<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 51" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 51</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">312</span> </div> <div class="page" id="S312"> <div role="main"> <br/> <span class="text"><b>51 </b> <b>Art. 12 lit. i BGFA</b></span><br/> <span class="text">Verletzung der Berufspflichten; der Anwalt hat entgegen der schriftlich</span><br/> <span class="text">vereinbarten Pauschale mehr als den doppelten Aufwand abgerechnet. Es</span><br/> <span class="text">lag keine schriftliche Abrede zur Vertragsänderung vor. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid der Anwaltskommission vom 22. Juli 2019</span><br/> <span class="text">(AVV.2018.75), i.S. Aufsichtsanzeige</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">4.</span><br/> <span class="text">4.1. (...)</span><br/> <span class="text">4.2.</span><br/> <span class="text">Nach Art. 12 lit. i BGFA haben Anwälte ihre Klientschaft bei</span><br/> <span class="text">Übernahme des Mandats über die Grundsätze ihrer Rechnungs-</span><br/> <span class="text">stellung aufzuklären. Weiter sind sie verpflichtet, ihre Klienten perio-</span><br/> <span class="text">disch oder auf Verlangen über die Höhe des geschuldeten Honorars</span><br/> <span class="text">zu informieren. Zur Aufklärung über die Grundsätze der Rechnungs-</span><br/> <span class="text">stellung gehören Hinweise auf allfällige gewünschte Vorschüsse, den</span><br/> <span class="text">Zeitpunkt der Rechnungsstellung, die Art des Honorars (Pauschale</span><br/> <span class="text">oder Honorar nach Stundenaufwand) sowie allfällige Zahlungsfris-</span><br/> <span class="text">ten. Zur erforderlichen Information gehören auch Angaben zu einem</span><br/> <span class="text">allfälligen Stundenansatz (WALTER FELLMANN in: WALTER FELL-</span><br/> <span class="text">MANN</span><br/> <span class="text">/GAUDENZ G. ZINDEL [Hrsg.], Kommentar zum Anwaltsge-</span><br/> <span class="text">setz, 2. Auflage, Zürich 2011, Art. 12 N 157). Haben Anwalt und</span><br/> <span class="text">Klient ein Pauschalhonorar vereinbart, darf der Anwalt auch dann</span><br/> <span class="text">keine Erhöhung fordern, wenn er mehr Arbeit leisten musste, als er</span><br/> <span class="text">ursprünglich prognostizierte. Umgekehrt hat der Klient auch dann</span><br/> <span class="text">die volle Vergütung zu entrichten, wenn die Besorgung der über-</span><br/> <span class="text">nommenen Geschäfte oder die Leistung der aufgetragenen Dienste</span><br/> <span class="text">weniger Arbeit verursachte, als Anwalt und Klient bei Abschluss der</span><br/> <span class="text">Vereinbarung erwartet hatten. Vorbehalten bleibt der Fall, dass der</span><br/> <span class="text">Mehr- oder Minderaufwand auf einer Änderung des Vertragsgegen-</span><br/> <span class="text">stands beruht, indem der Anwalt zusätzliche oder weniger Leistun-</span><br/> <span class="text">gen zu erbringen hatte, als ursprünglich vereinbart wurde. Eine sol-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">313</span> </div> <div class="page" id="S313"> <div role="main"> <span class="text">che Abrede zieht eine entsprechende Erhöhung bzw. Reduktion des</span><br/> <span class="text">Honorars nach sich (FELLMANN, BGFA-Kommentar, a.a.O.,</span><br/> <span class="text">Art. 12 N 165).</span><br/> <span class="text">4.3.</span><br/> <span class="text">Zuständig für die Überprüfung der Angemessenheit der Hono-</span><br/> <span class="text">rarforderung ist grundsätzlich der Richter. Die Aufsichtsbehörde hat</span><br/> <span class="text">nur einzuschreiten, wenn die Rechnung des Anwalts krass übersetzt</span><br/> <span class="text">ist. Dies ist etwa dann der Fall, wenn der Anwalt das Dreifache des</span><br/> <span class="text">angemessenen Betrags fordert (FELLMANN, BGFA-Kommentar,</span><br/> <span class="text">a.a.O., Art. 12 N 169). Begründet die Honorarvereinbarung ein</span><br/> <span class="text">offenbares Missverhältnis zwischen der Leistung des Anwalts und</span><br/> <span class="text">der Gegenleistung des Klienten und hat der Anwalt dieses Ergebnis</span><br/> <span class="text">durch Ausbeutung der Notlage, der Unerfahrenheit oder des Leicht-</span><br/> <span class="text">sinns seines Klienten erreicht, so ist die Vereinbarung für den Klien-</span><br/> <span class="text">ten nach Art. 21 OR unverbindlich. Eine solche Übervorteilung hat</span><br/> <span class="text">auch disziplinarrechtliche Konsequenzen (FELLMANN, BGFA-</span><br/> <span class="text">Kommentar, a.a.O., Art. 12 N 162).</span><br/> <span class="text">5.</span><br/> <span class="text">5.1. - 5.2. (...)</span><br/> <span class="text">6.</span><br/> <span class="text">6.1. - 6.2. (...)</span><br/> <span class="text">6.3.</span><br/> <span class="text">6.3.1.</span><br/> <span class="text">Ein Pauschalhonorar bedarf als spezielle Form des Honorars</span><br/> <span class="text">einer ausdrücklichen Vereinbarung. Dass ursprünglich ein Pauschal-</span><br/> <span class="text">honorar vereinbart worden ist, wird vom beanzeigten Anwalt zwar</span><br/> <span class="text">nicht bestritten (vgl. oben, Ziff. 5.2). Indes macht er geltend, dass er</span><br/> <span class="text">mit dem Klienten lediglich ein Kostendach abgemacht hätte und</span><br/> <span class="text">dass sich die Kosten infolge der sich im Laufe des Verfahrens erge-</span><br/> <span class="text">benen Weiterungen (u.a. Beizug einer Rechtsvertretung durch die</span><br/> <span class="text">Gegenpartei) erhöht hätten (vgl. oben, Ziff. 5.2). Wie bereits ausge-</span><br/> <span class="text">führt (vgl. oben, Ziff. 4.2), darf der Anwalt bei Vereinbarung eines</span><br/> <span class="text">Pauschalhonorars keine Erhöhung fordern, wenn er mehr Arbeit leis-</span><br/> <span class="text">ten musste, als er ursprünglich prognostizierte. Vorbehalten bleibt der</span><br/> <span class="text">Fall, dass der Mehr- oder Minderaufwand auf einer Änderung des</span><br/> <span class="text">Vertragsgegenstands beruht, indem der Anwalt zusätzliche oder we-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">314</span> </div> <div class="page" id="S314"> <div role="main"> <span class="text">niger Leistungen zu erbringen hatte, als ursprünglich vereinbart wur-</span><br/> <span class="text">de.</span><br/> <span class="text">6.3.2.</span><br/> <span class="text">Der Anzeiger macht diesbezüglich geltend, es habe keine Extra-</span><br/> <span class="text">aufgaben, keine Extrarunden, keine aussergewöhnlichen Aufgaben-</span><br/> <span class="text">stellungen und keine unerwarteten Sachzwänge gegeben. Auch sei er</span><br/> <span class="text">nie über Mehraufwände in Kenntnis gesetzt worden (vgl. oben,</span><br/> <span class="text">Ziff. 5.1).</span><br/> <span class="text">6.3.3.</span><br/> <span class="text">Demgegenüber macht der beanzeigte Anwalt geltend, dass er</span><br/> <span class="text">seinen Mandanten wiederholt mündlich darüber informiert habe, dass</span><br/> <span class="text">die anwaltlichen Aufwendungen den Rahmen des ursprünglich ver-</span><br/> <span class="text">einbarten Kostendachs sprengen würde (vgl. oben, Ziff. 5.2).</span><br/> <span class="text">6.3.4.</span><br/> <span class="text">Aus dem Schreiben vom 31. Juli 2017 ( Wegen des grösseren</span><br/> <span class="text">anwaltlichen Aufwandes infolge der von Ihrer Ehefrau beigezogenen</span><br/> <span class="text">Gegenanwältin ist die Rechnung etwas höher als ursprünglich veran-</span><br/> <span class="text">schlagt ausgefallen. Besten Dank für Ihr Verständnis ; vgl. SB 7) und</span><br/> <span class="text">der Aussage des beanzeigten Anwalts im Schreiben vom 23. Oktober</span><br/> <span class="text">2017 (er habe sich erlaubt , das Honorar entsprechend seinen Auf-</span><br/> <span class="text">wendungen zu berechnen; vgl. SB 8) ergibt sich, dass er seinen Kli-</span><br/> <span class="text">enten nicht über zusätzliche Leistungen aufgeklärt hat. Aus den Ak-</span><br/> <span class="text">ten ergibt sich vielmehr, dass der beanzeigte Anwalt seinen Klienten</span><br/> <span class="text">erst mit der Schlussrechnung im Juli 2017 schriftlich über den</span><br/> <span class="text">grösseren Aufwand informiert hat. Im Schreiben vom 31. Juli 2017</span><br/> <span class="text">fehlen insbesondere Hinweise, wonach der beanzeigte Anwalt den</span><br/> <span class="text">Klienten - entgegen der Behauptung des beanzeigten Anwalts (vgl.</span><br/> <span class="text">oben, Ziff. 5.2) - wiederholt mündlich informiert hätte, dass die an-</span><br/> <span class="text">waltlichen Aufwendungen das vereinbarte Kostendach sprengen</span><br/> <span class="text">würden. Bei einer Abänderung der ursprünglich vereinbarten Pau-</span><br/> <span class="text">schale wäre dies ohnehin - aufgrund der Pflicht zur unmissverständ-</span><br/> <span class="text">lichen Aufklärung über die Grundsätze der Rechnungsstellung - klar</span><br/> <span class="text">und vorab zu kommunizieren gewesen. Entsprechende Hinweise</span><br/> <span class="text">durfte der beanzeigte Anwalt aber keinesfalls nur mündlich machen.</span><br/> <span class="text">Dies gilt umso mehr, als der Betrag - wie vorliegend - derart massiv</span><br/> <span class="text">über dem vereinbarten Pauschalhonorar liegt; so liegt der mit</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">315</span> </div> <div class="page" id="S315"> <div role="main"> <span class="text">Schlussrechnung vom 31. Juli 2017 geforderte Betrag (CHF</span><br/> <span class="text">3'951.80) mehr als das Doppelte über dem ursprünglich vereinbarten</span><br/> <span class="text">Pauschalbetrag (CHF 1'500.00). (...) Der Beizug einer Anwältin</span><br/> <span class="text">durch die Gegenpartei führte zudem noch nicht zu einer Änderung</span><br/> <span class="text">des eigentlichen Vertragsgegenstandes, zumal der beanzeigte Anwalt</span><br/> <span class="text">von Anfang an mit diesem Umstand rechnen musste (...). Es gilt</span><br/> <span class="text">demnach festzuhalten, dass der beanzeigte Anwalt entgegen der</span><br/> <span class="text">schriftlich vereinbarten Pauschale mit der Schlussrechnung vom</span><br/> <span class="text">31. Juli 2017 mehr Aufwand geltend gemacht hat. Wie gezeigt, ist</span><br/> <span class="text">davon auszugehen, dass keine Abrede zur Vertragsveränderung vor-</span><br/> <span class="text">liegt. Der beanzeigte Anwalt hat deshalb gegen die Berufspflicht von</span><br/> <span class="text">Art. 12 lit. i BGFA (Pflicht zur Aufklärung über die Grundsätze der</span><br/> <span class="text">Rechnungsstellung) verstossen.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>