B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2831/2018 U r t e i l v o m 4 . J u n i 2 0 2 1 Besetzung Richterin Roswitha Petry (Vorsitz), Richter Markus König, Richterin Esther Marti, Gerichtsschreiber Urs David. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, handelnd durch B._______, geboren (…), Eritrea, vertreten durch David Krummen, Rechtsanwalt, Krummen Weber Rechtsanwälte, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Widerruf Einreisebewilligung und Familienzusammenführung (Asyl) zugunsten A._______; Verfügung des SEM vom 12. April 2018 / N (…). E-2831/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. B._______ (vgl. Rubrum) ist Vater von (…) Kindern, geboren zwischen (…) und (…), wobei (…) der Kinder – darunter die Beschwerdeführerin – von der in Eritrea wohnhaften C._______ stammen und die andern vier von B._______’s religiös angetrauter Ehefrau D._______, damals ebenfalls in Eritrea wohnhaft, geboren wurden. Beide Frauen sind eritreische Staats- angehörige. B. B._______ ersuchte am (…) 2011 in der Schweiz um Asyl. Mit Verfügung des SEM vom (…) 2011 wurde ihm vom SEM unter Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft antragsgemäss Asyl gewährt. C. Mit zwei Eingaben an das SEM vom 10. Mai 2012 stellte B._______ einer- seits ein Gesuch um Familienzusammenführung für D._______ und die gemeinsamen (…) Kinder sowie ein weiteres Gesuch um Familienzusam- menführung für die (…) Kinder von C._______. Dem letzteren Gesuch legte er eine Einverständniserklärung von C._______ betreffend ihre (…) Kinder sowie eine Erklärung von D._______ bei, wonach diese für die (…) Kinder von C._______ sorgen werde. Am 4. Dezember 2013 erteilte das SEM die auf Art. 51 Abs. 4 AsylG (SR 142.31) gestützte und unbefristete Einreisebewilligung zwecks Famili- envereinigung zugunsten von D._______ und allen (…) Kindern. Im Oktober 2014 flüchtete D._______ mit (…) dieser (…) Kinder von Eritrea nach Äthiopien, während die Beschwerdeführerin bei ihrer leiblichen Mutter C._______ in Eritrea zurück blieb. Am (…). April 2015 reisten D._______ und die (…) Kinder in die Schweiz ein und stellten hier Asylgesuche. Mit von D._______ und B._______ unterzeichneter Erklärung vom 30. Juni 2015 hielten diese zuhanden des SEM fest, dass D._______ und alle (…) namentlich erwähnten Kinder (d.h. inkl. die Beschwerdeführerin) keine ei- genen Asylgründe hätten und lediglich um Einbezug in die Flüchtlingsei- genschaft und das Asyl von B._______ ersuchten. Mit Verfügung vom 17. Juli 2015 stellte das SEM fest, dass D._______ und die sieben Kinder angesichts der Erklärung vom 30. Juni 2015 nicht als Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG, jedoch als Flüchtlinge im Sinne von E-2831/2018 Seite 3 Art. 51 Abs. 1 AsylG anerkannt würden. Gestützt darauf gewährte es ihnen das (Familien-)Asyl. D. Nach am 14. Dezember 2017 vom SEM gewährtem und am 28. Dezember 2017 von B._______ beanspruchtem rechtlichen Gehör schrieb das SEM mit Verfügung vom 9. Januar «2019» (recte: 2018) die am 4. Dezember 2013 ausgestellte Einreisebewilligung vom 4. Dezember 2013 betreffend die Beschwerdeführerin als gegenstandslos geworden ab. Dagegen erhob B._______ mit Eingabe vom 9. Februar 2018 seines zwi- schenzeitlich mandatierten und rubrizierten Rechtsvertreters beim Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde. Mit Verfügung vom 26. Februar 2018 kam das SEM im Rahmen des Ver- nehmlassungsverfahrens auf seinen Entscheid vom 9. Januar 2018 zurück und hob diesen auf. Mit Entscheid F -862/2018 vom 1. März 2018 schrieb das Bundesverwal- tungsgericht das Beschwerdeverfahren als durch Wiedererwägung gegen- standslos geworden ab. E. Nach am 12. März 2018 vom SEM gewährtem und am 4. April 2018 von B._______ beanspruchtem rechtlichen Gehör widerrief das SEM mit Ver- fügung vom 12. April 2018 die am 4. Dezember 2013 ausgestellte Einrei- sebewilligung betreffend die Beschwerdeführerin (Dispositiv Ziff. 1) und lehnte ihr Gesuch um Familienzusammenführung vom 10. Mai 2012 ab (Dispositiv Ziff. 2). F. Mit Eingabe vom 14. Mai 2018 erhob die Beschwerdeführerin durch ihren Vater B._______, seinerseits vertreten durch den rubrizierten Rechtsver- treter, gegen diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsge- richt. Darin beantragt sie die Aufhebung der Verfügung vom 12. April 2018, die Anweisung an das SEM zur Ermächtigung der Schweizer Botschaft in Khartum zur Erteilung eines Einreisevisums sowie eventualiter die Rück- weisung der Sache an die Vorinstanz zwecks Befragung von B._______ «zu den geltend gemachten Gründen zum Widerruf der Einreisebewilli- gung». In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie ferner die Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Beiordnung des rubri- zierten Rechtsanwalts als unentgeltlichen amtlichen Rechtsbeistand. E-2831/2018 Seite 4 G. Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 28. Juni 2018 hiess die damals zuständige Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Rechtsverbei- ständung gut und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde ent- sprechend verzichtet. H. Mit Schreiben vom 4. Juni 2019 orientierte das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerdeführerin über den zwischenzeitlich erfolgten, organisato- risch bedingten Wechsel der Zuständigkeit für das vorliegende Verfahren von Instruktionsrichterin Regula Schenker Senn auf Ins truktionsrichterin Roswitha Petry. Mit demselben Schreiben sowie solchen vom 2. Septem- ber 2020 und vom 14. April 2021 beantwortete die Instruktionsrichterin zu- dem Anfragen der Beschwerdeführerin zum Verfahrenstand und Ersuchen zu einem beförderlichen Verfahrensabschluss. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). E-2831/2018 Seite 5 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat als Direktbetroffene, die gesetzlich durch ihren Va- ter B._______ und gewillkürt durch den rubrizieren Rechtsanwalt vertreten ist, am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen. Sie ist durch die ange- fochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Inte- resse an deren Auf hebung beziehungsweise Änderung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl – namentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn keine besonderen Umstände dagegensprechen. Wurden die anspruchsberech- tigten Personen nach Absatz 1 durch die Flucht getrennt und befinden sie sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51 Abs. 4 AsylG). Die Erteilung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 4 AsylG setzt eine vorbestandene Familiengemeinschaft, die Trennung der Familie durch die Flucht sowie die fest beabsichtigte Familienvereinigung in der Schweiz voraus (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5, BVGE 2017 VI/4 E. 3.1 und E. 4.4.2, BVGE 2012/32 E. 5). Zentrale Bedingung für die Erteilung einer Einreisebewilligung zum Zwecke der Familienzusammenführung im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG ist mit- hin, dass bereits vor der Flucht aus dem Verfolgerstaat eine Familienge- meinschaft zwischen der gesuchstellenden und der anspruchsberechtigten Person bestanden hat und diese Familienbeziehung auch nach der Flucht im Rahmen des Möglichen aufrechterhalten wird und vom Willen der Wie- dervereinigung der Familie getr agen ist. Das Familienasyl nach Art. 51 Abs. 4 AsylG dient insbesondere nicht der Aufnahme von vor der Flucht E-2831/2018 Seite 6 noch gar nicht gelebten oder der Wiederaufnahme von zwischenzeitlich abgebrochenen Beziehungen (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.4.2, 5.1 m.w.H.). Die Trennung der Familiengemeinschaft muss kausal mit jenen Umstän- den zusammenhängen, welche zur Flucht aus dem Heimatland Anlass ge- geben haben. Ausnahmsweise kann auch dann von einer im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG relevanten Trennung ausgegangen werden, wenn nicht die Flucht eines Familienmitglieds ins Ausland als solche, sondern andere zwingende Gründe zur Trennung der Familiengemeinschaft geführt haben (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5.2). Wer um die Erteilung einer Einreisebewilligung zwecks Familienasyls er- sucht, hat die Zugehörigkeit des nachzuziehenden Angehörigen zur Fami- liengemeinschaft, die zum Zeitpunkt der Flucht vorbestandene Familien - gemeinschaft, die Trennung der Familie durch die Flucht sowie die fest be- absichtigte Familienvereinigung beider Anspruchsberechtigten nachzuwei- sen oder zumindest glaubhaft zu machen (Art. 7 AsylG; Botschaft des Bun- desrates vom 4. Dezember 1995 zur Totalrevision des Asylgesetzes sowie zur Änderung des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer, BBl 1996 II 70). 4.2 Das Asylgesetz enthält im Gegensatz zum eigentlichen Asylwiderruf nach Art. 63 AsylG keine spezialgesetzliche Regelung für den Widerruf ei- ner Einreisebewilligung zwecks Familienzusammenführung nach Art. 51 AsylG. Die Zulässigkeit eines solchen Widerrufs beurteilt sich daher nach den allgemeinen Widerrufsvoraussetzungen: Rechtskräftige Verfügungen dürfen gemäss Praxis nur unter bestimmten Voraussetzungen und unter Beachtung des Grundsatzes von Treu und Glauben einseitig aufgehoben oder zum Nachteil des Adre ssaten abgeändert werden; es liegt nicht im Ermessen der Behörde, ob sie einen Entscheid widerrufen will oder nicht (vgl. dazu die Urteile des BVGer E-1271/2019 vom 30. Januar 2020 E. 6.1- 6.3 und E-730/2017 vom 4. Mai 2017 E. 4.4 sowie BGE 137 I 69 E. 2.2 f. und 94 I 336 E. 4). 5. 5.1 Das SEM begründete seine Verfügung im Wesentlichen damit, dass sich die Beschwerdeführerin vorliegend nicht auf den in Art. 9 BV veran- kerten Grundsatz von Treu und Glauben berufen könne, da ihr Vater im Jahre 2011 in dessen Asylverfahren dahingehend falsche Angaben zu den Familienverhältnissen gemacht habe, als die (…) Vollgeschwister der Be- schwerdeführerin bei der gemeinsamen Mutter statt korrekt bei der Frau E-2831/2018 Seite 7 von B._______ gelebt hätten. Die im Rahmen des gewährten rechtlichen Gehörs unternommenen Erklärungsversuche (mögliche Missverständ- nisse und Übersetzungsprobleme) vermöchten nicht zu überzeugen. Zu- dem habe sie im Rahmen des rechtlichen Gehörs den Sachverhalt erst- mals dergestalt angepasst, dass eine Familiengemeinschaft zwis chen ihr und ihrem Vater vorbestanden habe , ein engeres Familienleben nur auf- grund des zwangsweisen Militärdienstes des Vaters nicht möglich gewesen sei und dieser immerhin seine Militärurlaube hälftig auch bei der Beschwer- deführerin verbracht habe. Diese Anpassung lasse sich auch nicht ansatz- weise auf die Akten abstützen und vermöge gemäss Praxis (BVGE 2012/32 E. 5.2 und 5.4) ohnehin keine vorbestandene Familiengemein- schaft zu begründen, da es sich um ein zeitlich begrenztes Zusammenle- ben handle. Somit hätten die Beschwerdeführerin und ihre (…) Brüder im Zeitpunkt der Ausreise des Vaters aus Eritrea offensichtlich nicht mit die- sem in einer Lebensgemeinschaft gelebt. Es liege keine schützenswerte tatsächlich gelebte Lebensgemeinschaft vor und die Einreisebewilligung sei somit für diese (…) Geschwister zu Unrecht erteilt worden. B._______ habe das betreffende Familienzusammenführungsgesuch missbräuchlich gestellt und Einreisevisa für nicht anspruchsberechtigte Personen erschli- chen. Die Voraussetzungen für die Erteilung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG seien daher für die Beschwerdeführerin «nicht (mehr) gegeben». Das Einverständnis der leiblichen Mutter für die Ausreise der Beschwerdeführerin ändere daran nichts. Ob die Beschwer- deführerin gestützt auf die Einreisebewilligung bereits Dispositionen für die Ausreise getroffen habe, sei mangels ihres Anspruchs auf Vertrauens- schutz unbeachtlich; zudem halte sie sich nach wie vor in Eritrea auf. Ein Rückkommen auf die fehlerhafte Verfügung vom 4. Dezember 2013 sei da- her gerechtfertigt und auf eine Interessenabwägung könne verzichtet wer- den. Vielmehr bestehe ein gewichtiges öffentliches Interesse an der Abwei- sung des Gesuchs um Familienasyl respektive an einem Widerruf der Ein- reisebewilligung. 5.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe bekräftigt die Beschwerdeführerin, dass die Einreisebewilligung vom 4. Dezember 2013 unbefristet erteilt worden sei. Die Reise sei für sie aufgrund ihres Kindesalters risikobehaftet und nicht zumutbar und zu jenem Zeitpunkt deshalb auch noch gar nicht beab- sichtigt gewesen. Der Vorwurf falscher Angaben durch B._______ in des- sen Asylverfahren zu den Familienverhältnissen sei nicht gerechtfertigt, da die angebliche Widersprüchlichkeit nicht sie selber sondern ihre (…) Voll- geschwister betreffe. Zudem habe das SEM die Einreisebewilligung im Wissen darüber erteilt, dass sie selber damals bei ihrer leiblichen Mutter E-2831/2018 Seite 8 gelebt habe. Ferner werde der Vorwurf unwahrer Angaben durch B._______ unter Hinweis auf die Gegenargumente gemäss Stellung- nahme vom 4. April 2018 bestritten. Der Vorhalt einer nicht bestehenden engen Beziehung zur Ehefrau von B._______ sei sodann nicht widerrufs- relevant; entscheidend sei das Kindsverhältnis zu B._______ selber. Wei- ter überzeuge das vorinstanzliche Argument einer nicht vorbestandenen Familiengemeinschaft auch an sich nicht, da aufgrund des zwangsweisen Militärdienstes ihres Vaters ein engeres Zusammenleben – mit beiden Fa- milienteilen – gar nicht möglich gewesen sei und Besuche und K ontakte dennoch regelmässig stattgefunden hätten. Es sei zudem praxisgemäss nicht im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG, eine Trennung infolge asylrelevan- ter Repressalien zu sanktionieren. Folglich sei weiterhin von einer durch die Flucht erfolgte n Trennung zwischen B._______ und ihr auszugehen. Weiter widersetzt sich die Beschwerdeführerin dem Vorwurf einer nach- träglichen Anpassung des Sachverhalts. Weder B._______ noch andere Familienmitglieder seien betreffend die nun relevanten Aspekte der Fami- liengeschichte jemals genauer befragt worden. Dies sei nachzuholen, ge- gebenenfalls nach Rückweisung der Sache an die Vorinstanz. Jedenfalls gehe es ohne Wahrung des Anspruchs auf rechtliches Gehör nicht an, das Erschleichen der Einreisebewilligung durch Falschangaben zu unterstellen und die A ngaben in der besagten Stellungnahme vom 4. April 2018 als nicht aktenkundig zu ignorieren. Die erteilte Einreisebewilligung sei somit weder ursprünglich noch nachträglich fehlerhaft. Einer wider Erwarten den- noch festzustellenden Fehlerhaftigkeit stünden zudem unter Hinweis auf die Praxis (insb. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-730/2017 vom 4. Mai 2017) das Gebot von Treu und Glauben und die Rechtssicherheit ent- gegen. Sie und B._______ hätten auf den Bestand der Einreisebewilligung vertraut und dies auch dürfen, zumal das Kindeswohl einer früheren Reise in die Schweiz entgegengestanden hätte. Es erscheine irritierend und rechtsmissbräuchlich, wie das SEM offenbar im ersten faktischen Wider- rufsverfahren einen inhaltlichen Beschwerdeentscheid habe umgehen wol- len, um im jetzigen Verfahren bessere Gründe für einen Widerruf der Ein- reisebewilligung zu suchen. Im Übrigen widerspreche ein Widerruf der Ein- reisebewilligung vorliegend auch dem in Art. 14 BV und Art. 8 EMRK ver- ankerten Recht auf Familienleben, da ein solches mit dem Vater und den Geschwistern in der Schweiz mit dem Widerruf verunmöglicht wäre. Die Beschwerdeführerin beabsichtige nun, den risikoärmeren Weg über den Sudan (statt Äthiopien) einzuschlagen, weshalb das SEM antragsgemäss die dortige Schweizer Botschaft zur Erteilung eines Einreisevisums in die Schweiz zu ermächtigen habe und vom Gericht entsprechend dazu anzu- weisen sei. E-2831/2018 Seite 9 6. 6.1 Die Auffassung des SEM, wonach d ie Voraussetzungen für die Ertei- lung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 4 AsylG für die Beschwer- deführerin nicht mehr gegeben seien, erscheint insoweit durchaus nach- vollziehbar, als die Beschwerdeführerin beziehungsweise ihre Eltern trotz antragsgemäss erteilter, unbefristet ausgestellter und mithin beanspruch- barer Einreisebewilligung über Jahre keine Anstalten im Hinblick auf ihren Nachzug in die Schweiz machte(n). Unter Hinweis auf Risikoüberlegungen und das Kindeswohl als plausible Entscheidkriterien haben die Eltern gar bewusst die überwiegenden Vorteile eines V erbleibs der Beschwerdefüh- rerin bei der leiblichen Mutter in Eritrea gegenüber dem Vorteil einer Fami- lienzusammenführung in der Schweiz abgewogen. Das Rechtsschutzinte- resse an der Aufrechterhaltung der Einreisebewilligung mag angesichts dessen tatsächlich fraglich geworden sein. Auf der anderen Seite führt auch die Beschwerdeführerin insoweit beachtenswerte Argumente ins Feld, als entgegen der Auffassung des SEM nicht von einer nachträglichen Anpassung des Sachverhalts oder gar von eine m ursprünglich miss- bräuchlichen Erschleich en der Einreisebewilligung auszugehen sei . Die abschliessende Beurteilung der Fragen, ob die Beschwerdeführerin in ih- rem Vertrauen auf den Bestand der Einreisebewilligung zu schützen ist be- ziehungsweise ob der Widerruf der Einreisebewilligung vorliegend vom SEM materiell zutreffend begründet wurde, kann indessen aus nachfolgen- den Überlegungen offen bleiben: 6.2 Tatsache ist, dass das SEM mit Verfügung vom 17. Juli 2015 die zu jenem Zeitpunkt im Heimatland befindliche Beschwerdeführerin (wie auch ihre (…) zu jenem Zeitpunkt bereits in der Schweiz befindlichen Voll- bzw. Halbgeschwister) als Flüchtling im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG aner- kannte und ihr darauf gestützt das (Familien -)Asyl gewährte. Es handelt sich dabei um eine rechtskräftige und rechtsbeständige Verfügung, mit der definitiv und verbindlich über das Familienasyl der Beschwerdeführerin be- funden wurde. Ein neues Gesuch um (Familien-)Asyl wurde seither nie ge- stellt – hierzu bestand aus Sicht der Beschwerdeführerin auch kein Anlass – und ebenso wenig wurde seither da s am 17. Juli 2015 gewährte Fami- lienasyl widerrufen. Bei dem zugunsten der Beschwerdeführerin am 17. Juli 2015 erteilten Familienasyl handelt es sich somit um eine soge- nannte «res iudicata», mit der Konsequenz, dass nicht noch einmal über die gleiche Sache entschieden werden kann. Das gilt im Übrigen ebenso für die mit besagter Verfügung erteilte , vom Vater abgeleitete Flüchtlings- eigenschaft, die in der vorliegend angefochtenen Verfügung gar nicht mehr thematisiert wurde. E-2831/2018 Seite 10 Es ergibt sich, dass das SEM mit der angefochtenen Verfügung vom 12. April 2018 über das Familienasyl der Beschwerdeführerin gar nicht mehr (weder gutheissend noch abweisend) materiell hätte befinden dürfen, da es dies bereits mit der Verfügung vom 17. Juli 2015 (gutheissend) tat. Ob die damalige Gewährung des Familienasyls zu Recht erfolgte – die Be- schwerdeführerin befand sich damals im Gegensatz zu ihren Geschwistern noch gar nicht in der Schweiz – ist im vorliegenden Verfahren nicht zu be- urteilen. Im Übrigen ist offensichtlich auch nicht von einem bloss redaktio- nellen Versehen in der angefochtenen Verfügung auszugehen, zumal die dortige materielle Ablehnung des Familienasyls übereinstimmend sowohl im Dispositiv als auc h in der Begründung (vgl. dort insb. letzte zwei Ab- schnitte) erfolgte, sich ausdrücklich auf das «Gesuch um Familienvereini- gung vom 10. Mai 2012» (vgl. ganz am Ende der Begründung) bezog und insbesondere mit den nicht erfüllten Voraussetzungen von Art. 51 AsylG (vgl. Verfügung S. 2, 1. Abschnitt) begründet wurde. In letzterem Zusam- menhang ist im Übrigen klarzustellen, dass eine Gewährung oder Verwei- gerung des Familienasyls ohnehin nicht mit dem Argument ihrer Rechts- folge des Entscheids über die Einreisebewilligung begründbar ist, sondern umgekehrt der Entscheid über die Einreisebewilligung von einer An- spruchsberechtigung im Hinblick auf das Familienasyl abhängt. Ziffer 2 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung vom 12. April 2018 ist somit ersatzlos aufzuheben. 6.3 Eine nach Art. 51 Abs. 4 AsylG auszustellende Einreisebewilligung kann, wie zuvor (E. 6.2) bereits angesprochen, nur im direkten Zusammen- hang mit dem Familienasyl beziehungsweise im Hinblick auf d essen Prü- fung in der Schweiz erteilt werden. Sie hat mithin akzessorischen Charak- ter. Dies geht denn auch schon aus dem klaren Wortlaut von Art. 51 Abs. 4 AsylG hervor, der von «anspruchsberechtigten Personen nach Absatz 1» spricht. Im am 22. Juli 2020 ergangenen und kürzlich publizierten Urteil BVGE 2020 VI/1 wird dieser Zusammenhang durch die systematische Aus- legung bestätigt (vgl. dort E. 8.3.2). Die Erteilung der Einreisebewilligung setzt mithin (u.a.) voraus, dass eine Person tatsächlichen oder potenziellen Anspruch auf das Familienasyl hat. Dementsprechend kann auch ein Wi- derruf der Einreisebewilligung nicht erfolgen, solange das Familienasyl be- steht. Andernfalls würde das erteilte Familienasyl durch einen Widerruf der Einreisebewilligung seines Sinnes entleert. Ein wie vom SEM verfügter Wi- derruf der Einreisebewilligung wäre somit vorliegend einzig in direktem Zu- sammenhang mit einem Widerruf oder allenfalls einem Erlöschen des Fa-E-2831/2018 Seite 11 milienasyls statthaft. Aus E. 6.2 oben ergibt sich aber, dass das der Be- schwerdeführerin mit Verfügung vom 17. Juli 2015 erteilte Familienasyl weiterhin Bestand hat, und ein Widerruf des Familienasyls wurde vom SEM bislang nicht verfügt. Ziffer 1 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung vom 12. April 2018 ist somit ebenfalls ersatzlos aufzuheben. 6.4 Aus dem bisher Erwogenen (ersatzlose Aufhebung der Ziffern 1 und 2 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung vom 12. April 2018) ergibt sich, dass die unbefristet erteilte Einreisebewilligung des SEM vom 4. De- zember 2013 und das mit Verfügung vom 17. Juli 2015 gewährte Familien- asyl für die Beschwerdeführerin nach wie vor Gültigkeit haben. Anlass zur Rückweisung der Sache an das SEM zur Wiederaufnahme des Verfahrens und zur Neubeurteilung besteht angesichts dieses reinen Kassationsaus- ganges nicht , denn es existiert bereits eine rechts beständig geregelte Rechtslage betreffend die Beschwerdeführerin. Hingegen ist es dem SEM jederzeit unbenommen, einen (anfechtbaren) Widerru f des Familienasyls zu verfügen und rechtsgenüglich zu begründen. Erst gestützt darauf stünde der Weg für einen Widerruf der Einreisebewilligung offen, der gleichzeitig mit dem Widerruf des Familienasyls erfolgen kann und seiner- seits einer rechtsgenüglichen Begründung bedarf . Im Hinblick auf den möglichen Erlass einer solchen Verfügung käme das SEM zum einen kaum umhin, den argumentativen Inhalt der vorliegenden Beschwerde zu be- rücksichtigen und zu würdigen. Zum andern würde sich aus Sicht des Bun- desverwaltungsgerichts auch eine Auseinandersetzung mit dem in Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kin- des (KRK, SR 0.107) verankerten Kindeswohl aufdrängen, dies insbeson- dere unter Abwägung der Vor - und Nachteile eines Verbleibs der Be- schwerdeführerin bei der leiblichen Mutter und in einer vertrauten Umge- bung beziehungsweise einer gänzlichen Neuges taltung ihres Lebens bei einer Migration in die Schweiz. Ebenso könnten angesichts ihres Alters ([…] Lebensjahr) auch die ganz persönliche Einstellung der Beschwerde- führerin zu dieser Frage sowie der Umstand, dass sie vor dem Eintritt in eine für sie persönlichkeitsprägende Lebensphase steht, von Relevanz für die Beurteilung sein. 6.5 Der Vollständigkeit halber ist b etreffend Anweisung an das SEM zur Ermächtigung der Schweizer Botschaft in Khartum zur Ausstellung eines Einreisevisums festzuhalten, dass die Besc hwerdeführerin, wie oben ge- sehen, über eine rechtsgültig und unbefristet erteilte Einreisebewilligung E-2831/2018 Seite 12 des SEM für die Schweiz verfügt. Diese Bewilligung kann nicht dadurch faktisch wieder zunichtegemacht werden, dass das SEM der betreffenden Botschaft keine Ermächtigung zur Visumsausstellung erteilt. Die Erteilung einer solchen Ermächtigung ist indessen ein an die Botschaft gerichteter Verwaltungsakt des SEM. Die Person, an die das Visum erteilt werden soll, ist an dieser Ermächtigung jedoch nicht direkt beteiligt, sondern nur, aber immerhin davon begünstigt. Bei diesem Verwaltungsakt und insbesondere der Frage, welche Botschaft nun für die Erteilung de s Einreisevisums er- mächtigt werden soll, handelt es sich mithin um eine reine Vollzugsmoda- lität betreffend die erteilte Einreisebewilligung . Der vorliegende Fall zeigt denn auch den Vorteil einer solchen Einordnung als Vollzugsmodalität, da die ursprüngliche Ermächtigung der Schweizer Botschaft in Äthiopien z ur Visumserteilung einer späteren Ermächtigung der Schweizer Botschaft im Sudan zur Visumserteilung grundsätzlich nicht entgegensteht, denn die Er- mächtigung zur Visumserteilung ist nicht Teil der am 4. Dezember 2013 verfügten Einreisebewilligung. 7. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzt und ihr Dispositiv in beiden Ziffern ersatzlos aufzuhe- ben ist. Die Beschwerde ist insoweit gutzuheissen. Es ist festzustellen, dass die am 4. Dezember 2013 vom SEM erteilte Einreisebewilligung und das am 17. Juli 2015 vom SEM verfügte Familienasyl betreffend die Be- schwerdeführerin nach wie vor Gültigkeit haben. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens im Kassationsantrag (Aufhebung der angefochtenen Verfügung) in Anwen- dung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs- gericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die notwendiger- weise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei- kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehe nden Bemessungsfaktoren E-2831/2018 Seite 13 (Art. 9–13 VGKE) ist der Beschwerdeführerin zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1'200.– zuzusprechen. E-2831/2018 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die angefochtene Verfügung wird vollumfänglich aufgehoben und die Be- schwerde wird insoweit gutgeheissen. 2. Es wird festgestellt, dass die am 4. Dezember 2013 vom SEM erteilte Ein- reisebewilligung und das am 17. Juli 2015 vom SEM verfügte Familienasyl betreffend die Beschwerdeführerin nach wie vor Gültigkeit haben. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1'200.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Roswitha Petry Urs David Versand: