Obergericht des Kantons Zürich II. Strafkammer Geschäfts-Nr.: SB210560-O/U/ad Mitwirkend: Oberrichter Dr. Bussmann, Präsident, Ersatzoberrichterin Dr. Bach- mann und Ersatzoberrichter lic. iur. Vesely sowie Gerichtsschreibe- rin MLaw Brülisauer Urteil vom 6. September 2022 in Sachen A._____, Beschuldigter und Berufungskläger amtlich verteidigt durch Fürsprecher B._____, gegen Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat, Anklägerin und Berufungsbeklagte betreffend Angriff Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Ein- zelgericht, vom 7. September 2021 (GG210155) - 2 - Anklage: Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 29. April 2021 (Urk. 25) ist diesem Urteil beigeheftet. Urteil der Vorinstanz: (Urk. 38 S. 31 f.) 1. Der Beschuldigte ist schuldig des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB. 2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 7 Monaten, wo- von bis und mit heute 10 Tage durch Haft erstanden sind. 3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. 4. Die folgenden sichergestellten Gegenstände • Pullover, Farbe Blau, Anschrift "Reservoir Dogs" (Asservat-Nr. A012'201'944) • Baseballkappe, Marke Nike (Asservat-Nr. A012'201'977) • Jacke / Gillet, Farbe Dunkelblau (Asservat-Nr. A012'201'988) • Paar Schuhe, Marke Reebok , Farbe Weiss (Asservat -Nr. A012'202'005) aufbewahrt bei der Stadtpolizei Zürich, EA-LO-GE (G-Nr. 74310353), wer- den dem Beschuldigten auf erstes Verlangen herausgegeben. Werden die Gegenstände vom Beschuldigten oder einer durch ihn bevoll- mächtigten Person nicht innert 60 Tagen nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils herausverlangt, werden diese der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen. - 3 - 5. Fürsprecher B._____ wird für seine Aufwendungen als amtlicher Verteidiger des Beschuldigten aus der Gerichtskasse mit total Fr. 13'790.– (inkl. Baraus- lagen und MwSt.) entschädigt. 6. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf Fr. 2'100.– ; die weiteren Kosten betragen: Fr. 2'100.– Gebühr für das Vorverfahren Fr. 500.– Kosten Entsiegelungsverfahrens Nr. GM190002-L Fr. 13'790.– amtliche Verteidigung Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten. 7. Die Kosten dieses Verfahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Ver- teidigung und derjenigen des Entsiegelungsverfahrens Nr. GM190002-L, werden dem Beschuldigten auferlegt. 8. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse ge- nommen. Vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO. 9. Die Kosten des Entsiegelungsverfahrens Nr. GM190002-L werden auf die Gerichtskasse genommen. Berufungsanträge a) Der Verteidigung des Beschuldigten: (Urk. 52/1 S. 2) 1. Der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen. Dem Beschuldigten sei für die ungerechtfertigt erstandene Haft vom 9. Januar 2019, 05.20 Uhr bis 18. Januar 2019, 14.55 Uhr eine Genug- tuung in der Höhe von Fr. 200.– pro ausgestandenen Hafttag, zuzüg- lich Zins von 5 % ab Datum der Entlassung aus der Untersuchungshaft (18. Januar 2019) auszurichten (Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO). - 4 - Sämtliche sichergestellten Gegenstände seien dem Beschuldigten her- auszugeben (soweit dies nicht schon passiert ist). Die erkennungsdienstliche Erfassung und das DNA-Profil des Beschul- digten seien zu löschen und der Wangenschleimhautabstrich zu ver- nichten. 2. Eventualantrag: Der Beschuldigte sei des Raufhandels nach Art. 133 StGB schuldig zu sprechen und mit einer Geldstrafe von höchs- tens 30 Tagessätzen à Fr. 30.– zu bestrafen. Der Vollzug der Geldstrafe sei bedingt aufzuschieben, unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren. 3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. 7.7 % MwSt.) gemäss Verfahrensausgang. 4. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien unabhängig vom Ausgang des Verfahrens vom Staat zu tragen. b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat: (Urk. 44) Verzicht auf Anschlussberufung und Stellung eines Antrages. _____________________________ Erwägungen: I. Prozessgeschichte Mit Urteil vom 7. September 2021 sprach die Vorinstanz den Beschuldigten des Angriffs i.S.v. Art. 134 StGB schuldig und bestrafte ihn mit einer Freiheitsstrafe von 7 Monaten, unter Anrechnung von 10 Tagen Untersuchungshaft. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wurde aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. - 5 - Weiter regelte die Vorinstanz die Herausgabe von sichergestellten Gegenständen sowie die Kosten- und Entschädigungsfolgen (Urk. 38 S. 31 f.). Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte mit Einga be desselben Tages Ber u- fung anmelden (Urk. 33) und mit Eingabe vom 21. November 2021 fristgerecht die Berufung erklären (vgl. Urk. 40, Urk. 37/2). Die Staatsanwaltschaft verzichtete mit Eingabe vom 3. Dezember 2021 auf A n- schlussberufung und erklärte, auf die Stellung eine s Antrags zu verzichten (Urk. 44). Unter dem Datum vom 31. August 2022 reichte der amtliche Verteidiger die Urtei- le in den Parallelverfahren GG220040 sowie GB200091, welche den identischen Vorfall betreffen (Urk. 49 und Urk. 50/1- 2), sowie seine Plädoyernotizen und H o- norarnote zu den Akten (Urk. 51 und Urk. 52/1-2). Zur Berufungsverhandlung v om 6. September 2022 erschienen der Beschuldigte in Begleitung seines amtlichen Verteidigers, Fürsprecher B._____, sowie der im Parallelverfahren SB210559 Beschuldigte C._____ in Begleitung seiner amtlichen Verteidigerin, Rechtsanwältin MLaw X._____. Das vorliegende Verfahren wurde gemeinsam mit dem Verfahren SB210559 verhandelt (Prot. II S. 3). II. Prozessuales 1. Umfang der Berufung In der Berufungsschri ft ist anzugeben, welche Abänderungen des erstinstanzl i- chen Urteils verlangt werden (Art. 399 Abs. 3 lit. b StPO). Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung. Der Beschuldigte beantragt einen vollumfänglichen Frei spruch. Unangefochten und damit in Rechtskraft erwachsen ist die Regelung über die Herausgabe der s i- chergestellten Gegenstände (Disp. -Ziff. 4), die Festsetzung der Entschädigung der amtlichen Verteidigung (Disp.-Ziff. 5) sowie die gerichtliche Kostenfestsetzung (Disp.-Ziff. 6) und die Übernahme der Kosten des Entsiegelungsverfahrens - 6 - GM190002-L auf die Gerichtskasse (Disp. -Ziff. 9), was vorab mittels Beschluss festzustellen ist. 2. Verwertbarkeit der Videoaufzeichnung Am 25. Oktober 2018 fand in Zürich ein Fussballspiel zwischen den Fussballclubs Zürich und Bayer Leverkusen statt. In derselben Nacht, am 26. Oktober 2018 um ca. 01.00 Uhr morgens, kam es an der D._____- strasse in Zürich zu einer Ausei- nandersetzung zwischen einer Gruppe "FC Zürich" -Fans und einer Gruppe "FC Bayern Leverkusen"-Fans. Das Geschehen wurde von der Videokamera des H o- tels "E._____" aufgezeichnet. Weitere Aufnahmen erfolgten durch eine Zylinder- kamera vor dem F._____ (Urk. 10). Die Verteidigung hält im Rahmen der Berufung wie schon vor Vor instanz dafür, das Video des Hot els E._____ sei unverwertbar. Er machte sinngemäss geltend, es handle sich um die Aufnahme einer Privatperson und sei rechtswidrig erlangt worden. Es stelle eine Persönlichkeitsverletzung im Sinne von Art. 12 Abs. 2 lit. a DSG dar (vgl. Urk. 30 S. 3 f.; Urk. 52/1 S. 3). Die Vorinstanz hat die gesetzlichen Grundlagen zur Verwertbarkeit der Videoauf- zeichnung zutreffend dargelegt. Zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen kann auf ihre Erwägungen verwiesen werden (Urk. 38 S. 9 ff., Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgenden Erwägungen verstehen sich als Hervorhebungen und Präzisierun- gen: Gemäss Art. 12 Abs. 1 DSG darf, wer Personendaten bearbeitet, die Persönlic h- keit der betroffenen Person nicht widerrechtlich verletzen. Nach Abs. 1 von Art. 13 DSG ("Rechtfertigungsgründe") ist eine Verletzung der Persönlichkeit widerrecht- lich, wenn sie nicht durch Einwilligung des Verletzten, durch ein überwiegendes privates oder öffentliches Interesse oder durch Gesetz gerechtfertigt ist (Art. 13 Abs. 1 DSG). Neben dem Interesse des Datenbearbeiters können dabei auch I n- teressen Dritter oder sogar der betroffenen Personen selbst die Datenbearbeitung unter Umständen rechtfertigen. Grundsätzlich kann jedes schüt zenswerte Interes- se, d.h. jedes Interesse von allgemein anerkanntem Wert, berücksichtigt werden - 7 - (BGE 138 II 346 E. 10.3 S. 364 mit Hinweisen). Die Prüfung, ob ein Rechtfert i- gungsgrund für einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte vorliegt, ist anhand der konkreten Umstände des Einzelfalls vorzunehmen und setzt eine Abwägung aller betroffenen Interessen voraus (vgl. BGE 138 II 346 E. 9.2). Die Interessenabw ä- gung beruht auf gerichtlichem Ermessen (Art. 4 ZGB; BGE 136 III 410 E. 2.2.3 S. 413; BGE 129 III 529 E. 3.1 S. 531). Eine Videoüberwachung im Eingangsbereich eines anonymen Wohnblocks, in dem gegebenenfalls gar ein Risiko von Übergriffen besteht, kann durchaus ange- zeigt und für alle betroffenen Personen zumutbar sein, während dies in einem kleinen Mehrfamilienhaus, wo sich die Nachbarn kennen, normalerweise nicht der Fall sein dürfte (BGE 142 III 263 E. 2.2.2). Die vorliegende Überwachung erfolgte im Eingangsbereich eines Hotels. Die H o- telgäste kennen sich in der Regel nicht bzw. es besteht eine Anonymität ver- gleichbar mit einem anonymen Wohnblock. Eine systematische Erhebung des Verhaltens von Bewohnern ist nicht möglich, da diese sich als Hotelgäste kaum genug lange im Hotel aufhalten, um eine systematische Erhebung ihres Verhal- tens überhaupt zu ermöglichen. Der Beschuldigte resp. dessen Verteidigung st ö- ren sich denn auch nicht an der Aufnahme im Eingangsbereich, sondern dass zu- sätzlich der Vorplatz, die D._____-strasse sowie auch ein Teil der F._____ erfasst würden, mithin weite Teile des öffentlichen Raumes, was die Aufnahme wider- rechtlich mache (Urk. 30 S. 3). Diesbezüglich ist aber festzuhalten, dass sich der Vorfall im Eingangsbereich des Hotels ereignete, mithin in jenem Bereich, der grundsätzlich ohnehin gefilmt werden durfte. Soweit die Vorinstanz erwog, mangels anderer Hinweise sei zu Gunsten des B e- schuldigten davon auszugehen, dass die Videoüberwachung für ihn nicht erkenn- bar gewesen sei, weshalb die Videoüberwachung rechtswidrig gewesen sei (Urk. 38 S. 9), wendet sie die Unschuldsvermutung i.S.v. Art. 10 Abs. 3 StPO nicht korrekt an. Gemäss Art. 10 Abs. 3 StPO hat das Gericht von der für die beschuldigte Person günstigeren Sachlage auszugehen, wenn unüberwindliche Zweifel an der Erfül-- 8 - lung der tatsächlichen Voraussetzungen der angeklagten Tat bestehen. Die Frage der Rechtmässigkeit bzw. Verwertbarkeit von Beweismittel n ist jedoch keine tat- sächliche Voraussetzung, sondern eine rechtliche Voraussetzung. Aus der U n- schuldsvermutung folgt kein Grundsatz, wonach im Zweifel die Unverwertbarkeit eines Beweismittels anzunehmen ist. Wenn eine beschuldigte Person eine sie entlastende Behauptung aufstellt, ohne dass sie diese wenigstens in einem Mindestmass glaubhaft machen kann, findet der Grundsatz in «dubio pro reo» keine Anwendung. Es tritt nämlich insoweit eine Beweislastumkehr ein, als nicht jede aus der Luft gegriffene Schutzbehauptung von der Anklagebehörde durch hieb- und stichfesten Beweis widerlegt werden muss. Ein solcher Beweis ist nur dann zu verlangen, wenn gewisse Anhaltspunkte wie konkrete Indizien oder eine natürliche Vermutung für die Richtigkeit der B e- hauptung sprechen bzw. diese zumindest als zweifelh aft erscheinen lassen, oder wenn der Beschuldigte sie sonst wie glaubhaft macht (vgl. Urteil des Obergerichts Zürich SB160176-O vom 20. September 2016 E. III/3.3). Darauf wird im Rahmen der Sachverhaltserstellung zurückzukommen sein. Vorliegend kann offengelassen werden, ob die Aufzeichnung gegen das DSG verstösst. Selbst wenn davon ausgegangen würde, wäre sie zunächst nur persön- lichkeitsverletzend, aber noch nicht rechtswidrig. Widerrechtlich wird die Persön- lichkeitsverletzung erst, wenn kein Rechtfertigungsgrund – namentlich ein übe r- wiegendes öffentliches oder privates Interesse – vorliegt. Bei der Frage, ob ein Rechtfertigungsgrund gemäss Art. 13 Abs. 1 DSG vorliegt, ist eine Abwägung zwischen den Interessen des Datenbearbeiters und denjenigen der verletz ten Person vorzunehmen. Bei der Frage der strafprozessualen Verwertbarkeit eines Beweismittels sind hingegen der Strafanspruch des Staates und der Anspruch der beschuldigten Person auf ein faires Verfahren in erster Linie entscheidend; die I n- teressen des privaten Datenbearbeiters treten dabei zurück (Urteil des Bundesge- richts 6B_1188/2018 vom 26. September 2019, E. 3 mit Hinweisen, zur Publikat i- on vorgesehen). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist die Verwertbarkeit unrecht- mässig erlangter Beweism ittel verfassungsrechtlich nicht in jedem Fall ausge-- 9 - schlossen, sondern lediglich dem Grundsatz nach. Massgebend sind die Schwere des Delikts und die Frage, ob das Beweismittel an sich zulässig und auch auf ge- setzmässigem Weg zu erlangen gewesen wäre. Es bedarf einer Güterabwägung zwischen dem öffentlichen Interesse an der Wahrheitsfindung und dem privaten Interesse der angeklagten Person, dass der fragliche Beweis unterbleibt. Beim Verwertungsverbot bleibt es namentlich, wenn bei der streitigen Untersuchungs- massnahme ein Rechtsgut verletzt wurde, das im k onkreten Fall den Vorrang vor dem Interesse an der Durchsetzung des Strafrechts verdient (BGE 137 I 218 E. 2.3.4 m.w.H.). Bei der dem Beschuldigten in der Anklage vorgeworfenen Angriff i.S.v. Art. 134 StGB handelt es sich um ein Verbrechen, das mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jah- ren bestraft wird. Bei einer abweichenden rechtlichen Würdigung und der Annah- me eines Raufhandels i.S.v. Art. 133 StGB liegt ein Vergehen vor, welches mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft wird. Entscheidend ist jedoch nicht das angedrohte Strafmass, sondern die Schwere der konkreten Tat. Dabei kann auf Kriterien wie das geschützte Rechtsgut, das Ausmass dessen Gefährdung resp. Verletzung, die Vorgehensweise und die kriminell e Energie des Täters und das Tatmotiv abgestellt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1468/2019 vom 1. September 2020, E. 1.4.2 m.w.H.). Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, sich an einem tätlichen Übergriff beteiligt zu haben. Konkret habe er mehrfach mit den Fäusten auf den Oberkörperbereich des Geschädigten G._____ eingeschlagen und versucht, ihn mit dem Fuss gegen den Kopf zu treten. Weitere Personen aus seiner Gruppe hätten aus dem Lauf heraus dem Geschädigten unvermittelt einen Faustschlag gegen den Kopf ver- setzt und auch dem weiteren Geschädigten H._____ gegen den Kopf geschlagen. Dieser sei dabei von weiteren Kollegen des Beschuldigten ebenfalls gegen den Kopf geschlagen und abgedrängt worden. Der Geschädigte H._____ sei in ein Gerangel verwickelt worden, bevor es ihm gelungen sei, in Richtung Hoteleingang zu flüchten. Dort sei er nach drei oder vier Faustschlägen gegen den Kopf ge- packt und vom Hoteleingang weggezerrt und erneut mit Faustschlägen gegen Kopf und Oberkörper und mit Fusstritten eingedeckt worden. Dabei sei der G e-- 10 - schädigte H._____ zu Boden gefallen. Als er am Aufstehen gewesen sei, sei einer der anderen aus der Gruppe erneut in Richtung des Geschädigten H._____ ge- laufen und habe diesem aus vollem Lauf einen Fusstritt gegen den Kopf versetzt. In der Zwischenzeit habe sich eine weitere Gruppe von drei oder vier Leverkusen- Fans auf der D._____ -strasse genähert. Auch diese seien von einer Gruppe von FCZ-Fans angegangen und körperlich zurückgedrängt worden. Der Geschädigte I._____ habe von einem der Angreifer unvermittelt einen Faustschlag ins Gesicht erhalten und sei darob zu Boden gegangen. Dadurch sei ihm die Brille ins Gesicht gedrückt und dabei zerstört w orden. Zudem habe dieser Schlag zu einer stark blutenden Platzwunde geführt, so dass der Geschädigte I._____ von der Sanität ins Spital gefahren worden sei, wo die Wunde habe genäht werden müssen (Urk. 25 S. 3 f., vgl. Urk. 9 und Urk. 11/5). Bei diesem konkreten Vorwurf – auch wenn in Abweichung von der Anklageschrift und der Vorinstanz nicht von einem Angriff , sondern von einem Raufhandel aus- zugehen ist (vgl. nachstehend Erw. IV.) – bzw. der aktiven Beteiligung daran han- delt es sich um eine schwere Straftat. Das geschützte Rechtsgut Leib und Leben ist das höchste aller Rechtsgüter. Für die Bewertung der Schwere der Tat sind die Umstände und nicht bloss das isolierte Verhalten des Beschuldigten zu berüc k- sichtigen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 1B_1468/2019 vom 1. September 2020, E. 1.4.4). Es wurden gemäss Ank lage mehrere Personen angegriffen und dabei verletzt. Der Tritt aus vol lem Lauf gegen den Kopf einer anderen Person kann zu sehr schweren Verletzungen führen. Die in der Anklageschrift beschriebene Vor- gehensweise ist brutal, zumal die Gruppe des Beschuldigten mehrere Personen umfasste, welche die Konfrontation mit der gegnerischen Fangruppe suchte. Di e- se gingen laut Anklage gemeinsam gewalttätig gegen die gegnerische Gruppe vor, wobei die Verletzung eines Geschädigten im Spital genäht werden musste. Die kon krete Beteiligung des Beschuldigten lässt sich denn erst abschliessend beurteilen, nachdem über die Verwertbarkeit der Videoaufnahmen entschieden wurde. Ein entlastendes Tatmotiv scheint nicht vorzuliegen und wird vom B e- schuldigten auch nicht geltend gemacht. Mit der Vorinstanz liegt daher eine schwere Straftat vor. - 11 - Angesichts der Schwere der vorliegenden Tat bzw. des entsprechenden Vorwurfs fällt die Interessenabwägung zu Gunsten der Verwertung aus. Sodann verwies die Vorinstanz zu Recht auf den Umstand, dass die Polizei das Beweismittel auch auf rechtmässigem Wege hätte erlangen können (vgl. Urk. 38 S. 10 f.). Gemäss § 32 Abs. 1 PolG kann die Polizei zur Verhinderung und Erkennung von Verbrechen und Vergehen oder zur Gefahrenabwehr Personen und Sachen aus- serhalb des Geheim - oder Privatbereichs im Sinne von Art. 179 quater StGB offen oder verdeckt beobachten. Dabei kann gemäss Abs. 2 di eser Bestimmung ein/e Polizeioffizier/in eine polizeiliche Observation mittels technischer Überwachungs- geräte anordnen, wenn die Verhinderung und Erkennung zukünftiger strafbarer Handlungen oder die Abwehr einer drohenden Gefahr sonst aussichtslos wäre oder unverhältnismässig erschwert würde. Die Polizei überwachte das Gebiet, weil sich das Hotel " F._____" als fester Tref f- punkt militanter Anhänger des FC Zürich etabliert habe und sich dort bereits meh- rere tätliche Übergriffe und Schlägereien ereignet hätten (Urk. 15 S. 1). Daher fand eine rechtmässige polizeiliche Observation genau jenes Bereichs statt, welchen unter anderem auch das Hotel E._____ filmte. Die Aufnahmen der von der Polizei installierten Zylinderkamera zeigen einen Ausschnitt des Gelän- des, der teilweise aus grösserer Distanz auch auf den Aufnahmen der Hotelkame- ra zu sehen ist. Die Fans des FC Bayer Leverkusen waren gerade Gäste dieses Hotels. Aus diesem Grunde kam es auch zur gefilmten Auseinandersetzung vor dem Eingangsbereich. Dass sich der V orfall genau vor dem Hoteleingang, mithin ausserhalb des Aufnahmebereichs der polizeilichen Kamera (Zylinderkamera) er- eignete, lässt nur den Schluss zu, dass die von den Privaten erstellten Videoauf- zeichnungen auch von der Polizei hätten rechtmässig erlangt werden können. I n- folgedessen wäre es der Polizei gestützt auf § 32 PolG grundsätzlich möglich ge- wesen, die von privater Seite durchgeführte Videoüberwachung selbst zu initii e- ren, denn nachträglich betrachtet wurde genau die Schnittstelle gefilmt, in welcher zu erwarten war, dass sich die Fans des FC Bayern Leverkusen und die Fans des - 12 - FC Zürich begegnen würden. Wie erwähnt erwartete die Polizei dort auch tätliche Übergriffe und Schlägereien. Die Polizei hätte sowohl den von ihr ohnehin observierten Platz a ls auch den Ho- teleingang angesichts der drohenden Zusammenstösse zwischen den Fans bei- der Fussballclubs observieren können. Wie der aufgenommene Vorfall zeigt, be- steht ein Risiko von Übergriffen. Zusammenfassend ist der konkret vorgeworfene Raufhandel als schwere Straftat zu qualifizieren. Das öffentliche Interesse an der Aufklärung dieser Tat ist höher als dasjenige des Beschuldigten an der rechtskonformen Erhebung resp. Unver- wertbarkeit der privaten Videoaufnahme. Insbesondere wurde nicht etwa der G e- heim- oder Privatbereich des Beschuldigten gefilmt, sondern lediglich seine be- wusste Teilnahme am Raufhandel . Die aus der Videoaufnahme gewonnenen E r- kenntnisse dürfen zu Lasten des Beschuldigten verwendet werden. Diese Er- kenntnis steht im Übrigen in Übereinstim mung mit den Urteilen des Bezirksge- richts Zürich GB200091 und GG220040 sowie des Urteils des Obergerichts des Kantons Zürich, I. Strafkammer, SB210419, welche allesamt den identischen Vor- fall betreffen und die Verwertbarkeit der Videoaufnahme des Hotels E. _____ ebenfalls bejahten. 3. Verwertbarkeit der Zeugeneinvernahmen Mit der Berufung rügt der Beschuldigte wie schon vor Vorinstanz, dass ihm bei den Befragungen der Leverkusen- Fans in J._____ keine Teilnahmerechte ge- währt worden seien. Daher seien diese Beweise nicht zu seinen Lasten verwert- bar (Urk. 30 S. 4 und 6; Urk. 52/1 S. 3). Grundsätzlich ist es das Recht der beschuldigten Person, ihre prozessualen A n- träge erstmals an der Hauptverhandlung zu stellen. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung haben die Parteien aber (echte oder vermeintliche) formelle Mängel so früh wie möglich, d.h. bei erster Gelegenheit, geltend zu machen, und können diese Rügen nicht für das Rechtsmittelverfahren, im Falle eines für sie ungünstigen Ausgangs des Verfahrens, "aufsparen " (vgl. Urteil des Bundesge-- 13 - richts 1C_542/2011 vom 3. Ok tober 2012, E. 4.1 m.w.H.). Sowohl die Praxis des Bundesgerichts als auch diejenige der Strassburger Rechtsprechungsorgane ver- langen grundsätzlich, dass der Beschuldigte oder sein Anwalt zur Wahrnehmung der Verteidigungsrechte rechtzeitig und in angemessener Weise aktiv wird. Wenn eine entsprechend zumutbare Intervention unterbleibt, kann gemäss der bundes- gerichtlichen Rechtsprechung nach Treu und Glauben sowie von Grundrechts wegen kein Tätigwerden der Strafjustizbehörden erwartet werden. Der Grundsatz von Treu und Glauben erfasst auch das widersprüchliche Verhalten (venire contra factum proprium). Setzt sich jemand zu seinem früheren Verhalten in Wider- spruch, ist darin ein Verstoss gegen Treu und Glaub en zu erblicken, wenn das frühere Verhalten ein schutzwürdiges Vertrauen begründet hat, das durch die neuen Handlungen enttäuscht würde. Wenn eine Partei mithin bereits im Unter- suchungsverfahren Kenntnis von einem Beweismittel hatte und für sie erkennbar war, dass sich der Vorwurf gewichtig auf dieses Beweismittel stützt, hat sie z u- mindest bei anwaltlicher Vertretung selbst frühzeitig darauf zu bestehen, dass ihre Parteirechte gewahrt werden. Sie kann sich nicht auf die Justizförmigkeit des Ver- fahrens beruf en. Die Partei riskiert, dass ihr Handeln als Verstoss gegen den Grundsatz von Treu und Glauben und das Verbot widersprüchlichen Verhaltens eingestuft wird, wenn sie die Parteirechte nicht frühzeitig geltend macht. Der anwaltlich vertretene Beschuldigte verlangte weder in der Untersuchung noch vor Vorinstanz oder im Berufungsverfahren die Konfrontation mit den Zeugen. Die Zeugeneinvernahmen sind nach dem Erwogenen daher verwertbar. Lediglich der Vollständigkeit halber ist indes zu bemerken, dass sich die Sachverhaltserstellung ohnehin nicht auf die Zeugeneinvernahmen stützt. 4. Verwertbarkeit des Berichts von Dr. K._____ vom 27. Oktober 2018 Im Rahmen der rechtshilfeweisen Einvernahme des Geschädigten H._____ reich- te dieser den Bericht von Dr. K ._____, Klinik L._____, vom 27. Oktober 2018, zu den Akten (in Urk. 11/1). Die Verteidigung machte vor Vorinstanz geltend, dieser Bericht sei unverwertbar, weil ihre Teilnahmerechte an der Einvernahme nicht gewährt worden seien - 14 - (Urk. 30 S. 4 und S. 6 i.V.m. Prot. I S. 17). Im Berufungsverfahren wird die Ver- wertbarkeit dieses Berichts seitens der Verteidigung nicht mehr bestritten (Urk. 52/1 e contrario). Der Vollständigkeit halber ist dennoch festzuhalten, dass es wie erwähnt nicht notwendig ist, die Zeugeneinvernahmen zur Sachverhaltserstellung beizuziehen, zumal der Beschuldigte in der Untersuchung und an der Berufungsverhandlung die Konfrontation gar nie verlangt hat. Auch hat der Beschuldigte nie geltend ge- macht, Ergänzungsfragen betreffend den Arztbericht stellen zu wollen. Zudem besteht für ärztliche Berichte kein Anspruch auf Konfrontationseinvernahmen. Vielmehr sind diese der freien richterlichen Beweiswürdigung zugänglich. Es besteht daher kein Anlass, an der Verwertbarkeit des Arztberichtes von Dr. K._____ zu zweifeln. 5. Anklageprinzip Die amtliche Verteidigung moniert auch im Berufungsverfahren, dass der in der Anklageschrift gegen den Beschuldigten geschilderte Übergriff auf die Gruppe um den Geschädigten H._____ keine Angaben über eine Körperverletzung ei ner be- teiligten Person enthalte, weshalb es in der Anklageschrift an einer Umschreibung der objektiven Strafbarkeitsbedingung der Körperverletzung fehlen würde. Der Übergriff auf die Gruppe um den Geschädigten I._____ sei sodann einerseits als separates Er eignis zu qualifizieren und andererseits sei festzustellen, dass der Beschuldigte daran überhaupt nicht teilgenommen bzw. da den Tatort schon längst in Richtung Restaurant F._____ verlassen gehabt habe (Urk. 52/1 S. 3 ff.; vgl. auch Urk. 30 S. 5 ff.). Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 29 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV; Art. 9 und Art. 325 StPO; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 lit. a und b EMRK). Das Gericht ist an den in der Ankl age wiedergegebenen Sachverhalt gebunden (Immutabil i- tätsprinzip), nicht aber an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebehörde (vgl. Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten Person zur Last ge-- 15 - legten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die Vorwürfe im objektiven und subjektiven Bereich genügend konkretisiert sind. Das Anklage- prinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte der beschuldigten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Informationsfunktion). Der Beschuldigte muss aus der Anklage ersehen können, wessen er angeklagt ist. Das bedingt eine zureichende Umschreibung der Tat. Entscheidend ist, dass der Betroffene genau weiss, welcher konkreter Handlungen er beschuldigt und wie sein Verhalten rechtlich qualifiziert wird, damit er sich in seiner Verteidigung ric h- tig vorbereiten kann. Er darf nicht Gefahr laufen, erst an der Gerichtsverhandlung mit neuen Anschuldigungen konfrontiert zu werden (BGE 143 IV 63 E. 2.2 m.w.H.). Dabei bildet das Kernstück der Anklageschrift die Darstellung der dem Beschuldi- gen zur Last gelegten Tat. Die Darstellung des tatsächlichen Vorgangs ist auf den gesetzlichen Tatbestand auszurichten, der nach Auffassung der Anklage als er- füllt zu betrachten ist, d.h. es ist anzugeben, welche einzelnen Vorgänge und Sachverhalte den einzelnen Merkmalen des Straftatbestandes entsprechen. Zu den gesetzlichen Merkmalen der strafbaren Handlung gehören neben den Tatbe- standsmerkmalen die Schuldform (sofern vorsätzliches und fahrläss iges Verhal- ten strafbar ist), die Teilnahmeform (Mittäterschaft, Anstiftung, Gehilfenschaft) sowie die Erscheinungsform (Versuch oder vollendetes Delikt) und allfällige Kon- kurrenzen (Urteil des Bundesgerichts 6B_633/2015 vom 12. Januar 2016, E. 1.3.2). Dabei ist jedoch – wie bereits erwähnt – der Inhalt des Tatbestandes ebenso wenig anzuführen, wie diesbezügliche rechtliche Ausführungen, denn das Gericht ist in der rechtlichen Würdigung des Tatvorwurfs frei (BGE 143 IV 63 E. 2.2; Urteil des Bundesgerichts 6 B_492/2015 vom 2. Dezember 2015 E. 2.3; nicht publ. in BGE 141 IV 437). Die Verletzungen des Geschädigten I._____ sind in der Anklageschrift aufgeführt und aktenkundig (vgl. Urk. 25 S. 3; Urk. 9; Urk. 11/5). Der amtlichen Verteidigung kann nicht gefolgt werden, wenn sie den Übergriff auf die Gruppe um den G e- schädigten I._____ als separates Ereignis qualifiziert, an w elchem der Beschul- digte überhaupt nicht mehr beteiligt gewesen sei (vgl. Urk. 52/1 S. 3 ff.). Der ge-- 16 - genständliche Vorfall ist nicht in einzelne Phasen zu unterteilen, sondern bildet in sachlicher, räumlicher und zeitlicher Hinsicht eine Einheit, wozu auch der Über- griff auf die Gruppe um den Geschädigten I._____ zu zählen ist. Eine als Rauf- handel zu qualifizierende Schlägerei (vgl. nachstehend Erw. IV.) ist denn typi- scherweise auch durch den Umstand gekennzeichnet, dass es sich um ein dyna- misches Geschehen handelt, an welchem nicht zwangsläufig zu jedem Zeitpunkt die gleichen Personen beteiligt sein müssen. Auch wenn es zu einzelnen Abspal- tungen kommt, ändert dies grundsätzlich nichts an der Qualifikation als Raufhan- del, welcher nach seinem Sinn und Zweck in seiner Gesamtheit und nicht in Pha- sen zu beurteilen ist, insbesondere nicht wenn wie vorliegend die ganze Ausei- nandersetzung am gleichen Ort und innert wenigen Minuten stattfand, mithin zwar ein dynamisches, aber sehr kompaktes Geschehen zur Beurteilung st eht. Da – wie ausgeführt – von einer Einheit der Tat auszugehen ist, ist folglich irrelevant, ob der Beschuldigte zum Zeitpunkt des Eintritts der Körperverletzung noch Teil der Auseinandersetzung war oder nicht (vgl. BGE 139 IV 168 m.w.H. und nach- stehend Erw. IV.). Nachdem in der Anklageschrift sowohl eine einfache Körper- verletzung des Geschädigten I._____ als auch die Tatbeteiligung des Beschuldig- ten an der tätlichen Auseinandersetzung beschrieben ist, mithin sich aus der A n- klageschrift klar ergibt, welcher konkreten Handlungen der Beschuldigte beschul- digt wird, liegt keine Verletzung des Anklageprinzips vor. III. Sachverhalt Aufgrund der Videoaufzeichnung ist der angeklagte Sachverhalt ohne Weiteres erstellt. Der Beschuldigte wurde sowohl durch die Polizei als auch durch die Vor - instanz als jene Person identifiziert, deren Kopf auf dem Video rot umkreist ist (vgl. Urk. 38 S. 17). Auch das Berufungsgericht ist aufgrund der eigenen Wahr- nehmung der Ansicht, dass es sich beim Beschuldigten um jene Person auf dem Video handelt (vgl. auch Urk. 7 S. 6 unteres Bild). Soweit die Verteidigung im Eventualstandpunkt geltend macht, der Beschuldigte sei wohl irrtümlich von einer Notwehrhilfe- Situation ausgegangen und habe sei- nen Kameraden zu Hilfe eilen wolle n (Urk. 30 S . 4), besteh t hierfür in den Akten - 17 - keine Stütze. Der Beschuldigte macht dies nicht geltend. Wie oben dargelegt be- steht aber im Bereich rechtfertigender Tatsachen eine gewisse Behauptungslast. Wenn der Beschuldigte keine Aussagen macht, bestehen jedoch keine solchen entlastenden Behauptungen. Mithin bleibt es reine Spekulation der Verteidigung, wovon der Beschuldigte im Tatzeitpunkt ausgegangen sein könnte. Es bestehen keine konkreten Indizien oder eine natürliche Vermutung für die Richtigkeit der Annahme des von der Verteidigung behaupteten Irrtums über die Notwehrhilfe- Situation. Wenn ein Beschuldigter keine Aussagen zu seinen Vorstellungen im Tatzeitpunkt machen will, muss nicht zu seinen Gunsten davon ausgegangen werden, dass er sich in einem Irrtum befand . Die Ausführungen der Verteidigung, wovon der Beschuldigte im Zeitpunkt seines Hinzutretens zur Auseinanderset- zung ausging (Urk. 30 S. 5; vgl. auch Urk. 52/1 S. 4 f. ), sind blosse Spekulati o- nen. Dies vermag eine Aussage des Beschuldigten bzw. ein Beweismittel nicht zu ersetzen. Der Sachverhalt und die Täterschaft des Beschuldigten ist damit anklagegenü- gend erstellt. Ein Irrtum des Beschuldigten über das Vorliegen eines vermeintl i- chen Angriffs bzw. ein Handeln aus vermeintlicher Notwehr lag nicht vor. IV. Rechtliche Würdigung Die Vorinstanz würdigte das Verhalten des Beschuldigten als Angriff i.S.v. Art. 134 StGB (Urk. 38 S. 20 ff.). Die Verteidigung macht im Eventualstandpunkt geltend, es liege lediglich ein Raufhandel vor (Urk 30 S. 5 ff.; Urk. 52/1 S. 6 f.). Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB und des Raufhandels im Sinne von Art. 133 StGB korrekt dargelegt (Urk. 38 S. 19 f.). Diese zutreffenden Erwägungen können übernommen werden. Rekapitulierend und teilweise ergänzend ist Folgendes (nochmals) festzuhalten: Wer sich an einem Raufhandel beteiligt, der den Tod oder die Körperverletzung eines Menschen zur Folge hat, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder - 18 - Geldstrafe bestraft (Art. 133 Abs. 1 StGB). Nicht strafbar ist, wer ausschliesslich abwehrt oder die Streitenden scheidet (Art. 133 Abs. 2 StGB). Raufhandel ist die tätliche, wechselseitige Auseinandersetzung zwischen mindestens drei Personen. Die Beteiligung muss eine aktive sein; das passive Einstecken von Schlägen genügt nicht. Wenn mindestens zwei Personen auf eine dritte Person einschl a- gen, die passiv die Schläge einsteckt, ohne sich aktiv tätlich zu wehren, kann ne- ben allfälligen Körperverletzungsdelikten nicht Raufhandel, sondern allenfalls A n- griff vorliegen. Wer aber tätlich ausschliesslich abwehrt oder die Streitenden scheidet, beteiligt sich an einem Raufhandel, weil er tätlich ist, doch ist er ge- mäss Art. 133 Abs. 2 StGB nicht strafbar, da er ausschliesslich abwehrt oder die Streitenden scheidet. Das tätliche Verhalten kann nicht nur in Schlägen bestehen, sondern beispielsweise auch in Würgen, Stossen, Ringen, Mes serstechen, B e- werfen mit Gegenständen oder gar Schiessen (Urteil des Bundesgerichts 6B_1056/2015 vom 4. Dezember 2015, E. 4.1. m.w.H.). Im Sinne einer objektiven Strafbarkeitsbedingung ist weiter vorausgesetzt, dass der Raufhandel zum Tod oder zur körperlichen Schädigung im Mindestumfang von Art. 123 StGB eines Teilnehmers oder eines Dritten führt (BGE 141 IV 45 E. 2.3.2; Urteil des Bundes- gerichts 6B_889/2019 vom 6. November 2019, E. 1.6). Strafbar wird der Teilneh- mer – im Falle einer Einheit des Tatgeschehens – auch dann, wenn er vor Eintritt dieser Bedingung aus dem Kampf ausscheidet. Nach dieser Rechtsprechung ge- nügt es überdies, wenn die Bedingung erst nach Beendigung des Raufhandels eintritt, sofern das Tatgeschehen in sachlicher, räumlicher und zeitlicher Hinsicht eine Einheit bildet. Zwar bedarf es eines Kausalzusammenhangs zwischen dem Kampf und dem Eintritt der Bedingung, nicht aber zwischen dieser und dem Ver- halten eines einzelnen Beteiligten (BGE 139 IV 168). In subjektiver Hinsicht ver- langt Raufhandel, dass der Täter mit der Beteiligung von mehr als zwei Personen an der tätlichen Auseinandersetzung einverstanden ist (BGE 106 IV 246 E. 3b S. 251). Die objektive Strafbarkeitsbedingung muss vom Vorsatz nicht erfasst sein (D ONATSCH, in: Donatsc h/Heimgartner/Isenring/Weder [Hrsg.], StGB Kommentar, 21. Aufl., Zürich 2022, Art. 133 N 6). Aus dem Video ist ohne Weiteres ersichtlich, wie ein FCZ- Fan auf die Leverkuse- ner zusteuert und sie anspricht. Dann wird dem Geschädigten M ._____ von ei-- 19 - nem FCZ-Fan mit Mütze der Schal weggezerrt, worauf er noch aus dieser Bew e- gung mit offener Hand in das Gesicht des Geschädigten H._____ schlägt (Zeit- stempel 01:05:40). Es scheint entsprechend klar zu sein, dass die Leverkusener die Auseinandersetzung nicht von sich aus gesucht haben, sondern viel mehr von Zürcher Seite her provoziert wurden . Indes reagierte der Geschädigte H._____ darauf, indem er einen FCZ-Fan von sich wegstiess und diesem mehrere Schläge und Fusstritte verpasste (Zeitstempel ab 01:50:44 und ab 01:50 :58). Auch wenn diese Handlungen in erster Linie wohl als Notwehrhilfe und später als Abwehr- handlungen i.S.v. Art. 133 Abs. 2 StGB zu würdigen sind und die FCZ-Fans im weiteren Verlauf deutlich die Übermacht über das Geschehen hatten, verhielt sich der Geschädigte H._____ mindestens zu jenen Zeitpunkten aktiv tätlich, übte mit anderen Worten Gegenwehr, womit für eine kurze Zeit von beiden Seiten Schläge ausgeteilt wurden und eine wechselseitige tätliche Auseinandersetzung von min- destens drei Personen – mindestens eine Person auf Seiten der Leverkusen-Fans und mehrere Personen auf Seiten der FCZ- Fans – vorlag. Da es sich beim vorlie- gend zu beurteilenden Raufhandel um ein ganzheitliches Geschehen handelt (vgl. vorstehend Erw. II.5.), scheidet e in Angriff i.S.v. Art. 134 StGB seitens der FCZ- Fans bzw. des Beschuldigten im Lichte der zitierten bundesgerichtlichen Recht- sprechung aus, vielmehr liegt ein Raufhandel i.S.v. A rt. 133 StGB vor. Im Übrigen ist auch in subjektiver Hinsicht nicht von einem Angriff, sondern von einem Rauf- handel auszugehen, da im Zeitpunkt, als der Beschuldigte vom Geschehen Kenntnis erhielt und herbeieilte, eine wechselseitige Auseinandersetzung vorlag (Zeitstempel 01:05:55) und entsprechend davon auszugehen ist, dass bei ihm kein Vorsatz zur Teilnahme an einem Angriff bestand. In Bezug auf die Person des Beschuldigten ist festzuhalten, dass sich dieser – wie bereits erwähnt – ab Zeitstempel 01:05.55 Uhr zur Auseinandersetzung be- gab, wobei in diesem Moment ein FCZ-Fan mit einer weissen Mütze heftig auf die Leverkusener-Fans losging. Diese stiessen ihn von sich weg, worauf der B e- schuldigte seinen Schritt beschleunigte, sich an einem anderen FCZ- Fan vorbei- drängte und mit seiner Getränkedose nach der gegnerischen Gruppe (ausserhalb des Bildes) warf. Er drängte sich richtiggehend an den anderen Gruppenmitgli e- dern vorbei bzw. schubste sie aus dem Weg, um auch noch auf die Leverkus e-- 20 - ner-Fans einprügeln zu können (Zeitstempel 01:06:11) . Damit hat sich der B e- schuldigte offenkundig am Raufhandel beteiligt. Erneut ist festzuhalten, dass kei- ne Notwehrsituation vorlag und eine solche vom Beschuldigten selbst auch nicht behauptet wurde. Der Geschädigte H._____ erlitt eine Schädelprellung, welche gemäss ärztlichem Behandlungsbericht mittels Analgesie, mithin Schmerzlinderung, therapiert wer- den musste (Urk. 11/1), jedoch ergeben sich dessen Verletzungen nicht aus der Anklageschrift. Wie sich jedoch aus den Akten und der Anklageschrift ergibt (vgl. Urk. 25 S. 3; Urk. 9; Urk. 11/5), trug nebst dem Geschädigten H._____ auch der Geschädigte I._____ Verletzungen davon, welche die Schwere einer einfachen Körperverletzung erreichen. Wie bereits vorstehend erwogen (vgl. E rw. II.5.) han- delt es sich beim vorliegend zu beurteilenden Raufhandel um ein ganzheitliches Geschehen, wozu auch die Auseinandersetzung rund um die Person des G e- schädigten I._____ zu zählen ist . Dass der Beschuldigte zu jenem Zeitpunkt am Raufhandel nicht mehr beteiligt gewesen ist, ist insofern irrelevant. Die objektive Strafbarkeitsbedingung der einfachen Körperverletzung i.S.v. Art. 123 StGB ist damit erfüllt. Daran ändert der Rückzug des Strafantrags nichts. Am tätlichen Vorgehen der gewaltbereiten FC Z-Fans, welches offenkundig mehr als zwei Personen involvierte und nach dem Erwogenen als Raufhandel i .S.v. Art. 133 StGB zu werten ist, schloss sich der B eschuldigte bewusst und gewollt an. Es wäre ihm unbenommen geblieben, auf der anderen Str assenseite zu blei- ben, so wie es viele FCZ-Fans gemacht haben, oder sich im Minimum nicht tätlich an der Auseinandersetzung zu beteiligen. Damit ist erstellt, dass der Beschuldigte vorsätzlich am Raufhandel teilgenommen hat. Zusammenfassend ist der Beschuldigte entgegen der Vorinstanz nicht des A n- griffs i.S.v. Art. 134 StGB, sondern des Raufhandels i.S.v. Art. 133 StGB schuldig zu sprechen. - 21 - V. Strafzumessung 1. Rechtliches Der Raufhandel i.S.v. Art. 133 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft, mithin ist die Strafe innerhalb des Strafrahmens von mindestens drei Tagen Freiheitsstrafe bzw. drei Tagessätzen Geldstrafe (Art. 40 Abs. 1 StGB; Art. 34 Abs. 1 StGB) bis maximal drei Jahren Freiheitsstrafe zu b e- messen. Die Vorinstanz hat die theoretischen Strafzumessungsregeln im Übrigen korrekt dargetan. Auf diese Erwägungen kann vorab zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen verwiesen werden (Urk. 38 S. 24 ff.). 2. Tatschwere Zur objektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass sich der Beschuldigte e inem be- reits im Gange befindlichen Raufhandel zwischen den FCZ-Fans und den Lever- kusen-Fans anschloss. Er unterstützte den Raufhandel und beteiligte sich selbst daran, wobei er mit Fäusten auf einen Geschädigten einprügelte und nach diesem trat. Er nutzte die deutliche zahlenmässige Überlegenheit seiner Gruppe und lei s- tete einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Auseinandersetzung. Nur einem glücklichen Zufall ist zu verdanken, dass es nicht zu schwereren Verletzungen kam. Mit der Vorinstanz ist das objektiv e Tatverschulden innerhalb des bis 3 Jah- re Freiheitsstrafe reichenden Strafrahmens als nicht mehr leicht zu werten. Zur subjektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass der Beschuldigte sich vorsät z- lich am bereits laufenden Raufhandel beteiligte. Auch wenn er zur Frage nach seinen Motiven die Aussagen verweigerte, ist aus den gesamten Handlungen zu schliessen, dass es ihm darum ging, die gegnerischen Fans zu verprügeln. Dafür drängte er sich bewusst und gewollt an anderen Mitgliedern seiner Gruppe vorbei, um die Schläge auszuteilen. Damit manifestierte er einen überdurchschnittlich ausgeprägten Willen, die Tat zu begehen, was leicht straferhöhend zu werten ist. Das gesamthafte Tatverschulden ist nicht mehr leicht, was einer Einsatzstrafe von 10 Monaten Freiheitsstrafe entspricht. - 22 - 3. Täterkomponente In Bezug auf die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten kann auf die vor - instanzlichen Erwägungen sowie die Akten verwiesen werden (Urk. 38 S. 26). An- lässlich der Berufungsverhandlung ergänzte er, in N ._____ bei seinen Eltern auf- gewachsen zu sein, einen Bruder zu haben und gab an, ledig zu sein und keine Kinder zu haben. Er hielt fest, nach wie vor an der Universität Zürich zu studieren, daneben in einem 60% -Pensum zu arbeiten und damit netto monatlich ungefähr Fr. 3 '500.– zu erzielen sowie keine Schulden, jedoch ein Vermögen von ca. Fr. 33'000.– aufzuweisen. Auf Nachfrage bestätigte er hinsichtlich seiner finanziel- len Verhältnisse, dass seine Wohnkosten Fr. 800. – und seine Krankenkassen- prämien Fr. 338.– pro Monat sow ie die jährliche Steuerbelastung Fr. 225.50 be- tragen würden (Prot. II S. 10 f.; vgl. auch Urk. 47 und Urk. 52/1 S. 8). Insgesamt sind die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten strafzume s- sungsneutral zu werten. Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft (Urk. 48), was ebenfalls strafzumessungs- neutral zu würdigen ist. 4. Weitere Strafzumessungsgründe Der Beschuldigte verpflichtete sich am 19 . Dezember 2019 im Rahmen der Ver- einbarung der FCZ- Fans und der Leverkusen- Fans zur Zahlung von insgesamt Fr. 9'720.– an die Geschädigten. Er erklärte darin sein Bedauern über die Ausei- nandersetzung "ohne Schuldanerkennung". Im Gegenzug zogen die Geschädi g- ten die Strafanträge zurück und erklärten ausdrücklich das Desinteresse an der Strafverfolgung (vgl. Urk. 23). Der Beschuldigte zeigte damit eine minime Reue, welche mit der Vorinstanz leicht strafmindernd zu berücksichtigen ist. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass die E r- klärung ausdrücklich "ohne Schuldanerkennung" erfolgte. Eine eigentliche Ei n- sicht in eigenes Fehlverhalten wird damit nicht zum Ausdruck gebracht. - 23 - Der Beschuldigte verweigerte im Strafverfahren die Aussage, was sein gutes Recht ist. Ein Geständnis und damit ein weitergehender Ausdruck von Reue oder gar Einsicht kann ihm aber damit nicht zugutegehalten werden. Soweit die Verteidigung als Strafminderungsgrund vorbringt , der Beschuldigte sei an jenem Abend alkoholisiert gewesen (Urk. 30 S. 8 ; Urk. 52/1 S. 8 ), handelt es sich dabei um eine Spekulation. Der Beschuldigte selbst behauptete nicht, alko- holisiert gewesen zu sein, sondern verweigerte dazu die Aussage. Auch hier liegt eine Entlastungstatsache vor, die vom Beschuldigten glaubhaft zu machen oder zumindest zu behaupten wäre. Der Videoaufzeichnung lassen sich jedenfalls kei- ne Hinweise für eine verminderte Schuldfähigkeit entnehmen, ging er doch gezielt vor und sind auch keine anderen Anzeichen für eine Angetrunkenheit erkennbar . Namentlich wies der Beschuldigte weder einen schwankenden Gang noch verzö- gerte Bewegungen auf. Vielmehr ging er gezielt und kraftvoll vor . Der Umstand, dass der Beschuldigte im Tatzeitpunkt eine Dose in der Hand hielt, bildet kein I n- diz für eine Angetrunkenheit. Es ist nicht erstellt, dass es sich dabei um eine Bier- dose handelte, wie die Vorinstanz annahm (Urk. 38 S. 26), zumal sich dies weder den Videoaufnahmen noch anderen Aussagen entnehmen lässt. Mithin bestehen keine Hinweise auf eine Verminderung der Schuldfähigkeit des Beschuldigten im Tatzeitpunkt. Die Vorinst anz erachtete die lange Verfahrensdauer als weiteren Strafminde- rungsgrund und wertete diesen "minim" strafmindernd (Urk. 38 S. 27). Das in Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK und Art. 14 Ziff. 3 lit. c UNO - Pakt II festgeschriebene Beschleunigungsgebot verpflichtet die Behörden, das Strafverfahren voranzutreiben, um den Beschuldigten nicht unnötig über die ge- gen ihn erhobenen Vorwürfe im Ungewissen zu lassen (BGE 133 IV 158 E. 8; 130 IV 54 E. 3.3.1; 124 I 139 E. 2a; je mit Hinweisen). Entscheidend für die Beurtei- lung der Angemessenheit der Verfahrensdauer ist eine Gesamtbetrachtung des konkreten Einzelfalls (BGE 130 IV 54 E. 3.3.3; 124 I 139 E. 2c). Von den Behör- den und Gerichten kann nicht verlangt werden, dass sie sich ständig einem einz i- gen Fall widmen. Zeiten, in denen das Verfahren stillsteht, sind unumgänglich. Wirkt keiner dieser Zeitabschnitte stossend, ist eine Gesamtbetrachtung vorz u-- 24 - nehmen (Urteil des Bundesgerichts 6B_51/2013 vom 12. März 2013, E. 2.2). Welche Verfahrensdauer angemessen ist, hängt von den konkreten Umständen ab, die in ihrer Gesamtheit zu würdigen sind. Kriterien hierfür bilden etwa die Schwere des Tatvorwurfs, die Komplexität des Sachverhaltes, die dadurch gebo- tenen Untersuchungshandlungen, das Verhalten des Beschuldigten und dasjeni- ge der Behörden sowie die Zumutbarkeit für den Beschuldigten (BGE 130 IV 54 E. 3.3.1 S. 54 f.; 130 I 269 E. 3.1 S. 273; je mit Hinweisen). Die Verletzung des Beschleunigungsgebots ist im Rahmen der