<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 83 S.351</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Opferhilfe</span> <span class="page_no">351</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>X. Opferhilfe</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>83</b></span> <span class="ft2"><b>Genugtuung (Art. 12 Abs. 2 OHG).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Schwere Betroffenheit und besondere Umstände als kumulative Vor-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>aussetzungen. Anlehnung an die Grundsätze des zivilrechtlichen Ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nugtuungsanspruchs nach Art. 47 und 49 OR (Erw. 3/a, b).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Anspruch der Geschwister eines getöteten Kindes? (Erw. 3/c).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 16. Juli 2002 in Sa-</span><br/> <span class="ft3">chen S.R.S. und Mitb. gegen Verfügung des Kantonalen Sozialdienstes.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">I.S. lebte mit ihren 6 Kindern während mehrerer Jahre in Brasi-</span><br/> <span class="ft5">lien. Im August 1998 kehrte sie mit den 5 jüngeren Kindern in die</span><br/> <span class="ft5">Schweiz zurück. Die damals 16-jährige älteste Tochter R. sollte noch</span><br/> <span class="ft5">die Schule abschliessen und im Dezember nachkommen, sie wurde</span><br/> <span class="ft5">aber behördlich an der alleinigen Reise gehindert. Am 20. Januar</span><br/> <span class="ft5">1999, noch bevor ihr Adoptivvater sie hatte abholen können, wurde</span><br/> <span class="ft5">sie auf grausame Weise ermordet. Der Täter wurde in der Folge zu</span><br/> <span class="ft5">17 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der Kantonale Sozialdienst</span><br/> <span class="ft5">(KSD) hiess das Gesuch der Mutter um Ausrichtung einer Genugtu-</span><br/> <span class="ft5">ungsentschädigung gut. Die entsprechenden Gesuche von 4 Ge-</span><br/> <span class="ft5">schwistern des ermordeten Mädchens wies er ab; das Verfahren der</span><br/> <span class="ft5">einen Schwester wurde sistiert, um zu klären, ob die aufgenommene</span><br/> <span class="ft5">psychiatrische Behandlung als Folge des Verbrechens notwendig</span><br/> <span class="ft5">geworden war.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">352</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">3. a) Gemäss Art. 12 Abs. 2 OHG setzt die Ausrichtung einer</span><br/> <span class="ft5">Genugtuung an das (direkte oder indirekte) Opfer einer Straftat vor-</span><br/> <span class="ft5">aus, dass es <i>schwer betroffen</i> ist und <i>besondere Umstände</i> die Zu-</span><br/> <span class="ft5">sprechung rechtfertigen. Die beiden Voraussetzungen müssen ku-</span><br/> <span class="ft5">mulativ erfüllt sein (Gomm/Stein/Zehntner, Kommentar zum Opfer-</span><br/> <span class="ft5">hilfegesetz, Bern 1995, Art. 12 N 17).</span><br/> <span class="ft5">b) aa) Die Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 2 OHG sollen</span><br/> <span class="ft5">insbesondere klarstellen, dass nicht bereits die Opfereigenschaft an</span><br/> <span class="ft5">sich den Anspruch auf eine Genugtuung begründet, sondern hierfür</span><br/> <span class="ft5">gewisse <i>qualifizierte Bedingungen</i> bezüglich der objektiven und</span><br/> <span class="ft5">subjektiven Schwere der erlittenen Persönlichkeitsverletzung (zu</span><br/> <span class="ft5">denken ist bei Tötungen an Schmerz, seelisches Leiden und andere</span><br/> <span class="ft5">Beeinträchtigungen der Lebensfreude der Angehörigen) vorliegen</span><br/> <span class="ft5">müssen. Dies gilt analog zum Zivilrecht, wo auch nicht jede Persön-</span><br/> <span class="ft5">lichkeitsverletzung zu einem Genugtuungsanspruch führt. Wenn aber</span><br/> <span class="ft5">die Tatbestandsvoraussetzungen von Art. 12 Abs. 2 OHG erfüllt sind,</span><br/> <span class="ft5">hat das Opfer trotz der "Kann-Formulierung" einen Rechtsanspruch</span><br/> <span class="ft5">gegenüber dem Staat auf die Ausrichtung einer Genugtuungssumme;</span><br/> <span class="ft5">insoweit räumt diese Bestimmung der rechtsanwendenden Behörde</span><br/> <span class="ft5">kein Rechtsfolgeermessen ein (BGE 121 II 373; AGVE 1996,</span><br/> <span class="ft5">S. 192).</span><br/> <span class="ft5">bb) Die gerichtliche Zusprechung einer (zivilrechtlichen) Ge-</span><br/> <span class="ft5">nugtuung nach Art. 47 bzw. Art. 49 OR ist keine Voraussetzung für</span><br/> <span class="ft5">die Ausrichtung einer Genugtuung gemäss Art. 12 Abs. 2 OHG, doch</span><br/> <span class="ft5">müssen die Anspruchsvoraussetzungen einer zivilrechtlichen Ge-</span><br/> <span class="ft5">nugtuung bejaht werden können, damit die Beschwerdeführer als</span><br/> <span class="ft5">Hinterbliebene bei der Geltendmachung von Genugtuung einem di-</span><br/> <span class="ft5">rekten Opfer gleichzustellen sind (Art. 2 Abs. 2 lit. c OHG). Es</span><br/> <span class="ft5">drängt sich ohnehin auf - im Sinne der Einheit der Rechtsordnung -,</span><br/> <span class="ft5">für die Auslegung der Begriffe "schwer betroffen" und "besondere</span><br/> <span class="ft5">Umstände" in Art. 12 Abs. 2 OHG die von Rechtsprechung und</span><br/> <span class="ft5">Doktrin herausgearbeiteten Grundsätze über den zivilrechtlichen</span><br/> <span class="ft5">Genugtuungsanspruch</span> <span class="ft5">heranzuziehen</span> <span class="ft5">(Gomm/Stein/Zehntner,</span><br/> <span class="ft5">a.a.O., Art. 12 N 28; vgl. BGE 121 II 373).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Opferhilfe</span> <span class="page_no">353</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">c) Die Gerichtspraxis bejaht die Genugtuungsvoraussetzungen</span><br/> <span class="ft5">(vorne Erw. a: schwere Betroffenheit, besondere Umstände) bei den</span><br/> <span class="ft5">Geschwistern eines getöteten Kindes in der Regel nur, wenn der</span><br/> <span class="ft5">Anspruchsteller mit dem Opfer zur Zeit des Todes im gemeinsamen</span><br/> <span class="ft5">Haushalt lebte (siehe Klaus Hütte/Petra Ducksch, Die Genugtuung,</span><br/> <span class="ft5">3. Auflage, Zürich 1996 [mit Aktualisierung 1999], I/28, I/36). Als</span><br/> <span class="ft5">Basisrahmen geben Hütte/Ducksch für die Zeit nach 1995 Fr. 6'000.-</span><br/> <span class="ft5">bis 7'000.-- an, wobei die Streuung aber erheblich ist (a.a.O., I/36).</span><br/> <span class="ft5">Ihre Behauptung, nach der geltenden Praxis werde Geschwis-</span><br/> <span class="ft5">tern eines getöteten Opfers nur sehr zurückhaltend eine Genugtuung</span><br/> <span class="ft5">ausgerichtet, vermochte die Vorinstanz nicht zu belegen. Gewiss ent-</span><br/> <span class="ft5">halten die Tabellen V/1 bei Hütte/Ducksch relativ wenige Fälle, aber</span><br/> <span class="ft5">sie lassen doch den auch von den Autoren gezogenen Schluss zu,</span><br/> <span class="ft5">dass die Zusprechung von Genugtuung die Regel ist, wenn</span><br/> <span class="ft5">Geschwister zuvor in engem Kontakt zueinander lebten. Es wäre</span><br/> <span class="ft5">denn auch lebensfremd anzunehmen, dass Kinder den plötzlichen</span><br/> <span class="ft5">Verlust eines Geschwisters, mit dem sie vorher dauernd zusammen</span><br/> <span class="ft5">waren, ohne grösseren Schmerz verkraften und deshalb keine Ge-</span><br/> <span class="ft5">nugtuung beanspruchen können. Eine speziell zurückhaltende Sicht-</span><br/> <span class="ft5">weise, soweit es um Leistungen der Opferhilfe geht, wäre hier unbe-</span><br/> <span class="ft5">gründet.</span><br/> <span class="ft5">d) aa) Im vorliegenden Fall ist davon auszugehen, dass die Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeführer im gemeinsamen Haushalt mit der getöteten Schwes-</span><br/> <span class="ft5">ter lebten. Der Unterbruch, weil R. noch in Brasilien blieb, um den</span><br/> <span class="ft5">Schulabschluss zu machen, als die Mutter mit den Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft5">rern im August 1998 in die Schweiz zurückkehrte, war zum vornher-</span><br/> <span class="ft5">ein nur vorübergehend und für eine kurze Zeit geplant. Entscheidend</span><br/> <span class="ft5">ist die Zeit vor der Straftat und allenfalls die damals bestehenden</span><br/> <span class="ft5">konkreten Pläne der Familie.</span><br/> <span class="ft5">bb) Als I.S. nach Brasilien auswanderte, betrieb sie dort ein</span><br/> <span class="ft5">kleines Motel. Auch wenn sie offenbar bald einen Partner fand, blieb</span><br/> <span class="ft5">sie alleine für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich. In dieser</span><br/> <span class="ft5">Situation liegt es nahe, dass sich in der Familie ein starkes Zusam-</span><br/> <span class="ft5">mengehörigkeitsgefühl entwickelte. Es ist auch durchaus wahr-</span><br/> <span class="ft5">scheinlich und glaubwürdig, dass R. als Älteste bei der Erziehung der</span><br/> <span class="ft5">Geschwister eingebunden wurde und gegenüber den jüngsten unter</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">354</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">ihnen auch in gewissem Ausmass die Rolle einer Ersatzmutter über-</span><br/> <span class="ft5">nehmen musste. Die konkreten Umstände legen somit eine enge</span><br/> <span class="ft5">Verbindung der Beschwerdeführer zu ihrer Schwester nahe.</span><br/> <span class="ft5">cc) Als genugtuungserhöhend bezeichnen die Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft5">die brutale Tat und den Umstand, dass es bei "normalem" Ablauf gar</span><br/> <span class="ft5">nicht zur Ermordung von R. hätte kommen können, weil sie in die-</span><br/> <span class="ft5">sem Zeitpunkt gar nicht mehr in Brasilien hätte sein sollen. Die Um-</span><br/> <span class="ft5">stände des Todes von Angehörigen können dann genugtuungserhö-</span><br/> <span class="ft5">hend wirken, wenn sie die Erinnerung der Hinterbliebenen belasten.</span><br/> <span class="ft5">Während dies bei der Mutter durchaus zutreffen dürfte (namentlich</span><br/> <span class="ft5">dann, wenn sie sich selber Vorwürfe wegen der verzögerten Heim-</span><br/> <span class="ft5">reise machen sollte), fällt dieser Aspekt bei den Beschwerdeführern</span><br/> <span class="ft5">doch viel weniger ins Gewicht. Sie waren weitab vom Tatort und</span><br/> <span class="ft5">wurden nicht durch eigene Wahrnehmung mit dem Tod der Schwes-</span><br/> <span class="ft5">ter konfrontiert; vielmehr konnte die Mutter versuchen, ihnen das</span><br/> <span class="ft5">tragische Ereignis altersgerecht beizubringen. Im Übrigen hat das</span><br/> <span class="ft5">Verwaltungsgericht auch schon festgehalten, soweit der Berücksich-</span><br/> <span class="ft5">tigung des Verschuldens ein pönales Moment anhafte, sei dann Zu-</span><br/> <span class="ft5">rückhaltung angezeigt, wenn gar nicht der Schädiger selber die Ge-</span><br/> <span class="ft5">nugtuung zu bezahlen habe (VGE II/53 vom 11. Juni 1999 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">O.M., S. 10; vgl. auch Hütte/Ducksch, a.a.O., I/40).</span><br/> <span class="ft5">dd) Ohne den Verlust für die Beschwerdeführer dadurch ver-</span><br/> <span class="ft5">niedlichen zu wollen, darf auch berücksichtigt werden, dass nach</span><br/> <span class="ft5">dem Tod von R. immer noch 5 Geschwister verbleiben (vgl. die</span><br/> <span class="ft5">Rechtsprechung, wonach der Verlust eines Einzelkindes schwerer</span><br/> <span class="ft5">wiegt als der Verlust eines von mehreren Kindern [Hütte/Ducksch,</span><br/> <span class="ft5">a.a.O., I/26 f., mit Hinweisen]).</span><br/> <span class="ft5">ee) Anders als bei ihrer Schwester T. (sofern bei ihr die Not-</span><br/> <span class="ft5">wendigkeit einer Psychotherapie auf den Tod von R. zurückzuführen</span><br/> <span class="ft5">ist) war bei den Beschwerdeführern keine ärztliche Therapie not-</span><br/> <span class="ft5">wendig, um das Geschehene verarbeiten zu können.</span><br/> <span class="ft5">ff) Zusammenfassend steht es für das Verwaltungsgericht ausser</span><br/> <span class="ft5">Zweifel, dass auf Grund des konkreten Sachverhalts die Beeinträchti-</span><br/> <span class="ft5">gung der Beschwerdeführer durch den Tod ihrer Schwester erheblich</span><br/> <span class="ft5">genug war, um einen Anspruch auf Genugtuung entstehen zu lassen.</span><br/> <span class="ft5">Die Höhe der Genugtuung ist im Bereich des "Basisrahmens" fest-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Opferhilfe</span> <span class="page_no">355</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">zulegen, da die zu berücksichtigenden Umstände wohl bewirken,</span><br/> <span class="ft5">dass überhaupt ein Anspruch entsteht (was ja bereits eine schwere</span><br/> <span class="ft5">Betroffenheit voraussetzt), aber nicht derart gravierend sind, dass sie</span><br/> <span class="ft5">bei den Beschwerdeführern - anders verhält es sich bei T. - die Be-</span><br/> <span class="ft5">einträchtigung als noch klar darüber hinausgehend erscheinen lies-</span><br/> <span class="ft5">sen. Eine Genugtuung von Fr. 8'000.-- pro Kind erscheint deshalb als</span><br/> <span class="ft5">angemessen.</span><br/> <span class="ft5">Eine Unterscheidung nach dem Alter der Beschwerdeführer ist,</span><br/> <span class="ft5">in Übereinstimmung mit der Vorinstanz, nicht angezeigt. Auch die</span><br/> <span class="ft5">jüngsten waren beim Tod ihrer Schwester bereits 4 und 6 Jahre alt,</span><br/> <span class="ft5">also nicht mehr Kleinkinder; zudem wirkte sich die Rolle von R. als</span><br/> <span class="ft5">"Ersatzmutter" (was eine verstärkte Bindung bewirken konnte) am</span><br/> <span class="ft5">ehesten bei ihnen aus.</span><br/> <span class="ft5">e) Die zugesprochenen Genugtuungssummen sind ab dem</span><br/> <span class="ft5">20. Januar 1999 zu verzinsen (Hütte/Ducksch, a.a.O., I/30).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>