<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 88 S.373</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">373</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>88</b></span> <span class="ft3"><b>Vorübergehende Einstellung im Beruf als Notar.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts (Erw. I).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Keine Verjährung der Disziplinarsanktionen gegen Notare (Erw. II/1).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Eine befristete Einstellung im Beruf ist gerechtfertigt bei wider-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sprüchlicher Vertragsgestaltung mit teilweise unwahren Angaben so-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>wie massiver Verletzung der Aufklärungspflicht anlässlich der Beur-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>kundung eines Grundstückkaufvertrags, jedenfalls wenn dadurch ei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ner Vertragspartei grosser Schaden entstehen könnte (Erw. II/ 3-6).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Bei einer vorübergehenden Einstellung im Beruf ist die Publikation</b></span><br/> <span class="ft3"><b>im Amtsblatt (§ 45 Abs. 1 NO) unverhältnismässig (Erw. II/7).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">374</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 11. Dezember 2002 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen Notar X. gegen Entscheid des Regierungsrats.</span><br/> <br/> <span class="ft2"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">I/1. Die Notariatsordnung, ein Dekret des Grossen Rates (§ 78</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 KV), regelt die Zuständigkeit des Regierungsrats zur Ausfäl-</span><br/> <span class="ft1">lung von Disziplinarstrafen und -massnahmen (§ 43 NO), nicht aber</span><br/> <span class="ft1">allfällige Rechtsmittel gegen dessen Entscheide.</span><br/> <span class="ft1">2. Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts fallen der</span><br/> <span class="ft1">Entzug des Patentes und die vorübergehende Einstellung im Beruf</span><br/> <span class="ft1">als Disziplinarstrafen gegenüber Notaren nicht unter § 52 Ziff. 8</span><br/> <span class="ft1">VRPG (Beschwerden betreffend Entzug oder Änderung einer Bewil-</span><br/> <span class="ft1">ligung), sondern als disziplinarische Verfügung gegenüber einem</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Beamten unter § 55 VRPG (AGVE 1971, S. 300;</span><br/> <span class="ft1">Michael Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren</span><br/> <span class="ft1">nach dem aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege</span><br/> <span class="ft1">[Kommentar zu den §§ 38-72 VRPG], Diss. Zürich 1998, § 55 N 26).</span><br/> <span class="ft1">Mit dem am 1. April 2001 in Kraft getretenen Personalgesetz wurde</span><br/> <span class="ft1">§ 55 VRPG aufgehoben (§ 50 Abs. 2 PersG), wobei die Auswirkun-</span><br/> <span class="ft1">gen bezüglich der nicht dem Personalgesetz unterstehenden Perso-</span><br/> <span class="ft1">nenkategorien übersehen wurden (vgl. Botschaft des Regierungsrats</span><br/> <span class="ft1">vom 19. Mai 1999, S. 32 f.). Da auch eine übergangsrechtliche</span><br/> <span class="ft1">Regelung fehlt, lässt sich die Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts</span><br/> <span class="ft1">zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde nicht auf § 55 VRPG</span><br/> <span class="ft1">stützen.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 52 Ziff. 20 VRPG beurteilt das Verwaltungsgericht</span><br/> <span class="ft1">Beschwerden gegen letztinstanzliche Entscheide der Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">behörden betreffend Anordnungen im Einzelfall, bei denen Art. 6</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 1 EMRK einen Anspruch auf richterliche Überprüfung gewährt</span><br/> <span class="ft1">und weder im Kanton noch im Bund eine konventionsgemässe</span><br/> <span class="ft1">richterliche Prüfung besteht. Disziplinarstrafen, welche die befristete</span><br/> <span class="ft1">Einstellung in der Berufsausübung oder den Entzug der entspre-</span><br/> <span class="ft1">chenden Bewilligung zum Inhalt haben, gelten als zivilrechtliche</span><br/> <span class="ft1">Verfahren im Sinne von Art. 6 EMRK, die Anspruch auf richterliche</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">375</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Überprüfung geben (vgl. BGE 126 I 230 f.; 123 I 88). Da auf Bun-</span><br/> <span class="ft1">desebene lediglich die staatsrechtliche Beschwerde zur Verfügung</span><br/> <span class="ft1">steht (vgl. dazu BGE 123 I 90), sind die Voraussetzungen von § 52</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 20 VRPG gegeben. Auf die Beschwerde ist somit grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">einzutreten. Dabei überprüft das Verwaltungsgericht die Sachver-</span><br/> <span class="ft1">haltsfeststellung und die Rechtsanwendung, nicht aber die Handha-</span><br/> <span class="ft1">bung des Ermessens, ausser bei Ermessensüberschreitung (§ 56</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">II/1. a) Der Beschwerdeführer macht geltend, Disziplinarsachen</span><br/> <span class="ft1">unterlägen der Verjährung, selbst wenn sich im aargauischen Recht</span><br/> <span class="ft1">keine entsprechende Bestimmung finde. Eine fünfjährige Ver-</span><br/> <span class="ft1">jährungsfrist erscheine adäquat.</span><br/> <span class="ft1">b) Das Verwaltungsgericht hat demgegenüber festgehalten, im</span><br/> <span class="ft1">Gegensatz zum Strafrecht gelte im Disziplinarverfahren das Oppor-</span><br/> <span class="ft1">tunitätsprinzip. Dies erlaube es, stets zu prüfen, ob nach allen Um-</span><br/> <span class="ft1">ständen eine Sanktion noch nötig und angemessen sei; in diesem</span><br/> <span class="ft1">Rahmen sei auch der Zeitablauf zu würdigen (AGVE 1971, S. 303;</span><br/> <span class="ft1">vgl. auch Werner Dubach, Das Disziplinarrecht der freien Berufe, in:</span><br/> <span class="ft1">ZSR 70/1951, S. 44a ff. mit Hinweisen auf die Praxis des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts). Daraus hat es geschlossen, dass es keiner Verjährungsvor-</span><br/> <span class="ft1">schriften bedürfe, und darauf hingewiesen, wenn beispielsweise die</span><br/> <span class="ft1">Aufsichtsbehörde berechtigtermassen den Ausgang eines Strafver-</span><br/> <span class="ft1">fahrens abwarte, käme es einer ungerechtfertigten Bevorzugung</span><br/> <span class="ft1">gleich, wenn danach die Verjährung der Ausfällung einer Diszipli-</span><br/> <span class="ft1">narstrafe entgegenstünde. Dementsprechend wurde eine Disziplinar-</span><br/> <span class="ft1">sanktion als zulässig erachtet, obwohl seit den letzten Verfehlungen</span><br/> <span class="ft1">des Notars mehr als sieben Jahre verstrichen waren (AGVE 1971,</span><br/> <span class="ft1">S. 303).</span><br/> <span class="ft1">c) In der Zwischenzeit wurde in § 27 AnwG für disziplinarische</span><br/> <span class="ft1">Verfehlungen von Anwälten eine Verjährungsfrist von fünf Jahren</span><br/> <span class="ft1">eingeführt, die durch die Einleitung eines Disziplinarverfahrens un-</span><br/> <span class="ft1">terbrochen wird und die während eines Straf- oder Zivilprozesses,</span><br/> <span class="ft1">der sich auf den gleichen Tatbestand bezieht, ruht. Nach dem auf</span><br/> <span class="ft1">eidgenössischer Ebene neu eingeführten Bundesgesetz über die Frei-</span><br/> <span class="ft1">zügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (BGFA; SR 935.61) vom</span><br/> <span class="ft1">23. Juni 2000 beträgt die relative Verjährungsfrist ein Jahr und wird</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">376</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">durch jede Untersuchungshandlung der Aufsichtsbehörde unterbro-</span><br/> <span class="ft1">chen; die absolute Verjährungsfrist endet zehn Jahre nach dem</span><br/> <span class="ft1">beanstandeten Vorfall. Stellt die Verletzung der Berufsregeln gleich-</span><br/> <span class="ft1">zeitig eine strafbare Handlung dar, so gilt die vom Strafrecht dafür</span><br/> <span class="ft1">vorgesehene längere Verjährungsfrist (Art. 19 BGFA).</span><br/> <span class="ft1">Diese Regelungen haben aber keine direkten Auswirkungen auf</span><br/> <span class="ft1">die Auslegung der NO. Wenn die NO keine Verjährungsbestim-</span><br/> <span class="ft1">mungen enthält, so nicht, weil die Regelung angeblich vergessen</span><br/> <span class="ft1">wurde, sondern weil man beim Erlass Verjährungsbestimmungen für</span><br/> <span class="ft1">unnötig bzw. unangemessen hielt (vgl. Dubach, a.a.O.). Die letzte</span><br/> <span class="ft1">Änderung der NO (betreffend § 46 ff.) erfolgte mit Dekret vom</span><br/> <span class="ft1">16. März 1993, also lange nach Erlass des Anwaltsgesetzes. Dass</span><br/> <span class="ft1">damals keine Verjährungsbestimmungen aufgenommen wurden, ist</span><br/> <span class="ft1">ein Entscheid des Gesetz- bzw. Dekretsgebers, der nur dann umge-</span><br/> <span class="ft1">stossen werden könnte, wenn höheres Recht zwingend die Einfüh-</span><br/> <span class="ft1">rung der Verjährung erforderte (vgl. auch Benno Georg Frey, Notari-</span><br/> <span class="ft1">atsrecht im Kanton Aargau, Diss. Freiburg 1992, S. 165, der eine</span><br/> <span class="ft1">Änderung mittels Gesetzesrevision befürwortet). Dies ist indessen</span><br/> <span class="ft1">nicht der Fall. § 78a VRPG regelt einzig die Verjährung öffentlich-</span><br/> <span class="ft1">rechtlicher Forderungen. Gleicherweise bezeichnen Ulrich Häfelin/</span><br/> <span class="ft1">Georg Müller (Grundriss des Allgemeinen Verwaltungsrechts,</span><br/> <span class="ft1">4. Auflage, Zürich 2002), auf die sich der Beschwerdeführer beruft,</span><br/> <span class="ft1">die Verjährung von verwaltungsrechtlichen Pflichten und Rechten als</span><br/> <span class="ft1">anerkannten allgemeinen Rechtsgrundsatz (Rz. 778), allerdings mit</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmen im Bereich der Polizeigüter (Rz. 783), und bei den dis-</span><br/> <span class="ft1">ziplinarischen Massnahmen erwähnen sie nicht die Verjährung, wohl</span><br/> <span class="ft1">aber die Verhältnismässigkeit, inkl. Opportunitätsprinzip, die den</span><br/> <span class="ft1">Verzicht auf die Verhängung einer Disziplinarmassnahme erheischen</span><br/> <span class="ft1">könne (Rz. 1205).</span><br/> <span class="ft1">d) Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass keine Verjäh-</span><br/> <span class="ft1">rung eingetreten ist und somit sämtliche dem angefochtenen Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid zugrunde liegenden Vorwürfe gegenüber dem Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer materiell zu prüfen sind.</span><br/> <span class="ft1">3. a) § 43 Abs. 1 NO sieht Disziplinarstrafen vor gegenüber</span><br/> <span class="ft1">Notaren, die "den Vorschriften der Notariatsordnung oder gesetzli-</span><br/> <span class="ft1">chen Bestimmungen" zuwiderhandeln. Damit sind anerkanntermas-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">377</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sen, über den zu engen Wortlaut hinaus, sowohl Verstösse gegen</span><br/> <span class="ft1">technische Beurkundungsvorschriften als auch solche gegen die all-</span><br/> <span class="ft1">gemeinen Berufs- und Standespflichten gemeint, wobei es sich bei</span><br/> <span class="ft1">beiden Kategorien neben geschriebenem auch um ungeschriebenes</span><br/> <span class="ft1">Recht handeln kann; zu beachten sind insbesondere auch die Stan-</span><br/> <span class="ft1">desregeln der Berufsorganisation (vorliegend die Standesregeln der</span><br/> <span class="ft1">Aargauischen Notariatsgesellschaft vom 21. November 1957/26. Au-</span><br/> <span class="ft1">gust 1982 [aStR ANG], seither abgelöst durch diejenigen vom 8. De-</span><br/> <span class="ft1">zember 1998 [StR ANG]), die innerhalb des Berufsbereichs allge-</span><br/> <span class="ft1">meine Geltung beanspruchen (zum Ganzen vgl. BGE 106 Ia 107;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1971, S. 301; Christian Brückner, Schweizerisches Beurkun-</span><br/> <span class="ft1">dungsrecht, Zürich 1993, Rz. 3548 ff.).</span><br/> <span class="ft1">b) Im Einzelnen geht es namentlich um die folgenden Pflichten,</span><br/> <span class="ft1">deren Verletzung durch den Beschwerdeführer in Frage steht.</span><br/> <span class="ft1">aa) Der Notar soll durch angemessenes Befragen den wahren</span><br/> <span class="ft1">Willen der Parteien erforschen und ihn in der Urkunde vollständig</span><br/> <span class="ft1">und mit unzweideutigen Worten wiedergeben (§ 30 NO). Er hat eine</span><br/> <span class="ft1">Ermittlungs- und Prüfungspflicht im Vorverfahren vor dem eigentli-</span><br/> <span class="ft1">chen Beurkundungsakt (Bundesgericht, in: ZBGR 81/2000, S. 62</span><br/> <span class="ft1">[die Ausführungen gelten nicht nur für das konkrete kantonale Recht,</span><br/> <span class="ft1">sondern allgemein; vgl. Bemerkung der Redaktion, S. 64]; BGE 125</span><br/> <span class="ft1">III 135; Brückner, a.a.O., Rz. 1671 ff.).</span><br/> <span class="ft1">bb) Der Notar ist zur Unparteilichkeit verpflichtet, er hat die</span><br/> <span class="ft1">Interessen der Beteiligten gleichmässig und unparteiisch zu wahren</span><br/> <span class="ft1">(Brückner, a.a.O., Rz. 895 ff.). Zur Interessenwahrung gehört auch,</span><br/> <span class="ft1">dass er die ihm übertragenen Geschäfte innert nützlicher Zeit erledigt</span><br/> <span class="ft1">(Verwaltungsgericht Bern, in: ZBGR 81/2000, S. 397; Brückner,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., S. 919).</span><br/> <span class="ft1">cc) Das Gebot zur Unparteilichkeit schliesst indessen nicht aus,</span><br/> <span class="ft1">dass dem Notar auch auferlegt ist, die Vertragsparteien, namentlich</span><br/> <span class="ft1">wenn sie unbeholfen sind, vor Unbedacht zu schützen (Brückner,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Rz. 886 ff.). Letzteres geschieht durch Rechtsbelehrung.</span><br/> <span class="ft1">Deren Umfang richtet sich primär nach den Kenntnissen der Betei-</span><br/> <span class="ft1">ligten. Soweit es um die Aufklärung über den Inhalt des zu verur-</span><br/> <span class="ft1">kundenden Rechtsgeschäfts, dessen rechtliche Ausgestaltung und</span><br/> <span class="ft1">dessen Rechtsfolgen (bei Grundstückgeschäften insbesondere auch</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">378</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">im Zusammenhang mit dem Grundbuchrecht) geht, ist die Belehrung</span><br/> <span class="ft1">unverzichtbar (ZBGR 81/2000, S. 62, 398 ff.; Kantonsgericht</span><br/> <span class="ft1">Graubünden, in: ZBGR 82/2001, S. 288 f.; Brückner, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 1221, 1725 ff.).</span><br/> <span class="ft1">dd) Der Notar ist für die Richtigkeit der von ihm bezeugten Tat-</span><br/> <span class="ft1">sachen verantwortlich (§ 5 EG ZGB; vgl. auch § 29 Abs. 1 NO; BGE</span><br/> <span class="ft1">125 III 135; Brückner, a.a.O., Rz. 1078 ff.). Seine Wahrheitspflicht</span><br/> <span class="ft1">erfüllt er, indem er durch pflichtgemässe Sachverhaltsermittlung</span><br/> <span class="ft1">wahre Informationen schafft (siehe dazu auch vorne Erw. aa) und</span><br/> <span class="ft1">durch genaue Beurkundung dieser Informationen eine wahre Ur-</span><br/> <span class="ft1">kunde erstellt (BGE 121 IV 187 ff. = Pra 85/1996, S. 536 ff.; Brück-</span><br/> <span class="ft1">ner, a.a.O., Rz. 1081). Auf (unübliche) verbleibende Ungewissheiten</span><br/> <span class="ft1">tatbeständlicher Natur muss er ausdrücklich hinweisen, und er muss</span><br/> <span class="ft1">auf die Beurkundung verzichten, wenn dadurch ein falscher Schein</span><br/> <span class="ft1">amtlich geprüfter Gültigkeit entstehen könnte (Brückner, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 1089 ff.).</span><br/> <span class="ft1">ee) Es gehört zu den Pflichten des Notars, inhaltlich klare und</span><br/> <span class="ft1">widerspruchsfreie Urkunden zu erstellen. Unklare Formulierungen,</span><br/> <span class="ft1">selbst wenn die Parteien sie verwenden und gar wünschen, gehören</span><br/> <span class="ft1">nicht in die Urkunde (§ 30 NO; ZBGR 81/2000, S. 62).</span><br/> <span class="ft1">ff) Zu den Berufs- und Standesregeln gehört, dass der Notar,</span><br/> <span class="ft1">allgemein ausgedrückt, bei seiner Tätigkeit die Würde und das Anse-</span><br/> <span class="ft1">hen des Notariatsstandes wahren soll (Brückner, a.a.O., Rz. 3560 ff.).</span><br/> <span class="ft1">Konkretisiert wird dies etwa durch die Forderungen (die ihrerseits</span><br/> <span class="ft1">auch relativ unbestimmt sind), er habe bei seiner Tätigkeit seiner</span><br/> <span class="ft1">besonderen Vertrauensstellung Rechnung zu tragen, die ihm erteilten</span><br/> <span class="ft1">Aufträge nach bestem Wissen und Gewissen zu bearbeiten, das</span><br/> <span class="ft1">Recht, die guten Sitten und Treu und Glauben zu beachten und in</span><br/> <span class="ft1">seinen Äusserungen sachlich und korrekt zu sein (Art. 2, 3, 5 aStR</span><br/> <span class="ft1">ANG; Art. 2, 3, 5 StR ANG). Gegenüber seinen Kollegen soll er sich</span><br/> <span class="ft1">weder herabwürdigend noch unsachlich oder schikanös verhalten</span><br/> <span class="ft1">(Art. 20 aStR ANG; Art. 16 StR ANG).</span><br/> <span class="ft1">5. b) aa) Ziff. II/1 und 2 der Vertragsbestimmungen über die</span><br/> <span class="ft1">Tilgung des Kaufpreises sind in sich widersprüchlich; es kann nicht</span><br/> <span class="ft1">ein Kaufpreis von Fr. 380'000.-- durch Übernahme einer Grund-</span><br/> <span class="ft1">pfandschuld in Höhe von Fr. 430'000.-- bezahlt werden. Im Zusam-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">379</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">menhang mit Ziff. II/3 kann Ziff. II/2 zur Not so interpretiert werden,</span><br/> <span class="ft1">dass damit die Grundpfandschuld von <i>zurzeit noch</i> nominell und</span><br/> <span class="ft1">effektiv Fr. 430'000.-- gemeint war. Unsinnig war die in Ziff. II/3</span><br/> <span class="ft1">vorgesehene Möglichkeit der Verkäuferin, die Schuldsumme auf</span><br/> <span class="ft1">weniger als Fr. 380'000.-- zu reduzieren, da dann Ziff. II/2 nicht</span><br/> <span class="ft1">mehr gestimmt hätte. Eindeutig falsch ist die Aussage in Ziff. II/3,</span><br/> <span class="ft1">dass die Verkäuferin bei Vertragsunterzeichnung einen Beleg der</span><br/> <span class="ft1">Grundpfandgläubigerin über die Reduktion der Schuldsumme vor-</span><br/> <span class="ft1">lege. Der Beschwerdeführer wusste bei der Beurkundung, dass dies</span><br/> <span class="ft1">nicht zutraf. (...). Statt den fertigen Vertragsentwurf dem aktuellen</span><br/> <span class="ft1">Sachverhalt anzupassen oder sogar die Beurkundung zu verweigern</span><br/> <span class="ft1">(siehe dazu hinten Erw. cc), beliess er es jedoch bei der wahrheits-</span><br/> <span class="ft1">widrigen Formulierung und vertraute auf die Zusicherung der Partei-</span><br/> <span class="ft1">en, dass alles in Ordnung komme; die gute äusserliche Form des</span><br/> <span class="ft1">Vertrags war ihm wichtiger als die inhaltliche Genauigkeit und Wi-</span><br/> <span class="ft1">derspruchsfreiheit. Die Formulierung von Ziff. II widerspricht damit</span><br/> <span class="ft1">in eklatanter Weise der Wahrheits- und der Klarheitspflicht.</span><br/> <span class="ft1">bb) Die Umschreibung des Kaufobjekts (Bezeichnung der dazu</span><br/> <span class="ft1">gehörenden Nebenräume; ausschliessliches Benutzungsrecht be-</span><br/> <span class="ft1">stimmter Gartenabteile) entsprach nicht der Zuweisung zu den</span><br/> <span class="ft1">Wohneinheiten gemäss der 1990 erfolgten Begründung des Stock-</span><br/> <span class="ft1">werkeigentums. Dies war dem Beschwerdeführer bewusst (Ziff. III/4</span><br/> <span class="ft1">der Vertragsbestimmungen: "teils entgegen Grundbuchbeschrieb").</span><br/> <span class="ft1">Es musste ihm auch klar sein, dass der von ihm beurkundete Vertrag</span><br/> <span class="ft1">grundbuchlich</span> <span class="ft1">nicht</span> <span class="ft1">vollzogen</span> <span class="ft1">werden</span> <span class="ft1">würde,</span> <span class="ft1">bevor</span> <span class="ft1">die</span><br/> <span class="ft1">Begründungsurkunde und das Reglement geändert waren; ob die</span><br/> <span class="ft1">Änderung überhaupt möglich sein würde, hing nicht allein von der</span><br/> <span class="ft1">Verkäuferin, sondern von sämtlichen Stockwerkeigentümern ab und</span><br/> <span class="ft1">war deshalb völlig ungewiss. Trotzdem vertraute der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer auch hier pflichtwidrig auf die Zusicherung, wonach diese</span><br/> <span class="ft1">Änderung kein Problem sei, und wies die Parteien darauf hin, dass er</span><br/> <span class="ft1">den Vertrag erst dann dem Grundbuch anmelden werde, wenn die</span><br/> <span class="ft1">Änderung der Begründungsurkunde und des Reglements tatsächlich</span><br/> <span class="ft1">erfolgt sei und die entsprechenden Schriftstücke vorlägen. Dieses</span><br/> <span class="ft1">Vorgehen hängt wohl mit dem anlässlich der Beurkundung vom</span><br/> <span class="ft1">12. August 1994 bestehenden Druck zusammen, das Geschäft abzu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">380</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schliessen, liesse sich aber nur rechtfertigen, wenn der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer die Parteien genau, konkret und eindringlich über die mögli-</span><br/> <span class="ft1">chen Folgen dieser Vorgehensweise aufgeklärt hätte (siehe dazu den</span><br/> <span class="ft1">nachstehenden Absatz). Dies gilt umso mehr, als durch eine entspre-</span><br/> <span class="ft1">chende Vertragsgestaltung dieser Unsicherheit hätte Rechnung ge-</span><br/> <span class="ft1">tragen werden können (siehe dazu hinten Erw. cc). Bei der Beteue-</span><br/> <span class="ft1">rung des Beschwerdeführers, er habe ohnehin davon ausgehen dür-</span><br/> <span class="ft1">fen, dass das Geschäft klappe, bei der Beurkundung sei nicht klar</span><br/> <span class="ft1">gewesen, dass Schwierigkeiten bestünden, handelt es sich schliess-</span><br/> <span class="ft1">lich, um das Bundesgericht zu zitieren, um eine "hypothèse (qui)</span><br/> <span class="ft1">n'est qu'une spéculation hasardeuse sur des faits futurs" (BGE 121 IV</span><br/> <span class="ft1">189).</span><br/> <span class="ft1">In allererster Linie ging es den Käufern sicher darum, das Ei-</span><br/> <span class="ft1">gentum an der Wohnung zu erwerben. Der Beschwerdeführer wies</span><br/> <span class="ft1">die Parteien zwar darauf hin, dass ohne vorgängige Anpassung der</span><br/> <span class="ft1">Begründungsurkunde und des Reglements der Vertrag beim Grund-</span><br/> <span class="ft1">buch nicht angemeldet werden könne; er hätte aber keinesfalls blind-</span><br/> <span class="ft1">lings davon ausgehen dürfen, dass die - in Fragen des Grundstück-</span><br/> <span class="ft1">kaufs unstreitig nicht bewanderten - Käufer realisierten, dass damit</span><br/> <span class="ft1">der Eigentumserwerb trotz unterzeichnetem und beurkundetem Ver-</span><br/> <span class="ft1">trag in der Luft hing. Er machte selber nicht geltend, dass er sie je</span><br/> <span class="ft1">klar und unmissverständlich auf die grossen Risiken hingewiesen</span><br/> <span class="ft1">hätte, die sie eingingen (ohne Änderung der Begründungsurkunde</span><br/> <span class="ft1">und des Reglements - worauf die Käufer keinen Einfluss hatten -</span><br/> <span class="ft1">kein Grundbucheintrag und damit kein Eigentumserwerb; beim</span><br/> <span class="ft1">Scheitern der vorgesehenen Änderungen Notwendigkeit, einen neuen</span><br/> <span class="ft1">Vertrag mit allen damit verbundenen Unsicherheiten zu schliessen).</span><br/> <span class="ft1">Vielmehr genügte ihm sein "Eindruck", die Käufer seien mit dieser</span><br/> <span class="ft1">Ungewissheit zufrieden. Gerade wenn für die unerfahrenen Käufer</span><br/> <span class="ft1">andere, objektiv weniger gewichtige Anliegen im Vordergrund stan-</span><br/> <span class="ft1">den (Abstellplatz, Wohnungsvorplatz), war es die ureigene Aufgabe</span><br/> <span class="ft1">des Notars, Klarheit über die ihnen zu wenig bewussten <i>grossen</i></span><br/> <span class="ft1">Probleme und Risiken zu schaffen (ZBGR 82/2001, S. 289).</span><br/> <span class="ft1">cc) Der Schluss im angefochtenen Entscheid, bei dieser Sach-</span><br/> <span class="ft1">lage hätte der Beschwerdeführer die Parteien gar nicht zur Stipula-</span><br/> <span class="ft1">tion einladen dürfen, sondern er hätte die Beurkundung verweigern</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">381</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">und den Parteien Alternativvorschlage (am ehesten den Abschluss</span><br/> <span class="ft1">eines Vorvertrags mit Mietvertrag) unterbreiten müssen, ist nicht</span><br/> <span class="ft1">absolut zwingend. Auf Grund der dem Beschwerdeführer bekannten</span><br/> <span class="ft1">Tatsachen hätte Ziff. II des Vertrages etwa lauten können: (...)</span><br/> <span class="ft1">Auf diese Art wäre der Vertrag nicht tatsachenwidrig formuliert</span><br/> <span class="ft1">gewesen und es hätte sich (verbunden mit der unerlässlichen,</span><br/> <span class="ft1">eingehenden Erläuterung durch den Notar) sicherstellen lassen, dass</span><br/> <span class="ft1">sich die Parteien, namentlich die Käufer, in voller Kenntnis des ein-</span><br/> <span class="ft1">zugehenden Risikos zum Vertragsschluss - oder eben zum Verzicht</span><br/> <span class="ft1">darauf, allenfalls mit der Aufforderung, der Notar solle einen Alter-</span><br/> <span class="ft1">nativvorschlag vorlegen - hätten entschliessen können.</span><br/> <span class="ft1">f) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer bei der Behandlung des vorliegenden Geschäfts in</span><br/> <span class="ft1">massiver Weise gegen seine spezifischen Berufspflichten (Wahrheit</span><br/> <span class="ft1">und Klarheit des stipulierten Vertrags, Rechtsbelehrung zum Schutz</span><br/> <span class="ft1">der Käufer; Erledigungspflicht) verstossen hat. Sein Verhalten gegen-</span><br/> <span class="ft1">über den Käufern, namentlich nachdem er die verursachten Schwie-</span><br/> <span class="ft1">rigkeiten nicht beheben konnte, verstiess erheblich gegen die Forde-</span><br/> <span class="ft1">rung, bei seiner Tätigkeit die Würde und das Ansehen des Notariats-</span><br/> <span class="ft1">standes zu wahren, ebenso, in geringerem Mass, sein wenig kollegia-</span><br/> <span class="ft1">les Verhalten gegenüber dem Anwalt der Käufer. Der Vorwurf der</span><br/> <span class="ft1">Parteilichkeit hingegen entfällt. Soweit ihm ein Verstoss gegen allge-</span><br/> <span class="ft1">meine Pflichten im genannten Rahmen vorgeworfen wird, wird das</span><br/> <span class="ft1">Erfordernis einer gesetzlichen Grundlage für eine Disziplinierung</span><br/> <span class="ft1">nicht verletzt (vgl. BGE 108 Ia 319).</span><br/> <span class="ft1">6. a) Als Disziplinarstrafen sieht § 43 Abs. 1 NO Verweis, Busse</span><br/> <span class="ft1">bis Fr. 200.--, vorübergehende Einstellung im Beruf bis auf drei</span><br/> <span class="ft1">Monate und Patententzug, als Disziplinarmassnahme § 43 Abs. 2 NO</span><br/> <span class="ft1">den Patententzug wegen Unfähigkeit vor.</span><br/> <span class="ft1">b) Disziplinarstrafen müssen verhältnismässig sein. Wesentlich</span><br/> <span class="ft1">sind insbesondere die objektive und subjektive Schwere des Regel-</span><br/> <span class="ft1">verstosses und der berufliche Leumund. Es darf auch berücksichtigt</span><br/> <span class="ft1">werden, welche Strafe erforderlich erscheint, um den Fehlbaren</span><br/> <span class="ft1">voraussichtlich von künftigen Verstössen abzuhalten.</span><br/> <span class="ft1">c) (...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">382</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">d) Es erstaunt, wie leger und ohne jegliche Selbstzweifel sich</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer über grundlegende Anforderungen seines</span><br/> <span class="ft1">Berufs hinweggesetzt hat. Seinen Einlassungen ist klar zu entneh-</span><br/> <span class="ft1">men, dass er auch sonst in gleicher Weise vorzugehen pflegte. Auch</span><br/> <span class="ft1">an der Ernsthaftigkeit seiner Beteuerungen, er gehe heute bei der</span><br/> <span class="ft1">Vertragsgestaltung und im Umgang mit Berufskollegen anders vor,</span><br/> <span class="ft1">bestehen angesichts der Art und Weise der Beantwortung der ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechenden Frage und seiner übrigen Einlassungen Zweifel. Es ist</span><br/> <span class="ft1">nicht die Aufgabe des Notars, einfach nett zu den Parteien zu sein,</span><br/> <span class="ft1">sich bei der Frage, was diese wollen, vorab auf die eigenen Ein-</span><br/> <span class="ft1">drücke und Gefühle zu verlassen, dabei alles aufzuschreiben, was</span><br/> <span class="ft1">irgendwem wichtig erscheint (vgl. Eingabe vom 1. Februar 2001,</span><br/> <span class="ft1">S. 2) und am Schluss auf ein gutes Ende zu hoffen. Die Parteien, die</span><br/> <span class="ft1">einen Notar aufsuchen, müssen sich vielmehr darauf verlassen kön-</span><br/> <span class="ft1">nen, dass dieser sie fachlich einwandfrei berät, das beste Vorgehen</span><br/> <span class="ft1">vorschlägt und sie keinen unnötigen rechtlichen Unklarheiten und</span><br/> <span class="ft1">Risiken aussetzt. Dass es auch bei prekären Vertragsgestaltungen am</span><br/> <span class="ft1">Ende meistens gut ausgehen mag, vermag den sorglos arbeitenden</span><br/> <span class="ft1">Notar in keiner Weise zu entlasten. Dies gilt vorliegend um so mehr,</span><br/> <span class="ft1">als die Folgen des nicht im Grundbuch eintragungsfähigen Vertrags</span><br/> <span class="ft1">im Falle eines allfälligen Konkurses der Verkäuferin für die Käufer</span><br/> <span class="ft1">fatal gewesen wären, da sie als Nichteigentümer für ihre Schuldüber-</span><br/> <span class="ft1">nahme im Betrag von Fr. 380'000.-- praktisch keinen Gegenwert er-</span><br/> <span class="ft1">halten hätten. Nach Auffassung des Verwaltungsgerichts hat der Re-</span><br/> <span class="ft1">gierungsrat nicht ohne Anlass die Frage aufgeworfen, ob der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer imstande sei, den anspruchsvollen Beruf eines No-</span><br/> <span class="ft1">tars auszuüben.</span><br/> <span class="ft1">Hiervon ausgehend, ist der Regierungsrat nach Auffassung der</span><br/> <span class="ft2"><i>Mehrheit</i> des Gerichts zu Recht zum Schluss gelangt, die befristete</span><br/> <span class="ft1">Einstellung in der Berufsausübung für die Dauer von drei Monaten</span><br/> <span class="ft1">sei verhältnismässig. Nur mit einer solch eindrücklichen Sanktion</span><br/> <span class="ft1">besteht eine wirkliche Aussicht, dass der Beschwerdeführer in sich</span><br/> <span class="ft1">geht, sich auf seine Pflichten als Notar besinnt und soweit nötig auch</span><br/> <span class="ft1">wieder darüber informiert und die ihm vertrauenden Vertragsparteien</span><br/> <span class="ft1">vor derart grossen finanziellen Risiken, wie sie vorliegend auf den</span><br/> <span class="ft1">Käufern lasteten, bewahrt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Disziplinarrecht (Anwälte, Notare)</span> <span class="page_no">383</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Eine <i>Minderheit</i> des Gerichts erblickt in dieser höchstzulässigen</span><br/> <span class="ft1">befristeten Einstellung in der Berufsausübung eine Ermessens-</span><br/> <span class="ft1">überschreitung mit der Begründung, die Vorinstanz habe der seit den</span><br/> <span class="ft1">Verfehlungen des Beschwerdeführers verstrichenen Zeit von mitt-</span><br/> <span class="ft1">lerweile über acht Jahren seit den ersten, vor allem ins Gewicht fal-</span><br/> <span class="ft1">lenden Verfehlungen zu Unrecht keine Rechnung getragen und sach-</span><br/> <span class="ft1">fremd negative Vorfälle ausserhalb dieses Verfahrens und des ersten</span><br/> <span class="ft1">Disziplinarverfahrens zu dessen Lasten gewertet. Die Minderheit des</span><br/> <span class="ft1">Gerichts hätte den Beschwerdeführer in Mitberücksichtigung dieser</span><br/> <span class="ft1">Gründe für die Dauer von einem Monat im Beruf eingestellt.</span><br/> <span class="ft1">7. a) Wie jeder Eingriff in ein Freiheitsrecht muss auch die Pu-</span><br/> <span class="ft1">blikation der befristeten Einstellung im Beruf im Amtsblatt als mög-</span><br/> <span class="ft1">liche Verletzung der persönlichen Freiheit (Art. 10 Abs. 2, Art. 13</span><br/> <span class="ft1">BV; § 15 Abs. 1 und 2 KV) den Voraussetzungen für solche Eingriffe</span><br/> <span class="ft1">genügen (vgl. dazu Art. 36 BV; BGE 128 I 186; 127 I 18; statt vieler:</span><br/> <span class="ft1">Ulrich Häfelin/Walter Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht,</span><br/> <span class="ft1">5. Auflage, Zürich 2001, Rz. 302 ff. mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">b) Mit § 45 Abs. 1 NO ist die gesetzliche Grundlage für eine</span><br/> <span class="ft1">Publikation des befristeten Berufsverbots gegeben; einen derart</span><br/> <span class="ft1">schweren Eingriff, dass er eines im Gesetzgebungsverfahren erlasse-</span><br/> <span class="ft1">nen Rechtssatzes, wie er z.B. bei Verhaftungen und Telefonüberwa-</span><br/> <span class="ft1">chungen notwendig ist, bedürfte (BGE 128 I 186; 125 I 48 f.; Häfe-</span><br/> <span class="ft1">lin/Haller, a.a.O., Rz. 310), stellt die fragliche Publikation nicht dar.</span><br/> <span class="ft1">Selbst wenn nicht feststeht, wie häufig und wie intensiv das Amts-</span><br/> <span class="ft1">blatt gelesen wird, kann der Veröffentlichung im Amtsblatt die Eig-</span><br/> <span class="ft1">nung, den Teil der Bevölkerung zu schützen, der künftig Notariats-</span><br/> <span class="ft1">dienste in Anspruch nimmt, nicht grundsätzlich abgesprochen wer-</span><br/> <span class="ft1">den. Zwar wäre hier mit der Eintragung der verhängten Sanktion in</span><br/> <span class="ft1">ein öffentliches Register, wie dies mit Art. 5 Abs. 2 lit. e BGFA bei</span><br/> <span class="ft1">den Rechtsanwälten eingeführt wurde, bei den Notaren jedoch nicht</span><br/> <span class="ft1">vorgesehen ist, eine zeitgemässere Massnahme denkbar, doch unter-</span><br/> <span class="ft1">scheidet sich diese in ihren Auswirkungen auf das geschützte</span><br/> <span class="ft1">Rechtsgut nicht von der Veröffentlichung im Amtsblatt. Dies gilt um</span><br/> <span class="ft1">so mehr, als auch die Einträge im Anwaltsregister nach der geltenden</span><br/> <span class="ft1">Regelung im Amtsblatt zu publizieren sind (Art. 6 Abs. 3 BGFA; § 1</span><br/> <span class="ft1">lit. a der Vollziehungsverordnung zum Bundesgesetz über die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">384</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte [VVBGFA; SAR</span><br/> <span class="ft1">291.111] vom 31. Oktober 2001).</span><br/> <span class="ft1">c) Andererseits ist zu berücksichtigen, dass die nach § 45 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">NO vorgesehene Einziehung von Stempel und Siegel dem Notar die</span><br/> <span class="ft1">notarielle Tätigkeit faktisch verunmöglicht. Es stellt sich daher die</span><br/> <span class="ft1">Frage, ob eine zusätzliche Bekanntmachung der Einstellung uner-</span><br/> <span class="ft1">lässlich ist, um Umgehungsmöglichkeiten (z.B. zeitliche Verzöge-</span><br/> <span class="ft1">rung des eigentlichen Beurkundungsakts) zu verhindern. Dies trifft</span><br/> <span class="ft1">nach Meinung des Verwaltungsgerichts nicht zu, zumal die Einstel-</span><br/> <span class="ft1">lung im Beruf als Notar die blosse Beratungstätigkeit nicht zu ver-</span><br/> <span class="ft1">hindern vermag.</span><br/> <span class="ft1">Die offizielle Veröffentlichung von Tatsachen, die allgemein als</span><br/> <span class="ft1">negativ und herabsetzend gewertet werden, wird weitgehend als</span><br/> <span class="ft1">"Anprangerung" verstanden (vgl. BGE 107 Ia 57). In der Tat lässt</span><br/> <span class="ft1">sich nicht ernsthaft bezweifeln, dass die Publikation nachhaltige Aus-</span><br/> <span class="ft1">wirkungen auf das berufliche Ansehen des betroffenen Notars haben</span><br/> <span class="ft1">kann, die über die Dauer der zeitlich befristeten Einstellung im Beruf</span><br/> <span class="ft1">hinausgehen. Ob der Publikation noch weitergehend eine Minderung</span><br/> <span class="ft1">des persönlichen Ansehens des Beschwerdeführers und damit ver-</span><br/> <span class="ft1">bunden eine Belastung der Familienangehörigen zuzuschreiben ist,</span><br/> <span class="ft1">ist dagegen fraglich; eine zeitlich befristete Einstellung im Beruf</span><br/> <span class="ft1">deutet objektiv nur auf berufliche Fehlleistungen, nicht auf charak-</span><br/> <span class="ft1">terliche oder persönliche Mängel hin. Doch selbst wenn nur die</span><br/> <span class="ft1">Auswirkungen auf das berufliche Ansehen in Betracht fallen, ist dem</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer beizupflichten, dass das Mittel der Publikation zur</span><br/> <span class="ft1">Erreichung des damit verfolgten Zwecks als unverhältnismässig</span><br/> <span class="ft1">erscheint. Das persönliche Interesse des Betroffenen am Schutz sei-</span><br/> <span class="ft1">ner Persönlichkeit wiegt bei einer nur vorübergehenden Einstellung</span><br/> <span class="ft1">im Beruf schwerer als das Bedürfnis des Publikums an der Bekannt-</span><br/> <span class="ft1">machung von fehlbaren Notaren. Die Publikation dieser Sanktion</span><br/> <span class="ft1">erweist sich damit als verfassungswidrig.</span><br/></div> </div> </body> </html>