<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">215</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VIII. Schulrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>39</b></span> <span class="ft3"><b>Einschulung; vorsorgliche Massnahmen</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Der Anspruch auf Beschulung und die Schulpflicht erfordern bei Ge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>fährdung der schulischen Entwicklung während des Beschwerdever-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>fahrens den Erlass von vorsorglichen Massnahmen.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Ist der Entscheid über die Zuweisung in die Einschulungsklasse</b></span><br/> <span class="ft3"><b>angefochten, sind diejenigen vorsorglichen Massnahmen zu treffen,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>welche der summarisch beurteilten Rechtslage am ehesten entspre-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>chen.</b></span><br/> <span class="ft6">Verfügung des Verwaltungsrichters, 3. Kammer, vom 20. Januar 2014 in Sa-</span><br/> <span class="ft6">chen A. gegen Schulpflege B., Schulrat des Bezirks C. und Regierungsrat</span><br/> <span class="ft6">(WBE.2013.561).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft10">2.</span><br/> <span class="ft10">2.1.</span><br/> <span class="ft10">Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde hat aufschiebende Wir-</span><br/> <span class="ft10">kung, wenn nicht im angefochtenen Entscheid oder durch besondere</span><br/> <span class="ft10">Vorschrift etwas anderes bestimmt wird (§ 46 Abs. 1 VRPG). Im</span><br/> <span class="ft10">angefochtenen Entscheid hat der Regierungsrat zur aufschiebenden</span><br/> <span class="ft10">Wirkung nichts angeordnet und eine von § 46 Abs. 1 VRPG abwei-</span><br/> <span class="ft10">chende gesetzliche Bestimmung im Schulgesetz fehlt.</span><br/> <span class="ft10">Der Laufbahn- oder Promotionsentscheid der Schulpflege, mit</span><br/> <span class="ft10">welchem der Besuch einer anderen, höheren Schulstufe bewilligt</span><br/> <span class="ft10">wird, ist eine positive Anordnung. Der Suspensiveffekt des Rechts-</span><br/> <span class="ft10">mittels hat bei solchen Gestaltungsverfügungen zur Folge, dass bis</span><br/> <span class="ft10">zum rechtskräftigen Entscheid im Rechtsmittelverfahren ein rechtli-</span><br/> <span class="ft10">ches Vakuum entsteht, da der Übertritt in die Schulstufe gemäss</span><br/> <span class="ft10">erstinstanzlicher Verfügung nicht vollzogen werden kann und ein</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">216</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">anderer formeller (Promotions-) Entscheid, welcher dem betroffenen</span><br/> <span class="ft10">Schüler erlauben würde, in einer andern Schulstufe die Schule zu</span><br/> <span class="ft10">besuchen, fehlt.</span><br/> <span class="ft10">2.2.</span><br/> <span class="ft10">Gemäss § 46 Abs. 2 VRPG kann die Beschwerdeinstanz oder</span><br/> <span class="ft10">das ihr vorsitzende Mitglied Anordnungen zur aufschiebenden Wir-</span><br/> <span class="ft10">kung oder andere vorsorgliche Massnahmen treffen. § 46 Abs. 2</span><br/> <span class="ft10">VRPG begründet einen sekundären, nachträglichen einstweiligen</span><br/> <span class="ft10">Rechtsschutz.</span><br/> <span class="ft10">Die Voraussetzungen für die Anordnung vorsorglicher</span><br/> <span class="ft10">Massnahmen entsprechen grundsätzlich denjenigen für den Entzug</span><br/> <span class="ft10">oder die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung. Dies</span><br/> <span class="ft10">bedeutet, dass ein Rechtsanspruch auf Erlass von Massnahmen be-</span><br/> <span class="ft10">steht, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind (T</span><span class="ft6">HOMAS</span> <span class="ft10">M</span><span class="ft6">ERKLI</span><span class="ft10">/</span><br/> <span class="ft10">A</span><span class="ft6">RTHUR</span> <span class="ft10">A</span><span class="ft6">ESCHLIMANN</span><span class="ft10">/R</span><span class="ft6">UTH</span> <span class="ft10">H</span><span class="ft6">ERZOG</span><span class="ft10">, Kommentar zum Gesetz</span><br/> <span class="ft10">über die Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, Bern 1997,</span><br/> <span class="ft10">Art. 27 N 2). Der Entscheid über die Anordnung vorsorglicher</span><br/> <span class="ft10">Massnahmen setzt Dringlichkeit voraus; es bedarf überdies einer hin-</span><br/> <span class="ft10">reichend wahrscheinlichen Notwendigkeit, um die Rechtsdurchset-</span><br/> <span class="ft10">zung nicht zu gefährden (BGE 127 II 132, Erw. 3; I</span><span class="ft6">SABELLE</span> <span class="ft10">H</span><span class="ft6">ÄNER</span><span class="ft10">,</span><br/> <span class="ft10">Die vorsorglichen Massnahmen im Zivil-, Verwaltungs- und</span><br/> <span class="ft10">Strafverfahren, in: ZSR 1997 II, S. 341). Sodann ist in einer sum-</span><br/> <span class="ft10">marischen Beurteilung eine Interessenabwägung vorzunehmen und</span><br/> <span class="ft10">die Hauptsachenprognose zu berücksichtigen, wenn sie eindeutig ist</span><br/> <span class="ft10">(BGE 130 II 149, Erw. 2.2). Inhalt der vorsorglichen Massnahmen</span><br/> <span class="ft10">kann im Rahmen des Verhältnismässigkeitsprinzips alles sein, was</span><br/> <span class="ft10">dem Schutz der gefährdeten Interessen dient und sich im Rahmen des</span><br/> <span class="ft10">Streitgegenstandes bewegt (vgl. M</span><span class="ft6">ICHAEL</span> <span class="ft10">M</span><span class="ft6">ERKER</span><span class="ft10">, Rechtsmittel,</span><br/> <span class="ft10">Klage und Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz</span><br/> <span class="ft10">über die Verwaltungsrechtspflege, Kommentar zu den §§ 38-72</span><br/> <span class="ft10">VRPG, Zürich 1998, § 44 N 63).</span><br/> <span class="ft10">2.3.</span><br/> <span class="ft10">Kinder und Jugendliche mit Aufenthalt im Kanton haben das</span><br/> <span class="ft10">Recht, diejenigen öffentlichen Schulen zu besuchen, die ihren Fähig-</span><br/> <span class="ft10">keiten entsprechen und deren Anforderungen sie erfüllen (§ 3 Abs. 1</span><br/> <span class="ft10">SchulG). Sie unterstehen bis zum erfolgreichen Abschluss, längstens</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">217</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">jedoch bis zur Vollendung des 16. Altersjahres der Schulpflicht (§ 4</span><br/> <span class="ft10">Abs. 1 SchulG).</span><br/> <span class="ft10">A. ist seit Beginn des Kindergartens im 2013 schulpflichtig (§ 4</span><br/> <span class="ft10">Abs. 2 Satz 1 SchulG in der ab 1. August 2013 geltenden Fassung)</span><br/> <span class="ft10">und hat die Volksschule zu besuchen. Ein Entscheid im Rahmen von</span><br/> <span class="ft10">vorsorglichen Massnahmen ist für die Dauer des Beschwerdeverfah-</span><br/> <span class="ft10">rens unabdingbar, da A. bis zum Abschluss des Verfahrens vor dem</span><br/> <span class="ft10">Verwaltungsgericht (Instruktionsverfahren mit den Beschwerdeant-</span><br/> <span class="ft10">worten, allfällig weiterem Schriftenwechsel, Hauptverfahren bis zur</span><br/> <span class="ft10">Urteilszustellung) verpflichtet ist, die Volksschule zu besuchen, und</span><br/> <span class="ft10">er auch Anspruch auf eine Beschulung hat. Durch einen ungenutzten</span><br/> <span class="ft10">Zeitablauf kann seine schulische Entwicklung auch gefährdet sein.</span><br/> <span class="ft10">Damit liegen wichtige Gründe gemäss § 46 Abs. 1 VRPG vor.</span><br/> <span class="ft10">3.</span><br/> <span class="ft10">3.1.-3.3. (...)</span><br/> <span class="ft10">4.</span><br/> <span class="ft10">4.1.-4.2. (...)</span><br/> <span class="ft10">4.3.</span><br/> <span class="ft10">A. besucht aufgrund der vorsorglichen Massnahme im</span><br/> <span class="ft10">regierungsrätlichen Verfahren seit August 2013 die 1. Klasse, obwohl</span><br/> <span class="ft10">er einer individuelleren Einschulung bedarf, als dies in der Regel-</span><br/> <span class="ft10">klasse möglich ist. Seine auch von den Lehrpersonen in der</span><br/> <span class="ft10">1. Regelklasse festgestellten Defizite sprechen für eine Einschulung</span><br/> <span class="ft10">in der Einschulungsklasse. Die individuellen Betreuungsmöglichkei-</span><br/> <span class="ft10">ten sind auch im wohlverstandenen Interesse des Kindes.</span><br/> <span class="ft10">Für die Dauer des Verfahrens sind diejenigen Massnahmen zu</span><br/> <span class="ft10">treffen, welche der summarisch beurteilten Rechtslage am ehesten</span><br/> <span class="ft10">entsprechen. Die Feststellungen und Beobachtungen der Lehrperso-</span><br/> <span class="ft10">nen und die Entscheide der Schulbehörden legen den Schluss nahe,</span><br/> <span class="ft10">dass der Besuch der Regelklasse A. überfordert und der Bildungsauf-</span><br/> <span class="ft10">trag nicht genügend umgesetzt werden kann. Diese Einschätzung</span><br/> <span class="ft10">kann von den Beschwerdeführern nicht überzeugend entkräftet wer-</span><br/> <span class="ft10">den.</span><br/> <span class="ft10">Aus sozialen und pädagogischen Gründen sind bei einem weiter</span><br/> <span class="ft10">andauernden Besuch der Regelklasse die Einschulung und Integra-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">218</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">tion des Kindes in der Einschulungsklasse in Frage gestellt, je länger</span><br/> <span class="ft10">der provisorische Schulbesuch dauert.</span><br/> <span class="ft10">Die von den Eltern vorgetragenen Interessen betreffen</span><br/> <span class="ft10">demgegenüber den Anschluss ihres Sohnes an die Regelklassen nach</span><br/> <span class="ft10">Abschluss der Einschulung. Ziel der Einschulungsklassen ist eine</span><br/> <span class="ft10">dem Entwicklungsstand der Schülerinnen und Schüler entsprechende</span><br/> <span class="ft10">gezielte individuelle Förderung mit einer allmählichen Eingewöh-</span><br/> <span class="ft10">nung in das Schulleben. Der Lehrplan entspricht demjenigen der</span><br/> <span class="ft10">1. Klasse der Primarschule, nur wird der Lehrstoff auf 2 Jahre</span><br/> <span class="ft10">verteilt. Wird das Lernziel der 1. Regelklasse nach 2 Jahren erreicht,</span><br/> <span class="ft10">wird das Kind definitiv in die 2. Klasse befördert (§§ 1 ff. der</span><br/> <span class="ft10">Verordnung über die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit</span><br/> <span class="ft10">besonderen schulischen Bedürfnissen vom 28. Juni 2000</span><br/> <span class="ft10">[SAR 421.331]). Die Befürchtungen der Eltern zum schwierigeren</span><br/> <span class="ft10">Anschluss in der 2. Klasse erweisen sich damit als wenig fundiert.</span><br/> <span class="ft10">Für die Dauer des Rechtsmittelverfahrens ist daher A. der Ein-</span><br/> <span class="ft10">schulungsklasse zuzuweisen.</span><br/> <span class="ft10">5.</span><br/> <span class="ft10">(...) Für die Dauer des Rechtsmittelverfahrens ist daher die auf-</span><br/> <span class="ft10">schiebende Wirkung zu entziehen, womit auch der Antrag der Be-</span><br/> <span class="ft10">schwerdeführer auf vorsorgliche Massnahmen abzuweisen ist. (...)</span><br/></div> </div> </body> </html>