<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">123</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>20</b></span> <span class="ft3"><b>Ausschaffungshaft; unbekannter Aufenthalt; Verhältnismässigkeit</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Der Aufenthalt einer ausländischen Person ohne festen Wohnsitz gilt</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nicht als unbekannt, wenn sich diese regelmässig bei den Behörden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>meldet und zumindest telefonisch kontaktiert werden kann.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Unverhältnismässigkeit der Ausschaffungshaft, wenn Behörden trotz</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Ausreiseverpflichtung mit Blick auf die Papierbeschaffung jahrelang</b></span><br/> <span class="ft3"><b>untätig sind</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft5">vom 24. Mai 2017, i.S. Amt für Migration und Integration gegen A.</span><br/> <span class="ft5">(WPR.2017.88)</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Gesuchsgegner erklärte sich anlässlich des rechtlichen Ge-</span><br/> <span class="ft1">hörs vom 23. Mai 2017 sowie an der heutigen Verhandlung zwar be-</span><br/> <span class="ft1">reit, nach Serbien auszureisen, kündigte aber an, sofort wieder in die</span><br/> <span class="ft1">Schweiz zurückzukehren. Im Wesentlichen gab er anlässlich der Ver-</span><br/> <span class="ft1">handlung zu Protokoll, er sei in den vergangenen Jahren zwar ohne</span><br/> <span class="ft1">festen Wohnsitz gewesen, habe sich jedoch stets bei der Gemeinde</span><br/> <span class="ft1">gemeldet und sei telefonisch jederzeit erreichbar gewesen. Er sei so-</span><br/> <span class="ft1">mit nicht untergetaucht oder habe sich der Wegweisung aus der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz entziehen wollen, vielmehr sei er sich nicht darüber im Kla-</span><br/> <span class="ft1">ren gewesen, dass er von der Polizei wegen illegalen Aufenthaltes</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">124</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">festgenommen werden könnte. Er habe zwar Kenntnis vom Vorliegen</span><br/> <span class="ft1">des Wegweisungsentscheides, jedoch sei ihm die Konsequenz - näm-</span><br/> <span class="ft1">lich seine Ausreisepflicht aus der Schweiz - nicht bewusst gewesen.</span><br/> <span class="ft1">Der Gesuchsteller bringt vor, dass sich der Gesuchsgegner wäh-</span><br/> <span class="ft1">rend Jahren beharrlich geweigert habe, seiner Mitwirkungspflicht bei</span><br/> <span class="ft1">der Papierbeschaffung nachzukommen. Gemäss eigenen Angaben</span><br/> <span class="ft1">habe er sich erfolglos beim serbischen Konsulat um Papiere bemüht,</span><br/> <span class="ft1">dies habe er jedoch nie belegen können. Mit dieser fehlenden Koope-</span><br/> <span class="ft1">ration sowie mit den Versäumnissen betreffend Verlängerung seiner</span><br/> <span class="ft1">Aufenthaltsbewilligung und Regelung seiner Meldeverhältnisse habe</span><br/> <span class="ft1">der Gesuchsgegner gezeigt, dass er sich behördlichen Anforderungen</span><br/> <span class="ft1">widersetze. Zudem habe der Gesuchsgegner ab Ende Oktober 2014</span><br/> <span class="ft1">als unbekannten Aufenthalts gegolten, was gemäss MIKA als Unter-</span><br/> <span class="ft1">tauchen zu werten sei.</span><br/> <span class="ft1">Dieser Auffassung kann nicht vollumfänglich gefolgt werden.</span><br/> <span class="ft1">Dem Gesuchsgegner fällt es offensichtlich schwer, sich konform in</span><br/> <span class="ft1">die hiesigen gesellschaftlichen Strukturen einzufügen, insbesondere</span><br/> <span class="ft1">der Umgang mit Behörden scheint ihm Mühe zu bereiten. Dies ist</span><br/> <span class="ft1">wohl auf seine Persönlichkeitsstruktur und seinen bisherigen Lebens-</span><br/> <span class="ft1">lauf sowie auf den Umstand zurückzuführen, dass er seit dem Ge-</span><br/> <span class="ft1">trenntleben von seiner Mutter und dem damit verbundenen Verlust</span><br/> <span class="ft1">einer Tagesstruktur und von finanzieller Autonomie jeglichen Halt</span><br/> <span class="ft1">verloren hat. Nach dem Gesagten erscheint fraglich, inwieweit ihm</span><br/> <span class="ft1">seine fehlende Mitwirkung bei der Papierbeschaffung vorgeworfen</span><br/> <span class="ft1">werden kann. Dies gilt umso mehr, als offensichtlich ist, dass der Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsgegner einzig mit finanzieller Unterstützung nicht von sozialer</span><br/> <span class="ft1">Verwahrlosung bewahrt werden konnte. Anlässlich der Verhandlung</span><br/> <span class="ft1">vermochte der Gesuchsgegner glaubhaft darzulegen, dass bei ihm</span><br/> <span class="ft1">nicht von einem klassischen Untertauchen gesprochen werden kann</span><br/> <span class="ft1">und sich der Gesuchsgegner auch nicht bewusst einer Wegweisung</span><br/> <span class="ft1">entzogen hat. Zudem zeigte er sich bereit, sich dem MIKA zur Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung zu halten, Termine wahrzunehmen und sicherzustellen, dass all-</span><br/> <span class="ft1">fällige Schreiben - trotz fehlenden festen Wohnsitzes - zu ihm ge-</span><br/> <span class="ft1">langen würden. So gab er die Adresse eines Freundes an, an welchen</span><br/> <span class="ft1">für ihn bestimmte Schreiben gerichtet werden können. In Anbetracht</span><br/> <span class="ft1">der Tatsache, dass der von ihm erwähnte Freund - B.F. - bei der An-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">125</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">haltung des Gesuchsgegners anwesend war, polizeilich zu Protokoll</span><br/> <span class="ft1">gab mit diesem befreundet zu sein und dass dieser ab und an bei ihm</span><br/> <span class="ft1">in der Wohnung schlafen würde und die beiden somit Kontakt zu-</span><br/> <span class="ft1">einander haben, erscheint diese Aussage plausibel. Sodann gab er an,</span><br/> <span class="ft1">für das MIKA über sein Mobiltelefon, welches er seit Jahren besitze,</span><br/> <span class="ft1">telefonisch erreichbar zu sein.</span><br/> <span class="ft1">Dennoch ist nicht völlig abwegig, wenn der Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft1">davon ausging, der Gesuchsgegner biete keine Gewähr, dass er ord-</span><br/> <span class="ft1">nungsgemäss aus der Schweiz ausreisen werde. Sowohl anlässlich</span><br/> <span class="ft1">des rechtlichen Gehörs vom 23. Mai 2017 als auch während der</span><br/> <span class="ft1">heutigen Verhandlung gab dieser seine Rückreisebereitschaft zwar zu</span><br/> <span class="ft1">Protokoll, fügte jedoch hinzu, sogleich wieder in die Schweiz</span><br/> <span class="ft1">zurückzukehren. Aufgrund dieser Aussage durfte der Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft1">davon ausgehen, dass der Gesuchsgegner einen für ihn gebuchten</span><br/> <span class="ft1">Rückflug effektiv nicht freiwillig antreten werde. Unter diesen Um-</span><br/> <span class="ft1">ständen ist die Untertauchensgefahr zu bejahen, womit der Haftgrund</span><br/> <span class="ft1">von Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 und 4 AuG erfüllt ist.</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Es stellt sich die Frage, ob die Haftanordnung deshalb nicht zu</span><br/> <span class="ft1">bestätigen sei, weil sie im konkreten Fall gegen das Prinzip der Ver-</span><br/> <span class="ft1">hältnismässigkeit verstossen würde.</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Zunächst ist festzuhalten, dass die Anordnung einer Ausschaf-</span><br/> <span class="ft1">fungshaft einen Eingriff in die Bewegungsfreiheit der betroffenen</span><br/> <span class="ft1">Person und damit einen Eingriff in das Grundrecht der persönlichen</span><br/> <span class="ft1">Freiheit beinhaltet (Art. 10 Abs. 2 BV). Wie jeder Eingriff in ein</span><br/> <span class="ft1">Freiheitsrecht bedarf gemäss Art. 36 BV auch die Anordnung einer</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffungshaft einer gesetzlichen Grundlage. Zudem muss die</span><br/> <span class="ft1">Einschränkung durch ein öffentliches Interesse oder durch den</span><br/> <span class="ft1">Schutz von Grundrechten Dritter gerechtfertigt und im konkreten</span><br/> <span class="ft1">Fall verhältnismässig sein.</span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">Dass mit Art. 76 AuG eine gesetzliche Grundlage für die Ein-</span><br/> <span class="ft1">schränkung der Bewegungsfreiheit vorliegt, ist offensichtlich und be-</span><br/> <span class="ft1">darf keiner weiteren Ausführungen. Gleiches gilt für das grundsätz-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">126</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">liche Bestehen eines öffentlichen Interesses an der Inhaftierung zur</span><br/> <span class="ft1">Sicherstellung des Vollzugs der Ausschaffung aus der Schweiz.</span><br/> <span class="ft1">4.4.</span><br/> <span class="ft1">4.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Weiter ist zu prüfen, ob die angeordnete Massnahme geeignet</span><br/> <span class="ft1">ist, den angestrebten Zweck zu erreichen; ob sie sodann notwendig</span><br/> <span class="ft1">ist oder ob zur Erreichung des Zwecks auch eine mildere Massnahme</span><br/> <span class="ft1">genügen würde, und schliesslich, ob die Massnahme verhältnismäs-</span><br/> <span class="ft1">sig im engeren Sinne ist, d.h. ein überwiegendes öffentliches Inte-</span><br/> <span class="ft1">resse an der Massnahme besteht.</span><br/> <span class="ft1">Die genannten Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein.</span><br/> <span class="ft1">Ist dies nicht der Fall, ist die Inhaftierung nicht rechtmässig und nicht</span><br/> <span class="ft1">zu bestätigen.</span><br/> <span class="ft1">4.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Dass die Inhaftierung eines Betroffenen grundsätzlich geeignet</span><br/> <span class="ft1">ist, den Vollzug der Wegweisung sicherzustellen, liegt auf der Hand.</span><br/> <span class="ft1">4.4.3.</span><br/> <span class="ft1">Mit Blick auf die Notwendigkeit der Inhaftierung ist festzuhal-</span><br/> <span class="ft1">ten, dass der Gesuchsgegner anlässlich der Verhandlung zu Protokoll</span><br/> <span class="ft1">gab, er werde sich trotz fehlenden festen Wohnsitzes dem MIKA</span><br/> <span class="ft1">stets zur Verfügung halten. Zudem ergibt sich aus den Akten, dass</span><br/> <span class="ft1">der Gesuchsgegner trotz Obdachlosigkeit immer wieder in Kontakt</span><br/> <span class="ft1">mit den Gemeindebehörden stand.</span><br/> <span class="ft1">Es ist somit zumindest fraglich, ob sich die Anordnung einer</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffungshaft für die Sicherstellung des Wegweisungsvollzuges</span><br/> <span class="ft1">als notwendig erweist. Dies kann jedoch mit Blick auf die nachste-</span><br/> <span class="ft1">henden Ausführungen offen gelassen werden.</span><br/> <span class="ft1">4.4.4.</span><br/> <span class="ft1">Wie jede Massnahme ist auch die Anordnung einer Ausschaf-</span><br/> <span class="ft1">fungshaft nur dann verhältnismässig im engeren Sinne, wenn ein</span><br/> <span class="ft1">überwiegendes öffentliches Interesse besteht.</span><br/> <span class="ft1">Zweifellos besteht seitens des MIKA ein gewichtiges öffent-</span><br/> <span class="ft1">liches Interesse daran, den Vollzug von rechtskräftigen Wegwei-</span><br/> <span class="ft1">sungen durchsetzen zu können. Andererseits scheint das MIKA der</span><br/> <span class="ft1">Durchsetzung der Ausreiseverpflichtung bislang keine allzu grosse</span><br/> <span class="ft1">Priorität gegeben zu haben. Immerhin ist dem MIKA seit Jahren be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">127</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">kannt, dass der Gesuchsgegner ohne gültige heimatliche Ausweis-</span><br/> <span class="ft1">papiere in der Schweiz lebt und eine legale Ausreise unter den gege-</span><br/> <span class="ft1">benen Umständen gar nicht möglich war und ist. Trotzdem hat es das</span><br/> <span class="ft1">MIKA unterlassen, im Nachgang zur Wegweisungsverfügung vom</span><br/> <span class="ft1">10. November 2015 irgendwelche Schritte in Bezug auf die Beschaf-</span><br/> <span class="ft1">fung von Ersatzreisepapieren zu unternehmen. Mit andern Worten</span><br/> <span class="ft1">wurde die Ausschaffungshaft angeordnet, obwohl unklar ist, ob der</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegner überhaupt noch in einem serbischen Register ver-</span><br/> <span class="ft1">zeichnet ist und wie lange die Papierbeschaffung dauern wird. An-</span><br/> <span class="ft1">lässlich der mündlichen Verhandlung gab der Vertreter des MIKA so-</span><br/> <span class="ft1">dann zu Protokoll, aufgrund der unklaren Situation im Heimatland</span><br/> <span class="ft1">könne es Monate dauern, bis ein Ersatzreisepapier beschafft werden</span><br/> <span class="ft1">könne.</span><br/> <span class="ft1">Bei dieser Sachlage wäre es offensichtlich unverhältnismässig,</span><br/> <span class="ft1">einen hier geborenen und seit über 30 Jahren in der Schweiz leben-</span><br/> <span class="ft1">den Ausländer während Monaten in Ausschaffungshaft zu nehmen.</span><br/> <span class="ft1">Dies umso mehr, als nicht erstellt ist, dass sich der Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft1">nicht an konkrete Anweisungen des MIKA halten wird. Vielmehr ist</span><br/> <span class="ft1">einzig notorisch, dass der Gesuchsgegner aufgrund seiner Lebenssi-</span><br/> <span class="ft1">tuation grösste Mühe bekundet, seinen Verpflichtungen ohne fremde</span><br/> <span class="ft1">Hilfe rechtskonform nachzukommen und er wohl längst einer kon-</span><br/> <span class="ft1">kreten faktischen Unterstützung bedurft hätte.</span><br/> <span class="ft1">4.5.</span><br/> <span class="ft1">Aus den genannten Gründen erweist sich die angeordnete Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffungshaft als nicht verhältnismässig im engeren Sinne und ist</span><br/> <span class="ft1">somit nicht zu bestätigen.</span><br/> <span class="ft1">Selbstverständlich steht es dem MIKA frei, dem Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft1">eine Meldepflicht aufzuerlegen. Sollte sich zu einem späteren Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt herausstellen, dass sich der Gesuchsgegner nicht daran oder an</span><br/> <span class="ft1">andere Weisungen des MIKA hält, steht es dem MIKA frei, erneut</span><br/> <span class="ft1">die Anordnung einer Ausschaffungshaft zu prüfen.</span><br/></div> </div> </body> </html>