Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 30. August 2012 / 725 11 145 / 245 ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Frage der Unfallkausalität von Schulterbeschwerden nach einem Sturz Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Yves Thom men, Kantonsrich- terin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiberin Barbara Vögtli Parteien A.____, vertreten durch Schweizerische Bundesbahnen SBB, Be- triebliches Gesundheitsmanagement Fachstelle Sozialversicherungen, Hochschulstrasse 6, 3000 Bern 65 gegen SUVA , Rechtsabteilung, Postfach 4358, 6002 Luzern, Beschwerde- gegnerin Betreff Leistungen A. A.____ arbeitet seit April 1980 als Rangierlokfüh rer bei der Firma B.____ und ist in die- ser Funktion bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen obligatorisch versichert. Am 5. September 2009 stolperte er beim Aufsteigen auf die Rangierlokomotive und zog sich d abei eine distale Radiusfraktur am linken Handgelenk sowie eine Rissquetschwunde an der Stirn zu. Die SUVA erbrachte in der Folge die gesetzlichen Versicherungsleistungen. Mit Verfügung vom 16. August 2010 entschied sie, dass sie hinsichtlich der in der Zwischenzeit aufgetre tenen Schulterproblematik nicht leis- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht tungspflichtig sei. Der Kreisarzt erachte den Kausalzusam menhang zwischen der Schulterprob- lematik und dem Unfallereignis vom 5. September 2009 als höchstens möglich. Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte Einsprache und beantragte bezüglich der Beschwerden an der linken Schulter die Ausrichtung weiterer Versicherungsle istungen. Mit Entscheid vom 17. März 2011 wies die SUVA die Einsprache mit der Begründung ab, dass ein Kausalzusammenhang zwischen den Beschwerden an der linken Schulter und dem U nfallereignis vom 5. September 2009 nur möglich, aber nicht überwiegend wahrscheinlich sei. B. Dagegen erhob A.____, vertreten durch die SBB, Be triebliches Gesundheitsmanage- ment, Fachstelle Sozialversicherungen, mit Eingabe vom 4. April 2011 Beschwerde beim Kan- tonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherun gsrecht, und beantragte die Aufhe- bung des Einspracheentscheids vom 17. März 2011 sowie die Verpflichtung der Beschwerde- gegnerin, die gesetzlichen Versicherungsleistungen betref fend die Schulterbeschwerden zu erbringen. In der Begründung wurde im Wesentlichen vo rgebracht, dass der Beschwerdeführer aufgrund des Unfallherganges und des Umstands, dass er ca. acht bis zehn Wochen lang den Arm möglichst nicht bewegt habe, keine bewegungsabhängi gen Beschwerden an der linken Schulter habe verspüren können. Im Arztbericht des Spitals C.____ vom 1. September 2010 sei zudem festgehalten worden, dass er nach erfolgter Thera pie der Hauptsymptomatik am linken Handgelenk erst verspätet über sekundäre Beschwerden gekl agt habe, da er diesen Be- schwerden zunächst keine Bedeutung beigemessen habe. Die primären Beschwerden hätten die sekundären überdeckt. Zudem habe die Schonhaltung bei persistierenden Schmerzen und sechswöchigem Gips zur schleichenden Exazerbation einer bere its bestehenden Symptomatik beigetragen. Aus diesen Gründen sei die Unfallkausali tät betreffend die Beschwerden an der linken Schulter ausgewiesen. C. In ihrer Beschwerdeantwort vom 3. Mai 2011 beantra gte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung des angefochtenen Einspracheentscheids. D. Mit Beschluss vom 15. September 2011 gelangte das Kant onsgericht anlässlich der Ur- teilsberatung zur Auffassung, dass eine abschliessende Beurteilung der Angelegenheit gestützt auf die medizinische Aktenlage nicht möglich sei. Näher er Prüfung bedürfe die Frage der Un- fallkausalität der Schulterbeschwerden. Unstrittig und m ittels MRI-Untersuchung bestätigt leide der Beschwerdeführer an einer Tendinopathie im Berei ch der Supraspinatussehne und des Bi- zeps. Bezüglich der Frage der Unfallkausalität dieser B eschwerden würden die beiden vorlie- genden Meinungen des Spitals C.____ einerseits und des Kreisarztes der Beschwerdegegnerin andererseits diametral auseinander gehen. Aus diesem G rund sei ein rheumatologisches Ge- richtsgutachten anzuordnen. Als Gutachter werde Dr. med . D.____, Rheumatologie FMH, be- stimmt. Die Parteien erhielten in der Folge Frist, um zum Gutachtervorschlag und dem Fragen- katalog Stellung zu nehmen. E. Mit Eingabe vom 26. September 2011 erhob der Besc hwerdeführer keine Einwände ge- gen den Gutachtervorschlag und reichte keine Ergänzungsfragen ein. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht F. Die Beschwerdegegnerin hielt in ihrer Eingabe vom 11. Oktober 2011 fest, dass Dr. D.____ als Rheumatologe nicht dazu berufen sei, zu Kaus alitätsfragen im Zusammenhang mit traumatologischen Ereignissen Stellung zu nehmen. Sol che Beurteilungen würden in das spe- zialärztliche Fachgebiet der Orthopädie und/oder der or thopädischen Chirurgie gehören. Aus diesem Grund werde Dr. D.____ abgelehnt und drei Ort hopäden zur Auswahl vorgeschlagen. Weiter seien Präzisierungen in Bezug auf den Fragenkatalog angebracht. G. Mit Verfügung vom 31. Oktober 2011 schlug die instr uierende Präsidentin den Parteien Prof. Dr. med. E.____, Orthopädie FMH, als Gerichtsgut achter vor, stellte den Parteien den überarbeiteten Fragenkatalog zur Stellungnahme zu un d forderte die Parteien auf, sich zum Gutachtervorschlag und zum Entwurf des Fragenkatalogs vernehmen zu lassen. H. Mit Schreiben vom 10. Januar 2012 teilte Prof. E. ____ mit, dass er den Beschwerdefüh- rer nicht persönlich untersuchen könne. Aus diesem Grund schlage er ein Aktengutachten vor. Damit erklärten sich die Parteien einverstanden. I. Mit Verfügung vom 16. Januar 2012 beschloss die instru ierende Präsidentin, die ur- sprünglich angeordnete persönliche Begutachtung in ein A ktengutachten umzuwandeln und den Fragekatalog anzupassen. Am 31. Januar 2012 erstattete Prof. E.____ sein orthopädisches Aktengutachten. J. Mit Stellungnahme vom 13. Februar 2012 äusserte sich der Beschwerdeführer und mit Stellungnahme vom 27. Februar 2012 die Beschwerdegeg nerin zum Gutachten von Prof. E.____. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Auf die frist- und formgerecht beim örtlich und sac hlich zuständigen Gericht eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 2.1 Nach Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfall versicherung (UVG) vom 20. März 1981 hat die versicherte Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung ihrer Unfall- folgen. Ist sie infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art. 6 des Bundesgesetztes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ ATSG] vom 6. Oktober 2000), so steht ihr gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG ein Taggeld zu. Wird sie infolge des Unfalles zu mindes- tens 10 Prozent invalid (Art. 8 ATSG), so hat sie Anspr uch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG). 2.2 Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UV G setzt zunächst voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schade n (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sin ne des natürlichen Kausalzusam- menhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bezieh ungsweise nicht zur gleichen Zeit einge- treten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natür- lichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unf all die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass da s schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der versicherten Person beein- trächtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele (BGE 1 29 V 177 E. 3.1, 123 V 45 E. 2b, 119 V 335 E. 1, 118 V 289 E. 1b). Ob zwischen einem schädigen den Ereignis und einer gesundheitli- chen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht , ist eine Tatfrage, worüber die Verwaltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Geric ht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht übli chen Beweisgrad der überwie- genden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Mög lichkeit eines Zusammenhangs ge- nügt für die Begründung eines Leistungsanspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen). 2.3 Zur Feststellung natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist die rechtsanwendende Behörde regelmässig auf Unterlagen a ngewiesen, die ihr vorab von Ärztin- nen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind (vgl. BGE 12 2 V 158 f. E. 1b mit zahlreichen Hinweisen). Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversiche- rungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdig ung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfas- send und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass d as Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objekti v zu prüfen und danach zu entschei- den hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässi ge Beurteilung des streitigen Rechtsan- spruchs gestatten. Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlich en Berichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, au f allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammen hänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussf olgerungen der Expertin oder des Ex- perten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswe rt ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der ei ngereichten oder in Auftrag gegebe- nen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 f. E. 1c mit Hinweisen). Auch einem reinen Aktengutachten kann vo ller Beweiswert zukommen, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen n ur um die ärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht (vgl. RKUV 1993 Nr. U 167 S. 95; nicht publ. E. 5b des Urteils BGE 114 V 109, veröffentlicht i n RKUV 1988 Nr. U 56 S. 366). Wider- sprechen sich medizinische Berichte, darf das Gericht den Pr ozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe an zugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien Be- weiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Fo rmen medizinischer Berichte und Gut- achten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen . So führte das Bundesgericht zu den Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gerichtsgutachten aus, dass das Gericht "nicht ohne zwingende Gründe" von den Einschätzun- gen des medizinischen Experten abweicht, dessen Aufgabe e s ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen be stimmten Sachverhalt medizinisch zu er- fassen (BGE 125 V 352 f. E. 3b/aa). Ein Grund zum Abw eichen kann vorliegen, wenn die Ge- richtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Ge richt eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelan gt. Abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungs äusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigke it des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass er die Überprüfung durch einen Ob erexperten für angezeigt hält, sei es, dass er ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutach tens abweichende Schlussfolge- rungen zieht ( BGE 118 V 290 E. 1b, 112 V 32 f. mit Hinweisen). 2.4 Schliesslich ist in verfahrensrechtlicher Hinsicht noch d arauf zu verweisen, dass der So- zialversicherungsprozess vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht ist. Danach hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklär ung des rechtserheblichen Sachver- halts zu sorgen (BGE 125 V 193 E. 2, BGE 122 V 157 E. 1a, je mit weiteren Hinweisen). 3.1 Vorliegend ist die Diagnosestellung unter den be teiligten Fachpersonen unbestritten. Streitig ist dagegen die natürliche Kausalität der Besc hwerden an der linken Schulter zum Un- fallereignis vom 5. September 2009. 3.2.1 Die medizinische Aktenlage präsentiert sich im We sentlichen wie folgt: 3.2.2 Dr. med. F.____ und Dr. med. G.____, Klinik fü r Orthopädische Chirurgie und Traumato- logie des Bewegungsapparates, Spital C.____, diagnos tizieren in ihrem Bericht vom 5. Sep- tember 2009 eine distale Radiusfraktur links 23 A2.1 m it Fraktur Processus styloideus ulnae und eine Rissquetschwunde an der Stirn. Der Patient hab e nach seiner Arbeit als Rangierlok- führer in die Führerkabine steigen wollen und sei da bei mit dem Kopf angestossen. Anschlies- send sei er auf den linken Arm gefallen. Er habe keine Übelkeit verspürt und habe sich nicht übergeben müssen. Es bestehe eine 100 %-ige Arbeitsun fähigkeit bis 20. Oktober 2009. Im Bericht vom 21. September 2009 halten die behandelnd en Ärzte fest, dass der Patient über gelegentliche Dysästhesien proximal am volaren Unterarm sow ie über Kribbelparästhesien am Daumen berichte. Dr. F.____ und Dr. G.____ halten in ihrem Bericht vom 22. April 2010 als Diagnosen eine Läsion der Sehne des Musculus subscapularis u nd supraspinatus linke Schul- ter bei verlängertem Heilungsverlauf bei Status nach distaler Radiusfraktur links mit Fraktur Pro- cessus styloideus ulnae vom 5. September 2009 fest. Mit Beri cht vom 11. Mai 2010 stellen die behandelnden Ärzte die Diagnosen einer Tendinopathie der Supraspinatussehne und Bizeps- sehne links nach verlängertem Heilungsverlauf und Status n ach distaler Radiusfraktur links mit Fraktur Processus styloideus ulnae vom 5. September 2009 ( Bericht vom 20. Mai 2010). Die Schmerzproblematik der linken Schulter habe unter physio therapeutischer Hilfe weiter abge- nommen. 3.2.3 In der Aktennotiz vom 10. August 2010 hält der Kr eisarzt Dr. med. H.____, FMH Ortho- pädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsappar ats, fest, dass die Schulterbe- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht schwerden abgelehnt werden müssten, weil sie drei Monat e nach dem Unfallereignis gemeldet worden seien. Sie seien bloss mögliche Folge des Unfallereignisses. 3.2.4 Dr. F.____ und Dr. G.____ halten in ihrem Ber icht vom 1. September 2010 fest, dass sie mit der Verneinung des Kausalzusammenhangs nicht einver standen seien. Der Patient habe erstmals vier Monate nach dem Unfall über vermehrte Schulterschmerzen berichtet. Einer even- tuellen Erwähnung von leichten Schulterschmerzen sei aufg rund der vordringlichen Diagnose der Radiusfraktur und dem schleppenden Verlauf wahrschei nlich zunächst keine Bedeutung beigemessen worden. Nach Abklingen der Symptomatik am li nken Handgelenk habe der Pati- ent die Schmerzen in der Schulter erst richtig wahrgeno mmen. Entsprechend der klinischen Erfahrung mit Patienten, die einen Unfall erlitten hätten, sei es häufig so, dass die Patienten nach erfolgter Therapie der Hauptsymptomatik erst verspä tet über sekundäre Beschwerden klagen würden, da die Patienten diesen Beschwerden zunä chst keine Bedeutung zumessen würden oder weil die primären Beschwerden die sekundär en überdecken würden. Zudem halte man die Beschwerden in der linken Schulter bei initi alem Trauma an der linken Extremität für nicht so unwahrscheinlich, weil der Patient bereits in d er initialen Anamnese vom 5. September 2009 einen Sturz auf den linken Arm angegeben habe. Eine Traumatisierung der Supraspina- tussehne und Bizepssehne sei hier keineswegs unwahrscheinli ch. Zudem habe sicherlich eine Schonhaltung bei persistierenden Schmerzen und sechswöchig em Gipstragen zur schleichen- den Exazerbation einer bereits bestehenden Symptomatik b eigetragen. Das Schultergelenk bedürfe im Allgemeinen einer regelmässigen Bewegung, wie die Problematiken der Schulter- steife nach längerdauernder Ruhigstellung in der Medizi nhistorie zeigen würden. Schliesslich sehe man einen wahrscheinlichen Kausalzusammenhang zwische n dem Ereignis vom 5. Sep- tember 2009 und den gemeldeten Schulterbeschwerden. 3.2.5 In der ärztlichen Beurteilung vom 6. Oktober 2 010 hält Kreisarzt Dr. H.____ fest, dass aktenkundig keine Schulterpathologie in unmittelbarer Folge des Unfallereignisses dokumentiert worden sei. Die Ausführungen der Ärzte des Spitals C.__ __ seien spekulativ. Die Aussage der Ärzte, eine Traumatisierung der Supraspinatus- und Bize pssehne sei hier keineswegs unwahr- scheinlich, schliesse die Zuständigkeit der Unfallversicherun g geradewegs aus. Auch genüge die Argumentation des Betriebs, vor dem Ereignis vom September 2009 sei der Versicherte von Seiten der Schulter her beschwerdefrei gewesen, nicht, um die Unfallkausalität zu begründen. Die vorliegende medizinische Beurteilung erfolge aufgr und der vorgelegten Akten. Es würde nicht erstaunen, wenn die weiteren Abklärungen einen d avon divergierenden Sachverhalt erge- ben würden mit einem früheren Auftreten von Schulterbeschwerden, erklärt durch die Ruhigstel- lung der Radiusfraktur auf einer Gipsschiene und schmerz bedingt vermindertem Gebrauch der oberen Extremität. Hier wäre die Unfallkausalität als wahrscheinlich anzunehmen. Dies sei je- doch eine andere Einschätzung als diejenige, die die b ehandelnden Ärzte im Schreiben des Spitals C.____ geäussert hätten. 3.2.6 Das Kantonsgericht beauftragte in der Folge Pro f. E.____ mit der gutachterlichen Abklä- rung der Kausalitätsfrage. In seinem orthopädischen Gu tachten vom 31. Januar 2012 diagnos- tiziert er nach Aktenlage eine Rotatorenmanschetten-Te ndinopathie (Supraspinatus-/Bizeps longus-Sehne) links, den Status nach distaler Radiusfraktu r links (dorsaler knöcherner Abriss Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht am Radius) und Fraktur des Processus styloideus ulnae lin ks durch Sturzereignis am 5. Sep- tember 2009, konservativ behandelt sowie den Status nach möglicher Schulterkontusion links anlässlich des Sturzereignisses am 5. September 2009. In seiner Beurteilung stellt Prof. E.____ fest, dass sich aus dem leeren Vorerkrankungsverzeichnis keine Schlüsse ziehen lassen wür- den, da auch die häufige unfallfremde Degeneration der Rotatorenmanschette über lange Zeit- räume normalerweise stumm verlaufe. Der vom Explorand b eschriebene Ereignisverlauf, bei welchem eine direkte Schulterverletzung weder subjektiv ge ltend gemacht worden sei noch irgendwelche zeitnahe objektive Befundangaben oder Hin weise für eine solche vorliegen wür- den, sei auch vom theoretisch möglichen Unfallmechanismus (Fall auf die Schulter aus geringer Höhe) her nicht geeignet, eine bleibende ernsthafte Schädigung der Rotatorenmanschette zu verursachen. Allenfalls geeignete Mechanismen wie Luxati on, übermässige Elevation oder Ab- duktion, die einen Zangenmechanismus denkbar machen würde n, oder gewaltsame Auslen- kung gegen maximalen muskulären Widerstand, seien nicht er folgt. Auch das Verletzungsbild mit den zystischen Veränderungen habe eine degenerative Ursache. Aus dem zeitlichen Ver- lauf könnten weiterführende Schlüsse gezogen werden. G anz generell gelte, dass nach einem Trauma ein Decrescendoverlauf folge. Die Schmerzintensi tät sei am Beginn der Verletzung am höchsten und klinge in den folgenden Stunden, Tagen oder Wochen (je nach Ausmass der Ver- letzung) dem Heilungsverlauf entsprechend ab. Umgekehrt sei bei nicht-traumatischen degene- rativen Entwicklungen ein Crescendoverlauf entsprechend de r Progression häufig zu erwarten. In casu sei der "Onset" der Beschwerden, wie ihn der Expl orand am 15. Oktober 2010 ausführ- lich beschreibe, typisch für ein degeneratives Leiden. Er beschreibe, dass die Schulterschmer- zen im Dezember 2009 einfach plötzlich aus vorherigem Wo hlbefinden dagewesen seien. Sie seien weder durch eine körperliche Verrichtung ausgelöst noch durch etwas Aussergewöhnli- ches ausgelöst worden. Die Beschwerden hätten im Verlauf des Dezembers zugenommen (Crescendoverlauf), so dass der Explorand Ende 2009/Anfa ng 2010 seine Ärzte im Spital C.____ erstmals informiert habe. Mit Sicherheit sei bei m Sturz am 5. September 2009 keine Kontinuitätsdurchtrennung (Rotatorenmanschettenruptur) ausgelöst worden, wie das MRI vom 30. April 2010 beweise. Als Möglichkeit sei eine einfach e Prellung nicht auszuschliessen. Eine unkomplizierte Weichteilprellung heile aber gewöhnlich im Decrescendoverlauf innerhalb von spätestens zwei bis drei Monaten anatomisch aus. Sie würde daher zum Zeitpunkt des subjek- tiven langsamen Schmerzbeginns als somatisch begründbare Schmerzursache nicht mehr wahrscheinlich sein. In der gesamten Gutachtensliterat ur bezüglich Rotatorenmanschettenrup- tur werde ein enger zeitlicher Zusammenhang zwischen post uliertem Unfallereignis und Be- schwerdebeginn als obligat gefordert und ein erster Arzt besuch zur Schulterbefunderhebung später als 72 Stunden bereits als nicht mehr aussagekräftig für einen unfallkausalen Zusam- menhang gesehen. Zwar gehe es in casu um eine allfälli ge weniger bedeutsame anatomische Läsion und es sei gleichzeitig eine schmerzhafte Handgelen ksverletzung vorgelegen, sodass der Zusammenhangszeitraum etwas weiter gefasst werden k önne. Wenn aber gemäss Aussa- ge des Beschwerdeführers dieser vor Dezember 2009, also e inem Zeitpunkt, als die Handge- lenksfraktur bereits konsolidiert gewesen und der Gips be reits abgenommen worden sei, in keinster Weise Beschwerden an der linken Schulter wahrge nommen habe – nicht einmal ein geringes Ziehen oder dergleichen –, dann sei das anschli essende spontane Neuauftreten von Schulterbeschwerden mit weit überwiegender Wahrscheinli chkeit auf einen unfallfremden de- generativen Prozess und nicht mehr auf eine höchstens mögliche Schulterkontusion am 5. Sep- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht tember 2009 mit vorübergehenden, durch die Handgelenks beschwerden kaschierten Schmer- zen zurückzuführen. Zusammenfassend kommt Prof. E.____ zum Schluss, dass die am 15. April 2010 ärztlich festgestellte schmerzhafte Funktionsb eeinträchtigung der linken Schulter durch die am 30. April 2010 kernspintomographisch aufge zeigten anatomischen Veränderun- gen an Supraspinatus- und langer Bizepssehne sowie die Zystenbildung im Ansatz der Teres minor-Sehne vollständig erklärt seien. Diese schmerzhafte Funktionsbeeinträchtigung und die genannten anatomischen Veränderungen stünden mit über wiegender Wahrscheinlichkeit in keinem kausalen Zusammenhang – auch nicht in einem tei lkausalem Sinne – zum Unfallereig- nis vom 5. September 2009. Es handle sich vielmehr um Erst manifestationen einer eigenstän- digen degenerativen Entwicklung, die zudem aus eigener D ynamik in der Zukunft noch fort- schreiten könne. 3.3.1 Mit Beschluss vom 15. September 2011 hielt das Kant onsgericht fest, dass die beiden vorliegenden Meinungen des Spitals C.____ einerseits und des SUVA-Kreisarztes Dr. H.____ andererseits bezüglich der Frage der Unfallkausalität d er Schulterbeschwerden diametral aus- einander liegen würden. Ohne eine weitere, unabhäng ige Beurteilung des Sachverhalts könne die Frage der Unfallkausalität nicht abschliessend beant wortet werden. Aus diesem Grund ord- nete es die gutachterliche Abklärung des Sachverhalts du rch den Orthopäden Prof. E.____ an. Hintergrund dieses Gerichtsgutachtens bildet das Grundsat zurteil des Bundesgerichts, wonach ein Anspruch auf ein Gerichtsgutachten besteht und es sich aufdränge, dass die Beschwerde- instanz im Regelfall selbst ein gerichtliches Gutachten e inholt, wenn sie einen im Verwaltungs- verfahren anderweitig erhobenen medizinischen Sachverh alt für gutachterlich abklärungsbe- dürftig hält oder wenn eine bereits eingeholte Exper tise in einem rechtserheblichen Punkt nicht ausreichend beweiskräftig ist (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4). 3.3.2 Das vom Kantongericht in Auftrag gegebene Gutacht en von Prof. E.____ vom 31. Janu- ar 2012 erfüllt sämtliche rechtsprechungsgemässe Vorau ssetzungen an ein Gutachten. Es weist weder formale noch inhaltliche Mängel auf, es ist – wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. Erwägung 2.3 hiervor) – für die streitigen Belange umfassend, es beruht auf allseiti- gen Untersuchungen, es berücksichtigt die geklagten Beschwer den, es ist in Kenntnis der Vor- akten abgegeben worden, es leuchtet in der Darlegung d er medizinischen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der medizinischen Situation ein un d es ist in den Schlussfolgerungen überzeugend. Das Gutachten weist sodann keine Widersprüch e auf. Es enthält eine ausführli- che Darlegung und eingehende Würdigung der medizinisch en Aktenlage. Prof. E.____ legt in nachvollziehbarer Weise und unter Offenlegung seiner Be urteilungskriterien und der medizini- schen Fachliteratur dar, dass die Schulterbeschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine – auch nicht teilweise – direkte oder indirekte Fol ge des Unfallereignisses vom 5. Sep- tember 2009 waren. Weiter zeigt er schlüssig auf, weshalb es nicht überwiegend wahrscheinlich ist, dass die Schulterbeschwerden aufgrund der Ruhigstel lung des linken Handgelenks mit dor- so-volarer Gipsschiene ganz oder teilweise eine indirekte Folge des Unfallereignisses sind. In diesem Zusammenhang führt er aus, dass keine Ruhigstellung des Schultergelenks durch Fixa- tion des Oberarmes an den Rumpf erfolgt sei, was allenf alls eine Schultersteife durch Kapsel- schrumpfung, nicht aber eine Zystenbildung und organisch objektivierbare Tendopathien auslö- sen würde. Schliesslich legt er überzeugend dar, dass für die Beschwerden aufgrund der orga- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht nisch objektivierbaren Befunde an der linken Schulter typischerweise und mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine beginnende Rotatorenmanschetten degeneration in Frage komme. In Bezug auf die abweichende ärztliche Einschätzung von Dr. F.____ und Dr. G.____ in ihrem Bericht vom 1. September 2010 legt Prof. E.____ unter eingehender Würdigung dieser Auffas- sung schlüssig dar, weshalb ihr nicht gefolgt werden kann . Konkrete Indizien, die gegen die Zuverlässigkeit des Gutachtens sprächen, gibt es somit keine. Auch der Umstand, dass es sich um ein reines Aktengutachten handelt, vermag den Bewei swert nicht zu schmälern, denn der medizinische Sachverhalt stand im Wesentlichen bereits f est. Es ging lediglich noch um die Beurteilung der Kausalitätsfrage. Dem Gutachten von Pr of. E.____ kommt somit volle Beweis- kraft zu, weshalb es bei der Beurteilung der medizinischen Sachlage massgebend ist. 4. Die Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin setzt vor aus, dass zwischen dem Unfall- ereignis und dem eingetretenen Schaden ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ge- stützt auf das orthopädische Gutachten von Prof. E.____ vom 31. Januar 2012 ist mit überwie- gender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Besch werden an der linken Schulter keine direkte oder indirekte Folge des Unfallereignisses vom 5. September 2009 sind. Der Kau- salzusammenhang muss daher verneint werden. Da es an einer Anspruchsvoraussetzung fehlt, hat die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht zu Recht abgelehnt. Der angefochtene Ent- scheid erweist sich damit als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt. 5. Art. 61 lit. a ATSG bestimmt, dass das Beschwerdeverfah ren vor dem kantonalen Ge- richt für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Die Kosten der Begutachtung durch P rof. E.____ in der Höhe von Fr. 3'488.45 sind der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (vgl . Urteil des Bundesgerichts vom 13. August 2012, 8C_336/2012, E. 6 und BGE 137 V 210 E. 4.4.2). Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung in de r Höhe von Fr. 3'488.45 werden der Beschwerdegegnerin auferlegt. 4. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. Gegen diesen Entscheid wurde von der Beschwerdegegnerin am 18. Januar 2013 Beschwerde beim Bundesgericht (siehe nach Vorliegen des Urteils: Verfahren-Nr. 8C_61/2013 ) erhoben.