Obergericht des Kantons Zürich I. Strafkammer Geschäfts-Nr.: SB200388-O/U/cwo Mitwirkend: die Oberrichter lic. iur. R. Naef, Präsident, lic. iur. B. Gut und lic. iur. B. Amacker sowie der Gerichtsschreiber MLaw L. Zanetti Urteil vom 23. September 2021 in Sachen A._____, Beschuldigter und I. Berufungskläger verteidigt durch Rechtsanwalt lic. iur. X._____, gegen Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland, vertreten durch Staatsanwalt Dr. iur. A. Fischbacher, Anklägerin und II. Berufungsklägerin betreffend vorsätzliche grobe Verletzung der Verkehrsregeln Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Andelfingen, Einzelgericht, vom 29. November 2019 (GG190013) - 2 - Anklage: Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 26. April 2019 (Urk. 38) ist diesem Urteil beigeheftet. Urteil der Vorinstanz: (Urk. 65) "Es wird erkannt: 1. Der Beschuldigte A._____ ist schuldig der vorsätzlichen groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1, Art. 31 Abs. 1, Art. 32 Abs. 1 SVG und Art. 4 Abs. 2 VRV. 2. Von einer Bestrafung des Beschuldigten wird abgesehen. 3. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf: Fr. 500.– Gerichtsgebühr Fr. 300.– Kosten Kantonspolizei Fr. 1'500.– Gebühr für das Vorverfahren Fr. 80.– Auslagen (Gutachten) Fr. 2'380.– Total 4. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtl ichen Verfahrens, insgesamt Fr. 2'380.–, werden dem Beschuldigten auferlegt. 5. (Mitteilungen) 6. (Rechtsmittel)." - 3 - Berufungsanträge: a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 92): 1. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der vorsätzlichen groben Verkehrsregel- verletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1, Art. 31 Abs. 1, Art. 32 Abs. 1 SVG und Art. 4 Abs. 2 VRV vollumfänglich frei zu sprechen; 2. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der vorsätzlichen Verletzung der Ver- kehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1 SVG und Art. 60 Abs. 2 und Abs. 5 VRV vollumfänglich frei zu sprechen; 3. Der Entscheid der Vorinstanz betreffend Freispruch bezüglich Verletzung der Verkehrsregelnverordnung sei zu bestätigen und es sei der Beschuldigte vom Vorwurf der vorsätzlichen Verletzung der Verkehrsregelnverordnung im Sinne von Art. 96 VRV in Verbindung mit Art. 57 Abs. 5 lit. a SVG und Art. 3a Abs. 1 VRV vollumfänglich frei zu sprechen. 4. Die Kosten der Untersuchung s owie des erstinstanzlichen Verfahrens seien vollumfänglich auf die Staatskasse zu nehmen; 5. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien vollumfänglich auf die Staat s- kasse zu nehmen. 6. Der Beschuldigte sei für das erst - und zweitinstanzliche Verfahren ang e- messen zu entschädigen. b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 95): 1. Der Beschuldigte A._____ sei zusätzlich ♦ der vorsätzlichen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1 SVG und Art. 60 Abs. 2 und Abs. 5 VRV sowie - 4 - ♦ der vorsätzlichen Verletzung der Verkehrsregelnverordnung im Sinne von Art. 96 VRV in Verbindung mit Art. 57 Abs. 5 lit. a SVG und Art. 3a Abs. 1 VRV schuldig zu sprechen. 2. Er sei mit einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu CHF 60.00 (entspr e- chend CHF 9'000.00) sowie einer Busse von CHF 1'000.00 zu bestrafen. 3. Es sei ihm der bedingte Vollzug der Geldstrafe unter Ansetzung einer Pr o- bezeit von 2 Jahren zu gewähren. 4. Es sei eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen bei schuldhafter Nichtbezah- lung der Busse festzusetzen. 5. In den übrigen Punkten sei das Urteil des Einzelgerichts Andelfingen vom 29. November 2019 (GG190013) zu bestätigen. 6. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der beschuldigten Person. Erwägungen: I. Sachverhalt und Verfahrensgang In der Nacht vom 2. Mai 2018 beschlossen die drei Mitbeschuldigten A._____ , B._____ und C._____ einen Videoclip mit einem Stunt mit einem Auto zu drehen. Die äusserst leichtsinnige Aktion ging schief und es kam zum Unfall, wobei der Beschuldigte und B.____ _ erheblich verletzt wurden. Am 7. Mai 2019 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage beim Einzelgericht des Bezirksgerichts Andelfingen (Urk. 38). Dieses sprach den Beschuldigten am 29. November 2019 für schuldig, sah aber wegen desse n Verletzungen, die er bei m Unfall erlitten hatte, von einer Bestrafung ab (Urk. 65). Am 3. Dezember 2019 und am 6. Dezember 2019 me l- deten der Beschuldigte und die Staatsanwaltschaft Berufung an (Urk. 56 und 59). Die begründete Fassung des vorinstanzlichen Urteils wurde den Parteien am 3. September 2020 zugestellt (Urk. 62/1-2). - 5 - Die Berufungserklärungen gingen hierorts innert Frist am 7. September 2020 und am 23. September 2020 ein (Urk. 66 und 68, Art. 399 Abs. 3 StPO). Mit Präsidia l- verfügung vom 14. September 2021 wurde die Staats anwaltschaft in Anwendung von Art. 333 Abs. 1 und Art. 379 StPO eingeladen, die Anklageschrift dergestalt zu ergänzen, dass die Begehungsform der Mittäterschaft – wie sie bereits die Vorinstanz annahm – explizit umschrieben werde (Urk. 84). Die ergänzte Ankl a- geschrift vom 16. September 2021 ging am 20. September 2021 hierorts ein (Urk. 86 und 88). Die Kritik der Verteidigung, dass diese Ergänzung zu kurz vor der Berufungsverhandlung vorgenommen worden sei (Urk. 92 S. 3), geht ins Leere, zumal es den Parteien spätestens seit Erhalt des begründeten Urteils des Vorinstanz bekannt war, dass auch die Mittäterschaft im vorliegenden Verfahren Prozessthema sein wird. Die Verteidigung hatte sich entsprechend ohnehin mit dieser Begehungsform auseinanderzusetzen. Zur Berufungsverhandlung erschienen der Vertreter der Staatsanwaltschaft sowie der Beschuldigte in Begleitung seines Verteidigers (Prot. II S. 5). II. Umfang der Berufungen Der Beschuldigte lässt einen Freispruch beantragen, weshalb kein Punkt des vorinstanzlichen Urteils in Rechtskraft erwachsen ist (Urk. 68 S. 3; Prot. II S. 8). Die Staatsanwaltschaft beantragt einen zusätzlichen Schuldspruch wegen Verkehrsregelverletzungen und ficht das Absehen von einer Sanktion an (Urk. 66). III. Prozessuale Verwertbarkeit des Videoclips 1. Als Beweismittel liegt unter anderem der von den Beschuldigten mit einem Mobiltelefon angefertigte Videoclip vor. Der Verteidiger des Beschuldigten machte geltend, diese Aufnahme sei prozessual nicht verwertbar (Urk. 45 S. 2, Urk . 91 S. 1 ff.). Der von ihm erwähnte Bundesgerichtsentscheid 6B_1188/2018 ist allerdings nicht einschlägig, da dort die Videoaufnahme durch eine Dashcam ei- nes anderen Fahrzeuges erfolgte. Deshalb wusste die gefilmte Person in jenem Fall weder von der Aufnahme noch gab sie dazu ihr Einverständnis. - 6 - 2. Im vorliegenden Fall erfolgte im Gegensatz dazu die Videoaufnahme im Wissen und mit Willen aller Beteiligter, insbesondere des Beschuldigten. Es war ihre Absicht und ihr Ziel, die waghalsige Aktion auf Vide o festzuhalten, um sie dann anderen Kollegen oder Personen vorz uzeigen oder selbst anschauen zu können. Wer sich selbst filmt, ist in seinen Persönlichkeitsrechten nicht verletzt. Die Ansicht, wonach die prozessuale Verwertbarkeit aufgrund Art. 4 Abs. 4 DS G das Einverständnis zur Verwendung in einem Strafverfahren voraussetze, kann nicht geteilt werden. Ansonsten wären private Videoaufnahmen nie prozessual verwertbar, denn es darf zwanglos davon ausgegangen werden, dass niemand freiwillig mit der strafrecht lichen Verwendung von Beweismitteln gegen sich ei n- verstanden wäre. Würde das Bundesgericht die Meinung der Verteidigung teilen, so hätte es dies in seinen bisherigen Entscheiden zu privaten Videoaufnahmen mit Sicherheit erwähnt , weil sich damit die vom Bundesgericht abgehandelte rechtliche Problematik im Lichte des DSG gar nicht gestellt hätte. Die Vorinstanz hat zu Recht befunden , dass d ie Beschuldigten eine Verwendung durch Strafbe- hörden im Falle eines Unfalles in Kauf nahmen (Urk. 65 S. 6 f.). 3. Beizufügen ist, dass der Sachverhalt auch ohne besagte Videoaufnahme weitestgehend erstellt ist . Der schwere Autounfall und die erheblichen Verletz - ungen der beiden Beschuldigten B._____ und A._____ wurden objektiv festg e- stellt. Die Beschuldigten haben den Sachverhalt im Wesentlichen denn auch in der Untersuchung anerkannt. IV. Sachverhalt und rechtliche Würdigung 1. Der genaue Sachverhalt kann der Anklageschrift entnommen werden. Der Beschuldigte A._____ hielt sich am Heck des Toyota Previa am Dachträger fest, die Hinterbeine aufgrund der Fahrgeschwindigkeit in der Luft flatternd, der Beschuldigte B._____ sass im geöffneten Beifahrerfenster mit den Beinen im Wageninneren und filmte die Aktion mit Blick rückwärts über das Dach. Der Fah- rer C._____ kam auf der rutschigen Schotterstrasse vom Weg ab, worauf sich das Fahrzeug überschlug und seine Kumpanen A._____ und B._____ weggeschleu- dert wurden und verletzt liegen blieben. - 7 - 2. Nicht zutreffend ist die Meinung des Verteidigers des Beschuldigten A._____, keiner der drei Beteiligten habe die anderen oder Dritte gefährden wol- len (Urk. 50 S. 2; Urk. 92 S. 19). Es war zwar nicht ihr primäres Ziel, verletzt zu werden oder jemanden zu verletz en. Der "Kick" an der waghalsigen Aktion lag aber in einer Gefährdung, denn ansonsten wäre der Vide oclip auch nicht "cool" gewesen. Echte Stunts beinhalten immer eine Gefährdung. Eine Stuntfahrt, wie sie die Beschuldigten beabsichtigt haben, beinhaltet entsprechend zwangsläufig auch Verletzungen der Verkehrsregeln. Würde man vereinbaren, auf einem dun k- len und dem Fahrer unbekannten Feldweg angemessen zu fahren, könnte daraus kein Stuntvideo resultieren, wäre die zu fahrende Geschwindigkeit doch viel zu tief. Entsprechend ist auch nicht ersichtlich, inwiefern Stuntfahrten im öffentlichen Verkehr überhaupt je unter Einhaltung der Verkehrsregeln möglich sein sollen. Der Tatentschluss der Beschuldigten umfasste mit dem Vorhaben, eine Stuntfahrt zu machen, auch die dazu notwendigen Verletzungen der Verkehrsregeln und die damit einhergehende Gefährdung. Direkter Vorsatz ist deshalb gegeben. 