<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 60 S.196</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">196</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>60</b></span> <span class="ft2"><b>Zwangsmassnahme, Abgrenzung freiwillige Medikation/ Zwangsmedika-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tion.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Wird jemand gegen seinen Willen behandelt, wenn er vor die Wahl</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gestellt wird, entweder in die Medikation einzuwilligen oder auf den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Ausgang zu verzichten? (Erw. 5/c/bb)</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">197</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Keine gegen die Grundrechtsgarantie verstossende Behandlung,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wenn bei der Motivation eines ambivalenten Patienten zur (medika-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mentösen) Behandlung dessen Selbstbestimmungsrecht und seine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>persönliche Freiheit nicht beeinträchtigt werden (Erw. 5/c/bb/aaa</b></span><br/> <span class="ft2"><b>und bbb).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die Grenze einer sinnvollen und rechtmässigen Überzeugungsarbeit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>für eine freiwillige Medikation wird überschritten, wenn die freie</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Willensbildung des Patienten beeinträchtigt wird, z.B. durch Ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>waltanwendung, Drohung oder Täuschung (analoge Anwendung von</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Art. 28-30 OR) (Erw. 5/c/bb/aaa und bbb).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 24. September 2002 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen F.L. gegen Entscheid der Klinik Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">5.c) bb) Die Beschwerdeführerin willigte am 2. September 2002</span><br/> <span class="ft1">in die verordnete Medikation erst nach langem und intensivem Zure-</span><br/> <span class="ft1">den und unter dem Hinweis, sie erhalte sonst keinen Ausgang, ein.</span><br/> <span class="ft1">Nach Ansicht der Klinik handelte es sich um eine freiwillige Me-</span><br/> <span class="ft1">dikation, weshalb auf den Erlass eines entsprechenden Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft1">nahmen-Entscheids verzichtet wurde. Im Zwangsmassnahmen-Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid bezüglich der Isolation, welche kurz nach der Medikation er-</span><br/> <span class="ft1">folgte, wurde entsprechend darauf hingewiesen, dass keine Zwangs-</span><br/> <span class="ft1">medikation erfolgt sei. Demgegenüber macht die Beschwerdeführe-</span><br/> <span class="ft1">rin geltend, die Medikation - vermutlich insbesondere die Depot-</span><br/> <span class="ft1">Injektion - sei gegen ihren Willen erfolgt. Es stellt sich somit die</span><br/> <span class="ft1">Frage, ob die Beschwerdeführerin dadurch, dass sie vor die Wahl</span><br/> <span class="ft1">gestellt wurde, entweder in die Medikation einzuwilligen oder auf</span><br/> <span class="ft1">den Ausgang zu verzichten, i.S. von § 67e</span><span class="ft6">bis</span> <span class="ft1">Abs. 1 EG ZGB gegen</span><br/> <span class="ft1">ihren Willen behandelt worden sei.</span><br/> <span class="ft1">aaa) Es ist bei der Behandlung von psychisch kranken Men-</span><br/> <span class="ft1">schen ohne Krankheitseinsicht durchaus üblich und für eine erfolg-</span><br/> <span class="ft1">reiche Behandlung notwendig, dass die Ärzte in einer Psychiatri-</span><br/> <span class="ft1">schen Klinik bei den Patienten betreffend Medikation viel Überzeu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">198</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gungsarbeit leisten müssen und dabei im Rahmen ihres Behand-</span><br/> <span class="ft1">lungsauftrags und mit Hilfe der Gestaltung des individuellen Klinik-</span><br/> <span class="ft1">alltags auch einen gewissen Spielraum für die Ausübung eines sanf-</span><br/> <span class="ft1">ten Drucks bedürfen. So kann z.B. das In-Aussicht-Stellen gewisser</span><br/> <span class="ft1">Annehmlichkeiten einen ambivalenten Patienten zur Behandlung</span><br/> <span class="ft1">motivieren. Mit ärztlichen Zusicherungen wie die Verlegung auf eine</span><br/> <span class="ft1">offene Abteilung oder die Gewährung von Ausgang sollen die</span><br/> <span class="ft1">Patienten ermuntert werden, sich die nötige Behandlung zukommen</span><br/> <span class="ft1">zu lassen. Es handelt sich dabei um "pädagogische" Methoden, wel-</span><br/> <span class="ft1">che die Würde der Patienten achten und das Selbstbestimmungsrecht</span><br/> <span class="ft1">sowie die persönliche Freiheit nicht beeinträchtigen. Bei derartigen</span><br/> <span class="ft1">Vorgehensweisen von Klinikärzten ist keine erniedrigende und</span><br/> <span class="ft1">herabsetzende, gegen die Grundrechtsgarantie verstossende Be-</span><br/> <span class="ft1">handlung ersichtlich. Die Grenze einer sinnvollen und rechtmässigen</span><br/> <span class="ft1">Überzeugungsarbeit wird dann überschritten, wenn die freie</span><br/> <span class="ft1">Willensbildung des Patienten beeinträchtigt wird, sei es durch Ge-</span><br/> <span class="ft1">waltanwendung, Drohung oder Täuschung. In diesem Zusammen-</span><br/> <span