<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 68</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">68</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>21</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 311 Abs. 1, 312, 329 Abs. 2 StPO</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Art. 311 Abs. 1 StPO ist nicht Gültigkeits-, sondern Ordnungsvor-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schrift.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Von der Staatsanwaltschaft an die Polizei formell korrekt delegierte</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Beweiserhebungen, insbesondere Einvernahmen, sind ausnahms-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>weise zulässig.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Wann ein Ausnahmefall vorliegt, ist von Fall zu Fall zu entscheiden.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Im konkreten Fall mit Geständnis der Beschuldigten und leicht er-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fassbarem, klarem und unkompliziertem Sachverhalt wird ein Aus-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nahmefall bejaht.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft5">vom 7. September 2011 i.S. Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg ge-</span><br/> <span class="ft5">gen Gerichtspräsidium Rheinfelden (SBK.2011.198).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">2.1.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 329 Abs. 1 StPO prüft die Verfahrensleitung, ob</span><br/> <span class="ft1">die Anklageschrift und die Akten ordnungsgemäss erstellt sind</span><br/> <span class="ft1">(lit. a), ob die Prozessvoraussetzungen erfüllt sind (lit. b) und ob</span><br/> <span class="ft1">Verfahrenshindernisse bestehen (lit. c). Ergibt sich aufgrund dieser</span><br/> <span class="ft1">Prüfung oder später im Verfahren, dass ein Urteil zurzeit nicht erge-</span><br/> <span class="ft1">hen kann, so sistiert das Gericht das Verfahren. Falls erforderlich,</span><br/> <span class="ft1">weist es die Anklage zur Ergänzung oder Berichtigung an die Staats-</span><br/> <span class="ft1">anwaltschaft zurück (Abs. 2). Sofern auf die Anklage einzutreten ist,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">69</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">bestimmt die Verfahrensleitung, welche Beweise in der Hauptver-</span><br/> <span class="ft1">handlung erhoben werden (Art. 331 Abs. 1 StPO), setzt den Parteien</span><br/> <span class="ft1">Frist, um Beweisanträge zu stellen (Art. 331 Abs. 2 StPO), informiert</span><br/> <span class="ft1">die Parteien über abgelehnte Beweisanträge (Art. 331 Abs. 3 StPO)</span><br/> <span class="ft1">und führt gegebenenfalls eine vorgängige Beweiserhebung durch</span><br/> <span class="ft1">(Art. 332 Abs. 3 StPO). Bei der Behandlung von Vor- und Zwischen-</span><br/> <span class="ft1">fragen kann das Gericht die Hauptverhandlung jederzeit vertagen,</span><br/> <span class="ft1">um die Akten oder die Beweise zu ergänzen oder durch die Staats-</span><br/> <span class="ft1">anwaltschaft ergänzen zu lassen (Art. 339 Abs. 5 StPO). Während</span><br/> <span class="ft1">der Hauptverhandlung erhebt das Gericht neue und ergänzt unvoll-</span><br/> <span class="ft1">ständig erhobene Beweise (Art. 343 Abs. 1 StPO). Vor Abschluss des</span><br/> <span class="ft1">Beweisverfahrens gibt das Gericht den Parteien Gelegenheit, weitere</span><br/> <span class="ft1">Beweisanträge zu stellen (Art. 345 StPO). Schliesslich, falls das</span><br/> <span class="ft1">Gericht zum Schluss kommen sollte, der Fall sei noch nicht spruch-</span><br/> <span class="ft1">reif, kann es entscheiden, die Beweise zu ergänzen und die Partei-</span><br/> <span class="ft1">verhandlungen wieder aufzunehmen (Art. 349 StPO).</span><br/> <span class="ft1">2.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Bei der Prüfung der Anklage sowie der Akten hat sich das Ge-</span><br/> <span class="ft1">richt auf eine summarische Prüfung zu beschränken. Hintergrund der</span><br/> <span class="ft1">Überprüfung ist zu vermeiden, dass in formeller oder materieller</span><br/> <span class="ft1">Hinsicht klar mangelhafte Anklagen zu unnötigem Aufwand für alle</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensbeteiligten sowie zu einer Verfahrensverzögerung führen</span><br/> <span class="ft1">(S</span><span class="ft5">TEPHENSON</span><span class="ft1">/Z</span><span class="ft5">ALUNARDO</span><span class="ft1">-W</span><span class="ft5">ALSER</span><span class="ft1">, in: Basler Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">Schweizerische Strafprozessordnung, 2011, Art. 329 N. 1). Sofern</span><br/> <span class="ft1">sich bereits bei der summarischen Prüfung der Anklage herausstellt,</span><br/> <span class="ft1">dass ein für die spätere materielle Beurteilung durch das Gericht</span><br/> <span class="ft1">unabdingbares Beweismittel nicht erhoben wurde, ist nicht ersicht-</span><br/> <span class="ft1">lich, weshalb damit bis zur Beweisabnahme durch das Gericht im</span><br/> <span class="ft1">Sinne von Art. 343 Abs. 1 StPO zugewartet werden sollte. Allerdings</span><br/> <span class="ft1">sollte das Gericht Zurückhaltung in der Anwendung von Art. 329</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 StPO üben. Insbesondere ist von einer Rückweisung abzuse-</span><br/> <span class="ft1">hen, wenn sich die Erhebung zusätzlicher Beweismittel als lediglich</span><br/> <span class="ft1">wünschbar, hingegen nicht als unabdingbar für die materielle Beur-</span><br/> <span class="ft1">teilung der Anklage erweist (Urteil des Bundesgerichts 1B_304/2011</span><br/> <span class="ft1">vom 26. Juli 2011 E. 3.2.2).</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">70</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">2.2.1.</span><br/> <span class="ft1">In der Untersuchung klärt die Staatsanwaltschaft den Sachver-</span><br/> <span class="ft1">halt tatsächlich und rechtlich so weit ab, dass sie das Vorverfahren</span><br/> <span class="ft1">abschliessen kann (Art. 308 Abs. 1 StPO). Gemäss Art. 311 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">StPO führen die Staatsanwältinnen und Staatsanwälte die Beweiser-</span><br/> <span class="ft1">hebungen selber durch. Bund und Kantone bestimmen, in welchem</span><br/> <span class="ft1">Umfang sie einzelne Untersuchungshandlungen ihren Mitarbeiterin-</span><br/> <span class="ft1">nen und Mitarbeitern übertragen können. Der Kanton Aargau hat von</span><br/> <span class="ft1">dieser Befugnis Gebrauch gemacht. Gemäss § 8 EG StPO führen die</span><br/> <span class="ft1">Assistenz-Staatsanwältinnen und Assistenz-Staatsanwälte auf Anwei-</span><br/> <span class="ft1">sung der Staatsanwältinnen und der Staatsanwälte Untersuchungs-</span><br/> <span class="ft1">handlungen, insbesondere Zeugenbefragungen und Übertretungs-</span><br/> <span class="ft1">strafverfahren, durch. Gemäss Art. 312 StPO kann die Staatsanwalt-</span><br/> <span class="ft1">schaft die Polizei auch nach Eröffnung der Untersuchung mit ergän-</span><br/> <span class="ft1">zenden Ermittlungen beauftragen. Sie erteilt ihr dazu schriftliche, in</span><br/> <span class="ft1">dringenden Fällen mündliche Anweisungen, die sich auf konkret um-</span><br/> <span class="ft1">schriebene Abklärungen beschränken (Abs. 1). Bei Einvernahmen,</span><br/> <span class="ft1">welche die Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft durchführt,</span><br/> <span class="ft1">haben die Verfahrensbeteiligten die Verfahrensrechte, die ihnen bei</span><br/> <span class="ft1">Einvernahmen durch die Staatsanwaltschaft zukommen (Abs. 2). In</span><br/> <span class="ft1">umfangreichen und komplizierten Vorverfahren befragt die Staatsan-</span><br/> <span class="ft1">waltschaft die beschuldigte Person vor Abschluss der Untersuchung</span><br/> <span class="ft1">nochmals in einer Schlusseinvernahme und fordert sie auf, zu den</span><br/> <span class="ft1">Ergebnissen Stellung zu nehmen (Art. 317 StPO).</span><br/> <span class="ft1">2.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz scheint die Auffassung zu vertreten, dass die Re-</span><br/> <span class="ft1">gelung von Art. 311 Abs. 1 StPO, wonach die Staatsanwältinnen und</span><br/> <span class="ft1">Staatsanwälte die Beweiserhebungen selber durchführen, als Gültig-</span><br/> <span class="ft1">keitsvorschrift zu betrachten sei, mit der Konsequenz, dass die von</span><br/> <span class="ft1">der Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft durchgeführten Einver-</span><br/> <span class="ft1">nahmen ohne mindestens eine durch die Staatsanwaltschaft selbst</span><br/> <span class="ft1">durchgeführte (Schluss-) Einvernahme unverwertbar und Anklage-</span><br/> <span class="ft1">schriften, welche auf dieser Grundlage erstellt wurden, zur ergänzen-</span><br/> <span class="ft1">den Beweiserhebung an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen wä-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">71</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ren. Dieser Auffassung kann jedoch, wie sich aus den folgenden Aus-</span><br/> <span class="ft1">führungen ergibt, in dieser Allgemeinheit nicht gefolgt werden.</span><br/> <span class="ft1">2.2.3.</span><br/> <span class="ft1">Zunächst geht die Vorinstanz zu Recht davon aus, dass die Be-</span><br/> <span class="ft1">weiserhebung durch die Staatsanwaltschaft gemäss der gesetzlichen</span><br/> <span class="ft1">Regelung in Art. 311 Abs. 1 StPO den Regelfall, die Delegation von</span><br/> <span class="ft1">Beweiserhebungen an die Polizei gemäss Art. 312 Abs. 1 StPO die</span><br/> <span class="ft1">Ausnahme darstellen sollte, worauf insbesondere der Wortlaut von</span><br/> <span class="ft1">Art. 312 Abs. 1 StPO hindeutet, wonach die Polizei mit <i>ergänzenden</i></span><br/> <span class="ft1">Ermittlungen beauftragt werden kann. Die Übertragung sämtlicher</span><br/> <span class="ft1">Beweiserhebungen an die Polizei ist demnach grundsätzlich mit</span><br/> <span class="ft1">Art. 311 StPO nicht vereinbar, da die Verfahrenshoheit gemäss dem</span><br/> <span class="ft1">Willen des Gesetzgebers gerade auch die eigenhändige Durchfüh-</span><br/> <span class="ft1">rung von Beweiserhebungen, insbesondere von Einvernahmen, bein-</span><br/> <span class="ft1">halten soll (Botschaft zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts</span><br/> <span class="ft1">vom 21. Dezember 2005, BBl 2006 [Botschaft], S. 1265; in diesem</span><br/> <span class="ft1">Sinne auch O</span><span class="ft5">MLIN</span><span class="ft1">, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafpro-</span><br/> <span class="ft1">zessordnung, 2011, Art. 312 N. 7; L</span><span class="ft5">ANDSHUT</span><span class="ft1">, in: Kommentar zur</span><br/> <span class="ft1">Schweizerischen Strafprozessordnung, 2010, Art. 311 N. 5, Art. 312</span><br/> <span class="ft1">N. 10). Dafür spricht ebenfalls, dass gemäss Art. 342 Abs. 1 des</span><br/> <span class="ft1">ursprünglichen Vorentwurfs zur Eidgenössischen Strafprozessord-</span><br/> <span class="ft1">nung vom Juni 2001 die Staatsanwaltschaft die notwendigen Be-</span><br/> <span class="ft1">weiserhebungen <i>in der Regel</i> selber durchzuführen habe, was im</span><br/> <span class="ft1">Anschluss an die Vernehmlassung in den heute geltenden Wortlaut</span><br/> <span class="ft1">überführt wurde, welcher bedeutend weniger Spielraum für Ausnah-</span><br/> <span class="ft1">men zulässt.</span><br/> <span class="ft1">Gleichwohl kann selbst die grundsätzlich klare gesetzliche Re-</span><br/> <span class="ft1">gelung von Art. 311 Abs. 1 StPO entgegen der Auffassung der Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz nicht in jedem Fall dazu führen, dass polizeiliche Einvernah-</span><br/> <span class="ft1">men, welche aufgrund einer formell korrekten Delegation gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 312 Abs. 1 StPO durchgeführt wurden, lediglich zufolge einer</span><br/> <span class="ft1">fehlenden Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft selbst vor Ge-</span><br/> <span class="ft1">richt ausnahmslos unverwertbar sind.</span><br/> <span class="ft1">Der Gesetzgeber hat in Art. 307 Abs. 2 StPO, wonach die</span><br/> <span class="ft1">Staatsanwaltschaft bei schweren Straftaten und anderen schwerwie-</span><br/> <span class="ft1">genden Ereignissen die ersten wesentlichen Einvernahmen bereits im</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">72</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">polizeilichen Ermittlungsverfahren nach Möglichkeit selber vor-</span><br/> <span class="ft1">nimmt und in Art. 317 StPO, wonach in umfangreichen und kom-</span><br/> <span class="ft1">plizierten Vorverfahren die Staatsanwaltschaft die beschuldigte Per-</span><br/> <span class="ft1">son vor Abschluss der Untersuchung in einer Schlusseinvernahme</span><br/> <span class="ft1">nochmals befragt, die beiden Fälle, in welchen die Staatsanwaltschaft</span><br/> <span class="ft1">zwingend selber eine Einvernahme durchzuführen hat, ausdrücklich</span><br/> <span class="ft1">geregelt. Wie bereits erörtert, sind zwar auch in allen anderen Fällen</span><br/> <span class="ft1">Einvernahmen grundsätzlich durch die Staatsanwaltschaft durchzu-</span><br/> <span class="ft1">führen. Die Beschwerdekammer ist jedoch der Ansicht, dass eine</span><br/> <span class="ft1">solche Unterlassung nicht in jedem Fall ein Gültigkeitserfordernis für</span><br/> <span class="ft1">die Zulassung der Anklage durch das Gericht darstellen kann, sodass</span><br/> <span class="ft1">die in der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse auch ohne eine</span><br/> <span class="ft1">zusätzliche durch die Staatsanwaltschaft vorgenommene Einvernah-</span><br/> <span class="ft1">me im Einzelfall vor Gericht verwertbar sind.</span><br/> <span class="ft1">Für diese Auffassung spricht auch die Literatur mit Bezug auf</span><br/> <span class="ft1">Art. 312 Abs. 2 StPO, indem sie selbst die zu generell gefasste Dele-</span><br/> <span class="ft1">gation an die Polizei sowie die polizeiliche Beweiserhebung ohne</span><br/> <span class="ft1">Auftrag als vor Gericht verwertbar erachtet und Art. 312 Abs. 2 StPO</span><br/> <span class="ft1">damit im Ergebnis lediglich als Ordnungsvorschrift auffasst</span><br/> <span class="ft1">(S</span><span class="ft5">CHMID</span><span class="ft1">, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar,</span><br/> <span class="ft1">2009, Art. 312 N. 12; O</span><span class="ft5">MLIN</span><span class="ft1">, a.a.O., Art. 312 N. 14 und 15;</span> <span class="ft1">L</span><span class="ft5">ANDS</span><span class="ft1">-</span><br/> <span class="ft5">HUT</span><span class="ft1">,</span> <span class="ft1">a.a.O., Art. 312 N. 5 und 6). Somit erscheint es als naheliegend,</span><br/> <span class="ft1">auch Art. 311 Abs. 1 StPO als Ordnungsvorschrift und nicht als</span><br/> <span class="ft1">Gültigkeitserfordernis aufzufassen (andere Meinung: Burger-Mittner/</span><br/> <span class="ft1">Burger, Das Primat der Staatsanwaltschaft auf dem Prüfstand, in:</span><br/> <span class="ft1">forumpoenale 03/2011 vom 9. Juni 2011, S. 7 f., m.H.). Wenn bereits</span><br/> <span class="ft1">eigenmächtig durchgeführte Einvernahmen durch die Polizei gültig</span><br/> <span class="ft1">und verwertbar sind, muss dies erst recht für eine gestützt auf</span><br/> <span class="ft1">Art. 312 Abs. 1 StPO durch die Staatsanwaltschaft formell korrekt</span><br/> <span class="ft1">delegierte Einvernahme gelten. Im Lichte der Stossrichtung, welche</span><br/> <span class="ft1">die eidgenössische StPO mit dem Staatsanwaltschaftsmodell vorgibt</span><br/> <span class="ft1">(Botschaft S. 1257 f., S. 1003 f., S. 1115), muss jedoch klar festge-</span><br/> <span class="ft1">halten werden, dass sich die Fälle, in welchen die Staatsanwaltschaft</span><br/> <span class="ft1">keine eigenen Beweiserhebungen durchführt, auf ein eng begrenztes</span><br/> <span class="ft1">Minimum zu beschränken, mithin Ausnahmefälle darzustellen haben.</span><br/> <span class="ft1">Wann ein solcher Ausnahmefall vorliegt, ist von Fall zu Fall zu ent-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">73</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">scheiden. Insbesondere dürften sich jedoch Fälle wie der vorliegen-</span><br/> <span class="ft1">de, in welchem die Beschuldigten weitgehend geständig sind und es</span><br/> <span class="ft1">sich um einen leicht erfassbaren, klaren und unkomplizierten Sach-</span><br/> <span class="ft1">verhalt handelt, als solche Ausnahmefälle anbieten. Solange in diesen</span><br/> <span class="ft1">Fällen sichergestellt ist, dass die mit der Untersuchung betrauten</span><br/> <span class="ft1">Staatsanwältinnen und Staatsanwälte über den Stand der Unter-</span><br/> <span class="ft1">suchung im Bilde sind, erweist sich eine Delegation sämtlicher Ein-</span><br/> <span class="ft1">vernahmen an die Polizei ausnahmsweise als gesetzmässig. Sollte</span><br/> <span class="ft1">das erstinstanzliche Gericht der Auffassung sein, es seien gleichwohl</span><br/> <span class="ft1">weitere Beweise abzunehmen, kann es dies gemäss Art. 343 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">StPO in der Hauptverhandlung nachholen, sofern es sich nicht um</span><br/> <span class="ft1">für die Beurteilung des Falls unabdingbare Beweismittel handelt</span><br/> <span class="ft1">(vgl. E. 2.1.2).</span><br/> <span class="ft1">Art. 311 Abs. 1 StPO ist demnach nicht als Gültigkeits-, son-</span><br/> <span class="ft1">dern als Ordnungsvorschrift aufzufassen, mit der Konsequenz, dass</span><br/> <span class="ft1">von der Staatsanwaltschaft an die Polizei formell korrekt delegierte</span><br/> <span class="ft1">und von dieser formell korrekt durchgeführte Beweiserhebungen,</span><br/> <span class="ft1">insbesondere Einvernahmen, ausserhalb von Art. 307 Abs. 2 und</span><br/> <span class="ft1">Art. 317 StPO, im Ausnahmefall auch ohne zusätzliche Einvernahme</span><br/> <span class="ft1">durch die Staatsanwaltschaft, vor Gericht uneingeschränkt verwert-</span><br/> <span class="ft1">bar sind. Im Übrigen hat der Gesetzgeber offensichtlich antizipiert,</span><br/> <span class="ft1">dass die Staatsanwaltschaften dazu tendieren könnten, extensiven</span><br/> <span class="ft1">Gebrauch von der Delegationsmöglichkeit gemäss Art. 312 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">StPO zu machen, weshalb er einerseits generelle Ermittlungsaufträge</span><br/> <span class="ft1">an die Polizei untersagt sowie anderseits den Verfahrensbeteiligten</span><br/> <span class="ft1">bei delegierten Einvernahmen die gleichen Verfahrensrechte wie bei</span><br/> <span class="ft1">den Einvernahmen durch die Staatsanwaltschaft eingeräumt hat</span><br/> <span class="ft1">(Art. 312 Abs. 2 StPO; Botschaft S. 1265), was ebenfalls gegen die</span><br/> <span class="ft1">grundsätzliche Unverwertbarkeit von Beweisabnahmen ohne eigen-</span><br/> <span class="ft1">händige Mitwirkung der Staatsanwaltschaft spricht.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Dem Beschuldigten wird die Beteiligung an insgesamt 37</span><br/> <span class="ft1">Sachbeschädigungen durch Sprayerei vorgeworfen. Er bestreitet die</span><br/> <span class="ft1">Vorwürfe im Wesentlichen nicht und anerkennt die Schadenersatz-</span><br/> <span class="ft1">forderungen der Privatkläger. Die Gesuchstellerin eröffnete am</span><br/> <span class="ft1">10. Januar 2011 eine Strafuntersuchung gegen den Beschuldigten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">74</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">und beauftragte die Kantonspolizei mit Delegationsverfügung vom</span><br/> <span class="ft1">10. Januar 2011, den Beschuldigten unter Wahrung der Parteirechte</span><br/> <span class="ft1">zu folgenden Punkten zu befragen: "Alibiabklärung bezüglich den</span><br/> <span class="ft1">Sprayereien vom 17./18.1.2011 in Möhlin; Durchsuchung der Woh-</span><br/> <span class="ft1">nung gem. beiliegendem Durchsuchungsbefehl; Befragung als Be-</span><br/> <span class="ft1">schuldigter zu den Sprayereien vom 17./18.1.2011 in Möhlin". Wei-</span><br/> <span class="ft1">ter sei die Gesuchstellerin im Anschluss an die Durchsuchung und</span><br/> <span class="ft1">die Befragung über deren Verlauf zu informieren. Gestützt auf diese</span><br/> <span class="ft1">Delegation führte die Kantonspolizei am 11. Januar 2011 eine Haus-</span><br/> <span class="ft1">durchsuchung sowie eine erste Einvernahme des Beschuldigten</span><br/> <span class="ft1">durch, bei welcher sich dieser im Wesentlichen geständig zeigte. Am</span><br/> <span class="ft1">4. März 2011 erfolgte eine weitere Einvernahme durch die Kantons-</span><br/> <span class="ft1">polizei und es wurde den Privatklägern Gelegenheit gegeben, Fragen</span><br/> <span class="ft1">an den Beschuldigten zu stellen. Mit Delegationsverfügung vom</span><br/> <span class="ft1">12. Januar 2011 wurde die Kantonspolizei zusätzlich beauftragt, die</span><br/> <span class="ft1">Freundin des Beschuldigten, welche in der Tatnacht anwesend war,</span><br/> <span class="ft1">zu ihren Wahrnehmungen als Auskunftsperson zu befragen. Diese</span><br/> <span class="ft1">Befragung fand am 12. Januar 2011 statt. Am 16. März 2011 erstatte-</span><br/> <span class="ft1">te die Kantonspolizei zuhanden der Gesuchstellerin Bericht. Damit</span><br/> <span class="ft1">erachtete die Gesuchstellerin die Untersuchung gegen den Beschul-</span><br/> <span class="ft1">digten als abgeschlossen und brachte den Sachverhalt zur Anklage,</span><br/> <span class="ft1">ohne selbst eine Befragung durchgeführt zu haben. Es sind somit im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Verfahren sämtliche notwendigen Beweiserhebungen</span><br/> <span class="ft1">durchgeführt worden, weshalb sich eine zusätzliche Einvernahme</span><br/> <span class="ft1">durch die Gesuchstellerin als nicht notwendig erweist, insbesondere</span><br/> <span class="ft1">da der Sachverhalt im Wesentlichen unbestritten ist und der Anklage</span><br/> <span class="ft1">kein kompliziertes und umfangreiches Vorverfahren im Sinne von</span><br/> <span class="ft1">Art. 317 StPO zugrunde liegt. Die Vorinstanz war aufgrund der An-</span><br/> <span class="ft1">klage sowie der eingereichten Akten zweifellos in der Lage, ein Ur-</span><br/> <span class="ft1">teil zu fällen. Aus diesem Grund durfte die Gesuchstellerin, selbst</span><br/> <span class="ft1">unter Berücksichtigung der beantragten bedingten Freiheitsstrafe von</span><br/> <span class="ft1">10 Monaten und der Busse von Fr. 1'000.00, ausnahmsweise auf die</span><br/> <span class="ft1">eigene Durchführung einer Einvernahme verzichten, auch wenn eine</span><br/> <span class="ft1">solche durchaus wünschbar gewesen wäre, weshalb sich die Rück-</span><br/> <span class="ft1">weisung gemäss Art. 329 Abs. 2 StPO als unzulässig erweist.</span><br/></div> </div> </body> </html>