Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 17. Februar 2022 (725 21 48 / 35) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Würdigung der Arztberichte Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Christof Enderle, Kan- tonsrichterin Susanne Afheldt, Gerichtsschreiber Daniel Gfeller Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Daniel Altermatt, Rechtsanwalt, Neuarlesheimerstrasse 15, Postfach 435, 4143 Dor- nach gegen SOLIDA Versicherungen AG , Saumackerstrasse 35, Postfach, 8048 Zürich, Beschwerdegegnerin, vertreten durch Martin Bürkle, Rechtsanwalt LL.M., Thouvenin Rechtsanwälte KLG, Klausstrasse 33, 8024 Zürich Betreff Leistungen A. Die 1962 geborene A.____ arbeitete unter anderem als Reinigungsmitarbeiterin bei der B.____ AG und war durch die Arbeitgeberin bei der Co ncordia Schweizerische Kranken- und Unfallversicherung AG (Concordia) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrank- heiten versichert, als sie am 10. Dezember 2017 bei einem Spaziergang mit ihrem Hund auf der Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Strasse ausrutschte und auf das rechte Handgelenk fiel. Sie zog sich dabei eine distale Radius- fraktur zu, die gleichentags operativ behandelt wurde. Die Concordia erbrachte in der Folge die gesetzlichen Unfallversicherungsleistungen. Nachdem die SOLIDA Versicherungen AG (Solida) per 1. Januar 2019 das Unfallversicherungs- geschäft der Concordia übernommen hatte, teilte die Solida mit Schreiben vom 25. April 2019 A.____ mit, dass sie diese ab dem 1. Mai 2019 als 100 % arbeitsfähig erachte und den Fall man- gels Notwendigkeit weiterer medizinischer Behandlungen abschliessen werde. In der Folge ergin- gen weitere medizinische Stellungnahmen, worauf A.____ mit Schreiben vom 17. Juni 2020 eine einsprachefähige Verfügung verlangte. Mit Verfügung vom 24. Juni 2020 eröffnete die Solida der Versicherten, dass sie diese hinsichtlich des Unfalls vom 10. Dezember 2017 ab 1. Mai 2019 als voll arbeitsfähig erachte und dass die Taggeldleistungen aus der obligatorischen Unfallversiche- rung per 30. April 2019 eingestellt würden. Für die unfallbedingten Heilungskosten gemäss Art. 10 UVG würde sie weiterhin aufkommen. Eine dagegen erhobene Einsprache wies die Solida mit Entscheid vom 5. Januar 2021 ab. B. Mit Schreiben vom 4. Februar 2021 erhob A.____, ve rtreten durch Advokat Daniel Alter- matt, Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte sie, der angefochten e Einspracheentscheid sei aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. C. In ihrer Vernehmlassung vom 26. April 2021 beantra gte die Solida, dass die Beschwerde abzuweisen sei. D. Mit Schreiben vom 9. August 2021 hielt die Beschwerde führerin an ihren Rechtsbegeh- ren und Ausführungen gemäss Beschwerdeschrift vom 4. Februar 2021 fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes ü ber den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, de ssen Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetz es über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einspracheent- scheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen V ersicherungsgericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Versicherungsgericht desjenigen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat. Vorliegend befindet sich dieser in C.____, weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Versicherungs- träger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Be- schwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und for mgerecht erhobene – Beschwerde vom 4. Februar 2021 ist demnach einzutreten. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer in der obligatorischen Unfallversi- cherung, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Versicherungsleistungen bei Berufsun- fällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten zu gewähren. Art. 10 Abs. 1 UVG gewährt der versicherten Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Heilbehand- lung). Ist die versicherte Person infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig, so hat sie gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG Anspruch auf ein Taggeld. Dieses beträgt bei voller Arbeitsunfähig- keit 80 % des versicherten Verdienstes. Bei teilweiser Arb eitsunfähigkeit wird es entsprechend gekürzt (Art. 17 Abs. 1 UVG). Der Anspruch entsteht gemäss Art. 16 Abs. 2 UVG am dritten Tag nach dem Unfalltag und er erlischt mit der Wiedererlangung der vollen Arbeitsfähigkeit, mit dem Beginn einer Rente oder mit dem Tod der versicherten Person. Art. 18 Abs. 1 UVG gewährt der versicherten Person Anspruch auf eine Invalidenrente, w enn sie infolge des Unfalls zu mindes- tens 10 % invalid ist. Der Rentenanspruch entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Be- handlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustands der versicherten Person mehr erwartet werden kann und allfällige Eingliederungsma ssnahmen der Invalidenversicherung (IV) abgeschlossen sind. Mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG). Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde er- hebliche Schädigung der körperlichen, geistigen oder psych ischen Integrität, so hat sie nach Art. 24 Abs. 1 UVG Anspruch auf eine angemessene Int egritätsentschädigung. Diese wird mit der Invalidenrente festgesetzt oder, falls kein Rentenan spruch besteht, bei der Beendigung der ärztlichen Behandlung gewährt (Art. 24 Abs. 2 UVG). 3. Vorliegend ist unbestritten, dass das Sturzereignis vo m 10. Dezember 2017 ein Unfall- ereignis darstellt und die Beschwerdeführerin Anspruch a uf unfallversicherungsrechtliche Leis- tungen und auch über den 30. April 2019 hinaus Anspr uch auf Heilbehandlung hat. Streitig ist hingegen, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht davon ausgegangen ist, dass die Beschwerde- führerin ab 1. Mai 2019 wieder zu 100 % arbeitsfähig ist und sie ihre Taggeldleistungen per 30. April 2019 einstellen durfte. Massgebend ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlass des angefochtenen Einspracheentscheids vom 5. Januar 2021 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterliche n Überprüfungsbefugnis (vgl. BGE 129 V 4 E. 1.2). 4.1 Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungsverfahren u nd der Sozialversicherungs- prozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach haben Versicherungsträger und das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen ann ehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat die rechtsanw endende Behörde ihren Ent- scheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der über- wiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Mögl ichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Verwaltung und Gericht haben vielmehr jener Sachver- haltsdarstellung zu folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrschein- lichste würdigen (BGE 144 V 427 E. 3.2, 138 V 218 E. 6 mit diversen Hinweisen). Der Untersu- chungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne der Bewe isführungslast begriffsnotwendig Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht aus, da es Sache des Sozialversicherungsgerichts (oder der verfügenden Verwaltungsstelle) ist, für die Zusammentragung des Beweismaterials besorgt zu sein. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweisl ast nur insofern, als im Falle der Beweislo- sigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt , die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdi- gung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirk- lichkeit zu entsprechen (BGE 144 V 427 E. 3.2, 138 V 218 E. 6 mit Hinweisen). 4.2 Für die Abklärung medizinischer Sachverhalte – wie der Beurteilung des Gesundheits- zustandes und der Arbeitsfähigkeit sowie der Feststellung natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin – ist die Verwaltung bzw. das Geri cht regelmässig auf Unterlagen angewie- sen, die ihr vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Das Gericht hat diese medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies be- deutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismitt el, unabhängig, von wem sie stam- men, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zu- verlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs ges tatten. Insbesondere darf es bei ei- nander widersprechenden medizinischen Berichten den Proz ess nicht erledigen, ohne das ge- samte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter- suchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksicht igt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung d er medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleu chtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 4.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 469 E. 4.4 und 4.5). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche au fgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Beri cht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Den Berichten und Gutachten versicherungs- interner Fachpersonen hingegen kommt nicht derselbe B eweiswert zu wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten externer Fachpersonen oder gar wie einem Gerichts- gutachten. An die Beweiswürdigung sind deshalb strenge A nforderungen zu stellen, wenn ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden soll. Bestehen Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärzt- lichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzu nehmen (BGE 135 V 470 E. 4.4, mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts vom 26. März 2015, 8C_879/2014, E. 5.3). 5. Zur Beurteilung des vorliegenden Sachverhalts liegen im Wesentlichen folgende medi- zinischen Berichte vor: 5.1 Im Austrittsbericht des Spitals D.____ vom 11. Deze mber 2017 wird eine distale Radi- usfraktur rechts und Osteoporose diagnostiziert und ausgeführt, am 10. Dezember 2017 sei die Operation erfolgt und eine Säulenplatte eingesetzt worden. Im OP-Bericht ist von einer intraarti- kulären Fraktur die Rede. Im Bericht des Spitals vom 17. Juli 2018 wird festgehalten, dass der Verlauf sehr protrahiert gewesen sei. Es wird eine extraartikuläre Fraktur erwähnt. Zwischenzeit- lich sei die Fraktur in guter Stellung verheilt. Das Implantat liege unverändert stabil und die Hand habe sich schon recht gut erholt. Im Verlauf habe die Versicherte eine Algodystrophie mit Einstei- fung der Finger entwickelt. Es wird der Verdacht auf eine Tendovaginitis stenosans festgehalten. Der Faustschluss sei vollständig. Die Fingergelenke seien noch deutlich empfindlich und die Be- weglichkeit des Handgelenks noch stark eingeschränkt. 5.2 Der Operationsbericht des E.____-Spitals vom 21. A ugust 2018 (Plattenentfernung, Te- nolyse und Synovialektomie) hält eine konsolidierte ext raartikuläre Radiusfraktur mit konsekuti- vem CRPS und aktuell Beugesehnenirritation fest. Aus Schmerzgründen sei die Versicherte post- operativ hospitalisiert worden. 5.3 Der Vertrauensarzt der Concordia, Dr. med. F.____ , bestätigt am 25. September 2018 nach der Metallentfernung im August 2018 eine Arbeit sunfähigkeit bis voraussichtlich Mitte Ok- tober 2018. Am 13. November 2018 attestiert er für die Zeit ab 11. Oktober 2018 noch für drei bis vier Wochen eine Arbeitsunfähigkeit von 75 %. Das neu aufgetretene CRPS wird als unfallkausal eingestuft. Er empfiehlt das Weiterführen der Ergotherapie bis Ende Dezember 2018. 5.4 Im Bericht des E.____-Spitals vom 10. Dezember 2018 wird die Arbeitsunfähigkeit vor- erst bis am 20. Januar 2019 bei 75 % belassen. Es wird über etwas schleppende Fortschritte der Patientin berichtet. Neu klage sie über Beschwerden im ulnocarpalen Bereich. Im Bericht des E.____-Spitals vom 18. Januar 2019 wird eine gesteiger te Arbeitsfähigkeit von 50 % ab 21. Ja- nuar 2019 festgehalten. Störend sei der nach wie vor verminderte Faustschluss und die Be- schwerden ulnocarpal. Im Bericht des E.____-Spitals vom 4. April 2019 wird ausgeführt, es wür- den weniger Beschwerden vorliegen, insbesondere im Bereich der Tendovaginitis stenosans, und bis Ende Monat wird eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Es würden noch Streckdefizite und eine deutlich abgeschwächte Kraft vorliegen. Es wird auch auf multiple weitere Beschwerden hingewiesen, weshalb eine Abklärung der Arbeitsfähigkeit längerfristig für sinnvoll erachtet wird. 5.5 Mit Schreiben vom 18. April 2019 nimmt der Vertra uensarzt der Solida, Dr. med. G.____, FMH Praktischer Arzt und FMH manuelle Medizin, Stellung. Er untersuchte die Versicherte glei- chentags, wobei er sich auf die topische Untersuchung der rechten Hand beschränkte. Aspekt- mässig sei die Hand nicht mehr auffällig im Vergleich zu den Befunden, wie sie in den vorgelegten Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Akten beschrieben seien. Eine Schwellung könne aktuell nicht mehr beobachtet werden. Die Ge- samtfunktion der Hand sei aktuell erhalten mit vollständi gem Faustschluss und nur geringgradi- gem Extensionsdefizit in den Grundgelenken der Langfinger. Trophische Störungen könnten kli- nisch nicht mehr beobachtet werden. Der Faustschluss sei zwa r vollständig, aber eine Kraftent- wicklung könne nicht festgestellt werden. Dies stehe in Diskrepanz zur seitengleichen Vorder- armmuskulatur. Auffällig sei auch die massive Kraftverminderung im Ellbogen rechts. Die Hand- beschwielung sei seitengleich. Neurologisch und zirkulatorisch werden keine Auffälligkeiten fest- gehalten. Er sei im Besitz von Fotokopien der Bildgebu ng, auf diesen könne eine fleckförmige Dystrophie des Handgelenks beobachtet werden. Bezüglich der Frakturheilung sei er bildgebend nicht orientiert. Er könne aber auf den Operationsbericht vom August 2018 hinweisen. Dort werde eine konsolidierte, distale extraartikuläre Radiusfraktu r erwähnt. Als ICD-Diagnose hält er fest: Zustand nach extraartikulärer distaler Radiusfraktur; Zustand nach Plattenosteosynthese; im Ver- lauf CRPS aktuell geheilt; Zustand nach Metallentfern ung und Tenolyse sowie Synovialektomie am 20. August 2018 (vor acht Monaten). Die Versicherte habe immer wieder über Belastungs- schmerzen beim Hantieren mit der rechten Hand, ferner über eine Krafverminderung berichtet. Objektiv könnten Schonzeichen aber nicht mehr nachgewiese n werden. Ein Beschwielungsun- terschied könne ebenfalls nicht nachgewiesen werden und d ie Muskelumfänge seien seiten- gleich. Es sei auffällig, dass sie beim Abziehen der Jacke problemlos und physiologisch die rechte Hand benutzt habe, was sie auch am Schluss der Untersuchung beim Anziehen der Jacke habe ausführen können. Es müsse von einer nicht zuverlässigen Kooperation ausgegangen werden. Die Arbeit im Rahmen von 15 Stunden pro Woche wie vor dem Unfall könne zugemutet werden. Dr. G.____ verneint das Vorliegen eines Integritätsschadens. 5.6 Mit Bericht vom 6. Mai 2019 attestiert der behan delnde Arzt, Dr. med. H.____, FMH Chirurgie und Handchirurgie, ab 1. Mai 2019 eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit. Er berichtet über deutlich rückläufige Tendovaginitis-Beschwerden und sieht eine Abschlusskontrolle in zwei Mo- naten vor. Die Ergotherapie werde ausgeschlichen. In einem weiteren Bericht vom 10. Mai 2019 bestätigt Dr. H.____ eine wahrscheinlich 100%ige Arbei tsfähigkeit aus rein handchirurgischer Sicht trotz Abstrichen an der Funktionalität der rechten Hand. Mit Bericht vom 3. Juli 2019 erwähnt Dr. H.____, dass die Versicherte eine MR-Abklärung wünsche. Die Beweglichkeit habe sich ge- nerell verschlechtert. 5.7 In der MR-Arthrographie Handgelenk rechts vom 9. Juli 2019 wird ein Befund erhoben vereinbar mit einer Partialruptur des TFCC im Bereich der fovealen Insertion. 5.8 Gemäss Bericht vom 18. Juli 2019 diagnostiziert Dr . H.____ eine partielle foveale Des- insertion des TFCC Handgelenk rechts bei St. n. Radiusfraktur. Als Befund hält er eine unverän- derte Schmerzauslösung ulnocarcal und ein positives fovea-sign fest. Die Verletzung würde sich für eine arthroskopische Re-Insertion qualifizieren. Die Patientin wünsche diese Massnahme nicht. Ansonsten würde sie sich wieder melden. 5.9 Mit Bericht vom 8. August 2019 stellt Dr. G.____ f est, dass derzeit keine zwingende Indikation für eine Operation bestehe. Mit Blick auf seine persönliche Untersuchung im April 2019 sei eine Operation auch nur bei überzeugendem und schwerem Leidensdruck zuzumuten. Es sei ein Befund in der Bildgebung festgestellt worden, welcher sowohl als Folge des Ereignisses, aber Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht auch als Vorzustand zu erklären sei. Eine Fovea-Läsion des TFCC gelte im Allgemeinen als de- generativ oder sogar als anlagebedingt. Die Klinik spr eche gewissermassen für die dortige Schmerzentstehung. Im Falle des Stattfindens einer Ope ration müsste wohl die entsprechende natürliche Kausalität bejaht werden. Die Operation w äre eine kleine arthroskopische Operation, welche höchstens zu einer Arbeitsunfähigkeit von 14 Tagen führen würde. 5.10 Dr. G.____ nimmt mit Schreiben vom 13. März 2020 nochmals Stellung. Er führt aus, er habe die verschiedenen Akten im Anschluss an seine persönl iche Untersuchung gelesen und könne feststellen, dass bezüglich der Radiusfraktur im Vergleich zu seiner persönlichen Untersu- chung und seinen Befunden keine anderslautenden Befunde beschrieben würden. Die in Frage stehenden Fibromyalgie und Depression könnten die Arbeitsfähigkeit einschränken, würden aber in keinem Zusammenhang mit der Radiusfraktur rechts steh en. Er hält an seinen Schlussfolge- rungen der Untersuchung vom April 2019 fest. 5.11 Mit Schreiben vom 16. November 2020 nimmt Dr. med . I.____, FMH Allgemeine Innere Medizin, versicherungsmedizinisch Stellung. Die TFCC-Läsion beurteilt er als ein degeneratives Leiden. Eine frische objektivierbare traumatische Läsion könne in diesem Bereich nicht gezeigt werden. Es müsse auch beachtet werden, dass es sich um eine extraartikuläre Fraktur gehandelt habe. Bezüglich der rechten Hand könne kein relevanter Dauerschaden geltend gemacht werden. Die Hauptproblematik sei nicht handbedingt, sondern be treffe unfallfremde Faktoren. So be- schreibe der Rheumatologe Dr. med. J.____, dass die Ver sicherte seit der Jugend körperlich arbeiten müsse und sie aufgrund ihrer Beschwerden kaum mehr in der Lage sei, ihrer körperlich anstrengenden Tätigkeit als Raumpflegerin nachzugehen. D ie Rückenschmerzen hätten nach der Geburt des Sohnes begonnen und hätten sich ausgeweitet. Die Arbeitsunfähigkeit sei bedingt durch ein schweres chronisches Schmerzsyndrom multifaktoriel ler Genese. Es liege eine über- holende Kausalität unfallfremder Leiden vor. Die verminderte Belastbarkeit der rechten Hand sei mit Unfallfolgen nicht erklärt. Bei konsolidierter Fra ktur und einem CRPS in Revision lasse sich eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit nicht mehr begründen. Die Einschränkungen der Versicherten seien unfallfremder Natur. Die Beschwerden seien mit der Schmerzstörung und der unfallfrem- dem TFCC-Läsion zu erklären. Es resultiere kein Integritätsschaden. 6. Vorliegend hat die Beschwerdegegnerin zur Beurteilu ng der Arbeitsfähigkeit der Be- schwerdeführerin im Zusammenhang mit den Unfallfolgen vom 10. Dezember 2017 auf die Be- urteilungen von Dr. G.____ und Dr. I.____ abgestellt und ist folglich zum Ergebnis gelangt, dass die Versicherte ab 1. Mai 2019 wieder zu 100 % arbeits fähig war. Festzuhalten ist, dass Dr. G.____ als Facharzt für manuelle Medizin geeignet erschei nt, die vorliegenden Befunde einzu- ordnen und mit Blick auf die Arbeitsfähigkeit zu würdigen. Die manuelle Medizin befasst sich mit Funktionsstörungen des Bewegungsapparates. Im Weiteren hat Dr. G.____ die Beschwerdefüh- rerin auch persönlich untersucht, so dass sein Bericht nicht als Aktengutachten zu werten ist. Die Beurteilung von Dr. G.____ erweist sich als nachvollziehb ar, begründet und überzeugend, so dass die Beschwerdegegnerin zu Recht darauf abgestellt hat. Fraglich erscheint hingegen die fachliche Qualifikation von Dr. I.____ zur Beurteilung der vorliegenden Streitigkeit, ist dieser doch Facharzt für allgemeine innere Medizin. Am Ausgang des Verfahrens ändert dies jedoch nichts, da die Beurteilungen von Dr. I.____ und Dr. G.____ übereinstimmen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.1 Was die Beschwerdeführerin vorbringt, ist nicht geeignet, den Entscheid der Vorinstanz, mit welchem die Beschwerdeführerin aus unfallbedingter Sicht ab 1. Mai 2019 als voll arbeitsfähig erachtet wurde, in Zweifel zu ziehen. Der Beschwerdeführ erin ist zwar insofern zuzustimmen, dass über die erhobenen Befunde nicht immer Einigkeit besteht. So wird in Berichten des Spitals D.____ teilweise von intraartikulärer und teilweise v on extraartikulärer Fraktur berichtet. Dr. H.____ schreibt regelmässig von einer extraartikulären Fraktur. Allerding hat diese Differenz keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit, weil die gekl agten Beschwerden allen Ärzten bekannt waren. Die übrigen Befunde sind unbestritten: ein CRPS in Folge der Fraktur, eine TFCC-Läsion und eine Tendovaginitis stenosans. Letztere war im Zeitpunkt der Einstellung der Taggelder deut- lich rückläufig und auch Dr. H.____ postuliert diesbezüglich weder eine Unfallkausalität noch ei- nen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Die Radiusfraktur ist gestützt auf die vorliegenden Akten als konsolidiert verheilt zu beurteilen. Die TFCC-Läsion w ird von Dr. G.____ eher als unfallkausal beurteilt, während Dr. I.____ diese als degenerativ einstuft. In Bezug auf die Unfallkausalität gibt es demzufolge Unklarheiten. Hingegen sind sich alle Ärzte hinsichtlich der vorliegend entschei- denden Frage der Arbeitsfähigkeit einig. Dr. H.____ hat zweimalig eine 100%ige Arbeitsfähigkeit ab 1. Mai 2019 bestätigt und Dr. G.____ hat dieser Ei nschätzung zugestimmt. Er beurteilt die TFCC-Läsion zwar als unfallkausal, misst dieser Verletzung aber keinen Einfluss auf die Arbeits- fähigkeit zu, weshalb auch er von einer vollen Arbeits fähigkeit ausgeht. Dr. H.____ hat seine Einschätzung auch nach Kenntnisnahme der TFCC-Läsion im Juli 2019 nicht geändert. Er sieht auch keine zwingende Indikation für eine Operation als gegeben, was den Schluss zulässt, dass die Arbeitsfähigkeit trotz TFCC-Läsion erhalten gebli eben ist. Die TFCC-Läsion erklärt zwar die ulnocarpalen Beschwerden, einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit haben diese aber nicht. Darin stimmen alle Ärzte überein. 6.2 Die Beschwerdeführerin führt weiter aus, es fehle an einem klaren, unbestrittenen Sach- verhalt, welcher eine Beurteilung mittels Aktengutachte n zuliesse. Diesbezüglich ist vorweg da- rauf hinzuweisen, dass Dr. G.____ die Beschwerdeführe rin untersucht hat, weshalb nicht von einem Aktengutachten auszugehen ist. Des Weiteren erschei nt auch der Einwand, dass Dr. G.____ das bildgebende Untersuchungsmaterial nicht vorgelegen habe bzw. dass er ausge- führt habe, er sei bezüglich der Frakturheilung nicht bi ldgebend orientiert gewesen, nicht stich- haltig bzw. nicht entscheidrelevant. So hat ihm einerseit s bildgebendes Material in Papierform vorgelegen und andererseits hat er selbst ausgeführt, d ass aus dem Operationsbericht vom 21. August 2018 ersichtlich sei, dass anlässlich der Plattenentfernung eine konsolidierte, distale extraartikuläre Radiusfraktur erwähnt wurde. Damit kon nte Dr. G.____ die Situation genügend einschätzen. Der Beschwerdeführerin ist zwar zuzustimmen, dass in Bezug auf die Befunderhe- bung und die Frage der Unfallkausalität unterschiedlich e ärztliche Einschätzungen bestehen. Dies trifft jedoch nicht auf die vorliegend zentrale Frage der Arbeitsfähigkeit zu. Es liegen keinerlei Berichte vor, welche für den Zeitraum ab 1. Mai 2019 eine unfallkausale Arbeitsunfähigkeit attes- tieren würden. Auch aus den Berichten des behandelnden Arztes Dr. H.____ ergibt sich, dass ab 1. Mai 2019 keine unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit mehr vorliegt. Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, die Einschätzung von Dr. H.____ sei widersp rüchlich, weil dieser – nachdem sich Dr. J.____ eingeschaltet habe – festgehalten habe, dass die A rbeitsfähigkeit wahrscheinlich 100 % betrage, ist dem zu widersprechen. Einerseits steht die Diagnose einer – aktuell – beginnenden Tendovaginitis nicht im Widerspruch zur Anamneseerhebu ng, wird doch festgestellt, dass die Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Tendovaginitis deutlich rückläufig sei. Anderseits wurde die Diagnose einer beginnenden Tendovaginitis von Dr. H.____ bereits am 4. April 2019 gestellt, so dass eine Verbesserung der Beschwerden im Mai 2019 nicht ungewöhnlich oder wider sprüchlich erscheint. Möglicherweise wäre es aufschlussreicher gewesen, die bereits am 4. A pril 2019 diagnostizierte "beginnende" Tendovaginitis stenosans im Mai 2019 nicht mehr als "beginnende" Diagnose anzuführen, insbe- sondere da Dr. H.____ gleichzeitig die Beschwerden als rückläufig bezeichnet. Des Weiteren hat Dr. H.____ seine Einschätzung vom 6. Mai 2019, die Pa tientin sei zu 100 % arbeitsfähig am 10. Mai 2019 aus rein handchirurgischer Sicht bestätig t – wenn auch mit der Ergänzung "wahr- scheinlich" –, und dies selbst nachdem er von der Auffassung von Dr. J.____ Kenntnis genom- men hatte. Dieser war von einer maximalen Arbeitsfäh igkeit von 50 %, jedoch unter ausdrückli- cher Berücksichtigung der multiplen Nebendiagnosen, ausg egangen. Auch im Juli 2019 hat Dr. H.____ seine Einschätzung nicht korrigiert oder zurückgenommen, obwohl die Beschwerde- führerin weiterhin über Schmerzen berichtet hat und weitere Abklärungen getätigt worden waren. Dr. H.____ ist also seit Mai 2019 von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit aus handchirurgischer Sicht ausgegangen und seine Beurteilungen können nach dem Gesagten nicht als widersprüchlich be- zeichnet werden. Dieser Auffassung hat sich dann auch Dr. G.____ angeschlossen. 6.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine Zweifel an der Beurteilung durch Dr. G.____ bestehen und diese wird vom behandelnden Arzt Dr. H.____ und auch von Dr. I.____ gestützt. Damit ist davon auszugehen, dass ab 1. Mai 2019 keine unfallbedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mehr vorliegt, weshalb die Beschw erdegegnerin die Taggeldzahlungen per 30. April 2019 zu Recht eingestellt hat. Die vorliegen de Beschwerde ist folglich abzuweisen. Zu ergänzen bleibt, dass der von der Beschwerdeführerin in der Beschwerde thematisierte Integri- tätsschaden nicht Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet. 7. Es bleibt über die Kosten zu befinden. Nach Art. 61 lit. f bis ATSG ist das Verfahren bei Streitigkeiten über Leistungen kostenpflichtig, wenn dies im jeweiligen Einzelgesetz vorgesehen ist. Da das UVG keine grundsätzliche Kostenpflicht vorsieht, sind für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Eine Parteientschädigung wird dem Ausgang des Verfahrens entspre- chend nicht ausgerichtet. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Eine Parteientschädigung wird nicht ausgerichtet. http://www.bl.ch/kantonsgericht