B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5345/2015 U r t e i l v o m 1 5 . M ä r z 2 0 1 7 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Esther Marti, Richterin Daniela Brüschweiler, Gerichtsschreiberin Anne Kneer. Parteien A._______, geboren am (…), und ihre Kinder B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), Eritrea (derzeit in Äthiopien), alle vertreten durch lic. iur. Fabienne Zannol, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des SEM vom 30. Juli 2015 / N (…). D-5345/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Ehegatte respektive Vater der Beschwerdeführenden wurde vom da- maligen BFM (heute SEM) mit Verfügung vom 13. September 2011 als Flüchtling in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Die im Asylpunkt erho- bene Beschwerde lehnte das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-5699/2011 vom 1. Mai 2013 ab. B. Mit Eingabe der damaligen Rechtsvertreterin vom 13. März 2012 wurde für die Beschwerdeführerin und die Kinder bei der Vorinstanz ein Asylgesuch aus dem Ausland gestellt. Darin wurde geltend gemacht, die Beschwerde- führerin sei mit den vier Kindern nach Äthiopien geflüchtet und habe zu- nächst in einem Flüchtlingslager gelebt. Aus gesundheitlichen und aus Si- cherheitsgründen sei sie später nach Z._______ gezogen. Dort werde sie von ihrem Ehemann aus der Schweiz im Rahmen seiner bescheidenen wirtschaftlichen Fähigkeiten unterstützt. Sie sei krank und habe keinen Zu- gang zur Gesundheitsversorgung. Die Beziehungsnähe der Beschwerde- führenden zur Schweiz sei mit dem hier lebenden Ehemann und Vater ge- geben. Der Eingabe lagen Dokumente der äthiopischen Flüchtlingsbehör- den, Fotos der betroffenen Personen sowie ein Schreiben der Beschwer- deführerin vom 3. Oktober 2011 bei. Im besagten Schreiben machte sie geltend, wegen ihres geflohenen Gatten durch die eritreischen Behörden behelligt worden zu sein. Man habe sie unter anderem zu einer Geldzah- lung genötigt unter der Drohung, ansonsten inhaftiert zu werden. In Anbe- tracht dieser Situation sei sie mit den Kindern ausser Landes geflohen. C. Mit Verfügung vom 6. Oktober 2014 – eröffnet am 8. Oktober 2014 – ver- weigerte das BFM die Be willigung zur Einreise in die Schweiz und lehnte die Asylgesuche ab. Die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde vom 7. November 2014 wurde vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D- 6510/2014 vom 18. Mai 2015 gutgeheissen. Die angefochtene Verfügung wurde aufgehoben und die Sache zu neuer Entscheidfindung an die Vor - instanz zurückgewiesen. D. Am 7. Juli 2015 erkundigten s ich die Beschwerdeführenden bei der Vor - instanz nach dem Verfahrensstand. Gleichzeitig wurde dem SEM mitge- teilt, dass der Ehegatte der Beschwerdeführerin bei seiner Familie in D-5345/2015 Seite 3 Z._______ zu Besuch gewesen sei. Dabei habe er erfahren, dass sein äl- tester Sohn (aus früherer Beziehung) von einem Schlepper erschossen worden sei. Sein zweitältester Sohn, B._______, wolle Z._______ in Rich- tung Europa verlassen, weshalb er sich fürchte, dass auch er bei einer Flucht sterbe. Die Situation der Beschwerdeführenden habe sich in keiner Weise verbessert. Sie seien alle an (…) erkrankt, die Kinder könnten nach wie vor keine Schule besuchen und die Wohnsituation sei drastisch. Es sei für die Beschwerdeführenden äusserst wichtig, in absehbarer Zeit einen definitiven Entscheid zu erhalten. E. Mit Verfügung vom 30. Juli 2015 – eröffnet am 3. August 2015 – verwei- gerte das SEM die Bewilligung zur Einreise in die Schweiz und lehnte d ie Asylgesuche ab. F. Mit Eingabe vom 2. September 2015 erhoben die Beschwerdeführenden – handelnd durch ihre Rechtsvertreterin – Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht und beantragten die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfü- gung sowie die Bewilligung der Einreise in die Schweiz zur Durchführung des Asylverfahrens. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 110a Abs. 3 AsylG (SR 142.31) samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Eingabe wurden – nebst der angefochtenen Verfügung – eine Voll- macht, eine Substitutionsvollmacht, diverse Fotos der Beschwerdeführerin und ihres Ehegattens, eine Fürsorgebestätigung sowie eine Honorarnote beigelegt. G. Mit Verfügung vom 11. September 2015 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut, wies das Gesuch um Gewährung der unentgelt- lichen Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG ab, ver- zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und räumte der Vor - instanz Gelegenheit ein, eine Vernehmlassung einzureichen. H. In seiner Vernehmlassung vom 18. September 2015 beantragte das SEM die Abweisung der Beschwerde. D-5345/2015 Seite 4 I. Mit Eingabe vom 20. Oktober 2015 nahmen die Beschwerdeführenden in- nert erstreckter Frist Stellung zur Vernehmlassung des SEM. J. Mit Telefax-Eingabe vom 13. Januar 2016 (im Original am 14. Januar 2016 beim Bundesverwaltungsgericht eingegangen) erkundigten sich die Be- schwerdeführenden nach dem Verfahrensstand und baten um einen defi- nitiven Entscheid in absehbarer Zeit. K. Am 21. Januar 2016 wurde den Beschwerdeführenden mitgeteilt, dass keine verbindlichen Angaben hinsichtlich des Erledigungszeitpunktes ge- macht werden könnten. L. Mit Eingabe vom 10. August 2016 erkundigten sich die Beschwerdeführen- den abermals nach dem Verfahrensstand und brachten des weiteren vor, der zweitälteste Sohn (B._______) habe sich nun selbständig auf den Weg nach Europa gemacht, weshalb die ganze Familie sehr in Sorge sei. Es bestehe momentan kein Kontakt zu ihm, jedoch werde ver mutet, dass er sich aktuell im Sudan aufhalte. M. Am 17. August 2016 wurde den Beschwerdeführenden mitgeteilt, dass keine verbindlichen Angaben hinsichtlich des Erledigungszeitpunktes ge- macht werden könnten. N. Mit Schreiben vom 11. Januar 2017 teilten die Beschwerdeführenden mit, dass der älteste Sohn sich nun in Griechenland befinde. Auch wenn der Ehegatte respektive Vater der Beschwerdeführenden in der Schweiz ar- beite, sei es aufgrund seines tiefen Lohnes kaum möglich, die Vorausset- zungen für den Familiennachzug zu erfüllen. Es werde nochmals um prio- ritäre Beurteilung des Falles gebeten. O. Am 6. Februar 2017 ersuchten die Beschwerdeführenden um Zustellung der Kopie der sich eventuell in den Akten befindlichen Geburtsurkunde des Sohnes (B._______), da dieser den griechischen Behörden einen Identi- tätsnachweis vorlegen müsse. D-5345/2015 Seite 5 P. Mit Schreiben vom 10. Februar 2017 wurden die Beschwerdeführenden in- formiert, dass sich die Geburtsurkunde nicht in den Akten befinde. Ein am 19. September 2014 eingereichtes Taufzertifikat wurde den Beschwerde- führenden in Kopie zugestellt. Zudem wurden die Beschwerdeführenden informiert, dass keine verbindlichen Angaben hinsichtlich des Erledigungs- zeitpunktes gemacht werden könnten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM beziehungs- weise das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet be- treffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundes- verwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entschei- det. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil- genommen, sind durch die angefochtene Ver fügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs- weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti- miert. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutre- ten (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). D-5345/2015 Seite 6 3. Soweit mit den dri nglichen Änderungen des Asylgesetzes vom 28. Sep- tember 2012 (AS 2012, 5359; in Kraft getreten am 29. September 2012) die Möglichkeit der Asylgesuchstellung im Ausland abgeschafft wurde, kommt dies im vorliegenden Fall nicht zur Anwendung, da gemäss Über- gangsbestimmung zur Änderung vom 28. September 2012 für Asylsu- chende, die im Ausland vor dem Inkrafttreten der Änderung gestellt worden sind – was vorliegend zutrifft –, die einschlägigen Normen in der bisherigen Fassung gelten. 4. 4.1 Gemäss aArt. 19 Abs. 1 AsylG kann ein Asylgesuch aus dem Ausland direkt beim SEM (vormals BFM) eingereicht werden (vgl. BVGE 2007/19 E. 3.3). Hinsichtlich des Verfahrens bei der schweizerischen Vertretung im Ausland sieht aArt. 10 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) vor, dass diese mit der asylsuchenden Person in der Regel eine Befragung durchführt. Das Staatsekretariat bewilligt Asylsu- chenden die Einreise in die Schweiz zur Abklärung des Sachverhalts, wenn ihnen nicht zugemutet werden kann, im Wohnsitz- oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in einen andern Staat auszureisen (aArt. 20 AsylG). Unzumut- bar ist ein Verbleib namentlich dann, wenn die asylsuchende Person schutzbedürftig ist, dass heisst wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer poli- tischen Anschauung ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begrün- dete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als er nsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2 Die Vorinstanz kann einer Person, die sich im Ausland befindet, Asyl – und damit auch die Einreise in die Schweiz – verweigern, wenn keine Hin- weise auf eine aktuelle Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG vorliegen oder ihr zuzumuten ist, sich in einem Drittstaat um Aufnahme zu bemühen (aArt. 52 Abs. 2 AsylG). 4.3 Für die Erteilung einer Einreisebewilligung gelten restriktive Vorausset- zungen, wobei den Behörden ein weiter Beurteilungsspielraum zukommt. Neben der erforderlichen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG sind na- mentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz, die Möglichkeit der Schutzge- währung dur ch einen anderen Staat, die Beziehungsnähe zu anderen D-5345/2015 Seite 7 Staaten, die praktische Möglichkeit und objektive Zumutbarkeit zur ander- weitigen Schutzsuche sowie die voraussichtlichen Eingliederungs- und As- similationsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Ausschlagge bend für die Erteilung der Einreisebewilligung ist dabei die Schutzbedürftigkeit der be- treffenden Person, mithin die Prüfung der Frage, ob eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft gemacht wurde und ob der Verbleib am Aufenthaltsort für die Dauer der Sachverhaltsabklärungen zugemutet wer- den kann. Die Einreise ist aber selbst im Falle einer allfälligen Schutzbe- dürftigkeit zu verweigern, wenn Asylausschlussgründe vorliegen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/10 E. 3.3). 4.4 Eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG ist dann glaubhaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das SEM begründete seine Verfügung vom 30. Juli 2015 im Wesentli- chen damit, dass mit dem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts vom 18. Mai 2015 festgestellt worden sei, dass mit überwiegender Wahrschein- lichkeit von einer begründeten Furcht der Beschwerdeführenden vor einer drohenden Reflexverfolgung im Zeitpunkt der Ausreise aus Eritrea auszu- gehen sei. Laut Berichten des UNHCR würden sich zahlrei che eritreische Flüchtlinge und Asylbewerbende in Äthiopien befinden. Vor diesem Hinter- grund sei es nicht zu verkennen, dass die Lage vor Ort für diese Menschen wie auch für die Beschwerdeführenden nicht einfach sei. Dennoch bestün- den keine konkreten Anhal tspunkte zur Annahme, dass ein weiterer Ver- bleib in Äthiopien für sie nicht zumutbar oder möglich sei. Die Grundver- sorgung in den äthiopischen Flüchtlingslagern sei gewährleistet und der dortige Aufenthalt für die vom UNHCR registrierten Flüchtlinge grundsätz- lich zumutbar (mit Hinweis auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-4817/2014 vom 27. November 2014). Seit dem Jahr 2010 sei es eritrei- schen Flüchtlingen zudem möglich, im Rahmen der Out of Camp Policy (OCP) ausserhalb des Flüchtlingslagers zu leben. Die Beschwerdeführen- den würden eigenen Angaben zufolge sogar legal in Äthiopien leben. Aus- serdem habe das UNHCR in Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Staat spezielle Richtlinien und Massnahmen zum Schutz von alleinstehenden Frauen und unbegleiteten Mi nderjährigen ausgearbeitet. Bezüglich der D-5345/2015 Seite 8 fehlenden Bildungsmöglichkeit und allgemeinen schwierigen Lebensbedin- gungen biete das UNHCR den Flüchtlingen in Z._______ zudem wöchent- liche Konsultationstermine an, wo sie Probleme und Anliegen vorbringen könnten. Die Kinder der Flüchtlinge hätten den gleichen Zugang zu staatli- chen Schulen wie Äthiopier. Die Kosten würden vom UNHCR übernom- men. Die Lebensumstände der eritreischen Flüchtlinge vor Ort würden sich nur wenig von denjenigen vieler Äthiopier unterscheiden und könnten kei- neswegs als per se und generell unzumutbar betrachtet werden. Die Be- schwerdeführenden würden seit nunmehr vier Jahren in Z._______ leben und vom Ehegatten beziehungsweise Vater finanzielle Unterstützung er- halten. Die Hürden für eine zumutbare Existenz in Z._______ seien im kon- kreten Fall nicht unüberwindbar, auch wenn die Beschwerdeführenden zur- zeit keiner Arbeit nachgehen würden. Betreffend die geltend gemachten gesundheitlichen Probleme respektive die angeblich nicht vorhandene me- dizinische Betreuungsmöglichkeit sei festzustellen, dass die Beschwerde- führenden die Möglichkeit hätten, sich bezüglich ihrer gesundheitlichen Si- tuation beim UNHCR zu melden, welches den Zugang zu kostenloser me- dizinischer Versorgung sicherstelle. Ferner werde mit keinen Unterlagen dokumentiert, dass sich die Beschwerdeführenden in ärztlicher Behand- lung befinden respektive eine solche benötigen würden, die nicht gewähr- leistet sei. Zudem sei bei der Anwendung von aArt. 52 Abs. 2 AsylG in einer Gesamtschau die Beziehungsnähe zur Schweiz und die Beziehungsnähe zu anderen Staaten zu prüfen. 5.2 Dem wurde in der Beschwerde im Wesentlichen entgegengehalten, dass gemäss ständiger Rechtsprechung für die Erteilung einer Einreisebe- willigung neben der Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG die Beziehungs- nähe zur Schweiz in Betracht zu ziehen sei. Der Ehemann beziehungs- weise Vater der Beschwerdeführenden lebe seit seiner Flucht im Jahr (…) nicht mehr mit seiner Familie zusammen, dennoch sei die Beziehung zwi- schen ihm und den Beschwerdeführenden trotz der grossen Distanz intakt. Eine besondere Beziehungsnähe der Beschwerdeführenden zur Schweiz ergebe sich somit ohne weiteres durch die hier existierende enge familiäre Beziehung zu ihrem Ehemann und Vater der gemeinsamen Kinder. Ge- mäss Rechtsprechung sei alleinstehenden Frauen eine Einreisebewilli- gung zu erteilen, wenn der weitere Verbleib im Aufenthaltsstaat unzumut- bar sei und sie über eine besondere Beziehungsnähe (meist in der Gestalt des Ehemanns, welcher in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei) zur Schweiz verfügen würden. Die Beschwerdeführenden würden über eine Spezialbewilligung verfügen, welche erlaube, dass sie ausserhalb des Lagers wohnen dürften. Sie würden zu fünft in Z._______ in einem Zimmer D-5345/2015 Seite 9 leben, welches vom Ehegatte n beziehungsweise Vater der Beschwerde- führenden bezahlt werde. Das Zimmer sei in einem schlechten Zustand. Für die Nacht würden die Matratzen im Zimmer ausgerollt. Gekocht werde im Zimmer. Das Haus sei aus Ton und habe ein Zinkdach. Es gebe dort kein fliessendes Wasser, keine Toilette oder Bad. Das Zimmer werde von innen wie von aussen mit einem Hängeschloss verriegelt. Sie hätten zwar ein UNHCR-Dokument, welches beweise, dass sie als Ausländer (und nicht als Flüchtlinge) in Äthiopien registriert seien. Jedoch sei es den Kin- dern nicht möglich, mit diesem Dokument eine Schule in Äthiopien zu be- suchen. Es gebe keine weiteren Angehörigen und sie seien auf das Geld, das der Ehemann beziehungsweise Vater ihnen schicke, angewiesen. Eine Rückkehr in das Flüchtlingslager stelle aufgrund der begründeten Furcht vor sexuellen Übergriffen, aufgrund mangelnder Sicherheit und aufgrund fehlender medizinischer Versorgung keine Option dar. Die Beschwerdefüh- rerin halte sich seit (…) Jahren schutzlos als alleinerziehende Mutter mit vier Kindern in Äthiopien auf, was angesichts der persönlichen Situation und einem Ehemann, welcher in der Schweiz als Flüchtling anerkannt wor- den sei, eine ausserordentliche Härte darstelle. Es sei in jedem Einzelfall eine Abwägung zwischen der Zumutbarkeit der Zufluchtnahme im Dritt- staat oder einem allfälligen anderen Land vorzunehmen, wobei die Bezie- hungsnähe zur Schweiz ein gewichtiges Kriterium bilde. 5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM im Wesentlichen fest, dass es in Äthiopien unzählige alleinstehende Frauen mit Kindern gebe, die sich in einer ähnlichen Lebenslage wie die Beschwerdeführerin befinden würden. Das Bundesverwaltung sgericht habe in mehreren Urteilen (vgl. D - 2113/2014, E-2252/2014, E -2392/2015 und E -3216/2012) den weiteren Verbleib alleinstehender Frauen mit Kindern in Äthiopien als zumutbar be- stätigt. Zudem handle es sich vorliegend nicht um vier Kleinkinder, sondern das älteste Kind sei bereits volljährig und könne die Familie unterstützen. 5.4 In ihrer Replik führten die Beschwerdeführenden im Wesentlichen aus, bei den von der Vorinstanz zitierten Urteilen handle es sich um nicht ver- gleichbare Konstellationen. So werde bei drei Urteilen die Zumutbarkeit des Verbleibs infolge fehlender Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG nicht geprüft und in einem Urteil werde über ein Geschwisterpaar ohne Kinder befunden. Gemäss Rechtsprechung sei für alleinstehende Frauen, welche ohne erwachsene nahe Angehörige oder weitere volljährige Verwandte nicht nur in ökonomischer Hinsicht, sondern auch unter dem Aspekt der persönlichen Sicherheit unter prekären Bedingungen leben würden, der weitere Verbleib im Aufenthaltsstaat in der Regel unzumutbar. Daran könne D-5345/2015 Seite 10 auch nichts ändern, dass die Kinder der Beschwerdeführerin keine Klein- kinder mehr seien. 6. 6.1 Nachdem in der angefochtenen Verfügung die Gefährdung der Be- schwerdeführerin im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Heimatstaat bejaht worden ist, bleibt nachfolgend zu prüfen, ob es den Beschwerdeführenden zugemutet werden kann, in einem anderen Staat um Schutz zu ersuchen (vgl. aArt. 52 Abs. 2 AsylG). Der Vorhalt der möglichen Schutzsuche in ei- nem Drittstaat bedingt eine Abwägung zwischen der Zumutbar keit einer solchen sowie der Beziehungsnähe der Beschwerdeführenden zum Dritt- staat und zur Schweiz in einer Gesamtwürdigung. 6.2 Zur diesbezüglichen Kognition ist festzuhalten, dass die Schutzgewäh- rung respektive die Zumutbarkeit der Schutzsuche in einem anderen Staat vom Bundesverwaltungsgericht vollumfänglich überprüft werden kann. Hat aber die asylsuchende Person in einem Drittstaat zumutbaren Schutz ge- funden, fällt es in die Entscheidbefugnis des SEM, ob ihr im zu beurteilen- den Einzelfall die Einreise zwecks Asylgewährung bewilligt wird oder nicht, was einen ausserhalb der gerichtlichen Kognition liegenden Ermessens- entscheid darstellt (BVGE 2015/2 E. 7.2 f.). 6.3 Halten sich die asylsuchenden Personen wie im vorliegenden Fall in einem Drittstaat auf, ist im Sinne einer Vermutung zwar davon auszugehen, sie hätten in diesem Drittstaat bereits den erforderlichen Schutz gefunden, was in der Regel zur Ablehnung des Asylgesuchs und der Verweigerung der Einreisebewilligung führt. Diese Vermutung kann sich jedoch sowohl in Bezug auf die Schutzgewährung durch den Drittstaat wie auch auf die Zu- mutbarkeit der Inanspruchnahme des Schutzes im Drittstaat als unzutref- fend erweisen. 6.4 Die Vorinstanz hat sich in der angefochtenen Verfügung zur Schutzfä- higkeit von Äthiopien nicht geäussert. Gemäss Einschätzung des Bundes- verwaltungsgerichts ist das Risiko für eritreische Flüchtlinge in Äthiopien, Opfer einer Deportation oder Entführung zu werden, aber als gering einzu- stufen (vgl. etwa Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E-1635/2016 vom 12. Januar 2017 E. 6.3.4; E-5344/2015 vom 7. Dezember 2016 E. 4.4). Zudem können weder den vorinstanzlichen Akten noch den Beschwerde- vorbringen Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführenden mit einer D-5345/2015 Seite 11 drohenden Repatriierung rechnen müssten, entnommen werden. Es recht- fertigt sich demnach, von einer aktuell grundsätzlich bestehenden Schutz- fähigkeit auszugehen. 6.5 An dieser Stelle ist der Vollständigkeit halber darauf hinzuweisen, dass die Ausführungen der Vorinstanz unter Ziffer 5 (Beziehungsnähe der Be- schwerdeführenden) der angefochtenen Verfügung unsorgfältig erschei- nen und dem Anspruch auf rechtliches Gehör nur knapp zu genügen ver- mögen. Das SEM hat den Umstand, dass der Vater beziehungsweise Ehe- mann in der Schweiz vorläufig aufgenommen wurde und damit eine Bezie- hungsnähe zur Schweiz besteht, aufgeführt und damit erkannt. Angesichts des der Ziffer 5 vorangehenden Satzes, bei der Anwendung von aArt. 52 Abs. 2 AslyG seien zudem in einer Gesamtschau die Beziehungsnähe zur Schweiz und die Beziehungsnähe zu anderen Staaten zu prüfen, ist zu schliessen, die Vorinstanz habe eine solche Gesamtschau vorgenommen, auch wenn dies im angefochtenen Entscheid nicht ausdrücklich erwähnt wird. Dass die Vorin stanz die Frage der Beziehungsnähe zur Schweiz – wenig nachvollziehbar – mit Ausführungen zu Art. 85 Abs. 7 AuG vermischt, wirkt sich letztlich nicht zum Nachteil der Beschwerdeführenden aus, war es ihnen doch möglich, die Verfügung sachgerecht anzufechten. 6.6 6.6.1 Bezüglich der vorinstanzlichen Erwägungen zur Zumutbarkeit des weiteren Verbleibs in Äthiopien ist z unächst Folgendes festzuhalten: Die vom SEM zitierten Ausführungen hinsichtlich der sogenannten Out of Camp Policy (OCP), des Zugangs zur staatlichen Schulen als auch der diesbezüglichen Kostenübernahme durch das UNHCR konnten in den an- gegeben Quellen nicht aufgefunden werden. Ferner liegen den in der Ver- nehmlassung des SEM herangezogenen Urteilen unterschiedliche Sach- verhalte zugrunde. So wurde in zwei Fällen eine Gefährdung im Zeitpunkt der Ausreise verneint, was eine Nichtprüfung der Zumutbarkeit zu r Folge hatte (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts D-2113/2014 vom 8. Mai 2014 E. 8.2, E -2252/2014 vom 29. September 2014 E. 6.6), allerdings wurde im Urteil E -2252/2014 festgestellt, ein Verbleib in Äthiopien wäre mutmasslich zumutbar . Die weiteren aufgeführten Urteile beziehen sich überdies nicht auf Äthiopien. 6.6.2 Die Beschwerdeführerin flüchtete im Frühjahr 2011 mit ihren Kindern infolge Reflexverfolgung alleine aus Eritrea nach Äthiopien und hält sich nunmehr ohne ihren Ehemann in Z._______ auf. Dort verfügt sie gemäss D-5345/2015 Seite 12 den Akten weder über Verwandte noch über ein besonderes soziales Be- ziehungsnetz. Sie macht geltend, sie lebe unter prekären Bedingungen zu fünft mit ihren Kindern in einem Zimmer. Die Kinder seien von der Schule abgewiesen worden. Eine Rückkehr in das Flüchtlingslager sei aufgrund der Furcht vor sexuellen Übergriffen, mangelnder Sicherheit und fehlender medizinischer Versorgung keine Option. 6.6.3 Nachweislich hält die Fluchtbewegung aus Eritrea nach Äthiopien an (vgl. dazu Urteil des Bundesverwaltungsg erichts D -4952/2011 vom 29. September 2011 E. 5.2 mit den dort angegebenen Quellen). Das Bun- desverwaltungsgericht hat sich in BVGE 2011/25 eingehend zur Situation alleinstehender Frauen in Äthiopien geäussert. Es kam zum Schluss, für alleinstehende und zurückkehrende Frauen sei es nicht leicht, sozialen An- schluss zu finden, da nicht verheiratete und allein lebende Frauen von der Gesellschaft – auch der städtischen – nicht akzeptiert würden. Alleinste- hende Frauen würden in der Nachbarschaft nicht gerne gese hen, sie gäl- ten als suspekt, da die kulturelle Norm für unverheiratete Frauen ein Leben in der Familie vorsehe. Eine Wohnung zu finden, sei in der Regel nur über Bekannte möglich. Allgemein werde davon ausgegangen, dass sie auf der Suche nach sexuellen Abenteuern seien. Werde eine alleinstehende Frau Opfer sexueller Gewalt, gebe man ihr die Schuld. Die Arbeitslosigkeit von Frauen in Z._______ werde auf 40 bis 55% geschätzt. Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass eine Frau in Äthiopien einer eigenstän- digen Erwerbstätigkeit nachgehen könne, seien eine höhere Schulbildung, das Leben in der Stadt, das Verfügen über finanzielle Mittel, Unterstützung durch ein soziales Netzwerk sowie Zugang zu Informationen. Ohne di ese Voraussetzungen blieben Frauen oft nur Arbeiten, welche gesundheitliche Risiken bergen würden, so beispielsweise in der Prostitution oder in Haus- halten, wo sie regelmässig verschiedenen Formen der Gewalt, auch sexu- eller, ausgesetzt seien (vgl. E. 8.5 und die dort angegebenen Quellen). 6.6.4 Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich indessen nicht um eine "zurückkehrende" Person, sondern um eine eritreische Staatsangehörige, die zusammen mit ihren Kindern aus begründeter Furcht nach Äthiopien geflohen ist, was ihre Situation bereits anders als in BVGE 2011/25 er- scheinen lässt. Im Weiteren ist sie nicht alleinstehend, lebt hingegen ohne Ehemann, welcher sich als vorläufig aufgenommener Flüchtling in der Schweiz befindet, die Beschwerdeführenden indessen schon mehrfach be- sucht hat. Es ist somit festzustellen, dass die Beschwerdeführerin im Ver- gleich zu anderen alleinstehenden Frauen in Z._______ eine gewisse Pri-D-5345/2015 Seite 13 vilegierung aufweist, indem namentlich in materieller Hinsicht Erleichterun- gen (Bezahlung der Miete, sonstige finanzielle und materielle Zuwendun- gen) bestehen dürften . Zudem sind die Kinder der Beschwerdeführerin nicht mehr Kleinkinder und keine Person – soweit aus den Akten ersichtlich – weist einen schlechten Gesundheitszustand auf (die [Krankheit] habe be- handelt werden können), was die Situation der Beschwerdeführerin sowie der ganzen Familie weiter entschärfen dürfte, auch wenn die erwachsenen Söhne sich nicht mehr bei der Beschwerdeführerin befinden. Darüber hin- aus befinden sich die Beschwerdeführenden seit nunmehr über (…) Jahren in Z._______, ohne einen wesentlichen sicherheitsrelevanten Vorfall gel- tend gemacht zu haben, woraus zu schliessen ist, dass sie sich ein ver- hältnismässig sicheres Leben einzurichten vermochten. Ein weiteres Indiz hierfür ist die in den Eingaben erwähnten medizinischen Behandlungen, welche auch auf einen möglichen Zugang zur medizinischen Versorgung schliessen lassen. Indessen ist auch festzuhalten, dass ihnen im Bedarfs- fall, trotz der angegebenen Risiken, die Möglichkeit offen steht, beim UN- HCR um Unterstützung zu ersuchen. Das UNHCR stellt in den Flüchtlings- lagern die medizinische Versorgung sicher, zu welcher sämtliche Flücht- linge unentgeltlich Zugang haben. Auch wenn die Lebensumstände der Beschwerdeführenden in Äthiopien unbestrittenermassen schwierig sind, sind sie nicht dergestalt, dass sie einen weiteren Verbleib gänzlich unzu- mutbar machen würden. 6.7 Zusammenfassend verkennt das Bundesverwaltungsgericht die Härte des vorliegenden Entscheides für die Beschwerdeführenden nicht, zuma l angesichts der anerka nntermassen schwierigen Lebensbedingungen für eritreische Flüchtlinge in Äthiopien, der langen Verfahrensdauer und dem Umstand, dass der Ehemann und Vater in der Schweiz lebt. In einer Ge- samtwürdigung ist aber der Verbleib in Äthiopien für die Beschwerdefü h- renden dennoch als zumutbar zu erachten. Die Beschwerdeführenden be- nötigen folglich den subsidiären Schutz der Schweiz gemäss aArt. 52 Abs. 2 AsylG nicht, weshalb das SEM im Ergebnis zu Recht ihre Einreise in die Schweiz verweigert und ihre Asylgesuche abgelehnt hat. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. D-5345/2015 Seite 14 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1 -3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts- pflege mit Verfügung vom 11. September 2015 gutgeheissen wurde, wer- den keine Verfahrenskosten auferlegt. (Dispositiv nächste Seite) D-5345/2015 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die schwei- zerische Vertretung. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Anne Kneer Versand: