B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2666/2023 U r t e i l v o m 1 6 . M a i 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Constance Leisinger, mit Zustimmung von Richter David R. Wenger; Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 2. Mai 2023 / N (…). E-2666/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 11. April 2023 in der Schweiz um Asyl. Am 17. April 2023 nahm das SEM seine Personalien auf (PA). B. Ein vom SEM durchgeführter Abgleich mit der europäischen Fingerab- druck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 25. März 2023 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt hatte. Das SEM ersuchte daher die kroatischen Behörden am 14. April 2023 um Übernahme des Be- schwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitglied- staats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). C. Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 21. April 2023 im Rahmen des Dublin-Gesprächs nach Art. 5 Dublin -III-VO das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Über- stellung nach Kroatien, dessen Zuständigkeit für die Behandlung des Asyl- gesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdeführer erklärte, er habe sich zwei Wochen in Kroatien auf- gehalten. Von den kroatischen Behörden sei er aufgegriffen und gezwun- gen worden, seine Fingerabdrücke abzugeben. Er sei heftig geschl agen worden, auch weil er Kurde sei. Zwei Tage sei er in einer Zelle festgehalten worden. Er sei mit 14 anderen Personen zusammen gewesen. Man habe sie nicht zur Toilette gelassen, ihnen kein Essen und nichts zu Trinken ge- geben. Als er einmal nach der Toil ette gefragt habe, sei ihm die (…) ver- dreht worden, die immer noch geschwollen sei. Nach der Inhaftierung habe man ihn zum Busbahnhof gebracht und er sei aufgefordert worden, das Land zu verlassen. Er sei mittels Schlepper zu einem Haus im Wald an der Grenze zu Slowenien gebracht worden, wo er zwölf Tage verbracht habe. Dort sei er mehrmals aufgegriffen und durch die kroatische Polizei unter unwürdigen Bedingungen untersucht und geschlagen worden. Ausserdem erklärte er, beim ersten Versuch nach Kroatien zu gelangen, hätten die kro- atischen Behörden ihn auch einmal nach Bosnien und Herzegowina zu- rückgeschickt. Psychisch gehe es ihm aufgrund des in Kroatien Erlebten E-2666/2023 Seite 3 nicht gut. Bei einer Überstellung nach Kroatien befürchte er direkt in die Türkei zurückgeschickt zu werden. D. Die kroatischen Behörden liessen das Gesuch des SEM um Wiederauf- nahme unbeantwortet. Die Vorinstanz wies die kroatischen Behörden am 2. Mai 2023 auf die Verfristung und deren grundsätzliche Zuständigkeit zur Behandlung des Asylgesuchs hin. E. Mit Verfügung vom 2. Mai 2023 – eröffnet am 3. Mai 2023 – trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Über- stellung nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus- händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be- schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. F. Am 10. Mai 2023 gelangte der Beschwerdeführer mit einer Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfü- gung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylge- such einzutreten und sein Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen. Eventualiter sei der Entscheid der Vorinstanz aufzuheben und die Angele- genheit zur weiteren Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an diese zurückzuweisen. Subeventualtier sei die Vorinstanz anzuweisen, von den zuständigen Behörden Zusicherungen einzuholen, dass sie ihm ab dem Zeitpunkt der Ankunft in Kroatien umgehend Obdach, Nahrung, eine adä- quate regelmässige medizinische sowie psychologische Behandlung zur Verfügung stellen würden. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei der Beschwerde die auf- schiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde sei anzuweisen, von einer Überstellung nach Kroatien abzusehen, bis das Bundesverwal- tungsgericht über die Beschwerde entschieden habe. Des Weiteren bean- tragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. G. Am 11. Mai 2023 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori- schen Vollzugsstopp an. E-2666/2023 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG (SR 142.31) nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh- rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei- ten Rich ters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari- scher Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1 Der Beschwerdeführer rügt im Sinne formeller Verfahrensrügen eine unvollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts durch die Vorinstanz sowie die Verletzung des rechtlichen Gehörs und der Begrün- dungspflicht. Im Wesentlichen macht er geltend, die Vorinstanz habe sich nicht mit sei- nem Einzelfall auseinandergesetzt, indem sie nicht berücksichtigt habe, dass er physischer und psychischer Gewalt in Kroatien ausgesetzt gewe- sen sei. Auch habe sie die Frage der Kettenabschiebung nicht geprüft. Sie habe sich zudem zu wenig mit der Frage nach systemischen Schwachstel- len in Kroatien befasst und diesbezüglich lediglich pauschal darauf E-2666/2023 Seite 5 verwiesen, dass es keine wesentlichen Gründe für eine solche Annahme gebe. Auch habe sie seine medizinischen Probleme nicht hinreichend be- rücksichtigt (vgl. Beschwerde S. 10 f.). 4.2 4.2.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be- hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung de s rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Ihre Grenze findet die Unters uchungspflicht in der Mitwir- kungspflicht der Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien sodann Anspruch auf rechtli- ches Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die ei- ner Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Stand- punkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be- hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk- ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück- lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 4.2.2 Im Hinblick auf die Rüge hinsichtlich unterlassener Abklärungen und einer fehlenden Auseinandersetzung zum kroatischen Asyl - und Aufnah- mesystem durch Kroatien ist auf die von der Vorinstanz durchgeführten umfangreichen Abklärungen über die Schweizer Botschaft vor Ort, die Kon- sultation von öffentlichen Quellen und die persönlichen Gespräche mit ver- schiedenen Akteuren (Ministerien, UNHCR, lokalen Nichtregierungsorga- nisationen, diplomatischen Vertretungen, etc.) zu verweisen. Die Erkennt- nisse dieser Abklärungen hat sie in die angefochtene Verfügung aufgenom- men und sich einlässlich mit der Frage auseinandergesetzt, ob hinsichtlich des Asylverfahrens und der Aufnahmebedingungen für Asylsu chende in Kroatien die Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK und damit systemische Mängel zu bejahen seien, was verneint wird. Auch hat sie sich zur Frage der Kettenabschiebung in der Verfügung geäussert. Die Vorinstanz hat sich sodann einlässlich zu den vom Beschwerdeführer E-2666/2023 Seite 6 geltend gemachten psychischen Übergriffen in Kroatien und seiner psychi- schen Situation geäussert. Ausserdem hat sie klar dargelegt, weshalb aus ihrer Sicht der medizinische Sachverhalt genügend erstellt sei und zeigt sodann auf, dass er sich bei allfälligen vorhandenen gesundheitlichen Be- schwerden auch in Kroatien behandeln lassen könne. 4.2.3 Der blosse Umstand, dass der Beschwerdeführer die Beurteilung des von ihm dargelegten Sachverhalts durch das SEM nicht teilt, stellt weder eine Verletzung der Begründungspflicht, des Anspruchs auf rechtliches Ge- hör im engeren Sinn noch der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklä- rung des rechtserheblichen Sachverhalts dar. Eine Rückweisung der Sa- che zwecks weiterer Abklärungen und Neubeurteilung steht damit nicht zur Debatte. Der entsprechende Antrag ist abzuweisen. Ob die materielle Be- urteilung des SEM zutrifft, ist nachfolgend zu prüfen. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestim mung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeit gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mit- gliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an- deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). Im Rahmen eines solchen Wiederaufnahme- verfahrens (engl.: Take back) findet grundsätzlich keine (erneute) Zustän- digkeitsprüfung nach Kapitel III st att (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). E-2666/2023 Seite 7 5.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU- Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mi tglied- staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be- schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten- losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sogenanntes Selbstein- trittsrecht). 5.5 Vorliegend ergab ein Abgleich der Fingerabdrücke de s Beschwerde- führers, dass er am 25. März 2023 in Kroatien daktyloskopisch erfasst wurde. Gleichentags stellte er gemäss Auszug aus der «Eurodac»-Daten- bank ein Asylgesuch. Die kroatischen Behörden liessen das Wiederauf- nahmeersuchen der Vorinstanz vom 14. April 2023 innert Frist unbeant- wortet. Damit ist gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b i.V.m. Art. 23 und 25 Dublin-III-VO die Zuständigkeit Kroatiens grundsätzlich gegeben. 5.6 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/ 32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per- sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er- geben. E-2666/2023 Seite 8 5.7 Im kürzlich ergangenen und als Referenzurteil zu publizierenden Urteil E-1488/2020 vom 22. März 2023 hat sich das Bundesverwaltungsgericht einlässlich mit der Situation von Dublin -Rückkehrern in Kroatien b efasst. Dabei hat es festgehalten, dass im heutigen Zeitpunkt keine Hinweise für die Annahme vorliegen, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen von Antragstellenden in Kroatien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO auf, die eine Überstellung generell als unzulässig erscheinen liessen. Dies gelte sowohl für das Aufnahmeverfahren (Take charge) als auch für das Wiederaufnah- meverfahren (Take back, vgl. a.a.O. E. 9.5). Auch unter Berücksichtigun g der vom Beschwerdeführer geschilderten Erlebnisse während seines Auf- enthalts in Kroatien, insbesondere während seiner Haft (Schläge, unwür- dige Behandlung, unzureichende Versorgung etc.) – welche sich ereignet haben sollen, ist – ungeachtet der Frage nach deren Glaubhaftigkeit – nicht davon auszugehen, Kroatien verstosse zum heutigen Zeitpunkt systema- tisch gegen seine vertraglichen Verpflichtungen als zuständiger Dublin-Mit- gliedstaat im Falle einer Rücküberstellung von Asylsuchenden (vgl. auch zum Problem der Transitmigration a.a.O. E. 7). 5.8 Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. 6. 6.1 Auch hat die Vorinstanz zutreffend einen Selbsteintritt der Schweiz nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin -III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) verneint. Dies aus den nachfolgenden Gründen: 6.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe in Kroatien keine medizini- sche Behandlung erhalten , nachdem er an der (…) verletzt worden sei. Man habe Gewalt gegen ihn angewendet und es sei mithin nicht garantiert, dass in Kroatien ein faires Asylverfahren gewährleistet sei und er Zugang zu einer angemessenen Unterbringung und medizinischer Versorgung hätte. Berichte verschi edener Menschenrechtsorganisationen sowie die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) und des Europäischen Komitees zur Verhütung von Folter und unmenschliche Behandlung oder Strafe (CPT) würden die menschenun- würdigen Zustände in Kroatien bestätigen. 6.3 Das Bundesverwaltungsgericht anerkennt, dass das Verhalten der kro- atischen Grenzbehörden und die Behandlung von Asylsuchenden im E-2666/2023 Seite 9 Rahmen der Erstaufnahme bis zur Gesuchstellung in Kroatien problema- tisch ist. Der Beschwerdeführer konnte jedoch nicht darlegen, dass die ihm bei einer Rückführung im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Kroatien zu erwartenden Bedingungen derart schlecht sind, dass diese zu einer Verlet- zung von Art. 3 EMRK führen könnten. Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass er sich nach der Dublin -Rücküberstellung in einer anderen Situation als bei seiner vorherigen Einreise nach Kroatien befin- den wird (vgl. zit. Urteil des BVGer E-1488/2020 E. 9.4). Auf Beschwerde- ebene wird nichts vorgebracht, was an den Feststellungen des Gerichts etwas zu ändern vermag. Kroatien ist ein Rechtsstaat mit einem funktio- nierenden Justizsystem. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschrän- kung der ih m zustehenden Aufnahmebedingungen könnte sich d er Be- schwerdeführer an die kroatischen Behörden wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Dies gilt auch in Bezug auf die geltend gemachte Behandlung seitens der kroati- schen Behörden. Den Akten sind denn auch keine konkreten, d en Be- schwerdeführer betreffenden Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kro- atien werde ihn nach der Rücküberstellung im Rahmen des vorliegenden Dublin-Verfahrens ohne Prüfung seiner Asylgründe in den Heimatstaat überführen und ihn somit unter Missachtung des Non-Refoulement-Gebots zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, Leben oder seine Frei- heit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet wäre oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ei n solches Land gezwungen zu werden. 6.4 6.4.1 Des Weiteren liegen keine konkreten Anhaltspunkte vor, wonach die Gesundheit des Beschwerdeführers bei einer Überstellung nach Kroatien ernsthaft gefährdet würde. 6.4.2 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen stellt nämlich nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Be- handlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund- heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). E-2666/2023 Seite 10 6.4.3 Die von i hm geltend gemachten gesundheitlichen Beeinträchtigun- gen (Verletzung an […], psychische Beschwerden), welche gemäss seinen Angaben ärztlich bis anhin noch nicht untersucht worden seien, sind nicht derart gravierend, dass sie einer Überstellung nach Kroatien entgegenste- hen würden. Von einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK im Sinne eines «real risk» aufgrund der gesundheitlichen Beschwerden ist nicht aus- zugehen. Die Dublin -Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellen- den die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notver- sorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten um- fasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie). Antrag- stellenden Personen mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche me- dizinische oder sonstige Hilfe, einschliesslich psychologischer Betreuung, zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). 6.5 Folglich droht keine Verletzung von Art. 3 EMRK, weshalb die Schweiz nicht zum Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflic htet ist. Den Akten sind sodann keine Hinweise auf eine gesetzeswidrige Ermes- sensausübung (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.) oder ein Über- oder Unterschrei- ten des Ermessens (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG) durch die Vorinstanz zu entnehmen. 6.6 Bei dieser Sachlage besteht im Übrigen auch keine Veranlassung all- fällige Zusicherungen der kroatischen Behörden einzuholen, weshalb der entsprechende – subeventualiter – gestellte Antrag abzuweisen ist. 7. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch de s Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die Wegweisung nach Kroatien angeordnet. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. 8. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 11. Mai 2023 angeordnete Voll- zugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos geworden. Ebenso verhält es sich mit dem Gesuch um Erlass von der Kostenvorschusspflicht. 9. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist unge- achtet der Frage nach der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers abzuwei- sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt E-2666/2023 Seite 11 – von Anfang an als aussichtslos zu bezeichnen waren. Die Verfahrens- kosten sind de m Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-2666/2023 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Claudia Jorns Morgenegg Versand: