B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3249/2012 U r t e i l v o m 3 0 . J u l i 2 0 1 2 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Markus König, Richter Bendicht Tellenbach; Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Federico A. Pedrazzini, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 16. Mai 2012 / N (…). D-3249/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer, ein Tadschike mit letztem Wohnsitz in Mazar- i-Sharif, verliess Afghanistan eigenen Angaben gemäss im August 2009 und gelangte am 28. Juli 2011 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. A.b Bei der Erstbefragung, die im Empfangs - und Verfahrenszentrum Chiasso stattfand, sagte er aus, er habe in seiner Heimat ein Lebensmi t- telgeschäft besessen, in dem er auch Alkohol verkauft habe. Sein Freund B._______ habe bei ihm eines Tages Alkohol gekauft, den er in fünf Plas- tiksäcke abgefüllt h abe. B._______ habe am Abend ein Fest feiern wo l- len, wozu er eingeladen worden sei. Gegen Mitternacht hätten sie – es seien noch zwei andere Männer eingeladen gewesen – zu trinken begon- nen. B._______ habe sich gegen zwei Uhr früh zu Bett gelegt. Die beiden anderen Freunde und er seien erst am anderen Morgen eingeschlafen. Als sie erwacht seien, hätten sie erfolglos versucht, B._______ zu w e- cken. Da dies nicht gelungen sei – B._______ sei kalt und aufgedunsen gewesen und habe sich nicht bewegt –, seien sie weggegangen; er habe sich zu seinem Geschäft begeben, wo er Geld behändigt habe. Der Freund, zu dem er anschliessend gegangen sei, habe ihm geraten, A f- ghanistan zu verlassen, da er wegen des Todes seines Freundes und des Alkoholverkaufs ins Gefä ngnis kommen werde. Auf Nachfrage gab der Beschwerdeführer an, er habe den Alkohol bei anderen (Personen) g e- kauft. Insgesamt seien sie am Abend der Einladung zu fünft gewesen, es seien ein weiterer Freund, C._______, und zwei ihm unbekannte Männer zugegegen gewesen. C._______ und er hätten den Toten entdeckt, wäh- rend dem die anderen beiden Männer noch geschlafen hätten. Vor einiger Zeit habe er erfahren, dass die Polizei bei B._______ zu Hause Plasti k- säcke gefunden habe. Die Polizei habe sich nach ihm erkundigt. A.c Am 27. Februar 2012 wurde der Beschwerdeführer vom BFM zu se i- nen Asylgründen angehört. Er machte im Wesentlichen geltend, sein Freund B._______ habe vor seiner Heirat nochmals mit Kollegen feiern wollen. Ins gesamt seien vier Männer eingeladen worden . Bevor B._______ zu Bett gegangen sei, sei er betrunken gewesen. Als sie ihn am anderen Morgen hätten wecken wollen, hätten sie bemerkt, dass er nicht mehr geatmet habe. Er (der Beschwerdeführer) befürchte, dass sich die Brüder von B._______ an ihm rächen würden. Diese hätten sich bei der Regierung beschwert; sein Vater und sein Bruder seien von der R e-D-3249/2012 Seite 3 gierung – auf Nachfrage erklärte er, durch die Kriminalpolizei – eingela- den worden. Die Polizei habe seinen Verwandten gesagt, er habe Alkohol verkauft. Die beiden Unbekannten, die bei der Feier zugegen gewesen seien, hätten ihn identifiziert. Auf Nachfrage erklärte er, B._______ habe sie zu Beginn der Feier einander vorgestellt. Er habe den Alkohol von e i- ner Frau bezogen, die ihn zu Hause produziert und ihm g ebracht habe. Sein Vater müsse einmal monatlich zur Polizei und bestätigen, dass er nicht wisse, wo sich der Beschwerdeführer aufhalte. Sein Laden sei b e- hördlich geschlossen worden, man habe nach seiner Abreise alles konfis- ziert. B. Mit Verfügung vom 16. Ma i 2012 stellte das BFM fest, der Beschwerd e- führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordn e- te den Vollzug an. C. Der Beschwerdeführer liess durch seinen Rechtsver treter mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 18. Juni 2012 beantragen, auf das Asylgesuch sei einzutreten und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an das BFM zurückzuweisen, subeve n- tualiter sei der Vollzug der W egweisung wegen Unzumutbarkeit aufz u- schieben und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Es sei ihm die unen t- geltliche Rechtspflege und -verbeiständung zu gewähren sowie auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. D. Der Instruktionsrichter trat mit Zwischenverfügung vom 21. Juni 2012 auf den unzulässigen Antrag, auf das Asylgesuch sei einzutreten, nicht ein. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) hiess er gut, unter der Voraussetzung, dass der Beschwerdeführer bis zum 6. Juli 2012 eine Bestätigung seiner Fü r- sorgeabhängigkeit nachreiche. Das Gesuch um Gewährung der unen t- geltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wies er ab. E. Mit Schreiben vom 5. Juli 2012 übermittelte der Beschwerdeführer eine "Bestätigung Sozialhilfe" vom gleichen Tag. D-3249/2012 Seite 4 F. F.a Am 9. Juli 2012 übermittelte der Instruktionsrichter die Akten zur Ve r- nehmlassung an das BFM. F.b In seiner Vernehmlassung vom 12. Juli 2012 beantragte das BFM die Abweisung der Beschwerde. F.c Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer vom Bundesve r- waltungsgericht am 16. Juli 2012 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffen de Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Ju- ni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be- schwerde ist – soweit nicht bereits mit Zwischenverfügung vom 21. Juni 2012 nicht darauf eingetreten wurde – einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige D-3249/2012 Seite 5 oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich di e Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträgli chen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das BFM begründete seinen Entscheid damit, dass die Schilderu n- gen des Beschwerdeführers über weite Strecken oberflächlich, wenig konkret, wenig differenziert, zu wenig detailliert und widersprüchlich g e- wesen seien. Seine Antworten seien knapp und spärlich ausgefallen. Es wäre zu erwarten gewesen, dass er das Ereignis, als er seinen Freund tot aufgefunden habe, persönlicher und lebendiger geschilde rt hätte. Der Umstand, dass er keine konkreten Angaben über die vier Freund e und Bekannten habe machen können, erwecke nicht den Eindruck von ta t- sächlich Erlebtem. Im Weiteren habe er bei der Erstbefragung zur Frage, wer den Alkohol produziert habe, den er verkauft habe, angegeben, viele Leute hätte dies im Versteckten getan und er habe den Alkohol bei diesen Leuten gekauft. Bei der Anhörung habe er gesagt, er habe diesen au s- schliesslich bei einer Frau gekauft. Es erwecke den Anschein, als habe der Beschwer deführer gewisse Elemente seiner Fluchtgründe während der Anhörung fortlaufend entwickelt. Bei der freien Erzählung habe er ein- zig erwähnt, er habe Afghanistan auf Anraten eines Freundes verlassen. Bei einer späteren Nachfrage habe er gesagt, er habe Angs t vor der R a- che der Brüder seines verstorbenen Freundes gehabt, die sich bei der D-3249/2012 Seite 6 Regierung beschwert hätten. Dies habe er bei der Erstbefragung nicht er- wähnt. Weder bei der Erstbefragung noch bei der freien Schilderung habe er vorgebracht, sein Vater und sein Bruder seien von der Kriminalpolizei vorgeladen worden. Er habe mit seiner Familie erstmals von Grieche n- land aus Kontakt aufgenommen und habe dabei von der Vorladung der Angehörigen durch die Polizei erfahren. Es wäre zu erwarten gewesen, dass er dies bereits bei der Erstbefragung erwähnt hätte, zumal er dazu befragt worden sei. Aufgrund der widersprüchlichen und unsubstanziie r- ten Aussagen des Beschwerdeführers seien seine Vorbringen als u n- glaubhaft zu beurteilen. Im Übrigen habe er den schweizerischen Behör- den seinen Reisepass nicht abgegeben, weshalb weder seine Identität noch die Reisemodalitäten feststünden. Seine Erklärung, er habe den Pass in Griechenland verloren, vermöge nicht zu überzeugen. 4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Verkauf un d Konsum von Alkohol sei in Afghanistan aus religiösen Gründen verboten. Der B e- schwerdeführer lebe freizügig und habe sich gegen die vorherrschenden Religionsansichten gestellt. Dies werde in seiner Heimat bestraft. Bei der Befragung habe er ausgeführt, da ss er nur zwei der bei der Feier Anw e- senden gekannt habe. Aufgrund der konsumierten Alkoholmenge und des Zwecks der Feier ("Junggesellenabschied") sei plausibel, dass er keine detaillierten Angaben über die beiden ihm unbekannten Freunde von B._______ habe machen können. Bei der Erstbefragung habe er ausg e- sagt, andere hätten den Alkohol produziert und er habe ihn von anderen gekauft. Er habe aber nicht spezifiziert, von wem genau er gekauft habe. Erst bei der Anhörung sei er dazu genauer befragt worden und habe ge- sagt, eine Frau habe den Alkohol produziert und ihm diesen geliefert. Im Hinblick auf die Fragestellungen seien keine Widersprüche ersichtlich. Bei der ersten Befragung sei lediglich eine persische Dolmetscherin z u- gegen gewesen, die er nicht in alle r Deutlichkeit verstanden habe. Es sei nicht verwunderlich, dass bei den Aussagen leichte Unterschiede en t- standen seien. Der Beschwerdeführer habe gewusst, dass bei einer U n- tersuchung des Todes von B._______ ein massiver Alkoholkonsum fes t- gestellt würde. D ie ihm unbekannten Gäste hätten gewusst, dass er den Alkohol geliefert habe, weshalb er damit habe rechnen müssen, dass sein Verstoss gegen Religion und Gesetz bekannt werde. Dies habe ihn zur Flucht bewogen. Er sei bei der Befragung davon ausgegangen, das s die wesentlichen Vorbringen die Geschehnisse während der Feier bei B._______ gewesen seien, und nicht diejenigen nach der Flucht. Er habe bereits bei der Erstbefragung gesagt, er habe von seinem Bruder und seinem Vater von der polizeilichen Suche nach ihm erfahren. Schliesslich D-3249/2012 Seite 7 habe er alles unternommen, um seine Identität zu belegen. Er habe seine Identitätskarte nachträglich beschafft und es bestünden keine Zweifel an seiner Identität. Der Beschwerdeführer werde in seiner Heimat aufgrund seiner lockeren Einstellung zur Religion und seines Alkoholkonsums so- wie dem Rachedurst der Brüder B._______ verfolgt. 5. 5.1 Glaubhaft sind die Vorbringen eines Asylsuchenden grundsätzlich dann, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesen t- lichen Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbe h- ren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung wide r- sprechen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person per sönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt, aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbri n- gen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesam t- würdigung die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Asylsuchenden sprechen, überwiegen oder nicht. D abei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. Art. 7 Abs. 2 und 3 AsylG; BVGE 2010/57 E. 2.3 S. 826 f., Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize- rischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.). 5.2 5.2.1 Das BFM hat in der angefochtenen Verfügung berechtigterweise da- rauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer zur Frage, bei wem er den Alkohol, den er in seinem Geschäft verkauft habe, bezogen habe, ab wei- chende Angaben machte. Bei der Erstbefragung wurde er gefragt, wer den Alkohol, den er verkauft habe, produziert habe. Er gab zur Antwort, dass viele Leute dies im Versteckten machten und er den Alkohol von an- deren gekauft habe (act. A6/10 S. 5). Bei der Anhörung wurde er gefragt, wie er an den (verkauften) Alkohol gekommen sei. Er sagte, eine Frau habe diesen zuhause produziert und ihm gebracht. Die Nachfrage, ob diese Frau seine einzige Lieferantin gewesen sei, bejahte er (act. A13/12 S. 7). Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung handelte es sich bei beiden Befragungen somit um die gleiche Fragestellung. D-3249/2012 Seite 8 5.2.2 Insofern der Beschwerdeführer geltend macht, er habe die bei der Erstbefragung eingesetzte Dolmetscherin zwar in den Grundzügen, aber nicht in aller Deutlichkeit verstanden, weshalb es nicht verwunderlich sei, dass in den Aussagen leichte Unterschiede entstanden seien, ist festz u- stellen, dass er bei der Erstbefragung sowohl eingangs der Befragung als auch bei deren Abschluss angab, die übersetzende Person gut zu verste- hen. Dem Protokoll sind keine Hinweise auf Verst ändigungsschwierigkei- ten zu entnehmen und auch bei der Rückübersetzung brachte er keine Korrekturen an, so dass davon auszugehen ist, das Protokoll der Erstb e- fragung gebe seine Aussagen korrekt wieder. 5.2.3 Der Beschwerdeführer führte in der Erstbefragung an, e r habe A f- ghanistan verlassen, weil er ansonsten wegen des Todes seines Freu n- des und des Alkoholverkaufs ins Gefängnis gekommen wäre. Die Frage, ob er alle Gründe für das Verlassen seiner Heimat und die Asylgesuc h- stellung genannt habe, bejahte er, die Frage , ob es noch andere als die genannten Gründe gebe, die einer Rückkehr in sein Heimatland entg e- genstünden, verneinte er (act. A6/10 S. 5 f.). Bei der Anhörung hingegen erwähnte er, er fürchte sich vor den Brüdern des Verstorbenen, diese stammten aus den Dör fern und würden Rache ausüben. Sie hätten sich bei den Behörden über ihn beschwert. Die Aussage des Beschwerdefü h- rers, er fürchte sich vor den Brüdern seines Freundes, vermag nicht zu überzeugen, da er eine von diesen ausgehende Gefährdung bereits bei der Erstbefragung hätte erwähnen müssen, wurde er doch ausdrücklich nach (anderen) Gründen gefragt, die einer Rückkehr in seine Heimat en t- gegenstehen könnten. Dieses Vorbringen ist als nachgeschoben und s o- mit unglaubhaft zu werten. 5.2.4 In Übereinstimmung mit der v om BFM vertretenen Ansicht erachtet es auch das Bundesverwaltungsgericht als unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer wirklich bestehende Schwierigkeiten, die sein Vater seit dem Jahr 2009 wegen ihm mit der Kriminalpolizei habe, erst bei der Anhörung zu den Asylgründen und nicht bereits bei der Erstbefragung erwähnt hätte. Gerade solche Schwierigkeiten seiner Familienangehör i- gen hätten für den Beschwerdeführer bedeutet, dass eine Rückkehr in seine Heimat für ihn gefährlich sein könnte. Dass er diese Gefährdung auf Nachfrage hin nicht geltend machte (act. A6/10 S. 6), spricht gegen die Glaubhaftigkeit des erst im späteren Verlauf des Verfahrens eing e- brachten Gefährdungsmoments. D-3249/2012 Seite 9 5.2.5 Die Zweifel an der Schutzbedürftigkeit des Beschwerdeführers we r- den nicht z uletzt dadurch bestärkt, dass er sich – teilweise während län- gerer Zeit – in mehreren Staaten aufhielt, ohne dort um Schutz nachz u- suchen. So durchquerte er eigenen Angaben gemäss den Iran und die Türkei, lebte während mehr als eineinhalb Jahren in Griechen land, um schliesslich über Italien in die Schweiz zu gelangen. Den Akten kann i n- dessen nicht entnommen werden, dass er sich in einem dieser Länder um den Erhalt von Schutz bemühte. Der Umstand, dass er sich erstmals rund zwei Jahre nach dem Verlassen Afgha nistans dahingehend äusser- te, dass er Schutz vor Verfolgung benötige, spricht ebenso wie die vorste- henden Erwägungen geg en die von ihm geschilderte Bedrohungssituat i- on. 5.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Afghanistan best e- hende oder unmittelbar drohende asylrechtlich relevante Verfolgung nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Auch im heutigen Zeitpunkt kann ihm keine begründete Furcht vor einer Rückkehr in sein Heimatland zuerkannt werden. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausfü h- rungen in der Beschwerde im Einzelnen einzugehen, da sie an der Wü r- digung des vorliegenden Sachverhalts nichts zu ändern vermögen. Das BFM hat sein Asylgesuch demnach zu Recht abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer so l- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei- zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (A rt. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom D-3249/2012 Seite 10 16. De zember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt g e- mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und se iner Vor- gängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüch t- lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte B e- weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rud in/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Au s- länderrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Dri ttstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land g e- zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizeris chen Eid- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkom- mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, u n- menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4 . November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend dar- auf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non -Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be- schwerdeführer nicht gelungen ist , eine asylrechtlich erhebliche Gefäh r- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Af- ghanistan ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. D-3249/2012 Seite 11 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Au s- schaffung nach Afghanistan dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie je ner des UN -Anti-Folterausschusses müsste er eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschl i- che Behandlung drohen würde (vgl. EG MR [Grosse Kammer], Saadi g e- gen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Dies ist ihm unter Hinweis auf die Erwägungen zur Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen nicht gelungen. Auch die allgemeine Me nschenrechtssituation i n Afghanistan lässt den We g- weisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4 7.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind . Wird ei ne konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil D -7950/2009 vom 30. Dezember 2011 die Lage in Mazar-i-Sharif analysiert und ist zum Schluss gelangt, dass die dortige Lage mit derjenigen in Kabul zumindest vergleichbar ist und es sich nicht rechtfertigt, aufgrund der dort her r- schenden allgemeinen Situation von einer generellen Unzumutbarkeit der Rückkehr dorthin auszugehen. 7.4.3 Vorliegend ergeben sich aus den Akten keine individuellen Umstä n- de, die es rechtfertigen würden, den Vollzug der Wegweisung des B e- schwerdeführers in die Stadt Mazar -i-Sharif als unzumutbar zu erachten. Gemäss den Akten wohnen seine Eltern, seine Geschwister und weiter e Verwandte beider Elternteile in Mazar -i-Sharif. Somit verfügt er über ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz, das ihm bei der Reintegration b e- hilflich sein wird. Insbesondere ist anzunehmen, dass er nach seiner Rückkehr nach Mazar-i-Sharif bei Familienangehörigen wohnen kann, bis er allenfalls eine eigene Unterkunft gefunden hat, und dass seine Familie D-3249/2012 Seite 12 ihn bei der Suche nach einer Arbeitsstelle unterstützt. Der junge, ledige Beschwerdeführer ist – gemäss den Akten – gesund und hat eine für A f- ghanistan durchschnittliche Schulbildung. Zudem spricht er neben seiner Muttersprache Farsi auch Paschtu und Urdu und er war in seiner Heimat als Inhaber eines Ladens während einigen Jahren erwerbstätig, weshalb davon auszugehen ist, er werde sich bei einer Rückkehr nach Afghanis- tan auch beruflich wieder integrieren können. Die Rückkehrhilfe der Schweiz, die er auf Antrag hin unter gewissen Umständen erhalten kö n- nen wird, wird ihm den Wiedereinstieg in seiner Heimat ebenfalls erleic h- tern ( Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG; Art. 73 ff. der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Schliesslich ist darauf hinzuwe i- sen, dass er seine Heimat erst im Alter von 24 Jahren verliess und somit den grössten Teil seines Lebens in Afghanistan verbracht e, weshalb er mit der dortigen Sprache, Kultur, Arbeits - und Lebensweise bestens ve r- traut ist. 7.4.4 Somit ist der Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers in die Stadt Mazar-i-Sharif auch im Lichte der aktuellen Rechtsprechung zu A f- ghanistan sowohl in genereller als auch in in dividueller Hinsicht als z u- mutbar zu erachten. 7.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständ i- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückke hr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweis ungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist nach dem Gesagten abzuweisen, soweit auf diese einzutreten ist. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwischenverf ü-D-3249/2012 Seite 13 gung vom 21. Juni 2012 unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Bestätigung seiner Fürsorgeabhängigkeit die unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und er diese nachreichte, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) D-3249/2012 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit auf diese eingetreten wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Hans Schürch Christoph Basler Versand: