<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">473</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Wahlen und Abstimmungen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>83</b></span> <span class="ft3"><b>Kommunale Urnenabstimmung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die frühzeitige Zustellung des Stimmmaterials eröffnet die Möglichkeit,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>allfällige Fehler, welche beim Versand durch die Gemeinde auftreten kön-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nen, zu korrigieren. Eine Volksabstimmung wird von der Beschwer-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>deinstanz nur dann aufgehoben, wenn die Verletzung der Wahl- und Ab-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>stimmungsfreiheit von entscheidendem Einfluss auf das Ergebnis gewe-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sen ist oder hätte sein können.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inneres, Ge-</span><br/> <span class="ft4">meindeabteilung, vom 25. März 2015 in Sachen X. gegen die Einwohnerge-</span><br/> <span class="ft4">meinde A. (75709/31.3).</span><br/> <span class="ft6"><i>Sachverhalt (Zusammenfassung)</i></span><br/> <span class="ft8">In der Gemeinde A. wurden am 8. März 2015 zwei Abstimmun-</span><br/> <span class="ft8">gen an der Urne über kommunale Sachgeschäfte durchgeführt. Die</span><br/> <span class="ft8">Stimmzettel waren je Sachgeschäft unterschiedlich farbig (gelb und</span><br/> <span class="ft8">blau). Jede stimmberechtigte Person hat einen gelben und einen</span><br/> <span class="ft8">blauen Stimmzettel erhalten. Da bei der Stimmzettelproduktion beim</span><br/> <span class="ft8">Wechsel von der einen zur anderen Vorlage Fehldrucke entstanden</span><br/> <span class="ft8">sind, haben mehrere Stimmberechtigte doppelte Stimmzettel für eine</span><br/> <span class="ft8">der kommunalen Vorlagen erhalten (jeweils einen korrekten gelben</span><br/> <span class="ft8">und einen falschen blauen) und keine korrekten blauen Stimmzettel</span><br/> <span class="ft8">für die zweite Vorlage.</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft8">1.1.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">474</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Mit der Wahl- und Abstimmungsbeschwerde können Unregel-</span><br/> <span class="ft8">mässigkeiten bei der Vorbereitung oder Durchführung einer Wahl</span><br/> <span class="ft8">oder Abstimmung oder bei der Ermittlung eines Wahl- oder Abstim-</span><br/> <span class="ft8">mungsergebnisses geltend gemacht werden (§ 66 GPR). Gemäss § 67</span><br/> <span class="ft8">Abs. 2 GPR kann Abstimmungsbeschwerde jeder Stimmberechtigte</span><br/> <span class="ft8">des betreffenden Abstimmungskreises führen. Sie ist innert drei Ta-</span><br/> <span class="ft8">gen seit Entdeckung des Beschwerdegrunds, spätestens aber am drit-</span><br/> <span class="ft8">ten Tag nach Veröffentlichung des Beschlusses bei der zuständigen</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeinstanz einzureichen (§ 68 GPR). Der Regierungsrat hat</span><br/> <span class="ft8">seine Kompetenz für die Beurteilung von Wahl- und Abstimmungs-</span><br/> <span class="ft8">beschwerden an das Departement Volkswirtschaft und Inneres dele-</span><br/> <span class="ft8">giert (§ 10 Abs. 1 lit. f der Verordnung über die Delegation von</span><br/> <span class="ft8">Kompetenzen des Regierungsrats vom 10. April 2013).</span><br/> <span class="ft8">1.2.</span><br/> <span class="ft8">Die Beschwerdefristen (also die relative und die absolute) ste-</span><br/> <span class="ft8">hen den Stimmberechtigten nicht wahlweise zur Verfügung; jeder-</span><br/> <span class="ft8">mann hat seine Beschwerde spätestens drei Tage nach Entdeckung</span><br/> <span class="ft8">des Beschwerdegrunds zu erheben, und diese individuelle Beschwer-</span><br/> <span class="ft8">defrist hat peremptorischen, also endgültig aufhebenden Charakter</span><br/> <span class="ft8">(vgl. AGVE 1987, S. 489). Aus der Beschwerdeschrift selbst lassen</span><br/> <span class="ft8">sich keine exakten Rückschlüsse auf den Zeitpunkt der Entdeckung</span><br/> <span class="ft8">der gerügten Unregelmässigkeiten durch den Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft8">entnehmen. Da sich dieser jedoch schon mit E-Mail vom 23. Februar</span><br/> <span class="ft8">2015 an die Gemeindeabteilung gewandt und auf den nun in der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeschrift vorgebrachten Mangel der doppelten bzw. feh-</span><br/> <span class="ft8">lenden Stimmzettel beim Versand der Abstimmungsunterlagen hinge-</span><br/> <span class="ft8">wiesen hat, kann mit Sicherheit gesagt werden, dass ihm der</span><br/> <span class="ft8">festgestellte Mangel spätestens am 23. Februar 2015 bekannt war.</span><br/> <span class="ft8">Mit diesem Zeitpunkt hat demnach der Fristenlauf von 3 Tagen für</span><br/> <span class="ft8">die Einreichung einer diesbezüglichen Beschwerde begonnen. Damit</span><br/> <span class="ft8">erweist sich seine Eingabe vom 6. März 2015 als verspätet. Somit</span><br/> <span class="ft8">kann auf die Abstimmungsbeschwerde nicht eingetreten werden.</span><br/> <span class="ft8">2.1.</span><br/> <span class="ft8">Hätte auf die Abstimmungsbeschwerde eingetreten werden kön-</span><br/> <span class="ft8">nen, wäre sie abzuweisen gewesen, wie sich aus den nachfolgenden</span><br/> <span class="ft8">Ausführungen ergibt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">475</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">2.2.</span><br/> <span class="ft8">Gemäss § 16 Abs. 2 GPR sind die Unterlagen bei kommunalen</span><br/> <span class="ft8">Abstimmungen den Stimmberechtigten mindestens zwei Wochen vor</span><br/> <span class="ft8">dem Abstimmungstag zuzustellen. Mit dieser gesetzlichen Mindest-</span><br/> <span class="ft8">frist soll den Stimmberechtigten ermöglicht werden, dass sie sich</span><br/> <span class="ft8">mittels weiteren Informationen ein umfassendes Bild über die</span><br/> <span class="ft8">jeweiligen Sachvorlagen machen können. Die frühzeitige Zustellung</span><br/> <span class="ft8">des Stimmmaterials eröffnet grundsätzlich die Möglichkeit, allfällige</span><br/> <span class="ft8">Fehler, welche beim Versand durch die Gemeinde auftreten können,</span><br/> <span class="ft8">zu korrigieren.</span><br/> <span class="ft8">2.3.</span><br/> <span class="ft8">Das vom Verfassungsrecht in Art. 34 Abs. 2 BV gewährleistete</span><br/> <span class="ft8">politische Stimmrecht gibt jedem Bürger und jeder Bürgerin einen</span><br/> <span class="ft8">Anspruch darauf, dass kein Abstimmungsresultat anerkannt wird, das</span><br/> <span class="ft8">nicht den freien Willen der Stimmberechtigten zuverlässig und un-</span><br/> <span class="ft8">verfälscht zum Ausdruck bringt (BGE 114 Ia 43). Es soll garantiert</span><br/> <span class="ft8">werden, dass jeder Stimmberechtigte seinen Entscheid gestützt auf</span><br/> <span class="ft8">einen möglichst freien und umfassenden Prozess der Meinungsbil-</span><br/> <span class="ft8">dung treffen und entsprechend mit seiner Stimme zum Ausdruck</span><br/> <span class="ft8">bringen kann. Aus der Wahl- und Abstimmungsfreiheit ergibt sich</span><br/> <span class="ft8">weiterhin, dass die Stimmberechtigten einen Anspruch haben, dass</span><br/> <span class="ft8">Mängel in der Vorbereitung sofort zu beheben sind. Wenn ein</span><br/> <span class="ft8">Mangel schwerwiegend ist und nicht mehr rechtzeitig vor der Ab-</span><br/> <span class="ft8">stimmung behoben werden kann, so muss der Urnengang verschoben</span><br/> <span class="ft8">werden. Es ist jedoch zu beachten, dass auch die Verschiebung einer</span><br/> <span class="ft8">Abstimmung in die politischen Rechte der Stimmbürger und Stimm-</span><br/> <span class="ft8">bürgerinnen eingreift, haben sie doch ebenfalls einen Anspruch</span><br/> <span class="ft8">darauf, dass die Abstimmung am angekündigten Termin stattfindet.</span><br/> <span class="ft8">Kleinere Fehler, etwa wenn einzelnen Stimmberechtigten das</span><br/> <span class="ft8">Abstimmungsmaterial verspätet zugesandt wird, vermögen daher die</span><br/> <span class="ft8">Verschiebung einer Abstimmung nicht zu rechtfertigen (vgl. Michel</span><br/> <span class="ft8">Besson, Behördliche Informationen vor Volksabstimmungen, Bern</span><br/> <span class="ft8">2003, S. 387 f.).</span><br/> <span class="ft8">2.4.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">476</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Im vorliegenden Fall ist der Gemeinderat zeitnah nach dem Ver-</span><br/> <span class="ft8">sand der Abstimmungsunterlagen von einzelnen Stimmberechtigten</span><br/> <span class="ft8">auf das fehlerhafte Stimmmaterial aufmerksam gemacht worden. Der</span><br/> <span class="ft8">Gemeinderat hat die in einem solchen Falle notwendigen und ge-</span><br/> <span class="ft8">eigneten Schritte unternommen (Orientierung der Medien und Be-</span><br/> <span class="ft8">reitstellung von Informationen auf der Homepage), um den Mangel</span><br/> <span class="ft8">zu beheben. Eine Bekanntmachung des festgestellten Mangels im</span><br/> <span class="ft8">amtlichen Publikationsorgan, wie der Beschwerdeführer zu ver-</span><br/> <span class="ft8">langen scheint, hätte zwar ebenfalls ins Auge gefasst werden können,</span><br/> <span class="ft8">ist jedoch in einem solchen Fall nicht zwingend erforderlich. Gerade</span><br/> <span class="ft8">bei einem wöchentlich erscheinenden amtlichen Publikationsorgan,</span><br/> <span class="ft8">wie hier im Fall A. das kantonale Amtsblatt, erweist sich die Be-</span><br/> <span class="ft8">kanntgabe in anderen Medien, insbesondere in den Tageszeitungen,</span><br/> <span class="ft8">meist als zweckmässiger. Aufgrund der Rückmeldungen der be-</span><br/> <span class="ft8">troffenen Stimmbürger und Stimmbürgerinnen konnten die Aussagen</span><br/> <span class="ft8">des für den Druck verantwortlichen Unternehmens über die Ursache</span><br/> <span class="ft8">des Fehlers für plausibel angesehen werden. Infolgedessen konnte</span><br/> <span class="ft8">eine Behebung des Mangels im Vorfeld durch Umtausch der Fehl-</span><br/> <span class="ft8">drucke durch die betroffenen Personen durchaus als aussichtsreich</span><br/> <span class="ft8">betrachtet werden. Bei dem gewählten Vorgehen musste allerdings</span><br/> <span class="ft8">bereits vor der Abstimmung damit gerechnet werden, dass der</span><br/> <span class="ft8">Mangel nicht in allen Fällen mehr behoben werden könnte.</span><br/> <span class="ft8">2.5.</span><br/> <span class="ft8">Der Beschwerdeführer hat den Mangel selbst festgestellt. Wie</span><br/> <span class="ft8">sich aus seiner Beschwerde ergibt, hat er zudem von den durch die</span><br/> <span class="ft8">Gemeinde zur Fehlerbehebung unternommenen Anstrengungen</span><br/> <span class="ft8">Kenntnis erlangt. Es war ihm daher ohne weiteres möglich, seine</span><br/> <span class="ft8">Stimmzettel umzutauschen. Insofern konnte der Mangel keinen Ein-</span><br/> <span class="ft8">fluss auf die Ausübung seiner politischen Rechte haben.</span><br/> <span class="ft8">2.6.</span><br/> <span class="ft8">Da der Fehler bei der Stimmzettelproduktion vor der Abstim-</span><br/> <span class="ft8">mung bekannt war, konnte diesem bei der Resultatermittlung durch</span><br/> <span class="ft8">das Wahlbüro die nötige Aufmerksamkeit geschenkt werden. Bei der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">477</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Auszählung der Ja- und Nein-Stimmen war das Wahlbüro folglich in</span><br/> <span class="ft8">der Lage, die aufgrund der Farbgebung erkennbaren falschen Stimm-</span><br/> <span class="ft8">zettel festzustellen und schliesslich für ungültig zu erklären. In Be-</span><br/> <span class="ft8">zug auf die eingelegten Wahlzettel sind sodann keine signifikanten</span><br/> <span class="ft8">Unterschiede zwischen den beiden Abstimmungen feststellbar (3'317</span><br/> <span class="ft8">Stimmzettel für das Kaufgeschäft S. und 3'280 Stimmzettel bei der</span><br/> <span class="ft8">Vorlage T.).</span><br/> <span class="ft8">2.7.</span><br/> <span class="ft8">Die Folgen einer Verletzung des Anspruchs auf freie und unver-</span><br/> <span class="ft8">fälschte Willenskundgabe bemisst das Bundesgericht in ständiger</span><br/> <span class="ft8">Praxis nach dem vermutungsweisen und wahrscheinlichen Einfluss</span><br/> <span class="ft8">auf das Abstimmungsergebnis. Eine Volksabstimmung wird von der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeinstanz nur dann aufgehoben, wenn die Verletzung der</span><br/> <span class="ft8">Wahl- und Abstimmungsfreiheit von entscheidendem Einfluss auf</span><br/> <span class="ft8">das Ergebnis gewesen ist oder hätte sein können (vgl. Yvo</span><br/> <span class="ft8">Hangartner; Andreas Kley, Die demokratischen Rechte in Bund und</span><br/> <span class="ft8">Kantonen der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Zürich 2000,</span><br/> <span class="ft8">S. 1088). Hier liegen aber keine knappen Resultate vor. Zwar leiden</span><br/> <span class="ft8">die beiden durchgeführten kommunalen Abstimmungen an einem</span><br/> <span class="ft8">Mangel. Es muss infolgedessen damit gerechnet werden, dass die</span><br/> <span class="ft8">Abstimmungsergebnisse durch die fehlerhaften Stimmzettel in der</span><br/> <span class="ft8">Grössenordnung von einem bis wenigen Dutzend Ja- oder Nein-</span><br/> <span class="ft8">Stimmen verfälscht worden sind. Eine Kassation und eine Wiederho-</span><br/> <span class="ft8">lung der Abstimmungen vermag dies aber nicht zu rechtfertigen.</span><br/> <span class="ft8">Trotz des Mangels bringen die jeweiligen Abstimmungsresultate den</span><br/> <span class="ft8">Willen der Stimmberechtigten im Ergebnis eindeutig und zuverlässig</span><br/> <span class="ft8">zum Ausdruck.</span><br/></div> </div> </body> </html>