Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 1. Februar 2022 (460 21 184) ____________________________________________________________________ Strafrecht Versuchte Tötung etc. Besetzung Präsident Dieter Eglin, Richter Markus Mattle (Ref.), Richter Beat Hersberger, Richterin Helena Hess, Ersatzrichterin Suzanne Styk Kohlhaas; Gerichtsschreiber Pascal Neumann Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Allgemeine Hauptabteilung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Anklagebehörde und Anschlussberufungsklägerin A.____ , Privatklägerin gegen B.____ , vertreten durch Advokat Dieter Roth, Zeughausplatz 34, Postfach 375, 4410 Liestal, Beschuldigter und Berufungskläger Gegenstand Versuchte vorsätzliche Tötung etc. (Berufung und Anschlussberufung gegen das Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 8. Oktober 2020) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 8. Okt ober 2020 wurde B.____ der ver- suchten vorsätzlichen Tötung, der Nötigung, der mehrfach en Tätlichkeiten, der mehrfachen Wi- derhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, des mehr fachen Ungehorsams gegen amtli- che Verfügungen sowie der mehrfachen Widerhandlung ge gen das Strassenverkehrsgesetz schuldig erklärt und zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahr en verurteilt, dies unter Anrechnung der vom 28. Mai 2019 bis zum 12. Dezember 2019 und vo m 18. August 2020 bis zum 2. Sep- tember 2020 ausgestandenen Untersuchungs- bzw. Sicherheit shaft und des vorzeitigen Straf- vollzugs vom 2. September 2020 bis zum 8. Oktober 2020 vo n insgesamt 214 Tagen. Ausser- dem wurde B.____ zu einer Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je CHF 10.-- (bzw. an deren Stelle zu einer Ersatzfreiheitsstrafe von zehn Tagen im Falle der Nichtbezahlung der Geldstrafe und deren Uneinbringlichkeit auf dem Betreibungsweg) sowie zu einer Busse von CHF 800.-- (bzw. an deren Stelle zu einer Ersatzfreiheitsstrafe von acht Tagen im Falle schuldhafter Nicht- bezahlung der Busse) verurteilt; dies alles in Anwendun g von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 181 StGB, Art. 126 Abs. 2 l it. c StGB, Art. 19a Ziff. 1 BetmG, Art. 292 StGB, Art. 90 Abs. 1 SVG (in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1 SVG und Art. 3 Abs. 1 VRV), Art. 96 Abs. 1 lit. a SVG (in Verbindung mit Art. 10 Abs. 1 S VG), Art. 96 Abs. 2 SVG (in Verbindung mit Art. 11 Abs. 1 SVG), Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG, Art. 19 Abs. 2 StGB, Art. 34 StGB, Art. 40 StGB, Art. 49 Abs. 1 StGB, Art. 51 StGB sowie Art. 106 StGB . Demgegenüber wurde B.____ von den Vorwürfen der mehrfachen Tätlichkeiten, der einfachen Körperverletzung sowie der versuchten Nötigung (Ziffer 1 der Zusatz-Anklageschrift vom 17. S eptember 2020 [Vorfälle 1 und 2]) freige- sprochen. Das Verfahren betreffend Diebstahl (Ziffer 1 der Zusatz-Anklageschrift [Vorfall 3]) wurde mangels Vorliegens eines Strafantrags eingestellt. Des Weiteren wurde der Strafvollzug in Anwendung von Art. 57 Abs. 2 StGB aufgeschoben und der Beschuldigte gemäss Art. 59 StGB in eine geeignete psychiatrische Einrichtung bzw. Ma ssnahmenvollzugseinrichtung ein- gewiesen. Zudem wurde B.____ in Anwendung von Art. 6 6a StGB für die Dauer von acht Jahren des Landes verwiesen, und es wurde festgehalte n, dass die Landesverweisung im Schengener Informationssystem eingetragen wird. Ferner w urde erkannt, dass das beschlag- nahmte Bargeld im Umfang von CHF 3'200.-- gemäss Art. 442 Abs. 4 StPO in Verbindung mit Art. 268 StPO an die Verfahrenskosten angerechnet wir d. In Bezug auf die beschlagnahmten Ausweise von B.____ wurde bestimmt, dass diese nach Rechtskr aft unter Aufhebung der Be- schlagnahme gestützt auf Art. 267 Abs. 1 und Abs. 3 StPO dem Beschuldigten zurückgegeben werden. Gleichermassen wurde festgestellt, dass diverse Kl eidungsstücke dem Beschuldigten Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht bzw. der Privatklägerin nach Rechtskraft unter Aufhebung der Beschlagnahme gestützt auf Art. 267 Abs. 1 und Abs. 3 StPO zurückgegeben werden. Schliesslich wurde der Beschuldigte in Anwendung von Art. 426 Abs. 1 StPO zur Tragung der Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vorverfahrens von CHF 15'825.--, den Kosten des Zwangsmassnahmengerichts von CHF 3'400.--, den Expertisekosten des gerichtlichen V erfahrens von CHF 2'550.-- und der Gerichtsgebühr von CHF 6'000.--, verurteilt. Auf die Begründung dieses Urteils sowie der nach- folgenden Eingaben der Parteien wird, soweit erforde rlich, im Rahmen der Erwägungen einge- gangen. B. Gegen das Urteil des Strafgerichts vom 8. Oktober 2020 meldete der Beschuldigte mit Datum vom 26. Oktober 2020 die Berufung an. Dabei s tellte er in seiner Berufungserklärung vom 4. August 2021 die folgenden Rechtsbegehren: In G utheissung seiner Berufung sei das angefochtene Urteil in den Ziffern 1a) und 2 aufzuhe ben, und er sei der mehrfachen einfachen Körperverletzung und der nicht angefochtenen weiteren erstinstanzlichen Delikte schuldig zu sprechen und zu einer Freiheitsstrafe von maximal 30 Mo naten zu verurteilen, wobei diese zu- gunsten einer ambulanten psychotherapeutischen Massnahme a ufzuschieben sei (Ziff. 1). So- dann sei das angefochtene Urteil in den Ziffern 3 und 4 aufzuheben und von der Anordnung einer Landesverweisung abzusehen. Eventualiter sei eine Landesverweisung von maximal drei Jahren auszusprechen und kein Eintrag in das Schengener I nformationssystem vorzunehmen (Ziff. 2). Ausserdem sei die Beschlagnahme gemäss Ziffer 5 b) des angefochtenen Urteils auf- zuheben, und das beschlagnahmte Bargeld im Umfang von CHF 3'200.-- an seine Tochter aus- zuhändigen (Ziff. 3). Gemäss dem Ausgang des Berufungsve rfahrens sei zudem Ziffer 6 des angefochtenen Urteils aufzuheben, und die erstinstanzliche n Verfahrenskosten seien neu zu verlegen (Ziff. 4); dies alles unter o/e Kostenfolge, wobei ihm auch für das Berufungsverfahren die amtliche Verteidigung zu bewilligen sei (Ziff. 5 ). Im Sinne eines Beweisantrages wurde be- gehrt, es sei bei der Justizvollzugsanstalt Lenzburg ein aktueller Bericht über den Beschuldigten einzuholen. In seiner Berufungsbegründung vom 13. Oktob er 2021 hielt der Beschuldigte an seinen bereits gestellten Rechtsbegehren fest. Ergänzen d hierzu beantragte er, es sei die An- schlussberufung der Staatsanwaltschaft vollumfänglich abzuweisen. C. Die Staatsanwaltschaft erklärte mit Eingabe vom 26. August 2021 die Anschlussberufung mit folgenden Anträgen: Es sei die Berufung des Beschu ldigten abzuweisen und dieser in teil- weiser Abänderung von Ziffer 1a) des angefochtenen Urt eils gemäss Anklage wegen Erpres- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht sung (anstelle von Nötigung) zu verurteilen (Ziff. 1). Ferner sei der Beschuldigte in teilweiser Abänderung von Ziffer 1b) des angefochtenen Urteils ge mäss Anklage wegen einfacher Kör- perverletzung, mehrfacher Tätlichkeiten und versuchter Nö tigung zu verurteilen (Ziff. 2). Des Weiteren sei die Berufung des Beschuldigten abzuweisen und dieser in teilweiser Abänderung von Ziffer 1a) des angefochtenen Urteils zu einer Fr eiheitsstrafe von vier Jahren und zehn Mo- naten, zu einer Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu jewe ils CHF 10.-- sowie zu einer Busse von CHF 1'000.-- zu verurteilen (Ziff. 3). Ausserdem sei die Berufung des Beschuldigten abzu- weisen und dieser in teilweiser Abänderung von Ziffer 3 des angefochtenen Urteils in Anwen- dung von Art. 66a StGB zu einer Landesverweisung für di e Dauer von zehn Jahren zu verurtei- len (Ziff. 4). Im Übrigen sei das angefochtene Urteil in Abweisung der Berufung des Beschuldig- ten vollumfänglich zu bestätigen (Ziff. 5). Schliesslich sei der Beschuldigte zu verurteilen, die Verfahrenskosten für das Berufungsverfahren zu tragen (Ziff. 6). D. Mit Datum vom 22. November 2021 reichte die Staatsan waltschaft ihre Berufungsantwort ein, in welcher sie an ihren bereits in der Anschlussbe rufungserklärung gestellten Anträgen festhielt. Darüber hinaus begehrte sie, es sei ihre Ansc hlussberufung vollumfänglich gutzuheis- sen. E. Der Beschuldigte führte in seiner Anschlussberufungsan twort vom 24. November 2021 aus, er halte an den bisher im Rahmen des Berufungsver fahrens gestellten Anträgen vollum- fänglich fest und beantrage die vollumfängliche Abweisu ng der Anschlussberufung der Staats- anwaltschaft. F. Mit Verfügung des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abte ilung Strafrecht, vom 3. September 2021 wurde festgestellt, dass die Privatklä gerin weder Berufung noch Anschluss- berufung erhoben hat. Ausserdem wurde dem Beschuldigte n für das zweitinstanzliche Verfah- ren die amtliche Verteidigung mit Advokat Dieter Roth bewilligt. Mit weiterer Verfügung vom 29. November 2021 wurde in Gutheissung des entsprechende n Beweisantrages des Beschul- digten in seiner Berufungserklärung vom 4. August 2021 b ei der Justizvollzugsanstalt Lenzburg ein aktueller Bericht über dessen Verhalten im vorzeitigen Strafvollzug eingeholt. G. Dieser Vollzugsbericht der Justizvollzugsanstalt Lenzburg w urde mit Datum vom 5. Januar 2022 erstellt und zu den Akten genommen. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht H. Am 17. Januar 2022 reichte die Privatklägerin zu Hand en des Kantonsgerichts ein Gna- dengesuch zu Gunsten des Beschuldigten ein. I. Anlässlich der Parteiverhandlung vom 31. Januar 2022 si nd der Beschuldigte mit seinem Rechtsvertreter Advokat Dieter Roth, Corina Darms als Vertreterin der Staatsanwaltschaft sowie die Privatklägerin anwesend. Auf die Ausführungen der Anwesenden wird ebenfalls, soweit er- forderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Erwägungen 1. Formalien und Verfahrensgegenstand 1.1 Formalien Die Zuständigkeit der Fünferkammer des Kantonsgerichts, A bteilung Strafrecht, als Berufungs- instanz zur Beurteilung der vorliegenden Rechtsmittel ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit lit. b EG StPO. Nach Art. 398 Abs. 1 StPO ist die Berufung zulässig gegen Urteile erstinstanzlicher Gerichte , mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abgeschlossen worden ist. Gemäss Abs. 3 von Art. 398 StPO können mit der Beru- fung gerügt werden: Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (lit. a) , die unvollständige oder un- richtige Feststellung des Sachverhaltes (lit. b) sowie Unangemessenheit (lit. c), wobei das Beru- fungsgericht das Urteil in allen angefochtenen Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 398 Abs. 2 StPO). Nach Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Berufung dem erstin- stanzlichen Gericht innert zehn Tagen seit Eröffnung de s Urteils schriftlich oder mündlich an- zumelden und danach dem Berufungsgericht innert 20 Tagen seit der Zustellung des begründe- ten Urteils eine schriftliche Berufungserklärung einzur eichen. Die Anschlussberufung ist Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO folgend innerhalb von 20 Tagen seit Empfang der Berufungserklä- rung schriftlich zu erklären. Die Legitimation der Sta atsanwaltschaft zur Ergreifung des Rechts- mittels wird in Art. 381 Abs. 1 StPO und diejenige de s Beschuldigten in Art. 382 Abs. 1 StPO Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht normiert. Nachdem in casu das angefochtene Urteil ein taugliches Anfechtungsobjekt darstellt, sowohl der Beschuldigte als auch die Staatsanwaltschaft berufungs- bzw. anschlussberufungs- legitimiert sind, zulässige Rügen erheben und die Rechtsm ittelfristen gewahrt haben sowie der Erklärungspflicht nachgekommen sind, ist im Folgenden oh ne Weiteres auf die Rechtsmittel (Berufung des Beschuldigten sowie Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft) einzutreten. 1.2 Verfahrensgegenstand a) Gegen das erstinstanzliche Urteil hat sowohl der Beschul digte als auch die Staatsanwalt- schaft ein Rechtsmittel ergriffen. Dabei richtet der Besc huldigte seine Berufung gegen den Schuldspruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Nötigung sowie gegen das Strafmass gemäss Ziffer 1 des angefochtenen Urteils, gegen die au sgesprochene stationäre Massnahme nach Ziffer 2, gegen die Anordnung der Landesverweisu ng inklusive des Eintrags in das Schengener Informationssystem gemäss den Ziffern 3 und 4, die Beschlagnahme des Bargel- des im Umfang von CHF 3'200.-- nach Ziffer 5b) sowie g egen die Kostenverlegung gemäss Ziffer 6 des angefochtenen Urteils. Die Staatsanwaltschaft begehrt demgegenüber in ihrer Anschlussberufung in Abänderung des angefochtenen Urteils eine Verurteilung des Beschuldigte n wegen Erpressung (anstelle von Nötigung) gemäss Ziffer 2 der Anklageschrift, eine zusätzl iche Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung, mehrfacher Tätlichkeiten und versucht er Nötigung nach Ziffer 1 Vorfall 2 der Zusatz-Anklageschrift, eine Erhöhung des Strafmasses und g leichermassen eine Erhöhung der Dauer der ausgesprochenen Landesverweisung. Gestützt auf Art. 404 Abs. 1 StPO bilden im vorliegenden Berufungsverfahren nur noch die vorgängig genannten Punkte Gegenstand der richterlichen Überprüfung (vgl. auch Art. 398 Abs. 2 StPO). b) Namentlich nicht mehr zu prüfen sind damit die Schuldsp rüche wegen mehrfachen Tät- lichkeiten, mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäub ungsmittelgesetz, mehrfachen Unge- horsams gegen amtliche Verfügungen sowie wegen mehrfac her Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz (Dispositiv-Ziff. 1a), die Verhängun g einer Geldstrafe von zehn Ta- gessätzen zu jeweils CHF 10.-- (Dispositiv-Ziff. 1a), die Einstellung des Verfahrens betreffend Diebstahls gemäss Ziffer 1 der Zusatz-Anklageschrift hinsichtlich des Vorfalls 3 mangels Vorlie- gens eines Strafantrags (Dispositiv-Ziff. 1c), die Anordnu ngen über die Beschlagnahmegüter Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht (Dispositiv-Ziff. 5), mit Ausnahme der Beschlagnahme de s Bargelds im Betrag von CHF 3'200.--, welches die Vorinstanz an die Verfahrensk osten angerechnet hat (Dispositiv- Ziff. 5b), sowie die Anordnung, wonach über das Hono rar der amtlichen Verteidigung separat entschieden wird (Dispositiv-Ziff. 7) mitsamt dem entsp rechenden Beschluss des Strafgerichts vom 21. Oktober 2020, in welchem die Entschädigung des amtlichen Verteidigers betragsmäs- sig festgesetzt worden ist. 2. Ausführungen der Parteien 2.1 B.____ (...). 2.2 Staatsanwaltschaft (...). 3. Verfahrensgrundsätze, Beweiswürdigung und Sachver halt 3.1 Verfahrensgrundsätze (...). 3.2 Beweiswürdigung (...). 3.3 Sachverhalt (...). Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4. Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung, e ventualiter der Gefährdung des Lebens und der versuchten schweren Körperverletzung (Ziffer 1 der Anklageschrift) 4.1 a) Die Vorinstanz hat den Beschuldigten im vorliegenden F all gestützt auf den ihrer Ansicht nach erstellten Sachverhalt gemäss Anklageschrift der vers uchten vorsätzlichen Tötung nach Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig erklärt. Begründet worden ist dies im Wesentlichen damit, dass der Beschuldigte den Tod bi lligend in Kauf genommen habe, weil er das Tötungsrisiko nicht mehr habe kontrollieren oder kalkulieren können. Es sei nur von Zu- fällen abhängig gewesen, dass die Privatklägerin trot z des mehrfachen intensiven, ein ausge- prägtes Stauungssyndrom bewirkenden Würgens sowie ihres gesu ndheitlichen Zustands drei Wochen nach der Geburt nicht verstorben sei. b) Demgegenüber vertritt der Beschuldigte, wie bereits vorgängig dargelegt (vgl. oben E. 2.1.a/aa), zusammengefasst die Auffassung, er habe keinen Tötungsvorsatz gehabt, was dadurch belegt werde, dass er immer wieder den Würgegr iff losgelassen und geschaut habe, wie es dem Opfer gehe. Die einzelnen Würgevorgänge s eien jeweils kurz gewesen mit Unter- brechungen dazwischen, so dass eben gerade kein nicht mehr kalkulierbares Tötungsrisiko vorgelegen habe. Zudem seien keine zusätzlichen objektiven Umstände vorhanden, welche auf den Eventualvorsatz schliessen lassen würden. c) Die Staatsanwaltschaft wiederum ist der Ansicht, es habe eine unmittelbare Lebensgefahr bestanden, mit deren Beginn der weitere Ausgang für d en Beschuldigten nicht mehr steuerbar und vielmehr von Zufällen abhängig gewesen sei. Diese r habe in keiner Weise voraussagen können, ob die Dauer und Intensität seiner Handlungen zum Tod des Opfers führen würden oder nicht. Aufgrund der sachverhaltsmässig erstellten Um stände sei die Vermeidung der To- desfolge ganz überwiegend dem Zufall überlassen gebli eben, und der Beschuldigte habe kei- nerlei Anlass gehabt, darauf zu vertrauen, dass der To d der Privatklägerin nicht eintreten wer- de, zumal er selber nichts gegen die Gefahr unternommen habe (vgl. oben E. 2.2.b/aa). Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 a) Nach Art. 111 StGB wird mit Freiheitsstrafe nicht unt er fünf Jahren bestraft, wer vorsätz- lich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen Voraussetzungen der nachfolgen- den Artikel zutrifft. Geschütztes Rechtsgut ist das Lebe n eines Menschen, Angriffsobjekt ist ein anderer lebender Mensch. Als Tathandlung genügt jede A rt der Verursachung des Todes eines lebenden Menschen, wobei der Täter beliebige Tatmittel einsetzen kann. Der Erfolg kann durch physische oder psychische Einwirkung auf das Opfer bewirkt w erden. Auf Seiten des subjekti- ven Tatbestandes erforderlich ist der Vorsatz im Sinne vo n Art. 12 Abs. 2 StGB, der sich einzig auf die Herbeiführung des Todes beziehen muss. Eventualvo rsatz genügt gemäss der explizi- ten Regelung von Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB. Die (versuch te) vorsätzliche Tötung geht der Ge- fährdung des Lebens vor, wenn das gleiche Angriffsobjekt b etroffen ist (C HRISTIAN SCHWARZENEGGER / JASMINE STÖSSEL , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Ba sel 2019, N 1 ff. vor Art. 111 StGB sowie N 4 ff. zu Art. 111 StGB, mit Hinweisen). b) In Anwendung von Art. 12 Abs. 1 StGB ist, soweit es d as Gesetz nicht ausdrücklich an- ders bestimmt, nur strafbar, wer ein Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich begeht. Gestützt auf Abs. 2 von Art. 12 StGB begeht ein Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich, wer die Tat mit Wis- sen und Willen ausführt, wobei bereits vorsätzlich han delt, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt. Angesichts der notorische n Unsicherheiten, welche der Ab- grenzung anhaften, beansprucht die Maxime "in dubio pro reo" erhöhte Beachtung, weshalb Eventualvorsatz nicht leichthin anzunehmen ist (M ARCEL ALEXANDER NIGGLI / STEFAN MAEDER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, N 62 zu Art. 12 StGB, mit Hinwei- sen). Eventualvorsatz ist praxisgemäss (vgl. zum Ganzen BGer 6B_724/2017 vom 21. Juli 2017 E. 1.2) gegeben, wenn der Täter den Eintritt des Erf olgs beziehungsweise die Tatbestandsver- wirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall des Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch un erwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; 134 IV 26 E. 3.2.2; 131 IV 1 E. 2.2; 130 IV 58 E. 8 .2; je mit Hinweisen). Vorsätzlich handelt mit- hin bereits, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB). Für den Nachweis der Inkaufnahme des ta tbestandsmässigen Erfolgs kann sich das Gericht ‒ soweit der Täter nicht geständig ist ‒ regelmässig nur auf äussere Umstände und Erfahrungsregeln stützen, die Rückschlüsse auf die innere Einstellung des Täters erlauben. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung und die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung. Je grösser beziehungsweise schwerer diese sind, Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht desto eher darf gefolgert werden, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf ge- nommen (BGE 134 IV 26 E. 3.2.2; 130 IV 58 E. 8.4; j e mit Hinweisen). Zu den relevanten Um- ständen können auch die Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung gehören (BGE 130 IV 58 E. 8.4, mit Hinweisen). Das Gericht kann vo m Wissen des Täters auf dessen Willen schliessen, wenn sich dem Täter der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufgedrängt hat, dass die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernün ftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 , mit Hinweisen; G ÜNTER STRATENWERTH , Schweizerisches Strafrecht, Allgemeiner Teil I, 4. Auf lage, Bern 2011, § 9 N 103, mit Hinweisen). Eventualvorsatz kann indessen au ch vorliegen, wenn der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs nicht in diesem Sinne sehr wahrscheinlich, sondern bloss möglich gewesen ist. Doch darf nicht allein aus dem Wissen des Be schuldigten um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden , vielmehr müssen weitere Um- stände hinzukommen (BGE 133 IV 9 E. 4.1; 133 IV 1 E. 4.5). Solche Umstände sind beispiels- weise darin zu sehen, dass der Täter das Tötungsrisiko in keiner Weise kalkulieren oder dosie- ren kann, das Ausbleiben des Erfolgs als zu einem gro ssen Teil von Glück und Zufall abhängig ist, oder das Opfer keinerlei Abwehrchancen hat (BGer 6B_33/2012 vom 15. Februar 2013 E. 3.5; 6B_808/2013 vom 19. Mai 2014 E. 2.2.3). Der Umstand, dass rückblickend für das Opfer zu keiner Zeit akute Lebensgefahr bestanden hat und die erlittenen Verletzungen nur leicht ge- wesen sind, schliesst einen Eventualvorsatz bezüglich einer Tötung nicht aus (BGer 6B_73/2015 vom 25. November 2015 E. 1.3.3; 6B_221/20 16 vom 20. Mai 2016 E. 3.1; SCHWARZENEGGER , a.a.O., N 7 zu Art. 111 StGB, mit Hinweisen). Eventu aldolus ist exempla- risch zu bejahen, wenn der Täter das Opfer minutenlang würgt bzw. eine Bettdecke auf das Gesicht drückt (BGer 6B_422/2008 vom 31. Juli 2008 E. 2.2). c) Führt der Täter, nachdem er mit der Ausführung eines Verbrechens oder Vergehens be- gonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende od er tritt der zur Vollendung der Tat gehören- de Erfolg nicht ein oder kann dieser nicht eintreten , so kann das Gericht die Strafe mildern (Art. 22 Abs. 1 StGB). Nach dem Wortlaut der Norm mu ss der Täter mit der Ausführung der Tat begonnen haben. Dies erfordert implizit, dass er zuvor ei nen auf ihre Begehung gerichteten Entschluss gefasst hat. Vom vollendeten Delikt unterscheid et sich der Versuch dadurch, dass der objektive Tatbestand nur zum Teil verwirklicht wird, während der subjektive Tatbestand hier wie dort erfüllt sein muss. Zum Tatentschluss gehört stet s der Vorsatz, wobei Eventualvorsatz genügt. Erfordert der Tatbestand zusätzlich subjektive Un rechtsmerkmale, so müssen nach Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht einhelliger Auffassung auch sie gegeben sein. Gemäss de r Praxis des Bundesgerichts wird zum Beginn der Ausführung jede Tätigkeit gerechnet, d ie nach dem Plan, den sich der Täter gemacht hat, auf dem Weg zum Erfolg den letzten entscheidenden Schritt darstellt, von dem es in der Regel kein Zurück mehr gibt, es sei denn wegen ä usserer Umstände, die eine Weiterver- folgung der Absicht erschweren oder verunmöglichen (BGE 131 IV 100 E. 7.2.1; M ARCEL ALEXANDER N IGGLI / STEFAN MAEDER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Base l 2019, N 1 ff. zu Art. 22 StGB, mit Hinweisen). Art. 22 Abs. 1 StGB umfasst sowohl den taugli- chen wie auch den untauglichen Versuch und stellt alle Ve rsuchsarten in der Rechtsfolge gleich, mit Ausnahme des untauglichen Versuchs aus grobem Unverstand, welcher nach Art. 22 Abs. 2 StGB straflos bleibt (NIGGLI / MAEDER , a.a.O., N 44 zu Art. 22 StGB). d) Gemäss Art. 129 StGB macht sich der Gefährdung des Le bens schuldig, wer einen Men- schen in skrupelloser Weise in unmittelbare Lebensgefahr bringt, wobei die Strafandrohung eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jah ren beinhaltet. Tathandlung ist jedes Verursachen einer konkreten, unmittelbaren Lebensgefäh rdung. Die Lebensgefährdung ist ein Zustand, aufgrund dessen nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge die Wahrscheinlichkeit oder nahe Möglichkeit der Verletzung des geschützten Rechtsgut es besteht, wobei nicht eine ma- thematische Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 % vorausge setzt ist. Unmittelbarkeit liegt vor, wenn die Verwirklichung der Gefahr wahrscheinlich und di e unvermittelte, akute Gefahr direkt dem Verhalten des Täters zuzuschreiben ist und nicht etwa aussen stehenden Ereignissen oder Handlungen von Drittpersonen (BGer 6S.467/2005 vom 7 . Juni 2006 E. 2). Auf der subjektiven Seite des Tatbestandes wird Vorsatz und Skrupellosigkeit verlangt. Dolus eventualis bezüglich der Gefährdung genügt nach der Praxis und der Lehre n icht. Der objektive Tatbestand verlangt die Verursachung einer unmittelbaren Lebensgefahr. W er aber bloss eventualvorsätzlich han- delt, schafft keine unmittelbare, sondern höchstens eine mittelbare, bedingte Lebensgefahr. Der Täter muss sich bewusst sein, dass er durch sein Verhalten eine unmittelbare Lebensgefahr direkt herbeiführt; er muss die Möglichkeit des Erfolgs eintritts kennen. Im Unterschied zum Tö- tungsdelikt ist bei der Lebensgefährdung gefordert, dass zwar nicht der Erfolgseintritt, aber die unmittelbare Gefahrenlage gewollt ist. Mit der Skrupe llosigkeit ist ein qualifizierter Grad der Vorwerfbarkeit, eine besondere Hemmungs- und Rücksichtslosigkeit des Täters in der Situation gemeint. Zu berücksichtigen sind die Tatmittel, die Tatm otive sowie die konkrete Tatsituation. Skrupellosigkeit liegt umso näher, je grösser die Gefah r ist, die der Täter herbeiführt und je we- niger seine Beweggründe zu billigen oder zu verstehen sind. Skrupellosigkeit muss sich als Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht Qualifikation der Tat ergeben. Vom Eventualvorsatz auf Tötung unterscheidet sich der Gefähr- dungsvorsatz dadurch, dass der Täter darauf vertraut, de r Tod des Opfers werde nicht eintre- ten. Dies setzt voraus, dass er annimmt, die drohende Gefahr könne durch sein eigenes Verhal- ten oder durch eine Reaktion der gefährdeten Person a bgewendet werden. Je mehr die Ver- meidung der Todesfolge dem Zufall überlassen bleibt, desto eher ist eventualvorsätzliche Tö- tung oder der Versuch dazu anzunehmen (S TEFAN MAEDER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, N 44 ff. zu Art. 129 StGB, mit Hinweisen). 4.3 In Bezug auf den in casu rechtserheblichen Sachverhalt ist festzustellen, dass dieser im Wesentlichen vom Beschuldigten und der Privatklägerin üb ereinstimmend geschildert wird und sich zudem mit den Wahrnehmungen der Zeugen sowie mit den rechtsmedizinischen Befunden deckt. Im Einzelnen ist Folgendes zu erwägen: a) Aussagen der Parteien aa) Der Beschuldigte hat anlässlich seiner Einvernahme vom 1 2. Juli 2019 ausgeführt, es tue ihm leid, nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt zu haben. Er bereue seine Tat zutiefst. Er sei in der Nacht vor der Tat die ganze Zeit wach gewesen wegen des Kindes. Am Morgen habe er seine Partnerin gefragt, weshalb sie ihm kein Frühstüc k gemacht habe. Diese sei dann laut ge- worden und habe ihn beschimpft. Er sei zu ihr hingegan gen und habe ihr mit der Faust auf den Kopf geschlagen. Nachdem es immer schlimmer geworden sei, habe er die Kleine von ihr weg- genommen und auf das Sofa gelegt. Dann habe er ihr m it der flachen Hand eine Ohrfeige ge- geben. Im Badezimmer habe er sie in die Badewanne geschubst und am Hals gepackt. Er habe sie vier bis fünf Mal am Hals gepackt und immer wieder lo sgelassen, als sie keine Luft mehr bekommen habe. Er habe gestoppt, sobald sie mit den Hä nden gezeigt habe, dass sie keine Luft mehr bekomme. Als er sie losgelassen habe, habe sie gesagt, es tue ihr leid, dass sie ihn beschimpft habe, und dass sie zum Kinderarzt müssten. In d em Moment habe er gemerkt, was er getan habe. Es sei wirklich krass, was sie erlitten ha be. Er habe sie sehr fest und sicher drei bis vier Mal gewürgt. Es sei wirklich heftig gewesen; da s sei wie in einem Horrorfilm gewesen. Alles in allem habe er sie ungefähr drei bis vier Minuten lang gewürgt (act. 2765 ff.). Anlässlich der erstinstanzlichen Verhandlung hat der Besch uldigte zu Protokoll gegeben, sie hätten wegen des Frühstücks gestritten, wobei die Privat klägerin zu ihm "Hurensohn" gesagt Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht habe, was ihn hässig gemacht habe. Daraufhin habe er si e mit den Fingerknöcheln geschlagen und sie habe ihn in den Intimbereich gekniffen. Dann habe er ihr eine Ohrfeige gegeben. Sie sei danach ins Bad gegangen und er habe sie in die Badewanne geschubst. Sie habe wieder ange- fangen zu schreien, worauf er sie gewürgt habe. Er hab e mehrmals zugepackt und immer wie- der losgelassen, weil sie keine Luft mehr bekommen habe . Er habe sie nicht töten oder schwer verletzen wollen, es sei einfach so passiert. Er habe si e leider sehr schwer verletzt. Sie habe nichts sagen können und mit der Hand Zeichen gegeben; si e sei auch blau angelaufen (act. S 321 f.). Vor dem Kantonsgericht hat der Beschuldigte zusammengef asst dargelegt, seine Partnerin ha- be ihn beschimpft, was ihn sehr aufgeregt habe. Er hab e ihr das Kind aus dem Arm genommen und sie mit der Faust auf den Kopf geschlagen, worauf sie ihn im Intimbereich gepackt habe. Die ganze Sache habe sich dann heraufgeschaukelt. Sie sei ins Badezimmer gegangen und habe weiter geschimpft. Da habe er sie in die Badewan ne geschubst, gepackt und drei bis vier Mal gewürgt. Er wisse es nicht mehr genau, aber er habe sie sicher vier Mal gewürgt. Das Gan- ze sei so schnell passiert; heute würde er sagen, es habe vielleicht zwei bis drei Minuten ge- dauert. Zum damaligen Zeitpunkt habe er einfach gewo llt, dass sie ruhig sei. Er habe immer wieder losgelassen; er habe nicht gewollt, dass sie ster be. Er habe einfach gewollt, dass sie aufhöre zu schimpfen und ruhig sei; er habe nicht weit er darüber nachgedacht. Er habe mehr- fach zugedrückt, weil sie weiter geschimpft habe, als er j eweils losgelassen habe. Aufgehört habe er, als sie gesagt habe, dass sie zum Kinderarzt mü ssten. Er habe immer wieder zuge- drückt, bis sie aufgehört habe zu schimpfen. Er habe sie a uf keinen Fall töten oder schwer ver- letzen wollen; er habe nicht daran gedacht, dass sie sterben könnte. Das mit dem Würgen habe insgesamt ca. vier bis fünf Minuten, das einzelne Würgen habe jeweils vielleicht ca. fünf Sekun- den gedauert. Er habe keinen Plan gehabt, was er gemacht hätte, wenn sie nicht aufgehört hät- te zu schimpfen. Er wisse nicht, wie es weiter gegangen wä re, aber zum Tod wäre es sicher nicht gekommen (Protokoll KG S. 9 f.). bb) Die Privatklägerin hat am 28. Mai 2019 gegenüber der Polizei ausgesagt, am betreffen- den Tag sei es am Morgen um ca. 8 Uhr zu einem Strei t mit dem Beschuldigten gekommen. Der Auslöser sei gewesen, dass sie für ihn kein Frühstück vo rbereitet habe. Es sei dann zuerst zu einem verbalen Streit gekommen. Im Verlaufe der A useinandersetzung sei sie mehrfach vom Beschuldigten mit der Faust und der offenen Hand i ns Gesicht geschlagen worden. Sie Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht habe dabei noch das drei Wochen alte gemeinsame Kind im Arm gehalten. Der Beschuldigte habe ihr dieses dann entrissen und auf das Sofa gelegt . Danach habe sie der Beschuldigte in das Badezimmer gedrängt, wo sie rückwärts in die Badewann e gefallen sei. Der Beschuldigte habe sich dann über sie gebeugt und mit beiden Händen fest gewürgt. Sie habe dabei Todes- angst gehabt und sich nicht mehr aus seinem Griff befrei en können. In der Folge habe der Be- schuldigte plötzlich von ihr abgelassen und sie aufgeforde rt, ihm das von ihr gesparte Geld auszuhändigen. Dieser Aufforderung sei sie nachgekommen , danach seien sie zusammen ins Kinderspital gefahren (act. 2247, 2427 f.). Im Rahmen der Videoeinvernahme vom 17. Juni 2019 ha t die Privatklägerin als Auskunftsper- son unter anderem deponiert, der Beschuldigte habe sie in die Badewanne geschubst und fest gewürgt. Sie wisse nicht mehr, wie lange er sie gewürg t habe, aber sicher etwa zehn bis fünf- zehn Mal; es habe sicher etwa fünf Minuten gedauert. Er habe immer wieder losgelassen und sie dann wieder gepackt. Sie habe das Gefühl gehabt, d ass heute ihr letzter Tag angebrochen sei. Sie sei davon ausgegangen, dass er sie umbringe, we il er sie so fest gepackt habe. Sie habe wirklich keinen Atem mehr gehabt. Sie habe sich ni cht wehren und seine Hände von ih- rem Hals nehmen können. Er habe erst aufgehört, als si e ihm mehrfach gesagt habe, dass sie ihrer Tochter im Spital den Gips abnehmen lassen müssten (act. 2653 ff.). Vor dem Strafgericht hat die Privatklägerin als Auskunftsp erson zu Protokoll gegeben, sie habe gespürt, dass der Beschuldigte sie nicht habe umbringen w ollen. Sie werde schnell blau. Sie seien beide sehr gestresst gewesen, und sie habe noch ei ne leichte Depression gehabt. Sie habe dem Beschuldigten verziehen, und es sei unfair von ihr gewesen, ihm kein Frühstück zu- bereitet zu haben. Sie wisse auch nicht mehr, wie es zum Streit gekommen sei. Er habe ihr eine geklatscht und sie habe ihn im Intimbereich gepackt. Im B adezimmer habe er sie in die Bade- wanne gestossen und sie mehrfach gewürgt, danach habe sie Schluckweh gehabt (act. S 327 f.). b) Aussagen der Zeugen und Auskunftspersonen aa) Die Schwester des Opfers, C.____, hat anlässlich ihrer E invernahme als Auskunftsperson am 28. Mai 2019 angegeben, ihre Schwester habe an jenem Morgen via Videotelefonie angeru- fen und gebeten, die Polizei zu verständigen. Sie habe gesehen und gehört, dass ihre Schwes- Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht ter und das Baby geweint hätten. Sie sei dann zu ihrer Schwester gefahren und diese habe ihr erzählt, dass der Beschuldigte sie beleidigt und gestossen habe und auf sie losgegangen sei. Sie habe gesehen, dass das Gesicht ihrer Schwester Kratze r und Flecken aufgewiesen habe. Es sei in der Vergangenheit regelmässig zu Streitereie n zwischen dem Beschuldigten und ihrer Schwester gekommen. Er schlage diese regelmässig (act. 2 441 f.). Diese Depositionen hat C.____ anlässlich ihrer Einvernahme als Zeugin vom 26. Juni 2019 bestätigt (act. 2705 ff.). bb) Die Mutter des Opfers, D.____, hat anlässlich ihrer Zeu geneinvernahme vom 11. Juli 2019 geschildert, ihre Tochter habe ihr erzählt, dass de r Beschuldigte ihr zunächst eine Ohrfei- ge gegeben habe. Dann habe er sie gepackt, ins Badezimme r geworfen und am Hals gewürgt. Der Beschuldigte sei sehr aggressiv und habe ihre Tochte r viel geschlagen. Ein paar Ohrfeigen wären noch in Ordnung gewesen, aber so wie er sie gesch lagen und gewürgt habe, das sei zu viel gewesen. Das Gesicht ihrer Tochter sei voller blauer Flecken gewesen. Auch habe sie Ab- drücke von seinen Händen am Hals gehabt und rote Pünktchen bei den Augen (act. 2743 ff.). c) Im rechtsmedizinischen Gutachten vom 6. Juni 2019 wird w as folgt dargelegt: Anlässlich der rechtsmedizinischen Untersuchung vom 28. Mai 2019 hätt en sich als wesentliche Befunde unregelmässige, teils streifig konfigurierte Hauteinblut ungen und Unterblutungen an der Hals- haut vorn sowie an beiden Seiten gefunden, wobei di e rechte Halsseite etwas stärker betroffen gewesen sei. Die Gesichtshaut sei aufgedunsen gewesen und die Augenlider seien diffus gerö- tet erschienen. Beim Straffen der Lidhaut seien zahlreiche Punktblutungen darstellbar gewesen. Weitere Stauungsblutungen hätten sich in der Haut hin ter den Ohren gezeigt, wobei auch hier die rechte Seite etwas stärkere Veränderungen aufgewiese n habe. Das Verletzungsbild habe den typischen Aspekt sogenannter Würgemale gezeigt, das Verletzungsmuster lasse sich zwanglos mit dem angegeben beidhändigen Würgen vereinb aren. Das ausgeprägte Stauungs- syndrom mit zahlreichen Stauungsblutungen an den dafür typischen Stellen und einer Dunsung des Gesichts sei ein Beleg für eine wirksame Kompression de r Halsweichteile. Beim Vorliegen eines Stauungssyndroms und entsprechenden Verletzungen an der Halshaut könne nach über- einstimmender rechtsmedizinischer Lehrmeinung regelmässig e ine unmittelbare Lebensgefahr angenommen werden. Diese beschränke sich nicht allein a uf den unmittelbaren Zeitraum des Würgevorgangs, auch danach könne eine Schädigung des Ge hirns infolge zunehmender Hirn- schwellung voranschreiten. Auch seien Blutgerinnselbildun gen in den Blutgefässen des Halses infolge einer Schädigung der Gefässinnenhaut möglich. Die Entstehung von Stauungsblutungen Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht setze eine gewisse, im Einzelfall nicht genau bestimmbar e Zeitdauer und Intensität des Würgens voraus. Mit dem Beginn der unmittelbaren Leben sgefahr sei der weitere Ausgang für einen Täter nicht mehr steuerbar, sondern vielmehr von Zufällen abhängig. Im vorliegenden Fall sei der Würgevorgang mit Ausnahme der festgestellten V erletzungen folgenlos geblieben, blei- bende Schäden seien nicht zu erwarten (act. 2403 ff.). d) In Würdigung dieser Aussagen und Fakten steht für das Kantonsgericht fest, dass der inkriminierte Sachverhalt gemäss Anklageschrift erstellt ist. Demnach ist zusammengefasst da- von auszugehen, dass es am 28. Mai 2019, ca. um 8:00 Uh r, in der gemeinsamen Wohnung in X.____ zu einem Streit zwischen der Privatklägerin und dem Beschuldigten gekommen ist. Aus- löser ist offenbar gewesen, dass die Privatklägerin dem Beschuldigten entgegen dessen Vor- stellung kein Frühstück zubereitet hat. Im Verlaufe die ses Streits hat der Beschuldigte die Pri- vatklägerin im Wohnzimmer mehrfach mit der flachen Hand und der Faust geschlagen. Nach der Verlagerung der Auseinandersetzung ins Badezimmer hat der Beschuldigte die Privatkläge- rin rückwärts in die Badewanne gestossen, sie mit beiden H änden am Hals gepackt und ge- würgt. Insgesamt hat der Beschuldigte die Privatklägerin mindestens vier Mal während eines Zeitraums von mindestens zwei bis drei Minuten bzw. vier bis fünf Minuten gewürgt, wobei er den Würgevorgang jeweils nach ein paar Sekunden unterb rochen und danach wieder neu be- gonnen hat. Aufgehört hat der Beschuldigte erst aufgr und eines anstehenden Termins der ge- meinsamen Tochter beim Kinderarzt. Während des Würgens hat die Privatklägerin Todesangst ausgestanden. Aufgrund des Würgens und des dadurch verur sachten ausgeprägten Stauungs- syndroms mit zahlreichen Stauungsblutungen hat bei der Privatklägerin eine unmittelbare Le- bensgefahr bestanden. 4.4 Hinsichtlich der konkreten rechtlichen Würdigung macht d er Beschuldigte geltend, er habe keinen Tötungsvorsatz gehabt und die einzelnen Würgevor gänge seien jeweils kurz gewesen mit Unterbrechungen dazwischen, so dass eben gerade kein nicht mehr kalkulierbares Tötungs- risiko vorgelegen habe. Dieser Auffassung ist nicht zu folgen, was sich wie folgt begründet: a) Wie vorgängig dargelegt (vgl. oben E. 4.2.b), kann si ch das Gericht für den Nachweis der Inkaufnahme des tatbestandsmässigen Erfolgs bei nicht ges tändigen Tätern nur auf äussere Umstände und Erfahrungsregeln stützen, die Rückschlüsse auf die innere Einstellung des Tä- ters erlauben. Dazu gehören einerseits die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tat- Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht bestandsverwirklichung und die Schwere der Sorgfaltspfl ichtverletzung. Andererseits darf das Gericht vom Wissen des Täters auf dessen Willen schliessen, wenn sich diesem der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufgedrängt hat, dass die B ereitschaft, ihn als Folge hinzuneh- men, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolg s ausgelegt werden kann. Eventualvor- satz kann bereits dann vorliegen, wenn der Eintritt de s tatbestandsmässigen Erfolgs nicht sehr wahrscheinlich, sondern bloss möglich gewesen ist. Allerdings darf nicht allein aus dem Wissen des Beschuldigten um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden, vielmehr müssen weitere Umstände hinzukommen, w ie beispielsweise, dass der Täter das Tötungsrisiko in keiner Weise kalkulieren oder dosie ren kann, das Ausbleiben des Erfolgs als zu einem grossen Teil von Glück und Zufall abhängig ist, oder das Opfer keinerlei Abwehr- chancen hat. b) Ungeachtet der Frage, welche Annäherung zu bevorzugen ist – ob man mit der vorherr- schenden Meinung des Bundesgerichts einig geht, wonach desto eher auf die Inkaufnahme der Tatbestandsverwirklichung geschlossen werden darf, je schwer er die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, oder ob man anderen Autoren folgt, nach welch en auf ein Einverständnis des Täters mit der Tatbestandsverwirklichung zu schliessen ist, wenn sich diesem der Erfolg seines Verhaltens als so wahrscheinlich aufdrängt, dass ebendieses Verhalte n vernünftigerweise nur als Inkauf- nahme des Erfolges ausgelegt werden kann – hat in casu der Beschuldigte unter den konkreten Umständen zweifellos damit rechnen müssen, dass das Opfer angesichts der mehrfachen und heftigen Würgevorgänge in einem Zeitraum von mehreren Minuten hätte sterben können. Pra- xisgemäss darf das Wissen, mit minutenlangen Würgehandlun gen den Tod herbeiführen zu können, auch bei niedrigem Bildungsgrad als allgemein bekannt vorausgesetzt werden (vgl. BGer 6B_422/2008 vom 31. Juli 2008 E. 2.2). Im vorli egenden Fall hat der Beschuldigte zudem selbst ausgesagt, dass er die Privatklägerin fest gewürgt und leider sehr schwer verletzt hat. Er hat auch wahrgenommen, dass das Opfer blau angelaufen i st. Entgegen seiner Behauptung, das Geschehen unter Kontrolle zu halten, ist darauf hin zuweisen, dass er gemäss seiner eige- nen Darstellung immer wieder zugedrückt hat, bis das O pfer aufgehört hat zu schimpfen. Wäh- rend der Tathandlungen hat er gerade nicht über die weiteren Folgen nachgedacht, sondern nur gewollt, dass es endlich ruhig ist. Beim ganzen Vorgang hat es sich keineswegs um einen kon- trollierten Ablauf gehandelt, sondern um eine hefti ge Gewalteinwirkung auf den Hals im Rah- men einer ausserordentlich emotionalen Auseinandersetzun g mit dem Ziel, das Opfer zum Schweigen zu bringen. Fest steht sodann in casu, dass bei der Privatklägerin aufgrund des Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht Würgens eine unmittelbare Lebensgefahr bestanden hat. Mit dem Erreichen dieses Status ist der weitere Verlauf für den Beschuldigten nicht mehr kontrollierbar und das Tötungsrisiko in keiner Weise kalkulierbar gewesen. Unter diesen Umständ en hat der Beschuldigte die Tatherr- schaft verloren und nicht mehr darauf vertrauen dürfen , dass der Tötungserfolg nicht eintritt. Dieser ist vielmehr zum überwiegenden Teil vom Zufall a bhängig geworden, zumal das ‒ durch eine Entbindung wenige Wochen zuvor sowieso schon körperli ch geschwächte ‒ Opfer keine reellen Abwehrchancen gehabt hat. Bezeichnenderweise ha t der Beschuldigte vor Kantonsge- richt zugegeben, dass er keinen Plan gehabt hat, was er gemacht hätte, wenn die Privatklägerin nicht aufgehört hätte zu schimpfen, und dass er nicht g ewusst hat, wie es weiter gegangen wä- re. Für das Kantonsgericht bestehen somit keine Zweife l, dass der Beschuldigte durch das mehrfache, nahe aufeinanderfolgende, heftige und in sgesamt mehrere Minuten dauernde Wür- gen den Tod seiner Partnerin in Kauf genommen hat, w omit der Eventualvorsatz hinsichtlich des Anklagepunktes der vorsätzlichen Tötung zu bejahen ist. Bei diesem Resultat ist der Vollständigkeit halber nur summarisch zu erwähnen, dass der Vor- instanz insofern nicht zu folgen ist, als diese angenomm en hat, dass dem Beschuldigten auch das Wissen um eine erhöhte Gewebevulnerabilität anzula sten sei und bereits beim Stossen in die Badewanne eine schwere oder gar tödliche Verletzun g in Kauf genommen worden sei. Nach Ansicht des Kantonsgerichts kann dem Beschuldigten ang esichts seines einfachen Bil- dungsgrads im Gegensatz zum Wissen, dass heftiges Würgen ohne Weiteres zum Tod führen kann, nicht unterstellt werden, dass er auch um die erh öhte Gewebevulnerabilität und deren mögliche gesundheitsgefährdenden Folgen hätte wissen mü ssen. Ebenso ist nach der allge- meinen Lebenserfahrung nicht damit zu rechnen, dass ein blosses Stossen in eine Badewanne ohne besondere Umstände tödliche Folgen nach sich zieht. Nachdem sodann die übrigen Tatbestandselemente ebenso wenig zu Diskussionen Anlass ge- ben wie der Fakt, dass der Taterfolg offensichtlich a usgeblieben ist, ist der Beschuldigte in Ab- weisung seiner diesbezüglichen Berufung und demnach in B estätigung des angefochtenen Ur- teils der versuchten vorsätzlichen Tötung nach Art. 111 S tGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen. Gestützt auf diese Erkenntnis erübrigen sich weitere Ausführungen zu den ebenfalls angeklagten Tatbeständen der Gefährdun g des Lebens sowie der versuchten schweren Körperverletzung. Seite 19 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5. Tatbestand der Erpressung, eventualiter der Nöti gung bzw. des Diebstahls (Ziffer 2 der Anklageschrift) 5.1 a) Die Vorinstanz hat den Beschuldigten in rubriziertem Anklagepunkt der Nötigung schuldig erklärt und dies im Wesentlichen folgendermassen begründ et: Dieser habe unmittelbar nach- dem er die Privatklägerin mehrfach und heftig gewürgt habe, die Herausgabe der CHF 3'200.-- verlangt. Damit habe er ihr implizit das weitere Dran gsalieren angedroht, wenn sie seiner Auf- forderung keine Folge leisten würde. Unter diesem Druck habe die Privatklägerin dem Beschul- digten das Geld überreicht. Nicht fraglich sei ferner, dass der Beschuldigte zumindest eventual- vorsätzlich gehandelt habe sowie dass das angewendete Mit tel rechtsmissbräuchlich gewesen sei. Allerdings könne nicht rechtsgenüglich nachgewiesen werden, wem die CHF 3'200.-- ge- hörten bzw. ob das Geld tatsächlich im Alleineigentum d er Privatklägerin gestanden habe. Auf- grund der Feststellung, dass es sich beim Betrag von CHF 3'200.-- im Zweifel nicht um fremdes Vermögen gehandelt habe, würden die Tatbestände der Erpressung und des Diebstahls somit ausscheiden. b) Hiergegen wendet der Beschuldigte in seiner Berufung ein, er habe seine Partnerin ledig- lich mehrmals nach dem Geld gefragt, sie aber nicht zur Herausgabe genötigt. Aus einem früheren Vorfall eine implizite Androhung zu konstrui eren, wie dies die Vorinstanz tue, sei nicht zulässig. Die Gewalthandlungen hätten zeitlich früher st attgefunden, seien abgeschlossen ge- wesen und in keinem direkten Zusammenhang mit der Geldherausgabe gestanden, weshalb es an einer Nötigungshandlung mangle (vgl. oben E. 2.1.a/bb). c) Die Staatsanwaltschaft legt in ihrer diesbezüglichen Anschlussberufung dar, sie schliesse sich der Argumentation des Strafgerichts bezüglich der Nö tigungshandlungen an, vertrete aber im Gegensatz zur Vorinstanz den Standpunkt, dass der Beschul digte mit seinem Verhalten den Tatbestand der Erpressung erfüllt habe, nachdem davon a uszugehen sei, dass das fragliche Bargeld dem Opfer gehört habe (vgl. oben E. 2.2.a/aa und E. 2.2.b/bb). Seite 20 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.2 a) Nach Art. 181 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu dre i Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer jemanden durch Gewalt oder Androhung ernstlicher Nachteile oder durch andere Be- schränkung seiner Handlungsfreiheit nötigt, etwas zu tun, zu unterlassen oder zu dulden. Der Tatbestand schützt die Freiheit der Willensbildung un d Willensbetätigung des Einzelnen. Der Taterfolg besteht darin, dass eine andere Person dazu veranlasst wird, sich entsprechend dem Willen des Täters zu verhalten. Das abgenötigte Verhalt en kann darin bestehen, dass das Op- fer eine bestimmte Handlung vornimmt, eine bestimmte Handlung unterlässt oder aber darin, dass das Opfer das Verhalten des Täters oder eines Dritt en duldet. Die Tathandlung besteht darin, dass der Täter Gewalt anwendet, dem Opfer erns tliche Nachteile androht oder auf ande- re Weise seine Handlungsfreiheit beschränkt. Gewalt i st die physische Einwirkung auf den Kör- per des Opfers, die geeignet ist, die Willensfreihei t zu beeinträchtigen. Welches Mass an Zwangswirkung erforderlich ist, entscheidet sich aufgrund der Umstände des Einzelfalls. Eine Androhung ernstlicher Nachteile liegt vor, wenn nach der Darstellung des Täters der Eintritt des Nachteils als von seinem Willen abhängig erscheint und we nn die Androhung geeignet ist, den Betroffenen in seiner Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Ob der Täter das angedrohte Übel tatsächlich bewirken will oder kann, ist irrelevant. Ern stlich sind die angedrohten Nachteile, wenn diese geeignet sind, auch eine verständige Person in der Lage des Betroffenen gefügig zu machen. Die Generalklausel der anderen Beschränkung der Handlungsfreiheit bedarf einer restriktiven Auslegung. Erfasst sind allein Verhaltensweisen , denen eine den Alternativen der Gewaltanwendung und der Androhung ernstlicher Nachtei le vergleichbare Zwangswirkung zu- kommt. Die Tathandlung muss ursächlich dafür sein, dass si ch das Opfer in der vom Täter ge- wünschten Art und Weise verhält. In subjektiver Hinsicht ist Vorsatz erforderlich, wobei beding- ter Vorsatz genügt. Eine weitergehende Absicht ist nich t vorausgesetzt. Die Rechtswidrigkeit der Nötigung ist nur gegeben, wenn diese positiv begrü ndet werden kann. Rechtswidrig ist eine Nötigung dann, wenn das Mittel oder der Zweck unerlaubt ist oder wenn das Mittel zum erstreb- ten Zweck nicht im richtigen Verhältnis steht oder wenn d ie Verknüpfung zwischen einem an sich zulässigen Mittel und einem erlaubten Zweck rechtsmissbrä uchlich oder sittenwidrig ist. Vollendet ist die Nötigung, wenn sich das Opfer dem W illen des Täters entsprechend verhält (WOLFGANG WOHLERS / GUNHILD GODENZI / STEPHAN SCHLEGEL , Schweizerisches Strafgesetz- buch, Handkommentar, 4. Auflage, Bern 2020, N 1 ff. zu Art. 181 StGB, mit zahlreichen Hinwei- sen). Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht b) Gemäss Art. 156 Ziff. 1 StGB wird wegen Erpressung mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jah- ren oder Geldstrafe bestraft, wer in der Absicht, sich o der einen anderen unrechtmässig zu be- reichern, jemanden durch Gewalt oder Androhung ernstl icher Nachteile zu einem Verhalten bestimmt, wodurch dieser sich selber oder einen ander en am Vermögen schädigt. Der Tatbe- stand sieht alternativ zwei Nötigungsmittel vor, nämlich die Gewalt oder die Androhung ernstli- cher Nachteile. Die Formulierung stimmt wörtlich mit d er Nötigung überein (vgl. Art. 181 StGB). Somit stellt bei der Androhung ernstlicher Nachteile d er Täter dem Opfer die Zufügung eines Übels in Aussicht, dessen Eintritt er als von seinem Will en abhängig erscheinen lässt. Die Dro- hung oder Ankündigung kann ausdrücklich oder implizit sein und in beliebiger Form erfolgen. Die angedrohten Nachteile müssen ernstlich sein. Sie h aben diesen Charakter jedenfalls dann, wenn sie nach einem objektiven Massstab geeignet sind, auch eine besonnene Person in der Lage des Betroffenen gefügig zu machen. Die Rechtswidrig keit der Nötigung bedarf einer be- sonderen Begründung (vgl. Art. 181 StGB). Die Nötigu ng muss den Betroffenen zu einem Ver- halten bestimmen, durch das er sich selbst oder einen a nderen am Vermögen schädigt (vgl. Art. 146 StGB). Die Erpressung erfordert Vorsatz. Der Täter muss im Bewusstsein und mit dem Willen handeln, einen anderen durch Gewalt oder Droh ung zu einem vermögensschädigenden Verhalten zu nötigen (Nötigungs- und Schädigungsvorsat z), wodurch er oder ein anderer un- rechtmässig bereichert wird; Eventualvorsatz genügt. Ferner verlangt der subjektive Tatbestand die Absicht unrechtmässiger Bereicherung, wobei auch hi er der blosse Eventualvorsatz aus- reicht (PHILIPPE WEISSENBERGER , in: Basler Kommentar, Strafrecht II, 4. Auflage, B asel 2019, N 4 ff. und N 31 f. zu Art. 156 StGB, mit Hinweisen). 5.3 a) In casu verlangt der Beschuldigte einen Freispruch vom Vorwurf der Nötigung zufolge einer angeblich mangelnden Nötigungshandlung, die Staatsanwaltschaft begehrt hingegen eine Verurteilung wegen Erpressung anstatt Nötigung, da der eingeforderte Geldbetrag im Eigentum der Privatklägerin gestanden habe. Aus den Akten ergibt sich im Hinblick auf die Relevierung des massgeblichen Sachverhalts Folgendes: b) Anlässlich der Befragung durch die Polizei hat die Pr ivatklägerin am 28. Mai 2019, d.h. am Tag des fraglichen Vorfalls, zu Protokoll gegeben, der Beschuldigte habe sie ins Badezim- mer gedrängt und geschubst. Sie sei rückwärts in die Bad ewanne gefallen. Er habe sich über sie gebeugt und sie immer wieder sehr fest gewürgt. Sie habe ihn angefleht, dass er aufhören Seite 22 http://www.bl.ch/kantonsgericht solle. Als er sie gewürgt habe, habe sie Todesangst geh abt. Sie habe gedacht, dass er sie um- bringen würde, und sie wisse nicht, ob sie ohnmächtig g eworden sei. Auf jeden Fall habe er dann von ihr abgelassen. Danach habe er gesagt, er wo lle ihr verstecktes Geld haben. Da sie Angst gehabt habe, habe sie ihm CHF 3'200.-- gegeben (act. 2429, 2247). Im Rahmen der Videoeinvernahme vom 17. Juni 2019 hat die Privatklägerin unter anderem deponiert, der Beschuldigte habe sie in die Badewanne geschubst und fest gewürgt. Sie wisse nicht mehr, wie lange er sie gewürgt habe, aber sicher etwa zehn bis fünfzehn Mal; es habe sicher etwa fünf Minuten gedauert. Er habe immer wied er losgelassen und sie dann wieder ge- packt. Sie habe das Gefühl gehabt, dass heute ihr letzter Tag angebrochen sei. Sie sei davon ausgegangen, dass er sie umbringe, weil er sie so fest gepackt habe. Nachdem er ihr geholfen habe, aufzustehen, habe er Geld von ihr verlangt. Dir ekt nachdem er sie losgelassen habe, ha- be er das Geld verlangt. Er habe es verlangt, als er a us dem Bad herausgelaufen sei. Sie habe ihm gesagt, dass er es nicht bekomme, weil es ihr Geld sei. Da sie Angst gehabt habe vor dem, was noch passieren könne, habe sie ihm dann jedoch CHF 3 '200.-- gegeben. Da er sie in der Badewanne so gewürgt habe, habe sie sich gefragt, was p assieren würde, wenn sie ihm das Geld nicht geben würde. Er habe keinen Geldbetrag g enannt, einfach nur, dass sie ihm das Geld geben solle. Es habe sich um ihr Geld gehandelt, si e habe es während der gesamten Schwangerschaft von ihrer IV-Rente angespart (act. 2653 ff.). Demgegenüber hat die Privatklägerin anlässlich der erstin stanzlichen Hauptverhandlung erst- mals vorgebracht, der Beschuldigte habe das Geld gewol lt, und sie habe es ihm gegeben; es sei sein Geld von der Arbeit gewesen (act. S 329). c) Der Beschuldigte hat in diesem Zusammenhang anlässlich seiner Einvernahme vom 12. Juli 2019 vorgebracht, sie hätten schon früher über Geld gestritten. Seine Partnerin habe ihm vorgeworfen, dass er immer zu viel Geld ausgebe. De shalb habe er ihr das Geld gegeben. Er brauche auch Geld zum Leben, für Essen, Zigaretten und weiteres. Deswegen habe er zu ihr gesagt, sie solle ihm sein Geld, also die CHF 3'200.-- , geben. Er habe ihr das Geld nicht ge- klaut. Er habe das Geld zu jenem Zeitpunkt verlangt, wei l sie zu ihm gesagt habe, dass er ge- hen soll. Er habe es für Benzin und Essen gebraucht. Er habe vorgehabt, zu seiner Tante nach Y.____ zu gehen. Das Geld habe ihm gehört (act. 2783). Seite 23 http://www.bl.ch/kantonsgericht Vor dem Strafgericht hat der Beschuldigte erklärt, er habe das Geld bei der Firma Q.____ AG in Z.____ verdient. Er habe seiner Partnerin immer sein Geld gegeben, weil diese besser damit umgehen könne. Er habe sie nach dem Geld gefragt, und sie habe es ihm gegeben. Es sei sein Geld gewesen bzw. das Geld habe beiden gehört (act. S 325 ff.). Vor dem Kantonsgericht hat der Beschuldigte vorgebracht , er habe nach dem Besuch des Kin- derarztes das Gespräch mit seiner Partnerin gesucht. Zu Hause habe er sie gefragt, ob er blei- ben oder gehen soll. Nachdem sie gesagt habe, er solle gehen, habe er um die CHF 3'200.-- gebeten. Die ganze Sache sei nach der Konsultation d es Kinderarztes und nicht unmittelbar nach dem Vorfall im Badezimmer passiert; er habe sie an ständig gebeten, ihm das Geld zu ge- ben. Das Geld habe ihm gehört, er habe es als Schichta rbeiter der Firma Q.____ AG in Z.____ verdient. Er habe das Geld seiner Partnerin zur Aufbew ahrung gegeben, weil er nicht gut auf das Geld geschaut habe. Er habe immer wieder temporär gearbeitet und sei finanziell nicht von seiner Partnerin abhängig gewesen. Er habe den konkrete n Betrag genannt, er habe die CHF 3'200.-- haben wollen. Es hätte aber noch mehr d a sein müssen. Es habe keinen speziel- len Grund gegeben, dass er diesen Betrag genannt habe, er habe einfach über die Runden kommen wollen bis zu einem nächsten Job (Protokoll KG S. 10 f.). d) C.____, die Schwester der Privatklägerin, hat anlässlich ihrer Zeugeneinvernahme vom 26. Juni 2019 deponiert, während der Beschuldigte hohe Schulden habe, sei ihre Schwester sehr, sehr sparsam. Sie sei fast zu extrem. Er nehme imm er wieder Geld von ihr und verbrau- che es. Zuletzt habe er am Tag des Vorfalls ca. CHF 2'00 0.-- bis CHF 3'000.-- von ihr gestoh- len. Sie wisse aber nicht, wieviel er insgesamt von ihr gestohlen habe, manchmal gebe ihm ihre Schwester auch etwas. Sie sei nur zu sich selbst geizig, nicht aber zu anderen (act. 2721 f.). e) Im Rahmen der konkreten Beweiswürdigung verbleibt nach Überzeugung des Kantonsge- richts kein Raum, an den glaubhaften Aussagen der Privatkl ägerin anlässlich der Ersteinver- nahme am Tattag sowie im Rahmen der Videoeinvernahme zu zweifeln. Diese zeitnahen Aus- führungen erweisen sich als stringent und kohärent, sind gespickt von zahlreichen Realkriterien und fügen sich nahtlos in das Gesamtbild des im Zusammenh ang mit dem Tatbestand der ver- suchten vorsätzlichen Tötung erstellten Sachverhalts. Sowei t ihre Depositionen vor dem Straf- gericht hiervon abweichen, ist festzustellen, dass die Pri vatklägerin gemäss ihrem allgemeinen Aussageverhalten im Verlaufe des Strafverfahrens offensichtlich versucht gewesen ist, den Be- Seite 24 http://www.bl.ch/kantonsgericht schuldigten im Hinblick auf eine allfällige Versöhnung zu schützen. Der Beschuldigte seinerseits bestreitet nicht, Geld von der Privatklägerin verlangt zu haben, behauptet aber, dass er dies anständig und erst nach dem Besuch des Kinderarztes get an habe sowie dass es sich um sein Geld gehandelt habe. Dieser Sachverhaltsdarstellung ist nicht zu folgen. Wie vorgängig skiz- ziert, ist zweifellos auf die ausführlichen und überzeuge nden Darlegungen der Privatklägerin abzustellen, wonach der Beschuldigte unmittelbar nach d en Würgehandlungen von ihr das ihr gehörende Geld gefordert hat. Hinzu kommt, dass nur sc hon die Tatsache, wonach die Privat- klägerin das Geld nicht bloss an einem allgemein zugängli chen Ort aufbewahrt, sondern dieses vor dem Beschuldigten versteckt hat, klarerweise dafür spricht, dass es sich hierbei um ihr Geld gehandelt hat. Dies gilt umso mehr, als die Privatkläger in offenbar sehr sparsam gelebt hat, während die finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten als prekär zu bezeichnen sind. So lie- gen gemäss einem Auszug aus dem Betreibungsregister vom 23 . September 2019 insgesamt 22 Betreibungen im Gesamtbetrag von CHF 26'347.40 sow ie elf Verlustscheine im Total von CHF 16'425.30 gegen den Beschuldigten vor (act. 177 f f.). Ausserdem hätte die Privatklägerin ansonsten keine Veranlassung gehabt, an der Einvernahme vom 17. Juni 2019 kundzutun, sie schenke dem Beschuldigten das Geld (act. 2645). Von vornh erein nicht glaubhaft erachtet zu- dem das Kantonsgericht aufgrund des vom Beschuldigten an den Tag gelegten Selbstver- ständnisses sowie der sich aus den Akten ergebenden Bezieh ungsdynamik zwischen ihm und der Privatklägerin seine Behauptung, er habe ihr frei willig sein verdientes Geld zur Aufbewah- rung gegeben. Infolgedessen ist sachverhaltsmässig davon auszugehen, dass de r Beschuldigte unmittelbar nach dem Würgevorfall im Badezimmer von der Privatkläge rin die Herausgabe von Bargeld verlangt hat und diese dem Begehren nachgekommen ist, w eil sie Angst vor einer weiteren Es- kalation bzw. zumindest einer Fortsetzung der physischen Au seinandersetzung gehabt hat. Ausserdem steht für das Kantonsgericht fest, dass es sich bei m fraglichen Betrag in der Höhe von CHF 3'200.-- um Geld gehandelt hat, welches zum ent sprechenden Zeitpunkt im Eigentum der Privatklägerin gestanden ist. 5.4 Ob eine Äusserung als Drohung zu verstehen ist, beurtei lt sich nach den gesamten Um- ständen, unter denen sie erfolgt ist (vgl. BGer 6B_466/ 2019 vom 17. September 2019 E. 3.2). Im vorliegenden Fall steht gestützt auf den erstellten S achverhalt fest, dass der Beschuldigte das Opfer zunächst geschlagen und sodann die in der B adewanne liegende Privatklägerin Seite 25 http://www.bl.ch/kantonsgericht mehrfach und heftig gewürgt hat, wodurch diese einer unmittelbaren Lebensgefahr ausgesetzt worden ist (vgl. oben E. 4.3.c und d). Geradewegs im na htlosen Anschluss an dieses Gesche- hen hat der Beschuldigte von der Privatklägerin die Her ausgabe von Bargeld gefordert. Diese ist der Forderung unter dem Eindruck der unmittelbar v orhergehenden Gewalthandlungen so- wie aus Angst vor weiteren Übergriffen nachgekommen. Nach diesen Feststellungen steht ohne jeden Zweifel fest, dass der Beschuldigte der Privatkläge rin implizit ernstliche Nachteile im Sin- ne des Gesetzes angedroht hat, da nach einem objektive n Massstab fraglos sich auch eine besonnene Person in der Lage der Betroffenen unter den vorliegenden Umständen dem Willen des Beschuldigten gefügt hätte. Ebenso klar ist, dass de r Beschuldigte zumindest eventualvor- sätzlich gehandelt hat und die in casu zu bejahende Nötigung rechtswidrig ist. Demnach ist ent- gegen der Meinung des Beschuldigten ohne Weiteres der Vorinstanz in deren Ansicht, dass eine strafbare Nötigung zu bejahen ist, zu folgen. An diesem Ergebnis würde sich im Übrigen auch nichts ändern, wenn man davon ausgehen würde, dass der Beschuldigte die Privatkläge- rin nicht unmittelbar nach dem Vorfall im Badezimmer, sondern erst nach der Rückkehr vom Kinderspital zur Herausgabe des Geldes aufgefordert hätte. Auch in diesem Fall würde die For- derung zur Herausgabe des Geldes in einem derart engen zeitlichen und sachverhaltsmässigen Konnex zum vorangegangenen massiven Übergriff stehen, da ss sich jede besonnene Person dem Willen gefügt hätte. Zu beachten ist nun jedoch, dass das Kantonsgericht in Ab weichung zu den Erwägungen der Vorinstanz die Auffassung der Staatsanwaltschaft, wonach das Geld in der Höhe von CHF 3'200.-- der Privatklägerin allein gehört hat, te ilt. Hieraus folgt, dass sich die Privatklägerin durch die Herausgabe des Geldes im diesbezüglichen Umfang selbst am Vermögen geschädigt hat. Nicht fraglich ist schliesslich, dass der Beschuldigte mit entsprechender unrechtmässiger Bereicherungsabsicht gehandelt hat. Im Ergebnis erfüll t der vorliegende Sachverhalt somit den Tatbestand der Erpressung und nicht bloss denjenigen der Nötigung. Gemäss diesen Erwägungen ist der Beschuldigte in Abweis ung seiner Berufung und in Gut- heissung der diesbezüglichen Anschlussberufung der Staats anwaltschaft sowie in Abänderung des angefochtenen Urteils betreffend Ziffer 2 der Ankl ageschrift der Erpressung nach Art. 156 Ziff. 1 StGB (anstelle der Nötigung gemäss Art. 181 StGB) schuldig zu sprechen. Seite 26 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6. Tatbestand der einfachen Körperverletzung, der (m ehrfachen) Tätlichkeiten sowie der versuchten Nötigung (Ziffer 1 Vorfall 2 der Zusatz-Anklageschrift) 6.1 a) In rubriziertem Anklagepunkt hat das Strafgericht den B eschuldigten in Anwendung des Grundsatzes "in dubio pro reo" von allen Vorwürfen frei gesprochen. Zur Begründung hat die Vorinstanz ausgeführt, der fragliche Vorfall im März oder April 2020 werde vom Beschuldigten bestritten, und auch das Opfer habe sich insbesondere an lässlich der Hauptverhandlung nur schwammig und ausweichend hierzu geäussert. Mit der gleich en Begründung hat das Strafge- richt den Beschuldigten bezüglich des ersten Vorfalls (Tät lichkeiten im Januar oder Februar 2020) freigesprochen. Demgegenüber haben die Vorderr ichter den Beschuldigten in Bezug auf den dritten Vorfall vom 19. Juni 2020 wegen mehrfachen Tätlichkeiten schuldig erklärt. b) Gegen die Freisprüche bezüglich des zweiten Vorfalls hat die Staatsanwaltschaft ein Rechtsmittel ergriffen und hierzu in ihrer Anschlussberu fung ausgeführt, soweit sich die Privat- klägerin vor Gericht nicht mehr so genau habe erinnern können und ihre Aussagen etwas schwammig gewesen seien, schmälere dies die Glaubhaftig keit ihrer Depositionen in der Vor- untersuchung nicht, sondern sei vielmehr dem Umstand zu zuschreiben, dass sich das Opfer vor Gericht augenscheinlich wieder von seiner emotional en Abhängigkeit zum Beschuldigten habe leiten lassen. Gestützt auf die glaubhaften Aussagen der Privatklägerin in der Voruntersu- chung sei der betreffende Sachverhalt durchaus erstellt, weshalb die entsprechenden Verurtei- lungen zu ergehen hätten (vgl. oben E. 2.2.a/bb). c) Nach Ansicht des Beschuldigten ist der Sachverhalt nich t genügend erstellt, nachdem es keinerlei objektiven Beweise gebe. Auch an der erstinstan zlichen Hauptverhandlung habe die Privatklägerin den angeblichen Vorfall nicht mehr besch reiben und sich nicht mehr daran erin- nern können, obwohl erst wenige Monate vergangen seien . Angesichts dessen erschienen die an der Einvernahme vorn 28. Juli 2020 gemachten Aussagen der Privatklägerin ‒ im Gegensatz zu seinen eigenen Depositionen ‒ als widersprüchlich und unglaubhaft (vgl. oben E. 2.1.b/bb). 6.2 a) Gestützt auf Art. 123 Ziff. 1 in Verbindung mit Ziff . 2 al. 1 und al. 6 StGB wird mit Frei- heitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer vorsätzlich einen Menschen in ande- Seite 27 http://www.bl.ch/kantonsgericht rer Weise an Körper oder Gesundheit schädigt, wobei de r Täter u.a. von Amtes wegen verfolgt wird, wenn er der heterosexuelle Lebenspartner ist, s ofern sie auf unbestimmte Zeit einen ge- meinsamen Haushalt führen und die Tat während dieser Zeit begangen worden ist. Art. 123 Ziff. 1 StGB erfasst alle Körperverletzungen, welche noch nicht als schwer im Sinne von Art. 122 StGB, aber auch nicht mehr als blosse Tätlichke iten nach Art. 126 StGB zu werten sind. Die körperliche Integrität ist dann beeinträcht igt, wenn innere oder äussere Verletzungen oder Schädigungen zugefügt werden, die mindestens ein e gewisse Behandlung und Heilungs- zeit erfordern, wie beispielsweise Quetschungen mit Blut ergüssen und Schürfungen, sofern sie um einiges über blosse Kratzer hinausgehen. Auf blosse Tä tlichkeiten ist umgekehrt zu erken- nen, wenn Schürfungen, Kratzwunden, Quetschungen oder bloss blaue Flecken offensichtlich so harmlos sind, dass sie in kürzester Zeit vorübergehen u nd ausheilen. Subjektiv ist Vorsatz gefordert, wobei Eventualvorsatz genügt (A NDREAS ROTH / ANNE BERKEMEIER , in: Basler Kom- mentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, N 3 f. und N 35 zu Art. 123 StGB, mit Hinweisen). b) In Anwendung von Art. 126 Abs. 1 in Verbindung mit Abs. 2 lit. c StGB wird mit Busse bestraft, wer gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des Körpers oder der Gesundheit zur Folge haben, wobei der Täter u.a. von Amtes wegen verfolgt wird, wenn er die Tat wiederholt an seinem heterosexuellen Lebenspartner begeht, sofern sie auf unbestimmte Zeit einen gemeinsamen Haushalt führen und die Tat während dieser Zeit begangen worden ist. Als Tätlichkeit gilt der geringfügige und folgenlose Angriff auf den Körper oder die Gesundheit eines anderen Menschen. Praxisgemäss wird eine Tätlichkei t dann angenommen, wenn das allgemein übliche und gesellschaftlich geduldete Mass ein er Einwirkung auf den Körper eines anderen überschritten, dabei aber noch keine Schädigung bewirkt wird. Subjektiv ist Vorsatz gefordert; Eventualvorsatz genügt wiederum (A NDREAS ROTH / TORNIKE KESHELAVA , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, N 2 ff. und N 13 zu Art. 126 StGB, mit Hinwei- sen; BGE 134 IV 189). c) Hinsichtlich der Definition des Tatbestandes der versuchte n Nötigung ist an vorliegender Stelle zur Vermeidung von Wiederholungen auf die diesbezüglich bereits erfolgten Erwägungen des Kantonsgerichts zu verweisen (vgl. oben E. 4.2.c zum Versuch und E. 5.2.a zur Nötigung). 6.3 Bei der Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts sind folgende Beweise und Indi- zien zu würdigen: Seite 28 http://www.bl.ch/kantonsgericht a) Die Privatklägerin hat anlässlich ihrer Einvernahme als A uskunftsperson vom 21. Juli 2020, in welcher sie zum dritten Vorfall vom 19./20. Juni 2020 befragt worden ist, spontan von sich aus erwähnt, es sei nicht das erste Mal, dass der Beschu ldigte sie geschlagen habe. Viel- mehr sei es jetzt schon das dritte Mal, seit der Beschuldigt e im Dezember 2019 entlassen wor- den sei, dass er sie geschlagen habe. Sie habe sogar noch unter ihrem rechten Auge einen Fleck, der vom letzten Mal geblieben sei (act. 293). Anlässlich ihrer Einvernahme als Auskunftsperson vom 28. Juli 2020 hat die Privatklägerin zum in casu zu beurteilenden zweiten Vorfall sodann ausgefüh rt, es sei an einem Samstag am Abend passiert. Zunächst hätten sie zusammen gegessen und diskutiert, danach sei es zum Streit gekommen, weil dem Beschuldigten nichts gepasst ha be. Er sei dann aufgestanden, ha- be die Gabel auf den Teller geworfen und sie geohrfe igt. Nachdem sie aufgestanden sei, habe er sie wiederholt geschlagen und an den Haaren gerissen. Zudem habe er sie gezwickt. Er ha- be sie richtig fest mit den Fäusten auf den Oberschenke l und ihre Hüften geschlagen. Er habe ihr auch mit der Faust auf das Auge geschlagen, welches danach ganz blau gewesen sei. Aus- serdem habe er sie wieder gewürgt sowie auf ihr rechte s Bein geschlagen. Er habe sie vom Sofa geworfen und auf den Boden gedrückt. Sie habe At emprobleme gehabt und kaum noch laufen können. Sie habe versucht, auf den Balkon zu flüchten. Dabei habe sie sich am Vorhang festgehalten, wobei er sie so fest gezogen habe, dass di e Vorhangstange heruntergefallen sei. Irgendwann habe sie es geschafft, auf den Balkon zu geh en. Dort habe sie ihren Vater anrufen können, welcher in der Folge zu ihr gekommen sei. Zu diesem Zeitpunkt sei der Beschuldigte nicht mehr in der Wohnung gewesen. Später am Abend n ach einem Telefongespräch mit der Stiefmutter des Beschuldigten sei sie dann einverstanden gewesen, zu seiner Familie in den Kanton P.____ zu fahren, wo sie die Nacht verbracht ha be. Der Beschuldigte habe sie mehr- fach mit der flachen Hand auf die linke und die rechte Wange geschlagen, mit der rechten Hand an den Haaren gerissen, mehrfach in ihre Oberarme gezwickt, mit der Faust mehrfach auf ihren rechten Oberschenkel und das Schienbein geschlagen bzw. g etreten, ebenso mit der Faust mehrfach auf ihren Oberkörper sowie einmal auf ihr r echtes Auge geschlagen und sie mit der rechten Hand ca. fünf Sekunden gewürgt. Sie sei trotz der zahlreichen Hämatome am Auge, an den Armen, am Hals, am Oberschenkel sowie am Schienbein nicht zu einem Arzt gegangen, weil sie sich geschämt habe. Sie sei erst nach dem dritten Vorfall bereit gewesen, die Polizei zu verständigen, weil sie zu diesem Zeitpunkt gewusst habe, d ass seine Beteuerungen, ihr nichts Seite 29 http://www.bl.ch/kantonsgericht mehr anzutun, bloss leere Versprechungen gewesen seien ( act. 335 ff.). Als sie bei seiner Fa- milie im P.____ gewesen seien, sei er auf dem Boden ge sessen und habe mit der Hand eine Bewegung gemacht, als wolle er sie schlagen. Er habe i hr gedroht und zu ihr gesagt, sie solle nicht zu viel reden, sonst würde er "ihr die Fresse polieren" (act. 343). Vor dem Strafgericht hat die Privatklägerin angesproche n auf weitere Vorfälle im Jahre 2020 angegeben, sie könne sich nicht mehr erinnern (act. S. 333). b) Der Beschuldigte hat anlässlich seiner Einvernahme vom 5. August 2020 sämtliche Vor- würfe bestritten und in diesem Zusammenhang ausgeführt , die Depositionen der Privatklägerin würden allesamt nicht stimmen (act. 403 f.). Vor dem Strafgericht hat der Beschuldigte zu Protokoll gegeben, er habe die Privatklägerin an- lässlich des dritten Vorfalls gebissen, gezwickt und mit de r Faust auf das Schienbein geschla- gen; gewürgt habe er sie jedoch nicht. Es stimme aber nicht, dass es im Jahr 2020 noch mehr Vorfälle gegeben habe (act. S. 337). Vor dem Kantonsgericht bestätigt der Beschuldigte den d ritten Vorfall vom 19. Juni 2020, be- hauptet aber gleichzeitig, dass dies der einzige Übergri ff im Jahre 2020 gewesen sei (Protokoll KG S. 12). c) Der zuständige Sozialarbeiter der Einwohnergemeinde X.____ hat bei einem Telefonat vom 22. Juni 2020 mit dem verfahrensleitenden Strafgerichtspräsidenten berichtet, dass ihm die Privatklägerin anlässlich eines gleichentags stattgefundenen Beratungsgesprächs erzählt habe, der Beschuldigte sei ihr gegenüber seit seiner Haftent lassung bereits zum dritten Mal gewalttä- tig worden (act. S 43). d) Im Rahmen der konkreten Beweiswürdigung verbleibt nach Ansicht des Kantonsgerichts wiederum kein Raum, an den glaubhaften Aussagen der P rivatklägerin anlässlich ihrer Einver- nahme vom 28. Juli 2020 zu zweifeln. Diese zeitnahen Ausführungen erweisen sich als authen- tisch, lebensnah, detailreich und widerspruchsfrei, sind gekennzeichnet durch zahlreiche Real- kriterien und abermals eingebettet in das Gesamtbild de s im Zusammenhang mit dem Tatbe- stand der versuchten vorsätzlichen Tötung erstellten Sachver halts sowie auch desjenigen, wel- Seite 30 http://www.bl.ch/kantonsgericht cher im Konnex mit dem Tatbestand der mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Ziffer 1 dritter Vorfall der Zusatz-Anklageschrift steht und vom Beschuldigten nicht bestritten wird. Gestützt werden diese Aussagen ausserdem durch diejenigen anlässlich der E invernahme vom 21. Juli 2020 sowie durch die Schilderungen des zuständigen Sozialarb eiters vom 22. Juni 2020. Ferner ist kein Grund ersichtlich, weshalb die Vorwürfe nicht der Realität entsprechen sollten bzw. warum die Privatklägerin den Beschuldigten zu Unrecht belaste n sollte. Vielmehr ist aktenkundig, dass die Privatklägerin die Polizei jeweils erst nach schwerw iegenden oder dann erst nach wieder- holten Übergriffen seitens des Beschuldigten verständigt hat bzw. durch ihre Schwester hat verständigen lassen, um dann aber immer wieder ihre eig enen Schilderungen im Verlaufe des Strafverfahrens zu Gunsten des Beschuldigten abzuschwächen . Insofern sind ihre sogenannt schwammigen Aussagen vor dem Strafgericht denn auch nich t entlastend für den Beschuldig- ten zu werten, sondern entsprechen lediglich ihrem Auss agemuster, den Beschuldigten im Hin- blick auf eine allfällige Versöhnung zu schützen. Der Be schuldigte seinerseits vermag nichts zu seiner Entlastung vorzubringen als eine generelle und an gesichts der übrigen erstellten Sach- verhalte in dieser pauschalen Form unglaubhaften Bestreitung der Vorwürfe. Demnach gilt der Sachverhalt gemäss Anklageschrift als er stellt, womit davon auszugehen ist, dass der Beschuldigte die Privatklägerin an einem Samstag abend im März oder April 2020 im Rahmen eines Streites mehrfach mit der flachen Hand auf die linke und die rechte Wange ge- schlagen, mit der rechten Hand an den Haaren gerissen, mehrfach in ihre Oberarme gezwickt, mit der Faust mehrfach auf ihren rechten Oberschenkel u nd das Schienbein geschlagen bzw. getreten, ebenso mit der Faust mehrfach auf ihren Ob erkörper sowie einmal auf ihr rechtes Au- ge geschlagen und sie mit der rechten Hand ca. fünf Se kunden gewürgt hat. Dabei hat die Pri- vatklägerin zahlreiche Hämatome am Auge, an den Armen, am Hals, am Oberschenkel sowie am Schienbein und an den Seiten ihres Oberkörpers erlitten. Als nicht erstellt erachtet das Kan- tonsgericht hingegen den Sachverhalt bezüglich der Ankl age der versuchten Nötigung. Hierzu ist zu bemerken, dass dieser Vorwurf von der Privatklägerin in den Einvernahmen lediglich ein- mal und auch nur beiläufig erwähnt wird und ansonste n aktenmässig keine weitere Stütze fin- det, was unter Berücksichtigung der Maxime "in dubio pro reo" nicht ausreicht, um als rechts- genüglich erwiesen zu gelten. 6.4 Gestützt auf den vorgängig definierten Sachverhalt ist zu erkennen, dass die geschilder- ten Tathandlungen allesamt zweifellos eine Überschreitu ng des allgemein üblichen und gesell- Seite 31 http://www.bl.ch/kantonsgericht schaftlich geduldeten Masses einer Einwirkung auf den Kör per eines anderen darstellen, womit sie jedenfalls als Tätlichkeiten zu qualifizieren sind. Dass der Beschuldigte dabei vorsätzlich gehandelt hat, bedarf keiner Erörterung. Darüber hinaus ist zu konstatieren, dass der Beschuldigte mit dem Schlag auf das Auge der Privatklägerin zumindest eventualvorsätzlich auch eine wei tergehende Schädigung im Sinne einer einfachen Körperverletzung in Kauf genommen h at. Praxisgemäss ist im Gegensatz zur blossen Tätlichkeit nach Art. 126 StGB, welche dann vorliegt, wenn Schürfungen, Kratzwunden, Quetschungen oder blaue Flecken so harmlos sind, dass sie in kürzester Zeit vorübergehen und ausheilen, die körperliche Integrität gemäss Art. 123 StGB dann beeinträchtigt, wenn innere oder äussere Verletzungen oder Schädigungen zugefügt werden, die mindestens eine gewisse Behandlung und Heilungszeit erfordern, wie beispielswei se Quetschungen mit Blutergüssen und Schürfungen, sofern sie um einiges über blosse Kratze r hinausgehen. In concreto ist fest- zustellen, dass ein Auge bekanntermassen ein überaus emp findliches Organ ist und eine Ver- letzung dieses Organs bzw. ein Hämatom im Bereiche eines Auges sehr rasch einer Behand- lung oder dann zumindest einer längerdauernden Heilun gszeit bedarf. So ist in casu davon auszugehen, dass Spuren dieser Misshandlung sogar noch an lässlich der Einvernahme vom 21. Juli 2020 und damit zwei bis drei Monate nach den Geschehnissen sichtbar gewesen sind (act. 293). Sowohl beim Tatbestand der einfachen Körperverletzung als auch bei demjenigen der Tätlich- keiten handelt es sich im Übrigen um Offizialdelikte, na chdem der Beschuldigte zum fraglichen Zeitpunkt der heterosexuelle Lebenspartner des Opfer s gewesen ist, beide zusammen einen gemeinsamen Haushalt geführt haben, und der Täter geg enüber der Privatklägerin wiederholt Tätlichkeiten begangen hat. Infolgedessen ist ‒ soweit dies fraglich sein sollte ‒ zur strafrechtli- chen Verfolgung der Taten das Vorliegen eines Strafantrags nicht vorausgesetzt gewesen. Gestützt auf diese Darlegungen ist der Beschuldigte in teilweiser Gutheissung der Anschlussbe- rufung der Staatsanwaltschaft und dementsprechender Ab änderung des angefochtenen Urteils in Bezug auf Ziffer 1 Vorfall 2 der Zusatz-Anklageschrif t der einfachen Körperverletzung nach Art. 123 Ziff. 1 und Ziff. 2 StGB sowie der mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 und Abs. 2 lit. c StGB schuldig zu erklären. Demgegenüber ist der Freispruch vom Vorwurf der ver- suchten Nötigung zu bestätigen. Seite 32 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7. Strafzumessung 7.1 Theoretische Erwägungen a) Nach Art. 47 StGB misst das Gericht die Strafe innerha lb des massgebenden Strafrah- mens nach dem Verschulden des Täters zu. Es berücksichtigt das Vorleben und die persönli- chen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Le ben des Täters (Abs. 1). Das Ver- schulden wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefäh rdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründe n und Zielen des Täters sowie da- nach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage ge- wesen ist, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Abs. 2). b) Das Gericht bewertet das Verschulden ausgehend von der objektiven Tatschwere. Diese ist zunächst danach zu bestimmen, wie stark das betroffen e Rechtsgut beeinträchtigt worden ist. Dabei sind das Ausmass des Erfolgs, die Gefährdung, d as Risiko sowie die Art und Weise des Tatvorgehens zu berücksichtigen. Von Bedeutung sind auch die Intensität der durch die Tat und Tatausführung offenbarten kriminellen Energie, sowie die Grösse des Tatbeitrags bei meh- reren Tätern und die hierarchische Stellung (H ANS WIPRÄCHTIGER / STEFAN KELLER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, N 91 ff. zu Art 47 StGB). Bei der Beurteilung der subjektiven Tatschwere bilden namentlich die Bewegg ründe und Ziele des Täters, der bei der Tat aufgewendete Wille, das Motiv sowie das Mass an E ntscheidungsfreiheit massgebende Strafzumessungskriterien (WIPRÄCHTIGER / KELLER , a.a.O., N 115 ff. zu Art. 47 StGB). Das Ge- richt hat die objektive Tatschwere zu bewerten und in den Urteilserwägungen anzugeben, ob diese aufgrund der Beurteilung der subjektiven Tatschwere reduziert, bestätigt oder erhöht wer- den soll. Dabei muss es gemäss Art. 50 StGB festhalten , welche die für die Strafzumessung erheblichen Umstände sind und wie es diese gewichtet. Hi erzu muss das Gericht in seinem Urteil darlegen, welche verschuldensmindernden und wel che verschuldenserhöhenden Gründe im konkreten Fall gegeben sind, um so zu einer Gesamteins chätzung des Tatverschuldens zu gelangen (BGE 144 IV 313 E. 1.2; 136 IV 55 E. 5.5). Es liegt im Ermessen des Sachgerichts, in welchem Umfang es die verschiedenen Strafzumessungsfaktoren berücksichtigt. Es muss nicht auf Umstände ausdrücklich eingehen, die es – ohne dass die s ermessensverletzend wäre – bei Seite 33 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Strafzumessung als nicht massgebend oder nur von ge ringem Gewicht erachtet (BGer 6P.66/2006 vom 16. Februar 2007 E. 4). Auch ist das Gericht nicht gehalten, in Zahlen oder Prozenten anzugeben, wie es die einzelnen Strafzumessungskriterien berücksichtigt (BGE 144 IV 313 E. 1.2; BGE 136 IV 55 E. 5.6). Allerdings muss das Gericht das Gesamtverschulden qualifizieren und die Gesamteinschätzung des Tatverschuld ens im Urteil ausdrücklich benen- nen, wobei von einer Skala denkbarer Abstufungen nac h Schweregrad auszugehen ist (sehr leicht, leicht, nicht mehr leicht, mittelschwer, schwer, se hr schwer). Im Übrigen betont das Bun- desgericht in seiner Rechtsprechung, dass die Formulieru ng des Verschuldens und die Fest- setzung des Strafmasses auch begrifflich im Einklang stehen müssen (BGer 6B_1096/2010 vom 7. Juli 2011 E. 4.1; 6B_859/2013 vom 2. Oktober 2014 E. 4.2 f.). c) In einem zweiten Schritt ist die (hypothetische) Strafe , die diesem Verschulden entspricht, innerhalb des zur Verfügung stehenden Strafrahmens zu b estimmen. Die so ermittelte Strafe kann dann gegebenenfalls in einem dritten Schritt aufg rund wesentlicher Täterkomponenten, d.h. tatunabhängiger Strafzumessungsfaktoren, erhöht oder reduziert werden (BGE 136 IV 55 E. 5.7; BGE 134 IV 132 E. 6.1). d) Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen di e Voraussetzungen für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB zu der Stra- fe der schwersten Straftat und erhöht sie angemessen. Es darf jedoch das Höchstmass der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhö hen. Dabei ist es an das gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden. Die Vorschrift von Art. 49 Abs. 1 StGB legt somit die Rechtsfolgen fest, die einen Täter treffen, der denselben Straftatbestand mehrfach oder mehre- re verschiedene Straftatbestände verletzt hat. Die Vorschr ift regelt das methodische Vorgehen der Strafzumessung im Konkurrenzfall aber nur rudiment är; ihr selbst lässt sich nicht entneh- men, wann die Voraussetzungen gleichartiger Strafen erfüllt sind, was die schwerste Straftat ist und wie diese zu ermitteln und erhöhen ist (BGE 144 IV 217 E. 3.2). e) Die Bildung einer Gesamtstrafe im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB ist nur bei gleichartigen Strafen möglich. Geldstrafe und Freiheitstrafe sind keine gleichartigen Strafen im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB. Ungleichartige Strafen sind kumulativ zu verhängen. Das Gericht kann auf eine Gesamtfreiheitsstrafe nur erkennen, wenn es im konkreten Fall für jeden einzelnen Norm- verstoss eine Freiheitsstrafe ausfällen würde (sog. kon krete Methode). Dass die anzuwenden- Seite 34 http://www.bl.ch/kantonsgericht den Strafbestimmungen abstrakt gleichartige Strafen vo rsehen, genügt nicht (BGE 144 IV 313 E. 1.1.1; 144 IV 217 E. 2.2; 142 IV 265 E. 2.3.2; 1 38 IV 120 E. 5.2; BGer 6B_112/2020 vom 7. Oktober 2020 E. 3.2). f) Bei der Bildung der Gesamtstrafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB ist in einem ersten Schritt anhand der abstrakten Strafdrohung des Gesetzes der Str afrahmen für die schwerste Straftat zu ermitteln. Sind mehrere Straftatbestände mit gleich em Strafrahmen zu beurteilen, ist von derjenigen Straftat auszugehen, die im konkreten Fall die höchste Strafe nach sich zieht (H ANS MATHYS , Leitfaden Strafzumessung, 2. Auflage, Basel 2019, N 485). Die tat- und täterange- messene Strafe ist grundsätzlich innerhalb des ordentlich en Strafrahmens der (schwersten) anzuwendenden Strafbestimmung festzusetzen. Dieser Rahme n ist vom Gesetzgeber in aller Regel sehr weit gefasst worden, um sämtlichen konkreten U mständen Rechnung zu tragen. Entgegen einer auch in der Praxis verbreiteten Auffass ung wird der ordentliche Strafrahmen durch Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründe nicht automatisch erweitert, worauf dann innerhalb dieses neuen Rahmens die Strafe nach den üb lichen Zumessungskriterien festzuset- zen wäre. Der ordentliche Rahmen ist nur zu verlassen, wen n aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die für die betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart oder zu milde erscheint (BGE 136 IV 55 E. 5.8). g) In einem zweiten Schritt hat das Gericht die Einsatzstr afe für die schwerste Tat innerhalb des betreffenden gesetzlichen Strafrahmens nach der ob jektiven und subjektiven Tatschwere bzw. den Tatkomponenten festzusetzen (BGE 144 IV 313 E. 1.1.2; 127 IV 101 E. 2b). Dabei hat das Gericht eine vorläufige Gesamteinschätzung im Sinne einer hypothetischen Einsatzstrafe vorzunehmen, wobei das Verschulden im Rahmen einer Skala denkbarer Abstufungen nach Schweregrad (sehr leicht, leicht, nicht mehr leicht, m ittelschwer, schwer, sehr schwer) zu be- stimmen und in der Begründung des Urteils zu nennen ist (BGE 136 IV 55 E. 5.7). h) In einem dritten Schritt sind die übrigen Delikte – w iederum anhand der Tatschwere bzw. den Tatkomponenten entsprechend den vorstehenden Ausfü hrungen – zu beurteilen, wobei für jede zusätzliche Straftat, derentwegen der Beschuldigte verurteilt wird, unter Berücksichtigung des jeweiligen Verschuldens eine hypothetische Einzelstrafe zu ermitteln ist. Mithin sind für jede (zusätzliche) konkrete Tat die angemessene Strafhöhe sowi e die passende Strafart zu bestim- men (BGE 144 IV 217 E. 4.1 und E. 4.3; 144 IV 313 E 1.1.1 und E. 1.4; BGer 6B_59/2020 vom Seite 35 http://www.bl.ch/kantonsgericht 30. November 2020 E. 4.4; 6B_1071/2019 vom 5. Novemb er 2020 E. 3.3.2). Anschliessend ist zu prüfen, aus welchen der festgelegten Einzelstrafen e ine Gesamtstrafe zu bilden ist bzw. Ge- samtstrafen zu bilden sind. Soweit für mehrere zu beurte ilende Straftaten jeweils gleichartige Strafen als angemessen erscheinen, ist unter Berücksichtigu ng des Asperationsprinzips eine hypothetische Gesamtstrafe für sämtliche dieser Delikte festzulegen (Art. 49 Abs. 1 StGB; BGE 144 IV 217 E. 4.1 und E. 4.3; 144 IV 313 E. 1.4; BG er 6B_59/2020 vom 30. November 2020 E. 4.4). Bei der Bemessung der Gesamtstrafe müssen die e inzelnen Straftaten innerhalb des (allenfalls erweiterten) Strafrahmens gesamthaft gewü rdigt werden. Dabei sind namentlich das Verhältnis der einzelnen Taten untereinander, ihr Zusammenhang, ihre grössere oder geringere Selbstständigkeit sowie die Gleichheit oder Verschiedenh eit der verletzten Rechtsgüter und die Begehungsweisen zu berücksichtigen. Der Gesamtschuldbeitrag des einzelnen Deliktes wird dabei geringer zu veranschlagen sein, wenn die Delikte z eitlich, sachlich und situativ in einem engen Zusammenhang stehen (BGE 144 IV 217 E. 3.5.4; B Ger 6B_523/2018 vom 23. August 2018 E. 1.2.2). i) Gelangt das Gericht nach der sog. konkreten Methode im Rahmen der Strafzumessung bei der Festsetzung selbstständiger Einzelstrafen für den einzelnen Gesetzesverstoss auf 180 Strafeinheiten oder weniger, ist ausser einer Freihei tsstrafe auch die Ausfällung einer Geldstra- fe möglich (Art. 34 Abs. 1 StGB). Bei der Wahl der S anktionsart ist als wichtigstes Kriterium die Zweckmässigkeit einer bestimmten Sanktion, ihre Auswirkunge n auf den Täter und sein sozia- les Umfeld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen (BGE 134 IV 97 E. 4.2; 134 IV 82 E. 4.1). j) Nach der Festlegung der hypothetischen Gesamtstrafe(n) für sämtliche Delikte sind schliesslich die Täterkomponenten zu berücksichtigen. Bei de r Bestimmung der Täterkompo- nenten kann es sich rechtfertigen, die einzelnen Aspekte g esamthaft für sämtliche begangenen Taten zu würdigen, sofern diese für alle Delikte in gl eicher oder vergleichbarer Weise Geltung beanspruchen (BGer 6B_865/2009 vom 25. März 2010 E. 1.6.1; 6B_496/2011 vom 19. November 2021 E. 4.2). Die Täterkomponenten umfa ssen die persönlichen Verhältnisse und das Vorleben, insbesondere frühere Strafen oder Wohlverhalten, sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren, insbesondere Reue und Einsicht oder ein Geständnis (WIPRÄCHTIGER / KELLER , a.a.O., N 92 ff. zu Art. 47 StGB). Seite 36 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.2 Konkrete Erwägungen a) Hinsichtlich der konkreten Strafzumessung bringt der Be schuldigte vor, er sei zu einer Freiheitsstrafe von maximal 30 Monaten zu verurteilen, wobei diese zu Gunsten einer ambulan- ten psychotherapeutischen Massnahme aufzuschieben sei (vgl. Rechtsbegehren) bzw. es er- scheine eine Freiheitsstrafe in der Höhe von 20 bis 25 Mo naten als angemessen, wobei eine teilbedingte Strafe auszusprechen sei (vgl. oben E. 2.1 .a/cc). Demgegenüber begehrt die Staatsanwaltschaft eine Erhöhung des Strafmasses auf eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und zehn Monaten, eine Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je weils CHF 10.-- sowie eine Busse von CHF 1'000.-- (vgl. oben E. 2.2.a/cc). b) Aus der Tatsache, dass sowohl der Beschuldigte als auch die Staatsanwaltschaft das erstinstanzliche Strafmass beanstanden, erhellt, dass von Seiten des Kantonsgerichts eine neue Strafzumessung vorzunehmen ist. Da gemäss Art. 408 St PO die Berufungsinstanz ein neues Urteil zu fällen hat, welches das erstinstanzliche e rsetzt, ist auf die vorinstanzliche Be- messung der Strafe nicht weiter einzugehen. Das Berufungsgericht hat ohnehin die Strafe nach eigenem Ermessen festzusetzen und muss sich auch nicht daran orientieren, wie die erste In- stanz die einzelnen Strafzumessungsfaktoren gewichtet h at (BGer 6B_298/2013 vom 16. Januar 2014 E. 6.2). c) In casu ist zu konstatieren, dass der Beschuldigte ‒ neben dem im vorliegenden Urteil zu bestätigenden Schuldspruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung sowie den zusätzlich er- folgten Verurteilungen wegen Erpressung (anstelle von Nötigung), einfacher Körperverletzung und mehrfacher Tätlichkeiten ‒ bereits vom Strafgericht der mehrfachen Tätlichkeiten , der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, des mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen sowie der mehrfachen Wide rhandlung gegen das Strassenver- kehrsgesetz schuldig erklärt worden ist. Diese Schuldsprüche sind vom Kantonsgericht man- gels Anfechtung nicht zu überprüfen. Gestützt auf die genannten Verurteilungen hat das Kan- tonsgericht hingegen nunmehr eine bundesrechtskonforme Strafzumessung vorzunehmen. Die Deliktsmehrheit gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB führt zwar nic ht zu einer Erhöhung des Strafrah- mens, ist aber innerhalb des ordentlichen Rahmens strafschä rfend zu gewichten. Nach Art. 22 Abs. 1 StGB kann das Gericht den Umstand, wonach die str afbaren Handlungen teilweise nicht zum Erfolg geführt haben, strafmildernd berücksichtigen. Ebenfalls strafmildernd in Bedacht zu Seite 37 http://www.bl.ch/kantonsgericht ziehen ist die gutachterliche Feststellung, wonach der Beschuldigte infolge seiner dissozialen, narzisstischen und emotional instabilen Störungsanteile und seiner psychopathischen Persön- lichkeitsmerkmale bei sämtlichen ihm vorgeworfenen Tatha ndlungen zum Nachteil der Privat- klägerin in seiner Steuerungsfähigkeit (Art. 19 Abs. 2 StGB) beeinträchtigt gewesen ist, wobei die hieraus ableitbare Verminderung der Schuldfähigke it als leichtgradig bis höchstens mittel- gradig eingeschätzt wird (act. 533). d) Den Vorgaben des Bundesgerichts folgend hat das Kanton sgericht zunächst den Straf- rahmen nach der abstrakt schwerwiegendsten Straftat zu be stimmen. Vorliegend weist die vor- sätzliche Tötung den höchsten abstrakten Strafrahmen auf . So reicht dieser gemäss Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 40 Abs. 2 StGB von fünf Ja hren Freiheitsstrafe am unteren bis zu 20 Jahren Freiheitsstrafe am oberen Ende. Die Strafe ist grundsätzlich innerhalb des ordentli- chen Strafrahmens festzulegen, da auch unter Berücksichti gung der Tat- und Deliktsmehrheit keine aussergewöhnlichen Umstände vorliegen, welche es ange zeigt erscheinen lassen wür- den, diesen Strafrahmen zu überschreiten. Zu beachten i st auf der anderen Seite jedoch, dass es lediglich beim Versuch geblieben ist, weshalb gestützt auf Art. 22 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 48a Abs. 1 StGB die Möglichkeit besteht, diesen Strafrahmen zu unterschreiten. Für die versuchte vorsätzliche Tötung ist somit eine Einsatzstrafe festzusetzen. Hinzu kommen die Er- pressung mit einem abstrakten Strafrahmen, welcher von e iner Geldstrafe von mindestens drei Tagessätzen bis zu einer Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahren reicht (Art. 156 Ziff. 1 StGB in Verbindung mit Art. 34 Abs. 1 StGB), die einfache Kör perverletzung mit einem abstrakten Straf- rahmen von einer Geldstrafe von mindestens drei Tagessä tzen bis zu einer Freiheitsstrafe von maximal drei Jahren (Art. 123 Ziff. 2 StGB in Verbin dung mit Art. 34 Abs. 1 StGB), die mehrfa- chen Tätlichkeiten, welche mit einer Busse bis maximal CH F 10'000.-- bedroht sind (Art. 126 StGB in Verbindung mit Art. 106 StGB), der mehrfache Ungehorsam gegen amtliche Verfügun- gen, welcher ebenfalls mit einer Busse bis maximal CHF 1 0'000.-- bedroht ist (Art. 292 StGB in Verbindung mit Art. 106 StGB), die mehrfache Widerha ndlung gegen das Betäubungsmittelge- setz, welche gleichermassen mit einer Busse bis maximal CH F 10'000.-- bedroht ist (Art. 19a Ziff. 1 BetmG in Verbindung mit Art. 26 BetmG sowie Art. 106 StGB) sowie die mehrfache Wi- derhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz, welche teilw eise mit Busse (Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1 SVG und Art. 3 Abs. 1 VRV sowie Art. 96 Abs. 1 lit. a SVG) und teilweise mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahre n oder Geldstrafe (Art. 96 Abs. 2 SVG und Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG) zu sanktionieren ist. Seite 38 http://www.bl.ch/kantonsgericht e) Bei der Festlegung der Einsatzstrafe für die versuchte v orsätzliche Tötung würdigt das Kantonsgericht auf der Seite der objektiven Tatkomponen ten zu Lasten des Beschuldigten, dass dieser besonders verwerflich und rücksichtslos gehandelt hat, indem er aus nichtigem An- lass aus einem alltäglichen Streit heraus seine Lebenspartnerin und Mutter seines drei Wochen davor geborenen Kindes trotz deren besonderen Verlet zlichkeit über mehrere Minuten hinweg mehrfach und dermassen heftig gewürgt hat, dass sich diese in unmittelbarer Lebensgefahr befunden hat. Entlastend zu berücksichtigen ist, dass der Tatbestand im Versuchsstadium ste- ckengeblieben ist, wobei sich auf der anderen Seite wi ederum relativierend auswirkt, dass es sich um einen vollendeten Versuch handelt und der Besch uldigte nichts Wesentliches für das Ausbleiben des Erfolgs beigetragen hat, dies vielmeh r dem Zufall überlassen gewesen ist. Zu Gunsten des Beschuldigten fällt weiter ins Gewicht, dass die durch den Übergriff erlittenen Ver- letzungen offenbar innerhalb kurzer Zeit folgenlos abg eheilt sind. Auf Grund dieser Umstände stuft das Kantonsgericht die objektive Tatschwere als mit telschwer im unteren Bereich ein. In subjektiver Hinsicht ist dem Beschuldigten ein eventualvor sätzliches Handeln anzulasten, was leicht zu seinen Gunsten zu werten ist. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte bei sämtlichen ihm vorgeworfenen Tathandlungen zum Nachteil der Privatkläg erin in seiner Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen ist, woraus eine leicht- bis m ittelgradige Verminderung der Schuldfähig- keit abzuleiten ist. Die subjektive Schwere der Tat verma g somit das objektive Tatverschulden in erheblicher Weise zu relativieren und rechtfertigt i m Ergebnis auch die Unterschreitung des abstrakten Strafrahmens. Gestützt auf diese Erwägungen ist im Rahmen einer vorläufigen Ein- schätzung das Verschulden des Beschuldigten bezüglich der versuc hten vorsätzlichen Tötung als noch leicht zu qualifizieren, was in concreto zu eine r hypothetischen Einsatzstrafe von drei- einhalb Jahren Freiheitsstrafe führt. In Bezug auf die Wahl der Sanktionsart ist festzustellen, dass angesichts des Tatvorwurfs trotz der hypothetischen Mögli chkeit, auf eine andere als die angedrohte Strafart erkennen zu können (Art. 48a Abs. 2 StGB), ausschliesslich eine Freiheits- strafe in Frage kommt. f) Bei der Bestimmung der Einzelstrafe für die Erpressung berücksichtigt das Kantonsgericht auf der Seite der objektiven Tatkomponenten zu Lasten de s Beschuldigten, dass sich dieser ‒ unmittelbar nachdem er die Privatklägerin durch die Würgehandlungen in unmittelbare Lebens- gefahr gebracht hat ‒ auf beschämende Art und Weise die Angst des Opfers vor w eiteren Übergriffen zunutze gemacht und von diesem einen im vo rliegenden Kontext nicht unerhebli- Seite 39 http://www.bl.ch/kantonsgericht chen Geldbetrag von CHF 3'200.-- abgenötigt hat. Auf Grund dieser Umstände stuft das Kan- tonsgericht die objektive Tatschwere als mittelschwer im unteren Bereich ein. In subjektiver Hinsicht ist dem Beschuldigten ein direktvorsätzliches Handeln anzulasten, was leicht zu seinen Ungunsten zu gewichten ist. Entlastend erscheint demgegen über wiederum, dass der Beschul- digte bei sämtlichen ihm vorgeworfenen Tathandlungen zum Nachteil der Privatklägerin in sei- ner Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen ist, w oraus eine leicht- bis mittelgradige Ver- minderung der Schuldfähigkeit abzuleiten ist. Die subje ktive Schwere der Tat führt somit eben- falls zu einer Relativierung des objektiven Tatverschuldens. Gestützt auf diese Erwägungen ist im Rahmen einer vorläufigen Einschätzung das Verschulden des Beschuldigten bezüglich der Erpressung als noch leicht zu qualifizieren, was zu einer h ypothetischen Einzelstrafe von 120 Strafeinheiten führt. In Bezug auf die Wahl der San ktionsart ist zu konstatieren, dass hinsicht- lich der vorliegend zu beurteilenden Tathandlung ange sichts der geschilderten Umstände und des äusserst engen Zusammenhangs zum Tatbestand der ver suchten vorsätzlichen Tötung sowie unter Berücksichtigung der Zweckmässigkeiten von Freih eits- und Geldstrafe und der damit verbundenen präventiven Effizienz auf den Täter n ur eine Freiheitsstrafe in Betracht kommt. Im Resultat ist damit eine hypothetische Einzelstr afe von vier Monaten Freiheitsstrafe festzusetzen. g) Bei der Ermittlung der Einzelstrafe für die einfache Körperverletzung würdigt das Kan- tonsgericht auf der Seite der objektiven Tatkomponent en zu Lasten des Beschuldigten, dass dieser im Rahmen von wiederholt vorkommenden, teilweis e massiven physischen Übergriffen auf seine Partnerin das Opfer wiederum aus völlig nicht igem Anlass im Zusammenhang mit einem alltäglichen Streit mit Faustschlägen traktiert und dabei im Bereich des rechten Auges so verletzt hat, dass das hieraus entstandene Hämatom über m ehrere Wochen für die Allgemein- heit sicht- und die Betroffene spürbar gewesen ist. Z ufolge fehlender ärztlicher Berichte ist hin- gegen davon auszugehen, dass die durch den Übergriff en tstandene Verletzung komplikations- los abgeheilt ist. Auf Grund dieser Umstände stuft das Ka ntonsgericht die objektive Tatschwere als mittelschwer im unteren Bereich ein. In subjektiver Hinsicht ist dem Beschuldigten ein di- rektvorsätzliches Handeln anzulasten. So hat es dieser offe nbar in seiner archaischen Denk- weise im Sinne einer Machtdemonstration als probates Mit tel empfunden, seiner Partnerin und Mutter des gemeinsamen Kindes seinen Willen im Rahmen einer verbalen Auseinandersetzung mit Gewalt aufzuzwingen. Dies ist leicht zu seinen Lasten zu werten. Entlastend erscheint dem- gegenüber wiederum, dass der Beschuldigte bei sämtlichen ihm vorgeworfenen Tathandlungen Seite 40 http://www.bl.ch/kantonsgericht zum Nachteil der Privatklägerin in seiner Steuerungsfä higkeit beeinträchtigt gewesen ist, wo- raus eine leicht- bis mittelgradige Verminderung der Schuldfähigkeit abzuleiten ist. Die subjekti- ve Schwere der Tat führt somit ebenfalls zu einer Relativierung des objektiven Tatverschuldens. Gestützt auf diese Erwägungen ist im Rahmen einer vorläufigen Einschätzung das Verschulden des Beschuldigten bezüglich der einfachen Körperverletzun g als noch leicht zu qualifizieren, was zu einer hypothetischen Einzelstrafe von 90 Strafeinheiten führt. In Bezug auf die Wahl der Sanktionsart ist zu konstatieren, dass hinsichtlich der vorli egend zu beurteilenden Tathandlung angesichts der geschilderten Umstände und des engen Zusa mmenhangs zum Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung sowie unter Berücksichtigung der Zweckmässigkeiten von Freiheits- und Geldstrafe und der damit verbundenen pr äventiven Effizienz auf den Täter nur eine Freiheitsstrafe in Betracht kommt. Im Resultat ist damit eine hypothetische Einzelstrafe von drei Monaten Freiheitsstrafe festzusetzen. h) Nachdem vorliegend für die versuchte vorsätzliche Tötun g, die Erpressung und die einfa- che Körperverletzung in einzelner Betrachtung hypothetische Freiheitsstrafen ausgefällt worden sind, ist nunmehr unter Berücksichtigung des Asperationspr inzips eine hypothetische Gesamt- strafe für diese Delikte zusammen festzulegen. Bei der Bildung der hypothetischen Gesamtstra- fe ist zu Gunsten des Beschuldigten die Vergleichbarkeit der betroffenen Rechtsgüter sowie der jeweiligen Begehungsweisen zu berücksichtigen. Diese engen zeitlichen, sachlichen und situa- tiven Zusammenhänge zwischen den einzelnen Tathandlungen würdigend erachtet es das Kan- tonsgericht als angemessen, die Einsatzstrafe für die versuchte vorsätzliche Tötung im Umfang von dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe um weitere drei Monate Freiheitsstrafe für die Erpres- sung sowie um weitere zwei Monate Freiheitsstrafe für di e einfache Körperverletzung zu erhö- hen. Dies führt zu einer hypothetischen Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und elf Monaten. i) In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob diese tatbe zogene hypothetische Gesamtstrafe aufgrund der besonderen Täterkomponenten anzupassen ist. Einleitend festzuhalten ist hierbei, dass die diesbezüglich massgeblichen Faktoren Vorleben, pe rsönliche Verhältnisse, Nachtat- verhalten und Verhalten im Strafverfahren für alle vorgängig geschilderten Straftaten grundsätz- lich gleichermassen gelten. In diesem Zusammenhang ist zusammenfassend zu erwägen, dass der Beschuldigte eine schwierige Kindheit aufweist. So hat er offenbar seine leibliche Mutter nicht gekannt. Ausserdem hat er bekanntermassen in seine r Kinder- und Jugendzeit wiederholt gewisse Zeitabschnitte in Heimen verbracht und darüber hinaus auch einmal für mehrere Mona- Seite 41 http://www.bl.ch/kantonsgericht te im Kosovo bei einer Tante gelebt. Sodann ist er ber eits in jungen Jahren mit Betäubungsmit- teln in Kontakt gekommen. Diese Umstände sind leicht zu seinen Gunsten zu berücksichtigen. Weiter ist festzustellen, dass der Beschuldigte im Alter von rund sechs Jahren in die Schweiz eingereist ist, hier den Kindergarten und die Primar- wie auch die Realschule besucht hat, aber über keinen Schul- oder Lehrabschluss verfügt. Offenkundig ist der Beschuldigte sodann in sei- nem Leben jeweils nur für kurze Zeit einer Erwerbstäti gkeit nachgegangen. Aktuell verfügt er über eine Niederlassungsbewilligung C. Gemäss Auszug aus dem Betreibungsregister vom 23. September 2019 liegen gegen den Beschuldigten 22 Betreibungen im Gesamtbetrag von CHF 26'347.40 sowie elf Verlustscheine im Total von CH F 16'425.30 vor. Zum heutigen Zeit- punkt plant er offenbar, seine Beziehung zur Privatkläge rin, mit welcher er eine gemeinsame Tochter (Jahrgang 2019) hat, weiterzuführen. Dies ist soweit alles neutral zu gewichten. Eine besondere Strafempfindlichkeit, welche praxisgemäss nur b ei aussergewöhnlichen Umständen zu bejahen ist, da die Verbüssung einer (Freiheits-)Strafe für jede arbeitstätige und in ein famili- äres Umfeld eingebettete Person mit einer gewissen Härt e verbunden ist (vgl. H ANS WIPRÄCHTIGER / STEFAN KELLER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Base l 2019, N 150 zu Art. 47 StGB, mit Hinweisen), ist nicht zu erken nen. Hinsichtlich des Gesundheitszu- standes des Beschuldigten liegen keine Umstände vor, welc he Anlass zu besonderen Bemer- kungen geben würden. Erheblich zu Ungunsten des Beschuldigten zu werten sind jedoch seine zahlreichen Vorstrafen in einer verhältnismässig kurzen Zeitspanne. So ist diese r mit Strafbefehl der Staatsanwalt- schaft Zofingen-Kulm vom 19. November 2012 wegen Dieb stahls, geringfügiger Sachbeschädi- gung, mehrfacher Verletzung der Verkehrsregeln, Entw endung zum Gebrauch, pflichtwidrigen Verhaltens bei einem Unfall sowie Führens eines Motorfa hrzeugs ohne erforderlichen Führe- rausweis zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu jeweils CHF 30.--, bei einer Probezeit von zwei Jahren, sowie zu einer Busse von CHF 900.-- verurteilt worden. Die Probezeit ist mit nachfolgend zu erwähnendem Urteil des Bezirksgerichts Kulm um ein Jahr verlängert worden. Mit sogleich darzulegendem Urteil de s Bezirksgerichts Rheinfelden ist der bedingte Strafvollzug sodann widerrufen worden. Mit e rwähntem Urteil des Bezirksgerichts Kulm vom 9. Juli 2013 ist der Beschuldigte des Weitere n wegen mehrfachen Fahrens eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand, Führens eines n icht betriebssicheren Fahrzeugs, mehrfacher und teilweiser versuchter Entwendung zum Ge brauch, mehrfachen Führens eines Motorfahrzeugs ohne erforderlichen Führerausweis, mehrfa chen Diebstahls, mehrfacher Sach- Seite 42 http://www.bl.ch/kantonsgericht entziehung, mehrfachen versuchten betrügerischen Missbrau chs einer Datenverarbeitungsan- lage, Hausfriedensbruchs, falscher Anschuldigung, Verge hen gegen das Betäubungsmittelge- setz, mehrfacher Übertretung des Betäubungsmittelgesetze s, mehrfacher fahrlässiger Verlet- zung der Verkehrsregeln, grober Verletzung der Verkehrsr egeln sowie Fahrens eines Motor- fahrzeugs in angetrunkenem Zustand mit qualifizierter Blutalkoholkonzentration zu einer Frei- heitsstrafe von 20 Monaten, davon zehn Monate bedingt vollziehbar, bei einer Probezeit von vier Jahren für den bedingten Strafteil, sowie zu eine r Busse von CHF 600.-- verurteilt worden. Dabei hat der Beschuldigte insgesamt 61 Tage in Unte rsuchungshaft verbracht und Bewäh- rungshilfe erhalten. Mit nachstehend zu erwähnendem Ur teil des Bezirksgerichts Rheinfelden ist abermals der teilbedingte Strafvollzug widerrufen worden. Mit genanntem Urteil des Bezirks- gerichts Rheinfelden vom 13. Juli 2016 ist der Beschuldig te ferner wegen Führens eines Motor- fahrzeugs ohne erforderlichen Führerausweis zu einer ge meinnützigen Arbeit von 360 Stunden verurteilt worden. Mit weiterem Strafbefehl der Staa tsanwaltschaft Porrentruy des Kantons Jura vom 19. April 2017 ist der Beschuldigte wegen Diebstahls zu einer Geldstrafe von 60 Tagessät- zen zu jeweils CHF 50.-- verurteilt worden. Und schlie sslich ist der Beschuldigte mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 4. Septembe r 2019 wegen mehrfachen Fahrens ohne Führerausweis sowie Widerhandlung gegen das kant onale Bevölkerungs- und Zivil- schutzgesetz zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu jeweils CHF 30.-- sowie zu einer Bus- se von CHF 200.-- verurteilt worden. Ebenfalls negativ zu gewichten ist, dass der Beschuldigte während des laufenden Verfahrens unbekümmert weiter delinquiert hat, was schliesslich zu den Verurteilungen gemäss der Zusatz-Anklageschrift geführt h at. In diesem Kontext hat der Be- schuldigte ausserdem seine Unbelehrbarkeit auf eindrücklich e Weise durch die Missachtung sämtlicher ihm auferlegter Ersatzmassnahmen zum Ausdruck gebracht. Immerhin ist dem Beschuldigten nach anfänglichem Bestre iten eine leicht über dem Durch- schnitt liegende Kooperationsbereitschaft und damit verbunden eine gewisse Einsicht und Reue zu Gute zu halten. Auf der anderen Seite wird gemäss de m Vollzugsbericht der Justizvollzugs- anstalt Lenzburg vom 5. Januar 2022, umfassend den Bericht szeitraum vom 26. November 2020 bis zum Erstellungsdatum, das Vollzugsverhalten des B eschuldigten wiederum lediglich als durchzogen beurteilt. So gilt er im Grosskollektiv de r Anstalt als gut integriert und sein Ver- halten wird als angepasst beschrieben, allerdings hat er offenbar teilweise Mühe bekundet, sich an die Hausordnung zu halten, was bereits zu Disziplinarsa nktionen geführt hat (Versetzung wegen Arbeitsverweigerung am 19. April 2021, Geldstraf e von CHF 20.-- wegen Konsums von Seite 43 http://www.bl.ch/kantonsgericht Cannabis am 7. Juli 2021 sowie fünf Tage Arrest weg en positiver Urinprobe auf Cannabis am 4. November 2021). Wenngleich er sich seinen Vorgesetzt en gegenüber grundsätzlich korrekt verhalten hat, hat er laut dem genannten Bericht bis a nhin eine geringe Arbeitsbereitschaft im Strafvollzug gezeigt, was mehrfach eine Versetzung nach sich gezogen hat. Nach diesen Er- wägungen drängt sich aufgrund der besonderen Täterkom ponenten eine signifikante Anpas- sung der tatbezogenen Freiheitsstrafe im Sinne einer Erhöhung um fünf weitere Monate auf. j) Tat- und täterunabhängige Strafzumessungsfaktoren (Ve rletzung des Beschleunigungs- gebotes nach Art. 5 StPO; Zeitablauf gemäss Art. 48 l it. e StGB) sind in casu keine zu berück- sichtigen, womit sich im Ergebnis in Würdigung sämtlicher Tat- und Täterkomponenten eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und vier Monaten als angemessen erweist. Bei diesem Strafmass sind der bedingte (Art. 42 Abs. 1 StGB) wie a uch der teilbedingte (Art. 43 Abs. 1 StGB) Strafvollzug für die Freiheitsstrafe bereits au s formellen Gründen ausgeschlossen. Einer Anrechnung des ausgestandenen Freiheitsentzugs in Form der Untersuchungshaft sowie des vorzeitigen Strafvollzugs bis zum heutigen Urteilszeitpunkt von insgesamt nunmehr 695 Tagen nach Art. 51 StGB steht schliesslich nichts im Wege. k) Die Strafzumessung in Bezug auf die mehrfachen Wide rhandlungen gegen das Strassen- verkehrsgesetz, welche im Sinne von Art. 96 Abs. 2 SV G und Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG Verge- hen darstellen und mit einer Geldstrafe zu sanktioni eren sind, ist von keiner Seite angefochten worden und aus diesem Grund nur summarisch zu erörtern. B eim Führen eines Motorfahrzeu- ges trotz fehlender Haftpflichtversicherung nach Art. 96 Abs. 2 SVG ist im vorliegenden Fall nach Würdigung der massgeblichen objektiven und subjekt iven Tatkomponenten von einem leichten Verschulden auszugehen. Gleichermassen ist bei der missbräuchlichen Verwendung der Kontrollschilder gemäss Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG na ch Prüfung der relevanten objektiven und subjektiven Tatkomponenten ein leichtes Verschulden anzunehmen. Dies führt im Ergebnis nach Ermittlung der jeweiligen Strafeinheiten mit Blick auf das Verhältnis der Einzelsubsumptio- nen zueinander bzw. darauf, dass die Vergehen gegen das Strassenverkehrsgesetz in einem engen zeitlichen, sachlichen und situativen Konnex steh en, nach erfolgter Einzelasperation der entsprechenden Einheiten zu einer Gesamtstrafe von ze hn Tagessätzen Geldstrafe. Die Höhe des einzelnen Tagessatzes ist gestützt auf Art. 34 Abs. 2 StGB sowie aufgrund der schlechten finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten auf zehn Fra nken festzusetzen. Diese Strafe ist angesichts der überaus negativen Legalprognose unbedin gt auszusprechen. Soweit der Be- Seite 44 http://www.bl.ch/kantonsgericht schuldigte die Geldstrafe nicht bezahlt und sie auf dem B etreibungsweg uneinbringlich ist, tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von zehn Tagen (Art. 36 Abs. 1 StPO). l) Die Strafzumessung im Hinblick auf die mehrfachen Übertretungen ist vom Beschuldigten nicht bemängelt worden und von der Staatsanwaltschaft bl oss dahingehend, dass diese eine Erhöhung der Busse auf CHF 1'000.-- aufgrund der zusät zlichen Verurteilungen beantragt hat. Das Kantonsgericht erachtet jedoch die erstinstanzlich ver hängte Busse im Umfang von CHF 800.-- auch unter Berücksichtigung der zusätzlichen Verurteilung wegen mehrfacher Tät- lichkeiten verschuldensangemessen, womit keine Veranlassung besteht, diese abzuändern. Dementsprechend erfolgt an vorliegender Stelle ebenfalls nur eine summarische Erörterung der diesbezüglichen Strafzumessung. Bei den konkret zu sanktionierenden Delikten handelt es sich um mehrfache Tätlichkeiten gemäss Art. 126 StGB (begange n im März oder April 2020 [Ziff. 1 Vorfall 2 der Zusatz-Anklageschrift] sowie am 19./20. Juni 2020 [Ziff. 1 Vorfall 3 der Zusatz- Anklageschrift]), mehrfache Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz nach Art. 19a Ziff. 1 BetmG, mehrfachen Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen gemäss Art. 292 StGB sowie um mehrfache Widerhandlungen gegen das Strassenverk ehrsgesetz nach Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1 SVG und Art. 3 Abs. 1 VRV sowie Art. 96 Abs. 1 lit. a SVG. In analoger Anwendung der vorgängig unter lit. k dargelegten Grundsätze erscheint in Anbetracht des dem Beschuldigten im Hinblick auf alle zu beurteilenden Delikte zur Last zu le- genden jeweils leichten Verschuldens sowie unter Berücksich tigung seiner persönlichen Ver- hältnisse ‒ wie vorstehend erwähnt ‒ eine gesamthafte Busse in der Höhe von CHF 800.-- als angemessen. Diese Busse ist von Gesetzes wegen (Art. 105 A bs. 1 StGB) unbedingt. Für den Fall, dass die Busse schuldhaft nicht bezahlt wird, wird eine Ersatzfreiheitsstrafe von acht Ta- gen ausgesprochen (Art. 106 Abs. 2 StGB). m) Demzufolge ist B.____ in Abweisung seiner Berufung un d in teilweiser Gutheissung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft der versuchten vorsätzlichen Tötung, der Erpres- sung, der einfachen Körperverletzung, der mehrfachen Tät lichkeiten, der mehrfachen Wider- handlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, des mehrfache n Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen sowie der mehrfachen Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz schul- dig zu sprechen und zu einer Freiheitsstrafe von vier Ja hren und vier Monaten ‒ unter Anrech- nung der vom 28. Mai 2019 bis zum 12. Dezember 2019 u nd vom 18. August 2020 bis zum 2. September 2020 ausgestandenen Untersuchungs- bzw. Si cherheitshaft sowie des vorzeiti- Seite 45 http://www.bl.ch/kantonsgericht gen Strafvollzugs vom 2. September 2020 bis zum 1. Febr uar 2022 im Umfang von insgesamt 695 Tagen ‒ sowie zu einer Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu jew eils CHF 10.-- (bzw. zu einer Ersatzfreiheitsstrafe von zehn Tagen im Falle der Nichtbezahlung der Geldstrafe und der Uneinbringlichkeit auf dem Betreibungsweg) und zu eine r Busse von CHF 800.-- (bzw. zu einer Ersatzfreiheitsstrafe von acht Tagen im Falle schuldhaf ter Nichtbezahlung der Busse) zu verur- teilen. 8. Massnahme 8.1 a) Im vorliegenden Fall hat die Vorinstanz den Strafvoll zug in Anwendung von Art. 57 Abs. 2 StGB aufgeschoben und den Beschuldigten nach Art. 59 StGB in eine geeignete psychiatrische Einrichtung bzw. Massnahmenvollzugseinrichtung eingewiesen. Begründet worden ist dieser Entscheid zusammengefasst damit, dass beim Beschuldigten s owohl im Tat- als auch im Ur- teilszeitpunkt eine psychische Störung im Sinne des Gesetzes vorgelegen habe bzw. vorliege, zwischen den vorgeworfenen Taten und der festgestellten psychischen Störung ein Zusam- menhang gegeben sei, die begründete Erwartung besteh e, mit einer stationären therapeuti- schen Behandlung der Gefahr weiterer mit der psychischen Störung des Täters im Zusammen- hang stehender Taten zu begegnen, von einer grundsätzlich en Kooperations- bzw. Behand- lungsbereitschaft des Beschuldigten auszugehen sei, eine geeignete Einrichtung zur Verfügung stehe, mildere Massnahmen, wie etwa eine ambulante Beh andlung, nicht ersichtlich seien und dass schliesslich aufgrund der gutachterlich festgestellten hohen Rückfallgefahr der mit der sta- tionären Massnahme verbundene Eingriff in die Freihei tsrechte des Beschuldigten ohne Weite- res verhältnismässig sei. b) Der Beschuldigte hat diese Entscheidung mit der Begrü ndung angefochten, dass die Vor- instanz die Voraussetzungen von Art. 59 StGB zu Unrecht bejaht habe. Die Anordnung der sta- tionären Massnahme verletze insbesondere das Verhältnismässigkeitsprinzip. So sei vorliegend die Anordnung einer stationären Massnahme nicht erford erlich, da eine mildere Massnahme, namentlich eine ambulante Behandlung im Sinne von Art . 63 StGB, zur Verfügung stehe (vgl. oben E. 2.1.a/dd). Seite 46 http://www.bl.ch/kantonsgericht c) Die Staatsanwaltschaft vertritt die Auffassung, in Übe reinstimmung mit der Vorinstanz und deren Ausführungen sei die Anordnung einer stationär en Massnahme gemäss Art. 59 StGB zweifellos verhältnismässig. Das Scheitern der ambulanten Massnahme bzw. Therapie sei ein- zig dem Verhalten des Beschuldigten und seinem Nichtein halten von Terminen und Auflagen zuzuschreiben (vgl. oben E. 2.2.b/cc). 8.2 a) Eine Massnahme ist nach Art. 56 Abs. 1 StGB anzuordnen, wenn eine Strafe allein nicht geeignet ist, der Gefahr weiterer Straftaten des Täters zu begegnen (lit. a); ein Behandlungsbe- dürfnis des Täters besteht oder die öffentliche Sicherhe it dies erfordert (lit. b); und die Voraus- setzungen der Artikel 59-61, 63 oder 64 erfüllt sind ( lit. c). Die Anordnung einer Massnahme setzt voraus, dass der mit ihr verbundene Eingriff in di e Persönlichkeitsrechte des Täters im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten nicht unverhältnismässig ist (Art. 56 Abs. 2 StGB). Laut Art. 56 Abs. 3 StGB stützt sich das Gericht beim Entscheid über die Anordnung einer Massnahme nach den Artikeln 59-61, 63 und 64 sowie bei der Änderung der Sanktion nach Art. 65 StGB auf eine sachverständige Beg utachtung. Diese äussert sich über die Notwendigkeit und die Erfolgsaussichten einer Beha ndlung des Täters (lit. a); die Art und die Wahrscheinlichkeit weiterer möglicher Straftaten (l it. b); und die Möglichkeiten des Vollzugs der Massnahme (lit. c). b) Ist der Täter psychisch schwer gestört, so kann das Gericht nach Art. 59 Abs. 1 StGB eine stationäre Behandlung anordnen, wenn der Täter ein Verbrechen oder Vergehen begangen hat, das mit seiner psychischen Störung in Zusammenhang steht ( lit. a); und zu erwarten ist, dadurch lasse sich die Gefahr weiterer mit seiner Störu ng in Zusammenhang stehender Taten begegnen (lit. b). c) Bei seinem Entscheid über die Anordnung einer Massnah me stützt sich das Gericht laut Art. 56 Abs. 3 StGB auf eine sachverständige Begutacht ung (vgl. BGE 134 IV 315 E. 4.3.1). Das Gutachten muss bezüglich der zu beantwortenden Frage n aktuell sein. Dabei ist nicht pri- mär auf das formelle Kriterium des Alters des Gutacht ens abzustellen. Es kommt vielmehr da- rauf an, ob Gewähr dafür besteht, dass sich die Ausgan gslage seit der Erstellung des Gutach- tens nicht gewandelt hat (vgl. S TEFAN TRECHSEL / BARBARA PAUEN BORER , Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 4. Auflage, Zürich / St. Gallen 2021, N 12 zu Art. 56 StGB; Seite 47 http://www.bl.ch/kantonsgericht mit Hinweis auf BGE 134 IV 246; BGer 6B_1187/2015 vo m 12. September 2016 E. 5.2; 6B_1230/2014 vom 20. April 2015 E. 2.3.2). Das Guta chten hat sich über sämtliche tatsächli- chen Voraussetzungen der Massnahmen zu äussern. Es muss sich z ur Notwendigkeit und den Erfolgsaussichten einer Behandlung des Täters, Art und Wahrscheinlichkeit weiterer möglicher Straftaten und zu den Möglichkeiten des Vollzugs der Massna hme äussern. Es hat sich weiter über die möglichen Wirkungen der verschiedenen Sanktion en vergleichend auszulassen und dazu Stellung zu nehmen, ob und inwiefern andere sich ernde Massnahmen auszuschliessen sind (vgl. BGer 6B_28/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.3 .3, m.w.H., insbesondere auf BGE 134 IV 315 E. 4.3.1; 118 IV 108 E. 2a; 100 IV 142 E. 3) . Gutachten sind im Massnahmenrecht nach Art. 56 ff. StGB unabdingbar. Sie werden vom Gesetzgeb er und auch vom Bundesgericht in konstanter Praxis als zwingende Entscheidgrundlage bezeich net, sofern die Indikation einer Massnahme zu beurteilen ist. Dies gilt sowohl im positi ven (das Gericht ordnet eine Massnah- me an) wie auch im negativen Sinne (das Gericht verzi chtet auf eine Massnahme; vgl. BGer 6B_28/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.4, m.w.H., u.a. auf 6B_519/2015 vom 25. Januar 2016 E. 1.2). Bei der forensischen Begutachtung besteht im Grundsatz Methodenfreiheit. Die Wahl der Methode muss aber begründet sein. Die wissenschaftlichen Standards müssen eingehalten, der Befund und die diagnostische Bewertung klar voneina nder getrennt und die Schlussfolge- rungen transparent sowie für die Verfahrensbeteiligte n nachvollziehbar dargestellt werden (vgl. BGer 6B_232/2011 vom 17. November 2011 E. 2.3, unter Hinweis auf BGE 128 I 81 E. 2). d) Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung gemäss Art . 10 Abs. 2 StPO entschei- den die Organe der Strafrechtspflege frei von Beweisr egeln und nur nach ihrer persönlichen Ansicht aufgrund gewissenhafter Prüfung darüber, ob sie eine Tatsache für erwiesen halten. Der Grundsatz will sicherstellen, dass das Gericht nicht d urch starre Beweisregeln gebunden ist, etwas als erwiesen zu erachten, was es nach seiner Über zeugung nicht ist, oder umgekehrt etwas als unbewiesen anzusehen, über dessen Nachweis se iner Auffassung nach kein Zweifel besteht (vgl. BGE 133 I 33 E. 2.1). Auch wenn das geric htlich eingeholte Gutachten grundsätz- lich der freien Beweiswürdigung unterliegt, darf das Gericht in Fachfragen nicht ohne triftige Gründe von ihm abrücken und muss Abweichungen begründe n. Die rechtsanwendenden Be- hörden dürfen somit nur ausnahmsweise und aus triftigen Gründen von den Erkenntnissen der Sachverständigen abweichen, da sie naturgemäss nicht über dieselbe Sachkunde wie diese verfügen (vgl. BGE 136 II 539 E. 3.2). Seite 48 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.3 a) Gestützt auf das forensisch-psychiatrische Gutachten von Dr. med. R.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH in Basel, vom 22. Aug ust 2019 (act. 329 ff.) besteht beim Beschuldigten die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung m it einem lebensgeschichtlich über- dauernden Muster von Fehlangepasstheit und Dysfunktionalit ät in verschiedenen Persönlich- keits- und Verhaltensbereichen. Klinisch im Vordergrund stünden beim Beschuldigten Merkmale einer dissozialen Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen gemäss ICD-10 F60.2. Daneben fänden sich einige narzisstische, unreife und emot ional instabile (impulsive) Persön- lichkeitsanteile (act. 491 ff.). Darüber hinaus sei bei m Beschuldigten anamnestisch ein schädli- cher Gebrauch von Alkohol, Cannabis, Kokain und anderer psychotroper Substanzen (ICD-10 F19.1) bekannt (act. 531). Der Schweregrad dieser Pers önlichkeitsstörung sei im Hinblick auf die dadurch bei ihm bewirkten erheblichen Beeinträcht igungen seiner psychischen, sozialen und beruflichen Leistungsfähigkeit als mittelschwer bis sch wer einzustufen (act. 497). In der Gesamtschau von klinisch-forensischer Risikoeinschätzung und den Ergebnissen der zusätzlich verwendeten deliktspezifischen Prognoseinstrumente könne festgehalten werden, dass beim Beschuldigten ein hohes Risiko für erneute fremdschädigen de Handlungen gegenüber seiner Partnerin bestehe, in erster Linie in Form erneuter ve rbaler, aber auch physischer Gewalthand- lungen und anderer, das Opfer schädigender Verhaltenswe isen. Dieses Risiko müsse insbe- sondere für den Fall als hoch eingeschätzt werden, wenn die Beziehung zwischen dem Be- schuldigten und dem Opfer fortgesetzt werde, ohne dass sich etwas an den dissozialen und psychopathischen Einstellungen und Handlungsbereitschaften sowie an den anderen persön- lichkeitsgebundenen Risikovariablen des Beschuldigten geändert habe (act. 533). Bezüglich der Frage nach einer allfälligen Therapie- und Massnahmen bedürftigkeit ist aus gutachterlicher Sicht festgehalten worden, trotz der gesamthaft eher u ngünstigen Behandlungsprognose seien die Voraussetzungen für die gerichtliche Anordnung ein er strafrechtlichen therapeutischen Massnahme gegeben, wobei unter den konkreten Umständen eine ambulante therapeutische Massnahme nach Art. 63 StGB als am ehesten zweckmässig und g eeignet erscheine (act. 519 ff., 539). Eine stationäre Massnahme müsste all erdings dann ernsthaft in Betracht ge- zogen werden, falls sich die empfohlene ambulante Massnah me im Verlauf als nicht durchführ- bar oder als unzureichend deliktprotektiv erweisen sollte (act. 527, 541). b) Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung vom 7. Oktober 2020 hat der Sachver- ständige seine Diagnose und das Vorliegen einer hohen Rückfallprognose, insbesondere bei Seite 49 http://www.bl.ch/kantonsgericht Fortführung der Beziehung zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin, bestätigt. Aus- serdem hat sich der medizinische Experte in Übereinstimmung mit seiner Massnahmenempfeh- lung im Gutachten vom 22. August 2019 gestützt auf d ie zwischenzeitlich gescheiterte ambu- lante Massnahme sowie die diagnostizierte Persönlichkeitsp roblematik und die festgestellte ungünstige Kriminalprognose veranlasst gesehen, eine stat ionäre therapeutische Massnahme in einer dafür geeigneten Einrichtung explizit zu empfehlen (act. S 339 f.). c) Im Therapieverlaufsbericht der Universitären Psychiatrisch en Kliniken Basel (UPK) vom 22. September 2020 (act. A 65 ff.) wird ausgeführt, der Beschuldigte habe sich im Rahmen von Ersatzmassnahmen in der Forensischen Ambulanz befunden. Sei t dem Erstgespräch am 18. Dezember 2019 habe der Beschuldigte 31 Termine zu r Abstinenzkontrolle und 23 psycho- therapeutische Einzeltermine wahrgenommen. Insgesamt h abe sich die Terminorganisation sehr schwierig gestaltet; zu einzelnen Terminen sei er u nabgemeldet gar nicht erschienen, an- dere habe er kurzfristig verschoben, sei aber im angegebe nen Zeitfenster zur Vereinbarung eines neuen Termins nicht erreichbar gewesen. Gestüt zt auf die Beurteilung von Dr. med. R.____ werde, wie im Gutachten angegeben, empfohlen , eine erneute Begutachtung zur Frage der Ersatzmassnahmen durchzuführen. Dabei sei insbesondere e ine stationäre Behandlung in einem Massnahmenzentrum zu prüfen. Im Therapieverlaufsbericht der Justizvollzugsanstalt Len zburg vom 13. September 2021 ist als Differentialdiagnose zur dissozialen Persönlichkeitsstörung eine emotional instabile Persönlich- keitsstörung vom impulsiven Typ (ICD-10 F60.30) gestellt worden. Das Rückfallrisiko für verbale und physische Gewalt gegenüber seiner Partnerin werde w eiterhin als hoch eingestuft. Eine Therapiebedürftigkeit sei aufgrund der vorliegenden Ri sikoeigenschaften klar gegeben. Die Therapiewilligkeit und -fähigkeit seien in ausreichendem Masse vorhanden. d) aa) In concreto wird von Seiten des Beschuldigten nicht bestr itten und ist angesichts der gut- achterlichen Feststellungen auch nicht daran zu zweifeln, dass beim Berufungskläger eine Massnahmenbedürftigkeit besteht. Im Hinblick auf die Frag e, ob eine ambulante oder eine sta- tionäre Massnahme anzuordnen ist, ist gestützt auf die vo rstehend zitierten gutachterlichen Er- wägungen zu konstatieren, dass zufolge der primär angeor dneten und zwischenzeitlich ge- scheiterten ambulanten Massnahme sowie der nach wie vor h ohen Rückfallgefahr ‒ welche Seite 50 http://www.bl.ch/kantonsgericht sich nach der Entlassung des Beschuldigten aus der Untersuchungshaft und trotz der gleichzei- tig verfügten Ersatzmassnahmen in erneuten Gewalthandlu ngen gegenüber der Privatklägerin eindrücklich bestätigt hat ‒ zum heutigen Zeitpunkt nur noch eine stationäre Massna hme ernst- haft in Betracht zu ziehen ist. Hieran vermögen die E inwendungen des Beschuldigten nichts zu ändern. bb) Namentlich ist diesen zu entgegnen, dass der Beschuldig te ausdrücklich zugesteht, dass es nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft im Juni 2020 zu einem erneuten Vorfall mit der Privatklägerin gekommen ist und er einige der Ter mine und Auflagen nicht mehr wahrge- nommen hat. Das Zwangsmassnahmengericht hat diesbezügli ch in seinem Entscheid vom 21. August 2020 (act. H 41 ff.), mittels welchem wie derum Untersuchungshaft angeordnet wor- den ist, festgehalten, dass es am 18. Dezember 2019 v erschiedene Ersatzmassnahmen erlas- sen und diese am 17. Juni 2020 verlängert habe. Dabei h abe es sich um ein engmaschiges Setting, bestehend aus einem Annäherungs- und Kontakt verbot, begleiteten Kontakten, einer ambulanten Therapie, dem Lernprogramm (gegen häuslich e Gewalt), einer Abstinenzkontrolle, Bewährungshilfe, einer Schriftensperre und einer Meld epflicht, gehandelt. Trotzdem sei es am 19./20. Juni 2020 zu einem neuen Gewaltvorfall gegen über der Privatklägerin gekommen, da sich der Beschuldigte nicht an das verfügte Kontakt- und Annäherungsverbot gehalten habe. In der Folge seien die Ersatzmassnahmen um ein Rayonverbot u nd ein Electronic Monitoring er- gänzt worden, nachdem der Beschuldigte durch das Strafge richt im Hinblick auf eine erneute Inhaftierung am 21. Juli 2020 angehört worden sei. Trotz einer Verwarnung vom 5. August 2020 habe er sich weiterhin nicht an einen Teil der Ersatzm assnahmen gehalten (Meldepflicht, Absti- nenzkontrolle, Lernprogramm). Zusätzlich habe es Unregel mässigkeiten beim Electronic Moni- toring gegeben (Meldungsunterbrüche). Infolgedessen mü sse das engmaschige Setting an Er- satzmassnahmen als gescheitert gelten, zumal die bisherigen Warnungen überhaupt keine Wir- kung gezeigt hätten. Gestützt auf diese Erkenntnisse steht ohne jeden Zweifel fest, dass ambu- lante Massnahmen ‒ notabene im Verbund mit weiteren Ersatzmassnahmen im Sinne eines engmaschigen Settings angeordnet ‒ offensichtlich nicht ausreichen. cc) Des Weiteren ist der Behauptung des Beschuldigten, won ach kein funktionierendes Set- ting existiert habe und die Behandlung durch die Coron apandemie erschwert worden sei, zu widersprechen. So hat gemäss dem Therapieverlaufsbericht der UPK vom 22. September 2020 aufgrund der Massnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie zwar ein verändertes Set- Seite 51 http://www.bl.ch/kantonsgericht ting bestanden, ungeachtet dessen haben jedoch Abstinen zkontrollen weiterhin wöchentlich und die psychotherapeutischen Behandlungstermine im zweiw öchentlichen Rhythmus stattge- funden. Alternierend dazu sind in den Wochen ohne psych otherapeutischen Einzeltermin zu- sätzlich zu den Abstinenzkontrollen Gespräche mit der pf legerischen Bezugsperson angeboten worden. Somit ist es ‒ abgesehen davon, dass bereits 23 psychotherapeutische Einze ltermine stattgefunden haben ‒ allein aufgrund nicht wahrgenommener Termine oder ku rzfristiger Ände- rungswünsche des Beschuldigten und in Ermangelung von A lternativen zum Ausfall von weite- ren psychotherapeutischen Terminen gekommen (act. A 75). dd) Sodann ist auch das Vorbringen des Beschuldigten, er habe insgesamt eine erhebliche Nachreifung durchgemacht, zu verwerfen. Abgesehen davon, dass es sich hierbei um eine durch nichts belegte Parteibehauptung handelt, ist da rauf hinzuweisen, dass sich die beim Be- schuldigten diagnostizierte dissoziale Persönlichkeitsstörun g mit psychopathischen Zügen per se nur eingeschränkt therapeutisch beeinflussen lässt (act. 5 35), und die Behandlung (im am- bulanten Rahmen) über einen ausreichend langen (mehrj ährigen) Zeitraum fortgesetzt werden muss, um Aussicht auf einen Behandlungserfolg zu haben ( act. 541), was in casu bisher zwei- fellos nicht geschehen ist. e) Nachdem der Beschuldigte in casu lediglich die Wahrung der Verhältnismässigkeit als Voraussetzung für die Anordnung einer stationären Massnah me bestreitet, ist gestützt auf die vorstehenden Erwägungen sowie in Anbetracht der nicht b ezweifelten begründeten Erwartung, wonach mit einer stationären therapeutischen Behandlun g der Gefahr weiterer mit der psychi- schen Störung des Beschuldigten im Zusammenhang stehender Taten begegnet werden kann, bloss summarisch ergänzend festzustellen, dass die zusätzlic hen Voraussetzungen für eine solche Anordnung ‒ das Vorliegen einer psychischen Störung, welche im Zusam menhang mit den inkriminierten Tathandlungen steht, und grundsätzl iche minimale Kooperations- bzw. Be- handlungsbereitschaft des Beschuldigten sowie das Besteh en einer geeigneten Einrichtung ‒ ohne Weiteres gegeben sind. Nach diesen Ausführungen ist in Abweisung der diesbezüg lichen Berufung des Beschuldigten der angefochtene Entscheid der Vorderrichter, wonach d er Strafvollzug in Anwendung von Art. 57 Abs. 2 StGB aufgeschoben und der Beschuldigte n ach Art. 59 StGB in eine geeignete Seite 52 http://www.bl.ch/kantonsgericht psychiatrische Einrichtung bzw. Massnahmenvollzugseinrichtung e ingewiesen wird, zu bestäti- gen. 9. Landesverweisung und Eintragung in das Schengene r Informationssystem 9.1 a) Die Vorinstanz hat bezüglich des Beschuldigten eine Lan desverweisung von acht Jahren ausgesprochen und dies zusammengefasst damit begründet , dass die versuchte vorsätzliche Tötung eine Katalogtat für eine obligatorische Landesve rweisung darstelle und bei einer Abwä- gung zwischen dem öffentlichen Ausweisungsinteresse und dem privaten Bleibeinteresse Letz- teres das Erstere nicht überwiege. Weiter hat das St rafgericht nach Abwägung aller relevanten Umstände die Eintragung der Landesverweisung in das Sche ngener Informationssystem (SIS) als erforderlich, gerechtfertigt und angemessen eingestuft. b) Diesen Entscheid hat der Beschuldigte ebenfalls angefocht en. Seiner Meinung nach liege aufgrund der beantragten Freisprüche von der versuchten vorsätzlichen Tötung, der schweren Körperverletzung und der Gefährdung des Lebens kein F all einer obligatorischen Landesver- weisung gemäss Art. 66a Abs. 1 StGB mehr vor. Ausserdem sei unter korrekter Berücksichti- gung der gesamten Umstände offensichtlich, dass sowohl ei n schwerer persönlicher Härtefall vorliege als auch die Interessenabwägung zu Gunsten des B erufungsklägers ausfallen müsse (vgl. oben E. 2.1.a/ee). c) Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft erweist sich unt er Berücksichtigung der dem Beschuldigten zur Last gelegten Delikte, insbesondere d er versuchten vorsätzlichen Tötung, eine Landesverweisung von zehn Jahren als angemessen. De r Beschuldigte stelle eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung dar. Er se i mehrfach vorbestraft und habe sich wie- derholt nicht an die geltenden Gesetze und die ihm a uferlegten Regeln und Vorgaben gehalten (vgl. oben E. 2.2.a/dd). 9.2 Gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB verweist das Gerich t den Ausländer, der wegen vor- sätzlicher Tötung (Art. 111 StGB) verurteilt wird, unab hängig von der Höhe der Strafe für fünf bis 15 Jahre aus der Schweiz. Nach der Praxis des Bundesg erichts (vgl. zum Ganzen BGer Seite 53 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6B_1468/2020 vom 13. Oktober 2021 E. 1.1 f.) greift die obligatorische Landesverweisung we- gen einer Katalogtat im Sinne von Art. 66a Abs. 1 St GB grundsätzlich unabhängig von der kon- kreten Tatschwere (BGE 146 IV 105 E. 3.4.1; 144 IV 33 2 E. 3.1.3). Von der Anordnung der Landesverweisung kann nur "ausnahmsweise" unter den kumu lativen Voraussetzungen abge- sehen werden, dass sie erstens einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und zweitens die öffentlichen Interessen an der Landesverweisu ng gegenüber den privaten Interes- sen des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überw iegen. Dabei ist der besonderen Situation von Ausländern Rechnung zu tragen, die in de r Schweiz geboren oder aufgewachsen sind (Art. 66a Abs. 2 StGB; sog. Härtefallklausel). Die Härtefallklausel dient der Umsetzung des Verhältnismässigkeitsprinzips (vgl. Art. 5 Abs. 2 BV). Sie ist restriktiv anzuwenden. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung lässt sich zur kriteriengeleiteten Prüfung des Härtefalls im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB der Kriterienkatalog der Bestimmung über den "schwerwiegen- den persönlichen Härtefall" in Art. 31 Abs. 1 der Ver ordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulas- sung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) heranzieh en (BGE 146 IV 105 E. 3.4.2; 144 IV 332 E. 3.3.2). Zu berücksichtigen sind namentlich der Gr ad der (persönlichen und wirtschaftli- chen) Integration, einschliesslich familiärer Bindungen des Ausländers in der Schweiz bzw. in der Heimat, die Aufenthaltsdauer, der Gesundheitszusta nd und die Resozialisierungschancen. Ebenso ist der Rückfallgefahr und wiederholter Delinquenz Rechnung zu tragen. Bei der Härte- fallprüfung ist nicht schematisch ab einer gewissen Aufenthaltsdauer von einer Verwurzelung in der Schweiz auszugehen. Es ist vielmehr anhand der gängi gen Integrationskriterien eine Ein- zelfallprüfung vorzunehmen (BGE 144 IV 332 E. 3.3.2; BGer 6B_1077/2020 vom 2. Juni 2021 E. 1.2.2; je mit Hinweisen). Von einem schweren persön lichen Härtefall ist in der Regel bei ei- nem Eingriff von einer gewissen Tragweite in den Ans pruch des Ausländers auf das in Art. 13 BV und Art. 8 EMRK verankerte Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens auszugehen (BGer 6B_166/2021 vom 8. September 2021 E. 3.3.3; 6 B_1077/2020 vom 2. Juni 2021 E. 1.2.3; je mit Hinweisen). 9.3 a) Im vorliegenden Fall wird der Beschuldigte unter and erem der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen. Bei der vorsätzlichen Tötung h andelt es sich um eine im Gesetz aufgeführte Katalogtat. Dass der Versuch in Art. 66a Abs. 1 StGB nicht speziell erwähnt wird, ist nach der Praxis des Bundesgerichts (vgl. zum Ganzen BGE 1 44 IV 168 E. 1.4.1) nicht ent- scheidend. Der Botschaft vom 26. Juni 2013 zur Änderung des Strafgesetzbuchs und des Mili- Seite 54 http://www.bl.ch/kantonsgericht tärstrafgesetzes (Umsetzung von Art. 121 Abs. 3-6 BV über die Ausschaffung krimineller Aus- länderinnen und Ausländer; BBl 2013 5975) ist ausdrückl ich zu entnehmen, dass die Landes- verweisung entsprechend den allgemeinen Regeln des Stra fgesetzbuches nicht nur bei einer Verurteilung als Allein- und Haupttäter greift, sonde rn bei sämtlichen Täterschafts- und Teil- nahmeformen sowie unabhängig davon, ob es beim Versuc h geblieben ist und ob die Strafe bedingt, unbedingt oder teilbedingt ausfällt, ausge sprochen werden muss (BBl 2013 6020 f. Ziff. 2.1.1). Gestützt auf diese Erwägungen ist der B eschuldigte, welcher sich als kosovarischer Staatsangehöriger weder auf das Freizügigkeitsabkommen noch auf die EFTA-Konvention be- rufen kann, grundsätzlich für fünf bis 15 Jahre aus der Schweiz zu verweisen. b) Von der Anordnung der Landesverweisung kann nur ausna hmsweise und nur unter den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass sie erste ns einen schweren persönli- chen Härtefall bewirken würde und zweitens die öffentl ichen Interessen an der Landesverwei- sung gegenüber den privaten Interessen des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen. Wie vorgängig zitiert, sind bei der Härte fallprüfung zu berücksichtigen namentlich der Grad der (persönlichen und wirtschaftlichen) Integ ration, einschliesslich familiärer Bindun- gen des Ausländers in der Schweiz bzw. in der Heimat, die Aufenthaltsdauer, der Gesundheits- zustand, die Resozialisierungschancen, die Rückfallgefahr und wiederholte Delinquenz. Ein persönlicher Härtefall ist nicht leichthin anzunehmen. E s wird verlangt, dass die ausländische Person so enge Beziehungen zur Schweiz hat, dass von ihr ni cht erwartet werden kann, in ei- nem anderen Land, insbesondere im Heimatstaat, zu lebe n. Nach Überzeugung des Kantons- gerichts liegt in casu kein persönlicher Härtefall vor, was sich wie folgt begründet: Zutreffend ist zwar, dass die im Jahre 2019 geborene T ochter des Beschuldigten zusammen mit der Privatklägerin in der Schweiz wohnt. Aktenmässig erstellt ist zudem (vgl. den Bericht des Amts für Migration und Bürgerrecht vom 31. Oktobe r 2019 [act. 715 ff.]), dass der Beschul- digte im Alter von sechs Jahren in die Schweiz eingereist ist und im Kanton P.____ den Kinder- garten, die Primar- sowie die Realschule absolviert ha t. Einen Schul- oder Lehrabschluss hat der Beschuldigte hingegen nicht gemacht. Über eine gefestigte Arbeitsstelle hat der Beschuldig- te zu keinem Zeitpunkt verfügt. Seine finanzielle Lage ist schlecht, weist er doch gemäss Aus- zug aus dem Betreibungsregister vom 23. September 2019 22 Betreibungen im Gesamtbetrag von CHF 26'347.40 sowie elf Verlustscheine im Total vo n CHF 16'425.30 aus. Abgesehen von seiner Tochter und der Privatklägerin, wobei zu Letzter er eine sehr konfliktbehaftete und äus- Seite 55 http://www.bl.ch/kantonsgericht serst fragile Beziehung besteht, pflegt der Beschuldigte hierzulande keine engen sozialen Kon- takte. So hat er namentlich die Verbindung zu seinem hi er ansässigen Vater abgebrochen, zu seinen Halbgeschwistern hat er nur sporadisch Kontakt, und einen eigentlichen Freundeskreis hat der Beschuldigte ebenfalls nicht (Protokoll KG S. 4). Dass der Beschuldigte ferner nicht willens und fähig is t, sich an die hiesige Rechtsordnung zu halten, wird eindrücklich durch seine zahlreichen Vorst rafen mit Beginn seiner Volljährigkeit belegt. So ist er mit Strafbefehl der Staatsanwaltscha ft Zofingen-Kulm vom 19. November 2012 wegen Diebstahls, geringfügiger Sachbeschädigung, mehrf acher Verletzung der Verkehrsre- geln, Entwendung zum Gebrauch, pflichtwidrigen Verhalt ens bei einem Unfall sowie Führens eines Motorfahrzeugs ohne erforderlichen Führerauswei s zu einer bedingt vollziehbaren Geld- strafe von 120 Tagessätzen zu jeweils CHF 30.--, bei einer Probezeit von zwei Jahren, sowie zu einer Busse von CHF 900.-- verurteilt worden. Die Probezeit ist zunächst um ein Jahr verlängert worden, bevor der bedingte Strafvollzug sodann widerrufen worden ist. Mit Urteil des Bezirksge- richts Kulm vom 9. Juli 2013 ist der Beschuldigte des Wei teren wegen mehrfachen Fahrens eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand, Führens eines nicht betriebssicheren Fahr- zeugs, mehrfacher und teilweiser versuchter Entwendung z um Gebrauch, mehrfachen Führens eines Motorfahrzeugs ohne erforderlichen Führerausweis, mehrfachen Diebstahls, mehrfacher Sachentziehung, mehrfachen versuchten betrügerischen Missb rauchs einer Datenverarbei- tungsanlage, Hausfriedensbruchs, falscher Anschuldigung, Vergehen gegen das Betäubungs- mittelgesetz, mehrfacher Übertretung des Betäubungsmit telgesetzes, mehrfacher fahrlässiger Verletzung der Verkehrsregeln, grober Verletzung der Verkehrsregeln sowie Fahrens eines Mo- torfahrzeugs in angetrunkenem Zustand mit qualifizierter Blutalkoholkonzentration zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten, davon zehn Monate bed ingt vollziehbar, bei einer Probezeit von vier Jahren für den bedingten Strafteil, sowie zu e iner Busse von CHF 600.-- verurteilt wor- den. Der teilbedingte Strafvollzug ist in der Folge a bermals widerrufen worden. Mit Urteil des Bezirksgerichts Rheinfelden vom 13. Juli 2016 ist der Beschuldigte ferner wegen Führens eines Motorfahrzeugs ohne erforderlichen Führerausweis zu einer gemeinnützigen Arbeit von 360 Stunden verurteilt worden. Mit weiterem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Porrentruy des Kan- tons Jura vom 19. April 2017 ist der Beschuldigte wegen Diebstahls zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu jeweils CHF 50.-- verurteilt worden. Und schliesslich ist der Beschuldigte mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 4. September 2019 wegen mehrfa- chen Fahrens ohne Führerausweis sowie Widerhandlung gege n das kantonale Bevölkerungs- Seite 56 http://www.bl.ch/kantonsgericht und Zivilschutzgesetz zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätz en zu jeweils CHF 30.-- sowie zu einer Busse von CHF 200.-- verurteilt worden. Hinzu kom mt, dass sich der Beschuldigte weder durch Untersuchungshaft, laufende Strafverfahren oder Bewährungshilfe in irgendeiner Art hat beeinflussen lassen. Nicht zuletzt hat er seine Unbelehrba rkeit auf bemerkenswerte Weise durch die Missachtung sämtlicher ihm im Vorverfahren aufer legter Ersatzmassnahmen zum Ausdruck gebracht. Im Ergebnis ist trotz des Umstandes, dass der Beschuldigte den grössten Teil seines Lebens in der Schweiz verbracht hat, zweifellos von einer gescheiterten beruflichen und sozialen Integration auszugehen. Weiter ist zu beachten, dass der Beschuldigte mit Jahrga ng 1.____ noch relativ jung und bei bester Gesundheit ist. Auch hat er (entweder mit 16 Jahren oder im Jahre 2016) bereits mehre- re Monate bei seiner Tante im Kosovo verbracht, dessen L andessprache (albanisch) er flies- send spricht. Insofern ist ihm ein Neustart im Kosovo dur chaus zuzumuten. Sollte er hingegen gedenken, die Beziehung zur hier lebenden Privatkläger in fortzusetzen, ohne dass sich etwas an den dissozialen und psychopathischen Einstellungen und Handlungsbereitschaften sowie an den anderen persönlichkeitsgebundenen Risikovariablen d es Beschuldigten geändert hat, wird ihm, wie bereits vorgängig im Zusammenhang mit der Ve rhängung einer stationären Massnah- me dargelegt, gutachterlicherseits eine hohe Rückfallge fahr für erneute fremdschädigende Handlungen gegenüber dem Opfer attestiert, in erster Linie in Form erneuter verbaler, aber auch physischer Gewalthandlungen und anderer, das Opfer schädigender Verhaltensweisen. Aufgrund dieser geschilderten Umstände und der daraus zu schliessenden Konsequenz, dass kein persönlicher Härtefall vorliegt, erübrigt sich ein e weitergehende Interessenabwägung, weshalb nur summarisch festzustellen ist, dass angesichts de r ganz erheblichen und sich wie ein roter Faden durch das Leben des Beschuldigten ziehen den Delinquenz ‒ kulminierend in der versuchten vorsätzlichen Tötung, welche mit vorliegend em Urteil mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe zu sanktionieren ist ‒ die öffentlichen Interessen an der Landesverweisung ge - genüber den privaten Interessen des Betroffenen am Ver bleib in der Schweiz klarerweise über- wiegen. c) Soweit der Beschuldigte geltend macht, im vorliegend en Fall sei Art. 8 EMRK anwendbar, ist Folgendes zu erwägen: Gestützt auf den Bericht des Amt s für Migration und Bürgerrecht vom 31. Oktober 2019 (act. 715 ff.) ist davon auszugehen, dass die Privatklägerin und die im Seite 57 http://www.bl.ch/kantonsgericht Jahre 2019 geborene Tochter des Beschuldigten, welche er zusammen mit der Privatklägerin hat, derzeit über die Bewilligung F (vorläufig aufge nommene Ausländer) verfügen. Dies bedeu- tet, dass die zwei Genannten kein gefestigtes Anwesenhei tsrecht in der Schweiz haben und sich der Beschuldigte in der Konsequenz nicht auf den Sch utzbereich des Familienlebens im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK berufen kann. Dies gil t in casu umso mehr, als der massive phy- sische Übergriff des Beschuldigten auf die Privatklägerin gerade die Anlasstat für die Landes- verweisung bildet. Der Beschuldigte selbst verfügt über e ine Niederlassungsbewilligung C und kann sich als Ausländer der zweiten Generation grundsätzli ch auf den Schutz des Privatlebens gemäss Art. 8 Ziff. 1 EMRK berufen. Gestützt auf Ziff. 2 von Art. 8 EMRK ist ein Eingriff i n das durch Ziff. 1 geschützte Rechtsgut statthaft, soweit er gesetzlich vorgesehen ist und eine M assnahme darstellt, die in einer demo- kratischen Gesellschaft für die nationale Sicherheit, die öffentliche Ruhe und Ordnung, das wirt- schaftliche Wohl des Landes, die Verteidigung der Ordnun g und zur Verhinderung von strafba- ren Handlungen, zum Schutz der Gesellschaft und Moral sowie der Rechte und Freiheiten an- derer notwendig ist. Die Konvention verlangt insofern ‒ neben der gesetzlichen Grundlage, wel- che in casu mit Art. 66a StGB zweifellos besteht ‒ eine Abwägung der sich gegenüberstehen- den privaten und öffentlichen Interessen, womit sich die Prüfung nach Art. 8 EMRK nur unwe- sentlich von derjenigen beim Härtefall unterscheidet (MATTHIAS ZURBRÜGG / CONSTANTIN HRUSCHKA , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Ba sel 2019, N 98 zu Art. 66a StGB, mit Hinweisen). Zu gewichten sind laut konstanter Praxis des Bundesgerichts nebst der Schwe- re des Verschuldens und der Dauer der Anwesenheit in de r Schweiz auch die persönlichen Be- ziehungen zur Schweiz, die berufliche Situation sowie di e Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage, das persönliche Verhalten, der Integrationsgrad, sowie die der betroffenen Person drohenden Nachteile (BGE 135 I 143 E. 2.1 ff.; 122 II 1 E. 2 f f.). In diesem Zusammenhang ist unter Ver- weis auf die vorgängigen Ausführungen zum persönlichen Härtefall zu konstatieren, dass der Beschuldigte einerseits mit sechs Jahren in die Schweiz eingereist ist und hier den grössten Teil seines Lebens verbracht und eine hier lebende Tochter (Jahrgang 2019) hat, dass er ande- rerseits aber in der Schweiz weder beruflich noch sozia l integriert ist und dass er spätestens seit Erreichen der Volljährigkeit mit steigender Inten sität eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber den hiesigen Regeln und Gesetzen und insbeson dere der physischen und psychi- schen Integrität der Privatklägerin an den Tag gelegt h at. Ausserdem sprechen keine Gründe dagegen, weshalb dem relativ jungen, gesunden und der Landessprache mächtigen Beschul- Seite 58 http://www.bl.ch/kantonsgericht digten das Leben in seinem Heimatland nicht zumutba r sein sollte. Im Ergebnis ist auch bei einer Interessenabwägung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK von einem klar überwiegenden öffentlichen Interesse an der Wegweisung des Beschuldigten aus der Schweiz auszugehen. d) Dem Gesetz sind keine Hinweise zu entnehmen, wie die D auer der obligatorischen Lan- desverweisung zu bemessen ist. Aufgrund der formalen Au sgestaltung der Landesverweisung als Massnahme ist deren Dauer bei einer schwerwiegenden Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung individuell unter Berücksichtigung der persö nlichen Umstände zu bestimmen (ZURBRÜGG / HRUSCHKA , a.a.O., N 33 zu Art. 66a StGB, mit Hinweisen). Im vorliegenden Fall ist einerseits zu gewichten, dass es sich beim Anlassdelikt ‒ wenngleich es (ohne Zutun des Be- schuldigten) lediglich beim Versuch geblieben ist ‒ um einen Verstoss gegen das höchste Rechtsgut überhaupt ‒ mithin das Leben ‒ handelt. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte in der Schweiz weder beruflich noch sozial integriert ist. Ausser dem hat er bislang eindrücklich seine Missachtung hiesiger Regeln und Gesetze manifestiert. Soda nn besteht eine vom medizini- schen Experten festgestellte hohe Rückfallgefahr für weit ere Straftaten, darunter auch Gewalt- delikte. Auf der anderen Seite ist zu werten, dass der B eschuldigte den grössten Teil seines Lebens in der Schweiz verbracht und eine hier mit der P rivatklägerin zusammen wohnhafte kleine Tochter hat. Im Ergebnis erscheint nach Dafürhalt en des Kantonsgerichts eine Landes- verweisung für die Dauer von acht Jahren als angemessen , wie dies bereits die Vorinstanz er- kannt hat. e) Eine Ausschreibung von Drittstaatsangehörigen im Sinn e von Art. 3 lit. d SIS-II- Verordnung ins SIS darf gemäss dem in Art. 21 SIS-II-V erordnung verankerten Verhältnismäs- sigkeitsprinzip nur vorgenommen werden, wenn die Angemessenheit, Relevanz und Bedeutung des Falles dies rechtfertigen. Voraussetzung zur Eingab e der Ausschreibung ist eine nationale Ausschreibung, die auf einer Entscheidung der zuständigen nationalen Instanz (Verwaltungs- behörde oder Gericht) beruht; diese Entscheidung darf nur auf der Grundlage einer individuel- len Bewertung ergehen (Art. 24 Ziff. 1 SIS-II-Vorordnung). Die Ausschreibung wird eingegeben, wenn die Entscheidung gemäss Art. 24 Ziff. 1 SIS-II-Ver ordnung auf die Gefahr für die öffentli- che Sicherheit oder Ordnung oder die nationale Sicher heit gestützt wird, welche die Anwesen- heit des betreffenden Drittstaatsangehörigen im Hohei tsgebiet eines Mitgliedstaats darstellt (Art. 24 Ziff. 2 Satz 1 SIS-II-Verordnung; vgl. BGer 6B_1178/2019 vom 10. März 2021 E. 4.3; BGE 146 IV 172 E. 3.2.2). Dies ist insbesondere bei e inem Drittstaatsangehörigen der Fall, der Seite 59 http://www.bl.ch/kantonsgericht in einem Mitgliedstaat wegen einer Straftat verurteilt worden ist, die mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr bedroht ist (Art. 24 Ziff. 2 li t. a SIS-II-Verordnung; vgl. BGer 6B_1178/2019 vom 10. März 2021 E. 4.3.). In casu wird der Beschuldigte, welcher die kosovarische Staat sbürgerschaft besitzt und damit Drittstaatsangehöriger ist, unter anderem der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gespro- chen und zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und vier Monaten verurteilt. Des Weiteren wird ihm vom medizinischen Experten eine hohe Rückfallgef ahr für erneute fremdschädigende Handlungen gegenüber der Privatklägerin attestiert, in erster Linie in Form erneuter verbaler, aber auch physischer Gewalthandlungen und anderer, das O pfer schädigender Verhaltenswei- sen. Sodann ist der Beschuldigte mehrfach und zum Teil e inschlägig vorbestraft. Ausserdem hat er sich weder durch Untersuchungshaft, laufende Str afverfahren, Bewährungshilfe oder Er- satzmassnahmen in irgendeiner Weise beeinflussen bzw. von se inem deliktischen Handeln abhalten lassen. Gestützt hierauf steht fest, dass die Ein tragung der Landesverweisung ins SIS erforderlich und verhältnismässig ist. Demnach ist der Beschuldigte in Abweisung seiner diesb ezüglichen Berufung sowie in Abwei- sung der entsprechenden Anschlussberufung der Staatsanwalt schaft und damit in Bestätigung des angefochtenen Urteils in Anwendung von Art. 66a StGB für die Dauer von acht Jahren des Landes zu verweisen, wobei diese Landesverweisung in das Schengener Informationssystem einzutragen ist. 10. Beschlagnahme 10.1 a) Im vorliegenden Fall hat die Vorinstanz ohne nähere Begründung das beschlagnahmte Bargeld in der Höhe von CHF 3'200.-- gemäss Art. 442 Abs. 4 StPO in Verbindung mit Art. 268 StPO an die Verfahrenskosten angerechnet. b) Hiergegen wehrt sich der Beschuldigte mit der Begründ ung, dass es sich bei diesem Geld um unpfändbares Einkommen nach Art. 93 SchKG gehandelt habe (vgl. oben E. 2.1.a/ff). Seite 60 http://www.bl.ch/kantonsgericht c) Die Staatsanwaltschaft vertritt die Ansicht, aufgrund de s Beweisergebnisses sei davon auszugehen, dass der fragliche Geldbetrag zum Zeitpunkt der Tat im Alleineigentum der Privat- klägerin gestanden habe und erst mit ihrer Äusserung a nlässlich der Videoeinvernahme vom 17. Juni 2019, wonach sie dem Beschuldigten das Geld sch enke, in dessen Eigentum überge- gangen sei (vgl. oben E. 2.2.b/dd). 10.2 Ist der Grund für die Beschlagnahme weggefallen, so he bt die Staatsanwaltschaft oder das Gericht die Beschlagnahme auf und händigt die Gege nstände oder Vermögenswerte der berechtigten Person aus (Art. 267 Abs. 1 StPO). Ist die Beschlagnahme eines Gegenstandes oder Vermögenswertes nicht vorher aufgehoben worden, so ist über seine Rückgabe an die berechtigte Person, seine Verwendung zur Kostendeckung o der über seine Einziehung im En- dentscheid zu befinden (Art. 267 Abs. 3 StPO). Nach Art. 268 Abs. 1 StPO kann vom Vermögen der beschuldigten Person so viel beschlagnahmt werden, als voraussichtlich nötig ist zur De- ckung der Verfahrenskosten und Entschädigungen (lit. a) so wie der Geldstrafen und Bussen (lit. b). Von der Beschlagnahme ausgenommen sind Vermögenswerte, die nach den Artikeln 92- 94 SchKG nicht pfändbar sind (Art. 268 Abs. 3 StPO). In Art. 92 Abs. 1 SchKG werden die un- pfändbaren Vermögenswerte aufgelistet, in Art. 93 Sch KG wird das beschränkt pfändbare Ein- kommen definiert; Art. 94 SchKG hat keine aktuelle Be deutung. Gestützt auf Art. 442 Abs. 4 StPO können die Strafbehörden ihre Forderungen aus Ve rfahrenskosten mit beschlagnahmten Vermögenswerten verrechnen. 10.3 In casu hat das Kantonsgericht im Zusammenhang mit den Erwägungen zum rechtser- heblichen Sachverhalt bezüglich des Tatbestandes der Erpressung (vgl. oben E. 5.3.e) verbind- lich festgestellt, dass der fragliche Geldbetrag in der Höhe von CHF 3'200.-- zum Zeitpunkt der inkriminierten Tathandlung der Privatklägerin alleine gehört hat. Mit dieser Feststellung ist der Begründung des Beschuldigten, wonach es sich beim Geld u m unpfändbares Einkommen nach Art. 93 SchKG gehandelt habe, von vornherein der Boden entzogen. Erst nachdem die Privat- klägerin mit Datum vom 17. Juni 2019 den Betrag dem Be schuldigten geschenkt hat, ist er in sein Eigentum übergegangen. Demzufolge ist es der Vorin stanz gestützt auf die einschlägigen Bestimmungen unbenommen gewesen, das ab dem 17. Juni 2 019 dem Beschuldigten gehö- rende Geld zwecks Kostendeckung zu beschlagnahmen. Seite 61 http://www.bl.ch/kantonsgericht Nach diesen Ausführungen ist in Abweisung der diesbezüg lichen Berufung des Beschuldigten und demnach in Bestätigung des angefochtenen Urteils da s beschlagnahmte Bargeld in der Höhe von CHF 3'200.-- gemäss Art. 442 Abs. 4 StPO in Ve rbindung mit Art. 268 StPO an die Verfahrenskosten anzurechnen. 11. Kosten 11.1 Kantonsgericht (...). 11.2 Strafgericht (...). Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft v om 8. Oktober 2020, lautend: "1.a) B.____ wird der versuchten vorsätzlichen Tötung, d er Nötigung, der mehrfachen Tätlichkeiten, der mehrfache n Wider- handlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, des mehrfach en Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen sowie der mehr fa- chen Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz schul- dig erklärt und verurteilt zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren, unter Anrechnung der vom 28. Mai 2019 bis zum 12. De zember 2019 und vom 18. August 2020 bis zum 2. September 2020 ausgestandenen Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft und d es vorzeitigen Strafvollzugs vom 2. September 2020 bis zum 8. Ok- tober 2020, zusammen ausmachend 214 Tage, sowie Seite 62 http://www.bl.ch/kantonsgericht zu einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 10. 00, im Falle der Nichtbezahlung der Geldstrafe und deren Unein- bringlichkeit auf dem Betreibungsweg tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen, sowie zu einer Busse von CHF 800.00, im Falle schuldhafter Nichtbezahlung der Busse tritt a n deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 8 Tagen, in Anwendung von Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 181 StGB, Art. 126 Abs. 2 lit. c StGB, Art. 19a Ziff. 1 BetmG, Art. 292 StGB, Art. 90 Abs. 1 SVG (i.V.m. Art. 31 Abs. 1 SVG und Art. 3 Abs. 1 VRV), Art. 96 Abs. 1 lit. a SV G (i.V.m. Art. 10 Abs. 1 SVG), Art. 96 Abs. 2 SVG (i.V.m. Art . 11 Abs. 1 SVG), Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG, Art. 19 Abs. 2 StG B, Art. 34 StGB, Art. 40 StGB, Art. 49 Abs. 1 StGB, Art. 51 StG B sowie Art. 106 StGB. b) B.____ wird von den Vorwürfen der mehrfachen Tät lichkei- ten, der einfachen Körperverletzung sowie der versucht en Nöti- gung (Ziff. 1 der Zusatz-Anklageschrift vom 17. September 2020 [Vorfälle 1 und 2]) freigesprochen. c) Das Verfahren betreffend Diebstahl (Ziff. 1 der Z usatz- Anklageschrift vom 17. September 2020 [Vorfall 3]) wi rd man- gels Vorliegens eines Strafantrags eingestellt. 2. Der Strafvollzug ist in Anwendung von Art. 57 Abs. 2 StGB auf- geschoben und der Beurteilte wird gemäss Art. 59 StGB in eine geeignete psychiatrische Einrichtung bzw. Massnahmenvoll- zugseinrichtung eingewiesen. 3. B.____ wird in Anwendung von Art. 66a StGB für d ie Dauer von 8 Jahren des Landes verwiesen. 4. Die Landesverweisung wird im Schengener Information ssystem eingetragen. 5. a) Das beschlagnahmte Videomaterial des Tankstellenshops der S.____ in T.____ ist nach Rechtskraft des Urteils zu lösche n Seite 63 http://www.bl.ch/kantonsgericht und die von der IT-Forensik der Polizei BL zur Verfügu ng ge- stellte Festplatte, WD Elements, der IT-Forensik zu r etournie- ren. b) Das beschlagnahmte Bargeld (CHF 3'200.00; G71938) wird gemäss Art. 442 Abs. 4 in Verbindung mit Art. 268 StP O an die Verfahrenskosten angerechnet. c) Die beschlagnahmten Ausweise von B.____ werden nac h Rechtskraft unter Aufhebung der Beschlagnahme gestützt auf Art. 267 Abs. 1 und Abs. 3 StPO dem Beurteilten zurü ckgege- ben. d) Folgende Kleider werden dem Beurteilten zuhande n seiner Effekten bzw. A.____ nach Rechtskraft unter Aufhebung der Beschlagnahme gestützt auf Art. 267 Abs. 1 und Abs. 3 StPO zurückgegeben (alles bei der Polizei BL): - (...) A.____ wird nach der Rechtskraft des Urteils vom Fund- u nd Verwertungsdienst, Oristalstrasse 100, 4410 Liestal – unt er An- drohung der Verwertung oder Vernichtung der Kleider im Unter- lassungsfalle – eine Frist gesetzt, um die Kleider dort abzuho- len. 6. Die Verfahrenskosten bestehen aus den Kosten des Vor verfah- rens von CHF 15'825.00, den Kosten des Zwangsmassnah- mengerichts von CHF 3'400.00, den Expertisekosten des g e- richtlichen Verfahrens von CHF 2'550.00 und der Gericht sge- bühr von CHF 6'000.00. B.____ trägt die Verfahrenskosten in Anwendung von Ar t. 426 Abs. 1 StPO. 7. Über das Honorar der amtlichen Verteidigung wird s eparat ent- schieden." wird in Abweisung der Berufung des Beschuldigten und in teilwei ser Gutheissung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft in den Ziffern 1.a) und 1.b) wie folgt geändert : Seite 64 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1. a) B.____ wird der versuchten vorsätzlichen Tötung, d er Erpressung , der einfachen Körperverletzung , der mehrfa- chen Tätlichkeiten, der mehrfachen Widerhandlung gege n das Betäubungsmittelgesetz, des mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen sowie der mehrfachen Widerhandlun g gegen das Strassenverkehrsgesetz schuldig erklärt und v erur- teilt zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 4 Monaten , unter Anrechnung der vom 28. Mai 2019 bis zum 12. De zember 2019 und vom 18. August 2020 bis zum 2. September 2020 ausgestandenen Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft und de s vorzeitigen Strafvollzugs vom 2. September 2020 bis zum 1. Februar 2022 , zusammen ausmachend 695 Tage , sowie zu einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 10.-- , im Falle der Nichtbezahlung der Geldstrafe und der U neinbring- lichkeit auf dem Betreibungsweg tritt an deren Stelle eine Er- satzfreiheitsstrafe von 10 Tagen, sowie zu einer Busse von CHF 800.--, im Falle schuldhafter Nichtbezahlung der Busse tritt a n deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 8 Tagen, in Anwendung von Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 156 Ziff. 1 StGB , Art. 123 Ziff. 1 und Ziff. 2 StGB , Art. 126 Abs. 2 lit. c StGB, Art. 19a Ziff. 1 BetmG, Art. 292 StGB, Art. 90 Abs. 1 SVG (i.V.m. Art. 31 Abs. 1 SVG und Art. 3 Abs. 1 VRV), Art. 96 Abs. 1 lit. a SVG (i.V.m. Art. 10 Abs. 1 SVG) , Art. 96 Abs. 2 SVG (i.V.m. Art. 11 Abs. 1 SVG), Art. 97 Abs. 1 lit. a SVG, Art. 19 Abs. 2 StGB, Art. 34 StGB, Art. 40 StG B, Art. 49 Abs. 1 StGB, Art. 51 StGB sowie Art. 106 StGB. b) B.____ wird von den Vorwürfen der Tätlichkeiten (Z iff. 1 Vorfall 1 der Zusatz-Anklageschrift vom 17. September 2 020) sowie der versuchten Nötigung (Ziff. 1 Vorfall 2 der Z usatz- Anklageschrift vom 17. September 2020) freigesprochen. Im Übrigen wird das angefochtene Urteil bestätigt . Seite 65 http://www.bl.ch/kantonsgericht II. Die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahrens in der Höhe von CHF 31'500.-- (beinhaltend eine Gebühr von CHF 31'25 0.-- sowie Auslagen von CHF 250.--) gehen im Umfang von 85 % (= CHF 26'775.--) zu Lasten des Beschuldigten und im Umfang von 15 % (= CHF 4'725.--) zu Lasten des Staates. III. Zufolge Bewilligung der amtlichen Verteidigung für das Berufungs- verfahren wird dem Rechtsvertreter des Beschuldigten, A dvokat Dieter Roth, ein Honorar in der Höhe von insgesamt C HF 9'337.70 (inklusive Hauptverhandlung, Auslagen und CHF 667.60 Meh rwert- steuer) zu Lasten des Staates ausgerichtet. Der Beschuldigte wird zur Rückzahlung der Entschädigung der amtlichen Verteidigung im Umfang von 85 % (= CHF 7'93 7.05) an den Kanton Basel-Landschaft verpflichtet, sobald es sei ne wirt- schaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO). Präsident Dieter Eglin Gerichtsschreiber Pascal Neumann Dieser Entscheid ist rechtskräftig