B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2581/2014 U r t e i l v o m 1 5 . A u g u s t 2 0 1 4 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter François Badoud, Richter Martin Zoller, Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren (…), Eritrea, vertreten durch Patrizia Carù, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 9. April 2014 / N (…). D-2581/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin stellte am 9. Mai 2011 durch ihre in der Schweiz lebende Schwester, B._______, die als Flüchtling anerkannt und in das Asyl ihres Ehemannes einbezogen worden war, ein Asylgesuch aus dem Ausland und beantragte, sie sei gestützt auf Art. 51 Abs. 2 aA- sylG (SR 142.31) ins Familienasyl ihre r Schwester aufzunehmen. Even- tualiter sei ihr zur Abklärung des Sachverhalts die Einreise in die Schweiz zu bewilligen und es seien ihr die für die Reise nötigen Reisepapiere aus- zustellen. A.b Das BFM forderte die Schwester der Beschwerdeführerin am 31. A u- gust 2011 auf, eine Vollmacht nachzureichen. Zudem ersuchte es um die Stellungnahme zu verschiedenen Sachverhaltsfragen. A.c Die Schwester der Beschwerdefü hrerin reichte am 28. September 2011 ihre Stellungnahme zu den unterbreiteten Fragen ein. A.d Mit Schreiben vom 5. Dezember 2011 ersuchte das BFM die Schwes- ter der Beschwerdeführerin um die Beantwortung weiterer Fragen. A.e Am 19. Dezember 2011 übermittelte die S chwester der Beschwerde- führerin die Antworten zu den gestellten Fragen. A.f Das BFM ersuchte die Schwester der Beschwerdeführerin am 7. März 2012 weitere Fragen zu beantworten. A.g Die Schwester der Beschwerdeführerin beantworte die Fragen am 29. März 2012. A.h Mit Verfügung vom 13. April 2012 bewilligte das BFM der Beschwe r- deführerin die Einreise in die Schweiz. B. B.a Nachdem die Beschwerdeführerin am 17. September 2012 in die Schweiz eingereist war, ersuchte sie am 24. September 2012 um die Ge - währung von Asyl. Bei der Be fragung zur Person (BzP) vom 2. Oktober 2012 im Empfangs - und Verfahrenszentrum Basel gab sie an, Eritrea im Oktober 2004 zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern verla s- sen zu haben. Danach habe sie bis zu ihrer Einreise in die Schweiz im Sudan gel ebt. Sie hätten die Heimat verlassen, weil die Mutter nicht in D-2581/2014 Seite 3 der Lage gewesen sei, das Land zu bewirtschaften. Sie habe weder in Eritrea noch im Sudan Probleme mit den Behörden gehabt. Sie befürchte, bei ihrer Rückkehr in die Heimat festgenommen zu werden, da sie Eritrea illegal verlassen habe. Im Sudan sei sie am 5. Mai 2012 mit einem Lands- mann religiös getraut worden. B.b Am 7. Januar 2014 hörte das BFM die Beschwerdeführerin im Bei- sein ihrer Rechtsvertreterin zu ihren Asylgründen an. Sie machte im W e- sentlichen geltend, sie sei im Sudan geboren worden. Nachdem ihr Vater im Jahr 2000 verstorben sei, sei sie zusammen mit der Mutter nach Eri t- rea gegangen, wo sie bis im Jahr 2004 gelebt hätten. Ihre Mutter habe dort in der Landwirtschaft gearbeitet. Da sie nicht mehr für die Familie ha- be aufkommen können, seien sie zurück in den Sudan gegangen, wo ihre Mutter im Jahr 2007 gestorben sei. Sie habe in der Schweiz um Asyl nachgesucht, da sie im Sudan nicht mehr habe leben können und da ihre Schwester hier lebe. Im Sudan habe sie keine Probleme gehabt; da sie dort illegal gelebt habe, hätte sie jederzeit nach Eritrea geschickt werden können. C. Mit Verfügung vom 9. April 2014 stellte das BFM fest, die Beschwerdefüh- rerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und le hnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es ihre Wegweisung aus der Schweiz. Da es den Vollzug der Wegweisung als zurzeit unzumutbar einstufte, ordnete es die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin an. D. Die Beschwerdeführerin beantragte durch ihre Rec htsvertreterin mit Ei n- gabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 12. Mai 2014 die Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Sie sei gemäss Art. 51 Abs. 2 aAsylG ins Familienasyl ihrer Schwester einzuschliessen. Eventualiter sei festzuste l- len, dass sie die Flüch tlingseigenschaft erfülle und sie sei als Flüchtling vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. Es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und es sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Zudem sei ihr in der Person der Unterzeic h- neten ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu stellen. Der Eingabe lagen eine Ernennungsurkunde der Rechtsve rtreterin als Beiständin vom 8. März 2013 und eine Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit der B e- schwerdeführerin vom 9. Mai 2014 bei. D-2581/2014 Seite 4 E. Mit Zwischenverfügung vom 19. Mai 2014 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1 VwVG gut; dasjenige um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 2 VwVG wies er ab. Die Akten ü bermittel- te er zur Vernehmlassung an das BFM. F. Das BFM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 6. Juni 2014 die A b- weisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde der Beschwerd e- führerin vom Bundesverwaltungsgericht am 11. Juni 2014 zur Kenntnis gebracht. G. Mit Verfügung vom 6. Juni 2014 wies das BFM das Gesuch der B e- schwerdeführerin um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft ihrer Schwester ab. H. Das Bundesverwaltungsgericht forderte beim BFM am 6. August 2014 die Asylakten der volljährigen Schwester der Besch werdeführerin, B._______, an (N […]). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bu n- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebie t des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen e i- nes Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerd e- führende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt ni cht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Be - schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist D-2581/2014 Seite 5 durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG ; Art 37 VGG i.Vm. Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit – unter Vorbehalt der nachfolge n- den Ausführungen unter 1.3 – einzutreten. 1.3 Das BFM hat mit Verfügung vom 6. Juni 2014 das am 9. Mai 2011 ge- stellte Gesuch der Beschwerdeführerin um Einbezug in die Flüchtlingse i- genschaft ihrer in der Schweiz lebenden volljährigen Schwester gemäss Art. 51 Abs. 2 aAsylG abgelehnt. Diese Verfüg ung ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Es besteht somit für das Bundesverwaltungsg e- richt kein Raum, sich mit diesem Gesuch zu befassen, da es nicht G e- genstand des vorliegenden Verfahrens bildet. Die entsprechenden Au s- führungen in der Beschwerde ha ben somit unberücksichtigt zu bleiben und auf den Antrag, die Beschwerdeführerin sei ins Familienasyl ihrer Schwester einzubeziehen, ist nicht einzutreten. 2. 2.1 Gemäss Absatz 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 14. Dezember 2012 des Asylgesetzes gilt für die im Zeitpunkt des Inkraft- tretens der Änderung vom 14. Dezember 2012 dieses Gesetzes hängigen Verfahren mit Ausnahme der Absätze 2–4 das neue Recht. 2.2 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die G e- fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezif i- schen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). D-2581/2014 Seite 6 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das BFM begründete seinen Entscheid damit, dass die Beschwerde- führerin geltend gemacht habe, eritreische Staatsangehörige zu sein, weshalb die von ihr in Bezug auf den Sudan gelten d gemachten Nachtei- le keine Asylrelevanz entfalten könnten, da sie sich in einem Drittstaat zu- getragen hätten. Die Frage, ob sich die Beschwerdeführerin von 2001 bis 2004 in Eritrea aufgehalten habe, könne offen gelassen werden. Da sie angebe, ihre Heimat im Alter von sechs Jahren verlassen zu haben, sei nicht ersichtlich, weshalb sie bei einer Rückkehr von den Behörden b e- helligt werden würde. Den Akten seien keine Anhaltspunkte für ein Verfol- gungsinteresse der Behörden an ihrer Person zu entnehmen. Objekt iv betrachtet, sei keine begründete Furcht vor zukünftiger asylrelevanter Verfolgung gegeben. 4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin sei nie bezweifelt worden, weshalb ihren Aussagen grosses Gewicht zukomme. Sie habe nie behauptet, in Eritrea verfolgt worden zu sein und akzeptiere deshalb, dass ihr persönlich in der Schweiz kein Asyl gewährt werden könne. Der Schluss der Vorinstanz, ih- re Vorbringen hielten den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht stand, treffe jedoch nicht zu. Den Akten seien keine Hinweise dafür zu entnehmen, dass sie nicht nach Eritrea zurückgekehrt sei. Im Asylve r- fahren ihrer Schwester B._______ sei der Aufenthalt in Eritrea und die i l- legale Ausreise nicht bezweifelt worden. Die Vorinstanz habe es unterlas- sen, ihre Situation vor dem Hintergrund der Situation ihrer älteren Schwester zu prüfen. Diese sei im Januar 2011 in die Schweiz eingereist und es sei ihr Asyl gewährt worden. Die Situation der Schwester und der Antrag auf Einschluss in das Familienasyl sei im Entscheid des BFM nicht erwähnt worden. Da das BFM der Beschwerdeführerin im Jahr 2012 die Einreise in die Schweiz bewilligte, sei davon auszugehen, dass sie von einer Gefährdung im Sudan ausgegangen sei. Da sie bei der Einreis e erst 14 -jährig gewesen sei, habe sie nur rudimentäre Angaben machen können. Sollte das Gericht es als nötig erachten, seien die Akten der D-2581/2014 Seite 7 Schwester beizuziehen. Es sei allenfalls zu prüfen, ob ein Einschluss ins Familienasyl möglich sei. Das BFM verkenne, dass die Strafen für eine i l- legale Ausreise in Eritrea zu jedem Zeitpunkt unangemessen hoch seien. Die Beschwerdeführerin sei mittlerweile im militärdienstfähigen Alter und gehöre somit bezüglich der Rückkehrer in ein Hochrisikoprofil. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts hätten eritreische Staatsangehöri- ge, die ihr Heimatland illegal verlassen hätten, begründete Furcht, bei e i- ner Rückkehr erheblichen Nachteilen im Sinn von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. 5. 5.1 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt praxisgemäss dann vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich mit be- achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht bezi e- hungsweise werde sich mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwir klichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfo l- gung genügt nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Mo- tive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und d ementspre- chend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen. Begründete Furcht vor Verfolgung enthält somit eine subjektive und eine objektive Komponente. Die subjektive Furcht vor Verfolgung muss auch objektiv begründet sein, das heisst sie muss angesichts der tatsächlichen Situation gerechtfertigt erscheinen. Massgebend für die B e- stimmung der begründeten Furcht ist allerdings nicht allein, was ein no r- mal empfindender Mensch angesichts der geschehenen oder drohenden Verfolgungsmassnahmen zu Recht empfunden hätte. Diese rein objektive Betrachtungsweise ist zusätzlich durch das vom Betroffenen bereits E r- lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu e r- gänzen. Dabei hat derjenige, der bereits früher Verfolgung ausges etzt war, objektive Gründe für eine ausgeprägtere subjektive Furcht als j e- mand, der erstmals ernsthafte Nachteile erlebt. 5.2 Die Beschwerdeführerin räumte in der Beschwerde ein, sie habe in Eritrea bis zu ihrer Ausreise keine asylrechtlich relevante Verfolgung erlit- ten. Die Ausreise ihrer Mutter im Jahr 2004 wurde hauptsächlich mit d e- ren Schwierigkeiten, die Familie durchzubringen, begründet. Es bestehen somit eingestandenermassen keine Vorfluchtgründe, die im Beschwerd e- verfahren zu prüfen wären. D-2581/2014 Seite 8 5.3 Es bleibt von Amtes wegen zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin we- gen ihrer Ausreise aus dem Heimatstaat bei einer Rückkehr nach Eritrea – mithin wegen subjektive n Nachfluchtgründen – befürchten müsste, ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. 5.3.1 Als subjektive Nachfluchtgründe ge lten insbesondere illegales Ve r- lassen des Heimatlandes (sogenannte Republikflucht), Einreichung eines Asylgesuches im Ausland oder aus der Sicht der heimatstaatlichen B e- hörden unerwünschte exilpolitische Betätigung, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Personen mit subjektiven Nachflucht - gründen erhalten zwar gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. Durch Republikflucht zum Flüchtling wer sich aufgrund der unerlaubten Ausreise mit Sanktionen seines He i- matstaates konfrontiert sieht, die bezüglich ihrer Intensität und der polit i- schen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen (vgl. (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.2 mit weiteren Hinweisen). 5.3.2 Im Urteil D -3892/2008 vom 6. April 2010 hat sich das Bundesve r- waltungsgericht zur Situation der illegalen Ausreise aus Eritrea dahing e- hend geäussert, dass gemäss Art. 11 der Proclamation No. 24/1992, wel- che die Ein- und Ausreise nach und von Eritrea regelt, ein legales Verlas- sen lediglich mit einem gültigen Reisepass und einem zusätzlichen Au s- reisevisum möglich ist. In der Praxis werden Ausreisev isa seit mehreren Jahren nur unter sehr strengen Bedingungen und gegen Bezahlung h o- her Geldbeträge (im Gegenwert von rund $ 10'000) an wenige, als loyal beurteilte Personen ausgestellt, wobei Kinder ab elf Jahren, Männer bis zum Alter von 54 Jahren und Fra uen bis 47 Jahre grundsätzlich von der Visumserteilung ausgeschlossen sind. Das eritreische Regime erachtet das illegale Verlassen des Landes als Zeichen politischer Opposition g e- gen den Staat und versucht, mit drakonischen Massnahmen der sinke n- den Wehrbereitschaft und der Massenfluchtbewegung in der Bevölkerung Herr zu werden (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D -3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.2). 5.3.3 Die Beschwerdeführerin gab an, sie sei im Sudan geboren worden und zusammen mit ihrer Mutter und ih ren Geschwistern im Jahr 2001 nach Eritrea gezogen, wo sie bis zum 9. Oktober 2004 gelebt habe (act. B6/10 S. 2 ff.). Die Schwester der Beschwerdeführerin machte bei ihrer Erstbefragung vom 19. Januar 2011 geltend, sie sei vom Sudan am 4. Ju- ni 2001 nach Eritrea gezogen und habe dort bis zum 10. November 2004 gelebt (act. B4/9 S. 1 f., N [...]); sie habe Eritrea nach ihrer Mutter und i h-D-2581/2014 Seite 9 ren Geschwistern verlassen . Die Aussagen der Beschwerdeführerin la s- sen sich somit mit Ausnahme des Ausreisedatums – die Schwester der Beschwerdeführerin gab an, diese habe Eritrea am 20. Oktober 2004 ver- lassen (act. B4/9 S. 5, N [...]) – mit denjenigen ihrer Schwester in Übe r- einstimmung bringen. Die Schwester der Beschwerdeführerin gab des Weiteren an, im Jahr 2001 seien viele Flüchtlinge nach Eritrea zurückg e- kehrt. Ihre Mutter und ihre Geschwister hätten sich nach ihr für die Rüc k- kehr registrieren lassen und seien später als sie zurückgekehrt. Nachdem ihre Mutter und die Geschwister im Oktober 2004 in den Sudan gegangen seien – sie hätten das Leben in Eritrea nicht meistern können –, hätten sich Sicherheitsleute bei ihr nach deren Verbleib erkundigt . Ihre Mutter und ihre Geschwister hätten Eritrea illegal verlassen (act. B9/9 S. 3 f., N [...]). Das BFM bezweifelte die Angaben d er Schwester der Beschwerd e- führerin in seinem Entscheid vom 10. Februar 2011 nicht, ging indessen davon aus, dass die von ihr beschriebenen behördlichen Behelligungen nicht die von Art. 3 AsylG geforderte Intensität erreicht hätten (act. B12/4, N [...]). 5.3.4 Die minderjährige Beschwerdeführerin hat Eritrea gemäss den mit den durch ihre volljährige Schwester gemachten Angaben in Überei n- stimmung stehenden Aussagen im Oktober 2004 illegal verlassen. Ihre Schwester gab in deren Asylverfahren an, sie sei nach der Au sreise ihrer Mutter und ihrer Geschwister von Angehörigen der Sicherheitskräfte au f- gesucht worden, die sich nach dem Verbleib der Familienangehörigen e r- kundigt hätten. Das BFM hat die Aussagen der Schwester der Beschwe r- deführerin nicht bezweifelt und auch in den Aussagen der Beschwerd e- führerin selbst keine konkreten Unglaubhaftigkeitsmerkmale bezeichnet. Folglich geht das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass die B e- schwerdeführerin Eritrea ohne gültigen Reisepass verlassen hat, zumal sie angesichts ihres damaligen Alters (sechsjährig) glaubhaft zu Protokoll gab, weder über Reisepass noch Identitätskarte zu verfügen ( act. B6/10 S. 6). Somit konnte sie auch nicht im Besitz eines Ausreisevisums gewe- sen sein . Mit der Verneinung der Flüchtlingseigenschaft verk ennt das BFM, dass sie aufgrund der gesetzlich angedrohten Strafe für illegal Aus- gereiste bei einer Rückkehr ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten h ätte. Die Beschwerdeführerin erfüllt somit die A n- forderungen an die Flüchtlingseigens chaft; d a die ihr drohende Gefähr- dung indessen erst durch die illegale Ausreise ihrer Familie entstanden ist, fällt eine Asylgewährung nicht in Betracht (Art. 54 AsylG). D-2581/2014 Seite 10 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzt, soweit das BFM die Flüchtlingseigenschaft der B e- schwerdeführerin verneint. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, s o- weit darauf einzutreten ist. Die Verfügung des BFM vom 9. April 2014 ist – die Ziffer 1 des Dispositivs betreffend – aufzuheben und das BFM ist anzuweisen, die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin anzue r- kennen. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7.2 Der teilweise obsiegenden Beschwerdeführerin wäre in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwa l- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2] für die ihr erwachsenen notwendigen Kosten eine reduzierte Parteientschädigung zuzusprechen. Sie wurde i n- des von der C._______, also einer dafür zuständigen Behörde, vertreten, welche den vertretenen Personen keine Kosten in Rechnung stellt. De m- zufolge sind ihr keine notwendigen Kosten erwachsen und es ist ihr keine Parteientschädigung zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) D-2581/2014 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Ziffer 1 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 9. April 2014 wird aufgehoben und das BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzuerkennen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die kantona- le Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Hans Schürch Christoph Basler Versand: