B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5177/2018 U r t e i l v o m 2 5 . M ä r z 2 0 2 1 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richterin Claudia Cotting-Schalch, Gerichtsschreiberin Regula Frey. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), beide Kongo (Kinshasa), beide vertreten durch lic. iur. Pascale Bächler, BAS Beratungsstelle für Asylsuchende der Region Basel, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 7. August 2018 / N (…). D-5177/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin A._______ suchte für sich und ihr Kind B._______ am 26. September 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Am 6. Oktober 2015 erfolgte die Befragung zur Person (BzP). B. Mit Schreiben vom 2. November 2015 teilte das SEM der Beschwerdefüh- rerin mit, aufgrund der Aktenlage sei das Dublin-Verfahren beendet worden und es werde das nationale Asyl - und Wegweisungsverfahren durchge- führt. C. Am 11. Juli 2016 erfolgte eine erste vertiefte Anhörung (Erstanhörung) und am 7. September 2016 eine ergänzende Anhörung (Zweitanhörung). Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie habe ihr Heimatland verlassen, weil sie malträ- tiert und verfolgt worden sei und von der Polizei gesucht werde. Ende Ja- nuar (…) seien fünf Soldaten beziehungsweise Männer in Polizeiuniform in ihr Haus eingedrungen und hätten nach Waffen gesucht. Sie hätten be- hauptet, von ihrem Mann, einem Mitglied der damaligen Oppositionspartei (…), welcher sechs Tage zuvor anlässlich seiner Teilnahme an einer politi- schen Demonstration inhaftiert worden sei, entsprechende Informationen erhalten zu haben. Sie habe den Soldaten/Polizisten erklärt, dass sie keine Waffen zuhause hätten, deren Suche sei denn auch erfolglos verlaufen. Gleichzeitig sei das Haus verwüstet und geplündert worden. Daraufhin hät- ten ihr die Soldaten/Polizisten vor den Augen ihrer Kinder (…). Auch ihre (…) sowie ihr damals erst (…) seien vergewaltigt worden. Nachdem die Soldaten/Polizisten ihr Haus verlassen hätten, sei sie vors Haus gerann t und habe nach Hilfe geschrien. Vor dem Haus habe der «Security-Mann» gefesselt auf dem Boden und der getötete Hund daneben gelegen. Nach- barn hätten sie, ihre (…) und ihre (…) ins Spital gebracht, wo sie unter- sucht, die sexuellen Übergriffe festgestellt und sie versorgt worden seien. Ihre (…) seien seither (…), (…) und würden sich nicht mehr wie normale (…) verhalten. Ein Fernsehteam habe Aufnahmen von den Plünderungen in ihrem Haus gemacht und sie sei diesbezüglich im Spital interviewt wor- den. Sie wisse a llerdings nicht, auf welchem Sender der Beitrag ausge- strahlt worden sei, sie selbst habe ihn nicht gesehen. Nach der Spitalent- lassung seien sie vom Präsidenten der (…) abgeholt worden und er habe ihnen zur Überbrückung ein Haus an einem geschützten Ort zur Verfügung D-5177/2018 Seite 3 gestellt. Auf Rat des Präsidenten habe sie sich an die Polizeibehörde ge- wandt und diese über das Geschehene informiert. Allerdings sei sie von den Polizeibeamten bedroht und angehalten worden, niemandem vom Vor- gefallenen zu erzählen, ansonsten s owohl ihr Mann als auch sie spurlos verschwinden würden. Nachdem die Behörden erneut in ihrem Zuhause erschienen seien und die sich dort aufhaltenden Bekannten geschlagen hätten, habe sie sich auf Anraten des Parteipräsidenten zum Verlassen ih- res Heimatlandes entschieden. Ihre beiden älteren Söhne sowie ihre (…) habe sie in die Obhut einer (…) gegeben und aus finanziellen Gründen nur ihren jüngsten, damals zwei Jahre alten Sohn mit nehmen können. Nach der Ausreise sei sie in C._______ mit ihrem Ehemann zusammengetroffen. Zwar seien s ie gemeinsam weitergereist, sie sei indessen allein mit dem Kind von D._______ über E._______ in die Schweiz gelangt. Wo sich ihr Ehemann mittlerweile aufhalte, wisse sie nicht. Zum Nachweis ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin die Kopie ei- ner kongolesischen Identitätskarte sowie eine Verlustmeldung betreffend ihre Wählerkarte zu den Akten. Weiter überreichte sie der Vorinstanz im Verlauf des Verfahrens einen Arztbericht von F._______, vom 31. August 2016 sowie einen Arztbericht der (…) vom 11. Mai 2018. D. Das SEM stellte mit Verfügung vom 7. August 2018 – eröffnet am 13. Au- gust 2018 – fest, die Beschwerdeführerin und ihr Kind B._______ erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte deren Asylgesuche ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Wegen Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs ordnete das SEM die vorläufige Aufnahme an. Es begrün- dete seine Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen der Be- schwerdeführerin hielten den Anforderun gen an die Glaubhaftigkeit ge- mäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) nicht stand, so dass deren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. E. Mit Eingabe vom 11. September 2018 erhob die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft so- wie die Gewährung von Asyl. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die Beiordnung der Rechts- vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. D-5177/2018 Seite 4 Gleichzeitig reichte die Beschwerdeführerin zwei E-Mails in Kopie betref- fend Suchanfrage beim Schweizerischen Roten Kreuz , einen Länderbe- richt aus dem Jahr 2015 sowie eine Honorarnote zu den Akten. F. Mit Eingabe vom 13. September 2018 reichte die Beschwerdeführerin eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung der Einwohnergemeinde G._______ (datiert vom 11. September 2018) nach. G. Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 21. September 2018 gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. H. Mit Eingabe vom 6. November 2018 teilte die Beschwerdeführerin mit, am 30. Oktober 2018 seien ihre beiden älteren Söhne in die Schweiz einge- reist. I. In ihrer Vernehmlassung vom 29. Januar 2021 schloss die Vorinstanz sinn- gemäss auf Abweisung der Beschwerde und verwies auf ihre Erwägungen, an denen sie vollumfänglich festhalte. Die Vernehmlassung wurde der Be- schwerdeführerin am 3. Februar 2021 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss A rt. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher D-5177/2018 Seite 5 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführenden haben am Verfahren vo r der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 1.5 Für die beiden nachgereisten Kinder der Beschwerdeführerin fällte das SEM am 25. März 2019 einen separaten Entscheid, welcher unangefoch- ten blieb. Die beiden Kinder werden deshalb formell nicht in das vorlie- gende Verfahren einbezogen. Dies ändert indessen nichts daran, dass sich der Verfahrensausgang des Asylverfahrens der Beschwerdeführerin allen- falls auch auf den Flüchtlingsstatus und die A sylgewährung dieser Kinder auswirken würde. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Dr uck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die D-5177/2018 Seite 6 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verf älschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor- bringen der Beschwerdeführerin hielten den Anforderungen an die Glaub- haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand. Zur Begründung seines Entscheids führte das SEM im Wesentlichen aus, zahlreiche von der Beschwerdeführerin im Rahmen der BzP gemachte Aussagen würden ihren Angaben in den Anhörungen widersprechen. Ihre Aussagen zu den Asylgründen wiesen verschiedentlich ungereimte, undif- ferenzierte sowie unplausible Elemente auf. So habe sie unter anderem bezüglich des Zeitpunktes der behördlichen Heimsuchung ungereimte An- gaben gemacht. Einerseits habe sie erklärt, in der Nacht vom (…) – was gemäss Jahreskalender der Nacht von Sonntag auf Montag entspreche – behördlich aufgesucht worden zu sein, und anderseits habe sie von der Nacht von Samstag auf Sonntag gesprochen. Unter Berücksichtigung, dass sie gemäss eigenen Angaben Christin und Angehörige der Glaubens- gemeinde (…) sei, dürfe erwartet werden, dass sie wisse, ob der Vorfall in der Nacht von Samstag auf Sonntag oder in der Nacht von Sonntag auf Montag stattgefunden habe. Sodann habe sie unterschiedliche Angaben bezüglich der Anzahl der Männer, von welchen sie in besagter Nacht auf- gesucht worden sei, gemacht. Einerseits habe sie von sechs Soldaten und andererseits von fünf Soldaten gesprochen, welche in ihr Haus eingedrun- gen seien. Mit Blick auf die geltend gemachten Geschehnisse jener Nacht dürfe davon ausgegangen werden, dass sie sich bezüglich der Anzahl ihrer Bedroher sicher sei. Weiter verweist die Vorinstanz auf Widersprüche in den Angaben bezüglich der Identität der Angreifer, einmal habe sie von Soldaten gesprochen und an anderer Stelle habe sie e rklärt, die Männer hätten Polizeiuniformen getragen. Ihre Erklärung, wonach in H._______ alle Uniformträger Soldaten genannt würden, sei nicht überzeugend, zumal auch die lingalesische Sprache zwischen Soldaten und Polizeibeamten zu unterscheiden wisse. Weitere Unstimmigkeiten fand die Vorinstanz in den Angaben zum Verhalten der Angreifer, bezüglich de s Verschwindens des Ehemannes, des Medienechos sowie ihres Ersuchens um Schutz bei den heimatlichen Behörden, wobei letztere Angaben sowohl widersprüchlich als auch inhaltsarm ausgefallen seien. D-5177/2018 Seite 7 4.2 Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen an der Glaubhaftigkeit der gemachten Aussagen festgehalten und gerügt, die erste Anhörung sei nicht korrekt durchgeführt worden. Während der Anhörung sei ihr Kind anwe- send gewesen, was dazu geführt habe, dass sie stark abgelenkt gewesen sei und sich nicht ausreichend auf die gestellten Fragen habe fokussieren können. Zudem habe sie aufgrund der Anwesenheit ihres Kindes nicht frei über die Geschehnisse sprechen können, sei sehr be lastet gewesen und habe oft geweint, weshalb ihre diesbezüglichen Aussagen mit der entspre- chenden Zurückhaltung zu verwenden seien. Hinzu komme, dass der Dol- metscher, wie dem Unterschriftenblatt der Hilfswerkvertretung entnommen werden könne und auch aus d em Protokoll ersichtlich sei, an der ersten Anhörung oft Mühe bekundet habe, treffende Formulierungen in deutscher Sprache zu finden, weshalb mit Verzerrungen gerechnet werden müsse. Die Beschwerdeführerin sei während beiden Anhörungen sehr angespannt und psychisch belastet gewesen, was den beiden Protokollen sowie den Unterschriftenblättern der Hilfswerkvertretungen entnommen werden könne. Die Beschwerdeführerin habe sehr oft geweint, sei angeschlagen, emotional mitgenommen, abwesend und wie gelähmt gewesen. Ihre Aus- sagen seien generell durch eine sehr grosse Betroffenheit gekennzeichnet und oftmals habe es den Eindruck gemacht, sie könne das Erlebte nicht in Worte fassen, was für traumatische Erlebnisse, vor allem, wenn sie noch vollkommen unverarbeitet seien, bezeichnend sei. Zu den von der Vorin - stanz festgestellten Widersprüchen in ihren Aussagen wird ausgeführt, dass sie die festgestellten Widersprüche teilweise im Rahmen der Anhö- rung geklärt habe und ihr betreffend der marginal abweichenden Aussagen zur Anzahl der Vergewaltiger aufgrund der traumatischen Geschehnisse nichts angelastet werden könne, zumal von ihr nicht erwartet werden könne, ihre Peiniger in diesem Moment exakt durchgezählt zu haben. Be- züglich der abweichenden Aussagen zum Tathergang sei denkbar, dass die Beschwerdeführerin aus Scham ihre eigene Vergewaltigung zunächst nicht erwähnt habe. Sodann sei nicht auszuschliessen, dass die Aussage in der BzP ungenau übersetzt worden sei. Angesichts der tumultartigen Umstände der Vergewaltigungen und der Traumatisierung der Beschwer- deführerin sei nicht zu erwarten und in der Regel auch im Asylverfahren nicht verlangt, dass sie genauere Angaben zum Ablauf eines sexuellen Übergriffes geben könne. Die wiederholten detaillierten Fragen zu den Re- aktionen ihrer (…) während der Übergriffe seien sehr problematisch und würden darauf hinweisen, dass die Befragerin für die Anhörung traumati- sierter Asylsuchender nicht ausreichend geschult gewesen sei. Die Be- schwerdeführerin habe die Geschehnisse dennoch detailliert und mit zahl- reichen Realkennzeichen geschildert. Weiter seien ihre Angaben zur D-5177/2018 Seite 8 Schutzsuche nicht widersprüchlich ausgefallen. In der ergänzenden Anhö- rung habe sie ihre diesbezüglichen Aussagen lediglich ergänzt und präzi- siert. Sodann seien ihre Angaben bezüglich des Verbleibs ihres Eheman- nes nicht vage ausgefallen. Es könne ihr nicht zum Nachteil gereich en, dass ihr Ehemann, aus welchen Gründen auch immer, möglicherweise be- wusst den Kontakt zu ihr abgebrochen habe. Es sei auch unklar, ob ihrem Ehemann etwas widerfahren sei, von dem sie bis heute keine Kenntnis habe. 4.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz an ihren Erwägungen fest und führt aus, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tat- sachen oder Beweismittel, welche eine Änderung ih res Standpunktes rechtfertigen könnten. 5. 5.1 Allgemein gilt im Verwaltungsverfahren der Untersuchungsgrundsatz und die Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheb- lichen Sachverhalts (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Diese behördliche Untersuchungspflicht wird durch die Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG eingeschränkt, wobei die Gesuchstellenden insbesondere ihre Iden- tität offenzulegen und bei der Anhörung der Behörde alle Gründe mitzutei- len haben, die für die Asylgewährung relevant sein könnten. Was die dar- aus resultierenden Anforderungen an die mündliche Anhörung gemäss Art. 29 AsylG und die entsprechende Gewährung des rechtlichen Gehörs betrifft, so soll die Anhörung immerhin Gewähr dafür bieten, dass die asyl- suchende Person ihre Asylgründe vollständig darlegen kann und diese von der Asylbehörde korrekt erfasst werden, wobei die mündliche Befragung insbesondere auch dazu dient, gezielte Rückfragen zur Erhebung des Sachverhalts zu stellen und Missverständnisse zu klären (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2 und 3.3, BVGE 2009/50 E. 10.2, 2008/24 E. 7.2, 2007/30 E. 5.5.1 und 5.5.2). 5.2 Mit dem Gehörsanspruch (Art. 29 VwVG) korreliert die Pflicht der Be- hörde, die Vorbringen tatsächlich zu hören (Art. 30 – 31 VwVG), ernsthaft zu prüfen und in ihrer E ntscheidfindung angemessen zu berücksichtigen (Art. 32 VwVG). Das gilt für alle form- und fristgerechten Äusserungen, Ein- gaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streitfrage geeignet und erforderlich erscheinen. Aus der Anhörungs- und Berücksichtigungspflicht leitet sich die Begründungspflicht ab (Art. 35 VwVG). Die Begründung muss so abgefasst sein, dass der oder die Betroffene den Entscheid gege- benenfalls sachgerecht anfechten und die Rechtsmittelinstanz ihn prüfen D-5177/2018 Seite 9 kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegungen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk- ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück- lich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1 S. 188). 6. Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das Bun- desrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abwei- sen beziehungsweise die Sache an die Vorinstanz zurückweisen. Massge- bend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2). 7. 7.1 Nach Durchsicht der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass der vorinstanzliche Entscheid in verfahrensrechtlicher Hin- sicht einer Prüfung nicht standhält. 7.1.1 Aus den Akten geht hervor, dass die Beschwerdeführerin erstmals im Rahmen der BzP auf ihre gesu ndheitlichen Beschwerden hinwies und zu Protokoll gab, seit dem Vorfall und somit seit über sechs Monaten nicht mehr schlafen zu können (vgl. A5/12 S. 9). 7.1.2 Die Erstanhörung erfolgte unter erschwerten Bedingungen, da diese in Ermangelung einer Betreuungsperson für das Kind der Beschwerdefüh- rerin in dessen Anwesenheit durchgeführt werden musste. Die Befragerin stellte denn auch sogleich fest, dass in Anwesenheit eines kleinen Kindes bestimmte Themen nicht besprechbar seien, und da sie sehr heikle Flucht- gründe geltend mache, werde sie für eine zweite Anhörung betreffend ihrer Fluchtgründe vorgeladen (vgl. A18/18 S. 2). Bezüglich ihres gesundheitli- chen Zustands gab die Bes chwerdeführerin zu Protokoll, dass sie unter (…) leide, ohne (…) werde. Sie sei in ärztlicher Behandlung bei einem Spe- zialarzt (vgl. A18/18 S. 15). Die anwesende Hilfswerksvertretung vermerkte unter anderem, die Beschwerdeführerin sei mit ihrem sehr lebhaften Sohn erschienen und habe "angeschlagen und emotional sehr mitgenommen " gewirkt. Im Protokoll wurde vermerkt, das Kind sei bis F57 sehr geräusch- voll gewesen, jetzt sei es auf dem Arm der Mutter eingeschlafen (vgl. A18/18 S. 7). Am Schluss der Anhörung wurde festgehalten, das Kind be- ginne die Türe auf- und zuzumachen (vgl. A18/18 S. 15). D-5177/2018 Seite 10 7.1.3 Aus dem Protokoll der Zweitanhörung geht sodann hervor, dass die Beschwerdeführerin emotional sehr belastet war. Wiederholt wird im Pro- tokoll vermerkt, die Beschwerdeführ erin weine (vgl. A21/21 S. 3, S. 5, S. 10, S. 11, S. 12, S. 17, S. 18). Im Rahmen der ihr gestellten Frage zur (…) Untersuchung im Nachgang zu der erlittenen (…) geht aus dem Pro- tokoll hervor, dass sie diese Frage offensichtlich nicht abschliessend be- antworten konnte. Die befragende Person stellte fest "GS weint oder schweigt während der ganzen Anhörung ", worauf eine zwanzigminütige Pause eingeräumt wurde (vgl. A21/21 S. 7). Fragen zu ihrem Gesundheits- zustand wurden der Beschwerdeführerin nicht gestellt. Am Ende der Zweitanhörung wurde in einer Protokollnotiz vermerkt "GS weint stark und hält die Hände vor das Gesicht ", worauf d ie befragende Person die Be- schwerdeführerin offenbar zu beruhigen versuchte ("Beruhigen Sie sich bitte etwas"; vgl. A21/21 S. 19 ). Die anwesende Hilfswerkvertretung ver- merkte auf dem Unterschriftenblatt "GS befindet sich in sehr schlechter psychischer Verfassung. Sie wirkt depressiv, traumatisiert (siehe auch Arzt- bericht). Je nach Thema wirkte sie verzweifelt, aufgewühlt oder niederge- schlagen, gelähmt. Die Augen sind gerötet, die Lippen zusammengeknif- fen. Sie weinte während der gesamten Anhörung. Auf einige Fragen schwieg sie und winkte ab". 7.1.4 Am 24. Mai 2018 reichte die Beschwerdeführerin einen Zwischenbe- richt der Psychiatrie I._______ zu den Akten, welcher ihr als (Haupt-)Diag- nose eine (…), eine (…), eine (…) sowie (…) attestiert. 7.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung zwar ausführlich dargelegt, welche Argumente aus ihrer Sicht gegen die Glaubhaftigkeit der Angaben der Beschwerdeführerin sprechen. Indessen ist dem vorinstanz- lichen Entscheid nicht zu entnehmen, ob und inwiefern das SEM die vor- stehend dargelegten, besonderen Verhältnisse bei den Anhörungen im Rahmen seiner Glaubhaftigkeitsprüfung berücksichtigt hat. Auch die Ver- nehmlassung des SEM enthält keine entsprechenden Ausführungen. I n Bezug auf die Aussagen anlässlich der BzP ist zunächst auf deren grund- sätzlich beschränkten Beweiswert hinzuweisen (vgl. bereits Entscheidun- gen und Mitteilungen der [vormaligen] Sch weizerischen Asylrekurskom- mission [EMARK] 1993 Nr. 3). Hinsichtlich der Erstanhörung ist anzumer- ken, dass nicht allein entscheidend erscheint, zu welchen Themen die Be- schwerdeführerin in Anwesenheit ihres Kleinkindes befragt wurde, viel- mehr dürfte zwar in erster Linie die Beschwerdeführerin einer erhöhten Ab- lenkungsgefahr ausgesetzt gewesen sein. Aber auch sämtliche weiteren Anwesenden müssen sich auf die Anhörung konzentrieren können, was bei D-5177/2018 Seite 11 deren Durchführung im Beisein eines Kleinkindes nicht ohne Weiteres si- chergestellt ist. So lässt sich etwa nicht ausschliessen, dass der Hinweis der Hilfswerkvertretung auf die Dolmetscherleistung ein Zeichen für eine eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit zufolge der Anwesenheit des Kin- des sein könnte. Schliesslich wurde im Protokoll der Zweitanhörung ein- drücklich – und korrekt – dokumentiert, dass sich die Beschwerdeführerin in einer psychischen Ausnahmesituation befand, ohne dass dies indessen zu Nachfragen geführt hätte. Die grundsätzlich bestehende psychische Be- lastung wurde aber mit dem ärztlichen Zwischenbericht vom 11. Mai 2018 belegt. 7.3 Sämtliche der vorgenannten Umstände sind grundsätzlich geeignet, die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschwerdeführerin zu beeinflussen, zumal für die Frage der Glaubhaftigkeit letztlich entschei- dend ist, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstel- lung sprechen, im Sinne einer Gesamtwürdigung überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). Im Rahmen dieser Gesamtwürdigung sind somit sowohl die für als auch die gegen die Glaubhaftigkeit sprechenden Über- legungen zu berücksichtigen, insbesondere können die Aussagen der asyl- suchenden Person nicht isoliert bet rachtet werden, vielmehr ist auch zu berücksichtigen, unter welchen Umständen die zu beurteilenden Aussagen gemacht wurden, worauf in der Beschwerde (Ziff. 2.2.1 S. 4 f.) zutreffend hingewiesen wurde. Da in der angefochtenen Verfügung indessen mit kei- nem Wort auf die für die Glaubhaftigkeit sprechenden Aspekte und auch nicht auf die in den vorstehenden Erwägungen dargelegten Umstände ein- gegangen wurde, ist für das Bundesverwaltungsgericht nicht ersichtlich, ob und wie die Vorinstanz diese Umstände im Rahmen der Glaubhaftigkeits- prüfung berücksichtigt und ob und welche Rückschlüsse sie daraus im Hin- blick auf die angeführten Widersprüche und die dargelegte Substanzarmut des Sachverhaltsvortrags gezogen hat. Damit wird es dem Bundesverwal- tungsgericht verunmöglicht zu prüfen, ob das SEM bei der Glaubhaftig- keitsprüfung sämtliche relevanten Aspekte berücksichtigt hat . Das Unter- lassen einer Auseinandersetzung mit diesen Elementen stellt eine Verlet- zung der Begründungspflicht und damit des Anspruches auf rechtliches Gehörs dar. 8. 8.1 Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs führt grundsätzlich – das heisst ungeachtet der materiellen Auswirkungen – zur Aufhebung der angefoch-D-5177/2018 Seite 12 tenen Verfügung. Eine Heilung der Gehörsverletzung aus prozessökono- mischen Gründen auf Beschwerdeebene kommt vorliegend nicht in Be- tracht, zumal der Beschwerdeführerin damit eine Prüfungsinstanz verloren ginge. 8.2 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die vor- instanzliche Verfügung vom 7. August 2018 aufzuheben und die Angele- genheit im Sinne der vorstehenden Erwägungen zu neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen ist. Angesichts dessen erübrigt es sich, auf die weiteren Vorbringen, Anträge und eingereichten Beweismittel einzuge- hen, weil sie ebenfalls Gegenstand des wiederaufzun ehmenden erstin- stanzlichen Verfahrens sein werden und die Vorinstanz sich damit zu be- fassen haben wird. Der Vollständigkeit halber bleibt anzumerken, dass eine allfällige erneute Anhörung (wiederum) in einem Frauenteam zu erfolgen hätte. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 10. 10.1 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. 10.2 Die bei den Akten liegende Kostennote vom 11. September 2018 er- scheint als de n Verfahrensumständen nicht vollumfänglich angemessen. Unter Berücksichtigung der Eingabe vom 6. November 2018 erscheint ein Zeitaufwand von 12 Stunden als angemessen. Die nicht weiter substanzi- ierte Spesenpauschale ist in dieser Form nicht zu vergüten. Als ausgewie- sen zu betrachten sind Spesen im Umfang von Fr. 20.–. Damit ergibt sich bei einem Stundenansatz von Fr. 200.– und unter Berücksichtigung der fehlenden Mehrwertsteuerpflicht der Rechtsvertretung eine von der Vorin- stanz auszurichtende Parteientschädigung in der Höhe von insgesamt Fr. 2’420.– (inkl. Auslagen). (Dispositiv nächste Seite) D-5177/2018 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der angefochte- nen Verfügung beantragt wird. 2. Die Verfügung vom 7. August 2018 wird au fgehoben und die Sache zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewie- sen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parte ientschädigung von insgesamt Fr. 2’420.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Regula Frey Versand: