<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 111 S.470</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">470</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>111 Formelle Enteignung nachbarrechtlicher Abwehransprüche.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Wird mit der Gewährung von Erleichterungen von der Lärmsanie-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>rungspflicht befreit, so muss für die Geltendmachung von Entschädi-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gungsforderungen aus Enteignung nachbarrechtlicher Abwehran-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sprüche der Ablauf der Lärmsanierungsfrist nicht abgewartet wer-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>den.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus einem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom</span><br/> <span class="ft3">24. Oktober 2000 in Sachen Kanton Aargau gegen F. &amp; Co. AG.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">...4. Zum Inhalt des Grundeigentums gehört auch das Recht,</span><br/> <span class="ft1">übermässige Lärmeinwirkungen von Nachbarn auf das eigene</span><br/> <span class="ft1">Grundstück abwehren zu können (Art. 684 i.V.m. Art. 679 des</span><br/> <span class="ft1">Schweizerischen Zivilgesetzbuches [ZGB] vom 10. Dezember 1907</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">471</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[SR 210]). Gegen übermässige Einwirkungen steht dem betroffenen</span><br/> <span class="ft1">Grundeigentümer insbesondere die Unterlassungsklage zur Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung. Gehen diese Immissionen jedoch von einem im öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Interesse liegenden Werk aus, für welches dem Werkeigentümer das</span><br/> <span class="ft1">Enteignungsrecht zusteht und können diese Einwirkungen nicht oder</span><br/> <span class="ft1">nur mit einem unverhältnismässigen Aufwand vermieden werden, so</span><br/> <span class="ft1">werden die Abwehransprüche des Grundeigentümers infolge der</span><br/> <span class="ft1">vorrangigen öffentlichen Interessen unterdrückt. Das bedeutet eine</span><br/> <span class="ft1">zwangsweise Errichtung einer Dienstbarkeit auf dem Grundstück des</span><br/> <span class="ft1">Enteigneten zugunsten des Werkeigentümers, deren Inhalt in der</span><br/> <span class="ft1">Pflicht zur Duldung der Lärmimmissionen besteht. An Stelle des</span><br/> <span class="ft1">Unterlassungsanspruchs kann die Entschädigung für die Enteignung</span><br/> <span class="ft1">der nachbarrechtlichen Abwehrrechte, mithin eine formelle Enteig-</span><br/> <span class="ft1">nung, treten (BGE 123 II 490 ff. mit weiteren Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">4.1. Vorab ist die Bedeutung der gesetzlich statuierten</span><br/> <span class="ft1">Sanierungsfrist zu behandeln. Unter dem 4. Kapitel "Bestehende</span><br/> <span class="ft1">ortsfeste Anlagen", 1. Abschnitt "Sanierungen und Schallschutz-</span><br/> <span class="ft1">massnahmen", bestimmt Art. 17 Abs. 3 LSV, dass Sanierungen und</span><br/> <span class="ft1">Lärmschutzmassnahmen spätestens 15 Jahre nach Inkrafttreten der</span><br/> <span class="ft1">Verordnung, mithin spätestens bis 31. März 2002 (Art. 50 LSV),</span><br/> <span class="ft1">durchgeführt sein müssen. Das Bundesgericht fasst diese Sanierungs-</span><br/> <span class="ft1">frist als eigentumsinhaltsbestimmend auf: wenn das Umweltschutz-</span><br/> <span class="ft1">recht dem Betreiber einer lärmigen öffentlichen Anlage eine Sanie-</span><br/> <span class="ft1">rungsfrist zugesteht, so bedeutet das, dass ein Nachbar dieser öffent-</span><br/> <span class="ft1">lichen Anlage Lärm über dem Immissionsgrenzwert jedenfalls bis</span><br/> <span class="ft1">zum Ablauf der Sanierungsfrist zu dulden hat, weshalb der Betreiber</span><br/> <span class="ft1">der öffentlichen Anlage vor Ablauf dieser Frist grundsätzlich nicht zu</span><br/> <span class="ft1">einer Enteignungsentschädigung verpflichtet werden kann. Das</span><br/> <span class="ft1">Bundesgericht liess allerdings ausdrücklich offen, wie zu entscheiden</span><br/> <span class="ft1">wäre, wenn eine Sanierung nur mit Erleichterungen möglich wäre</span><br/> <span class="ft1">(BGE 123 II 570 f.).</span><br/> <span class="ft1">Die Sanierungsfrist von Art. 17 LSV findet sich, wie oben er-</span><br/> <span class="ft1">wähnt, im Kapitel 4 der LSV (Art. 13-28), welches die reinen Sanie-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">472</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">rungsfälle bestehender Anlagen behandelt. Wesentlich geänderte</span><br/> <span class="ft1">Anlagen sind unter Kapitel 3 der LSV zusammen mit den neuen</span><br/> <span class="ft1">Anlagen geregelt (Art. 7-12); hier ist keine eigentliche Frist für die</span><br/> <span class="ft1">Vornahme der Lärmschutzmassnahmen vorgesehen, da diese grund-</span><br/> <span class="ft1">sätzlich zeitlich mit der Neuerrichtung bzw. der wesentlichen Ände-</span><br/> <span class="ft1">rung einhergehen müssen (Art. 18, Art. 25 USG; [...]). Das Bundes-</span><br/> <span class="ft1">gericht entschied aber in BGE 124 II 293 ff. in Zusammenhang mit</span><br/> <span class="ft1">einer wesentlich geänderten Anlage, dass der Grundsatz, wonach der</span><br/> <span class="ft1">Betreiber einer öffentlichen Anlage in der Regel nicht vor Ablauf der</span><br/> <span class="ft1">Sanierungsfrist zu einer Zahlung einer Enteignungsentschädigung</span><br/> <span class="ft1">verpflichtet werden kann, grundsätzlich auch beim Ausbau einer</span><br/> <span class="ft1">Anlage gelten müsse, die bereits sanierungspflichtig ist oder durch</span><br/> <span class="ft1">die Erweiterung sanierungspflichtig wird. Das Bundesgericht stellte</span><br/> <span class="ft1">sich aber die Frage, ob ein Entschädigungsanspruch nicht insoweit</span><br/> <span class="ft1">sofort entstehe, als beim Ausbau Erleichterungen nach Art. 18 in</span><br/> <span class="ft1">Verbindung mit Art. 17 USG gewährt werden; es liess diese Frage</span><br/> <span class="ft1">jedoch wiederum offen (BGE 124 II 338).</span><br/> <span class="ft1">In casu werden Erleichterungen gewährt: vorläufig wird kein</span><br/> <span class="ft1">Flüsterbelag eingebaut, eine Lärmschutzwand wird nicht erstellt</span><br/> <span class="ft1">(Regierungsratbeschluss vom 15. Mai 1996, Art. Nr. 1036, S. 10 f.,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 4.1.; Vereinbarung zwischen den Streitparteien vom 14. bzw.</span><br/> <span class="ft1">18. Juli 1997, S. 2 f., Ziff. 3.1 und 3.2 [...]; Teilbericht Lärm, S. 29;</span><br/> <span class="ft1">Umweltverträglichkeitsbericht S. 15; Regierungsratsbeschluss vom</span><br/> <span class="ft1">18. Februar 1998, Art. Nr. 1998-000343, Dispositiv Ziff. 1; ...).</span><br/> <span class="ft1">Wie dargelegt, harrt beim Strassenlärm die Frage der Anwend-</span><br/> <span class="ft1">barkeit der Sanierungsfrist auf das enteignungsrechtliche Entschädi-</span><br/> <span class="ft1">gungsverfahren im Falle der Gewährung von Erleichterungen noch</span><br/> <span class="ft1">einer bundesgerichtlichen Klärung. Mit der Gewährung von Erleich-</span><br/> <span class="ft1">terungen wird entschieden, dass von der <i>Sanierungspflicht</i>, d.h. von</span><br/> <span class="ft1">der Ergreifung der an sich erforderlichen Lärmschutzmassnahmen im</span><br/> <span class="ft1">entsprechendem Umfang <i>befreit</i> wird. In diesen Fällen den geltend</span><br/> <span class="ft1">gemachten Entschädigungsansprüchen entgegenzuhalten, sie seien</span><br/> <span class="ft1">verfrüht, denn der Ablauf der <i>Sanierungsfrist</i> von Art. 17 Abs. 3 LSV</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">473</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">müsse zuerst abgewartet werden, wäre widersprüchlich und ist</span><br/> <span class="ft1">demzufolge unzulässig. Da in casu Erleichterungen gewährt werden,</span><br/> <span class="ft1">rechtfertigt es sich also, den Entschädigungsanspruch sofort zu prü-</span><br/> <span class="ft1">fen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>