B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6382/2023 U r t e i l v o m 2 7 . N o v e m b e r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Daniela Brüschweiler, mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiberin Sandra Bisig. Parteien A._______, geboren am 1. Januar 2004 (bestritten), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. LL.M. Sascha Marcec, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 6. November 2023 / N (…). D-6382/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 12. August 2023 in der Schweiz um Asyl nach. Er gab an, im (…) 2006 geboren und damit minderjährig zu sein. B. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank durch das SEM ergab, dass der Beschwerdeführer am 8. August 2023 bereits in Kro- atien aufgegriffen worden war und um Asyl nachgesucht hatte. C. C.a Anlässlich der Erstbefragung von unbegleiteten minderjährigen Asyl- suchenden (EB UMA) vom 6. September 2023 wurde der Beschwerdefüh- rer – im Beisein des ihm zugewiesenen Rechtsvertreters – unter anderem zu seinem Alter, seiner Schulbildung und der Asylgesuchstellung in Kroa- tien befragt. Zum letzten Punkt gab er im Wesentlichen an, er sei in Kroa- tien aufgegriffen worden, wobei ihm seine Fingerabdrücke auf grobe Weise und gegen seinen Willen abgenommen worden seien; ein Asylgesuch habe er nicht gestellt. Er sei dort 24 Stunden inhaftiert und dann zirka 12 Stun- den zu Fuss unterwegs gewesen, ehe er spät in der Nacht in einem Camp angekommen sei, wo er – somit erst nach 36 Stunden – etwas zu essen bekommen habe. Insgesamt seien die kroatischen Behörden unfreundlich und unmenschlich mit ihm umgegangen. Angesprochen auf gesundheitli- che Beeinträchtigungen, machte er sodann geltend, er habe ausser Krätze keine gesundheitlichen Beschwerden. Für seine sonstigen Aussagen wird auf das Protokoll in den Akten und die nachfolgenden Erwägungen verwie- sen. C.b Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Tazkira sowie Foto- grafien der Tazkira seines Vaters, eines Schulzeugnisses der 7. Klasse und eines Halbjahreszeugnisses der 8. Klasse zu den vorinstanzlichen Akten. D. Wegen der Zweifel an der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers veran- lasste das SEM eine Altersabklärung durch das Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals B._______. Das entsprechende Altersgutachten vom 26. September 2023 kam zum Schluss, dass sich beim Beschwerdeführer in einer Zusammenschau aller Untersuchungsbefunde ein durchschnittli- ches Lebensalter von 18 bis 23 Jahren und ein Mindestalter von 19 Jahren ergebe. Das von ihm angegebene Geburtsdatum könne nicht zutreffen. D-6382/2023 Seite 3 E. Mit Eingabe vom 26. September 2023 teil te der Beschwerdeführer dem SEM im Wesentlichen mit, sein Vater werde versuchen, die Tazkira im Ori- ginal in die Schweiz zu schicken. F. F.a Am 28. September 2023 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge- stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). F.b Diesem Gesuch entsprachen die kroatischen Behörden am 12. Okto- ber 2023 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO. Sie teilten dem SEM da- bei mit, dass der Beschwerdeführer in Kroatien mit dem Geburtsdatum (…) 2003 registriert sei. G. G.a Mit Schreiben vom 13. Oktober 2023 orientierte das SEM den Be- schwerdeführer über das Resultat der Altersabklärung und (mithin) die Un- glaubhaftigkeit der von i hm angegebenen Minderjährigkeit sowie die Ab- sicht, sein Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) allenfalls auf den 1. Januar 2004 anzupassen. Es gewährte ihm dazu sowie zur Zuständigkeit Kroatiens und einer Wegweisung dorthin das rechtliche Gehör. G.b Der Beschwerdeführer hielt in seiner Stellungnahme vom 20. Oktober 2023 an seiner Minderjährigkeit fest und machte hinsichtlich einer Wegwei- sung nach Kroatien im Wesentlichen (erneut) geltend, er sei dort 24 Stun- den in einem Zimmer eingesperrt und von Polizisten erheblich misshandelt worden. Er habe dort nichts zu essen und wenig zu trinken bekommen. Die Schweiz sei ausserdem sein Zielland gewesen. H. Am 23. Oktober 2023 mutierte das SEM das Geburtsdatum des Beschwer- deführers im ZEMIS auf den 1. Januar 2004 und versah es mit einem Be- streitungsvermerk. D-6382/2023 Seite 4 I. Mit Eingabe vom 25. Oktober 2023 teilte der Beschwerdeführer dem SEM mit, die Zustellung seiner Taz kira im Original stehe gemäss beigelegtem Tracking-Auszug unmittelbar bevor, weshalb er darum ersuche, mit dem Entscheid bis zum 3. November 2023 zuzuwarten. J. Mit Verfügung vom 6. November 2023 – eröffnet am 13. November 2023 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein , ordnete dessen Wegwei- sung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Es beauftragte den Kanton C._______ mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte dem Beschwerdeführer die edi tionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus. Gleichzeitig stellte es fest, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den 1. Januar 2004 laute und eine allfällige Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung habe. K. Gegen diesen Entscheid erho b der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 20. November 2023 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er be- antragte dabei in materieller Hinsicht, die angefochtene Verfügung sei voll- ständig aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, sein Geburtsda- tum im ZEMIS auf den (…) 2006 abzuändern, auf das Asylgesuch einzu- treten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen, eventualiter sei die Sache zur richtigen und vollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur rechtsgenüglichen Begründung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht bean- tragte er, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und im Sinne einer superprovisorischen vorsorglichen Ma ssnahme seien die Vollzugsbehörden unverzüglich anzuweisen, von seiner Überstellung nach Kroatien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Er- teilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Ferner sei ihm die unentgeltlichen Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. L. Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Überstellung mit superpro- visorischer Massnahme vom 21. November 2023 per sofort einstweilen aus. D-6382/2023 Seite 5 M. Die vorinstanzlichen Akten liegen dem Bundesverwaltungsgericht seit dem gleichen Tag in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfü gungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh- rung legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu- treten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.3 Der Beschwerdeführer beruft sich auf die Zuständigkeit der Schweiz für die Durchführung seines Asylverfahrens zufolge seiner Minderjährigkeit. Die damit zusammenhängenden Fragen sind im vorliegenden Verfahren zu prüfen. 1.4 Über das in der Beschwerde gestellte Begehren um Anpassung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums des Beschwerdeführers beziehungs- weise diesbezügliche Rückweisung an das SEM zur rechtsgenüglichen Begründung ist nicht im vorliegenden Dublin-Verfahren zu entscheiden. Zu diesem Punkt wurde ein separates Verfahren unter der Geschäftsnummer D-6414/2023 eröffnet. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage besch ränkt, ob die Vorinstanz zu D-6382/2023 Seite 6 Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. 3.1 Vorab sind die formellen Rügen des Beschwerdeführers zu prüfen, da sie allenfalls zur Kassation der angefochtenen Verfügung führen könnten. 3.2 Konkret wird dem SEM vorgeworfen, in seiner Beurteilung der Glaub- haftigkeit der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers hauptsächlich auf das Mindestalter des Altersgutachtens abgestellt und keine Gesamtwürdi- gung aller Indizien respektive keine weiteren diesbezüglichen Abklärungen vorgenommen zu haben. Zudem habe es entgegen der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts die Altersangabe des Beschwerdeführers in Kroatien als Indiz eingestuft, welches gegen das angegebene Alter des Beschwerdeführers spreche. Damit habe es den Sachverhalt unrichtig fest- gestellt und seine Begründungspflicht verletzt. 3.3 Diese Rügen zielen ins Leere, da sie sich letztlich auf die Frage der rechtlichen Würdigung der Sache und nicht die sich aus dem Untersu- chungsgrundsatz ergebende Frage der Feststellung des Sachverhalts be- ziehen. Der rechtserhebliche Sachverhalt ist jedenfalls rechtsgenüglich er- stellt und es besteht angesichts der nachfolgenden Erwägungen kein An- lass, weitere Abklärungen (etwa zur Echtheit der [in K opie] eingereichten Dokumente) vorzunehmen. Zudem liegt auch keine Verletzung der Begrün- dungspflicht vor, zumal die Vorinstanz die wesentlichen Überlegungen ge- nannt hat, von denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Ent- scheid stützte. Nicht er forderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vor- bringen ausdrücklich widerlegt. Dem Beschwerdeführer war es denn auch möglich, die vorinstanzliche Verfügung – wie die vorliegende Beschwerde zeigt – sachgerecht anzufechten (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1 m.w.H.). 3.4 Es besteht damit keinen Grund, die angefochtene Verfügung aus for- mellen Gründen aufzuheben. Das Eventualbegehren ist daher abzuwei- sen. 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a D-6382/2023 Seite 7 Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsp rüfung nach Kapitel III statt. Die Zuständigkeit beziehungsweise die Verpflichtung des Mitgliedstaates zur Wiederaufnah- me ergibt sich direkt aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d beziehungsweise Art. 20 Abs. 5 Dublin -III-VO (vgl. Urteil des Europäischen Gerichtshof s [EuGH; Grosse Kammer] vom 2. April 2019, Staatssecretaris van Veiligheid en Jus- titie gegen H. und R., C-582/17 und C-583/17, Rn. 47–50; BVGE 2019 VI/7 E. 4-6, 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.). Von Wiederaufnahmeverfahren ausgeschlossen sind unbegleitete Minder- jährige (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III -Verordnung, Wien 2014, K16 zu Artikel 8). Im Falle von unbegleiteten Minderjährigen ohne familiäre An- knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem der Minderjährige seinen An- trag gestellt hat. 4.3 Erweist es sich als unmöglich, Antragstellende in den eigentlich zustän- digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An - nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An- tragstellende in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgli ed- staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III- VO). 4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn D-6382/2023 Seite 8 er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Ge- mäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein an- derer Staat zuständig wäre. Der Selbsteintritt ist zwingend, wenn individu- elle völkerrechtliche Über stellungshindernisse vorliegen (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 5. 5.1 Angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer erstmals (und mithin vor seiner Asylgesuchstellung in der Schweiz) in Kroatien ein Asylgesuch eingereicht hatte und die kroatischen Behörden dem Ersuchen um Wieder- aufnahme explizit zustimmten, ist die Zuständigkeit Kroatiens – unter Vor- behalt einer bestehenden Volljährigkeit des Beschwerdeführers – grund- sätzlich gegeben, was in der Beschwerde auch nicht bestritten wird. 5.2 5.2.1 Der Beschwerdeführer macht in der Beschwerde jedoch – wie bereits im vorinstanzlichen Verfahren – geltend, minderjährig zu sein. Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Person zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämt li- cher Anhaltspunkte vorzunehmen, die für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen. Wesentlich sind dabei als für echt befundene Identitätspapiere oder eigene Angaben einer betroffenen Per- son (vgl. etwa Urteil des BVGer E -1772/2023 vom 8. November 2023 E. 5.2.6 m.w.H.). Es kommt dabei gemäss BVGE 2018 VI/3 umso weniger auf die Gesamtwürdigung der Beweise an, je s tärker eine durchgeführte medizinische Abklärung ein Indiz für das Vorliegen der Volljährigkeit dar- stellt. 5.2.2 5.2.2.1 Gegen die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers spricht zu- nächst die medizinische Altersabklärung. Diese stellt gemäss BVGE 2018 VI/3 – unabhängig der darin festgehaltenen Schlussfolgerung und in Über- einstimmung mit dem SEM – ein starkes Indiz für die Volljährigkeit des Be- schwerdeführers dar. So liegt das Mindestalter bei der Schlüsselbein- res- pektive Skelettaltersanalyse bei über 18 Jahren (konkret 19 Jahre) und die sich aus der Schlüsselbeinanalyse sowie der zahnärztlichen Untersuchung D-6382/2023 Seite 9 ergebenden Altersspannen (angegebenes Durchschnittsalter bei der zahn- ärztlichen Untersuchung: 22 Jahre [22.5 ± 1.9, 22.6 ± 1.9, 22.7 ± 1.9, 22.7 ± 1.9]) überlappen sich offensichtlich. Insofern zielt die in der Beschwerde geäusserte Kritik an der Schlussfolgerung des Altersgutachtens (Wider- sprüchlichkeit und ums trittene Methode bezüglich des massgeblichen [höchsten] Mindestalters) ins Leere. Es besteht ferner – entgegen dem ent- sprechenden Beschwerdevorbringen – kein Grund, an der Wissenschaft- lichkeit des Altersgutachtens zu zweifeln, nur weil keine Vergleichsstudien zur Ethnie respektive Nationalität des Beschwerdeführers bestehen , die dem Altersgutachten zugrundeliegende Literatur teilweise älteren Datums ist und gewisse Studien mit angeblich einer «sehr kleinen» Anzahl von Stu- dienteilnehmenden durchgeführt wurden. Es wird in der Beschwerde denn auch nicht behauptet oder gar dargelegt, dass das vorliegende Altersgut- achten in diesen Punkten von anderen Altersgutachten abweicht. Soweit in der Beschwerde sodann geltend gemacht wird, das vorliegende Altersgut- achten könne keinen Beweis für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers darstellen, weil das vom Beschwerdeführer angegebene Alter (17 Jahre und […] Monate) innerhalb der Standardabweichung von zweieinhalb bis drei Jahren (zum festgestellten Mindestalter) liege, ist festzuhalten, dass sich die in diesem Zusammenhang angeführten Entscheide der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) auf die Handknochenal- tersanalyse beziehen. Die Handknochenaltersanalyse wurde für die oben- stehende Beurteilung, wonach das vorliegende Altersgutachten ein starkes Indiz für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers darstellt, indes – entspre- chend den Ausführungen im erwähnten BVGE 2018 VI/3 – nicht berück- sichtigt. 5.2.2.2 Der Beschwerdeführer reichte zum Beleg seines Alter s lediglich Kopien respektive Fotografien seiner Tazkira und von zwei Schulzeugnis- sen ein. Abgesehen davon, dass der Beweiswert von derartigen Dokumen- ten (auch im Original) ohnehin gering ist (vgl. etwa Urteil des BVGer E-1942/2019 vom 3. Juni 2019 E. 5.4), verwies das SEM in der angefoch- tenen Verfügung bezüglich der Tazkira zu Recht auf eine darin enthaltene Auffälligkeit. So gibt diese zum einen das Geburtsdatum des Beschwerde- führers mit dem (…)1384 ([…] 2006) an, während ein Alter von 14 Jahren im Jahr 1398 respektive zum Ausstellungszeitpunkt am 7.1.1398 (27. März 2019) gemäss dem Aussehen des Beschwerdeführers festgehalten wird. Es ist – in Übereinstimmung mit dem SEM – nicht nachvollziehbar, weshalb eine Altersschätzung gemäss Aussehen vorgenommen würde, wenn das genaue Geburtsdatum bereits bekannt ist. Dem SEM ist daher beizupflich- ten, dass das eingetragene Geburtsdatum – unter der Annahme der D-6382/2023 Seite 10 Authentizität der Tazkira – kein gesicherter Wert zu sein schien, sodass sich offenbar eine Alterseinschätzung aufdrängte. Gemäss der entspre- chenden Altersschätzung wäre der Beschwerdeführer sodann im Zeitpunkt der Registrierung in Kroatien am 8. August 2023 bereits volljährig gewe- sen. Sein pauschales Vorbringen in der Eingabe vom 26. September 2023, wonach sich die afghanischen Behörden im Jahr der Ausstellung (1399 statt 1398) geirrt hätten, ist angesichts der hierzu gestellten Fragen in der EB UMA als nachgeschoben zu qualifizieren und überzeugt auch aufgrund der zweimaligen Nennung des Jahres 1398 auf der Tazkira nicht. Im Übri- gen wird in der Beschwerde (S. 11) wieder auf 1398 als Ausstellungs jahr verwiesen. 5.2.2.3 Dem SEM ist auch insofern zuzustimmen, als die Aussagen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit dem Grund der Ausstellung der Tazkira respektive seinem Schulbesuch Widersprüche aufweisen. So gab er anlässlich der EB UMA zunächst an, er habe die Tazkira für seine Ein- schulung gebraucht (vgl. Akten SEM […]-15/11 Ziff. 1.06). Gemäss seinen späteren Aussagen wäre seine Einschulung indessen im Jahr 2013 oder 2014 gewesen (vgl. Akten SEM […]-15/11 Ziff. 1.17.04), was sich nicht mit dem Ausstellungsdatum der Tazkira (27. März 2019) vereinbaren lässt. In seiner Stellungnahme zum rechtlichen Gehör vom 20. Oktober 2023 er- klärte er sodann, er habe die Tazkira für die Aufnahmeprüfung und die wei- terführende Schule (10. bis 12. Klasse) ausgestellt bekommen; leider habe er danach die Schule nicht mehr besuchen können. Es bleibt – in Überein- stimmung mit dem SEM – jedoch fraglich, weshalb er bereits im März 2019, als er gemäss seinen Angaben anlässlich der EB UMA in der 6. Klasse hätte sein müssen (vgl. Akten SEM […]-15/11 Ziff. 1.17.04), eine Tazkira für die Aufnahmeprüfung in die weiterführende Schule ausgestellt bekom- men haben sollte. Mit dem SEM ist daher festzuhalten, dass die Erklärung des Beschwerdeführers in der Stellungnahme zum rechtlichen Gehör eher darauf hindeutet, dass er bereits im Ausstellungsjahr der Tazkira kurz vor dem Abschluss der 9. Klasse stand, was die bereits bestehenden massi- ven Zweifel an dem vom Beschwerdeführer angegebenen Geburtsdatum zusätzlich bestärkt. 5.2.2.4 Das in Kroatien registrierte Geburtsdatum des Beschwerdeführers ([…] 2003) ist schliesslich als weiteres Indiz gegen seine Minderjährigkeit zu werten. Daran vermag der Hinweis in der Beschwerde auf eine angeb- lich anderslautende Rechtsprechung nichts zu ändern, zumal dem in die- sem Zusammenhang angegebenen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts eine andere Konstellation (Minderjährigkeit auch im anderen Dublin -D-6382/2023 Seite 11 Mitgliedstaat) zugrunde lag. In Übereinstimmung mit dem SEM überzeugt die Angabe des Beschwerdeführers anlässlich der EB UMA, wonach er (bei der Registrierung) in Kroatien nur nach dem Namen, nicht aber nach dem Alter und Geburtsdatum gefragt worden sei, nicht. Es besteht kein plausib- ler Grund für die Annahme, dass die kroatischen Behörden für Asylgesuch- steller ein zufälliges – nicht auf den Angaben der betreffenden Personen basierendes – Geburtsdatum registrieren. Auch die Mutmassung in der Be- schwerde, wonach fälschlicherweise das (…) als Geburtsdatum des Be- schwerdeführers registriert worden sein könnte, vermag bereits angesichts des aufgenommenen Geburtsjahres nicht zu überzeugen. Wie bereits in der angefochtenen Verfügung festgehalten, haben schliesslich die kroati- schen Behörden durch ihre explizite Zustimmung zum Übernahmeersu- chen – in Kenntnis der vom Beschwerdeführer im vorinstanzlichen Verfah- ren eingereichten Unterlagen – zum Ausdruck gebracht, dass sie den Be- schwerdeführer als volljährig erachten. 5.2.2.5 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer – auch unter Berücksichtigung des in der Schweiz grundsätzlich übereinstimmend an- gegebenen angeblichen Geburtsdatums – nicht gelungen, seine Minder- jährigkeit nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Er wird des- halb als volljährig betrachtet. Es erübrigt sich auf die weiteren diesbezügli- chen Argumente in der angefochtenen Verfügung und die entsprechenden Entgegnungen in der Beschwerdeschrift einzugehen, da sie nicht geeignet sind, eine Änderung dieser Einschätzung zu bewirken. Aus demselben Grund ist auch die Nachreichung der Tazkira im Original nicht abzuwarten. An der grundsätzlichen Zuständigkeit Kroatiens ändert sich damit nichts. 5.3 Es sprechen sodann keine sonstigen Gründe gegen eine Überstellung nach Kroatien respektive für einen Selbsteintritt der Schweiz , wobei dies- bezüglich auf die ausführlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfü- gung (S. 9-13) verwiesen werden kann, denen in der Beschwerde nichts entgegengehalten wird. 6. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die Überstellung nach Kroatien in Anwendung von Art. 44 AsylG eben- falls zu Recht angeordnet. D-6382/2023 Seite 12 7. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. 8. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 21. November 2023 angeordnete Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wir- kung ist – wie auch das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses – gegenstandslos geworden. 9. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu- weisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – von Anfang an als aussichtslos zu bezeichnen waren. Die Verfah- renskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen ( Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Regle - ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-6382/2023 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Sandra Bisig Versand: