<h2>SubmittedText<h2><p>Gemäss einer OECD-Statistik, die in der "NZZ" am 12. Februar 2014 veröffentlicht worden ist, hat die Schweiz im internationalen Vergleich mit auffällig deutlichem Abstand die höchste Psychiaterdichte pro Kopf der Bevölkerung. In den meisten OECD-Ländern liegt sie bei 10 bis 20 je 100 000 Einwohner, der OECD-Durchschnitt beträgt 15. Mit über 40 Psychiatern je 100 000 Einwohner nimmt die Schweiz mit Abstand den ersten Platz ein, vor Island mit etwas mehr als 20. Ich bitte den Bundesrat um Beantwortung folgender Fragen:</p><p>1. Wie erklärt er sich diese extrem hohe Psychiaterdichte in der Schweiz, gibt es regionale Unterschiede, ist die Schweizer Bevölkerung im Vergleich mit allen anderen Ländern psychisch kränker?</p><p>2. Werden in der Schweiz zu viele Psychiater ausgebildet, fördert das grosse Angebot eventuell die Nachfrage, und in welchen Situationen werden Psychiater in Anspruch genommen?</p><p>3. Schafft unser Gesundheitssystem falsche Anreize, zu rasch und zu häufig die Dienste von Psychiatern in Anspruch zu nehmen?</p><p>4. Wie haben sich die Gesundheitskosten für psychische Erkrankungen in den letzten 20 Jahren entwickelt, detailliert für die verschiedenen Bereiche?</p><p>5. Welche Massnahmen sieht er vor, um die zunehmende kostspielige "Verpsychiaterisierung" unserer Gesellschaft zu bremsen?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1. Die Ärztedichte in der Schweiz ist im Ländervergleich generell hoch: Gemäss OECD-Statistik hat die Schweiz 380 Ärztinnen und Ärzte je 100 000 Einwohner und liegt damit auf Platz 6 von 40 OECD-Ländern. Die Dichte der verschiedenen Facharztgruppen variiert in den untersuchten Ländern erheblich. Die Schweiz weist die deutlich höchste Psychiaterdichte auf. Mehrere Schweizer Psychiater trugen mit ihren Arbeiten wesentlich zur Entwicklung der modernen Psychiatrie in Theorie und Praxis seit dem 19. Jahrhundert bei und genossen auf wissenschaftlicher Ebene international hohes Ansehen. Die Fachdisziplin scheint ausserdem für Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland attraktiv zu sein: Über 70 Prozent der Assistenzärztinnen und -ärzte in Weiterbildung Psychiatrie haben gemäss einer Studie der Schweizerischen Vereinigung psychiatrischer Chefärzte inzwischen das Medizinstudium im Ausland absolviert. Dazu kommen die Psychiaterinnen und Psychiater, die ihren ausländischen Weiterbildungstitel in der Schweiz anerkennen lassen und sich hier niederlassen. Im Jahr 2014 waren dies 116 Personen. Die Psychiaterdichte in den verschiedenen Regionen variiert, ebenso wie die Ärztedichte generell, sehr stark. Mit der im Juli 2013 als Übergangslösung in Kraft getretenen Zulassungssteuerung des ambulanten Bereichs können die Kantone auf eine allfällige Überversorgung durch Psychiaterinnen und Psychiater auf ihrem Gebiet reagieren. Verschiedene Studien zeigen, dass die Schweizer Bevölkerung nicht kränker ist als die Bevölkerungen anderer Länder: Bei der Untersuchung der Prävalenz psychischer Krankheiten wurden keine Unterschiede zwischen der Schweiz und den EU- und Efta-Staaten gefunden.</p><p>2. Die Zahl der jährlich erteilten Weiterbildungstitel Psychiatrie ist seit Jahren relativ stabil: 2014 haben 167 Personen diesen Weiterbildungstitel erworben, wovon 143 den Titel in Erwachsenenpsychiatrie und 24 in Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sehr stark verändert hat sich die Herkunft der Psychiaterinnen und Psychiater in Weiterbildung: Während der schweizerische Nachwuchs stetig zurückgeht, nimmt der Anteil der Ärztinnen und Ärzte mit ausländischem Diplom zu. Die Schweiz bildet insgesamt eher zu wenige als zu viele Psychiater aus: Alleine mit dem schweizerischen Nachwuchs könnten weder die Stellen in den Kliniken besetzt noch der Nachwuchs im ambulanten Sektor gesichert werden. Die Schweizerischen Gesundheitsbefragungen (SGB) seit 1997 zeigen, dass die Inanspruchnahme einer Behandlung wegen psychischen Problemen insgesamt zugenommen hat: Haben 1997 noch 4,1 Prozent der Bevölkerung eine Behandlung in Anspruch genommen, waren es 2012 5,4 Prozent. Knapp die Hälfte davon hat sich von einem Psychiater, einer Psychiaterin behandeln lassen. Die häufigsten Gründe für psychiatrische Behandlungen sind Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, somatoforme Störungen sowie Suchtprobleme, insbesondere Alkoholabhängigkeit.</p><p>3. Psychische Störungen verursachen grosses Leid aufseiten der Betroffenen und hohe volkswirtschaftliche Kosten. Gemäss einer Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2008 belaufen sich diese auf gut 12 Milliarden Franken jährlich, wobei indirekte Kosten wie z. B. Arbeitsausfälle, Berentungen oder Frühpensionierungen besonders ins Gewicht fallen. Übereinstimmende Schätzungen für die Schweiz und die EU-27 gehen davon aus, dass jährlich rund 30 Prozent der Bevölkerung an einer psychischen Störung erkranken. Dem gegenüber steht eine insgesamt tiefe Behandlungsquote psychischer Störungen: Laut der SGB waren 5,4 Prozent der Bevölkerung 2012 wegen psychischen Problemen in Behandlung. Wie der Bericht des European Brain Council und des European College for Psychopharmacology 2011 für die EU- und Efta-Staaten aufzeigt, weisen Länder mit einer weniger hohen Psychiaterdichte ähnliche Behandlungsquoten auf.</p><p>4. Die Kosten psychiatrischer Behandlung sind in den letzten Jahren gestiegen, jedoch weniger stark als die Gesundheitskosten allgemein: Von 2006 bis 2010 sind die Kosten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP-Kosten) insgesamt (Spital stationär und ambulant sowie ambulante Praxen) von 14 auf 16,8 Milliarden Franken gestiegen, was einer Zunahme von 19,2 Prozent entspricht. Die OKP-Kosten der Psychiatrie (Spitalpsychiatrie ambulant und stationär sowie psychiatrische Praxen), welche knapp 10 Prozent der gesamten OKP-Kosten ausmachen, sind in derselben Zeit etwas weniger stark gewachsen: Sie haben um 15,7 Prozent, von 1,3 auf 1,5 Milliarden Franken, zugenommen. Die grössten Zunahmen sind dabei in der ambulanten Spitalpsychiatrie zu verzeichnen, gefolgt von den psychiatrischen Praxen und der stationären Spitalpsychiatrie. Im selben Zeitraum hat auch die Anzahl Patientinnen und Patienten der psychiatrischen Praxen zugenommen: Wurden 2006 noch 282 900 Personen in psychiatrischen Praxen behandelt, waren es 2010 334 906 Patientinnen und Patienten. Zugenommen hat in dieser Periode auch die Anzahl der pro Psychiater behandelten Patientinnen und Patienten: von 106 auf 115 Personen.</p><p>5. Aus den dargelegten Gründen sieht der Bundesrat heute keine Anzeichen für eine Psychiatrisierung unserer Gesellschaft. Der Bundesrat erinnert daran, dass er die psychische Gesundheit sowie die Verbesserung der Prävention und Früherkennung psychischer Krankheiten zu einem der Ziele seiner Gesamtstrategie Gesundheit 2020 für das Gesundheitswesen erklärt hat. Zum Psychiatriebereich wird er 2015 seinen Bericht in Erfüllung des Postulates Stähelin 10.3255, "Zukunft der Psychiatrie", verabschieden.</p>  Antwort des Bundesrates.