Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 12. November 2015 (720 15 227 / 291) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Beschwerde wird gutgeheissen; entgegen der Beschwerdegegnerin ist davon auszuge- hen, dass die Versicherte ihre letzte Arbeitsstelle aufgrund ihrer gesundheitlichen Be- schwerden aufgeben musste, weshalb das Valideneinkommen gestützt auf die Angaben der letzten Arbeitgeberin zu berechnen ist und nicht gestützt auf einen Tabellenlohn Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsri chterin Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Beat Hersberger, Gerichtsschreiberin Barbara Vögtli Parteien A.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Dr. Andreas Bernoulli , Advokat, Theodorsgraben 4, 4058 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1968 geborene A.____ war vom 1. März 2000 bi s 30. Juni 2009 als Mitarbeiterin in der Produktion bei der B.____ AG angestellt gewesen . Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Am 23. März 2009 meldete sie s ich bei der Eidgenössischen Invaliden- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht versicherung (IV) zum Bezug von Leistungen an. Nach Abkläru ng der gesundheitlichen und erwerblichen Verhältnisse sowie nach Durchführung eines Arbeitstrainings lehnte die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) mit Verfügung vom 17. N ovember 2010 einen Rentenanspruch unter Hinweis auf eine volle Arbeitsfähigkeit sowohl i n der angestammten als auch in einer Verweistätigkeit ab. Diese Verfügung erwuchs unangefo chten in Rechtskraft. Am 28. Juni 2011 meldete sich A.____ erneut zum Leistungsbezug bei der I V an. Die IV-Stelle klärte die gesund- heitlichen Verhältnisse ab und sprach der Versicherten m it Verfügung vom 6. November 2012 gestützt auf einen IV-Grad von 41 % ab dem 1. Dezember 2011 eine Viertelsrente zu. Nachdem die Versicherte dagegen Beschwerde beim Kantonsgericht B asel-Landschaft, Abteilung Sozial- versicherungsrecht (Kantonsgericht) erhoben hatte, zog di e IV-Stelle die angefochtene Verfü- gung lite pendente in Wiedererwägung. Das Kantonsger icht schrieb in der Folge das Verfahren als gegenstandslos ab. Nach Einholung eines rheumatologisc h/psychiatrischen Gutachtens beim Gutachtensinstitut C.____ vom 25. August 2014 un d nach Durchführung des Vorbe- scheidverfahrens lehnte die IV-Stelle in der Folge eine n Rentenanspruch mit Verfügung vom 29. Mai 2015 ab. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch Advokat Dr. Andreas Bernoulli, mit Eingabe vom 29. Juni 2015 Beschwerde beim Kantonsg ericht und beantragte, es sei ihr ab dem 1. Dezember 2011, eventuell ab einem späteren Zeitpunkt eine ganze, eventuell eine Drei- viertelsrente, subeventuell eine halbe Invalidenrente au szurichten; zumindest sei ihr die seit dem 1. Dezember 2011 gewährte Viertelsrente weiterhi n auszurichten. Ferner beantragte sie, dass der Beschwerde aufschiebende Wirkung zuerkannt werde. Mit Eingabe vom 15. Juli 2015 reichte der Rechtsvertreter eine ergänzende Beschwerde begründung ein und modifizierte die Rechtsbegehren in dem Sinne, als er zumindest eine hal be IV-Rente und eventuell weitere me- dizinische Abklärungen bzw. subeventuell die Weiterausrichtung der Viertelsrente beantragte. C. Nachdem die Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 28 . Juli 2015 zur Frage der auf- schiebenden Wirkung Stellung genommen hatte, wies die i nstruierende Präsidentin mit Verfü- gung vom 29. Juli 2015 den Verfahrensantrag betreff end aufschiebende Wirkung der Be- schwerde ab. D. Mit Vernehmlassung vom 3. September 2015 beantrag te die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Sie setzte sich auch mit den Auswirkungen des neuen Bundesge- richtsentscheids BGE 141 V 281 vom 3. Juni 2015 auf den vorliegenden Fall auseinander. E. Mit Eingabe vom 5. November 2015 liess die Beschwerd eführerin drei weitere Arztbe- richte einreichen. Dazu nahm die Beschwerdegegnerin mit Eingabe vom 9. November 2015 Stellung. Auf die einzelnen Vorbringen der Parteien und die A kten wird – soweit für die Entscheidung notwendig – in den Erwägungen eingegangen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Beschwerde vom 29. Juni 2015 ist demnach einzu treten. 2. Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegneri n zu Recht einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin abgelehnt hat. 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähigk eit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem andern Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Diese Legaldefinition stimmt i m Wesentlichen mit dem Begriff der Ar- beitsunfähigkeit überein, wie ihn die Rechtspraxis vor dem Inkrafttreten des ATSG entwickelt hatte (vgl. etwa BGE 129 V 53 E. 1.1 in fine mit Hi nweisen). Die bis zum 31. Dezember 2002 ergangene diesbezügliche Rechtsprechung des damaligen Eidgenössischen Versicherungsge- richts [EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abte ilungen] bleibt folglich weitestgehend anwendbar (BGE 130 V 345 E. 3.1.1). 3.3 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussicht lich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie k ann im IV-Bereich Folge von Geburts- gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IV G). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommende n allgemeinen Arbeitsmarkt zu ver- stehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des V orliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach dem im Rahmen der 5. IV-Revision am 1. Januar 200 8 in Kraft gesetzten Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein trächtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht über- windbar ist (Satz 2). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Grad der Invalidität wie folgt abgestuft: Die versicherte Pe rson hat Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf e ine Viertelsrente, wenn sie zu min- destens 40 % invalid ist. 4.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und insb esondere auch bei der Beur- teilung der Arbeitsfähigkeit der versicherten Person i st die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche u nd gegebenenfalls auch andere Fach- leute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesund- heitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 99 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vg l. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widerspreche nden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). Dennoch erachtet es die bundesge- richtliche Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien Bew eiswürdigung als vereinbar, in Be- zug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutach ten Richtlinien für die Beweis- würdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammens tellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -är zte, welche aufgrund eingehender Be- obachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in d ie Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen ge langen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indi zien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 5.1 Medizinische Grundlage der vorliegend angefochtene n Verfügung bildet das von der Beschwerdegegnerin beim Gutachtensinstitut C.____ in A uftrag gegebene bidisziplinäre Gut- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht achten vom 25. August 2014 (IV act. 126). Im psychiatrisch en Teil des Gutachtens vom 9. Juli 2014 diagnostiziert Dr. med. D.____, Oberärztin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivie rende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, und eine anhaltende somatofor me Schmerzstörung. In einer Verweistä- tigkeit, welche der eingeschränkten emotionalen Belast barkeit und der geringen Stresstoleranz Rechnung trage, bestehe eine 70 %-ige Arbeitsfähigke it. Im rheumatologischen Teil vom 10. Juli 2014, verfasst von PD Dr. med. Dr. phil. E.____, FM H Innere Medizin und Rheumatologie, werden mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine Peri arthropathie humeroscapularis beidseits, eine Tendinose der Supraspinatussehne, eine Heberden-Arthrose beidseits und eine degenera- tive Tendinopathie der Beugesehnen an der rechten Ha nd angegeben. Für körperlich schwere und mittelschwere Tätigkeiten bestehe keine Arbeitsfähigkeit mehr. Leichte körperliche Tätigkei- ten seien zu 100 % durchführbar, insofern es keinen dauerhaften Einsatz der oberen Extremitä- ten (insbesondere rechts), kein Heben und Tragen von Gewichten über 3 kg, keine Überkopfar- beiten oder in kniender Haltung und keine Zwangshaltungen erfordere. Im Rahmen der Konsensbesprechung sind die beiden Gutachter zum Schluss gekommen, dass bei der Arbeit als Verpackerin aufgrund der beschriebe nen Einschränkungen beider Schultern, der Fingerendgelenke und der Tendinitis eine teilweise Einschränkung bestehe. Es sei von ei- ner Arbeitsfähigkeit von 50 – 80 % auszugehen, je nach genauem Anforderungsprofil. Grund hierfür sei die eingeschränkte Nutzbarkeit der oberen Ext remitäten. Aufgrund der psychiatri- schen Diagnosen könne diese Tätigkeit (bei optimaler Anp assung falls möglich) zu maximal 70 % umgesetzt werden. Leichte körperliche Tätigkeiten s eien somatisch zu 100 % durchführ- bar, aufgrund der psychiatrischen Diagnosen jedoch nur in einem 70 % Pensum und unter Be- rücksichtigung der qualitativen Einschränkungen aufgrund d er eingeschränkten Nutzbarkeit der oberen Extremitäten. Der letzten IV-Verfügung sei di e bidisziplinäre Begutachtung des Gutach- tensinstituts C.____ vom 27. Januar 2012 mit Attest ein er Arbeitsfähigkeit von 70 % zugrunde gelegen. Die aktuelle Einschätzung sei unverändert, da es sich um eine chronifizierte Störung handle. Passager müsse eine vermehrte Einschränkung nach d er Tuberculum-majus- Ausrissfraktur links vom 24. Juni 2013 mit konservativer B ehandlung angenommen werden. Hier seien ca. 3 bis maximal 6 Monate anzusetzen. Danach gelte wieder eine Arbeitsfähigkeit von 70 % in angepasster Tätigkeit. 5.2 Auf das aktuelle bidisziplinäre Gutachten vom 25. August 2014 kann abgestellt werden. Es ist nachvollziehbar begründet und ist entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin auch umfassend. Es genügt daher sowohl formal als auch inhal tlich den bundesgerichtlichen Vorga- ben an ein beweistaugliches Gutachten (vgl. dazu Erwägung 4.2 hiervor), so dass darauf abge- stellt werden kann. Soweit in der Beschwerde geltend gemacht wird, einzelne gesundheitliche Aspekte seien nicht berücksichtigt worden oder zwischenzeitli ch bis zum Verfügungserlass erst aufgetreten, so bestehen dafür keine Anhaltspunkte. Di e Agoraphobie und Panikstörung wurde bereits im März 2014 von Dr. med. F.____, FMH Psychiatri e und Psychotherapie, FMH Allge- meinmedizin, bzw. von der behandelnden Psychologin diag nostiziert (vgl. IV-Bericht vom 25. Februar 2014, IV act. 117). Im Gutachten haben diese Leiden nicht bestätigt werden können. Auch die 100 %-ige Arbeitsunfähigkeit, die von der Psych ologin mit Hinweis auf die rasche Er- müdbarkeit, die Vergesslichkeit sowie Konzentrationsschwie rigkeiten begründet wird, lässt sich Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht aufgrund der schlüssig beschriebenen Einschränkungen im Er werbsleben gemäss psychiatri- schem Teilgutachten nicht nachvollziehen. Aus dem Austrittsb ericht der Klinik G.____ vom 16. April 2015 (IV act. 145) über die stationäre Behandlu ng der Beschwerdeführerin vom 10. Feb- ruar bis 1. April 2015 lässt sich ebenfalls keine dauernde Verschlechterung des Gesundheitszu- stands ableiten. Es handelt sich um eine vorübergehende depressive Dekompensation, die nach der Mitteilung der Beschwerdegegnerin, dass kein Re ntenanspruch bestehe, auftrat. Im Austrittsbericht wird zudem unverändert eine mittelgradige depressive Episode angegeben. Die neu eingereichten Berichte führen ebenfalls nicht zu einem anderen Schluss. Die Kniebe- schwerden, die im MRI-Bericht des Radiologie-Zentrums H. ____ vom 25. September 2015 und im Bericht von Dr. med. I.____, FMH für Chirurgie, vom 28. September 2015 erwähnt werden, wirken sich in einer Verweistätigkeit, wie sie im Gutachte n umschrieben wird, nicht zusätzlich leistungseinschränkend aus. Obwohl die Gutachter das Knieleiden noch als ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eingestuft haben, haben sie bei der Beschreibung der angepassten Tä- tigkeit trotzdem berücksichtigt, dass keine kniende Haltung eingenommen werden und dass insgesamt die Beschäftigung nur körperlich leicht sein soll. Bezüglich des Morbus Basedow, der im Bericht von Dr. med. J.____, FMH für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie, vom 3. August 2015 neu diagnostiziert wird, ist darauf hin zuweisen, dass Dr. J.____ keine damit verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit beschrei bt. Zudem ist zu berücksichtigen, dass sich die gerichtliche Beurteilung lediglich auf die gesundheitliche Entwicklung bis zum Ver- fügungserlass vom 29. Mai 2015 erstrecken kann, und dass ke ine Hinweise darauf bestehen, dass sich die neue Diagnose vor diesem Datum auf die Arbei ts- und Leistungsfähigkeit ausge- wirkt haben könnte. 5.3 Die Beschwerdegegnerin hat somit zu Recht auf das Gutachten vom 25. August 2014 abgestellt. Insoweit sie aber in der angefochtenen Ver fügung entgegen den Ergebnissen der Begutachtung von einer 100 %-igen Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit ausgegangen ist, erscheint dieser Entscheid als nicht nachvollziehbar. In d er Vernehmlassung hat die Beschwer- degegnerin daran nicht mehr festgehalten. Entsprechend dem Gutachten hat sie eine 70 %-ige Arbeitsfähigkeit im Hinblick auf BGE 141 V 281 bejaht. Mit diesem Urteil gab das Bundesgericht die Überwindbarkeitsvermutung bei unklaren Beschwerdebild ern auf. Die Grundsätze der Zu- mutbarkeit gelten allerdings auch weiterhin, weshalb B GE 141 V 281 im vorliegenden Fall im Ergebnis ohne Auswirkungen bleibt. Diagnostiziert ist ein e mittelgradige depressive Episode und damit verbunden eine Schmerzstörung. Aufgrund ein er objektivierten Betrachtungsweise und insbesondere mit Blick darauf, dass die Gutachter ni cht nur auf die Defizite, sondern auch auf die Ressourcen der Beschwerdeführerin eingegangen sind, weshalb die Beurteilung der Einschränkungen auf einer Gesamtsicht basiert, besteht auch unter neuer Rechtsprechung eine verlässliche Grundlage für die Einschätzung der Restarbe itsfähigkeit. Die somatoforme Schmerzstörung schränkt die Arbeitsfähigkeit nicht noch w eiter ein, als dies im Gutachten dar- gelegt wird, nachdem im Gutachten eben gerade nicht davon ausgegangen wird, dass die Be- schwerdeführerin die Schmerzsymptomatik einfach überwinden kann (vgl. dazu psychiatrisches Teilgutachten vom 9. Juli 2014, S. 8ff.). Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.1 Umstritten und zu prüfen ist zudem der vorgenommen e Einkommensvergleich. Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherte n ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach ist der Invaliditätsgrad aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicher te Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Beha ndlung und allfälliger Eingliede- rungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung geset zt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Der Einkommens- vergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbs- einkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und ei nander gegenübergestellt werden. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgr ad bestimmen (allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 128 V 30 E. 1, 104 V 136 E. 2a und b). 6.2.1 Bei der Ermittlung des Valideneinkommens ist na ch der Rechtsprechung entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühestmöglich en Rentenbeginns nach dem Be- weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdienen würde. Da- bei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfal ls der Teuerung und Einkommensentwick- lung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung entspricht, dass die bis- herige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre (BGE 119 V 475 E. 2b). 6.2.2 Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung davon aus, dass das Valideneinkommen gestützt auf die statistischen Löhne d er Schweizerischen Lohnstrukturerhe- bung 2010 (LSE 2010) des Bundesamtes für Statistik zu berechnen sei. In der Vernehmlassung führte sie dazu aus, dass anlässlich der ersten Rentenprüfu ng im Jahr 2009 die medizinischen Abklärungen ergeben hätten, dass aufgrund des Fehlens ei ner Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit keine Einschränkung derselben bes tanden habe. Eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sei erst im Rahmen der zweiten Renten prüfung festgestellt worden. Die Be- schwerdeführerin habe es in der Folge unterlassen, wieder eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen, weshalb nicht auf ein tatsächlich erzieltes Einkommen abgestellt werden könne. 6.2.3 Mit der Beschwerdeführerin ist davon auszugehen, dass der Lohn der zuletzt ausgeüb- ten Beschäftigung in der B.____ AG zu berücksichtigen i st, da die Beschwerdeführerin diese Arbeit gesundheitsbedingt aufgeben musste. Daran ände rt entgegen der Auffassung der Be- schwerdegegnerin nichts, dass die Beschwerdeführerin da mals noch nicht in einem rentenbe- gründenden Ausmass krank war. Die ehemalige Arbeitgeberi n gab an, dass die Beschwerde- führerin ohne gesundheitliche Beschwerden im Jahr 2009 Fr. 61‘750.-- erzielt hätte (Bericht der B.____ AG vom 29. April 2009, IV act. 15). Die Beschwer deführerin meldete sich im Mai 2011 erneut zum Rentenbezug an. In Anbetracht der sechsmonatigen Wartefrist gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG könnte ein allfälliger Rentenanspruch frühesten s per 1. Dezember 2011 entstanden sein. Daher ist das Jahreseinkommen von Fr. 61‘750.-- an die No minallohnentwicklung von 1.1 % im Jahr 2010 (+ Fr. 679.25 = Fr. 62‘429.25) und von 1 % im Jahr 2011 (+ Fr. 624.25); vgl. dazu BFS Lohnentwicklung 2011, Tabelle T1.1.10 Nominallohn index nach Geschlecht, Frauen, Ab- schnitt Total) anzupassen, was ein Valideneinkommen von Fr. 63‘054.-- ergibt. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.3.1 In Bezug auf das Invalideneinkommen ist davon a uszugehen, dass die Beschwerde- führerin im Dezember 2011 gestützt auf die LSE 2010 e in Invalideneinkommen von Fr. 37‘368.-- erzielen könnte. Grundlage dafür bilden die LSE 2010, Tabelle TA1, Privater Sektor, Anforderungsniveau 4, Spalte Frauen, Total, Fr. 4‘22 5.-- monatlich, basierend auf 40 Wochen- stunden. Nach Umrechnung auf die betriebsübliche wöchen tliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden (vgl. „ Die Volkswirtschaft “ , Ausg. 1/2-2014, Tabelle B9.2) und an die Nominall ohnentwicklung von 1 % (BFS Lohnentwicklung 2011, Tabelle T1.1.10 Nom inallohnindex nach Geschlecht, Frauen, Abschnitt Total) x 12 Monate ergibt sich ein jäh rliches Invalideneinkommen von Fr. 53‘383.--. Angepasst an die zumutbare Restarbeitsfähigkeit von 70 % ergibt sich ein Jahresein- kommen von Fr. 37‘368.--. 6.3.2 Vom gestützt auf die LSE Tabellenlöhne erhobe nen statistischen Wert sind praxisge- mäss verschiedene Abzüge zulässig. Im Entscheid BGE 126 V 75 hat das Bundesgericht seine Rechtsprechung zu den Abzügen vom Tabellenlohn berein igt und weiterentwickelt. Dabei hat es betont, dass die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen des ko nkreten Einzelfalles abhängt (lei- densbedingte Einschränkung, Lebensalter, Anzahl Dienstja hre, Nationalität/ Aufenthaltskatego- rie und Beschäftigungsgrad), welche nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen sind. Dabei ist der Abzug vom statistischen Lohn unter Be rücksichtigung aller jeweils in Be- tracht fallenden Merkmale letztlich aber auf insgesamt höchstens 25 % zu begrenzen (BGE 126 V 80 E. 5b). Ein Abzug soll aber nicht automatisch, sondern nur dann erfolgen, wenn im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versiche rte Person wegen eines oder mehre- rer der genannten Merkmale ihre gesundheitlich beding te (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem all- gemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem er werblichem Erfolg verwerten kann. Der gesamthaft vorzunehmende Abzug stellt eine Schätzung dar. Bei deren Überprüfung kann es nicht darum gehen, dass die kontrollierende richterli che Behörde ihr Ermessen an die Stelle desjenigen der Vorinstanz setzt. 6.3.3 Vorliegend hat die Beschwerdegegnerin für die i nvaliditätsbedingte Beeinträchtigung keinen Abzug vom Tabellenlohn vorgenommen. Die Beschwe rdeführerin stellt sich auf den Standpunkt, dass ein Abzug von 20 % zu berücksichtigen sei. 6.3.4 Mit Bezug auf den behinderungs- bzw. leidensbedi ngten Abzug ist zu beachten, dass das medizinische Anforderungs- und Belastungsprofil eine zum zeitlich zumutbaren Arbeitspen- sum hinzutretende qualitative oder quantitative Einschrän kung der Arbeitsfähigkeit darstellt, wodurch in erster Linie das Spektrum der erwerblichen Tätigkeiten (weiter) eingegrenzt wird, welche unter Berücksichtigung der Fähigkeiten, Ausbildung und Berufserfahrung der versicher- ten Person realistischerweise noch in Frage kommen. Davon zu unterscheiden ist die Frage, ob mit Bezug auf eine konkret in Betracht fallende Tätigke it bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage verglichen mit einem gesunden Mitbewerber nur bei Inkau fnahme einer Lohneinbusse reale Chancen für eine Anstellung bestehen. Lediglich wenn – auch auf einem ausgeglichenen Ar- beitsmarkt – unter Berücksichtigung solcher Einschränkunge n, die personen- oder arbeitsplatz- bezogen sein können, kein genügend breites Spektrum an zumutbaren Verweisungstätigkeiten mehr besteht, rechtfertigt sich allenfalls ein (zusätzlich er) Abzug vom Tabellenlohn (Urteil des Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Bundesgerichts vom 22. Januar 2015, 8C_693/2014, E. 4. 2.1 mit weiteren Hinweisen). Im vor- liegenden Fall sind aus somatischer Sicht zwar Einschränkung en zu berücksichtigen. Auch wenn dieser Aspekt gewisse Arbeitsstellen ausschliesst, besteht ganz offensichtlich immer noch ein genügend breites Spektrum an zumutbaren Verweistätigkeiten im in Frage kommenden An- forderungsniveau 4. Andere lohnwirksame Umstände, die zu einem Abzug berechtigen würden, sind keine ersichtlich. In Anbetracht der persönlichen und beruflichen Situation der Beschwer- deführerin erweist sich daher ein Abzug vom Tabellenlo hn als nicht zulässig. Daran vermag auch der Umstand nichts zu ändern, dass die Beschwerdegegn erin in der Verfügung vom 6. November 2012 fälschlicherweise einen Abzug vorgenom men hat. Diese Verfügung wurde aufgehoben, weshalb voraussetzungslos ein neuer Einkomm ensvergleich gemacht werden darf. 6.4 Setzt man im Einkommensvergleich dieses Invalideneinko mmen von Fr. 37‘368.-- dem Valideneinkommen von Fr. 63‘054.-- gegenüber, so erg ibt dies ab Zeitpunkt des frühest mögli- chen Rentenbeginns im Jahr 2011 ein IV-Grad von 40 %. Damit besteht ab dem 1. Dezember 2011 Anspruch auf eine Viertelsrente. 7. Zu klären bleibt, ob die passager vermehrte Einschrä nkung nach dem Sturz am 24. Juni 2013, bei dem die Beschwerdeführerin auf nasser St rasse ausrutschte und sich eine Tu- berculum-majus-Ausrissfraktur links zuzog, zu einer Erhöhun g der Rente führt. In Anbetracht des Umstands, dass die Verschlechterung des Gesundheitszusta nds von relativ beschränkter Dauer war (ca. drei Monate, max. sechs Monate gemäss Gu tachten, S. 5) und sie sich zudem nur in qualitativer Hinsicht betreffend Tätigkeitspr ofil auswirkte, sind die Voraussetzungen ge- mäss Art. 88a Abs. 2 IVV nicht erfüllt. Von einer vorübe rgehenden Erhöhung der Viertelsrente ist daher abzusehen. 8. Aus dem Gesagten ergibt sich zusammenfassend, dass die Besc hwerde in dem Sinne gutzuheissen ist, als die angefochtene Verfügung vom 2 9. Mai 2015 aufgehoben und der Be- schwerdeführerin ab dem 1. Dezember 2011 eine Viertelsrente zugesprochen wird. 9.1 Es bleibt über die Kosten zu entscheiden. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis Satz 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilli gung oder die Verweigerung von IV- Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht koste npflichtig. Nach § 20 Abs. 3 Satz 2 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessor dnung (VPO) vom 16. Dezem- ber 1993 werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemesse- nem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die Beschwerdegegne rin unterliegende Partei, weshalb sie grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tragen hätte. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO den Vorin stanzen – vorbehältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VPO – keine Verfahrenskoste n auferlegt werden. Aufgrund dieser Bestimmung hat die Beschwerdegegnerin als Vorinstanz trotz Unterliegens nicht für die Verfah- renskosten aufzukommen. Es werden deshalb keine Verfahre nskosten erhoben und der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss ist zurückzuerstatten. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person An- spruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verfa hrens entsprechend ist der Be- schwerdeführerin deshalb eine angemessene Parteientschäd igung zuzusprechen. Der Rechts- vertreter der Beschwerdeführerin hat in seiner Honorar note vom 29. September 2015 einen Zeitaufwand von insgesamt 18 Stunden und 15 Minuten g eltend gemacht, was sich umfang- mässig als angemessen erweist. Damit ist der Beschwerdeführe rin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 4‘655.10 (18 Std. und 15 Min. x Fr. 250.-- plus Auslagen von Fr. 92.60) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung vom 29. Mai 2015 aufgehoben und festgestellt wird, dass die Beschwerdeführerin ab dem 1. Dezember 2011 Anspr uch auf eine Viertelsrente hat. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- wird ihr zurückerstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 4‘655.10 (inkl. Auslagen) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht