B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1940/2020 U r t e i l v o m 4. J u n i 2 0 2 1 Besetzung Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger (Vorsitz), Richter David R. Wenger, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren am (...), Syrien, vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (Mehrfachgesuch); Verfügung des SEM vom 9. März 2020 / N_______. D-1940/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer gelangte zusammen mit seinen (Nennung Ver- wandte) und seinem (Nennung Verwandter) B._______ (N_______) am (...) in die Schweiz, wo er am (...) um Asyl ersuchte. Zur Begründung machte er geltend, er sei ursprünglich Ajnabi gewesen und seit dem Jahre (...) syrischer Staatsangehöriger. Er habe studiert, ohne von den syrischen Militärbehörden in den Militärdienst eingezogen worden zu sein. Nach Ab- schluss seiner Schule im Jahr (...) sei er freiwillig den C._______ – dem (...) Flügel der D._______ – beigetreten. Seine Familienangehörigen hät- ten schon längere Zeit mit den C._______ sympathisiert. Für diese habe er im Gebiet von E._______ einen (Nennung Tätigkeit) geleistet. (Nennung Zeitpunkt) sei er allerdings in (...) Gebiete geschickt worden, wo er an Kampfhandlungen hätte teilnehmen sollen. Da er Angst um sein Leben ge- habt habe und keine Menschen habe töten wollen, habe er sich gegenüber seinem Vorgesetzten gegen einen solchen Einsatz ausgesprochen und vergeblich darum ersucht, i n der Umgebung seines Dorfes ein gesetzt zu werden. Während des folgenden Urlaubs habe er seinem (Nennung Ver- wandter) davon erzählt, woraufhin dieser ihn ins Dorf F._______ gebracht habe. Dort habe er sich bis zur Ausreise (Nennung Zeitpunkt) versteckt gehalten. Da er nicht mehr zum Dienst zurückgekehrt sei, hätten ihn Leute der D._______ respektive der C._______ sowohl in seinem Dorf als auch in E._______, im Haus seines (Nennung Verwandter), gesucht. Auf Nach- frage seines (Nennung Verwandter) habe das (Nennung Institution) schrift- lich bestätigt, dass er (der Beschwerdeführer) seit dem (...) gesucht werde. Er habe befürchtet, dass er militärisch verurteilt oder wieder in die (...) Ge- biete geschickt würde. Auch habe er sich vor den islamistischen Organisa- tionen wie dem G._______ und der H._______ gefürchtet. Die C._______ habe davor gewarnt, es könnten sich darunter Personen befinden, die ge- gen sie arbeiten würden. Zudem habe er Angst gehabt, von den syrischen Behörden in den regulären Militärdienst eingezogen zu werden. Er sei des- halb nicht nach I._______ gegangen, um sich ein Dienstbüchlein ausstel- len zu lassen, wie es seine Pflicht gewesen wäre. A.b Mit Verfügung vom 21. April 20 16 stellte das SEM fest, dass der Be- schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte sein Asylge- such ab und ordnete die Wegweisung an. Der Wegweisungsvollzug wurde zugunsten einer vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit aufgescho- ben. Die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde wurde mit Urteil D-1940/2020 Seite 3 des Bundesverwaltungsgerichts D-3185/2016 vom 30. November 2017 in Ermangelung asylrechtlich relevanter Verfolgungsgründe abgewiesen. B. Am 22. Februar 2018 reichten der Beschwerdeführer und seine (Nennung Verwandte) beim SEM eine als "neues Asylgesuch" bezeichnete Eingabe samt (Nennung Beweismittel) ein, welche als qualifiziertes Wiedererwä- gungsgesuch entgegengenommen wurde. Mit Verfügung vom 25. April 2018 trat das SEM nicht darauf ein. Diese Verfügung erwuchs unangefoch- ten in Rechtskraft. C. Mit Eingabe vom 18. März 2019 reichten die (Nennung Verwandte) des Beschwerdeführers ein Mehrfachgesuch bei der Vorinstanz ein und bean- tragten darin die Anerkennung als Flüchtlinge und die Feststellung der Un- zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. Mit Verfügung vom 11. April 2019 stellte das SEM fest, dass sie die Flüc htlingseigenschaft nicht erfüllten, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung an. Gleichzeitig wurde festgehalten, dass die angeordnete vorläufige Aufnahme weiterhin bis zu deren Aufhebung oder Erlöschen bestehe. Das Bundesverwaltungs- gericht hiess die am 30. April 2019 dagegen erhobene Beschwerde mit Ur- teil D-2044/2019 vom 23. September 2019 gut und anerkannte die (Nen- nung Verwandte) des Beschwerdeführers als Flüchtlinge. D. Mit Eingabe vom 28. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer ein zwei- tes Asylgesuch ein. Zur Begründung machte er geltend, das Bundesver- waltungsgericht habe im Urteil D-2044/2019 vom 23. September 2019 die Flüchtlingseigenschaft seiner (Nennung Verwandte) festgestellt. Das Ge- richt sei namentlich zum Schluss gekommen, dass das e xilpolitische En- gagement seines (Nennung Verwandter) dessen – bereits vorher vorhan- denes – politisches Profil weiter akzentuiere, und dass bei einer Rückkehr eine Gefährdung in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise überwiegend wahrscheinlich sei. Nebst dem exilpolitischen Engagement sei auch der persönliche Hintergrund seines (Nennung Verwandter) berücksichtigt wor- den, so namentlich die jahrzehntelang e oppositionelle politische Tätigkeit in Syrien und die Herkunft aus einer politischen Familie. Zudem seien zwei der (Nennung Verwandte) bereits vor Ausbruch des Bürgerkriegs ins Visier der syrischen Behörden geraten und von Angehörigen verschiedener Si- cherheitsdienste gesucht worden. Beide würden heute als anerkannte D-1940/2020 Seite 4 Flüchtlinge in der Schweiz leben. Die als asylrelevant qualifizierte exilpoli- tische Aktivität seines (Nennung Verwandter) und dessen prominente Rolle in der D._______ führe für ihn – als Angehörigen eines mutmasslich Op- positionellen – vorliegend zur Feststellung einer drohenden Reflexverfol- gung. Dabei sei auch seine gesamte familiäre Situation (Herkunft aus einer politischen Familie) zu berücksichtigen. Er habe bei einer Rückkehr be- gründete Furcht, bereits bei der Einreise nach Syrien identifiziert, festge- nommen und befragt zu werden. Schon bei diese m Prozess dürften ihm angesichts des bekanntermassen rigorosen Vorgehens der syrischen Be- hörden gegen Regimegegner ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen. Sobald er nach Syrien zurückkehre, würde er zum Instru- ment des Regimes, um seinen poli tisch aktiven (Nennung Verwandter) (und wohl auch seine [Nennung Verwandte]) unter Druck zu setzen res- pektive zu bestrafen. E. Mit Verfügung vom 9. März 2020 stellte die Vorinstanz fest, dass der Be- schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte sein zweites Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung an. Gleichzeitig wurde fest- gehalten, dass die angeordnete vorläufige Aufnahme weiterhin bis zu de- ren Aufhebung oder Erlöschen bestehe. F. Der Beschwerdeführer erhob gegen diesen Entscheid mit Eingabe vom 8. April 2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Dabei bean- tragte er, es sei die angefochtene Verfügung in den Dispositivziffern 1 bis 3 aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses sowie um Beiordnung seines Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand. Der Beschwerde lag (Nennung Beweismittel) bei. G. Mit Verfügung vom 15. April 2020 hiess die Instruktionsrichterin das Ge- such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und wies das Gesuch um un- entgeltliche Rechtsverbeiständung ab. D-1940/2020 Seite 5 H. In seiner Vernehmlassung v om 30. April 2020 – diese wurde dem Be- schwerdeführer am 8. Mai 2020 zur Kenntnis gebracht – hielt das SEM unter Verweis auf seine bisherigen Erwägungen fest, die Beschwerde- schrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, wel- che eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). 1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh- rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutre- ten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia len Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, d es Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen D-1940/2020 Seite 6 Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2012/5 E. 2.2). 3.3 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtling seigenschaft nach Art. 3 AsylG ist nicht allein die Situation im Zeitpunkt der Ausreise, sondern insbesondere auch die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides. So ist gegebenenfalls auch eine asylsuchende Person als Flüchtling anzuerken- nen, die erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise – aufgrund ob- jektiver oder subjektiver Nachfluchtgründe – im Falle einer Rückkehr in ih- ren Heimat - oder Herkunftsstaat in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde. Objektive Nachfluchtgründe sind dann gegeben, wenn äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von Verfolgung be- drohten Person ist in diesen Fällen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerken- nen und Asyl zu gewähren. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Asylausschluss. Personen, welche subjektive Nach- fluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, werden hinge- gen als Flücht linge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1 m.w.H.). 4. 4.1 Zur Begründung ihrer ablehnenden Verfügung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, der Beschwerdeführer fürchte wegen des politischen Profils seines (Nennung Verwandter) im Falle einer Rückkehr nach Syrien eine Reflexverfolgung. Das Bundesverwaltungsgericht sei im Urteil D-2044/2019 vom 23. September 2019 betreffend seine (Nennung Ver- wandte) zum Schluss gekommen, dass das exilpolitische Engagement sei- nes (Nennung Verwandter) dessen bereits vorher vorhandenes politisches Profil akzentuiere, weshalb bei einer Rückkehr nach Syrien eine Gefähr- dung in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise überwiegend wahrscheinlich sei. Im Unterschied zu seinem (Nennung Verwandter) verfüge der Be- schwerdeführer jedoch nicht über ein bereits im Heimatstaat vorhandenes Risikoprofil. So sei er gemäss Aktenlage kein Dienstverweigerer der syri- schen Armee und haben auch keinerlei politische Aktivitäten vorzuweisen, die von der syrischen Regierung als Bedrohung wahrgenom men werden könnten. Im Weiteren sei das Bundesverwaltungsgericht im Falle seiner (Nennung Verwandte) explizit nicht von Reflexverfolgung ausgegangen, sondern habe ihr die Flüchtlingseigenschaft gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG derivativ zugesprochen. Angesichts dessen, dass er analog zu sei-D-1940/2020 Seite 7 ner (Nennung Verwandte) über kein vorbestandenes politisches Profil ver- füge, sei auch in seinem Fall nicht von drohender Reflexverfolgung infolge des Profils seines (Nennung Verwandter) auszugehen. Sodann sei der Vollständigkeit halber darauf hinzuweisen, dass den (Nennung Verwandte) des Beschwerdeführers (...) (N_______) und (...) (N_______) in der Schweiz Asyl gewährt worden sei. Von deren Profilen lasse sich indes keine ihm drohende Reflexverfolgung ableiten. Gemäss de r Rechtspre- chung bedürfe es im Syrien -Kontext konkreter Anhaltspunkte für die An- nahme einer objektiv begründeten Furcht vor Reflexverfolgung. Seine (Nennung Verwandte) hätten Syrien im Jahr (...) verlassen und mit Verfü- gung vom (...) in der Schweiz Asyl erhalten. Er habe sich nach der Ausreise seiner (Nennung Verwandte) noch (Nennung Dauer) in Syrien aufgehalten, ohne dass er dort in dieser Zeit aufgrund des Profils seiner (Nennung Ver- wandte) ernsthafte Nachteile erlitten oder ihm solche gedroht hätten. Zu betonen sei vielmehr, dass er den Status eines Ajnabi (in Syrien als Aus- länder registrierter Kurde) gehabt und im Rahmen des präsidialen Dekrets vom 7. April 2011 die syrische Staatsangehörigkeit erlangt habe. Der Er- werb der syrischen Staatsangehörigkeit stelle einen weiteren Hinweis da- rauf dar, dass er bei den syrischen Behörden nicht negativ verzeichnet ge- wesen sei. Somit lägen keine konkreten Anhaltspunkte vor, um eine objek- tiv begründete Furcht vor Reflexverfolgung infolge des Profils seiner (Nen- nung Verwandte) zu bejahen. Seine Vorbringen würden den Anforderun- gen an die Flüchtlingseigenschaft insgesamt nicht standhalten. 4.2 In der Beschwerde machte der Beschwerdeführer vorweg geltend, das SEM habe – entgegen der ständigen Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts, wonach eine Gesamtschau der potentiellen Verfolgungsfak- toren vorzunehmen sei und einzelne Elemente nicht isoliert betrachtet wer- den dürften – keine solche Gesamtschau der drohenden Verfolgung im Rückkehrfall vorgenommen, sondern jeweils gesonde rt eine Verfolgungs- gefahr wegen des Profils seines (Nennung Verwandter) einerseits und we- gen des Profils seiner in der Schweiz lebenden (Nennung Verwandte) an- dererseits verneint. Es sei denn auch nicht anzunehmen, dass die syri- schen Behörden die einzelnen Sachverhaltselemente separat betrachten würden, um die Regimefeindlichkeit einer Person einzuschätzen, sondern ebenso eine Gesamtbetrachtung der über die betroffene Person bekann- ten Informationen vornähmen. Sodann hielt der Beschwerdeführer – unter Hinweis auf die Rechtslage und die Praxis des Bundesverwaltungsgerichts betreffend Reflexverfolgung in Syrien – an seiner Reflexverfolgung infolge der mittlerweile gerichtlich als asylrelevant qualifizierten exilpolitischen Ak- tivität seines (Nennung Verwandter) und dessen prominenten Rolle in der D-1940/2020 Seite 8 D._______ und seiner Herkunft aus einer politischen Familie fest. Diesbe- züglich verwies er auf die Parallelen zur Fallkonstellation im Verfahren D-4736/2017 vom 13. November 2017, worin die geäusserte subjektive Furcht vor Nachstellungen des syrischen Regimes beziehungsweise vor einer menschenrechtswidrigen Behandlung im Rahmen der bei einer Rückkehr vorkommenden Sicherheitsüberprüfung objektiv nachvollziehbar sei (E. 7.2.4). Auch im dortigen Verfahren seien die Vorflucht gründe des Beschwerdeführers für nicht asylrelevant befunden worden und habe die- ser Syrien ohne Papiere und illegal verlassen. Er sei – wie im anderen Ver- fahren auch – der (Nennung Verwandter) eines behördennotorischen Op- positionellen und stamme aus einer politischen Familie und mithin seien seine (Nennung Verwandte) ebenso als Regimegegner bekannt. Er habe demnach begründete Furcht, schon bei einer Einreise nach Syrien identifi- ziert und von den syrischen Behörden respektive Geheimdiensten festge- nommen und befragt zu werden. Angesichts des bekanntermassen rigoro- sen Vorgehens der syrischen Behörden gegen (vermutete) Regimegegner und deren Angehörige drohten ihm ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG. Insgesamt dürfte die Gefahr einer asylrelevanten Verfolgung im Vergleich zum Verfahren D-4736/2017 sogar noch höher sein. Sein (Nen- nung Verwandter) habe – im Unterschied zur zitierten Fallkonstellation, wo die objektiven Nachfluchtgründe soweit ersichtlich wegen politischer Akti- vitäten des (Nennung Verwandter) des dortigen Beschwerdeführers in Sy- rien festgestellt worden seien – gerade auch mit dem exilpolitischen Enga- gement in die Schweiz weitere Aufmerksamkeit der syrischen Behörden auf sich gezogen. Die syrischen Behörden hätten demnach ein aktuelles Interesse, seinen (Nennung Verwandter) zum Schweigen zu bringen oder diesen anderweitig unter Druck zu setzen. Vor diesem Hintergrund würden die Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung ins Leere stossen. Der Verweis auf die Einschätzung betreffend seine (Nennung Ver- wandte) sei insofern nicht erheblich, als aus dem Urteil nicht ersichtlich sei, ob eine solche drohende Reflexverfolgung hinsichtlich seiner (Nennung Verwandte) überhaupt geprüft worden sei , obwohl bei ihr eine Reflexver- folgung ebenfalls zu bejahen wäre. Schliesslich würde sie als (Nennung Verwandtschaftsgrad) eines dem Regime bekannten Oppositionellen zwei- felsohne auch Opfer staatlicher Verfolgung. Dem trage das ihr erteilte Fa- milienasyl eben auch Rechnung. Im syrischen Kontext seien aber auch volljährige Kinder einer Gefahr ausgesetzt, weil die Behörden Familienan- gehörige benutzen würden, um Regimegegnern habhaft zu werden oder diese unter Druck zu setzen. Entgegen der Fallkonstellation im von der Vo- rinstanz zitierten Urteil D -3846/2015 sei er mit seinen (Nennung Ver- wandte) illegal aus Syrien a usgereist und habe nie über einen syrischen D-1940/2020 Seite 9 Pass verfügt. Zudem sei er dem Militärdienst ferngeblieben. Entscheidend sei aber, dass sein (Nennung Verwandter) auch in jüngster Zeit wegen sei- ner Aktivitäten auf dem Radar der syrischen Sicherheitskräfte präsent sei. Entsprechend aktuell sei der Verfolgungswille der syrischen Behörden ge- genüber dessen Familienangehörigen. Das Argument der Vorinstanz, wo- nach er wegen seiner (Nennung Verwandte) in Syrien vor seiner Ausreise keine ernsthaften Nachteile erlitten ha be, weshalb es an konkreten An- haltspunkten für eine objektiv begründete Furcht vor Reflexverfolgung mangle, überzeuge nicht. Im syrischen Kontext drohe eben gerade auch im Fall einer Rückkehr eine flüchtlingsrechtlich relevante Bedrohung, weil die Sicherheitsbehörden die Flughäfen überwachen und unliebsame Rück- kehrer bereits dort abfangen würden. Er würde angesichts seines Profils mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit identifiziert. In der Folge würde ihm entweder eine regimekritische Haltung unterstellt oder er würde wegen der Verwandtschaft zu seinen (Nennung Verwandte) und seinem (Nennung Verwandter) im Sinne von Sippenhaft bedroht oder als Druck- mittel zur Bestrafung oder Bedrohung der politisch aktiven Verwandten missbraucht. 5. 5.1 Im Zusammenhang m it der geltend gemachten Reflexverfolgung ist festzuhalten, dass die in Syrien herrschende politische und menschen- rechtliche Lage durch das Bundesverwaltungsgericht gewürdigt wurde (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.2 sowie Referenzurteil des BVGer D -5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.3 und 5.7.2). Es ist durch eine Vielzahl von Berichten belegt, dass die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen tatsächliche oder vermeintli- che Regimegegner mit grösster Brutalität und R ücksichtslosigkeit vorge- hen. Personen, die sich regimekritisch betätigt haben, sind in grosser Zahl von Verhaftung, Folter und willkürlicher Tötung betroffen. Mit anderen Wor- ten haben Personen, die durch die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte als Gegner des Regimes identifiziert werden, eine Behandlung zu erwar- ten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt. Diese Feststellung gilt auch heute noch. Die Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer Oppositioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen do- kumentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Per- son für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine D-1940/2020 Seite 10 Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehö- rige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen auf- grund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Perso- nen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische Armee und Milizen) setzen dabei die Strategie der Reflexverfolgung gezielt ein (vgl. Urteil des BVGer E-734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2 ff.). Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Reflexverfolgung zu werden, besteht vor allem dann, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahn det wird und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, dass zur gesuchten Per- son ein enger Kontakt besteht. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn ein nicht unbedeutendes politisches Engagement der reflexverfolgten Per- son hinzukommt oder ihr unterstellt wird (vgl. Entscheidungen und Mittei- lungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 10.1). Für die Annahme einer Reflexverfolgung ist daher – entgegen der im angefochtenen Entscheid vertretenen Ansicht – das Vorliegen eines vor- bestandenen politischen Profils bei der reflexverfolgten Person nicht erfor- derlich. 5.2 Im Falle einer Rückkehr nach Syrien hätte der Beschwerdeführer damit zu rechnen, dass er durch Angehörige der syrischen Sicherheitskräfte ei- ner einlässlichen Kontrolle unterzogen w ird (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.3.1 [als Referenzurteil publiziert]). Obschon der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Ausreise aus Syrien (Nennung Zeitpunkt) nicht aktuell verfolgt war und auch keine begründete Furcht vor Verfolgung hegen musste (vgl. Urteil des BVGer D -3185/2016 vom 30. November 2017 E. 4), gilt es zu prüfen, ob ihm heute für den Fall einer (hypothetischen) Rückkehr nach Syrien aufgrund sich nach der Aus- reise ergebender Risikofaktoren im Sinne von objektive n Nachfluchtgrün- den eine begründete Furcht vor Verhaftung und Folter und mithin ernsthaf- ten asylrechtlich relevanten Nachteilen zu attestieren ist. 5.3 Aus den Akten der (Nennung Verwandte) des Beschwerdeführers ist ersichtlich, dass dessen (Nennung Verwandter) im Jahr (...) während (Nen- nung Dauer) inhaftiert war und bis (Nennung Zeitpunkt) einer Meldepflicht unterstand. Unbestritten sind dessen langjährige Tätigkeiten für die D._______ sowie die Mitgliedschaft im (Nennung Gremium). Das Bundes- verwaltungsgericht erachtete in seinem Urteil D-3183/2016 vom 30. No- vember 2017 (E. 5) die seinen (Nennung Verwandter) betreffenden Ereig- nisse mangels zeitlichen und sachlichen Zusammenhangs zwischen den D-1940/2020 Seite 11 geltend gemachten Verfolgungsmassnahmen und der Ausreise aus Syrien zwar als asylrechtlich nicht beachtlich, es kam jedoch zum Schluss, dass sein (Nennung Verwandter) nicht zuletzt aufgrund jahrzehntelanger politi- scher Tätigkeit den syrischen Behörden zumindest als oppositionell einge- stellte Perso n bekannt gewesen sein müsse. Dies umso mehr, als sein (Nennung Verwandter) aus einer politischen Familie stamme . Hinzu komme, dass die als anerkannte Flüchtlinge in der Schweiz lebenden (Nennung Verwandte) ebenfalls bereits vor dem Ausbruch des Bürger- kriegs ins Visier der syrischen Behörden geraten seien und die Sicherheits- dienste sich wiederholt beim (Nennung Verwandter) nach deren Verbleib erkundigt hätten. Im Urteil D -2044/2019 vom 23. September 2019 stellte das Bundesverwaltungsgericht sodann fest, dass der (Nennung Verwand- ter) des Beschwerdeführers seit dessen Flucht in die Schweiz erwiesener- massen für die D._______ in einer Führungsfunktion umfangreiche exilpo- litische Tätigkeiten ausübt. Es kam daher zum Schluss, dass diese Tätig- keiten das bereits im Heimatstaat vorhandene Profil akzentuieren würden und er dadurch aus der Sicht des syrischen Regimes als potenzielle Be- drohung wahrgenommen werde. Das Bundesverwaltungsgericht bejahte für den Fall einer Rückkehr eine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung und anerkannte den (Nennung Verwandter) – und gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG die (Nennung Verwandte) – als Flüchtlinge. 5.4 Der Beschwerdeführer verliess Syrien (Nennung Zeitpunkt). Das Bun- desverwaltungsgericht geht – wie in E. 5.2 vorstehend erwähnt – davon aus, dass syrische Staatsangehörige und staatenlose Kurden syrischer Herkunft nach einem längeren Auslandaufenthalt bei der Wiedereinreise regelmässig einer einlässlichen Überprüfung durch syrische Sicherheits- kräfte unterzogen werden. Dabei würde festgestellt, dass der Beschwerde- führer das dienstpflichtige Alter erreicht hat und somit grundsätzlich militär- dienstpflichtig ist sowie, dass er Syrien vor einigen Jahren illegal verliess. Sodann gelangte er bei der Überprüfung seines familiären Hintergrundes insbesondere auch deshalb in den Fokus der syrischen Behörden, weil es sich bei ihm um den (Nennung Verwandtschaftsgrad) eines politisch enga- gierten, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit mittlerweile gesuchten op- positionellen syrischen Staatsangehörigen handelt, der aus der Sicht des syrischen Regimes als potenzielle Bedrohung wahrgenommen wird. Daher ist seine Befürchtung, er werde von den syrischen Behörden einer genauen Prüfung unterzogen und müsse seinerseits befürchten, ernsthaften Nach- teilen an Leib und Leben ausgesetzt zu werden, begründet. So ist im heu- tigen Zeitpunkt insbesondere mit Blick auf das Verfolgungsinteresse der D-1940/2020 Seite 12 syrischen Behörden an seinem nach wie vor (exil)politisch aktiven (Nen- nung Verwandter) davon auszugehen, dass er bei einer Rückk ehr nach Syrien als Mitglied einer politisch oppositionell tätigen Familie eingestuft und zwecks weiterer Abklärungen beziehungsweise Befragungen den sy- rischen Geheimdiensten übergeben würde. Angesichts der nach wie vor unveränderten Verhältnisse in Bezug auf die Repressionen der syrischen Regierung gegenüber Oppositionellen und ihren Familien ist die vom Be- schwerdeführer geäusserte subjektive Furcht vor Nachstellungen des syri- schen Regimes beziehungsweise vor einer menschenrechtswidrigen Be- handlung im Rahm en der bei einer Rückkehr stattfindenden Sicherheits- überprüfung objektiv nachvollziehbar. 5.5 Mit Blick auf die Reflexverfolgung im syrischen Kontext (vgl. vorstehend E. 5.1) ist anzunehmen, dass der Beschwerdeführer für den (hypotheti- schen) Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat seines (Nennung Verwand- ter) wegen ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG mit be- achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet be- fürchten muss (vgl. BVGE 2007/19 E. 3.3), zumal sich die Lage in Syrien bis heute nicht entscheidend verbessert hat. Eine innerstaatliche Schutz- alternative steht ihm somit nicht offen. Er erfüllt demnach originär die Flüchtlingseigenschaft. Aus den Akten ergeben si ch überdies keine An- haltspunkte für eine Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53 AsylG. Dem Be- schwerdeführer ist somit Asyl zu gewähren. 6. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung vom 9. März 2020 ist aufzuheben, der Beschwerdeführer als Flüchtling an- zuerkennen und das SEM anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]) eine Entschädigu ng für die ihm erwachsenen notwendigen Kosten zuzusprechen. Es wurde keine Kosten- note eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Ak- ten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungs faktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem D-1940/2020 Seite 13 Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1500.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzu- sprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-1940/2020 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung vom 9. März 2020 wird aufgehoben. 3. Der Beschwerdeführer wird als Flüchtling anerkannt und das SEM ange- wiesen, ihm Asyl zu gewähren. 4. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1500.– auszurichten. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Jeannine Scherrer-Bänziger Stefan Weber Versand: