<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp329344"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>142 IV 170<br/><br/><br/><div class="paraatf">25. Auszug aus dem Urteil der Strafrechtlichen Abteilung i.S. X. gegen Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern (Beschwerde in Strafsachen)</div> <div class="paraatf">6B_346/2015 vom 1. März 2016</div> <a name="idp330832"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf"><span class="artref">Art. 106 Abs. 3 IRSG</span>; <span class="artref">Art. 80 Abs. 2 BGG</span>; <span class="artref">Art. 55 Abs. 4 StPO</span>; Instanzenzug im Exequaturverfahren. <div class="paratf"><span class="artref">Art. 106 Abs. 3 Satz 2 IRSG</span> und <span class="artref">Art. 80 Abs. 2 BGG</span> sehen im Exequaturverfahren einen zweistufigen kantonalen Instanzenzug vor. Mit dem Inkrafttreten der StPO hat sich daran nichts geändert. Die Regelung von <span class="artref">Art. 55 Abs. 4 StPO</span>, wonach die Beschwerdeinstanz zuständig ist, wenn das Bundesrecht Aufgaben der internationalen Rechtshilfe einer richterlichen Behörde zuweist, tritt hinter die lex specialis zurück. Der Entscheid über das Exequaturbegehren hat in der Form eines begründeten Urteils zu ergehen. Gegen den erstinstanzlichen Exequaturentscheid kann Berufung geführt werden (E. 1.3.2.). </div> </div> </div> <a name="idp343184"></a> <a name="idp191280"></a> <br/><div> <a name="idp383728"></a><span class="big bold" id="sachverhalt">Sachverhalt</span> <span class="small">ab Seite 171</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page171"></a><div class="center pagebreak">BGE 142 IV 170 S. 171</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp385392"></a><span class="bold">A. </span>X. wurde in den Jahren 2012 und 2013 in Österreich wegen schweren gewerbsmässigen Betrugs rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren sowie zu einer Zusatzfreiheitsstrafe von 2 Jahren verurteilt. Das Bundesministerium für Justiz der Republik Österreich ersuchte die zuständige schweizerische Behörde mit Schreiben vom 20. Oktober und 10. November 2014 um stellvertretende Strafvollstreckung. Das Bundesamt für Justiz nahm das Begehren nach Rücksprache mit der Vollzugsbehörde des zuständigen Kantons Bern an. Diese ersuchte am 10. Februar 2015 die Beschwerdekammer des Obergerichts des Kantons Bern um Durchführung des Exequaturverfahrens. Nach Anhörung der Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern erklärte das Obergericht mit Beschluss vom 4. März 2015 die österreichischen Urteile für vollstreckbar.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp388192"></a><span class="bold">B. </span>X. beantragt mit Beschwerde in Strafsachen, der obergerichtliche Beschluss vom 4. März 2015 sei aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an das Obergericht des Kantons Bern zurückzuweisen. Im Rahmen des Exequaturverfahrens seien ihm das rechtliche Gehör zu gewähren und ein kantonales Rechtsmittel zur Verfügung zu stellen. <a name="page172"></a><div class="center pagebreak">BGE 142 IV 170 S. 172</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp390688"></a><span class="bold">C. </span>Die Generalstaatsanwaltschaft und das Obergericht des Kantons Bern verzichten auf eine Vernehmlassung.</div> <div class="paraatf">Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut.</div> <br/><div> <a name="idp396224"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> </div> <br/><div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp397120"></a><span class="bold" id="consideration_1.">1. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp398128"></a><span class="bold" id="consideration_1.1">1.1 </span>Der Beschwerdeführer macht geltend, die Vorinstanz habe in Verletzung von <span class="artref">Art. 105 IRSG</span> (SR 351.1) über die Vollstreckung der ausländischen Urteile entschieden, ohne ihn angehört zu haben. Bundesrechtswidrig sei sodann, dass ihm lediglich die Beschwerde in Strafsachen ans Bundesgericht zur Verfügung gestellt worden sei.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp401264"></a><span class="bold" id="consideration_1.2">1.2 </span>Die Vorinstanz setzt sich im angefochtenen Beschluss nicht mit den das Exequaturverfahren regelnden und vom Beschwerdeführer als verletzt gerügten Bestimmungen (<span class="artref"><artref id="CH/351.1/105" type="start"></artref>Art. 105 und 106 IRSG</span><artref id="CH/351.1/106" type="end"></artref>) auseinander. Sie verzichtet gänzlich auf eigene rechtliche Ausführungen und schliesst sich vollumfänglich den Ausführungen der Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern gemäss deren Schreiben vom 27. Februar 2015 an. Diese kam zum Schluss, gestützt auf <span class="artref">Art. 106 Abs. 1 IRSG</span> i.V.m. <span class="artref">Art. 55 Abs. 4 StPO</span> und Art. 28 Abs. 2 des Einführungsgesetzes des Kantons Bern vom 11. Juni 2009 zur Zivilprozessordnung, zur Strafprozessordnung und zur Jugendstrafprozessordnung (EG ZSJ; BSG 271.1) sei die Vorinstanz für die Durchführung des Exequaturverfahrens zuständig.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp409328"></a><span class="bold" id="consideration_1.3">1.3 </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp410336"></a><span class="bold" id="consideration_1.3.1">1.3.1 </span>Gestützt auf <span class="artref">Art. 104 Abs. 1 IRSG</span> entscheidet das Bundesamt für Justiz nach Rücksprache mit der Vollzugsbehörde zunächst formell über die Annahme eines ausländischen Vollstreckungsersuchens. Nimmt es dieses an, so übermittelt es die Akten und seinen Antrag der Vollzugsbehörde und verständigt den ersuchenden Staat (<span class="artref">Art. 104 Abs. 1 IRSG</span>, vgl. zum Verfahren <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=25&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2016&amp;to_year=2016&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-IV-44%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page44">BGE 136 IV 44</a> E. 1.2 S. 46 f.). In der Folge unterrichtet der (materiell) nach <span class="artref">Art. 32 StPO</span> zuständige kantonale Richter den Verurteilten über das Verfahren, hört ihn und seinen Rechtsbeistand zur Sache an und entscheidet über die Vollstreckung (<span class="artref">Art. 105 IRSG</span>). Der Richter prüft von Amtes wegen, ob die Voraussetzungen der Vollstreckung gegeben sind, und erhebt die nötigen Beweise (<span class="artref">Art. 106 Abs. 1 IRSG</span>). Sind die Voraussetzungen erfüllt, so erklärt der Richter den Entscheid für vollstreckbar und trifft die für die Vollstreckung erforderlichen Anordnungen (<span class="artref">Art. 106 Abs. 2 IRSG</span>). Der Entscheid hat in Form eines <a name="page173"></a><div class="center pagebreak">BGE 142 IV 170 S. 173</div>begründeten Urteils zu erfolgen (<span class="artref">Art. 106 Abs. 3 Satz 1 IRSG</span>). Das kantonale Recht stellt ein Rechtsmittel zur Verfügung (<span class="artref">Art. 106 Abs. 3 Satz 2 IRSG</span>).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp428384"></a><span class="bold" id="consideration_1.3.2">1.3.2 </span>Vorliegend hat die Vorinstanz in erster und einziger Instanz über das Exequaturbegehren entschieden. Dies widerspricht <span class="artref">Art. 106 Abs. 3 Satz 2 IRSG</span> und <span class="artref">Art. 80 Abs. 2 BGG</span>, welche einen zweistufigen kantonalen Instanzenzug verlangen (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=25&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2016&amp;to_year=2016&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-IV-44%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page44">BGE 136 IV 44</a> E. 1.4 S. 48). Es liegt kein Fall einer gesetzlichen Ausnahme (im Sinne von <span class="artref">Art. 80 Abs. 2 Satz 3 BGG</span>) vor; vielmehr stellt <span class="artref">Art. 106 Abs. 3 Satz 2 IRSG</span> die lex specialis dar für den Rechtsweg im Exequaturverfahren. Der doppelte kantonale Instanzenzug dient nicht nur dem Rechtsschutz der betroffenen Personen, sondern auch der Entlastung des Bundesgerichtes (Urteil 1B_467/2013 vom 13. Januar 2014 E. 3.3). </div> <div class="paraatf">An den klaren gesetzlichen Vorgaben zum Ablauf des Exequaturverfahrens gemäss Art. 105 f. IRSG hat sich mit Inkrafttreten der StPO per 1. Januar 2011 nichts geändert (OMAR ABO YOUSSEF, in: Basler Kommentar, Internationales Strafrecht, 2015, N. 18 ff. zu <span class="artref">Art. 106 IRSG</span>; STEFAN HEIMGARTNER, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung [StPO], Donatsch/Hansjakob/Lieber[Hrsg.], 2. Aufl. 2014, N. 7 f. zu <span class="artref">Art. 55 StPO</span>; ROBERT ZIMMERMANN, La coopération judiciaire internationale en matière pénale, 4. Aufl. 2014, Rz. 769; CAMILLE PERRIER DEPEURSINGE, Code de procédure pénale suisse [CPP] annoté, 2015, S. 67 zu <span class="artref">Art. 55 StPO</span>;a.M. HORST SCHMITT, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 5 f. zu <span class="artref">Art. 55 StPO</span>; JEANNERET/KUHN, Précis de procédure pénale, 2013, S. 206 N. 11007; MOREILLON/PAREIN-REYMOND, CPP, Code de procédure pénale, 2013, N. 10 f. zu <span class="artref">Art. 55 StPO</span>; NIKLAUS SCHMID, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, N. 5 zu <span class="artref">Art. 55 StPO</span>; <i>derselbe</i>, Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 2. Aufl. 2013, N. 505; NIKLAUS OBERHOLZER, Grundzüge des Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2012, S. 89 Rz. 236; MOREILLON/CRUCHET/REYMOND, in: Commentaire romand, Code de procédure pénale suisse, 2011, N. 2 zu <span class="artref">Art. 55 StPO</span>; PIQUEREZ/MACALUSO, Procédure pénale suisse, 3. Aufl. 2011, N. 933; PAOLO BERNASCONI, in: Commentario, Codice svizzero di procedura penale [CPP], 2010, N. 13 zu Art. 55StPO; FELIX BÄNZIGER, in: Kommentierte Textausgabe zur Schweizerischen Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007, Goldschmid/Maurer/Sollberger [Hrsg.], 2008, S. 45 zu <span class="artref">Art. 55 StPO</span>). Zwar ist <a name="page174"></a><div class="center pagebreak">BGE 142 IV 170 S. 174</div>in <span class="artref">Art. 55 Abs. 4 StPO</span> festgehalten, dass die Beschwerdeinstanz zuständig ist, wenn das Bundesrecht Aufgaben der (internationalen) Rechtshilfe einer richterlichen Behörde zuweist. Die Strafrechtliche Abteilung des Bundesgerichts sprach sich gestützt darauf wiederholt für eine Zuständigkeit der Beschwerdeinstanz aus, allerdings ohne sich zum Spannungsverhältnis zwischen <span class="artref">Art. 55 Abs. 4 StPO</span> und <span class="artref">Art. 106 Abs. 3 Satz 2 IRSG</span> zu äussern (vgl. Urteile 6B_741/2012 vom 5. September 2013 E. 1 und 6B_300/2013 vom 3. Juni 2013 E. 1). <span class="artref">Art. 55 Abs. 4 StPO</span> gilt jedoch nicht absolut. Denn die Gewährung der internationalen Rechtshilfe und das Rechtsmittelverfahren richten sich gemäss <span class="artref">Art. 54 StPO</span> nur so weit nach der StPO, als andere Gesetze des Bundes und völkerrechtliche Verträge dafür keine Bestimmungen enthalten. Die Bestimmungen des IRSG gehen der Regelung von <span class="artref">Art. 55 Abs. 4 StPO</span> demnach vor (vgl. auch Botschaft vom 21. Dezember 2005 zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts, BBI 2006 1147 Ziff. 2.2.5). Weder der StPO noch der Botschaft lässt sich entnehmen, dass der Gesetzgeber vom zweistufigen kantonalen Instanzenzug im Exequaturverfahren nach Art. 105 f. IRSG hätte abweichen wollen (Urteil 1B_467/2013 vom 13. Januar 2014 E. 3.3).</div> <div class="paraatf">Der Entscheid über das Exequaturbegehren hätte sodann gemäss <span class="artref">Art. 106 Abs. 3 Satz 1 IRSG</span> nicht in Form eines Beschlusses, sondern in Form eines begründeten Urteils erfolgen müssen. Damit ist zugleich klar, dass als Rechtsmittel gegen den erstinstanzlichen Exequaturentscheid nur die Berufung in Frage kommt (<span class="artref">Art. 398 Abs. 1 StPO</span>; ABO YOUSSEF, a.a.O., N. 14, 18 und 26 zu <span class="artref">Art. 106 IRSG</span>; RIEDO/FIOLKA/NIGGLI, Strafprozessrecht sowie Rechtshilfe in Strafsachen, 2011, Rz. 3890).</div> <div class="paraatf">Indem es die Vorinstanz unterliess, den Beschwerdeführer und seinen Rechtsbeistand vor dem Entscheid anzuhören, verstiess sie zudem gegen <span class="artref">Art. 105 IRSG</span> und verletzte dessen Anspruch auf rechtliches Gehör. (...)</div> </div></body></html>