<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 49 S.180</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">180</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>49</b></span> <span class="ft1"><b>Zwangsmassnahmen; Zwangsisolation im Rahmen fürsorgerischer</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Freiheitsentziehung; aufschiebende Wirkung zulässig?</b></span><br/> <span class="ft1"><b>· Zwangsisolation als Zwangsmassnahme im Rahmen fürsorgerischer</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Freiheitsentziehung (Erw. 2/c/aa)</b></span><br/> <span class="ft1"><b>· Zwangsisolation nur als ultima ratio im Akutfall (Verhältnismässig-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>keit) (Erw. 2/c/bb)</b></span><br/> <span class="ft1"><b>· Zwangsisolation mit aufschiebender Wirkung nur in Ausnahmefällen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>zulässig (Erw. 2/c/cc)</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 29. August 2000 in</span><br/> <span class="ft2">Sachen R.H. gegen Entscheid der Klinik Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2. a) Im angefochtenen Zwangsmassnahmen-Entscheid der</span><br/> <span class="ft4">Ärztlichen Leitung der Psychiatrischen Klinik Königsfelden (PKK)</span><br/> <span class="ft4">vom 24. August 2000 wird als Begründung für die Zwangsisolation</span><br/> <span class="ft4">im Isolationszimmer Folgendes festgehalten: ,,erhebliche Fremdge-</span><br/> <span class="ft4">fährdung, Reizabschirmung dringlich, Pat. ,,am Steigen".</span><br/> <span class="ft4">Der Beschwerdeführer selbst lehnt die Isolation ab, weil er</span><br/> <span class="ft4">nicht gefährlich sei und weil sie zu sekundären psychischen Störun-</span><br/> <span class="ft4">gen, zu vermehrten Aggressionen und zu Vereinsamung führe.</span><br/> <span class="ft4">b) Isolation ist eine ,,andere Vorkehr" i.S. von § 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">EG ZGB</span><br/> <span class="ft4">und damit eine Zwangsmassnahme, die den Schutz der betroffenen</span><br/> <span class="ft4">Person - und damit einhergehend den Schutz ihrer Mitmenschen -</span><br/> <span class="ft4">vor körperlichen und seelischen Schäden bezweckt (vgl. Botschaft</span><br/> <span class="ft4">des Regierungsrates des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom</span><br/> <span class="ft4">4. August 1999 betreffend Revision des Einführungsgesetzes zum</span><br/> <span class="ft4">Schweizerischen Zivilgesetzbuch [EG ZGB], Schaffung einer</span><br/> <span class="ft4">Rechtsgrundlage für Zwangsmassnahmen im Rahmen der fürsorge-</span><br/> <span class="ft4">rischen Freiheitsentziehung, S. 6).</span><br/> <span class="ft4">c) Wie bereits aufgezeigt, sind die Voraussetzungen einer für-</span><br/> <span class="ft4">sorgerischen Freiheitsentziehung im vorliegenden Fall erfüllt. Beim</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer liegt ein manisches Zustandsbild bei bekannter</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">181</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">schizoaffektiver Störung vor. Das Verwaltungsgericht hat daher</span><br/> <span class="ft4">grundsätzlich zu prüfen, ob die angefochtene Zwangsmassnahme der</span><br/> <span class="ft4">Isolation in einem sachlichen Zusammenhang mit dem Einwei-</span><br/> <span class="ft4">sungsgrund dieser Geisteskrankheit steht, medizinisch indiziert und</span><br/> <span class="ft4">verhältnismässig ist.</span><br/> <span class="ft4">aa) Vorweg ist zu bemerken, dass die Isolation von ihrem We-</span><br/> <span class="ft4">sen her eine grundlegend andere Zwangsmassnahme darstellt als eine</span><br/> <span class="ft4">medikamentöse Zwangsbehandlung. So führt auch Bleuler aus, unter</span><br/> <span class="ft4">der heutigen Therapie seien langdauernde Isolierungen nicht mehr</span><br/> <span class="ft4">nötig, wogegen ganz kurze Isolierungen in akuten schweren Erre-</span><br/> <span class="ft4">gungszuständen für die Mitpatienten oft eine Notwendigkeit seien</span><br/> <span class="ft4">(Eugen Bleuler, Lehrbuch der Psychiatrie, Neubearbeitung von Man-</span><br/> <span class="ft4">fred Bleuler, Berlin/Heidelberg/New York 1983, S. 193). Isolation</span><br/> <span class="ft4">bedeutet, in einem (oft ausser einem Bett unmöblierten) Raum</span><br/> <span class="ft4">alleine eingeschlossen zu werden. In der Regel soll damit einer dro-</span><br/> <span class="ft4">henden Selbst- oder Fremdgefährdung begegnet werden, d.h. sie</span><br/> <span class="ft4">geschieht zum Selbstschutz des Betroffenen, aber auch zum Schutz</span><br/> <span class="ft4">von Personal, Patienten und Gegenständen. Allenfalls kann die mit</span><br/> <span class="ft4">der Isolation verbundene Reizabschirmung zusätzlich zu einer Be-</span><br/> <span class="ft4">ruhigung eines Patienten führen, andererseits kann die zusätzliche</span><br/> <span class="ft4">Freiheitsbeschränkung unter Umständen auch eine Erhöhung der</span><br/> <span class="ft4">Aggressionen zur Folge haben.</span><br/> <span class="ft4">bb) Im vorliegenden Fall wurden am 23. August 2000 die Iso-</span><br/> <span class="ft4">lation gemäss dem ersten Zwangsmassnahmen-Entscheid vom</span><br/> <span class="ft4">17. August 2000 aufgehoben, da der Beschwerdeführer neu beurteilt</span><br/> <span class="ft4">und dabei zugänglicher und lenkbarer erlebt wurde. Am Abend des</span><br/> <span class="ft4">23. August 2000 wurde der Beschwerdeführer laut und angetrieben,</span><br/> <span class="ft4">ebenso verbal bedrohlich. Am 24. August 2000 wurde die Situation</span><br/> <span class="ft4">als angespannt, der Beschwerdeführer aber als lenkbar beschrieben.</span><br/> <span class="ft4">In Einzelbegleitung durfte er den Park aufsuchen. Gegen Abend</span><br/> <span class="ft4">wurde er als zwischendurch laut beschrieben, er habe sich aber nach</span><br/> <span class="ft4">kurzer Zeit wieder beruhigen können. Am folgenden Tag wurde der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer wieder zunehmend verbal aggressiv, wobei die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">182</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Mitpatienten unter dem angetriebenen Zustand gelitten hätten. Da-</span><br/> <span class="ft4">raufhin wurde der Beschwerdeführer am 25. August 2000 über</span><br/> <span class="ft4">Mittag während zwei Stunden und ab 20 Uhr abends erneut isoliert.</span><br/> <span class="ft4">Damit steht fest, dass auch nach Meinung der zuständigen Kli-</span><br/> <span class="ft4">nikärzte der Beschwerdeführer am 24. August 2000 nicht zwangs-</span><br/> <span class="ft4">isoliert werden musste, da er - auch ohne Isolation - nicht hinrei-</span><br/> <span class="ft4">chend auffällig oder gar gefährlich war. Ausserdem wollte man zu-</span><br/> <span class="ft4">sätzliche Aggressionen durch das ,,Einsperren" vermeiden. Dennoch</span><br/> <span class="ft4">wurde am 24. August 2000 folgender Zwangsmassnahmen-Entscheid</span><br/> <span class="ft4">erlassen:</span><br/> <span class="ft6">,,Isolation im Iso-Zimmer, ohne Fixation, im Bodenbett, bis beruhigt</span><br/> <span class="ft6">(am 23.08.00 Isolation aufgehoben). Medikation ohne jeden Zwang</span><br/> <span class="ft6">verabreicht."</span><br/> <span class="ft4">Damit wurde sinngemäss eine vorbeugende Zwangsmassnahme</span><br/> <span class="ft4">verfügt, um im Ernstfall handeln zu können. Trotz anderem Wortlaut</span><br/> <span class="ft4">im Zwangsmassnahmen-Entscheid entspricht dies materiell der</span><br/> <span class="ft4">Anordnung einer Isolation mit gleichzeitiger Gewährung der auf-</span><br/> <span class="ft4">schiebenden Wirkung. Ein derartiges Vorgehen kann aus ärztlicher</span><br/> <span class="ft4">Sicht sinnvoll erscheinen. Im Gegensatz zu einer medizinisch indi-</span><br/> <span class="ft4">zierten notwendigen medikamentösen Zwangsbehandlung, kann sich</span><br/> <span class="ft4">indessen die Frage einer notwendigen Zwangsisolation in aller Regel</span><br/> <span class="ft4">nur in einem ganz konkreten Zeitpunkt stellen, da auch hier gilt, dass</span><br/> <span class="ft4">die Zwangsmassnahme in Anwendung des Verhältnismässigkeit-</span><br/> <span class="ft4">sprinzips ,,ultima ratio" sein muss, indem der betroffenen Person die</span><br/> <span class="ft4">notwendige Fürsorge nicht auf andere Weise gewährleistet werden</span><br/> <span class="ft4">kann. Aus diesem fundamentalen Grundsatz ergibt sich eo ipso, dass</span><br/> <span class="ft4">diese Zwangsmassnahme grundsätzlich nur im Akutfall angeordnet</span><br/> <span class="ft4">werden darf. Da die Beurteilung in diesem Zeitpunkt erfolgen muss,</span><br/> <span class="ft4">entbindet auch ein früher ,,vorsorglich" erlassener Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft4">nahmen-Entscheid nicht von der Notwendigkeit, jetzt einen formel-</span><br/> <span class="ft4">len Zwangsmassnahmen-Entscheid zu fällen, in welchem die Voraus-</span><br/> <span class="ft4">setzungen der Zwangsmassnahme für die aktuelle Situation bejaht</span><br/> <span class="ft4">und begründet werden. Während es gute Gründe geben kann, einen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">183</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Entscheid, ob eine langfristige neuroleptische Zwangsbehandlung</span><br/> <span class="ft4">durchzuführen sei, unter Umständen einige Tage oder Wochen aufzu-</span><br/> <span class="ft4">schieben, ist ein derartiges Vorgehen bei einer Zwangsisolation nur in</span><br/> <span class="ft4">absoluten Ausnahmefällen denkbar, so z.B. wenn ein Patient im</span><br/> <span class="ft4">Voraus glaubwürdig die Absicht äussert, sich oder eine andere Person</span><br/> <span class="ft4">an einem speziellen Termin umzubringen (z.B. im Zusammenhang</span><br/> <span class="ft4">mit religiösen Wahnvorstellungen über den zu erwartenden</span><br/> <span class="ft4">Weltuntergang). In aller Regel dürfte aber nur eine Notfallsituation</span><br/> <span class="ft4">i.S. von § 15 Abs. 3 PD zu einer Zwangsisolation führen oder zu-</span><br/> <span class="ft4">mindest müsste eine Situation vorliegen, die sich im Grenzbereich zu</span><br/> <span class="ft4">einer Notfallsituation bewegt. In diesem Fall kann die Klinik auch</span><br/> <span class="ft4">ohne ,,vorbeugenden Zwangsmassnahmen-Entscheid" sofort aktiv</span><br/> <span class="ft4">werden und einen Patienten isolieren, bevor irgendwelche Formalien</span><br/> <span class="ft4">wie Anhörung oder das Ausfüllen von Formularen erledigt werden</span><br/> <span class="ft4">müssen. In den übrigen Fällen genügt es, den Entscheid unmittelbar</span><br/> <span class="ft4">vor der bevorstehenden Isolierung zu treffen und dem Patienten zu</span><br/> <span class="ft4">eröffnen. Im vorliegenden Fall wäre dies am 25. August 2000 prob-</span><br/> <span class="ft4">lemlos möglich gewesen, da offenbar nach wie vor ein Grenzfall vor-</span><br/> <span class="ft4">lag, wurde der Beschwerdeführer doch vorerst nur zwei Stunden über</span><br/> <span class="ft4">den Mittag isoliert.</span><br/> <span class="ft4">cc) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Anordnung</span><br/> <span class="ft4">einer Isolation als Zwangsmassnahme grundsätzlich, d.h. abgesehen</span><br/> <span class="ft4">von sehr spezifischen Ausnahmefällen, nie verhältnismässig sein</span><br/> <span class="ft4">kann, wenn sie nicht auch aktuell notwendig ist. Somit ist die An-</span><br/> <span class="ft4">ordnung einer Zwangsisolation ohne gleichzeitige Vollstreckung, d.h.</span><br/> <span class="ft4">faktisch die Gewährung der aufschiebenden Wirkung, rechtlich in</span><br/> <span class="ft4">der Regel ausgeschlossen. Dies schliesst jedoch eine nachträgliche</span><br/> <span class="ft4">gerichtliche Überprüfung der Verhältnismässigkeit einer angeordne-</span><br/> <span class="ft4">ten und durchgeführten Isolation nicht aus.</span><br/> <span class="ft4">dd) Im vorliegenden Fall war offensichtlich weder am Tag vor-</span><br/> <span class="ft4">her, noch am Tag des 24. August 2000 selber, an welchem der</span><br/> <span class="ft4">Zwangsmassnahmen-Entscheid erlassen wurde, eine Situation gege-</span><br/> <span class="ft4">ben, in welcher dem Beschwerdeführer die notwendige Fürsorge</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">184</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">nicht anders als durch Isolation gewährt werden konnte. Dieser Um-</span><br/> <span class="ft4">stand trat aus Sicht der Klinik - wie erwähnt - erst wieder am 25. Au-</span><br/> <span class="ft4">gust 2000 mit der gesteigerten Aggressivität und der zunehmenden</span><br/> <span class="ft4">Angetriebenheit des Beschwerdeführers ein, und zwar primär zum</span><br/> <span class="ft4">Schutz von Patienten und Personal. In diesem Zeitpunkt hätte somit</span><br/> <span class="ft4">neu entschieden und nötigenfalls - unter Berücksichtigung aller rele-</span><br/> <span class="ft4">vanten Umstände - formell eine Zwangsisolation verfügt werden sol-</span><br/> <span class="ft4">len. Der Zwangsmassnahmen-Entscheid wurde in Erwartung eines</span><br/> <span class="ft4">eventuell bevorstehenden Akutfalles gefällt und erst mehr als einen</span><br/> <span class="ft4">Tag später teilweise vollzogen. Dieser vorbeugende Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft4">nahmen-Entscheid vom 24. August 2000 stellt daher aus den geschil-</span><br/> <span class="ft4">derten Gründen einen Verstoss gegen das Verhältnismässigkeits-</span><br/> <span class="ft4">prinzip dar und ist aufzuheben.</span><br/> <span class="ft4">ee) Der Vollständigkeit halber ist jedoch darauf hinzuweisen,</span><br/> <span class="ft4">dass mit diesem Ausgang des Verfahrens betreffend Anfechtung des</span><br/> <span class="ft4">Zwangsmassnamen-Entscheides vom 24. August 2000 nichts darüber</span><br/> <span class="ft4">entschieden worden ist, ob die materiellen Voraussetzungen für</span><br/> <span class="ft4">vorübergehende Isolationen des Beschwerdeführers während dem</span><br/> <span class="ft4">aktuellen Klinikaufenthalt nicht durchaus erfüllt gewesen seien.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>