Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 28. Juli 2022 (720 21 312 / 173) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Ungenügende Abklärung des massgebenden medizinischen Sachverhalts im Sinne von Art. 43 Abs. 1 ATSG. Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Christof Enderle, Kan- tonsrichterin Susanne Afheldt, Gerichtsschreiber Stephan Paukner Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Jonas Steiner, Rechts- anwalt, schadenanwaelte AG, Buchserstrasse 18, 5000 Aarau gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1977 geborene A.____ hat ursprünglich eine Le hre als Verkäuferin abgeschlossen. Zuletzt war sie seit dem Jahr 2003 zu 100% als Betriebsmit arbeiterin beschäftigt. Am 24. Juni 2015 erlitt sie einen Unfall, als sie zu Hause bei einem Stolpersturz auf die Knie gefallen ist und sich einen medialen Meniskushinterhornriss rechts zugezogen hat. Zu diesem Zeitpunkt war sie allerdings wegen einer am 23. März 2015 stattgefunden en Schilddrüsen-Operation bereits ar- beitsunfähig. Am 26. Oktober 2015 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf den erlittenen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Stolpersturz, ihre Schilddrüsen-Krebserkrankung, Gelenk beschwerden sowie eine Arthrose bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Die in der Folge einge- leiteten Eingliederungsmassnahmen wurden wegen der Schwangerschaft der Versicherten aller- dings abgebrochen. Nach Abklärung der gesundheitlichen und erwerblichen Verhältnisse, na- mentlich nach Einholung eines polydisziplinären Gutachte ns durch das B.____, lehnte die IV- Stelle des Kantons Basel-Landschaft (IV-Stelle) einen R entenanspruch nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren mit Verfügung vom 31. August 2021 gestützt auf einen IV-Grad von 19% mit der Begründung ab, dass nach Ablauf des Wartejahres lediglich zweimal eine nur vorüberge- hende vollständige Arbeitsunfähigkeit für die Dauer von weniger als jeweils drei Monaten bestan- den habe. B. Hiergegen erhob die Versicherte, vertreten durch Jon as Steiner, Advokat, am 29. Sep- tember 2021 Beschwerde beim Kantonsgericht des Kantons Basel-Landschaft, Abteilung Sozial- versicherungsrecht (Kantonsgericht), und beantragte, es sei ihr eine Rente der IV zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit zur ergänzenden Abklärung an die IV-Stelle zurückzuweisen. Unter Hinweis auf die psychiatrische Teilbegutachtung de s B.____ liess sie zur Begründung im Wesentlichen die durch die IV-Stelle vorgenommene Beu rteilung der psychiatrischen Verhält- nisse beanstanden. Die IV-Stelle verkenne die gutachterlich erhobene, erhebliche Einschränkung infolge ihrer Belastbarkeitsminderung, einer Reduktion der Durchhaltefähigkeit und einer Stres- sintoleranz. Trotz der Ausführungen im psychiatrischen T eilgutachten des B.____, wonach die Beschwerdeführerin seit 1. Januar 2017 vollständig arbeitsunfähig sei, stelle die IV-Stelle auf die diametrale Einschätzung ihres regional-ärztlichen Dienst es (RAD) ab. Sie könne die Rentenzu- sprache ausserdem nicht damit verweigern, dass eine adäquate Behandlung zu einer signifikan- ten Verbesserung der Arbeitsfähigkeit geführt hätte. Schliesslich müsse vom Invalideneinkom- men ein leidensbedingter Abzug von 25% sowie ein zusä tzlicher Abzug im Umfang von 15% vorgenommen werden. C. Die IV-Stelle schloss mit Vernehmlassung vom 14. Dezem ber 2021 auf Abweisung der Beschwerde. In psychiatrischer Hinsicht sei sie gestützt auf die Einschätzung des RAD und ent- gegen der Einschätzung im psychiatrischen Teilgutachten d es B.____ nach einer eingehenden Prüfung der Standardindikatoren zum Schluss gekommen, da ss keine Einschränkung der Ar- beitsfähigkeit ausgewiesen sei. Damit ziele auch der Vorwurf ins Leere, sie habe die Rentenzu- sprache mangels einer adäquaten Behandlung verweigert. Der von ihr gewährte leidensbedingte Abzug von 5% sei angemessen. D. Mit Replik vom 20. Dezember 2021 und Duplik vom 25. Januar 2022 hielten die Parteien an ihren Rechtsbegehren und den von ihnen bereits dargelegten Standpunkten fest. Auf die einzelnen Vorbringen der Parteien ist soweit notwendig in den nachfolgenden Erwägun- gen einzugehen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 in der nach dem 1. Juli 2006 gültigen F assung kann gegen Verfügungen der kan- tonalen IV-Stellen bei dem vom Kanton bezeichneten Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle innerhalb von 30 Tagen Beschwerde erhoben werden. Da s Kantonsgericht ist deshalb gemäss § 54 Abs. 1 lit. d des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 örtlich und sachlich zuständig. Au f die form- und fristgerecht einge- reichte Beschwerde vom 29. September 2021 ist demnach einzutreten. 1.2 Am 1. Januar 2022 ist die vom Gesetzgeber am 19. Juni 2020 beschlossene Änderung des IVG ("Weiterentwicklung der IV", WEIV) in Kraft ge treten. Weil in zeitlicher Hinsicht grund- sätzlich diejenigen materiellen Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V 466 E. 1), und weil ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Fal les grundsätzlich lediglich auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung (hier: 25. Januar 2021) eingetretenen Sach- verhalt abstellt (BGE 130 V 138 E. 2.1, 121 V 362 E. 1b), sind im vorliegenden Fall die Bestim- mungen des IVG in der bis Ende 2021 geltenden Fassung anwendbar (vgl. BGE 132 V 215 E. 3.1.1, mit Hinweis). Sie werden im Folgenden jeweils in dieser Version wiedergegeben und an- gewendet. 2. Massgebend ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum Erl ass der angefochtenen Verfü- gung vom 31. August 2021 entwickelt hat. Dieser Zeitp unkt bildet rechtsprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 129 V 4 E. 1.2, mit Hinweis, oben, Erwägung 1.2). 2.1 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70%, auf eine Dreiviertelrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine V iertelrente, wenn sie zu mindestens 40% invalid ist. Invalidität im Sinne dieser Bestimmung ist die durch einen körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsschaden als Folge von Geburtsgeb rechen, Krankheit oder Unfall verursachte, voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbs- unfähigkeit (Art. 4 IVG in Verbindung mit Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG] vom 6. Oktober 2000). 2.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussich tlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebre- chen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). U nter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be- einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorlie gens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück- sichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 2.3 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumut- bare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Be- ziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid gewor- den wäre (Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfol- gen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditäts- grad bestimmen (allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 128 V 30 E. 1). 3.1 Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die du rch eine Beeinträchtigung der körper- lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bis- herigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). 3.2 Zur Feststellung der medizinischen Verhältnisse hat das Gericht die ihm von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellenden Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungspro- zess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle anderen Be- weismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Bew eisregeln, sowie umfassend und pflichtge- mäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unab- hängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung de s streitigen Rechtsanspruches gestat- ten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück- sichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der me- dizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeich- nung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen St ellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c, mit Hinweisen). 3.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; auch Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche au fgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Beri cht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Nur wenn ein Versicherungsfall ohne die Ein- holung eines externen Gutachtens entschieden werden soll, sind an die Beweiswürdigung stren- gere Anforderungen zu stellen (BGE 135 V 470 E. 4.4 am Ende, mit Hinweis; Urteil des Bundes- gerichts vom 26. März 2015, 8C_879/2014, E. 5.3). 3.4 Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Ent scheid, sofern das Gesetz nichts Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhaltes genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BG E 138 V 218 E. 6 mit diversen Hin- weisen). Der Untersuchungsmaxime entsprechend hat das Ger icht von Amtes wegen die not- wendigen Beweise zu erheben. Eine Beweislast besteht nu r in dem Sinne, dass im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen ge- bliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Be weisregel greift allerdings erst, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgru ndsatzes aufgrund einer Beweis- würdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zuminde st die hohe Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 263 E. 3b). Das schweizerische Sozialversiche- rungsrecht kennt demnach keinen Grundsatz, wonach die Versicherungsorgane im Zweifel zu Gunsten der Versicherten zu entscheiden haben. Ein Anspruch auf Leistungen besteht nur, wenn die Voraussetzungen dafür mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erfüllt sind (ZAK 1983 S. 259). 4. Zu prüfen ist, ob und in welchem Umfang die Beschw erdeführerin Anspruch auf eine IV- Rente besitzt. Unbestritten geblieben unter den Parte ien ist in diesem Zusammenhang die der Versicherten seit März 2019 in internistischer und rheumatologischer Hinsicht noch verbleibende Restarbeitsfähigkeit von 90% in einer angepassten Verweistätigkeit. Umstritten hingegen sind die gesundheitlichen Verhältnisse in psychiatrischer Hinsicht. 4.1 Im Zentrum steht dabei das Gutachten des B.____ vo m 15. Mai 2021 (IV-Dok 200). Darin diagnostizieren die Gutachter in ihrer interdisziplinär en Gesamtbeurteilung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit einen Verdacht auf eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach multiplen Traumatisierungen, psychologische Faktoren und Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizier- ten Krankheiten in Form einer Schmerzverarbeitungsstör ung, ein chronisches Zervikovertebral- syndrom, eine mediale Gonarthrose rechts und eine Fingerpolyarthrose. Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit erheben sie unter anderem ein k urativ behandeltes, multifokales papilläres Schilddrüsenkarzinom beidseits sowie Schulter- und Rückschmerzen an der Lendenwirbelsäule. Aus internistischer Sicht attestierten die Gutachter sowohl für die angestammte als auch für eine adaptierte Tätigkeit keine Arbeitsunfähigkeit. Aus psychi atrischer Sicht liege hingegen ein kom- plexer und schwerer Gesundheitsschaden vor. Das Störungsbild sei unzureichend therapiert. Ak- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht tuell sei die Versicherte aufgrund einer Belastbarkeitsm inderung, der Reduktion ihrer Durchhal- tefähigkeit und einer Stressintoleranz in erheblichem M asse eingeschränkt. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit würde aber eine leitliniengerechte Behandlung zu einer signifikanten Besse- rung des Störungsbilds führen. Die Versicherte habe a nlässlich der Exploration über schwere multiple Traumatisierungen während ihrer ersten Ehe berichtet, die in den Berichten der Behand- ler bisher mit keinem Wort erwähnt worden seien. Daher würden die anamnestischen Angaben die psychiatrische Diagnosestellung stark bestimmen. Aufgr und der affektiven Reaktionen der Versicherten erschienen sie aber nachvollziehbar. Dennoch hä tten sich die traumatisierenden Vorfälle nicht hinreichend objektivieren lassen. Die E xplorandin sei als kooperativ wahrgenom- men worden. Es könne aufgrund der Diskrepanzen zum Akten material keine abschliessende Wertung der Plausibilität vorgenommen werden, da kein e Möglichkeiten zur Verfügung gestan- den hätten, die Plausibilität der anamnestischen Angab en seriös zu objektivieren. In den Akten fänden sich hierzu keine Angaben. Eine Nachrecherche d urch die IV erscheine notwendig. Es hätten sich keine Hinweise auf einen sekundären Krankh eitsgewinn oder auf eine Selbstlimitie- rung ergeben. Es läge vielmehr ein selbstausbeuterisches Verhalten vor. Aus rein psychiatrischer Sicht liege ein instabiler Gesundheitszustand vor. Unte r den Bedingungen des ersten Arbeits- marktes bestehe seit Januar 2017 keine Arbeitsfähigkeit mehr. Das psychiatrische Teilgutachten des B.____ im Besonderen basiert auf einer umfassenden Anamneseerhebung sowie auf einer ausführlichen Befragung der Versicherten. In Bezug auf das Vorhandensein allfälliger Inkonsistenzen weist der psychiatrische Gutachter insbesondere auf die fehlende Erwähnung von Schwierigkeiten während der ersten Ehe der Versicherten und die von ihr erlebten Traumatisierungen in den Berichten der Behandler hin. Im objektiven Befund erhebt er Einschränkungen im Denken, bei der Affektivität und in der Persönlichkeit, wobei diese Berei- che jeweils mit Blick auf die Erlebnisse während der erste n Ehe der Versicherten alle als einge- schränkt bezeichnet werden. Namentlich die Beurteilung d er Persönlichkeit habe Hinweise auf eine andauernde Persönlichkeitsänderung ergeben. Gle ichzeitig hält der Gutachter fest, dass keine Hinweise auf allfällige Verdeutlichungstendenzen, eine Aggravation oder eine bewusst- seinsnahe Simulation bestanden hätten. Diskrepant zum p sychologischen Befund und zu den Angaben des Hausarztes habe die Versicherte in der Explo ration über multiple Traumatisierun- gen während ihrer ersten Ehe berichtet. Diese seien glaubhaft erschienen, da mit der Berichter- stattung der Explorandin in der Untersuchungssituation massive affektive Symptome verbunden gewesen seien, die aufgrund ihrer Schwere gar einer t herapeutischen Kurzintervention bedurft hätten. Der Symptomkomplex erfülle im Gesamtkontext die Kriterien einer andauernden Persön- lichkeitsänderung nach Extrembelastung. Diskrepant sei jedoch, dass die Versicherte bis ins Jahr 2015 wegen dieser Symptome nicht in Behandlung gestanden sei und ihrer Arbeit habe nachge- hen können. Auch würden entsprechende Angaben im weiteren Aktenmaterial fehlen. Ein Quer- schnittsuntersuch könne dieses komplexe Störungsbild und sei ne Widersprüchlichkeiten daher nicht vollständig klären. Eine weitere psychiatrische Unt ersuchung sei indiziert, weshalb vorlie- gend nur der Verdacht auf eine andauernde Persönlichke itsänderung diagnostiziert worden sei. Im Vordergrund des komplexen psychiatrischen Bilds seien anlässlich der Exploration zudem chronische Schmerzen gestanden, die sich seit dem Jahr 2015 kontinuierlich entwickelt hätten. Die Kriterien einer chronischen Schmerzstörung mit somatisc hen und psychischen Faktoren Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht seien allerdings nur teilweise erfüllt. So hätten zu Beginn des Auftretens der chronischen Schmer- zen auch psychosoziale Faktoren vorgelegen, und es würden psychosoziale sowie emotionale Belastungsfaktoren einen Einfluss auf die subjektive Schmerzintensität ausüben. Dennoch seien schmerzlindernde Massnahmen noch wirksam. Eine leitliniengerechte multimodale Schmerzbe- handlung erfolge hingegen nicht. Diagnostisch sei somit von einer Schmerzverarbeitungsstörung auszugehen, die gegenwärtig gemäss ICD-10 F 54 einzuordnen sei. Das komplexe Störungsbild sei völlig unzureichend behandelt. Es sei von einem instabilen Gesundheitszustand auszugehen, und es sei zu erwarten, dass eine adäquate multimodale schmerztherapeutische Behandlung zu einer signifikanten Erhöhung der Arbeitsfähigkeit füh ren werde. In der ergebnisoffenen Beurtei- lung der Standardindikatoren hätten sich Störungen der Ich-Strukturen finden lassen – vorausge- setzt, die anamnestischen Angaben, welche anlässlich der Exploration erstmals vorgetragen wor- den seien und daher einer besonderen Skepsis unterlä gen, liessen sich im Nachhinein objekti- vieren. Vermutlich sei es auf der Grundlage multipler Traumatisierungen während der ersten Ehe zu einer Minderung der psychischen Resilienz gekommen, die mit dem Auftreten der somatischen Erkrankungen die Persönlichkeitsänderung und im Sinne einer Negativspirale schliesslich auch eine Schmerzverarbeitungsstörung ausgelöst habe. Die beruflich geltend gemachten Einschrän- kungen würden sich anamnestisch auch im privaten Aktivität sniveau der Versicherten nachvoll- ziehen lassen. 4.2 In seiner Stellungnahme vom 7. Juni 2021 ist der R AD zum Schluss gelangt, dass die gutachterliche Feststellung, wonach Traumatisierungen während der ersten Ehe der Versicherten in den Jahren 1999 bis 2000 für eine Aufhebung der Arbeitsfähigkeit ab 2015 verantwortlich seien, psychiatrisch nicht nachvollziehbar sei. So sei die Versicherte in der Lage gewesen, zwischen 2003 und 2015 ein volles Pensum zu leisten und ein rel evantes Einkommen zu erwirtschaften. Der Gutachter stelle auf die subjektiven Einschätzungen der Versicherten ab und berücksichtige das ausserberufliche Funktionsniveau nicht. Es überrasche, dass er die Diagnosen der Behandler negiere und nach seiner Untersuchung eine neue Diagnos e stelle. Weder sei ein Symptomvali- dierungsverfahren noch eine Persönlichkeitsdiagnostik durchgeführt worden. Es lägen zudem keine Hinweise vor, die die auslösenden Ereignisse pla usibilisieren würden. Auch sei ungewür- digt geblieben, dass die Versicherte bisher keine psychiatrischen Leistungen in Anspruch genom- men habe. Aus psychiatrischer Sicht sei mit dem vorliegende n Gutachten keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausgewiesen (IV-Dok 204). 4.3 Aus der im Rahmen der im Beschwerdeverfahren ergan genen Stellungnahme des RAD vom 22. Oktober 2021 geht hervor, dass mit Blick auf di e Standardindikatoren festzustellen sei, dass die Beschwerdeführerin nie in fachärztlicher Behand lung gestanden sei. Die Angaben des psychiatrischen Gutachters des B.____ würden einzig auf sub jektiven Angaben beruhen. Es seien keine Laboruntersuchungen und auch keine testpsycho logischen Untersuchungen durch- geführt worden. Funktionale Einschränkungen seien nicht objektivierbar. Eine Konsistenz der be- klagten Beschwerden sei mangels fachärztlicher Vorbehandlungen nicht ausgewiesen. 4.4 In psychiatrischer Hinsicht liegen der Angelegenheit folgende weitere Berichte von Re- levanz zu Grunde: Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.4.1 Dem Assessment- und Eingliederungsplan vom 17. Nove mber 2015 ist zu entnehmen, dass die Versicherte aufgrund ihrer Erkrankungen an einer psychischen Belastungssituation leide und deshalb in wöchentlicher psychotherapeutischer Behandlung stehe. Sie sei zum zweiten Mal glücklich verheiratet, wünsche aber keinen Kontakt mit ihr em früheren Ehegatten. Sie berichte, häufig sehr erschöpft zu sein, fühle sich kraftlos und ve rspüre eine Grundaggressivität. Sie sei empfindlich und vergesslich, habe den Kontakt zu Freunde n abgebrochen und sei deshalb iso- liert. Insgesamt habe sie wenig Lebensfreude und gehe deshalb zum Psychologen (IV-Dok 17). 4.4.2 Aus dem Bericht von Dr. C.___, FMH Endokrinologie und Diabetologie, vom 23. Mai 2016 geht hervor, dass die Versicherte gemäss anamnestischen Angaben seit dem 23. Mai 2015 aus psychischen Gründen zu 100% krankgeschrieben sei. Er selbst habe keine Zeugnisse aus- gestellt. Bei guter medikamentöser Einstellung bestehe seitens der Schilddrüse keine Einschrän- kung in der Erwerbsfähigkeit (IV-Dok 48). 4.4.3 Aus der Aktennotiz der IV-Stelle vom 17. Mai 2016 ergibt sich, dass die Versicherte zu- letzt im Januar 2016 in psychiatrischer Behandlung bei M .A.-Psych D.____ gestanden sei. Auf- grund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft sei sie a ktuell aber nicht mehr in psychiatrischer Behandlung. Sie wisse nicht, wann sie die Behandlung wiederaufnehmen könne, sondern müsse zunächst die Geburt abwarten (IV-Dok 47, ebenso IV-Dok 177, S. 3). 4.4.4 Der Aktennotiz der IV-Stelle vom 4. November 20 16 ist zu entnehmen, dass sich die Versicherte in Delegation ihres Hausarztes bei E.____, Psychologin FSP, in psychiatrischer Be- handlung befinde (IV-Dok 54; ebenso IV-Dok 177, S. 3). 4.4.5 Gemäss Bericht des behandelnden Hausarztes Dr. m ed. F.____, FMH Innere Medizin, und der behandelnden Psychologin E.____ vom 14. März 2017 seien eine rezidivierende depres- sive Störung gegenwärtig mittelgradige Episode mit soma tischem Syndrom, eine generalisierte Angststörung sowie Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zu diagnostizieren. Anamnes- tisch habe seit der Radiojodtherapie im Jahre 2015 eine depressive Entwicklung eingesetzt. Ak- tuell würden eine starke Traurigkeit, eine Antriebslo sigkeit, Schlafstörungen, ein Appetitverlust sowie eine Ängstlichkeit beklagt. Diagnostisch habe sich ergeben, dass die Patientin schon lange vor ihrem Krebsleiden unter einer generalisierten Angst störung gelitten habe, was möglicher- weise das Auftreten der Depression und der Zwangsstörung begünstigt habe. Aufgrund der Schmerzen, ihres psychischen Leidens sowie der hohen psychosozialen Belastungen infolge ih- rer Arbeitsunfähigkeit, der Eheproblematik, einem Disput mit ihrem Vermieter und der Erkrankung ihrer Mutter bestehe ein hoher Leidensdruck. Die Patientin befinde sich in einem reduzierten All- gemeinzustand. Sie weise eine Störung ihrer Affektivität auf. Punktuell bestehe eine Lebensmü- digkeit. Hinweise auf eine unmittelbare Selbst- oder Fremdgefährdung bestünden keine. Es fän- den regelmässig kognitiv-verhaltenstherapeutische Gespräche statt. Seit dem 5. September 2016 hätten mittlerweile 13 Sitzungen stattgefunden. Die Patientin sei in der zuletzt ausgeübten Tätig- keit als Betriebsmitarbeiterin seit dem 1. Januar 2017 bis auf weiteres vollständig arbeitsunfähig. Es bestehe eine generell verminderte Leistungsfähigkei t mit schneller Ermüdbarkeit, welche durch das psychische Leiden akzentuiert werde, da sowohl di e Depression als auch die Ängste die Patientin in ihrer Funktionalität sozial und beruf lich behindern würden. Empfohlen werde die Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Weiterführung der Psychotherapie. Eine stationäre psychia trische Behandlung sei empfehlens- wert. Die bisherige Tätigkeit sei nicht mehr zumutba r. Bei einem positiven Verlauf der Knieope- ration wäre eine leichte, überwiegend sitzende Tätigke it zumutbar, wobei eine Leistungssteige- rung schrittweise bis 50% möglich sein dürfte. Dem entsprechenden Beiblatt des Arztberichts ist schliesslich zu entnehmen, dass Konzentrationsvermögen, Auffassungsvermögen, Anpassungs- fähigkeit und die Belastbarkeit allesamt leicht bis schwer eingeschränkt seien. Für eine schritt- weise Steigerung der Arbeitsfähigkeit wäre eine Arbeit im Team sinnvoll (IV-Dok 65). 5. Wie bereits ausgeführt (oben, Erwägung 3.3), ist d en im Rahmen des Verwaltungsver- fahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen ge langen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit ihrer Expertise sprechen. Soll ein Versicherungsfall allerdings ohne die Einholung eines externen Gut- achtens entschieden werden, sind an die Beweiswürdigung strengere Anforderungen zu stellen. Bei versicherungsinternen Einschätzungen genügen bereits nur geringe Zweifel, dass nicht da- rauf abgestellt werden kann. Entsprechende Indizien gegen eine volle Beweiskraft der vorinstanz- lichen Abklärungen liegen im vorliegenden Fall sowohl in Bezug auf die psychiatrische Begutach- tung durch das B.____ als auch vor allem in Bezug auf d ie anschliessende Einschätzung des RAD vor. 5.1 Aufgrund der Aktenlage ist zunächst erstellt, dass d ie Versicherte offenbar schon früh an psychischen Beschwerden zu leiden begonnen hat. Bereits dem Assessment- und Eingliede- rungsplan vom 17. November 2015 ist zu entnehmen, dass sie aufgrund ihrer Erkrankungen an einer psychischen Belastungssituation leidet und deshalb i n wöchentlicher psychotherapeuti- scher Behandlung steht. Weiter geht aus den Akten hervo r, dass es sich hierbei offenbar nicht nur um eine kurze Belastungssituation gehandelt hat, an dernfalls die Versicherte nicht bereits seit dem Frühjahr 2015 aus psychischen Gründen zu 100% krankgeschrieben (oben, Erwägung 4.4.1, ebenso psychiatrisches Teilgutachten des B.____, IV-Dok 200, S. 11), und die psychiatri- sche Behandlung nach der Geburt ihres Kindes nicht wiederaufgenommen und weiterhin engma- schig weitergeführt worden wäre (oben, Erwägung 4.4.2). So geht nämlich aus dem Bericht des behandelnden Hausarztes und der behandelnden Psychologin vom 14. März 2017 hervor, dass seit dem 5. September 2016 mittlerweile bereits wieder 13 Sitzungen stattgefunden haben (oben, Erwägung 4.4.5). Nachdem noch im Frühjahr 2017 eine rezidivierende depressive Störung mit- telgradiger Ausprägung, eine generalisierte Angststörung sowie Zwangsgedanken und Zwangs- handlungen diagnostiziert worden waren (oben, Erwägu ng 4.4.5), ziehen sich die Hinweise auf eine erhebliche psychiatrische Erkrankung der Versicherten mithin geradezu wie ein roter Faden durch deren Vorgeschichte. Der RAD hat die Versicherte d eshalb zu Recht auch in psychiatri- scher Hinsicht begutachten lassen (IV-Dok 181, S. 3). In d er anschliessenden Exploration vom 22. März 2021 kam der psychiatrische Teilgutachter zum Schl uss, dass ein schwerer Gesund- heitsschaden vorliege und in erster Linie der Verdacht auf eine andauernde Persönlichkeitsän- derung nach multiplen Traumatisierungen zu diagnostizieren sei. Diese Schlussfolgerungen sind grundsätzlich schlüssig. Zunächst beruht das entsprechende Te ilgutachten vom 30. März 2021 auf einer umfassenden Anamnese sowie auf detaillierte n Untersuchungen und ist in Kenntnis Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht aller vorhandenen Akten abgegeben worden. Sodann liefert der psychiatrische Teilgutachter für seine Diagnosen auch eine nachvollziehbare Begründung, wonach die Glaubwürdigkeit der im Zusammenhang mit der Persönlichkeitsänderung stehenden Misshandlungen während der ers- ten Ehe damit bejaht wird, dass die Berichterstattung d er Explorandin mit massiven affektiven Symptomen verbunden gewesen sei, die aufgrund ihrer Sch were gar einer therapeutischen Kurzintervention bedurft hätten. Vor diesem Hintergrund erweist es sich deshalb auch als schlüs- sig, wenn der Gutachter zugleich festhält, dass keine Hin weise auf Verdeutlichungstendenzen, eine Aggravation oder eine bewusstseinsnahe Simulation bestanden haben. 5.2.1 Obschon die anamnestischen Angaben der Versicherten in Form der bisher noch nicht beklagten Traumatisierungen während der ersten Ehe dem nach mit gutem Grund als nachvoll- ziehbar bezeichnet worden sind, diagnostizierte der psychiatrische Teilgutachter des B.____ nun aber lediglich einen Verdacht auf eine andauernde Persönlichkeitsänderung. Er begründete dies damit, dass sich die traumatisierenden Vorfälle nicht hi nreichend objektivieren lassen, weil sie keinen Niederschlag in den Vorakten fänden. Ohne entsprechende Angaben im weiteren Akten- material könne das komplexe Störungsbild deshalb nicht vollständig evaluiert werden. Vielmehr sei zunächst eine Nachrecherche durch die IV-Stelle notwendig und anschliessend eine weitere psychiatrische Untersuchung indiziert. Dieser Umstand schliesst das Vorhandensein einer be- weiskräftigen Expertise zwar aus. Gerade weil mangels ob jektiver Nachweise in den Vorakten nur eine Verdachtsdiagnose erhoben werden konnte, steht angesichts der im Übrigen nachvoll- ziehbaren Erwägungen des B.____ nun aber die Frage im Raum, weshalb die IV-Stelle in Nach- achtung der gutachterlichen Empfehlungen keine ergänze nden Abklärungen getätigt, sondern stattdessen auf eine selbständige Würdigung der erhobenen Befunde durch ihren RAD abgestellt hat. Jedenfalls kann in diesem Zusammenhang nicht gesagt werden, der psychiatrische Gutach- ter des B.____ hätte sich ausschliesslich auf die subjektive n Angaben der Versicherten abge- stützt, derweil er doch gerade mangels objektiver Angaben in den übrigen Akten vorerst nur eine Verdachtsdiagnose erhoben hat. Entgegen der von der IV-Stelle vertretenen Auffassung bedeu- tet das Vorliegen einer Verdachtsdiagnose nämlich keinesfalls, dass die bisherigen Explorations- ergebnisse des B.____ weder nachvollziehbar noch verwertbar sind. Vielmehr ist es die Einschät- zung des RAD, welche nicht zu überzeugen vermag: So the matisiert der RAD die in den Akten ausgewiesenen Hinweise auf eine vorbestehende psychia trische Erkrankung mit keinem Wort (oben, Erwägungen 4.4.1 ff.). Er führt lediglich aus, dass es überrasche, wenn die Gutachter des B.____ in Abweichung zu den Erhebungen der Behandler neue Diagnosen stellten. Diese Sicht- weise greift zu kurz. So liegt es just in der Natur einer umfassenden polydisziplinären Exploration, die gesundheitlichen Verhältnisse unvoreingenommen zu erheben und erneut zu beurteilen. Die Tatsache, dass das B.____ aufgrund der anamnestischen An gaben der Versicherten zu einer bisher noch nicht aktenkundigen Verdachtsdiagnose gelangt, ist einer umfassenden Begutach- tung inhärent und vermag deren Verlässlichkeit alleine nicht in Frage zu stellen. Wenn die IV- Stelle in ihrer Ankündigung zur interdisziplinären Be gutachtung vom 4. Februar 2021 darum er- sucht, explizit zu abweichenden Beurteilungen in der Akte nlage Stellung zu nehmen, bedeutet das Stellen einer vorläufigen Verdachtsdiagnose mit Blick auf die in den Vorakten bisher fehlen- den Hinweise allfälliger Misshandlungen letztlich nichts anderes, als dass der psychiatrische Gut- achter eine sorgfältige Einschätzung lege artis vorgenommen hat und eben gerade nicht in Form einer definitiven Diagnosestellung ausschliesslich auf die subjektiven Angaben der Explorandin Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht abgestellt hat. Auch wenn es zutrifft, dass für die von der Versicherten geklagten gewalttätigen Übergriffe keine konkreten Nachweise vorliegen, äussert sich der RAD aber auch nicht zur gut- achterlichen Begründung des B.____, wonach die Glaubwü rdigkeit der im Zusammenhang mit der Persönlichkeitsänderung stehenden Misshandlungen explizit damit bejaht wird, dass die Be- richterstattung der Explorandin mit massiven affektiven S ymptomen verbunden gewesen sei. Selbst die nachvollziehbare Einschätzung des B.____, da ss die Versicherte im Jahr 2015 an Schilddrüsenkrebs erkrankt ist, einen Unfall erlitten hat und in der Folge vermutlich im Sinne einer Negativspirale auf dieser Basis letztlich dekompensiert ist (oben, Erwägung 4.1 a. E.), bleibt durch den RAD unkommentiert. Während der psychiatrische Gutacht er des B.____ die Aussagen der Versicherten und die Verdachtsdiagnose einer relevanten Persönlichkeitsänderung als weiter ab- klärungsbedürftig bezeichnet, negiert der RAD mit ande ren Worten quasi von vorneherein und ohne überzeugende Begründung die Glaubwürdigkeit der anamnestischen Angaben. Offen und unkommentiert bleibt bei dieser Ausgangslage schliesslich, weshalb an der gutachterlichen Fest- stellung, dass keine Hinweise auf allfällige Verdeutli chungstendenzen, eine Aggravation oder eine bewusstseinsnahe Simulation bestanden hätten, Zweifel angebracht wären. 5.2.2 Der RAD, der die Versicherte persönlich nicht unt ersucht hat, verweist sodann auf die fehlende Persönlichkeitsdiagnostik und einen fehlenden Validierungstest im Gutachten des B.____. Selbst nimmt er diesbezüglich jedoch ebenfalls keine eigene Einschätzung vor, sondern stellt die Plausibilität der von der Versicherten bericht eten Ereignisse pauschal damit in Frage, dass sich die Versicherte psychiatrisch nie habe fachärztlich behandeln lassen. Dabei übersieht der RAD, dass die Versicherte offenbar jedoch schon früh in einer wöchentlichen, mithin engma- schigen psychotherapeutischen Behandlung gestanden ist (obe n, Erwägung 4.4.1 f.), welche nach der Geburt ihres Kindes offenbar über längere Z eit weitergeführt worden ist (oben, Erwä- gung 4.4.3 f.). Die Tatsache, dass der psychiatrische Teilgutachter des B.____ nur eine differen- zierte Verdachtsdiagnose abzugeben in der Lage ist, stellt hinsichtlich seiner gutachterlichen Ein- schätzung mit anderen Worten keinen Mangel dar, sondern ist vielmehr Ausdruck einer seriösen und mit der erforderlichen Zurückhaltung erfolgten Begutachtung. Daraus angesichts der klaren Forderungen des Gutachters nach einer ergänzenden Akten recherche und einer erneuten Be- gutachtung nunmehr einfach darauf zu schliessen, es liege per se kein konsistenter Gesundheits- schaden vor, geht nicht an. Daran ändert auch die im Rahmen des Beschwerdeverfahrens nach- gereichte Stellungnahme des RAD nichts. Es kann diesbezüglich auf das bereits oben Gesagte verwiesen werden, wonach sich die Versicherte nachweislich de r Akten sehr wohl über längere Zeit in psychotherapeutischer Behandlung befunden hat. Soweit darin schliesslich postuliert wird, dass sich keine funktionalen Einschränkungen objektivieren l assen, widerspricht diese Auffas- sung der Einschätzung im Bericht des behandelnden Hausarztes und der behandelnden Psycho- therapeutin vom 14. März 2017, wonach die Depression und die Ängste der Versicherten deren Funktionalität sowohl in sozialer als auch beruflicher Hinsicht schon früh behindert haben (oben, Erwägung 4.4.5, a. E.). Inwieweit schliesslich von einem pathologischen Vorzustand auszugehen ist, der durch den erlittenen Unfall und die durchgemachte Schilddrüsenerkrankung allenfalls rich- tunggebend verschlimmert worden ist, bleibt ebenfalls unkommentiert. Daran ändert auch nichts, dass der RAD die gutachterlichen Feststellungen, wonach die Traumatisierungen aus der ersten Ehe der Versicherten für eine Aufhebung der Arbeitsfähigkeit per 2015 verantwortlich seien, mit der Begründung verwirft, dass die Versicherte zwischen de n Jahren 2003 und 2015 ein volles Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht Pensum zu leisten und ein relevantes Einkommen zu generieren in der Lage war. Der psychiat- rische Gutachter des B.____ hat diesen Umstand in seine Üb erlegungen nämlich bereits einbe- zogen (a.a.O., S. 22, 3. Absatz). Wenn er vorbehältlich ergänzender Abklärungen dennoch zum Ergebnis gelangt, dass bei der Versicherten ein komplexes und schweres Störungsbild vorliege, vermag deshalb auch der diesbezügliche Einwand des RAD nicht zu überzeugen. 6. Nach pflichtgemässer Würdigung der vorhandenen ärztlich en Unterlagen ergibt sich zu- sammenfassend weder auf der Basis der bisherigen Exploration des B.____ noch auf der Basis der Einschätzung des RAD ein hinreichend zuverlässiges Bild über den Gesundheitszustand und dessen Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit der Versicherten. Die IV-Stelle wird deshalb in Nach- achtung der gutachterlichen Ausführungen des B.____ zunächst bei den bisherigen Behandlern sowie bei weiteren möglichen Quellen eine detaillierte Recherche hinsichtlich schon früh geklag- ter Hinweise auf allfällige Traumatisierungen vorzunehmen haben und die Versicherte anschlies- send erneut einer Exploration zuzuführen haben. Diese wird sinnvollerweise wiederum durch den bisher mit der Angelegenheit betrauten psychiatrischen T eilgutachter des B.____ vorzunehmen sein. Dessen Explorationsergebnisse sind schliesslich durch das B.____ auch konsensual zu be- urteilen. Dabei wird auch näher zu klären sein, seit wann die Versicherte in ihrer Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischen Gründen allenfalls eingeschränkt ist. Dem psychiatrischen Teilgutachten des B.____ ist zwar zu entnehmen, dass der Beginn der Arbei tsunfähigkeit medizinisch-theoretisch mit der Aufnahme einer vorübergehenden psychologischen Behandlung der Versicherten per 1. Januar 2017 festzulegen sei. Allerdings ist festzustellen, dass sich die Versicherte bereits schon im Frühjahr 2015 in wöchentlicher psychotherapeutischer Behandlung befunden hat und aus psy- chischen Gründen seither offenbar zu 100% krankgeschriebe n worden ist (oben, Erwägungen 4.4.1 f.; ebenso IV-Dok 26.3, IV-Dok 44). Aufgrund dieser Widersprüchlichkeit wird das B.____ nach erfolgter Aktenergänzung durch die IV-Stelle somi t auch den Beginn einer allfälligen Ar- beitsunfähigkeit namentlich in psychiatrischer Hinsicht ern eut zu beurteilen haben. Vorliegend präsentiert sich der massgebende medizinische Sachverhalt im Sinne von Art. 43 Abs. 1 ATSG somit als ungenügend abgeklärt. Dies führt in Gutheissun g der Beschwerde zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung und zur Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zur ergän- zenden Abklärung des medizinischen Sachverhalts im Sinne der Erwägungen. 7. Es bleibt über die Kosten des Beschwerdeverfahrens zu befinden. 7.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens - und der Parteikosten ist grundsätz- lich auf den Prozessausgang abzustellen. Hebt das Kanto nsgericht eine bei ihm angefochtene Verfügung auf und weist es die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessualer Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (vollständig) obsiegende und die IV-Stelle als unterliegende Partei (BGE 137 V 57 E. 2.1 und 2.2, BGE 132 V 215 E. 6.2, je mit Hinweisen). 7.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.— bis Fr. 1000.— festgelegt. Be i Fällen wie dem vorliegenden, in denen Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.— fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Reg el der unterliegenden Partei in ange- messenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, weshalb die Ver- fahrenskosten ihr zu auferlegen sind. 7.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da die Beschwerdeführerin obsiegende Partei ist, ist ihr eine Parteient- schädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Ihr Re chtsvertreter hat in seiner Kostennote vom 17. Februar 2022 für das vorliegende Beschwerdever fahren ein Honorar von insgesamt Fr. 4'747.85 geltend gemacht, das sich aus der Entschädigung für den erbrachten Aufwand in der Höhe von Fr. 4'280.—, aus Auslagen von Fr. 128.40 und a us der Mehrwertsteuer von 7,7 % im Betrag von Fr. 339.45 zusammensetzt. Diese Kostennote ist in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen nicht zu beanstanden. Der Beschwerdeführerin ist deshalb eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 4'747.85 zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. 8.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesg ericht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht zulässig ge- gen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbständig eröffnete Zwischenentscheide sind - mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständig keit und über Ausstandsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) - nur mit Beschwerde in öffentlich- rechtlichen Angelegenheiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil bewir ken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort e inen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren er- sparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid , sondern um einen Zwischenent- scheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rückweisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvorausset- zungen) beantwortet wird (BGE 133 V 477 E. 4.2). 8.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es si ch somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Voraus- setzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bundesgericht. Die nachstehende Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 31. August 2021 aufge- hoben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung i m Sinne der Er- wägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die Vorinstanz zu- rückgewiesen wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.— werd en der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerdefü hrerin eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 4'747.85 (inkl. Ausla gen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen.