<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">223</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VII. Sozialhilfe</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>42</b></span> <span class="ft2"><b>Wiedererwägung; eigene Mittel</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die (materielle) Prüfung der Anspruchvoraussetzungen aufgrund ei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nes Gesuchs um Wiedererwägung schliesst einen Prozessentscheid</b></span><br/> <span class="ft2"><b>aus.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Voraussetzung der Anrechnung eigener Mittel ist deren tatsächliche</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verfügbarkeit.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 30. Juli 2009 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">D.A. gegen den Regierungsrat des Kantons Aargau (WBE.2008.410).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">3.</span><br/> <span class="ft7">3.1.</span><br/> <span class="ft7">Gemäss § 25 Abs. 1 aVRPG kann eine Verfügung oder ein Ent-</span><br/> <span class="ft7">scheid auf Gesuch eines Betroffenen durch die erstinstanzlich zustän-</span><br/> <span class="ft7">dige Behörde in Wiedererwägung gezogen werden, was bedeutet,</span><br/> <span class="ft7">dass die zuständige Instanz ihre ursprüngliche Verfügung aufhebt,</span><br/> <span class="ft7">den Fall neu beurteilt und anschliessend neu verfügt (AGVE 1994, S.</span><br/> <span class="ft7">460; AGVE 1986, S. 165 mit Hinweisen). Eine Wiedererwägung</span><br/> <span class="ft7">kann sich nur auf eine erstinstanzliche Verfügung beziehen (Ulrich</span><br/> <span class="ft7">Häfelin / Georg Müller / Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft7">recht, 5. Auflage, Zürich 2006, Rz. 1830). Ist die Verfügung ur-</span><br/> <span class="ft7">sprünglich fehlerhaft, so wird die Änderung grundsätzlich ex tunc</span><br/> <span class="ft7">wirksam (Häfelin / Müller / Uhlmann, a.a.O., Rz. 1049). Ein neues</span><br/> <span class="ft7">Gesuch hingegen entfaltet seine Wirkung erst ab dessen Rechts-</span><br/> <span class="ft7">hängigkeit.</span><br/> <span class="ft7">Bei der Wiedererwägung handelt es sich grundsätzlich nicht um</span><br/> <span class="ft7">ein förmliches Rechtsmittel, sondern um einen blossen Rechtsbehelf,</span><br/> <span class="ft7">der weder an Fristen noch an eine bestimmte Form gebunden ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">224</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">(AGVE 1994, S. 460 mit Hinweisen). Ein Rechtsanspruch auf Wie-</span><br/> <span class="ft7">dererwägung besteht lediglich dann, wenn neue, nach dem Erlass der</span><br/> <span class="ft7">ersten Verfügung oder des ersten Entscheides entstandene Umstände</span><br/> <span class="ft7">angeführt werden, so dass ein völlig neues Gesuch vorliegt</span><br/> <span class="ft7">(BGE 113 Ia 152).</span><br/> <span class="ft7">Anspruch auf Sozialhilfe besteht, sofern die eigenen Mittel</span><br/> <span class="ft7">nicht genügen und andere Hilfeleistungen nicht rechtzeitig erhältlich</span><br/> <span class="ft7">sind oder nicht ausreichen (§ 5 Abs. 1 SPG; Art. 12 BV; § 25 Abs. 2</span><br/> <span class="ft7">lit. d KV). Der Anspruch auf die Sicherung des Existenzminimums</span><br/> <span class="ft7">schliesst mit ein, dass bedürftige Personen jederzeit ein neues Ge-</span><br/> <span class="ft7">such stellen können und die Abweisung eines Gesuchs grundsätzlich</span><br/> <span class="ft7">keine Rechtskraftwirkung für die Zukunft entfalten kann.</span><br/> <span class="ft7">Das Recht, jederzeit ein Gesuch um materielle Hilfe zu stellen</span><br/> <span class="ft7">und einen Entscheid zu verlangen, steht wie jede Rechtsausübung</span><br/> <span class="ft7">unter dem Vorbehalt des Vertrauensgrundsatzes, des Rechtsmiss-</span><br/> <span class="ft7">brauchsverbotes sowie des Grundsatzes von Treu und Glauben. Im</span><br/> <span class="ft7">Verfahren vor den Sozialbehörden gelten die Bestimmungen des</span><br/> <span class="ft7">Verwaltungsrechtspflegegesetzes (§ 58 Abs. 4 SPG) und der Grund-</span><br/> <span class="ft7">satz von Treu und Glauben, welcher für alle Verfahrensbeteiligten bei</span><br/> <span class="ft7">der Rechtsanwendung zur Anwendung kommt (§ 3 Abs. 2 Satz 1</span><br/> <span class="ft7">aVRPG). Die Behörden sind zudem berechtigt, auf Eingaben, die auf</span><br/> <span class="ft7">missbräuchlicher Prozessführung beruhen, nicht einzutreten (§ 3</span><br/> <span class="ft7">Abs. 2 Satz 2 aVRPG).</span><br/> <span class="ft7">3.2. (...)</span><br/> <span class="ft7">4.</span><br/> <span class="ft7">4.1.</span><br/> <span class="ft7">Der KSD wie auch der Regierungsrat des Kantons Aargau be-</span><br/> <span class="ft7">handelten das Gesuch des Beschwerdeführers vom 20. Mai 2008</span><br/> <span class="ft7">zwar als ein Wiedererwägungsgesuch, indessen prüfte der KSD</span><br/> <span class="ft7">mittels Anfragen bei der Postfinance, ob ein Geldtransfer aus Syrien</span><br/> <span class="ft7">in die Schweiz möglich sei. Auch für die Vorinstanz waren die</span><br/> <span class="ft7">Nachforschungen des KSD nach Einreichung des neuen Gesuchs um</span><br/> <span class="ft7">materielle Hilfe entscheidend, um den Anspruch auf Wiedererwä-</span><br/> <span class="ft7">gung zu verneinen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">225</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">4.2.</span><br/> <span class="ft7">Bei der Prüfung des Gesuchs 19. März 2008 sah der KSD von</span><br/> <span class="ft7">weiteren Abklärungen zum Vermögen in Syrien ab und nahm diese</span><br/> <span class="ft7">erst mit dem Wiedererwägungsgesuch an die Hand. Die Vorinstanzen</span><br/> <span class="ft7">verkennen, dass der KSD mit seiner Anfrage bei der Postfinance den</span><br/> <span class="ft7">Inhalt der Verfügung vom 26. März 2006 materiell überprüfte und im</span><br/> <span class="ft7">Entscheid vom 16. Juni 2008 die fehlende Notlage des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft7">führers vor allem mit den Abklärungen zur Verfügbarkeit der eigenen</span><br/> <span class="ft7">Mittel begründete. Die Prüfung der rechtzeitigen Verfügbarkeit der</span><br/> <span class="ft7">eigenen Mittel zur Behebung der Notlage war auch unabdingbar</span><br/> <span class="ft7">(siehe hinten Erw. 5) und insofern lagen auch neue Tatsachen vor,</span><br/> <span class="ft7">welche einen Anspruch auf Wiedererwägung begründeten (siehe</span><br/> <span class="ft7">vorne Erw. 3.1). Der KSD hat daher zu Recht die Verfügung vom</span><br/> <span class="ft7">26. März 2008 inhaltlich überprüft und ist damit im angefochtenen</span><br/> <span class="ft7">Entscheid auch auf das Wiedererwägungsgesuch materiell ein-</span><br/> <span class="ft7">getreten (AGVE 1994, S. 460 f.). Der Nichteintretensentscheid des</span><br/> <span class="ft7">KSD ist somit formell unrichtig; nach der Überprüfung und</span><br/> <span class="ft7">Bejahung der Transfermöglichkeiten hätte er das Gesuch formell</span><br/> <span class="ft7">abweisen müssen.</span><br/> <span class="ft7">Die Beschwerde erweist sich damit schon aus formellen Grün-</span><br/> <span class="ft7">den als begründet.</span><br/> <span class="ft7">5.</span><br/> <span class="ft7">5.1. (...)</span><br/> <span class="ft7">5.2.</span><br/> <span class="ft7">Wer objektiv in der Lage wäre, aus eigener Kraft die für das</span><br/> <span class="ft7">Überleben erforderlichen Mittel selber zu verschaffen, hat keinen</span><br/> <span class="ft7">Anspruch auf Sozialhilfe, da sich eine solche Person nicht in einer</span><br/> <span class="ft7">Notsituation befindet, auf welche das Recht auf Hilfe in Notlagen</span><br/> <span class="ft7">und damit auf Ausrichtung von Sozialhilfe zugeschnitten ist (§ 5</span><br/> <span class="ft7">Abs. 1 SPG). Bei ihr fehlt es bereits an den Anspruchsvoraussetzun-</span><br/> <span class="ft7">gen (BGE 130 I 71 Erw. 4).</span><br/> <span class="ft7">Soweit ein Sozialhilfebezüger über Vermögen verfügt, ist er ge-</span><br/> <span class="ft7">stützt auf das Subsidiaritätsprinzip grundsätzlich verpflichtet, dieses -</span><br/> <span class="ft7">unter Ansetzung einer angemessenen Frist - zu verwerten (§ 11</span><br/> <span class="ft7">Abs. 3 SPG; siehe auch Felix Wolffers, Grundriss des Sozialhilfe-</span><br/> <span class="ft7">rechts, 2. Auflage, Bern 1999, S. 71 f., 155 f.). Zugestanden wird</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">226</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">unterstützten Personen lediglich der Vermögensfreibetrag von</span><br/> <span class="ft7">Fr. 1'500.-- pro Person, maximal jedoch Fr. 4'500.-- pro Unterstüt-</span><br/> <span class="ft7">zungseinheit (§ 11 Abs. 4 i.V.m. § 32 SPV; siehe auch Wolffers,</span><br/> <span class="ft7">a.a.O., S. 155 f.). Unterbleibt die Verwertung nach Ablauf der ange-</span><br/> <span class="ft7">setzten Frist, wird der daraus mutmasslich zu erzielende Erlös be-</span><br/> <span class="ft7">rücksichtigt (§ 11 Abs. 4 SPG). Massgebend ist aber immer, dass die</span><br/> <span class="ft7">hilfesuchende Person die eigenen Mittel "rechtszeitig erhältlich" (§ 5</span><br/> <span class="ft7">Abs. 1 SPG) machen kann.</span><br/> <span class="ft7">Der Beschwerdeführer deklarierte mit seinem Gesuch um mate-</span><br/> <span class="ft7">rielle Hilfe vom März 2008 ein "Barvermögen von 15'000.-- Dollar</span><br/> <span class="ft7">Syrien". Gestützt auf diese Angaben verneinte der KSD in der Verfü-</span><br/> <span class="ft7">gung vom 26. März 2008 die Notlage. Mit dem Wiedererwägungsge-</span><br/> <span class="ft7">such vom 20. Mai 2008 machte der Beschwerdeführer geltend, er</span><br/> <span class="ft7">könne über dieses Vermögen nicht verfügen. Die eingeschränkten</span><br/> <span class="ft7">Zugriffsmöglichkeiten des Beschwerdeführers hätten Anlass zu</span><br/> <span class="ft7">Auflagen oder Weisungen zur Verwertung des Vermögens innert ei-</span><br/> <span class="ft7">ner bestimmten Frist geben können, nicht aber zur Ablehnung des</span><br/> <span class="ft7">Gesuchs auf materielle Unterstützung. Das Vermögen befand sich in</span><br/> <span class="ft7">Syrien und der KSD war unter diesen Umständen verpflichtet, die</span><br/> <span class="ft7">näheren Umstände und die Zugriffsmöglichkeiten des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft7">führers zu berücksichtigen. Diese Überprüfung erfolgte, wie erwähnt,</span><br/> <span class="ft7">erstmals im Wiedererwägungsverfahren (siehe vorne Erw. 4) und mit</span><br/> <span class="ft7">dem Ergebnis, dass dem Beschwerdeführer ein Geldtransfer über die</span><br/> <span class="ft7">Firma "Western Union" möglich sei. Auch bei diesem Ergebnis war</span><br/> <span class="ft7">die Verweigerung der Nothilfe unrechtmässig, weil der</span><br/> <span class="ft7">Beschwerdeführer im Zeitpunkt des Entscheids seine Notlage nicht</span><br/> <span class="ft7">mit diesen eigenen Mitteln beheben konnte. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft7">hat aufgrund der fehlenden zeitgerechten Verfügbarkeit des Vermö-</span><br/> <span class="ft7">gens vielmehr Anspruch auf materielle Unterstützung ab 17. März</span><br/> <span class="ft7">2008.</span><br/> <span class="ft7">Zusammenfassend erweist sich der Nichteintretensentscheid des</span><br/> <span class="ft7">KSD als unrechtmässig, weshalb die Verfügung des KSD vom</span><br/> <span class="ft7">16. Juni 2008 sowie der Entscheid des Regierungsrates des Kantons</span><br/> <span class="ft7">Aargau vom 3. Dezember 2008 in Gutheissung der Beschwerde auf-</span><br/> <span class="ft7">zuheben sind.</span><br/></div> </div> </body> </html>