<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">329</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zivilrecht (Zivilgesetzbuch)</b></span><br/> <span class="ft2"><b>A. Familienrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>54</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 450c ZGB, Art. 315 Abs. 4 lit. b und Art. 315 Abs. 5 ZPO, Art. 319</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ZPO</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die Anordnung des Entzugs der aufschiebenden Wirkung zusammen mit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dem Hauptentscheid ohne schriftliche Begründung nur im Dispositiv zu</b></span><br/> <span class="ft3"><b>eröffnen, so dass dagegen bis zur nachträglichen Zustellung der Begrün-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dung der Beschwerdeweg ausgeschlossen wird, ist in Kindesschutzverfah-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ren mit dem verfassungsmässigen Anspruch auf rechtliches Gehör nicht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>vereinbar.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und</span><br/> <span class="ft4">Erwachsenenschutz, vom 14. Juni 2016 i.S S. M. (XBE.2016.34).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">2.1.</span><br/> <span class="ft6">In Ziffer 9. des Entscheiddispositivs wurde einer allfälligen Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerde die aufschiebende Wirkung entzogen. Damit wurde die ge-</span><br/> <span class="ft6">setzliche Regelung, wonach grundsätzlich die aufschiebende Wir-</span><br/> <span class="ft6">kung gilt (Art. 450c ZGB), abgeändert mit der Konsequenz, dass der</span><br/> <span class="ft6">Entscheid sofort vollsteckbar wurde, schon bevor nachträglich die</span><br/> <span class="ft6">Begründung zugestellt wird. Damit stellt sich die Frage, wie die</span><br/> <span class="ft6">Zwangsvollstreckung in der Zeitspanne zwischen der Eröffnung im</span><br/> <span class="ft6">Dispositiv und der Zustellung der nachträglichen Begründung über-</span><br/> <span class="ft6">prüft werden kann. Diese Frage stellt sich analog auch für die Voll-</span><br/> <span class="ft6">streckbarkeit von vorsorglichen Massnahmen insbesondere wenn es</span><br/> <span class="ft6">um die Regelung der Obhut geht. Allerdings unterscheidet sich die</span><br/> <span class="ft6">gesetzliche Ausgangslage insofern, als die Berufung gegen vorsorg-</span><br/> <span class="ft6">liche Massnahmen generell keine aufschiebende Wirkung hat und die</span><br/> <span class="ft6">Vollstreckung ausnahmsweise aufgeschoben werden kann, wenn der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">330</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">betroffenen Partei ein nicht leicht wiedergutzumachender Nachteil</span><br/> <span class="ft6">droht (Art. 315 Abs. 4 lit. b und 315 Abs. 5 ZPO), während in</span><br/> <span class="ft6">Kindesschutzverfahren generell die aufschiebende Wirkung gilt, die</span><br/> <span class="ft6">jedoch entzogen werden kann, ohne dass an die Gründe für einen sol-</span><br/> <span class="ft6">chen Entzug im Gesetz besondere Anforderungen geknüpft werden</span><br/> <span class="ft6">(Art. 314 i.V.m. Art. 450c ZGB).</span><br/> <span class="ft6">Der ausnahmsweise Aufschub der Vollstreckung einer vorsorg-</span><br/> <span class="ft6">lichen Massnahme gemäss Art. 315 Abs. 5 ZPO ist gemäss Art. 319</span><br/> <span class="ft6">lit. b ZPO als prozessleitende Verfügung mit Beschwerde anfechtbar,</span><br/> <span class="ft6">es sei denn, er sei mit superprovisorischer Massnahme gemäss Art.</span><br/> <span class="ft6">265 ZPO angeordnet worden, welche allerdings ihrerseits nach</span><br/> <span class="ft6">Anhörung der Gegenpartei unverzüglich wiederum mit vorsorglicher</span><br/> <span class="ft6">Massnahme zu überprüfen ist (Art. 265 Abs. 2 ZPO). Analog dazu</span><br/> <span class="ft6">handelt es sich auch bei der Anordnung des Entzuges der aufschie-</span><br/> <span class="ft6">benden Wirkung im Rahmen eines kindesschutzrechtlichen Entschei-</span><br/> <span class="ft6">des um eine vorsorgliche Massnahme, für welche dieselben recht-</span><br/> <span class="ft6">lichen Voraussetzungen gelten müssen wie für den Aufschub der</span><br/> <span class="ft6">Vollstreckung einer vorsorglichen Massnahme. Aufgrund dieser</span><br/> <span class="ft6">rechtlichen Grundlage erscheint es daher mit dem verfassungsmässi-</span><br/> <span class="ft6">gen Anspruch auf rechtliches Gehör nicht vereinbar, die Anordnung</span><br/> <span class="ft6">des Entzuges der aufschiebenden Wirkung zusammen mit dem</span><br/> <span class="ft6">Hauptentscheid im Kindesschutzverfahren ohne schriftliche Begrün-</span><br/> <span class="ft6">dung nur im Dispositiv zu eröffnen, sodass dagegen bis zur nachträg-</span><br/> <span class="ft6">lichen Zustellung der Begründung der Beschwerdeweg ausge-</span><br/> <span class="ft6">schlossen wird. Das erscheint insbesondere bei jenen Fällen unbillig,</span><br/> <span class="ft6">bei welchen es wie hier um Fragen der Obhutszuteilung oder der</span><br/> <span class="ft6">Platzierung geht und die Vollstreckung schon vor der Zustellung der</span><br/> <span class="ft6">Begründung stattfindet.</span><br/></div> </div> </body> </html>