B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1435/2012 U r t e i l v o m 2 8 . M ä r z 2 0 1 2 Besetzung Richter Fulvio Haefeli (Vorsitz), Richter Kurt Gysi, Richter Pietro Angeli-Busi; Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren (…), Äthiopien, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Februar 2012 / N _______. D-1435/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a. Die Beschwerdeführerin – eine äthiopische Staatsangehörige orom i- scher Ethnie – verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 30. April 2011 und gelangte am 2. Mai 2011 via ihr unbekannte Länder i l- legal in die Schweiz, wo sie gleichentags im Empfang s- und Verfahrens- zentrum (…) um Asyl nachsuchte. Am 19. Mai 2011 fand die Befragung zur Person statt und am 30. Mai 2011 wurde die Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen angehört. Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte sie im Wesentlichen geltend, seit sie ein kleines Kind sei, hätten die äthiopischen Polizeibehörden i h- ren Vater regelmässig verhaftet und für mehrere Tage mitgenommen. Sie habe vernommen, dass er der Mitgliedschaft bei der ONEG (amharischer Name der OLF [Oromo Liberation Front ]) beschuldigt worden sei. De s- wegen habe sie ständig in Angst gele bt. Am 26. März 2011 sei er erneut festgenommen worden. Da er diesmal nicht wieder nach Hause zurüc k- gekehrt sei, habe die Mutter nach ihm gesucht. Die Suche nach seinem Aufenthaltsort sei jedoch erfolglos geblieben. Am 3. April 2011 seien wäh- rend ihrer Abwesenheit gemäss Aussagen von Nachbarn auch ihre Mutter und ihr älterer Bruder verhaftet worden. In ihrer Not habe sie sich an ihren Onkel väterlicherseits gewandt, welcher sie daraufhin zu sich nach Hause geholt habe. Er habe ihr klar gemacht, dass auch sie beide in Gefahr se i- en, was ihn dazu veranlasst habe, ihre und seine Ausreise aus Äthiopien in die Wege zu leiten. Nach einem rund einmonatigen Auf enthalt beim Onkel habe sie am 30. April 2011 in Begle itung eines Schleppers in B._______ ein Flugzeug bestiegen und sei auf dem Luftweg nach Europa und von dort aus mit dem Zug und dem Auto in die Schweiz gelangt. Der Onkel sei um seiner Sicherheit willen ebenfalls aus Äthiopien ausgereist. A.b. Die Beschwerdefüh rerin gab keinerlei I dentitätsdokumente zu den Akten. A.c. Mit Schreiben vom 6. Juni 2011 ersuchte das BFM die schweizer i- sche Vertretung in Addis Abeba um nähere Abklärungen bezüglich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Asylgründe, namentlich zum Verbleib ihrer Eltern und ihres Bruders. Die Botschaftsantwort ging am 19. August 2011 beim BFM ein. A.d. Mit Schreiben vom 11. November 2011 wurde der zu jenem Zei t- punkt noch minderjährigen Beschwerdeführerin über ihre Vertrauenspe r-D-1435/2012 Seite 3 son schriftlich das rechtlich e Gehör zum Ergebnis der vor Ort getätigten Abklärungen gewährt. Die Vertrauensperson reichte am 25. November 2011 im Namen der Beschwerdeführerin eine entsprechende Stellun g- nahme ein. B. Mit Verfügung vom 15. Februar 2012 – eröffnet am 17. Februar 2012 – stellte das BFM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseige n- schaft nicht, wies deren Asylgesuch vom 2. Mai 2011 ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Zur Begründung wurde insbesondere ausgeführt, es gel inge der B e- schwerdeführerin nicht, d ie vorgebrachten Ereignisse überzeugend dar- zustellen und den geschilderten Ausreisegründen die nötige Plausibilität zu verleihen. Ihre Angaben seien vage und ungenau und ergäben in ihrer Gesamtheit keinen Sinn. Die sich bereits aus der Botschaftsabklärung er- gebenden Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Angaben zur Identität und zu den Asylgründen würden durch die in der Stellungnahme vom 25. N o- vember 2011 auftretenden Widersprüche noch zusätzlich erhärtet. Die Asylrelevanz der Vorbringen der Beschwerdeführerin müsse nicht geprüft werden, da si e den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht stand hiel- ten. Der Wegweisungsvollzug sei zulässig, zumutbar und möglich. C. Mit Eingabe vom 14. März 2012 erhob die Beschwerdeführerin gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bea n- tragte, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben, soweit er den Vollzug der Wegweisung betreffe, es sei festzustell en, dass der Wegweisung s- vollzug für sie nicht zumutbar sei und das BFM sei anzuweisen, den we i- teren Aufenthalt nach den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln. Eventualiter sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und das BFM anzuweisen, die Zumutbarkeit der Wegweisung neu zu prüfen. In prozessualer Hinsicht sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu gewäh- ren und es sei auf die Erhebung des Kostenvorschusses zu verzichten. Als Begründung macht e die Beschwe rdeführerin im Wesentlichen gel- tend, sie habe nach dem Abbruch der Schule weder eine Ausbildung g e- macht noch Berufserfahrungen gesammelt. Ausserdem könne sie im Heimatland nicht auf ein intaktes soziales Netzwerk und eine gesicherte Wohnsituation zurückgreifen. In Anbetracht der körperlichen und psychi-D-1435/2012 Seite 4 schen Be schwerden und der von ihrer Ärztin vermuteten traumatischen Erlebnisse bestünden konkrete Hinweise, dass sie in ihrem Umfeld, wo sie aufgewachsen sei, traumatisiert worden sei. Sie dorthin zurückzusch i- cken, wäre in ihrem vulnerablen Zusta nd unzumutbar. Es müsse bezwei- felt werden, dass in Äthiopien eine adäquate psychotherapeutische B e- handlung gewährleistet sei. Sollte eine entsprechende Behandlung de n- noch bestehen, wäre es für sie angesichts der ohnehin sehr geringen B e- rufschancen für alle instehende Frauen kaum möglich, sich die dazu e r- forderlichen Mittel und den Zugang zu verschaf fen. Erschwert werde die Situation schliesslich durch ihre Schwangerschaft. Als alleinstehende, junge Frau mit einem Kleinkind und in einem psychisch äusse rst labilen Zustand dürfte sie in Äthiopien kaum in der Lage sein, einer geregelten Arbeit nachzugehen und ein die Existenz sicherndes Einkommen zu e r- zielen. Insgesamt sei davon auszugehen, dass in casu die Voraussetzun- gen für eine zumutbare Rückweisung, wie sie vom Bundesverwaltungs- gericht in den Urteilen E -3430/2010 vom 23. September 2010, E-2097/2008 vom 7. Juli 2011 und D-1321/2008 vom 29. Dezember 2011 formuliert worden seien, nicht erfüllt seien. Der Wegweisungs vollzug er- weise sich somit als unzumutbar. Zur Untermauerung der Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin einen ärztlichen Bericht v on Dr. med. (…), C._______ , vom 2. März 2012 zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge-D-1435/2012 Seite 5 richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme liegt in casu nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an de ren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Besch werde legitimiert ( Art. 108 Abs. 1 und Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Gestützt auf Art. 111 a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfü h- rung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. Gemäss den Rechtsbegehren richtet sich die Beschwerde ausschliesslich gegen den Wegweisungsvollzug (Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der a n- gefochtenen Verfügung), weshalb die angefochtene Verfügung, soweit sie die Frage der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls sowie der Wegweisung betrifft (Ziffern 1-3 des Dispositivs), in Rechtskraft erwachsen ist. Gegen - stand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet nach dem Gesa g- ten einzig die Frage, ob das BFM den Wegweisungsvollzug zu Recht a n- geordnet hat oder ob anstel le des Vollzugs die vorläufige Aufnahme a n- zuordnen ist (Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 5. 5.1. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach D-1435/2012 Seite 6 den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungs vollzugshindernissen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und seiner Vorgängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen , wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, Handbücher für die Anwalts- praxis, Band VIII, 2. Auflage, Basel 2009, S. 568 Rz. 11.148). 5.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 5.2.1. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus e i- nem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Ei d- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überei n- kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte un d Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedr i- gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 5.2.2. Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtl ichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da rechts- kräftig feststeht, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrück- schiebung im v orliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. D-1435/2012 Seite 7 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit e i- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behan d- lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nac h- weisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Fol- ter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Im Zusammenhang mit der beim BFM geltend gemachten Gefährdung wird zur Vermeidung von Wiederholungen vollumfänglich auf die Ausführungen in der ang e- fochtenen Verfügung vom 15. Februar 2012 verwiesen, wonach es der Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, jene glaubhaft erscheinen zu la s- sen. Somit ist nicht davon auszugehen, ihr drohe im Falle einer Rückkehr in ihre Heimat eine derartige Gefahr, welche den Vollzug der Wegweisung unzulässig erscheinen liesse. Auch die allgemeine Menschenrechtssitu a- tion in Äthiopien lässt den Wegweisungsv ollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Wie dem ärztlichen Bericht vom 2. März 2012 zu entnehmen ist, wurde bei der Beschwerdeführerin eine mindestens mitt elschwere Depression mit möglicher Suizidalität diagnostiziert. Diese gesundheitlichen Probleme stellen selbst dann unter dem Blickwinkel von Art. 3 EMRK kein völke r- rechtliches Vollzugshindernis dar, falls i m Heimatland der medizinische Standard schlechter als in der Schweiz wäre, zumal die Ausweisung einer unter gesundheitlichen Beschwerden leidenden Person nur unter ganz aussergewöhnlichen Umständen eine Verletzung von Art. 3 EMRK zur Folge hat (vgl. Urteil des EGMR vom 27. Mai 2008 i.S. N. gegen Vereinig- tes Königreich [Grossbritannien], Ziffn. 34, 42, 43, 44, B eschwerde Nr. 26565/05; BVGE 2009/2 E. 9.1.3; EMARK 2004 Nr. 6 E. 7 S. 40 ff.). Solche ganz aussergewöhnlichen Umstände sind vorliegend nicht ersicht- lich. In Berücksichtigung der Praxis des EGMR, wonach die Ausschaffung einer suizidgefährdeten Person nicht gegen Art. 3 EMRK zu verstossen vermag, solange der wegweisende Staat Massnahmen ergreift, um die Umsetzung der Suiziddrohung zu verhindern (vgl. den Unzulässigkeit s- entscheid des EGMR vom 7. Oktober 2004 i.S. Dragan und andere g e- gen Deutschland, Nr. 33743/03, angeführt in EMARK 2005 Nr. 23 E. 5.1 S. 212), ist der möglichen Suizidalität der Beschwerdeführerin durch H e- ranziehen von medizinischem Fachpersonal bei der Ausschaffung Rech-D-1435/2012 Seite 8 nung zu tragen. Auch ihre Schwangerschaft vermag aus medizinischer Hinsicht eine Rückführung nicht zu verhindern, zumal es sich gemäss dem erwähnten Arztbericht derzeit um eine Frühschwangerschaft handelt. 5.2.3. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweis ung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 5.3. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie i m H eimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind . Wird eine konkrete G e- fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 5.3.1. In konstanter Praxis wird von einer grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Äthiopien ausgegangen (vgl. bereits EMARK 1998 Nr. 22). Der zweieinhalb Jahre dauernde Grenzkrieg zw i- schen Äthiopien und Eritrea wurde im Juni 2000 mit einem von der Org a- nisation für die Einheit Afrikas (OAU) vermittelten Waffenstillstand und ei- nem von beiden Staaten am 12. Dezember 2000 unterzeichneten Fri e- densabkommen beendet. Trotz Abzugs der UN -Friedenstruppen aus Eri- trea im März 2008 und aus Äthiopien im August 2008 ist im heutigen Zeit- punkt n icht von einem offenen Konflikt im Grenzgebiet zwischen Äthi o- pien und Eritrea auszugehen. Insgesamt kann jedenfalls nicht von einer rechtlich relevanten Verschlechterung der allgemeinen Lage in Äthiopien gesprochen werden. 5.3.2. Im Weiteren ist zu prüfen, ob all fällige individuelle Gründe gegen eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in ihre Heimat sprechen. 5.3.2.1 Vor dem Hintergrund, dass die Beschwerdeführerin schwanger ist und an psychischen Beschwerden leidet , gilt es zunächst abzuklären, ob sie bei einer Rückkehr im Heimatland mit einer angemessenen medizini- schen Versorgung rechnen kann. Hinsichtlich des äthiopischen Gesundheitswesens ist festzuhalten, dass Addis Abeba als Hauptsitz der Afrikanischen Union (AU) im Bereich der medizinischen Versorgung besondere Privilegien geniesst. So präsentiert sich dort die allgemeine Infrastruktur im Vergleich zu den anderen Teilen des Landes bes ser und moderner. Was die psychiatrische Versorgung anbelangt, gibt es in Addis Abeba sechs Zentren, in denen eine stationäre D-1435/2012 Seite 9 Behandlung möglich ist. Dazu gehören das Amanuel Hospital, die Abte i- lung der Universitätsklinik St. Paulos, die psychiatrischen Abteilungen der beiden Militärspitäler und die Kliniken der Addis Abeba Universität und der Gefängnisadministration (vgl. SFH -Recherche vom 10. März 2006, Äthiopien: Informationen zum Ges undheitswesen, SFH -Auskunft vom 10. Juni 2009, Äthiopien: Psychiatrische Versorgung). Betreffend der Ver- sorgung von Schwangeren ist beispielsweise das "Tikur Anbessa Hosp i- tal", ein Universitätsspital, w elches unter anderem stationäre und amb u- lante Dienste bietet, zu erwähnen. Neben Chirurgie, Innere Medizin, O r- thopädie und Pädiatrie umfasst dieses Spital auch den Bereich Geburts - und Frauenheilkunde. Nach dem Gesagten darf davon ausgegangen werden, dass die im Arztbericht vom 2. März 2012 als notwendig erachte- te gynäkologische Betreuung und psychiatrische Behandlung der B e- schwerdeführerin in Addis Abeba, wo sie seit ihrer Geburt bis zur Ausre i- se gelebt haben will (vgl. Befragungsprotokoll vom 19. Mai 2011, A4 S. 1), grundsätzlich gewährleistet ist und dort auch die im Arztbericht erwähnte Eisenmangelanämie behandelt werden kann. Sollte die Beschwerdefü h- rerin sich eine entsprechende medizinische Versorgung aus finanziellen Gründen nicht leisten können, wird es ihr offenstehen, in ihrer Heimatg e- meinde (kebele) eine Bescheinigung zu beantragen, um kostenlose G e- sundheitsversorgung zu erhalten. Aufgrund dessen kan n sie aus der Ar- gumentation, wonach es ihr angesichts der sehr geringen Berufschancen für alleinstehende Frauen kaum möglich wäre, sich die für eine Behan d- lung erforderlichen Mittel zu beschaffen, nichts zu ihren Gunsten ableiten. Im Weiteren hat sie die Möglichkeit, nötigenfalls medizinische Rückkehr- hilfe in Anspruch zu nehmen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]). Einer allfälligen Akzentuierung suizidaler Tenden- zen bei der Rückführung wäre mit geeigneten medikamentösen oder auch psychotherapeutischen Massnahmen entgegenzuwirken. 5.3.2.2 Darüber hinaus sind vorliegend keine Hinweise darauf ersichtlich, dass die mittlerweile volljähr ige Beschwerdeführerin in ihrem Heimatland aus anderen persönlichen Gründen einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG ausgesetzt sein könnte. Die sozio-ökonomische Lage von alleinerziehenden Frauen in Äthiopien ist zwar zweifellos schwierig. Es darf jedoch in casu davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführerin ein Wiedereinstieg in ihrer Heimat gelingen wird. Ei- genen Angaben zufol ge wurde sie in Addis Abeba geboren und wuchs dort auf (vgl. A4 S. 1), wes halb sie mit diesem Umfeld bestens vertraut ist. Ausserdem verfügt si e über eine mehrjährige Schulbildung und Eng-D-1435/2012 Seite 10 lischkenntnisse (vgl. A4 S. 2/3). Vor dem Hintergrund , dass ihre geltend gemachten Asylgründe mangels Anfechtung im vorliegenden Beschwe r- deverfahren als unglaub haft zu beurteilen sind , ist dem Vorbringen der Beschwerdeführerin, sie habe die Schule in der neunten Klasse wegen Konzentrationsschwierigkeiten aufgrund der Probleme ihres Vaters ab- gebrochen (vgl. Anhörungsprotokoll vom 30. Mai 2011, A10 S. 3 F21), jegliche Grundlage entzogen. An dieser Stelle gilt es festzuhalten, dass die Untersuchungspflicht der Asylbehörden hinsichtlich Zulässigkeit, Z u- mutbarkeit und Möglichkeit des Vollzugs nach Treu und Glauben ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht der Beschwerde führenden Person findet (Art. 8 AsylG), die im Übr igen auch die Substanziierungslast trägt (Art. 7 AsylG). Vorliegend ist die Beschwerdeführerin auf grund ihrer als unglaubhaft erachteten Angaben und der fehlenden Einreichung recht s- genüglicher Identitätspapiere ihrer Mitwirkungs - und Wahrheitspflicht im Rahmen der Sachverhaltsermittlung nicht nachgekommen, weshalb es nicht Aufgabe der Asylbehörden sein kann, näher nach allfälligen We g- weisungshindernissen in ihrem Heimatland zu forschen. In Anbetracht des Umstands, dass an den von der Beschwerdef ührerin angegebenen Adressen nichts über sie und ihre Familie in Erfahrung gebracht werden konnte (vgl. Botschaftsantwort vom 10. August 2011 inkl. Bericht des A n- walts vom 4. August 2011, A16), liegt der Schluss nahe, dass sie bewusst falsche Angaben gemacht hat, um i hre Identität zu verheimlichen. Bei dieser Sachlage ist vermutungsweise davon auszugehen, dass sie in der Heimat entgegen anderer Meinung nach wie vor über ein tragfähiges so- ziales Beziehungsnetz und über eine gesicherte Wohnsi tuation verfüg t. Infolgedessen ist damit zu rechnen, dass die Familienangehörigen ihr bei der Wiedereingliederung behilflich sein werden, was sich insbesondere auf ihre psychische Verfassung positiv auswirken dürfte. Darüber hinaus steht es der Beschwerdeführerin offen, bei der Erzie hung ihres im jetzi- gen Zeitpunkt noch ungeborenen Kindes allenfalls auf familiäre Unter- stützung zurückzugreifen, um einer Arbeit nachgehen zu kön nen. Nöti- genfalls wird ihr die Rückkehrhilfe der Schweiz den Wiedereinstieg im Heimatland ebenfalls erleichtern können (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 74 AsylV 2). Im Übrigen sind keine weiteren individuellen Grün- de ersicht lich, aufgrund derer geschlossen werden könnte, die B e- schwerdeführerin gerate im Falle der Rückkehr in eine existenzbedr o- hende Situation. 5.3.3. In Berücksichtigung aller Umstände ist der Wegweisungsvollzug übereinstimmend mit dem BFM auch als zumutbar zu qualifizieren. Ange- sichts dessen kann darauf verzichtet werden, auf die weiteren Beschwe r-D-1435/2012 Seite 11 devorbringen näher einzugehen, da dies zu keiner anderen Einschätzung führen würde. Es ist insbesondere nicht ersichtlich, inwiefern sich die B e- schwerdeführerin auf die in der Rechtsmitteleingabe zitierten Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts berufen könnte. So wurde in den Urteilen E-3430/2010 vom 23. September 2010 und E-2097/2008 vom 7. Juli 2011 der Vollzug der Wegweisung jener alleinstehenden Beschwerdeführeri n- nen nach Äthiopien insgesamt als zumutbar erachtet. Demgegenüber liegt dem Urteil D-1321/2008 vom 29. Dezember 2011 ein gänzlich and e- rer Sachverhalt zugrunde, weshalb die darin g emachten Ausführungen in casu nicht als Vergleich herangezogen werden können. Zum einen ha n- delte es sich bei jener Beschwerdeführerin um eine eritreische Staatsa n- gehörige mit letztem Wohnsitz in Äthiopien. Zum andere n hatte das G e- richt die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht zu beur- teilen, da die Beschwerdeführerin und ihr Sohn im Besitz einer Aufen t- haltsbewilligung waren. Nach dem Gesagten erübrigt es sich vorliegend, die Zumutbarkeit noch- mals einer Prüfung zu unterziehen, weshalb der Eventualantrag, die a n- gefochtene Verfügung sei aufzuheben und das BFM anzuweisen, die Zumutbarkeit der Wegweisung neu zu prüfen, abgewiesen wird. 5.4. Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zustä n- digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG, dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 5.5. Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und mög lich erachtet. Somit fällt eine A n- ordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art . 83 Abs. 1 – 4 AuG). 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist demnach abzuweisen. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwV G). Da die in der D-1435/2012 Seite 12 Beschwerde formulierten Begehren nicht als aussichtslos qualifiziert wer- den konnten und das Bundesverwaltungsgericht gestützt auf die Fürso r- gebestätigung vom 28. Februar 2012 von der Bedürftigkeit der B e- schwerdeführerin ausgeht, sind indessen keine Verfahrenskosten zu e r- heben. Das Gesuch um Gewähru ng der unentgeltlich en Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ist gutzuheissen. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird mit vorliegendem Urteil gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-1435/2012 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werde n keine Verfahrenskosten auferlegt . Das Gesuch um Gewäh - rung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Fulvio Haefeli Karin Schnidrig Versand: