<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">208</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>39</b></span> <span class="ft2"><b>Notwendigkeit eines Privatfahrzeuges.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bei einem Mehraufwand von rund einer Stunde pro Arbeitsweg bei</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel ist für eine alleiner-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ziehende Mutter eines Kleinkindes die Zumutbarkeitsgrenze über-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schritten.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Autokosten als Erwerbsunkosten und situationsbedingte Leistung.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 11. März 2010 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">N.E. gegen Gemeinderat D. und Bezirksamt L. (WBE.2009.419).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">209</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1</span><br/> <span class="ft1">Ab dem 1. August 2009 und mit der Betreuung des Sohnes in</span><br/> <span class="ft1">der Krippe entstand für die Beschwerdeführerin eine neue Arbeits-</span><br/> <span class="ft1">wegsituation. Sie muss an den Arbeitstagen den Sohn morgens in das</span><br/> <span class="ft1">"C." bringen, solange er gestillt wurde ihn über Mittag vom Arbeits-</span><br/> <span class="ft1">ort aus besuchen, und abends bzw. am späten Nachmittag wieder ab-</span><br/> <span class="ft1">holen.</span><br/> <span class="ft1">Feststeht, dass eine Angewiesenheit auf ein Privatfahrzeug aus</span><br/> <span class="ft1">gesundheitlichen Gründen nicht in Betracht fällt. Die ärztlichen Kon-</span><br/> <span class="ft1">trollen, welche der Sohn benötigt, sind keine solchen Gründe. Die</span><br/> <span class="ft1">Fremdbetreuung des Sohnes ist eine Folge der Erwerbstätigkeit der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin und hat unmittelbare Auswirkungen auf ihren</span><br/> <span class="ft1">Arbeitsweg. Der Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit rechtfer-</span><br/> <span class="ft1">tigt die Qualifikation der mit dem Arbeitsweg verbundenen Kosten</span><br/> <span class="ft1">als Erwerbsunkosten gemäss der Richtlinie für die Ausgestaltung und</span><br/> <span class="ft1">Bemessung der Sozialhilfe (herausgegeben von der Schweizerischen</span><br/> <span class="ft1">Konferenz für Sozialhilfe [SKOS-Richtlinien], 3. Auflage, Dezember</span><br/> <span class="ft1">2000; Kap. C.3). Diese sind von der Sozialhilfe dann zu übernehmen,</span><br/> <span class="ft1">wenn der Arbeitsweg nicht in zumutbarer Weise mit den öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Verkehrsmittel erreicht werden kann (SKOS-Richtlinien Kap. C.3-1).</span><br/> <span class="ft1">Eine Zuordnung zu den "weiteren" situationsbedingten Leistungen</span><br/> <span class="ft1">gemäss § 10 Abs. 5 lit. b SPV kommt in Betracht, wenn keine Ange-</span><br/> <span class="ft1">wiesenheit auf ein Privatfahrzeug aufgrund des öffentlichen Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsangebots besteht, aber andere Gründen eine Übernahme von</span><br/> <span class="ft1">Autokosten nahelegen (vgl. SKOS-Richtlinien C.9-I).</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Ausgangspunkt für die Zumutbarkeit des Arbeitsweges mit öf-</span><br/> <span class="ft1">fentlichen Verkehrsmitteln ist die Dauer des Arbeitsweges.</span><br/> <span class="ft1">(...[Arbeitsweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln])</span><br/> <span class="ft1">Der Zeitaufwand für den gesamten Weg mit dem Privatfahrzeug</span><br/> <span class="ft1">beträgt 10 Minuten und unter Berücksichtigung von weiteren 10 Mi-</span><br/> <span class="ft1">nuten für die Übergabe ergibt sich ein Arbeitsweg von 20 Minuten.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">210</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">4.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Über den zumutbaren Arbeitsweg für erwerbstätige unterstützte</span><br/> <span class="ft1">Personen besteht keine Regelung im kantonalen Recht. Auch in den</span><br/> <span class="ft1">SKOS-Richtlinien und im Handbuch Sozialhilfe (vgl. Kap. 5) finden</span><br/> <span class="ft1">sich keine näheren Ausführungen zur Zumutbarkeit. Das Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgericht und die Lehre haben sich mit dieser Frage noch nicht</span><br/> <span class="ft1">beschäftigt.</span><br/> <span class="ft1">4.3.2. - 4.3.3. (...)</span><br/> <span class="ft1">4.3.4.</span><br/> <span class="ft1">Ausgangspunkt für die Berücksichtigung von situationsbeding-</span><br/> <span class="ft1">ten Leistungen im Sozialhilfebudget ist eine besondere Lebenssi-</span><br/> <span class="ft1">tuation der unterstützten Person. Solche Aufwendungen können nur</span><br/> <span class="ft1">angerechnet werden, wenn sie geeignet sind die Selbstständigkeit</span><br/> <span class="ft1">und das soziale Umfeld einer unterstützten Person zu fördern und in</span><br/> <span class="ft1">einem sinnvollen Verhältnis zum erzielten Nutzen stehen (SKOS-</span><br/> <span class="ft1">Richtlinien, Kap. C.I-I). Wegleitend ist damit das Individualisie-</span><br/> <span class="ft1">rungsprinzip gemäss § 5 Abs. 2 SPG. Die Sozialhilfe muss stets dem</span><br/> <span class="ft1">individuellen und aktuellen Bedarf der bedürftigen Person Rechnung</span><br/> <span class="ft1">tragen und auf die Ziele der Sozialhilfe (vgl. dazu § 4 SPG und</span><br/> <span class="ft1">SKOS-Richtlinien, Kap. A.I) ausgerichtet sein.</span><br/> <span class="ft1">Massgebend für die Zumutbarkeit der Bewältigung des Ar-</span><br/> <span class="ft1">beitsweges mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind daher die ge-</span><br/> <span class="ft1">samten Lebensumstände der unterstützten Person und der Nutzen aus</span><br/> <span class="ft1">einer Übernahme von Kosten eines Privatfahrzeugs im Hinblick auf</span><br/> <span class="ft1">die wirtschaftliche und soziale Integration im Einzelfall.</span><br/> <span class="ft1">4.3.5.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin ist eine alleinerziehende und teilweise</span><br/> <span class="ft1">berufstätige Mutter eines inzwischen 15 Monate alten Sohnes. Sie</span><br/> <span class="ft1">arbeitet zu rund 50% an drei Tagen pro Woche und muss auf ihrem</span><br/> <span class="ft1">Arbeitsweg das Kleinkind zur Fremdbetreuung mitnehmen. Für die</span><br/> <span class="ft1">einfache Arbeitswegstrecke mit dem Bus ist sie mehr als eine Stunde</span><br/> <span class="ft1">unterwegs, unabhängig davon, ob sie die gesamte Wegstrecke mit</span><br/> <span class="ft1">den öffentlichen Verkehrsmitteln oder Teile zu Fuss zurücklegt. So-</span><br/> <span class="ft1">lange die Beschwerdeführerin zudem ihren Sohn über Mittag stillt,</span><br/> <span class="ft1">erhöht sich der Zeitaufwand mit den öffentlichen Verkehrsmitteln</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">211</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">noch um weitere 11-13 Minuten pro Wegstrecke (ohne Wartezeiten)</span><br/> <span class="ft1">oder um je etwa 20 Minuten Fussweg. Pro Arbeitstag beträgt der</span><br/> <span class="ft1">zeitliche Aufwand für den Arbeitsweg ohne Privatfahrzeug insgesamt</span><br/> <span class="ft1">2 Stunden 20 Minuten bis 2 Stunden 40 Minuten; die zeitliche Ein-</span><br/> <span class="ft1">sparung bei Benützung eines Privatfahrzeuges beträgt 1 Stunde 40</span><br/> <span class="ft1">Minuten bis 2 Stunden pro Arbeitstag. Ohne die zusätzlichen Weg-</span><br/> <span class="ft1">zeiten über Mittag zum Stillen ist von einem Mehraufwand von min-</span><br/> <span class="ft1">destens einer Stunde und zwanzig Minuten auszugehen. Der Mehr-</span><br/> <span class="ft1">aufwand dürfte höher sein, weil die Beschwerdeführerin mit Kinder-</span><br/> <span class="ft1">wagen und dem Gepäck für den Sohn für die Fusswegstrecken eher</span><br/> <span class="ft1">längere Zeit benötigt.</span><br/> <span class="ft1">Nach steuerrechtlichen Kriterien wäre für den Arbeitsweg die</span><br/> <span class="ft1">Grenze der Zumutbarkeit für die Nutzung der öffentlichen Verkehrs-</span><br/> <span class="ft1">mittel erreicht. Angesichts der Betreuungspflichten der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führerin gegenüber einem Kleinkind, das zudem gestillt wurde, kön-</span><br/> <span class="ft1">nen die Anforderungen an den zumutbaren Arbeitsweg gemäss Ar-</span><br/> <span class="ft1">beitslosenversicherungsrecht nicht, auch nicht analog angewendet</span><br/> <span class="ft1">werden. Es steht auch nicht die Frage der Vermittlungsfähigkeit bzw.</span><br/> <span class="ft1">der zumutbaren Arbeit (Art. 15 und 16 AVIG) im Vordergrund. Das</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgericht ist daher der Auffassung, dass im vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Fall der Mehraufwand von rund einer Stunde pro Arbeitsweg bei der</span><br/> <span class="ft1">Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel die Zumutbarkeitsgrenze</span><br/> <span class="ft1">überschreitet. Bei der Gesamtwürdigung der Umstände der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin ist in Betracht zu ziehen, dass mit der Benützung</span><br/> <span class="ft1">des Privatfahrzeuges die Beschwerdeführerin ihre Erwerbstätigkeit</span><br/> <span class="ft1">nach der Geburt ihres Sohnes rasch wieder (teilweise) ausüben konn-</span><br/> <span class="ft1">te. Es handelt sich damit um eine Massnahme, die auch eine weitere</span><br/> <span class="ft1">Integration in das Erwerbsleben fördert, indem sie die Auswirkungen</span><br/> <span class="ft1">der Doppelbelastung der Beschwerdeführerin mildert (vgl. hiezu:</span><br/> <span class="ft1">Felix Wolffers, Grundriss des Sozialhilferechts, 2. Aufl., Bern 1999,</span><br/> <span class="ft1">S. 73 f.). Dabei fällt auch in Betracht, dass die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">mit dem Kind den Bus um 05:50 Uhr oder 06:18 Uhr erreichen muss</span><br/> <span class="ft1">und sie entsprechend früher aufstehen müssen. Die Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin erzielt ein Einkommen von rund Fr. 2'000.-- pro Monat, womit</span><br/> <span class="ft1">sie auch unter Berücksichtigung der Fremdbetreuungskosten in der</span><br/> <span class="ft1">Krippe und der Erwerbsunkosten für das Auto einen nicht unerhebli-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">212</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">chen Beitrag an ihre Lebenshaltungskosten leistet (vgl. hiezu</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2004, S. 251 f.). Die Aufnahme von Autokosten als Erwerbs-</span><br/> <span class="ft1">unkosten in das Unterstützungsbudget ist auch in einem angemesse-</span><br/> <span class="ft1">nen Verhältnis zum Integrationsziel.</span><br/> <span class="ft1">Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Beschwerdeführerin auf ein</span><br/> <span class="ft1">Fahrzeug zur Ausübung der Erwerbstätigkeit angewiesen. Die Kos-</span><br/> <span class="ft1">ten und Auslagen sind insoweit als Erwerbsunkosten im Unterstüt-</span><br/> <span class="ft1">zungsbudget zu berücksichtigen.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>