<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 36 S.207</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">207</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"> <p><span class="ft3"><b>36</b></span> <span class="ft3"><b>Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Isolation ist keine zusätzliche Zwangsmassnahme bei Haft</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. III/2).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Strenge Voraussetzungen für Zwangsmedikation (Erw. V).</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 15. Juli 2008 in Sa-</span><br/> <span class="ft6">chen P.B. gegen Entscheid der Klinik Königsfelden betreffend Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft6">nahmen (WBE.2008.218).</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">III.</span><br/> <span class="ft8">1.</span><br/> <span class="ft8">Aus den Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer seit sei-</span><br/> <span class="ft8">nem Eintritt in die Psychiatrische Klinik Königsfelden am 27. Juni</span><br/> <span class="ft8">2008 im Isolationszimmer untergebracht ist. Isolation bedeutet, allein</span><br/> <span class="ft8">in einem (oft ausser einem Bett unmöblierten) Raum eingeschlossen</span><br/> <span class="ft8">zu sein.</span><br/> <span class="ft8">Anlässlich der verwaltungsgerichtlichen Verhandlung hat der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer explizit die erfolgte Isolation angefochten. In die-</span><br/> <span class="ft8">sem Zusammenhang schilderte er, er sei seit siebzehn Tagen "in ei-</span><br/> <span class="ft8">nem Zimmer ohne Luft"; es herrschten unmenschliche Umstände. Er</span><br/> <span class="ft8">dürfe das Zimmer lediglich für wenige Minuten für Raucherpausen</span><br/> <span class="ft8">verlassen; bisher habe er nie spazieren gehen dürfen. Im Gefängnis</span><br/> <span class="ft8">habe er eine halbe Stunde pro Tag raus gehen können.</span><br/> <span class="ft8">Der behandelnde Oberarzt führte anlässlich der verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft8">richtlichen Verhandlung aus, der Beschwerdeführer befände sich im</span><br/> <span class="ft8">Isolationszimmer, weil er im Haft-Status in der Klinik sei; es seien</span><br/> <span class="ft8">lediglich Ausnahmefälle, bei denen jemand trotz Haftstatus nicht</span><br/> <span class="ft8">isoliert werde.</span><br/></p> </div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">208</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">2.</span><br/> <span class="ft8">Vorliegend befindet sich der Beschwerdeführer zurzeit in Haft</span><br/> <span class="ft8">zur Sicherung des Massnahmenvollzuges, wobei diese Haft vorüber-</span><br/> <span class="ft8">gehend in der Klinik Königsfelden vollzogen wird. Die Isolation ent-</span><br/> <span class="ft8">spricht somit der Fortführung der Haft und ist nicht Gegenstand der</span><br/> <span class="ft8">medizinisch indizierten Zwangsmassnahme. Daher ist das Verwal-</span><br/> <span class="ft8">tungsgericht nicht zuständig, die Isolation und deren Vollzug (Ver-</span><br/> <span class="ft8">weigerung eines 30minütigen Spaziergangs) zu überprüfen, weshalb</span><br/> <span class="ft8">auf die Beschwerde betreffend Isolation in der Psychiatrischen Kli-</span><br/> <span class="ft8">nik Königsfelden nicht eingetreten werden kann.</span><br/> <span class="ft8">IV. (...)</span><br/> <span class="ft8">V.</span><br/> <span class="ft8">1.</span><br/> <span class="ft8">1.1.</span><br/> <span class="ft8">Zur Hauptsache wendet sich der Beschwerdeführer gegen die</span><br/> <span class="ft8">angeordnete Behandlung mit Neuroleptika für die Dauer seiner Hos-</span><br/> <span class="ft8">pitalisation in der Klinik Königsfelden. Die Klinik hat im Zwangs-</span><br/> <span class="ft8">massnahmen-Entscheid vom 30. Juni 2008 die "Behandlung mit De-</span><br/> <span class="ft8">pot-Medikation: Consta Risperdal i.m. alle drei Wochen, 25 - 75 mg"</span><br/> <span class="ft8">angeordnet. Als Diagnose wurde auf dem entsprechenden Formular</span><br/> <span class="ft8">"paranoide Schizophrenie; DD:</span> <span class="ft8">Persönlichkeitsstörung" genannt.</span><br/> <span class="ft8">Dem Entscheid wurde wegen akuter Behandlungsbedürftigkeit die</span><br/> <span class="ft8">aufschiebende Wirkung nicht gewährt.</span><br/> <span class="ft8">1.2.</span><br/> <span class="ft8">Wird der Einsatz von Zwangsmassnahmen mit Beschwerde an-</span><br/> <span class="ft8">gefochten, so hat das Verwaltungsgericht zu überprüfen, ob die ge-</span><br/> <span class="ft8">setzlichen Voraussetzungen für die Durchführung von Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft8">nahmen erfüllt sind. Zur Beurteilung der konkreten ärztlichen An-</span><br/> <span class="ft8">ordnung (Wahl des Medikamentes, Dosierung, Wahl der Abteilung,</span><br/> <span class="ft8">etc.) ist das Verwaltungsgericht dagegen grundsätzlich nicht zustän-</span><br/> <span class="ft8">dig; dies gehört in den Fachbereich der Ärzte (vgl. AGVE 1987,</span><br/> <span class="ft8">S. 217 [dieser Entscheid erging im Zusammenhang mit Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft8">nahmen im Rahmen einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung; die</span><br/> <span class="ft8">gleichen Überlegungen müssen jedoch genauso für Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft8">nahmen im Rahmen eines Strafvollzugs gelten]). Ausnahmen von</span><br/> <span class="ft8">diesem Grundsatz sind namentlich in jenen Fällen denkbar, in denen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">209</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">das Gericht eine angeordnete Massnahme als unangemessen oder gar</span><br/> <span class="ft8">missbräuchlich beurteilt (AGVE 2000, S. 168 f.).</span><br/> <span class="ft8">2.</span><br/> <span class="ft8">2.1.</span><br/> <span class="ft8">Ausgangspunkt jeder Beurteilung ärztlichen Handelns oder</span><br/> <span class="ft8">Unterlassens ist das verfassungs- und persönlichkeitsrechtlich abge-</span><br/> <span class="ft8">sicherte Selbstbestimmungsrecht des Patienten (vgl. BGE vom</span><br/> <span class="ft8">15. Juni 2001 [6A.100/2000], Erw. 3a). Das verfassungsmässige</span><br/> <span class="ft8">Recht der persönlichen Freiheit, das in der am 1. Januar 2000 in</span><br/> <span class="ft8">Kraft getretenen Bundesverfassung vom 18. April 1999 ausdrücklich</span><br/> <span class="ft8">in Art. 10 und - hinsichtlich des Schutzes der Menschenwürde - auch</span><br/> <span class="ft8">in Art. 7 gewährleistet ist, beinhaltet insbesondere das Recht auf</span><br/> <span class="ft8">körperliche und geistige Unversehrtheit, auf Bewegungsfreiheit und</span><br/> <span class="ft8">Wahrung der Würde des Menschen sowie auf alle Freiheiten, die</span><br/> <span class="ft8">elementare Erscheinungen der Persönlichkeitsentfaltung darstellen.</span><br/> <span class="ft8">Das Recht auf persönliche Freiheit gilt indessen, wie die übrigen</span><br/> <span class="ft8">Freiheitsrechte, nicht absolut. Einschränkungen sind zulässig, wenn</span><br/> <span class="ft8">sie auf einer gesetzlichen Grundlage beruhen, im öffentlichen Inter-</span><br/> <span class="ft8">esse liegen und verhältnismässig sind; zudem dürfen sie den Kernge-</span><br/> <span class="ft8">halt des Grundrechts nicht beeinträchtigen, das heisst, dieses darf</span><br/> <span class="ft8">weder völlig unterdrückt noch seines Gehalts als Institution der</span><br/> <span class="ft8">Rechtsordnung entleert werden (vgl. Art. 5 und 36 BV). Der</span><br/> <span class="ft8">Schutzbereich der persönlichen Freiheit samt ihren Ausprägungen</span><br/> <span class="ft8">sowie die Grenzen der Zulässigkeit von Eingriffen sind jeweils im</span><br/> <span class="ft8">Einzelfall - angesichts der Art und Intensität der Beeinträchtigung</span><br/> <span class="ft8">sowie im Hinblick auf eine allfällige besondere Schutzbedürftigkeit</span><br/> <span class="ft8">des Betroffenen - zu konkretisieren (vgl. BGE vom 23. Mai 2000</span><br/> <span class="ft8">[1P.645/1999], Erw. 3a mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft8">Eine neuroleptische Zwangsmedikation stellt zweifellos einen</span><br/> <span class="ft8">schweren Eingriff in die persönliche Freiheit dar. Schwere Eingriffe</span><br/> <span class="ft8">in Freiheitsrechte bedürfen einer klaren und ausdrücklichen gesetzli-</span><br/> <span class="ft8">chen Regelung in einem formellen Gesetz (Art. 36 Abs. 1 Satz 2</span><br/> <span class="ft8">BV).</span><br/> <br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">210</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">2.2.</span><br/> <span class="ft8">2.2.1.</span><br/> <span class="ft8">Die Aargauische Strafprozessordnung sieht vor, dass medizini-</span><br/> <span class="ft8">sche Behandlungen oder andere medizinisch indizierte Vorkehren der</span><br/> <span class="ft8">Zustimmung des Gefangenen bedürfen (§ 241a Abs. 1 Satz 1 StPO).</span><br/> <span class="ft8">Gemäss § 241a Abs. 2 StPO dürfen ohne Zustimmung oder gegen</span><br/> <span class="ft8">den Willen des Gefangenen medizinische Behandlungen oder andere</span><br/> <span class="ft8">medizinisch indizierte Vorkehren nur durchgeführt werden, wenn</span><br/> <span class="ft8">eine richterlich angeordnete Massnahme gemäss Art. 59, 60 oder 64</span><br/> <span class="ft8">StGB zu vollziehen ist und sie mit dem konkreten Massnahmezweck</span><br/> <span class="ft8">vereinbar sind (lit. a) oder wenn der Gefangene aufgrund einer</span><br/> <span class="ft8">Krankheit nicht zurechnungsfähig ist, sich selbst oder Dritte in</span><br/> <span class="ft8">schwerer Weise gefährdet und die notwendige Fürsorge auf andere</span><br/> <span class="ft8">Weise nicht gewährleistet werden kann (lit. b).</span><br/> <span class="ft8">2.2.2.</span><br/> <span class="ft8">Die Bestimmung soll nicht nur akute Krisenintervention, son-</span><br/> <span class="ft8">dern auch mittel- bis langfristige Therapien abdecken, wenn solche</span><br/> <span class="ft8">für eine wirksame Gefahrenabwendung erforderlich sind. Die beson-</span><br/> <span class="ft8">dere Fürsorgepflicht des Staates kann für die im Strafvollzug befind-</span><br/> <span class="ft8">lichen Personen den Einsatz ärztlicher Massnahmen gebieten, selbst</span><br/> <span class="ft8">wenn keine unmittelbare Gefahr für Leben und Gesundheit besteht</span><br/> <span class="ft8">(vgl. Materialien zu § 241a StPO [Materialien], Bericht des DVI,</span><br/> <span class="ft8">Abteilung Strafrecht, zur Änderung des Gesetzes über die Straf-</span><br/> <span class="ft8">rechtspflege, vom 28. August 2001). Ein medikamentöses Ruhig-</span><br/> <span class="ft8">stellen während der Dauer des Strafvollzugs als blosses Disziplinie-</span><br/> <span class="ft8">rungsmittel ist jedoch nicht erlaubt; "gesunde Tobende" müssen mit</span><br/> <span class="ft8">sicherheitspolizeilichen Methoden zur Ruhe gebracht werden</span><br/> <span class="ft8">(vgl. Materialien, Stellungnahme der PDAG, IPD, Ärztliche Leitung,</span><br/> <span class="ft8">vom 9. Juli 2001).</span><br/> <span class="ft8">2.2.3.</span><br/> <span class="ft8">Zwangsmassnahmen sind u.a. dort indiziert, wo psychisch</span><br/> <span class="ft8">Kranke die rückfallprophylaktischen Medikamente (z.B. eine De-</span><br/> <span class="ft8">potspritze) verweigern, so dass eine erneute Dekompensation erfah-</span><br/> <span class="ft8">rungsgemäss nur noch eine Frage der Zeit ist; ausserdem bei Perso-</span><br/> <span class="ft8">nen, die - z.B. in Folge einer Persönlichkeitsstörung - im Vollzug</span><br/> <span class="ft8">ohne sedierende Medikamente nicht tragbar sind, diese aber verwei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">211</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">gern (Materialien, Stellungnahme der PDAG, IPD, Ärztliche Leitung,</span><br/> <span class="ft8">vom 9. Juli 2001). Eine zwangsweise vollzogene Behandlung ist mit</span><br/> <span class="ft8">dem verfassungsmässigen Recht der persönlichen Freiheit nur ver-</span><br/> <span class="ft8">einbar, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Besserung und</span><br/> <span class="ft8">Heilung des körperlichen, geistigen oder seelischen Zustandes des</span><br/> <span class="ft8">Betroffenen spricht (Materialien, Arbeitspapier DVI, Abteilung</span><br/> <span class="ft8">Strafrecht, vom 30. Juli 2001, S. 4).</span><br/> <span class="ft8">2.3.</span><br/> <span class="ft8">Mit Urteil des Bezirksgerichts Z. vom 7. Mai 2008 war die dem</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer vom Obergericht mit Urteil vom 18. Oktober</span><br/> <span class="ft8">2007 auferlegte stationäre Massnahme für junge Erwachsene gemäss</span><br/> <span class="ft8">Art. 61 StGB gestützt auf Art. 62c Abs. 6 StGB aufgehoben worden.</span><br/> <span class="ft8">An deren Stelle wurde gestützt auf Art. 59 StGB eine stationäre</span><br/> <span class="ft8">psychiatrische Behandlung angeordnet. Dieses Urteil ist nicht rechts-</span><br/> <span class="ft8">kräftig; der amtliche Verteidiger des Beschwerdeführers hat es an das</span><br/> <span class="ft8">Obergericht des Kantons Aargau weitergezogen. Mangels Rechts-</span><br/> <span class="ft8">kraft dieses Urteils bildet § 241a Abs. 2 lit. a StPO in casu keine</span><br/> <span class="ft8">rechtsgenügliche Grundlage für die Durchführung von medizinischen</span><br/> <span class="ft8">Behandlungen oder anderen medizinisch indizierten Vorkehren ge-</span><br/> <span class="ft8">gen den Willen des Beschwerdeführers.</span><br/> <span class="ft8">Lediglich der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass eine</span><br/> <span class="ft8">neuroleptische Zwangsmedikation ohnehin nicht dem Massnahme-</span><br/> <span class="ft8">zweck (stationäre Verhaltenstherapie) entspricht.</span><br/> <span class="ft8">Im Folgenden gilt es deshalb zu prüfen, ob § 241a Abs. 2 lit. b</span><br/> <span class="ft8">StPO eine rechtsgenügliche Grundlage für die Zwangsbehandlung</span><br/> <span class="ft8">des Beschwerdeführers bildet.</span><br/> <span class="ft8">3.</span><br/> <span class="ft8">3.1.</span><br/> <span class="ft8">Wie bereits in Erw. V/2.2 hiervor ausgeführt, dürfen gemäss</span><br/> <span class="ft8">§ 241a Abs. 2 lit. b StPO ohne Zustimmung oder gegen den Willen</span><br/> <span class="ft8">des Gefangenen medizinische Behandlungen oder andere medizi-</span><br/> <span class="ft8">nisch indizierte Vorkehren nur durchgeführt werden, wenn der Ge-</span><br/> <span class="ft8">fangene aufgrund einer Krankheit nicht zurechnungsfähig ist, sich</span><br/> <span class="ft8">selbst oder Dritte in schwerer Weise gefährdet und die notwendige</span><br/> <span class="ft8">Fürsorge auf andere Weise nicht gewährleistet werden kann. Wie bei</span><br/> <span class="ft8">der fürsorgerischen Freiheitsentziehung (vgl. Art. 397a ff. ZGB) ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">212</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">vorausgesetzt, dass aufgrund einer Krankheit die nötige persönliche</span><br/> <span class="ft8">Fürsorge in der medizinischen Behandlung liegt; vorausgesetzt sind</span><br/> <span class="ft8">also Behandlungsbedürftigkeit und Behandlungsfähigkeit. Zusätzlich</span><br/> <span class="ft8">braucht es neben der Verhältnismässigkeit Zurechnungsunfähigkeit</span><br/> <span class="ft8">(bzw. Urteilsunfähigkeit) aufgrund einer Krankheit sowie eine</span><br/> <span class="ft8">schwere Selbst- oder Fremdgefährdung. Damit sind die Vorausset-</span><br/> <span class="ft8">zungen wesentlich strenger als bei einer Zwangsbehandlung im Rah-</span><br/> <span class="ft8">men einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung.</span><br/> <span class="ft8">Es ist im Folgenden im Einzelnen zu prüfen, ob die Vorausset-</span><br/> <span class="ft8">zungen nach den Bestimmungen der Aargauischen Strafprozessord-</span><br/> <span class="ft8">nung für eine Zwangsmedikation des Beschwerdeführers vorliegen.</span><br/> <span class="ft8">3.2.</span><br/> <span class="ft8">3.2.1.</span><br/> <span class="ft8">3.2.1.1.</span><br/> <span class="ft8">Die Psychiatrische Klinik Königsfelden stellte anlässlich der er-</span><br/> <span class="ft8">sten Hospitalisation des Beschwerdeführers (Mai bis August 2006)</span><br/> <span class="ft8">u.a. die Diagnose einer "Anpassungsstörung mit gemischter Störung</span><br/> <span class="ft8">von Gefühlen und Sozialverhalten" und "Persönlichkeitsakzentuie-</span><br/> <span class="ft8">rung mit dissozialen, querulatorischen Zügen". Es habe bei der</span><br/> <span class="ft8">psychiatrischen und testpsychologischen Untersuchung psychopa-</span><br/> <span class="ft8">thologisch keine direkten Hinweise für ein psychotisches Gesche-</span><br/> <span class="ft8">hen/Erleben gegeben; zu keiner Zeit habe eine positive psychotische</span><br/> <span class="ft8">Symptomatik festgestellt werden können. Bei Austritt wurden dem</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer keine Medikamente verordnet.</span><br/> <span class="ft8">3.2.1.2.</span><br/> <span class="ft8">Im forensisch-psychiatrischen Vorgutachten der Klinik Königs-</span><br/> <span class="ft8">felden vom 18. Dezember 2006 beschreibt der Gutachter, der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer zeige eine extrem geringe Frustrationstoleranz und</span><br/> <span class="ft8">eine niedrige Schwelle für aggressives und gewalttätiges Verhalten;</span><br/> <span class="ft8">er habe kein Schuldbewusstsein und sei unfähig, aus negativer Erfah-</span><br/> <span class="ft8">rung zu lernen, da er immer anderen die Schuld für sein Versagen</span><br/> <span class="ft8">gebe. In diagnostischer Hinsicht hält der Gutachter fest, es bestehe</span><br/> <span class="ft8">beim Beschwerdeführer eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Wei-</span><br/> <span class="ft8">ter wurde festgehalten, es hätten bei der psychiatrischen Untersu-</span><br/> <span class="ft8">chung keine schizophrenen Symptome festgestellt werden können;</span><br/> <span class="ft8">eine Schizophrenie im Prodromalstadium (Anfangsstadium ohne ty-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">213</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">pische Symptome) könne zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht mit letz-</span><br/> <span class="ft8">ter Sicherheit ausgeschlossen werden.</span><br/> <span class="ft8">3.2.1.3.</span><br/> <span class="ft8">Mit forensisch-psychiatrischem Gutachten vom 13. April 2007</span><br/> <span class="ft8">nimmt der Gutachter Stellung zu Fragen einer psychischen Störung,</span><br/> <span class="ft8">der Schuldfähigkeit, der Rückfallgefahr sowie einer allfälligen</span><br/> <span class="ft8">Massnahme. In diesem Zusammenhang führt er aus, die geringe</span><br/> <span class="ft8">Frusttoleranz, die labile Affektivität, die ungenügende Selbst- und</span><br/> <span class="ft8">Impulskontrolle, die mangelnde Verarbeitungs- und Introspektions-</span><br/> <span class="ft8">fähigkeit, die verzerrte, misstrauisch-paranoid anmutende Wahrneh-</span><br/> <span class="ft8">mung, die defizitäre Empathiefähigkeit und die mangelnde Anpas-</span><br/> <span class="ft8">sungsfähigkeit wiesen am ehesten auf einen Menschen mit struktu-</span><br/> <span class="ft8">rellen Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung, aber auch auf Un-</span><br/> <span class="ft8">reife in der Persönlichkeitswerdung hin. Die Persönlichkeit des Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführers sei zusammenfassend beurteilt sehr auffällig. In</span><br/> <span class="ft8">diagnostischer Hinsicht führt der Gutachter aus, beim Beschwerde-</span><br/> <span class="ft8">führer bestehe - neben einem Cannabisabhängigkeitssyndrom - eine</span><br/> <span class="ft8">kombinierte Persönlichkeitsstörung mit paranoiden, dissozialen und</span><br/> <span class="ft8">unreifen Zügen. Für diese gebe es keine sicher wirksame Therapie.</span><br/> <span class="ft8">Eine verhaltenstherapeutisch-deliktorientierte Therapie habe gemäss</span><br/> <span class="ft8">heutiger Wissensgrundlagen allenfalls eine gewisse Wirksamkeit.</span><br/> <span class="ft8">3.2.1.4.</span><br/> <span class="ft8">Anlässlich der zweiten Hospitalisation des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft8">in der Klinik Königsfelden von Dezember 2007 bis Februar 2008</span><br/> <span class="ft8">wurde die Klinik beauftragt, u.a. abzuklären, ob es sich auch um eine</span><br/> <span class="ft8">Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis handeln könnte. Im</span><br/> <span class="ft8">Bericht zu der im Verlaufe dieser Hospitalisation durchgeführten</span><br/> <span class="ft8">psychologischen Testung wurde zusammenfassend ausgeführt, der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer scheine zwischen seiner Tendenz zum Bagatelli-</span><br/> <span class="ft8">sieren, sich als Opfer darzustellen und mit einer "realitätsnahen" Ein-</span><br/> <span class="ft8">sicht zu ringen. In belastenden Situationen sei es denkbar, dass er</span><br/> <span class="ft8">eine paranoide Verarbeitung begünstige. Der Beschwerdeführer habe</span><br/> <span class="ft8">sich in den Persönlichkeitsverfahren bedeckt gezeigt; es bleibe un-</span><br/> <span class="ft8">gewiss, ob er sich nicht habe zeigen wollen oder ob er es nicht ge-</span><br/> <span class="ft8">konnt habe.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">214</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Des Weiteren war anlässlich jener Hospitalisation eine Erstpsy-</span><br/> <span class="ft8">chose-Abklärung durchgeführt worden. Diese Abklärung wurde im</span><br/> <span class="ft8">Austrittsbericht vom 5. Juni 2008 bezüglich dritte Hospitalisation des</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführers im Mai 2008 folgendermassen zusammengefasst:</span><br/> <span class="ft8">"In der damaligen Testung wurde festgehalten, dass sich trotz</span><br/> <span class="ft8">Abwesenheit florid-psychotischer Symptome der Verdacht einer Er-</span><br/> <span class="ft8">krankung aus dem schizophrenen Formenkreis, welche schleichend</span><br/> <span class="ft8">ist, nicht entkräften [lasse], dies einerseits durch die Krankheitsent-</span><br/> <span class="ft8">wicklung über Jahre mit einem deutlichen Leistungsknick und immer</span><br/> <span class="ft8">wieder uneinfühlbarem Verhalten, sowie der genetischen Belastung</span><br/> <span class="ft8">durch eine schizophrene Mutter. Dennoch liessen sich nie eigentliche</span><br/> <span class="ft8">psychotische Symptome finden, sodass dies allenfalls eine Ver-</span><br/> <span class="ft8">dachtsdiagnose bleibt."</span><br/> <span class="ft8">Die Klinikärzte kamen anlässlich der zweiten Hospitalisation zu</span><br/> <span class="ft8">folgender Diagnose:</span><br/> <span class="ft8">"- Kombinierte Persönlichkeitsstörung mit paranoiden, dissozialen</span><br/> <span class="ft8">und unreifen Zügen (...)</span><br/> <span class="ft8">- Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis (...)</span><br/> <span class="ft8">- Anamnestisch schädlicher Gebrauch von Cannabis (...)"</span><br/> <span class="ft8">3.2.1.5.</span><br/> <span class="ft8">Die Diagnose anlässlich der dritten Hospitalisation des Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführers im Mai 2008 lautete folgendermassen :</span><br/> <span class="ft8">"- Kombinierte Persönlichkeitsstörung mit paranoiden, dissozialen</span><br/> <span class="ft8">und unreifen Zügen (...)</span><br/> <span class="ft8">- Anamnestisch schädlicher Gebrauch von Cannabis (...)</span><br/> <span class="ft8">- Schleichende Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis,</span><br/> <span class="ft8">lässt sich gemäss Erstpsychoseabklärung nicht ausschliessen, aktuell</span><br/> <span class="ft8">klinisch keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich"</span><br/> <span class="ft8">3.2.1.6.</span><br/> <span class="ft8">Anlässlich der aktuellen Hospitalisation des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft8">in der Klinik Königsfelden wurde anlässlich der Aufnahme folgende</span><br/> <span class="ft8">Beurteilung abgegeben:</span><br/> <span class="ft8">"- Angespanntes, fremdgefährliches Zustandsbild mit fragilen psy-</span><br/> <span class="ft8">chotischen Symptomen bei bekannter Erkrankung des schizophrenen</span><br/> <span class="ft8">Formenkreises</span><br/> <span class="ft8">- Substanz-induziert</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">215</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">- Gemischte Persönlichkeitsstörung mit paranoiden, dissozialen und</span><br/> <span class="ft8">unreifen Zügen</span><br/> <span class="ft8">- (...)"</span><br/> <span class="ft8">Auf dem Zwangsmassnahmen-Entscheid vom 30. Juni 2008</span><br/> <span class="ft8">wurde unter der Rubrik Diagnose "Schizophrenie; DD: Persönlich-</span><br/> <span class="ft8">keitsstörung" aufgeführt.</span><br/> <span class="ft8">Entsprechend führte der behandelnde Oberarzt anlässlich der</span><br/> <span class="ft8">verwaltungsgerichtlichen Verhandlung vom 15. Juli 2008 aus, man</span><br/> <span class="ft8">könne aufgrund von Beobachtungen über einen längeren Zeitraum</span><br/> <span class="ft8">feststellen, dass beim Beschwerdeführer Denkstörungen mit einer pa-</span><br/> <span class="ft8">ranoiden Verarbeitung der Umgebung stattfänden; so seien immer die</span><br/> <span class="ft8">anderen schuld; es bestehe ein stetes Misstrauen. Dies seien Hin-</span><br/> <span class="ft8">weise auf eine Schizophrenie. Die Dichte dieser Hinweise sowie de-</span><br/> <span class="ft8">ren Konstanz lägen näher bei einer Schizophrenie als bei einer Per-</span><br/> <span class="ft8">sönlichkeitsstörung. Der Beschwerdeführer kenne die Krankheit</span><br/> <span class="ft8">Schizophrenie von seiner Mutter und könne daher die Symptome</span><br/> <span class="ft8">verstecken; er kontrolliere sich, was er sage. Es bestehe eine ge-</span><br/> <span class="ft8">lockerte Assoziation, wobei diese Störung der Gedanken symptoma-</span><br/> <span class="ft8">tisch für eine Schizophrenie sei.</span><br/> <span class="ft8">3.2.2.</span><br/> <span class="ft8">Es kann festgestellt werden, dass mit Ausnahme der aktuellen</span><br/> <span class="ft8">Hospitalisation alle involvierten Psychiater eindeutig die Diagnose</span><br/> <span class="ft8">einer Persönlichkeitsstörung gestellt haben. Insbesondere im Gut-</span><br/> <span class="ft8">achten vom 13. April 2007 wird diese Diagnose ausführlich begrün-</span><br/> <span class="ft8">det. Auch der vom Gericht beigezogene Gutachter bestätigte diese</span><br/> <span class="ft8">Diagnose anlässlich der verwaltungsgerichtlichen Verhandlung. Für</span><br/> <span class="ft8">das Verwaltungsgericht steht somit fest, dass beim Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft8">eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Gemäss übereinstimmenden</span><br/> <span class="ft8">Angaben der Fachärzte besteht die adäquate Behandlung derselben in</span><br/> <span class="ft8">einer Verhaltenstherapie (vgl. Erw. V/3.2.1.3 hiervor), zumal sich</span><br/> <span class="ft8">eine Persönlichkeitsstörung medikamentös kaum behandeln lässt.</span><br/> <span class="ft8">Unklar ist, ob zusätzlich eine Erkrankung aus dem schizophre-</span><br/> <span class="ft8">nen Formenkreis vorliegt, bei welcher eine neuroleptische Behand-</span><br/> <span class="ft8">lung medizinisch indiziert wäre. Verschiedene Indizien dafür liegen</span><br/> <span class="ft8">zwar vor, allerdings bleibt es bei einer Verdachtsdiagnose. Ent-</span><br/> <span class="ft8">sprechend führte auch der Gutachter anlässlich der verwaltungsge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">216</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">richtlichen Verhandlung aus, die letzten Beweise für eine paranoide</span><br/> <span class="ft8">Schizophrenie seien nicht gegeben. Insbesondere steht fest, dass ak-</span><br/> <span class="ft8">tuell keine florid psychotischen Symptome vorhanden sind. Das vom</span><br/> <span class="ft8">behandelnden Oberarzt mehrfach erwähnte "paranoide Verarbeiten"</span><br/> <span class="ft8">konnte aktuell nicht konkretisiert werden. So antwortete der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer an der für ihn sicherlich mit einer gewissen Belas-</span><br/> <span class="ft8">tung verbundenen verwaltungsgerichtlichen Verhandlung ruhig, an-</span><br/> <span class="ft8">ständig, adäquat, realitätsbezogen und in jeder Hinsicht nachvoll-</span><br/> <span class="ft8">ziehbar. Es lagen keinerlei Hinweise auf ein psychotisches Gesche-</span><br/> <span class="ft8">hen im Hintergrund vor; der Blick war offen. Dass sich der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer wiederholt über die Ungerechtigkeit äusserte, nun</span><br/> <span class="ft8">beinahe zwei Jahre im Gefängnis zu sein und noch immer kein Ende</span><br/> <span class="ft8">der Strafe zu sehen, ist nachvollziehbar. Das Verwaltungsgericht geht</span><br/> <span class="ft8">mit dem anwesenden psychiatrischen Sachverständigen überein, dass</span><br/> <span class="ft8">die Tatsache, dass der Beschwerdeführer auf gewisse Fragen andere</span><br/> <span class="ft8">Ausführungen machte, nicht auf eine Denkstörung schliessen lassen,</span><br/> <span class="ft8">sondern eher ein Ausweichen auf unangenehme Fragen darstellt, dies</span><br/> <span class="ft8">verbunden mit dem Bedürfnis, seine als ungerecht empfundene Lage</span><br/> <span class="ft8">zu erklären.</span><br/> <span class="ft8">Selbst wenn also die Verdachtsdiagnose einer Schizophrenie</span><br/> <span class="ft8">zutreffen würde, so ist aktuell kein akutes Krankheitsbild, sind keine</span><br/> <span class="ft8">florid psychotischen Symptome erkennbar, sondern höchstens ge-</span><br/> <span class="ft8">wisse Minussymptome. In diesem Zusammenhang ist jedoch zu be-</span><br/> <span class="ft8">achten, dass solche Minussymptome unspezifisch sind, d. h. sie sind</span><br/> <span class="ft8">nicht nur an schizophrene Psychosen gebunden, sondern kommen</span><br/> <span class="ft8">auch bei anderen Krankheiten vor, so auch bei Persönlichkeitsstö-</span><br/> <span class="ft8">rungen.</span><br/> <span class="ft8">3.3.</span><br/> <span class="ft8">3.3.1.</span><br/> <span class="ft8">Damit eine Massnahme verhältnismässig ist, muss sie geeignet</span><br/> <span class="ft8">und notwendig sein, und es muss eine vernünftige Zweck-Mittel-</span><br/> <span class="ft8">Relation vorliegen. Eine Zwangsmassnahme ist namentlich dann un-</span><br/> <span class="ft8">verhältnismässig, wenn eine ebenso geeignete mildere für den ange-</span><br/> <span class="ft8">strebten Erfolg ausreicht. Der Eingriff darf in sachlicher, räumlicher,</span><br/> <span class="ft8">zeitlicher und personeller Hinsicht nicht einschneidender sein als</span><br/> <span class="ft8">notwendig. Nach diesen Kriterien der Verhältnismässigkeit bzw. der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">217</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Subsidiarität ist die weniger eingreifende der eingriffsintensiveren</span><br/> <span class="ft8">und die bessernde der bloss sichernden Massnahme vorzuziehen und</span><br/> <span class="ft8">die geeignete Behandlungsform auszuwählen (BGE 127 IV 154</span><br/> <span class="ft8">Erw. 4c).</span><br/> <span class="ft8">Dass (auch) bei Zwangsmassnahmen im Rahmen eines Straf-</span><br/> <span class="ft8">vollzugs die Verhältnismässigkeit gewahrt werden muss, drückt</span><br/> <span class="ft8">§ 241a Abs. 2 lit. b StPO mit den Worten aus: "wenn [...] die not-</span><br/> <span class="ft8">wendige Fürsorge auf andere Weise nicht gewährleistet werden</span><br/> <span class="ft8">kann". Durch diese Formulierung soll zur möglichsten Schonung der</span><br/> <span class="ft8">persönlichen Freiheit die Zwangsbehandlung im Sinne des Verhält-</span><br/> <span class="ft8">nismässigkeitsprinzips beschränkt werden; die Zwangsbehandlung</span><br/> <span class="ft8">muss also ultima ratio bleiben. Die Beurteilung hängt im Wesentli-</span><br/> <span class="ft8">chen davon ab, in welchem Ausmass eine Behandlung einerseits</span><br/> <span class="ft8">"notwendig" und welches andererseits die Auswirkungen im Falle ei-</span><br/> <span class="ft8">ner Nichtbehandlung sind.</span><br/> <span class="ft8">Wie bereits in Erwägung V/2.2.3 hiervor ausgeführt, ist eine</span><br/> <span class="ft8">zwangsweise vollzogene Behandlung nur verhältnismässig, wenn</span><br/> <span class="ft8">eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Besserung und Heilung des</span><br/> <span class="ft8">körperlichen, geistigen oder seelischen Zustandes des Betroffenen</span><br/> <span class="ft8">spricht.</span><br/> <span class="ft8">3.3.2.</span><br/> <span class="ft8">3.3.2.1.</span><br/> <span class="ft8">Eine Behandlungsbedürftigkeit liegt dann vor, wenn eine Per-</span><br/> <span class="ft8">son in organischer oder psychischer Hinsicht derart erheblich von der</span><br/> <span class="ft8">Gesundheit/des Wohlbefindens abweicht, dass stationäre oder am-</span><br/> <span class="ft8">bulante medizinische, insbesondere psychiatrische, psychologische</span><br/> <span class="ft8">oder heilpädagogische Vorkehren angezeigt erscheinen.</span><br/> <span class="ft8">3.3.2.2.</span><br/> <span class="ft8">Wie bereits in den Erwägungen hiervor ausgeführt, lässt sich</span><br/> <span class="ft8">eine Persönlichkeitsstörung mit neuroleptischer Medikation nicht be-</span><br/> <span class="ft8">handeln. Entsprechend wird im Gutachten vom 13. April 2007 aus-</span><br/> <span class="ft8">geführt, für die kombinierte Persönlichkeitsstörung gebe es keine si-</span><br/> <span class="ft8">cher wirksame Therapie; lediglich eine verhaltenstherapeutisch-de-</span><br/> <span class="ft8">liktsorientierte Psychotherapie habe gemäss heutiger Wissensgrund-</span><br/> <span class="ft8">lage eine gewisse Wirksamkeit. Dementsprechend hat das Bezirksge-</span><br/> <span class="ft8">richt Z. mit Entscheid vom 16. Mai 2007 den Vollzug der Freiheits-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">218</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">strafe zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme ge-</span><br/> <span class="ft8">mäss Art. 61 StGB (Massnahme für junge Erwachsene, die in ihrer</span><br/> <span class="ft8">Persönlichkeitsentwicklung erheblich gestört sind) aufgeschoben;</span><br/> <span class="ft8">das Obergericht hat eine dagegen ergriffene Berufung mit Urteil vom</span><br/> <span class="ft8">18. Oktober 2007 abgewiesen. Später hat das Bezirksgericht Z. mit</span><br/> <span class="ft8">Urteil vom 7. Mai 2008 anstelle einer Massnahme für junge Erwach-</span><br/> <span class="ft8">sene eine stationäre Massnahme gemäss Art. 59 StGB angeordnet</span><br/> <span class="ft8">(dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig).</span><br/> <span class="ft8">3.3.2.3.</span><br/> <span class="ft8">Falls beim Beschwerdeführer neben der Persönlichkeitsstörung</span><br/> <span class="ft8">eine Schizophrenie vorliegen würde, wäre eine medikamentöse Be-</span><br/> <span class="ft8">handlungsbedürftigkeit grundsätzlich zu bejahen. Aus medizinischer</span><br/> <span class="ft8">Sicht ist daher ein Behandlungsversuch dieser Verdachtsdiagnose</span><br/> <span class="ft8">durchaus nachvollziehbar; fraglich ist dagegen, ob dies gegen den</span><br/> <span class="ft8">Willen des Beschwerdeführers zulässig ist.</span><br/> <span class="ft8">3.3.2.4.</span><br/> <span class="ft8">Zusammenfassend ist festzustellen, dass an der medikamentö-</span><br/> <span class="ft8">sen Behandlungsbedürftigkeit somit zumindest Bedenken bestehen.</span><br/> <span class="ft8">3.3.3.</span><br/> <span class="ft8">3.3.3.1.</span><br/> <span class="ft8">Weitere Voraussetzung für die Durchführung einer Zwangs-</span><br/> <span class="ft8">massnahme nach § 241a Abs. 2 lit. b StPO ist die Behandlungsfähig-</span><br/> <span class="ft8">keit des Betroffenen. Verspricht eine neuroleptische Behandlung von</span><br/> <span class="ft8">vorneherein keinen Erfolg, kommt eine neuroleptische Zwangsbe-</span><br/> <span class="ft8">handlung nicht in Frage.</span><br/> <span class="ft8">3.3.3.2.</span><br/> <span class="ft8">Der zuständige Oberarzt führte anlässlich der Verhandlung aus,</span><br/> <span class="ft8">er sehe bereits einen Behandlungserfolg. Der Beschwerdeführer sei</span><br/> <span class="ft8">nicht mehr so misstrauisch im Gespräch; er mache ein Stück weit</span><br/> <span class="ft8">mit. Es sei eine leichte Verbesserung eingetreten.</span><br/> <span class="ft8">3.3.3.3.</span><br/> <span class="ft8">Der anwesende Gutachter führte in diesem Zusammenhang aus,</span><br/> <span class="ft8">man könne nicht sagen, dass es mit der Behandlung zu einem Fort-</span><br/> <span class="ft8">schritt komme und ohne Behandlung zu einer Verschlechterung; dies</span><br/> <span class="ft8">könne man im Voraus nicht abschätzen.</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">219</span></div> <div class="page" id="S13"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">3.3.3.4.</span><br/> <span class="ft8">Gemäss dem bisher Ausgeführten handelt es sich bei der beim</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer vorliegenden Persönlichkeitsstörung um eine psy-</span><br/> <span class="ft8">chische Störung, die nach dem heutigen Stand der Wissenschaft me-</span><br/> <span class="ft8">dikamentös nicht behandelt werden kann; eine Behandlungsfähigkeit</span><br/> <span class="ft8">betreffend Persönlichkeitsstörung durch Neuroleptika ist unter diesen</span><br/> <span class="ft8">Umständen zu verneinen.</span><br/> <span class="ft8">3.3.3.5.</span><br/> <span class="ft8">Selbst wenn beim Beschwerdeführer neben der Persönlichkeits-</span><br/> <span class="ft8">störung eine Schizophrenie vorliegen würde, wäre die Behandlungs-</span><br/> <span class="ft8">fähigkeit betreffend Negativsymptomatik gering.</span><br/> <span class="ft8">Entsprechend wurde im Austrittsbericht vom 5. Juni 2008 das</span><br/> <span class="ft8">Folgende festgehalten:</span><br/> <span class="ft8">"Wir erachten es als nicht verhältnismässig, ihn zwangszumedi-</span><br/> <span class="ft8">zieren, da ein Erfolg einer medikamentösen Therapie, wenn über-</span><br/> <span class="ft8">haupt, nur in sehr begrenztem Ausmass, im Vergleich zu allfälligen</span><br/> <span class="ft8">Spätfolgen desselben zu erwarten gewesen wäre. Dies einerseits,</span><br/> <span class="ft8">weil sich eine Persönlichkeitsstörung kaum mehr medikamentös be-</span><br/> <span class="ft8">einflussen lässt und ein schleichender Verlauf einer Schizophrenia</span><br/> <span class="ft8">simplex weiter höchstens eine Verdachtsdiagnose ohne eindeutige</span><br/> <span class="ft8">Anhaltspunkte bildet. Selbst wenn es sich um eine solche handeln</span><br/> <span class="ft8">sollte, wäre eine medikamentöse Therapie deutlich weniger wirksam</span><br/> <span class="ft8">bei den so genannten Negativsymptomen, als bei einer florid-psy-</span><br/> <span class="ft8">chotischen Situation, die bei Herrn B. zu keiner Zeit vorlag."</span><br/> <span class="ft8">Das Verwaltungsgericht kann sich dieser oberärztlichen Ansicht</span><br/> <span class="ft8">vollumfänglich anschliessen: Da kein florid psychotisches Zustands-</span><br/> <span class="ft8">bild vorliegt, würde es selbst bei Vorliegen einer Schizophrenie an</span><br/> <span class="ft8">einer nachgewiesenen Behandlungsfähigkeit fehlen. Die Ausführun-</span><br/> <span class="ft8">gen des behandelnden Oberarztes lassen Fragen offen, wenn er einer-</span><br/> <span class="ft8">seits ausführt, es sei durch die neuroleptische Behandlung bereits</span><br/> <span class="ft8">eine Verbesserung eingetreten, er jedoch andererseits schildert, dass</span><br/> <span class="ft8">die dem Beschwerdeführer am 30. Juni 2008 verabreichte Risperdal-</span><br/> <span class="ft8">Spritze erst nach drei Wochen ihre Wirkung entfalte und der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer die Risperdal-Tabletten schmuggle, indem er sie in</span><br/> <span class="ft8">die Urinflasche ausspucke.</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">220</span></div> <div class="page" id="S14"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">3.3.3.6.</span><br/> <span class="ft8">Diese Erwägungen schliessen nicht aus, dass eine neurolepti-</span><br/> <span class="ft8">sche Behandlung durchaus sinnvoll wäre, im Interesse des Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführers liegen könnte und medizinisch vertretbar wäre, zu-</span><br/> <span class="ft8">mal man daraus bzw. aus dem allfälligen Behandlungserfolg nach-</span><br/> <span class="ft8">trägliche Rückschlüsse betreffend die Verdachtsdiagnose Schizo-</span><br/> <span class="ft8">phrenie tätigen könnte.</span><br/> <span class="ft8">3.3.4.</span><br/> <span class="ft8">Es ist bereits ausgeführt worden, dass mit einer neuroleptischen</span><br/> <span class="ft8">Behandlung lediglich ein geringer Behandlungserfolg zu erwarten</span><br/> <span class="ft8">ist, zumal der Beschwerdeführer primär an einer Persönlichkeitsstö-</span><br/> <span class="ft8">rung leidet, welche ohnehin schwer therapierbar ist. Aus diesem</span><br/> <span class="ft8">Grund ist vorliegend die Verhältnismässigkeit der Zwangsmedikation</span><br/> <span class="ft8">nicht gegeben. Die notwendige Fürsorge im Haftstatus kann dem Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer ohne neuroleptische Behandlung erwiesen werden.</span><br/> <span class="ft8">So ergibt sich aus den Akten, dass der Beschwerdeführer die meiste</span><br/> <span class="ft8">Zeit anständig und freundlich ist; es ist nicht ersichtlich, dass er einer</span><br/> <span class="ft8">besonderen Behandlung/Fürsorge bedürfe.</span><br/> <span class="ft8">Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer bei den gele-</span><br/> <span class="ft8">gentlich vorkommenden Aggressionsdurchbrüchen notfallmässig se-</span><br/> <span class="ft8">diert werden kann. Ob diese Aggressionsdurchbrüche mit seiner</span><br/> <span class="ft8">Situation (seit rund 20 Monaten in Haft; das Ende der Haftzeit ist</span><br/> <span class="ft8">noch offen), seiner Persönlichkeitsstörung oder mit einer allfälligen</span><br/> <span class="ft8">Schizophrenie in Zusammenhang stehen, ist ungewiss.</span><br/> <span class="ft8">3.4.</span><br/> <span class="ft8">3.4.1.</span><br/> <span class="ft8">Weitere Voraussetzung für die Zulässigkeit einer Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft8">nahme nach § 241a Abs. 2 lit. b StPO ist die Unzurechnungsfähigkeit</span><br/> <span class="ft8">des Betroffenen aufgrund einer Krankheit.</span><br/> <span class="ft8">Bei der Auslegung dieser Voraussetzung ist zunächst festzuhal-</span><br/> <span class="ft8">ten, dass der Begriff Zurechnungsfähigkeit ein Begriff des Straf-</span><br/> <span class="ft8">rechts ist und die Schuldfähigkeit eines Täters in Bezug auf eine be-</span><br/> <span class="ft8">stimmte Straftat betrifft. So ist gemäss Art. 19 StGB nicht strafbar,</span><br/> <span class="ft8">wer zur Zeit der Tat nicht fähig war, das Unrecht seiner Tat einzuse-</span><br/> <span class="ft8">hen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln. Im Zusammenhang mit</span><br/> <span class="ft8">einer medizinischen Zwangsbehandlung eines Gefangenen kann so-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">221</span></div> <div class="page" id="S15"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">mit die Frage der Zurechnungsfähigkeit im strafrechtlichen Sinne</span><br/> <span class="ft8">keine Rolle spielen. Eine teleologische Auslegung der Bestimmung</span><br/> <span class="ft8">ergibt, dass man in Analogie zur Zwangsbehandlung im Rahmen von</span><br/> <span class="ft8">fürsorgerischen Freiheitsentziehungen (§ 67e</span><span class="ft9"><sup>bis</sup></span> <span class="ft8">EG ZGB) eine ge-</span><br/> <span class="ft8">setzliche Grundlage für behandlungsbedürftige Gefangene schaffen</span><br/> <span class="ft8">wollte. Unklar ist, ob der Wortlaut "aufgrund einer Krankheit nicht</span><br/> <span class="ft8">zurechnungsfähig" eine Umschreibung von "Geisteskrankheit oder</span><br/> <span class="ft8">Geistesschwäche" sein soll, oder ob damit bewusst strengere Voraus-</span><br/> <span class="ft8">setzungen für eine Zwangsbehandlung geschaffen werden sollten,</span><br/> <span class="ft8">indem das Vorliegen einer Urteilsunfähigkeit bezüglich Behandlung</span><br/> <span class="ft8">vorausgesetzt werden sollte.</span><br/> <span class="ft8">Sinn und Zweck von § 241a Abs. 2 lit. b StPO liegt darin,</span><br/> <span class="ft8">kranke Gefangene unter den gleichen Voraussetzungen wie Personen</span><br/> <span class="ft8">in einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung gegen ihren Willen me-</span><br/> <span class="ft8">dizinisch behandeln zu können, wobei gemäss eindeutigem Wortlaut</span><br/> <span class="ft8">zusätzlich eine schwere Selbst- oder Drittgefährdung vorausgesetzt</span><br/> <span class="ft8">wird. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Zwangsbehandlun-</span><br/> <span class="ft8">gen stets im eigenen wohlverstandenen Interesse einer kranken Per-</span><br/> <span class="ft8">son erfolgen, ist bereits diese zusätzliche Voraussetzung (schwere</span><br/> <span class="ft8">Selbst- oder Drittgefährdung) bedenklich, kann doch einem kranken</span><br/> <span class="ft8">Gefangenen erst später - nämlich erst bei einer schweren Gefähr-</span><br/> <span class="ft8">dungssituation - die in seinem Interesse liegende, wenn auch gegen</span><br/> <span class="ft8">seinen Willen erfolgte, adäquate Behandlung zuteil werden, als ei-</span><br/> <span class="ft8">nem genau gleich kranken Menschen, der gegen seinen Willen in</span><br/> <span class="ft8">eine Klinik eingewiesen und dort gegen seinen Willen behandelt</span><br/> <span class="ft8">wird. Umso mehr verstösst § 241a Abs. 2 lit. b StPO gegen das</span><br/> <span class="ft8">Rechtsgleichheitsprinzip, wenn diese Norm so ausgelegt wird, dass</span><br/> <span class="ft8">zusätzlich zur schweren Selbst- oder Fremdgefährdung das Vorliegen</span><br/> <span class="ft8">einer Urteilsunfähigkeit des kranken Gefangenen vorausgesetzt wird.</span><br/> <span class="ft8">Es ist unter diesen Umständen nicht nachvollziehbar, weshalb andere</span><br/> <span class="ft8">- strengere - Voraussetzungen für eine Zwangsbehandlung geschaffen</span><br/> <span class="ft8">werden sollten; sicher ist jedoch, dass im Sinne einer restriktiven</span><br/> <span class="ft8">Umsetzung höchstens Urteilsunfähigkeit aufgrund einer Krankheit in</span><br/> <span class="ft8">Bezug auf die (notwendige) medikamentöse Behandlung gemeint</span><br/> <span class="ft8">sein kann.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">222</span></div> <div class="page" id="S16"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Es rechtfertigt sich, die Auslegung des Begriffs der Urteilsfä-</span><br/> <span class="ft8">higkeit bzw. Urteilsunfähigkeit im Sinne von Art. 16 ZGB vorzuneh-</span><br/> <span class="ft8">men, wonach urteilsfähig ist, wer nicht wegen seines Kindesalters</span><br/> <span class="ft8">oder infolge von Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Trunkenheit</span><br/> <span class="ft8">oder ähnlichen Zuständen die Fähigkeit mangelt, vernunftgemäss zu</span><br/> <span class="ft8">handeln.</span><br/> <span class="ft8">Für die Beurteilung der Urteilsunfähigkeit ist im Einzelfall von</span><br/> <span class="ft8">den konkreten Umständen hinsichtlich einer bestimmten Handlung</span><br/> <span class="ft8">auszugehen. Urteilsunfähigkeit kann angenommen werden, wenn es</span><br/> <span class="ft8">an der Fähigkeit fehlt, eine bestimmte Lage richtig zu beurteilen und</span><br/> <span class="ft8">in Angelegenheiten der in Frage stehenden Art ein vernünftiges Ur-</span><br/> <span class="ft8">teil zu bilden sowie die Beweggründe und Folgen eines bestimmten</span><br/> <span class="ft8">Handelns richtig zu erkennen (vgl. dazu den Entscheid des Bundes-</span><br/> <span class="ft8">gerichts vom 22. März 2001 [1P.103/2001], Erw. 7b/aa).</span><br/> <span class="ft8">3.4.2.</span><br/> <span class="ft8">Der behandelnde Oberarzt führte anlässlich der Verhandlung</span><br/> <span class="ft8">aus, er erachte den Beschwerdeführer als urteilsunfähig betreffend</span><br/> <span class="ft8">Medikation.</span><br/> <span class="ft8">3.4.3.</span><br/> <span class="ft8">Es ist nicht erkennbar, dass die diagnostizierte Persönlichkeits-</span><br/> <span class="ft8">störung beim Beschwerdeführer zu einem fehlenden Realitätsbezug</span><br/> <span class="ft8">führt. Da eine Persönlichkeitsstörung einer neuroleptischen Behand-</span><br/> <span class="ft8">lung nicht zugänglich ist, kann sicher nicht gesagt werden, der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer sei urteilsunfähig, wenn er diese Behandlung ver-</span><br/> <span class="ft8">weigert.</span><br/> <span class="ft8">Selbst bei allfälligem Vorliegen einer Schizophrenie kann nicht</span><br/> <span class="ft8">gesagt werden, dem Beschwerdeführer fehle die Einsicht in die Not-</span><br/> <span class="ft8">wendigkeit der Behandlung. Der Beschwerdeführer kennt die Krank-</span><br/> <span class="ft8">heit von seiner Mutter her; anlässlich seiner zweiten Hospitalisation</span><br/> <span class="ft8">in der Klinik Königsfelden Ende 2007/anfangs 2008 wurde er mit</span><br/> <span class="ft8">Neuroleptika behandelt. Er kennt das Wesen einer neuroleptischen</span><br/> <span class="ft8">Behandlung; er weiss, was die entsprechenden Medikamente bewir-</span><br/> <span class="ft8">ken, sowohl in positiver Hinsicht als auch in Bezug auf Nebenwir-</span><br/> <span class="ft8">kungen. Dass er diese Behandlung nicht will, ist in einem gewissen</span><br/> <span class="ft8">Sinne nachvollziehbar, zumal er unter keinen positiven Symptomen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen gemäss § 241a StPO</span> <span class="page_no">223</span></div> <div class="page" id="S17"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">(Halluzinationen usw.) leidet. Es kann daraus nicht auf diesbezügli-</span><br/> <span class="ft8">che Urteilsunfähigkeit geschlossen werden.</span><br/> <span class="ft8">3.4.4.</span><br/> <span class="ft8">In Zusammenfassung obiger Erwägungen kann festgestellt wer-</span><br/> <span class="ft8">den, dass der Beschwerdeführer hinsichtlich der Frage einer medi-</span><br/> <span class="ft8">kamentösen Behandlung urteilsfähig ist.</span><br/> <span class="ft8">3.5.</span><br/> <span class="ft8">3.5.1.</span><br/> <span class="ft8">Weitere Voraussetzung für die Zulässigkeit von Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft8">nahmen im Strafvollzug ist das Vorliegen einer schweren Selbst-</span><br/> <span class="ft8">oder Drittgefährdung.</span><br/> <span class="ft8">Fremdgefährdung liegt vor, wenn für andere Personen eine ab-</span><br/> <span class="ft8">sehbare Gefährdung besteht. Gefahr besteht insbesondere in aggres-</span><br/> <span class="ft8">sivem Verhalten bis zur Androhung von schwerer Gewalt oder in</span><br/> <span class="ft8">körperlichen Attacken.</span><br/> <span class="ft8">3.5.2.</span><br/> <span class="ft8">Wenn der Gesetzestext von schwerer Fremdgefährdung spricht,</span><br/> <span class="ft8">kann nur eine akute Fremdgefährdung gemeint sein. Aus den Akten</span><br/> <span class="ft8">ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer in den vergangenen</span><br/> <span class="ft8">Jahren mehrfach massiv bedrohlich und teilweise auch tätlich ge-</span><br/> <span class="ft8">worden ist. Der Vorfall im Bezirksgefängnis Z. vom 26. Juni 2008,</span><br/> <span class="ft8">wo der Beschwerdeführer den Gefangenenwart mehrfach bedrohte,</span><br/> <span class="ft8">in der Zelle ein Feuer entzündete und ein Metallstück eines Fenster-</span><br/> <span class="ft8">rahmens in bedrohlicher Haltung in der Hand hatte, führte zur ak-</span><br/> <span class="ft8">tuellen Hospitalisation des Beschwerdeführers in der Klinik Königs-</span><br/> <span class="ft8">felden. In diesem Zeitpunkt war eine schwere Fremdgefährdung</span><br/> <span class="ft8">nicht auszuschliessen.</span><br/> <span class="ft8">Seit der Beschwerdeführer in der Klinik Königsfelden ist, gab</span><br/> <span class="ft8">es keinerlei Anzeichen für eine akute Fremdgefährdung. So wurde</span><br/> <span class="ft8">bereits am Tag nach der Einweisung in der Krankengeschichte an-</span><br/> <span class="ft8">lässlich der oberärztlichen Untersuchung explizit festgehalten, es be-</span><br/> <span class="ft8">stünden keine Hinweise auf Fremdgefährdung. Der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft8">rer wird im Pflegebericht durchwegs als anständig und freundlich be-</span><br/> <span class="ft8">schrieben. Trotz der schwierigen persönlichen Situation, trotz Isola-</span><br/> <span class="ft8">tion und Zwangsmedikation ist der Beschwerdeführer nie "ausge-</span><br/> <span class="ft8">rastet". Auch anlässlich der verwaltungsgerichtlichen Verhandlung,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">224</span></div> <div class="page" id="S18"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">welche einen zusätzlichen Stressfaktor darstellt, blieb er ruhig und</span><br/> <span class="ft8">stets anständig. Eine schwere Drittgefährdung im Sinne von § 241a</span><br/> <span class="ft8">Abs. 2 lit. b StPO liegt somit nicht vor.</span><br/> <span class="ft8">4.</span><br/> <span class="ft8">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die strengen Vorausset-</span><br/> <span class="ft8">zungen für eine Zwangsmedikation gemäss § 241a Abs. 2 lit. b StPO</span><br/> <span class="ft8">vorliegend nicht erfüllt sind. Nebst der gutachterlich festgestellten</span><br/> <span class="ft8">Diagnose der Persönlichkeitsstörung und der Notwendigkeit einer</span><br/> <span class="ft8">Verhaltenstherapie bestehen zu viele Ungewissheiten. Es muss im</span><br/> <span class="ft8">heutigen Zeitpunkt offen bleiben, ob allenfalls zusätzlich eine Er-</span><br/> <span class="ft8">krankung aus dem schizophrenen Formenkreis vorliegt und ob mit-</span><br/> <span class="ft8">tels Neuroleptika ein wesentlicher Behandlungserfolg erzielt werden</span><br/> <span class="ft8">könnte. Zusätzlich fehlt es an einer schweren Fremdgefährdung des</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführers ebenso wie an einer durch Krankheit verursach-</span><br/> <span class="ft8">ten Urteilsunfähigkeit.</span><br/> <span class="ft8">Aus diesen Gründen wird der Zwangsmassnahmen-Entscheid</span><br/> <span class="ft8">der Klinik Königsfelden vom 30. Juni 2008 aufgehoben.</span><br/></div> </div> </body> </html>