<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 99 S.501</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Strafvollzug</span> <span class="page_no">501</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Strafvollzug</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>99</b></span> <span class="ft3"><b>Versetzung in die Halbfreiheit.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Es besteht kein Anspruch darauf, gestützt auf Art. 37 Ziffer 3 Abs. 2</b></span><br/> <span class="ft3"><b>StGB bzw. § 50 lit. a SMV nach der Verbüssung der Hälfte der Strafzeit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>in die Halbfreiheit entlassen zu werden, auch wenn die übrigen Voraus-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>setzungen gemäss § 50 lit. b - e SMV erfüllt sind; Verhältnis der einschlä-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gigen Richtlinie des Strafvollzugskonkordats der Nordwest- und Inner-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schweiz zum Bundesrecht.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Regierungsrates vom 30. August 2006 i.S. T. P. K. gegen die</span><br/> <span class="ft4">Verfügung des Departementes Volkswirtschaft und Inneres.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2.1.1 Der Beschwerdeführer wendet zunächst ein, dass gemäss</span><br/> <span class="ft6">dem Strafgesetzbuch wie auch § 50 der Verordnung über den Vollzug</span><br/> <span class="ft6">von Strafen und Massnahmen (Strafvollzugsverordnung, SMV) vom</span><br/> <span class="ft6">9. Juli 2003 die Halbfreiheit nach der Hälfte der Strafzeit zulässig</span><br/> <span class="ft6">sei. Diese Vorschriften könnten nicht mittels einer Regelung in Kon-</span><br/> <span class="ft6">kordatsrichtlinien unterlaufen werden. Die dort befindliche einheitli-</span><br/> <span class="ft6">che Regelung nehme keine Rücksicht auf den Einzelfall und sei erst</span><br/> <span class="ft6">noch nicht gesetzeskonform.</span><br/> <span class="ft6">2.1.2 Es trifft zu, dass sowohl Art. 37 Ziffer 3 Abs. 2 StGB als</span><br/> <span class="ft6">auch § 50 lit. a SMV vorsehen, dass die Halbfreiheit ab der Ver-</span><br/> <span class="ft6">büssung der Hälfte der Strafzeit grundsätzlich möglich ist. Indessen</span><br/> <span class="ft6">übersieht der Beschwerdeführer, dass die Kantone gemäss Art. 37</span><br/> <span class="ft6">Ziffer 3 Abs. 3 StGB die Voraussetzungen und den Umfang der den</span><br/> <span class="ft6">Gefangenen stufenweise zu gewährenden Erleichterungen regeln.</span><br/> <span class="ft6">Den Kantonen kommt bei der Ausgestaltung dieser Normen ein</span><br/> <span class="ft6">erheblicher Spielraum zu (vgl. dazu RRB Art. Nr. ...). Insbesondere</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">502</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">muss es den Kantonen gestattet sein, sowohl die Halbfreiheit von der</span><br/> <span class="ft6">Dauer der zu verbüssenden Strafe abhängig zu machen als auch die</span><br/> <span class="ft6">Dauer der Halbfreiheit selbst zu beschränken. Mit anderen Worten</span><br/> <span class="ft6">können nicht alle Strafgefangenen, welche die Hälfte ihrer Strafe</span><br/> <span class="ft6">verbüsst haben, von Bundesrechts wegen Anspruch auf Gewährung</span><br/> <span class="ft6">der Halbfreiheit erheben. Dies ergibt sich einerseits daraus, dass der</span><br/> <span class="ft6">Strafvollzug die Strafgefangenen nicht nur auf den Wiedereintritt ins</span><br/> <span class="ft6">bürgerliche Leben vorzubereiten, sondern auch erziehend auf sie</span><br/> <span class="ft6">einzuwirken hat (Art. 37 Ziffer 1 Abs. 1 StGB); die für den Erzie-</span><br/> <span class="ft6">hungszweck zur Verfügung stehende Zeit darf nicht zugunsten der</span><br/> <span class="ft6">Wiedereingliederung in gesellschaftlicher und beruflicher Hinsicht</span><br/> <span class="ft6">unverhältnismässig verkürzt werden. Daher muss es zulässig sein,</span><br/> <span class="ft6">die Halbfreiheit erst bei einer gewissen Mindeststrafdauer zu gewäh-</span><br/> <span class="ft6">ren. Andererseits ergibt sich aus dem dem schweizerischen Strafvoll-</span><br/> <span class="ft6">zug zugrunde liegenden Progressivsystem, die Strafgefangenen</span><br/> <span class="ft6">schrittweise auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft</span><br/> <span class="ft6">vorzubereiten, dass sich das Institut der Halbfreiheit grundsätzlich</span><br/> <span class="ft6">nur an Entlassungsanwärterinnen und -anwärter richten kann;</span><br/> <span class="ft6">Strafgefangene, die sich für ein Jahr oder länger in der Halbfreiheit</span><br/> <span class="ft6">befinden, können nicht als Entlassungsanwärterinnen bzw. -anwärter</span><br/> <span class="ft6">bezeichnet werden, und die Gewährung der Halbfreiheit verkäme</span><br/> <span class="ft6">diesfalls zu einer verkappten (vorzeitigen) bedingten Entlassung. Die</span><br/> <span class="ft6">in Ziffer 3.3 bzw. Anhang 1 der Richtlinien vorgesehene Beschrän-</span><br/> <span class="ft6">kung der Halbfreiheit auf zwölf Monate entspricht daher Sinn und</span><br/> <span class="ft6">Zweck von Art. 37 StGB; es kann keine Rede davon sein, dass damit</span><br/> <span class="ft6">das Gesetz ,,unterlaufen werde", wie dies der Beschwerdeführer gel-</span><br/> <span class="ft6">tend macht (vgl. ...).</span><br/> <span class="ft6">2.1.3 Soweit der Beschwerdeführer einwendet, die Richtlinien</span><br/> <span class="ft6">dürften nicht aus Gründen der Bequemlichkeit oder infolge der</span><br/> <span class="ft6">,,leichteren Handhabung" einer vereinheitlichen Regelung ohne</span><br/> <span class="ft6">Betrachtung des Einzelfalls angewandt werden, kann ihm ebenfalls</span><br/> <span class="ft6">nicht gefolgt werden, ist es doch eben Sinn und Zweck der Richtli-</span><br/> <span class="ft6">nien, eine einheitliche, gleichmässige und sachrichtige Praxis des</span><br/> <span class="ft6">Gesetzesvollzugs sicherzustellen. Das den Behörden zukommende</span><br/> <span class="ft6">Ermessen soll widerspruchsfrei angewandt werden; es soll nicht vom</span><br/> <span class="ft6">Zufall der jeweiligen sachbearbeitenden Person abhängen, ob ein</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Strafvollzug</span> <span class="page_no">503</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Entscheid der Verwaltungsbehörde so oder anders ausfällt (vgl. dazu</span><br/> <span class="ft6">Ulrich Häfelin/Georg Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht,</span><br/> <span class="ft6">4. Aufl., Zürich 2002, Rz. 124; Fritz Gygi, Verwaltungsrecht, Bern</span><br/> <span class="ft6">1986, S. 102). In dem Sinne berücksichtigen denn auch die Verwal-</span><br/> <span class="ft6">tungsgerichte, welche an die Richtlinien als Verwaltungsverordnun-</span><br/> <span class="ft6">gen nicht gebunden sind, diese, soweit sie eine dem Einzelfall ge-</span><br/> <span class="ft6">recht werdende Auslegung der massgebenden Bestimmung zulassen</span><br/> <span class="ft6">(vgl. u.a. BGE 122 V 19, 25). In diesem Zusammenhang ist denn</span><br/> <span class="ft6">auch darauf hinzuweisen, dass die Richtlinien eine individuelle</span><br/> <span class="ft6">Gewährung der Halbfreiheit zulassen, einerseits durch die in Ziffer</span><br/> <span class="ft6">3.2 allgemein umschriebene Voraussetzung, dass die Halbfreiheit nur</span><br/> <span class="ft6">dort gewährt werden soll, ,,wo dies im Rahmen der Rückgliederung</span><br/> <span class="ft6">notwendig und sinnvoll erscheint", sowie andererseits durch die im</span><br/> <span class="ft6">Anhang 1 geregelte Dauer der Halbfreiheit, welche je nach Dauer der</span><br/> <span class="ft6">zu verbüssenden Strafe abgestuft und sinnvollerweise der möglichen</span><br/> <span class="ft6">bedingten Entlassung ,,nahtlos" vorausgeht.</span><br/> <span class="ft6">2.1.4 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die vom</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführer kritisierten Richtlinien im Einklang mit dem</span><br/> <span class="ft6">übergeordneten Bundesrecht sowie dem dazugehörigen kantonalen</span><br/> <span class="ft6">Recht stehen, eine rechtsgleiche Anwendung des Ermessens durch</span><br/> <span class="ft6">die Behörden sicherstellen und eine individuelle Rücksichtnahme auf</span><br/> <span class="ft6">den konkreten Einzelfall ermöglichen. Im Übrigen ist darauf</span><br/> <span class="ft6">hinzuweisen, dass die Richtlinien sich nur als Ergänzung zu der in</span><br/> <span class="ft6">§ 50 SMV vorgesehenen Regelung verstehen. Mithin rechtfertigt die</span><br/> <span class="ft6">vom Beschwerdeführer vorgetragene Kritik an den Richtlinien keine</span><br/> <span class="ft6">Ausnahmeregelung für ihn.</span><br/></div> </div> </body> </html>