<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 255</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">255</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>60 Wiederaufnahme</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Wiederaufnahme wegen Verletzung von Vorschriften über die recht-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>mässige Zusammensetzung der entscheidenden Behörde</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Subsidiarität des Wiederaufnahmeverfahrens nach § 65 Abs. 3</b></span><br/> <span class="ft1"><b>VRPG</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Offen gelassen, ob die Frist nach § 66 Abs. 1 VRPG im Falle der</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Verletzung der Vorschriften über die rechtmässige Zusammenset-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>zung der entscheidenden Behörde in jedem Fall mit der Zustellung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>des Entscheids zu laufen beginnt</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 6. Juli 2011 in Sachen A.</span><br/> <span class="ft4">gegen Gemeinderat B. und Departement Bau, Verkehr und Umwelt</span><br/> <span class="ft4">(WBE.2010.128).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">3.1.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss § 65 Abs. 1 lit. b VRPG ist ein rechtskräftig erledigtes</span><br/> <span class="ft6">Verfahren auf Begehren einer Partei durch die letzte Instanz, die</span><br/> <span class="ft6">entschieden hat, wieder aufzunehmen, wenn unter anderem die Vor-</span><br/> <span class="ft6">schriften über die rechtmässige Zusammensetzung der entscheiden-</span><br/> <span class="ft6">den Behörde verletzt worden sind. Das Wiederaufnahmebegehren ist</span><br/> <span class="ft6">innert drei Monaten, seit dem die gesuchstellende Person vom Wie-</span><br/> <span class="ft6">deraufnahmegrund Kenntnis erhalten hat, bei der letzten Instanz, die</span><br/> <span class="ft6">entschieden hat, schriftlich mit Antrag und Begründung einzureichen</span><br/> <span class="ft6">(§ 66 Abs. 1 VRPG). Diese relative Revisionsfrist wird durch die</span><br/> <span class="ft6">sichere Kenntnis der Sachumstände und den Revisionsgrund aus-</span><br/> <span class="ft6">gelöst; der Fristenlauf beginnt aber auch nicht erst, wenn der Revisi-</span><br/> <span class="ft6">onskläger den Revisionsgrund sicher beweisen kann.</span><br/> <span class="ft6">Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts zum (alten)</span><br/> <span class="ft6">Verwaltungsrechtspflegegesetz vom 9. Juli 1968 (aVRPG;</span><br/> <span class="ft6">SAR 271.100) war zudem erforderlich, dass der geltend gemachte</span><br/> <span class="ft6">Mangel bei Beachtung der gebotenen Sorgfalt nicht durch ein or-</span><br/> <span class="ft6">dentliches Rechtsmittel hätte gerügt werden können (AGVE 2001,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">256</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">S. 390, mit Hinweisen, und 1972, S. 480 f.; Rudolf Weber, in: Fest-</span><br/> <span class="ft6">schrift für Kurt Eichenberger, Aarau 1990, S. 349). Handelt es sich</span><br/> <span class="ft6">um Verfahrensfehler, nehmen die Lehre und Rechtsprechung an, dass</span><br/> <span class="ft6">die Revisionsfrist im Zeitpunkt der Eröffnung des in Revision zu</span><br/> <span class="ft6">ziehenden Entscheides zu laufen beginnt (Alfred Kölz / Isabelle</span><br/> <span class="ft6">Häner, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bun-</span><br/> <span class="ft6">des, 2. Aufl., Zürich 1998, N 748).</span><br/> <span class="ft6">3.2.</span><br/> <span class="ft6">Mit der Totalrevision des Verwaltungsrechtspflegegesetzes wur-</span><br/> <span class="ft6">den die Revisionsgründe präzisiert. Der allgemeine Tatbestand der</span><br/> <span class="ft6">Verletzung wesentlicher Verfahrensvorschriften in § 27 lit. b aVRPG</span><br/> <span class="ft6">wurde auf die Verletzung der Vorschriften "über die rechtmässige</span><br/> <span class="ft6">Zusammensetzung" der entscheidenden Behörde eingeschränkt (§ 65</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 lit. b VRPG). Was unter einer unrechtmässigen Zusammen-</span><br/> <span class="ft6">setzung einer Behörde zu verstehen ist, definiert das Gesetz nicht.</span><br/> <span class="ft6">Nach den Materialien geht es um die Verletzung von Ablehnungs-</span><br/> <span class="ft6">und Ausstandsvorschriften, weil diese nicht selten erst nach Rechts-</span><br/> <span class="ft6">kraft des Entscheides entdeckt würden (vgl. Botschaft des Regie-</span><br/> <span class="ft6">rungsrates des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 14. Februar</span><br/> <span class="ft6">2007 [Botschaft], 07.27, S. 77). Nachdem mit der Revision des</span><br/> <span class="ft6">VRPG die Unterscheidung zwischen Ausschluss- und Ablehnungs-</span><br/> <span class="ft6">gründen aufgegeben wurde und die Ausstandsgründe gemäss § 16</span><br/> <span class="ft6">VRPG von Amtes wegen zu beachten sind, begründet bereits die</span><br/> <span class="ft6">Mitwirkung eines Behördenmitglieds, an dessen Unabhängigkeit</span><br/> <span class="ft6">oder Unbefangenheit (objektive) Zweifel oder auch nur ein Anschein</span><br/> <span class="ft6">der Befangenheit bestehen (§ 16 Abs. 1 lit. e VRPG), den Revisions-</span><br/> <span class="ft6">grund.</span><br/> <span class="ft6">3.3.</span><br/> <span class="ft6">§ 65 Abs. 3 VRPG schliesst die Revision aus, wenn der Wieder-</span><br/> <span class="ft6">aufnahmegrund im Verfahren, das dem Entscheid voranging, oder</span><br/> <span class="ft6">mit einem Rechtsmittel gegen den Entscheid hätte geltend gemacht</span><br/> <span class="ft6">werden können. Mit dieser Bestimmung wurde der grundsätzliche</span><br/> <span class="ft6">subsidiäre Charakter der Wiederaufnahme als ausserordentliches</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">257</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Rechtsmittel gemäss Lehre und Rechtsprechung zum alten Verwal-</span><br/> <span class="ft6">tungsrechtspflegegesetz (vgl. AGVE 2001, S. 390 mit Hinweisen) in</span><br/> <span class="ft6">das Gesetz übernommen (Botschaft, S. 78). Aus dem Wortlaut der</span><br/> <span class="ft6">Bestimmung ist zu schliessen, dass von einer Revision auch ausge-</span><br/> <span class="ft6">schlossen ist, wer im Erstverfahren die übliche prozessuale Sorg-</span><br/> <span class="ft6">faltspflicht vernachlässigte (vgl. Alfred Bühler / Andreas Edelmann /</span><br/> <span class="ft6">Albert Killer, Kommentar zur Aargauischen Zivilprozessordnung,</span><br/> <span class="ft6">2. Aufl., Aarau 1998, § 344 N 3). Der ausserordentliche Charakter</span><br/> <span class="ft6">der Wiederaufnahme bleibt nur gewahrt, wenn der um Wiederauf-</span><br/> <span class="ft6">nahme Nachsuchende keinerlei Rügen vorbringen kann, welche er</span><br/> <span class="ft6">bei Beachtung der gebotenen Sorgfalt rechtzeitig hätte erheben kön-</span><br/> <span class="ft6">nen (vgl. Rudolf Weber, a.a.O., S. 349; Ursina Beerli-Bonorand, Die</span><br/> <span class="ft6">ausserordentlichen Rechtsmittel in der Verwaltungsrechtspflege des</span><br/> <span class="ft6">Bundes und der Kantone, S. 126; Attilio Gadola, Das verwaltungs-</span><br/> <span class="ft6">interne Beschwerdeverfahren, Zürich 1991, S. 135).</span><br/> <span class="ft6">Ausstandsbegehren sind im Verwaltungs- und Beschwerdever-</span><br/> <span class="ft6">fahren unverzüglich nach Entdeckung des Ausstandsgrundes geltend</span><br/> <span class="ft6">zu machen. Wer den Richter, Beamten oder Sachverständigen nicht</span><br/> <span class="ft6">unverzüglich ablehnt, wenn er vom Ablehnungsgrund Kenntnis er-</span><br/> <span class="ft6">hält, sondern sich stillschweigend auf den Prozess einlässt, verwirkt</span><br/> <span class="ft6">den Anspruch auf spätere Anrufung der verletzten Ausstandsbestim-</span><br/> <span class="ft6">mung (vgl. BGE 132 II 485, Erw. 4.3. und 124 I 121, Erw. 2 mit</span><br/> <span class="ft6">Hinweisen; AGVE 1991, S. 366 f.). Diese Rechtsprechung definiert</span><br/> <span class="ft6">den Sorgfaltsmassstab für die rechtzeitige Geltendmachung von Aus-</span><br/> <span class="ft6">standsgründen, welche ihrerseits Voraussetzung für die Wiederauf-</span><br/> <span class="ft6">nahme eines Verfahrens wegen Verletzung der Vorschriften über die</span><br/> <span class="ft6">rechtmässige Zusammensetzung der entscheidenden Behörde ist</span><br/> <span class="ft6">(§ 65 Abs. 3 VRPG). Andernfalls würde das Wiederaufnahmeverfah-</span><br/> <span class="ft6">ren die nachträgliche und verspätete Geltendmachung von Aus-</span><br/> <span class="ft6">standsgründen erleichtern, was mit dem Zweck der Wiederaufnahme</span><br/> <span class="ft6">als ausserordentliches Entscheidkorrektiv nicht vereinbar ist (vgl.</span><br/> <span class="ft6">Weber, a.a.O., S. 349).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">258</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">4.</span><br/> <span class="ft6">4.1.</span><br/> <span class="ft6">(...) Der Entscheid über die Einsprache und der gleichzeitige</span><br/> <span class="ft6">Beschluss des Erschliessungsplanes wurden dem Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft6">zugestellt. Im Bulletin des Gemeinderates (...) und im Amtsblatt (...)</span><br/> <span class="ft6">wurde der Beschluss des Gemeinderates publiziert. Die Frist für die</span><br/> <span class="ft6">Beschwerde gemäss § 26 BauG an den Regierungsrat endete am</span><br/> <span class="ft6">7. Januar 2008.</span><br/> <span class="ft6">Der Erschliessungsplan wurde vom Regierungsrat mit Entscheid</span><br/> <span class="ft6">vom 13. Februar 2008 genehmigt; die Genehmigung wurde im Amts-</span><br/> <span class="ft6">blatt Nr. 10 vom 3. März 2008 publiziert. Die Frist für die Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">de an das Verwaltungsgericht (§ 28 BauG) von damals 20 Tagen lief</span><br/> <span class="ft6">unter Berücksichtigung der Gerichtsferien am 8. April 2008 ab.</span><br/> <span class="ft6">4.2.</span><br/> <span class="ft6">Der Beschwerdeführer und C. wohnen am D.. Es darf ohne</span><br/> <span class="ft6">Weiteres angenommen werden, dass der Beschwerdeführer die Zu-</span><br/> <span class="ft6">sammensetzung des Gemeinderates mit C. kannte. Jedenfalls war die</span><br/> <span class="ft6">Zusammensetzung des Gemeinderates in öffentlichen Publikationen</span><br/> <span class="ft6">(Gemeindeblatt; Staatskalender; Internet) für jedermann zugänglich.</span><br/> <span class="ft6">Für die Entscheide eines Gemeinderates einer eher ländlichen und</span><br/> <span class="ft6">überschaubaren Gemeinde wie B. ist es nicht erforderlich, dass die</span><br/> <span class="ft6">Parteien über die Mitwirkung der einzelnen Gemeinderäte im Ein-</span><br/> <span class="ft6">wendungsverfahren speziell in Kenntnis gesetzt werden. Es ist viel-</span><br/> <span class="ft6">mehr davon auszugehen, dass der Gemeinderat in ordentlicher Beset-</span><br/> <span class="ft6">zung und unter Mitwirkung aller Mitglieder tagt (vgl. für die Eidge-</span><br/> <span class="ft6">nössische Kommunikationskommission [Comcom]: BGE 132 II 485,</span><br/> <span class="ft6">Erw. 4.4.). Diese Annahme gilt in verstärktem Masse für einen Be-</span><br/> <span class="ft6">schluss über die Nutzungsplanung, die nicht nur Verfügungscharak-</span><br/> <span class="ft6">ter hat, sondern auch die Merkmale eines generell-abstrakten Erlas-</span><br/> <span class="ft6">ses aufweist.</span><br/> <span class="ft6">Der Beschwerdeführer hätte daher bei der gebotenen Sorgfalt</span><br/> <span class="ft6">bereits im Einsprache- bzw. Einwendungsverfahren, spätestens bis</span><br/> <span class="ft6">zum Ablauf der Rechtsmittelfrist, gegen den Beschluss des Gemein-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">259</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">derates vom 27. November 2007 die Ausstandsgründe prüfen und</span><br/> <span class="ft6">geltend machen müssen.</span><br/> <span class="ft6">Bis zum Ablauf der 20-tägigen Frist gemäss § 26 Abs. 1 BauG</span><br/> <span class="ft6">(in der bis 31. Dezember 2008 geltenden Fassung) hat der Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführer keine Beschwerde erhoben, weshalb gemäss § 65</span><br/> <span class="ft6">Abs. 3 VRPG eine Wiederaufnahme ausgeschlossen ist.</span><br/> <span class="ft6">5.</span><br/> <span class="ft6">Aus den vorstehenden Erwägungen folgt, dass der Gemeinderat</span><br/> <span class="ft6">auf das Revisionsgesuch im Ergebnis zurecht nicht eingetreten und</span><br/> <span class="ft6">die Abweisung der Beschwerde durch die Vorinstanz nicht zu bean-</span><br/> <span class="ft6">standen ist. Damit erweist sich die Beschwerde als unbegründet und</span><br/> <span class="ft6">ist abzuweisen.</span><br/> <span class="ft6">Bei diesem Ausgang kann offen bleiben, ob die Frist gemäss</span><br/> <span class="ft6">§ 66 Abs. 1 VRPG für den Wiederaufnahmegrund der falschen Zu-</span><br/> <span class="ft6">sammensetzung (§ 65 Abs. 1 lit. b VRPG) in jedem Fall spätestens</span><br/> <span class="ft6">mit der Zustellung des Entscheides zu laufen beginnt. Offen bleiben</span><br/> <span class="ft6">kann auch die Frage, ob nicht der Genehmigungsentscheid des Re-</span><br/> <span class="ft6">gierungsrates Gegenstand einer Revision im Nutzungsplanverfahren</span><br/> <span class="ft6">sein müsste.</span><br/> <br/> <span class="ft1"><b>61 Vollstreckung</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Das Vollstreckungsverfahren besteht in der Regel aus drei Verfah-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>rensetappen.</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Die Androhung der Zwangsvollstreckung unter Fristansetzung (§ 81</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Abs. 1 VRPG) und die Anordnung über die Art der Zwangsmittel</b></span><br/> <span class="ft1"><b>und den Zeitpunkt der Vollstreckung (§ 80 VRPG) sind anfechtbare</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Zwischenentscheide.</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Die Wiederholung eines Vollstreckungsentscheides mit einer Zwangs-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>androhung (§ 81 VRPG) oder einer Anordnung von Sanktionsmass-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nahmen (§ 80 VRPG) bewirkt keinen Rechtsmittelausschluss.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 23. September 2011 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen A. gegen Gemeinderat B. (WBE.2011.201/202).</span><br/></div> </div> </body> </html>