<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 74 S.365</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">365</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>74 Anschlussgebühren;</b></span> <span class="ft3"><b>Legalitätsprinzip</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Auch ein Ausnahmetarif (Rabatt) muss in genügender Bestimmtheit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>rechtssatzmässig normiert sein; eine Gemeindepraxis genügt den An-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>forderungen an das Legalitätsprinzip nicht (Erw. 5.4.3. - 5.4.4.)</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Approximative Bestimmung der Kosten einer Einzelkläranlage</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 5.6.4.2. - 5.6.4.3.)</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">366</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom</span><br/> <span class="ft6">27. Juni 2006 in Sachen H. gegen Einwohnergemeinde S.</span><br/> <br/> <span class="ft2"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">5.4.3. Öffentliche Abgaben (wozu auch die Anschlussgebühren</span><br/> <span class="ft1">als Kausalabgaben zählen) müssen, wenn nicht notwendigerweise in</span><br/> <span class="ft1">allen Teilen im formellen Gesetz, so doch in genügender Bestimmt-</span><br/> <span class="ft1">heit zumindest in rechtssatzmässiger Form festgelegt sein (sog. Er-</span><br/> <span class="ft1">fordernis des Rechtssatzes). Die Voraussetzungen für die Erhebung</span><br/> <span class="ft1">der Abgabe müssen in den einschlägigen Rechtssätzen so umschrie-</span><br/> <span class="ft1">ben sein, dass der rechtsanwendenden Behörde kein übermässiger</span><br/> <span class="ft1">Spielraum verbleibt und die möglichen Abgabepflichten für den Bür-</span><br/> <span class="ft1">ger voraussehbar und rechtsgleich sind (BGE 126 I 183; 123 I 249).</span><br/> <span class="ft1">Das Legalitätsprinzip, dem im Bereich des Abgaberechts die Bedeu-</span><br/> <span class="ft1">tung eines verfassungsmässigen Rechts zukommt, verlangt, dass der</span><br/> <span class="ft1">Rechtssatz (sei im Gesetz im formellen Sinn, sei in einer nicht re-</span><br/> <span class="ft1">ferendumspflichtigen Verordnung der Gemeindeexekutive) mindes-</span><br/> <span class="ft1">tens den Kreis der Abgabepflichtigen, den Gegenstand der Abgabe</span><br/> <span class="ft1">und die Höhe der Abgabe in den Grundzügen umschreibt (BGE 126 I</span><br/> <span class="ft1">183).</span><br/> <span class="ft1">5.4.4. Im Reglement über die Finanzierung von Erschliessungs-</span><br/> <span class="ft1">anlagen (RFE) der Gemeinde S. ist nur ein Anschlussgebührentarif</span><br/> <span class="ft1">festgelegt, nämlich Fr. 30.60 / m</span><span class="ft7"><sup>2</sup></span> <span class="ft1">Gebäudegrundfläche und Fr. 30.60</span><br/> <span class="ft1">/ m</span><span class="ft7"><sup>2</sup></span> <span class="ft1">Bruttogeschossfläche. Der reduzierte Lagerflächentarif ist nicht</span><br/> <span class="ft1">in einem Rechtssatz festgelegt. Für gewerbliche und industrielle</span><br/> <span class="ft1">Lagerflächen ist demzufolge lediglich der Normaltarif in genügender</span><br/> <span class="ft1">Bestimmtheit rechtssatzmässig normiert, während der Rabatt auch</span><br/> <span class="ft1">nicht in den Grundzügen umschrieben ist. Das Reglement räumt der</span><br/> <span class="ft1">rechtsanwendenden Behörde unter diesen Umständen einen über-</span><br/> <span class="ft1">mässigen Spielraum ein und verunmöglicht es dem Abgabepflich-</span><br/> <span class="ft1">tigen, die Abgabehöhe in den Grundzügen vorauszusehen.</span><br/> <span class="ft1">Die Bestimmung über den reduzierten Lagerflächentarif genügt</span><br/> <span class="ft1">somit nicht den Anforderungen des Legalitätsprinzips im Abgabe-</span><br/> <span class="ft1">recht. Die Schätzungskommission versagt der verfassungswidrigen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">367</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Vorschrift in § 42 Abs. 3 RFE die Anwendung. Die Gemeinde ist</span><br/> <span class="ft1">gehalten, die abstrakte Norm entsprechend zu korrigieren und ihre</span><br/> <span class="ft1">Praxis rechtssatzmässig festzuhalten.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">5.6.4.2. Selbst bei einer approximativen Bestimmung des</span><br/> <span class="ft1">individuellen Sondervorteils, wie es nur bei ausgewiesenen Spe-</span><br/> <span class="ft1">zialanlagen erforderlich wäre (...), käme man zum gleichen Ergebnis.</span><br/> <span class="ft1">Die Investitionskosten für eine Einzelkläranlage mit den notwendi-</span><br/> <span class="ft1">gen Kanalisationsleitungen zum geeigneten Vorfluter (...) sowie die</span><br/> <span class="ft1">Betriebskosten, kapitalisiert auf eine Betriebsdauer von 20 Jahren</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 1974, S. 266; in diesem Sinne auch URP 2002, S. 230), sind</span><br/> <span class="ft1">dabei massgebend. Dabei muss nach der Rechtsprechung des Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgerichts darauf geachtet werden, dass die Zufälligkeit, ob</span><br/> <span class="ft1">ein Vorfluter in der Nähe des betreffenden Grundstückes oder weiter</span><br/> <span class="ft1">entfernt liegt, kein verzerrtes Bild ergibt; es muss jeweilen von einer</span><br/> <span class="ft1">mittleren Kanalbaudistanz ausgegangen werden. Im anno 1987 ent-</span><br/> <span class="ft1">schiedenen Fall ging das Verwaltungsgericht von einer mittleren</span><br/> <span class="ft1">Kanalisationsleitungslänge zwischen Grundstück und Vorfluter von</span><br/> <span class="ft1">600 m aus. Es hat dafür Erstellungskosten von Fr. 200'000.- veran-</span><br/> <span class="ft1">schlagt (AGVE 1987, S. 153). Die Schätzungskommission ist der</span><br/> <span class="ft1">Ansicht, dass auch im vorliegenden Fall von einer mittleren Lei-</span><br/> <span class="ft1">tungslänge von 600 m auszugehen ist. Die Fachrichter halten im</span><br/> <span class="ft1">Weiteren aktuell einen Preis von Fr. 300.- pro Laufmeter Leitung für</span><br/> <span class="ft1">realistisch. Folglich muss mit theoretischen Kanalbaukosten von</span><br/> <span class="ft1">rund Fr. 180'000.- gerechnet werden.</span><br/> <span class="ft1">5.6.4.3. Ferner sind die Investitionskosten für eine Einzelkläran-</span><br/> <span class="ft1">lage abzuschätzen. Anlässlich der Verhandlung hat der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer Beträge von minimal Fr. 10'000.- (für Einzelkläranlage im</span><br/> <span class="ft1">Landwirtschaftsgebiet) bis maximal Fr. 50'000.- (Sanitäreinrichtung</span><br/> <span class="ft1">für Schiessanlage) genannt (...). In AGVE 1974, S. 266, ist das Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgericht von Anschaffungskosten einer individuellen Kläran-</span><br/> <span class="ft1">lage für einen Weiler mit drei bewohnten Liegenschaften im Betrag</span><br/> <span class="ft1">von rund Fr. 24'000.- ausgegangen. In AGVE 1987, S. 153, hat es für</span><br/> <span class="ft1">einen Industriebetrieb einen Betrag von Fr. 50'000.- für massgebend</span><br/> <span class="ft1">erachtet. Es ist offensichtlich, dass die Kosten einer Einzelkläranlage</span><br/> <span class="ft1">von der Dimensionierung und Funktion derselben abhängen. Die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">368</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Fachrichter der Schätzungskommission erachten unter Berücksichti-</span><br/> <span class="ft1">gung der vorliegenden Verhältnisse Investitionskosten von rund</span><br/> <span class="ft1">Fr. 50'000.- für realistisch.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>