<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 42 S.155</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">155</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Straf- und Massnahmenvollzug</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>42</b></span> <span class="ft2"><b>Bedingte Entlassung aus dem Strafvollzug (Art. 38 Ziff. 1 Abs. 1 StGB).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Grundsätze der bedingten Entlassung aus dem Strafvollzug auf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Grund der neuen bundesgerichtlichen Rechtsprechung (Erw. 4).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Die Einsetzung der "Fachkommission zur Überprüfung der Gemein-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gefährlichkeit von Straftätern und Straftäterinnen" ist rechtmässig</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Auslegung eines unklaren Dispositivs mit Hilfe der Erwägungen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 3/b/aa).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Die Anordnung einer vollzugsbegleitenden Massnahme endet mit der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>vollständigen Verbüssung der entsprechenden Strafe, selbst wenn un-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mittelbar anschliessend eine weitere Freiheitsstrafe (ohne Verbindung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mit einer Massnahme) vollzogen wird (Erw. 3/b/cc).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 10. Januar 2002 in Sa-</span><br/> <span class="ft3">chen C.J.M. gegen Verfügung des Departements des Innern.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">2. a) Der Kanton Aargau gehört dem am 4. März 1959 ge-</span><br/> <span class="ft5">schlossenen Konkordat über den Vollzug von Strafen und Massnah-</span><br/> <span class="ft5">men nach dem Schweizerischen Strafgesetzbuch und dem Recht der</span><br/> <span class="ft5">Kantone der Nordwest- und Innerschweiz (Strafvollzugskonkordat</span><br/> <span class="ft5">NW; SAR 253.010) an (vgl. § 4 Abs. 1 des Dekrets über den Vollzug</span><br/> <span class="ft5">von Strafen und Massnahmen [Strafvollzugsdekret; SAR 253.110]</span><br/> <span class="ft5">vom 27. Oktober 1959). Zweck des Konkordats ist die Bestimmung</span><br/> <span class="ft5">der in den Konkordatskantonen betriebenen Anstalten und der</span><br/> <span class="ft5">koordinierte bzw. gemeinsame Vollzug der von den Kantonen aus-</span><br/> <span class="ft5">gesprochenen Strafen und Massnahmen in diesen Anstalten. Sämtli-</span><br/> <span class="ft5">che Vollzugskompetenzen verbleiben bei den Kantonen (Art. 8 Abs.</span><br/> <span class="ft5">1 Strafvollzugskonkordat NW). Es handelt sich also um ein bloss</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">156</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">mittelbar rechtsetzendes Konkordat, d.h. dieses enthält keine unmit-</span><br/> <span class="ft5">telbar rechtsetzenden Normen, sondern verpflichtet vielmehr die</span><br/> <span class="ft5">beteiligten Kantone, ihr internes Recht nach den Bestimmungen des</span><br/> <span class="ft5">Konkordats auszugestalten (vgl. Ulrich Häfelin/Walter Haller,</span><br/> <span class="ft5">Schweizerisches</span> <span class="ft5">Bundesstaatsrecht,</span> <span class="ft5">5. Aufl.,</span> <span class="ft5">Zürich</span> <span class="ft5">2001,</span><br/> <span class="ft5">Rz. 1285 f.; Yvo Hangartner, Grundzüge des schweizerischen Staats-</span><br/> <span class="ft5">rechts, Bd. I, Zürich 1980, S. 78). Die Umsetzung, also die Schaf-</span><br/> <span class="ft5">fung des internen kantonalen Rechts, richtet sich nach dessen Be-</span><br/> <span class="ft5">stimmungen.</span><br/> <span class="ft5">b) Die Konkordatskonferenz (vgl. Art. 17 Strafvollzugskonkor-</span><br/> <span class="ft5">dat NW) hat am 21. April 1995 "Richtlinien betreffend gemeinge-</span><br/> <span class="ft5">fährliche Straftäter/-innen im Freiheitsentzug" erlassen, die inzwi-</span><br/> <span class="ft5">schen durch neue Richtlinien vom 3. Dezember 1999 (im Folgenden:</span><br/> <span class="ft5">Richtlinien) ersetzt wurden. Deren Zweck ist die Vereinheitlichung</span><br/> <span class="ft5">der Praxis bei der Erkennung, Erfassung, Beurteilung, Behandlung</span><br/> <span class="ft5">und Unterbringung von gemeingefährlichen Straftäterinnen und</span><br/> <span class="ft5">Straftätern (Ziff. 1.1 der Richtlinien). Zur Durchführung setzt jeder</span><br/> <span class="ft5">Kanton eine unabhängige Fachkommission ein oder schliesst sich</span><br/> <span class="ft5">einer regionalen Fachkommission an (Ziff. 2.1 Abs. 1 der Richtli-</span><br/> <span class="ft5">nien).</span><br/> <span class="ft5">Die Einsetzung der aargauischen Fachkommission zur Überprü-</span><br/> <span class="ft5">fung der Gemeingefährlichkeit von Straftätern und Straftäterinnen</span><br/> <span class="ft5">(im Folgenden: Fachkommission) und die Vorgaben für deren Tätig-</span><br/> <span class="ft5">keit erfolgten durch Verfügung und Reglement vom 10. November</span><br/> <span class="ft5">1995, beide erlassen durch den Vorsteher des Departements des In-</span><br/> <span class="ft5">nern (heute abgelöst durch das Reglement vom 23. August 2000 und</span><br/> <span class="ft5">die Verfügung vom 7. November 2000). Die Fachkommission wird</span><br/> <span class="ft5">ausschliesslich auf Anfrage von Strafverfolgungs- und Strafvollzugs-</span><br/> <span class="ft5">behörden hin tätig und gibt zuhanden dieser Behörden Beurteilungen</span><br/> <span class="ft5">über die Gemeingefährlichkeit von Straftäterinnen und Straftätern</span><br/> <span class="ft5">sowie gegebenenfalls gewisse konkrete Empfehlungen ab; sie hat</span><br/> <span class="ft5">keine eigenen Entscheidungs- oder Weisungsbefugnisse. Dies ergibt</span><br/> <span class="ft5">sich aus dem Reglement und aus den Richtlinien, auf die darin ver-</span><br/> <span class="ft5">wiesen wird, klar. Unter diesen Umständen lässt sich nicht beanstan-</span><br/> <span class="ft5">den, dass der Vorsteher des Departements des Innern als zuständiger</span><br/> <span class="ft5">Vollzugsbehörde (§ 18 Abs. 1 StPO) ein solches beratendes Gremium</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">157</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">mittels Verfügung eingesetzt hat, auch wenn die Bedeutung der Sa-</span><br/> <span class="ft5">che wohl eine Regelung im Strafvollzugsdekret gerechtfertigt hätte.</span><br/> <span class="ft5">c) Der Beschwerdeführer ist der Meinung, das Wirken der</span><br/> <span class="ft5">Fachkommission widerspreche der EMRK und dem Bundesrecht</span><br/> <span class="ft5">(StGB). Er übersieht dabei, dass Art. 6 EMRK im strafrechtlichen</span><br/> <span class="ft5">Bereich nur auf das Verfahren bis zur Verurteilung, nicht aber auf</span><br/> <span class="ft5">den Strafvollzug Anwendung findet (Ruth Herzog, Art. 6 EMRK und</span><br/> <span class="ft5">kantonale Verwaltungsrechtspflege, Diss. Bern 1995, S. 109; Mark</span><br/> <span class="ft5">E. Villiger, Handbuch der Europäischen Menschenrechtskonvention,</span><br/> <span class="ft5">2. Aufl., Zürich 1999, Rz. 401). Dass andererseits das StGB solche</span><br/> <span class="ft5">Fachkommissionen nicht vorsieht, macht diese nicht unzulässig. Die</span><br/> <span class="ft5">vom Beschwerdeführer geltend gemachte Revisionsbedürftigkeit des</span><br/> <span class="ft5">StGB (Vollzugsgerichte) ändert nichts daran, dass das Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft5">gericht das zurzeit geltende Recht anzuwenden hat. Nach diesem</span><br/> <span class="ft5">gehört der Strafvollzug grundsätzlich - Art. 397</span><span class="ft3">bis</span> <span class="ft5">StGB statuiert</span><br/> <span class="ft5">Ausnahmen, die auf den vorliegenden Sachverhalt aber nicht zutref-</span><br/> <span class="ft5">fen - zum Zuständigkeitsbereich der Kantone (Art. 42 i.V.m. Art. 123</span><br/> <span class="ft5">BV; zuvor Art. 64</span><span class="ft3">bis</span> <span class="ft5">der Bundesverfassung vom 29. Mai 1874), und</span><br/> <span class="ft5">dass die Einsetzung der Fachkommission mit dem kantonalen Recht</span><br/> <span class="ft5">vereinbar ist, wurde bereits ausgeführt.</span><br/> <span class="ft5">3. a) In der Beschwerde und an der Verhandlung wurde mehr-</span><br/> <span class="ft5">fach auf die vollzugsbegleitende Massnahme gemäss Urteil des BG</span><br/> <span class="ft5">Kulm vom 12. Mai 1998 Bezug genommen. Der Zusammenhang mit</span><br/> <span class="ft5">dem vorliegenden Verfahren, ist offenbar der Folgende. Der Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeführer argumentiert damit, dass er, wenn keine bedingte</span><br/> <span class="ft5">Entlassung erfolgt, am 30. Dezember 2003 ohne Auflagen und Wei-</span><br/> <span class="ft5">sungen aus dem Strafvollzug entlassen werden muss, während das</span><br/> <span class="ft5">Departement davon ausgeht, bis dann gelte diese vollzugsbegleitende</span><br/> <span class="ft5">Massnahme; wenn sie sich als erfolglos erweise, könne sie der</span><br/> <span class="ft5">Richter noch bei Strafende gestützt auf Art. 43 Ziff. 3 Abs. 3 StGB</span><br/> <span class="ft5">durch eine andere Massnahme bis hin zur Verwahrung nach Art. 43</span><br/> <span class="ft5">Ziff. 1 Abs. 2 StGB ersetzen (vgl. dazu BGE 123 IV 102 ff.; 125 IV</span><br/> <span class="ft5">228 ff.).</span><br/> <span class="ft5">b) aa) Der Beschwerdeführer bringt vor, die fragliche Mass-</span><br/> <span class="ft5">nahme sei weder gestützt auf Art. 43 noch Art. 44 StGB angeordnet</span><br/> <span class="ft5">worden; dies sei ein formaljuristischer Fehler, der zur Folge habe,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">158</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">dass diese Anordnung nicht zu seinem Nachteil ausgelegt (d.h. im</span><br/> <span class="ft5">Ergebnis nicht berücksichtigt) werden dürfe. Dispositiv Ziff. 4 des</span><br/> <span class="ft5">Urteils des BG Kulm vom 12. Mai 1998 lautet:</span><br/> <span class="ft3">"4. Es wird eine ambulante Psychotherapie verbunden mit der Verhinde-</span><br/> <span class="ft3">rung von Alkoholkonsum angeordnet."</span><br/> <span class="ft5">Massgeblich ist bei Urteilen und Verfügungen - insoweit hat der</span><br/> <span class="ft5">Beschwerdeführer durchaus Recht - das Dispositiv. Ist dieses nicht</span><br/> <span class="ft5">aus sich heraus verständlich und eindeutig, also auslegungsbedürftig,</span><br/> <span class="ft5">so ist sein Sinn mit Hilfe der Erwägungen auszulegen. Dies ist ein</span><br/> <span class="ft5">allgemeiner und unbestrittener Grundsatz (vgl. Fritz Gygi, Verwal-</span><br/> <span class="ft5">tungsrecht, Bern 1986, S. 129; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kom-</span><br/> <span class="ft5">mentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege im Kanton</span><br/> <span class="ft5">Bern, Bern 1997, Art. 52 N 12). Aus den Erwägungen seines Urteils</span><br/> <span class="ft5">geht nun eindeutig hervor, dass das BG Kulm eine Massnahme <i>ge-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>mäss Art. 43 StGB</i> geprüft und angeordnet hat (S. 29 unten: "Gestützt</span><br/> <span class="ft5">auf die vorliegenden Gutachten und die Aussagen des Bezirksarztes</span><br/> <span class="ft5">ist daher eine ambulante psychotherapeutische Behandlung nach</span><br/> <span class="ft5">Art. 43 StGB anzuordnen."). Hiervon hat die Vollzugsbehörde</span><br/> <span class="ft5">auszugehen.</span><br/> <span class="ft5">cc) Der Beschwerdeführer verbüsste die vom BG Kulm am</span><br/> <span class="ft5">12. Mai 1998 ausgefällte Strafe vollumfänglich; sie lief am 28. No-</span><br/> <span class="ft5">vember 2000 ab. Das Departement des Innern ist offenbar der Mei-</span><br/> <span class="ft5">nung, weil es die unmittelbar nacheinander vollzogenen Freiheits-</span><br/> <span class="ft5">strafen (zunächst, bis zum 28. November 2000, diejenige gemäss</span><br/> <span class="ft5">Urteil BG Kulm vom 12. Mai 1998; dann diejenige gemäss Urteil</span><br/> <span class="ft5">BG Lenzburg vom 7. September 2000) für die Berechnung der frü-</span><br/> <span class="ft5">hestmöglichen bedingten Entlassung zusammenzähle, gelte die vom</span><br/> <span class="ft5">BG Kulm angeordnete vollzugsbegleitende Massnahme bis zum</span><br/> <span class="ft5">Endtermin 30. Dezember 2003, obwohl mit Urteil des BG Lenzburg</span><br/> <span class="ft5">vom 7. September 2000 <i>ausschliesslich</i> der Vollzug der aufgescho-</span><br/> <span class="ft5">benen Freiheitsstrafen, ohne zusätzliche Durchführung einer ambu-</span><br/> <span class="ft5">lanten/vollzugsbegleitenden Massnahme, angeordnet wurde. Das</span><br/> <span class="ft5">Verwaltungsgericht vermag dieser Auffassung nicht zu folgen. Die</span><br/> <span class="ft5">Berechnung der Vollzugsdaten, namentlich im Hinblick auf eine</span><br/> <span class="ft5">allfällige bedingte Entlassung, erfolgt unter Zusammenrechnung der</span><br/> <span class="ft5">Strafen; dem Sinn von Art. 38 Ziff. 1 StGB entsprechend, muss dies</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">159</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">gelten, ob nun Art. 2 Abs. 5 der Verordnung 1 zum StGB (VStGB 1;</span><br/> <span class="ft5">SR 311.01) vom 13. November 1973 direkt anwendbar ist oder, weil</span><br/> <span class="ft5">die Freiheitsstrafen nicht gleichzeitig vollziehbar waren, lediglich</span><br/> <span class="ft5">analog. Es ist eine ganz andere Fragestellung, ob bei mehreren Frei-</span><br/> <span class="ft5">heitsstrafen, die unmittelbar nacheinander vollzogen werden und von</span><br/> <span class="ft5">denen nicht alle mit einer vollzugsbegleitenden Massnahme verbun-</span><br/> <span class="ft5">den sind, diese Massnahme während der Gesamtdauer gilt. Dies ist</span><br/> <span class="ft5">zu verneinen, weil es auf eine Änderung der Strafurteile - nämlich</span><br/> <span class="ft5">derjenigen ohne Anordnung einer Massnahme während des Straf-</span><br/> <span class="ft5">vollzugs - hinausliefe, was der Strafvollzugsbehörde nicht zusteht.</span><br/> <span class="ft5">Die Anordnung einer ambulanten Psychotherapie als vollzugs-</span><br/> <span class="ft5">begleitende Massnahme gemäss Dispositiv Ziff. 4 des Urteils des BG</span><br/> <span class="ft5">Kulm vom 12. Mai 1998 hat folglich heute keine Gültigkeit mehr, da</span><br/> <span class="ft5">jene Strafe seit langem vollständig verbüsst ist.</span><br/> <span class="ft5">4. a) Hat der zu Zuchthaus oder Gefängnis Verurteilte zwei</span><br/> <span class="ft5">Drittel der Strafe - und mindestens drei Monate - verbüsst, so kann</span><br/> <span class="ft5">ihn die zuständige Behörde bedingt entlassen, wenn sein Verhalten</span><br/> <span class="ft5">während des Strafvollzuges nicht dagegen spricht und anzunehmen</span><br/> <span class="ft5">ist, er werde sich in der Freiheit bewähren (Art. 38 Ziff. 1 Abs. 1</span><br/> <span class="ft5">StGB).</span><br/> <span class="ft5">b) Das Bundesgericht hat seine Rechtsprechung zu dieser Be-</span><br/> <span class="ft5">stimmung (zusammengefasst wiedergegeben in AGVE 1993, S. 319</span><br/> <span class="ft5">f.) in neuester Zeit geändert bzw. fortentwickelt (vgl. BGE 124 IV</span><br/> <span class="ft5">194 ff., 125 IV 113 ff.). In BGE 124 IV 194 ff. führte es aus, die</span><br/> <span class="ft5">bedingte Entlassung als vierte Stufe des Strafvollzugs sei in der Re-</span><br/> <span class="ft5">gel anzuordnen; davon dürfe nur aus guten Gründen abgewichen</span><br/> <span class="ft5">werden. Ob dem Verhalten des Verurteilten während dem Strafvoll-</span><br/> <span class="ft5">zug noch selbstständige Bedeutung zukomme, könne offen bleiben.</span><br/> <span class="ft5">Entscheidend sei eine Gesamtwürdigung mit Hinblick auf das künf-</span><br/> <span class="ft5">tige Wohlverhalten. Für diese Prognose komme es lediglich insoweit</span><br/> <span class="ft5">auf die Art der begangenen Delikte an, als diese Rückschlüsse auf die</span><br/> <span class="ft5">Täterpersönlichkeit und damit auf das künftige Verhalten erlaube. Ob</span><br/> <span class="ft5">die mit der bedingten Entlassung immer verbundene Gefahr neuer</span><br/> <span class="ft5">Delikte zu verantworten sei, hänge sowohl von der Wahrscheinlich-</span><br/> <span class="ft5">keit eines Rückfalls als auch von der Bedeutung des eventuell be-</span><br/> <span class="ft5">drohten Rechtsgutes ab. Die Rückfallgefahr müsse dabei um so we-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">160</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">niger gross sein, je gewichtigere Rechtsgüter bedroht seien. Die aus-</span><br/> <span class="ft5">nahmsweise Verweigerung der bedingten Entlassung sei folglich</span><br/> <span class="ft5">dann möglich, wenn mit etwelcher Wahrscheinlichkeit mit neuen,</span><br/> <span class="ft5">erheblichen Delikten zu rechnen sei. Dabei sei aber auch in Betracht</span><br/> <span class="ft5">zu ziehen, dass die bedingte Entlassung, die sachgerechte Weisungen</span><br/> <span class="ft5">und die Stellung unter Schutzaufsicht ermögliche, eher zu einer dau-</span><br/> <span class="ft5">erhaften Problemlösung und -entschärfung führe als die vollständige</span><br/> <span class="ft5">Strafverbüssung.</span><br/> <span class="ft5">Im letztgenannten Entscheid, der einen mehrfachen Mörder be-</span><br/> <span class="ft5">traf, führte das Bundesgericht aus (BGE 125 IV 115 f.):</span><br/> <span class="ft3">"La nature des délits commis par l'intéressé n'est, en tant que telle, pas à</span><br/> <span class="ft3">prendre en compte, en ce sens que la libération conditionnelle ne doit</span><br/> <span class="ft3">pas être exclue ou rendue plus difficile pour certains types d'infractions.</span><br/> <span class="ft3">Toutefois, les circonstances dans lesquelles l'auteur a encouru la sanc-</span><br/> <span class="ft3">tion pénale sont pertinentes dans la mesure où elle sont révélatrices de</span><br/> <span class="ft3">sa personnalité et donnent ainsi certaines indications sur son comporte-</span><br/> <span class="ft3">ment probable en liberté. Au demeurant, pour déterminer si l'on peut</span><br/> <span class="ft3">courir le risque de récidive, inhérant à toute libération qu'elle soit con-</span><br/> <span class="ft3">ditionnelle ou définitive, il faut non seulement prendre en considération</span><br/> <span class="ft3">le degré de probabilité qu'une nouvelle infraction soit commise mais</span><br/> <span class="ft3">également l'importance du bien qui serait alors menacé. Ainsi, le risque</span><br/> <span class="ft3">de récidive que l'on peut admettre est moindre si l'auteur s'en est pris à</span><br/> <span class="ft3">la vie ou à l'intégrité corporelle de ses victimes que s'il a commis par</span><br/> <span class="ft3">exemple des infractions contre le patrimoine."</span><br/> <span class="ft5">Das Verwaltungsgericht hat hierzu (im Entscheid vom 26. Okto-</span><br/> <span class="ft5">ber 1999 in Sachen des Beschwerdeführers) festgehalten:</span><br/> <span class="ft3">"Diese Ausführungen des Bundesgerichts erscheinen in sich nicht völlig</span><br/> <span class="ft3">widerspruchsfrei. Wenn bei einem Gewaltverbrecher, der sich in schwe-</span><br/> <span class="ft3">rer Weise gegen hochwertige Rechtsgüter vergangen hat, die bedingte</span><br/> <span class="ft3">Entlassung nur bei gering(er)em Rückfallrisiko vertretbar ist (S. 195,</span><br/> <span class="ft3">Erw. 3), bedeutet dies, dass entgegen den vorangehenden Ausführungen</span><br/> <span class="ft3">die Entlassung für gewisse Tatkategorien (richtigerweise) erschwert</span><br/> <span class="ft3">werden darf. Die "Leitlinien" (S. 198 ff., Erw. 4d) deuten sodann ganz</span><br/> <span class="ft3">in der Richtung, dass die bedingte Entlassung der vollständigen Straf-</span><br/> <span class="ft3">verbüssung praktisch durchwegs vorzuziehen sei, indem sie dem</span><br/> <span class="ft3">Rechtsgüterschutz - längerfristig betrachtet - regelmässig besser diene</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">161</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">als die Verbüssung der vollen Strafe. Danach wäre die bedingte Entlas-</span><br/> <span class="ft3">sung "als vierte und letzte Etappe des Stufenstrafvollzugs" ungeachtet</span><br/> <span class="ft3">einer Rückfallsgefahr immer dann am Platz, wenn nicht ausnahmsweise</span><br/> <span class="ft3">die volle Strafverbüssung auch langfristig das Risiko zukünftiger Straf-</span><br/> <span class="ft3">taten voraussichtlich stärker vermindert als die bedingte Entlassung.</span><br/> <span class="ft3">Dies bedeutet eine Abweichung von den generellen Ausführungen in</span><br/> <span class="ft3">Erw. 3 und lässt sich jedenfalls mit dem Wortlaut des Gesetzes ("wenn</span><br/> <span class="ft3">anzunehmen ist, er werde sich in der Freiheit bewähren") nicht mehr</span><br/> <span class="ft3">vereinbaren. Ob dieses Abweichen vom Wortlaut durch den Sinn des</span><br/> <span class="ft3">Gesetzes geboten ist oder zumindest gerechtfertigt werden kann, er-</span><br/> <span class="ft3">scheint fraglich; die Formulierungen in Erw. 4d scheinen stark von den</span><br/> <span class="ft3">Besonderheiten des konkreten Falles beeinflusst und lassen die Ausein-</span><br/> <span class="ft3">andersetzung mit zwei Fragen völlig vermissen (Wie verhält es sich,</span><br/> <span class="ft3">wenn die Prognose sowohl bei bedingter Entlassung als auch bei vollem</span><br/> <span class="ft3">Strafvollzug schlecht ist, also in beiden Fällen mit dem Rückfall zu</span><br/> <span class="ft3">rechnen ist? Welches Gewicht haben, bei schlechter Prognose, die Inter-</span><br/> <span class="ft3">essen der Öffentlichkeit an der Verhinderung von Straftaten wenigstens</span><br/> <span class="ft3">während der Zeit des restlichen Vollzugs?), ohne deren Beantwortung</span><br/> <span class="ft3">sich die Zulässigkeit des Abweichens vom Gesetzeswortlaut nicht gene-</span><br/> <span class="ft3">rell bejahen lässt. Interessanterweise hat das Bundesgericht in späteren</span><br/> <span class="ft3">Urteilen lediglich auf die allgemeinen Ausführungen in Erw. 3 zurück-</span><br/> <span class="ft3">gegriffen und bei gewichtigen Anhaltspunkten für die Gefahr einer</span><br/> <span class="ft3">neuerlichen Straftat und hohem Wert des gefährdeten Rechtsgutes die</span><br/> <span class="ft3">Verweigerung der bedingten Entlassung ohne weiteres - also namentlich</span><br/> <span class="ft3">ohne Abwägung der Resozialisierungsaussichten bei bedingter Entlas-</span><br/> <span class="ft3">sung einerseits und vollständigem Strafvollzug anderseits - geschützt</span><br/> <span class="ft3">(nicht publizierter BGE vom 24. Juni 1999 in Sachen K. und BGE 125</span><br/> <span class="ft3">IV 113 ff.)."</span><br/> <span class="ft5">Das Verwaltungsgericht orientierte sich in der Folge an BGE</span><br/> <span class="ft5">125 IV 113 ff. Dies führte zur Abweisung der Beschwerde (gegen die</span><br/> <span class="ft5">Verweigerung der bedingten Entlassung), da der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft5">nicht bereit erschien, sich mit seinen charakterlichen Problemen, die</span><br/> <span class="ft5">zu den Straftaten geführt hatten, ernsthaft auseinander zu setzen, und</span><br/> <span class="ft5">da keine ambulant durchführbare Methode ersichtlich war, um Alko-</span><br/> <span class="ft5">holkonsum mit Sicherheit zu verhindern, sodass nach einer bedingten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">162</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Entlassung ernsthaft mit neuen Delikten gegen hochwertige Rechts-</span><br/> <span class="ft5">güter (Leib und Leben) hätte gerechnet werden</span><br/> <span class="ft5">müssen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>