Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 19. Juni 2014 (715 13 114/147) ____________________________________________________________________ Arbeitslosenversicherung Einstellung in der Anspruchsberechtigung aufgrund selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit zu Unrecht erfolgt: Der Versicherte hat kein vermeidbares persönliches Fehlverhalten an den Tag gelegt hat, da er die Weisung des Arbeitgebers aufgrund einer schwerwiegen- den psychischen Erkrankung nicht hat befolgen können Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Gerichtsschreiberi n Barbara Vögtli Parteien A.____ , Beschwerde führer gegen Öffentliche Arbeitslosenkasse Baselland , Bahnhofstrasse 32, 4133 Pratteln, Beschwerdegegnerin Betreff Einstellung in der Anspruchsberechtigung A. A.____ war vom 17. Januar 2011 bis 31. August 20 12 als Kommissionierer bei der B.____ AG tätig. Das Arbeitsverhältnis wurde durch die Arbeitgeberin am 13. Juni 2012 per 31. August 2012 schriftlich gekündigt. Am 23. Juli 2012 meldete sich A.____ zur Arbeitsvermitt- lung an und erhob am 25. Juli 2012 bei der Öffentli chen Arbeitslosenkasse Baselland (Oeka) Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung ab dem 3. Se ptember 2012. Mit Verfügung vom 9. November 2012 stellte die Oeka den Versicherten wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht ab dem 1. September 2012 für 31 Tage in der Anspruch sberechtigung ein. Die dagegen vom Versicherten am 13. Dezember 2012 erhobene Einsprache w ies die Oeka mit Einspracheent- scheid vom 13. März 2013 ab. B. Gegen den Einspracheentscheid vom 13. März 2013 erho b A.____ mit Eingabe vom 24. April 2013 (Posteingang) Beschwerde beim Kantonsge richt, Abteilung Sozialversicherungs- recht (Kantonsgericht) und beantragte sinngemäss dessen Aufhebung. C. Die Beschwerdegegnerin beantragte in ihrer Verneh mlassung vom 10. Juli 2013 die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung des Einsp racheentscheids vom 13. März 2013; unter o/e Kostenfolge. D. Zwecks weiterer Abklärung des Sachverhalts holte das Kan tonsgericht mit Schreiben vom 23. Januar 2014 bei Dr. C.____, Facharzt für Psychiatr ie und Psychotherapie FMH, eine amtliche Erkundigung ein. Mit Schreiben vom 16. Februar 2014 beantwortete Dr. C.____ die ihm gestellten Fragen und reichte zudem Kopien der Austrittsberichte der psychiatrischen Klinik D.____ vom 23. Februar 2012 und vom 13. April 2012 ein. E. Mit Eingabe vom 23. April 2014 nahm die Beschwerdeg egnerin Stellung zum Ergebnis der amtlichen Erkundigung sowie zu den beiden Austritts berichten der psychiatrischen Klinik D.____ und hielt fest, dass nach wie vor grundsätzlich eine Einstellung in der Anspruchsberech- tigung angezeigt sei. Allenfalls sei aber die Höhe der Anzahl Einstelltage zu reduzieren. Auf die einzelnen Ausführungen der Parteien in den S chriften wird – soweit notwendig – in den Erwägungen eingegangen. Die Präsidentin zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 100 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenver- sicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) vom 25. Ju ni 1982 kann der Bundesrat die örtliche Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerichts in Abweichung von Art. 58 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche rungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 regeln. Gemäss Art. 128 der Verordnu ng über die obligatorische Arbeitslosen- versicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV) vom 31. August 1983 richtet sich die Be- urteilung der Zuständigkeit des kantonalen Versicherungs gerichts nach Art. 119 AVIV. Örtlich zuständig ist gemäss Art. 128 in Verbindung mit Art. 119 Abs. 1 lit. a AVIV das Gericht desjeni- gen Kantons, in dem der Versicherte seine Kontrollpfl icht erfüllt. Während der Zeitdauer des Leistungsbezugs hat der Beschwerdeführer seine Kontrollpf licht im Kanton Basel-Landschaft erfüllt. Nach § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die V erfassungs- und Verwaltungsprozessord- nung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist das Kantonsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Basel-Landschaft zur Behandlung von Beschwerden g egen Verfügungen gemäss Art. 100 AVIG zuständig. Auf die beim örtlich und sachli ch zuständigen Gericht frist- und form- gerecht eingereichte Beschwerde vom 24. April 2013 ist somit einzutreten. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.2 Nach § 55 Abs. 1 VPO entscheidet die präsidierende Person der Abteilung Sozialversi- cherungsrecht des Kantonsgerichts durch Präsidialentscheid St reitigkeiten bis zu einem Streit- wert von 10'000 Franken. Im vorliegenden Fall beläuft sich der Streitwert bei einer Einstellungs- dauer von 31 Tagen und unter Berücksichtigung des Taggel dansatzes des Beschwerdeführers von Fr. 143.30 auf Fr. 4’442.30. Die Beurteilung der Beschwerde vom 24. April 2013 fällt dem- nach in die Kompetenz der präsidierenden Person der Ab teilung Sozialversicherungsrecht des Kantonsgerichts. 2.1 Nach Art. 17 Abs. 1 AVIG muss die versicherte Person al les Zumutbare unternehmen, um eine Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen. K ommt sie dieser Verpflichtung nicht nach, kann die zuständige Arbeitslosenkasse die Einstellu ng in der Anspruchsberechtigung verfügen (Art. 30 AVIG). Die Einstellung hat die Funkt ion einer Haftungsbegrenzung der Versi- cherung für Schäden, welche die versicherte Person hätte vermeiden oder vermindern können. Als Verwaltungssanktion ist sie vom Gesetzmässigkeits-, Ver hältnismässigkeits- und Verschul- densprinzip beherrscht (T HOMAS NUSSBAUMER , Arbeitslosenversicherung, in: Ulrich Meyer [Hrsg.], Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Soziale Sich erheit, 2. Auflage, Ba- sel/Genf/München 2007, S. 2423, Rz. 822). 2.2 Gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG ist eine versicherte Person in der Anspruchsberech- tigung einzustellen, wenn sie durch eigenes Verschulden a rbeitslos geworden ist. Selbstver- schuldete Arbeitslosigkeit liegt unter anderem dann vor , wenn die versicherte Person durch ihr Verhalten, insbesondere wegen Verletzung arbeitsvertra glicher Pflichten, der Arbeitgeberin An- lass zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses gegeben hat (Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV). Die Einstel- lung in der Anspruchsberechtigung im Sinne von Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV setzt keine fristlose Auflösung des Arbeitsverhältnisses aus wichtigen Gründen nach Art. 337 beziehungsweise Art. 346 Abs. 2 des Schweizerischen Obligationenrechts (O R) vom 30. März 1911 voraus. Das unkorrekte Verhalten muss auch nicht zwingend eine eigentliche Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten darstellen, sondern es genügt, dass die versicherte Person durch ihr sonstiges Verhal- ten innerhalb und ausserhalb des Betriebs berechtigten Anlass zur Kündigung gab (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG, heute: Bundesge richt, sozialrechtliche Abteilun- gen] vom 8. Oktober 2002, C 392/00, E. 3.1; ARV 1987 Nr. 7; 1982 Nr. 18). Erforderlich ist demnach lediglich ein von der Verwaltung beziehungsweise dem Gericht nachgewiesenes ver- meidbares Fehlverhalten der versicherten Person (JACQUELINE CHOPARD , Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung, Zürich 1998, S. 108). Dabei mü ssen nicht zwingend Beanstandungen in beruflicher Hinsicht vorgelegen haben. Es genügt be ispielsweise, dass charakterliche Eigen- schaften im weiteren Sinne, die den Arbeitnehmer für den Betrieb als untragbar erscheinen las- sen, zur Entlassung geführt haben (BGE 112 V 244 f. E . 1). Von selbstverschuldeter Arbeitslo- sigkeit im Sinne der Arbeitslosenversicherung ist folglich dann auszugehen, wenn und soweit der Eintritt der Arbeitslosigkeit nicht objektiven Fakto ren zuzuschreiben ist, sondern in einem nach den persönlichen Verhältnissen vermeidbaren Verhal ten der versicherten Person liegt (ARV 1998 Nr. 9 S. 44 E. 2b mit Hinweisen; G ERHARD GERHARDS , Kommentar zum Arbeitslo- senversicherungsgesetz, Bern und Stuttgart 1987, Band I, Rz. 8 zu Art. 30). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.3 Das vorwerfbare Verhalten muss nach Art. 20 lit. b d es Übereinkommens Nr. 168 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) über Beschäft igungsförderung und den Schutz gegen Arbeitslosigkeit vom 21. Juni 1988 vorsätzlich erfolgt sein . Eventualvorsatz ist anzunehmen, wenn die betroffene Person vorhersehen kann oder dami t rechnen muss, dass ihr Verhalten zu einer Kündigung durch den Arbeitgeber führt (Urteil des EVG vom 11. Januar 2001, C 282/00; THOMAS NUSSBAUMER , a.a.O., Rz 831). Somit darf im Rahmen von Art. 44 A bs. 1 lit. a AVIV bei blosser Fahrlässigkeit keine Einstellung in der Anspruchs berechtigung erfolgen (J AQUELINE CHOPARD , a.a.O., S. 76 f.; BGE 124 V 236 E. 3b). 2.4 In verfahrensrechtlicher Hinsicht ist darauf hinzuwe isen, dass das sozialversicherungs- rechtliche Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdev erfahren vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht ist. Danach haben Versicherungsträger und Gerichte von Amtes wegen für die richtige und vollständige Feststellung des rechts erheblichen Sachverhalts zu sorgen (BGE 125 V 195 E. 2; 122 V 158 E. 1a). Dies bedeutet , dass in Bezug auf den rechtserhebli- chen Sachverhalt Abklärungen vorzunehmen sind, wenn hier zu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ur- teil des Bundesgerichts vom 8. Juni 2009, 8C_106/2009, E . 1 mit weiteren Hinweisen). Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den Mitwirkungspflich- ten der Parteien (BGE 125 V 193 E. 2; Urteil des Bun desgerichts vom 17. Juni 2009, 8C_412/2009, E. 1). Die Mitwirkungspflicht kommt als al lgemeiner Verfahrensgrundsatz auch im kantonalen Beschwerdeverfahren zur Anwendung und be deutet das aktive Mitwirken der Parteien bei der Feststellung des Sachverhalts (THOMAS LOCHER , Grundriss des Sozialversiche- rungsrechts, 3. Auflage, Bern 2003, S. 446 f., 489 f.; FRITZ GYGI , Bundesverwaltungsrechtspfle- ge, 2. Auflage, Bern 1983, S. 284 f.). 2.5 Zudem dürfen die Verwaltung als verfügende Instan z und im Beschwerdefall das Ge- richt eine Tatsache erst und nur dann als bewiesen anne hmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind (MAX KUMMER , Grundriss des Zivilprozessrechts, 4. Auflage, Bern 1978, S. 135). Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid n ach dem Beweisgrad der über- wiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (H ANS -ULRICH STAUFFER , Rechtsprechung des Bun- desgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die obligatorische Arbeitslosen- versicherung und Insolvenzentschädigung, Zürich 1998, S. 7 7). Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhaltes genügt diesen Beweisanforderun gen nicht. Es ist vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die das Gericht von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360 E. 5b, 125 V 195 E. 2, 121 V 47 E. 2a, 121 V 208 E. 6b). Eine Ausnahme hierzu bildet jedoch die A nwendung von Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV (Urteil des EVG vom 17. Oktober 2000, C 53/00, E. 3a). Praxisgemäss muss das der versicher- ten Person im Rahmen dieser Bestimmung zur Last gelegte Verhalten in beweismässiger Hin- sicht klar feststehen, ansonsten eine Einstellung ausser Betracht fällt (Urteile des EVG vom 7. November 2002, C 365/01, E. 2 und vom 8. Oktober 2002 , C 392/00, E. 3.1; siehe im Weiteren auch BGE 112 V 245 E. 1). 2.6 Ausserdem ist das Gericht in seiner Beweiswürdigung regelmässig auf die Parteivor- bringen und insbesondere auf die Aussagen der Arbeit geberin angewiesen. Diese sollte eine Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Sachverhaltsdarstellung abgeben, ohne am Ausgang des V erfahrens interessiert zu sein und ohne ein Interesse daran zu haben, die versicherte Perso n in einem ungünstigen Licht erschei- nen zu lassen. Solange kein Grund besteht, an den Aussagen der Arbeitgeberin zu zweifeln, ist auf diese abzustellen. Es darf hingegen insbesondere dann nicht einzig auf deren Aussagen zu den Umständen der vorzeitigen Auflösung des Arbeitsverhä ltnisses abgestellt werden, wenn diese bestritten und durch keine weiteren Indizien gestü tzt werden (vgl. BGE 112 V 245 E. 1; ARV 1999 Nr. 8 S. 39 E. 7b; Urteil des EVG vom 8. März 2001, C 102/00, E. 1a). Das der versi- cherten Person zur Last gelegte Verhalten muss klar feststehen und von dieser vorsätzlich aus- geübt worden sein. Bei Differenzen zwischen der Arbeitge berin und dem Arbeitnehmer darf somit nicht ohne Weiteres auf ein fehlerhaftes Verhalt en des Arbeitnehmers geschlossen wer- den, wenn die Arbeitgeberin nur unbestimmte Gründe geltend zu machen vermag, für die sie keine Beweise anführen kann (vgl. Urteil des EVG vom 26. April 2001, C 380/00, E. 2b; BGE 112 V 245 mit Hinweisen; THOMAS NUSSBAUMER , a.a.O., Rz. 831). 3.1 Der Beschwerdeführer stellt sich auf den Standpunkt, dass er die Arbeitslosigkeit nicht selbst verschuldet habe. Beim Kündigungsgespräch sei auf Anfrage hin stets die Antwort ge- kommen, dass die Amokfahrt des Bruders dazu beigetragen habe, das Arbeitsklima zu sehr zu behindern. Hinzu komme, dass der behandelnde Psychiater i hn wieder zu 100 % arbeitsfähig geschrieben habe, weshalb eine Fortsetzung der Therapie nicht mehr notwendig gewesen sei. 3.2 Die Beschwerdegegnerin vertritt in ihrer Vernehmla ssung die Auffassung, dass nicht die Amokfahrt des Bruders zur Kündigung geführt habe, sondern die Verletzung von arbeitsver- traglichen Pflichten durch das weisungswidrige Verhalten des Beschwerdeführers. Die Be- schwerdegegnerin legt dem Beschwerdeführer insbesondere zur Last, dass er die Mitarbeit in der Therapie beim Psychiater konsequent verweigert und die entsprechenden Termine nicht wahrgenommen habe, was letztlich zum Scheitern der Therapie geführt habe. 3.3 Streitig und zu prüfen ist folglich, ob der Beschwe rdeführer zu Recht wegen selbstver- schuldeter Arbeitslosigkeit im Umfang von 31 Tagen in d er Anspruchsberechtigung eingestellt worden ist, weil er seiner Arbeitgeberin Anlass zur Kün digung gab (Verletzung einer Weisung) und er vorhersehen konnte bzw. damit hatte rechnen müsse n, dass sein Verhalten zur Kündi- gung führt. 4.1 Der rechtserhebliche Sachverhalt stellt sich aufgrund der Akten und der im Beschwer- deverfahren zusätzlich eingeholten ärztlichen Berichte vorliegend wie folgt dar: 4.2 In der schriftlichen Kündigung der Arbeitgeberin vo m 13. Juni 2012 (act. 59) wird der Kündigungsgrund nicht erwähnt, sondern auf die der Kün digung vorausgehenden Gespräche verwiesen. Der Email des Personalfachmannes der Arbeitg eberin vom 17. Oktober 2012 (act. 58) zuhanden der Beschwerdegegnerin ist zu entnehmen, dass die Arbeitgeberin von mehreren Arbeitskollegen des Arbeitnehmers darauf aufmerksam gema cht worden sei, dass sie sich vor dessen Verhalten fürchten würden. Zudem habe er vermehrt aggressive Äusserungen gemacht. Daraufhin sei zusammen mit dem Sozialdienst, dem Vorgese tzten des Arbeitnehmers, dem Arbeitnehmer selbst und dem Personalfachmann entschie den worden, dass ein Aufenthalt in Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht der psychiatrischen Klinik D.____ das Richtige sei. Beabsi chtigt worden sei, dass der Arbeit- nehmer sein privates Umfeld und damit auch das Arbeitsum feld wieder in den Griff bekomme. Der Arbeitnehmer habe sich kooperativ verhalten und d iesem Vorgehen zugestimmt. Es seien Ziele definiert worden, die zur Wiedereingliederung führen sollten. Es sei aber auch erwähnt worden, dass der Arbeitnehmer nur wieder eingeglieder t werden könne, wenn die Behandlung erfolgreich sei, damit das Arbeitsumfeld keine Angst me hr vor ihm und seinem Verhalten habe. Die Behandlung habe viele Unterbrüche erlitten und mi t der Zeit habe der Arbeitnehmer die Therapie als nicht mehr notwendig erachtet. Die Amokf ahrt des Bruders habe zu zusätzlicher Unruhe im Team geführt. Als die definierten Ziele zur Wiedereingliederung nicht erreicht worden seien, habe man das Arbeitsverhältnis auflösen müssen. D ie Rückkehr an den Arbeitsplatz sei als zu grosses Risiko für den Arbeitnehmer erachtet worde n, weshalb ihm gekündigt worden sei. 4.3 Der Beschwerdeführer selbst schildert den Grund der K ündigung im Formular „Antrag auf Arbeitslosenentschädigung“ vom 25. Juli 2013 (act. 45 ) dergestalt, dass ihm mitgeteilt wor- den sei, dass vier Mitarbeiter vor ihm Angst hätten un d deshalb eine weitere Zusammenarbeit unmöglich sei. Anlässlich der Einräumung des rechtlichen G ehörs gegenüber der Beschwerde- gegnerin (act. 43) hält der Beschwerdeführer am 25. Oktober 2012 fest, dass er die Unruhe wegen der Amokfahrt seines Bruders verstehen könne. Er ve rstehe aber nicht, dass ihm vor- geworfen werde, er habe sich nicht helfen lassen wollen. Der Psychiater habe der Arbeitgeberin das „OK“ gegeben und eine 100 %-ige Arbeitsfähigkeit attestiert. In der Begründung der Ein- sprache vom 13. Dezember 2012 (act. 17) hält der Beschwerdeführer fest, dass er nie aufgrund von aggressiven Äusserungen verwarnt worden sei. Es habe a uch nie ein Gespräch mit denje- nigen Personen gegeben, die sich angeblich vor ihm gefürchtet hätten. Er wisse bis heute nicht, wer diese Personen gewesen seien. Zuletzt habe es gehe issen, sie hätten sich lediglich vor seiner Körpergrösse und seinem Auftreten gefürchtet. Er vermute daher einen politischen und rassistischen Hintergrund. Die Therapie habe er erfolgre ich abgeschlossen, was sein Psychia- ter bestätigen könne. Es habe geheissen, er könne nach ein er erfolgreichen Therapie wieder eingegliedert werden. Dazu sei es aufgrund der Amokf ahrt des Bruders nicht mehr gekommen. Es sei ihm gesagt worden, dass es ein zu grosses Risiko sei, i hn nach der Amokfahrt des Bru- ders wieder einzustellen. Dies sei aber kein Selbstverschul den, da er dieses Risiko nicht zu verantworten habe. 4.4 Dr. C.____ hält in seinem Schreiben vom 5. März 20 13 (act. 12) zuhanden der Be- schwerdegegnerin fest, dass sein Patient vor einigen Tagen in die Praxis gekommen sei. Dabei habe er einen aufgestellten jungen Mann erlebt, der seine Gefühle gut habe modulieren können und einen ebenso guten affektiven Rapport gezeigt habe . Dieses Verhalten stehe ganz im Ge- gensatz zu der Zeit, als der Patient regelmässig in die Behandlung gekommen sei. Er habe da- mals einen abgestellten Mann erlebt, mit dem er zeitwe ise gar nicht oder kaum in Kontakt habe treten können. Der Patient sei dagesessen und habe ni cht gewusst, weshalb er gekommen sei, habe keine Krankheits- und Behandlungseinsicht gehabt un d habe die ihm verschriebenen Me- dikamente nur selten oder gar nicht eingenommen. Auch die beiden stationären Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik D.____ hätten keine wesentliche Änderung bewirkt. Weiter hält Dr. C.____ fest, dass er die Behandlung am 1. Juni 2012 abg ebrochen habe. Eine Fortsetzung der Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gespräche habe er für sinnlos gehalten, da der Patient nur sehr unregelmässig zu den Gesprä- chen gekommen sei, die Medikamente nicht eingenommen ha be und keine Krankheits- und Behandlungseinsicht gezeigt habe. Er habe dem Patien ten aber angeboten, dass dieser jeder- zeit wieder Kontakt aufnehmen könne. Zur Arbeitsfähigke it stellt Dr. C.____ fest, dass der Pati- ent damals nicht arbeitsfähig gewesen sei, obwohl dieser immer das Gegenteil behauptet habe. Seit wann der Patient wieder arbeitsfähig sei, könne er nicht beurteilen. Er habe ihn letztmals am 1. Juni 2012 gesehen. 4.5 Im Rahmen der amtlichen Erkundigung hält Dr. C._ ___ mit Bericht vom 16. Februar 2014 fest, dass der Patient zwischen dem 23. Februar 2012 und dem 1. Juni 2012 insgesamt acht Mal bei ihm in Therapie gewesen sei. Zwischenzeitli ch sei er vom 18. Januar bis 25. Januar 2012 und vom 12. März bis 2. April 2012 in d er psychiatrischen Klinik D.____ hospi- talisiert gewesen. Dr. C.____ führt aus, dass zu Beginn der Behandlung eine akute polymorphe psychotische Störung mit Symptomen einer Schizophrenie (F 23.1) vorgelegen habe. In der zweiten Hälfte der Behandlung ab dem 24. April 2012 habe er eine schizoaffektive Störung, gegenwärtig beginnende depressive Episode (F25.1), DD: bipolare affektive Störung, gegen- wärtig beginnende depressive Episode mit psychotischen Symptomen (F31.5), diagnostiziert. Dr. C.____ führt aus, dass er damals wie auch heute der Auffassung sei, dass die fehlende Krankheits- und Behandlungseinsicht sowie die fehlende Medikamenteneinnahme auf die Krankheit des Patienten zurückzuführen gewesen seien. Aufgrund des psychischen Drucks, der auf dem Patienten gelastet habe, sei er nicht nur über fordert gewesen, sondern sei während längerer und kürzerer Zeit in eine psychotische Welt abgetaucht. 4.6 Im Austrittsbericht der psychiatrischen Klinik D.____ vo m 23. Februar 2012 anlässlich des Klinikaufenthalts vom 18. Januar bis 25. Januar 2012 w ird eine akute polymorphe psychoti- sche Störung mit Symptomen einer Schizophrenie (ICD 10: F23.1) diagnostiziert. Es wird aus- serdem festgehalten, dass eine deutliche Therapiebedürft igkeit bestehe. Da es aber keine Hin- weise für eine Selbst- oder Fremdgefährdung gegeben h abe, sei eine weitere Hospitalisation gegen den Willen des Patienten nicht gerechtfertigt gewesen. 4.7 Mit Austrittsbericht vom 13. April 2012 (Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik D.____ vom 12. März bis 2. April 2012) wird festgehalten, dass der Patient durch den Notfall-Psychiater auf freiwilliger Basis zur Krisenintervention bei eskalier ender Situation im sozialen Umfeld zu- gewiesen worden sei. Als Austrittsdiagnose wird eine b ipolare affektive Störung, gegenwärtig manische Episode mit psychotischen Symptomen (ICD 10: F31.2 ), der Verlust einer nahen Be- zugsperson in der Kindheit (ICD 10: Z61.0) sowie der Verdacht auf Akzentuierung der Persön- lichkeitszüge genannt. 5.1 Gestützt auf die Stellungnahme von Dr. C.____ vom 16. Februar 2014 und die ausführ- lichen Austrittsberichten der psychiatrischen Klinik D.____ – die Beweiskraft dieser ärztlichen Berichte ist zweifellos gegeben – ist erstellt, dass der Beschwerdeführer seine Therapie nicht erfolgreich abgeschlossen hat. Insofern trifft es zu, dass er der Weisung seiner Arbeitgeberin nicht nachgekommen ist. Die Beschwerdegegnerin geht zude m zu Recht davon aus, dass wei- sungswidriges Verhalten grundsätzlich eine Verletzung ar beitsvertraglicher Pflichten darstellen Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht kann. Denn der Arbeitgeber ist berechtigt, gestützt auf Art. 321d des Bundesgesetzes betref- fend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Fün fter Teil: Obligationenrecht, OR) vom 30. März 1911 über die Ausführung der Arbeit und das Verhalten der arbeitnehmen- den Person im Betrieb allgemeine Anordnungen zu erla ssen und besondere Weisungen ertei- len. Diese müssen von der arbeitnehmenden Person nach T reu und Glauben befolgt werden. Dabei sind alle Arten von Anweisungen über das Verhalt en am Arbeitsplatz zulässig, wenn sie betrieblich notwendig oder aus Rücksicht auf andere Arbe itnehmer und Arbeitnehmerinnen er- forderlich sind. Die Weisungen dürfen aber keine unzum utbaren Forderungen an das Verhalten der arbeitnehmenden Person stellen (J AQUELINE CHOPARD , a.a.O., S. 110; vgl. auch U LLIN STREIFF /ADRIAN VON KAENEL , Arbeitsvertrag, Praxiskommentar, 6. Auflage, Zürich 20 06, Art. 321d OR N 1ff.). 5.2 In Anbetracht des psychischen Gesundheitszustands des B eschwerdeführers ist vor- liegend fraglich, ob ihm die Forderungen der Arbeitgeberin überhaupt haben zugemutet werden können. Die Beurteilung der Frage der Zulässigkeit der Weisung kann jedoch offengelassen werden, wenn erstellt ist, dass der Beschwerdeführer kein nach seinen persönlichen Verhältnis- sen vermeidbares Fehlverhalten an den Tag gelegt hat. 5.3 Dr. C.____ und die psychiatrischen Fachärzte der psychia trischen Klinik D.____ diag- nostizierten im damaligen Zeitpunkt beim Beschwerdefüh rer eine akute polymorphe psychoti- sche Störung mit Symptomen einer Schizophrenie sowie ein e bipolare affektive Störung, ge- genwärtig manische Episode mit psychotischen Symptomen bzw. eine schizoaffektive Störung, gegenwärtig beginnende depressive Phase. Die schizoaffekti ve Störung ist eine psychische Störung, die Symptome der Schizophrenie (wie Wahn ode r Halluzinationen) und der manisch- depressiven Störung (bipolare affektive Störung) in sich vereint (JOSEF SCHÖPF , Psychiatrie für die Praxis, 2. Aufl., Berlin 2006, S. 133f.). Schizoph renie, Depression und die krankhafte Hoch- stimmung einer Manie beeinträchtigen schon für sich alle in genommen seelisch, körperlich und psychosozial schwer. Noch schwieriger wird es, wenn alle drei Krankheitsbilder kurz hinterei- nander auftreten oder gar zusammenfallen, wie es beim Beschwerdeführer gemäss ärztlicher Einschätzung der Fall war. Neben den expliziten Ausführungen von Dr. C.____ zeigen vor allem die Berichte der psychiatrischen Klinik D.____ eindrücklich auf, in welch schwieriger psychi- schen Verfassung sich der Beschwerdeführer im damaligen Ze itpunkt befunden hat. Es wird das Bild eines jungen Erwachsenen gezeichnet, der deutl ich behandlungsbedürftig gewesen ist und der zeitweise auch unter Sinnestäuschungen im Sinne von Stimmenhören gelitten hat. 6. In Anbetracht dieser Diagnosen steht unzweifelhaft f est, dass beim Beschwerdeführer vom 18. Januar bis 1. Juni 2012 ein ernstzunehmendes psy chiatrisches Krankheitsbild vorgele- gen hat, das seine Fähigkeit, vernünftig und adäquat zu handeln, in schwerwiegender Weise beeinträchtigt hat. Es ist daher davon auszugehen, dass er gar nicht anders hat handeln kön- nen. Daran vermag auch der Umstand nichts zu ändern, da ss er von Dr. C.____ wiederholt auf die arbeitsrechtlichen Konsequenzen, die ein Therapieab bruch zur Folge hätte, aufmerksam gemacht worden ist. Dies wird vom Beschwerdeführer selb st auch nicht bestritten. Dr. C.____ führt dazu aus, dass sich sein Patient jeweils sehr selbstsic her gefühlt habe und keinen Grund für eine Kündigung gesehen habe. Es sei ihm während der ganzen Zeit aufgrund der Erkran- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht kung jedoch nicht möglich gewesen, sich kritisch und realit ätsbezogen mit seiner Situation aus- einanderzusetzen. Dr. C.____ geht zudem davon aus, dass dem Beschwerdeführer nur eine über Monate dauernde Behandlung mit regelmässigen Th erapiegesprächen und regelmässiger Einnahme von Medikamenten die Möglichkeit eröffnet h ätte, aufgrund einer grösseren Einsicht, Willens- und Entscheidungsfreiheit sein Verhalten ändern zu können. Auch die Tat des Bruders Anfang März 2012 habe grosse Schamgefühle ausgelöst, die eine adäquate Bearbeitung ver- hindert hätten. Möglicherweise seien sie sogar Mitverursa cher der manischen wie depressiven Phasen gewesen. Ein Fehlverhalten, das der Beschwerdefüh rer in seiner damaligen persönli- chen Situation hätte vermeiden können, liegt folglich nicht vor. Die Einstellung in der An- spruchsberechtigung nach Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG und A rt. 44 Abs. 1 AVIV wegen selbstver- schuldeter Arbeitslosigkeit erfolgte zu Unrecht. Die Besc hwerde wird demzufolge gutgeheissen und der angefochtene Einspracheentscheid vom 13. März 2013 wird aufgehoben. 7. Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass der Prozess vor d em kantonalen Gericht für die Par- teien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorlie gende Verfahren keine Kosten zu er- heben. Die ausserordentlichen Kosten sind nach dem Ausgang des Verfahrens wettzuschlagen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und der ange fochtene Einsprache- entscheid der Öffentlichen Arbeitslosenkasse Baselland vom 13. März 2013 wird aufgehoben. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. 4. Der Beschwerdeführer erhält eine Kopie der Stell ungnahme der Be- schwerdegegnerin vom 23. April 2014 sowie der Stellung nahme von Dr. C.____ vom 16. Februar 2014 (inkl. Kopie der Austritts berichte der psy- chiatrischen Klinik D.____ vom 23. Februar 2012 und vo m 13. April 2012) zur Kenntnisnahme zugestellt. http://www.bl.ch/kantonsgericht