B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4063/2018 U r t e i l v o m 8 . M a i 2 0 1 9 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richter Gérald Bovier, Richter Markus König, Gerichtsschreiberin Sibylle Dischler. Parteien A._______, geboren am (…), Somalia, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 14. Juni 2018 / N (…). E-4063/2018 Seite 2 Sachverhalt: I. A. Der Beschwerdeführer, ein somalischer Staatsangehöriger mit letztem Auf- enthaltsort in B._______, C._______, verliess Somalia über Äthiopien, Li- byen und E._______ und gelangte am 18. Dezember 2014 in die Schweiz. Am 22. Dezember 2014 suchte er im Empfangs - und Verfahrenszentrum D._______ um Asyl nach, wo er in Begleitung seines Bruders am 31. De- zember 2014 summarisch zu seiner Person, dem Reiseweg und seinen Gesuchsgründen (BzP; Protokoll in den SEM-Akten: A8/12) befragt wurde. Da der Beschwerdeführer gemäss Anmerkung der SEM-Sachbearbeiterin damals weder psychisch noch körperlich in der Lage gewesen sei, das In- terview durchzuführen, seien die von ihr gestellten Fragen von seinem Bru- der beantwortet worden (vgl. A8 S. 2). B. Mit Verfügung vom 29. Juni 2015 trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers im Rahmen eines Zuständigkeitsverfahrens nicht ein, verfügte seine Wegweisung nach E._______ und ordnete die entspre- chende Überstellung an. C. Die dagegen erhobene Beschwerde vom 9. Juli 2015 hiess das Bundes- verwaltungsgericht mit Urteil E -4279/2015 vom 10. August 2016 gut , und es hob die angefochtene Verfügung auf. Angesichts des nicht hinreichend abgeklärten Gesundheitszustands des Beschwerdeführers wurde die An- gelegenheit zur vollständigen Feststellung des Sachverhaltes und zur Neu- beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. II. D. Mit Verfügung vom 28. Februar 2017 trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers erneut gestützt auf die Bestimmungen zum sogenann- ten Dublin -Verfahren nicht ein , verfügte seine Wegweisung nach E._______ und ordnete die entsprechende Überstellung an. E. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht den Sachverhalt weiterhin als E-4063/2018 Seite 3 nicht hinreichend abgeklärt erachtete und angesichts der langen Verfah- rensdauer hiess es die dagegen erhobene Beschwerde vom 13. März 2017 mit Urteil E-1532/2017 vom 8. November 2017 gut und hob die angefoch- tene Verfügung auf. Gleichzeitig wies es das SEM an, das mit dem Asylge- such vom 22. Dezember 2014 eingeleitete Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen. III. F. Am 9. März 2018 wurde der Beschwerdeführer vom SEM – in Begleitung der ihn behandelnden Psychotherapeutin sowie seiner Ärztin – zu seinen Asylgründen angehört (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten: A62/26). G. Dabei gab er zur Begründung seines Asylgesuchs im Wesentlichen an, aus der Provinz C._______ in der Region Somaliland zu stammen und dem Clan der „(…)“ der Abstammungslinie „(…)“ anzugehören. Sein Clan unter- stütze die Regierung von Somaliland nicht und werde – insbesondere vom dort vorherrschenden Clan der Isaaq – unterdrückt, habe aber als sehr klei- ner Clan auch nicht ein gutes Verhältnis zu anderen in C._______ behei- mateten Clans wie den Habar Yonis oder Warsangeli. Sein Vater sei unter der vormaligen Regierung (…) gewesen. Als dann die somaliländische Re- gierung die Region übernommen habe, sei er (Vater) mehrmals inhaftiert worden. Am (…) sei sein Vater zu ihm an den Arbeitsplatz gekommen und habe ihm gesagt, er solle zu seiner kranken Mutter nach Hause g ehen. Bevor sein Vater habe Weiteres besprechen können, seien plötzlich mehrere bewaff- nete Polizisten gekommen und hätten seinen Vater angegriffen und festge- halten. Er (Vater) habe versucht, sich loszureissen und dabei einen Poli- zisten umgestossen. Daraufhin sei sein Vater vor seinen Augen von den Polizisten niedergeschossen worden; innerhalb weniger Minuten sei er ge- storben. E r habe seinem Vater nicht mehr helfen können ; diese Bilder bringe er bis heute nicht aus seinem Kopf. Nachdem die Polizisten den Ort verlassen hätten, seien Personen gekommen, die ihm geholfen hätten und erst am darauffolgenden Tag hätten sie den Vater beerdigen können. In der Nacht vom 18. September 201 3, etwa um vier Uhr morgens, habe der Beschwerdeführer Schreie seiner Mutter, die neben ihm gewohnt habe, E-4063/2018 Seite 4 vernommen. Er sei sofort losgerannt, um nachzusehen. Als er bei der Mut- ter angekommen sei, habe er erneut bewaffnete Polizisten gesehen, sofort habe er wieder das Bild seines Vaters vo r Augen gehabt. Die Polizisten hätten ihn gezwungen, sich auf den Boden zu legen und seine Hände nach hinten gebunden. Seine Mutter habe vergeblich versucht, ihm zu helfen, ein Polizist habe sie mit einem Gewehrkolben geschlagen. Die Polizisten hätten ihm in der Folge Handschellen angelegt, die Augen verbunden und ihn an einen ihm nicht bekannten Ort mitgenommen. Er sei dann in ein Zimmer gebracht worden, wo er geschlagen und misshandelt worden sei. Man habe ihn immer wieder nach dem Aufenthaltsort seines (…) väterli- cherseits gefragt. Dieser sei seit dem Vorfall mit dem Vater auf der Flucht gewesen. Er habe in diesem Zusammenhang dann erfahren, dass dieser (…) am Tag, als die Polizisten bei der Mutter vorbeigekommen seien, in F._______ einen Polizisten getöt et habe und deswegen nun gesucht werde. Sein (…) habe dies wohl aus Rache für seinen erschossenen (…) (den Vater des Beschwerdeführers) getan. Die Polizisten seien davon aus- gegangen, dass er (Beschwerdeführer) de n Aufenthaltsort seines (…) kenne. Am ersten Tag in Haft hätten sie ihn an Händen und Füssen zusam- mengebunden und immer wieder geschlagen, bis er ohnmächtig geworden sei. Auch am nächsten Tag hätten die Polizisten behauptet, er wisse, wo sein (…) sei, und ihn geschlagen. Am späten Nachmittag seien sie noch einmal gekommen und hätten einen Sack über seinen Kopf gestülpt, in dem scharfes Pulve r gewesen sei. Wieder sei er ohnmächtig geworden. Wie bereits am ersten Tag hätten die Polizisten ihn einfach am Boden lie- gen lassen. Auch an den Folgetagen sei er geschlagen sowie unter ande- rem mit Elektroschocks misshandelt und mit dem Tod bedroht worden. Er trage noch heute Narben, welche auf die damaligen Folterungen zurück- gingen. Er sei für rund zehn Tage in einer Einzelzelle gewesen, danach habe man ihn für mehrere Monate in Gruppenhaft mit circa 20 Personen gehalten. Es sei eine sehr kleine Zelle gewesen und zum Essen hätten sie nur Reis bekommen. Die Zustände seien auch sonst schlimm gewesen; so habe es etwa nur eine einzige Toilette im Gefängnis gegeben, d ie nur in Begleitung eines Wärters und nur einmal pro Tag habe besucht werden könnten; ansonsten hätten nur zwei Eimer in die Zelle zur Notdurft zur Ver- fügung gestanden. Es sei schwierig gewesen, dort zu schlafen, manchmal habe er keine Luft bekommen. Er habe grosse Angst gehabt. Diese Angst spüre er manchmal auch heute noch. Er habe nicht mehr weiterleben wol- len. Er habe dort Sachen erlebt, die er nicht mehr aus seinem Kopf bringe. Dies sei wohl der Grund, weshalb er krank geworden sei. E-4063/2018 Seite 5 Die Flucht sei ihm gelungen, als ein Mithäftling , dem die Hinrichtung ge- droht habe, anlässlich eines Toilettenbesuches fortgerannt sei. Der beglei- tende Polizist habe versucht, d es Flüchtigen habhaft zu werden und die übrigen Häftlinge hätten die Situation genutzt, um aus der Zelle zu stürmen. Auch er selbst sei weggerannt, wobei er als Letzter die Zellentür verlassen habe. Die Wärter hätten versucht, die Flüchtenden durch Schüsse zu hin- dern, und mehrere Häftlinge seien getötet worden. Er selbst und einige weitere hätten jedoch Glück gehabt und seien entkommen. Zusammen mit einem anderen Häftling sei er schliesslich nach Äthiopien und über den Sudan nach Libyen gelangt. Dort sei er zusammen mit einer Vielzahl von weiteren Personen in einer Halle festgehalten worden. Auch dort sei er ge- foltert worden, wobei man ihn um Geld erpresst habe . Er wisse nicht ge- nau, wie lange er dort gewesen sei, circa acht bis zwölf Monate. Die Zeit in Libyen habe ihn noch mehr „kaputt“ gemacht. Schliesslich hätten seine Verwandten ihn freizahlen könn en, und er sei nach E._______ gelangt. Dort habe er auf der Strasse gelebt, bis sein Bruder, der später an der BzP bei ihm gewesen sei, ihn gefunden und in die Schweiz gebracht habe. Zu seinen persönlichen Lebensumständen gab er an, die Schule nur bis zur dritten Klasse besucht zu haben, er könne aber lesen und schreiben. Er habe als (…) gearbeitet. Seine Mutter sei nach seiner Ausreise gestor- ben, was ihm sein (…) mütterlicherseits – wohl aus Rücksicht auf seinen schlechten Zustand – aber erst kürzlich erzählt habe. Betreffend seiner Ge- sundheit gab er an, bereits bei der Bz P sehr krank gewesen zu sein; da- mals habe er nicht einmal normal essen können. Er leide unter Angstzu- ständen und könne sich in der Gesellschaft nicht organisieren, misstraue den Leuten und fühle sich unwohl, wenn ihn jemand ansehe. Er könne nicht klar denken. H. Mit Verfügung vom 14. Juni 2018 – eröffnet am 16. Juni 2018 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verf ügte seine Wegweisung. Gleichzeitig ordnete es wegen des unzumutbaren Wegweisungsvollzugs seine vorläu- fige Aufnahme in der Schweiz an. Zur Begründung des abweisenden Asylgesuchs führte es im Wesentlichen aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien nic ht glaubhaft ausge- fallen. E-4063/2018 Seite 6 I. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Rechtsmittelein- gabe vom 12. Juli 2018 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der voll- umfänglichen unentgeltlichen Prozessführung. Seiner Rechtsmitteleingabe legte er insbesondere einen ärztlichen Bericht von G._______, Psychotherapeutin des Psychiatrischen Dienstes H._______, und med. pract. I._______, stellvertretende Oberärztin des H._______, vom 28. Juni 2018, bei. J. Am 16. Juli 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht dem Beschwer- deführer den Eingang seiner Rechtsmitteleingabe. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015 [SR 142.31]). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). E-4063/2018 Seite 7 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Im Asylbereich kann mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, ein- schliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens sowie die un- richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriften- wechsel verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur An- nahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit ver- wirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit eben- solcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Bei der Beurteilung der Begründetheit der Furcht einer vorverfolgten Person ist nicht allein auf eine rein objektive Betrachtungsweise abzustellen, sondern das von ihr bereits Erlebte und das Wissen um die Konsequenzen in ver- gleichbaren Fällen sind mit in Betracht zu ziehen. Wer bereits Verfolgungs- massnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht. Die subjektive Furcht ist diesfalls bereits dann begrün- det, wenn sie zwar diejenige eines in der gleichen Situation befindlichen E-4063/2018 Seite 8 „vernünftigen Dritten“ übersteigt, aber trotzdem nachvollziehbar bleibt (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizeri- schen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 1 E. 6.a m.w.H.). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be- hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege- ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälscht e oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Gegen- satz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuch- stellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sach- verhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine ob- jektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit eines Vorbringens ist eine die eigenen Erlebnisse betref- fende, substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schil- derung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeic hnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstim- mung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung de r Glaubhaftigkeit geht es um eine Ge- samtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentli- chen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, per- sönliche Glaubwürdigkeit, usw.), die für oder gegen die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegen de Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). 5. 5.1 Zur Begründung des abweisenden Asylentscheids wies das SEM auf mehrere Ungereimtheiten hin, welche zwischen den Ausführungen seines Bruders in der BzP und seinen eigenen in der Anhörung entstanden seien. E-4063/2018 Seite 9 Insbesondere habe sein Bruder die in der Anhörung vom Beschwerdefüh- rer geltend gemachte Haft mit keinem Wort erwähnt. Mit diesem Umstand konfrontiert, habe der Beschwerdeführer in der Anhörung ausgeführt, dass der Bruder über die Haft informiert gewesen, aber vermutlich unter Alko- holeinfluss gestanden sei, und das Vorbringen deshalb nicht geltend ge- macht habe. Es sei indes fraglich, weshalb sein Bruder über die Ereignisse in Somalia mitsamt seiner Verhaftung zwar im Bild gewesen, jedoch aus- gerechnet seine Haft und die Flucht in der BzP nicht erwähnt haben sollte. Vielmehr sei davon auszugehen, dass ihm zum Zeitpunkt der BzP keine Haft bekannt gewesen sei. Dies lasse wiederum fraglich erscheinen , ob der Beschwerdeführer in seiner Heimat tatsächlich kurz vor seiner Flucht und aus den vorgebrachten Gründen in Haft genommen worden sei, da in diesem Fall davon auszugehen wäre, dass sein Bruder, wie von den übri- gen Ereignissen, erfahren haben müsste. Auch der Beschwerdeführer selbst habe in der BzP im Übrigen nichts von der Haft erwähnt. Dort habe er aber ausgeführt, dass seine Frau ihn ver- lassen habe und er Angst vor Übergriffen des Clans seiner Frau gehabt habe. In der An hörung sei demgegenüber die polizeiliche Verfolgung im Mittelpunkt gestanden. Auf die Frage nach den Problemen wegen seiner Frau habe er in der Anhörung zu Protokoll gegeben, er sei an der BzP nicht befragt worden, und seine dortigen Aussagen würden nicht stimmen, da er krank gewesen sei. Dieses ursprüngliche Vorbringen habe gemäss seinen eigenen Ausführungen entsprechend keine Grundlage und müsse daher nicht weiter erwogen werden. Obwohl der Beschwerdeführer seine Asylbegründung in einer längeren zu- sammenhängenden Erzählung geschildert habe, würden seine Aussagen unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Betroffenheit und der Erzähl- struktur nicht überzeugen. Insbesondere seien spontane Ass oziationen, Einordnungsversuche unverstandener Vorkommnisse oder Schilderungen von Emotionen auf einer anderen als der Erlebnisebene vollständig ausge- blieben. Er habe etwa mehrfach erwähnt, dass er geschlagen worden sei und auch an Beispielen aufgezeigt, wie man ihn gefoltert habe. Die Zeit im Gefängnis habe er jedoch mit keinerlei Emotionen verbunden, habe kaum originelle Begebenheiten angeführt und im Allgemeinen nur wenig Einzel- heiten genannt, so dass seine Darlegungen auffällig glatt und austausch- bar erscheinen würden. Aussagen wie „Ich wurde immer geschlagen“, „Ich habe überall Verletzungen“, „Ich wurde jeden Tag, jede Stunde, jede Minute geschlagen“, „Sie haben überall hin- und reingestochen“ würden den Ein-E-4063/2018 Seite 10 druck noch verstärken, dass er nicht persönliche Erfahrungen preisgege- ben, sondern in allgemeiner Weise auswendig gelernte Inhalte vorgetragen habe. Auch die Schilderung der Flucht bestärke den Eindruck, dass der Be- schwerdeführer nicht von persönlichen Erlebnissen berichtet habe. Die diesbezüglichen Ausführungen seien allgemein und unkonkret ausgefal- len. So habe er etwa berichtet, dass es nicht einfach gewesen sei, zu flüch- ten, habe um dies zu verdeutlichen jedoch einzig erwähnt, dass er über eine kleine Mauer habe springen müssen. Auch den Umstand, dass andere Häftlinge getötet worden seien, habe er ohne weitere Konkretisierungen oder Ausführungen stehen gelassen. Im Übrigen sei es ihm auch nicht gelungen auf Nachfrage hin den Sach- verhalt gehörig zu vertiefen oder in persönlich geprägter Weise zu Protokoll zu geben. Unter anderem habe er kaum Angaben zum Ort machen können, an dem er festgehalten worden sei beziehungsweise hätten die entspre- chenden Schilderungen substanzarm gewirkt. Dazu aufgefordert, den Fluchtverlauf erneut zu schildern, sei er zunächst ausgewichen und habe die Haftbedingungen dann geschildert, ohne den bereits bekannten Sach- verhalt erheblich zu vertiefen. Vielmehr habe sich die Schilderung auf die Feststellung beschränkt, er sei einfach losgerannt. Im Übrigen habe er zu- vor noch angegeben, die flüchtige Person habe auf die Toilette gehen müs- sen, während sie in der nachgehenden Schilderung, einer Hinrichtung habe zugeführt werden sollen. Die Vorbringen würden den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit insgesamt nicht standhalten. 5.2 In der Rechtsmitteleingabe hielt der Beschwerdeführer fest, es sei ihm zu Beginn seiner Ankunft in der Schweiz extrem schlecht gegangen bezie- hungsweise sei er die ersten drei Wochen wie in einem Schockzustand gewesen. Er sei psychisch nicht stabil genug gewesen, um sich auszudrü- cken. Er habe nicht gegessen und den Betreuern sei es nur mit Mühe ge- lungen, ihn zu ernähren. Dies sei auf die Erlebnisse in der somalis chen Haft zurückzuführen. Das SEM habe an der BzP erlaubt, dass sein Bruder an seiner Stelle ant- worte. Dieser habe seiner Meinung nach jedoch Einiges nicht gut erklärt und die Fragen nicht unbedingt in seinem Interesse beantwortet. Die Per- son, die alles erlebt habe, sei er selber, und was er erlebt habe, sei tat- sächlich unfassbar. Er habe inzwischen mit seinem Bruder keinen Kontakt mehr, da er (Bruder) ihn ablehne. Er (Bruder) habe Somalia lange vor dem E-4063/2018 Seite 11 Beschwerdeführer verlassen und den Kontakt mit der Familie abgebro- chen. Er sei der Meinung, dass er den Asylbehörden genau und ausführlich er- klärte habe, was ihm in Somalia widerfahren sei, und weshalb er sein Hei- matland habe verlassen müssen. Wenn man so viele schwierige Sachen erlebt habe, wie er, würden Emotionen unterdrückt; dies habe auch mit den Medikamenten zu tun. Er habe ständig Angst vor Menschen, sei misstrau- isch und habe das Gefühl, die Menschen würden ihn verfolgen. Dank der medizinischen Behandlung beziehungsweise der Verbesserung seines ge- sundheitlichen Zustandes, sei er an der Anhörung überhaupt in der Lage gewesen, das Widerfahrene zu schildern. Die Medikamente sowie seine Art, die Dinge nicht allzu nahe an sich heran kommen zu lassen, würden verhindern, dass er sich emotional erinnere und die Situationen, von denen er im Interview erzählt habe, noch einmal durchlebe. 6. 6.1 Vorab ist festzustellen, dass das Bundesverwaltungsgericht bereits im Urteil E-4279/2015 auf die nachteiligen Umstände in der BzP – wo an Stelle des Beschwerdeführers sein Bruder auf die überwiegende Mehrheit der Fragen geantwortet hatte – einging. Dabei kam es namentlich zum Schluss, dass der Beschwerdeführer selbst keine Angaben zu seinem Asylgesuch gemacht habe. Sein Bruder habe im Zeitpunkt der Befragung keine rechtliche Vertretungs vollmacht des Beschwerdeführers oder gar eine Beistandschaft inne gehabt, und es erscheine zweifelhaft, ob er fähig und willens gewesen sei, die Interessen des Beschwerdeführers angemes- sen zu vertreten (vgl. ebd. E. 6.1 f.). Obwohl das SEM – trotz anderslautender Auflagen seitens des Bundesver- waltungsgerichts im genannten Urteil – den Gesundheitszustand des Be- schwerdeführers (bis heute) nicht vollständig abgeklärt hat ( vgl. u.a. A62 F14), besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass es sich bei ihm um eine schwer traumatisierte Person handelt. Dass er im Zeitpunkt der BzP nicht in der Lage gewesen war, adäquate Ausführungen zu machen, wurde be- reits gerichtlich festgestellt. Die behandelnden medizinischen Fachperso- nen weisen auch im aktuellsten Arztbericht vom vergangenen Sommer da- rauf hin, dass er unter einer schweren Posttraumatischen Belastungsstö- rung sowie Depressionen mit wiederkehrenden schweren Episoden und psychotischen Symptomen leidet und seit Januar 2015 in ärztlicher Betreu- ung steht (vgl. Arztbericht von G._______ und med. pract. I._______, a.a.O., vom 28. Juni 2018). Im Übrigen hatte die SEM-Mitarbeiterin selbst E-4063/2018 Seite 12 festgehalten, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der BzP weder kör- perlich noch physisch in der Lage gewesen sei, das Interview zu führen (vgl. A8 S. 2). Soweit er dennoch Auskunft gab, hielt sie im Rahmen einer Aktennotiz fest, seien seine Aussagen wirr ausgefallen und hätten sich von Satz zu Satz widersprochen. Der Bruder sei vor allem dadurch aufgefallen, dass er den Beschwerdeführer mit einer Boshaftigkeit behandelt habe, die diesem nicht gut ge tan habe (vgl. A10/1). Der Beschwerdeführer verwei- gerte denn auch die Unterzeichnung des BzP-Protokolls (vgl. A8 S. 9). An der Anhörung gab der Beschwerdeführer an , als er seinen Bruder in E._______ getroffen habe, habe er gefürchtet, dieser wolle ihn umbringen beziehungsweise er habe Kontakt zu Personen, die ihn umbringen wollten. Er habe seinen Bruder als Feind gesehen und ihm deshalb nichts anver- traut; diese Angabe passt in das von den Ärzten umschriebene Bild des sozialen Rückzug s des Beschwerdeführers bis zur Isolation und den Symptomen, wie unter anderem, Misstrauen, Angst und Panik in zwischen- menschlichen Beziehungen (vgl. Arztbericht von G._______ und med. pract. I._______, a.a.O., vom 26. Juni 2018, S. 1). Der Beschwerdeführer sei ungefähr während zwei oder drei Monaten mit dem Bruder in Kontakt gewesen und irgendwann habe er (Bruder) ihn einfach zurückgelassen (vgl. A62 F54, F152). Gemäss Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe habe er (Bruder) Somalia lange vor ihm verlassen und pflege heute weder Kontakt mit ihm noch mit seiner Familie (vgl. Beschwerde S. 3). 6.2 Unter den dargelegten Umständen sind weder die Ausführungen des Beschwerdeführers noch jene des Bruders bei der BzP verwertbar, und zwar grundsätzlich weder zur Ermittlung des Sachverhalts noch zur Prü- fung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen. Es ist nicht nachvollziehbar, wes- halb die Vorinstanz – zumal sie, wie soeben erwähnt, bere its mit Urteil E- 4279/2015 auf die entsprechenden Umstände hingewiesen worden war – die an der BzP gemachten Aussagen nun wiederum, dieses Mal zur ma- teriellen Prüfung des Asylgesuchs, herangezogen hat und daraus Wider- sprüche zu den vom Beschwerdeführer gemachten Ausführungen an der Anhörung ableitet, was erst recht hinsichtlich der Angaben des Bruders gilt. Letztlich kann offenbleiben, ob beziehungsweise inwiefern diese formellen Mängel das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers beziehungsweise die Untersuchungs- und Begründungspflicht des SEM verletzen und auch die- ses Mal die angefochtene Verfügung wieder zu kassieren wäre. Denn das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass der Sachverhalt mit E-4063/2018 Seite 13 den Vorbringen des Beschwerdeführers anlässlich der Anhörung als hin- reichend erstellt gelten kann. Dies auch, weil der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Anhörung, wenn auch nach wie vor gesundheitlich gezeich- net und in Begleitung seiner behandelnden Ärztin und seiner Psychothera- peutin (vgl. A62 F2, F91 ff.), in einem deutlich stabileren Zustand war als anlässlich der BzP. Eine Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz kann auch unterbleiben, weil dem Beschwerdeführer aus dem reformatori- schen Entscheid kein Nachteil erwächst, da er – wie nachgehend zu zeigen sein wird – zu seinen Gunsten ausfällt. Letztlich drängt sich ein solcher auch aus prozessökonomischen Gründen auf, nachdem das Verfahren nun bereits zum dritten Mal beim Bundesverwaltungsgericht hängig, und wie- derum mit Rechtsfehlern behaftet ist. 7. 7.1 Nach einer Würdigung sämtlicher für und gegen die Glaubhaftigkeit der Schilderungen des Beschwerdeführers sprechenden Elemente, erachtet das Gericht die geltend gemachten Asylgründe für glaubhaft. 7.2 Das SEM zweifelt nicht daran, dass der Beschwerdeführer aus der Re- gion C._______ stammt und dem Clan der „(…)“ der Abstammungslinie „(…)“ angehört. Gemäss öffentlich zugänglichen Quellen kommt er damit aus der (…) Provinz des faktisch von Somalia unabhängigen Somalilands, welche aber auch von der autonomen Region Puntland beansprucht wird. Die Grenzgebiete der Region sind mithin territorial umstritten. Ebenfalls ist bekannt, dass die (…) des (…), dem auch der Beschwerdeführer angehört, die vorwiegend vom Isaaq Clan geführte Regierung von Somaliland nicht anerkennt, sondern sich mehrheitlich zu Puntland zugehörig fühlt, wo die- ser Clan eine gewichtige politische Mitsprache hat (vgl. zum Ganzen MAR- KUS VIRGIL HOEHNE, Between Somaliland and Puntland: Marginalization, Militarization and Conflicting Political V isions, 2015, insb. S. 65 ff.; REN- DERS/TERLINDEN, Negotiating Statehood in a Hybrid Polit ical Order: The Case of Somaliland, 2010, Development and Change, Nr. 41(4), S. 723 - 746, S. 740; BUNDESAMT FÜR ASYL DEUTSCHLAND, BUNDESAMT FÜR FREM- DENWESEN UND ASYL ÖSTERREICH/SEM, Fact Finding Mission zur Sicher- heitslage Äthiopien/Somaliland Mai 2010, insb. S. 69). 7.3 Die Gründe, weshalb der Beschwerdeführer Probleme mit den somali- ländischen Behörden erhalten und Somalia deshalb verlassen habe, legte er im Wesentlichen widerspruchsfrei und in lebensnaher Weise dar, zumal sich seinen Ausführungen eine Vielzahl von Realkennzeichen (vgl. REVITAL E-4063/2018 Seite 14 LUDEWIG, DAPHNA TAVOR, SONJA BAUMER: Zwischen Wahrheit und Lüge, in: «Justice - Justiz - Giustizia» 2012/2, S. 10 f.) entnehmen lassen. Die Auffassung der Vorinstanz, wonach die Vorbringen des Beschwerde- führers unsubstanziiert ausgefallen seien, ist unzutreffend. Zunächst fällt bereits die Art und Weise auf, in welcher der Beschwerdeführer seine Asyl- gründe in freier Rede und über mehrere Seiten hinweg schilderte (vgl. A62 F99 S. 11-16). Schon bei den vorangestellten Fragen zu seinen persönli- chen Lebensumständen in Somalia, kam er unaufgefordert immer wieder auf das Erlebte zu sprechen, und die SEM -Sachbearbeiterin musste ihn mehrfach anhalten, mit der Darlegung seiner Asylgründe noch zu zuwarten (vgl. insb. F39 f., F68 f., F57 f.). Dabei wurde immer wieder deutlich, dass der Beschwerdeführer seine Fluchtgründe, auch aus verschiedenen Blick- winkeln betrachtet, sehr wohl in einen logischen Gesamtkontext einzuord- nen vermochte (vgl. etwa F41 und F65, 68 mit F99 S. 12). Die Ermordung seine Vaters schilderte er in der Folge mit grosser Emotio- nalität und in einer Weise, die nicht auf ein erfundenes Ereignis hinweist (vgl. F37, F40, F65, F68 , F99 S. 11 f., F112). Die Umschreibung der Schreie der Mutter sowie der mehrfach geäusserte Hinweis, dass er, als er sie mit den Polizisten gesehen habe, sofort wieder an seinen Vater habe denken müssen, wirkt lebensnah (vgl. F65, F68, F99 S. 12.). Auch wie die Polizisten den Beschwerdeführer mitgenommen, er den Grund für die Ver- haftung – nämlich, dass seinem (…) väterlicherseits, die Ermordung eines Polizisten vorgeworfen werde – aber erst im Gefängnis im Rahmen der Befragungen erfahren habe, erschein t alles andere als konstruiert (vgl. F68, F99 S. 12). Die Schilderung der Haftumstände sowie die dort erlebten Misshandlungen fielen detailreich und authentisch aus, zumal der Beschwerdeführer auch zeitliche Bezüge herzustellen vermochte (vgl. F111; F116, F99 S. 1 2 f., F107; F109, F114). Als er nachgefragt wurde, was er mit „scharf“ gemeint habe, als ihm ein Sack mit scharfem Pulver über den Kopf gestülpt worden sei, machte er einen spontanen Hinweis, dass dieses Pulver zum Kochen genutzt werde und beschrieb lebensecht, wie es in seine Nase, Augen und Ohren gequollen sei; dabei ergänzte er seine Schilderung, erneut spontan, mit dem Hinweis, er bekomme Kopfschmerzen, da er das Gefühl habe, er müsse alles noch einmal erleben (vgl. F121). Dies stellt nur eines von vie- len Realkennzeichen dar, wobei der Beschwerdeführer noch heute von den Misshandlungen gekennzeichnet ist , worauf er im jeweiligen Kontext un-E-4063/2018 Seite 15 aufgefordert hinwies (vgl. F111; F99 S. 12, F118 f., F143). Im Zusammen- hang mit den Beschreibungen der erlebten Nachteile, fällt auch auf, dass der Beschwerdeführer in der Lage ist, die in Somalia erlebten Folterungen deutlich von den Misshandlungen in Libyen abzugrenzen. Insbesondere wies er – nachdem er ausführlich auf die in somalischer Haft erlebte Gewalt einging – im Zusammenhang mit der Gefangens chaft in Libyen unter an- derem darauf hin, dass er auch dort misshandelt worden sei (vgl. insb. F99 S. 14). Die Schilderungen der Haftbedingungen in Somalia fallen demge- genüber aber offenkundig anders aus (vgl. insb. F99 S. 13). Nachvollziehbar beschreibt er schliesslich, wie es den Häftlingen gelungen sei, aus der Zelle zu fliehen, wobei er den Sachverhalt auf Nachfrage des Befragers hin – entgegen der Ansicht des SEM – an verschiedenen Stellen zu vertiefen wusste (vgl. F99 S. 13, F122 -132). Die diesbezüglichen Ein- wände der Vorinstanz, wonach die entsprechenden Ausführungen unkon- kret und allgemein ausgefallen seien, etwa indem er einzig umschrieben habe, sie hätten über eine kleine Mauer springen müssen und auch den Umstand, dass Häftlinge getötet worden s eien, ohne dies zu präzisieren, finden im Protokoll keine Stütze . Vielmehr sind den Ausführungen Details zu entnehmen, die bei einer erfundenen Geschichte nicht zu erwarten wä- ren, so namentlich die Hinweise, dass er als le tzter die Zelle verlassen habe (vgl. F162); dass er selbst zwar nicht gesehen habe, wie Insassen von den Schüssen getroffen worden seien, dass er jedoch mehrere Perso- nen verletzt am Boden habe liegen sehen (vgl. insb. F122, F123, F131); dass er vermute, dass die Mitinsassen, die Flucht b ereits länger geplant hätten, er indessen nicht wisse, ob dies tatsächlich so gewesen sei (vgl. F122 S. 19). Auch den Erzählungen, wie er und ein weiterer Insasse in der Folge nach Äthiopien und von da nach Libyen gelangt seien, lassen sich schliesslich eine Vielzahl von Realkennzeichen entnehmen (vgl. F99 S. 13 f.). 7.4 Angesichts der ausführlichen und detaillierten Schilderung der Kern- vorbringen vermag die Argumentation des SEM – nebst der nicht haltbaren Begründung, wonach sich die Aussagen des Beschwerdefü hrers an der Anhörung mit jenen seines Bruders beziehungsweise seinen eigenen an der BzP widersprochen hätten (dazu vorgehend E. 6) – nicht zu überzeu- gen. Vielmehr ist festzustellen, dass die – hier längst nicht abschliessend aufgezählten – Realkennzeichen in der vorinstanzlichen Begründung in keiner Weise Niederschlag fanden . Von einer ausgewogene n Abwägung E-4063/2018 Seite 16 der für oder gegen die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdefüh- rers sprechenden Elemente kann unter den dargelegten Umständen keine Rede sein. Nicht berücksichtigt hat die Vorinstanz auch, dass der Besch werdeführer nachgewiesenermassen schwer traumatisiert ist, was bei der Wiedergabe erlebter Misshandlungen Einfluss haben kann. Die behandelnden Fachper- sonen wiesen in ihrem Arztbericht diesbezügli ch explizit darauf hin, dass eine emotionslose Schilderung Teil des Störungsbildes einer Posttraumati- schen Belastungsstörung darstellen könne (vgl. Arztbericht von G._______ und med. pract. I._______, a.a.O., vom 26. Juni 2018, S. 1). Seine teil- weise etwas fragmentierte Erzählweise kann – zumal der Beschwerdefüh- rer kaum gebildet ist – ohne Weiteres darauf zurückgeführt werden und steht der Glaubhaftigkeit sein er Aussagen insgesamt nicht entgegen. Die Ansicht des SEM, wonach den Schilderungen des Beschwerdeführers keine persönliche Betroffenheit zu entnehmen sei, teilt das Bundesverwal- tungsgericht – wie bereits bei den Ausführungen zu den Vorbringen der Ermordung des Vaters deutlich gemacht (vgl. E. 7.3 S. 14) – aber ohnehin nicht (vgl. auch. A62 F37, F65). Dies widerlegt im Übrigen auch bereits ein Blick ins Anhörungsprotokoll, welches nicht nur den Hinweis der befragen- den Person enthält, dass der Beschwerdeführer weine (vgl. F37), sondern auch, dass er während der gesamten freien Erzählung seiner Asylgründe grösstenteils mit geschlossenen Augen gesprochen habe (vgl. F99 S. 16). Nicht entscheidend ins Gewicht fällt schliesslich – unbesehen der fehlen- den Verwertbarkeit des BzP -Protokolls – die Frage, ob der Beschwerde- führer (auch) seitens des Clans seiner Ex -Ehefrau bedroht oder verfolgt worden sei, zumal der Clan seiner Ex-Frau einem der Regierung naheste- henden Clan angehöre (vgl. F79 f., F82). Soweit das SEM schliesslich dem Beschwerdeführer entgegenhält, er habe sich insofern widersprochen, als er einmal gesagt habe, die aus dem Gefängnis zuerst geflüchtete Person sei auf die Toilette gebracht worden, ein anderes Mal habe er gesagt, sie hätte der Hinrichtung zugeführt werden sollen (vgl. Verfügung S. 5), er- kennt das Gericht keinen Widerspruch. Denn der Beschwerdeführer hatte an der vom SEM genannten Protokollstellen nur ausgeführt, dass derje- nige, der anlässlich des Toilettenbesuchs geflohen sei, vorher zum Tode verurteilt worden war, respektive ihm die Hinrichtung gedroht habe. 7.5 Es erübrigt sich, auf die weiteren Argumente des SEM einzugehen, da es das Bundesverwaltungsgericht nach dem Gesagten für glaubhaft hält, E-4063/2018 Seite 17 dass der Beschwerdeführer als Angehöriger eines Minderheitenclans auf- grund eines Konflikts seines Vaters, der offenbar auf dessen Funktion als (…) für die vorherige Regierung zurückging beziehungsweise wegen sei- nes (…), der den Va ter anschliessend habe rächen wollen, in das Visier der in Somaliland regierenden Behörden geriet, für mehrere Monate inhaf- tiert wurde und dabei massive Gewalterfahrungen erlitt en hatte sowie mit dem Tod bedroht worden war. Auch die Flucht aus dem Gefängnis und an- schliessend aus Somalia, ist als glaubhaft gemacht zu erachten. Der Beschwerdeführer hat dami t in Somalia ernsthafte Nachteile erlitten und hatte im Zeitpunkt seiner Ausreise begründete Furcht vor künftiger (Reflex-)Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG. Auch im heutigen Zeitpunkt ist seine Furcht vor Verfolgung begründet, zumal angesichts der erle bten bereits erlittenen Verfolgung die Anforderungen an eine objektive Furcht herabgesetzt sind. Bereits a ngesichts des vom SEM als unzumutbar er- achteten Wegweisungsvollzugs ist eine innerstaatliche Fluchtalternative für den Beschwerdeführer nicht ersichtl ich. Der Beschwerdeführer erfüllt demzufolge die Flüchtlingseigenschaft. Den Akten sind schliesslich keine Hinweise auf Gründe im Sinne von Art. 53 AsylG zu entnehmen, weshalb dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren ist. 8. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung verletzt Bundesrecht (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und ist aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Ko sten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten erweist sich als gegenstandslos. 9.2 Es ist nicht ersichtlich, dass dem nicht vertretenen Beschwerdeführer aus dem vorliegenden Verfahren Kosten im Sinne der massgeblichen Best- immungen entstanden sind, weshalb ihm keine Parteientschädigung aus- zurichten ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das Gesuch u m Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertretung wird unter den gegebenen Umständen eben- falls gegenstandslos. E-4063/2018 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und die angefochtene Verfügung vom 14. Juni 2018 aufgehoben. 2. Der Beschwerdeführer erfüllt die Flüchtlingseigenschaft. 3. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 4. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Sibylle Dischler Versand: