<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 327</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">327</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>78</b></span> <span class="ft1"><b>Anschlussgebühren; Nichtigkeit einer Gebührenverfügung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Die dem falschen Adressaten eröffnete Anschlussgebührenverfügung ist</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nichtig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus einem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom</span><br/> <span class="ft2">21.</span> <span class="ft2">September 2011, in Sachen B.B. gegen Einwohnergemeinde W.</span><br/> <span class="ft2">(4-BE.2010.47).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">A.1.</span><br/> <span class="ft4">Am 19. März 2007 erteilte der Gemeinderat W. dem Gene-</span><br/> <span class="ft4">ralunternehmer B.B. die Baubewilligung für den Bau eines Doppel-</span><br/> <span class="ft4">einfamilienhauses mit je einer Doppelgarage auf den Parzellen 5877</span><br/> <span class="ft4">und 6104 an der B. Nrn. 31 und 33 in A. (...). Gleichzeitig wurde</span><br/> <span class="ft4">auch das Kanalisations-Gesuch bewilligt (...) und B.B. eine proviso-</span><br/> <span class="ft4">rische Kanalisationsanschlussgebühr von Fr. 31'069.50 (inkl. MWSt)</span><br/> <span class="ft4">auferlegt. Diese wurde auch bezahlt (...).</span><br/> <span class="ft4">A.2.</span><br/> <span class="ft4">Nach Abschluss der Bauarbeiten wurden B.B. durch die Ein-</span><br/> <span class="ft4">wohnergemeinde W. mit Verfügung vom 14. September 2010 (...)</span><br/> <span class="ft4">die definitiven Kanalisationsanschlussgebühren für das Doppelein-</span><br/> <span class="ft4">familienhaus von zusätzlich Fr. 12'239.50 (inkl. MWSt) auferlegt.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">4.</span><br/> <span class="ft4">4.1.</span><br/> <span class="ft4">(...) Gemäss § 35 AR-2008 sind zur Bezahlung der Abgaben</span><br/> <span class="ft4">diejenigen Personen verpflichtet, denen im Zeitpunkt des Eintritts</span><br/> <span class="ft4">der Zahlungspflicht laut Grundbuch das Eigentum zusteht. (...)</span><br/> <br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">SchätzungskommissionnachBaugesetz</span> <span class="page_no">328</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">4.2.</span><br/> <span class="ft4">4.2.1.</span><br/> <span class="ft4">Im Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2010 ging die Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerdeführerin von der Zahlungspflicht des den Bau ausführenden</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführers aus.</span><br/> <span class="ft4">Gemäss § 35 AR-2008 kann der Beschwerdeführer jedoch nur</span><br/> <span class="ft4">dann zahlungspflichtig sein, wenn er im Zeitpunkt des Eintritts der</span><br/> <span class="ft4">Zahlungspflicht laut Grundbuch Eigentümer der Einfamilienhäuser</span><br/> <span class="ft4">auf den Parzellen 5877 und 6104 war. (...)</span><br/> <span class="ft4">4.2.2.</span><br/> <span class="ft4">(...) Die beiden Parzellen 5877 und 6104 waren nie im Eigen-</span><br/> <span class="ft4">tum des Beschwerdeführers. Aus diesem Grund ist er nach den</span><br/> <span class="ft4">massgebenden Bestimmungen des AR-2008 bezüglich der Kanalisa-</span><br/> <span class="ft4">tionsanschlussgebühren nicht zahlungspflichtig. Diese sind den Ei-</span><br/> <span class="ft4">gentümern im Anschlusszeitpunkt aufzuerlegen.</span><br/> <span class="ft4">Dabei ist auch unerheblich, ob sich der Beschwerdeführer durch</span><br/> <span class="ft4">privatrechtliche Verträge verpflichtet hat, die Anschlussgebühren zu</span><br/> <span class="ft4">bezahlen. (...)</span><br/> <span class="ft4">5.</span><br/> <span class="ft4">5.1.</span><br/> <span class="ft4">(...) Da im vorliegenden Fall (...) die Zahlungspflicht erwiese-</span><br/> <span class="ft4">nermassen nie dem Beschwerdeführer oblag, ist im Weiteren zu prü-</span><br/> <span class="ft4">fen, welche Rechtsfolgen dies für die beiden Gebührenverfügungen</span><br/> <span class="ft4">vom 19. März 2007 (provisorische Abwasseranschlussgebühr) und</span><br/> <span class="ft4">vom 14. September 2010 (definitive Abwasseranschlussgebühr) so-</span><br/> <span class="ft4">wie den vorinstanzlichen Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2010</span><br/> <span class="ft4">hat.</span><br/> <span class="ft4">5.2.</span><br/> <span class="ft4">Eine Verfügung ist dann fehlerhaft, wenn sie rechtswidrig ist</span><br/> <span class="ft4">oder in Bezug auf ihr Zustandekommen, das heisst die Zuständigkeit</span><br/> <span class="ft4">und das Verfahren bei ihrer Entstehung, oder in Bezug auf ihre</span><br/> <span class="ft4">Form Rechtsnormen verletzt (Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines</span><br/> <span class="ft4">Verwaltungsrecht, 6. Auflage, Zürich 2010, N 947 ff.). Die mögli-</span><br/> <span class="ft4">chen Rechtsfolgen der Fehlerhaftigkeit einer Verfügung sind die</span><br/> <span class="ft4">Anfechtbarkeit oder die Nichtigkeit derselben. In der Regel ist eine</span><br/> <span class="ft4">Verfügung lediglich anfechtbar, was bedeutet, dass sie grundsätzlich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">329</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">wirksam ist, jedoch innert einer bestimmten Frist von der betroffenen</span><br/> <span class="ft4">Person angefochten und auf die Anfechtung hin von der zuständigen</span><br/> <span class="ft4">Behörde aufgehoben oder geändert werden kann. Im Gegensatz dazu</span><br/> <span class="ft4">hat die Nichtigkeit zur Folge, dass die Verfügung von Anfang an</span><br/> <span class="ft4">nicht wirksam ist. Nichtigkeit kann jederzeit geltend gemacht wer-</span><br/> <span class="ft4">den, bildet jedoch die Ausnahme (SKE EB.2002.50031 vom 28. Jan-</span><br/> <span class="ft4">uar 2003 in Sachen Baukonsortium B. gegen Einwohnergemeinde S.;</span><br/> <span class="ft4">Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., N 949 ff.).</span><br/> <span class="ft4">5.3.</span><br/> <span class="ft4">Nichtigkeit bedeutet absolute Unwirksamkeit einer Verfügung.</span><br/> <span class="ft4">Eine nichtige Verfügung entfaltet keinerlei Rechtswirkungen. Sie ist</span><br/> <span class="ft4">vom Erlass an und ohne amtliche Aufhebung rechtlich unverbindlich.</span><br/> <span class="ft4">Die Nichtigkeit ist von Amtes wegen zu beachten und kann von</span><br/> <span class="ft4">jedermann jederzeit geltend gemacht werden. Eine Verfügung ist</span><br/> <span class="ft4">nichtig, wenn folgende drei Voraussetzungen kumulativ erfüllt sind</span><br/> <span class="ft4">(vgl. BGE 132 II 21; Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., N 955 ff.):</span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4">Die Verfügung muss einen besonders schweren Mangel</span><br/> <span class="ft4">aufweisen.</span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4">Der Mangel muss offensichtlich oder zumindest leicht</span><br/> <span class="ft4">erkennbar sein.</span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4">Die Nichtigkeit darf die Rechtssicherheit nicht gefähr-</span><br/> <span class="ft4">den.</span><br/> <span class="ft4">Zudem ist eine Abwägung zwischen dem Interesse an der Rechts-</span><br/> <span class="ft4">sicherheit und dem Interesse an der richtigen Rechtsanwendung er-</span><br/> <span class="ft4">forderlich.</span><br/> <span class="ft4">5.4.</span><br/> <span class="ft4">Als Nichtigkeitsgründe fallen hauptsächlich funktionelle und</span><br/> <span class="ft4">sachliche Unzuständigkeiten einer Behörde sowie schwer wiegende</span><br/> <span class="ft4">Verfahrensfehler in Betracht. Zudem können auch schwer wiegende</span><br/> <span class="ft4">Form- oder Eröffnungsfehler Nichtigkeit zur Folge haben (vgl. Urteil</span><br/> <span class="ft4">des Bundesgerichts 1C_280/2010 vom 16. September 2010, mit Hin-</span><br/> <span class="ft4">weisen). Nach Rechtsprechung des Bundesgerichts sind die Voraus-</span><br/> <span class="ft4">setzungen für die Nichtigkeit gegeben, wenn beispielsweise über-</span><br/> <span class="ft4">haupt keine Eröffnung an irgendeine der betroffenen Parteien ergan-</span><br/> <span class="ft4">gen ist (BGE 129 I 361, 364; BGE 122 I 97 ff.) oder wenn eine</span><br/> <span class="ft4">Verfügung einer Person zugestellt wird, die nicht befugt ist, diese in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">SchätzungskommissionnachBaugesetz</span> <span class="page_no">330</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Empfang zu nehmen (BGE 110 V 145, 151 f.). Ein solcher Mangel</span><br/> <span class="ft4">kann grundsätzlich nur durch nachträglich korrekte Eröffnung geheilt</span><br/> <span class="ft4">werden.</span><br/> <span class="ft4">5.5.</span><br/> <span class="ft4">Gemäss Protokollauszug des Gemeinderats W. vom 19. März</span><br/> <span class="ft4">2007 war der Beschwerdeführer der einzige Adressat, dem nebst der</span><br/> <span class="ft4">Baubewilligung unter anderem auch die Kanalisationsbewilligung</span><br/> <span class="ft4">mit den provisorischen Abwasseranschlussgebühren eröffnet wurde.</span><br/> <span class="ft4">Entsprechend war auch die Rechnung an den Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft4">adressiert. Mit Verfügung vom 14. September 2010 wurden dann die</span><br/> <span class="ft4">definitiven Abwasseranschlussgebühren eröffnet. Darin war der Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerdeführer als Bauherr aufgeführt. In der Folge wurde auch die</span><br/> <span class="ft4">Rechnung bezüglich der definitiven Kanalisationsanschlussgebühren</span><br/> <span class="ft4">an den Beschwerdeführer adressiert. Im Einspracheentscheid vom</span><br/> <span class="ft4">25. Oktober 2010 hielt der Gemeinderat W. denn auch fest, dass die</span><br/> <span class="ft4">Kanalisationsanschlussgebühr gemäss Art. 13 KR-1973 auf Grund</span><br/> <span class="ft4">des Gebäudeversicherungswerts berechnet und dem Bauherrn in</span><br/> <span class="ft4">Rechnung gestellt worden sei. Folglich ging der Gemeinderat zu</span><br/> <span class="ft4">Unrecht (...) davon aus, dass der Beschwerdeführer als Bauherr</span><br/> <span class="ft4">zahlungspflichtig ist, weshalb er die Abwasseranschlussgebühr die-</span><br/> <span class="ft4">sem eröffnete.</span><br/> <span class="ft4">Im Weiteren gehen aus den beiden Verfügungen betreffend die</span><br/> <span class="ft4">provisorische und die definitive Abwasseranschlussgebühr keine</span><br/> <span class="ft4">Hinweise hervor, dass die Gemeinde diese aufgrund entsprechender</span><br/> <span class="ft4">Mitteilung der Grundeigentümer dem Beschwerdeführer als deren</span><br/> <span class="ft4">Vertreter zugesandt hat. Insbesondere ist darauf hinzuweisen, dass</span><br/> <span class="ft4">der "Wunsch" eines Vertreters ohne Genehmigung des Vertretenen</span><br/> <span class="ft4">ebenso wenig ein Vertretungsverhältnis begründen kann (vgl.</span><br/> <span class="ft4">Art. 39 f. OR, wie die aufgrund eines privatrechtlichen Vertragsver-</span><br/> <span class="ft4">hältnisses erfolgte Bezahlung einer Rechnung durch einen dazu nicht</span><br/> <span class="ft4">vom Gesetz Verpflichteten. Somit kann nicht allein aus dem Um-</span><br/> <span class="ft4">stand, dass der Beschwerdeführer offenbar die provisorische An-</span><br/> <span class="ft4">schlussgebühr bezahlt hat, geschlossen werden, dass er die gemäss</span><br/> <span class="ft4">AR-2008 Zahlungspflichtigen vertritt. Sowohl die Verfügung be-</span><br/> <span class="ft4">treffend die provisorische Abwasseranschlussgebühr als auch die</span><br/> <span class="ft4">Verfügung betreffend die definitive Anschlussgebühr wurden einer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">331</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">falschen Person eröffnet und sind daher als nichtig zu qualifizieren</span><br/> <span class="ft4">(SKE EB.2002.50031 vom 28. Januar 2003 in Sachen Baukonsor-</span><br/> <span class="ft4">tium B. gegen Einwohnergemeinde S.). Die beiden Verfügungen</span><br/> <span class="ft4">haben somit zu keinem Zeitpunkt Rechtswirkung entfaltet, weshalb</span><br/> <span class="ft4">auch der Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2010 als nichtig zu</span><br/> <span class="ft4">erklären ist.</span><br/> <span class="ft4">5.6.</span><br/> <span class="ft4">Vorliegend hat der Beschwerdeführer die ihm auferlegten provi-</span><br/> <span class="ft4">sorischen Abwasseranschlussgebühren bezahlt, obwohl er gemäss</span><br/> <span class="ft4">Reglement nicht zahlungspflichtig war (...). Insofern trifft die Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerdegegnerin bezüglich dieser Gebühren grundsätzlich eine</span><br/> <span class="ft4">Rückzahlungspflicht.</span><br/> <span class="ft4">Im Weiteren ist es allein Sache der Beschwerdegegnerin, die</span><br/> <span class="ft4">nach den anwendbaren Bestimmungen zahlungspflichtigen Personen,</span><br/> <span class="ft4">also die Eigentümer im Zeitpunkt des Anschlusses an das kommu-</span><br/> <span class="ft4">nale Abwassernetz, festzustellen und ihnen die Abwasseranschluss-</span><br/> <span class="ft4">gebühren mittels entsprechender Verfügung neu zu eröffnen. Im</span><br/> <span class="ft4">Rahmen einer solchen Verfügung besteht dann wiederum die Mög-</span><br/> <span class="ft4">lichkeit, gegen diese Rechtsmittel zu ergreifen, weshalb ein Beizug</span><br/> <span class="ft4">der zahlungspflichtigen Personen im vorliegenden Verfahren nicht</span><br/> <span class="ft4">erforderlich war.</span><br/></div> </div> </body> </html>