<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 28 S.169</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">169</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>28</b></span> <span class="ft2"><b>Vorentscheid im Baubewilligungsverfahren.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Zulässiger Gegenstand.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Anforderungen an die Publikation eines Vorentscheidgesuchs.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 19. Juni 2008 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">W. und Mitbet. gegen Einwohnergemeinde Baden (WBE.2006.312).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1. Die Beschwerdeführer machen geltend, um einem Vorent-</span><br/> <span class="ft1">scheid könne nur bezüglich wichtiger Bau- und Nutzungsfragen</span><br/> <span class="ft1">nachgesucht werden, hier liege aber ein vollständiges Baugesuch</span><br/> <span class="ft1">vor; im Übrigen sei nicht klar, welche baurechtlichen Fragen ver-</span><br/> <span class="ft1">bindlich beantwortet werden sollen und welche nicht.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Ziel eines Vorentscheids ist es, bei unsicherer Rechtslage und in</span><br/> <span class="ft1">komplizierten, umfangreichen Verfahren Fragen zu entscheiden, de-</span><br/> <span class="ft1">ren Beantwortung den betroffenen Privaten erhebliche Kosten und</span><br/> <span class="ft1">den Behörden ein umfangreiches Rechtsmittelverfahren ersparen</span><br/> <span class="ft1">kann (AGVE 1972, S. 587). Voraussetzung für den Vorentscheid ist</span><br/> <span class="ft1">ein relativ verselbständigbarer Entscheidungsinhalt, ein Gesuchsin-</span><br/> <span class="ft1">halt somit, der losgelöst vom eigentlichen Hauptverfahren beurteilt</span><br/> <span class="ft1">werden kann. Der Vorentscheid bewilligt aber nicht Teile des insge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">170</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">samt Beantragten, die unabhängig vom Ausgang des Hauptverfah-</span><br/> <span class="ft1">rens weiter bestehen können, sondern sagt, wie eine Rechtslage, die</span><br/> <span class="ft1">für den Fortgang des Verfahrens entscheidend ist, beurteilt wird. Die</span><br/> <span class="ft1">Beurteilung schliesst das Verfahren in diesem Punkt zwischen den</span><br/> <span class="ft1">Personen ab, die sich am Verfahren beteiligt haben oder hätten betei-</span><br/> <span class="ft1">ligen können. Der Gesuchsteller hat regelmässig ein aktuelles Inte-</span><br/> <span class="ft1">resse am Vorentscheid nachzuweisen. Dieses ist bei Projekten, wo</span><br/> <span class="ft1">eine Stufung des Verfahrens sinnvoll ist, in der Regel gegeben (zum</span><br/> <span class="ft1">Ganzen Merker, a.a.O., § 38 N 35 ff., mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Das Verwaltungsgericht bejaht das Vorentscheidinteresse, wenn</span><br/> <span class="ft1">die Überbaubarkeit eines Grundstücks (AGVE 1972, S. 586 f.), die</span><br/> <span class="ft1">Zonenkonformität eines Bauvorhabens, die Erschliessung und Bau-</span><br/> <span class="ft1">reife eines Grundstücks oder die Zulässigkeit wesentlicher Terrain-</span><br/> <span class="ft1">veränderungen zur Diskussion stehen (Michael Merker, Rechtsmittel,</span><br/> <span class="ft1">Klage und Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz</span><br/> <span class="ft1">über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG] vom 9. Juli 1968, Diss.,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 1998, § 38 N 37; Erich Zimmerlin, Baugesetz des Kantons</span><br/> <span class="ft1">Aargau vom 2. Februar 1971, 2. Aufl., § 52 N 9). Aus der Kasuistik</span><br/> <span class="ft1">sowie § 62 BauG folgt, dass nur grundsätzliche Fragen vorentscheid-</span><br/> <span class="ft1">fähig sind. Weder die Baubewilligungsbehörden noch die von einem</span><br/> <span class="ft1">Bauvorhaben betroffenen Nachbarn sollen mit unnötigen Vorent-</span><br/> <span class="ft1">scheidgesuchen belastet werden. Wo es nicht um wichtige Fragen</span><br/> <span class="ft1">geht, kann vom Bauherrn erwartet werden, dass er direkt das Bauge-</span><br/> <span class="ft1">such einreicht. Ist eine Frage vorentscheidfähig und weist der Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsteller ein rechtlich relevantes (schutzwürdiges und aktuelles)</span><br/> <span class="ft1">Interesse an ihrer vorweggenommenen Beurteilung nach, besteht ein</span><br/> <span class="ft1">Rechtsanspruch auf einen Vorentscheid (vgl. Merker, a.a.O. § 38</span><br/> <span class="ft1">N 35 ff., mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Im konkreten Fall befasst sich der Vorentscheid vom 30. Januar</span><br/> <span class="ft1">2006 zunächst mit dem Abbruch der Mühlescheune (Ferrogebäude).</span><br/> <span class="ft1">Im Zusammenhang mit dem geplanten Neubau am Ölrainhang</span><br/> <span class="ft1">behandelt er ausserdem die folgenden Fragen: Volumetrie und</span><br/> <span class="ft1">Einordnung des Neubaus in das Ortsbild (inklusive Fassadengestal-</span><br/> <span class="ft1">tung), Wohnflächenanteil, Parkplatzbedarf und Fussgängerverbin-</span><br/> <span class="ft1">dung von der Kronengasse auf den Theaterplatz. Diese Fragen sind</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">171</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">verselbständigbar und wichtig, weshalb sie grundsätzlich als vorent-</span><br/> <span class="ft1">scheidfähig eingestuft werden können. Der Vorentscheid erweist sich</span><br/> <span class="ft1">jedoch aus anderen Gründen als formell mangelhaft.</span><br/> <span class="ft1">Der Vorentscheid schliesst das Verfahren zwischen den Perso-</span><br/> <span class="ft1">nen, die sich am Verfahren beteiligt haben oder hätten beteiligen</span><br/> <span class="ft1">können, in den vorentschiedenen Punkten ab. Für diese Personen ent-</span><br/> <span class="ft1">faltet der Vorentscheid - unter Vorbehalt einer geänderten Sach- und</span><br/> <span class="ft1">Rechtslage - Verbindlichkeit mit der Folge, dass sie die vorentschie-</span><br/> <span class="ft1">denen Fragen in der Einsprache gegen das Baugesuch und in einer</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde gegen die Baubewilligung nicht mehr aufgreifen kön-</span><br/> <span class="ft1">nen. Angesichts dieser rechtlichen Wirkung des Vorentscheids muss</span><br/> <span class="ft1">zum Schutz von Dritten, die von einem Bauvorhaben betroffen sind,</span><br/> <span class="ft1">verlangt werden, dass im Vorentscheidgesuch, in der Publikation und</span><br/> <span class="ft1">im Vorentscheid selber klar bezeichnet wird, welche baurechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Fragen für den Bauherrn und die betroffenen Nachbarn verbindlich</span><br/> <span class="ft1">beantwortet werden sollen. Vorliegend wird zwar im Vorentscheidge-</span><br/> <span class="ft1">such das Bauvorhaben umschrieben, es wird darin aber nicht festge-</span><br/> <span class="ft1">halten, welche baurechtlichen Fragen im Zusammenhang mit diesem</span><br/> <span class="ft1">Bauvorhaben vorentschieden werden sollen. Wegen dieses formellen</span><br/> <span class="ft1">Mangels hätte der Stadtrat auf das Gesuch nicht eintreten bzw. dieses</span><br/> <span class="ft1">zur formellen Überarbeitung an die Bauherrschaft zurückweisen</span><br/> <span class="ft1">müssen. Der Publikationstext spricht zwar von einem Vorentscheid</span><br/> <span class="ft1">und umschreibt das Bauvorhaben, auch er hält jedoch nicht fest, wel-</span><br/> <span class="ft1">che baurechtlichen Fragen vorentschieden werden sollen. Für Dritte</span><br/> <span class="ft1">war daher nicht erkennbar, ob und in welchem Umfang sie sich be-</span><br/> <span class="ft1">reits im Vorentscheidverfahren gegen das Bauvorhaben wehren müs-</span><br/> <span class="ft1">sen, um im späteren Verlauf des Verfahrens keine Rechtsnachteile zu</span><br/> <span class="ft1">erleiden. Entgegen der Auffassung der Gemeindevertreter genügt es</span><br/> <span class="ft1">zum Schutz von Dritten nicht, wenn aus dem Vorentscheid selber</span><br/> <span class="ft1">hervorgeht, welche Fragen vorentschieden werden sollen. Stünde der</span><br/> <span class="ft1">Gegenstand des Vorentscheidgesuchs nicht schon bei der Publikation</span><br/> <span class="ft1">fest, besässen Dritte überhaupt keine Entscheidungsgrundlage, ob sie</span><br/> <span class="ft1">sich am Vorentscheidverfahren beteiligen sollen oder nicht. Im Übri-</span><br/> <span class="ft1">gen geht im konkreten Fall weder aus den Erwägungen noch aus dem</span><br/> <span class="ft1">Dispositiv des Vorentscheids klar hervor, welche Punkte vorentschie-</span><br/> <span class="ft1">den wurden. Offenbar sind sich hierüber auch die Vertreter der Stadt</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">172</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nicht restlos im Klaren. Insbesondere trifft es entgegen ihrer Auffas-</span><br/> <span class="ft1">sung nicht zu, dass auch die Frage des Waldabstands vorentschieden</span><br/> <span class="ft1">wurde. Dieser Punkt wird im Vorentscheid vom 30. Januar 2006</span><br/> <span class="ft1">nicht thematisiert. Der Vorentscheid trennt auch nicht zwischen Fra-</span><br/> <span class="ft1">gen, die verbindlich vorentschieden werden, und solchen, die aus</span><br/> <span class="ft1">Gründen der Prozessökonomie und der Kundenfreundlichkeit ledig-</span><br/> <span class="ft1">lich in unverbindlicher Weise angesprochen werden. Die Pläne, de-</span><br/> <span class="ft1">nen im Beschluss des Stadtrats vom 30. Januar 2006 «im Sinn eines</span><br/> <span class="ft1">Vorentscheids» zugestimmt wird, äussern sich zudem bereits im De-</span><br/> <span class="ft1">tail zum Bauvorhaben, so dass unklar bleibt, welche Bedeutung die-</span><br/> <span class="ft1">ser Plangenehmigung im Vorentscheidverfahren zukommt. Die For-</span><br/> <span class="ft1">mulierung «im Sinn eines Vorentscheids» lässt offen, was genau von</span><br/> <span class="ft1">der Rechtskraft dieses Vorentscheids erfasst wird. Aus den genannten</span><br/> <span class="ft1">formellen Gründen sind sowohl der vorinstanzliche Entscheid als</span><br/> <span class="ft1">auch der Beschluss des Stadtrats Baden vom 30. Januar 2006 aufzu-</span><br/> <span class="ft1">heben. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass der verfassungsrecht-</span><br/> <span class="ft1">lich verankerte Rechtsschutzanspruch von Nachbarn (Art. 29a der</span><br/> <span class="ft1">Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom</span><br/> <span class="ft1">18. April 1999 [BV; SR 101]) verletzt wird. Der angefochtene Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid sowie der Vorentscheid des Stadtrats vom 30. Januar 2006</span><br/> <span class="ft1">sind deshalb aufzuheben. Von einer Rückweisung der Beschwerdesa-</span><br/> <span class="ft1">che aus den genannten formellen Gründen kann jedoch abgesehen</span><br/> <span class="ft1">werden, weil beide Entscheide auch aus materiellrechtlichen Grün-</span><br/> <span class="ft1">den aufzuheben sind. (...)</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>