Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 5. September 2019 (460 18 388) ____________________________________________________________________ Strafrecht Versuchter Mord etc. / Obligatorische Landesverweisung Besetzung Präsident Enrico Rosa, Richter Markus Mattle (Ref.), Richter Stephan Gass, Richterin Helena Hess, Richterin Susanne Afheldt; Gerichtsschreiberin Olivia Reber Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Allgemeine Hauptabteilung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Anklagebehörde und Anschlussberufungsklägerin A.____ , vertreten durch Opferhilfe beider Basel, Steinenring 53, 4051 Basel, Privatkläger gegen B.____ , vertreten durch Advokat Gabriel Giess, Oberwilerstrasse 3, Postfach, 4123 Allschwil, Beschuldigter und Berufungskläger Gegenstand Versuchter Mord etc. Berufung gegen das Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 17. September 2018 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft (nachfol gend Strafgericht) vom 17. September 2018 wurde B.____ der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig erklärt und zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verur teilt (Ziff. 1). Hingegen wurde er von der Anklage der Tätlichkeiten, der versuchten schweren Körperverletzung, eventualiter der versuch- ten einfachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand, der versuchten Nötigung sowie der Drohung freigesprochen (Ziff. 2). B.____ w urde ausserdem für die Dauer von 8 Jah- ren des Landes verwiesen. Die Landesverweisung wurde im Schengener Informationssystem eingetragen (Ziff. 3). Ferner wurden dem Beschuldigt en die gesamten Verfahrenskosten aufer- legt (Ziff. 5). B. Mit Eingabe vom 20. September 2018 meldete B.____ ( nachfolgend Berufungskläger), vertreten durch Advokat Gabriel Giess, beim Strafgericht Berufung an. Am 8. Januar 2019 reichte der Berufungskläger seine Berufungserklärung be im Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht (nachfolgend Kantonsgericht), ein und focht das Urteil des Strafgerichts vom 17. September 2018 in Teilen an (Ziff. 1). Das Ur teil sei wie folgt abzuändern: Es sei der Berufungskläger vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötu ng freizusprechen und wegen versuchter einfacher Körperverletzung mit einem gefäh rlichen Gegenstand und Drohung zu verurteilen. Mitangefochten sei auch die Strafzumessung. Es sei eine bedingt vollziehbare Geldstrafe von 360 Tagessätzen à Fr. 10.-- auszuspreche n. Des Weiteren sei von einer Lan- desverweisung abzusehen. Die Freisprüche betreffend Tä tlichkeiten, versuchter schwerer Kör- perverletzung, versuchter Nötigung sowie Drohung würden nicht angefochten. Angefochten werde ferner die Kostenverteilung: Aufgrund der ersti nstanzlichen Freisprüche sei ein Teil der Verfahrens- und Gerichtskosten auf die Staatskasse zu nehme n. Ebenso sei die Rückzah- lungsverpflichtung der Kosten der amtlichen Verteidigung anzupassen (Ziff. 2). C. Die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft (nachfolgend St aatsanwaltschaft) erklärte mit Eingabe vom 28. Januar 2019 beim Kantonsgericht die A nschlussberufung und beantragte, es sei der Schuldspruch in Ziff. 1 Abs. 1 des Urteils des Str afgerichts vom 17. September 2018 teilweise aufzuheben und der Beschuldigte der versuchten vorsätzlichen Tötung, der Tätlichkei- ten, der versuchten schweren Körperverletzung (eventuali ter der versuchten einfachen Körper- verletzung mit einem gefährlichen Gegenstand), der vers uchten Nötigung sowie der Drohung schuldig zu sprechen (Ziff. 1). Ausserdem sei der Beschuldigte in Abänderung von Ziff. 1 Abs. 2 des Urteils des Strafgerichts vom 17. September 2018 zu einer gegenüber der vom Strafgericht Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht ausgefällten Freiheitsstrafe erhöhten sowie schuldangem essenen Freiheitsstrafe zu verurteilen (Ziff. 2). Dementsprechend sei Ziff. 2 des genannten Urteils aufzuheben (Ziff. 3). Schliesslich sei der Beschuldigte in Abänderung von Ziff. 3 des Urteils des Strafgerichts vom 17. September 2018 für die Dauer von 15 Jahren anstatt für eine Dauer von 8 Jahren des Landes zu verweisen (Ziff. 4). Im Übrigen sei das Urteil des Strafgerichts in Abweisung der Berufung vollumfänglich zu bestätigen (Ziff. 5). D. Mit Verfügung vom 30. Januar 2019 setzte das verfahren sleitende Präsidium des Kan- tonsgerichts für das Berufungsverfahren Advokat Gabriel Giess als amtlichen Verteidiger des Berufungsklägers ein. In Bezug auf den Antrag des Berufu ngsklägers um Gewährung der un- entgeltlichen Rechtspflege (im Falle des Unterliegens) stellte die Verfahrensleitung fest, dass sich die Kostentragung im Rechtsmittelverfahren ausschliesslich nach Art. 428 StPO richtet. E. Die Staatsanwaltschaft reichte am 20. Februar 2019 ihr e Anschlussberufungsbegrün- dung ein und hielt an ihren eingangs gestellten Anträgen fest. F. Mit Berufungsbegründung vom 26. März 2019 beantragte der Berufungskläger, die An- schlussberufung der Staatsanwaltschaft vom 28. Januar 2019 sei vollumfänglich abzuweisen; dies unter o/e-Kostenfolge zu Lasten der Berufungsgegn erin. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, es sei Advokat Gabriel Giess das Protokoll der erstinstanzlichen Hauptverhand- lung zuzustellen. Ferner stellte der Berufungskläger die folgenden Beweisanträge: Es seien die Videos des Vorfalls (Empfang) im Einzelbildmodus an der Berufungsverhandlung vorzuführen. Vorsorglich werde ausserdem beantragt, dass – falls die Fo toaufnahmen dem Gericht resp. der Staatsanwaltschaft zu wenig klar sein sollten – eine pr ofessionelle forensische Sicherung des Videos inkl. Auswertung, z.B. beim forensischen Institut Zürich, durchgeführt werde. G. Am 10. April 2019 nahm die Staatsanwaltschaft Stellu ng zu den Beweisanträgen vom 26. März 2019 und beantragte deren Abweisung. H. Mit Verfügung vom 11. April 2019 wies das verfahrensle itende Präsidium des Kantons- gerichts den Beweisantrag des Beschuldigten, wonach die Vi deos des Vorfalls (Empfang) im Einzelbildmodus an der Berufungsverhandlung vorzuführe n seien – unter Vorbehalt eines an- derslautenden Entscheids des Gerichts an der Berufungsverh andlung – gestützt auf Art. 139 Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Abs. 2 StPO ab. Den vorsorglichen Antrag des Beschuldigt en, eine forensische Sicherung des Videos inkl. Auswertung in Auftrag zu geben, wies die V erfahrensleitung als für die Urteilsfin- dung nicht erforderlich ab. Schliesslich schloss das verfahr ensleitende Präsidium des Kantons- gerichts mit derselben Verfügung vom 11. April 2019 den Schriftenwechsel. I. Anlässlich der Berufungsverhandlung vor Kantonsgericht vo m 3. September 2019 er- scheinen der Berufungskläger und sein amtlicher Verteid iger sowie die Staatsanwaltschaft. Die Parteien halten an ihren bisherigen Anträgen fest. Erwägungen I. Formelles 1. Die Berufung ist gemäss Art. 398 Abs. 1 der Schweizerisch en Strafprozessordnung (StPO, SR 312.0) zulässig gegen Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abgeschlossen worden ist. Es können Rech tsverletzungen, die unvollstän- dige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden, wobei das Berufungsgericht das Urteil in allen angefoch tenen Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 398 Abs. 2 und Abs. 3 StPO). Gemäss Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Berufung dem erstinstanzlichen Gericht innert 10 Tagen seit Eröffnung des Urteils schriftlich oder mündlich anzumelden und danach dem Berufungsger icht innert 20 Tagen seit der Zustel- lung des begründeten Urteils eine schriftliche Berufun gserklärung einzureichen. Die Anschluss- berufung richtet sich gemäss Art. 401 Abs. 1 StPO sinngem äss nach Art. 399 Abs. 3 und 4 StPO. Somit ist die schriftliche Anschlussberufung inne rt 20 Tagen seit Zustellung der Beru- fungserklärung der Gegenpartei bei der Rechtsmittelinstanz einzureichen. 2. Vorliegend wird das Urteil des Strafgerichts vom 17. S eptember 2018 angefochten, wel- ches ein taugliches Anfechtungsobjekt darstellt. Mit Einga ben vom 20. September 2018 (Beru- fungsanmeldung) resp. vom 8. Januar 2019 (Berufungse rklärung) hat der Berufungskläger die Rechtsmittelfrist gewahrt und ist seiner Erklärungspflicht nachgekommen. Die Staatsanwalt- schaft hat mit Eingabe vom 28. Januar 2019 frist- und formgerecht Anschlussberufung erhoben. Die Zuständigkeit der Fünferkammer des Kantonsgerichts a ls Berufungsgericht zur Beurteilung der vorliegenden Berufung und Anschlussberufung ergib t sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 lit. b des Einführungsgesetzes zur Schweizerischen Strafprozessordnung (EG StPO, SGS 250). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Es zeigt sich somit, dass die Berufung des Beschuldigten sowi e die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft sämtliche Formalien erfüllen, weshalb auf diese einzutreten ist. II. Materielles 1. Allgemeines 1.1 Das Berufungsgericht überprüft das erstinstanzliche Urte il nur in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO). Aufgrund der seitens de r Parteien eingereichten Rechtsschrif- ten sowie der anlässlich der Berufungsverhandlung geha ltenen Parteivorträge zeigt sich, dass die Schuldsprüche wegen versuchter vorsätzlicher Tötung gemäss Ziffer 1 des vorinstanzlichen Urteils, die Freisprüche von der Anklage der Tätlichkeite n, der versuchten schweren Körperver- letzung, eventualiter der versuchten einfachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegen- stand, der versuchten Nötigung sowie der Drohung gemäss Ziffer 2 des vorinstanzlichen Urteils, die Strafzumessung, die Landesverweisung sowie die Auferle gung der Verfahrenskosten Ge- genstand des vorliegenden Berufungsverfahrens bilden. De mgegenüber sind die Entscheide des Strafgerichts in Bezug auf das Beschlagnahmegut un d das Honorar der amtlichen Verteidi- gung unangefochten geblieben, weshalb diese Punkte nicht Gegenstand des vorliegenden Ver- fahrens sind. Diese Punkte des vorinstanzlichen Urteils sind in Rechtskraft erwachsen (vgl. Art. 437 Abs. 1 lit. a und Art. 437 Abs. 2 StPO). 1.2 Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 10 Abs. 2 StPO) hat das urtei- lende Gericht frei von Beweisregeln und nur nach seiner aus dem gesamten Verfahren gewon- nenen persönlichen Überzeugung aufgrund gewissenhafter Prüfung darüber zu entscheiden, ob es eine Tatsache für bewiesen hält. Das Gericht trifft se in Urteil unabhängig von der Anzahl der Beweismittel, welche für eine bestimmte Tatsache sprec hen, und ohne Rücksicht auf die Art des Beweismittels. Auch besteht keine Rangfolge der Bew eise. Massgebend ist allein deren Stichhaltigkeit (C HRISTOF RIEDO /G ERHARD FIOLKA /M ARCEL ALEXANDER NIGGLI , Strafprozess- recht, 2011, Rz. 234; T HOMAS HOFER , Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 10 N 41 ff.). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist gemäss der aus Art. 32 Abs. 1 der Bundes- verfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV, SR 1 01) fliessenden und in Art. 6 Ziff. 2 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte un d Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) verankerten Maxime "in dubio pro reo" bis zum gesetzlichen Nachweis der Schuld zu vermuten, dass der wegen einer strafbaren Handlung Bes chuldigte unschuldig ist. Als Beweis- würdigungsregel besagt dieser Grundsatz, dass sich der St rafrichter nicht von der Existenz ei- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht nes für den Beschuldigten ungünstigen Sachverhalts überze ugt erklären darf, wenn bei objekti- ver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhal t so verwirklicht hat. Die Beweiswür- digungsregel ist verletzt, wenn der Strafrichter an der Schuld des Beschuldigten hätte zweifeln müssen. Dabei sind bloss abstrakte und theoretische Zweifel nicht massgebend, weil solche immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann. Es muss sich um er- hebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel handeln, das heisst um solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen (BGE 124 IV 87, E. 2a ; mit Verweis auf BGE 120 Ia 31). Dem Sachgericht steht im Bereich der Beweiswürdigung ein erheblicher Ermessensspielraum zu (BGE 134 IV 132, E. 4.2; BGE 129 IV 6, E. 6.1). 1.3 Im Rahmen der Beweiswürdigung sind Aussagen auf Glaubh aftigkeitsmerkmale bzw. Lügensignale hin zu analysieren. Aussagen sind gestützt auf eine Vielzahl von inhaltlichen Re- alkennzeichen zu beurteilen, wobei zwischen inhaltlichen Merkmalen (Aussagedetails, Individu- alität, Verflechtung), strukturellen Merkmalen (Strukturgleichheit, Nichtsteuerung, Widerspruchs- freiheit bzw. Homogenität) sowie Wiederholungsmerkmale n (Konstanz, Erweiterung) unter- schieden wird. Das Vorliegen von Realitätskriterien bede utet, dass die betreffende Person mit hoher Wahrscheinlichkeit über erlebnisfundierte Gesche hnisse berichtet. Zwar besitzt jedes Realitätskriterium für sich allein betrachtet meist nur eine geringe Validität, die Gesamtschau aller Indikatoren kann jedoch einen wesentlich höher en Indizwert für die Glaubhaftigkeit der Aussage haben, wobei sie in der Regel in solchen mit r ealem Erlebnishintergrund signifikanter und ausgeprägter vorkommen als in solchen ohne (M ARTIN HUSSELS , Von Wahrheiten und Lü- gen – Eine Darstellung der Glaubhaftigkeitskriterien an hand der Rechtsprechung, forumpoenale 6/2012, S. 369 f.; ANDREAS DONATSCH , Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 162 N 15). 2. Vorbringen der Parteien 2.1 Die Staatsanwaltschaft begründet ihre Anschlussberufung mit Eingabe vom 20. Februar 2019 dahingehend, dass in Bezug auf die Anklage der Tä tlichkeiten, der versuchten schweren Körperverletzung, eventualiter der versuchten einfache n Körperverletzung mit einem gefährli- chen Gegenstand, der versuchten Nötigung sowie der Drohung ein Schuldspruch hätte erfolgen sollen. Entgegen der Meinung des Strafgerichts seien die Aussagen des Privatklägers in sich schlüssig und konsistent und würden keinerlei Widersprüche a ufweisen. Der Privatkläger habe in den staatsanwaltschaftlichen Einvernahmen und anlässl ich der Hauptverhandlung vor Straf- gericht beständig und übereinstimmend ausgesagt, dass da s laute Telefonieren des Beschul- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht digten der Grund für den Streit gewesen sei. Dass das Thema Fasten der Auslöser der Ausei- nandersetzung gewesen sei, habe der Privatkläger anlässl ich der staatsanwaltschaftlichen Ein- vernahmen nie erwähnt und auch auf Nachfrage des Str afgerichtspräsidenten hin verneint. Die Aussagen des Privatklägers seien hinsichtlich der Entstehu ng des Streits als auch hinsichtlich der weiteren Ausführungen konsistent, in sich schlüssig u nd würden keinerlei gröbere Wider- sprüche aufweisen. Den beständigen und schlüssigen Aussagen des Privatklägers stünden die – zumindest teilweise – unwahren Aussagen des Beschuldigt en gegenüber. So stelle auch das Strafgericht zutreffend fest, dass der Beschuldigte jede Verantwortung für die Entstehung des Streits von sich weise und zumindest teilweise offensichtlich nicht die Wahrheit sage. Insgesamt sei nicht ersichtlich, aus welchem Grund die Aussagen des P rivatklägers im Hinblick auf das Geschehen in der Küche weniger glaubhaft erscheinen s ollten als seine – durch die Videoauf- zeichnungen objektivierten – Aussagen in Bezug auf das Ge schehen ausserhalb der Küche. 2.2 In seiner Berufungsbegründung vom 26. März 2019 führt der Beschuldigte aus, dass der Freispruch in Bezug auf das Geschehen in der Küche aufgr und des Grundsatzes "in dubio pro reo" korrekt und daher zu bestätigen sei. Bezüglich des Geschehens ausserhalb der Küche werde die Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz, wona ch der Beschuldigte auf den Privatklä- ger "eingestochen" haben soll, bestritten. "Einstiche" seien auch rechtsmedizinisch nicht erstellt. Aus der Videosequenz sei zudem klar ersichtlich, dass der Be schuldigte das Messer vom Kopf abgewandt geführt habe. Von einem "Einstechen" könne b ei diesem Beweisergebnis keine Re- de sein. Der Beschuldigte habe den Privatkläger nicht töten, sondern diesem nur Angst machen wollen. Hätte der Beschuldigte tatsächlich mehrfach auf den Privatkläger eingestochen und das Messer gegen dessen Kopf- und Halsbereich geführt, wäre zu erwarten gewesen, dass der Pri- vatkläger an verschiedenen Stellen massive Stichverletzungen aufgewiesen hätte. 3. Tatsächliches 3.1 Geschehen in der Küche (Anklageschrift Ziff. 1 – 4) Für das Geschehen in der Küche liegen keine objektiven Be weismittel, insbesondere keine Vi- deoaufzeichnungen, vor. Als Beweismittel stehen im Wesen tlichen die Aussagen des Privatklä- gers sowie diejenigen des Beschuldigten zur Verfügung. Der Privatkläger hat in der Einvernahme vom 14. Juni 201 7 zum Geschehen in der Küche im Wesentlichen ausgeführt, dass der Beschuldigte laut telefonierend in die Küche gekommen sei. Der Privatkläger habe ihn daher gebeten, leiser zu sei n. Der Beschuldigte habe ihm daraufhin Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht an dessen Kinn gegriffen und ihn mit seiner rechten Fa ust auf die linke Gesichtsseite geschla- gen. Dies so fest, dass er zu Boden gefallen sei. Er sei aufgestanden, und der Beschuldigte sei schon mit einer Schaufel bereit gestanden. Als der Pri vatkläger den "Chef" (Betreuer des Asyl- heims) habe holen wollen, habe der Beschuldigte ihm mi t der Schaufel nachgeschlagen. Er habe sich ducken können, und die Schaufel habe die Wand getroffen. Plötzlich habe der Be- schuldigte ein Messer in der Hand gehabt und ihn damit geschlagen. Das Messer habe er aus dem Spint in der Küche genommen. Als er dem Beschuldig ten das Messer habe wegnehmen wollen, habe dieser ihm in den rechten Oberschenkel gebissen. Daraufhin habe der Privatklä- ger dem Beschuldigten in die Schulter gebissen. Der P rivatkläger hat im weiteren Verlauf der Einvernahme präzisiert, dass der Beschuldigte ihn nicht mit der Schaufel geschlagen, sondern diese nach ihm geworfen habe (staatsanwaltschaftliche Einvernahme vom 14. Juni 2017, Akten S. 857 ff.). Demgegenüber hat der Beschuldigte in der Hafteröffnun gseinvernahme vom 15. Juni 2017 im Wesentlichen ausgeführt, der Privatkläger habe in der K üche die Absicht gehabt, ihm sein Es- sen mit Gewalt zu entreissen und dieses fortzuwerfen. Deshalb habe er sein Essen auf die Sei- te und sich vor dieses gestellt. Als der Privatkläger die s bemerkt habe, habe dieser ihn geohr- feigt. Der Beschuldigte habe diesen dann auch geohrfeig t, und es sei zu einem Zweikampf zwi- schen ihnen gekommen. Nachdem sie sich getrennt hätten, habe der Privatkläger eine kleine Pfanne genommen und diese nach dem Beschuldigten geworfen. Die Pfanne habe ihn im rech- ten Rippenbereich getroffen. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung habe der Privatkläger einen Besen genommen und ihn damit schlagen wollen. Daraufhin habe der Beschuldigte eine Schaufel genommen, um sich zu verteidigen. Der Privatkläger sei gerannt und habe aus seinem geöffneten Schrank ein Messer herausgenommen. Dann habe der Beschuldigte den Privatklä- ger an der Hand gepackt, und es sei zu einem Gerangel g ekommen. Er habe dessen Handge- lenk gepackt, und zwar an der Hand, in der er das Messer g ehalten habe. Das Messer sei aus- einandergebrochen, dies sei noch in der Küche geschehen . Dabei habe der Privatkläger sich geschnitten resp. am Messer verletzt. Beide Messerteile sei en auf den Boden gefallen (Einver- nahme vom 15. Juni 2017, Akten S. 331). In der Einvernahme vom 27. Juli 2017 hat der Beschuldi gte angegeben, als er in die Küche ge- kommen sei, habe ihm der Privatkläger gesagt, er solle s ein Telefon ausschalten. Als der Be- schuldigte sich sodann etwas zu Essen habe machen wollen, habe der Privatkläger angefan- gen, ihn zu kritisieren. Der Privatkläger habe gesagt, dass der Beschuldigte seine Ruhe laufend Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht mit Telefonaten stören würde. Ausserdem habe der Priva tkläger ihn gefragt, weshalb er essen wolle, und ob er denn kein Muslim sei. Er habe gesagt , sie seien Muslime und sollten fasten resp. Ramadan halten, und der Beschuldigte habe nicht das Recht, vor seinen Augen zu essen. Wenn er essen würde, sei das "Haram" (Sünde). Der Pr ivatkläger habe ihm das Essen weg- nehmen wollen und ihn geohrfeigt. Dann sei die Ause inandersetzung losgegangen. Sie hätten gekämpft, bis der Privatkläger auf einmal eine Pfanne in der Hand gehalten habe. Damit habe er ihn geschlagen. Der Privatkläger habe ihn auf die re chte Rückenseite im Rippenbereich ge- troffen. Im weiteren Verlauf habe der Privatkläger ei n Messer in der Hand gehalten und gesagt, der Beschuldigte sei gottlos, weshalb man gegen ihn ei nen "Dschihad" (Heiliger Krieg) führen solle. Daraufhin habe der Beschuldigte eine Schaufel und der Privatkläger einen Stuhl zur Hand genommen (Einvernahme vom 27. Juli 2017, Akten S. 1039 f.). Anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 13. Septe mber 2017 hat der Privatkläger aus- gesagt, der Beschuldigte sei laut telefonierend in die Küche gekommen. Er habe ihm deswegen gesagt, er solle leise sein. Der Beschuldigte habe ihn daraufhin beleidigt. Der Privatkläger habe darauf hingewiesen, wegen des Fastens nicht so kräftig zu sein und nicht streiten zu wollen. Der Beschuldigte habe sodann mit der Faust auf dessen r echte Stirnseite geschlagen. Der Schlag sei so stark gewesen, dass der Privatkläger auf das S ofa gestürzt sei, wobei er das Be- wusstsein aber nicht verloren habe. Nach dem Schlag habe e r sich zum Aufstehen an einem Stuhl festgehalten. Ansonsten sei nichts mit einem Stu hl vorgefallen. Sobald er aufgestanden sei, habe der Beschuldigte ihn wieder geschlagen und ge kratzt. Dann habe der Beschuldigte eine Schaufel nach ihm geworfen. Die Schaufel habe a m Türrahmen aufgeschlagen. Wenn die Schaufel den Privatkläger getroffen hätte, hätte sie ih n geköpft. Das Messer habe der Beschul- digte aus seinem Spint in der Küche herausgenommen. Es sei nichts mit dem Thema Essen gewesen. Der Beschuldigte habe überhaupt kein Essen hera usgenommen. Er habe mit der Schaufel nach ihm geschlagen (Konfrontationseinvernahme Beschuldigter/Geschädigter vom 13. September 2017, Akten S. 1061 ff.). Der Beschuldi gte hat im Rahmen der Konfrontations- einvernahme vom 13. September 2017 hingegen ausgeführt, dass der Auslöser des Streits das Thema Fasten gewesen sei. Der Privatkläger habe ihm ein e Ohrfeige verpasst. Danach hätten sie gekämpft. Sie seien auf den Boden gestürzt und hätt en sich an den Haaren gerissen. Der Privatkläger habe ihn in die rechte Schulter gebissen. A ls er nach dem Kampf die Küche habe verlassen wollen, habe der Privatkläger eine Pfanne nach ihm geworfen. Daraufhin hätten sie weitergekämpft. Der Privatkläger habe einen Stuhl, und er deswegen eine Schaufel zur Hilfe Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht genommen. Bei der Auseinandersetzung sei auch ein Messer im Spiel gewesen (Akten S. 1067). Vor Strafgericht hat der Privatkläger ausgesagt, der Beschuldigte habe in der Küche laut telefo- niert. Er habe ihn daher gebeten, leiser zu sein. De r Beschuldigte habe deswegen angefangen, mit ihm zu streiten. Das Thema Ramadan sei nicht der G rund für den Streit gewesen. Der Be- schuldigte habe ihn auf die linke Stirnseite geschlagen , woraufhin er zu Boden gefallen sei. Er sei vom Schlag benommen gewesen. Der Beschuldigte hab e gedacht, der Privatkläger werfe ihm den Stuhl an oder schlage ihn mit diesem, weshalb er die Schaufel genommen und sie dem Privatkläger angeworfen habe (Verhandlung vor Strafger icht vom 17. September 2018, Akten S. 125 ff.). C.____, der Betreuer des Asylheims in X.____, hat in sei ner Einvernahme vom 3. Juli 2017 ausgeführt, so wie er den Beschuldigten kenne, ticke dieser nicht ohne Grund derart aus. In der Vergangenheit sei der Beschuldigte immer zu ihm gekomme n, wenn ihn etwas belastet habe. Er müsse stark provoziert worden sein (Akten S. 955). C._ ___ hat ausserdem ausgesagt, der Privatkläger sei schwer durchschaubar. Er sei der "Typ 1001 Nacht". Man könne ihm nicht im- mer alles glauben (Einvernahme von C.____ vom 3. Juli 2017, Akten S. 957). Wie bereits erwähnt, stehen für das Geschehen in der K üche keinerlei Videoaufnahmen zur Verfügung. Es liegt eine typische "Aussage-gegen-Aussage" Konstellation vor. Der Beschuldig- te und der Privatkläger widersprechen sich stark. Dies beg innt bereits mit dem Grund für den Streit, wobei der Beschuldigte angibt, dass sie sich wege n des Themas Ramadan gestritten hätten. Der Privatkläger hingegen behauptet konstant, d ass das laute Telefonieren des Be- schuldigten der Auslöser für den Streit gewesen sei. Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass die Aussagen des Beschuldigten nicht glaubhaft wir- ken. Er weist jede Verantwortung für die Entstehung de s Streits von sich und sagt – zumindest teilweise – offensichtlich nicht die Wahrheit. Namentli ch hat er zunächst ausgesagt, der Privat- kläger habe ihn in der Küche mit dem Messer attackiert, und dabei sei die Messerklinge abge- brochen. Daraufhin sei der Privatkläger mit den beiden Messerteilen zum Büro des Betreuers gegangen und habe die Teile dort deponiert. Aufgrun d der Videoaufnahmen ist aber erstellt, dass das besagte Messer erst vor dem Büro des Betreuers kaputtgegangen ist. Weiter hat die Vorinstanz zu Recht festgehalten, dass au ch die Aussagen des Privatklägers gesamthaft betrachtet im Detail nicht glaubhaft wirke n. In den Aussagen des Privatklägers sind Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht einige Widersprüche erkennbar. In seiner Einvernahme vo m 14. Juni 2017 hat der Privatkläger ausgesagt, der Beschuldigte habe ihn mit seiner recht en Faust auf die linke Gesichtsseite ge- schlagen, dies so fest, dass er zu Boden gefallen sei. Im Rahmen der Konfrontationseinver- nahme vom 13. September 2017 hat er hingegen ausgefü hrt, der Beschuldigte habe mit der Faust auf seine rechte Stirnseite geschlagen. Der Schlag sei so stark gewesen, dass er auf das Sofa gestürzt sei. Vor Strafgericht hat der Privatkläger schliesslich gesagt, der Beschuldigte habe ihn auf die linke Stirnseite geschlagen, woraufh in er zu Boden gefallen sei. Er sei vom Schlag benommen gewesen. Zum einen sind die Aussagen de s Privatklägers in Bezug auf den Schlag an sich nicht konstant (linke Gesichtsseite, rechte Stirnseite, linke Stirnseite). Zum ande- ren scheint der Privatkläger auch dessen Auswirkungen von E invernahme zu Einvernahme dramatischer darzustellen (zu Boden gefallen, auf das Sofa gestürzt, benommen zu Boden ge- fallen). Zudem ist davon auszugehen, dass der Privatkläge r nicht völlig unschuldig an der Aus- einandersetzung gewesen ist. Alles in allem reicht die Aussagequalität keiner Partei aus, um darauf abstellen zu können. Der Privatkläger ist wohl insgesamt mit seinen Ausführunge n näher an den tatsächlichen Gescheh- nissen als der Beschuldigte. Dennoch ist es nicht möglich, das Geschehen in der Küche mit der erforderlichen Sicherheit sachverhaltsmässig zu rekonstruiere n, zumal nach wie vor Vieles un- klar bleibt. So ist in keinster Weise erstellt, wer mit welchem Gegenstand wann auf den anderen losgegangen ist oder wer den anderen wann geschlagen hat. Von beiden Parteien zugestanden ist lediglich, dass sie ein Gerangel gehabt und gegensei tige Tätlichkeiten und Bisse ausgeteilt haben. Der dem Beschuldigten in Ziff. 1 bis Ziff. 4 der Anklageschrift vorgeworfene Sachverhalt ist nicht rechtsgenüglich nachgewiesen, weshalb die Vorinstanz den Beschuldigten zu Recht "in dubio pro reo" in Bezug auf das Geschehen in der Küche f reigesprochen hat. Demzufolge ist Ziff. 2 des vorinstanzlichen Urteils, wonach der Beschuldi gte von der Anklage der Tätlichkeiten, der versuchten schweren Körperverletzung, eventualiter d er versuchten einfachen Körperver- letzung mit einem gefährlichen Gegenstand, der versuchte n Nötigung sowie der Drohung frei- gesprochen wird, zu bestätigen. 3.2 Mehrfache Drohung (Anklageschrift Ziff. 10) Ebenfalls nicht rechtsgenüglich nachgewiesen ist die mehrfache Drohung gemäss Ziff. 10 der Anklageschrift. Auch hier besteht eine "Aussage-gegen- Aussage" Situation, wobei weder auf die Aussagen des Privatklägers noch auf diejenigen des Beschuldigten abgestellt werden kann. Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht Der Privatkläger hat in seiner Einvernahme vom 14. Juni 2017 ausgeführt, dass der Beschuldig- te während des Vorfalls mehr als zehn Mal zu ihm gesagt habe: "Ich lass dich nicht. Ich bringe dich um." Am Schluss (nach der Polizeikontrolle) habe de r Beschuldigte ihm mit dem Finger angezeigt, dass er ihm die Kehle durchschneiden werde ( Akten S. 865). In seiner Einvernahme vom 15. Juni 2017 hat der Beschuldigte hingegen vorgebracht, der Privatkläger habe ihm einige Male mit den Worten gedroht: "Ich schlachte dich!". Er selber habe aber nichts Dergleichen ge- sagt. Er habe auch keine solche Geste gemacht. Er habe am Kinn eine kleine Verletzung ge- habt. Diese Verletzung habe er wohl öfters angefasst. Es könne sein, dass der Privatkläger das missverstanden habe (Akten S. 905). Im Übrigen sei es sei ne Gewohnheit, dass er mit der Hand über den Bart an seinem Hals streiche. Diese Bewegu ng habe der Privatkläger falsch interpretiert (Akten S. 1053). Der Privatkläger stellt sich hingegen auf den Standpunkt, dass der Beschuldigte mit der beschriebenen Geste gedroht habe, ihm mit dem Messer die Kehle durch- zuschneiden. Der Zeigefinger stelle das Messer dar. Er sei Muslim. Wenn man mit der Hand von oben über den Bart fahre, sei das eine Warnung. Di e Geste mit dem Finger bedeute "now i kill you" (Konfrontationseinvernahme vom 13. September 2017, Akten S. 1085). Die anderen vor Ort anwesenden Personen, insbesondere der Betreuer des Asylheims und die Polizeibeamten, haben indes nicht gesehen, dass der Be schuldigte dem Privatkläger mit einer Geste gedroht hätte (Einvernahme von C.____ vom 3. Ju li 2017, Akten S. 953). Im Zweifel ist somit der Beschuldigte auch diesbezüglich "in dubio pro reo" freizusprechen und demzufolge Ziff. 2 des vorinstanzlichen Urteils zu bestätigen. 3.3 Geschehen ausserhalb der Küche (Anklageschrift Ziff. 5 – 9) 3.3.1 Geschehen vor dem Haus Zur Beurteilung des Geschehens vor dem Haus steht die Vid eoaufnahme der Überwachungs- kamera des Asylheims in X.____ (BL) als zentrales Beweismi ttel zur Verfügung. Auf dieser Vi- deoaufzeichnung der Überwachungskamera beim Haupteing ang ist ab 15:37:28 Uhr resp. ab Sekunde 70 der Aufzeichnung zu sehen, wie der Privatkl äger um das Haus herumrennt und beim Haupteingang zur Türe hinein möchte, während de r Beschuldigte ihm mit dem Messer hinterherrennt und bei der Treppe vor der Eingangstü re einmal mit dem Messer auf den Privat- kläger einschlägt. Der Privatkläger kommt offenbar nicht in das Haus hinein und rennt deshalb wieder um das Haus herum, um bei einer anderen Türe (Küchentüre) in das Haus zu flüchten. Der Beschuldigte rennt dem Privatkläger wiederum hinter her und schlägt zweimal mit dem Messer auf diesen ein. Der Privatkläger scheint sodann in das Haus gelangt zu sein und die Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Türe von innen verschlossen zu haben, weshalb der Beschul digte um das Haus herumrennt (CD 2, Ordner 2017-06-15, Video Nummer 00000003617001501). Zum Geschehen vor dem Haus befragt, hat der Privatkläger vor Strafgericht ausgeführt, als er geflohen sei, habe der Beschuldigte das Messer aus dem S pint genommen und sei ihm hinter- hergelaufen. Er habe ihn mit dem Messer geschlagen. De r Privatkläger habe den "Chef" darauf aufmerksam machen wollen, die Türe sei aber verschlossen g ewesen. Daher sei er wieder in die Küche gegangen (Verhandlung vor Strafgericht vom 17. September 2018, Akten S. 125 ff.). Zu den Videoaufzeichnungen befragt, hat der Beschuldig te gesagt, er habe versucht, dem Pri- vatkläger Angst zu machen. Er habe aber nicht die Absicht gehabt, dessen Körper zu treffen. Damit er ihn nicht treffe, habe er seine Hand abgedr eht (Einvernahme vom 27. Juli 2017, Akten S. 1043). 3.3.2 Geschehen im Eingangsbereich resp. vor dem Bü ro des Betreuers Auch zur Beurteilung des Geschehens im Eingangsbereich resp. vor dem Büro des Betreuers stehen die Videoaufzeichnungen des Asylheims als Beweismit tel im Zentrum. Auf der Video- aufzeichnung der Überwachungskamera im Treppenhaus ist ab 15:37:52 Uhr resp. ab Sekunde 23 der Aufzeichnung zu sehen, wie der Privatkläger in die Richtung des Büros des Betreuers läuft und an die Empfangs-Scheibe klopft. Daraufhin stürmt der Beschuldigte ihm nach und geht wiederum mit dem Messer auf ihn los. Der Beschuldigte schlägt insgesamt sechsmal mit dem Messer auf den Privatkläger ein, bis das Messer nach dem s echsten Schlag auseinanderbricht. Daraufhin entfernt sich der Beschuldigte vom Büro, der Privatkläger sammelt die beiden Teile des zerbrochenen Messers am Boden ein und zeigt diese d em Betreuer. Während der Privat- kläger mit dem Betreuer über den Vorfall spricht, kommt der Beschuldigte noch einmal zurück, deutet mit dem Zeigefinger auf den Privatkläger, sagt etwas zu diesem und geht wieder fort. Danach spricht der Privatkläger weiter mit dem Betreuer am Empfangsschalter, bis der Betreuer aus seinem Büro zum Privatkläger herauskommt (CD 2, Video Nummer 00000003608019701). Dieselbe Situation ist von einer weiteren Überwachung skamera aus einer anderen Perspektive auf Video aufgezeichnet worden. Auf der Videoaufzeich nung der Überwachungskamera beim Empfang des Asylheims in X.____ ist ab 15:37:54 Uhr resp . ab Sekunde 5 der Aufzeichnung zusätzlich eindrücklich zu sehen, wie der Privatkläger die Sc hläge des Beschuldigten abwehrt. Ausserdem ist während des Angriffs in den Augen des Privatklägers grosse Angst zu erkennen. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Darüber hinaus ist ihm Entsetzen und Verzweiflung anzusehen, während er dem Betreuer nach der Tat über das Geschehene berichtet (CD 2, Video Nummer 00000003618002701). Zum Geschehen im Eingangsbereich befragt, hat der Pri vatkläger anlässlich der Einvernahme vom 14. Juni 2017 ausgeführt, der Beschuldigte habe ih n mit dem Messer geschlagen. Das Messer sei dann kaputtgegangen. Dies sei bei der Türe d es "Chefs" beim Eingang resp. Emp- fang des Asylheims geschehen. Der Beschuldigte habe mit d er Klinge voran auf ihn einge- schlagen. Er habe versucht, sich zu wehren, dabei habe er sich an der Hand verletzt. Dann ha- be der Beschuldigte ihn am Bauch treffen wollen. Er habe meistens in Richtung des Kopfes geschlagen. Mit "Schlagen" meine der Privatkläger die S techbewegungen. Der Beschuldigte habe ihn umbringen wollen (staatsanwaltschaftliche Einv ernahme vom 14. Juni 2017, Akten S. 857 ff.). Neben den Videoaufzeichnungen ist diese erste Einvernahm e des Privatklägers vom 14. Juni 2017 als wichtiges Beweismittel zu würdigen. Immer wied er hat der Privatkläger davon gespro- chen, dass der Beschuldigte ihn mit dem Messer "geschlagen" habe. Er habe versucht, sich mit der Hand zu wehren. Der Beschuldigte habe ihn trotzde m an der linken Seite des Gesichts ge- troffen. Der Privatkläger habe ihn mit der Hand abwehren können. Dabei habe er sich an seiner Hand verletzt. Er sei mehrfach vom Beschuldigten "geschla gen" worden (Einvernahme vom 14. Juni 2017, Akten S. 859). Auch im weiteren Verla uf der Einvernahme hat der Privatkläger gesagt, der Beschuldigte habe plötzlich ein Messer in der Hand gehabt. Er habe ihn mit dem Messer in der Hand "geschlagen". Auf die Frage hin, wa s der Beschuldigte mit dem Messer gemacht habe, hat der Privatkläger wiederum ausgeführt , er habe ihn mit dem Messer "ge- schlagen". Das Messer sei dann kaputtgegangen. Der Beschul digte habe ihn mit dem Messer bei der Türe des "Chefs" beim Eingang resp. Empfangsschalter "geschlagen". Der Beschuldigte habe das Messer am Griff gehalten. Er habe ihn damit "geschlagen". Er habe mit der Klinge voran auf ihn "geschlagen". Der Privatkläger habe dann dessen Hand ergreifen können (Akten S. 863). Der Beschuldigte habe ihn meistens in Richtung des Kopfes "geschlagen". Als er den Beschuldigten festgehalten habe, habe dieser ihn mit der anderen Hand "geschlagen". Der Be- schuldigte habe auch versucht, in Richtung des Bauches zu "sc hlagen". Das sei aber nicht er- folgreich gewesen. Dann habe er in Richtung des Kopf es "geschlagen". Erst auf Frage der ein- vernehmenden Person hin hat der Privatkläger schliesslich a usgeführt, dass er mit "Schlagen" die Stechbewegungen meine. Der Beschuldigte habe ihn umbringen wollen (Akten S. 865). Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Vor Strafgericht hat der Privatkläger ausgesagt, dass der Beschuldigte ihn bei der Türe des "Chefs" wieder eingeholt habe. Dort habe er ihn mit dem Messer attackiert (Verhandlung vor Strafgericht vom 17. September 2018, Akten S. 125 ff.). Der Beschuldigte hat anlässlich seiner Einvernahme vom 27 . Juli 2017 ausgeführt, er habe in seinem früheren Leben nie ein Messer zum Kämpfen in die Hand genommen. Er habe auch nie den Gedanken gehabt, jemanden zu töten. Bei diesem Vo rfall habe es Probleme gegeben und zwar in seinem Kopf. Er sei ausser Kontrolle gewesen (be sagte Einvernahme, Akten S. 1045). Sie hätten gekämpft. Im Kampf sei alles möglich. Wenn man wütend sei und ausser Kontrolle gerate, sei alles möglich (Akten S. 1051). Im Rahmen d er Verhandlung vor Strafgericht vom 17. September 2018 hat der Beschuldigte sich die Videoa ufzeichnungen nicht ansehen wollen, da diese ihn erschrecken würden. Weinend hat der Beschuld igte ausgeführt, er habe sich nicht mehr unter Kontrolle und Glück gehabt, dass nicht mehr passiert sei (Protokoll der Sitzung des Strafgerichts vom 17. September 2018, Akten S. 137). Das Berufungsgericht erachtet es aufgrund der Videoaufze ichnungen der Überwachungskame- ras sowie aufgrund der ersten Einvernahme des Privatkläge rs vom 14. Juni 2017 als erstellt, dass der Beschuldigte insgesamt neunmal – dreimal vor dem Haus beim Haupteingang des Asylheims und sechsmal beim Empfangsschalter im Hausinnern – in natürlicher Handlungsein- heit "Schlagbewegungen" mit dem Messer gegen den Bauch -, Brust-, Arm-, Hals- und Kopfbe- reich des Privatklägers ausgeführt hat. Aus den Videoaufna hmen wird ersichtlich, dass der Be- schuldigte die Schlagbewegungen mit ziemlich heftiger A ggressivität ausgeführt hat. Als nicht erstellt erachtet das Kantonsgericht hingegen, dass der Beschuldigte auch Stichbewegungen gegen den Privatkläger ausgeführt hat. Auf den Videoa ufzeichnungen erkennt man, dass es sich um eine dynamische Auseinandersetzung gehandelt hat , wobei der Beschuldigte aber da- rauf bedacht gewesen zu sein scheint, den Privatkläger nic ht zu stechen. Dies kann daraus abgeleitet werden, dass der Beschuldigte jeweils mit se iner Hand resp. dem roten Griff des Messers und nicht mit der Messerklinge voran auf den Privat kläger eingeschlagen hat. Wenn man die Videoaufnahmen verlangsamt abspielt, ist darau f gut zu erkennen, dass der Beschul- digte die Messerklinge stets nach aussen resp. in die Luft und nicht gegen den Körper des Pri- vatklägers gerichtet hat. Ein "Stechen" im engeren Sinn e ist nicht ersichtlich; Dessen ungeach- tet musste der Beschuldigte zumindest in Betracht ziehen, dass er dem Privatkläger im Rahmen der dynamischen Auseinandersetzung Schnittverletzungen i m Bauch-, Brust-, Arm-, Hals- und Kopfbereich zufügen könnte. Der Privatkläger war in Bew egung und hat die Schläge mit dem Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht Messer abgewehrt, wobei der Beschuldigte dessen exakte Be wegungen nicht vorhersehen konnte. 4. Rechtliches 4.1 Zu prüfen ist, wie das erstellte Tatgeschehen ausserhalb der Küche gemäss Anklage- schrift Ziff. 5-9 rechtlich zu würdigen ist. Das Strafge richt hat den Beschuldigten mit Urteil vom 17. September 2018 der versuchten vorsätzlichen Tötung sch uldig erklärt. Die Staatsanwalt- schaft beantragt die Bestätigung dieses Schuldspruchs. De mgegenüber beantragt der Beschul- digte eine Verurteilung wegen versuchter einfacher Kö rperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand. 4.2 Den Tatbestand der vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art . 111 StGB erfüllt, wer vor- sätzlich einen Menschen tötet. In subjektiver Hinsicht ist Vorsatz erforderlich, wobei Eventualdo- lus ausreicht. Der Vorsatz muss sich auf die Herbeiführung des Todes beziehen. Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt oder wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf n immt (Art. 12 Abs. 2 StGB), aber dennoch handelt, weil er sich mit dem Erfolg abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1, E. 4.2.3 mit Hinweis). Der Eventualvorsatz auf Tötung unterscheidet sich vom Gefährdungsvor- satz dadurch, dass der Täter bei der Lebensgefährdung darauf vertraut, der Tod des Opfers werde nicht eintreten. Bleibt dem Zufall überlassen, ob die Gefahr sich verwirklicht oder nicht, liegt (versuchte) eventualvorsätzliche Tötung vor (BGer 6B_655/2012 vom 15. Februar 2013, E. 3.5 mit Hinweisen). Für den Nachweis des Vorsatzes darf der Richter vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn sich diesem die Verwirkli chung der Gefahr als so wahrschein- lich aufdrängte, dass die Bereitschaft, sie als Folge hinz unehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1, E. 4.2.3 mit Hinweis). Je grös- ser die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung i st und je schwerer die Rechtsguts- verletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerun g, der Täter habe die Tatbestandsver- wirklichung in Kauf genommen (BGE 135 IV 12, E. 2.3.2 ; 133 IV 222, E. 5.3). Allerdings kann nicht unbesehen vom Wissen des Täters um die Möglichkeit de s Erfolgseintritts auf dessen In- kaufnahme geschlossen werden. Sicheres Wissen um die unmitte lbare Lebensgefahr, also um die Möglichkeit des Todes, ist nicht identisch mit sichere m Wissen um den Erfolgseintritt und kann sowohl mit (eventuellem) Tötungsvorsatz als auch bewu sster Fahrlässigkeit bezüglich der Todesfolge einhergehen. Ein Tötungsvorsatz ist zu vern einen, wenn der Täter trotz der erkann- Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht ten möglichen Lebensgefahr handelt, aber darauf vertra ut, die Todesgefahr werde sich nicht realisieren. Zur Annahme eines Tötungsvorsatzes müssen zum Wissenselement weitere Um- stände hinzukommen (BGE 133 IV 9, E. 4.1; zur Verneinu ng des Eventualvorsatzes vgl. BGer 6B_775/2011 vom 4. Juni 2012, E. 2.4). Solche Umständ e liegen gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung namentlich vor, wenn der Täter das ihm bekannte Risiko in keiner Weise kal- kulieren und dosieren kann und der Geschädigte keinerlei Abwehrchancen hat (vgl. BGer 6B_754/2012 vom 18. Juli 2013, E. 3.2.3. f.; BGE 133 IV 1, E. 4.5). 4.3 Bestimmt es das Gesetz nicht ausdrücklich anders, so ist nur stra fbar, wer ein Verbre- chen oder Vergehen vorsätzlich begeht (Art. 12 Abs. 1 S tGB). Gemäss Art. 12 Abs. 2 StGB begeht ein Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich, wer di e Tat mit Wissen und Willen ausführt, wobei bereits vorsätzlich handelt, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt (Eventualvorsatz). Nach ständiger Rechtsprechung ist von eventualvorsätzlichem Han- deln auszugehen, wenn der Täter die Verwirklichung eine s Tatbestands zwar nicht mit Gewiss- heit voraussieht, aber doch ernsthaft für möglich hält, und die Erfüllung des Tatbestands für den Fall, dass sie eintreten sollte, in Kauf nimmt, sich da mit abfindet, mag sie ihm auch uner- wünscht sein (STEFAN TRECHSEL /MARC JEAN -RICHARD -DIT -BRESSEL , Praxiskommentar StGB, 2. Aufl. 2013, Art. 12 N 13). Ob der Täter die Tatbesta ndsverwirklichung in Kauf genommen hat, muss das Gericht – bei Fehlen eines Geständnisses der besc huldigten Person – aufgrund der Umstände entscheiden. Dazu gehören namentlich die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfalts pflichtverletzung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser d ie Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsver- wirklichung ist und je schwerer die Sorgfaltspflichtverlet zung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter habe die Tatbestandsverwir klichung in Kauf genommen (BGer 6B_475/2012 vom 27. November 2012, E. 2.1). Mithin sti mmen der Eventualvorsatz und die bewusste Fahrlässigkeit, von der er abzugrenzen ist, auf d er Wissensseite überein: Im einen wie im anderen Falle muss sich der Täter der Möglichkei t des Erfolgseintritts bewusst sein. Der Unterschied liegt allein darin, wie er sich zu dieser Möglichkeit einstellt, also auf der Willenssei- te. Auch wer den Erfolg als möglich ansieht, kann sich innerlich darauf verlassen, dass schon nichts passieren werde, und wer sich so verhält, wer leichtfertig oder gar frivol auf den Nichtein- tritt selbst eines für wahrscheinlich gehaltenen Erfolges vertraut, handelt nicht mit Eventualvor- satz. Hier bleibt es bei bewusster Fahrlässigkeit. Wer d agegen den Eintritt des Erfolges ernst- lich in Rechnung stellt, wer beispielsweise Vorkehrungen trifft, um einer eventuellen Strafverfol- Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht gung zu entgehen, ist offenbar bereit, die Tatbestand serfüllung um des von ihm verfolgten Zie- les willen hinzunehmen und handelt demnach mit Event ualvorsatz ("Es mag so oder anders werden, auf jeden Fall handle ich"; G ÜNTER STRATENWERTH , Schweizerisches Strafrecht, All- gemeiner Teil I, 4. Aufl. 2011, § 9 Rz. 105). Von einer Inkaufnahme ist somit auszugehen, wenn sich die Tatbestandsverwirklichung aufgrund der konkreten S achlage als derart wahrscheinlich aufdrängt, dass das Verhalten der beschuldigten Person vernünftigerweise nur als Inkaufnahme der Tatbestandserfüllung gewertet werden kann (BGer 6B_477/2009 vom 24. September 2009, E. 1.6; S TRATENWERTH , a.a.O., § 9 Rz. 103). Der Eventualvorsatz ist nicht lei chthin anzuneh- men; vielmehr beansprucht die Regel "in dubio pro reo " hier eine erhöhte Beachtung (M ARCEL ALEXANDER NIGGLI /S TEFAN MAEDER , Basler Kommentar StGB, 3. Aufl. 2013, Art. 12 N 62 ). Fol- gerichtig darf der Eventualdolus nur mit Zurückhaltung unterstellt werden und zwar aus materi- ellen Erwägungen (Begriff des Eventualvorsatzes) sowie infolge der Maxime "in dubio pro reo" aus prozessualen Gründen (MARTIN SCHUBARTH , Dolus eventualis – positive und negative Indi- katoren; Analyse der Rechtsprechung des Bundesgerichts von 1943-2007, AJP 2008 S. 526). Dementsprechend muss in Beachtung aller Umstände aus dem Verhalten des Täters geschlos- sen werden können, dieser habe sich gegen das geschützte R echtsgut entschieden (BGE 133 IV 9 E. 4.3). 4.4 Ein Versuch liegt gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB vor, wenn der Täter, nachdem er mit der Ausführung eines Verbrechens oder Vergehens begonnen ha t, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende führt oder der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt oder dieser nicht ein- treten kann. Subjektiv wird verlangt, dass der Täter ein en auf die Begehung der Tat gerichteten Entschluss gefasst hat. Die objektive Seite hingegen setzt voraus, dass der Täter mit der Aus- führung der Tat begonnen hat. Der Versuch erfordert somit, dass der Täter sämtliche subjekti- ven Tatbestandsmerkmale erfüllt und seine Tatentschlossenheit manifestiert hat, ohne dass alle objektiven Tatbestandsmerkmale verwirklicht wären. Die sub jektiven Tatbestandsmerkmale müssen vollständig erfüllt sein, in erster Linie der Vo rsatz, wobei Eventualvorsatz genügt (STEFAN TRECHSEL /C HRISTOPHER GETH , Praxiskommentar StGB, 2. Aufl. 2013, Art. 22 N 1 f.). 4.5 Wie bereits erwähnt, erachtet es das Berufungsgericht al s erwiesen, dass der Beschul- digte insgesamt neunmal "Schlagbewegungen" mit dem Messer gegen den Privatkläger ausge- führt hat. Die Angriffe hat der Beschuldigte mit vol lem Körpereinsatz und ziemlich heftiger Ag- gressivität ausgeübt. Als nicht erstellt erachtet das Ka ntonsgericht hingegen, dass der Beschul- Seite 19 http://www.bl.ch/kantonsgericht digte Stichbewegungen, mit der Messerklinge gegen den P rivatkläger gerichtet, ausgeführt hat. Aus den Videoaufzeichnungen wird ersichtlich, dass es sic h um eine dynamische Auseinander- setzung gehandelt hat. Der Beschuldigte war darauf bedacht, den Privatkläger nicht zu stechen, indem er jeweils klar ausschliesslich mit der Hand resp. F aust und nicht mit der Klinge des Messers voran auf den Privatkläger einschlug. Die Messerklinge war stets nach aussen resp. in die Luft und nicht gegen den Privatkläger gerichtet. Ein eindeutiges "Stechen" im engeren Sinne ist auf dem Videomaterial nicht ersichtlich; Nichtsdestot rotz hat der Beschuldigte damit rechnen müssen, dass er den Privatkläger mit dem Messer schneiden und verletzen könnte. Das Risiko, dass sich der Privatkläger dadurch tödliche Verletzungen z uzieht, ist hingegen als nicht genü- gend gross zu bewerten. Der Beschuldigte konnte das i hm bekannte Risiko kalkulieren und do- sieren, indem er die Messerklinge vom Körper des Privatklä gers abwendete. Zudem hatte der Privatkläger relativ gute Abwehrchancen. Es kann nicht d avon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte eine tödliche Verletzung des Privatklägers in Kauf genommen hat, zumal sich die Tatbestandsverwirklichung aufgrund der konkreten Sachlage nicht als derart wahrscheinlich aufdrängt, dass das Verhalten des Beschuldigten vernünftig erweise nur als Inkaufnahme der Tatbestandserfüllung gewertet werden kann. Dies auch in sbesondere vor dem Hintergrund, dass der Eventualvorsatz nicht leichthin anzunehmen ist ; vielmehr beansprucht die Regel "in dubio pro reo" hier eine erhöhte Beachtung. Aus dem Gesagten erhellt, dass der Beschuldigte den Privatkläger direkt vorsätzlich mit dem Messer in de r Hand geschlagen und zudem eventu- alvorsätzlich in Kauf genommen hat, dem Privatkläger Schn ittverletzungen zuzufügen. Aus der Art und Weise wie der Beschuldigte das Messer geführt h at, ist hingegen keine Tötungsabsicht erkennbar. Der Beschuldigte hat sich demnach nicht der ve rsuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gemacht. 4.6 Im Weiteren ist zu prüfen, ob sich der Beschuldigte der versuchten schweren Körperver- letzung schuldig gemacht hat. Gemäss Art. 122 StGB mach t sich der schweren Körperverlet- zung strafbar, wer vorsätzlich einen Menschen lebensgefä hrlich verletzt (Abs. 1), den Körper, ein wichtiges Organ oder Glied eines Menschen verstümmelt oder ein wichtiges Organ oder Glied unbrauchbar macht, einen Menschen bleibend arbei tsunfähig, gebrechlich oder geistes- krank macht, das Gesicht eines Menschen arg und bleibend en tstellt (Abs. 2) oder eine andere schwere Schädigung des Körpers oder der körperlichen od er geistigen Gesundheit eines Men- schen verursacht (Abs. 3). Seite 20 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.7 Durch die gegen den Bauch-, Brust-, Arm-, Hals- und Ko pfbereich des Privatklägers ge- führten Schlagbewegungen mit dem Messer hat der Beschu ldigte in Kauf genommen, diesen schwer am Körper zu schädigen. Aufgrund des Messereinsatzes im Rahmen der dynamischen Auseinandersetzung hätten durchaus schwere Schnittverletz ungen am Hals (z.B. an der Hals- schlagader), an der Brust, am Oberarm, am Bauch, am Kop f oder im Gesicht (arge und blei- bende Entstellungen) des Privatklägers resultieren könn en. Die Tatbestandsverwirklichung drängt sich aufgrund der konkreten Sachlage als derart wahrscheinlich auf, dass das Verhalten des Beschuldigten vernünftigerweise einzig als Inkaufnahme der Tatbestandserfüllung gewertet werden kann. Ein Eventualvorsatz bezüglich schwerer Körpe rverletzungen ist in casu anzu- nehmen. Zumal der Privatkläger infolge der Auseinandersetzung mit dem Beschuldigten lediglich leichte Verletzungen, insbesondere Hautschürfungen und –rötung en (vgl. Anklageschrift der Staatsan- waltschaft vom 7. Februar 2018, Ziff. 9, Akten S. S13 ), davongetragen hat, ist die schwere Kör- perverletzung im Versuchsstadium stecken geblieben. Der Beschuldigte hat nach dem neunten Schlag mit dem Messer vom Privatkläger abgelassen, nachdem das Messer in zwei Teile zer- brochen war. Der Beschuldigte hat die strafbare Tätigk eit demnach nicht aus eigenem Antrieb nicht zu Ende geführt, weshalb er im Ergebnis der ver suchten schweren Körperverletzung schuldig zu sprechen ist. 4.8 Aus dem bisher Ausgeführten folgt zusammenfassend, dass das Urteil des Strafgerichts vom 17. September 2018 in der Dispositiv-Ziff. 1 abzuändern, und der Beschuldigte in teilweiser Gutheissung seiner Berufung und in Abweisung der Anschl ussberufung der Staatsanwaltschaft der versuchten schweren Körperverletzung gemäss Art. 12 2 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen ist. 5. Strafzumessung 5.1 Hinsichtlich der konkreten Strafzumessung macht die Staa tsanwaltschaft in ihrer An- schlussberufungsbegründung vom 20. Februar 2019 gelten d, das Strafgericht stufe das Ver- schulden des Beschuldigten in Berücksichtigung der Tat- un d Täterkomponenten im Rahmen des versuchten Tötungsdelikts als noch leicht ein. Dieser Auffassung sei jedoch nicht zu folgen. Demgegenüber macht der Beschuldigte in seiner Berufun gsbegründung vom 26. März 2019 geltend, die Vorinstanz qualifiziere zwar das Verschulden zutreffend als noch leicht, begründe aber die ausgefällte Strafe von 3 Jahren und 6 Monat en nicht näher, was die Begründungs- Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht pflicht verletze. Selbst bei gleichbleibendem Schuldspruch sei eine (teil-)bedingte Strafe auszu- sprechen. Werde – wie beantragt – von einem Tötungsvorsa tz abgesehen, so sei bereits aus diesem Grund die Strafzumessung anzupassen. 5.2 Nach Art. 47 StGB misst das Gericht die Strafe nach de m Verschulden des Täters zu. Es berücksichtigt das Vorleben und die persönlichen Verhä ltnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters (Abs. 1). Das Verschulden wird n ach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Be- weggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inne- ren und äusseren Umständen in der Lage gewesen ist, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Abs. 2). Praxisgemäss hat das Gericht ausgehend von der objektiven Tat schwere das Verschulden zu bewerten. Es hat gestützt auf Art. 50 StGB – wonach da s Gericht die für die Zumessung der Strafe erheblichen Umstände und deren Gewichtung festzuh alten hat – im Urteil darzutun, wel- che verschuldensmindernde und welche verschuldenserhöhende Gründe im konkreten Fall ge- geben sind, um so zu einer Gesamteinschätzung des Tatve rschuldens zu gelangen (BGE 136 IV 55 E. 5.5). Es liegt im Ermessen des Sachgerichts, in welchem Umfang es die verschiede- nen Strafzumessungsfaktoren berücksichtigt. Es muss nicht auf Umstände ausdrücklich einge- hen, die es – ohne dass dies ermessensverletzend wäre – b ei der Strafzumessung als nicht massgebend oder nur von geringem Gewicht erachtet (BGer 6P.66/2006 vom 16. Februar 2007 E. 4). Auch ist das Gericht nicht gehalten, in Zahlen o der Prozenten anzugeben, wie es die ein- zelnen Strafzumessungskriterien berücksichtigt (BGE 136 IV 55 E. 5.6). Allerdings hat das Ge- richt das Gesamtverschulden zu qualifizieren und die Gesa mteinschätzung des Tatverschul- dens im Urteil ausdrücklich zu benennen, wobei von einer Skala denkbarer Abstufungen nach Schweregrad auszugehen ist (leicht, mittelschwer, schwer, sehr schwer). In einem zweiten Schritt ist die (hypothetische) Strafe, die diesem Versch ulden entspricht, innerhalb des zur Ver- fügung stehenden Strafrahmens zu bestimmen. Die so erm ittelte Strafe kann dann gegebenen- falls in einem dritten Schritt aufgrund wesentlicher Tä terkomponenten verändert werden (BGE 136 IV 55 E. 5.7). Gemäss Art. 408 StPO fällt die Berufungsinstanz ein neu es Urteil, welches das erstinstanzliche ersetzt. Dabei hat sie die Strafe nach ihrem eigenen E rmessen festzusetzen und muss sich nicht daran orientieren, wie die erste Instanz die ein zelnen Strafzumessungsfaktoren gewichtet Seite 22 http://www.bl.ch/kantonsgericht hat (vgl. BGer 6B_298/2013 vom 16. Januar 2014 E. 6.2 ). In casu ist der Beschuldigte gestützt auf das vorliegende Urteil der versuchten schweren Körp erverletzung gemäss Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu erklären. Der Strafrahmen dieses Delikts umfasst Frei- heitsstrafe von 6 Monaten bis zu 10 Jahren. 5.3.1 Bei der objektiven Tatschwere ist zu prüfen, wie stark das strafrechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt worden ist. Die Fest stellung der objektiven Tatschwere be- schreibt die Tat, wie sie nach aussen in Erscheinung tritt , und sie bewertet diese objektiv fest- gestellten Tatsachen nach strafrechtlichen Kriterien. Im vorliegenden Fall ist erheblich verschul- denserhöhend zu bewerten, dass der Beschuldigte in seine r Wut hemmungslos und mit vollem Körpereinsatz auf den Privatkläger losgegangen ist. Der Beschuldigte hat den Privatkläger re- gelrecht von der Küche aus dem Haus und wieder ins H aus gejagt. Ebenso verschuldenserhö- hend ist zu würdigen, dass der Beschuldigte insgesamt ne unmal mit dem Messer auf den Pri- vatkläger eingeschlagen hat. In Übereinstimmung mit dem Strafgericht ist demnach die Art und Weise des Tatvorgehens resp. die Hartnäckigkeit während des Angriffs stark zu Laste n des Beschuldigten zu berücksichtigen. Neben der Art und Wei se des Tatvorgehens spielt der vom Täter verschuldete strafrechtliche Erfolg eine wichtige R olle. Neben dem Ausmass der Verlet- zung des Rechtsgutes ist jedoch auch das Ausmass der Gefährdung zu berücksichtigen. Wie bereits erwähnt, hat der Privatkläger aufgrund der Ta t des Beschuldigten lediglich leichte Ver- letzungen, insbesondere Hautschürfungen und –rötungen, davongetragen. Dennoch ist auf der Seite der objektiven Tatkomponenten zu würdigen, dass für die Höhe des Verschuldens unter anderem entscheidend ist, was der Privatkläger für Verl etzungen hätte davontragen können. Insgesamt hat der Beschuldigte neunmal mit dem Messer au f den Privatkläger eingeschlagen, davon mindestens zweimal mit erheblichem Körpereinsatz. Der Privatkläger ist in casu zwar nicht ernsthaft verletzt worden, dies ist allerdings auch seinen geschickten Abwehrbewegungen zu verdanken. 5.3.2 In einem nächsten Schritt ist eine Bewertung des (subjektiven) Verschuldens vorzuneh- men. Es stellt sich somit die Frage, wie dem Täter die objektive Tatschwere tatsächlich anzu- rechnen ist. Die Vorwerfbarkeit einer Tat richtet sich m assgeblich danach, welche Absicht und welches Ziel der Beschuldigte verfolgte. Der Beweggrund des Beschuldigten spielt somit eine entscheidende Rolle. Im vorliegenden Fall ist bei der Bewertung der subjektiven Tatschwere verschuldenserhöhend festzustellen, dass der Beschuldigte in keinem Fall eine nachvollziehba- Seite 23 http://www.bl.ch/kantonsgericht re Reaktion gezeigt hat. Dies unabhängig davon, ob der Streit aufgrund eines lauten Telefonats, aufgrund des Themas Fasten resp. Ramadan oder aus irgendeinem anderen Grund entstanden ist. Leicht zu Gunsten des Beschuldigten ist zu berücksichtigen , dass er aufgrund einer Zu- rechtweisung des Privatklägers und folglich in Aufregung gehandelt hat. So hat auch der Be- treuer des Asylheims in X.____ zu Protokoll gegeben, der Beschuldigte habe nicht ohne Grund so reagiert. Er müsse stark provoziert worden sein (Ei nvernahme von C.____ vom 3. Juli 2017, Akten S. 955). Festzuhalten ist aber, dass (angebliche) Provokationen durch den Privatkläger höchstens bis zur 1. Videoaufzeichnung vorgelegen haben könnten, danach liegen mit Sicher- heit keine Provokationen durch den Privatkläger vor. Stra fmildernd zu berücksichtigen ist, dass der Tatbestand der schweren Körperverletzung im Stadium des Versuchs stecken geblieben ist. Zu erwähnen ist jedoch, dass der Beschuldigte nicht von sich aus aufgehört hat, auf den Privat- kläger einzuschlagen, sondern erst, als das Messer zerbrochen ist. Schliesslich ist verschul- densmindernd zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte eventualvorsätzlich gehandelt hat. 5.4 In Würdigung aller tatbezogenen Umstände erachtet das Kantonsgericht im Ergebnis das Verschulden in Bezug auf den Tatbestand der versucht en schweren Körperverletzung als mittelschwer. Dies hat in Anbetracht des abstrakten Stra frahmens zur Folge, dass dem vorgän- gig definierten Verschulden entsprechend im Sinne eine s Zwischenergebnisses eine angemes- sene Strafe von vier Jahren Freiheitsstrafe festzusetzen ist . Diese Strafe ist um ein Jahr, mithin auf drei Jahre zu reduzieren, zumal das Ausmass der Ver letzung des Privatklägers sehr gering war, der Beschuldigte lediglich eventualvorsätzlich gehandelt hat und die Tat im Versuchsstadi- um geblieben ist. 5.5 Diese Strafe von drei Jahren Freiheitsstrafe ist grun dsätzlich in einem letzten Schritt aufgrund der besonderen Täterkomponenten anzupassen. Vorliegend ist festzustellen, dass sich der Beschuldigte zwar anlässlich der Hauptverhandlung vor Strafgericht das erste Mal beim Privatkläger entschuldigt, gleichzeitig jedoch zu P rotokoll gegeben hat, der Privatkläger habe ihm Unrecht angetan. Der Beschuldigte bagatelli siert somit sein eigenes Verhalten und sieht sich selbst als Opfer, weshalb nicht von aufrichtiger Reue auszugehen ist. Vorstrafen weist der Beschuldigte keine auf, was jedoch als neutra l zu werten ist. Eine leichte Reduktion der Strafe kann immerhin aufgrund der schwierigen Jug end resp. der Vergangenheit des Be- schuldigten, insbesondere der Flucht aus Y.____, erfolg en. Im Ergebnis ist eine tat- und täter- angemessene Strafe von zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe festzusetzen. Seite 24 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.6 Bei dieser Strafhöhe ist der vollständig bedingte Vollzu g ausgeschlossen (Art. 42 Abs. 1 StGB), nicht aber der teilbedingte Vollzug (Art. 43 S tGB). Da der Beschuldigte nicht vorbestraft ist und sich seit der Tatbegehung, die zwischenzeitlich gut zwei Jahre zurückliegt, wohlverhal- ten hat, ist diese rückblickend als einmalige Verfehlung zu betrachten. Die Kriminalprognose ist daher ungetrübt. Somit ist der teilbedingte Strafvol lzug zu gewähren, bei einer minimalen Pro- bezeit von zwei Jahren für den bedingten Teil der St rafe (Art. 44 Abs. 1 StGB). Der unbedingt vollziehbare Teil der Strafe ist auf mindestens sechs Mona te und höchstens auf die Hälfte der Strafe festzulegen (Art. 43 Abs. 2 und Abs. 3 StGB). Das Verhältnis der Strafteile ist so festzu- setzen, dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewähru ng des Täters einerseits und des- sen Einzeltatschuld anderseits hinreichend zum Ausdruck kom men (vgl. BGE 134 IV 1 E. 5.6). Im Übrigen liegt es im richterlichen Ermessen, die gena ue Höhe der zu vollziehenden Strafe festzusetzen, wobei das Verhältnis der Strafteile so festz ulegen ist, dass darin die Wahrschein- lichkeit der Legalbewährung des Beschuldigten einerseit s und dessen Tatschuld andererseits hinreichend zum Ausdruck kommen (S CHNEIDER /G ARRÉ , a.a.O., N 17 ff. zu Art. 43 StGB, mit Hinweisen; BGE 134 IV 1 E. 5.6). Gemessen an diesen Gr undsätzen erachtet es das Kantons- gericht in Einschätzung der Relation zwischen der relat iv günstigen Prognose und dem ge- samthaft gesehen mittelschweren Verschulden als angemesse n, den unbedingt zu vollziehen- den Anteil der Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren auf ein Jahr festzusetzen. Einer Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft s teht nach Art. 51 StGB nichts im Wege. Danach ist die ausgestandene Untersuchungshaft im vollen Umfang von 61 Tagen anzu- rechnen. 6. Ergebnis Demzufolge ist der Beschuldigte in teilweiser Gutheissung seiner Berufung sowie in Abweisung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft in Abänderun g des erstinstanzlichen Urteils der versuchten schweren Körperverletzung (Art. 122 i.V.m. Ar t. 22 Abs. 1 StGB) schuldig zu erklä- ren und zu verurteilen zu einer teilbedingt vollziehbar en Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren, mit einem unbedingten Strafanteil von einem Jahr und einer Probezeit von zwei Jahren für den bedingten Strafanteil von eineinhalb Jahren; dies un ter Anrechnung der vom 14. Juni 2017 bis zum 17. August 2017 ausgestandenen Untersuchungshaft von insgesamt 61 Tagen. Seite 25 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7. Obligatorische Landesverweisung 7.1 Die Vorinstanz führt zusammenfassend aus, der Beschuldigte lebe seit dem 17. Dezem- ber 2015 in der Schweiz. Sein Asylgesuch sei abgelehnt worden. Weil eine Rückkehr nach Y.____ nicht zumutbar sei, habe der Beschuldigte den S tatus "vorläufig aufgenommen" und eine F-Bewilligung erhalten. Er habe die deutsche Sp rache gut erlernt, erfolgreich die Schule besucht und sei dabei, eine Ausbildung als Koch zu absol vieren. Auch wenn der Beschuldigte zurzeit seinen Lebensmittelpunkt in der Schweiz und sich d urchaus gut integriert habe, ver- möchten diese Umstände keinen Härtefall nach Art. 66a A bs. 2 StGB und somit keine Ausnah- me von der obligatorisch vorgesehenen Landesverweisung zu begründen. Folglich sei eine Landesverweisung auszusprechen. Der Beschuldigte habe mit der versuchten vorsätzlichen Tötung eine schwere Gewalttat begangen. Allerdings sei von keinem erhöhten Rückfallrisiko auszugehen. Demnach erscheine es angemessen, die Dauer d er Landesverweisung auf acht Jahre festzulegen. Die Staatsanwaltschaft führt in ihrer Anschlussberufun gsbegründung vom 20. Februar 2019 aus, der Beschuldigte sei aufgrund seines Verhaltens wegen eines sehr schweren Delikts verur- teilt worden, weshalb von ihm eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgehe und eine Landesverweisung von 15 Jahren angezeigt sei. Demgegenüber macht der Beschuldigte anlässlich seines Pa rteivortrages an der Berufungsver- handlung geltend, dass auf die von ihm beantragte Ver urteilung wegen einfacher Körperverlet- zung oder Drohung keine obligatorische Landesverweisung folgen würde. Falls aber dennoch ein Landesverweis angeordnet würde, sei die Härtefallkl ausel zu prüfen. Die Rückführung nach Y.____ sei ohnehin nicht möglich. Dies sei zwar eine Vol lzugsfrage, dennoch müsse dieser As- pekt berücksichtigt werden. Bei der Befragung anlässlich der Berufungsverhandlung h at der Beschuldigte angegeben, zu 80% einer Erwerbstätigkeit in einem Restaurant in Z._ ___ nachzugehen. Er arbeite dort manchmal in der Küche und manchmal in der Reinigung. Er sei dort seit Februar 2019 ange- stellt. Er verdiene monatlich durchschnittlich zwischen Fr . 2‘500.-- und Fr. 2‘700.-- netto. Er be- zahle seine Kosten, insbesondere die Wohnungsmiete und d ie Krankenkasse, selber und be- ziehe keine Fürsorgegelder des Staates. Er habe einen gr ossen Freundeskreis in der Schweiz. Anlässlich der Berufungsverhandlung hat der Beschuldigt e ausserdem ausgeführt, eine Freun- din in Q.____ zu haben. Sie hätten religiös, aber nicht zivil geheiratet und die Frau verfüge über Seite 26 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine C-Bewilligung in Q.____. Zudem sei sie schwanger und erwarte das gemeinsame Kind Ende Dezember 2019 (Protokoll der Berufungsverhandlung vom 3. September 2019). 7.2 Gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB verweist das Gericht einen Ausländer, der wegen schwerer Körperverletzung (Art. 122 StGB) verurteilt wi rd, unabhängig von der Höhe der Strafe für 5 bis 15 Jahre des Landes (sog. obligatorische Landesv erweisung). Die Verweisung ist zwingend, es sei denn, besondere Umstände erlaubten, a usnahmsweise darauf zu verzichten. Die Landesverweisung muss entsprechend den allgemeinen Regeln des StGB grundsätzlich bei sämtlichen Täterschafts- und Teilnahmeformen sowie unabhängig davon ausgesprochen werden, ob es beim Versuch geblieben ist und ob die St rafe bedingt, unbedingt oder teilbedingt ausfällt. Art. 66a Abs. 2 StGB sieht vor, dass das Gerich t ausnahmsweise von der Landesver- weisung absehen kann, wenn diese für den Ausländer ein en schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und die öffentlichen Interessen an der Landesverweisung gegenüber den priva- ten Interessen des Ausländers am Verbleib in der Schwei z nicht überwiegen. Dabei ist der be- sonderen Situation von Ausländern Rechnung zu tragen, di e in der Schweiz geboren oder auf- gewachsen sind. Als konkrete Härtefallgründe fallen insb esondere die Anwesenheitsdauer, die familiären Verhältnisse, die Arbeits- und Ausbildungssit uation, die Persönlichkeitsentwicklung, der Grad der Integration sowie die Resozialisierungschancen des Beschuldigten in Betracht. Ist bei einer Gesamtbetrachtung dieser Kriterien von ein em Härtefall auszugehen, so ist in einem zweiten Schritt das private Interesse des Beschuldigten a m weiteren Verbleib in der Schweiz dem konkreten öffentlichen (Sicherheits-) Interesse an s einer Landesverweisung gegenüberzu- stellen. Nur wenn dabei das private das öffentliche Interesse überwiegt, ist ausnahmsweise von der Anordnung einer obligatorischen Landesverweisung ab zusehen. Mithin bildet die Härtefall- klausel den Ausnahmefall und ist deshalb restriktiv anzuw enden (BGer 6B_1286/2017 vom 11. April 2018, E. 1.2; 6B_659/2018 vom 20. September 2018, E. 3.3.1; 6B_1152/2017 vom 28. November 2018, E. 2.4; KGer 460 17 61 vom 16. Oktober 2017, E. 4.4; M ATTHIAS ZURBRÜGG /C ONSTANTIN HRUSCHKA , Basler Kommentar StGB, 4. Aufl. 2019, Art. 66a N 101). 7.3 In casu wurde der Beschuldigte der versuchten schweren Kör perverletzung schuldig gesprochen, womit eine Anlasstat im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB gegeben ist. Folge- richtig ist zu prüfen, ob ein Härtefall gemäss Art. 66a Abs. 2 StGB vorliegt. In Beachtung der Akten ist festzustellen, dass der Beschuldigte seit dem 17. Dezember 2015 und somit seit vier Jahren in der Schweiz lebt. Sein Asylgesuch ist abgelehnt worden. Weil eine Rückkehr nach Seite 27 http://www.bl.ch/kantonsgericht Y.____ für ihn jedoch nicht zumutbar sein soll, hat de r Beschuldigte den Status "vorläufig auf- genommen" und eine F-Bewilligung erhalten. Er hat si ch bemüht, die deutsche Sprache zu er- lernen, hierfür eine Schule besucht und wollte eine Ausbildung zum Koch absolvieren. Seinen eigenen Angaben zufolge ist er aktuell als Küchenbursche in einem Restaurant in Z.____ ange- stellt und dadurch in der Lage, seinen Lebensunterhal t ohne staatliche Unterstützung zu finan- zieren. Insofern scheint sich der Beschuldigte in der Schweiz integrieren zu wollen. Der Beschuldigte verfügt jedoch über keine familiären A nknüpfungspunkte in der Schweiz, zu- mal seine Mutter und seine Geschwister weiterhin in Y._ ___ leben. Er ist ausserdem weder in der Schweiz geboren noch aufgewachsen. Seine (angeb liche) Frau lebt seinen Angaben zufol- ge in Q.____ und verfügt dort über eine C-Niederlassungsbewilligung. Unter diesen Umständen kann nicht von einer besonderen Bindung zur Schweiz die Rede sein. Anzumerken ist an dieser Stelle auch, dass der Beschuldigte als abgewiesener Asylbewerber mit dem Status der vorläufi- gen Aufnahme kein gefestigtes Anwesenheitsrecht besitzt und ausländerrechtlich jederzeit un- ter der Voraussetzung der Zumutbarkeit (Art. 83 Abs. 4 AIG) ausgewiesen werden kann. Die vorläufige Aufnahme fällt mit der Landesverweisung dahin (Art. 83 Abs. 9 AIG). Der Beschuldigte weist zwar keine Vorstrafen auf, in de n Akten sind jedoch weitere Vorfälle ersichtlich, wonach der Beschuldigte bereits in anderen S treitsituationen die Kontrolle über sich verloren haben soll. Der Beschuldigte soll namentlich in einem Asylheim im Kanton Aargau mit einem anderen Heimbewohner und während der Schulzeit im Kanton Basel-Landschaft mit ei- nem Mitschüler jeweils eine tätliche Auseinandersetzung gehabt haben (Polizeilicher Ermitt- lungsbericht vom 11. Oktober 2017, Akten S. 721). Der Beschuldigte bestreitet diese Vorfälle. Auch wenn der Beschuldigte seinen Lebensmittelpunkt zurz eit in der Schweiz hat und sich durchaus integrationswillig zeigt, vermögen diese Umstä nde keinen Härtefall nach Art. 66a Abs. 2 StGB und somit keine Ausnahme von der obligatori sch vorgesehenen Landesverwei- sung zu begründen. Demzufolge ist eine Landesverweisung auszusprechen. 7.4 Der Beschuldigte beruft sich sodann auf das Non-Refoule ment-Gebot, wonach die Aus- lieferung, Ausweisung oder Rückschiebung einer Person in ein Land verboten ist, in welchem Leib und Leben oder die Freiheit wegen ihrer Rasse, R eligion, Staatszugehörigkeit, Zugehörig- keit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen po litischen Anschauungen gefährdet wäre. Diesbezüglich ist zu konstatieren, dass entsprechend der im Gesetz festgelegten Kompe- tenzaufteilung zwischen dem Sachgericht und den Vollzug sbehörden das Gericht nur Gründe Seite 28 http://www.bl.ch/kantonsgericht beachtet, die der Anordnung einer Landesverweisung entg egenstehen können. Demgegenüber hindert der Grundsatz des Non-Refoulement allein die Vollstreckung einer Landesverweisung, weshalb die Prüfung des nämlichen Hinderungsgrunds ein zig in der Kompetenz der Vollzugs- behörde liegt (vgl. Art. 66d Abs. 1 StGB). Mit der e ntsprechenden Regelung soll sichergestellt werden, dass der Entscheid über den Vollzug der Landesver weisung auf den aktuellen Sach- verhalt abstellt. Namentlich ist an persönliche oder fa miliäre Gründe zu denken, die sich erst nach Eintritt der Rechtskraft des Urteils, aber vor dem V ollzug der Landesverweisung ergeben. Ebenso könnte, weil das Urteil des Strafrichters nach se iner Ausfällung nicht mehr abänderbar ist, etwa eine spätere Veränderung der Verhältnisse im Ausreiseland, die keine schweren Men- schenrechtsverletzungen mehr befürchten liesse, nicht meh r Rechnung getragen werden. Dies ist nicht der Sinn des Rückschiebeverbots (vgl. Botschaft zur Änderung des Strafgesetzbuchs und des Militärstrafgesetzes [Umsetzung von Art. 121 Abs. 3-6 BV über die Ausschaffung kri- mineller Ausländerinnen und Ausländer] vom 26. Juni 201 3, BBl 2013 5975, S. 6006 ff.; BGE 116 IV 105, E. 4f.). Demzufolge bestimmt sich nach dem Schweizer Recht, ob eine Lan- desverweisung anzuordnen ist. Ist nach dem massgebenden R echt eine Landesverweisung zu verfügen, stellt sich gegebenenfalls die weitere Frage, ob sie im Sinne von Art. 66d StGB auf- zuschieben ist oder ob ein völkerrechtlicher Vertrag wie das Freizügigkeitsabkommen (FZA, SR 0.142.112.681) einen Hinderungsgrund für die Lan desverweisung bildet (BGer 6B_907/2018 vom 23. November 2018, E. 2.4.2). Daraus folgt für den vorliegenden Fall, dass der Anordnung der Landesverweisung die Rüge der Ver letzung des Non-Refoulement- Gebots nicht entgegensteht, zumal es sich bei dem vom Be schuldigten angerufenen Hinde- rungsgrund keineswegs um einen andauernden, gefestigt en Grund handelt, bei welchem be- reits im heutigen Zeitpunkt offenkundig wäre, dass er a uch im Zeitpunkt der Ausschaffung noch vorliegen wird. Vielmehr ist der Gesichtspunkt des Non-Re foulement-Gebots allenfalls in einem späteren Stadium durch die sachlich zuständige Vollzugsbehörde unter Berücksichtigung der im Zeitpunkt des Vollzugs aktuellen und konkreten Verhält nisse zu prüfen. Ausserdem ist hinsicht- lich einer Landesverweisung eine Einzelfallprüfung vorzunehmen. Der Beschuldigte bringt ledig- lich vor, dass die Rückführung nach Y.____ ohnehin nicht möglich sei. Irgendwelche individuell konkret gefährdenden Umstände macht er hingegen nicht g eltend. Der Beschuldigte äussert sich vor Berufungsgericht zur allgemeinen Lage in Y.____ und begründet damit keine individu- ell-persönliche Gefährdung, d.h. keine "konkrete" Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG. Seite 29 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.5 In Anbetracht der vorstehenden Erwägungen erhellt, d ass in Anwendung von Art. 66a StGB die obligatorische Landesverweisung zu Recht angeordnet wurde. In Bezug auf die Dauer der Landesverweisung ist sodann festzustellen, dass aufgru nd der Tatschwere, die in der aus- gesprochenen Strafhöhe Ausdruck findet, der erheblichen Beeinträchtigung der Rechtsordnung durch die Delinquenz des Beschuldigten sowie der mit de r Tat zusammenhängenden erhebli- chen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit klarerweise eine gegenüber dem Minimum von fünf Jahren deutlich erhöhte Dauer der Landesverweisung auszusprechen ist. Das Kantonsge- richt erachtet daher die Dauer von 8 Jahren in Anbetr acht sämtlicher konkreter Umstände als angemessen. Ziff. 3 Abs. 1 des vorinstanzlichen Urteils i st insofern in Abweisung der Berufung des Beschuldigten und in Abweisung der Anschlussberufung d er Staatsanwaltschaft zu bestäti- gen. 8. Eintragung der Landesverweisung in das Schengene r Informationssystem 8.1 Art. 20 der Verordnung über den nationalen Teil des Schengener Informationssystems und das SIRENE-Büro (N-SIS Verordnung vom 8. März 2013; SR 362.0) verpflichtet die Gerich- te, im Falle der Anordnung einer Landesverweisung gegenüber sogenannten "Drittstaatengehö- rigen" über die Ausschreibung der Landesverweisung im Sch engener Informationssystem zu entscheiden. Gemäss Art. 96 des Schengener Durchführungsübereinkommens (SDÜ) wird eine Ausschreibung dann in das Schengener Informationssystem e ingetragen, wenn der Drittstaa- tenangehörige eine Gefahr für die öffentliche Sicherh eit und Ordnung oder die nationale Si- cherheit darstellt. Dies ist insbesondere der Fall, wenn der Ausländer einer Straftat wegen ver- urteilt wurde, welche mit Freiheitsstrafe von mindeste ns einem Jahr bedroht ist (Abs. 2 lit. a), oder wenn gegen den Drittstaatenangehörigen ein begr ündeter Verdacht besteht, dass er eine schwere Straftat begangen hat oder konkrete Hinweise vo rliegen, dass er solche Taten im Ho- heitsgebiet eines Mitgliedstaates plant (lit. b). Di ese sachlichen Voraussetzungen, welche für eine SIS-Ausschreibung erforderlich sind, werden in der SIS-II-Verordnung übereinstimmend festgehalten (Art. 24 Ziffer 2 SIS-II-Verordnung). I n Bezug auf die Frage, wann eine Freiheits- strafe von mindestens einem Jahr im Sinne von Art. 96 SDÜ respektive Art. 24 Ziffer 2 lit. a SIS- II-Verordnung vorliegt, erscheint das Abstellen auf ein e abstrakte Höchststrafe nicht als zweck- gerecht, da sonst fast alle Straftatbestände von Art. 24 Ziffer 2 lit. a SIS-II-Verordnung erfasst wären. Obwohl dem Wortlaut nach zwar eine abstrakte M indeststrafe von einem Jahr gefordert wird, sollte eine Ausschreibung nach Art. 24 Ziffer 2 SIS-II-Verordnung nur bei schweren Straf- taten erfolgen (vgl. N ICOLE SCHNEIDER /D IEGO R. GFELLER , Landesverweisung und das Schen- Seite 30 http://www.bl.ch/kantonsgericht gener Informationssystem, Sicherheit & Recht 1/2019, S. 11; mit Hinweis auf den Entscheid SB170246 des Zürcher Obergerichts vom 6. Dezember 2017). 8.2 Die Ausschreibung in das Schengener Informationssystem hat sodann auch einer Ver- hältnismässigkeitsprüfung standzuhalten. Der ausschreibende Staat hat zu beurteilen, ob "An- gemessenheit, Relevanz und Bedeutung des Falles eine Au fnahme" in das Schengener Infor- mationssystem rechtfertigen (Art. 21 SIS-II-Verordnung) . Das Strafgericht muss bei der Ent- scheidung über die Ausschreibung in das Schengener Inform ationssystem eine individuelle Bewertung vornehmen (Art. 24 Ziffer 1 SIS-II-Verord nung), öffentliche und private Interessen gegeneinander abwägen und darf sich nicht von "genera lpräventiven Überlegungen" leiten las- sen. Die entscheidrelevanten Kriterien hat das urteile nde Gericht explizit darzulegen (SCHNEIDER /G FELLER , a. a. O., S.11). Zusammengefasst ist somit bei Vorliegen von schweren Stra ftaten im Sinne von Art. 96 SDÜ respektive Art. 24 Ziffer 2 lit. a SIS-II-Verordnung grundsätzlich von einer Ausschreibungspflicht auszugehen, welche aber aufgrund des Verhältnismässigkeits grundsatzes wieder relativiert wird. 8.3 Bei der vom Beschuldigten begangenen versuchten schweren Körperverletzung handelt es sich klarerweise um eine "schwere Straftat" im Sinne vo n Art. 96 SDÜ respektive Art. 24 Zif- fer 2 lit. a SIS-II-Verordnung. Eine Eintragung in das Schengener Informationssystem ist daher gemäss Art. 24 Ziffer 2 SIS-II-Verordnung grundsätzlich angezeigt. Zu prüfen gilt es die Ver- hältnismässigkeit einer solchen Eintragung, wobei in di esem Zusammenhang zu beachten ist, dass der Beschuldigte gemäss seinen eigenen Angaben erst se it kurzem eine Beziehung mit einer in Q.____ niedergelassenen D.____ pflegt. Diese habe er religiös, nicht aber zivil geheira- tet, ausserdem sie diese schwanger und erwarte das gemeinsa me Kind im Dezember 2019. Diese Angaben hat der Beschuldigte erst im Rahmen der Berufungsverhandlung vorgebracht, ohne diese zu belegen. Im Rahmen einer vorzunehmende n Abwägung erweist sich das Inte- resse des Beschuldigten an der Weiterführung dieser (ang eblichen) Beziehung als weitaus ge- ringer als das öffentliche Sicherheitsinteresse der Staat engemeinschaft. Nicht zuletzt aufgrund des Tatverhaltens im vorliegenden Verfahren ist von ein er öffentlichen Gefährdung auch in an- deren Schengen-Staaten auszugehen. Dies einbeziehend erscheint eine Eintragung ins Schen- gener Informationssystem im vorliegenden Fall als verhältn ismässig, weshalb diese in Bestäti- gung des Urteils der Vorinstanz vorzunehmen ist. Seite 31 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.4 Demnach ist Ziff. 3 Abs. 2 des vorinstanzlichen Urteils in Abweisung der Berufung des Beschuldigten in diesem Punkt zu bestätigen. 9. Kosten der Vorinstanz Die beschuldigte Person trägt die Verfahrenskosten, wen n sie verurteilt wird (Art. 426 Abs. 1 StPO). Fällt die Rechtsmittelinstanz selbst einen neuen Entscheid, so befindet sie darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428 Abs. 3 StPO). Im vorliegenden Fall wurde der Beschuldigte von der Vorinstanz wegen ver suchter vorsätzlicher Tötung verur- teilt. Der Beschuldigte ist zwar im Berufungsverfahren nurmehr wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt worden, der Schuldspruch wurde jedoch nicht aufgehoben. Daher rechtfertigt es sich nicht, die Kostenregelung des erstinstanzlichen Verfahrens zu ändern; sie ist vielmehr zu bestätigen (vgl. Dispositiv-Ziffer 5). Entge gen der Auffassung des Beschuldigten erscheint es sodann nicht angezeigt, die Kosten aufgrun d des Freispruchs in Ziff. 2 (Vorfälle in der Küche) zu teilen, da die angeklagten Taten zusamme nhängend und die Untersuchungs- handlungen insgesamt durch die ursprüngliche Anklage wege n versuchten Mordes motiviert gewesen sind. III. Kosten vor Kantonsgericht 1. Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die K osten des Rechtsmittelverfah- rens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. En tsprechend dem Ausgang des vor- liegenden Verfahrens, mithin der teilweisen Gutheissun g der Berufung des Beschuldigten und der Abweisung der Anschlussberufung der Staatsanwaltsch aft, werden die Verfahrenskosten des Kantonsgerichts in der Höhe von Fr. 21‘500.--, bei nhaltend eine Urteilsgebühr von Fr. 21‘250.-- sowie Auslagen von Fr. 250.--, je zur Hälfte dem Beschuldigten (Fr. 10‘750.--) und dem Staat (Fr. 10‘750.--) auferlegt. 2. Dem amtlichen Verteidiger, Advokat Gabriel Giess, ist fü r das Berufungsverfahren ein Honorar in der Höhe von Fr. 6‘617.70 (inkl. Auslagen) zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer (Fr. 493.60), somit insgesamt Fr. 7‘111.30, aus der Gerichtskasse auszurichten. Der Beschuldigte ist zur Rückzahlung der Entschädigung de r amtlichen Verteidigung an den Kanton im Umfang von 50 % (Fr. 3‘555.65) sowie zur Er stattung der Differenz zwischen der Seite 32 http://www.bl.ch/kantonsgericht amtlichen Entschädigung und dem vollen Honorar an die Verteidigung verpflichtet, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a und b StPO). 3. Die Dolmetscherkosten in der Höhe von Fr. 810.-- werd en auf die Staatskasse genom- men. Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vo m 17. September 2018, aus- zugsweise lautend: "1. B.____ wird der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig erklärt und zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verur teilt, unter Anrechnung der vom 14. Juni 2017 bis zum 17. August 20 17 aus- gestandenen Untersuchungshaft von 61 Tagen, in Anwendung von Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 40 StGB, Art. 48a StGB sowie Art. 51 StGB. 2. Der Beurteilte wird von der Anklage der Tätlichkeiten , der versuch- ten schweren Körperverletzung eventualiter versuchten einfachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand, de r ver- suchten Nötigung sowie der Drohung freigesprochen. 3. Der Beurteilte wird in Anwendung von Art. 66a StGB f ür die Dauer von 8 Jahren des Landes verwiesen. Die Landesverweisung wird im Schengener lnformationssystem eingetragen. 4. Das beschlagnahmte Rüstmesser wird in Anwendung von Art. 69 Abs. 1 und Abs. 2 StGB zur Vernichtung eingezogen. Die beschlagnahmte Schaufel wird dem Wohnheim für Asylb ewer- ber, in X.____, nach Rechtskraft des Urteils zurückgegeben. Seite 33 http://www.bl.ch/kantonsgericht Folgende beschlagnahmten Gegenstände (ein Paar Schuhe Nike, eine Jeans, ein Pullover weiss, ein T-Shirt violett, eine Hose beige, ein Paar Hausschuhe schwarz) werden dem Beurteilten zur ückge- geben. Dem Beurteilten wird - unter Androhung der V erwertung oder Vernichtung der Gegenstände im Unterlassungsfalle - nach der Rechtskraft des Urteils vom Fund- und Verwertungsdi enst, Oristalstrasse 100, 4410 Liestal eine Frist gesetzt, um d ie Gegen- stände abzuholen. 5. Der Beurteilte trägt in Anwendung von Art. 426 Abs. 1 und Abs. 2 StPO die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vor- verfahrens von Fr. 23'654.10, den Kosten des Zwangsmassnah - mengerichts von Fr. 1'150.--, den Expertisekosten des ge richtli- chen Verfahrens von Fr. 1'333.- und der Gerichtsgebühr v on Fr. 10'000.--. 6. Das Honorar des amtlichen Verteidigers in Höhe von insge samt Fr. 21'021.85 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) wird - unter Vorbehalt der Rückzahlungsverpflichtung des Beurteilten n ach Art. 135 Abs. 4 StPO - aus der Gerichtskasse entrichtet.“ wird in teilweiser Gutheissung der Berufung des Beschuld igten und in Abweisung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft in der Disposi- tiv-Ziffer 1 wie folgt geändert: 1. B.____ wird der versuchten schweren Körperverletzung schuldig erklärt und verurteilt zu einer teilbedingt vollziehbaren Freiheitsstrafe von 2 Jahr en und 6 Monaten, davon 12 Monate unbedingt , unter Anrechnung der vom 14. Juni 2017 bis zum 17. August 2017 ausgestan denen Untersuchungshaft von 61 Tagen, Seite 34 http://www.bl.ch/kantonsgericht bei einer Probezeit von 2 Jahren für den bedingten Teil der Strafe, in Anwendung von Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 43 StGB, Art. 44 Abs. 1 StGB sowie Art. 51 StGB. Im Übrigen wird das Urteil des Strafgerichts bestätigt. II. Die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahrens in der Höhe von Fr. 21‘500.--, beinhaltend eine Urteilsgebühr von Fr . 21‘250.-- sowie Ausla- gen von Fr. 250.--, gehen je zur Hälfte zu Lasten des Beschuldigten (Fr. 10‘750.--) und des Staates (Fr. 10‘750.--). Die Dolmetscherkosten von Fr. 810.-- werden auf die St aatskasse genom- men. Dem amtlichen Verteidiger, Advokat Gabriel Giess, wird für das Berufungs- verfahren ein Honorar in der Höhe von Fr. 6‘617.70 ( inkl. Auslagen) zuzüg- lich 7,7 % Mehrwertsteuer (Fr. 493.60), somit insgesamt Fr. 7‘111.30, aus der Gerichtskasse ausgerichtet. Der Beschuldigte ist zur Rückzahlung der Entschädigung der amtlichen Verteidigung an den Kanton im Umfang von 50 % (Fr. 3‘555.65) sowie zur Erstattung der Differenz zwischen der amtlichen Entschädi gung und dem vollen Honorar an die Verteidigung verpflichtet, sobal d es seine wirtschaftli- chen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a und b StPO). Präsident Enrico Rosa Gerichtsschreiberin Olivia Reber Dieser Entscheid ist rechtskräftig.