<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 115 S.483</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">483</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>115 Ausschaffungshaft; Verletzung der Mitwirkungspflicht als Haftgrund.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Die Verletzung der Mitwirkungspflicht nach Art. 8 Abs. 4 AsylG stellt</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einen Haftgrund im Sinne von Art. 13b Abs. 1 lit. c ANAG dar (Erw.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>II/3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht</span><br/> <span class="ft4">vom 21. Januar 2000 in Sachen Fremdenpolizei des Kantons Aargau gegen</span><br/> <span class="ft4">K.N. betreffend Haftüberprüfung (HA.2000.00003).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">Der Gesuchsgegner stellte am 15. Juni 1998 ein Asylgesuch,</span><br/> <span class="ft6">das am 30. September 1998 vom Bundesamt für Flüchtlinge (BFF)</span><br/> <span class="ft6">abgelehnt wurde. Mit Schreiben vom 16. November 1998 teilte die</span><br/> <span class="ft6">Fremdenpolizei dem Gesuchsgegner mit, er müsse die Schweiz bis</span><br/> <span class="ft6">am 30. November 1998 verlassen und forderte ihn auf, sich gültige</span><br/> <span class="ft6">Reisedokumente zu beschaffen, ansonsten Zwangsmassnahmen an-</span><br/> <span class="ft6">geordnet werden könnten.</span><br/> <span class="ft6">Auf die gegen den abschlägigen Asylentscheid erhobene Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerde des Gesuchsgegners trat die Asylrekurskommission (ARK)</span><br/> <span class="ft6">am 6. Januar 1999 infolge Nichtleisten des Kostenvorschusses nicht</span><br/> <span class="ft6">ein. Am 11. Januar 1999 teilte das BFF dem Gesuchsgegner die Neu-</span><br/> <span class="ft6">ansetzung der Ausreisefrist auf den 15. Februar 1999 mit und for-</span><br/> <span class="ft6">derte ihn auf, sich zwecks Beschaffung von Reisedokumenten unver-</span><br/> <span class="ft6">züglich und persönlich mit der zuständigen Vertretung des Heimat-</span><br/> <span class="ft6">staates in Verbindung zu setzen. Mit Schreiben vom 13. Januar 1999</span><br/> <span class="ft6">wurde der Gesuchsgegner von der Fremdenpolizei aufgefordert, sich</span><br/> <span class="ft6">im Hinblick auf die Ausreisefrist gültige Reisedokumente zu ver-</span><br/> <span class="ft6">schaffen und sich bei der Amtsstelle zu melden. Ferner wurde er</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">484</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">darauf aufmerksam gemacht, dass er mit der Anwendung von</span><br/> <span class="ft6">Zwangsmassnahmen rechnen müsste, falls er den Ausreisetermin</span><br/> <span class="ft6">unbenutzt verstreichen lassen würde. Am 16. Februar 1999 forderte</span><br/> <span class="ft6">die Fremdenpolizei den Gesuchsgegner auf, sich bis zum 23. Februar</span><br/> <span class="ft6">1999 nach telefonischer Anmeldung bei der nigerianischen Botschaft</span><br/> <span class="ft6">einzufinden, um sich Reisepapiere zu beschaffen. Gleichzeitig wur-</span><br/> <span class="ft6">den sowohl die polizeiliche Zuführung zur Botschaft wie auch die</span><br/> <span class="ft6">Anordnung von Zwangsmassnahmen in Aussicht gestellt, sollte der</span><br/> <span class="ft6">Gesuchsgegner der Anordnung keine Folge leisten. Gleichentags</span><br/> <span class="ft6">wurde die nigerianische Botschaft gebeten, dem Gesuchsgegner Rei-</span><br/> <span class="ft6">sedokumente auszustellen.</span><br/> <span class="ft6">Die ARK trat am 26. Februar 1999 auf ein Revisionsgesuch des</span><br/> <span class="ft6">Gesuchsgegners nicht ein. Am 22. Dezember 1999 forderte die</span><br/> <span class="ft6">Fremdenpolizei den Gesuchsgegner auf, sich bis zum 10. Januar</span><br/> <span class="ft6">2000 bei der Botschaft Reisedokumente zu beschaffen. Er wurde auf</span><br/> <span class="ft6">seine Mitwirkungspflicht hingewiesen und es wurde ihm angedroht,</span><br/> <span class="ft6">er werde in Ausschaffungshaft genommen, sollte er sich weiterhin</span><br/> <span class="ft6">weigern, bei der Botschaft vorzusprechen.</span><br/> <span class="ft6">Der Gesuchsgegner wurde am 19. Januar 2000 in Obermumpf</span><br/> <span class="ft6">verhaftet und der Fremdenpolizei zugeführt, welche gleichentags</span><br/> <span class="ft6">eine dreimonatige Ausschaffungshaft anordnete.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">II. 3. Die Gesuchstellerin stützt ihre Haftanordnung auf Art. 13b</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 lit. c ANAG, wonach ein Haftgrund dann vorliegt, wenn kon-</span><br/> <span class="ft6">krete Anzeichen befürchten lassen, dass sich der betroffene Auslän-</span><br/> <span class="ft6">der der Ausschaffung entziehen will, insbesondere weil sein bisheri-</span><br/> <span class="ft6">ges Verhalten darauf schliessen lässt, dass er sich behördlichen An-</span><br/> <span class="ft6">ordnungen widersetzt. Ob im Sinne dieser Gesetzesbestimmung kon-</span><br/> <span class="ft6">krete Anzeichen befürchten lassen, dass sich ein Ausländer der Aus-</span><br/> <span class="ft6">schaffung entziehen will, ist aufgrund des ganzen bisherigen Verhal-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">485</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">tens, insbesondere auch gegenüber den Behörden, sowie seiner eige-</span><br/> <span class="ft6">nen Aussagen zu beurteilen. Auch wenn einzelne Fakten für sich eine</span><br/> <span class="ft6">Ausschaffungshaft nicht rechtfertigen, kann dies aufgrund der</span><br/> <span class="ft6">Gesamtheit der Vorkommnisse der Fall sein. Erforderlich sind ge-</span><br/> <span class="ft6">wichtige Anhaltspunkte dafür, dass der Ausländer sich der Ausschaf-</span><br/> <span class="ft6">fung entziehen und untertauchen will. Die blosse Vermutung, dass er</span><br/> <span class="ft6">sich der Wegweisung entziehen könnte, genügt nicht; deren Vollzug</span><br/> <span class="ft6">muss erheblich gefährdet erscheinen (vgl. BGE 122 II 49, E. 2a, S.</span><br/> <span class="ft6">50 f.). Nach Vorliegen eines vollziehbaren Wegweisungsentscheides</span><br/> <span class="ft6">sind die betroffenen Personen verpflichtet, bei der Beschaffung gül-</span><br/> <span class="ft6">tiger Reisepapiere mitzuwirken (sog. Mitwirkungspflicht, Art. 8 Abs.</span><br/> <span class="ft6">4 des Asylgesetzes [AsylG] vom 26. Juni 1998).</span><br/> <span class="ft6">Der Gesuchsgegner vertritt die Ansicht, es bestünde kein genü-</span><br/> <span class="ft6">gender Haftgrund. Zur Begründung zitierte er BGE 122 II 49 ff.,</span><br/> <span class="ft6">wonach es zur Anordnung der Ausschaffungshaft weder genüge, dass</span><br/> <span class="ft6">sich der Betroffene illegal in der Schweiz aufhalte, noch dass er</span><br/> <span class="ft6">keine Papiere besitze und nur mangelhaft an deren Beschaffung mit-</span><br/> <span class="ft6">wirke. Mit Änderung des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 wurde die</span><br/> <span class="ft6">Pflicht zur Mitwirkung bei der Beschaffung gültiger Reisepapiere</span><br/> <span class="ft6">explizit statuiert (Art. 12b Abs. 6 des Asylgesetzes [aAsylG] vom 5.</span><br/> <span class="ft6">Oktober 1979, neu Art. 8 Abs. 4 AsylG). Da der zitierte höchstrich-</span><br/> <span class="ft6">terliche Entscheid aus dem Jahre 1996 stammt und ihm somit heute</span><br/> <span class="ft6">nicht mehr gültiges Recht zugrunde liegt, kann damit nicht argumen-</span><br/> <span class="ft6">tiert werden, das Nichtmitwirken bei der Beschaffung von Reisepa-</span><br/> <span class="ft6">pieren stelle für sich alleine keinen Haftgrund dar.</span><br/> <span class="ft6">Der Gesuchsgegner kam Anordnungen des BFF und der Frem-</span><br/> <span class="ft6">denpolizei, sich gültige Reisedokumente zu beschaffen, trotz mehr-</span><br/> <span class="ft6">maliger Aufforderung nicht nach. Er verletzte somit die Mitwir-</span><br/> <span class="ft6">kungspflicht gemäss Art. 8 Abs. 4 AsylG. Sein unkooperatives und</span><br/> <span class="ft6">gesetzwidriges Verhalten stellt ein konkretes Anzeichen dafür dar,</span><br/> <span class="ft6">dass er sich dem Vollzug der Wegweisung entziehen will. Dies umso</span><br/> <span class="ft6">mehr, als er aufgrund der angedrohten Zwangsmassnahmen hätte</span><br/> <span class="ft6">wissen müssen, dass die mehrfache Aufforderung zur Papierbeschaf-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">486</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">fung und Vorsprache bei der Botschaft ernst zu nehmende behördli-</span><br/> <span class="ft6">che Anordnungen darstellten. Die blosse Angst vor Verfolgung recht-</span><br/> <span class="ft6">fertigt sein Verhalten im vorliegend zu beurteilenden Verfahren in</span><br/> <span class="ft6">keiner Weise. Andere Rechtfertigungsgründe wurden nicht geltend</span><br/> <span class="ft6">gemacht. Damit ist der Haftgrund von Art. 13b Abs. 1 lit. c ANAG</span><br/> <span class="ft6">erfüllt.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>