2020 VI/3 Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 30 VI BVGE / ATAF / DTAF 2020 VI/3 Auszug aus dem Urteil der Abteilung V i. S. A. gegen Bundesverwaltungsgericht E–4616/2019 vom 21. September 2020 Dublin-Verfahren. Wiederaufnahme eines abgeschriebenen Be- schwerdeverfahrens. Grundsatzurteil. Art. 35a AsylG. Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO. 1. Die in Art. 35a AsylG sowie Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO sta- tuierte Pflicht zur Wiederaufnahme abgeschriebener Dublin - Verfahren bezieht sich auf erstinstanzliche Verfahren. Die Bestim- mungen sind auf Beschwerdeverfahren vor Bundesverwaltungs - gericht nicht anwendbar (E. 2.2 ff.). 2. Kein bedingungsloser Anspruch auf Wiederaufnahme eines recht- mässig abgeschriebenen Asylbeschwerdeverfahrens. Im Dublin - Kontext haben dafür beachtliche Gründe vorzuliegen. Zur Beant- wortung der Frage ist auf die bisherige Praxis abzustellen, welche eine Wiederaufnahme insbesondere bei Abschreibungen infolge von Willensmängeln oder Irrtümern bejaht (E. 2.1, 3.3 und 3.5). Procédure Dublin. Réouverture d'une procédure de recours radiée du rôle. Arrêt de principe. Art. 35a LAsi. Art. 18 al. 2 règlement Dublin III. 1. L'obligation fixée aux art. 35a LAsi et art 18 al. 2 règlement Dublin III de rouvrir les procédures Dublin radiées du rôle se ré- fère aux procédures de première instance. Les dispositions ne sont pas applicables aux procédures de recours devant le Tribunal ad - ministratif fédéral (consid. 2.2 ss). 2. Aucun droit inconditionnel à la réouverture d'une procédure de recours en matière d'asi le radiée du rôle à juste titre. Dans le contexte Dublin, un tel acte présuppose l'existence de motifs sé - rieux. La question doit alors être examinée à la lumière de la pra - tique actuelle qui admet la réouverture d'une procédure notam - ment lorsque la radiation se base sur un vice du consentement ou sur des erreurs (consid. 2.1, 3.3 et 3.5). Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 2020 VI/3 BVGE / ATAF / DTAF VI 31 Procedura Dublino. Ripresa di una procedura di ricorso stralciata. Sentenza di principio. Art. 35a LAsi. Art. 18 par. 2 Regolamento Dublino III. 1. L'obbligo di ripresa delle procedure Dublino stralciate, previsto agli art. 35a LAsi e art. 18 par. 2 del Regolamento Dublino III, si riferisce alle procedure di prima istanza. Si tratta di disposizioni inapplicabili alle procedure di ricorso dinanzi al Tribunale ammi- nistrativo federale (consid. 2.2 segg.). 2. Nessun diritto incondizionato alla ripresa di una procedura di ri - corso in materia d'asilo legittimamente stralciata. Nel contesto Dublino, la ripresa presuppone l'esistenza di serie ragioni. Per ri- spondere a quest a domanda occorre fondarsi sulla prassi sin qui applicata, che ammette la ripresa in particolare nei casi in cui lo stralcio è imputabile a un vizio della volontà o a errori (consid. 2.1, 3.3 e 3.5). Nachdem das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E –4922/2018 vom 30. August 2018 auf die Beschwerde des Gesuchstellers nicht eingetreten war, ordnete es auf dessen Ersuchen mit Urteil E–5128/2018 vom 17. Sep- tember 2018 revisionsweise die Wiederaufnahme des Beschwerdever - fahrens an. Aufgrund der Mitteilung der zuständigen kantonalen Behörde, der Gesuchsteller sei seit dem 30. September 2018 unbekannten Aufent - haltes, forderte die Instruktionsrichterin den Rechtsvertreter des Gesuch - stellers auf, innert Frist eine aktuelle und vom Gesuchsteller unter - zeichnete Er klärung einzureichen, aus welcher dessen fortbestehendes Rechtsschutzinteresse sowie der derzeitige Aufenthaltsort hervorgehe. Der Rechtsvertreter erklärte in der Folge, der Aufenthalt des Gesuchstellers sei nach wie vor unbekannt und Bemühungen um Kontakt aufnahme seien erfolglos geblieben, weshalb davon auszugehen sei, der Gesuchsteller habe kein Rechtsschutzinteresse mehr. Daraufhin schrieb das Gericht das Beschwerdeverfahren mit Abschreibungsentscheid E –6312/2018 vom 30. November 2018 als gegenstandslos ab. In der Zwischenzeit hatte der Gesuchsteller am 24. September 2018 ein Asylgesuch in Deutschland ge- stellt. Am 10. Januar 2019 ersuchte er ferner in Luxemburg um Asyl. Am 16. Januar 2019 sowie am 31. Juli 2019 wurde er von Deutschland in die Schweiz überstellt. Mit Eingabe vom 11. September 2019 ersuchte der Ge- suchsteller beim Gericht um Wiederaufnahme des am 30. November 2018 abgeschriebenen Beschwerdeverfahrens. 2020 VI/3 Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 32 VI BVGE / ATAF / DTAF Aus den Erwägungen: 2. 2.1 Ein Abschreibungsentscheid kann auf Gesuch hin aufgehoben und das ursprüngliche Beschwerdeverfahren durch das Gericht wieder aufgenommen werden, insbesondere wenn das vorangegangene Verfahren infolge einer auf Willensmängel n beruhenden Rückzugserklärung der Partei (vgl. Urteil des BVGer D –1424/2019 vom 23. Mai 2019 E. 3.1, unter Hinweis auf die langjährige Praxis) oder irrtümlich als Folge von unzutreffenden Informationen oder von Fehlinterpretationen als gegen - standslos abgeschrieben wurde (vgl. dazu Urteil des BVGer D–2608/2016 vom 6. Mai 2016 S. 5 m.w.H.). 2.2 Im Rahmen vo n Dublin -Verfahren sind besondere Bestimmun - gen – insbesondere jene der V erordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zustän - dig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin- III-VO) – anwendbar. Das Dublin-System basiert auf dem Grundsatz, dass nur ein einziger Mitgliedstaat ein Asylgesuch zu prüfen hat. Entsprechend verpflichtet Art. 18 Abs. 1 Bst. a–d Dublin-III-VO den zuständigen Mit - gliedstaat, einen Gesuchsteller aufzunehmen (Bst. a), oder, wenn er während der Prüfung seines Antrags (Bst. b) oder nach Rückzug desselben (Bst. c) oder nach Erhalt eines negativen Entscheids (Bst. d) einen Antrag in einem anderen Mitgliedstaat stellt oder sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, ihn wieder aufzuneh- men. Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO enthält zudem verschiedene Rechts - beziehungsweise Verfahrensgarantien, indem die Bestimmung den zustän- digen Mitgliedstaat verpflichtet, den Antrag auf internationalen Schutz abschliessend zu prüfen (Unte rabs. 1), dem Gesuchsteller bei Rückzug seines Asylgesuchs das Recht einräumt, die Fortsetzung der Prüfung zu beantragen beziehungsweise ein neues Gesuch einzureichen (Unterabs. 2) sowie gegen einen abschlägigen Entscheid einen wirksamen Rechtsbehelf vorschreibt (Unterabs. 3). Aufgrund dieser V orgaben sieht Art. 35a AsylG (SR 142.31) vor, dass Asylverfahren, für welche die Schweiz aufgrund der Dublin-III-VO zuständig ist, wieder aufzunehmen sind , und zwar auch dann, wenn das Asylgesuch zuvor abgeschrieben wurde. Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 2020 VI/3 BVGE / ATAF / DTAF VI 33 2.3 In systematischer Hinsicht steht Art. 35a AsylG unter dem dritten Abschnitt des zweiten Kapitels des Asylgesetzes, welcher das erstinstanz- liche Verfahren regelt. Es ist demnach zu prüfen, ob die Pflicht zur Wieder- aufnahme, wie sie in der Dublin-III-VO beziehungsweise in Art. 35a AsylG statuiert ist, auch auf das Beschwerdeverfahren Anwendung findet. 3. 3.1 Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO sowie Art. 35a AsylG sollen dem Asylgesuchsteller den effektiven Zugang zum Asylverfahren gewährleis - ten (vgl. auch E. 5 Dublin-III-VO) und insbesondere sicherstellen, dass die Prüfung des Asylgesuchs abschliessend erfolgt. Die Wiederaufnahme des Verfahrens soll auf Antrag des Gesuchstellers auch dann erfolgen, wenn er das ursprüngliche Asylgesuch zurückgezogen hat oder während des Asyl- verfahrens untergetaucht ist (vgl. Botschaft vom 7. März 2014 über die Genehmigung und die Umsetzung der Notenaustausche zwischen der Schweiz und der EU betreffend die Übernahme der Verordnung en [EU] Nr. 603/2013 und [EU] Nr. 604/2013 [ Weiterentwicklungen des Dublin/ Eurodac-Besitzstands], BB l 2014 2675, 2708 f., nachfolgend: Botschaft Notenaustausch; Urteil des BVGer D–1424/2019 vom 23. Mai 2019 E. 3.4 m.w.H.). Insofern räumen die genannten Bestimmungen dem Asylgesuch- steller einen « uneingeschränkten Anspruch » auf Wiederaufnahme in dem Sinne ein, dass diese grundsätzlich auch zu erfolgen hat, wenn der Be - schwerdeführer keinen Willensmängeln unterlag (vgl. E. 2.1), also selbst bei widersprüchlichem oder gegen die Mitwirkungspflicht (vgl . insb . Art. 8 Abs. 3 AsylG) verstossendem Verhalten seinerseits. Aus dem Kon- zept der « uneingeschränkten » Wiederaufnahme ergibt sich freilich ein gewisses Spannungsverhältnis zu den allgemeinen Rechtsgrundsätzen des Handelns nach Treu und Glauben sowie dem Rechtsmissbrauchsverbot, insbesondere wenn es dem Gesuchsteller ohne nachteilige Rechtsfolge er- möglicht, sich über innerstaatliche Auflagen, wie beispielsweise betref - fend den Aufenthaltsort, hinwegzusetzen oder nach Belieben Asylverfah - ren in anderen Mitgliedstaaten einzuleiten, mithin sogenanntes « asylum shopping » zu betreiben (vgl. dazu Urteil des BVGer E –6557/2011 vom 17. Januar 2012 E. 6.1 m.w.H.). Diese dem Asylsuchenden durch das Dublin-System gewährte Rechtswohltat steht zudem i n Kontrast zu der vom Schweizer Gesetzgeber im Jahr 2014 eingeführten Bestimmung von Art. 8 Abs. 3bis AsylG, nach welcher bei Verletzung der Mitwirkungs - pflicht beziehungsweise im Falle des Untertauchens das Verfahren formlos abgeschrieben wird und während drei Jahren keine erneute Ver - fahrenseinleitung möglich sein soll. Im Zusammenhang mit der späteren Einführung von Art. 35a AsylG im Jahr 2015 wurde festgehalten, dass die 2020 VI/3 Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 34 VI BVGE / ATAF / DTAF Pflicht zur Wiederaufnahme im Sinne dieser Bestimmung nur für Dublin- Fälle gelte (vgl. Botschaft Notenaustausch, BBl 2014 2675, 2698; zur Pro- blematik der Vereinbarkeit von Art. 8 Abs. 3bis AsylG mit den rechtlichen Vorgaben der Dublin -III-VO sowie Art. 35a AsylG ferner SERAINA NUFER, ASYL 2014/2 S. 8). 3.2 Einen ersten Hinweis auf die Frage, ob die « uneingeschränkte » Wiederaufnahme (im vorstehend beschriebenen Sinne) auch für das ge - richtliche Beschwerdeverfahren gelten soll, liefert Art. 18 Abs. 2 Unter - abs. 2 Dublin-III-VO, welcher die Wiederaufnahme des Verfahrens im Falle eines vorausgegangenen Rückzugs des Asylantrags regelt. Gemäss dieser Bestimmung ist das Verfahren nur dann wieder aufzunehmen, wenn in der Sache aufgrund des Rückzugs in erster Instanz noch kein Entscheid ergangen ist. Die Pflicht zur abschliessenden materiellen Prüfung des An- trags und damit der Anspruch auf Wiederaufnahme besteht gemäss dieser Bestimmung demzufolge nur im Zusammenhang mit erstinstanzlichen Verfahren. Der Wortlaut der Bestimmung legt somit den Schluss nahe, dass der « uneingeschränkte » Anspruch auf Verfahrenswiederaufnahme für zweitinstanzliche Verfahren in dieser Form nicht besteht. Daraus ist ferner zu schliessen, dass sich sämtliche Konstellationen von Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO, in welchen die Pflicht zum Verfahrensabschluss beziehungsweise zur Verfahrensfortführung enthalten ist, nur auf das erst- instanzliche Verfahren beziehen. Es erhellt nicht, weshalb sich die ersten beiden Unterabs. von Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO diesbezüglich unter- scheiden sollten. Insbesondere gibt es keinen ersichtlichen Grund, weshalb im Fall des Stellens eines Asylantrags in einem anderen Mitgliedstaat während des hängigen Verfahrens im zuständig en Mitgliedstaat bezie - hungsweise im Fall des Verlassens des zuständigen Mitgliedstaats während des hängigen Verfahrens (Art. 18 Abs. 2 Unterabs . 1 i.V .m. Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO) sich die « uneingeschränkte » Pflicht zur Verfahrensfortführung beziehungsweise Verfahrenswiederaufnahme auch auf zweitinstanzliche Verfahren erstrecken soll, während dies in der Konstellation, wo (zusätzlich) der Asylantrag formell zurückgezogen wird, ausdrücklich nicht gilt (Art. 18 Abs. 2 Unterabs . 2 Dublin-III-VO i.V .m. Art. 18 Abs. 1 Bst. c). Des Weiteren wird das Rechtsmittelverfahren erst in Art. 18 Abs. 2 Unter- abs. 3 Dublin-III-VO erwähnt, welcher für den Fall eines abschlägigen materiellen Asylentscheids einen wirksamen Recht sbehelf vor schreibt. Die konkrete Ausgestaltung dieses Rechtsbehelfs ist jedoch nicht in der Dublin-III-VO geregelt, sondern in Art. 46 der Richtlinie 2013/32/EU des Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 2020 VI/3 BVGE / ATAF / DTAF VI 35 Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zu gemein - samen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internatio - nalen Schutzes (Neufassung) ABl. L 180/60 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Asylverfahrensrichtlinie), auf welche Art. 18 Abs. 2 Unterabs. 3 Dublin- III-VO verweist. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass Art. 27 Dublin-III-VO (« Rechtsmittel ») auf die hier interessierenden Konstellationen nicht anwendbar ist, da sich dieser Artikel (wie auch die E. 19 der Verordnung) auf Überstellungsentscheide bezieht. Die prozes - sualen V orgaben, wie der « wirksame Rechtsbehelf » im Sinne von Art. 18 Abs. 2 Unterabs. 3 Dublin-III-VO auszugestalten ist, ergeben sich demge- mäss aus der Asylverfahrensrichtlinie und nicht direkt aus der Dublin-III- VO selbst. Auch wenn die Asylverfahrensrichtlinie für die Schweiz nicht verbindlich ist (vgl. Botschaft vom 3. September 2014 zur Genehmigung der Vereinbarung zwischen der Schweiz und der EU zur Festlegung der Modalitäten der Beteiligung der Schweiz am Europäischen Unterstüt - zungsbüro für Asylfragen [EASO], BBl 2014 6915, 6918 f.), lässt sie den- noch Rückschlüsse auf die Intentionen des Dublin-III-Verordnungsgebers bezüglich der Ausgestaltung der Verfahrenswiederaufnahme (im hier in - teressierenden Sinne) zu, welchen nicht zuletzt auch aufgrund der in Art. 113 AsylG festgehaltenen Harm onisierungsbestrebungen Rechnung zu tragen ist. Art. 46 Asylverfahrensrichtlinie definiert die Anforderungen an einen « wirksamen Rechtsbehelf » im Sinne von Art. 18 Abs. 2 Unterabs . 3 Dublin-III-VO. Unter anderem sieht die Bestimmung die Möglichkeit vor, den Entscheid einer Asylbehörde, ein eingestelltes Asylverfahren nicht wieder aufzunehmen, mit einem Rechtsmittel gerichtlich anzufechten (vgl. Art. 46 Abs. 1 Bst. b i.V .m. Art. 27 und Art. 28 Asylverfahrensrichtlinie). Dabei definiert die Richtlinie « Asylbehörde » als gerichtsähnliche Behör- de oder Verwaltungsstelle, welche erstinstanzliche Entscheidungen erlässt (vgl. Art. 2 Bst. f Asylverfahrensrichtlinie). Die Asylverfahrensrichtlinie sieht demg emäss zwar einen Rechtsschutz für negative Wiederaufnah - meentscheide durch die erstinstanzlichen Asylbehörden vor, jedoch kann der Richtlinie nicht entnommen werden, ein wirksamer Rechtsbehelf bein- halte für zweitinstanzliche Verfahren zwingend die Rechtsw ohltat einer « uneingeschränkten » Pflicht zur Wiederaufnahme, wie sie in Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO für erstinstanzliche Verfahren vorgesehen ist. In diesem Zusammenhang ist ergänzend festzuhalten, dass sich auch aus dem Recht auf eine wirksame Beschwer de im Sinne von Art. 13 EMRK 2020 VI/3 Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 36 VI BVGE / ATAF / DTAF kein Anspruch auf eine « uneingeschränkte » Wiederaufnahme eines Asyl- beschwerdeverfahrens entnehmen lässt. Im Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte B.M. gegen Griechenland vom 19. De- zember 2013, 53608/11, wurde in der Abschreibung des Asylbeschwerde- verfahrens infolge Fernbleibens des Gesuchstellers keine Verletzung von Art. 13 EMRK erblickt beziehungsweise wurde ein Anspruch auf Wieder- aufnahme des Beschwerdeverfahrens weder festgestellt noch erwähnt. Schliesslich lässt sich weder der allgemeinen Justizgewährleistungspflicht im Sinne von Art . 29 BV noch der in Art. 29a BV statuierten Rechts - weggarantie – welche im Kern den Zugang zu einem Gericht gewähr - leistet – eine Verpflichtung entnehmen, Gerichte hät ten rechtskonform abgeschriebene Asylbeschwerdeverfahren auf Antrag des Asylsuchenden grundsätzlich und ohne Weiteres, mithin auch in Ermanglung besonderer Umstände, wieder aufzunehmen. 3.3 Aufgrund des Ausgeführten ist festzuhalten, dass sich der Dublin- III-VO (inkl. der Asylverfahrensrichtlinie) sowie dem ihr übergeordneten Recht nicht entnehmen lässt, dass gerichtlich eingestellte beziehungsweise abgeschriebene Asylbeschwerdeverfahren auf Antrag des Gesuchstellers ohne Weiteres wieder aufgenommen werden müss ten. Das Konzept der « uneingeschränkten » Pflicht zur Wiederaufnahme im Sinne von Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO wurde durch den Bundesgesetzgeber denn auch lediglich im zweiten Kapitel des Asylgesetzes « Asylsuchende » (in der Form von Art. 35a AsylG) unter dem dritten Abschnitt « Das erstin - stanzliche Verfahren » verankert. Im achten Kapitel unter dem zweiten Ab- schnitt « Beschwerdeverfahren auf Bundesebene » nahm er jedoch keine entsprechende Bestimmung auf. Es ist somit festzuhalten, dass Art . 