B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-7749/2024 U r t e i l v o m 8 . J a n u a r 2 0 2 5 Besetzung Richterin Susanne Genner (Vorsitz), Richter Basil Cupa, Richter Gregor Chatton, Gerichtsschreiberin Selina Schmid. Parteien A._______, geboren am (…) 2006, Afghanistan, vertreten durch MLaw Anja Kläusli, HEKS Rechtsschutz, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Ver- fahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 3. Dezember 2024 / (…). F-7749/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer (afghanischer Staatsangehöriger) ersuchte am 9. September 2024 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerab- drücke mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 8. August 2024 in Bulgarien um Asyl ersucht hatte. B. Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer am 14. Oktober 2024 im Rahmen einer Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (fortan: Erst- befragung) das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent- scheid und der Möglichkeit der Übe rstellung nach Bulgarien, Slowenien, Kroatien und Italien, deren Zuständigkeit für die Behandlung des Asylge- suchs grundsätzlich in Frage komme. C. Das von der Vorinstanz am 21. Oktober 2024 in Auftrag gegebene Gutach- ten zur Altersschätzung wurde vom Institu t für Rechtsmedizin des Kan- tonsspitals St. Gallen am 30. Oktober 2024 erstattet. D. Mit Schreiben vom 22. November 2024 gewährte die Vorinstanz dem Be- schwerdeführer das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Änderung seines Geburtsdatums auf den (…) 2006 (anst att […] 2007). Dieser nahm mit Schreiben vom 28. November 2024 Stellung. E. Die bulgarischen Behörden hiessen das Gesuch der Vorinstanz vom 1. No- vember 2024 um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b, c oder d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) am 11. November 2024 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO gut. F. Am 2. Dezember 2024 passte die Vorinstanz das Geburtsdatum des Be- schwerdeführers im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (…) 2006 an und versah es mit einem Bestreitungsvermerk. F-7749/2024 Seite 3 G. Mit Verfügung vom 3. Dezember 2024 (gleichentags eröffnet) trat die Vor- instanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Überstellung nach Bulgarien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (Dispositivziffern 1–3). Gleichzeitig stellte es fest, das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS laute: (…) 2006 (Dispositivziffer 6). H. Mit Rechtsmitteleingabe vom 10. Dezember 2024 gelangte der Beschwer- deführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die ange- fochtene Verfügung sei vollständig aufzuheben und die Vorinstanz anzu- weisen, auf sein Asylgesuch einzutreten . Die Vorinstanz sei anzuweisen, sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (…) 2007 abzuändern. Eventualiter sei die Verfügung der Vorinstanz vollständig aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an diese zurückzuweisen. Es sei eine Rechtsverweigerung festzustellen und die Vorinstanz sei anzuweisen, die Änderung des Ge- burtsdatums im ZEMIS mittels einer anfechtbaren Verfügung zu verfügen (sic). Der Beschwerde sei die aufschiebend e Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien unverzüglich anzuweisen, von einer Überstellung nach Bulgarien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Er- teilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Im Sinne einer su- perprovisorischen vorsorglichen Massnahme sei die Vor instanz anzuwei- sen, sein Geburtsdatum im ZEMIS bis zum rechtskräftigen Urteil auf den (…) 2007 abzuändern. Es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. I. Am 11. Dezember 2024 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovi- sorischen Vollzugsstopp an. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG [SR 142.31]). 1.2. Die Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichteintretens - und Wegweisungsentscheid als auch gegen die ZEMIS -Eintragung betreffend F-7749/2024 Seite 4 das Geburtsdatum des Beschwerdeführers. Das Beschwerdeverfahren be- treffend ZEMIS-Datenbereinigung wird separat vom vorliegenden Asylver- fahren unter der Nummer F -7788/2024 geführt und es werden zwei ge- trennte Urteile gefällt. Die Beschwerdebegehren betreffend Ziffer 6 der an- gefochtenen Verfügung sind somit nicht im Rahmen des vorliegenden Ver- fahrens zu behandeln. 1.3. Die Beschwerde gegen den Nichteintretens - und Wegweisungsent- scheid ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übrigen Sachur- teilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 Abs. 1 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Be- schwerde ist einzutreten. Das Gericht entscheidet über diese endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 2. 2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 3. 3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaats wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) – wie vorliegend – findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). Der Mitgliedstaa t, bei dem der erste Antrag auf internationalen Schutz gestellt wurde, ist gehalten, einen Drittstaatsangehörigen, der wäh- rend der Prüfung seines Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen F-7749/2024 Seite 5 neuen Antrag gestellt hat, gemäss den Modalitäten der Dublin-III-VO wie- der aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 3.3. Der Beschwerdeführer macht geltend, er sei im Zeitpunkt der Antrag- stellung in der Schweiz minderjährig gewesen. Als Minderjähriger gilt ein Drittstaatsangehöriger unter achtzehn Jahren (Art. 2 Bs t. i Dublin -III-VO; Art. 1 a Bst. d der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]). Unbegleitete Minderjährige sind vom Wiederaufnahmeverfahren ausgenommen (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin-III-VO, Wien 2014, Kap. 15 f. zu Art. 8). Vorliegend bestünde deshalb bei Minderjährigkeit des Be- schwerdeführers eine der grundsätzlichen Wiederaufnahmezuständigkeit Kroatiens vorrangige Zuständigkeit der Schweiz (vgl. unter anderen: Urteil des BVGer F-6213/2020 vom 5. Januar 2021 E. 3.4). 3.4. Die Beweislast für die Minderjährigkeit liegt im Asylverfahren bei der gesuchstellenden Person und diese ist zumindest glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.3). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, die für oder geg en die Richtig- keit der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen. Wesentlich sind dabei als für echt befundene Identitätspapiere oder eigene Angaben der betroffenen Person (vgl. BVGE 2023 VI/4 E. 6.5). Das Resultat des Altersgutachtens stellt nur ei n Element bei der Beurteilung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Minderjährigkeit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.). 4. 4.1. Die Vorinstanz begründet den Umstand, dass sie von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers ausgeht, zusammenfassend damit, dass seine An- gaben im Rahmen der Erstbefragung teils widersprüchlich und nicht hinrei- chend substantiiert seien und dass er keine klaren und präzisen Altersan- gaben habe machen können. Es sei sodann bemerkenswert, dass der Be- schwerdeführer sein Alter zum Zeitpunkt des Schulabbruchs nicht habe an- geben können, das Alter zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters jedoch schon, obwohl die Ereignisse zeitlich eng beieinander liegen würden. Des Weiteren sei schwer nachvollziehbar, dass die bulgarischen Behörden das Geburtsdatum (…) 2000 ohne Rückfrage beim Beschwerdeführer erfasst hätten. Die unterschiedlichen Angaben des Geburtsdatums in der Schweiz und in Bulgarien würden berechtigte Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers aufwerfen. Das eingereichte Foto der Tazkira sei wenig geeignet, um sein Alter nachzuweisen und glaubhaft zu machen. F-7749/2024 Seite 6 4.2. Der Beschwerdeführer hält dem im Wesentlichen entgegen, in seinen Altersangaben sei kein Widerspruch zu erkennen. Der Verlust seines Va- ters sei der weitaus entscheidendere Einschnitt in seinem Leben gewesen als der Schulabbruch. Es sei in seinem Bewusstsein daher verankert, dass er beim Ableben seines Vaters 12 oder 13 Jahre alt gewesen sei. Die Ein- schulung sowie der Schulabbruch seien – da er aus einem Land mit nied- rigem Bildungsniveau stamme – nicht so wichtig, dass man sich die Alters- angaben dazu zwingend merken müsse. Seine Altersangabe stimme sodann mit dem aus der Tazkira ersichtlichen Geburtsdatum überein. Er habe nachvollziehbar erklärt, wesha lb er nicht in der Lage sei, weitere Identitätsdokumente einzureichen sowie wo sich das Original seiner Tazkira befinde. Er habe substantiiert dargelegt, dass die bulgarischen Behörden sein angebliches Geburtsdatum ohne sein Zu- tun erfasst hätten. Es werfe jedoch Fragen auf, dass er in Bulgarien mit zwei unterschiedlichen Geburtsdaten erfasst worden sei. Das in Bulgarien erfasste Alter von 24 Jahren sei sodann keinesfalls mit seinem äusseren Erscheinungsbild oder mit dem vorliegenden Altersgutachten in Übere in- stimmung zu bringen. Das Altersgutachten stelle vorliegend ein Indiz für seine Minderjährigkeit dar, da das Mindestalter bei 16.1 Jahren liege. Es werde im Altersgutach- ten sodann explizit festgehalten, dass das von ihm angegebene Geburts- datum zutreffen könne. Seine widerspruchsfreien, substantiierten und rechnerisch plausiblen An- gaben zu seinem Alter sowie zu sämtlichen an der Erstbefragung bespro- chenen Themen seien in Kombination mit der eingereichten Tazkira-Kopie und dem Altersgutachten als starke Indizien für seine Minderjährigkeit zum Zeitpunkt des Asylgesuchs in der Schweiz zu würdigen. 5. 5.1. Einleitend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer sein geltend gemachtes Geburtsdatum nicht anhand rechtsgenüglicher Identitätsdoku- mente zu belegen vermag. Was die in Kopie zu den Akten gereichte Tazkira betrifft, ist festzustellen, dass diese Dokumente lediglich gestützt auf Par- teiangaben (meist eine Altersschätzung) ausgestellt werden, keine Sicher- heitsmerkmale aufweisen, deshalb nicht fälschungssicher sind, d ie ver- merkten Angaben oft unvollständig sind und daher zum Nachweis der Iden- tität nicht ausreichen (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.2; 2013/30 E. 4.2.2). Es ist somit von einem geringen Beweiswert der Tazkira auszugehen, umso mehr, als der Beschwerdeführer nur ein e Kopie davon eingereicht hat. F-7749/2024 Seite 7 Nicht nachvollziehbar ist sodann, weshalb das Original – wie vom Be- schwerdeführer in der Erstbefragung (S. 7) dargelegt – bei seinen Onkeln mütterlicherseits in Afghanistan verblieben ist. Sodann hat der Beschwer- deführer keine weiteren Ausweise oder Dokumente (beispielsweise Schul- zeugnisse) eingereicht, welche sein behauptetes Alter zu belegen ver- möchten. Dies , obwohl er mit seine n Onkeln mütterlicherseits per WhatsApp in Kontakt steht und die Dokumente ihm somit – sofern vorhan- den – zumindest in Kopie zugestellt werden könnten. 5.2. Sodann kann er aus dem Altersgutachten nichts zu seinen Gunsten ableiten. Gemäss dem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1 ff. ) sind von den in der Schweiz angewandten Methoden der medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein - res- pektive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht je- doch die Handknochenaltersanalyse und die ärztliche körperliche Untersu- chung) zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Per- son geeignet und es lässt sich anhand der medizinischen Altersabklärung keine Aussage zur Minder - beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt. Gemäss dem Gutachten ergab die Handknochenanalyse ein Mindestalter von 16.1 Jahren. Anhand der zahnärztlichen Untersuchung konnte kein Mindestalter angegeben werden. Eine Schlüsselbeinanalyse war aufgrund anatomischer Gegebenheiten nicht durchführbar. Folglich lässt sich an- hand dieser medizinischen Altersabklärung keine Aussage zur Minder- be- ziehungsweise Volljährigkeit des Beschwerdeführers machen, da die Handknochenaltersanalyse alleine zum Beweis der Minder - beziehungs- weise Volljährigkeit ungeeignet ist und ohnehin ein Mindestalter von weni- ger als 18 Jahren angibt. Somit hat die Vorinstanz im angefochtenen Ent- scheid das Altersgutachten zu Recht weder als Ind iz für die Minderjährig- keit noch für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers gewertet. 5.3. Die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter fallen – wie auch von der Vorinstanz richtigerweise vorgebracht – äusserst vage aus. Er konnte keine präzisen Altersangaben machen. So gab er bei den meis- ten Zeitauskünften eine Zeitspanne und keine fixen Zeitangaben an (sein Vater sei vor 5 bis 6 Jahren verstorben, als er 12 oder 13 Jahre alt gewesen sei; seine Mutter sei 1.5 Jahre nach seinem Vater verstorben, als er 13 oder 14 Jahre alt gewesen sei; er sei ungefähr 3 bis 4 Jahre nach dem Tod sei- ner Mutter ausgereist ; vgl. Erstbefragung , S. 5 f.). Auch das Alter seiner Geschwister beschrieb der Beschwerdeführer nur ungenau (Mustafa: 14 bis 15 Jahre alt; Chalid: 12 bis 13 Jahre alt; Mujib: 10 bis 11 Jahre alt ; F-7749/2024 Seite 8 vgl. Erstbefragung, S. 4). Der Beschwerdeführer kannte sodann weder sein Alter zum Zeitpunkt der Einschul ung noch bei seinem Schulabbruch (vgl. Erstbefragung, S. 4). Zwar mag die Begründung des Beschwerdeführers, wonach die Einschulung sowie der Schulabbruch in Afghanistan nicht als allzu wichtig gewertet werden können, durchaus seine Richtigkeit haben. Dennoch ist im Rahmen der Gesamtwürdigung zu Lasten des Beschwer- deführers zu berücksichtigen, dass er nicht wusste, wie alt er bei der Ein- schulung oder bei seinem Schulabbruch gewesen ist. Seine Aussagen fallen des Weiteren widersprüchlich aus. Diese Wid er- sprüche sind primär auf die ungenauen Zeitangaben zurückzuführen. So bringt der Beschwerdeführer einerseits vor, sein Vater sei vor 5 bis 6 Jah- ren verstorben; damals sei er 12 bis 13 Jahre alt gewesen (vgl. Erstbefra- gung, S. 5). Ausgehend vom behaupteten Alter von 17 Jahren ([…] 2007) wäre er jedoch beim Tod seines Vaters 11 bis 12 Jahre alt gewesen. Er bringt weiter vor, seine Mutter sei 1.5 Jahre nach dem Tod seines Vaters verstorben und er sei 3 bis 4 Jahre nach ihrem Tod aus Afghanistan aus- gereist (vgl. Erstbefragung, S. 6). Die Reise in die Schweiz habe ein Jahr gedauert ( vgl. Erstbefragung, S. 8). Unter Berücksichtigung sämtlicher Zeitangaben – sowie der Behauptung des Beschwerdeführers , beim Tod seines Vaters 12 bis 13 Jahre alt gewesen zu sein – müsste er im Zeitpunkt der Erstbefragung (14. Oktober 2024) mindestens 17 Jahre und (…) Mo- nate alt gewesen sein, maximal jedoch 19 Jahre und (…) Monate. Dies widerspricht dem vom Beschwerdeführer angegebenen Geburtsdatum ([…] 2007), wonach er im Zeitpunkt der Erstbefragung 17 Jahre und (…) Monate alt gewesen wäre. Wie schon von der Vorinstanz erwähnt, wirft die Diskrepanz der Zeitangaben berechtigte Zweifel an der Genauigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers und folglich an seiner Minderjährigkeit auf. Dies gilt umso mehr, als selbst die vom Beschwerdeführer vorgebrach- ten Zeitspannen teilweise auf Volljährigkeit hindeuten. Die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter erscheinen insgesamt nicht glaubhaft und er bringt keine stichhaltigen Argumente vor, die für seine Minderjährig- keit sprechen. 5.4. Für das Vorliegen der Volljährigkeit spricht weiter, dass der Beschwer- deführer von den bulgarischen Behörden ebenfalls als volljährig registriert worden ist (registrierte Geburtsdaten: […] 2000 sowie […] 2000). Dem Be- schwerdeführer ist zuzustimmen, dass ungeklärt bleibt, weshalb in Bulga- rien zwei unterschiedliche Geburtsdaten erfasst worden sind. Jedoch ist auch die Einschätzung der Vorinstanz zu teilen, wonach es unglaubhaft sei, dass der Beschwerdeführer – wie von diesem vorgebracht – bei der Registration in Bulgarien nicht nach seinem Geburtsdatum gefragt worden F-7749/2024 Seite 9 sei. Trotz verbleibender Unklarheit kann die Registration des Beschwerde- führers in Bulgarien als volljährig zu seinen Lasten berücksichtigt werden. Die Vorinstanz hat den Sachverhalt nicht unvollständig festgestellt, indem sie sich – infolge der unglaubhaften Ausführungen des Beschwerdeführers – in Bulgarien nicht nach dem Grund für das Vorliegen von zwei verschie- denen Geburtsdaten informiert hat (vgl. Art. 12 VwVG zum Untersuchungs- grundsatz sowie Art. 13 VwVG zur Mitwirkungspflicht des Beschwerdefüh- rers). Zudem durfte sie in antizipierter Beweiswürdigung (vgl. BGE 148 V 356 E. 7.4; 144 V 361 E. 6.5) davon ausgehen, dass die Antwort der bul- garischen Behörden ihren Standpunkt nicht zu erschüttern vermöchte. 5.5. Des Weiteren haben die bulgarischen Behörden dem Gesuch um Wie- deraufnahme des Beschwerdeführers zugestimmt im Wissen darum, dass der Beschwerdeführer vorbringt, minderjährig zu sein. Die bulgarischen Behörden lassen damit erkennen, dass sie keine Zweifel an der Volljährig- keit des Beschwerdeführers haben. 5.6. Zusammenfassend erscheinen die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter nicht glaubhaft. Das einzige objektive Beweismittel, die Ko- pie der Tazkira, ist von geringem Beweiswert. Umso mehr hätte es dem Beschwerdeführer oblegen, konsistente Angaben zu seiner Biographie und seinen Personalien zu machen. Er bringt jedoch keine stichhaltigen Argu- mente vor, die für seine Minderjährigkeit sprechen. Indessen bleiben seine Aussagen vage und weisen Widersprüche auf. 5.7. Auf das Vorbringen des Beschwerdeführers, die Vorinstanz habe den Sachverhalt unrichtig festgestellt, indem sie behaupte , er habe sein Ge- burtsdatum nicht nach dem afghanischen Kalender angeb en können, ist aufgrund fehlender Entscheidrelevanz nicht weiter einzugehen. 5.8. Es ist dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die behauptete Minder- jährigkeit glaubhaft zu machen. Da er somit als Volljähriger gilt, ist er vom Wiederaufnahmeverfahren nicht ausgenommen. 6. Die Zuständigkeit Bulgariens für das Asylverfahren des Beschwerdeführers ist – angesichts des Eurodac-Treffers und nachdem Bulgarien das Wieder- aufnahmeersuchen am 11. November 2024 gutgeheissen hat – grundsätz- lich gegeben. 7. F-7749/2024 Seite 10 7.1. Nach konstanter Rechtsp rechung des Bundesverwaltungsgerichts weist das Asylverfahren in Bulgarien keine systemischen Schwachstellen gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf (vgl. Referenzurteil des BVGer F - 7195/2018 vom 11. Februar 2020 E. 6.6.7; jüngst Urteil F-7222/2024 vom 26. November 2024 E. 4.2). 7.2. 7.2.1. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in die ser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mit gliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn da- für gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Ent- scheidung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgericht darf sein eigenes Ermessen nicht an dessen Stelle setzen (BVGE 2015/9 E. 7.6 und E. 8.1 in fine). 7.2.2. Der Beschwerdeführer macht geltend, ihm sei von der bulgarischen Polizei drei Tage lang die Nahrung verweigert worden, weil er sich gewei- gert habe, sich daktyloskopisch erfassen zu lassen. Die bulgarischen Be- hörden seien sehr schlecht mit Asylsuchenden umgegangen. Man werde ignoriert und sei mit gefährlichen Situationen konfrontiert. Im geschlosse- nen Gefängnis werde man nicht respektiert ; man werde geschlagen und schlecht behandelt. Er wolle lieber in der Schweiz sterben als nach Bulga- rien zurückgeschickt zu werden. 7.2.3. Die geltend gemachte schlechte Behandlung durch die Behörden sowie Polizeigewalt wird weder belegt noch substantiiert dargelegt. So führt der Beschwerdeführer primär aus, wie Asyl suchende allgemein an- geblich von den bulgarischen Behörden behandelt werden, nicht jedoch, was er konkret alles erlebt haben soll. Der Beschwerdeführer vermag nicht darzutun, dass die ihn bei einer Rückführung nach Bulgarien zu erwarten- den Bedingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung vo n Art. 3 EMRK führen könnten. Bei einem allfälligen Fehlverhalten der bulga- rischen Polizei könnte er sich im Übrigen nötigenfalls an die bulgarischen Behörden wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern F-7749/2024 Seite 11 (vgl. Art. 26 der Richtlinie des Europäische n Parlaments und des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen [Aufnahme- richtlinie]). Des Weiteren steht ihm die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. 7.2.4. Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin- III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten, noch sind humanitäre Gründe ersichtlich, welche einen Selbsteintritt nahelegen würden. 8. Die Vorinstanz ist zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die Wegweisung nach Bulgarien angeordnet. 9. Die Beschwerde ist abzuweisen. Mit vorlieg endem Urteil fällt der am 11. Dezember 2024 angeordnete Vollzugsstopp dahin und der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung wird gegenstandslos. 10. 10.1. Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung abzuweisen ist. 10.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos- ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsge richt [VGKE, SR173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) F-7749/2024 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Das Beschwerdeverfahren betreffend Datenbereinigung im ZEMIS (Dispo- sitivziffer 6 der angefochtenen Verfügung) wird vom vorliegenden Dublin - Verfahren getrennt und unter der Verfahrensnummer F-7788/2024 geführt. 2. Die Beschwerde gegen den Nichteintretens - und Wegweisungsentscheid wird abgewiesen. 3. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 4. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des vorliegenden Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz und die kan- tonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Susanne Genner Selina Schmid Versand: