Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 7. Mai 2015 (720 14 359 / 114) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Hilflosenentschädigung; Nachzahlung von Leistungen bei einer Neuanmeldung zum Leistungsbezug, wenn der Versicherungsträger im Rah men einer ersten Anmeldung ei- nen hinreichend geltend gemachten Leistungsanspruch übersehen und diesbezüglich keine Verfügung getroffen hat Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantonsrich- ter Markus Mattle, Gerichtsschreiberin i.V. Katja Wagner Parteien A.____, Beschwerdeführerin, vertreten durc h Stephan Müller, Advo- kat, c/o Procap Schweiz, Froburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Hilflosenentschädigung (756.2794.3102.99) A. Die 1985 geborene A.____ meldete sich erstmals m it Gesuch vom 27. September 2000 unter Hinweis auf eine Minderintelligenz sowie einen Entwicklungsrückstand bei der Eid- genössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistun gsbezug an. Mit Verfügung vom 29. Mai 2001 wurde ihr eine Anlehre im Verkauf als erstmali ge berufliche Ausbildung zugesprochen. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Diese Ausbildung hat A.____ am 31. Juli 2003 erfolgre ich abgeschlossen. Etwas mehr als sechs Jahre später beantragte A.____ am 24. August 2010 erneut Leistungen der IV. Mit Schreiben vom 7. März 2011 wurde ihr durch die IV-Stell e Basel-Landschaft (IV-Stelle) Bera- tung und Unterstützung bei der Stellensuche zugesproch en. Am 19. August 2011 wurden die beruflichen Massnahmen mit der Begründung, dass die Bet reuung der Kinder von A.____ ne- ben einer Erwerbstätigkeit vor Sommer 2012 nicht mögl ich sei, wieder abgeschlossen. In der Folge wurde der Anspruch auf eine Invalidenrente ge prüft und nach Abklärung der gesundheit- lichen und erwerblichen Verhältnisse mit Vorbescheid vom 6. Januar 2014 in Anwendung der gemischten Methode gestützt auf einen Invaliditätsgrad vo n 36 % abgelehnt. Der gegen diesen Vorbescheid erhobene Einwand ist bis heute hängig. Am 7 . Juli 2014 meldete sich A.____ abermals zum Bezug von Leistungen bei der IV an, wobei sie im entsprechenden Anmeldefor- mular eine Hilflosenentschädigung beantragte. Nach Vo rnahme der entsprechenden Abklärun- gen vor Ort stellte die IV-Stelle fest, dass A.____ seit April 2003 auf lebenspraktische Beglei- tung im Umfang von 150 Minuten wöchentlich angewiesen sei und demzufolge eine Hilflosigkeit leichten Grades vorliege. In der Folge sprach die IV-Ste lle nach Durchführung des Vorbe- scheidverfahrens A.____ mit Verfügung vom 13. Oktober 20 14 eine Hiflosenentschädigung leichten Grades, rückwirkend ab 1. Juli 2013, zu. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch Advokat Stephan Müller, am 17. November 2014 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel- Landschaft, Abteilung Sozialversi- cherungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte sie, e s sei ihr in Aufhebung der angefochte- nen Verfügung vom 13. Oktober 2014 bereits mit Wirkun g ab 1. Januar 2007 eine Hilflosenent- schädigung leichten Grades zuzusprechen. Ferner sei ihr die unentgeltliche Prozessführung mit Advokat Müller als unentgeltlichem Rechtsbeistand zu bew illigen; alles unter o/e-Kostenfolge. Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor, dass die IV-Stelle im Rahmen der ihr oblie- genden gesetzlichen Aufklärungs- und Beratungspflicht gem äss Art. 27 ATSG verpflichtet ge- wesen wäre, sie auf ihren Anspruch auf Hilflosenentschädi gung hinzuweisen. Spätestens nach Eingang des Arztberichtes von Dr. B.____ vom 13. Dezemb er 2010 sei der Bedarf an lebens- praktischer Begleitung offensichtlich gewesen, sodass sich die IV-Stelle bei ihr hätte erkundigen müssen, ob sich ihre Leistungsanmeldung vom 24. August 201 0 auch auf Hilflosenentschädi- gung beziehe. Demnach sei die Anmeldung vom 24. August 2010 für den Anspruch auf Hilflo- senentschädigung als massgeblich zu betrachten. Der grundsätzlich seit April 2003 bestehende Anspruch auf Hilflosenentschädigung sei aufgrund des bis 31. Dezember 2007 geltenden aArt. 48 Abs. 2 IVG für den Zeitraum vor dem 1. Janua r 2007 verwirkt. Ab 1. Januar 2008 wür- den im IVG aber keine Verwirkungsbestimmungen existieren , womit die fünfjährige Frist von Art. 24 ATSG zur Anwendung komme. Demzufolge habe d ie Beschwerdeführerin Anspruch auf Nachzahlung der Hilflosenentschädigung leichten Grades ab 1. Januar 2007. C. Mit Verfügung vom 19. November 2014 bewilligte da s Kantonsgericht der Beschwerde- führerin die unentgeltliche Prozessführung und die u nentgeltliche Verbeiständung mit Advokat Stephan Müller als Rechtsvertreter. D. In ihrer Vernehmlassung vom 30. Dezember 2014 bean tragte die IV-Stelle die Abwei- sung der Beschwerde. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf d ie im Übrigen frist- und formgerecht erhobene Beschwerde ist einzutreten. 2.1 Nach Art. 42 Abs. 1 IVG haben Versicherte mit Wohnsi tz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die hilflos sind, Anspruch auf eine Hil flosenentschädigung. Nach Art. 9 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche rungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist eine Person hilflos, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für all- tägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritte r oder der persönlichen Überwachung bedarf. Das Gesetz unterscheidet zwischen schwerer, mittel schwerer und leichter Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 2 IVG). Als hilflos gilt ebenfalls eine P erson, welche zu Hause lebt und wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit dauernd auf lebenspr aktische Begleitung angewiesen ist. Ist eine Person lediglich dauernd auf lebenspraktische Begleitung angewiesen, so liegt immer eine leichte Hilflosigkeit vor (Art. 42 Abs. 3 IVG). 2.2 Gemäss Art. 38 Abs. 1 der Verordnung über die In validenversicherung (IVV ) vom 17. Januar 1961 liegt ein Bedarf an lebenspraktischer Be gleitung im Sinne von Art. 42 Abs. 3 IVG vor, wenn eine volljährige versicherte Person ausserh alb eines Heimes lebt und infolge Beeinträchtigung der Gesundheit ohne Begleitung eine r Drittperson nicht selbstständig wohnen kann (lit. a), für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung auf Begleitung einer Drittperson angewiesen ist (lit. b) oder ernsthaft gefährdet ist, sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren (lit. c). Zu berücksichtigen ist nur diejenige lebenspraktische Begleitung, die regel- mässig und im Zusammenhang mit den in Abs. 1 erwähnten Situationen erforderlich ist. Nicht darunter fallen insbesondere Vertretungs- und Verwal tungstätigkeiten im Rahmen vormund- schaftlicher Massnahmen nach Art. 398 bis 419 des Schweizeri schen Zivilgesetzbuches (ZGB) vom 10. Dezember 1907 (Art. 38 Abs. 3 IVV). Die leben spraktische Begleitung stellt ein zusätz- liches und eigenständiges Institut der Hilfe dar (BGE 13 3 V 466 E. 9). Sie ist notwendig, damit der Alltag selbstständig bewältigt werden kann und li egt vor, wenn die versicherte Person auf Hilfe bei der Tagesstrukturierung, Unterstützung bei de r Bewältigung von Alltagssituationen oder Anleitung zur Erledigung des Haushalts angewiese n ist. Bei ausserhäuslichen Verrichtun- gen ist die lebenspraktische Begleitung notwendig, damit die versicherte Person in der Lage ist, das Haus für bestimmte notwendige Verrichtungen und Kontakte (Einkaufen, Freizeitaktivitäten, Kontakte mit Amtsstellen oder Medizinalpersonen, Coif feurbesuch, etc.) zu verlassen (KSIH Rz. 8050 f.; vgl. BGE 133 V 465 f. E. 8.2.3). Die Frage, ob eine entsprechende Hilfsbedürftigkeit besteht, ist objektiv, nach dem Zustand der versicherten Pe rson, zu beurteilen (BGE 133 V 461 Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht E. 5 mit Hinweisen). Nicht erforderlich ist, dass die l ebenspraktische Begleitung durch fachlich qualifiziertes oder speziell geschultes Betreuungspersonal erbracht wird (KSIH Rz. 8047). 3. Unter den Parteien ist vorliegend zu Recht unbestri tten, dass die Voraussetzungen für eine Hilflosenentschädigung leichten Grades im Sinne vo n Art. 42 Abs. 3 IVG erfüllt sind. Auf- grund des Abklärungsberichts Hilflosigkeit IV vom 1. Septem ber 2014 kann als nachgewiesen gelten, dass die Beschwerdeführerin seit April 2003 Unt erstützung bei der Bewältigung von All- tagssituationen als auch für Erledigungen und Kontakte a usserhalb der Wohnung im Umfang von wöchentlich 150 Minuten benötigt und folglich auf lebenspraktische Begleitung angewiesen ist. Streitig und zu prüfen ist einzig der Zeitpunkt, ab wann die IV die Hilflosenentschädigung leichten Grades zu leisten hat. Wie eingangs erwähnt, sp rach die IV-Stelle der Beschwerdefüh- rerin mit Verfügung vom 13. Oktober 2014 die Hilflosenentschädigung gestützt auf aArt. 48 Abs. 2 IVG (in Kraft bis Ende 2007) rückwirkend für die zwölf der Anmeldung vom 7. Juli 2014 vo- rangehenden Monate, mithin ab 1. Juli 2013 zu. Demge genüber stellt sich die Beschwerdefüh- rerin auf den Standpunkt, die Hilflosenentschädigung sei gestützt auf Art. 24 ATSG rückwirkend ab 1. Januar 2007 auszurichten, da die Rückwirkung bereit s ab erfolgter Anmeldung zum Leis- tungsbezug vom 24. August 2010 zu laufen begonnen habe . Die IV-Stelle hätte den Anspruch auf Hilflosenentschädigung von sich aus prüfen müssen. In dem sie dies unterlasse habe, habe sie ihre Aufklärungs- und Beratungspflicht nach Art. 27 A TSG verletzt. Bei deren rechtzeitiger und korrekter Wahrnehmung würde ein Leistungsanspruch b ereits seit 1. Januar 2007 beste- hen. 4.1 Gemäss dem im vorliegenden Fall interessierenden Absatz 2 von Art. 27 ATSG hat jede Person Anspruch auf grundsätzlich unentgeltliche Beratung über ihre Rechte und Pflichten. Dafür zuständig sind die Versicherungsträger, denen gegenüber die Rechte geltend zu machen oder die Pflichten zu erfüllen sind. Art. 27 Abs. 2 AT SG räumt dem Einzelnen einen individuel- len Rechtsanspruch auf Beratung durch den zuständigen Versicherungsträger über seine Rech- te und Pflichten ein. Sinn und Zweck der Beratungspflicht ist, die betreffende Person in die Lage zu versetzen, sich so zu verhalten, dass eine den gesetzgeberi schen Zielen des jeweiligen Er- lasses entsprechende Rechtsfolge eintritt (BGE 131 V 47 8 E. 4.3; SVR 2008 IV Nr. 10 S. 30, I 714/06, E. 4.1; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vo m 5. Mai 2011, 8C_26/2011 E. 5.2 mit zahlreichen Hinweisen). Dabei ist die zu beratende Pe rson über die massgebenden Umstände rechtlicher oder tatsächlicher Art zu informieren, die zu einer zutreffenden Wahrnehmung der Rechte und Pflichten führen (vgl. UELI KIESER , ATSG-Kommentar, 2. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2009, Art. 27 Rz. 19). Das Bundesgericht hat bisher off en gelassen, wo die Grenzen der in Art. 27 Abs. 2 ATSG verankerten Beratungspflicht in generell-abstrakter Weise zu ziehen sind (BGE 131 V 478 E. 4.3). Die Beratungspflicht wird primär ausgelöst durch eine konkrete Anfrage einer versicherten Person zu einem bestimmten sozialversicherungsrechtlichen Problem (vgl. ULRICH MEYER , Verfahrensfragen – Grundlagen, Begriff und Grenzen der Beratungspflicht nach Art. 27. Abs. 2 ATSG, in: Gächter [Hrsg.], Ulrich Meyer – Ausgew ählte Schriften, Zürich 2013, S. 336). Schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob die behö rdliche Beratungspflicht auch dann zum Zuge kommt, wenn die versicherte Person sich nicht erkundigt . Eine Beratungspflicht von Am- tes wegen und ohne Anlass gibt es nach herrschender Lehre nicht, da sie den Versicherungs- träger überfordern würde (MEYER , a.a.O., S. 336; KIESER , a.a.O., Rz. 19). Wendet sich aber ein Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Versicherter mit einem nicht näher spezifizierten Leistungsbegehren an die Versicherung, so ist diese umfassend zur Abklärung verpflichtet. Für die Auslö sung der Beratungspflicht ausrei- chend ist, wenn für den zuständigen Versicherungsträger erkennbar ist, dass der Betroffene durch ein bestimmtes Handeln oder Unterlassen Nachteile i n Bezug auf seine Ansprüche erlei- den könnte (M EYER , a.a.O., S. 337; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 31. Mai 2011, 8C_26/2011, E. 5.2). 4.2 Wird die Beratungspflicht nicht oder ungenügend wa hrgenommen, kommt dies einer falsch erteilten Auskunft des Versicherungsträgers gleich und dieser hat dafür in Nachachtung des Vertrauensprinzips einzustehen (BGE 131 V 480 E. 5) . Stellt sich demnach heraus, dass eine behördliche Auskunft zu Unrecht und folglich in Verl etzung von Art. 27 Abs. 2 ATSG nicht erteilt wurde, so ist die versicherte Person von der Ver waltungsbehörde und im Beschwerdefall vom angerufenen Gericht so zu stellen, wie wenn der Sozia lversicherungsträger sie richtig in- formiert und beraten hätte. Die Verletzung der behör dlichen Beratungspflicht und die entspre- chenden Folgen sind, wenn sich die versicherte Person darau f beruft, von Amtes wegen abzu- klären (vgl. MEYER , a.a.O., S. 340). 4.3 Praxisgemäss wahrt die versicherte Person mit ihrer A nmeldung nicht nur jene An- sprüche, die sie ausdrücklich auf dem Anmeldeformular auf zählt. Vielmehr umfasst eine An- meldung alle Ansprüche, die nach Treu und Glauben mi t dem angemeldeten Risikoeintritt in Zusammenhang stehen. Die im Anschluss an ein Leistungsgesu ch durchzuführenden Abklä- rungen der Verwaltung erstrecken sich jedoch nur auf die vernünftigerweise mit dem vorgetra- genen Sachverhalt und allfälligen bisherigen oder ne uen Akten in Zusammenhang stehenden Leistungen. Wird später geltend gemacht, es bestehe noch Anspruch auf eine andere Versiche- rungsleistung, so ist nach den gesamten Umständen des Einzel falles im Lichte von Treu und Glauben zu prüfen, ob die frühere ungenaue Anmeldun g auch den späteren substantiierten Anspruch umfasst. Dabei ist ein solcher Zusammenhang gem äss bundesgerichtlicher Praxis relativ grosszügig anzunehmen (vgl. Urteile des Bundesger ichts vom 7. Januar 2011, 8C_233/2010, E. 5.1 und vom 22. Juni 2011, 8C_274/20 11, E. 2.3; jeweils mit zahlreichen Hin- weisen). 4.4 Übersieht ein Versicherungsträger eine hinreichend substantiierte Anmeldung, werden nur die Leistungen der letzten fünf Jahre vor der Neuan meldung nachbezahlt, weiter zurücklie- gende sind untergegangen. Diese Rechtsprechung gilt im R ahmen von Art. 24 Abs. 1 ATSG und aArt. 48 Abs. 2 IVG, die insofern eine absolute V erwirkungsfrist beinhalten (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 7. Januar 2011, 8C_233/2010, E. 5.1 und vom 22. Juni 2011, 8C_274/2011, E. 2.). Für den Anspruch auf ausstehende Leistungen regelte aArt. 48 Abs. 2 IVG (in der vom 1. Januar 2003 bis 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Fassung), den die IV- Stelle in Nachachtung der allgemeinen intertemporal rechtlichen Grundsätze (BGE 132 V 220, E. 3.1.1; 130 V 446, E. 1 f. mit Hinweisen) vorliegen d als anwendbar erachtet, in Abweichung von der fünfjährigen Frist von Art. 24 Abs. 1 ATSG Fo lgendes: Meldet sich ein Versicherter mehr als zwölf Monate nach Entstehen des Anspruchs, werden die Leistungen in Abweichung von Art. 24 Abs. 1 ATSG lediglich für die zwölf der An meldung vorangehenden Monate ausge- richtet. Weitergehende Nachzahlungen werden erbracht, wenn die versicherte Person den an- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht spruchsbegründenden Sachverhalt nicht kennen konnte und d ie Anmeldung innert zwölf Mona- ten nach Kenntnisnahme vornimmt. Im Zuge der 5. IV-Revision wurde aArt. 48 IVG mit Wirkung ab 1. Januar 2008 aufgehoben. Für Fragen im Zusammenh ang mit Nachzahlungen und Leis- tungen kam bis zum Inkrafttreten der heute geltenden Fa ssung von Art. 48 Abs. 1 IVG, Art. 24 ATSG zur Anwendung. Auch die Nachzahlung von Hilflosene ntschädigung richtete sich in die- ser Übergansfrist nach der fünfjährigen Frist von Art. 2 4 Abs. 1 ATSG (vgl. Urteil des Bundes- gerichts vom 7. Januar 2011, 8C_233/2010, E. 2 mit Hinweisen). 5.1 Die Neuanmeldung zum Bezug von Hilflosenentschädigu ng erfolgte am 7. Juli 2014. Bereits am 24. August 2010 erfolgte jedoch eine ungen aue Anmeldung auf unspezifische Leis- tungen, im Rahmen derer die Beschwerdeführerin gelte nd machte, dass sie „die IV wieder be- antragen“ möchte. Streitig und im Folgenden zu prüfen ist demnach, ob die Beschwerdegegne- rin bereits im damaligen Verfahren den Anspruch auf Hilflosenentschädigung von sich aus hätte prüfen müssen, ob also ausgehend von der ihr obliegen den Beratungspflicht nach Art. 27 Abs. 2 ATSG ein möglicher Anspruch auf Hilflosenentschädigung erkennbar war. 5.2 Soweit die Beschwerdegegnerin in diesem Zusammenh ang geltend macht, dass sich die Wiederbeantragung von Leistungen mit Schreiben vom 24. August 2010 ausschliesslich auf die bereits bezogenen Leistungen, nämlich die beruflic hen Massnahmen, beziehe und auch sonst keine Hinweise bestanden hätten, die eine Prüfu ng weiterer Ansprüche durch die IV er- forderlich gemacht hätten, kann ihr nicht beigepflichtet werden. Wie bereits ausgeführt (vgl. Er- wägung 4.1 hiervor), setzt die Beratungspflicht nicht e inen entsprechenden Antrag der versi- cherten Person voraus, sondern ist dann zu erfüllen, wenn der Versicherungsträger einen ent- sprechenden Bedarf feststellt. Dies wird insbesondere mi t der Zuordnung des Sozialversiche- rungsrechts zu den schwer überblickbaren Rechtsgebieten gere chtfertigt (KIESER , a.a.O., Rz. 11). Wendet sich ein Versicherter demnach mit einem ni cht näher spezifizierten Leistungsbe- gehren an die Versicherung, so ist diese umfassend zur Ab klärung verpflichtet. Dabei hat sie zwar nicht von sich aus in den Lebensverhältnissen der versi cherten Person nachzuforschen und sie auf alternative Handlungs- und Entscheidungsspi elräume hinzuweisen, für die beim jeweiligen Stand des Abklärungs- und Verfügungsverfahre ns noch kein klar erkennbarer An- haltspunkt besteht. Bei konkretem Anlass muss sie den Versich erten aber auf solche Gestal- tungsmöglichkeiten hinweisen, die klar zutage liegen und deren Wahrnehmung offenbar so zweckmässig ist, dass jeder verständige Versicherte sie mutmassli ch nutzen würde (M EYER , a.a.O., S. 336). Wie die Beschwerdeführerin zutreffen d ausführt, hat bereits Dr. B.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, in seinem Bericht vom 13. D ezember 2010 festgehalten, dass eine deutliche Verlangsamung, erhebliche Schwierigkeiten in der Informationsverarbeitung, Auf- fassungsprobleme und eine Unfähigkeit für einfachste Plan ungen und deren Umsetzung im Leben bestünden. Auch dem im Hinblick auf die Rentenp rüfung eingeholten Bericht von Dr. B.____ vom 23. September 2011 sind mehrere Hinwei se zu entnehmen, dass für die Be- schwerdeführerin möglicherweise lebenspraktische Begleitu ng in gewissem Masse erforderlich ist. So wird festgehalten, dass das Koordinieren, Organi sieren und Einhalten von Terminen der Versicherten schwer falle und sie unter anderem die von ihr verwendeten Hilfsmittel nicht be- herrsche. Arbeiten, welche über die täglichen Routinea rbeiten hinausgingen, könnten nur mit erhöhtem Zeitaufwand oder Unterstützung gelöst werden . Komplexe Aufgaben, wie bspw. ein Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Wohnungswechsel bzw. die damit einhergehenden Pflichte n (organisieren einer Kinderbetreu- ung, Vorbereiten des Haushalts etc.) könne sie nicht al leine organisieren (vgl. IV-Dok. 56, S. 3 f.). Auch im Fachgutachten der C.____ vom 25. Juni 20 12 wird in Übereinstimmung mit dem Bericht von Dr. B.____ vom 13. Dezember 2010 festgehalt en, dass erhebliche Schwierigkeiten in der Informationsverarbeitung und eine Unfähigkeit für einfachste Planungen und deren Um- setzung im Leben bestünden (vgl. IV-Dok. 65, S. 5). Aus dem Fachgutachten der C.____ sowie insbesondere auch dem Abklärungsbericht Haushalt vom 14. September 2012 geht überdies deutlich hervor, dass bei administrativ anspruchsvollen A ufgaben bereits Unterstützung durch Drittpersonen erfolgt und die Bewältigung dieser Aufg aben ohne diese Dritthilfe gar nicht mög- lich ist (vgl. IV-Dok. 65, S. 20 und IV-Dok. 72, S. 5). 5.3 Aufgrund des Gesagten kann demnach mit Blick auf die geltende Rechtsprechung (vgl. Erwägung 4.3 hiervor) zusammenfassend festgehalten wer den, dass im Rahmen der am 24. August 2010 erfolgten ersten Anmeldung aufgrund d er medizinischen Aktenlage im Lichte von Treu und Glauben genügend Anhaltspunkte bestanden haben, welche die Beschwerdege- nerin hätten veranlassen müssen, auch die Hilfsbedürft igkeit der Versicherten von sich aus zu prüfen. Mit anderen Worten hätte die Beschwerdegegner in bei korrektem Vorgehen bereits da- mals feststellen müssen, dass bei der Beschwerdeführerin se it April 2003 eine leichtgradige Hilflosigkeit besteht. 6.1 Hätte die IV-Stelle den vorstehenden Ausführungen zufolge bereits im Rahmen der Anmeldung vom 24. August 2010 festgestellt, dass bei der Beschwerdeführerin seit April 2003 eine leichtgradige Hilflosigkeit besteht, so hätte die Beschwerdeführerin schon im damaligen Zeitpunkt Anspruch auf Nachzahlung der Hilflosenent schädigung leichten Grades gehabt. So- weit die Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit der N euanmeldung vom 7. Juli 2014 aber geltend macht, dass sie ausgehend von der Anmeldung vom 24. August 2010 (und gestützt auf Art. 24 Abs. 1 ATSG) im heutigen Zeitpunkt rückwirkend bereits seit 1. Januar 2007 Anspruch auf Nachzahlung habe, verkennt sie, dass gemäss bundesgerich tlicher Rechtsprechung - wenn ein Versicherungsträger eine hinreichend substantiierte A nmeldung übersieht - nur die Leistun- gen der letzten fünf Jahre vor der Neuanmeldung nachbez ahlt werden. Weiter zurückliegende Leistungen sind untergegangen (vgl. E. 4.4 hiervor). Da diese Rechtsprechung sowohl im Rah- men von Art. 24 Abs. 1 ATSG als auch aArt. 48 Abs. 2 I VG zur Anwendung gelangt, erübrigt sich diesbezüglich eine Auseinandersetzung mit der un ter den Parteien umstrittenen Frage der vorliegend anzuwendenden Regelung (vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar 2011, 8C_233/2010, E. 2 ff.). Die Frage nach der Anwendung der betreffenden Regelung für die Nachzahlungsfrist bzw. damit einhergehend nach der Ken ntnis des anspruchsbegründenden Sachverhalts braucht überdies auch hinsichtlich der Neuan meldung vom 7. Juli 2014 nicht nä- her erörtert zu werden, da sich ein Versicherungsträger, wenn er eine hinreichend substantiierte Anmeldung übersieht, im Rahmen der Neuanmeldung nicht auf eine verspätete Anmeldung im Sinne von aArt. 48 Abs. 2 IVG berufen kann. Die Leistu ngen sind in jedem Falle für die fünf der Neuanmeldung vorausgegangen Jahre geschuldet (vgl. Kre isschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen [BSV] über Invalidität und Hilflosi gkeit in der Invalidenversicherung [KSIH], gültig ab 1. Januar 2015, Rz. 2042 und KSIH, gültig ab 1. Januar 2014, Rz. 2029). Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2 Auf den vorliegenden Fall angewendet bedeutet di es Folgendes: Die Neuanmeldung zum Bezug von Hilflosenentschädigung erfolgte am 7. Juli 2014. Nachbezahlt werden nur die Leistungen der letzten fünf Jahre vor der Neuanmeldung , womit festzustellen ist, dass die Be- schwerdeführerin ab 1. Juli 2009 Anspruch auf Hilflosene ntschädigung wegen leichter Hilflosig- keit hat. Die Beschwerde vom 17. November 2014 ist demna ch teilweise gutzuheissen. Die an- gefochtene Verfügung vom 13. Oktober 2014 wird aufgehoben und es wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin mit Wirkung ab dem 1. Juli 2009 Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung leichten Grades hat. 7.1 Abschliessend bleibt über die Kosten im Beschwerdeverf ahren zu entscheiden. 7.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des kantonale n Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 in der Regel in angemesse- nem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. In casu hätte deshalb die Beschwerdegeg- nerin als unterliegende Partei grundsätzlich die Verfah renskosten zu tragen. In diesem Zusam- menhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO den Vorinstanzen – vor- behältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VP O – keine Verfahrenskosten auferlegt werden. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Pr ozess keine Verfahrenskosten erho- ben werden. Der von der Beschwerdeführerin bereits gel eistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- ist ihr zurückzuerstatten. 7.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da die Beschwerdeführerin obsieg ende Partei ist, ist ihr eine Partei- entschädigung zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprech en. Der Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin hat in seiner Honorarnote vom 16. Jan uar 2015 für das vorliegende Ver- fahren einen Zeitaufwand von 8.8 Stunden geltend gem acht, was sich umfangmässig in Anbe- tracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfrage n als angemessen erweist. Die Bemü- hungen sind zu dem in Sozialversicherungsprozessen für durch schnittliche Fälle zur Anwen- dung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250. – zu entschädigen. Nicht zu beanstanden sind sodann die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslagen. Der Beschwerdeführerin ist eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 2‘481.30 (8.8 S tunden à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 70.-- zuzüglich 8 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 13. Oktober 2014 auf gehoben und festgestellt wird, dass der Beschwerdeführerin mit Wirk ung ab 1. Juli 2009 eine Hilflosenentschädigung leichten Grades zuzusprechen ist. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerde führerin eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 2‘481.30 (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Gegen diesen Entscheid wurde von der IV-Stelle Basel-Landschaft am 3. September 2015 Be- schwerde beim Bundesgericht (siehe nach Vorliegen des Urteils: Verfahren-Nr. 9C_617/2015 ) erhoben.