B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3996/2021 U r t e i l v o m 1 6 . S e p t e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Mia Fuchs (Vorsitz), Richterin Jenny de Coulon Scuntaro, Richterin Chiara Piras, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Marina Filou, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 26. August 2021 / N (…). D-3996/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer suchte am 11. Juni 2021 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank Eurodac ergab, dass er am 20. Dezem ber 2020 in Rumänien und am 22. Februar 2021 in Deutschland ein Asylgesuch gestellt hatte. Am 25. Juni 2021 fand eine Erstbe fragung für unbegleitete Minderjährige (EB UMA) statt. Dabei führte der Beschwerdeführer aus, er sei am (…) geboren und somit noch minderjährig. Als Beweismittel reichte er insbesondere das Ori- ginal einer am (…) März 2021 ausgestellten Tazkira, die Kopie einer Impf- karte und ein medizinisches Dokument aus B._______ ein. Im weiteren Verlauf des Verfahrens wurde zudem eine eidesstattliche Erklärung seines ältesten Bruders zu den Akten gereicht. A.b Auf ein entsprechendes Informationsersuchen hin teilte n die deut- schen Behörden der Vorinstanz mit, dass ihnen der Beschwerdeführer be- kannt und unter den Personalien C._______, geboren am (…) registriert sei. Es sei ein Übernahmeersuchen an Rumänien gestellt worden, wel- chem am 18. März 2021 zugestimmt worden sei. Da Rumänien für die Prü- fung des Asylgesuchs zuständig sei, sei das Dublin-Verfahren am 19. April 2021 abgeschlossen worden. Unter der Rubrik "Zusätzliche Informationen" wurde ausgeführt, dass der Beschwerdeführer untergetaucht sei. Zudem sei ein Verfahren zur Altersfeststellung vom Jugendamt durchgeführt und eine Minderjährigkeit ausgeschlossen worden. Ferner wurde ausgeführt, der Antragsteller habe keine Dokumente vorgelegt. B. B.a Mit Schreiben vom 30. Juni 2021 gewährte das SEM dem Beschwer- deführer das re chtliche Gehör zur beabsichtigten Anpassung seines Ge- burtsdatums im Zentralen Migrations informationssystem (ZEMIS) sowie zur möglichen Zuständigkeit von Rumänien zur Durchführung seines Asyl- verfahrens. Im Zusammenhang mit dem Alter wies es insbesondere darauf hin, dass bei einer in Deutschland durchgeführten Altersabklärung eine Minderjährigkeit ausgeschlossen worden sei. Zudem habe der Beschwer- deführer geltend gemacht, er kenne sein Geburtsdatum, weil dieses auf seiner Impfkarte stehe. Auf der eingereichten Kopie der Impfkarte sei je- doch als Geburtsdatum der (…) aufgeführt. Zudem habe er angegeben, dass er mit sieben Jahren eingeschult worden sei und zwei Jahre die Schule besucht habe. Dies würde bedeuten, dass er spätestens im Jahr D-3996/2021 Seite 3 (…) mit der Schule aufgehört hätte und nicht – wie von ihm geltend ge- macht – im Jahr (…). Auch sein äusseres Erscheinungsbild deute darauf hin, dass er nicht mehr minderjährig sei. Überdies sei er mit einem Zugti- cket für Erwachsene von Deutschland in die Schweiz gereist. B.b Mit E-Mail vom 5. Juli 2021 teilte die Rechtsvertreterin dem SEM mit, im Schreiben vom 30. Juni 2021 werde auf eine in Deutschland durchge- führte Altersabklärung Bezug genommen, welche ihr nicht vorliege. Es werde um Übermittlung des betreffen den Gutachtens ersucht, damit sie dazu Stellung nehmen könne. Sollte dieses dem SEM ebenfalls nicht vor- liegen, werde darum gebeten, das Gutachten gestützt auf die Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö- rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter- nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) bei den deut- schen Behörden anzufordern. B.c Das SEM teilte der Rechtsvertreterin mit E -Mail vom 6. Juli 2021 mit, dass ihm das Altersgutachten aus Deutschland nicht vorliege. Das Institut für Rechtsmedizin in D._______ stütze sich bei der forensischen Altersdi- agnostik aber auf die Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft der Deut- schen Gesellschaft für Rechtsmedizin (AGFAD), weshalb davon auszuge- hen sei, es würden in Deutschland vergleichbare Massstäbe bei der Be- gutachtung angewendet. Zudem gebe es von der A GFAD organisierte "Ringversuche" – an denen die Schweiz ebenfalls teilnehme – mit dem Ziel, die Altersabklärungen zwischen den Ländern in Europa zu vereinheitli- chen. Die Altersgutachten aus Deutschland seien gegenüber jenen aus der Schweiz als gleichwertig anzusehen. Überdies hätte es dem Beschwerde- führer freigestanden, das Altersgutachten in Deutschland anzufechten, wenn es seiner Ansicht nach nicht korrekt gewesen wäre. B.d Mit S chreiben vom 8. Juli 2021 nahm der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin im Rahmen des ihm gewährten rechtlichen Gehörs Stellung und machte geltend, dass in Deutschland keine medizinische Al- tersabklärung stattgefunden habe. Etwas anderes gehe auch aus dem Ant- wortschreiben der deutschen Behörden auf das Informationsersuchen des SEM nicht hervor. Es werde daher am Antrag, dass das SEM das Doku- ment über die Altersabklärung von Deutschland anfordere, festgehalten. Zwar könne grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass in Deutsch- land und der Schweiz vergleichbare Massstäbe für die Altersbegutachtung D-3996/2021 Seite 4 angewendet würden. Obwohl sich die Behörden überwiegend an die Leit- linien der AGFAD hielten, seien diesbezüglich aber auch schon negative Erfahrungen gemacht worden. Es bestehe daher ein berechtigtes Inte- resse daran, das Ergebnis der Altersabklärung aus Deutschland überprü- fen zu können . Selbst wenn die deutschen Behörden eine medizinische Altersabklärung durchgeführt hätten – was ausdrücklich bestritten werde – sei es möglich, dass sie sich dabei nicht an die Leitlinien der AGFAD ge- halten hätten. Weiter sei darauf hinzuweisen, dass das von ihm genannte Geburtsdatum (…) durch die eingereichte Original-Tazkira bestätigt werde. Der Umstand, dass auf der Impfkarte ein fünf Tage späteres Geburtsdatum angegeben sei, könne ihm nicht zur Last gelegt werden, da es sich dabei offensichtlich um ein Versehen der ausstellenden Behörde handle. Zwar habe das Bundesverwaltungsgericht Dokumente aus Afghanistan bereits als käuflich erwerbbar eingestuft. Indessen habe es im konkreten Fall auch schon afghanische Identitätsdokumente als Indiz für die Minderjährigkeit zugelassen. Entsprechend sei die vorliegend eingereichte Original-Tazkira zu berücksichtigen und allenfalls einer Dokumentenprüfung zu unterzie- hen. Sodann habe er angegeben, er habe mit Unterbrechungen zwei Jahre die Schule besucht. Dabei sei nicht klar, ob diese Unterbrechungen zu ei- ner Verlängerung des Schulbesuchs geführt hätten. Folglich würden seine Angaben zum Jahr des Schulabbruchs keine Rückschlüsse auf die Glaub- haftigkeit seiner Minderjährigkeit zulassen. Auch beim äusseren Erschei- nungsbild handle es sich nicht um ein massgebliches Indiz. Weiter nahm der Beschwerdeführer Stellung zu allfälligen Wegweisungs- vollzugshindernissen in Bezug auf Rumänien und Deutschland. Zudem wurde ausdrücklich beantragt, es sei von einer Volljährigkeitserklärung ab- zusehen, eventualiter sei im ZEMIS ein Bestreitungsvermerk anzubringen sowie eine anfechtbare Verfügung betreffend die Änderung des Geburts- datums im ZEMIS zu erlassen. B.e Das SEM setzte den Beschwerdeführer mit Schreiben vom 12. Juli 2021 darüber in Kenntnis, dass er am 9. Juli 2021 für volljährig erklärt wor- den sei. In Bezug auf den Antrag um Erlass einer anfechtbaren ZEMIS- Verfügung teilte es ihm mit, dass er entweder mit dem Dublin -Entscheid, dem Zuweisungsentscheid ins erweiterte Verfahren oder mit dem Asylent- scheid eine anfechtbare Verfügung betreffend Altersänderung erhalten werde. D-3996/2021 Seite 5 C. C.a Mit Schreiben vom 14. Juli 2021 ersuchte das SEM die rumänischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Es nahm darin Bezug auf die Antwort der deut- schen Behörden auf das Informationsersuchen und hielt fest, die rumäni- schen Behörden hätten gegenüber Deutschland einer Übernahme bereits zugestimmt. Weiter wies es darauf hin, eine Altersabklärung ("age check") der deutschen Behörden habe ergeben, dass der Beschwerdeführer voll- jährig sei. C.b Die rumänischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen des SEM mit Schreiben vom 28. Juli 2021 ausdrücklich zu. Dabei wurde unter anderem festgehalten, dass der Beschwerdeführer am 20. Dezember 2020 in Rumänien um Asyl ersucht habe. Das Gesuch sei am 20. Februar 2020 (recte 2021) abgelehnt worden, wobei gegen diesen Ent scheid keine Be- schwerde erhoben worden sei. D. Die Rechtsvertreterin liess dem SEM mit Schreiben vom 3. August 2021 ein Dokument des deutschen Jugendamtes E._______ zukommen. Aus diesem gehe hervor, dass der Beschwerdeführer in Deutschland ein Iden- titätsdokument vorgelegt habe – womit ein Widerspruch zur Antwort der deutschen Behörden auf das Informationsersuchen bestehe – und dass keine medizinische Altersabklärung veranlasst worden sei. Vielmehr habe das Jugendamt ihn für volljährig erklärt, weil die von i hm eingereichte Tazkira als unecht betrachtet worden sei. Dieses Vorgehen sei willkürlich und nicht hinnehmbar, zumal das Jugendamt für eine solche "Altersfest- stellung" gar nicht zuständig sei. Es gebe viele Fälle, in denen eine min- derjährige Person trotz einer als falsch eingestuften Tazkira nach einer Al- tersabklärung weiterhin als minderjährig angesehen und nur das Geburts- datum (abweichend von der Tazkira) berichtigt worden sei. Es werde daher beantragt, weitere Abklärungen hinsichtlich der Angaben aus Deutschland vorzunehmen. Es sei namentlich zu überprüfen, auf welcher Grundlage die Altersabklärung erfolgt sei und ob das Jugendamt die zuständige Stelle für die Überprüfung der Echtheit von Identitätsdokumenten sei. E. Mit Verfügung vom 26. August 2021 – eröffnet am 1. September 2021 – trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Wegweisung nach Rumänien an und forderte ihn auf, die Schweiz D-3996/2021 Seite 6 am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauf- tragte es die zuständige kantonale Behörde mit dem Vollzug der Wegwei- sung, händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten ge- mäss Aktenverzeichnis aus und hielt fest, einer allfälligen Beschwerde ge- gen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. F. Der Beschwerdeführer erhob – handelnd durch seine Rechtsvertreterin – mit Eingabe vom 8. September 2021 beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde gegen diesen Entscheid. Darin beantragte er, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO auf das Asylgesuch einzutreten. Zudem sei festzustel- len, da ss betreffend die Änderung des Geburtsdatums im ZEMIS eine Rechtsverweigerung vorliege. Eventualiter sei das SEM anzuweisen, sein Selbsteintrittsrecht auszuüben und sich für die Prüfung des Asylgesuchs als zuständig zu erklären, subeventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung zurückzuweisen, subsubeventualiter sei das SEM an- zuweisen wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Rumä- nien auf das Asylgesuch einzutreten. Ferner sei der vorliegenden Be- schwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehör- den seien im Sinne einer vorsorglichen Massnahme unverzüglich anzuwei- sen, bis zum Entscheid über die Beschwerde von einer Überstellung nach Rumänien abzusehen. Weiter wurde um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses er- sucht. Der Beschwerde lagen – neben der angefochtenen Verfügung, einer Vollmacht und einer Kostennote – Ausdrucke eines E -Mail-Austauschs zwischen der Rechtsvertretung und dem SEM, eine Information der deut- schen Bahn über Fahrkarten für Kinder, ein USB -Stick mit einem Video über die Tätigkeit des Bruders des Beschwerdeführers sowie diesbezügli- che Fotos und ein AIDA-Country-Report betreffend Rumänien bei. G. G.a Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Wegweisung mit super- provisorischer Massnahme vom 9. September 2021 per sofort einstweilen aus. G.b Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht glei- chentags in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG). D-3996/2021 Seite 7 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist dah er zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. In der Regel entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Besetzung mit drei Richtern beziehungsweise drei Richterinnen. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG kann auch in diesen Fällen auf die Durchführung eines Schrif- tenwechsels verzichtet werden. 3. 3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstan z zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). D-3996/2021 Seite 8 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitg liedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be- schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten- losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). 4.3 Im Falle von unbegleiteten Minderjährigen ohne familiä re Anknüp- fungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem der Minderjährige seinen Antrag gestellt hat, sofern es dem Wohl des Minderjährigen dient. Eine An- wendung dieser Bestimmung könnte im vorliegenden Fall eine vorrangige Zuständigkeit der Schweiz begründen. 5. 5.1 In der angefochtenen Verfügung führte das SEM hinsichtlich der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Minderjährigkeit aus, er habe bei der EB UMA angegeben, dass er sein Alter auf grund seiner Impfkarte kenne. Auf dieser sei sein Geburtsdatum mit (…) bezeichnet. Gemäss den Abklärungen des SEM sei er sowohl in Rumänien als auch in Deutschland als Volljähriger registriert worden. Die Angaben auf der Tazkira – welche als Geburtsdatum den (…) nenne – widersprächen sowohl den Informatio- nen aus diesen beiden Ländern als auch der Impfkarte. Entsprechend ver- möge diese das behauptete Alter nicht zu belegen. Ausserdem sei eine afghanische Tazkira leicht käuflich erwerbbar oder werde gegen Bezahlung D-3996/2021 Seite 9 von den Behörden aufgrund von irgendwelchen Angaben ausgestellt, da oft keine Geburtsurkunden oder -registereinträge existierten. Der eides- stattlichen Erklärung des in den USA lebenden ältesten Bruders, welcher die Minderjährigkeit des Beschwerdeführ ers bestätige, komme kein Be- weiswert zu, da es sich dabei um eine blosse Aussage handle, deren Glaubhaftigkeit nicht überprüft werden könne. Zudem wiederholte das SEM bereits im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs vorge- brachte Argumente (vgl. Bst. B.a.) und verwies erneut auf die Auskunft der deutschen Behörden, wonach das Jugendamt ein Verfahren zur Altersfest- stellung durchgeführt habe und eine Minderjährigkeit ausgeschlossen wor- den sei. Es gelinge dem Beschwerdeführer daher insgesamt nicht, seine Minderjährigkeit plausibel zu machen. Diese Erwägungen würden gestützt durch die Tatsache, dass die rumänischen Behörden dem Wiederaufnah- meersuchen des SEM explizit zugestimmt hätten. Der Beschwerdeführer werde daher für das weitere Verfahren als volljährig erachtet und sein Ge- burtsdatum werde im ZEMIS mit (…) erfasst sowie mit einem Bestreitungs- vermerk versehen. 5.2 In der Beschwerdeeingabe wurde hinsichtlich der geltend gemachten Minderjährigkeit ausgeführt, das SEM stütze sich bei seiner Alterseinschät- zung wesentlich auf die Auskunft der deutschen Asylbehörden. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs sei ausdrücklich darauf hingewiesen worden, dass in Deutschland nie ein medizinisches Altersgutachten durchgeführt worden sei. Obwohl der Beschwerdeführer beantragt ha be, es seien zusätzliche Informationen von den deutschen Behörden einzuholen, habe das SEM keine solchen angefordert. Als die Rechtsvertretung schliesslich eigene Abklärungen vorgenommen habe, habe sich herausgestellt, dass das Ju- gendamt die vom Beschwerde führer vorgelegte Tazkira als gefälscht ein- gestuft und daraus auf seine Volljährigkeit geschlossen habe. Damit sei der Nachweis erbracht worden, dass in Deutschland gerade kein Altersgutach- ten erstellt worden sei. Dennoch halte das SEM in der angefochtenen Ver- fügung daran fest, eine vom deutschen Jugendamt durchgeführte Alters- feststellung habe ergeben, dass eine Minderjährigkeit auszuschliessen sei. Aus der mit der Rechtsvertretung geführten E -Mail-Korrespondenz gehe hervor, dass das SEM fälschlicherweise d avon ausgehe, in Deutschland sei ein medizinisches Altersgutachten erstellt worden. Ohne entsprechen- den Nachweis könne dies aber nicht als belegt erachtet werden, zumal das vorgelegte Schreiben des Jugendamts aufzeige, dass kein solches Gut- achten vorliege. Das SEM stütze sich bei der Volljährigkeitserklärung somit auf ein nicht vorhandenes Indiz. Das vom Beschwerdeführer geltend ge- machte Alter werde dagegen durch die Original -Tazkira, eine englische D-3996/2021 Seite 10 Übersetzung der Tazkira, eine Kopie der Impfkarte sowie di e notariell be- glaubigte eidesstattliche Erklärung des ältesten Bruders belegt. Dabei könne ihm das um fünf Tage abweichende Geburtsdatum auf der Impfkarte nicht zur Last gelegt werden, da dieses offensichtlich auf einem Versehen der afghanischen Behörden beruhe. Würde es sich bei der Tazkira und der Impfkarte – wie das SEM behaupte – um gefälschte Beweismittel handeln, wäre zu erwarten gewesen, dass beide exakt dasselbe Geburtsdatum auf- weisen. Die minimale Abweichung sei daher als Nachweis für die Echtheit und nicht für die Fälschung dieser Dokumente zu werten . Sodann habe das SEM festgehalten, der Umstand, dass der Beschwerdeführer in Deutschland ein Zugticket für Erwachsene gekauft habe, spreche ebenfalls für seine Volljährigkeit. Dies erweise sich aber als unzutreffend, da bei der Deutschen Bahn bereits Kinder ab 15 Jahren den vollen Preis zahlen müssten. Das SEM habe es vorliegend versäumt, bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Minderjährigkeit eine Gesamtwürdigung aller Indizien vorzunehmen. Der Beschwerdeführer habe etwa korrekt ausgeführt, dass er im Jahr (…) erstmals eine Tazkira habe ausstellen lassen, wobei er da- mals zwischen zehn und elf Jahre alt gewesen sei. Weiter habe er ausge- sagt, er habe Afghanistan im Jahr 2018 im Alter von (…) Jahren verlassen. Diese Angaben stünden in einem direkten Zusammenhang zu seinen Fluchtgründen, welche er glaubhaft habe darlegen können. Auch die ein- gereichte Entlassung aus der Klinik in B._______ bestätige seine Vorbrin- gen. Weiter habe es das SEM unterlassen, d ass Dossier des Bruders (N […]) – welcher mit dem Beschwerdeführer in die Schweiz gereist sei – zur Beurteilung der Minderjährigkeit heranzuziehen. Dieser habe nament- lich ausgeführt, er sei im Jahr 2018 zusammen mit seinem Bruder F._______, der etwa (…) Jahre alt sei, ausgereist. Der Bruder habe auch dieselben Angaben zur Identität der weiteren Familienmitglieder gemacht. 6. 6.1 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sach- verhalt von Amtes wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buch- staben a-e aufgelisteten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet dabei seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersu- chungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise fa lsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. D-3996/2021 Seite 11 KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff.). 6.2 6.2.1 Der Beschwerdeführer macht vorliegend geltend, dass aufgrund der von ihm glaubhaft gemachten Minderjährigkeit gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO von der Zuständigkeit der schweizerischen Asylbehörden für sein Asylgesuch auszugehen sei. 6.2.2 Die Beweislast für die behauptete Minderjährigkeit trägt grundsätzlich die asylsuchende Person. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Ab- wägung sämtlicher Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen. Wesentlich sind da- bei als für echt befundene Identitätspapiere oder eigene Angaben der be- troffenen Person (vgl. Urteil des BVGer E-4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1, m.H.). 6.2.3 Gemäss BVGE 2018 VI/3 sind von den in der Schweiz angewandten Methoden der medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein - res- pektive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht je- doch die Handknochenaltersanalyse und die ärztliche körperliche Untersu- chung) zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Per- son geeignet. Es lässt sich anhand der medizinischen Altersabklärung keine Aussage zur Minder - beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebenda E. 4.2.1 f.). 6.3 Für den vorliegenden Fall ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer sein Alter gegenüber den schweizerischen Asylbehörden konstant mit (…) Jahren beziehungsweise dem Geburtsdatum (…) angegeben hat. Dieses Datum ist auch in seiner Tazkira vermerkt, welche im Original abgegeben wurde. Demgegenüber weist die Kopie der Impfkarte als Geburtsdatum den (…) auf, was insofern Fragen aufwirft, als der Beschwerdeführer aus- drücklich zu Protokoll gab, er kenne sein Geburtsdatum aufgrund der Impf- karte (vgl. Akten SEM 1098880 -16/14 [nachfolgend A16], S. 3). Indessen stellen seine Angaben zum Schulbesuch kein gegen die Minderjährigkeit sprechendes Indiz dar. Er gab diesbezüglich an, er vermute, dass er mit sieben Jahren eingeschult worden sei. Er sei nur zwei Jahre in die Schule gegangen, wobei er aber nicht regelmässig habe hingehen können. Auf die Frage, wann er die Schule verlassen habe, ist als Antwort "(…) glaube ich" D-3996/2021 Seite 12 protokolliert (vgl. A16, S. 4). Diese Ausführungen des Beschwerdeführers sind nicht eindeutig genug, um daraus klare Schlussfolgerungen zu ziehen. Es lässt sich nicht feststellen, ob der Beschwerdeführer zu Beginn oder zum Ende des siebten Lebensjahres eingeschult wurde und ob er genau zwei Schuljahre absolviert habe respektive wann der Schulabbruch er- folgte. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Jahre des in Afghanistan ge- bräuchlichen Kalenders nicht exakt deckungsgleich sind mit dem gregoria- nischen Kalender. Durch die blosse Nennung der Jahreszahl ohne Monats- angabe kann es daher zu Ungenauigkeiten bei der Umrechnung kommen. Ebenfalls kein gegen die Minderjährigkeit sprechendes Indiz ist die Tatsa- che, dass der Beschwerdeführer für die Reise von Deutschland in die Schweiz ein Zugticket für Er wachsene verwendet hat. Eigenen Angaben zufolge war er damals bereits (…) Jahre alt und es trifft zu, dass die Deut- sche Bahn für Kinder ab 15 Jahren den vollen Fahrpreis verlangt. 6.4 Das SEM stützt sich bei seiner Einschätzung, der Beschwerdeführer sei als volljährig zu erachten, massgeblich auf die Auskunft der deutschen Behörden im Rahmen des Informationsaustauschs sowie den Umstand, dass er in Rumänien als volljährige Person registriert worden ist. Sowohl das in Rumänien ([…], vgl. SEM -Akte 1098880 -41/1) a ls auch das in Deutschland erfasste Geburtsdatum ( […], vgl. SEM -Akte 1098880 -20/3 [nachfolgend A20]) lassen darauf schliessen, dass es sich um von den Be- hörden festgelegte Geburtsdaten handelt. Damit stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage diese behördlichen Einschätzungen basieren. Von Sei- ten der rumänischen Behörden liegen diesbezüglich keine weiteren Infor- mationen vor. Die deutschen Behörden führten im Antwortschreiben auf das Informationsersuchen aus, es sei ein "Verfahren zur Altersfeststellung vom Jugendamt" durchgeführt und eine Minderjährigkeit aus geschlossen worden (vgl. A20, S. 3). Auf Anfrage der Rechtsvertreterin teilte das SEM mit, dass ihm das von den deutschen Behörden erstellte Altersgutachten nicht vorliege. Es sei indessen davon auszugehen, dieses sei mindestens gleichwertig wie jene aus der Schweiz (vgl. SEM-Akte 1098880-29/2). Das SEM ging somit offenbar davon aus, dass ein (medizinisches) Altersgut- achten existiert. Der Beschwerdeführer bestritt dies indessen und bekräf- tigte mehrmals seinen Antrag, die deutschen Behörden seien aufzufordern, weitere Angaben zu der von ihnen durchgeführten Altersabklärung vorzu- legen (vgl. SEM-Akten 1098880-30/5 S. 4 und 1098880-45/2). Da aus dem Antwortschreiben der deutschen Behörden auf das Information sersuchen nicht hervorgeht, was für ein Verfahren zur Altersfeststellung durchgeführt wurde, hätte sich dies vorliegen d tatsächlich aufgedrängt. Entgegen der D-3996/2021 Seite 13 Annahme des SEM lässt sich den Akten nicht entnehmen, dass in Deutsch- land eine medizinische Altersabklärung stattgefunden hat, welche mit den in der Schweiz geltenden Standards vergleichbar ist und den Anforderun- gen an ein Altersgutachten (vgl. dazu oben E. 6.2.3) genügt. Das mit Ein- gabe vom 3. August 2021 eingereichte Schreiben d es Jugendamts E._______ hält lediglich fest, dass die Angaben des Beschwerdeführers nicht glaubwürdig seien. Es wird darin Bezug genommen auf eine von ihm vorgelegte Tazkira, welche als nicht echt eingestuft wird. In der Folge zieht das Jugendamt den Schluss, dass das in der Ta zkira angegebene Alter "ebenfalls nicht echt" sein könne und es sich beim Beschwerdeführer um eine volljährige Person handle. Dieses Dokument ist als starkes Indiz dafür zu werten, dass in Deutschland zu keinem Zeitpunkt eine medizinische Al- tersabklärung stattgefunden hat und das SEM zu Unrecht davon ausgeht, es sei in Deutschland ein Altersgutachten erstellt worden. Vielmehr kann angenommen werden, dass sich die deutschen Behörden in ihrem Antwort- schreiben auf das Informationsersuchen auf die Feststellunge n des Ju- gendamts E._______ bezogen. 6.5 Entgegen der vom Beschwerdeführer respektive seiner Rechtsvertre- terin vertretenen Auffassung erweist sich die Einschätzung des deutschen Jugendamts – welches von einer Fälschung der Tazkira ausgehe und dar- aus auf die Volljährigkeit schliesse – nicht als von vornherein unzulässig. Im Asylverfahren obliegt es dem Gesuchsteller, seine Minderjährigkeit zu- mindest glaubhaft zu machen. Das Schreiben des Jugendamts hält denn auch fest, dass dem Beschwerdeführer sein Alter in G._______ – wo er gemäss dem Eurodac-Treffer das Asylgesuch gestellt hatte (vgl. SEM-Akte 1098880-9/1) – nicht geglaubt worden sei. Daraufhin habe er eine Tazkira besorgt, welche nicht akzeptiert worden sei. Diese Ausführungen deuten darauf hin, dass den d eutschen Behörden neben der als gefälscht einge- stuften Tazkira weitere Indizien vorlagen, welche gegen die Minderjährig- keit des Beschwerdeführers sprachen. Aus den Akten geht jedoch nicht hervor, welcher Art diese Indizien – sofern solche tatsächlich beste hen – sind und wie sie zu gewichten wären. 6.6 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Vorinstanz sich bei der Beurteilung des Alters des Beschwerdeführers massgeblich darauf ge- stützt hat, dass in Deutschland ein Altersgutachten erstellt wurde, welches von der Qualität her mit einem in der Schweiz erstellten Gutachten ver- gleichbar wäre. Sie hat es jedoch unterlassen, das betreffende Gutachten bei den deutschen Behörden einzufordern. Damit lässt sich nicht überprü- fen, ob ein solches tatsächlich erstellt wurde. Angesichts der vorliegenden D-3996/2021 Seite 14 Akten ist dies zu bezweifeln, da die von den deutschen Behörden erwähnte Altersfeststellung des Jugendamts offensichtli ch nicht ohne Weiteres mit einem medizinischen Altersgutachten gleichgestellt werden kann. Es ist auch nicht feststellbar, welche weiteren Untersuchungsmassnahmen oder Abklärungen in Deutschland vorgenommen worden sind, um das Alter des Beschwerdeführers zu bestimmen respektive eine Einschätzung hinsicht- lich seiner Volljährigkeit zu treffen. Aus den Angaben, welche die deutschen Behörden im Rahmen des Informationsaustauschs bislang dem SEM über- mittelt haben, lässt sich somit nicht ausreichend nachvollziehen, aus wel- chen Gründen sie zum Schluss kommen, dass es sich beim Beschwerde- führer um eine volljährige Person handelt. Weitere überzeugende Indizien, welche in aller Deutlichkeit gegen die vom Beschwerdeführer geltend ge- machte Minderheit sprechen würden, lassen sich den Akten ebenfalls nicht entnehmen. 6.7 Nach dem Gesagten erweist sich die Sachverhaltsfestst ellung als un- vollständig, da sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht beurteilen lässt, ob die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers als glaubhaft zu erachten ist. Es ist daher angezeigt die Sache gestützt auf Art. 61 Abs. 1 VwVG an die Vorinstanz zurückzuweisen, welche diesbezüglich in Anwendung des Un- tersuchungsgrundsatzes weitere Abklärungen vorzunehmen hat. Dabei er- schiene es insbesondere naheliegend, bei den deutschen Behörden wei- tere Informationen einzuholen – insbesondere ein allfälliges Altersgutach- ten anzufordern oder um nähere Angaben zur Altersfeststellung durch das Jugendamt respektive die Asylbehörden in G._______ zu ersuchen – oder aber eigene Abklärungen zum Alter des Beschwerdeführers vorzunehmen, wobei hier namentlich an ein medizinisches Alters gutachten zu denken wäre. 7. 7.1 In der Beschwerdeeingabe wurde weiter vorgebracht, es liege in Bezug auf die Änderung des Geburtsdatums des Beschwerdeführers im ZEMIS eine Rechtsverweigerung vor. Zwar habe die Vorinstanz in ihrem Schrei- ben vom 12. Juli 2021 ausdrücklich festgehalten, eine anfechtbare ZEMIS- Verfügung erfolge entweder mit dem Dublin-Entscheid, dem Zuweisungs- entscheid ins erweiterte Verfahren oder dem Asylentscheid. Aus dem vor- liegenden Dublin-Entscheid gehe jedoch hervor, dass keine ZEMIS-Verfü- gung erlassen worden sei. 7.2 Das Verbot der Rechtsverweigerung ergibt sich als Teilgehalt aus der allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 BV. Danach hat jede D-3996/2021 Seite 15 Person vor Gerichts - und Verfahrensinstanzen Anspruch auf gleiche und gerechte Behandlung sowie auf Beurte ilung innert angemessener Frist . Eine Rechtsverweigerung liegt vor, wenn eine Behörde sich weigert, eine Verfügung zu erlassen, obwohl sie dazu aufgru nd der einschlägigen Rechtsnormen verpflichtet wäre. Die Beschwerdelegitimation setzt voraus, dass bei der zuständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer Verfügung gestellt wurde und Anspruch darauf besteht (vgl. BVGE 2008/15 E. 3.2 m.w.H.). 7.3 Die V orinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer- und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom 20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent- rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (SR 142.513; ZEMIS-Verordnung) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord- nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus- kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa- tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten, nach dem Datenschutzgesetz (DSG, SR 235.1) und dem VwVG. Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu verge- wissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorganen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass un- richtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25 Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein abso- luter und uneingeschränkter Anspruch (vgl. Urteil des BVGer A-4256/2015 vom 15. Dezember 2015 E. 3.2 m.H.). Die ZEMIS-Verordnung sieht im Üb- rigen in Art. 19 Abs. 3 vor, dass unrichtige Daten von Amtes wegen zu be- richtigen sind. 7.4 Der Beschwerdeführer ersuchte das SEM in seiner Eingabe vom 8. Juli 2021 um Erlass einer anfechtbaren ZEMIS-Verfügung, wenn er für volljäh- rig erklärt werden sollte. Das SEM teilte ihm mit Schreiben vom 12 . Juli 2021 mit, er sei am 9. Juli 2021 für volljährig erklärt worden und er werde mit dem Dublin -Entscheid, dem Zuweisungsentscheid ins erweiterte Ver- fahren oder mit dem Asylentscheid eine anfechtbare Verfügung betreffend Altersänderung erhalten. Mit Verfügung vom 26. August 2021 erliess das SEM einen Dublin-Entscheid. Zwar wird in der Begründung der Verfügung festgehalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelinge, seine Minder-D-3996/2021 Seite 16 jährigkeit plausibel zu machen. Entsprechend werde er für das weitere Ver- fahren als volljährig erachtet und sein Geburtsdatum werde im ZEMIS mit dem (…) erfasst sowie mit einem Bestreitungsvermerk versehen. Dies wird jedoch im Verfügungsdispositiv nicht festgehalten. 7.5 Vorliegend beantragte der Beschwerdeführer ausdrücklich, dass das SEM im Falle seiner Volljährigkeitserklärung eine anfechtbare ZEMIS-Ver- fügung erlasse. Gestützt auf die Datenschutzgesetzgebung – welche es den Betroffenen jederzeit erlaubt, um Berichtigung ihres ZEMIS -Eintrags zu ersuchen – wäre das SEM verpflichtet gewesen, über die von ihm vor- genommene Änderung der ZEMIS-Daten im Rahmen einer separaten Ver- fügung oder mit einer eigenen Dispositivziffer im Dublin -Entscheid zu be- finden (vgl. Urteil des BVGer D-1170/2021 vom 28. Mai 2021 E. 3.4 m.H.). Entgegen ihrer eigenen Ankündigung im Schreiben vom 12. Juli 2021 hat es die Vorinstanz indessen unterlassen, mit dem Dublin-Entscheid über die Altersänderung im ZEMIS zu verfügen. Die Volljährigkeitserklärung und die Feststellung der ZEMIS-Änderung im Rahmen der Begründung re icht da- bei nicht aus, da lediglich das Verfügungsdispositiv in Rechtskraft er- wächst. Das SEM hat daher eine Rechtsverweigerung begangen, indem es nicht über den Antrag auf Erlass einer anfechtbaren ZEMIS-Verfügung entschieden hat. 8. Aufgrund des Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die Verfügung vom 26. August 2021 ist aufzuheben und die Sache im Sinne der Erwä- gungen zur weiteren Sachverhaltsabklärung und neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zudem ist festzustellen, dass das SEM in Bezug auf die Änderung des Geburtsdatums des Beschwerdeführers im ZEMIS eine Rechtsverweigerung begangen hat. Die Vorinstanz ist daher anzuweisen, über den entsprechenden Antrag im Rahmen des wiederauf- zunehmenden Dublin-Verfahrens oder mit einer separaten Verfügung zu entscheiden. Angesichts der Rückweisung der Sache erübrigt sich eine Auseinanderset- zung mit den weiteren Vorbringen in der Beschwerdeschrift. 9. Der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung wird mit dem vorlie- genden Entscheid gegenstandslos und der mit superprovisorischer Mass- nahme vom 9. September 2021 angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin. D-3996/2021 Seite 17 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der Antrag au f Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses erweist sich als gegenstandslos. 10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG). (Dispositiv nächste Seite) D-3996/2021 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung vom 26. August 2021 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur weiteren Sachverhaltsabklärung und zur Neu- beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es wird festgestellt, dass das SEM hinsichtlich der Änderung des Geburts- datums des Beschwerdeführers im ZEMIS eine Rechtsverweigerung be- gangen hat. 4. Das SEM wird angewiesen, betreffend Änderung des Geburtsdatums des Beschwerdeführers im ZEMIS eine anfechtbare Verfügung zu erlassen. 5. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 6. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 7. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Regula Aeschimann Versand: