Obergericht des Kantons Zürich I. Strafkammer Geschäfts-Nr. SB110165-O/U/jv Mitwirkend: die Oberrichter Dr. F. Bollinger, Vorsitzender, lic. iur. S. Volken und Ersatzoberrichterin lic. iur. M. Bertschi sowie der Gerichtsschreiber lic. iur. T. Walthert Urteil vom 19. August 2011 in Sachen A._____, Beschuldigter und Berufungskläger verteidigt durch Verteidiger Rechtsanwalt lic. iur. X._____, gegen Staatsanwaltschaft Zürich - Limmat, vertreten durch Oberstaatsanwalt Dr. iur. A. Eckert Anklägerin und Berufungsbeklagte betreffend Fälschung von Ausweisen etc. Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 10. Abteilung, vom 7. Februar 2011 (GG100498) - 2 - Anklage: Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich - Limmat vom 2. Dezember 2010 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 12). Entscheid der Vorinstanz: "Es wird erkannt: 1. Der Beschuldigte ist schuldig − der Fälschung von Ausweisen im Sinne von Art. 252 Abs. 4 StGB − des Erschleichens einer Leistung im Sinne von Art. 150 Abs. 1 und 2 StGB in V erbin- dung mit Art. 172ter Abs. 1 StGB. 2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 30.-- (insge- samt Fr. 600.--). Der Beschuldigte wird ferner bestraft mit einer Busse von Fr. 100.--. Bezahlt der Beschuldig- te die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 1 Tag. 3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen. 4. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf: Fr. 1'500.– ; die weiteren Auslagen betragen: Fr. Kosten der Kantonspolizei Fr. Kanzleikosten Untersuchung Fr. Auslagen Untersuchung Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten. 5. Die Kosten werden dem Beschuldigten auferlegt." - 3 - Berufungsanträge: a) Der Verteidigung des Beschuldigten: (schriftlich, Urk. 34 S. 2) A. Materiellrechtliche Anträge 1. Es sei festzustellen, dass das Urteil der 10. Abteilung des Bezirks - gerichtes Zürich vom 7. Februar 2011 insoweit in Rechtskraft erwac h- sen ist, als der Beschuldigte wegen Erschleichung einer Leistung i.S.v. Art. 150 Abs. 1 und 2 StGB i.V.m. Art. 172ter Abs. 1 StGB schuldig er- klärt wurde. 2. In Abänderung des Urteils der 10. Abteilung des Bezirksgericht es Zürich vom 7. Februar 2011 sei: 2.1 der Beschuldigte wegen Erschleichung einer Leistung i.S.v. Art. 150 Abs. 1 und 2 StGB i.V.m. Art. 172ter Abs. 1 StGB und Art. 106 StGB zu einer Busse von CHF 100.00 zu bestrafen; 2.2 seien die erstinstanzlichen Verfahrenskosten für den Schuldspruch wegen Erschleichen einer Leistung anteilsmässig auszuscheiden und dem Beschuldigten aufzuerlegen; 2.3 der Beschuldigte vom Vorwurf der Fälschung von Ausweisen i.S.v. Art. 252 Abs. 4 StGB freizusprechen; 2.4 seien die erstinstanzlichen Verfahrenskosten für den beantragten Frei- spruch wegen Fälschung von Ausweisen anteilsmässig auszuscheiden und dem Kanton Zürich aufzuerlegen; 2.5 dem Beschuldigten für die erstinstanzlich entstandenen Verteidigungs- kosten eine angemessene Entschädigung auszurichten; - 4 - 2.6 eventualiter sei der Beschuldigte der Fälschung von Ausweisen i.S.v. Art. 252 Abs. 4 StGB schuldig zu sprechen, wobei von einer Bestrafung nach Art. 8 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 52/53 StGB abzusehen sei. 3. Die Verfahrenskosten des R echtsmittelverfahrens seien dem Kanton Zürich aufzuerlegen. 4. Dem Beschuldigten sei für das zweitinstanzliche Rechtsmittelverfahren eine angemessene Entschädigung für die entstandenen Verteidigungs- kosten zuzusprechen. B. Verfahrensrechtlicher Antrag 1. Dem Unterzeichnenden sei eine Frist zur Einreichung seiner Kosten- und Honorarnote anzusetzen. b) Der Staatsanwaltschaft Zürich - Limmat: (schriftlich, Urk. 39) Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils. Das Gericht erwägt: I. Prozessuales 1. Der Beschuldigte meldete mit Eingabe vom 16. Februar 2011 fristgerecht Berufung gegen das eingangs erwähnte und am 7. Februar 2011 mündlich er - öffnete Urteil an (Urk. 19). Am 10. März 2011 wurde dem Beschuldigten das be- gründete Urteil zugestellt (Urk. 20/1). Mit Eingabe v om 30. März 2011 reichte er die schriftliche Berufungserklärung fristgerecht ein (Urk. 23). Angefochten wird der Schuldspruch betreffend Fälschung von Ausweisen im Sinne von Art. 252 Abs. 4 StGB. Der Beschuldigte beantragte Freispruch betreffend diesen Vor wurf, anteil-- 5 - mässige Ausscheidung der erstinstanzlichen Verfahrenskosten für den beantrag- ten Freispruch und Kostenauflage an den Staat sowie Zusprechung einer ange- messenen Entschädigung für die erstinstanzlich entstandenen Verteidigungs - kosten. Gleichzeitig beantragte er die schriftliche Durchführung des Berufungsver- fahrens (Urk. 23). 2. Mit Präsidialverfügung vom 31. März 2011 wurde der Privatklägerin und der Staatsanwaltschaft Frist zur Erklärung betreffend Anschlussberufung und zur Stellungnahme zur schriftlichen Durchführung des Berufungsverfahrens angesetzt (Urk. 25). Die Staatsanwaltschaft beantragte mit Eingabe vom 28. April 2011 die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils und erklärte sich mit der Durchführung des schriftlichen Berufungsverfahrens einverstanden (Urk. 30). Die Privatstraf - klägerin liess sich nicht vernehmen. 3. Mit Präsidialverfügung vom 3. Mai 2011 wurde die schriftliche Durchführung des Berufungsverfahrens angeordnet und dem Beschuldigten Frist zur schriftl i- chen Stellung und Begründung der Berufungsanträge angesetzt. Der Beschuldi g- te erstattete die schriftliche Berufungsbegründung fristgerecht mit Eingabe vom 25. Mai 2011 (Urk. 34). Innert der mit Präsidialverfügung vom 27. Mai 2011 ange- setzten Frist hat die Vorinstanz auf Vernehmlassung verzichtet (Urk. 38) und erstattete die Staatsanwaltschaft mit Eingabe vom 16. Juni 2011 die schriftliche Berufungsantwort mit dem Antrag auf Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 39). Die Privatklägerin hat keine Berufungsantwort eingereicht. 4. Es kann somit festgehalten werden, dass das vorinstanzliche Urteil hinsicht- lich des Schuldspruches wegen Erschleichens einer Leistung im Sinne von Art. 150 Abs. 1 und 2 StGB in Verbindung mit Art. 172ter Abs. 1 StGB (teilweise Dispositivziffer 1), d er Bestrafung dazu mit einer Busse von Fr. 100. – und der Festsetzung einer Ersatzfreiheitsstrafe von einem Tag (teilweise Dispositivziffer 2) sowie die vorinstanzliche Kostenfestsetzung (Dispositivziffer 4) nicht mehr Gegenstand des heutigen Berufungsverf ahrens sind und somit in Rechtskraft erwachsen sind (Art. 402 und Art. 404 Abs. 1 StPO). - 6 - II. Sachverhalt Gemäss erstelltem Sachverhalt ist der Beschuldigte am 29. Mai 2010 im Zug von B._____ Richtung C._____ gefahren, ohne ein gültiges Billet zu lösen, und hat sich im Zug anlässlich der Fahrausweiskontrolle mit einem fremden, per sönlichen und nicht übertragbaren Y._____- Pass ausgewiesen, obwohl er wusste, dass er nicht berechtigt war, mit diesem Y._____-Pass Fahrten im öffentlichen Verkehr zu unternehmen. III. Rechtliche Würdigung 1. Argumentation der Vorinstanz und der Staatsanwaltschaft Die Vorinstanz hat das Verhalten betreffend das Ausweisen mit dem fremden, persönlichen und nicht übertragbaren Y._____- Pass in Übereinstimmung mit der Staatsanwaltschaft als Fälschung von Ausweisen im Sinne von Art. 252 Abs. 4 StGB gewürdigt. Die Vorinstanz hielt fest, der Beschuldigte habe durch das Vorweisen des nicht auf ihn lautenden Y._____- Passes beabsichtigt, unentgeltlich in den Genuss einer ansonsten kostenpflichtigen Zugfahrt von B._____ nach C._____ zu kom- men, was einen Annwendungsfall der Vergrösserung der gesellschaftlichen B e- wegungsfreiheit und damit ein Erleichtern des Fortkommens im Sinne von Art. 252 StGB darstelle (Urk. 21. S. 5). Die Staatsanwaltschaft ergänz te, der vom Beschuldigten angestrebte Vorteil habe nicht bloss in der unentgeltlichen Be- nützung des öffentlichen Verkehrsmittels und damit der Vergrösserung seiner gesellschaftlichen Bewegungsfreiheit bestanden, sondern auch darin, sich die Unannehmlichkeiten wegen Fahrens ohne gültiges Ticket zu ersparen, bzw. sich einer Strafverfolgung zu entziehen. Damit sei die Absicht der Erleichterung des Fortkommens ohne Weiteres erfüllt (Urk. 40 S. 3). Die Vorinstanz bejahte den Ausweischarakter des Y._____- Passes. Dieser diene aufgrund der darauf vermerkten Grundkartennummer "…" der Identifikation der - 7 - zur Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel berechtigten Person (Urk. 21 S. 5). Die Staatsanwaltschaft führte in ihrer Berufungsbeantwortung dazu ergänzend aus, Sinn und Zweck der Z._____- Streckenkarte sei es, gegenüber dem Kontrol- leuren nachzuweisen, dass der Inhaber der Karte zur Benützung des entspr e- chenden Verkehrsmittels berechtigt sei und den erforderlichen Kaufpreis be zahlt habe. Aufgrund der Grundkartennummer sei die Identifikation für jeden Kontrol- leur ohne Weiteres möglich. Die Karte habe Beweisfunktion im Sinne einer U r- kunde (Urk. 40 S. 2). Ferner bejahte die Vorinstanz Täuschungsabsicht des Beschuldigten unter Hi n- weis auf dessen Aussage, wonach er sich di e Bezahlung der Busse habe er - sparen wollen. Der Beschuldigte habe den Kontrolleur glauben machen wollen, er habe den Fahrpreis durch vorgängigen Erwerb des Y._____- Passes bereits ent- richtet (Urk. 21 S. 6 f.). Die Staatsanwaltschaft wies ergänzend darauf hin, dass Art. 252 StGB lediglich von Täuschung, jedoch nicht von arglistiger Täuschung im Sinne von Art. 146 StGB spreche (Urk. 40 S. 2). 2. Vorbringen des Beschuldigten Die Verteidigung macht geltend, der Y._____- Pass habe für sich allein ohne da- zugehörige Grundkarte keine Urkundenqualität im Sinne von Art. 110 StGB. Der Beschuldigte habe nur den Y._____-Pass vorgewiesen (Urk. 34 S. 5 f.). Weiter brachte die Verteidigung vor, der Beschuldigte habe auf Aufforderung des Kontrolleurs hin zusammen mit dem Y._____- Pass sein eigenes Halbtax - Abonnement vorgewiesen. Dadurch habe der Kontrolleur unverzüglich feststellen können, dass der Y._____- Pass nicht für den Beschuldigten bestimmt gewesen sei. Demgemäss sei objektiv tatbestandsmässiges Verhalten ausgeschlossen (Urk. 34 S. 7). Nach Auffassung des Beschuldigten fehlt es auch an der Absicht, sich das For t- kommen zu erleichtern. Unter "Erleichterung des Fortkommens" werde gemäss herrschender Lehre nur die Verbesserung der beruflichen Stellung subsumiert (Urk. 34 S. 8). Ausserdem habe er nur die Umgehung einer Busse beabsichtigt, - 8 - keine Erleichterung des Fortkommens. Die subjektive Tatbestandsmässigkeit müsse daher ebenfalls verneint werden (Urk. 34 S. 8). 3 Würdigung 3.1. Gesetzeswortlaut Gemäss Art. 252 Abs. 4 StGB w ird bestraft, wer in der Absicht, sich oder einem andern das Fortkommen zu erleichtern, eine echte, nicht für ihn bestimmte Schrift dieser Art zur Täuschung missbraucht. Die Wendung "Schriften dieser Art" nimmt Bezug auf den zweiten Absatz von Art. 252 StG B, in welchem Ausweisschriften, Zeugnisse und Bescheinigung erwähnt werden. 3.2. Von Artikel 252 StGB erfasste Schriften a) Vorbemerkungen Umstritten ist die Frage, ob nur Schriftstücke von Art. 252 StGB erfasst werden, welchen Urkundenqualität im Sinne v on Art. 110 StGB zukommt. Das Bundes - gericht hat diese Frage ausdrücklich offen gelassen (BGE 95 IV 70). In der Lehre wird teils unter Hinweis darauf, dass das Gesetz in Art. 252 ausdrücklich nicht von Urkunden sondern von Schriften spricht, das Erforderni s der Urkundenqualität verneint, teils unter Hinweis auf die systematische Stellung der Bestimmung unter dem Titel der Urkundenfälschung Urkundenqualität verlangt (Boog in: BSK StGB II, 2. Aufl., Basel 2007, N 2 zu Art. 252; Trechsel, Schweizerisches Straf gesetz- buch, Praxiskommentar, N. 2 zu Art. 252). Vorliegend kann die Frage offen ge- lassen werden, da die Urkundenqualität des Y._____- Passes zu bejahen ist. D a- rin wird durch den Z._____ die rechtserhebliche Tatsache verurkundet, dass die Person mit der auf dem Pass aufgeführten Kundennummer und Grundkarten- nummer den Fahrpreis für die Benützung der öffentlichen Ver kehrsmittel des Z._____ für die auf dem Y._____- Pass aufgedruckte Zeit bezahlt hat und ent- sprechend zur Benützung der Verkehrsmittel berechtigt is t. Der Y._____-Pass ist demgemäss geeignet, eine rechtserhebliche Tatsache zu beweisen. Es kommt ihm Urkundenqualität zu. - 9 - Von Art. 252 StGB erfasst sind Zeugnisse, Ausweisschriften und Bescheini - gungen. Vorliegend ist zu prüfen, ob dem Y._____ -Pass der Charakter einer Ausweisschrift oder einer Bescheinigung zukommt, Zeugniseigenschaft scheidet vorweg aus. b) Ausweisschriften Ausweisschriften sind Urkunden, welche die Identität, Familienverhältnisse oder materielle oder formelle Qualifikationen einer Person festhalten, z.B. Pass, Ident i- tätskarte, Heimatschein, fremdenpolizeiliche Ausweispapiere, Führerausweise etc. (Trechsel, a.a.O., N 2 zu Art. 252; Boog in: BSK StGB II, a.a.O., N 5 zu Art. 252). Der Y._____-Pass bezieht sich weder auf die Identität einer bestimmten Person noch auf irgendwelche Qualifikationen dieser Person. Es wird lediglich bescheinigt, dass die Person mit der Kundennummer … und der Grundkarten- nummer … den Fahrpreis von Fr. 163. – für die Benützung der öffentlichen Ver- kehrsmittel des Z._____ während eines Mona tes (vom 05.05.2010 bis 04.06.2010) bezahlt hat (Urk. 2/3 und 2/8). Die Identität der berechtigten Person lässt sich dem Papier nicht direkt entnehmen. Der Umstand, dass aufgrund der Kundennummer und der Grundkartennummer durch die Orga ne des Z._____ die Identität der Person festgestellt werden kann, für welche diese persönliche M o- natsfahrkarte ausgestellt wurde, macht den Y._____- Pass nicht zu einem Aus- weispapier. c) Bescheinigungen Bescheinigungen sind Schriften, welche sich objektiv dazu eignen, das Fortko m- men der darin genannten Person zu erleichtern. Sie müssen sich auf Fähi gkeiten, Eigenschaften oder Verhaltensweisen der darin enthaltenen Person beziehen, wie z.B. Atteste über den Gesundheitszustand, Wohnsitzbescheinigungen, Referen- zen für Stellen- und Wohnungssuche etc. (Boog in: BSK StGB II, a.a.O., N 7 zu Art. 252). Nach bundesgerichtlicher Rechsprechung fällt unter Erleichterung des Fortkom- mens jede unmittelbare Verbesserung der persönlichen Lage (BGE 98 IV 59). Zu - 10 - beachten ist jedoch, dass die angestrebte Besserstel lung für sich betrachtet nicht unrechtmässig sein darf, was sich daraus ergibt, dass das Fehlen einer Schädi- gungsabsicht bzw. Vorteilsabsicht die geringere Strafdrohung gegenüber Art. 251 StGB rechtfertigt (Boog in: BSK StGB II, a.a.O., N 16 zur Art. 252; Trechsel, a.a.O., N 7 zu Art. 252). Wie bereits erwähnt wird mit dem Y._____ -Pass gemäss Urk. 2/8 dokumentiert, dass die Person mit der Kundennummer … und der Grundkartennummer … Fr. 163.– für die Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel des Z._____ in der Zeit vom 5. Mai 2010 bis 4. Juni 2010 bezahlt hat. Der Urkunden charakter ist wie be- reits vorstehend dargelegt zu bejahen. Dagegen ist diese Urkunde nicht objektiv dazu geeignet, dem Beschuldigten das Fortkommen zu erleichtern. Der Beschul- digte hätte ohne Weiteres selber einen solchen Y._____- Pass erwerben können. Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln stand dem Angeklagten unbe- schränkt frei (selbstredend gegen Bezahlung des Fahrpreises). Der Y._____-Pass seines Kollegen verschaffte dem Beschuldigten entgegen der Ansicht der V o- rinstanz keine grössere Mobilität oder soziale Bewegungsfreiheit, welche ihm sel- ber nicht zugestanden hätte. 3.3. Handeln in der Absicht, sich oder einem andern das Fortkommen zu erleich- tern In subjektiver Hinsicht setzt der Tatbestand der Fälschung von Ausweisen im Sinne von Art. 252 StGB voraus, dass der Täter in der Absicht handelt, sich oder einem andern das Fortkommen zu erleichtern. Vorliegend kann offen bleiben, ob es dem Beschu ldigten darum ging, sich un- rechtmässig zu bereichern oder seine gesellschaftliche Bewegungsfreiheit zu ver- grössern. Das Vorweisen des Y._____- Passes seines Kollegen zielte darauf ab, die Bezahlung einer Busse wegen Benützung des öffentlichen Verkehrsmittel s ohne gültigen Ausweis zu umgehen. Er sagte dazu klar aus: "Ich wollte mir dann die Bezahlung der Busse ersparen und habe die Karte gezeigt" (Urk. 5 S. 2). Di e- ser Aussage lässt sich einerseits mit aller Deutlichkeit entnehmen, dass das Vor- weisen des Y._____- Passes mit der Absicht unrechtmässiger Bereicherung (Ei n-- 11 - sparen der Busse) erfolgte. And ererseits könnte auch argumentiert werden, dass sich der Beschuldigte damit offensichtlich auch Unannehmlichkeiten oder gar eine Strafverfolgung habe ersparen wollen (vgl. BGE 11 IV 26 mit Verweis auf BGE 98 IV 59), was grundsätzlich die Absicht der Erleichterung des Fortkommens be- inhalten würde. Dabei stellte der verwendete Y._____- Ausweis wie gezeigt aber kein ge eignetes Mittel dar. Bei der gegebenen objektiven Ausgangslage kann deshalb offen bleiben, ob der Beschuldigte den subjektiven Tatbestand erfüllt hat. 4. Fazit Demzufolge ist der Tatbestand der Fälschung von Ausweisen im Sinne von Art. 252 StGB nicht erfüllt. Der Angeklagte ist somit von diesem Vorwurf freiz u- sprechen. IV. Kosten- und Entschädigungsfolgen 1. Der Beschuldigte obsiegt im Berufungsverfahren vollumfänglich. Ausgangs- gemäss sind die Kosten des Berufungsverfahrens auf die Gerichtskasse zu neh- men (Art. 428 StPO) und ist ihm eine angemessene Entschädigung für die Kosten Verteidigung im Berufungsverfahren zuzusprechen (Art. 429 StPO). 2. Hinsichtlich der Untersuchungskosten und der Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte betref fend den Vorwurf des Erschleichens einer Leistung schuldig gesprochen wurde, betreffend den Vorwurf der Fälschung von Ausweisen jedoch freizusprechen ist. Zu beachten ist dabei, dass das täuschende Verhalten des Beschuldigten bestehend im Vorwei- sen des Y._____- Passes seines Kollegen auch im Hinblick auf den Vorwurf des Erschleichens einer Leistung im Sinne von Art. 150 StGB abzuklären war, zumal Verstecken oder täuschendes Verhalten bei "Schwarzfahren" Voraussetzung für die Erfüllung des Tatbestandes des Erschleichens einer Leistung bildet (BGE 117 IV 451 f.). Zusätzlicher Untersuchungsaufwand oder zusätzliche Gerichtskosten sind im Zusammenhang mit dem Vorwurf der Fälschung von Ausweisen nicht entstanden. Eine Aufteilung der Untersuchungskosten und der erstinstanzlichen - 12 - Gerichtskosten ist nicht angezeigt, sie sind bereits aufgrund des zur Verurteilung betreffend Erschleichen einer Leistung abzuklärenden Sac hverhaltes angefallen. Die Kosten der Untersuchung und die erstinstanzlichen G erichtskosten sind dem Beschuldigten daher vollumfänglich aufzuerlegen. Betreffend die Kosten der Ver- teidigung ist der Argumentation des Beschuldigten zu fol gen, wonach der Beizug eines Anwaltes nur aufgrund des zusätzlich vorgebrachten Tatvorwurfes der Fäl- schung von Ausweisen erforderlich wurde (Urk. 34 S. 11). 3. Gestützt auf Art. 429 Abs. 1 lit a StPO ist dem Beschuldigten eine Entschä- digung aus der Gerichtskasse für die Kosten seiner Verteidigung im erstinstanzl i- chen Verfahren und im Berufungsverfahren zuzusprechen. Die Kosten bemessen sich nach dem anwendbar en Anwaltstarif und müssen verhältnismässig sein (N. Schmid, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, Zürich/ St. Gallen 2009, N 7 zur Art. 429). Die vom Verteidiger eingereichten Honorar - und Kostennoten für das erst - und zweitinstanzliche Ver fahren von insgesamt Fr. 7'746.55 (inklusive Mehrwertsteuer ;Urk. 43) erweisen sich unter Berücksicht i- gung von § 17 lit. a und § 18 AnwGebV als zu hoch, insbesondere da sich der Beschuldigte von Anbeginn weg geständig zeigte und eine Teilnahme des Vertei- digers in der Untersuchung nicht notwendig erscheint. Zudem galt es im vorli e- genden Berufungsverfahren lediglich noch rechtliche Fragen zu klären. Dem Beschuldigten ist daher eine verhältnismässige Entschädigung von Fr. 5'000.– für die Verteidigungskosten betreffend beide Instanzen aus der Gerichtskasse zuz u- sprechen. - 13 - Das Gericht beschliesst: 1. Es wird festgestellt, dass das Urteil des Einzelrichters des Bezirksgerichts Zürich, 10. Abteilung, vom 7. Februar 2011 wie folgt in Rechtskraft erwac h- sen ist: "Es wird erkannt: 1. Der Beschuldigte ist schuldig − … − des Erschleichens einer Leistung im Sinne von Art. 150 Abs. 1 und 2 StGB in Verbindung mit Art. 172ter Abs. 1 StGB. 2. … . Der Beschuldigte wird ferner bestraft mit einer Busse von Fr. 100.--. Bezahlt der Be- schuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 1 Tag. 3. … . 4. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf: Fr. 1'500.– ; die weiteren Auslagen betragen: Fr. Kosten der Kantonspolizei Fr. Kanzleikosten Untersuchung Fr. Auslagen Untersuchung Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten. 5. … ." 2. Schriftliche Mitteilung mit nachfolgendem Urteil. - 14 - Das Gericht erkennt: 1. Der Beschuldigte wird vom Vorwurf der Fälschung von Ausweisen im Si nne von Art. 252 Abs. 4 StGB freigesprochen. 2. Die erstinstanzliche Kostenauflage (Ziffer 5) wird bestätigt. 3. Die Kosten des Berufungsverfahrens werden auf die Gerichtskasse genom- men. 4. Dem Angeklagten wird eine Entschädigung von Fr. 5'000. – für die Kosten der Verteidigung im erstinstanzlichen Verfahren und im Berufungsverfahren aus der Gerichtskasse zugesprochen. 5. Schriftliche Mitteilung in vollständiger Ausfertigung an − die Verteidigung im Doppel für sich und zuhanden des Beschuldigten − die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat − die Geschädigte D._____ sowie nach Ablauf der Rechtsmittelfrist bzw. Erledigung allfälliger Rechtsmit- tel an − die Vorinstanz − die Koordinationsstelle VOSTRA zur Entfernung der Daten gemäss Art. 12 Abs. 1 lit. d VOSTRA unter Beilage einer Kopie von Urk. 9/3 6. Rechtsmittel: Gegen diesen Entscheid kann bundesrechtliche Beschwerde in Straf - sachen erhoben werden. Die Beschwerde ist innert 30 Tagen, vom Empfang der vollständigen, be- gründeten Ausfertigung an gerechnet, bei der Strafrechtlichen Abteilung des Bundesgerichtes (1000 Lausanne 14) in der in Art. 42 des Bundesgericht s- gesetzes vorgeschriebenen Weise schriftlich einzureichen. - 15 - Die Beschwerdelegitimation und die weiteren Beschwerdevor aussetzungen richten sich nach den massgeblichen Bestimmungen des Bundesgericht s- gesetzes. Obergericht des Kantons Zürich I. Strafkammer Zürich, 19. August 2011 Der Präsident: Dr. F. Bollinger Der Gerichtsschreiber lic. iur. T. Walthert