B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4928/2011 U r t e i l v o m 1 5 . F e b r u a r 2 0 1 3 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter François Badoud, Richter Walter Stöckli, Gerichtsschreiberin Stella Boleki. Parteien A._______, Sri Lanka, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 10. August 2011 / N (…). E-4928/2011 Seite 2 Sachverhalt: I. A. A.a Der Beschwerdeführer, ein Tamile aus B._______ (Ostprovinz) ver- liess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge am 2. November 2008 per Schiff. Er sei sodann über Griechenland nach Italien gereist, wo er von der Polizei aufgegriffen und in ein Flüchtlingscamp gebra cht worden sei. Am 9. Juni 2009 sei er in Richtung Schweiz weitergereist . Am 10. Juni 2009 suchte er im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl nach. A.b Am 17. Juni 2009 wurde der Beschwerdeführer im EVZ Basel zu se i- nen Personalien, seiner Aus - und Weiterreise sowie summarisch zu se i- nen Asylgründen befragt. Dabei wurde ihm auch im Hinblick auf eine al l- fällige Wegweisung nach Griechenland oder nach Italien (im Rahmen des so genannten Dublin-Verfahrens) das rechtliche Gehör gewährt. A.c Das BFM trat mit Verfügung vom 25. November 2009 auf das Asylge- such des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug nach Griechenland an. A.d Am 3. Dezember 2009 erhob der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertretung Beschwerde gegen diese Verfügung beim Bundesver- waltungsgericht und beantragte die Aufhebung des Entscheids und die Ausübung des Rechts zum Selbsteintritt sowie die aufschiebende Wi r- kung der Beschwerde. A.e Im Rahmen eines auf Beschwerdeebene erfolgten Schriftenwechsels zog das BFM die angefochtene Verfügung in Wiedererwägung, hob die angefochtene Verfügung mit Verfügung vom 28. Februar 2011 auf und nahm das (nationale) Asylverfahren wieder auf. Das Bundesverwaltungsgericht schrieb daraufhin die Beschwerde am 2. März 2011 als gegenstandslos geworden ab. E-4928/2011 Seite 3 II. B. B.a Am 5. August 2011 hörte das BFM den Beschwerdeführer einlässlich zu seinen Asylgründen an. B.b Im Wesentlichen brachte der Beschwerdeführer zur Begründung sei- nes Asylgesuchs vor , er habe vor seiner Ausreise mit Frau und Kind in B._______ gelebt. Seit dem Jahr 2000 habe er eine (…)-werkstatt mit (…) Angestellten betrieben. Im Jahr 2001 sei er eines Morgens, als er mit seinem Motorrad unterwegs gewesen sei , von Sicherheitskräften ang e- schossen worden, worauf er hospitalisiert und medizinisch versorgt habe werden müssen. Im (…) 2007 hätten ihn Agenten des Criminal Investiga- tion Department s (C.I.D.) und Milizionäre der Karuna-Gruppe entführt . Zuvor sei einer seiner Angestellten beziehungsweise ein Arbeitskollege ebenfalls entführt worden, wobei von diesem seither jede Spur fehle. Er (der Beschwerdeführer) sei in einem Büro der Karuna -Gruppe in B._______ beziehungsweise in einem Camp festgehalten, geschlagen und gefoltert worden. Er sei dem Vorwurf ausgesetzt gewesen, für die Li- beration Tigers of Tamil Eelam (LTTE) (…) anzufertigen, in denen Sprengstoff transportiert w erde, beziehungsweise deren Fahrzeuge zu reparieren. Im (…) 2007 hätten seine Mutter und seine Frau ihn im Camp besucht, wobei seine Mutter derart geschlagen worden sei, dass sie an ihren Verletzungen gestorben sei. Für die Teilnahme an der Beerdigung seiner Mutter sei er beurlaubt worden. Zwei Sicherheitsbeamte hätten ihn begleitet, dennoch sei ihm die Flucht gelungen. Im selben Jahr bzw. im Jahr 2008 sei er für vier Monate nach Ägypten gegangen. Mit einem von seinem Onkel organisierten Visum sei er ohne Probleme über den Flughafen in Colombo aus - beziehungsweise wieder eingereist. Zurück in Sri Lanka sei er von den Sicherheitsbehörden nach wie vor ge- sucht worden , weshalb er nach C._______ gegangen sei. Dort hätten aber wöchentliche Razzien stattgefunden, weshalb er sich entschlossen habe, Sri Lanka über die Westküste (D._______) per Schiff zu verlassen. Seine Werkstatt sei n ach seiner Ausreise zwar noch eine Zeit lang durch seine Mitarbeiter weitergeführt worden, doch dann sei sie von der Karuna-Gruppe konfisziert worden. E-4928/2011 Seite 4 C. Mit Verfügung vom 10. August 2011 – eröffnet am 11. August 2011 – wies das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 1 0. Juni 2009 ab und ordnete die Wegweisung sowie deren Vollzug an. D. Der Beschwerdeführer erhob dagegen mit Eingabe vom 7. September 2011 Beschwerde und beantragte, es sei die vorinstanzliche Verfügung vom 10. August 2011 aufzuheben, es sei ihm Asyl zu gewähren, eventua- liter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen und subeventualiter sei ihm aufgrund der Feststellung der Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufi- ge Aufnahme in der Schweiz zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hi n- sicht wurde beantragt, ihm sei die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu bewilligen. E. Mit Zwischenverfügung vom 29. September 2011 hiess das Bundesve r- waltungsgericht das Gesuch d es Beschwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, wies hingegen das Gesuch um G e- währung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ab. F. Die Migrationsbehörde des zuständigen Kantons ersuchte das Bunde s- verwaltungsgericht mit Schreiben vom 21. Januar 2013 um prioritäre B e- handlung der Beschwerde des Beschwerdeführers, da gegen diesen e i- nen Strafbefehl wegen Verwendung eines gefälschten sri-lankischen Füh- rerausweises ergangen sei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-E-4928/2011 Seite 5 det auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einz u- treten. 2. Mit Beschwer de kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfü h- rung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. Der Beschwerdeführer stellt zwar den Antrag, eventualiter sei die Sache zwecks Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, begründet diesen aber in keiner Weise. Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise, die Anlass für eine Rückweisung an die Vorinstanz geben würden. Das Eventual-Rechtsbegehren ist deshalb abzuweisen. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder E-4928/2011 Seite 6 begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Die Vorinstanz würdigt die Vorbringen, wonach er im Jahre 2007 durch die Navy-C.I.D. und die Karuna-Gruppe verfolgt worden sei, als ein unglaubhaftes Sachverhaltskonstrukt. Dazu führt sie näher aus, wäre er tatsächlich anlässlich der Beerdigung seiner Mutter vor seinen Verfolgern geflohen und in der Folge von diesen gesucht worden, hätte er es mit Be- stimmtheit nicht gewagt, Sri Lanka im Jahr 2007 oder 2008 legal und kon- trolliert zu verlassen); die Wahrscheinlichkeit, auf der Fahrt nach Colombo von sri-lankischen Sicherheitskräften bei einem ihrer Checkpoints und/ oder bei der Ausweiskontrolle auf dem Flughafen festgenommen zu we r- den, wäre erheblich gewesen. Die Schilderung des Beschwerdeführers sei entsprechend substanzarm ausgefallen; so wolle er beispielsweise nicht mitbekommen haben, wie viele Checkpoints er und seine Begleite r passiert hätten. Zudem habe er sich in seinen Aussagen über jene Zeitperiode, in der er von den Verfolgern zu Hause gesucht worden sei, in Widersprüche verwi- ckelt. Während er an der einlässlichen Anhörung angegeben habe, sich lediglich in der Region von C._______ aufgehalten zu haben und dann di- rekt nach Colombo und gleichentags weiter nach Ägypten gereist zu sein, habe er an der ersten Befragung zu Protokoll gegeben, sich vor der Reise nach Ägypten in E._______, in C._______ und in einer Lodge in Colombo versteckt zu haben. Auch seien die zeitlichen Angaben zu seiner Flucht bzw. zur Beerdigung seiner Mutter unterschiedlich ausgefallen . Gemäss einer seiner Zeitangaben habe die Beerdigung am (…) 2007 stattgefun- den gemäss einer anderen anfangs (…) 2007. Schliesslich sei zu bemer- ken, dass er bei der ersten Befragung ausgeführt habe, Auslöser für sei- ne Ausreise sei ein Telefonanruf eines Nachbars gewesen, der ihm mitge-E-4928/2011 Seite 7 teilt habe, sein Haus werde von seinen Verfolgern umzingelt. Diese w e- sentliche Gegebenheit habe er aber anlässlich der einlässlichen Anhö- rung – selbst auf mehrmaliges Nachfragen hin – nicht mehr erwähnt. Nach dem Vorgenannten sei offenkundig, dass die Vorbringen den Anfor- derungen an die Glaubhaftigkeit im Sinne von Art. 7 AsylG nicht standhal- ten würden, so dass die Vorbringen nicht auf deren Asylrelevanz hin g e- prüft werden müssten. Die geltend gemachten Ereignisse im Jahr 2001 und im (…) 2007 (Haft) würden – nach objektiv beurteiltem Massstab – im Zeitpunkt der Ausreise des Beschwerdeführers im November 2008 zu weit zurückliegen, um noch als Anlass für diese gewertet werden zu können; diese Vorbringen würden mithin auch keine Asylrelevanz aufweisen und deshalb den An- forderungen an die Flüchtlin gseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. 6.2 Demgegenüber h ält der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitte l- schrift den vorinstanzlichen Erwägungen entgegen, das BFM liege mit seiner Beurteilung falsch, denn es übersehe, dass er mit Singhalesen ge- reist sei und die Fahrzeuge nicht oft kontrolliert würden . Das Risiko einer Festnahme auf der Reise nach Colombo sei deshalb gering gewesen . Überdies kenne sich sein Schwager, der eine (…)firma besitze und viel unterwegs sei, sehr gut aus. In B._______ sei er unter seinem abgekürz- ten Namen bekannt und in Colombo werde sein vollständiger Name a n- ders geschrieben. Er habe also nicht damit rechnen müssen, am Flugha- fen erkannt zu werden. Er bestreite d ie Ungenauigkeit der von ihm angegebenen Daten nicht, doch es handle sich nur um eine geringe Abweichung von einigen Tagen (Inhaftierung: (…) bzw. (…) 2007) und das Ereignis liege schon mehr als (…) Jahre zurück. Hinsichtlich der angeblich widersprüchlichen Aussagen zur Aufenthaltsdauer in Colombo könne er präzisieren, er sei vor seinem Abflug nur einige wenige Stunden in der Stadt Colombo gewesen. Vorher habe er sich aber ein bis zwei Tage lang in einer Lodge ganz in der Nähe von Colombo aufgehalten. Dass er bei der zweiten Befragung nicht er- wähnt habe, sein Haus sei von Polizisten umzingelt worden, sei auf seine psychische Belastung zurückzuführen. Übrigens sei er dort ja nicht pe r- sönlich zugegen gewesen, sondern habe von diesem Ereignis nur telefo- nisch erfahren. Bei einer Rückkehr würden ih m Verhaftung und Folter drohen, weshalb die Vorbringen asylrelevant seien. E-4928/2011 Seite 8 7. Als erstes gilt es zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht dem Beschwerde- führer die Flüchtlingseigenschaft nicht zuerkannt und sein Asylgesuch ab- lehnt hat. 7.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu - chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachtei- le von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft beg ründeterweise befürch- ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure z u- gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtling s- rechtlichen Schutzes setzt die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimatland ke i- nen adäquaten Schutz finden k ann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f., BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37 f.). Ausgangspunkt für die Beurte i- lung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach de r im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer so l- chen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Ra h- men der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls w e- sentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zw i- schen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/34 E. 7.1 S. 507 f., BVGE 2008/12 E. 5.2 S. 154 f., WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Auslände r- recht, 2. Aufl., Basel/Bern/Lausanne 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 7.2 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss en t- fernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [ EMARK] 2005 Nr. 21 E. 7 S. 193 f., EMARK 2004 Nr. 1 E. 6a S. 9). E-4928/2011 Seite 9 7.3 Nach Beendigung des militärischen Konflikts zwischen der sri - lankischen Armee und den LTTE im Mai 2009 ist von einer inzwischen er- heblich veränderten Lage in Sri Lanka auszugehen. Militärisch gelten die LTTE als vernichtet. Die Sicherheitslage hat sich in bedeutsamer Weise stabilisiert, auch wenn sich das Land immer noch in einem Entwicklung s- prozess befindet. Die Menschenrechtslage hat sich alle rdings namentlich hinsichtlich der Meinungsäusserungs - und der Pressefreiheit tendenziell verschlechtert. Politisch Oppositionelle jeglicher Couleur werden seitens der Regierung als Staatsfeinde betrachtet und müssen mit entspreche n- den Verfolgungsmassnahme n rechnen (vgl. BVGE 2011/24 E. 7). Es bestehen verschiedene Risikogruppen, welche auch nach Beendigung des Krieges verdächtigt werden, mit den LTTE in Verbindung zu stehen beziehungsweise gestanden zu haben. Auch unabhängige Journalisten beziehungsweise regierungskritische Medienschaffende haben ein erhöh- tes Risikoprofil. Im Weiteren ist bei Opfern und Zeugen von Mensche n- rechtsverletzungen und Personen, die entsprechende Übergriffe behör d- lich angezeigt haben, mit erhöhter Verfolgungsgefahr zu rechnen. Au s- serdem laufen abgewiesene tamilische Asylsuchende aus der Schweiz unter Umständen Gefahr, bei der Rückkehr behördlich belangt zu werden, weil ihnen Kontakte zu führenden LTTE-Kadern in der Schweiz unterstellt werden. Wegen drohender Erpressung, Kidnapping u nd anderen Verfo l- gungshandlungen bilden schliesslich Personen, welche über beträchtliche finanzielle Mittel verfügen, eine weitere Risikogruppe. Bei allen Personen, die dieser Risikogruppe angehören, muss allerdings bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft das Motiv der jeweiligen Verfolgungshandlungen sorgfältig untersucht werden. Sofern ausschliesslich ein finanzielles Ve r- folgungsinteresse auszumachen ist, ist diesem Aspekt bei der Prüfung der Wegweisungshindernisse Rechnung zu tragen (vgl. a.a.O. E. 8). 7.4 Die vom Beschwerdeführer vorgebrachten zentralen Asylgründe u m- fassen die im Jahr 2001 versuchte Tötung durch Sicherheitskräfte, die Entführung im (…) 2007 durch Sicherheitskräfte und Milizionäre der Ka- runa-Gruppe und die damit einhergehende (…)monatige I nhaftnahme (einschliesslich Folter) und Furcht vor künftiger Verfolgung. Es ist vorab festzustellen, dass zwischen dem Ereignis im Jahr 2001 und den geltend gemachten Verfolgungsmassnahmen der sri-lankischen Sicherheitskräfte und der Karuna -Gruppe der Kausalzusammenhang fehlt und der B e- schwerdeführer während dieser Zeitspanne offensichtlich nicht im Visier der sri-lankischen Regierung stand. E-4928/2011 Seite 10 7.5 Die übrigen Vorbringen (Entführung im (…) 2007 durch C.I.D. und Ka- runa-Milizionäre, Teilnahme an der Beerdigung seiner verstorbenen Mut- ter und Flucht sowie Aufenthalt bis zur Ausreise im November 2008) sind auch nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts als unglaubhaft zu beurteilen. Hierzu ist vorab auf die zutreffenden Erwägungen der Vori n- stanz zu verweisen (vgl. vorstehend E. 6.1 zweiter Abschnitt) . Die Schil- derung der Flucht anlässlich der Teilnahme an der Beerdigung seiner ver- storbenen Mutter vermag nicht zu überzeugen : Dass die Sicherheitsbe- hörden und Angehörigen der Karuna -Milizen, die zuvor der Mutter des Beschwerdeführers angeblich tödliche Verletzungen zugefügt hätten, ihm gewährt haben sollen, an der Beerdigung seiner Mutter beizuwohnen, ist vor dem Hintergrund der geltend gemachten Brutalität der Verfolger nicht nachvollziehbar. Dass ihm bei dieser Gelegenheit auch noch die Flucht in der von ihm beschriebenen Weise – er sei über die die Mauer gesprun- gen und auf der anderen Seite hätten bereits Bekannte auf ihrem Moto r- rad gewartet – gelungen sein will , obschon er in Begleitung v on zwei Wächtern gewesen sei, ist realitätsfremd (vgl. A39 S. 3 F 13 - F 15). Fer- ner ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer, obwohl er angibt , seit (…) 2007 behördlich gesucht worden zu sein , bis November 2008 unb e- helligt in Sri Lanka leben konnte, dies trotz der wöchentlich stattfindenden Razzien in F._______ und der Personenkontrollen anlässlich seiner Re i- seaktivitäten. Seine auf Beschwerdeebene vorgebrachten Einwände , er sei anlässlich der Kontrollen nicht erkannt worden, weil sein Name in Co- lombo anders geschrieben werde als in B._______ und er sei in seiner Heimatregion nur unter einem Kurznamen bekannt, sind als nachgescho- ben zu beurteilen und vermögen nicht zu einer anderen Einschätzung zu führen. Wäre er tatsächlich im Visier der Sicherhe itsbehörden gewesen, hätte der Beschwerdeführer auf seinen Reisen mit Personenkontrollen rechnen müssen. Daran ändern die auf Beschwerdeebene vorgebrachten Argumente nichts, sein Schwager habe eine (…)firma und kenne die Ge- gend gut und er sei mit Singhalesen gereist. Schliessich fällt auf, dass der Beschwerdeführer im Laufe des Verfahrens unterschiedliche Angaben zu den angeblich zu reparierenden Objekten der LTTE machte. Handelte es sich gemäss Aussagen des Beschwerdeführers bei der Vorinstanz noch um Fahr zeuge ([…]) war auf Beschwerdeebene die Rede von Flugze u- gen der LTTE (vgl. A1 S.6, A15 S. 7; Beschwerdeschrift S. 2). Aus den vorgenannten Erwägungen ergibt sich, dass die sri-lankischen Behörden den Beschwerdeführer nicht verdächtigen, mit den LTTE in Verbindung ge standen zu haben . Andernfalls wäre er im Übrigen auch E-4928/2011 Seite 11 kaum nach seinem mehrmonatigen Aufenthalt in Ägypten ohne echte Not freiwillig in den angeblichen Verfolgerstaat zurückgekehrt. 7.6 Aufgrund seiner Vorbringen ist auch eine Zugehörigkeit des B e- schwerdeführers zu einer flüchtlingsrechtlich gefährdeten Risikogruppe auszuschliessen. Er war weder politisch aktiv noch wurde in Sri Lanka ein Gerichtsverfahren gegen ihn anhängig gemacht; er verfügt weder über beträchtliche finanzielle Mittel (vgl. BVGE 2011/24 E.8.5) noch gibt es An- haltspunkte dafür, dass er in der Schweiz Kontakte zu führenden LTTE unterhalten habe (vgl. BVGE 2011/24 E. 8.4) . Soweit seine Vorbringen Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen geben könnten (vgl. BVGE 2011/24 E.8.3), ist fe stzustellen, dass er den angeblichen behördlichen Übergriff im Jahre 2007 nicht zur Anzeige gebracht habe. 7.7 Zusammenfassend besteht kein konkreter Anlass zur Annahme, dass der Beschwerdeführer aus heutiger Sicht mit beachtlicher Wahrschei n- lichkeit in absehbarer Zukunft Verfolgungsmassnahmen des sri- lankischen Staates – oder von Gruppierungen, von denen ihn der Staat nicht zu schützen im Stande wäre – ausgesetzt wäre. Die dargelegte sub- jektive Furcht vor Verfolgung erweist sich im jetzigen Z eitpunkt nicht als objektiv begründet. Der Beschwerdeführer hat keine asylrechtlich rel e- vante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten, weshalb das BFM die Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint und das Asylgesuch abgelehnt hat. 8. 8.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. EMARK 2001 Nr. 21). 9. 9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom E-4928/2011 Seite 12 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich de s Geltendmachens von Wegweisungshi ndernissen gilt g e- mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche B e- weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenig s- tens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2). 9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werde n (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Ei d- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101). Unter das flüchtlings- rechtliche fallen somit nur Flüchtlinge. Das menschenrechtliche Rück- schiebungsverbot (Art. 3 de r Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten [EMRK, SR 0.101], Art. 25 Abs. 3 BV ), wonach niemand in einen Staat ausgeschafft werden darf, in dem Folter oder eine andere Art grausamer und unmenschlicher Behandlung oder Bestrafung drohen, ist dagegen auf alle Menschen o h- ne Rücksicht auf ihren Status anzuwenden. Da der Beschwerdeführer nicht als Flüchtli ng anerkannt wird, hat das BFM zu Recht ausgeführt, dass der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG vorliegend nicht angewendet werden kann. Im Hinblick auf das menschenrechtliche Rückschiebungsverbot nach Art. 3 EMRK ist zu bemerken, dass sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung durch Folter oder eine andere Art grausamer und unmenschli- cher Behandlung oder Bestrafung entnehmen lassen. Nachdem der B e- schwerdeführer nicht glaubhaft gemacht hat, dass er befürchten müsse, bei einer Rückkehr ins Heimatland die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür, ihm würde aus dem- selben Grund eine menschenrechtswidrige Behandlung in Sri Lanka dr o-E-4928/2011 Seite 13 hen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.4.2). Der Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach sowohl im Sinne der asyl - als auch unter völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig. 9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie i m Heimat - oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind . Wird eine konkrete G e- fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 9.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht nahm in BVGE 2011/24 eine umfas- sende Analyse der Situation in Sri Lanka vor und stellte dabei unter ande- rem in Übereinstimmung mit der Praxis des BFM fest, dass der Wegwe i- sungsvollzug in das gesamte Gebiet der Ostprovinz (Distrikte Trincoma- lee, Batticoaloa und Ampara) grundsätzlich zumutbar ist (vgl. BVGE 2011/24 E.13.1). Der Beschwerdeführer stammt aus B.______ (Ostprovinz) und es ist ihm auch aufgrund seiner individuellen Situation – er hat dort über mehrere Jahre hinweg ein eigenes Geschäft geführt und seine Familie lebt g e- mäss Akten i n E._______ beziehungsweise G._______ (vgl. Protokoll EVZ S. 3) – eine Rückkehr nach Sri Lanka zuzumuten. 9.4 Schliesslich verfügt der Beschwerdeführer über einen sri-lankischen Identitätsausweis, weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Nach dem Gesag- ten fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AuG). 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist abzuweisen. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Verfügung vom 29. Se p-E-4928/2011 Seite 14 tember 2011 hiess jedoch die damals zuständige Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der une ntgeltlichen Prozessführung gut . A uf- grund der Akten ist nicht von veränderten finanziellen Verhältnissen des Beschwerdeführers auszugehen, weshalb ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) E-4928/2011 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Stella Boleki Versand: