<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 65 S.262</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">262</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>65</b></span> <span class="ft2"><b>Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands (§ 159 Abs. 1 BauG).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Schutz des guten Glaubens.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Umstände, unter welchen die Duldung eines rechtswidrigen Zustands</b></span><br/> <span class="ft2"><b>die Behörde an dessen späterer Behebung hindert (Erw. 4/b/bb).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Eine Zeitspanne von 15 Jahren reicht im konkreten Einzelfall zur</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verwirkung des Beseitigungsanspruchs nicht aus (Erw. 4/b/cc).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 26. Juni 2000 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen F. AG und W. gegen Regierungsrat.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">4. a) Wird durch die Errichtung von Bauten ohne Bewilligung,</span><br/> <span class="ft1">unter Verletzung einer solchen oder auf andere Weise ein unrecht-</span><br/> <span class="ft1">mässiger Zustand geschaffen, so kann u. a. die Herstellung des recht-</span><br/> <span class="ft1">mässigen Zustandes, insbesondere die Beseitigung oder Änderung</span><br/> <span class="ft1">der rechtswidrigen Bauten angeordnet werden (§ 159 Abs. 1 BauG).</span><br/> <span class="ft1">Dabei sind die in diesem Zusammenhang massgebenden allgemeinen</span><br/> <span class="ft1">verfassungs- und verwaltungsrechtlichen Prinzipien des Bundes-</span><br/> <span class="ft1">rechts zu beachten. Zu ihnen gehören die Grundsätze der Verhält-</span><br/> <span class="ft1">nismässigkeit und des Schutzes des guten Glaubens. So kann der</span><br/> <span class="ft1">Abbruch unterbleiben, wenn die Abweichung vom Erlaubten nur</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">263</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">unbedeutend ist oder der Abbruch nicht im öffentlichen Interesse</span><br/> <span class="ft1">liegt, ebenso wenn der Bauherr in gutem Glauben angenommen hat,</span><br/> <span class="ft1">er sei zur Bauausführung ermächtigt. Schliesslich dürfen der Beibe-</span><br/> <span class="ft1">haltung des ungesetzlichen Zustandes nicht schwerwiegende öffent-</span><br/> <span class="ft1">liche Interessen entgegenstehen (BGE 123 II 255; 111 Ib 221 ff.).</span><br/> <span class="ft1">b) aa) Der Regierungsrat wertet die langjährige Duldung des</span><br/> <span class="ft1">Lagerplatzes durch die Behörden in voller Kenntnis von dessen</span><br/> <span class="ft1">Rechtswidrigkeit als die Wiederherstellungsfrage beeinflussenden</span><br/> <span class="ft1">Vertrauenstatbestand. Die Baubewilligung sei vom Gemeinderat am</span><br/> <span class="ft1">8. Juni 1976 erteilt und dem Baudepartement zur Kenntnis gebracht</span><br/> <span class="ft1">worden. Am 3. Dezember 1990 habe sich der Beschwerdeführer 2</span><br/> <span class="ft1">beim Gemeinderat erstmals über den seiner Ansicht nach wider-</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen Lagerplatz beschwert. Das Baudepartement habe am</span><br/> <span class="ft1">28. Mai 1991 bei der Gemeinde einen Amtsbericht über die Zonen-</span><br/> <span class="ft1">konformität des Lagerplatzes angefordert. Angesichts der Tatsache,</span><br/> <span class="ft1">dass der Lagerplatz schon vor seiner Einkiesung bestanden habe und</span><br/> <span class="ft1">während rund 15 Jahren anstandslos von den zuständigen kantonalen</span><br/> <span class="ft1">und kommunalen Behörden wie auch von den Nachbarn geduldet</span><br/> <span class="ft1">worden sei, widerspräche es dem Grundsatz des Vertrauensschutzes,</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeführerin 1 zur Räumung des Lagerplatzes zu ver-</span><br/> <span class="ft1">pflichten.</span><br/> <span class="ft1">bb) Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung gilt der An-</span><br/> <span class="ft1">spruch der Behörde auf Beseitigung eines baurechtswidrigen Zu-</span><br/> <span class="ft1">stands bzw. Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands nicht</span><br/> <span class="ft1">unbegrenzt. Die Frist, nach deren Ablauf die Behörden ihren Besei-</span><br/> <span class="ft1">tigungsanspruch verwirken, beträgt dabei - sofern eine ausdrückliche</span><br/> <span class="ft1">gesetzliche Regelung fehlt - dreissig Jahre, weil der Grund-</span><br/> <span class="ft1">eigentümer der baurechtswidrigen Baute das Recht zur Beibehaltung</span><br/> <span class="ft1">des rechtswidrigen Zustands gleichsam "ersitze" und daher eine</span><br/> <span class="ft1">analoge Anwendung der Regel des Art. 662 ZGB über die ausseror-</span><br/> <span class="ft1">dentliche Ersitzung richtig erscheine (BGE 107 Ia 124 f.; vgl. auch</span><br/> <span class="ft1">Walter Haller / Peter Karlen, Raumplanungs-, Bau- und Umwelt-</span><br/> <span class="ft1">recht, Band I, 3. Auflage, Zürich 1999, Rz. 883 f.). Der betroffene</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">264</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Eigentümer kann sich unter Berufung auf sein zu schützendes Ver-</span><br/> <span class="ft1">trauen sodann in jenen Fällen gegen eine Beseitigungsanordnung</span><br/> <span class="ft1">wehren, in denen der rechtswidrige Zustand zwar noch keine dreissig</span><br/> <span class="ft1">Jahre angedauert hat, aber von der zuständigen Behörde über Jahre</span><br/> <span class="ft1">hinweg geduldet worden ist, obschon ihr die Gesetzwidrigkeit be-</span><br/> <span class="ft1">kannt war oder sie diese bei Anwendung der gebotenen Sorgfalt hätte</span><br/> <span class="ft1">kennen müssen. Er ist dann in seinem Vertrauen zu schützen, wenn</span><br/> <span class="ft1">die durch den gesetzwidrigen Zustand bewirkte Verletzung öffentli-</span><br/> <span class="ft1">cher Interessen nicht schwer wiegt (Bundesgericht, in: ZBl 81/1980,</span><br/> <span class="ft1">S. 73 f.). Solange die Behörde jedoch bloss untätig geblieben ist,</span><br/> <span class="ft1">d. h. keine Auskünfte oder Zusicherungen erteilt hat, die beim Bau-</span><br/> <span class="ft1">herrn die Meinung haben aufkommen lassen, er handle rechtmässig,</span><br/> <span class="ft1">ist grosse Zurückhaltung bei der Deutung der Untätigkeit als behörd-</span><br/> <span class="ft1">liche Duldung geboten. Grundsätzlich hindert die bloss vorüberge-</span><br/> <span class="ft1">hende Duldung eines rechtswidrigen Zustands die Behörde nicht an</span><br/> <span class="ft1">dessen späteren Behebung. Nur wenn der widerrechtliche Zustand</span><br/> <span class="ft1">während sehr langer Zeit hingenommen worden ist und die Verlet-</span><br/> <span class="ft1">zung öffentlicher Interessen nicht schwer wiegt, vermag der Um-</span><br/> <span class="ft1">stand allein, dass die Behörden nichts dagegen unternommen haben,</span><br/> <span class="ft1">einen Vertrauenstatbestand zu begründen (Verwaltungsgericht Zü-</span><br/> <span class="ft1">rich, in: ZBl 89/1988, S. 263 f. mit Hinweisen; Haller / Karlen,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Rz. 879; vgl. zum Ganzen auch: VGE III/176 vom 20. De-</span><br/> <span class="ft1">zember 1999 in Sachen P. und E., S. 12 f.).</span><br/> <span class="ft1">cc) Unklar ist zunächst, ob das Baudepartement von der Bau-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung vom 8. Juni 1976 überhaupt Kenntnis erhalten hat. Im</span><br/> <span class="ft1">Verteiler ist das Baudepartement zwar erwähnt, und der Vertreter der</span><br/> <span class="ft1">Koordinationsstelle Baugesuche schloss den Erhalt der Baubewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung zumindest nicht aus; die entsprechenden Akten des Baudepar-</span><br/> <span class="ft1">tements sind offenbar verlegt worden. Diese Frage kann indessen</span><br/> <span class="ft1">offen bleiben, weil der Einwand der Beschwerdeführerin 1 so oder so</span><br/> <span class="ft1">nicht durchschlägt. Die Untätigkeit des Baudepartements dauerte -</span><br/> <span class="ft1">ob mit oder ohne Wissen um die rechtswidrige Baubewilligung aus</span><br/> <span class="ft1">dem Jahre 1976 - rund 15 Jahre. Mit Schreiben vom 21. Mai 1991</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">265</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">wandte sich der Beschwerdeführer 2 durch seinen Rechtsvertreter</span><br/> <span class="ft1">(erstmals) an das Baudepartement, orientierte dieses über die Bauten</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin 1 in der Landwirtschaftszone und ersuchte</span><br/> <span class="ft1">um Abhilfe. In der Folge nahm sich die Baugesuchszentrale der An-</span><br/> <span class="ft1">gelegenheit an. Selbst wenn das Baudepartement seinerzeit von der</span><br/> <span class="ft1">Bewilligungserteilung Kenntnis erhalten hätte, wäre eine Zeitspanne</span><br/> <span class="ft1">von 15 Jahren zu kurz, um allfällige Beseitigungsansprüche unterge-</span><br/> <span class="ft1">hen zu lassen, zumal die Beschwerdeführerin 1 bzw. ihre Rechts-</span><br/> <span class="ft1">vorgängerin die Rechtswidrigkeit der Baubewilligung kannte (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Erw. bb hievor).</span><br/></div> </div> </body> </html>