18 Abs. 2 Dublin-III-VO sowie Art. 35a AsylG sicherstellen, dass das Asyl - gesuch beziehungsweise der Antrag auf internationalen Schutz zumindest einmal eine vollständige Prüfung durchläuft und ein abgeschriebenes erstinstanzliches Asylverfahren wieder au fzunehmen ist, ohne dass dafür besondere rechtfertigende Umstände (beachtliche Willensmängel be im Gesuchsteller, Irrtümer aufseiten der Behörde etc.) vorliegen müssten, was unter anderem mit den möglicherweise auf dem Spiel stehenden Rechtsgütern zu rechtfertigen sein mag. Für die Verfahren vor Beschwer- deinstanzen sehen jedoch weder die Dublin-III-VO mit ihren Nebener - lassen, das ihnen übergeordnete Recht noch das innerstaatli che Recht einen entsprechenden « uneingeschränkten » Anspruch auf Wiederauf - nahme vor. Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 2020 VI/3 BVGE / ATAF / DTAF VI 37 3.4 Als Ergänzung bleibt in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass das Staatssekretariat für Migration durch seine Zustimmung zur Aufnahme beziehungsweise Wiederaufnahme im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Dublin-III-VO keine Zusicherung zuhanden der Mitgliedstaaten abgibt, es werde ein abgeschriebenes Beschwerdeverfahren wieder aufgenommen. Es anerkennt damit jeweils nur die Pflicht der Schweiz, den Gesuchsteller in ihrem Hoheitsgebiet (wieder) aufzunehmen. Die Verfahrensherrschaft der Beschwerdeinstanz wird dadurch nicht tangiert. 3.5 Aufgrund des vorstehend Ausgeführten ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO und Art. 35a AsylG lediglich auf erstinstanzliche Asylver- fahren anwendbar sind. Die Wiederaufnahme von Asylbeschwerdever - fahren beurteilt sich dagegen allein nach der unter E. 2.1 beschriebenen Praxis (vgl. E. 4). 4. 4.1 Den Verfahrensakten ist zu entnehmen, dass sich der Gesuch - steller am 23. September 2018 – nachdem das Bundesverwaltungsgericht sein Revisionsgesuch mit Urteil vom 17. September 2018 g utgeheissen und das Beschwerdeverfahren wieder aufgenommen hatte – zwecks Asyl- gesuchstellung nach Deutschland begab. Später reiste er nach Luxemburg, wo er ebenfalls ein Asylgesuch stellte , und kehrte anschliessend nach Deutschland zurück. Am 16. Januar 2 019 wurde er von den deutschen Behörden in die Schweiz überstellt. Kurz darauf begab er sich wieder nach Deutschland, wo er am 14. Februar 2019 erneut um Asyl nachsuchte. Am 31. Juli 2019 wurde er wieder in die Schweiz überstellt, wo er am 11. Sep- tember 2019 um Wiederaufnahme des vom Bundesverwaltungsgericht am 30. November 2018 abgeschriebenen Beschwerdeverfahrens ersuchte. Insgesamt hielt er sich rund neun Monate lang im Ausland auf. 4.2 In der Rechtsmitteleingabe erklärt der Gesuchsteller, er habe während seines Aufenthaltes in Deutschland erfahren, dass B. in C. gestor- ben sei. Der Rest der Familie habe sich aufgrund von Problemen mit der D. im August 20(…) gezwungen gesehen, nach E. auszureisen. Aufgrund seiner Wiedereinreise in die Schweiz sowie des dargelegten Schicksals seiner Angehörigen bestehe weiterhin ein schutzwürdiges Interesse an der Weiterführung seines Beschwerdeverfahrens. 4.3 Im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht hat sich ei n Asylgesuch- steller während des Verfahrens den Behörden von Bund und Kanton zur 2020 VI/3 Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 38 VI BVGE / ATAF / DTAF Verfügung zu halten und seine Adresse und jede Änderung der nach kanto- nalem Recht zuständigen Behörde des Kantons oder der Gemeinde sofort mitzuteilen (Art. 8 Abs. 3 AsylG). Nachdem das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E –5128/2018 das Be- schwerdeverfahren wieder aufgenommen hatte, reiste der Gesuchsteller nur sechs Tage später, am 23. September 2018, nach Deutschland. Da - durch verletzte er seine Mitwirkungspflicht gemäss Ar t. 8 Abs. 3 AsylG, weil er den zuständigen Behörden nicht mehr zur Verfügung stand. Zwar war die V orinstanz aufgrund der Mitteilung der deutschen Behörden ab dem 10. Oktober 2018 darüber im Bilde, dass sich der Gesuchsteller in Deutschland aufhielt, jedoch hatte er per 16. November 2018 keinen Kontakt mehr zu seinem Rechtsvertreter, weshalb das Bundesverwal - tungsgericht davon ausgehen durfte, er habe an der Fortführung seines Verfahrens in der Schweiz kein Interesse mehr. Die Abschreibung des Beschwerdeverfahrens durch das Gericht war somit die direkte Folge des Verhaltens des Gesuchstellers und nicht das Resultat unzutreffender Infor- mationen oder behördlicher Fehlinterpretationen. Das Beschwerdever - fahren wurde somit zu Recht abgeschrieben. Weiter bringt der Gesuchsteller keine Umstände vor, welche für einen be- achtlichen Willensmangel seinerseits oder andere rechtfertigende Gründe für seine Verfahrensabwesenheit sprechen würden. Insbesonde re ist der nicht weiter substant iierte Hinweis auf die Situation sei ner Angehörigen im Heimatland nicht dazu geeignet, seine Abwesenheit in der Schweiz und den Aufenthalt in Deutschland zu erklären beziehungsweise ein nach wie vor vorhandenes Rechtsschutzinteresse am Beschwerdeverfahren darzule- gen. Dies abgesehen davon, d ass er gemäss eigenen Angaben erst nach Verlassen der Schweiz von der angeblichen Situation seiner Familie erfah- ren hat. Sein Verhalten lässt vielmehr darauf schliessen, dass er sogenann- tes « asylum shopping » betrieb. Auch wenn aufgrund der Formulierung von Art. 18 Dublin-III-VO davon auszugehen ist, dass solches Verhalten einer Wiederaufnahme des erstinstanzlichen Asylverfahrens grundsätzlich nicht entgegensteht, verpflichtet es die Beschwerdeinstanz – ohne Hinzu- treten beachtlicher Wiederaufnahmegründe – dagegen nicht, ein abge - schriebenes Beschwerdeverfahren fortzusetzen. 4.4 Nach dem Ausgeführten ist im Ergebnis festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht zu Recht davon ausging, der Gesuchsteller habe kein Rechtsschutzinteresse mehr an der Fortführung des Verfahrens gehabt. Der Gesuchsteller vermag keine Gründe darzulegen, welche die Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens rechtfertigen könnten. Eine Wiederaufnahme Beschwerdeverfahren im Dublin-Kontext 2020 VI/3 BVGE / ATAF / DTAF VI 39 summarische Durchsicht der Akten ergibt ferner nicht, es würden einem Wegweisungsvollzug in offensichtlicher Weise völkerrechtliche V ollzugs- hindernisse entgegenstehen. Das Gesuch um Wiederaufnahme des Be - schwerdeverfahrens ist deshalb abzuweisen. Der Abschreibungsentscheid vom 30. November 2018 bleibt damit bestehen und das Beschwerde - verfahren wird nicht wieder aufgenommen.