Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 30. April 2015 (710 14 181 / 104) ____________________________________________________________________ Alters- und Hinterlassenenversicherung Wiedererwägung aufgrund zweifelloser Unrichtigkeit der ursprünglichen Verfügungen; Qualifizierung des Beschwerdeführers als Nichterwerbstätiger im Sinne von Art. 28 bis Abs. 1 AHVV und rückwirkende Erhebung von AHV-Beiträgen gestützt auf Art. 28 AHVV Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsri chter Daniel Noll, Kantons- richter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin Barbara Vögtli Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Dr. Markus Reich , Adv o- kat, Faissgärtli 17, Postfach 641, 4144 Arlesheim gegen Ausgleichskasse Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff Beiträge A. A.____ war bis Ende September 2001 bei der B.___ _ AG angestellt und entrichtete AHV/IV/EO-Beiträge als Unselbständigerwerbender. Im Jahr 2002 entrichtete er AHV-Beiträge als Nichterwerbstätiger an die Ausgleichskasse Basel-Landschaft (Ausgleichskasse). Ab dem 1. März 2003 war der Versicherte als selbständigerwerb ender Berater des Gesundheitsprodukts X.____ im Haupterwerb unter der Firma „C.____“ der Ausgleichskasse zur Bezahlung der Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht AHV/IV/EO-Beiträge unterstellt. Seine Ehefrau ist seit dem 1. Januar 2002 als Nichterwerbstäti- ge der Ausgleichskasse angeschlossen. Dementsprechend hat di e Ausgleichskasse bis Ende 2012 – letztmals mit Verfügung vom 31. Oktober 2013 – g estützt auf die jeweiligen Steuerver- anlagungen vom Versicherten Beiträge als Selbständigem im Haupterwerb erhoben. Weil das Einkommen des Versicherten jeweils nur wenig über dem e infachen Mindestbetrag lag, wurden von der Ehefrau des Versicherten Beiträge als Nichterwerbstätige erhoben. Mit Schreiben vom 3. Dezember 2013 teilte die Ausglei chskasse dem Versicherten mit, dass er rückwirkend ab 1. Januar 2008 als Nichterwerbstätiger bzw. als Selbständigerwerbender im Nebenerwerb eingestuft werde, da er über Jahre hinweg nur ein minimales Einkommen erzielt habe, das zur Deckung des Lebensbedarfs seiner fünfköpfigen Familie nicht ausreiche. Auf- grund des geringen Einkommens sei davon auszugehen, da ss er nur gelegentlich arbeitstätig sei und seinen Lebensunterhalt sowie den Unterhalt sei ner Familie hauptsächlich aus dem Vermögen der Ehefrau bestreite. Dementsprechend bemass die Ausgleichskasse die Beitrags- pflicht für die Beitragsperioden 2008 bis 2012 mit fün f separaten Verfügungen vom 3. Dezem- ber 2013 rückwirkend neu und verrechnete diese mit den bereits erhobenen Beiträgen und er- mittelte so einen Saldo zugunsten der Ausgleichskasse und damit eine Nachzahlungspflicht von insgesamt Fr. 38‘020.55. Die gegen diese Verfügungen vo n A.____ erhobene Einsprache wies die Ausgleichskasse mit Einspracheentscheid vom 21. Mai 2014 ab. In der Begründung hielt sie im Wesentlichen fest, dass in verfahrensrechtlicher Hinsicht keine Revision vorliege, da die ur- sprünglichen Beitragsverfügungen, in denen der Versichert e als selbständig Erwerbender im Haupterwerb behandelt worden sei, nicht aufgehoben würden. Vielmehr würden die bereits ge- leisteten Beiträge an die geschuldeten Beiträge als Nich terwerbstätiger angerechnet. Die Revi- sionsvoraussetzungen müssten daher nicht geprüft werden. B. Dagegen erhob der Beschwerdeführer, vertreten durch Dr. Markus Reich, Advokat, am 20. Juni 2014 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Land schaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht (Kantonsgericht), und liess die Aufhebung des angefochtenen Einspracheent- scheids, der fünf Verfügungen vom 3. Dezember 2013 und der gleichzeitig mit den Verfügungen erlassenen Anschlussbestätigung als Nichterwerbstätiger un d der Beitragsabrechnung vom Dezember 2012 mit einem Saldo zugunsten der Beschwerd egegnerin von insgesamt Fr. 38‘020.55 beantragen. Ausserdem sei die Akontobeit ragsabrechnung vom 3. Dezember 2013 für die Beitragsperiode vom 1. Januar 2013 bis 31 . Dezember 2013 aufzuheben. Zudem sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer nach wie vor ab dem 1. Januar 2008 als Selb- ständigerwerbender im Haupterwerb einzustufen sei und es seien die vergangenen wie auch die zukünftigen Beitragsverfügungen gestützt darauf vor zunehmen; unter o/e-Kostenfolge. Zur Begründung wurde im Wesentlichen geltend gemacht, dass für ein Rückkommen auf die rechtskräftigen Verfügungen entgegen dem Dafürhalten der Beschwerdegegnerin sehr wohl die Revisionsvoraussetzungen erfüllt sein müssten. Diese Vorausse tzungen seien im vorliegenden Fall aber nicht erfüllt, da sich der Sachverhalt seit 20 03 nicht verändert habe. Im Übrigen verstosse eine rückwirkende Neueinstufung auch gegen Treu und Glauben. Im Weiteren sei der Erwerb des Beschwerdeführers kein Nebenerwerb, sondern sein einziger Haupterwerb, den er das ganze Jahr über mit einem Pensum von über 50 % bet reibe. Der geringe Gewinn stehe einer Qualifikation als Haupterwerb nicht entgegen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht C. Mit Vernehmlassung vom 6. August 2014 beantragte di e Beschwerdegegnerin die Ab- weisung der Beschwerde. D. Anlässlich der Urteilsberatung vom 25. September 20 14 stellte das Kantonsgericht fest, dass die Voraussetzungen für eine Revision der ursprün glichen Verfügungen nicht erfüllt sind, dass aber ein Rückkommen auf die Verfügungen allen falls auch unter dem Titel der Wie- dererwägung zulässig ist und dass das Kantonsgericht bei ei ner zweifellosen Unrichtigkeit eine fälschlicherweise in einem Revisionsverfahren verfügte Au fhebung mit der substituierten Be- gründung der Wiedererwägung schützen kann. Weil sich die Parteien im Verfahren bisher noch nicht zu den Voraussetzungen einer allfälligen Wiedere rwägung geäussert hatten, stellte das Kantonsgericht den Fall aus und ordnete einen zweiten Schriftenwechsel zu dieser Frage an. E. Mit Vernehmlassung vom 13. Januar 2015 hielt der Besch werdeführer an seinen Rechtsbegehren fest. Die ursprünglichen Verfügungen und die Einstufung des Beschwerdefüh- rers als Selbständigerwerbender im Hauptberuf seien korr ekt und nicht unrichtig, schon gar nicht zweifellos unrichtig, weil es sich um einen Ermessense ntscheid handle. Im Übrigen habe die Vorinstanz im Beschwerdeverfahren nie ein Begehren a uf Wiedererwägung gestellt und damit auf eine Wiedererwägung verzichtet. Folglich verb leibe auch kein Raum für eine Wieder- erwägung durch das Kantonsgericht. F. Mit Duplik vom 9. Februar 2015 hielt die Beschwerdeg egnerin an ihrem Antrag auf Ab- weisung der Beschwerde fest. G. Mit Eingabe vom 24. März 2015 nahm der Beschwerdef ührer abschliessend Stellung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 84 des Bundesgesetzes über die Alters- un d Hinterlassenenversicherung (AHVG) vom 20. Dezember 1946 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemei- nen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 kann gegen Verfügungen und Einspracheentscheide kantonaler Ausgleichskassen beim Versicherungsgericht am Ort der Ausgleichskasse innerhalb von 30 Tagen Beschwerde erhoben werden. Das Kantonsgericht ist deshalb gemäss § 54 Abs. 1 lit. d des Gesetzes über die V erfassungs- und Verwaltungspro- zessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 örtlich und sachlich zuständig. Auf die im Übrigen form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 2. Streitgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahren s bildet die Frage, ob der Beschwerdeführer für die Jahre 2008 bis 2012 AHV-recht lich als Erwerbstätiger oder als Nicht- erwerbstätiger beitragspflichtig ist. Dabei ist zwischen den Parteien strittig, ob die Beschwerde- gegnerin rückwirkend weitere AHV-Beiträge im Gesamtbetr ag von Fr. 38‘020.55 erheben darf. Im Rahmen der ersten Urteilsberatung hat das Kantonsge richt festgestellt, dass ein Rückkom- men der Beschwerdegegnerin auf die ursprünglichen Verfü gungen nur zulässig ist, wenn ein Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht entsprechender gültiger Rückkommenstitel vorliegt. Als R ückkommenstitel kämen die Revision im Sinne von Art. 53 Abs. 1 ATSG oder die Wiedererwägung im Sinne von Art. 53 Abs. 2 ATSG in Frage. Das Kantonsgericht hat als erstes die Voraussetzungen der Revision geprüft und fest- gestellt, dass die Umstände, welche die Beschwerdegegnerin zur Neuverfügung veranlasst ha- ben, nämlich das krasse Missverhältnis zwischen dem Erwerbsein kommen und dem Vermö- gensertrag bzw. dem Vermögen, nicht neu im Sinne von Ar t. 53 Abs. 1 ATSG sind, so dass die Voraussetzungen für eine Revision nicht erfüllt sind. Weit er hat das Kantonsgericht festgestellt, dass es bei einer zweifellosen Unrichtigkeit eine fälschli cherweise in einem Revisionsverfahren verfügte Aufhebung einer Verfügung mit der substituie rten Begründung der Wiedererwägung schützen kann. Weil sich die Parteien im Verfahren bisher noch nicht zu den Voraussetzungen einer allfälligen Wiedererwägung geäussert hatten, h at das Kantonsgericht den Fall ausgestellt und einen zweiten Schriftenwechsel zu dieser Frage ange ordnet (vgl. Beschluss vom 25. Sep- tember 2014). 3.1 Während die Beschwerdegegnerin in ihrer Stellung nahme auch die Voraussetzungen der Wiedererwägung als erfüllt ansieht und daher an i hrem Antrag auf Abweisung der Be- schwerde festhält, vertritt der Beschwerdeführer die Auf fassung, dass die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung nicht erfüllt seien und dass mange ls entsprechenden Antrags der Be- schwerdegegnerin eine Wiedererwägung gar nicht erst geprüft werden dürfe. 3.2 Es ist richtig, dass die Beschwerdegegnerin die Vorau ssetzungen der Wiedererwägung nie geprüft hat und auch im Rahmen des Beschwerdeverfahrens, selbst in der Replik, nie einen Wiedererwägungsantrag gestellt hat, sondern nach wie vor implizit der Auffassung zu sein scheint, dass die Revisionsvoraussetzungen erfüllt seien. 3.3 Gemäss Wortlaut von Art. 53 Abs. 3 ATSG ist eine Wie dererwägung jederzeit möglich, namentlich auch wenn die Voraussetzungen einer Revision nicht erfüllt sind. Wird die zweifello- se Unrichtigkeit der ursprünglichen Verfügung erst vom Gericht festgestellt, so kann das Gericht die im Revisionsverfahren erlassene Neuverfügung mit dieser substituierten Begründung schüt- zen (Urteil des Bundesgerichts vom 20. November 2008, 9C _342/2008, E. 5.1, BGE 125 V 368 E. 2). Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers ist kein entsprechender Antrag der verfü- genden Behörde erforderlich. Das Gericht wendet das mass gebliche Recht von Amtes wegen an, unabhängig von einem allfälligen Antrag. Alles a ndere ist aufgrund des Gleichbehandlungs- gebotes nicht vertretbar. Einzige Grenze der Durchsetzung der Forderung bildet der Eintritt ei- ner Verwirkung des Anspruchs. 4. Im Folgenden zu prüfen ist also, ob allenfalls die Voraussetzungen für eine Wiederer- wägung der rechtskräftigen Beitragsverfügungen erfüllt si nd. Die Wiedererwägung setzt – wie bereits erwähnt – vorab die zweifellose Unrichtigkeit de r ursprünglichen Verfügung voraus. Die Frage nach der zweifellosen Unrichtigkeit als Voraussetzu ng für die Wiedererwägung ist ge- mäss ständiger Praxis nach der Sach- und Rechtslage zu beu rteilen, welche bestand, als die ursprüngliche Verfügung erging (BGE 140 V 77 E. 3.1 m it Hinweisen). Zweifellos unrichtig ist eine Verfügung dann, wenn kein vernünftiger Zweifel möglich ist, dass eine Unrichtigkeit vor- liegt. Nur ein einziger Schluss – nämlich auf Unrichtigke it der Verfügung – ist möglich. Das Er- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht fordernis der zweifellosen Unrichtigkeit ist in der Regel erfüllt, wenn eine gesetzeswidrige Leis- tungszusprechung auf Grund falscher oder unzutreffender R echtsregeln erlassen wurde oder wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig an gewandt wurden oder eine klare höchstrichterliche Praxis nicht beachtet wurde. Die Wiedererwägung ist jederzeit möglich. 5.1 Im vorliegenden Fall lag der Beschwerdegegnerin b ei Erlass der ursprünglichen Verfü- gungen folgende rechtliche Ausgangssituation vor. Die i n der Alters- und Hinterlassenenversi- cherung versicherten Personen sind gemäss Art. 3 Abs. 1 Satz 1 AHVG beitragspflichtig, so- lange sie eine Erwerbstätigkeit ausüben. Die Beiträge der erwerbstätigen Versicherten werden in Prozenten ihres Einkommens aus unselbständiger und selb ständiger Erwerbstätigkeit festge- setzt (Art. 4 Abs. 1 AHVG). 5.2 Art. 10 Abs. 3 AHVG verweist für die Definition d er Nichterwerbstätigkeit bzw. für die Abgrenzung zwischen Erwerbstätigen und Nichterwerbstätig en sowie für die entsprechende Bemessung der Beiträge auf den Verordnungsweg. Art. 2 8 bis der Verordnung über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVV) vom 31. Oktober 194 7 hält dazu fest, dass Personen, die nicht dauernd voll erwerbstätig sind, die Beiträge wie Nichterwerbstätige leisten müssen, wenn ihre Beiträge vom Erwerbseinkommen zusammen mit de nen ihres Arbeitgebers in einem Kalenderjahr nicht mindestens der Hälfte des Beitrages nach Art. 28 AHVV entsprechen. Ihre Beiträge vom Erwerbseinkommen müssen auf jeden Fall d en Mindestbeitrag nach Art. 28 AHVV erreichen. 5.3 Volle Erwerbstätigkeit im Sinne von Art. 28 bis Abs. 1 AHVV liegt gemäss bundesgericht- licher Rechtsprechung in der Regel vor, wenn für (sel bständige oder unselbständige) Tätigkeit ein erheblicher Teil der im betreffenden Erwerbszweig üblichen Arbeitszeit aufgewendet wird. Diese Voraussetzung ist nach der Verwaltungspraxis und Re chtsprechung erfüllt, wenn die bei- tragspflichtige Person während mindestens der halben ü blichen Arbeitszeit tätig ist (Urteil des Bundesgerichts vom 9. Juli 2008, 9C_545/2007). Dieses Präj udiz lag bei Erlass der ursprüngli- chen Verfügungen bereits vor. Mit der Regelung von Art . 28 bis Abs. 1 AHVV wird verhindert, dass die Beitragspflicht als nicht erwerbstätige Person du rch die Ausübung einer geringfügigen oder bloss sporadischen Erwerbstätigkeit umgangen werden kann. Soweit eine beitragspflichti- ge Person praktisch gesehen vom Vermögen oder vom Ertrag desselben lebt, darf nicht leicht- hin auf die Annahme einer Erwerbstätigkeit geschlossen werden, wenn die betreffende Person eine Tätigkeit ausübt, deren Erwerbscharakter nicht kla r erstellt ist oder deren wirtschaftliche Bedeutung gering ist. 5.4 In verfahrensrechtlicher Hinsicht gilt gemäss Art. 61 l it. c ATSG der Grundsatz der freien Beweiswürdigung, d.h. der Sachverhalt ist ohne Bindung an förmliche Beweisregeln frei sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur d ann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind (M AX KUMMER , Grundriss des Zivilprozessrechts, 4. Auflage, Bern 1984, S. 136). Das Gericht hat im S ozialversicherungsrecht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nichts Abweichendes vorsieht, nach dem Be weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jen er Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wa hrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360 E. 5b, 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen). Kann der massgebliche Sachverhalt trotz Ausschöpfung dieses Rahmens nicht im Ausmass der überwiegen den Wahrscheinlichkeit eru- iert werden, liegt Beweislosigkeit vor. Diesfalls ist nac h der im Sozialversicherungsrecht gelten- den allgemeinen Beweislastregel zu entscheiden, wonach zu Ungunsten derjenigen Partei ge- urteilt werden muss, die aus der unbewiesen gebliebenen Tatsache Rechte ableitet. 6.1 Gemäss ständiger Rechtsprechung beurteilt sich die Erwerbsabsicht nicht danach, wie sich die beitragspflichtige Person selbst – subjektiv – qua lifiziert (BGE 115 V 171; ZAK 1991 S. 312). Entscheidend sind vielmehr die tatsächlichen wirtscha ftlichen Verhältnisse und Gegeben- heiten, die durch eine solche Tätigkeit begründet werd en oder in deren Rahmen eine solche ausgeübt wird. Mit anderen Worten muss die behauptete Erwerbsabsicht aufgrund der konkre- ten wirtschaftlichen Tatsachen nachgewiesen sein. Im vo rliegenden Fall behauptet der Be- schwerdeführer zwar, dass er ein Arbeitspensum von mehr als 50 % erfülle, was aber bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von Fr. 11‘665.-- nach mehr als fünf Jahren Selbständig- keit ganz offensichtlich nicht zutreffen kann (gemäss definitiven Veranlagungsverfügungen: Jah- reseinkommen 2008: Fr. 9‘147.--, Jahreseinkommen 200 9: Fr. 8‘427.--, Jahreseinkommen 2010: Fr. 10‘942.--, 2011: Jahreseinkommen 17‘712.--, Jahreseinkommen 2012: Fr. 12‘108.--). Für ein monatliches Einkommen von durchschnittlich unte r Fr. 1‘000.-- erscheint ein Arbeits- pensum von über 50 % völlig unwahrscheinlich. Es ist dah er erstellt, dass der Beschwerdefüh- rer nicht während mindestens der halben üblichen Arbeitszeit tätig ist. 6.2 Als weitere Voraussetzung für die Qualifikation als Nichterwerbstätiger verlangt Art. 28 bis AHVV, dass die Beiträge aufgrund des Einkommens des Besch werdeführers aus sei- ner selbständigen Tätigkeit unter der Hälfte der Bei träge liegen, die gemäss Art. 28 AHVV ge- schuldet sind. Dies trifft im vorliegenden Fall klar zu. In masslicher Hinsicht ermittelte die Be- schwerdegegnerin, ausgehend von den Angaben in den Steu ermeldungen, die mit den bereits bezahlten Beiträgen aus der selbständigen Erwerbstätigk eit zu vergleichenden Grenzwerte. Darauf wird verwiesen. Für das Jahr 2008 betragen die B eiträge gemäss dem erzielten Ein- kommen Fr. 500.40 und gemäss Art. 28 AHVV Fr. 1‘717.--. Für das Jahr 2009 betragen die Bei- träge gemäss dem erzielten Einkommen Fr. 460.20 und ge mäss Art. 28 AHVV Fr. 2‘828.--. Für das Jahr 2010 betragen die Beiträge gemäss dem erzielten Einkommen Fr. 583.20 und gemäss Art. 28 AHVV Fr. 2‘525.--. Für das Jahr 2011 betragen die Beiträge gemäss dem erzielten Ein- kommen Fr. 988.80 und gemäss Art. 28 AHVV Fr. 10‘300.--. Und schliesslich für das Jahr 2012 betragen die Beiträge gemäss dem erzielten Einkommen F r. 662.40 und gemäss Art. 28 AHVV Fr. 20‘188.--. 6.3 In sämtlichen verfügten Beitragsperioden haben die Beiträge gemäss dem erzielten Einkommen sehr deutlich unter der Hälfte der Beiträge gelegen, die gemäss Art. 28 AHVV ge- schuldet sind. Dies war damals beim Erlass der ursprünglich en Verfügungen für die Beschwer- degegnerin ohne weiteres erkennbar, ebenso wie der U mstand, dass die Arbeitstätigkeit des Beschwerdeführers klarerweise unter 50 % gelegen hat. Nachdem auch die Rechtslage damals wie heute unverändert ist und namentlich die bundesgerichtliche Praxis zur Definition der vollen Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Erwerbstätigkeit bereits beim Erlass der ersten ursprüng lichen Verfügung bekannt war, hätte die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer mindestens seit 2008 klarerweise als Nichter- werbstätigen qualifizieren und die AHV-Beiträge auf d er Grundlage von Art. 28 AHVV festlegen müssen. 7. Die ursprünglichen Verfügungen vom 30. September 20 09 (Beitragsperiode 1. Januar 2008 bis 31. Dezember 2008), vom 10. Januar 2012 (Bei tragsperiode 1. Januar 2010 bis 31. Dezember 2010), vom 24. Februar 2012 (Beitragsperiode 1. Januar 2009 bis 31. Dezember 2009), vom 27. August 2013 (Beitragsperiode 1. Januar 2011 bis 31. Dezember 2011) und vom 31. Oktober 2013 (Beitragsperiode 1. Januar 2012 bis 31. Dezember 2012) erweisen sich damit als zweifellos unrichtig. Als weitere Voraussetzung für ei ne Wiedererwägung schliesslich nennt Art. 53 Abs. 2 ATSG die erhebliche Bedeutung der Beri chtigung. Die erhebliche Bedeutung der Berichtigung wird bei einem Betrag von wenigen hunder t Franken praxisgemäss abgelehnt. Im vorliegenden Fall liegen die Differenzbeträge aber zwi schen Fr. 1‘253.20 und Fr. 19‘916.20, so dass die erhebliche Bedeutung zu bejahen ist. 8. Mit Art. 16 Abs. 1 AHVG wird der Möglichkeit, Beitr äge nachzufordern, eine zeitliche Grenze gesetzt (vgl. dazu U ELI KIESER , Alters- und Hinterlassenenversicherung, in: Rechtspre- chung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Hrsg : Murer/Stauffer, 3. Aufl. Zürich 2012, Art. 16 N 1ff.). Die auf fünf Jahre zurück erhob enen Beitragsforderungen sind auch unter verwirkungsrechtlichem Aspekt zulässig. 9. Insgesamt sind in Bezug auf alle ursprünglichen Beitr agsverfügungen die Vorausset- zungen der Wiedererwägung erfüllt. Die weiteren Bere chnungsgrundlagen blieben unbestritten und es bestehen keine Anhaltspunkte für die Annahme, d ass diese nicht zutreffend sein könn- ten. Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass der Besch werdeführer als Nicht- erwerbstätiger zu qualifizieren ist und die persönlichen Beiträge für die Beitragsperioden 2008 bis 2012 – wie im angefochtenen Einspracheentscheid bere chnet – in Anwendung von Art. 28 AHVV in der Höhe von Fr. 38‘020.55 zu bezahlen hat. Der angefochtene Einspracheentscheid vom 21. Mai 2014 erweist sich nach dem Gesagten als rechte ns, was zur Abweisung der Be- schwerde führt. 10. Art. 61 lit. a ATSG bestimmt, dass das Verfahren vor dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vo rliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Die ausserordentlichen Kosten sind gemäss dem Prozessausgang wettzuschlagen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht