<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">49</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>6</b></span> <span class="ft4"><b>Art 78 und 23 ATSG; Art. 9 BV</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Anwendungsfall der Verantwortlichkeit nach Art. 78 ATSG:</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">50</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>Widerrechtlichkeit des Handelns des Versicherungsträgers (IV-Stelle)</b></span><br/> <span class="ft4"><b>gegeben aufgrund eines Verstosses gegen Art. 23 Abs. 2 ATSG (Akzeptie-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>ren eines nichtigen Verzichts der versicherten Person auf IV-Leistungen)</b></span><br/> <span class="ft4"><b>und gegen Art. 9 BV (Verletzung des Vertrauensschutzprinzips).</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 1. Kammer, vom 20. Mai</span><br/> <span class="ft6">2014 i.S. Y.C. gegen Ausgleichskasse A, IV-Stelle (VBE.2013.475).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Nach Art. 78 Abs. 1 ATSG haften für Schäden, die von</span><br/> <span class="ft1">Durchführungsorganen oder einzelnen Funktionären von Versiche-</span><br/> <span class="ft1">rungsträgern einer versicherten Person oder Dritten widerrechtlich</span><br/> <span class="ft1">zugefügt wurden, die öffentlichen Körperschaften, privaten Trägeror-</span><br/> <span class="ft1">ganisationen oder Versicherungsträger, die für diese Organe verant-</span><br/> <span class="ft1">wortlich sind.</span><br/> <span class="ft1">Art. 78 Abs. 1 ATSG stellt eine Kausalhaftung dar und setzt</span><br/> <span class="ft1">folglich kein Verschulden eines Organs der Versicherungseinrichtung</span><br/> <span class="ft1">voraus (BGE 133 V 14 E. 7 S. 18). Vorausgesetzt ist demgegenüber,</span><br/> <span class="ft1">dass ein Schaden vorliegt, den ein Beamter in Ausübung seiner</span><br/> <span class="ft1">amtlichen Tätigkeit Dritten widerrechtlich zufügt (Art. 78 Abs. 4</span><br/> <span class="ft1">ATSG i.V.m. Art. 3 Abs. 1 des Verantwortlichkeitsgesetzes). Das in</span><br/> <span class="ft1">Art. 78 ATSG vorgesehene Haftungssystem kommt jedoch erst dann</span><br/> <span class="ft1">zur Anwendung, wenn das (sozialversicherungsrechtliche) Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsverfahren bzw. das gerichtliche Anfechtungsverfahren die Schä-</span><br/> <span class="ft1">digung nicht abwenden konnte (subsidiäre Haftungsnorm; BGE 133</span><br/> <span class="ft1">V 14 E. 5 S. 17; U</span><span class="ft6">ELI</span> <span class="ft1">K</span><span class="ft6">IESER</span><span class="ft1">, ATSG-Kommentar, 2. Aufl. 2009,</span><br/> <span class="ft1">N. 3 zu Art. 78 ATSG).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">51</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.2. - 2.3. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">Zunächst ist die erste Voraussetzung einer Verantwortlichkeit</span><br/> <span class="ft1">nach Art. 78 ATSG zu prüfen: die Widerrechtlichkeit. Eine solche</span><br/> <span class="ft1">könnte einerseits in der Verletzung von Art. 23 ATSG liegen, indem</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdegegnerin den von der Beschwerdeführerin erklärten</span><br/> <span class="ft1">Rückzug des IV-Gesuches trotz dessen Nichtigkeit bestätigte.</span><br/> <span class="ft1">Andererseits fällt eine Verletzung des Grundsatzes von Treu und</span><br/> <span class="ft1">Glauben im öffentlichen Recht (Art. 9 der BV) in Betracht, indem</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdegegnerin in ihrem Schreiben vom 25. Oktober 2012</span><br/> <span class="ft1">eine falsche Auskunft erteilt haben könnte.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">4.1.1.</span><br/> <span class="ft1">Nach Art. 23 Abs. 1 ATSG kann die berechtigte Person auf</span><br/> <span class="ft1">Versicherungsleistungen verzichten. Sie kann den Verzicht jederzeit</span><br/> <span class="ft1">mit Wirkung für die Zukunft widerrufen. Verzicht und Widerruf sind</span><br/> <span class="ft1">schriftlich zu erklären. Verzicht und Widerruf sind nichtig, wenn die</span><br/> <span class="ft1">schutzwürdigen Interessen von andern Personen, von Versicherungen</span><br/> <span class="ft1">oder Fürsorgestellen beeinträchtigt werden oder wenn damit eine</span><br/> <span class="ft1">Umgehung gesetzlicher Vorschriften bezweckt wird (Art. 23 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">ATSG). Rechtsprechungsgemäss setzt die Zulässigkeit eines Ver-</span><br/> <span class="ft1">zichts zudem ein schutzwürdiges Interesse der berechtigten Person</span><br/> <span class="ft1">voraus (Urteil des Bundesgerichts 9C_576/2010 vom 26. April 2011</span><br/> <span class="ft1">E. 4.3.2 mit Hinweis auf das Urteil des Eidg. Versicherungsgerichts</span><br/> <span class="ft1">H 234/04 E. 6.2.2; U</span><span class="ft6">RS</span> <span class="ft1">M</span><span class="ft6">ÜLLER</span><span class="ft1">, Das Verwaltungsverfahren in der</span><br/> <span class="ft1">Invalidenversicherung, 2010, N. 2406).</span><br/> <span class="ft1">4.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend hatte die Z Versicherung ein schützenswertes Inte-</span><br/> <span class="ft1">resse daran, dass die Versicherte ihr Leistungsgesuch nicht zurück-</span><br/> <span class="ft1">zieht. Denn sie leistete bisher aufgrund des Ereignisses vom</span><br/> <span class="ft1">29. Oktober 2010 Krankentaggelder und hat bei der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">gegnerin einen Verrechnungsantrag gestellt. Sollte sich nach erfolgter</span><br/> <span class="ft1">Rentenprüfung ergeben, dass die Versicherte Anspruch auf eine</span><br/> <span class="ft1">Invalidenrente hat, könnte die Z Versicherung gemäss Art. 22 Abs. 2</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">52</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">lit. b ATSG i.V.m. Art. 85</span><span class="ft10"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">IVV die Nachzahlung dieser Rente bis</span><br/> <span class="ft1">zur Höhe ihrer Vorschussleistung fordern (vgl. BGE 133 V 14 E. 8.4</span><br/> <span class="ft1">S. 21). Mit dem Rückzug der Anmeldung durch die Versicherte</span><br/> <span class="ft1">entgeht der Z Versicherung die Möglichkeit, von der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">gegnerin bei einer allfällig zugesprochenen Invalidenrente Nachzah-</span><br/> <span class="ft1">lungen zu verlangen. Die Beschwerdegegnerin wusste von den Inte-</span><br/> <span class="ft1">ressen der Z Versicherung. Denn in einem Telefonat vom 18. Sep-</span><br/> <span class="ft1">tember 2012 teilte die Z Versicherung der Beschwerdegegnerin mit,</span><br/> <span class="ft1">dass ein Verrechnungsantrag vorliege und sie nicht bereit sei, auf ihre</span><br/> <span class="ft1">Forderungen zu verzichten. Daraufhin forderte die Z Versicherung</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeführerin auf, ihren Rückzug der Anmeldung zu</span><br/> <span class="ft1">widerrufen, was diese mit Schreiben vom 22. September 2012 auch</span><br/> <span class="ft1">tat. In diesem Schreiben weist die Beschwerdeführerin die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdegegnerin ausdrücklich auf das Gespräch mit der Z Ver-</span><br/> <span class="ft1">sicherung hin. Weiter ist aus den Akten ersichtlich, dass am</span><br/> <span class="ft1">25. Oktober 2012 - dem Tag, an welchem die Beschwerdegegnerin</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeführerin in einem Schreiben darauf hinwies, dass der</span><br/> <span class="ft1">Rückzug der Anmeldung keine Interessen der Taggeldversicherung</span><br/> <span class="ft1">tangiere - ein Telefonat zwischen der Z Versicherung und der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdegegnerin geführt wurde. Hierbei erklärte die Z Ver-</span><br/> <span class="ft1">sicherung, dass sie mit dem Vorgehen der Beschwerdegegnerin nicht</span><br/> <span class="ft1">einverstanden sei und dass sie dieses als Schikane betrachte. Die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdegegnerin wusste, dass die Z Versicherung ein erhebliches</span><br/> <span class="ft1">Interesse finanzieller Art an der Rentenüberprüfung hatte. Dem</span><br/> <span class="ft1">Rückzug des IV-Gesuchs stand somit das schutzwürdige Interesse</span><br/> <span class="ft1">der Z Versicherung entgegen, weshalb sich als Rechtsfolge gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 23 Abs. 2 ATSG die Nichtigkeit des "Verzichts" beziehungswei-</span><br/> <span class="ft1">se des Rückzugs der Anmeldung ergibt.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdegegnerin bringt hiergegen vor, dass ein schutz-</span><br/> <span class="ft1">würdiges Interesse Dritter einzig in jenen Fällen gegeben sei, in wel-</span><br/> <span class="ft1">chen der Dritte aufgrund des Verzichtes leistungspflichtig wird. Die-</span><br/> <span class="ft1">ser Ansicht ist nicht beizupflichten. So handelt es sich sowohl im</span><br/> <span class="ft1">Falle, wo ein Dritter aufgrund des Verzichts leistungspflichtig wird,</span><br/> <span class="ft1">wie auch in der Konstellation, in welcher der Dritte bereits leistungs-</span><br/> <span class="ft1">pflichtig ist, aufgrund des Verzichtes jedoch den Anspruch auf Ver-</span><br/> <span class="ft1">rechnung beziehungsweise Nachforderung verliert, jeweils um schüt-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">53</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zenswerte vermögensrechtliche Interessen Dritter. Es besteht kein</span><br/> <span class="ft1">Grund, diese beiden Konstellationen unterschiedlich zu behandeln.</span><br/> <span class="ft1">In diesem Sinne äussert sich denn auch das Kreisschreiben über das</span><br/> <span class="ft1">Verfahren in der Invalidenversicherung (KSVI, Stand 1. Januar</span><br/> <span class="ft1">2014), welches die Interessen von Versicherungen als schutzwürdig</span><br/> <span class="ft1">im Sinne von Art. 23 ATSG erachtet, ohne dabei zu unterscheiden, ob</span><br/> <span class="ft1">die Versicherung erst aufgrund des Verzichtes leistungspflichtig wird</span><br/> <span class="ft1">oder ob sie aufgrund des Verzichtes ihren allfälligen Verrechnungs-</span><br/> <span class="ft1">anspruch verliert (Rz. 1024.1; vgl. ferner U</span><span class="ft6">RS</span> <span class="ft1">M</span><span class="ft6">ÜLLER</span><span class="ft1">, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 2399).</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten steht somit fest, dass die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">gegnerin aufgrund entgegenstehender schutzwürdiger finanzieller</span><br/> <span class="ft1">Interessen Dritter in widerrechtlicher Weise den Rückzug der</span><br/> <span class="ft1">Anmeldung bestätigt hat und somit gegen Art. 23 ATSG verstossen</span><br/> <span class="ft1">hat.</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">4.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 9 BV hat jede Person Anspruch darauf, von den</span><br/> <span class="ft1">staatlichen Organen ohne Willkür und nach Treu und Glauben behan-</span><br/> <span class="ft1">delt zu werden. Dieser Grundsatz gebietet ein loyales und vertrauens-</span><br/> <span class="ft1">würdiges Verhalten im Rechtsverkehr (H</span><span class="ft6">ÄFELIN</span><span class="ft1">/M</span><span class="ft6">ÜLLER</span><span class="ft1">/U</span><span class="ft6">HL</span><span class="ft2">-</span><br/> <span class="ft6">MANN</span><span class="ft1">, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl., 2010, N. 622).</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">4.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Versicherungsträger ist gemäss Art. 27 Abs. 1 ATSG ver-</span><br/> <span class="ft1">pflichtet, im Rahmen seines Zuständigkeitsbereichs die interessierten</span><br/> <span class="ft1">Personen über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären. Der Versiche-</span><br/> <span class="ft1">rungsträger ist daher unter anderem verpflichtet, die interessierten</span><br/> <span class="ft1">Personen auf die Folgen eines Leistungsverzichtes hinzuweisen</span><br/> <span class="ft1">(U</span><span class="ft6">ELI</span> <span class="ft1">K</span><span class="ft6">IESER</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 25 zu Art. 27 ATSG). Wird die Beratungs-</span><br/> <span class="ft1">pflicht nicht oder ungenügend wahrgenommen, kommt dies einer</span><br/> <span class="ft1">falsch erteilten Auskunft des Versicherungsträgers gleich, und es hat</span><br/> <span class="ft1">dafür der Versicherungsträger in Nachachtung des Vertrauensprinzips</span><br/> <span class="ft1">einzustehen (U</span><span class="ft6">ELI</span> <span class="ft1">K</span><span class="ft6">IESER</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 27 zu Art. 27; vgl. weiter</span><br/> <span class="ft1">D</span><span class="ft6">ERSELBE</span><span class="ft1">, Haftung der Sozialversicherungsträger nach Art. 78</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">54</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ATSG, in: Ueli Kieser [Hrsg.], Sozialversicherungsrechtstagung</span><br/> <span class="ft1">2013, S. 125).</span><br/> <span class="ft1">4.2.3.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdegegnerin war bekannt, dass die Z Versicherung</span><br/> <span class="ft1">gegen den Verzicht auf Leistungen der Beschwerdeführerin mehr-</span><br/> <span class="ft1">mals opponierte und ein finanzielles Interesse an der Weiterführung</span><br/> <span class="ft1">des IV-Verfahrens hatte (...). Trotz Kenntnis dieser Ausgangslage</span><br/> <span class="ft1">beschied die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin im</span><br/> <span class="ft1">Schreiben vom 25. Oktober 2012, dass ein Rückzug ihrer Anmel-</span><br/> <span class="ft1">dung keine Interessen der Taggeldversicherung tangiere. Mit dieser</span><br/> <span class="ft1">Aussage hat die Beschwerdegegnerin eine Vertrauensgrundlage</span><br/> <span class="ft1">geschaffen. Die Aussage hat bei der Beschwerdeführerin das Ver-</span><br/> <span class="ft1">trauen erweckt, dass der Rückzug ihrer Anmeldung die Interessen der</span><br/> <span class="ft1">Z Versicherung nicht beeinträchtige und sie daher ohne Folgen auf</span><br/> <span class="ft1">ihr IV-Gesuch zurückkommen könne. Die Beschwerdegegnerin war</span><br/> <span class="ft1">denn auch dafür zuständig, über die Interessen anderer Ver-</span><br/> <span class="ft1">sicherungen Aussagen zu machen. So hat sie, wie gesehen, gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 23 ATSG entgegenstehende Interesse zu prüfen, welche sie -</span><br/> <span class="ft1">trotz Kenntnis der Interessen der Z Versicherung - verneinte. Selbst</span><br/> <span class="ft1">wenn man davon ausginge, dass die Beschwerdegegnerin nicht</span><br/> <span class="ft1">zuständig sei, wäre die Unzuständigkeit der Beschwerdegegnerin für</span><br/> <span class="ft1">die damals nicht vertretene Beschwerdeführerin nicht offensichtlich</span><br/> <span class="ft1">gewesen. Insbesondere aufgrund der konkreten Umstände konnte es</span><br/> <span class="ft1">sich für die Beschwerdeführerin nicht um eine offensichtlich falsche</span><br/> <span class="ft1">Auskunft einer unzuständigen Behörde handeln: Denn die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin teilte der Beschwerdegegnerin mit, dass sie auf</span><br/> <span class="ft1">Druck der Z Versicherung ihren erstmaligen Rückzug der IV-An-</span><br/> <span class="ft1">meldung widerrief. Wenn nun die Beschwerdegegnerin eine solche</span><br/> <span class="ft1">Mitteilung - in Kenntnis der gegensätzlichen Interessen der Z Ver-</span><br/> <span class="ft1">sicherung - erliess, durfte die Beschwerdeführerin zumindest davon</span><br/> <span class="ft1">ausgehen, dass die Interessenlage zwischen den Versicherungen</span><br/> <span class="ft1">geklärt sei und ihr aus dem Rückzug des IV-Gesuches keine Nach-</span><br/> <span class="ft1">teile entstehen würden. Im Vertrauen auf die Auskunft der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">degegnerin, wonach die Beschwerdeführerin aus einem Rückzug der</span><br/> <span class="ft1">Anmeldung keine Interessen der Taggeldversicherung beeinträchtige,</span><br/> <span class="ft1">kam letztere mit Schreiben vom 15. November 2012 auf den</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">55</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Widerruf des Rückzugs des IV-Gesuches zurück. Damit hat die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdegegnerin gegen den Grundsatz von Treu und Glauben</span><br/> <span class="ft1">verstossen, was ebenfalls die Widerrechtlichkeit begründet.</span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten steht somit fest, dass die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">gegnerin in widerrechtlicher Weise, indem sie den Verzicht der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin auf IV-Leistungen als zulässig erachtete, gegen</span><br/> <span class="ft1">Art. 23 ATSG und, indem sie die Beschwerdeführerin in ihrem</span><br/> <span class="ft1">Schreiben vom 25. Oktober 2012 - trotz Kenntnis der wider-</span><br/> <span class="ft1">sprechenden Interessen der Z Versicherung - im Glauben liess, ihr</span><br/> <span class="ft1">Rückzug der Anmeldung würde die Interessen der Taggeldversiche-</span><br/> <span class="ft1">rung nicht beeinträchtigen, gegen Art. 9 BV verstossen hat.</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">Zu prüfen ist nun, ob der Beschwerdeführerin ein Schaden ent-</span><br/> <span class="ft1">standen ist und ob zwischen der widerrechtlichen Handlung der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdegegnerin und dem eingetreten Schaden ein natürlicher und</span><br/> <span class="ft1">adäquater Kausalzusammenhang besteht. Wie bereits gesehen ist ein-</span><br/> <span class="ft1">zig jener Schaden zu ersetzen, welcher ihr auch bei der Durchfüh-</span><br/> <span class="ft1">rung eines ordentlichen Anfechtungsverfahrens entstanden wäre (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Erwägung 3 hiervor). Die Beschwerdeführerin macht Vertretungs-</span><br/> <span class="ft1">kosten von Fr. 4'004.65 als Schaden geltend.</span><br/> <span class="ft1">5.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Haftung setzt den Nachweis voraus, dass der natürliche so-</span><br/> <span class="ft1">wie der adäquate Kausalzusammenhang gegeben sind. Der adäquate</span><br/> <span class="ft1">Kausalzusammenhang ist gegeben, wenn die schädigende Handlung</span><br/> <span class="ft1">nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach den allgemeinen</span><br/> <span class="ft1">Lebenserfahrungen geeignet ist, den tatsächlich eingetretenen Erfolg</span><br/> <span class="ft1">herbeizuführen oder jedenfalls zu begünstigen. Dieser Kausalzusam-</span><br/> <span class="ft1">menhang kann durch ein Selbstverschulden der geschädigten Person,</span><br/> <span class="ft1">durch ein Drittverschulden oder durch höhere Gewalt unterbrochen</span><br/> <span class="ft1">werden (K</span><span class="ft6">IESER</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 30 zu Art. 78 ATSG mit Hinweisen). Auf-</span><br/> <span class="ft1">grund der Subsidiarität der Haftung nach Art. 78 ATSG kann ein</span><br/> <span class="ft1">Selbstverschulden etwa darin bestehen, dass die versicherte Person</span><br/> <span class="ft1">ein ihr zustehendes Rechtsmittel gegen einen leistungsverweigernden</span><br/> <span class="ft1">Entscheid des Durchführungsorgans nicht ergreift (BGE 133 V 14 E.</span><br/> <span class="ft1">5 S. 16, K</span><span class="ft6">IESER</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 3 und N. 30 zu Art. 78 ATSG).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">56</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">5.2.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem die Beschwerdeführerin am 15. November 2012 ihren</span><br/> <span class="ft1">Widerruf des Verzichts widerrufen hat, teilte ihr die Z Versicherung</span><br/> <span class="ft1">am 13. beziehungsweise am 14. Dezember 2012 mit, dass sie infolge</span><br/> <span class="ft1">ihres Rückzuges der IV-Anmeldung ihre vertraglich und gesetzlich</span><br/> <span class="ft1">(Art. 61 VVG) obliegende Schadenminderungspflicht verletzt habe</span><br/> <span class="ft1">und sie daher Fr. 13'920.00 zurückfordere. Ob diese Forderung</span><br/> <span class="ft1">berechtigt ist, ist vorliegend nicht relevant. Entscheidend ist, dass sie</span><br/> <span class="ft1">für die nicht vertretene Beschwerdeführerin nicht offensichtlich un-</span><br/> <span class="ft1">rechtmässig war. Obwohl die Beschwerdegegnerin der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führerin bestätigte, dass ihr Verzicht auf Leistungen der IV keine</span><br/> <span class="ft1">Leistungen anderer Versicherer beeinträchtigte, sah sie sich einer</span><br/> <span class="ft1">Rückforderung von Fr. 13'920.00 gegenüber. Unter diesen Um-</span><br/> <span class="ft1">ständen sah sich die Beschwerdeführerin dazu veranlasst, professio-</span><br/> <span class="ft1">nelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um die Z Versicherung dazu zu</span><br/> <span class="ft1">bringen, von dieser Rückforderung abzusehen. Sämtliche Kosten,</span><br/> <span class="ft1">welche der Beschwerdeführerin entstanden sind, um die Z Versiche-</span><br/> <span class="ft1">rung von dieser Rückforderung abzubringen, sind sowohl natürlich</span><br/> <span class="ft1">als auch adäquat kausal zur widerrechtlichen Handlung der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdegegnerin. Denn hätte die Beschwerdegegnerin die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin nicht im Glauben gelassen, dass ihr Rückzug keine</span><br/> <span class="ft1">Interessen anderer Taggeldversicherungen beeinträchtige, hätte letz-</span><br/> <span class="ft1">tere ihren Widerruf des Verzichts nicht widerrufen, womit die Z</span><br/> <span class="ft1">Versicherung keinen Anlass gehabt hätte, Schadenersatz aufgrund der</span><br/> <span class="ft1">Verletzung der Schadenminderungspflicht zu fordern.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>