class="ft1">hang können Art. 28 - 30 OR zur Auslegung analog herangezogen</span><br/> <span class="ft1">werden. So wäre eine medikamentöse Behandlung dann gegen den</span><br/> <span class="ft1">Willen des Patienten, wenn dieser auf Grund einer Täuschung einem</span><br/> <span class="ft1">wesentlichen Irrtum unterlag und nur deshalb in die Medikation</span><br/> <span class="ft1">einwilligte, z.B. durch die ärztliche Falschaussage, ein neurolepti-</span><br/> <span class="ft1">sches Medikament sei zur Behandlung der Herzbeschwerden not-</span><br/> <span class="ft1">wendig. Eine Drohung oder Nötigung würde z.B. vorliegen, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Patient in die Medikation einwilligte, weil ihm beispielsweise</span><br/> <span class="ft1">Essensentzug oder Zwangsinjektion unter Anwendung körperlicher</span><br/> <span class="ft1">Gewalt angedroht wurde. Analog Art. 30 Abs. 1 OR ist von einer</span><br/> <span class="ft1">Zwangsmassnahme i.S. von § 67e</span><span class="ft6">bis</span> <span class="ft1">Abs. 1 EG ZGB auszugehen,</span><br/> <span class="ft1">wenn ein Patient nach den Umständen annehmen muss, dass er oder</span><br/> <span class="ft1">eine ihm nahe verbundene Person an Leib und Leben, Ehre oder</span><br/> <span class="ft1">Vermögen mit einer nahen und erheblichen Gefahr bedroht sei, falls</span><br/> <span class="ft1">er sich nicht mit der verordneten Medikation einverstanden erklärt.</span><br/> <span class="ft1">bbb) Bei der Anwendung dieser Grundsätze auf den vorlie-</span><br/> <span class="ft1">genden Fall ist Folgendes festzuhalten. Die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">weist eine ausgesprochen ambivalente Haltung auf. Sie unterzog sich</span><br/> <span class="ft1">oft einer medikamentösen Behandlung mit Neuroleptika und nahm</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">199</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">die Medikamente aus freiem Willen ein; umgekehrt hat sie sich einer</span><br/> <span class="ft1">derartigen Medikation auch oft widersetzt. Dem Pflegebericht ist zu</span><br/> <span class="ft1">entnehmen, dass man sowohl vor dem 2. September 2002 als auch</span><br/> <span class="ft1">später jeweils versuchte, die Beschwerdeführerin zur Medikamenten-</span><br/> <span class="ft1">einnahme zu bewegen, indem man ihr in Aussicht stellte, dass sie</span><br/> <span class="ft1">andernfalls nicht in den Ausgang könne. Ein weiteres Mal wurde ihr</span><br/> <span class="ft1">die offene Abteilung in Aussicht gestellt, falls sie die Medikamente</span><br/> <span class="ft1">einnehme. Sie protestierte und schimpfte jeweils, willigte dann aber</span><br/> <span class="ft1">in der Regel in die Medikation ein. Es kam aber durchaus vor, dass</span><br/> <span class="ft1">sie vor die entsprechende Wahl gestellt, die Medikation verweigerte</span><br/> <span class="ft1">und auf Ausgang verzichtete. Im vorliegenden Fall hatte die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin somit eine echte Wahlmöglichkeit und es fand eine</span><br/> <span class="ft1">freie Willensbildung statt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin zu Recht mittels fürsorgerischer Freiheitsent-</span><br/> <span class="ft1">ziehung in die Klinik eingewiesen worden war und die Gewährung</span><br/> <span class="ft1">des Ausgangs grundsätzlich im Ermessen der behandelnden Kli-</span><br/> <span class="ft1">nikärzte liegt, ähnlich wie die Wahl des Medikaments oder die kon-</span><br/> <span class="ft1">krete Dosierung. Die Handlungsalternative, vor welche die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin gestellt wurde, war nicht grundsätzlich geeignet,</span><br/> <span class="ft1">eine besonnene Person in der gleichen Lage gegen ihre Überzeugung</span><br/> <span class="ft1">gefügig zu machen. Die Beschwerdeführerin konnte zwischen zwei</span><br/> <span class="ft1">Alternativen wählen, sie konnte sich entweder für die Medikation</span><br/> <span class="ft1">und damit für den Ausgang entscheiden oder die Medikation</span><br/> <span class="ft1">verweigern und auf den Ausgang verzichten. Gelegentlich ging sie</span><br/> <span class="ft1">denn auch auf diesen "Handel" nicht ein und verweigerte die Medi-</span><br/> <span class="ft1">kamenteneinnahme, weil es ihr "egal" war, ob sie Ausgang bekam</span><br/> <span class="ft1">oder nicht. In diesen Fällen verzichtete die Klinik konsequenterweise</span><br/> <span class="ft1">auf die Medikation und übte keinen Zwang aus.</span><br/> <span class="ft1">ccc) Für das Verwaltungsgericht ist damit erstellt, dass es sich</span><br/> <span class="ft1">im vorliegenden Fall nicht um eine Behandlung gegen den Willen</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin und damit um keine Zwangsmedikation im</span><br/> <span class="ft1">Sinne von § 67e</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">EG ZGB handelt. Unter diesen Umständen erüb-</span><br/> <span class="ft1">rigt sich eine Verhältnismässigkeitsprüfung. Es steht sodann fest,</span><br/> <span class="ft1">dass die konkrete ärztliche Anordnung keinesfalls als unangemessen</span><br/> <span class="ft1">oder gar als missbräuchlich zu beurteilen ist. Das entsprechende</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">200</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Feststellungsbegehren betreffend Behandlung vom 2. September</span><br/> <span class="ft1">2002 ist somit abzuweisen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>