<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp275584"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>81 IV 161<br/><br/><br/><div class="paraatf"> 35. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 13. Mai 1955 i.S. Bieri gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich.</div> <div class="paraatf"></div> <a name="idp276960"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf"><span class="artref">Art. 154 StGB</span>, <span class="artref">Art. 38 LMG</span>. <div class="paratf">Wer den Tatbestand beider Bestimmungen erfüllt, ist unter Anwendung des <span class="artref">Art. 68 StGB</span> nach beiden zu bestrafen, und zwar auch bei vorsätzlicher Begehung (Änderung der Rechtsprechung). </div> </div> </div> <a name="idp283952"></a> <a name="idp289200"></a> <br/><div> <a name="idp297856"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> <span class="small">ab Seite 161</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page161"></a><div class="center pagebreak">BGE 81 IV 161 S. 161</div> </div> <div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <div class="paraatf">In <span class="bgeref_err">BGE 69 IV 112</span> wurde daraus, dass der an Stelle des <span class="artref">Art. 37 LMG</span> getretene <span class="artref">Art. 154 StGB</span> eine schärfere Strafandrohung enthält als <span class="artref"><artref id="CH/817.0/38/3" type="start"></artref><artref id="CH/817.0/38/2" type="start"></artref>Art. 38 Abs. 2 und 3 LMG</span><artref id="CH/817.0/38/3" type="end"></artref><artref id="CH/817.0/3" type="end"></artref>, der im Verhältnis zu <span class="artref">Art. 37 LMG</span> Sondernorm für qualifizierte Fälle gewesen sei, geschlossen, Art. 38 Abs. 2 gelte, in Verbindung mit Abs. 4, nur noch für fahrlässiges Inverkehrbringen gesundheitsschädlicher oder lebensgefährlicher Lebensmittel oder Gebrauchs- oder Verbrauchsgegenstände, während die vorsätzliche Tat fortan unter <span class="artref">Art. 154 Ziff. 1 StGB</span> falle; denn es könne nicht der Sinn des Gesetzes sein, dass das Merkmal, das die Fälle unter altem Recht als strafwürdiger erscheinen liess (Gesundheitsschädlichkeit, Lebensgefährlichkeit), sie heute privilegiere.</div> <div class="paraatf">An dieser Rechtsprechung kann nicht festgehalten werden. Sie verkennt, dass <span class="artref">Art. 154 StGB</span> und <span class="artref"><artref id="CH/817.0/38/3" type="start"></artref><artref id="CH/817.0/38/2" type="start"></artref>Art. 38 Abs. 2 und 3 LMG</span><artref id="CH/817.0/38/3" type="end"></artref><artref id="CH/817.0/3" type="end"></artref> nicht das gleiche Rechtsgut schützen. Erstere Bestimmung dient dem Schutz des Vermögens (vgl. Überschrift zum zweiten Titel, Art. 137 ff.). Sie umschreibt einen betrugsähnlichen Tatbestand, indem sie sinngemäss wie <span class="artref">Art. 153 StGB</span> Täuschungsabsicht verlangt (<span class="bgeref_err">BGE 71 IV 12</span>). Sie soll Gewähr bieten, dass der Erwerber nicht eine Ware erhalte, die er nur zu geringerem Preise oder <a name="page162"></a><div class="center pagebreak">BGE 81 IV 161 S. 162</div>überhaupt nicht erstehen würde, wenn sie so zusammengesetzt wäre, wie ihr Aussehen, ihre Bezeichnung oder ihre Aufmachung vortäuschen. Ob die Ware Mängel aufweise, die der Gesundheit oder dem Wohlbefinden von Menschen abträglich sein könnten, lässt Art. 154 (wie <span class="artref">Art. 153 StGB</span>) ausser Betracht (81 IV 100). <span class="artref"><artref id="CH/817.0/38/3" type="start"></artref><artref id="CH/817.0/38/2" type="start"></artref>Art. 38 Abs. 2 und 3 LMG</span><artref id="CH/817.0/38/3" type="end"></artref><artref id="CH/817.0/3" type="end"></artref> dagegen erfasst das Inverkehrbringen der Ware gerade unter diesem Gesichtspunkt, schützt dagegen das Vermögen nicht. Diese Bestimmung dient dem Schutze der Gesundheit und des Lebens und gilt daher neben <span class="artref">Art. 154 StGB</span> auch für vorsätzliche Begehung weiter. Dass man sie nicht aufzuheben gedachte, ergibt sich ausser aus <span class="artref">Art. 398 Abs. 2 lit. f StGB</span> auch daraus, dass der Entwurf des Bundesrates zum Strafgesetzbuch sie durch eine in dieses Gesetz aufzunehmende besondere Bestimmung (Art. 201 des Entwurfes) ersetzen lassen wollte (vgl. Art. 422 Abs. 2 lit. k des Entwurfes), die eidgenössischen Räte dies jedoch ablehnten - und auch den dem <span class="artref">Art. 38 Abs. 1 LMG</span> entsprechenden Art. 200 betreffend das Herstellen gesundheitsschädlicher Waren strichen -, mit der Begründung, die Ordnung dieser Fälle werden dem Bundesgesetz betreffend den Verkehr mit Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen als dem Sondergesetze überlassen, das nötigenfalls dem Strafgesetzbuche angepasst werden könne (vgl. StenBull, Sonderausgabe, NRat 438 f., StR 203 f.). Dass diese Anpassung unterblieb, ändert nichts daran, dass <span class="artref"><artref id="CH/817.0/38/3" type="start"></artref><artref id="CH/817.0/38/2" type="start"></artref>Art. 38 Abs. 2 und 3 LMG</span><artref id="CH/817.0/38/3" type="end"></artref><artref id="CH/817.0/3" type="end"></artref> neben <span class="artref">Art. 154 Ziff. 1 StGB</span> Platz hat. Wer beide Bestimmungen verletzt, ist nach den Grundsätzen über das Zusammentreffen strafbarer Handlungen (<span class="artref">Art. 68 StGB</span>) nach beiden zu bestrafen, da keine das Unrecht der Tat nach allen Seiten abgilt. Das ist auch nicht unbillig. Wer ein Lebensmittel, einen Gebrauchs- oder einen Verbrauchsgegenstand in Verkehr bringt, der nicht nur gefälscht, sondern ausserdem gesundheitsschädlich oder sogar lebensgefährlich ist, verdient strengere Strafe, als wer eine Ware in Verkehr bringt, die nur nach der einen oder nach der andern Richtung zu beanstanden ist.</div> </div></body></html>