <span class="text">zeichnen den Gesamteindruck, der sich aus dem Zusammenwirken</span><br/> <span class="text">der verschiedenen Gebäude unter sich oder mit der Umgebung er-</span><br/> <span class="text">gibt; die räumliche Struktur des Ganzen macht das Bild aus. Dazu</span><br/> <span class="text">gehört, was von einem durchschnittlichen Betrachter gleichzeitig</span><br/> <span class="text">überblickt und erlebt werden kann. Schutzziel ist dabei die Erhaltung</span><br/> <span class="text">des Charakteristischen und des Typischen (AGVE 2010, S. 443).</span><br/> <span class="text">§ 42 Abs. 2 BauG beinhaltet ein Beeinträchtigungsverbot, das in</span><br/> <span class="text">die Kategorie der sog. negativen ästhetischen Generalklauseln fällt.</span><br/> <span class="text">Im Gegensatz zur positiven ästhetischen Generalklausel - wie sie in</span><br/> <span class="text">§ 42 Abs. 1 BauG (nur für Gebäude) vorgesehen ist - verlangt § 42</span><br/> <span class="text">Abs. 2 BauG keine (architektonische) Gestaltung, die sicherstellt,</span><br/> <span class="text">dass sowohl für die Baute oder Anlage selbst als auch für die bauli-</span><br/> <span class="text">che und landschaftliche Umgebung eine gute oder befriedigende Ge-</span><br/> <span class="text">samtwirkung entsteht. Die Anforderungen einer positiven ästheti-</span><br/> <span class="text">schen Generalklausel gehen weiter als blosse Beeinträchtigungs-</span><br/> <span class="text">oder Verunstaltungsverbote, bei deren Anwendung in einem Quartier</span><br/> <span class="text">mit fehlender Einheitlichkeit und den verschiedensten Bauformen</span><br/> <span class="text">kein allzu strenger Massstab angelegt werden darf. Wegen Verunstal-</span><br/> <span class="text">tung darf eine Gestaltung nur abgelehnt werden, wenn sie nach</span><br/> <span class="text">Massstäben, die in Anschauungen von einer gewissen Verbreitung</span><br/> <span class="text">und Allgemeingültigkeit gefunden werden, als erheblich störend zu</span><br/> <span class="text">bezeichnen ist (BGE 114 Ia 343, Erw. 4b; Urteile des Bundesgerichts</span><br/> <span class="text">vom 28. Juli 2011 [1C_148/2011], Erw. 4.2, und vom 28. Oktober</span><br/> <span class="text">2002 [1P.280/2002], Erw. 3.3).</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">225</span> </div> <div class="page" id="S225"> <div role="main"> <span class="text">Wenngleich der unbestimmte Rechtsbegriff der Beeinträchti-</span><br/> <span class="text">gung wiederum weniger weit geht als derjenige der Verunstaltung</span><br/> <span class="text">und nicht erst bei besonders schweren Einwirkungen gegeben ist,</span><br/> <span class="text">setzt er doch einen Gegensatz zum Bestehenden voraus, der so er-</span><br/> <span class="text">heblich stört, dass sich ein Eingriff in die Eigentumsfreiheit rechtfer-</span><br/> <span class="text">tigt (ERICH ZIMMERLIN, Kommentar zum aargauischen Baugesetz,</span><br/> <span class="text">2. Auflage, Aarau 1985, § 159 N 5; ERICA HÄUPTLI-SCHWALLER, in:</span><br/> <span class="text">Kommentar zum Baugesetz des Kantons Aargau, Bern 2013, § 42</span><br/> <span class="text">N 26). Das Beeinträchtigungsverbot im Sinne von § 42 Abs. 2 BauG</span><br/> <span class="text">verbietet nicht jede Veränderung, die als ungewohnt erscheint. Der</span><br/> <span class="text">Gegensatz zum Bestehenden muss erheblich störend sein (AGVE</span><br/> <span class="text">2010, S. 442). Die Beeinträchtigung ist immer am Wert des zu schüt-</span><br/> <span class="text">zenden Objekts zu messen. Je höher also der Wert des Ortsbildes ist,</span><br/> <span class="text">umso höher ist seine Empfindlichkeit gegenüber Einwirkungen. Im</span><br/> <span class="text">Einzelfall hat daher eine Interessenabwägung zwischen dem öffentli-</span><br/> <span class="text">chen Interesse an der Erhaltung des Ortsbildes und dem Nutzungsin-</span><br/> <span class="text">teresse des Grundeigentümers stattzufinden (ZIMMERLIN, a.a.O.,</span><br/> <span class="text">§ 159 N 5; HÄUPTLI-SCHWALLER, a.a.O., § 42 N 26).</span><br/> <span class="text">4.1.2.</span><br/> <span class="text">Bei der Anwendung von Ästhetikvorschriften, insbesondere von</span><br/> <span class="text">§ 42 Abs. 2 BauG, steht dem Gemeinderat ein erheblicher Ermes-</span><br/> <span class="text">sensspielraum zu; die Gemeinde darf den verfassungsrechtlichen</span><br/> <span class="text">Schutz beanspruchen, der ihr gestützt auf die Gemeindeautonomie</span><br/> <span class="text">(§ 106 Abs. 1 KV) zusteht. Es obliegt in erster Linie den örtlichen</span><br/> <span class="text">Behörden, über den architektonischen Aspekt zu wachen, weshalb sie</span><br/> <span class="text">diesbezüglich über einen breiten Ermessensspielraum verfügen. Die</span><br/> <span class="text">Rechtsmittelinstanzen haben sich daher bei der Überprüfung ein-</span><br/> <span class="text">schlägiger gemeinderätlicher Entscheide zurückzuhalten. Wo eine</span><br/> <span class="text">Regelung unbestimmt ist und verschiedene Auslegungsergebnisse</span><br/> <span class="text">rechtlich vertretbar erscheinen, sind die kantonalen Rechtsmittelin-</span><br/> <span class="text">stanzen gehalten, das Ergebnis der gemeinderätlichen Rechtsausle-</span><br/> <span class="text">gung zu respektieren und nicht ohne Not ihre eigene Rechtsauffas-</span><br/> <span class="text">sung an die Stelle der gemeinderätlichen zu setzen</span><br/> <span class="text">(BGE 115 Ia 118 f. = Pra 78/1989, S. 796 f.; Urteile des</span><br/> <span class="text">Bundesgerichts vom 11. Juli 2017 [1C_572/2016], Erw. 2.1, vom</span><br/> <span class="text">22. April 2015 [1C_265/2014], Erw. 5.3, vom 28. Juli 2011</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 6 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">226</span> </div> <div class="page" id="S226"> <div role="main"> <span class="text">[1C_148/2011], Erw. 4.3, vom 5. Mai 2008 [1C_42/2008], Erw. 4.1,</span><br/> <span class="text">vom 28. Oktober 2002 [1P.280/2002], Erw. 2; AGVE 2010, S. 441;</span><br/> <span class="text">2008, S. 163 ff.). Die Grenze zwischen erlaubter</span><br/> <span class="text">Zweckmässigkeitsprüfung und autonomieverletzendem eigenem</span><br/> <span class="text">Ermessensentscheid der Rechtsmittelinstanz ist nicht leicht zu</span><br/> <span class="text">ziehen. Die Praxis zieht die Grenze dort, wo sich eine Auslegung mit</span><br/> <span class="text">dem Wortlaut sowie mit Sinn und Zweck des Gesetzes nicht mehr</span><br/> <span class="text">vereinbaren lässt (AGVE 2010, S. 441; 2006, S. 188; 2005, S. 152).</span><br/> <span class="text">Eine Beschränkung der Kognition des kantonalen Gerichts auf eine</span><br/> <span class="text">Willkürprüfung wäre hingegen mit der Rechtsweggarantie in Art. 29a</span><br/> <span class="text">BV nicht vereinbar (Urteil des Bundesgerichts vom 4. Mai 2018</span><br/> <span class="text">[1C_296/2017], Erw. 2.1).</span><br/> <span class="text">4.2.</span><br/> <span class="text">4.2.1.</span><br/> <span class="text">Zunächst stellt sich die Frage, wie schützenswert das Orts- und</span><br/> <span class="text">Strassenbild am C.-Marktplatz in B. ist.</span><br/> <span class="text">Im Bericht vom 3. November 2016 spricht die Fachperson OSS</span><br/> <span class="text">von einem markanten architektonischen Ensemble aus den 70er-Jah-</span><br/> <span class="text">ren. Aus den 70er-Jahren stammt allerdings nur das Gebäude C.-</span><br/> <span class="text">Markt 1 (Nr. WWW). Das gegenüberliegende Gebäude C.-Markt 2</span><br/> <span class="text">(Nr. VVV) ist ein 80er-Jahre-Bau mit einer teils auffällig roten Fas-</span><br/> <span class="text">sade, die zwar schon ein wenig ruhiger gestaltet wurde, aber nach</span><br/> <span class="text">wie vor relativ unruhig wirkt, und sich deutlich vom Baustil des Ge-</span><br/> <span class="text">bäudes C.-Markt 1 abhebt, das mit seinen massiven, aber klar struk-</span><br/> <span class="text">turierten, eher schwerfällig wirkenden Betonstützen dem momentan</span><br/> <span class="text">in Fachkreisen stark diskutierten Brutalismus, einem Architekturstil</span><br/> <span class="text">der Moderne, zugeordnet wird. Insofern ist die von der Vorinstanz</span><br/> <span class="text">für die Gebäude am C.-Marktplatz hervorgehobene Einheitlichkeit</span><br/> <span class="text">und Homogenität zu relativieren. Obschon das Gebäude C.-Markt 1</span><br/> <span class="text">durchaus sehr markant ist, fehlt es der baulichen Umgebung am C.-</span><br/> <span class="text">Marktplatz an charakteristischen oder typischen Elementen, die sich</span><br/> <span class="text">zu einem (harmonischen) Ensemble zusammenfügen und den</span><br/> <span class="text">Aussenraum dermassen stark prägen, dass sie jedwede andersartigen,</span><br/> <span class="text">einer anderen Zeitepoche entstammenden Bauten oder Anlagen von</span><br/> <span class="text">vornherein als erheblich störenden Eingriff oder Fremdkörper er-</span><br/> <span class="text">scheinen liessen.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 7 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">227</span> </div> <div class="page" id="S227"> <div role="main"> <span class="text">Hinzu kommt, dass der C.-Marktplatz - wie schon im Fachbe-</span><br/> <span class="text">richt vom 3. November 2016 und von der Vorinstanz übereinstim-</span><br/> <span class="text">mend festgestellt und an der Augenscheinsverhandlung vor dem Ver-</span><br/> <span class="text">waltungsgericht verifiziert - aufgrund seiner zentralen Lage zwi-</span><br/> <span class="text">schen dem Bahnhof und dem Stadtzentrum respektive der Altstadt</span><br/> <span class="text">ein sehr belebter Ort mit vielen Passanten ist. Im gesamten Bereich</span><br/> <span class="text">sind mehrere Verkaufsgeschäfte untergebracht, die mit ihren Leucht-</span><br/> <span class="text">beschriftungen, Schaufenstern, hinter denen sich zum Teil grossfor-</span><br/> <span class="text">matige Bildschirme befinden, auf denen Videosequenzen gezeigt</span><br/> <span class="text">werden, und Warenauslagen im Freien bereits eine gewisse Unruhe</span><br/> <span class="text">erzeugen, was jedoch sehr gut zu der auf dem Platz herrschenden all-</span><br/> <span class="text">gemeinen geschäftigen Umtriebigkeit passt. Entsprechend dem Zo-</span><br/> <span class="text">nenzweck (§ 17 Abs. 1 BNO) stehen denn auch publikumsorientierte</span><br/> <span class="text">Nutzungen im Vordergrund. Der Ort ist geradezu auf eine kommer-</span><br/> <span class="text">zielle Nutzung und Modernität getrimmt. Er ist in keiner Weise mit</span><br/> <span class="text">einer beschaulichen Dorf- oder Altstadtzone vergleichbar. Speziell in</span><br/> <span class="text">den Arkaden der Gebäude C.-Markt 1 und 2 hat es sodann verschie-</span><br/> <span class="text">denste Elemente (herkömmliche Reklametafeln, Warenauslagen, In-</span><br/> <span class="text">formationskästen etc.), welche die baulichen Strukturen und angeb-</span><br/> <span class="text">lich klaren Linien verwischen. Die Einschätzung im Fachbericht vom</span><br/> <span class="text">3. November 2016, es bestehe an diesem Ort ein hohes öffentliches</span><br/> <span class="text">Interesse an einer ruhigen Gestaltung, kann daher nicht geteilt wer-</span><br/> <span class="text">den.</span><br/> <span class="text">Von einer qualitativ hochstehenden (architektonischen) Gestal-</span><br/> <span class="text">tung oder gar einer Visitenkarte für die ganze Stadt kann im Zusam-</span><br/> <span class="text">menhang mit dem C.-Marktplatz und den Gebäuden Nrn. TTT, VVV,</span><br/> <span class="text">WWW und UUU aus Sicht des Verwaltungsgerichts, dem als Fach-</span><br/> <span class="text">richter ein erfahrener diplomierter Architekt ETH angehört, ohnehin</span><br/> <span class="text">nicht gesprochen werden. Der mit roten Verbundsteinen belegte Platz</span><br/> <span class="text">fügt sich wenig harmonisch zwischen die erwähnten Gebäude ein.</span><br/> <span class="text">Ansprechend oder zum längeren Verweilen einladend ist dieser Ort</span><br/> <span class="text">primär aufgrund seiner verkehrstechnisch günstigen Lage und der</span><br/> <span class="text">vielen Verkaufsgeschäfte auf engem Raum sowie den dadurch</span><br/> <span class="text">bedingten Publikumsverkehr. Man geht in erster Linie dorthin, um</span><br/> <span class="text">einzukaufen, oder weil man Hektik und Betriebsamkeit sucht, nicht,</span><br/> <span class="text">um dieser zu entfliehen und seine Ruhe zu finden. Die beim Augen-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 8 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">228</span> </div> <div class="page" id="S228"> <div role="main"> <span class="text">schein vom 12. Juni 2018 thematisierten geplanten Massnahmen zur</span><br/> <span class="text">architektonischen Aufwertung des C.-Marktplatzes sind zu wenig</span><br/> <span class="text">konkret und aktuell, um beurteilen zu können, ob und inwiefern sie</span><br/> <span class="text">den vom C.-Marktplatz gewonnen Eindruck zu beeinflussen vermö-</span><br/> <span class="text">gen.</span><br/> <span class="text">Insgesamt konnte sich das Verwaltungsgericht an der Augen-</span><br/> <span class="text">scheinsverhandlung davon überzeugen, dass der C.-Marktplatz und</span><br/> <span class="text">die östlich und westlich daran angrenzenden Bauten (insbesondere</span><br/> <span class="text">die Gebäude Nrn. VVV und WWW) unabhängig davon, welchen</span><br/> <span class="text">ästhetischen Wert man den erwähnten Gebäuden zugesteht, kein</span><br/> <span class="text">Orts- und Strassenbild abgeben, das gegenüber Veränderungen des</span><br/> <span class="text">Bestehenden besonders sensibel reagieren würde.</span><br/> <span class="text">Die Unterführung im Gebäude Nr. WWW, wo Stele 4 platziert</span><br/> <span class="text">ist, verdient unter keinem Titel das Prädikat als schützenswertes</span><br/> <span class="text">Ortsbild, soweit man bei einer solchen gebäudeinternen, aber rund</span><br/> <span class="text">um die Uhr öffentlich zugänglichen Unterführung überhaupt von</span><br/> <span class="text">einem Ortsbild sprechen kann. Es ist eine gewöhnliche, wenn auch</span><br/> <span class="text">gut beleuchtete Unterführung ohne jede architektonische Finessen</span><br/> <span class="text">oder Höhepunkte. Der Umstand, dass die Unterführung - wie der C.-</span><br/> <span class="text">Marktplatz, der u.a. darüber erschlossen wird - gut frequentiert ist,</span><br/> <span class="text">bewirkt nicht per se ein schützenswertes Ortsbild. Die Unterführung</span><br/> <span class="text">besticht allein durch ihre Funktionalität, nicht durch gestalterische</span><br/> <span class="text">Elemente. Auch die beim Augenschein anwesende Fachberaterin</span><br/> <span class="text">Siedlungsentwicklung und Ortsbild äusserte sich kritisch zur Frage,</span><br/> <span class="text">ob man einer solchen Unterführung Ortsbildschutz zuteilwerden</span><br/> <span class="text">lassen kann.</span><br/> <span class="text">Vor diesem Hintergrund können weder der C.-Marktplatz mit</span><br/> <span class="text">den östlich und westlich daran angrenzenden Bauten noch die Unter-</span><br/> <span class="text">führung im Gebäude Nr. WWW als Orte mit erhöhter Empfindlich-</span><br/> <span class="text">keit gegenüber Einwirkungen durch neuartige Elemente qualifiziert</span><br/> <span class="text">werden. Im Unterschied zum Sachverhalt, den das Bundesgericht im</span><br/> <span class="text">Urteil vom 8. Januar 2008 (1C_12/2007) zu beurteilen hatte, zeich-</span><br/> <span class="text">nen sich die für die Werbemonitoren ausgewählten Standorte nicht</span><br/> <span class="text">durch das Vorhandensein historisch schutzwürdiger Gebäude, klein-</span><br/> <span class="text">räumige Verhältnisse (Stichwort: Altstadtgässchen) oder ein denk-</span><br/> <span class="text">malpflegerisch sensibles Umfeld aus. Entsprechend moderat ist im</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 9 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">229</span> </div> <div class="page" id="S229"> <div role="main"> <span class="text">vorliegenden Fall das Interesse an der Erhaltung eines kaum (Unter-</span><br/> <span class="text">führung) oder zumindest nicht ausgeprägt (C.-Marktplatz) schützens-</span><br/> <span class="text">werten Ortsbildes. Nur eine einigermassen schwerwiegende Beein-</span><br/> <span class="text">trächtigung des Ortsbildes darf daher zur Verweigerung der von der</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführerin nachgesuchten Baubewilligung führen.</span><br/> <span class="text">4.2.2.</span><br/> <span class="text">4.2.2.1.</span><br/> <span class="text">Vorab ist sicherzustellen, dass bei der Beurteilung der Störungs-</span><br/> <span class="text">wirkung der einzelnen Stelen wirklich gestalterische Fragen im Vor-</span><br/> <span class="text">dergrund stehen und die Verweigerung der Baubewilligung nicht auf</span><br/> <span class="text">einer (sachfremden) generellen Ablehnung dieser Art kommerzieller</span><br/> <span class="text">Tätigkeit (Ausstrahlung von Werbebotschaften im öffentlichen Raum</span><br/> <span class="text">via bewegte Bilder auf einem selbstleuchtenden Bildschirm) beruht</span><br/> <span class="text">(vgl. dazu das Urteil des Bundesgerichts vom 28. Oktober 2002</span><br/> <span class="text">[1P.280/2002], Erw. 3.5.2). Der vom Stadtrat B. angeführte Schutz</span><br/> <span class="text">des Publikums vor dauerhafter Reklameberieselung ist insofern kein</span><br/> <span class="text">taugliches Argument, um einer Reklameanlage die Bewilligung aus</span><br/> <span class="text">ästhetischen Gründen zu versagen. Unerheblich ist ferner der nicht</span><br/> <span class="text">gestalterisch motivierte Einwand im Fachbericht vom 3. November</span><br/> <span class="text">2016, wonach der Spickel zwischen den Stelen 2 und 3 und den da-</span><br/> <span class="text">nebenstehenden Betonsäulen als Abfallecke (für Zigarettenkippen)</span><br/> <span class="text">missbraucht werde. Allfällige Sicherheitsbedenken des Stadtrats B.,</span><br/> <span class="text">der offenbar befürchtet, vor der Stele 4 könnten sich grössere Men-</span><br/> <span class="text">schenansammlungen bilden, die den Durchgang behindern, die Stele</span><br/> <span class="text">1 könnte in einem gefährlichen Masse von der automatisch bedienten</span><br/> <span class="text">Glasschiebetüre beim Eingang zum D.-Center ablenken, oder aber</span><br/> <span class="text">die oberirdischen Stelen könnten generell Radfahrer und Mütter mit</span><br/> <span class="text">Kinderwagen ablenken und dadurch den Fussgänger- und Fahrrad-</span><br/> <span class="text">verkehr gefährden, wären offen als sicherheitstechnischer Mangel</span><br/> <span class="text">des Bauvorhabens zu deklarieren, der gegebenenfalls - die im vorlie-</span><br/> <span class="text">genden Fall angeführten Sicherheitsbedenken erscheinen allerdings</span><br/> <span class="text">unbegründet - als Grundlage für die Verweigerung einer Baubewillli-</span><br/> <span class="text">gung herangezogen werden kann. Mit einem ästhetischen Hindernis</span><br/> <span class="text">hat das Ganze jedoch nichts zu tun.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 10 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">230</span> </div> <div class="page" id="S230"> <div role="main"> <span class="text">4.2.2.2.</span><br/> <span class="text">Der Stadtrat B. und die Vorinstanz messen den Stelen offenbar</span><br/> <span class="text">ein enormes Störungspotenzial bei. Der Stadtrat lässt in den Rechts-</span><br/> <span class="text">schriften ans Verwaltungsgericht ausführen, die grossformatigen</span><br/> <span class="text">Bildschirme zeigten pauschale Abläufe bewegter, künstlicher Bilder,</span><br/> <span class="text">was in keiner Zone, also auch nicht in der Cityzone, wesenskonform</span><br/> <span class="text">sei. Mit Hilfe bewegter Bilder oder Filmsequenzen werde beabsich-</span><br/> <span class="text">tigt, zu Werbezwecken auf eine möglichst grosse Entfernung eine</span><br/> <span class="text">entsprechend weiträumige visuelle Aufmerksamkeit auf die Bild-</span><br/> <span class="text">schirme zu lenken. Damit gehe eine Beeinträchtigung des Orts-,</span><br/> <span class="text">Quartier- und Strassenbildes einher. Ein ausreichender Bezug zur Ar-</span><br/> <span class="text">chitektur der C.-Marktüberbauung könne unter diesen Umständen a</span><br/> <span class="text">priori nicht hergestellt werden, unabhängig von der Positionierung</span><br/> <span class="text">der einzelnen Stelen. Die selbstleuchtenden und animierten Bild-</span><br/> <span class="text">schirme bildeten ein völlig neues Element in der Umgebung und ver-</span><br/> <span class="text">ursachten durch die Aufmerksamkeit, die sie auf sich zögen, Unruhe.</span><br/> <span class="text">Deshalb seien die Stelen als störender Fremdkörper zu qualifizieren.</span><br/> <span class="text">Dabei gehe es nicht primär um die Wirkung auf die umliegenden Ge-</span><br/> <span class="text">bäude und deren Architektur, sondern auf den öffentlichen Raum. In</span><br/> <span class="text">der Dämmerung und Dunkelheit, die im Winterhalbjahr vor den La-</span><br/> <span class="text">denschliessungszeiten einsetze, werde diese Wirkung noch verstärkt.</span><br/> <span class="text">Ein Vergleich mit viel weniger aufdringlich positionierten Bildschir-</span><br/> <span class="text">men (von TV-Geräten und Computern) in Schaufenstern sei nicht zu-</span><br/> <span class="text">lässig.</span><br/> <span class="text">Im Bericht vom 3. November 2016 hielt der Fachberater OSS</span><br/> <span class="text">fest, dass die Anzahl Reklameanlagen in realisierter Grösse im Be-</span><br/> <span class="text">reich des C.-Markts grundsätzlich denkbar sei. Bei der Positionie-</span><br/> <span class="text">rung müsse aber eine sorgfältige Einpassung in den Kontext gewähr-</span><br/> <span class="text">leistet sein, damit die Elemente nicht störend wirkten. Es sei davon</span><br/> <span class="text">auszugehen, dass der Betrieb der Stelen (Ausstrahlung von animier-</span><br/> <span class="text">ten Bildern) den öffentlichen Raum deutlich mehr beeinflusse als die</span><br/> <span class="text">schiere Grösse der Objekte. Die Stele 1, die neben dem Hauptzugang</span><br/> <span class="text">zum Gebäude am C.-Markt 2 direkt und parallel zur Fassade ange-</span><br/> <span class="text">ordnet sei, sei zweckmässig positioniert und auf die Architektur des</span><br/> <span class="text">Gebäudes abgestimmt. Hingegen werde die Position der schräg zur</span><br/> <span class="text">Gebäudestruktur und direkt auf den Passantenstrom ausgerichteten</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 11 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">231</span> </div> <div class="page" id="S231"> <div role="main"> <span class="text">Stelen 2 und 3 als störend beurteilt. Der Bezug zur Architektur des</span><br/> <span class="text">Gebäudes sei zu wenig gegeben. Die direkte Ausrichtung auf die</span><br/> <span class="text">Fussgänger wirke aufdringlich. Aufdringlich wirke auch die Stele 4,</span><br/> <span class="text">die im Zugangsbereich zu den Rolltreppen vor einer grossen runden</span><br/> <span class="text">Säule frontal in Bewegungsrichtung positioniert sei. Die Formen der</span><br/> <span class="text">Stele und der Säule konkurrenzierten sich gegenseitig.</span><br/> <span class="text">An der Augenscheinsverhandlung vom 12. Juni 2018 ergänzte</span><br/> <span class="text">die Fachberaterin Siedlungsentwicklung und Ortsbild, aus ihrer Sicht</span><br/> <span class="text">sei der Standort der Stelen 2 und 3 vor allem deshalb kritisch, weil</span><br/> <span class="text">die Betonstützen als wichtiges gestalterisches Element des Gebäudes</span><br/> <span class="text">C.-Markt 1 dadurch marginalisiert würden. Daran würde sich auch</span><br/> <span class="text">dann nichts ändern, wenn man die Stelen parallel zu den Stützen an-</span><br/> <span class="text">ordne. Sie gehörten dort ganz einfach nicht hin. Das Ziel seien mög-</span><br/> <span class="text">lichst nackte und unberührte Stützen. Selbst Papierplakate wären an</span><br/> <span class="text">der fraglichen Stelle nicht optimal. Schliesslich sei es auch die Men-</span><br/> <span class="text">ge, die problematisch sei. Es habe in der Nähe der Stützen schon ver-</span><br/> <span class="text">schiedene störende Elemente. Hingegen wirke die Positionierung der</span><br/> <span class="text">Stele 1 für sich genommen nicht störend. Sie sei parallel zur dahin-</span><br/> <span class="text">terliegenden Fassade angeordnet. Doch auch dort werde der öffentli-</span><br/> <span class="text">che Raum durch die bewegten Bilder beeinträchtigt. Die Stele 4 in</span><br/> <span class="text">der Unterführung wirke in diesem engen Raum massiv, störe sie aber</span><br/> <span class="text">wesentlich weniger als die Stelen an den übrigen Standorten, vor</span><br/> <span class="text">allem diejenigen an den Positionen 2 und 3.</span><br/> <span class="text">4.2.2.3.</span><br/> <span class="text">Die zitierten Ausführungen des Stadtrats und der kantonalen</span><br/> <span class="text">Fachpersonen vermögen das Verwaltungsgericht nicht zu überzeugen</span><br/> <span class="text">und sind auch nicht in allen Teilen nachvollziehbar. Mit Blick darauf,</span><br/> <span class="text">dass nur <i>erheblich</i> störende Elemente zur Verweigerung einer Baube-</span><br/> <span class="text">willigung gestützt auf § 42 Abs. 2 BauG führen dürfen, gilt es Fol-</span><br/> <span class="text">gendes in Betracht zu ziehen:</span><br/> <span class="text">Die Fernwirkung der Bildschirme respektive der darauf einge-</span><br/> <span class="text">spielten (nur teilweise bewegten) Bilder wird namentlich vom Stadt-</span><br/> <span class="text">rat beträchtlich überschätzt. Ihre Wirkung ist insbesondere nicht in-</span><br/> <span class="text">tensiver als diejenige eines grossformatigen TV-Bildschirms hinter</span><br/> <span class="text">einem Schaufenster, von denen es am C.-Marktplatz einige gibt. Weil</span><br/> <span class="text">der C.-Marktplatz insgesamt sehr geschäftig und eher unruhig wirkt</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 12 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">232</span> </div> <div class="page" id="S232"> <div role="main"> <span class="text">(vgl. Erw. 4.2.1 vorne), kann auch nicht gesagt werden, dass die be-</span><br/> <span class="text">wegten Bilder auf den Bildschirmen der Stelen automatisch die Auf-</span><br/> <span class="text">merksamkeit der Passanten auf sich ziehen und Unruhe in einen an-</span><br/> <span class="text">sonsten ruhigen öffentlichen Raum bringen würden. Für Standbilder</span><br/> <span class="text">gilt das ohnehin nicht. Effektiv werden die Stelen, die aufgrund ihrer</span><br/> <span class="text">Positionierung nicht alle von einem Ort aus gleichzeitig einsehbar</span><br/> <span class="text">sind, wenn überhaupt, erst auf relativ kurze Distanz wahrgenommen.</span><br/> <span class="text">Die meisten Passanten schenken ihnen nach den am Augenschein ge-</span><br/> <span class="text">machten Erfahrungen keine grössere Beachtung. Dass die Bildschir-</span><br/> <span class="text">me in der Dämmerung und Dunkelheit auffälliger sind als bei (hel-</span><br/> <span class="text">lem) Tageslicht, liegt in der Natur der Sache. Doch auch in diesen</span><br/> <span class="text">Phasen dürften sie inmitten der beleuchteten Schaufenster mit ande-</span><br/> <span class="text">ren Bildschirmen mit bewegten Bildern und vergleichbarer Leucht-</span><br/> <span class="text">kraft entlang des C.-Marktplatzes keine besondere Aufmerksamkeit</span><br/> <span class="text">erregen. Ganz abgesehen davon könnten die Betriebszeiten mittels</span><br/> <span class="text">Auflage in der Baubewilligung (z.B. auf die Ladenöffnungszeiten)</span><br/> <span class="text">eingeschränkt werden. Auch mit Bezug auf die Animationstiefe der</span><br/> <span class="text">bewegten Bilder könnten der Betreiberin Vorgaben gemacht werden.</span><br/> <span class="text">Dass die mehrere Meter hohen, alles andere als filigranen Be-</span><br/> <span class="text">tonstützten des Gebäudes C.-Markt 1 durch die um ein Vielfaches ge-</span><br/> <span class="text">ringer dimensionierten Metallstelen marginalisiert werden könnten,</span><br/> <span class="text">ist schwer vorstellbar. Der Sichtweise der Fachberaterin Siedlungs-</span><br/> <span class="text">entwicklung und Ortsbild, die sich im Sinne eines Idealzustands</span><br/> <span class="text">möglichst unverstellte Säulen wünscht, mag man in fachlicher Hin-</span><br/> <span class="text">sicht zustimmen. Das heisst aber noch lange nicht, dass die Stelen</span><br/> <span class="text">das ästhetische Empfinden des Durchschnittsbetrachters erheblich</span><br/> <span class="text">stören würden. Sie treten gegenüber den Säulen eher in den Hinter-</span><br/> <span class="text">grund und fügen sich, vor allem an der Position 2, in die dahinterlie-</span><br/> <span class="text">gende Fassade des Einkaufszentrums und die weiteren sich an und</span><br/> <span class="text">vor der Fassade befindlichen Kleinanlagen (Leuchtbeschriftungen,</span><br/> <span class="text">Informationstafeln, Briefkästen, Warenauslagen etc.) ein. Es besteht</span><br/> <span class="text">möglicherweise kein Bezug zwischen den Stelen und der Architektur</span><br/> <span class="text">des Gebäudes, aber sehr wohl zwischen dem Zweck der Stele als</span><br/> <span class="text">Werbe- und Informationsplattform und der Nutzung des Gebäudes</span><br/> <span class="text">als Einkaufszentrum. Andererseits büssen die Stützen durch die</span><br/> <span class="text">Stelen nichts von ihrer Prominenz ein.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 13 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">233</span> </div> <div class="page" id="S233"> <div role="main"> <span class="text">Schliesslich wirken die Stelen an keinem der gewählten Stand-</span><br/> <span class="text">orte besonders aufdringlich, auch wenn sie so ausgerichtet sind, dass</span><br/> <span class="text">sie von den Passanten wahrgenommen werden, was als Werbe- und</span><br/> <span class="text">Informationsplattform letztlich ihr Daseinszweck ist. Sie stehen aber</span><br/> <span class="text">nicht in der Mitte des belebten Platzes, gewissermassen in Solitär-</span><br/> <span class="text">stellung, sondern eher peripher unter Arkaden bzw. in einer Unter-</span><br/> <span class="text">führung, jeweils neben anderen Fassaden- oder Stützelementen. In-</span><br/> <span class="text">wiefern die in der Unterführung positionierte Stele 4 mit der weissen</span><br/> <span class="text">Säule, vor der sie steht, in Konkurrenz treten soll, ist nicht ersicht-</span><br/> <span class="text">lich. Die weisse Säule hat eine statische Funktion und ist mit Sicher-</span><br/> <span class="text">heit kein Bauteil, das die Aufmerksamkeit des Publikums in irgendei-</span><br/> <span class="text">ner Art und Weise erheischt oder auf sich ziehen will. Sie kann ganz</span><br/> <span class="text">oder teilweise verdeckt werden, ohne negative Implikationen auf das</span><br/> <span class="text">Erscheinungsbild der Unterführung. Die Enge des Raums mag für</span><br/> <span class="text">Passanten ein Ärgernis sein, was aber nichts mit der Stele oder deren</span><br/> <span class="text">ästhetischer Wirkung zu tun hat.</span><br/> <span class="text">Im gesamten Kontext muss man sich noch einmal vor Augen</span><br/> <span class="text">halten, dass sich die Stelen nicht im Sinne der positiven ästhetischen</span><br/> <span class="text">Generalklausel (§ 42 Abs. 1 BauG) gut oder sogar optimal in die</span><br/> <span class="text">bauliche Umgebung einordnen müssen. Eine Abstimmung auf die</span><br/> <span class="text">umliegenden Bauten und Bauteile dergestalt, dass eine positiv zu</span><br/> <span class="text">würdigende Bezugnahme hergestellt wird, ist nicht erforderlich. Es</span><br/> <span class="text">genügt, wenn eine erhebliche negative Beeinflussung ausbleibt. Eine</span><br/> <span class="text">solche ist aus den oben dargelegten Gründen klar zu verneinen. We-</span><br/> <span class="text">der in Bezug auf die Gebäude C.-Markt 1 und 2 noch auf den öffent-</span><br/> <span class="text">lichen Raum (auf dem C.-Marktplatz) findet eine erhebliche Beein-</span><br/> <span class="text">trächtigung statt. Die gegenteilige Auslegung des Stadtrats B. ist vom</span><br/> <span class="text">Wortlaut und vom Sinn und Zweck von § 42 Abs. 2 BauG nicht mehr</span><br/> <span class="text">gedeckt und stellt eine Rechtsverletzung dar. Aufgrund dessen darf</span><br/> <span class="text">das Verwaltungsgericht auch mit Rücksicht auf die Gemeindeautono-</span><br/> <span class="text">mie und den dadurch bedingten grossen Ermessensspielraum der</span><br/> <span class="text">Stadt B. in ästhetischen Fragen korrigierend eingreifen. § 42 Abs. 2</span><br/> <span class="text">BauG bietet der Baubewilligungsbehörde keine Handhabe, der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführerin die für die streitgegenständlichen Stelen nachge-</span><br/> <span class="text">suchte Baubewilligung aus ästhetischen Gründen zu verweigern.</span><br/> </div> </div> </body> </html>