TPF 2005 109 109 TPF 2005109 29.AuszugausdemEntscheidderBeschwerdekammerinSachenA.undB. gegen Bundesanwaltschaft vom 22.April 2005 (BB.2004.79) Beschlagnahme; Einziehung von Vermögenswerten; Tatverdacht. Anspruch auf Verteidigung; amtliche Verteidigung. Art.36Abs.2,65BStP,Art.59Ziff.1Abs.1und2StGB,Art.6Ziff.3lit.c EMRK, Art. 29 Abs. 3 BV Art.65Abs.1BStPerm öglichtdieBeschlagnahmevon Vermögenswertenbeim InhaberundsomitauchbeiDritten.ObeinderEinziehungentgegenstehendes Drittrechtbesteht,hatderSachrichterbeimEntscheid über die allfällige defi- nitive Einziehungzu entscheiden (E. 5.2). Keine Beeinträchtigung desRechtsaufeineausreichendeundwirksameVer- teidigung durch die Beschlagnahmevon auf ein Konto des Verteidigers geleiste- tenHonorarzahlungenbzw.Kautionen,dagegebenenfallseinamtlicherVer- teidiger eingesetztwerdenkann (E. 6. 1–6.2). Séquestre; confiscation de valeurs patrimoniales; présomptions de culpabilité. Droit à la défense; défense d’office. Art.36al.2,65PPF,art.59ch.1al.1et2CP,art.6ch.3let.cCEDH,art.29 al. 3 Cst. L’art.65al.1PPFautorisele séquestredevaleurspatrimoniales auprès deleur détenteur, lequelpeut êtreuntiers à la procédure.C’est aujugedufondqu ’il revientde décider,àl’oc casiondujugementsur l’éventuelleconfiscation défini- tive, s’il existedesdroitsdetiersfaisantobstacle à cetteconfiscation(con- sid. 5.2). Le séquestred’honoraires oudecautions versés suruncomptedu défenseur ne portepasatteinteaudroit à une défense suffisanteetefficace dès lorsque,le cas échéant, la désignation d’un avocat d’office est possible (consid. 6.1–6.2). Sequestro; confisca di valori patrimoniali; indizio di reato. Diritto alla difesa; difesa d’ufficio. Art.36cpv.2e65PP,art.59n.1cpv.1e2CP,art.6n.3lett.cCEDU,art.29 cpv. 3 Cost. L’art. 65cpv.1PPpermettediprocederealsequestrodivaloripatrimoniali pressoildetentoreequindianchepressoterzi.SpettaalgiudicedelmeritoTPF 2005 109 110 decidere,nel l’ambito delladecisione sull’eventuale confiscadefinitiva,sesussi- ste un diritto di terzi che si oppone alla confisca (consid. 5.2). Ilsequestrodionorariocauzioniversatisuuncontodeldifensorenonpregiu- dicaildirittoaunadifesasufficienteedefficace perché, sedelcaso, è possibile impiegare un difensore d’ufficio (consid. 6.1–6.2). Zusammenfassung des Sachverhalts: A.undMitbeteiligtewerdenver dächtigt,potentielleInvestorenarglistig überdieErfolgaussichtenvonInvestments,welchemitdemHandelssystem vonA.bewirtschaftetwurden,get äuscht undsichdadurchbereichertzu haben.A.solldabeimitbestimmthaben,obundwiedieKundengelderan- gelegtwurden.Einbetr ächtlicherTeilderakquiriertenGeldersollinandere InvestmentsalsdieangepriesenenangelegtodervondenBeschuldigten – darunterA. – direktzureigenenBereicherungzweckentfremdetworden sein.MitVerf ügung vom8.Dezember2004beschlagnahmtedieBundes- anwaltschafteinenBetragvonFr.600'000.--,denA.am24.September 2004vonseinemKontomitdemVermerk „Kaution Teil I“ aufdasKonto von B. – einem seiner zwei privaten Verteidiger– überwiesen hatte. DieBeschwerdekammerwiesdievonA.undB.gemeinsamerhobeneBe- schwerde ab. Aus den Erwägungen: 5.2 Gegenstände undVerm ögenswerte,dievoraussichtlichderEinziehung unterliegen, können gemäss Art.65BStPbeimjeweiligenInhaber be- schlagnahmtwerden.DieBeschlagnahmeistdamitgegendenmutmassli- chen TäterwieauchDrittem öglich, soweitletzterenichtdurchArt.59 Ziff. 1Abs.2StGB geschützt sind(S CHMID in:Schmid[Hrsg.],Kommen- tarEinziehung,organisiertesVerbrechenund Geldwäscherei,BandI,Z ü- rich1998,N.142sowieN.144zuArt.59StGB).NachdieserBestimmung istdieEinziehungausgeschlossen,wenneinDritterdieVerm ögenswertein UnkenntnisderEinziehungsgr ündeerworbenundsoweiterf ürsieeine gleichwertigeGegenleistungerbrachthatoderdieEinziehungihmgegen- übersonsteineunverh ältnismässigeHä rtedarstellen würde.Zuber ücksich- tigenistfreilich,dassdieBeschlagnahmelediglicheineprovisorischepro- zessualeMassnahmedarstelltunddemEntscheid überdieen dgültigeEin-TPF 2005 109 111 ziehungnichtvorgreifensoll(BGE120IV164,166E.1c;120IV365,367 E.1c).IndiesemSinneobliegtderEntscheid übereineallf älligedefinitive EinziehungsowieDrittrechteinderRegeldemSachrichter(Entscheidder BeschwerdekammerBK_B165/04vom18.Januar2005E.2sowie BK_B 181/04vom10. März2005,E.3.2.1;vgl.auch S CHMID,a.a.O., N. 142zuArt.59StGBi.V.m.N.84zuArt.58StGBsowie P IQUEREZ, Procédurep énale suisse, Zürich2000,N.2578).Hiervonistnurdannabzu- sehen,wenneindieEinziehunghinderndesDrittrechtimSinnevonArt.59 Ziff.1Abs.2StGBeindeutiggegebenistunddamiteineEinziehungoffen- sichtlichausserBetrachtf ällt. Inallen übrigenF ällen gebietendas öffentli- cheInteresse(vgl.EntscheidderBeschwerdekammerBK_B165/04vom 18.Januar2005E.2m.w.H.),aberauchdieInteressenderOpfer,f ürwel- chedieEinziehungbeiEigentums-undVerm ögensdeliktenerfolgt(BGE 129IV322,328E.2.2.4),dieAufrechterhaltungderBeschlagnahme.Im vorliegendenFallistaufgrunddeshandschriftlichenVermerks „Kaution TeilI “, welchenA.aufderE-Banking-Best ätigungvom24.September 2004angebrachthat,bereitsstrittig,obessichbeimbeschlagnahmtenBe- tragumeineKaution,Honoraroderbeideshandelt.Weiteriststrittig,in- wiefernGegenleistungenvonB.(aus Anwaltstätigkeit)schonerbrachtwor- densindunddamiteinentsprechendesDrittrecht überhauptbesteht. Über- diesstellensichbeiderEinziehungvonHonorarforderungenvonStrafver- teidigernkomplexe,mitunternichtunumstrittenerechtlicheFragen.Nach demGesagtenkannnichtdavongesprochenwerden,eindieEinziehung hinderndesDrittrechtseioffensichtlichgegeben.Entsprechendrechtfertigt sichdieAufhebungderBeschlagnahmenicht.Obdasgeltendgemachte Drittrechtletztlichbestehtodernicht,wirdbeimEntscheid übereineallf äl- lige(definitive) Einziehung zu pr üfen sein. 6. 6.1 DesweiterenhaltendieBeschwerdef ührerdaf ür,dieBeschwerdegegne- rinverletzeA.inseinemvonArt.6Ziff.3EMRKgarantiertenAnspruch aufausreichendeundwirksameVerteidigung,indemsieihnverpflichten wolle,f ürseineVerteidigungbestimmteMittelzur ückzuführen.Imvorlie- genden,komplexenWirtschaftsstrafverfahrenseieineeffektiveVerteidi- gungnurm öglich, wennausreichendMittelf ürdieVerteidigungzurVerf ü- gung stünden.DieKomplexi tät desVerfahrensrechtfertigeohneweiteres den Beizugvon zwei Verteidigern. 6.2 DerEinwandderBeschwerdef ühreristunbegr ündet. Vorwegistmitder Beschwerdegegnerindaraufhinzuweisen,dassB.sowiederzweiteVertei-TPF 2005 109 112 digervonA.jeeinenKostenvorschussvonFr.250'000.--erhaltenhaben, welcher – obzuRechtoderzuUnrechtkannhieroffenbleiben – nichtbe- schlagnahmtwurde.Damitstehenf ürdieVerteidigungvonA.grunds ätz- lichFr.500'000.--zurVerf ügung. DassdieserBetragbereitsverbraucht worden wäre,wirdauchvondenBeschwerdef ührernnichtbehauptet;sie machendennaucheinziggeltend,derVorschussvonFr.250'000.--werde „alleinf ürBem ühungenimStrafverfahrenlangevorBeendigungdesVer- fahrens“ aufgebrauchtsein.ZumjetzigenZeitpunktstehennachdemGe- sagtenf ürdieVerteidigungvonA.ausreichendMittelzurVerf ügung. Im Übrigen dürftenwohlauchdieBeschwerdef ührernichtausschliessenwol- len,dasssichderbestehendeVerdachtimLaufederUntersuchungallen- fallsalsunbegr ündet erweistunddiebeschlagnahmtenVerm ögenswerte nichteingezogenwerdenm üssen. Diesfallsaber wäredieBeschlagnahme ohnehinaufzuheben(BGE120IV164,166E.1c).DieAusf ührungender BeschwerdeführergehenaberauchinderSacheselbstfehl.Gem äss dem vonihnenangerufenenArt.6Ziff.3lit.cEMRKhatjederAngeschuldigte dasRecht,sichselbstzuverteidigen,sichdurcheinenVerteidigerseiner Wahlverteidigenzulassenoder,fallsihmdieMittelzurBezahlungfehlen, unentgeltlichdenBeistandeinesVerteidigerszuerhalten,wenndiesim InteressederRechtspflegeerforderlichist.Auch nachArt.29Abs.3BVhat einAngeschuldigter,dernicht überdieerforderlichenMittelverf ügt, um einenprivatenVerteidigerbeizuziehen,Anspruchaufeinenunentgeltlichen Rechtsbeistand,wenndieszurWahrungseinerRechtenotwendigistund seinRechtsbegehrennichtaussichtsloserscheint(vgl.zumGanzenBGE 129I281,285E.3.1m.w.H.).DievorgenanntenBestimmungen gewähren nurMinimalgarantien.DieRegelungdesAnspruchsaufamtlicheVerteidi- gungbzw.unentgeltlicheVerbeist ändungerfolgtdennauchinersterLinie durchdieVorschriftendesStrafprozessrechtesdesBundesoderderKanto- ne(EntscheidderBeschwerdekammerBB.2005.1vom15.Februar2005 E. 4;vgl.auchBGE128I225,226E.2.3;120Ia43,44E.2; P IQUEREZ, a.a.O.,N.1283). FürdenBundesstrafprozesssiehtArt.36Abs.2BStPvor, dassdemBeschuldigteneinamtlicherVerteidigerbestelltwird,wenner wegen BedürftigkeitkeinenVerteidigerbeiziehenkann; bedürftigisteine Personnach ständigerRechtsprechung,wennsienichtinderLageist,f ür die Prozesskosten aufzukommen, ohne dass sie Mittel beanspruchenmüsste, diezurDeckungdesGrundbedarfsf ürsieundihreFamilienotwendigsind (BGE128I225,232E.2.5.1;127I202,205E.3bm.w.H.).Inbesonderer ArtundWeisestelltsichdieFrageder BedürftigkeitimZusammenhangmit denneuenBundeskompetenzenbetreffendorganisiertemVerbrechen,Fi- nanzierungdesTerrorismusundWirtschaftskrim inalität voninterkantonalerTPF 2005 109 113 oderinternationalerTragweite(Art.340 bis StGB).WiedieBeschwerde- kammer kürzlichfestgehaltenhat(vgl.zumGanzendenEntscheidderBe- schwerdekammerBB.2005.1vom15.Februar2005E.5.2unterHinweis auf D ENYS,L ’avocatd ’officeetsonindemnisationenpr océdure pénale fédérale,AJP9/2004,S.1052ff.),sehensichVerteidigerindiesemBereich vermehrtmitSituationenkonfrontiert,inwelchenselbsteingr undsätzlich solventerMandantnichtzurihrerE ntschädigunginderLageist,weilseine VermögenswertemitBlickaufeineallf älligeEinziehungvonden zuständi- genStrafverf olgungsbehördenbeschlagnahmtwurden. Überdiessetzensich VerteidigerdurchAnnahmevonGeldern,beidenensiedenVerdachtdelik- tischerHerkunfthegen,m öglicherweiseselberderGefahrstrafrechtlicher Verfolgungaus.ImLichtedieser ÜberlegungenhatdieBeschwerdekammer deshalbimzitiertenEntscheideinemBeschuldigten,derunterdemVer- dachtderBeteiligunganeinerkriminellenOrganisationgem äss Art.260 ter StGBstand,trotzvorhandenen,aberbeschlagnahmtenMittelneinenamtli- chenVerteidigergem äss Art.36Abs.2BStPbestellt.Dievorer wähnten AusführungenfindenmutatismutandisauchaufA.Anwendung.Sollteer seineVerteidigerdereinstnichtmehrent schädigen können, weil sämtliche seinerVerm ögenswertebeschlagnahmtwurdenoderseineVerteidigerdie zuihrerHonorierungverwendetenGelderzufolgebegr ündetenVerdachts aufeineallf ällige, deliktischeHerkunftnichtannehmenk önnen, sowird ohneweiteresdieEinsetzungeinesamtlichenVerteidigersimSinnevon Art.36Abs.2BStPzupr üfensein(diesenStandpunktscheintim Übrigen auchdieBeschwerdegegnerineinzunehmen).Entsprechendkannentgegen derinderBeschwerde geäussertenAuffassungnichtdavongesprochen werden,A.werdedurchdieheutezurDiskussionstehendeBeschlagnahme in seinemAnspruch auf ausreichende und wirksameVerteidigung verletzt.