200 21 663 IV SCP/SHE/SAL/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 17. Dezember 2021 Verwaltungsrichter Schütz, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Schwegler, Verwaltungsrichter Jakob Gerichtsschreiber Schnyder A.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 24. August 2021 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1991 geborene A.________ (nachfolgend Versicherte bzw. Beschwer- deführerin), die über keine Berufsausbildung verfügt und nie einer berufli- chen Tätigkeit nachgegangen ist, meldete sich im August 2013 bei der In- validenversicherung (IV) unter Hinweis auf eine seit ca. 2006 bestehende Depression zum Leistungsbezug an (Akten der IV-Stelle Bern [nachfolgend IVB bzw. Beschwerdegegnerin; act. II] 2 S. 4 f., 14 S. 2). Die medizinischen Abklärungen konnten trotz mehrfacher Aufforderung (act. II 25, 35, 36, 45, 47) wegen ungenügender Mitwirkung durch die Versicherte nicht abge- schlossen werden (act. II 27, 31, 40), woraufhin die IV-Stelle B.________ mit Verfügung vom 7. Mai 2015 den Anspruch auf Versicherungsleistungen verneinte (act. II 51). Diese Verfügung blieb unangefochten. Am 13. Februar 2018 leitete die IV-Stelle B.________ die Akten der Versi- cherten zufolge deren Umzugs in den Kanton Bern der IVB weiter (act. II 52). B. Im September 2019 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf psychi- sche Leiden erneut bei der IV zum Leistungsbezug an (act. II 55). In der Folge holte die IVB beim psychiatrischen Dienst C.________ der D.________ ein Gutachten vom 20. Juli 2020 ein (act. II 98.1-98.4). Ge- stützt darauf stellte sie mit Vorbescheid vom 28. Oktober 2020 bei einem Invaliditätsgrad von 46% die Zusprache einer Viertelsrente ab dem 1. März 2020 in Aussicht (act. II 99). Mit Schreiben vom 30. Oktober 2020 forderte die IVB die Versicherte zur Schadenminderung bzw. sich zur Therapiepla- nung mit ihren behandelnden Ärzten in Verbindung zu setzen und diese anschliessend umzusetzen auf und wies sie auf die Folgen bei einer Nich- terfüllung hin (act. II 100). Mit Verfügung vom 15. Januar 2021 entschied sie dem Vorbescheid entsprechend (act. II 105). Am 13. März 2021 forderte die IVB die Versicherte erneut zur Schadenminderung bzw. zur Mitteilung Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 3 der Stelle der aktuellen fachärztlichen Behandlung, sowie ob und ab wann ein Aufenthalt in der Tagesklinik geplant sei auf, dies unter Hinweis auf eine Leistungskürzung oder -verweigerung im Unterlassungsfall (act. II 109). Am 9. April 2021 teilte die Versicherte mit, sie sei das letzte Mal am 27. Januar 2021 in Therapie gewesen und ab der folgenden Woche würden die Therapietermine wieder regelmässig stattfinden (act. II 110). Mit Stel- lungnahme vom 10. Juni 2021 (act. II 119) befand der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) die Umsetzung der Schadenminderung als der Versicherten zumutbar. Mit Vorbescheid vom 11. Juni 2021 stellte die IVB die Aufhebung der Viertelsrente in Aussicht, mit der Begründung, dass sich die Versicherte trotz zweimaliger Aufforderung zur Schadenminderung nicht in adäquater, regelmässiger fachärztlicher Behandlung befinde (act. II 120). Nach Prü- fung des erhobenen Einwands (act. II 121) verfügte die IVB am 24. August 2021 die Aufhebung der Viertelsrente per 30. September 2021 (act. II 123). C. Mit Eingabe vom 21. September 2021 erhob die Versicherte dagegen Be- schwerde. Sie beantragt sinngemäss, die angefochtene Verfügung sei auf- zuheben. Weiter ersucht sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechts- pflege. Aufforderungsgemäss (vgl. prozessleitende Verfügung vom 22. September 2021) machte die Beschwerdeführerin am 8. Oktober 2021 zusätzliche An- gaben zum Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege. Die Beschwerdegegnerin schliesst mit Beschwerdeantwort vom 21. Okto- ber 2021 auf Abweisung der Beschwerde.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 4 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 24. August 2021 (act. II 123). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf eine Invalidenrente und dabei insbesondere die Weiterausrichtung der ab März 2020 bezogenen Viertelsrente. 1.3 Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4 Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 5 2. 2.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Massgebend ist – im Unterschied zur Ar- beitsunfähigkeit – nicht die Arbeitsmöglichkeit im bisherigen Tätigkeitsbe- reich, sondern die nach Behandlung und Eingliederung verbleibende Er- werbsmöglichkeit in irgendeinem für die betroffene Person auf dem ausge- glichenen Arbeitsmarkt in Frage kommenden Beruf. Der volle oder bloss teilweise Verlust einer solchen Erwerbsmöglichkeit gilt als Erwerbsunfähig- keit (BGE 130 V 343 E. 3.2.1 S. 346). 2.2 Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 ATSG). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch nicht gesagt, dass dieser auch invalidisierenden Charakter hat. Ob dies zutrifft, beurteilt sich gemäss dem klaren Gesetzeswortlaut nach dem Einfluss, den der Gesund- heitsschaden auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit hat. Entscheidend ist, ob der versicherten Person wegen des geklagten Leidens nicht mehr zu- mutbar ist, ganz oder teilweise zu arbeiten. Deshalb gilt eine objektivierte Zumutbarkeitsprüfung unter ausschliesslicher Berücksichtigung von Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung (BGE 142 V 106 E. 4.4 S. 110). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit inva- lidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könn- te; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2 S. 50, 130 V 352 E. 2.2.1 S. 353; SVR 2014 IV Nr. 2 S. 5 E. 3.1).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 6 2.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60% invalid ist. Bei einem Invali- ditätsgrad von mindestens 50% besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein solcher auf eine Vier- telsrente. 2.4 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüg- lich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99; SVR 2018 IV Nr. 27 S. 87 E. 4.2.1). 3. 3.1Die Beschwerdegegnerin veranlasste zur Klärung des medizini- schen Sachverhaltes eine psychiatrische Begutachtung durch den psychia- trischen Dienst C.________ der D.________. Im Gutachten vom 20. Juli 2020 (act. II 98.2) diagnostizierte Dr. med. univ. E.________, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, eine selbstunsichere (ICD-10 F60.6) und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.31) mit/bei phobischen Störungen (ICD-10 F40; Agoraphobie [ICD-10 F40.0], soziale Phobie [ICD- 10 F40.1], spezifische Phobien [ICD-10 F40.2]) und leichter depressiver Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10 F33.0; S. 26 Ziff. 6). Dr. med. univ. E.________ zufolge würden als un- günstige Faktoren wesentlich die nicht gänzlich gegebene Therapiebereit- schaft, die subjektive Einstellung zur Wiedereingliederbarkeit, gewisse psy- chosoziale Faktoren (fehlende tragfähige Partnerschaft, die finanziellen Verhältnisse, kaum soziale Kontakte), das Fehlen eines Arbeitsplatzes und das Bestehen eines gewissen Anreizes für eine Berentung erscheinen (S. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 7 34 Ziff. 7.1). Bei der vorliegenden Problematik sei es möglich, dass negati- ve Kontextfaktoren wie überdurchschnittlicher Zeitdruck oder ein ungünsti- ges, emotional belastendes Betriebsklima und fehlende Unterstützung zu einer Verschlechterung des Zustandsbildes führen könnten. Bei Vorliegen günstiger Kontextfaktoren (wenig Zeitdruck, wohlwollendes Betriebsklima, Unterstützung durch eine Bezugsperson) werde die Arbeitsfähigkeit für eine Tätigkeit ohne besondere Anforderungen an das Umstellungs- und Anpassungsvermögen, ohne besondere Anforderung an die geistige und psychische Belastbarkeit, ohne erhöhte Belastungsfaktoren, ohne beson- dere Verantwortung, ohne besonderen Zeitdruck, ohne Notwendigkeit ei- nes hohen Masses an kommunikativen Fähigkeiten und Sozialkompetenz, das heisst für eine angepasste Tätigkeit im 1. Arbeitsmarkt gegenwärtig auf 50% geschätzt. Bei günstigem Therapieverlauf sollte diese schrittweise gesteigert werden können. Aus gutachterlicher Sicht erscheine es sinnvoll, dass die Versicherte die Möglichkeit habe, sich an den Arbeitsalltag zu ge- wöhnen, damit Arbeitsmotivation aufgebaut und die Verbesserung der Leis- tungsfähigkeit "trainiert" werden könne. Insgesamt seien die Einschränkun- gen der Versicherten als mittelgradig zu werten. In der testpsychologischen Untersuchung habe sich gezeigt, dass die Explorandin über durchschnittli- che intellektuelle Fähigkeiten zu verfügen scheine (S. 35 Ziff. 7.1). Als un- günstiger Faktor in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit sei die subjektive Einstel- lung diesbezüglich zu nennen. Obwohl unter fachlich adäquater Behand- lung die Prognose bezüglich genannten Angststörungen als eher günstig zu bewerten sei, werde die Prognose aufgrund der zusätzlich vorliegenden Persönlichkeitsstörungen sowie dem Umstand, dass ohne effektive Be- handlung ein hohes Chronifizierungsrisiko besteht, als eher mässig einge- schätzt (S. 36 Ziff. 7.1). Zur Arbeitsfähigkeit hielt Dr. med. univ. E.________ weiter fest, dass die maximale Präsenz in einer angepassten Tätigkeit aktuell vier bis fünf Stunden pro Tag betrage, bei günstigem Ver- lauf sollte die Präsenz schrittweise erhöht werden können. Dabei könne bei einem zeitlichen Pensum von 60% eine Einschränkung der Leistungsfähig- keit von 10% angenommen werden, da die Versicherte je nach Situation (Anzahl anwesender, Gruppeninteraktion) gegebenenfalls vermehrt Pausen benötige. Bei adäquater psychiatrisch-psychotherapeutischer Therapie und günstigem Verlauf könne medizinisch-theoretisch von einer Steigerung des Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 8 Pensums auf 80% bis 100% innerhalb eines Jahres ausgegangen werden (S. 38 f. Ziff. 8). 3.2 Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge- ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 125 V 351 E. 3a S. 352). Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi- nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag- gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei- nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 126, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). 3.3 Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der rentenzusprechenden Verfügung vom 15. Januar 2021 (act. II 105) in medizinischer Hinsicht auf das psychiatrische Gutachten von Dr. med. univ. E.________ vom 20. Juli 2020 (act. II 98.2). Die darin enthaltenen Ausführungen und Feststellungen beruhen auf einer eingehenden eigenen fachärztlichen Abklärung und sind in Kenntnis der Vorakten (act. II 98.2 S. 4 ff. Ziff. 2) getroffen worden. Die Schlussfolgerungen von Dr. med. univ. E.________ zum Gesundheitszu- stand der Beschwerdeführerin sind nachvollziehbar begründet. Sie legte lückenlos dar, welche Befunde zu erheben und welche Kriterien erfüllt und inwieweit massgebend für die von ihr gestellten Diagnosen sind. Sie be- gründete schlüssig welche Auswirkungen die gesundheitlichen Beeinträch- tigungen auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin haben. Das Gut-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 9 achten erfüllt die von der höchstrichterlichen Rechtsprechung an den Be- weiswert eines medizinischen Gutachtens gestellten Anforderungen (vgl. E. 3.2 hiervor). Ihm kommt volle Beweiskraft zu und es ist im Nachfolgenden darauf abzustellen. Dr. med. univ. E.________ hat in ihrer Beurteilung vom 20. Juli 2020 eine ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.6), eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Borderline-Typ (ICD-10 F60.31), eine Agoraphobie (ICD-10 F40.0), soziale Phobien (ICD-10 F40.1), spezifische (isolierte) Phobien (ICD-10 F40.2) und eine rezidivie- rende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F33.0) diagnostiziert (act. II 98.2 S. 26 Ziff. 6). Aufgrund dieser gesundheitlichen Einschränkungen sei der Beschwerdeführerin in angepasster Tätigkeit ein zeitliches Pensum von 60% mit einer Leistungseinschränkung von 10% zumutbar (S. 38 Ziff. 8). Dabei könne bei adäquater psychiatrisch- psychotherapeutischer Therapie und günstigem Verlauf medizinisch- theoretisch von einer Steigerung des Pensums auf 80% bis 100% innerhalb eines Jahres ausgegangen werden (S. 39 Ziff. 8). Somit steht fest und ist unbestritten, dass bei der Beschwerdeführerin eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit besteht, welche entspre- chend den Ausführungen von Dr. med. univ. E.________ geeignet ist, sie in ihrer Arbeitsfähigkeit einzuschränken. Ebenfalls steht fest, dass die ent- sprechende Einschränkung mit therapeutischen Massnahmen jedoch auf 10% ([80+100]/2) reduziert werden kann (vgl. E. 4.4 f. hiernach). Damit liegt ein IV-rechtlich relevanter Gesundheitsschaden vor (vgl. E. 2.2 hiervor). 4. 4.1Die versicherte Person muss alles ihr Zumutbare unternehmen, um die Dauer und das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit (Art. 6 ATSG) zu ver- ringern und den Eintritt der Invalidität (Art. 8 ATSG) zu verhindern. Sodann muss sie an allen zumutbaren Massnahmen, die zur Erhaltung des beste- henden Arbeitsplatzes oder zu ihrer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in einen dem Erwerbsleben gleichgestellten Aufgabenbereich dienen, aktiv teilnehmen, insbesondere an Massnahmen der Frühintervention, Integrati-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 10 onsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung, Mass- nahmen beruflicher Art, medizinischen Behandlungen nach Art. 25 des Bundesgesetzes vom 18. März 1994 über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10) und Massnahmen zur Wiedereingliederung von Rentenbezüge- rinnen und Rentenbezügern (Art. 7 Abs. 1 und 2 IVG). Als zumutbar gilt jede Massnahme, die der Eingliederung der versicherten Person dient; ausgenommen sind Massnahmen, die ihrem Gesundheitszustand nicht angemessen sind (Art. 7a IVG). 4.2 Entzieht oder widersetzt sich eine versicherte Person einer zumut- baren Behandlung oder Eingliederung ins Erwerbsleben, die eine wesentli- che Verbesserung der Erwerbsfähigkeit oder eine neue Erwerbsmöglichkeit verspricht, oder trägt sie nicht aus eigenem Antrieb das ihr Zumutbare dazu bei, so können ihr die Leistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert werden. Sie muss vorher schriftlich gemahnt und auf die Rechtsfolgen hingewiesen werden; ihr ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen. Behandlungs- oder Eingliederungsmassnahmen, die eine Gefahr für Leben und Gesundheit darstellen, sind nicht zumutbar (Art. 21 Abs. 4 ATSG). Der Tatbestand des Art. 21 Abs. 4 ATSG enthält verschiedene Elemente: Eine vorübergehende oder dauernde Kürzung oder Verweigerung der Leis- tung wegen Verletzung der Schadenminderungspflicht setzt einerseits die Zumutbarkeit der (unterbliebenen) medizinischen Behandlung oder erwerb- lichen Eingliederung voraus. Zum andern muss diese Vorkehr geeignet sein, eine wesentliche Steigerung der Erwerbsfähigkeit zu bewirken. Hierfür bedarf es keines strikten Beweises, sondern es genügt eine – je nach den Umständen zu konkretisierende – gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Vorkehr erfolgreich gewesen wäre. Im Weiteren muss sich die versicherte Person einer solchen Massnahme widersetzt oder entzogen oder nicht aus eigenem Antrieb das ihr Zumutbare dazu beigetragen haben; ab welchem Zeitpunkt eine entsprechende Annahme getroffen werden darf, ist von der richtigen Durchführung des Mahn- und Bedenkzeitverfahrens abhängig. Im Übrigen muss die Sanktion in ihrer konkreten Gestalt verhältnismässig sein, indem das Kürzungsmass und die voraussichtliche günstige Wirkung der zumutbaren Massnahme auf den Erwerbsschaden einander entspre-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 11 chen (SVR 2019 IV Nr. 16 S. 49 E. 3.3, 2017 IV Nr. 65 S. 204 E. 2.2 und 4.1.1; Entscheid des Bundesgerichts vom 19. Oktober 2018, 8C_865/2017, E. 3.3 und 5.2.2). 4.3 Die Beschwerdeführerin stand während des bei der IV-Stelle B.________ eingeleiteten IV-Verfahrens in einer psychotherapeutischen Behandlung. Diese Therapie hat die Beschwerdeführerin anlässlich eines Wohnortwechsels abgebrochen und in der Folge nicht wieder aufgenom- men (act. II 14 S. 4). 4.4Im psychiatrischen Gutachten vom 20. Juli 2020 (act. II 98.2) emp- fiehlt Dr. med. univ. E.________ die Weiterführung (und Sicherstellung) der in … begonnenen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung im Rahmen regelmässiger Konsultationen in ca. ein- bis zweiwöchigem Ab- stand (S. 35 Ziff. 7.1). Die Behandlung solle dabei langfristig angelegt sein und Verfahren beinhalten, welche auch auf die Persönlichkeitsstörungen ausgerichtet sind. Bei zusätzlich vorliegender Angstproblematik sei eine medikamentöse Behandlung der Angstproblematik gemäss Behandlungs- empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psy- chotherapie (SGPP) zu empfehlen. Diese sollte in eine multimodale Thera- pie, welche auch psychoedukative und psychotherapeutische Aspekte be- inhalte, eingebettet sein und regelmässige Medikamentenspiegelkontrollen beinhalten. Bei adäquater psychiatrisch-psychotherapeutischer Therapie und günstigem Verlauf könne medizinisch-theoretisch von einer Steigerung des Pensums auf 80% bis 100% innerhalb von einem Jahr ausgegangen werden (S. 39 Ziff. 8). Aus medizinischer Sicht sei die angeordnete Mass- nahme für die Beschwerdeführerin zumutbar (S. 40 Ziff. 8; vgl. diesbezüg- lich auch die Stellungnahme des RAD, der die Teilnahme der Versicherten an den ihr von der Beschwerdegegnerin erteilten Auflagen als zumutbar erachtet hat [act. II 119]). 4.5 Die Erforderlich- und Zumutbarkeit einer solchen Therapie ist auf- grund des Gutachtens erstellt (vgl. auch E. 3.3 hiervor), was von der Be- schwerdeführerin denn auch nicht bestritten wird. Nach der gutachterlichen Beurteilung vom 20. Juli 2020 (act. II 98.2) forder- te die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin erstmals am 30. Okto-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 12 ber 2020 (act. II 100) zur Schadenminderung auf und wies sie auf die Fol- gen bei einer Nichterfüllung hin. Den Aufforderungen, sich in fachärztliche Therapie mit entsprechender Behandlungsplanung zu begeben und die Beschwerdegegnerin darüber zu informieren, ist die Beschwerdeführerin insofern nachgekommen, als dass das Psychiatrische Ambulatorium F.________ der Beschwerdegegnerin mitteilte, dass die Beschwerdeführe- rin für eine intensivere, teilstationäre psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung angemeldet werde (act. II 103 S. 1). Dieser Behandlung hat sich die Beschwerdeführerin jedoch in der Folge nicht bzw. nicht vollum- fänglich unterzogen (act. II 107 S. 2 und 117 S. 3 Ziff. 7). Gestützt auf das Gutachten des psychiatrischen Dienstes C.________ der D.________ vom 20. Juli 2020 (act. II 98.2) wurde der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 15. Januar 2021 (act. II 105) eine Viertelsrente zugesprochen mit dem Hinweis, dass auch nach der Rentenzusprache jederzeit Massnahmen der Wiedereingliederung mit dem Ziel der Verbesserung der Erwerbsfähigkeit angeordnet werden können. Am 18. Januar 2021 informierte die behan- delnde Ärztin, dass am 16. Dezember 2020 ein Indikationsgespräch betref- fend Therapie in der Klinik G.________ stattgefunden habe. Dort sei ver- einbart worden, dass sich die Beschwerdeführerin für einen Schnuppertag melden solle, was sie in der Folge unterlassen habe. Weiter sei die Be- schwerdeführerin zum letzten vereinbarten Termin nicht erschienen (act. II 107). Ebenfalls am 18. Januar 2021 meldete die behandelnde Ärztin, die Beschwerdeführerin habe angerufen und einen neuen Termin vereinbart. Die Beschwerdeführerin habe aus Krankheitsgründen den letzten Termin nicht wahrgenommen und sich nicht für das Schnuppern in der Rehabilita- tionsklinik gemeldet (act. II 108 S. 2). Am 13. März 2021 forderte die Be- schwerdegegnerin die Beschwerdeführerin erneut zur Schadenminderung bzw. zur Mitteilung der Stelle der aktuellen fachärztlichen Behandlung, so- wie, ob und ab wann ein Aufenthalt in der Tagesklinik geplant sei, auf, un- ter dem Hinweis auf eine Leistungskürzung oder -verweigerung im Unter- lassungsfall (act. II 109). Am 9. April 2021 teilte die Beschwerdeführerin mit, der nächste Termin bei der behandelnden Ärztin finde am nächsten Mittwoch statt und die Termine würden nun wieder regelmässig stattfinden (act. II 110). Im Verlaufsbericht vom 22. Mai 2021 teilte die behandelnde Psychiaterin des Psychiatrische Ambulatorium F.________ der Beschwer- degegnerin mit, die Beschwerdeführerin habe sich dazu entschieden, kei-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 13 nen Schnuppertag zu absolvieren und den Behandlungstermin nicht wahr- zunehmen (act. II 117 S. 2 Ziff. 4). Dem Bericht ist weiter zu entnehmen, dass seit dem 15. Januar 2021 lediglich zwei Termine am 21. Januar 2021 und am 19. April 2021 stattgefunden haben (S. 3 Ziff. 7). Soweit die Beschwerdeführerin unter Hinweis auf die Bestätigung der H.________ AG über erfolgte Einzelsitzungen (Akten der Beschwerdefüh- rerin [act. I] 4) geltend macht (Beschwerde, S. 1), sie sei ihrer Schaden- minderungspflicht nachgekommen, ist festzustellen, dass mit jeweils zwei vierzehntäglich in dreimonatlichen Abständen durchgeführten Einzelsitzun- gen die Einhaltung der vom Ambulatorium F.________ – in Übereinstim- mung mit dem psychiatrischen Gutachten des psychiatrischen Dienstes C.________ der D.________ vom 20. Juli 2020 (act. II 98.2 S. 39 Ziff. 8) – für erforderlich gehaltene intensive, teilstationäre psychiatrisch- psychotherapeutische Behandlung (act. II 103) nicht nachgewiesen ist. Die Beschwerdegegnerin hält im Rahmen der Beschwerdeantwort zutreffend fest, dass von einer regelmässigen Behandlung in der geforderten Inten- sität keine Rede sein kann (Beschwerdeantwort, S. 4 Ziff. 14). Damit kann insbesondere auch nicht gesagt werden, die gutachterlich überzeugend begründete Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 90% wäre bei adäquater Therapie bis zur hier erfolgten Rentenaufhebung nicht erreichbar gewesen. 4.6 Aufgrund des Dargelegten ist erstellt, dass die Beschwerdeführerin der ihr obliegenden Schadenminderungspflicht nicht bzw. nicht vollumfäng- lich nachgekommen ist. Gemäss dem von der Beschwerdegegnerin korrekt durchgeführten und beschwerdeweise denn auch nicht gerügten Einkom- mensvergleich (act. II 123 S. 2) hätte die zumutbare medizinische Behand- lung zu einem rentenausschliessenden Invaliditätsgrad geführt, womit sie das Verhalten der Beschwerdeführerin richtigerweise mit der Aufhebung der bisher ausgerichteten Viertelsrente per 30. September 2021 sanktio- nierte (Art. 88bis Abs. 2 lit. a der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]) Daher ist die angefochtene Ver- fügung vom 24. August 2021 nicht zu beanstanden und die Beschwerde ist abzuweisen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 14 5. Die nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin beantragt schliesslich die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege für die Verfahrenskosten (Beschwerde, S. 1). 5.1Auf Gesuch hin befreit die Verwaltungsjustizbehörde eine Partei von den Kosten- und allfälligen Vorschuss- sowie Sicherstellungspflichten, wenn die Partei nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und ihr Rechts- begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 61 lit. f ATSG sowie Art. 111 Abs. 1 VRPG; SVR 2011 IV Nr. 22 S. 61 E. 2, 2011 UV Nr. 6 S. 22 E. 6.1). Die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin ist aufgrund der Akten und angesichts der Sozialhilfeabhängigkeit ausgewiesen (Akten der Beschwerdeführerin zum Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege [act. IA] 1 ff.). Auch kann der Prozess nicht von vornherein als aussichtslos bezeichnet werden. Demnach ist der nicht anwaltlich vertretenen Be- schwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege hinsichtlich der Verfah- renskosten zu gewähren. 5.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unab- hängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festzule- gen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die unterliegende Beschwerdefüh- rerin die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Aufgrund der gewährten unentgeltlichen Rechts- pflege wird sie – unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht gemäss Art. 113 VRPG i.V.m. Art. 123 der Schweizerischen Zivilprozessordnung vom 19. Dezember 2008 (ZPO; SR 272) – jedoch von der Zahlungspflicht befreit. 5.3Für die obsiegende Beschwerdegegnerin besteht kein Anspruch auf eine Parteientschädigung (Art. 104 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Dez. 2021, IV/21/663, Seite 15 Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird gutgeheissen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt. Aufgrund der gewährten unentgeltlichen Rechtspflege wird die Beschwerdeführerin – unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht gemäss Art. 123 ZPO – jedoch von der Zahlungspflicht befreit. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Zu eröffnen (R): - A.________ - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen - Steuerverwaltung des Kantons Bern, Bereich Inkasso, Postfach 8334, 3001 Bern Der Kammerpräsident: Der Gerichtsschreiber: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.