B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3519/2023 U r t e i l v o m 2 9 . J u n i 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichter David R. Wenger, mit Zustimmung von Richterin Chrystel Tornare Villanueva; Gerichtsschreiber Matthias Neumann. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch MLaw Dimitri Witzig, Rechtsschutz für Asylsuchende, Bundesasylzentrum Region Zürich, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 14. Juni 2023 / N (…). E-3519/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am 22. Mai 2023 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Euro- dac) ergab, dass sie bereits am 18. Mai 2023 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt hatte. B. Die Vorinstanz ersuchte die kroatischen Behörden am 24. Mai 2023 um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin. C. Am 25. Mai 2023 bevollmächtigte die Beschwerdeführerin die ihr zugewie- sene Rechtsvertretung. D. Am 1. Juni 2023 gewährte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin im Rah- men des Dublingesprächs das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nicht- eintretensentscheid und einer Rücküberstellung nach Kroatien. Dabei machte sie im Wesentlichen geltend, sie sei illegal in Kroatien ein- gereist, habe ihre Fingerabdrücke aber nicht freiwillig abgege ben. Sie sei gemeinsam mit ihren drei Geschwistern legal mit ihren Reisepässen zu- nächst nach Bosnien geflogen. Mithilfe von Schleppern seien sie an- schliessend auf dem Landweg an die kroatische Grenze gebracht worden. Dies teilweise zu Fuss und danach mit s echsundzwanzig anderen Perso- nen in einem Fahrzeug. Als das Fahrzeug führerlos mit einem Baum kolli- dierte, seien sie von den kroatischen Behörden aufgegriffen worden. Die Schlepper hätten ihr Geld und ihre Identitätspapiere gestohlen und seien geflüchtet. Die kroatischen Behörden hätten die Flüchtenden wie Tiere be- handelt. Sie seien in eine kleine Ortschaft gebracht worden, wo sie zwei Tage in einem Container ohne Verpflegung hätten bleiben müssen. Die Po- lizei habe ihnen brutal die Fingerabdrücke abgenommen. Sie selber sei auch geschlagen worden, als sie auf die Toilette habe gehen wollen. Ihr sei nicht bewusst gewesen, dass in Kroatien in ihrem Namen ein Asylgesuch eingereicht worden sei. Es sei kein Dolmetscher anwesend gewesen und ihr seien auch keine Dokumente in türkischer Sprache ausgehändigt wor- den. Nach Kroatien könne sie nicht zurückkehren, da sie dort unmensch- lich behandelt worden sei und es dort mafiöse Gruppen gäbe. Ausserdem sei sie Teil der LGBT-Community und könne unter diesen Umständen nicht E-3519/2023 Seite 3 dort leben. Aufgrund der dortigen Erlebnisse würde es ihr psychisch schlecht gehen und sie leide unter Asthma. E. Die kroatischen Behörden stimmten dem Wiederaufnahmegesuch der Vo- rinstanz am 7. Juni 2023 zu. F. Mit Verfügung vom 14. Juni 2023 (eröffnet am 15. Juni 2023) trat die Vo- rinstanz auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei- tig stellte sie fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, verfügte die Aushändigung der editions-pflichtigen Akten und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. G. Mit Eingabe vom 15. Juni 2023 gelangte die Rechtsvertretung an die Vo- rinstanz und führte aus, in Bezug auf die drei Geschwister der Beschwer- deführerin, welche sich ebenfalls in der Schweiz befinden, würden deutli- che Anzeichen für ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Schwe ster B._______ (N [...]) und ihren Geschwistern (einschliesslich der Beschwer- deführerin) bestehen, wobei dies bereits in der Türkei der Fall gewesen sei. Ihre Schwester sei aufgrund ihrer schweren, terminalen Krankheit (Krebs- leiden) auf die körperliche Pflege sowie den psychologischen Beistand der Geschwister angewiesen. Weiter wies die Rechtsvertretung die Vorinstanz darauf hin, dass die Beschwerdeführerin und ihre Schwester in den nächs- ten Tagen diverse Arzttermine wahrnehmen werden. Diese Termine seien auch zur weiteren Beurteilung der bereits bestehenden Hinweise auf ein Abhängigkeitsverhältnis zwingend abzuwarten. H. Mit Eingabe vom 21. Juni 2023 erhob die Beschwerdeführerin gegen die Verfügung der Vorinstanz vom 14. Juni 2023 Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht. Sie beantragt, es sei die angefochtene Verfügung auf- zuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutre- ten; eventualiter sei die Sache zur vollständigen Erstellung des rechtser- heblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht sei der vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und es seien die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden im Rahmen E-3519/2023 Seite 4 von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Ent- scheid über das vorlieg ende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlun- gen abzusehen. Weiter sei das vorliegende Verfahren mit dem Beschwer- deverfahren ihrer Brüder (N [...] sowie N [...]) koordiniert zu behandeln so- wie die Vorakten ihrer Schwester (N [...]) zur Beurteilung herbei zuziehen. Schliesslich sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, insbesondere sei von der Erhebung eines Kostenvorschus- ses abzusehen. I. Der Instruktionsrichter setzte den Vollzug der Überstellung mit superprovi- sorischer Massnahme am 22. Juni 2023 per sofort einstweilen aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerin hat am Verfahren vor d er Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4 Über die Beschwerde des Bruders C._______ (E-3544/2023) wird mit gleichem Spruchkörper sowie mit Urteil vom gleichen Tag und insofern – antragsgemäss – koordiniert entschieden. E-3519/2023 Seite 5 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist im Ver- fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch- führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zustä ndigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zuges timmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mit- gliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit- gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). E-3519/2023 Seite 6 4.3 Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2019 VI/7 E. 4 -6; 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 4.4 Der nach dieser Verordnung zustä ndige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an- deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 4.5 Ist ein Antragssteller insbesondere wegen schwerer Krankheit, ernst- hafter Behinderung oder hohen Alters auf die Unterstützung seines Kindes, eines seiner Geschwister oder eines Elternteils angewiesen, das/der sich rechtmässig in einem Mitgliedstaat aufhält, oder trifft die umgekehrte Kons- tellation zu, so entscheiden die Mitgliedstaaten in der Regel, die Beteiligten nicht zu trennen beziehungsweise sie zusammenzuführ en, sofern die fa- miliäre Bindung bereits im Herkunftsland bestanden hat, der nahe Ange- hörige in der Lage ist, die abhängige Person zu unterstützen und die Be- troffenen diesen Wunsch schriftlich kundgetan haben. Die Nichtanwen- dung der Zuständigkeitsbestimmung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO kann im Einzelfall menschenrechtswidrig sein und einen Ermessensmissbrauch darstellen. Sind die Voraussetzungen von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ge- geben und halten sich die betroffenen Personen in demselben Mitglied- staat auf, hat sich die entscheidende Behörde für zuständig zu erklären (vgl. Urteile des BVGer F -1568/2022 vom 12. April 2022 E. 7 und F-280/2021 vom 22. Juli 2021 E. 6 m.w.H.). 5. Die Beschwerdeführerin rügt in formeller Hinsicht eine unvollständige be- ziehungsweise unrichtige Feststellung des medizinischen Sachverhalts so- wie des geltend gemachten Abhängigkeitsverhältnis ses in Bezug auf die Schwester B._______ und damit zusammenhängend auch eine Verletzung der Begründungspflicht. Sie bringt im Wesentlichen vor, ihr psychischer Zu- stand sei bis heute nicht von einer psychiatrischen Fachperson abgeklärt worden, obwohl bereits anlässlich des Dublingesprächs Hinweise für psy- chische Probleme bestanden hätten. Für den 2. Juni 2023 sei ein Arztter- min vorgesehen gewesen. Diesen habe sie jedoch nicht wahrnehmen kön- nen, weil sie ihre schwer kranke Schwester zu deren Dublingespräch be- gleitet habe. Der entsprechende Arztbericht liege aktuell noch nicht vor. E-3519/2023 Seite 7 Weiter habe die Vorinstanz das geltend gemachte Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihr und ihrer Geschwister nicht ausreichend geprüft, obwohl aus den Protokollen der Dublingespräche von ihr und ihrer Schwester deutliche Hinweise auf ein solches Abhängigkeitsverhältnis hervorgehen würden. Da dies unter anderem mit dem Gesundheitszustand ihrer Schwester zusam- menhänge, hätte die Vorinstanz die Verfahren wie beantragt koordinieren müssen. Der medizinische Sachverhalt sei sowohl in ihrem Verfahren, als auch im Verfahren ihrer Schwester und ihres Bruders D._______ (N [...]) noch nicht erstellt. Deshalb könne das geltend gemachte Abhängigkeits- verhältnis im jetzigen Zeitpunkt nicht abschliessen beurteilt werden. Die Sache sei an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese die einzelnen Verfahren koordiniert behandelt, die medizinischen und weiteren Abklärun- gen abgewartet und die Gesuche der Beschwerdeführerin sowie ihrer Ge- schwister gemeinsam entschieden werden können. 5.1 Diese formellen Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der angefochtenen Verfügung zu bewirken. 5.2 Gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) und Art. 29 VwVG ha- ben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Dieses umfasst insbe- sondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumin- dest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Ent- scheid zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirks am zur Geltung brin- gen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1 und 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.; vgl. ferner PATRICK SUTTER, in: AUER/MÜLLER/SCHINDLER [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Auflage, 2019, R z. 1 zu Art. 29 VwVG m.w.H.). Mit dem Ge- hörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit al- len Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 5.3 Im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsverfahren auch – gilt der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Danach E-3519/2023 Seite 8 muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklären. Sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den Entscheid notwendi- gen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsrelevanter Tatsachen (vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfah- ren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Auflage 2013, N 142; PATRICK KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER/FABIO BABEY, in: Waldmann / Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwaltungsverfah rensgesetz, 2. Auflage 2016, N 20 ff. zu Art. 12 VwVG). Die unrichtige oder unvollstän- dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der be- hördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG, Art. 49 Bst. b VwVG). Unrichtig ist die Sachverhalts- feststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachve rhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für die Entscheidung we- sentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/ ANJA MARTINA BINDER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., N 16 zu Art. 12 VwVG). Grenze findet die Untersuchungspflicht der Behörde in der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person (Art. 13 Abs. 1 VwVG und Art. 8 Abs. 1 AsylG 5.4 In Bezug auf das geltend gemachte Abhängigkeitsverhältnis kommt die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung – nach theoretischen Ausfüh- rungen zu Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO – zum Schluss, es würden keine ausreichenden Hinweise auf ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zwi- schen der Beschwerdeführerin und ihren Geschwistern bestehen. Dies gelte auch für die Schwester B._______, welche aufgrund ihrer Krebser- krankung eine erhöhte Vulnerabilität aufweise. Ausserdem führt die Vo- rinstanz an, keines ihrer Geschwister würde über eine Aufenthaltsberech- tigung im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO in der Schweiz verfügen. Mit diesen Erwägungen geht die Vorinstanz zunächst offenbar ebenfalls vom Verwandschaftsverhältnis der Beschwerdeführerin zu ihren Ge- schwistern sowie d er bestehenden Krebserkrankung ihrer Schwester B._______ aus. In der Folge beschränkt sich die Vorinstanz in ihrer Be- gründung jedoch auf die pauschale Feststellung, es würden keine ausrei- chenden Hinweise für ein Abhängigkeitsverhältnis bestehen und die Ge- schwister würden über kein Aufenthaltsrecht in der Schweiz verfügen. Diese Argumentation beziehungsweise Begründung ist unzureichend. Ob die Voraussetzungen von Art. 16 Abs. 1 Dublin -III-VO vorliegend erfüllt sind, kann gestützt auf die Erwägungen der Vorinstanz und die Aktenlage E-3519/2023 Seite 9 vom Gericht nicht hinreichend geprüft werden. Dabei hat namentlich der konkrete G esundheitszustand der Schwester B._______, ihre konkrete Unterstützungsbedürftigkeit (durch medizinisches Personal und durch ihre Geschwister), die familiäre Bindung der Geschwister im Heimatstaat oder die tatsächliche Unterstützungsmöglichkeit der Beschwerdeführerin in die Beurteilung einzufliessen. Die Vorinstanz setzt sich mit diesen Aspekten in der angefochtenen Verfügung nicht ansatzweise auseinander. Inwiefern sie diese in ihrer Entscheidfindung berücksichtigt hat, lässt sich vorliegend nicht beurteilen. Es ist nicht Aufgabe des Gerichts, diese Untersuchungs- handlungen anstelle der Vorinstanz durchzuführen. Vor diesem Hinter- grund hätte es sich aus Sicht der Vorinstanz auch aufgedrängt, das Ver- fahren der Beschwerdeführerin mit den Verfahren ihrer Geschwister – wie von der Beschwerdeführerin beantragt (vgl. SEM-eAkten, 1253757-17/1) – koordiniert zu behandeln. Wie sie zurecht vorbringt, ist namentlich der me- dizinische Sachverhalt der Schwester B._______ hinreichend abzuklären, da die Beurteilung des geltend gemachten Abhängigkeitsverhältnisses (un- ter anderem) auch davon abhängt. 5.5 Damit hat die Vorinstanz den rechtserheblichen Sachverhalt in Bezug auf das geltend gemachte Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Be- schwerdeführerin und ihrer Schwester B._______ – in Verletzung der Un- tersuchungspflicht – nicht vollständig festgestellt und diesbezüglich auch ihre Begründungspflicht, mithin das rechtliche Gehör der Beschwerdefüh- rerin, verletzt. 6. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheiss en, soweit damit die Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt wird (Beschwerdebe- gehren 3). Die Vorinstanz wird angewiesen, den Sachverhalt in Bezug auf das geltend gemachte Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Beschwerde- führerin und ihrer Schwester B._______ (N [...]) abzuklären und eine voll- umfängliche rechtliche Würdigung mit Blick auf Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO im Sinne der Erwägungen vorzunehmen. Ebenso wird die Vorinstanz an- gewiesen, das Verfahren der Beschwerdeführerin mit den Verfahren ihrer Geschwister (C._______, N [...]; D._______, N [...]; B._______, N [...]) ko- ordiniert zu behandeln. E-3519/2023 Seite 10 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist keine Parteientschädi gung auszurichten, da sie durch die ihr zugewiesene unentgeltliche Rechtsver- tretung im Sinne von Art. 102h AsylG vertreten wurde, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG). (Dispositiv nächste Seite) E-3519/2023 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben und die Sache zur Neube- urteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: David R. Wenger Matthias Neumann Versand: