<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 58 S.191</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">191</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VII. Fürsorgerische Freiheitsentziehung</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>58</b></span> <span class="ft2"><b>Probeweise Entlassung; Nichteinhalten von Weisungen.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>probeweise Entlassung mit Weisungen, falls noch nicht alle Vorausset-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zungen für eine definitive Entlassung gegeben sind, bzw. falls Voraus-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>setzungen, die zur Unterbringung geführt haben, erst teilweise ent-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fallen sind (Erw. 3/b).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>keine automatische Rückführung bei Nichteinhalten der Weisungen,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sondern Einleitung des ordentlichen Einweisungsverfahrens unter</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Einhaltung sämtlicher Verfahrensvorschriften (Erw. 3/b und 3/f).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 12. März 2002 in Sa-</span><br/> <span class="ft3">chen R.S. gegen Entscheid des Bezirksamts A.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">3. b) Art. 397a Abs. 3 ZGB verlangt die Entlassung einer Per-</span><br/> <span class="ft5">son, welche mittels fürsorgerischer Freiheitsentziehung in eine An-</span><br/> <span class="ft5">stalt eingewiesen oder in einer solchen zurückbehalten wurde, sobald</span><br/> <span class="ft5">ihr Zustand es erlaubt. § 67h Abs. 1 EG ZGB sieht die Möglichkeit</span><br/> <span class="ft5">einer probeweisen Entlassung, nötigenfalls mit Weisungen, vor, falls</span><br/> <span class="ft5">noch nicht alle Voraussetzungen für eine definitive Entlassung gege-</span><br/> <span class="ft5">ben bzw. die Voraussetzungen, die zur Unterbringung respektive</span><br/> <span class="ft5">Zurückbehaltung des Betroffenen geführt haben, erst teilweise ent-</span><br/> <span class="ft5">fallen sind. Bei der Befugnis, dem probeweise Entlassenen verbindli-</span><br/> <span class="ft5">che Weisungen aufzuerlegen, handelt es sich um ein bewährtes Mit-</span><br/> <span class="ft5">tel zur zweckmässigen Gestaltung der Probezeit und Überwachung</span><br/> <span class="ft5">des Betroffenen (Botschaft des Regierungsrates des Kantons Aargau</span><br/> <span class="ft5">an den Grossen Rat vom 19. Mai 1980 [Botschaft], S. 14). Sinn und</span><br/> <span class="ft5">Zweck soll dabei sein, eine notwendige Behandlung im Anschluss an</span><br/> <span class="ft5">die Entlassung aus einer Anstalt sicherzustellen (AGVE 1996,</span><br/> <span class="ft5">S. 277). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass es sich hierbei nicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">192</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">um eine Zwangsmassnahme im Sinne von § 67e</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft5">EG ZGB handelt</span><br/> <span class="ft5">und dass die automatische Rückführung des Betroffenen in eine An-</span><br/> <span class="ft5">stalt bei Nichteinhalten der Weisungen der Einweisungsbehörde ver-</span><br/> <span class="ft5">wehrt bleibt (AGVE 2000, S. 188 und S. 191). Gemäss § 67h Abs. 2</span><br/> <span class="ft5">EG ZGB befindet die für die Entlassung zuständige Behörde zudem</span><br/> <span class="ft5">von Amtes wegen mindestens einmal jährlich darüber, ob die probe-</span><br/> <span class="ft5">weise Entlassung in eine definitive umgewandelt werden kann. Da-</span><br/> <span class="ft5">durch soll sichergestellt werden, dass probeweise Entlassungen nicht</span><br/> <span class="ft5">zum Dauerzustand werden. Andererseits kann die Einweisungsbe-</span><br/> <span class="ft5">hörde die probeweise Entlassung widerrufen, wenn erneut sämtliche</span><br/> <span class="ft5">Voraussetzungen für eine Unterbringung des Betroffenen in einer</span><br/> <span class="ft5">Anstalt gegeben sind. Dies hat im ordentlichen Einweisungsverfah-</span><br/> <span class="ft5">ren unter Einhaltung aller Verfahrensvorschriften zu geschehen</span><br/> <span class="ft5">(AGVE 2000, S. 191).</span><br/> <span class="ft5">c) Das Bezirksamt hat - als unbestritten zuständige Behörde</span><br/> <span class="ft5">(Art. 397b Abs. 3 ZGB in Verbindung mit § 67b Abs. 1 lit. a EG</span><br/> <span class="ft5">ZGB) für die Aufhebung der von ihr verfügten fürsorgerischen Frei-</span><br/> <span class="ft5">heitsentziehung - mit Verfügung vom 13. Februar 2002 den Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeführer unter Weisungen und Auflagen bedingt entlassen mit</span><br/> <span class="ft5">der Begründung, dass die fürsorgerische Freiheitsentziehung vorerst</span><br/> <span class="ft5">bestehen bleibe, bzw. dass das Nichterfüllen der geforderten Aufla-</span><br/> <span class="ft5">gen für den Beschwerdeführer die Rückführung in die stationäre</span><br/> <span class="ft5">Therapie im Rahmen einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung be-</span><br/> <span class="ft5">deute. Dies sollte offensichtlich Sinn und Zweck der Formulierung</span><br/> <span class="ft5">"ambulante Massnahme" in Dispositiv Ziff. 2 sein.</span><br/> <span class="ft5">d) Der Beschwerdeführer akzeptiert die im angefochtenen Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheid enthaltenen Weisungen betreffend seine weitere psychiatri-</span><br/> <span class="ft5">sche Behandlung, dies jedoch nicht im Rahmen einer fortbestehen-</span><br/> <span class="ft5">den fürsorgerischen Freiheitsentziehung, sondern nur im Rahmen</span><br/> <span class="ft5">einer probeweisen Entlassung. Da die fürsorgerische Freiheitsentzie-</span><br/> <span class="ft5">hung gemäss Begründung der angefochtenen Verfügung vollumfäng-</span><br/> <span class="ft5">lich bestehen bleibe, werde sowohl für den Beschwerdeführer als</span><br/> <span class="ft5">auch für Dritte (bspw. Arbeitgeber) eine unklare und unsichere</span><br/> <span class="ft5">Rechtslage geschaffen, welche geeignet sei, den Beschwerdeführer in</span><br/> <span class="ft5">seiner Lebensführung zu beeinträchtigen. Der angefochtene Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheid müsse deshalb entsprechend korrigiert werden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">193</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Die Ausführungen des Beschwerdeführers können mithin nur so</span><br/> <span class="ft5">verstanden werden, dass er sich insbesondere gegen die in der be-</span><br/> <span class="ft5">zirksamtlichen Begründung erwähnte Rückführung in eine stationäre</span><br/> <span class="ft5">Therapie bei Nichterfüllen der geforderten Auflagen wehrt.</span><br/> <span class="ft5">e) In seiner Vernehmlassung verweist das Bezirksamt auf die</span><br/> <span class="ft5">krankheitsbedingte Vorgeschichte des Beschwerdeführers, wonach</span><br/> <span class="ft5">sich dieser nach den bisherigen Entlassungen aus der PKK jeweils</span><br/> <span class="ft5">nicht in das soziale Umfeld habe eingliedern können, sodass sein</span><br/> <span class="ft5">Verhalten immer wieder zu zwischenmenschlichen Konfliktsituatio-</span><br/> <span class="ft5">nen geführt habe. Der Beschwerdeführer bedürfe deshalb auch nach</span><br/> <span class="ft5">der aktuellen Entlassung aus der stationären Behandlung weiterhin</span><br/> <span class="ft5">einer speziellen persönlichen Fürsorge, welche mittels fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft5">scher Freiheitsentziehung im Rahmen einer ambulanten Nachbe-</span><br/> <span class="ft5">handlung beim Externen Psychiatrischen Dienst (EPD) am besten</span><br/> <span class="ft5">gewährleistet sei.</span><br/> <span class="ft5">f) Sind die Voraussetzungen für eine Entlassung nicht in allen</span><br/> <span class="ft5">Teilen erfüllt, kann eine probeweise Entlassung, nötigenfalls mit</span><br/> <span class="ft5">Weisungen, angeordnet werden (§ 67h Abs. 1 EG ZGB). Dass eine</span><br/> <span class="ft5">Entlassung des Beschwerdeführers im vorliegenden Fall an Weisun-</span><br/> <span class="ft5">gen zu knüpfen ist, bleibt unbestritten. Die psychischen Schwierig-</span><br/> <span class="ft5">keiten des Beschwerdeführers machen eine ambulante psychiatrische</span><br/> <span class="ft5">Behandlung (einschliessliche Kontrolle des Blutspiegels) auch in sei-</span><br/> <span class="ft5">nem eigenen Interesse notwendig. Der Beschwerdeführer bemängelt</span><br/> <span class="ft5">einzig die bezirksamtliche Konstruktion der vollständigen Aufrecht-</span><br/> <span class="ft5">erhaltung der fürsorgerischen Freiheitsentziehung trotz Entlassung</span><br/> <span class="ft5">aus der Klinik Königsfelden und die in der Begründung erwähnte</span><br/> <span class="ft5">Rückführung in die Klinik bei Nichterfüllen der Auflagen. Diese</span><br/> <span class="ft5">Anordnung setze die in Gesetz und Praxis zum Schutz des Betroffe-</span><br/> <span class="ft5">nen eingeführten Mechanismen ausser Kraft. Tatsächlich besteht</span><br/> <span class="ft5">durch die gewählte Formulierung des Bezirksamts die Gefahr, dass</span><br/> <span class="ft5">der Beschwerdeführer in seiner persönlichen Freiheit beeinträchtigt</span><br/> <span class="ft5">wird. Obwohl im Dispositv des angefochtenen Entscheids die Auf-</span><br/> <span class="ft5">rechterhaltung der fürsorgerischen Freiheitsentziehung nicht aus-</span><br/> <span class="ft5">drücklich erwähnt wird, geht das Bezirksamt in den Erwägungen</span><br/> <span class="ft5">seiner Verfügung explizit von einer solchen aus, sodass Ziffer 2 des</span><br/> <span class="ft5">Dispositivs des angefochtenen Entscheids und insbesondere der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">194</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">strafrechtliche Begriff "ambulante Massnahme" dahingehend ausge-</span><br/> <span class="ft5">legt werden müssen, dass eine Rückführung des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft5">in eine stationäre Therapie bei Nichteinhalten der Weisungen ohne</span><br/> <span class="ft5">weiteres ermöglicht werden soll. Die Androhung einer Rückführung</span><br/> <span class="ft5">in eine stationäre Therapie der Klinik Königsfelden entbehrt einer</span><br/> <span class="ft5">gesetzlichen Grundlage. Da sich der Zustand des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft5">weiterhin stabilisiert hat, konnte er aus der stationären Therapie und</span><br/> <span class="ft5">somit aus der Anstalt PKK entlassen werden. Zudem hat er sich zwi-</span><br/> <span class="ft5">schenzeitlich eine eigene Wohnung genommen, und er geht einer</span><br/> <span class="ft5">geregelten Arbeit nach, was zusätzlich dafür spricht, dass der Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeführer ein selbständiges Leben führen kann. Es sind somit</span><br/> <span class="ft5">offensichtlich nicht mehr alle Voraussetzungen einer fürsorgerischen</span><br/> <span class="ft5">Freiheitsentziehung gegeben. Eine Vollstreckung der angedrohten</span><br/> <span class="ft5">Rückführung in eine stationäre Therapie der Klinik Königsfelden</span><br/> <span class="ft5">hingegen würde einer neuen fürsorgerischen Freiheitsentziehung</span><br/> <span class="ft5">gleichkommen, welche jedoch nur zulässig ist, wenn sämtliche Vor-</span><br/> <span class="ft5">aussetzungen gemäss Art. 397a ZGB erfüllt sind. Beim Beschwerde-</span><br/> <span class="ft5">führer würde dies bedeuten, dass - unabhängig von der Einhaltung</span><br/> <span class="ft5">der Weisungen - eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes</span><br/> <span class="ft5">eintreten müsste, so dass erneut eine stationäre Behandlungsbedürf-</span><br/> <span class="ft5">tigkeit entstehen würde und zusätzlich die Zwangseinweisung ver-</span><br/> <span class="ft5">hältnismässig wäre. Dies hätte jedenfalls in einem neuen, ordentli-</span><br/> <span class="ft5">chen Einweisungsverfahren durch die zuständige Einweisungsbehör-</span><br/> <span class="ft5">de - unter Einhaltung sämtlicher Verfahrensvorschriften - geprüft zu</span><br/> <span class="ft5">werden (AGVE 2000, S. 191). Somit ergibt sich, dass Dispositiv</span><br/> <span class="ft5">Ziff. 2, so wie sie die Vorinstanz auf Grund ihrer eigenen Begrün-</span><br/> <span class="ft5">dung materiell verstanden hat und verfügen wollte, mangels Recht-</span><br/> <span class="ft5">mässigkeit aufzuheben ist.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>