<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 23 S.75</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">75</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>23</b></span> <span class="ft2"><b>Entschädigung für ungerechtfertigte Untersuchungshaft:</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Gesuchsteller, der sich zu Unrecht einem Auslieferungsbegehren der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schweizerischen Behörden widersetzt, hat die dadurch bewirkte</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verlängerung der Haft allein zu vertreten und diesbezüglich keinen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Anspruch auf Entschädigung.</b></span><br/> <br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 3. Juli 2003 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen Staatsanwaltschaft gegen A. M.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Nach § 23 Abs. 2 KV ist bei ungesetzlichem oder</span><br/> <span class="ft1">unbegründetem Freiheitsentzug voller Ersatz des Schadens und</span><br/> <span class="ft1">allenfalls Genugtuung geschuldet. Gestützt auf § 164 Abs. 3 i.V.m.</span><br/> <span class="ft1">§</span> <span class="ft1">140 Abs.</span> <span class="ft1">1 StPO ist dem Freigesprochenen für die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">76</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Untersuchungshaft und andere Nachteile, die er erlitten hat, zu</span><br/> <span class="ft1">Lasten des Staates eine Entschädigung zu gewähren. Diese kann aber</span><br/> <span class="ft1">verweigert werden, wenn der Beschuldigte das Verfahren durch ein</span><br/> <span class="ft1">verwerfliches oder leichtfertiges Benehmen verschuldet oder</span><br/> <span class="ft1">erschwert hat. Der Entschädigungsanspruch nach § 140 Abs. 1 StPO</span><br/> <span class="ft1">für erlittene Untersuchungshaft beinhaltet nach ständiger Praxis des</span><br/> <span class="ft1">Obergerichts auch einen Anspruch auf Genugtuung.</span><br/> <span class="ft1">Eine Entschädigung bei blossem Teilfreispruch oder bei</span><br/> <span class="ft1">Überhaft ist demnach in der Aargauischen Strafprozessordnung</span><br/> <span class="ft1">nicht, jedenfalls nicht ausdrücklich, vorgesehen (vgl. hiezu</span><br/> <span class="ft1">Hauser/Schweri, Schweizerisches Strafprozessrecht, 5. Aufl., Basel</span><br/> <span class="ft1">2002, S. 536, Anm. 8 und dortige Verweisung auf AGVE 1987 S. 81</span><br/> <span class="ft1">ff.). Bei ungesetzlichem oder unbegründetem Freiheitsentzug ist</span><br/> <span class="ft1">aber, wie dargestellt, von Verfassungs wegen "voller Ersatz des</span><br/> <span class="ft1">Schadens und allenfalls Genugtuung" geschuldet. Die Bestimmung</span><br/> <span class="ft1">von § 23 Abs. 2 KV ist unmittelbar anwendbar, und ein solcher</span><br/> <span class="ft1">Anspruch kann auch im Strafprozess geltend gemacht werden (Kurt</span><br/> <span class="ft1">Eichenberger, Verfassung des Kantons Aargau, Aarau/Frankfurt</span><br/> <span class="ft1">a.M./Salzburg 1986, N 10 zu § 23 KV). Voraussetzung der Gel-</span><br/> <span class="ft1">tendmachung im Strafprozess ist allerdings, dass der Anspruch</span><br/> <span class="ft1">ausgewiesen ist und liquide Verhältnisse vorliegen, ansonsten der</span><br/> <span class="ft1">Betroffene zur Durchsetzung seiner Forderungen auf den Verant-</span><br/> <span class="ft1">wortlichkeitsprozess verwiesen wird (AGVE 1992 S.</span> <span class="ft1">123/124</span><br/> <span class="ft1">Erw. 5).</span><br/> <span class="ft1">b) Voraussetzung eines Entschädigungsanspruchs für die ausge-</span><br/> <span class="ft1">standene Überhaft ist folglich, dass sie sich als ungesetzlich, je-</span><br/> <span class="ft1">denfalls aber als unbegründet erweist und dies von den schwei-</span><br/> <span class="ft1">zerischen Strafverfolgungsbehörden zu vertreten ist. Davon kann im</span><br/> <span class="ft1">zu beurteilenden Fall jedoch keine Rede sein. Der Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft1">wurde zwar in einigen Anklagepunkten freigesprochen, indessen</span><br/> <span class="ft1">rechtskräftig wegen mehrfacher, teilweise versuchter Unzucht mit</span><br/> <span class="ft1">Kindern schuldig erklärt und mit 6 Monaten Gefängnis bedingt,</span><br/> <span class="ft1">Probezeit 2 Jahre, bestraft. Die Untersuchungshaft wurde ihm auf die</span><br/> <span class="ft1">ausgefällte Freiheitsstrafe angerechnet. Trotz der Freisprüche war</span><br/> <span class="ft1">demnach das schweizerische Auslieferungsbegehren zu Recht</span><br/> <span class="ft1">gestellt worden. Die lange Dauer der Auslieferungshaft ist weder</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">77</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">durch die schweizerischen noch durch die brasilianischen Behörden,</span><br/> <span class="ft1">sondern allein vom Gesuchsteller zu vertreten, der sich dem</span><br/> <span class="ft1">Auslieferungsbegehren zu Unrecht widersetzt und dadurch die fast</span><br/> <span class="ft1">10-monatige Auslieferungshaft verursacht hat. Hätte er die Ausliefe-</span><br/> <span class="ft1">rung nicht bekämpft, sondern anerkannt, so wäre er innert kurzer Zeit</span><br/> <span class="ft1">den schweizerischen Behörden überstellt worden und hätte jedenfalls</span><br/> <span class="ft1">weniger als die gegen ihn ausgesprochenen 6 Monate Gefängnis in</span><br/> <span class="ft1">Untersuchungshaft verbringen müssen. Ob sein Verhalten im Aus-</span><br/> <span class="ft1">lieferungsverfahren schuldhaft (verwerflich oder leichtfertig) erfolgt</span><br/> <span class="ft1">ist, braucht nicht geprüft zu werden und kann offen bleiben.</span><br/> <span class="ft1">Jedenfalls musste nach der ungerechtfertigten Bekämpfung der</span><br/> <span class="ft1">Auslieferung durch den Gesuchsteller ein Gerichtsentscheid des</span><br/> <span class="ft1">obersten Bundesgerichtshofes in Brasilien ergehen, dieser dann im</span><br/> <span class="ft1">dafür vorgesehenen Amtsblatt veröffentlicht werden und in</span><br/> <span class="ft1">Rechtskraft erwachsen. Dies dauert erfahrungsgemäss längere Zeit,</span><br/> <span class="ft1">und hiefür hat allein der Gesuchsteller einzustehen.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist folglich die lange Dauer der Untersu-</span><br/> <span class="ft1">chungshaft nicht von den schweizerischen Behörden, sondern vom</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsteller zu vertreten. Die Überhaft war demnach weder unge-</span><br/> <span class="ft1">setzlich noch ungerechtfertigt, und eine Haftentschädigung bzw.</span><br/> <span class="ft1">Genugtuung ist nicht auszurichten.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>