<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Migrationsrecht Migrationsrecht</span> <span class="page_no">137</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Migrationsrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>20</b></span> <span class="ft3"><b>Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung; Zumutbarkeit und Zuläs-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sigkeit des Wegweisungsvollzugs nach Sri Lanka</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die Aufenthaltsbewilligung ist im konkreten Fall trotz überwiegenden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>öffentlichen Interesses an der Wegweisung aus der Schweiz zu ver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>längern, da sich der Wegweisungsvollzug im Falle des sri-lankischen Be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schwerdeführers mit tamilischer Ethnie im Moment als unzulässig und</b></span><br/> <span class="ft3"><b>unzumutbar erweist (Erw. 4).</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 26. März</span><br/> <span class="ft4">2015 in Sachen A. gegen das Amt für Migration und Integration</span><br/> <span class="ft4">(WBE.2013.451).</span><br/> <span class="ft6"><i>Sachverhalt (Zusammenfassung)</i></span><br/> <span class="ft8">Der Beschwerdeführer ist Staatsangehöriger Sri Lankas tamili-</span><br/> <span class="ft8">scher Ethnie. Im August 1997 reiste er im Alter von acht Jahren zu-</span><br/> <span class="ft8">sammen mit seiner Mutter zu seinem Vater, der in der Schweiz ein</span><br/> <span class="ft8">Asylgesuch gestellt hatte, in die Schweiz ein und lebte zunächst als</span><br/> <span class="ft8">Asylbewerber und später als vorläufig Aufgenommener in der</span><br/> <span class="ft8">Schweiz. Am 21. Oktober 2002 wurde ihm eine Aufenthaltsbewilli-</span><br/> <span class="ft8">gung erteilt und regelmässig verlängert, zuletzt mit Gültigkeit bis</span><br/> <span class="ft8">30. September 2012.</span><br/> <span class="ft8">Ab seinem 9. Altersjahr war der Beschwerdeführer immer wie-</span><br/> <span class="ft8">der Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Seit 2007 wurde er auf-</span><br/> <span class="ft8">grund seines straffälligen Verhaltens regelmässig verurteilt, unter</span><br/> <span class="ft8">anderem zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten wegen einfacher</span><br/> <span class="ft8">Körperverletzung. Nachdem das MIKA den Beschwerdeführer am</span><br/> <span class="ft8">1. Dezember 2011 verwarnt hatte, beging er weitere Straftaten. Mit</span><br/> <span class="ft8">Verfügung des MIKA vom 7. Mai 2013 wurde die Aufenthaltsbe-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">138</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">willigung des Beschwerdeführers nicht mehr verlängert und dieser</span><br/> <span class="ft8">aus der Schweiz weggewiesen.</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft8">3.4.</span><br/> <span class="ft8">Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist damit festzuhalten, dass</span><br/> <span class="ft8">bei Gesamtwürdigung der sich gegenüberstehenden öffentlichen und</span><br/> <span class="ft8">privaten Interessen das sehr grosse öffentliche Interesse an der Ent-</span><br/> <span class="ft8">fernung des Beschwerdeführers aus der Schweiz sein bislang berück-</span><br/> <span class="ft8">sichtigtes privates Interesse, weiter in der Schweiz leben zu dürfen,</span><br/> <span class="ft8">klar überwiegen würde.</span><br/> <span class="ft8">4.</span><br/> <span class="ft8">4.1.</span><br/> <span class="ft8">Zu klären bleibt, wie es sich mit dem Vollzug einer allfälligen</span><br/> <span class="ft8">Wegweisung verhält. Nachdem der Beschwerdeführer zu einer</span><br/> <span class="ft8">längerfristigen Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, kann aufgrund</span><br/> <span class="ft8">von Art. 83 Abs. 7 AuG selbst dann keine vorläufige Aufnahme ver-</span><br/> <span class="ft8">fügt werden, wenn der Vollzug der Wegweisung im Sinne von</span><br/> <span class="ft8">Art. 83 Abs. 4 AuG als unzumutbar einzustufen wäre. (...)</span><br/> <span class="ft8">4.2.</span><br/> <span class="ft8">(...) (Das Bundesgericht hat hierzu in BGE 135 II 110, Erw. 4.2</span><br/> <span class="ft8">ausgeführt, dass) die Aspekte im Zusammenhang mit der Zumutbar-</span><br/> <span class="ft8">keit der Rückkehr bzw. des Vollzugs der Wegweisung im Rahmen</span><br/> <span class="ft8">der privaten Interessen des Beschwerdeführers am Verbleib in der</span><br/> <span class="ft8">Schweiz zu berücksichtigen (sind). Diesbezüglich hielt die Vorin-</span><br/> <span class="ft8">stanz (...) unter Verweis auf das Urteil des Bundesverwaltungsge-</span><br/> <span class="ft8">richts D-3345/2013 vom 28. Juni 2013 fest, die Rückkehr des Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführers nach Sri Lanka sei ohne weiteres zumutbar.</span><br/> <span class="ft8">Nach zwei bekannt gewordenen Vorfällen bei der Wiederein-</span><br/> <span class="ft8">reise von tamilischen Rückkehrern in Sri Lanka hat das Bundesver-</span><br/> <span class="ft8">waltungsgericht jedoch in der Zwischenzeit festgehalten, dass das</span><br/> <span class="ft8">BFM in Verfahren, die Staatsangehörige Sri Lankas tamilischer</span><br/> <span class="ft8">Ethnie betreffen, systematisch dazu übergegangen sei, keine Ausrei-</span><br/> <span class="ft8">sefristen mehr zu verhängen und bereits angeordnete Ausreisefristen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Migrationsrecht Migrationsrecht</span> <span class="page_no">139</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">aufzuheben. Faktisch ziehe das BFM damit alle Verfahren (auch sol-</span><br/> <span class="ft8">che im Vollzugsstadium) in Wiedererwägung, dies unbesehen der</span><br/> <span class="ft8">konkreten Umstände im Einzelfall. Dieses Vorgehen gehe auf zwei</span><br/> <span class="ft8">bekannt gewordene Vorfälle zurück: Die sri-lankischen Behörden</span><br/> <span class="ft8">hätten tamilische Rückkehrer bei der Wiedereinreise in Haft genom-</span><br/> <span class="ft8">men. Daraufhin habe das BFM in Aussicht gestellt, nicht nur diese</span><br/> <span class="ft8">beiden Vorfälle, sondern auch eine allfällige Veränderung der allge-</span><br/> <span class="ft8">meinen Situation in Sri Lanka vertieft abzuklären. Es bestehe kein</span><br/> <span class="ft8">Zweifel, dass eine neue Lagebeurteilung vor Ort sich auf die kon-</span><br/> <span class="ft8">krete Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts auswirken</span><br/> <span class="ft8">könne, sei es im Flüchtlings- und Asylpunkt, sei es im Wegweisungs-</span><br/> <span class="ft8">vollzugspunkt (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom</span><br/> <span class="ft8">28. November 2013 [D-2604/2013]; Urteil des Bundesverwaltungs-</span><br/> <span class="ft8">gerichts vom 30. Januar 2014 [E-2914/2013]).</span><br/> <span class="ft8">Bereits aufgrund dieser Entscheide trifft die Annahme der Vor-</span><br/> <span class="ft8">instanz, für den aus Jaffna stammenden Beschwerdeführer sei eine</span><br/> <span class="ft8">Rückkehr nach Sri Lanka "ohne weiteres zumutbar", nicht mehr zu.</span><br/> <span class="ft8">Die Vorinstanz hat zudem im Rahmen des Schriftenwechsels</span><br/> <span class="ft8">einen als vertraulich bezeichneten Newsletter des BFM eingereicht,</span><br/> <span class="ft8">wonach zwangsweise Rückführungen nach Sri Lanka bis auf weite-</span><br/> <span class="ft8">res ausgesetzt würden, wobei von dieser Regel abgewichen werde,</span><br/> <span class="ft8">wenn die Betroffenen in der Schweiz schwerwiegende Straftaten be-</span><br/> <span class="ft8">gangen hätten. Was das BFM in diesem Zusammenhang unter</span><br/> <span class="ft8">schwerwiegenden Straftaten versteht bzw. wie das BFM die Zumut-</span><br/> <span class="ft8">barkeit der Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri Lanka beur-</span><br/> <span class="ft8">teilt, geht aus dem Bericht nicht hervor und wurde durch die Vorin-</span><br/> <span class="ft8">stanz auch nicht geklärt. Mit Beschluss des Verwaltungsgerichts vom</span><br/> <span class="ft8">27. Juni 2014 wurde der Vorinstanz Gelegenheit eingeräumt, nach</span><br/> <span class="ft8">Rücksprache mit dem BFM darzulegen, ob bzw. inwiefern dem Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer zugemutet werden kann, in sein Heimatland zurück-</span><br/> <span class="ft8">zukehren bzw. wie stark eine allfällige Unzumutbarkeit zu gewichten</span><br/> <span class="ft8">ist und ob trotzdem noch von einem überwiegenden öffentlichen</span><br/> <span class="ft8">Interesse an der Wegweisung des Beschwerdeführers auszugehen ist.</span><br/> <span class="ft8">4.3.</span><br/> <span class="ft8">Dem Bericht des BFM vom 8. Dezember 2014 ist nicht zu ent-</span><br/> <span class="ft8">nehmen, dass eine Rückkehr nach Sri Lanka für den Beschwerdefüh-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">140</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">rer zumutbar ist. Das BFM äussert sich auch nicht zur Frage, ob der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer aufgrund seiner Straftaten zur Personengruppe zu</span><br/> <span class="ft8">zählen ist, die aufgrund der Schwere ihrer Straftaten trotz grundsätz-</span><br/> <span class="ft8">licher Aussetzung der Ausschaffungen nach Sri Lanka trotzdem</span><br/> <span class="ft8">zwangsweise ausgeschafft werden. Vielmehr weist der unsorgfältig</span><br/> <span class="ft8">abgefasste Bericht (er nimmt Bezug auf eine Anfrage des Migra-</span><br/> <span class="ft8">tionsamtes des Kantons Zürich vom 10. Juli 2014, obschon die An-</span><br/> <span class="ft8">frage des MIKA vom 19. September 2014 datiert) lediglich darauf</span><br/> <span class="ft8">hin, dass die Behörden bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aufgrund</span><br/> <span class="ft8">der langen Landesabwesenheit und des Alters des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft8">ihr Augenmerk auf ihn richten würden und die "Wachsamkeit der Be-</span><br/> <span class="ft8">hörden" bezüglich des Beschwerdeführers erhöht sei. Abgesehen da-</span><br/> <span class="ft8">von setzt sich der Bericht nicht mit der konkreten Situation des Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführers bei einer Rückkehr nach Sri Lanka auseinander.</span><br/> <span class="ft8">Vielmehr werden am Schluss lediglich allgemein bekannte Ausfüh-</span><br/> <span class="ft8">rungen dazu gemacht, unter welchen Voraussetzungen eine Äusse-</span><br/> <span class="ft8">rung eines Betroffenen als neues Asylgesuch zu gelten hat und dass</span><br/> <span class="ft8">wohl ein neues Asylgesuch vorliege.</span><br/> <span class="ft8">Aufgrund der unklaren Stellungnahme des BFM zur Rückkehr-</span><br/> <span class="ft8">möglichkeit ist aktuell nicht davon auszugehen, dass es dem Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer zumutbar ist, nach Sri Lanka zurückzukehren. Viel-</span><br/> <span class="ft8">mehr deutet der Bericht des BFM gar darauf hin, dass die Rückkehr</span><br/> <span class="ft8">unzulässig im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AuG sein könnte. Die Nicht-</span><br/> <span class="ft8">verlängerung der Aufenthaltsbewilligung und Wegweisung erweist</span><br/> <span class="ft8">sich deshalb im Moment als unzulässig, weshalb die Beschwerde</span><br/> <span class="ft8">gutzuheissen und das MIKA anzuweisen ist, die Aufenthaltsbewilli-</span><br/> <span class="ft8">gung des Beschwerdeführers zu verlängern.</span><br/> <span class="ft8">4.4.</span><br/> <span class="ft8">Es steht dem MIKA jederzeit frei, erneut die Wegweisung zu</span><br/> <span class="ft8">prüfen, sofern sich die Situation in Sri Lanka derart verändert, dass</span><br/> <span class="ft8">sich die Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri Lanka als zuläs-</span><br/> <span class="ft8">sig und zumutbar erweist. Sollte sich der Beschwerdeführer in der</span><br/> <span class="ft8">Zwischenzeit wohl verhalten und nicht erneut Anlass für eine Weg-</span><br/> <span class="ft8">weisung geben, wäre das entsprechende Wohlverhalten seit Juni</span><br/> <span class="ft8">2012 im Rahmen der Interessenabwägung entsprechend zu berück-</span><br/> <span class="ft8">sichtigen.</span><br/></div> </div> </body> </html>