<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">214</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>35</b></span> <span class="ft3"><b>Sozialhilfe; Anrechnung hypothetischer eigener Mittel</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die unter dem Vorwand des Wegzugs erwirkte Auszahlung eines Frei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zügigkeitsguthabens stellt in Verbindung mit einer objektiv unvernünfti-</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">215</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>gen Mittelverwendung und der Verletzung der Meldepflicht ein rechts-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>missbräuchliches Verhalten dar, welches die Anrechnung hypothetischer</b></span><br/> <span class="ft3"><b>eigener Mittel rechtfertigt.</b></span><br/> <span class="ft4">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 28. April 2016 in Sachen</span><br/> <span class="ft4">A. gegen Sozialkommission B. und Departement Gesundheit und Soziales</span><br/> <span class="ft4">(WBE.2015.450).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">1.-3. (...)</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Rechtsanspruch auf Sozialhilfe besteht nach Art. 12 BV</span><br/> <span class="ft1">und § 39 KV sowie den gesetzlichen Bestimmungen für die Exis-</span><br/> <span class="ft1">tenzsicherung gemäss § 4 Abs. 1 SPG i.V.m. § 3 Abs. 1 SPV unter</span><br/> <span class="ft1">der Voraussetzung, dass eine Notlage besteht und derjenige, der in</span><br/> <span class="ft1">Not gerät, nicht in der Lage ist, rechtzeitig für sich zu sorgen (vgl.</span><br/> <span class="ft1">BGE 130 I 71, Erw. 4.3; AGVE 2005, S. 293 mit Hinweisen). Damit</span><br/> <span class="ft1">wird der Grundsatz der Subsidiarität der Sozialhilfe ausgedrückt. Die</span><br/> <span class="ft1">Hilfe suchende Person ist verpflichtet, sich nach Möglichkeit selbst</span><br/> <span class="ft1">zu helfen; sie muss alles Zumutbare unternehmen, um eine Notlage</span><br/> <span class="ft1">aus eigenen Kräften abzuwenden oder zu beheben (BGE 130 I 71,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 4.1; SKOS-Richtlinien, Kapitel A.4). Zu den zumutbaren und</span><br/> <span class="ft1">subsidiären Hilfsquellen zählen neben der Möglichkeit der Selbst-</span><br/> <span class="ft1">hilfe sowie Leistungsverpflichtungen Dritter auch freiwillige</span><br/> <span class="ft1">Leistungen Dritter, die ohne rechtliche Verpflichtung erbracht wer-</span><br/> <span class="ft1">den (SKOS-Richtlinien, A.4-2).</span><br/> <span class="ft1">Nach § 5 Abs. 1 SPG setzt der Anspruch auf Sozialhilfe unter</span><br/> <span class="ft1">anderem voraus, dass die eigenen Mittel nicht genügen. Als eigene</span><br/> <span class="ft1">Mittel bezeichnet das Gesetz namentlich Einkünfte und Zuwen-</span><br/> <span class="ft1">dungen aller Art sowie Vermögen (§ 11 Abs. 1 SPG). Der</span><br/> <span class="ft1">Vermögensfreibetrag beläuft sich auf Fr. 1'500.00 pro Person (§ 11</span><br/> <span class="ft1">Abs. 4 SPV). Voraussetzung der Anrechnung von Einkommen und</span><br/> <span class="ft1">Vermögen als eigene Mittel ist grundsätzlich die tatsächliche Verfüg-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">216</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">barkeit (Tatsächlichkeitsprinzip, vgl. G</span><span class="ft4">UIDO</span> <span class="ft1">W</span><span class="ft4">IZENT</span><span class="ft1">, Die sozial-</span><br/> <span class="ft1">hilferechtliche Bedürftigkeit, Zürich/St. Gallen 2014, S. 211 ff.).</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">4.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer macht geltend, die monatliche Anrech-</span><br/> <span class="ft1">nung eines Betrags von Fr. 153.00 als eigene Mittel erfolge rechts-</span><br/> <span class="ft1">widrig. Er habe mit dem ausbezahlten Freizügigkeitsguthaben von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 23'336.22 unter anderem Privatschulden in der Höhe von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 10'800.00 beglichen. Damit macht der Beschwerdeführer sinnge-</span><br/> <span class="ft1">mäss geltend, dass eine Anrechnung als eigene Mittel mangels</span><br/> <span class="ft1">Verfügbarkeit unzulässig sei.</span><br/> <span class="ft1">4.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz bringt dagegen vor, der Beschwerdeführer habe</span><br/> <span class="ft1">nicht ausreichend nachgewiesen, dass er den fraglichen Betrag tat-</span><br/> <span class="ft1">sächlich verbraucht habe. Damit sei die erneute Bedürftigkeit des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführers nicht nachgewiesen. In einem solchen Fall be-</span><br/> <span class="ft1">stehe grundsätzlich kein Anspruch auf ordentliche Sozialhilfe, son-</span><br/> <span class="ft1">dern nur ein Anspruch auf Nothilfe i.S.v. Art. 12 BV.</span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">4.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Nach § 17 VRPG ermitteln die Behörden den Sachverhalt, unter</span><br/> <span class="ft1">Beachtung der Vorbringen der Parteien, von Amtes wegen und stel-</span><br/> <span class="ft1">len die dazu notwendigen Untersuchungen an. Die behördliche</span><br/> <span class="ft1">Abklärungspflicht bezieht sich dabei nur auf den im Rahmen des</span><br/> <span class="ft1">streitigen Rechtsverhältnisses rechtserheblichen Sachverhalt. Rechts-</span><br/> <span class="ft1">erheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob</span><br/> <span class="ft1">über den streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In</span><br/> <span class="ft1">diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden zusätzliche Abklä-</span><br/> <span class="ft1">rungen stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu auf</span><br/> <span class="ft1">Grund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten er-</span><br/> <span class="ft1">gebender Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (VGE IV/81</span><br/> <span class="ft1">vom 29. November 2012 [WBE.2012.148], Erw. II/3.5). Der Unter-</span><br/> <span class="ft1">suchungsgrundsatz verpflichtet die rechtsanwendende Behörde dazu,</span><br/> <span class="ft1">vor der Entscheidfällung den rechtserheblichen Sachverhalt richtig</span><br/> <span class="ft1">und vollständig abzuklären, sie trägt die Verantwortung für die</span><br/> <span class="ft1">Beschaffung der Entscheidgrundlagen (AGVE 2002, S. 397 mit Hin-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">217</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">weisen; VGE IV/2 vom 25. Januar 2010 [WBE.2006.455],</span><br/> <span class="ft1">Erw. II/4.2.4).</span><br/> <span class="ft1">4.3.2.</span><br/> <span class="ft1">§ 2 SPG und § 1 SPV regeln die Mitwirkungs- und Melde-</span><br/> <span class="ft1">pflicht. Danach sind Personen, die Leistungen nach dem SPG geltend</span><br/> <span class="ft1">machen, beziehen oder erhalten haben, verpflichtet, über ihre</span><br/> <span class="ft1">Verhältnisse wahrheitsgetreu und umfassend Auskunft zu geben</span><br/> <span class="ft1">sowie Änderungen der Verhältnisse sofort zu melden (§ 2 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">SPG i.V.m. § 1 Abs. 1 und 2 SPV; SKOS-Richtlinien, Kapitel A.5.2).</span><br/> <span class="ft1">Für die Beweislast gilt im Verwaltungsprozess Art. 8 ZGB analog;</span><br/> <span class="ft1">die Folgen der Beweislosigkeit trägt jene Partei, die aus dem nicht</span><br/> <span class="ft1">bewiesenen Sachumstand Rechte ableitet (U</span><span class="ft4">LRICH</span> <span class="ft1">H</span><span class="ft4">ÄFELIN</span><span class="ft1">/G</span><span class="ft4">EORG</span><br/> <span class="ft1">M</span><span class="ft4">ÜLLER</span><span class="ft1">/F</span><span class="ft4">ELIX</span> <span class="ft1">U</span><span class="ft4">HLMANN</span><span class="ft1">,</span> <span class="ft1">Allgemeines</span> <span class="ft1">Verwaltungsrecht,</span><br/> <span class="ft1">7. Auflage, Zürich/St. Gallen 2016, N 988 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">4.4.</span><br/> <span class="ft1">4.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Laut Belastungsanzeige der Neuen Aargauer Bank wurden dem</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer Freizügigkeitsleistungen in der Höhe von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 23'336.22 ausbezahlt. Damit verfügte der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">spätestens dann über den Betrag. Nachdem er seinen Plan, nach</span><br/> <span class="ft1">Italien auszuwandern, nicht umgesetzt hatte, beglich er mit dem Geld</span><br/> <span class="ft1">eigenen Angaben zufolge Privatschulden. Soweit der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer damit geltend macht, er hätte das Freizügigkeitsguthaben be-</span><br/> <span class="ft1">reits verbraucht, hat er dessen Verwendung, sofern möglich, mit</span><br/> <span class="ft1">Quittungen nachzuweisen. Als Beleg reichte er der Vorinstanz auf</span><br/> <span class="ft1">deren Aufforderung hin eine handschriftlich verfasste Zusammenstel-</span><br/> <span class="ft1">lung der Mittelverwendung ein. Der Zusammenstellung sind die Be-</span><br/> <span class="ft1">gleichung diverser offener Rechnungen, unter anderem für die Miet-</span><br/> <span class="ft1">zinse Januar, März, April und Juni, Mietzinskaution und Zahlungen</span><br/> <span class="ft1">an das Betreibungsamt im Umfang von Fr. 9'737.00 sowie Ausgaben</span><br/> <span class="ft1">für zweimalige Reisen nach Italien in der Höhe von Fr. 4'400.00 zu</span><br/> <span class="ft1">entnehmen. Hinsichtlich der Mietzinse für die Monate Januar und</span><br/> <span class="ft1">März ist fragwürdig, ob der Beschwerdeführer tatsächlich eine Zah-</span><br/> <span class="ft1">lung getätigt hat; denn die monatliche Verrechnung der</span><br/> <span class="ft1">zweckentfremdeten materiellen Hilfe von Fr. 190.00 begleicht gerade</span><br/> <span class="ft1">diese ausgefallenen Mietzinse. Diese Ausgaben sind aber im vorlie-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">218</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">genden Verfahren nicht strittig, weshalb die Frage offen bleiben</span><br/> <span class="ft1">kann.</span><br/> <span class="ft1">Strittig sind hingegen die vom Beschwerdeführer geltend ge-</span><br/> <span class="ft1">machten Privatschulden in der Höhe von Fr. 10'800.00. Diesbezüg-</span><br/> <span class="ft1">lich führt er zwar eine Liste mit Namen von sieben verschiedenen</span><br/> <span class="ft1">Gläubigern samt Telefonnummern an; es lässt sich den Akten jedoch</span><br/> <span class="ft1">nicht entnehmen, ob und in welchem Umfang die vom Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer behaupteten Privatschulden tatsächlich bestanden haben. In</span><br/> <span class="ft1">den Akten befinden sich weder Darlehensverträge noch Quittungen</span><br/> <span class="ft1">bzw. schriftliche Bestätigungen von Gläubigern für die Tilgung von</span><br/> <span class="ft1">Schulden. Augenfällig ist an der Gläubigerliste, dass der aufgeführte</span><br/> <span class="ft1">höchste Betrag von Fr. 8'000.00 zur Schuldentilgung an die in Italien</span><br/> <span class="ft1">ansässige Mutter des Beschwerdeführers geflossen sein soll. Es kann</span><br/> <span class="ft1">im Hinblick auf die Grundsätze des Sozialhilferechts zum einen nicht</span><br/> <span class="ft1">angehen, dass eine unterstützte Person mit anrechenbaren eigenen</span><br/> <span class="ft1">Mitteln ihre im Ausland wohnhafte Mutter begünstigt, während sie</span><br/> <span class="ft1">selbst weiterhin zu Lasten des Staats materiell unterstützt wird. Unter</span><br/> <span class="ft1">den vorliegenden Umständen ist zum anderen die Mittelverwendung</span><br/> <span class="ft1">für die Begleichung der Privatschulden durch den Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">nicht plausibel. Es ist aufgrund fehlender Belege und der bloss ru-</span><br/> <span class="ft1">dimentären Angaben des Beschwerdeführers zur behaupteten</span><br/> <span class="ft1">Schuldenbegleichung nicht erwiesen, dass die bestehenden Mittel</span><br/> <span class="ft1">tatsächlich verbraucht wurden. Diese Sachverhaltsfrage kann in-</span><br/> <span class="ft1">dessen offen bleiben. Das Gesamtverhalten des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">ist, wie nachfolgend aufzuzeigen ist, ohnehin rechtsmissbräuchlich</span><br/> <span class="ft1">und findet daher keinen Rechtsschutz.</span><br/> <span class="ft1">4.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmissbrauch liegt insbesondere dann vor, wenn ein</span><br/> <span class="ft1">Rechtsinstitut zweckwidrig zur Verwirklichung von Interessen ver-</span><br/> <span class="ft1">wendet wird, die dieses Institut nicht schützen will (vgl. VGE IV/2</span><br/> <span class="ft1">vom 27. Januar 2005 [BE.2004.00386], Erw. II/3a und 3b). Im</span><br/> <span class="ft1">sozialhilferechtlichen Sinne liegt Rechtsmissbrauch dann vor, wenn</span><br/> <span class="ft1">das Verhalten der unterstützten Person einzig darauf gerichtet ist, in</span><br/> <span class="ft1">den Genuss von materieller Hilfe zu gelangen (§ 15 Abs. 3 SPV; vgl.</span><br/> <span class="ft1">auch BGE 121 I 367, Erw. 3d) bzw. wenn jemand eine Notlage be-</span><br/> <span class="ft1">wusst herbeiführt oder aufrechterhält, um so Sozialhilfeleistungen zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">219</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">erhalten (P</span><span class="ft4">ETER</span> <span class="ft1">M</span><span class="ft4">ÖSCH</span> <span class="ft1">P</span><span class="ft4">AYOT</span><span class="ft1">, in: C</span><span class="ft4">HRISTOPH</span> <span class="ft1">H</span><span class="ft4">ÄFELI</span> <span class="ft1">[Hrsg.], Das</span><br/> <span class="ft1">Schweizerische Sozialhilferecht, Luzern 2008, S. 285). Hinsichtlich</span><br/> <span class="ft1">der Sanktionierung von Rechtsmissbrauch müssen das Verhältnis-</span><br/> <span class="ft1">mässigkeitsprinzip und die jeweiligen Sanktionsregeln beachtet wer-</span><br/> <span class="ft1">den.</span><br/> <span class="ft1">Grundsätzlich kann ein hypothetisches Einkommen, also das-</span><br/> <span class="ft1">jenige, welches bei pflichtgemässer Verwertung der eigenen</span><br/> <span class="ft1">Leistungsfähigkeit erwirtschaftet werden könnte, nicht aufgerechnet</span><br/> <span class="ft1">werden. Auf die Verletzung der Pflicht, die eigene Arbeitskraft zu</span><br/> <span class="ft1">verwerten, ist deshalb mit Kürzungen des Grundbedarfs zu reagieren</span><br/> <span class="ft1">(C</span><span class="ft4">LAUDIA</span> <span class="ft1">H</span><span class="ft4">ÄNZI</span><span class="ft1">, in: H</span><span class="ft4">ÄFELI</span> <span class="ft1">[Hrsg.], a.a.O., S. 141 f.). Davon zu</span><br/> <span class="ft1">unterscheiden ist der Fall, wenn die unterstützte Person Einkommen</span><br/> <span class="ft1">erzielt, diesen Umstand und/oder die Höhe der erzielten Einkünfte je-</span><br/> <span class="ft1">doch pflichtverletzend verschweigt. Hier ist die Anrechnung eines</span><br/> <span class="ft1">geschätzten Einkommens zulässig (vgl. H</span><span class="ft4">ÄNZI</span><span class="ft1">, a.a.O., S. 141 mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">4.4.3.</span><br/> <span class="ft1">Der hierzu massgebliche Sachverhalt präsentiert sich wie folgt:</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer beabsichtigte eigenen Angaben zufolge,</span><br/> <span class="ft1">nach Italien auszuwandern, und meldete sich am 27. April 2015 bei</span><br/> <span class="ft1">der Einwohnerkontrolle B. per 31. Mai 2015 ab. Am 29. April 2015</span><br/> <span class="ft1">ging seine Wohnungskündigung per 30. Juni 2015 bei seinem</span><br/> <span class="ft1">Vermieter ein. Der Vermieter bestätigte den Erhalt, machte den Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer aber darauf aufmerksam, dass eine ordentliche</span><br/> <span class="ft1">Kündigung gemäss Mietvertrag erst per 30. September 2015 erfolgen</span><br/> <span class="ft1">könne. Der Beschwerdeführer könne einen geeigneten Nachmieter</span><br/> <span class="ft1">vorschlagen oder allenfalls auf eigene Initiative und/oder in Ab-</span><br/> <span class="ft1">sprache mit dem Vermieter eine Wohnungsanzeige aufgeben. Dass</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer diesbezügliche Schritte unternommen hat,</span><br/> <span class="ft1">lässt sich den Akten nicht entnehmen und wurde von ihm auch nicht</span><br/> <span class="ft1">geltend gemacht. Im Gegenteil: Der Beschwerdeführer lebte weiter-</span><br/> <span class="ft1">hin in seiner Wohnung, ohne ernsthafte Schritte zur Umsetzung der</span><br/> <span class="ft1">geplanten Auswanderung zu unternehmen; insbesondere hat er den</span><br/> <span class="ft1">Haushalt nie aufgelöst oder seine Möbel nach Italien transportieren</span><br/> <span class="ft1">lassen. Die Wohnungskündigung erfolgte ohne Rücksicht auf die ver-</span><br/> <span class="ft1">traglichen Kündigungsfristen und -termine. Dem Beschwerdeführer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">220</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">musste als ehemaligem Selbständigerwerbenden, welcher unter ande-</span><br/> <span class="ft1">rem nachweislich von C. nach B. umgezogen war, bekannt sein, dass</span><br/> <span class="ft1">ein Mietvertrag nicht per sofort und ohne Einhaltung der ordentli-</span><br/> <span class="ft1">chen Kündigungsfrist beliebig aufgelöst werden kann. Das Verhalten</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers legt nahe, dass er keine Absicht hatte, aus der</span><br/> <span class="ft1">Wohnung auszuziehen bzw. jemals die Schweiz definitiv in Richtung</span><br/> <span class="ft1">Italien zu verlassen. Dies gilt umso mehr, als der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">sich zwar bei der Einwohnerkontrolle B. abgemeldet hatte, jedoch</span><br/> <span class="ft1">die Sozialbehörde B., welche seinen Mietzins beglich, nie infor-</span><br/> <span class="ft1">mierte. Daher wurden - trotz der Verfügbarkeit des Freizügigkeits-</span><br/> <span class="ft1">guthabens, welches ihm spätestens am 20. Mai 2015 zugeflossen ist</span><br/> <span class="ft1">- durchgehend Sozialhilfeleistungen ausgerichtet. Da keine Meldung</span><br/> <span class="ft1">seitens des Beschwerdeführers über die Änderungen seiner finan-</span><br/> <span class="ft1">ziellen Verhältnisse erfolgte, beglich die Sozialbehörde B. im</span><br/> <span class="ft1">Nichtwissen um diese erhebliche Tatsache weiterhin den Mietzins</span><br/> <span class="ft1">und zahlte den Grundbetrag aus. Damit verschwieg der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer gegenüber der Sozialbehörde B. bewusst seine zumindest vo-</span><br/> <span class="ft1">rübergehend fehlende Bedürftigkeit und verletzte seine Mitwirkungs-</span><br/> <span class="ft1">und Meldepflicht nach § 2 Abs. 3 SPG und § 1 Abs. 2 SPV.</span><br/> <span class="ft1">4.4.4.</span><br/> <span class="ft1">Hinsichtlich der behaupteten Schuldenbegleichung ist festzuhal-</span><br/> <span class="ft1">ten, dass diese, wie die Verwendung für Auslagen, nur dann zu einer</span><br/> <span class="ft1">Anrechnung führen kann, wenn sich aus den konkreten Umständen</span><br/> <span class="ft1">objektiv eine unvernünftige Mittelverwendung ableiten lässt. Als un-</span><br/> <span class="ft1">vernünftig zu qualifizieren sind Schuldenzahlungen oder Ausgaben,</span><br/> <span class="ft1">welche üblicherweise von Personen in angespannten finanziellen</span><br/> <span class="ft1">Verhältnissen, welche keine Sozialhilfe beziehen, nicht getätigt wer-</span><br/> <span class="ft1">den. Der Vorwurf eines nicht haushälterischen Umgangs mit den Ein-</span><br/> <span class="ft1">nahmen kann jedenfalls nicht allein mit der rechnerischen Differenz</span><br/> <span class="ft1">zwischen den tatsächlichen Ausgaben und dem Sozialhilfebudget be-</span><br/> <span class="ft1">gründet werden. Die Anrechnung eigener hypothetischer Mittel</span><br/> <span class="ft1">rechtfertigt grundsätzlich nur ein Verhalten, welches einzig oder</span><br/> <span class="ft1">überwiegend auf die Ausrichtung von materieller Hilfe gerichtet ist</span><br/> <span class="ft1">(vgl. VGE IV/4 vom 13. Februar 2008 [WBE.2007.199],</span><br/> <span class="ft1">Erw. II/4.4.2).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">221</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Mit Schreiben vom 12. Juni 2015 wurde der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">von der Einwohnerkontrolle B. aufgefordert, zwecks Wiederanmel-</span><br/> <span class="ft1">dung am Schalter vorzusprechen, da offensichtlich kein Wegzug</span><br/> <span class="ft1">nach Italien stattgefunden hatte. Am 22. Juni 2015 bestätigte der Ver-</span><br/> <span class="ft1">mieter die Weiterführung des Mietverhältnisses über den 1. Juli 2015</span><br/> <span class="ft1">hinaus. Gegenüber der Sozialbehörde B. gab der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">Ende Juni 2015 an, dass er das Freizügigkeitsguthaben im Mai/Juni</span><br/> <span class="ft1">2015 bereits für die Tilgung von Privatschulden verwendet habe. Der</span><br/> <span class="ft1">noch verfügbare Restbetrag reiche knapp für seinen Lebensunterhalt</span><br/> <span class="ft1">für den Monat Juli 2015 aus, er könne jedoch den Mietzins für diesen</span><br/> <span class="ft1">Monat nicht bezahlen. Damit verbrauchte der Beschwerdeführer ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss eigenen Angaben innert eines Monats (20. Mai - Ende</span><br/> <span class="ft1">Juni 2015) beinahe das gesamte Freizügigkeitsguthaben von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 23'336.22 und ersuchte unmittelbar im Anschluss bei der</span><br/> <span class="ft1">Sozialbehörde um weitere materielle Hilfe. Bei der behaupteten Ver-</span><br/> <span class="ft1">wendung des Freizügigkeitsguthabens (siehe vorne Erw. 4.4.1), wel-</span><br/> <span class="ft1">che bei objektiver Betrachtungsweise nur als unvernünftig bezeich-</span><br/> <span class="ft1">net werden kann, muss sich der Beschwerdeführer behaften lassen.</span><br/> <span class="ft1">Es ist treuwidrig, dass eine unterstützte Person in angespannten</span><br/> <span class="ft1">finanziellen Verhältnissen ihr Altersvorsorgekapital unter dem Vor-</span><br/> <span class="ft1">wand, die Schweiz definitiv zu verlassen, bezieht, anschliessend mit</span><br/> <span class="ft1">dem Geld nach Italien reist, Privatschulden in bar tilgt und bereits</span><br/> <span class="ft1">einen Monat nach der Auszahlung bei der Sozialbehörde um erneute</span><br/> <span class="ft1">materielle Hilfe ersucht.</span><br/> <span class="ft1">Gesamthaft betrachtet ist das Verhalten des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">widersprüchlich und missbräuchlich: Die veranlasste Auszahlung der</span><br/> <span class="ft1">Altersvorsorge unter dem Vorwand des Wegzugs aus der Schweiz,</span><br/> <span class="ft1">die Weiterführung des Mietverhältnisses ohne Unterbruch bzw. Aus-</span><br/> <span class="ft1">zug aus der Wohnung trotz der Abmeldung bei der Einwohnerkon-</span><br/> <span class="ft1">trolle, die unvernünftige Verwendung des Freizügigkeitsguthabens</span><br/> <span class="ft1">sowie die Verletzung der Meldepflicht gegenüber der Sozialbehörde</span><br/> <span class="ft1">bei durchgehender Ausrichtung von Sozialhilfeleistungen trotz</span><br/> <span class="ft1">vorhandener Eigenmittel lassen bei einer Gesamtwürdigung darauf</span><br/> <span class="ft1">schliessen, dass das Verhalten des Beschwerdeführers - aus</span><br/> <span class="ft1">sozialhilferechtlicher Sicht - einzig darauf ausgerichtet war, unter</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">222</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Verschleierung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse zusätzlich mate-</span><br/> <span class="ft1">rielle Hilfe erhältlich zu machen.</span><br/> <span class="ft1">4.4.5.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der rechtsmissbräuchlichen Verhaltensweise des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers ist die Anrechnung hypothetischer eigener Mittel im</span><br/> <span class="ft1">Betrag von Fr. 153.00 pro Monat nicht zu beanstanden. Die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde erweist sich in diesem Punkt als unbegründet.</span><br/></div> </div> </body> </html>