<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 59 S.242</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">242</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>59 Rechtliches Gehör, nichtiger Zwangsmassnahmenentscheid (ZME);</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Anordnung und Ausgestaltung der Isolation.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Anspruch auf rechtliches Gehör beinhaltet Anhörung der betroffenen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Person vor jedem Zwangsmassnahmenentscheid (Erw. 3/a/bb-ff).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">243</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>- Anordnung einer neuen Zwangsmassnahme nach Fristablauf nur</b></span><br/> <span class="ft3"><b>durch neuen Zwangsmassnahmenentscheid (Erw. 3/a/ee).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Rechtsgültige Eröffnung, bzw. ordnungsgemässe Zustellung einer Ver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>fügung bedeutet, dass ein Zwangsmassnahmenentscheid der betroffe-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nen Person sowohl mündlich zu eröffnen als auch schriftlich zuzu-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>stellen ist (Erw. 3/b/aa-cc).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Nichtige Verfügung bei einer Häufung von erheblichen Verfahrens-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mängeln (Erw. 3/c/aa-bb).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Eine zum Schutz der betroffenen Person zwangsweise angeordnete</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Isolation ist nur dann verhältnismässig, wenn sie unter Beachtung der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Menschenwürde geeignet ist, den für die betroffene Person erforderli-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>chen Schutz zu bieten (Erw. 4/b/aa-cc).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Isolation einer suizidalen Person nur so lange verhältnismässig als</b></span><br/> <span class="ft3"><b>akute Selbstgefährdung besteht (Erw. 4/c/aa).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 11. Mai 2004 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen L.R. gegen den Entscheid der Klinik Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft2"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. (...)</span><br/> <span class="ft1">a) (...)</span><br/> <span class="ft1">aa) (...)</span><br/> <span class="ft1">bb) Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient nicht nur der</span><br/> <span class="ft1">Sachaufklärung, sondern ist auch ein persönlichkeitsbezogenes Mit-</span><br/> <span class="ft1">wirkungsrecht des Einzelnen beim Erlass eines in seine Rechtsstel-</span><br/> <span class="ft1">lung eingreifenden Entscheides (BGE 122 II 287). Er umfasst na-</span><br/> <span class="ft1">mentlich das Recht des Betroffenen, sich grundsätzlich vor Erlass</span><br/> <span class="ft1">eines in seine Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu</span><br/> <span class="ft1">äussern (BGE 122 II 286 mit Hinweisen). Dabei soll der Einzelne ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung eigenverantwortlich an ihn</span><br/> <span class="ft1">betreffenden Entscheidprozessen beteiligt sein (BGE 127 I 14). Die</span><br/> <span class="ft1">Tragweite des Anspruchs auf rechtliches Gehör bestimmt sich nach</span><br/> <span class="ft1">der konkreten Interessenlage im Einzelfall. Das Bedürfnis, vor Erlass</span><br/> <span class="ft1">einer Verfügung angehört zu werden, ist dort besonders intensiv und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">244</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">daher unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten schutzwürdig,</span><br/> <span class="ft1">wo die Gefahr besteht, dass jemand durch einen staatlichen Hoheits-</span><br/> <span class="ft1">akt beschwert werden könnte (BGE 111 Ia 274; 105 Ia 197; Ulrich</span><br/> <span class="ft1">Häfelin / Georg Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Auflage,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 2002, Rz. 1310 ff.; Jörg Paul Müller, Grundrechte in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz, 3. Aufl., Bern 1999, S. 520 ff.). Insbesondere in einem</span><br/> <span class="ft1">Verfahren betreffend Zwangsmassnahmen, in dem es um Grund-</span><br/> <span class="ft1">rechtseingriffe und damit um eine besondere Eingriffsschwere geht,</span><br/> <span class="ft1">muss Gewähr bestehen, dass sich die betroffene Person vor Erlass</span><br/> <span class="ft1">der Verfügung wirksam wehren kann.</span><br/> <span class="ft1">cc) Das Bundesgericht geht in seiner Praxis davon aus, dass der</span><br/> <span class="ft1">Umfang des rechtlichen Gehörs zunächst durch die kantonalen</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensvorschriften umschrieben wird. Nur dort, wo sich der</span><br/> <span class="ft1">kantonale Rechtsschutz als ungenügend erweist, greifen subsidiär die</span><br/> <span class="ft1">unmittelbar aus Art. 29 Abs. 2 BV folgenden bundesrechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensregeln zur Sicherung des rechtlichen Gehörs Platz</span><br/> <span class="ft1">(BGE 121 I 232 mit Hinweisen). Die Verweigerung des rechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Gehörs hat grundsätzlich zur Folge, dass die angefochtene Verfügung</span><br/> <span class="ft1">aufzuheben ist (AGVE 1989, S. 191 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">dd) Während §§ 15 ff. VRPG allgemeine Verfahrensvorschrif-</span><br/> <span class="ft1">ten zur Gewährung des rechtlichen Gehörs vor Erlass einer Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung statuieren, enthält § 67 e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Abs. 3 EG ZGB ausdrücklich die für</span><br/> <span class="ft1">den Erlass eines Zwangsmassnahmen-Entscheids zu beachtenden</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensvorschriften. Diese lauten:</span><br/> <span class="ft6">"Vor dem Entscheid sind die Patienten vom zuständigen entschei-</span><br/> <span class="ft6">dungsberechtigten Arzt anzuhören. Der Entscheid ist der betroffenen Person</span><br/> <span class="ft6">auch nach mündlicher Mitteilung mit Begründung und mit Rechtsmittel-</span><br/> <span class="ft6">belehrung schriftlich zu eröffnen, unter Mitteilung an den Kantonsarzt.</span><br/> <span class="ft6">Dieser führt ein entsprechendes Verzeichnis."</span><br/> <span class="ft1">ee) Wenn seitens der Klinik geltend gemacht wird, es habe sich</span><br/> <span class="ft1">lediglich um eine Verlängerung einer ersten Zwangsmassnahme</span><br/> <span class="ft1">gehandelt, so ändert dies nichts am Erfordernis der Gewährung des</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen Gehörs. Der erste ZME (vom 19. April 2004) war wegen</span><br/> <span class="ft1">akuter Suizidgefahr zum Schutz und zur Lebenserhaltung der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin bis zum 26. April 2004 befristet worden. Nach</span><br/> <span class="ft1">Ablauf dieser Frist durfte eine Verlängerung der Isolation nur durch</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">245</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Erlass eines neuen ZME angeordnet werden. Insbesondere musste</span><br/> <span class="ft1">die Frage, ob nach wie vor eine akute Selbstgefährdung der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin bestand und deshalb eine Verlängerung der Isola-</span><br/> <span class="ft1">tion gerechtfertigt war, vor Erlass eines neuen ZME durch den Lei-</span><br/> <span class="ft1">tenden Arzt umfassend abgeklärt und mit der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">besprochen werden. Der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Abs. 3 EG ZGB besteht für einen Patienten bei jedem Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid. Gemäss ZME vom 26. April 2004 war der einzige Zweck der</span><br/> <span class="ft1">weiteren Isolation der Schutz und die Lebenserhaltung der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin. Ob bei der Beschwerdeführerin aber am 26. April</span><br/> <span class="ft1">2004 und damit nach Ablauf der siebentägigen Isolation tatsächlich</span><br/> <span class="ft1">noch eine akute Suizidgefahr bestand, konnte nur auf Grund einer</span><br/> <span class="ft1">persönlichen Anhörung festgestellt werden. Wie die Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin anlässlich der Verhandlung glaubwürdig ausführte, hatte sie seit</span><br/> <span class="ft1">dem 24. April 2004 keine Suizidgedanken mehr. Da die Anhörung</span><br/> <span class="ft1">unterblieb, blieb einerseits die Stellungnahme der Beschwerdeführe-</span><br/> <span class="ft1">rin im ZME vom 26. April 2004 unberücksichtigt (bzw. es wurde</span><br/> <span class="ft1">eine tatsachenwidrige Stellungnahme aufgeführt) und andererseits</span><br/> <span class="ft1">war es der Beschwerdeführerin verwehrt, sich gegen diese "Verlän-</span><br/> <span class="ft1">gerung" der Isolation vom 26. April 2004 bis zum 15. Mai 2004 zur</span><br/> <span class="ft1">Wehr zu setzen. Bei korrekter Gewährung des rechtlichen Gehörs am</span><br/> <span class="ft1">26. April 2004 hätte sich gezeigt, dass die Beschwerdeführerin mit</span><br/> <span class="ft1">der Zwangsmassnahme der Isolation nicht mehr einverstanden war.</span><br/> <span class="ft1">Entsprechend hätte das Formular ausgefüllt und der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin ausgehändigt werden müssen, sofern der zuständige Arzt</span><br/> <span class="ft1">die Isolation trotzdem noch für notwendig befunden und angeordnet</span><br/> <span class="ft1">hätte. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">bei korrekter Vorgehensweise viel früher ein Rechtsmittel ergriffen.</span><br/> <span class="ft1">ff) Zusammenfassend ergibt sich, dass eine krasse Verletzung</span><br/> <span class="ft1">des Anspruchs auf rechtliches Gehörs erfolgt ist, da eine Anhörung</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin vor Erlass der angefochtenen Verfügung</span><br/> <span class="ft1">unterblieben ist. Dieser Verfahrensfehler erscheint um so gewichti-</span><br/> <span class="ft1">ger, als dass im Formular fälschlicherweise aufgeführt ist, eine An-</span><br/> <span class="ft1">hörung der Beschwerdeführerin sei erfolgt, sie sei mit der Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahme einverstanden und über die Beschwerdemöglichkeit orientiert</span><br/> <span class="ft1">worden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">246</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">b) (...)</span><br/> <span class="ft1">aa) Die Eröffnung einer Verfügung ist eine empfangsbedürftige,</span><br/> <span class="ft1">aber nicht annahmebedürftige einseitige Rechtshandlung. Die</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelfrist beginnt deshalb nicht mit der tatsächlichen Kennt-</span><br/> <span class="ft1">nisnahme, sondern im Zeitpunkt der ordnungsgemässen Zustellung</span><br/> <span class="ft1">zu laufen. Als ordnungsgemässe Zustellung gilt grundsätzlich die</span><br/> <span class="ft1">tatsächliche Aushändigung der Verfügung an den Adressaten</span><br/> <span class="ft1">(VGE II/18 vom 27. März 2001 [BE.2000.00289] in Sachen A.,</span><br/> <span class="ft1">S. 12; Max Imboden/René A. Rhinow, Schweizerische Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">rechtsprechung, Band I, 6. Auflage, Basel/Frankfurt a.M. 1986,</span><br/> <span class="ft1">Nr. 84 B I; René A. Rhinow/Beat Krähenmann, Schweizerische</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsrechtsprechung, Ergänzungsband, Basel/Frankfurt a.M.</span><br/> <span class="ft1">1990, Nr. 84 I f. mit Hinweisen; Michael Merker, Rechtsmittel,</span><br/> <span class="ft1">Klage und Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz</span><br/> <span class="ft1">über die Verwaltungsrechtspflege [Kommentar zu den §§ 38-72</span><br/> <span class="ft1">VRPG], Diss., Zürich 1998, § 40 N 6 Anm. 18).</span><br/> <span class="ft1">bb) Die vom Gesetz geforderte mündliche Eröffnung des Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheids an die Beschwerdeführerin ist erwiesenermassen unterblie-</span><br/> <span class="ft1">ben. So hat auch nach dem 26. April 2004 nie ein Gespräch des Lei-</span><br/> <span class="ft1">tenden Arztes mit der Beschwerdeführerin über seinen Entscheid, die</span><br/> <span class="ft1">"Verlängerung der Isolation" vom 26. April 2004 bis zum 15. Mai</span><br/> <span class="ft1">2004 anzuordnen, stattgefunden. Eine korrekte schriftliche Eröffnung</span><br/> <span class="ft1">des Entscheids, bzw. eine tatsächliche Aushändigung des</span><br/> <span class="ft1">ZME unterblieb ebenfalls. Eine Eröffnung erfolgte insbesondere</span><br/> <span class="ft1">auch nicht am 30. April 2004, obwohl aktenmässig erstellt ist, dass</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeführerin an diesem Tag ausdrücklich die Entlassung</span><br/> <span class="ft1">aus der Isolation beantragt hatte, weil dieser Schutz nicht mehr nötig</span><br/> <span class="ft1">sei. Die Beschwerdeführerin hat anlässlich der Verhandlung</span><br/> <span class="ft1">ausgeführt, sie habe schon früher aus dem Isolationszimmer</span><br/> <span class="ft1">austreten wollen, habe aber keine Gelegenheit gehabt, ihr Begehren</span><br/> <span class="ft1">anzubringen, da die Oberarztvisite ausgefallen sei.</span><br/> <span class="ft1">cc) Damit ist erstellt, dass es an einer ordnungsgemässen Zu-</span><br/> <span class="ft1">stellung des ZME vom 26. April 2004 fehlt, es liegt ein schwerwie-</span><br/> <span class="ft1">gender Eröffnungsfehler vor. Auch bei diesem Verfahrensfehler</span><br/> <span class="ft1">kommt erschwerend hinzu, dass auf dem Formular selber tatsachen-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">247</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">widrig angekreuzt ist, die Patientin sei über die Beschwerdemöglich-</span><br/> <span class="ft1">keit informiert worden.</span><br/> <span class="ft1">c) aa) Die normale Folge der Fehlerhaftigkeit von Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsakten ist ihre Anfechtbarkeit. Nur ausnahmsweise ist auf</span><br/> <span class="ft1">Nichtigkeit zu schliessen, so, wenn der Mangel besonders schwer</span><br/> <span class="ft1">wiegt, wenn er offensichtlich oder zumindest leicht erkennbar ist und</span><br/> <span class="ft1">wenn die Rechtssicherheit durch die Annahme der Nichtigkeit nicht</span><br/> <span class="ft1">ernsthaft gefährdet wird. Als Nichtigkeitsgründe fallen hauptsächlich</span><br/> <span class="ft1">schwere Verfahrensmängel in Betracht (vgl. BGE 122 I 98 f.;</span><br/> <span class="ft1">118 Ia 340; 116 Ia 219; AGVE 1994, S. 217 mit Hinweisen;</span><br/> <span class="ft1">vgl. auch Imboden/Rhinow, a.a.O.; Rhinow/Krähenmann, je Nr. 40 B</span><br/> <span class="ft1">IV/V; Häfelin/Müller, Rz. 769). So hat das Verwaltungsgericht auf-</span><br/> <span class="ft1">grund einer Häufung von erheblichen Verfahrensmängeln - wegen</span><br/> <span class="ft1">einer krassen Verletzung des rechtlichen Gehörs und wegen schwer-</span><br/> <span class="ft1">wiegenden Eröffnungsfehlern - einen Entscheid für nichtig erklärt</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 1981, S. 274 f.).</span><br/> <span class="ft1">bb) Aufgrund der vorstehenden Ausführungen ist erwiesen, dass</span><br/> <span class="ft1">die vom ZME vom 26. April 2004 betroffene Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">weder vorgängig dazu angehört wurde (obwohl auf dem Formular so</span><br/> <span class="ft1">aufgeführt), noch dass ihr der Entscheid in gesetzmässiger Weise</span><br/> <span class="ft1">eröffnet worden ist. Diese sehr schweren Verfahrensmängel sind</span><br/> <span class="ft1">derart gewichtig, dass der angefochtene Entscheid als nichtig zu</span><br/> <span class="ft1">bezeichnen ist. In Gutheissung der Beschwerde ist die angeordnete</span><br/> <span class="ft1">Isolation daher sofort aufzuheben und es ist die Nichtigkeit des</span><br/> <span class="ft1">ZME vom 26. April 2004 festzustellen.</span><br/> <span class="ft1">4. (...)</span><br/> <span class="ft1">a) (...)</span><br/> <span class="ft1">b) aa) Gemäss § 67e</span><span class="ft6">bis</span> <span class="ft1">Abs. 1 EG ZGB dürfen im Rahmen ei-</span><br/> <span class="ft1">ner fürsorgerischen Freiheitsentziehung in der Psychiatrischen Klinik</span><br/> <span class="ft1">Königsfelden Behandlungen und andere Vorkehrungen, die nach</span><br/> <span class="ft1">Massgabe des Einweisungsgrundes medizinisch indiziert sind, auch</span><br/> <span class="ft1">gegen den Willen der betroffenen Person vorgenommen werden,</span><br/> <span class="ft1">wenn die notwendige Fürsorge auf andere Weise nicht gewährleistet</span><br/> <span class="ft1">werden kann. Beim Entscheid über den Einsatz von Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft1">nahmen kann auch das Schutzbedürfnis Dritter in die Beurteilung</span><br/> <span class="ft1">miteinbezogen werden. Ziel und Zweck jeder Zwangsmassnahme ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">248</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der Schutz der betroffenen Person und deren Mitmenschen vor kör-</span><br/> <span class="ft1">perlichen und seelischen Schäden. In Anwendung des</span><br/> <span class="ft1">Verhältnismässigkeitsprinzips muss eine solche Massnahme "ultima</span><br/> <span class="ft1">ratio" sein, indem der betroffenen Person die notwendige Fürsorge</span><br/> <span class="ft1">nicht auf andere Weise gewährleistet werden kann. Der Begriff der</span><br/> <span class="ft1">"notwendigen persönlichen Fürsorge" beinhaltet nicht nur den Schutz</span><br/> <span class="ft1">der Öffentlichkeit vor Fremdaggressionen, sondern umfasst auch den</span><br/> <span class="ft1">Schutz eines Menschen, der sich in einem Zustand der</span><br/> <span class="ft1">Urteilsunfähigkeit selbst verletzt oder tötet (AGVE 2000, S. 168).</span><br/> <span class="ft1">Eine Zwangsmassnahme ist namentlich dann unverhältnismässig,</span><br/> <span class="ft1">wenn eine ebenso geeignete mildere Anordnung für den angestrebten</span><br/> <span class="ft1">Erfolg ausreicht.</span><br/> <span class="ft1">bb) Für die Verhältnismässigkeit von Grundrechtseingriffen</span><br/> <span class="ft1">liefert der in Art. 7 BV statuierte Schutz der Menschenwürde einen</span><br/> <span class="ft1">Massstab. Das Bundesgericht hat dazu ausgeführt, dass die Men-</span><br/> <span class="ft1">schenwürde nach Art. 7 BV im staatlichen Handeln ganz allgemein</span><br/> <span class="ft1">zu achten und zu schützen ist. Diese Bestimmung ist Leitsatz für</span><br/> <span class="ft1">jegliche staatliche Tätigkeit und bildet als innerster Kern zugleich die</span><br/> <span class="ft1">Grundlage der Freiheitsrechte (BGE 127 I 6). Die Menschenwürde</span><br/> <span class="ft1">ist beizuziehen, um den Kerngehalt von Grundrechten zu bestimmen</span><br/> <span class="ft1">(Philippe Mastronardi, in: Die schweizerische Bundesverfassung,</span><br/> <span class="ft1">St. Galler Kommentar, Zürich/Basel/Genf 2002, Art. 7 N 28). Der</span><br/> <span class="ft1">grundrechtliche Anspruch auf menschenwürdige Behandlung - wie er</span><br/> <span class="ft1">übrigens auch in Art. 3 EMRK enthalten ist - gilt für alle Menschen,</span><br/> <span class="ft1">unabhängig von ihrer Urteilsfähigkeit oder ihrer körperlichen</span><br/> <span class="ft1">Konstitution, d.h. auch für psychisch Kranke (Markus Schefer, Die</span><br/> <span class="ft1">Kerngehalte von Grundrechten, Geltung, Dogmatik, inhaltliche Aus-</span><br/> <span class="ft1">gestaltung, Bern 2001, S. 22). Eine Konkretisierung findet dieser An-</span><br/> <span class="ft1">spruch nebst §§ 9 und 15 der aargauischen Kantonsverfassung, wel-</span><br/> <span class="ft1">che für staatliches Handeln die Wahrung der Menschenwürde statuie-</span><br/> <span class="ft1">ren und menschenunwürdige Behandlung verbieten, im aargauischen</span><br/> <span class="ft1">Gesundheitsgesetz, welches in § 49 regelt, dass Spitäler die persönli-</span><br/> <span class="ft1">che Freiheit und die Persönlichkeitsrechte ihrer Patienten zu wahren</span><br/> <span class="ft1">haben. Das aargauische Dekret über die Rechte und Pflichten der</span><br/> <span class="ft1">Krankenhauspatienten vom 21. August 1990 [PD; SAR 333.110] hält</span><br/> <span class="ft1">in § 3 fest, dass Untersuchung, Behandlung und Pflege des Patienten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">249</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sich nach den Regeln der Fachkunde zu richten und die Menschen-</span><br/> <span class="ft1">würde zu respektieren haben.</span><br/> <span class="ft1">cc) Für die Isolation, welche den Schutz der betroffenen Person</span><br/> <span class="ft1">- und damit einhergehend den Schutz ihrer Mitmenschen - vor kör-</span><br/> <span class="ft1">perlichen und seelischen Schäden bezweckt, bedeutet dies, dass sie</span><br/> <span class="ft1">auf Grund der vorstehenden Ausführungen nur verhältnismässig sein</span><br/> <span class="ft1">kann, wenn sie unter Beachtung der Menschenwürde geeignet ist,</span><br/> <span class="ft1">den für die betroffene Person erforderlichen Schutz zu bieten und in</span><br/> <span class="ft1">zeitlicher Hinsicht auf die absolut notwendige Dauer beschränkt wird</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 2001, S. 233). Entsprechend hat das Verwaltungsgericht</span><br/> <span class="ft1">entschieden, dass eine Isolation sich in aller Regel nur während kur-</span><br/> <span class="ft1">zer Frist als rechtmässig erweisen kann, weshalb im Voraus maximal</span><br/> <span class="ft1">eine Isolation für die Dauer von sieben Tagen angeordnet werden</span><br/> <span class="ft1">darf (AGVE 2001, S. 234). Bereits unter diesem Aspekt hält der</span><br/> <span class="ft1">ZME vom 26. April 2004, der bis zum 15. Mai 2004 befristet wurde,</span><br/> <span class="ft1">vor der Rechtsordnung nicht stand.</span><br/> <span class="ft1">c) Gemäss Wortlaut des ZME vom 26. April 2004 war das Ziel</span><br/> <span class="ft1">der angeordneten Isolation "Schutz, Lebenserhaltung" der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin. Die aufschiebende Wirkung wurde verweigert mit</span><br/> <span class="ft1">der Begründung "Suizidalität".</span><br/> <span class="ft1">aa) Die Beschwerdeführerin bestätigte selber, dass sie aufgrund</span><br/> <span class="ft1">einer akuten Krise mit Suizidalität am 19. April 2004 mit der Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahme der Isolation im Auszeitzimmer einverstanden gewesen war.</span><br/> <span class="ft1">Dieser Schutz vor selbstschädigendem Verhalten kann eine massive</span><br/> <span class="ft1">Einschränkung der persönlichen Freiheit rechtfertigen, in dem die</span><br/> <span class="ft1">gefährdete Person mittels Isolation vor Entweichung, gefährlichen</span><br/> <span class="ft1">Gegenständen etc. geschützt wird. Eine Isolation ist unter diesen</span><br/> <span class="ft1">Umständen als ultima ratio verhältnismässig, allerdings nur so lange,</span><br/> <span class="ft1">als akute Selbstgefährdung besteht. Dabei erfordern die zentral</span><br/> <span class="ft1">betroffenen Verfassungsrechte, dass die Selbstgefährdung nicht nur</span><br/> <span class="ft1">abstrakt möglich ist, sondern dass sie gestützt auf die tatsächlichen</span><br/> <span class="ft1">Verhältnisse konkret in Betracht fällt (BGE 130 I 24). Selbst in der</span><br/> <span class="ft1">psychiatrischen Literatur ist anerkannt, dass nur die sichtbare und</span><br/> <span class="ft1">konkrete Suizidgefährdung eine restriktive Massnahme gegen den</span><br/> <span class="ft1">Willen des Patienten rechtfertigt (Asmus Finzen, Suizidprophylaxe</span><br/> <span class="ft1">bei psychischen Störungen, Bonn 1997, S. 128).</span><br/></div> </div> </body> </html>