B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6448/2020 U r t e i l v o m 2 0 . S e p t e m b e r 2 0 2 2 Besetzung Richterin Chiara Piras (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richter Simon Thurnheer Gerichtsschreiberin Martina von Wattenwyl. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), Russland, alle vertreten durch Laura Rossi, Fürsprecherin, (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 30. November 2020 / N (…). D-6448/2020 Seite 2 Sachverhalt: I. A. A.a A._______ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) und ihre beiden Töchter B._______ und C._______, alle russische Staatsangehörige armenischer Eth- nie, reisten am 5. August 2017 in die Schweiz ein und ersuchten am 18. August 2017 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in D._______ um Asyl. A.b Am 23. August 2017 wurde die Beschwerdeführerin zu ihrer Person (BzP) befragt. B. B.a Die Vorinstanz trat mit ihrer Verfügung vom 16. November 2017 in Anwen- dung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf die Asylgesuche nicht ein und ordnete die Wegweisung der Be- schwerdeführerinnen nach Italien an. B.b Die dagegen erhobene Beschwerde wurde mit Urteil des B undesverwal- tungsgerichts D-6822/2017 vom 8. Dezember 2017 abgewiesen. B.c Am 24. April 2018 wurden die Beschwerdeführerinnen nach Italien über- stellt. II. C. C.a Mit Eingabe vom 11. Oktober 2018 ersuchten die Beschwerdeführerinnen erneut um Asyl in der Schweiz. Im Wesentlichen machten sie als Gründe die prekären Lebensbedingungen in Italien sowie eine politisch motivierte Verfol- gung in der Russischen Föderation geltend. C.b Mit Schreiben vom 22. Oktober 2018 gewährte das SEM den Beschwerde- führerinnen das rechtliche Gehör zu ihrem Mehrfachgesuch, zu welchem sie mit Eingabe vom 12. November 2018 Stellung nahmen. C.c Mit Verfügung vom 25. Februar 2019 trat die Vorinstanz erneut im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG nicht auf die Asylgesuche ein und verfügte den Vollzug der Wegweisung nach Italien. D-6448/2020 Seite 3 C.d Die dagegen erhobene Beschwerde wurde mit Urteil D -1214/2019 vom 1. April 2019 gutgeheissen und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. III. D. D.a Am 28. Mai 2019 gewährte die Vorinstanz den Beschwerdeführerinnen das rechtliche Gehör zu einem beabsichtigten Nichteintretensentscheid aufgrund der Zuständigkeit Italiens zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfah- rens. D.b Mit Eingabe vom 5. Juni 2019 nahmen die Beschwerdeführerinnen Stel- lung. D.c Mit Verfügung des SEM vom 14. Juni 2019 wurde das Dublin -Verfahren beendet und das nationale Asyl- und Wegweisungsverfahren aufgenommen. E. Die Anhörung der Beschwerdeführerin zu den Asylgründen fand am 14. Juli 2020 statt und wurde nach Abbruch am 17. August 2020 fortgeführt. Die Anhö- rung der Tochter C._______ fand am 14. Juli 2020 statt. Die Tochter B._______ konnte aufgrund ihrer psychisch schlechten Verfassung nicht angehört werden und reichte ein diesbezügliches ärztliches Attest ein. F. Nachdem mit Schreiben der Vorinstanz vom 19. August 2020 der Tochter B._______ die Gelegenheit gegeben worden war, Einsicht in sämtliche Anhö- rungsprotokolle zu erhalten und ihre Asylgründe schriftlich zu erläutern, legte diese mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 1 4. September 2020 ihre Asyl- gründe in handschriftlicher Form zu den Akten. G. G.a Die Beschwerdeführerin führte zu ihrem Lebenslauf zusammenfassend aus, sie sei in E._______ in der aserbaidschanischen Republik der Russischen Föderation respektive im heutigen F.__ _____ in Aserbaidschan geboren, wo sie nach ihrem Maturaabschluss (…) studiert habe. 1989 sei sie nach H._______ umgezogen, wo sie eine eigene Firma aufgebaut und mit ihren Töchtern bis zur Ausreise gelebt habe. Seit 2000 befinde sie sich mit G._______, ihrem Lebenspartner – in einem Konkubinat. Aus Sicherheitsgrün-D-6448/2020 Seite 4 den hätten sie jedoch nie gemeinsam gewohnt, da G._______ politisch äus- serst aktiv und Gegner des Regimes sei. Zudem sei er Mitgründer der Organi- sation «(…)» gewesen, welche sich gegen (…) und (…) eingesetzt habe. Fer- ner sei er (…) der (…) (…)union und Vorsitzender des Präsidiums des (…) der Stadt H._______. Im Rahmen seines Engagements habe er daf ür gekämpft, dass (…) nicht (…) würden, sowie zahlreiche Demonstrationen organisiert. Zu- letzt habe er in (…) (…) Personen im Zusammenhang mit einem (…) (…). G.b Hinsichtlich ihrer Asylgründe machte die Beschwerdeführerin im Wesentli- chen geltend, sie sei bereits vor der Geburt ihrer Töchter im Rahmen eines (…)verfahrens, bei welchem G._______ als (…) tätig gewesen sei, erpresst worden. In diesem Zusammenhang sei auch G._______’s Sohn aus erster Be- ziehung zusammengeschlagen worden. Der eigentliche Anlass zur Ausreise seien Drohungen und Verfolgungen wegen den verschiedenen Aktivitäten ihres Partners gewesen. Obwohl sie nicht offiziell mit G._______ verheiratet gewe- sen sei, habe man von ihrer Beziehung erfahren. So sei etwa Ende September 2016 das Auto von G._______ in Brand gesetzt worden. Die Polizei habe die Sache nicht untersucht. Auch seien sie und G._______ mehrmals telefonisch bedroht worden. G._______ habe man gedroht, sollte er seine Aktivitäten nicht einstellen, geschehe der Beschwerdeführerin und ihren Töchtern Schlimmes. Trotz einer Anzeigeerstattung habe die Polizei mangels ausreichender Gefahr nichts unternommen und sie aufgefordert, in ihre Heimat Aserbaidschan zu- rückzukehren, da sie schliesslich keine ethnische Russin sei. Danach habe sie ihre Töchter nur noch von zu Hause aus unterrichten lassen. Sie hätten ihr Haus praktisch nicht mehr verlassen. Als die Beschwerdeführerin am (…) 2017 Un- terlagen aus der (…)schule habe abholen wollen, sei sie physisch und psy- chisch von zwei Männern bedroht worden und man habe ihr erneut zu verste- hen gegeben, dass jeder ihrer Schritte und derer ihrer Töchter überwacht wür- den. Später habe sie Personen im Innenhof ihres Wohnhauses gesehen und die Polizei gerufen, welche lediglich eine Identitätskontrolle durchgeführt habe und danach wieder gegangen sei. In der Folge habe sie eine Anzeige erstatten wollen, die zuständigen Behörden hätten deren Annahme jedoch verweigert. Ein weiteres Mal sei sie anfangs Juni 2017 auf dem Nachhauseweg von Unbe- kannten verschleppt und in (…) vergewaltigt worden. Danach sei sie zu G._______ gegangen, welcher sie in eine Klinik für (…) gebracht habe, wo sie einige Tage geblieben sei. Sie habe unter Depressionen gelitten und habe die- sen stetigen Druck nicht mehr ausgehalten. G._______ habe schliesslich aus Sicherheitsgründen für sie und ihre Töchter die Ausreise organisiert. D-6448/2020 Seite 5 Als die Beschwerdeführerinnen sich bereits in Italien aufgehalten hätten, sei ein Attentat auf G._______ verübt worden, bei welchem der Fahrer ums Leben ge- kommen, G._______ jedoch unverletzt geblieben sei. Danach habe er sich eine Weile von seiner Wohnung in (…) ferngehalten, aktuell lebe und arbeite er je- doch wieder dort. G.c Die Tochter C._______ brachte zusammenfassend vor, sie sei in H._______ aufgewachsen und habe dort die Schule bis zur fünften Klasse so- wie die (…)schule besucht. Sie habe mit ihrer Mutter (die Beschwerdeführerin) und ihrer Schwester B._______ in einer Wohnung gelebt. Ihr Vater – G._______ – habe jedoch nicht mit ihnen zusammengewohnt. Einige Monate vor der Ausreise seien sie und ihre S chwester von der (…)schule suspendiert worden und hätten ab diesem Zeitpunkt nur noch Hausunterricht erhalten. Sie sei praktisch nie mehr aus dem Haus gegangen. Eines Tages sei ihre Mutter nach einigen Tagen Abwesenheit verletzt zurück nach Hause gekommen. Sie sei mehrheitlich nur noch auf dem Bett gelegen und habe oft geweint. Danach seien sie ausgereist. G.d Die Tochter B._______ legte in ihrem Schreiben dar, sie habe mit ihrer Schwester und der Mutter in H._______ in einer Wohnung gelebt. Ihr Vater habe nicht mit ihnen zusammengewohnt, jedoch hätten sie sich normalerweise an den Wochenenden getroffen. Sie und ihre Schwester C._______ seien je- weils mit dem Auto von der Mu tter in die Schule und die (…)schule gebracht worden. Auch habe sie eine Weile die armenisch e (…)schule besucht. Als sie die fünfte Klasse besucht habe, habe ihre Mutter plötzlich beschlossen, dass sie und ihre Schwester nur noch zu Hause unterrichtet würden. Die anderen Aktivitäten, wie der Besuch der (…)schule oder der (…)schule, seien hingegen eingestellt worden. Seither habe sie das Haus nicht mehr verlassen dürfen, auch ihre Mutter habe zu Hause gearbeitet und das Haus kaum verlassen. Manchmal habe sie der Vater zu Hause besucht. Eines Tages sei die Mutter verletzt nach Hause gekommen und sei nur noch herumgelegen und habe ge- weint. Sie habe sich sehr um ihre Mutter gesorgt. Danach seien sie ausgereist. G.e Die Beschwerdeführerinnen reichten folgen Beweismittel zu den Akten: - Kopien der Reisepässe der Beschwerdeführerinnen; - Kopien der Geburtsurkunden der Beschwerdeführerinnen, inkl. beglaubigter Über- setzungen; - Kopie eines Identitätsdokuments von G._______; - Kopie des (…)ausweises von G._______; - Kopie einer Ledigkeitsbescheinigung der Beschwerdeführerin vom (…) 2013; D-6448/2020 Seite 6 - Beschluss über das Absehen von der Strafverfolgung des Innenministeriums Russ- lands für das Rayon (…) der Stadt H._______ vom (…) 2017 zuhanden der Be- schwerdeführerin inkl. Begleitschreiben vom (…) 2017; - Kopie des Schreibens der Direktion für Innere Angelegenheiten für den zentralen Verwaltungsbezirk des russischen Innenministeriums in der Stadt H._______, adressiert an G._______, betreffend Ablehnung eines Strafverfahrens; - Kopie eines Strafannahmetalons vom (…) 2018; - Kopie der Verweigerung einer Strafverfahrenseinleitung vom (…) 2018 G._______ betreffend; - Kopien von zwei undatierten Internetartikeln; - Unterlagen betreffend die Gründung und Registrierung der juristischen Person «H._______ (…)», inkl. Übersetzung; - Kopie des undatierten Schreibens der Organisation «(…)»; - Von der Beschwerdeführerin verfasster Bericht zu den Umständen ihrer Überstel- lung nach Italien, inklusive Übersetzung; - Bericht zum Salvini-Dekret; - Diverse Familienfotos; - Kopien des Mehrfachgesuchs vom 11. Oktober 2018, inkl. Ergänzungen; - Bericht des (…) für Frauen der Stadt H._______, ausgestellt am (…) 2018, die Be- schwerdeführerin betreffend; - Arztberichte vom 28. Oktober 2020, 13. August 2020, 9. Juli 2020, 26. September 2018 und 12. April 2018 B._______ betreffend; - Spitalbericht des (…) I._______ vom 4. Juni 2019 und 12. April 2018 B._______ betreffend; - Ärztliche Berichte vom 30. Oktober 2020 und 26. September 2018 C._______ be- treffend; - Austrittsbericht der (…) J._______ ([…]) vom 5. Juni 2019 C._______ betreffend; - Arztberichte die Beschwerdeführerin betreffend vom 10. November 2020 und 6. August 2018. Auf die weiteren Ausführungen der Beschwerdeführerinnen wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. H. H.a Am 13. Oktober 2020 gewährte die Vorinstanz den Beschwerdeführerinnen das rechtliche Gehör zu verschiedenen Punkten der Asylvorbringen. Gleichzei- tig wurden sie aufgefordert, die von der Vorinstanz verlangten Unterlagen ein- zureichen. H.b Mit Eingabe vom 17. November 2020 nahmen die Beschwerdeführerinnen Stellung und reichten verschiedene Unterlagen ein. D-6448/2020 Seite 7 I. Mit Verfügung vom 30. November 2020 – eröffnet am 1. Dezember 2020 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerinnen erfüllten die Flüchtlingseigen- schaft nicht und lehnte ihre Asylgesuche ab. Gleichzeitig ordnete es die Weg- weisung aus der Schweiz an und verfügte den Vollzug der Wegweisung. J. Die Beschwerdeführerinnen fochten mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 22. Dezember 2020 die Verfügung des SEM beim Bundes verwaltungsgericht an und beantragten, die Verfügung sei aufzuheben, sie seien als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen sei Asyl zu gewähren, eventualiter sei die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit anzuordnen. In pro- zessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozess- führung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter beantragten sie die Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. Der Beschwerde lagen neben dem Entscheid des SEM vom 30. November 2020 und der Vollmacht vom 27. August 2020 folgende Beweismittel bei: - Kopie Ausweis des Kindsvaters (Beilage 3); - Anwaltsausweis des Kindsvaters, inkl. Übersetzung (Beilage 4); - Polizeiakten betreffend Attentat auf Auto des Kindsvaters (Beilage 5); - Berichterstattung über Aktivitäten des Kindsvaters (Beilage 6); - Mehrfachgesuch vom 11. Oktober 2018 (Beilage 7); - Erklärung zum Mehrfachgesuch vom 11. Oktober 2018 (Beilage 8); - Bericht vom autonomen (…) für Frauen vom (…) 2018 (Beilage 9); - Arztbericht vom 28. Oktober 2020 B._______ betreffend (Beilage 10); - Ärztliches Zeugnis vom 13. August 2020 B._______ betreffend (Beilage 11); - Ärztliche Stellungnahme vom 9. Juli 2020 B._______ betreffend (Beilage 12); - Arztbericht vom 12. April 2018 B._______ betreffend (Beilage 13); - Gesundheitsbericht vom 26. September 2018 B._______ betreffend (Beilage 14); - Gesundheitsbericht vom 26. September 2018 C._______ betreffend (Beilage 15); - Austrittsbericht vom 14. Dezember 2020 C._______ betreffend (Beilage 16); - Ärztlicher Bericht vom 10. bzw. 11. November 2020 die Beschwerdeführerin betref- fend (Beilage 17); - Zwischenbericht des Schulkreises K._______ vom 14. Dezember 2020 C._______ betreffend (Beilage 18); - Bestätigung Praktikum vom 11. November 2020 für C._______ (Beilage 19); - Zwischenbericht des Schulkreises K._______ vom 14. Dezember 2020 von B._______ (Beilage 20); D-6448/2020 Seite 8 - Fürsorgebestätigung vom 10. Dezember 2020 (Beilage 21). K. Mit Verfügung vom 13. Januar 2021 hiess die damalige Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und erhob kei- nen Kostenvorschuss. Fürsprecherin Laura Rossi wurde antragsgemäss als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Gleichzeitig wurde das SEM eingela- den eine Vernehmlassung einzureichen. L. Die Vorinstanz hielt mit ihrer Vernehmlassung vom 22. Januar 2021, welche den Beschwerdeführerinnen am 27. Januar 2021 zur Kenntnis gebracht wurde, vollumfänglich an ihren Erwägungen fest. M. Mit Eingabe vom 2. Februar 2021 reichten die Beschwerdeführerinnen das Ori- ginal einer Nichtanhandnahmeverfügung vom (…) 2018 ein. N. Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren auf die rubri- zierte vorsitzende Richterin umgeteilt. O. Mit Eingabe vom 11. März 2022 reichten die Beschwerdeführerinnen je eine Kopie eines Lehrvertrages von C._______ vom 15. Februar 2022 (Beilage 22) und von B._______ vom 14. Januar 2022 (Beilage 23) zu den Akten. P. Die Vorinstanz nahm mit ihrer Eingabe vom 28. März 2022 aufforderungsge- mäss erneut Stellung. Q. Die Beschwerdeführerinnen äusserten sich mit Eingabe vom 11. Mai 2022 und legten folgende Beweismittel ins Recht: - Zwischenzeugnis der (…) L._______ vom 13. April 2022 für B._______ (Beilage 24); - Ein Therapiebericht vom 3. Mai 2022 B._______ betreffend (Beilage 25); - Ein Therapiebericht vom 3. Mai 2022 C._______ betreffend (Beilage 26); - Ein (…) Verlaufsbericht vom 5. Mai 2022 die Beschwerdeführerin betreffend (Bei- lage 27); - Eine Kostennote vom selben Tag. D-6448/2020 Seite 9 R. Mit Eingabe vom 31. Mai 2022 informierte die Rechtsvertreterin der Beschwer- deführerinnen das Gericht, dass das Amt für (…) ([…]) C._______ die Bewilli- gung zum Antritt ihrer Lehrstelle ab dem 1. August 2022 aufgrund ihres unge- regelten Aufenthalts in der Schweiz entzogen habe. Dem Schreiben wurde eine Kopie der Verfügung des (…) beigelegt und gleichzeitig um rasche Behandlung des vorliegenden Verfahrens gebeten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundes- verwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist da- her zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungs- ersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bun desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwal- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so- weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmungen gilt für das vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 D-6448/2020 Seite 10 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen rich- ten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländer- rechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26, E.5). 3. 3.1 Streitgegenstand bilden vorliegend die Fragen nach der Flüchtlingseigen- schaft und der Gewährung von Asyl sowie der Wegweisung und des Vollzugs. 3.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Un- glaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer- den (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 4.1.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz im We sentlichen aus, dass sich hinsichtlich der geltend gemachten Reflexverfolgung aufgrund des politischen Engagements des Partners respektive des Vaters der Be- schwerdeführerinnen Widersprüche ergeben hätten. Die Vorbringen würden den Anforderungen an Art. 7 AsylG insgesamt nicht genügen. 4.1.2 In ihrer schriftlichen Eingabe habe die Beschwerdeführerin zum Vorfall vom (…) 2017 erklärt, sie habe ihre beiden Töchter zur (…)schule gefahren und sei dabei von Männern in Zivil bedroht worden. Später habe sie fünf bis sech s Männer im Innenhof ihres Wohnhauses beobachtet. In den Anhörungen habe D-6448/2020 Seite 11 sie hingegen ausgeführt, sie sei aufgefordert worden, Unte rlagen der Töchter in der (…)chule abzuholen. Dort sei sie von zwei Männern bedroht worden. Dieselben Männer seien danach im Innenhof ihres Wohnblocks aufgetaucht. Weiter habe sie zuerst dargelegt, dass sich der Anschlag auf das Auto von G._______ ereignet habe, als sie in der Schweiz gewesen sei, wohingegen sie später behauptet habe, sich zu diesem Zeitpunkt in Italien aufgehal ten zu ha- ben. Ferner habe sie anlässlich der BzP erläutert, dass G._______ ihre Aus- reise entschieden habe, während sie in der Anhörung habe protokollieren las- sen, selber die Entscheidung zur Ausreise getroffen zu haben. 4.1.3 Des Weiteren seien die Ausführungen zu den Aktivitäten von G._______ teilweise unsubstanziiert ausgefallen. Die Beschwerdeführerin habe weder De- tails über die Auftraggeber von G._______ im Zusammenhang mit den (…) von (…) und (…), noch die jeweiligen Mandate von ihm präzisieren können. Ihre Erklärung, dass sie selber nicht aus dem Haus gegangen sei und G._______ seine Kunden bei sich zu Hause empfangen habe, weswegen sie nicht spezifi- scher darüber habe Auskunft geben können, sei w enig überzeugend. Zudem sei sie den Fragen zu den Demonstrationen, welche G._______ organisiert ha- ben soll, mehrheitlich ausgewichen. Sodann habe sie lediglich unkonkrete Ver- mutungen zu ihren Verfolgern geäussert, obwohl aufgrund ihres Bildungs- stands und in Anbetracht der Bedrohungslage zu erwarten gewesen wäre, von ihrem Partner mehr Informationen in Erfahrung bringen zu können. Es sei nicht nachvollziehbar, dass sie einerseits aus Sicherheitsgründen von G._______ getrennt gelebt und ihn nicht als Vater de r Töchter habe eintragen lassen, sie sich anderseits jedoch gemeinsam in öffentlichen Kreisen bewegt hätten. Eben- falls sei es angesichts der angeblichen Gefahrenlage für sie und ihre Töchter nicht einleuchtend, weshalb nur G._______ über Leibwächter verfügt habe, sie hingegen nicht. Es sei befremdend, dass sie die Möglichkeit einer inländischen Fluchtalternative nicht in Erwägung gezogen habe, zumal die von ihr beschrie- benen Bedrohungen einen lokalen Charakter aufgewiesen hätten. Ferner sei es nicht nachvollziehbar, weshalb G._______, auf den die Bedrohungen abge- zielt hätten, nicht ausgereist sei, zumal aus den Beweismitteln hervorgehe, dass er sich immer noch in H._______ aufhalte und seiner Arbeit als (…) nach- gehe. Zudem wäre angesichts der Umstände zu erw arten gewesen, dass er alles in Gang gesetzt hätte, um behördliche Abklärungen zu erwirken und ins- besondere bemüht gewesen wäre, den Tod seines Fahrers aufzuklären. 4.1.4 Weiter führte die Vorinstanz aus, der geltend gemachte sexuelle Übergriff auf die Beschwer deführerin sei nicht gänzlich unglaubhaft, jedoch sei davon auszugehen, dass sich dieser anders als von ihr dargestellt, zugetragen habe D-6448/2020 Seite 12 müssen. So überzeuge es unter anderem nicht, dass sie von G._______ ledig- lich in ein (…) für Frauen gebracht worden sei und er sie nicht zu einer Anzeige ermutigt habe. Obwohl gemäss dem Bericht des (…) Belege für eine Vergewal- tigung vorliegen würden, habe sie keine Hilfe bei den grundsätzlich schutzwilli- gen russischen Behörden in Anspruch genommen. 4.1.5 Sodann wiesen die im Z usammenhang mit den Anschlägen auf G._______ eingereichten Nichtanhandnahmeverfügungen geringen Beweis- wert auf, da sie lediglich in Kopie vorlägen. Es wäre anzunehmen gewese n, dass G._______ als bekannter (…) die verübten Anschläge weiterverfolgt hätte und darüber in den Medien berichtet worden wäre. Auch die weiteren Beweis- mittel lägen in Kopie vor und könnten deshalb nicht auf ihre Echtheit überprüft werden. Zudem seien sie alle undatiert respektive wiesen keine Aktualität auf, da sie aus den Jahren 2002, 2004, 2005 und 2010 stammten. Ferner seien die Internetlinks nicht abrufbar. Insgesamt seien die eingereichten Beweismittel nicht geeignet, eine Verfolgung zu belegen. 4.2 4.2.1 In der Beschwerde wurde bezüglich des Überfalls vom (…) 2017 auf die Beschwerdeführerin und des Anschlags auf G._______ am (…) 2018 entge- gengehalten, dass die angeblichen Widersprüche auf die laienhafte Überset- zung einer der Töchter der Beschwerdeführerin zurückzuführen seien. Dem Vorhalt, die Beschwerdeführerin habe kaum genaue Angaben zu den Aktivitä- ten von G._______ machen können, sei zu entgegnen, dass sie angesichts ihrer eigenen Firma und ihrer Erziehungsfunktion kaum Zeit gehabt habe, sich ausführlich mit den einzelnen Aktivitäten von G._______ zu befassen. Die Täter habe sie nicht identifizieren können, weil die Behörden es mehrfach abgelehnt hätten, eine Anzeige entgegenzunehmen. Ausserdem habe sie vermutet, dass die Täterschaft im Dunstkreis der Behörden oder des organisierten Verbre- chens zu suchen sei. Aus diesen Gründen habe sie die Vergewaltigung nicht zur Anzeige gebracht. 4.2.2 Weiter monierten die Beschwerdeführerinnen, dass eine innerstaatliche Fluchtalternative nicht zielführend gewesen wäre, zumal russische Staatsbür- ger und -bürgerinnen bei der Niederlassung in anderen Teilen der Russischen Föderation einer Registrierungspflicht unterstehen würden. Da sie davon aus- gehen würden, dass es sich bei den Angriffen um staatliche Akteure handle, wären sie in anderen nationalen Gebieten ebenso gefährdet, Opfer einer Re- flexverfolgung zu werden. Insgesamt seien die Ausführungen der Beschwerde- führerinnen detailreich sowie ausführlich und demensprechend als glaubhaft zu werten. D-6448/2020 Seite 13 4.3 In der zweiten Vernehmlassung äusserte sich die Vorinstanz zur am 2. Feb- ruar 2021 eingereichten originalen Nichtanhandnahmeverfügung dahingehend, dass dem Original ein Stempel fehle und dieses keine weiteren Merkmale auf- weise, um es auf seine Echtheit überprüfen zu können. Ferner, und entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerinnen, sei das Kindeswohl im Rah men der Prüfung der Wegweisungsvollzugshindernisse sehr wohl berücksichtigt worden. Aus den ausserordentlichen Integrationsbe- mühungen respektive den Lehrverträgen für die Töchter könne geschlossen werden, dass sich B._______ und C._______ schnell an eine n eue Situation gewöhnten und demensprechend kaum Mühe bei ihrer Reintegration im Hei- matland bekunden würden. Auch ihr Alter lasse auf einen entwickelten Reife- grad schliessen, welcher eine Wiedereingliederung in die Russische Föderation erleichtere. Sodann sei aufgrund ihrer Nähe zur Mutter (die Beschwerdeführe- rin) weder von einer sprachlichen noch von einer kulturellen Entwurzelung aus- zugehen. Neben einem sozialen respektive familiären Netzwerk im Heimatland sei auch die Möglichkeit der ökonomischen Wiedereingliederung vorhanden. 4.4 In der Stellungnahme vom 11. Mai 2022 wurde dem entgegengehalten, dass gerade Integrationsleistungen bei Jugendlichen praxisgemäss ein Argu- ment darstellten, welches der Zumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs entge- genstehe und nicht, wie von der Vorinstanz behauptet, eine ideale Vorausset- zung zur Reintegration im Heimatland sei. Die ausserordentliche Integration der beiden Töchter in der Schweiz sowie die abgeschlossenen Lehrverträge hätten eine reziproke Wirkung auf eine Wiedereingliederung in der Russischen Föde- ration, zumal ihre beruflichen Perspektiven dort im Gegensatz zur Schweiz in Frage gestellt wären. Sodann befänden sich beide Töchter nach wie vor in der bereits mehrjährig andauernden (…) Behandlung. Ein Abbruch könne ebenso verheerende Folgen haben wie das Beenden der engmaschigen (…) Behand- lung der Beschwerdeführerin. Schliesslich habe die Vorinstanz keinen Bezug auf die veränderte politische Lage in der Russischen Föderation seit Beginn des Angriffskrieges auf die Uk- raine am 24. Februar 2022 genommen. G._______ engagiere sich in oppositi- oneller Weise gegen den Angriffskrieg in der Ukraine und lebe zurzeit versteckt. 5. 5.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorbringen der Beschwerdeführerinnen den Anforderungen an die Glaubhaftigkei t gemäss Art. 7 AsylG und an eine asylrechtlich relevante Verfolgung respektive Reflexverfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG genügen. D-6448/2020 Seite 14 5.2 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend sub- stanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dür fen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemei- nen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unter- drückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus- wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung be- deutet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweis- mass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vor- bringen des Gesuchstellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge- macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hä lt, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vor- bringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). 5.3 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen gezielt und auf- grund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer landesweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine Verfolgung oder eine begründete Furcht vor ei- ner solchen bestand. Die Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylent- scheids noch aktuell sein (vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je m.w.H.). 5.4 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur An- nahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in D-6448/2020 Seite 15 absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhalts- punkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen und ist ander erseits durch das von der betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungs- massnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2). 5.5 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexverfolgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Reflexve rfolgung be- troffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG aus- gesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet befürchten muss (zum Be- griff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3 m.w.H.). 6. 6.1 Einleitend stellt das Gericht fest, dass aufgrund der eingereichten Fotos und den überzeugenden Schilderungen der Beschwerdeführerinnen – trotz fehlen- dem Eintrag als Vater im Geburtsregister – keine Zweifel an der geltend ge- machten familiären respektive partnerschaftlichen Verbindung mit G._______ bestehen (vgl. SEM -Akte B44/23, F22 -29). Des Weiteren gelang es der Be- schwerdeführerin – entgegen der Argumentation der Vorinstanz – verschiedene Beispiele der Aktivitäten von G._______ zu beschreiben. So gab sie etwa an, dass G._______ Gründer eines (…) (…), welches auch die beiden Töchter be- suchten, ist. Bezüglich seines beruflichen Engagements führte sie aus, dass G._______ (…) (…) sowie gegen die (…) und die damit einhergehe nde (…) kämpfe. Zudem legte sie einleuchtend dar, weshalb sie nicht über alle Details bezüglich des Engagements sowie der Mandate von G._______ informiert war. Hierzu erwähnte sie mehrmals, sich nicht sonderlich für seine Aktivitäten inte- ressiert zu haben, zumal sie auch aufgrund der separaten Wohn - und der un- terschiedlichen Lebenssituation nicht präsent und deshalb nicht über alle seine Aktivitäten informiert gewesen sei (vgl. SEM-Akten B39/16, F41, F89 -91 und B44/23, F14, F35-36, F50, F62-68, F108-112). Sodann erscheint es nachvoll- ziehbar und entsprechend glaubhaft, dass sich die sozialen Kontakte und Akti- vitäten hauptsächlich auf gemeinsame Ferien, Schulbesuche der Töchter sowie private Treffen mit Familienangehörigen und Freunden beschränkt haben und sie selten an Aktivitäten von G._______ teilnahm (vgl. SEM-Akten B39/16, F85- 86, F82, F92 und B44/23, F31-36). D-6448/2020 Seite 16 6.2 Sodann erscheinen die Ausführungen zur geltend gemachten Vergewalti- gung der Beschwerdeführerin am (…) 2017 detailreich und sind geprägt von Nebensächlichkeiten, Realkennzeichen sowie emotionalen Empfindungen. Sie beschrieb, wie sie bei der (…) in der Nähe ihrer Wohnung überfallen und (…) in einen (…) entführt worden war, wo sie (…) und schliesslich sexuell (…) miss- braucht worden ist. Ihre Schilderungen, dass sie (…), lassen den Übergriff über- zeugend und authentisch wirken (vgl. SEM -Akte B39/16, F99; SEM -Akte B44/23, F75, F87). Die Angaben im Bericht des (…) für Frauen stützen die Schilderungen der Beschwerdeführerin. Hingegen ist mit der Vor instanz einig zu gehen, dass Zweifel am von der Beschwerdeführerin beschriebenen ursäch- lichen Kontext der Vergewaltigung bestehen. Im vorliegenden Fall können keine Rückschlüsse auf die Täterschaft gemacht werden. Aus ihren Ausführun- gen geht nicht hervor, inwiefern der Vorfall in einem Zusammenhang mit den Aktivitäten von G._______ gestanden haben soll, zumal sie lediglich die Ver- mutung äusserte, dass die Täter von den Behörden stammten, ohne diese je- doch zu konkretisieren (vgl. SEM-Akte B44/23, F21, F37-38, F92-94, F99). Auf- grund ihrer Schilderungen ist vielmehr davon auszugehen, dass sie zufällig Op- fer einer Vergewaltigung wurde. Auch aus der Bemerkung der Vergewaltiger, dass die nächsten ihre Kinder sein würden, lässt sich kein Zusammenhang zu G._______ respektive zu einer allfälligen Reflexverfolgung herstellen. 6.3 Ebenso erscheinen der Übergriff respektive die Drohungen gegenüber der Beschwerdeführerin am (…) 2017 bei der (…)schule glaubhaft. Ihre diesbezüg- lichen Ausführungen anlässlich der BzP und den Anhörungen erweisen sich als im Kern deckungsgleich und weisen Realkennzeichen sowie Nebensächlich- keiten auf. Detailliert gab sie etwa das Datum des Vorfalls an, an welches sie sich aus dem Grund erinnern konnte, weil an diesem Tag der letzte Schultag gewesen sei und sie Dokumente für die Tochter habe abholen müssen. Als sie von zwei Männern bedroht worden sei, sei sie neben dem Auto gestanden und einer der Männer habe sie am Nacken respektive Hals gepackt sowie gegen das Fahrzeug gepresst. Auch schilderte sie übereinstimmend in den Anhörun- gen, dieselben zwei Männer danach in der Nähe ihrer Wohnung gesehen und die Polizei verständigt zu haben. Zudem beschrieb sie ihre Angreifer detailliert und führte unter anderem aus, dass einer tiefliegende Augen und Augenbrauen hatte, der andere stämmig gebaut war und einen eigenartigen Gang hatte (vgl. SEM-Akte A6/12, F7.01f.; SEM-Akte B39/16, F99; SEM-Akte B44/23, F88- 90). Die von der Vorinstanz aufgeführten Widersprüche zum Vorfall beziehen sich einzig auf die schriftliche Eingabe mit nach Angabe der Beschwerdeführe- rin einer nicht professionellen Übersetzung. Es ist deshalb nicht auszuschlies- sen, dass es zu verschiedenen Mängeln in der Übersetzung gekommen ist, auf welche die erwähnten Widersprüche zurückzuführen sind. Hingegen basiert die D-6448/2020 Seite 17 Aussage hinsichtlich der Täterschaft auch in diesem Zusammenhang lediglich auf der Vermutung, dass es sich um staatliche Akteure handelte, zumal ihre Schilderungen keine konkreten Anhaltspunkte auf die Täterschaft erkennen las- sen (vgl. SEM-Akte B44/23, F21, F37-38, F91-94, F99-100). Obwohl auch den erwähnten Anschlägen in den Jahren 2016 und 2018 auf G._______ die Glaub- haftigkeit nicht abzusprechen ist, gelang es der Beschwerdeführerin nicht dar- zulegen, in welchem Zusammenhang diese gestanden haben b eziehungs- weise ob sie im Sinne einer Reflexverfolgung auch gegen sie gerichtet waren. 6.4 Bezüglich der Drohanrufe ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin diese zwar glaubhaft schildern und anhand der eingereichten Verfügung vom (…) 2017 belegen konnte. Jedoch ist der diesbezüglichen Verfügung zu ent- nehmen, dass das Verfahren mangels fehlendem Strafverfolgungsinteresse nicht weiterverfolgt wurde und die Beschwerdeführerin auch die Möglichkeit, dagegen Beschwerde zu erheben, nicht genutzt hat. Angesichts der diesbezüg- lichen sorglosen Reaktion von G._______ (vgl. SEM-Akte B44/23, F37) und le- diglich unklaren Vermutungen zur Täterschaft der Anrufer kann nicht von einer ernsten Bedrohung ausgegangen werden. Ebenso vermögen die Beweismittel keine begründete Furcht vor einer Verfolgung zu begründen, zumal es sich da- bei vorwiegend um Nachweise über die Tätigkeiten und Berufsunterlagen von G._______ handelt. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass die vorgelegten Beweismittel lediglich in Kopie vorliegen, weshalb ihnen entsprechend ein be- schränkter Beweiswert zukommt, zumal auch die in Aussicht gestellten Origi- nale dem Gericht bis zum heutigen Zeitpunkt nicht vorliegen. 6.5 Gegen eine aktuelle Verfolgungsgefahr von G._______ und dementspre- chend gegen eine Reflexverfolgung der Beschwerdeführerinnen spricht ferner die Tatsache, dass G._______ weiterhin in H._______ lebt sowie erneut Man- date übernommen hat, womit er sich weiterhin an (…) respektive in der Öffent- lichkeit präsentiert (vgl. SEM-Akte B44/23, F10-16, F18, F50). Aus den Proto- kollen geht zudem hervor, dass G._______ seine eigene Lebenssituation als nicht besonders bedrohlich empfand. Auch erstaunt es, dass er keine weiteren Schutzmassnahmen für die Beschwerdeführerinnen veranlasste, sondern ihnen direkt zur Ausrei se geraten haben soll (vgl. SEM-Akte B44/23, F41 -46, F72, F74). Gegen eine Reflexverfolgung spricht ferner die Tatsache, dass we- der der Bruder von G._______ noch dessen Mutter oder die Exfrau jemals be- droht worden waren (vgl. SEM-Akte B39/16, F55-65). Das erst auf Replikebene geltend gemachte Vorbringen, G._______ gehöre einer oppositionellen Orga- nisation an, welche sich gegen den Angriffskrieg auf die Ukraine stelle, und er sich deswegen verstecken müsse, wurde nicht weiter begründet oder belegt. An dieser Einschätzung vermögen auch die Vorbringen in der Eingabe vom D-6448/2020 Seite 18 11. Mai 2022, wonach G._______ keinen fixen Aufenthaltsort mehr habe, sich an verschiedenen Orten verstecken müsse und kaum erreichbar sei, nichts zu ändern. 6.6 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die geltend ge- machten Vorbringen der Beschwerdeführerinnen als überwiegend glaubhaft zu erachten sind. Hingegen erweisen sich die geschilderten Vorfälle auch in ihrer Gesamtheit entweder nicht als genügend intensiv oder die Beschwerdeführerin vermochte kein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv darlegen, welche den An- forderungen im Sinne von Art. 3 AsylG an eine asylrechtlich relevante Verfol- gung respektive Reflexverfolgung genügen. Aus all diesen Gründen ergibt sich, dass das SEM zu Recht d ie Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylge- such der Beschwerdeführerinnen abgelehnt hat. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht an geordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 8.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.3 8.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Auslä nderin oder des Ausländers in den Hei - mat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen wer- den, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem G rund nach Art. 3 D-6448/2020 Seite 19 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein sol- ches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht- linge [FK; SR 0.142.30]).Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 29. Mai 1874 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau- same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder St rafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention zum Schutze der Menschen- rechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen wer- den. 8.3.2 Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt nur Per- sonen, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Beschwerdeführerin- nen nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerinnen in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 8.3.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin- nen noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge- setzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men- schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müssten die Beschwerdeführerinnen eine konkrete Gefahr ( real risk ) nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter oder un- menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Ita- lien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer, 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in der Russischen Föderation, insbe- sondere in H._______, lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt und auch unter Berücksichtigung des Krieges gegen die Ukraine nicht als un- zulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung so- wohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 9. 9.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug der Wegweisung für Auslän- derinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunfts- staat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und D-6448/2020 Seite 20 medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Dieser Artikel findet auch An- wendung auf Personen, welche nach ihrer Rückkehr wegen der vorherrschen- den Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit in völlige Armut geraten wür- den, dem Hunger und somit einer ernsthaften Verschlechterung des Gesund- heitszustands, der Invalidität oder gar dem Tod ausgeliefert wären (vgl. BVGE 2014/26 E. 7.5 und BVGE 2011/24 E.11.1 m.w.H.). Wird eine konkrete Gefähr- dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kin- der betroffen, so bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindes wohl einen Gesichtspunkt von gewichtiger Bedeutung (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.2). 9.2 9.2.1 Die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ist zunächst unter dem As- pekt der gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerinnen zu beleuchten. 9.2.2 Gemäss dem Bericht des (…) für Frauen in H._______ benötigte die Be- schwerdeführerin (…) Hilfe von Spezialisten, da sie unter (…) sowie (…) leide. Aus dem Gesundheitsbericht des Schweizerischen Roten Kreuzes vom 6. Au- gust 2018 geht weiter hervor, dass sie sich vom 20. März 2018 bis 19. April 2018 wegen (…) und (…) stationär in der (…) in J._______ aufgehalten habe, wobei eine (…), eine (…) sowie der Verdacht auf eine (…) festgestellt worden waren. Es wurde eine regelmässige, (…)therapie und die Einnahme verschie- dener (…) empfohlen. Ferner ist dem Arztbericht vom 10. November 2020 zu entnehmen, dass deutliche Hinweise auf eine (…) mit (…) und (…), eine (…) nach (…) eine aktuelle (…) vorliegen würden. Eine stützende (…) Behandlung und eine spezifische Behandlung ihrer (…) seien längerfristig, regelmässig und über einen Zeitraum von mehreren Jahren angezeigt. Gemäss dem aktuellsten (…) Verlaufsbericht vom 5. Mai 2022 lägen eine (…) aufgrund (…) sowie eine (…) vor. Eine Wegweisung in die R ussische Föderation hätte eine (…) zur Folge und würde die bisherigen Therapieerfolge zunichtemachen. Ein Rückfall mit der Gefahr einer (…) wäre die Folge. Um ihren Gesundheitszustand dauer- haft zu verbessern, sei eine langjährige intensive (…) Behandlung notwendig. Eine Stabilisierung, um den Alltag bewältigen zu können, erfolge nur langsam. 9.2.3 Den diversen Arztberichten ist insgesamt zu entnehmen, dass B._______ unter (…) Beschwerden leidet. Unter anderem wurden dem Bericht des Schwei- zerischen Roten Kreuzes zufolge bei ihr bereits am 26. September 2018 eine (…) und potentiell (…) diagnostiziert. Gemäss dem Arztbericht des (…) spitals vom 12. April 2018 leide sie seit ihrem (…) Lebensjahr unter (…), welche be- reits im Heimatland aufgetreten und unter anderem (…) behandelt worden sei. Dem neusten Therapiebericht vom 3. Mai 2022 zufolge leide sie an einer (…) D-6448/2020 Seite 21 und einer (…)störung. Die verordneten Therapien würden zwischenzeitlich auf- grund eines positiven Verlaufs nur noch zweiwöchentlich erfolgen und fokus- sierten sich auf das Bewältigen von Alltagssitu ationen und ihrer (…) sowie (…)störungen. Das Absolvieren einer Vorlehre trage massgeblich zu ihrer Sta- bilisierung bei, wohingegen sich der ungeklärte Aufenthaltsstatus negativ auf ihre (…) Gesundheit auswirke. 9.2.4 Im Gesundheitsbericht des Schweizerischen Roten Kreuzes vom 26. September 2018 wurden bei C._______ erstmals eine (…) und eine (…) festgestellt. Gemäss Austrittsbericht vom 5. Juni 2019 habe sie (…) und in der Folge drei Tage im (…) verbracht. Als Hauptdiagnose wurde bei ihr in diesem Zusammenhang eine (…) festgestellt und eine Fortsetzung der (…) sowie die Schaffung sicherer und stabiler Lebensumstände für eine gute Entwicklungs- prognose empfohlen. Dem neusten Bericht vom 3. Mai 2022 ist zu entnehmen, dass sich ihre (…) Gesundheit stark verbessert und stabilisiert habe, jedoch würden weiterhin gewisse (…) Symptome wie (…), (…), (…), (…) und (…) auf- treten. 9.2.5 Im Zusammenhang mit der medizinischen Versorgungslage in der Russi- schen Föderation ist festzuhalten, da ss russische Staatsbürger innen und Staatsbürger im Rahmen der Krankenpflichtversicherung (OMS) grundsätzlich Anspruch auf eine kostenlose medizinische Grundversorgung haben und ihnen unabhängig von ihrem Wohnort der Zugang dazu auf dem gesamten Gebiet der Russischen Föderation garantiert wird. Medikamentenkosten müssen – mit ei- nigen Ausnahmen – selbst finanziert werden. Gemäss einem nationalem Ge- setz besteht das Recht auf unentgeltliche staatliche Unterstützung bei psychi- schen Erkrankungen, worunter insbeso ndere die psychiatrische Notfallhilfe, Unterstützung bei der psychiatrischen Prophylaxe und Rehabilitation in Ambu- lanzen und Kliniken, sämtliche Formen der psychiatrischen Untersuchung, Be- stimmung zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit, soziale Unterstützung und die Beschäftigung von Menschen mit psychischen Störungen, aber auch Vormund- schaftsprobleme, Rechtshilfe in psychiatrischen Kliniken oder psychiatrische Unterstützung im Falle von Notfällen fallen. Darüber hinaus besteht die Mög- lichkeit, sich in Privatkliniken entgeltlich psychotherapeutisch behandeln zu las- sen. Allerdings sieht die Realität oftmals anders aus. Häufig bleibt aufgrund der personellen Unterversorgung den Fachkräften wenig Zeit für die tatsächliche Therapie der Patienten (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgericht D-309/2017 vom 28. Februar 2018 E. 8.3.3 m.w.H.; D-5590/2019 vom 7. November 2019). 9.2.6 Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass in der Russischen Fö- deration die entsprechende (…) und (…) Versorgung zur Verfügung steht. Den D-6448/2020 Seite 22 Beschwerdeführerinnen ist zuzumuten, sich in H._______, wo sie vor ihrer Aus- reise gelebt haben, an eine entsprechende Institution zu wenden, um ihre (…) Beschwerden behandeln zu lassen. Aufgrund der jahrelangen (…) Betreuung von B._______ in H._______ kann zudem grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin ihre Tochter dort erneut in die entspre- chende Behandlung bringen kann und ihre Tochter C._______ sowie sich sel- ber ebenfalls (…) behandeln lassen können wird. 9.2.7 Sodann ist auch unter dem Blickwinkel der individuellen Voraussetzungen nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerinnen bei einer Rückkehr in ihr Heimatland in eine existentielle Notlage geraten würden. Die Beschwerdeführerin verfügt über einen Fachab schluss in (…) und führte bis zu ihrer Ausreise eine eigene Firma. Zudem steht eine Eigentumswohnung in H._______ zur Verfügung, womit auch die Wohnsituation geregelt erscheint (vgl. SEM-Akte A6/12, F1.17.04 -1.17.05, F3.01; SEM -Akte B39/16, F67 -78). Hingegen dürfte es sich aufgrund der (…) Erkrankung der Beschwerdeführerin als schwierig erweisen, in absehbarer Zeit ihren Alltag problemlos zu bewälti- gen und erneut sowie vollumfänglich ihrem Erwerb nachzugehen (vgl. hierzu E. 8.3.2 und E. 8.6). Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Partner bezie- hungsweise Vater der Beschwerdeführerinnen bei einer Rückkehr für ihren Le- bensunterhalt sorgen, sie finanziell und bei der Bewältigung des Alltags unter- stützen kann. 9.2.8 Schliesslich ist ein Vollzug der Wegweisung unter dem Blickwinkel des Kindeswohls zu beurteilen. 9.2.9 Sind von einem Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, bildet das Kinder- wohl einen wichtigen Gesichtspunkt im Zusammenhang mit der Zumutbarkeits- prüfung. Dies ergibt sich aus einer völkerrechtskonformen Auslegun g von Art. 83 Abs. 4 AIG i.V.m. Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Recht des Kindes (KRK). Vor diesem Hintergrund sind sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, welche im Hinblick auf den Vollzug der Wegweisung eines Kindes wesentlich erscheinen. Namentlich können da- bei folgende Kriterien im Rahmen einer Gesamtbeurteilung von Bedeutung sein: Alter des Kindes, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähig- keit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugsperso nen (insbeson- dere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung beziehungsweise Ausbildung sowie der Grad der erfolgten Integra- tion bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Die Dauer des Aufenthaltes in der Schwe iz ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu D-6448/2020 Seite 23 werten. Kinder sollten nicht ohne triftigen Grund aus einem vertrauten Umfeld herausgerissen werden. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (das heisst seine Kernfa- milie) zu berücksichtigen, sondern es sind auch seine weiteren sozialen Bezie- hungen in die Überlegungen miteinzubeziehen. Die Verwurzelung in de r Schweiz kann – auch und insbesondere bei jungen Erwachsenen – eine rezip- roke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine starke Integration in der Schweiz eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann, die unt er Umständen die Rückkehr in den Heimatstaat unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.6, BVGE 2009/28 E. 9.3.2 je mit weiteren Hinweisen). 9.2.10 Bezüglich der beiden Töchter B._______ und C._______ ist festzustel- len, dass diese zum Zeitpunkt ihrer Ein reise im August 2017 zwölf Jahre alt waren. Im April 2018 mussten sie die Schweiz aufgrund der Überstellung nach Italien im Rahmen des Dublin-Verfahrens wieder verlassen. Seit Oktober 2018, und somit knapp vier Jahren, leben sie nun ununterbrochen in der Schweiz. Sie scheinen sich in das schweizerische Schulsystem integriert zu haben und mussten – trotz ihrer psychischen gesundheitlichen Probleme – keine Schul- klasse wiederholen. Aus den Akten geht sodann hervor, dass sie nach dem Ab- solvieren von Praktika im Januar respektive März 2022 beide Lehrverträge ab- schliessen konnten. C._______ hatte eine Lehrstelle als (…) und B._______ einen Ausbildungsplatz als (…) in einem (…) in Aussicht. Aus dem Zwischen- zeugnis des Praktikums von B._______ geht hervor, dass sie ihre Arbeit pflicht- bewusst und in guter Qualität erfülle. Sie sei äusserst motiviert, lernbereit und erbringe grundsätzlich gute Leistungen. Andere Belege oder Referenzschrei- ben, welche ihre Integration in die schweizerische Kultur und Lebensweise be- legen würden, liegen jedoch nicht vor. 9.2.11 Obwohl B._______ und C._______ einen Teil ihrer prägenden Jugend- jahre in der Schweiz verbracht haben, ist nicht ersichtlich, dass ihnen die Kultur und Sprache ihres Heimatlandes fremdgeworden sind, was zu starken Belas- tungen in ihrer weiteren Entwicklung führen könnte und mit dem Schutzanlie- gen des Kindeswohls nicht zu vereinbaren wäre. Es kann angenommen wer- den, dass sie auch über ausreichend schriftliche Kenntnisse in ihrer Mutterspra- che verfügen und sich demensprechend erfolgreich allenfalls ins Schulsystem eingliedern sowie eine berufliche Aus- und Weiterbildung in der Heimat ange- hen können. Auch sind keine grundlegenden kulturellen Differenzen zwischen der Schweiz und ihrem Herkunftsland ersichtlich, sodass ihre Integration in der Heimat nicht in erhöhtem Mass in Frage gestellt ist. Des Weiteren verfügen sie D-6448/2020 Seite 24 in der Russischen Föderation über weitere Verwandte und damit über ein fami- liäres Beziehungsnetz, welches ihnen bei der sozialen Wiedereingliederung hilfreich zur Seite stehen kann. Insgesamt ist daher, auch unter Mitberücksich- tigung der gesundheitlichen Aspekte, nicht davon auszugehen, dass das Kin- deswohl bei einer Rückkehr in die Russische Föderation gefährdet wäre. 9.2.12 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 9.3 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführerinnen, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu be- zeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 9.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundes- recht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – an- gemessen ist. Die Beschwerde ist somit abzuweisen. 11. 11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde- führerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen mit Zwischenverfü- gung vom 13. Januar 2021 die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 11.2 Mit Eingabe vom 11. Mai 2022 reichte die Rechtsvertreterin eine Kosten- note in der Höhe von Fr 4'397. -- (bei Unterliegen) ein. Der geltend gemachte zeitliche Aufwand von 19.5 Stunden erscheint indes als überhöht. Insbesondere sind die vor der Eröffnung der angefochtenen Verfügung am 1. Dezember 2020 geltend gemachten Aufwände von knapp 3 Stunden und Spesen in der Höhe von Fr. 88.10 im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht zu berücksichtigen. Zudem erscheinen 10.25 für die 10-seitige Beschwerde und das Aktenstudium, angesichts der separat ausgewiesenen 1.5 Stunden für die Besprechung mit der Beschwerdeführerin, sowie 35 Minuten für «Abschlussarbeiten» und Fr. 38.20 für Spesen für das Überarbeiten der Beschwerde und das Erstellen D-6448/2020 Seite 25 des Beweismittelverzeichnisses den Umständen nicht angemessen. Das Ho- norar ist somit auf 12 Stunden à Fr. 200.– pro Stunde und auf Auslagen in der Höhe Fr. 56.70 zu reduzieren. Der amtlichen Rechtsbeiständin ist somit ein Ho- norar von Fr. 2’646.-- (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-6448/2020 Seite 26 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Der amtlichen Rechtsvertreterin wird zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar von Fr. 2’646.-- zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Chiara Piras Martina von Wattenwyl Versand: