B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2395/2014 law/auj U r t e i l v o m 27 . M ä r z 2 0 1 7 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richterin Claudia Cotting-Schalch, Gerichtsschreiberin Jacqueline Augsburger. Parteien A._______, geboren am (…), und ihre Kinder B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), Äthiopien, alle vertreten durch Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, Advokatur Kanonengasse, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), zuvor Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 4. April 2014 / N (…). D-2395/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eigenen Angaben zufolge eine äthiopische Staatsangehörige der Ethnie der Oromo aus Addis Abeba, verliess ihren Heimatstaat zusammen mit ihrem Ehemann D._______ am 20. September 2006. Nach einer siebenmonatigen Haft in Djibouti wegen illegaler Einreise seien sie mit einem Schiff in ein unbekanntes europäisches Land gereist und von dort aus mit einem Auto am 18. Juni 2007 in die Schweiz gelangt, wo sie am selben Tag um Asyl nachsuchten. Am 27. Juni 2007 erhob das damalige BFM im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) E._______ die Personalien und befragte sie zum Reiseweg sowie – summarisch – zu den Asylgründen (Befragung zur Person, BzP). Am 30. August 2007 hörte das Amt die Beschwerdeführerin und ihren Ehemann getrennt zu den Asylgrün- den an. Mit Verfügung vom 10. Juli 2007 wies das BFM das Ehepaar für die Dauer des Asylverfahrens dem Kanton F._______ zu. Am 12. Januar 2010 wurde der Ehemann der Beschwerdeführerin vom BFM ergänzend angehört. B. Zur Begründung des Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im We- sentlichen geltend, sie habe wegen der Mitgliedschaft ihres Ehemannes in der ONEG (amharisches Kürzel für „Oromo Liberation Front“ [OLF]) viele Probleme gekriegt. Fünf Tage nach dessen Verhaftung am (…) seien zwei Männer abends zu ihr nach Hause gekommen und hät ten sich nach von ihrem E hemann angeblich im Haus versteckten Doku menten erkundigt. Sie habe ihnen gesagt, sie wisse nichts von solchen Dokumenten. Nach einer Hausdurchsuchung seien sie gegangen; einer der Männer sei jedoch eine Stunde später zurückgekommen und habe sie, die damals schwanger gewesen sei, vergewaltigt. Von diesem Vorfall habe sie ihrem Mann aus Angst, dass er sie deswegen hassen würde, nichts erzählt. Am (…) sei er aus der Haft entlassen worden; am späten Abend desselben Tages hätten vier Militärangehörige an das Tor vor dem Haus geklopft und dieses aufge- brochen, als sie nicht geöffnet habe. Das Tor sei auf sie gefallen, sie habe geschrien, sei gestürzt und habe das Bewusstsein verloren. Ihr Ehemann habe flüchten können; auf ihn sei geschossen worden. Am folgenden Tag sei sie im Spital aufgewacht. Ihr ungeborenes Kind, mit dem sie fünf Mo- nate schwanger gewesen sei, habe sie verloren. Nach einer Operation an der Gebärmutter und einem dreiwöchigen Spitalaufenthalt habe sie bei ih- ren Eltern gewohnt, bis sie am 18. September 2006 zu ihrem Mann nach D-2395/2014 Seite 3 G._______ gegangen sei und mit diesem zwei Tage später Äthiopien ver- lassen habe. C. Am 7. Oktober 2009 gebar die Beschwerdeführerin eine Tochter, B._______. D. Mit Verfügung vom 10. Juni 2010 stellte das BFM fest, die Beschwerdefüh- rerin und ihr Ehemann würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, und lehnte die Asylgesuche ab. Gleichzeitig verfügte das Amt die Wegwei- sung der Beschwerdeführerin und ihres Ehemannes aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. E. Mit Eingabe vom 13. Juli 2010 liess die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfügung Beschwerde erheben und beantragen, ihr Verfahren sei von demjenigen ihres Ehemannes zu trennen, die vorinstanzliche Verfügung sei vollum- fänglich aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdefüh- rerin festzustellen und ihr Asyl zu gewähren, eventualiter sei sie nach Art. 51 AsylG in die Flüchtlingseigenschaft und das Asyl ihres Ehemannes einzubeziehen, subeventualiter sei die Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und die vor- läufige Aufnahme anzuordnen. F. F.a Mit Urteil D-5371/2010 vom 3. November 2011 hiess das Bundesver- waltungsgericht die Beschwerde gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur richtigen und vollständigen Feststellung des rechts- erheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an das BFM zurück. F.b Mit Urteil D-5081/2010 vom 3. November 2011 hiess das Bundesver- waltungsgericht die Beschwerde des Ehemannes der Beschwerdeführerin ebenfalls gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur richtigen und vollständigen Feststellung des rechtserhebl ichen Sachver- halts und zur Neubeurteilung an das BFM zurück. G. Am 2. Dezember 2011 gebar die Beschwerdeführerin einen Sohn, C._______. D-2395/2014 Seite 4 H. Das BFM hörte die Beschwerdeführerin am 19. September 2013 ergän- zend zu ihren Asylgründen an. Dabei brachte diese vor, sie habe ihren Ehe- mann geheiratet, als sie 18 Jahre alt gewesen sei; in diesem Zeitpunkt sei er bereits politisch aktiv gewesen. Seine Mutter habe Äthiopien bereits frü- her verlassen, weil sie ebenfalls Mitglied der OLF gewesen sei. Er habe für die OLF Flugb lätter verteilt, sie finanziell und physisch unterstützt und Leute zum Beispiel für Versammlungen mobilisiert. Man habe ihn immer wieder festgenommen, auf der Strasse, am Arbeitsort, überall, und dann wieder freigelassen. Ihr Ehemann sei im Gefängnis schikaniert worden und habe dort ein einschneidendes Erlebnis gehabt. Sie selbst sei fünf Tage nach der Festnahme ihres Mannes von einem Polizisten zuhause verge- waltigt worden. Sie habe erfolglos versucht, sich zu wehren. Während der Haft ihres Mannes seien immer wieder beziehungsweise drei oder vier Mal Polizisten zu ihr nach Hause gekommen und hätten sie unter Druck ge- setzt, ihnen versteckte Dokumente ihres Mannes auszuhändigen. Sie ha- ben ihnen jedesmal gesagt, sie wisse darüber nicht Bescheid. Die Polizis- ten hätten jeweils das ganze Haus durchsucht, jedoch nichts gefunden. Die zirka einstündigen Hausdurchsuchungen seien für sie wie ein Jahr gewe- sen. Während des Gefängnisaufenthaltes ihres Ehemannes sei überdies ein ehemaliges Mitglied der OLF, mit dem ihr Ehemann sich politisch betä- tigt habe, nach der Haftentlassung ermordet worden, und man habe seine Leiche zum Verschwinden gebracht. I. Mit Verfügung vom 4. April 2014 – eröffnet am selben Tag – stellte das BFM fest, die Beschwerdeführerin und ihre Kinder würden die Flüchtlingseigen- schaft nicht erfüllen, und lehnte die Asylgesuche ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder aus der Schweiz und beauftragte den Kanton F._______ mit dem Vollzug der Weg- weisung. J. Mit Eingabe vom 5. Mai 2014 liess die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfügung für sich und ihre Kinder Beschwerde erheben und beantragen, die Verfü- gung der Vorinstanz sei vollumfänglich aufzuheben, es sei die Flüchtlings- eigenschaft der Beschwerdeführerin festzust ellen und ihr Asyl zu gewäh- ren; eventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrens- rechtlicher Hinsicht liess sie unter Beilage einer Fürsorgebestätigung vom D-2395/2014 Seite 5 29. April 2014 beantragen, es sei die unentgeltliche Prozessführung zu be- willigen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten, und es sei ihr in der Person des Unterzeichnenden ein unentgeltlicher Rechts- beistand zu bestellen. In der Beschwerde (S. 10) wurde festgehalten, die Beschwerdeführerin habe sich dazu entschlossen, sich zur Verarbeitung der erlebten geschlechtsspezifischen Gewalt in fachärztliche Behandlung zu begeben. Sie habe sich von ihrem Hausarzt an einen Spezialisten über- weisen lassen und werde sobald als möglich einen entsprechenden fach- ärztlichen Bericht nachreichen. K. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 19. Mai 2014 den Eingang der Beschwerde. L. Mi Verfügung vom 4. Juni 2014 hielt der Instruktio nsrichter fest, dass die Beschwerdeführenden gemäss Art. 42 AsylG (SR 142.31) den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfen. Die Gesuche um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung und der unentgeltlichen Rechts- verbeiständung hiess er unter Vorbehalt einer allfälligen nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführenden gut und ordnete ihnen Rechtsanwalt Urs Ebnöther als unentgeltlichen Rechts- beistand bei. Ferner gab der Instruktionsrichter der Beschwerdeführerin die Gelegenheit, innert 30 Tagen ab Eröffnung dieser Verfügung einen aus- führlichen aktuellen fachärztlichen Bericht über ihren psychischen Gesund- heitszustand sowie bereits erfolgte und zukünftig allenfalls erforderliche psychiatrische oder psychotherapeu tische Behandlungen einzureichen. Sodann ordnete er die koordinierte Behandlung des vorliegenden Verfah- rens mit dem Beschwerdeverfahren des Ehemannes beziehungsweise Va- ters D._______ (D-2454/2014) an. M. Mit Eingabe vom 7. Juli 2014 reichte der Rechtsvertreter einen vom 30. Juni 2014 datierenden Bericht des Facharztes für Psychiatrie und Psy- chotherapie und Oberarztes Dr. med. H._______ und der Psychologin I._______ vom Psychiatrischen Ambulatorium (…) in J._______ ein. Darin wird der Beschwerdeführerin eine posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) diagnostiziert und festgehalten, sie habe sich an der letzten Anhö- rung beim BFM gedrängt gefühlt, über eine vor ihrer Ausreise in Äthiopien D-2395/2014 Seite 6 erfolgte Verg ewaltigung zu sprechen; eine Retraumatisierung der Be- schwerdeführerin durch die Befragungssituation wird im Bericht als sehr wahrscheinlich bezeichnet. N. Am 10. Dezember 2014 reichte der Rechtsvertreter eine gemeinsame Ho- norarnote für seine Aufwendungen im vorliegenden Beschwerdeverfahren und im Verfahren D-2454/2014 des Ehemannes ein. O. Mit Telefax vom 19. Februar 2015 liess die Asylkoordination der Stadt K._______ dem Gericht ein Empfehlungsschreiben für die Beschwerdefüh- rerin und ihren Ehemann zukommen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM beziehungs- weise das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist somit eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet be- treffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundes- verwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme liegt nicht vor, weshalb das Bundes- verwaltungsgericht vorliegend endgültig entscheidet. 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2. Die im Beschwerdeverfahren möglichen Rügegründe und die Kognition D-2395/2014 Seite 7 des Bundesverwaltungsgerichts ergeben sich aus Art. 106 Abs. 1 AsylG, soweit das Asylgesetz zur Anwendung gelangt, beziehungsweise aus Art. 112 des Ausländergesetzes (AuG, SR 142.20) i.V.m. Art. 49 VwVG, so- weit das Ausländergesetz zur Anwendung gelangt (vgl. BVGE 2014/26 E. 5.4 f.). 3. Das Bundesverwaltungsgericht hat gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG im vorliegenden Verfahren auf die Durchführung eines Schriftenwechsels ver- zichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtli ngseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum str ikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. D abei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits-D-2395/2014 Seite 8 gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn- zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins- besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach- geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg- lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen die ge- suchstellende Person sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstel- lung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie- gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre- chen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1, 2010/57 E. 2.3). 4.4 4.4.1 Das BFM hielt zur Begründung seines ablehnenden Asylentscheides fest, die Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand . Im Einzelnen führte das Bundesamt aus, das Ausmass der politischen Aktivitäten des Eheman- nes der Beschwerdeführerin, dessen geltend gemachte wiederholte Fest- nahmen und die vorgebrachte rund viermonatige Haft seien im separaten BFM-Entscheid als unglaubhaft qualifiziert worden. Somit entbehre die Verfolgungssituation der Beschwerdeführ erin, welche sie von derjenigen ihres Ehemannes ableite, jeglicher Grundlage. 4.4.2 Das BFM bezeichnete ferner die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen als widersprüchlich, erfahrungswidrig und unsubstan- ziiert und daher als unglaubhaft. So habe sie zu Beginn der ergänzenden Anhörung vom 19. September 2013 gesagt, die Sicherheitskräfte seien während der viermonatigen Haft ihres Ehemannes immer wieder zu ihr nach Hause gekommen, um nach Dokumenten ihres Mannes zu suchen. Im späteren Verlauf der Anhörung habe sie jedoch angegeben, dies sei lediglich drei bis vier Mal geschehen. An der Anhörung habe sie den we- sentlichen Vorfall, wonach Sicherheitskräfte am (…) auf ihren Ehemann geschossen hätten, ohne plausiblen Grund nicht mehr erwähnt. Im Weiteren führte das Bundesamt aus, es ergebe keinen Sinn, wenn die Sicherheitskräfte während der viermonatigen Haft ihres Ehemannes wie- derholt bei der Beschwerdeführerin zu Hause nach Dokumenten gesucht, D-2395/2014 Seite 9 jedoch nie solche gefunden h ätten. Ferner habe si e keinen nachvollzieh- baren Grund dafür anzuführen vermocht, weshalb ihr Ehemann einerseits am (…) freigelassen, dann aber am selben Tag wiederum bei sich zu Hause gesucht worden sei. Schliesslich hielt die Vorinstanz fest, Vorbringen seien dann nicht hinr ei- chend begründet, wenn sie in wesentlichen Punkten zu wenig konkret, de- tailliert und differenziert dargelegt würden und somit den Eindruck vermit- telten, dass Personen das Geschildete nicht selbst erlebt hätten. So sei die Beschwerdeführerin auf mehrmalige Aufforderung hin nicht in der Lage ge- wesen, anzugeben, welche konkreten Umstände dazu geführt hätten, dass sie anlässlich des Erscheinens der Sicherheitskräfte am Tag der angebli- chen Freilassung ihres Ehemannes am (…) ihr Bewusstsein verloren habe. Weiter sei sie nicht sicher, wer genau sie in der Folge ins Spital gebracht habe. Da tatsächliche Vergewaltigungsopfer erfahrungsgemäss durchaus in der Lage seien, über Einzelheiten der ihnen zugefügten Gewalt zu be- richten, dürfe eine solche Schilderung auch von der Beschwerdeführerin erwartet werden. Ihre Schilderung lasse jedoch eine persönliche Betroffen- heit vermissen. So sei sie nicht in der Lage gewesen, anzugeben, welche konkreten Umstände zu dieser Vergewaltigung geführt hätten. Sie habe dazu lediglich gem eint, der Militärangehörige habe ihr gesagt, er suche nach Dokumenten. Dann habe er sie plötzlich auf das Sofa gestossen und sie vergewaltigt. Im Weiteren seien ihre Antworten auf die Frage, welche Gefühle dieser Übergriff bei ihr ausgelöst habe, ausweichend ausgefallen. So habe sie dazu nur gemeint, ihr würden die Worte für die Beschreibung ihrer Emotionen fehlen und es falle ihr schwer, zu beschreiben, wie es sich für eine Frau anfühle, von einem wildfremden Mann vergewaltigt zu wer- den. Diese Angaben liessen jedoch in keiner Weise auf eine subjektiv ge- prägte Wahrnehmung schliessen. Ferner habe sie die Frage, welche Merk- male und Eigenheiten des Mannes ihr in Erinnerung geblieben seien, aus- weichend beantwortet – sie würde manchmal denken, wie ein Mann nur so brutal sein könne beziehungsweise alle Männer seien so brut al. Auch die Beschreibung der von ihr nach der Vergewaltigung ausgeführten Tätigkei- ten seien vage und stereotyp geblieben und könnten ohne Weiteres auch von einer Person vorgebracht werden, die ni e Opfer einer Gewalttat ge- worden sei. 4.4.3 Aufgrund dieser Erwägungen gelangte das BFM zum Schluss , die Vorbringen der Beschwerdeführerin zu ihrer Verfolgungssituation seien un-D-2395/2014 Seite 10 glaubhaft, so dass deren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Dem- nach erfülle die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht, und ihr Asylgesuch sei abzulehnen. 4.5 4.5.1 In der Beschwerde wird demgegenüber an der Gl aubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin festgehalten. Bezüglich der Argumen- tation zu den Vorbringen ihres Ehemannes wird auf dessen Beschwerde- schrift verwiesen. Hinsichtlich der von der Vorinstanz als widersprüchlich qualifizierten Angaben zu den Besuchen der Sicherheitskräfte während der Haft des Ehemannes wird ausgeführt, gemäss dem Unterschriftenblatt zur Anhörung vom 19. September 2013 habe die Hilfswerksvertretung die un- strukturierte und unruhige, um nicht zu sagen „unkonzentrierte“ Atmo- sphäre der Befragung bemängelt. Da die Beschwerdeführerin beim ersten Besuch der Sicherheitskräfte von einem der Polizisten vergewaltigt worden sei, sei jeder weitere Polizeibesuch für sie ein sehr beängstigendes und traumatisierendes Erlebnis gewesen. Es sei deshalb verständlich, dass bei ihr gewisse Verdrängungsmechanismen eingesetzt hätten und sie sich nicht mehr an die genaue Anzahl der Besuche habe erinnern können. Da sie sich anlässlich der Anhörung durch das wiederholte Nachfragen der Befragerin unter Druck gesetzt gefühlt habe, eine Zahl zu nennen, sich aber nicht mehr an die genaue Anzahl Besuche habe erinnern könne n, habe sie schliesslich angegeben, die Sicherheitskräfte seien drei bis vier Mal gekommen. Es sei jedoch davon auszugehen, dass es mehr Besuche gegeben habe, habe die Beschwerdeführerin doch an den vorherigen Be- fragungen konstant erwähnt, dass die Sicherh eitskräfte sehr oft, aber in unregelmässigen Abständen gekommen seien. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz gebe es sehr wohl einen plausiblen Grund, weshalb die Beschwerdeführerin an der ergänzenden Anhörung nicht sofort die Schüsse der Sicherheitsdienste auf ihren Ehemann er- wähnt habe. Da sie beim Einbruch der Sicherheitskräfte das Bewusstsein verloren habe, kenne sie den weiteren Verlauf nur aus den Erzählungen ihres Ehemannes. Man habe sie an der Anhörung dauernd dazu aufgefor- dert, die Vorfälle zu erzählen, an die sie sich noch erinnern konnte bezie- hungsweise die sie selber wahrgenommen habe. Im späteren Verlauf der Anhörung habe sie die Schüsse auf ihren Ehemann bei seiner Flucht aus dem Haus aber bestätigt. Angesichts der Tatsache, dass die Beschwerde- führerin den Vorfall nicht selbst miterlebt habe, dieser bereits sieben Jahre zurückliege und ihr Ehemann ihr von anderen schwerwiegenden Vorfällen D-2395/2014 Seite 11 wie der Folter im Gefängnis erzählt habe, sei nachvollziehbar, dass sie die- sen Vorfall nicht gleich zu Beginn der Anhörung erzählt habe. 4.5.2 In der Beschwerdeschrift wird ferner ausgeführt, e ntgegen der An- sicht der Vorinstanz sei es nicht Sache der Beschwerdeführerin, die Motive ihrer Verfolger zu erforschen. Das in den Augen der Schweizer Behörden widersprüchliche Verhalten der äthiopischen Sicherheitskräfte könne nicht der Beschwerdeführerin angelastet werden. Zudem ergebe es durchaus Sinn, dass die Sicherheitskräfte mehrmals be i der Beschwerdeführerin nach Papieren gesucht hätten, da dies ein Mittel sei, Druck auf die betroffe- nen Personen auszuüben beziehungsweise deren Willen zu brechen, da- mit diese allenfalls selbst die gesuchten Dokumente oder Informationen preisgeben würden. Die Beschwerdeführerin habe auch die Freilassung ihres Mannes so gut wie möglich erklärt. Sie habe dargelegt, das s dieser freigelassen worden sei, weil ein Besuch des IKRK bevorgestanden habe, das Gefängnis über- füllt gewesen sei und ein Freund ihres Ehemannes für diesen eine Kaution geleistet habe. Sie habe auch darauf hingewiesen, dass die Freilassung nicht definitiv gewesen sei und man ihren Ehemann jederzeit wieder ins Gefängnis hätte bringen können. Da die äthiopischen Behörden ihn als Verräter und ge fährlichen politischen Aktivisten betrachtet hätten, sei es nachvollziehbar, dass sie ihn so schnell als möglich hätten unschädlich ma- chen wollen und ihn noch am Abend seiner Freilassung aufgesucht hätten. Die Argumentation des BFM, die Beschwerdeführerin habe nicht ausführ- lich genug geschildert, weshalb sie in Ohnmacht gefallen sei und wer sie ins Spital gebracht habe, wird in der Beschwerde als haltlos zurückgewie- sen. Die Beschwerdeführerin habe ausführlich geschildert, dass die Si- cherheitskräfte an das Tor geklopft und gesagt hätten, sie seien Polizisten und sie solle das Tor öffnen. Sie habe die Vermutung geäussert, dass sie umgefallen sei, als die Polizisten das Tor gewaltsam geöffnet hätten, und sie deshalb das Bewusstsein verloren habe. Es sei realitätsfremd und nicht zweckdienlich, von der Beschwerdeführerin weitere Ausführungen zu ihrer Bewusstlosigkeit zu verlangen. Zudem habe sie angegeben, dass wahr- scheinlich ihre Haushälterin und die Nachbarin sie ins Spital gebracht hät- ten. Im Spital habe sie u m ihr verlorenes Kind getrauert und sich Sorgen um ihren verschwundenen Ehemann und ihre Zukunft gemacht und sich nicht weiter damit auseinandergesetzt, wer sie ins Spital gebracht habe. D-2395/2014 Seite 12 4.5.3 Hinsichtlich der geltend gemachten Vergewaltigung wird in der Be- schwerde vorgebracht, die Vorinstanz verkenne den kulturellen Hinter- grund der Beschwerdeführerin völlig. In Äthiopien sei es nicht üblich, direkt von einer Vergewaltigung zu erzählen. Ein Bericht von Barbara Abdallah- Steinkopf über „Psychotherapie bei P osttraumatischer Belastungsstörung unter Mitwirkung von Dolmetschern“ erwähne ein Beispiel, wie die direkte Frage an eine äthiopische Frau: „Wurden Sie während des Verhörs verge- waltigt?“ von der Dolmetscherin mit mehreren Sätzen übersetzt und von der Frau anschliessend bejaht worden sei. Späteres Nachfragen bei der Dolmetscherin für den Grund der eigenwilligen Übersetzung habe ergeben, dass es in der äthiopischen Kultur als unhöflich gelte, in so direkter Weise nach einem beschämenden und entwürdigenden Ereignis gefragt zu wer- den. Das genaue Nachfragen müsse von der Dolmetscherin erklärt und entschuldigt und der Begriff der Vergewaltigung umschrieben werden. Se- xuelle Gewalt werde in Äthiopien tabuisiert, weshalb die Opfer Schamge- fühle empfinden und nicht über die Vergewaltigung berichten würden. Ge- mäss einer Auskunft der SFH -Länderanalyse über Gewalt gegen Frauen in Äthiopien vom 20. Oktober 2012 würden Vergewaltigungsopfer stigma- tisiert und oft von ihren Familien verstossen. Dieser kulturelle Hintergrund mache verständlich, weshalb die Beschwerdeführerin nicht in allen Details über die erlebte Vergewaltigung habe erzählen können. Sie habe nicht di- rekt von einer Vergewaltigung gesprochen, sondern von einem geheimnis- vollen Ereignis und habe immer betont, ihr Eh emann dürfe davon nichts erfahren. Sie habe erklärt, ihr würden die Worte fehlen, um ihre Gefühle zu beschreiben. In Anbetracht ihrer kulturell bedingten Schamgefühle habe sie relativ ausführliche Angaben gemacht. Sie habe erwähnt, dass sie heute noch traurig werde, wenn sie an das Ereignis zurückdenke, und dass sie nun Männer allgemein als brutal betrachten würde. Zum genauen Ab- lauf der Vergewaltigung habe sie gesagt, der Polizist habe sie auf das Sofa gestossen und ihr danach den Mund mit seiner Hand zuge halten. Nach dieser Aussage habe die Befragerin des BFM die Beschwerdeführerin un- terbrochen und nicht weiterreden lassen . Diese habe auch erzählt, dass sie versucht habe, sich zu wehren, indem sie den Mann gekrat zt und mit Füssen getreten habe. Zudem sei die Befragung der Beschwerdeführerin zur geschlechtsspezifischen Verfolgung eindeutig nicht in angebrachter Weise erfolgt, was es ihr noch erschwert haben dürfte, sich dazu zu äus- sern. Während der Anhörung sei die Befragerin immer wieder auf das Thema zu sprechen gekommen und habe die Beschwerdeführerin mehr- mals unterbrochen, anstatt sich mit diesem sehr belastenden Vorfall nur einmal und dafür umfassend zu befassen. Die Befragerin habe auf der Frage insistiert, wieso der Polizist die Beschwerdeführer in verg ewaltigt D-2395/2014 Seite 13 habe, obwohl es eindeutig nicht deren Sache sei, nachzuweisen, was im Kopf des Vergewaltigers vorgegangen sei. Die Hilfswerksvertreterin habe auf dem Unterschriftenblatt angemerkt, dass die Befragerin beim Thema Vergewaltigung viel in ihren Unterlagen geraschelt und gesucht habe und herumgelaufen sei, und dass sie (die Hilfswerksvertreterin) dies als unan- gebracht empfunden habe. Angesichts dieser Umstände habe die Be- schwerdeführerin die Vergewaltigung ausreichend substanziiert geschil- dert. Es falle ihr auch heute noch schwer, sich an diesen Vorfall zu erinnern und das Geschehene zu verarbeiten. Deshalb habe sie sich nun entschlos- sen, sich in fachärztliche Betreuung zu begeben , und sie lasse sich von ihrem Hausarzt an einen Spezialisten überweisen. Ein entsprechender fachärztlicher Bericht werde so bald wie möglich nachgereicht. 4.5.4 Im Weiteren wird in der Beschwerde geltend gemacht, die Vorinstanz habe den herabgesetzten Beweisanforderungen gemäss Art. 7 AsylG nicht hinreichend Rechnung getragen und die Beweisregel von Art. 7 AsylG rest- riktiv gehandhabt. Überdies habe die Vorinstanz ausser Acht gelassen, dass bei der Befragung und der Wertung der Aussagen von Vergewalti- gungsopfern der kulturelle Hintergrund zu beachten sei. Die Beschwerde- führerin habe bei der Befragung und den beiden Anhörungen, die in einer Zeitspanne von über sechs Jahren stattgefunden hätten, konstant die glei- chen Vorfälle detailliert und ohne Widersprüche geschildert. Sie habe auch die Aktivitäten ihres Ehemannes in der OLF beschrieben, ausführlich ge- schildert, wie sie seine Festnahme erlebt habe und bezüglich der Haft viele Realkennzeichen erwähnt. So habe sie ihrem Ehemann Essen und Kleider ins Gefängnis gebracht, ihn aber bei ihren Besuchen fast nie sehen dürfen. Ihre Aussagen stimmten zudem mit denjenigen ihres Ehemannes überein. Bei einer Gesamtbetrachtung sei die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen zu bejahen. 4.5.5 Unter Zitierung diverser Quellen wird in der Beschwerde sodann aus- geführt, die OLF und weitere Oppositionsgruppen würden von den äthiopi- schen Behörden bekämpft. Wer der Mitgliedschaft bei der OLF verdächtigt werde, müsse mit Strafverfolgung wegen Unterstützung des Terrorismus rechnen. Auch nur vermutete Sympathisanten der OLF sowie Angehörige von OLF-Mitgliedern würden verfolgt. Der Ehemann der Beschwerdeführe- rin sei in Äthiopien aufgrund seiner Aktivitäten für die OLF verfolgt worden. Die Beschwerdeführerin müsse deshalb bei einer allfälligen Rückkehr nach Äthiopien mit Reflexverfolgung rechnen. Ausserdem gehöre sie selbst der Ethnie der Oromo an, welche schon aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit unter dem Verdacht stünden, die OLF zu unterstützen . Sie habe zudem D-2395/2014 Seite 14 glaubhaft machen können, dass sie selbst schon aufgrund der Aktivitäten ihres Ehemannes Reflexverfolgung erlitten habe. Sie sei von einem Poli- zisten vergewaltigt worden, und die Sicherheitskräfte hätten auch danach immer wieder ihr Haus aufgesucht, um nach Dokumenten zu fragen, sie unter Druck zu setzen und zu schikanieren. Die Vergewaltigung weiblicher Familienangehöriger von verdächtigen Männern durch Soldaten oder Poli- zisten werde durch zahlreiche Berichte von NGOs bestätigt. Schliesslich habe auch das Bundesverwaltungsgericht im Kassationsurteil D -5371/ 2011 vom 3. November 2011 E. 5.2 festgeh alten, eine Reflexverfolgung der Beschwerdeführerin sei nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen, falls die Aktivitäten des Ehemannes und seine Haft nachgewiesen werden könnten. Ihre lange Auslandsabwesenheit könne bei einer Rückkehr zu zu- sätzlichen Verdächtigungen führen. Die Beschwerdeführerin könne somit glaubhaft machen, dass sie in ihrem Heimatland wegen ihrer Ethnie und politischen Anschauung sowie ihrem Geschlecht an Leib und Leben ge- fährdet sei. 5. 5.1 Das Bundesverwaltungsgericht weist mit Urteil D-2454/2014 vom 27. März 2017 die Beschwerde des Ehem annes der Beschwerdeführerin vollumfänglich ab. Es stellt in E. 5 fest, dass der Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen kann, dass er als OLF-Mitglied und Oromo-Aktivist von den äthiopischen Behörden ve rfolgt worden sei. Das Vorbringen der Be- schwerdeführerin, sie habe aufgrund der Aktivitäten ihres Ehemannes für die OLF beziehungsweise die Oromo eine Reflexverfolgung erlitten (Ver- gewaltigung durch einen Polizisten, Schikanen durch Sicherheitskräfte) , entbehrt daher jeglicher Grundlage. Ihre Befürchtung, sie müsse deshalb bei einer allfälligen Rückkehr nach Äthiopien mit Reflexverfolgung rechnen, ist demzufolge ebenfalls unbegründet. 5.2 In der Beschwerde wird ferner vorgebracht, die Beschwerdeführerin gehöre der Ethnie der Oromo an, welche schon aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit unter dem Verdacht stünden, die OLF zu unterstützen. Das BFM hat sich in der angefochtenen Verfügung nicht zur ethnischen Her- kunft der Beschwerdeführerin geäussert. Diese gab an der BzP zu Proto- koll, sie sei Oromo, ebenso wie ihre Eltern. Gleichzeitig gab sie Amharisch als ihre Muttersprache an und sagte, zu Hause habe sie Amharisch ge- sprochen, und Oromo spreche sie nicht ( vgl. act. A1/9 Ziff. 4 und 9). Die BzP und die beiden Anhörungen fanden denn auch in amharischer Spra- che statt. Im Verfahren D-2454/2014 des Ehemannes der Beschwerdefüh- rerin wurde dargelegt ( vgl. E. 5.1.1), weshalb es sehr aussergewöhnlich D-2395/2014 Seite 15 ist, dass eine Person, welche der Ethnie der Oromo angehört und deren Eltern ebenfalls Oromo sind, kein Oromo spricht. Der Erklärungsversuch der Beschwerdeführerin, sie spreche kein Oromo, weil sie in Addis Abeba aufgewachsen sei (vgl. act. A1/9 Ziff. 4), vermag nicht zu überzeugen, le- ben in der äthiopischen Hauptstadt doch zahlr eiche Oromo, we lche ihre Muttersprache ungehindert pflegen. Aufschluss über die ethnische Zuge- hörigkeit der Beschwerdeführerin würde ihre Identitätskarte geben, da die Ethnie auf den äthiopischen Identitätskarten vermerkt ist. In Bezug auf all- fällige Identitätsdokumente sagte sie an der ersten Anhörung vom 30. Au- gust 2007, sie habe im Alter von 18 Jahren eine Identitätskarte beantragt. Der Antrag sei aber abgelehnt worden, weil sie (wie ihre Familie) Oromo sei. Ohne Identitätskarte habe sie auch keinen Pass beantragen können. Später gab sie an, die Behörden hätten ihr erklärt, sie müssten sich zuerst über ihre Familie erkundigen, bevor si e ihr eine Identitätskarte ausstellen könnten. Kurz vor ihrer Ausreise habe sie erneut eine Identitätskarte bean- tragt, doch habe man ihr gesagt, die Abklärungen über ihre Familie seien noch nicht erfolgt; die Behörden hätten sogar die Probleme ihres Eheman- nes erwähnt (vgl. act. A16/13 S. 11). Diese Angaben der Beschwerdefüh- rerin sind nicht plausibel. In Äthiopien ist es aufgrund des kleinräumigem Kebele-Systems, das eine enge Erfassung und Kontrolle der Bevölkerung erlaubt, kaum möglich, ein Geschäft zu füh ren, ohne über eine Identitäts- karte zu verfügen. Die Beschwerdeführerin hat gemäss eig enen Angaben in Addis Abeba ein (…)geschäft geführt (vgl. act. A16/13 S. 4). Dies wäre ihr ohne Identitätskarte kaum möglich gewesen. Ihr Ehemann räumte an seiner Anhörung denn auch ein, dass man in Äthiopien verpflichtet sei, sich ab 18 Jahren einen Ausweis ausstellen zu lassen, da man sonst keine Möglichkeit zu arbeiten habe (vgl. act. A44/16 F62 ff.). Der Umstand, dass auf der äthiopischen Identitätskarte die ethnische Zugehörigkeit vermerkt ist, dürfte die Beschwerdeführerin (ebenso wie ihren Ehemann) dazu be- wogen haben, in Verletzung der gesetzlichen Mitwirkungspflicht bei der Feststellung des Sachverhaltes (Art. 8 Abs. 1 Bst. a AsylG) ihre Identitäts- karte im Asylverfahren nicht einzureichen. Das Bundesverwaltungsgericht geht aufgrund dieser Sachlage im Folgenden davon aus, dass es sich bei der Beschwerdeführerin nicht um eine ethnische Oromo handelt, sondern um eine Amharin. Das Vorbringen in der Beschwerde, die Beschwerdefüh- rerin stehe aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu den Oromo unter dem Verdacht, die OLF zu unterstützen , beziehungsweise sie sei wegen ihrer Ethnie und ihrer politischen Anschauung an Leib und Leben gefähr- det, ist demzufolge nicht glaubhaft. D-2395/2014 Seite 16 5.3 Aus den vorstehenden Erwägungen folgt sodann, dass die vorge- brachte Vergewaltigung der Beschwerdeführerin nicht in dem Kontext, den sie geltend macht – Vergewaltigung durch einen Polizisten als Ehefrau ei- nes OLF-Mitglieds und Oromo-Aktivisten während dessen Haft – stattge- funden haben kann. Daran vermag auch die Diagnose einer posttraumati- schen Belastungsstörung (beziehungsweise einer sehr wahrscheinlichen Retraumatisierung der Beschwerdeführerin durch die Befragung zur vor- gebrachten Vergewaltigung an der Anhörung vom 19. September 2013) im fachärztlichen Bericht vom 7. Juli 2014 (vgl. Sachverhalt Bst. M) nichts zu ändern (vgl. auch BVGE 2015/11 E. 7.2.1 und 7.2.2). 5.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass es der Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine im Zei tpunkt der Ausreise aus Äthiopien bestehende oder unmittelbar drohende asylrechtlich relevante Verfolgung nachzuwei- sen oder zumindest glaubhaft zu machen. Gleichzeitig liegen keine hinrei- chend konkreten Anhaltspunkte für eine für die Flüchtlingseigenschaf t re- levante Verfolgung vor, welche ihr heute bei einer Rückkehr nach Äthiopien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft drohen würde. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch demzufolge im Ergebnis zu Recht abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das BFM beziehungsweise das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie. Im Übrigen finden für die Anordnung des Vollzugs der Wegweisung die Artikel 83 und 84 AuG Anwendung (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2014/26 E. 5.1). 6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung (Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311] noch über einen Anspruch auf Er- teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht verfügt (vgl. BVGE 2012/31 E. 6). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). D-2395/2014 Seite 17 7.2 7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gem äss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie- mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be- handlung unterworfen werden. 7.2.2 Da das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulements nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen und es der Be- schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Der Vollzug der Wegweisung nach Äthiopien er- weist sich unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG als rechtmässig. Es ergeben sich weder aus den Vorbringen der Beschwerdeführerin noch aus den Ak- ten Anhaltspunkte für die Annahme, dass sie im Falle einer Rückschaffung nach Äthiopien mit beachtlicher Wa hrscheinlichkeit dort einer nach Art. 3 EMRK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären (vgl. BVGE 2013/27 E. 8.2; 2012/31 E. 7.2.2; aus der Praxis des Europäischen Ge- richtshofs für Menschenrechte vgl. EGMR [Grosse Kammer] Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, 37201/06, §§ 124 – 127, m.w.H.). Eine Gefährdung ergibt sich auch nicht aus der langen Landesabwesenheit der Beschwerdeführerin. Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht, die sich auf eine im Urteil E -7622/2006 vom 16. März 2011 des Bundes- verwaltungsgerichts in E. 6.2.3 in Bezug auf den dortigen Beschwerdefüh- rer geäusserte Vermutung stützt, ist nicht allgemein davon auszugehen, dass im äthiopischen Kontext eine langjährige Ausland sabwesenheit per se erschwerend ins Gewicht falle und Rückkehrer zusätzlichen Verdächti- gungen ausgesetzt seien. D-2395/2014 Seite 18 8. 8.1 Der Vollzug kann für Ausländerinnen oder Ausländer unzumutbar sein, wenn sie in Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage im Heimat - oder Herkunftsstaat konkret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AuG). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu ge- währen (vgl. BVGE 2014/26 E. 7.10). 8.2 Das BFM hielt in der angefochtenen Verfügung z ur Begründung der individuellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs lediglich fest, aus den Akten ergäben sich keine individuellen Gründe, welche einen Wegwei- sungsvollzug nach Äthiopien als unzumutbar erscheinen liessen. Die Be- schwerdeführerin könne mit ihrem Ehemann und ihren Kindern nach Äthi- opien zurückkehren. In der Beschwerde wird ohne nähere Begründung festgehalten, es liege eine konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG vor, weshalb der Vollzug der Wegweisung unzumutbar sei. 8.3 8.3.1 Die schweizerischen Asylbehörden gehen in konstanter Praxis von einer grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Äthi- opien aus (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3). Am 8. Oktober 2016 verhängte die äthiopische Regierung nach Unruhen und Protesten, welche im Dezember 2015 begonnen hatten und sich vor allem auf den Oromia regional state sowie in geringerem Mass auf den Amhara regional state konzentrierten, einen sechsmonatigen Ausnahmezustand über das ganze Land (vgl. Addis Fortune [Addis Abeba], Ethiopia u nder State of Emergency Law, 11.10.2016, < http://addisfortune.net/articles/breaking-news-the-federal- government-has-declared-a-state-of-emergency/ >; Human Rights Watch, Legal Analysis of Ethiopia’s State of Emergency, 30.10.2016, < https://www.hrw.org/news/2016/10/30/legal-analysis-ethiopias-state- emergency >, beide abgerufen am 08.02.2017 ). Am 11. November 2016 informierte das State of Emergency Inquiry Board, es seien 11'607 Perso- nen (wovon 347 Frauen) festgenommen worden, darunter Studierende, Geschäftsleute, Bauern und Staatsangestellte; die meisten Verhafteten stammen offenbar aus Oromia und Amhara (vgl. Capital Ethiopia [Addis Abeba], Over 11,600 arrested during state of emergency, 15.11.2016, < http://capitalethiopia.com/2016/11/15/10554/ >, abgeruf en am 08.02.2017). Bei der Beschwerdeführerin und ihrem Ehemann handelt es sich höchstwahrscheinlich um Angehörige der Ethnie der Amharen, welche seit ihrer Kindheit in Addis Abeba wohnhaft waren und bei einer Rückkehr D-2395/2014 Seite 19 auch dort wohnen würden, zumal der Beschwerdeführer dort ein Haus be- sitzt. Allein aufgrund der allgemeinen Situation in ihrem Heimatstaat ist da- her nicht von einer konkreten Gefährdung der Beschwerdeführerin und ih- rer Kinder auszugehen. 8.3.2 Aufgrund der prekären Lebensbedingungen in Äthiopien si nd ge- mäss konstanter Praxis zur Existenzsicherung ausreichend finanzielle Ressourcen und gut vermarktbare berufliche Fähigkeiten sowie intakte fa- miliäre und soziale Netzwerke unabdingbar (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.4; zur sozioökonomischen Situation von Frauen vgl. E. 8.5). 8.3.3 Sowohl das Wohnheim für Asylbewerber in K._______ als auch die Asylkoordination K._______ äussern sich in ihren Empfehlungsschreiben vom 29. April 2014 respektive vom 19. Februar 2015 positiv über die Be- schwerdeführerin und ihren Ehemann. Beide hätten sehr gut Deutsch ge- lernt, sich stets klaglos verhalten, seien sehr freundlich, angenehm und gut integriert und hätten auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen. Die Beschwer- deführerin möchte einen Pflegekurs absolvieren und ihr Ehemann sei ein zuverlässiger (…)/(…) und ein geschätzter Mitarbeiter. Beide Eltern arbei- teten im Beschäftigungsprojekt des HEKS „(…)“. Hinsichtlich der Integration der Beschwerdeführerin und ihres Ehemannes an ihrem Wohnort in K._______, wo sie mittlerweile seit zehn Jahren leben, ist festzuhalten, dass für die Beantwortung der Frage, ob der Vollzug der Wegweisung aufgrund einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG unzumutbar ist, nicht die persönlichen Verhältnisse der auslän- dischen Person in der Schweiz, sondern die Situation im Heimat- oder Her- kunftsstaat ausschlaggebend ist, die sich für die ausländische Person im Falle des Vollzugs dorthin ergeben würde. Im Rahmen von Art. 83 Abs. 4 AuG unter dem Aspekt des Kindeswohls gemäss Art. 3 Abs. 1 des Über- einkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) zu berücksichtigen ist die Situation in der Schweiz einzig, wenn Kinder und insbesondere Jugendliche, welche die prägenden Jahre der Adoleszenz in der Schweiz verbracht haben, von einem allfälligen Vollzug der Wegweisung betroffen sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.6 S. 749; BVGE 2009/28 E. 9.3.2 S. 367 f.). Die am (…) geborene Beschwerdeführerin hat die ersten (…) Jahre ihres Lebens in der Äthiopien verbracht, bevor sie im Jahr 2006 im Alter von knapp (…) Jahren in die Schweiz einreiste. Der Um- stand, dass sie nunmehr seit 10 Jahren in der Schweiz lebt, ist für die Frage der Zumutbarkeit des Voll zugs der Wegweisung aufgrund der vorstehen-D-2395/2014 Seite 20 den Erwägungen nicht rechtserheblich. Es bleibt hingegen dem zuständi- gen Kanton überlassen, ob er der Beschwerdeführerin und ihrer Familie eine Aufenthaltsbewilligung erteilen will, falls aufgrund einer fortgeschritte- nen Integration in der Schweiz ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliegt (Art. 14 Abs. 2 B st. c AsylG, Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG i. V. m. Art. 31 der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE, SR 142.201]). 8.3.4 Gesundheitliche Probleme führen praxisgemäss nur dann zur Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzu gs, wenn eine notwendige medizini- sche Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht und sich daraus eine konkrete Gefährdung für die betroffene Person ergibt. Dabei muss eine allgemeine und dringliche medizinische Behandlung, welche zur Ge- währleistung einer menschenwürdigen Existenz absolut notwendig ist, ver- fügbar sein (vgl. BVGE 2011/24 E. 11.1; 2009/28 E. 9.3.1; 2009/2 E. 9.3.2). Demgegenüber liegt noch keine Unzumutbarkeit vor, wenn im Heimatstaat eine dem schweizerischen Standard nicht entsprechen de medizinische Behandlung zur Verfügung steht. Auf Beschwerdeebene wurde ein fachärztlicher Bericht zum psychischen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin eingereicht (vgl. Sachverhalt Bst. M). Im Bericht wird eine posttraumatische Belastungsstörung ( F43.1) diagnostiziert und angegeben, dass bis 30. Juni 2014 fünf psychothera- peutische Sitzungen stattgefunden haben, in der die Beschwerdeführerin über eine durch einen Regierungsbeamten vor ihrer Ausreise aus Äthio- pien erfolgte Vergewaltigung berichtet ha be. Nach der Ankunft in der Schweiz habe sie weiterhin Alpträume von der Vergewaltigung gehabt. Sie habe niemandem davon erzählt. Die Alpträume seien mit den Jahren zu- rückgegangen, sie sei jedoch immer schreckhaft und angespannt geblie- ben und (…). Nach der letzten Anhörung (am 19. September 2013), bei der sie sich dazu gedrängt gefühlt habe, über die Vergewaltigung zu sprechen, seien die Alpträume und Flashbacks verstärkt zurückgekehrt. Dies sei der Grund gewesen, weshalb sie auf Anraten ihres Hausarztes ei ngewilligt habe, sich in psychiatrisch -psychologische Behandlung zu begeben. Der unterzeichnende Psychiater und die Psychologin, welche die Gespräche durchgeführt hat, gelangen im Bericht zum Schluss, die Vergewaltigung und ihre jetzige Symptomatik seien glaubhaft geschildet. Eine Retraumati- sierung der Beschwerdeführerin durch die Befragungssituation an der letz- ten Anhörung sei als sehr wahrscheinlich anzusehen, und sie sei behand- lungsbedürftig. Im Zeitpunkt der Ausstellung des Berichtes (30. Juni 2014) D-2395/2014 Seite 21 erfolgte zusätzlich zu einer der Sprachbarriere angepassten psychothera- peutischen Behandlung mit regelmässigen, ein - bis zweimal pro Monat stattfindenden Konsultationen eine medikamentöse Behandlung mit Anti- depressiva und zur Schlafinduktion. Der weitere Verlauf bleibe abzuwarten. Die Beschwerdeführerin ist seit dem ersten Beschwerdeverfahren im Jahr 2010 durch einen im Asylrecht versierten Rechtsanwalt vertreten. Die ge- setzliche Mitwirkungspflicht bei der Feststellung des Sachverhaltes (Art. 8 Abs. 1 Bst. d AsylG) beinhaltet für Asylsuchende, welche sich wegen ge- sundheitlicher Probleme bereits in medizinischer Behandlung befinden, dass ärztliche Zeugnisse oder Bestätigungen unaufgefordert einzureichen sind (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.2). Da bis heute kein weit erer ärztlicher Bericht zum psychischen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin eingereicht wurde, ist davon auszugehen, dass die im Arztbericht vom 30. Juni 2014 beschriebenen Symptome einer Retraumatisierung der Be- schwerdeführerin mittlerweile – mit oder ohne weitere Behandlung – zu- rückgegangen sind. In Ausübung der freien Beweiswürdigung (Art. 40 des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über den Bundeszivilprozess [BZP , SR 273]) ist demzufolge festzuhalten, dass keine Anhaltspunkte da- für bestehen, dass die Beschwerdeführerin aktuell an schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen leidet, derentwegen sie sich in der Schweiz in regelmässiger Behandlung befinde und die nur hier behandelbar wären und allenfalls ein Vollzugshindernis darstellen könnten. 8.3.5 Unter dem Aspekt des Kindeswohls gemäss Art. 3 Abs. 1 KRK sind im Rahmen der Prüfung der Zumutbarkeit des Vollzugs sämtliche Um- stände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegwei- sung wesentlich erscheinen. In Bezug auf das Kindeswohl können für ein Kind namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer gesamtheitlichen Be- urteilung von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, In- tensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugs- personen (insbesondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung, sowie der Grad der er- folgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade letzterer Aspekt, die Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Reintegration bezie- hungsweise Integration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Fak- tor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem einmal vertrau- ten Umfeld herausgerissen werden sollten. Dabei ist aus entwicklungspsy- chologischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kin- des (d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen D-2395/2014 Seite 22 übrige soziale Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine re- ziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine starke Assimilierung in der Schweiz eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rück- kehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2009/5 1 E. 5.6; 2009/28 E. 9.3.2). Diese Voraussetzungen sind im vorliegenden Fall indes nicht erfüllt. Die beiden Kinder der Beschwerdeführerin und ihres Ehemannes, B._______ und C._______, sind zwar in der Schweiz geboren, sie sind jedoch erst (…) beziehungsweise (…) Jahre alt. Gemäss der Faxeingabe der Asylkoordi- nation K._______ vom 19. Februar 2015 besuchten sie in diesem Zeit- punkt den Kindergarten respektive die Spielgruppe, und mittlerwe ile wohl die erste Primarschulklasse beziehungsweise den K indergarten. Doch ist davon auszugehen, dass sie sich aufgrund ihres Alters noch in erster Linie an ihren Eltern orientieren. Es ist daher im Fall einer Rückkehr der Familie nach Äthiopien keine tiefgreifende Entwurzelung der Kinder zu befürchten, welcher unter dem Aspekt der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung ausschlaggebende Bedeutung beigemessen werden könnte. Dies wird in der Beschwerde denn auch nicht geltend gemacht. Aufgrund ihrer Soziali- sierung in einer äthiopischen Familie sind die Kinder mit der Kultur ihrer Eltern und auch mit der en amharischer Muttersprache vertraut, so dass ihnen eine I ntegration in Äthiopien gelingen dürfte. Eine Gefährdung des Kindeswohls bei einer Rückkehr zusammen mit ihren Eltern nach Äthiopien ist daher nicht ersichtlich. 8.3.6 Die Beschwerdeführerin ist in L_______ geboren und in Addis Abeba im Haus ihres Vaters zusammen mit ihren Eltern und fünf bis sieben Ge- schwistern aufgewachsen. Nach der Heirat bis kurz vor der Ausreise lebte sie mit ihrem Ehemann in dessen Haus in Addis Abeba. Sie ist während elf Jahren zur Schule gegangen und hat während vier bis fünf Jahren ein (…)geschäft geführt (vgl. act. A1/9 S. 1-3; A16/13 S. 3-5; A48/24 S. 13 f.). An der Anhörung vom 19. September 2013 sagte sie, sie habe seit ihrer Ausreise aus Angst, dass das Telefon abgehört werden könnte, keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie (vgl. A48/24 F119 ff.). Selbst wenn dies wider Erwarten zutreffen sollte, darf angesichts der guten Beziehungen der Be- schwerdeführerin zu ihrer Kernfamilie vor der Ausreise (vgl. a.a.O., F125) davon ausgegangen werden, dass sie nach einer Rückkehr nach Addis Ab- eba auf ihre Herkunftsfamilie als familiäres Beziehungsnetz wird zurück- greifen können. Ferner ist anzunehmen, dass sie trotz der langjährigen Landesabwesenheit ihr früheres soziales Beziehungsnetz in Addis Abeba D-2395/2014 Seite 23 zumindest teilweise wird reaktivieren können, zumal sie praktisch ihr gan- zes Leben bis zur Ausreise in der äthiopischen Hauptstadt verbracht hat. Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder werden sodan n nicht alleine zu- rückkehren müssen, sondern mit ihrem Ehemann beziehungsweise Vater D._______, dessen Beschwerde mit Urteil D -2454/2014 vom 27. März 2017 ebenfalls vollumfänglich abgewiesen wird. Der Ehemann der Be- schwerdeführerin hat gemäss eigenen Angab en von seinem Vater ein Haus sowie ein (…)geschäft, beide in Addis Abeba, geerbt, und konnte von den Einnahmen des Geschäftes gut leben (vgl. act. A2/11 S. 1 f.). Aufgrund der genannten begünstigenden individuellen Umstände wird es den Be- schwerdeführenden möglich sein, sich in ihrer Heimat zusammen mit ihrem Ehemann und der Unterstützung ihrer Herkunftsfamilie zu reintegrieren und erneut eine Existenz aufzubauen. 8.4 Aufgrund dieser Erwägungen ist nicht davon auszugehen (vgl. zum Be- weismass BVGE 2014/26 E. 7.7.4), dass die Beschwerdeführerin und ihre Kinder bei der Rückkehr nach Äthiopien aufgrund der allgemeinen Situa- tion oder aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesund- heitlicher Natur in eine existenzielle Notlage geraten würden. De r Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach nicht als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG. 8.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän- digen Vertretung des Heimat- oder Herkunftsstaates die für eine Rückkehr notwendigen Re isedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 8.6 Die Vorinstanz hat den Wegweisungsvollzug demnach im Ergebnis zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt daher ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass der Entscheid des BFM Bundes- recht nicht verletzt sowie den rechtserheblichen Sac hverhalt richtig und vollständig feststellt (Art.106 Abs.1 AsylG). Die Beschwerde ist daher ab- zuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten grun dsätz- lich den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das D-2395/2014 Seite 24 Bundesverwaltungsgericht hat ihnen mit Verfügung vom 4. Juni 2014 in- folge Bedürftigkeit die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltli- che Rechtsverbeiständung in der Person ihres Rechtsvertreters gemäss Art. 110a AsylG gewährt. Aufgrund der Akten ist nach wie vor von der Be- dürftigkeit der Beschwerdeführenden auszugehen, weshalb ihnen keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. 10.2 Dem amtlichen Rechtsbeistand ist ein Honorar auszurichten (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des Reg- lements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Bei amtlicher Vertretung geht das Gericht in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte und von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht -anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu ent- schädigen ist (Art. 8 Abs. 2 VGKE). 10.3 Der Rechtsvertreter hat am 10. Dezember 2014 eine gemeinsame Kostennote für das Verfahren des Beschwerdeführers und dasjenige der Ehefrau (inkl. Kinder) eingereicht, in der er Kosten von insgesamt Fr. 6034.70 geltend macht, welche sich aus Honorarkosten in der Höhe von Fr. 5505.– (zeitlicher Aufwand 18.35 Stunden be i einem Stundenan- satz von Fr. 300.–), Auslagen von Fr. 82.70 und Fr. 447.– Mehrwertsteuer zusammensetzen. Der in der Kostennote verrechnete Stundenansatz von Fr. 300.– ist auf Fr. 220.– zu reduzieren. Der geltend gemachte Aufwand für beide Verfahren erscheint im Übrigen angemessen. Der Rechtsbei- stand ist dementsprechend mit insgesamt Fr. 4450.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) für beide Verfahren zu entschädigen. Die Entschä- digung wird je hälftig auf beide Verfahren aufgeteilt. Für das vorliegende Verfahren ist ihm durch das BVGer eine Entschädigung von Fr. 2225.– zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) D-2395/2014 Seite 25 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das Bundesverwaltungsgericht entrichtet dem als amtlicher Rechtsbei- stand eingesetzten Rechtsvertreter zulasten der Gerichtskasse ein Hono- rar von Fr. 2225.–. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Jacqueline Augsburger Versand: