B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-7151/2018 U r t e i l v o m 2 5 . F e b r u a r 2 0 2 0 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richter Simon Thurnheer, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch lic. iur. Othman Bouslimi, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 16. November 2018 / N (…). D-7151/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine irakische Staatsangehörige kurdischer Ethnie, verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im Juli 2015 zusam- men mit ihren drei Kindern und deren Familien. Über Syrien, die Türkei sowie verschiedene europäische Staaten reiste sie gemeinsam mit diesen weiter und erreichte am 21. September 2015 die Schweiz, wo sie gleichen- tags um Asyl nachsuchte. Am 16. November 2015 w urde sie im Rahmen einer Befragung zur Person (BzP) zu ihren persönlichen Umständen, dem Reiseweg sowie summarisch zu den Gründen für ihr Asylgesuch befragt. Am 24. März 2017 hörte sie das SEM einlässlich zu ihren Asylgründen an. B. B.a Die Beschwerdeführerin e rklärte, sie stamme aus B._______ in der Autonomen Region Kurdistan (nac hfolgend ARK). Im J ahr (…) habe sie geheiratet und etwa im Jahr 1991 sei sie mit ihrer Familie nach C._______ gezogen. Sie sei Hausfrau gewesen und habe sich um ihre drei Kinder gekümmert. Ihre Tochter D._______ habe Probleme mit ihrem Ehemann E._______ gehabt, der eine einflussreiche Person bei der Partei (…) sei. Begonnen hätten die Schwierigkeiten im (…) 2011, als E._______ eine zweite Frau geheiratet habe. Nicht nur habe E._______ die ganze Familie ständig bedroht, es sei auch ei nmal zu einem handgreiflichen Streit zwi- schen ihm und ihrem Sohn F._______ gekommen. Dabei sei F._______ im Gesicht verletzt und so heftig gebissen worden, dass die Spu ren noch heute zu sehen seien. E._______ habe auch versucht, ihren Sohn mit einer Waffe zu töten; dieser habe aber rechtzeitig fliehen können. Im Anschluss an dieses Ereignis seien zwei Brüder von E._______ zu ihr nach Hause gekommen auf der Suche nach F._______. Da nur sie zu Hause gewesen sei, hätten sie ihr eine Waffe an den Kopf gehalten und sie bedroht. Zwar hätten sie deswegen bei d er Polizei Anzeige erstattet. Dies habe aber nichts gebracht, weil E._______ über grossen Einfluss bei der (…) verfügt habe und die ganze Macht in der ARK in den Händen dieser Partei kon- zentriert sei. Ihr Ehemann habe im Dezember 2011 aufgrund dieser Prob- leme einen (…) erlitten und sei verstorben. Anfang des Jahres 2012 habe ihre Tochter ein Scheidungsverfahren eingeleitet und das Gericht habe im (…) die Scheidung ausgesprochen. Daraufhin habe E._______ angefan- gen, sie zu verfolgen und heftig zu bedrohen, indem er ihnen gesagt habe, wenn D._______ wieder heirate, würde er sie, ihren Bruder und die ganze Familie umbringen. Weil sich der Einflussbereich von E._______ auf die D-7151/2018 Seite 3 gesamte ARK und insbesondere auch auf B._______ erstreckt habe, hät- ten sie sich entschieden, im Dezember 2012 nach G._______ zu ziehen. Nach dem Einmarsch des "Islamischen Staates" (IS) sei die Situation dort aber unerträglich geworden; ihr Sohn habe nicht mehr arbeiten und sie hät- ten das Haus praktisch nicht mehr verlassen können. Der Schwager ihrer Schwiegertochter habe schliesslich jemanden gefunden, der sie mit einem Minibus an die syrische Grenze bei H._______ gebracht habe. B.b Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin ihre irakische Identi- tätskarte im Original ein. Zudem wurden im erstinstanzlichen Verfahren mehrere Fotos von der Hochzeit ihrer Tochter D._______, diverse ärztliche Berichte sowie eine Kopie des Scheidungsurteils vom (…) 2012 zu den Akten gegeben. C. Mit Verfügung vom 16. November 2018 – eröffnet am 19. November 2018 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. D. Mit Eingabe vom 15. Dezember 2018 erhob die Beschwerdeführerin – han- delnd durch ihren Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde gegen diesen Entscheid und beantragte, die angefochtene Ver- fügung sei aufzuheben und es sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerken- nen und ihr Asyl zu gewähren. Zudem sei ihr eine vorläufige Aufenthalts- bewilligung zu genehmigen sowie darauf zu verzichten, sie unter den ge- genwärtigen gesundheitlichen Umständen des Landes zu verweisen und zum Reisen zu zwingen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Erlass der Prozesskosten. Als Beschwerdebeilagen wurden – neben einer Vollmacht, der angefochtenen Verfügung sowie einer Sozialhilfebestäti- gung – diverse Unterlagen zu ihrer gesundheitlichen Situation, darunter ein aktueller Bericht des (…) vom 12. Dezember 2018, zu den Akten gereicht. E. Der Instruktionsrichter stellte mit Verfügung vom 14. Januar 2019 fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab- warten. Gleichzeitig hiess er das Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzich- tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. D-7151/2018 Seite 4 F. Mit Schreiben vom 5. Februar 2019 hielt das SEM fest, die Beschwerde- schrift und deren Beilagen enthielten keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, die eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Diese Vernehmlassung wurde der Beschw erdeführerin am 8. Februar 2019 zur Kenntnisnahme zugestellt. G. Die Beschwerdeführerin liess mit Eingabe vom 22. Februar 2019 ein Schreiben von I._______ vom 19. Februar 2019 einreichen. In diesem wurde bestätigt, dass die Beschwerdeführerin an vielen schw eren Krank- heiten leide und auf kontinuierliche ärztliche Betreuung sowie Medikation angewiesen sei. Es könne ihr deshalb nicht zugemutet werden, in ihr Hei- matland ausgeschafft zu werden. H. Mit Schreiben vom 18. April 2019 liess die Beschwerdeführerin dem Ge- richt drei weitere Berichte zu ihrer gesundheitlichen Situation zukommen. Es handelt sich dabei um einen Austrittsbericht der (…) vom 3. April 2019, eine Terminbestätigung des (…) für die Vornahme eines (…) sowie eine zweite Terminbestätigung für die (…). I. Mit Eingabe vom 16. Mai 2019 wurde erneut ein Austrittsbericht des (…) vom 1. Mai 2019 und ein Rezept für diverse Medikamente vom 3. Mai 2019 eingereicht. J. Ein weiterer Austrittsbericht des (…) vom 28. Mai 2019 ging am 11. Juni 2019 beim Gericht ein. K. Mit Schreiben vom 12. November 2019 setzte die Beschwerdeführerin das Gericht über zwei Terminbestätigungen des (…) in Kenntnis. L. Mit Eingabe vom 22. November 2019 liess die Beschwerdeführerin dem Ge- richt zwei Arztberichte des (…) – datierend vom 12. November 2019 und vom 9. Mai 2019 – zukommen. M. Mit Eingabe vom 6. Dezember 2019 wurde ein weiterer Arztbericht des D-7151/2018 Seite 5 (…) vom 25. November 2019 zu den Akten gegeben, inklusive Laborbefun- den vom 19. November 2019. N. Zur Beurteilung des vorliegenden Falles wurden die Dossiers der Familien- angehörigen der Beschwerdeführerin (N […] [D._______, Tochter], N […] [F._______, Sohn] und N […] [J._______, Tochter]) beigezogen. Das SEM hat über deren Asylgesuche ebenfalls mit Verfügung vom 16. November 2018 entschieden und die entsprechenden Entscheide wurden angefoch- ten. Die Verfahren werden vom Bundesverwaltungsgericht koordiniert be- handelt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG ; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie- gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglic h zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie ist daher zur Einreichung einer Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. D-7151/2018 Seite 6 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüch tlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die ei nen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder mas sgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge- richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver- schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2). 4. 4.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM aus, dass die Schil- derungen der Beschwerdeführerin zu ihrem Aufenthalt in G._______ durchgehend unsubstanziiert geblieben seien. S o wolle sie nicht mitbe- kommen haben, wie der IS die Stadt erobert habe; dieser habe einfach eines späten Abends die Kontrolle übernommen. Das Leben in G._______ unter dem IS habe sie ebenfalls nicht konkret beschreiben können und le- diglich gesagt, sie hätten es nicht gewagt, das Haus zu verlassen, weshalb sie nicht mehr dazu sagen könne. Ihre detailarmen Ausführungen vermit- telten nicht den Eindruck, als habe sie tatsächlich ein Jahr lang unter dem IS gelebt. Die Angaben zu m Leben in G._______ seien insgesamt vage und unsubstanziiert ausgefallen und es sei nicht glaubhaft, dass sie sich D-7151/2018 Seite 7 im Irak zuletzt mehr als zwei Jahre dort aufgehalten habe. Es könne daher darauf verzichtet werden, auf die zahlreichen Unstimmigkeiten in den Schil- derungen zur Ausreise aus G._______ einzugehen. Sodann seien Übergriffe durch Dritte oder Befürchtungen, solche zu erlei- den, nur dann asylrelevant, wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nach- komme oder nicht in der Lage sei, Schutz zu gewähren. Zwar seien die Drohungen gegen ihre Familie und die selbst erlittene Bedrohung mit einer Waffe durch den Bruder von E._______ äusserst bedauerlich, sie stellten jedoch Übergriffe durch Dritte dar. Entsprechend könne die Beschwerde- führerin auf staatlichen Schutz zählen, zumal das in Rechtsk raft erwach- sene Scheidungsurteil vom (…) 2012 aufzeige, dass die Behörden der ARK sich konkret und seriös mit den Schwierigkeiten ihrer Tochter ausei- nandergesetzt sowie deren Recht auf Selbstbestimmung geschützt hätten. Sie hätten sich sowohl schutzfähig a ls auch schutzwillig gezeigt. Es wäre der Beschwerdeführerin somit möglich und zumutbar gewesen, mit rechtli- chen Mitteln gegen die geltend gemachten Drohungen seitens ihres Schwiegersohns vorzugehen. Zudem habe sie angegeben, sie habe E._______ seit der Sc heidung nicht mehr gesehen und die Drohungen seien mehr gegen ihren Sohn und ihre Tochter gerichtet gewesen als ge- gen sie selbst. Es deute somit nichts darauf hin, dass die Befürchtung, künftig nichtstaatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu sein, sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in a bsehbarer Zukunft verwirkli- chen würden. Den Vollzug der Wegweisung erachtete das SEM als zulässig, zumutbar und möglich. Die Beschwerdeführerin stamme aus den von der kurdischen Regionalregierung kontrollierten Provinzen, in die der Wegweisungsvoll- zug grundsätzlich zumutbar sei. Sie habe ihr ganzes Leben in B._______ und C._______ verbracht. Aufgrund ihrer unglaubhaften Ausführungen zum Aufenthalt in G._______ sei unklar, wo sie sich im Irak zuletzt aufge- halten habe und ob sie allenfalls auch längere Zeit in einem Drittstaat ge- lebt habe. Sie verunmögliche es dem SEM, die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung in Kenntnis ihrer tatsächlichen persönlichen und familiä- ren Situation zu prüfen. Auch wenn grundsätzlich von Amtes wegen zu prü- fen sei, ob Wegweisungsvollzugshindernisse vorliegen, finde die diesbezüg- liche Untersuchungspflicht ihre Grenzen in der Mitwirkungspflicht des Asyl- suchenden. Es sei nicht Aufgabe der Behörden, bei fehlenden Hinweisen seitens der Gesuchsteller nach allfälligen Wegweisungsvollzugshindernis- sen zu forschen, wenn diese – wie die Beschwerdeführerin – ihrer Mitwir- kungs- und Wahrheitspflicht im Rahmen der Sachverhaltsermittlung nicht D-7151/2018 Seite 8 nachkämen und die Asylbehörden zu täuschen versuchten. Die Beschwer- deführerin habe die Folgen ihres Verhaltens zu tragen und es sei vermu- tungsweise davon auszugehen, einer Wegweisung an den bisherigen Auf- enthaltsort stehe nichts entgegen. Zusätzlich sei zu erwähnen, dass sie sowohl in B._______ als auch in verschiedenen europäischen Staaten Ver- wandte habe, die sie bei einer Rückkehr finanziell unterstützen könnten. Ferner seien die Asylgesuche ihrer in der Schweiz lebenden Angehörigen mit Verfügung gleichen Datums abgewiesen worden. Es sei davon auszu- gehen, dass sie zusammen mit ihren Verwandten auf ein bestehendes so- ziales Netz zurückgreifen könne und bei einer Rückkehr in die ARK ni cht in eine existenzbedrohende Situation geraten werde. Weiter sprächen auch keine medizinischen Gründe gegen eine Wegweisung. Gemäss den eingereichten Arztberichten leide sie an einer (…) und durchgemachter (…), wobei sich aus den Berichten keine medi zinische Notlage ableiten lasse. Sollte sie weiterhin auf eine Behandlung angewiesen sein, könne sie sich an eines der zahlreichen gut funktionierenden Spitäler in der ARK wen- den. Hinweise darauf, dass ihr der Zugang zu medizinischer Behandlung verwehrt werden würde, gebe es nicht. Zudem stehe es ihr frei, medizini- sche Rückkehrhilfe zu beantragen. 4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, dass die Beschwer- deführerin – entgegen der Auffassung der Vorinstanz – durchaus detailliert und aus ihrer subjektive n Sicht über das Leben in G._______ berichtet habe. Als Frau habe sie nur wenige Rechte gehabt und kaum aus dem Haus gehen können, zumal in G._______ ein Klima der Angst geherrscht habe. Da sie praktisch die gesamte Zeit zu Hause verbracht habe, sei es logisch nachvollziehbar, dass sie nicht mehr zum Leben "draussen", zur Umgebung oder zum Einmarsch des IS habe erzählen können . Weiter könne keineswegs von einem hinreichenden staatlichen Schutz vor Angrif- fen des Ex -Schwiegersohns auf ihre Familie ausgegangen werden. Vor- dergründig handle es sich möglicherweise um eine zivile Angelegenheit. Bei Berücksichtigung der gesamten Umstände werde aber offensichtlich, dass es politische Verstrickungen gebe. Das Facebook -Profil von E._______ lasse erkennen, dass er der (…)-Partei sehr nahestehe, mit ei- nem der ranghöchsten Parteimitglieder befreundet sei sowie enge Verbin- dungen zu den beiden Chefs der lokalen Polizei unterhalte. Es sei bekannt, dass die kurdischen Parteien einen enormen Einfluss auf das gesamte Le- ben hätten, zumal die ARK von Korruption und Begünstigung geprägt sei. Vor diesem Hintergrund müsse davon ausgegangen werden, dass die Be-D-7151/2018 Seite 9 schwerdeführerin bei einer Rückkehr von den erwähnten Polizeichefs so- wie unter dem Einfluss der (…)-Partei verfolgt werden würde und konkret an Leib und Leben gefährdet wäre. Sodann sei darauf hinzuweisen, dass es der Beschwerdeführerin gemäss dem aktuellen Arztbericht des (…) vom 12. Dezember 2018 gesundheitlich sehr schlecht gehe. Sie befinde sich zurzeit in ärztlicher Behandlun g und der Arzt habe in seinem Bericht ausgeführt, er sehe einer Abschiebung aus ärztlicher Sicht eher kritisch entgegen. Es handle sich bei der Beschwer- deführerin um eine alte und kranke Person, die physisch und psychisch stark angeschlagen sei. Im Falle einer Wegweisung wäre sie aufgrund ei- ner persönlichen medizinischen Notlage gefährdet und es drohe eine mas- sive Verschlechterung ihres Gesundheitszustands oder gar eine Gefähr- dung ihres Lebens. Der Wegweisungsvollzug sei somit unzumutbar. 5. 5.1 Nach Lehre und R echtsprechung ist für die Anerkennung der Flücht- lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahr schein- lichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen der asylsuchenden Person gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungs- motive drohen oder zugefügt worden sein. Weiter ist massgeblich, ob die geltend gemachte Gefährdungslage noch aktuell ist (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1). Geht die Verfolgung von nichtstaatlichen Akteuren aus, setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2). Von einem ausreichenden Schutz vor pri- vater Verfolgung ist auszugehen, wenn der Staat eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung stel lt, diese der betroffenen Person zugänglich ist und es ihr nicht aus individuellen Gründen unzumut- bar ist, diese in Anspruch zu nehmen (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3 f. m.w.H.). 5.2 Im Urteil BVGE 2008/4 wurde ausführlich dargelegt, dass die Sicher- heitsbehörden der nordirakischen Autonomen Region Kurdistan, beste- hend aus den Provinzen Dohuk, Erbil, Sulaimaniya sowie der von Letzterer abgespaltenen Provinz Halabja, grundsätzlich in der Lage und willens sind, ihren Einwohnern Schutz vor Verfolgung zu gewähren. Diese Einschätzung wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E -3737/2015 vom D-7151/2018 Seite 10 14. Dezember 2015 (als Referenzurteil publiziert) bestätigt und hat weiter- hin Gültigkeit (vgl. in jüngerer Zeit etwa Urteil des BVGer D-1927/2019 vom 23. Mai 2019 E. 6.2). Gehen die Übergriffe jedoch von den Mehrheitspar- teien, ihren Organen oder Mitgliedern aus, kann – aufgrund der engen Ver- flechtung von Partei- und Behördenstrukturen – nicht mit einer staatlichen Schutzgewährung durch die Polizei- und Sicherheitskräfte gerechnet wer- den (vgl. BVGE 2008/4 E. 6.7). 5.3 Als Grund für ihre Ausreise gab die Beschwerdeführerin an, sie könne nicht mehr in die ARK zurückkehren wegen der Prob leme ihrer Tochter D._______. Bei einer Rückkehr würde deren Ex-Ehemann sie, ihre Tochter und ihren Sohn töten (vgl. A26, F75). Somit geht die geltend gemachte Verfolgung nicht vom Staat aus, sondern von privater Seite. Zwar bringt die Beschwerdeführerin vor, dass E._______ eine mächtige Person bei der (…) sei und unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände des vorliegenden Falles klar werde, dass die Bedrohungslage auf politischen Verstrickungen beruhe. Es müsse davon ausgegangen werden, dass sie von den Polizei- behörden unter dem Einfluss der (…) verfolgt werden würde und konkret an Leib und Leben gefährdet wäre. Hierzu ist festzuhalten, dass sich den Akten an keiner Stelle Hinweise darauf entnehmen lassen, dass der Be- schwerdeführerin von den kurdischen Polizeibehörden eine Verfolgung ge- droht hätte. Selbst wenn E._______ auf Facebook tatsächlich mit Angehö- rigen der (…) sowie der lokalen Polizei befreundet gewesen wäre, deutet dieser Umstand allein noch nicht auf eine besonders enge Beziehung hin. Erst recht n icht lässt sich daraus schliessen, dass die Partei - respektive Behördenmitglieder gegen die Beschwerdeführerin vorgegangen wären und diese dadurch konkret gefährdet gewesen wäre. Anlässlich ihrer Be- fragungen machte sie denn auch an keiner Stelle geltend, sie sei einer Ver- folgung durch die – unter dem Einfluss der (…) sowie von E._______ han- delnden – Polizeibehörden ausgesetzt gewesen. Auf konkrete Nachfrage bestätigte sie vielmehr, dass sie abgesehen von ihrem Schwiegersohn im Heimatstaat nie mit den Behörd en oder Drittpersonen Probleme gehabt habe (vgl. A26, F124 f.). Die vorgebrachte Bedrohung durch den Ex - Schwiegersohn beruht jedoch nicht auf einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motive. Vielmehr basieren dessen Drohungen auf dem Um- stand, dass seine Ehe mit der Tochter der Beschwerdeführerin gescheitert war und er eine Trennung nicht akzeptieren konnte. Unabhängig vom poli- tischen Einfluss von E._______ liegt der Grund für die Verfolgung somit in einer rein privaten Angelegenheit und hat keine politische Dimension. D-7151/2018 Seite 11 5.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM zutreffend festge- stellt hat, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht er- füllt. Ihr Asylgesuch wurde mangels eines Verfolgungsmotivs im Sinne von Art. 3 AsylG zu Recht abgelehnt. 6. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie. Die Be- schwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthalts- bewilligung noch über einen Anspru ch auf Erteilung einer solchen . Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung n icht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 D-7151/2018 Seite 12 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3 7.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be- schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den Irak ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 7.3.2 Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste die Beschwer- deführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). 7.3.3 Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie sei von ihrem Ex - Schwiegersohn auch einmal persönlich bedroht worden. Ende 2011 sei es zu einem handgreiflichen Streit zwischen E._______ und ihrem Sohn F._______ gekommen. Dabei habe er F._______ gebissen und ihn schliesslich mit einer Pistole töten wollen, wobei dieser rechtzeitig habe fliehen können. In der Folge seien mehrere Brüder von E._______ bei ihr zu Hause aufgetaucht. Als sie die Türe geöffnet habe, habe einer von ihnen sofort seine Pistole auf ihre Stirn gerichtet und gefragt, wo F._______ sei. Er habe sie beschimpft und bedroht sowie behauptet, sie verstecke ihren Sohn (vgl. A26, F84 ff.). Abgesehen von diesem Vorfall habe sie keine kon- kreten Probleme mit ihrem Ex-Schwiegersohn gehabt, sie habe jedoch be- fürchtet, dass er ihre Tochter sowie ihren Sohn umbringen werde (vgl. A26, F91 und F107 f.). Es ist somit festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin nach der einmaligen Bedrohung durch die Brüder von E._______ noch rund ein Jahr in C._______ gelebt hat (vgl. A26, F104), ohne dass es zu weiteren konkr eten Vorfällen gekommen ist. Zwar habe es telefonische Drohungen gegeben; der Ex-Schwiegersohn machte aber offenbar keine Anstalten, diese auch in Tat umzusetzen. Zudem hat die Familie nur ein einziges Mal gegen E._______ Anzeige erstattet (vgl. A26, F93). Gemäss Angaben der Beschwerdeführerin habe die Polizei nichts machen können und die zuständigen Beamten hätten ihnen gesagt, dass sie E._______ D-7151/2018 Seite 13 vergeben müssten, da er grosse Macht bei der (…) habe (vgl. A26, F95 f.). Welche Position er bei der Partei innegehabt habe, konnte die Beschwer- deführerin aber nicht sagen. Er habe "irgendeine Verantwortung" bei der Partei, kaufe für deren Mitglieder (…) und in seiner Verwandtschaft habe es viele hochrangige Parteimitglieder (vgl. A26, F92). Es ist jedoch festzu- halten, dass sich die Tochter der Beschwerdeführerin von E._______ scheiden lassen konnte, obwohl dieser damit überhaupt nicht einverstan- den gewesen sei und für das Verfahren zwei Anwälte beigezogen habe (vgl. A26, F80 f.). Der Einfluss des Ex -Schwiegersohns auf die Justizbe- hörden erwies sich trotz der Verbindungen zur (…) nicht als ausreichend gross, um das Verfahren zu seinen Gunsten zu entscheiden. Die von der Beschwerdeführerin erwähnte Anzeige gegen E._______ wurde gemäss den Angaben von D._______ zurückgezogen, nachdem sie – auf das Zu- reden ihres Schwagers hin – im November 2011 zu i hrem Ehemann zu- rückgekehrt sei (vgl. Akten N (…), A48, F93 und F175). Auch dem Schei- dungsurteil lässt sich die Aussage entnehmen, dass D._______ auf die von ihr erstattete Anzeige verzichtet habe, weil ihr das Bewahren der Familien- struktur wichtig gewesen sei (vgl. Scheidungsurteil (…) 2012, A27). Es ist somit davon auszugehen, dass die Anzeige nicht wegen der Macht, die E._______ bei der (…) gehabt haben soll, zurückgezogen wurde, sondern weil D._______ ihrem damaligen Ehemann noch einmal eine Chance ge- ben wollte. Vor diesem Hintergrund kann nicht angenommen werden, die kurdischen Behörden hätten sich gegenüber der Familie der Beschwerde- führerin nicht schutzfähig oder schutzwillig gezeigt. Vielmehr lässt die Tat- sache, dass die Tochter sich gegen den ausdrücklichen Willen von E._______ scheiden lassen konnte, darauf schliessen, dass die Behörden sich von diesem – unabhängig von den geltend gemachten Verbindungen zu hochrangigen Mitgliedern der (…) – nicht beeinflussen liessen. Zudem ist festzuhalten, dass die letzte konkrete Drohung gegen die Beschwerde- führerin Ende 2011 stattfand und die einzige gegen E._______ erstattete Anzeige ebenfalls zu dieser Zeit zurückgezogen wurde. Danach verblieb die Familie noch rund ein Jahr an ihrem Wohnort in C._______, der dem Ex-Schwiegersohn stets bekannt war. Angesichts dessen, dass es zu kei- nen weiteren Vorfällen kam, ist weder davon auszugehen, dass der Be- schwerdeführerin zum Zeitpunkt des Wegzugs nach G._______ eine kon- krete Gefahr an Leib und Leben gedroht hätte noch dass ihr zum heutigen Zeitpunkt eine solche drohen würde. 7.3.4 Sodann lässt auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Hei- matstaat den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzu- lässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich daher sowohl D-7151/2018 Seite 14 im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zuläs- sig. 7.4 7.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt u nd medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr- dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläu- fige Aufnahme zu gewähren. 7.4.2 Aufgrund der vom SEM als vage und unsubstanziiert eingestuften Angaben zu ihrem Leben in G._______ wurde es von diesem nicht als glaubhaft erachtet, dass sich die Beschwerdeführerin vor ihrer Ausreise dort aufgehalten habe. Hierzu ist festzuhalten, dass ihre Aussagen in die- ser Hinsicht tatsächlich wenig detailliert ausgefallen sind. Zwar konnte sie einige Orte in der Umgebung ihres Wohnortes beschreiben (vgl. A26, F42), jedoch kaum Angaben zum Alltag in der Stadt sowie zum Leben unter dem IS machen (vgl. A26, F39, F50, F55). Als Erklärung für ihre substanzarmen Ausführungen gab die Beschwerdeführerin an, sie sei die ganze Zeit zu- hause gewesen (vgl. A26, F41). Dies erscheint zwar nur wenig überzeu- gend, nachdem sie sich rund zweieinhalb Jahre in G._______ aufgehalten haben will und nicht anzunehmen ist, dass sie ihre Wohnung in dieser Zeit nie verlassen hat. Dennoch ist festzustellen, dass ihre Aussagen mit jenen ihrer Angehörigen, mit welchen sie in G._______ gelebt habe, übereinstim- men und diese ihrerseits angaben, sie hätten dort mit der Beschwerdefüh- rerin gelebt. Dabei fielen insbesondere die Ausführungen ihres Sohnes so- wie ihres Schwiegersohnes zu G._______ um einiges detaillierter aus (vgl. Akten N (…), A24 F26 ff. und Akten N (…), A29, F48 ff. und F68 f.), während es den Schilderungen ihrer Töchter und der Schwiegertochter ebenfalls weitgehend an Substanz fehlt. Dies entspricht dem von der Familie ge- zeichneten Bild, dass sich die Frauen meist zu Hause aufhielten, während die Männer einer Arbeit nachgegangen seien. Vor dem Hintergrund, dass die Sicherheitslage in G._______ stets angespannt war und sich nach dem Einmarsch des IS noch verschlechterte sowie angesichts der kulturellen Gegebenheiten im Zentralirak erscheint dies zumindest nicht abwegig. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist es daher als glaubhaft zu erachten, dass sich die Beschwerdeführerin zusammen mit ihren Angehörigen vor der Ausreise in G._______ aufgehalten hat. Im Folgenden ist zu prüfen, ob ein Wegweisungsvollzug in die ARK dennoch als zumutbar einzustufen ist. D-7151/2018 Seite 15 7.4.3 Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung fest, dass sich die Konfliktlage im Irak durch eine grosse Dynamik und Volatilität aus- zeichne, womit allgemeine Aussagen über die Sicherheits- und Menschen- rechtslage rasch ihre Gültigkeit verlieren würden. Die Einnahme von diver- sen Ortschaften im Zentralirak durch den IS habe zu einer grossen Flücht- lingswelle in die irakischen Nordprovinzen geführt. Deren Auswirkungen auf die Sicherheits - und Versorgungslage für Einheimische seien jedoch nicht derart gravierend, dass generell von einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG gesprochen werden könne. Die Lage in den angrenzenden Distrikten in den Provinzen Ninawa, Salah ad -Din und Diyala habe sich zudem wesentlich verändert, nachdem der Krieg gegen die Terrormiliz IS von der irakischen Regierung für beendet erklärt worden sei. Der Wegweisungsvollzug sei deshalb nach wie vor grundsätzlich zu- mutbar. 7.4.4 Im Urteil BVGE 2008/5 – in dem eine einlässliche Auseinanderset- zung mit der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die drei damaligen kurdischen Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil und Suleima- niya) stattfand – hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass sich sowohl die Sicherheits- als auch die Menschenrechtslage in dieser Region im Ver- hältnis zum restlichen Irak relativ gut darstelle. Gestützt auf die vorgenom- mene Lageanalyse kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass ein Wegweisungsvollzug in die kurdischen Provinzen dann zumutbar ist, wenn die betreffende Person ursprünglich aus der Region st ammt oder eine längere Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz (Familie, Ver- wandtschaft oder Bekanntenkreis) verfügt (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5, ins- besondere E. 7.5.1 und 7.5.8). Diese Praxis wurde in den folgenden Jahren durch das Bundesverwal- tungsgericht bekräftigt. Im Urteil E-3737/2015 wurde die Lage im Nordirak und die Zumutbarkeitspraxis neuerlich überprüft. Dabei wurde festgestellt, dass in den vier Provinzen der ARK aktuell nach wie vor nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen ist. Diese Einschätzung ist auch nach dem am 25. September 2017 in der ARK durchgeführten Referendum, in dem offenbar eine Mehrheit der Kur- den für die Unabhängigkeit vom Irak votierte, gültig. Der Wegweisungsvoll- zug in die ARK ist nach wie vor als grundsätzlich zumutbar zu bezeichnen. Den begünstigenden individuellen Faktoren – insbesondere denjenigen eines tragfähigen familiären Beziehungsnetzes – ist angesichts der Belas- tung der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene („In- ternally Displaced Persons “ [IDPs]) gleichwohl ein besonderes Gewicht D-7151/2018 Seite 16 beizumessen (vgl. auch die Urteile des BVGer D -233/2017 vom 9. März 2017 E. 10.6, D-3994/2016 vom 22. August 2017 E. 6.3.3 und D-7841/2016 vom 6. September 2017 E. 7.4). 7.4.5 Die Beschwerdeführerin ist (…) Jahre alt und verwitwet . Sie hat je- doch verschiedene Angehörige, die in B._______ leben, darunter ihre bei- den Brüder (vgl. A7, Ziff. 3.01), mehrere Schwägerinnen und ihre eigene Mutter sowie eine Tante (vgl. A26, F22 ff.). Sie verfügt somit im Heimatstaat über ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz. Zudem erweist sich als entscheidend, dass sie zusammen mit ihren drei Kindern und ihren Fami- lien – die Ablehnung von deren Asylgesuchen sowie die Anordnung der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs wird mit Urteil vom 24. res- pektive 25. Februar 2020 ebenfalls bestätigt (vgl. Verfahren D-7100/2018, D-7102/2018, D-7150/2018, D-7155/2018 und D-7226/2018) – in den Irak zurückkehrt. Zwar verfügt die Beschwerdeführerin nicht über e in eigenes Einkommen und sie hat angesichts ihres Alters und der fehlenden Arbeits- erfahrungen kaum die Möglichkeit, ein solches zu erwirtschaften. Es ist aber festzuhalten, dass sie bereits mehrere Jahre vor der Ausreise, mithin seit dem Tod ihres Ehemannes, über kein Einkommen verfügte (vgl. A26, F18 und F32). Sie lebte jedoch mit ihrer Familie zusammen und namentlich ihr Sohn konnte mit seinem Arbeitserwerb für ihren Unterhalt sorgen (vgl. A26, F30 und F39). Es ist davon auszugehen, dass der Sohn sowie ihre Schwiegersöhne angesichts ihrer Arbeitserfahrungen wiederum in der Lage sein werden, in der ARK eine Arbeitstätigkeit aufzunehmen . Dabei werden sie wohl auch für den Unterh alt der Beschwerdeführerin auf kom- men können, wie dies bereits vor der Ausreise möglich war. Zudem hat sie nicht nur ein weitverzweigtes Familiennetz im Heimatstaat, sondern auch verschiedene im Ausland lebende Angehörige (vgl. A7, Ziff. 3.03 und A26, F22), die sie nötigenfalls unterstützen können. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage ge- raten würde. 7.4.6 Sodann macht die Beschwerdeführerin geltend, sie leide an verschie- denen gesundheitlichen Problemen. Den zahlreichen eingereichten Arzt- berichten lässt sich entnehmen, dass bei ihr folgende Leiden diagnostiziert wurden: (…), Status nach durchgemachter (…), (…), Verdacht auf (…) so- wie ein (…). Daneben bestehen verschiedene (…) Symptome wie (…). Ge- mäss dem aktuellsten Bericht vom 25. November 2019 zeige sich bei der (…) ein einigermassen stabiler Verla uf. Gemäss der Einschätzung von K._______ vom 12. November 2019 müsse die Patientin aber aufgrund der (…) Medikamente einnehmen und es bedürfe – gemäss internationalen D-7151/2018 Seite 17 Richtlinien – alle sechs Monate eines (…), um einen allfälligen (…) frühzei- tig erkennen zu können. Falls diese Therapie im Rahmen einer Wegwei- sung nicht aufrechterhalten werden könne, bestehe das Risiko der Ent- wicklung eines (…), das im späten Stadium zu einer schlechten Prognose bis hin zum Tod führen könne. Als Komplikation habe die Patientin zudem (…) entwickelt, die einer Behandlung mit (…) bedürften. Werde diese The- rapie nicht aufrechterhalten, könne dies zu einer (…) führen. Zudem sei der (…) zuletzt schlecht eingestellt worden, was eher negative Auswirkun- gen auf die (…) habe. Das Gesundheitssystem im Irak besteht aus einem privaten sowie einem öffentlichen Sektor, wobei es keine staatliche Krankenversicherung gibt. Öf- fentliche Krankenhäuser und Kliniken verlangen geringe Gebühren für ärzt- liche Überprüfungen und bieten Medikamente zu einem niedrigeren Preis an als der private Sektor. Allerdings sind im öffentlichen Sektor nicht alle Dienste verfügbar. Für den Zugang zu den entsprechenden Leistungen im öffentli- chen Sektor wird einzig ein gültiger Ausweis benötigt. Alle irakischen Staats- angehörigen haben Zugang zu öffentlichen Spitälern (vgl. International Organization for Migration (IOM), Länderinformationsblatt Irak 2018, 2018, S. 4, https://files.returningfromgermany.de/files/CFS_2018_Iraq_DE.pdf, abgerufen am 03.02.2020). Die ARK verfügt über mehr Gesundheitseinrich- tungen als der restliche Irak. Es gibt 59 öffentliche Spitäler und hunderte von privaten Gesundheitszentren. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass aufgrund der grossen Anzahl intern vertriebener Personen der Druck auf das Gesun dheitssystem gewachsen ist und es zu Wartelisten kommen kann (European Asylum Support Office (EASO), EASO COI Report: Iraq – Key socio -economic indicators, 02.2019, Ziff. 7.4, https://coi.easo.eu- ropa.eu/administration/easo/PLib/Iraq_key_socio-economic_indictors.pdf, abgerufen am 03.02.2020). Die Beschwerdeführerin leidet schon seit längerer Zeit an gesundheitlichen Problemen und hat bereits vor ihrem Aufenthalt in der Schweiz mehrere Operationen und medizinische Behandlungen erhalten (vgl. A7, Ziff. 8.01 und A26, F112). Sie erwähnte in diesem Zusammenhang vorhandene Arzt- berichte aus der L._______ – wo sie sich aufgrund ihrer Krankheit dreimal aufgehalten habe – und dem Irak (vgl. A7, Ziff. 2.04 und 7.04). Dies lässt darauf schliessen, dass sie auch im Heima tstaat respektive von diesem aus erforderliche Behandlungen in Anspruch nehmen konnte. Nach kon- stanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kann nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden, wenn D-7151/2018 Seite 18 eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfü- gung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person führt. Als wesentlich wird die allgemeine und dringende medizinische Behand- lung erachtet, die zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Behand- lung absolut notwendig ist, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls noch nicht vor- liegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Standard ent- sprechende medizinische Behandlung möglich ist (vgl . BVGE 2011/50 E. 8.3; 2009/2 E. 9.3.2). Unter den gegebenen Umständen ist nicht von ei- ner solchen Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der Beschwerde- führerin auszugehen. Sie benötigt zwar verschiedene Medikamente und eine regelmässige Überprüfung ihre r Kondition. Es ist jedoch davon aus- zugehen, dass sie die absolut erforderlichen Medikamente und Behand- lungen auch im Heimatstaat erhalten kann, nachdem sie bereits vor der Ausreise zahlreiche medizinische Leistungen in Anspruch nehmen konnte. Konkrete Hinweise darauf, dass dies zukünftig nicht mehr möglich sei, lie- gen nicht vor, auch wenn es infolge des Drucks auf die Gesundheitsversor- gung in der ARK durch die zahlreichen IDPs allenfalls zu Wartefristen kom- men könnte. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdefüh- rerin im Rahmen der individuellen Rückkehrhilfe die Möglichkeit hat, zu- sätzliche medizinische Hilfeleistungen zu beantragen (vgl. Art. 75 der Asyl- verordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Insgesamt liegt somit keine medi zinische Notlage im Sinne der Rechtsprechung vor, die den Vollzug der Wegweisung als unzumutbar erscheinen liesse. 7.4.7 Angesichts der konkreten Situation der Beschwerdeführerin (Ge- sundheitszustand, Alter und familiäre Verbindungen) erscheint es ange- zeigt, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragten schweizerischen Behörden anzuhalten, diesen Umständen bei der Bestim- mung der konkreten Modalitäten ihrer Überstellung Rechnung zu tragen. Insbesondere erschiene eine Überstellung alleine der Beschwerdeführerin – vorbehalten eines ausdrücklichen Wunsches ihrerseits – als unverhält- nismässig. 7.4.8 Insgesamt erweist sich der Wegweisungsvollzug für die Beschwer- deführerin insgesamt als zumutbar. 7.5 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zus tändi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE D-7151/2018 Seite 19 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefoc htene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt und – sowie diesbezüglich überprüfbar – ange- messen ist (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahre ns wären die Kosten grundsätzlich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr indes mit Instruktionsverfügung vom 14. Januar 2019 die unentgeltliche Prozessfüh- rung gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-7151/2018 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Regula Aeschimann Versand: