Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 10. August 2017 (720 17 87 / 206) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Finanzierung einer Privatschule der Sekundarstufe II als berufliche Massnahme der IV Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsri chter Jgnaz Jermann, Kan- tonsrichter Markus Mattle, Gerichtsschreiber Daniel Gfeller Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch B.____ und C.____ , wiederum vertreten durch Magdalena Schaer, Rechtsanwältin, Kro- nenplatz 14, Postfach 600, 8953 Dietikon gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Berufliche Massnahmen A. Der 1999 geborene A.____ besuchte bis im Sommer 2010 die öffentliche Primarschule. Das 5. Primarschuljahr absolvierte er auf Verantwor tung und Kosten der Erziehungsberechtig- ten B.____ und C.____ in der Tagesschule D.____. Di e Erziehungsberechtigten meldeten A.____ mit Gesuch vom 28. November 2014 für die Unt erstützung bei der erstmaligen berufli- chen Ausbildung bei der Eidgenössischen Invalidenve rsicherung (IV) an, bzw. stellten den An- trag, dass die IV bei der Finanzierung des D.____ a uf der Sekundarstufe II mithelfe. Grund für den Unterstützungsbedarf war ein bei A.____ diagnos tiziertes kindliches POS sowie ein Asper- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht ger-Syndrom. Mit Verfügung vom 17. August 2015 wurde A.____ informiert, dass die IV die Kosten für den behinderungsbedingten Mehraufwand auf Sekundarstufe II im Rahmen der Dif- ferenz zwischen dem kantonalen Beitrag und den effektiven Kosten der Privatschule nur über- nehme, wenn der Schulpsychologische Dienst die spezielle F örderung oder Sonderbeschulung im Rahmen einer Privatschule indiziere. Da diese Indikation nicht vorlag, wurde das Dossier auf der IV-Berufsberatung abgeschlossen. Auf erneutes Gesuch vom 28. Oktober 2015 hin, wurde am 1. Dezember 2015 anlässlich einer Besprechung mit de n Erziehungsberechtigten sowie ihrer Rechtsvertretung und Mitarbeitern der IV beschlo ssen, aufgrund der Unklarheit auf diag- nostischer Ebene eine Begutachtung in die Wege zu leite n. Das Ergebnis dieser Abklärung of- fenbarte bedeutsame psychiatrische Erkrankungen, weshalb A. ____ Anspruch auf eine IV- unterstützte erstmalige berufliche Ausbildung habe. Auf grund der Komplexität der Erkrankung erachtete die IV-Stelle die erfolgreiche Absolvierung eines Hochschulstudiums als unwahr- scheinlich bzw. die Prognose als ungünstig, zumal er berei ts im Gymnasium auf intensive Un- terstützung angewiesen sei. Aufgrund dessen lehnte die I V-Stelle den Antrag auf Mitfinanzie- rung der Privatschule zur Erreichung des Maturitätsabsc hlusses mit Verfügung vom 7. Februar 2017 erneut ab. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch B.____ und C.____, diese wiede- rum vertreten durch Rechtsanwältin Magdalena Schaer, mi t Schreiben vom 14. März 2017 Be- schwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilun g Sozialversicherungsrecht (Kan- tonsgericht), und beantragte unter anderem, es sei di e angefochtene Verfügung aufzuheben und dem Beschwerdeführer finanzielle Unterstützung fü r den Besuch der Sekundarstufe II am D.____ bis zur Erlangung der Maturität zu gewähren. A usserdem seien der E.____-Klinik er- gänzende bzw. präzisierende Abklärungsfragen zu stellen. D es Weiteren seien dem Beschwer- deführer aufgrund der als Rechtsverzögerung bzw. Rechtsve rweigerung zu qualifizierenden Unterlassungen seitens der Beschwerdegegnerin, die Vert retungskosten insbesondere für das Kantonale Verwaltungsverfahren zu erstatten; alles unter o/e-Kostenfolge. Mit Schreiben vom 22. Mai 2017 reichte der Beschwerde führer eine „Bestätigung“ der E.____- Klinik vom 3. April 2017 zu den Akten. C. Mit Vernehmlassung vom 30. Mai 2017 beantragte die IV-Stelle Basel-Landschaft die Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes ü ber die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Beschwerde ist demnach einzutreten. 1.2 Mit Verfügung vom 17. August 2015 hat die IV-Ste lle ein Gesuch des Beschwerdefüh- rers vom 28. November 2014 um berufliche Massnahmen des B eschwerdeführers abgelehnt. Die IV-Stelle hat damals ausgeführt, dass sich der Besch werdeführer wieder bei der IV-Stelle melden dürfe, sobald der Schulpsychologische Dienst eine Spezielle Förderung oder Sonder- schulung bewilligt habe und ihm behinderungsbedingte Mehrkosten entstünden. Unter diesen Umständen kann nicht davon ausgegangen werden, dass das Ge such des Beschwerdeführers um Gewährung der beruflichen Massnahme für die Sekunda rstufe II bereits rechtskräftig abge- wiesen wurde, vielmehr wurde er explizit auf die Mögli chkeit einer erneuten Gesuchstellung hingewiesen. 2.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG haben Invalide oder von ei ner Invalidität bedrohte Versicher- te Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a), und die Vorauss etzungen für den Anspruch auf die ein- zelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b). 2.2 Zu den Eingliederungsmassnahmen gehören nach Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG die Mass- nahmen beruflicher Art, wozu insbesondere auch die e rstmalige berufliche Ausbildung zählt. Dazu ist in Art. 16 IVG vorgesehen, dass Versicherte, die noch nicht erwerbstätig waren und denen infolge Invalidität bei der erstmaligen berufli chen Ausbildung in wesentlichem Umfang zusätzliche Kosten entstehen, Anspruch auf Ersatz dieser Kosten haben, sofern die Ausbildung den Fähigkeiten des Versicherten entspricht (Abs. 1). Nach Art. 5 Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenve rsicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 in der hier anwendbaren – Streitgegenstand bilden Le istungen ab August 2015 –, ab 1. Januar 2015 gültigen Fassung) gilt als erstmalige berufliche A usbildung die berufliche Grundbildung nach dem Berufsbildungsgesetz vom 13. Dezember 2002 sow ie, nach Abschluss der Volks- oder Sonderschule, der Besuch einer Mittel-, Fach- oder Hochschule und die berufliche Vorbe- reitung auf eine Hilfsarbeit oder auf die Tätigkeit in einer geschützten Werkstätte. Unbestritte- nermassen gehören dazu auch Ausbildungen, welche zum Ma turitätsabschluss führen und da- mit auch der Besuch des D.____ mit Maturitätsabschluss. 2.3 Als Eingliederungsmassnahme unterliegt die erstmali ge berufliche Ausbildung den all- gemeinen Anspruchsvoraussetzungen des Art. 8 Abs. 1 IVG. Sie hat somit neben den dort aus- drücklich genannten Erfordernissen der Geeignetheit und Notwendigkeit auch demjenigen der Angemessenheit (Verhältnismässigkeit im engeren Sinne) als drittem Teilgehalt des Verhält- nismässigkeitsgrundsatzes zu genügen. Mit der Nennung der Notwendigkeit und Geeignetheit als Voraussetzung des Eingliederungsanspruchs hat der Ver hältnismässigkeitsgrundsatz in Art. 8 Abs. 1 IVG seine positivrechtliche Verankerung gef unden. Danach muss jede Massnah- me, soll der gesetzliche Anspruch darauf bestehen, zur E rreichung des von ihr bezweckten Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Eingliederungszieles geeignet sein. Für ungeeigneten Mi tteleinsatz hat die IV nicht aufzukom- men. Die Geeignetheit bezieht sich einerseits (objektiv) auf die Massnahme, anderseits (subjek- tiv) auf die Person des Versicherten (SILVIA BUCHER , Eingliederungsrecht der Invalidenversiche- rung, Bern 2011, Rz. 124 ff). Der Verhältnismässigkeits aspekt der Notwendigkeit verschafft dem Versicherten den Eingliederungsanspruch insoweit, als dies im Hinblick auf die erwerbliche Situation notwendig ist. Die Notwendigkeit beschränkt so dann den Eingliederungsanspruch auf das Einfache und Zweckmässige. Der Versicherte kann nur die dem jeweiligen Eingliederungs- zweck angemessenen, notwendigen Massnahmen beanspruchen, n icht aber die nach den ge- gebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren (BGE 139 V 115 E. 5.1; U LRICH MEYER /M ARCO REICHMUTH , Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Auflag e, Zürich/Basel/Genf 2014, N. 15 ff. zu Art. 8 IVG). Denn das Gesetz will die E ingliederung soweit sicherstellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist (BGE 142 V 535 E. 6.3, 139 V 118 E. 5.1 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 20. Juni 2017, 9C_640/2016, E. 2.3). Die berufliche Massnahme muss die Erwerbsfähigkeit verbessern oder mindestens erhalten (THOMAS LOCHER , Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Auflage, Bern 2 014, S. 241 Rz. 14). Des Weiteren muss die Eingliederungsmassnahme unter Berücksichtigung der gesamten tatsächlichen und rechtlichen Umstände des Einzelfalles in einem angemessen en Verhältnis zum angestrebten Eingliederungsziel stehen. Hinsichtlich der Angemessenheit lassen sich vier Teilaspekte unter- scheiden, nämlich die sachliche, die zeitliche, die finanzi elle und die persönliche Angemessen- heit. Danach muss die Massnahme prognostisch ein bestimmt es Mass an Eingliederungswirk- samkeit aufweisen; sodann muss gewährleistet sein, dass der angestrebte Eingliederungserfolg voraussichtlich von einer gewissen Dauer ist; des Weitern m uss der zu erwartende Erfolg in einem vernünftigen Verhältnis zu den Kosten der konkre ten Eingliederungsmassnahme stehen; schliesslich muss die Massnahme dem Betroffenen auch zumutbar sein (BGE 142 V 527 E. 2.3, 132 V 215 E. 3.2.2 S. 221; 130 V 488 E. 4.3.2 S. 491 mit Hinweisen; MEYER /R EICHMUTH , a.a.O., N. 25 ff. zu Art. 8 IVG; S ILVIA BUCHER , a.a.O., Rz. 128 ff; ULRICH MEYER -BLASER , Zum Verhält- nismässigkeitsgrundsatz im staatlichen Leistungsrecht, 1985, S. 77 ff.). 3.1 Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entsc heid, sofern das Gesetz nichts Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverh altes genügt den Beweisanforderun- gen demnach nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachve rhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrschein lichste würdigt (BGE 121 V 47 E. 2a; ZAK 1986 S. 189 f. E. 2c). Ein Anspruch auf Le istungen besteht nur, wenn die Voraus- setzungen dafür mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erfüllt sind (ZAK 1983 S. 259). 3.2 Ausgangspunkt jedes Anspruchs auf berufliche Massnahme n ist das Vorhandensein eines Gesundheitsschadens. An dessen Feststellung schliesst sich die Frage an, ob und inwie- weit sich die erhobene Beeinträchtigung auf die erstma lige berufliche Ausbildung negativ aus- wirkt (Art. 16 Abs. 1 IVG). Um die strittige Frage zuver lässig beurteilen zu können, ist die Ver- waltung und im Beschwerdefall das Gericht in besondere m Masse auf Unterlagen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Das Gericht hat die medizini- schen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsproz ess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes übe r den allgemeinen Teil des Sozial- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht versicherungsgesetzes [ATSG] vom 6. Oktober 2000) – wie alle anderen Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie um fassend und pflichtgemäss zu würdi- gen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheid en hat, ob die verfügbaren Un- terlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen R echtsanspruchs gestatten. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, au ch die geklagten Beschwerden be- rücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeb en worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung de r medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Gemäss Recht- sprechung des EVG ist den im Rahmen des Verwaltungsverfah rens eingeholten Gutachten ex- terner Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund ein gehender Beobachtungen und Untersu- chungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatte n und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigun g volle Beweiskraft zuzuerken- nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlä ssigkeit der Expertise sprechen (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 4.1 Im vorliegenden Verfahren hat die IV-Stelle ein psychiatrisches Gutachten bei der E.____-Klinik eingeholt, welches am 22. Juni 2016 von D r. med. F.____, FMH für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Zusatzschwerpunkt: Autismus-Spektrum-Störungen, lei- tende Ärztin E.____-Klinik, erstattet wurde. Im Gutachten wurden folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Ausbildungsfähigkeit gestellt: - Asperger-Syndrom (F84.5) - Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotiona le Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend: Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität (F98.8) - Zwangsstörung mit Zwangsgedanken und -handlungen, g emischt (F42.2) In ihrem Gutachten führte Dr. F.____ im Wesentlichen aus, die früher beschriebenen (2008) dargelegten Befunde würden aus heutiger Sicht nicht m ehr für die Zusage eines POS ausrei- chen. Aktuell erscheine die autistische Symptomatik in For m des Asperger-Syndroms klar im Vordergrund zu stehen. Hinzu würden ausgeprägte Zwangsg edanken und -handlungen sowie eine deutliche Aufmerksamkeitsschwäche kommen, welche sich besonders in ausgesprochener Langsamkeit äussern würden. Die Aufmerksamkeitsschwierigke iten würden durch Medikation mit Ritalin zumindest in den Hintergrund treten. Aus d em komplexen Diagnosebild verschiede- ner komorbider Störungen würden sich Beeinträchtigungen sowohl im familiären wie auch schu- lischen Rahmen ergeben. Soziale Kontakte würden für A._ ___ eine grosse Herausforderung darstellen. In der Testung zeige er eine gute kognitive Begabung bei inhomogenem Profil. Er bemühe sich in der Schule um ausgezeichnete Leistungen, w as ihm mit Unterstützung durch die Medikation mittels Ritalin auch gelinge. Auffalle nd sei weiterhin seine ausgeprägte Lang- samkeit, welche sich besonders bei Hausaufgaben in der V orbereitung für Prüfungen zeige. So lerne er oft stundenlang und bis tief in die Nacht. D ieses Verhalten scheine verstärkt zu werden durch seine ausgeprägten Zwangsgedanken und -handlunge n. Zudem trage die Kombination Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht aus Zwängen und autistischer Symptomatik dazu bei, dass er sich eher zurückziehe, Versamm- lungen von Menschen meide und Mühe habe, sich im öffent lichen Raum frei zu bewegen. Die Selbständigkeit sei bei A.____ nicht altersentsprechen d entwickelt, und er benötige sowohl in der Strukturierung des Tagesablaufes wie auch für persönliche und schulische Angelegenheiten weiterhin deutliche Unterstützung. Die Handlungsplanu ng und -umsetzung würden grosse Her- ausforderungen für ihn darstellen. Vor dem Hintergru nd der deutlichen gemischten Zwangsstö- rung sei eine Weiterführung der Psychotherapie von grosse r Bedeutung. Zusätzlich erscheine eine Autismus-spezifische Gruppentherapie indiziert, um d en Patienten weiter in seinen sozia- len Kompetenzen zu unterstützen. Um das Ziel eines Studiu ms zu erreichen, bedürfe er noch grosser Fortschritte besonders im Bereich der Selbständigkeit. Auch hierzu erscheine eine enge therapeutische Begleitung weiterhin sinnvoll. Auf die Frage, ob eine Ausbildung im geschützten Rah men notwendig sei, hielt Dr. F.____ vor- weg fest, diese Frage lasse sich nicht abschliessend beantwo rten. Der Versicherte zeige eine komplexe Symptomatik mit verschiedenen komorbiden Störung sbildern, welche seine Entwick- lung sicherlich verzögern würden. Gleichzeitig stelle er einen grossen Ehrgeiz und einen aus- gesprochenen Leistungswillen unter Beweis, indem er tro tz seiner zahlreichen Einschränkun- gen ausgezeichnete schulische Leistungen erbringe. Es ersc heine zentral, ihn weiterhin hin- sichtlich seiner Ressourcen zu unterstützen und die vorha ndenen Kompetenzen mit Blick auf eine spätere Ausbildung zu stärken, was für seinen Sel bstwert wichtig wäre. Perspektivisch werde es sicherlich davon abhängen, in welchem Ausmass es A .____ gelinge Fortschritte zu machen und sich weiter zu entwickeln. Aufgrund der Erfah rungen mit Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung in ihrer Klinik lass sich jedoch a bleiten, dass eine intensive Beglei- tung bei der Berufswahl wahrscheinlich notwendig sein werde. 4.2 G.____, FA für Kinder- und Jugendpsychotherapie, RAD, hielt mit Stellungnahme vom 19. Juli 2016 fest, aus medizinischer Sicht liege ein sow ohl angeborener wie auch erworbener anhaltender und umfassender psychischer Gesundheitsschaden vor, der eine Ausbildung in der freien Wirtschaft deutlich erschwere. Es bestehe der Anspr uch auf eine IV-unterstützte erstma- lige berufliche Ausbildung in einem geschützten Rahmen. Gleichwohl sei der Versicherte sehr engagiert und motiviert, so dass aus medizinischer Sicht von der Berufsberatung geprüft wer- den könne, ob nicht auch eine intensive Unterstützung bei einer Ausbildung auf dem 1. Ar- beitsmarkt erfolgversprechend wäre. Aufgrund der Kompl exität der vorliegenden Erkrankungen sei hier die Begleitung durch die Berufsberatung sicher recht anspruchsvoll, zumal es schwierig sein werde, einen geeigneten Ausbildungsweg zu finden , der dann auch vom Versicherten ak- zeptiert werden könne. 4.3 Mit Bericht vom 3. April 2017 nahm Dr. F.____ no chmals Stellung. Sie führte aus, dass die vorliegenden Diagnosen eine deutliche Einschränkung darstellen würden und intensive Un- terstützungsmassnahmen erfordern würden, um den Versichert en in seiner Entwicklung zu be- gleiten und zu fördern. Er sei auf ein strukturierend es und haltgebendes familiäres und schuli- sches Umfeld angewiesen, welches ihm erlaube seine Kompet enzen und Ressourcen optimal zu nutzen. Er habe einen grossen Ehrgeiz gezeigt, die M aturität zu bestehen und hernach zu studieren. Es erscheine somit wichtig, Voraussetzungen zu schaffen, damit der Versicherte bis Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht zur Beendigung der Gymnasialzeit durch die Grosseltern (Pf legeeltern) unterstützt werden kön- ne. 5. Zu Recht unbestritten ist, dass gestützt auf die med izinischen Diagnosen die Voraus- setzungen für eine durch die IV-Stelle unterstützte erst malige berufliche Massnahme gegeben sind. Strittig ist, ob der Beschwerdeführer Anspruch au f Unterstützung in Form der Übernahme der Mehrkosten des D.____ mit dem Ziel eines Maturitätsa bschlusses sowie eines anschlies- senden Studiums hat. 5.1 Die zur Diskussion stehende Eingliederungsmassnahme muss zur Erreichung des Ein- gliederungszieles (Maturität und anschliessendes Studium) geeignet sein. Die Eingliederungs- massnahme muss sich nicht nur objektiv mit Bezug auf die Ma ssnahme selbst, sondern auch subjektiv mit Bezug auf die versicherte Person zur Erreichu ng des angestrebten Eingliede- rungsziels eignen; Eingliederungswirksam kann eine Massnahme nur sein, wenn die betroffene Person – bezogen auf die jeweilige Massnahme – selber w enigstens teilweise objektiv einglie- derungsfähig und subjektiv eingliederungsbereit ist (BUCHER , a.a.O., Rz. 124). Vorliegend ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer ei ngliederungsbereit ist. Fraglich ist, ob der Beschwerdeführer fähig ist, durch die Eingliederu ngsmassnahme das Eingliederungsziel zu erreichen. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, ob e r aus medizinischer Sicht in der Lage ist bzw. sein wird, sein Berufsziel – Hochschulabschluss – zu erreichen. Aus den Ausführungen im Gutachten der E.____-Klinik er gibt sich, dass die Kombination aus Zwängen und autistischer Symptomatik dazu beitrage, dass der Beschwerdeführer sich eher zurückziehe, Versammlungen meide und Mühe habe sich im öff entlichen Raum frei zu bewe- gen. Die Selbständigkeit sei bei A.____ nicht alterse ntsprechend entwickelt, und er benötige sowohl in der Strukturierung des Tagesablaufes wie auch für persönliche und schulische Ange- legenheiten weiterhin deutliche Unterstützung. Die Han dlungsplanung und -umsetzung würden grosse Herausforderungen für ihn darstellen. Auf die Frage, ob eine Ausbildung im geschützten Rahmen notwendig sei, wurde ausgeführt, diese Frage l asse sich nicht abschliessend beant- worten. Der Versicherte zeige ein eine komplexe Symptoma tik mit verschiedenen komorbiden Störungsbildern, welche seine Entwicklung sicherlich verzöge rn würden. Gleichzeitig stelle er einen grossen Ehrgeiz und einen ausgesprochenen Leistu ngswillen unter Beweis, indem er trotz seiner zahlreichen Einschränkungen ausgezeichnete s chulische Leistungen erbringe. Es erscheine zentral ihn weiterhin hinsichtlich seiner Ressou rcen zu unterstützen und die vorhan- denen Kompetenzen mit Blick auf eine spätere Ausbildun g zu stärken, was für seinen Selbst- wert wichtig wäre. Perspektivisch werde es sicherlich davon abhängen, in welchem Ausmass es A.____ gelinge Fortschritte zu machen und sich weiter zu entwickeln. Aufgrund der Erfahrungen mit Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung in ihrer Klinik lasse sich jedoch ableiten, dass eine intensive Begleitung bei der Berufswahl wahrscheinlich notwendig sein werde. Aus diesen medizinischen Ausführungen ergibt sich, dass er hebliche Zweifel bestehen, dass der Beschwerdeführer ein Studium als Berufsziel wird ab schliessen können, insbesondere weil die Selbständigkeit nicht altersentsprechend entwickelt ist und er sowohl in der Strukturierung Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht des Tagesablaufes für persönliche und schulische Angelegen heit wie auch in Handlungspla- nung und -umsetzung eingeschränkt ist bzw. deutliche Un terstützung benötigt. Gerade dies sind jedoch Aspekte, die für die Absolvierung eines Studiums wichtig sind. Die Gutachterin führ- te diesbezüglich aus, der Beschwerdeführer bedürfe noch grosser Fortschritte besonders im Bereich der Selbständigkeit, um das Ziel eines Studium s zu erreichen. Wenn die Gutachterin selbst die Frage, ob eine Ausbildung im geschützten Rahm en notwendig sei, nicht abschlies- send beantworten kann, so erscheint die Absolvierung ei nes Hochschulstudiums durch den Beschwerdeführer als unwahrscheinlich bzw. zumindest als n icht überwiegend wahrscheinlich, weshalb das Berufsziel (Hochschulabschluss) im Zeitpunkt des Verfügungserlasses als nicht realistisch einzustufen war. 5.2 Der Eingliederungsanspruch wird ausserdem durch den G rundsatz der Notwendigkeit auf das Einfache und Zweckmässige beschränkt. Der Beschwerd eführer kann nur die dem je- weiligen Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen beanspruchen, nicht aber die nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vor kehren. Vorliegend hat die IV- Stelle zu Recht darauf hingewiesen, dass es nicht sinnvoll erscheint, sofort auf das höchste Ausbildungsniveau hinzuzielen, da eine stufenweise Annä herung auf einem tieferen Niveau (Lehre) möglich wäre. Im heute zur Verfügung stehend en dualen Bildungssystem kann nach Absolvierung der Berufs- oder Fachmatur sowie allenfalls einer Passarellen-Ergänzungsprüfung ein Hochschulstudium in Angriff genommen werden. Die Absolvierung einer Lehre in einem auf den Beschwerdeführer zugeschnittenen Betrieb und mit d er Betreuung durch einen geeigneten Lehrmeister (heute Berufsbildner) erscheint eher den vo n den Ärzten bzw. Ärztinnen umschrie- benen Einschränkungen bzw. Fähigkeiten des Beschwerdefü hrers zu entsprechen als ein Hochschulstudium. Unter dem Gesichtspunkt der Notwendigkei t der Massnahme, wonach die Mittel der IV auf das Einfache und Zweckmässige zu beschrän ken sind, kann die Finanzierung des D.____ im Hinblick auf ein Studium eben nicht als notwendig bezeichnet werden. 6. Die vom Beschwerdeführer unter Ziff. 3 beantragten Ergänzungsfragen an die E.____- Klinik zielen im Wesentlichen auf seine bisherige Entw icklung am D.____ bzw. die Folgen bei einem Wechsel aus dem D.____. Wie sich aus den vorstehen den Erwägungen ergibt, erschei- nen diese Fragen für das vorliegende Verfahren nicht re levant, weshalb auf weitere Abklärun- gen verzichtet wird. Zusammenfassend ergibt sich, dass nicht mit überwiegender W ahrscheinlichkeit davon ausge- gangen werden kann, dass der Beschwerdeführer ein Hoch schulstudium wird absolvieren kön- nen und ausserdem dem Beschwerdeführer der einfachere u nd zweckmässigere Ausbildungs- weg mittels Lehre und allenfalls späterem Hochschulstudi um offensteht. Somit hat die IV-Stelle einen Anspruch des Beschwerdeführers auf Übernahme der K osten des D.____ im Rahmen der erstmaligen beruflichen Massnahme zu Recht abgelehnt. 7. Der Beschwerdeführer beantragt ausserdem, es seien ihm aufgrund der als Rechts- verzögerung bzw. Rechtsverweigerung zu qualifizierenden Unterlassungen seitens der Be- schwerdegegnerin, die Vertretungskosten insbesondere für das kantonale Verwaltungsverfah- ren zu erstatten seien. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.1 Das erste Gesuch des Beschwerdeführers um Übernahme d er Kosten für den Besuch der Privatschule datiert vom 28. November 2014. Nach Dur chführung des Einwandverfahrens erliess die IV-Stelle ihre ablehnende Verfügung am 17 . August 2015, also rund 9 Monate nach Eingang des Gesuchs. Diese Verfahrensdauer erweist sich als durchaus angemessen. 7.2 Das vorliegend zu beurteilende Gesuch datiert vom 2 8. Oktober 2015. Am 22. Juni 2016 wurde das am 5. Januar 2016 in Auftrag gegebene Gutachten der E.____-Klinik erstattet. Die IV-Stelle nahm weitere interne Abklärungen vor (RAD-Bericht). In der Folge wurde das Ein- wandverfahren durchgeführt und am 7. Februar 2017 di e vorliegend angefochtene Verfügung erlassen. Dieses Verfahren dauerte somit 1 Jahr und 3 Monate. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die IV-Stelle während annähernd 6 Monat en auf das Gutachten warten musste – was im Übrigen nicht unüblich lange ist –, und ausserd em das Vorbescheidverfahren durch- geführt wurde, erweist sich auch dieses Verfahren als nicht übermässig lang. 7.3 Das gesamte Verfahren (1. Gesuch vom 28. November 2 014 - Verfügung vom 7. Feb- ruar 2017) bzw. die beiden Verfahren vermag bzw. vermö gen dem Beschwerdeführer tatsäch- lich lang erscheinen. Es handelt sich dabei aber um zwei f ormell getrennte Verfahren, welche nicht einfach addiert werden können. Von einer Rechtsver zögerung kann unter diesen Umstän- den nicht gesprochen werden, weshalb kein Anlass beste ht, dem Beschwerdeführer die Rechtsvertretungskosten im Verwaltungsverfahren zu erstatten. 8. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz die finanzielle Unterstützung für den Besuch des Beschwerdeführers an der Sekundarstufe II am D.____ bis zur Erlangung der Maturität zu Recht abgelehnt hat. Ausserdem kann vo n einer Rechtsverzögerung durch die IV-Stelle keine Rede sein. Demzufolge ist die vorliegende Beschwerde abzuweisen. 9. Es bleibt über die Kosten zu befinden. 9.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um di e Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von 200-1000 Franken festgelegt. Bei F ällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist und bei denen eine Urteilsberatung ohne vorgängige Parteiverhandlung erfolgt, setzt das Ge richt die Verfahrenskosten in Berück- sichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens seit 1. Juli 2016 einheitlich auf 800 Franken fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist der Beschwerdeführer unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten ihm zu auferlegen sind. 9.2 Die ausserordentlichen Kosten sind dem Prozessausgan g entsprechend wettzuschla- gen (Art. 61 lit. g ATSG). Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- w erden dem Be- schwerdeführer auferlegt und mit dem geleisteten Koste nvorschuss in der Höhe von Fr. 800.-- verrechnet. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht