<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 102 S.448</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">448</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>102 Ausschaffungshaft; Beschwerde betreffend Disziplinarstrafe</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Eine Disziplinarstrafe ist erst dann gerechtfertigt, wenn das Verhalten des</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Betroffenen zu einer Störung des Anstaltsbetriebes führt. Aufgrund des</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Stufensystems innerhalb des Disziplinarwesens darf die fünftätige Ein-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schliessung als schärfst mögliche Disziplinarstrafe in der Regel nicht als</b></span><br/> <span class="ft2"><b>erste Massnahme angeordnet werden. Absichtlich selbst herbeigeführte</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gesundheitliche Probleme können nicht mit Disziplinarstrafen sanktio-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>niert werden (Erw. II/3-5).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">27. Oktober 2005 in Sachen Z.Y. gegen die Verfügung des Migrationsamts des</span><br/> <span class="ft3">Kantons Aargau vom 26. Oktober 2005 betreffend Disziplinarstrafe</span><br/> <span class="ft3">(BE.2005.00055).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 1. Gemäss Verfügung des Migrationsamtes vom 26. Oktober</span><br/> <span class="ft1">2005 wurde der Beschwerdeführer mit einer Einschliessung von fünf</span><br/> <span class="ft1">Tagen bestraft, weil er sich renitent verhalte, indem er keine Nahrung</span><br/> <span class="ft1">mehr zu sich nehme. Durch sein Verhalten werde der Betrieb im Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffungszentrum stark erschwert. Um möglichen gesundheitlichen</span><br/> <span class="ft1">Schaden abzuwenden, müsse der Beschwerdeführer betreffend Nah-</span><br/> <span class="ft1">rungsaufnahme kontrolliert werden können. Dies sei nur möglich, in-</span><br/> <span class="ft1">dem er in einer Einzelzelle eingeschlossen werde. ...</span><br/> <span class="ft1">2. Der Beschwerdeführer geht davon aus, die gesetzlichen</span><br/> <span class="ft1">Anforderungen an die Anordnung einer Disziplinarstrafe seien</span><br/> <span class="ft1">vorliegend nicht erfüllt und die angeordnete Massnahme erweise sich</span><br/> <span class="ft1">zudem als untauglich.</span><br/> <span class="ft1">3. Gemäss § 26 EGAR sind Einschränkungen garantierter</span><br/> <span class="ft1">Rechte im Sinne von § 25 Abs. 1 EGAR unter Vorbehalt von § 28</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">449</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">EGAR nur soweit zulässig, als es die Sicherheit, insbesondere die</span><br/> <span class="ft1">Fluchtverhinderung, erfordert.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 28 Abs. 1 i.V.m. § 28 Abs. 3 lit. c EGAR kann das</span><br/> <span class="ft1">Migrationsamt Einschliessungen von maximal 5 Tagen anordnen,</span><br/> <span class="ft1">wenn die inhaftierte Person gegen die Anstaltsordnung und gegen</span><br/> <span class="ft1">Anordnungen der Anstaltsorgane im Einzelfall verstösst. Der Haus-</span><br/> <span class="ft1">ordnung für das Ausschaffungszentrum des Kantons Aargau vom</span><br/> <span class="ft1">31. Januar 1996 / 1. Juli 1998 ist in Ziffer 11.1 zu entnehmen, dass</span><br/> <span class="ft1">renitentes Verhalten als Disziplinartatbestand gilt.</span><br/> <span class="ft1">4. Das Migrationsamt begründet die Einschliessung des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers mit seiner Verweigerung der Nahrungsaufnahme,</span><br/> <span class="ft1">welche als renitentes Verhalten im Sinne von Ziffer 11.1 der Haus-</span><br/> <span class="ft1">ordnung bezeichnet werden müsse. Die Vorinstanz verkennt dabei,</span><br/> <span class="ft1">dass selbst wenn die Verweigerung der Nahrungsaufnahme als reni-</span><br/> <span class="ft1">tentes Verhalten bezeichnet werden könnte, eine Disziplinierung des</span><br/> <span class="ft1">Betroffenen nur dann gerechtfertigt wäre, wenn aus dem Verhalten</span><br/> <span class="ft1">eine Störung des Anstaltsbetriebes resultieren würde. Wäre dem nicht</span><br/> <span class="ft1">so, könnte jede noch so kleine Missachtung einer Anordnung zu ei-</span><br/> <span class="ft1">ner Disziplinierung führen. Nachdem gemäss Schreiben des stellver-</span><br/> <span class="ft1">tretenden Dienstchefs des Ausschaffungszentrums vom 26. Oktober</span><br/> <span class="ft1">2005 an das Migrationsamt zur Zeit keine medizinischen Probleme</span><br/> <span class="ft1">bestehen, ist nicht ersichtlich, inwiefern die angeblich verweigerte</span><br/> <span class="ft1">Nahrungsaufnahme zu einer Störung des Anstaltsbetriebes führen</span><br/> <span class="ft1">sollte. Allein schon deshalb ist die angeordnete Disziplinarstrafe auf-</span><br/> <span class="ft1">zuheben.</span><br/> <span class="ft1">5. Hinzu kommt, dass das Disziplinarwesen gemäss § 28 EGAR</span><br/> <span class="ft1">ein Stufensystem darstellt. Die Anordnung von Disziplinarmassnah-</span><br/> <span class="ft1">men fällt in den Kompetenzbereich des Bezirksamtes als</span><br/> <span class="ft1">Haftvollzugsbehörde, wogegen Disziplinarstrafen nur durch das</span><br/> <span class="ft1">Migrationsamt angeordnet werden dürfen. Die Einschliessung von</span><br/> <span class="ft1">fünf Tagen stellt dabei die schärfst mögliche Disziplinarstrafe dar.</span><br/> <span class="ft1">Dem Prinzip des Stufensystems folgend, sind gemäss Ziffer 11.1 der</span><br/> <span class="ft1">Hausordnung Disziplinarmassnahmen nur anzuordnen, wenn mit den</span><br/> <span class="ft1">ordentlichen Mitteln der Erziehung, Führung und Beeinflussung</span><br/> <span class="ft1">keine Änderung im Fehlverhalten des Häftlings erreicht werden</span><br/> <span class="ft1">kann. Im Sinne des Verhältnismässigkeitsprinzips sind demnach Dis-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">450</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ziplinarmassnahmen und damit umso mehr Disziplinarstrafen erst</span><br/> <span class="ft1">dann anzuordnen, wenn sich ein Betroffener nach eindringlicher Er-</span><br/> <span class="ft1">mahnung uneinsichtig zeigt. Die unverzügliche Anordnung der maxi-</span><br/> <span class="ft1">mal zulässigen Disziplinarstrafe allein wegen verweigerter Nah-</span><br/> <span class="ft1">rungsaufnahme erweist sich damit als offensichtlich unverhältnis-</span><br/> <span class="ft1">mässig.</span><br/> <span class="ft1">Zwar erscheint verständlich, wenn das Migrationsamt im</span><br/> <span class="ft1">Bemühen den gesetzlichen Vollzugsauftrag zu erfüllen, dafür besorgt</span><br/> <span class="ft1">ist, die Reisefähigkeit eines Betroffenen zu erhalten. Dafür dient je-</span><br/> <span class="ft1">doch das Disziplinarwesen nicht. Es soll einzig einen geordneten An-</span><br/> <span class="ft1">staltsbetrieb sicherstellen, indem ein Fehlverhalten eines Inhaftierten</span><br/> <span class="ft1">sanktioniert werden kann. Gesundheitliche Probleme von Inhaftier-</span><br/> <span class="ft1">ten können - auch wenn sie absichtlich selbst herbeigeführt werden -</span><br/> <span class="ft1">nicht mit Disziplinarstrafen sanktioniert, geschweige denn gelöst</span><br/> <span class="ft1">werden. Keine Disziplinarmassnahmen stellen selbstverständlich</span><br/> <span class="ft1">medizinisch angezeigte und durch einen Arzt angeordnete Eingriffe</span><br/> <span class="ft1">in die persönliche Freiheit dar.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>