<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 48 S.175</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">175</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>48</b></span> <span class="ft3"><b>Verhältnismässigkeit von Zwangsmedikationen; Notfallmassnahmen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nach Patientendekret im Rahmen fürsorgerischer Freiheitsentziehung be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schwerdefähig?</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 13. Juni 2000 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen D.V. gegen Verfügung des Bezirksarzt-Stellvertreters L. und Ent-</span><br/> <span class="ft4">scheide der Klinik Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. a) Die Beschwerdeführerin wurde erstmals am 23. Mai 2000</span><br/> <span class="ft1">als Notfallmassnahme mit 150 mg Clopixol acutard intramuskulär</span><br/> <span class="ft1">und einer Ampulle Temesta à 4 mg intravenös zwangsmediziert. Mit</span><br/> <span class="ft1">Zwangsmassnahme-Entscheid vom 26. Mai 2000 ordnete die Klinik</span><br/> <span class="ft1">eine Behandlung der Beschwerdeführerin mit Clopixol-Depot</span><br/> <span class="ft1">250 mg intramuskulär und Clopixol acutard 150 mg intramuskulär</span><br/> <span class="ft1">an. Als Grund für die Massnahme wurde angegeben: "Verweigerung</span><br/> <span class="ft1">jeglicher Medikation bei aggressivem, fremdgefährlichen Zustands-</span><br/> <span class="ft1">bild".</span><br/> <span class="ft1">b) Wie bereits aufgezeigt, sind die Voraussetzungen einer für-</span><br/> <span class="ft1">sorgerischen Freiheitsentziehung erfüllt und es ist erstellt, dass die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin an einer chronischen paranoiden Schizophrenie</span><br/> <span class="ft1">leidet. Es bleibt daher zu prüfen, ob die angefochtene Zwangsbe-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">176</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">handlung in einem sachlichen Zusammenhang mit dieser Geistes-</span><br/> <span class="ft1">krankheit steht, medizinisch indiziert und verhältnismässig ist.</span><br/> <span class="ft1">4. Die Beschwerdeführerin wurde seit 1988 in mehr oder weni-</span><br/> <span class="ft1">ger regelmässigen Abständen im Zusammenhang mit der bei ihr</span><br/> <span class="ft1">festgestellten Schizophrenie immer wieder medikamentös behandelt.</span><br/> <span class="ft1">Nach ihrer ersten Hospitalisation in der Klinik Königsfelden wurde</span><br/> <span class="ft1">sie über Jahre mit Fluanxol-Depot behandelt. Sie brach diese Be-</span><br/> <span class="ft1">handlung zu einem nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt aufgrund</span><br/> <span class="ft1">der Nebenwirkungen wieder ab und musste in der Folge erneut in die</span><br/> <span class="ft1">Klinik eingewiesen werden. Nach ihrem Austritt leistete sie der</span><br/> <span class="ft1">Empfehlung der Klinik, unter ärztlicher Kontrolle Clopixol Depot</span><br/> <span class="ft1">einzunehmen, keine Folge und setzte auch eine anderweitige Medi-</span><br/> <span class="ft1">kation nach kurzer Zeit wieder ab, weil sie von den "ovalen, braune</span><br/> <span class="ft1">Kapseln" angeblich müde wurde. Genauere Angaben zu diesem Zeit-</span><br/> <span class="ft1">raum liegen nicht vor. Der Vorfall, welcher zu ihrer erneuten, aktuel-</span><br/> <span class="ft1">len Hospitalisation führte, und der gesamte Krankheitsverlauf bewei-</span><br/> <span class="ft1">sen, dass die Beschwerdeführerin zur Stabilisierung ihres Zustandes</span><br/> <span class="ft1">und zur Behandlung der Schizophrenie einer medikamentösen Be-</span><br/> <span class="ft1">handlung bedarf. Insofern und auch nach Ansicht des Fachrichters ist</span><br/> <span class="ft1">erwiesen, dass die von der Klinik verfügte Zwangsbehandlung im</span><br/> <span class="ft1">Zusammenhang mit der bei der Beschwerdeführerin vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">paranoiden Schizophrenie steht und medizinisch indiziert ist.</span><br/> <span class="ft1">5. a) aa) Eine neuroleptische Zwangsmedikation stellt zweifel-</span><br/> <span class="ft1">los einen schweren Eingriff in die persönliche Freiheit dar und darf</span><br/> <span class="ft1">daher nur erfolgen, wenn der Beschwerdeführerin die notwendige</span><br/> <span class="ft1">Fürsorge auf andere Weise nicht gewährleistet werden kann. Die</span><br/> <span class="ft1">Zwangsbehandlung kann nur verhältnismässig sein, wenn die per-</span><br/> <span class="ft1">sönliche Freiheit der Beschwerdeführerin auf längere Sicht durch die</span><br/> <span class="ft1">Verabreichung dieser Medikamente eindeutig weniger eingeschränkt</span><br/> <span class="ft1">wird als durch andere erforderliche Ersatzmassnahmen. So hat auch</span><br/> <span class="ft1">das Bundesgericht ausgeführt, eine Zwangsmedikation berühre den</span><br/> <span class="ft1">Kerngehalt des Grundrechtes der persönlichen Freiheit, weshalb von</span><br/> <span class="ft1">einer derart weitgehenden Massnahme nur mit der gebotenen Zu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">177</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">rückhaltung Gebrauch gemacht werden dürfe. Damit der Richter in</span><br/> <span class="ft1">der Lage sei, die Verhältnismässigkeit solcher Eingriffe zu beurtei-</span><br/> <span class="ft1">len, seien an die Aussagekraft einer Krankengeschichte hohe Anfor-</span><br/> <span class="ft1">derungen zu stellen. Je schwerer ein Eingriff wiege, desto sorgfälti-</span><br/> <span class="ft1">ger sei er folglich zu begründen (BGE 124 I 304). In der Lehre wird</span><br/> <span class="ft1">überdies die Meinung vertreten, dass das Verhältnismässigkeitsprin-</span><br/> <span class="ft1">zip für eine Zwangsbehandlung voraussetzt, dass die Vorteile der</span><br/> <span class="ft1">Massnahme die Nachteile eindeutig überwiegen (Thomas Geiser, Die</span><br/> <span class="ft1">fürsorgerische Freiheitsentziehung als Rechtsgrundlage für eine</span><br/> <span class="ft1">Zwangsbehandlung?, in: Familie und Recht, Festgabe der Rechtswis-</span><br/> <span class="ft1">senschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg für Bernhard</span><br/> <span class="ft1">Schnyder, Freiburg 1995, S. 311).</span><br/> <span class="ft1">bb) Grundsätzlich bedarf jede Behandlung und jeder medizini-</span><br/> <span class="ft1">sche Eingriff der Zustimmung des betreffenden Patienten, in Notfäl-</span><br/> <span class="ft1">len darf die Zustimmung vermutet werden (§ 15 Abs. 1 und 3 PD).</span><br/> <span class="ft1">Die Vermutung der Zustimmung rechtfertigt vorerst einen sofortigen</span><br/> <span class="ft1">notfallmässigen Eingriff, schliesst indes die nachträgliche Verhält-</span><br/> <span class="ft1">nismässigkeitsprüfung der zwangsweise angewandten Massnahme</span><br/> <span class="ft1">nicht aus. § 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Abs. 1 EG ZGB bezieht sich konkret auf Be-</span><br/> <span class="ft1">handlungen und Vorkehrungen, die - unter gegebenen Voraussetzun-</span><br/> <span class="ft1">gen - gegen den Willen der betroffenen Person im Rahmen einer</span><br/> <span class="ft1">fürsorgerischen Freiheitsentziehung in der Psychiatrischen Klinik</span><br/> <span class="ft1">Königsfelden vorgenommen werden. Damit muss § 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">EG ZGB</span><br/> <span class="ft1">als lex specialis § 15 PD vorgehen. Auch trat § 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">EG ZGB am</span><br/> <span class="ft1">3. Dezember 1999 als lex posterior im Wissen um die älteren Rege-</span><br/> <span class="ft1">lungen des Patientendekrets (Inkrafttreten: 1. September 1990) in</span><br/> <span class="ft1">Kraft (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller, Grundriss des Allgemeinen</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsrechts, 3. Auflage, Zürich 1998, Rz. 179). Auch der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsschutzgedanke verlangt, dass eine notfallmässig angewandte</span><br/> <span class="ft1">Zwangsbehandlung ebenfalls der Verhältnismässigkeitsprüfung zu</span><br/> <span class="ft1">unterstellen ist. Somit muss eine notfallmässig durchgeführte</span><br/> <span class="ft1">Zwangsbehandlung allen gesetzlichen Voraussetzungen genügen und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">178</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">unterliegt insbesondere auch der Beschwerdemöglichkeit gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Abs. 4 EG ZGB.</span><br/> <span class="ft1">b) Die erstmalige als Notfallintervention erfolgte Zwangsbe-</span><br/> <span class="ft1">handlung vom 23. Mai 2000 ist gesondert von der am 26. Mai 2000</span><br/> <span class="ft1">ordnungsgemäss von der PKK verfügten Zwangsmassnahme zu prü-</span><br/> <span class="ft1">fen. Die Beschwerdeführerin zeigte am 23. Mai 2000 ein stark psy-</span><br/> <span class="ft1">chotisches Zustandsbild und hat durch ihr Verhalten mehrere Ange-</span><br/> <span class="ft1">stellte der PKK massiv gefährdet, worauf eine notfallmässige</span><br/> <span class="ft1">Zwangsbehandlung als unumgänglich erachtet wurde. Weil sich die</span><br/> <span class="ft1">hochgradig psychotische und fremdgefährliche Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">nach der Flucht der Psychiatrie-Lehrschwester alleine mit den übri-</span><br/> <span class="ft1">gen Insassen auf der geschlossenen Abteilung befand, lag eine Aus-</span><br/> <span class="ft1">nahmesituation vor, die ein schnelles Eingreifen erforderlich machte.</span><br/> <span class="ft1">Die Tatsache, dass sich die Beschwerdeführerin nach erfolgter</span><br/> <span class="ft1">Zwangsmedikation innert kurzer Zeit beruhigte und damit die Situa-</span><br/> <span class="ft1">tion entschärft werden konnte, belegt, dass die Zwangsmassnahme</span><br/> <span class="ft1">geeignet war und zum gewünschten Resultat führte. Unter den ge-</span><br/> <span class="ft1">schilderten Umständen und in Anbetracht der Tatsache, dass die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin nur mit Hilfe mehrer Leute überwältigt werden</span><br/> <span class="ft1">konnte und dabei versuchte, einer Person in den Hals zu beissen,</span><br/> <span class="ft1">kam kein milderes Mittel als eine Zwangsmedikation in Betracht. Im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Fall war die Anordnung einer Zwangsmassnahme auch</span><br/> <span class="ft1">im Hinblick auf das Schutzbedürfnis der übrigen Insassen der ge-</span><br/> <span class="ft1">schlossenen Abteilung und des Klinikpersonals angebracht (vgl.</span><br/> <span class="ft1">§ 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Abs. 1 EG ZGB; § 15 Abs. 1 und 3 PD). Die notfallmässige</span><br/> <span class="ft1">durchgeführte Zwangsbehandlung vom 23. Mai 2000 genügt somit</span><br/> <span class="ft1">den gesetzlichen Anforderungen und ist als zulässig zu erachten.</span><br/> <span class="ft1">c) Weil die Beschwerdeführerin weiterhin aggressiv und fremd-</span><br/> <span class="ft1">gefährlich erschien und jegliche Medikation verweigerte, entschied</span><br/> <span class="ft1">die Klinik am 26. Mai 2000, die Beschwerdeführerin gegen ihren</span><br/> <span class="ft1">Willen mit Clopixol Depot 250 mg und Clopixol acutard 150 mg zu</span><br/> <span class="ft1">behandeln (Zwangsmassnahmen-Entscheid vom 26. Mai 2000). Ins-</span><br/> <span class="ft1">gesamt erhielt die Beschwerdeführerin bereits drei kurz wirksame</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">179</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">und zwei lang wirksame Spritzen, die nächste Depotspritze war für</span><br/> <span class="ft1">den 19. Juni 2000 vorgesehen. Der behandelnde Oberarzt führte</span><br/> <span class="ft1">anlässlich der Verhandlung aus, dass die Aggressionen nicht auf die</span><br/> <span class="ft1">Behandlung zurückzuführen seien, sondern immer dann auftreten</span><br/> <span class="ft1">würden, wenn das Klinikpersonal die Wünsche der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin nicht erfülle. Zudem sei von der Behandlung eine erhebliche</span><br/> <span class="ft1">Besserung und auch eine Krankheitseinsicht zu erwarten. Er sei nach</span><br/> <span class="ft1">wie vor von der Notwendigkeit der Zwangsbehandlung überzeugt.</span><br/> <span class="ft1">Nach der nächsten Depotspritze vom 19. Juni 2000 sei allenfalls ein</span><br/> <span class="ft1">"Gentleman-Agreement" mit der Beschwerdeführerin denkbar.</span><br/> <span class="ft1">Die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein Abbruch der medika-</span><br/> <span class="ft1">mentösen Behandlung regelmässig zu einer erneuten Exazerbation</span><br/> <span class="ft1">der bestehenden chronischen paranoiden Schizophrenie führte. Weil</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeführerin dies aber selbst nicht einsieht und sich kon-</span><br/> <span class="ft1">stant weigert, ihre Medikamente freiwillig einzunehmen, besteht</span><br/> <span class="ft1">keine andere Möglichkeit als die Zwangsmedikation, um ihr die nö-</span><br/> <span class="ft1">tige Fürsorge zukommen zu lassen. Namentlich in Anbetracht der</span><br/> <span class="ft1">prognostizierten guten Besserungschancen und der gleichzeitigen</span><br/> <span class="ft1">schlechten Compliance der Beschwerdeführerin, scheint eine medi-</span><br/> <span class="ft1">kamentöse Behandlung, wenn nötig während einer gewissen Zeit</span><br/> <span class="ft1">auch gegen den Willen der Beschwerdeführerin, ein geeignetes und</span><br/> <span class="ft1">erfolgsversprechendes Mittel hierzu. Ohne entsprechende Behand-</span><br/> <span class="ft1">lung hätte die Beschwerdeführerin mit einem wesentlich längeren</span><br/> <span class="ft1">Zwangsaufenthalt in der Klinik zu rechnen.</span><br/> <span class="ft1">d) Zusammenfassend ist die Beschwerde gegen die von der</span><br/> <span class="ft1">Klinik am 23. Mai durchgeführten bzw. 26. Mai 2000 angeordneten</span><br/> <span class="ft1">Zwangsmassnahmen abzuweisen. Die Zwangsmassnahmen stehen in</span><br/> <span class="ft1">einem sachlichen Zusammenhang mit der paranoiden schizophrenen</span><br/> <span class="ft1">Erkrankung der Beschwerdeführerin, sind medizinisch indiziert und</span><br/> <span class="ft1">verletzen den Grundsatz der Verhältnismässigkeit nicht.</span><br/></div> </div> </body> </html>