<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 57</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft4"><b>16</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 61 lit. a, 132 Abs. 1 lit. b, 133 Abs. 1 StPO; § 4 Abs. 7 EG StPO</b></span><br/> <span class="ft5">-</span> <span class="ft4"><b>Die Oberstaatsanwaltschaft ist aufgrund des Wortlautes von § 4</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Abs. 7 EG StPO und aufgrund des Willens des Gesetzgebers, die Be-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>stimmung der amtlichen Verteidigung im konkreten Fall durch die</b></span><br/> <span class="ft4"><b>im Vorverfahren nicht unmittelbar mit der Sache befasste Ober-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>staatsanwaltschaft ausführen zu lassen, für die Bestellung der amt-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>lichen Verteidigung im Sinne von Art. 133 StPO ausschliesslich zu-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>ständig. Die Prüfung der Voraussetzungen gemäss Art. 132 StPO ob-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>liegt hingegen nicht der Oberstaatsanwaltschaft, sondern der örtlich</b></span><br/> <span class="ft4"><b>zuständigen Staatsanwaltschaft als Verfahrensleitung (E. 1).</b></span><br/> <span class="ft5">-</span> <span class="ft4"><b>Bei der Prüfung, ob ein Beschuldigter im Sinne von Art. 132 Abs. 1</b></span><br/> <span class="ft4"><b>lit. b StPO in der Lage ist, die mutmasslich anfallenden Kosten für</b></span><br/> <span class="ft4"><b>seine angemessene Verteidigung aufzubringen, kann aufgrund der</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Einheit der Rechtsordnung und der in Bezug auf die Frage der Mit-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>tellosigkeit identischen Formulierung von Art. 117 lit. a ZPO ohne</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Weiteres auf die bisherige Praxis zur eidgenössischen und kantona-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>len Zivilprozessordnung sowie die Rechtsprechung zu Art. 29 Abs. 3</b></span><br/> <span class="ft4"><b>BV zurückgegriffen werden (E. 2.1).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">58</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft3">vom 20. Dezember 2011 i.S. M.T. gegen Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach</span><br/> <span class="ft3">(SBK.2011.288).</span><br/> <br/> <span class="ft1"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft2">1.</span><br/> <span class="ft2">Der Beschwerdeführer moniert vorab, dass die Staatsanwalt-</span><br/> <span class="ft2">schaft zum Erlass einer Verfügung, mit welcher das Gesuch um Ge-</span><br/> <span class="ft2">währung der amtlichen Verteidigung abgewiesen wird, nicht zustän-</span><br/> <span class="ft2">dig gewesen sei.</span><br/> <span class="ft2">Gemäss Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO ist für die Anordnung der</span><br/> <span class="ft2">amtlichen Verteidigung und mithin auch die Prüfung von deren Vor-</span><br/> <span class="ft2">aussetzungen die Verfahrensleitung zuständig. Verfahrensleitung im</span><br/> <span class="ft2">Sinne von Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO ist bis zur Einstellung oder An-</span><br/> <span class="ft2">klageerhebung die örtlich zuständige Staatsanwaltschaft (Art. 61 lit.</span><br/> <span class="ft2">a StPO). In Art. 133 StPO ist sodann die Bestellung der amtlichen</span><br/> <span class="ft2">Verteidigung vorgesehen, d.h. die Einsetzung einer bestimmten Per-</span><br/> <span class="ft2">son als amtliche Verteidigung. Dabei sind nach Möglichkeit die</span><br/> <span class="ft2">Wünsche der beschuldigten Person zu berücksichtigen (Art. 133</span><br/> <span class="ft2">Abs. 2 StPO). Zuständig ist auch dafür an sich die Verfahrensleitung.</span><br/> <span class="ft2">Entsprechend dem gesetzgeberischen Motiv, dass sich der als Verfah-</span><br/> <span class="ft2">rensleiter handelnde Staatsanwalt im Falle der notwendigen und amt-</span><br/> <span class="ft2">lichen Verteidigung seinen "Gegenspieler" nicht selbst auswählen</span><br/> <span class="ft2">können soll (Grossrätliches Wortprotokoll der 26. Sitzung vom</span><br/> <span class="ft2">16. März 2010, S. 990), ist in § 4 Abs. 7 EG StPO gestützt auf die</span><br/> <span class="ft2">Verweisungsnorm von Art. 14 Abs. 3 StPO, wonach die Kantone</span><br/> <span class="ft2">Oberstaatsanwaltschaften einrichten können, festgehalten, dass bis</span><br/> <span class="ft2">zum Abschluss des Vorverfahrens nicht die örtlich zuständige Staats-</span><br/> <span class="ft2">anwaltschaft, sondern die Oberstaatsanwaltschaft die notwendige</span><br/> <span class="ft2">und amtliche Verteidigung bestellt.</span><br/> <span class="ft2">Aufgrund des Wortlautes von § 4 Abs. 7 EG StPO, wonach aus-</span><br/> <span class="ft2">drücklich von der Bestellung der amtlichen Verteidigung die Rede</span><br/> <span class="ft2">ist, und aufgrund des Willens des Gesetzgebers, die Bestimmung der</span><br/> <span class="ft2">amtlichen Verteidigung im konkreten Fall durch die im Vorverfahren</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">59</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft2">nicht unmittelbar mit der Sache befasste Oberstaatsanwaltschaft aus-</span><br/> <span class="ft2">führen zu lassen, ist die Oberstaatsanwaltschaft für die Bestellung</span><br/> <span class="ft2">der amtlichen Verteidigung im Sinne von Art. 133 StPO ausschliess-</span><br/> <span class="ft2">lich zuständig. Die Prüfung der Voraussetzungen gemäss Art. 132</span><br/> <span class="ft2">StPO obliegt hingegen nicht der Oberstaatsanwaltschaft, sondern der</span><br/> <span class="ft2">örtlich zuständigen Staatsanwaltschaft als Verfahrensleitung. Daran</span><br/> <span class="ft2">ändert der vom Beschwerdeführer erwähnte Umstand nichts, dass</span><br/> <span class="ft2">sich im Kanton Zürich die Oberstaatsanwaltschaft gestützt auf § 155</span><br/> <span class="ft2">GOG nicht nur für die Bestellung der amtlichen Verteidigung im</span><br/> <span class="ft2">Sinne von Art. 133 StPO, sondern, ohne dies ausdrücklich zu thema-</span><br/> <span class="ft2">tisieren, auch für die Prüfung der Voraussetzungen gemäss Art. 132</span><br/> <span class="ft2">StPO zuständig erklärt hat (vgl. Leitfaden Amtliche Verteidigung der</span><br/> <span class="ft2">Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich, Büro für amtliche Man-</span><br/> <span class="ft2">date).</span><br/> <span class="ft2">Offen bleiben kann vorliegend, ob es einem Kanton aufgrund</span><br/> <span class="ft2">des Wortlautes von Art. 133 StPO überhaupt zusteht, für die Be-</span><br/> <span class="ft2">stellung der amtlichen Verteidigung anstatt der Verfahrensleitung</span><br/> <span class="ft2">eine zentrale Stelle wie die Oberstaatsanwaltschaft einzusetzen (vgl.</span><br/> <span class="ft2">L</span><span class="ft3">IEBER</span><span class="ft2">,</span> <span class="ft2">in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung</span><br/> <span class="ft2">[StPO], 2010, N. 2 zu Art. 133 StPO). Der Beschwerdeführer könnte</span><br/> <span class="ft2">daraus vorliegend nichts zu seinen Gunsten ableiten.</span><br/> <span class="ft2">Nach dem Gesagten hat die Staatsanwaltschaft somit zu Recht</span><br/> <span class="ft2">geprüft, ob die Voraussetzungen für die Anordnung der amtlichen</span><br/> <span class="ft2">Verteidigung erfüllt sind. Die Beschwerde ist in diesem Punkt daher</span><br/> <span class="ft2">abzuweisen.</span><br/> <span class="ft2">2.</span><br/> <span class="ft2">Gemäss Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO ist eine amtliche Verteidi-</span><br/> <span class="ft2">gung dann anzuordnen, wenn die beschuldigte Person nicht über die</span><br/> <span class="ft2">erforderlichen Mittel verfügt und die Verteidigung zur Wahrung ihrer</span><br/> <span class="ft2">Interessen geboten ist.</span><br/> <span class="ft2">Gegenstand der vorliegenden Beschwerde ist einzig die Frage,</span><br/> <span class="ft2">ob der Beschwerdeführer über die erforderlichen Mittel verfügt oder</span><br/> <span class="ft2">nicht. Der Beschwerdeführer macht geltend, die Staatsanwaltschaft</span><br/> <span class="ft2">habe zu Unrecht Steuern und Schulden nicht berücksichtigt und das</span><br/> <span class="ft2">Existenzminimum falsch berechnet. Er verfüge nur über einen Über-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">60</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft2">schuss von Fr. 408.85. Mit diesem sei er nicht in der Lage, einen</span><br/> <span class="ft2">Anwalt zu bevorschussen und zu bezahlen.</span><br/> <span class="ft2">2.1.</span><br/> <span class="ft2">Bei der Prüfung, ob der Beschwerdeführer im Sinne von</span><br/> <span class="ft2">Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO in der Lage ist, die mutmasslich anfallen-</span><br/> <span class="ft2">den Kosten für seine angemessene Verteidigung aufzubringen, kann</span><br/> <span class="ft2">aufgrund der Einheit der Rechtsordnung und der in Bezug auf die</span><br/> <span class="ft2">Frage der Mittellosigkeit identischen Formulierung von Art. 117 lit. a</span><br/> <span class="ft2">ZPO ohne Weiteres auf die bisherige Praxis zur eidgenössischen und</span><br/> <span class="ft2">kantonalen Zivilprozessordnung sowie die Rechtsprechung zu</span><br/> <span class="ft2">Art. 29 Abs. 3 BV zurückgegriffen werden.</span><br/> <span class="ft2">Zu prüfen ist somit, ob der Gesuchsteller in der Lage ist, die</span><br/> <span class="ft2">mutmasslich für seine angemessene Verteidigung anfallenden An-</span><br/> <span class="ft2">waltskosten aus seinem Vermögen oder seinem Einkommen, das er</span><br/> <span class="ft2">nicht zur Deckung seines erweiterten Grundbedarfs benötigt, zu be-</span><br/> <span class="ft2">gleichen (vgl. BGE 135 I 221 E. 5.1). Bei weniger aufwendigen</span><br/> <span class="ft2">Strafverfahren muss er zur Begleichung der anfallenden Anwalts-</span><br/> <span class="ft2">kosten innert Jahresfrist in der Lage sein und bei anderen Strafver-</span><br/> <span class="ft2">fahren innert zweier Jahre.</span><br/> <span class="ft2">Abzustellen ist auf das betreibungsrechtliche Existenzminimum</span><br/> <span class="ft2">gemäss den Richtlinien des Obergerichts (KKS.2005.7), erweitert um</span><br/> <span class="ft2">einen Zuschlag in der Höhe von 25 % des Grundbetrages</span><br/> <span class="ft2">(AGVE 2002 Nr. 15 S. 65 ff.). Praxisgemäss sind im Kanton Aargau</span><br/> <span class="ft2">die Prämien für Versicherungen sowie Gebühren für Radio, Fernse-</span><br/> <span class="ft2">hen, Telefon und Internet bereits im Grundbetrag enthalten. Laufende</span><br/> <span class="ft2">Steuerschulden und Steuerrückstände werden nur berücksichtigt,</span><br/> <span class="ft2">soweit regelmässige Zahlungen belegt sind (BGE 135 I 221 E. 5.2;</span><br/> <span class="ft2">AGVE 2002 Nr. 18 S. 68). Ohne diesen Nachweis dürfen Steuer-</span><br/> <span class="ft2">schulden somit nicht mit monatlichen Raten im erweiterten Existenz-</span><br/> <span class="ft2">minimum berücksichtigt werden. Im Übrigen bleibt gemäss Recht-</span><br/> <span class="ft2">sprechung des Bundesgerichts die gewöhnliche Tilgung angehäufter</span><br/> <span class="ft2">Schulden bei der Beurteilung der Bedürftigkeit grundsätzlich ausser</span><br/> <span class="ft2">Betracht, da die unentgeltliche Rechtspflege nicht dazu dienen soll,</span><br/> <span class="ft2">auf Kosten des Gemeinwesens Gläubiger zu befriedigen, die nicht</span><br/> <span class="ft2">oder nicht mehr zum Lebensunterhalt beitragen (Urteil des Bundes-</span><br/> <span class="ft2">gerichts 4P.80/2006 vom 29. Mai 2006 E. 3.1).</span><br/></div> </div> </body> </html>