B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3384/2022 U r t e i l v o m 1 5 . A u g u s t 2 0 2 2 Besetzung Einzelrichterin Claudia Cotting-Schalch, mit Zustimmung von Richterin Esther Marti; Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, alias B._______, geboren am (…), Irak, alias C._______, geboren am (…), Türkei, dessen Ehefrau D._______, geboren am (…), Irak, alias E._______, geboren am (…), Irak, alias F._______, geboren am (…), Türkei, und deren Kind G._______, geboren am (…), Irak, alias H._______, geboren am (…), Irak, alias I._______, geboren am (…), Türkei, alle vertreten durch Angela Candrian, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 27. Juli 2022 / N (…). F-3384/2022 Seite 3 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführenden – irakische Staatsangehörige – suchten am 18. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl nach. A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentral- einheit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführenden am 25. November 2021 in Polen Asylgesuche eingereicht hatten und dort gleichentags dak- tyloskopiert worden waren. A.c A.c.a Beim Dublin-Gespräch vom 8. Juli 2022 (Akten der Vorinstanz [SEM- act.] 24/4) machte der Beschwerdeführer geltend, er sei in Polen nicht ak- zeptiert worden. Während ungefähr sechs Monaten sei er dort in einem Camp gewesen. Eines Tages sei ihm mitgeteilt worden, dass er einen ne- gativen Asylentscheid erhalten habe. Er sei dann am 17. Juni 2022 aus Polen ausgereist und habe sich via J._______ direkt in die Schweiz bege- ben. In J._______ habe es keinen Behördenkontakt gegeben. Er habe in keinem anderen europäischen Land um Asyl ersucht und besitze keinen Aufenthaltstitel eines anderen Landes. A.c.b Im Rahmen des ihm von der Vorinstanz gleichzeitig gewährten recht- lichen Gehörs zur Zuständigkeit Polens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zu einem Nich teintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, er habe in Polen viele Probleme. Als er dorthin gekommen sei, sei es ihm gesundheit- lich sehr schlecht gegangen. Er sei in ein Krankenhaus gebracht worden, wo er elf Tage habe bleiben müssen. Dort sei die Versorgung schlecht ge- wesen. Er sei dann unter Druck gesetzt worden, ein Asylgesuch einzu- reichen. Drei Tage später sei er in ein Camp gebracht worden, wo ein Psy- choterror begonnen habe. Er s ei sechs Monate lang in diesem Camp ge- wesen und habe die Sonne nicht sehen dürfen. Die Wachleute seien sehr streng gewesen. Seine Tochter sei dort krank geworden. Sie habe einen geschwollenen Bauch gehabt und es sei ihr sehr schlecht gegangen. Er habe mehrmals die Wachen um Hilfe gebeten, aber der Arzt habe die Toch- ter nicht behandeln wollen. Erst als sie Blut erbrochen habe, seien die Bit- ten ernst genommen worden. Auch hätten sie alle ein Trauma von den Po- lizisten in Polen. Er habe mittlerweile Angst, wenn er uniformierte Polizisten sehe. Während sechs Monaten sei er in Polen schlecht behandelt worden. Seine Frau habe so stark gelitten, dass sie nicht mehr ohne Schlaftabletten F-3384/2022 Seite 4 schlafen könne. Es sei ihm nicht einmal Milch für seine Tochter gegeben worden. Wegen seines Kindes sei er sehr verzweifelt gewesen. Er könne in einer Stunde nicht alles erzählen, aber es sei ihm wichtig, dass die Be- hörden wüssten, dass er sehr gelitten habe. Erst seit der Ankunft in der Schweiz fühle er sich sicher. A.c.c Auf Nachfrage der Rechtsvertretung hinsichtlich der Reise von Bela- rus nach Polen gab der Beschwerdeführer insbesondere an, er sei am 20. Oktober 2021 nach Belarus gekommen. Nach zehn oder fünfzehn Ta- gen habe er achtmal versucht, nach Polen zu gelangen, sei aber immer wieder nach Belarus zurückgeschickt worden. Er habe auf dem Weg sehr viel gelitten und auch kalt gehabt. Auch seine Frau habe sehr stark gelitten. Er sei zehn Tage lang im Wald ohne Wasser und Essen gewesen. Seine Frau sei total dehydriert gewesen und fast gestorben. Als sie ins Kranken- haus gebracht worden sei, habe sie sechs bis sieben Infusionen erhalten. Eines nachts sei es ihr in Polen sehr schlecht gegangen. Sie habe nicht mehr aufstehen können. Er habe die Wachleute um Hilfe gebeten, da er Angst gehabt habe, dass seine Frau sterben könnte. Nach vielen Bitten seien sie von den Wachleuten an die Grenze zu Belarus gebracht worden. Sie seien immer wieder nach Belarus und von dort erneut nach Polen ge- bracht worden. Es sei wie ein Fussballspiel zwischen den beiden Ländern gewesen. Sie seien dort einfach von niemandem gewollt worden. Befragt zur Unterkunft in Polen erklärte der Beschwerdeführer, er sei sechs Monate dort gewesen und habe die Sonne kaum gesehen. Es sei ihm schlecht gegangen und er habe sehr wenig zu essen erhalten. Mehrheitlich habe es nur Wasser gegeben. Er habe in dieser Zeit ungefähr zehn Kilo- gramm Gewicht verloren, nicht nur wegen des Mangels an Nahrung, son- dern auch weil es ihm psychisch schlecht gegangen sei. Er habe sich im Camp unsicher und in Gefahr gefühlt. Die Rechtsvertretung wies darauf hin, dass eine Wegweisung aufgrund des Kindeswohls und der Kinderrechte unzulässig und unzumutbar sei. A.d A.d.a Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 8. Juli 2022 (SEM -act. 26/3) führte die Beschwerdeführerin aus, sie habe in Polen einen negativen Ent- scheid erhalten. Sie könne sich jedoch nicht erinnern, wann genau dies gewesen sei. Zuvor sei sie sehr krank und im Spital gewesen. Dort habe man sie unter D ruck gesetzt, Papiere zu unterschreiben. Ihr sei es sehr schlecht gegangen und sie habe diese Dokumente aus gesundheitlichen F-3384/2022 Seite 5 Gründen unterzeichnen müssen. Sie wisse nicht genau, um was für Doku- mente es sich gehandelt habe. Einige Tage später sei sie abgeholt worden und es seien ihr die Fingerabdrüc ke abgenommen worden. Man habe ihr gesagt, dass sie diese Dokumente unterschreiben und die Fingerabdrücke abgeben müsse, ansonsten werde sie wieder nach B elarus zurückge- bracht. Sie wisse nicht, ob es sich bei den Dokumenten um ein Asylgesuch gehandelt habe. Sie sei sechs Monate lang in einem geschlossenen Camp geblieben, was wie ein Gefängnis gewesen sei. Am 23. Mai 2022 sei sie aus dem Camp rausgegangen und am 17. Juni 2022 hi er angekommen. Von Polen sei sie über J._______ und K._______ bis in die Schweiz ge- reist. Sie sei mit dem Auto unterwegs gewesen und habe nirgendwo ange- halten. Auf der Reise durch J._______ und K._______ habe sie keinen Be- hördenkontakt gehabt. Sie habe in keinem anderen europäischen Land um Asyl ersucht und besitze keinen Aufenthaltstitel eines anderen Landes. A.d.b Im Rahmen des ihr gleichzeitig gewährten rechtlichen Gehörs zur Zuständigkeit Polens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver- fahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zu einem Nichtein- tretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG erklärte die Be- schwerdeführerin, sie möchte keinesfalls nach Polen zurückkehren. Sie sei dort während sechs Monaten in einem Gefängnis eingesperrt gewesen und misshandelt worden. Was sie erlebt habe, sei sehr schlimm gewesen. Sie sei traumatisiert und schlecht behandelt worden. Man habe ihr keine Milch für ihre Tochter gegeben. Sie habe in diesem Gefängnis einiges erlebt. Sie sei auch krank gewesen und habe nachts ohne Schlaftabletten nicht schla- fen können. Sie sei psychisch und physisch am Ende gewesen. Sie habe gar nie in Polen bleiben wollen, sei aber gezwungen worden, ihre Finger- abdrücke abzugeben. Falls sie dies nicht getan hätte, wäre sie wieder zu- rück in die Wälder gebracht worden, wo sie hätte sterben können. A.d.c Auf Nachfrage der Rechtsvertretung zur schlechten Behandlung im Camp in Polen machte die Beschwerdeführerin geltend, sie sei sechs Mo- nate in einem Gefängnis eingesperrt worden, von wo sie nic ht habe weg- gehen dürfen. Man habe sie ständig schlecht behandelt. Beim Wachperso- nal habe sie immer wieder vergeblich nach M ilch für ihr Kind gefragt. Als dieses krank geworden sei und einen geschwollenen Bauch gehabt habe, habe sie einen Arzt verlangt. Man habe ihr aber nicht geglaubt. Eines Ta- ges, als das Kind krank gewesen sei, sei sie zu einem Arzt im Gefängnis gegangen. Er habe ihr nicht geglaubt und sie sei rausgeworfen worden. Nachts habe das Kind dann Blut erbrochen. Ihr sei dort nicht geholfen wor- den und sie sei in die Schweiz geflüchtet. Sie könne keinesfalls nach Polen zurückkehren. Sie würde dort sterben. E s sei schrecklich, wenn das Kind F-3384/2022 Seite 6 krank sei und einem nicht geholfen werde. Im Gegenteil, sie sei nur beo- bachtet worden. Sie habe dort ständige Angst gehabt und die Situation nicht aushalten können. Befragt zur Unterkunft in Polen gab die Beschwerdeführerin an, es sei wie ein Camp gewesen. Rundherum habe es Stacheldraht gegeben und sie habe nicht rausgehen dürfen. Sie habe sich die ganze Zeit in einem Zim- mer aufgehalten und es seien die Telefone abgenommen worden. Alle Menschen dort seien vom Militär gewesen. A.e Da mit ihrem Kind aufgrund seines Alters kein persönliches Gespräch durchgeführt werden konnte, erhielten die Beschwerdeführenden Gelegen- heit, sich zu allfälligen Gründen, welche gegen eine Wegweisung ihrer Tochter sprechen würden, zu äussern. Der Beschwerdeführer machte dies- bezüglich geltend, er könne nicht zulassen, mit seinem Kind in einem Land zu leben, in welchem es nicht einmal Milch erhalte und auch keine Behand- lung, wenn es krank werde. Er könne unter keinen Umständen nach Polen zurückkehren. Dort im Wald sei es sehr kalt gewesen. Seine Frau sei sehr krank geworden und habe im Krankenhaus mehrere Infusionen erhalten. Er sei gezwungen w orden, ein Asylgesuch einzureichen. Ebenso habe man ihm gedroht, er werde zurück in sein Heimatland gebracht, wenn er nicht um Asyl nachsuche. Er denke, seine Frau hätte nicht überlebt, wenn sie zurück zur Grenze nach Belarus gebracht worden wären. Er könn e ohne seine Ehefrau auch nicht überleben. Sie seien insgesamt fünfzehn Tage in den Wäldern von Belarus gewesen und als sie in Polen angekom- men seien, sei seine Ehefrau ohnmächtig geworden. Er sei dann mit dem Krankenwagen ins Spital gebracht worden, wo man ihn unter Druck gesetzt habe, ein Asylgesuch einzureichen. Auf die Frage hin, auf wen sich die von ihm geschilderte Behandlung im Krankenhaus bei der Ankunft in Polen be- ziehe, erklärte der Beschwerdeführer, dass sowohl seine Frau als auch seine Tochter sehr krank gewesen seien. Die Beschwerdeführerin ihrerseits gab an, sie habe sechs Monate im Ge- fängnis verbracht. Sie habe immer wieder nach Milch für ihre Tochter ver- langt, aber keine erhalten. Ihr Kind sei auch krank geworden. Sie sei von den Wachleuten ausgelacht worden und man habe ihr nicht geglaubt. Das Kind sei so krank gewesen, dass es Blut erbrochen habe. Sie habe Angst gehabt, es könnte sterben. Sie wünsche sich, dass die Schweiz sie und ihre Familie schütze, denn sie habe einiges erlebt. Sie habe sehr viel gelit- ten. F-3384/2022 Seite 7 B. Gestützt auf die Eurodac -Treffer ersuchte das SEM am 8. Juli 2022 die polnischen Behörden um Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Eu- ropäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei- nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin -III- VO). Die polnischen Behörden stimmten diesen Ersuchen am 19. Juli 2022 ge- mäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO zu. C. Mit Verfügung vom 27. Juli 2022 – eröffnet am 28. Juli 2022 (vgl. Emp- fangsbestätigung [SEM-act. 46/15 ]) – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführen- den vom 18. Juni 2022 nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Polen, forderte die Beschwerdeführenden – unter Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwer- defrist zu verlassen, bea uftragte den Kanton L._______ mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte den Beschwerdeführenden die editionspflichti- gen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine allfällige Be- schwerde gegen die Verfügung habe keine aufschiebende Wirkung. D. Mit Eingabe vom 4. August 2022 liessen die Beschwerdeführenden beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, die Ver- fügung der Vorinstanz sei aufzuheben. Die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zwecks vollständiger Abklärung des Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück- zuweisen. Subeventualiter sei die Vor instanz anzuweisen, von den polni- schen Behörden individuelle Garantien betreffend Zugang zum Asylverfah- ren, adäquate Unterbringung und gegebenenfalls notwendige fachärztliche Behandlung einzuholen. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren. Die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Ent- scheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlun- gen abzusehen. Es sei die unent geltliche Prozessführung zu gewähr en. Insbesondere sei von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen. F-3384/2022 Seite 8 E. Die zuständige Instruktionsrichterin setzte am 8. August 2022 gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffe nde Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung und sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein gereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). F-3384/2022 Seite 9 2.3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli- cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs- weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie- gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften- wechsel verzichtet. 3. 3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) wie dem vorliegenden findet grundsätzlich keine (erneute) Zustän digkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied- staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). F-3384/2022 Seite 10 3.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani- tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin -III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Stehen völkerrechtliche Vollzugshinder- nisse einer Überstellung entgegen, ist ein Selbsteintritt zwingend. 4. In der Rechtsmitteleingabe wird im Wesentlichen geltend gemacht, dass sich die von den Beschwerdeführenden geschilderten Erfahrungen an der belarussisch-polnischen Grenze mit aktuellen Medienberichten über Push- backs in diesem Gebiet decken würden. Da die Beschwerdeführenden ihr Asylgesuch in Polen zurückgezogen hätten, drohe ihnen im Falle einer Wegweisung dorthin ein erneut traumatisierender Pushback nach Belarus. Es bestehe folglich eine reale Gefahr, dass sie keinen Zugang zum polni- schen Asylsystem erhielten und erneut zum "Spielball" zwischen Belarus und Polen würden. Es sei der Familie nicht zumutbar, dieser traumatisie- renden Situation erneut ausgesetzt zu werden, weshalb ein Selbsteintritt angezeigt sei. Es sei darauf hinzuweisen, dass über die Situation in den polnischen Asyl- strukturen seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine kaum Berichte verfüg- bar seien. Daher sei nicht nachvollziehbar, wie die Vorinstanz zum Schluss komme, in Polen würden funktionierende Asylstrukturen vorliegen, nur weil sich der UNHCR im L and befinde. Im Gegenteil sei davon auszugehen, dass Polen als Folge des Krieges in der Ukraine weiterhin stark überbelas- tet sein werde. Es wäre daher mehr als nur ein Zeichen der Solidarität, gemäss dem Vorschlag der Europäischen Kommission vom 21. März 2022 (2022/C 126 I/01, Pkt. 7) auch weiterhin zumindest auf die Wegweisung von vulnerablen Asylsuchenden nach Polen zu verzich ten. Auch vor die- sem Hintergrund sei ein Selbsteintritt angezeigt. Der eingereichte Arztbericht aus Polen datiere vom 22. November 2021 (Austritt aus dem Spital). Das Asylgesuch in Polen hätten die Beschwerde- führenden am 25. November 2021 gestellt. Im Flüchtlingscamp hätten sie anschliessend keinen Zugang zu medizinischer Hilfe gehabt. Die Vorin -F-3384/2022 Seite 11 stanz führe auch in keiner Weise aus, woraus sie schliesse, dass die Be- schwerdeführenden während ihres Aufenthalts im Camp Zugang zu medi- zinischen Einrichtungen hätten haben sollen. Sie verletze dadurch ihre Be- gründungspflicht. Es sei damit nicht davon auszugehen, dass die B e- schwerdeführenden in Polen ausreichenden Zugang zu der für sie notwen- digen medizinischen Behandlung hätten. Insbesondere in Bezug auf die an einer PTBS leidende Beschwerdeführerin sei darauf hinzuweisen, dass für sie der Zugang zur benötigten Behandlung unter den aktuellen Umständen in Polen kaum möglich sei. So halte ein Bericht des Österreichischen Roten Kreuzes fest, dass nach Angaben einiger Experten und vieler NGOs eine spezialisierte Behandlung für traumatisierte Asylbewerbende in der Praxis nicht verfügbar sei. Im Zusammenhang mit dem Gesundheitssystem sei abschliessend anzufügen, dass nicht einmal klar sei, ob die Familie, wel- che ihr Asylgesuch in Polen zurückgezogen habe, überhaupt Zugang zu den Asyl- und Gesundheitsstrukturen erhalten würde. Auch aus diesen Gründen sei ein Selbsteintritt angebracht. Ein solcher sei ebenso im Sinne des Kindeswohls angezeigt. Die Tochter der Beschwerdeführenden sei im Flüchtlingscamp in Polen nicht behandelt worden, obwohl es ihr sehr schlecht gegangen sei. Zudem habe sie nicht die benötigte Nahrung erhalten. Angesichts dieser Tatsachen und aufgrund der aufgezeigten Mängel in den polnischen Asylstrukturen sei das Wohl des Kleinkindes bei einer Rückweisung nach Polen massiv gefährdet. Im Weiteren bestünden verschiedene Anhaltspunkte für eine Kassation der angefochtenen Verfügung: Der medizinische Sachverhalt sei unzureichend erstellt. Die Beschwerde- führerin habe d en Termin vom 25. Juli 2022 beim zuständigen medizini- schen Leistungserbringer nicht wahrgenommen. Aufgrund dessen werde ihr von der Vorinstanz unterstellt, es bestehe kein dringende r Bedarf an weiteren ärztlichen Konsultationen. Dies ohne abzuklären, weshalb sie den Termin nicht wahrgenommen habe. Wie die Beschwerdeführerin anlässlich der Eröffnung der Verfügung erklärt habe, habe sie den Termin sehr wohl wahrnehmen wollen. Sie sei jedoch von einer Person, welche sie auf der Strasse nach dem Weg gefragt habe, in die falsche Richtung geleitet wor- den, sodass sie nicht rechtzeitig zum Termin erschienen sei. Am nächsten Tag sei sie erneut hingegangen, um zu fragen, ob ein Nachholen des Ter- mins möglich sei. Man habe ihr mitgeteilt, dass sie demnächst einen neuen Termin erhalten würde. Die Beschwerdeführerin habe mit ihrem Verhalten gezeigt, dass bei ihr sehr wohl ein Bedarf an weiteren ärztlichen Konsulta- tionen bestehe. F-3384/2022 Seite 12 Sodann erschliesse sich aus der angefochtenen Verfügung nicht, gestützt auf welche Informationen die Vorinstanz geprüft haben solle, ob Polen an- gesichts des Flüchtlingsstroms aus der Ukraine funktionierende Asylstruk- turen zur Verfügung stellen könne. Sie habe auch nicht abgeklärt, inwiefern Familien wie die Beschwerdeführenden, welche ihr Asylgesuch zurückge- zogen hätten, nach einer Rückkehr nach Polen Zugang zum Asylverfahren erhielten. Diesbezüglich sei auf die Gefahr erneuter Pushbacks zu verwei- sen. Weiter sei vorliegend ni cht geprüft worden, ob das Kindeswohl bei einer Rückkehr nach Polen gewährleistet wäre. Da die Vorinstanz den Sachverhalt in verschiedener Hinsicht nicht rechts- genüglich abgeklärt habe, sei die Sache eventualiter zwecks vollständiger Abklärung des Sachve rhalts und Neubeurteilung an sie zurückzuweisen. Entsprechend dem Subeventualbegehren sei die Vorinstanz zumindest an- zuweisen, individuelle Zusicherungen bezüglich des Zugangs zum Asylver- fahren, zu adäquater kindgerechter Unterbringung und e rforderlicher me- dizinischer beziehungsweise psychotherapeutischer Behandlung von den polnischen Behörden einzuholen. 5. Gestützt auf die Eurodac-Treffer ersuchte das SEM die polnischen Behör- den am 8. Juli 2022 um Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin -III-VO. Die polnischen Behörden stimmten den Ersuchen am 19. Juli 2022 gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dub- lin-III-VO zu. Vor diesem Hintergrund ist die grundsätzliche Zuständigkeit Polens für die Durchführung der Asyl - und Wegweisungsverfahren gege- ben. Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind die dargelegten Vorbrin- gen nicht geeignet, an dieser Zuständigkeit etwas zu ändern. Sie begrün- den auch keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der Schweiz (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO, Art. 29a Abs. 3 AsylV 1). 6. 6.1. Es gibt keine wesentlichen Gründe für die Annahme, dass das Asyl- verfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Polen syste- mische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin - III-VO aufweisen würden. So ist Polen Signatarstaat der EMRK, des Über- einkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom F-3384/2022 Seite 13 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völ- kerrechtlichen Verpflichtungen nach. Ausserdem darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die R echte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. 6.2. Die Beschwerdeführenden haben – schon angesichts der konkreten Wiederaufnahme-Zusicherung Polens – kein konkretes und ernsthaftes Ri- siko dargetan, die polnischen Behörden würden sich weigern, sie wieder aufzunehmen und in der Folge ihren Antrag auf internationalen Schutz un- ter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Gemäss den Antwortschreiben der polnischen Behörden vom 19. Juli 2022 gelten die Asylgesuche der Beschwerdeführenden zwar als zurückgezogen. Polen bleibt jedoch gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin -III-VO weiterhin für die Verfahren der Beschwerdeführenden zuständig. Da die polnischen Be- hörden einer Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden explizit zuge- stimmt haben, gibt es keinen Anlass zur Annahme, dass der Zugang zum polnischen Asylsystem, sofern die Beschwerdeführenden dies beantragen, nicht gewährleistet sein könnte. Die Vorinstanz war mithin nicht gehalten, diesbezüglich weitergehende Abklärungen zu treffen. Die Befürchtung der Beschwerdeführenden, in Polen keinen Zugang zu den Asyl- und Gesund- heitsstrukturen zu erhalten, erweist sich somit als unbegründet. Zudem hat- ten sie, wie aus den Akten der Vorinstanz ersichtlich ist, bereits vor Einrei- chung ihres dortigen Asylgesuchs Zugang zu einer ärztlichen Behandlung. Auch ihre Furcht vor erneuten Pushbacks ist als unbegründet zu qualifizie- ren. Die polnischen Behörden haben die Vorinstanz in diesem Zusammen- hang in den erwähnten Antwortschreiben darum gebeten, eine Trennung der Familie bei der Überstellung nach Polen zu vermeiden, da andernfalls mit der Verweigerung der Übernahme der Beschwerdeführenden an der polnischen Grenze gerechnet werden müsse. Die Vorinstanz wird sich an diese Anweisung zu halten haben. Auf die E inholung d es in der Be- schwerde als Beweis offerierten Videos, welches zeigen soll, wie die Fa- milie im Wald an der belarussisch-polnischen Grenze unterwegs ist, kann nach dem Gesagten verzichtet werden. Weder das SEM noch das Gericht stellen die diesbezüglichen Aussagen der Beschwerdeführenden wie auch die schwierigen erlebten Umstände in Frage. Da sie jedoch in Polen, wo sie wieder aufgenommen wer den, ein Asylgesuch eingereicht haben , ist F-3384/2022 Seite 14 nicht davon auszugehen, dass sie nach der Überstellung nach Belarus ab- geschoben werden. Den Akten sind auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Polen werde im Fall der Beschwerdeführenden den Grund- satz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Die Be- schwerdeführenden haben ebenso wenig dargetan, die sie bei einer Rück- führung erwartenden Bedingungen in Polen seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU -Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Für die Annahme, Polen würde den Be- schwerdeführenden dauerhaft die ihnen gemäss Aufnahmerichtlinie zu- stehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten, gibt es keine kon- kreten Hinweise. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung steht es ihnen offen, die ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Es sind keine konkreten Anhaltspunkte dafür ersichtlich, die Beschwerdeführenden gerieten im Falle einer Wegweisung nach Polen wegen der dortigen Auf- enthaltsbedingungen in eine existenzielle Notlage. Bei allfälligen Schwie- rigkeiten, insbesondere auch für den Fall, dass sie sich von den dortigen Behörden ungerecht oder rechtswidrig behandelt fühlen sollten, können sie die hierfür zuständigen Stellen kontaktieren. Dass sie im Flüchtlingscamp in Polen schlecht behandelt worden seien, stellt eine Behauptung dar, die sie nicht belegt haben. 6.3. Hinsichtlich der Flüchtlingsbewegung aus der Ukraine hielt das SEM in der angefochtenen Verfügung unter Hinweis auf Informationen des UN- HCR im Wesentlichen fest, dass sich durch die geringere Zahl der Ankünfte ukrainischer Schutzsuchender in den letzten Wochen der Bedarf an Unter- bringungen in den Aufnahmezentren deutlich verringert habe. Ukrainische Schutzsuchende würden in Polen in verschiedenen Unterkünften unterge- bracht, unter anderem auch bei Gastfamilien und in Sammelunterkünften. Das UNHCR unterstütze Geflüchtete aus der Ukraine in Polen unter ande- rem mit Bargeldhilfen und anderen wesentlichen Hilfsgütern. Zudem habe das UNHCR seine Aktivitäten in ganz Polen ausgeweitet, um die von der Regierung geführten Massnahmen zu unterstützen. Zur Stärkung des Ge- sundheitssystems habe Polen unmittelbare Massnahmen e rgriffen, wie beispielsweise die Zulassung von Ärzten oh ne polnische Staatsbürger- schaft. Vor diesem Hintergrund durfte die Vorinstanz zu Recht davon ausgehen, dass keine begründeten Hinweise für eine Überlastung des polnischen F-3384/2022 Seite 15 Asyl- oder Gesundheitssystems durch die Flüchtlingsbewegung aus der Ukraine bestünden. Dies umso mehr, als die polnischen Behörden den Dublin-Mitgliedstaaten am 23. J uni 2022 mitgeteilt haben , ab dem 1. Au- gust 2022 seien Überstellungen im Rahmen des Dublin -Assoziierungsab- kommens wieder möglich, was übereinstimmend mit der Vorinstanz eben- falls darauf hindeutet, dass sich die Situation in P olen deutlich verbessert hat. Für weitere Abklärungen im Zusammenhang mit dem Einfluss des Flücht- lingsstroms aus der Ukraine auf das polnische Asyl system bestand damit kein Anlass. 6.4. In Anbetracht der Umstände vermögen die Beschwerdeführenden aus ihren Ausführungen zur Situation in Polen und ihrer Befürchtung, dort als Folge des Krieges in der Ukraine keine funktionierenden Asylstrukturen vorzufinden, nichts für sich abzuleiten. D ie Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist nicht gerechtfertigt. Es sind ferner auch keine individuellen völkerrechtlichen Überstellungshindernisse gegeben. 7. 7.1. Im Rahmen der Dublin -Gespräche vom 8. Juli 2022 wurden die Be- schwerdeführenden auch zum medizinischen Sachverhalt befragt: Der Beschwerdeführer machte diesbezüglich geltend, es gehe ihm seit sei- ner Ankunft in der Schweiz besser. In Polen sei es ihm psychisch sehr schlecht gegangen. Hier in der Schweiz sei er ber eits beim Gesundheits- dienst in der Unterkunft gewesen und habe bisher einen Arzttermin gehabt. Sie seien alle traumatisiert, aber nun gehe es ihm besser. Auch die Situa- tion der Tochter habe sich verbessert. Er denke, dass seine Ehefrau mit ihr bereits einmal zum Arzt gegangen sei. Die Beschwerdeführerin gab an, ihr gehe es sehr schlecht. Psychisch sei sie kaputt. Sie lebe in ständiger Angst, wieder nach Polen zurückkehren zu müssen. Sie wünsche sich nur eines, nämlich, dass sie und ihre Familie in der Schweiz bleiben u nd in Sicherheit leben dürften. Sie sei extrem er- schöpft und müde. Körperlich gehe es ihr gut. Gegenwärtig nehme sie Schlaftabletten ein. Sie habe am nächsten Montag einen Termin bei einem Arzt. Diesbezüglich wurde die Beschwerdeführerin auf die Wichtigkeit hin- gewiesen, anlässlich des Arzttermins alle ihre Beschwerden zu erwähnen und insbesondere auch ihren psychischen Gesundheitszustand zu erläu- tern. Die Bes chwerdeführerin erklärte weiter, ihrer Tochter gehe es gut . F-3384/2022 Seite 16 Diese habe bisher in der Schweiz keine ärztliche Konsultation gehabt. Ein- mal sei sie aber mit dem Kind beim Gesundheitsdienst in der Unterkunft gewesen, wo man ihr Fragen zu dessen Gesundheit gestellt habe. Die Be- schwerdeführerin wurde darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich bei Bedarf jederzeit wieder beim Gesundheitsdienst melden könne. 7.2. Gemäss den ärztlichen Kurzberichten des M._______ vom 6. Juli 2022 wurde bei den Beschwerdeführenden (Eheleute) die Notwendigkeit ver- schiedener Impfungen diagnostiziert und es w urden entsprechende Impf- termine vereinbart (vgl. SEM-act. 38/2, 39/2). Einem weiteren ärztlichen Kurzberich t des M._______ vom 11. Juli 2022 ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführerin (Ehefrau) Anpassungsstö- rungen – Differenzialdiagnose: Posttraumatis che Belastungsstörung (PTBS) sowie Ein - und Durchschlafstörungen diagnostiziert wurden . Sie erhielt ein entsprechendes Medikament und es wurde ein Folgetermin für den 29. Juli 2022 zur Laborbesprechung und Verlaufskontrolle angesetzt (vgl. SEM-act. 35/3). Aus der angefochtenen Verfügung ergibt sich, dass ein entsprechender Termin aufgrund der Verlegung der Beschwerdeführe- rin ins Bundesasylzentrum (BAZ) N._______ beim dort zuständigen medi- zinischen Leistungserbringer für den 25. Juli 2022 vereinbart wurde. A uf Nachfrage teilte der Gesundheitsdienst des BAZ N._______ dem SEM am 27. Juli 2022 mit, die Beschwerdeführerin habe den Arzttermin vom 25. Juli 2022 nicht wahrgenommen, obschon sie darüber informiert gewesen sei. Aktuell sei noch kein neuer Termin vereinbart worden. Es bestehe lediglich ein ausstehender Impftermin. Der Ehemann und das Kind hätten bisher in der Schweiz ausschliesslich Impftermine gehabt. Bei ihnen seien ebenfalls keine anderen Arzttermine ausstehend (vgl. SEM-act. 43/1). Dem Medic -Help Z uweisungsschreiben Arzt vom 22. Juni 2022 zufolge wurde die Tochter der Beschwerdeführenden für die Impfgrundimmunisie- rung angemeldet. Weiter ist dem Schreiben z u entnehmen, dass es sich laut den Eltern um ein soweit gesundes Kind handle (vgl. SEM -act. 40/5). Gemäss dem Notfallbericht des O._______ vom 16. Juli 2022 wurde bei der Tochter ein Infekt der oberen Luftwege diagnostiziert. Sie erhielt ent- sprechende Medikamente (vgl. SEM-act. 41/2). 7.3. Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium F-3384/2022 Seite 17 und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche- ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar- ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäischen Geric htshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei- tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, r a- schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu- stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb- lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Gr osse Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 7.4. Eine solche Situation ist vorliegend aufgrund der gesundheitlichen Be- einträchtigungen nicht gegeben. Die Beschwerdeführenden konnten nicht nachweisen, dass eine Überstellung ihre Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Ihr Gesundheitszustand vermag die Annahme der Unzulässigkeit im Sinne der erwähnten restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. Die medizinischen Beschwerden sind auch nicht von einer derartigen Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung abgese- hen werden müsste. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbe- dingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi- schen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnah- merichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erfor- derliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Auf- nahmerichtlinie). Es ist allgemein bekannt, dass Polen über eine ausrei- chende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. etwa Urteil des BVGer E-3355/2021 vom 6. Oktober 2021 E. 8.3.2 ), weshalb sich die Beschwer- deführenden im Beda rfsfall an das dafür zuständige medizinische Fach- personal wenden können. Die empfohlenen und teilweise noch ausstehen- den Impfungen sind auch in Polen durchführbar. Wie sich aus dem bei der Vorinstanz eingereichten Bericht eines polni- schen Krankenhauses ergibt, war die Beschwerdeführerin (Ehefrau) vom 14. November 2021 bis am 22. November 2021 hospitalisiert und wurde entsprechend medizinisch behandelt (vgl. SEM-act. 33/5, ID-003/2). Ange- sichts dessen ist nicht ersichtlich, weshalb die Beschwerdeführenden ab F-3384/2022 Seite 18 der Einreichung ihres Asylgesuchs in Polen beziehungsweise während ih- res Aufenthalts im Flüchtlingscamp nicht auch Zugang zu medizinischer Versorgung hätten haben sollen. Ihre Behauptung, im C amp hätten sie keine medizinische Hilfe erhalten , vermochten sie nicht zu belegen. Im Weiteren sind die Ausführungen im Zusammenhang mit dem nicht wahr- genommenen Arzttermin vom 25. Juli 2022 als nachgeschoben zu qualifi- zieren, zumal sich in den vorinstanzlichen Akten keinerlei Hinweise darauf finden lassen, dass die Beschwerdeführerin den Termin wegen einer fal- schen Wegbeschreibung verpasst hat. Mit der Vorinstanz ist deshalb davon auszugehen, dass seitens der Beschwerdeführerin kein dringender Bedarf an weiteren ärztlichen Konsultationen besteht. Inwiefern der medizinische Sachverhalt vorliegend unzureichend erstellt worden sein sollte, ist in An- betracht der Umstände nicht erkennbar. Es liegen keine Hinweise vor, wonach Polen seinen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin -III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde. Für das weitere Dublin-Verfahren ist einzig die Reisefähigkeit aus- schlaggebend, welche erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt wird. Eine allenfalls fehlende Reisefähigkeit stellt lediglich ein temporäres Voll- zugshindernis dar. Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die mit der Überstellung beauftragten Behörden die besonderen Bedürfnisse der Be- schwerdeführenden – einschliesslich die der notwen digen medizinischen Versorgung – berücksichtigen würden, sollte dies erforderlich sein (vgl. Art. 31 Abs. 2 Dublin-III-VO). Ebenso hat die Vorinstanz dem aktuellen Ge- sundheitszustand der Beschwerdeführenden bei der Organisation der Überstellung nach Polen Rechnung zu tragen, indem sie die polnischen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin -III-VO vorgängig über den Gesundheitszustand und die notwendige medizinische Behandlung zu informieren hat. Wie in der angefochtenen Verfügung festgehalten wurde, werden die polnischen Behörden entsprechend informiert. 8. Vor dem Hintergrund, dass Polen das Übereinkommen vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) ratifiziert hat, ist auch nicht ersichtlich, inwiefern durch die Überstellung der B eschwerdeführen- den dorthin das Kindeswohl tangiert sein sollte. Das im vorinstanzlichen Verfahren eingereichte Bild, welches die Tochter der B eschwerdeführen- den mit einer Sauerstoffmaske zeigt (vgl. SEM -act. 33/5, ID -001/1), lässt vielmehr darauf schliessen, dass auch sie in Polen entsprechende medizi- nische Behandlung erhielt. Dafür, dass dem Kind künftig medizinische Be- handlungen beziehungsweise anderweitige Versorgung und Betreuung bei F-3384/2022 Seite 19 Bedarf verweigert würden, gibt es vorliegend keine Anhaltspunkte. Vor die- sem Hintergrund sah sich die Vorinstanz zu Recht nicht veranlasst, hin- sichtlich der Gewährleistung des Kindeswohls weitergehende Sachver- haltsabklärungen zu treffen. Das in der Beschwerde geäusserte Argument, wonach das Wohl des Kindes bei einer Rückweis ung nach Polen massiv gefährdet sei, läuft nach dem Gesagten ins Leere. 9. Mit ihrer Begründung können die Beschwerdeführenden insgesamt nicht das gewünschte Verfahrensziel – die Behandlung ihrer Asylgesuche in der Schweiz – erreichen, zumal die Dublin -III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen. Im vorliegenden Fall sind ebenso keine Gründe ersichtlich, welche die Vor- instanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin -III-VO beziehungs- weise Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 hätten verpflichten können (vgl. BVGE 2015/9 E. 8). 10. Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und hat ihre Wegweisung verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. Angesichts dessen kommt eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz nicht in Betracht, weshalb der entsprechende Eventualantrag abzuweisen ist. Wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt, erübrigt es sich, von den polnischen Behörden Garantien einzuholen. Demzufolge ist auch der entsprechende Subeventualantrag abzuweisen. 11. Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung und das Gesuch um Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden. Der am 8. August 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Urteil dahin und die Vorinstanz hat den Beschwerdeführenden eine neue Frist zur Ausreise anzusetzen. F-3384/2022 Seite 20 12. 12.1. Die Beschwerde war – wie den oben stehenden Ausführungen zu entnehmen ist – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unbesehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist. 12.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) F-3384/2022 Seite 21 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden den Beschwerdeführenden auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zuguns- ten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Claudia Cotting-Schalch Karin Schnidrig Versand: