Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 24. Februar 2022 (720 21 22 / 43) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Neuanmeldung nach rechtskräftiger Ablehnung eines Rentenanspruchs; Gestützt auf das überzeugende Verwaltungsgutachten lässt sich keine anspruchsrelevante Verände- rung der gesundheitlichen Verhältnisse nachweisen. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richterin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Roman Felix , Advokat , Hauptstrasse 8, Postfach 732, 4153 Reinach gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.1 Die 1963 geborene A.____ arbeitete zuletzt vom 1. Februar 1986 bis 31. August 2004 im Hausdienst der Klinik B.____ in X.____. Am 25. Okt ober 2004 meldete sie sich bei der Eid- genössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Nachdem die IV-Stelle Basel- Landschaft (IV-Stelle) die Verhältnisse abgeklärt hatte , wobei sie bei den Dres. med. C.____, FMH Physikalische Medizin und Rehabilitation sowie Rheuma tologie, und D.____, FMH Psy- chiatrie und Psychotherapie, ein Administrativgutachten veranlasste (Expertisen vom 20. Juli Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2005 und 8. Mai 2006), ermittelte sie einen Invalidi tätsgrad von 33 %. Gestützt auf dieses Er- gebnis wies sie mit Verfügung vom 31. Mai 2006 einen Anspruch von A.____ auf eine Rente ab. Auf zwei weitere Leistungsbegehren vom 30. Januar 2 013 und 10. November 2016 trat die IV-Stelle mangels Glaubhaftmachung einer Verschlechteru ng des Gesundheitszustands nicht ein (Verfügungen vom 19. Juni 2013 und 20. Juli 2017). A.2 Am 30. Mai 2018 meldete sich A.____ unter Hinweis auf eine Depression ein viertes Mal bei der IV zum Leistungsbezug an. Nach Abklärung der rech tserheblichen Verhältnisse, na- mentlich nach Einholung eines bidisziplinären Gutachtens b ei Dr. med. E.____, FMH Rheumatologie und Allgemeine Innere Medizin, vom 2. März 2020 und Dr. D.____ vom 20. März 2020 verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 4. Dezember 2020 eine rentenbe- gründende Invalidität. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat R oman Felix, am 20. Januar 2021 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicher ungsrecht (Kantonsgericht). Sie beantragte, in Gutheissung der Beschwerde sei die Verf ügung der IV-Stelle vom 4. Dezember 2020 aufzuheben und es seien ihr die gesetzlichen Lei stungen zuzusprechen; unter o/e- Kostenfolge. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte si e um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Advokat Felix als Rechtsvertreter. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass der angefochtene Entscheid auf unzureichenden medizinischen Unterlagen beruhe. C. Mit Verfügung vom 9. Februar 2021 wurde der Beschw erdeführerin für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Rechtspflege mit Advokat Roman Felix als Rechtsvertreter bewil- ligt. D. In ihrer Vernehmlassung vom 25. März 2021 schloss di e IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde. Gleichzeitig legte sie ihren Ausführungen eine Beurteilung von Dr. med. F.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler ärztlicher Dienst (RAD), vom 10. Februar 2021 bei. E. Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels (Replik vom 21. Juni 2021 [inkl. Berichte von Dr. med. G.____, FMH Praktischer Arzt, vom 19. Juni 2021 und der Klinik H.____ vom 22. Feb- ruar 2013] / Duplik vom 20. Juli 2021 [inkl. RAD-Bericht vom 29. Juni 2021]) hielten die Parteien an ihren Anträgen fest. F. Mit Instruktionsverfügung vom 27. Juli 2021 wurde die Angelegenheit der Dreierkammer zur Beurteilung überwiesen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über d ie Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel -Landschaft, so dass die örtliche Zustän- digkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist . Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Geset- zes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung ( VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht a ls einzige gerichtliche Instanz des Kan- tons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-S telle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die frist- und formgerecht erhobene Beschwerde vom 20. Januar 2021 ist demnach einzutreten. 2. Streitig ist der Rentenanspruch der Beschwerdeführe rin. Massgebend ist der Sachver- halt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfü gung vom 4. Dezember 2020 entwi- ckelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemä ss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (vgl. BGE 129 V 1 E. 1.2). 3. Am 1. Januar 2022 trat die vom Gesetzgeber am 19. Juni 2020 beschlossene Ände- rung des IVG ("Weiterentwicklung der IV", WEIV) in Kra ft. Die vorliegend angefochtene Verfü- gung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgeme inen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts (statt viele r: BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V 354 E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmu ngen des IVG und diejenigen der IVV sowie des ATSG in der bis 31. Dezember 2021 gültig gew esenen Fassung anwendbar (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. Februar 2022, 8 C_455/2021 E. 2). Sie werden im Fol- genden jeweils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet. 4.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittl ich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 4.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti- ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.3 Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im S inne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychi- sche Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidi- tät. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung d er Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhän- gig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätio logie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem wei tgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zum utbar ist, eine Arbeitsleistung zu er- bringen (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG). Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfah ren nach BGE 141 V 281 zu un- terziehen. Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht st ets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserhebli- chen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (vgl. BGE 143 V 418 E. 7.1). 4.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrads das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs (vgl. BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Unt ervarianten des Schätzungs- oder Pro- zentvergleichs (vgl. BGE 114 V 313 E. 3a) und der ausser ordentlichen Methode (vgl. BGE 128 V 29). 4.5 Auf ein Revisionsgesuch oder eine Neuanmeldung nach rechtskräftiger Verneinung eines Rentenanspruchs hat die Verwaltung nur einzutreten, wenn die versicherte Person glaub- haft macht, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise ge- ändert hat (Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die I nvalidenversicherung [IVV] vom 17. Januar 1961). Erheblich ist eine Sachverhaltsänderung, wenn angenommen werden kann, der An- spruch auf eine Invalidenrente (oder deren Erhöhung) sei begründet, falls sich die geltend ge- machten Umstände als richtig erweisen sollten (SVR 2014 IV Nr. 33 E. 2). Tritt die Verwaltung auf ein Revisionsgesuch oder eine Neuanmeldung ein, so h at sie die Sache materiell abzuklä- ren und sich zu vergewissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Verände- rung des Invaliditätsgrads auch tatsächlich eingetreten ist (SVR 2011 IV Nr. 2 E. 3.2; BGE 117 V 198 E. 4b). Stellt sie fest, dass der Invalid itätsgrad seit Erlass der früheren rechts- kräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andern- falls hat sie zu prüfen, ob die festgestellte Veränder ung genügt, um nunmehr eine rentenbe- gründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschl iessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (SV R 2008 IV Nr. 35 E. 2.1; BGE 117 V 198 E. 3a). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrads bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. 5.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und insb esondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ist di e Verwaltung – und im Beschwerdefall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fach- leute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arzte s oder der Ärztin ist es, den Gesund- heitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (vgl. BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 5.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (v gl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist demnach entscheiden d, ob dieser für die streitigen Be- lange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen ber uht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgeg eben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilun g der medizinischen Situation ein- leuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin ode r des Experten begründet sind (vgl. BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c). 5.4 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem G rundsatz der freien Beweiswürdi- gung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen me dizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b und in AHI-Praxis 2001 S. 114 E. 3b, jeweils mit wei- teren Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwaltungsv erfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund e ingehender Beobachtungen und Unter- suchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befun- de zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswür digung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlä ssigkeit der Expertise sprechen (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). In Bezug auf Berichte von behandeln- den Ärzten darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsa che Rechnung tragen, dass diese mit- unter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauen sstellung in Zweifelsfällen eher zu Guns- ten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/cc). Die unterschied- liche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tä tigen (Fach-)Arztes einerseits und von Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinisc hen Experten anderseits Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht (vgl. BGE 124 I 170 E. 4; Urteil des damaligen Eidge nössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteilungen] vom 1 3. Juni 2001, I 506/00, E. 2b) lässt nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stet s in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnde n Ärzte zu anderslautenden Einschät- zungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung auf- drängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige – und n icht rein subjektiver ärztlicher Interpretati- on entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder un- gewürdigt geblieben sind (vgl. Urteil des Bundesgericht s vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). 6. Das Administrativverfahren und der kantonale Sozialversi cherungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1 ATSG und Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die Verwaltung und das Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungs- pflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteil ung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (vgl. Urteil de s Bundesgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist der Sachverhalt sowei t zu ermitteln, dass über den Leis- tungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwie genden Wahrscheinlichkeit ent- schieden werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 7. März 2019, 9C_57/2019, E. 3.2). 7.1 Zur Beurteilung des vorliegenden Falls liegen zah lreiche medizinische Unterlagen vor, die vom Gericht gesamthaft gewürdigt wurden. Im Folge nden sollen indessen lediglich diejeni- gen Gutachten und Berichte wiedergegeben werden, wel che sich für den vorliegenden Ent- scheid als zentral erweisen. 7.2 In der Verfügung vom 31. Mai 2006, mit welcher ei n Rentenanspruch der Beschwerde- führerin abgewiesen wurde, stützte sich die IV-Stelle bei der Beurteilung des somatischen Ge- sundheitszustands auf das Gutachten von Dr. C.____ vom 20 . Juli 2005. Demnach wurden ein tendomyotisches Zervikalsyndrom bei Streckhaltung der Ha lswirbelsäule (HWS), funktionelle und sehr unspezifische Schmerzsyndrome zervikal sowie im Schultergürtel ohne konkretes Kor- relat, unspezifische und eher rein funktionelle Dysästhe sien an der Hand und den Fingerkup- pen, eine Haltungsinsuffizienz bei muskulärer Dysbalance un d Knick-Spreizfüsse beidseits di- agnostiziert. Ein signifikanter Befund für die Beschwer den sei nicht ersichtlich und die Versi- cherte sei voll arbeitsfähig. Hinsichtlich des psychischen Ge sundheitszustands stützte sich die IV-Stelle auf das Gutachten von Dr. D.____ vom 8. Mai 2006. Darin wurden eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F33.0), und eine anhaltende somato- forme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) festgestellt. Die Versicherte habe wegen Belastungen ein zunehmendes Schmerzsyndrom entwickelt. Zudem leide sie unter depressiven Verstim- mungen. Das Ausmass sei leichtgradig ausgeprägt, denn o bjektiv würden sich mit Ausnahme einer gewissen Affektlabilität keine Hinweise auf eine depressive Störung finden. Es zeige sich eine massive Fehlverarbeitung, indem sich die Versicherte äusserst passiv verhalte, keinen Interessen nachgehe, viel liege und jegliche Verantwor tung abgegeben zu haben scheine. Die- ses Verhalten sei aufgrund der Symptomatik nicht nachvoll ziehbar und habe neurotische bzw. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht persönlichkeitsspezifische Ursachen. Zudem bestünden Integ rationsschwierigkeiten, eine ge- ringe Bildung und soziokulturelle Faktoren. Insgesamt sei von einer leicht verminderten Belast- barkeit auszugehen. Bezogen auf ein Vollpensum sei aus p sychiatrischer und gesamtmedizini- scher Sicht seit November 2003 von einer Einschränkung de r Arbeitsfähigkeit von 20 % auszu- gehen. 7.3 Die Versicherte befand sich vom 29. November 2012 b is 7. Februar 2013 in der Klinik H.____ in stationärer Behandlung. Im Austrittsbericht vom 22. Februar 2013 wurde eine ge- genwärtig remittierte rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33.4) diagnostiziert. Die Ver- sicherte sei wegen latenten Suizidgedanken, zunehmender Depressivität und Überlastung des Umfelds in die Klinik eingetreten. Zu Beginn der Beha ndlung habe sie ein deutlich passiv- zurückgezogenes Bild mit Ratlosigkeit und Verzweiflung präsentiert und über tiefe Traurigkeit berichtet. Die Versicherte sei ins Depressionsprogramm aufg enommen worden und habe vom Aufenthalt in der Klinik profitiert. Sie sei in deutlich verbessertem Allgemeinzustand in die ambu- lante Betreuung von Dr. G.____ und die Klinik I.____ entlassen worden. 7.4 Am 12. Juli 2018 bestätigte Dr. G.____, dass sich d ie Versicherte seit Anfang 2004 bei ihm in psychiatrischer Behandlung befinde. Ihr psychopathologisches Zustandsbild sei im Quer- und Längsschnitt geleitet von einer anhaltenden mittel gradig bis schwer ausgeprägten depres- siven Symptomatik im Rahmen einer pathologischen Trauer reaktion nach dem Tod von drei Brüdern und der Mutter innert kurzer Zeit. Es bestünde n eine innere Unruhe bei gleichzeitiger Freud- und Kraftlosigkeit, ein negativ gefärbtes Gedankenkreisen um fehlende Zukunftsorientie- rung und Gefühle von Insuffizienz und Machtlosigkeit ge genüber dem als grausam erlebten Schicksal. Die Versicherte reagiere mit Rückzug und Somati sierung. Sie sei derzeit nicht in der Lage, dieses als massives Leid erfahrene Schicksal zu bew ältigen. Medikamentös hätte sich hinsichtlich der Traurigkeit und der Schmerzen keine Besse rung eingestellt und die stationären Massnahmen hätten keine Veränderung bewirkt. Aufgrund der anhaltend komplexen Be- schwerden bestünde weiterhin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. 7.5 Vom 3. Oktober 2018 bis 20. November 2018 befand si ch die Versicherte in der Klinik J.____ in stationärer Behandlung. Im Austrittsbericht vo m 26. November 2018 wurden eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.1), eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.40) und andere Kontaktanlässe mit Bezug auf den engeren Familienkreis (ICD-10 Z63) diagnostiziert. Di e Versicherte sei wegen einer anhalten- den mittelgradig bis schwer ausgeprägten depressiven Störu ng sowie einer generalisierten Schmerzstörung in die Klinik eingewiesen worden. Im Ap ril 2018 sei ihr Vater gestorben, was sie sehr belaste. Sie habe seit 2004 viele Todesfälle i nnerhalb der Familie (drei Brüder und die Mutter) zu verkraften gehabt. Zudem habe die Tochter d en Kontakt zu ihr abgebrochen. Die Versicherte sei in das multimodale Therapiekonzept eing ebunden worden und habe sich nach anfänglicher Schwierigkeiten gut darauf einlassen sowi e davon profitieren können. Aufgrund einer neuen Medikation habe sich der Schlaf und das Gedankendrängen gebessert. Die soziale Ängstlichkeit sei mit einem Expositionstraining angegangen worden, wobei sich bereits kleinere Erfolge eingestellt hätten. Sie sei in deutlich gebessertem Zustand aus der Klinik ausgetreten. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.6 Vom 15. Januar 2019 bis 5. Juni 2019 wurde in der Klinik J.____ eine teilstationäre Behandlung durchgeführt. Im Bericht vom 3. Juni 2019 wurden eine schwere depressive Episo- de ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2), eine Agora phobie mit Panikstörung, Klaust- rophobie und Agoraphobie (ICD-10 F40.01), eine anha ltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.40) und andere Kontaktanlässe mit Bezug a uf den engeren Familienkreis (ICD-10 Z63) diagnostiziert. Die Versicherte habe von verschiede nen Verlusterlebnissen berichtet, die sie in grosse Trauer gestürzt hätten und über die sie ni cht hinwegkomme. Es ginge ihr besser als vor der stationären Behandlung. Sie verspüre jedoc h nach wie vor eine grosse innere Dun- kelheit und sie habe kaum etwas, worüber sie sich freuen k önne. Zu Beginn der Behandlung habe die Versicherte einen depressiven Erschöpfungszustand mit Antriebsstörung und rascher körperlicher und psychischer Ermüdbarkeit gezeigt. Zudem h abe ein ausgeprägtes Vermei- dungsverhalten bestanden. Sie habe sich gut in das Beha ndlungsprogramm und in die Patien- tengruppe integrieren können. Ihre Selbständigkeit im Alltag habe sich verbessert. Um die er- reichten Fortschritte zu erhalten sollte die Versichert e regelmässige Aktivitäten ausser Haus aufbauen. Die Versicherte sei in stabilisiertem Zustand in die ambulante Weiterbehandlung ent- lassen worden. Eine Arbeitsunfähigkeit werde bis Ende Juni 2019 bescheinigt. 7.7.1 Die IV-Stelle veranlasste bei den Dres. E.____ u nd D.____ ein rheumatologisch- psychiatrisches Gutachten, welches am 20. März 2020 erstattet wurde. In rheumatologischer Hinsicht stellte Dr. E.____ keine Diagnose mit Auswirkun g auf die Arbeitsfähigkeit fest. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bestünden ein chron isches vorwiegend tendomyotisches und statisch bedingtes zervikovertebrales bis zervikozephales Schme rzsyndrom, ein Verdacht auf ein dynamisches Karpaltunnelsyndrom (CTS) beidseits, ei n scapholunäres Handgelenksgangli- on beidseits (rechts ausgeprägter als links), klinisch ein V erdacht auf eine Tendovaginitis de Quervain links, eine Adipositas Grad 3 (BMI 40,7 kg/m 2) und eine allgemeine muskuläre De- konditionierung. Aktuell könnten keine neuen funktionsre levanten Diagnosen gestellt werden, die eine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit erklären würden. Im Vordergrund stünden weiterhin chronische Nacken- und Schultergürtelschmerzen, v orwiegend bedingt durch ausge- prägte tendomyotische Überlastungen bei insgesamt freie r HWS-Funktion und ohne Hinweise auf eine begleitende radikuläre Reizsymptomatik. Insgesa mt sei das Ausmass der objektivier- baren Befunde in gleicher Art und Weise zu werten wi e im Rahmen der erstmaligen rheumato- logischen Begutachtung von Dr. C.____ im Jahr 2005. Neu würden Schmerzen im Bereich der Handgelenke sowie dem Daumen links wie auch Dysästhesien in den Fingern I-III beidseits geltend gemacht. Bisherige Abklärungen würden die Dia gnosen von dorsalen Handgelenks- ganglien und eines möglichen dynamischen CTS-Stadiums bei insgesamt unauffälliger Elektro- neurographie zeigen. Auf aktive chirurgische Intervent ionen sei bisher verzichtet worden. Es könnten auch im Rahmen der aktuellen rheumatologische n Begutachtung keine funktionsrele- vanten Diagnosen genannt werden, welche zu einer Funkt ionseinschränkung in einer ange- passten Tätigkeit führen würden. 7.7.2 In psychiatrischer Hinsicht stellte Dr. D.____ am 20 . März 2020 keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Ohne Auswirkung be stünden ein Status nach depressiver Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störu ng, aktuell remittiert (ICD-10 F33.4), eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (IC D-10 F45.4) und eine Agoraphobie Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht mit Panikstörung (ICD- 10 F40.01). Die Versicherte geb e an, aufgrund von Todesfällen in der Familie in schwere Depressionen verfallen zu sein. Ausser dem habe ihr der Wegzug ihrer Tochter in die Türkei und der Kontaktabbruch zu ihr zu schaffen gemacht. Es sei darauf eine stationäre Behandlung in der Klinik J.____ wegen einer schweren depressiven Episode und hernach eine anschliessende Behandlung in der Tagesklinik erfolgt, welche im Juni 2019 abge- schlossen worden sei. Der Aufenthalt habe ihr gutgetan und sie habe im Anschluss eine Mal- gruppe besucht, die sie weiterbesuchen möchte. Zudem h abe sie ein Expositionstraining durchgeführt. Sie habe Ängste und Panik, wenn sie alleine ausser Haus gehe, weshalb sie dies vermeide. Die Beziehung zum Ehemann, der seit 2004 ei ne ganze IV-Rente beziehe, sei sehr gut. Sie reise jährlich in ihre Heimat, wo sie Verwand te besuche und sich wohlfühle. In der Un- tersuchung habe sich eine psychopathologisch völlig unauffällige Explorandin gezeigt, die herz- haft lachen und Freude zeigen könne und kognitiv nicht eingeschränkt sei, obwohl sie angebe, unter Vergesslichkeit zu leiden. Sie sei psychomotorisch un auffällig und in keiner Weise durch allfällige Körperbeschwerden beeinträchtigt. Es zeige sich einzig eine Affektlabilität, indem sie zu weinen beginne, sobald sie über verstorbene Familien mitglieder berichte. Sie könne sich aber schnell wieder davon erholen. In den Berichten de s behandelnden Arztes Dr. G.____ wür- den eine mittelgradig bis schwer ausgeprägte depressive Sym ptomatik und eine pathologische Trauerreaktion ohne verwertbare Arbeitsfähigkeit besch rieben. Die Austrittsberichte der Klinik J.____ aus der stationären und teilstationären Behandlu ng würden jeweils schwere depressive Episoden aufführen, welche sich während des Aufenthalts offensichtlich deutlich gebessert hät- ten. Ferner würden eine Agoraphobie mit Panikstörung, eine Klaustrophobie und eine anhalten- de somatoforme Schmerzstörung genannt, wobei eine volle Arbeitsunfähigkeit angenommen werde. Es bestehe eine Diskrepanz zum psychopathologischen Befund, der sich nicht mit der Diagnose einer schweren depressiven Störung vereinbaren l asse. Für eine depressive Störung brauche es eine dauerhaft gedrückte Stimmung mit Inter essenverlust, Freudlosigkeit, Vermin- derung des Antriebs und erhöhter Ermüdbarkeit. Eine dauerhaft gedrückte Stimmung liege bei der Versicherten offensichtlich nicht vor, dürfte aber im Anschluss an die Todesfälle einige Zeit eine Rolle gespielt haben. Ein ausgesprochener Interesseverlust sei nicht vorhanden. So stricke sie gerne, schaue TV, empfinde auch Freude, wenn sie ihr e Nichte mit den Kindern treffe, und möchte gerne wieder malen. Es bestehe auch keine Freud losigkeit. Subjektiv gebe die Versi- cherte eine erhöhte Ermüdbarkeit an. In der Untersuchun g sei diesbezüglich aber keine Beein- trächtigung feststellbar gewesen. Aufgrund der subjek tiven Angaben könne angenommen wer- den, dass eine mögliche diskret gedrückte Stimmung bestehe, womit die Kriterien einer depres- siven Störung aber nicht erfüllt seien. Traurigkeit all eine reiche zur Annahme einer Depression nicht aus. Die Trauerreaktion müsse im Rahmen der eher e infachen Persönlichkeitsstruktur der Versicherten interpretiert werden. Im Alltag sei sie d adurch nicht wesentlich beeinträchtigt. Die Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung sei zu bestät igen. Zudem könne angenommen werden, dass eine Agoraphobie und möglicherweise eine gewisse Klaustrophobie bestehen würden. Immerhin sei es der Versicherten möglich, die T ermine bei den behandelnden Ärzten und in der Malgruppe wahrzunehmen. Zurzeit würden kein e verhaltenstherapeutischen Mass- nahmen durchgeführt, was auf einen eher geringen Lei densdruck schliessen lasse. Hinweise auf eine Persönlichkeitsstörung bestünden nicht. Die Versi cherte verhalte sich tagsüber eher passiv, wobei es sich um ein gewohnheitsmässiges Verhalten zu handeln scheine. Insgesamt seien die objektivierbaren Befunde nicht mit einer gravierenden psychischen Störung, wie sie in Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht den Unterlagen beschrieben werde, vereinbar. Insofern bestünden verschiedene Inkonsisten- zen. Die Versicherte sei durchaus in der Lage, auf ihre Fähigkeiten und Ressourcen zurückzu- greifen, soweit sie vorhanden seien. Ins Gewicht falle aber die psychosoziale Situation. Der Ehemann der Versicherten arbeite seit 2003 nicht mehr, sie verfüge über eine geringe Bildung und habe zudem kaum Kontakt zur einheimischen Bevölkerun g. Die finanziellen Verhältnisse seien knapp und die Versicherte habe Mühe, verschiedene familiäre Todesfälle zu verarbeiten. Insgesamt würden die psychosozialen Umstände dominieren, welche auch den aktuellen Zu- stand resp. das subjektive Empfinden erklären würden. A ufgrund der remittierten depressiven Störung bestehe keine dauerhafte Beeinträchtigung d er Leistungsfähigkeit. Die Agoraphobie bereite der Versicherten Mühe, fremde Plätze aufzusuche n. Es könne mit ihr aber trainiert wer- den, sich an bekannte Plätze zu gewöhnen, die sie dann alleine aufsuchen könne. Einfach strukturierte Tätigkeiten, die körperlich nicht belasten d seien, sollten der Versicherten daher in vollem Umfang möglich sein, vorwiegend an einer bekannt en Arbeitsstelle, wo sie nicht wieder- holt den Arbeitsplatz wechseln müsse. Der behandelnde Ar zt Dr. G.____ habe in der Vergan- genheit pauschal eine vollständige Arbeitsunfähigkeit at testiert, was nicht ohne Weiteres nach- vollziehbar sei. Sicher habe während der Hospitalisatio n in der Klinik J.____ ab Oktober 2018 bis zur Beendigung der Behandlung in der Tagesklinik im Juni 2019 eine volle Arbeitsunfähig- keit bestanden. Seither sei eine Remission eingetreten , so dass seit Oktober 2019 [recte wohl: Juli 2019] eine volle Arbeitsfähigkeit gegeben sei. Ge samtmedizinisch sei keine relevante Ar- beitsunfähigkeit ausgewiesen. 7.8 Am 9. Dezember 2020 nahm Dr. G.____ zur Einschätzu ng von Dr. D.____ Stellung, wobei er im Wesentlichen seine Beurteilung im Bericht v om 12. Juli 2018 wiederholte. Vor dem Hintergrund der anhaltenden komplexen Beschwerden und der fehlenden Bewältigungsfähigkeit bestünde weiterhin eine vollständige Arbeitsunfähigkei t. Die Beurteilung von Dr. D.____, wo- nach es der Versicherten möglich und zumutbar sein so ll, einem Erwerb nachzugehen, würden seiner langjährigen Beobachtung im Verlauf der Thera pie widersprechen und werde der tat- sächlichen Situation der Versicherten nicht gerecht. 7.9 In einem weiteren Bericht vom 19. Juni 2021 hielt Dr. G.____ fest, die Versicherte sei geleitet vom Empfinden, gegenüber allen an sie gestel lten Forderungen zu versagen. Es be- stünde eine Neigung zu starker Angst und Panik, die sie dazu bewege, sich keiner Belastung mehr auszusetzen, was die Chronizität der Beschwerden au frechterhalte. Ein Expositionstrai- ning sei bis anhin nicht möglich gewesen, weshalb auch ke ine Therapiefortschritte hätten er- reicht werden können. Es bestünde weiterhin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. 8.1 Die IV-Stelle stützte sich in der Verfügung vom 4. Dezember 2020 bei der Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit der Ver sicherten auf die Ergebnisse im bi- disziplinären Gutachten der Dres. E.____ und D.____ vom 20. März 2020. Sie ging demnach davon aus, dass sich ihr Gesundheitszustand seit der Verfügung vom 31. Mai 2006 nicht mass- geblich verändert hat. Diese vorinstanzliche Beweiswürdi gung ist im Ergebnis nicht zu bean- standen. Wie in Erwägung 5.3 hiervor ausgeführt, prüft das Gericht frei, ob die verfügbaren Un- terlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist demnach entscheiden d, ob dieser für die streitigen Be- Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht lange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen ber uht, in Kenntnis der Vorakten abgege- ben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusa mmenhänge einleuchtet und seine Schlussfolgerungen begründet sind. Vorliegend sind keine Gründe ersichtlich, die Anlass geben könnten, die Ergebnisse im bisdisziplinären Gutachten der Dres. E.____ und D.____ vom 20. März 2020 in Frage zu stellen oder gar davon abzuw eichen. Vielmehr erfüllt es sowohl in formeller Hinsicht als auch inhaltlich die bundesgericht lichen Anforderungen an eine beweis- kräftige medizinische Entscheidungsgrundlage. Die Gutach ter hatten Kenntnis von sämtlichen bei den Akten liegenden medizinischen Unterlagen, sie set zten sich in angemessener Weise mit den geäusserten Beschwerden auseinander und begrün deten die Schlussfolgerungen in nachvollziehbarer Weise. In inhaltlicher Hinsicht vermag s odann zu überzeugen und ist zu Recht unbestritten, dass die Beschwerdeführerin in einer körperlich angepassten Verweistätig- keit voll arbeitsfähig ist. Auch die psychiatrische Beurtei lung ist nachvollziehbar. Selbst wenn die Ausführungen im psychiatrischen Gutachten stellenweise etwas knapp ausgefallen sind, setzte sich Dr. D.____ dennoch hinreichend mit der Biog raphie, dem beruflichen Werdegang und den Alltagsaktivitäten der Versicherten auseinander. Seine Feststellungen des Befunds und dessen funktionellen Auswirkungen vermitteln ein einleu chtendes und stimmiges Bild über den Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit der Versic herten. Es wird deutlich, dass sie ab Oktober 2018 wegen psychischen Beschwerden vorübergehend vo llständig arbeitsunfähig war. Nach Austritt aus der Tagesklinik im Juni 2019 ist von eine r Remission der affektiven Störung auszugehen. Seither beeinträchtigen weder die somato forme Schmerz- noch die Angststörung die Leistungsfähigkeit der Versicherten massgeblich. Dr. D.____ differenzierte zwischen den subjektiv empfundenen Beschwerden und den geltend gemach ten Einschränkungen im Alltag der Beschwerdeführerin einerseits und den objektiv festst ellbaren Befunden andererseits. Er erkannte, dass sie durchaus in der Lage ist, verschiedenen A ktivitäten (Stricken, Malen, Reisen in die Türkei) nachzugehen, im familiären Umfeld Kon takte zu pflegen, alltägliche Funktionen und Termine wahrzunehmen, was gegen eine schwere psych ische Beeinträchtigung spricht. Die soziale Zurückgezogenheit und das eher tiefe Aktivität sniveau sind nicht krankheitsbedingt und deshalb invalidenversicherungsrechtlich nicht relevant. Das Beschwerdebild der Versicher- ten ist aber erheblich durch psychosoziale Belastungsfakt oren (geringe Bildung, finanzieller Druck, kaum Kontakt zur einheimischen Bevölkerung) mitbest immt, die vom sozialversiche- rungsrechtlichen Standpunkt aus unbeachtlich sind (vgl. BGE 130 V 352 E. 2.2.5 und BGE 143 V 409 E. 4.5.2). Die entsprechenden, in Erwäg ung 7.7 wiedergegebenen Darlegun- gen im Gutachten der Dres. E.____ und D.____ vom 20. März 2020 vermögen zu überzeugen, sodass darauf verwiesen werden kann. Demnach ist davon au szugehen, dass sich die Arbeits- fähigkeit der Versicherten seit der letzten Begutachtung durch die Dres. C.____ und D.____ vom 20. Juli 2005 und 9. Mai 2006 nicht rentenrelevant verändert hat. 8.2 Was in der Beschwerde gegen das Gutachten von Dr. D.____ vorgebracht wird, ver- fängt nicht. Soweit die Beschwerdeführerin die Schlüssigkeit des Gutachtens mit dem Argument anzweifelt, die Dauer des Explorationsgesprächs sei (zu) kurz gewesen, ist ihr entgegen zu halten, dass es nach konstanter bundesgerichtlicher Recht sprechung nicht auf die Dauer der Untersuchung ankommt. Massgebend ist in erster Linie, o b die Expertise inhaltlich vollständig und im Ergebnis schlüssig ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 14. März 2019, 8C_356/2018, E. 4.2 mit weiteren Hinweisen). Dies ist vorliegend entgegen den Ausführungen der Beschwer- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht deführerin zu bejahen. Gesicherte Anzeichen dafür, dass die Anamnese oder die Beschwerden unvollständig erhoben worden wären, liegen nicht vor. Dazu kommt, dass Dr. D.____ die Be- schwerdeführerin zum zweiten Mal begutachtete und er sei ne Beurteilung nicht nur auf die per- sönlichen Untersuchungen stützte. Vielmehr standen ihm da rüber hinaus auch diverse Berichte der behandelnden Ärzte zur Verfügung, die es ihm ermög lichten, sämtliche für die Beurteilung relevanten Aspekte hinreichend zu erfassen. Es trifft zu , dass sich Dr. D.____ – wie die Be- schwerdeführerin vorbringt – mit den Berichten der beha ndelnden Ärzte eher oberflächlich und nur knapp auseinandersetzte. Er setzte sich aber insofern nicht in Widerspruch zu den früheren Berichten, als er grundsätzlich eine affektive Störung, e ine anhaltende somatoforme Schmerz- störung und eine Agoraphobie anerkannte. Weiter bestätigte er von Oktober 2018 bis zum Aus- tritt aus der Tagesklinik im Juni 2019 eine psychisch beding te vollständige Arbeitsunfähigkeit der Versicherten. Diese Beurteilung ist aufgrund der An gaben im Bericht der Klinik J.____ vom 3. Juni 2019, wonach die Versicherte in gebesserten Gesu ndheitszustand entlassen und bis Ende Juni 2019 eine Arbeitsunfähigkeit attestiert wu rde, nachvollziehbar. Zudem konnte Dr. D.____ anlässlich der aktuellen Untersuchung keine Hi nweise auf ein depressives Gesche- hen feststellen. Soweit der behandelnde Arzt Dr. G.___ _ (weiterhin) eine ausgeprägte affektive Störung und ein einschränkendes generalisiertes Schmerzsyndrom bejahte und eine vollständi- ge Arbeitsunfähigkeit attestiert, ist zunächst in Erinn erung zu rufen, dass es die unterschiedli- che Natur von Behandlungsauftrag der therapeutisch tätig en (Fach-)Person einerseits und Be- gutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizini schen Experten anderseits (vgl. BGE 124 I 170 E. 4) nicht zulässt, ein Administrat iv- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen , wenn die behandelnden Arztper- sonen bzw. Therapiekräfte zu anderslautenden Einschätzunge n gelangen. Weiter ist zu beach- ten, dass eine Exploration von der Natur der Sache h er nicht ermessensfrei erfolgen kann. Sie eröffnet den Gutachtern praktisch immer einen Spielra um für verschiedene medizinische Inter- pretationen, was zulässig und zu respektieren ist, sofern die Gutachter – wie hier – lege artis vorgegangen sind. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung auf- drängt, weil diese wichtige – und nicht rein subjektiver Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die bei der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. April 2019, 8C_835/2018, E. 3 m it Hinweis). Die Beschwerdeführerin legt nicht substantiiert dar und es ist auch nicht ersi chtlich, dass aus den vorliegenden Berich- ten des behandelnden Arztes Dr. G.____ vom 9. Dezembe r 2020 und 19. Juni 2021 Gesichts- punkte hervorgingen, die von den Gutachtern nicht berücksi chtigt worden wären. Seine sehr allgemein gehaltenen Angaben vermögen nicht zu überze ugen. So führte er im Wesentlichen lediglich an, dass das psychopathologische Zustandsbild der Beschwerdeführerin im Quer- und Längsschnitt von einer anhaltenden mittelgradig bis schwe r ausgeprägten depressiven Symp- tomatik im Rahmen einer pathologischen Trauerreaktion nach Tod von drei Brüdern und der Mutter innert kurzer Zeit geleitet sei. Damit beschrieb er aber v.a. die Situation, die 2018 zur stationären Behandlung der Beschwerdeführerin führte. Gegen eine fehlende Bewältigungsfä- higkeit der Versicherten spricht zudem die Tatsache, dass sich der Gesundheitszustand der Verbesserten nach den stationären/teilstationären Beha ndlungen verbesserte. Im Bericht vom 19. Juni 2021 äusserte sich Dr. G.____ nicht mehr zur d epressiven Symptomatik, sondern aus- schliesslich zur Panikstörung und zur Agoraphobie. Er führ te aus, dass diesbezüglich bisher noch keine spezifische Therapie initiiert worden sei. D as Expositionstraining werde durchge- Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht führt, sobald die Beschwerdeführerin von einem erneu t anstehenden Türkeiaufenthalt zurück- kehre. Hierzu ist festzustellen, dass Dr. D.____ die Ag oraphobie anerkannte und bei der Beur- teilung der Arbeitsfähigkeit berücksichtigte. So wird vom Gutachter einerseits ein spezifisches Training verlangt und andererseits postuliert, dass die Beschwerdeführerin trotz der Ängste in der Lage sei, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, wenn sie nicht wiederholt den Arbeits- platz wechseln müsse. Unter diesen Voraussetzungen bzw. mit diesem Profil erscheint auch die Zumutbarkeitsbeurteilung von Dr. D.____ mit einer voll ständigen Arbeitsfähigkeit in einer ange- passten Tätigkeit nachvollziehbar. Insgesamt ergibt sich a us den Akten nichts, was geeignet wäre, den Beweiswert des Gutachtens der Dres. E.____ u nd D.____ vom 20. März 2020 in Zweifel zu ziehen, weshalb in antizipierter Beweiswürd igung (vgl. BGE 137 V 64 E. 5.2) auf zu- sätzliche Abklärungen verzichtet werden kann. 9. Nach dem Gesagten ist im Ergebnis nicht zu beanstan den, dass die IV-Stelle bei der Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin gestützt auf die Ergebnisse im bidisziplinären Gutachten der Dr es. E.____ und D.____ vom 20. März 2020 davon ausgegangen ist, dass die Versicherte weiterhi n ein rentenausschliessendes Er- werbseinkommen erzielen könnte. Die von der Beschwerdege gnerin vorgenommene Bemes- sung der Vergleichseinkommen anhand der Tabellenlöhne hat die Beschwerdeführerin zu Recht nicht bestritten, weshalb von weiteren Erörterung en dazu abgesehen werden kann. Demnach ist die angefochtene Verfügung vom 4. Dezember 2020, mit welcher ein Rentenan- spruch der Beschwerdeführerin verneint wurde, im Ergeb nis nicht zu beanstanden und die da- gegen gerichtete Beschwerde deshalb abzuweisen. 10.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festge legt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstan den ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend unter liegt die Beschwerdeführerin, wes- halb die Verfahrenskosten ihr zu auferlegen sind. Der Beschwerdeführerin ist nun allerdings mit Verfügung vom 9. Februar 2021 die unentgeltliche Pro zessführung bewilligt worden, weshalb die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen werden. 10.2 Eine Parteientschädigung wird bei diesem Ausgan g des Verfahrens nicht zugespro- chen. Da der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 9. Fe bruar 2021 auch die unentgeltliche Verbeiständung mit ihrem Rechtsvertreter bewilligt wo rden ist, ist dieser für seine Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Der Rechtsvertrete r der Beschwerdeführerin hat in seiner Honorarnote vom 9. August 2021 für das vorliegen de Verfahren einen Zeitaufwand von 11 Stunden 48 Minuten geltend gemacht, was umfangmässi g in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen sowie des doppelten Schri ftenwechsels angemessen ist. Nicht zu beanstanden sind die geltend gemachten Auslagen in der Höhe von Fr. 84.50. Dem Rechts- vertreter ist demnach ein Honorar in der Höhe von Fr. 2 '632.70 (11,8 Stunden à Fr. 200.-- Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht [vgl. § 3 Abs. 2 der Tarifordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003] und Auslagen von Fr. 84.50 inkl. 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse auszurichten. 10.3 Die Beschwerdeführerin wird ausdrücklich auf § 53a Abs. 1 des Gesetzes über die Organisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 a ufmerksam gemacht, wonach eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der Be- schwerdeführerin auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführun g werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Der Beschwerdeführerin wird keine Parteientschädig ung ausgerichtet. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständun g wird dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ein Honorar in d er Höhe von Fr. 2‘632.70 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Ge- richtskasse bezahlt. http://www.bl.ch/kantonsgericht