200 24 357 IV KOJ/ZID/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 11. September 2024 Verwaltungsrichter Kölliker, Kammerpräsident Verwaltungsrichterin Wiedmer, Verwaltungsrichterin Mauerhofer Gerichtsschreiber Zimmermann A.________ gesetzlich vertreten durch ihre Mutter B.________ vertreten durch C.________, Rechtsanwältin D.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 20. März 2024 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 2 Sachverhalt: A. Die im Juni 2015 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdefüh- rerin) meldete sich, gesetzlich vertreten durch ihre Mutter B.________, im März 2016 unter Hinweis auf zwei Geburtsgebrechen bei der Invalidenver- sicherung (IV) zum Leistungsbezug an (Akten der IV-Stelle Bern [IVB bzw. Beschwerdegegnerin], Antwortbeilage [AB] 2). Mit Verfügung vom 28. Juli 2016 lehnte die IVB eine Kostengutsprache für medizinische Massnahmen mit der Begründung ab, die versicherungsmässigen Voraussetzungen sei- en nicht erfüllt (AB 9). Auf Anmeldung vom April 2019 hin (AB 10) verneinte die IVB mit Verfügung vom 24. Februar 2021 einen Anspruch auf Hilflosen- entschädigung mit derselben Begründung (AB 35; vgl. auch AB 19). Im Januar 2022 ersuchte die Versicherte um Abklärung von Hilfsmitteln (AB 36); entsprechende Kostengutsprachen wurden am 12. Dezember 2022 und 16. März 2023 erteilt (AB 46, 51). Mit Mitteilung vom 31. August 2023 erteilte die IVB ferner Kostengutsprache für medizinische Massnah- men ab 27. März 2022 (AB 78; vgl. auch AB 96, 101, 108). Zudem beab- sichtigte die IVB mit Vorbescheid vom 16. November 2023, ab 27. März 2022 eine Hilflosenentschädigung für Minderjährige bei mittlerer Hilflosig- keit auszurichten (AB 88; vgl. auch AB 87). Auf Einwand der Versicherten hin (AB 97, 106) stellte die IVB fest, dass bereits seit Juni 2015 Erzie- hungsgutschriften angerechnet werden könnten und so die versicherungs- mässigen Voraussetzungen für eine Hilflosenentschädigung bereits im Fe- bruar 2021 erfüllt gewesen seien, und sie sprach der Versicherten (nach [erneuter] Einholung eines Abklärungsberichts Hilflosenentschädigung für minderjährige Versicherte vom 10. November 2023 [AB 87]) mit Verfügung vom 20. März 2024 eine Hilflosenentschädigung mittleren Grades ab 1. Ja- nuar 2022 zu (AB 116). B. Hiergegen liess die Versicherte, gesetzlich vertreten durch ihre Mutter und diese vertreten durch C.________, Rechtsanwältin D.________, am 3. No-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 3 vember 2023 Beschwerde erheben und beantragen, in Aufhebung der an- gefochtenen Verfügung sei ihr eine Hilflosenentschädigung ab 1. April 2018 auszurichten, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Be- schwerdegegnerin. Gleichzeitig ersuchte sie für den Fall, dass die Rechts- schutzversicherung die entsprechenden Kosten nicht übernimmt, um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Beiordnung von Rechtsanwältin D.________ als amtliche Anwältin. Mit Beschwerdeantwort vom 11. Juni 2024 beantragt die Beschwerdegeg- nerin die Abweisung der Beschwerde. Am 24. Juni und 9. Juli 2024 reichte die Beschwerdeführerin aufforde- rungsgemäss (vgl. prozessleitende Verfügungen vom 13. Mai und 12. Juni 2024) die Korrespondenz mit ihrer Rechtschutzversicherung, wonach diese für das vorliegende Verfahren im Rahmen eines Kostendachs von insge- samt 16 Stunden (mit Möglichkeit zur späteren Erweiterung) Kostengut- sprache leistet, sowie die Kostennote ihrer Rechtsvertreterin (mit einem Aufwand von 9.76 Stunden) ein. Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 4 zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 20. März 2024 (AB 116). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Hilflosenentschädigung. Hierbei bildet der Anspruch an sich Streit- gegenstand, nicht nur der von der Beschwerdeführerin bestrittene Beginn der zugesprochenen Leistungen (BGE 125 V 413; AHI 2001 S. 278 E. 1a; SVR 2019 IV Nr. 33 S. 100 E. 3.2). 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Am 1. Januar 2022 ist die Änderung vom 19. Juni 2020 des IVG (Weiterentwicklung der IV; AS 2021 705) in Kraft getreten. In zeitlicher Hin- sicht sind – vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen – grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgeblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1 S. 370, 144 V 210 E. 4.3.1 S. 213). Die angefochtene Verfügung datiert zwar vom 20. März 2024 (AB 116), der frühestmögliche Beginn des Anspruchs lag jedoch vor dem 1. Januar 2022 (vgl. E. 3.3 nachfolgend), weshalb grundsätzlich die Bestimmungen des IVG in der bist 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung (nachfol- gend aArt.) massgeblich sind. Allerdings brachte die Weiterentwicklung der IV in Bezug auf die Hilflosenentschädigung keine substanziellen Änderun-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 5 gen gegenüber der bis zum 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechts- lage (vgl. auch E. 2.4.5 nachfolgend). 2.2 2.2.1Gemäss Art. 6 Abs. 1 IVG haben schweizerische und ausländische Staatsangehörige sowie Staatenlose (unter dem hier nicht interessierenden Vorbehalt von Art. 39 IVG) Anspruch auf Leistungen der Invalidenversiche- rung gemäss den nachstehenden Bestimmungen. Ausländische Staatsan- gehörige sind, vorbehältlich Art. 9 Abs. 3 IVG, nur anspruchsberechtigt, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben und sofern sie bei Eintritt der Invalidität während min- destens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben (Art. 6 Abs. 2 Satz 1 IVG). 2.2.2Nach Art. 9 Abs. 3 IVG haben ausländische Staatsangehörige mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben, Anspruch auf Eingliede- rungsmassnahmen, wenn sie selbst die Voraussetzungen nach Art. 6 Abs. 2 IVG erfüllen oder wenn: a. ihr Vater oder ihre Mutter, falls sie ausländische Staatsangehörige sind, bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Bei- träge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben; und b. sie selbst in der Schweiz invalid geboren sind oder sich bei Eintritt der Invalidität seit mindestens einem Jahr oder seit der Geburt ununterbro- chen in der Schweiz aufgehalten haben. 2.2.3Als Beitragsjahre gelten (u.a.) auch Zeiten, für die Erziehungs- oder Betreuungsgutschriften angerechnet werden können (Art. 29 ter Abs. 2 lit. c des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1946 über die Alters- und Hinter- lassenenversicherung [AHVG; SR 831.10]). Gemäss Art. 29 sexies Abs. 1 AHVG wird Versicherten für diejenigen Jahre eine Erziehungsgutschrift angerechnet, in welchen ihnen die elterliche Sorge für eines oder mehrere Kinder zusteht, die das 16. Altersjahr noch nicht erreicht haben. Dabei wer-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 6 den Eltern, die gemeinsam Inhaber der elterlichen Sorge sind, jedoch nicht zwei Gutschriften kumulativ gewährt. Der Bundesrat regelt die Einzelheiten. 2.3Versicherte mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz, die hilflos (Art. 9 ATSG) sind, haben Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung. Vorbehalten bleibt Art. 42 bis (Art. 42 Abs. 1 IVG). Gemäss Art. 42bis Abs. 2 IVG haben Anspruch auf eine Hilflosenentschädi- gung auch minderjährige Ausländerinnen und Ausländer, sofern sie die Voraussetzungen von Art. 9 Abs. 3 IVG erfüllen. 2.4 Als hilflos gilt eine Person, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der per- sönlichen Überwachung bedarf (Art. 9 ATSG). Es ist zu unterscheiden zwi- schen schwerer, mittelschwerer und leichter Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 2 IVG). 2.4.1Die Hilflosigkeit gilt als schwer, wenn die versicherte Person vollständig hilflos ist. Dies ist der Fall, wenn sie in allen alltäglichen Le- bensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies der dauernden Pflege oder der persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 1 der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). 2.4.2Die Hilflosigkeit gilt als mittelschwer, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln a. in den meisten alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erhebli- cher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist; b. in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf; oder c. in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter und überdies dauernd auf lebens-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 7 praktische Begleitung im Sinne von Art. 38 IVV angewiesen ist (Art. 37 Abs. 2 IVV). Nach der Rechtsprechung ist im Rahmen von lit. a dieser Bestimmung Hilfsbedürftigkeit in mindestens vier alltäglichen Lebensverrichtungen vor- ausgesetzt (BGE 121 V 88 E. 3b S. 90). 2.4.3Die Hilflosigkeit gilt als leicht, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln a. in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist; b. einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf; c. einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders auf- wändigen Pflege bedarf; d. wegen einer schweren Sinnesschädigung oder eines schweren körperli- chen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleis- tungen Dritter gesellschaftliche Kontakte pflegen kann; oder e. dauernd auf lebenspraktische Begleitung im Sinne von Art. 38 IVV an- gewiesen ist (Art. 37 Abs. 3 IVV). 2.4.4Nach der herrschenden Praxis (BGE 133 V 450 E. 7.2 S. 463) sind die folgenden sechs alltäglichen Lebensverrichtungen relevant: - Ankleiden, Auskleiden; - Aufstehen, Absitzen, Abliegen; - Essen; - Körperpflege; - Verrichtung der Notdurft; - Fortbewegung (im oder ausser Haus), Kontaktaufnahme. Bei Minderjährigen ist nur der Mehrbedarf an Hilfeleistung und persönlicher Überwachung im Vergleich zu nicht behinderten Minderjährigen gleichen Alters zu berücksichtigen (Art. 37 Abs. 4 IVV). 2.4.5Nach aArt. 42 Abs. 4 IVG wird die Hilflosenentschädigung frühes- tens ab der Geburt und spätestens bis Ende des Monats gewährt, in wel- chem vom Rentenvorbezug gemäss Art. 40 Abs. 1 AHVG Gebrauch ge-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 8 macht oder in welchem das Rentenalter erreicht wird. Der Anspruchsbe- ginn richtet sich nach Vollendung des ersten Lebensjahres nach Art. 29 Abs. 1 IVG. Entgegen dem wörtlich verstandenen Verweis in aArt. 42 Abs. 4 IVG richte- te sich bereits unter dem bis zum 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Recht der zeitliche Beginn des Anspruchs auf Hilflosenentschädigung nicht nach Art. 29 Abs. 1 IVG. Vielmehr gelangte nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung sinngemäss die Bestimmung zu den Anspruchsvorausset- zungen für eine Rente zur Anwendung. Demnach entstand der Anspruch auf Hilflosenentschädigung analog zu Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG im Zeitpunkt, in dem die Hilflosigkeit während eines Jahres ohne wesentlichen Unter- bruch gedauert hat und voraussichtlich weiterhin andauern wird, ohne dass dabei die Karenzfrist von Art. 29 Abs. 1 IVG zur Anwendung gelangen wür- de (BGE 137 V 351 E. 5.1 S. 361, vgl. dazu die neue Formulierung von Art. 42 Abs. 4 IVG in der seit 1. Januar 2022 geltenden Fassung). 2.5Der Versicherungsträger kann auf formell rechtskräftige Verfügun- gen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Art. 53 Abs. 2 ATSG). Die Wiedererwägung dient der Korrektur einer an- fänglich unrichtigen Rechtsanwendung einschliesslich unrichtiger Feststel- lung im Sinne der Würdigung des Sachverhalts (BGE 148 V 195 E. 5.3 S. 202). 3. 3.1Nachdem ihre Mutter am TT. Februar 2015 von … in die Schweiz eingereist war (der Vater reiste am TT. Dezember 2015 nach; AB 2/2 f. Ziff. 2.5 und 2.11, 7/1), kam die Beschwerdeführerin am TT. Juni 2015 hier zur Welt (AB 2/1 Ziff. 1.3, 3/1, 4). Sie verfügt über eine im Kanton Bern ausgestellte Aufenthaltsbewilligung für vorläufig aufgenommene Ausländer (Ausweis F; AB 7/2). Mit dem Heimatland … hat die Schweiz kein Sozial- versicherungsabkommen (vgl. Art. 6 Abs. 1 bis IVG) abgeschlossen, womit sich die versicherungsmässigen Voraussetzungen aus Art. 6 Abs. 2 i.V.m. Art. 9 Abs. 3 IVG (vgl. E. 2.2 hiervor) ergeben.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 9 3.2Mit Verfügung vom 28. Juli 2016 lehnte die Beschwerdegegnerin eine Kostengutsprache für medizinische Massnahmen mangels Erfüllung der versicherungsmässigen Voraussetzungen ab (AB 9/1). Gleich ent- schied sie mit Verfügung vom 24. Februar 2021 (AB 35) in Bezug auf eine Hilflosenentschädigung gestützt auf die entsprechende Anmeldung vom April 2019 (vgl. AB 10), da es namentlich an der Beitragszahlung eines Elternteils für mindestens ein volles Jahr fehle (vgl. auch AB 20, 25, 31 f.). Dabei wurde indes übersehen, dass als Beitragsjahre auch Zeiten gelten, für die Erziehungsgutschriften angerechnet werden können (vgl. E. 2.2.3 hiervor). Anders als der Vater war die Mutter im Zeitpunkt der Geburt der Beschwerdeführerin am TT. Juni 2015 in der Schweiz wohnhaft, weshalb ab diesem Zeitpunkt gestützt auf Art. 29 sexies Abs. 1 AHVG Erziehungsgut- schriften angerechnet werden können und folglich bei Eintritt der Invalidität im September 2017 (vgl. E. 3.3 hiernach) die mindestens einjährige Bei- tragszeit und damit die versicherungsmässigen Voraussetzungen (Art. 42 bis Abs. 2 i.V.m. Art. 9 Abs. 3 lit. a IVG und Art. 29 ter Abs. 2 lit. c AHVG) erfüllt waren. Die Verfügung vom 24. Februar 2021 (AB 35) erweist sich damit als zweifellos unrichtig und die Beschwerdegegnerin kam auf diese zu Recht mit Verfügung vom 20. März 2024 (AB 116) wiedererwägungsweise zurück (vgl. E. 2.5 hiervor). Dies ist unter den Parteien denn auch unbestritten. 3.3Die Beschwerdegegnerin anerkannte die linksseitige Zerebralpare- se der Beschwerdeführerin als Geburtsgebrechen (AB 77 f.; vgl. auch AB 2/4 Ziff. 5.1, 6, 17, 69). Einen Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Hilflosenentschädigung hat die Beschwerdegegnerin gestützt auf ver- schiedene medizinische Berichte und insbesondere gestützt auf die Ab- klärungsberichte Hilflosenentschädigung für minderjährige Versicherte vom 4. November 2019 (AB 19) und 10. November 2023 (AB 87) geprüft. Ge- stützt auf die ebenfalls zu Recht unbestritten gebliebenen Angaben in die- sen Abklärungsberichten ist die Beschwerdeführerin seit September 2016 in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen (Fortbewegung [be- reits ab April 2016] und Essen [ab September 2016]; AB 19/5; vgl. dazu auch E. 3.5 nachfolgend) auf Hilfe angewiesen, womit sie grundsätzlich (bei Eintritt der Invalidität im September 2017; vgl. E. 2.4.5 hiervor) An- spruch auf eine Hilflosenentschädigung hat.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 10 3.4Zu prüfen bleibt, ab welchem Zeitpunkt die Ausrichtung der Hilflo- senentschädigung zu erfolgen hat. In diesem Zusammenhang erachtet die Beschwerdegegnerin Art. 88 bis Abs. 1 lit. c IVV als massgebend und sie sprach gestützt darauf eine Hilflosenentschädigung ab dem 1. Januar 2022 zu, dies unter Hinweis darauf, dass gestützt auf das Gesuch vom 19. Janu- ar 2022 um Abklärung eines Hilfsmittels (vgl. AB 36) erneut Abklärungen zu den versicherungsmässigen Voraussetzungen vorgenommen worden seien und dabei ein Anspruch der Eltern auf Anrechnung von Erziehungsgut- schriften festgestellt worden sei (AB 116/1; Beschwerdeantwort, S. 2 f. Ziff. 3, 7 und 11). 3.4.1Nach Art. 88 bis Abs. 1 lit. c IVV erfolgt die Erhöhung von Renten, Hilflosenentschädigungen und Assistenzbeiträgen frühestens von dem Mo- nat an, in dem der Mangel entdeckt wurde, falls festgestellt wird, dass der Beschluss der IV-Stelle zum Nachteil des Versicherten zweifellose unrichtig war. Diese Bestimmung enthält eine gesetzliche Kodifikation der zeitlichen Wirkungen der Wiedererwägung von Verfügungen über Renten und Hilflo- senentschädigungen zu Gunsten der versicherten Person. Art. 88 bis Abs. 1 lit. c IVV lässt die zeitliche Wirkung der Wiedererwägung lediglich mit Wir- kung für die Zukunft (ex nunc) ab Entdeckung des Rechtsanwendungsfeh- lers eintreten, der dazu geführt hat, dass der versicherten Person keine oder eine zu geringe Leistung zugesprochen worden ist. Diese Regelung gilt bei der Nachzahlung von IV-Leistungen zufolge Wiedererwägung je- doch nur, wenn die frühere unrichtige Verfügung auf einem IV-spezifischen Aspekt (wie dem Vorliegen der für die jeweilige Leistungsart erforderlichen Invalidität) beruhte. Soweit es hingegen um einen AHV-analogen Aspekt geht, gelangt bei Nachzahlungen von Leistungen der IV die Regelung von Art. 24 Abs. 1 ATSG bzw. Art. 48 IVG (vgl. auch den damit übereinstim- menden Art. 46 Abs. 2 AHVG) zur Anwendung (BGE 129 V 433 E. 5.1 f. S. 436 und 129 V 211 E. 3.2.1 S. 217 f.; SVR 2012 IV Nr. 28 E. 4.1.1 f.; Entscheide des Bundesgerichts [BGer] vom 23. August 2022, 8C_240/2022, E. 2.4, vom 1. Juni 2021, 8C_624/2021, E. 4.2.1, und vom 29. Februar 2016, 8C_778/2015, E. 4.2; MEYER/REICHMUTH, Rechtspre- chung IVG, 4. Aufl. 2022, Art. 1b N. 3). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 11 Im hier zu beurteilenden Fall beruhte die ursprünglich fälschliche Vernei- nung der versicherungsmässigen Voraussetzungen auf der fehlenden Berücksichtigung von Erziehungsgutschriften der Mutter der Beschwerde- führerin und somit auf einem AHV-analogen Aspekt. In einem solchen Fall erfolgt eine Nachzahlung gemäss der vorerwähnten Rechtsprechung in Anwendung von Art. 24 Abs. 1 ATSG bzw. Art. 48 IVG. 3.4.2Nach Art. 24 Abs. 1 ATSG erlischt der Anspruch auf ausstehende Leistungen fünf Jahre nach dem Ende des Monats, für welchen die Leis- tung geschuldet war. Macht eine versicherte Person ihren Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung mehr als zwölf Monate nach dessen Entste- hung geltend, so wird in Abweichung von dieser Bestimmung die Leistung nur für die zwölf Monate nachgezahlt, die der Geltendmachung vorangehen (Art. 48 Abs. 1 IVG). Nach dem klaren Wortlaut betrifft die Bestimmung von Art. 48 Abs. 1 IVG nur den Spezialfall der verspäteten Anmeldung, das heisst, wenn die versi- cherte Person den Anspruch mehr als zwölf Monate nach dessen Entste- hung geltend macht. Demgegenüber ist praxisgemäss namentlich dann eine (wie seit jeher im Grundsatz geltende) fünfjährige Nachzahlungsfrist zu beachten, wenn die Verwaltung ein hinreichend substanziiertes Leis- tungsbegehren übersehen hat. Eine weitergehende Nachzahlung ist aus- geschlossen. Die absolute Verwirkungsfrist von fünf Jahren gilt rückwärts gerechnet ab dem Zeitpunkt der Neuanmeldung (BGer 8C_624/2021, E. 4.2.1 ff.). 3.4.3Nach dem oben Erwähnten ist für die streitige Nachzahlung von Hilflosenentschädigung Art. 24 Abs. 1 ATSG (i.V.m. Art. 48 IVG bzw. Art. 46 AHVG) massgebend. Der Beschwerdeführerin würde demnach grundsätzlich unter Berücksichtigung der Wirkung ex tunc von fünf Jahren eine Hilflosenentschädigung zustehen. Rückwärts zu rechnen ist dabei ab dem Zeitpunkt der Einreichung der Unterlagen im Januar 2022 (AB 36), in deren Folge der Mangel der ursprünglichen Verfügung (vgl. AB 35) ent- deckt wurde (vgl. dazu Beschwerdeantwort, S. 2 f. Ziff. 7 und 11 erster Satz) und was von der Beschwerdegegnerin denn auch als neue Anmel- dung behandelt wurde. Ein Anspruch kommt somit frühestens ab Januar 2017 bzw. - unter Berücksichtigung des Eintritts der Invalidität - ab Sep-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 12 tember 2017 (vgl. E. 3.3 hiervor) in Frage. Zu beachten ist aber weiter, dass die seinerzeitige (erste) Anmeldung im April 2019 (AB 10; vgl. auch AB 19/5) und damit verspätet eingereicht wurde, so dass der effektive An- spruch lediglich für die zwölf vorangegangenen Monate, d.h. ab April 2018 zu bejahen ist. 3.5Im April 2018 war die Beschwerdeführerin gemäss Abklärungsbe- richt vom 4. November 2019 in drei alltäglichen Lebensverrichtungen re- gelmässig auf Hilfe angewiesen (Aufstehen/Absitzen/Abliegen, Verrichten der Notdurft, Fortbewegung; AB 19/5 oben), gemäss neuerem Bericht vom 10. November 2023 indessen nur in der Lebensverrichtung Fortbewegung (AB 87/5). Soweit für die Bereiche Aufstehen/Absitzen/Abliegen und Ver- richten der Notdurft echtzeitlich ein Hilfsbedarf bejaht worden war, wurde dies im Bericht vom 4. November 2019 auch schlüssig begründet (AB 19/3 Ziff. 2.12 und 2.1.5). Im Bericht vom 10. November 2023 wird ein entspre- chender Hilfsbedarf zwar verneint, dabei jedoch einzig der aktuelle Zustand beschrieben und auf die Zeit ab April 2018 nicht eingegangen (AB 87/3 Ziff. 2.1.2 und 2.1.5). Für jene Zeit ist daher beweismässig auf den zeitlich näher liegenden Abklärungsbericht vom 4. November 2019 (AB 19) abzu- stellen. Folglich hat die Beschwerdeführerin ab 1. April 2018 Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung bei leichter Hilflosigkeit (vgl. E. 2.4.2 hiervor). Im Juni 2018 kam dann die Hilfsbedürftigkeit im Bereich An- und Ausklei- den hinzu (AB 19/2 und 87/2 je Ziff. 2.1.1), womit bei einer Hilflosigkeit in nunmehr vier Lebensverrichtungen ein Anspruch auf eine Hilflosenent- schädigung bei mittlerer Hilflosigkeit besteht (vgl. E. 2.4.1 hiervor). Da dies Folge des Erreichens einer höheren Altersstufe gemäss Anhang III des Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit des Bundesamtes für So- zialversicherungen (KSIH) und nicht das Resultat einer evolutiven Entwick- lung war, ist die in Art. 88a Abs. 2 IVV verankerte dreimonatige Wartefrist nicht anwendbar (Entscheid des BGer vom 28. Juli 2008, 8C_825/2007, E. 3.3 in fine; zutreffend auch AB 19/5). Die Hilfsbedürftigkeit im Bereich Aufstehen/Absitzen/Abliegen wurde von der Abklärungsfachperson sodann bis und mit Januar 2019 anerkannt (AB 19/3 Ziff. 2.1.2), dies mit der Folge, dass fortan ein Hilfsbedarf noch in drei Bereichen und in Berücksichtigung der Dreimonatsfrist gemäss Art. 88a Abs. 1 IVV ein Anspruch auf eine Hilf- losenentschädigung bei leichter Hilflosigkeit (vgl. E. 2.4.2 hiervor) ab 1. Mai Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 13 2019 besteht. Aus den Abklärungsberichten ist weiter zu folgern, dass in Bezug auf die im Bericht vom 4. November 2019 unter Hinweis auf das Tragen von Windeln tagsüber und nachts noch bejahte Hilfsbedürftigkeit im Bereich Verrichten der Notdurft (AB 19/3 Ziff. 2.15) bis spätestens 10. No- vember 2023 (Datum des neuen Abklärungsberichts) eine Selbständigkeit dahingehend eingetreten ist, dass die Beschwerdeführerin (mittlerweile) selber auf die Toilette geht und sich dabei auch selber reinigen kann (AB 87/3 Ziff. 2.1.5). Auch wenn nicht näher geklärt ist, wann genau diese positive Entwicklung stattgefunden hat, besteht selbst bei weggefallener Hilflosigkeit in diesem Bereich nach wie vor eine Hilflosigkeit in zwei alltäg- lichen Lebensverrichtungen (An- und Auskleiden sowie Fortbewegung) und damit ein unveränderter Hilflosenentschädigungs-Anspruch. Seit Juni 2021 ist die Beschwerdeführerin gemäss Abklärungsbericht vom 10. November 2023 wieder in vier Lebensverrichtungen hilflos (AB 87/5), was zu Recht unbestritten ist. Unter Berücksichtigung der Dreimonatsfrist gemäss Art. 88a Abs. 2 IVV besteht folglich ab 1. September 2021 und bis auf wei- teres ein Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung bei mittlerer Hilflosig- keit (vgl. E. 2.4.1 hiervor). 3.6Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin ab 1. April 2018 Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung für eine Hilflosigkeit leichten Grades, ab 1. Juni 2018 für eine Hilflosigkeit mittleren Grades, ab 1. Mai 2019 für eine Hilflosigkeit leichten Grades und ab 1. September 2021 für eine Hilflosigkeit mittleren Grades. Die Beschwerde ist infolgedessen gut- zuheissen und die angefochtene Verfügung vom 20. März 2024 (AB 116) ist aufzuheben. 4. 4.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festzulegen. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 14 Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, hat bei diesem Ausgang des Verfahrens die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG; BVR 2009 S. 186 E. 4). 4.2Die obsiegende Beschwerdeführerin hat Anspruch auf Ersatz der Parteikosten (Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG). Entsprechend der angemessenen Kostennote von Rechtsanwältin D.________ vom 9. Juli 2024 wird die Parteientschädigung auf Fr. 2'392.40 (Honorar von Fr. 2'148.70 zuzüglich Auslagen von Fr. 64.45 und Mehrwertsteuer [MWST] von Fr. 179.25) festgesetzt. Diesen Betrag hat die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin zu ersetzen. 4.3Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Beiordnung von Rechtsanwältin D.________ als amtliche Anwältin ist bei diesem Verfah- rensausgang gegenstandslos und vom Geschäftsverzeichnis abzuschrei- ben. Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Bern vom 20. März 2024 aufgehoben und der Beschwerde- führerin ab 1. April 2018 eine Hilflosenentschädigung für eine Hilflosig- keit leichten Grades, ab 1. Juni 2018 für eine Hilflosigkeit mittleren Grades, ab 1. Mai 2019 für eine Hilflosigkeit leichten Grades und ab 1. September 2021 bis auf weiteres für eine Hilflosigkeit mittleren Gra- des zugesprochen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt. 3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin die Parteikosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 2'392.40 (inkl. Auslagen und MWST), zu ersetzen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Sept. 2024, IV/24/357, Seite 15 4. Das Verfahren betreffend das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird vom Geschäftsverzeichnis abgeschrieben. 5. Zu eröffnen (R): - C.________, Rechtsanwältin D.________, z.H. der Beschwerdefüh- rerin - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Der Gerichtsschreiber: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.