<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 50" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 50</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">309</span> </div> <div class="page" id="S309"> <div role="main"> <span class="text"><b>I. Anwaltsrecht </b></span><br/> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>50 </b> <b>Art. 12 lit. a BGFA</b></span><br/> <span class="text">Verletzung der Berufspflichten; unzulässige direkte Kontaktaufnahme</span><br/> <span class="text">mit der anwaltlich vertretenen Gegenpartei. Keine Gründe ersichtlich,</span><br/> <span class="text">welche ein solches Verhalten ausnahmsweise rechtfertigen könnten. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid der Anwaltskommission vom 31. Mai 2019</span><br/> <span class="text">(AVV.2018.1), i.S. Aufsichtsanzeige</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">4.</span><br/> <span class="text">4.1.</span><br/> <span class="text">Dem beanzeigten Anwalt wird zudem vorgeworfen, in unzuläs-</span><br/> <span class="text">siger Weise direkt mit der Gegenpartei (Anzeigerin 2) Kontakt auf-</span><br/> <span class="text">genommen zu haben, die aber ihrerseits (wieder) durch einen Anwalt</span><br/> <span class="text">(den Anzeiger 1) vertreten worden sei (vgl. Anzeige).</span><br/> <span class="text">4.2. (...)</span><br/> <span class="text">4.3. (...) Eine direkte Kontaktaufnahme mit der Gegenpartei,</span><br/> <span class="text">die durch einen Anwalt vertreten ist, stellt grundsätzlich einen</span><br/> <span class="text">Verstoss gegen die Pflicht zur sorgfältigen und gewissenhaften Aus-</span><br/> <span class="text">übung des Anwaltsberufs im Sinne von Art. 12 lit. a BGFA dar. Um-</span><br/> <span class="text">geht ein Anwalt seine Berufskollegen, indem er mit der Gegenpartei</span><br/> <span class="text">direkt in Kontakt tritt, führt dies zu einer Gefährdung des Vertrau-</span><br/> <span class="text">ensverhältnisses zwischen dieser und ihrem Rechtsvertreter. Mittel-</span><br/> <span class="text">bar werden damit das Vertrauen in den gesamten Anwaltsstand und</span><br/> <span class="text">damit die Interessen des rechtsuchenden Publikums überhaupt in</span><br/> <span class="text">Mitleidenschaft gezogen (vgl. WALTER FELLMANN in: WALTER</span><br/> <span class="text">FELLMANN/GAUDENZ G. ZINDEL [Hrsg.], Kommentar zum Anwalts-</span><br/> <span class="text">gesetz, 2. Auflage, Zürich 2011, Art. 12 N 51a). Nach Auffassung</span><br/> <span class="text">des Bundesgerichts sind Ausnahmen möglich, wenn sich eine direkte</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">310</span> </div> <div class="page" id="S310"> <div role="main"> <span class="text">Kontaktaufnahme mit der Gegenpartei aufdrängt. Zu denken ist etwa</span><br/> <span class="text">an Fälle besonderer Dringlichkeit, in denen es nicht möglich ist, den</span><br/> <span class="text">Rechtsvertreter der Gegenpartei rechtzeitig zu erreichen. Weiter ist</span><br/> <span class="text">ein Direktkontakt beispielsweise zulässig, wenn die Gegenpartei den</span><br/> <span class="text">Kontakt selber sucht oder andere triftige Gründe vorliegen (vgl. Ur-</span><br/> <span class="text">teil des Bundesgerichts 2P.156/2006 sowie 2A.355/2006 vom 8. No-</span><br/> <span class="text">vember 2006, E. 4.2; FELLMANN, BGFA-Kommentar, a.a.O.,</span><br/> <span class="text">Art. 12 N 51, 51c).</span><br/> <span class="text">5.</span><br/> <span class="text">5.1.</span><br/> <span class="text">Das fragliche Schreiben vom 20. September 2016 richtete der</span><br/> <span class="text">beanzeigte Anwalt direkt an seine ehemalige Klientin (vgl. Beilage 5</span><br/> <span class="text">zur Anzeige). Diese wurde zu diesem Zeitpunkt im Zusammenhang</span><br/> <span class="text">mit dem Honorarstreit (VZ.2015.16) vom Anzeiger 1 anwaltlich ver-</span><br/> <span class="text">treten (vgl. Beilage 4 zur Anzeige). Der beanzeigte Anwalt hatte seit</span><br/> <span class="text">dem 22. August 2015 Kenntnis vom Mandatsverhältnis (vgl.</span><br/> <span class="text">Stellungnahme vom 6. März 2018, S. 8; Beilagen 37 und 38 zur</span><br/> <span class="text">Stellungnahme vom 6. März 2018). Damit hat er die im Honorarstreit</span><br/> <span class="text">anwaltlich vertretene Gegenpartei (Anzeigerin 2) direkt kontaktiert;</span><br/> <span class="text">dies, obwohl er vom Vertretungsverhältnis wusste.</span><br/> <span class="text">5.2.</span><br/> <span class="text">5.2.1. - 5.2.3. (...)</span><br/> <span class="text">5.2.4. Obschon der beanzeigte Anwalt im Betreff ("Strafsache</span><br/> <span class="text">ST.2015.2880 AGZ 45 Js 3977/16") und auch im ersten Abschnitt</span><br/> <span class="text">("In obiger Angelegenheit ist das Vorgehen der Staatsanwaltschaft</span><br/> <span class="text">München II zwischenzeitlich weit vorgeschritten.") des Schreibens</span><br/> <span class="text">vom 20. September 2016 auf das hängige Strafverfahren in Deutsch-</span><br/> <span class="text">land Bezug nimmt, geht es doch auch, wenn nicht sogar primär da-</span><br/> <span class="text">rum, die offene Honorarforderung im Sinne einer aussergerichtlichen</span><br/> <span class="text">Einigung zu erledigen. Auch im beigelegten Vergleichsvorschlag</span><br/> <span class="text">geht es um den Aufwand, der durch die notwendigen anwaltlichen</span><br/> <span class="text">und übrigen Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Geltendmachung</span><br/> <span class="text">der Honorarforderung verursacht worden ist (vgl. Beilage 5 zur An-</span><br/> <span class="text">zeige, S. 2 des Vergleichsvorschlags). (...) Demnach ging es entge-</span><br/> <span class="text">gen den Ausführungen des beanzeigten Anwalts nicht nur um ein</span><br/> <span class="text">neues eigenständiges Verfahren, in welchem die Anzeigerin 2 nicht</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">311</span> </div> <div class="page" id="S311"> <div role="main"> <span class="text">anwaltlich vertreten war. Vielmehr wollte der beanzeigte Anwalt</span><br/> <span class="text">(auch) den Honorarstreit aussergerichtlich erledigen. Aber genau in</span><br/> <span class="text">dieser Angelegenheit war die Anzeigerin 2 anwaltlich vertreten, was</span><br/> <span class="text">dem beanzeigten Anwalt, wie gezeigt (vgl. vorne, Ziff. 5.1), auch be-</span><br/> <span class="text">kannt war.</span><br/> <span class="text">5.2.5.</span><br/> <span class="text">Schliesslich ist noch - unter dem Aspekt der unzulässigen Be-</span><br/> <span class="text">einflussung der Gegenpartei - festzuhalten, dass der beanzeigte An-</span><br/> <span class="text">walt die Anzeigerin 2, obwohl sie grundsätzlich nicht als absolut un-</span><br/> <span class="text">beholfene Gegenpartei bezeichnet werden kann, in einer nicht unbe-</span><br/> <span class="text">deutenden Angelegenheit angeschrieben hat. Es ging um die ausser-</span><br/> <span class="text">gerichtliche Einigung u.a. für eine Forderung von CHF 13'449.50</span><br/> <span class="text">(vgl. vorne, Ziff. 5.2.3). Vorliegend ist auch der zeitliche Aspekt zu</span><br/> <span class="text">berücksichtigen; mit Schreiben vom 20. September 2016 forderte der</span><br/> <span class="text">beanzeigte Anwalt eine Antwort bis zum 30. September 2016. Auf-</span><br/> <span class="text">grund dieser Umstände bestand demnach die Gefahr einer Beein-</span><br/> <span class="text">flussung der Anzeigerin 2 und einer allenfalls unzweckmässigen Re-</span><br/> <span class="text">aktion derselben.</span><br/> <span class="text">5.3.</span><br/> <span class="text">Nach dem Gesagten gab es keinen zureichenden Grund für den</span><br/> <span class="text">beanzeigten Anwalt, die Gegenpartei (Anzeigerin 2) direkt zu kon-</span><br/> <span class="text">taktieren. Ohne weiteres hätte er zuerst an deren Rechtsvertreter</span><br/> <span class="text">(Anzeiger 1) gelangen können. Insbesondere ist keine zeitliche</span><br/> <span class="text">Dringlichkeit für die Kontaktaufnahme mit Schreiben vom 20. Sep-</span><br/> <span class="text">tember 2016 mit der Klientin des Anzeigers 1 ersichtlich. Der bean-</span><br/> <span class="text">zeigte Anwalt wäre in dieser Situation verpflichtet gewesen, vorher</span><br/> <span class="text">den Rechtsvertreter der Anzeigerin 2 zu kontaktieren und diesen</span><br/> <span class="text">allenfalls um Zustimmung zum Direktkontakt zu ersuchen. Indem er</span><br/> <span class="text">dies unterliess, verstiess er gegen das Verbot des Direktkontaktes mit</span><br/> <span class="text">einer anwaltlich vertretenen Gegenpartei. (...) Der beanzeigte An-</span><br/> <span class="text">walt hat durch seinen Direktkontakt mit der anwaltlich vertretenen</span><br/> <span class="text">Gegenpartei vom 20. September 2016 deshalb gegen Art. 12 lit. a</span><br/> <span class="text">BGFA verstossen.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>