<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp373984"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>151 V 1<br/><br/><br/><div class="paraatf">1. Auszug aus dem Urteil der III. öffentlich-rechtlichen Abteilung i.S. A. gegen SWICA Krankenversicherung AG (Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten)</div> <div class="paraatf">9C_480/2022 vom 29. August 2024</div> <a name="idp375536"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf"><span class="artref"><artref id="CH/830.1/69/2" type="start"></artref><artref id="CH/830.1/69/1" type="start"></artref>Art. 69 Abs. 1 und 2 ATSG</span><artref id="CH/830.1/69/2" type="end"></artref><artref id="CH/830.1/2" type="end"></artref>, <span class="artref">Art. 122 Abs. 1 KVV</span>; <span class="artref"><artref id="CH/830.1/14" type="start"></artref>Art. 14 und 15 ATSG</span><artref id="CH/830.1/15" type="end"></artref>; <span class="artref">Art. 25a Abs. 1 KVG</span>, Art. 7 Abs. 1 und Abs. 2 lit. c KLV; <span class="artref">Art. 9 ATSG</span>, Art. 42 und 42<sup>ter</sup> Abs. 1 und Abs. 3 IVG; intersystemische Koordination von Beiträgen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung an Kosten der Grundpflege (Sachleistung) im Verhältnis zur Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung (Geldleistung); keine Kürzung der Pflegebeiträge zufolge Überentschädigung (Änderung der Rechtsprechung). <div class="paratf">Beim Zusammentreffen von Leistungen verschiedener Sozialversicherungen beurteilt sich die Überentschädigung grundsätzlich nach dem Kongruenzprinzip (E. 6.1). Im Verhältnis von Grundpflegebeiträgen und Hilflosenentschädigung stellte die bisherige Rechtsprechung entscheidend auf das Kriterium der gleichartigen Pflege resp. Hilfestellung ab (E. 6.2 und 6.3). Für die Frage nach der Gleichartigkeit der Versicherungsleistungen (<span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span>) ist vorab die Begrifflichkeit von Art. 14 f. ATSG (Sach- oder Geldleistungen) massgebend (E. 6.4). Überentschädigung setzt daher funktionale Kongruenz voraus, was Natur und Wirkungsweise der konkurrierenden Leistungen betrifft; Krankenpflegebeiträge und Hilflosenentschädigung sind funktional verschiedenartig (E. 6.5). Die Vorgabe, wonach nur Leistungen "gleicher Zweckbestimmung" in die Überentschädigungsrechnung einbezogen werden, erfordert zusätzlich sachliche Kongruenz des versicherten Aufwands (inhaltliche Übereinstimmung der Grundpflege und der Hilfestellungen in alltäglichen Lebensverrichtungen); Pflegebeiträge und Hilflosenentschädigung verhalten sich diesbezüglich weitgehend komplementär zueinander (E. 6.6). </div> <div class="paratf">In der Lehre herrscht die Ansicht vor, <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> sei einer Globalmethode verpflichtet, die die in Abs. 1 statuierte Kongruenzmethode verdränge resp. relativiere (E. 8.2). Auch mit Blick auf die Entstehungsgeschichte von <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> zeigt sich, dass ein solcher Widerspruch nicht besteht; Abs. 2 lässt die in Abs. 1 geregelte Frage, welche zusammentreffenden Leistungen bei der Berechnung der Überentschädigung berücksichtigt werden, unberührt (E. 8.3). </div> <div class="paratf"><span class="artref">Art. 122 Abs. 1 KVV</span> bietet ebenfalls keine Rechtsgrundlage zur Kürzung von Grundpflegebeiträgen im Verhältnis zu einer Hilflosenentschädigung (E. 9). </div> </div> </div> <a name="idp400080"></a> <a name="idp427168"></a> <br/><div> <a name="idp452416"></a><span class="big bold" id="sachverhalt">Sachverhalt</span> <span class="small">ab Seite 3</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page3"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 3</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp459184"></a><span class="bold">A. </span>A. (geb. 2008) leidet an einer spinalen Muskelatrophie (heredo-degenerative Erkrankung des Nervensystems, Geburtsgebrechen Ziff. 383). Unter dem Titel der Grundpflege (<span class="artref">Art. 25a KVG</span>; <span class="artref">Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV</span> [SR 832.112.31]) wurden ihr wöchentliche Spitexleistungen von 3 Std. 25 Min. ärztlich verordnet. Die SWICA Krankenversicherung AG erteilte Kostengutsprache u.a. für Beiträge an die Grundpflege im Umfang von jährlich 104 Stunden, dies mit Wirkung ab 17. Januar 2017. Im Februar 2020 reichte die Kinderspitex eine neue Bedarfsmeldung für Grundpflegeleistungen von wöchentlich 4,5 Stunden (im Rahmen eines Grundpflegebedarfs von <a name="page4"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 4</div>insgesamt 41,5 Stunden) ein. Der Krankenversicherer zog die Akten der Invalidenversicherung bei. Am 18. Mai 2020 teilte er der Spitex mit, er habe festgestellt, dass A. eine Entschädigung der Invalidenversicherung für Hilflosigkeit schweren Grades mit Intensivpflegezuschlag erhalte. Ein Teil davon sei zur Finanzierung von Grundpflegeleistungen vorgesehen. Die Spitex entgegnete, die teilzeitlich erwerbstätige, alleinerziehende Mutter der Versicherten leiste wöchentlich 37 Stunden Pflege, was 89 Prozent des Pflegeaufwands ausmache. Daher bestehe kein Raum für eine Überentschädigung.</div> <div class="paraatf">Der Krankenversicherer kam zum Schluss, die Hilflosenentschädigung mit Intensivpflegezuschlag der Invalidenversicherung decke die Kosten des Grundpflegebedarfs vollständig. Ungedeckte Krankheitskosten in Form von Mehrkosten oder Erwerbsausfall der Mutter der Versicherten seien nicht ausreichend belegt. Infolge Überentschädigung bestehe kein Anspruch auf Pflegebeiträge. Im Zeitraum Februar 2017 bis Dezember 2019 seien Leistungen im Betrag von Fr. 11'452.35 zuviel ausbezahlt worden. Von einer Rückforderung werde abgesehen.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp467168"></a><span class="bold">B. </span>A. reichte Beschwerde ein. Das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau wies das Rechtsmittel ab, soweit es darauf eintrat.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp468352"></a><span class="bold">C. </span>A. führt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten. Sie beantragt im Wesentlichen, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben. Es sei festzustellen, dass keine Überentschädigung vorliege. Eventuell sei die Sache zur neuen Abklärung und Verfügung an die Vorinstanz zurückzuweisen.</div> <div class="paraatf">Die Beschwerdegegnerin und das Bundesamt für Gesundheit verzichten auf eine Stellungnahme.</div> <div class="paraatf">Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut.</div> <br/><div> <a name="idp470896"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> </div> <br/><div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp471856"></a><span class="bold" id="consideration_6.">6. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp472896"></a><span class="bold" id="consideration_6.1">6.1 </span>Nach Art. 69 Abs. 1 erster Satz ATSG darf das Zusammentreffen von Leistungen verschiedener Sozialversicherungen nicht zu einer Überentschädigung der berechtigten Person führen. Im zweiten Satz dieser Bestimmung wird diese Vorgabe dahin erläutert, dass bei der Berechnung der Überentschädigung nur Leistungen gleicher Art und Zweckbestimmung berücksichtigt werden, die der anspruchsberechtigten Person aufgrund des schädigenden (sprich versicherten) Ereignisses gewährt werden. Die Auswahl der <a name="page5"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 5</div>Sozialversicherungsleistungen, die in eine Überentschädigungsrechnung einbezogen werden, erfolgt somit einmal nach Gesichtspunkten der <i>persönlichen</i> ("anspruchsberechtigte Person") und <i>ereignisbezogenen</i> ("aufgrund des schädigenden Ereignisses") Kongruenz (MARC HÜRZELER, in: Basler Kommentar, ATSG, 2020, N. 5 ff. zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N. 15 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>; FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD, in: Commentaire romand, Loi sur la partie générale des assurances sociales, 2018, N. 16 ff. zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>; ROLAND SCHAER, Grundzüge des Zusammenwirkens von Schadenausgleichsystemen, 1984, Rz. 493 ff., 1104 ff.). Im vorliegenden Fall entscheidend ist sodann das mit der Formulierung "nur Leistungen gleicher Art und Zweckbestimmung" zum Ausdruck gelangende Erfordernis der <i>funktionalen</i> sowie der <i>sachlichen</i> Kongruenz (dazu E. 6.5 und 6.6). Grundsätzlich müssen die einzubeziehenden Leistungen, wiewohl in <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> nicht ausdrücklich erwähnt (THOMAS GÄCHTER, Grundlegende Prinzipien des Koordinationsrechts, in: Sozialversicherungsrechtliche Leistungskoordination, Schaffhauser/Kieser [Hrsg.], 2006, S. 33), auch <i>zeitlich</i> kongruent sein; allerdings greift etwa beim Zusammentreffen von UV-Taggeldern mit IV-Rentenleistungen eine Globalrechnung über die gesamte Periode des Taggeldbezugs (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F132-V-27%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page27">BGE 132 V 27</a> E. 3.1; dazu HÜRZELER/ CADERAS, Kongruenz - Wie allgemein ist der Rechtsgrundsatz?, HAVE 2016 S. 364).</div> <div class="paraatf">Indem <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> den Kongruenzgrundsatz( <i>principe de la concordance des droits</i> ) in den erwähnten Dimensionen verwirklicht, setzt sich das Gesetz vom Gedanken des Globalprinzips ab (FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD, a.a.O., N. 13 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>). Dieses Konzept fasst alle Sozialversicherungsleistungen (Geld- <i>und</i> Sachleistungen) während eines bestimmten Zeitraums überhaupt (FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD, a.a.O., N. 15 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>) oder auch nur hinsichtlich eines bestimmten Versicherungsfalls (vgl. KIESER, ATSG-Kommentar, a.a.O., N. 14 und 22 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>; HÜRZELER/CADERAS, a.a.O., S. 364) zusammen. Mit Blick auf das Ziel, die wirtschaftliche Lage des Berechtigten nach einem oder mehreren Versicherungsfällen nicht besser werden zu lassen, als wenn diese nicht eingetreten wären, bestand im Rahmen der das Gesetzgebungsverfahren vorbereitenden Arbeiten zum ATSG die Idee, die Überentschädigung durch einen umfassend angelegten Einkommensvergleich zu bestimmen. Die Sozialversicherungsleistungen sollten (in ihrer Gesamtheit) zusammen mit einem weiterhin <a name="page6"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 6</div>erzielten Erwerbs- und Ersatzeinkommen in Beziehung gesetzt werden zu den vor dem Versicherungsfall erzielten - oder mutmasslich ohne diesen noch erzielbaren - Einkünften des Berechtigten und zu den durch den Versicherungsfall verursachten, aber nicht gedeckten zusätzlichen Kosten; die Einkünfte der mit dem Betroffenen zusammenlebenden Familienangehörigen sollten in die Vergleichsrechnung einbezogen werden. Eine im Vergleich global ermittelte Besserstellung nach dem Versicherungsfall führte demnach zu einer Kürzung der Geldleistungen. Hilflosen- und Integritätsentschädigungen sollten bei der Ermittlung der Überentschädigung ausser Rechnung bleiben (Arbeitsgruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Versicherungsrecht zur Verbesserung der Koordination in der Sozialversicherung, Bericht und Entwurf zu einem Allgemeinen Teil der Sozialversicherung, Beiheft zur SZS 1984 S. 34, 57 und 81 f.).</div> <div class="paraatf">Anstelle der ursprünglich vorgesehenen Gesamtbetrachtung der wirtschaftlichen Situation etablierte <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> ein Konzept, das nur solche Sozialversicherungsleistungen einer (entsprechend spezifischen) Überentschädigungsgrenze gegenüberstellt, die ihrer Art und Zweckbestimmung nach übereinstimmen. Allenfalls infolge der ursprünglichen Fokussierung auf Erwerbsersatzleistungen (vgl. FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD, a.a.O., N. 5 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>) regelt Art. 69 Abs. 2 die Höhe dieser Grenze allein mit Bezug auf Erwerbsausfälle, die entsprechende Erwerbsersatz-Geldleistungen auslösen. Die in Abs. 2 definierte Überentschädigungsgrenze erfasst neben dem wegen des Versicherungsfalls mutmasslich entgangenen Verdienst auch (nicht versicherte) Mehrkosten, die wegen des Versicherungsfalls anfallen, sowie durch das versicherte Ereignis bedingte Einkommenseinbussen von Angehörigen. Daraus schliesst die herrschende Lehre sinngemäss, Abs. 2 behalte wesentliche Elemente des Globalprinzips bei und übersteuere das in Abs. 1 etablierte Kongruenzprinzip (vgl. unten E. 8.2). Verhielte es sich so, käme es vorliegend nicht mehr auf die Art der zusammentreffenden Leistungen (IV-Hilflosenentschädigung und KVG-Pflegebeiträge) an und wäre grundsätzlich ein Überentschädigungstatbestand gegeben.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp506016"></a><span class="bold" id="consideration_6.2">6.2 </span>Unter dem Gesichtspunkt der Kongruenz bestimmt sich die Art der Leistung zwar oft unmittelbar aus der Natur des versicherten Ereignisses. So löst etwa ein Verdienstausfall ausschliesslich Geldleistungen aus. Eine Überentschädigungsrechnung nach <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> bezieht sich denn auch stets entweder auf konkurrierende Renten (<span class="artref"><artref id="CH/830.1/66/2" type="start"></artref><artref id="CH/830.1/66/1" type="start"></artref>Art. 66 Abs. 1 und 2 ATSG</span><artref id="CH/830.1/66/2" type="end"></artref><artref id="CH/830.1/2" type="end"></artref>) oder zusammentreffende <a name="page7"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 7</div>Taggelder und Renten (<span class="artref">Art. 68 ATSG</span>) resp. verschiedene Taggelder (FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD, a.a.O., N. 35 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>). Die vorliegend zu beurteilende Konstellation zeigt aber, dass eine bestimmte Schadenposition (hier Pflegekosten) durchaus einen Anspruch auf Geld- <i>und</i> Sachleistungen begründen kann.</div> <div class="paraatf">Nach der bisherigen Rechtsprechung (nicht publ. E. 3) gelten die Hilflosenentschädigung der AHV/IV und die Leistungen der Grundpflege nach <span class="artref">Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV</span> als "weitgehend gleichartig", wenn sie im Wesentlichen Massnahmen vergüten, die wegen Hilflosigkeit erforderlich sind. Diese Praxis beruht, wie schon erwähnt (nicht publ. E. 4.2.3), auf einem Verständnis von Gleichartigkeit, das ausschliesslich im Blick hat, ob die Grundpflegeverrichtungen nach <span class="artref">Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV</span> im Einzelfall mit den Hilfestellungen im Sinn von <span class="artref">Art. 9 ATSG</span> und <span class="artref">Art. 42 Abs. 1 IVG</span> übereinstimmen. Die zitierte Praxis begreift die gesetzliche Vorgabe "gleicher Art und Zweckbestimmung" (" <i>de nature et de but identiques</i> ", " <i>di medesima natura e destinazione</i> ") in <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> bedeutungsmässig als einheitliches Normelement, vergleichbar etwa mit der Wendung "Sinn und Zweck" (vgl. ADRIAN ROTHENBERGER, Die Verwirklichung der Koordinationsziele durch den Kongruenzgrundsatz, in: Aktuelle Probleme des Koordinationsrechts II, Weber/Beck [Hrsg.], 2017, S. 86). Sie fordert nur Gleichartigkeit des zugrunde liegenden Pflegeaufwands, nicht auch Gleichartigkeit der Leistung als solcher. Letztlich misst die bisherige Rechtsprechung damit der Unterscheidung in Sach- und Geldleistungen (Art. 14 f. ATSG) imZusammenhang mit der Überentschädigungsfrage keine Bedeutung zu.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp529568"></a><span class="bold" id="consideration_6.3">6.3 </span>An dieser Sichtweise ist nicht festzuhalten. Die Elemente "Art" und "Zweckbestimmung" haben je einen eigenständigen Sinngehalt. Sie erscheinen als unterschiedliche Formen der Kongruenz. "Leistungen gleicher Art" treffen in Form von Geldleistungen <i>oder</i> Sachleistungen zusammen (sogleich E. 6.4). Gleichartigkeit im Sinn von <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> meint <i>funktionale</i> Kongruenz (E. 6.5). Verschiedene Leistungen mit "gleicher Zweckbestimmung" sind derweil <i>sachlich</i> kongruent (E. 6.6).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp534240"></a><span class="bold" id="consideration_6.4">6.4 </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp535280"></a><span class="bold" id="consideration_6.4.1">6.4.1 </span>Hilflosenentschädigungen sind Geldleistungen (<span class="artref">Art. 15 ATSG</span>). "Heilbehandlung (Krankenpflege)" fällt demgegenüber nach <span class="artref">Art. 14 ATSG</span> unter die Sachleistungen (vgl. <span class="artref">Art. 24 ff. KVG</span>; GEBHARD <a name="page8"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 8</div>EUGSTER, Krankenversicherung [nachfolgend: SBVR], in: Soziale Sicherheit, SBVR Bd. XIV, 3. Aufl. 2016, Rz. 1264; KIESER, ATSG-Kommentar, a.a.O., N. 21 zu <span class="artref">Art. 14 ATSG</span>; RAFFAELLA BIAGGI, in: Basler Kommentar, ATSG, 2020, N. 4 und 16 f. zu <span class="artref">Art. 14 ATSG</span>), so auch die streitgegenständlichen Beiträge an Kinderspitexleistungen nach <span class="artref">Art. 25a KVG</span> und <span class="artref">Art. 7 KLV</span>. Der mit dem Inkrafttreten des Bundesgesetzes über die Neuordnung der Pflegefinanzierung auf Anfang 2011 vollzogene Wechsel von der Vollkostendeckung (aArt. 24 f. KVG) zum Beitragsprinzip (<span class="artref">Art. 25a KVG</span>; HARDY LANDOLT, in: Basler Kommentar, KVG, 2020, N. 126 ff. zu <span class="artref">Art. 25a KVG</span>) im Bereich der Pflegekosten hat an der Qualifizierung der Pflegebeiträge als Sachleistung der Krankenversicherung nichts geändert.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp553104"></a><span class="bold" id="consideration_6.4.2">6.4.2 </span>Der Begriff der Sachleistung wird nicht nur im Sinn von <span class="artref">Art. 14 ATSG</span> - als Gegenstück zur Geldleistung nach <span class="artref">Art. 15 ff. ATSG</span> - verwendet. Er kann auch Ausdruck des <i>Naturalleistungsprinzips</i> sein; gemeint ist dann, dass der Versicherungsträger (z.B. der obligatorische Unfallversicherer) selbst Schuldner der (z.B. medizinischen) Leistung ist (EUGSTER, SBVR, a.a.O., Rz. 1264). So sind die bis zum vollendeten 20. Altersjahr beanspruchbaren medizinischen Massnahmen zur Behandlung von Geburtsgebrechen der Invalidenversicherung (<span class="artref">Art. 13 IVG</span> in Verbindung mit <span class="artref">Art. 3 Abs. 2 ATSG</span>), darunter ambulant erbrachte medizinische Pflegeleistungen (<span class="artref">Art. 14 Abs. 1 lit. b IVG</span>), im Sinn eines normativ verstandenen Naturalleistungsprinzips Sachleistungen (dazu MEYER/REICHMUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 4. Aufl. 2022, N. 3 zu <span class="artref">Art. 14 IVG</span>; zur absoluten Priorität der medizinischen Massnahmen der Invalidenversicherung gegenüber den Pflegebeiträgen der Krankenversicherung: <span class="artref">Art. 64 Abs. 2 ATSG</span>). Hingegen gilt in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung das <i>Kostenvergütungsprinzip</i>, wonach die versicherte Person Schuldnerin des Leistungserbringers ist (Botschaft vom 16. Februar 2005 zum Bundesgesetz über die Neuordnung der Pflegefinanzierung, BBl 2005 2042 Fn. 9; KIESER, ATSG-Kommentar, a.a.O., N. 14 ff. zu <span class="artref">Art. 14 ATSG</span>); dies jedenfalls im System des <i>tiers garant</i> (<span class="artref">Art. 42 Abs. 1 KVG</span>), aber wohl auch im System des <i>tiers payant</i> (<span class="artref">Art. 42 Abs. 2 KVG</span>; GEBHARD EUGSTER, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum KVG, 2018, N. 1 zu <span class="artref">Art. 24 KVG</span>). Auch die Pflegebeiträge der Krankenversicherung sind tarifvertraglich geregelte Kostenvergütungen (vgl. <span class="artref">Art. 43 Abs. 4 KVG</span>; <span class="artref">Art. 59c <a name="page9"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 9</div>KVV</span> [SR 832.102]). Unter diesem Blickwinkel handelt es sich geradenicht um Sachleistungen. Vorliegend ist jedoch die Begrifflichkeit nach <span class="artref">Art. 14 ATSG</span> massgebend, nicht diejenige im Zusammenhang mit der Unterscheidung von Naturalleistungs- und Kostenvergütungsprinzip.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp582240"></a><span class="bold" id="consideration_6.4.3">6.4.3 </span>Ferner ist festzuhalten, dass der regressrechtliche Begriff der "Leistungen gleicher Art" sich von demjenigen nach <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> unterscheidet und hier nicht massgebend ist. <span class="artref">Art. 74 Abs. 2 lit. d ATSG</span> bezeichnet Leistungen für Hilflosigkeit, den Assistenzbeitrag und Vergütungen für Pflegekosten sowie andere aus der Hilflosigkeit erwachsende Kosten als gleichartig. Im Zusammenhang mit dem Rückgriff auf einen für den Versicherungsfall haftenden Dritten stehen die aufgezählten Sozialversicherungsleistungen gemeinsam einer haftpflichtrechtlich kongruenten Anspruchsposition (Pflegeschaden) gegenüber. Gleichartig sind sie (nur) hinsichtlich des Forderungsgrundes (vgl. KLETT/MÜLLER, in: Basler Kommentar, ATSG, 2020, N. 13 zu <span class="artref">Art. 74 ATSG</span>; GHISLAINE FRÉSARD-FELLAY, in: Commentaire romand, LPGA, 2018, N. 48 ff. zu <span class="artref">Art. 74 ATSG</span>).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp590768"></a><span class="bold" id="consideration_6.5">6.5 </span>Das Gesetz unterscheidet Sach- und Geldleistungen (Art. 14 f. ATSG) anhand ihrer Wirkungsweise, ihrer Funktion. Sachleistungen sollen "proaktiv" auf das versicherte Risiko einwirken (Heilbehandlung von Gesundheitsschädigungen, berufliche Eingliederung, Hilfsmittel), während Geldleistungen im Wesentlichen dazu bestimmt sind, einen eingetretenen Schaden "reaktiv" auszugleichen (vgl. GIAN CLAUDIO MANI, Reform des Systems der Schweizerischen Sozialversicherungen: unter besonderer Berücksichtigung der Geldleistungen [<span class="artref">Art. 15 ATSG</span>], 2012, S. 15; KIESER, ATSG-Kommentar, a.a.O., N. 6 und 10 zu <span class="artref">Art. 14 ATSG</span>; BIAGGI, a.a.O., N. 5 zu <span class="artref">Art. 14 ATSG</span>; LOCHER/GÄCHTER, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. 2014, S. 209).</div> <div class="paraatf">Dementsprechend ist die Krankenpflege als Sachleistung nach <span class="artref">Art. 14 ATSG</span> dazu bestimmt, tatsächliche Auswirkungen des versicherten Risikos anzugehen, das heisst das gesundheitsbedingte Selbstversorgungsdefizit auszugleichen. Neben diesem kompensatorischen Zweck wirkt die Krankenpflege stabilisierend und vorbeugend auf den Gesundheitszustand ein (LANDOLT, a.a.O., N. 59 zu <span class="artref">Art. 25a KVG</span>). Die Pflegebeiträge nach <span class="artref">Art. 25a Abs. 1 KVG</span> gleichen <i>konkrete</i> Pflegekosten (teilweise) aus (so schon <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F127-V-94%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page94">BGE 127 V 94</a> E. 3d; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-V-297%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page297">BGE 125 V 297</a> E. 5a; vgl. auch <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F148-V-28%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page28">BGE 148 V 28</a> E. 6.2.4). Die - in <span class="artref">Art. 15 ATSG</span> <a name="page10"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 10</div>explizit als Geldleistung qualifizierte - Hilflosenentschädigung hingegen führt zu einem wirtschaftlichen Ausgleich des Aufwands für Hilfestellungen im Zusammenhang mit den alltäglichen Lebensverrichtungen. Sie wird nach <span class="artref">Art. 42<sup>ter</sup> Abs. 1 IVG</span> "personenbezogen ausgerichtet" und knüpft bei der behinderungsbedingten Pflegebedürftigkeit der betroffenen Person an (IRENE HOFER, in: Basler Kommentar, ATSG, 2020, N. 5 und 28 zu <span class="artref">Art. 9 ATSG</span>). Die Entschädigung steht dem Anspruchsberechtigten grundsätzlich zur freien Verfügung: Nach <span class="artref">Art. 42<sup>ter</sup> Abs. 1 IVG</span> soll sie "die Wahlfreiheit in den zentralen Lebensbereichen erleichtern". Dementsprechend wird die Hilflosenentschädigung als Pauschalleistung ausgerichtet, deren Höhe, anders als die der KVG-Pflegebeiträge, nicht vom effektiven Pflegeaufwand und der tatsächlichen Inanspruchnahme von Hilfestellungen abhängt (HOFER, a.a.O., N. 3 und 5 zu <span class="artref">Art. 9 ATSG</span>; HARDY LANDOLT, Hilflosenentschädigung - Irrlicht oder Leuchtturm?, in: Sozialversicherungsrechtstagung 2013, Ueli Kieser [Hrsg.], 2014, S. 188).</div> <div class="paraatf">Abgesehen davon, dass eine Anrechnung der Hilflosenentschädigung der gesetzlichen Differenzierung nach Sach- und Geldleistung (<span class="artref"><artref id="CH/830.1/14" type="start"></artref>Art. 14 und 15 ATSG</span><artref id="CH/830.1/15" type="end"></artref>) widersprechen würde, fällt es auch aufgrund des beschriebenen kategorialen Unterschieds schwer, aus der Hilflosenentschädigung ein "gleichartiges" Äquivalent zu den Pflegebeiträgen zu isolieren. Es wäre nicht systemgerecht, mit Hilflosenentschädigung entgoltene konkrete Hilfestellungen zu identifizieren und zu quantifizieren, die ihrer Bestimmung nach den Pflegeleistungen zugeordnet werden können, für die die Krankenversicherung Beiträge ausrichtet. Die einzelnen Leistungen der Grundpflege müssten detailliert aufgelistet und mit den im Einzelfall betroffenen alltäglichen Lebensverrichtungen, welche der Hilflosenentschädigung zugrundeliegen, verglichen werden (ROMANA ?AN?AR, Intersystemische Leistungskoordination bei der spitalexternen Pflege - die Büchse der Pandora?, Pflegerecht 2015 S. 75, 77). Das Bundesgericht hat denn auch schon in <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-V-297%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page297">BGE 125 V 297</a> E. 5b erkannt, der konkrete Nachweis einer Überentschädigung sei mit praktischen Schwierigkeiten verbunden, weil er eine Aufschlüsselung der Leistungen voraussetze, die sich angesichts der grundsätzlichen Unterschiede in den Leistungsarten kaum sachgerecht und rechtsgleich vornehmen lasse (dazu KIESER, ATSG-Kommentar, a.a.O., N. 12 zu <span class="artref">Art. 14 ATSG</span>; HARDY LANDOLT, Überentschädigung und Pflegekosten, Pflegerecht 2022 S. 204). <a name="page11"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 11</div> </div> <div class="paraatf">Das Erfordernis in <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span>, wonach die zusammentreffenden Leistungen gleicher Art, also übereinstimmend Geld- <i>oder</i> Sachleistung, sein müssen, um gemeinsam eine Überentschädigung bewirken zu können, behebt dieses Problem grundsätzlich. Insoweit die - funktional verschiedenartigen - KVG-Pflegebeiträge und die IV-Hilflosenentschädigung nicht im Sinn von <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> gleichartig sind, bildet diese Konstellation keinen Überentschädigungstatbestand.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp638144"></a><span class="bold" id="consideration_6.6">6.6 </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp639184"></a><span class="bold" id="consideration_6.6.1">6.6.1 </span>Die bisherige Rechtsprechung ist wie erwähnt von einem anderen Verständnis von Gleichartigkeit ausgegangen (E. 6.2). Die Kongruenzprüfung wurde auf das Element der sachlichen Übereinstimmung im Sinn einer "gleichen Zweckbestimmung" verkürzt, indem sie allein nach einem inhaltlichen Vergleich der Leistungsgegenstände (Grundpflegeverrichtungen nach <span class="artref">Art. 7 KLV</span> und Hilfestellungen bei Hilflosigkeit nach <span class="artref">Art. 9 ATSG</span>) durchgeführt wurde. Dabei handelt es sich indessen um eine von der funktionalen getrennt zu betrachtende, weitere Art von Kongruenz: die <i>sachliche</i>. Unter diesem Aspekt fragt sich, ob und inwieweit die der jeweiligen Leistung zugrunde liegenden Gegenstände sachlich übereinstimmen, d.h. die zusammentreffenden Leistungen sozusagen den gleichen Einzelschaden beheben (BRIGITTE BLUM-SCHNEIDER, Pflege von behinderten und schwerkranken Kindern zu Hause, 2015, Rz. 478). Danach sind etwa Rentenleistungen bei der Überentschädigungsrechnung soweit zu berücksichtigen, wie sie einen Einkommensausfall ersetzen, aber auszuklammern, soweit sie einen Ausfall im Aufgabenbereich Haushalt entschädigen (vgl. <span class="artref">Art. 6 ATSG</span>; KIESER, ATSG-Kommentar, a.a.O., N. 61 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>; FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD, a.a.O., N. 20 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>).</div> <div class="paraatf">Nachdem die funktionale Gleichartigkeit hier nicht gegeben ist, wird die Frage nach der sachlichen Kongruenz an sich gegenstandslos. Mit Blick auf die verbreitete Forderung nach Anerkennung eines ungeschriebenen allgemeinen Überentschädigungsverbots über <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> hinaus (ADRIAN ROTHENBERGER, Das Spannungsfeld von Überentschädigungsverbot und Kongruenzgrundsatz, 2015, Rz. 339 ff. und 373 mit weiteren Hinweisen; <i>a.M.</i> GÄCHTER, a.a.O., S. 59 f.) resp. mit Rücksicht auf seine Bedeutung als "idée générale" oder ethisches Postulat, das die Entwicklung und Anwendung des Rechts leiten soll (FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD, a.a.O., N. 11 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>), mag dennoch von Interesse sein, dass das Fehlen eines <a name="page12"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 12</div>Überentschädigungstatbestands kein stossendes Ergebnis zeitigt, weil sich die Grundpflegeverrichtungen nach <span class="artref">Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV</span> und die Hilfestellungen im Sinn von <span class="artref">Art. 9 ATSG</span> und <span class="artref">Art. 42 Abs. 1 IVG</span> inhaltlich nicht erheblich überschneiden. Dazu das Folgende:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp662064"></a><span class="bold" id="consideration_6.6.2">6.6.2 </span>Die "Zweckbestimmung" (<span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span>) der Pflegebeiträge und diejenige der Hilflosenentschädigung fallen dort zusammen, wo im Bereich der für die Hilflosenentschädigung massgebenden alltäglichen Lebensverrichtungen ein behinderungsbedingter Bedarf - bei Kindern, je nach Alter, <i>Mehr</i> bedarf - an Hilfestellung besteht.</div> <div class="paraatf"><span class="artref">Art. 9 ATSG</span> beschreibt die Hilflosigkeit als Zustand einer Person, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen Überwachung bedarf. Massgebend für die Höhe der Hilflosenentschädigung ist das Ausmass der persönlichen Hilflosigkeit. Es ist zu unterscheiden zwischen schwerer, mittelschwerer und leichter Hilflosigkeit (<span class="artref">Art. 42 Abs. 2 IVG</span>), abhängig von der Zahl der betroffenen Lebensverrichtungen sowie von der Überwachungs- und Pflegebedürftigkeit (<span class="artref">Art. 37 IVV</span> [SR 831.201]; vgl. auch <span class="artref">Art. 43<sup>bis</sup> AHVG</span> und <span class="artref">Art. 66<sup>bis</sup> AHVV</span>, <span class="artref">Art. 38 UVV</span>), in der Invalidenversicherung überdies von der Notwendigkeit einer lebenspraktischen Begleitung (<span class="artref">Art. 42 Abs. 3 IVG</span>). Die massgebenden Lebensverrichtungen betreffen folgende Bereiche: Ankleiden und Auskleiden; Aufstehen, Absitzen, Abliegen; Essen; Körperpflege; Verrichten der Notdurft; Fortbewegung im Haus oder ausserhalb (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-V-450%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page450">BGE 133 V 450</a> E. 7.2; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F127-V-94%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page94">BGE 127 V 94</a> E. 3c).</div> <div class="paraatf">Die hier relevante krankenversicherungsrechtliche Grundpflege wird in Art. 7 Abs. 2 lit. c Ziff. 1 KLV wie folgt konkretisiert: "Allgemeine Grundpflege bei Patienten oder Patientinnen, welche die Tätigkeiten nicht selber ausführen können, wie Beine einbinden, Kompressionsstrümpfe anlegen; Betten, Lagern; Bewegungsübungen, Mobilisieren; Dekubitusprophylaxe, Massnahmen zur Verhütung oder Behebung von behandlungsbedingten Schädigungen der Haut; Hilfe bei der Mund- und Körperpflege, beim An- und Auskleiden, beim Essen und Trinken". Dieser Katalog von Grundpflegeleistungen ist (im Gegensatz zu demjenigen in lit. b betreffend Behandlungspflege) dem Wortlaut nach ("wie", "tels que", "quali") nicht abschliessend (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-V-172%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page172">BGE 136 V 172</a> E. 5.3.1). Daher können gegebenenfalls weitere Pflegeleistungen vergleichbarer Art als Grundpflege anerkannt werden. Die obligatorische Krankenpflegeversicherung richtet Beiträge aus, <a name="page13"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 13</div>wenn die umschriebenen Pflegeleistungen aufgrund einer Bedarfsabklärung auf ärztliche Anordnung hin oder im ärztlichen Auftrag von Pflegefachkräften, Organisationen der Krankenpflege und Hilfe zu Hause (sc. Spitex) oder von Pflegeheimen erbracht werden (<span class="artref">Art. 7 Abs. 1 KLV</span> in der hier anwendbaren, bis 30. Juni 2024 gültigen Fassung).</div> <div class="paraatf"><span class="artref">Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV</span> benennt ausdrücklich die Hilfe bei der Mund- und Körperpflege, beim An- und Auskleiden, beim Essen und Trinken (?AN?AR, a.a.O., S. 75; vgl. dazu die Übersicht bei HARDY LANDOLT, Behandlungspflege - medizinische Pflege - Grundpflege: ein Abgrenzungsversuch, Pflegerecht 2014 S. 35) als unter dem Titel der Pflegebeiträge entschädigungsfähig. Auf Seiten der Hilflosenentschädigung umschreiben <span class="artref">Art. 9 ATSG</span> und <span class="artref">Art. 42 ff. IVG</span> das versicherte Risiko als Hilfsbedürftigkeit bei alltäglichen Lebensverrichtungen resp. Angewiesensein auf lebenspraktische Begleitung; <span class="artref">Art. 42<sup>ter</sup> Abs. 1 IVG</span> macht die Höhe der Hilflosenentschädigung vom "Ausmass der persönlichen Hilflosigkeit" abhängig. Darüber hinausgehend bezieht sich <span class="artref">Art. 37 IVV</span> für die Bestimmung des Schweregrads einer Hilflosigkeit teilweise auf einen Bedarf nach dauernder resp. besonders aufwendiger Pflege (vgl. Abs. 1 und Abs. 3 lit. c; HARDY LANDOLT, Handbuch Pflegerecht, 2023, Rz. 1164 ff.). Das versicherte Risiko wird indessen auf der Ebene des formellen Gesetzes abschliessend festgelegt und kann nicht durch Verordnung weiter gefasst werden. Dass <span class="artref">Art. 37 IVV</span> für die Umschreibung des den Schweregrad bestimmenden gesundheitlichen Zustands auf den Pflegebedarf ausgreift, bedeutet nicht, dass die betreffenden pflegerischen Aufwendungen zum Gegenstand der Entschädigung gehörten. Dies folgt schon daraus, dass eine dauernde Pflege im Sinn von <span class="artref">Art. 37 IVV</span> auch sog. Behandlungspflege im Sinn von <span class="artref">Art. 7 Abs. 2 lit. b KLV</span> umfasst, die mit der Hilflosenentschädigung ohnehin nicht kongruent ist (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-V-297%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page297">BGE 125 V 297</a> E. 5b; Urteil 9C_43/2012 vom 12. Juli 2012 E. 4.1.2; LANDOLT, Handbuch Pflegerecht, a.a.O., Rz. 1242; EUGSTER, SBVR, a.a.O., Rz. 380).</div> <div class="paraatf">Gleich wie die Behandlungspflege aussen vor zu lassen sind auch Hilfestellungen, die zwar der Grundpflege zugerechnet werden, aber nicht die für die Hilflosenentschädigung massgebenden Lebensverrichtungen beschlagen. Gemeint sind pflegerische Tätigkeiten, die überhaupt nur wegen der Behinderung anfallen, darunter gemäss beispielgebender Auflistung in <span class="artref">Art. 7 Abs. 2 lit. c KLV</span> etwa "Bewegungsübungen, Mobilisieren; Dekubitusprophylaxe, Massnahmen <a name="page14"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 14</div>zur Verhütung oder Behebung von behandlungsbedingten Schädigungen der Haut". Diese als grundpflegerisch taxierten Vorkehren sind ihrer (oft medizinischen) Natur nach teilweise nicht klar von der Behandlungspflege (medizinische Hilfeleistungen) abzugrenzen und könnten genauso gut auch dort eingereiht sein; der Katalog behandlungspflegerischer Massnahmen in <span class="artref">Art. 7 Abs. 2 lit. b KLV</span> enthält ähnliche Massnahmen wie etwa das Spülen, Reinigen und Versorgen von Wunden (inkl. Dekubitus- und Ulcus-cruris-Pflege; Ziff. 10) oder die Hilfe bei Medizinalbädern und die Anwendung von Wickeln, Packungen und Fangopackungen (Ziff. 12; vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-V-172%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page172">BGE 136 V 172</a> E. 5.3.1; LANDOLT, in: Sozialversicherungsrechtstagung 2013, a.a.O., S. 183).</div> <div class="paraatf">Bei den Hilfestellungen, die im Zusammenhang mit alltäglichen Lebensverrichtungen stehen, relativiert sich die sachliche Gleichartigkeit zudem mit Blick auf die Erfordernisse der Bedarfsabklärung, der ärztlichen Anordnung resp. des ärztlichen Auftrags und der Wahrnehmung durch Pflegefachleute oder die Spitex. Die konkurrierenden sozialversicherungsrechtlichen Entschädigungen werden auch über diese Anspruchsvoraussetzungen koordiniert: Anspruch auf Grundpflegebeiträge besteht in jedem Fall nur für Hilfe, die durch die erwähnten Fachkräfte geleistet wird (<span class="artref">Art. 7 Abs. 1 KLV</span>), nachdem der Hilfsbedarf durch eine Pflegefachkraft ermittelt worden ist (Art. 7 Abs. 2 lit. a Ziff. 1 und <span class="artref"><artref id="CH/832.112.31/8/3" type="start"></artref><artref id="CH/832.112.31/8/2" type="start"></artref>Art. 8 Abs. 2 und 3 KLV</span><artref id="CH/832.112.31/8/3" type="end"></artref><artref id="CH/832.112.31/3" type="end"></artref> [in der bis Ende 2019 gültigen Fassung]) und die so bestimmten Leistungen mit ärztlichem Auftrag oder ärztlicher Anordnung spezifiziert worden sind (vgl. <span class="artref">Art. 8 Abs. 1 KLV</span> [in der bis Ende 2019 gültigen Fassung]; vgl. aber nunmehr auch <span class="artref">Art. 25a Abs. 3 KVG</span> und <span class="artref">Art. 7 Abs. 4 KLV</span>, in den seit 1. Juli 2024 in Kraft stehenden Fassungen). Diese Vorgaben reduzieren die nach <span class="artref">Art. 7 KLV</span> entschädigungsfähigen Verrichtungen auf solche, die geeignet sind, im Rahmen einer ärztlichen Anordnung näher umschrieben zu werden. Solche Tätigkeiten wiederum dürften eher selten alltägliche Hilfestellungen, etwa beim Essen und im Bereich Mobilität, betreffen.</div> <div class="paraatf">Insgesamt ist keine weitgehende sachliche Übereinstimmung von Grundpflege und Hilfestellungen in alltäglichen Lebensverrichtungen ersichtlich. Entsprechend überschaubar sind auch die Konstellationen, in denen die Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung und die Pflegebeiträge der obligatorischen Krankenversicherung identischen Pflegeaufwand entschädigen, zumal der mit dem Bundesgesetz vom 13. Juni 2008 über die Neuordnung der <a name="page15"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 15</div>Pflegefinanzierung eingefügte <span class="artref">Art. 25a KVG</span> auch nur noch <i>Beiträge</i> der Krankenversicherung an die Pflege vorsieht.</div> <div class="paraatf">Nach dem Gesagten verhalten sich die Pflegebeiträge nach <span class="artref">Art. 25a KVG</span> durchaus komplementär zur Hilflosenentschädigung, was den Gegenstand der (Teil-)Vergütung resp. Entschädigung angeht (vgl. <span class="artref">Art. 27 KVG</span> und <span class="artref">Art. 110 KVV</span>; Urteil 9C_886/2010 vom 10. Juni 2011 E. 4.3). Daher drängte sich eine Leistungskürzung wegen Überentschädigung selbst dann nicht auf, wenn das Element "Leistungen gleicher Art und Zweckbestimmung" (<span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span>) auf die sachliche Kongruenz im Sinn einer rein inhaltlichen Übereinstimmung verkürzt würde. Dies bestätigt der vorliegende Fall: Die Kinderspitex hat bei der Beschwerdegegnerin einen wöchentlichen Bedarf für Grundpflege von 4,5 Stunden geltend gemacht, während der Gesamtpflegebedarf bei 41,5 Stunden lag.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp744944"></a><span class="bold" id="consideration_6.6.3">6.6.3 </span>Was schliesslich die Überentschädigungsrelevanz des Intensivpflegezuschlags angeht, ist dieser - seiner akzessorischen Natur entsprechend - überentschädigungsrechtlich der Hilflosenentschädigung gleichzusetzen, d.h. beim krankenversicherungsrechtlichen Pflegebeitrag nicht anzurechnen. Daher muss nicht geklärt werden, ob er schon deshalb aus der Überentschädigungsrechnung fällt, weil nach <span class="artref">Art. 39 Abs. 2 IVV</span> der Zeitaufwand für ärztlich verordnete medizinische Massnahmen durch medizinische Hilfspersonen <i>nicht</i> als zusätzliche Betreuung (Mehrbedarf an Behandlungs- und Grundpflege im Vergleich zu nicht behinderten Minderjährigen gleichen Alters) anrechenbar ist, derweil ein Pflegebeitrag nach <span class="artref">Art. 7 KLV</span> gerade eine ärztliche Anordnung voraussetzt (vgl. nunmehr <span class="artref">Art. 7 Abs. 4 und <artref id="CH/832.112.31/8/1" type="start"></artref>Art. 8 Abs. 1 KLV</span><artref id="CH/832.112.31/7/4" type="end"></artref>, in Kraft seit 1. Juli 2024). Insbesondere kann offenbleiben, ob die Grundpflege unter "medizinische Massnahmen" im Sinn von <span class="artref">Art. 39 Abs. 2 IVV</span> fällt (bejahend LANDOLT, a.a.O., Pflegerecht 2014 S. 36).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp755984"></a><span class="bold" id="consideration_6.7">6.7 </span>Zusammengefasst sind die KVG-Pflegebeiträge und Hilflosenentschädigung (mit Intensivpflegezuschlag) nicht im Sinn von <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> von "gleicher Art", mithin nicht funktional kongruent, und zudem auch bloss in relativ geringem Umfang von "gleicher Zweckbestimmung", also sachlich kongruent (vgl. ?AN?AR, a.a.O., S. 74 f., 77; NICOLE KUNZ, Koordination von Sach- und Geldleistungen: die Hilflosenentschädigung aus Sicht der Krankenversicherung, Schweizer Sozialversicherung 2/2016 S. 37 f.; BLUM-SCHNEIDER, a.a.O., Rz. 485 f.). Ihr Zusammentreffen begründet daher keine Überentschädigung. <a name="page16"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 16</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp760592"></a><span class="bold" id="consideration_7.">7. </span>Allerdings gehen die Parteien und die Vorinstanz im vorliegenden Verfahren auf dem Boden der bisherigen Rechtsprechung (nicht publ. E. 3) implizit davon aus, <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> mache Abs. 1 sozusagen unwirksam (vgl. oben E. 6.1 a.E.). Ein Grossteil der Lehre nimmt an, das in Abs. 1 verankerte Kongruenzprinzip werde in Abs. 2 zugunsten eines Globalprinzips wieder zurückgedrängt (unten E. 8.2). Daher ist das Verhältnis der beiden Absätze von <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> zu klären (nachfolgend E. 8). Zu prüfen sein wird auch, ob allenfalls <span class="artref">Art. 122 KVV</span> in vorliegender Konstellation als Rechtsgrundlage für eine Überentschädigung taugt und gegebenenfalls <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> vorgehen könnte (E. 9).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp769264"></a><span class="bold" id="consideration_8.">8. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp770304"></a><span class="bold" id="consideration_8.1">8.1 </span>Laut dem zweiten Satz von <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> beschränkt sich die Überentschädigungsrechnung auf Leistungen gleicher Art und Zweckbestimmung, die der anspruchsberechtigten Person aufgrund des schädigenden Ereignisses gewährt werden. Nach Abs. 2 ist eine Überentschädigung insoweit gegeben, wie "die gesetzlichen Sozialversicherungsleistungen den wegen des Versicherungsfalls mutmasslich entgangenen Verdienst zuzüglich der durch den Versicherungsfall verursachten Mehrkosten und allfälliger Einkommenseinbussen von Angehörigen übersteigen". Ein "mutmasslich entgangener Verdienst" löst ausschliesslich Geldleistungen aus, die ohne Weiteres gleichartig sind. Insofern ist nicht davon auszugehen, <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> verdränge die Kongruenzvorgabe von <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span>.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp777648"></a><span class="bold" id="consideration_8.2">8.2 </span>Ein gewichtiger Teil der Lehre sieht dies freilich anders: So führt KIESER (Kommentar zum ATSG, 4. Aufl. 2020, N. 15 ff., 22 ff., 33 ff., 36 f. und 58 ff. zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>) aus, in <span class="artref"><artref id="CH/830.1/69/2" type="start"></artref><artref id="CH/830.1/69/1" type="start"></artref>Art. 69 Abs. 1 und 2 ATSG</span><artref id="CH/830.1/69/2" type="end"></artref><artref id="CH/830.1/2" type="end"></artref> erschienen offensichtlich unterschiedliche Auffassungen. In Abs. 1 werde klar das Kongruenzprinzip verankert. Abs. 2 liege aber eine gegenteilige Auffassung zugrunde. <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> enthalte eine einzige Überentschädigungsgrenze. Dies deute klar darauf hin, dass der Gesetzgeber nach der Globalmethode koordinieren wolle. Hinzu komme, dass die Überentschädigungsgrenze von <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> Positionen (mutmasslich entgangenes Erwerbseinkommen, Mehrkosten) berücksichtige, die nicht kongruent seien (so auch EUGSTER, SBVR, a.a.O., Rz. 1503 [zu <span class="artref">Art. 122 Abs. 1 KVV</span>]; MANI, a.a.O., S. 192). Dies wäre bei strikter Beachtung des Kongruenzprinzips ausgeschlossen; vielmehr müsste bezogen auf die einzelnen (kongruenten) Leistungskoordinationen je eine eigene <a name="page17"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 17</div>Überentschädigungsgrenze festgesetzt werden (mithin eine Grenze für die Koordination von einkommensersetzenden Leistungen, eine Grenze für Mehrkosten etc.), und es müsste bestimmt werden, dass für die Berechnung der Überentschädigung nur kongruente Leistungen berücksichtigt werden dürften. <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> entspreche im Wortlaut einer Fassung des Ständerats von 1991, die im ersten Absatz noch der Globalmethode folgte (vgl. BBl 1999 4639 f.). Mithin habe die ursprüngliche ständerätliche Fassung eine Überentschädigungsgrenze festgelegt, die bei Berücksichtigung der Globalmethode Bedeutung habe. Dies lasse sich am Zusammenfassen von grundsätzlich nichtkongruenten Bereichen (insbesondere Einkommen und Mehrkosten) erkennen, was nur richtig sein könne, wenn auch die zu berücksichtigenden sozialversicherungsrechtlichen Leistungen unter Ausserachtlassung des Kongruenzgrundsatzes herangezogen würden. Offensichtlich habe der Gesetzgeber beim Entscheid, die Überentschädigung nach dem Kongruenzprinzip (und nicht wie noch im Rahmen der Vorarbeiten beabsichtigt nach dem Globalprinzip) zu regeln, ungenügend berücksichtigt, dass die gesamte Bestimmung von <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> (und nicht lediglich Abs. 1) umgestaltet werden müsste. Weil in <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> die Kongruenzmethode klar verankert sei und insoweit bewusst von der ständerätlichen Fassung abgewichen worden sei, hätte es auch einer Neuordnung der Überentschädigungsgrenze bedurft, die nicht mehr gestützt auf die Geltung der Globalmethode hätte festgelegt werden dürfen, sondern in Berücksichtigung des Kongruenzgrundsatzes hätte erfolgen müssen. Trotz der in <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> festgelegten Kongruenzmethode müsse letztlich davon ausgegangen werden, dass sich im Anwendungsbereich von <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> die Überentschädigung nach der Globalmethode bestimme. <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> werfe in seiner Anwendung Auslegungsfragen auf, die kaum lösbar seien. Insoweit dränge sich auf, die Bestimmung neu zu fassen und - jedenfalls für die wichtigsten Kongruenzbereiche - die Überentschädigungsgrenzen je separat zu bestimmen. Ein Vorrang der Globalmethode gegenüber dem Kongruenzprinzip leitet KIESER auch aus dem Umstand ab, dass <span class="artref">Art. 68 ATSG</span> im Verhältnis von Taggeldern und Renten unterschiedlicher Sozialversicherer eine Überentschädigungskürzung nicht auf kongruente Leistungen beschränke (so wohl etwa im Fall von Invalidenrenten für Nichterwerbstätige; UELI KIESER, Die Sättigungsgrenze des mutmasslich entgangenen Verdienstes - Crux oder Fluch?, in: Aktuelle Probleme des Koordinationsrechts II, Weber/Beck [Hrsg.], 2017, S. 54).</div> <div class="paraatf"> <a name="page18"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 18</div>Im Basler Kommentar zum ATSG geht HÜRZELER davon aus, <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> stehe in einem gewissen Spannungsverhältnis zu dem in Abs. 1 normierten Kongruenzgrundsatz, indem mit den Mehrkosten sowie den Einkommenseinbussen Angehöriger nichtkongruente Positionen in die Überentschädigungsberechnung einbezogen würden. Der in Abs. 1 festgeschriebene Kongruenzgrundsatz werde folglich durch Abs. 2 "in Form einer eingeschränkten Omnikongruenz aufgelöst". Dies schaffe Unklarheiten, die im Rahmen einer Neufassung der Norm beseitigt werden sollten (HÜRZELER, a.a.O., N. 25 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>). FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD führen im <i>Commentaire romand</i> zum ATSG aus, einerseits verankere <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> den Kongruenzgrundsatz; anderseits greife Abs. 2 für die Festlegung der Überentschädigungsgrenze auf nichtkongruente Elemente zurück. Das Sozialversicherungsrecht kenne keine einheitliche Überentschädigungsgrenze. Der Gesetzgeber weiche in <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> von der (haftpflichtrechtlich massgebenden) Obergrenze, die dem wirtschaftlichen Wert des eingetretenen Schadens entspreche, ab, indem er durch den Versicherungsfall verursachte Mehrkosten und Einkommenseinbussen von Angehörigen einbeziehe. Insofern wende er das Kongruenzprinzip nicht konsequent an (FRÉSARD-FELLAY/FRÉSARD, a.a.O., N. 15 und 30 ff. zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>). Nach Auffassung von LANDOLT ist bei kumulierten Pflege- und Hilflosenentschädigungen die Frage, ob und gegebenenfalls inwieweit eine Überversicherung besteht, nicht "nach Massgabe der Globalmethode gemäss <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>", sondern der Anrechnungsmethode gemäss <span class="artref">Art. 122 KVV</span> zu beantworten (HARDY LANDOLT, in: Kommentar zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, UVG, 2018, N. 102 zu <span class="artref">Art. 26 UVG</span>).</div> <div class="paraatf">GÄCHTER legt dar, die Überentschädigungsgrenze von <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> gelte für das Zusammentreffen aller kongruenten Sozialversicherungsleistungen. Auch er weist darauf hin, die innere Systematik von <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> leide an einem auf die Entstehungsgeschichte zurückzuführenden Mangel. Die Kongruenzmethode von <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> sei nur sehr beschränkt mit der auf der Globalmethode beruhenden Maximalgrenze von Abs. 2 kompatibel (GÄCHTER, a.a.O., S. 34 ff.). Für ACKERMANN enthält <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> zwei Komponenten: Nachdem Abs. 1 zweiter Satz kongruente Leistungen voraussetze, fixiere Abs. 2 eine Überentschädigungsgrenze nach der Globalmethode. Dieser Autor versteht dies aber nicht leistungs- sondern schadenseitig: Der Wortlaut dieser Bestimmung <a name="page19"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 19</div>berücksichtige alle den schadenbezogenen Leistungen gegenüberzustellenden Schadenpositionen. Auch wenn sich diese beiden Bestimmungen widersprüchlich zueinander verhielten, könnten sie im Kontext miteinander vereinbart werden: Einerseits werde eine absolute Obergrenze der Überentschädigung fixiert, indem alle Schadenposten addiert würden. In diesem Rahmen könne die Überentschädigung nach der Kongruenzmethode im Einzelfall bemessen und so z.B. berücksichtigt werden, dass Hilflosenentschädigungen auch den Aufwand für die Betreuung durch Dritte abdeckten. Damit bestünden einzelne Überentschädigungsgrenzen hinsichtlich der kongruenten Leistungen; die entsprechenden Positionen würden am Schluss addiert und der maximalen resp. absoluten Überentschädigungsgrenze gegenübergestellt. Insoweit lasse sich auch die Frage beantworten, wie vorzugehen sei, wenn sich verschiedene versicherte Risiken verwirklicht hätten; dies, indem die Obergrenze sämtliche Schäden aus den verschiedenen verwirklichten versicherten Risiken kumuliert enthalte, die konkrete Kürzung jedoch anhand der Kongruenz vorgenommen werde (THOMAS ACKERMANN, Leistungskoordination: Sollen für die verschiedenen Koordinationsebenen analoge Koordinationsgrundsätze gelten?, in: Mehrspuriger Schadenausgleich, Fuhrer/Kieser/Weber [Hrsg.], 2022, S. 969 ff.). Ähnlich wie ACKERMANN erwägt BLUM-SCHNEIDER die Existenz einer "global berechneten Grenze der Überentschädigung". Die Berechnung der Überentschädigungsgrenze gemäss <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> beruhe auf der Globalmethode, die sich systemisch nicht mit dem Kongruenzprinzip aus Abs. 1 kombinieren lasse. Angesichts dieses Systemmangels sei fraglich, ob bei kongruenten Leistungen die nach <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> global berechnete Grenze der Überentschädigung den auszugleichenden Schaden auch übersteigen könne, wenn die Grenze noch nicht erreicht sei, oder ob jeder einzelne Schaden bis zum Maximum von 100 Prozent ausgeglichen werden solle, ohne Berücksichtigung der Globalmethode. Diese schwierige Ausgangslage lasse sich nicht einfach lösen (BLUM-SCHNEIDER, a.a.O., Rz. 480). Auch LÄUBLI ZIEGLER kommt zum Schluss, der Gesetzgeber habe den leitenden Kongruenzgrundsatz ausser Acht gelassen (SYLVIA LÄUBLI ZIEGLER, Überentschädigung und Koordination, Personen-Schaden-Forum 2004 S. 178).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp840272"></a><span class="bold" id="consideration_8.3">8.3 </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp841312"></a><span class="bold" id="consideration_8.3.1">8.3.1 </span>Die vorstehende Übersicht der Lehrmeinungen zeigt, dass die Doktrin dem <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> keine schlüssige Grundordnung der <a name="page20"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 20</div>Überentschädigung entnimmt. Die disparaten Literaturstellen dokumentieren namentlich eine erhebliche Unsicherheit über das Verhältnis von Abs. 1 zu Abs. 2. Sie gehen im Wesentlichen davon aus, dass Abs. 2 die Geltung des Kongruenzgrundsatzes beeinträchtige. Mit Hinweis auf die Entstehungsgeschichte der Norm wird angenommen, die "gesetzlichen Sozialversicherungsleistungen" umfassten alle Leistungen, unabhängig von ihrer Art und Zweckbestimmung. Im Gesetzgebungsprozess ist der ursprüngliche Wortlaut von Abs. 2, der im Zusammenhang mit der anfangs beabsichtigten Geltung des Globalprinzips entstanden ist (vgl. oben E. 6.1), unverändert geblieben und für die definitive Fassung von <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> übernommen worden (vgl. BBl 1999 4639 f.). Daraus ist indessen nicht zu schliessen, Abs. 2 stehe im Widerspruch zu Abs. 1. In der Formulierung, eine Überentschädigung liege in dem Masse vor, wie "die gesetzlichen Sozialversicherungsleistungen" die genannten Verdiensteinbussen und Mehrkosten überstiegen, klingt das frühere Methodenverständnis an, wonach alle Leistungen unterschiedslos zu berücksichtigen seien. Letztlich aber erfolgte ein bewusster Entscheid für die Kongruenzmethode (dazu SUSANNE LEUZINGER, Die Leistungskoordination gemäss <span class="artref"><artref id="CH/830.1/63" type="start"></artref>Art. 63-71 ATSG</span><artref id="CH/830.1/71" type="end"></artref>, in: Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG], 2003, S. 182 ff.). Ein offenkundiges Überbleibsel der überholten Normfassung setzt sich nicht gegen die vom klaren Willen des Gesetzgebers getragene Etablierung des Kongruenzgrundsatzes durch. Diese normative Entscheidung änderte den systematischen Kontext von Abs. 2 gegenüber dem Vorentwurf entscheidend. Nunmehr beschränken sich "die gesetzlichen Sozialversicherungsleistungen" auf die in Abs. 1 als massgebend bezeichneten (kongruenten) Leistungen. Ist eine in diesem Sinn harmonisierende Auslegung von Abs. 2 zwanglos möglich, darf nicht ein fernerliegendes Verständnis massgebend werden, durch das erst ein innerer Widerspruch zwischen den beiden Absätzen entstehen und die in Abs. 1 verankerte Grundentscheidung zugunsten des Kongruenzprinzips wirkungslos würde.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp853136"></a><span class="bold" id="consideration_8.3.2">8.3.2 </span>Damit ist auch der Anwendungsbereich von <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> geklärt. Dieser stellt sich kleiner dar als derjenige von Abs. 1. Enthält Abs. 2 keine umfassende Festlegung der Überentschädigungsgrenze, so erweist er sich als Sonderbestimmung für Fälle, in denen sich das versicherte Risiko eines Einkommensverlusts realisiert hat. Die normative Bedeutung von Abs. 2 liegt in der Festsetzung einer Überentschädigungsgrenze, die um gewisse nicht <a name="page21"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 21</div>versicherte Schaden- und Kostenpositionen erhöht wird. Diese sind, da nicht versichert, zwangsläufig auch nicht mit den gegenüberstehenden Sozialversicherungsleistungen kongruent. Abs. 2 hat nur die Überentschädigungsgrenze zum Gegenstand und wirkt nicht auf den in Abs. 1 bestimmten Geltungsbereich von Überentschädigungstatbeständen zurück, beeinflusst also nicht die Frage, welche zusammentreffenden Leistungen bei der Berechnung der Überentschädigung berücksichtigt werden. Eine Erweiterung der Überentschädigungsgrenze um nicht versicherte Elemente ändert mit anderen Worten nichts an der Geltung des Kongruenzprinzips, namentlich nicht an der gesetzlichen Beschränkung der zu koordinierenden Leistungen auf solche, die mit Blick auf kongruente Schadenpositionen als funktional gleichartig und sachlich gleichgerichtet erkannt werden (vgl. KIESER, Aktuelle Probleme des Koordinationsrechts II, a.a.O., S. 65).</div> <div class="paraatf">Soweit der Gesetzgeber diese Erweiterung auf die Überentschädigungsrechnung bei Verdienstausfall beschränkte, musste er in den übrigen, ausserhalb des Geltungsbereichs von Abs. 2 liegenden Konstellationen keine weiteren Überentschädigungsgrenzen definieren. Diese folgen jeweils als sozusagen natürliches Korrelat aus den kongruierenden Leistungen; mangels anderslautender spezifischer Regelung in den Einzelgesetzen (z.B. <span class="artref">Art. 20 Abs. 2 und <artref id="CH/832.20/31/4" type="start"></artref>Art. 31 Abs. 4 UVG</span><artref id="CH/832.20/20/2" type="end"></artref>: 90 Prozent des versicherten Verdienstes als Überentschädigungsgrenze; vgl. auch etwa <span class="artref">Art. 43 Abs. 3 AHVG</span>; KIESER, Aktuelle Probleme des Koordinationsrechts II, a.a.O., S. 51 f.) ergeben sich die Schadenpositionen, die zusammengenommen die Überentschädigungsgrenze bilden, aus der übereinstimmenden Zweckbestimmung der infrage kommenden Leistungsansprüche. In diesem Sinn ist die Überentschädigungsgrenze dem Kongruenzgrundsatz, namentlich in sachlicher Hinsicht, grundsätzlich inhärent.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp866000"></a><span class="bold" id="consideration_8.4">8.4 </span>Nach dem Gesagten ist <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> für die vorliegend interessierende Konstellation - das Zusammentreffen von KVG-Pflegebeiträgen und IV-Hilflosenentschädigung - nicht einschlägig. Damit bleibt es dabei, dass hier gemäss <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span> kein Überentschädigungstatbestand gegeben ist.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp870784"></a><span class="bold" id="consideration_9.">9. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp871872"></a><span class="bold" id="consideration_9.1">9.1 </span><span class="artref">Art. 122 Abs. 1 lit. b KVV</span> erweitert die Überentschädigungsgrenze bei Sachleistungen - intersystemisch koordinierend (Urteil des Eidg. Versicherungsgerichts K 107/04 vom 28. September 2005 E. 5) - über die Pflegekosten hinaus auf "andere ungedeckte <a name="page22"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 22</div>Krankheitskosten", einschliesslich tatsächliche Einkommenseinbussen pflegender Angehöriger, wenn und soweit sie behandlungs- und betreuungsbedingt sind (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2024&amp;to_year=2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F146-V-74%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page74">BGE 146 V 74</a> E. 5.3.10 und 8.1). Abs. 2 erklärt (innersystemisch) für zusammentreffende Taggeldleistungen die Überentschädigungsgrenze nach <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> als massgeblich (vgl. LANDOLT, a.a.O., Pflegerecht 2022 S. 202 f.). Abs. 1 modifiziert die Überentschädigungsgrenze für zusammentreffende Sachleistungen ähnlich wie <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> für Geldleistungen. Darüber hinaus reicht die normative Tragweite von <span class="artref">Art. 122 KVV</span> nicht. Es gilt das bei <span class="artref">Art. 69 Abs. 2 ATSG</span> Gesagte: Die Erhöhung der Überentschädigungsgrenze um nicht versicherte Elemente lässt die Geltung des Kongruenzprinzips intakt.</div> <div class="paraatf">Wenn <span class="artref">Art. 122 Abs. 1 KVV</span> von "Sachleistungen" spricht, kann dies - angesichts des in der Krankenversicherung herrschenden Kostenvergütungsprinzips (oben E. 6.4.2) - erneut nur im Sinn von <span class="artref">Art. 14 ATSG</span> verstanden werden. Die Überentschädigungsregel von <span class="artref">Art. 122 Abs. 1 KVV</span> ist daher im Verhältnis zur Hilflosenentschädigung als Geldleistung (<span class="artref">Art. 15 ATSG</span>) nicht anwendbar, es sei denn, man nehme an, der Passus "bei Sachleistungen" bezeichne nur die kürzbaren Leistungen, nicht aber den Umfang der in die Überentschädigungsrechnung fallenden Leistungsansprüche. Diese Möglichkeit ist indessen zu verwerfen: Wie schon im Verhältnis zwischen <span class="artref"><artref id="CH/830.1/69/2" type="start"></artref><artref id="CH/830.1/69/1" type="start"></artref>Art. 69 Abs. 1 und 2 ATSG</span><artref id="CH/830.1/69/2" type="end"></artref><artref id="CH/830.1/2" type="end"></artref> tangiert die Regelung der Überentschädigungsgrenze wiederum nicht die Auswahl der in die Rechnung einzubeziehenden Sozialversicherungsleistungen. Bis zum Inkrafttreten des ATSG war dem jetzigen Abs. 1 von <span class="artref">Art. 122 KVV</span> (vormals Abs. 2) denn auch ein erster Absatz vorangestellt, der praktisch gleich lautete wie der spätere <span class="artref">Art. 69 Abs. 1 ATSG</span>, also für die Berechnung der Überentschädigung ebenfalls "Leistungen gleicher Art und Zweckbestimmung" voraussetzte.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp901984"></a><span class="bold" id="consideration_9.2">9.2 </span>Selbst wenn anzunehmen gewesen wäre, <span class="artref">Art. 122 KVV</span> gelte entgegen seinem Wortlaut nicht nur im Verhältnis unter verschiedenen Sachleistungen, bliebe immer noch fraglich, ob die so entstandene Normkollision zulasten von <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> aufgelöst werden könnte. Eine abweichende Regelung setzt eine ausdrückliche Grundlage im KVG oder im Krankenversicherungsaufsichtsgesetz (KVAG; SR 832.12) voraus (so <span class="artref">Art. 2 ATSG</span> in Verbindung mit <span class="artref">Art. 1 KVG</span>). Das KVG gibt dem Bundesrat in Art. 78 auf, durch Verordnungsvorschrift dafür zu sorgen, dass die Versicherten oder die Leistungserbringer durch die Leistungen der sozialen <a name="page23"></a><div class="center pagebreak">BGE 151 V 1 S. 23</div>Krankenversicherung oder durch deren Zusammentreffen mit den Leistungen anderer Sozialversicherungen nicht überentschädigt werden. Angesichts der soeben skizzierten Entstehungsgeschichte von <span class="artref">Art. 122 KVV</span> besteht kein Grund zu prüfen, ob <span class="artref">Art. 78 KVG</span>, der eine Regelungsbefugnis für die intrasystemische Taggeldkoordination verleiht (HÜRZELER, a.a.O., N. 19 zu <span class="artref">Art. 69 ATSG</span>), delegationsrechtlich überhaupt eine Handhabe bieten könnte, um <span class="artref">Art. 122 KVV</span> intersystemisch der formellgesetzlichen Bestimmung von <span class="artref">Art. 69 ATSG</span> vorgehen zu lassen.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp920432"></a><span class="bold" id="consideration_9.3">9.3 </span>Nach dem Gesagten bietet auch <span class="artref">Art. 122 KVV</span> keine Rechtsgrundlage zur Kürzung von KVG-Grundpflegeleistungen im Verhältnis zur IV-Hilflosenentschädigung.</div> </div></body></html>