B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5715/2020 U r t e i l v o m 4 . F e b r u a r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Barbara Balmelli (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richter Markus König, Gerichtsschreiberin Michelle Nathalie Nef. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), F._______, geboren am (…), G._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 22. Oktober 2020 / N (…). E-5715/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführenden und ihre Kinder reisten am 10. Juni 2016 in die Schweiz ein und suchten gleichentags um Asyl nach. Am 16. Juni 2016 befragte die Vorinstanz die Beschwerdeführenden sowie die Kinder C._______ und D._______ zur Person (BzP). A.b Der Besch werdeführer gab an, er sei irakischer Staatsangehöriger, kurdischer Ethnie und stamme aus H._______, Dohuk. Er habe weder eine Schul- noch Berufsausbildung. Wohlhabende Personen aus dem Dorf hät- ten die Familie finanziell unterstützt. Im (…) 2016 hätten sie den Irak wegen seines schlechten Gesundheitszustandes, der (…) des Sohnes C._______, der fehlenden Arbeit sowie der schlechten Lage im Irak verlas- sen. A.c Die Beschwerdeführerin führte aus, sie sei irakische Staatsangehö- rige, kurdischer Ethnie und habe in H._______, Dohuk, gelebt. Sie habe keine Schul- oder Berufsausbildung. Sie hätten den Irak verlassen, weil der Beschwerdeführer sowie C._______ krank seien und die Lage im Irak schlecht sei. A.d C._______ gab anlässlich der BzP zu Protokoll, er kenne die Gründe für die Ausreise nicht. A.e D._______ sagte, sie hätten ihren Heimatstaat verlassen, weil sie arm gewesen seien und es dem Vater sowie C._______ gesundheitlich nicht gut gehe. B. B.a Die Vorinstanz hörte die Kinder C._______, D._______, E._______ und die Beschwerdeführerin am 3. August 2018 und den Beschwerdefüh- rer am 15. August 2018 vertieft zu den Asylgründen an. B.b Der Beschwerdeführer führte zu den Asylgründen aus, sein Cousin I._______ (Bruder Beschwerdeführerin) habe vor rund (…) Jahren einen Angehörigen eines einflussreichen «Chefs» anlässlich einer Auseinander- setzung getötet. Um sich zu rächen, habe dieser in der Folge im Jahr (…) einen seiner Cousins und acht Jahre später seinen Bruder J._______ um- bringen lassen. Er selbst habe Drohanrufe erhalten. Deshalb habe er sich nicht mehr zu Hause, sondern in (…) bei einem (…) aufgehalten. Er gehe davon aus, dass er das nächste Opfer des «Chefs» wäre. E-5715/2020 Seite 3 B.c Die Beschwerdeführerin gab an, weil ihr Bruder I._______ einen Ver- wandten einer einflussreichen Person bei einer Str eitigkeit mit einem (…) tödlich verletzt habe, habe dieser ihren Bruder und ihren Cousin J._______ (Schwager) umbringen lassen. Diese Person habe auch ihren Ehemann töten wollen, weshalb er sich nicht mehr zu Hause aufgehalten habe. B.d C._______ erklärte, die Familie sei aus dem Irak ausgereist, weil zwei seiner Onkel von einem mächtigen Mann getötet worden seien. Dieser habe auch seinen Vater umbringen wollen. B.e D._______ gab zur Protokoll, die Eltern hätten ihr in der Schweiz ge- sagt, dass die beiden Onkel umgebracht worden seien und die Täter ihren Vater töten wollen. B.f E._______ führte aus, in der Schweiz habe er erfahren, dass sie wegen der Tötung der beiden Onkel durch einen einflussreichen Mann ausgereist seien. Im Irak hätten sie sich um die Sicherheit des Vaters gesorgt, da die- ser nicht viel zu Hause gewesen sei. C. Mit Verfügung vom 22. November 2018 stellte die Vorinstanz fest, die Be- schwerdeführenden und ihre Kinder erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte die Asylgesuche ab, verfügte die Wegw eisung aus der Schweiz und schob den Vollzug der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. D. Die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde hiess das Bundesver- waltungsgericht mit Urteil E -7145/2018 vom 2. Juli 2020 gut, sowe it die Aufhebung und Rückweisung der angefochtenen Verfügung beantragt wurde, hob die angefochtene Verfügung vom 22. November 2018 betref- fend die Ziffern 1 bis 3 auf und wies die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück. Zur Begründung wurde ausg eführt, die Beschwerdeführerin sei aufgrund ihres Zusammenbruchs sowie der nachfolgenden Medikamenteneinnahme an der Anhörung nicht mehr in der Lage gewesen, dieser zu folgen. Es wäre angezeigt gewesen, die Anhörung abzubrechen und einen neuen Ter- min anzusetzen. Zudem wäre es geboten gewesen, in der angefochtenen Verfügung auf die Bemerkungen der Hilfswerksvertretung betreffend den Beschwerdeführer sowie C._______ einzugehen. Das Gericht kam zum E-5715/2020 Seite 4 Schluss, dass die Vorinstanz den Untersuchungsgrundsatz gemäss Art. 12 VwVG verletzt habe. E. Am 25. September 2020 hörte die Vorinstanz die Beschwerdeführerin er- gänzend zu den Asylgründen an. Sie gab zu Protokoll, ein einflussreicher «Chef» habe aus Blutrache ihren Bruder sowie einen Bruder ihres Ehe- mannes umbringen lassen. Dieser habe auch ihren Mann töten lassen wol- len, weshalb sie ausgereist seien. Die Frauen seien wegen dieses «Chefs» nicht in Gefahr gewesen. F. Mit Verfügung vom 22. Oktober 2020 stellte die Vorinstanz fest, die Be- schwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und schob den Vollzug wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufige n Aufnahme auf. G. Mit Eingabe vom 16. November 2020 erhoben die Beschwerdeführend en gegen diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache der Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung zurückzuwei- sen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, die Flücht- lingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft fest- zustellen und sie seien weiterhin vorläufig aufzunehmen. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. Sie seien weiter von der Be- zahlung der Verfahrenskosten zu befreien. Eventualiter sei ihnen eine an- gemessene Frist zur Bezahlung eines Gerichtskostenvo rschusses anzu- setzen. H. Mit Zwischenverfügung vom 3. Dezember 2020 hiess die Instruktionsrich- terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud die Vor - instanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. E-5715/2020 Seite 5 I. In der Vernehmlassung vom 18. Dezember 2020 schloss die Vorinstanz auf Abweisung der Beschwerde. Das Gericht stellte den Beschwerdefüh- renden die Vernehmlassung am 29. Dezember 2020 zur Kenntnisnahme zu. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 2. 2.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. E-5715/2020 Seite 6 3. 3.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Flüchtlingseigen- schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs- vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Beschwerde- führenden und ihre Kinder in der Schweiz vorläufig aufgenommen hat. 3.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 4. Zunächst ist auf die formellen Rügen in der Beschwerde einzugehen, da diese bei berechtigtem Vorbringen zur Kas sation der angefochtenen Ver- fügung führen können. 5. 5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpun kt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü- fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein- lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi- derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 5.2 Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Vorinstanz habe das rechtliche Gehör verletzt, indem sie die Anmerkungen der HWV anlässlich der Anhörung des Sohnes C._______ unzureichend berücksichtigt habe. Es trifft zu, dass die Vorinstanz lediglich kurz auf die Bemerkungen der HWV betreffend die Anwesenheit der Beschwerdeführerin bei C._______ Anhörung eingegangen ist. Die Vorinstanz hielt fest, die Anmerkungen der HWV änderten nichts an der Einschätzung, wonach die Kinder im Irak nicht gefährdet ge wesen seien. Allerdings zeigen die B eschwerdeführenden nicht auf , inwiefern durch diese Schlussfolgerung eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vorliegt. Eine solche ist nicht ersichtlich. 5.3 Weiter monieren die Beschwerdeführenden, die Vorinstanz habe nicht erwähnt, dass der Beschwerdeführer bei der Anhörung Bilder des «Chefs» gezeigt habe. Es sei offensichtlich, dass sie die Bilder zu den Akten hät te E-5715/2020 Seite 7 nehmen müssen. Zudem habe die Vorinstanz die Beweismittel nicht um- fassend gewürdigt. Die Vorinstanz ist nicht verpflichtet, sich zu allen Einzelheiten zu äussern. Aufgrund der Akten ergibt sich sodann, dass der Beschwerdeführer anläss- lich der Anhörung gefragt wurde, wer auf den gezeigten Bildern zu sehen sei. Darauf konnte er keine konkrete Antwort geben, sondern beschränkte sich auf vage Ausführungen (vgl. SEM -Akte A43/16 F54 f.). Insofern be- stand für die Vorinstanz keine Veranlassung, die Bilder ins Dossier aufzu- nehmen, zumal es den Beschwerdeführenden im Rahmen ihrer Mitwir- kungspflicht auch zumutbar ge wesen wäre, die Bilder auszudrucken und einzureichen, was sie nicht getan haben. Inwiefern die Vorinstanz die ein- gereichten Beweismittel sodann nicht umfassend gewürdigt haben soll, wird in der Beschwerde nicht begründet. Die Vorinstanz hat in der ange- fochtenen Verfügung Bezug auf diese genommen und insbesondere fest- gestellt, die Todesurkunden seien nicht geeignet, die Vorbringen zu bele- gen. Die Rüge geht fehl. 5.4 Im Weiteren liegt nach Ansicht der Beschwerdeführenden deshalb eine Verletzung des rechtlichen G ehörs vor, weil aus dem Aktenverzeichnis nicht hervorgehe, ob die Vorinstanz die Akten der in der Schweiz lebenden Angehörigen tatsächlich beigezogen habe. In der angefochtenen Verfügung hat die Vorinstanz explizit festgehalten, dass die Dossiers der Verwandten konsultiert wurden. Dabei kam sie zum Schluss, diesen seien keine Informationen zu entnehmen gewesen, wel- che die Vorbringen der Beschwerdeführenden ergänzt oder gestützt hät- ten. Die Rüge ist unbegründet. 6. 6.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge- listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtswesentlichen Sachumstän de berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). E-5715/2020 Seite 8 6.2 Die Beschwerdeführenden bringen vor, die Vorinstanz habe die Abklä- rungspflicht verletzt, da die Anhörungen erst über zwei Jahre nach der Ein- reichung der Asylgesuche durchgeführt worden seien. Grundsätzlich ist es wünschenswert, dass zwischen der Einreichung des Asylgesuchs und der Anhörung nicht zu viel Zeit liegt. Vorliegend legen die Beschwerdeführenden aber nicht dar, in welcher Hinsicht der rechtserheb- liche Sachverhalt aufgrund der Verfahrensdauer falsch oder unvollständig festgestellt wurde. Im Übrigen hätte es ihnen offen gestanden, eine Rechts- verzögerungsbeschwerde einzureichen. Die Rüge geht fehl. 6.3 Weiter bemängeln die Beschwerdeführenden, die Beschwerdeführerin habe die Anhörung von C._______ negativ beeinflusst. Zudem habe des- sen Anhörung erst um 16.15 Uhr begonnen, mithin habe er sieben Stunden warten müssen. Bei Anhörungsbeginn habe er darauf hingewiesen, dass er müde sei. Die Beschwerdeführenden zeigen nicht auf, inwiefern die genannten Um- stände in einer unvollständigen oder falschen Sachverhaltsfeststellung re- sultiert haben. Entsprechendes ist auch nicht ersichtlich. Die Beschwerde- führerin äusserte sich bloss zu Beginn und am Ende der Anhörung (vgl. SEM-Akte A37/10 F3 und F67). Während der Befragung von C._______ sind keine Wortmeldungen der Beschwerdeführerin protokolliert. Die An- hörung von C._______ diente vor allem dazu, abzuklären, ob er persönlich Probleme hatte. Trotz Müdigkeit und der Anwesenheit der Beschwerdefüh- rerin war er in der Lage zu erklären, dass er selbst keine Schwierigkeiten hatte und die Familie wegen des Vaters ausgereist sei (vgl. SEM -Akte A37/10 F54 und F66). 6.4 Schliesslich machen die Beschwerdeführenden geltend, die Vorinstanz habe die Anmerkungen der HWV bezüglich der Müdigkeit und Verwirrtheit des Beschwerdeführers bei dessen Anhörung unzureichend in die Begrün- dung des Asylentscheides miteinbezogen . Eine weite re Anhörung hätte sich aufgedrängt. Auch bei diesem Punkt unterlassen es die Beschwerdeführenden zu be- gründen, in welcher Hinsicht der rechtserhebliche Sachverhalt unvollstän- dig respektive falsch festgestellt wurde. Dem Anhörungsprotokoll lassen sich zudem keine Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass der Beschwerde- führer aufgrund seiner Verfassung nicht in der Lage gewesen wäre, der Anhörung zu folgen und die Fragen wahrheitsgetreu zu beantworten. Aus E-5715/2020 Seite 9 der angefochtenen Verfügung geht ferner hervor, dass die Vorinstanz be- gründete, weshalb die Anmerkungen der HWV an der Einschätzung nichts änderten. So hielt sie fest, selbst unter Berücksichtigung der Müdigkeit wä- ren mit Realkennzeichen versehene Schilderungen zu erwarten gewesen. Eine erneute Anhörung des Beschwerdeführers war nicht erforderlich. Die Rüge ist unbegründet. 7. Insgesamt besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache (erneut) an die Vorinstanz zurückzuweisen. Da keine Bundesrechtsverletzung vorliegt, ist eine Verlet- zung des Willkürverbotes gemäss Art. 9 BV ausgeschlossen. 8. 8.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf- gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat - oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. 8.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub- haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.). 9. 9.1 In der angefochtenen Verfügung gelangt die Vorinstanz zum Schluss, die Vorbringen der Beschwerdeführenden genügten den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht. Die Drohungen hätten sie erst anlässlich der Anhörung und nicht bereits bei der BzP erwähnt. Das Nachschieben der Vorbringen erwecke erste grosse Zweifel an den geltend gemachten Asylgründen. Der Beschwerdeführer sei zudem nicht in der Lage gewesen, substantiiert von den Drohungen zu erzählen. Er sei den Fragen ausgewichen und habe oberflächlich geantwortet. Die Angaben zur Person, die ihn bedroht haben soll, seien allgemein ausgefallen und hätten sich in kurzen sowie stereotypen Sätzen erschöpft. An dieser Einschätzung E-5715/2020 Seite 10 änderten die Anmerkungen der HWV betreffend dessen Müdigkeit und Ver- wirrtheit nichts. Auch wenn die Erklärungen des Beschwerdeführers von einer gewissen Einfachheit geprägt gewesen seien, sei er fähig gewesen, ihm gestellte Fragen korrekt zu beantworten. Indes fehlten seinen Darle- gungen persönliche Details. Auch unter Berücksichtigung der Müdi gkeit wäre zu erwarten gewesen, dass er die Drohungen mit Realkennzeichen hätten schildern können. Die Beschwerdeführerin und die Kinder hätten keine genaueren Angaben über die Probleme des Beschwerdeführers ma- chen können. Die Beschwerdeführerin leide an einer schweren psychischen Störung. Bei der ersten Anhörung sei sie zusammengebrochen und habe in der Folge Beruhigungsmittel eingenommen. Anlässlich der ergänzenden Anhörung habe sie einen erneuten Zusammenbruch erlitten. Auf ihren eindringlichen Wunsch hin sei die Rückübersetzung gleichentags abgeschlossen worden. Trotz ihrer psychischen Probleme und der schwierigen Anhörungsum- stände sei anzunehmen, sie sei in der Lage gewesen, auszudrücken, dass sie in ihrer Heimat nicht gefährdet gewesen sei. Die wesent lichen, wenn auch vagen Angaben im Rahmen der beiden Anhörungen stimmten über- ein. Aus dem Arztbericht vom 22. Mai 2017 gehe zudem hervor, dass die Beschwerdeführerin nach Zusammenbrüchen jeweils nach fünf bis zehn Minuten reorientiert sei . Der Wunsch, die Befragung gleichentags abzu- schliessen, zeige, dass sie sich in der Lage gefühlt habe, dieser zu folgen. Die Aussagen der Beschwerdeführerin und der Kinder, wonach sie selbst nicht gefährdet gewesen seien , deckten sich mit jenen des Beschwerde- führers. Dieser Einschätzung vermöge die Anmerkung der HWV, die Anwe- senheit der Beschwerdeführerin bei der Anhörung von C._______ sei nicht optimal gewesen , nichts entgegenzusetzen . Da die Beschwerdeführerin und die Kinder übereinstimmend ausgesagt hätten, sie hätten keine Prob- leme gehabt, erübrige sich eine vertiefte Glaubhaftigkeitsprüfung sowie eine Befragung des Sohnes F._______. Zur Entscheidfindung seien die Dossiers der Familienangehörigen konsul- tiert worden (N […], N […], N […], N […], N […], N […], N […], N […]). Diesen seien keine Informationen zu entnehmen gewesen, welche die Vor- bringen gestützt oder ergänzt hätten. Die Vorbringen des Cousins, der in der Schweiz Asyl erhalten habe, würden sich von den vorliegenden unter- scheiden. E-5715/2020 Seite 11 An dieser Einschätzung änderten die eingereichten Beweismittel nichts. Die Todesurkunden belegten keine gezielt gegen den Beschwerdeführer gerichtete Verfolgung. 9.2 In der Rechtsmitteleingabe rügen die Beschwerdeführenden eine Ver- letzung von Art. 3 sowie Art. 7 AsylG. Anlässlich der BzP h abe der Be- schwerdeführer Angst davor gehabt, von den Problemen mit dem «Chef» zu berichten, was auch durch die Aussagen der Beschwerdeführerin unter- mauert werde. Die Vorinstanz habe ihn zwar auf die Verschwiegenheits- pflicht hingewiesen. Dabei habe sie aber dem Umstand zu wenig Rech- nung getragen, dass er Analphabet sei. Der Beschwerdeführer habe das fluchtauslösende Ereignis derart ausführlich geschildert, wie es nach zwei- einhalb Jahren habe erwartet werden können. Die Vorinstanz habe es un- terlassen, eine Gesamtwürdigung vorzunehmen. Ferner sei zu berücksich- tigen, dass die HWV darauf hingewiesen habe, der Beschwerdeführer habe müde sowie verwirrt gewirkt. Dass die Kinder nichts über die Drohun- gen hätten berichten können, sei darauf zurückzuführen, dass der Be- schwerdeführer nicht mit ihnen darüber gesprochen habe. Die Beschwer- deführerin habe, soweit es ihr angesichts ihres Zustandes möglich war , über die Probleme berichtet. Zu beachten sei, dass die ergänzende Anhö- rung am 25. September 2020 für die Beschwerdefü hrerin eine ausserge- wöhnliche Belastung dargestellt habe. Es wäre schlimm für sie gewesen, eine weitere Anhörung zu erleben, weshalb sie die Anhörung vom 25. Sep- tember 2020 unbedingt zu Ende habe bringen wollen. Die Vorinstanz habe zudem die ausführlichen Notizen der HWV missachtet. Es sei absurd, dass die Vorinstanz angesichts des erneuten Zusammenbruchs von der Ver- wertbarkeit des Protokolls sowie der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen aus- gehe. Sie seien im Irak vom politisch einflussreichen «Chef» und seinen Männern gezielt in asylrelevanter Weise verfolgt worden. Bei einer Rückkehr in den Irak würden sie getötet werden. Die irakischen Behörden wären nicht schutzfähig und- willig. Zwischenzeitlich habe ein weiterer Cousin aus den- selben Gründen in K._______ Asyl erhalten. Ihnen drohe seinetwegen Re- flexverfolgung. 9.3 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, neuartige, folgenrei- che sowie emotional bedeutsame Erfahrungen würden gemäss Erkennt- nissen der Aussagepsychologie verhältnismässig gut im Gedächtnis abge- speichert. Das Kerngeschehen wichtiger autobiographischer Ereignisse sei längerfristig abrufbar, soda ss in der Regel Angaben dazu möglich E-5715/2020 Seite 12 seien, selbst wenn die Ereignisse einige Zeit zurückliegen würden. Die Aussagen des Beschwerdeführers wiesen aber nicht die Qualität auf, wel- che von ihm – in Anbetracht seiner individuellen Fähigkeiten – zu erwarten gewesen wären. 10. 10.1 Zunächst ist auf die Vorbringen betreffend die Verwertbarkeit des Pro- tokolls der ergänzenden Anhörung der Beschwerdeführerin einzugehen. Die HWV hat in ihrem Bericht festgehalten, die Beschwerdeführerin habe teilweise Mühe gehabt mit der Anhörungssituation und bei der Glaubhaftig- keitsprüfung seien der psychische Zustand sowie der Bildungsstand zu be- rücksichtigten. Wie sich dem Anhörungsprotokoll entnehmen lässt, war die Befragerin der Vorinstanz darum bemüht, die Befragungssituation für die Beschwerdeführerin möglichst angenehm zu gestalten. So wies die Befra- gerin die Beschwerdeführerin darauf hin, sie solle so gut wie möglich er- zählen und mitteilen, wenn sie sich unwohl fühle oder eine Pause brauche (vgl. SEM-Akte A70/18 F1, F14, F43). Im Lau fe der Anhörung erkundigte sie sich nach dem Befinden der Beschwerdeführerin (vgl. a.a.O. F41). Zu- dem wurden mehrere Pausen eingelegt (vgl. a.a.O. S. 6, S. 8, S. 10). Den- noch erlitt die Beschwerdeführerin anlässlich der Rückübersetzung wiede- rum einen Zusammenbruch (vgl. a.a.O. S. 14). Auf ihren eindringlichen Wunsch und ihre Bestätigung, es gehe ihr besser und sie sei in der Lage, die Anhörung fortzusetzen, wurde dies gemacht. Wie aus der angefochte- nen Verfügung hervorgeht, ist die Vorinstanz auf die psychischen Probleme der Beschwerdeführerin eingegangen und hat diese bei der Würdigung der Vorbringen berücksichtigt. Mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass die Be- schwerdeführerin trotz ihrer gesundheitlichen Verfassung in der Lage ge- wesen ist, zu erklären, im Irak persönlich keiner Gefährdung ausgesetzt gewesen zu sein (vgl. SEM-Akte a.a.O. F35, F46). Dem Protokoll lässt sich nicht entnehmen, dass sie der Befragung insgesamt nicht hat folgen kön- nen. Wie aus dem Arztbericht vom 22. Mai 2017 hervorgeht (Beweismittel 6), gab die Beschwerdeführerin im Rahmen der Anamnese an, sie sei nach einem Zusammenbruch nach fünf bis zehn Minuten reorientiert. Auch die HWV hat keine grundsätzlichen Einwände gegen die Durchführung der An- hörung vorgebracht. Wie di e Beschwerdeführenden sowie C._______, D._______ und E._______ übereinstimmend angaben, sei die Familie we- gen den Problemen des Beschwerdeführers ausgereist (vgl. SEM -Akte a.a.O. F35, F47, A37/10 F54, A38/12 F70, A39/10 F61 ff. sowie A43/16 F40 ff.), insofern sind vor allem seine Schilderungen relevant. Die Vorinstanz hat sich denn auch bei der Begründung der Unglaubhaftigkeit der Verfol- gungsvorbringen im Zusammenhang mit dem «Chef» hauptsächlich auf E-5715/2020 Seite 13 seine Darlegungen gestützt und auf eine vertiefte Glaubhaftigkeitsprüfung der Aussagen der Beschwerdeführerin verzichtet. Vor diesem Hintergrund ist das Vorgehen der Vorinstanz nicht zu beanstanden und das Protokoll der ergänzenden Anhörung der Beschwerdeführerin kann im vorliegenden Verfahren verwendet werden. 10.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist bei der Beurteilung der Asylgründe nicht an die Begründung der Vorinstanz gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus anderen Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen (sog. Motivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2019, N. 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, S. 398, Rz. 1136). 10.3 Gemäss den Ausführungen der Beschwerdeführenden sind die Prob- leme mit dem «Chef» auf einen familiären Konflikt zurückzuführen. Sie ga- ben übereinstimmend an, ein Angehöriger des «Chefs» sei vor langer Zeit durch den Bruder der Beschwerdeführerin tödlich verletzt worden. Der «Chef» habe sich dafür rächen wollen und deshalb diesen sowie einen Bruder des Beschwerdeführers umbringen lassen (vgl. SEM-Akte A43/16 F40 sowie A70/18 F35 f. und F59). Da der Beschwerdeführer bedroht wor- den sei, hätten sie befürchtet, er werde ebenfalls getötet (vgl. SEM -Akte A43/16 F4 1, F46 und A70/18 F47 ). Der Hintergrund des Handel ns des «Chefs» war demnach Rache. Diese stellt aber kein flüchtlingsrechtlich re- levantes Motiv nach Art. 3 AsylG dar, namentlich Rasse, Religion, Nationa- lität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen. Dass es sich beim «Chef» um eine einflussreiche Persön- lichkeit handeln soll, spielt dabei keine Rolle. Unabhängig von der Glaub- haftigkeit erweisen sich die Vorbringen der Beschwerdeführenden dem- nach als nicht asylrelevant . Angesichts der verfügten vorläufigen Auf- nahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ist auch nicht zu prüfen, ob die geltend gemachten Asylgründe der Zulässigkeit des Weg- weisungsvollzugs entgegenstehen könnten. 10.4 Soweit die Beschwerdeführenden schlie sslich vorbringen, ihnen drohe wegen des Cousins, der in K._______ Asyl erhalten habe, Reflexver- folgung, substantiieren sie dieses Vorbringen nicht ansatzweise. Einerseits ist die Asylgewährung des Cousins weder belegt noch äussern sich die E-5715/2020 Seite 14 Beschwerdeführenden weiter zu den Umständen von dessen Flucht. An- dererseits haben sie im Laufe des Verfahrens nie eine konkrete Gefähr- dung seinetwegen erwähnt. 10.5 Zusammenfassend ist es den Beschwerdeführenden nicht gelungen, die Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder gl aubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat die Asylgesuche zu Recht abgelehnt. 11. 11.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 11.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrecht- liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 12. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfü gung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 13. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen in- des mit Zwischenverfügung vom 3. Dezember 2020 die unentgeltliche Pro- zessführung gewährt wurde und keine massgebende Veränderung der fi- nanziellen Verhältnisse ersichtlich ist, sind keine Verfahrenskosten zu er- heben (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-5715/2020 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Barbara Balmelli Michelle Nathalie Nef Versand: