Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 4. März 2015 (810 14 305) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung Besetzung Vorsitzender Niklaus Ruckstuhl, Kantonsri chter Markus Clausen, Christian Haidlauf, Claude Jeanneret , Kantonsrichterin Helena Hess, Gerichtsschreiberin Stephanie Schlecht Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Oliver Borer , Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal , Be- schwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung (RRB Nr. 1464 vom 30. September 2014) A. Der am 6. Oktober 1990 im Kosovo geborene A.____ reiste am 1. August 1991 im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz ein und erhielt am 4. Juni 2002 eine Niederlas- sungsbewilligung. B. Bereits in seiner Kindheit bzw. als Jugendlicher ist A.____ mehrfach (jugend-)strafrechtlich in Erscheinung getreten. Im Alter von acht Jahren wurde er zweimal we- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht gen geringfügiger Vermögensdelikte für fehlbar erklär t, wobei das eine Verfahren eingestellt worden ist. Mit elf Jahren ist er wegen Diebstahles für fehlbar erklärt worden, das Verfahren musste jedoch wegen Landesabwesenheit sistiert werden. Mit Schreiben vom 12. Dezember 2001 hat die Primar- und Kreisschulpflege B.____ A.____ per sofort aus der Schule ausgeschlossen, weil er – teilweise un ter massiver Gewaltanwendung − Kinder und Erwachsene bedroht hatte. Mit Beschluss der V ormundschaftsbehörde vom 29. Januar 2002 wurde den Eltern die Obhut über A.__ __ entzogen. Gemäss Schreiben vom 26. Februar 2002 wurde er im Rahmen des C.____-Proje kts per 6. März 2002 bei einer Pflege- familie im Kanton Aargau fremdplatziert. Die Jugendanwaltschaft Basel-Landschaft (Jugendanwaltschaft) hat der Vormundschaftsbehör- de am 31. Januar 2002 beantragt, A.____ wegen mehrf achen Diebstahles sowie wegen Betru- ges für fehlbar zu erklären und ihm eine Arbeitsleistung von sechs halben Tagen à vier Stunden aufzuerlegen. Die Vormundschaftsbehörde hat zufolge d er bereits erfolgten Fremdplatzierung auf diese Bestrafung verzichtet. Mit Beschluss der Vormundschaftsbehörde vom 25. Juni 2002 wurde A.____ im E.____ plat- ziert. Die Eltern befürworteten die Fremdplatzierung nicht und haben ihren Sohn aus diesem Grund im Juli 2002 kurzerhand und auf unbestimmte Zeit in den Kosovo zu seinen Grosseltern geschickt. Ihren Angaben zufolge sei er im November 200 2 zurückgekehrt. Am 1. Dezember 2002 konnte er erneut in das E.____ und am 2. Dezember 2002 in die F.____-Schule eintreten. Mit Beschluss vom 16. September 2003 ersuchte die Vormun dschaftsbehörde beim Kinderpsy- chiatrischen Dienst Basel-Stadt (KJUP) um eine kinderpsychiatrische Abklärung von A.____. Am 26. November 2003 hat er einem 12-jährigen Jungen grundlos einen massiven Faustschlag ins Gesicht gegeben, weshalb ihn die Vormundschaftsbehörd e gemäss Antrag der Jugendan- waltschaft der einfachen Körperverletzung für fehlbar e rklärte und ihm eine Arbeitsleistung von sechs Tagen à vier Stunden auferlegte (vgl. Verfügung de r Jugendanwaltschaft vom 23. März 2004, Beschluss der Vormundschaftsbehörde vom 6. Juli 2004). Ferner wurde A.____ von der Vormundschaftsbehörde und auf Antrag der Jugendanwaltschaft wegen Raubes, geringfügigen Diebstahles, mehrfacher ge ringfügiger Sachbeschädigung sowie Tätlichkeiten für fehlbar erklärt und es wurde ein Ver haltenscoaching und Antiaggressivitätstrai- ning angeordnet (vgl. Beschluss der Vormundschaftsbehörde vom 14. Februar 2006). Zufolge eines jugendstrafrechtlichen Verfahrens wegen sexuelle r Nötigung im E.____ musste A.____ umplatziert werden. Im Sinne einer vorübergehenden Lösung wurde er zunächst im G.____ und am 9. November 2006 im H.____ untergebracht (vgl. Besc hluss der Vormundschaftsbehörde vom 19. September 2006). Mit Strafbefehl der Jugendanwaltschaft vom 19. April 20 07 wurde A.____ wegen versuchten Raubes für schuldig erklärt und zu einer persönlichen Lei stung von dreissig ganzen Tagen à acht Stunden, davon 10 Tage unbedingt und 20 Tage bedingt vollziehbar, verurteilt. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Am 18. Juni 2007 beantragte die Beiständin der Vormun dschaftsbehörde A.____s Austritt aus dem H.____ sowie die Aufhebung der Beistandschaft. Di e Jugendanwaltschaft schloss demge- genüber zwecks gutachterlicher psychiatrischer Abklärung von A._ ___ auf Abweisung der An- träge. Die Vormundschaftsbehörde folgte dem Antrag de r Jugendanwaltschaft und bestätigte A.____s weiteren Aufenthalt im H.____. Am 1. Oktober 2007 begann er dort die Anlehre als Landwirtschaftsangestellter, welche er am 17. September 2009 erfolgreich abgeschlossen hat. Mit Urteil des Jugendgerichts Basel-Landschaft vom 9. Se ptember 2008 wurde A.____ wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung teilweise zum Na chteil einer wehrlosen/unter Obhut stehenden Person sowie Beschimpfung zu einem bedingten Freiheitsentzug von drei Monaten bei einer Probezeit von 18 Monaten verurteilt. Zudem wurde die Unterbringung im H.____ in I.____ sowie eine ambulante Behandlung angeordnet. Zufolge Erreichens der Volljährigkeit ist die Beistandsch aft am 6. Oktober 2008 erloschen, wo- bei A.____ erst per 30. September 2009 aus dem H.____ ausgetreten ist. Danach hat er für verschiedene Firmen gearbeitet und ist seit dem 16. Juni 2014 als Bauarbeiter bei der J.____ AG angestellt. Im Erwachsenenalter erfolgte am 26. Januar 2011 eine Verurteilung durch die Staatsanwalt- schaft Basel-Landschaft (Staatsanwaltschaft) zu einer Bu sse von Fr. 300.-- wegen einfacher Verletzung von Verkehrsregeln. Mit Urteil der Staatsanw altschaft vom 29. April 2011 wurde A.____ wegen Fahrens ohne Haftpflichtversicherung, wider rechtlicher Aneignung von Kontroll- schildern, einfacher Verletzung der Verkehrsregeln, Fahr ens ohne Führer- bzw. Fahrzeugaus- weis, Übertretens der Verkehrsregelverordnung, mehrfache r Widerhandlung gegen das Über- tretungsstrafgesetz des Kantons Basel-Stadt zu einer G eldstrafe von 20 Tagessätzen à Fr. 100.--, unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Ja hren, sowie einer Busse in der Höhe von Fr. 1‘400.--, verurteilt. Am 8. Februar 2012 wurde A.____ wegen grober Verletzung der Ver- kehrsregeln, Fahrens in angetrunkenem Zustand zu einer b edingt vollziehbaren Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 80.-- bei einer Probezeit von 3 Ja hren und einer Busse von Fr. 1‘100.-- verurteilt. C. Nachdem A.____ am 18. September 2012 das rechtliche Gehör zu seiner Niederlas- sungsbewilligung gewährt wurde, ist er mit Schreiben des Amtes für Migration Basel-Landschaft (AfM) vom 24. September 2012 verwarnt worden. Darin wurden ihm weitere Massnahmen (Wegweisung) angedroht, sollte er erneut in irgendein er Weise zu Klagen Anlass geben oder straffällig werden und/oder sein Verhalten im allgem einen und seine Handlungen darauf schliessen liessen, dass er nicht gewillt oder fähig sei, sich in die in der Schweiz geltende Ord- nung einzufügen. Explizit wurde er aufgefordert, sich a n die Rechtsordnung zu halten und sei- nen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. D. Mit Strafbefehl vom 10. Oktober 2013 wurde A.____ wegen mehrfacher einfacher und grober Verkehrsregelverletzung zu einer bedingt vollziehba ren Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu Fr. 30.-- sowie einer Busse in der Höhe von Fr. 80.-- verurteilt. Gleichzeitig wurden die mit Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Urteil der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt vom 29. Apr il 2011 bzw. vom 8. Februar 2012 ausge- sprochenen Strafen für vollstreckbar erklärt. E. Gemäss Betreibungsregisterauszug des Betreibungsamtes B. ____ vom 31. März 2014 weist A.____ Betreibungen in der Höhe von Fr. 58‘946 .30 sowie offene Verlustscheine in der Höhe von Fr. 47‘218.80 auf. Nach dem Betreibungsregist erauszug des Betreibungsamtes K.____ vom 10. April 2013 sind auf A.____ Betreibunge n in der Höhe von Fr. 1‘734.00 regis- triert. F. Am 11. März 2014 gewährte das AfM A.____ das rechtl iche Gehör zum beabsichtigten Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung sowie seiner Wegweisung. Dieses nahm er mit Schreiben vom 26. März 2014 wahr. Mit Verfügung vom 7. April 2014 widerrief das AfM die Niederlassungsbewilligung von A.____ und wies ihn aus der Schweiz weg. G. Am 22. August 2014 hat A.____ das Betreibungsamt L.____ unter Vorlage des neuen Arbeitsvertrags freiwillig um eine Lohnpfändung ersuch t (vgl. Schreiben der Zivilverwaltung L.____ vom 22. August 2014, Arbeitsvertrag vom 16. Juni 2014). H. Die von A.____, vertreten durch Oliver Borer, Advokat in Basel, gegen die Verfügung des AfM vom 7. April 2014 erhobene Beschwerde wies der Regierungsrat des Kantons Basel- Landschaft (Regierungsrat) mit Regierungsratsbeschluss (RR B) Nr. 1464 vom 30. September 2014 ab. I. Gegen den RRB Nr. 1464 vom 30. September 2014 lie ss A.____, wiederum vertreten durch Oliver Borer, Advokat in Basel, Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht), erheben, mit de n Rechtsbegehren, es sei in Gutheis- sung der Beschwerde der Entscheid des Regierungsrats des Kantons Basel-Landschaft vom 30. September aufzuheben und demgemäss dem Beschwerdefü hrer die Niederlassungsbewilli- gung zu belassen und die Wegweisung aufzuheben. In seine r Begründung vom 9. Dezember 2014 beantragte der Beschwerdeführer zusätzlich die Anordnung einer mündlichen Anhörung. J. Der Regierungsrat schloss in seiner Vernehmlassung vom 8 . Januar 2015 auf kosten- fällige Abweisung der Beschwerde. K. Mit Präsidialverfügung vom 12. Januar 2015 wurde der Fall der Kammer zur Beurtei- lung überwiesen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g: 1. Gemäss § 47 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfa ssungs- und Verwaltungspro- zessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist zur Beschwerde befugt, wer durch den ange- fochtenen Entscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Inte resse an dessen Änderung oder Aufhebung hat. Der Beschwerdeführer ist als Adressat vom angefochtenen Beschluss berührt Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung o der Änderung. Da auch die übri- gen formellen Voraussetzungen erfüllt sind und sowohl die örtliche als auch die sachliche Zu- ständigkeit des Kantonsgerichts gegeben sind, kann auf die vorliegende Beschwerde eingetre- ten werden. 2. Bei der Beurteilung der vorliegenden verwaltungsg erichtlichen Beschwerde ist die Kognition des Kantonsgerichts gemäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO darauf beschränkt, den angefochtenen Entscheid hinsichtlich allfälliger Rechtsverl etzungen, einschliesslich Überschrei- tung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts zu überprüfen. Die Überprü fung der Angemessenheit ist dem Kantonsgericht dagegen verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO e contrario). 3. Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob der Widerruf der Niederlassungsbewilligung des Beschwerdeführers und die damit einhergehende Wegweisung zu Recht erfolgten. 3.1 Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in der Sc hweiz berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitzt ode r wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 und 11 des Bundesgesetzes über die Ausländerinne n und Ausländer [AuG] vom 16. Dezember 2005; vgl. auch Art. 2 AuG). Die zuständ ige kantonale Behörde entscheidet ge- mäss Art. 18 ff. und 27 ff. AuG – im Rahmen der geset zlichen Vorschriften und Verträge mit dem Ausland – nach freiem Ermessen über die Zulassung zu einem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbstätigkeit. Einen Rechtsanspruch auf die Erteilung einer Bewilligung hat die ausländische Person somit grundsätzlich nicht, es sei denn, das AuG ode r völkerrechtliche Verpflichtungen sehen dies vor (BGE 135 II 1 E. 1.1; P ETER UEBERSAX , in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, Basel 2009, N 7.84 ff.). 3.2 Im vorliegenden Fall ist zunächst festzuhalten, dass zw ischen der Schweiz und dem Kosovo keine staatsvertragliche Vereinbarung besteht, w elche dem Beschwerdeführer einen Anspruch auf Aufenthalt in der Schweiz einräumen würde. 3.3 Gemäss Art. 34 Abs. 1 AuG verleiht die Niederlassung sbewilligung ihrem Inhaber grundsätzlich einen zeitlich unbefristeten und unbedingt en Anspruch auf Anwesenheit in der Schweiz. Es ist somit von einem grundsätzlichen gesetzlichen Anspruch des Beschwerdefüh- rers auf Aufenthalt in der Schweiz auszugehen. 3.4 Des Weiteren machte der Beschwerdeführer einen An wesenheitsanspruch aus dem Grundrecht auf Achtung des Privat- und Familienlebens geltend. Der Beschwerdegegner ver- neinte im angefochtenen Beschluss einen entsprechenden grundrechtlichen Anspruch, da der Beschwerdeführer erwachsen und kinderlos sei und er über keine Kernfamilie in der Schweiz verfüge. Hinweise auf ein besonderes Abhängigkeitsverhält nis zu seiner Familie würden nicht bestehen, da er finanziell unabhängig von seinen Eltern lebe. Damit sei der Schutzbereich die- ses Grundrechts nicht eröffnet. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.5 Aus dem in Art. 8 Ziff. 1 der Konvention zum Schut z der Menschenrechte und Grund- freiheiten (Europäische Menschenrechtskonvention, EMRK) vom 4. November 1950 sowie dem inhaltlich gleichwertigen Art. 13 Abs. 1 der Bundesverf assung der Schweizerischen Eidgenos- senschaft (BV) vom 18. April 1999 geschützten Recht auf Achtung des Privat- und Familienle- bens können ausländische Staatsangehörige in besonderen Fällen einen Anspruch auf Aufent- halt oder Verbleib in einem anderen Staat ableiten, wenn eine staatliche Entfernungsmassnah- me zur Trennung von Familienmitgliedern führt (A NDREAS ZÜND / THOMAS HUGI YAR , Aufent- haltsbeendende Massnahmen im schweizerischen Ausländerrecht, in: Europäische Grundrech- te-Zeitschrift [EuGRZ] 2013, S. 10 ff.; BGE 135 I 15 3 E. 2.1). Wie der Beschwerdegegner grundsätzlich zutreffend festhält, ist der Anspruch auf Familienleben auf die Kernfamilie be- schränkt, welche bei erwachsenen Personen deren Ehepartner und die eigenen Kinder umfasst (BGE 135 I 143 E. 1.3.1; BGE 130 II 281 E. 3.1). De r nicht verheiratete und kinderlose Be- schwerdeführer ist volljährig, weshalb er sich im Verhäl tnis zu seinen Eltern und zu seinen bei- den Schwestern sowie seinem Bruder – mangels Abhängig keitsverhältnis (vgl. hierzu BGE 137 I 154 E. 3.4.2; Urteil des Europäischen Gerichtshofe s für Menschenrechte (EGMR) Ezzo- uhdi gegen Frankreich [47160/99] vom 13. Februar 2011 § 34) – nicht auf den Schutzbereich des Anspruchs auf Familienrecht berufen kann. Indessen gehen der EGMR und das Bundesge- richt in ihrer Rechtsprechung in Fällen von aufenthal tsbeendenden Massnahmen erwachsener Ausländer der zweiten Generation von einem kombinierten Schutzbereich von Privat- und Fami- lienleben aus (BGE 130 II 281 E. 3.2.2; BGE 129 II 1 93 E. 5.4; Urteil des Bundesgerichts 2C_480/2013 vom 24. Oktober 2013 E. 4.4.1; Urteil des EGMR M.P.E.V. et al. gegen die Schweiz [3910/2013] vom 8. Juli 2014 § 32; Urteil des EG MR Maslov gegen Österreich [1638/03] vom 23. Juni 2008 § 63). Dabei wird nicht ver langt, dass notwendigerweise die Be- dingungen für einen allein aus dem Schutz des Privatlebens abgeleiteten Bewilligungsanspruch (überdurchschnittliche, besondere Integration) vorliegen müssten (vgl. BGE 130 II 281 E. 3.2.2; Urteil des Bundesgerichts 2C_451/2009 vom 7. Dezember 200 9 E. 2.2). Nach der Rechtspre- chung fallen die sozialen Bindungen eines Ausländers im A ufenthaltsstaat und zur Gemein- schaft, in der er lebt – insbesondere wenn er im Aufe nthaltsstaat geboren wurde –, in den Schutzbereich des Privatlebens. Unabhängig vom Bestehen eines Familienlebens wird deshalb bei im Aufenthaltsstaat geborenen und aufgewachsenen (e rwachsenen) Ausländerinnen und Ausländern der zweiten Generation insbesondere dann ei n Anspruch aus der kombinierten Ga- rantie des Privat- und Familienlebens angenommen, wenn eine aufenthaltsbeendende Mass- nahme die Trennung von den hier lebenden Eltern und Geschwistern bedeutet (vgl. z.B. Urteil des Bundesgerichts 2C_445/2014 vom 2. Dezember 2014 E. 2.3; Urteil des Bundesgerichts 2C_1193/2013 vom 27. Mai 2014 E. 2.2; Urteil des Bun desgerichts 2C_551/2013 vom 24. Februar 2014 E. 2.4; Urteil des EGMR Emre gegen die Schweiz [42034/04] vom 23. Juni 2008 § 60; Urteil des EGMR Üner gegen die Niederland e [46410/99] vom 18. Oktober 2006 § 59; MARTIN BERTSCHI /T HOMAS GÄCHTER , Der Anwesenheitsanspruch aufgrund der Garantie des Privat- und Familienlebens, in: Schweizerisches Zentra lblatt für Staats- und Verwaltungs- recht [ZBl] 2003, S. 231). Vorliegend hat es die Vor instanz versäumt, zu prüfen, ob der Be- schwerdeführer einen Anspruch aus dem kombinierten Schu tzbereich aufweist. Die Delinquenz einer ausländischen Person lässt – bei ansonsten gegebene n Voraussetzungen – den grund- rechtlichen Schutz ihrer sozialen Bindungen nicht dahinf allen. Dem deliktischen Verhalten und Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht den übrigen Umständen ist vielmehr im Rahmen der vorzune hmenden Interessenabwägung (Art. 96 AuG, Art. 8 Ziff. 2 EMRK) angemessen Rechnung zu tragen. 3.6 Der 24-jährige Beschwerdeführer ist mit knapp einjä hrig im Rahmen des Familien- nachzugs in die Schweiz eingereist und hat – mit Ausnah me eines Unterbruchs von rund fünf Monaten – sein ganzes bisheriges Leben hier verbracht. A ufgrund seiner ausgesprochen lan- gen Anwesenheitsdauer befinden sich demnach seine soziale n Bindungen im Aufenthaltsstaat. Daran ändert nichts, dass er die ersten elf Monate seine s Lebens im Kosovo gelebt hat. Es handelt sich bei ihm zwar nicht um einen “Ausländer der zweiten Generation“, doch kommt auf- grund des Gesagten in seinem Fall der kombinierte Schu tzbereich von Privat- und Familienle- ben entsprechend zur Anwendung. Zudem verfügt er mit de r Niederlassungsbewilligung über einen gefestigten Anwesenheitsanspruch. Aus den Akten geht hervor, dass der Beschwerde- führer nach schwierigen Jugendjahren sowohl zur hier le benden Mutter als auch zu seinen Ge- schwistern ein gutes Verhältnis pflegt. Auch sein Freundes- und Bekanntenkreis befindet sich in der Schweiz. Im Kosovo leben zwar weitere Familienmitgl ieder, doch kennt er diese nicht nä- her. Obwohl er mit der kosovarischen Sprache und Kultur vertraut ist, stellt für ihn die Schweiz seine Heimat dar. Unabhängig davon, dass er kinderlos und unverheiratet ist und wie oben ausgeführt eine rechtsrelevante Abhängigkeit von seinen Familienangehörigen nicht besteht, kann sich der Beschwerdeführer – auch angesichts des Fehlens einer namhaften Beziehung zu irgendeinem anderen Staat – gleich wie ein Ausländer der zweiten Generation zumindest auf seinen Anspruch aus dem kombinierten Schutzbereich von Privat- und Familienleben gemäss Art. 8 Abs. 1 EMRK und Art. 13 Abs. 1 BV berufen. 4.1 Der von der Niederlassungsbewilligung grundsätzlich eingeräumte gesetzliche An- spruch auf Anwesenheit (Art. 34 AuG) gilt indes nicht ab solut. Gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG kann die Niederlassungsbewilligung widerrufen werden, wenn die ausländische Person in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen oder diese gefährdet hat. Der Wider rufsgrund gilt auch für Niederlassungs- bewilligungen ausländischer Personen, die sich seit mehr als 15 Jahren ununterbrochen und ordnungsgemäss in der Schweiz aufhalten (Art. 63 Abs. 2 AuG) und ist selbst dann möglich, wenn die ausländische Person in der Schweiz geboren wurd e und ihr ganzes bisheriges Leben hier zugebracht hat (BGE 139 I 31 E. 2.3.1; BGE 139 I 16 E. 2.2.1). Gemäss Art. 80 der Ver- ordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) vom 24. Oktober 2007 liegt ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnu ng unter anderem vor bei einer Miss- achtung von gesetzlichen Vorschriften und behördlichen Ve rfügungen (Abs. 1 lit. a) sowie bei mutwilliger Nichterfüllung der öffentlich-rechtlichen oder privatrechtlichen Verpflichtungen (Abs. 1 lit. b; vgl. S ILVIA HUNZIKER , in: Martina Caroni/Thomas Gächter/Daniela Thurnher r [Hrsg.], Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG], Bern 2010, Art. 62 N 36 f. mit Hinweisen). Der Widerruf muss zudem verhältnismässig se in (Art. 96 Abs. 1 AuG, BGE 139 I 145 E.2.2). 4.2 Im Gegensatz zum Widerruf einer Aufenthaltsbewill igung gemäss Art. 62 lit. c AuG, welcher voraussetzt, dass der Ausländer "erheblich oder wie derholt" gegen die öffentliche Si- cherheit und Ordnung verstossen hat, setzt der Widerruf der Niederlassungsbewilligung nach Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG voraus, dass ein solcher Verstos s "in schwerwiegender Weise" erfolgt ist. Damit werden vergleichsweise erhöhte Anforderungen an einen Bewilligungswiderruf ge- stellt, was sich eindeutig aus dem französischen Wortlaut d er genannten Bestimmungen ergibt. Während Art. 62 lit. c AuG von einem Verstoss "de maniè re grave ou répétée" spricht, wird in Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG die qualifizierte Formulier ung "de manière très grave" verwendet (BGE 137 II 297 E. 3.2). Zur Abgrenzung zwischen Art. 62 l it. c und Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG ist in ers- ter Linie auf den Stellenwert des beeinträchtigten Rechtsguts abzustellen. Die Praxis geht von der Erfüllung der qualifizierten Formulierung aus, we nn der Ausländer durch sein Handeln be- sonders hochwertige Rechtsgüter namentlich die körperliche, psychische und sexuelle Integrität eines Menschen verletzt oder in Gefahr gebracht hat. In des können auch vergleichsweise we- niger gravierende Pflichtverletzungen als "schwerwiegend" im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG bezeichnet werden (BGE 137 II 297 E. 3.3). Namen tlich kann auch eine Summierung von Verstössen, die für sich genommen für einen Widerruf ni cht ausreichen würden, einen Bewilli- gungsentzug rechtfertigen. Diesfalls ist nicht die Schwer e der verhängten Strafen, sondern die Vielzahl der Delikte entscheidend. Ein Widerruf der Nie derlassungsbewilligung ist somit auch dann möglich, wenn sich eine ausländische Person von stra frechtlichen Massnahmen nicht be- eindrucken lässt und damit zeigt, dass sie auch zukünftig wed er gewillt noch fähig ist, sich an die Rechtsordnung zu halten. Ob ein Ausländer willen s und in der Lage ist, sich in die hier gel- tende Ordnung einzufügen, ist anhand einer Gesamtbetr achtung seines Verhaltens zu beurtei- len (Urteil des Bundesgerichts 2C_846/2014 vom 16. Dezem ber 2014 E. 2.1; BGE 137 II 297 E. 3.3; Urteil des Bundesgerichts 2C_160/2013 vom 15. November 2013 E. 2.1.1; siehe auch ANDREAS ZÜND /L ADINA ARQUINT HILL , in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thoma s Geiser [Hrsg.], a.a.O. N 8.29; H UNZIKER , a.a.O., Art. 63 N 19; M ARC SPESCHA , in: Marc Spe- scha/Hanspeter Thür/Andreas Zünd/Peter Bolzli [Hrsg.], K ommentar Migrationsrecht, Zürich 2012, Art. 63 AuG N 10). 4.3 Aus den Verfahrensakten sowie dem Strafregisterauszug des Beschwerdeführers wird ersichtlich, dass dieser zwischen 1998 und 2013 regelmässig d elinquiert hat. Als Kind bzw. Ju- gendlicher hat er sich namentlich des (geringfügigen) Di ebstahles, des Raubes, der (mehrfa- chen) einfachen Körperverletzung, der mehrfachen gering fügigen Sachbeschädigung und der Beschimpfung schuldig gemacht. Ein jugendstrafrechtliche s Verfahren wegen sexueller Nöti- gung wurde eingestellt. Im Erwachsenenalter wurde er w egen einfacher und grober Verletzung der Verkehrsregeln, Fahrens ohne Haftpflichtversicherung, widerrechtlicher Aneignung von Kontrollschildern, Fahrens ohne Führer- bzw. Fahrzeugausw eis, Übertretens der Verkehrsre- gelverordnung, mehrfacher Widerhandlung gegen das Übe rtretungsstrafgesetz des Kantons Basel-Stadt sowie Fahrens in angetrunkenem Zustand ver urteilt. Im Übrigen wurde der Be- schwerdeführer auch nach erfolgter Verwarnung durch da s AfM am 24. September 2012 im Jahr 2013 erneut wegen mehrfacher einfacher und grober Verletzung von Verkehrsregeln ver- urteilt, womit er auch die körperliche Integrität Dr itter gefährdete. Selbst wenn einzelne dieser Delikte als geringfügig erscheinen mögen, ist deren Viel zahl bedenklich. Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer seit seinem Kindesalter Anlass zu Klagen gegeben hat. Dies offen- bart zweifelsohne auch eine gewisse Gleichgültigkeit gege nüber der schweizerischen Rechts- ordnung. Dazu kommt, dass gegen den Beschwerdeführer (namentlich wegen ihm in strafrecht- lichen Verfahren auferlegten Verfahrenskosten, Geldstra fen, Bussen, Steuerausständen, Lea- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht sing sowie nichtbezahlten Krankenkassenbeiträgen) gemäss Betreibungsregisterauszug vom 31. März 2014 32 Betreibungen über Fr. 58‘946.30 und 19 offene Verlustscheine in der Höhe von Fr. 47‘218.80 bestehen. Er ist somit seinen öffentl ich-rechtlichen und privatrechtlichen Ver- pflichtungen über einen längeren Zeitraum und in ein em nicht unbedeutenden Ausmass nicht nachgekommen. Demgegenüber ist festzuhalten, dass der Gr ossteil der verübten Delikte im Kindes- bzw. Jugendalter verübt worden ist und diese mi ttlerweile 6 ½ Jahre zurückliegen. Die Straftaten haben zudem vergleichsweise eher milde Kon sequenzen nach sich gezogen: im Ju- gendalter wurde er zu Arbeitsleistungen von maximal 30 T agen sowie einmal bedingt zu drei Monaten Freiheitsentzug und im Erwachsenenalter ausschliesslich wegen Strassenverkehrsde- likten zu (teilweise bedingten) Bussen und Geldstrafen ve rurteilt. Das Fehlverhalten des Be- schwerdeführers soll nicht bagatellisiert werden, doch ist fraglich, ob er den Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG erfüllt. Diese Frage kann vorliegend offen bleiben, zumal sich der Wi- derruf der Niederlassungsbewilligung – wie nachfolgen d aufzuzeigen sein wird (vgl. E. 5.1 ff.) – als unverhältnismässig erweist. 5.1 Der Widerruf der Niederlassungsbewilligung soll n ur verfügt werden, wenn diese Mas- snahme im Einzelfall gestützt auf eine umfassende Güter abwägung verhältnismässig erscheint (vgl. Art. 96 AuG; Urteil des Bundesgerichts 2C_846/2014 vom 16. Dezember 2014 E. 2.2; BGE 139 I 145 E. 2.2). Dabei sind alle Umstände des Einzelf alls zu berücksichtigen und die öffentli- chen und privaten Interessen sorgfältig gegeneinander ab zuwägen (MARTINA CARONI , in: Marti- na Caroni/Thomas Gächter/Daniela Thurnherr [Hrsg.], a. a.O., Art. 51 N 3; A NDREAS ZÜND /LADINA ARQUINT HILL , a.a.O., N 8.48). Verlangt ist insofern eine Abwägun g der sich ge- genüberstehenden privaten Interessen am weiteren Aufen thalt und der öffentlichen Interessen an dessen Beendigung, wobei Letztere in dem Sinne überwiegen müssen, dass sich der Eingriff als notwendig erweist. Analoge Voraussetzungen ergeben si ch aus Art. 36 BV im Hinblick auf einen Eingriff in Art. 13 BV und aus Art. 8 Ziff. 2 EMRK im Hinblick auf einen Eingriff in Art. 8 EMRK (vgl. BGE 135 I 143 E. 2.1 mit Hinweisen). Nach der Rechtsprechung des EGMR zu Art. 8 EMRK sind zur Beurteilung der Zulässigkeit aufent haltsbeendender Massnahmen bei ausländischen Personen der zweiten Generation dieselben Kriterien heranzuziehen, die das Bundesgericht landesrechtlich anwendet (Z ÜND /H UGI YAR , a.a.O., S. 13; BGE 139 I 31 E. 2.3.3). Daraus folgt, dass eine Massnahme, die sich im Sinne von Art. 96 Abs. 1 AuG als verhältnis- mässig erweist, grundsätzlich auch der Prüfung nach Art. 8 EMRK standhält (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_218/2010 vom 27. Juli 2010 E. 4). 5.2 Die Niederlassungsbewilligung eines Ausländers, der sich während langer Zeit in der Schweiz aufgehalten hat, ist nur mit besonderer Zurückha ltung zu widerrufen (BGE 139 I 16 E. 2.2; Urteil des Bundesgerichts 2C_904/2013 vom 20 . Juni 2014 E. 2.2). Bei jungen Erwach- senen, welche im Aufnahmestaat sozialisiert wurden, aber noch keine eigene Familie gegründet haben, besteht im Falle überwiegend nicht gewalttäti ger Delikte grundsätzlich nur wenig Raum für die Rechtfertigung einer Aufenthaltsbeendigung. E s bedarf in der Regel sehr gewichtiger Gründe, um die aufenthaltsbeendende Massnahme bei die ser Ausgangslage nicht als konven- tionswidrig erscheinen zu lassen. Die Wiedereingliederu ngschancen, die gefährdet erscheinen, wenn die familiären und sozialen Banden aufgelöst werd en und die Person im Gaststaat ihre Wurzeln verliert, ist bei der Interessenabwägung jeweils von besonderem, aber nicht allein aus- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht schlaggebendem Gewicht, falls die ausländische Person mit i hrem Heimatstaat nicht viel mehr verbindet als lediglich (noch) eine reine (weitgehend nicht mehr gelebte) Staatsbürgerschaft (Urteil des Bundesgerichts 2C_445/2014 vom 2. Dezembe r 2014 E. 2.5; Urteil des Bundesge- richts 2C_166/2013 vom 12. November 2013 E. 2.3; für e ine Übersicht über die Rechtspre- chung zur Interessenabwägung bei Ausländern der zweiten Generation vgl. Urteil des Bundes- gerichts 2C_28/2012 vom 18. Juli 2012 E. 3.4). Die anzu wendenden Kriterien bestehen nach der Rechtsprechung zunächst aus der Art und Schwere der vom Betroffenen begangenen Straf- taten, wobei besonders ins Gewicht fällt, ob er diese a ls Jugendlicher oder als Erwachsener begangen und es sich dabei um Gewaltdelikte gehandelt hat oder nicht. Weiter sind die Dauer des Aufenthalts im Land, die seit der Tatbegehung vers trichene Zeit und das seitherige Verhal- ten des Betroffenen zu berücksichtigen. Zu beachten sind sodann die sozialen, kulturellen und familiären Bindungen zum Aufenthaltsstaat und zum Herk unftsland, der gesundheitliche Zu- stand sowie die mit der aufenthaltsbeendenden Massnahme verbundene Dauer der Fernhal- tung (Urteil des Bundesgerichts 2C_846/2014 vom 16. D ezember 2014 E. 2.3; BGE 139 I 145 E. 2.4; BGE 139 I 31 E. 2.3.3; Urteil des EGMR Gabli shvili gegen Russland [39428/12] vom 26. Juni 2014 § 47; Urteil des EGMR Kissiwa Koffi gegen die Schweiz [38005/07] vom 15. November 2012 § 63; Urteil des EGMR Emre gegen d ie Schweiz [42034/04] vom 23. Juni 2008 § 65 ff.). 6. Somit bleibt nachfolgend anhand der dargelegten R echtslage zu prüfen, wie unter Be- rücksichtigung der konkreten Umstände des vorliegenden Einz elfalles die öffentlichen Interes- sen an einem Widerruf der Niederlassungsbewilligung und einer Wegweisung des Beschwerde- führers im Gegensatz zu den privaten Interessen des Beschwer deführers an einem Verbleib in der Schweiz zu gewichten sind. 6.1 Der Beschwerdeführer weist eine beachtliche Anzahl von strafrechtlichen Verurteilun- gen auf. Die Mehrzahl der Delikte konzentriert sich dabei auf ein en Zeitraum zwischen dem 8. und 17. Altersjahr des Beschwerdeführers, d.h. er ist somit überwiegend als Kind und Ju- gendlicher straffällig geworden. Im Erwachsenenalter hat er ausschliesslich Strassenverkehrs- delikte verübt, wobei er dafür jeweils zu Bussen und Gel dstrafen verurteilt wurde. Seine letzte Verkehrsregelverletzung (Geschwindigkeitsüberschreitung) ha t er am 13. Juni 2013 begangen (vgl. Strafbefehl der Staatsanwaltschaft vom 10. Oktober 2013,S. 2). 6.2.1 Hinsichtlich dessen Legal-Biographie zeichnet der B eschwerdegegner vom Beschwer- deführer das Bild eines notorischen Gewohnheitsdelinquen ten, der weder gewillt noch fähig erscheine, die hiesige Rechtsordnung zu respektieren und damit die öffentlichen Interessen klar überwiegen würden. Diese Betrachtungsweise greift jedoch aus heutiger Sicht zu kurz. 6.2.2 Wie sich aus den Akten ergibt, verletzte der Be schwerdeführer seit seiner Kindheit wiederholt soziale Normen . Bereits als 8-jähriger Schüler beging er geringfügige Vermögensde- likte, wurde von der Schule ausgeschlossen, da er seine Mitschüler und Erwachsene – zum Teil unter massiver Gewaltanwendung – bedroht hatte. Schliessl ich wurde den Eltern die elterliche Sorge entzogen, der Beschwerdeführer zunächst in einer Pflegefamilie und anschliessend im E.____ platziert. Zufolge eines Vorwurfs der sexuellen Belästigung im Heim musste er in den Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht H.____ umplatziert werden, wo er die Anlehre als Lan dwirtschaftsangestellter absolvierte. Nach seinem dortigen Austritt hat er für verschiedene Firmen gearbeitet und ist erst seit dem 16. Juni 2014 bei der J.____ AG als Bauarbeiter angestellt. Di e Verfahrensakten zeichnen das Bild ei- nes halt- und orientierungslosen jungen Menschen, der au ch mit dem Übergang von schwieri- gen Jugendjahren in die Erwachsenenwelt überfordert w ar. Wie er anlässlich der heutigen Ver- handlung selbst ausführte, legte er selbst in diesem L ebensabschnitt noch immer ein ausge- prägtes Fehlverhalten in mehreren Lebensbereichen an den Tag. Im Rahmen seiner Temporär- stellen hat er immerhin ab und zu ein Einkommen erziel t, doch ist es ihm nicht gelungen, für seinen eigenen Lebensunterhalt aufzukommen und ein ge regeltes Einkommen zu erzielen, da er die Anstellungen bereits nach kurzer Zeit immer wie der aufgegeben hatte. Zudem lebte er weit über seine finanziellen Möglichkeiten hinaus und häufte dadurch Schulden an. Offensicht- lich bekundete der Beschwerdeführer grosse Mühe beim Anpa ssungsprozess an die Normen und Erwartungen der Erwachsenenwelt. Gemäss seinen heutigen Ausführungen fühlte er sich oft falsch verstanden, schlecht behandelt und alleine. Di e von ihm in dieser Zeit begangenen leichten Strassenverkehrsdelikte sind als typisch für die De linquenz von Jugendlichen und jun- gen Erwachsenen in dieser Lage zu bewerten (vgl. M ICHAEL STUDER , Jugendliche Intensivtäter in der Schweiz, Zürich 2013, S. 4; PETER AEBERSOLD , Schweizerisches Jugendstrafrecht, Bern 2007, S. 18). Bemerkenswert ist dabei, dass der Beschwer deführer trotz seiner Vergehen ge- wisse Grenzen nie überschritt, insbesondere, dass keine Stei gerung der an den Tag gelegten kriminellen Energie erkennbar ist und dass er keine Taten beging, die eine besorgniserregende Geringschätzung von besonders hohen Rechtsgütern oder eine niederträchtige Gesinnung of- fenbaren würden. Obwohl die von ihm zu verantwortenden Verkehrsdelikte nicht zu verharmlo- sen sind, so zeugen sie doch in erster Linie von einem m angelhaft ausgebildeten Verantwor- tungsbewusstsein und damit einer unreifen Persönlichkei t. Bei einer vertieften Gesamtwürdi- gung der vorliegenden Sachlage weisen die Delinquenz des Beschwerdeführers und dessen Probleme mit der Integration in den Arbeitsmarkt vor a llem auf Defizite in der Persönlichkeits- entwicklung hin. 6.2.3 Die überwiegende Mehrheit der Frühdelinquente n tritt später nicht mehr als Straftäter in Erscheinung und die überwiegende Zahl selbst der star k delinquenzbelasteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen bricht ihre Delinquenzkarriere als Erwachsene ab (vgl. Botschaft zur Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes sowie zu einem Bundesgesetz über das Jugendstrafrecht vom 21. September 1 998, Bundesblatt [BBl] 1999 II 1979, S. 2081 mit weiteren Hinweisen; A EBERSOLD , a.a.O., S. 14 f.). Im vorliegenden Fall be- stehen verschiedene konkrete Anzeichen dafür, dass der Beschwerdeführer seit Juni 2013 eine beachtenswerte charakterliche Reifung durchgemacht hat, dass er ernsthaft den Abbruch der kriminellen Karriere anstrebt und dass ihm der Ausstieg a us der Delinquenz nachhaltig gelun- gen sein könnte. So hat er sich in den letzten 1 ¾ Jahren deliktfrei ver halten. Zudem sei die Beziehung zu seiner Familie eng, er wohne wieder bei den Eltern und die Geschwister besuche er regelmässig. Auch an der heutigen Parteiverhandlung bringt er seinen Willen mehrfach zum Ausdruck, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich eine neue, deliktfreie Zukunft auf- zubauen. In beruflicher Hinsicht ist festzuhalten, dass sich der Beschwerdeführer seit Juni 2014 in einer unbefristeten Anstellung befindet, die ihm se hr gefalle. Zudem hat ihn sein aktueller Arbeitgeber im Juni 2014 zum zweiten Mal angestellt. Im ersten Anlauf im Jahr 2009 hatte sich Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Beschwerdeführer – wie er heute selbst einräumte – nicht bewährt. Er sei oft zu spät ge- kommen und habe schliesslich die Kündigung erhalten. Sein Fehlverhalten habe er in der Folge sehr bedauert habe. Dass der Arbeitgeber ihn nun wiede r einstellt, zeugt doch von einem ge- wissen Vertrauen in den Beschwerdeführer. Gemäss heutige r Aussage anlässlich der Partei- verhandlung laufe es bei der Arbeit sehr gut und der B eschwerdeführer sei bestrebt, beruflich aufzusteigen. Diese positive Entwicklung wird untermaue rt durch die vom Beschwerdeführer freiwillig beim Betreibungsamt beantragte Lohnpfändung (vgl. Schreiben des Betreibungsamtes L.____ vom 22. August 2014). Im heutigen Verfahren hat er die regelmässige Abzahlung seiner Schulden bestätigt. Er zahle jeden Monat einen relevan ten Betrag seiner Schulden ab. Dazu kommt, dass er sich seit Dezember 2014 vom M.____ beraten lässt (vgl. Schreiben M.____ vom 11. Februar 2015). Auch wenn ein Wohlverhalten u nter dem Druck von strafrechtlichen und ausländerrechtlichen Verfahren mit Vorsicht zu würdig en ist, so darf vorliegend bei einer Gesamtbetrachtung davon ausgegangen werden, dass sich be im Beschwerdeführer ein Reso- zialisierungsprozess in Gang gesetzt hat und dass er heute gewillt und fähig ist, sich an die gel- tende Rechtsordnung zu halten. Als Stabilisierungsfaktoren sind seit der Phase der rege lmässi- gen Delinquenz insbesondere die (wieder) intakte Verb indung zu seiner Familie sowie der ge- lungene Schritt in eine geregelte Erwerbstätigkeit h inzugekommen. Aufgrund der genannten Umstände ist zum heutigen Zeitpunkt – entgegen der Ansi cht des Beschwerdegegners – von einer positiven Legalprognose auszugehen. 6.3 Bei der Ermittlung der sozialen, kulturellen und f amiliären Bindungen zum Aufenthalts- staat und zum Herkunftsland des heute 24-jährigen Beschwe rdeführers ist dem Umstand, dass er mit knapp einjährig in die Schweiz eingereist, hier aufgewachsen und sich sein Lebensmittel- punkt – bis auf einige wenige Monate − nie woanders be funden hat, grosses Gewicht beizu- messen. Der Beschwerdeführer spricht schweizerdeutsch und pflegt ausschliesslich zu hier lebenden Personen soziale Kontakte, seine gesamte nähere Familie – die Eltern und die Ge- schwister – lebt in der Region. Er scheint inzwischen in d en Arbeitsmarkt integriert zu sein. Ne- ben seiner Staatsbürgerschaft verbindet ihn nur wenig m it dem Kosovo. Er spricht zwar die Sprache, das Land kennt er aber nur aus sporadischen Fer ienaufenthalten bzw. aus dem ein- maligen, längeren und unfreiwilligen Aufenthalt mit elf Jahren. Zu den im Kosovo lebenden ent- fernten Verwandten pflegt er praktisch keinen Kontakt. Die Schweiz und das hiesige familiäre Umfeld verlassen zu müssen, würde ihn und sein soziales Umf eld somit hart treffen. Er würde sein Einkommen verlieren, wodurch auch seine Gläubige r zu Schaden kämen. Er müsste sich in einer für ihn fremden Gesellschaft zurechtfinden. S eine Berufsausbildung (Anlehre als Land- wirtschaftsangestellter) würde ihm den Einstieg in den A rbeitsmarkt zusätzlich erschweren. Auch wenn der Beschwerdeführer noch jung, ledig, kinder los und gesund ist, zudem die Spra- che seines Heimatlandes spricht und den Kosovo von seinen wenigen Aufenthalten her kennt, wäre eine Rückkehr aufgrund der heutigen Sachlage zweif ellos mit gravierenden persönlichen und wirtschaftlichen Nachteilen verbunden. Des Weiteren wäre die Wegweisung dauerhaft, denn der Beschwerdeführer verfügt nach dem Entzug der N iederlassungsbewilligung über kei- nen Rechtsanspruch auf Bewilligung des Aufenthalts, der es ihm erlauben würde, nach einer angemessenen Dauer klaglosen Verhaltens im Ausland eine Neubeurteilung der in der Schweiz ausgesprochenen Entfernungsmassnahme zu verlangen. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.4 Zusammenfassend ist zunächst daran zu erinnern, dass in Fällen, in denen Ausländer praktisch ihr gesamtes Leben in der Schweiz verbracht hab en, von der Wegweisung nur be- sonders zurückhaltend Gebrauch zu machen und diese umso w eniger zulässig ist, je geringfü- giger der Aufenthaltsbeendigungsgrund, namentlich die allfällige Straffälligkeit, der ausländi- schen Person ist. Vorliegend handelt es sich bei den vom Beschwerdeführer begangenen Straf- taten nicht um schwere Gewalt-, Sexual- oder Betäubun gsmitteldelikte. Die Umstände seiner Delinquenz offenbaren ebenso wenig eine Gemeingefähr lichkeit. Mittlerweile kann aufgrund seiner positiven Entwicklung auch nicht mehr von einer no torischen Uneinsichtigkeit oder schlechten Legalprognose ausgegangen werden. Die äusserst gewichtigen Gründe, welche die Rechtsprechung für eine aufenthaltsbeendende Massnahme bei Ausländern der zweiten Gene- ration fordert, welche – wie ausgeführt – auch auf de n Beschwerdeführer anzuwenden ist, lie- gen nicht vor. Es besteht deshalb kein öffentliches Sich erheitsinteresse an der Wegweisung des Beschwerdeführers, welches das private Interesse des Be schwerdeführers an einem Ver- bleib in der Schweiz überwiegt. Dieses private Interesse ist erheblich, denn der Beschwerdefüh- rer ist wie ein Ausländer der zweiten Generation zu be handeln, und ihn verbindet nur wenig mit dem Kosovo. Der Widerruf der Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung erweisen sich im vorliegenden Einzelfall als unverhältnismässig. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gut- zuheissen und der angefochtene Entscheid ist aufzuheben. Erweist sich die Beschwerde als begründet, muss auch der Entscheid über die Kosten im v orinstanzlichen Verfahren neu gefällt werden. 7. Es bleibt über die Kosten des vorliegenden Verfahre ns zu befinden. 7.1 Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor Kantonsg ericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren und die Be weiskosten und werden in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausma ss, nicht jedoch der Vorinstanz, auf- erlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Da vorliegend der Beschwerde gegner als Vorinstanz unterlegen ist, werden keine Verfahrenskosten erhoben. 7.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann gest ützt auf § 21 Abs. 1 VPO für den Beizug einer Anwältin oder eines Anwalts eine angemesse ne Parteientschädigung zu Lasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Der Rechtsvertrete r des Beschwerdeführers macht in seiner Honorarnote vom 25. Februar 2015 einen Zeitauf wand von 22.40 Stunden à Fr. 250.-- sowie von 2.1 Stunden à Fr. 120.-- (Volontär) geltend. Dieser Aufwand betrifft sowohl das regie- rungsrätliche als auch das kantonsgerichtliche Verfahren. Von der Gerichtskasse können je- doch nur die Aufwendungen für das verwaltungsgerichtlich e Beschwerdeverfahren übernom- men werden. Der ab dem 4. Oktober 2014 aufgeführte Zeitaufwand beträgt 10.85 Stunden, wo- bei davon 8.85 Stunden à Fr. 250.-- und 2 Stunden à Fr. 120.-- zu vergüten sind. Dazu bean- tragt er den Ersatz von Auslagen in der Höhe von Fr. 5 9.--. Für die heutige Parteiverhandlung ist dem Rechtsvertreter ein zusätzlicher Aufwand von 3 Stu nden auszurichten. Demzufolge hat der Beschwerdegegner dem Beschwerdeführer eine Parteie ntschädigung in der Höhe von ins- gesamt Fr. 3‘517.95 (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Entscheid des Regierungsrates des Kantons Basel-Landschaft Nr. 1464 vom 30. September 2014 auf- gehoben. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Koste n des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat des Kantons Basel-La ndschaft zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Dem Beschwerdeführer wird der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1‘800.-- zurückerstattet. 4. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat de m Beschwerde- führer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3‘517.95 (inkl. Aus- lagen und 8 % MWSt) auszurichten. Vorsitzender Gerichtsschreiberin