B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2510/2024 U r t e i l v o m 2 4 . S e p t e m b e r 2 0 2 4 Besetzung Einzelrichterin Esther Marti, mit Zustimmung von Richterin Regina Derrer; Gerichtsschreiberin Carolina Bottini. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch MLaw Yvonne Henzi, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 15. April 2024 / N (…). E-2510/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 24. Dezember 2023 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Eurodac) vom 28. Dezember 2023 ergab, dass er bereits am 9. November 2023 in Bulgarien ein Asylgesuch gestellt hatte. B. Am 28. Dezember 2023 wurde der Beschwerdeführer nach einem Sturz vom Bundesasylzentrum (BAZ) mit der Ambulanz in ein Krankenhaus und anschliessend in die Universitären Psychiatrischen Kliniken B._______ ge- bracht, wo er sich bis am 14. Februar 2024 aufhielt. C. Am 24. Januar 202 4 ersuchte das SEM die bulgarischen Behörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). D. Mit Schreiben vom 26. Januar 2024 stimmten die bulgarischen Behörden der Rückübern ahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO zu. E. Im Rahmen des sogenannten Dublingesprächs (Art. 5 Dublin-III-VO) vom 8. März 2024 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer im Beisein seiner zugewiesenen Rechtsvertretung das rec htliche Gehör zur Zuständigkeit Bulgariens für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens, zu einer Überstellung dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt (vgl. SEM-Akten […] [A] 28). Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentli- chen folgendes geltend: Er sei in Bulgarien aufgrund seiner Homosexualität von Polizisten beleidigt worden und seine Fingerabdrücke seien ihm unter Zwang abgenommen worden. Nachdem er angehört worden sei, habe man ihn in ein offenes Camp gebracht, wo er sich vier Tage lang aufgehalten habe, bevor er wei- tergereist sei. Das Essen im Camp sei ungeniessbar gewesen und die E-2510/2024 Seite 3 hygienischen Bedingungen seien schlecht gewesen; er habe sich mit (…) angesteckt. Obwohl er nach Medikamenten gefragt habe, habe er keine erhalten. Aufgrund der Diskriminierung in Bulgarien habe sich sein psychi- scher Zustand verschlechtert. In der Schweiz sei bei ihm (…) sowie eine (…) diagnostiziert worden, weswegen er täglich den Wirkstoff (…) ein- nehme. F. Mit Eingabe vom 12. März 2024 ersuchte der Beschwerdeführer das SEM unter anderem darum, vom Recht auf Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu machen. G. Mit Verfügung vom 15. April 2024 (am Folgetag eröffnet) trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Wegwei- sung aus der Schweiz in den zuständigen Dublin -Staat Bulgarien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig stellte es fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. H. Am 23. April 2024 erhob der Beschwerdeführer gegen die Verfügung des SEM vom 15. April 2024 Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt, es sei die Verfügung der Vorinstanz vom 15. April 2024 auf- zuheben und diese sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen; eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung, Wahrneh- mung der Begründungspflicht, Einholung aller rechtserheblichen Informa- tionen zum bulgarischen Asylverfahren des Beschwerdeführers bei den bulgarischen Behörden sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen; subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, bei den bul- garischen Behörden eine individuelle und konkrete Garantieerklärung ein- zuholen, aus welcher hervorgehe, dass der Beschwerdeführer im Falle ei- ner Dublin-Überstellung angemessen untergebracht und verpflegt sowie medizinisch und psychiatrisch behandelt werde und einen fairen Zugang zum Asylverfahren erhalte. In prozessualer Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die auf- schiebende Wirkung zu erteilen, die Vollzugsbehörde unverzüglich anzu- weisen, von seiner Über stellung abzusehen und ihm die unentgeltliche E-2510/2024 Seite 4 Prozessführung – unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses – zu gewähren. I. Am 24. April 2024 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin des Bundes- verwaltungsgerichts superprovisorisch die Aussetzung des Wegweisungs- vollzugs an. J. Mit Verfügung vom 7. Mai 2024 räumte die Instruktionsrichterin der Be- schwerde die aufschiebende Wirkung ein, hiess das Gesuch um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung gut und forderte gleichzeitig die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung auf. K. Am 17. Mai 2024 liess sich die Vorinstanz vernehmen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs- gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu- ständig und entscheidet über diese in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde wurde frist - und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) und der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist ein- zutreten. 1.4 Über offensichtlich begründete Beschwerden – wie die vorliegende – wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Der Beschwerdeentscheid ist nur summarisch zu begründen (Art. 111a Abs. 2 AsylG). E-2510/2024 Seite 5 2. Die Kognition und die zulässigen Rügen umfassen die Verletzung von Bun- desrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli- chen Sachverhalts (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Das SEM begründet die angefochtene Verfügung im Wesentlichen da- mit, dass Bulgarien für das Verfahren des Beschwerdeführers bis zu einem allfälligen Wegweisungsvollzug zuständig sei, selbst wenn er aufgrund des dort bereits rechtskräftig abgeschlossenen Asylverfahrens keinen An- spruch mehr auf Unterbringung oder weitergehende staatliche oder nicht- staatliche Unterstützung hätte. Sollte er sich durch die bulgarischen Behör- den ungerecht oder rechtswidrig behandelt fühlen, könne er mit einer Be- schwerde an die zuständige Stelle treten. Homosexualität sei in Bulgarien seit 1968 legal und es sei zudem eine Angleichung an die rechtliche Situa- tion in der Europäischen Union erfolgt. Schliesslich stehe ihm auch der Gang an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) of- fen. Sodann sei die Weiterführung der in der Schweiz begonnenen Be- handlung seiner gesundheitlichen Beschwerden auch in Bulgarien mög- lich, zumal diese nicht aussergewöhnlich sei. Dort hätten Asylsuchende denselben Anspruch auf medizinische Versorgung wie bulgarische Staats- angehörige. Die Kosten für die Krankenversicherung würden durch den Staat gedeckt. Schliesslich gelte sein Onkel nicht als Familienangehöriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO. 3.2 Dagegen wendet der Beschwerdeführer im Wesentlichen ein, die Vo- rinstanz habe weder seine Diagnose noch seine konkreten Bedürfnisse – die kontrollierte, tägliche Medikamenteneinnahme und engmaschige Über- wachung – hinreichend berücksichtigt. In seinem Referenzurteil F - 195/2018 vom 11. Februar 2020 habe das Bundesverwaltungsgericht ver- deutlicht, dass gerade für psychische Erkrankungen die Vermutung, es be- stünden in Bulgarien umfassende Behandlungsmöglichkeiten und entspre- chender Zugang zum Gesundheitssystem, nicht vollständig aufrechterhal- ten werden könne. Bei Vorliegen von Indizien seien eine allfällige Vulnera- bilität, die konkreten Bedürfnisse und angemessene n Behandlungsmög- lichkeiten in Bulgarien abzuklären. Gegebenenfalls seien individuelle und konkrete Garantien einzuholen. Weiter habe es die Vorinstanz versäumt, den Stand des Asylverfahrens in Bulgarien abzuklären, wovon die dortigen Aufnahmebedingungen abhingen; würde sein Verfahren wieder aufgenom- men, müsste er praxisgemäss einige Monate warten, bis er Zugang zum E-2510/2024 Seite 6 Gesundheitssystem, zu Unterbringung und Verpflegung hätte, hingegen wäre ihm bei dessen rechtskräftigen Abschluss der Zugang von vornherein verwehrt, er würde verhaftet und käme in ein Abschiebezentrum. Sowohl in den bulgarischen Aufnahmezentren als auch in den Haftanstalten seien die psychologischen Behandlungsmöglichkeiten rudimentär und die Auf- nahmebedingungen mangelhaft. Dies würde die Symptome des Beschwer- deführers verschlimmern und die mangelhafte Nahrungsversor gung wäre für ihn, bei dem bereits Unterernährung festgestellt worden sei, problema- tisch. Hinzu käme das Fehlen separater Einrichtungen für vulnerable Per- sonen und homophobe Beschimpfungen, die zu einer Retraumatisierung und Verstärkung der Angstzustände des Beschwerdeführers bis hin zu ei- ner lebensbedrohlichen Situation führen könnten. Die suizidalen Tenden- zen des Beschwerdeführers hätten sich bereits in seinem Heimatland und beim Eintritt ins BAZ gezeigt, sodass sie nicht als Reaktion auf den nega- tiven Entscheid zu werten seien. Ferner seien die Ausführungen der Vo- rinstanz zum bulgarischen Asylwesen nicht mehr aktuell. Sodann über- nehme der Onkel in der Schweiz für den noch sehr jungen Beschwerde- führer eine Vaterrolle, wobei dieses Abhängigkeitsverhältnis im Sinne von Art. 8 EMRK nicht näher abgeklärt oder gewürdigt worden sei. Abschlies- send habe das SEM sein Ermessen mit Bezug auf die humanitäre Klausel falsch ausgeübt. 3.3 In seiner Vernehmlassung hält das SEM im Wesentlichen fest, Bulga- rien sei Signatarstaat der Richtlinie 2008/115/EC des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger ( Rückführungsrichtlinie). Seiner Ansicht nach sei deshalb die Einholung zusätzlicher Garantien nicht erforderlich. Gleichwohl habe es am 13. Mai 2023 die bulgarischen Behörden um Zusicherung von Garantien ersucht, indessen noch keine Antwort erhalten. 4. 4.1 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachve rhaltes zu sorgen und die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen. Unrich- tig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde liegt; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entsc heid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und E-2510/2024 Seite 7 Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Die unrich- tige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts stellt einen Beschwerdegrund dar (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein- zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin- gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. 4.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asylsystem und der dortigen Situation asylsuchender Personen auseinandergesetzt. Dabei stellte das Gericht im Asylverfahren und bei den Aufenthaltsbedingungen zahlreiche Unzulänglichkeiten fest. Die erkannten Probleme liessen indes nicht den Schluss zu, es bestünden systemische Mängel, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich brächten und es rechtfertigten, generell auf die Überstellung von Asylsuchenden nach Bul- garien zu verzichten. Korrekte Asylverfahren seien in Bulgarien nicht sys- tembedingt unmöglich (vgl. a.a.O., E. 6.6.7). Indessen sei bei Vorliegen von Indizien, es könnte sich um eine besonders vulnerable Person han- deln, abzuklären, ob tatsächlich eine solche Vulnerabilität bestehe, wel- ches die konkreten Bedürfnisse der Betroffenen seien und vertieft zu prü- fen, ob diesen in Bulgarien – unter Berücksichtigung der konkreten Unter- bringungsmodalitäten – angemessen entsprochen werden könne. Gege- benenfalls seien individuelle und konkrete Garantien von den bulgarischen Behörden einzuholen, um die Zulässigkeit des Wegweisungsvollz ugs si- cherzustellen (vgl. a.a.O., E. 7.4.2). 4.3 Hinsichtlich des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers lässt sich den Akten folgendes entnehmen: 4.3.1 Gemäss Zuweisung zur medizinischen Abklärung vom 24. Dezember 2023 (A33) sei er von seinen Verwandten in das BAZ gebracht worden mit der Bitte, sich um ihn zu kümmern, da er krank sei und sie hierzu nicht mehr in der Lage seien. Er habe verwirrt gewirkt und mehrmals geäussert, Suizid begehen zu wollen, weswegen das BAZ den Notfallpsychiater kon- taktiert habe. Diesem gegenüber habe er angegeben, sich traurig, einsam E-2510/2024 Seite 8 und ohnmächtig zu fühlen. Ausserdem leide er an Depersonalisationserle- ben als Auswirkung von psychischen Traumata, die er als siebenjähriges Kind im Irak erlebt habe. Der Psychiater hielt fest, dass er sich glaubhaft von akut selbstgefährdendem Verhalten distanziere, verordnete (…) und empfahl eine ambulante Gesprächstherapie. Weiter ergibt sich aus dem medizinischen Datenblatt für interne Arztbesu- che vom 28. Dezember 2023 (A33), dass der Beschwerdeführer laut den Pflegepersonen im BAZ ein auffälliges Verhalten gezeigt habe. Der behan- delnde Arzt hielt fest, dass er während der Anamnese geweint, über Ängste und Albträume geklagt sowie angegeben habe, in der Türkei einen mit Al- kohol getränkten Apfel von der Regierung erhalten zu haben. Ihm wurde eine (…) und differentialdiagnostisch (…) beziehungsweise (…) attestiert. Empfohlen wurde eine psychiatrische Beurteilung. Es sei fraglich, ob eine stationäre Behandlung notwendig und ob der Beschwerdeführer urteilsfä- hig sei. Angeordnet wurde die Einnahme von (…) zweimal täglich. Sodann geht aus dem Austrittsbericht des Universitätsspitals B._______ vom 31. Dezember 2023 (A33) hervor, dass der Beschwerdeführer am 28. Dezember 2023 aufgrund eines Treppensturzes mit Nasenkon tusion notfallmässig mittels Sanität aus dem BAZ zugewiesen und hospitalisiert worden sei. Das Personal im BAZ habe seit längerem mehrmals täglich dissoziative Zustände beschrieben. Zudem schlafe der Beschwerdeführer kaum, sei dehydriert und kachektisch (abgemagert). Die Zuweisung erfolge zwecks somatischer Abklärung und stationärer Aufnahme in die Universi- tären Psychiatrischen Kliniken. Gemäss den Ärzten im Universitätsspital sei beim Eintreffen in die Notfallstation eine Anamnese nur eingeschränkt möglich gewesen, zumal der Beschwerdeführer affektinkontinent gewesen sei und ohne klaren Auslöser von Lachen zu Weinen gewechselt habe. Er habe diffus von einem Apfel erzählt und sich über verschwommenes Sehen beklagt. Somatisch wurde ein kachektischer Ernährungszustand festge- stellt. Es sei eine psychiatrische Mitbeurteilung erfolgt, wobei man am ehesten von einer PTBS ausgehe, keine akuten Gefährdungsaspekte ge- sehen habe und den Beschwerdeführer als urteilsfähig einstufe. Zur psy- chiatrischen Weiterbehandlung wurde er in die Krisenintervention der Uni- versitären Psychiatrischen Kliniken B._______ verlegt, wo er vom 28. De- zember 2023 bis zum 14. Februar 2024 hospitalisiert war. Anlässlich der Aufnahme habe er von seiner Homosexualität und diversen Gewalt - und Diskriminierungserfahrungen im Irak berichtet. Unter anderem habe ihn sein Vater mit einem anderen Mann gesehen und ihm eine Pistole an den Kopf gehalten sowie sein Onkel wegen seiner Homosexualität verfolgt . E-2510/2024 Seite 9 Bereits als Jugendlicher habe er Suizidvorhaben gehabt. Im Austrittsbe- richt (A27 bzw. A33) wird zum einen festgehalten, dass ein Verdacht auf eine (…) bestehe, bei intermittierendem Stimmenhören, Verfolgungsgefüh- len, optischen Halluzinationen, Gefühl des Gemachten, Ambivalenz sowie Realitätsverlust. Er habe von häufigem Realitätsverlust berichtet und dis- soziative Symptome geschildert. Im Zeitpunkt des Austritts nehme er (…) morgens sowie (…) abends ein. Trotz sichtlicher Besserung bestehe eine Residualsymptomatik mit bizarren Aussagen, grosser Ambivalenz bei Ent- scheidungen und weiterhin Angst vor Homophobie. Es werde Unterstüt- zung bei sämtlichen, insbesondere sc hwerwiegenden Entscheidungen empfohlen, zumal er durch die Ambivalenz im Moment der Entscheidung oft blockiert sei , sowie die Weiterführung der Medikation für mindestens sechs Monate. Zum anderen bestehe eine (…) und der Beschwerdeführer habe teilweise zitternd und blockiert von Intrusionen und dadurch ausge- lösten Panikattacken berichtet. Einer der Trigger sei Homophobie. Anlässlich des Dublingesprächs vom 8. März 2024 gab der Beschwerde- führer an, sein Gesundheitszustand habe sich infolge der in Bulgarien er- lebten Diskriminierung verschlechtert , und gemäss letzter aktenkundiger Mitteilung einer Pflegeperson im BAZ vom 11. April 2024 (A32) habe der Beschwerdeführer am 4. März 2024 angegeben, sich gut zu fühlen . Er nehme täglich seine Medikamente kontrolliert bei der Pflege im BAZ ein. 4.3.2 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer mit sei- ner (…) und der (…) an Krankheiten von schwererem Gewicht leidet. Ohne eine tägliche Einnahme der entsprechenden Medikamente fü hrt dies scheinbar dazu, dass er grundlegende Bedürfnisse wie die Nahrungsauf- nahme vernachlässigt und in Verwirrtheitszustände gerät, die zumindest langfristig gesehen zu einer Selbstgefährdung führen . Offenbar besteht auch die Notwendigkeit, dass die Medi kamenteneinnahme kontrolliert er- folgt, was ein entsprechendes Setting voraussetzt. Eine Residualsympto- matik besteht aber nach wie vor. Hinzu kommt, dass Diskriminierungen aufgrund seiner Homosexualität gemäss Aussagen des Beschwerdefüh- rers die von ihm erlebten Intrusionen triggerten und die Erlebnisse in Bul- garien zu einer Verschlechterung seines Gesundheitszustands geführt hät- ten. Unter Berücksichtigung des Krankheitsbildes des Beschwerdeführers und seines relativ jungen Alters kommt das Gericht zum Schluss, dass es sich bei ihm um eine besonders vulnerable Person handelt. 4.4 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung respektive auch auf Ver- nehmlassungsstufe nicht nur unberücksichtigt gelassen, dass es sich beim E-2510/2024 Seite 10 Beschwerdeführer um eine besonders vulnerable Person handelt, sondern es hat auch versäumt, den Stand seines Asylverfahrens in Bulgarien und damit einhergehend die Unterbringungsmodalitäten, die ihn bei einer Rück- kehr erwarten würden, näher abzuklären. Die bulgarischen Behörden ha- ben ihre Zustimmung um Rückübernahme auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin- III-VO gestützt, weshalb davon auszugehen ist, dass das Asylverfahren in Bulgarien abgeschlossen ist. Bei einer Rückkehr dorthin stünde ihm damit voraussichtlich nur noch die Möglichkeit offen, ein Revisionsgesuch einzu- reichen, wobei auf solche Gesuche nur in seltenen Fällen eingetreten wird (vgl. Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.6.4). Unklar ist, ob die bulgarischen Behörden den Asylentscheid des Beschwerdeführers bereits als rechts- kräftig eröffnet erachten, wovon die Art der Unterbringung in Bulgarien ab- hängt (a.a.O., E. 6.6.4). Aus diesem Grund kann nicht beurteilt werden, in welchen Strukturen er dort untergebracht würde , und wie sich für ihn die Aufenthaltsbedingungen – namentlich der Zugang zu Hilfeleistungen im Zusammenhang mit seiner (…) sowie (…) beziehungsweise medizinisch- psychiatrischer Behandlung –, die zumindest teilweise als sehr schwierig zu bezeichnen sind (vgl. a.a.O. E. 6.6), gestalten würden. 4.5 Nach dem Gesagten hat das SEM formelles Recht verletzt, indem es unterlassen hat, den Stand des Asylverfahrens des Beschwerdeführers und damit einhergehend die Unterbringungsmodalitäten in Bulgarien abzu- klären. Die Klärung dieser Sachverhaltselemente erweist sich indessen als erforderlich, um beurteilen zu können, ob eine Überstellung des Beschwer- deführers rechtmässig ist . Ein reformatorischer Entscheid (Art. 61 Abs. 1 VwVG) fällt vorliegend ausser Betracht, da es nicht Aufgabe des Gerichts sein kann, solch grundlegende Fragen zum Sachverhalt zu klären, und der Beschwerdeführer ausserdem eine Instanz verlöre, was seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzen würde . Die Beschwerde ist daher gutzu- heissen, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur voll- ständigen Sachverhaltsabklärung sowie zu neuem Entscheid an die Vo- rinstanz zurückzuweisen. Dabei wird das SEM bei den bulgarischen Be- hörden Informationen zum Stand des Asylverfahrens des Beschwerdefüh- rers einzuholen haben und gegebenenfalls gehalten sein, von ihnen eine Zusicherung, wonach der Beschwerdeführer in Bulgarien adäquat unterge- bracht und medizinisch behandelt würde, einzufordern. 5. E-2510/2024 Seite 11 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) E-2510/2024 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung vom 15. April 2024 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur vollständigen Sachverhaltsfeststel- lung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Carolina Bottini Versand: