<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">221</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IX. Schulrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>41</b></span> <span class="ft2"><b>Übertritt von der Real- in die Sekundarschule.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Fähigkeiten und Kompetenzen können nicht nur mit der Über-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>trittsempfehlung nachgewiesen werden.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Berücksichtigung der Leistungen in der höheren Schulstufe, wenn</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der Übertritt im Beschwerdeverfahren vorsorglich gestattet wurde.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 1. Juni 2010 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">S.B. gegen Schulpflege B. und Regierungsrat (WBE.2009.348).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">(Zusammenfassung)</span><br/> <span class="ft7">P.B. (...), besuchte im Schuljahr 2008/2009 die 3. Klasse der</span><br/> <span class="ft7">Realschule B.. Mit Verfügung vom 23. März 2009 lehnte die Schul-</span><br/> <span class="ft7">pflege B. einen prüfungsfreien Übertritt von P. B. in die 3. Klasse der</span><br/> <span class="ft7">Sekundarschule ab.</span><br/> <span class="ft7">Mit Präsidialverfügung vom 15. Juli 2009 entschied der Regie-</span><br/> <span class="ft7">rungsrat, P.B. für die Dauer des Beschwerdeverfahrens im Sinne ei-</span><br/> <span class="ft7">ner vorsorglichen Massnahme den Besuch der 3. Klasse der Sekun-</span><br/> <span class="ft7">darschule B. zu gestatten.</span><br/> <span class="ft7">Mit Entscheid des Regierungsrats vom 16. September 2009</span><br/> <span class="ft7">wurde die Beschwerde abgewiesen und P.B. der 4. Klasse der Real-</span><br/> <span class="ft7">schule (wieder) zugewiesen.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">1. - 2. (...)</span><br/> <span class="ft7">3.</span><br/> <span class="ft7">3.1. (...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">222</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">3.2.</span><br/> <span class="ft7">3.2.1</span><br/> <span class="ft7">Nach Auffassung der Vorinstanz dürfen die während der Dauer</span><br/> <span class="ft7">eines Beschwerdeverfahrens nach einem vorsorglich gestatteten</span><br/> <span class="ft7">Übertritt in die beantragte höhere Schulstufe erbrachten Leistungen</span><br/> <span class="ft7">in der Regel keine Berücksichtigung finden. Bei Promotionsent-</span><br/> <span class="ft7">scheiden könne es grundsätzlich nur auf die im Aufnahmeverfahren</span><br/> <span class="ft7">erbrachten Leistungen - d.h. die Leistungen im Zeitpunkt des ur-</span><br/> <span class="ft7">sprünglichen Entscheids - ankommen, da andernfalls die Durchset-</span><br/> <span class="ft7">zung der Promotionsbestimmungen in Frage gestellt würden.</span><br/> <span class="ft7">Der Grundsatz der Nichtberücksichtigung nachträglicher Leis-</span><br/> <span class="ft7">tungen kann indessen nicht ausnahmslos gelten. So hat die publi-</span><br/> <span class="ft7">zierte Praxis des Regierungsrats Ausnahmen von diesem Grundsatz</span><br/> <span class="ft7">anerkannt und die Leistungen in der höheren Schulstufe mitberück-</span><br/> <span class="ft7">sichtigt (vgl. AGVE 1990, S. 494 f.). Auch eine abweichende Beur-</span><br/> <span class="ft7">teilung der Lehrpersonen der höheren Schulstufe wurde als Aus-</span><br/> <span class="ft7">nahmetatbestand anerkannt (AGVE 2005, S. 595 f. mit Hinweisen</span><br/> <span class="ft7">auf unpublizierte Entscheide).</span><br/> <span class="ft7">3.2.2.</span><br/> <span class="ft7">Unbestritten ist, dass P.B. die für eine Empfehlung vorausge-</span><br/> <span class="ft7">setzte Sachkompetenz, d.h. den erforderlichen Notendurchschnitt, er-</span><br/> <span class="ft7">reichte. Der Umstand, dass einem Mitschüler mit einem höheren</span><br/> <span class="ft7">Notendurchschnitt eine Empfehlung versagt blieb, bestätigt lediglich</span><br/> <span class="ft7">die Praxis, dass die Empfehlung massgeblich von der Beurteilung der</span><br/> <span class="ft7">andern Kompetenzen abhängig ist, kann aber für die Beurteilung im</span><br/> <span class="ft7">vorliegenden Fall nicht massgebend sein. Selbst- und Sozialkompe-</span><br/> <span class="ft7">tenz sind in höchstem Masse individuelle Faktoren, welche, wie die</span><br/> <span class="ft7">Prognose hinsichtlich des Verbleibs in der höheren Schulstufe, nur</span><br/> <span class="ft7">für den jeweils betroffenen Schüler erstellt werden können. Sowenig</span><br/> <span class="ft7">wie der Notendurchschnitt allein die Empfehlung begründen kann,</span><br/> <span class="ft7">sowenig vermag die Beurteilung eines andern Schülers mit höherem</span><br/> <span class="ft7">Leistungsausweis die Empfehlung im vorliegenden Fall zum vorn-</span><br/> <span class="ft7">herein ausschliessen.</span><br/> <span class="ft7">Die Beurteilung der Selbst- und Sozialkompetenz wurde durch</span><br/> <span class="ft7">die Lehrpersonen, welche P.B. in der Realschule unterrichteten, ge-</span><br/> <span class="ft7">meinsam vorgenommen und sie war einstimmig. Auch für das Ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">223</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">waltungsgericht sind keine Ermessensüberschreitung, Verfahrens-</span><br/> <span class="ft7">fehler oder gar Willkür in dieser Beurteilung zu erkennen. (...). Dies</span><br/> <span class="ft7">ändert aber nichts an der naturgemässen Subjektivität einer Beurtei-</span><br/> <span class="ft7">lung von persönlichkeitsrelevanten Aspekten und am Umstand, dass</span><br/> <span class="ft7">es sich bei dieser Beurteilung um Prognosen handelt.</span><br/> <span class="ft7">3.2.3.</span><br/> <span class="ft7">Ausgangspunkt für die Frage, ob und inwieweit die Schul-</span><br/> <span class="ft7">situation bei einem vorsorglich gestatteten Übertritt in die höhere</span><br/> <span class="ft7">Schulstufe zu berücksichtigen sind, bilden die Bestimmungen des</span><br/> <span class="ft7">Schulrechts. Gemäss § 3 Abs. 1 SchulG haben Kinder und Jugend-</span><br/> <span class="ft7">liche das Recht, diejenigen öffentlichen Schulen zu besuchen, die ih-</span><br/> <span class="ft7">ren Fähigkeiten entsprechen und deren Anforderungen sie erfüllen.</span><br/> <span class="ft7">Dieser Grundsatz wird in weiteren Bestimmungen verdeutlicht: Die</span><br/> <span class="ft7">Schüler besuchen den Schultyp, dessen Anforderungen sie erfüllen</span><br/> <span class="ft7">(§ 24 Teilsatz 1 SchulG); für den Übertritt in die höhere Stufe sind</span><br/> <span class="ft7">die Voraussetzungen von den Schulen und Schulbehörden zu schaf-</span><br/> <span class="ft7">fen (§ 24 Teilsatz 2 SchulG). Diese Bestimmungen konkretisieren</span><br/> <span class="ft7">den verfassungsrechtlichen Anspruch jedes Kindes auf eine ange-</span><br/> <span class="ft7">messene Bildung, die seinen Fähigkeiten entspricht (§ 28 Abs. 1</span><br/> <span class="ft7">KV).</span><br/> <span class="ft7">Die Übertrittsprüfungsverordnung sieht für die Beurteilung der</span><br/> <span class="ft7">Fähigkeiten und der Möglichkeit der Schülerinnen und Schüler zum</span><br/> <span class="ft7">Nachweis der ausreichenden Fähigkeiten für die Anforderungen der</span><br/> <span class="ft7">Sekundarschule die Prüfung und die Empfehlung vor. Bei der Prü-</span><br/> <span class="ft7">fung finden Sozial- und Selbstkompetenz höchstens indirekt - über</span><br/> <span class="ft7">das Prüfungsergebnis und jedenfalls nur sehr eingeschränkt - Ein-</span><br/> <span class="ft7">gang in die Beurteilung. In jedem Fall erfolgt die Promotion proviso-</span><br/> <span class="ft7">risch und Schülerinnen und Schüler haben im 1. Halbjahr eine Pro-</span><br/> <span class="ft7">bezeit zu bestehen (§ 14 Abs. 1 i.V.m. § 16 der Promotionsordnung</span><br/> <span class="ft7">für die Volksschule vom 16. Juli 1990 [SAR 421.351]).</span><br/> <span class="ft7">Diese Regelung lässt zumindest erkennen, dass für die Prognose</span><br/> <span class="ft7">hinsichtlich des Verbleibs in einer höheren Schulstufe die Leistungen</span><br/> <span class="ft7">im Vordergrund stehen und das Genügen an die Anforderungen in der</span><br/> <span class="ft7">Probezeit nachzuweisen ist. Aus diesen Bestimmungen ergibt sich</span><br/> <span class="ft7">insbesondere nicht, dass die Fähigkeiten und Kompetenzen der</span><br/> <span class="ft7">Schülerinnen und Schüler nur mit Prüfung oder Empfehlung nach-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">224</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">gewiesen werden können und einen Tatbeweis ausschliessen. Die</span><br/> <span class="ft7">Abklärung der Leistungen und des Verhaltens von P.B. in der Se-</span><br/> <span class="ft7">kundarschule kann daher bei einem vorsorglich erlaubten Übertritt</span><br/> <span class="ft7">nicht wegen einer kurzen zeitlichen Dauer unterbleiben. Gerade der</span><br/> <span class="ft7">Umstand, dass die "weichen" Beurteilungskriterien bei der Empfeh-</span><br/> <span class="ft7">lung den Ausschlag geben und prognostischen Charakter haben,</span><br/> <span class="ft7">erfordert in jenen Fällen, wo die Möglichkeit besteht, die Prognose</span><br/> <span class="ft7">zu überprüfen, dass die Beurteilung der Lehrpersonen der höheren</span><br/> <span class="ft7">Schulstufe eingeholt wird. Die Sachverhaltsermittlung von der zeitli-</span><br/> <span class="ft7">chen Dauer des Besuchs der höheren Schulstufe abhängig zu ma-</span><br/> <span class="ft7">chen, ist auch antizipierend mit dem Untersuchungsgrundsatz (§ 17</span><br/> <span class="ft7">Abs. 1 VRPG) nicht vereinbar.</span><br/> <span class="ft7">3.3.</span><br/> <span class="ft7">3.3.1. (...)</span><br/> <span class="ft7">3.3.2.</span><br/> <span class="ft7">Der Klassenlehrer von P.B in der Sekundarschule hat in zwei</span><br/> <span class="ft7">Berichten auch das Sozialverhalten und die Selbstkompetenz zur</span><br/> <span class="ft7">Hauptsache mit "gut" beurteilt. (...) P.B. hat die Probezeit bestanden,</span><br/> <span class="ft7">weshalb er bei diesen Leistungen das Recht hat, die Sekundarschule</span><br/> <span class="ft7">abzuschliessen. Er erfüllt die Anforderungen der Sekundarschule und</span><br/> <span class="ft7">wurde definitiv befördert. Seine Fähigkeiten entsprechen den Voraus-</span><br/> <span class="ft7">setzungen dieser Grundausbildung (vgl. auch § 21 Abs. 2 Satz 1 der</span><br/> <span class="ft7">Verordnung über die Volksschule vom 29. April 1985; [V Volks-</span><br/> <span class="ft7">schule; SAR 421.311]). Entsprechend sind die Behörden verpflichtet,</span><br/> <span class="ft7">den Übertritt in diesen Oberstufentyp zu gewährleisten (vgl. auch</span><br/> <span class="ft7">§ 21 Abs. 2 Satz 2 V Volksschule).</span><br/> <span class="ft7">Es ist nicht nur stossend, einen vorsorglich aufgenommenen</span><br/> <span class="ft7">Schüler, der sich durch besondere Anstrengungen einen Verbleib in</span><br/> <span class="ft7">dieser Klasse zu erarbeiten erhofft und dabei nicht nur genügende,</span><br/> <span class="ft7">sondern gute Leistungen erbringt, aus formellen Gründen des</span><br/> <span class="ft7">Rechtsmittelverfahrens zu relegieren (vgl. AGVE 2005, S. 594 f.).</span><br/> <span class="ft7">Nach Auffassung des Verwaltungsgerichts braucht es auch keine</span><br/> <span class="ft7">Ausnahmegründe (vgl. AGVE 1990, S. 495), um eine weit zuverläs-</span><br/> <span class="ft7">sigere Beurteilungsgrundlage als die Empfehlung der Lehrperson</span><br/> <span class="ft7">beizuziehen. Eine Mitberücksichtigung der in der Sekundarschule</span><br/> <span class="ft7">erbrachten Leistungen und des Verhaltens der betroffenen Schüler ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">225</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">aufgrund der Bestimmungen in § 3 und § 24 SchulG sogar geboten.</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>