B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-5274/2017 U r t e i l v o m 26 . S e p t e m b e r 2 0 1 7 Besetzung Einzelrichter Fulvio Haefeli, mit Zustimmung von Richter Walter Lang; Gerichtsschreiber Gert Winter. Parteien A._______, geboren (…), Nigeria, vertreten durch MLaw Jana Maletic, Rechtsanwältin, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 1. September 2017 / N (…). F-5274/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ersuchte am 18. Juni 2017 um Asyl in der Schweiz. Sie wurde am 27. Juni 2017 zur Identität, zum Reiseweg und summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]; A6/13); am 18. Juli 2017 fand eine Nachbefragung der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit deren Vorbringen, man habe sie zur Prostitution zwingen wollen, statt (vgl. A11/12). Die Beschwerdeführerin führte dabei aus, sie habe den Wunsch gehegt, Nigeria zu verlassen, weil sie nicht dem Wunsch ihres Onkels, einen alten Mann zu heiraten, habe entsprechen wollen. Dementsprechend habe sie sich von ihrem Dorf zunächst nach Lagos begeben und sei dort einer ordentlichen Beschäftigung nachgegan- gen. Eines Tages habe sie eine junge, ihr namentlich nicht bekannte Frau angetroffen, die sie nach Libyen geleitet und für sie gleich noch die Über- fahrt nach Italien organisiert habe. In Italien habe sie dann der Prostitution nachgehen müssen, um die Kosten für die Reise abzuarbeiten. Einen klei- nen Teil der Kosten habe sie bereits auf ein Konto einbezahlt, dessen Num- mer sie verloren habe. Im Rahmen des ihr gewährten rechtlichen Gehörs zu einer Zuständigkeit Italiens zur Durchführung des Asyl - und Wegwei- sungsverfahrens machte die Beschw erdeführerin geltend, sie wolle nicht nach Italien zurückkehren, weil sie diesfalls gewiss aufgespürt und getötet würde. B. Ein Abgleich der Fingerabdrücke mit der Zentraleinheit Eurodac ergab, dass die Beschwerdeführerin am 13. Juni 2016 in Italien ein Asyl gesuch eingereicht hatte (vgl. A2/1). C. Die Vorinstanz ersuchte die italienischen Behörden am 17. August 2017 um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin. Die italienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet. D. Mit Verfügung vom 1. September 2017 – eröffnet am 8. September 2017 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzeitig forderte es sie auf, die Schweiz (spätestens) am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, an- sonsten sie in Haft gesetzt werden kön ne. Weiter verpflichtete die F-5274/2017 Seite 3 Vorinstanz den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung, hän- digte der Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Akten gemäss Akten- verzeichnis aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu. Auf die Begründung wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwä- gungen eingegangen. E. Mit Eingabe vom 14. September 2017 (Poststempel vom 15. September 2017) liess die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde anheben und die nachfolgend aufgeführten Rechtsbegehren stellen: Der Nichteintretensentscheid sei aufzuheben. Die Zuständigkeit der Schweiz sei festzustellen und das Asylgesuch materiell zu behandeln. Eventualiter sei das Verfahren zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen. Die Vollzugsbehörden seien im Sinne einer vorsorglichen Massnahme an- zuweisen, bis zum Entscheid über die Erteilung der aufschiebenden Wir- kung von Vollzugshandlungen abzusehen. Der Beschwerdeführerin sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und die Unterzeichnete als Rechtsvertreterin beizuordnen. Die vorinstanzlichen Akten gingen am 19. September 2017 beim Gericht ein. F. Der Instruktionsrichter stoppte den Vollzug der Überstellung mit superpro- visorischer Massnahme vom 18. September 2017 vorsorglich. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde- führerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. F-5274/2017 Seite 4 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen sein wird – als offensichtlich unbegründet, weshalb das Urteil in Anwendung von Art. 111 Bst. e AsylG in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters ergeht. Es ist gest ützt auf Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG ohne Schriftenwechsel zu fällen und nur summarisch zu begründen. 4. Die in der Beschwerde erhobene Rüge, das SEM habe den rechtserhebli- chen Sachverhalt in Bezug auf die fehlenden Unterbringungsmöglichkeiten und den fehle nden Zugang zu einer Schutzstruktur für besonders vul- nerable Personen unvollständig erhoben, ist im Lichte der nachfolgenden Erwägungen offensichtlich unbegründet. Eine Aufhebung der angefochte- nen Verfügung infolge Verletzung dieses Aspekts des rechtlichen Gehörs beziehungsweise des Untersuchungsgrundsatzes fällt demnach nicht in Betracht. 5. 5.1. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über- prüfen (Art. 31 a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be- schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (BVGE 2011/9 E. 5.). 5.2. Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG tritt das SEM auf ein Asylgesuch in der Regel nicht ein, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen können, welcher für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfah- rens staatsvertraglich zuständig ist. Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien nach der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra- tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be- stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (Dublin-III-VO). F-5274/2017 Seite 5 5.3. Jeder Antrag wird von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird (Art. 3 Abs. 1 Satz 2 Dublin-III-VO). 5.4. Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri- terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si- tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei- nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO; vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2; CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin -III- Verordnung, Das Europäische Asylzuständigkeitssystem, 2014, K4 zu Art. 7). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2.1 m.w.H.). 5.5. Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an- deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 5.6. Jeder Mitgliedstaat kann abweiche nd von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts- recht). 6. 6.1. Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung im Wesentli- chen an, der Abgleich der Fingerabdrücke mit der Zentraleinheit Eurodac weise nach, dass die Beschwerdeführerin am 13. Juni 2016 in Italien ein Asylgesuch eingereicht habe. Die italienischen Behörden hätten innerhalb der festgelegten Frist zum Übernahmeersuchen des SEM keine Stellung genommen, weshalb die Zuständigkeit zur Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens zufolge Verfristung an Italien übergegangen sei. Mit ihren Einwänden könne die Beschwerdeführerin die solchermassen festgestellte Zuständigkeit nicht widerlegen. Italien habe die per 1. Februar 2008 in Kraft gesetzte Konvention des Europarates gegen Menschenhan- del ratifiziert und werde zum Zeitpunkt der Organisation der Überstel lung F-5274/2017 Seite 6 erneut darauf hingewiesen, dass die Beschwerdeführerin ein potentielles Opfer von Menschenhandel sei. Es obliege der Beschwerdeführerin, die geltend gemachte Straftat im Zusammenhang mit Menschenhandel, deren Opfer sie angeblich geworden sei, bei den zuständigen italienischen Be- hörden vorzubringen. Es lägen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass sich Italien nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halten und das Asyl- und Weg- weisungsverfahren nicht korrekt durchführen würde. Somit sei nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei einer Überstellung nach Ita- lien gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Sinne von Art. 3 EMRK ausgesetzt wäre, in eine existenzielle Notlage geraten oder ohne Prüfung ihres Asylgesuchs und unter Ve rletzung des Non -Refoulement-Gebots in ihren Heimat- respektive Herkunftsstaat überstellt würde. Es lägen zudem keine Gründe gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vor, die die Schweiz ver- pflichten würden, ihr Asylgesuch zu prüfen. Zudem könne sich die Be- schwerdeführerin an diverse Organisationen wenden, welche sich der Op- fer von Menschenhandel annähmen. Anzufügen sei, dass Italien ein Rechtsstaat sei, welcher über eine funktionierende Polizeibehörde verfüge, die sowohl als schutzwillig wie auch als schutzfähi g gelte. Ferner lägen keine Hinweise vor, wonach Italien der Beschwerdeführerin eine medizini- sche Behandlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern würde. In Würdigung der Aktenlage und der von der Beschwerdeführerin geltend ge- machten Umstände lägen keine Gründe vor, die die Anwendung der Sou- veränitätsklausel der Schweiz rechtfertigen könnten. 6.2. Die Beschwerdeführerin verweist in ihrer Rechtsmitteleingabe zur Un- termauerung ihrer Vorbringen auf einen Bericht der SFH vom August 2016 zu den Aufnahmebedingungen in Italien beziehungsweise zur aktuellen Si- tuation von Asylsuchenden und Schutzberechtigten, insbesondere Dublin- Rückkehrenden in Italien, auf einen Bericht zu Italien (http://www.asylumi- neurope.org/sites/default/files/reportdownload/aida_italy_thirdupdate_fi- nal_0.pdf) von AIDA (Asylum Information Database), auf UNHCR Recom- mendations on important aspects of refugee protection in Italy, auf einen Bericht (aus dem Jahre 2013) von bordermonitoring.eu: VAI VIA! Zur Situ- ation der Flüchtlinge in Italien, Ergebnisse einer einjährigen Recherche so- wie auf ein Gutachten zum Beweisbeschluss des VG Braunschweig vom 28.09.2012 und macht geltend, der Beschwerdeführerin drohe in Italien eine grundrechtswidrige und unmenschliche Behandlung. Die Vorinstanz habe die Beschwerdeführerin zwar als Opfer von Menschenhandel identi- fiziert und diese Information den italienischen Behörden weitergeleitet, doch nütze die Identifizierung nichts, wenn das Opfer keinen Schutz erhalte F-5274/2017 Seite 7 und in Italien wieder auf der Strasse in der Prostitution lande, wie die zitier- ten Quellen aufzeigten. Vorliegend habe Italien nicht einmal auf das Über- nahmeersuchen geantwortet, was zeige, dass Italien seinen Verpflichtun- gen zur zwischenstaatlichen Zusammenarbeit in Menschenhandelsfällen nicht nachkomme. Ein effektiver und nahtloser Zugang zu einer Schutz- struktur ab Ankunft in Italien sei höchst fraglich, dazu wären weitere Abklä- rungen und konkrete, individuelle Zusicherungen seitens der italienischen Behörden notwendig. Schliesslich habe sich das SEM im Zusammenhang mit dem Selbsteintrittsrecht nicht mit der konkreten Situation der Beschwer- deführerin auseinandergesetzt und bloss allgemein auf die EU-Richtlinien verwiesen. 7. Am 17. August 2017 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um Wie- deraufnahme der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. In der Folge liessen die italienischen Behörden das Über- nahmeersuchen innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin -III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit anerkann- ten (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO). 8. Die auf Beschwerdeebene vorgebrachten Einwände sind nicht geeignet, eine Verletzung der Zuständigkeitsbestimmungen darzutun. 8.1. Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt nach Auffassung des Gerichts seinen diesbe- züglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen grundsätzlich nach. Es darf ebenso davon ausgegangen werden, Italien anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa- men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen fü r die Aufnahme von Personen, die inter - nationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) , ergeben. Diese Ansicht wird durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) bestätigt, indem dieser in seiner bisherigen Rechtsprechung fest- hält, dass in Italien kein systematischer Mangel an Unterstützung und Ein- richtungen für Asylsuchende bestehe, obwohl die allgemeine Situation und F-5274/2017 Seite 8 insbesondere die Lebensumstände von Asylsuchenden, anerkannten Flüchtlingen und Personen mit einem subsidiären Schut zstatus in Italien gewisse Mängel aufweisen würden (vgl. EGMR: Entscheidungen Moham- med Hussein und andere gegen die Niederlande und Italien [Beschwerde Nr. 27725/10] vom 2. April 2013, § 78, sowie Tarakhel gegen die Schweiz [Beschwerde Nr. 29217/12] vom 4. November 2014, §§ 114 f. und 120). Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 (zweiter Satz) Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. 8.2. 8.2.1. Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dafür dargetan, dass sich die italienischen Behörden weigerten, sie aufzu- nehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Auch hat sie keine konkreten Hinweise für die Annahme dargetan, Italien würde ihr dauerhaft die ihr ge- mäss der Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Schliesslich sind den Akten auch keine Gründe für die An- nahme zu entnehmen, Italien werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non- Refoulements missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. 8.2.2. Die Beschwerdeführerin bringt rechtsmittelweise im Wesentlichen vor, dass sie sich fürchte, erneut Opfer von Menschenhandel zu werden. Indessen ist vorliegend entgegen der Betrachtungsweise in der Beschwer- deschrift nicht davon auszugehen, es handle sich bei ihr um eine vul- nerable Person, zumal gerade ihre Vorbringen im Kontext mit der angebli- chen Prostitution unsubstanziiert ausgefallen sind. So machte sie etwa gel- tend, sie wolle nicht nach Italien zurückkehren, weil sie nicht für eine Mehr- zahl von Leuten , welche sie überwacht hätten, als Prostituierte arbeiten wolle (vgl. A6/13 Ziff. 8.01 S. 9). Diese Ausführungen machte sie, obwohl sie kurz zuvor anlässlich ein- und derselben Befragung geltend gemacht hatte, sie wisse nicht, ob sie überhaupt überwacht worden sei (vgl. A6/13 Ziff. 5.01 S. 6 unten). Darü ber hinaus war sie beispielsweise nicht in der Lage, irgendwelche Personen aus ihrem Umfeld, mit denen sie teilweise monatelang zusammengelebt haben will, namentlich zu individualisieren. Vielmehr erschöpfte sich die Beschreibung sämtlicher Personen in der Be- zeichnung von Geschlecht und Hautfarbe, allenfalls ergänzt durch das re- lative Alter im V erhältnis zu demjenigen der Beschwerdeführerin. Zudem drängt sich der Eindruck auf, die Beschwerdeführerin könne sich nicht an F-5274/2017 Seite 9 dem von ihr angegebenen Ort aufgehalte n haben, weil sie das entspre- chende Gebäude nicht wiedererkannte (vgl. A11/12 Q87 S. 8). Nicht ein- mal den Preis für die angebliche Schleusertätigkeit konnte sie übereinstim- mend angeben, sondern sprach zunächst von 15‘000 , später von 20‘000 US Dollar (vgl. A6/13 Ziff. 5.01 S. 6, A11/12 Q63 S. 6, Q131 S. 11), wobei sie zusätzlich angab, einen Teil des geschuldeten Geldes auf ein Konto eingezahlt zu haben (vgl. A6/13 Ziff. 5.01 S. 6 unten) , eine Behauptung, die ein deutliches Indiz für den wirklichkeitsfremden Charakter ihrer Tatsa- chenbehauptungen zur Reise und ihrem Leben in Italien darstellt. Wie be- reits erwähnt, ist somit nicht von einer besonderen Verletzlichkeit der Be- schwerdeführerin auszugehen. Nichtsdest otrotz wurden die italienischen Behörden bereits im Rahmen des Übernahmeersuchens vom 17. August 2017 auf das Geltendmachen von Menschenhandel seitens der Beschwer- deführerin hingewiesen. Richtigerweise werden den italienischen Behör- den entsprechende Hinweise nochmals im Rahmen der Organisation der Rückreise übermittelt. Mehr kann die Beschwerdeführerin aus BVGE 2016/27 nicht zu ihren Gunsten ableiten. Im Übrigen müssen die schweizerischen Behörden zwar prüfen, ob die Be- schwerdeführerin im Falle ihrer Übe rstellung nach Italien Gefahr laufen würde, eine Verletzung ihrer Menschenrechte zu erleiden. Es obliegt dies- bezüglich aber der Beschwerdeführerin, darzulegen, gestützt auf welche ernsthaften und konkreten Hinweise anzunehmen sei, Italien würde im kon- kreten Fall die staatsvertraglichen Verpflichtungen nicht respektieren, das Völkerrecht verletzen, ihr den notwendigen Schutz verweigern oder sie menschenunwürdigen Lebensumstände aussetzen (vgl. EGMR: Entschei- dung M.S.S. gegen Belgien und Griechenland [Beschwerde Nr. 30696/09] vom 21. Januar 2011). Ergänzend ist festzuhalten, dass Italien am 22. Au- gust 2006 das Zusatzprotokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels, insbesondere des Frauen- und Kinderhandels zum Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität (SR 0.311.542; nachfolgend: Palermo-Protokoll; in Kraft seit 1. September 2006) sowie am 29. November 2010 das Überein- kommen zur Bekämpfung des Menschenhandels (SR 0.311.543; nachfol- gend EKM; in Kraft seit 1. März 2011) ratifizierte. Aus diesen Übereinkom- men ergeben sich für die Unterzeichnerstaaten spezifische Identifizie- rungs-, Abklärungs - und Schutzpflichten gegenüber Opfern von Men- schenhandel (vgl. BVGE 2016/27 E. 5.2 und 5.7 ), weshalb davon auszu- gehen ist, dass sich die Beschwerdeführerin bei Bedarf in Italien erfolgreich um Schutz vor Menschenhandel bemühen könnte; bei Wahrunterstellung ihrer Vorbringen zum Menschenhandel wäre ihre Rückkehr nach Italien im F-5274/2017 Seite 10 Übrigen umso mehr erforderlich, als die Abklärung des strafrechtlich rele- vanten Sachverhalts andernfalls übermässig erschwert wäre. Es liegen fer- ner keine Hinweise vor, wonach die zuständigen italienischen Organe ihr den erforderlichen Schutz verweigert hätten beziehungsweise bei einer Rückkehr nach Italien verweigern würden. Aus dem Umstand, dass die Be- schwerdeführerin in Italien (als Asylsuchende) registriert ist, vermag sie ebenfalls nichts abzuleiten, zumal sie weder vorbringt noch aktenkundig ist, dass sie die italienischen Behörde n um Schutz vor Menschenhandel beziehungsweise Prostitution ersucht hat. 8.2.3. Nach dem Gesagten ist der Wegweisungsvollzug nach Italien unter Beachtung der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen als zuläs- sig zu erkennen, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin in Anwendung der Ermes- sensklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ersichtlich sind. 8.3. Das SEM hat sich im Weiteren im Rahmen der angefochtenen Verfü- gung gegen einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch der Beschwerdeführe- rin aus humanitären Gründen gemäss Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 (SR 142.311) in Verbindung mit Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO ausgespro- chen. Dieser Entscheid, welcher vom Staatssekretariat in Kenntnis der per- sönlichen Umstände der Beschwerdeführenden getroffen wurde, hält einer Überprüfung – soweit nach dem massgeblichen rechtlichen Rahmen zu- gänglich (vgl. dazu BVGE 2015/9 E. 7 und 8) – stand. Die Würdigung der Sache durch das SEM lässt keine rechtsfehlerhafte Ermessenausübung erkennen. Daran ändern auch die Vorbringen der Beschwerdeführerin be- treffend ihre gesundheitlichen Probleme (Zahnschmerzen, Verdacht auf eine Augeninfektion; vgl. A8/1, A10/1) oder das italienische Arztzeugnis vom 8. Mai 2015 (akute Bronchitis) nichts; vielmehr erweist sich letzteres als Beleg für das Vorhandensein einer fürsorglichen medizinischen Betreu- ung in Italien. Die Darlegung der Beschwerdeführerin (in der Beschwerde), sie sei als Opfer von Menschenhandel „ besonders traumatisiert“, steht in Widerspruch zu ihren vorinstanzlichen Aussagen. So sprach sie im Rah- men der BzP (vgl. A6/13 Ziff. 8.02 S. 9) anlässlich des ihr gewährten recht- lichen Gehörs zum medizinischen Sachverhalt mit keinem Wort von psy- chischen Problemen. Auch im Rahmen der Beschwerde werden keinerlei Unterlagen eingereicht, welche auf eine ernsthafte Erkrankung und von da- her auf eine besondere Verletzlichkeit schliessen lassen. 8.4. Zusammenfassend liegen somit keine Gründe vor, welche eine Über- stellung der Beschwerdeführerin nach Italien als unzulässig oder unzumut- bar erscheinen liessen. Schliesslich besteht auch keine Veranlassung, vom F-5274/2017 Seite 11 Selbsteintrittsrecht (Art. 17 Dublin -III-VO, Art. 29a Abs. 3 AsylV 1) Ge- brauch zu machen. 9. Nach vorstehenden Erwägungen ist das Nichteintreten auf das Asylgesuch und die Anordnung der Wegweisung nach Italien zu bestätigen. Die Be- schwerde ist somit abzuweisen. Die Anträge auf Gewährung der aufschie- benden Wirkung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses erweisen sich als gegenstandslos. Der am 18. September 2017 angeord- nete Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin. 10. 10.1. Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung ist ungeachtet einer Bedürftigkeit abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen waren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Aus demselben Grund kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG nicht stattgegeben werden. 10.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750. – (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2) der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) F-5274/2017 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG wird abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Fulvio Haefeli Gert Winter Versand: