<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">300</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>51</b></span> <span class="ft4"><b>Ausstand; Anwaltskommission</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Die blosse Vertretung einer Gegenpartei in einem Verfahren, in welchem</b></span><br/> <span class="ft4"><b>ein Anwalt als unentgeltlicher Rechtsbeistand eingesetzt ist, begründet</b></span><br/> <span class="ft4"><b>für sich alleine keinen Anschein der Befangenheit eines Mitglieds der An-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>waltskommission.</b></span><br/> <span class="ft6">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 21. August 2014 in Sachen</span><br/> <span class="ft6">A. gegen Anwaltskommission (WBE.2014.95).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">1.3.</span><br/> <span class="ft1">§ 16 VRPG regelt den Ausstand. Erfasst werden teilweise gene-</span><br/> <span class="ft1">ralklauselartig Umstände, die geeignet sind, das Misstrauen (von aus-</span><br/> <span class="ft1">sen) in die Unparteilichkeit eines Behördemitglieds zu erwecken;</span><br/> <span class="ft1">solche Umstände können im persönlichen Verhalten oder auch in</span><br/> <span class="ft1">funktionellen oder organisatorischen Begebenheiten begründet sein</span><br/> <span class="ft1">(Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aargau an der Grossen</span><br/> <span class="ft1">Rat vom 14. Februar 2007, 07.27, S. 26). Gemäss § 16 Abs. 1 VRPG</span><br/> <span class="ft1">darf am Erlass von Entscheiden unter anderem nicht mitwirken, wer</span><br/> <span class="ft1">in der Sache ein persönliches Interesse hat (lit. a); wer eine Partei</span><br/> <span class="ft1">vertritt oder für eine Partei in der gleichen Sache tätig war (lit. c);</span><br/> <span class="ft1">wer aus andern als in lit. a bis d genannten Gründen in der Sache be-</span><br/> <span class="ft1">fangen sein könnte (lit. e).</span><br/> <span class="ft1">Zur Konkretisierung der Ausstandsgründe kann die bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richtliche Rechtsprechung zu Art. 30 Abs. 1 BV herangezogen wer-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">301</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">den (vgl. VGE IV/43 vom 27. Juni 2012 [WBE.2012.166], Erw. II).</span><br/> <span class="ft1">Danach hat der Einzelne Anspruch darauf, dass seine Sache von</span><br/> <span class="ft1">einem unparteiischen, unvoreingenommenen und unbefangenen</span><br/> <span class="ft1">Richter ohne Einwirken sachfremder Umstände entschieden wird.</span><br/> <span class="ft1">Voreingenommenheit und Befangenheit werden nach der Rechtspre-</span><br/> <span class="ft1">chung angenommen, wenn Umstände vorliegen, die bei objektiver</span><br/> <span class="ft1">Betrachtung geeignet sind, Misstrauen in die Unparteilichkeit des</span><br/> <span class="ft1">Richters zu erwecken. Solche Umstände können entweder in einem</span><br/> <span class="ft1">bestimmten Verhalten des betreffenden Richters oder in gewissen</span><br/> <span class="ft1">äusseren Gegebenheiten funktioneller und organisatorischer Natur</span><br/> <span class="ft1">begründet sein (BGE 136 I 207, Erw. 3.1; 134 I 238, Erw. 2.1). Es</span><br/> <span class="ft1">genügt, wenn Umstände vorliegen, die bei objektiver Betrachtung</span><br/> <span class="ft1">den Anschein der Befangenheit und Voreingenommenheit erwecken.</span><br/> <span class="ft1">Für die Ablehnung wird nicht verlangt, dass der Richter tatsächlich</span><br/> <span class="ft1">befangen ist (BGE 136 I 207, Erw. 3.1; 135 I 14, Erw. 2; 131 I 113,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 3.4).</span><br/> <span class="ft1">1.4.</span><br/> <span class="ft1">Die Anwaltskommission setzt sich zusammen aus zwei</span><br/> <span class="ft1">Oberrichterinnen oder Oberrichtern, zwei in einem kantonalen An-</span><br/> <span class="ft1">waltsregister eingetragenen Anwältinnen oder Anwälten und einer</span><br/> <span class="ft1">weiteren Person mit Fähigkeitsausweis als Anwältin oder Anwalt so-</span><br/> <span class="ft1">wie einer gleichen Zahl von Ersatzmitgliedern mit entsprechender</span><br/> <span class="ft1">beruflicher Tätigkeit beziehungsweise Fähigkeitsausweis (§ 6 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">EG BGFA).</span><br/> <span class="ft1">B. ist Mitglied der Anwaltskommission und als selbständige</span><br/> <span class="ft1">Anwältin mit Büro in C. tätig. Nach dem Willen des kantonalen Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzgebers sollen frei praktizierende Anwälte in der Anwaltskommis-</span><br/> <span class="ft1">sion Einsitz nehmen. Verwiesen wurde unter anderem darauf, dass</span><br/> <span class="ft1">diese Mitglieder regelmässig wichtige Hinweise auf die Praxis und</span><br/> <span class="ft1">den Rechtsalltag geben und so, wie etwa die Fachrichter am Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgericht, für praxisnahe Entscheide sorgen. Im Gesetzge-</span><br/> <span class="ft1">bungsverfahren wurden Bedenken, dass diese Regelung zu wenig</span><br/> <span class="ft1">Gewähr für unabhängige und wettbewerbsrechtlich unbedenkliche</span><br/> <span class="ft1">Entscheide biete, explizit verworfen (vgl. Botschaft des Regierungs-</span><br/> <span class="ft1">rats des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 12. November</span><br/> <span class="ft1">2003, 03.310, S. 11). Diesem Umstand ist in Bezug auf den Anschein</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">302</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">von Befangenheit Rechnung zu tragen, wenn wie vorliegend ein Mit-</span><br/> <span class="ft1">glied der Anwaltskommission in einem Verfahren, in welchem ein</span><br/> <span class="ft1">Beanzeigter eine Vertretung innehat, eine Gegenpartei vertritt.</span><br/> <span class="ft1">Die Standesregeln des Schweizerischen Anwaltsverbands kön-</span><br/> <span class="ft1">nen beschränkt als Auslegungshilfe der Sorgfaltspflichten herangezo-</span><br/> <span class="ft1">gen werden (vgl. AGVE 2008, S. 277; BGE 130 II 270, Erw. 3.1.3).</span><br/> <span class="ft1">Insoweit sie allgemein anerkannte Prinzipien zum Ausdruck bringen</span><br/> <span class="ft1">(vgl. AGVE 2012, S. 214 mit Hinweisen), können sie auch für die</span><br/> <span class="ft1">Bewertung von kollegialen Beziehungen als Massstab beigezogen</span><br/> <span class="ft1">werden. Sie sehen in Art. 24 für das Verhalten unter Kollegen ein Ge-</span><br/> <span class="ft1">bot der Fairness und Kollegialität vor. Danach greifen Rechtsanwäl-</span><br/> <span class="ft1">tinnen und Rechtsanwälte Kolleginnen und Kollegen bei ihrer</span><br/> <span class="ft1">Berufsausübung nicht persönlich an. Eine diesbezügliche Verfehlung</span><br/> <span class="ft1">von Rechtsanwältin B. behauptet der Beschwerdeführer nicht. Viel-</span><br/> <span class="ft1">mehr leitet er ihre Befangenheit als Mitglied der Aufsichtskommis-</span><br/> <span class="ft1">sion aus dem blossen Umstand der Vertretung einer Gegenpartei in</span><br/> <span class="ft1">einem Prozess ab, in welchem er als unentgeltlicher Rechtsvertreter</span><br/> <span class="ft1">eingesetzt ist. Dass dieser Prozess möglicherweise mit tatsächlichen</span><br/> <span class="ft1">oder rechtlichen Herausforderungen verbunden ist, kann keinen An-</span><br/> <span class="ft1">schein der Voreingenommenheit begründen. Es überzeugt auch nicht,</span><br/> <span class="ft1">das Scheitern von Vergleichsverhandlungen (ausschliesslich) auf den</span><br/> <span class="ft1">Willen einer Gegenanwältin zurückzuführen. Ohnehin wirkt der Vor-</span><br/> <span class="ft1">wurf der fehlenden Objektivität konstruiert, da zwischen dem Auf-</span><br/> <span class="ft1">sichtsverfahren und den Prozessvertretungen keinerlei Zusammen-</span><br/> <span class="ft1">hang besteht. Es ist geradezu lebensfremd, einem Mitglied der Auf-</span><br/> <span class="ft1">sichtskommission, welches als Anwältin in einem (parallelen) Schei-</span><br/> <span class="ft1">dungsverfahren tätig ist, gleichsam "unbedingten Siegeswillen"</span><br/> <span class="ft1">vorzuhalten und aus dieser Einstellung eine relevante Befangenheit</span><br/> <span class="ft1">zu konstruieren. Es ist nicht ersichtlich, dass B. ein persönliches Inte-</span><br/> <span class="ft1">resse am Ausgang des Aufsichtsverfahrens haben oder aus</span><br/> <span class="ft1">irgendwelchen Gründen befangen sein könnte. Dieses Vorbringen er-</span><br/> <span class="ft1">weist sich als unbegründet.</span><br/> <span class="ft1">Bei diesem Ergebnis kann offen bleiben, ob der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer bereits vor dem Entscheid der Anwaltskommission ein Aus-</span><br/> <span class="ft1">standsbegehren zu stellen hatte. Die ordentliche Besetzung der An-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">303</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">waltskommission ist aus dem Staatskalender und dem Internet</span><br/> <span class="ft1">ersichtlich.</span><br/></div> </div> </body> </html>