Kantonsgericht Schwyz Urteil vom 15. September 2020 STK 2019 40 Mitwirkend Kantonsgerichtspräsident Dr. Urs Tschümperlin, Kantonsrichter lic. iur. Walter Züger, Reto Fedrizzi, Bettina Krienbühl und Pius Schuler, Gerichtsschreiber lic. iur. Mathis Bösch, a.o. Gerichtsschreiberin MLaw Gloria Guggenberger. In Sachen A.________, Beschuldigter, Berufungsführer und Anschlussberufungsgegner, amtlich verteidigt durch Rechtsanwalt B.________, gegen Kantonale Staatsanwaltschaft, Postfach 75, SSB, 8836 Bennau, Anklagebehörde, Berufungsgegnerin und Anschlussberufungsführerin, vertreten durch Staatsanwältin C.________, betreffend Irreführung der Rechtspflege, Betrug (Berufung und Anschlussberufung gegen das Urteil des Einzelrichters am kan- tonalen Strafgericht vom 28. März 2019, SEO 2018 6);- hat die Strafkammer,Kantonsgericht Schwyz 2 nachdem sich ergeben: A. Laut Polizeirapport meldete A.________ am 10. September 2015 der Kantonspolizei Schwyz telefonisch, im Gebiet I.________ von seinem Velo heruntergeschlagen worden zu sein. Während seiner Ohnmacht sei sein Velo, sein Portemonnaie mit seinem Hausschlüssel sowie einer Visitenkarte mit seiner Wohnadresse gestohlen worden (U-act. 8.1.004 S. 3). Die Polizei be- gab sich mit A.________ nach der Tatortbesichtigung zu dessen Wohnung und stellte einen Einschleichdiebstahl fest, bei welchem etliche Wertge- genstände entwendet wurden (U-act. 8.1.005). A.________ stellte Strafantrag (U-act. 8.1.006) und ersuchte am 16. September 2015 um Hilfe im Sinne des Opferhilfegesetzes (U-act. 8.1.011). Am 19. September 2015 wurde das Velo bei Holzarbeiten hinter einem Asthaufen versteckt gefunden (U-act. 8.1.012, vgl. auch 8.1.002 S. 6). A.________ wurde am 16. September und 13. Okto- ber 2015 als Auskunftsperson polizeilich befragt (U-act. 10.1.001 f.). Am 10. Mai 2016 hielt ihm die Polizei den Verdacht der Irreführung der Rechts- pflege, der falschen Anschuldigung und des Betrugs vor und befragte ihn als beschuldigte Person (U-act. 10.1.003). Nach Auswertung der DNA-Spuren (dazu U-act. 8.1.003 ab Fahrradlenkgriff und Reisverschluss von Trikot) und aller weiteren Spuren und Ermittlungen rapportierte die Polizei ein Jahr später, dass A.________ den Raub erfunden haben könnte (U-act. 8.1.001 vgl. auch U-act. 8.1.004 S. 6). B. Am 13. Oktober 2016 eröffnete die kantonale Staatsanwaltschaft gegen A.________ wegen der telefonischen Meldung, angeblich überfallen und be- raubt worden zu sein, eine Strafuntersuchung betreffend Irreführung der Rechtspflege (U-act. 9.1.001). Am 6. September 2018 erliess sie einen Straf- befehl (U-act. 0.1.001) und überwies diesen nach Einspracheerhebung dem Einzelrichter am kantonalen Strafgericht (Vi-act. 1). In Anklageziffer 1 wurde der Beschuldigte gestützt auf folgenden Sachverhalt wegen Irreführung der Rechtspflege (Art. 304 StGB) angeklagt:Kantonsgericht Schwyz 3 A.________ fasste zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt, jedoch mit Sicherheit vor dem 10. September 2015, an einem unbekannten Ort, den Entschluss, einen Raubüberfall vorzutäuschen, um anschliessend bei der Kantonspolizei Schwyz Anzeige zu erstatten und Versicherungs- leistungen zu erwirken. In der Absicht seinen Tatplan umzusetzen, verliess A.________ am 10. September 2015, ca. 18.25 Uhr, die Geschäftsräumlichkeiten seines Unternehmens, J.________ GmbH, und begab sich mit seinem Fahrrad in Richtung Biberbrugg. Im Gebiet I.________ um ca. 19.15 Uhr hielt A.________ zwei Velofahrer an und machte ihnen gegenüber geltend, er sei von einer dunkel gekleideten Person niedergeschlagen und ausge- raubt worden. Um 19.19 Uhr meldete A.________ der Einsatzleitzentrale der Kantonspolizei Schwyz mit dem Mobiltelefon der vorerwähnten Rad- fahrer, dass er im Gebiet I.________ während einer Biketour niederge- schlagen und ausgeraubt worden sei. Gestützt auf diese Meldung rück- ten Polizeifunktionäre an die genannte Örtlichkeit aus. A.________ machte auch gegenüber den ausgerückten Polizeifunktionären geltend, er sei niedergeschlagen und ausgeraubt worden. Durch den Sturz oder Schlag gegen den Kopf sei er während rund 10 Minuten ohnmächtig ge- wesen. Währenddessen habe die unbekannte Täterschaft sein Fahrrad, Marke Roleto, Sach-Nr. xx, sein schwarzes Lederportemonnaie samt In- halt (ein Hausschlüssel und eine Visitenkarte, worauf seine Wohnadres- se, E.________strasse yy, 8832 Wollerau ersichtlich gewesen sei) ent- wendet. Um 20.25 Uhr traf die Kantonspolizei Schwyz zusammen mit A.________ an dessen Wohnsitz, E.________strasse yy, 8832 Wollerau, ein. A.________ behauptete vor Ort, jemand sei in der Wohnung gewesen und habe Bargeld im Wert von ca. CHF 1'970.00 entwendet. Im Weiteren zeigte er an, die unbekannte Täterschaft habe auch einen Reisepass, Sach-Nr./Code zz, eine Münzsammlung im Wert von CHF 150.00, einen Zigarrenschneider im Wert von CHF 120.00, ein Feuerzeug im Wert von CHF 250.00, ein Fernglas im Wert von CHF 130.00, eine Videokamera, Marke Sony, im Wert von CHF 800.00, diverse Schmuckstücke und Uh- ren im Gesamtwert von CHF 9'035.00 sowie einen Laptop, Marke Toshi- ba, Farbe schwarz, welcher der Firma D.________ GmbH gehört habe, im Wert von CHF 699.00, entwendet. A.________ wusste mit Sicherheit, dass der von ihm den Behörden mit- geteilte Sachverhalt nicht der Wahrheit entsprach, dennoch erstattete er Strafanzeige. Weiter wurde der Beschuldigte wegen mehrfachen Betrugs sowie teilweise versuchten Betrugs (Art. 146 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB) wie folgt angeklagt (Anklageziff. 2):Kantonsgericht Schwyz 4 2.1 Am 18. September 2015 von einem unbekannten Ort aus, mutmass- lich aber von der E.________strasse yy, 8832 Wollerau, meldete A.________ der F.________ AG telefonisch, dass er am 10. September 2015 im Gebiet I.________ ausgeraubt worden sei. Am 1. Oktober 2015 beantragte A.________ bei der F.________ AG die Übernahme des an- geblich eingetretenen Schadens im Betrag von CHF 18'057 .00 sowie der Kosten der Schlossänderung in der Höhe von CHF 1'072.40, wiewohl er wusste, dass der Raubüberfall nicht stattgefunden hat. A.________ ver- suchte die F.________ AG mit einer für die Versicherungsgesellschaft nicht leicht durchschaubaren Lügengeschichte hinsichtlich des behaupte- ten Raubüberfalls zu täuschen und diese dadurch zur Auszahlung einer Versicherungsleistung zu bewegen. Zur Untermauerung der Anspruchs- berechtigung gegenüber der Versicherungsgesellschaft erstattete er am 10. September 2015 eine Strafanzeige. Die F.________ AG zahlte am 18. April 2016 die Schlossänderungskosten im Betrag von CHF 1'072.40. Zur Auszahlung der beantragten Versicherungsleistung im Betrag von CHF 18'057.00 und einem entsprechenden Schaden bei der Versiche- rung sowie zur angestrebten ungerechtfertigten Bereicherung von A.________ kam es jedoch nicht. A.________ wusste, dass durch den fingierten Raubüberfall vom 10. September 2015 die F.________ AG mindestens möglicherweise in einen Irrtum versetzt wird und sich zur Auszahlung einer Versicherungs- leistung veranlasst sieht. In der Absicht, sich unrechtmässig an der Ver- sicherungsleistung zu bereichern, wollte er durch das täuschende Verhal- ten einen Vermögensschaden bei der F.________ AG bewirken. 2.2 A.________ war bis 19. September 2017 Gesellschafter mit einem Stammanteil von CHF 6'667.00 der J.________ GmbH. Er war durch die J.________ GmbH bei der G.________ AG für ein Taggeld von 87.70 pro Tag versichert (obligatorische Unfallversicherung gemäss UVG). Am 21. September 2015 liess A.________ als Gesellschafter der J.________ GmbH der Versicherung G.________ AG gestützt auf ein ärztliches Zeugnis eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vom 13. September 2015 bis 27. September 2015 melden. Dies, obwohl A.________ am 16. Septem- ber 2015 und 17. September 2015 arbeitete und am 16. September 2015 eine Diplomprüfung an der HWZ Zürich als Experte abnahm und weitere berufliche Termine im besagten Zeitraum wahrnahm. Die G.________ AG wurde durch die Meldung, welche für sie nicht überprüfbar war, getäuscht und erbrachte am 25. November 2015 Unfalltaggeldleistungen im Betrag von CHF 1'315.50 an die J.________ GmbH, was bei ihr zu ei- nem Vermögensschaden führte. A.________ überwies sich den Betrag von CHF 1'315.50 am 2. Dezember 2015 auf sein Privatkonto bei der K.________ (Bank I). A.________ wusste, dass durch den fingierten Raubüberfall und der an- schliessend vorgetäuschten Arbeitsunfähigkeit die G.________ AG min- destens möglicherweise in einen Irrtum versetzt wird und sich zur Aus- zahlung einer Versicherungsleistung veranlasst sieht. In der Absicht, Kantonsgericht Schwyz 5 Versicherungsleistung zu erwirken, ging er trotz ausgewiesener Arbeits- unfähigkeit vom 13. September 2015 bis am 27. September 2015 seiner gewohnten Tätigkeit nach. C. Mit Urteil vom 28. März 2019 sprach der Einzelrichter den Beschuldigten des Betruges zum Nachteil der G.________ AG schuldig (Anklageziffer 2.2), dagegen vom Vorwurf der Irreführung der Rechtspflege (Ziff. 1) und vom Be- trug im Fall der F.________ AG (Ziff. 2.1) frei (angef. Urteil Dispositivziff. 1 f.). Er bestrafte den Beschuldigten mit einer zwei Jahre zur Probe aufgeschobe- nen Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 30.00 (Ziff. 3 f.). Die Zivilforderung der F.________ AG von Fr. 1‘072.40 wies er ab und hiess diejenige der G.________ AG von Fr. 9‘045.30 im Umfang von Fr. 1‘315.50 teilweise gut bzw. verwies sie im Übrigen auf den Zivilweg (Ziff. 5). Die Kostenfolgen (total Fr. 29‘761.85 inkl. Kosten der amtlichen Verteidigung von Fr. 13‘254.35) inkl. Rückzahlungsvorbehalt für die Verteidigungskosten wurden zu 20 % dem Be- schuldigten auferlegt (Ziff. 7 f.). D. Gegen das am 13. Juni 2019 begründet versandte Urteil erklärte der Beschuldigte die rechtzeitig angemeldete Berufung am 1. Juli 2019 (KG-act. 3). Er verlangt einen vollständigen Freispruch von Schuld und Strafe sowie die vollumfängliche Abweisung, eventualiter die Verweisung der Zivil- forderung der G.________ AG auf den Zivilweg. Die Staatsanwaltschaft er- klärte am 17. Juli 2019 Anschlussberufung. Sie beantragt, den Beschuldigten im Sinne des als Anklage überwiesenen Strafbefehls schuldig zu sprechen und zu bestrafen sowie die Zivilforderung der F.________ AG auf den Zivil- weg zu verweisen, unter vollumfänglichen Kostenfolgen zu Lasten des Be- schuldigten (KG-act. 5). Die Versicherungsgesellschaften liessen sich im Be- rufungsverfahren nicht vernehmen. Die zunächst auf den 31. März 2020 an- gesetzte Berufungsverhandlung musste zufolge COVID-19 verschoben wer- den. E. Anlässlich der Berufungsverhandlung hielten der Beschuldigte und die Staatsanwaltschaft an ihren Rechtsmittelanträgen fest. Der Beschuldigte be-Kantonsgericht Schwyz 6 antragte hinsichtlich des von ihm angefochtenen Schuldspruches eine Zeu- genbefragung zum Beweis, dass er am 16. September 2015 einzig einmal als Zuhörer ohne Entgelt zur Präsentation einer Diplomarbeit eingeladen war. Die Staatsanwaltschaft hielt diese Zeugenbefragung nicht für erforderlich;- und in Erwägung: 1. Nicht angefochten und damit rechtskräftig ist Dispositivziffer 6 des ange- fochtenen Urteils, wonach dem Beschuldigten sein beschlagnahmtes Velo herausgegeben wird. Alle anderen Teile des erstinstanzlichen Urteils sind im Berufungsverfahren zu überprüfen (Art. 399 Abs. 3 und 4 sowie Art. 404 Abs. 1 StPO). 2. Die Anklage und die Verwertbarkeit von Beweisen ist im Berufungsver- fahren nicht mehr umstritten. Zudem sind ausgangsgemäss die erstinstanzli- chen Einwände der Verteidigung nicht mehr erheblich. Abgesehen davon wurden sie durch den Vorderrichter zutreffend erledigt (s. angef. Urteil E. I.). 3. Der Irreführung der Rechtspflege strafbar macht sich, wer bei einer Behörde wider besseres Wissen anzeigt, es sei eine strafbare Handlung be- gangen worden (Art. 304 Ziff. 1 Abs. 1 StGB). a) Betreffend die Irreführung der Rechtspflege kann zunächst auf die Er- wägungen des angefochtenen Urteils verwiesen werden, wonach die „Über- falltheorie“ nicht mit Sicherheit ausschliessbar erachtet wurde (Art. 82 Abs. 4 StPO, angef. Urteil E. II./1), was die hauptsächlich gegen die „Unfalltheorie“ gerichteten Einwände der Staatsanwaltschaft im Berufungsverfahren ausser Acht lassen. Kantonsgericht Schwyz 7 b) Im Weiteren erscheint es unabhängig von den Angaben des behandeln- den Psychiaters über die Planbarkeit der angeklagten Irreführung grundsätz- lich entgegen der Staatsanwaltschaft unwahrscheinlich, dass der über zwei Nächte hospitalisierte Beschuldigte zur Vortäuschung eines Raubüberfalls absichtlich einen Sturz mit den ärztlich festgestellten Verletzungsfolgen (dazu U-act. 16.1.005 inkl. fragliche Frakturlinie im Acromion, vgl. auch U-act. 16.2.003/37) herbeiführte. Erfolgte der Sturz aber nicht absichtlich, lässt sich der Verdacht, der Beschuldigte habe einen Einbruch in sein Haus vor- getäuscht, nicht erhärten. Gegen das Vortäuschen eines Einbruchs spricht auch der nicht näher erklärbare Umstand, dass laut Spurenbericht die vom Beschuldigten nie als vermisst gemeldeten Brille, Handschuhe und Helm merkwürdigerweise nicht beim Beschuldigten, sondern vor dem Hauseingang im Freien sichergestellt wurden (U-act. 8.1.002 S. 9 f.; in zeitlicher und örtli- cher Hinsicht dazu nicht weiter geklärt U-act. 10.1.001 Nr. 39). Angesichts der nachgewiesenen Verletzungen fällt nicht ins Gewicht, dass das Velo und die nicht näher dokumentierten Kleider nicht offensichtlich beschädigt bzw. ver- schmutzt worden sind, wobei namentlich Letzteres bei trockenen Witterungs- verhältnissen nicht aussergewöhnlich ist. c) Ebenso wenig überzeugt die zur Begründung des Verdachts der Vortäu- schung angeführte Feststellung der Polizei, dass am Trikot und dem Velo kei- ne andere DNA als diejenige des Beschuldigten gefunden werden konnte. Der lokale Vergleich des IRM vom 21. Oktober 2015 (U-act. 8.1.003) bezieht sich nur auf Spuren ab dem Fahrradlenkergriff und ab dem Trikotreissverschluss ohne auszuschliessen, dass anderswo am Velo und Trikot fremde Spuren haften. Die Folgerung der Polizei, es sei äusserst unwahrscheinlich, dass eine unbekannte Täterschaft das Velo über 100 Meter zu transportieren vermochte, ohne eine DNA-Spur zu hinterlassen (U-act. 8.1.001 S. 3 unten), entbehrt da- her einer beweistauglichen Grundlage. Zudem belasten weder die Aussagen von L.________ und M.________ den Beschuldigten. L.________ sagt aus, dass der Beschuldigte authentisch verwirrt wirkte. M.________ bestätigt zu-Kantonsgericht Schwyz 8 mindest indirekt mit seinen Angaben, dass der Beschuldigte zwei- bis dreimal in der Woche in seinem Ferienhaus übernachte, die Aussagen des Beschul- digten, wonach er nicht länger zu Hause sein könne, weil es ihm dort nicht mehr wohl sei (U-act. 10.1.003 Nr. 6). Auch dem Umstand, dass der Beschul- digte tagsüber zweimal der Polizei eine unverschlossene Haustür öffnete, wo- bei er alleine zu Hause gewesen sein soll, vermag den Verdacht der Irre- führung nicht zu erhärten. Es ist nicht bewiesen, dass er nicht Besuch hatte oder erwartete. d) Im Übrigen legte der Beschuldigte von Anfang an nicht nur seine Verwir- rung und seine Zweifel über das Geschehene offen. Er behauptete auch nie, selber wahrgenommen zu haben, dass er von Räubern vom Velo gestossen, sondern nur, dass ihm das Portemonnaie mit dem Hausschlüssel wegge- nommen worden sei (U-act. 10.1.001 Nr. 5 S. 3): (…). Ich kann mich noch an die Linkskurve erinnern und von dort weg weiss ich einfach nichts. Ich meine, dass ich etwas gesehen habe, was auf meinen Kopf zukam. Keine Ahnung. Es hatte keine Äste im Weg oder so. Dann kam ich wieder zu mir und lag am Boden, mitten auf dem Weg. Keis Velo war mehr da. Ich stand auf und suchte das Fahrrad. Ich war mir ja nicht sicher, ob ich vielleicht selber gestürzt bin und schaute des- halb nach meinem Velo. Ich konnte es aber nicht finden. Dann lief [ich] den Weg entlang in Richtung I.________strasse. Dort habe ich zwei Ve- lofahrer angetroffen. Ich konnte dann von einem das Telefon nehmen und der Polizei anrufen. (…). Als ich dort mit den beiden Velofahrern ge- wartet habe, begann ich an zu frieren. Einer der beiden hat mir dann sein Veloshirt gegeben und beim Anziehen habe ich gemerkt, dass bei mei- nem Shirt der Reissverschluss hinten am Rücken offen ist und mein Por- temonnaie fehlt. Vorher ist mir dies gar nicht aufgefallen. Als die Polizei kam, habe ich das gleich erwähnt, dass der Wohnungsschlüssel auch weg ist und auf der Visitenkarte ersichtlich ist, wo ich wohne (…). Diese Aussagen könnten wie die Schilderung eines Gefühls, „dass etwas auf mein Gesicht, meinen Körper geflogen kam“ (ebd. Nr. 23 ff.) und des Unglau- bens, auf der relativ flachen Strasse umzufallen (ebd. Nr. 25), wie die Staats- anwaltschaft einwendet, ein Versuch sein, seine Geschichte glaubhafter zu machen. Dies lässt sich aber nicht beweisen. Daher kann im Ergebnis nicht Kantonsgericht Schwyz 9 ausgeschlossen werden, dass der Beschuldigte aufgrund der ihm noch erin- nerlichen Umstände des Sturzes und der Wegnahme des Portemonnaies auf einen Überfall schliesst, wie ihm der Gedanke an einen möglichen Einbruch ins Haus kam (ebd. Nr. 59). Soweit der Beschuldigte aber nur vermutet oder für möglich hält, zeigt er nicht tatbestandsmässig eine nicht begangene Straf- tat an (Delnon/Rüdy, BSK, 4. A. 2019, Art. 304 StGB N 8), abgesehen davon, dass das im Tatbestand nicht aufgeführte Vortäuschen eines Delikts straflos sein soll (s. Trechsel/Pieth, PK, 3. A. 2018, Art. 304 StGB N 3). e) Massgeblich bleibt, dass dem Beschuldigten nicht nachzuweisen ist, wider besseres Wissen angezeigt zu haben, vom Velo niedergeschlagen wor- den zu sein. Eine Strafanzeige lässt sich solange rechtfertigen, als nicht ab- sichtlich die Unwahrheit behauptet wird. Es müssten mithin nachgewiesen sein, dass der Beschuldigte „wider besseres Wissen“, also in sicherer Kennt- nis um die Unwahrheit Vorwürfe oder Verdächtigungen erhoben hätte (dazu Delnon/Rüdy, a.a.O., Art. 303 StGB N 27 und 43 sowie Art. 304 StGB N 17; BEK 2018 154 vom 18. Februar 2019 E. 3 m.H.). Der Beschuldigte legte be- züglich seines Sturzes mit dem Velo keine sicheren Wahrnehmungen dar, womit es insoweit an der tatbestandsmässig vorausgesetzten Anzeige wider besseres Wissen fehlt (vgl. oben lit. d). Ist wie gesagt (lit. b) objektiv nicht be- weisbar, dass der Beschuldigte absichtlich stürzte, um einen Überfall zu fin- gieren, kann nicht angenommen werden, er habe unwahr und somit wider besseres Wissen behauptet, ihm seien Portemonnaie und Schlüssel wegge- nommen worden, sowie einen Einbruch vorgetäuscht. Zudem würde der Ver- sicherungswert des Deliktguts im Vergleich zu den möglichen Folgen eines mutwilligen Sturzes doch zu beschränkt erscheinen, um ein plausibles finanzi- elles Motiv zu bilden. 4. Kann dem Beschuldigten entgegen der Anklage (Ziff. 2.1) keine Lügen- geschichte über einen Raubüberfall und anschliessenden Einbruch bewiesen werden, fehlt es am Nachweis, dass er die F.________ AG durch eine ent-Kantonsgericht Schwyz 10 sprechende Meldung getäuscht oder irregeführt hätte und mithin an wesentli- chen Tatbestandselementen für einen Betrug bzw. Betrugsversuch (Art. 146 Abs. 1 StGB). Der Beschuldigte wurde vom Vorderrichter daher auch in die- sem Punkt zu Recht freigesprochen (angef. Urteil E. II./2.). Es bleibt in Bezug auf den Rechtsprechungshinweis der Staatsanwaltschaft zur Opfermitverant- wortung darauf hinzuweisen, dass Versicherungen zwar nicht mit der grösst- möglichen Sorgfalt vorgehen, aber Belege überprüfen und Widersprüchen nachgehen müssen, ansonsten sie leichtsinnig handeln und eine arglistige Täuschung zu verneinen ist (BGer 6B_125/2012 vom 28. Juni 2012 E. 5.3.3 und 5.4.2 sowie z.B. U-act. 16.4.005/02). 5. In Bezug auf den Betrug der G.________ AG beschränkte der Vorder- richter die deliktsrelevante Zeitspanne zutreffend auf die gemeldete, ärztlich bis am 18. September 2015 attestierte Arbeitsunfähigkeit (U-act. 16.2.003/8). Er verneinte jedoch das Vorliegen von Arbeitsunfähigkeit nach dem Spital- austritt vom 12. September 2015 respektive nach dem Wochenende ab 14. September 2015, weil der Beschuldigte am 16. September 2015 eine Diplom- prüfung abnahm, sich in seiner Agenda Termine finden liessen und ein Ar- beitskollege des Beschuldigten ausführte, ihm sei keine veränderte Arbeits- leistung beim Beschuldigten aufgefallen. Die Aussagen dieses Zeugen wür- den sich mit Blick auf die Aussagen des Beschuldigten, zur Ablenkung viel im Büro gewesen zu sein, als glaubhaft erweisen (angef. Urteil E. II./3.a). a) Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Un- fähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leis- ten (Art. 6 Abs. 1 ATSG). Ist der Versicherte infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG), so hat er Anspruch auf ein Taggeld (Art. 16 Abs. 1 UVG). Der Anspruch auf Taggeld entsteht am dritten Tag nach dem Unfalltag. Er erlischt mit der Wiedererlangung der vollen Arbeitsfähigkeit, mit dem Beginn einer Rente oder mit dem Tod des Versicherten (Art. 16 Abs. Kantonsgericht Schwyz 11 2 UVG). Die ärztlich bezeugte Arbeitsunfähigkeit bis am 18. September 2015 (16.2.003/8) sowie die Auszahlung von 15 Taggeldern à Fr. 87.70, total Fr. 1‘315.50 durch die Versicherung (U-act. 6.1.002/04 und 06 sowie 16.2.003/40) ist unbestritten. Es lässt sich entgegen dem Vorderrichter indes nicht anhand konkreter Arbeitsleistungen beweisen, dass der Beschuldigte die Arbeitsfähigkeit vor dem 18. September 2015 wiedererlangte. b) Erstellt ist die Teilnahme des Beschuldigten an der Präsentation einer Diplomarbeit am 15. September 2015 (U-act. 16.7.002). Dass er die Diplom- arbeit quasi als Experte in wie angeklagt „gewohnter Tätigkeit“ abnahm und nicht nur als Zuhörer zu deren Präsentation eingeladen war, ist nicht nachge- wiesen. Damit kann nicht ohne Weiteres geschlossen werden, dass die „Ab- nahme“ mit der gemäss ärztlichem Zeugnis gemeldeten Arbeitsunfähigkeit unvereinbar wäre. Abgesehen davon beweisen blosse Einträge von Terminen im Outlook-Kalender (U-act. 16.7.003) keine konkreten Arbeitsleistungen des Beschuldigten, der zwar einräumte, im Büro gewesen zu sein, aber nicht um zu arbeiten, sondern um aus dem Haus zu kommen. Ebenso habe er auch die Diplomarbeit ausnahmsweise für einen Kollegen ohne Entgelt zur Ablenkung „abgenommen“ (HVP Nr. 63 ff.; U-act. 10.2.003 Nr. 29 ff.). Auf die konkrete Frage zum fraglichen Zeitraum bestreitet der Beschuldigte, gearbeitet zu ha- ben (ebd. Nr. 33). Die wenig aussagekräftigen Angaben seines damaligen Firmenpartners (U-act. 10.2.002 Nr. 49 ff.) korrespondieren entgegen der Auf- fassung des Vorderrichters mit diesen Aussagen des Beschuldigten nicht der- art, dass sie glaubhafter werden könnten. Die Angaben des Zeugen beziehen sich nicht konkret auf den erheblichen Zeitraum vom 13. bis zum 18. Septem- ber 2015 (ebd. Nr. 47). Seine Feststellung, dass ihm das Arbeitsverhalten des Beschuldigten im fraglichen Zeitraum unverändert erschien (ebd. Nr. 52), bleibt wage und ist kaum glaubhaft, da er gleichzeitig zu Protokoll gab, dem Beschuldigten damals nicht mehr zugehört zu haben (ebd. Nr. 53 ff.). Ferner ist zu berücksichtigen, dass die Partner damals oft nur telefonisch zusamme-Kantonsgericht Schwyz 12 narbeiteten und der Zeuge erst rund eineinhalb Jahre nach dem Vorfall be- fragt wurde, nachdem sie sich zerstritten haben. c) Unter diesen Umständen kann auf die vom Verteidiger beantragte Zeu- genbefragung zur Klärung der näheren Umstände der Abnahme der Diplom- arbeit verzichtet werden. Zum einen spricht dagegen, dass seit diesem Ereig- nis inzwischen mehr als fünf Jahre vergangen sind und zum anderen würde allein die Abnahme einer Diplomarbeit in einer einmaligen unentgeltlichen Ne- bentätigkeit noch nicht ohne weiteres beweisen, dass der Beschuldigte entge- gen dem Arztzeugnis seine Arbeitsfähigkeit wiedererlangte. d) Zusammenfassend lässt sich in diesem Anklagepunkt nicht nachweisen, dass der Beschuldigte der Versicherung eine Arbeitsunfähigkeit vorgetäuscht hätte. Damit ist auch in diesem Fall ein Betrug nicht zu beweisen. Unter dem Stichwort der Opfermitverantwortung kann im Übrigen festgehalten werden, dass unerfindlich ist, warum die Versicherung Taggelder über die ärztlich nur bis am 18. September 2015 attestierte Arbeitsunfähigkeit hinaus zahlte, zumal der Hausarzt der Versicherung keine längerdauernde Arbeitsunfähigkeit mel- dete (U-act. 16.2.003/37). Die Zivilforderung der am Verfahren nicht mitwir- kenden G.________ AG ist folgedessen entsprechend dem Eventual- standpunkt der Berufung auf den Zivilweg zu verweisen. 6. Im Ergebnis ist der Beschuldigte in Gutheissung der Berufung von Schuld und Strafe freizusprechen. Zutreffend moniert die Verteidigung, die Staatsanwaltschaft sei im Zivilpunkt der F.________ AG zur Berufung nicht legitimiert (vgl. Art. 381 Abs. 1 StPO sowie Riklin, OFK, 2. A. 2014, Art. 381 StPO N 1). Abgesehen davon begründete die Staatsanwaltschaft ihre An- schlussberufung betreffend den Antrag der Verweisung der Zivilforderung die- ser Versicherungsgesellschaft auf den Zivilweg einzig mit dem verlangten Schuldspruch der Irreführung, indes nicht für den Fall der vorliegenden Kantonsgericht Schwyz 13 Bestätigung des vorderrichterlichen Freispruchs. Insoweit ist auf die An- schlussberufung nicht einzutreten. Im Übrigen ist sie abzuweisen. 7. Ausgangsgemäss gehen die Kosten des erst- und zweitinstanzlichen Verfahrens vollumfänglich zu Lasten des Staates (Art. 423 und Art. 428 Abs. 1 StPO) und ist demzufolge auf einen Vorbehalt der Rückzahlungspflicht für die amtliche Verteidigung abzusehen;-Kantonsgericht Schwyz 14 erkannt: Die Berufung wird gutgeheissen und die Anschlussberufung, soweit auf sie einzutreten ist, abgewiesen. Das angefochtene Urteil wird aufgehoben und stattdessen folgendes Urteil erlassen: 1. Der Beschuldigte wird von Schuld und Strafe freigesprochen. 2. Die Zivilforderung der F.________ AG im Betrag von Fr. 1‘072.40 wird abgewiesen und diejenige der G.________ AG im Betrag von Fr. 9‘045.30 auf den Zivilweg verwiesen. 3. Das mit Beschlagnahmebefehl der kantonalen Staatsanwaltschaft vom 2. August 2018 beschlagnahmte Fahrrad, Marke Roleto, Farbe schwarz, lagernd beim Kriminaltechnischen Dienst der Kantonspolizei Schwyz un- ter der Verbr.-Nr. ww (Asservat Nr. vv), wird A.________ durch die Kan- tonspolizei Schwyz herausgegeben. 4. Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens von Fr. 29‘761.85 (Unter- suchungs- und Anklagekosten von Fr. 12‘120.00, Gerichtskosten von Fr. 4‘387.50 und Kosten der amtlichen Verteidigung von Fr. 13‘254.35) sowie die Kosten des Berufungsverfahrens von Fr. 10‘548.35 (inkl. Kos- ten der Anklagevertretung von Fr. 800.00 sowie der amtlichen Verteidi- gung von Fr. 5‘248.35) gehen zu Lasten des Staates. 5. Der amtliche Verteidiger wird für das erstinstanzliche Verfahren aus der Staatskasse mit Fr. 8‘254.35 und für das Berufungsverfahren aus der Kantonsgerichtskasse mit Fr. 5‘248.35 (inkl. Auslagen und MWST) ent- schädigt.Kantonsgericht Schwyz 15 6. Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit Zustellung nach Art. 78 ff. des Bundesgerichtsgesetzes (BGG) Beschwerde in Strafsa- chen beim Bundesgericht in Lausanne eingereicht werden. Die Be- schwerdeschrift muss den Anforderungen von Art. 42 BGG entsprechen. 7. Zufertigung an den Verteidiger (2/R), die kantonale Staatsanwaltschaft (1/A), F.________ AG (1/R), die G.________ AG (1/R), die Oberstaats- anwaltschaft (1/R), die Vorinstanz (1/ü) sowie nach definitiver Erledigung an die Vorinstanz (1/ES, mit den Akten), mit Formular an die KOST (Meldung Freispruch) und die Kantonsgerichtskasse (1/ü, im Dispositiv). Namens der Strafkammer Der Kantonsgerichtspräsident Der Gerichtsschreiber Versand 18. September 2020 kau