B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1518/2015 U r t e i l v o m 2 4 . F e b r u a r 2 0 1 6 Besetzung Richter Fulvio Haefeli (Vorsitz), Richter Daniel Willisegger, Richter Gérald Bovier, Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch Ozan Polatli, Advokatur Gysin + Roth, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 29. Januar 2015 / N (…). D-1518/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie – verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 12. Mai 2014 und überquerte zunächst zu Fuss die türkische Grenze. Von dort reiste er in einem Personenwagen bzw. einem Bus nach Istanbul und gelangte schliesslich am 17. Juni 2014 auf unbekannter Reiseroute in einem Last- wagen in die Schweiz, wo er im Empfangs - und Verfahrenszentrum D._______ am 18. Juni 2014 ein Asylgesuch stellte. Am 2. Juli 2014 be- fragte das damalige Bundesamt für Migration (BFM, heute Staatssekreta- riat für Migration [SEM]) den Beschwerdeführer im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) summarisch zu seinen Asylgründen. Am 15. September 2014 folgte eine ausführliche Anhörung (Bundesanhörung). B. Im Rahmen der BzP und der Bundesanhörung machte der Beschwerd e- führer im Wesentlichen geltend, er habe in seinem Heimatort M._______ im Distrikt B._______ die Primarschule besucht, die Schule dann aber auf der 1. Oberstufe abgebrochen. Zwischen Oktober 2010 und April 2013 habe er sich dreimal während längerer Zeit in Libyen aufgehalten und dort als Marmorfassadenleger gearbeitet. Nach seiner Rückkehr nach M._______ im April 2013 habe im Juli oder August 2013 die Freie Syrische Armee (FSA) die Kontrolle über den Ort übernommen. Als Kurde sei er von den Angehörigen der FSA kurz darauf im August oder September 2013 mehrmals bzw. zweimal festgehalten und geschlagen worden. Man habe ihn auch regelmässig mit Fragen zu seinem Bruder H._______ bedrängt, welcher in der Armee des syrischen Regimes Militärdienst leiste. Sein Vater sei von den Angehörigen der FSA öfters verschleppt und geschlagen wor- den, und sie hätten ihm angedroht, den Beschw erdeführer zu töten. Nur auf Intervention des Scheichs des Dorfes seien sein Vater und er jeweils wieder freigelassen worden und damit einer Enthauptung durch die Ange- hörigen der FSA entgangen. Drei seiner Freunde seien von Angehörigen der FSA getötet word en. Im Frühling 2013 habe er von seinem militär- dienstleistenden Bruder H._______ ausserdem telefonisch die Information erhalten, er sei mündlich dazu aufgefordert worden, Militärdienst zu leisten und sich bei der Militärverwaltung im Mai oder Juni 2014 zu melden. Dafür gebe es zwar keinen schriftlichen Beleg, sein Vater versuche jedoch eine schriftliche Aufforderung der Militärverwaltung zu besorgen. Seit dieser Aufforderung habe er seinen Wohnort nicht mehr verlassen können, zumal D-1518/2015 Seite 3 er immer habe befürchten müssen, ins syrische Militär eingezogen zu wer- den. Anfang Mai 2014 habe er aus diesen Gründen den Entschluss ge- fasst, Syrien definitiv zu verlassen und diesen Entschluss am 12. Mai 2014 in die Tat umgesetzt. Seine Eltern, sein Bruder N._______ und seine Schwester seien gleichentags zu einer Tante väterlicherseits in die Stadt C._______ geflüchtet. C. Mit Verfügung vom 29. Januar 2015 – eröffnet am 2. Februar 2015 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht (Dispositivziffer 1), lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2) und ordnete die Wegweisung an (Dispositivziffer 3). Aufgrund der Unzumutbar- keit des Wegweisungsvollzugs nach Syrien schob es den Vollzug der Weg- weisung gleichzeitig zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf (Disposi- tivziffer 4), wobei der Kanton Graubünden mit der Umsetzung der vorläufi- gen Aufnahme beauftragt wurde (Dispositivziffer 7). D. Mit Eingabe vom 9. Februar 2015 ersuchte der Beschwerdeführer – nun- mehr vertreten durch seinen Rechtsanwalt – um Akteneinsicht. Mit Zwi- schenverfügung vom 11. Februar 2015 hiess das SEM das Akteneinsichts- gesuch gut und edierte zuhanden des Rechtsvertreters des Beschwerde- führers eine Kopie des Aktenverzeichnisses und Kopien der gewünschten Akten, soweit es sich nicht u m interne Akten handelte, die nach der bun- desgerichtlichen Praxis dem Akteneinsichtsrecht nicht unterstehen. E. Mit Eingabe vom 9. März 2015 liess der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht gegen die Verfügung des SEM vom 29. Januar 2015 Beschwerde erheben. Dabei beantragte er un- ter anderem, die Dispositivziffern 1-3 der angefochtenen Verfügung aufzu- heben, das Asylgesuch des Beschwerdeführers gutzuheissen und ihm Asyl in der Schweiz zu gewähren (1), dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung mit dem unterzeichnenden Rechtsanwalt zu gewähren (3), sowie auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses zu verzichten (4). F. Mit Zwischenverfügung vom 20. März 2015 ersuchte der zuständige In- struktionsrichter die Vorinstanz um Einreichung einer Vernehmlassung un-D-1518/2015 Seite 4 ter besonderer Berücksichtigung der neuesten Rechtspraxis des Bundes- verwaltungsgerichts (namentlich der Urteile D-5553/2013 vom 18. Februar 2015 und D-5779/2013 vom 25. Februar 2015). G. Mit Eingabe vom 1. April 2015 liess sich die Vorinstanz zur vorliegenden Beschwerde vernehmen. Dem Beschwerdeführer wurde in der Folge vom zuständigen Instruktionsrichter mit Zwischenverfügung vom 7. April 2015 Gelegenheit gegeben, sich zur Vernehmlassung der Vorinst anz zu äus- sern. H. Mit Eingabe vom 12. Mai 2015 replizierte der Beschwerdeführer innert er- streckter Frist. Mit Eingabe vom 13. Mai 2015 reichte er wie in der Replik angekündigt das "Original" eines syrischen Militäraufgebots zu den Akten. Mit Eingabe vom 1. Juni 2015 folgte die deutsche Übersetzung des angeb- lichen syrischen Militäraufgebots vom 15. Februar 2015. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur D-1518/2015 Seite 5 Einreichung der Beschwerde legiti miert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). Wie aus den Rechtsbegehren des Beschwerdeführers hervorgeht, ficht er lediglich die Dispositivziffern 1 -3 der vorinstanzlichen Verfügung an. Zu prüfen ist mithin im vorliegenden Verfahren lediglich, ob die Vorinstanz rich- tigerweise davon ausgegangen ist, dass der Beschwerdeführer die Flücht- lingseigenschaft nicht erfülle und demzufolge zurecht sein Asylgesuch ab- gelehnt und die Wegweisung aus der Schweiz angeordnet hat. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5.1 Die Vorinstanz begründet ihre Verfügung im Asylpunkt im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers in Bezug auf das erhaltene Militäraufgebot hielten den Anforderungen von Art. 7 AsylG nicht stand und D-1518/2015 Seite 6 die geltend gemachte Verfolgung durch die FSA entfalte keine Asylrele- vanz. Die Schilderungen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit dem behaupteten Militäraufgebot seien in weiten Bereichen oberflächlich und unkonkret gewesen. So habe der Beschwerdeführer nicht mehr ge- wusst, wann er sich in Damaskus zum Militärdienst habe melden müssen, und lediglich zu Protokoll gegeben, es sei "drei bis vier Monate" (vor der Anhörung) gewesen (A 10, F 53). Er habe ebenfalls nicht mehr gewusst, wann sein Bruder ihm das mündliche Aufgebot übermittelt habe, und ledig- lich das Jahr 2013 angegeben (A10, F 51). Später habe er in anderem Zusammenhang ausgeführt, dass ein Aufgebot jeweils e in Jahr vor dem definitiven Einrücken ins Militär versandt werde und auf Nachfrage der be- fragenden Person hin bestätigt, das Aufgebot im Frühling 2013 erhalten zu haben (A10, F 58-59). Die vagen Angaben zu diesen Eckdaten vermöchten nicht den Eindruck zu erwecken, der Beschwerdeführer habe das Geschil- derte tatsächlich erlebt. Im Übrigen seien seine Schilderungen zum erhal- tenen Militärdienstaufgebot widersprüchlich. Anlässlich der BzP habe der Beschwerdeführer ausgeführt, einen schriftlichen Marschbefehl erh alten zu haben, den er demnächst vorlegen werde (A3, F 7.01), bei der Anhörung jedoch zu Protokoll gegeben, es habe sich lediglich um ein mündliches Aufgebot gehandelt, das sein Bruder ihm telefonisch übermittelt habe (A10, F 46-47, 50). Auf diesen Widerspruch angesprochen habe der Beschwer- deführer ausgeführt, sein Vater habe versucht, den Marschbefehl aufzu- treiben, dies sei aber schwierig (A10, F 74). Auf die Frage hin, warum der Beschwerdeführer einen schriftlichen Marschbefehl habe einreichen wol- len, wenn er einen solchen gar nicht besitze, habe der Beschwerdeführer angegeben, er habe dem SEM einen schriftlichen Beweis vorlegen wollen (A10, F 76). Soweit der Beschwerdeführer sich auf Schikanen durch Ange- hörige der FSA berufe, seien seine Vorbringen im Übrigen nicht als asylbe- achtlich einzustufen, zumal solche Vorbringen im Zusammenhang mit dem gegenwärtig in Syrien herrschenden Bürgerkrieg und der damit einherge- henden Kontrolle einzelner Gebiete durch oppositionelle Gruppierungen aufzufassen seien. Der Beschwerdeführer selbst habe ausgeführt, dass alle Kurden in seinem Dorf solchen Schikanen ausgesetzt gewesen seien und nur die Araber keine Probleme gehabt hätten (A10, F 31 und 77). Die persönlich erlittenen Nachteile hätten sich auf zwei Anhaltungen zwischen August und September 2013 beschränkt, an denen der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge geschlagen worden sei. Obwohl der Beschwer- deführer nach diesen Vorkommnissen noch mehr als ein halbes Jahr in seinem Dorf verbracht habe, sei er keinen weiteren Übergriffen von der FSA mehr ausgesetzt gewesen und von deren Angehörigen auch nicht ge- zielt aufgesucht worden. D-1518/2015 Seite 7 5.2 Auf Beschwerdeebene bringt der Beschwerdeführer gegen die von der Vorinstanz festgestellte mangelnde Substanziierung seiner Aussagen in Bezug auf die Eckdaten des Militäraufgebots vor, er habe "zum damaligen Zeitpunkt" – gemeint ist wohl der Zeitpunkt seiner Flucht – noch kein schrift- liches oder mündliches Aufgebot erhalten. Sein damals militärdienstleisten- der Bruder habe ihn lediglich vor einer Anhaltung an einem Checkpoint der syrischen Armee und vor einer Zwangsrekrutierung gewarnt. Inzwischen habe er jedoch ein schriftliches Aufgebot erhalten und hätte sich nach sei- nem Kenntnisstand im Frühling 2014 bei einem Militärposten melden müs- sen. In Bezug auf die vorinstanzlich festgestellten Widersprüchlichkeiten zur Form der angeblich verfügten Einziehung in den Militärdienst argumen- tiert der Beschwerdeführer, diesbezüglich liege ein Missverständnis zwi- schen ihm und seinem Bruder vor. Die telefonische Warnung seines Bru- ders vor Zwangsrekrutierung habe er fälschlicherweise so interpretiert, dass bereits ein schriftliches Militärdienstaufgebot vorliege. Im Ergebnis dürfe ihm jedoch kein Strick daraus gedreht werden, dass er seinen Bruder falsch verstanden habe. Soweit das SEM schliesslich festgestellt habe, ihm drohe vonseiten der FSA keine asylrelevante Verfolgung, verkenne es, dass jeder Fluchtversuch aus dem Dorf für den Beschwerdeführer lebens- gefährlich gewesen sei. Dass es zu keinen weiteren Vorfällen in seinem Dorf gekommen sei, sei alleine dem Umstand geschuldet, dass er nicht mehr auf die Strasse gegangen sei und sich beim Onkel väterlicherseits versteckt habe. 5.3 In ihrer Vernehmlassung vom 1. April 2015 führt die Vorinstanz aus, der Beschwerdeführer mache (auf Beschwerdeebene) geltend, er habe inzwi- schen ein schriftliches Dienstaufgebot erhalten. Aus der Beschwerdeschrift gehe allerdings nicht hervor, wann der Beschwerdeführer besagtes Aufge- bot nachträglich erhalten haben wolle und wohin ihm dieses zugestellt wor- den sei. Es sei überdies allgemein bekannt, dass in Syrien solche Doku- mente ohne Weiteres unrechtmässig erworben werden können, weshalb ihr Beweiswert als gering einzustufen sei. 5.4 In seiner Replik vom 12. Mai 2015 führt der Beschwerdeführer aus, es sei allgemein bekannt, dass in Syrien alle wehrfähigen Männer zum Mili- tärdienst einberufen würden. Weshalb diese Tatsache vom SEM bei der Würdigung der Asylvorbringen und Beweismittel ausgeblendet werde, sei rätselhaft. Im vorliegenden Fall stehe fest, dass der Beschwerdeführer zum Militärdienst aufgeboten worden sei, er dem Aufgebot keine Folge geleistet habe und als Deserteur gelte. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb das D-1518/2015 Seite 8 SEM den Beschwerdeführer in die Heimat wegweisen wolle. Es sei verant- wortungslos, ihn dem Risiko einer Verhaftung, der Folter und vielleicht der Möglichkeit der Exekution auszusetzen. In der Ergänzung zur Replik vom 13. Mai 2015 führte er sodann aus, wie der Beschwerdeführer in den Besitz des angeblichen syrischen Militärdienstaufgebots gelangt sein will. 6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in BVGE 2015/3 einlässlich mit der Frage auseinandergesetzt, welche asylrechtliche Relevanz der Entzie- hung von der Dienstpflicht in der staatlichen syrischen Armee zukommt. Es hält in dem Urtei l fest, dass dokumentiert sei, dass die staatlichen syri- schen Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im März 2011 gegen tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner mit gröss- ter Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorgingen. Personen , die sich dem Dienst in der staatlichen syrischen Armee entzogen hätten – etwa, weil sie sich den Aufständischen anschliessen wollten oder in der gegebenen Bür- gerkriegssituation als Staatsfeinde und al s potenzielle gegnerische Kom- battanten aufgefasst werd en – seien seit dem Jahr 2011 in grosser Zahl nicht nur von Inhaftierung, sondern auch von Folter und aussergerichtlicher Hinrichtung betroffen (BVGE 2015/3 E. 6.7.2). Eine asylrechtlich relevante Verfolgung liegt demzufolge insbesondere dann vor, wenn eine Person auf- grund ihrer Dienstverweigerung als politischer Gegner qualifiziert und als solcher unverhältnismässig schwer bestraft würde (a.a.O., E. 6.7.3). Im konkreten Fall war eine solche Konstellation gegeben, weil der kurdische Beschwerdeführer einer oppositionell aktiven Familie entstammte und be- reits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen hatte. Der Beschwerdeführer hatte auf- grund der Entziehung von seiner Dienstpflicht in der staatlichen syrischen Armee im Falle einer Rückkehr nach Syrien im Zeitpunkt des Beschwerde- entscheids folglich ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu be- fürchten. 6.2 Anders liegt der Fall nach der Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts jedoch bei blossem Nichterscheinen zur militärischen Mus- terung durch die staatlichen syrischen Sicherheitsbehörden (Urteil des BVGer D-4772/2014 vom 5. Februar 2016, E. 6.6). Das eben genannte Urteil befasste sich mit einem Beschwerdeführer, welcher schon vor seiner Volljährigkeit aus Syrien ausgereist war und demzufolge einer militärischen Aushebung – die nach Erkenntnissen des Gerichts nach dem Erreichen der Volljährigkeit stattfindet (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Sy- rien: Rekrutierung durch die syrische Armee , 30. Juli 2014, S. 5) – nicht D-1518/2015 Seite 9 Folge geleistet haben konnte. Eine Verweigerung der militärischen Dienst- pflicht könne nur angenommen werden, wenn die Dienstpflicht vorgängig durch entsprechende Eintragung ins Militärbüchlein festgestellt worden sei, was aber erst anlässlich der Aushebung geschehe. Es sei nicht davon aus- zugehen, dass die staatlichen syrischen Sicherheitsbehörden eine Person als Regimegegner betrachteten, nur weil diese nicht zur militärischen Mus- terung erschienen sei. Demzufolge liege in solc hen Fällen kein Asylgrund im Sinne von Art. 3 AsylG vor. 6.3 Dem Beschwerdeführer ist zwar Recht zu geben, dass allgemein be- kannt ist, dass in Syrien alle wehrfähigen Männer zum Militärdienst einbe- rufen werden (vgl. SFH, Syrien: Mobilisierung in die syrische A rmee, 28. März 2015, S. 2 ). Dies allein vermag aber nicht die Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 2 AsylG zu begründen. Vergleichbar mit dem Sach- verhalt in BVGer D-4772/2014 ist der Beschwerdeführer schon aus Syrien geflüchtet, bevor ihm ein Aufgebot für die Aushebung schriftlich oder münd- lich hätte zugestellt werden können (vgl. Beschwerdeschrift, S. 6 f.) ; ent- sprechend dürfte auch keine Wehrdienstpflicht festgestellt worden sein. Selbst wenn zutreffen würde, dass der Beschwerdeführer einem mittler- weile existierenden Aufgebot zur Aushebung bzw. zur militärischen Muste- rung nicht Folge geleistet hätte (vgl. Beschwerdeschrift, Ziff. 3.4.2 und 3.5.2), würde dies nach Erkenntnissen des Gerichts nicht dazu führen, dass die syrischen Behörden den Beschwerdeführer als Deserteur bzw. regimefeindliches Element identifizieren würden. In Übereinstimmung mit dem Urteil des BVGer D-4772/2014 vom 5. Februar 2016, E. 6.6, ist des- halb nicht von einer asylrelevanten Verfolgung durch die syrischen Behör- den aus zugehen. Selbst wenn der Tatbestand der Wehrdienstverweige- rung erfüllt wäre, ist überdies festzuhalten, dass der Beschwerdeführer kei- ner oppositionellen Familie entstammt und auch sonst angab, keine Prob- leme mit den syrischen Behörden gehabt zu haben (A3, F 7.01). Nach An- gaben des Beschwerdeführers leistet(e) sein älterer Bruder Dienst in d er syrischen Armee (A10, F 26). Insgesamt bestehen vor diesem Hintergrund keinerlei Indizien dafür, dass die syrischen Sicherheitsbehörden den Be- schwerdeführer bzw. seine Familienangehörigen als Regimegegner identi- fiziert hätten und er als solcher bei einer Rückkehr nach Syrien eine über die Bestrafung der Wehrdienstverweigerung hinausgehende Behandlung zu gewärtigen hätte. 6.4 Auf eine Würdigung des auf Beschwerdeebene neu eingereichten an- geblichen syrischen Militärdienstaufgebots kann vor diesem Hintergrun d verzichtet werden. Die Vorbringen des Beschwerdeführers in Bezug auf D-1518/2015 Seite 10 seine Wehrdienstverweigerung sind selbst unter Annahme ihrer Glaubhaf- tigkeit nicht geeignet, eine asylrechtlich relevante Verfolgung durch die sy- rischen Behörden zu begründen. Immerhin ist aber darauf hinzuweisen, dass Dokumente von der Art des eingereichten Militärdienstaufgebots in Syrien ohne Weiteres unrechtmässig erworben werden können (vgl. z.B. The Damascus Bureau, The Syrian Fraud Market saves lives, 11. März 2013, < http://www.damascusbureau.org/?p=4830>, abgerufen am 22. Februar 2016) . Der Beweiswert des eingereichten Dokuments wäre deshalb ohnehin als gering einzustufen. In Bezug auf die geltend gemachte Verfolgung durch Angehörige der FSA ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die geltend gemachten Schikanen nicht asylrelevant sind. Darüber hinaus erfüllen sie – entgegen der Vo- rinstanz – auch die Anforderungen an die Glaubhaftigkeit (Art. 7 A sylG) nicht. 7.1 Nach eigenen Angaben wurde der Beschwerdeführer im August und September 2013 aufgrund seiner kurdischen Ethnie zweimal von Angehö- rigen der FSA angehalten, geschlagen und angeblich mit dem Tod bedroht, danach bis zu seiner Flucht aus Syrien im Mai 2014 allerdings in Ruhe gelassen (A10, F39). Es erscheint dem Gericht nicht plausibel, dass Ange- hörige der FSA den Beschwerdeführer am einen Tag exekutieren wollten, ihn danach aber unbehelligt gelassen haben wollen. Die auf Beschwerde- ebene erhobene Behauptung, der Beschwerdeführer sei weiteren Schika- nen nur deshalb entgangen, weil er sich bei seinem Onkel versteckt habe, erscheint dem Gericht als nachgeschoben, zumal er solches weder in der BzP noch in der Bundesanhörung in dieser Form geltend gemacht hat. Ebenso wenig glaubhaft ist die Behauptung des Beschwerdeführers , er wäre enthauptet worden, wenn sich nicht der Scheich des Dorfes in die Angelegenheit eingemischt hätte (A10, F34). Die diesbezüglichen Ausfüh- rungen des Beschwerdeführers bleiben an der Oberfläche, enthalten kei- nerlei Realkennzeichen und lassen nicht den Schluss zu, er habe das Ge- schilderte tatsächlich erlebt. Dies erstaunt umso mehr, als der Beschwer- deführer der Enthauptung seinen eigenen Angaben zufolge nur knapp ent- gangen ist, sich das Ereignis bei ihm also tief eingeprägt haben müsste. 7.2 Im Übrigen ist auch zu bezweifeln, ob von der FSA tatsächlich (noch) eine Bedrohung für den Beschwerdeführer ausgeht. Es ist in diesem Zu- sammenhang zu betonen, dass eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung für die Annahme einer begründeten Furcht vor Verfolgung nicht D-1518/2015 Seite 11 genügt (Art. 3 AsylG); es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Mo- tive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und dementspre- chend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen las- sen (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2 m.w.H.). Wie das Gericht in einem neueren Entscheid festgehalten hat, besteht aus heutiger Sicht keine Klarheit da - rüber, wie stark Angehörige der FSA im Herkunftsgebiet des Beschwerde- führers überhaupt noch aktiv sind (Urteil des BVGer E -2490/2014 vom 9. Dezember 2015, E. 6.3). Überdies erscheint vor dem Hintergrund der neuesten Entwicklungen die Tendenz eher dahin zu gehen, dass die syri- sche Kurdenmiliz YPG die Kontrolle über das Herkunftsgebiet des Be- schwerdeführers gewinnt bzw. konsolidiert (vgl. NZZ vom 19. Februar 2016, S. 3, "Die Türkei auf gefährlichem Kurs"). Die geltend gemachte Ver- folgung durch Angehörige der FSA entfaltet vor diesem Hintergrund selbst bei Annahme der Glaubhaftigkeit der diesbezüglichen Vorbringen des Be- schwerdeführers keine Asylrelevanz. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zurecht verneint und sein Asylgesuch folgerichtig abgewiesen hat. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zurecht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; BVGE 2009/50 E. 9, je m.w .H.). Es ist darauf hinzuweisen, dass aus den vorangegangenen Erwägungen nicht geschlos- sen werden kann, der Beschwerdeführer sei angesichts der aktuellen Lage in Syrien dort nicht gefährdet. Eine solche Gefährdung ist indes nur unter dem Blickwinkel von Art. 83 Abs. 3 oder 4 AuG (SR 142.20) zu prüfen, wo- nach der Wegweisungsvollzug für ausländische Personen nicht zulässig ist, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise in den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehe n, bezie- hungsweise unzumutbar sein kann, wenn solche Personen im Heimat - oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, all- gemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Der generellen Gefährdung aufgrund der aktue llen Situation in Syrien wurde durch das SEM mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme des Be- schwerdeführers Rechnung getragen. Dies verkennt der Beschwerdefüh- rer, wenn er geltend macht, es erscheine nicht nachvollziehbar, weshalb D-1518/2015 Seite 12 das SEM den Beschwerdefü hrer in die Heimat wegweisen wolle (Replik vom 12. Mai 2015, S. 2). Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10.1 Nach Art. 65 Abs. 1 VwVG befreit die Beschwerdeinstanz eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezah- lung der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren nicht aussichtslos er- scheint. Zwar hat der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 9. März 2015 (Bestätigung des Amts für Migration und Zivilrecht Graubünden vom 10. Februar 2015 über den Bezug von Unterstützungsleistungen) den Nachweis erbracht, dass er zum damaligen Zeitpunkt nicht über die erfor- derlichen Mittel verfügte, um das vorliegende Verfahren zu bestreiten. Al- lerdings waren die Rechtsbegehren des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Einreichung der Beschwerde als aussichtslos zu bezeichnen. So ent- falten seine Vorbringen auf Beschwerdeebene – selbst unter Annahme ih- rer Glaubhaftigkeit – keinerlei Asylrelevanz, was dem Beschwerdeführer bzw. seinem Rechtsvertreter unter Ber ücksichtigung der einschlägigen Leitentscheide des Bundesverwaltungsgerichts hätte bewusst sein müs- sen. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ist abzuweisen. 10.2 Die Bestellung ei nes amtlichen Rechtsbeistands im Sinne von Art. 110a AsylG setzt voraus, dass die beschwerdeführende Person von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit wurde, mithin die Anforderun- gen für die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG erfüllt sind. Vor dem Hintergrund der Abweisung des Gesuchs um unentgeltliche Rechtspflege ist vorliegend auch das Gesuch um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands abzuweisen. 10.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 600.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-1518/2015 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: Die Beschwerde wird abgewiesen. Die Verfahrenskosten von Fr. 600.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Fulvio Haefeli Karin Schnidrig Versand: