<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">29</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>2</b></span> <span class="ft2"><b>§ 9 Abs. 2</b></span><span class="ft3"><sup><b>bis</b></sup></span> <span class="ft2"><b>AnwT</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Stundenansatz der amtlichen Verteidigung beträgt in der Regel</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Fr. 220.00 und kann in einfachen Fällen auf Fr. 180.00 reduziert bzw. in</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schwierigen Fällen auf Fr. 250.00 erhöht werden. Eine Berechnung der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Entschädigung, welche innerhalb eines Falles nach Schwierigkeitsgraden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>einzelner Handlungen der Verteidigung unterscheidet, ist unzulässig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Vizepräsidenten der Beschwerdekammer in Strafsa-</span><br/> <span class="ft4">chen des Obergerichts vom 24. September 2013 i.S. A. K. gegen Staatsanwalt-</span><br/> <span class="ft4">schaft Lenzburg-Aarau (SBE.2013.32).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">30</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">Angefochten ist ein Beschluss des Bezirksgerichts Aarau, mit</span><br/> <span class="ft1">welchem die Höhe der Entschädigung für die amtliche Verteidigung</span><br/> <span class="ft1">gerichtlich festgesetzt wurde (Art. 135 Abs. 2 StPO) und welcher</span><br/> <span class="ft1">einen Teil des Urteils des Bezirksgerichts Aarau vom 22. Mai 2013</span><br/> <span class="ft1">bildet. Die Anfechtung mit Beschwerde ist in Art. 135 Abs. 3 lit. a</span><br/> <span class="ft1">StPO vorgesehen. Beschwerdeausschlussgründe bestehen keine und</span><br/> <span class="ft1">es wurde im selben Verfahren auch keine Berufung erhoben, was zu-</span><br/> <span class="ft1">nächst zur Sistierung und bei Vorliegen eines Berufungsurteils zur</span><br/> <span class="ft1">Gegenstandslosigkeit des Verfahrens führen würde (Urteil des Bun-</span><br/> <span class="ft1">desgerichts 6B_611/2012 vom 19. April 2013 E. 5.6). Der amtliche</span><br/> <span class="ft1">Verteidiger ist durch den erstinstanzlichen Entscheid in seinen recht-</span><br/> <span class="ft1">lich geschützten Interessen berührt, da er vorbringt, nicht im Umfang</span><br/> <span class="ft1">des von ihm geltend gemachten (wirtschaftlichen) Aufwands ent-</span><br/> <span class="ft1">schädigt worden zu sein. Die weiteren Eintretensvoraussetzungen</span><br/> <span class="ft1">geben zu keinen Bemerkungen Anlass. Auf die form- und fristgerecht</span><br/> <span class="ft1">eingereichte Beschwerde ist einzutreten.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer rügt sinngemäss, die Vorinstanz habe die</span><br/> <span class="ft1">mit Kostennote vom 21. Mai 2013 beantragte Entschädigung hin-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich des Zeitaufwands genehmigt, die Entschädigung sei indes</span><br/> <span class="ft1">zu Unrecht zu unterschiedlichen Stundenansätzen erfolgt. Die Teil-</span><br/> <span class="ft1">nahme an Einvernahmen sei anstatt mit dem gemäss § 9 Abs. 2</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span><br/> <span class="ft1">AnwT üblichen Regelstundensatz von Fr. 220.00 nur mit dem mini-</span><br/> <span class="ft1">malen Stundenansatz von Fr. 180.00 entschädigt worden, was sich le-</span><br/> <span class="ft1">diglich in den Fällen, bei welchen seine Substitutin an den Einver-</span><br/> <span class="ft1">nahmen teilgenommen habe, rechtfertige, jedoch nicht dort, wo er</span><br/> <span class="ft1">selbst an den Einvernahmen anwesend gewesen sei (8. Juli 2012 und</span><br/> <span class="ft1">27. März 2013; Zeitaufwand 5.4 Stunden). Der Anwaltstarif unter-</span><br/> <span class="ft1">scheide überdies nur nach der Schwierigkeit des (gesamten) Falles</span><br/> <span class="ft1">und nicht nach verschiedenen Verfahrensschritten gesondert.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">31</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz kürzte die Kostennote des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">im Wesentlichen mit der Begründung, die Teilnahme des Strafver-</span><br/> <span class="ft1">teidigers an Einvernahmen sei zwar ein von Verfassungs wegen</span><br/> <span class="ft1">geschütztes Recht, es handle sich dabei aber um eine weitgehend</span><br/> <span class="ft1">passive Tätigkeit, insbesondere, da seine blosse Anwesenheit an der</span><br/> <span class="ft1">Einvernahme deren ordnungsgemässen Ablauf zu garantieren ver-</span><br/> <span class="ft1">möge. Für solche passiven Tätigkeiten sei eine Herabsetzung des</span><br/> <span class="ft1">Stundenansatzes auf Fr. 180.00 gerechtfertigt.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">2.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 9 Abs. 2</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">AnwT beträgt der Stundenansatz in Straf-</span><br/> <span class="ft1">sachen in der Regel Fr. 220.00 und kann in einfachen Fällen bis auf</span><br/> <span class="ft1">Fr. 180.00 reduziert und in schwierigen Fällen bis auf Fr. 250.00</span><br/> <span class="ft1">erhöht werden. Auslagen und Mehrwertsteuer werden separat ent-</span><br/> <span class="ft1">schädigt. Gemäss § 9 Abs. 3 AnwT gilt diese Entschädigung auch für</span><br/> <span class="ft1">die amtliche Verteidigung.</span><br/> <span class="ft1">Vom Wortlaut ausgehend drängt sich bereits aufgrund der vom</span><br/> <span class="ft1">Gesetzgeber gewählten Formulierung ("Fällen") der Schluss auf,</span><br/> <span class="ft1">dass keine Differenzierung nach Schwierigkeitsgraden innerhalb</span><br/> <span class="ft1">eines einzelnen Falls zulässig, sondern die Schwierigkeit eines Falls</span><br/> <span class="ft1">als Ganzes zu beurteilen ist. Überdies erscheint als Sinn und Zweck</span><br/> <span class="ft1">der Bestimmung, dem urteilenden Gericht die Möglichkeit zu geben,</span><br/> <span class="ft1">Entschädigungen in unbilligem Ausmass (nach oben wie nach unten)</span><br/> <span class="ft1">zu vermeiden, indem bei in rechtlicher oder tatsächlicher Hinsicht</span><br/> <span class="ft1">sehr komplexen Fällen ein höherer Stundenansatz und in absoluten</span><br/> <span class="ft1">Bagatellfällen entsprechend ein tieferer Ansatz gewährt werden kann.</span><br/> <span class="ft1">Die Tatsache, dass in einem einzelnen Fall in aller Regel sowohl</span><br/> <span class="ft1">schwierige wie auch einfache Tätigkeiten anfallen, welche sich je-</span><br/> <span class="ft1">doch im Verlauf des Verfahrens regelmässig ausgleichen und in etwa</span><br/> <span class="ft1">die Waage halten, führt dazu, dass mit Fr. 220.00 ein Durchschnitts-</span><br/> <span class="ft1">wert festgelegt wurde, welcher solchen Schwankungen innerhalb</span><br/> <span class="ft1">eines Falls Rechnung trägt. Etwas anderes lässt sich auch aus den</span><br/> <span class="ft1">Materialien, insbesondere aus der Botschaft des Regierungsrats des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 26. Januar 2011 hinsicht-</span><br/> <span class="ft1">lich der am 1. Juli 2011 in Kraft getretenen Änderungen des An-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">32</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">waltstarifs, nicht entnehmen. Auch dort ist durchwegs pauschal von</span><br/> <span class="ft1">"Fällen" die Rede und es ist nicht ersichtlich, dass beabsichtigt war,</span><br/> <span class="ft1">eine Möglichkeit, innerhalb eines einzelnen Falls je nach Schwie-</span><br/> <span class="ft1">rigkeitsgraden der einzelnen Tätigkeiten zu differenzieren, zu schaf-</span><br/> <span class="ft1">fen. Eine solche Differenzierung ist entsprechend nicht angebracht</span><br/> <span class="ft1">und würde, wie noch zu zeigen sein wird, insbesondere in der Praxis</span><br/> <span class="ft1">zu unwägbaren Schwierigkeiten führen.</span><br/> <span class="ft1">Zusammengefasst erscheint somit sowohl nach dem Wortlaut</span><br/> <span class="ft1">wie auch nach Sinn und Zweck von § 9 Abs. 2</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">AnwT, welcher in</span><br/> <span class="ft1">allgemeiner Weise von "einfachen" und "schwierigen" Fällen spricht,</span><br/> <span class="ft1">eine Reduktion des Stundenansatzes je nach Art der anwaltlichen Tä-</span><br/> <span class="ft1">tigkeit nicht als zulässig.</span><br/> <span class="ft1">2.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Überdies wäre eine solche Auslegung auch nicht praxistauglich,</span><br/> <span class="ft1">da in der Regel nicht im Detail gerichtlich abgeschätzt werden kann,</span><br/> <span class="ft1">welche Tätigkeiten einen hohen und welche einen tiefen Schwierig-</span><br/> <span class="ft1">keitsgrad aufweisen und deshalb in unterschiedlicher Weise zu ent-</span><br/> <span class="ft1">schädigen sind. Dies muss insbesondere deshalb gelten, da der durch</span><br/> <span class="ft1">das Anwaltsgeheimnis gebundene Verteidiger keinen vertieften Ein-</span><br/> <span class="ft1">blick in die Details seiner Arbeit erlauben kann und entsprechend ge-</span><br/> <span class="ft1">zwungen ist, in seiner Kostennote seinen Aufwand durch mehr oder</span><br/> <span class="ft1">weniger vage Umschreibungen zu belegen. Die Kostennote des</span><br/> <span class="ft1">Verteidigers ist somit auschliesslich dahingehend zu überprüfen, ob</span><br/> <span class="ft1">die Aufwendungen mit dem Umfang und der Bedeutung des Falls in</span><br/> <span class="ft1">Einklang standen und kein unnötiger oder unangemessener Aufwand</span><br/> <span class="ft1">betrieben wurde. Auf dieser Grundlage ist der (fall-)angemessene</span><br/> <span class="ft1">Stundenaufwand festzusetzen und anschliessend der, je nach Schwie-</span><br/> <span class="ft1">rigkeitsgrad des Falls in der Höhe variable und in aller Regel</span><br/> <span class="ft1">Fr. 220.00 betragende, Stundenansatz festzulegen, was insgesamt zur</span><br/> <span class="ft1">angemessenen Entschädigung für die anwaltliche Tätigkeit im Rah-</span><br/> <span class="ft1">men der amtlichen Verteidigung führt.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>