<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 30 S.95</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">95</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Schulrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>30</b></span> <span class="ft3"><b>Anspruch auf Schulgeld für den Besuch einer Privatschule.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- In erster Linie ist die Schulpflege verpflichtet, für ein sonderschulbe-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dürftiges Kind eine geeignete Sonderschule zu finden. Kann sie keine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Alternative zu einer Privatschule aufzeigen, liegen wichtige Gründe</b></span><br/> <span class="ft3"><b>für die ausnahmsweise Übernahme von Schulgeldern für den Besuch</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einer Privatschule vor.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 27. März 2003 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen D. gegen die Einwohnergemeinde A.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. a) Gegenstand der Klage ist die Forderung der Kläger betref-</span><br/> <span class="ft6">fend die Übernahme des Schulgeldes für die Privatschule B für das</span><br/> <span class="ft6">Schuljahr 2002/2003. (...)</span><br/> <span class="ft6">2. a) Gemäss § 34 Abs. 1 KV ist der Unterricht an öffentlichen</span><br/> <span class="ft6">Schulen und Bildungsanstalten für Kantonseinwohner unentgeltlich</span><br/> <span class="ft6">(vgl. auch § 3 Abs. 3 SchulG). § 6 Abs. 1 SchulG sieht vor, dass die</span><br/> <span class="ft6">Schulpflicht in der Regel in der öffentlichen Schule der Wohnge-</span><br/> <span class="ft6">meinde oder des Schulkreises, zu dem die Wohngemeinde gehört, zu</span><br/> <span class="ft6">erfüllen ist. Im Gegenzug dazu werden die Gemeinden verpflichtet,</span><br/> <span class="ft6">die Volksschule selbst zu führen oder sich an einer entsprechenden</span><br/> <span class="ft6">Kreisschule zu beteiligen bzw. das Schulgeld für Kinder mit Aufent-</span><br/> <span class="ft6">halt auf ihrem Gebiet zu übernehmen (§ 52 Abs. 1 SchulG). Ein</span><br/> <span class="ft6">Anspruch auf auswärtigen Schulbesuch besteht folglich einerseits</span><br/> <span class="ft6">dann, wenn die Aufenthaltsgemeinde die betreffende Schulstufe oder</span><br/> <span class="ft6">den entsprechenden Schultyp nicht führt, und anderseits in Fällen,</span><br/> <span class="ft6">wo ausnahmsweise aus triftigen Gründen von der Regel des Schulbe-</span><br/> <span class="ft6">suchs in der Aufenthaltsgemeinde abgewichen werden muss (AGVE</span><br/> <span class="ft6">2001, S. 155 ff. mit Hinweisen).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">96</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">b) Für den entgeltlichen Unterricht an Privatschulen haben die</span><br/> <span class="ft6">Betroffenen indessen grundsätzlich selber aufzukommen (§ 3 Abs. 3</span><br/> <span class="ft6">SchulG e contrario). Das Gemeinwesen wird ausnahmsweise dann</span><br/> <span class="ft6">kostenpflichtig, wenn ausserordentliche Situationen Sonderheiten</span><br/> <span class="ft6">herbeiführen, welche den unterhaltspflichtigen Eltern unverhältnis-</span><br/> <span class="ft6">mässige Lasten aufbürden würden. Als solche Ausnahmen fallen</span><br/> <span class="ft6">namentlich abseits gelegener Wohnort, soziale Benachteiligung oder</span><br/> <span class="ft6">Invalidität, die insbesondere die Unterrichtung Schulpflichtiger in</span><br/> <span class="ft6">Sonderschulen und Heimen erfordern, in Betracht (AGVE 2001,</span><br/> <span class="ft6">S. 156).</span><br/> <span class="ft6">c) aa) § 10 SchulG verpflichtet die Volksschule alles zu unter-</span><br/> <span class="ft6">nehmen, damit ein Kind gesund heranwachsen kann (Satz 1). Sie</span><br/> <span class="ft6">fördert jeden einzelnen Schüler und legt dabei gleiches Gewicht auf</span><br/> <span class="ft6">die Entwicklung seines Geistes, seines Gemüts und seiner körperli-</span><br/> <span class="ft6">chen Fähigkeiten (Satz 2). Sie vermittelt dem Schüler die Grundaus-</span><br/> <span class="ft6">bildung (Satz 3). Daraus ergibt sich allerdings kein Anspruch auf</span><br/> <span class="ft6">individuellen Unterricht, sondern § 10 SchulG stellt einzig entspre-</span><br/> <span class="ft6">chende Anforderungen an den Regelunterricht bzw. legt programma-</span><br/> <span class="ft6">tisch fest, welchen Anforderungen die Volksschule zu genügen hat.</span><br/> <span class="ft6">bb) Kann ein Kind in den Regelstufen bzw. -klassen der</span><br/> <span class="ft6">Volkschule (Primarschule, Oberstufe, Kleinklasse) nicht seiner Bil-</span><br/> <span class="ft6">dungsfähigkeit entsprechend geschult werden, so sind die Schulbe-</span><br/> <span class="ft6">hörden zu entsprechenden Abklärungen verpflichtet (§ 11 Abs. 1 der</span><br/> <span class="ft6">Verordnung über die Sonderschulung [Sonderschulverordnung; SAR</span><br/> <span class="ft6">428.511] vom 2. Mai 1988). Die Schulpflege ordnet die vorzuneh-</span><br/> <span class="ft6">menden Untersuchungen an und bestimmt die Fachstelle (§ 11 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">Sonderschulverordnung). Im Anschluss an die Abklärung erlässt sie</span><br/> <span class="ft6">nach Anhörung der Eltern eine Einweisungsverfügung in eine geeig-</span><br/> <span class="ft6">nete Sonderschule (§ 12 Abs. 1 Sonderschulverordnung). Bei ausser-</span><br/> <span class="ft6">kantonalen Platzierungen hat sie die erforderliche Zustimmung des</span><br/> <span class="ft6">Departements Bildung, Kultur und Sport einzuholen (§ 12 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">Sonderschulverordnung). Nicht von der Schulpflege veranlasste</span><br/> <span class="ft6">Einweisungen in Sonderschulen und Heime gelten als Privatschulung</span><br/> <span class="ft6">und jede Leistungspflicht von Gemeinden und Kanton entfällt (§ 11</span><br/> <span class="ft6">Abs. 6 Sonderschulverordnung).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">97</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">d) S. D. besucht eine Privatschule, für die grundsätzlich kein</span><br/> <span class="ft6">Anspruch auf Schulgelder besteht. Zu prüfen ist, ob Gründe vorlie-</span><br/> <span class="ft6">gen, welche die ausnahmsweise Übernahme von Schulkosten einer</span><br/> <span class="ft6">Privatschule rechtfertigen.</span><br/> <span class="ft6">3. a) aa) S. wurde im Februar 2000 in die Kleinklasse versetzt,</span><br/> <span class="ft6">was sich jedoch nicht als ihren Fähigkeiten entsprechend erwies.</span><br/> <span class="ft6">Eine Sonderschulung stellte sich als die einzige, S. wirklich för-</span><br/> <span class="ft6">dernde und gerecht werdende Lösung heraus. Es fand sich jedoch</span><br/> <span class="ft6">keine geeignete, von der IV anerkannte Sonderschule im Kanton</span><br/> <span class="ft6">Aargau. Es wurden auch geeignete ausserkantonale, von der IV an-</span><br/> <span class="ft6">erkannte Sonderschulen angefragt, jedoch ohne Erfolg. In Zusam-</span><br/> <span class="ft6">menarbeit mit der Kleinklassenlehrerin, der Kinder- und Jugend-</span><br/> <span class="ft6">psychiaterin Dr. G., dem Jugendpsychologischen Dienst des Bezirks</span><br/> <span class="ft6">M. und der Schulpflege A. konnte die Privatschule B gefunden wer-</span><br/> <span class="ft6">den. Die beigezogenen Fachleute unterstützten die Zuweisung von S.</span><br/> <span class="ft6">an diese Schule vollumfänglich.</span><br/> <span class="ft6">bb) Trotz aller Bemühungen konnte auch für das Schuljahr</span><br/> <span class="ft6">2002/2003 kein Platz für S. an einer IV-anerkannten Sonderschule</span><br/> <span class="ft6">gefunden werden. S. war unter diesen Umständen darauf angewie-</span><br/> <span class="ft6">sen, in der Privatschule B zu verbleiben.</span><br/> <span class="ft6">b) Die Sonderschulbedürftigkeit von S. ist aus den Akten er-</span><br/> <span class="ft6">stellt und wird auch von der Beklagten nicht bestritten. Die Beklagte</span><br/> <span class="ft6">anerkennt, dass S. weder in einer Kleinklasse noch in der Realschule</span><br/> <span class="ft6">hätte platziert werden können. Sie bestreitet auch nicht, dass es trotz</span><br/> <span class="ft6">intensiver Bemühungen der Schulpflege und anderer Fachstellen</span><br/> <span class="ft6">nicht gelang, einen Platz in einer geeigneten, IV-anerkannten kanto-</span><br/> <span class="ft6">nalen oder ausserkantonalen Sonderschule zu finden und hielt in</span><br/> <span class="ft6">ihrer Verfügung vom 29. April 2002 selber fest, dass ein Verbleib von</span><br/> <span class="ft6">S. in der Privatschule B um ein weiteres Jahr die einzig anwendbare</span><br/> <span class="ft6">und vertretbare Lösung für das Kind sei. Bereits in ihrem Beschluss</span><br/> <span class="ft6">vom 5. Juni 2001, wo es um die Kostenübernahme für dieselbe</span><br/> <span class="ft6">Schule für das Schuljahr 2001/2002 ging, hielt sie fest, dass für S.</span><br/> <span class="ft6">keine freie IV-anerkannte Schule habe gefunden werden können,</span><br/> <span class="ft6">weshalb andere Privatschulen kontaktiert worden seien. In beiden</span><br/> <span class="ft6">Entscheiden sprach sie zwar einen Teilbetrag zu, dies jedoch ohne</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">98</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Präjudiz und unter Hinweis darauf, dass die Gemeinde grundsätzlich</span><br/> <span class="ft6">keine Schulgelder an Privatschulen bezahle.</span><br/> <span class="ft6">c) Steht fest, dass der Schulwechsel von S. in die Privatschule B</span><br/> <span class="ft6">nicht freiwillig erfolgte, kein anderes Sonderschulangebot bestand</span><br/> <span class="ft6">und S. ihre Schulpflicht nach der Beurteilung der Schulpflege, der</span><br/> <span class="ft6">Kläger und der Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. G. die Schul-</span><br/> <span class="ft6">pflicht (§ 4 Abs. 1 SchulG) nur an dieser Privatschule erfüllen</span><br/> <span class="ft6">konnte, sind die wichtigen Gründe für die ausnahmsweise Über-</span><br/> <span class="ft6">nahme des Schulgeldes für die Privatschule B erfüllt. Der Jugend-</span><br/> <span class="ft6">psychologische Dienst des Bezirks M. und der Kinder- und Jugend-</span><br/> <span class="ft6">psychiatrische Dienst W. bestätigten die Notwendigkeit einer Son-</span><br/> <span class="ft6">derschulung und die Eignung der B. Die Schulpflege hat die Wahl</span><br/> <span class="ft6">dieser Privatschule den schulischen Bedürfnissen von S. als ange-</span><br/> <span class="ft6">messen beurteilt und deren Besuch als Erfüllung der Schulpflicht</span><br/> <span class="ft6">erkannt. Es kann offen gelassen werden, ob damit eine Zustimmung</span><br/> <span class="ft6">erteilt wurde. Massgebend ist in diesem Zusammenhang, dass in</span><br/> <span class="ft6">erster Linie die Schulpflege verpflichtet ist, die geeignete Sonder-</span><br/> <span class="ft6">schule zu finden (siehe vorne, Erw. 2/c) und sie im vorliegenden Fall</span><br/> <span class="ft6">keine Alternative zur Privatschule B aufzeigen konnte. Unter diesen</span><br/> <span class="ft6">Umständen kann es für die Leistungspflicht der Gemeinde nicht auf</span><br/> <span class="ft6">die fehlende formelle Einwilligung gemäss § 11 Abs. 6 Sonderschul-</span><br/> <span class="ft6">verordnung ankommen. Liegen die wichtigen Gründe im Sinne von §</span><br/> <span class="ft6">6 Abs. 2 SchulG vor, ist das zuständige Gemeinwesen aus dem</span><br/> <span class="ft6">Grundsatz der Unentgeltlichkeit verpflichtet, das klageweise gefor-</span><br/> <span class="ft6">derte Schulgeld zu übernehmen.</span><br/></div> </div> </body> </html>