<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">189</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Straf- und Massnahmenvollzug</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>27</b></span> <span class="ft2"><b>Straf- und Massnahmenvollzug</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Fluchtgefahr im Sinn von Art. 84 Abs. 6 StGB darf nicht bereits dann</b></span><br/> <span class="ft2"><b>angenommen werden, wenn die Möglichkeit der Flucht in abstrakter</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Weise besteht (Erw. 5.2.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Ein genereller Ausschluss jeglicher Urlaube oder anderer Vollzugs-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>öffnungen bei mit einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe Verurteilten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>widerspricht Art. 84 Abs. 6 StGB und ist mit dem Vollzugsziel der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Sozialisierung gemäss Art.</b></span> <span class="ft2"><b>75 Abs.</b></span> <span class="ft2"><b>1 StGB nicht vereinbar</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 5.3.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 30. Mai 2012 in Sachen X.</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2012.117).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">3.</span><br/> <span class="ft7">3.1.</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">Zusammengefasst hat der Regierungsrat im angefochtenen Ent-</span><br/> <span class="ft7">scheid erwogen, dem Beschwerdeführer sei die Gewährung von</span><br/> <span class="ft7">(begleiteten) Ausgängen aus humanitären Gründen zu Recht verwei-</span><br/> <span class="ft7">gert worden, weil keine wirksamen begleitenden Massnahmen vor-</span><br/> <span class="ft7">handen seien, die den Schutz der öffentlichen Sicherheit ausreichend</span><br/> <span class="ft7">sicherstellten und gleichzeitig dem Zweck der humanitären Aus-</span><br/> <span class="ft7">gänge gerecht würden. Vollzugslockerungen kämen folglich nicht in</span><br/> <span class="ft7">Frage. Eine Flucht lasse sich trotz Begleitung durch zwei Personen</span><br/> <span class="ft7">des Strafvollzugspersonals nicht ausschliessen, hätten doch ver-</span><br/> <span class="ft7">gangene Vorfälle gezeigt, dass eine Flucht trotz Begleitung realisier-</span><br/> <span class="ft7">bar sei. Die Begleitung durch unbewaffnetes Personal erscheine</span><br/> <span class="ft7">vorliegend ungeeignet, um die Gemein- und Fluchtgefahr einzudäm-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">190</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">men. Dieses sei nicht in der Lage, eine Flucht zu verhindern. Auch</span><br/> <span class="ft7">eine elektronische Fussfessel sei dazu kein taugliches Mittel, zumal</span><br/> <span class="ft7">der Installationsaufwand in keinem Verhältnis stehe zu einem fünf-</span><br/> <span class="ft7">stündigen Ausgang und die elektronische Fussfessel im Kanton</span><br/> <span class="ft7">Aargau im Übrigen ohnehin nicht als Instrument im Strafvollzug</span><br/> <span class="ft7">eingesetzt werde. Auf der anderen Seite würde ein allzu einengendes</span><br/> <span class="ft7">Sicherheitsdispositiv (schwer bewaffnete Begleitung, Fesselung)</span><br/> <span class="ft7">Sinn und Zweck der humanitären Ausgänge entgegenstehen.</span><br/> <span class="ft7">3.2.-3.4. (...)</span><br/> <span class="ft7">4. (...)</span><br/> <span class="ft7">5.</span><br/> <span class="ft7">5.1. (...)</span><br/> <span class="ft7">5.2.</span><br/> <span class="ft7">Fluchtgefahr im Sinn von Art. 84 Abs. 6 StGB darf nicht bereits</span><br/> <span class="ft7">dann angenommen werden, wenn die Möglichkeit der Flucht in</span><br/> <span class="ft7">abstrakter Weise besteht. Hingegen genügt es, wenn aufgrund der</span><br/> <span class="ft7">konkreten Umstände eine Flucht als wahrscheinlich erscheint. Dabei</span><br/> <span class="ft7">müssen die konkreten Umstände des Falles, insbesondere die gesam-</span><br/> <span class="ft7">ten Lebensverhältnisse der betroffenen Person, in Betracht gezogen</span><br/> <span class="ft7">werden (Urteil des Bundesgerichts vom 13.</span> <span class="ft7">Januar</span> <span class="ft7">2010</span><br/> <span class="ft7">[1B_378/2009], Erw. 4.1). So ist von einer Fluchtgefahr auszugehen,</span><br/> <span class="ft7">wenn erkennbare Risiken vorliegen. Nicht erforderlich ist, dass</span><br/> <span class="ft7">geradezu bewiesen werden muss, der Gefangene werde fliehen, da</span><br/> <span class="ft7">künftiges Verhalten ohnehin nicht bewiesen werden kann, sondern</span><br/> <span class="ft7">anhand der bekannten Umstände abzuschätzen ist.</span><br/> <span class="ft7">Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung darf ein Urlaubs-</span><br/> <span class="ft7">gesuch nur dann wegen Fluchtgefahr abgelehnt werden, wenn dies</span><br/> <span class="ft7">verhältnismässig ist und dem Vollzugszweck der Wiedereingliede-</span><br/> <span class="ft7">rung des Eingewiesenen ausreichend Rechnung getragen wird. Je</span><br/> <span class="ft7">näher das Strafende rückt, desto gewichtiger wird das öffentliche</span><br/> <span class="ft7">Interesse, den Gefangenen auf den Wiedereintritt in die Gesellschaft</span><br/> <span class="ft7">vorzubereiten, indem ihm u.a. Gelegenheit gegeben wird, die hierfür</span><br/> <span class="ft7">notwendigen persönlichen und familiären Beziehungen zu pflegen</span><br/> <span class="ft7">oder aufzubauen. Gleichzeitig nimmt das öffentliche Interesse an der</span><br/> <span class="ft7">vollständigen Vollstreckung einer rechtskräftigen Freiheitsstrafe ab,</span><br/> <span class="ft7">je länger die Haft bereits angedauert hat. Insofern ist es ein Gebot der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">191</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Verhältnismässigkeit, gegen Ende des ordentlichen Strafvollzugs ein</span><br/> <span class="ft7">gewisses Fluchtrisiko bei der Gewährung von Urlaub in Kauf zu</span><br/> <span class="ft7">nehmen, das möglicherweise zu Beginn des Strafvollzugs die Ur-</span><br/> <span class="ft7">laubsgewährung ausschliessen würde. Die Fluchtgefahr ist somit</span><br/> <span class="ft7">regelmässig umso geringer einzuschätzen, je kürzer der verbleibende</span><br/> <span class="ft7">Strafrest ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 15. Oktober 2004</span><br/> <span class="ft7">[1P.470/2004], Erw. 5.1).</span><br/> <span class="ft7">5.3.</span><br/> <span class="ft7">Die Argumentation des Regierungsrats würde im Ergebnis dazu</span><br/> <span class="ft7">führen, dass bei als gemeingefährlich eingestuften Straftätern (und</span><br/> <span class="ft7">insbesondere bei mit einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe Verurteil-</span><br/> <span class="ft7">ten), die Gewährung von begleiteten Ausgängen gänzlich ausge-</span><br/> <span class="ft7">schlossen wäre, da der Regierungsrat letztlich einzig auf die abstrak-</span><br/> <span class="ft7">te Fluchtgefahr abgestellt hat. Ein genereller Ausschluss jeglicher</span><br/> <span class="ft7">Urlaube oder anderer Vollzugsöffnungen bei derart Verurteilten</span><br/> <span class="ft7">widerspricht jedoch sowohl Art. 84 Abs. 6 StGB als auch § 61 SMV.</span><br/> <span class="ft7">Zudem wäre dies mit dem Vollzugsziel der Sozialisierung gemäss</span><br/> <span class="ft7">Art. 75 Abs.1 StGB nicht vereinbar.</span><br/> <span class="ft7">Eine entsprechende einschränkende gesetzliche Bestimmung</span><br/> <span class="ft7">hat der Gesetzgeber mit Art. 84 Abs. 6</span><span class="ft8"><sup>bis</sup></span> <span class="ft7">StGB (in Kraft seit</span><br/> <span class="ft7">1. August 2008) zwar geschaffen, diese Bestimmung jedoch gilt aus-</span><br/> <span class="ft7">drücklich nur für lebenslänglich verwahrte Straftäter und nicht auch</span><br/> <span class="ft7">für mit einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilte Straftäter.</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">6. (...)</span><br/> <span class="ft7">7.</span><br/> <span class="ft7">In Anbetracht der ausdrücklich zustimmenden Beurteilung der</span><br/> <span class="ft7">Konkordatlichen Fachkommission zur Beurteilung der Gemein-</span><br/> <span class="ft7">gefährlichkeit von Straftätern des Strafvollzugskonkordats der Nord-</span><br/> <span class="ft7">west- und Innerschweiz, des tadellosen Verhaltens des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft7">führers im langjährigen Strafvollzug, der Fortschritte des Beschwer-</span><br/> <span class="ft7">deführers im Rahmen der Therapie und in Ermangelung jeglicher</span><br/> <span class="ft7">konkreter Gründe, welche die Abweisung des Gesuchs um Gewäh-</span><br/> <span class="ft7">rung von jährlich vier begleiteten fünfstündigen Ausgängen aus</span><br/> <span class="ft7">humanitären Gründen rechtfertigen könnten, erweist sich die</span><br/> <span class="ft7">Beschwerde damit als begründet.</span><br/></div> </div> </body> </html>