B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2195/2020 U r t e i l v o m 1 8 . N o v e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Constance Leisinger (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richterin Christa Luterbacher, Gerichtsschreiberin Natassia Gili. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch den amtlichen Rechtsbeistand lic. iur. Roger Kuhn, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 24. März 2020 / N (…). E-2195/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ersuchte gemeinsam mit ihren Eltern und minder- jährigen Geschwistern am 22. Oktober 2019 in der Schweiz um Asyl und wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region B._______ zugewiesen. Am 26. November 2019 wurde sie vertieft zu ihren As ylgründen befragt. Am 20. Dezember 2019 wurde sie dem erweiterten Verfahren zu gewiesen. Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte s ie im Wesentlichen geltend, irakische Staatsangehörige kurdischer Ethnie zu sein und aus der Autono- men Region Kurdistan (ARK) zu stammen. Sie habe in Dohuk die Schule besucht und die 12. Klasse abgeschlossen. Ihr Vater C._______ habe Probleme mit der Asayesh, den Sicherheitsbehörden, mit Mitgliedern des Barzani-Clans sowie dem Erziehungsamt gehabt. Sie selbst habe keinerlei Probleme gehabt. Wegen der Probleme ihres Vaters sei sie zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern am 28. August 2019 aus ihrem Heimatland ausgereist. Zur Untermauerung ihrer Identität reichte sie eine Kopie ihrer irakischen Identitätskarte zu den Akten. Im Rahmen der Entscheidfindung wurden die Akten ihrer Eltern und min- derjährigen Geschwister (N […]) konsultiert. B. Mit Verfügung vom 24. März 2020 – eröffnet am 25. März 2020 – stellte die Vorinstanz fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung sowie den Wegweisungsvollzug. C. Mit Eingabe vom 24. April 2020 erhob die Beschwerdeführerin, handelnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter, Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht und beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Gewährung von Asyl unter Anerkennung ihrer Flüchtlingseigen- schaft. Eventualiter sei infolge Unmöglichkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In formeller Hinsicht beantragte sie, dass das vorliegende Verfahren mit demjenigen ihrer Eltern zu vereinen sei. Zudem sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei E-2195/2020 Seite 3 zu verzichten und es sei ihr in der Person des rubrizierten Rechtsvertreters ein amtlicher Rechtsbeistand beizuordnen. Unter Hinweis auf Art. 30 Abs. 1 BV sei ihr die Zusammensetzung des Spruchkörpers bekanntzugeben. D. Am 28. April 2020 (Datum Poststempel) wurde eine Fürsorgebestätigung des Departements Gesundheit und Soziales des Kantons D._______ vom 27. April 2020 nachgereicht. E. Mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2020 wurde das Gesuch um Gewäh- rung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung ei- nes Kostenvorschusses sowie um Beiordnu ng des mandatierten Rechts- vertreters als amtlicher Rechtsbeistand gutgeheissen. Der rubrizierte Rechtsvertreter wurde amtlich beigeordnet. Es wurde mitgeteilt, dass das Verfahren mit demjenigen der Eltern (E -2194/2020) koordiniert behandelt werde. Zudem wu rde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlas- sung eingeladen. F. Mit Vernehmlassung vom 4. Juni 2020 hielt die Vorinstanz mit ergänzenden Ausführungen an ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. G. Mit Zwischenverfügung vom 15. Juni 2020 wurde die Beschwerdeführerin zur Einreichung einer Replik eingeladen, welche diese am 26. Juni 2020 einreichte. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-E-2195/2020 Seite 4 ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Der Spruchkörper wird in der Regel auf Antrag hin bekanntgegeben. Dies ist vorliegend versehentlich unterblieben. Der Spruchkörper wird mit- hin mit vorliegendem Urteil bekanntgegeben. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freihei t sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen E-2195/2020 Seite 5 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft- machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.). 5. 5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz aus, dass die Beschwerdeführerin lediglich geltend gemacht habe, wegen der Probleme ihres Vaters ausgereist zu sein. Das Asylgesuch ihrer Eltern sei mangels Glaubhaftigkeit der Vorbringen mit Verfügung vom 24. März 2020 abgelehnt worden. In Ermangelung einer Verfolgungssituation ihres Vaters bestehe kein Anlass zur Annahme, dass sie bei der Rückkehr in die ARK einer Reflexverfolgung ausgesetzt wäre. Ohnehin würden ihre Vor- bringen auch f ür sich selbst betrachtet keinen Rückschluss auf eine Re- flexverfolgung zulassen. Es seien nämlich keine objektiven Anhaltspunkte dafür vorhanden, dass sie bei einer Rückkehr in die ARK befürchten müsste, wegen ihres Vaters seitens der Behörden oder des Barzani-Clans Übergriffen ausgesetzt zu s ein, zumal sie explizit zu Protokoll gegeben habe, vor der Ausreise keine Probleme gehabt zu haben. Es könne somit nicht davon ausgegangen werden, dass sie in den Fokus des Barzani - Clans oder der Behörden geraten wäre. 5.2 Mit Verweis auf die im Verfahren ihrer Familie eingereichte Beschwerde (E-2194/2020) wird in der die Beschwerdeführerin betreffenden Be- schwerde ausgeführt, dass der Ausgang des vorliegenden Verfahrens massgeblich von demjenigen ihrer Familie beziehungsweise der Glaubhaf- tigkeit der Vorbringen ihrer Eltern abhängig sei. Zum einen seien Verfah- rensrechte sowohl der Mutter als auch des Vaters der Beschwerdeführerin verletzt worden. Zum anderen seien d ie Asylgründe insgesamt glaubhaft und nachvollziehbar dargelegt worden. Die Beschwerdeführerin habe auf- grund der genannten Gründe mit ihrer Familie flüchten müssen. Sie könne nicht alleine zurück in ihre Heimat, da ihr dort aufgrund der Ereignisse mit ihrem Vater die sofortige Verhaftung oder noch Schlimmeres drohen würde. Ausserdem würde sie als Druckmittel benutzt werden, um ihren Va- ter zur Rückkehr zu zwingen. E-2195/2020 Seite 6 5.3 Für die Ausführungen im Rahmen der Vernehmlassung und der Replik, in welchen ausschliesslich auf das Asylvorbringen der Eltern und die Beur- teilung der Glaubhaftigkeit Bezug genommen wird, ist auf das Verfahren E- 2194/2020 zu verweisen. 6. Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzliche Verfügung zu be- stätigen ist. Im Verfahren der Eltern und minderjährigen Geschwister der Beschwerde- führerin (E -2194/2020) kommt das Bundesverwaltungsgerich t mit Urteil vom gleichen Tag zum Schluss, die Vorbringen seien nicht glaubhaft ge- macht worden und eine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung sei zu verneinen. Da die Beschwerdeführerin keine eigenen Fluchtgründe geltend macht, kann vollumfänglich auf die Erwägungen im genannten Entscheid verwiesen werden (a.a.O. E. 6 ff.). Zusammenfassend ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu ma- chen. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen (Art. 32 AsylV1). Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, E-2195/2020 Seite 7 wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erni edrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Beschwer- deführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG veran- kerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den Heimat- staat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis d es Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses «real risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Nachdem es der Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine Verfolgung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, ist E-2195/2020 Seite 8 diese Voraussetzung nicht erfüllt. Ferner lässt die allgemeine Menschen- rechtssituation im Gebiet des «Kurdistan Regional Government (KRG)» den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er- scheinen (vgl. den als Referenzurteil publizierten Entscheid des BVGer E- 3737/2015 vom 14. Dezember 2015 E. 6.3, mit Hinweis auf E -847/2014 vom 13. April 2015; vgl. E -6504/2018 vom 11. Dezember 2018 E. 7.2.2). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.4.1 In seinem Referenzurteil E -3737/2015 vom 14. Dezember 2015 (E. 7.4) bestätigte das Bundesverwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5 publizierte Praxis zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die kurdischen Provinzen im Nordirak. Es hielt dabei Folgendes fest: In den vier Provinzen des KRG – das betreffende Gebiet wird seit Anfang 2015 durch die Provinzen Dohuk, Erbil, Suleimaniya sowie der von Letzterer ab- gespalteten Provinz Halabja gebildet – sei nicht von einer Situation allge- meiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen, und es lägen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass sich dies in absehbarer Zeit massgeblich ändern würde. Diese Einschätzung hat nach wie vor Gültig- keit. Die langjährige Praxis im Sinne von BVGE 2008/5 für aus dem KRG- Gebiet stammende Kurdinnen und Kurden bleibt somit weiterhin anwend- bar. Besonderes Gewicht ist angesichts der Belastung der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene («Internally Displaced Per- sons» [IDPs]) dem Vorliegen begünstigender individueller Faktoren beizu- messen (vgl. u.a. Urteile des BVGer D -2775/2020 vom 8. Juli 2020 E. 8.3.2; D-787/2020 vom 17. April 2020 E. 7.3; D-7151/2018 vom 25. Feb- ruar 2020 E. 7.4.4, m.w.H.; E -2855/2018 vom 14. Januar 2019 E. 5.6.1; D-1779/2016 vom 6. Dezember 2018 E. 7.3.2; BVGE 2008/5 E. 7.5). Die Anordnung des Wegweisungsvollzugs setzt insbesondere voraus, dass die betreffende Person ursprünglich aus der Region stammt oder längere Zeit dort gelebt hat und dort über ein soziales Beziehun gsnetz (Familie, Ver- wandtschaft oder Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu den herr- schenden Parteien verfügt. Andernfalls dürfte eine soziale und wirtschaftli- che Integration in die kurdische Gesellschaft nicht gelingen, da der Erhalt E-2195/2020 Seite 9 einer Arbeitsstelle oder von Wohnraum weitgehend von gesellschaftlichen und politischen Beziehungen abhängt (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5; ausführ- lich zudem Urteil des BVGer E-6430/2016 vom 31. Januar 2018 E. 6.4.1 ff., m.w.H.). 8.4.2 Die Beschwerdeführerin lebte bis zu ihrer Ausreise Ende August 2019 in Dohuk. Gemäss eigenen Aussagen verfügt sie sowohl mütterli- cherseits als auch väterlicherseits über Verwandte in Dohuk beziehungs- weise der Autonomen Region Kurdistan. Demnach kann davon ausgegan- gen werden, dass die Beschwerdeführerin dort über ein tragfähiges Bezie- hungsnetz verfügt, auf dessen Unterstützung sie zählen kann, zumal sie mit ihren Eltern und Geschwistern in ihren Heimatstaat zurückkehrt . Die Beschwerdeführerin verfügt sodann über eine gute Schulbildung , hat die 12. Klasse abgeschlossen. Es liegen überdies keine Anhaltspunkte für re- levante gesundheitliche Probleme vor. 8.4.3 Insgesamt sind keine Aspekte ersichtlich, die darauf schliessen las- sen würden, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr aus persön- lichen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würden. 8.4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung als zumutbar. 8.5 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.6 Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang mit der weltweiten Aus- breitung der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) sind aufgrund ihrer vorüber- gehenden Natur nicht geeignet, die obigen Schlussfolgerungen in Frage zu stellen. Würden diese im vorliegenden Fall den Vollzug der Wegweisung vorübergehend verzögern, so würde dieser zwangsläufig zu einem späte- ren, angemessenen Zeitpunkt erfolgen (vgl. statt vieler: Urteil der BVGer E-895/2020 vom 15. April 2020 E. 9.6). 8.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG) E-2195/2020 Seite 10 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverha lt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer- deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2020 wurde jedoch das Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh- rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen, weshalb keine Verfah- renskosten zu erheben sind. 10.2 Ebenfalls mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2020 wurde das Gesuch um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und der rubrizierte Rechtsver- treter lic. iur. Roger Kuhn als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Eine Kostennote wurde nicht eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann indessen verzichtet werden, weil der Vertretungsaufwand zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). In Anwendung der genannten Bestimmung und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungs- faktoren (Art. 8 ff. VGKE) ist dem Rechtsvertreter – unter Berücksichtigung des im Verfahren E-2194/2020 ausgerichteten Honorars – ein Honorar im Umfang von Fr. 200.– (inkl. Auslagen) zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) E-2195/2020 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird ein amtliches Honorar zulasten der Gerichtskasse in der Höhe von Fr. 200.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Natassia Gili Versand: