B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1968/2017 U r t e i l v o m 1 4 . F e b r u a r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richterin Barbara Balmelli, Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 8. März 2017. E-1968/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein Kurde mit letztem Wohnsitz in B._______ (Provinz Aleppo) – reiste gemäss eigenen Angaben im Juni 2013 in die Türkei aus, wo er für zwei Jahre bei seinen Brüdern gelebt habe. Danach sei er über verschiedene europäische Länder am 15. August 2015 in die Schweiz eingereist, wo er zwei Tage später um Asyl nachsuchte. B. Anlässlich der summarischen Befragung vom 25. August 2015 trug er im Wesentlichen vor, er habe die Matura abgeschlossen, indes (…) nie einen Beruf erlernt. Vor 1996 habe er in B._______ gelebt, dann bis 2011 in C._______ gewohnt, bevor er wieder (bis zu seiner Ausreise) nach B._______ zurückgekehrt sei. Er habe Syri en insbesondere aufgrund des Bürger kriegs verlassen. Ver- schiedene Male sei er an Kontrollpunkten von diversen Kriegsparteien an- gehalten worden. Angehörige des sogenannten Islamischen Staates (IS) hätten ihm in einer solchen Situation religiöse Fragen geste llt, welche er nicht habe beantworten können. Daraufhin hätten sie ihn – einmal für drei Tage, einmal für 24 Stunden – als Geisel gefangen gehalten. Anlässlich eines Gefangenenaustauschs mit der YPG (Yekîneyên Parastina Gel, Volksverteidigungseinheiten) sei er schliesslich freigekommen (A6 S. 7). C. Vom 21. Juli bis 13. August 2016 befand sich der Beschwerdeführer für eine stationäre Rehabilitation im Spital (…). Dessen Berichte vom 21. Juli, 2. August und 12. August 2016 stellten fest, dass er unter anderem an ei- nem chronischen lumbospondylogenen Schmerzsyndrom links, an einem chronischen exacerbierten lumboradikulären Reizsyndrom links und (…) leide. D. Am 30. Juni und am 30. August 2016 wurde der Beschwerdeführer einge- hend angehört. Dabei brachte er zur Begründung seines Asylgesuchs im Wesentlichen vor, er und seine Brüder hätten aufgrund der politischen Ak- tivitäten des Vaters schon immer Probleme mit den syrischen Behörden gehabt (A6 S. 7; A15 F40 ff.; A21 F51 ff.): Im Jahr 1993 sei er für drei Tage vom syrischen Militärgeheimdienst in C._______ festgehalten worden, da- mit sich sein Vater stelle. Als dieser nachgegeben habe, sei der Beschwer-E-1968/2017 Seite 3 deführer freigekommen (A15 F41 ff.; A21 F51). Im Jahr 2013 sei er ein wei- teres Mal, als er sich in Begleitung seines Vaters (und seiner Schwägerin) einen Reisepass habe ausstellen lassen wollen, für drei Tage inhaftiert wor- den (A15 F41, 48 ff. und 87 ff.; A21 F33 ff. und 48 ff.). Für den Vater sei im Jahr 2013 eine Amnestierung ergangen. Zudem sei er anfangs 2013 zweimal vom IS angehalten worden: Beim ers- ten Mal sei er aufgrund eines Gefangenenaustauschs nach drei Tagen frei- gekommen, beim zweiten Mal habe ein Angehöriger des IS, ein Kollege des Beschwerdeführers, sich für ihn eingesetzt, weshalb er nach einem Tag entlassen worden sei (A15 F54 und 96 ff.). Ferner sei die Gegend um B._______ von allen Seiten abgesperrt gewesen und es habe weder Arbeit noch Lebensmittel gegeben (A15 F55; A21 F23). Schliesslich sei, nach seiner Ausreise im (…) 2013 aus Syrien (A15 F67 ff.), im (…) 2013 ein Cousin väterlicherseits – ein Führer der YPG in der Region B._______ namens D._______ (Codename E._______, A15 F64; A21 F24) – vom Fernsehsender Al-Jazeera interviewt worden. Darauf- hin sei der Familienname D._______ an allen Checkpoints bekannt gewe- sen, was die Bewegungsfreiheit der Familie eingeschränkt habe (A15 F53). Später sei ein anderer Cousin väterlicherseits mit Namen D._______ an einem Checkpoint enthauptet worden (A15 F58 ff.; A21 F24 ff.). Anlässlich der Beerdigung dieses Cousins sei er – der Beschwerdeführer – kurzweilig nach Syrien zurückgekehrt (A15 F69 ff.; A21 F10 ff.). E. Mit Verfügung vom 8. März 2017 – am nächsten Tag eröffnet – lehnte das Staatssekretariat das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Die Wegweisung sei indes wegen Unzu mutbarkeit nicht zu vollziehen. Zur Begründung führte das SEM im Wesentlichen aus, die Probleme, wel- che der Beschwerdeführer aufgrund der politischen Aktivitäten des Vaters gehabt habe, würden weit zurückliegen. Bezüglich seiner Festnahme im Jahr 1993 (sowie einer Misshandlung im Jahr 2003) und seiner Ausreise sei kein zeitlicher und sachlicher Kausalzusammenhang festzustellen (Art. 3 AsylG [SR 142.31]), zumal bis zum Jahr 2013 nichts mehr vorgefal- len sei. In diesem Jahr, nach der Amnestierung des Vaters, habe sich der Beschwerdeführer zur Ausreise aus Syrien entschlossen. Daraufhin sei er mit seinem Vater und seiner Schwägerin nach Aleppo gereist, um sich ei- nen Reisepass ausstellen zu lassen. Dabei sei en der Beschwerdeführer E-1968/2017 Seite 4 und sein Vater festgenommen worden; nach drei Tagen sei der Beschwer- deführer ordentlich entlassen worden, der Vater nach 14 Tagen. Diese Festnahme sei im Zusammenhang mit einer Sicherheitsprüfung zu be- trachten. Aufgrund der vorangegangenen Amnestie und der Freilassung des Vaters könne indes nicht davon ausgegangen werden, dass dieser noch gesucht worden sei, selbst wenn für die Freilassung Geld bezahlt worden sei. Insgesamt würden diese Vorbringen nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Ausreise stehen beziehungsweise keine asylrele- vante Intensität entfalten. Auch das Vorbringen, die Familie sympathisiere mit den YPG, vermöge keine asylrelevante Verfolgung zu begründen. Die Region rund um B._______, wo der Beschwerdeführer seit dem Jahr 2011 wieder gelebt habe, sei seit Frühjahr 2012 von Angehörigen der YPG kontrolliert worden. Daher sei davon auszugehen, dass die YPG de facto mit den syrischen Behörden zusammengearbeitet hätten und deren Mitglieder nicht mehr durch diese verfolgt worden seien. Dies werde auch dadurch bes tätigt, dass der Vater nach der Ankunft des Beschwerdeführers in der Schweiz (von der Türkei) wieder nach Syrien zurückgekehrt sei. Seitens der YPG habe der Beschwerdeführer keine Verfolgung geltend gemacht. Die Inhaftierung des Beschwerdeführers im Jahr 2013 durch den IS sei als eine willkürliche Festnahme zur Erwirkung eines Gefangenenaustausches zu betrachten; diesem Vorfall fehle es an Gezieltheit. Solche schikanösen Übergriffe durch Anhänger des IS, bedingt durch die Kriegswirren und die allgemeine Lage in Syrien, würden keine Asylrelevanz entfalten. Hinsichtlich des Vorbringens, ein Cousin mit dem Familiennamen D._______ habe ein Interview gegeben, weswegen ein anderer Cousin etwa zwei Wochen später bei einem Kontrollposten enthauptet worden sei, hielt das SEM fest, dass der Beschwerdeführer nicht angegeben habe, wer dafür verantwortlich gewesen sei. Es sei nicht davon auszugehen, dass es sich um e inen Checkpoint der syrischen Behörden gehandelt habe, da – wie bereits dargelegt – zu dieser Zeit die Mitglieder der YPG nicht mehr im Fokus der syrischen Behörden gestanden seien. Die Art der Tötung spre- che eher für eine Handlung des IS ; sie sei nicht als zielgerichtet im Sinne von Art. 3 AsylG zu betrachten. Selbst wenn das Interview der tatsächliche Grund für die Tötung des Cousins gewesen wäre, sei nicht davon auszu- gehen, dass jede Person mit dem Namen D._______ getötet worden wäre und dass dem Beschwe rdeführer eine zielgerichtete Verfolgung drohen E-1968/2017 Seite 5 würde. So sei er denn auch für kurze Zeit für die Beerdigung des Cousins aus der Türkei nach Syrien zurückgekehrt. Das weitere Vorbringen, der Beschwerdeführer habe Syrien aufgrund des Bürgerkriegs verlassen, sei auf die Kriegswirren respektive auf die allge- meine politische und wirtschaftliche Lage dieses Landes zurückzuführen und stelle keine asylrelevante Verfol gung des Beschwerdeführers dar . Auch seien die gesundheitlichen Vorbringen nicht als eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu werten. Letztlich sei festzuhalten, dass die Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Aufenthalt in der Türkei und seiner Ausreise aus diesem Land äus- serst widersprüchlich ausgefallen seien. Zusammenfassend sei – weil die Vor bringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG nicht standhalten würden – das Asylgesuch abzulehnen und die Wegweisung anzuordnen. F. Am 3. April 2017 liess der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragte dabei, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventua- liter sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewäh- ren. In prozessrechtlicher Hinsicht wurde die vollumfängliche Einsicht in die Akten A13, A17 und A18 beantragt, eventualiter sei ihm dazu das rechtliche Gehör zu gewähren, wobei ihm anschliessend eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen sei. Zudem sei von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen und er sei von der Be- zahlung der Verfahrenskosten zu befreien. Zur Untermauerung seiner Rechtsmitteleingabe reichte der Beschwerde- führer Kopien von Aufenthaltsausweisen von diversen Familienmitgliedern aus verschiedenen europäischen Ländern sowie eine Fürsorgebestätigung der Gemeinde (…) vom 26. März 2017 zu den Akten. Auf die Begründung der Beschwerde wird – soweit entscheidwesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. E-1968/2017 Seite 6 G. Mit Instruktionsverfügung vom 7. April 2017 wurde die Rüge der Verletzung der vorinstanzlichen Paginierungs - und Aktenführungspflicht behandelt und das Gesuch um Akteneinsicht sowie um Ansetzung einer Frist zur Ein- reichung einer Beschwerdeergänzung ab gewiesen; das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung wurde gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, eine Vernehmlassung einzureichen. H. Im Rahmen seiner Vernehmlassung vom 28. April 2017 hielt das SEM fest, dass die Beschwerdeschrift keine neuen erheblichen Tatsachen oder Be- weismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könn- ten, enthalte. Auf die weiteren Feststellungen der Vorinstanz wird – soweit entscheidwesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. I. Am 17. Mai 2017 nahm der Beschwerdeführer sein Replikrecht wahr; auf seine Argumente wird – soweit diese entscheidrelevant sind – in den nach- folgenden Erwägungen eingegangen. J. Im vorinstanzlichen Dossier befinden sich eine Identitätskarte (ausgestellt im […]) des Beschwerdeführers, (…) und eine Kopie der Aufenthaltsbewil- ligung der Schweiz für seine Schwester E._______. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. E-1968/2017 Seite 7 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Zunächst sind die verfahrensrechtlichen Rügen zu behandeln, soweit dies nicht bereits in der Instruktionsverfügung vom 7. April 2017 gesche- hen ist. Der Beschwerdeführer machte geltend, das SEM habe seinen An- spruch auf rechtliches Gehör sowie die Pflicht zur richtigen und vollständi- gen Abklärung Sachverhalts verletzt, indem es die Dossiers der Schwester E._______ und von weiteren Verwandten in der Schweiz nicht beigezogen habe, obwohl der Beschwerdeführer ausdrücklich auf das politische Profil der gesamten Familie D._______ hingewiesen habe. Diesen sowie weite- ren Angehörigen sei in Europa Asyl gewährt oder sie seien als Flüchtlinge anerkannt worden, weshalb das SEM hätte abklären müssen, ob dem Be- schwerdeführer eine Reflexverfolgung durch die syrischen Behörden drohe (er verwies hierzu unter anderem auf die Urteile des BVGer D-2352/2015 vom 22. August 2016 und E-4122/2016 vom 16. August 2016). Ausserdem sei auffällig, dass das SEM die Mutter des Beschwerdeführers weder in den Protokollen noch in seiner Verfügung erwähnt habe. Ferner sei zu be- mängeln, dass es nach Einreichung des Asylgesuchs rund ein Jahr habe verstreichen lassen, bis es den Beschwerdeführer angehört habe; überdies gehe aus den Akten nicht hervor, weshalb die erste Anhörung vom 30. Juni 2016 unvermittelt abgebrochen worden sei. Letztlich sei darauf hinzuwei- sen, dass die Anordnung der vorläufigen Aufnahme des Beschwerdefüh-E-1968/2017 Seite 8 rers gemäss Zwischenverfügung des SEM vom 23. März 2017 darauf be- ruhe, dass ihm aufgrund (…) und der aktuellen Lage in Syrien eine exis- tenzsichernde Lebensgrundlage fehle. Diese Begründung fehle indes in der angefochtenen Verfügung. 3.2 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, dass der Beschwerde- führer anlässlich der Befragung als einzige in der Schweiz lebende Ver- waldte seine Schwester E._______ (N […]) erwähnt habe. Diese sei indes nicht originär als Flüchtling anerkannt worden, sondern sei zusammen mit ihren Kindern mit Verfügung des SEM vom 2. Februar 2015 in das Asyl ihres Ehemannes F._______ miteinbezogen worden (Art. 51 Abs. 1 AsylG). Sie habe anlässlich ihres Asylgesuchs weder eigene Asylgründe noch sol- che aufgrund ihrer Familie genannt. Auch gelte festzuhalten, dass der Be- schwerdeführer aufgrund des Ehemannes seiner Schwester, welcher ein Mitglied der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê, Arbeiterpartei Kurdistan) und für diese sowie für die PYD (Partiya Yekîtiya Demokrat, Partei der De- mokratischen Union) aktiv tätig gewesen sei, keine Probleme geltend g e- macht habe. Die Schwester habe keine Probleme betreffend die Familie geltend gemacht, die der Beschwerdeführer nicht selber erwähnt hätte . Aus diesen Gründen habe das SEM in seiner Verfügung vom 8. März 2017 auf die Erwähnung dieser Dossiers verzichtet. Weil sich der Beschwerdeführer während der Befragung respektive Anhö- rung auch nicht auf die weiteren Verwandten in der Schweiz berufen habe, seien auch diese Dossiers in der angefochtenen Verfügung nicht erwähnt worden. G._______ (N […]), ein Bruder von F._______, habe eine Verfol- gung aufgrund der politischen Aktivitäten seines Bruder H._______ geltend gemacht. Der Beschwerdeführer habe – wie bereits erwähnt – jedoch nie irgendwelche Probleme im Zusammenhang mit der Familie seines Schwa- gers geltend gemacht. Das Bundesverwaltungsgericht habe ferner in sei- nem Urteil D -1324/2015 vom 13. Februar 2017 betreffend I._______ (N […]), ein weiterer Bruder von F._______, eine asylrelevante Verfolgung (mithin auch eine Reflexverfolgung) verneint. Der Neffe des Beschwerde- führers J._______ (N […]) sei in seinem Asylverfahren mit keinem Wort auf mögliche Probleme aufgrund seiner Familie eingegangen. Das verwandt- schaftliche Verhältnis zu K._______ (N […]) und L._______ (N […]) habe das SEM nicht eruieren können; diese Personen seien weder vom Be- schwerdeführer noch von E._______ respektive deren Ehemann erwähnt worden, weshalb eine Prüfung dieser Dossiers im Rahmen der Vernehm- lassung nicht angezeigt sei. E-1968/2017 Seite 9 Den Kopien der Aufenthaltsbewilligungen von im Ausland lebenden Perso- nen mit den D._______ könne der Grund für die Ausstellung der Bewilli- gungen nicht entnommen werden; zudem handle es sich dabei teilweise um vorläufige Aufnahmen, teilweise um nationale Identitätskarten. Hinsichtlich des Einwandes betreffend den Abbruch der ersten Anhörung verwies das SEM darauf, dass eine solche in der Regel nur für e inen hal- ben Tag angesetzt werde. Wenn eine Anhörung nicht innert der dafür vor- gesehenen Zeit beendet werden könne, sei es sinnvoll, diese abzubrechen und an einem anderen Tag fortzuführen. 3.3 In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer fest, dass das SEM die Dossiers seiner Verwandtschaft offensichtlich beigezogen habe; dies hätte es indes zwingend in der angefochtenen Verfügung oder im Aktenverzeich- nis erwähnen müssen. Durch diesen Verzicht habe es den Anspruch auf rechtliches Gehör in schwerwiegender Weise verletzt. Aus den Ausführun- gen des SEM sei überdies nicht ersichtlich, ob die Dossiers der Verwand- ten in der Schweiz für die Entscheidfindung betreffend den Beschwerde- führer berücksichtigt worden seien oder nicht; es sei lediglich bekannt, dass diese in der angefochtenen Verfügung nicht erwähnt worden seien. Im Übrigen sei unverständlich, dass das SEM trotz der politisch aktiven Familie weiterhin davon ausgehe, dass der Beschwerdeführer keiner asyl- relevanten Verfolgung ausgesetzt sei. 3.4 3.4.1 Der mit Grundrechtsqualität ausgestattete Grundsatz des rechtlichen Gehörs fordert, dass die verfügende Behörde die Vorbringen der Betroffe- nen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfin- dung berücksichtigt, was sich entsprechend in einer sachgerecht anfecht- baren Entscheidbegründung niederzuschlagen h at (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.3 m.w.H.). Dem Bundesverwaltungsgericht obliegt gemäss Art. 49 Bst. b VwVG (bzw. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) eine umfassende Sach- verhaltskontrolle (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.188). Ermittelt das Bun- desverwaltungsgericht eine fehler - oder lückenhafte Feststellung des Sachverhalts, hebt es die Verfügung auf und weist die Sache an die Vorin- stanz zurück, damit diese den rechtserheblichen Sachverhalt neu und voll- ständig feststellt (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 2.191; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1155). Der Untersuchungsgrundsatz E-1968/2017 Seite 10 gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des Verwaltung s- beziehungs- weise Asylverfahrens (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri- ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder wenn die Vor instanz nicht alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts prüfte, etwa weil sie die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneinte. Unvoll- ständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berüc ksichtigt wurden (vgl. KÖLZ/ HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043). 3.4.2 Es trifft zu, dass aus der angefochtenen Verfügung keine Anhalts- punkte dafür ersichtlich sind, dass das SEM insbesondere das Dossier der Schwester E._______ (A6 S. 5) beim Entscheid über das Asylgesuch des Beschwerdeführers beigezogen hat. Wenn die Vorinstanz ein Dossier ei- nes Verwandten beigezogen und berücksichtigt hat, wäre es ange zeigt, dass ein solcher Beizug und die Begründung des Beizugsergebnisses auch ihren Niederschlag im Asylentscheid finden (vgl. Urteil des BVGer E- 4122/2016 vom 16. August 2016 E. 6.2.4). Hingegen hat das SEM im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens die in der Beschwerde nunmehr angeführten Verfahrensakten von Verwandten beigezogen und äussert sich in der Vernehmlassung diesbezüglich. In der Beschwerde wird, unter Hinweis auf die Urteile D-2352/2015 vom 22. August 2016 und E -4122/2016 vom 16. August 2016, zutreffend aus- geführt, dass sich bei Geltendmachen einer entsprechenden Reflexverfol- gung respektive bei zuerkannter Flüchtlingseigenschaft der Beizug von Dossiers von engen Verwandten aufdrängen kann. Diese Konstellation trifft vorliegend jedoch nicht zu, weshalb der Beschwerdeführer aus den er- wähnten Urteilen nichts zu seinen Gunsten für sich ableiten kann. Zum ei- nen hat sich der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit einer Reflexver- folgung in der Befragung respektive Anhörungen lediglich auf seinen Vater und seinen Cousin bezogen; das SEM hat die Glaubhaftigkeit dieser Vor- bringen nicht in Zweifel gezogen. Zum anderen ist das SEM in seiner Ver- nehmlassung eingehend auf das Dossier der Schwester E._______ und deren Ehemann F._______ eingegangen und hat festgestellt, dass seine Schwester ins Familienasyl ihres Ehemannes aufgenommen wurde E-1968/2017 Seite 11 (Art. 51 Abs. 1 AsylG). Ausserdem hat das SEM zu Recht erwogen , dass der Beschwerdeführer bezüglich seines Schwagers keine Verfolgungs- gründe vorgebracht, sondern sich einzig auf persönliche Verfolgungs- gründe oder auf politische Aktivitäten seines Vaters respektive seines Cousins bezogen hatte. Auch lassen sich den Protokollen keine Hinweise entnehmen, dass er bezüglich weitere r Mitglieder der Familie seines Schwagers mit asylrelevanten Nachteilen konfrontiert gewesen wäre. Das Argument, bei der gesamten Familie handle es sich um eine politisch äus- serst aktive Familie, reicht alleine nicht aus, um gestützt darauf eine Ver- folgung (respektive eine Reflexverfolgung) des Beschwerdeführers anzu- nehmen. Nach dem Gesagtem liegt bezüglich des Beizugs von Dossiers von Ver- wandten keine Gehörsverletzung vor. 3.4.3 Hinsichtlich des zeitlichen Abstandes zwischen Gesuchseinreichung und Anhörung ist festzuhalten, dass es zwar durchaus wünschenswert ist, wenn zwischen der Einreichung des Asylgesuchs respektive der Befragung und der Anhörung ein relativ kurzer Zeitraum liegt. Jedoch gibt es keine zwingende, mit Rechtsfolgen versehene gesetzliche Verpflichtung des SEM, die Anhörungen innerhalb eines gewissen Zeitraums durchzuführen. Der Länge des zwischen den einzelnen Anhörungen verstrichenen Zeit- raums ist indes bei der Würdigung der Aussagen des Beschwerdeführers Rechnung zu tragen. 3.4.4 Ein Grund, weshalb die Erstanhörung vom 30. Juni 2016 nach drei Stunden und 40 Minuten abgebrochen wurde, ist in de n Protokollen nicht ersichtlich; festgehalten ist einzig, dass eine Fortsetzung der Anhörung fol- gen werde (A15 S. 12). Den diesbezüglichen Ausführungen des SEM in seiner Vernehmlassung, für eine Anhörung seien in der Regel vier Stunden vorgesehen, ist nichts entgegenzuhalten. Aus der Unterbrechung der An- hörung ist keine Verletzung des Anspruchs des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör zu erkennen, und eine solche Vorgehensweise erscheint als gerechtfertigt, wenn sich abzeichnet, dass für eine zielbringende Anhö- rung mehr Zeit benötigt wird. Massgebend ist, ob die angehörte Person in der Lage ist, der Anhörung zu folgen und ihre Asylgründe umfassend dar- zulegen, was nicht vordringlich anhand von starren zeitlichen Kriterien, sondern im Rahmen einer individuellen Beurteilung ihre r Befindlichkeit zu beurteilen ist. Vorliegend ist das konkrete Vorgehen des SEM nicht zu be- anstanden. E-1968/2017 Seite 12 3.4.5 An der Befragung wurde der Name der Mutter des Beschwerdefüh- rers (A6 S. 3) erwähnt. Sie scheint indes für die Asylbegründung des Be- schwerdeführers nicht von Bedeutung zu sein, denn seine vorgebrachten Probleme stützen sich gemäss seinen Angaben auf die politischen Aktivi- täten seines Vaters oder des erwähnten Cousins. Im Sinne einer Mitwir- kung (Art. 8 AsylG) hätte der Beschwerdeführer jederzeit über seine Mutter und ihre Rolle, falls diese für seine Asylbegründung relevant ist, berichten können. Eine Verletzung der Abklärungspflicht durch das SEM ist nicht fest- stellbar. 3.4.6 Der Beschwerdeführer bemängelte ferner in der Beschwerdeschrift, dass das SEM die Verfügung vom 8. März 2017 im Wegweisungsvollzugs- punkt einzig mit der Sicherheitslage in Syrien begründet habe. Indes habe es in seiner Zwischenverfügung vom 23. März 2017 (Verfügung betreffend Akteneinsichtsgewährung, in welcher zudem eine Begründung für die vor- läufige Aufnahme dargelegt wurde; A 30/2) zusätzlich festgehalten, dass dem Beschwerdeführer auch aufgrund (…) eine existenzsichernde Le- bensgrundlage fehlen würde. Bei der Anordnung der vorläufigen Aufnahme (Ziff. 4 des Verfügungsdispo- sitivs) handelt es si ch um einen positiven Verfügungsteil, weil dieser den Begehren der Parteie n (eventualiter) voll entspricht. Von daher gesehen könnte gemäss Art. 35 Abs. 3 VwVG auf eine Begründung der Verfügung in diesem Punkt verzichtet werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a .a.O., Rz. 635). Wird indes ein Gesuch um Begründung der Anordnung der vor- läufigen Aufnahme gestellt, hat das SEM gemäss Art. 35 Abs. 3 VwVG die Pflicht, eine nachvollziehbare Begründung seines Entscheides, welche die wesentlichen Entscheidmotive enthält, der gesuchstellenden Partei nach- zureichen (vgl. Urteile des BVGer F -2036/2018 vom 6. März 2019 E. 4.5 und C-2466/2008 vom 27. Juni 2011 E. 3.3, je m.w.H.). Vorliegend liegt keine Gehörsverletzung vor . Dass die Verfügung vom 8. März 2017 zur Begründung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs lediglich den Hinweis auf die Sicherheitslage in Syrien enthält, ist nicht zu beanstanden. Das SEM hat das Gesuch des Beschwerdeführers um Akteneinsicht namentlich auch "in alle internen Anträge" (vgl. A29/3) mit Zwischenverfügung vom 23. März 2017 behandelt, die Akteneinsicht in in- terne Anträge zu Recht verweigert, das Gesuch diesbezüglich aber als Ge- such um Begründung der vorläufigen Aufnahme entgegengenommen und behandelt (vgl. A30/2 S. 2). Dieses Vorgehen ist im Lichte von Art. 35 Abs. 3 VwVG korrekt und in keiner Weise zu beanstanden; es ist denn auch E-1968/2017 Seite 13 nicht ersichtlich, welcher Nachteil für den Beschwerdeführer im Vorgehen des SEM gelegen haben soll. 3.4.7 Schliesslich brachte der Beschwerdeführer vor, das SEM habe will- kürlich behauptet, seine Schilderung der Ausreise aus Syrien basiere auf widersprüchlichen Angaben. Es habe unterlassen, diese Behauptung mit Verweis auf die Protokolle zu begründen. Es ist richtig, dass das SEM die Feststellung, die Angaben zum Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Türkei und zu seiner Ausreise aus diesem Land seien widersprüchlich ausgefallen, nicht weiter begründet hat. Nichts- destotrotz geht a us der angefochtenen Verfügung hervor, dass die Vor - instanz die wesentlichen Vorbringen bezüglich de r Asylbegründung be- rücksichtigt hat. Eine sachgerechte Anfechtung des Entscheids war ohne weiteres möglich. Das SEM tut seiner Begründungspflicht dann Genüge, wenn es im Rahmen der Begründung die wesentlichen Überlegungen nennt, welche es seinem Entscheid zugrunde legt. Dieser Anforderung ist es im Rahmen seiner ausführlichen Erwägungen zur Sache, welche eine umfassende Würdigung der vorgebrachten Gesuchsgründe beinhalten, gerecht geworden. Dass es in einem Abschlusssatz erwähnt, dass es die Angaben zum Aufenthalt in der Türkei und zur Ausreise aus der Türkei als widersprüchlich qualifiziert, ist für die Beurteilung der Asylgründe durch die Vorinstanz nicht entscheidrelevant. Die Rüge der Verletzung des rechtli- chen Gehörs ist daher unbegründet. 3.5 Nach dem Gesagten ist der Antrag auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts sowie zur Neubeurteilung abzuweisen. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe o der wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens od er der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). E-1968/2017 Seite 14 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefäls chte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das SEM lehnte das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, weil die Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht stand- halten würden (Art. 3 AsylG). 5.2 In seiner Beschwerdeschrift hielt der Beschwerdeführer fest, dass das SEM von der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen ausgehe. Zu betonen sei, dass er einer politisch seh r engagierten Familie angehöre. Insbesondere sei sein Vater für die kurdische Sache lange Jahre aktiv gewesen, dabei habe er die PKK sowie die YPG unterstützt. Wegen seiner politischen Hal- tung und Aktivitäten sei er mehrfach verhaftet worden und über Jahre ein- gesperrt gewesen. Als Folge davon sei er – der Beschwerdeführer – jahre- lang gezielt verfolgt worden (Refl exverfolgung); letztmals sei er im Jahr 2013 beim Passbüro wegen seines Vaters verhaftet worden. Der Vater sei erst nach Bezahlung von (…) Mio. syrische Lira entlassen worden. Die An- nahme des SEM, bei dieser Festnahme handle es sich um eine Sicher- heitsprüfung, sei eine völlig spekulative und willkürliche Argumentation. Die Familie sei der syrischen Regierung zweifellos seit Jahren bekannt gewe- sen. Durch das Interview seines Cousins auf Al-Jazeera sei die gesamte Familie noch mehr in den Verfolgungsfokus gerückt, weswegen die Verfol- gung des Beschwerdeführers offensichtlich in einem direkten Zusammen- hang mit der Verfolgung des Vaters respektive der ganzen Familie stehe und überdies eindeutig eine asylrelevante Intensität entfalte. Bezüglich seiner Festnahmen durch den IS sei festzuhalten, dass diese ihn schwer belastet hätten und ebenfalls als Grund für eine definitive Ausreise aus Syrien zu betrachten seien. Durch diese Ereignisse habe er befürchtet, erneut vom IS aufgegriffen und möglicherweise auch getötet z u werden. Die Argumentation der Vorinstanz, diese schikanösen Übergriffe beträfen die gesamte Bevölkerung, sei angesichts der bekannten Gräueltaten gera- dezu höhnisch. Der IS wähle seine Opfer stets nach eigenen Massstäben aus, was eine gezielte Verfolgung der Personen bedeute, welche nicht seine Weltanschauung und sein Religionsverständnis teilen würden. Es E-1968/2017 Seite 15 stehe folglich fest, dass die Nachteile, denen der Beschwerdeführer durch die zwei Übergriffe des IS ausgesetzt gewesen sei, asylrelevant seien. Die Annahme des SEM, hinter der Enthauptung seines Cousins stehe der IS, sei völlig spekulativ und willkürlich. Es werde nicht behauptet, dass je- der mit dem Namen D._______ verfolgt würde. Indes habe er – der Be- schwerdeführer – aufgezeigt, dass seine Familie noch stärker ins Visier der syrischen Behörden geraten sei. Mit seiner kurzfristigen Rückkehr in sein Heimatdorf, um der Beerdigung des enthaupteten Cousins beizuwohnen, sei er nur ein geringes Risiko eingegangen, zumal die Region durch die YPG kontrolliert worden sei. Schliesslich sei auf die Einschätzungen des UNHCR zur Lage und Verfol- gungsgefährdung in Syrien hinzuweisen. Demnach stehe eindeutig fest, dass seine Vorbringen asylrelevant seien. 5.3 Hinsichtlich der Glaubhaftigkeit der Vorbringen gilt festzu halten, dass das SEM einzig darauf hinwies, dass die Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Aufenthalt in der Türkei und seiner Ausreise aus diesem Land widersprüchlich ausgefallen seien. Darauf ist – weil nicht entscheidrelevant – nicht weiter einzugehen. Im Übrigen wurde die Glaubhaftigkeit der Vor- bringen nicht in Zweifel gezogen. 5.4 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet die Einschätzung der Vorin - stanz bezüglich der fehlende Asylrelevanz der Vorbringen aus den folgen- den Erwägungen als zutreffend. 5.4.1 Asylrelevante Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG können auch aus einer Reflexverfolgung entstehen, bei welcher sich Verfolgungsmassnah- men abgesehen von der primär getroffenen Person – vorliegend sind damit der Vater sowie die Cousins des Beschwerdeführers gemeint – auch auf Familienangehörige und Verwandte , wie de n Beschwerdeführer, erstre- cken (vgl. hierzu BVGE 2007/19 E. 3.3 m.w.H.). Doch auch in einem sol- chen Fall muss die Verfolgungssituation in der Regel aktuell sein, um ge- mäss Art. 3 AsylG als asylrelevant zu gelten. Dies bedeutet, dass zwischen dem Ereignis und der Flucht ein zeitlicher und sachlicher Kausalzusam- menhang bestehen muss. Dabei wird anerkannt, dass es plausible objek- tive und subjektive Gründe gibt, die eine zeitlich verzögerte Ausreise er- klärbar machen (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.2.; 2010/57 E. 2.4 und 3.2 so- wie 2009/51 E. 4.2.5, je m.w.H.). E-1968/2017 Seite 16 Bezüglich der Verhaftung des Beschwerdeführers im Jahr 1993 respektive der Misshandlung im Jahr 2003 und der Ausreise im Jahr 2013 kann ein Kausalzusammenhang weder in zeitlicher noch in sachlicher Hinsicht be- jaht werden, zumal es zwischen den Jahren 2003 und 2013 bezüglich des Beschwerdeführers zu keinem weiteren Vorfall gekommen sei (A21 F52). 5.4.2 Die vorgebrachte Reflexverfolgung, der Beschwerdeführer sei im (…) 2013, als er sich einen Reisepass habe ausstellen lassen wollen, für drei Tage vom militärischen Sicherheitsdienst verhaftet worden (A15 F41, 48 ff. und 87 ff.), ist ebenso als nicht asylrelevant zu bezeichnen. Unter Beach- tung, dass der Vater vor dem Versuch der Passausstellung durch das syri- sche Regime amnestiert worden und nach seiner Festnahme nach 14 Ta- gen freigekommen sei (A21 F33 ff.), vermag die Behauptung, der Vater und der Sohn seien aus politischen Gründen verhaftet worden, nicht standzu- halten. Gemäss einer Meldung der Neuen Zürcher Zeitung vom 16. April 2013 sind durch die (damalige) Amnestie von Präsident Assad verschie- dene Gefangene – mit Ausnahme von Revolutionären – freigekommen (vgl. https://www.nzz.ch/newsticker/praesident-assad-erlaesst-amnestie- 1.18065498, besucht am 9. Januar 2020). Der Umstand, dass für die Frei- lassung des Vaters Geld bezahlt worden sei, ändert an dieser Einschät- zung nichts. Für eine ordentliche Entlassung spricht auch, dass der Be- schwerdeführer danach all seine Sachen, auch seine Identitätskarte, wie- derbekommen habe (A21 F49). Überdies erreicht dieser kurzzeitige Eingriff in die Bewegungsfreiheit nicht die erforderliche Intensität , zumal der Be- schwerdeführer während diesen drei Tagen lediglich befragt worden sei (A21 F50). Aus diesen Gründen ist dieser Vorfall – die Festnahme des Be- schwerdeführers im Frühjahr 2013 – als nicht asylrelevant zu qualifizieren. 5.4.3 Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers, es sei spekulativ an- zunehmen, dass die Verantwortung der Enthauptung des Cousins nicht bei den syrischen Behörden liege, geht auch das Gericht davon aus, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit der IS für die Tötung des Cousins in dieser Form verantwortlich war. Wie sich aus der Vernehmlassung des SEM ausserdem entnehmen lässt, gaben die Schwester E._______, ihr Ehemann F._______ sowie dessen Bruder I._______ jeweils an, dass dieser Cousin vom IS respektive von Daesh getötet worden sei. Das Gericht schliesst sich indessen den Erwägungen des SEM nicht an, dass diese Tat nicht zielgerichtet gewesen sei. Allerdings ist der Grund für die Tötung des Cousins unklar respektive es kann nicht mit überwiegender E-1968/2017 Seite 17 Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass tatsächlich das In- terview eines anderen Cousins die Ursache für diesen Gewaltakt gewesen sei. Dementsprechend sind dessen Auswirkungen auf den Beschwerde- führer nicht in überzeugender Form dargetan worden. Auch dieser Vorfall ist folglich a ls asylirrelevant zu bezeichnen; der Beschwerdeführer hat in diesem Zusammenhang nicht mit hinlänglicher Deutlichkeit aufgezeigt, dass auch er aufgrund des Schicksals seines Cousins eine begründete Furcht vor Verfolgung haben müsse. 5.4.4 Des Weiteren müssen Verfolgungsmassnahmen die betroffene Per- son gezielt treffen. Wer nur zufällig von Massnahmen, die eigentlich nicht gegen ihn persönlich gerichtet waren, getroffen wurde oder Angst hat, künf- tig Opfer zufälliger Übergriffe zu sein, ist nicht Flüchtling im Rechtssinne (WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Aus- länderrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.16). Bei den Festnahmen des Be- schwerdeführers im Frühling 2013 durch den IS stand nicht seine Person im Vordergrund, weshalb es an einer solchen Gezieltheit fehlt. Wie der Be- schwerdeführer selber aussagte, seien er und (…) weitere Personen für drei Tage im Keller eines Hauses festgehalten worden mit dem Zweck, ei- nen Gefangenen der YPG – (…) – freizubekommen (A15 F105); die Be- troffenen wurden zum Zweck eines Gefangenenaustauschs offenbar wahl- los und zufällig ausgewählt. Auch bei der zweiten Festnahme ist der Grund nicht in der Person des Beschwerdeführers auszumachen: Es seien viele Leute gewesen, die angehalten worden seien; diejenigen, welche die r eli- giösen Fragen nicht hätten beantworten können, seien festgenommen wor- den; der Beschwerdeführer sei einen Tag lang in IS -Haft gewesen (A15 F106). Auch dieser Vorfall ist, mangels Intensität wie mangels Gezieltheit, nicht als eine asylrelevante Massnahme zu bezeichnen. 5.5 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen, weshalb das Staatssekretariat sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt hat. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). E-1968/2017 Seite 18 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. Die Vorinstanz erachtete den Wegweisungsvollzug des Beschwerdefüh- rers als unzumutbar, weshalb sie im angefochtenen Entscheid seine vor- läufige Aufnahme verfügte. Unter diesen Umständen erübrigen sich ange- sichts der alternativen Natur der Wegweisungsvollzugshindernisse weitere Ausführungen zum Vollzug der Wegweisung (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 und 2011/7 E. 8). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt , den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indes wurden mit Instruktions- verfügung vom 7. April 2017 das Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung gutgeheissen. Von der Bedürftigkeit ist auch bei der heutigen Aktenlage weiterhin auszugehen. Dem Beschwerdeführer sind dementsprechend keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) E-1968/2017 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Patricia Petermann Loewe Versand: