B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2067/2011/mel U r t e i l v o m 1 3 . D e z e m b e r 2 0 1 3 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Muriel Beck Kadima, Richter Thomas Wespi, Gerichtsschreiberin Anne Kneer. Parteien A._______, geboren (…), Sri Lanka, vertreten durch lic. iur. Michael Guidon, (…) Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 4. März 2011 / N (…). D-2067/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger Sri Lanka s tamilischer Ethnie – reichte am 3. Juni 2009 bei der schweizerischen Vertretung in Colombo ein schriftliches Gesuch um Bewilligung der Einreise in die Schweiz und um Gewährung von Asyl ein. Nach entsprechender Auffo r- derung durch die Botschaft reichte er am 15. und 29. Juni 2009 ergä n- zende Eingaben nach. Am 22. Januar 2011 reiste der Beschwerdeführer gemäss seinen Angaben von Colombo per Flugzeug über Jordanien und Italien in die Schweiz ein, wo er am 24. Januar 2011 ein (neues) Asylge- such einreichte. Am 28. Januar 2011 wurde er summarisch befragt und am 14. Februar 2011 einlässlich zu seinen Gesuchsgründen angehört. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er stamme aus Z._______ im Jaffna-Bezirk (Nordprovinz), wo er bei seinen Eltern und mit seiner ält e- ren Schwester gelebt habe. Er habe bereits als Kind an Sportveranstal- tungen teilgenommen, und er habe deshalb im Jahre (…) – als die Libe- ration Tigers of Tamil Eelam (LTTE) während der Frieden szeit auch ö f- fentlich präsent gewesen seien – im Sportbereich mit den LTTE zusam- mengearbeitet. Namentlich habe er unter de r Schirmherrschaft der LTTE an (…) teilgenommen, womit er bei diesem Anlass, welcher in Colombo stattgefunden habe, als LTTE -Angehöriger gegolten habe und auch ent- sprechende Fotos gemacht worden seien. Im Jahr 2007 hätten die Ve r- hältnisse geändert und es seien auf beiden Seiten Leute erschossen worden. Zwei seiner Freunde , welche de n LTTE angehört hätten, hätten ihn eines Nachts gebeten, Sprengstoff zu verstecken . Er habe ihrem Drängen nachgegeben und den Sprengstoff auf dem Grundstück gege n- über dem Haus seiner Familie vergraben. Seine beiden Freunde seien Ende 2007 verschwunden. Im Januar 2008 sei dann eine Motorradgruppe gekommen und habe nach ihm gesucht, da ihr die beiden Freunde wohl von dem Sp rengstoff erzählt hätten. Sie habe den Sprengstoff auch g e- funden und mitgenommen. Später hätten auch die Zivilpolizei und noch- mals die Motorradgruppe nach ihm gesucht. Daher habe ihn sein Vater anfangs 2009 nach Colombo respektive Y._______ (…) gebracht, w o er während der ersten vier Monate bei eine m "Communication Center" (re- spektive einem öffentlichen Telefonbüro) gearbeitet habe, welche s einem Freund gehöre. Am 16. April 2009 sei er – unter dem Verdacht der Zuge- hörigkeit zu den LTTE – an seinem Arbeitsplatz in Y._______ verhaftet worden. Ihm sei vorgeworfen worden, er habe über sein Mobiltelefon eine Nummer gewählt, welche in Verbindung mit de n LTTE stehe. E r sei zu D-2067/2011 Seite 3 Unrecht mit der Ermordung des Verkehrsministers in Verbindung g e- bracht worden. Offenbar habe die Polizei in diesem Zusammenhang nach einer Person gesucht, welche vom glei chen Communication Center ein Telefonat geführt habe, von wo auch er mit seiner Verlobten (und heut i- gen Frau) in telefonischem Kontakt gestanden habe . Seine Frau sei ebenfalls verhaftet worden, und zwar unter dem Verdacht, es handle sich bei ihr um eine Selbstmordattentäterin. Während der Polizeihaft sei er vom Criminal Investigation Department (CID) befragt, misshandelt und mit dem Tod bedroht worden. Sein Vater, ein pensionierter Mitarbeiter des Gerichts in Z._______ (Nordprovinz), habe sich jedoch über einen b e- freundeten Richter um seine Freilassung bemüht. Auch hätten sich die sri-lankische Menschenrechtskommission und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) für ihn eingesetzt. Vor diesem Hintergrund sei er schliesslich am 11. Mai 2009 freigelassen worden. Am 5. Juni 2009 sei er von Angehörigen des CID angesprochen und bedroht worden, wobei ihm vorgeworfen worden sei, er verdanke seine Frei lassung einzig einer Ei n- flussnahme von dritter Seite. Im September 2009 habe er Colombo ve r- lassen und habe sich mit seiner Freundin, welche er am 16. Dezember 2009 heimlich geheiratet habe, im Bezirk Jaffna aufgehalten. Im Septem- ber 2010 habe die Motorradgruppe wieder nach ihm gesucht. Dabei habe sie seinen Vater geschlagen und von diesem verlangt zu sagen, wo er sich aufhalte. Nachdem er (der Beschwerdeführer) sich ab dem 6. D e- zember 2010 wiederum in Colombo aufgehalten habe, sei er am 9. D e- zember 2010 an seinem alten Arbeitsplatz von der Polizei gesucht wo r- den. Dabei sei er nur durch Zufall einer Verhaftung entgangen, habe er sich doch bei dieser Gelegenheit tatsächlich im Gebäude auf gehalten. Am nächsten Tag habe die Polizei an seinem alten Arbeitsplatz einen Zet- tel abgegeben, laut welchem er sich bei der Polizei hätte melden müssen. Aufgrund der Ereignisse in C olombo habe er sich bis zum 21. Januar 2011 in X._______ versteckt gehalten Als Beweismittel reichte er – je in Kopie – eine "Detention Order" vom (…), eine Verhaftungsbestätigung vom (…), zwei Polizeiberichte vom (…) und vom (…) (inkl. Übersetzungen ins Englische), eine Bestätigung der Menschenrechtskommission vom (…), eine Bestät igung des IKRK vom (…), eine IKRK-Karte und die Aufforderung der Poliz ei vom (…) zu den Akten. B. Die Akten wurden am 17. August 2009 von der Botschaft an das BFM weitergeleitet, mit dem Vermerk, eine Anhörung zu den Gesuchsgründen D-2067/2011 Seite 4 sei derzeit aus Kapazitätsgründen nicht möglich. Vom BFM wurde das Gesuch aus dem Ausland zwar am 26. August 2009 in der massgeblichen Datenbank registriert (vgl. Verordnung über das Zentrale Migrationsinfo r- mationssystem vom 12. April 2006 [ZEMIS-Verordnung; SR 142.513]), zu weiteren Verfahrensschritten kam es jedoch während der nächsten ei n- einhalb Jahre nicht. Nachdem der Beschwerdeführer am 24. Januar 2011 in der Schweiz ein (neues) Asylgesuch eingereicht hatte, schrieb das Bundesamt das Gesuch aus dem Ausland am 7. März 2011 formlos r e- spektive alleine mittels Vermerk in seiner Datenbank als gegens tandslos ab (rückwirkend per 17. August 2009). C. Mit Verfügung vom 4. März 2011 – eröffnet am 8. März 2011 – stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und es lehnte dessen Asylgesuch ab. Gleichzeitig wurde vom BFM die Wegweisung aus der Schweiz verfügt und der Vollzug der Wegweisung angeordnet. D. Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 6. April 2001 – handelnd durch seinen Rechtsvertreter – Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flücht- lingseigenschaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Festste l- lung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges und die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz. Daneben ersuchte er um E r- lass der Verfahr enskosten und um Befreiung von der Kostenvorschus s- pflicht. E. Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 13. April 2011 wurde dem Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten entsprochen und auf das Erheben eines Kostenvorschusses antragsgemäss verzic h- tet. Gleichzeitig wurde das BFM unter Zustellung der Akten zum Schri f- tenwechsel eingeladen. F. In seiner Vernehmlassung vom 15. April 2011 hielt das BFM unter Ve r- weis auf seine bisherigen Erwägungen an der angefochtenen Verfügung fest und beantragte die Ab weisung der Beschwerde. Die vorinstanzliche Vernehmlassung wu rde dem Beschwerdeführer am 21 . April 2011 zur Kenntnisnahme zugestellt. D-2067/2011 Seite 5 G. Mit Schreiben vom 22. Mai 2013 ersuchte die Instruktionsrichterin die schweizerische Botschaft in Colombo um zusätzliche Abklärungen bezüg- lich des Beschwerdeführers. H. In ihrem Schreiben vom 7. November 2013 übermittelte die schweizer i- sche Botschaft in Colombo die Ergebnisse der im Rahmen der Bo t- schaftsanfrage getätigten Abklärungen an das Bundesverwaltungsgericht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entsche i- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgül- tig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetz es vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einz u- treten. 1.4 Dem Beschwerdeführer werden die Botschaftsanfrage vom 22. Mai 2013 sowie die Abklärungsergebnisse der Botschaft vom 7. November D-2067/2011 Seite 6 2013 (z.T. geschwärzt) aus prozessökonomischen Gründen erst mi t vor- liegendem Entscheid zur Kenntnis gebracht, woraus ihm vor dem Hinte r- grund der nachfolgenden Erwägungen kein Rechtsnachteil erwächst. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglic hen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich s ind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Zur Begründung führte das BFM im Wesentlichen aus, es sei nac h- vollziehbar, dass die vorgebrachten Vorfälle, insbesondere die Verhaftung im (…) sowie der Erhalt der Vorladung im (…), den Beschwerdeführer zur Ausreise aus seiner Heimat bewogen hätten. Angesichts der geschilde r- ten Ereignisse sei es auch verständlich, da ss er aus subjektiver Sicht Angst vor weitere n staatlichen Verfolgungsmassnahmen habe. Objektiv könne diese Furcht jedoch nicht als begründet angesehen werden. Der Beschwerdeführer habe sich lediglich damit hervorgetan, während der Friedenszeit als Sportle r an durch die LTTE organisierte n Sportanlässen teilzunehmen und ab Januar 2009 für eine der Beziehung zu den LTTE verdächtigten Telekommunikationsfirma tätig zu sein. Er sei weder staatspolitisch aktiv gewesen, noch habe er sich – abgesehen von einer D-2067/2011 Seite 7 einmaligen Hilfeleistung, als er auf Wunsch zweier Freunde und LTTE - Angehöriger Sprengstoff auf dem elterlichen Grundstück versteckt habe – je für die LTTE engagiert. Mit dem Bombenanschlag auf den Verkehrsm i- nister habe er nichts zu tun. Der Umstand, dass er nach nur wenigen Wo- chen entlassen und das Verfahren gegen ihn eingestellt worden sei, müs- se als Hinweis darauf gewertet werden, dass die sri -lankischen Behörden nichts weiter als einen blossen Verdacht gegen ihn in der Hand hätten und die Angelegenheit als erledigt betrachteten. Andernfalls hätten die Behörden den Beschwerdeführer trotz der Intervention eines hochrang i- gen Richters nicht entlassen und das Verfahren gegen ihn auch nicht ein- gestellt. Vor diesem Hintergrund erscheine das Risiko, dass er nach B e- endigung des Krieges in Sri Lanka einer Verfolgungssituation ausgesetzt sei, als ausgesprochen gering. Es sei nicht davon auszugehen, dass er von Seiten der sri-lankischen Behörden weitere Verfolgungsmassnahmen zu befürchten habe. Daher hielten die Vorbring en den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. 4.2 In der Beschwerde brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, in Sri Lanka seien nach wie vor Personen, die irgendeine Verbindung zu den LTTE aufweisen könnten und s omit nicht nur profilierte LTTE - Kader, gesucht und würden unter Druck gesetzt. Zudem müsse im No r- den und Osten des Landes immer mit dem Schlimmsten gerechnet we r- den, da auf Seiten der Sicherheitskräfte weiterhin mit grenzenloser Wil l- kür gerechnet werden mü sse. Er habe anlässlich der Befragung auf gut nachvollziehbare Weise erläutert, wieso die Behörden ihn des Engag e- ments für die LTTE beschuldigten und deshalb in seinem Fall von anha l- tender Verfolgungsgefahr ausgegangen werden müsse. Aus seinem L e- benslauf e rgäben sich zahlreiche direkte Verbindungen zu den LTTE (Vergangenheit als LTTE-Sportler, persönlich gesucht wegen verstecktem LTTE-Sprengstoff, Beschäftigung in einem Geschäft mit mutmasslichen Beziehungen zu den LTTE, registriertes Telefongespräch mit LT TE-Akti- vist, mehrwöchige Haft im Zusammenhang mit einem LTTE -Attentat). Er habe demnach aus Behördensicht das klare Profil eines möglichen LTTE- Unterstützers oder Sympathisanten und müsse jederzeit mit Verfo l- gungsmassnahmen rechnen. Er habe deshalb seit D ezember 2007 mög- lichst zurückgezogen gelebt und habe seinen Aufenthaltsort immer wieder wechseln müssen. Trotzdem sei immer wieder nach ihm gesucht worden. Zuletzt sei seine Ehefrau (…) in Jaffna auf einem Posten vom CID oder von der Polizei festgehalten, über seinen Aufenthaltsort befragt und am darauffolgenden Tag wieder freigelassen worden. Demnach sei auch se i- ne Ehefrau immer noch im Fokus der Behörden. Das anhaltende Intere s-D-2067/2011 Seite 8 se der Sicherheitskräfte an seiner Person weise somit auf ein erhebliches Risikoprofil hin, das ihn aktuell aus objektiver Sicht als gefährdet im Sinne von Art. 3 AsylG erscheinen lasse. Er erfülle demnach die Voraussetzu n- gen zur Anerkennung als Flüchtling. 4.3 Die Botschaftsanfrage vom 7. November 2013 ergab im Wesentl i- chen, dass am (…) ein Fall mit dieser Fallnummer existiere. Dabei sei der Beschwerdeführer mit zwei weiteren Personen der Unterstützung respe k- tive der Beihilfe zur Unterstützung der LTTE verdächtigt worden. Sie se i- en unter den Emergency Regulations verhaftet und unter ein em Detenti- on Order festgehalten worden. Am (…) seien der Beschwerdeführer und eine weitere Person aufgrund ungenügender Beweismittel durch den Richter entlassen worden. Jedoch gehe ein Spezialteam den Anschuld i- gungen weiter nach . Am (…) sei auch die dritte Person aufgrund ma n- gelnder Beweismittel und Informationen bedingt entlassen worden. Der Fall sei am (…) beigelegt worden ("laid by"), bis der Officer in Charge dem Gericht einen neuen Bericht unterbreite, der zur Wiederaufnahme des Verfahrens führen würde. Ferner sei auch die "Police Message Form" vom (…) auf die Echtheit überprüft worden. Der Officer in Charge des Y._______ Polizeipostens gebe an, keine Nachricht durch den W._______ Polizeiposten an dem erwähnten Datum erhalten zu haben. Zudem stimme die Art, in welcher die Nachricht verfasst worden sei, nicht mit der gängigen Schreibweise überein. Die Police Message Form müsse demnach als gefälscht betrachtet werden. 5. 5.1 Das BFM enthält sich in seiner Verfügung zu Ausführungen bezüglich der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers, womit davon ausgegangen werden muss, dass das BFM an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers nicht zweifelt. Jedoch muss aufgrund der Botschaftsanfrage davon ausgegangen werden, dass die vorgebrach- te Kontrolle der Polizei (…) konstruiert ist. Letztendlich kann aber von e i- ner abschliessenden Beu rteilung der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens abgesehen werden, zumal die Botschaftsabklärung die Inhaftierung au f- grund der Beihilfe der LTTE-Unterstützung bestätigt hat. 5.2 Somit geht das Bundesverwaltungsgericht im Folgenden davon aus, dass der Beschwerdefüh rer am (…) mit zwei anderen Personen unter den Emergency Regulations festgenommen und unter einem Detention Order festgehalten wurde. Der Beschwerdeführer wurde der Beihilfe der LTTE-Unterstützung verdächtigt. Aufgrund mangelnder Beweise, respe k-D-2067/2011 Seite 9 tive dank der Bemühungen seines Vaters, der sri -lankischen Menschen- rechtskommission und des IKRK, wurde er am (…) entlassen. Jedoch soll ein Spezialteam den Anschuldigun gen weiter nachge hen. Am (…) wurde auch die dritte Person entlassen und der Gerichtsfall sistiert ("laid by"). Diese Sistierung bedeutet gemäss Botschaftsauskunft nicht den A b- schluss des Verfahrens, dieses kann jederzeit wieder aufgenommen we r- den. 6. 6.1 Entsprechend der Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person erns t- hafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat befürcht en muss. Die Nachteile müssen der asylsuchenden Person gezielt und aufgrund b e- stimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein. Eine Ver- folgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG kann von staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren ausgehen. Die Anerkennung der Flüchtlingse i- genschaft setzt zudem voraus, dass die betroffene Person einer lande s- weiten Verfolgung ausgesetzt ist und sich nicht in einem anderen Teil ihres Heimatstaates in Schutz bringen kann. Ausgangspunkt für die Beur- teilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise bestehenden Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer so l- chen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Ra h- men der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht e benfalls we- sentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zw i- schen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der ein Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5 und BVGE 2010/57 E. 2, beide mit weiteren Hinweisen). 6.2 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wah r- scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen i n vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen, und sie ist andere r- seits durch das von der betroffenen Per son bereits Erlebte und das Wi s- sen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits D-2067/2011 Seite 10 staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Grü n- de für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 mit weiteren Hinweisen). 7. 7.1 Seit Mai 2009 ist insgesamt von einer seit Beendigung des militär i- schen Konflikts zwischen der sri -lankischen Armee und den LTTE erhe b- lich verbesserten Lage in Sri Lanka auszugehen. Militärisch gelten die LTTE als vernichtet; es gibt keine Anzei chen, dass sie heute noch in der Lage wären, Angriffe auf die Sicherheitskräfte oder sonstige Attentate auszuführen. Allerdings werden politisch Oppositionelle jeglicher Couleur seitens der sri -lankischen Regierung als Staatsfeinde betrachtet und müssen mi t entsprechenden Verfolgungsmassnahmen rechnen (vgl. BVGE 2011/24 E. 7.6). Aus diesem Grunde definierte das Bundesverwa l- tungsgericht im Grundsatzurteil BVGE 2011/24 – im Sinne von Risik o- gruppen – Personenkreise, deren Zugehörige einer erhöhten Verfo l- gungsgefahr unterliegen. Zu diesen Risikogruppen gehören namentlich (1) Personen, die auch nach Beendigung des Bürgerkriegs verdächtigt werden, mit den LTTE in Verbindung zu stehen beziehungsweise gesta n- den zu sein, (2) kritisch auftretende Journalisten und Medi enschaffende, (3) Menschenrechtsaktivisten und regimekritische Nichtregierungsorgan i- sationen-Vertreter, ferner (4) Personen, die Opfer oder Zeuge schwerer Menschenrechtsverstösse wurden oder diesbezüglich juristische Schritte einleiten, sowie (5) Rückkehre r aus der Schweiz, denen nahe Kontakte zu den LTTE unterstellt werden beziehungsweise die über beträchtliche finanzielle Mittel verfügen (BVGE 2011/24 E. 8). Innerhalb der Risik o- gruppen muss im Einzelfall untersucht werden, ob die individuellen Beg e- benheiten eine asylrelevante Verfolgungsgefahr zu begründen vermögen. Die Situation im Heimatstaat des Beschwerdeführers hat sich für tamil i- sche Asylsuchende seit dem Grundsatzurteil BVGE 2011/24 des Bundes- verwaltungsgerichts jedenfalls nicht verbessert. 7.2 Mit der Gefährdungssituation, jedoch im Hinblick auf eine EMRK - widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, hat sich auch der Europä i- sche Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) wiederholt befasst (v gl. NA. v. United Kingdom, Application no. 25904/07, Entscheid vom 17. Juli 2008; P .K. v. Denmark, Application no. 54705/08, Entscheid vom 20. J a- nuar 2011; T.N. v. Denmark, Application no. 20594/08, Entscheid vom 20. Januar 2011; E.G. v. United Kingdom, Ap plication no. 41178/08, Entscheid vom 31. Mai 2011). Auch der EGMR hält fest, dass bei einer D-2067/2011 Seite 11 Risikoeinschätzung verschiedene Faktoren in Betracht zu ziehen sind, aus denen sich insgesamt im Einzelfall schliessen lasse, dass der Betre f- fende ernsthafte Gründ e für die Befürchtung habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Befragung ein Interesse. Als derartige risikob e- gründende Faktoren nennt der EGMR namentlich Aspekte wie eine frühe- re Registrierung als verdächtigtes oder tatsächliches LTTE -Mitglied, das Bestehen einer Vorstrafe oder eines offenen Haftbefehls, die Flucht aus der Haft oder aus Kautionsauflagen, die Unterzeichnung eines Gestän d- nisses oder ähnlicher Dokumente, die Anwerbung als Informant der S i- cherheitskräfte, die Existenz von Körpernarben , die Rückkehr nach Sri Lanka von London oder von einem anderen Ort, welcher als LTTE - Finanzmittelbeschaffungszentrum gilt, das Fehlen von Identitätspapieren oder anderen Dokumenten, die Asylgesuchstellung im Ausland oder die Verwandtschaft mit einem LTTE-Mitglied (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.4.2). 7.3 Vor dem Hintergrund der vorstehend skizzierten Ausgangslage, in s- besondere angesichts des im (…) eröffneten und noch nicht abgeschlo s- senen Verfahrens gegen den Beschwerdeführer wegen Unterstützung der LTTE kommt das B undesverwaltungsgericht im vorliegenden Einzelfall zum Schluss, dass im Falle von dessen Rückkehr nach Sri Lanka von e i- ner objektiv begründeten Furcht vor Verfolgung ausgegangen werden muss. Der Beschwerdeführer erfüllt mehrere der vom Bundesverwal- tungsgericht und vom EGMR genannten Risikofaktoren. So wurde er im Verfahren im Jahr (…) eindeutig als LTTE-Unterstützer respektive Sympa- thisant verdächtigt und als solcher auch festgenommen. Da das Verfa h- ren nicht mit einem Urteil beendet wurde, sondern lediglich beiseitegelegt wurde ("laid by") , kann nicht davon ausgegangen werden, die sri - lankischen Behörden würden den Beschwerdeführer als unbescholtenen Bürger betrachten und kein Interesse mehr an ihm haben . Es ist ferner bekannt, dass Rückkehrende aus dem Ausland am Flughafen in einer meistens langwierigen Prozedur auf mögliche Verbindungen mit de n LTTE durchleuchtet werden (vgl. SFH, a.a.O, 15. November 2012, S. 19 ff.). Da der Beschwerdeführer zudem aus einem Finanzmittelb e- schaffungszentrum der LTTE, worunter auch die Schweiz zählt, und als abgewiesener Asylgesuchsteller nach Sri Lanka zurückkehren würde, muss davon ausgegangen werden, dass er bei der Wiedereinreise vertieft überprüft würde. Dabei erscheint es sehr wahrscheinlich, dass diese Überprüfung als Anlass zur Wiederaufnahme des Verfahrens aus dem Jahr (…) genommen werden könnte. Das Risiko, dass die sri -lankischen Behörden bei einer allfälligen Wiedereinreise des Beschwerdeführers auf diesen aufmerksam würden , das noch hängige Verfahren wieder auf-D-2067/2011 Seite 12 nehmen und den Beschwerdeführer in letzter Konsequenz festnehmen und inhaftieren würden , ist gross und stellt so für den Beschwerdeführer eine ernstzunehmende Gefahr dar, zumal er durch das sistierte Gerichts- urteil im System der sri -lankischen Behörden als LTTE-Unterstützer r e- gistriert ist. 7.4 Aufgrund dieser Umstände ergibt sich, dass der Beschwerdeführer insgesamt ein Profil aufweist, aufgrund dessen er für die sri -lankischen Behörden als LTTE -Anhänger wahrgenommen werden dürfte. Er war darüber hinaus b ereits in der Vergangenheit ernsthaften Nachteilen au s- gesetzt, weshalb von einer objektiv begründeten Furcht vor erneuten ernsthaften Nachteilen auszugehen ist. Eine innerstaatliche Flucht alter- native besteht offensichtlich nicht, da sich die Gefährdung insbesondere bereits bei der Einreise ergeben würde. 8. Aufgrund der Aktenlage besteht weiter kein Grund zur Annahme einer Asylunwürdigkeit des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 53 AsylG, zumal keine konkreten Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass er verwerfl i- che Handlungen im Sinne dieser Bestimmung begangen haben könnte oder die innere oder äussere Sicherheit der Schweiz gefährden würde. Die Anklage bezieh t sich in erster Linie auf Beihilfe zur LTTE -Unter- stützung, was der Beschwerdeführer aber glaubhaft bestritten hat. Aus den Akten lässt sich damit vorliegend nicht ableiten, der Beschwerdefü h- rer sei LTTE-Mitglied und als solches in gewalttätige Aktionen verwickelt gewesen. Es kann jedenfalls nicht von einer Gewaltbereitschaft im Sinne der Asylunwürdigkeit ausgegangen werden. 9. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die vorinstanzl i- che Verfügung vom 4. März 2011 ist aufzuheben und das BFM anzuwe i- sen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschwerdeführer keine Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG), womit sich das Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten im Urteilszeitpunkt als gegen - standslos erweist. 10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom D-2067/2011 Seite 13 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Eine Kostennote wurde bisher nicht zu den Akten gereicht. Auf das Nachfo r- dern einer solchen kann indes verzichtet werden, da sich der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund der Akten hinreichend zuverlässig abschät- zen lässt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehende n Bemessungsfaktoren (Art. 8-13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zu Lasten der Vorinstanz e i- ne Parteientschädigung von Fr. 650.– zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-2067/2011 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 4. März 2011 wird aufgehoben und das BFM angewiesen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM hat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor der B e- schwerdeinstanz eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 650.– zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Anne Kneer Versand: