<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">359</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>77</b></span> <span class="ft2"><b>Ausschaffungshaft; Haftverlängerung; Durchführung einer mündlichen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verhandlung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Überprüfung der Verlängerung einer Ausschaffungshaft kann gleich</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wie bei der Überprüfung der Verlängerung einer Durchsetzungshaft auf-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>grund der Akten erfolgen, weshalb nicht zwingend eine mündliche Ver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>handlung durchgeführt werden muss (E. I./4.4.3.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">8. Mai 2009 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen A.B. betref-</span><br/> <span class="ft3">fend Haftverlängerung (1-HA.2009.52).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">I. 3. Bis zum Inkrafttreten des (neuen) EGAR war der Präsident</span><br/> <span class="ft5">des Rekursgerichts im Ausländerrecht aufgrund kantonalen Rechts</span><br/> <span class="ft5">verpflichtet, sowohl bei erstmaliger Anordnung einer Ausschaffungs-</span><br/> <span class="ft5">haft als auch bei deren Verlängerung eine mündliche Verhandlung</span><br/> <span class="ft5">durchzuführen. Die erstmalige Überprüfung hatte innert 96 Stunden</span><br/> <span class="ft5">seit der ausländerrechtlich motivierten Anhaltung, die Überprüfung</span><br/> <span class="ft5">der Haftverlängerung vor Ablauf der bereits bewilligten Haft zu er-</span><br/> <span class="ft5">folgen (§ 17 Abs. 1 des Einführungsgesetzes zum Ausländerrecht</span><br/> <span class="ft5">[aEGAR] vom 14. März 2007).</span><br/> <span class="ft5">Eine gleich lautende Norm ist im (neuen) EGAR nicht mehr</span><br/> <span class="ft5">enthalten (§ 14 Abs. 1 EGAR). Vielmehr sind nun einzig die Bestim-</span><br/> <span class="ft5">mungen des AuG massgebend, womit Klärungsbedarf hinsichtlich</span><br/> <span class="ft5">der Frage besteht, ob eine Überprüfung der Verlängerung der Aus-</span><br/> <span class="ft5">schaffungshaft in jedem Fall aufgrund einer mündlichen Verhandlung</span><br/> <span class="ft5">zu erfolgen hat.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">360</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">4.3. Die Vorschriften über die richterliche Haftüberprüfung be-</span><br/> <span class="ft5">züglich Vorbereitungs- und Ausschaffungshaft finden sich in Art. 80</span><br/> <span class="ft5">AuG.</span><br/> <span class="ft5">Bezüglich der erstmaligen Haftanordnung ist in Art. 80 Abs. 2</span><br/> <span class="ft5">AuG festgelegt, dass eine richterliche Haftüberprüfung innert</span><br/> <span class="ft5">96 Stunden aufgrund einer mündlichen Verhandlung zu erfolgen hat.</span><br/> <span class="ft5">Von einer mündlichen Verhandlung kann nur dann abgesehen wer-</span><br/> <span class="ft5">den, wenn die Ausschaffungshaft gestützt auf Art. 77 AuG für maxi-</span><br/> <span class="ft5">mal 60 Tage angeordnet und das Verfahren deshalb schriftlich durch-</span><br/> <span class="ft5">geführt wird (Art. 80 Abs. 2 Satz 2 AuG) sowie, wenn die Ausschaf-</span><br/> <span class="ft5">fung voraussichtlich innerhalb von acht Tagen nach der Haftanord-</span><br/> <span class="ft5">nung erfolgen wird und die betroffene Person schriftlich ihr Einver-</span><br/> <span class="ft5">ständnis bekundet (Art. 80 Abs. 3 AuG).</span><br/> <span class="ft5">Nicht explizit normiert ist die Form der richterlichen Haftüber-</span><br/> <span class="ft5">prüfung bei Verlängerung der Ausschaffungshaft. An einer ausdrück-</span><br/> <span class="ft5">lichen Regelung fehlt es auch bei Verlängerung der Vorbereitungs-</span><br/> <span class="ft5">haft, da diese von Beginn an für ihre Maximaldauer von sechs Mona-</span><br/> <span class="ft5">ten angeordnet werden kann (Art. 75 Abs. 1 AuG). Selbstredend ist</span><br/> <span class="ft5">es aber mit Blick auf die Verhältnismässigkeit zulässig bzw. geradezu</span><br/> <span class="ft5">geboten, zunächst eine kürzere Vorbereitungshaft anzuordnen und</span><br/> <span class="ft5">diese bei Bedarf zu verlängern (Thomas Hugi Yar, a.a.O., Rz. 10.34,</span><br/> <span class="ft5">S. 439).</span><br/> <span class="ft5">Gleich wie bei der Durchsetzungshaft ist das Migrationsamt im</span><br/> <span class="ft5">Falle einer Haftverlängerung gemäss § 13 Abs. 5 EGAR verpflichtet,</span><br/> <span class="ft5">den Antrag auf [recte: die Anordnung der] Haftverlängerung zusam-</span><br/> <span class="ft5">men mit den Akten mindestens fünf Arbeitstage vor Ablauf der be-</span><br/> <span class="ft5">willigten Haft einzureichen.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">4.4.3. (...)</span><br/> <span class="ft5">Wie bereits ausgeführt, ist die Form der Verlängerung einer</span><br/> <span class="ft5">Ausschaffungshaft nicht explizit geregelt. Sowohl Art. 80 Abs. 2 als</span><br/> <span class="ft5">auch Abs. 3 AuG, die sich über die Pflicht zur Durchführung einer</span><br/> <span class="ft5">mündlichen Verhandlung äussern, beziehen sich klarerweise auf die</span><br/> <span class="ft5">erstmalige Überprüfung einer Ausschaffungshaft. Art. 80 Abs. 4 AuG</span><br/> <span class="ft5">besagt sodann lediglich, welche Umstände bei der Überprüfung des</span><br/> <span class="ft5">Entscheides über Anordnung, Fortsetzung und Aufhebung der Haft</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">361</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">zu berücksichtigen sind, nicht aber in welcher Form diese zu erfol-</span><br/> <span class="ft5">gen hat. Ebenso wenig ist aus dem Wortlaut von Art. 76 Abs. 3 AuG</span><br/> <span class="ft5">im Hinblick auf die Pflicht zur Durchführung einer mündlichen Ver-</span><br/> <span class="ft5">handlung abzuleiten. Hier wird lediglich festgelegt, wie lange ein</span><br/> <span class="ft5">Betroffener inhaftiert werden darf. Insgesamt ergibt sich aus dem</span><br/> <span class="ft5">Wortlaut der einschlägigen Normen kein Hinweis darauf, dass eine</span><br/> <span class="ft5">richterliche Überprüfung der Verlängerung einer Ausschaffungshaft</span><br/> <span class="ft5">zwingend im Rahmen einer mündlichen Verhandlung erfolgen muss.</span><br/> <span class="ft5">Gegen das Bestehen einer gesetzlichen Verpflichtung, bei jeder</span><br/> <span class="ft5">Verlängerung der Ausschaffungshaft eine mündliche Verhandlung</span><br/> <span class="ft5">durchzuführen, spricht auch eine systematische Auslegung der ein-</span><br/> <span class="ft5">schlägigen Verfahrensbestimmungen unter neuem Recht. So wurden</span><br/> <span class="ft5">mit Art. 80 Abs. 2 und 3 AuG Ausnahmen geschaffen, die eine erst-</span><br/> <span class="ft5">malige Haftüberprüfung ohne mündliche Verhandlung erlauben und</span><br/> <span class="ft5">dies im Falle von Art. 77 AuG sogar für eine Haftdauer von bis zu 60</span><br/> <span class="ft5">Tagen. Zudem hat der Gesetzgeber mit der Durchsetzungshaft in der</span><br/> <span class="ft5">Zwischenzeit ein Verfahren normiert, bei welchem es der betroffenen</span><br/> <span class="ft5">Person frei steht, auf eine mündliche Verhandlung zu verzichten.</span><br/> <span class="ft5">Dies obschon es gerade bei der Durchsetzungshaft explizit auf das</span><br/> <span class="ft5">Verhalten der betroffenen Person ankommt und eigentlich zu erwar-</span><br/> <span class="ft5">ten wäre, dass sich der Richter persönlich von der weiter bestehen-</span><br/> <span class="ft5">den Weigerung der betroffenen Person, ihr Verhalten zu ändern, zu</span><br/> <span class="ft5">überzeugen hat. Es ist daher nicht ersichtlich, weshalb es bei der</span><br/> <span class="ft5">Verlängerung der Durchsetzungshaft zulässig ist, auf eine mündliche</span><br/> <span class="ft5">Verhandlung zu verzichten, wogegen dies bei der Vorbereitungs-</span><br/> <span class="ft5">bzw. Ausschaffungshaft untersagt sein soll.</span><br/> <span class="ft5">Auch eine Auslegung der Normen nach Sinn und Zweck führt</span><br/> <span class="ft5">nicht zu einem anderen Ergebnis. Zweifellos soll die mündliche Ver-</span><br/> <span class="ft5">handlung sicher stellen, dass der Inhaftierte seinen Standpunkt darle-</span><br/> <span class="ft5">gen kann und dieser durch den Richter auch gehört und gebührend</span><br/> <span class="ft5">berücksichtigt wird. Daraus den Schluss zu ziehen, es müsse bei</span><br/> <span class="ft5">Überprüfung der Verlängerung einer Ausschaffungshaft in jedem</span><br/> <span class="ft5">Falle zwingend eine mündliche Verhandlung durchgeführt werden</span><br/> <span class="ft5">und der Betroffene könne nicht rechtsgültig darauf verzichten, geht</span><br/> <span class="ft5">jedoch zu weit. Einerseits bestehen oftmals im Zeitpunkt der Haft-</span><br/> <span class="ft5">verlängerung vollkommen unveränderte Umstände, welche eine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">362</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">mündliche Verhandlung obsolet erscheinen lassen. Andererseits ist</span><br/> <span class="ft5">bei der Haftverlängerung in vielen Fällen einzig über Rechtsfragen</span><br/> <span class="ft5">zu entscheiden, die keiner Anhörung des Betroffenen bedürfen.</span><br/> <span class="ft5">Verzichtet ein Betroffener im Rahmen des rechtlichen Gehörs</span><br/> <span class="ft5">betreffend Verlängerung der Haft gegenüber dem Migrationsamt auf</span><br/> <span class="ft5">die Durchführung einer mündlichen Verhandlung, obliegt es dem</span><br/> <span class="ft5">Richter, im Rahmen der Verhandlungsvorbereitung zu prüfen, ob aus</span><br/> <span class="ft5">seiner Sicht eine mündliche Verhandlung notwendig erscheint. Ist der</span><br/> <span class="ft5">Betroffene anwaltlich vertreten und kommt der Richter zum Schluss,</span><br/> <span class="ft5">dass es keiner mündlichen Verhandlung bedarf, hat er dies dem</span><br/> <span class="ft5">Rechtsvertreter anzuzeigen. Verzichtet auch der Rechtsvertreter auf</span><br/> <span class="ft5">die Durchführung einer mündlichen Verhandlung, ist nicht ersicht-</span><br/> <span class="ft5">lich, welche weiteren Erkenntnisse eine solche bringen würde.</span><br/> <span class="ft5">Selbstredend steht es dem Betroffenen bzw. dessen Rechtsvertreter</span><br/> <span class="ft5">frei, schriftlich zur Haftverlängerung Stellung zu nehmen.</span><br/> <span class="ft5">Anzumerken bleibt, dass im Kanton Aargau alle für mehr als 20</span><br/> <span class="ft5">Tage Inhaftierten zwingend ab der ersten Haftüberprüfungsverhand-</span><br/> <span class="ft5">lung einen amtlichen Vertreter erhalten (§ 27 Abs. 2 EGAR). Auf</span><br/> <span class="ft5">diese Weise können die Argumente eines Betroffenen sehr wohl auch</span><br/> <span class="ft5">ohne zwingende mündliche Verhandlung vorgebracht und berück-</span><br/> <span class="ft5">sichtigt werden.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">4.5. Nach dem Gesagten ist das Migrationsamt, analog der</span><br/> <span class="ft5">Durchsetzungshaft, anzuweisen, jedem Betroffenen im Rahmen des</span><br/> <span class="ft5">rechtlichen Gehörs betreffend Verlängerung der Haft die Frage zu</span><br/> <span class="ft5">unterbreiten, ob er die Durchführung einer mündlichen Verhandlung</span><br/> <span class="ft5">wünsche. Verneint er dies und kommt der Richter zum Schluss, eine</span><br/> <span class="ft5">mündliche Verhandlung dränge sich nicht auf, ist dem Rechtsvertre-</span><br/> <span class="ft5">ter des Betroffenen Gelegenheit zu einer Stellungnahme zu geben.</span><br/> <span class="ft5">Besteht auch dieser nicht auf der Durchführung einer mündlichen</span><br/> <span class="ft5">Verhandlung, ist über die Verlängerung der Haft aufgrund der Akten</span><br/> <span class="ft5">zu entscheiden.</span><br/></div> </div> </body> </html>