<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 32 S.95</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">95</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>32</b></span> <span class="ft2"><b>Ablehnungsbegehren</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wird ein offensichtlich unbegründetes Ablehnungsbegehren gegen das</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gesamte Obergericht gestellt, so kann die Verwaltungskommission na-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mens des Obergerichts selber den Nichteintretensentscheid erlassen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid der Verwaltungskommission vom 19. Juni 2002 i.S. R.</span><br/> <span class="ft3">gegen das Obergericht des Kantons Aargau</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Wird von einer Partei im Rahmen eines Strafverfahrens</span><br/> <span class="ft1">ein Ablehnungsgrund gegen eine Mehrzahl von Oberrichtern einer</span><br/> <span class="ft1">Kammer oder Kommission geltend gemacht, so entscheidet gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 43 Abs. 3 Ziff. 3 StPO i.V.m. § 36 Abs. 2 lit. a GOD über den Aus-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">96</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">tritt die Verwaltungskommission des Obergerichtes. Soweit sich das</span><br/> <span class="ft1">Ablehnungsbegehren des Gesuchstellers gegen die Beschwerdekam-</span><br/> <span class="ft1">mer in Strafsachen richtet, ist die Verwaltungskommission zu dessen</span><br/> <span class="ft1">Beurteilung gesetzlich zuständig.</span><br/> <span class="ft1">b) Wird, wie vorliegend, das ganze Obergericht in corpore ab-</span><br/> <span class="ft1">gelehnt, so kann das diesbezügliche Ausstandsgesuch im Prinzip</span><br/> <span class="ft1">nicht durch die vom Ablehnungsbegehren betroffenen Mitglieder des</span><br/> <span class="ft1">Obergerichts behandelt werden (vgl. § 43 Abs. 4 StPO). Gemäss Ei-</span><br/> <span class="ft1">chenberger (Rechtsgutachten über Fragen der Ablehnung des gesam-</span><br/> <span class="ft1">ten Obergerichts des Kantons Aargau in Strafsachen, Februar 1998,</span><br/> <span class="ft1">S. 23) ist allerdings nicht auszuschliessen, dass das ordentliche Ge-</span><br/> <span class="ft1">samtgericht selbst eine Ablehnung verwirft, falls sich diese (zufolge</span><br/> <span class="ft1">Willkür, Unernst, Überempfindlichkeit, Verfolgungsdrang, Verzöge-</span><br/> <span class="ft1">rungstaktik oder Ähnlichem) als vollkommen unernst und rechts-</span><br/> <span class="ft1">missbräuchlich erweist, sodass die Bremsung des geradlinigen Ver-</span><br/> <span class="ft1">laufs der Justiz durch die Konstituierung einer ad-hoc-Richterbank</span><br/> <span class="ft1">unerträglich würde.</span><br/> <span class="ft1">c) Auch das Bundesgericht hat in BGE 105 Ib 303 f. festge-</span><br/> <span class="ft1">stellt, dass Ausstandsbegehren nicht zur vorläufigen Ausschaltung</span><br/> <span class="ft1">der Rechtspflege und damit Lahmlegung der Justiz missbraucht wer-</span><br/> <span class="ft1">den dürften. Ein derartiges Ablehnungsbegehren sei unzulässig, wes-</span><br/> <span class="ft1">halb es an einer Voraussetzung für die Durchführung des Ausstands-</span><br/> <span class="ft1">verfahrens fehle. Da dieser Entscheid keiner Ermessensausübung be-</span><br/> <span class="ft1">dürfe, könne die in der Sache zuständige Gerichtsabteilung selbst</span><br/> <span class="ft1">feststellen, dass keine nach Massgabe des Gesetzes geeigneten Aus-</span><br/> <span class="ft1">standsgründe geltend gemacht würden und dass damit die Eintretens-</span><br/> <span class="ft1">voraussetzung für ein Ausstandsverfahren fehle. Dieser Abteilung</span><br/> <span class="ft1">könnten zudem auch Richter angehören, die vom Ablehnungsbegeh-</span><br/> <span class="ft1">ren betroffen seien.</span><br/> <span class="ft1">3. (...)</span><br/> <span class="ft1">c) Somit kann festgestellt werden, dass ein tauglicher Ableh-</span><br/> <span class="ft1">nungsgrund gar nicht glaubhaft vorgebracht wurde. Angesichts der</span><br/> <span class="ft1">offensichtlichen Haltlosigkeit des Ablehnungsbegehrens muss dessen</span><br/> <span class="ft1">Geltendmachung, vor allem gegenüber dem gesamten Obergericht,</span><br/> <span class="ft1">geradezu als rechtsmissbräuchlich angesehen werden, weshalb dar-</span><br/> <span class="ft1">auf nicht einzutreten ist. In BGE 105 Ib 304 erachtet es das Bundes-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">97</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gericht als zulässig, dass ein Gesamtgericht (in jenem Fall das Bun-</span><br/> <span class="ft1">desgericht selbst) über ein es selbst betreffendes Ablehnungsbegeh-</span><br/> <span class="ft1">ren entscheiden kann, wenn dieses sich als missbräuchlich erweist,</span><br/> <span class="ft1">weil keine geeigneten Ausstandsgründe geltend gemacht werden (...).</span><br/> <span class="ft1">Wurde das Ablehnungsbegehren in BGE 105 Ib 301 ff. als in diesem</span><br/> <span class="ft1">Sinn untauglich angesehen, weil es einzig darauf beruhte, dass das</span><br/> <span class="ft1">Bundesgericht beziehungsweise eine seiner Abteilungen schon zuvor</span><br/> <span class="ft1">in einer Sache des Gesuchstellers geurteilt hatte, ohne dass zusätzli-</span><br/> <span class="ft1">che Ausstandsgründe vorgebracht worden wären, so muss dies umso</span><br/> <span class="ft1">mehr auf den vorliegenden Fall zutreffen, in dem die mit der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde befasste Kammer nicht vorbefasst ist und nicht einmal gel-</span><br/> <span class="ft1">tend gemacht wird, sie sei befangen wegen eines früheren Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deverfahrens. Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Ablehnung</span><br/> <span class="ft1">des gesamten Obergerichts im Rahmen des Beschwerdeverfahrens</span><br/> <span class="ft1">einzig bezweckt, das Obergericht als Beschwerdeinstanz auszuschal-</span><br/> <span class="ft1">ten und damit die Aargauer Justiz lahm zu legen. Aufgrund des Ob-</span><br/> <span class="ft1">gesagten ist es demzufolge zulässig, dass die Verwaltungskommis-</span><br/> <span class="ft1">sion namens des Obergerichts im Sinn der obgenannten Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richtspraxis selbst den Nichteintretensentscheid erlässt.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>