3. Letztlich ohne Bedeutung sind Ausführungen und Spekulationen über das Anstacheln des Beschuldigten gegenüber dem Fahrer C._____ , er solle schneller fahren (vgl. Urk. 94 S. 4 ff.). Es kann nicht nachvollzogen werden, weshalb es den Beschuldigten entlasten sollte, dass C._____ diese Aufforderung zum schneller Fahren nicht gehört haben soll. Zumindest in subjek tiver Hinsicht hat der B e- schuldigte damit die Aktion noch angeheizt. Es spi elt rechtlich aber ohnehin keine Rolle, ob der Fahrer diese Aufforderung gehört habe oder nicht. Es ist unbestri t- ten, dass das Vorhaben gemeinsam geplant war, ja wegen der schlechten Video- qualität beim ersten Versuch sogar nochmals wiederholt wurde. Alle waren damit einverstanden und alle feuerten sich gegenseitig an, sei es ausdrücklich oder konkludent. Die Jauchzer und das Lachen der Beteiligten während der ganzen Aktion sprechen eine eindeutige Sprache: jugendlicher Leichtsinn und kollektiver Übermut war die Triebfeder . Dass einer der Beteiligten die Führungsrolle über- nommen hatte und sozusagen die beiden anderen zur leichtsinnigen Aktion über- redet habe, kann ebenso wenig gesagt werden wie, dass einer davon abgeraten hat. Dies belegt auch die Schilderung des Beschuldigten A._____, dass C._____ in erster Linie deshalb die Rolle als Fahrer übernommen habe, da er als einziger - 8 - im Besitz eines gültigen Fahrausweises gewesen sei (vgl. Urk. 89 S. 6). Bezeich- nend für das gemeinschaftliche Vorgehen ist im Übrigen a uch, dass der Beschul- digte A._____ nicht sagen kann, wer seiner Ansicht nach Schuld am Unfall ist (Urk. 89 S. 6). Weiter ist zu bemerken, dass es dem Beschuldigten A._____ je- derzeit möglich gewesen wäre, verbal oder durch Gesten einen Abbruch des Stunts zu verlangen, woraufhin dies B._____ dem Fahrer hätte mitteilen können . Eine solche Äusserung des Beschuldigten A._____ erfolgte aber nicht. Vielmehr war er während der gesamten Stuntfahrt mit dem Vorgehen einver standen. Es ist entsprechend von einem gemeinschaftlichen Willen und somit von Mittäterschaft auszugehen. Es kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwie- sen werden (Urk. 65 S. 16 - 20). 4.1. Gemäss Art. 30 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 60 Abs. 2 VRV darf der Führer eines Motorfahrzeuges Personen nur auf den dafür eingerichteten Plätzen mitführen. Zudem ist das Hinauslehnen aus dem Fahrzeug gemäss Art. 60 Abs. 5 VRV untersagt. Weder der Beschuldigte A._____ noch B._____ sassen auf den Sitzen des Fahrzeuges, weshalb beide Tatbestände erfüllt sind. 4.2. Gemäss Art. 31 Abs. 1 SVG muss der Führer eines Fahrzeuges dieses ständig so beherrschen, dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann. Dabei hat er laut Art. 32 Abs. 1 SVG die Geschwindigkeit den konkreten Verhäl t- nissen anzupassen. Der gekieste Schotterweg, auf welchem die Beschuldigten ih- re leichtsinnige Aktion durchführten, war für die konkret gefahrene Geschwindi g- keit in völliger Dunkelheit nicht geeignet. Als Folge davon verlor C._____ die Herrschaft über das Fahrzeug. Auch diese beiden Tatbestände sind erfüllt. 4.3. Die Beschuldigten A._____ und B._____ trugen während der Aktion keine Sicherheitsgurte. Damit verstiessen sie gegen die entsprechende Vorschrift über die Gurtentragpflicht von Art. 57 Abs. 5 lit. a SVG in Verbindung mit Art. 3a Abs. 1 VRV. 4.4. Alle geschilderten Verkehrsregelverletzungen stehen in engem , untrennba- ren Zusammenhang und sind letztlich Folge der gewollten leichtsinnigen und l e- bensgefährlichen Aktion. Eine Auft eilung in einzelne Gesetzesverstösse hinsich t-- 9 - lich der Schwere der Gefährdung und des Verschuldens wäre rein künstlich. Des- halb ist insgesamt von einer vorsätzlichen groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG auszugehen. 5. Der Beschuldigte ist deshalb im Sinne der genannten Bestimmungen schul- dig zu sprechen. V. Absehen von einer Bestrafung nach Art. 54 StGB 1. Bei der Frage des Absehen von einer Bestrafung gestützt auf Art. 54 StGB besteht in nicht unerheblichem Masse ein richterliches Ermessen, weil zahlreiche Fallkonstellationen denkbar sind, die sich nicht oder oft sehr schlecht miteinander vergleichen lassen. Ein gänzliches Absehen von einer Strafe kommt zwar nic ht nur in Extremfällen in Frage, aber immerhin nur dort, w o eine Bestrafung gerade- zu unangemessen erscheint (BSK StGB II-Riklin, N 6 und 39 zu Art. 54). 2. Der Beschuldigte zog sich folgende Verletzungen zu (Arztbericht KSW, Urk. 11/4): - mehrteiliger Luxationsbruch des linken Sprunggelenkes mit grossflächigem Knorpelschaden der Gelenksfläche zum oberen Sprunggelenk i m Schulterbe- reich und einen Bruch des Sprunggelenkes am Fuss, - unverschobener Bruch des grossen Muskelansatzes an der linken Schulter mit knöchernem Ausriss an der Pfanne - unverschobene Schlüsselbeinbrüche beidseits. Die Schlüsselbein- und Schulterverletzungen wurden konservativ versorgt. D er Sprunggelenkbruch musste operativ behandelt werden. Der intra- und postopera- tive Verlauf gestaltete sich problemlos (Urk. 11/2). Langfristig ist im Bereich des Sprunggelenkes mit einer posttraumatischen Arthrose zu rechnen (Urk. 11/4). Abgesehen von einer altersmässig verfrüht eintretenden Arthrose im Fuss, was in sportlicher Hinsicht mit Einschränkungen verbunden ist, deren Tragweite alle r- dings wiederum vom individuellen Lebensstil und den sportlichen Neigungen ab- hängt, hat der Beschuldigte deshalb keine längerfristigen gesundheitlichen Folgen - 10 - zu tragen, welche die Lebensqualität erheblich mindern (vgl. auch Urk. 89). Von einer schweren Einschränkung, wie beispiels weise bei einer Querschnittlähmung, einer bleibenden Entstellung des Gesichts oder einer dauernden Unbrauchbarkeit oder Amputation eines Körpergliedes, kann deshalb nicht gesprochen werden. 3. In Bezug auf das Verschulden fällt in Betracht, dass der Beschuldigte nicht bloss fahrlässig handelte, sondern die waghalsige Aktion zusammen mit seinen beiden Kollegen ganz bewusst ausführte. Die herrschende Lehre spricht sich für eine restriktive Anwendung des Strafverzichts bei Vorsatzdelikten aus (vgl. BSK StGB II-RIKLIN, N 41 zu Art. 54). Zu Gunsten des Beschuldigte ist in die Waag- schale zu werfen, dass er im Tatzeitpunkt erst 19- jährig war und insofern gemein- hin von jugendlichem Leichtsinn gesprochen wird. Allein der Wegfall des Strafmi l- derungsgrundes des jugendlichen Alters bei der Revision des allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches dokumentiert allerdings, dass der Gesetzgeber dem jugendlichen Alter bei Delinquenz keine entscheidende Bedeutung mehr beimes- sen wollte. 4. Insgesamt sind die erlittenen Verletzungen des Beschuldigten deshalb nicht mit solch schweren Folgen für ihn verbunden, als dass eine Bestrafung geradezu unbillig erschiene. Diese m Umstand kann durchaus im Rahmen der Strafzumes- sung genügend Rechnung getragen werden. VI. Strafzumessung Grobe Verkehrsregelverletzungen sind gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG mit Freiheit s- strafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe zu bestrafen. Das objektive Tatverschulden wiegt nicht mehr leicht. Die zum Teil schweren Ver- letzungen zweier Beteiligter und der Totalschaden des Fahrzeuges widerspiegeln den Erfolg des Handelns des Beschuldigten. Es wurden mehrere Verkehrsregeln gleichzeitig und in krasser Weise verletzt. Immerhin kam es aufgrund des eher abgelegenen Tatortes und der Nachtzeit nicht zu einer konkrete n Gefährdung weiterer Personen. Subjektiv ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte vor- sätzlich handelte. Er kann aber auch nicht als treibende Kraft für die leichtsinnige - 11 - Aktion bezeichnet werden. Es war eine typische Handlung im jugendlichen Leichtsinn vor dem Hintergrund kollektiver Gruppendynamik. Der Beschuldigte wollte letztlich in seinem sozialen Umfeld durch eine aufsehenerregenden Aktion sein Ansehen steigern. Das subjektive Tatverschulden mindert deshalb das objek- tive. Wie erwähnt, ist aufgrund der Verletzungen, die der Beschuldigte erlitten hat, zudem davon auszugehen, dass ihm die Folgen eine gehörige Lehre waren, die zu einem Reifeprozess geführt hat. Insofern ist das Bestreben nach nötiger Sp e- zialprävention gemindert. Die Täterkomponenten wirken sich auf die Strafzumessung neutral aus. Es kann auf die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden (Urk. 65 S. 22). Der Beschuldigte lässt vor Berufungsinstanz einen Freispruch beantragen. Von einem Geständnis oder von Einsicht kann deshalb nicht die Rede sein. In objektiver Hinsicht liess sich der Unfall und die Ursache ohnehin nur schlecht bestreiten , weshalb auch deren Anerkennung nicht zu einer Strafminderung führen kann, wenn gleichzeitig ein Freispruch beantragt wird. Insgesamt erscheint eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen angemessen. Der Tagessatz ist aufgrund seiner gegenüber den seit dem vorinstanzlichen Urteil unveränderten finanziellen Verhältnissen, auf Fr. 60. -- festzulegen. Es kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 65 S. 23). Um der im Strassenverkehr bekannten Schnittstellenproblematik gerecht zu werden, rechtfertigt sich zudem die Ausfällung einer zu bezahlenden Busse (vgl. zur Schnittstellenproblematik: BGE 134 IV 60 E. 7.3.1.). Gemäss bundes- gerichtlicher Rechtsprechung muss die Verbindungsbusse im Verhältnis zur aus- zusprechenden Strafe von untergeordneter Bedeutung sein und darf grundsät z- lich höchstens 20 % von dieser betragen. Bei tieferen Strafen sind Abweichungen möglich, um sicherzustellen, dass der Busse nicht nur symbolische Bedeutung zukommt (BGE 135 IV 188 E. 3.3.). Die Strafe und die Verbindungsbusse müssen in ihrer Summe schuldangemessen sein (BGE 134 IV 1 E. 4.5.2.). Die Höhe ist angesichts der finanziellen Verhältnis se und der ausgeführten Stra f- zumessungsfaktoren auf Fr. 600. – festzusetzen. Dies entspricht angesichts der - 12 - festgelegten Tagessatzhöhe von Fr. 60. – 10 Tagessätzen, um welche die festg e- setzte Strafe zu reduzieren ist. Der Beschuldigte ist demnach mit einer G eldstrafe von 140 Tagessätzen zu Fr. 60. – und einer Busse in Höhe von Fr. 600. – zu bestrafen. Für den Fall, dass der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht bezahlt, ist angesichts der Tagessatzhöhe eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen festzu- setzen. VII. Vollzug Im Strafregister ist der Beschuldigte nicht verzeichnet (Urk. 83). Es muss ihm kei- ne schlechte Prognose gestellt werden. Der von der Vorinstanz gewährte beding- te Vollzug wurde auch von der Staatsanwaltschaft beantragt , weshalb der Vollzug der Geldstrafe unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren aufzuschieben ist. VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen Ausgangsgemäss sind die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens dem Beschuldigten aufzuerlegen (Art. 426 Abs. 1 StPO) . Da er mit seiner Berufung unterliegt und die Staatsanwaltschaft mit ihrer Berufung weit - gehend obsiegt, hat der Beschuldigte auch die Kosten des Berufungsverfahrens zu tragen (Art. 428 Abs. 1 StPO . Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist praxisgemäss auf Fr. 3'000. – festzusetzen (Art. 4 24 Abs. 1 StPO i.V.m. § 16 Abs. 1 und § 14 GebV OG). Anspruch auf eine Entschädigung für seine Anwaltskosten hat der Beschuldigte bei diesem Verfahrensausgang nicht. Es wird erkannt: 1. Der Beschuldigte A._____ ist schuldig der vorsätzlichen groben Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1 SVG, 31 Abs. 2 SVG, 32 Abs. 1 SVG, Art. 57 Abs. 5 lit. a SVG, Art. 3a Abs. 1 VRV, und Art. 60 Abs. 2 und 5 VRV. - 13 - 2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 140 Tagessätzen zu Fr. 60.–, sowie mit einer Busse von Fr. 600.--. 3. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen. 4. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. 5. Das erstinstanzliche Kostendispositiv (Ziff. 3 und 4) wird bestätigt. 6. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf Fr. 3'000.--. 7. Die Kosten des Berufungsverfahrens werden dem Beschuldigten auferlegt. 8. Mündliche Eröffnung und schriftliche Mitteilung im Dispositiv an − die Verteidigung im Doppel für sich und zuhanden des Beschuldigten (übergeben) − die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland (übergeben) sowie in vollständiger Ausfertigung an − die Verteidigung im Doppel für sich und zuhanden des Beschuldigten − die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland und nach unbenütztem Ablauf der Rechtsmittelfrist bzw. Erledigung allfäll i- ger Rechtsmittel an − die Vorinstanz − das Strassenverkehrsamt des Kantons Zürich, Abteilung Administrativ - massnahmen, Richterliche Fahrverbote, 8090 Zürich − die Koordinationsstelle VOSTRA/DNA mit Formular A. 9. Gegen diesen Entscheid kann bundesrechtliche Beschwerde in Straf- sachen erhoben werden. Die Beschwerde ist innert 30 Tagen , von der Zustellung der vollständigen, begründeten Ausfertigung an gerechnet, bei der Strafrechtlichen Abteilung - 14 - des Bundesgerichtes (1000 Lausanne 14) in der in Art. 42 des Bundes - gerichtsgesetzes vorgeschriebenen Weise schriftlich einzureichen. Die Beschwerdelegitimation und die weiteren Beschwerdevoraussetzungen richten sich nach den massgeblichen Bestimmungen des Bundesgerichts - gesetzes. Obergericht des Kantons Zürich I. Strafkammer Zürich, 23. September 2021 Der Präsident: lic. iur. R. Naef Der Gerichtsschreiber: MLaw L. Zanetti Zur Beachtung: Der/die Verurteilte wird auf die Folgen der Nichtbewährung während der Probezeit aufmerksam gemacht: Wurde der Vollzug einer Geldstrafe unter Ansetzung einer Probezeit aufgeschoben, muss sie vor- erst nicht bezahlt werden. Bewährt sich der/die Verurteilte bis zum Ablauf der Probezeit, muss er/sie die Geldstrafe definitiv nicht mehr bezahlen (Art. 45 StGB); Analoges gilt für die bedingte Freiheitsstrafe. Eine bedi ngte Strafe bzw. der bedingte Teil einer Strafe kann im Übrigen vollzogen werden (Art. 46 Abs. 1 bzw. Abs. 4 StGB), - wenn der/die Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder Vergehen begeht, - wenn der/die Verurteilte sich der Bewährungshilfe entzieht oder die Weisungen missachtet.