B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4969/2022 U r t e i l v o m 2 1 . D e z e m b e r 2 0 2 2 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richterin Contessina Theis, Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Anja Kläusli, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 21. Oktober 2022 / N (…). D-4969/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer wurde am 23. Mai 2022 bei der Einreise in die Schweiz vom Grenzwachtkorps angehalten und suchte hierzulande glei- chentags um Asyl nach. Er führte eine von den kroatischen Behörden am (…) 2022 ausgestellte Verfahrenskarte mit sich, wonach er in Kroatien un- ter der Identität B._______, geboren am (…), Afghanistan, registriert wor- den sei. Diese Personalien wurden auf dem Personalienblatt (Version Eng- lisch/Italienisch) eingetragen. Auf einem zweiten Personalienblatt (Version Dari/Farsi/Französisch) gab der Beschwerdeführer den (…) als Geburts- datum an. B. Am 31. Mai 2022 mandatierte der Beschwerdeführer die ihm zugewiesene Rechtsvertretung. C. Ein Abdruck der Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass der Beschwerdeführer am 22. April 2022 in Kroatien und am 21. Mai 2022 in C._______ um Asyl ersucht hatte. D. Anlässlich der Erstbefragung als unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchen- der (EB UMA) vom 16. Juni 2022 gab der Beschwerdeführer im Wesentli- chen zu Protokoll, er sei afghanischer Staatsangehöriger D._______ Eth- nie und stamme aus der Provinz E._______. Sein Vater namens F._______ habe im (…) gearbeitet und sei von den Taliban mitgenommen worden, als er (der Beschwerdeführer) (…) Jahre alt gewesen sei. Seine Mutter na- mens G._______ sei daraufhin mit ihm und seiner ein Jahr älteren Schwes- ter nach H._______ umgezogen. Dort hätten sie bis zur Ausreise gelebt. Von seinem Vater hätten sie nie mehr etwas gehört. Er sei am (…) geboren. Seine Mutter habe jeweils am (…) mit ihm Geburtstag gefeiert, daher kenne er das Datum. Welchem Tag dieses im hiesigen Kalender entspre- che, könne er nicht sagen, er wisse nur, dass er im Jahr (…) geboren sei (Anmerkung Gericht: […] entspricht […]). Das Datum vom (…) habe er von der Karte, welche die kroatischen Behörden ihm ausgestellt hätten, abge- schrieben. Er habe das korrekte Geburtsdatum notieren wollen, sei von der hiesigen Polizei aber gebeten worden, die Angaben der kroatischen Karte zu übernehmen. Beim zweiten Formular habe er sich bei der Umrechnung vertan, als er den (…) eingetragen habe. Er sei bei der Ankunft hierzulande D-4969/2022 Seite 3 sehr erschöpft gewesen. Noch in E._______ sei ihm eine Tazkira ausge- stellt worden und in dieser sei sein Geburtsjahr eingetragen gewesen. Er verfüge weder über das Original noch eine K opie der Tazkira. Sie hätten bei der Flucht alles zurücklassen müssen und er wisse nicht, ob sich in Afghanistan noch Dokumente von ihm befinden würden. Er sei in H._______ sieben Jahre zur Schule gegangen, nachdem er zuvor ein Jahr lang den Kindergarten besucht habe. Im Kindergarten sei er 7 Jahre alt gewesen und beim Schulabbruch am Ende der 7. Klasse 15-jährig. Er habe die Schule vier Tage nach der Machtübernahme der Taliban, die ungefähr vor neun oder zehn Monaten erfolgt sei, abgebrochen. Er sei damals (…) Jahre alt gewesen. Danach sei er mit seiner Mutter und Schwester ausgereist. Sie seien über den I._______ in die J._______ gelangt. Dort habe er sich fünf M onate aufgehalten. Anschliessend sei er über K._______, L._______, Kroatien, C._______ und M._______ am 23. Mai 2022 in die Schweiz gelangt. Seine Mutter befinde sich noch in der J._______. Er habe sich für die Weiterreise ab der J._______ einer Fami- lie, die er in der J._______ kennengelernt habe, angeschlossen. Er habe sich als Mitglied dieser Familie ausgegeben und deren Namen N._______ benutzt, um zu verhindern, da ss er aus Kroatien abgeschoben werde. Al- leinstehende Personen seien von den kroatischen Behörden abgeschoben worden, Familien hingegen nicht. In Kroatien und C._______ sei er zusam- men mit dieser Familie registriert worden. Da dies aber nicht ihre Zielländer gewesen seien, seien sie weitergereist. Soviel er wisse, sei die besagte Familie dann nach O._______ gegangen. Er habe keine gesundheitlichen Beschwerden. Dem Beschwerdeführer wurde am Ende der Befragung mitgeteilt, dass Zweifel an der von ihm geltend gemachten Minderjährigkeit bestehen wür- den, und er zu einer medizinischen Altersabklärung geschickt werde. E. Am (…) Juni 2022 wurde im P ._______ eine rechtsmedizinische Untersu- chung des Beschwerdeführers durchgeführt und am (…) Juni 2022 ein ent- sprechendes Gutachten erstellt. Demzufolge konnten die Schlüsselbeine wegen einer anatomischen Gegebenheit nicht für die Altersdiagnostik her- angezogen werden. Zudem wurde für die Weisheitszähne kein Mindestal- ter angegeben. Basierend auf der Untersuchung der Hand wurde ein Min- destalter des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Untersuchung von (…) Jahren und in einer Gesamtschau gestützt auf die Untersuchungen von Hand und Weisheitszähnen ein durchschnittliches Lebensalter von (…) bis (…) Jahren festgestellt. D-4969/2022 Seite 4 F. Am 20. Juli 2022 änderte das SEM das Geburtsdatum des Beschwerde- führers mittels Mutationsformular für Personendaten im Zentralen Migrati- onsinformationssystem (ZEMIS) auf den (…). Es versah den Eintrag mit einem Bestreitungsvermerk. G. G.a Mit Schreiben vom 21. Juli 2022 stellte das SEM dem Beschwerdefüh- rer das Altersgutachten in anonymisierter Form zu und es teil te ihm mit, dass es die geltend gemachte Minderjährigkeit als nicht glaubhaft erachte und davon ausgehe, dass er bereits volljährig sei. Es werde d eshalb ein Dublin-Verfahren durchgeführt. Es gewährte ihm das rechtliche Gehör zum Abklärungsergebnis sowie zur möglichen Wegweisung nach K._______ (recte: Kroatien) oder C._______. G.b Am 22. Juli 2022 berichtigte das SEM sein Schreiben vom 21. Juli 2022 dahingehend, dass dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zum medizinischen Abklärungsergebnis und zur Volljährigkeitserklärung sowie zur allfälligen Zuständigkeit Kroatiens oder C._______ und zur möglichen Wegweisung in eines dieser Länder gemäss der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o- der Staatenlosen in einem Mitgl iedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO), gewährt werde. G.c Der Beschwerdeführer nahm mit Eingabe vom 26. Juli 2022 Stellung. H. H.a Am 27. Juli 2022 ersuchte das SEM sowohl die kroatischen als auch die (…) Behörden – jeweils unter Beilage des rechtsmedizinischen Gutach- tens vom (…) Juni 2022 – um Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. H.b Die kroatischen Behörden stimmten dem Gesuch um Wiederauf- nahme des Beschwerdeführers a m 10. August 2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO zu. Sie vermerkten, dass der Beschwerdeführer in Kroatien mit den Personalien B._______, geboren am (…), Afghanistan, registriert und als minderjähriger Sohn in das Asylgesuch seiner Mutter Q._______ einbezogen worden sei. D-4969/2022 Seite 5 H.c Die (…) Behörden lehnten das Übernahmeersuchen am 12. Septem- ber 2022 ab und verwiesen auf die von den kroatischen Behörden gegen- über C._______ am 7. September 2022 erfolgte Zustimmung zur Wieder- aufnahme von Q._______ und der en minderjährigen Kindern (u.a. B._______, geboren am […]). I. I.a Mit Schreiben vom 3. August 2022 gelangte der Beschwerdeführer ans SEM, wonach er Hinweise habe, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS be- reits auf den (…) mutiert worden sei. I.b Mit Eingabe vom 4. August 2022 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht eine Rechtsverzögerungsbeschwerde betref- fend die Änderung der Personendaten im ZEMIS. I.c Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 17. August 2022 mit, dass er am 20. Juli 2022 für volljährig erklärt worden sei. Es werde diesbezüglich mit dem Dublin -Entscheid, dem Zuweisungsentscheid in das erweiterte Verfahren oder dem Asylentscheid eine Verfügung erlassen. I.d Mit Urteil D-3356/2022 vom 14. Oktober 2022 hiess das Bundesverwal- tungsgericht die Rechtsverzögerungsbeschwerde gut und wies das SEM an, betreffend Änderung der Personendaten des Beschwerdeführers im ZEMIS unverzüglich eine anfechtbare Verfügung zu erlassen. J. Mit Verfügung vom 21. Oktober 2022 – eröffnet am 25. Oktober 2022 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht ein (Dispositivziffer 1). Es ordnete die Wegweisung aus der Schweiz in den zuständigen Dublin -Staat (Kroatien) an (Disposi- tivziffer 2), forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (Dispositivziffer 3), und beauf- tragte den Kanton R._______ mit dem Vollzug der Wegweisung (Disposi- tivziffer 4). Des Weiteren händigte es dem Beschwerdeführer die editions- pflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus (Dispositivziffer 5), hielt fest, dass das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS auf den (…) laute (Dispositivziffer 6), und stellte fest, dass eine r allfälligen Be- schwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme (Dispositivziffer 7). Für die Begründung wird auf die Ausführungen der Vorinstanz in der Ver- fügung verwiesen. D-4969/2022 Seite 6 K. Mit Eingabe vom 31. Oktober 2022 erhob der Beschwerdeführer durch die rubrizierte Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er ersuchte um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und um Anwei- sung an das SEM, auf das Asylgesuch einzutreten, eventualiter um Rück- weisung der Sache zwecks Neubeurteilung, subeventualiter um Anwei- sung an das SEM, die kroatischen Behörden über das Nichtbestehen der Familienbeziehung zur Familie N._______ zu informieren. In verfahrens- rechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem beantragte er die Aussetzung des Vollzugs der Wegweisung und die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde. Betreffend die ZEMIS-Eintragung ersuchte er um Anweisung an das SEM, das Geburtsdatum auf den (…) anzupassen. Der Beschwerde lagen das Methodendokument «Forensische Altersdiag- nostik» der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin von Juni 2022 und ein Artikel zur forensischen Altersdiagnostik aus der Zeitschrift «Rechtsmedizin 2020» bei. Auf die Begründung der Rechtsbegehren wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. L. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 1. November 2022 in elektronischer Form vor. Gleichentags setzte die In- struktionsrichterin den Vollzug der Überstellung im Sinne einer vorsorgli- chen Massnahme einstweilen aus. M. Betreffend das Beschwerdebegehren um Datenänderung im ZEMIS (Be- schwerdeantrag um Anpassung des Geburtsdatums des Beschwerdefüh- rers im ZEMIS auf den […]) wurde ein separates Beschwerdeverfahren (D- 4993/2022) eröffnet. N. Im vorliegenden Verfahren erteilte die Instruktionsrichterin der Beschwerde mit Zwischenverfügung vom 9. November 2022 die aufschiebende Wir- kung und stellte fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfah- rens in der Schweiz abwarten dürfe. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um D-4969/2022 Seite 7 Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. O. Mit Eingabe vom 25. November 2022 (Datum Poststempel; Schreiben da- tiert vom 24. November 2022) reichte der Beschwerdeführer eine Be- schwerdeergänzung ein. Er gab Beweismittel – in der Form von Fotogra- fien – zu den Akten und führte aus, es handle sich dabei um ein Schreiben seiner Mutter (in Englisch), die sich gegenwärtig in der J._______ befinde, mit welchem diese ihm Fotografien ihrer sowie seiner Tazkira (ohne Über- setzung) habe zukommen lassen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 AsylG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und for mgerecht einge- reichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die B eurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstan z zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1, 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). D-4969/2022 Seite 8 2.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfüh- rung eines Schriftenwechsels verzichtet. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimm t wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines so- genannten Aufnahmeverfahrens nach Art. 21 und 22 Dublin -III-VO (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kri- terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu- ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist dabei von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen, in dem der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeits- prüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). 3.3 Im Fall einer unbegleiteten m inderjährigen Person ohne familiäre An- knüpfungspunkte zu einem anderen Mitgliedstaat ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO stets derjenige Mitglied staat zuständig, in welchem die be- treffende Person ihr en (aktuellen) Antrag auf inter nationalen Schutz ge- stellt hat. Als minderjährig gilt ein Drittstaatsangehöriger unter 1 8 Jahren (Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO; Art. 1a Bst. d der Asylverordnung 1 vom 11. Au- gust 1999 [AsylV1, SR 142.311]). Unbegleitete Minderjährige sind mithin vom Wiederaufnahmeverfahren ausgenommen (vgl. CHRISTIAN FILZWIE- SER/ANDREA SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, Das europäische Asylzustän- digkeitssystem, 2014, K15 f. zu Art. 8 Dublin-III-VO, m.w.H.). D-4969/2022 Seite 9 4. 4.1 Der Beschwerdeführer vertritt die Auffassung, die Schweiz sei gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO für die Prüfung seines Asylgesuchs zuständig, weil er minderjährig sei. 4.2 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Per- son zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist und andernfalls wenigs- tens glaubhaft zu machen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, welche für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen. Dabei ist insbe- sondere an für echt befundene Identitätspapiere oder an eigene Angaben zu denken (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schwei- zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3; Urteil des BVGer E-891/2017 vom 8. August 2018 E. 4.2.3 m.w.H.). Es gilt der Grund- satz der freien Beweiswürdigung (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1). Das Resultat eines Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der Beurteilung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Minderjährigkeit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.). 4.3 Das SEM erachtete die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Min- derjährigkeit in der angefochtenen Verfügung als nicht glaubhaft. Es führte dazu an, der Beschwerdeführer habe sein Al ter nicht mit Identitätsdoku- menten belegt. Dem rechtsmedizinischen Gutachten vom (…) Juni 2022 würde sich angesichts fehlender Schlüsselbein- respektive Skelettanalyse und mangels Angabe eines Mindestalters der Weisheitszähne keine rele- vante Aussage darüber entnehmen lassen, ob beim Beschwerdeführer eine Voll- oder Minderjährigkeit wahrscheinlicher sei. Er habe zwar einige korrekte Angaben gemacht, aber insgesamt vermöge er die Minderjährig- keit mit seinen Aussagen nicht glaubhaft darzulegen. Es sei nicht ersicht- lich, weshalb er in Kroatien und C._______ ein anderes Geburtsdatum ([…]) als in der Schweiz angegeben habe. Als Indiz für seine Minderjährig- keit vermöge die Altersangabe in diesen beiden Ländern nicht zu dienen, zumal er hierzulande betont habe, im Jahr (…) geboren zu sein. Der Um- stand, dass er die kroatischen und (…) Behörden über seine Identität und Familienverhältnisse zu täuschen versucht habe, beschlage seine persön- liche Glaubwürdigkeit, auch wenn ihm zugutegehalten werden könne, dass er dies bei der EB UMA offengelegt habe. Weitere Aussagen seien vage geblieben. So habe er beispielsweise die Geburtsdaten seiner Mutter und Schwester nicht exakt nennen können. Er sei deshalb als volljährig zu be- trachten. D-4969/2022 Seite 10 4.4 Der Beschwerdeführer entgegnete in Bezug auf sein Alter in der Rechtsmitteleingabe vom 31. Oktober 2022 im Wesentlichen, er habe in seiner Stellungnahme vom 26. Juli 2022 dargelegt, dass seine Mutter, die sich in S._______ befinde, dabei sei, mit den in Afghanistan verbliebenen Verwandten Kontakt aufzunehmen, damit diese seine Tazkira suchen und ihm gegebenenfalls ein Foto hiervon zukommen lassen könnten. Dass es ihm bis anhin nicht möglich gewesen sei, die Tazkira einzureichen, könne ihm vor dem Hintergrund seiner Flucht und der aktuellen Lage in Afghanis- tan nicht vorgehalten werden. Laut dem rechtsmedizinischen Gutachten vom (…) Juni 2022 hätten seine Schlüsselbeine nicht für die Altersdiagnos- tik herangezogen werden können. Bei seinen Weisheitszähnen sei ein Mi- neralisationsstadium (…) festgestellt worden. Für die Zähne habe kein Mindestalter angegeben werden können. Nachdem aber bekannt sei, dass bei dem weiter entwickelten Mineralisationsstadium (…) das Mindestalter erst bei 17 Jahren liegen würde, liege sein Mindestalter auf jeden Fall unter 17 Jahren. Auch das anhand der Handknochenanalyse festgestellte Min- destalter von (…) Jahren würde für seine Minderjährigkeit sprechen. Das Jahr (…) sei daher a ls wahrscheinlichstes Geburtsjahr zu erachten und praxisgemäss der (…) dieses Jahres als sein Geburtsdatum anzunehmen. Es treffe zwar zu, dass er bei der EB UMA zwei unterschiedliche Altersan- gaben gemacht habe, indem er einerseits den (…) ([…]) als Geburtsdatum genannt und andererseits gesagt habe, bei der Machtübernahme der Tali- ban im August 2021 bereits (…) Jahre alt gewesen zu sein. Aber seine bi- ografischen Angaben, wonach er im Alter von 7 Jahren ein Jahr lang den Kindergarten und anschliessend sieben Jahre die Schule besucht habe, und kurz nach der im August 2021 erfolgten Machtübernahme der Taliban mit (…) Jahren aus Afghanistan ausgereist sei, seien rechnerisch schlüssig und würden ebenfalls für das Ge burtsjahr (…) sprechen. Allein der Um- stand, dass die Altersangabe von aktuell (…) Jahren nicht mit dem auch genannten Geburtsdatum vom (…) ([…]) übereingehe, sollte nicht gegen die Unglaubhaftigkeit seiner M inderjährigkeit sprechen, zumal fehlendes Wissen betreffend das eigene Alter im afghanischen Länderkontext nicht unüblich sei. Auch in Kroatien und C._______ sei er mit dem Geburtsjahr (…) registriert worden. Zudem deute die Mitteilung der kroatischen Behör- den im Rahmen der Zustimmung zu seiner Wiederaufnahme vom 10. Au- gust 2022, wonach Kroatien ihn in das laufende Asylverfahren seiner "Mut- ter" Q._______ miteinbezogen habe, darauf hin, dass die kroatischen Be- hörden weiterhin von seiner Minderjährigkeit ausgehen würden. Überdies vermittle sein Verhalten, sich auf der Flucht ab der J._______ einer Familie angeschlossen und als deren Familienmitglied ausgegeben zu haben, das Bild eines hilfesuchenden Jugendlichen. S eine Rechtvertreterin schätze D-4969/2022 Seite 11 sein Aussageverhalten als jugendlich und naiv ein. Insgesamt betrachtet würden somit mehrere Indizien für seine Minderjährigkeit und das Geburts- jahr (…) sprechen. Eventualiter beantrage er die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks weiterer Abklärungen zu seinem Alter (beispiels- weise Einholung einer sozialpädagogischen Einschätzung). 4.5 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass der vorinstanzlichen Einschätzung , wonach die vom Be- schwerdeführer geltend gemachte Minderjährigkeit nicht glaubhaft und er als volljährig zu erachten sei, nicht gefolgt werden kann. 4.5.1 Der Beschwerdeführer hat keine rechtsgenüglichen Identitätsdoku- mente zu den Akten gereicht. Durch die mit der Beschwerdeergänzung vom 25. November 2022 lediglich in Form einer Fotografie vorgelegte Tazkira ist die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit nicht belegt. Eine afghanische Tazkira gilt nicht als fälschungssicher und ihr kommt deshalb gemäss geltender Rechtsprechung nur ein verminderter Beweiswert zu, da selbst bei Vorliegen des Originals die Möglichkeit besteht, dass die darin enthaltenen zeitlichen Angaben über das Geburtsdatum nicht dem wirkli- chen Alter entsprechen (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.2, 2013/30 E. 4.2.2). Al- lein der Umstand der Nichteinreichung von rechtsgenüglichen Identitätspa- pieren vermag aber nicht per se zur Schlussfolgerung zu führen, die Min- derjährigkeit sei unglaubhaft (vgl. hierzu EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.1 m.w.H.). 4.5.2 Liegen keine schlüssigen Identitätsdokumente vor, fallen mit Blick auf die Altersfeststellung als Beweismittel sodann wissenschaftliche Abklä- rungsergebnisse in Betracht (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.1). Bei medizi- nischen Altersabklärungen sind gemäss dem Grundsatzurteil des Bundes- verwaltungsgerichts BVGE 2018 VI/3 von den in der Schweiz angewand- ten Methoden nur die Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung – nicht jedoch die Handknochenaltersana- lyse und die ärztliche körperliche Untersuchung – zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet, und anhand der me- dizinischen Altersabklärung lässt sich kei ne Aussage zur Minder - bezie- hungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein - respektive Ske- lettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebenda E. 4.2.1 f.). Vorliegend ergibt sich aus dem am (…) Juni 2022 erstellten rechtsmedizinischen Gut- achten, dass beim Beschwerdeführer aufgrund einer anatomischen Gege- benheit keine Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse durchgeführt D-4969/2022 Seite 12 werden konnte. Des Weiteren konnte bei den Weisheits zähnen des Be- schwerdeführers, die (erst) das Mineralisationsstadium (…) aufweisen würden, kein Mindestalter angegeben werden . Das in der Gesamtschau festgehaltene Mindestalter des Beschwerdeführers von (…) Jahren grün- det auf der Handknochenaltersanalyse. Das SEM hat in seiner Verfügung vom 21. Oktober 2022 denn auch selbst festgestellt, dass das Gutachten vom (…) Juni 2022 keine relevanten Aussagen zur Minder - beziehungs- weise Volljährigkeit des Beschwerdeführers enthält. Es erübrigt sich damit vorliegend, auf die in der Rechtsmitteleingabe im Zusammenhang mit dem besagten Gutachten gemachten Ausführungen und die dazu eingereichten Beweismittel näher einzugehen . Gestützt auf das Gutachten lässt sich nicht auf die Volljährigkeit des Beschwerdeführers schliessen. Das Alters- gutachten vermag mithin kein Indiz für die Volljährigkeit darzustellen. 4.5.3 Anderweitige Anhaltspunkte, die aufgrund ihrer Beweiskraft geeignet wären, gegen die geltend gemachte Minderjährigkeit des Beschwerdefüh- rers im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung zu sprechen, sind den Akten nicht zu entnehmen. Zwar ist der Vorinstanz zuzustimmen, dass sich der Be- schwerdeführer in Bezug auf die Angaben zu seinem Alter bei der EB UMA eine Ungereimtheit vorwerfen lassen muss, nachdem das genannte Ge- burtsjahr (…) respektive (…) nicht in Einklang mit dem Alter von (…) Jahren im Zeitpunkt der Machtübernahme der Taliban im August 2021 steht, son- dern um etwa ein Jahr divergiert. Demgegenüber weisen die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Lebenslauf aber keine wesentlichen Wider- sprüche auf und erscheinen grundsätzlich plausibel. Er vermag den Kin- dergarten- und Schulbesuch nachvollziehbar darzulegen und den Anlass für den Schulabbruch (Machtübernahme der Taliban) zeitlich korrekt einzu- ordnen. Auch wenn die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter bei der EB UMA somit nicht völlig schlüssig sind, kann aus diesen aus Sicht des Gerichts nicht auf die Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Min- derjährigkeit geschlossen werden. Zum effektiven Geburtsdatum liegen zwar unterschiedliche Angaben vor ( […] [Personalienblatt 1, kroatische Verfahrenskarte, Registrierung in Kroatien und C._______]; […] [Persona- lienblatt 2]; […] [{…} {EB UMA}]). Vorliegend steht aber nicht die Frage des effektiven Geburtsdatums des Beschwerdeführers im Zentrum, sondern die Frage, ob dessen Minderjährigkeit als glaubhaft zu erachten ist. Unter Berücksichtigung, dass im vorliegenden Länderkontext fehlen des (exak- tes) Wissen betreffend das eigene Alter grundsätzlich nicht unüblich ist, erscheinen die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter insge- samt doch relativ stimmig ([…] bis […]-jährig im Zeitpunkt der Asylgesuch- stellung). Auch in Kroatien und C._______ wurde der Beschwerdeführer D-4969/2022 Seite 13 als minderjährig registriert und die kroatischen Behörden stellten ihm nach mehrwöchigem dortigen Aufenthalt am (…) 2022 einen Ausweis mit dem Geburtsjahr (…) aus. Dass der Beschwerdeführer sich für die Weiterreise aus der J._______ einer anderen Familie angeschlossen habe, erscheint im Übrigen nicht abwegig. Inwiefern der Umstand, dass der Beschwerde- führer die Geburtsdaten seiner Mutter und seiner ein Jahr jüngeren Schwester nicht exakt genannt habe, ein Indiz sein soll, dass gegen seine Minderjährigkeit respektive für seine Volljährigkeit spreche n würde , er- schliesst sich dem Gericht nicht. 4.5.4 In einer Gesamtschau gelangt das Bundesverwaltungsgericht dem- nach zum Schluss, dass der Beschwerdeführer die Minderjährigkeit im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in einem für die Glaubhaftmachung ge- nügenden Mass darzulegen vermag . Die Vorinstanz ist damit zu Unrecht von der Volljährigkeit im betreffenden Z eitpunkt ausgegangen . Der Be- schwerdeführer kann sich folglich auf die spezifischen Schutzbestimmun- gen der Dublin-III-VO für unbegleitete Minderjährige (Art. 8 Abs. 4 Dublin- III-VO) berufen. 4.6 Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass die Schweiz aufgrund der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dub- lin-III-VO zur Durchführung eines nationalen Asylverfahrens zuständig ist. 4.7 Der Vollständigkeit halber bleibt anzumerken, dass das SEM die Be- hauptung des Beschwerdeführers, er habe die Asylgesuch e in Kroatien und C._______ nicht zusammen mit seiner tatsächlichen Familie bezie- hungsweise Mutter eingereicht, nicht in Zweifel gezogen hat. Insofern stellt sich die Frage des Anknüpfungspunktes eines Familienangehörigen in ei- nem anderen Mitgliedstaat im Sinne von Art. 8 Abs. 1 Dublin-III-VO nicht mehr. 5. Aufgrund des Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Der Nichteintre- tensentscheid vom 21. Oktober 2022 ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, ein nationales Asylverfahren durchzuführen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 7. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist für das Beschwerdeverfahren keine D-4969/2022 Seite 14 Parteientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewie- sene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG han- delt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG ent- schädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG). (Dispositiv nächste Seite) D-4969/2022 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Der Nichteintretensentscheid vom 21. Oktober 2022 wird aufgehoben und das SEM angewiesen, das nationale Asylverfahren durchzuführen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Susanne Burgherr Versand: