Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 27. September 2023 (810 23 159) ____________________________________________________________________ Kindes- und Erwachsenenschutzrecht Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts und Fremdplatzierung / Errichtung einer Er- ziehungsbeistandschaft Besetzung Vizepräsident Daniel Ivanov, Kantonsrichter Hans Furer, Markus Clau- sen, Jgnaz Jermann, Stefan Schulthess , Gerichtsschreiberin i.V. Agne Seputyte Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin gegen Kindes - und Erwachsenenschutzbehörde B.____ , Vorinstanz C.____ , Beigeladener Betreff Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts (Entscheid der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde B.____ vom 23. Juni 2023) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. D.____ (geb. 2008) ist das gemeinsame Kind von A.__ __ und C.____, welche zwei weitere Kinder haben (E.____ und F.____, beide geb. 2013). Die Kindseltern sind geschieden und verfügen über die gemeinsame elterliche Sorge. D. ____ und seine Schwestern leben beim Kindsvater zusammen mit dessen neuer Ehefrau und deren zwei Kindern. B. Mit Entscheid der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde B.____ (KESB) vom 19. Dezember 2019 wurde A.____ gestützt auf Art. 31 0 Abs. 1 des Schweizerischen Zivil- gesetzbuches (ZGB) vom 10. Dezember 1907 das Aufenthaltsb estimmungsrecht über ihre Kin- der vorsorglich entzogen und diese wurden beim Vater pl atziert. Der Entscheid wurde im We- sentlichen damit begründet, dass sich bei der Mutter ei ne psychische Erkrankung manifestiert habe und sie in diesem Zustand nicht in der Lage sei, einen adäquaten Umgang mit ihren Kin- dern zu pflegen. Die Massnahme wurde mit Entscheid der KESB vom 21. April 2020 aufgrund der späteren Genesung der Mutter aufgehoben. C. Am 5. Juni 2023 stellten die Sozialen Dienste G.___ _ zuhanden der KESB den Antrag, es sei die Platzierung von D.____ in einer Wohngruppe zu prüfen und nach Bedarf durch den Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts durchzusetzen. Der A ntrag wurde im Wesentlichen mit der notwendigen räumlichen Trennung von D.____ und seiner Familie aufgrund von familiä- ren Konflikten begründet. Eine Platzierung innerhalb der Familie sei nicht möglich. D. Mit Entscheid der KESB vom 9. Juni 2023 wurde den Eltern A.____ und C.____ ge- stützt auf Art. 310 Abs. 1 ZGB in Verbindung mit Art. 445 Abs. 2 ZGB per 11. Juni 2023 vor- sorglich das Aufenthaltsbestimmungsrecht über D.____ entz ogen und dieser wurde gleichen- tags in der Wohngruppe H.____ platziert. Zudem wurde vorsorglich eine Erziehungsbeistand- schaft nach Art. 308 Abs. 1 und 2 ZGB in Verbindung mit Art. 445 Abs. 2 ZGB angeordnet und I.____ als Erziehungsbeiständin ernannt. E. Mit Entscheid vom 23. Juni 2023 bestätigte die KESB den vorsorglichen Entscheid vom 9. Juni 2023. F. Am 11. Juli 2023 erhob A.____ gegen den Entscheid der KESB vom 23. Juni 2023 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilu ng Verfassungs- und Verwaltungs- recht (Kantonsgericht). Sie beantragt zusammengefasst, es sei vom Entzug des Aufenthaltsbe- stimmungsrechts abzusehen und D.____ aus der Wohngruppe H.____ zu entlassen. Zudem seien ihre elterlichen Rechte wiederherzustellen. G. In ihrer Vernehmlassung vom 28. Juli 2023 beantrag t die Vorinstanz, die Beschwerde sei abzuweisen. H. Am 28. Juli 2023 sowie am 9. August 2023 reichte di e Beschwerdeführerin weitere Eingaben ein. I. Mit Verfügung vom 16. August 2023 wurde der Fall der Kammer zur Beurteilung über- wiesen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht J. Mit Eingabe vom 5. September 2023 reichte die Beistä ndin einen Bericht über die ak- tuelle Situation von D.____ ein. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 450 Abs. 1 ZGB in Verbindung mit Art. 314 Abs. 1 ZGB kann gegen Ent- scheide der Kindesschutzbehörde Beschwerde beim zuständige n Gericht erhoben werden. Zu- ständiges Gericht im Sinne dieser Bestimmung ist nach § 66 Abs. 1 des Gesetzes über die Ein- führung des Zivilgesetzbuches (EG ZGB) vom 16. November 2006 das Kantonsgericht, Abtei- lung Verfassungs- und Verwaltungsrecht. Das Verfahren r ichtet sich vorab nach den Art. 450 ff. ZGB. Im Übrigen sind die Bestimmungen de s kantonalen Verwaltungsprozessrechts anwendbar (§ 66 Abs. 2 EG ZGB). Nach Art. 450 Abs. 2 ZGB sind Personen zur Beschwerde befugt, die am Verfahren beteiligt sind (Ziff. 1), d ie der betroffenen Person nahestehen (Ziff. 2) oder die ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhe bung oder Änderung des angefochte- nen Entscheids haben (Ziff. 3). Die Beschwerdeführerin ist als direkte Verfahrensbeteiligte zur Beschwerdeerhebung legitimiert. 1.2 Mit dem angefochtenen Entscheid wurde den Kindselt ern das Aufenthaltsbestim- mungsrecht über D.____ entzogen und dieser wurde in e iner Wohngruppe platziert. Zudem wurde eine Erziehungsbeistandschaft angeordnet. 1.3 In der nachträglichen Verwaltungsrechtspflege (woru nter auch das vorliegende Be- schwerdeverfahren vor Kantonsgericht fällt) kann Streitge genstand nur sein, was bereits Ge- genstand des erstinstanzlichen Verfahrens war oder allenf alls hätte sein sollen. Ein Antrag, der über das hinausgeht, was von der Vorinstanz entschieden wurde, oder mit dem Gegenstand der angefochtenen Verfügung nichts zu tun hat, ist unzu lässig (Urteil des Kantonsgerichts, Ab- teilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht [KGE VV], vom 1. April 2021 [810 21 20] E. 2.1; KGE VV vom 11. September 2019 [810 19 32] E. 1.2; KGE VV vom 18. März 2015 [810 14 186] E. 1.3; BGE 142 I 155 E. 4.4.2; BGE 136 II 165 E. 5; RENÉ RHINOW /H EINRICH KOLLER /C HRISTINA KISS /D ANIELA THURNHERR /D ENISE BRÜHL -MOSER , Öffentliches Prozessrecht, 4. Aufl., Basel 2021, Rz. 985 ff.). 1.4 Die Beschwerdeführerin stellt in ihrer Beschwerde d iverse Begehren, welche über den möglichen Streitgegenstand des vorliegenden Verfahren s hinausgehen (Evaluierung der Leis- tung der KESB und Festlegung von Korrekturmassnahmen od er deren Abschaffung; Überprü- fung anderer KESB-Fälle; Entzug der elterlichen Recht e des Beigeladenen über die Kinder etc.). Auf die fraglichen Begehren kann deshalb nicht e ingetreten werden (E. 1.3 hiervor). So- weit die gestellten Begehren den Entzug des Aufenthalt sbestimmungsrechts, die Platzierung von D.____ in der Wohngruppe, die Anordnung der Erzie hungsbeistandschaft und die der Be- schwerdeführerin auferlegten Verfahrenskosten betreffen, ist auf die Beschwerde einzutreten, zumal diesbezüglich auch die weiteren Prozessvoraussetzungen erfüllt sind. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.5 Gemäss Art. 450a Abs. 1 ZGB können mit der Beschwer de Rechtsverletzungen (Ziff. 1), die unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts (Ziff. 2) sowie die Un- angemessenheit (Ziff. 3) gerügt werden. Dem Kantonsg ericht kommt bei der Beurteilung der vorliegenden Beschwerde somit volle Kognition zu. 2.1 Strittig ist zunächst, ob der Entzug des Aufenthal tsbestimmungsrechts und die Unter- bringung von D.____ in der Wohngruppe zu Recht erfolgten. 2.2 Die Vorinstanz erwog zusammengefasst, die Sozialarbe iterin der Sozialen Dienste G.____ habe die KESB am 31. Mai 2023 informiert, da ss eine Platzierung von D.____ geplant sei. Es habe eine Zustimmung des Jugendlichen und des Kind svaters vorgelegen. Von Seiten der Mutter sei diese verweigert worden. Die Kindselte rn seien am 5. Juni 2023 über den beab- sichtigten Entscheid, ihnen das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu entziehen und I.____ als Er- ziehungsbeiständin einzusetzen, informiert worden. Der Beschwerdeführerin sei die Möglichkeit eingeräumt worden, bis zum 9. Juni 2023 die erforder liche Unterschrift bei den Sozialen Diens- ten zu leisten, welche sie nicht wahrgenommen habe. Ein e Kontaktaufnahme mit der KESB sei ebenfalls nicht erfolgt. Mit vorsorglichem Entscheid vom 9. Juni 2023 sei beiden Elternteilen das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen und die Platzierung von D.____ in der Wohngemein- schaft H.____ angeordnet worden. I.____ sei zur Erzieh ungsbeiständin ernannt worden. Am 14. Juni 2023 sei eine Anhörung der Betroffenen anber aumt worden. Die Beschwerdeführerin sei dieser unentschuldigt ferngeblieben. Dem Kindsvater seien die Gründe für die vorgesehene Unterbringung von D.____ erläutert worden und es seien die konkreten Auswirkungen auf den Alltag mit ihm besprochen worden. Ebenfalls seien D._ ___ die Gründe für die behördliche Plat- zierung und die Einsetzung von I.____ als Erziehungsbei ständin erklärt worden. D.____ habe zu verstehen gegeben, dass ihm nicht bekannt sei, weshalb se ine Mutter die Platzierung ableh- ne. Auch habe sie ihm gegenüber keine Alternativen auf gezeigt. Aufgrund der Schilderungen der Sozialarbeiterin liege eine Gefährdung des Kinde swohls von D.____ vor, welche eine Fremdplatzierung erforderlich mache. D.____ habe anläs slich der Anhörung zu verstehen ge- geben, dass ein alternativer Aufenthalt bei der Grossm utter aufgrund deren gesundheitlicher Situation nicht möglich sei. Aktuell werde ein Wechsel in den Haushalt des Vaters, der Stiefmut- ter und der jüngeren Geschwister von ihm ausgeschlossen. Die Ferien werde er in der Einrich- tung verbringen, wobei ein Lager in J.____ geplant se i. Die vorgesehene Platzierung bedürfe der Zustimmung beider sorgeberechtigten Elternteile. Die Mutter habe ihre Verweigerung der Zustimmung nicht ausreichend begründet und keine Alter nativen benannt. Durch die fehlenden persönlichen Kontakte mit D.____ liege seitens der Kindsmutter eine Entfremdung vor, weshalb fraglich sei, ob ihr eine objektive Einschätzung der Situation möglich sei. 2.3 Die Beschwerdeführerin macht im Wesentlichen gelt end, die Vorinstanz habe ihr im Jahr 2019 ihre Kinder weggenommen und sich dabei auf das "Kindeswohl" berufen, ohne die Situation vollständig zu untersuchen. Die Rechte ihrer K inder würden verletzt, indem ihnen zu Unrecht ihre Fürsorge, Unterstützung und Liebe vorentha lten werde. Einmal mehr stütze die Vorinstanz ihre Entscheidung auf die Prämisse des Kindeswo hls, ohne diese Entscheidung mit Argumenten zu begründen. Bis heute habe sie keinen tri ftigen Grund gesehen, warum ihr das Sorgerecht über ihre Kinder vom 19. Dezember 2019 bis zum 21. April 2020 entzogen worden Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht sei. Auch sei ihr kein Grund genannt worden, warum ihr Sohn D.____ nicht bei ihr leben könne. Die Vorinstanz ignoriere systematisch ihre elterlichen Rech te und Pflichten. Die inkompetenten und willkürlichen Handlungen der Beiständin und der Be hördenmitglieder verletzten immer wie- der die Rechte ihrer Kinder. Die Vorinstanz habe zud em nicht überprüft, ob die Äusserungen des Kindes tatsächlich seine eigenen seien. Der Kindsva ter habe D.____ manipuliert, um sich der finanziellen Verantwortung zu entziehen. Sein fina nzieller Gewinn sei ihm wichtiger als das Wohl seiner Kinder. Dieses finanzielle Interesse gehe so weit, dass er die Empfehlungen der Vorinstanz annehme und seine elterlichen Pflichten un d Rechte aufgebe. Die Verletzlichkeit eines Teenagers, der von der Scheidung seiner Eltern b etroffen sei, Anzeichen von Depressio- nen aufweise und mit dem Leben in einer Gesellschaft ko nfrontiert sei, die seine Identität als Transgender nicht anerkenne, solle nicht dazu benutzt w erden, ihn gegen seine Eltern aufzu- bringen. 2.4 In der Vernehmlassung entgegnet die Vorinstanz zu sammengefasst, dass die Be- schwerdeführerin sich nicht substantiiert mit der Platzier ung von D.____ auseinandersetze. Sie nehme auf ihre beiden anderen Kinder Bezug, obwohl der angefochtene Entscheid diese nicht betreffe, und beanstande das Verfahren aus dem Jahr 2019 und 2020, obschon dieses mit dem hängigen Verfahren keinerlei Zusammenhang habe. Die Beschwerdeführerin sei von den So- zialen Diensten G.____ in die Abläufe, welche zur Pla tzierung von D.____ geführt hätten, mit- einbezogen worden und habe ihre Sichtweise vorbringen, die Einrichtung besichtigen und Al- ternativen benennen können. Am vorinstanzlichen Verfahren habe sie nicht mitgewirkt. Nament- lich sei sie unentschuldigt nicht zur Anhörung erschienen und habe keine Anträge gestellt. Auf- grund der konfliktbehafteten Situation im Haushalt de s Vaters und der nur kurzfristig vorhande- nen Unterbringungsmöglichkeiten bei Verwandten sei di e Fremdplatzierung von D.____ erfor- derlich und angemessen. 2.5 Nach Art. 310 Abs. 1 ZGB hat die Kindesschutzbehörd e, wenn einer Gefährdung des Kindes nicht anders begegnet werden kann, dieses den Elt ern wegzunehmen und in angemes- sener Weise unterzubringen. Wie jede andere Kindesschutzmassnahme setzt die Fremdplatzie- rung eine Gefährdung des Kindeswohls voraus und muss als sol che geeignet sein, diese Ge- fährdung zu beseitigen. Die Massnahme hat zur Folge, da ss das Recht, den Aufenthaltsort des Kindes zu bestimmen, den Eltern bzw. einem Elternteil entzogen und der Kindesschutzbehörde übertragen wird, die nunmehr für die Betreuung des Kindes verantwortlich ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 5A_335/2012 vom 21. Juni 2012 E. 3.1; K URT AFFOLTER -FRINGELI /U RS VOGEL , in: Hausheer/Walter [Hrsg.], Berner Kommentar zum schwei zerischen Privatrecht, Bern 2016, N 141 zu Art. 310/314b ZGB). Die Gefährdung des Kind es, die Anlass zum Entzug des Aufent- haltsbestimmungsrechts gibt, muss darin liegen, dass d as Kind im Umfeld der Eltern bzw. des Elternteils nicht so geschützt und gefördert wird, wie es für seine körperliche, geistige und sittli- che Entfaltung nötig wäre (Urteile des Bundesgerichts 5A_404/2016 vom 10. November 2016 E. 3, 5A_875/2013 vom 10. April 2014 E. 3.1, 5A_729/ 2013 vom 11. Dezember 2013 E. 4.1). Unerheblich ist, auf welche Ursachen die Gefährdung zur ückzuführen ist: sie können in den Anlagen oder in einem Fehlverhalten des Kindes, der E ltern oder der weiteren Umgebung lie- gen (A FFOLTER -FRINGELI /V OGEL , a.a.O., N 17 zu Art. 307 ZGB). Desgleichen spielt e s keine Rolle, ob die Eltern ein Verschulden an der Gefährdun g trifft. Massgebend ist, dass die Vorkehr Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht das richtige Mittel zur Verwirklichung des Ziels ist; d.h. die Unterbringung (z.B. in einem Heim) muss besser als jene beim bisherigen Obhutsinhaber Gewähr dafür bieten, dass das Kind in seiner Entfaltung geschützt und gefördert wird (Urteil des Bundesgerichts 5A_322/2014 vom 14. Juli 2014 E. 2; C YRIL HEGNAUER , Grundriss des Kindesrechts, 5. Auflage, Bern 1999, N 27.36). Die Kindesschutzmassnahme muss erforderlich sei n (Subsidiarität), und es ist immer die mildeste, einen Erfolg versprechende Massnahme anzuo rdnen (Proportionalität); diese soll elterliche Bemühungen nicht ersetzen, sondern ergänzen (Komplementarität; BGE 136 III 353 E. 3.3; Urteile des Bundesgerichts 5A_70/2016 vom 25. Ap ril 2016 E. 3.1, 5A_548/2015 vom 15. Oktober 2015 E. 4.3, 5A_875/2013 vom 10. April 2014 E. 3.1; Y VO BIDERBOST , in: Breit- schmid/Jungo [Hrsg.], Handkommentar zum Schweizer Privatr echt, Personen- und Familien- recht, 3. Auflage, Zürich 2016, N 1 zu Art. 310 ZGB). 2.6.1 Dem Antrag der Sozialen Dienste G.____ vom 5. Ju ni 2023 bzw. dem beiliegenden Formular "Indikation für die Unterbringung in einer Pflegefamilie oder in einem Wohnheim" kann zusammengefasst entnommen werden, dass D.____ den Prozess e iner geschlechterorientier- ten Identitätsfindung durchmache und unter den fami liären Konflikten, insbesondere mit der Ehefrau seines Vaters, leide. D.____ sei zwar bei der M utter angemeldet, lebe jedoch aus- schliesslich beim Vater. Er habe zwei Schwestern (Zwillinge) und zwei Stiefgeschwister, welche alle im selben Haushalt lebten. D.____ selber habe de rzeit keinen Kontakt zur Mutter, seine beiden Schwestern dagegen schon. Er halte sich mehrheitlich ausserhalb des familiären Umfel- des auf und meide es, in Kontakt mit der Ehefrau des V aters zu treten, wodurch er massiv be- lastet sei. Es gelinge dem Vater nicht, D.____ vor dem hohen Konfliktpotenzial, den damit ein- hergehenden Auseinandersetzungen und daraus resultieren den Belastungssituationen zu schützen. Um die Zeit bis zum Eintritt in ein Heim zu üb erbrücken, wohne D.____ derzeit bei seiner Patentante in K.____, was aber keine längerfri stige Option sei. Andere familiäre Lösun- gen gebe es nicht. D.____ möchte unter keinen Umständen Kontakt zu seiner Mutter haben. Im Rahmen der Platzierung habe er sich ausnahmsweise mit ei nem begleiteten Kontakt durch sei- ne Therapeutin einverstanden erklärt, da die Mutter die Platzierung ebenfalls unterstützen müs- se. Im Februar 2023 sei aufgrund suizidaler Absichten ein e Hospitalisierung im L.____ erfolgt. Aufgrund der Belastungsepisoden mit einhergehenden suizidalen Gedanken sowie dem Pro- zess der Geschlechterzuordnung benötigten D.____ und sein e Familie eine räumliche Tren- nung. Mit der räumlichen Trennung könnten weitere Bel astungssituationen reduziert werden und es könne dem Konfliktpotenzial entgegengewirkt und D.____ in seinen Entwicklungsaufga- ben unterstützt werden. 2.6.2 In ihrem Bericht vom 5. September 2023 hält di e Beiständin zusammengefasst fest, D.____ habe ihr am 2. März 2023 im persönlichen Gespr äch berichtet, dass kaum bis gar kein Kontakt zu seiner Mutter bestehe und dieser für ihn b elastend sei. Der Kontakt zum Vater sei zwar gut, in Konflikten oder Streitsituationen stelle sich dieser aber häufig auf die Seite der Stiefmutter, der Ehefrau des Vaters. Hauptgrund für d ie Schwierigkeiten und die emotionale Belastung sei die konflikthafte Beziehung zur Stiefmu tter, zu welcher er noch nie einen guten Draht gehabt habe. Aufgrund von Suizidgedanken sei er während drei Wochen im L.____ hos- pitalisiert gewesen. Er habe sich dort verstanden gefüh lt und den Aufenthalt deshalb positiv in Erinnerung. Von zu Hause ausziehen wolle er insbesondere deshalb, weil er die konstanten Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Spannungen im häuslichen Umfeld nur noch schwer aushalte. Um diesen zu entgehen, halte er sich vorwiegend ausserhalb seines Zuhauses auf oder ziehe sich in sein Zimmer zurück. Teil- weise gebe es auch Auseinandersetzungen und Eskalationen , die aber längerfristig nicht zu einer Besserung der Situation beitragen würden. Durch seinen Auszug erhoffe er sich, dass sich die Situation – auch für die anderen Familienmit glieder – entspanne. Nachdem D.____ im persönlichen Gespräch vom 2. März 2023 die Aufgabe erhalten habe, sich nochmals eingehend Gedanken darüber zu machen, ob eine Platzierung die r ichtige Wahl für ihn sei, habe er dies am 4. März 2023 per Mail bestätigt. Am 6. März 2023 ha be der Vater telefonisch kommuniziert, dass die Situation zu Hause nicht tragbar und eine Platzierung deshalb dringend notwendig sei. Im weiteren Verlauf sei ein potenzieller Platz in der Wohngruppe H.____ gefunden worden, wo- rauf im April 2023 ein Kennenlerngespräch stattgefund en habe, welches gut verlaufen sei. D.____ habe gerne in die Wohngruppe eintreten wolle n und der Vater habe dieses Vorhaben unterstützt. Als die Mutter angefragt worden sei, habe sie sich nicht mit dem Eintritt einverstan- den erklärt, weshalb die KESB involviert und eine Plat zierung mit Entzug des Aufenthaltsbe- stimmungsrecht beantragt worden sei. Zu erwähnen sei, dass sich die Mutter im Gespräch mit D.____ im Beisein der therapeutischen Begleitung der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit dieser Lösung noch einverstanden erklärt habe. Der Wunsch von D .____, weiterhin keinen Kontakt zu seiner Mutter zu haben, sei zu respektieren, zumal D.___ _ diesbezüglich urteilsfähig sei. Nach- dem seit längerer Zeit kein Kontakt mehr zwischen D.___ _ und seiner Mutter bestehe, stelle sich die Frage, inwieweit seitens der Mutter überhaup t eine Einschätzung möglich sei, ob eine Platzierung die richtige Wahl für D.____ sei oder nich t. Tatsache sei, dass sowohl D.____ als auch sein Vater der Meinung seien, dass dies die richtig e Lösung für die Entwicklung von D.____ sei. Deren Einschätzungen sei ein höheres Gewich t beizumessen als der Einschätzung der Mutter, welche keinen persönlichen Kontakt zu D.____ habe. 2.6.3 Im Abklärungsbericht von Dr. med. M.____ und Dr . phil. N.____, beide Zentrum O.____, vom 22. August 2023 wird festgehalten, dass es si ch bei D.____ um einen körperlich altersentsprechend entwickelten Trans-Jugendlichen mit multiplen, zum Teil schweren Belas- tungen handle. Er leide unter einer Geschlechtsdysphorie (Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters; F64.2 nach ICD-10) sowie dadurch auch an einer Körperdysphorie. In seiner Fa- milie scheine D.____ diesbezüglich Verständnis und Unter stützung zu erhalten. Er sei nach dem Aufenthalt im L.____ zum Kindsvater nach Hause ent lassen worden. Dort habe er dann jedoch nicht bleiben wollen. Es sei deshalb entschieden worden, dass er vorübergehend bei seiner Patentante in einem Dorf im P.____ untergebra cht werde, bis im Juni 2023 ein Platz in der Wohngruppe H.____ frei werde, wo er mittlerweil e auch wohne. D.____ habe über eine starke Kränkung aufgrund der Positionierung des Kindsvat ers auf der Seite seiner neuen Part- nerin berichtet; er habe sich dadurch vom Kindsvater im Stich gelassen und "verraten" gefühlt. Zudem habe er unter dem zerrütteten Verhältnis zur Kin dsmutter gelitten. D.____ habe das In- teresse an vielen Aktivitäten verloren, und es sei ihm au ch nicht mehr gelungen, ein Mindest- mass an Körperhygiene aufrechtzuerhalten (putze seine Zä hne nicht mehr, dusche unregel- mässig). Insgesamt habe D.____ im Alltag ein eingeschrän ktes Funktionsniveau gezeigt. D.____ habe auch lange unter leichten Stimmungsschwanku ngen, depressiver Verstimmung und Schlafstörungen gelitten. Aufgrund der klinischen Beobachtungen in der Abklärungsphase sowie der Befunde der testpsychologischen Verfahren sei die Diagnose einer leichten depressi- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht ven Episode (F32.1 nach ICD-10) gestellt worden. Ebenfalls habe D.____ die Diagnosekriterien für eine ADHS (F90.0 Einfache Aktivitäts- und Aufmerksam keitsstörung nach ICD-10) erfüllt. Man habe für D.____ eine Einzeltherapie und Familiengespräche bei der Referentin empfohlen. 2.7 Aus den vorerwähnten Berichten geht hervor, dass sich D.____ als Transgenderju- gendlicher im eigenen Körper nicht wohlfühlt und eine n geschlechterorientierten Identitätsfin- dungsprozess durchmacht. Das Leben im Haushalt des Vaters w ar durch häufige Konflikte mit der Stiefmutter gekennzeichnet, was im Februar 2023 zu einer psychischen Krise und zu einer Hospitalisierung führte. Das Ausmass der Belastung wird auch daraus ersichtlich, dass sich der Vater gezwungen sah, Hilfe bei den Sozialen Diensten G. ____ zu suchen. Den schlüssigen Ausführungen der Beiständin und des Zentrums O.____ zuf olge bildete die Änderung der Un- terbringungssituation die einzige Möglichkeit, um der w eiteren Verschlechterung des psychi- schen Zustands von D.____ – mit damit einhergehender Ei nschränkung des Funktionsniveaus – entgegenzuwirken. Die Unterbringung in der Wohngrup pe H.____ entspricht dem ausdrückli- chen Wunsch des Kindsvaters und von D.____. Soweit sich d ie Kindsmutter gegen diese Un- terbringung wendet, vermag sie dafür keine nachvollzie hbaren, geschweige denn überzeugen- den Gründe anzuführen. Die Beschwerdeführerin hat aktenkundig seit längerem keinen Kontakt zu D.____ und ein solcher wird von ihm ausdrücklich abgel ehnt. Die Vorinstanz stellt vor die- sem Hintergrund zu Recht in Frage, ob die Beschwerdefüh rerin überhaupt in der Lage ist, eine sachgerechte Einschätzung über die Frage der Unterbringu ng ihres Sohns vorzunehmen. Ob- wohl sowohl D.____ als auch der Kindsvater mit der Frem dplatzierung einverstanden sind, spricht sich die Beschwerdeführerin gegen eine solche aus, ohne jedoch eine alternative Lö- sung aufzuzeigen oder ihren Standpunkt zu begründen. Ihre Behauptungen, wonach der Kinds- vater aus finanziellen Gründen der Fremdplatzierung von D.____ zugestimmt habe und die Be- hörden D.____ gegen sie aufbringen würden, belegt sie nicht ansatzweise und es bestehen auch keine diesbezüglichen Anhaltspunkte. Die Erwartu ng der Beschwerdeführerin, dass D.____ bei ihr wohnen solle, zeugt von einer deutli chen Verkennung der Realität; die Be- schwerdeführerin übersieht namentlich den wiederholt und mit Nachdruck geäusserten Wunsch von D.____, keinen Kontakt zur Mutter zu haben. Im fami liären Umfeld gibt es sodann keine weiteren Personen, welche D.____ bei sich aufnehmen kön nten, zumal die Möglichkeit des Verbleibs bei der Patentante nur kurzfristig zur Verfügung stand. 2.8 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass die Unterbr ingung von D.____ in der Wohngruppe H.____ im Interesse des Kindeswohls geboten und verhältnismässig ist. 3.1 Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, mit der Anordnung der Erziehungsbei- standschaft werde ihr das Recht verweigert, ihren Sohn zu erziehen. 3.2 Wo die Verhältnisse es erfordern, ernennt die Kin desschutzbehörde dem Kind einen Beistand, der die Eltern in ihrer Sorge um das Kind mit Rat und Tat unterstützt (Art. 308 Abs. 1 ZGB). Die Errichtung einer Erziehungsbeistandschaf t nach Art. 308 Abs. 1 ZGB setzt voraus, dass die Entwicklung des Kindes gefährdet ist (BGE 108 II 372 E. 1) und dieser Gefahr nicht durch die Eltern bzw. durch weniger einschneidende Massnahmen gemäss Art. 307 ZGB begegnet werden kann (Grundsatz der Verhältnismässigkeit ; Urteil des Bundesgerichts Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5C.109/2002 vom 11. Juni 2002 E. 2.1, publiziert in: F amPra.ch 2002, S. 851). Die Erziehungs- beistandschaft soll durch Kontakt mit Eltern und Kind e rzieherische Missstände abbauen. Dem Beistand stehen dafür Instrumente wie Vermittlung, Anl eitung oder Weisung gegenüber den Eltern, dem Kind und Dritten zur Verfügung, wobei alle Beteiligten zur Zusammenarbeit mit dem Beistand verpflichtet sind. Der Beistand ist Vertrauens- und Ansprechperson aller Betroffenen und soll zum Kind eine tragfähige Beziehung aufbauen (PETER BREITSCHMID , in: Geiser/Foun- toulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 7. A uflage, Basel 2022, N 4 zu Art. 308 ZGB; vgl. zum Ganzen KGE VV vom 15. September 2021 [ 810 21 9] E. 4.1 f.; KGE VV vom 29. Juli 2020 [810 19 357] E. 4.1 ff.; KGE VV vom 20. Januar 2021 [810 20 193] E. 4.4.4). 3.3 Mit der strittigen Erziehungsbeistandschaft wurde die Beiständin insbesondere beauf- tragt, den Jugendlichen und dessen Eltern beratend zu unterstützen sowie die anstehende Platzierung zu planen, umzusetzen und zu begleiten und für deren Finanzierung besorgt zu sein. Die Beistandschaft ist erforderlich und beachtet d as Subsidiaritätsprinzip, da die Kindsel- tern wie aufgezeigt nicht in der Lage sind, die für D. ____ erforderlichen Ressourcen aufzubrin- gen. Die Beiständin kann sowohl D.____ als neutrale und vertraute Ansprechperson Unterstüt- zung bieten als auch die Kindseltern mit Rat und Tat unterstützen. Die Anordnung der Erzie- hungsbeistandschaft ist eine der vorliegenden Situation angemessene Kindesschutzmassnah- me und nicht zu beanstanden. 4.1 Die Beschwerdeführerin beanstandet sinngemäss den vori nstanzlichen Kostenent- scheid. Demnach ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht Verfahrenskosten in der Gesamthö- he von Fr. 770.-- erhoben und zur Hälfte (Fr. 385.--) der Kindsmutter auferlegt hat. 4.2 Die Verordnung über die Gebühren zum Zivilrecht ( GebV) vom 8. Januar 1991 regelt die Gebührenerhebung für Bewilligungen und Verrichtu ngen durch die kantonalen und kommu- nalen Amtsstellen, wie sie im schweizerischen und kantona len Zivilrecht vorgesehen sind (§ 1 GebV). Gebühren und Auslagen, die in kindesschutzrechtlich en Verfahren betreffend Minder- jährige anfallen, werden beiden Elternteilen je zur Hälfte auferlegt, wobei in besonderen Fällen eine andere Kostenaufteilung verfügt werden kann (§ 6 Abs. 2bis GebV). Der Gebührenrahmen beträgt für vorsorgliche Massnahmen sowie verfahrensleite nde Entscheide und Zwischenent- scheide zwischen Fr. 200.-- und Fr. 1'850.-- (§ 17 lit. b Ziff. 1 GebV), für Erziehungsbeistand- schaften inkl. Ernennung der Mandatsperson zwischen Fr. 65 0.-- und Fr. 2'950.-- (§ 17 lit. b Ziff. 6 GebV) sowie für die Aufhebung der elterlich en Obhut und Unterbringung des Kindes zwi- schen Fr. 850.-- und Fr. 6'050.-- (§ 17 lit. b Ziff. 8 GebV). 4.3 Die Vorinstanz erwog, dass die Gebühr nach Aufwand (zzgl. Auslagen) berechnet wer- de. Im vorliegenden Fall bezifferte sie ihren Aufwand mit Fr. 750.-- und verrechnete zusätzlich Fr. 20.-- für die Auslagen. Die erhobene Gebühr von F r. 750.-- liegt innerhalb des für die stritti- gen Massnahmen vorgesehenen Gebührenrahmens (E. 4.2 hie rvor) bzw. wurde in Bezug auf den in § 17 lit. b Ziff. 8 GebV vorgesehenen Gebührenrahmen gar leicht reduziert (§ 17a GebV). Die Höhe der Gebühr ist dementsprechend sowie mit Blick auf den Aufwand der Behörde (Ab- klärungen der Sozialen Dienste G.____, Anhörungen des K indsvaters und des Kindes, Telefo- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht nate mit den Parteien etc.), wie er aus den Akten ersichtlich ist, ohne weiteres gerechtfertigt und nicht zu beanstanden. 5. Die Beschwerde erweist sich nach dem Gesagten als unbe gründet. Sie ist vollumfäng- lich abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 6. Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 A bs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten werden in der Regel der unterliegen- den Partei in angemessenem Ausmass auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Demgemäss sind die Ver- fahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'500.-- der Beschwer deführerin aufzuerlegen und mit dem geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'500.- - zu verrechnen. Die Parteikosten sind wettzuschlagen (§ 21 Abs. 1 VPO). Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'500.-- werden der Be- schwerdeführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kost envorschuss in der Höhe von Fr. 1'500.-- verrechnet. 3. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Vizepräsident Gerichtsschreiberin i.V. Gegen diesen Entscheid wurde am 4. Januar 2024 Beschwerde beim Bundesgericht (Verfah- rensnummer 5A_12/2024) erhoben.