B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-1812/2025 U r t e i l v o m 2 7 . M ä r z 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichterin Susanne Genner, mit Zustimmung von Richterin Christa Preisig; Gerichtsschreiber Jan Hoefliger. Parteien A._______, geboren am (…), Marokko, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Ver- fahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 13. März 2025 / N (…). F-1812/2025 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 7. März 2025 in der Schweiz um Asyl. Dabei reichte er eine am 8. August 2024 ausgestellte und bis zum 7. Feb- ruar 2025 gültig gewesene deutsche «Fiktionsbescheinigung» zu den Ak- ten, die ihm aufgrund eines Gesuchs um Verlänge rung einer deutschen Aufenthaltsbewilligung ausgestellt worden war. Ebenso reichte er einen marokkanischen Reisepass ein. B. Dem Aufnahmegesuch der Vorinstanz stimmten die deutschen Behörden am 13. März 2025 gestützt auf Art. 12 Abs. 4 erster Unterabsatz der Ver- ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim- mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats- angehörigen oder Staatenlosen in einem Mi tgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) zu. C. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs zur Zuständigkeit Deutschlands anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 11. März 2025 trat die Vorinstanz mit Verfügung vom 13. März 2025 (am 14. März 2025 eröffnet) auf das Asyl- gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Wegweisung nach Deutschland an und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. D. Am 17. März 2025 reichte der Beschwerdeführer an der Eintrittsloge des Bundesasylzentrums Zürich ein Schreiben ein, in dem er sich mit der Ver- fügung vom 13. März 2025 nicht einverstanden erklärt und verschiedene Gründe dagegen anführt. Gleichentags wurde das Schreibe n zuständig- keitshalber an das Bundesverwaltungsgericht weitergeleitet. E. Am 18. März 2025 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori- schen Vollzugsstopp an. F-1812/2025 Seite 3 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG (SR 142.31) nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG) und wurde fristgerecht erhoben (Art. 108 Abs. 3 AsylG). A us dem unterzeich- neten Schreiben vom 17. März 2025 geht trotz fehlender formeller Anträge in genügender Weise der Wille des Beschwerdeführers hervor, gegen die vorinstanzliche Verfügung vom 13. März 2025 Beschwerde zu erheben und es werden Gründe gegen de n Entscheid angeführt. Die Beschwerde ist damit auch formgerecht (Art. 52 Abs. 1 VwVG), indem der Beschwerde- führer sinngemäss beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Zur Stel- lung dieser Rechtsbegehren ist d er Beschwerdeführer legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1. Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess- lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhal ts ge- rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari- scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1. Besitzt ein Antragsteller einen gültigen Aufenthaltstitel, so ist gemäss Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO derjenige Mitgliedstaat für die Prüfung des An- trags auf internationalen Schutz zuständig, der den Aufenthaltstitel ausge- stellt hat. Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO ist ebenso anwendbar, wenn der Auf- enthaltstitel seit weniger als zwei Jahren abgelaufen ist, solange der An- tragsteller das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten nicht verlassen hat (Art. 12 Abs. 4 erster Unterabsatz Dublin-III-VO). «Gültig» im Sinne von Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO ist der Aufenthaltstitel, wenn er zum Zeitpunkt der Stellung des Asylantrags noch nich t abgelaufen ist (FILZWIE- SER/SPRUNG, Dublin III -Verordnung – Kommentar, 2014, Art. 12 K5, S. 137). F-1812/2025 Seite 4 3.2. Der Beschwerdeführer verfügt über eine deutsche «Fiktionsbescheini- gung», die am 7. Februar 2025 abgelaufen ist. Mit diesem Dokument wei- sen ausländische Personen in Deutschland das Bestehen eines vorläufi- gen Aufenthaltsrechts nach. Die «Fiktionsbescheinigung» fällt ohne weite- res unter den Begriff des «Aufenthaltstitels» nach der Dublin -III-VO (vgl. die Begriffsdefinition in Art. 2 Bst. l Dublin-III-VO). Die «Fiktionsbescheini- gung» des Beschwerdeführers ist vor der Stellung des Asylantrags (7. März 2025), jedoch nicht vor mehr als zwei Jahren abgelaufen. 3.3. Gemäss dem marokkanischen Reisepass reiste der Beschwerdefüh- rer am 22. Oktober 2024 bei Ceuta nach Marokko ein und gleichentags wieder aus (vgl. den marokkanischen Ausreisestempel vom 22. Oktober 2024). Am 1. September 2024 reiste er wieder nach Marokko ein. Sodann befindet sich ein marokkanischer Ausreisestempel vom 28. Dezember 2024 im Reisepass, wobei ein deutscher Einreisestempel fehlt. Gemäss eigenen Aussagen am Dublin -Gespräch reiste der Beschwerdeführer am 28. Dezember 2024 mit dem Flugzeug von Marokko nach Deutschland, wobei er aufgrund der dazumal noch gültigen «Fiktionsbescheinigung» ein- reisen konnte. 3.4. Der Aufenthalt in Marokko und damit das Verlassen des Hoheitsge- biets der Dublin -Staaten ist aufgrund der Stempel im Reisepass ausrei- chend erstellt. Es fragt sich, ob dieser Vorgang als «Verlassen des Ho- heitsgebiets der Mitgliedstaaten» im Sinne von Art. 12 Abs. 4 erster Unter- absatz Dublin-III-VO gilt mit der Folge, dass Deutschland trotz des erteilten Aufenthaltstitels nicht zuständig wäre. In der Begründung der angefochte- nen Verfügung geht die Vorinstanz darauf nicht näher ein, obschon sie die Ausreise vom 28. Dezember 2024 aus Marokko erwähnt. 3.5. Art. 12 Abs. 4 erster Unterabsatz Dublin-III-VO lautet folgendermas- sen: «Besitzt der Antragsteller nur einen oder mehrere Aufenthaltstitel, die weniger als zwei Jahre zuvor abgelaufen sind, oder ein oder mehrere Visa, die seit weniger als sechs Monaten abgelaufen sind, aufgrund deren er in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats einreisen konnte, so sind die Ab- sätze 1, 2 und 3 anwendbar, solange der Antragsteller das Hohe itsgebiet der Mitgliedstaaten nicht verlassen hat.» 3.6. Bei einer Zuständigkeit aufgrund eines abgelaufenen Visums gibt es mit dem Einreisedatum (die Einreise muss dabei mit dem fraglichen Visum geschehen sein) einen bestimmten Zeitpunkt, ab dem der Antragsst eller das Hoheitsgebiet nicht mehr verlassen haben darf, ansonsten die Zustän- digkeit erl ischt. Der Nebensatz «solange der Antragsteller das Hoheits -F-1812/2025 Seite 5 gebiet der Mitgliedstaaten nicht verlassen hat» erscheint bezüglich erteilter Visa redundant. So ist ein erteiltes Visum ohnehin nur dann zuständigkeits- begründend, wenn gestützt auf dieses die Einreise ermöglicht wurde («auf- grund deren er in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats einreisen konnte»). Verlässt der Visumsinhaber nach einer solchen Einreise den Dublin-Raum und reist dann wieder ein, erlischt bereits aus diesem Grund die Zuständigkeit des visumsausstellenden Mitgliedstaats. 3.7. In Bezug auf die Tatbestandsvariante «Besitz eines oder mehrerer Aufenthaltstitel, die weniger als zwei Jahre zuvor abgelaufen s ind» kann der Wendung «solange der Antragsteller das Hoheitsgebiet der Mitglied- staaten nicht verlassen hat» nicht entnommen werden, wo dieser Zeitpunkt liegt. Möglich und vom Wortlaut her gedeckt sind dafür verschiedene Stich- tage (Anfangsdatum der Gültigkeit des Aufenthaltstitels, Ablaufdatum des Aufenthaltstitels). FILZWIESER/SPRUNG setzt den Stichtag bei Aufenthaltsti- teln ohne nähere Begründung auf die «Einreise» fest, wobei nicht ausge- führt wird, um welche Einreise es sich dabe i handeln soll ( FILZWIE- SER/SPRUNG, Dublin III -Verordnung – Kommentar, 2014, Art. 12 K18, S. 140: «Besitzt der Antragsteller einen oder mehrere seit weniger als zwei Jahren abgelaufene Aufenthaltstitel und hat er nach Einreise [Hervorhe- bung hinzugefügt] das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten nicht mehr ver- lassen, so gelten die Absätze 1 und 3 des Art 12, wobei gedanklich lediglich jeweils das Wort „gültig“ durch das Wort „abgelaufen“ zu ersetzen wäre.»). 3.8. Die vorliegende Konstellation, in der ein Inhaber eines Aufenthaltstitels noch während der Gültigkeitsdauer desselben den Dublin -Raum verlässt und gestützt auf diesen wieder einreist, scheint jedenfalls nicht von der Be- stimmung erfasst zu sein. Vielmehr scheint sie für Fälle konzipiert, in denen die Aus- und Wiedereinreise in den Dublin-Raum nach Erlöschen des Auf- enthaltstitels geschieht. Andernfalls würde die Zuständigkeit für das Asyl- verfahren dadurch geändert, dass der Inhaber des Aufenthaltstitels wäh- rend dessen Gültigkeitsdauer den Dublin-Raum verlassen hat und berech- tigterweise wieder eingereist ist. 3.9. Die Ausreise aus dem Dublin -Raum nach Marokko am 22. Oktober 2024 und die Wiedereinreise am selben Tag sowie die zweite Ausreise am 1. September 2024 und die zweite Wiedereinreise am 28. Dezember 2024 führt damit nicht zu einem Erlöschen der Zuständigkeit Deutschlands (die Fiktionsbescheinigung war bis zum 7. Februar 2025 gültig) . Dafür spricht auch, dass die deutschen Behörden dem von der Vorinstanz gestützt auf Art. 12 Abs. 4 erster Unterabsatz Dublin-III-VO gestellten Aufnahmege- such im Wissen darum, dass der Beschwerdeführer den Dublin-Raum F-1812/2025 Seite 6 verlassen hatte, zugestimmt haben (der Aufenthalt des Beschwerdeführers in Marokko wird im Aufnahmeersuchen in detaillierter Weise erwähnt). Deutschland ist damit für die Prüfung des Asylgesuchs grundsätzlich zu- ständig. 4. Die Vorinstanz hat korrekt erwogen, dass das deutsche Asylsystem keine systemischen Mängel aufweist, aufgrund derer die Zuständigkeit gemäss Art. 3 Abs. 2 zweiter Unterabsatz Dublin-III-VO auf die Schweiz überginge, und dass vorliegend keine völkerrechtlichen Vollzugshindernisse ersicht- lich sind, welche die Schweiz zu einem Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflichten würden. Die Ausführungen des Beschwerdefüh- rers auf Beschwerdeebene, wona ch in Deutschland seine Privatsphäre verletzt und ein Schaden für seine Karriere als Arzt verursacht worden sei, vermögen nichts daran zu ändern. 5. Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung nicht zu beanstanden und die Beschwerde ist abzuweisen. 6. Mit vorliegendem Urteil fällt der am 18. März 2025 angeordnete Vollzugs- stopp dahin. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh- rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.- festzu- setzen (Art. 1 -3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) F-1812/2025 Seite 7 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz und die zu- ständige kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Susanne Genner Jan Hoefliger Versand: