Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 16. August 2012 (725 12 115) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Verwirkung des Anspruchs auf eine Invalidenrente Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Jgnaz Jer mann, Kantonsrichter Daniel Noll, Gerichtsschreiberin Gisela Wartenweiler Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch J avier Ferreiro, Advokat, Gerbergasse 1, 4001 Basel gegen SUVA , Rechtsabteilung, Postfach 4358, 6002 Luzern, Beschwerde- gegnerin, vertreten durch Andrea Tarnutzer, Advokat, Güterstrasse 106, 4053 Basel Betreff Leistungen A. Der 1957 geborene A.____ war seit 1. Juni 1982 al s Bauarbeiter bei der B.____ in X.____ angestellt und durch die Arbeitgeberin bei der Schweiz erischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert. Im Ok- tober 1989 erlitt A.____ beim Ziehen einer Palette mit Backsteinen ein Schulterimpingement- Syndrom und eine adhäsive Capsulitis rechts. Infolge anha ltender Schmerzen suchte er am 22. Januar 1990 seinen Hausarzt auf, worauf eine Unfal lmeldung erfolgte. Die SUVA kam für Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Kosten der Heilbehandlung und Taggelder auf. Mit Verfügung vom 13. Dezember 2000 sprach die IV-Stelle A.____ ab 1. Mai 2000 eine ganze Invalidenrente zu. Aufgrund einer Rück- fallmeldung gewährte die SUVA dem Versicherten mit Ve rfügung vom 26. Februar 2001 eine Integritätsentschädigung aufgrund einer Integritätsein busse von 10 %. Diese Verfügung er- wuchs unangefochten in Rechtskraft. Mit Schreiben vom 26. Mai 2010 wies die damalige Rechtsvertreterin des Versicherten die SUVA darauf hin, dass noch kein Rentenentscheid er- gangen sei. In der Folge erliess die SUVA am 1. Juni 20 11 die Rentenverfügung, mit welcher der Versicherte eine Invalidenrente gestützt auf eine Erwerbsunfähigkeit von 26 % per 1. Mai 2005 erhielt. Die gegen diese Verfügung erhobene Ein sprache wies die SUVA mit Entscheid vom 8. März 2012 ab. B. Gegen diesen Entscheid reichte A.____, vertreten d urch Advokat Javier Ferreiro, am 4. April 2012 Beschwerde ans Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsge- richt) ein. Er beantragte, es sei der Einspracheentschei d vom 8. März 2012 aufzuheben und es seien ihm in Abänderung der Verfügung vom 1. Juni 201 1 die ihm zugesprochene Rente rück- wirkend per 1. September 2001 zu gewähren; unter o/e- Kostenfolge. Zur Begründung machte der Versicherte im Wesentlichen geltend, dass sich der Versi cherte entgegen der Ansicht der SUVA bereits im September 2000 zum Leistungsbezug ange meldet habe. Die Festsetzung des Rentenbeginns per 1. Mai 2005 sei somit nicht rechtmässig. Das Schreiben der damaligen Rechtsvertreterin vom 26. Mai 2010 stelle keine Neuanme ldung, sondern lediglich ein Gesuch um Überprüfung des Rentenanspruchs dar. Die in Art. 24 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 verankerte Ver- wirkungsfrist von 5 Jahren komme nicht zur Anwendung, we nn die Verwaltung wie vorliegend mit der Anspruchsprüfung beginne, aber während Jahren nicht verfüge. C. In ihrer Vernehmlassung vom 28. Juni 2012 beantrag te die SUVA, vertreten durch Advo- kat Andrea Tarnutzer-Münch, die Abweisung der Beschwerd e. Aus den Akten ergäben sich keine Hinweise, dass die SUVA im September 2000 mit der Prüfung des Rentenanspruchs be- gonnen habe und aus Nachlässigkeit diesen nicht weiter geführt habe. Sie habe sich vielmehr mit der Rente nicht befasst, weshalb die Nachzahlung g emäss bundesgerichtlicher Rechtspre- chung der absoluten Verwirkungsfrist von 5 Jahren gemäss Art. 24 Abs. 1 ATSG unterliege. Selbst wenn die SUVA mit der Rentenprüfung begonnen hätte, könne sich der Versicherte nicht auf den verwaltungsrechtlichen Vertrauensschutz berufen, weil er die Fehlerhaftigkeit der Ver- fügung vom 26. Februar 2011 (Zusprechung der Integri tätsentschädigung) hätte kennen kön- nen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 ATSG, dessen Besti mmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über d ie Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einspracheentscheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen Versiche rungsgericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 Abs. 1 ATSG das Ve rsicherungsgericht desjenigen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat. Vorliegend Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht wohnt der Versicherte in Y.____. Die örtliche Zuständig keit des Kantonsgerichts Basel- Landschaft ist deshalb zu bejahen. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Ein- spracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 A TSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die - im Übrigen frist- und formge- recht erhobene - Beschwerde des Versicherten vom 4. April 2012 ist demnach einzutreten. 2. Vorliegend ist einzig der Rentenbeginn strittig. D ie SUVA stellt sich auf den Standpunkt, dass der Rentenbeginn auf den 1. Mai 2005 festzulegen sei. Dabei geht sie davon aus, dass der Versicherte durch seine damalige Rechtsvertreterin er stmals am 26. Mai 2010 um Prüfung des Rentenanspruchs ersucht habe. Unter Berücksichtigung de r Verwirkungsfrist von 5 Jahren gemäss Art. 24 Abs. 1 ATSG beginne die Rente erst per 1. Mai 2005. Der Versicherte habe deshalb erst ab 1. Mai 2005 Anspruch auf eine Invalidenrente. 2.1 Gemäss Art. 24 Abs. 1 ATSG erlischt der Anspruch auf ausstehende Leistungen oder Beiträge fünf Jahre nach dem Ende des Monats, für welc hen die Leistung, und fünf Jahre nach dem Ende des Kalenderjahres, für welches der Beitrag ge schuldet war. Dem Wortlaut von Art. 24 Abs. 1 ATSG ist nicht zu entnehmen, ob es sich bei der fünfjährigen Frist um eine Verjäh- rungs- oder um eine Verwirkungsfrist handelt. Auch die Materialien sind in dieser Frage nicht ergiebig (vgl. A NDRÉ PIERRE HOLZER , Verjährung und Verwirkung der Leistungsansprüche im Sozialversicherungsrecht, Zürich/Basel/Genf 2005, S. 59 mit Hinweisen). Das Bundesgericht geht davon aus, dass im Sozialversicherungsrecht alle Fristen Verwirkungsfristen sind. Folglich kann die fünfjährige Frist weder gehemmt noch unterbr ochen werden. Die versicherte Person wahrt durch ihre Anmeldung alle ihre Ansprüche, mit der Anmeldung ist die Frist also eingehal- ten. Diese Bestimmung enthält jedoch keine Aussage darüber, was mit dem Anspruch nach der Anmeldung geschieht. Als Antwort führte das damalige E idgenössische Versicherungsgericht (EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteilungen) zunächst eine fünfjährige Verwir- kungsfrist der Anmeldung ein (vgl. BGE 100 V 114 E. 1c) . Zur Begründung führte es aus, dass die Gründe, welche zur Einführung der Verwirkung gefü hrt hätten, auch gegen eine Unverjähr- barkeit des Anspruchs nach der Anmeldung sprächen. Eine wei ter als fünf Jahre zurückliegen- de Anmeldung sei unbeachtlich. Eine versicherte Person, welche es hinnehme, dass der Versi- cherer so lange untätig bleibe, verliere ihr Recht. Diese Praxis wurde jedoch mit BGE 116 V 273 geändert, weil sie - so das EVG - ungerecht und stossen d sei. Nun galt der rechtzeitig ange- meldete Anspruch als unverjährbar und unverwirkbar. Ber eits einige Jahre darauf änderte das Bundesgericht in BGE 121 V 195 seine Praxis erneut. Dana ch unterliege die Nachzahlung von Leistungen auch dann einer absoluten Verwirkungsfrist von fünf Jahren, wenn die Verwaltung einen hinreichend substantiiert geltend gemachten Leis tungsanspruch - aus welchen Gründen auch immer - übersehen habe. Würden nach langer Zeit noch die Leistungen nachbezahlt, so könnte dies zur Auszahlung einer ansehnlichen Geldsumme f ühren. Die Äufnung eines Vermö- gens sei aber nicht Zweck der Sozialversicherung. Bei Sozialversicherungsleistungen handle es sich typischerweise um periodische Geldleistungen, welche einen aktuellen Unterhaltsbedarf abdecken sollten (BGE 121 V 195 E. 5c und 5d; vgl. auch Urteil des EVG vom 13. Mai 2003, H 8/03; Urteil des Bundesgerichts vom 7. September 2006, U 314/05, E. 6.1). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.2 Die Lehre ist geteilter Meinung. Ein Teil folgt im Wesentlichen der neueren bundesgericht- lichen Praxis, wonach trotz rechtzeitiger Anmeldung unt er Umständen der Anspruch verwirken kann. Ein anderer Teil der Lehre hält an der älteren Praxis fest und plädiert auf eine Unverjähr- barkeit und Unverwirkbarkeit des rechtzeitig angemeldet en Anspruchs (vgl. dazu näher: HOLZER , a.a.O., S. 63 f. mit zahlreichen Hinweisen). Im Ent scheid des Bundesgerichts M 12/06 vom 23. November 2006 hielt das Bundesgericht trotz der Kritik eines Teils der Lehre an seiner Rechtsprechung in BGE 121 V 195 fest. Danach sind nur L eistungen der letzten fünf Jahre vor der Neuanmeldung nachzuzahlen, wenn ein Versicherungst räger eine hinreichend substantiier- te Anmeldung übersieht; weiter zurückliegende sind unter gegangen. Damit die versicherte Per- son, welche darauf vertraut, durch die rechtzeitige An meldung ihre Ansprüche gewahrt zu ha- ben, nicht in unbilliger Weise ihre Ansprüche durch Z eitablauf verliert, dürfen an eine Neuan- meldung nicht allzu strenge formelle Voraussetzungen g eknüpft werden. So hat jedes unmiss- verständliche Beharren der versicherten Person, dass der Ver sicherungsträger ihr weitere Leis- tungen schulde, sinngemäss als Neuanmeldung zu gelten (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. November 2007, M 12/06, E. 5.5). In diesem Sinn e entschied das Bundesgericht in BGE 133 V 579, wonach auch eine formlose bzw. fehlerhafte Anmeldung nach Art. 29 ATSG zur Fristwahrung ausreiche. Im Urteil 9C_582/2007 vom 18. Februar 2008 blieb das Bundesgericht dabei, dass die Nachzahlung von Leistungen auch dann, wen n die Verwaltung fehlerhaft eine Information nicht vornahm, einer absoluten Verwirkungs frist von fünf Jahren unterliegt, welche rückwärts ab dem Zeitpunkt der Anmeldung berechnet wird. Auch wenn dieses Ergebnis aus Sicht der versicherten Person als stossend erscheinen möge, decke es sich doch mit dem dar- gelegten Sinn und Zweck der absoluten zeitlichen Befri stung von Nachzahlungen (E. 3.2). Schliesslich hatte das Bundesgericht in seinem Urteil 8C_ 233/2010 vom 7. Januar 2011 die Frage zu beurteilen, ob eine versicherte Person mit einer früheren, allgemeinen, nicht spezifisch auf Hilflosenentschädigung bezogenen Anmeldung ihre Ansprüche wahren konnte. Dazu führte es an, dass die versicherte Person praxisgemäss mit ihrer Anmeldung nicht nur jene Ansprüche wahre, die sie ausdrücklich auf dem Anmeldeformular au fzähle. Vielmehr umfasse eine Anmel- dung alle Ansprüche, die nach Treu und Glauben mit d em angemeldeten Risikoeintritt in Zu- sammenhang ständen. Werde später geltend gemacht, es be stehe noch Anspruch auf eine andere Versicherungsleistung, so sei nach den gesamten Umständen des Einzelfalles im Lichte von Treu und Glauben zu prüfen, ob jene frühere ungen aue Anmeldung auch den zweiten, al- lenfalls später substantiierten Anspruch umfasse. Dabei s ei ein solcher Zusammenhang relativ grosszügig anzunehmen. 2.3 Das Verwaltungsgericht des Kantons Luzern setzte sich i n seinem Entscheid vom 27. Ok- tober 2010 mit dem BGE 121 V 195 auseinander. Es erk annte, dass die Rechtsprechung, wo- nach die Nachzahlung von Leistungen einer absoluten V erwirkungsfrist von fünf Jahren unter- liege, wenn die Verwaltung fehlerhaft einem bereits früher hinreichend substantiierten Leis- tungsbegehren nicht entspreche, dann nicht zur Anwendung gelange, wenn die Verwaltung mit der Anspruchsprüfung innerhalb von fünf Jahren begin ne. Diesfalls liege nicht der Sachverhalt vor, bei welchem die Verwaltung den Anspruch während f ünf Jahren oder länger übersehen habe. Massgebend sei somit, ob mit der Prüfung des Rent enanspruchs begonnen worden sei. Sei mit der Leistungsprüfung angefangen worden, dürfe eine lange Dauer des Verwaltungs- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht und allenfalls des Gerichtsverfahrens, nicht zur Verwirkun g von Versicherungsansprüchen füh- ren, denn es sei Sache der Verwaltung, im Rahmen der Untersuchungsmaxime für eine spediti- ve Behandlung der ihr unterbreiteten Leistungsgesuche zu sorgen (vgl. LGVE 2010 II Nr. 34). 2.4 Der Entscheid des Luzerner Verwaltungsgerichts über zeugt. Der Fall, in welchem die Verwaltung mit der Rentenprüfung bereits begonnen hat, ist nicht gleich zu behandeln wie wenn sie den Rentenanspruch während 5 Jahren oder länger üb ersehen hat. Zu Recht bringt das Luzerner Verwaltungsgericht diesbezüglich vor, dass es in einem länger andauernden Abklä- rungsverfahren nicht Sache der versicherte Person sein kan n, sich erneut zum Leistungsbezug anzumelden, um ihrer Ansprüche nicht verlustig zu gehen . Das Bundesgericht hat sich bis an- hin noch nicht zur Frage geäussert, ob seine Rechtsprechun g gemäss BGE 121 V 195 dann nicht zur Anwendung komme, wenn die Verwaltung mit d er Anspruchsprüfung innerhalb von fünf Jahren beginne. Offensichtlich geht die SUVA davo n aus, dass der vorliegende Fall auf- grund der Überlegungen im Entscheid des Luzerner Verw altungsgerichts zu beurteilen ist. So machte sie nicht geltend, dass bei bereits erfolgtem B eginn der Leistungsprüfung eine Verwir- kung des Leistungsanspruches gemäss Art. 24 Abs. 2 ATSG möglich sei. Sie stellte sich hinge- gen auf den Standpunkt, dass die Rentenprüfung vorliege nd noch gar nicht ihren Anfang ge- nommen habe. So stehe fest, dass sie am 26. Februar 20 01 über den Anspruch einer Integri- tätsentschädigung entschieden, aber nicht über den Rent enanspruch verfügt habe. Es liege somit der Fall vor, in welchem die Verwaltung den An spruch während fünf Jahren oder länger übersehen habe, was gemäss Art. 24 Abs. 1 ATSG eine Besch ränkung der Nachzahlung auf die letzten fünf Jahre zur Folge habe. Da der Versichert e erstmals im Mai 2010 um eine Ren- tenprüfung ersucht habe, habe er erst per 1. Mai 2005 Anspruch auf eine Invalidenrente. 3. Es ist somit zu prüfen, ob die SUVA bis Mai 2010 keine Abklärungen in Bezug auf den Rentenanspruch des Versicherten unternommen hat. 3.1 Für die Beurteilung des Anspruchs auf eine Invaliden rente ist Art. 18 Abs. 1 UVG in Ver- bindung mit Art. 8 Abs. 1 ATSG massgebend. Danach be steht ein Anspruch auf eine Invaliden- rente, wenn die versicherte Person infolge eines Unfalls zu mindestens 10 % voraussichtlich für eine bleibende oder längere Zeit dauernd ganz oder t eilweise erwerbsunfähig ist. Die Beein- trächtigung der Erwerbsfähigkeit bildet somit einen zen tralen Begriff der Invalidität, denn eine Invalidität ist nur erheblich, wenn der Gesundheitsschaden Auswirkungen auf die Erwerbsfähig- keit hat. Die Beurteilung der Erwerbsfähigkeit bzw. Erwerbsunfähigkeit beruht vorwiegend auf ärztliche Feststellungen über die körperlichen und geisti gen Schädigungen und die daraus re- sultierenden funktionellen Beeinträchtigungen. Der Ver sicherungsträger wird deshalb zur Beur- teilung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit regelmässig m edizinische Berichte einholen müssen (vgl. dazu PETER OMLIN , Die Invalidität in der obligatorischen Unfallversicherung, Freiburg 1995, S. 68 f.). 3.2 Den Akten ist zu entnehmen, dass der Versicherte sich b eim ruckartigen Ziehen eines mit Steinen beladenen Palettes im Oktober 1989 an der rech ten Schulter verletzte. Für die Unfall- folgen erbrachte die SUVA die gesetzlichen Leistungen. Der Fall wurde im Jahr 1992 abge- schlossen. Am 8. August 2000 nahm Dr. med. C.____, FMH Orthopädische Chirurgie und Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Traumatologie des Bewegungsapparates, beim Versicherte n in der D.____ eine Schul- terarthroskopie und eine arthroskopische subacromiale Dekom pression vor (vgl. Bericht vom 8. August 2000). Aus dem Schreiben der SUVA vom 19. September 2000 geht hervor, dass der Versicherte im August/September 2000 deswegen einen Rück fall anmeldete. Sie forderte ihn sodann auf, eine Rückfallmeldung beim jetzigen Arbeitg eber zu veranlassen. Dieser teilte ihr darauf mit, dass er eine Invalidenrente der IV beziehe und deshalb keinen Arbeitgeber habe (vgl. Aktennotiz vom 25. September 2000). Auf Anfrage der SUVA führte Dr. C.____ in seinem ärztlichen Zwischenbericht vom 20. November 2000 zur Frage der Arbeitsaufnahme aus, dass der behandelnde Arzt die Arbeitsfähigkeit des Versicher ten beurteilen soll. In der Folge attes- tierte Dr. med. E.____, FMH Rheumatologie, dem Versi cherten in seinem Bericht vom 11. De- zember 2000 aufgrund andauernder Schulter- und Rückenb eschwerden eine 100%ige Arbeits- unfähigkeit. Aus heutiger Sicht könne dem Versicherten n icht einmal eine leichtere Arbeit zu- gemutet werden. Der Kreisarzt Dr. F.____, FMH Allgem eine Innere Medizin, bejahte in den Ak- tennotizen vom 14. und 28. Dezember 2000 den Kausalzusam menhang zwischen den Schul- terbeschwerden und dem versicherten Unfallereignis. In s einer kreisärztlichen Beurteilung vom 22. Februar 2001 hielt er fest, dass beim Versicherten unfallbedingte Restfolgen vorlägen. Dem Versicherten sei deswegen die Ausführung einer ganztägigen leichten bis mittelschweren Tätig- keit zwischen Boden und Brusthöhe zuzumuten. Arbeiten üb er Kopf, eine repetitive Beanspru- chung des rechten Armes und das Tragen von Lasten über 15 kg seien dabei zu vermeiden. 3.3 Aufgrund dieser Aktenlage bestehen keine Zweifel, dass die SUVA die Arbeits- bzw. Er- werbsfähigkeit des Versicherten und somit den Anspruch auf eine Invalidenrente abklären liess. So beauftragte die SUVA sowohl Dr. C.____, als auch Dr. E.____ und ihren Kreisarzt Dr. F.____ mit der Beurteilung der Arbeits- bzw. Erwerbsf ähigkeit des Versicherten. Während Dr. C.____ keine Aussagen zur Arbeitsfähigkeit machen konnte, äusserte sich Dr. E.____ dazu, indem er den Versicherten in jeglicher Tätigkeit vollstä ndig arbeitsunfähig betrachtete. Dr. F.____ stellte anlässlich der kreisärztlichen Untersuch ung vom 22. Februar 2001 die unfall- bedingten Restfolgen fest und definierte die dem Ver sicherten zumutbaren Tätigkeitsprofile. Diese auf die Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit gezielten medizinischen Abklärungen können sich nicht oder nur am Rande auf den Anspruch auf eine I ntegritätsentschädigung beziehen. Der Beurteilung der Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit ko mmt nämlich bei der Schätzung des Integritätsschadens gar keine oder höchstens eine untergeo rdnete Bedeutung zu (vgl. Art. 36 der Verordnung über die Unfallversicherung [UVV] vom 20 . Dezember 1982). Zudem weist der Schlusssatz des Kreisarztes in seinem Bericht "Wir prüfen die Entschädigungsfrage" klar darauf hin, dass er die Beurteilung des Gesundheitszustandes d es Versicherten im Hinblick auf den Anspruch auf eine Invalidenrente vornahm. Es ist somit fe stzustellen, dass die SUVA nach der Rückfallmeldung im August/September 2000 den Rentenanspruch des Versicherten überprüfte. Eine Verwirkung des Anspruchs des Versicherten auf eine Invalidenrente nach Art. 24 Abs. 1 ATSG ist demgemäss nicht eingetreten. 4.1 Die SUVA stellt sich auf den Standpunkt, dass selbst b ei Beginn der Rentenprüfung der Versicherte sich nicht auf den verwaltungsrechtlichen Ve rtrauensschutz berufen könne, da er aufgrund seiner angeblichen telefonischen Erkundigungen über seinen Rentenanspruch das fehlerhafte Vorgehen der SUVA hätte erkennen können. Es ist der SUVA insoweit zuzustim- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht men, dass eine Person, welche die Unrichtigkeit einer Ve rfügung erkannte oder bei zumutbarer Sorgfalt hätte erkennen müssen, sich nicht auf den Vertrauensschutz berufen kann (vgl. ALFRED KÖLZ /J ÜRG BOSSHART /M ARTIN RÖHL , Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kan- tons Zürich, 2. Auflage, Zürich 1999, S. 205; E LISABETH CHIARIELLO , Treu und Glauben als Grundrecht nach Art. 9 der Schweizerischen Bundesverfassung, Bern 2003, S. 46 ff.). Es ist jedoch zu beachten, dass von Anwälten und anderen berufsm ässig vor Behörden auftretenden Personen gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ein höh eres Mass an Sorgfalt erwartet wird als von rechtsunkundigen Personen. Parteien, die nicht durch einen Rechtsanwalt vertre- ten sind, können sich auf den Vertrauensschutz berufen, w enn die Fehlerhaftigkeit der Verfü- gung für sie nicht ohne weiteres ersichtlich war. Eigentl iche Nachforschungen über die Richtig- keit behördlichen Handelns werden von rechtsunkundigen Personen nicht erwartet (vgl. ULRICH HÄFELIN /G EORG MÜLLER , FELIX UHLMANN , Allgemeines Verwaltungsrecht, Zürich/Basel/Genf 2006, S.138). 4.2 Vorliegend handelt es sich beim Versicherten um ein en juristischen Laien. Er hätte des- halb nach Erhalt der Verfügung betreffend die Integr itätsentschädigung vom 13. Dezember 2000 nicht erkennen müssen, dass die SUVA auch über eine n Rentenanspruch hätte verfügen sollen. Da die SUVA auf seine telefonischen Erkundigun gen hin gemäss Angaben des Versi- cherten keine sachdienlichen Antworten gab, erhielt er auch keine Hinweise darauf, dass das Vorgehen der SUVA nicht rechtens sei. Erst aufgrund der mehrjährigen Abklärungszeit sah sich der Versicherte veranlasst, im April 2010 die Angelegen heit einer Rechtsvertreterin zu überge- ben, welche sofort den bisher nicht erfolgten Erlass eine r Rentenverfügung beanstandete. Auf- grund dieser Ausführungen ergibt sich, dass das fehlerh afte Vorgehen der SUVA für den Versi- cherten bis zum Beizug einer Rechtsvertretung nicht ohne weiteres erkennbar war und ihm des- halb seine Untätigkeit nicht angerechnet werden kann. Damit ist er dem Vertrauensschutz nicht verlustig gegangen. 4.3 Im Übrigen ist - unter der von der SUVA vertreten en Annahme, dass vorliegend Art. 24 Abs. 1 ATSG anwendbar ist - zu berücksichtigen dass eine tel efonische Erkundigung über einen weiteren Leistungsanspruch als Neuanmeldung gil t (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. November 2011, M 12/06. E. 5.5 mit Hinweis auf d as Urteil des EVG vom 7. September 2006, U 314/05, E. 6.2). Damit ist jedes Telefonat de s Versicherten als sinngemässe Neuan- meldung zu werten, womit der Versicherte alle Ansprüche grundsätzlich wahren würde, die in- nerhalb von fünf Jahren vor den Telefonaten entstande n waren. Da allerdings keine Aktennoti- zen über solche Telefonate existieren, kann nicht geprü ft werden, ob und wann sich der Versi- cherte telefonisch bei der SUVA über seinen Rentenanspru ch informierte. Es können folglich auch keine Aussagen über einen allfälligen fristwahren den Charakter dieser Telefonate im Hin- blick auf die Verwirkungsfrist von Art. 24 Abs. 1 ATSG g emacht werden. Es kann jedoch fest- gehalten werden, dass der Versicherte durch allfällige w eitere Neuanmeldungen seine Position lediglich verbessern, aber nicht verschlechtern konnte (vg l. Urteil des EVG vom 23. November 2007, M 12/06, E. 6.1). 5.1 Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, d ass die SUVA das im Unfallversiche- rungsrecht geltende Prinzip der gleichzeitigen Festsetzun g von Invalidenrente und Integritäts- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht entschädigung verletzte (vgl. BGE 134 V 109 ff. E. 3.2) . Gemäss Art. 19 UVG entsteht der An- spruch auf eine Invalidenrente, wenn von der Fortsetzun g der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes der versicherten Person mehr erwartet werden kann und allfällige Eingliederungsmassnahmen der Invalid enversicherung abgeschlossen sind. Trifft dies zu, ist der Fall unter Einstellung der vorüb ergehenden Leistungen mit gleichzeitiger Prüfung des Anspruchs auf eine Invalidenrente und auf eine Integritätsentschädigung abzu- schliessen. Was unter einer namhaften Besserung des Gesund heitszustandes zu verstehen sei, umschreibt das Gesetz nicht näher. Gemäss Bundesgerichtsr echtsprechung muss die durch weitere Heilbehandlung zu erwartende Besserung ins Gewicht fallen. Unbedeutende Ver- besserungen genügen nicht (BGE 134 V 115 E. 4.3 mit Hinweisen). 5.2 Der erste Fallabschluss für die Folgen des Unfalls aus dem Jahr 1989 erfolgte 1992. Die Mitteilung, dass der Versicherte wegen der Unfallfolgen erneut in medizinischer Behandlung stand, kam der SUVA spätestens im September 2000 zu. I n der Folge nahm die SUVA medizi- nische Abklärungen über den Gesundheitszustand des Versicher ten vor, verfügte jedoch am 26. Februar 2001 nur über den Anspruch auf eine Inte gritätsentschädigung, obwohl sich ge- mäss dem kreisärztlichen Bericht vom 22. Februar 2001 ei n Rentenentscheid aufdrängte. Ein- gliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung standen gestützt auf die Rentenverfügung der IV-Stelle vom 13. Dezember 2000 nicht mehr in Fra ge. Dass im Februar 2001 von der Fort- setzung der ärztlichen Behandlungen keine namhafte Besser ung des Gesundheitszustandes des Versicherten zu erwarten, also der Fall abzuschliess en war, zeigt auch der kreisärztliche Bericht von Dr. med. G.____, FMH Orthopädische Chirurg ie und Traumatologie des Bewe- gungsapparates, vom 9. Dezember 2010. Er führte darin aus, dass sich der Gesundheitszu- stand des Versicherten im Vergleich zur kreisärztlichen Unt ersuchung vom 20. Februar 2011 nicht verändert habe. Er hielt deshalb an der Zumutb arkeitsbeurteilung von Dr. F.____ fest. Selbst wenn anzunehmen wäre, dass mit den seit der Rü ckfallmeldung von der SUVA über- nommenen Heilbehandlungen der Gesundheitszustand des Ve rsicherten noch wesentlich ver- bessert werden kann, kann daraus nichts zu dessen Ungunsten abgeleitet werden; denn dies- falls ist der Rentenanspruch noch gar nicht entstanden. F olglich kann keine Verwirkung dieses Anspruchs eingetreten sein. 5.3 Aufgrund dieser Ausführungen ist festzustellen, dass der Rentenanspruch des Versicher- ten nicht im Sinne von Art. 24 Abs. 1 ATSG verwirkt ist . Der Versicherte hat somit bei einer Er- werbsunfähigkeit von 26 % Anspruch auf eine Invalidenre nte rückwirkend per 1. September 2000. Die Beschwerde ist demgemäss gutzuheissen. 6.1 Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass das Verfahren vor dem kantonalen Gericht für die Par- teien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorlie gende Verfahren keine Kosten zu er heben. 6.2 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verfahrens ent sprechend ist dem Beschwerdefüh- rer deshalb eine Parteientschädigung zu Lasten der Beschw erdegegnerin zuzusprechen. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers machte in seiner Hon orarnote vom 26. Juli 2012 für Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht das vorliegende Verfahren einen Zeitaufwand von 12,9 4 Stunden geltend, was umfangmässig in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rec htsfragen in keiner Weise zu bemän- geln ist. Die Bemühungen sind zum in Sozialversicherungs prozessen praxisgemäss für durch- schnittliche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansa tz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Nicht zu beanstanden sind sodann die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslagen von Fr. 131.--. Dem Beschwerdeführer ist deshalb eine Part eientschädigung in der Höhe von Fr. 2'730.80 (12,94 Stunden à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 131.-- zuzüglich 8 % Mehr- wertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, als der angefochte- ne Einspracheentscheid vom 8. März 2012 aufgehoben und festgestellt wird, dass der Beschwerdeführer ab 1. September 2000 b ei einer Erwerbsunfähigkeit von 26 % Anspruch auf eine Invalidenrente hat. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die SUVA hat dem Beschwerdeführer eine Parteientsc hädigung in der Höhe von Fr. 2'730.80 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwert steuer) zu bezahlen. Gegen diesen Entscheid wurde von der SUVA am 30. Oktober 2012 Beschwerde beim Bun- desgericht ( 8C_888/2012 ) erhoben. http://www.bl.ch/kantonsgericht