<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">205</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VII. Straf- und Massnahmenvollzug</b></span><br/> <span class="ft3"><b>33</b></span> <span class="ft3"><b>Vorübergehende Einschränkung (Art. 90 StGB)</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Übermässige Dauer der vorübergehenden Unterbringung eines von einer</b></span><br/> <span class="ft3"><b>stationären Massnahme Betroffenen im Bezirksgefängnis</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 19. Juli</span><br/> <span class="ft4">2016, i.S. A.K. gegen das Departement Volkswirtschaft und Inneres und Ober-</span><br/> <span class="ft4">staatsanwaltschaft des Kantons Aargau (WBE.2016.219).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">2.1.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss Art. 90 Abs. 1 StGB darf eine Person, die sich im Voll-</span><br/> <span class="ft6">zug einer Massnahme nach Art. 59-61 befindet, nur dann un-</span><br/> <span class="ft6">unterbrochen getrennt von den andern Eingewiesenen untergebracht</span><br/> <span class="ft6">werden, wenn dies unerlässlich ist: als vorübergehende thera-</span><br/> <span class="ft6">peutische Massnahme (lit. a), zum Schutz des Eingewiesenen oder</span><br/> <span class="ft6">Dritter (lit. b) oder als Disziplinarsanktion (lit. c). Die Trennung des</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführers von anderen Massnahmenpatienten erfolgte ge-</span><br/> <span class="ft6">mäss Anordnung des Amts für Justizvollzug (AJV) aus therapeuti-</span><br/> <span class="ft6">schen Gründen, was grundsätzlich zulässig ist. Eine solche Vorkehr</span><br/> <span class="ft6">muss jedoch <i>vorübergehender Natur</i> sein, was hauptsächlich nach</span><br/> <span class="ft6">therapeutischen Gesichtspunkten im Einzelfall festzulegen ist. Eine</span><br/> <span class="ft6">restriktive Haltung ist hier zweifellos angezeigt (M</span><span class="ft4">ARIANNE</span> <span class="ft6">H</span><span class="ft4">EER</span><span class="ft6">,</span><br/> <span class="ft6">in: Basler Kommentar Strafrecht I, 3. Auflage, Art. 90 N 6 f.). Der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführer befindet sich nun bereits seit über einem Jahr im</span><br/> <span class="ft6">Bezirksgefängnis. Von einer <i>vorübergehenden</i> therapeutischen Mass-</span><br/> <span class="ft6">nahme kann nicht mehr gesprochen werden. Schon deshalb wider-</span><br/> <span class="ft6">spricht die verfügte Verlegung in das Bezirksgefängnis Art. 90 Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">lit. a StGB und ist aufzuheben.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">206</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">2.2.</span><br/> <span class="ft6">Hinzu kommt, dass die Unterbringung im Bezirksgefängnis Ba-</span><br/> <span class="ft6">den auch grundsätzlich der gesetzlichen Regelung widerspricht.</span><br/> <span class="ft6">2.2.1.</span><br/> <span class="ft6">Die stationäre Behandlung eines Täters, für den nach Art. 59</span><br/> <span class="ft6">StGB eine stationäre Massnahme angeordnet wurde, erfolgt in einer</span><br/> <span class="ft6">geeigneten psychiatrischen Einrichtung oder einer Massnahmevoll-</span><br/> <span class="ft6">zugseinrichtung (Art. 59 Abs. 2 StGB). Grundsätzlich ist dann auch</span><br/> <span class="ft6">eine ununterbrochene Trennung von den anderen Eingewiesenen ge-</span><br/> <span class="ft6">mäss Art. 90 Abs. 1 lit. a-c StGB innerhalb der entsprechenden</span><br/> <span class="ft6">psychiatrischen Einrichtung oder Massnahmeneinrichtung durchzu-</span><br/> <span class="ft6">führen.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss Art. 59 Abs. 3 StGB ist der Täter dann, wenn die Ge-</span><br/> <span class="ft6">fahr besteht, dass er flieht oder weitere Straftaten begeht, in einer ge-</span><br/> <span class="ft6">schlossenen Einrichtung zu behandeln. Er kann dabei auch in einer</span><br/> <span class="ft6">Strafanstalt behandelt werden, sofern die nötige therapeutische Be-</span><br/> <span class="ft6">handlung durch Fachpersonal gewährleistet ist.</span><br/> <span class="ft6">2.2.2.</span><br/> <span class="ft6">Aus dieser gesetzlichen Regelung ergibt sich klar, dass der Tä-</span><br/> <span class="ft6">ter bei Vorliegen von Fluchtgefahr und/oder der Gefahr der Bege-</span><br/> <span class="ft6">hung weiterer Straftaten geschlossen unterzubringen ist. Die ge-</span><br/> <span class="ft6">schlossene Unterbringung kann dabei in einer psychiatrischen Ein-</span><br/> <span class="ft6">richtung, einer Massnahmevollzugseinrichtung oder in einer Strafan-</span><br/> <span class="ft6">stalt erfolgen. Vorausgesetzt ist aber stets, dass die nötige therapeuti-</span><br/> <span class="ft6">sche Behandlung durch Fachpersonal gewährleistet ist. Damit ist</span><br/> <span class="ft6">auch eine Trennung des Täters von anderen Eingewiesenen nach</span><br/> <span class="ft6">Art. 90 Abs. 1 lit. a-c StGB grundsätzlich nur gesetzeskonform,</span><br/> <span class="ft6">wenn sie innerhalb des Kreises der für den Vollzug einer Massnahme</span><br/> <span class="ft6">vorgesehenen Einrichtungen (psychiatrische Einrichtung, Massnah-</span><br/> <span class="ft6">mevollzugseinrichtung, Strafanstalt, sofern die nötige therapeutische</span><br/> <span class="ft6">Behandlung durch Fachpersonal gewährleistet ist) erfolgt. Dabei ist</span><br/> <span class="ft6">eine Trennung innerhalb der gleichen Einrichtung möglich, aber auch</span><br/> <span class="ft6">eine Verlegung von einer Strafanstalt in eine psychiatrische Einrich-</span><br/> <span class="ft6">tung/Massnahmevollzugseinrichtung oder umgekehrt eine Verlegung</span><br/> <span class="ft6">von einer psychiatrischen Einrichtung/Massnahmevollzugseinrich-</span><br/> <span class="ft6">tung in eine Strafanstalt. Vorausgesetzt ist aber immer, dass in der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">207</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Einrichtung oder Strafanstalt, in der die Trennung vollzogen wird,</span><br/> <span class="ft6">die nötige therapeutische Behandlung durch Fachpersonal gewähr-</span><br/> <span class="ft6">leistet ist.</span><br/> <span class="ft6">Im Bezirksgefängnis, in welches der Beschwerdeführer versetzt</span><br/> <span class="ft6">wurde, werden in erster Linie Untersuchungs- und Sicherheitshaft</span><br/> <span class="ft6">sowie Freiheitsstrafen von bis zu einem Monat vollzogen. Daneben</span><br/> <span class="ft6">befinden sich dort Personen die ihre Strafe tageweise oder in Halbge-</span><br/> <span class="ft6">fangenschaft verbüssen und vorläufig Festgenommene sowie Trans-</span><br/> <span class="ft6">portanten. Schliesslich werden auch Personen aufgenommen, die von</span><br/> <span class="ft6">einer anderen Anstalt zur Verfügung gestellt werden, für die Dauer</span><br/> <span class="ft6">bis zur Einweisung in eine andere Anstalt (§ 14 SMV). In einem Be-</span><br/> <span class="ft6">zirksgefängnis bestehen jedoch weder die Räumlichkeiten für eine</span><br/> <span class="ft6">therapeutische Behandlung noch ist das notwendige Fachpersonal</span><br/> <span class="ft6">vor Ort. Es findet denn auch für den Beschwerdeführer seit der Ver-</span><br/> <span class="ft6">setzung vom 17. Juli 2015 keine Therapie mehr statt. Bezirksgefäng-</span><br/> <span class="ft6">nisse können nicht für den Vollzug von Massnahmen benutzt werden,</span><br/> <span class="ft6">solange dort keine Therapie angeboten wird. Die Versetzung ins Be-</span><br/> <span class="ft6">zirksgefängnis erweist sich daher schon wegen des fehlenden Thera-</span><br/> <span class="ft6">pieangebots gemäss Art. 59 Abs. 3 StGB als unzulässig.</span><br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">3.1.</span><br/> <span class="ft6">Nicht beantwortet werden muss hier die Frage, ob allenfalls</span><br/> <span class="ft6">eine sehr kurzfristige Unterbringung eines Täters, für den eine statio-</span><br/> <span class="ft6">näre Massnahme angeordnet wurde, in einem Bezirksgefängnis mög-</span><br/> <span class="ft6">lich ist. Dies scheint jedenfalls für den Fall einer Disziplinierung</span><br/> <span class="ft6">oder eine kurze Wartefrist, bevor der Täter in eine andere Einrich-</span><br/> <span class="ft6">tung, welche den Anforderungen von Art. 59 Abs. 3 StGB genügt,</span><br/> <span class="ft6">nicht von vornherein ausgeschlossen. Der hier zu beurteilende inzwi-</span><br/> <span class="ft6">schen mehr als ein Jahr dauernde Aufenthalt im Bezirksgefängnis</span><br/> <span class="ft6">verletzt indessen die gesetzliche Regelung klar und ist daher rasch-</span><br/> <span class="ft6">möglichst zu beenden.</span><br/> <span class="ft6">(Hinweis: Das Bundesgericht trat auf die gegen diesen Ent-</span><br/> <span class="ft6">scheid erhobene Beschwerde in Strafsachen mit Urteil vom</span><br/> <span class="ft6">16. September 2016 [6B_865/2016] nicht ein.)</span><br/></div> </div> </body> </html>