Strafzumessung festzustellen und zu würdigen, da die Verfahrensverzögerung nicht geheilt werden kann (BGE 133 IV 158 E. 8 S. 170 m.w.H.). Insoweit gilt das Beschleunigungsgebot als Strafzumes- sungskriterium nach Art. 47 StGB. Der Vorfall ereignete sich am 26. Oktober 2018. Am 7 . Januar 2019 wurde gegen den Beschuldigten die Untersuchung eröffnet (Urk. 14), wobei der Beschuldigte sein Mobiltelefon siegeln liess . Der Entsiegelungsantrag der Staatsanwaltschaft erfolgte am 17. Januar 2019 beim Zwangsmassnahmengericht Zürich, welches das Verfahren mit Urteil vom 25. Juni 2019 erledigte (Urk. 17/11) und das Mobilte- lefon mit Verfügung vom 26. September 2019 herausgab (Urk. 17/13). Bis zu die- sem Zeitpunkt bestand in der Untersuchung keine unerklärliche Lücke. In der Fol- ge stand das Verfahren jedoch bis Januar 2021 s till. Diese Lücke lässt sich nicht dadurch rechtfertigen, dass gegen andere Beteiligte des Raufhandels vom 26. Oktober 2018 separate Strafuntersuchungen liefen. Führt die Untersuchungsbe- hörde die Strafverfahren gegen verschiedene Beschuldigte bewusst separat, kann sie sich nicht darauf berufen, das eine Verfahren sei still gestanden, weil andere Verfahren bearbeitet worden seien. In der Regel steht jedes Verfahren still, weil die Untersuchungsbehörden andere Verfahren vorantreiben. Mangels Aktenei n- sicht in die anderen Verfahren konnte der Beschuldigte nicht wissen, weshalb sein Verfahren still steht. Er wurde unnötig im Ungewissen gelassen. Es liegt da- her eine Verletzung des Beschleunigungsgebots vor, was zu einer höheren Straf- reduktion führt als von der Vorinstanz angenommen. - 25 - 5. Fazit Die hiesige Kammer erachtet mit der Vorinstanz eine Freiheitsstrafe von 7 Mona- ten dem Verschulden des Beschuldigten als angemessen. Die Ausfällung einer Geldstrafe fällt bei dieser Strafhöhe nicht in Betracht. Der Anrechnung von 10 Tagen Haft (Urk . 18/2 und Urk. 18/12 ) an die Freiheit s- strafe steht nichts entgegen. Hingegen ist der Antrag auf Zusprechung einer G e- nugtuung für die erlittene Untersuchungshaft abzuweisen. VI. Vollzug Unter Verweis auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz (vgl. Urk. 38 S. 28 f.) ist dem Beschuldigten der bedingte Vollzug zu gewähren, unter Anset- zung einer Probezeit von 2 Jahren. VII. DNA-Profil Nachdem der Beschuldigte wegen eines vorsätzlichen Vergehens gegen Leib und Leben zu verurteilen ist, k ommt die durch die Verteidigung beantragte Löschung seines DNA-Profils einstweilen nicht in Betracht (Art . 11 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 5 lit. b DNA-Profil-Gesetz). VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die erstinstanzliche Kostenregelung zu bestätigen. Weiter sind dem Beschuldigten die Kosten des Berufungsverfahrens, ausgenommen diejenigen der amtlichen Verteidigung, aufzuerlegen Die Kosten der amtlichen Verteidigung von insgesamt Fr. 3'450.– (inkl. MwSt.; Urk. 52/2 zzgl. 4 Stunden für die Berufungsverhandlung inkl. Weg und Urteilsbe- sprechung) sind auf die Gerichtskasse zu nehmen, unter Vorbehalt einer Nach- forderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO. - 26 - Es wird beschlossen: 1. Es wird festgestellt, dass das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abtei- lung - Einzelgericht, vom 7. September 2021 bezüglich der Dispositivzif- fern 4 (Herausgabe der sichergestellten Gegenstände), 5 (Entschädigung der amtlichen Verteidigung), 6 (Kostenfestsetzung) und 9 (Übernahme der Kosten des Entsiegelungsverfahrens GM190002-L) in Rechtskraft erwach- sen ist. 2. Schriftliche Mitteilung mit nachfolgendem Urteil. Es wird erkannt: 1. Der Beschuldigte A._____ ist schuldig des Raufhandels im Sinne von Art. 133 Abs. 1 StGB. 2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 7 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 10 Tage durch Haft erstanden sind. 3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. 4. Der Antrag auf Löschung des DNA-Profils des Beschuldigten wird abgewie- sen. 5. Der Antrag auf Zusprechung einer Genugtuung für die Untersuchungshaft wird abgewiesen. 6. Das erstinstanzliche Kostendispositiv (Ziff. 7 und 8) wird bestätigt. 7. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf: Fr. 3'000.– ; die weiteren Kosten betragen: Fr. 3'450.– amtliche Verteidigung. 8. Die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten auferlegt. Die Kosten - 27 - der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen. Die Rückzahlungspflicht des Beschuldigten bleibt gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorbehalten. 9. Schriftliche Mitteilung im Dispositiv an − die amtliche Verteidigung im Doppel für sich und zuhanden des Be- schuldigten; − die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat; sowie in vollständiger Ausfertigung an − die amtliche Verteidigung im Doppel für sich und zuhanden des Be- schuldigten; − die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat; und nach unbenütztem Ablauf der Rechtsmittelfrist bzw. Erledigung allfälli- ger Rechtsmittel an − die Vorinstanz; − die Koordinationsstelle VOSTRA/DNA mit Formular A; − die Koordinationsstelle VOSTRA/DNA mit dem Formular "Löschung des DNA-Profils und Vernichtung des ED-Materials" zwecks Löschung des DNA-Profils. 10. Rechtsmittel: Gegen diesen Entscheid kann bundesrechtliche Beschwerde in Straf- sachen erhoben werden. Die Beschwerde ist innert 30 Tagen, vom Empfang der vollständigen, be- gründeten Ausfertigung an gerechnet, bei der Strafrechtlichen Abteilung des Bundesgerichtes (1000 Lausanne 14) in der in Art. 42 des Bundesgerichts- gesetzes vorgeschriebenen Weise schriftlich einzureichen. Die Beschwerdelegitimation und die weiteren Beschwerdevoraussetzungen richten sich nach den massgeblichen Bestimmungen des Bundesgerichts- gesetzes. - 28 - Obergericht des Kantons Zürich II. Strafkammer Zürich, 6. September 2022 Der Präsident: Oberrichter Dr. Bussmann Die Gerichtsschreiberin: MLaw Brülisauer Zur Beachtung: Der/die Verurteilte wird auf die Folgen der Nichtbewährung während der Probezeit aufmerksam gemacht: Wurde der Vollzug einer Geldstrafe unter Ansetzung einer Probezeit aufgeschoben, muss sie vor- erst nicht bezahlt werden. Bewährt sich der/die Verurteilte bis zum Ablauf der Probezeit, muss er/sie die Geldstrafe definitiv nicht mehr bezahlen (Art. 45 StGB); Analoges gilt für die bedingte Freiheitsstrafe. Eine bedingte Strafe bzw. der bedingte Teil einer Strafe kann im Übrigen vollzogen werden (Art. 46 Abs. 1 bzw. Abs. 4 StGB), - wenn der/die Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder Vergehen begeht, - wenn der/die Verurteilte sich der Bewährungshilfe entzieht oder die Weisungen missachtet.