Verwaltungsgericht des Kantons Schwyz Kammer I I 2021 53 Entscheid vom 3. Juni 2022 Besetzung lic.iur. Gion Tomaschett, Vizepräsident Dr.med. Bernhard Zumsteg, Richter Dr.med. Pierre Lichtenhahn, Richter MLaw Milena Pesic, a.o. Gerichtsschreiberin Parteien A.________, Beschwerdeführerin, vertreten durch Advokatin lic.iur. B.________, gegen IV-Stelle Schwyz, Rechtsdienst, Postfach 53, 6431 Schwyz, Vorinstanz, Gegenstand Invalidenversicherung (Rentenanspruch)2 Sachverhalt: A.A.________ (geb. ________1977) hat nach der Primarschule in C.________ und der Sekundarschule in D.________ eine kaufmännische Aus- bildung mit Fähigkeitszeugnis abgeschlossen. Anschliessend übte sie verschie- dene Tätigkeiten aus (vgl. die Zusammenstellung im aktenkundigen Lebenslauf = IV-act. 9). Am 14. Februar 2013 ging bei der IV-Stelle eine Anmeldung zum Be- zug von IV-Leistungen ein; die gesundheitlichen Beeinträchtigungen wurden mit "Borderline, ADHS" umschrieben (IV-act. 1-4/6 Ziff. 6.2). Am 4. April 2013 fand ein Abklärungsgespräch statt, an welchem A.________ u.a. ausführte, dass sie im Alter von 17 Jahren mit Drogenkonsum begonnen habe, dass sie seit 15 Jah- ren im Methadonprogramm sei und jeden Abend vor dem Einschlafen kiffe (vgl. IV-act. 11-4/6 unten). Vom 4. Juni 2014 bis 24. Juni 2014 hielt sich A.________ für eine stationäre Entzugsbehandlung in der Psychiatrischen Klinik E.________ auf (IV-act. 34-2ff./5). B.Nach einer Prüfung der Akten empfahl der RAD-Psychiater Dr.med. F.________ am 29. September 2015 eine psychiatrische Begutachtung (IV-act. 41), was A.________ am 2. Oktober 2015 mitgeteilt wurde (siehe IV-act. 42). Am 28. März 2016 erstattete Dr.med. G.________ (Facharzt für Psychiatrie und Psy- chotherapie, zertif. med. Gutachter SIM, H.________) sein psychiatrisches Gut- achten (IV-act. 49). Dazu nahm der RAD-Arzt Dr.med. I.________ (Facharzt In- nere Medizin/ Arbeitsmedizin/ Psychosomatische Grundversorgung) am 5. Juli 2016 Stellung (IV-act. 50-6ff./9). Gestützt darauf eröffnete die IV-Stelle am 13. Juli 2016 ein Mahn- und Bedenkzeitverfahren und forderte A.________ auf, eine suchtspezifische Behandlung mit Drogenabstinenz während mindestens sechs Monaten aufzunehmen (IV-act. 51). Daraufhin teilte A.________ mit Schreiben vom 12. August 2016 mit, sie sei bereit ab September eine solche Behandlung durchzuführen (IV-act. 53). C.Am 23. Februar 2017 erstattete der J.________ einen Verlaufsbericht (IV- act. 61). Nach einem Bericht des K.________ vom 28. Juni 2017, in welchem zur Klärung des Suchtmittelkonsums Kopfhaare analysiert wurden (siehe IV-act. 67), erstattete die RAD-Psychiaterin Dr.med.univ. Dr.phil. L.________ am 24. August 2017 sowie am 1. September 2017 eine Stellungnahme (IV-act. 70-9/9 und 71- 7/7). Mit Einschreiben vom 10. Oktober 2017 ordnete die IV-Stelle im Rahmen eines Mahn- und Bedenkzeitverfahrens und unter Hinweis auf die Mitwirkungs- pflicht eine sechsmonatige Verlängerung des Drogenscreenings an (IV-act. 73). Am 27. Oktober 2017 erklärte A.________ ihre Bereitschaft, die Auflagen der IV- Stelle einzuhalten und zu erfüllen (vgl. IV-act. 74). Gemäss Mitteilung vom 28. 3 November 2017 teilte die IV-Stelle mit, dass Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche gewährt werde (IV-act. 76). Am 11. Dezember 2017 informierte A.________, dass sie seit Februar 2017 im Umfange von ca. 40% bis 50% für die M.________-Filiale in N.________ arbeite (IV-act. 79). Diese Arbeitgeberin bescheinigte in einem Arbeitszeugnis vom 20. August 2018, dass A.________ vom 1. Mai 2016 bis zur Geschäftsaufgabe per 31. Juli 2018 als Verkäuferin im Stundenlohn gearbeitet habe (IV-act. 94). Nachdem in einem Bericht des K.________ vom 22. Oktober 2018 die Auswertung der Haaranalyse für Kokain- Konsum sprach (IV-act. 102-5/7), nahm die RAD-Psychiaterin Dr.med.univ. Dr.phil. L.________ am 7. Dezember 2018 aus versicherungsmedizinischer Sicht Stellung (IV-act. 103-4/4). D.Mit Vorbescheid vom 13. März 2019 kündigte die IV-Stelle an, auf das Leis- tungsbegehren nicht einzutreten (IV-act. 107). Dagegen erhob A.________ am 2. April 2019 und nach Einblick in die IV-Akten am 4. Juli 2019 Einwände (IV-act. 108 sowie 114). Am 23. Oktober 2019 teilte A.________ der IV-Stelle mit, dass sie sich seit Ende August in einem Arbeitsversuch befinde (IV-act. 116). Am 4. November 2019 nahm der RAD-Psychiater Dr.med. O.________ zur medizini- schen Aktenlage Stellung (IV-act. 117-6f./7). Am 22. November 2019 verfügte die IV-Stelle, dass auf das Leistungsbegehren nicht eingetreten werde (IV-act. 119). Dagegen beschwerte sich A.________ beim Verwaltungsgericht (IV-act. 112). In der Folge hat die IV-Stelle am 18. Februar 2020 die angefochtene Verfügung wi- derrufen, worauf der Einzelrichter des Verwaltungsgerichts das Beschwerdever- fahren mit Entscheid VGE I 2020 4 vom 21. Februar 2020 als gegenstandslos geworden am Protokoll abschreiben konnte (IV-act. 126). E.Mit Schreiben vom 26. Februar 2020 teilte die IV-Stelle A.________ mit, dass zur Klärung von Leistungsansprüchen eine psychiatrische Verlaufsuntersu- chung nötig sei (IV-act. 127). Das entsprechende Verlaufsgutachten wurde am 21. Dezember 2020 von Dr.med. G.________ erstattet (IV-act. 141). Der RAD- Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie P.________ beurteilte das Ver- laufsgutachten als schlüssig, weshalb darauf abgestellt werden könne (IV-act. 143). Mit Vorbescheid vom 2. Februar 2021 kündigte die IV-Stelle an, einen be- fristeten Anspruch auf eine IV-Viertelsrente für den Zeitraum vom 1. August 2013 bis 31. Oktober 2016 zu gewähren (IV-act. 146). Dagegen erhob A.________ am 25. Februar 2021 (IV-act. 151) und am 29. April 2021 (IV-act. 153) Einwände. Am 5. Juli 2021 verfügte die IV-Stelle, dass A.________ im Zeitraum vom 1. August 2013 bis 31. Oktober 2016 Anspruch auf eine IV-Viertelsrente habe (IV-act. 154 i.V.m. IV-act. 156). 4 F.Gegen diese Verfügung liess A.________ (unter Berücksichtigung des Fris- tenstillstandes nach Art. 38 Abs. 4 lit. b ATSG i.V.m. Art. 60 ATSG) rechtzeitig am 6. September 2021 beim Verwaltungsgericht Beschwerde erheben mit den folgenden Rechtsbegehren: 1. In Abänderung der Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 05.07.2021 sei der Beschwerdeführerin rückwirkend ab 01.08.2013 eine unbefristete, mindes- tens IV-Viertelsrente, zuzusprechen. 2. Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die Beschwer- degegnerin zurückzuweisen. 3. Der Beschwerdeführerin sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und sie sei von allfälligen Vorschuss- und Sicherheitsleistungen zu befreien. Zudem sei ihr die unentgeltliche Rechtsverbeiständung durch die Unterzeich- nende zu gewähren. 4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zuzüglich der gesetzlichen Mehr- wertsteuer) zulasten der Beschwerdegegnerin. Mit Vernehmlassung vom 12. November 2021 beantragte die IV-Stelle, die Be- schwerde sei abzuweisen, unter Kostenfolge zulasten der Beschwerdeführerin. Die Erstattung einer Replik verzögerte sich bis 24. Februar 2022, nachdem die Beschwerdeführerin vom 5. Januar 2022 bis 18. Februar 2022 in der Klinik E.________ hospitalisiert war. In der Folge ging noch der Austrittsbericht der Kli- nik vom 4. März 2022 ein (mit Begleitschreiben vom 10.3.2022). Die Duplik der IV-Stelle folgte am 14. April 2022. Dazu äusserte sich die Be- schwerdeführerin in einer Eingabe vom 3. Mai 2022, welcher eine Stellungnahme der Klinik E.________ vom 29. April 2022 beigefügt war. Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.1.1 Nach Art. 4 Abs. 1 des Invalidenversicherungsgesetzes (IVG; SR 831.20) in Verbindung mit Art. 8 Abs. 1 Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des So- zialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) gilt als Invalidität die durch einen kör- perlichen oder geistigen Gesundheitsschaden verursachte, voraussichtlich blei- bende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Gemäss Art. 7 Abs. 2 ATSG sind für die Beurteilung des Vorliegens einer Er- werbsunfähigkeit ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchti- gung zu berücksichtigen; eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist. Die versicherte Person hat nach Art. 28 Abs. 2 IVG: - Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu 70 Prozent, - Anspruch auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 Prozent, 5 - Anspruch auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 Prozent, - und Anspruch auf eine Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40 Prozent invalid ist. 1.1.2 Anzufügen ist, dass der Gesetzgeber mit der Gesetzesrevision "Weite- rentwicklung der IV" (WE IV) bzw. den Änderungen des IVG vom 19. Juni 2020, welche per 1. Januar 2022 in Kraft getreten sind, u.a. ein neues, stufenloses Rentensystem eingeführt hat. Mit diesem Wechsel wird die Höhe des Anspruchs auf eine Invalidenrente neu in prozentualen Anteilen einer ganzen Rente festge- legt und nicht mehr wie bisher nach Viertelsrentenstufen (vgl. Erw. 1.1.1 in fine). Allerdings wird das stufenlose Rentensystem auf Rentenansprüche angewendet, die ab dem 1. Januar 2022 neu entstehen. Rentenansprüche, die vor dem 1. Ja- nuar 2022 entstanden sind, werden noch nach altem Recht zugesprochen (vgl. die Übergangsbestimmungen zur IVG-Änderung vom 19. Juni 2020; Kreisschrei- ben über die Übergangsbestimmungen zum Rentensystem im Rahmen der WE IV). 1.1.3 Im konkreten Fall sind sich die Parteien einig, dass ab 1. August 2013 An- spruch auf IV-Rentenleistungen besteht. Streitig und nachfolgend zu prüfen sind der Umfang sowie die Dauer der IV-Rentenleistungen. Während die Vorinstanz einen befristeten Anspruch auf eine Viertelsrente (IV-Grad 48%) für den Zeitraum vom 1. August 2013 bis 31. Oktober 2016 anerkennt, beantragt die Beschwerde- führerin ab 1. August 2013 eine unbefristete IV-Rente im Umfange von mindes- tens einer Viertelsrente, gegebenenfalls noch höhere Rentenleistungen. Bei die- ser Sachlage ist der Rentenanspruch unbestrittenermassen bereits vor dem 1. Januar 2022 entstanden, womit nachfolgend die Höhe und Dauer des Leis- tungsanspruchs nach bisherigem Recht (und nicht nach dem neuen, seit dem 1. Januar 2022 geltenden Recht) zu bestimmen sind. 1.2Der Invaliditätsgrad bestimmt sich nach Art. 16 ATSG, wonach zur Ermitt- lung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behand- lung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätig- keit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (= sog. hypothetisches Invalideneinkommen), zum Erwerbseinkommen in Beziehung gesetzt wird, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (= sog. hypothetisches Valideneinkommen). Es ist für die Invaliditätsbemessung nicht entscheidend, ob die versicherte Person ihre (Rest-)Arbeitsfähigkeit erwerblich verwertet, d.h. von der verbliebenen Erwerbsfähigkeit Gebrauch macht. Vielmehr ist die Invalidität stets auf der Grundlage desjenigen Erwerbseinkommens zu bemessen, das die 6 versicherte Person durch eine ihr zumutbare Tätigkeit erzielen könnte (Meyer/ Reichmuth, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 3. A., Art. 28a N 27). 1.3Die Invalidität bemisst sich somit nicht nach medizinischen, sondern nach wirtschaftlichen, erwerblichen Kriterien, nach der Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsun- fähigkeit ist das Unvermögen, auf dem gesamten für die versicherte Person in Frage kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt die verbliebene Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise wirtschaftlich zu verwerten (BGE 109 V 25 Erw. 3d). Wer nicht mindestens teilweise arbeitsunfähig ist, kann auch nicht erwerbsunfähig und mithin nicht invalid sein (vgl. BGE 105 V 139 Erw. 1b). 1.4Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungs- und Verwaltungsgerichts- beschwerdeverfahren ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (vgl. Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben Verwaltung und Sozialversicherungs- gericht von sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des Sachverhalts zu sorgen (BGE 122 V 157 Erw. 1a). Mit dem Untersuchungsgrundsatz korrelie- ren die Mitwirkungspflichten der versicherten Person, indem diese zur Abklärung des Sachverhaltes beitragen muss (vgl. Meyer/Reichmuth, a.a.O., Art. 53-57 IVG N 10 mit Verweis auf BGE 122 V 157 Erw. 1a). 1.5.1 Die Verwaltung und im Beschwerdefall der Richter sind bei der Bemes- sung des IV-Grades auf Unterlagen angewiesen, die der Arzt und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes ist es, den Gesundheitszustand des Versicherten zu beurteilen. Der Arzt hat auch dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeit der Versicherte arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen dem Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 Erw. 4). 1.5.2 In der Würdigung der Beweise ist der Sozialversicherungsrichter frei (vgl. Art. 61 lit. c ATSG). Er hat die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Er hat alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Be- urteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten (BGE 125 V 351 Erw. 3a; 122 V 157 Erw. 1c). 1.5.3 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist mithin entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu- chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizini-7 schen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein- leuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Aus- schlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei- nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gege- benen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 351 Erw. 3a). 1.5.4 In der Rechtsprechung sind die Aufgaben von Rechtsanwender und Arztperson im Rahmen der Invaliditätsbemessung seit jeher wie folgt verteilt worden: Sache des (begutachtenden) Mediziners ist es erstens, den Gesundheitszustand zu beurteilen und wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu beschreiben, d.h. mit den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersuchung unter Berücksichtigung der subjektiven Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf die Diagnose zu stellen. Hiermit erfüllt der Sachverständige seine genuine Aufgabe, wofür die Verwaltung und im Streitfall Gerichte nicht kompetent sind (z.B. Urteil des Bundesgerichts 9C_437/2012 vom 6.11.2012 Erw. 3.2). Bei der Folgenabschätzung der erhobenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit kommt der Arztperson hingegen keine abschliessende Beurteilungskompetenz zu. Vielmehr nimmt die Arztperson zur Arbeitsunfähigkeit Stellung, d.h. sie gibt eine Schätzung ab, welche sie aus ihrer Sicht so substanziell wie möglich begründet. Die ärztlichen Angaben sind eine wichtige Grundlage für die juristische Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (so die mit BGE 105 V 156 Erw. 1 begründete und in zahllosen Urteilen bestätigte Rechtsprechung, z.B. BGE 132 V 93 Erw. 4). 1.5.5 Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender Beobachtungen und Un- tersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erör- terung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweis- würdigung Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 Erw. 3b/bb; Urteil des Bundesgerichts 9C_278/2016 vom 22.7.2016 Erw. 3.2.2). 1.6.1 Für die Festsetzung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Leiden definiert das strukturierte Beweisverfahren gemäss BGE 141 V 281 systematisierte Indi- katoren, die - unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungs- faktoren einerseits und allfälliger Kompensationspotentiale (Ressourcen) ander- seits - erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (Urteil des Bundesgerichts 8C_213/2020 vom 19.5.2020 Erw. 4.1 mit Verweis auf BGE 141 V 281 Erw. 2 S. 285 ff., Erw. 3.4-3.6 und 4.1 S. 291 ff.). Bei der Beurtei-8 lung der Arbeitsfähigkeit haben sich sowohl die medizinischen Sachverständigen als auch die Organe der Rechtsanwendung in ihrer Einschätzung des Leistungs- vermögens an den normativen Vorgaben zu orientieren, die Gutachter im Ideal- fall gemäss der entsprechend formulierten Fragestellung (BGE 141 V 281 Erw. 5.2 S. 306 f.). 1.6.2 Mit BGE 145 V 215 hat das Bundesgericht vor dem Hintergrund der Rechtsprechung zur Ausdehnung des strukturierten Beweisverfahrens gemäss BGE 141 V 281 auf sämtliche psychischen Störungen (BGE 143 V 409 und 418) und nach vertiefter Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Medizin die bisherige Rechtsprechung, wonach primäre Abhängigkeitssyndrome bzw. Sub- stanzkonsumstörungen zum vornherein keine invalidenversicherungsrechtlich re- levanten Gesundheitsschäden darstellen können und ihre funktionellen Auswir- kungen deshalb keiner näheren Abklärung bedürfen, fallen gelassen (Erw. 5.3.3). Es hat entschieden, dass fortan - gleich wie bei allen anderen psychischen Er- krankungen - nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln sei, ob und gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyn- drom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person auswirke. Da- bei kann und muss im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens insbesonde- re dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getra- gen werden (Erw. 6.3). Diesem komme nicht zuletzt deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängigkeitserkrankungen - wie auch bei anderen psychischen Störungen - oft eine Gemengelage aus krankheitswertiger Störung sowie psychosozialen und soziokulturellen Faktoren vorliege. Letztere seien auch bei Abhängigkeitserkran- kungen auszuklammern, wenn sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen würden. Weiter wird im Urteil festgehalten, dass auch bei Vorliegen eines Ab- hängigkeitssyndroms die Schadenminderungspflicht (Art. 7 IVG) zur Anwendung komme, so dass von der versicherten Person etwa die aktive Teilnahme an zu- mutbaren medizinischen Behandlungen verlangt werden könne (Art. 7 Abs. 2 lit. d IVG). Komme sie den ihr auferlegten Schadenminderungspflichten nicht nach, sondern erhalte sie willentlich den krankhaften Zustand aufrecht, sei nach Art. 7b Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 21 Abs. 4 ATSG eine Verweigerung oder Kürzung der Leistungen möglich (Urteil des Bundesgerichts 8C_213/2020 vom 19.5.2020 Erw. 4.2). 1.7Die psychiatrische Exploration kann von der Natur der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen. Sie eröffnet dem begutachtenden Psychiater daher praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und zu 9 respektieren sind, sofern der Experte lege artis vorgegangen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts I 676/05 vom 13.3.2006 Erw. 2.4 mit Hinweisen). 1.8Gelangt der Rechtsanwender nach der Beweiswürdigung zum Schluss, ein Gutachten erfülle sowohl die mit BGE 141 V 281 definierten versicherungsmedi- zinischen Massstäbe wie auch die allgemeinen rechtlichen Beweisanforderungen (Erw. 1.4ff.), ist es beweiskräftig und die darin formulierten Stellungnahmen zur Arbeitsfähigkeit sind zu übernehmen. Eine davon losgelöste juristische Parallelü- berprüfung nach Massgabe des strukturierten Beweisverfahrens soll nicht statt- finden (BGE 141 V 281 Erw. 5.2.3; Urteil des Bundesgerichts 8C_260/2017 vom 1.12.2017 Erw. 4.2.5 m.H.). 1.9Führen die von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärungen die Verwal- tung oder das Gericht bei pflichtgemässer Beweiswürdigung zur Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei als überwiegend wahrscheinlich zu betrachten und es könnten weitere Beweismassnahmen an diesem feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so ist auf die Abnahme weiterer Beweise zu verzichten (an- tizipierte Beweiswürdigung; Kölz/Häner, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs- rechtspflege des Bundes, 3. A. Rz. 153; Urteil des Bundesgerichts 8C_424/2010 vom 19.7.2010 Erw. 3.2.3 mit Verweis auf BGE 134 I 140 Erw. 5.3). 1.10Im Übrigen beschränkt sich der gerichtliche Überprüfungszeitraum grundsätzlich auf den Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung (hier: Verfügung vom 5.7.2021) verwirklicht hat. Die rechtsanwendenden Behörden haben aber spätere Berichte und Dokumente in die Beurteilung miteinzubeziehen, sowie sie Rückschlüsse auf die im Zeitpunkt des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens gegebene Situation erlauben (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_503/2021 vom 18.11.2021 Erw. 4.1 mit Hinweisen, u.a. auf BGE 121 V 362 Erw. 1b; Urteile 9C_534/2018 vom 15.2.2019 Erw. 2.1 und 8C_71/2017 vom 20.4.2017 Erw. 8.3). 2.Was die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Versicherten sowie die Auswirkungen auf das verbliebene (zumutbare) Leistungsvermögen anbelangt, sind den vorliegenden Akten u.a. die folgenden Angaben zu entnehmen. 2.1.1 Vom 3. Juni 2001 bis 6. Juni 2001 hielt sich die damals 24-jährige Versi- cherte erstmals in der Psychiatrischen Klinik Q.________ auf. Im Austrittsbericht vom 7. Juni 2001 wurde ein Abhängigkeitssyndrom durch multiplen Substanzge- brauch (ICD10: F19.2) diagnostiziert sowie eine Weiterbehandlung beim Haus- arzt und bei der Suchtberatungsstelle J.________ empfohlen. Die Arbeitsfähig- keit beim Austritt wurde auf 50% veranschlagt (IV-act. 22-12f./16). 10 Dieser erste Aufenthalt in der Klinik Q.________ war im Rahmen einer fürsorge- rischen Freiheitsentziehung (FFE, heute fürsorgerische Unterbringung, FU) er- folgt, weil Dr.med. R.________ die Versicherte gegen ihren Willen in diese Klinik eingewiesen hatte mit der Begründung, "die schwer drogenabhängige Patientin habe massive Aggressionen gezeigt (habe ihren Vater mit einer Schere be- droht)". Anamnestisch seien mehrere Ausbrüche mit Fremdgefährdung bekannt. Gegen diese Klinikeinweisung erhob die Versicherte am 5. Juni 2001 beim Ver- waltungsgericht Beschwerde. Bevor eine gerichtliche Anhörung in der Klinik statt- fand, wurde sie gegen ärztlichen Rat aus der Klinik entlassen, weil nach der Kri- sen-intervention die Patientin "das Therapieangebot bezüglich der Suchterkran- kung leider nicht angenommen" habe (vgl. VGE 863/01 vom 7.6.2001, Prot. S. 624f.). Vor dieser Klinikeinweisung (anfangs Juni 2001) hatte die Versicherte zuletzt im März 2001 einen temporären Einsatz als Sachbearbeiterin bei der S.________ AG in T.________ (vermittelt durch U.________). In der Folge konnte sie erst wieder im Oktober 2001 (mithin erst nach rund 4 Monaten nach dem Klini- kaustritt) bei der KV-Übungsfirma V.________ AG in W.________ einen Arbeits- einsatz aufnehmen (vgl. IV-act. 9-2/17). 2.1.2 Vom 10. bis 12. März 2009 hielt sich die zwischenzeitlich 32-jährige Versicherte zum zweiten Mal in der Klinik Q.________ auf. Im Austrittsbericht vom 12. März 2009 stellten Dr.med. X.________ (Oberarzt) und med.pract. Y.________ (Assistenzärztin) folgende Diagnosen (IV-act. 22-7/16): Störungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen: Abhängigkeitssyndrom: Aktuell in einer substitutionsgestützten Be- handlung mit Methadon (ICD10: F19.22) Verdacht auf unreife Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.9) Die Arbeitsfähigkeit bei Austritt wurde auf 100% veranschlagt (IV-act. 22-7/16 un- ten). Auch beim zweiten Klinikaufenthalt ging es um den Drogenentzug, wobei u.a. festgehalten wurde, dass beim aktuellen Eintritt sich ein ähnliches Zustands- bild zeigte wie beim ersten Klinikaufenthalt. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Patientin am Methadon-Programm teilnehme und sehr zuverlässig sei hin- sichtlich der Methadoneinnahme (IV-act. 22-4/16 Mitte). Vor diesem (zweiten) Klinikaufenthalt hatte die Versicherte bis Februar 2009 während rund 7 Monaten als Büroangestellte bei der Firma Z.________ AG in AA.________ gearbeitet (IV-ac.t. 9-1/17). 2.1.3 Die dritte Hospitalisation in der Klinik Q.________ folgte vom 22. bis 23. April 2009 mit den Diagnosen "Störungen durch multiplen Substanzgebrauch und 11 Konsum anderer psychotroper Substanz; nicht näher bezeichnete alkohol- oder substanzbedingte psychische und Verhaltensstörung (ICD10:F19.9)". Beim Aus- tritt wurde eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit attestiert; zudem wurde darauf hingewiesen, dass die ambulante Behandlung bei Dr. AB.________ in AC.________ fortgesetzt werde (IV-act. 22-3/16). Ab Mai 2009 konnte sie in ei- nem RAV-Impulsprogramm als Mitarbeiterin im Büro/ Empfang arbeiten (bis No- vember 2009, siehe IV-act. 9-1/17). 2.2Auf Zuweisung des behandelnden Sozialpädagogen des J.________ hielt sich die Versicherte vom 4. bis 24. Juni 2014 in der Psychiatrischen Klinik E.________ auf, wo folgende Diagnosen gestellt wurden (IV-act. 34-2/5): Multipler Substanzgebrauch (ICD-10: F19.22) mit Abhängigkeitssyndrom von Can- nabinoiden (ICD-10: F12.2) sowie episodischem Konsum von Kokain Verdacht auf emotional-instabile Persönlichkeitsstörung: Impulsiver Typ (ICD-10: F60.30) ADHS (ICD-10: F90.1) Mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1) Im Austrittsbericht wurde u.a. vermerkt, bereits bei Eintritt sei bei der Versicher- ten bezüglich des Abstinenzwunsches eine wenig intrinsische Motivation deutlich geworden. Mehrfach habe sie geäussert, den Konsum im Sinne einer Selbstme- dikation zu betrachten und nach der stationären Behandlung weiterführen zu wol- len. Bei fraglicher Abstinenzmotivation seien als Therapieziele primär eine Ent- lastung, Stabilisierung und Gewichtszunahme vereinbart worden (IV-act. 34-4/5 oberhalb der Mitte). 2.3Im vom Chefarzt Dr.med. AD.________ visierten Verlaufsbericht vom 27. November 2014 an die IV-Stelle führte der dipl. Sozialpädagoge HFS AE.________ u.a. aus, es liege weiterhin ein insgesamt schlechtes Zustandsbild vor. Die Versicherte klage über Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit bei fehlender Fähigkeit, Freude zu empfinden. Bis auf drei/vier Joints Cannabis lebe sie absti- nent. Bei einem BMI von 16 sei sie weiterhin untergewichtig. Durch den Konsum von drei bis vier Joints Cannabis gelinge es ihr, sich zu beruhigen und zu stabili- sieren bei erhaltener Funktionsfähigkeit. Die berufliche Integrationsfähigkeit der Versicherten werde unter dem beschriebenen Cannabiskonsum als eher höher eingeschätzt als bei einer totalen Abstinenz. Durch die ausgeprägte Impulskon- troll-störung mit emotionaler Gereiztheit bei mittlerem bis erhöhtem Spannungs- pegel wirke sich die leichte Sedation durch den THC-Konsum bei dieser Versi- cherten stabilisierend aus (IV-act. 36). 2.4.1 Dr.med. G.________ (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, zertif. med. Gutachter SIM, H.________) untersuchte die Versicherte im Auftrage der 12 IV-Stelle am 11. und 30. Dezember 2015 (Explorationsdauer 240 Minuten); zu- dem liess er am 14. Dezember 2015 eine laborchemische Untersuchung durch- führen. Im am 28. März 2016 fertiggestellten Gutachten stellte der Sachverstän- dige folgende psychiatrische Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (IV- act. 49-37/45, siehe auch 49-21/45): Diagnose 1: Störung durch multiplen Substanzgebrauch, ICD-10: F19.22 mit / bei -Abhängigkeitssyndrom von Kokain, episodischer Substanzgebrauch -Abhängigkeitssyndrom von Cannabis, ständiger Substanzgebrauch (ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit) -Abhängigkeitssyndrom von Opiaten, Teilnahme am ärztlich überwachten Ersatzdrogenprogramm (ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit) Diagnose 2: Vd. a. Emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Typ 1, Impulsiver Subtypus, ICD-10: F60.30 Differentialdiagnostisch: Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung, ICD-10: F90.0 i.S. ADHS Als psychiatrische Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit erwähnte der Gutachter eine Störung durch Cannabinoide, Abhängigkeitssyndrom, ständiger Substanzgebrauch, im Rahmen 19.22, sowie eine Störung durch Opioide, Ab- hängigkeitssyndrom, gegenwärtige Teilnahme an einem ärztlich überwachten Er- satzdrogenprogramm im Rahmen 19.22 (IV-act. 49-37/45). 2.4.2 In seiner Würdigung des bisherigen Verlaufs und in seiner funktionsorien- tierten Beurteilung hielt der Gutachter u.a. sinngemäss fest: -dass bei der Versicherten seit der Jugend mehrere psychische Störungen vorliegen; dabei handle es sich um die ADHS oder aber eine mit ähnli- chen Symptomen einhergehende Persönlichkeitsstörung und die Sucht- erkrankungen, welche mit Cannabiskonsum im 16. Lebensjahr sich zu bilden begonnen hätten; später seien Heroin und Kokain hinzugekommen (IV-act. 49-27/45 unten); -dass die Schwierigkeiten im Alltag sowie insbesondere im Arbeitsleben sich nicht eindeutig einer bestimmten Störung zuordnen liessen; alle Störungen bestünden nach wie vor (IV-act. 49-27/45 unten); -dass - nachdem die von der IV verlangte Abstinenz nicht erreicht werden konnte - die Therapeuten nachvollziehbar zur Einschätzung gelangt sei- en, dass ein zumindest vorläufiger therapeutischer Endzustand erreicht sei und der Cannabiskonsum eine Selbstbehandlung sei (bei Nichtan- sprechen auf Medikamente); zudem hätten die Therapeuten die Perspek- tive der Versicherten übernommen, wonach sie unter Cannabis eher ar- beitsfähig als ohne sei, weshalb für die weitere Planung auf die Sub- stanzkarenz zu verzichten sei; dieser Vorschlag sei aus therapeutischer Sicht sehr gut nachvollziehbar (IV-act. 49-28/45 Mitte); -dass hingegen aus versicherungspsychiatrischer Sicht sich andere Fra- gen stellen würden, namentlich inwiefern die Suchterkrankungen allenfalls 13 Folgen der psychischen Störungen seien (IV-act. 49-28/45 unterhalb der Mitte); -dass die Suchtbehandlung aus der Sicht des Gutachters unbedingt aus- baufähig sei; die Schlussfolgerung, wonach die Versicherte Cannabis brauche, um die Symptome der ADHS und/oder der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung zu behandeln, sei weniger wahrscheinlich als die Annahme, wonach sie das Cannabis braucht, um die Auswirkungen des Kokainkonsums und allenfalls des Entzuges zu mindern (IV-act. 49-31/45 oben); -dass sowohl die Abstinenz von Cannabis als auch von Kokain zumutbar sei und laborchemisch überwacht werden sollte (IV-act. 49-31/45 unten); -und dass der Gutachter hinsichtlich der mentalen Funktionen unterschied- liche Störungsgrade (von "keine Störungen" bis "mittelgradige Störun- gen") feststellte (vgl. IV-act. 49-32/45 bis 49-37/45). 2.4.3 Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit beantwortete der Gutachter den nachfolgend aufgeführten Fragenkatalog wie folgt (IV-act. 49- 39ff./45): 1. Welche körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen bestehen? Antwort: Mittelschwere Beeinträchtigungen: Funktionen von Temperament und Persönlichkeit, Umgänglichkeit, Aufmerksamkeitsfunktionen, Emotionale Funktio- nen. Leichte Beeinträchtigungen: Psychische Stabilität, Selbstvertrauen, Gedächtnis. (…) 2.1 Wie wirken sich die Störungen auf die bisherige Tätigkeit aus? Antwort: Mittelschwere Störung der Fähigkeit der Anpassung an Regeln und Rou- tinen, der Fähigkeit zur Planung und Strukturierung, der Anwendung fachlicher Kompetenzen, der Durchhaltefähigkeit und der Selbstbehauptungsfähigkeit. Leich- te Störungen im Kontakt zu Dritten und in der Gruppenfähigkeit. 2.2 Ist die bisherige Tätigkeit noch zumutbar? Antwort: Tendenziell ja, aufgrund der psychischen Störung und der Suchterkran- kung ist von einer geminderten Leistungsfähigkeit auszugehen. 2.3 In welchem zeitlichen Rahmen ist die bisherige Tätigkeit noch zumutbar (Stun- den pro Tag)? Antwort: Ganztags. 2.4 Besteht dabei eine verminderte Leistungsfähigkeit? Antwort: Ja. 2.5 Wenn ja, in welchem Ausmass? Antwort: Ca. 50%. 2.6 Seit wann besteht eine medizinisch begründete Arbeitsunfähigkeit von 20% oder mehr? Antwort: Lässt sich nicht eingrenzen, seit Jahren. (…)14 Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Eingliederungsfähigkeit führte der Gutach- ter u.a. aus, dass der Zustand als therapieresistent eingeschätzt werde, aller- dings eine Abstinenz, zwingend von Kokain und je nach der dann möglichen Einschätzung allenfalls auch von Cannabis, verlangt werden sollte (IV-act. 49- 40/45). Diese Massnahmen sollten eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit bewir- ken, ohne aber die volle Leistungsfähigkeit zu erreichen (IV-act. 49-41/45 oben). Die Verminderung der Leistungsfähigkeit im Hinblick auf den Substanzgebrauch wurde auf ca. 25% veranschlagt (IV-act. 49-41/45 Ziff. 3.4). Unter den aktuellen Bedingungen, welche auch die Suchterkrankung und ihre Folgen miteinbeziehen würden, sei die arbeitsfähigkeitsbestimmende Minderung der Leistungsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit gegenüber gesunden Versicher- ten bei 50% anzusiedeln und begründe sich aus den Funktionseinbussen, wel- che in der funktionsorientierten Beurteilung aufgeführt seien (IV-act. 49-38/45 Mitte). In einer angepassten Tätigkeit sei die psychiatrisch-theoretische Arbeits- fähigkeit wegen der substanzbedingten Störung der Anpassungsfähigkeit an Re- geln und Routinen weiterhin gemindert bei etwa 25% anzusiedeln (IV-act. 49- 38/45 unten). 2.5.1 In der Folge forderte die IV-Stelle gestützt auf eine Einschätzung des RAD-Arztes Dr.med. I.________ (FA Innere Medizin/ Arbeitsmedizin/ Psychoso- matische Grundversorgung) vom 5. Juli 2016 von der Versicherten eine suchts- pezifische Behandlung mit Drogenabstinenz von mindestens sechs Monaten (IV- act. 51), wozu sich die Versicherte am 12. August 2016 bereit erklärte (IV-act. 53). 2.5.2 Im Verlaufsbericht vom 23. Februar 2017 meldete der behandelnde The- rapeut AE.________ (unterstützt durch Dr.med. AF.________, Leitende Ärztin J.________) der IV-Stelle einen verbesserten Gesundheitszustand. Gesamthaft gesehen könne von einer Stabilisierung der Situation berichtet werden. Die von der IV angeordneten, zweimal monatlichen Drogenscreenings über 6 Monate würden hinsichtlich der getesteten Substanzen negative Befunde zeigen. Seit September arbeite die Versicherte als Aushilfe in einem Lebensmittelgeschäft (M.________), ab Februar zu 30% als Verkäuferin. Aus medizinisch- theoretischer Sicht sei aufgrund der Persönlichkeitsstörung verbunden mit der Aufmerksamkeitsdefizitstörung bei rascher Ermüd- und Reizbarkeit von einer wahrscheinlich persistierenden 50%igen Invalidität auszugehen. In psychischen Stresssituationen zeige die Versicherte reduzierte Fähigkeiten adäquat zu re- agieren (IV-act. 61). 15 2.5.3 Der K.________-Bericht zur Analyse der am 29. Mai 2017 sichergestellten Kopfhaare der Versicherten ergab für den Zeitrahmen von ca. Mitte Dezember 2016 bis ca. Mitte Mai 2017 einen mittelstarken bis starken Morphin-Konsum so- wie den "Umgang (Kontakt/ Konsum) mit Cannabis" mit einem als hoch einzustu- fenden Konzentrationswert (IV-act. 67-4/4). 2.5.4 Dazu nahm die RAD-Psychiaterin Dr.med.univ. Dr.phil. L.________ in ei- ner Würdigung der Aktenlage wie folgt Stellung (IV-act. 70-9/9): Die Prognose des Gutachters hat sich bestätigt: Allein die Reduktion von Cannabis und Kokain hat zu einer deutlichen Besserung der Befindlichkeit geführt. Allerdings ist für den Referenzzeitraum immer noch ein gewisser Cannabis-Konsum zu ver- zeichnen. Es ist zu erwarten, dass unter völliger und dauerhafter Abstinenz nur höchstens ein sehr geringer Gesundheitsschaden zu erwarten ist. Denn: Offen- sichtlich wird das Gros der psychischen Beschwerden durch eine Substance Use Disorder, also den Suchtmittelkonsum, ausgelöst und am Leben gehalten. Bevor weitere Massnahmen umgesetzt werden ist eine sechsmonatige Verlängerung des Drogenscreenings notwendig (gleiche Kautelen wie bisher). Danach optional Klärung, ob Haaranalyse angezeigt ist. Bevor diese Abklärung über das Ausmass der Substance Use Disorder nicht voll- zogen ist, sollte aus psychiatrischer und medizinisch-neuropsychologischer Sicht von jeglichen beruflichen bzw. Eingliederungsmassnahmen Abstand genommen werden. Bitte eine SMP [Schadenminderungspflicht, recte wohl MWP bzw. Mitwir- kungspflicht gemeint, siehe nachfolgend Erw. 2.5.5] zu Abklärungszwecken ver- fügen. Es handelt sich um eine reine medizinische Abklärungsmassnahme. Also keine Schadenminderungspflicht. 2.5.5 Daraufhin forderte die IV-Stelle in ihrem Schreiben vom 10. Oktober 2017 an die Versicherte mit der Überschrift "Auflage Mitwirkungspflicht/ Mahn- und Bedenkzeitverfahren" eine sechsmonatige Verlängerung des Drogenscreenings (IV-act. 72), welcher die Versicherte am 27. Oktober 2017 schriftlich zustimmte (IV-act. 74). 2.5.6 Dazu äusserte sich die RAD-Psychiaterin Dr.med.univ. Dr.phil. L.________ am 14. November 2017 wie folgt (IV-act. 75-8/8): Es zeichnet sich eine Tendenzwende "weg vom Drogenkonsum" ab. Auf mich wir- ken die Ausführungen der Versicherten (Schreiben vom 27.10.2017) nachvollzieh- bar. Ich denke, eine Änderung hin zu einer proaktiven Eingliederungsstrategie ist angezeigt. Wir sollten flexibel mit Integrationsangeboten reagieren und mit den Behandlern kooperieren. Ich sehe derzeit 50% AF angepasst. Begleitendes 14 täg. Standarddrogenmonitoring. Wir sollten es probieren. Vielleicht schafft sie ja den Einstieg. 2.6Am 11. Dezember 2017 teilte die Versicherte der IV-Stelle schriftlich mit, dass sie seit Februar 2017 im Umfange von ca. 40% bis 50% in einem Lebens- mittelgeschäft (M.________ Filiale) arbeite (IV-act. 79, wobei offenbar dieses 16 Geschäft von Verwandten der Versicherten geführt wurde, vgl. IV-act. 100-7/23). Diese Anstellung endete nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern infolge einer Geschäftsaufgabe per Ende Juli 2018 (IV-act. 94, gemäss IV-act. 101-4/5 unten verlängerte sich der Einsatz bei der M.________-Filiale bis Ende Juli 2018). 2.7Eine Analyse der am 2. Oktober 2018 asservierten Kopfhaare ergab unter anderem, dass für den Zeitraum von Mitte April 2018 bis Mitte September 2018 der Alkoholmarker Ethylglucuronid nicht nachweisbar war, derweil hinsichtlich des Drogenkonsums folgende Ergebnisse und Schlussfolgerungen resultierten (IV-act. 102): -Morphin-Konzentrationen im mittleren Bereich, was vereinbar sei mit einer mit- telstarken bis starken Morphin-Einnahme bzw. Applikation innerhalb des unter- suchten Gesamtzeitraums; -Cocain-Konzentrationen im mittleren Bereich, was vereinbar sei mit einem mit- telstarken bis starken Cocain-Konsum; -THC-Nachweis (hoher Konzentrationswert festgestellt), was für den Umgang (Kontakt/ Konsum) mit Cannabis im untersuchten Gesamtzeitraum spreche. 2.8Am 7. Dezember 2018 nahm die RAD-Psychiaterin Dr.med.univ. Dr.phil. L.________ dahingehend Stellung, das Ergebnis der Haaranalyse belege, dass die Versicherte ihrer Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen sei. Die Ergebnisse würden die Bedeutsamkeit der Kokain- und Cannabisabhängigkeit unterstrei- chen, wie dies bereits im Gutachten von Dr. G.________ eindeutig dargelegt worden sei. Seitens der Versicherten bestehe überwiegend wahrscheinlich keine ausreichende Bereitschaft, Abstinenz umzusetzen. Daher würden weitere Absti- nenzauflagen aus versicherungsmedizinsicher Sicht wenig Sinn machen. Ange- sichts der massiven aktuellen Suchtgiftabhängigkeit insbesondere von Cannabis und Kokain seien aus versicherungsmedizinischer Sicht keine weiteren Auflagen zur Mitwirkung empfehlenswert. Die fachliche Beurteilung seitens des Gutachters Dr. G.________ bezüglich der behinderungsangepassten Arbeitsfähigkeit unter den Bedingungen der Abstinenz in der Höhe von 75% sei schlüssig und plausi- bel, es könne darauf abgestützt werden. Wesentlich neue medizinische Sachver- halte, welche die Arbeitsfähigkeit tangieren würden, seien seit der Begutachtung nicht dargelegt worden. Aus versicherungsmedizinischer Perspektive sehe sie derzeit aufgrund der Weigerung der Versicherten, die ihr zumutbare Abstinenz umzusetzen, keinerlei Wiedereingliederungspotenzial (vgl. IV-act. 103-4/4). 2.9AE.________ (Therapeut J.________) und Dr.med. AF.________ (Leiten- de Ärztin der J.________), welche mit der psychiatrischen Betreuung der Versi- cherten betraut sind, führten in einer Stellungnahme vom 3. Juli 2019 zur Zumut-17 barkeit einer Drogenabstinenz und einer gegebenenfalls dadurch bewirkten Ver- besserung der Arbeitsfähigkeit u.a. was folgt aus (vgl. IV-act. 114-4f./5): Zunächst möchten wir an das psychiatrische Gutachten, welches seitens IV Schwyz in Auftrag gegeben worden ist, fecit Dr.med. G.________, H.________, vom 28. März 2016, anknüpfen. Darin bestätigt der Gutachter, dass bei Frau A.. eine vorbestehende, chronische psychische Erkrankung vorliegt, welche zu einer deutlichen, anhaltenden Leis- tungsfähigkeit [recte wohl: Einschränkung der Leistungsfähigkeit gemeint] bei der Betroffenen führt. Die Suchtmittelentwicklung von Frau A.. kann somit als sekundär bezeichnet werden. Frau A.. beschreibt ihre ausgeprägten Stimmungswechsel be- reits vor Beginn des Suchtmittelkonsums; dabei stellt gemäss unserer langjährigen Behandlung der Patientin der regelmässige Cannabiskonsum nicht die im Vorder- grund stehende deutliche Beeinträchtigung ihrer Leistungsfähigkeit an den vielen, unterschiedlichen Arbeitsplätzen dar. Dies führen wir darauf zurück, dass sie des- sen Wirkung als psychisch stabilisierend und insgesamt beruhigend erlebt.; leider konnte auch unter Substitutionsbehandlung keine weitere Stabilisierung diesbe- züglich erreicht werden. Insofern wäre bei Durchsetzung der Forderung einer Can- nabistotalabstinenz eine anhaltende Verbesserung der Leistungsfähigkeit nicht wie - medizinisch theoretisch - in dem Ausmass zu erwarten, zumal alle bis anhin ver- suchten medikamentösen Therapien diesbezüglich nicht die gewünschte Stabilisie- rung betreffend Impulsivität, bzw. zur Stärkung in der Affektkontrolle führten. Zudem ist anzumerken, dass Dr.med. G.________ in seinem Gutachten weiter ausführt, dass die Cannabisabhängigkeit zu keiner Einschränkung der Arbeits- fähigkeit von Frau A.. führt (vgl. S. 37 ebenda). Die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und massiv einschränken würden Intoxikati- onszustände durch jedwede psychotrope Substanzen. Diese standen im Behand- lungszeitraum in unserem Ambulatorium zuletzt nicht im Vordergrund. Die Anpas- sungsfähigkeit an berufliche/ soziale Situationen sind unseres Erachtens durch die geforderte Suchtmittelabstinenz nicht zu erreichen, stellt doch der Konsum aus Sicht der Patientin eine Möglichkeit der Spannungsregulation dar. Der Gutachter Dr. G.________ listet als zugrunde liegende Diagnose ein ADHS als Differentialdiagnose auf. Bei ADHS Betroffenen Kokain konsumierenden Men- schen wäre unter/nach Einnahme von Kokain eher eine affektive Beruhigung, bzw. relativ neutrale Wirkung zu erwarten, dann meist verbunden mit Verbesserung der Konzentration, anstelle einer Gereiztheit/Zunahme an Aggressivität. Diese Beob- achtung lässt eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung als zugrunde liegende Er- krankung seitens Frau A.. eher wahrscheinlicher erscheinen bzw. wirft die Frage auf, ob eine - klinisch nicht unmögliche Komorbidität - beider Erkrankungen vor- liegt. Bei Überdosierungen, Intoxikation (beider Substanzen) wären psychotische Sym- ptome zu erwarten, welche wir im Verlauf des letzten Jahres bei unserer Patientin nicht beobachten konnten. Auch wenn aus medizinisch theoretischen Überlegungen eine geforderte Total- abstinenz dieser genannten Substanzen unter Substitutionsbehandlung erwogen wird, wäre die medizinisch bestehende zugrundeliegende Problematik seit Jugend an, mit verändertem Erleben und Verhalten seitens Frau A.. und den gravierende-18 ren, ungünstigen Folgen im Falle einer (möglicherweise kurzfristig erreichbaren) Totalabstinenz aufgrund der o.g. Schilderungen weder zielführend noch zumutbar. 2. Kann durch eine Drogenabstinenz die Arbeitsfähigkeit verbessert werden, wenn nein, bitte begründen? Bei der Patientin liegt eine schwere chronische psychische Grunderkrankung vor. Durch eine Suchtmitteltotalabstinenz wäre die Selbst- oder Fremdgefährdung bei ihren bei Reizüberflutung wiederkehrenden emotionalen Durchbrüchen um einiges höher einzuschätzen. Der punktuelle Kokainkonsum ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Arbeitsversuche seitens Frau A.. scheiterten in den letzten Jahren auf- grund ihrer impulsiven Persönlichkeitsstörung. Das zuvor aufgetretene Arbeitsintegrativ sehr einschränkende episodische Rauschtrinken (Alkohol) hingegen ist in den letzten 6 Jahren bei zunehmender Al- koholunverträglichkeit weitgehend abgeklungen. 2.10Der RAD-Arzt Dr.med. O.________ (Facharzt für Psychiatrie und Psycho- therapie FMH) befasste sich am 4. November 2019 mit der medizinischen Akten- lage und beantwortete einen Fragenkatalog u.a. wie folgt (IV-act. 117-6f./7): Die Haaranalyse ergab einen mittelgradigen bis starken Kokainkonsum, eine mit- telstarke bis starke Morphin-Einnahme bzw. Applikation und einen Umgang (Kon- takt/ Konsum) mit Cannabis. Im Gutachten Dr. G.________ wird als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeits- fähigkeit eine Kokainabhängigkeit beschrieben. Das Abhängigkeitssyndrom von Opiaten mit Teilnahme an einem ärztlich überwachten Ersatzdrogenprogramm und die Cannabisabhängigkeit mit ständigem Substanzgebrauch haben nach Ansicht des Gutachters keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Zudem wird ein Verdacht auf emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Subtypus (F60.30) mit der Differentialdiagnose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeits- störung (F90.0) als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit angeführt. Dr. G.________ geht trotz nicht möglicher genauer diagnostischer Einordnung von einer psychischen Störung, die bereits seit der Jugend besteht (Seite 37 des Gut- achtens) aus. Die Suchterkrankung erkläre die Beeinträchtigung nur teilweise. Die bisherige Tätigkeit sei "aufgrund der psychischen Störung und der Suchterkran- kung" ganztags mit einer verminderten Leistung von ca. 50% zumutbar (Seite 38). Für angepasste Tätigkeiten wird eine Einschränkung von ca. 25% angenommen (Seite 40). Auf Seite 39 des Gutachtens schreibt Dr. G.________ auf die Frage, ob Rehabilitationsmassnahmen möglich, im Gange oder vorgesehen seien: "Soweit nachvollziehbar wurde der Zustand als therapieresistent einge- schätzt. Aktuell lassen sich keine weiteren medizinischen oder nicht medizi- nischen Rehabilitationsmassnahmen erkennen. Solche wären möglich, al- lerdings sollte eine Abstinenz, zwingend von Kokain und je nach der dann möglichen Einschätzung allenfalls auch vom Cannabis verlangt werden. Die Arbeitsfähigkeit könne durch Kokainabstinenz und je nach dem dann vorherr- schenden klinischen Bild auch Cannabisabstinenz am bisherigen Arbeitsplatz ver- bessert werden (Seite 39). Die Versicherte hielt die Abstinenzauflage nicht ein und konsumierte nachweislich weiterhin Substanzen, insbesondere Kokain. Der hohe Kokaingehalt in der Haar-19 analyse ist durch die Einnahme von Neocitran (wie von der Versicherten im Ein- wand vom 02.04.2019 angegeben) nicht erklärbar. Beantwortung der Fragen an den RAD Kann das Ergebnis durch Neocitran oder andere Medikamente verfälscht worden sein? Nein bzgl. Kokainnachweis in der Haaranalyse Bezgl. Morphin falls "andere Medikamente" Morphin enthalten haben. Erfolgt aufgrund des Berichts der J.________ vom 03.07.2019 eine andere Beur- teilung? Nein. Es kann weiterhin auf das Gutachten von Dr. G.________ abgestützt wer- den. (…) Der Bericht der J.________ enthält keine wesentlichen neuen medizinischen As- pekte. Eine vollständige Abstinenz wird als nicht zumutbar beurteilt. Dies ist nicht nachvollziehbar. Zumindest eine Abstinenz bzgl. Kokain, wie im Gutachten Dr. G.________ vorgeschlagen, ist zumutbar. 2.11.1 In der Folge veranlasste die IV-Stelle eine Verlaufsbegutachtung bei Dr.med. G.________, welcher (nach einer vorerst pandemiebedingten Absage von Untersuchungsterminen, vgl. IV-act. 131) die Versicherte am 9. September 2020 untersuchte und auch noch die Ergebnisse einer forensisch-toxikologischen Haaranalyse vom 24. November 2020 im Gutachten vom 21. Dezember 2020 einbezogen hat (IV-act. 141-2/49). Als Kernauftrag der Verlaufsbegutachtung wurde zum einen die Frage nach der Zumutbarkeit einer Abstinenz bezeichnet sowie zum andern, ob eine Veränderung des Gesundheitszustandes seit der ersten Begutachtung eingetreten sei und falls ja, wie sie versicherungs- psychiatrisch zu würdigen sei (vgl. IV-act. 141-18/49 oben). 2.11.2 Der Gutachter fasste im Verlaufsgutachten seine Diagnosen wie folgt zu- sammen (IV-act. 141-26/49): Diagnose 1: Störung durch multiplen Substanzgebrauch (CD-10: F19.22) Diagnose 2: V.a. Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10: F90.0) ➢entsprechend Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung nach DSM (ADHS) ➢DD: emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Typ 1, impulsiver Subtypus (ICD-10: F60.30) 2.11.3 Der im Gutachten enthaltenen Diskussion der Vorberichte sind u.a. die folgenden Angaben zu entnehmen (IV-act. 141-18ff./49): (…) Die Qualität und Aussagefähigkeit der laborchemischen Haaruntersuchungen sind unbestritten. (…) Die Ergebnisse der laborchemischen Untersuchungen insgesamt belegen also einen durchgehenden Cannabiskonsum Mitte Dezember 2016 bis Mitte Mai 2017 sowie Mitte April bis Mitte September 2018. (…)20 Die Ergebnisse der laborchemischen Untersuchung belegen zudem Kokainabsti- nenz von Mitte Dezember 2016 bis Mitte Mai 2017 sowie regelmässigen Konsum von Kokain Mitte April 2018 bis Mitte September 2018. (…) Es stehen zudem zwei Berichte des behandelnden Psychotherapeuten, visiert von der zuständigen Kaderärztin, zur Verfügung. (…) Im älteren Bericht vom 23.02.2017 wird über eine Stabilisierung des psychischen Zustandes berichtet [während einer Zeit belegter Kokainabstinenz] und die Betonung liegt auf stufen- weiser Integrationsindikation. Der spätere Bericht vom 03.07.2017 wurde zuhanden der AG.________ ausge- stellt. (…) Dieser Bericht ist (…) das wichtigste aller Dokumente, denn die Absti- nenz wird als nicht zumutbar bezeichnet, wofür verschiedene Argumente genannte werden, mit denen sich der signierende Gutachter nun auseinandersetzen muss (…). Es wird zunächst darauf hingewiesen, dass der signierende Gutachter in sei- ner Erstbeurteilung 2016 eine vorbestehende chronische psychische Erkrankung diagnostiziert habe. Dies ist korrekt. Nun folgt der Satz, die Suchtentwicklung kön- ne somit als sekundär bezeichnet werden. Dies ist nicht korrekt. Es handelt sich um keine zwangsläufig sekundäre Sucht nur, weil eine andere Störung vorbesteht. Diese Verkürzung soll der Sucht ganz offensichtlich eine überhöhte Bedeutung ge- ben. Der Beleg, die Sucht bzw. bei der Explorandin die Abhängigkeiten sei/seien sekundär, müsste durch die Darstellung der Suchtentwicklung aus der Störungs- dynamik heraus erfolgen. Bei der Explorandin sind unterschiedliche Abhängigkei- ten gegeben, diese Behauptung hätte, um einigermassen seriös nachvollzogen werden zu können, differenzierter ausfallen müssen. Diese Aussage ist in ihrer so simplifizierenden Art potentiell irreführend. Sie vermit- telt den Eindruck, die Sucht sei quasi Bestandteil der psychischen Störung im ei- gentliche Sinne. Dies ist eine Behauptung, die belegt werden müsste und zwar für jede der Substanzen, von denen sie abhängig ist. Gesondert. Zu kritisieren ist hier nicht in erster Linie der Verweis auf mögliche Wechselwirkungen zwischen den Abhängigkeiten und der psychischen Störung, sondern die sehr deutliche Herab- setzung der Abhängigkeiten, die quasi zum Anhängsel der psychischen Störung erklärt werden. Dadurch entsteht das Risiko, dass Beeinträchtigungen, deren Be- handlung prinzipiell zu einer Minderung der Gesamt-Symptom-Last und damit zu Erhöhung der Gesamtleistungsfähigkeit führen würden, aus dem therapeutischen Fokus verdrängt werden. Auch die nächste Verknüpfung von Informationen, deren einzelner Gehalt nicht einmal infrage gestellt werden muss, um die gesamte Aussage zu verwerfen, ist beachtenswert. Der fragliche Absatz ist sprachlich leider sehr schwer verständlich formuliert. Es wird darauf hingewiesen, dass der Cannabiskonsum trotz seiner Regelmässigkeit an der Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit "nicht schuld sei". Der Grund dafür sei, dass sie dessen Wirkung als psychisch stabilisierend und beruhigend erlebe. Beide Aussagen mögen zutreffen. Ihre Kombination ist unprofessionell falsch. Dies impliziert die Aussage, eine erfolgreiche Suchtbehandlung würde die Explorandin destabilisieren, ohne zu einer Erhöhung der Leistungsfähigkeit zu führen. Alkohol- konsum zur Minderung von Alkoholentzugssymptomen wird wegen der damit ein- hergehenden Beseitigung der Entzugssymptome kurzfristig als psychisch stabili- sierend und beruhigend erlebt. Dennoch mindert der Konsum die Leistungsfähig- keit zum Beispiel eines LKW Chauffeurs sehr deutlich. Dasselbe gilt für den Can-21 nabiskonsum in vergleichbaren Fällen. Es ist durchaus möglich, dass innere An- spannungszustände durch Cannabiskonsum gelöst werden und dass so der inne- re, subjektive Leidensdruck gemindert wird. Das darf nicht darüber hinwegtäu- schen, dass das Gehirn dafür einer betäubenden Substanz ausgesetzt wurde, was entsprechend negative Auswirkungen auf die Konzentration, das Gedächtnis, die Handlungsplanung und weitere leistungsfähigkeitsrelevante Gehirnfunktionen hat. Die Argumentation der Therapeuten geht nicht auf, weil sie zu einseitig drum bemüht sind, den Konsum zu verharmlosen und ihm teils sogar einen therapeuti- schen Nutzen zuzusprechen. Das ist das Problem am gesamten Dokument. Es ist nicht seriös überzeugend, obwohl erkennbar ist, dass die Therapeuten ein gutes Verständnis für die Situation der Explorandin haben und sehr darum bemüht sind wichtige Probleme von un- wichtigen zu trennen. Sie lassen sich in ihrer Bemühung der Explorandin vermeint- lich zu helfen, zu nicht nachvollziehbaren oder gar falschen Aussagen hinreissen, sodass dieses Dokument keinem objektiven Zeugnis zum Gesundheitszustand entspricht. (…) Es folgt eine weitere unglückliche Aussage, nämlich, dass die Substitutionsthera- pie -diesbezüglich- keine weitere Stabilisierung herbeiführen konnte. Der Bericht enthält keine eindeutige Aussage darüber, was mittels der Substitutionstherapie konkret stabilisiert werden sollte. Dem Kontext des Textes nach zu beurteilen, ihr "psychischer Zustand im Allgemeinen". Dieser ist gemäss der diagnostischen Be- urteilung aus dem ersten Gutachten durch differenzialdiagnostisch nicht eindeutig beurteilbare emotionale Instabilität geprägt. Selbstverständlich ist die Substitutions- therapie nicht geeignet gewesen, dies zu stabilisieren. Dafür haben die Substituti- onsmedikamente auch keine Indikation. Diese Aussage täuscht das Scheitern ei- ner therapeutischen Intervention vor, die aber keine therapeutische Intervention war bzw. ist. Derselbe Versuch einer "Vortäuschung" einer gescheiterten Therapie findet sich in Bezug auf die Cannabisabhängigkeit. Das eingesetzte Opiat-Substitutionsmittel hat keinen in irgendeiner Art belegten Benefit für die Behandlung der Cannabisabhän- gigkeit. Hier wird versucht den Anschein zu erwecken, es hätte eine Cannabis Entwöhnungstherapie stattgefunden, obwohl dies nicht der Fall war. (…) Die nachfolgende Aussage soll belegen, es brauche den Konsum des THC, weil Medikamente versagt hätte. In der Tat wurde bereits im Vorfeld der ersten Begut- achtung einiges unternommen, um die Auswirkungen der Persönlichkeitsstruktur bzw. der ADHS, falls sie so vorliegt, zu mindern. Die Versuche waren nicht erfolg- reich. Das bedeutet aber keinesfalls, dass nun ausschliesslich Cannabis zur Ver- fügung steht, Cannabis ist aus guten Gründen kein zugelassenes Medikament, weder zur Behandlung einer ADHS noch einer differenzialdiagnostisch zu erwä- genden emotional instabilen Persönlichkeitsstörung noch bei Kombination beider Störungen. Eine solche Behandlungsindikation gibt es auch dann nicht, wenn die- se Störungen in chronifizierter Art und Weise vorliegen. Es gibt Hinweise für das Gegenteil. Für ADHS bzw. die emotional instabile Persönlichkeit fehlen solche kon- trollierten Studien zwar, für Depressionen wurde dies aber untersucht. Cannabis- konsum, vor allem regelmässiger Cannabiskonsum hat einen indirekt negativen Einfluss auf den Verlauf und die Symptomatik, weil er sich negativ auf die konse- quente Inanspruchnahme indizierter psychiatrischer Behandlungen auswirkt (Am- ber I, Bahorik, 2018).22 Ausserdem geht in der gesamten Diskussion die Bedeutung des Kokainkonsums unter. Bereits bei der Erstellung des ersten psychiatrischen Gutachtens vor 4 Jah- ren verunmöglichte die Kokainabhängigkeit eine adäquate Diagnostik als Grundla- ge einer Behandlung. Wegen der so bedingten diagnostischen Unsicherheit konnte in diesen 4 Jahren keine konsequente Therapie durchgeführt werden. (…) Die Aussage, dass Intoxikationszustände im Behandlungszeitraum zuletzt nicht im Vordergrund standen, in diesem Kontext aufzuführen, ist absurd. Intoxikation im medizinischen Sinne und dieser Begriff muss hier verwendet werden bedeutet nichts Anderes als dass die betroffene Person unter akutem Einfluss dieser Sub- stanz steht bzw. stand. Dass sie immer wieder mit Kokain und Cannabis intoxikiert war, ist ja nicht nur durch die Laborbefunde belegt. Sie selbst berichtete dem si- gnierenden Gutachter offen und transparent über täglichen Konsum von Cannabis, also über tägliche Intoxikationen damit. Es ist kaum anzunehmen, dass sie diese Intoxikationen dem signierenden Gutachter transparent machte und dem Thera- peuten nicht. (…) Der Psychotherapeut bzw. die behandelnde Psychiaterin wuss- ten aber ganz offensichtlich über die täglichen Cannabisintoxikationen Bescheid. Wie kann man dann schreiben, dass diese nicht im Vordergrund standen? (…) Es folgen Aussagen, die dasselbe Ziel erkennen lassen, aber aus medizinisch- psychiatrischer Sicht schlichtweg falsch und teils gefährlich sind. Gemeint ist die Aussage, die geforderte Suchtmittelabstinenz sei nicht zu erreichen, weil der Kon- sum als Möglichkeit der Spannungsregulation diene. Das ist, als würde man be- haupten, eine Behandlung der Alkoholabhängigkeit sei nicht möglich, weil der Al- kohol entspannend wirke. Seit Jahrzehnten existieren bekannterweise gute thera- peutische Konzepte, die betroffenen Person davon -unabhängig- zu machen. Während der Bericht in der ersten Hälfte durch teils irreführende Kombination prin- zipiell nachvollziehbarer, jedoch einander nicht bedingender Aussagen geprägt ist, finden sich in der zweiten Hälfte zunehmend fachliche Fehleinschätzungen. (…) Es ist nicht möglich anhand der Wirkung von Kokain auf das subjektive Stres- serleben auch nur annähernd zu entscheiden, ob es sich eher um ADHS oder doch eher um eine andere psychische Störung z.Bsp. eine Persönlichkeitsstörung handelt. Es ist daher falsch, wenn der Psychotherapeut und die zuständige Psych- iaterin mit dem Auftreten von Gereiztheit bzw. der Zunahme der Aggressivität eine solche Persönlichkeitsstörung zu begründen versuchen. (…) (…) Die Therapeuten greifen zu der stärksten psychiatrischen Argumentationswaffe, der drohenden Selbst- und Fremdgefährdung. Sie sagen dabei, wegen der schwe- ren chronischen psychischen Störung würde es ohne Drogenkonsum bei Reizüber- flutungen zu einem erhöhten Risiko der Selbst- und Fremdgefährdung kommen. Dies ist falsch, inkonsequent und gefährlich. Sie haben zuvor behauptet (und damit die Differenzialdiagnose einer Persönlich- keitsstörung stützen wollen), der Kokainkonsum würde zu vermehrter Gereiztheit und Zunahme an Aggressivität führen. Wie ist es möglich zu behaupten, die Absti- nenz von einer Substanz, welche die Explorandin gereizter und zunehmend ag- gressiver macht, würde eine erhöhte Selbstgefährdung und vor allem erhöhte Fremdgefährdung bedeuten? (…)23 Drogenkonsum, insbesondere der Kokainkonsum erhöht jede Form der Gefähr- dung, sowohl der akzidentiellen als auch der herbeigeführten Selbst- und Fremd- gefährdung. Die Legalprognose hängt unmittelbar und von allen Faktoren am stärksten von der Suchtprognose ab. Vor allem wenn Kokain oder ähnlich stimulie- rende, enthemmende Substanzen eingenommen werden. Die Behauptung, dass Abstinenz das Risiko von Selbst- und/oder Fremdgefähr- dung erhöhen würde, offenbart Wissenslücken oder ist, wenn es nur Mittel zum Zweck ist, zumindest bedenklich. Seit Jahren bekannt und durch neue Studien bestätigt, ist die Erhöhung der Selbstgefährdung durch Kokainmissbrauch, vor allem bei Persönlichkeitsauffällig- keiten. Für dieses Wissen wird hier exemplarisch auf zwei Publikationen verwiesen (Garlow, et al., 2003), (Zhornitsky, et al., 2020). (…) Beurteilung von Konsistenz und Plausibilität (…) Einzig in Bezug auf den Kokainkonsum erwiesen sich die Angaben der Exploran- din als nachweislich falsch. Dies ist kein Beleg einer generell herabgesetzten oder aufgehobenen Glaubwürdigkeit ihrer Angaben. Es liegt eine Suchterkrankung vor, damit eine psychische Störung, bei der die Bagatellisierung des Substanzkonsums zum Störungsbild gehören. (…) Insgesamt sind ihre Angaben abgesehen vom Bereich Kokainkonsum ausreichend plausibel und glaubhaft, um die Entwicklung seit der letzten Begutachtung darauf abstützen zu können. (…) Begründung der psychiatrischen Diagnosen (…) Die abschliessende momentane diagnostische Beurteilung lautet also, dass die meisten vorliegenden Informationen und Befunde für das Vorliegen einer ADHS sprechen, diese Diagnose nicht mit ausreichender (therapeutische Schritte recht- fertigender) Sicherheit gestellt werden kann, weil das Risiko besteht, dass einige dafür gehaltene Symptome durch den Kokain Abusus bedingt sind. Die Differential- diagnose oder Komorbidität emotional instabile Persönlichkeit lässt sich deswegen ebenfalls nicht näher beurteilen, für diese sprechen insgesamt deutlich weniger Hinweise ausser die Tatsache, dass Veränderungen eingetreten sind, die mögli- cherweise als positives Ergebnis einer auf Persönlichkeitsaspekte abzielende Psy- chotherapie zu werten sind. (…) Beurteilung des bisherigen medizinischen Verlaufes (…) Ein Versuch, die Cannabisabhängigkeit zu behandeln, lässt sich nicht nachvollzie- hen. Diese persistiert in unveränderter Weise fort. Hier kann man dem behandeln- den Psychotherapeuten bzw. der zuständigen Psychiaterin keinerlei Vorwürfe ma- chen, die Explorandin ist für eine Veränderung in keiner Weise motiviert. Versuche, die Kokainabhängigkeit zu überwinden, lassen sich auf Seiten der Explorandin tatsächlich nachvollziehen und es ist absolut glaubhaft, dass sie zum Zeitpunkt ih- rer damaligen Erklärung hierzu für eine Kokainabstinenz motiviert war. Leider wur- de die Chance verpasst eine suchtspezifische Therapie einzuleiten, sodass die weitere Behandlung nach wie vor im dazu wenig geeigneten allgemein psychiatri-24 schem, vor allem psychotherapeutischen Setting stattgefunden hat. Dies ist in der Tat eine problematische Entwicklung gewesen, das Rückfallrisiko nach bereits er- reichter, immerhin mehrmonatiger Abstinenz wäre in einer spezialisierten, suchts- pezifischen Behandlung deutlich geringer gewesen. (…) (…) Die Kokainabhängigkeit verursacht bekannter Weise kurz-, mittel- und langfristig schwerwiegende organische, psychische und neuropsychiatrische Schädigungen. Sie verhindert bei der Explorandin eine aussagekräftige Diagnostik und damit die Einleitung einer adäquaten Therapie, was insbesondere auch deswegen tragisch ist, weil die medikamentöse Behandlung der ADHS (falls eine solche tatsächlich vorliegt, wofür einiges spricht) zu den wirksamsten Behandlungen in der gesamten Psychiatrie überhaupt gehört. Persistierender Gebrauch von Kokain im Rahmen der Abhängigkeit von dieser Substanz erhöht das Risiko der Entwicklung weiterer psychiatrischer Störungen. Alleine dies wäre ein Grund therapeutisch am Errei- chen und der dauerhaften Aufrechterhaltung der Abstinenz von dieser Substanz zu arbeiten. Selbst wenn die Kokainabhängigkeit keine zusätzliche psychiatrische Störung verursacht, so ist bekannt und belegt, dass sie insbesondere die Sympto- me und Beeinträchtigungen verstärkt, unter denen die Explorandin seit Jahren zu leiden angibt. Die Kokainabhängigkeit geht wie jede Sucht schliesslich mit einem deutlich erhöhten Risiko selbst- und fremdgefährdender Verhaltensweisen einher. Die Ausführungen der Therapeuten zu Zumutbarkeit und Sinnhaftigkeit einer Ab- stinenz sind fachlich in keiner Weise fundiert und auch individuell nicht nachvoll- ziehbar begründet. Sowohl eine dauerhafte Abstinenz von Kokain als mittel- bis langfristiges Therapieziel, als auch eine spezifische Suchtbehandlung als anzu- strebendes Mittel der Wahl, diese zu erreichen, sind sinnvoll, prinzipiell erfolgsver- sprechend und zumutbar. Die Prognose ist denn auch bei der Wahl einer geeigne- ten Therapieform und Institution durchaus offen bis gut. Bezüglich der Kokainab- hängigkeit besteht bei der Explorandin eine adäquate Problemeinsicht und es hat sich gezeigt, dass sie selbst ohne adäquate therapeutische Unterstützung zu einer mehrmonatigen Abstinenz in der Lage ist. Die unter Abstinenz mögliche Diagnostik und Einleitung bzw. medikamentöse Intensivierung einer Therapie wird die Pro- gnose dieser Abhängigkeit weiter verbessern. Ungünstig für die Prognose ist der Umstand, dass sie zuhause und nicht alleine konsumiert und die offensichtlich ge- ringe Problemeinsicht im Rahmen des stattfindenden therapeutischen Prozesses. Die Prognose der Cannabisabhängigkeit muss in einem weniger günstigen Licht gesehen werden. Hier scheinen sich alle Beteiligten hinsichtlich der Bagatellisie- rung oder gar "Therapeutisierung" der Cannabisabhängigkeit einig zu sein. Beson- ders gravierend ist aber die fehlende Problemeinsicht und Abstinenzmotivation bei der Explorandin selbst. In prognostischer Sicht bleibt zu hoffen, dass es sich bei der psychiatrischen Grundstörung tatsächlich um die ADHS handelt, sodass die Einleitung einer erfolgreichen Behandlung zumindest dem Aspekt der dysfunktio- nalen "Selbstbehandlung" entgegenwirkt. Dennoch, trotz der etwas schlechteren Prognose im Vergleich zu der Kokainabhängigkeit ist mittel- bis längerfristig eine Abstinenz von Cannabis sowohl zielführend als auch zumutbar. Den anderslauten- den Angaben des Psychotherapeuten und der behandelnden Psychiaterin muss in dieser Hinsicht nämlich Nachfolgendes entgegnet werden. Es ist bewiesen, dass fortlaufender Cannabiskonsum die Behandlungserfolge bei der Therapie aller psy- chischen Störungen erschwert. Es ist gut belegt, dass insbesondere motivationale Defizite, wie sie bei der ADHS, aber auch bei anderen psychischen Störungen vor- kommen, durch die negativen Auswirkungen eines chronischen Cannabiskonsums 25 auf Handlungsplanung und Antrieb verstärkt werden. Es ist kein anerkannter the- rapeutischer Standpunkt in Anbetracht des früheren Versagens bestimmter thera- peutischer Interventionen emotionale Regulationsstörungen durch lebenslange Einnahme einer illegalen Droge "behandeln" zu wollen. Die Behauptung, eine To- talabstinenz würde zu einer erhöhten Selbst- und Fremdgefährdung führen, ist nicht nur unbelegt, sondern widerspricht jeglichen Erkenntnissen, die alle gleich- lautend den Substanzkonsum ganz unabhängig von der Substanz inklusive seiner Folgen als einen erheblichen Risikofaktor für körperliche und psychische Erkran- kungen sowie für Verschlechterung der psychischen Erkrankungen inklusive und besonders auch für Suizidalität identifiziert haben. (…) 2.11.4 Was die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit (kaufmännischer Be- reich) anbelangt, knüpfte der Gutachter an die unverändert geltende Argumenta- tion aus dem Jahre 2016 an, wonach eine Tätigkeit ganztags im vollen Wochen- pensum möglich und zumutbar sei. Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass seit der letzten (analogen) Tätigkeit nicht mehr (wie beim 1. Gutachten) 5 Jahre, sondern nunmehr beinahe 11 Jahre vergangen seien. Aus medizinisch psychia- trischer Sicht sollte eine berufliche Wiedereingliederung zugunsten einer statio- nären psychiatrischen Suchttherapie und anschliessend Diagnostik mit Einleitung nachhaltiger Therapien zurückgestellt werden. Nach Austritt mit gesicherter Dia- gnose könne dann eine Eingliederungsmassnahme eingeleitet werden, wobei ei- ne stufenweise Erhöhung des Pensums, beginnend bei 50%, angestrebt werden sollte. Parallel und im Wesentlichen kaum verändert zur Beurteilung 2016 sei auch unter Berücksichtigung der Suchterkrankung gegenwärtig in der bisherigen Tätigkeit eine Minderung der Leistungsfähigkeit gegenüber Gesunden von 50% anzunehmen. In prognostischer Hinsicht müsse erneut darauf hingewiesen wer- den, dass vor allem von der Sistierung des Kokainkonsums im Hinblick auf die sekundäre Stabilisierung der zugrundeliegenden psychischen Störung wohl auch des Cannabiskonsums eine erhebliche Erhöhung der Leistungsfähigkeit erwartet werden könne (vgl. IV-act. 141-42/49). Die Frage nach der Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit könne erst nach an- haltender Sistierung der Kokainabhängigkeit endgültig beantwortet werden. Als angepasste Tätigkeiten erwähnte der Gutachter die Arbeit als Tierpflegerin, Tier- pflegehelferin oder als Verkäuferin (ohne entsprechende Ausbildung). Diesbe- züglich sei - abhängig vom Substanzgebrauch - grundsätzlich von einer 25%igen Leistungsminderung auszugehen (solange keine gesicherte Kokainabstinenz und keine erhebliche Minderung des Cannabiskonsums eintrete). Nach einer erfolg- reichen Suchtbehandlung könne in diesen beiden Bereichen eine volle Leis- tungsfähigkeit angenommen werden (IV-act. 141-43/49). 26 2.12Der RAD-Psychiater P.________ beurteilte am 14. Januar 2021 das psych- iatrische Gutachten vom 21. Dezember 2020 als umfassend, einleuchtend und hinsichtlich der Schlussfolgerungen als begründet (IV-act. 143). 2.13Vom 5. Januar 2022 bis 18. Februar 2022 (und mithin zeitlich nach der an- gefochtenen Verfügung vom 5. Juli 2021) hielt sich die Versicherte zur Krisenin- tervention und zum Cannabisentzug bei depressivem Syndrom (u.a. mit Schlafstörungen) in der Klinik E.________ auf. Im Austrittsbericht stellten AH.________ (Klinikärztin) und AI.________ (Oberpsychologe) folgende Dia- gnosen (Bf-act.): F.33.1 Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode F60.30 Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung: Impulsiver Typ F11.22 Psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide: Abhängigkeits- syndrom, ggw. im Substitutionsprogramm F12.2 Psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide: Abhängig- keitssyndrom F90.0 Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (aktenanamnestisch) Hinsichtlich des Verlaufs berichteten die Fachpersonen der Klinik, dass eine Ver- besserung der depressiven Symptomatik beobachtet wurde bei nach wie vor be- stehender eingeschränkter Leistungsfähigkeit und eingeschränkter Belastbarkeit. Der Cannabisentzug sei unkompliziert verlaufen, allerdings sei es vor Austritt einmalig zu einem Rückfall mit Cannabis gekommen (vgl. S. 2 zit. Austrittsbe- richt). Die Beurteilung wurde wie folgt zusammengefasst (S. 3 zit. Bericht): Aufgrund der langjährig bestehenden psychiatrischen Multimorbidität (Depression und Persönlichkeitsstörung) bestehen bei der Patientin mittelfristig weiterhin eine eingeschränkte Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit. Bei der gleichzeitig beste- henden Cannabisabhängigkeit (Funktion: Beruhigung, Schlafanstoss) sehen wir auf dem Hintergrund der chronifizierten Suchtproblematik und der bisher geschei- terten Abstinenzbemühungen, die wir als krankheitsbedingt sehen, bezüglich lang- fristiger Abstinenz eher eine ungünstige Prognose. Einerseits sind das Risiko einer Verschlechterung der depressiven Symptomatik (insbesondere Niedergestimmt- heit, Antriebsstörung und Konzentrationsstörungen) unter Leistungsdruck, und an- dererseits die interpersonellen Schwierigkeiten mit impulsiven Verhaltensweisen und emotionaler Instabilität, die die Konfliktlösungskompetenzen und damit die Zu- sammenarbeit im Team erheblich beeinträchtigen, zu erwähnen. Prognostisch se- hen wir nach Austritt weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Bei gutem Verlauf wäre in den nächsten Monaten das Erreichen einer maximal 50%igen Arbeits- fähigkeit denkbar. 2.14Nachdem die Vorinstanz in der Duplik vom 14. April 2022 u.a. (sinn- gemäss) argumentiert hatte, dass die im Austrittsbericht der Klinik E.________ enthaltene Einschätzung, wonach die gescheiterten Abstinenzbemühungen als krankheitsbedingt anzusehen seien, nicht nachvollziehbar sei, äusserten sich der erwähnte Klinikpsychologe sowie Dr.med. AJ.________ (Chefarzt) auf Wunsch 27 der Beschwerdeführerin noch in einer Stellungnahme vom 29. April 2022 wie folgt: Im Vordergrund steht in den uns vorliegenden Akten die Frage, ob für Frau A.. aus medizinischer Sicht eine langfristige Abstinenz von Cannabis möglich und somit zumutbar ist. Im Rahmen der Grunderkrankungen (Emotional instabile Persönlich- keitsstörung, impulsiver Typ und depressive Erkrankung) leidet die Patientin unter rezidivierenden ängstlich gefärbten Anspannungszuständen und damit zusam- menhängenden Schlafstörungen. Während des bei uns stattgehabten Cannabi- sentzugs sind diese Symptome wieder verstärkt aufgetreten und haben die Belast- barkeit deutlich kompromittiert. Gleichzeitig zeigten sich zunehmende Stimmungs- schwankungen sowie impulsives zwischenmenschliches Verhalten (z.B. inadäqua- te Wutausbrüche und Lautwerden bei kleinen Alltagsproblemen; deutlich erhöhte Reizbarkeit und niedrige Frustrationstoleranz). Der Behandlungsversuch mit Mirta- zapin sollte die Schlafstörungen kupieren und eine Verbesserung der depressiven Symptomatik bewirken, was auch teilweise gelang. Bei ängstlich-angespannter Symptomatik wurde ein off-label Behandlungsversuch mit Pregabalin unternom- men, worunter sich keine Besserung zeigte, gleichzeitig jedoch die Nebenwirkung einer ausgeprägten Tagesmüdigkeit auftrat. Die anhaltende Unruhe und Ängstlich- keit konnten medikamentös und therapeutisch kaum beeinflusst werden, so dass die Patientin nach mehrwöchiger Abstinenz mangels Alternativen auf Cannabis zurückgriff. Frau A.. ist sich durchaus bewusst, dass sie durch die erfolglosen Abstinenz- bemühungen ihre IV-Unterstützung gefährdet. Sowohl dieser Druck seitens der IV, als auch bisherige, langjährige therapeutische Bemühungen (sowohl psychothera- peutisch und psychopharmakologisch) sind darin gescheitert, bei der Patientin eine nachhaltige Abstinenz von Cannabis zu erreichen. Diesen Umstand werten wir so, dass es für die Patientin trotz Nutzung der zur Verfügung stehenden therapeuti- schen Möglichkeiten krankheitsbedingt nicht möglich und entsprechend nicht zu- mutbar ist, eine Cannabisabstinenz aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig besteht ein nicht unerhebliches Risiko, dass eine forcierte Cannabisabstinenz gar die Arbeits- fähigkeit weiter ungünstig beeinflusst, da bis anhin kompensierte Symptome ver- stärkt auftreten. Wir halten es für wahrscheinlich, dass der Entzug der Teilrente aufgrund der nicht erreichten Cannabisabstinenz, die die Patientin aber krankheitsbedingt derzeit nicht erreichen kann, zu einer zusätzlichen psychischen Destabilisierung und mög- licherweise einem zusätzlichen Verlust von noch bestehender Teilarbeitsfähigkeit führt. (…) 3.Eine gerichtliche Würdigung der (zusammengefassten) Aktenlage sowie der Standpunkte der Parteien führt zu den nachfolgend dargelegten Ergebnissen. 3.1.1 Wie bereits in Erwägung 1.1.3 angesprochen wurde, besteht zwischen den Parteien insoweit Einigkeit, dass ab 1. August 2013 zumindest bis zum 31. Okto- ber 2016 Anspruch auf eine IV-Teilrente besteht. Diesbezüglich wurde in der an- gefochtenen Verfügung darauf abgestellt, dass unter Einfluss des zum Zeitpunkt des Rentenbeginns fortgeführten Suchtmittelkonsums die Arbeitsfähigkeit in ei- ner angepassten Tätigkeit auf 75% zu veranschlagen sei, wobei eine angepasste 28 Tätigkeit tiefere Anforderungen an den zwei (problematische) Funktionen "An- passung an Regeln und Routinen" sowie "Anwendung fachlicher Kompetenzen" beinhalten würde. Ausgehend von diesem Arbeitsfähigkeitsgrad von 75% und ei- nem entsprechenden Einkommensvergleich ermittelte die IV-Stelle einen IV-Grad von 48%. 3.1.2 Die Befristung bis zum 30. Oktober 2016 wurde in der angefochtenen Ver- fügung damit begründet, dass die Versicherte die betreffenden Auflagen (zur Suchtmittelabstinenz) nicht eingehalten habe und aus medizinisch-theoretischer Sicht zumindest in einer angepassten Tätigkeit nach zumutbarer Einhaltung der Suchtbehandlung eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit resultiere sowie ein rentenausschliessendes Einkommen erzielt werden könnte. Die inzwischen ein- getretene Arbeitsmarktentfremdung und die verloren gegangenen beruflichen Kompetenzen im angestammten Beruf seien der jahrelangen Nichterfüllung der zumutbaren Schadenminderungspflicht zuzuschreiben und deswegen als invali- ditätsfremd zu beurteilen. 3.2.1 Dazu wird in der Beschwerde (S. 6, Ziff. 4) einleuchtend ausgeführt, dass die IV-Stelle die Weiterausrichtung einer (unbefristeten) IV-Rente nicht wegen einer (angeblichen) Verletzung von Auflagen, sondern mit der Argumentation ab- lehne, wonach die Versicherte in einer angepassten Tätigkeit nach zumutbarer Suchtbehandlung voll arbeitsfähig wäre und ein rentenausschliessendes Ein- kommen erzielen könnte. Mithin sei die Resterwerbsfähigkeit der Versicherten aus fachmedizinischer Sicht streitig. 3.2.2 Indessen gelangte der Sachverständige sowohl in seinem ersten Gutach- ten vom 28. März 2016, als auch im Verlaufsgutachten vom 21. Dezember 2020 zum unmissverständlichen Ergebnis, wonach selbst bei einem optimalen Verlauf hinsichtlich der Suchtmittelabstinenz wohl eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit, aber keine volle Leistungsfähigkeit zu erreichen sei (vgl. IV-act. 49-40f./45, Ziff. 2.1 und 2.2; IV-act. 141-37/49: "Von der Abstinenz kann eine wesentliche Ver- besserung erwartet werden, auch wenn sich an der psychischen Störung im en- geren Sinne wenig ändern würde". "Dennoch ist aufgrund der im ersten Gutach- ten detailliert beschriebenen Entwicklungen und Zusammenhänge nicht damit zu rechnen, dass selbst bei optimalem Verlauf ein vergleichsweise 100%iges Leis- tungsniveau erreicht werden kann."). 3.3Auch wenn der Sachverständige die Zumutbarkeit der Suchtmittelbehand- lung (namentlich auch hinsichtlich einer Abstinenz von Cannabis) bejaht hat (vgl. u.a. IV-act. 141-31/49 oben), ist hier zu beachten, dass die Versicherte nach der Aktenlage solchen Abstinenzbemühungen nachgekommen ist (vgl. IV-act. 34-29 2/5: freiwilliger Eintritt in die Klinik E.________ am 4.6.2014 zur Entzugs- behandlung bei langjährig-bestehendem multiplen Substanzgebrauch; zuletzt an- lässlich der Hospitalisation in der Klinik E.________ vom 5.1.22 - 18.2.22 "Eintritt zur Krisenintervention und zum Cannabisentzug bei depressivem Syndrom"). Bei dieser Sachlage kann der Versicherten grundsätzlich keine Verletzung von Mit- wirkungspflichten angelastet werden (siehe auch IV-act. 53, 74 und 153). Allerdings war den angesprochenen Entzugsbemühungen nach der Aktenlage kein anhaltender Erfolg beschieden. In diesem Zusammenhang fällt massgeblich ins Gewicht, dass die Versicherte seit 1994 (im Alter von 17 Jahren) regelmässig Drogen konsumiert (vgl. IV-act. 11-4/6 unten) und in Anbetracht der langen Zeit- dauer eindeutig von einer Chronifizierung der Suchtproblematik auszugehen ist. Dass die behandelnden Fachpersonen den fehlenden anhaltenden Erfolg der ak- tenkundigen Abstinenzbemühungen als krankheitsbedingt beurteilen (vgl. Aus- trittsbericht der Klinik E.________ vom 4.3.22, S. 3 und Stellungnahme der glei- chen Klinik vom 29.4.22, S. 2), erweist sich insgesamt als nachvollziehbar und überzeugend. Dies gilt erst recht, als in den Ausführungen des Gutachters nicht schlüssig dargelegt wurde, weshalb das Scheitern der bisherigen Abstinenz- bemühungen bei chronifizierter Suchtproblematik zwingend als nicht krankheits- bedingt zu qualifizieren sei. Mit anderen Worten sind hier die vom Gutachter postulierte Zumutbarkeit einer Suchtmittelabstinenz einerseits und das fehlende Gelingen solcher (aktenkundi- gen) Abstinenzbemühungen andererseits auseinanderzuhalten, wobei die ge- wichtigeren Argumente für die Einschätzung der behandelnden Fachpersonen sprechen (wonach die gescheiterten Abstinenzbemühungen als krankheitsbe- dingt zu beachten sind), auch wenn diesbezüglich letztlich keine absolute Ge- wissheit besteht. 3.4Anzufügen ist, dass im konkreten Fall die eigentliche Standardindikatoren- prüfung im Sinne von BGE 141 V 281 eher knapp bzw. nicht wie üblich struktu- riert ausgefallen ist, indes lässt sich den Angaben im erwähnten Gutachten ent- nehmen, dass sich der Sachverständige grundsätzlich daran orientiert hat. Na- mentlich hat er sich mit dem Ressourcenprofil und insbesondere folgenden As- pekten konkret auseinandergesetzt (vgl. IV-act. 141-32ff./49): -Funktionen von Temperament und Persönlichkeit; -Umgänglichkeit; -Psychische Stabilität; -Offenheit; -Selbstvertrauen; -Funktionen der psychischen Energie und des Antriebs; -Funktionen der Aufmerksamkeit; -Funktionen des Gedächtnisses;30 -Emotionale Funktionen; -Funktionen des Denkens; -Höhere kognitive Funktionen; -Selbstwahrnehmung und Zeitwahrnehmung betreffend Funktionen; -Anpassung an Regeln und Routinen; -Planung und Strukturierung von Aufgaben; -Flexibilität und Umstellfähigkeit; -Anwendung fachlicher Kompetenzen; -Entscheidungs- und Urteilsvermögen; -Durchhaltefähigkeit; -Selbstbehauptungsfähigkeit; -Kontaktfähigkeit zu Dritten; -Gruppenfähigkeit; -Selbstpflege; -Verkehrsfähigkeit; -Familiäre bzw. intime Beziehungen; -Spontanaktivitäten. 3.5Im Lichte all dieser Ausführungen rechtfertigt es sich zusammenfassend, die hier massgebende Restarbeitsfähigkeit für angepasste Tätigkeiten (in Anleh- nung an die Einschätzung des Gutachters bei fortgesetztem Cannabiskonsum, vgl. IV-act. 141-43/49 unten) auf 75% zu veranschlagen. Der von diesem Gut- achter postulierten Erhöhung der Leistungsfähigkeit bei Einhaltung einer zumut- baren Abstinenz ist nach gerichtlicher Würdigung der Aktenlage (mit einer lang- jährigen, chronifizierten Suchtmittelproblematik) entgegenzuhalten, dass es der Versicherten - im Einklang mit der Einschätzung der Behandler (zuletzt in der Kli- nik E.________) - krankheitsbedingt nicht möglich ist, eine dauerhafte Cannabis- abstinenz zu erlangen. Mit anderen Worten wird hier berücksichtigt, dass die Versicherte sich im Verlauf wiederholt um eine Suchtmittelabstinenz bemüht hat, indes hinsichtlich Cannabis ohne anhaltenden Erfolg. Wie es sich verhalten wür- de, wenn bei der Versicherten wesentlich früher bzw. von Anfang an eine suchtspezifische Behandlung in einem stationären Rahmen eingeleitet bzw. durchgeführt worden wäre (vgl. dazu auch IV-act. 141-28/49 unten), kann hier of- fen bleiben, weil entsprechende Schlussfolgerungen weitgehend spekulativ blei- ben. 4.1Was die erwerblichen Auswirkungen des oben hergeleiteten, massgebli- chenen Arbeitsfähigkeitsgrades anbelangt, ist an das in der angefochtenen Ver- fügung enthaltene Valideneinkommen von Fr. 73'834.-- anzuknüpfen. In der Be- schwerde (S. 12 oben) wird eingewendet, dass das Valideneinkommen nicht nach der Lohnstrukturerhebung (LSE), sondern nach Art. 26 IVV (d.h. für Versi- cherte, welche wegen der Invalidität keine zureichenden beruflichen Kenntnisse erwerben konnten) festzulegen sei. Ein solcher Fall liegt hier nicht vor, konnte doch die Versicherte eine Berufslehre (kaufmännische Ausbildung) erfolgreich abschliessen und u.a. in der Folge eine Anstellung als Direktionsassistentin aus-31 üben, wie auch in der Beschwerde (S. 12 oben) vorgebracht wurde. Bei dieser Sachlage fällt eine Ermittlung des Valideneinkommens nach der Methode für Versicherte ohne Ausbildung (Art. 26 IVV) ausser Betracht. 4.2Der in der angefochtenen Verfügung zur Bestimmung des Invalidenein- kommens ermittelte Tabellenlohn von Fr. 51'441.-- wird von der beanwalteten Beschwerdeführerin vor Gericht nicht in Frage gestellt, weshalb sich weitere Aus- führungen dazu erübrigen. Nachdem der massgebende Arbeitsfähigkeitsgrad auf 75% zu veranschlagen ist (siehe oben), resultiert ein Invalideneinkommen von Fr. 38'580.75 (51'441 x 0.75), ohne dass noch ein zusätzlicher leidensbedingter Abzug angebracht wäre. Den diesbezüglichen Ausführungen der Vorinstanz ist uneingeschränkt beizupflichten. 4.3Bei einem Valideneinkommen von Fr. 73'834.-- und einem Invalidenein- kommen von Fr. 38'580.75 beträgt der IV-Grad 48% (73'834 minus 38'580.75 = 35'253.25; 35'253.25 : 73'834 x 100 = 47.746). Mithin hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine (unbefristete) Viertelsrente. Die Ermittlung und Nachzahlung der entsprechenden IV-Rentenleistungen ist Sache der Verwaltung. 5.1Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insoweit teilweise gutzuheissen und die angefochtene Verfügung dahingehend abzuändern, dass die Beschwer- deführerin ab 1. August 2013 bzw. auch noch nach dem 1. November 2016 An- spruch auf eine (unbefristete) Viertelsrente hat. Soweit die Beschwerdeführerin höhere IV-Rentenleistungen beantragt, wird die Beschwerde als unbegründet abgewiesen. 5.2Diesem Ergebnis entsprechend werden die Verfahrenskosten (Fr. 500.--) der IV-Stelle zu 2/3 (Fr. 333.--) und der Beschwerdeführerin zu 1/3 (Fr. 167.--) auferlegt. Auf das Inkasso des Verfahrenskostenanteils der Beschwerdeführerin wurde derzeit unter Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege verzichtet. 5.3Zudem wird der Beschwerdeführerin für ihr Teilobsiegen zulasten der IV- Stelle eine (reduzierte) Parteientschädigung zugesprochen, deren Höhe sich nach dem Gebührentarif für Rechtsanwälte (GebTRA, SRSZ 280.411) richtet. § 2 GebTRA sieht als Bemessungskriterien die Wichtigkeit der Streitsache, ihre Schwierigkeit, den Umfang und die Art der Arbeitsleistung sowie den notwendi- gen Zeitaufwand vor. Das Honorar beträgt für die Vertretung vor Verwaltungsge- richt grundsätzlich Fr. 300.-- bis Fr. 8'400.-- (§ 14 GebTRA). Wird eine spezifizier- te Kostennote eingereicht und erscheint sie angemessen, ist sie der Festsetzung der Vergütung zugrunde zu legen, andernfalls wird die Vergütung nach pflicht- gemässem Ermessen festgesetzt (vgl. § 6 Abs. 1 GebTRA). Unter Berücksichti-32 gung all dieser Aspekte wird die reduzierte Parteientschädigung auf Fr. 1'800.-- (inkl. MwSt und Auslagen) festgelegt. Soweit die Beschwerdeführerin unterliegt, wird ihr die unentgeltliche Rechtsver- beiständung gewährt. Das diesbezügliche Honorar wird nach den gleichen, oben angeführten Grundsätzen auf Fr. 1'000.-- (inkl. MwSt und Auslagen) festgelegt.33 Demnach erkennt das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen teilweise gutgeheissen. Die angefochtene Verfügung vom 5. Juli 2021 wird dahingehend abgeän- dert, dass der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. August 2013 keine befristete, sondern eine unbefristete Viertelsrente (IV-Grad 48%) gewährt wird. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. Die Nachzahlung der entsprechenden Rentenbeträge ist Sache der Verwaltung. 2. Die Verfahrenskosten werden auf Fr. 500.-- festgelegt und der Vorinstanz zu 2/3 (Fr. 333.--) und der Beschwerdeführerin zu 1/3 (Fr. 167.--) auferlegt. Die IV-Stelle hat ihren Verfahrenskostenanteil (Fr. 333.--) innert 30 Tagen seit Zustellung dieses Entscheids auf das Postkonto 60-22238-6 zu bezah- len. Auf das Inkasso des Verfahrenskostenanteils der Beschwerdeführerin wird derzeit unter Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege verzichtet. 3. Der Beschwerdeführerin wird zulasten der IV-Stelle eine reduzierte Partei- entschädigung von Fr. 1'800.-- (inkl. MwSt/Auslagen) zugesprochen. 4. Soweit die Beschwerdeführerin unterliegt, wird ihr die unentgeltliche Rechtsverbeiständung gewährt und Advokatin lic.iur. B.________ als un- entgeltliche Rechtsbeiständin bestellt. Ihr ist zu Lasten des Gerichts ein Honorar von Fr. 1'000.-- (inkl. MwSt/Auslagen) zuzusprechen. 5. Vermag die Beschwerdeführerin ihren Verfahrenskostenanteil (Fr. 167.--) sowie das unter Ziffer 4 angeführte Honorar von Fr. 1'000.-- zu decken, ist sie zur Rückzahlung an die Gerichtskasse verpflichtet (die Rückzahlungs- pflicht erlischt zehn Jahre nach Eintritt der Rechtskraft des Entscheides, vgl. § 75 Abs. 3 VRP). 6. Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit Zustellung Beschwer- de* in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht, Schwei- zerhofquai 6, 6004 Luzern, erhoben werden (Art. 42 und 82ff. des Bundes- gesetzes über das Bundesgericht [BGG; SR 173.110] vom 17.6.2005). 7. Zustellung an: -die Vertreterin der Beschwerdeführerin (2/R) -die Vorinstanz (R) -und das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV, 3003 Bern (A).34 Schwyz, 3. Juni 2022 Im Namen des Verwaltungsgerichts Der Vizepräsident: Die a.o. Gerichtsschreiberin: *Anforderungen an die Beschwerdeschrift Die Beschwerdeschrift ist in einer Amtssprache (Deutsch, Französisch, Italienisch, Ru- mantsch Grischun) abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. In der Begründung ist in gedrängter Form darzulegen, inwiefern der angefochtene Entscheid Recht verletzt. Die Urkunden, auf die sich die Partei als Beweismittel beruft, sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat; der angefochtene Entscheid ist beizulegen. Versand: 20. Juni 2022