<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 128 S.514</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">514</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>128</b></span> <span class="ft3"><b>Ausschaffungshaft. Vorläufige Festnahme zwecks Ausschaffung; Verspä-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tete Gewährung des rechtlichen Gehörs.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Gestützt auf Art. 14 ANAG kann ein Betroffener zwangsweise ausge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schafft werden. Der Einsatz von Zwangsmitteln umfasst auch eine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gewisse Einschränkung der persönlichen Freiheit. Erfolgt die Frei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>heitsbeschränkung nicht in direktem Zusammenhang mit dem lau-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>fenden Vollzug der Ausschaffung, sind die Voraussetzungen von</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Art. 13b ff. ANAG zu beachten (Erw. II/1a).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Die vorläufige Festnahme eines Betroffenen zwecks Ausschaffung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>bedarf gemäss § 13 EGAR eines Haftgrundes im Sinne von Art. 13a</b></span><br/> <span class="ft3"><b>und b ANAG (Erw. II/1c).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Beabsichtigt die Fremdenpolizei einen Betroffenen innert 24 Stunden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>seit Anhaltung auszuschaffen und weigert sich dieser, die Schweiz</b></span><br/> <span class="ft3"><b>freiwillig zu verlassen, führt eine kurze Fristüberschreitung bezüg-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>lich der Gewährung des rechtlichen Gehörs (§ 23 KV) in der Regel</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nicht zur Haftentlassung (Erw. II/3c).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">515</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht</span><br/> <span class="ft5">vom 22. Februar 2002 in Sachen Fremdenpolizei des Kantons Aargau gegen</span><br/> <span class="ft5">V.H. betreffend Haftüberprüfung (HA.2002.00001).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 1. Der Gesuchsgegner wurde im Auftrag der Fremdenpolizei</span><br/> <span class="ft1">am 20. Februar 2002 um 14.00 Uhr zwecks Ausschaffung von der</span><br/> <span class="ft1">Kantonspolizei verhaftet.</span><br/> <span class="ft1">a) Gemäss Art. 14 ANAG kann die zuständige kantonale Be-</span><br/> <span class="ft1">hörde einen Ausländer in einen von ihr bezeichneten Staat unter an-</span><br/> <span class="ft1">derem ausschaffen, wenn er die Frist, die ihm zur Ausreise gesetzt</span><br/> <span class="ft1">worden ist, verstreichen lässt. Auch wenn dem Gesetz nicht direkt zu</span><br/> <span class="ft1">entnehmen ist, in welcher Form und Intensität die Behörden</span><br/> <span class="ft1">Zwangsmittel einsetzen können, ist offensichtlich, dass der Einsatz</span><br/> <span class="ft1">von Zwangsmitteln grundsätzlich zulässig ist und zumindest eine</span><br/> <span class="ft1">gewisse Einschränkung der persönlichen Freiheit des Betroffenen</span><br/> <span class="ft1">umfasst. Fraglich ist, ob eine sich auf Art. 14 ANAG abstützende</span><br/> <span class="ft1">Freiheitsbeschränkung auch die Inhaftierung eines Betroffenen ein-</span><br/> <span class="ft1">schliesst.</span><br/> <span class="ft1">Art. 13b und 13c ANAG ermächtigen die Behörden, den Betrof-</span><br/> <span class="ft1">fenen zur Sicherstellung des Vollzuges der Ausschaffung zu inhaftie-</span><br/> <span class="ft1">ren, wenn ein erstinstanzlicher Weg- oder Ausweisungsentscheid</span><br/> <span class="ft1">ergangen ist, ein Haftgrund vorliegt, die Haft verhältnismässig ist</span><br/> <span class="ft1">und kein Haftbeendigungsgrund ersichtlich ist. Kann die Ausschaf-</span><br/> <span class="ft1">fung nicht unmittelbar vollzogen werden, besteht demnach die Mög-</span><br/> <span class="ft1">lichkeit, den Betroffenen zur Sicherstellung des Vollzuges, das heisst</span><br/> <span class="ft1">von der Festnahme bis zum Beginn der eigentlichen Ausschaffung,</span><br/> <span class="ft1">zu inhaftieren. Das Gesetz formuliert die Voraussetzungen für die</span><br/> <span class="ft1">Anordnung einer Ausschaffungshaft, das heisst einer Haft, welcher in</span><br/> <span class="ft1">zeitlicher Hinsicht der Ausschaffung vorangeht und den Vollzug</span><br/> <span class="ft1">sicherstellen soll, klar. Unter diesen Umständen bleibt kein Raum für</span><br/> <span class="ft1">eine Inhaftierung eines Betroffenen gestützt auf Art. 14 ANAG. Diese</span><br/> <span class="ft1">Auffassung deckt sich im Übrigen mit der Rechtslage vor Ein-</span><br/> <span class="ft1">führung der Zwangsmassnahmen, als das Bundesrecht keine Aus-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">516</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schaffungshaft sondern lediglich die Ausschaffung selbst kannte,</span><br/> <span class="ft1">welche sich schon damals auf Art. 14 ANAG abstützte und als</span><br/> <span class="ft1">zwangsweises beziehungsweise polizeiliches Verbringen an die</span><br/> <span class="ft1">Grenze und Erzwingen oder Überwachen des Grenzübertrittes um-</span><br/> <span class="ft1">schrieben wurde (Peter Sulger Büel, Vollzug der Fernhalte- und Ent-</span><br/> <span class="ft1">fernungsmassnahmen gegenüber Fremden nach dem Recht des Bun-</span><br/> <span class="ft1">des und des Kantons Zürich, Bern 1984, S. 171). Die Anordnung</span><br/> <span class="ft1">einer Ausschaffungshaft hatte sich damals auf kantonale Bestim-</span><br/> <span class="ft1">mungen zu stützen.</span><br/> <span class="ft1">Art. 14 ANAG deckt damit Freiheitsbeschränkungen ab, welche</span><br/> <span class="ft1">im Zusammenhang mit dem Vollzug der Ausschaffung auftreten</span><br/> <span class="ft1">können. Bei vorgängiger Inhaftierung beginnt die eigentliche Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffung mit dem Austritt des Betroffenen aus der Haftanstalt und</span><br/> <span class="ft1">endet mit der Einreise im Zielstaat. Zwar ist unvermeidlich, dass es</span><br/> <span class="ft1">im Rahmen des Vollzuges der Ausschaffung zu inhaftierungsähnli-</span><br/> <span class="ft1">chen Situationen kommt. Diese sind im Hinblick auf Art. 14 ANAG</span><br/> <span class="ft1">jedoch nur insoweit zulässig, als sie sich im Verlaufe des Vollzuges</span><br/> <span class="ft1">der Ausschaffung ergeben und in direktem Zusammenhang mit der</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffung stehen. Zu denken ist hierbei etwa an ein kurzfristiges</span><br/> <span class="ft1">Verbringen in eine Einstellzelle. Erfolgt die Inhaftierung bevor der</span><br/> <span class="ft1">Vollzug begonnen hat oder nachdem er abgebrochen werden musste,</span><br/> <span class="ft1">liegt keine Haft im Rahmen des Vollzugs vor (Entscheid des Präsi-</span><br/> <span class="ft1">denten des Rekursgerichts vom 7. Juni 2000, HA.2000.00028).</span><br/> <span class="ft1">b) Gemäss § 13 EGAR kann die Fremdenpolizei die vorläufige</span><br/> <span class="ft1">Festnahme einer ausländischen Person anordnen, wenn ein Haft-</span><br/> <span class="ft1">grund im Sinne des Bundesgesetzes über Zwangsmassnahmen im</span><br/> <span class="ft1">Ausländerrecht (BGZ) vom 18. März 1994 vor liegt. Die einschlägi-</span><br/> <span class="ft1">gen Bestimmungen bezüglich des Haftgrundes finden sich heute in</span><br/> <span class="ft1">Art. 13a und b des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlas-</span><br/> <span class="ft1">sung der Ausländer (ANAG) vom 26. März 1931.</span><br/> <span class="ft1">Wie nachfolgend unter Ziffer 4b ausgeführt wird, lag im Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt des Auftrages der Fremdenpolizei an die Kantonspolizei, den</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegner anzuhalten und der Flughafenpolizei zuzuführen, der</span><br/> <span class="ft1">Haftgrund nach Art. 13b Abs. 1 lit. c ANAG vor. Damit ist die vor-</span><br/> <span class="ft1">läufige Festnahme des Gesuchsgegners grundsätzlich nicht zu bean-</span><br/> <span class="ft1">standen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">517</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">c) Gemäss § 23 der Verfassung des Kantons Aargau (KV) vom</span><br/> <span class="ft1">25. Juni 1980 beziehungsweise § 15 Abs. 2 EGAR hat jemand, dem</span><br/> <span class="ft1">die Bewegungsfreiheit entzogen wird, Anspruch auf Gewährung des</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen Gehörs durch einen gesetzlich besonders ermächtigten</span><br/> <span class="ft1">Beamten innert 24 Stunden seit der Festnahme.</span><br/> <span class="ft1">Der Gesuchsgegner wurde am 20. Februar 2002 um 14.00 Uhr</span><br/> <span class="ft1">angehalten. Das rechtliche Gehör betreffend Anordnung der Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffungshaft wurde ihm am 21. Februar 2002 um 15.00 Uhr ge-</span><br/> <span class="ft1">währt. Damit steht fest, dass dem Gesuchsgegner das rechtliche Ge-</span><br/> <span class="ft1">hör nicht innerhalb der Frist von 24 Stunden gewährt wurde. Es stellt</span><br/> <span class="ft1">sich die Frage, ob das Nichteinhalten der 24-Stunden-Frist zur Haft-</span><br/> <span class="ft1">entlassung des Gesuchsgegners führen muss.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall ist die vorläufige Festnahme des Gesuchs-</span><br/> <span class="ft1">gegners rechtmässig erfolgt. Die Fremdenpolizei beabsichtigte, den</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegner innerhalb der 24-Stunden-Frist auszuschaffen. Die</span><br/> <span class="ft1">Frage einer länger dauernden Haftanordnung stellte sich erst im</span><br/> <span class="ft1">Zeitpunkt als sich der Gesuchsgegner weigerte, das Flugzeug Rich-</span><br/> <span class="ft1">tung Heimatland zu besteigen. Die Vorgehensweise der Fremdenpo-</span><br/> <span class="ft1">lizei ist nicht zu beanstanden, denn sie war nicht verpflichtet, dem</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegner das rechtliche Gehör vor Beginn der Ausschaffung zu</span><br/> <span class="ft1">gewähren. Nachdem die Fremdenpolizei dem Gesuchsgegner das</span><br/> <span class="ft1">rechtliche Gehör betreffend einer Haftanordnung unverzüglich nach</span><br/> <span class="ft1">dessen Weigerung die Schweiz zu verlassen gewährt hat und die</span><br/> <span class="ft1">Fristüberschreitung durch das Verhalten des Gesuchsgegners hervor-</span><br/> <span class="ft1">gerufen wurde, rechtfertigt sich eine Haftentlassung wegen der kur-</span><br/> <span class="ft1">zen Überschreitung der 24-Stunden-Frist um eine Stunde nicht. An-</span><br/> <span class="ft1">ders wäre allenfalls dann zu entscheiden, wenn die Ausschaffung aus</span><br/> <span class="ft1">Gründen scheitert, die der Gesuchsgegner nicht beeinflussen kann.</span><br/></div> </div> </body> </html>