B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2861/2012 U r t e i l v o m 1 0 . D e z e m b e r 2 0 1 3 Besetzung Einzelrichterin Muriel Beck Kadima, mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiberin Alexandra Püntener. Parteien A._______, B._______, C._______, Sri Lanka, alle vertreten durch lic.iur. Christian Wyss, Fürsprecher, (…), Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. April 2012 / N (…). E-2861/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reichte am 2. Oktober 1989 ein erstes Asylgesuch ein, das mit Verfügung vom 19. September 1994 abgelehnt wurde. Gleichzeitig wurde er wegen Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen. Am 30. Januar 1997 verzichtete er auf die vo r- läufige Aufnahme, um in seinen Heimatstaat zurückzukehren. Der Beschwerdeführer verliess eigenen Angaben zufolge sein Heimatland erneut am 19. Januar 2007 und gelangte über Indien, wo er sich während mehrerer Monate aufhielt , von Italien her kommend am 28. Dezember 2007 in die Schweiz und suchte a m gleichen Tag um Asyl nach. Anläss- lich der Kurzbefragung im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ vom 11. Januar 2008 und der einlässlichen Anhörung en vom 30. Januar 2008 und 12. April 2012 erhielt er Gelegenheit, sich zu seinen Ausreise- und Asylgründen zu äussern. Hinsichtlich der Asylvorbringen des Beschwerdeführers wird auf die Akten verwiesen. Der Beschwerdeführer reichte zwei Kopien von LTTE -Vorladungen als Beweismittel zu den Akten. B. Die Beschwerdeführerin verliess eigenen Angaben zufolge ihr Heimatland Mitte Juni 2008 und gelangte über Indien, wo sie sich längere Zeit au f- hielt, am 21. Juli 2011 in die Schweiz und suchte gleichentags um Asyl nach. Anlässlich der Kur zbefragung im Empfangs - und Verfahrenszent- rum (EVZ) D._______ vom 28. Juli 2011 und der einlässlichen Anhörung vom 12. April 2012 erhielt sie Gelegenheit, sich zu ihren Ausreise - und Asylgründen zu äussern. Hinsichtlich der Asylvorbringen der Beschwe r- deführerin wird auf die Akten verwiesen. C. Am 4. Februar 2012 wurde C._______ geboren. D. Das BFM stellte mit Verfügung vom 25. April 2012, eröffnet am 27. April 2012, fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte die Asylgesuche ab. Die Vorinstanz begründete ihre Ver- fügung im Wesentlichen damit, dass die Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht standhalten würden , so dass ihre Asylrel e-E-2861/2012 Seite 3 vanz nicht geprüft werden müsse . Gleichzeitig verfügte es die Wegwe i- sung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. E. Mit Eingabe vom 25. Mai 2012 an das Bundesverwaltungsgericht erh o- ben die Beschwerdeführenden durch ihren Rechtsvertreter dagegen B e- schwerde und beantragten, die vorinstanzliche Verfügung sei aus formel- len Gründen aufzuheben und die Sache zwecks Befragung der B e- schwerdeführerin durch eine fachpsychologisch geschulte Person an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und den Beschwerdeführenden Asyl zu gewähren; eventual i- ter seien die Ziffern 4 und 5 aufzuheben und die Beschwerdeführenden in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Ansetzung einer Frist zur Nachreichung von Beweismitteln ersucht. F. Mit Zwischenverfügung des Bundesverwal tungsgerichts vom 31. Mai 2012 wurde ein Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.– erhoben und die Beschwerdeführenden dazu aufgefordert, eine von ihnen unterzeic h- nete Vollmacht einzureichen. Die Beschwerdeführenden reichten am 30. Mai 2012 eine Vollmacht ein. Der Kostenvorschuss wurde am 4. Juni 2012 fristgerecht einbezahlt. G. In seiner Vernehmlassung vom 25. Juni 2012 beantragte das BFM die Abweisung der Beschwerde. H. Am 9. und 11. Oktober 2012 reichten die Beschwerdeführenden eine Be- stätigung des Rechtsanwalts E._______ vom 22. Mai 2012, eine Bestät i- gung der Human Rights Commission Sri Lanka vom 19. Juli 2002 und ein tamilisches Dokument als Beweismittel ein. E-2861/2012 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den Be- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilg e- nommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungswei- se Änderung; sie sind daher zur Einre ichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4 Die Beschwerde ist im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters re spektive einer zweiten Richterin zu behandeln, weil sie sich im Ergebnis als offensichtlich begründet erweist (Art. 111 Bst. e AsylG). 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). E-2861/2012 Seite 5 3. 3.1 Die Vorinstanz ist in Verfahren, die Staatsangehörige Sri Lankas tami- lischer Ethnie betreffen, systematisch dazu übergegangen, keine Ausre i- sefristen mehr zu verhängen und ber eits angeordnete Ausreisefristen aufzuheben. Faktisch zieht sie damit sämtliche Verfahren (auch solche im Vollzugsstadium) in Wiedererwägung, und zwar unbesehen der konkreten Umstände im Einzelfall. Das vorinstanzliche Vorgehen geht auf zwei im August 2013 bekannt gewordene Vorfälle sri -lankischer Rückkehrer z u- rück, welche in der Schweiz jeweils erfolglos ein Asylverfahren durchla u- fen haben und weggewiesen wurden (vgl. Medienmitteilung des BFM vom 4. September 2013: "Bundesamt hat Rückführungen nach Sri Lan ka vorläufig ausgesetzt"). Die sri-lankischen Behörden haben die tamilischen Rückkehrer bei der Wiedereinreise in Haft genommen. Daraufhin hat die Vorinstanz in Aussicht gestellt, die beiden Vorfälle und eine allfällige Ve r- änderung der allgemeinen Situatio n und insbesondere die Lage der Rückkehrenden in Sri Lanka vertieft abzuklären. Hierfür ersuchte sie das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR), die beiden Fälle einer Qualitätsprüfung zu unterziehen sowie anschliessend auch die Dossiers jener Person en zu überprüfen, deren Gesuche rechtskräftig abgelehnt worden sind und die mit der Rückführung nach Sri Lanka hätten rechnen müssen (vgl. Medienmitteilung des BFM vom 3. Oktober 2013: "Sri Lanka gibt bekannt, warum zwei ehemalige Asylsuchende in Haft sind " sowie: Neue Zürcher Zeitung [NZZ] vom 4. Oktober 2013: " UNHCR überprüft Asyldossiers – zwei zurückgeschickte Tamilen seit Wochen in Haft"). Die Vorinstanz geht damit selbst davon aus, dass der Sachverhalt, wie er der Verfügung vom 30. Mai 2011 zugrunde l iegt, offensichtlich nicht vollstä n- dig festgestellt ist. Denn es besteht kein Zweifel, dass eine neue Lageb e- urteilung vor Ort sich auf die konkrete Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts auswirken kann, sei es im Flüchtlings- und Asylpunkt, sei es im Wegweisungsvollzugspunkt. 3.2 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindl i- chen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückwe i- sung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tats a- chen festgestellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen a n- gebracht erscheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Vorliegend liegt der Mangel in einer unvollständigen Sachverhaltsfeststel-E-2861/2012 Seite 6 lung, wobei die unterbliebenen notwendigen Abkl ärungen eine relativ aufwändige und umfangreiche Beweiserhebung darstellen, weshalb sich eine Kassation der angefochtenen Verfügung rechtfertigt. Im Übrigen bleibt auf diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet. 3.3 Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die angefochtene Verf ü- gung ist aufzuheben, die Sache ist zur vollständigen Sachverhaltsfeststel- lung sowie zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen und die vorinsta nzlichen Akten sowie Kopien der auf Beschwerdeebene am 9.10. und 11.10.2012 eingereichten Schreiben samt Beweismittel , we l- ches ebenfalls Prozessstoff des vorinstanzlichen Verfahrens bilden wird, werden dem BFM zugestellt. Auf die weiteren Vorbringen in der Rechts- mitteleingabe ist aufgrund der vorliegenden Kassation zum heutigen Zeit - punkt nicht näher einzugehen. 4. 4.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der am 4. Juni 2012 geleistete Kostenvo r- schuss in der Höhe von Fr. 600.- ist zurückzuerstatten. 4.2 Den vertretenen Beschwerdefüh renden ist angesichts ihres Obsie- gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden hat keine Kostennote ein- gereicht. Der entstandene Vertretungsaufwand kann jedoch aufgrund der Akten zuverlässig abgeschätzt werden (Art. 14 Abs. 2 VGKE). De n Be- schwerdeführenden ist zu Lasten des BFM unter Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 - 13 VGKE) und der En t- schädigungspraxis in vergleichbaren Fällen eine Parteientschädigung für den Aufwand ihres Rechtsvertreters von insgesamt Fr. 1'000.– (inkl. Aus- lagen und allfällige MWSt) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-2861/2012 Seite 7 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 25. April 2012 wird aufgehoben und die S a- che im Sinne der Erwägun gen zur Neubeurteilung an die Vorin stanz zu- rückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. Der geleistete Kostenvo r- schuss von Fr. 600.– ist zurückzuerstatten. 4. Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1'000.– (inkl. Auslagen und MWSt) auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das BFM und die kant o- nale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Alexandra Püntener Versand: