Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 14. Dezember 2017 (720 17 199 / 331) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente: Würdigung der medizinischen Unterlagen Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsri chterin Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Markus Mattle, Gerichtsschreiber Markus Schä- fer Parteien A.____, Beschwerdeführerin, vertreten durc h Daniel Tschopp, Advo- kat, Greifengasse 1, Postfach 1644, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1971 geborene, zuletzt als Apparateführerin bei der B.____ AG tätig gewesene A.____ meldete sich am 2. Mai 2013 unter Hinweis au f Rückenschmerzen und eine „Reaktion auf Öl“ bei der Eidgenössischen Invalidenversicheru ng (IV) zum Bezug von Leistungen an. Die IV-Stelle Basel-Landschaft klärte in der Folge die gesundheitlichen und die erwerblichen Ver- hältnisse der Versicherten ab, wobei sie einen Inva liditätsgrad von 44 % ermittelte. Gestützt auf dieses Ergebnis stellte sie A.____ mit Vorbescheid vom 22. Dezember 2014 eine Viertelsrente in Aussicht. Nachdem die Versicherte im Einwandverf ahren geltend gemacht hatte, dass ihre Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Arbeitsfähigkeit stärker beeinträchtigt sei, als im Vor bescheid angenommen, liess die IV-Stelle weitere medizinische Abklärungen vornehmen. Gestützt auf deren Ergebnisse ermittelte sie nunmehr noch einen Invaliditätsgrad von 31 %. Die IV-Stelle lehnte deshalb nach Durchführung eines neuen Vorbescheidverfahrens mit Verfügung vom 29. Mai 2017 einen Anspruch von A.____ auf eine Rente ab. B. Gegen diese Verfügung erhob Advokat Daniel Tschopp n amens und im Auftrag von A.____ am 20. Juni 2017 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte er, es sei die ange fochtene Verfügung aufzuheben und es sei der Beschwerdeführerin ab Januar 2014 eine Dreiviertelsrente auszurichten. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es seien wei tere Abklärungen vorzunehmen. Da- nach sei neu über die Ansprüche der Beschwerdeführerin zu entscheiden; unter o/e- Kostenfolge, wobei der Beschwerdeführerin die unentge ltliche Prozessführung und die unent- geltliche Verbeiständung mit ihm als Rechtsvertreter zu bewilligen seien. Am 20. Juli 2017 zog A.____ ihr Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung und der unentgeltlichen Verbeiständung zurück. C. Die IV-Stelle beantragte in ihrer Vernehmlassung vo m 21. Juli 2017 die Abweisung der Beschwerde. D. Da die Versicherte der Suva am 24. April 2013 eine Berufskrankheit hatte melden las- sen, zog das Kantonsgericht am 14. August 2017 zur Vervol lständigung der medizinischen Ak- tenlage bei der Suva das entsprechende Dossier der Versicherten bei. E. In ihrer Replik vom 5. Oktober 2017 nahm die Beschwe rdeführerin dahingehend eine Änderung ihrer Rechtsbegehren vor, als sie neu beantragt e, es sei ihr ab Januar 2014 eine ganze Rente auszurichten. Die IV-Stelle wiederum hielt mit Duplik vom 6. November 2017 an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest. F. Mit einer undatierten Eingabe (Posteingang: 1. De zember 2017) reichte A.____ dem Kantonsgericht die Arbeitszeugnisse ihrer letzten Arbeitg eber ein. Zudem liess sie am 11. Dezember 2017 einen Bericht ihres Hausarztes Dr. m ed. C.____, Allgemeine Innere Medi- zin FMH, vom 4. Dezember 2017 zu den Akten geben. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes üb er die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. L aut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die - im Übrigen frist- und formgerecht erhobene - Beschwerde der Versicherten vom 20. Juni 2017 ist demnach einzutreten. 2.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 2.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in ei nem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti- ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 2.3 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltend en psychischen Leiden belastenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen ke in Krankheitswert zukommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat vorau s, das die Arbeits- und Erwerbsfähig- keit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der weiteren Frage zentrale Bedeutung zu, ob u nd inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig er- wartet werden kann, zu arbeiten und einem Erwerb nach zugehen (BGE 127 V 294 E. 5a mit Hinweisen). Zur Annahme einer durch eine psychische Gesund heitsbeeinträchtigung verur- sachten Erwerbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehme n ist, die Verwertung der Arbeitsfä- higkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder - als alternative Voraussetzung - sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; vgl. auch BGE 127 V 294 E. 4c). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.4 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Gr ad der Invalidität wie folgt abge- stuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 3. Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrades bildet die Frage, in welchem Ausmass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheit lichen Beeinträchtigungen arbeitsun- fähig ist. 3.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und bei der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 3.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung ( vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widerspreche nden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 4.1 Die IV-Stelle gab zur Abklärung des medizinischen Sa chverhalts bei der Academy of Swiss Insurance Medicine (asim) eine interdisziplinäre Begutachtung der Versicherten mit fach- ärztlichen Untersuchungen in den Bereichen Innere Medizi n, Psychiatrie und Rheumatologie in Auftrag. In ihrem Gutachten, welches sie am 2. Dezember 2014 erstatteten, erhoben die betei- ligten Fachärzte als Diagnosen mit Einfluss auf die Arbei tsfähigkeit ein chronisches lumbover- tebrales Schmerzsyndrom mit möglicher intermittierender Wurzelreizsymptomatik L5 und/oder S1 links und eine beginnende mediale und femoropatell äre Gonarthrose, konventionell-radiolo- gisch nicht progredient, beidseits. Als Diagnosen ohne Ein fluss auf die Arbeitsfähigkeit wurden (1) eine Anpassungsstörung mit leichten depressiven Symptom en bei Arbeitslosigkeit und Schmerzen mit verlängerter Krankheitsdauer, (2) ein dys funktionaler Umgang mit Schmerzen, Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht bzw. als Differenzialdiagnose eine chronische Schmerzstöru ng mit somatischen und psychi- schen Faktoren, (3) rezidivierende cervikovertebrale Schme rzen und muskuläre Verspannun- gen im dorsalen Schultergürtel beidseits und nuchal, (4) eine Adipositas und (5) ein Status nach leichten CRP-Erhöhungen 2012 und 2013 unklarer Ätiolo gie, zurzeit normalisiert, festgehalten. In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit gelangten die asim- Gutachter zur Auffassung, dass die Versi- cherte für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Produkti onsmitarbeiterin, die körperlich überwie- gend mittelschwer gewesen sei, aus muskuloskelettärer Si cht nicht mehr arbeitsfähig sei. In einer körperlich leichten Verweistätigkeit sei die Expl orandin gesamtmedizinisch zu 80 % ar- beitsfähig. Die Einschränkung ergebe sich aus dem erhöhten Pausenbedarf. 4.2 Aufgrund der von der Versicherten im ersten Vorbe scheidverfahren erhobenen Einwän- de entschloss sich die IV-Stelle, bei den Dres. med. D.__ __, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, und E.____, Rheumatologie FMH, Innere Medizin FMH und Manuelle Medizin SAMM, ein zusätzliches bidisziplinäres (psychiatrisches/rheumatologisches) Gutachten einzuholen. Im psy- chiatrischen (Teil-) Gutachten vom 31. März 2016 erhob D r. D.____ bei der Explorandin als Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit rezi divierende depressive Episoden, zur- zeit leichten Grades (ICD-10 F33.0), und eine anhalten de somatoforme Schmerzstörung (ICD- 10 F45.4). In seiner Beurteilung wies der Gutachter darauf hin, dass bei der Versicherten im Dezember 2014 eine Anpassungsstörung vom depressiven Typ, im Juni 2015 dann eine mittel- gradige bis schwere depressive Episode und im November 20 15 eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert worden sei. Aktuell, d.h. im Zeit punkt seiner Beurteilung, sei noch von einer leichten depressiven Episode auszugehen. Es zeige sich somit eine Degression bezüglich der Depressivität. Die anhaltende somatoforme Schmerzstör ung wiederum sei während dieses Verlaufs in ihrer Auswirkung in etwa gleich geblieben. Zwischen den beiden Symptomenkom- plexen würde jedoch eine negative Wechselwirkung bestehen. In Berücksichtigung der zumut- baren Willensanstrengung, der funktionellen Beeinträch tigungen, der Befunde, der Aktenlage und des Verlaufs sei aus rein psychiatrischer Sicht davon au szugehen, dass die Versicherte im Begutachtungszeitpunkt in einer körperlich angepassten Tä tigkeit zu 20 % in der Arbeits- und Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sei. Sie benötige me hr Pausen und habe eine verlängerte Er- holungszeit. Für das Jahr 2015 müsse gemittelt wahrscheinlich von einer 50 %-igen Beeinträch- tigung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit ausgegange n werden. Im rheumatologischen (Teil-) Gutachten vom 11. April 2016 diagnostizierte Dr. E.____ bei der Explorandin als Leiden mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (1) eine Fibromyalg ie, (2) ein lumbospondylogenes Syndrom beidseits, (3) eine beginnende mediale und femoropat elläre Gonarthrose beidseits und (4) eine unklare Beschwerdesymptomatik mit okulärem Juckreiz, einer Rö tung des Decolletés, einem Globusgefühl und einem thorakalen Engegefühl in zeitli chem Zusammenhang mit der Beschäf- tigung in einem Betrieb zur Abfüllung von Speiseölen sowie nach Kontakt mit Ölen in der eige- nen Küche. Aus rheumatologischer Sicht bestehe für eine körperlich leichte Tätigkeit in Wech- selbelastung eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit bezogen a uf ein Ganztagespensum. Im Rahmen der Konsensbesprechung gelangten die Dres. D.____ und E .____ sodann zum Ergebnis, dass hinsichtlich der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit der Ve rsicherten die psychiatrische Beurtei- lung massgebend sei, dies unter Berücksichtigung der sich au s den somatischen Beeinträchti- gungen ergebenden Limiten. Zusammengefasst bestehe som it aus interdisziplinärer Sicht eine Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Arbeitsfähigkeit von 80 % in einer adaptierten, lei chten Verweistätigkeit bezogen auf ein Ganz- tagespensum. 4.3 In seinen Beurteilungen vom 11. Juni 2016 und 2. September 2016 nahm Dr. med. F.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) beider Basel, zu den Ergebnissen der Gutachten der Dres. D.____ und E. ____ Stellung. Dabei gelangte er zur Auffassung, dass sich bei der Versicherten eine Einschrä nkung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht nicht bestätigen lasse, da hierfür mass gebliche psychopathologische Be- funde fehlen würden. Im Ergebnis sei deshalb von eine r 100 %-igen Arbeitsfähigkeit der Versi- cherten in einer den somatischen Beeinträchtigungen ang epassten leichten Tätigkeit auszuge- hen. 5.1 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Verf ügung vom 29. Mai 2017 bei der Beurteilung des Gesundheitszustandes der Versicherten auf die Ergebnisse, zu denen die Dres. D.____ und E.____ in ihrem Gutachten vom 31. März/11. April 2016 gelangt sind. Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit folgte sie jedoch nicht der Einschätzung der Gutachter, sondern sie übernahm stattdessen die Beurteilung des RAD-Arztes D r. F.____ vom 11. Juni/2. Septem- ber 2016. Sie stellte sich demnach auf den Standpunkt, dass der Beschwerdeführerin die Aus- übung einer den somatischen Beeinträchtigungen angepasste n leichten Tätigkeit im Umfang von 100 % zumutbar sei. Diese vorinstanzliche Beweiswürdigung vermag nun allerdings, wie im Folgenden zu zeigen sein wird, nicht zu überzeugen. 5.2 Die Beschwerdeführerin befindet sich seit 17. März 2015 bei Dr. med. G.____, Psychi- atrie und Psychotherapie FMH, in ambulanter Behandlung . Seither absolvierte sie bei ihm im Schnitt in zweiwöchentlichen Abständen Therapiesitzungen . In seinem Bericht vom 16. Juni 2017 gab Dr. G.____ an, dass seine Patientin weiterhin an einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, mit soma tischem Syndrom und einer chronischen Schmerzstörung leide. Im Verlauf der Behandlung habe keine namhafte Besserung erzielt wer- den können. Es seien vielmehr Schwankungen zwischen einem leichten und mittelgradig de- pressiven Zustand zu verzeichnen gewesen. Seit Beginn der B ehandlung habe keine vollstän- dige Remission erreicht werden können. Diese Einschätzun g des behandelnden Psychiaters datiert zeitnah zum vorliegend für die Beurteilung m assgebenden Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung vom 29. Mai 2017. Dr. D.____ hat demgegenü ber seine Beurteilung gestützt auf die Untersuchung vom 23. März 2016 abgegeben, also mehr als ein Jahr vor dem Verfügungszeit- punkt. Zu beachten ist, dass auch er keine Remission der d epressiven Episode festgestellt hat. Er ist von einer rezidivierenden depressiven Episode, zurze it leichten Grades, ausgegangen. Zudem hat er aufgrund seiner Untersuchungen klar auc h für diese Zeit eine Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit festgestellt. Er legt einlässlich dar, aus welchen Gründen das Aktivitäts- niveau seit der Erkrankung im beruflichen und privaten B ereich eingeschränkt ist und ein aus- gewiesener Leidensdruck besteht. Was die retrospektive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit be- trifft, verweist er ausdrücklich auf die Angaben von Dr. G.____. Der Gutachter Dr. D.____ schliesst sich damit nicht nur hinsichtlich der Diagnose, sond ern auch hinsichtlich der Ein- schränkung der Arbeitsfähigkeit dem Attest einer gemitt elten 50 %-igen Beeinträchtigung für das Jahr 2015 an. Zu berücksichtigen gilt es ferner, dass der Verlauf der depressiven Episoden Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht unbestrittenermassen schwankend ist und sich die Frage ste llt, ob Dr. D.____ diesem Aspekt mit der Annahme einer 20 %-igen Arbeitsunfähigkeit ab Untersuchungszeitpunkt genügend Rechnung getragen hat. Seiner Beurteilung liegt die Einschätzung zu Grunde, dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten seit der Behandlungsa ufnahme durch Dr. G.____ im März 2015 bis zu seiner eigenen Untersuchung im März 2016 gebessert habe und dass sich diese Verbesserung mit Psychotherapie und Medikamentenein nahme quasi linear fortsetzen werde. Dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten entgegen der - offenbar zu optimis- tischen - Annahme von Dr. D.____ jedoch nicht in dies er Weise entwickelt hat, ergibt sich aus dem Bericht von Dr. G.____, in welchem dieser darlegt , dass die Versicherte keine namhafte Besserung des psychischen Zustandes habe erzielen können. Der Gutachter Dr. D.____ wiede- rum hat sich mit der Entwicklung seit März 2016 nicht weit er auseinandersetzen können. Damit bleibt fraglich, ob es sich bei seiner Einschätzung nich t zu sehr um eine Momentaufnahme im Zeitpunkt seiner Untersuchung handelt. 5.3 Bei dieser Ausgangslage ist es angezeigt, Dr. D.__ __ Gelegenheit zu geben, sich (nachträglich) zur Entwicklung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit der Explo- randin seit seiner ersten Untersuchung im März 2016 zu äussern. Dabei erscheint es sinnvoll, die erforderliche ergänzende Stellungnahme im Rahmen eines Verlaufsgutachtens einzuholen. Darin wird sich Dr. D.____ vertieft mit dem schwankende n Verlauf der Krankheit und den kon- kreten Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit und insbesondere auch mit den ausführlichen Ein- schätzungen des behandelnden Psychiaters Dr. G.____ auseinanderzusetzen haben. 5.4 Entgegen der Auffassung der IV-Stelle nicht gefol gt werden kann der Argumentation von Dr. F.____, wonach kein dauernder Gesundheitsschaden und damit auch keine Einschrän- kungen in der Arbeitsfähigkeit vorliegen sollen. Das ps ychische Leiden der Versicherten ist ausgewiesen und der Gutachter Dr. D.____ hat insbeson dere auch mittels eines Mini-ICF dar- gelegt, dass die Versicherte - sogar in der Zeit, in der nur eine leichte depressive Episode fest- gestellt worden ist - im Alltag eingeschränkt ist und zwa r in der Anwendung fachlicher Kompe- tenz, in der Frustrationstoleranz, Ausdauer und Durch haltefähigkeit, in der affektiven Belastbar- keit und im Selbstwertgefühl, was durchaus geeignet ist, sich auch in einer Erwerbstätigkeit einschränkend auszuwirken . Auf die Annahme von Dr. F. ____, wonach in einer Verweistätig- keit eine 100 %-ige Arbeitsfähigkeit bestehen soll, kann unter diesen Umständen nicht abge- stellt werden. 5.5 Nicht zu beanstanden sind die Ergebnisse der somatische n Begutachtung. Diesbezüg- lich kann auf die schlüssigen und überzeugenden Einschätzungen verwiesen werden, zu denen Dr. E.____ in seinem rheumatologischen (Teil-) Gutach ten vom 11. April 2016 gelangt ist. Da laut der Konsensbesprechung der Dres. D.____ und E._ ___ hinsichtlich der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit der Versicherten die psychiatrische Beu rteilung - unter Berücksichtigung der sich aus den somatischen Beeinträchtigungen ergebenden Limiten - massgebend ist, kann vor- liegend von einer erneuten bidisziplinären Begutachtun g abgesehen werden. Der medizinische Sachverhalt bedarf mit anderen Worten ausschliesslich aus psychiatrischer Sicht ergänzender Abklärungen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6. Als Ergebnis ist demnach festzuhalten, dass die angefo chtene Verfügung vom 29. Mai 2017 aufzuheben und die Angelegenheit zur weiteren A bklärung an die IV-Stelle zurückzuwei- sen ist. Diese hat den Gesundheitszustand und die Arbei tsfähigkeit der Versicherten im Rah- men eines psychiatrischen Verlaufsgutachtens bei Dr. D.____ ergänzend abklären zu lassen. Dabei wird sich der Experte vertieft mit dem schwankende n Verlauf der Krankheit und den kon- kreten Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit und insbesondere auch mit den ausführlichen Ein- schätzungen des behandelnden Psychiaters Dr. G.____ auseinan derzusetzen haben. Gestützt auf die Ergebnisse ihrer zusätzlichen medizinischen Abkläru ngen wird die IV-Stelle anschlies- send über den Rentenanspruch der Versicherten neu zu befi nden haben. Die vorliegende Be- schwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen. 7. Abschliessend bleibt über die Kosten des Beschwerdever fahrens zu befinden. 7.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens- und der Parteikosten ist grund- sätzlich auf den Prozessausgang abzustellen. Hebt das Kanto nsgericht eine bei ihm angefoch- tene Verfügung auf und weist es die Angelegenheit z um weiteren Vorgehen im Sinne der Er- wägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessua- ler Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (vollständ ig) obsiegende und die IV-Stelle als unterliegende Partei (BGE 137 V 61 f. E. 2.1 und 2.2, BGE 132 V 235 E. 6.2, je mit Hinweisen). 7.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verwei- gerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 VPO in der Reg el in angemessenem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. In casu hätte deshalb die IV-Stelle als unterliegende Partei grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tragen. In diesem Z usammenhang ist allerdings zu be- achten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO den Vorinstan zen - vorbehältlich des hier nicht inte- ressierenden § 20 Abs. 4 VPO - keine Verfahrenskosten auf erlegt werden. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Prozess keine Verfahrenskosten er hoben werden. Der Beschwerde- führerin ist der geleistete Kostenvorschuss zurückzuerstatten. 7.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da die Beschwerdeführerin obsieg ende Partei ist, ist ihr eine Partei- entschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. De r Rechtsvertreter der Beschwerdefüh- rerin hat in seiner Honorarnote vom 5. Oktober 2017 für das vorliegende Verfahren einen Zeit- aufwand von 16 Stunden und 5 Minuten ausgewiesen, was sich zwar als eher hoch, in Anbe- tracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen und in Berücksichtigung, dass ein doppelter Schriftenwechsel durchgeführt wurde, aber noch als angemessen erweist. Die Bemü- hungen sind zu dem in Sozialversicherungsprozessen praxisgem äss für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von 250 Franken zu entschädigen. Nicht zu bean- standen sind sodann die in der Honorarnote ausgewiese nen Auslagen von Fr. 59.80. Der Be- schwerdeführerin ist deshalb eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 4‘407.10 (16 Stunden und 5 Minuten à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 59.80) zu Lasten der IV-Stelle zuzu- sprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesger icht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angel egenheiten an das Bundesgericht zuläs- sig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Sel bständig eröffnete Zwischenent- scheide sind - mit Ausnahme der Zwischenentscheide über d ie Zuständigkeit und über Aus- standsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) - nur mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenhei- ten anfechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschw erde sofort einen Endentscheid her- beiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Ze it oder Kosten für ein weitläufiges Be- weisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BG G). Nach der bundesgerichtlichen Recht- sprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rückwei- sungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvoraussetzungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). 8.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn eine Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den i n Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vo- raussetzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet d as Bundesgericht. Die nachstehen- de Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. 8.3 Zu ergänzen bleibt, dass nach bundesgerichtlicher P raxis die in einem Rückweisungs- entscheid getroffene (Kosten- und) Entschädigungsregelun g - wie die Rückweisung im Haupt- punkt selbst - einen Zwischenentscheid (Art. 93 Abs. 1 BGG ) darstellt, der in der Regel keinen nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne von Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG bewirkt und damit nicht selbstständig beim Bundesgericht angefochten werden kann. Ihre Anfechtung ist erst mit Beschwerde gegen den Endentscheid möglich. Entscheidet d ie Instanz, an welche die Sache zurückgewiesen wurde, in der Hauptsache voll zu Gunsten d er Beschwerde führenden Person, so kann die Kosten- oder Entschädigungsregelung im Rückwei sungsentscheid direkt innerhalb der Frist des Art. 100 BGG ab Rechtskraft des Endentsche ids mit ordentlicher Beschwerde beim Bundesgericht angefochten werden (BGE 133 V 648 E. 2.2, bestätigt im Urteil K. des Bundesgerichts vom 30. Oktober 2008, 9C_567/2008, E. 2-4; vgl. auch Urteil K. des Bundesge- richts vom 19. Februar 2008, 9C_748/2007). Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 29. Mai 20 17 aufgeho- ben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwä- gungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die I V-Stelle Basel- Landschaft zurückgewiesen wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der Beschwerdeführerin wird der geleistete Kostenvorschu ss in der Höhe von Fr. 800.-- zurückerstattet. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerde führerin eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 4‘407.10 (inkl. A uslagen) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht