B. Gerichtsentscheide 3574 73 das Urteil der 2. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Bern vom 6. März 2006, SK-Nr. 2005/437/KND). 2.2 e) Berücksichtigt man weiter den Umstand, dass der Angeklagte sei ne Aktivität als Orts kundiger an einem sonnigen Sonntagnachmittag auf einem auch von Familien frequen tierten öffentlichen Wanderweg im Naherholung s- gebiet von H. betrieben hat, so spricht dies für die qualifizierte Rücksichtsl o- sigkeit seines Verhaltens, weshalb von einem groben Verstoss gegen Sitt e und Anstand im Sinne von Art. 19 Abs. 2 des kantonalen Strafrechts auszu- gehen ist. OGer, 17.01.2011 Eine gegen dieses Urteil erhobene Beschwerde in Strafsachen hat das Bun- desgericht am 17. November 2011 abgewiesen (BGE 138 IV 13). 3574 Verletzung der Fürsorge - oder Erziehungspflicht (Art. 219 StGB). Lehre und Rechtsprechung setzen den Massstab für eine Verurteilung gestützt auf Art. 219 Abs. 1 StGB hoch an. Ein (fahrlässiger) Irrtum reicht für eine Verurtei- lung nach Art. 219 StGB durch Unterlassung nicht aus. Sachverhalt: Der Angeklagte A. führt zusammen mit seiner ebenfalls angeklag ten Ehe- frau B. eine therapeutische Grossfamilie. Sie betreuen in dieser Funktion ve r- schiedene Pflegekinder. Von August 2000 bis November 2004 kam es zw i- schen den Pflegekindern, G. (Geschä digte), geboren 1993, und F., geboren 1987, wiederholt zu sexuellen Kontakten. F wurde desw egen mit Strafverf ü- gung vom 28. Januar 2008 unter anderem wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind sowie mehrfacher Schä ndung bestraft. A. und B. wird vorgeworfen, als Pflegeeltern die Kinder häufig ohne Aufsicht allein g e- lassen zu haben sowie kein e genügende Vorkehr gegen nächt liches Fernse- hen und somit auc h gegen das Anschauen von Werbe sendungen, die Sexszenen enthielten, getroffen zu haben. Bezüglich letzterem wurde zu B e- ginn der S trafuntersuchung noch davon ausge gangen, dass die Pfl egeeltern den Fernsehempfang eines Senders, der nur porno graphische Filme au s- strahlt, eingerichtet hätten, was sich aber als falsch herausstellte. Aus den Erwägungen: 1. Die Anklage wirft den Pflegeeltern A. und B. vor, sie hätten ge genüber ihren Pflegekindern F . und G. von August 2000 bis Novem ber 2004 die Au f-B. Gerichtsentscheide 3574 74 sichtspflicht verletzt. Als Folge dieser Unterlassung sei es zwi schen den be i- den Schutzbefohlenen zu sexuellen Handlungen gekommen. 2. Das durch Art. 219 StGB geschützte Rechtsgut ist die kör perliche und seelische Entwick lung des Unm ündigen. Die Anwendung von Art. 219 StGB setzt als erstes voraus, dass der Täter gegenüber einer minde rjährigen Per- son eine Pflicht zur Fürsorge, das heisst des Schutzes, oder eine Pflicht zur Erziehung, das heisst zur Förderung der Entwicklung – in körperlicher, geisti- ger und seelischer Hinsicht – des Minderjährigen hat ( BGE 125 IV 64 in: Pra 88 ( 1999) Nr . 76 E. 1a; Urteil BGer 6B_993/2008, E. 2.1). Pflegeeltern trifft diese Pflicht ( Ulrich Weder, in: StGB Kommentar, Andreas Donatsch [Hrsg.], 18. A., Zürich 2010, Art. 219, N 3, S. 383; Andreas Eckert, in: Basler Ko m- mentar, Strafrecht II, Basel 2007, Art. 219, N 6). Der Täter muss seine Fürsorge - oder Erziehungspflicht verletzt oder ve r- nachlässigt haben, was in einem Tun oder in einer Unterlas sung geschehen kann. Er verletzt seine Pflicht positiv, zum Beispiel indem er den Minderjähr i- gen misshandelt oder i hn durch übermässige oder erschöpfende Arbeit au s- beutet, oder er kommt seiner Pflicht auf pas sive Weise nicht nach, zum Be i- spiel indem er das Kind verlässt, indem er es unterlässt, für dieses zu sorgen, oder indem er bei einer drohende n Gefahr nicht die si ch aufdrängenden Si- cherheitsmassnahmen ergreift (BGE 125 IV 64 in: Pra 88 (1999) Nr. 76 E. 1a; Urteil BGer 6B_993/2008, E. 2.1). Ab welcher Grenze die Pflichten verletzt sind, ist dem Gesetzestext nicht zu entnehmen ( Andreas Eckert , a.a.O., Art. 219, N 9). Dafür, dass das „Nichtbemerken“ auch schon eine Pflichtve r- letzung ist, gibt es keine Präjudizien. Der Inhalt der Für sorge- und Erzi e- hungspflichten im Einzelnen ist nicht einfach zu bestimmen. Der Tatbestand ist in dieser Hinsicht relativ unbestim mt, was auch mit Blick auf Art. 1 StGB problematisch ist. Eine Richtschnur besteht höchstens insofern, als das tatb e- standsmässige Verhalten sich offenbar dazu eigenen muss, e ine konkrete Gefahr für die kör perliche oder seelische Entwicklung des Minderjährigen zu bewirken. Erst wenn diese als Folge des pflichtwidrigen Verhaltens tatsächlich eintritt, ist der tatbestandsmässige Erfolg gegeben und das Delikt vollendet (Donatsch/Wohlers, Strafrecht IV, 3. A., Zürich 2004, § 4, S. 20 f.). In subjekti- ver Hinsicht kann di e Tat vorsätzlich, wobei Eventualdolus genügt, oder fa hr- lässig verübt werden (BGE 125 IV 64 in: Pra 88 (1999) Nr. 76 E. 1a; Urteil BGer 6B_993/2008, E. 2.1). Gemäss dem in Art. 6 Ziff. 2 EMRK und Art. 32 Abs. 1 BV veran kerten Grundsatz „in dubio pro reo“ i st bis zum gesetzlichen Nachweis seiner Schuld zu vermuten, dass der wegen einer straf baren Handlung Angeklagte unschul- dig ist. Als Beweiswürdigungs regel besagt die Maxime, dass sich der Stra f- richter nicht von der Existenz ei nes für den Ange klagten ungünst igen Sac h- verhalts überzeugt erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel b e- stehen, ob sich der Sachverhalt so ve rwirklicht hat. Die Beweiswürdigungsregel ist verletzt, wenn der Stra frichter an der Schuld des B. Gerichtsentscheide 3574 75 Angeklagten hätte zwei feln müssen. Dab ei sind bloss abstrakte und theo reti- sche Zweifel nicht massgebend, weil solche immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann. Es muss sich um erhebliche nicht zu unterdrückende Zweifel handeln, das heisst um solche, die sich nach de r ob- jektiven Sachlage aufdrängen (Urteile BGer 6P.46/2000 und 6S.199/2000, E. 5. lit. c aa). […] 3. Bezüglich des Vorwurfs, die Kinder häufig ohne Aufsicht allein gelassen zu haben, hat die Einzelrichterin des Kantonsgerichts erwogen, die Angeklag- ten würden zwar behaupten, die Kinder seien prak tisch nie alleine zu Hause gewesen. Dennoch sei es gut vorstellbar, dass dies trotzdem ab und zu vo r- gekommen sei. Aus den Akten gehe aber nicht hervor bzw. es sei nicht nac h- gewiesen, dass dies über mässig oft vorgek ommen sei. Angesichts dessen, dass die Ange klagten ab dem Jahr 2001 Praktikantinnen angestellt hätten, dürfe sogar angenommen werden, dass tatsächlich praktisch immer jemand zu Hause gewesen sei. In Anwendung des Grundsatzes „in dubio pro reo“ müsse auf d ie Aussagen der Angeklagten abgestellt werden. Im Übrigen se i- en auch in „traditionellen“ Familien Kinder nicht 24 Stun den unter Aufsicht. Ei- ne Aufsicht rund um die Uhr sei denn auch nicht der Sinn einer Pflegefamilie bzw. sei diese hierfür die falsche Institution. Einmal habe es eine Situation gegeben, in der der Angeklagte das Gefühl gehabt habe, F. und G. wollten sich ins gleiche Schlafzimmer begeben. Di e- ser habe dann ein Zimmerverbot ausgesprochen. Auch habe F. ein mal eine Sex-Telefonnummer angerufen; dabei habe es sich um einen einmaligen Vo r- fall gehandelt. Aufgrund des einmali gen Versuches, zusammen das gleiche Schlafzimmer aufzusuchen oder des einmaligen Anrufens eines Sex -Telefons müsse nicht angenom men werden, dass die Kinder sexuelle Kontakte un ter- halten würden. Zusammen ins Kinderzimmer bzw. Schlafzimmer zu gehen, sei in jeder Familie gang und gäbe, und F. sei nicht der einzige Junge, der e i- ne Sex -Nummer ausprobiert habe. Im Nachhinein sei es einfach zu sagen, man hätte es merken müs sen. Dies se tze voraus, dass man zuerst auf die Idee komme, dass sexuelle Kontakte stattfänden, was sich angesichts des A l- ters von G. nicht gerade aufdränge. Die beiden Kinder hätten den sexuellen Kontakt zugelassen bzw. habe G. sich gefügt, was das Verheimlichen vere in- facht habe. Zudem sei zu beac hten, dass es sich um eher schwierige Kinder handle, deren Geschichte nicht alltäglich sei. Auch sei es einfach zu sagen, man hätte strikt ere Weisungen geben oder das Fernsehzimmer abschlies sen sollen, wie das die Anklage in der Überweisungsverfügung mache. Abges e- hen davon, dass die Angeklagten keine Ahnung von den sexuellen Kontakten bzw. Übergriffen gehabt hätten, und somit auch keinen Anlass hatten, den Fernsehkonsum strenger zu überwachen, sei es fraglich, ob mit den strikteren Weisungen oder dem Abschliessen auch die sexuelle Beziehung unterbunden B. Gerichtsentscheide 3574 76 worden wäre. Im Übri gen seien Fernseh verbote ausgesprochen worden, wenn die Angeklagte F. beim heimlichen Fernsehen erwischt habe. Es könne auch nicht gesagt werden, die Angekl agten seien u nauf- merksam gewesen. So hätt en sie im Sozialbericht vom 15. Mai 2003 festge- halten, „…, dass G. Dinge trägt, die sich unserem Einfluss ent ziehen. G. e r- scheint uns als Kind, welches nicht für sie bestimmte, stark belastende und überfordernde Dinge trägt und darin in unge sundem Ausmass nicht nur allein gelassen, sondern weitgehend nicht wahrgenommen wird. …, haben wir Grund zur Annahme, dass dem Kind auch ein Schweigegelübde abgeno m- men worden ist“. Die Angeklagten hätten den Zustand von G. und das Gefühl, sie verberge etwas, aber im Zusammenhang mit ihrer Mutter und deren Ei n- fluss auf das Kind gesehen und seien nicht auf die Idee gekommen, dass noch ein anderes Geheimnis sie beschäftige. Die Angeklagten hätten bei G. auch ein sexualisiertes Ver halten sowie Übergriffe ihrerseits auf die jüngeren Kinder festgestellt. Auch dieses Phänomen hätten sie jedoch mit ihrer He r- kunft erklärt. Aber nicht nur die Angeklagten, so ndern auch andere Personen, die sich mit den Kindern befasst hätten, seien nicht a uf den Gedanken g e- kommen, dass sexuelle Übergriffe stat tfanden. Zum Beispiel habe F. seinem Therapeuten gegenüber einmal erwähnt, dass er G. seinen Geschlechtsteil gezeigt habe. Der Ther apeut sei deswegen jedoch nicht beunruhigt gewesen und habe die Meinun g vertreten, sexuelle Probleme seien nicht das The ma von F. Auch der VHPG (Pflege elternverein), dem die Angeklagten die Situat i- on unterbreitet hätten, habe keinen Anlass f ür eine Untersuchung oder Mass- nahmen gesehen. Schliesslich hätten auch weitere Person en (zum Beispiel der Hausarzt, der schulpsycholo gische Dienst, verschiedene Therap euten etc.), die sich um G. kümmerten, nichts bemerkt. 4. Zusammenfassend habe die Angeklagten als Pflegeeltern eine Ga ran- ten- bzw. Beaufsichtigungspflicht gegenüber den Kindern getroffen. Auch hät- ten die sexuellen Übergriffe von F. auf G. angesichts ihres Alters sicherlich ei- ne Gefahr für ihre seelische Entwick lung bedeutet. Wie die vorher gem achten Ausführungen aber aufzei gen würden, könne den Angeklagten keine pflicht- widrige Unvorsichtigkeit vorgeworfen werden. Eine Verletzung der Beaufsich- tigungspflicht und s omit ein strafrechtlich relevantes Verhalten der Ange klag- ten sei nicht nachgewiesen. Sie seien daher von der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht freizusprechen. 5. Diesen Ausführungen kann das Obergericht sich vollum fänglich a n- schliessen und es kann somit grundsätzlich auf die zutref fenden Erwägungen der Vorderrichterin verwiesen werden. Aus Sicht des Obergerichts sind fo l- gende Ergänzungen anzubringen: - Anlässlich der Befragung der Angeklagten an Schranken erklärte diese, dass sie zwischen G. und F. nie Gefühle der Zuneigung fest gestellt habe. Die beiden hätten sich im Gegenteil gehasst und se ien sich eher aus dem Weg gegangen. B. Gerichtsentscheide 3574 77 - Auf Veranlassung des OGP hat di e Staatsanwaltschaft das Verhöramt angewiesen, die Untersuchung zu ergänzen und die Lehrtöchter, welche bei den Angeklagten gearbeitet hatten, als Zeuginnen zu befragen. D a- bei haben K. (Anstellung von Ende 2001 bis August 2003), O. (Anste l- lung von August 2 003 bis August 2004) und L. (Anstellung von Augus t 2005 bis August 2006) übereinstim mend ausgesagt, dass die Kinder nie sich selbst überlassen gewesen seien. Falls die Pflegeeltern auswärts an Sitzungen teilgenommen hätten oder einkaufen gegangen seien, s ei- en Lehrtöchter anwesend gewesen. Keine hat weiter beobachtet, dass F. sich im Fernsehen Pornos angeschaut respektiv dass G. und F. zu- sammen fern gesehen hätten. K. und L. bestätigten sodann, dass das Verhältnis zwischen G. und F. nicht gut gewesen sei und sie im Gegen- teil oft gestritten hätten. Die Lehrtöchte r haben auch während der Schwangerschaft von B. keine Vernachlässigung der Aufsicht durch die Pflegemutter festgestellt. K. und L. haben schliesslich ausgesagt, dass es bezüglich Fernsehkonsum gewisse Regeln gegeben habe, deren Einhaltung von den Pflegeeltern auch kontrolliert worden sei. Der Vollständigkeit halber ist der Frage nachzugehen, ob die An stel- lungsdauer bei L. korrekt a ngegeben worden ist. Denn einer seits sagte sie aus, dass sich unter ander em G. und F. während ihrer Anstellung in der Pflegefamilie befunden hätten. Fakt ist a ndererseits jedoch, dass G. die Pflegefamilie nach Bekanntwerden der Übergriffe durch F. am 10. November 2004 verlassen hat. Naheliegend ist des halb, dass die Anstellung von L. von August 2004 bis August 2005 und nicht von A u- gust 2005 bis August 2006 dauerte und anlässlich der Zeugenaussage irrtümlich falsch angegeben worden ist. Für den Ausgang des Verfa h- rens ist dieses Detail jedoch nicht massgebend, weshalb auf nähere Ab- klärungen verzichtet werden kann. - Die Berichte, welche das Verhöramt zwecks Ergänzung der Un tersu- chung eingeholt hat, äussern sich zwar zum Teil kritisch bezüglich der fachlichen Fähigkeiten der Angeklagten (Bericht Verein T. und Bericht der Vormundschaf tsbehörde Q.). Konkrete Anhaltspunkte, dass diese die Aufsichtspflicht im hier zur Diskussion stehenden Kontext gegenüber F. und/oder G. verletzt hätten, liegen jedoch nicht vor. Der Verantwortl i- che des Vereins T. listete am 10. April 2010 gegenüber dem Ve rhöramt unter den zu beanstandenden Punkten zwar auch „mangelndes Erfüllen der A ufsichtspflicht“ und „Praktikan tinnen wurden oft alleine gelassen und waren total überfordert“ auf. Obwohl ihm anhand der Anfrage des Verhöramtes klar sein musste, dass die Str afuntersuchung gegen die Angeklagten im Zusammenhang mit F. und G. erfolgte, beliess e r es je- doch bei dieser allgemeinen Formulie rung. In Anwendung des Grun d- satzes „in dubio pro reo“ ist davon auszugehen, dass die Aussa ge sich nicht auf die Beaufsichtigung dieser beiden Kinder bezog. Die Vormun d-B. Gerichtsentscheide 3574 78 schaftsbehörde der Gemeinde Q. war im fraglichen Zeitpunkt für die Aufsicht über die Pflegefamilie A./B. nicht zuständig , weshalb die en t- sprechenden Ausführungen mit Bezug auf die hier interessierenden Fr a- gen nichts Wesentliches beitragen können. Auch in den Jahresberichten der Beiständin von F. sowie des Beistandes von G. finden sich keine Hinweise, welche punkto Beaufsichtigung von F. und G. irgendwelche Rückschlüsse zuliessen. - Gewisse Aussagen, welche F. in der ge gen ihn geführten Straf untersu- chung machte, hat er teilweise als Zeuge in der vorliegenden Streitsache selbst relativiert, andere Aussagen haben ihre Überzeugungskraft au f- grund weiterer Ermittlungsergebnisse verloren oder zumindest eing e- büsst. - Beispielsweise gab F. als Angeschuldigter zu Protokoll, es habe sehr viele Situationen gegeben, wo er ganz alleine im Haus gewesen sei. Er sei öfters von der Schule gekommen und habe niemanden antreffen können. […] Der TV-Apparat habe im Wohn zimmer gestanden und sei für alle Bewohner zugänglich gewesen. Sexfilme seien die ganze Zeit über, also auch am Tage gelaufen. Es sei dabei alles gezeigt worden und G. habe das auch gesehen, wenn er gezappt habe. […] Zu sexuel- len Handlungen sei es sehr oft gekommen, ca. drei bis vier Mal in der Woche, aber nicht alle 4 Tage hintereinander. […] Er sei ungefähr 15 Jahre alt gewesen, als die sexuellen Handlungen mit G. begonnen hä t- ten (mit 17 Jahren sei er von der Pflegefam ilie A./B. weggegangen). Das sei erst in Q. gewesen, vorher i n Z. sei es noch nicht sehr weit gega n- gen. […] Nach den Ferien habe Frau B. Näh schule gehabt und ihr Mann habe sie i mmer dorthin gefahren. An diesem Abend habe er jeweils mit G. alleine TV geschaut, die kleine ren Kinder seien bereits im Bett gew e- sen. […] Sie hätten eine Satelli tenschüssel gehabt und er hätte Pornos angeschaut. G. habe mit ihm geschaut. Die Pflegeltern seien zu dieser Zeit nicht im Haus gewesen. Aufgrund dieser Pornofilme hätten sie z u- sammen Sachen ausprobiert, welche sie im Fernsehen gesehen hätten. - Als Zeuge sagte er gegenüber dem Verhöramt aus, einmal habe G. mit ihm Pornos geschaut, sonst sei er meistens alleine gewesen. Das sei pro Jahr etwa 15 Mal vorgekommen, er habe alle rdings nie den ganzen Film geschaut und habe auch darauf geachtet, nicht entdeckt zu werden. Es treffe auch zu, dass bei Abwesenheiten der Pflegeltern die Lehrtoc h- ter L. jeweils anwesend gewesen sei. - Als Zeuge hat F. seine anfänglichen Aussagen also schon merklich a b- geschwächt und insbesondere angegeben, dass er nur einmal mit G. zusammen einen pornographischen Film ang eschaut hat. Die Aus sagen von F., wonach die sexuellen Handlungen mit G. angefangen haben so l- len, als er ungefähr 15 Jahre alt gew esen sei und dass diese in Z. noch nicht sehr weit gegangen sei en, grenze n die Tat handlungen ebenfalls B. Gerichtsentscheide 3574 79 ein, da F. im Juni 2002 15 Jahre alt wurde und im Juli 2003 der Umzug nach Q. erfolgte. Bezüglich der zunächst angegebenen Häufigkeit der sexuellen Kontakte durch F. ist nach Auffassung des Obergerichts dem- zufolge Vorsicht ang ebracht, da er offensichtlich zu Übertreibungen neigt. - Der Angeklagte hat an Schranken angegeben, es sei höchs tens vorge- kommen, dass sie die älteren Kinder einmal für kurze Zeit alleine gela s- sen hätten, die jüngeren hätten sie jeweils mitg enommen. Das sei auch so gewesen, wenn er seine Frau in die Nähschule gebracht habe. Auch hier sind gegenüber den Aussagen von F. also Zweifel angebracht. - Die Einvernahme des Zeugen N. hat ergeben, dass die Ange klagten keinen „Pornosender“ bzw. ein „Pay-TV-Angebot“ abonniert hatten. Auch dieser Umstand zeigt, dass die Wahrnehmung von F. nicht immer den Tatsachen entspricht und er dazu neigt, die Dinge so dar zustellen, wie er sie sich zurechtlegt. - Zusammenfassend ist nach Auffassung des Obergerichts in tat sächli- cher Hinsicht erstellt, dass nur die älteren Pflegekinder wie F. oder seine Schwester I. vereinzelt für kurze Zeit alleine zu Hause waren. Gesicherte Anhaltspunkte dafür, dass die jüngeren Kinder, das heisst G., C. und E., zusammen mit den beiden Älteren zu Hause un beaufsichtigt waren, gibt es demgegenüber nicht. Was den übermässigen Kon sum von pornogra- phischen Filmen angeht, hat G. – selbst nach den Aussagen von F. – nur in einziges Mal mit ihm sol ches Material angeschaut. Aufgrund der Aussagen der Angeklagten sowie der Lehrtöchter und F. selbst ist s o- dann davon auszugehen, dass dieser pornographische Filme nicht nach Belieben anschauen konnte, sondern sich wahr scheinlich nur – aber immerhin – vereinzelt Ausschnitte solcher Sendungen zu Gemüte führen konnte, wenn kei ne Gefahr bestand, entdeckt zu werden. Hier ist der Staatsanwaltschaft beizupflichten, dass für die Angeklagten als Pflegeel- tern von potentiell schwierigen Kindern sicher ein hoher Massstab gilt. Es war nun aber nicht so, dass die Angeklagten F. einfach ge währen liessen. Zum einen hat die Angeklagte jeweils ein TV -Verbot ausgespro- chen, wenn F. heimlich fern sah und ihn regelmässig nach 22.00 Uhr ins Bett geschickt, zum andern galten bezüglich des Fernsehkonsums auch gewisse Regeln, die einge halten werden mu ssten. Die Ange klagten ha- ben aber auch seine mitgebrachten DVD’s und Videos kontrolliert (Au s- sage A. an Schranken) und sein Zimmer periodisch auf Drogen durc h- sucht resp. sogar Urinproben bei F. gemacht. B. hat einmal F. sogar w e- gen Kiffens angeze igt. G. be treffend hat die Ange klagte sogar eine „Kleiderordnung“ erlassen, weil sich diese ihres Erachtens zu sexy a n- zog bzw. anziehen wollte. Wie die Angeklagten aber zu Recht bemerken liessen, kann es auch bei Pflegefamilien keine lückenlose Überwachung B. Gerichtsentscheide 3574 80 geben. Einmal abgesehen davon, dass eine solche der Entwicklung der Kinder wohl auch nicht förderlich wäre. - In rechtlicher Hinsicht ist anzufügen, dass Lehre und Rechtspre chung den Massstab für eine Verurteilung gestützt auf Art. 219 Abs. 1 StGB hoch ansetzen ( Trechsel/Christener-Trechsel, in: Trechsel et al. [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommen tar, Zürich/ St.Gallen 2008, Art. 219, N 3). Als Beispiel seien die dem BGE 125 IV 64 in: Pra 88 (1999) Nr. 76 und dem Urteil BGer 6B_993/2008 zugrundeliegenden Sachverhalte genannt. Im ersten Fall ging es um ein aktives Tun, näm- lich um den jahrelangen Missbr auch der Arbeitskraft einer Min derjähri- gen unter physischer und verbaler Demütigung auf Kosten der schul i- schen Integration. I m anderen Fall wurde eine Schulrektorin verurteilt, welche trotz Kenntnis eines sexuellen Missbrauchs einer Schülerin durch andere Schül er fahrlässig im Sinne von Art. 219 Abs. 2 StGB kei- ne Massnahmen ergriff, um die dringende und vor hersehbare Gefahr ei- ner Wiederholung solcher Mis sbräuche zu verhindern. Wie bereits die Einzelrichterin des Kantongerichts festhielt, stellten die Angeklagten bei G. zwar gewisse Auffälligkeiten fest, d as heisst sie waren nicht unau f- merksam. Aufgrund der Vorgeschichte von G. und mangels Hinweisen auf eine engere Beziehung zwischen F. und G. erklärten sie sich diese jedoch mit der Herkunft des Mädchens und dachten nicht an einen Missbrauch durch ein anderes Pflegekind. Allein dieser (fahrlässige) Ir r- tum reicht für eine Verurteilung nach Art. 219 StGB durc h Unterlassung nicht aus. 6. Zusammenfassend ist (auch) nach Meinung des Obergerichts nicht nachgewiesen, dass A. und/oder B. ihre Aufsichts- oder Erziehungspflicht ge- genüber F. und/oder G. vernachlässigt haben. Im Übrigen erreicht das (fah r- lässige) falsche Einordnen von Verhaltensauf fälligkeiten bei G. die Intensität nicht, welche ein Fehlverhalten für einen S chuldspruch erfordert. Die Ang e- klagten sind daher vom Vorwurf der Verletzung der Fürsorge - oder Erzi e- hungspflicht im Sinne von Art. 219 StGB freizus prechen und die Appellation der Staatsanwaltschaft ist vollumfänglich abzuweisen. OGer, 14.02.2011 Eine gegen dieses Urteil erhobene Beschwerde in Strafsachen hat das Bun- desgericht mit Entscheid vom 26. Oktober 2011 abgewiesen, soweit es darauf eingetreten ist (Urteil BGer 6B_356/2011).