Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 16. September 2021 (720 19 222 / 255) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Anspruch auf eine Invalidenrente gestützt auf ein psychiatrisches Gerichtsgutachten be- jaht, mit welchem ein aggravierendes Verhalten der versicherten Person verneint wurde. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin Gisela Wartenweiler Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Anouck Zehntner, Ad- vokatin, Indemnis Rechtsanwälte, Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1994 geborene A.____ begann am 1. August 201 1 ihre Lehre als Pflegeassistentin beim B.____ im C.____. Diese Lehre brach sie aus gesundheitlichen Gründen per 31. Dezember 2011 ab. Am 12. Januar 2012 meldete sie sich unter Hinw eis auf eine seit Beginn der Lehre anhaltende psychische Symptomatik erstmals bei der Eidgenössi schen Invalidenversicherung Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht (IV) zum Leistungsbezug (berufliche Massnahmen für Minderjährige) an. Während der Abklärun- gen von beruflichen Massnahmen nahm die Versicherte per Mai 2012 für wenige Monate eine stundenweise Tätigkeit bei der Arbeitgeberin ihres Vaters, der D.____ GmbH, auf. Mit Verfügung vom 31. Oktober 2012 lehnte die IV-Stelle des Kantons Basel-Landschaft (IV-Stelle) einen An- spruch auf berufliche Massnahmen ab. Zur Begründung führte sie an, dass die Versicherte inzwi- schen die Durchführung von beruflichen Massnahmen ablehne, da sie ein gewisses Einkommen erwirtschaften müsse, damit ihr Verlobter im X.____ in die Schweiz kommen könne. B. Aufgrund einer depressiven Episode mit psychosomatisch en Anteilen und einer Angst- störung erfolgte am 5. März 2013 eine erneute Anmeldung bei der IV. Die IV-Stelle verneinte mit Verfügung vom 22. November 2013 abermals einen Anspru ch auf berufliche Massnahmen. Die Versicherte könne nicht ohne Begleitung ihrer Mutter oder ihres Ehemannes aus dem Haus ge- hen. Unter diesen Umständen sei sie nicht in der Lage, sich auf eine Therapie oder einen Aufent- halt in der Tagesklinik einzulassen und somit an beruflichen Massnahmen teilzunehmen. C. Ein weiteres Leistungsgesuch reichte die Versichert e am 7. Oktober 2014 ein, wobei sie einen beruflichen Wiedereinstieg im geschützten Rahmen (Belastbarkeitstraining) wünschte. Mit Verfügung vom 20. Februar 2015 wies die IV-Stelle da s Leistungsbegehren erneut ab, weil die Versicherte zwischenzeitlich schwanger geworden und dadurc h der Zeitpunkt für zielführende berufliche Eingliederungsmassnahmen ungünstig sei. D. Am 16. Juni 2015 meldete sich die Versicherte zum Bez ug einer Invalidenrente an. Zur Abklärung der gesundheitlichen Verhältnisse holte die I V-Stelle ein psychiatrisches Gutachten bei Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, ein. In seinem Gutachten vom 16. Februar 2016 kam der Gutachter zum Schluss, dass d ie Versicherte aufgrund ihrer schwer- wiegenden psychischen Störungen in jeglicher Tätigkeit z u 100 % arbeitsunfähig sei. Aufgrund diverser Inkonsistenzen bezüglich des Verhaltens der Versicherten beauftragte die IV-Stelle ge- stützt auf die Empfehlung von pract. med. F.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), vom 8. Mai 2017 Dr. phil. G.____, Fachpsychologin für Neu- ropsychologie und Psychotherapie, mit einem neuropsychologischen Fachgutachten. Dr. G.____ diagnostizierte in ihrem Gutachten vom 22. November 2017 eine hochwahrscheinliche Aggrava- tion der kognitiven und psychischen Beschwerden bei Verdacht auf eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung. Leistungs- und Funktionseinbussen beständen keine. Diese Beurteilung unterbreitete die IV-Stelle Dr. E.____ zur Stellung nahme. Am 9. April 2018 revidierte er seine Beurteilung vom 16. Februar 2016 dahingehend, als er aufgrund der Beurteilung von Dr. G.____ zur Auffassung gelangte, es sei von einer massiven Aggrava tion der Versicherten auszugehen. Die Versicherte wäre in der Lage, einer Arbeit oder Ausbildung vollzeitlich nachzugehen. Gestützt auf diese psychiatrische und neuropsychologische Beurteilung lehnte die IV-Stelle mit Verfügung vom 20. Mai 2019 einen Anspruch auf eine Invalidenrente ab. E. Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte, vertret en durch Advokatin Anouck Zehntner, mit Eingabe vom 24. Juni 2019 Beschwerde ans Kantonsgericht, Abteilung Sozialver- sicherungsgericht (Kantonsgericht). Sie beantragte, es sei die IV-Stelle in Aufhebung der ange- fochtenen Verfügung zu verpflichten, ihr eine ganze Inva lidenrente auszurichten. Zudem sei ihr Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen; unter o/e-Kostenfolge. In der Begründung bean- standete sie im Wesentlichen die Beweistauglichkeit des neuropsychologischen Gutachtens von Dr. G.____ und der Stellungnahme von Dr. E.____. F. Mit Verfügung vom 27. Juni 2019 bewilligte das Kan tonsgericht der Versicherten die un- entgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung. G. Die IV-Stelle schloss in ihrer Vernehmlassung vom 11. September 2019 unter Verweis auf die Stellungnahme von pract. med. F.____ vom 9. Juli 2019 auf Abweisung der Beschwerde. H. Anlässlich der Urteilsberatung vom 7. November 2019 kam das Kantonsgericht zum Schluss, dass dem Gutachten von Dr. G.____ vom 22. November 2017 sowie der ergänzenden Stellungnahme von Dr. E.____ vom 9. April 2018 keine ausschlaggebende Beweiskraft zukämen. Da auch die übrigen bei den Akten liegenden medizinischen Berichte nicht genügend beweiskräf- tig seien, sei eine abschliessende Beurteilung der Ang elegenheit gestützt auf die vorhandene medizinische Aktenlage nicht möglich. Es stellte deshalb den Fall aus und ordnete ein psychiat- risches Gutachten bei Dr. med. H.____ an. Das Gutachten von Dr. H.____ wurde am 30. Juni 2020 erstattet. I. In ihrer Stellungnahme vom 3. August 2020 liess di e Versicherte durch ihre Rechtsver- treterin ausführen, dass die gutachterliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit, wonach eine 40%ige Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit bestehe, eine prognostische Einschätzung sei. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung reiche aber eine Prognose zur Festlegung der Arbeitsfähigkeit nicht aus. Es werde deshalb am Antrag auf Ausrichtung einer ganzen Invaliden- rente festgehalten. J. Die IV-Stelle stellte in ihrer Eingabe vom 4. Augu st 2020 mit Verweis auf die RAD- Stellungnahme von pract. med. F.____ vom 13. Juli 202 0 fest, dass dem Gutachten von Dr. H.____ kein Beweiswert zukomme, da es den wesentlichen Aspekt der Konsistenz und der Ag- gravation bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit n ur kursorisch behandle und die diesbezügli- chen fundierten Feststellungen von Dr. G.____ nicht berücksichtige. K. Das instruierende Präsidium des Kantonsgerichts forde rte Dr. H.____ am 3. September 2020 auf, sich mit der Frage der Aggravation und der Inkonsistenzen der Versicherten unter Be- rücksichtigung der Ergebnisse aus den Testungen und der kli nischen Untersuchung von Dr. G.____ vertieft auseinanderzusetzen und das Gerichtsgutachten entsprechend zu ergänzen. Die ergänzende Stellungnahme von Dr. H.____ datiert vom 1. Dezember 2020. L. In ihrer Stellungnahme vom 11. Januar 2021 stellte die Rechtsvertreterin im Namen der Versicherten den Antrag, es sei die IV-Stelle zu verpfl ichten, der Beschwerdeführerin berufliche Massnahmen zu gewähren, da diese auf eine adäquate Unterstützung durch die IV angewiesen sei, um ihre Ressourcen voll ausschöpfen zu können. Im Ü brigen werde an den in der Be- schwerde vom 24. Juni 2019 gestellten Anträgen festgehalten. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht M. Mit Eingabe vom 3. Februar 2021 stellte sich die IV- Stelle weiterhin auf den Standpunkt, dass nicht auf das Gutachten von Dr. H.____ abgestellt werden könne. Sie verwies dabei auf die Stellungnahme ihres RAD-Arztes pract. med. F.____ vom 20. Januar 2021. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes üb er die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungs- gericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anf echtungsobjekt des vorliegenden Verfah- rens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwer- den gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrige n frist- und formgerecht eingereichte – Beschwerde vom 24. Juni 2019 ist demnach einzutreten. 2.1 Die Versicherte beantragt die Zusprache einer ganzen Invalidenrente und die Gewäh- rung beruflicher Massnahmen. Das prozessuale Verhältnis von Eingliederungsmassnahmen und Invalidenrenten unterliegt der Rechtsprechung zum Anfechtungs- und Streitgegenstand gemäss BGE 125 V 413. Danach sind im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu überprüfen und zu beurteilen, z u denen die zuständige Verwaltungs- behörde vorgängig verbindlich in Form einer Verfügung Stellung genommen hat. Insoweit be- stimmt die Verfügung den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umge- kehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somi t an einer Sachurteils-voraussetzung, wenn und insoweit keine Verfügung ergangen ist (BGE 1 31 V 164 E. 2.1 mit Hinweisen). Der Rentenanspruch einerseits und die einzelnen Eingliederungsmassnahmen andererseits sind als je unterscheidbare, streitgegenstandsfähige Rechtsverhäl tnisse zu begreifen (vgl. U LRICH MEYER /M ARCO REICHMUTH , Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, Zürich/ Basel/Genf 2014, zu Art. 28 Rz. 18). Dabei ist stets als Erstes zu pr üfen, worüber die IV-Stelle tatsächlich verfügt hat. 2.2 Vorliegend befasste sich die IV-Stelle in der Verfü gung vom 20. Mai 2019 einzig mit dem Anspruch auf eine Invalidenrente. Die Durchführung von Eingliederungsmassnahmen wurde in dieser Verfügung nicht geprüft. Aus diesem Grund kann auf das Rechtsbegehren der Versicher- ten, soweit sie damit die Beurteilung von beruflichen Massnahmen beantragt, im vorliegenden Verfahren nicht eingetreten werden. 3.1 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person A nspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 Abs. 1 des Bundesge setzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsgerichts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 die voraussichtlich bleibende oder län- gere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfäh igkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verste- hen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 3.3 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 143 V 409 E. 4. 5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grund- sätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entschei- dend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massst ab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu er bringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG). In BGE 143 V 409 und 143 V 418 hat das Bundesgericht entschieden, dass grundsätzlich sämt- liche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind. Dieses für somatoforme Leiden entwickelte Vorgehen definiert systematisierte Indikatoren, die – unter Berücksichtigung von leistungshind ernden äusseren Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits – erlauben, das tat- sächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2., E. 3.4 - 3.6 und 4.1). Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diagnostischen Einordnung des Leidens, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen hat (BGE 143 V 409 E. 4.5.2 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2). 4.1 Ausgangspunkt der Ermittlung eines Rentenanspruchs bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). 4.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und in sbesondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ist die Verwaltung – und im Beschwerdefall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszu- stand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in w elchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. I m Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 4.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmli che Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestat- ten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, wa- rum es auf die eine und nicht auf die andere medizinisch e These abstellt. Hinsichtlich des Be- weiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, o b dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück- sichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der me- dizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Expert en begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c). 5.1.1 Die vom Gericht beauftragte psychiatrische Gutachteri n Dr. H.____ diagnostizierte in ihrem Gutachten vom 30. Juni 2020 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit Tendenz zur Chronifizierung (ICD-10 F33.1) und sozialen Ängsten sowie eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit ängstlich-vermei- denden und dependenten Anteilen (DMS V: F61.0). Die Bulimia nervosa mit aktiven Massnahmen zur Gewichtsreduktion beeinflussten die Arbeitsfähigkeit dagegen nicht. Anlässlich der Untersu- chung habe sie bei der Versicherten mehrmals ein unsicher es, passives und unselbstständiges Verhalten festgestellt. Es hätten deutliche Insuffizien z-, Wertlosigkeits-, Scham- und Schuldge- fühle bestanden. Die Versicherte habe über Grübeln, Gedankenkreisen um die Lebenssituation, soziales Unbehagen, Ängste mit körperlichen Reaktionen und Vermeidungsverhalten, phobische Ängste in öffentlichen Verkehrsmitteln und eine allge meine Grundängstlichkeit berichtet. Die Berichterstattung hab e teilweise kindlich, ungläubig und naiv gewirkt. Im fortgeschrittenen Verlauf des Gesprächs seien mnestische Störungen in Form von Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen in leichter bis mässiger Ausprägung erkennbar gewesen. Formalgedanklich habe sich die Versicherte geordnet, aber leicht verlangsamt gezeigt. Psychomotorisch präsentiere sie sich verarmt, mit wenig Gesti k und Mimik sowie monotoner, gedrückter, leiser Stimme. Die Freude sei sichtlich reduziert und es lägen ein sozialer Rückzug, ein Interessenverlust und eine Störung der Vitalgefüh le vor. Der Antrieb sei fluktuierend leicht- bis mittelgradig vermindert. Es beständen täglich Heisshun gerattacken mit gewichtsregulieren- den Massnahmen, Einschlaf- und Durchschlafschwierigkeiten sowie Todesgedanken ohne Hand- lungsrelevanz. Die Versicherte benötige die Anwesenheit anderer, um sich zu beruhigen. Bezie- hungen seien weniger von echter Emotionalität als von A bhängigkeit geleitet. Die Fähigkeit zur Selbst- und Objektwahrnehmung sei verringert. So sei e s ihr nicht gelungen, ein Selbstbild mit eigenen Wünschen und eine erwachsene Identität zu entwickeln. Sie könne sich kaum behaupten Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht und für sich einstehen; es dominiere die Selbstabwertung. Aufgrund der überdauernden Nieder- geschlagenheit ohne wesentliche Auslenkbarkeit der Stim mung, der Freudlosigkeit, der Schlaf- störungen, des Selbstwertverlusts, der Todesgedanken, der Schuldgefühle und der Konzentrati- onsstörungen sei von einer depressiven Störung auszugehen. Qualitativ und quantitativ entspre- che die Symptomatik konsistent einer mittelgradigen depr essiven Episode. Da die depressive Störung seit 2013 konstant bestehe, sei die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung mit Chronifizierungstendenz, aktuell mittelgradige Episode zu stellen. Nebst der depressiven Störung sei auch eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit ängstlich- vermeidenden und dependenten Zügen zu diagnostizieren. Die Versicherte zeige Passivität, feh- lende Initiative und gebe die Verantwortung an ande re ab. Sie habe Schwierigkeiten, Entschei- dungen zu treffen und weise eine ausgeprägte Hilfsbedürftigkeit innerhalb von Beziehungen auf. Bereits in der Schulzeit habe ihr die Initiative, sich Wissen anzueignen, gefehlt. Sie habe Leistun- gen von anderen übernommen und sei auch im Erwachsene nleben unselbstständig geblieben. Die Haushaltsführung habe sie von den Familienmitgliedern übernehmen lassen. Seit der Tren- nung von ihrem Ehemann zeige sie eine regressive Bindun g an die Herkunftsfamilie. Sie gebe die Verantwortung für sämtliche Entscheidungen an die Familie ab und habe grosse Ängste, al- leine nicht bestehen zu können. Dabei handle es sich um abhängige Persönlichkeitsmuster. Dazu kämen ängstliche Unsicherheiten in sozialen Belangen, eine reduzierte Kritikfähigkeit sowie eine Angst, unzureichend zu sein, welche mit einer verminderten Bereitschaft und einer Vermeidung, sich Herausforderungen zu stellen, verbunden sei. Die s ozial-ängstlichen Symptome würden durch die ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsmuster und deren Zusammenwirken mit der depressiven Störung vollständig erklärt. Die vorliegenden Arztberichte, die aktuellen fremdanam- nestischen Angaben des behandelnden Psychologen und der Ärztin der I.____ würden die Diag- nose einer Persönlichkeitsstörung stützen. Auch Dr. E.____ führe in seinem Gutachten vom 16. Februar 2016 die Diagnosen einer Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen und unreifen Anteilen (ICD-10 F61) und einer depressiven Störung mittelschwer en Ausmasses (ICD-10 F32.1) auf. Weshalb Dr. E.____ in seiner Stellungnahme vom 9. A pril 2018 die Diagnose einer Persönlich- keitsstörung aufgrund des Gutachtens von Dr. G.____ vom 22. November 2017 mit Verdacht auf Simulation bzw. Aggravation in Frage stelle, könne nicht nachvollzogen werden. 5.1.2 Weiter legte Dr. H.____ dar, dass die Versicherte gemäss der von ihr veranlassten La- boruntersuchung die ihr verordneten Medikamente regel mässig einnehme. Der weitestgehend ausbleibende Behandlungserfolg sei mit der fehlenden Einsicht in die eigenen krankheitsfördern- den Persönlichkeitsmuster zu erklären. Es seien keine Inkonsistenzen ersichtlich. Die subjektiven Angaben der Versicherten bildeten sich klinisch in der Untersuchung ab. Die Passivität, Selbstun- sicherheit und Unselbstständigkeit hätten sich auch in der Exploration deutlich gezeigt. Der Lei- densdruck der Versicherten sei deutlich spürbar und werde durch die zuverlässige Einnahme der Medikation untermauert. Es gebe keine Anhaltspunkte für Simulation und Aggravation. Das schlechte Ergebnis in der Konzentrationsprüfung sei nicht Ausdruck von Simulation, sondern auf die sichtbar starke, ängstliche Verunsicherung und die daraus resultierende Blockade zurückzu- führen. Auch die behandelnde Ärzteschaft der E.____ h abe die schlechten Ergebnisse der IQ- Testung dem ängstlich-vermeidenden Verhalten zugeschriebe n. Demgegenüber seien Zeichen einer Verdeutlichungstendenz vorhanden. So habe die Versicherte Bissspuren und vergrösserte Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Parotiden als klinische Zeichen des regelmässigen Erbrechens im Rahmen der Bulimie präsen- tiert. Dies sei Ausdruck ihres Bestrebens, ihr Leiden zu zeigen, und verzerre die Beurteilung nicht. Ein demonstrativ-appellatives und histrionisch anmutendes Verhalten sei bei der Untersuchung nicht festzustellen gewesen. 5.1.3 Im Rahmen der Standardindikatorenprüfung gemäss BGE 141 V 281 gab Dr. H.____ unter anderem an, dass die Versicherte über Ressourcen ve rfüge, welche in ihrer Umgänglich- keit, ihrer Anpassungsbereitschaft, ihrer normalen Intel ligenz, ihrem vorhandenen Schulab- schluss und ihrem jungen Alter lägen. Diese Ressourcen sei en jedoch durch die depressive Komorbidität vermindert nutzbar. Leicht- bis mittelgradig eingeschränkt sei die Fähigkeit der Ver- sicherten, sich Regeln und Routinen anzupassen. Mittelgradige Beeinträchtigungen seien in der Planung und Strukturierung von Aufgaben, der Flexibilität und der Umstellungsfähigkeit sowie in der Anwendung fachlicher Kompetenzen festzustellen. De sgleichen seien die Entscheidungs-, Urteils-, Durchhalte-, Kontakt- und die Wegefähigkeit mittelgradig eingeschränkt. Mittelgradig be- einträchtigt seien auch die Fähigkeiten zur Selbstpfle ge und für familiäre bzw. intime Beziehun- gen sowie die Spontanaktivitäten. Die Gruppenfähigke it sei mittel- bis schwergradig und die Selbstbehauptungsfähigkeit schwergradig reduziert. Ungünstig seien die ängstlich-vermeidenden Anteile der Persönlichkeit, da diese eine Selbstlimiti erung zur Folgen hätten. Die Versicherte schöpfe ihr vorhandenes Potential nicht aus. Sie weise auch kindlich unreife Züge auf, die nicht pathologisch seien und aus einer Überbehütung durch das soziale Umfeld resultierten. Die Persönlichkeitsstörung habe keinen direkten, aber ei nen indirekten Einfluss auf die Arbeits- fähigkeit, da eine Symptomüberlappung mit der depressiv-ängstlichen Komorbidität vorliege. Die depressive und die Persönlichkeitsstörung verstärkten sich ge genseitig. So erschwere die Per- sönlichkeitsstörung den Umgang mit den depressiven Symptom en und die Depression intensi- viere die ängstlichen und abhängigen Muster ihrer Persönlichkeit. Dies betreffe insbesondere die fehlende Eigeninitiative, die Passivität und die Selbstunsicherheit. Eine ideale Tätigkeit beinhalte ein überschaubares Aufgabenfeld mit allenfalls mässigen kognitiven Anforderungen. Günstig sei eine Arbeit, bei welcher die Versicherte Pausen einlegen könne, sie wohlwollende klare Anleitun- gen erhalte, wenig Anforderungen an Selbstständigkeit und Eigeninitiative gestellt werden, wel- che in einem kleinen Team ausgeführt werde und wenig Kundenkontakte beinhalte. In einer sol- chen Tätigkeit sei seit Anfang 2016 eine Arbeitsfähigkeit im Umfang von 40 % gegeben. 5.2.1 In ihrer ergänzenden Stellungnahme vom 1. Deze mber 2020 kam Dr. H.____ der ge- richtlichen Aufforderung nach, sich mit den Ergebnissen des neuropsychologischen Gutachtens von Dr. G.____, namentlich mit der Frage der Aggravat ion, auseinanderzusetzen. Dr. G.____ führte aufgrund der Ergebnisse aus neuropsyc hologischen und klinischen Testver- fahren die Diagnose einer hochwahrscheinlichen Aggravati on kognitiver und psychischer Be- schwerden bei Verdacht auf eine ängstlich-vermeidende Pe rsönlichkeitsstörung (Differential-di- agnose: unreife Persönlichkeit) auf. Die neuropsycholo gische Begutachtung zeige, dass weder auf die eigenanamnestischen Angaben noch auf den klinischen Eindruck und/oder das gezeigte Leistungsvermögen der Versicherten abgestellt werden könn e. Denn die Versicherte erziele durchgängig mittel- bis schwergradige verminderte Resultate in allen eingesetzten Verfahren zu Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht verschiedenen Aspekten der Aufmerksamkeit, zum Arbeitsgedächtnis und zu den Exekutivfunk- tionen. Die Performanzvalidierungstests belegten ebenfal ls eine unzureichende Anstrengungs- bereitschaft, selbst im Vergleich mit depressiven oder l ernbehinderten Personen. Aus der Kom- bination aller Kennwerte zur Validität ergebe sich eine Wahrscheinlichkeit für Aggravation kogni- tiver Leistungseinbussen von über 99 %. Die Wahrscheinlichkeit für Aggravation hinsichtlich der Schilderung kognitiver, somatischer und emotionaler Symptome liege ebenfalls über 90 %. Eine Persönlichkeitsstörung könnte vorliegen, sie vermöge jedoch nicht eine vollständige Arbeitsunfä- higkeit zu erklären. Die junge Versicherte habe es seit j eher verstanden, den an sie gestellten Anforderungen aus dem Weg zu gehen und von Dritten Hil fe zu holen, um sich selbst weniger anstrengen zu müssen. Aus neuropsychologischer Sicht könne a ufgrund der ausgeprägten ne- gativen Antwortverzerrung hinsichtlich somatischer, kogn itiver und emotionaler Beschwerden keine Leistungs- und Funktionseinbussen positiv nachgewiese n werden. Bei fehlendem Nach- weis gesundheitsbedingter Einschränkungen entfalle eine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit. Da während der Untersuchung eine mentale Belastbarkeit v on 4,5 Stunden gegeben gewesen sei, gelte diese Stundenanzahl als Untergrenze des Präsenzvermögens. 5.2.2 Dr. H.____ führte zur Beurteilung von Dr. G._ ___ aus, dass sie – entgegen den Ausfüh- rungen der Vorgutachterin – bei ihrer psychiatrischen U ntersuchung keine Hinweise auf Simula- tion oder Aggravation vorgefunden habe. Die von der Versicherten geschilderten Beeinträchti- gungen seien klinisch objektiviert; das Leiden stelle sich glaubhaft und spürbar dar. Ihre Einschät- zung sei konsistent mit der Beurteilung von Dr. E.____ vom 16. Februar 2016. Mit der von Dr. G.____ geltend gemachte Aggravation der kognitive n, somatischen und psychischen Be- schwerden liege eine Inkonsistenz zwischen den psychiatrischen und der neuropsychologischen Einschätzungen vor. Gemäss den Leitlinien für die Begut achtung psychiatrischer Störungen seien neuropsychologische Befunde in die ärztliche Gesam tbeurteilung einzubeziehen. Im Ein- zelfall sei eine konsensuelle Beurteilung sinnvoll. Au sschlaggebend für die Gesamtbeurteilung seien schliesslich die klinische psychiatrische Untersuchung und die Beurteilung von Konsistenz und Plausibilität. Denn diese bildeten Grundlage daf ür, ob psychodiagnostisch gewonnene Er- gebnisse plausibel seien. Die biographischen Angaben, die Dr. G.____ im Kontext zur Aggravation beschreibe, seien aus psychiatrischer Sicht im Rahmen der psychiatrischen Diagnose n schlüssig. Soweit Dr. G.____ die Beschwerdeschilderung als nicht authentisch beurteile, bestehe eine Inkonsistenz zur psychi- atrischen Beurteilung. Inkonsistenzen könnten jedoch gemä ss Leitlinien nicht mit fehlender Au- thentizität gleichgesetzt werden. Dass die Versicherte sei t jeher den an sie gestellten Anforde- rungen aus dem Weg gehe und von Dritten Hilfe anford ere, um sich selber weniger anstrengen zu müssen, sei nicht als Konsistenz zur testpsychologisch festg estellten Aggravation, sondern als ängstliche Vermeidung und Suche nach Fürsorge zu interpretieren. Bei der Versicherten sei ein Muster im Erleben, Bewerten und Handeln ersichtlich , welches ein Gefühl verminderter Selbstwirksamkeit und einen Wunsch nach Fürsorge beinhalte. Dies führte zu einer reduzierten Anstrengungsbereitschaft und zu einer Selbstlimitierung. Dieses Verhalten sei in der Persönlich- keit der Versicherten begründet und später durch die depressive Komorbidität verstärkt worden. Zudem sei darauf hinzuweisen, dass die von Dr. G.____ geltend gemachte Aggravation das Vor- liegen einer psychiatrischen Krankheit nicht ausschliesse. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.2.3 In einem letzten Punkt stellte Dr. H.____ klar, d ass sich ihr Zumutbarkeitsprofil auf den ersten Arbeitsmarkt beziehe. So sei es der Versicherten zumutbar, beispielsweise Tätigkeiten in der Reinigungsbranche, im Bereich Lager/Logistik, Verp ackung/Versand oder Auslieferung von Zeitungen/Prospekten auszuführen. 6.1 Wie alle Beweismittel unterliegen Gerichtsgutacht en der freien richterlichen Beweiswür- digung. Kriterien der Beweiswürdigung bilden die Vollständigkeit, die Nachvollziehbarkeit und die Schlüssigkeit des Gutachtens. Das Gericht hat zu prüfen, o b das Gutachten alle Fragen beant- wortet, sich auf den zutreffenden Sachverhalt stützt und den Befund ausreichend begründet. In Sachfragen weicht das Gericht jedoch "nicht ohne zwing ende Gründe" von einer gerichtlichen Expertise ab. Aufgabe der medizinischen Expertin bzw. des medizinischen Experten ist es, ihre bzw. seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfüg ung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch erfassen zu können (BGE 125 V 351 E. 3b/aa). Ein Grund zum Abwei- chen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu an deren Schlussfolgerungen gelangt. Eine abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfert igt sein, wenn gegensätzliche Meinungs- äusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als trift ig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es d ie Überprüfung durch einen Ober- experten für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexp ertise vom Ergebnis des Gerichtsgut- achtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 118 V 286 E. 1b, 112 V 30 E. 1a mit Hin- weisen). 6.2 Nach Würdigung der vorliegenden medizinischen Akten lage kommt das Gericht zum Schluss, dass dem Gerichtsgutachten von Dr. H.____ vom 30. Juni 2020 samt Ergänzung vom 1. Dezember 2020 volle Beweiskraft zuzumessen ist. Das Gutachten von Dr. H.____ ist sorgfältig erstellt worden; es beruht nicht nur auf einer dreist ündigen persönlichen Untersuchung und auf den medizinischen Vorakten, sondern zusätzlich auf einer aktuellen Laboruntersuchung zur Fest- stellung der Medikamenteneinnahme und auf fremdanamne stischen Angaben von zwei behan- delnden, medizinischen Fachpersonen der I.____. Das Gutachten leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Die Anam- nese zeigt auf, dass die Versicherte ausführlich befragt und einlässlich auf ihre Angaben einge- gangen worden ist. Dadurch ergibt sich ein umfassendes Bild über die Persönlichkeit und die Krankheitsentwicklung der Versicherten. Zudem beruhen d ie psychiatrischen Diagnosen auf ei- ner ausführlichen diagnostischen Diskussion. In ihrem Ergä nzungsgutachten vom 1. Dezember 2020 setzte sich die Gutachterin mit der abweichenden psychiatrischen Einschätzung von Dr. E.____ vom 9. April 2018 und der neuropsychologischen B eurteilung von Dr. G.____ vom 22. November 2017 substantiiert auseinander. Die massgebende psychiatrische Beurteilung der Ar- beitsfähigkeit kann in der Gesamtschau der gutachterliche n Ausführungen von Dr. H.____ gut nachvollzogen werden. Ihre Begründung, weshalb die Ver sicherte in einer leidensangepassten Tätigkeit nur noch zu 40 % arbeitsfähig sei, leuchtet ein. Damit bildet das psychiatrische Gutach- ten zusammen mit dem Ergänzungsgutachten eine rechtsg enügliche Grundlage, um den Ge- sundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Versicherten zuverlässig beurteilen zu können. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.1.1 An der ausschlaggebenden Beweiskraft des psychiatrisch en Gutachtens von Dr. H.____ vermögen die Einwände der IV-Stelle nichts zu ändern. Soweit pract. med. F.____ in seiner Stel- lungnahme vom 13. Juli 2020 das Gutachten von Dr. H.____ beanstandet, weil sich die Gutach- terin nicht mit der abweichenden Beurteilung von Dr. G .____ zur Konsistenz und Aggravation auseinandergesetzt habe, ist festzustellen, dass die Gutach terin ihre Beurteilung in dieser Hin- sicht mit der ergänzenden Stellungnahme vom 1. Dezember 2020 vervollständigt hat. Dabei er- klärte sie, weshalb sowohl den Schlussfolgerungen von Dr. E.____ in seiner Stellungnahme vom 9. April 2018 als auch der Beurteilung von Dr. G.____ nicht gefolgt werden kann. In diesem Zu- sammenhang machte sie auf die Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) vom Februar 2012 (überarbeitet und ergänzt am 16. Juni 2016) aufmerksam, welche gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung als Standard für eine sachgerechte und rechtsgleiche (versicherungs-)psychiat- rische Begutachtung anerkannt sind hin (vgl. BGE 140 V 260 E. 3.2.2). Gemäss diesen Leitlinien sind testpsychologische Untersuchungen Zusatzbefunde, welchen kein eigenständiger gutachtli- cher Charakter zukommt. Sie sind Im Rahmen der psychiatri sch-gutachtlichen Gesamtbeurtei- lung zu würdigen (vgl. Qualitätsrichtlinien Ziffer 4.3 .2.2). Zu Recht stellte Dr. H.____ fest, dass sich Dr. E.____ nicht an den Qualitätsleitlinien orient iert habe. So habe er bei seiner Untersu- chung keine Hinweise für eine Simulation oder eine A ggravation finden können. Er hätte sich deshalb mit den neuropsychologischen Ergebnissen von Dr. G.____ und seinen eigenen gegen- teiligen Befunden kritisch auseinandersetzen müssen. Auss erdem hätte sich hier – wie in den Qualitätsleitlinien empfohlen werde – eine Konsensbesprechung mit Dr. G.____ aufgedrängt, was er aber unterlassen habe. In diesem Sinne hat das Gericht auch in seiner Urteilsberatung vom 7. November 2019 festgestellt, dass auf die Neubeurteilung von Dr. E.____ insbesondere deshalb nicht abgestellt werden kann, weil es an einer psychiatrischen Auseinandersetzung mit dem neu- ropsychologischen Gutachten von Dr. G.____ und der abweichenden Beurteilung in seinem Gut- achten vom 16. Februar 2016 fehlt und er selbst eine Diagnoseunsicherheit bezüglich der Per- sönlichkeitsstörung einräumt (vgl. Beschluss vom 7. November 2019). Die Kritik von Dr. H.____ an der Stellungnahme von Dr. E.____ vom 9. April 2018 ist schlüssig. 7.1.2 In Bezug auf die Beurteilung von Dr. G.____ fü hrte die Gutachterin zutreffend an, dass die psychiatrische Einordnung der neuropsychologischen Testergebnisse von Dr. G.____ letztlich von einer psychiatrischen und nicht von einer neuropsycholog ischen Fachperson vorzunehmen sei. Es liege nicht in der fachlichen psychiatrischen Kompe tenz von Dr. G.____, die von Dr. E.____ in seinem Erstgutachten vom 16. Februar 2016 gestellten Diagnosen als nichtig zu erklä- ren. Diesem Vorbringen ist beizupflichten. Gemäss bundesg erichtlicher Rechtsprechung kann einem testmässigen Erfassen der Psychopathologien im Rahm en der psychiatrischen Explora- tion generell nur ergänzende Funktion beigemessen werd en, während die klinische Untersu- chung mit Anamneseerhebung, Symptomerfassung und Verhal tensbeobachtung ausschlagge- bend ist (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 12. Novembe r 2019, 8C_465/2019, E. 5 und vom 21. März 2019, 9C_728/2018, E. 3.3). 7.1.3 Dr. H.____ verneinte das Vorliegen einer bewusst seinsnahen Aggravation oder einer Simulation, weil die Versicherte ihre Leistungsfähigkeit nicht bewusst geringer erscheinen lasse. Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht Dabei legte sie schlüssig dar, dass die teilweise sehr auff älligen Testergebnisse in direkter kau- saler Verbindung zu den psychiatrischen Diagnosen einer depressiven Störung und einer ängst- lich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung der Versicherten ständen. Ihr dysfunktionales Verhal- ten sei Ausdruck ihres Leidens und sei auf die abhängig-v ermeidende Persönlichkeit und deren Suche nach Fürsorge zurückzuführen. Dieses Verhalten we rde zudem durch die depressive Komorbidität verstärkt. Als illustrierendes Beispiel ist de r Rückzähltest zu nennen, bei welchem die Versicherte von 100 rückwärts jeweils 7 subtrahieren musste. Dr. H.____ schilderte, dass die Versicherte bei diesem Test angespannt sowie verunsichert ge wesen sei und bei jeder Antwort die Gutachterin gefragt habe, ob das Ergebnis richtig sei. Obwohl dieser Test den intellektuellen Fähigkeiten der Versicherten entsprechen würde, habe sie wenig Rechenschritte korrekt durch- führen können. Dr. H.____ erläuterte hierbei sehr einleuchtend, dass dieses Verhalten der Versi- cherten nicht auf eine Simulation zurückzuführen sei. V ielmehr weise die Versicherte aufgrund vermeintlicher mathematischer Schwächen eine derartige starke, ängstliche Verunsicherung auf, dass sie vor allem in Testsituationen blockiert sei und ihr Wissen nicht abrufen könne. Gleicher- massen ist gemäss Dr. H.____ die auffällige Differenz zwischen den Testergebnissen der durch die I.____ durchgeführte IQ-Testung vom 7. Januar 201 5 (vgl. Wechsler Intelligenztest für Er- wachsene vom 7. Januar 2015) und der Leistungsbeurteilung des Schulpsychologischen Diens- tes von 2008 (vgl. Bericht des Schulpsychologischen Dienst es Y.____vom 14. Juli 2008) nicht auf eine Simulation oder Aggravation, sondern auf das ausgeprägte ängstlich-vermeidende Ver- halten der Versicherten zurückzuführen. Zum gleichen Schlu ss gelangte auch die behandelnde Ärzteschaft der I.____, welche dieses Verhalten nicht ei ner Aggravation oder einer Simulation, sondern primär dem deutlichen ängstlich-vermeidenden Ve rhalten der Versicherten zuordnete (vgl. Bericht der I.____ vom 25. August 2017). Mit der Thematik der Aggravation befassten sich die behandelnden Ärztinnen und Ärzte der I.____ sodann in ihrem Bericht vom 19. Oktober 2018. Darin bestätigten sie die von Dr. G.____ festgestellten kognitiven Fähigkeiten und "ein übertrie- ben hilflos und hilfsbedürftig erscheinendes aggravierendes Verhalten" der Versicherten. Weiter stellten sie fest, dass sie dieses Verhalten vor allem gegenüber Autoritäten zeige, wenn diese sie mit Leistungsanforderungen konfrontierten. Werde in solchen Situationen zu viel Druck auf eine Verhaltensänderung aufgebaut, die sich die Versicherte nicht zutraue, dekompensiere sie mit vermehrter depressiver Symptomatik und sozialem Rückzug. Die ses Verhalten sei jedoch nicht als Aggravation zu deuten. Aggravierende Personen fielen im klinischen Alltag durch ein de- monstratives, überdeutliches Verhalten auf; in Situationen, in welchen sie sich unbeobachtet fühl- ten, wiesen sie aber intakte Sozialkompetenzen auf. Die Versicherte sei demgegenüber eher schamhaft, unsicher und nehme nur selten fremde Hilfe an . Zudem verhalte sie sich in unbeo- bachteten Situationen kongruent. Ihr dysfunktionales Ve rhalten sei daher im Rahmen einer pa- thologischen Ängstlichkeit zu verstehen. Es ist somit festz ustellen, dass sowohl Dr. H.____ als auch die behandelnde Ärzteschaft der I.____ sich fundiert mit einer möglichen Aggravation aus- einandergesetzt haben. Übereinstimmend kommen sie – in Kenntnis der neuropsychologischen Beurteilung von Dr. G.____ – zum überzeugenden Schluss, dass bei der Versicherten keine Ag- gravation oder Simulation vorliege. 7.2 In seiner Stellungnahme vom 20. Januar 2021 stell t sich pract. med. F.____ auf den Standpunkt, dass Dr. H.____ bei ihrer Einschätzung "an teilige motivationale Gründe" nicht be- rücksichtigt habe. Aufgrund der deutlichen Hinweise auf e ine bewusstseinsnahe motivationale Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Aggravation im gesamten Krankheitsverlauf und der auff älligen neuropsychologischen Tester- gebnisse von Dr. G.____ wäre zu diskutieren gewesen, weshalb bei der Beurteilung der Arbeits- fähigkeit die Aggravation keine Rolle spiele. In diese m Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Gutachterin bei ihrer Beurteilung durchaus motivationale Gründe, wie z.B. eine vermin- derte Anstrengungsbereitschaft, eine Selbstlimitierung sowie eine Verdeutlichungstendenz, fest- stellte, welche nicht ausschliesslich auf die psychische Erkrankung zurückzuführen sind. In ihrer Stellungnahme vom 1. Dezember 2020 wies Dr. H.____ sod ann ausdrücklich darauf hin, dass die Versicherte ihre Leistungskapazität nicht voll ausschöp fe. Dies ist auch der Grund, weshalb Dr. H.____ die Versicherte – entgegen deren subjektiven Annahme einer 100%igen Arbeitsunfä- higkeit – nicht als vollständig arbeitsunfähig eingeschät zt hat. Aus dem gleichen Grund schloss sie sich auch nicht der von Dr. E.____ in seinem Erstgutachten vom 16. Februar 2016 vertretenen Einschätzungen an, wonach die Versicherte in jeglicher be ruflichen Tätigkeit zu 100 % arbeits- unfähig sei. So führte sie zur Begründung auf Seite 37 des Gutachtens aus, dass Dr. E.____ bei seiner Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sich zu stark an der von der Versicherten erbrachten Leis- tung im Alltag orientiert habe. Dabei habe er das se lbstlimitierende Verhalten der Versicherten und die Überwindbarkeit der psychischen Einschränkungen entsprechend der Ressourcen nicht beachtet. 7.3.1 Die Vorbringen von pract. med. F.____ zur Vali dität der Befunde und der Angaben der Versicherten erweisen sich als nicht stichhaltig. Soweit der RAD-Arzt die Zurücknahme der IV- Anmeldung und die Aufnahme einer Tätigkeit als Reinigungskraft bei der Arbeitgeberin ihres Va- ters, um ihrem Ehemann die Einreise in die Schweiz zu e rmöglichen, auf motivationale Gründe zurückführt, erscheint seine Auffassung doch sehr gewagt. Zwar geht aus dem Abschlussbericht der beruflichen Massnahmen vom 21. August 2012 hervor, dass die Versicherte damals aus dem vom RAD-Arzt angeführten Grund keine IV-Berufsberatung mehr gewollt habe. Es ist jedoch nicht ersichtlich, dass diese Abmeldung auf Initiative der Ver sicherten erfolgt ist. Aufgrund der Akten ist vielmehr davon auszugehen, dass die IV-Abmeldung dur ch ihre Familie veranlasst wurde. Denn gemäss den Ausführungen von Dr. H.____ ist die Versicherte nicht in der Lage, ein selbst- ständiges Leben zu führen und eigene Entscheidungen zu t reffen. Sie gibt die Verantwortung dafür an ihre Familie ab. Desgleichen stellte die beh andelnde Ärzteschaft der I.____ fest, dass die Versicherte die meisten Lebensentscheidungen an ihr e Familie delegiere (vgl. Bericht vom 21. August 2015). Auch Dr. E.____ beschrieb die Versicherte als derart unselbstständig, dass sie bei normalen alltäglichen Verpflichtungen stets Hilfe benötige und begleitet werden müsse (vgl. Gutachten vom 16. Februar 2016, S. 6 f.). 7.3.2 Weiter bringt pract. med. F.____ vor, dass die au ffälligen neuropsychologischen Tester- gebnisse sich gemäss Dr. G.____ nicht mit einer leicht- b is mittelgradigen depressiven Störung oder einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeit erkläre n liessen. Dazu ist festzuhalten, dass Dr. G.____ hierbei lediglich auf die internationale Literatur hinweist und ihre Aussage weiter nicht begründet. Ihre Aussage ist daher nicht nachvollziehbar. Damit erweist sich die Einschätzung von Dr. G.____ insgesamt als nicht geeignet, Zweifel an der ausschlaggebenden Beweiskraft der Be- urteilung von Dr. H.____ zu erwecken. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3.3. Schliesslich macht der RAD-Arzt geltend, dass in B ezug auf den aktuellen Schweregrad der depressiven Störung unterschiedliche Aussagen beständen. So spreche der behandelnde Psychologe der I.____, J.____, von einem subklinisch depressi ven Zustand (vgl. Fremdanam- nese im Gutachten von Dr. H.____ vom 30. Juni 2020). D emgegenüber schätze sich die Versi- cherte selbst als schwergradig depressiv ein. Die Gutachteri n und die behandelnde Ärzteschaft der I.____ in ihrem Bericht vom 26. Mai 2020 gingen dagegen von einer mittelgradigen depressi- ven Symptomatik aus. Diese drei unterschiedlichen Einschätzungen seien geeignet, an der Vali- dität der gutachterlichen Befunde zu zweifeln. Dieser Ansicht kann nicht gefolgt werden. Zur Selbsteinschätzung der Versicherten führte Dr. H.____ a uf Seite 37 des Gutachtens nachvoll- ziehbar aus, dass deren Angaben aufgrund des selbstlimitierenden Verhaltens nicht vollumfäng- lich gefolgt werden könne. Was die fremdanamnestischen Angaben des behandelnden Psycho- logen anbelangt, wies Dr. H.____ zu Recht darauf hin, dass dieser seine Einschätzung, wonach nur noch eine depressive Restsymptomatik vorliege, nachträglich korrigiert habe. So sei seinem zusammen mit Oberärztin der I.____, Dr. med. K.____, verfassten Bericht vom 26. Mai 2020 als Diagnose eine depressive Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode zu entnehmen. Damit bestehen – entgegen der Ansicht des RAD-Arztes – keine relevanten Differenzen in Bezug auf den Schweregrad der depressiven Störung. 7.4 Bezüglich der Auffassung der Versicherten, wonach es sich beim von Dr. H.____ formu- lierten Arbeitsprofil um eine Tätigkeit im zweiten Ar beitsmarkt handle, ist auf deren Stellung- nahme vom 1. Dezember 2020 zu verweisen. Darin stellte d ie Gutachterin klar, dass sich ihre Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auf den ersten Arbeitsmarkt beziehe. In dieser Stellungnahme erklärte sie auch, weshalb es bei der von ihr festgele gten 40%igen Arbeitsfähigkeit – entgegen den Schlussfolgerungen der Versicherten – um keine prog nostische Einschätzung handle. Dem- zufolge kann die Versicherte aus ihrem Vorbringen nichts zu ihren Gunsten ableiten. 7.5 Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist festzuhalten, dass das Gutachten von Dr. H.____ vom 30. Juni 2020 samt Ergänzung vom 1. D ezember 2020 eine zuverlässige und rechtsgenügliche Grundlage bildet, um den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Ver- sicherten beurteilen zu können. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Versicherte in jegli- cher leidensangepassten Tätigkeit seit Januar 2016 im Umfang von 40 % arbeitsfähig ist. 8.1 Nach Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs. Die Versicherte meldete sich im Juni 2015 zum Leistungsbezug an, womit – nach Erfüllung de r einjährigen Wartezeit – ein Rentenan- spruch gestützt auf Art. 29 Abs. 3 IVG frühestens ab 1. Dezember 2015 entstehen kann. Die von Dr. H.____ festgelegte 40%ige Arbeitsfähigkeit gilt jedoch erst ab Anfang 2016. Für die Zeit davor konnte sie die Arbeitsfähigkeit nicht zuverlässig beurtei len. Denn damals sei die Einnahme der Medikation nicht gewährleistet gewesen, es hätten krankh eitsfremde Faktoren, wie z.B. die Schwangerschaft, eine Rolle gespielt und die psychischen gesundheitlichen Störungen seien von Schwankungen gekennzeichnet gewesen. Der aktuelle stabile, chronifizierte Zustand lasse sich erst im Verlauf nach der Geburt des Sohnes im März 2015 belegen. Den medizinischen Akten ist zu entnehmen, dass die Versicherte im Sommer 2015 zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben wurde (vgl. Bericht der I.____ vom 21. August 2015). Ob diese 100%ige Arbeitsfähigkeit bis Ende Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Dezember 2015 angedauert hat, ist nicht ganz klar. Da di e IV-Stelle einen Rentenanspruch mit der Begründung, dass die Versicherte nicht an einer invalidisierenden Krankheit leide, abgelehnt hat, hat sie selbstredend den Rentenbeginn nicht festgelegt. Es wird deshalb Sache der IV-Stelle sein, den Rentenbeginn festzusetzen. 8.2.1 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstät igen Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumut- bare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Be- ziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid gewor- den wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkommensvergleichs (BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Untervarianten des Schätzungs- oder Prozentvergleichs (BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausserordentlichen Methode (BGE 128 V 29). 8.2.2 Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig si nd oder die unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin mitarbeiten, wird für diesen Teil die Invalidität nach Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich t ätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach Absatz 2 festgelegt. In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der unentgeltlichen Mitarbeit im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu bemessen (Art. 28a Abs. 3 IVG). Dies ist die gemischte Methode der Invaliditätsbemessung (BGE 141 V 20 E. 3.2 mit Hinweisen). 8.3 Die IV-Stelle musste aufgrund ihrer Abklärungsergeb nisse keinen Einkommensvergleich vornehmen. Es ist jedoch auch im Zusammenhang mit der Rentenhöhe nicht Aufgabe des Kan- tonsgerichts, erstinstanzlich einen Einkommensvergleich vo rzunehmen. Die Angelegenheit ist deshalb zu diesem Zwecke an die IV-Stelle zurückzuweisen. Diese wird das Validen- und das Invalideneinkommen zu ermitteln haben, wobei letztere s nach dem vorstehend Gesagten spä- testens ab Januar 2016 auf der Basis einer 40%igen Arbe itsfähigkeit zu bemessen sein wird. Gestützt auf die erhobenen Zahlen wird die IV-Stelle anschliessend anhand eines Einkommens- vergleichs den Invaliditätsgrad zu ermitteln und die Höhe des Rentenanspruchs festzusetzen so- wie den Rentenbeginn festzulegen haben. 8.4 Zusammenfassend ist als Ergebnis festzuhalten, dass in Gutheissung der Beschwerde die angefochtene Verfügung der IV-Stelle vom 20. Mai 2019 aufzuheben und die Angelegenheit an die IV-Stelle zurückzuweisen ist. Diese wird die Höhe des Rentenanspruchs im Sinne der Erwägungen zu bemessen, den Rentenbeginn festzulegen u nd eine entsprechende Rentenver- fügung zu erlassen haben. 9.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens - und der Parteikosten ist grundsätz- lich auf den Prozessausgang abzustellen. Hebt das Kanto nsgericht eine bei ihm angefochtene Verfügung auf und weist es die Angelegenheit zum weiteren Vorgehen im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessualer Hinsicht Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Beschwerde führende Partei als (vollständig) obsiegende und die IV-Stelle als unterliegende Partei (BGE 137 V 57 E. 2.1 und 2.2 sowie 132 V 215 E. 6.2, je mit Hinweisen). 9.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Gemäss § 20 Abs. 3 VPO sind der IV-Stelle als unterliegende Partei die ordentlichen Kosten von Fr. 800.- - aufzuerlegen. 9.3 Nach Art. 45 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträg er die Kosten der Abklärung zu über- nehmen, soweit er die Massnahmen angeordnet hat. Hat er keine Massnahmen angeordnet, so übernimmt er deren Kosten dennoch, wenn die Massnahmen für die Beurteilung des Anspruchs unerlässlich waren oder Bestandteil nachträglich zugesprochener Leistungen bilden. Vorliegend war das Gericht anlässlich seiner ersten Urteilsberatung vom 7. November 2019 zum Ergebnis gelangt, dass ein Entscheid in der Angelegenheit gestützt auf die damals vorhandene Aktenlage nicht möglich sei. Das neuropsychologische Gutachten von Dr. G.____ vom 22. November 2017 und die ergänzende Stellungnahme von Dr. E.____ vom 9. April 2018, auf welche sich die IV- Stelle bei ihrer Ablehnung des Rentenanspruchs abstü tzte, erwiesen sich als nicht genügend beweiskräftig, um darauf abstellen zu können. Auch die übrigen bei den Akten liegenden medizi- nischen Berichte bildeten keine verlässliche Entscheidungs grundlage. Demnach wies das Ver- waltungsverfahren Untersuchungsmängel auf, welche die Einholung eines psychiatrischen Gut- achtens notwendig machten. Wie sich anlässlich der heutige n Urteilsberatung gezeigt hat, war das Gutachten von Dr. H.____ für eine abschliessende Beurteilung des medizinischen Sachver- halts unerlässlich. Es rechtfertigt sich deshalb, die K osten, welche sich gemäss Rechnung vom 30. Juni 2020 auf insgesamt Fr. 7'000.-- belaufen, der IV-Stelle zu überbinden. 9.4 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und na ch der Schwierigkeit des Prozesses be- messen. Da die Versicherte vorliegend obsiegt hat, ist ih r eine Parteientschädigung zuzuspre- chen. Ihre Rechtsvertreterin hat in ihrer Kostennote vo m 11. Mai 2021 für das vorliegende Be- schwerdeverfahren einen Zeitaufwand von 17 Stunden und 25 Minuten ausgewiesen, was in An- betracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfrage n nicht zu beanstanden ist. Die Be- mühungen sind zu dem in Sozialversicherungsprozessen praxisge mäss für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Ebenfalls nicht zu bemängeln sind die geltend gemachten Auslagen im Umfang von Fr. 90.--. Damit beläuft sich die geltend gemachte Parteientschädigung auf insge samt Fr. 4'786.35 (17 Stunden und 25 Minuten à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 90.-- + 7,7 % Mehrwertsteuer). Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht 10.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bund esgericht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht zulässig ge- gen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbständig eröffnete Zwischenentscheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständ igkeit und über Ausstandsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öffentlich- rechtlichen Angelegenheiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil bewir ken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort e inen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren er- sparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid , sondern um einen Zwischenent- scheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rückweisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvorausset- zungen) beantwortet wird (BGE 133 V 477 E. 4.2). 10.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich somit um einen Zwischenent- scheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn eine Beschwerde in öffentlich-rechtlichen An- gelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vorausset- zungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bundesgericht. Die nachstehende Rechts- mittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. 10.3 Zu ergänzen bleibt, dass nach bundesgerichtlicher P raxis die in einem Rückweisungsent- scheid getroffene (Kosten- und) Entschädigungsregelung – wie die Rückweisung im Hauptpunkt selbst – einen Zwischenentscheid (Art. 93 Abs. 1 BGG) da rstellt, der in der Regel keinen nicht wiedergutzumachenden Nachteil im Sinne von Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG bewirkt und damit nicht selbstständig beim Bundesgericht angefochten werden kann . Ihre Anfechtung ist erst mit Be- schwerde gegen den Endentscheid möglich. Entscheidet die Instanz, an welche die Sache zu- rückgewiesen wurde, in der Hauptsache voll zu Gunsten der Beschwerde führenden Person, so kann die Kosten- oder Entschädigungsregelung im Rückweisungsentscheid direkt innerhalb der Frist des Art. 100 BGG ab Rechtskraft des Endentscheids mit ordentlicher Beschwerde beim Bundesgericht angefochten werden (BGE 133 V 645 E. 2. 2, bestätigt im Urteil des Bundesge- richts vom 30. Oktober 2008, 9C_567/2008, E. 2 - 4; v gl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 7. November 2014, 8C_692/2014, E. 2). Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird, soweit darauf eingetrete n werden kann, in dem Sinne gutgeheissen, als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Ba- sel-Landschaft vom 20. Mai 2019 aufgehoben und die Angelegenheit an die IV-Stelle Basel-Landschaft zurückgewiesen. Diese wir d die Höhe des Rentenanspruchs im Sinne der Erwägungen zu bemessen, den Rentenbeginn festzulegen und eine entsprechende Rentenverfügung zu erlassen haben. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die Kosten für das gerichtliche Gutachten von Dr. H. ____ in der Höhe von Fr. 7'000.-- werden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerdefü hrerin eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 4'786.35 (inkl. Ausl agen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen.