Anerkennung der Staatenlosigkeit 2013/60 BVGE / ATAF / DTAF 923 STAATSVERTRAGSRECHT — ACCORDS INTERNATIONAUX — ACCORDI INTERNAZIONALI 0.1 Internationales Recht im Allgemeinen Droit international public général Diritto internazionale pubblico generale 60 Auszug aus dem Urteil der Abteilung III i.S. A. und Kinder B., C. und D. gegen Bundesamt für Migration C‒2031/2011 vom 18. September 2013 Anerkennung der Staatenlosigkeit. Voraussetzungen. Art. 1 Ziff. 1 des Übereinkommens vom 28. September 1954 über die Rechtsstellung der Staatenlosen. 1. Feststellung des Heimatstaats und der Identität der Gesuchstel - lenden. Abstellen auf kantonales Urteil betreffend Feststellung der Personalien (E. 6). 2. Vorliegen einer Staatenlosigkeit de iure. Nachweis, dass keine Staatsangehörigkeit des Heimatstaats besteht (E. 7.1). 3. Zumutbare Anstrengun gen zur Feststellung respektive Erlan - gung der Staatsangehörigkeit des Heimatstaats. Abweichung vom Erfordernis, wenn von vornherein offensichtlich keine Chance auf den Erwerb besteht (E. 7.2 und 7.3). Reconnaissance de l'apatridie. Conditions. Art. 1 ch. 1 de la Convention du 28 septembre 1954 relative au statut des apatrides. 1. Constatation de l'Etat d'origine et de l'identité des requérants. Renvoi au jugement cantonal pour l'établissement des données personnelles (consid. 6). 2013/60 Anerkennung der Staatenlosigkeit 924 BVGE / ATAF / DTAF 2. Présence d'un cas d'apatridie de jure. Preuve du défaut de citoyenneté de l'Etat d'origine (consid. 7.1). 3. Efforts raisonnablement exigibles du réquerant pour la con - statation ou pour l'acquisition de la citoyenneté de l'Etat d'ori - gine. Exception à cette exigence lorsque l'obtention d e la cito - yenneté est de prime abord manifestement exclue (consid. 7.2 et 7.3). Riconoscimento dell'apolidia. Condizioni. Art. 1 n. 1 della Convenzione del 28 settembre 1954 sullo statuto degli apolidi. 1. Accertamento dello Stato d'origine e dell'identità de i richiedenti. Riguardo la constatazione dei dati anagrafici occorre basarsi sul giudizio cantonale (consid. 6). 2. Presenza di un caso di apolidia de iure. Prova dell'assenza di cit - tadinanza dello Stato d'origine (consid. 7.1). 3. Sforzi ragionevolmente esigibili per la constatazione o l'otteni - mento della cittadinanza dello Stato d'origine. Rinuncia a questa esigenza se tale conseguimento appare manifestamente impos - sibile sin dall'inizio (consid. 7.2 e 7.3). Die Beschwerdeführenden sind Roma und stammen gemäss eigenen Angaben aus Sarajevo (Bosnien und Herzegowina). Sie suchten am 17. Dezember 2002 in der Schweiz um Asyl nach. Mit Verfügung vom 22. August 2003 wies das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF; heute: Bundesamt für Migration [BFM]) die Asylge suche ab und hielt fest, die Gesuchstellenden würden mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht aus Bos - nien und Herzegowina, sondern aus (dem damaligen) Serbien und Montenegro stammen. Eine gegen den Wegweisungsvollzug gerichtete Beschwerde wies die vormalige S chweizerische Asylrekurskommission (ARK; heute: Bundesverwaltungsgericht) mit Urteil vom 11. März 2004 ab. Mit Schreiben vom 11. Mai 2005 ersuchten die Beschwerdeführenden das BFM um wiedererwägungsweise Aufhebung dieser Verfügung im Wegweisungsvollzugspunkt sowie um Anordnung der vorläufigen Auf - nahme. Diesem Gesuch entsprach die V orinstanz mit Verfügung vom 22. August 2005, wobei sie festhielt, sie gehe weiterhin davon aus, dass Anerkennung der Staatenlosigkeit 2013/60 BVGE / ATAF / DTAF 925 die Beschwerdeführenden nicht aus Bosnien, sondern mutmasslich aus Serbien und Montenegro stammen würden. Im Jahre 2006 wurde der vormalige Ehemann von A. zu einer mehr - jährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Im Januar 2007 wurde die Ehe ge - schieden. Mit Eingabe vom 6. September 2010 ersuchten die Beschwerdefüh - renden das BFM um Anerk ennung der Staatenlosigkeit sowie um Aus - stellung eines Identitäts - und Reiseausweises. Dieses wies das Gesuch mit Verfügung vom 3. März 2011 ab. Dagegen wandten sich die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 4. April 2011 an das Bundesverwaltungsgericht un d beantragten die Auf- hebung des vorinstanzlichen Entscheids, die Anerkennung der Staaten - losigkeit und die Ausstellung von Identitäts - und Reiseausweisen gemäss den Art. 27 und 28 des Übereinkommens vom 28. September 1954 über die Rechtsstellung der Staat enlosen (SR 0.142.40, nachfolgend: Staaten - losenübereinkommen). Mit Eingabe vom 7. Juli 2011 reichten die Beschwerdeführenden ein Ur - teil des Bezirksgerichts E. vom 27. Juni 2011 betreffend Feststellung ihrer Personalien zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht weist die Beschwerde ab. Aus den Erwägungen: 4. Art. 1 Ziff. 1 des Staatenlosenübereinkommens hält fest, dass als staatenlos eine Person gilt, die kein Staat aufgrund seiner Gesetzgebung (« under the operation of its law », « par application de sa législation ») als seinen Angehörigen betrachtet. Staatenlosigkeit bedeutet nach dieser Begriffsumschreibung das Fehlen der rechtlichen Zugehörigkeit zu einem Staat (sog. « de iure »-Staatenlose). Das Abkommen bezieht sich dagegen nicht auf Personen, die zwar formell noch eine Staatsangehörig - keit besitzen, deren Heimatstaat ihnen aber keinen Schutz mehr gewährt (sog. « de facto »-Staatenlose; vgl. YVONNE BURCKHARDT-ERNE, Die Rechtsstellung der Staatenlosen im Völkerrecht und schweizerischen Landesrecht, Diss. Bern 1977, S. 1 ff. mit Hinweisen; BGE 115 V 4 E. 2b; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C‒7134/2010 vom 9. Juni 2011 E. 3.1 mit Hinweisen). Die Rechtsprechung des Bundesgerichts hält hierzu präzisierend fest, dass jemand nur dann als s taatenlos betrachtet werden kann, wenn er ohne eigenes Zutun die Staatsangehörigkeit ver -2013/60 Anerkennung der Staatenlosigkeit 926 BVGE / ATAF / DTAF loren hat und diese nicht (wieder -)erlangen kann. Wer seine Staatsange - hörigkeit freiwillig aufgibt oder es ohne triftigen Grund unterlässt, sie zu erwerben oder wieder zu erwerben, kann sich daher nicht auf die Rechte aus dem Staatenlosenübereinkommen berufen (vgl. Urteil des Bundes - gerichts 2C_36/2012 vom 10. Mai 2012 E. 3.1 mit Hinweisen). Damit wird verhindert, dass der Status der Staatenlosigkeit den ihm im Überein - kommen zugedachten Auffang- und Schutzcharakter verliert und zu einer Sache der persönlichen Präferenz wird. Es kann nicht Sinn und Zweck des Staatenlosenübereinkommens sein, die Staatenlosen gegenüber den Flüchtlingen, deren Status sich nicht nach dem Wi llen der Betroffenen richtet, besserzustellen, zumal die Völkergemeinschaft seit langem ver - sucht, die Zahl der Staatenlosen zu reduzieren. Das Staatenlosenüberein - kommen wurde nicht geschaffen, damit Einzelne nach Belieben eine privilegierte Rechtsstellung erwirken können. Es dient in erster Linie der Hilfe gegenüber Menschen, die ohne ihr Zutun in eine Notlage geraten (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_763/2008 vom 26. März 2009 E. 3.2 mit Hinweisen). 5. 5.1 Die V orinstanz führte im angefochtenen Entscheid im W esent- lichen aus, A. habe die Behörden bewusst über ihre Identität getäuscht. So habe sie im schweizerischen respektive im deutschen Asylverfahren je verschiedene Identitäten und Nationalitäten verwendet. Ihre tatsächliche Identität stehe somit nicht fest. Aus diesem Grund komme den einge - reichten Beweismitteln, wonach sie weder die serbische noch die kroa - tische Staatsbürgerschaft besitze, kein Beweiswert zu. Sodann hielt das BFM fest, aufgrund der vagen und widersprüchlichen Angaben von A. zu ihrem Lebens lauf sei es den schweizerischen Behörden trotz umfang - reichen Abklärungen bisher nicht möglich gewesen, ihre Identität und Staatsangehörigkeit festzustellen. Solche Tatsachen liessen sich erfah - rungsgemäss von den Behörden nur mit erhöhtem Aufwand abklären. Folglich müssten sich die Beschwerdeführenden aufgrund ihrer Mitwir - kungspflicht gemäss Art. 13 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) selbst um diesen Nachweis kümmern. Die Folgen ihrer mangelhaften Mitwirkung respektive der Verheimlichung ihrer wahren Identität hätten sie selbst zu tragen, indem vermutungsweise davon auszugehen sei, sie würden die Staatsangehörig - keit eines der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien besitzen. In diesem Zusammenhang sei zu ergänzen, dass sie in ihrer Beschwerde gegen die Verfügung (des BFM) vom 22. August 2003 (betreffend Asyl Anerkennung der Staatenlosigkeit 2013/60 BVGE / ATAF / DTAF 927 und Wegweisung) nicht bestritten hätten, Staatsangehörige von Serbien und Montenegro zu sein. Zuletzt sei mit Verfügung vom 22. August 2005 (betreffend Gutheissung des Wiedererwägungsgesuchs und Anordnung der vorläufigen Aufnahme) festgehalten worden, dass die Beschwerde - führenden nicht bosnische Staatsangehörige seien, sondern mutmasslich aus Serbien und Montenegro stammen würden. Es sei daher unverst änd- lich, weshalb A. nach wie vor behaupte, aus Bosnien zu stammen. Es liege an ihr, unter Offenlegung ihrer wahren Identität bei den heimat - lichen Behörden gültige Identitätspapiere zu beschaffen. Es sei jedoch nicht ersichtlich, dass sie sich um die Fest stellung ihrer tatsächlichen Staatsangehörigkeit oder um den Erwerb der Staatsangehörigkeit eines der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien bemüht hätte. 5.2 Dagegen bringen die Beschwerdeführenden vor, sie hätten keinerlei Interesse an der Verheimlichu ng ihrer Identität. Zwar habe A. im deutschen Asylverfahren einen falschen Namen angegeben; in der Schweiz habe sie hingegen die Wahrheit gesagt. Durch ihre ungeklärte respektive nicht geglaubte Identität würden ihr nur Nachteile entstehen, indem ihre Kind er nicht eingebürgert werden könnten und ihr Ex -Mann nicht ausgeschafft werden könne. Eine Verheimlichung der Identität sei auch nicht in dessen Interesse; er habe einzig wegen fehlender Papiere bislang (d.h. bis zum Zeitpunkt der Beschwerdeeinreichung) no ch nicht aus der Haft entlassen werden können. Sie (A.) und ihr Ex -Mann hätten sich immer bemüht, Papiere zu besorgen und unabhängig voneinander seit Jahren immer wieder dieselben Herkunftsangaben gemacht. Sie halte an ihrer Herkunft aus Sarajevo fest. Ihr e Mutter habe sie zu Hause zur Welt gebracht. Ihre Geburt sei nie registriert worden, ihre Familie sei an ihrem Wohnort nicht offiziell angemeldet gewesen und sie sei nie zur Schule gegangen. Auch habe sie sich praktisch nie ausserhalb ihres Roma-Wohnquartiers aufgehalten. Im Expertengutachten der Fachstelle Lingua vom 14. Dezember 2004 sei festgestellt worden, sie stamme zweifellos aus Bosnien. Im Jahre 2005 habe die Botschaft von Bosnien und Herzegowina jedoch ausgeschlossen, dass sie bosnisch -herzegowi- nische Staatsangehörige sei. 6. Zunächst ist festzuhalten, dass die Identität sowie der Her - kunftsort der Beschwerdeführenden für das Bundesverwaltungsgericht aufgrund des ausführlich und nachvollziehbar begründeten Urteils des Bezirksgerichts E. vom 27. Juni 2011 erstellt sind. Den Beschwerdeführenden ist darin Recht zu geben, dass sie seit der Einreise in die Schweiz im Jahre 2002 stets dieselben Angaben betref -2013/60 Anerkennung der Staatenlosigkeit 928 BVGE / ATAF / DTAF fend ihre Namen, ihre Geburtsdaten und ihren Herkunftsort (Sarajevo) machten und auf diesen beharr ten. Aus dem eingereichten Urteil betref - fend Feststellung der Personalien ergibt sich, dass das Bezirksgericht E. fundierte Abklärungen betreffend die Identität der Beschwerdeführenden vorgenommen und sämtliche diesbezüglich verfügbaren Informationen verwertet hat. So zog es die relevanten Akten des Migrationsamtes F. bei, holte bei der kantonalen Aufsichtsbehörde im Zivilstandswesen eine Stellungnahme ein und befragte A. anlässlich der Hauptverhandlung vom 24. März 2011 persönlich. Dabei bestätigte diese unter Strafandrohung von Art. 307 (falsches Zeugnis) des Schweizerischen Strafgesetzbuchs vom 21. Dezember 1937 (StGB, SR 311.0) die seit der Einreise in die Schweiz von ihr genannten Personalien (Namen, Geburtsdaten und -orte) betreffend sich selbst sowie die Kinder B., C. und D., woraufhin diese durch das Gericht rechtskräftig festgestellt wurden. Dieses Urteil wird durch die von der V orinstanz zur Begründung der Identitätstäuschung angeführten Argumente nicht infrage gestellt. Die Verwendung anderer Namen und Herkunftsstaaten in einem ausländischen Verfahren bewirkt für sich alleine keine Täuschung der schweizerischen Behörden. Ebenso wenig kann den Beschwerdeführenden eine Täuschung vorgeworfen wer- den aufgrund des Umstands, dass die zwischen März 2004 ( Ablehnung der Asylbeschwerde durch die ARK) und August 2005 (Gewährung der vorläufigen Aufnahme) getätigten V ollzugsbemühungen erfolglos geblie- ben sind. Auch dass sie einmalig, bei ihrer Beschwerde betreffend V oll - zug der Wegweisung vom 18. September 2003 , nicht gegen die Fest - stellung der Staatsangehörigkeit durch das BFM opponierten, sondern sich auf Ausführungen zu ihrem Gesundheitszustand beschränkten, kann ihnen angesichts der ansonsten konstant gleichen Angaben nicht als Täuschung über ihre Identität angelastet werden. Im Interesse der Rechtssicherheit und mangels erhärteter Hinweise auf eine Täuschung der Beschwerdeführenden über ihre Identität ist somit auf das Urteil vom 27. Juni 2011 abzustellen. Demnach verfügen die Beschwerdeführenden über die i m Rubrum aufgeführten Namen und Geburtsdaten und wurden alle in Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) geboren. 7. Nachdem die Identität und der Herkunftsstaat der Beschwerde - führenden feststehen, ist zu prüfen, ob sie als staatenlos anzuerkennen sind. Anerkennung der Staatenlosigkeit 2013/60 BVGE / ATAF / DTAF 929 7.1 Der Anerkennung der Staatenlosigkeit steht zunächst entgegen, dass die Beschwerdeführenden nicht nachgewiesen haben, dass sie die bosnisch-herzegowinische Staatsangehörigkeit nicht besitzen. 7.1.1 Gemäss eigenen Angaben verfügen die Beschwerdeführenden nicht über die bosnisch-herzegowinische Staatsangehörigkeit. In diesem Zusammenhang führen sie auf Beschwerdeebene aus, auch die Botschaft von Bosnien und Herzegowina habe im Jahre 2005 ausgeschlossen, dass sie Bürger jenes Staats seien . Die V olksgruppe der Roma werde auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien systematisch diskriminiert; Geburts - register über Roma würden fehlen. Dies habe zur Folge, dass auch in Bosnien lebende Roma als Staatenlose angesehen würden. Daher aner - kenne sie kein Nachfolgestaat von Jugoslawie n als seine Staatsbürger. Es sei offensichtlich und ergebe sich aus dem eingereichten Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom April 2003 ( STEPHANE LAEDERICH, Die Situation der Rroma in den Balkanländern – Ein Über- blick), dass die bosnischen Behörden kein Interesse daran hätten, eine alleinerziehende Roma -Mutter mit (…) Kindern zurückzunehmen, die ohne legale Papiere in Bosnien gelebt hätten. Trotz ihrer bosnischen Herkunft hätten sie sich im Sommer 2010 um die Erlangung eines Passes bemüht, indem sie bei verschiedenen Botschaften des ehemaligen Jugos - lawien Pässe beantragt hätten. Am 28. Juni 2010 habe die serbische, am 15. Juli 2010 die kroatische und am 12. September 2010 die maze - donische Botschaft in Bern die Gesuche abgewiesen. Zusammenf assend könne nur geschlossen werden, dass sie staatenlose Roma aus Bosnien seien. 7.1.2 Aufgrund der eingereichten Bestätigungen vom 28. Juni 2010, vom 15. Juli 2010 und vom 12. September 2010 steht fest, dass die Beschwerdeführenden nicht Staatsangehörige von S erbien, Kroatien oder Mazedonien sind. Betreffend Bosnien und Herzegowina fehlt indes eine entsprechende schriftliche Auskunft der zuständigen Behörden. Entgegen den Ausführungen der Beschwerdeführenden reichen das Schreiben vom 20. April 2005 sowie die E -Mail vom 11. Dezember 2006 des BFM an das kantonale Migrationsamt nicht aus, um von einer de iure -Staaten- losigkeit auszugehen. Bei beiden Dokumenten handelt es sich nämlich um Auskünfte der V orinstanz über deren V ollzugsbemühungen, denen keine eindeutigen Aussagen der bosnisch -herzegowinischen Behörden entnommen werden können. Im Schreiben vom 20. April 2005 wird zwar berichtet, dass A. sowie ihr Ex -Mann am 19. April 2005 auf der Bot - schaft von Bosnien und Herzegowina vorgesprochen hätten. Nach Beur -2013/60 Anerkennung der Staatenlosigkeit 930 BVGE / ATAF / DTAF teilung der sprachlichen Ausdrucksweise sowie einer Schriftprobe habe der Mitarbeiter der Botschaft ausgeschlossen, dass es sich bei ihnen um Staatsangehörige von Bosnien und Herzegowina handle. Tatsächlich kön- nen jedoch aufgrund der vorgenommenen Prüfung höchs tens Aussagen zur Sozialisierung, nicht jedoch zur Staatsangehörigkeit gemacht werden. Die einzigen verbindlichen Auskünfte der bosnisch -herzegowinischen Behörden betreffen ausschliesslich den Ex -Mann von A. Für sich können die Beschwerdeführenden aus dies en Schreiben jedoch nichts ableiten. Damit steht für das Bundesverwaltungsgericht nicht fest, dass sie die bosnisch-herzegowinische Staatsangehörigkeit nicht besitzen. 7.2 Sodann sind – im Gegensatz zu den Anstrengungen betreffend die Feststellung der Identitä t – keinerlei Bemühungen der Beschwerde - führenden zur Feststellung beziehungsweise Erlangung der Staatsange - hörigkeit ihres Heimatstaats ersichtlich. 7.2.1 Nach der bereits zitierten Rechtsprechung des Bundesgerichts kann sich nicht auf die Rechte aus dem Staate nlosenübereinkommen berufen, wer es ohne triftigen Grund unterlässt, die Staatsangehörigkeit seines Heimatstaats zu erwerben (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_36/2012 vom 10. Mai 2012 E. 3.1 mit Hinweisen). Demnach ist die betroffene Person zunächst verpflichtet, alle Schritte zu unternehmen, die nach der nationalen Rechtslage notwendig sind und als zumutbar ange - sehen werden können, um die Staatsangehörigkeit des Heimatstaats zu erlangen (vgl. Urteile des Bundesgerichts 2C_763/2008 vom 26. März 2009 E. 3.4 und 2C_1/2008 vom 28. Februar 2008 E. 4.2). Verwehrt dieser die Einbürgerung aus unzureichenden Gründen, so ist auf Gesuch hin die Staatenlosigkeit festzustellen. Abgesehen werden kann von der V ornahme der notwendigen Schritte nur dann, wenn von vornhere in offensichtlich keine Chance auf den Erwerb der Staatsangehörigkeit besteht (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C‒1538/2009 vom 29. Dezember 2011 E. 5). 7.2.2 Die Beschwerdeführenden machen sinngemäss geltend, sie könnten die Staatsangehörigkeit von Bos nien und Herzegowina nicht er - werben. In diesem Zusammenhang machen sie Aussagen über die Diskri - minierung der Roma im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien und führen aus, auf dem gesamten Balkan seien die Roma aus den offiziellen Regis - tern gelöscht worden; über sie gebe es keine Geburtsregister und Grund - bücher. Da sie in den offiziellen Registern oder bei anderen staatlichen Stellen wie Spitälern oder Schulen keine Spuren hinterlassen hätten, sei es nicht möglich, Dokumente über ihre Herkunft einzureichen. Weitere Anerkennung der Staatenlosigkeit 2013/60 BVGE / ATAF / DTAF 931 Bemühungen könnten sie aus der Schweiz aus finanziellen Gründen nicht unternehmen. Mangels Ausweises könnten sie auch nicht persönlich nach Sarajevo reisen, um vor Ort zu versuchen, Identitätspapiere oder zumin - dest Bestätigungen der Roma -Gemeinschaft erhältlich zu machen, oder sich dort an eine Roma-Menschenrechtsorganisation zu wenden, die ihnen beim Nachweis ihrer Herkunft behilflich sein könnte. 7.2.3 Gemäss Art. 5 des Gesetzes über die Staatsangehörigkeit von Bosnien und Herzegowina vom 16. Dezember 1997 (…) (nachfolgend: Staatsangehörigkeitsgesetz BiH, einsehbar in CHRISTA JESSEL-HOLST, in: Bergmann/Ferid/Henrich [Hrsg.], Internationales Ehe - und Kindschafts - recht, Stand: 29.2.2012, Bosnien und Herzegowina, S. 11‒17) erhält eine nach Inkrafttreten der Verfassung von Bosnien und Herzegowina vom 14. Dezember 19 95 (nachfolgend: Verfassung BiH; vgl. JESSEL-HOLST, a.a.O., S. 10 f.) geborene Person die bosnisch -herzegowinische Staatsan- gehörigkeit durch Abstammung, Geburt auf dem Staatsgebiet, Adoption, Einbürgerung oder völkerrechtlichen Vertrag. So erwi rbt unter anderem ein nach dem 14. Dezember 1995 auf dem Staatsgebiet geborenes Kind die Staatsangehörigkeit durch Abstammung, sofern ein Elternteil im Zeitpunkt der Geburt Staatsangehöriger von Bosnien und Herzegowina war (Art. 6 Ziff. 2 Staatsangehörigke itsgesetz BiH). Ebenso wird die Staatsangehörigkeit einem Kind zuteil, das auf dem Staatsgebiet geboren wurde und dessen beide Eltern unbekannter Staatsangehörigkeit oder staatenlos sind oder das selbst staatenlos ist (Art. 7 Staatsangehörigkeits- gesetz BiH). Aus Art. 1 Ziff. 7c der Verfassung von Bosnien und Herzegowina und Art. 37 des Staatsangehörigkeitsgesetzes BiH geht sodann hervor, dass alle Personen, die unmittelbar vor Inkrafttreten der Verfassung Staatsan - gehörige der (ehemaligen) Republik Bosnien und Herzegowina waren, Staatsangehörige von Bosnien und Herzegowina sind. Überdies kann die Staatsangehörigkeit niemandem entzogen werden, wenn die betreffende Person dadurch staatenlos würde (Art. 1 Ziff. 7b Verfassung BiH sowie Art. 15 Staatsangehörigke itsgesetz BiH). Den Übergangsbestimmungen des Staatsangehörigkeitsgesetzes BiH ist überdies zu entnehmen, dass alle Personen, die Staatsangehörige der ehemaligen Sozialistischen Föde - rativen Republik Jugoslawien (SFRJ) waren, sich zwischen dem 6. April 1992 und dem Inkrafttreten des Gesetzes ständig auf dem Gebiet einer der Entitäten (Republika Srpska und Föderation von Bosnien und Herzegowina) niedergelassen haben (bzw. hatten) und auf diesem Gebiet während einer Dauer von zwei Jahren nach Inkrafttreten de s Gesetzes 2013/60 Anerkennung der Staatenlosigkeit 932 BVGE / ATAF / DTAF ununterbrochenen Wohnsitz haben (bzw. hatten), nach Stellung eines Antrags die Staatsangehörigkeit dieser Entität und von Bosnien und Herzegowina erlangen können (Art. 38 Ziff. 3 Staatsangehörigkeitsgesetz BiH). 7.2.4 Die Beschwerdeführenden verliessen ihren Heimatstaat gemäss eigenen Angaben im Jahre 2002 und lebten zuvor alle seit der Geburt in Bosnien und Herzegowina, wobei A. bei der Erstbefragung durch das BFM vom 19. Dezember 2002 im Rahmen des Asylverfahrens als Staats - angehörigkeit Bos nien und Herzegowina nannte, während ihr Ex -Mann Jugoslawien als seine Staatsangehörigkeit angab. Aufgrund der dargeleg - ten Bestimmungen des Staatsangehörigkeitsgesetzes haben sie grundsätz - lich ein Recht darauf, ihre Staatsangehörigkeit gestützt auf die A rt. 37 und 38 (A.) beziehungsweise Art. 6 Ziff. 2 oder Art. 7 Staatsangehörig - keitsgesetz BiH (B., C. und D.) feststellen zu lassen beziehungsweise durch Antrag zu erwerben. Hinsichtlich der Geltendmachung ihres Anspruchs ist auf die Art. 34 und 35 des Sta atsangehörigkeitsgesetzes BiH zu verweisen. Demnach wird die Staatsangehörigkeit unter anderem durch ein Staatsangehörigkeits - zeugnis nachgewiesen. Dieses wird von dem Organ ausgestellt, welches das Matrikelbuch der Geburten führt (Art. 35 Ziff. 1 Staatsan gehörig- keitsgesetz BiH). Sind – was die Beschwerdeführenden vorliegend gel - tend machen – die mit der Staatsangehörigkeit verbundenen doku - mentierten Angaben unzugänglich oder können Staatsangehörige von Bosnien und Herzegowina sie nicht binnen einer vernünftigen Zeitspanne beschaffen, gestatten die zuständigen Organe (Ministerium für zivile Angelegenheiten und Kommunikation bzw. Ressort -Ministerium der Entität) solchen Personen, die Angaben auf andere Weise zu beschaffen, einschliesslich durch von sol chen Personen (selber) oder für sie abgege - bene Erklärungen (Art. 35 Ziff. 4 Staatsangehörigkeitsgesetz BiH). Selbst wenn die Beschwerdeführenden keine Geburtsscheine erhältlich machen können – wobei entsprechende Bemühungen aus den Akten ebenfalls nicht e rsichtlich sind –, besteht somit die Möglichkeit des Nachweises der in Sarajevo erfolgten Geburten durch die Abgabe entsprechender Erklärungen. Die angeführten Argumente der Diskri - minierung der Roma in Bosnien und Herzegowina sind in diesem Zusammenhang unbehelflich. Zwar trifft zu, dass Roma in Bosnien und Herzegowina im Alltag nach wie vor Benachteiligungen ausgesetzt sind und insbesondere bei der Beantragung von Identitätsdokumenten auf Probleme stossen können. Eine generelle Verweigerung der bosnisch -Anerkennung der Staatenlosigkeit 2013/60 BVGE / ATAF / DTAF 933 herzegowinischen Behörden zur Ausstellung von entsprechenden Doku - menten ist jedoch nicht ersichtlich. Ferner besteht ein Programm des UN Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR), welches Roma kostenlos rechtliche Hilfe bei der Registrierung in Geburtsregi stern anbietet (vgl. UN News Service, UN refugee agency offers legal help to Roma, 6. Mai 2008, < http://www.un.org/apps/news/story.asp?NewsID=26570&Cr= balkan&Cr1 >, besucht am 5. Juli 20 13). Das UNHCR arbeitet in Bosnien und Herzegowina mit dem Legal Aid Netzwerk « Vasa Prava BiH » zusammen (vgl. < http://www.vasaprava.org/?cat=19&lang=en >, besucht am 5. Juli 2013) zusammen, an welches sich die Beschwerde - führenden im Bedarfsfall auch schriftlich hätten wenden können. 7.2.5 Aus dem Dargelegten kann geschlossen werden, dass A. auf - grund der Bestimmungen des Staatsangehörigkeitsgesetzes BiH die Mög- lichkeit hätte, die bosnisch -herzegowinische Staatsangehörigkeit fest - stellen zu lassen oder durch einfachen Antrag zu erwerben. Die allesamt nach Inkrafttreten der bosnisch -herzegowinischen Verfassung geborenen Kinder B., C. und D. könnten sich sodann auf Art. 6 Ziff. 2 oder Art. 7 Staatsangehörigkeitsgesetz BiH berufen, um ihr Recht auf Feststellung beziehungsweise Erwerb der bosnisch -herzegowinischen Staatsangehö - rigkeit geltend zu machen. 7.3 Nach dem Gesagten ist nicht davon auszugehen, dass die Be - schwerdeführenden von vornherein offensichtlich keine Chance auf die Feststellung beziehungsweise den Erwerb der bosnisch -herzegowini- schen Staatsangehörigkeit haben. V on ihnen wäre zu erwarten gewesen, sich – allenfalls mit Hilfe des UNHCR – an die Botschaft von Bosnien und Herzegowina in der Schweiz oder direkt an die Behörden im Heimatstaat zu wenden und sich um die Feststellung ihrer Staatsange - hörigkeit beziehungsweise deren Erlangung zu bemühen. Die Tatsache, dass sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorlä ufig auf- genommen wurden, macht eine derartige Kontaktaufnahme mit den hei - matlichen Behörden nicht unzumutbar (vgl. Urteil des Bundesverwal - tungsgerichts C‒346/2010 vom 21. Dezember 2012 E. 5.2 mit Verweis auf Art. 10 Abs. 1 Bst. a und Abs. 3 der Verordnung vom 14. November 2012 über die Ausstellung von Reisedokumenten für ausländische Personen [RDV , SR 143.5]). Ohne den Nachweis intensiver Bemühungen der Beschwerdeführenden muss davon ausgegangen werden, dass der bosnisch-herzegowinische Staat bereit wäre , seinen Gesetzen nachzu - kommen und die Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführenden festzu - stellen. Daran vermögen die zusätzlichen Ausführungen auf Beschwerde -2013/60 Anerkennung der Staatenlosigkeit 934 BVGE / ATAF / DTAF ebene sowie die eingereichten Beweismittel nichts zu ändern, weshalb auf diese nicht weiter einzugehen ist.