<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">122</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>24</b></span> <span class="ft2"><b>Streitgegenstand im steuerrechtlichen Rechtsmittelverfahren.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Streitgegenstand im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren</b></span><br/> <span class="ft2"><b>im Steuerrecht (Erw. 6.3).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Das kantonale Recht enthält keine Bestimmung, wonach im Verlauf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>des Verfahrens nur Tatsachen und Beweismittel geltend gemacht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>werden können, die im Schriftenwechsel nicht vorgebracht werden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>konnten (Erw. 6.4).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 22. September 2010, in</span><br/> <span class="ft5">Sachen E. (WBE.2009.370).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">6.1.</span><br/> <span class="ft1">Abweichend vom in der Rekursschrift vom 15. August 2007</span><br/> <span class="ft1">gestellten Antrag auf Festsetzung des steuerbaren Eigenkapitals auf</span><br/> <span class="ft1">Fr. 1'032'394.00 beantragt die Beschwerdeführerin im Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">verfahren (wie bereits in ihrer Eingabe ans Steuerrekursgericht vom</span><br/> <span class="ft1">7. Februar 2008), unter Berufung auf den ausgewiesenen Verlust von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 1'907'471.00, das steuerbare Eigenkapital auf Fr. 100'000.00 fest-</span><br/> <span class="ft1">zusetzen. Die Vorinstanz kam diesbezüglich zum Schluss, auf diesen</span><br/> <span class="ft1">erst im Rahmen des Untersuchungsverfahrens abgeänderten Antrag</span><br/> <span class="ft1">auf Reduktion des steuerbaren Eigenkapitals auf Fr. 100'000.00 sei</span><br/> <span class="ft1">nicht einzutreten, da dieser nicht durch den Gang des Rekursver-</span><br/> <span class="ft1">fahrens verursacht worden sei.</span><br/> <span class="ft1">6.2.</span><br/> <span class="ft1">Dagegen wendet die Beschwerdeführerin ein, die von der Vor-</span><br/> <span class="ft1">instanz zitierte Praxis beziehe sich auf die Erweiterung des Rekurs-</span><br/> <span class="ft1">begehrens. Hier werde aber das Rekursbegehren nicht erweitert,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">KantonaleSteuern</span> <span class="page_no">123</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sondern lediglich mit Blick auf die korrekte Rechtsanwendung, wel-</span><br/> <span class="ft1">che von Amtes wegen hätte erfolgen sollen, betragsmässig angepasst.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz hätte - nach Auffassung der Beschwerdeführerin -</span><br/> <span class="ft1">ohne Weiteres zu Gunsten des Steuerpflichtigen vom gestellten An-</span><br/> <span class="ft1">trag abweichen können.</span><br/> <span class="ft1">6.3.</span><br/> <span class="ft1">6.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Eine ausdrückliche Regelung des Streitgegenstands fehlt im</span><br/> <span class="ft1">kantonalen Recht. Streitgegenstand im Beschwerdeverfahren ist, was</span><br/> <span class="ft1">im ursprünglichen Verwaltungsverfahren - und allenfalls zusätzlich</span><br/> <span class="ft1">in einem vorangehenden Beschwerde- (oder Rekurs)verfahren - ver-</span><br/> <span class="ft1">bindlich geregelt wurde (AGVE 1999, S. 368; zur Praxisverschär-</span><br/> <span class="ft1">fung in Bezug auf den Ausschluss von Feststellungsverfügungen:</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2009, S. 137). Der Begriff des Streitgegenstands im verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren in Steuersachen stimmt da-</span><br/> <span class="ft1">mit im Wesentlichen mit demjenigen der bundesgerichtlichen Recht-</span><br/> <span class="ft1">sprechung überein. Danach gilt als Streitgegenstand das Rechtsver-</span><br/> <span class="ft1">hältnis, das Gegenstand der angefochtenen Verfügung bildet, in dem</span><br/> <span class="ft1">Umfang, in dem es im Streit liegt. Beschwerdebegehren, die neue, in</span><br/> <span class="ft1">der angefochtenen Verfügung nicht geregelte Fragen aufwerfen,</span><br/> <span class="ft1">überschreiten den Streitgegenstand und sind deshalb unzulässig. In</span><br/> <span class="ft1">einem Rechtsmittelverfahren kann der Streitgegenstand grundsätz-</span><br/> <span class="ft1">lich nur eingeschränkt, aber nicht ausgeweitet werden (BGE 131 II</span><br/> <span class="ft1">203). Was Streitgegenstand ist, bestimmt sich nach dem angefochte-</span><br/> <span class="ft1">nen Entscheid und den Parteibegehren. Auch wenn zum Verständnis</span><br/> <span class="ft1">der Anträge auf die Begründung zurückgegriffen werden muss, ergibt</span><br/> <span class="ft1">sich der Streitgegenstand stets aus der beantragten Rechtsfolge und</span><br/> <span class="ft1">nicht aus deren Begründung, die sich regelmässig aus verschiedenen</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen und tatsächlichen Aspekten zusammensetzt. Der Recht-</span><br/> <span class="ft1">sprechung liegt damit eine "objektmässige" und nicht eine "aspekt-</span><br/> <span class="ft1">mässige" Umschreibung des Streitgegenstands zugrunde (Urteil des</span><br/> <span class="ft1">Bundesgerichts vom 22.</span> <span class="ft1">Januar</span> <span class="ft1">2008 [2C_446/2007], Erw.</span> <span class="ft1">2.2,</span><br/> <span class="ft1">m.w.H., publ. in StE 2008 B 96.11 Nr. 8).</span><br/> <span class="ft1">6.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung wäre es jedoch</span><br/> <span class="ft1">nicht ausgeschlossen, dass der Streitgegenstand, der normalerweise</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">124</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">das gesamte Rechtsverhältnis erfasst, auf Teilaspekte desselben</span><br/> <span class="ft1">beschränkt wird. So könnten die Behörden vorab über einzelne</span><br/> <span class="ft1">Elemente eines bestimmten Rechtsverhältnisses rechtskräftig verfü-</span><br/> <span class="ft1">gen (erwähntes Urteil des Bundesgerichts in: StE 2008 B 96.11 Nr. 8,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 3.1). Eine derartige Teilrechtskraft wird nach der konstanten</span><br/> <span class="ft1">Praxis des Verwaltungsgerichts indes nicht anerkannt, wenn sich die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde auf den materiellen Punkt des Entscheids bezieht und</span><br/> <span class="ft1">diesen ganz oder teilweise anficht (AGVE 1987, S. 342 ff. und 1988,</span><br/> <span class="ft1">S. 199; M</span><span class="ft5">ICHAEL</span> <span class="ft1">M</span><span class="ft5">ERKER</span><span class="ft1">, Rechtsmittel, Klage und Normenkon-</span><br/> <span class="ft1">trollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über die Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">rechtspflege [Kommentar zu den §§ 38-72 VRPG], Zürich 1998,</span><br/> <span class="ft1">§ 38 N 50). Daran ist festzuhalten.</span><br/> <span class="ft1">6.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Eine Verengung des Streitgegenstands kann indes auch durch</span><br/> <span class="ft1">Parteierklärung erfolgen. Anerkennt eine Partei ausdrücklich, dass</span><br/> <span class="ft1">sich ihr Begehren nicht auf einen bestimmten Rechtsgrund stützt,</span><br/> <span class="ft1">kann sie später nicht mehr darauf zurückkommen. Eine nachträgliche</span><br/> <span class="ft1">Geltendmachung eines zuvor ausdrücklich verworfenen Standpunkts</span><br/> <span class="ft1">liefe schliesslich auf ein widersprüchliches Verhalten ("venire contra</span><br/> <span class="ft1">factum proprium") hinaus.</span><br/> <span class="ft1">6.4.</span><br/> <span class="ft1">Entgegen der Auffassung der Vorinstanz handelte es sich beim</span><br/> <span class="ft1">"Begehren" um Berücksichtigung des Verlustvortrags - da die Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz den Rekurs gegen die Aufrechnung des Aktionärsdarlehens ab-</span><br/> <span class="ft1">gewiesen hat - um keine Rekurserweiterung. Die Frage, ob es sich</span><br/> <span class="ft1">bei der Geltendmachung des Verlustvortrags um eine allenfalls unzu-</span><br/> <span class="ft1">lässige Rekurserweiterung gehandelt hätte, hätte sich einzig dann</span><br/> <span class="ft1">gestellt, wenn das Steuerrekursgericht selbst die Aufrechnung derart</span><br/> <span class="ft1">reduziert hätte, dass das steuerbare Eigenkapital unter</span><br/> <span class="ft1">Fr. 1'032'394.00 gesunken wäre. So wie das Steuerrekursgericht ent-</span><br/> <span class="ft1">schied bzw. wie es seinen Entscheid sachlich begründete, hätte indes</span><br/> <span class="ft1">selbst eine Berücksichtigung des Verlustvortrags in der von der</span><br/> <span class="ft1">Rekurrentin geltend gemachten Höhe lediglich zu einer Herabset-</span><br/> <span class="ft1">zung des steuerbaren Eigenkapitals von Fr.</span> <span class="ft1">8'123'645.00 um</span><br/> <span class="ft1">Fr. 1'907'471.00 auf Fr. 6'216'174.00 geführt und wäre somit betrags-</span><br/> <span class="ft1">mässig ohne weiteres im Rahmen des ursprünglichen Antrags gele-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">KantonaleSteuern</span> <span class="page_no">125</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gen. Eine ausdrückliche Anerkennung des Ausschlusses der Ver-</span><br/> <span class="ft1">lustverrechnung seitens der Beschwerdeführerin liegt zudem nicht</span><br/> <span class="ft1">vor. Demzufolge ist das Steuerrekursgericht zu Unrecht nicht auf das</span><br/> <span class="ft1">"Begehren" eingetreten.</span><br/> <span class="ft1">Daran vermag auch die Berufung auf das Urteil des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts vom 8. September 2009 [2C_514/2008] durch das KStA nichts</span><br/> <span class="ft1">zu ändern. Darin schützte das Bundesgericht das Vorgehen der Vor-</span><br/> <span class="ft1">instanz, welche neue Vorbringen und Dokumente unberücksichtigt</span><br/> <span class="ft1">liess, weil das Behauptungs- und Beweisverfahren in diesem Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt bereits abgeschlossen war. Dabei ist zu bedenken, dass das in</span><br/> <span class="ft1">jenem Fall massgebende freiburgische Verfahrensrecht (Gesetz über</span><br/> <span class="ft1">die Verwaltungsrechtspflege des Kantons Freiburg vom 23. Mai 1991</span><br/> <span class="ft1">[VRG-FR; SGF 150.1]) - im Gegensatz zum aargauischen VRPG -</span><br/> <span class="ft1">eine ausdrückliche Bestimmung enthält, wonach im Verlauf des Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahrens nur Tatsachen und Beweismittel geltend gemacht werden</span><br/> <span class="ft1">können, die im Schriftenwechsel im Sinne von Art. 89 VRG-FR</span><br/> <span class="ft1">nicht vorgebracht werden konnten (Art. 93 VRG-FR).</span><br/> <span class="ft1">Soweit sich die Beschwerde gegen den Nichteintretensentscheid</span><br/> <span class="ft1">der Vorinstanz richtet, ist sie somit gutzuheissen.</span><br/></div> </div> </body> </html>