B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5207/2012 U r t e i l v o m 1 9 . N o v e m b e r 2 0 1 3 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Martin Zoller, Richte- rin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiber Tobias Grasdorf. Parteien A._______, geboren (…), Äthiopien, vertreten durch Laura Rossi, Berner Rechtsberatungsstelle, Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwä- gungsentscheid); Verfügung des BFM vom 4. September 2012 / N (…). E-5207/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin, Tochter einer Eritreerin und eines Äthi o- piers, verliess gemäss eigenen Angaben ihren Heimatstaat Äthiopien am 10. August 2004 und gelangte am 12. August 2004 in die Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 17. August 2004 wurde sie su m- marisch zur Person befragt (Protokoll: BFM-Akte A1) und am 8. Septe m- ber 2004 vertieft zu ihren Asylgründen angehört (Protokoll: BFM-Akte A7). A.b Zu ihren Fluchtgründen machte sie im Wesentlichen geltend, au f- grund der Inhaftierung ihres Vaters im Falle einer Rückkehr selber g e- fährdet zu sein. Sie stamme aus Addis Abeba, wo sie als Einzelkind z u- sammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter aufgewachsen sei. Im Jahr 1992 sei ihre Mutter nach Eritrea ausgeschafft worden. Seither sei der Kontakt abgebrochen. Obwohl sie selber nie Probleme mit den äthiop i- schen Behörden gehabt habe, leide sie sehr unter diesem Verlust und sei sehr verängstigt. Nach diesem Ereignis habe s ie zusammen mit ihrem Vater und drei Bediensteten im Elternhaus gelebt und den Schulunterricht besucht. Ihr Vater habe als selbstständiger Geschäftsmann im Textilg e- werbe gearbeitet. Er sei Mitglied der Oromo Liberation Front (OLF) gewe- sen und habe diese mi t Waffen und Medikamenten versorgt. Als sie am 11. Juli 2004 nach Hause gekommen sei, habe sie von einer Nachbarin erfahren, dass ihr Vater und die Bediensteten vermutlich aufgrund des Waffen- und Medikamentenhandels von den Sicherheitsbehörden festg e- nommen und abgeführt worden seien. Aus Angst, ebenfalls verhaftet zu werden, sei sie zu ihrer Tante väterlicherseits gegangen und habe sich mit dieser bei einer Freundin versteckt. Zwischenzeitlich habe der Eh e- mann der Tante die Ausreise organisiert. Am 10. Aug ust 2004 habe sie Äthiopien verlassen und sei auf dem Luft- und Landweg über Italien in die Schweiz gereist. A.c Mit Verfügung vom 23. Februar 2005 – eröffnet am 28. Februar 2005 – stellte das BFM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseige n- schaft nicht erfülle, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Zur Begründung führte es aus, ihre Vorbringen würden den Anforderungen an die Flüchtlingseigen- schaft und die Glaubhaftmachung nicht genügen. Insbesondere habe sie keine rechtsgenügenden Ausweispapiere eingereicht und widersprüchlich ausgesagt. Die Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich. E-5207/2012 Seite 3 A.d Mit Eingabe vom 1. April 2005 erhob die Beschwerdeführerin bei der damals zuständigen Schweizerischen Asylre kurskommission (ARK) B e- schwerde mit den Anträgen, es sei die BFM -Verfügung aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit oder die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvol l- zugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Gegenstand der Beschwerdeschrift war im Wesentlichen, dass der Beschwerdeführ e- rin im Falle einer Rückkehr nach Äthiopien die Inhaftierung ohne ordentl i- ches Gerichtsverfahren, Folter und Vergewaltigung drohe. A.e Mit Urteil vom 29. Mai 2009 wies das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde ab. Das Gericht begründete seinen Entscheid im Wesentl i- chen damit, die Beschwerdeführerin habe keine asylrechtlich relevanten Gründe nachweisen oder glaubhaft machen können und es sei nicht a n- zunehmen, dass sie in Äthiopien in absehbarer Zeit und mit grosser Wahrscheinlichkeit Opfer asylrelevanter Verfolgungsmassnahmen werde, zumal nichts darauf hinweise , dass sie selb er gesucht werde. Der We g- weisungsvollzug wurde als zulässig, zumutbar und mögli ch erachtet. Ins- besondere erachtete das Bundesverwaltungsgericht aufgrund der damals vorliegenden ärztlichen Berichte ihren psychischen Gesundheitszustand nicht als derart, dass eine engmaschige Behandlung erforderlich sei, zu- mal eine Behandlung auch in ihrem Heimatland möglich sei. B. Mit Eingabe vom 1. August 2012 reichte die Beschwerdeführerin beim BFM ein Wiedererwägungsgesuch ein . Sie beantragte , die BFM -Verfü- gung vom 23. Februar 2005 sei bezüglich Wegweisungsvollzug aufzuhe- ben, es sei festzustellen, dass sich die Sachlage massgeblich geändert habe respektive neue erhebliche Beweismittel vorgebracht w ürden, so dass der Vollzug der Wegweisung unzumutbar geworden und die vorläu- fige Aufnahme anzuordnen sei. Mit der Eingabe wurde ein Bericht der Psychiatrischen Dienste (…) vom 12. Juni 2012 eingereicht. Danach be- finde die Beschwerdeführerin sich wegen einer komplexen posttraumat i- schen Belastungsstörung (PTBS) mit starker Stressintolerenz und starken Spannungszuständen sowie zeitweilig dissoziativen Zuständen und rez i- divierenden depressiven Störungen mit latenter Suizidalität bei allgeme i- ner emotionaler Instabilität und Impulsdurc hbrüchen in engma schiger ambulanter psychiatrisch -psychologischer Behandlung. Ohne eine trau- maspezifische, psychiatrisch -psychotherapeutische Behandlung müsse mit einer Chronifizierung der komplexen PTBS und somit einer drohe n- den psychischen Invalidisierung gerechnet werden. E-5207/2012 Seite 4 C. Das Wiedererwägungsgesuch wurde vom BFM mit Verfügung vom 4. Sep- tember 2012 abgewiesen mit der Begründung, im Vergleich zum ärztl i- chen Bericht vom 31. Juli 2008 sei nur eine unwesentlich e Veränderung der gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin eingetreten, und hielt fest, dass die Behandlung psychischer Probleme in Äthiopien grun d- sätzlich möglich sei. Auf die Frage nach der Existenz eines sozialen B e- ziehungsnetzes der Beschwerdeführerin und ihre Aussichten auf ein wir t- schaftliches Auskommen bei einer Rückkehr ging das BFM nicht ein. D. Mit Beschwerde vom 4. Oktober 2012 beantragte die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht, die Verfügung des BFM sei aufzuheben, es sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzumutbar sei , und das BFM sei anzuweisen, sie vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht wurde Aussetzung des Wegweisungsvollzugs, Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht auf Kostenvorschusserhebung und unentgeltliche Rechtsverbeiständung beantragt. Der Beschwerde wurden zwei Berichte der Psychiatrischen Dienste (…) vom 11. und 13. September 2012 beigelegt. Im ersten Bericht wird die komplexe PTBS der Beschwerdeführerin bestätigt. Im zweiten wird aus- geführt, eine Rückkehr nach Äthiopien wäre für sie mit totaler Hoffnungs- losigkeit verbunden, weshalb sie eine derartige Massnah me höchstwahr- scheinlich nicht überleben würde. E. Am 9. Oktober 2012 setzte das Bundesverwaltungsgericht den Wegwei- sungsvollzug im Sinne einer vorsorglichen Massnahme provisorisch und mit Zwisc henverfügung vom 25. Oktober 2012 für die Dauer des B e- schwerdeverfahrens aus. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung von Verfahrenskosten und Kostenvorschuss wurde gutgeheissen , dasjenige um unentgeltliche Rechtsver beiständigung abgelehnt. Gleichzeitig wurde das BFM zur Vernehmlassung eingeladen. F. Mit Schreiben vom 6. November 2012 teilte das BFM mit, dass aus der Beschwerdeschrift keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel ersichtlich seien, welch e eine Änderung des Standpunktes rechtfertigen könnten. Mit Schreiben vom 26. November 2012 replizierte die Beschwer- deführerin. E-5207/2012 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entsche i- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgül- tig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufheb ung beziehungsweise Änd e- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die B e- schwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Die Wiedererwägung im Verwaltungsverfahren ist ein Rechtsbehelf, auf dessen Behandlung durch die verfügende Behörde grundsätzlich kein Anspruch besteht. Gemäss herrschender Lehre und ständiger Praxis des Bundesgerichts wird jedoch aus Art. 29 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101) un- ter bestimmten Vor aussetzungen ein verfassungsmässiger Anspruch auf Wiedererwägung abgeleitet (vgl. BGE 127 I 133 E. 6 m.w.H.). Danach ist auf ein Wiedererwägungsgesuch einzutreten, wenn sich der rechtserhe b- liche Sachverhalt seit dem ursprünglichen Entscheid beziehungsweise seit dem Urteil der mit Beschwerde angerufenen Rechtsmittelinstanz in wesentlicher Weise verändert hat und mithin die ursprüngliche (fehle r- freie) Verfügung an nachträglich eingetretene Veränderungen der Sac h- lage anzupassen ist. Sodann können auch Revision sgründe einen An - spruch auf Wiedererwägung begründen, sofern sie sich auf eine in mat e-E-5207/2012 Seite 6 rielle Rechtskraft erwachsene Verfügung beziehen, die entweder unange- fochten geblieben oder deren Beschwerdeverfahren mit einem formellen Prozessurteil abgeschlossen word en ist. Ein solchermassen als qualif i- ziertes Wiedererwägungsgesuch zu bezeichnendes Rechtsmittel ist grundsätzlich nach den Regeln des Revisionsverfahrens zu behandeln. 2.2 In ihrem Wiedererwägungsgesuch machte die Beschwerdeführerin die neu entstandene Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung und damit eine seit dem rechtskräftigen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 29. Mai 2009 eingetretene wesentliche Veränderung des rechtse r- heblichen Sachverhaltes geltend. Die veränderte Sachlage wird insbe- sondere mit ihrem schlechten Gesundheitszustand und den ungesicher- ten Behandlungsmöglichkeiten in Äthiopien begründet. Mit Verweis auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) wird auf das R i- siko hingewiesen, dass die Beschwerdeführerin im Falle ein er Rückkehr in der Prostitution landen würde oder als Bedienstete schutzlos Gewalt ausgeliefert wäre. Aufgrund der psychischen Erkrankung hätte sie wenig Chancen, eine Unterkunft und Arbeitsstelle zu finden, weshalb die weiter- führende Behandlung in der Schweiz überlebensnotwendig sei. 2.3 Nachdem die Vorinstanz den Anspruch der Beschwerdeführerin auf Behandlung des Wiederwägungsgesuchs nicht in Abrede gestellt hat und darauf eingetreten ist, hat das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen, ob sie das Gesuch zu Recht abgewiesen hat. 3. 3.1 Die Rechtsbegehren in der Beschwerde beschränken sich in materiel- ler Hinsicht auf den Antrag auf Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. 3.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) ist der Vollzug der Wegweisung nicht zumutbar, wenn die beschwerdeführende Person bei einer Rückkehr in ihren Heimatstaat einer konkreten Gefährdung au s- gesetzt wäre. Diese Bestimmung wird vor allem bei Gewaltfl üchtlingen angewendet, das heisst bei Ausländern und Ausländerinnen, von denen wegen der Folgen von Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt nicht mit Fug erwartet werden kann, dass sie in ihren Heimatstaat zurückkehren, obwohl ihre Rücks chaffung völkerrechtlich zulässig wäre. Im Weiteren findet die Bestimmung auch auf andere Personen Anwe n- dung, die nach ihrer Rückkehr einer konkreten Gefahr ausgesetzt wären, E-5207/2012 Seite 7 weil sie die ab solut notwendige medizinische Versorgung nicht erhalten könnten od er wegen der im Heimatstaat herrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit in völliger Armut leben müssten und damit dem Hunger und einer ernst haften Verschlechterung ihres Gesundheit s- zustands, der Invalidität oder sogar dem Tod ausgeliefert wäre n (vgl. BVGE 2011/24 E. 11.1 und BVGE 2009/52 E. 10.1, jeweils m.w.H.). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin äussert sich in der Beschwerdesc hrift nicht zur allgemeinen Lage in Äthiopien. Diese ist nicht von Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt geprägt, so dass eine Rückkehr von Personen auch im heutigen Zeitpunkt gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts generel l zumutbar ist (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3). 4.2 Geltend gemacht werden erhebliche psychische Probleme der B e- schwerdeführerin, welche einer engmaschigen traumaspezifischen ps y- chiatrischen (Weiter-)Behandlung bedürfe, die ausserhalb ihres Heima t- landes erfolgen mü sse und dort auch gar nicht erfolgen könne. Im Übr i- gen befinde sie sich seit mehr als acht Jahren in der Schweiz, habe keine Verwandten und Kontaktpersonen mehr im Heimatland und wäre bei ei- ner Rückkehr auf sich alleine gestellt. Gemäss dem zwischenzeitlich er- gangenen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 7. Juli 2011 (BVGE 2011/25 E. 8.5 f.) müss ten bei alleinstehenden Frauen begünstigende Faktoren vorliegen, was bei der Beschwerdeführerin nicht der Fall sei. 4.3 Aus dem Urteil des Bundesverwaltungsgericht s vom 29. Mai 2009 (E. 6.2.3) geht hervor, dass die psychischen Probleme der Beschwerd e- führerin bereits damals bekannt waren und die psychiatrisch -psycholo- gische Behandlung bereits begonnen hatte. Dass eine solche auch heute noch im gleichen Ausmass notwendig ist und die Beschwerdeführerin auch "längerfristig weiterhin intensive psychiatrisch -psychologische B e- handlung benötigt" (vgl. ärztlicher Bericht vom 12. Juni 2012 S. 5 , act. 1 Beilage 2) deutet auf eine Chronifizierung ihres psychischen Leidens hin und kann als wesentliche Veränderung (Verschlechterung) seit jenem Ur- teil gewertet werden, zumal damals der Bedarf einer engm aschigen Be- handlung verneint worden ist (E. 6.2.3 a.E.). E-5207/2012 Seite 8 4.3.1 Der genannte ärztliche Bericht hält fest, dass die Beschwerdeführ e- rin unter einer komplexen PTBS mit starker Stressintoleranz und bei sta r- ken Spannungszuständen unter dissoziativen Zuständen leidet. Zudem wurden rezidivierende depressive Störungen mit latenter Suizidalität dia - gnostiziert. Durch die leitende Ärztin und die P sychotherapeutin wird eine engmaschige traumaspezifische psychiatrisch -psychotherapeutische Be- handlung im Rahmen einer kompletten Traumabehandlung ausserhalb des Heimatstaates als notwendig erachtet. Im Falle einer Rückkehr wäre die Beschwerdeführerin aus psychiatrisch-psychologischer Sicht klar überfordert und es müsste "aufgrund der latent vorhandenen Suizidalität und den bestehenden Impulsdurchbrüchen mit dem Schlimmsten g e- rechnet werden" (S. 6). Im jüngsten ärztlichen Bericht vom 13. September 2012 bestätigt eine andere Oberärztin, dass die Beschwerdeführerin au f- grund sequentieller Gewalterfahrungen nachvollziehbare Schwierigkeiten habe, genaue Vorgänge der Gewalterfahrung geordnet zu beschreiben. Dies könnte mögliche Wiedersprüche in ihren Aussagen erkl ären. Eine Rückkehr wäre aus ärztlicher Sicht für sie mit totaler Hoffnungslosigkeit verbunden, eine Ausgangslage, "die A._______ höchstwahrscheinlich nicht überleben würde" (act.1 Beilage 3). 4.3.2 Das BFM vertr itt in der angefochtenen Verfügung die Ansicht, dass die Behandlung dieser gesundheitlichen Probleme in Äthiopien grun d- sätzlich gewährleistet sei. Bei einer Rückkehr würde die Beschwerdefü h- rerin die entsprechende medizinische Infrastruktur ihres Heimatlandes in Anspruch nehmen können. Im Übrigen stamme sie aus wohlhabenden Verhältnissen, so dass es ihr möglich und zumutbar sein werde, diese medizinischen Leistungen zu finanzieren. 4.3.3 Die Beschwerdeführerin macht geltend, der Vollzug der Wegwe i- sung sei wegen der e rforderlichen engmaschigen psychiatrisch-psycho- therapeutischen Behandlung unzumutbar. Da nicht damit zu rechnen sei, dass sie im Heimatstaat Zugang zu einem der wenigen Psychiater habe, zumal sie keinerlei Kontakte zu Verwandten habe oder herstellen könne , die ihr finanziell oder anderswie von Hilfe sein könnten, bestünde bei ei- ner Rückkehr das Risiko, dass sie als psychisch kranke Frau auf den Strassen von Addis Abeba verwahrlosen würde , sich als Prostituierte durchschlagen müsste oder in anderen prekären Dienstverhältnissen, in denen sie der sexualisierten Gewalt ausgeliefert wäre, landen würde. 4.3.4 Bei der Beurteilung des psychiatrisch -psychologischen Angebotes in Addis Abeba stützt sich das Bundesverwaltungsgericht u.a. auf den E-5207/2012 Seite 9 jüngsten Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (ALEXANDRA GEISER, Äthiopien: Psychiatrische Versorgung, Auskunft der SFH -Länderanalyse, Bern, 5. September 2013, sowie den Vorgängerbericht von 2009). Dem- nach gilt die psychiatrische Versorgung in Äthiopien als einer der am meisten vernachlässigten Bereiche der Gesundheitsversorgung, da auch heute die Grundbedürfnisse nicht abgedeckt werden könnten. Zwar habe die Anzahl Betten für stationäre psychiatrische Behandlungen leicht z u- genommen, jedoch gebe es viel zu wenig Fachpersonal. Von den in Äthi- opien tätigen 40 Psychiatern könnten nur zwei eine PTBS behandeln. Es gebe keine langfristigen Psychotherapien. Symptome würden nur med i- kamentös angegangen, wobei Psychopharmaka, wie jene zur Behan d- lung von PTBS, häufig nicht erhältlich seie n. Die begrenzten und kurzfris- tigen Psychotherapien seien im Verhältnis zur starken Nachfrage absolut ungenügend. Traumapatienten hätten häufig Schwierigkeiten, in den Sp i- tälern aufgenommen zu werden, da dort das Retten von Leben erste Prio- rität habe. Pati enten ohne Familie und finanziellen Ressourcen müssten häufig auf der Strasse oder bei Busstationen übernachten, da sie au f- grund ihres Zustandes nicht in Hotels aufgenommen würden. Aufgrund dieses Berichts, welcher mit anderen vom Bundesverwaltungs- gericht konsultierten Quellen (wie bspw. WHO -Informationen) in Überein- stimmung steht, erscheint es für das Gericht wahrscheinlich, dass die Be- schwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Äthiopien mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine psychologisch -therapeutische B ehandlung i r- gendeiner Art in Anspruch nehmen könnte, geschweige denn eine spezi- fische Traumabehandlung. Aufgrund der fehlenden finanziellen Ressou r- cen wäre die Beschwerdeführerin wohl nicht einmal in der Lage, die no t- wendigen Medikamente zu beschaffen, da trotz des Umstandes, dass sie aus wohlhabenden Verhältnisse stammt, im Gegensatz zu den Ausfü h- rungen des BFM in der angefochtenen Verfügung nicht davon ausgega n- gen werden kann, dass sie auf das Vermögen ihres angeblich verscholle- nen Vaters zugreifen könnte. Entsprechend wäre gemäss dem Arztbericht vom 12. Juni 2012 mit einer Chronifizierung der PTBS, einer psychischen Invalidisierung und aufgrund der schon heute bestehenden latenten Sui- zidalität mit lebensbedrohlichen Folgen zu rechnen. 4.4 Auch wenn eine Praxi sänderung für sich allein keine rechtliche Basis für eine Wiedererwägung darstellt, ist dann, wenn – wie vorliegend – eine wesentliche Veränderung der Situation bejaht wird, die aktuelle Praxis anzuwenden. In seinem Urteil vom 7. Juli 2011 (BVGE 2011/25) hat das Bundesverwaltungsgericht sich eingehend zur schwierigen Situation von E-5207/2012 Seite 10 nach Äthiopien zurückkehrenden alleinstehenden Frauen ausgesprochen und deren Lage als besonders prekär bezeichnet (a.a.O., E. 8.5). Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich um eine mittlerweile (…)-jäh- rige alleinstehende Frau – dass sie den Kontakt zu ihrem angeblich ve r- schollenen Vater und ihrer angeblich ausgereisten Tante wieder herstellen kann, erscheint im heutigen Zeitpunkt , m ehr als neun Jahre nach ihrer Ausreise, als wenig wahrscheinlich, und von der Mutter hat sie seit deren Deportation nach Eritrea im Jahre 1992 nichts mehr gehört. Sie verfügt über eine bescheidene Schulbildung und über keinerlei Arbeitserfahrung. Damit kann aus heutiger Sicht nicht davon ausgegangen werden , dass sie in Addis Abeba, wo sie bis 2004 lebte, über Angehörige oder ein trag- fähiges soziales Netzwerk verfügt. Die Eingliederung in den Arbeitsmarkt, die Suche nach einer Unterkunft und der Zugang zu Un terstützungsleis- tungen dürften für sie unüberwindbare Hürden darstellen, und die Aus- sichten auf ein wirtschaftliches Überleben unter menschenwürdigen U m- ständen wären gering. Unter Berücksichtigung ihrer psychischen Erkra n- kung und des Umstands, dass sie in Äthiopien keine adäquate Behan d- lung erhalten können wird und eine solche auch nicht bezahlen könnte , wäre eine soziale Verelendung und eine ernsthafte Verschlechterung i h- res Gesundheitszustandes bis hin zur Selbstgefährdung wahrscheinlich. Demzufolge ist eine konkrete Gefährdung im Sinne der Rechtsprechung zu bejahen, und der Wegweisungsvollzug hat als unzumutbar zu gelten. 4.5 Die angefochtene Verfügung ist demnach in Gutheissung der B e- schwerde aufzuheben, ebenso die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung vom 23. Februar 2005 (Wegweisungsvollzug und Ausreisefrist). Das BFM ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin in der Schweiz vorläufig aufz u- nehmen. 5. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der vertretene Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in An- wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht. Der notwendige Vertretungsau f- wand lässt sich indes aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen E-5207/2012 Seite 11 (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE ). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9‒13 VGKE) ist der Beschwerdeführerin zulas- ten des BFM eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-5207/2012 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen . Die Verfügung vom 4. September 2012 und die Dispositivz iffern 4 und 5 der Verfügung vom 23 . Februar 2005 werden aufgehoben. 2. Das BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführerin vorläufig aufzuneh- men. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1000.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die kanton a- le Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Tobias Grasdorf Versand: