<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 47 S.168</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">168</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>47</b></span> <span class="ft1"><b>Zwangsmassnahmen im Rahmen fürsorgerischer Freiheitsentziehung;</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gesetzliche Grundlage; öffentliches Interesse; Verhältnismässigkeit.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Gesetzliche Grundlage (Erw. 2/a)</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Öffentliches Interesse (Erw. 2/b)</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Gesonderte Prüfung der Verhältnismässigkeit der fürsorgerischen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Freiheitsentziehung und der angeordneten Zwangsmassnahme (Erw.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>2/c)</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 24. März 2000 in</span><br/> <span class="ft2">Sachen A.G. gegen Entscheid der Klinik Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1. a) Gemäss § 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">Abs. 1 EG ZGB dürfen im Rahmen einer</span><br/> <span class="ft4">fürsorgerischen Freiheitsentziehung in der Psychiatrischen Klinik in</span><br/> <span class="ft4">Königsfelden Behandlungen und andere Vorkehrungen, die nach</span><br/> <span class="ft4">Massgabe des Einweisungsgrundes medizinisch indiziert sind, auch</span><br/> <span class="ft4">gegen den Willen der betroffenen Person vorgenommen werden,</span><br/> <span class="ft4">wenn die notwendige Fürsorge auf andere Weise nicht gewährleistet</span><br/> <span class="ft4">werden kann. Beim Entscheid über den Einsatz von Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft4">nahmen kann auch das Schutzbedürfnis Dritter in die Beurteilung</span><br/> <span class="ft4">miteinbezogen werden. Ziel und Zweck jeder Zwangsmassnahme ist</span><br/> <span class="ft4">der Schutz der betroffenen Person und deren Mitmenschen vor kör-</span><br/> <span class="ft4">perlichen und seelischen Schäden. In Anwendung des Verhältnis-</span><br/> <span class="ft4">mässigkeitsprinzips muss sie ,,ultima ratio" sein, indem der betroffe-</span><br/> <span class="ft4">nen Person die notwendige Fürsorge nicht auf andere Weise ge-</span><br/> <span class="ft4">währleistet werden kann (vgl. Botschaft des Regierungsrates des</span><br/> <span class="ft4">Kantons Aargau vom 4. August 1999, S. 6).</span><br/> <span class="ft4">b) Gemäss § 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">Abs. 4 EG ZGB kann der Entscheid der Kli-</span><br/> <span class="ft4">nik über den Einsatz von Zwangsmassnahmen beim Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft4">richt mit Beschwerde angefochten werden. Das Gericht hat zu über-</span><br/> <span class="ft4">prüfen, ob die Zwangsmassnahme nach Massgabe des Einweisungs-</span><br/> <span class="ft4">grundes medizinisch indiziert und ob sie verhältnismässig ist, d.h. ob</span><br/> <span class="ft4">dem Patienten die nötige persönliche Fürsorge nicht auf eine weniger</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">169</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">einschneidende Weise gewährleistet werden kann. Das Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft4">gericht ist indessen grundsätzlich nicht zuständig zur Beurteilung der</span><br/> <span class="ft4">konkreten ärztlichen Anordnung (Wahl des Medikamentes, Dosie-</span><br/> <span class="ft4">rung, Wahl der Abteilung, etc.), dies gehört in den Fachbereich der</span><br/> <span class="ft4">Ärzte (AGVE 1987, S. 217; Spirig, Zürcher Kommentar, Art. 397a -</span><br/> <span class="ft4">397f ZGB, Zürich 1995, Art. 397d N 42 mit Hinweisen). Ausnahmen</span><br/> <span class="ft4">von diesem Grundsatz sind namentlich in jenen Fällen denkbar, in</span><br/> <span class="ft4">denen das Gericht aufgrund der Meinung des Fachrichters eine ange-</span><br/> <span class="ft4">ordnete Massnahme aus medizinischer Sicht als offensichtlich frag-</span><br/> <span class="ft4">würdig oder unverhältnismässig beurteilt (vgl. zur Kompetenz des</span><br/> <span class="ft4">Verwaltungsgerichts, den Kognitionsumfang zu begrenzen: Michael</span><br/> <span class="ft4">Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren nach dem</span><br/> <span class="ft4">aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Kommentar</span><br/> <span class="ft4">zu den §§ 38 - 72 VRPG, Zürich 1998, § 52 N 118).</span><br/> <span class="ft4">2. Zweifellos stellt eine Zwangsmassnahme gemäss § 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">EG</span><br/> <span class="ft4">ZGB einen schweren Eingriff in die persönliche Freiheit dar. Die</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführerin bestreitet sowohl das Vorliegen einer genügen-</span><br/> <span class="ft4">den gesetzlichen Grundlage, eines öffentlichen Interesses und auch</span><br/> <span class="ft4">der Verhältnismässigkeit. Dazu vorweg einige grundsätzliche Erwä-</span><br/> <span class="ft4">gungen.</span><br/> <span class="ft4">a) Nach der Rechtsprechung bedarf ein Eingriff in die persönli-</span><br/> <span class="ft4">che Freiheit, gleich wie die Einschränkung eines jeden Freiheits-</span><br/> <span class="ft4">rechts, einer hinreichend bestimmten Grundlage in einem Rechtssatz.</span><br/> <span class="ft4">Der Grad der erforderlichen Bestimmtheit lässt sich freilich nicht</span><br/> <span class="ft4">abstrakt festlegen, sondern hängt von der fraglichen Materie ab. Die</span><br/> <span class="ft4">Rechtsnorm soll so präzise formuliert sein, dass der Bürger sein Ver-</span><br/> <span class="ft4">halten danach richten bzw. die Folgen eines bestimmten Verhaltens</span><br/> <span class="ft4">mit einem den Umständen entsprechenden Grad an Gewissheit</span><br/> <span class="ft4">voraussehen kann. Dieses Erfordernis schliesst es nicht aus, dass ein</span><br/> <span class="ft4">Rechtssatz der anwendenden Behörde einen Beurteilungsspielraum</span><br/> <span class="ft4">einräumt, wenn das Ziel der Regelung hinreichend bestimmt ist, um</span><br/> <span class="ft4">eine angemessene Kontrolle der Handhabung der Norm zu ermögli-</span><br/> <span class="ft4">chen. Der Gesetzgeber kann nicht völlig darauf verzichten, allge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">170</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">meine Begriffe zu verwenden, die formal nicht eindeutig generell</span><br/> <span class="ft4">umschrieben werden können und die an die Auslegung durch die</span><br/> <span class="ft4">Behörde besondere Anforderungen stellen; denn ohne die Verwen-</span><br/> <span class="ft4">dung solcher Begriffe könnte er der Vielgestaltigkeit der Verhältnisse</span><br/> <span class="ft4">nicht Rechnung tragen (BGE 123 I 112 E. 7a S. 124 f. mit Hinwei-</span><br/> <span class="ft4">sen; 117 Ia 472 E. 3e S. 479 f. mit Hinweisen; Urteil des Euro-</span><br/> <span class="ft4">päischen Gerichtshofs für Menschenrechte i. S. Tolstoy Miloslavsky</span><br/> <span class="ft4">c. Vereinigtes Königreich vom 13. Juli 1995, Serie A, Band 316 B,</span><br/> <span class="ft4">Ziff. 37). Die Anforderungen sind dann weniger streng, wenn unter-</span><br/> <span class="ft4">schiedlich gelagerte Sachverhalte zu regeln sind, bei denen im Inte-</span><br/> <span class="ft4">resse der Flexibilität oder der Einzelfallgerechtigkeit Differenzierun-</span><br/> <span class="ft4">gen angebracht sind. Ausserdem kann dem Bedürfnis der Rechts-</span><br/> <span class="ft4">gleichheit auch durch eine gleichmässige und den besonderen Um-</span><br/> <span class="ft4">ständen Rechnung tragende Behördenpraxis entsprochen werden</span><br/> <span class="ft4">(BGE 125 I 364 f. E. 4a; 123 I 1 E. 4b S. 6; vgl. Urteil des Euro-</span><br/> <span class="ft4">päischen Gerichtshofs i.S. Kruslin c. Frankreich vom 24. April 1990,</span><br/> <span class="ft4">Serie A, Band 176 A, Ziff. 29).</span><br/> <span class="ft4">Im Bereich der fürsorgerischen Freiheitsentziehung kommt der</span><br/> <span class="ft4">Einzelfallbeurteilung grosses Gewicht zu, da sich insbesondere eine</span><br/> <span class="ft4">Geisteskrankheit oder Geistesschwäche i.S. des ZGB bei jeder Per-</span><br/> <span class="ft4">son anders auf ihr Denken und ihr Verhalten auswirkt. Es muss daher</span><br/> <span class="ft4">der Behörden- und Gerichtspraxis überlassen werden, im konkreten</span><br/> <span class="ft4">Einzelfall zu beurteilen, ob einer Person die nötige persönliche Für-</span><br/> <span class="ft4">sorge anders als durch Zwangsmassnahmen erwiesen werden kann.</span><br/> <span class="ft4">An den Grad der Bestimmtheit des Rechtssatzes sind deshalb keine</span><br/> <span class="ft4">überhöhten Anforderungen zu stellen.</span><br/> <span class="ft4">b) Der Begriff des öffentlichen Interesses ist zeitlich wandelbar</span><br/> <span class="ft4">und lässt sich nicht in einer einfachen Formel einfangen. In ihm liegt</span><br/> <span class="ft4">all das, was der Staat zum Gemeinwohl vorkehren muss, um eine</span><br/> <span class="ft4">ihm obliegende Aufgabe zu erfüllen (vgl. Ulrich Häfelin/Walter</span><br/> <span class="ft4">Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, Zürich 1998, Rz. 1136</span><br/> <span class="ft4">f.). Im Rahmen einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung in der PKK</span><br/> <span class="ft4">dürfen Behandlungen und andere Vorkehrungen, die nach Massgabe</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">171</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">des Einweisungsgrundes medizinisch indiziert sind, auch gegen den</span><br/> <span class="ft4">Willen der betroffenen Person vorgenommen werden, wenn die not-</span><br/> <span class="ft4">wendige Fürsorge auf andere Weise nicht gewährleistet werden kann.</span><br/> <span class="ft4">Beim Entscheid über Zwangsmassnahmen kann auch das Schutzbe-</span><br/> <span class="ft4">dürfnis Dritter in die Beurteilung miteinbezogen werden (§ 67</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 EG ZGB). Der Begriff der ,notwendigen persönlichen Für-</span><br/> <span class="ft4">sorge` beinhaltet nicht nur den Schutz der Öffentlichkeit vor</span><br/> <span class="ft4">Fremdaggressionen, sondern umfasst auch den Schutz eines Men-</span><br/> <span class="ft4">schen, der sich in einem Zustand der Urteilsunfähigkeit selbst ver-</span><br/> <span class="ft4">letzt oder tötet.</span><br/> <span class="ft4">Das öffentliche Interesse an der Bekämpfung von Krankheiten</span><br/> <span class="ft4">verfolgt den Zweck der Verbesserung und des Schutzes der Gesund-</span><br/> <span class="ft4">heit der Allgemeinheit. Dieses Interesse zielt darauf ab, die physische</span><br/> <span class="ft4">und psychische Gesundheit unbestimmt vieler - im Idealfall aller -</span><br/> <span class="ft4">vor Fremd- und unter Umständen vor Selbstschädigung zu bewahren</span><br/> <span class="ft4">und damit zur Verbesserung der Durchschnittsgesundheit der</span><br/> <span class="ft4">Bevölkerung beizutragen. Nicht einfach fällt dabei die Abgrenzung</span><br/> <span class="ft4">von öffentlichen und privaten Interessen. Die Gewährleistung seiner</span><br/> <span class="ft4">Gesundheit steht zunächst im Interesse des Einzelnen selbst. Aus</span><br/> <span class="ft4">ganzheitlicher Sicht ist jedoch auch die Allgemeinheit an einem</span><br/> <span class="ft4">guten individuellen Gesundheitszustand aller interessiert. Dies trifft</span><br/> <span class="ft4">namentlich dort zu, wo eine Fremdgefährdung besteht. Das öffentli-</span><br/> <span class="ft4">che Interesse an der Gesundheitspolizei besteht aber nicht nur im</span><br/> <span class="ft4">Schutz Dritter. Vielmehr hat jeder einzelne schon mit Blick auf die</span><br/> <span class="ft4">sozialen Kosten ein Interesse an der unversehrten Gesundheit mög-</span><br/> <span class="ft4">lichst vieler Mitbürger. Das Gesundheitswesen ist im Rechtsstaat</span><br/> <span class="ft4">heutiger Prägung denn auch weitgehend - und jedenfalls weit über</span><br/> <span class="ft4">den Bereich des Schutzes vor Fremdgefährdung hinaus - als öffentli-</span><br/> <span class="ft4">che Aufgabe konzipiert (BGE 118 I 437 f., vgl. auch 124 I 89).</span><br/> <span class="ft4">Die persönliche Fürsorge ist somit Bestandteil des Gemein-</span><br/> <span class="ft4">wohls, weshalb von einem Polizeigut auszugehen ist (Häfelin/Haller,</span><br/> <span class="ft4">a.a.O., N 1136). Das öffentliche Interesse an einer Beschränkung der</span><br/> <span class="ft4">persönlichen Freiheit ist bei fürsorgerischen Freiheitsentziehungen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">172</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">bereits gesetzlich verankert und auch für Zwangsmassnahmen ge-</span><br/> <span class="ft4">mäss § 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">EG ZGB im Rahmen der fürsorgerischen Freiheitsent-</span><br/> <span class="ft4">ziehung zu bejahen, sofern einer Person die notwendige persönliche</span><br/> <span class="ft4">Fürsorge nicht anders erwiesen werden kann. Der aargauische Ge-</span><br/> <span class="ft4">setzgeber bezweckte mit § 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">EG ZGB den Schutz der betroffe-</span><br/> <span class="ft4">nen Person und deren Mitmenschen vor körperlichen und seelischen</span><br/> <span class="ft4">Schäden (vgl. Botschaft, a.a.O., S. 6) und verfolgt damit öffentliche</span><br/> <span class="ft4">Interessen, welche einen Eingriff in die persönliche Freiheit grund-</span><br/> <span class="ft4">sätzlich zu rechtfertigen vermögen.</span><br/> <span class="ft4">c) Es stellt sich sodann die Frage, ob der Begriff der Verhält-</span><br/> <span class="ft4">nismässigkeit i.S. von Art. 397a ZGB identisch ist mit demjenigen</span><br/> <span class="ft4">von § 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">EG ZGB, mit anderen Worten, ob bereits immer dann,</span><br/> <span class="ft4">wenn die Voraussetzungen für eine zwangsweise Einweisung oder</span><br/> <span class="ft4">Zurückbehaltung in die Psychiatrische Klinik gemäss Bundesrecht</span><br/> <span class="ft4">gegeben sind, auch die Voraussetzungen für Zwangsmassnahmen</span><br/> <span class="ft4">gemäss kantonaler gesetzlicher Grundlage zu bejahen sind. Für eine</span><br/> <span class="ft4">solche Auslegung, wie sie von der Klinik Königsfelden befürwortet</span><br/> <span class="ft4">wird, spricht grundsätzlich der Wortlaut von § 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">Abs. 1 EG ZGB,</span><br/> <span class="ft4">da er betreffend Umschreibung des Verhältnismässigkeitsprinzips</span><br/> <span class="ft4">Art. 397a Abs. 1 ZGB nahezu entspricht (,,wenn die notwendige</span><br/> <span class="ft4">Fürsorge auf andere Weise nicht gewährleistet werden kann"). Aller-</span><br/> <span class="ft4">dings gilt es zu beachten, dass bei diesem Lösungsansatz ein selbst-</span><br/> <span class="ft4">ständiges Beschwerderecht gegen Zwangsmassnahmen, wie es in</span><br/> <span class="ft4">§ 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">Abs. 4 EG ZGB vorgesehen ist, vollkommen überflüssig</span><br/> <span class="ft4">wäre. Eine systematische Auslegung führt somit zum eindeutigen</span><br/> <span class="ft4">Schluss, dass es sich bei einer Zwangsbehandlung um einen Eingriff</span><br/> <span class="ft4">in die persönliche Freiheit eigener Art handelt, weshalb Fälle denk-</span><br/> <span class="ft4">bar sind, in denen eine zwangsweise Freiheitsentziehung ohne medi-</span><br/> <span class="ft4">kamentöse (Zwangs-)Behandlung während einer gewissen Zeit ver-</span><br/> <span class="ft4">hältnismässig sein kann. Auch das Bundesgericht geht klar davon</span><br/> <span class="ft4">aus, dass die Voraussetzungen für einen Eingriff in die persönliche</span><br/> <span class="ft4">Freiheit durch Zwangsbehandlungen nicht in jedem Fall mit den</span><br/> <span class="ft4">Voraussetzungen einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung gemäss</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">173</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Art. 397a ff. ZGB identisch sind, wenn es neben Art. 397a ff. ZGB</span><br/> <span class="ft4">eine zusätzliche - zur Zeit kantonale - gesetzliche Grundlage für</span><br/> <span class="ft4">Zwangsbehandlungen fordert, welche ,,den Anforderungen an die</span><br/> <span class="ft4">Bestimmtheit der diesen schweren Eingriff in die persönliche Frei-</span><br/> <span class="ft4">heit rechtfertigenden Norm" erfüllt (vgl. BGE 125 III 173). Es stellte</span><br/> <span class="ft4">zudem bereits früher klar, dass Zwangsmedikation den Kerngehalt</span><br/> <span class="ft4">des Grundrechts der persönlichen Freiheit berührt, weshalb sich im</span><br/> <span class="ft4">Zusammenhang mit der Frage der Verhältnismässigkeit solch massi-</span><br/> <span class="ft4">ver Eingriffe in die persönliche Freiheit komplexe Rechtsfragen</span><br/> <span class="ft4">stellen (BGE 124 I 304).</span><br/> <span class="ft4">Diese Rechtsauffassung überzeugt und hält auch vor dem Leis-</span><br/> <span class="ft4">tungsauftrag der Psychiatrischen Klinik Königsfelden stand. Gemäss</span><br/> <span class="ft4">§ 2 Abs. 1 des Dekrets über die Psychiatrischen Dienste des Kantons</span><br/> <span class="ft4">Aargau vom 28. März 1995 erfüllen diese ,,den ihnen mit der Spital-</span><br/> <span class="ft4">konzeption erteilten Leistungsauftrag bei der Untersuchung, Be-</span><br/> <span class="ft4">handlung und Betreuung psychisch Kranker". Dabei beinhaltet die</span><br/> <span class="ft4">,,Behandlung und Betreuung" psychisch kranker Menschen zweifel-</span><br/> <span class="ft4">los zu einem grossen Teil eine medikamentöse Therapie mit Psycho-</span><br/> <span class="ft4">pharmaka. Diese stellt jedoch unbestrittenermassen nicht die einzige</span><br/> <span class="ft4">Form einer Behandlung psychisch Kranker dar und muss nicht in</span><br/> <span class="ft4">jedem Fall - zumindest nicht gegen den Willen des Patienten - not-</span><br/> <span class="ft4">wendigerweise durchgeführt werden. Zu denken ist diesbezüglich</span><br/> <span class="ft4">beispielsweise an einzelne Persönlichkeitsstörungen, bei denen vor-</span><br/> <span class="ft4">wiegend durch verhaltenstherapeutische oder tiefenpsychologische</span><br/> <span class="ft4">Gesprächstherapien eine Verbesserung des Zustandsbildes erreicht</span><br/> <span class="ft4">werden kann. Aber auch betreffend Schizophrenietherapie entspricht</span><br/> <span class="ft4">die nachfolgende Aussage von Asmus Finzen gängiger psychiatri-</span><br/> <span class="ft4">scher Lehre: ,,Die Behandlung schizophrener Kranker spielt sich</span><br/> <span class="ft4">zwischen Beruhigung der Krankheitssymptomatik, sozialer Stimulie-</span><br/> <span class="ft4">rung zur Vermeidung von Rückzug und Apathie und psychothera-</span><br/> <span class="ft4">peutischen Hilfen zur Verarbeitung des Krankheitserlebens ab. Somit</span><br/> <span class="ft4">wird die Schizophrenietherapie zu einem Balanceakt zwischen Beru-</span><br/> <span class="ft4">higung, die heute meist mit medikamentöser Unterstützung erfolgt,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">174</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">und Stimulierung durch sozialtherapeutische Massnahmen verschie-</span><br/> <span class="ft4">denster Art." (Asmus Finzen, Schizophrenie, Bonn 1995, S. 142; vgl.</span><br/> <span class="ft4">zum Gesamtbehandlungsplan schizophrener Menschen auch:</span><br/> <span class="ft4">Christian Scharfetter, Schizophrene Menschen, München-Weinheim</span><br/> <span class="ft4">1986, S. 215). Zudem haben Schizophreniekranke neben den Symp-</span><br/> <span class="ft4">tomen ihrer Störung vielfältige Lebensprobleme, bei deren Bewälti-</span><br/> <span class="ft4">gung sie psychotherapeutischer Hilfe und Führung bedürfen (Finzen,</span><br/> <span class="ft4">a.a.O., S. 150). Zu denken ist weiter an diejenigen Fälle fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft4">scher Freiheitsentziehungen, bei denen mit einem zwangsweisen</span><br/> <span class="ft4">Klinikaufenthalt auch das Ziel verbunden ist, einen Patienten für</span><br/> <span class="ft4">gewisse Zeit aus seinem gewohnten Umfeld herauszulösen, womit</span><br/> <span class="ft4">dieses entlastet und beim Patienten u.a. als Folge der Reizabschir-</span><br/> <span class="ft4">mung und des eng strukturierten Rahmens eine Verbesserung des</span><br/> <span class="ft4">Zustandsbildes erreicht werden soll. Selbst wenn in all diesen Bei-</span><br/> <span class="ft4">spielen eine unterstützende medikamentöse Therapie medizinisch in-</span><br/> <span class="ft4">diziert und hilfreich sein könnte, ist die Durchführung derselben</span><br/> <span class="ft4">nicht in jedem Fall gegen den Willen des Betroffenen verhältnis-</span><br/> <span class="ft4">mässig, unabhängig davon, ob die Voraussetzungen für einen</span><br/> <span class="ft4">zwangsweisen Klinikaufenthalt erfüllt sind.</span><br/> <span class="ft4">Nach der Überzeugung des Verwaltungsgerichts bedarf es somit</span><br/> <span class="ft4">stets einer gesonderten Prüfung der Verhältnismässigkeit einer für-</span><br/> <span class="ft4">sorgerischen Freiheitsentziehung einerseits und einer im Rahmen</span><br/> <span class="ft4">derselben angeordneten Zwangsmassnahme andererseits.</span><br/> <span class="ft4">Demgegenüber war es - entgegen der Auffassung der Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerdeführerin - eindeutig nicht der Wille des kantonalen Gesetz-</span><br/> <span class="ft4">gebers, die Voraussetzungen für rechtmässige Zwangsmassnahmen</span><br/> <span class="ft4">im Rahmen einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung auf eigentliche</span><br/> <span class="ft4">Notfälle und Akutsituationen zu beschränken, wie sie bereits im Pa-</span><br/> <span class="ft4">tientendekret geregelt sind (vgl. insbesondere § 15 Abs. 3 und § 17</span><br/> <span class="ft4">PD). So wurde in der Botschaft vom 4. August 1999 ausdrücklich</span><br/> <span class="ft4">darauf hingewiesen, dass gestützt auf die neue gesetzliche Grundlage</span><br/> <span class="ft4">in Situationen, wo ambulante Hilfe nicht genügt, auch ohne oder</span><br/> <span class="ft4">gegen den Willen von Patienten eine längerdauernde Behandlung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">175</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">vorgenommen werden dürfe (a. M. Spirig, a.a.O. N 214 zu Art. 397a</span><br/> <span class="ft4">ZGB).</span><br/> <span class="ft4">d) Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die gesetzliche</span><br/> <span class="ft4">Grundlage für Zwangsmassnahmen im Rahmen einer fürsorgerischen</span><br/> <span class="ft4">Freiheitsentziehung gemäss § 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">EG ZGB genügend bestimmt ist</span><br/> <span class="ft4">und im öffentlichen Interesse liegt. Ob dagegen eine konkret</span><br/> <span class="ft4">angeordnete Zwangsmassnahme im Rahmen einer rechtmässigen</span><br/> <span class="ft4">fürsorgerischen Freiheitsentziehung auch verhältnismässig ist, bedarf</span><br/> <span class="ft4">einer gesonderten Prüfung in jedem konkreten Einzelfall.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>