<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 13 S.56</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">56</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>13</b></span> <span class="ft2"><b>Zivilprozess, Sicherstellung der Parteikosten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Parteien mit Wohnsitz auf den englischen Kanalinseln sind nicht von der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Kautionspflicht gemäss § 105 lit. a ZPO befreit.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Auszug aus der Verfügung des Instruktionsrichters des Handelsgerichts vom</span><br/> <span class="ft3">28. Juli 2003 in Sachen W. gegen G. Ltd.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. a) Gemäss § 105 lit. a ZPO hat die Partei, die als Kläger auf-</span><br/> <span class="ft1">tritt, der Gegenpartei auf deren Begehren für ihre Parteikosten Si-</span><br/> <span class="ft1">cherheit zu leisten, sofern Letztere in der Schweiz keinen Wohnsitz</span><br/> <span class="ft1">hat und keine staatsvertragliche Vereinbarung sie von der Sicher-</span><br/> <span class="ft1">heitsleistung befreit.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Gesuchsgegnerin hat ihren Sitz in Jersey, einer Kanalin-</span><br/> <span class="ft1">sel, und damit im Ausland. Zu prüfen ist, ob sie gestützt auf einen</span><br/> <span class="ft1">Staatsvertrag von der Sicherstellungspflicht befreit ist.</span><br/> <span class="ft1">2. a) Staatsverträge, die für eine Partei mit Sitz in Jersey gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 105 lit. a ZPO in Betracht fallen, sind das Haager Übereinkommen</span><br/> <span class="ft1">über den internationalen Zugang zur Rechtspflege vom 25. Oktober</span><br/> <span class="ft1">1980 (HUe 80; SR 0.274.133), die Haager Zivilprozessrechtsüber-</span><br/> <span class="ft1">einkunft vom 1. März 1954 (HUe 54; SR 0.274.12), das bilaterale</span><br/> <span class="ft1">britisch-schweizerische Abkommen vom 3. Dezember 1937 über</span><br/> <span class="ft1">Zivilprozessrecht (SR 0.274.183.671) sowie das internationale Über-</span><br/> <span class="ft1">einkommen vom 17. Juli 1905 betreffend Zivilprozessrecht (HUe 05;</span><br/> <span class="ft1">SR 0.274.11). Zu prüfen ist überdies, ob das Abkommen vom</span><br/> <span class="ft1">21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft ei-</span><br/> <span class="ft1">nerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaa-</span><br/> <span class="ft1">ten anderseits über die Freizügigkeit (Abkommen über die Personen-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">freizügigkeit [FZA]; SR 0.142.112.681) einer Kautionspflicht der</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegnerin entgegensteht.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Kanalinseln unterhalten enge Beziehungen zur engli-</span><br/> <span class="ft1">schen Krone, besitzen jedoch erhebliche Autonomie. Diese zeigt sich</span><br/> <span class="ft1">u.a. darin, dass die einzelnen Kanalinseln ein eigenes Rechtssystem</span><br/> <span class="ft1">besitzen. Hingegen fehlt ihnen die Kompetenz zum Abschluss von</span><br/> <span class="ft1">Staatsverträgen. Ihre Aussenpolitik wird von London bestimmt. Dies</span><br/> <span class="ft1">bedeutet jedoch nicht, dass sämtliche von London abgeschlossenen</span><br/> <span class="ft1">Staatsverträge unmittelbar auch für die Kanalinseln gelten. Vielmehr</span><br/> <span class="ft1">muss eine vom Vereinigten Königreich eingegangene staatsvertragli-</span><br/> <span class="ft1">che Verpflichtung explizit auch für die Kanalinseln in Kraft gesetzt</span><br/> <span class="ft1">werden (Mark Huleatt-James, Some Reflections on Disputes invol-</span><br/> <span class="ft1">ving "the British Isles", SJZ 1995, S. 126 f.; vgl. auch den Eintrag</span><br/> <span class="ft1">auf www.jerseylegalinfo.je/Home/AboutJersey/default.asp: "Jersey</span><br/> <span class="ft1">(...) has its own system of local administration, fiscal and legal sys-</span><br/> <span class="ft1">tems, and courts of law. Jersey is neither part of the United Kingdom</span><br/> <span class="ft1">nor a colony. It is not represented in the United Kingdom Parliament,</span><br/> <span class="ft1">whose Acts extend to Jersey only if the Island expressly agrees that</span><br/> <span class="ft1">they should do so. The Island owes allegiance to the British Crown</span><br/> <span class="ft1">and the United Kingdom is responsible for the Island's defence and</span><br/> <span class="ft1">international relations.").</span><br/> <span class="ft1">3. a) In keinem der drei Haager Übereinkommen (HUe 80, 54</span><br/> <span class="ft1">und 05) ist das Vereinigte Königsreich Vertragspartei. Dasselbe gilt</span><br/> <span class="ft1">für die Kanalinseln selber. Die Anwendbarkeit dieser multilateralen</span><br/> <span class="ft1">Staatsverträge scheidet demzufolge aus.</span><br/> <span class="ft1">b) aa) Das britisch-schweizerische Abkommen vom 3. Dezem-</span><br/> <span class="ft1">ber 1937 bestimmt in Art. 8 lit. a, auf welche Gebiete des (damali-</span><br/> <span class="ft1">gen) britischen Empires dieser Staatsvertrag Anwendung findet.</span><br/> <span class="ft1">Nach dieser Bestimmung steht es dem Vereinigten Königreich bzw.</span><br/> <span class="ft1">dessen Königin frei, die Anwendung des Abkommens auch auf</span><br/> <span class="ft1">weitere Gebiete auszudehnen. Von dieser Möglichkeit wurde mit</span><br/> <span class="ft1">Bezug auf Jersey mit Wirkung ab dem 14. August 1981 Gebrauch</span><br/> <span class="ft1">gemacht (AS 1981, 1294). Das Abkommen ist somit im vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsverfahren anwendbar.</span><br/> <span class="ft1">bb) Gemäss Art. 3 lit. a des britisch-schweizerischen Abkom-</span><br/> <span class="ft1">mens vom 3. Dezember 1937 sind Angehörige eines vertragschlies-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">58</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">senden Teils von einer Sicherheitsleistung befreit, sofern sie ihren</span><br/> <span class="ft1">(Wohn-)Sitz in dem Land haben, in dem das Gerichtsverfahren statt-</span><br/> <span class="ft1">findet. Da die Gesuchsgegnerin keinen Sitz in der Schweiz hat, ist sie</span><br/> <span class="ft1">gemäss Art. 3 lit. b des britisch-schweizerischen Abkommens vom</span><br/> <span class="ft1">3. Dezember 1937 von der Pflicht zur Sicherheitsleistung nur befreit,</span><br/> <span class="ft1">wenn sie in der Schweiz "unbewegliches Eigentum oder anderes</span><br/> <span class="ft1">nicht ohne weiteres übertragbares Eigentum" besitzt. Dass solches</span><br/> <span class="ft1">Eigentum der Gesuchsgegnerin in der Schweiz gelegen sei, wird von</span><br/> <span class="ft1">ihr nicht eingewendet.</span><br/> <span class="ft1">Die Gesuchsgegnerin ist somit nach dem britisch-schweizeri-</span><br/> <span class="ft1">schen Abkommen über Zivilprozessrecht vom 3. Dezember 1937</span><br/> <span class="ft1">nicht von der Parteikostensicherstellung befreit.</span><br/> <span class="ft1">c) aa) Die Anwendung von § 105 lit. a ZPO könnte dem in</span><br/> <span class="ft1">Art. 2 FZA statuierten Diskriminierungsverbot zuwiderlaufen. Vor-</span><br/> <span class="ft1">aussetzung hiefür wäre, dass die Kanalinseln Mitglied der Europä-</span><br/> <span class="ft1">ischen Gemeinschaft bzw. Teil eines Mitgliedstaates der Europä-</span><br/> <span class="ft1">ischen Gemeinschaft wären, da das FZA zwischen der Europäischen</span><br/> <span class="ft1">Gemeinschaft und deren Mitgliedstaaten einerseits und der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">andererseits abgeschlossen worden ist.</span><br/> <span class="ft1">bb) Art. 299 Abs. 6 lit. c des Vertrages zur Gründung der Euro-</span><br/> <span class="ft1">päischen Gemeinschaft vom 25. März 1957 (EGV) sieht die Anwen-</span><br/> <span class="ft1">dung des EGV für die Kanalinseln nur insoweit vor, wie es für eine</span><br/> <span class="ft1">adäquate Durchführung des am 22. Januar 1972 unterzeichneten</span><br/> <span class="ft1">Vertrages über den Beitritt neuer Mitgliedstaaten zur Europäischen</span><br/> <span class="ft1">Wirtschaftsgemeinschaft und zur Europäischen Atomgemeinschaft</span><br/> <span class="ft1">erforderlich ist. Demgemäss ist der EGV nur auszugsweise auf Jer-</span><br/> <span class="ft1">sey anwendbar.</span><br/> <span class="ft1">cc) Die Kanalinseln gehören somit nicht zur Europäischen Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinschaft, da der EGV für diese Territorien nicht ohne weiteres</span><br/> <span class="ft1">Geltung hat. Jersey ist demgemäss auch nicht Vertragspartei des FZA</span><br/> <span class="ft1">und eine Befreiung der Gesuchsgegnerin von der Kautionspflicht</span><br/> <span class="ft1">gestützt auf Art. 2 FZA fällt ausser Betracht.</span><br/> <span class="ft1">d) Zusammenfassend ist die Gesuchsgegnerin nach keinem der</span><br/> <span class="ft1">hier relevanten Staatsverträge von der Kautionspflicht gemäss § 105</span><br/> <span class="ft1">lit. a ZPO befreit. Das Sicherstellungsbegehren der Gesuchstellerin</span><br/> <span class="ft1">ist daher grundsätzlich begründet.</span><br/></div> </div> </body> </html>