B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3225/2010 U r t e i l v o m 1 3 . J u n i 2 0 1 2 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Thomas Wespi; Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______, geboren […], und deren Kind B._______, geboren […], Türkei, vertreten durch Gabriel Püntener, Rechtsanwalt, Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Vollzug der Wegweisung (Wiedererwägung); Verfügung des BFM vom 26. April 2010 D-3225/2010 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin (Mutter), eine türkische Staatsangehörige mit letztem Wohnsitz in Ankara , stellte am 30. September 2003 in der Schweiz ein Asylgesuch. Dieses wurde durch das Bundesamt für Migrat i- on (BFM) mit Verfügung vom 14. Februar 2005 abgelehnt, verbunden mit der Wegweisung aus der Schweiz und der Anordnung des Vollzugs. B. Die hiergegen mit Eingabe vom 16. März 2005 bei der damaligen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) erhobene Beschwerde wurde – unter Einbezug der mittlerweile, am [...], in der Schweiz gebor e- nen Tochter B._______ – durch das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 10. Februar 2010 abgewiesen. C. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters an das BFM vom 22. März 2010 er- suchten die Beschwerdeführerinnen darum, die Verfügung des BFM vom 14. Februar 2005 sei hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung wiede r- erwägungsweise aufzuheben, und sie seien angesichts einer psych i- schen Erkrankung der Beschwerdeführerin (Mutter) wegen Un - zumutbarkeit des We gweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufz u- nehmen. Mit der Eingabe reichte n sie als Beweismittel verschiedene Do- kumente im Zusammenhang mit der Unterhaltspflicht des Vaters der Tochter B._______ (und ehemaligen Lebenspartners der Beschwerdefüh- rerin) ein. D. Mit Schreiben vom 26. März 2010 übermittelte das BFM die Eingabe vom 22. März 2010 an das Bundesverwaltungsgericht mit der Begründung, es handle sich dabei um ein Revisionsgesuch. E. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters an das BFM vom 29. März 2010 reich- ten die Beschwerdeführerinnen bezüglich ihres Wiedererwägungsg e- suchs als Beweismittel einen vom 24. März 2010 datierenden ärztlichen Bericht des Kantonsspitals C._______ (Psychiatrie C._______) nach. Diese Eingabe wurde durch das Bundesamt ebenfalls an das Bundes- verwaltungsgericht weitergeleitet. D-3225/2010 Seite 3 F. Mit Schreiben vom 6. April 2010 teilte das Bundesverwaltungsgericht dem BFM mit, die Eingabe der Beschwerdeführerinnen vom 22. März 2010 sei als Wiedererwägungsgesuch im Vollzugspunkt zu prüfen, und übermitte l- te die betreffenden Akten dem Bundesamt. G. Mit Verfügung vom 26. April 2010 lehnte das BFM das Wieder - erwägungsgesuch ab. H. Diese Verfügung focht en die Beschwerdeführerin nen mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 5. Mai 2010 beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragten sie, die genannte Verfügung sei aufzuheben und die Sache sei zur Feststellung des vollständigen und richtigen rechtserhebl i- chen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung an das BFM zurückzuwe i- sen. Eventualiter sei nach Aufhebung der angefochten en Verfügung die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. In prozessualer Hinsicht beantragten sie ferner, der Vollzug der Wegweisung sei vorsorg- lich auszusetzen. I. Mit Zwischenverfügung vom 11. Mai 2010 setzte der zuständige Instrukti- onsrichter den Vollzug der Wegweisung aus und verzichtete auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses. J. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 4. Juni 2010 ergänzten die B e- schwerdeführerinnen ihre Beschwerdeschrift. K. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 10 . Juni 2010 übermittelten die Beschwerdeführerinnen ein vom 8. Juni 2010 datierendes Schreiben des Kantonsspitals C._______ (Psychiatrie C._______). L. Mit Vernehmlassung vom 25. Juni 2010 hielt das BFM vollumfänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. M. Mit Zwischenverfügung vom 29. Juni 2010 wurde den Beschwerdefüh -D-3225/2010 Seite 4 rerinnen bezüglich der Vernehmlassung des Bundesamts die Gelegenheit zur Replik erteilt. N. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 14. Juli 2010 äusserten sich die Beschwerdeführerinnen zur Vernehmlassung des BFM. O. Mit Eingabe des Rechtsvertreters vom 30. August 2010 wurde in Bezug auf die Beschwerdeführerin ein vom 11. August 2010 datierendes ärztl i- ches Zeugnis des Kantonsspitals C._______ (Gynäkologie und Geburt s- hilfe) eingereicht. P. Mit Zwischenverfügung vom 13. April 2011 wurde die Beschwerdeführerin zur Einreichung eines aktuellen ärztlichen Berichts aufgefordert. Q. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 23. Mai 2011 reichten die B e- schwerdeführerinnen einen Sprechstundenbericht des Kantonsspitals C._______ (Gynäkologie und Geburtshilfe) vom 21. April 2011, einen Operationsbericht des Kantonsspitals C._______ (Gynäkologie und G e- burtshilfe) vom 5. Mai 2011, einen medizinischen Bericht des Kantonsspi- tals C._______ (Psychiatrie C._______) vom 10. Mai 2011 sowie drei Un- terstützungsschreiben Dritter ein. R. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 4. Juni 2011 reichten die B e- schwerdeführerinnen eine Entbindungserklärung in Bezug auf die ärztl i- che Schweigepflicht sowie zwei Unterstützungsschreiben ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) . Über B e- schwerden gegen Verfü gungen, die gestützt auf das Asylgesetz vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) durch das BFM erlassen worde n sind, D-3225/2010 Seite 5 entscheidet das Bun desverwaltungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsg e- setzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können die Ve r- letzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Über schreitung des Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Fest stellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessen heit gerügt we r- den (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. Die Beschwerdeführerinnen sind legitimiert; auf ihre frist- und formgerecht eingereichte Be schwerde ist einzutreten (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1, Art. 50 und 52 VwVG). 3. Die Wiedererwägung im Verwaltungsverfahren ist ein gesetzlich nicht g e- regelter Rechtsbehelf, auf dessen Beh andlung durch die ver fügende Be- hörde grundsätzlich kein Anspruch besteht. Gemäss herr schender Lehre und ständiger Praxis des Bund esgerichts wird jedoch aus Art. 29 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101) unter bestimmten Voraus setzungen ein verfassung s- mässiger Anspruch auf Wiederer wägung abgeleitet (vgl. BGE 127 I 133 E. 6 mit weiteren Hinweisen). Danach ist auf ein Wiedererwägungsg e- such einzutreten, wenn sich der rechts erhebliche Sachverhalt seit dem ursprünglichen Entscheid be ziehungsweise seit dem Urteil der mit B e- schwerde angerufenen Rechtsmittelinstanz in wesentlicher Weise verä n- dert hat und mithin die ur sprüngliche (fehlerfreie) Verfügung an nachträg- lich eingetretene Ver änderungen der Sachlage anzupassen ist. Sodann können auch Re visionsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung b e- gründen, sofern sie sich auf eine in materielle Rechtskraft erwachsene Verfügung beziehen, die entweder unangefochten geblieben oder deren Beschwerdeverfahren mit einem formellen Prozessurteil abgeschlossen worden ist. Ein solchermassen als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch zu bezeichnendes Rechtsmittel ist grund sätzlich nach den Regeln des Revisionsverfahrens zu behandeln (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs kommission [EMARK] 2003 Nr. 17 E. 2a S. 103 f. mit weiteren Hinweisen). D-3225/2010 Seite 6 4. 4.1. Die Beschwerdeführerin nen begründeten ihr Wiedererwägungsg e- such im Wesentlichen damit, seit dem Urteil des Bundesverwaltungsge- richts vom 10. Februar 2010 habe sich eine neue Situation ergeben, i n- dem die Beschwerdeführerin (Mutter) in schwerwiegender Weise ps y- chisch erkrankt sei. Diese akute Erkrankung sei einerseits durch das ge- nannte Urteil an sich ausgelöst worden, andererseits durch den Umstand, dass die Beschwerdeführerin aufgrund des Urteils realisiert habe, dass den schweizerischen Asylbehörden wesentliche Aspekte im Zusamme n- hang mit ihrer Gefährdung im Falle eines Vollzugs der Wegweisung in die Türkei nicht bekannt gewesen seien. Diese Aspekte seien auf ihre (ehe- malige) Beziehung zum Vater ihrer Tochter B._______ zurückzuführen. Bei jenem handle es sich um einen Türken kurdischer Ethnie, der sie – eine Türkin türkischer Ethnie – bereits vor der Geburt der Tochter verlas- sen habe, nachdem er wegen der unterschiedlichen ethnischen Zugeh ö- rigkeit nicht mit einer Heirat einverstanden gewesen sei. Sie selbst stam- me aus einer konservativen türkischen Familie, welcher sie die Tatsache der unehelichen Geburt ihrer Tochter B._______ bislang verheimlicht ha- be. Im Falle einer Rückkehr in die Türkei habe sie mit der Verstossung durch ihre Familie zu rechnen und könne keineswegs – wie vom Bundes- verwaltungsgericht mit dem Urteil vom 10. Februar 2010 angenommen – auf ein familiäres Beziehungsnetz zurückgreifen. Ausserdem habe der Vater von B._______ bereits damit gedroht, seine Verwandten würden ihr das Kind wegnehmen, sollte sie in die Türkei zurückkehren. Es sei damit zu rechnen, dass der Vater des Kindes dies in der Türkei sogar gerichtlich durchsetzen könnte. Ferner sei mit dem Urteil des Bundesverwaltungsge- richts fälschlicherweise festgestellt worden, es seien keine gesundheitl i- chen Probleme der Beschwerdeführerin ersichtlich. Vielmehr habe sie be- reits unmittelbar nach der Geburt ihrer Tochter suizidale Absichten gehegt und sei aufgrund ihrer psychischen Probleme, die durch ihre schwierige Lebenssituation ausgelöst worden seien, wiederholt in ärztlicher Behan d- lung gewesen. Diese Umstände seien aufgrund einer ungenügenden Mandatsausübung des vormaligen Rechtsvertreters nicht bereits im o r- dentlichen Beschwerdeverfahren vorgebracht worden. 4.2. Das BFM führte in der vorliege nd angefochtenen Verfügung vom 26. April 2010 im Wesentlichen aus, die Verschlimmerung einer vorbeste- henden Krankheit aufgrund des Erhalts des negativen Beschwerdeurteils führe nicht dazu, dass der Wegweisungsvollzug un zumutbar werde. In der Türkei bestünden die erforderlichen psychiatrischen Therapiemö g- lichkeiten. Auch die diagnostizierte Suizidalität stehe dem Vollzug der D-3225/2010 Seite 7 Wegweisung nicht entgegen, könne dieser doch mit geeigneten medizin i- schen Massnahmen begegnet werden. Im Übrigen führte das Bundesamt aus, bei den mit dem Wiedererwägungsgesuch weiter geltend gemachten Schwierigkeiten, die sich mit der Geburt der Tochter B._______ ergeben hätten, handle es sich um vorbestandene Tatsachen, die nicht im Ra h- men eines Wie dererwägungsverfahrens zu prüfen sei en, sondern alle n- falls mittels eines Revisionsgesuchs geltend gemacht werden könnten. 4.3. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Besti mmungen über die vorläufige Auf nahme von Aus- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bun desgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 4.4. Im Folgenden ist zunächst die Frage zu prüfen, ob die geltend g e- machten gesundheitlichen Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin dazu führen, dass der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar zu qualifizieren ist. 4.4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Sind von einem allfä l- ligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung ausserdem das Kindeswohl einen Gesichtspunkt von vorrangiger Bedeutung (vgl. EMARK 1998 Nr. 13 E. 5e/aa, 2005 Nr. 6 E. 6.2). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Bot- schaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 4.4.2. Aus den im vorinstanzlichen Wiedererwägungsverfahren sowie im Beschwerdeverfahren eingereichten medizinischen Beweismitteln geht im Wesentlichen Folgendes hervor: Aus dem vom 24. März 2010 datiere n- den Bericht des Kantonsspitals C._______ (Psychiatrie C._______) ergibt sich, dass sich bei der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit dem abweisenden Urteil des Bundesverwaltungs gerichts vom 10. Februar 2010 eine depressive Symptomatik mit Schlafstörungen, Ängsten, G e- dankenkreisen und Suizidgedanken entwickelt habe. Die subjektive Überzeugung der Beschwerdefüh rerin, sie werde in der Türkei – durch D-3225/2010 Seite 8 Wegnahme oder Tötung – ihre Tochter verlieren, habe ausserdem dazu geführt, dass sie auch Gedanken an einen erweiterten Suizid mit ihrer Tochter entwickelt habe. Aus dem vom 8. Juni 2010 datierenden ärztl i- chen Zeugnis des Kantonsspitals C._______ (Psychiatrie C._______) geht hervor, dass die Beschwerdeführerin sich in regelmässiger ambu - lanter Behandlung befinde. Gemäss dem vom 11. August 2010 datieren - den ärztlichen Zeugnis des Kantonsspitals C._______ (Gynäkologie und Geburtshilfe) wurde anlässlich eines Vorsorgeabstrichs eine leichte Ze ll- veränderung festgestellt. Gemäss dem vom 21. April 2011 datierenden Sprechstundenbericht des Kantonsspitals C._______ (Gynäkologie und Geburtshilfe) wurde eine Dysplasie der Cervix ( Krebsvorstufe des Gebär- mutterhalses) diagnostiziert, so dass eine Hyst erektomie (operative Ent- fernung der Gebärmutter ) durchzuführen sei, die für den 27. April 2011 geplant sei. Aus dem Operationsbericht des Kantonsspitals C._______ (Gynäkologie und Geburtshilfe) vom 5. Mai 2011 geht hervor, dass am 27. April 2011 mit problemlosem Operationsverlauf eine abdominale Hys- terektomie durchgeführt wurde. Aus dem vom 10. Mai 2011 datierenden medizinischen Bericht des Kantonsspitals C._______ (Psychiatrie C._______) resultiert, dass die Beschwerdeführerin unter einer An - passungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion leide. Sie besuche seit dem 17. März 2010 eine ambulante Psychotherapie und werde mit einem Antidepressivum pharmakologisch behandelt. Das psychische Lei - den sei auf die Angst der Beschwerdeführerin zurückzuführen, im Falle einer Ausschaffung in die Türkei ihre Tochter zu verlieren. Zu Beginn der Therapie sei die Beschwerdeführerin nicht in der Lage gewesen, adäquat für ihre Tochter zu sorgen. Dies habe sich darin gezeigt, dass die Be - schwerdeführerin und ihre Tochte r keinen regelmässigen Schlaf gehabt hätten, unausgewogen gegessen hätten und der depressive und mit Angst besetzte Zustand der Mutter sich auf die Tochter übertragen habe. Ohne eine Behandlung sei anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer neg ativen Erfahrungen wieder vermehrt depressive Sy m- ptome entwickeln und die Suizidalität zunehmen werde. Darunter würde in erster Linie ihr e Tochter leiden, und es müsse beim Kind mit Entwic k- lungsstörungen gerechnet werden. Aus rein medizinischer Sicht könn e zwar die psychische Beeinträchtigung der Beschwerdeführerin auch in der Türkei behandelt werden. Da die Beschwerdeführerin aber in ihrem Heimatland von den dort durchgemachten Erlebnissen wieder eingeholt würde und vermutlich mit kulturbedingten Sanktionen der eigenen Familie zu rechnen habe, sei davon auszugehen, dass sich der psychische Z u- stand der Beschwerdeführerin selbst wie auch ihrer Tochter dort wieder D-3225/2010 Seite 9 deutlich verschlechtern würde und eine akute Suizidalität nicht ausg e- schlossen werden könne. 4.4.3. Es ist festzuhalten, dass die psychischen Probleme der Beschwe r- deführerin – wie aus den entsprechenden medizinischen Berichten he r- vorgeht – offensichtlich eine Reaktion auf die drohende Ausschaffung in ihren Heimatstaat bilden. Dabei ist zwar nicht auszuschl iessen, dass die Beschwerdeführerin im Falle des bevorstehenden Vollzugs der Wegwe i- sung mit gewissen, möglicherweise kurzfristig auch ernsthafteren psych i- schen Schwierigkeiten konfrontiert sein könnte. Es ist jedoch davon au s- zugehen, dass solche akute Prob leme ausschliesslich auf die Tatsache der bevorstehenden Rückschaf fung in die Türkei zurückzuführen wären. Einer solchen psychischen Dekompensation kann mit geeigneter psych i- atrischer Betreuung im Zeit raum der Rückschaffung begegnet werden. Sollten sich im Hinblick auf die bevorstehende Rückkehr in den Heima t- staat bei der Beschwerde führerin ausserdem suizidale Tendenzen entwi- ckeln, so könnte diesen bis zum Übertritt in heimatstaatliche Betreuung s- strukturen medikamentös beziehungsweise allenfalls mit einer adäquaten medizinischen Begleitung während der Rückführung begegnet werden. Es ist in diesem Zusammenhang ausserdem festzuhalten, dass in der Türkei, zumal in der Hauptstadt Ankara, wo die Beschwerdeführerin wäh- rend der letzten elf Jahre vor ihrer Ausreise lebte, nicht von einem Fehlen psychiatrischer Betreuungsmöglichkeiten und medikamentöser Behan d- lung auszugehen ist. Sollten die psychischen Probleme im Hei matstaat anhalten (was aber angesichts der hauptsächlichen Ver ursachung durch den negativen As ylentscheid eher unwahrscheinlich erscheint), so hätte die Beschwerdeführerin – gegebenenfalls mit zusätzlicher finanzieller Un- terstützung im Rahmen einer medizinischen Rück kehrhilfe gemäss Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG – die Möglichkeit, entsprechende medizinische Angebote in Anspruch zu nehmen. Weiter ist festzustellen, dass die über die psychischen Leiden hinaus geltend gemachten körperlichen gesun d- heitlichen Probleme der Beschwerdeführerin offensichtlich nicht geeignet sind, die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Zweifel zu ziehen. Mit Blick auf die psychisch bedingte Krankheitssituation und unter B e- rücksichtigung der Möglichkeit, dass sich die gesundheitliche Lage der Beschwerdeführerin auch auf das Kindeswohl der Tochter B._______ auswirken könnte, ist ausserdem festzuhalten, dass in der Türkei, und so auch in Ankara, Betreuungsmöglichkeiten für alleinerziehende Mütter und deren Kinder bestehen (vgl. auch nachfolgend, E. 4.6). Es ist davon aus- zugehen, dass dabei auch die Möglichkeit einer angeme ssenen Betreu- ung der Tochter B._______ besteht, sollte die Beschwerdeführerin med i-D-3225/2010 Seite 10 zinische Behandlung benötigen. Insgesamt erscheint somit im Falle eines Vollzugs der Wegwei sung in die Türkei eine auf gesundheitliche Beei n- trächtigungen zurückzuführende kon krete Gefährdung der Beschwerd e- führerin wie auch ihres Kindes im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG nicht ge- geben (vgl. dazu auch BVGE 2009/2 E. 9.3.2, EMARK 2003 Nr. 24 E. 5b). 4.5. Des Weiteren ist zu prüfen, ob sonstige Gründe bestehen, die Zu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. 4.5.1. Die Beschwerdeführerin macht abgesehen von ihren gesundheitl i- chen Problemen ausserdem geltend, der Vater ihrer Tochter B._______ gehöre der kurdischen Ethnie an, während sie selbst türkischer Ethnie sei. Jener habe bereits damit gedroht, seine Verwandten würden ihr das Kind wegnehmen, sollte sie in die Türkei zurückkehren. Es sei damit zu rechnen, dass der Vater des Kindes dies in der Türkei sogar gerichtlich durchsetzen könnte. Weiter stamme s ie selbst aus ein er konservativen türkischen Familie, welcher sie die Tatsache der unehelichen Geburt ihrer Tochter B._______ bislang verheimlicht habe. Im Falle einer Rückkehr in die Türkei habe sie mit der Verstossung durch ihre Familie zu rechnen , weshalb sie nicht – wie vom Bundesverwaltungsgericht mit dem Urteil vom 10. Februar 2010 angenommen – über ein familiäres Beziehung s- netz verfüge. 4.5.2. Diese Argumente vermögen nicht zu überzeugen. Dies gilt zu- nächst für die Befürchtung der Beschwerdeführerin, ihre Tochter B._______ könnte ihr vom Vater des Kindes weggenommen werden. Auch unter Berücksichtigung des sozio -kulturellen Kontexts ist in diesem Zusammenhang festzuhalten , dass sich die Beschwerdeführerin gegen entsprechende Bestrebungen in der Türkei mit behördlicher Unterstüt- zung wehren könnte. Dabei sind auch weder ernsthafte Gründe ersich t- lich noch werde n solche von der Beschwerdeführerin geltend gemacht, welche die Rechtsstaatlichkeit der Anwendung familienrechtlicher Grund- sätze in der Türkei in Frage stellen würden. Weiter ist in Bezug auf das Vorbringen, die Beschwerdeführerin habe mit der Verstossung durch ihre Familie zu rechnen, festzuhalten, dass sie eine weitere, im Jahr 1992 g e- borene Tochter aus einer geschiedenen Ehe, D._______, hat. Zum Zei t- punkt der Erstbefrag ung im ordentlichen Asyverfahren (2. Oktober 2003) lebte jene Tochter bei der Mutter der Beschwerdeführerin, mithin in deren Familienverband. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Beschwerd e- führerin aufgrund der Tatsache, dass sie nun eine zweite – wenn auch D-3225/2010 Seite 11 unehelich geborene – Tochter hat, von ihrer Familie verstossen werden sollte, was allenfalls unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Existenzfähi g- keit von Belang sein könnte . Mit der Beschwerdeergänzung vom 4. Juni 2010 wurde diesbezüglich der An trag gestellt, es seien mit Hilfe der schweizerischen Botschaft in der Türkei Abklärungen vor Ort durchzufüh- ren. Jedoch ist nicht ersichtlich, inwiefern dies zu entscheidrelevanten Er- kenntnissen führen könnte, und der Antrag ist deshalb abzuweisen. 4.6. Im Zusammenhang mit der Frage der wirtschaftlichen Existenzfähi g- keit der Beschwerdeführerin und ihres Kindes B._______ ist somit – wie auch bereits mit dem Urteil vom 10. Februar 2010 festgestellt wurde – davon auszugehen, dass sie in der Türkei, und zwar in Ankara, wo die Beschwerdeführerin vor ihrer Ausreise wohnte und wo ihre Mutter mit d e- ren Familie, darunter zwei Halbbrüder, sowie ihre mittlerweile volljährige ältere Tochter D._______ leben, über ein fa miliäres Beziehungsnetz ver- fügt. Darüber hinaus ist a usserdem festzuhalten, dass die Beschwerd e- führerin selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass sie wegen der unehel i- chen Geburt ihrer Tochter B._______ Schwierigkeiten mit ihrem Familien- verband haben sollte, in der Türkei nicht ohne Unterstützung auskommen müsste. Gemäss Erkenntnissen des Gerichts existieren in der Türkei und zumal in der Hauptstadt Ankara sowohl seitens des türkischen Staats als auch privater Organisationen soziale Einrichtungen, die Hilfsangebote für alleinerziehende Mütter anbieten. Es ist der Beschwerdeführerin zuzumu- ten, bei Bedarf entsprechende Angebote in Anspruch zu nehmen. Schliesslich wurde mit dem genannten Urteil vom 10. Februar 2010 auch bereits festgestellt, dass die Beschwerdeführerin ausgebildete Kranken- schwester und Heb amme mit 16-jähriger Berufserfahrung in türkischen Kliniken ist. Sie wird sich somit auch in beruflicher Hinsicht wieder inte g- rieren können. Der Vollzug der Wegweisung ist somit auch unter dem As- pekt der Existenzsicherung der Beschwerdeführerin und ihres Kindes als zumutbar zu bezeichnen. 5. Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass das Bundesamt mit der Verfügung vom 26. April 2010 das Wiedererwägungsgesuch der Be- schwerdeführerinnen zu Recht abgelehnt hat. Die vorliegende Beschwer- de ist folglich abzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten den Beschwer- deführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Die Kosten D-3225/2010 Seite 12 werden auf Fr. 600.-- festgesetzt (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Fe b- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). (Dispositiv nächste Seite) D-3225/2010 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 600. -- werden den Beschwerdeführerinnen auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen nach Versand des vorliegen - den Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das BFM und die z u- ständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand: