<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">421</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>89</b></span> <span class="ft1"><b>Schattendiagramm</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Der Schattenwurf wird an den mittleren Wintertagen, dem</b></span><br/> <span class="ft1"><b>8. Februar und 3. November, gemessen (Erw. 3.1).</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Eine zusätzliche Beschattung um wenige Minuten steht - in Abwä-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gung der Interessen - der freien Anordnung eines Attikageschosses</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nicht entgegen (Erw. 3).</b></span><br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt vom</span><br/> <span class="ft3">13. April 2017 (BVURA.16.574)</span><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft5">3. Schattenwurf</span><br/> <span class="ft5">3.1</span><br/> <span class="ft5">Die Beschwerdeführenden beanstanden eine unzulässige Be-</span><br/> <span class="ft5">schattung ihrer eigenen Liegenschaft 1424 und der östlich</span><br/> <span class="ft5">angrenzenden Liegenschaft 3487.</span><br/> <span class="ft5">Alle Gebäude müssen den Anforderungen des Gesundheits-</span><br/> <span class="ft5">schutzes entsprechen, wie namentlich in Bezug auf eine genügende</span><br/> <span class="ft5">Besonnung (§ 52 Abs. 1 BauG). Weitere präzisierende Bestimmun-</span><br/> <span class="ft5">gen zur Zulässigkeit des Schattenwurfs enthält das kantonale Recht</span><br/> <span class="ft5">nicht. Ob eine übermässige Beeinträchtigung durch Schattenwurf</span><br/> <span class="ft5">vorliegt, ist allerdings nach aargauischer Praxis nur zu überprüfen,</span><br/> <span class="ft5">wenn die durch die Bau- und Nutzungsordnung vorgegebenen</span><br/> <span class="ft5">Grenzabstände unter- oder die Gebäudehöhen überschritten werden,</span><br/> <span class="ft5">überdies aber auch, wenn - wie hier - ein Attikageschoss realisiert</span><br/> <span class="ft5">wird und sich die Frage stellt, ob wegen der frei gewählten Anord-</span><br/> <span class="ft5">nung der Attikafläche das Nachbargrundstück übermässig be-</span><br/> <span class="ft5">einträchtigt wird (vgl. Anhang 3 BauV: § 12 ABauV; V</span><span class="ft3">ERENA</span><br/> <span class="ft5">S</span><span class="ft3">OMMERHALDER</span> <span class="ft5">F</span><span class="ft3">ORESTIER</span><span class="ft5">, in: Kommentar zum Baugesetz des</span><br/> <span class="ft5">Kantons Aargau, Bern 2013, § 52 N 67, RRB 2006-000075 vom</span><br/> <span class="ft5">25. Januar 2006, Erw. 2b; EBVU BDRA.04.486 vom 7. Februar</span><br/> <span class="ft5">2005, Erw. 6b).</span><br/> <span class="ft5">Die zulässige Dauer des Schattenwurfs auf eine Nachbarliegen-</span><br/> <span class="ft5">schaft darf an einem mittleren Wintertag in der Regel höchstens zwei</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">422</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Stunden betragen. Die mittleren Wintertage fallen auf den 8. Februar</span><br/> <span class="ft5">und den 3. November (BGer 1C_539/2011 vom 3. September 2012</span><br/> <span class="ft5">Erw. 4; siehe dagegen die teilweise abweichende frühere Praxis im</span><br/> <span class="ft5">Kanton Aargau: BGer 1C_26/2010 vom 17. Juni 2010, Erw. 2.3, so-</span><br/> <span class="ft5">wie F</span><span class="ft3">RITZ</span> <span class="ft5">S</span><span class="ft3">TUBER</span><span class="ft5">, Kantonale Besonnungsvorschriften für den Woh-</span><br/> <span class="ft5">nungsbau: Aargau und Zürich als Extremfälle, in: Schweizer Inge-</span><br/> <span class="ft5">nieur und Architekt Nr. 4 vom 21. Januar 1993, S. 59).</span><br/> <span class="ft5">Das Bundesgericht hat darauf hingewiesen, dass die Regelung,</span><br/> <span class="ft5">wonach nur ein zweistündiger Verlust der Besonnung zulässig sei,</span><br/> <span class="ft5">die Beschattung des ganzen Gebäudes meine. Wenn nur ein Teil des</span><br/> <span class="ft5">Gebäudes oder der betroffenen Parzelle beschattet würde, müsse dies</span><br/> <span class="ft5">bei der Beurteilung der geltend gemachten Beeinträchtigung berück-</span><br/> <span class="ft5">sichtigt werden. Zudem kann die Grössenordnung von zwei Stunden</span><br/> <span class="ft5">gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts keinen absoluten</span><br/> <span class="ft5">Charakter haben und für sich allein nicht entscheidend sein. Viel-</span><br/> <span class="ft5">mehr müssen die Umstände des Einzelfalls und insbesondere die</span><br/> <span class="ft5">öffentlichen Interessen berücksichtigt werden, die eine Erhöhung der</span><br/> <span class="ft5">Beschattung rechtfertigen können. Entsprechend hat das Bundesge-</span><br/> <span class="ft5">richt unter Berücksichtigung des öffentlichen Interesses der</span><br/> <span class="ft5">haushälterischen Bodennutzung in einem Fall eine Beschattung an</span><br/> <span class="ft5">mittleren Wintertagen während insgesamt drei Stunden und 16 Minu-</span><br/> <span class="ft5">ten als zulässig erachtet (BGer <a href="http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=1C_240%2F2016+&amp;rank=1&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=aza%3A%2F%2F05-01-2017-1C_240-2016&amp;number_of_ranks=1">1C_240/2016</a> vom 5. Januar 2017,</span><br/> <span class="ft5">Erw. 5.2).</span><br/> <span class="ft5">Das Bundesgericht hat ferner entschieden, dass bereits be-</span><br/> <span class="ft5">stehende Schattenwürfe berücksichtigt werden müssten. Werde die</span><br/> <span class="ft5">vorhandene Beschattung nicht miteinbezogen, könne der angestrebte</span><br/> <span class="ft5">Schutzzweck je nach den Umständen nicht erreicht werden, sei es</span><br/> <span class="ft5">doch denkbar, dass zwar jedes einzelne Hochhaus für sich genom-</span><br/> <span class="ft5">men keinen übermässigen Schatten werfe, eine Summierung der</span><br/> <span class="ft5">Schattenwürfe aber die zonengemässe Nutzung bestehender Gebäude</span><br/> <span class="ft5">verunmögliche (BGer 1C_539/2011 vom 3. September 2012,</span><br/> <span class="ft5">Erw. 4.3).</span><br/> <span class="ft5">3.2</span><br/> <span class="ft5">Im vorliegenden Fall ergibt sich das Problem der Beschattung</span><br/> <span class="ft5">vor allem aufgrund des Gefälles, das das natürlich gewachsene</span><br/> <span class="ft5">Terrain hier aufweist. So liegt die Bauparzelle gegenüber der im</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">423</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Norden gelegenen M.-Strasse und der Nachbarparzelle 1424 um</span><br/> <span class="ft5">5,20 m höher. Das Bauvorhaben wirft am mittleren Wintertag einen</span><br/> <span class="ft5">Dauerschatten von ca. 2¾ Stunden auf das Nachbargebäude der Par-</span><br/> <span class="ft5">zelle 1424. Gemäss den Nachberechnungen der Bauherrschaft könnte</span><br/> <span class="ft5">diese Beschattung allerdings bloss um 8 Minuten reduziert werden,</span><br/> <span class="ft5">wenn das Attikageschoss ganz weggelassen würde.</span><br/> <span class="ft5">Beim (vom Schattenwurf) betroffenen Gebäude auf Parzelle</span><br/> <span class="ft5">1424 handelt es sich um ein freistehendes Zweifamilienhaus mit ei-</span><br/> <span class="ft5">ner Wohnung im Erd- und Obergeschoss und einer zweiten, kleinen</span><br/> <span class="ft5">Wohnung, im Dachgeschoss. Betroffen von der Beschattung ist im</span><br/> <span class="ft5">Wesentlichen einzig das Wohnzimmer im Erdgeschoss, das nach Sü-</span><br/> <span class="ft5">den drei Fenster und nach Westen ein Fenster aufweist. Der</span><br/> <span class="ft5">Gebäudeabstand zum geplanten Neubau beträgt 18,7 m. Anders als</span><br/> <span class="ft5">die Bauparzelle (Wohnzone W2) liegt die Nachbarparzelle 1424 in</span><br/> <span class="ft5">der Wohn- und Arbeitszone WA4, wo im Unterschied zur Zone W2</span><br/> <span class="ft5">deutlich höhere Bauten zugelassen sind und eine verdichtete Bau-</span><br/> <span class="ft5">weise angestrebt wird (§§ 5 und 7 Abs. 3 BNO).</span><br/> <span class="ft5">Als Teil des Beschattungsproblems kann angesehen werden,</span><br/> <span class="ft5">dass das Gebäude auf Parzelle 1424 den Kantonsstrassenabstand um</span><br/> <span class="ft5">rund 1,5 m unterschreitet und so näher an die Bauparzelle herange-</span><br/> <span class="ft5">rückt ist.</span><br/> <span class="ft5">Der Stadtrat hat für die Beurteilung der Schattenauswirkung ei-</span><br/> <span class="ft5">nen Fachbericht in Auftrag gegeben. Der Bericht stützt sich auf das</span><br/> <span class="ft5">Grundlagenbuch von Etienne Grandjean ab (E</span><span class="ft3">TIENNE</span> <span class="ft5">G</span><span class="ft3">RANDJEAN</span><span class="ft5">,</span><br/> <span class="ft5">Wohnphysiologie: Grundlagen gesunden Wohnens, 1973). Er nimmt</span><br/> <span class="ft5">als Basis für die Beurteilung das Schattendiagramm "Niveau Strasse</span><br/> <span class="ft5">448,60 m.ü.M.", da die Beschattung eines Objekts in der Regel auf</span><br/> <span class="ft5">dem Niveau des Fusspunkts, und nicht auf dem Niveau der Fenster-</span><br/> <span class="ft5">oder Augenhöhe, zu messen ist. Der Bericht berücksichtigt ferner die</span><br/> <span class="ft5">örtlichen topografischen Verhältnisse. Er führt dazu aus, dass der Hü-</span><br/> <span class="ft5">gel "Schlossbaan" im Süden keine zusätzliche Beschattung bewirke,</span><br/> <span class="ft5">und kommt zu folgendem Schluss:</span><br/> <span class="ft4"><i>"Die Parzelle Nr. 1424 wird am mittleren Wintertag auf ca. 25 %</i></span><br/> <span class="ft4"><i>der Grundfläche vom Dauerschatten tangiert. Das bestehende Haus</i></span><br/> <span class="ft4"><i>auf der Parzelle 1424 wird auf ca. 50 % der Grundfläche (inkl. An-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>bau) betroffen. ... Bei einem Sonnenaufgang um 9.00 Uhr am</i></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">424</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>9. Februar beträgt die Länge der Besonnung in den Fenstern des</i></span><br/> <span class="ft4"><i>Wohnzimmers im Erdgeschoss insgesamt zwischen ca. 105 bis</i></span><br/> <span class="ft4"><i>180 Minuten. Die weiteren Wohnräume in den höheren Geschossen</i></span><br/> <span class="ft4"><i>werden von der Höhenlage begünstigt und die Besonnung dauert</i></span><br/> <span class="ft4"><i>dementsprechend länger. ... Die Schattendiagramme zeigen eine Be-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>einträchtigung des Hauses auf der Parzelle Nr. 1424. Dennoch kann</i></span><br/> <span class="ft4"><i>der sogenannte Dauerschatten nicht als vollständiger Lichtentzug</i></span><br/> <span class="ft4"><i>verstanden werden. Es ist darum auch die Besonnungsdauer zu beur-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>teilen. Gemäss § 52 Abs. 2 BauG und auf Grund der örtlichen</i></span><br/> <span class="ft4"><i>Verhältnisse (Topografie) müssen die wohnpolizeilichen und wohnhy-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>gienischen Anforderungen geprüft werden. Mittels einer vereinfach-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>ten Überprüfung der Besonnungsdauer im Wohnzimmer im Erdge-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>schoss konnte festgestellt werden, dass die wohnhygienischen fach-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>lichen Empfehlungen an die Besonnung erfüllt werden."</i></span><br/> <span class="ft5">Der Fachbericht erweist sich als nachvollziehbar und schlüssig,</span><br/> <span class="ft5">so dass darauf abgestellt werden kann. Ferner ist zu berücksichtigen,</span><br/> <span class="ft5">dass es sich beim geplanten Attikageschoss um eine attraktive,</span><br/> <span class="ft5">120 m</span><span class="ft6"><sup>2</sup></span> <span class="ft5">grosse 4½-Zimmer-Wohnung mit einer 72 m</span><span class="ft6"><sup>2</sup></span> <span class="ft5">grossen Terras-</span><br/> <span class="ft5">se auf der Westseite handelt. Die verdichtete Bauweise und das</span><br/> <span class="ft5">Schaffen zusätzlicher attraktiver Wohneinheiten ist von grossem</span><br/> <span class="ft5">öffentlichem Interesse. Eine Umplatzierung würde dazu führen, dass</span><br/> <span class="ft5">das Attikageschoss nach Norden, zur viel befahrenen Kantonsstrasse</span><br/> <span class="ft5">hin, ausgerichtet und nicht mehr attraktiv wäre.</span><br/> <span class="ft5">Auch vergrössert das Attikageschoss die Beschattung des Nach-</span><br/> <span class="ft5">bargebäudes bloss um wenige Minuten. Es lässt sich nicht sagen,</span><br/> <span class="ft5">dass dadurch die Dauer des Sonnenlichtentzugs untragbar oder eine</span><br/> <span class="ft5">bereits untragbare Situation zusätzlich verschärft würde. So überwie-</span><br/> <span class="ft5">gen die Interessen der Bauherrschaft an der Realisierung ihres</span><br/> <span class="ft5">Bauvorhabens.</span><br/> <span class="ft5">3.3</span><br/> <span class="ft5">Die Beschwerdeführenden bringen ferner vor, dass das Bauvor-</span><br/> <span class="ft5">haben ebenfalls die Liegenschaft 3487 übermässig beschatte. Auf</span><br/> <span class="ft5">solche Drittinteressen können sich die Beschwerdeführenden</span><br/> <span class="ft5">mangels Beschwer allerdings nicht berufen, jedenfalls solange nicht</span><br/> <span class="ft5">zwingendes Recht klar verletzt ist und ein Einschreiten von Amtes</span><br/> <span class="ft5">wegen geboten wäre. Zwingendes Recht ist schon deshalb nicht ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">425</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">letzt, weil es in der Dispositionsfreiheit der Privaten liegt, die Gebäu-</span><br/> <span class="ft5">deabstände zu verkleinern und eine grössere Beschattung hinzuneh-</span><br/> <span class="ft5">men (vgl. § 47 Abs. 2 BauG). Ohnehin erscheint die Beschattung des</span><br/> <span class="ft5">Gebäudes auf Parzelle 3487 weniger problematisch, da der</span><br/> <span class="ft5">Gebäudeabstand 25 m und mehr beträgt und das Bauvorhaben nicht</span><br/> <span class="ft5">direkt vis--vis, sondern weiter westlich steht (vgl. erwähnter</span><br/> <span class="ft5">Fachbericht, Abbildung S. 8).</span><br/> <span class="ft5">In diesem Punkt ist die Beschwerde demnach unbegründet.</span><br/></div> </div> </body> </html>