<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">51</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Strafprozessrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>12</b></span> <span class="ft2"><b>§ 164 Abs. 1, 166, 167 und 242 Abs. 1 StPO.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Das Urteil ist von der Eröffnung an weder zurücknehmbar, noch er-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>setzbar, noch in seinem Inhalt veränderbar (E. 2.2.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Auch die Kosten der Untersuchungshaft sind Vollzugskosten, und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>§ 242 Abs. 1 StPO gelangt auch zur Anwendung, wenn die Untersu-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>chungshaft auf eine bedingte Strafe angerechnet wird (E. 2.4).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Motivierungskosten sind Verfahrenskosten (E. 3.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Auszug aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom</span><br/> <span class="ft5">17. Dezember 2009 i.S. StA gegen M.G.V. (SST.2009.199)</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">2.2.</span><br/> <span class="ft7">2.2.1.</span><br/> <span class="ft7">Gemäss den §§ 161 und 166 StPO ist das Urteil im Anschluss</span><br/> <span class="ft7">an die Parteivorträge zu fällen. Anschliessend wird es vom Präsiden-</span><br/> <span class="ft7">ten mündlich eröffnet. Er fügt eine kurze Begründung, insbesondere</span><br/> <span class="ft7">betreffend die Ausfällung einer unbedingten Freiheitsstrafe von we-</span><br/> <span class="ft7">niger als sechs Monaten, die Anordnung von Bewährungshilfe oder</span><br/> <span class="ft7">die Erteilung von Weisungen, sowie eine Erklärung der Bedeutung</span><br/> <span class="ft7">des bedingten Strafvollzugs bei und belehrt den Angeklagten über</span><br/> <span class="ft7">die ihm zustehenden Rechtsmittel.</span><br/> <span class="ft7">Das Urteilsdispositiv enthält u.a. gemäss § 167 Abs. 2 Ziff. 4</span><br/> <span class="ft7">StPO die Urteilsformel (Schuldspruch, Freispruch, Einstellung oder</span><br/> <span class="ft7">Nichteintreten, Strafen, Massnahmen, angewendete Gesetzesbestim-</span><br/> <span class="ft7">mungen, Entscheid über die privatrechtlichen Ansprüche, Kosten und</span><br/> <span class="ft7">Entschädigung).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">52</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">2.2.2.</span><br/> <span class="ft7">Von der Eröffnung des Urteils an, bei mündlicher Eröffnung mit</span><br/> <span class="ft7">der mündlichen Verkündung des Dispositivs, tritt auch die Bindung</span><br/> <span class="ft7">des Gerichts an das Urteil ein, was bewirkt, dass vom Gericht als</span><br/> <span class="ft7">Spruchkörper (und noch weniger vom Gerichtspräsidenten und Ge-</span><br/> <span class="ft7">richtsschreiber allein) grundsätzlich Änderungen nicht mehr vorge-</span><br/> <span class="ft7">nommen werden dürfen. Vielmehr ist das Urteil von diesem Zeit-</span><br/> <span class="ft7">punkt an weder zurücknehmbar noch ersetzbar. Ausnahmsweise hat</span><br/> <span class="ft7">der Richter gemäss § 169 Abs. 2 erstem Satz StPO die Möglichkeit,</span><br/> <span class="ft7">von Amtes wegen oder auf Gesuch hin, Missschreibungen und Miss-</span><br/> <span class="ft7">rechnungen sowie offenbare Irrtümer zu berichtigen. Dabei ist es</span><br/> <span class="ft7">dem Richter nicht gestattet, am Entscheidungsinhalt seines Urteils</span><br/> <span class="ft7">Korrekturen vorzunehmen, was dann der Fall ist, wenn dadurch et-</span><br/> <span class="ft7">was Neues ausgedrückt wird. Eine Änderung ist nur insoweit zu-</span><br/> <span class="ft7">lässig, als das Urteil unklar ist oder einzelne unklare oder sich wider-</span><br/> <span class="ft7">sprechende Anordnungen enthält (AGVE 1973, Nr. 40, S. 121; Urteil</span><br/> <span class="ft7">des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 12. Mai 2009, i.S. StA / R.S.,</span><br/> <span class="ft7">Erw. 4.2. [SST.2009.14]; Beat Brühlmeier, Kommentar zur Aargaui-</span><br/> <span class="ft7">schen Strafprozessordnung, 2. Aufl., Aarau 1980, N. 5 zu § 166).</span><br/> <span class="ft7">2.3.</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">2.4.</span><br/> <span class="ft7">2.4.1.</span><br/> <span class="ft7">Die Bestimmung von § 242 Abs. 1 StPO sieht vor, dass die</span><br/> <span class="ft7">Kosten des Vollzuges der Freiheitsstrafen, unter Einschluss der Kos-</span><br/> <span class="ft7">ten der auf die Strafe angerechneten Untersuchungshaft, der Staat</span><br/> <span class="ft7">trägt. § 75 Abs. 2 StPO bleibt vorbehalten. Gemäss § 242 Abs. 2</span><br/> <span class="ft7">StPO verpflichtet das zuständige Departement den Verurteilten nach</span><br/> <span class="ft7">Massgabe seiner Vermögens- und Einkommensverhältnisse ganz</span><br/> <span class="ft7">oder teilweise zum Ersatz, wenn er eine ihm zugewiesene Arbeit</span><br/> <span class="ft7">verweigert oder ausserhalb der Vollzugseinrichtung arbeitet.</span><br/> <span class="ft7">§ 242 StPO in der zitierten Fassung ist seit 1. Januar 2003 in</span><br/> <span class="ft7">Kraft. Vor diesem Zeitpunkt hatte der Staat die Vollzugskosten zu</span><br/> <span class="ft7">tragen, sofern nicht aufgrund günstiger Verhältnisse eine Überbin-</span><br/> <span class="ft7">dung auf den Verurteilten in Frage kam. Den Entscheid darüber hatte</span><br/> <span class="ft7">der Richter zu fällen (§ 242 Abs. 1 und 2 aStPO). Die Kosten der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">53</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Untersuchungshaft galten hingegen als Verfahrenkosten, weshalb</span><br/> <span class="ft7">darüber nach den Regeln des § 164 StPO entschieden wurde. Sie</span><br/> <span class="ft7">wurden in der Regel ebenfalls dem Verurteilten auferlegt. Eine Aus-</span><br/> <span class="ft7">nahme bestand beim vorzeitigen Strafvollzug (Brühlmeier, a.a.O.</span><br/> <span class="ft7">N. 9 zu § 164 StPO).</span><br/> <span class="ft7">2.4.2.</span><br/> <span class="ft7">Der Regierungsrat hielt in seiner Botschaft vom 21. März 2001</span><br/> <span class="ft7">(01.106) zur Änderung dieser Bestimmung fest, die bisherige Rege-</span><br/> <span class="ft7">lung, wonach die Kosten der Untersuchungshaft als Verfahrenskosten</span><br/> <span class="ft7">behandelt würden, lasse sich sachlich nicht rechtfertigen. Vielmehr</span><br/> <span class="ft7">führe sie zu einer Ungleichbehandlung zwischen denjenigen Verur-</span><br/> <span class="ft7">teilten, die vorher in Untersuchungshaft gewesen seien, und denjeni-</span><br/> <span class="ft7">gen, welche die Strafe erst nach abgeschlossenem Urteilsverfahren</span><br/> <span class="ft7">antreten würden. Neu werde deshalb vorgeschlagen, dass die entspre-</span><br/> <span class="ft7">chenden Kosten grundsätzlich vom Staat zu übernehmen seien, wenn</span><br/> <span class="ft7">die Untersuchungshaft im Urteil auf die Strafe angerechnet werde.</span><br/> <span class="ft7">Die Untersuchungshaft sei nämlich in diesen Fällen Teil des Straf-</span><br/> <span class="ft7">vollzuges. Beim Entscheid, wer die Kosten des Vollzuges zu tragen</span><br/> <span class="ft7">habe, handle es sich eigentlich um eine Vollzugsfrage. Es sei deshalb</span><br/> <span class="ft7">sachgerecht, dem für den Strafvollzug zuständigen Departement die</span><br/> <span class="ft7">Kompetenz zur Festlegung der Kostenersatzpflicht zu übertragen</span><br/> <span class="ft7">(Botschaft des Regierungsrates des Kantons Aargau an den Grossen</span><br/> <span class="ft7">Rat vom 21. März 2001, S. 35).</span><br/> <span class="ft7">Die Bestimmung von § 242 Abs. 1 StPO gelangt aufgrund des</span><br/> <span class="ft7">klaren Wortlautes, der nicht unterscheidet, ob die Untersuchungshaft</span><br/> <span class="ft7">auf eine zu vollziehende oder auf eine bedingte Freiheitsstrafe ange-</span><br/> <span class="ft7">rechnet wird, auch dann zur Anwendung, wenn die Untersuchungs-</span><br/> <span class="ft7">haft auf eine bedingte Strafe angerechnet wird. Dies entspricht nicht</span><br/> <span class="ft7">nur dem klaren Wortlaut der Bestimmung, sondern auch dem Willen</span><br/> <span class="ft7">des Gesetzgebers, der weder in der Botschaft noch in den Beratungen</span><br/> <span class="ft7">gegenteilige Äusserungen gemacht hat. Eine Ungleichbehandlung</span><br/> <span class="ft7">der Verurteilten, je nachdem, ob der bedingte Strafvollzug gewährt</span><br/> <span class="ft7">wird oder nicht, lässt sich ohne entsprechenden gesetzlichen Vorbe-</span><br/> <span class="ft7">halt nicht rechtfertigen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">54</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">2.4.3.</span><br/> <span class="ft7">Demnach sind die Kosten der Untersuchungshaft auf die Staats-</span><br/> <span class="ft7">kasse zu nehmen und Dispositivziffer 12 des vorinstanzlichen Urteils</span><br/> <span class="ft7">ist dahingehend abzuändern. Die Berufung des Angeklagten ist in</span><br/> <span class="ft7">diesem Punkt gutzuheissen.</span><br/> <span class="ft7">3.</span><br/> <span class="ft7">3.1.</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">3.2.</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">Gemäss § 167 Abs. 1 StPO wird das Urteil den Parteien vorerst</span><br/> <span class="ft7">im Dispositiv zugestellt. Danach können die Parteien innert zehn Ta-</span><br/> <span class="ft7">gen die vollständige Ausfertigung des Urteils verlangen, welche auch</span><br/> <span class="ft7">die tatsächlichen und rechtlichen Erwägungen enthält (§ 168 Abs. 1</span><br/> <span class="ft7">StPO).</span><br/> <span class="ft7">Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV)</span><br/> <span class="ft7">folgt die Pflicht der Behörden, ihre Entscheide zu begründen (grund-</span><br/> <span class="ft7">legend BGE 112 Ia 107 E. 2b S. 109 f.; vgl. auch BGE 129 I 232</span><br/> <span class="ft7">E. 3.2 S. 236 f. mit Hinweisen). Daraus ergibt sich, dass die Kosten</span><br/> <span class="ft7">für die Begründung eines Strafurteils zu den Verfahrenskosten zu</span><br/> <span class="ft7">zählen sind und keine eigentlichen Mehrkosten darstellen (Urteil des</span><br/> <span class="ft7">Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 5. Oktober 2005 i.S. StA / D.G.,</span><br/> <span class="ft7">Erw. 3.2. [SST.2005.277]).</span><br/> <span class="ft7">3.3.</span><br/> <span class="ft7">Der Angeklagte wurde gemäss Anklageschrift schuldig gespro-</span><br/> <span class="ft7">chen und zu einer Freiheitsstrafe von 16 Monaten verurteilt. Gestützt</span><br/> <span class="ft7">auf § 164 Abs. 1 StPO hat er daher die Verfahrenskosten zu tragen,</span><br/> <span class="ft7">wozu wie dargelegt die Kosten für die Motivierung eines Urteils zäh-</span><br/> <span class="ft7">len. Die Vorinstanz hat daher die Kosten für die vollständige Ausfer-</span><br/> <span class="ft7">tigung des Urteils in der Höhe von Fr. 227.00 zu Recht dem Ange-</span><br/> <span class="ft7">klagten auferlegt.</span><br/></div> </div> </body> </html>