<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">53</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Strafprozessrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>10</b></span> <span class="ft2"><b>§§ 164 Abs. 1, 169, 217 Abs. 2 StPO; § 94 Abs. 1 GOG, § 33 Abs. 1 lit. g</b></span><br/> <span class="ft2"><b>GOD</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Gegen den Entscheid eines Gerichts, mit welchem es einem Veruteilten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nach Rechtskraft des Urteils zusätzliche Verfahrenskosten auferlegt, steht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dem Verurteilten nicht die Kostenbeschwerde im Sinne von § 94 Abs. 1</b></span><br/> <span class="ft2"><b>GOG i.V.m. § 33 Abs. 1 lit. g GOD, sondern die Berufung im Sinne von</b></span><br/> <span class="ft2"><b>§ 217 Abs. 2 StPO zur Verfügung.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Muss das Gericht im Zeitpunkt der Urteilsfällung damit rechnen, dass zu</b></span><br/> <span class="ft2"><b>einem späteren Zeitpunkt weitere Verfahrenskosten anfallen werden, so</b></span><br/> <span class="ft2"><b>muss es einen entsprechenden Vorbehalt im Urteilsdispositiv anbringen.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Anderfalls können diese Kosten dem Veruteilten nachträglich nicht mehr</b></span><br/> <span class="ft2"><b>auferlegt werden.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Nach Rechtskraft des Urteils können einem Veruteilten nicht Kosten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>auferlegt werden, welche durch das Rechtsmittelverfahren eines Mitver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>urteilten entstanden sind.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Urteil des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 12. Mai 2009, i.S.</span><br/> <span class="ft3">Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau gegen R.S. (SST.2009.14).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">In einem Strafverfahren gegen mehrere Angeklagte auferlegte</span><br/> <span class="ft5">das Bezirksgericht X. mit Urteil vom 12. Juni 2003 dem Angeklagten</span><br/> <span class="ft5">R.S. u.a. 15% der gesamten Verfahrenskosten. Dieses Urteil erwuchs</span><br/> <span class="ft5">in Rechskraft. Einer der Mitverurteilten, R.B., erhob gegen das gegen</span><br/> <span class="ft5">ihn ausgesprochene Urteil Berufung. Bestimmte beschlagnahmte Ge-</span><br/> <span class="ft5">genstände mussten während dieses Rechtsmittelverfahrens weiterhin</span><br/> <span class="ft5">aufbewahrt werden, wodurch zusätzliche Mietkosten entstanden.</span><br/> <span class="ft5">Nach dessen Abschluss auferlegte das Bezirksgericht mit Ergän-</span><br/> <span class="ft5">zungsurteil vom 28. August 2008 die zusätzlichen Kosten anteils-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">54</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">mässig auf alle Mitverurteilten. Gegen dieses Ergänzungsurteil erhob</span><br/> <span class="ft5">R.S. Beschwerde.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">2.</span><br/> <span class="ft5">2.1.</span><br/> <span class="ft5">Die Vorinstanz versah ihr Urteil vom 28. August 2008 mit einer</span><br/> <span class="ft5">Rechtsmittelbelehrung gemäss § 94 GOG (Gerichtsorganisationsge-</span><br/> <span class="ft5">setz; Gesetz über die Organisation der ordentlichen richterlichen Be-</span><br/> <span class="ft5">hörden vom 11. Dezember 1984).</span><br/> <span class="ft5">Gemäss § 94 GOG können u.a. Verfügungen und Entscheide</span><br/> <span class="ft5">des Bezirksgerichts über die Festsetzung der Höhe von Gerichtskos-</span><br/> <span class="ft5">ten innert 20 Tagen von der Mitteilung an gerechnet beim Oberge-</span><br/> <span class="ft5">richt mit Beschwerde angefochten werden.</span><br/> <span class="ft5">2.2.</span><br/> <span class="ft5">Die Vorinstanz auferlegte dem Verurteilten mehr als fünf Jahre</span><br/> <span class="ft5">nach Rechtskraft des gegen ihn in der Sache ergangenen Urteils vom</span><br/> <span class="ft5">12. Juni 2003 einen Anteil der gesamten Mietkosten betreffend die</span><br/> <span class="ft5">J. S. G. in W., welche ihr bis zum Abschluss des vom Mitangeklagten</span><br/> <span class="ft5">R.U.B. angestrengten Rechtsmittelverfahrens angefallen waren.</span><br/> <span class="ft5">Gegenstand des vorinstanzlichen Urteils bildet somit nicht die</span><br/> <span class="ft5">Festsetzung der Höhe von Gerichtskosten, sondern deren nachträgli-</span><br/> <span class="ft5">che Auferlegung.</span><br/> <span class="ft5">Gegen einen solchen Entscheid der Vorinstanz steht dem Verur-</span><br/> <span class="ft5">teilten die Kostenbeschwerde im Sinne von § 94 Abs. 1 GOG i.V.m.</span><br/> <span class="ft5">§ 33 lit. g GOD nicht zur Verfügung.</span><br/> <span class="ft5">2.3.</span><br/> <span class="ft5">Gemäss § 217 Abs. 2 StPO können mit Berufung auch Mängel</span><br/> <span class="ft5">des vorinstanzlichen Verfahrens gerügt werden, soweit sie nicht mit</span><br/> <span class="ft5">dem Rechtsmittel der Beschwerde gesondert anfechtbar sind. Urteile</span><br/> <span class="ft5">der Bezirksgerichte können nicht mit dem Rechtsmittel der Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerde im Sinne von § 213 StPO angefochten werden.</span><br/> <span class="ft5">Die Beschwerde des Verurteilten ist demnach als Berufung</span><br/> <span class="ft5">im Sinne von § 217 StPO an die Hand zu nehmen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">55</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">3.</span><br/> <span class="ft5">Die Vorinstanz auferlegte dem Verurteilten mit Urteil vom</span><br/> <span class="ft5">28. August 2008 in Ergänzung der Ziffer 7 ihres Urteils vom 12. Juni</span><br/> <span class="ft5">2003 zusätzliche Verfahrenkosten mit der Begründung, dass dem</span><br/> <span class="ft5">Verurteilten gemäss Ziffer 7 dieses Urteils 15 % der Auslagen aufer-</span><br/> <span class="ft5">legt worden seien. Auslagen seien jene Kosten, welche dem Gericht</span><br/> <span class="ft5">während der Dauer des Verfahrens anfielen. Während der ganzen</span><br/> <span class="ft5">Dauer des Verfahrens seien Mietkosten betreffend die J.S.G.. in W.</span><br/> <span class="ft5">angefallen. Nachdem die Vernichtung der darin gelagerten Infra-</span><br/> <span class="ft5">struktur erst nach Rechtskraft des Verfahrens habe erfolgen können</span><br/> <span class="ft5">und die gesamte Miete 13 500 Franken (18 mal 750 Franken) aus-</span><br/> <span class="ft5">mache, seien dem Verurteilten somit 2025 Franken aufzuerlegen.</span><br/> <span class="ft5">4.</span><br/> <span class="ft5">4.1. Gerichte sind - anders als Verwaltungsbehörden - an ihre</span><br/> <span class="ft5">einmal verkündeten oder zugestellten Sach- oder Prozessurteile ge-</span><br/> <span class="ft5">bunden und dürfen diese nicht in Wiedererwägung ziehen bzw. wi-</span><br/> <span class="ft5">derrufen. Einmal erlassene Entscheidungen dürfen folglich durch die</span><br/> <span class="ft5">erlassende Instanz aus eigener Macht weder aufgehoben noch er-</span><br/> <span class="ft5">gänzt werden. Dies kann nur durch eine übergeordnete richterliche</span><br/> <span class="ft5">Instanz erfolgen. Diesem Prinzip folgt auch das aargauische Prozess-</span><br/> <span class="ft5">recht (vgl. Beat Brühlmeier, Kommentar zur aargauischen Strafpro-</span><br/> <span class="ft5">zessordung, 2. Auflage, Aarau 1980, Ziffer 5 zu § 166 StPO; Bühler/</span><br/> <span class="ft5">Edelmann/Killer, Kommentar zur aargauischen Zivilprozessordnung,</span><br/> <span class="ft5">2. Auflage, Aarau/Frankfurt am Main 1998, § 280 ZPO N 1 ff.; Hau-</span><br/> <span class="ft5">ser/Schweri/Hartmann, Schweizerisches Strafprozessrecht, 6.</span> <span class="ft5">Auf-</span><br/> <span class="ft5">lage, Basel 2005, § 45 N 19; Häfelin/ Müller/Uhlmann, Allgemeines</span><br/> <span class="ft5">Verwaltungsrecht, 5. Auflage, Zürich/Basel/Genf/St. Gallen 2006,</span><br/> <span class="ft5">N 994 S. 206 f.).</span><br/> <span class="ft5">4.2.</span><br/> <span class="ft5">Ausnahmsweise hat der Richter gemäss § 169 Abs. 2 erstem</span><br/> <span class="ft5">Satz StPO die Möglichkeit, nach Eintritt der Rechtskraft eines Ur-</span><br/> <span class="ft5">teils, von Amtes wegen oder auf Gesuch hin, Missschreibungen und</span><br/> <span class="ft5">Missrechnungen sowie offenbare Irrtümer von Amtes wegen zu be-</span><br/> <span class="ft5">richtigen. Dabei ist es dem Richter nicht gestattet, am Entschei-</span><br/> <span class="ft5">dungsinhalt seines Urteils Korrekturen vorzunehmen, was dann der</span><br/> <span class="ft5">Fall ist, wenn dadurch etwas Neues ausgedrückt wird. Eine Än-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">56</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">derung ist nur insoweit zulässig, als das Urteil unklar ist oder ein-</span><br/> <span class="ft5">zelne unklare oder sich widersprechende Anordnungen enthält (vgl.</span><br/> <span class="ft5">Brühlmeier, a.a.O., § 169 Abs. 2 lit. c). Wenn der Richter hingegen</span><br/> <span class="ft5">Kosten nicht richtig verteilt, liegt ein Fehler in der Willensbildung</span><br/> <span class="ft5">des Richters vor, welcher einer Urteilsergänzung in diesem Sinne</span><br/> <span class="ft5">nicht zugänglich ist (vgl. Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., § 281 N 6</span><br/> <span class="ft5">und 8), und für nachträgliche Änderungen eines eröffneten Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheids bleibt kein Raum.</span><br/> <span class="ft5">5.</span><br/> <span class="ft5">5.1.</span><br/> <span class="ft5">Die Vorinstanz hatte dem Verurteilten mit Urteil vom 12. Juni</span><br/> <span class="ft5">2003 die bis zu jenem Zeitpunkt angefallenen Verfahrenskosten in</span><br/> <span class="ft5">der Höhe von insgesamt Fr. 12 270.05 abschliessend und vorbehalt-</span><br/> <span class="ft5">los auferlegt. Den vorinstanzlichen Erwägungen im Urteil vom</span><br/> <span class="ft5">28. August 2008 ist zu entnehmen, dass dieses nicht die Berichtigung</span><br/> <span class="ft5">von Missschreibungen und Missrechnungen im Sinne von § 169 Abs.</span><br/> <span class="ft5">2 erster Satz StPO zum Zweck hatte. Namentlich wurde die mit Ur-</span><br/> <span class="ft5">teil vom 12. Juni 2003 festgesetzte Höhe der Verfahrenskosten weder</span><br/> <span class="ft5">falsch berechnet noch unrichtig geschrieben.</span><br/> <span class="ft5">5.2.</span><br/> <span class="ft5">Die nachträgliche Auferlegung von zusätzlichen Kosten ist un-</span><br/> <span class="ft5">ter diesen Umständen nicht möglich. Soweit die Vorinstanz im Zeit-</span><br/> <span class="ft5">punkt der Urteilsfällung am 12. Juni 2003 tatsächlich damit hätte</span><br/> <span class="ft5">rechnen müssen, dass bei Ergreifung eines Rechtsmittels durch einen</span><br/> <span class="ft5">oder mehrere Angeklagte weitere Mietkosten betreffend die J. S.G. in</span><br/> <span class="ft5">W. anfallen würden, hätte sie einen entsprechenden Vorbehalt im Ur-</span><br/> <span class="ft5">teilsdispositiv anbringen müssen.</span><br/> <span class="ft5">5.3.</span><br/> <span class="ft5">Ungeachtet dessen können einem Verurteilten nach Rechtskraft</span><br/> <span class="ft5">des ihn betreffenden erstinstanzlichen Urteils nicht Kosten auferlegt</span><br/> <span class="ft5">werden, welche durch das Rechtsmittelverfahren eines Mitangeklag-</span><br/> <span class="ft5">ten entstanden sind. Ein solches Vorgehen widerspräche dem Verur-</span><br/> <span class="ft5">sacherprinzip, da die Straftat des Verurteilten unter diesen Um-</span><br/> <span class="ft5">ständen nicht mehr als Ursache des Rechtsmittelverfahrens gelten</span><br/> <span class="ft5">kann. Der Zeitpunkt der Rechtskraft des den Verurteilten betreffen-</span><br/> <span class="ft5">den erstinstanzlichen Urteils unterbricht die Kausalität zwischen sei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">ner Straftat und einem nicht von ihm selbst in Gang gebrachten</span><br/> <span class="ft5">Rechtsmittelverfahren.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>