<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">339</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>71</b></span> <span class="ft2"><b>Ausschaffungshaft; Haftentlassung; Verhältnismässigkeit der Haft.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Ein Haftentlassungsgesuch ist auch vor Ablauf von 30 Tagen nach Bestä-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tigung an die Hand zu nehmen, wenn die Voraussetzungen für die Haft</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nicht mehr gegeben sind (E. I.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die angeordnete Ausschaffungshaft ist nicht mehr verhältnismässig, wenn</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der Betroffene inzwischen einen Flug gebucht hat und mit den vorhande-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nen Reisepapieren selbständig ins Heimatland zurückkehren kann. Unter</b></span><br/> <span class="ft2"><b>diesen Umständen stellt die Haft nur bis zum Zeitpunkt des selbst ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>buchten Rückfluges das letzte mögliche Mittel zur Durchsetzung der Aus-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schaffung dar (E. II./7.1.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Dass eine selbständige Ausreise aufgrund der bestehenden Abläufe nicht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kontrolliert werden kann, steht einer Haftentlassung nicht entgegen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(E. II./7.2.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">5. November 2010 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen B.M.</span><br/> <span class="ft3">betreffend Haftentlassung (1-HA.2010.126).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">I. Die inhaftierte Person kann einen Monat nach Haftüberprü-</span><br/> <span class="ft1">fung ein Haftentlassungsgesuch einreichen, über welches das angeru-</span><br/> <span class="ft1">fene Gericht innert acht Arbeitstagen aufgrund einer mündlichen</span><br/> <span class="ft1">Verhandlung zu entscheiden hat (Art. 80 Abs. 5 des Bundesgesetzes</span><br/> <span class="ft1">über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG] vom 16. Dezember</span><br/> <span class="ft1">2005; § 6 des Einführungsgesetzes zum Ausländerrecht [EGAR] vom</span><br/> <span class="ft1">25. November 2008).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">340</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Sinn und Zweck dieser "Sperrfrist" ist es, zu verhindern, dass</span><br/> <span class="ft1">der Haftrichter jederzeit erneut angerufen werden kann (Thomas</span><br/> <span class="ft1">Hugi Yar, Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht, in: Uebersax et</span><br/> <span class="ft1">al., Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, N. 10.30). Dies bedeutet jedoch</span><br/> <span class="ft1">nicht, dass eine Überprüfung der Haft vor Ablauf der Sperrfrist aus-</span><br/> <span class="ft1">geschlossen wäre (BGE 2C_856/2008 vom 28. Januar 2009, E. 2.1).</span><br/> <span class="ft1">Vielmehr ist sie geradezu geboten, wenn offensichtlich ist, dass die</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzungen für die Haft nicht mehr gegeben sind oder sein wer-</span><br/> <span class="ft1">den und das Migrationsamt die Haft nicht beendet hat oder klar zu</span><br/> <span class="ft1">erkennen gibt, dass es nicht bereit ist, die Haft zu beenden.</span><br/> <span class="ft1">Eine erneute Haftüberprüfung vor Ablauf der "Sperrfrist" drängt</span><br/> <span class="ft1">sich zudem immer dann auf, wenn bereits im zuletzt ergangenen</span><br/> <span class="ft1">Haftüberprüfungsentscheid die Möglichkeit eingeräumt wurde, unter</span><br/> <span class="ft1">bestimmten Voraussetzungen jederzeit ein Haftentlassungsgesuch</span><br/> <span class="ft1">einzureichen.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall hat das Rekursgericht in Erwägung II/7</span><br/> <span class="ft1">des vorangegangenen Haftüberprüfungsentscheids festgehalten, dass</span><br/> <span class="ft1">jederzeit ein Haftentlassungsgesuch eingereicht werden kann, wenn</span><br/> <span class="ft1">das Migrationsamt trotz Vorliegens einer selbständigen Flugbuchung</span><br/> <span class="ft1">keine Möglichkeit zur sofortigen Ausreise bietet.</span><br/> <span class="ft1">Der Gesuchsteller hat auf den 6. November 2010 einen Flug</span><br/> <span class="ft1">von Zürich nach Pristina gebucht und das Migrationsamt über seinen</span><br/> <span class="ft1">Rechtsvertreter mit Fax an das Migrationsamt vom 4. November</span><br/> <span class="ft1">2010 um eine schriftliche Bestätigung ersucht, dass er den Rückflug</span><br/> <span class="ft1">antreten kann. Damit liegt ein Gesuch um Entlassung aus der Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffungshaft spätestens auf den Zeitpunkt des Rückfluges nach</span><br/> <span class="ft1">Pristina vor.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem das Migrationsamt mit Fax vom 5. November 2010</span><br/> <span class="ft1">an der Ausschaffungshaft festhielt und keine Hand für eine Ausreise</span><br/> <span class="ft1">mit dem selbst gebuchten Flug bot, sind die Voraussetzungen für eine</span><br/> <span class="ft1">Haftüberprüfung vor Ablauf der "Sperrfrist" von Art. 80 Abs. 5 AuG</span><br/> <span class="ft1">erfüllt. Die Zuständigkeit des Rekursgerichts ist gegeben und auf das</span><br/> <span class="ft1">Haftentlassungsgesuch ist einzutreten.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">7.1. Mit Urteil vom 3. November 2010 wurde noch festgehal-</span><br/> <span class="ft1">ten, eine mildere Massnahme zur Sicherstellung des Vollzugs der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">341</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Wegweisung sei im Moment nicht ersichtlich. Dies trifft heute nicht</span><br/> <span class="ft1">mehr zu. Der Gesuchsteller hat in der Zwischenzeit auf den</span><br/> <span class="ft1">6. November 2010 ein Flugticket von Zürich nach Pristina (Check-in</span><br/> <span class="ft1">04.30 Uhr, Abflug 06.30 Uhr) erworben. Er kann diesen Rückflug</span><br/> <span class="ft1">gemäss Bestätigung des Migrationsamtes mit der vorhandenen Iden-</span><br/> <span class="ft1">titätskarte antreten. Unter diesen Umständen erweist sich die Haft</span><br/> <span class="ft1">aus heutiger Sicht und mit Blick auf den Vollzug der Wegweisung als</span><br/> <span class="ft1">längstens bis zum Zeitpunkt des Rückfluges notwendig. Nur wenn</span><br/> <span class="ft1">der Gesuchsteller nicht ausreist - z.B. weil er den Rückflug verwei-</span><br/> <span class="ft1">gert oder weil dieser aus technischen Gründen nicht durchgeführt</span><br/> <span class="ft1">werden kann - ist eine Fortsetzung der Haft gerechtfertigt.</span><br/> <span class="ft1">Dies bedeutet freilich nicht, dass der Gesuchsteller unverzüg-</span><br/> <span class="ft1">lich aus der Haft entlassen werden muss. Bei Zusicherung des Migra-</span><br/> <span class="ft1">tionsamts, den Gesuchsteller an den Flughafen zu bringen, damit</span><br/> <span class="ft1">dieser den durch ihn selbst gebuchten Flug nach Pristina antreten</span><br/> <span class="ft1">kann, wäre es angezeigt, das Haftentlassungsgesuch im Moment</span><br/> <span class="ft1">abzulehnen und den Gesuchsteller in Haft zu belassen. So wäre</span><br/> <span class="ft1">sichergestellt, dass das Migrationsamt die effektive Ausreise kontrol-</span><br/> <span class="ft1">lieren kann. Sollte die Rückreise des Gesuchstellers scheitern, könnte</span><br/> <span class="ft1">er in Ausschaffungshaft behalten werden. Eine Haftentlassung hätte</span><br/> <span class="ft1">in diesem Fall nur dann zu erfolgen, wenn die Rückreise aus Grün-</span><br/> <span class="ft1">den scheitern würde, die das Migrationsamt oder die Grenzpolizei zu</span><br/> <span class="ft1">vertreten haben (z.B. nicht rechtzeitige Zuführung oder Hinderung an</span><br/> <span class="ft1">der Ausreise).</span><br/> <span class="ft1">7.2. Auf Befragung gab das Migrationsamt anlässlich der Ver-</span><br/> <span class="ft1">handlung zu Protokoll, man sei nicht bereit, den Gesuchsteller am</span><br/> <span class="ft1">6. November 2010 zum Flughafen zu bringen. Trotzdem sei das</span><br/> <span class="ft1">Haftentlassungsgesuch abzulehnen, da man die Ausreise des Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchstellers überwachen wolle. Dies sei nur möglich, wenn der Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsteller mit einem durch swissREPAT gebuchten Flug nach</span><br/> <span class="ft1">Pristina fliege und die Ausschaffung bei den Behörden des Zielstaa-</span><br/> <span class="ft1">tes und der Fluggesellschaft angemeldet werde.</span><br/> <span class="ft1">Dem kann nicht gefolgt werden. Das Migrationsamt verkennt,</span><br/> <span class="ft1">dass es vorliegend nicht um eine Ausschaffung durch die Migrations-</span><br/> <span class="ft1">behörden, sondern um eine selbständige Rückkehr geht. Der Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsteller wird mit eigener Identitätskarte und selbst gebuchtem</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">342</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Flugticket in den Heimatstaat ausreisen. Dies im Gegensatz zu einer</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffung, bei der der Rückflug via swissREPAT gebucht wird</span><br/> <span class="ft1">und allenfalls sogar ein Ersatzreisedokument beschafft werden muss.</span><br/> <span class="ft1">Dass eine selbst organisierte Rückkehr mit eigenem Flugticket und</span><br/> <span class="ft1">eigener Identitätskarte angemeldet werden müsste, ist weder ersicht-</span><br/> <span class="ft1">lich noch wurde solches anlässlich der heutigen Verhandlung darge-</span><br/> <span class="ft1">tan. Daran ändert auch nichts, dass sich der Gesuchsteller im Mo-</span><br/> <span class="ft1">ment noch in Ausschaffungshaft befindet.</span><br/> <span class="ft1">Ebenso wenig überzeugt das Vorbringen des Migrationsamtes,</span><br/> <span class="ft1">man könne die Ausreise nicht kontrollieren. Abgesehen davon, dass</span><br/> <span class="ft1">die Ausschaffungshaft nicht primär dazu dient, den Wegweisungs-</span><br/> <span class="ft1">vollzug zu kontrollieren, sondern die Ausreise sicherzustellen, ist</span><br/> <span class="ft1">Folgendes anzumerken: Will das Migrationsamt in Fällen wie dem</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden die Ausreise überwachen und den Gesuchsteller bei</span><br/> <span class="ft1">Nichtausreise wieder inhaftieren, steht es dem Migrationsamt frei,</span><br/> <span class="ft1">den Gesuchsteller an den Flughafen zu bringen und ihn dort der</span><br/> <span class="ft1">Flughafenpolizei zu übergeben. Diese kann den Gesuchsteller beim</span><br/> <span class="ft1">Check-in begleiten und ihn zum Gate führen. Weigert sich der Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsteller, das Flugzeug zu besteigen, kann er durch die Flughafen-</span><br/> <span class="ft1">polizei festgenommen und dem Migrationsamt wieder zugeführt</span><br/> <span class="ft1">werden. Es mag sein, dass es - wie vorgebracht - bei der Zusammen-</span><br/> <span class="ft1">arbeit mit der Flughafenpolizei Probleme gibt, wenn diese nur für die</span><br/> <span class="ft1">Überwachung von Ausschaffungen, die via swissREPAT gebucht</span><br/> <span class="ft1">wurden, Hand bietet. Zumindest sollte es jedoch möglich sein, Be-</span><br/> <span class="ft1">troffene bis zum Transitbereich des Flughafens zu begleiten. Verwei-</span><br/> <span class="ft1">gert ein Betroffener in der Folge die Abreise, könnte er spätestens</span><br/> <span class="ft1">beim Versuch der Wiedereinreise erneut festgenommen werden.</span><br/> <span class="ft1">Sollte die Flughafenpolizei die Überwachung der Ausreise eines Be-</span><br/> <span class="ft1">troffenen mit eigenem Ticket und eigenem Reisepapier tatsächlich</span><br/> <span class="ft1">verweigern, wäre es angezeigt, dies mit den involvierten Behörden -</span><br/> <span class="ft1">allenfalls unter Beizug des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepar-</span><br/> <span class="ft1">tements, welches für die Vollzugsunterstützung zuständig ist (Art. 71</span><br/> <span class="ft1">AuG) - zu klären. Immerhin dürfte auch seitens des Bundes ein Inte-</span><br/> <span class="ft1">resse daran bestehen, Rückflüge wenn möglich nicht durch den Staat</span><br/> <span class="ft1">finanzieren zu müssen und die Haftkosten gering zu halten.</span><br/></div> </div> </body> </html>