B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1088/2010/wif U r t e i l v o m 1 3 . A u g u s t 2 0 1 2 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richter Yanick Felley; Gerichtsschreiberin Corinne Krüger. Parteien A._______, geboren (…), und ihre Kinder B._______, geboren (…), C._______, geboren (…), Mongolei, vertreten durch Melanie Aebli, Freiplatzaktion Zürich, (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 21. Januar 2010 / N (…). D-1088/2010 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin und ihre beiden Töchter, Mongolinnen mit let z- tem Wohnsitz in D._______, verliessen ihr Heimatland am 9. Dezember 2008 und gelangten via Russland am 18. Dezember 2008 in die Schweiz, wo sie im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) E._______ gleichen- tags um Asyl nachsuchten. Am 2. J anuar 2009 wurden die Beschwerd e- führerin und ihre ältere Tochter B._______ (geboren (…)) vom BFM zu ih- ren Personalien, zu ihrem Reiseweg und zu den Ausreisegründen b e- fragt. Am 15. Juni 2009 führte das BFM mit der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter B._______ eine einlässliche Anhörung zu ihren Asylgründen durch. B. Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin ge l- tend, ihre Eltern seien früh verstorben, weshalb sie seit ihrem dritten L e- bensjahr bei Pflegeeltern – ihrer Grosstante und deren chinesischen Ehe- mann – in D._______ aufgewachsen sei. Ihr Pflegevater, der regelmässig betrunken gewesen sei, habe sie oft geschlagen und als sie etwa 15 Ja h- re alt gewesen sei, auch vergewaltigt. Später sei sie zudem von chines i- schen Freunden ihres Pflegevaters misshandelt und vergewaltigt worden, zuletzt im November 2008. Die Beschwerdeführerin erklärte ausserdem, ihre beiden Töchter (geb o- ren (…) und (…)) stammten von zwei verschiedenen Vätern, zu denen sie keinen Kontakt mehr habe. Nach der Geburt der Ki nder habe sie weite r- hin bei ihren Pflegeeltern gelebt. Irgendwann habe ihr Pflegevater ang e- fangen, von ihren Töchtern zu verlangen, ihn zu massieren, was sie se l- ber als Kind schon habe machen müssen. Ausserdem habe er ihre Töc h- ter auch geschlagen. Ende Aug ust 2008 sei ihre Pflegemutter gestorben. Während diese im Krankenhaus gewesen sei, habe der Pflegevater ihre Tochter B._______ vergewaltigt. Etwa eine Woche später habe B._______ einen Selbstmordversuch unternommen, indem sie Tabletten geschluckt habe. Im Krankenhaus habe man ihren Magen ausgepumpt. Im September 2008 habe sie im Büro ihres Arbeitgebers ein Formular mit einem Foto ihrer Tochter entdeckt und befürchtet, ihr Pflegevater wolle diese nach China verkaufen. Sie habe sich deswegen an die Polizei g e- wandt. Drei Tage später sei sie vom Dolmetscher ihres Arbeitgebers mit einem Messer bedroht worden. Um ihre Töchter in Sicherheit zu bringen, habe sie die Mongolei am 9. Dezember 2008 verlassen. D-1088/2010 Seite 3 C. Die Tochter B._______ bestätigte im Wesentlichen die Aussagen der B e- schwerdeführerin. Am 6. Januar 2010 wurde vom (…) ein ärztlicher B e- richt betreffend B._______ eingereicht. D. Mit Verfügung vom 21. Januar 2010 stellte das BFM fest, die Beschwe r- deführerinnen erfüllten die Flüc htlingseigenschaft nicht und lehnte die Asylgesuche ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung der Beschwe r- deführerinnen aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. Als Begründung für die Nichtzuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und Ablehnung der Asylgesuche führte das BFM zusammenfassend aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerinnen hielten einerseits den Anfo r- derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) und andererseits denen an die Flücht- lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. Den Vollzug der We g- weisung erachtete das BFM für zulässig, zumutbar und möglich. E. Mit Eingabe vom 22. Februar 2010 liessen die Beschwerdeführerinnen durch ihre Rechtsvertreterin gegen diese Verfügung beim Bundesverwal- tungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, sie seien in Aufh e- bung des angefochtenen Entscheides infolge Unzumutbarkeit sowie U n- zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs i.S.v. Art. 83 Abs. 1 und 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtli- cher Hinsicht liessen sie beantragen, der Beschwerde sei die aufschi e- bende Wirkung zu gewähren und die Vollzugsbehörden seien anzuwe i- sen, von Vollzugshandlung en abzusehen. Schliesslich liessen sie bea n- tragen, es sei ihnen die Bezahlung des Kostenvorschusses sowie der Verfahrenskosten zu erlassen und es sei ihnen eine angemessene Partei- entschädigung auszurichten. F. Mit Eingabe vom 24. Februar 2010 reichte die R echtsvertreterin für die Beschwerdeführerinnen eine Fürsorgebestätigung zu den Akten. G. Mit Verfügung vom 1. März 2010 stellte der Instruktionsrichter fest, dass die Beschwerdeführerinnen den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz von Gesetzes wegen abwarten können und trat – zumal die aufschieben-D-1088/2010 Seite 4 de Wirkung nicht entzogen wu rde – auf das Gesuch um Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde nicht ein. Gleichzeitig stellte er fest, dass sich die Beschwerde ausschliesslich gegen den Vollzug der Wegweisung richtet und daher die Verfügung des BFM, soweit sie die Flüchtlingseigenschaft, das Asyl und die Anordnung der Wegweisung als solche betrifft (Ziffern 1 -3), in Rechtskraft erwachsen ist. Zudem forderte er die Beschwerdeführerinnen auf, innert Frist die in der Beschwerde gel- tend gemachten gesundheitlichen Probleme der Tochter B._______ mit einem aktuellen ärztlichen Bericht zu belegen und eine Erklärung über die Entbindung der behandelnden Ärzte von der Schweigepflicht gegenüber den Asylbehörden einzureichen. Schliesslich verfügte der Instruktionsrich- ter, dass über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Recht s- pflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) zu einem späteren Zei t- punkt befunden werde. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wu r- de verzichtet. H. Am 9. März 2010 reichte die Rechtvertreterin bezüglich B._______ einen ärztlichen Bericht des (…) vom 15. Februar 2010 sowie eine Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht zu den Akten. I. Am 15. März 2010 liess die Rechtsvertreterin dem Bundesverwaltungsge- richt einen aktualisierten ärztlichen Bericht des (…) vom 11. März 2010 zukommen. J. In seiner Vernehmlassung vom 25. März 2010 erklärte das BFM, die B e- schwerdeschrift enthalte keine n euen erheblichen Tatsachen oder B e- weismittel, welche die Änderung seines Standpunktes rechtfertigen kön n- ten, und beantragte die Abweisung der Beschwerde. K. Am 14. April 2010 reichte die Rechtsvertreterin zur Vernehmlassung des BFM eine Replik ein. L. Mit Ei ngabe vom 6. Januar 2011 machte die Rechtsvertreterin gesun d- heitliche Probleme der Beschwerdeführerin geltend und reichte dazu e i- nen ärztlichen Bericht des (…) vom 23. November 2010 ein. D-1088/2010 Seite 5 M. Mit Eingabe vom 10. Februar 2011 reichte die Rechtsvertreterin zwei Re- ferenzschreiben von den Klassenlehrern der beiden Töchter B._______ und C._______ zu den Akten. N. Mit Zwischenverfügung vom 18. Mai 2012 forderte der Instruktionsrichter die Beschwerdeführerinnen auf, bezüglich der geltend gemachten g e- sundheitlichen Prob leme der Beschwerdeführerinnen aktuelle medizin i- sche Berichte einzureichen. O. Am 12. Juni 2012 reichte die Rechtsvertreterin bezüglich der Beschwe r- deführerin A._______ einen medizinischen Bericht der (…) vom 4. Juni 2012 sowie eine Entbindung von der ärztli chen Schweigepflicht zu den Akten. P. Am 14. Juni 2012 reichte die Rechtsvertreterin einen ärztlichen Bericht des (…) vom 13. Juni 2012 bezüglich die Tochter B._______ ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bunde sverwaltungs- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, au sser bei Vorliegen eines Ausliefe- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. D-1088/2010 Seite 6 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhal ts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Die Beschwerde richtet sich einzig gegen den Vollzug der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1, 2 und 3 der vorinstanzlichen Verfügung sind unan- gefochten in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des vorliegenden Ve r- fahrens bildet somit ausschliesslich die Frage, ob das Bundesamt den Vollzug der Wegweisung zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich er- klärt hat. 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Weg weisungsvollzug (Unzuläs- sigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind alternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der Vollzug als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit der betroffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu r e- geln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4.). 4.2 4.2.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner G ewalt und D-1088/2010 Seite 7 medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr- dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vor- läufige Aufnahme zu gewähren. 4.2.2 Aufgrund der allgemeinen politischen Lage, der Menschenrechtss i- tuation sowie den allgemeinen Lebensumständen in der Mongolei, die mit Beschluss vom 28. Juni 2000 zu einem verfolgungssicheren Staat (sog. "safe country") erklärt wurde, ist eine Rückkehr der Beschwerdeführeri n- nen unter dem Aspekt der Gefährdung durch Gewaltsitu ationen als z u- mutbar zu erachten. In der Mongolei herrscht weiterhin keine Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt, aufgrund derer eine kon- krete Gefährdung der Beschwerdeführerinnen angenommen werden müsste. 4.2.3 Wie im Nachfolgenden aufgezeigt wird, ist der Vollzug der Wegwe i- sung allerdings aufgrund einer Kumulation individueller Gründe für die Beschwerdeführerinnen nicht als zumutbar zu qualifizieren. 4.2.3.1 Gemäss ärztlichem Bericht der (…) vom 4. Juni 2012 leidet die Beschwerdeführerin an einer andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung der jahrelangen schweren Traumatisierung im He r- kunftsland und vor diesem Hintergrund an einem mittelgradig ausgeprä g- ten depressiven Syndrom. Die Beschwerdeführerin wird seit dem 24. Februar 2010 bzw. seit dem 31. Mai 2010 in der (…) ambulant behandelt (monatliche Gesprächs - und Psychopharmakotherapie). Im Arztbericht wird ausgeführt, dass seither deutliche Fortschritte hätten erzielt werden können. Ausserdem beweise die Beschwerdeführerin einen grossen Inte- grationswillen. Sie habe sich Unterstützung gesucht und einen Sprac h- kurs sowie eine Arbeitsstelle als Küchenhilfe organisiert. Nach Ansicht der behandelnden Ärzte ist die Beschwerdeführerin durch die erlittene ko m- plexe Traumatisierung im Heimatland schwer beeinträchtigt. Aufgrund der psychiatrischen Folgeerkrankung sei eine fortgesetzte psychiatrische B e- handlung notwendig, unter anderem auch um die Kinder der Beschwe r- deführerin zu schützen. So wird davon ausgegangen, dass sich ohne B e- handlung das Zust andsbild der Beschwerdeführerin verschlechtern wü r- de, dabei sei eine suizidale Entwicklung nicht auszuschliessen und auch die Möglichkeit eines erweiterten Suizids (Tötung der Kinder, um sie vor Leid durch Familienangehörige in der Mongolei zu bewahren) se i gege- ben. D-1088/2010 Seite 8 4.2.3.2 Betreffend die medizinische Notlage kann nur dann auf Unzumu t- barkeit des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden, wenn eine no t- wendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensge fährdenden Beein- trächtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person führt. D a- bei wird als wesentlich die allgemeine und dringende medizinische B e- handlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls dann noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht dem schweiz e- rischen Standard entsprechende medizinische Be handlung möglich ist (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2, mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 24 E. 5a und b). 4.2.3.3 Nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts sind die g e- sundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin ( 1/A._______) zwar ernst zu nehmen, jedoch sind sie nicht als so gravierend zu beurteilen, dass deswegen die Rückkehr in die Mongolei als unzumutbar zu qua lifi- zieren wäre. Gemäss ärztlichem Bericht vom 4. Juni 2012 ist ein ther a- peutisches Gespräch pro Monat in Verbindung mit psychopharmakolog i- scher Medikation für eine adäquate Behandlung der Beschwerdeführerin ausreichend. Somit ist nicht von einer intensive n Erkrankung auszug e- hen. Bezüglich der gemäss eingereichtem Arztbericht weiter indizierten medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung gilt es festz u- halten, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr auf die in der Mongolei bestehende medizinis che Infrastruktur zurückgreifen könnte. Diese lässt nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts eine Therapie ihrer Beschwerden insbesondere in der Hauptstadt Ulaanbaatar, (…), zu. Neben verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen gibt es in Ulaanbaatar insbesondere auch psychosoziale Rehabilitationszentren für Menschen mit psychischen Beschwerden sowie telefonische Beratung s- stellen für Erwachsene, und auch der Zugang zu Medikamenten ist grundsätzlich auf allen Ebenen der Leistungserbringer gewährl eistet, wenn auch die Vorräte an Medikamenten aufgrund von Finanzierung s- schwierigkeiten limitiert sind. Insgesamt ist nicht davon auszugehen, die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin (1) würden im Falle einer Rückkehr in die Mongolei mangels a usreichender medizinischer Behandlungsmöglichkeiten eine drastische und lebensbedrohende Ve r- schlechterung ihres Gesundheitszustandes nach sich ziehen. Der G e- sundheitszustand der Beschwerdeführerin an sich gibt somit aufgrund der Aktenlage keinen Anlass, de n Weg weisungsvollzug als unzumutbar zu erachten. D-1088/2010 Seite 9 4.2.3.4 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug zusätzlich noch Kinder betroffen, so ist im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindes- wohl vorrangig zu gewichten, was sich aus einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 des Übe r- einkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) ergibt. Demzufolge sind unter dem Aspekt des Kindeswohls sämtliche Umstände zu würdigen, die im Hinblick auf ei ne Wegweisung wesentlich erscheinen. Namentlich sind in Bezug auf das Kindeswohl im Rahmen einer Gesamtwürdigung Kriterien wie Alter des Kindes, Reife, Abhängigkeit, Art der Beziehungen (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit), Ei - genschaften der Bezugsperson (insbesondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung und Aus bil- dung des Kindes und der Grad der erfolgten Integration bei einem läng e- ren Aufenthalt in der Schweiz zu beurteilen. Gerade letzterer Aspekt ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Reintegrat i- on im Heimatland als gewichti ger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem vertrauten Umfeld herausgerissen werden sollen. Damit ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das unmittelba- re persönliche Umfeld des Kindes zu berücksichtigen, sondern auch des - sen übrige soziale Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz hat bi s- weilen eine reziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des We g- weisungsvollzugs, da eine starke Assimilierung in der Schweiz eine En t- wurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann, welche unter Umstä n- den die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.2 und BVGE 2009/51 E. 5.6). 4.2.3.5 Die Töchter der Beschwerdeführerin (1) sind (…) und (…) Jahre alt. Sie leben seit mehr als dreieinhalb Jahren in der Schweiz und bes u- chen hier die Schule. 4.2.3.6 Bezüglich die (…)-jährige Tochter B._______ liegen ärztliche B e- richte des (…) vom 15. Februar 2010, vom 11. März 2010 und vom 13. Juni 2012 vor. Aus diesen geht hervor, dass sie seit dem 15. September 2009 im (…) in Behandlung ist. Sie leidet an einer schweren posttraum a- tischen Belastungsstörung, einer sozialen Phobie sowie an einer reakt i- ven Bindungsstörung des Kindesalters. Vom 4. Februar bis 15. April 2010 war sie in stationärer jugendpsychiatrischer Therapie, wobei die akute Krisenintervention bei andauernder Suizidalität im Vorde rgrund stand. Seither besteht die Behandlung aus einer wöchentlichen Einzeltherapie (mit Übersetzerin), Pharmakotherapie und Systemtherapie. Sie ist auf die Einnahme von Medikamenten angewiesen. Im Verlauf der Therapie zei g-D-1088/2010 Seite 10 te sich eine tendenzielle Stabil isierung, wobei der langjährige Bezi e- hungsaufbau mit der Therapeutin ein tragendes Element der Behandlung darstellt. Die behandelnde Ärztin ist der Meinung, dass eine (weitere) Verbesserung des Gesundheitszustandes zwingend an die Vorausse t- zung absolut stabiler Strukturen (stabiler Wohnort, geordnete Wohnsitu a- tion, vertrautes und verlässliches Umfeld, stabile soziale Umgebung, B e- handlungskontinuität mit Bezugsperson) geknüpft sei. Um eine notwend i- ge und angemessene Behandlung durchführen zu können, müssten re- gelmässige Laborkontrollen (Leber - und Nierenwerte, Elektrolyte, Gluc o- se, Prolaktin und Schilddrüsenwerte) durchgeführt werden sowie EKG - Kontrollen. Zudem müsse bei erneut auftretender akuter Suizidalität und anderer Verschlechterung der Symptomatik jederzeit eine ambulante Not- falluntersuchung zur Einleitung einer gegebenenfalls erforderlichen statio- nären Behandlung in einer Kinder - und Jugendpsychiatrischen Klinik g e- währleistet sein. 4.2.3.7 Die Beschwerdeführerin B._______ leidet demnach an einer schweren psychischen Störung, die auch in Zukunft einer intensiven Th e- rapie und Behandlung bedarf. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es in der Mongolei keine ambulante oder stationäre Einric h- tung, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert ist. Ledig lich im einz i- gen psychiatrischen Krankenhaus in der Mongolei ("State Mental Hosp i- tal" in Ulaanbaatar) sind 4% der Betten (20 Betten) für Kinder und J u- gendliche reserviert (vgl. WHO -AIMS Report on Mental Health System in Mongolia 2006). Ausserdem erklärt di e WHO, dass in der Mongolei ni e- mand Zugang zu kostenlosen Psychopharmaka habe. Es kann nicht d a- von ausgegangen werden, dass für die minderjährige B._______ im Hei- matstaat eine adäquate Behandlung gewährleistet wäre. Hinzu kommt, dass sich ihr Gesundheitsz ustand nach Ansicht der behandelnden Ärztin bei einer Rückkehr – unter anderem da dort die Ursache ihrer psych i- schen Probleme liege und sie das dringend benötigte stabile Umfeld ve r- lieren würde – drastisch verschlechtern dürfte. Ob die Erkrankung von B._______ zwingend eine Behandlung in der Schweiz voraussetzt, weil eine Therapierbarkeit im Heimatland fehlt bzw. nicht gewährleistet ist und damit einer Rückkehr in die Mongolei entgegenstehen würde, braucht i n- dessen nicht abschliessend geprüft zu werden . Denn nebst den erwäh n- ten gesundheitlichen Problemen treten vorliegend weitere Faktoren hinzu (insbesondere das Kindeswohl), die darauf schliessen lassen, dass der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar zu qualifizieren ist. D-1088/2010 Seite 11 4.2.3.8 B._______ hat eine schwierige B eziehung zu ihrer Mutter. Ihre Therapeutin erklärt, dass durch multiple traumatische Erlebnisse eines jeden Familienmitgliedes innerhalb der Kernfamilie zwischenmenschliche Verunsicherungen beständen. Dadurch komme es immer wieder zu Ko n- flikten zwischen B._______ und der Mutter. Durch die Therapie habe sie aber ausserhalb der Familie ein stabiles soziales Netz aufgebaut. Sie g e- he in der Schweiz seit drei Jahren zur Schule. Nach den Sommerferien 2012 werde sie das Gymnasium besuchen. Für das Bestehen der Au f- nahmeprüfung habe sie sehr diszipliniert gearbeitet, was aber auch th e- rapeutisch habe begleitet werden müssen. Bereits in einem Referen z- schreiben vom 16. Januar 2010 (recte: 2011) erklärte der Klassenlehrer von B._______, dass diese überdurchschnittlich in telligent, äusserst z u- verlässig und ein satzfreudig sei. So gehöre sie trotz teilweise noch b e- stehender Sprachprobleme zu den besten Schülern seiner Klasse. Sie sei eine äusserst erfreuliche Schülerin, die alle tief beeindrucke. 4.2.3.9 Auch die (…)-jährige Tochter C._______ zeigt sehr gute schul i- sche Leistungen. In einem Referenzschreiben vom 30. Januar 2011 e r- klärte ihre Klassenlehrerin, C._______ besuche seit Juli 2009 die Prima r- schule. Sie sei als offene, lernbereite, pflichtbewusste Schülerin in ihre Klasse gekommen und habe sich sehr schnell in ihr neues Umfeld inte g- riert. Sie habe mit den veränderten Anforderungen sehr gut umzugehen gewusst, so dass sie bald zu den besten Schülerinnen der Klasse gezählt habe. Sie habe eine unglaublich schnelle und perfekte Auffassungsgabe und lerne dadurch sehr zielorientiert und effizient. Auch in ihrer Freizeit arbeite sie am Wortschatz und an der Grammatik. C._______ übernehme Verantwortung, erledige ihre Ämtchen gewissenhaft und setze sich hilf s- bereit für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ein. 4.2.3.10 Die beiden Töchter der Beschwerdeführerin dürften an die hies i- ge Lebensweise assimiliert, bzw. unter anderem durch den Besuch der Schule in erheblichem Mass durch das deutschschweizerische kulturelle und soziale Umfe ld geprägt sein. Gerade bei B._______ ist es so, dass sie aufgrund der schwierigen Beziehung zur Mutter, ihrer Krankheit und der Therapie vorwiegend durch soziale Bindungen ausserhalb der Familie geprägt ist. C._______ lebt seit ihrem (…) Lebensjahr, also seit dem Ein- setzen der Adoleszenz, in der Schweiz. Genau die Jahre der Adoleszenz – gemäss WHO ist dies die Lebensperiode zwischen 10 und 20 Jahren – gelten als prägend für die Ablösung von den Eltern und Knüpfung eigener sozialer Bindungen ausserhalb der Familie. Aufgrund der Akten ist zudem nicht davon auszugehen, dass die beiden Mädchen noch über enge B e-D-1088/2010 Seite 12 ziehungen zu ihrem Heimatstaat verfügen. Die Berichte ihrer Klassenle h- rer bestätigen die Einschätzung des Gerichts, wonach ihre Inte gration in der Schweiz weit fortgeschritten ist und sie durch eine Umsiedlung in die Mongolei entwurzelt würden. Im Falle einer erzwungenen Rückkehr wü r- den die beiden Mädchen aus ihrem bisherigen sozialen Umfeld und aus ihrer Lebensstruktur herausgerissen werden. Eine solche Entwurzelung einerseits sowie die sich gleichzeitig abzeichnende Problematik einer Re - integration in eine ihnen fremd gewordene Umgebung und Kultur im He i- matland andererseits könnte zu Belastungen in ihrer weiteren Entwic k- lung führen, was mit dem Schutzan liegen des Kindeswohls nicht zu ve r- einbaren wäre. 4.2.3.11 Als alleinerziehende Mutter gehört die Beschwerdeführerin einer Personengruppe mit besonderem Schutzbedürfnis an (sog. "vulnerable group"). Diesem Umstand ist bei der Beurteilung der Zumutbarkeit der Wegweisung ebenfalls Rechnung zu tragen. Die Beschwerdeführerin muss alleine für ihre beiden minderjährigen Töchter sorgen, wobei die ä l- tere aufgrund ihrer psychischen Erkrankung zusätzlich noch besonderer Behandlung bedarf. Ausserdem hat die Beschwerdeführerin (1) selbst ge- sundheitliche Probleme, die im Heimatstaat weiter behandelt werden müssten. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Beschwerdeführ e- rin (1) bei einer Rückkehr kaum einem Erwerb nachgehen und für sich und ihre Töchter eine Existenzgrundlage schaffen könnte. Darüber hinaus verfügen die Beschwerdeführerinnen in ihrem Heimatstaat auch nicht über ein tragfähiges soziales Netz, das ihnen bei einer Rückkehr in die Mongolei behilflich sein und die Beschwerdeführerin (1) in ihrer schwier i- gen Aufgabe u nterstützen könnte. Der einzige Verwandte vor Ort ist der Pflegevater der Beschwerdeführerin, vor welchem sie gemäss eigenen Aussagen durch ihre Ausreise aus dem Heimatstaat geflohen sind. Es wäre unzumutbar, wenn sich die Beschwerdeführerinnen mangels Alt er- native (wieder) in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihm begeben müssten. Gemäss eigenen Angaben hat die Beschwerdeführerin auch zu den V ä- tern ihrer Töchter schon lange keinen Kontakt mehr. Aus diesen Gründen ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Besch werdeführerinnen in i h- rem Heimatstaat in eine existenzbedrohende Situation geraten würden. 4.2.4 In Anbetracht dieser gesamtheitlich zu beurteilenden Sachlage g e- langt das Bundesver waltungsgericht zum Schluss, dass der Vollzug der Wegweisung für die Beschwerdeführerinnen im heutigen Zeitpunkt als un- zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren ist. Nachdem sich aus den Akten keine Hinweise auf das Vorliegen von Ausschlus s-D-1088/2010 Seite 13 gründen im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG ergeben, sind die Vorausse t- zungen für di e Anordnung der vorläufigen Aufnahme erfüllt. Die B e- schwerdeführerinnen sind demnach in der Schweiz vorläufig aufzu neh- men. 5. Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Verfügung des BFM vom 21. Janu- ar 2010 ist daher betreffend die Ziffern 4 und 5 des Disposit ivs aufzuhe- ben und die Vorinstanz ist anzu weisen, den Aufenthalt der Beschwerde - führerinnen nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. Art. 44 Abs. 2 AsylG und Art. 83 Abs. 4 AuG). 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens si nd keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 VwVG) wird damit gegenstandslos. 6.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begeh ren eine Entschädigung für ihr erwachsene, notwendige Kosten zusprechen (Art. 7 des Reglements vom 11. Dezember 2006 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Es wurde keine Koste n- note eingereicht (Art. 14 Abs. 1 VGKE). Auf die Einforderung einer so l- chen kann verzichtet werden, zumal sich der notwendige Zeitaufwand mit hinreichender Genauigkeit abschätzen lässt (Art. 9 Abs. 1 Bst. a, Art. 10 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 2 Satz 2 VGKE). Gestützt auf die in Betra cht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist die Parteientschädi- gung aufgrund der Akten auf pauschal Fr. 800. – (inkl. Aus lagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen. Das BFM ist anzuweisen, den Beschwe r- deführerinnen diesen Betrag als Parteient schädigung für das Ver fahren vor dem Bundesverwaltungsgericht auszurichten (Art. 10 Abs. 2 und Art. 14 VGKE). (Dispositiv nächste Seite) D-1088/2010 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 21. Janu- ar 2010 werden aufgehoben. Das BFM wird angewiesen, die Beschwe r- deführerinnen wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges vorläu- fig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das BFM wird angewiesen, de n Beschwerdeführerinnen für das Verfa h- ren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung in Höhe von Fr. 800.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das BFM und die zu- ständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Corinne Krüger Versand: