B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3215/2018 U r t e i l v o m 1 8 . J u n i 2 0 2 0 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richterin Roswitha Petry, Richterin Barbara Balmelli, Gerichtsschreiberin Janine Sert. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw Michèle Künzi, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 1. Mai 2018 / N (…). E-3215/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 13. August 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) am 4. September 2015 und der Anhörung zu den Asylgründen am 28. Februar 2017 machte er im Wesentlichen Folgendes geltend: Er sei eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer Ethnie, in B._______, Saudi-Arabien geboren und dort bei seinem Vater aufgewachsen. Er habe in Saudi-Arabien keine Aufenthaltsbewilligung gehabt und illegal gearbei- tet, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Dezember 2012 sei er von den saudi-arabischen Behörden bei der Arbeit kontrolliert und wegen den fehlenden gültigen Aufenthaltspapieren in Ausschaffungshaft genom- men worden. Im Januar 2013 sei er nach Asmara deportiert worden. Nach einer Befragung bei seiner dortigen Ankunft sei er zu seinen Grosseltern mütterlicherseits gegangen. Aufgrund der politischen Lage in Eritrea und aus Angst, irgendwann in den Militärdienst eingezogen zu werden, habe er jedoch nicht in Eritrea bleiben wollen. Um nicht in eine Razzia zu geraten, habe er kaum das Haus verlassen. Ferner sei er Anhänger der Pfingstge- meinde, die in Eritrea verboten sei. Da seine Eltern die 2%-Steuer bezahlt hätten, habe sein Grossvater für ihn einen Pass beantragen können. Im April 2013 sei er mit dem Flugzeug legal aus Eritrea ausgereist. Er reichte eine Kopie seines Passes, diverse Fotos sowie medizinische Berichte zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 1. Mai 2018 verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingsei- genschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleich- zeitig ordnete sie seine Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an. C. Mit Beschwerde vom 31. Mai 2018 an das Bundesverwaltungsgericht be- antragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der den Wegweisungsvoll- zug betreffenden Ziffern der angefochtenen Verfügung und die Anweisung an die Vorinstanz, ihn vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht er- suchte er um unentgeltliche Prozessführung unter Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung der rubrizierten Ju- ristin als amtliche Rechtsbeiständin. Zudem reichte er einen ärztlichen Be- richt vom 14. Mai 2018, eine Fürsorgebestätigung vom 2. Mai 2018 und eine Honorarnote vom 31. Mai 2018 ein. E-3215/2018 Seite 3 D. Am 4. Juni 2018 bestätigte die Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer den Eingang der Beschwerde und hielt fest, dieser dürfe den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten. E. Mit Instruktionsverfügung vom 11. Juni 2018 hiess sie die Gesuche um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut und setzte Frau MLaw Michèle Künzi als amtliche Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers ein. Ferner lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlas- sung ein. F. Mit Schreiben vom 15 . Juni 2018 nahm die Vorinstanz zum vorliegenden Beschwerdeverfahren Stellung und hielt vollumfänglich an ihrem Entscheid fest. Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer mit Mitteilung vom 18. Juni 2018 zur Kenntnis gebracht. G. Mit Instruktionsverfügung vom 16. Dezember 2019 wurde der Beschwer- deführer aufgefordert, einen aktuellen Arztbericht sowie eine Entbindungs- erklärung von der ärztlichen Schweigepflicht einzureichen. Diese gingen am 14. Januar 2020 innert verlängerter Frist beim Bundesverwaltungsge- richt ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des As ylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sac hgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-E-3215/2018 Seite 4 det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Beschwerde beschränkt sich auf den Wegweisungsvollzug (Ziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung), weshalb die Verneinung der Flücht- lingseigenschaft, die Ablehnung des Asylgesuchs und die Anordnung der Wegweisung (Ziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung) unangefochten in Rechtskraft erwachsen sind. Gegenstand des vorliegenden Beschwer- deverfahrens bildet demnach nur noch die Frage, ob das SEM den Weg- weisungsvollzug zu Recht als durchführbar erachtet hat oder ob allenfalls anstelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen ist. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz- lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, E-3215/2018 Seite 5 wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 5. 5.1 Das SEM führte in seinem Entscheid aus, Eritrea weise zwar Defizite im Bereich der Menschenrechte auf, eine schlechte Menschrechtslage ge- nüge jedoch nicht, um dem Wegweisungs vollzug entgegenzustehen. Es sei nicht davon auszugehen, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rück- kehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine Behandlung oder Strafe dro- hen würde, die mit Art. 3 EMRK nicht vereinbar sei. Mit Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (G rundsatzurteil BVGE 2018 VI/4) hält die Vorinstanz ferner fest, auch eine drohende Einziehung in den Nationaldienst stehe der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs nicht entgegen. In Eritrea herrsche weder Krieg noch eine Situation allge- meiner Gewalt, wesha lb nicht von einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gesprochen werden könne. Der Beschwerdeführer habe in Saudi-Arabien eine achtjährige englischsprachige Schulbildung er- halten und sei diversen Tätigkeiten nachgegangen, so dass er über Berufs- erfahrung verfüge. Seine Eltern, seine Grosseltern mütterlicherseits sowie eine Tante würden in C._______ leben. Ferner habe er zahlreiche Ver- wandte im Ausland, welche seine Familienangehörigen in Eritrea unterstüt- zen würden. Es sei demnach davon auszugehen, dass er über ein Bezie- hungsnetz in Eritrea verfüge und bei Bedarf soziale als auch wirtschaftliche Unterstützung erhalten könn e. Er leide bereits seit über zehn Jahren an den diagnostizierten psychischen Problemen, so dass davon ausgegangen werden könne, dass er bislang in der Lage gewesen sei, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. In Asmara gebe es eine psychiatrische Klinik, die gemäss einer wissenschaftlichen Studie (…) behandle, an die er sich bei Bedarf wenden könne. Entsprechend würden auch kei ne individuellen Gründe den Wegweisungsvollzug unzumutbar erscheinen lassen. Schliesslich sei der Vollzug technisch möglich und praktisch durchführbar. 5.2 Auf Beschwerdeebene konkretisierte der Beschwerdeführer, er sei auf- grund seiner attestierten komplexen psychischen Beeinträchtigungen auf eine psychiatrische Therapie verbunden mit der Einnahme von Medika- menten in einer stabilen Umgebung zwingend angewiesen. Ohne Therapie bestehe ein hohes Risiko, dass es zu einer Selbst- und/oder Fremdgefähr- dung komme. Er leide unter (…), (…) und (…). Gemäss aktueller Diagnose des behandelnden Arztes handle es sich um (…). Er benötige eine engma- schige psychotherapeutische Behandlung im Rahmen von einer bis zwei E-3215/2018 Seite 6 Sessionen in der Woche und werde medikamentös behandelt. Die Ein- nahme des Medikaments (…) löse Nebenwirkungen aus, weshalb eine mo- natliche Blutkontrolle notwendig sei. Die Therapie sei auf unabsehbare Zeit angesetzt. Der der Beschwerde beigelegte Arztbericht bestätige diese Aus- führungen. Die psychiatrische Klinik in As mara sei, mit Verweis auf einen Artikel der Sonntagszeitung vom 14. Februar 2016, verwahrlost und es gebe lediglich eine Psychiaterin. Die Vorinstanz habe nicht genügend abgeklärt, ob die Therapie und die notwendigen Medikamente in der St. Mary ’s Klinik ta t- sächlich verfügbar seien und ob er dort einen Platz erhalten würde. Er habe zwar schon seit längerer Zeit psychische Probleme, jedoch noch nie zuvor eine Behandlung beanspruchen können. Die (…) sei erst in D._______ diagnostiziert worden. Wie den Akten der Vorinstanz entnommen werden könne, habe er sich krankheitsbedingt nicht immer unter Kontrolle, was im Zusammenhang mit seiner Zugehörigkeit zur verbotenen Kirche der Pfingstgemeinde gefährlich sei. Er habe Angst vor anderen Personen und mache bedrohliche Gesten. Dem Personalienblatt könne entnommen wer- den, dass er sich zeitweise als andere Person (Jesus) sehe. Seine Symp- tome seien früher religiös begründet und dementsprechend auch gedeutet worden. Die psychische Krankheit könne in Eritrea jedoch gefährlich sein, zumal man immer wieder von Stigmatisierung bis hin zu Misshandlung von psychisch kranken Personen in der Gesellschaft höre. Weiter führt der Beschwerdeführer aus, er habe seinen Status mit den erit- reischen Behörden vor der Rückkehr aus Saudi-Arabien nicht abschlies- send geregelt und insbesondere keinen Reuebrief unterschrieben. Sein Exit-Visum nach E._______, welches er dank der damaligen Bezahlung der Diasporasteuer durch seinen Vater erhalten habe, sei nur für eine kurze Zeit gültig gewesen. Die Schweiz könne sich bei der Argumentation für das Fehlen einer Gefährdung nicht auf die Praxis der 2% Diaspora-Steuer und der Unterzeichnung des Reuebriefs stützen. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz stelle sich die Frage, ob er bei einer Rückkehr nach Eritrea einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK ausgesetzt wäre. Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Ge- richtshofs für Menschenrechte (EGMR) stelle eine Überstellung einer Per- son, die an einer besonders schweren psychischen oder physischen Er- krankung leide, eine unmenschliche und erniedrigende Behandlung dar, wenn eine Überstellung mit einer tatsächlichen und erwiesenen Gefahr ei- ner wesentlichen und unumkehrbaren Verschlechterung ihres Gesund- heitszustands verbunden sei, etwa weil dort die notwendige Behandlung E-3215/2018 Seite 7 nicht möglich oder der Zugang zur notwendigen Therapie nicht gewährleis- tet sei. Diese Rechtsprechung könne analog auf ihn angewendet werden, zumal sich die Symptome seiner Krankheit massiv zugespitz t hätten und er auf eine engmaschige medizinische Betreuung angewiesen sei. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass er aufgrund seiner psychi- schen Krankheit von seiner Pflicht, Nationaldienst zu leisten, befreit würde, da die Anwendung der vorgesehen en Kriterien für Freistellung willkürlich und arbiträr erfolgten und die Beurteilung des Gesundheitszustands nicht von einem Arzt, sondern von einem Mil itärkommandanten durchgeführt würde. Der Zwang zum Militärdienst bei einer Rückkehr stelle sowohl eine Verletzung von Art. 3 EMRK, als auch von Art. 4 EMRK dar. Als eritreischer Staatsbürger im dienstpflichtigen Alter würde er bei einer Rückkehr nach Eritrea aufgrund der Nichterfüllung seiner Dienstpflicht in den Militärdienst eingezogen und/oder bestraft. Aus den Akten seien keine Hinweise ersicht- lich, wonach er vom Militärdienst freigestellt würde. Als besonders vulnerable Person sei er auf ein stabiles soziales Umfeld, regelmässige Medikamenteneinnahme sowie auf eine geeignete und eng- maschige Therapie ang ewiesen. Bei einer Rückkehr nach Eritrea würde sich sein Gesundheitszustand massiv verschlechtern . Seine subjektive Furcht vor dem Einzug in den Nationaldienst und der Bestrafung wegen seines Glaubens sowie die Unzulänglichkeit der medizinischen Versorgung in Eritrea könnten zu einer Dekompensation führen. Aufgrund seiner religi- ösen Zugehörigkeit zur Pfingstgemeinde wäre er bei einer Rückkehr zu- sätzlich gefährdet, da seine (…) ihn in unkontrollierbare Zustände bringen könne, womit er eher als andere Personen ins Visier der Behörden geraten und entsprechend Probleme erhalten könne. Er sei deshalb wegen Unzu- lässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. 5.3 Dem mit Eingabe vom 14. Januar 2020 eingereichten ärztlichen Bericht vom 29. Dezember 2019 ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer aufgrund der (…) sowie der (…) auf eine regelmässige und engmaschige Therapie zur Stabilisierung sowie eine Medikation aus (…) sowie (…) an- gewiesen sei. Zwar sei seit einigen Monaten kein stationärer Aufenthalt mehr durchgeführt worden, die Absetzung der Medikamente oder ein Un- terbruch der Therapie würden jedoch zu einer bedrohlichen Gesundheits- situation führen. Eine Rückkehr ins H eimatland stelle sich aus medizini- scher Sicht als kontraindiziert dar, da die benötigte Behandlung in Eritrea nicht gewährleistet werden könne und insbesondere das Risiko einer psy- chotischen Dekompensation massiv erhöht würde. E-3215/2018 Seite 8 6. 6.1 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus- länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat - oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. 6.2 Laut aktueller Rechtsprechung kan n in Eritrea nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise ei- ner generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig. Die me- dizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zugang zu Was- ser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte sind nicht zu ver- zeichnen. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung ausge- gangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle Fakto- ren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D -2311/2016 vom 17. August 2017 E. 17). 6.3 Der Zugang zu psychiatrischer Behandlung ist trotz Verbesserung der medizinischen Infrastrukturen in Eritrea mangels Fachpersonals nach wie vor erschwert (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH), Eritrea: Gesund- heitsversorgung, 3. Juli 2019, https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/her- kunftslaender/afrika/eritrea/190703-eri-gesundheitsversorgung.pdf, abge- rufen am 15. Juni 2020 und Netsereab, Tesfit Brhane et al., Validation of the WHO self-reporting questionnaire-20 (SRQ-20) item in primary health care settings in Eritrea, in: International Journal of Mental Health Systems, 12 (61), 2018, https://ijmhs.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13033- 018-0242-y, abgerufen am 15. Juni 2020). Mehrere Quellen erwähnen, dass das St. Mary Psychiatric Hospital in Asmara die einzige Institution in Eritrea ist, die auf die Behandlung von psychischen Krankheiten ausgerich- tet ist ( SFH, Eritrea: Gesundheitsversorgung, 3. Juli 2019, https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/afrika/erit- rea/190703-eri-gesundheitsversorgung.pdf, abgerufen am 15. Juni 2020). Der zitierte Bericht der SFH erwähnt ferner, dass Psychopharmaka in Erit- rea kaum erhältlich sind und davon ausgegangen werden muss, dass die psychiatrische Grundversorgung in Eritrea nicht gewährleistet ist. Aller- dings kann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nur dann ge- schlossen werden, wenn eine notwendige medizinis che Behandlung im E-3215/2018 Seite 9 Heimatstaat schlicht nicht zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszu- stands, zur Invalidität oder gar zum Tod der betroffenen Person führt. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz absolut not- wendig ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3). Keine Unzumutbarkeit liegt vor, wenn eine medizinische Behandlung im Heimat- oder Herkunftsstaat mög- lich ist; dies gilt auch dann, wenn die zur Verfügung stehende Behandlung nicht den schweizerischen Standards entspricht (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, BVGE 2009/2 E. 9.3.2, mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 24 E. 5a und b). 6.4 Vorab stellt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass der Sachverhalt als genügend erstellt erachtet werden kann, zumal das SEM Gelegenheit hatte, sich in der Vernehmlassung zu weiteren Fragen hinsichtlich der vor- handenen medizinischen Infrastruktur und Erhältlichkeit notwendiger Me- dikamente beziehungsweise Therapien zu äussern. 6.5 Der Beschwerdeführer lebte seit seiner Geburt bis zu seiner Deporta- tion nach Eritrea im Jahr 2013 in Saudi-Arabien. Nach seiner Deportation kam er während drei Monaten bei seinen Grosseltern unter, bevor er Erit- rea verl iess. Die Grosseltern und die getrenntlebenden Eltern des Be- schwerdeführers sind in C._______ wohnhaft. Somit kann er in ein famili- äres Umfeld zurückkehren, welches ihn bei der Bewältigung seiner ge- sundheitlichen Probleme unterstützend zur Seite stehen kann. Ferner wird seine Familie von diversen im Ausland lebenden Verwandten finanziell un- terstützt. Was seine psychische Erkrankung in Form einer (…) sowie (…) betrifft, empfiehlt der behandelnde Arzt gemäss medizinischem Bericht vom 29. Dezember 2019 eine m edikamentöse Therapie von (…) sowie (…) und eine regelmässige Therapie, um seine psychische Situation zu stabilisie- ren. Aus den vorhandenen medizinischen Berichten geht demnach hervor, dass der Beschwerdeführer auf eine engmaschige psychiatrische und me- dizinische Betreuung angewiesen ist. Ein Unter- oder Abbruch der Behand- lung im aktuellen Setting gehe mit einem erhöhten Risiko von psychoti- scher Dekompensation beim Beschwerdeführer mit mehreren floriden Epi- soden einher. Aus den vorliegend diagnostizierten B eeinträchtigungen kann geschlossen werden, dass die Rückkehr des Beschwerdeführers mangels einer notwendigen medizinischen Behandlung zu einer Destabili- sierung seiner psychischen Situation führen würde. Dem mit Beschwerde eingereichten Arztbericht vom 14. Mai 2018 ist zu entnehmen, dass der E-3215/2018 Seite 10 Beschwerdeführer bereits früher selbst- und fremdgefährdende Tendenzen aufwies, als er psychisch n icht stabilisiert war. Zwar befindet sich das St. Mary’s Psychiatric Hospital in Asmara, wo der Beschwerdeführer bei seiner Familie unterkommen könnte und somit über Unterstützung und Bezugs- personen verfügen würde . Angesichts der mangelhaften psychiatrisch en Versorgung in Eritrea dürfte sich die Weiterführung einer regelmässigen Therapie jedoch äusserst schwierig gestalten. In den verfügbaren Quellen existieren ferner keine Informationen zur Erhältlichkeit der Medikamente (…) und (…) in Eritrea. Dass bei einer Rückkehr nach Eritrea mangels an- gemessener medizinischer Behandlungsmöglichkeiten eine Verschlechte- rung seiner bereits bestehenden psychischen Leiden zu erwarten wäre, die selbstgefährdende Handlungen des Beschwerdeführers zur Folge haben könnten (vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1, m.w.H. auf die Praxis des EGMR), kann insgesamt nicht ausgeschlossen werden. Die Stigmatisierung von psychi- schen Krankheiten in Eritrea (Eritrea Profile, A Psychologist ’s tip for a healthy mind: «be open about problems», http://www.sha bait.com/artic- les/q-a-a/28415-a-psychologists-tip-for-a-healthy-mind-be-open-about- problems, 27. April 2019, abgerufen am 1 5. Juni 2020, und Tages-Anzei- ger, «In der Paranoia bastelt man sich eine eigenen Welt zusammen», https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/sie-basteln-sich-ihre-ei- gene-welt-zusammen/story/25306845, 3. August 2019, abgerufen am 15. Juni 2020) würde eine Wiedereingliederung des Beschwerdeführers in seinem Heimatstaat zusätzlich erschweren. Dass er die meiste Zeit seines Lebens gar nicht in Eritrea verbracht hat und dort auch nicht aufgewachsen ist, würde sich ebenfalls erschwerend auf die Wiedereingliederung auswir- ken. Wegen seiner Zugehörigkeit zur in Eritrea verbotenen Pfingstge- meinde wäre er aufgrund der vorliegenden, konkreten Umstände ferner ei- nem erhöhten Risiko ausgesetzt. Hinzu kommt, dass er nach einer Rück- kehr nach Eritrea in den Militärdienst einberufen werden könnte, wo ihm mit höchster Wahrscheinlichkeit keine ausreichende ärztlich -psychiatri- sche Behandlung gewährt werden würde (SFH, Eritrea: Nationaldienst, 30. Juni 2017, https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/af- rika/eritrea/170630-eri-nationaldienst.pdf, abgerufen am 15. Juni 2020). 6.6 Die vorgebrachten psychischen Beschwerden erfüllen aufgrund der Ak- tenlage demnach die für die Unzumutbarkeit des Vollzugs geforderte hohe Schwelle der ge sundheitlichen Beeinträchtigung. Mithin sind vorliegend medizinische Gründe anzunehmen, welche gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen. Da den Akten keine Gründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen sind, ist der Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. E-3215/2018 Seite 11 6.7 Damit sind die beiden anderen Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit und Unmöglichkeit) wegen ihrer alternativen Natur – ist eine Bedingung erfüllt, ist der Vollzug der Wegwei- sung undurchführbar – nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 7. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und die Dispositivziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung sind aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzu- weisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs vorläufig aufzunehmen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An- wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechts- vertreterin des Beschwerdeführers machte im Rahmen der Beschwerde ei- nen Aufwand von Fr. 2’182.46 geltend (11 Stunden à Fr. 180.– zzgl. Ausla- gen). Der zeitliche Aufwand von 11 Stunden erscheint (auch unter Berück- sichtigung der Eingabe vom 14. Januar 2020 ) dem vorliegenden, nicht übermässig komplexen oder umfangreichen Verfahren nicht als vollum- fänglich angemessen respektive notwendig im Sinne von Art. 64 Abs. 1 VwVG. Unter Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 - 13 VGKE) und der Entschädigungspraxis in Vergleichsfällen ist der Vertretungsaufwand für das Beschwerdeverfahren auf acht Stunden mithin auf gerundet Fr. 1’600.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) fest- zusetzen. E-3215/2018 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung des SEM vom 1. Mai 2018 wer- den aufgehoben. 3. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 4. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 5. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1’600.– auszurichten. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Janine Sert Versand: