B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3820/2014 U r t e i l v o m 1 8 . S e p t e m b e r 2 0 1 4 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richterin Fulvio Haefeli, Richter Daniel Willisegger, Gerichtsschreiberin Jeannine Scherrer-Bänziger. Parteien A._______, geboren (…), Beschwerdeführerin, und ihr Kind B._______, geboren (…), Iran, beide vertreten durch Bettina Schwarz, Rechtsanwältin, (…), gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 4. Juli 2014 / N (…). E-3820/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am 1 8. November 2013 in der Schweiz um Asyl nach. Die Abklärungen des BFM ergaben, dass ihr von der italie- nischen Botschaft in C._______ am (…) ein bis am (…) gültiges Visum erteilt worden war. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 28. November 2013 gewährt e ihr das BFM das rechtliche Gehör zur Z u- ständigkeit von Italien zur Durchführung des Asyl - und Wegweisungsver- fahrens. Sie gab an, ihre Schwester lebe in der Schweiz und sie sei schwanger. Es sei für sie schwierig, nach Italien zu gehen. B. Am 2. Dezember 20 13 ersuchte das BFM die italienischen Behörden g e- stützt auf Art. 9 Abs. 4 der Verordnung EG Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung von Kriterien und Verfahren zur B e- stimmung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drit t- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrages zuständig ist (Dublin -II-VO) um Übernahme der Beschwerdeführerin. Diesem Gesuch wurde am 16. Dezember 2013 ent- sprochen. C. Das BFM trat mit Verfügung vom 23. Dezember 2013 auf das Asylgesuch nicht ein und wies die Beschwerdeführerin aus der Schweiz nach Italien weg. Die Beschwerdeführerin erhob hiergegen am 15. Januar 2014 B e- schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. D. Am (…) gebar sie den Sohn D._______. E. Das Bundesverwaltungsgericht hiess die Beschwerde vom 15. Januar 2014 mit Urteil E-258/2014 vom 21. Mai 2014 gut, hob die Verfügung vom 23. Dezember 2013 auf und wies die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an das BFM zurück. F. Am 19. Juni 2014 reichte die Beschwerdeführerin einen Arztbericht vom 16. Juni 2014 und zwei ärztliche Zeugnisse vom 18. Januar 2014 und 13. Juni 2014 zu den Akten und brachte vor, sie sei (…). E-3820/2014 Seite 3 G. Das BFM setzte die italienis chen Behörden am 1. Juli 2014 über die E r- krankung der Beschwerdeführerin und die Geburt de s Sohnes in Kenn t- nis. H. Mit am 9. Juli 2014 eröffneter Verfügung vom 4. Juli 2014 trat das BFM auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein und wies sie nach Italien weg, ordnete den Vollzug an und stellte fest, einer Beschwerde gegen diese Verfügung komme keine aufschiebende Wirkung zu. I. Die Beschwerdeführerin liess hiergegen am 9. Juli 2014 durch ihre Rechtsvertreterin Beschwerde erheben. Sie beantragte in materieller Hin- sicht, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das BFM anz u- weisen, sein Recht zum Selbsteintritt auszuüben und sich für das vorli e- gende Asylgesuch für zuständig zu erklären. In prozessualer Hinsicht be- antragte sie, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, von einer Überstellung bis zum Entscheid über die Beschwerde abzusehen, zudem sei auf die E r- hebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und es sei ihr die unen t- geltliche Prozessführung zu gewähren und ihre Rechtsvertreterin als u n- entgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen. J. Der damalige Instruktionsrichter gewährte mit Zwischenverfügung vom 15. Juli 2014 die aufschiebende Wirkung der Beschwerde, hiess das G e- such um Gewährung der un entgeltlichen Prozessführung unter Vorbehalt der Einreichung einer Fürsorgebestätigung bis zum 28. Juli 2014 gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, wies das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ab und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. K. Innert Frist reichte n die Beschwerdeführerin eine Fürsorgebestätigung vom 16. Juli 2014 und das BFM d ie Vernehmlassung vom 29. Juli 2014 zu den Akten , wozu d ie Beschwerdeführerin mit Replik vom 7. August 2014 Stellung nahm. E-3820/2014 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be- schwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutr e- ten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann im Geltungsbereich des Asylgesetzes die Ve r- letzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschreitun g des Ermessen, und die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Keinen Rügegrund stellt gemäss dem seit 1. Februar 2014 geltenden Recht die Unangemessenheit dar (vgl. alt Art. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwe r- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2 m.w.H.). 3. 3.1 Nach Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG tritt das BFM auf ein Asylgesuch in der Regel nicht ein, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat a usreisen können, welcher für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfah- rens staatsvertraglich zuständig ist. Diesbezüglich gelangt das Abko m- men vom 26. Oktober 2004 zwischen der Schweizerischen Eidgenosse n- schaft und der Europäischen Gemeinschaft über die Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die Prüfung eines in e i- nem Mitgliedstaat oder in der Schweiz gestellten Antrages ([DAA] Dublin - Assoziierungsabkommen, SR 0.142.392.68) zur Anwendung, und die Z u- ständigkeitsfrage ist ge stützt auf die Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantra gs z u- ständig ist (Dublin-II-VO), zu prüfen. E-3820/2014 Seite 5 3.2 Die Dublin-II-VO ist durch die Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Eu- ropäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zustä n- dig ist (Dublin-III-VO) abgelöst worden, welche seit dem 1. Januar 2014 in allen Staaten der Europäischen Union anwendbar ist. Im Notenaustausch vom 14. August 2013 zwischen der Schweiz und der Europäischen Union betreffend die Übernahme der Dublin-III-VO (Weiterentwicklung des Dub- lin/EURODAC-Besitzstands) teilte der Bundesrat der Europäischen Union mit, dass die Schweiz den Inhalt dieses Rechtsakts akzeptiere und in ihre innerstaatliche Rechtsordnung umsetzen werde. Mit Bundesratsb e- schluss vom 18. Dezember 2013 wurde festgehalten, der Notenau s- tausch werde ab dem 1. Januar 2014 vorläufig angewendet, mit Ausna h- me von Art. 18 Abs. 2, Art. 27 Abs. 3 und Art. 28 Dublin-III-VO. 3.3 Aus Art. 49 Dublin-III-VO geht hervor, dass die Verordnung nicht a n- wendbar ist, wenn sowohl der Antrag auf internationalen Schutz als auch das Gesuch um Aufnahme oder Wiederaufnahme vor dem 1. Januar 2014 gestellt wurden. Vorliegend bleibt daher entgegen der in der B e- schwerde vertretenen Auffassung die Dublin-II-VO anwendbar. 4. Gemäss Art. 5 i.V.m. Art. 6 bis 13 Dublin-II-VO ist unter anderem nament- lich derjenige Mitgliedstaat zuständig, welcher einem Fami lienangehöri- gen das Recht auf Aufenthalt in seiner Eigenschaft als Flüchtling gewährt hat, dem Asylbewerber einen gültigen Aufenthaltstitel oder ein gültiges Vi- sum ausgestellt hat, dessen Land -, See- oder Luftgrenze der Asylbewer- ber aus einem Drittstaat ko mmend legal oder illegal überschritten hat, oder in welchem der erste Asylantrag gestellt wurde. Jedem Mitgliedstaat wird zudem, in Abweichung von den vorgenannten Zuständigkeitskrit e- rien, die Möglichkeit zur Prüfung eines Asylgesuches eingeräumt (vgl. zum sogenannten Selbsteintrittsrecht Art. 3 Abs. 2 Dublin -II-VO und zur humanitären Klausel Art. 15 Dublin -II-VO; vgl. auch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). 5. 5.1 Das BFM erwog in der angefochte nen Verfügung, die Beschwerde- führerin könne allein aus dem Umstand, dass sie über Familienangehör i- ge in der Schweiz verfüge, nichts zu ihren Gunsten ableiten, da G e-E-3820/2014 Seite 6 schwister nicht als Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. i Dublin-II- VO gelten würden . Aufgrund des Arztberichtes und der getätigten Abkl ä- rungen beim kantonalen Migrationsamt sei das geltend gemachte Abhä n- gigkeitsverhältnis zu ihrer Schwester nicht nachvollziehbar und es lägen auch keine humanitären Gründe vor, welche einen Selbsteintritt der Schweiz rechtfertigen würden. Das BFM habe gemäss Art. 19 Abs. 3 Dublin-II-VO die Unterbrechung der Überstellungsfrist bei den italienischen Behörden beantragt. Die Überstel- lung der Beschwerdeführerin habe – vorbehältlich einer allfälligen Unte r- brechung oder Verlängerung der Überstellungsfrist – bis spätestens am 21. November 2014 zu erfolgen. Hinsichtlich der Wegweisung sei auf die Erkenntnisse des BFM sowie des Bundesverwaltungsgerichts zu verweisen, wonach Dublin -Rückkehrende sowie verletzliche Personen, zu welchen die Beschwerdeführerin und ihr minderjähriger Sohn zähle, von den italienischen Behörden bevorzugt behandelt werde. Beim Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 10. Oktober 2013 handle es sich um ein Dokument mit allgemein em Charakter, we l- ches die Beschwerdeführerin nicht persönlich betreffe. Die zwangsweise Rückführung von Personen mit gesundheitlichen Pro b- lemen stelle nur dann einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar, wenn sich die betreffende Person in einem fortgeschritten en oder terminalen Krank- heitsstadium und bereits in Todesnähe befinde. Dies sei bei der B e- schwerdeführerin offensichtlich nicht der Fall. Es könne zudem davon ausgegangen werden, dass Italien die nötige medizinische Versorgung für (…) Personen erbringen könne. 5.2 In der Rechtsmitteleingabe hält die Beschwerdeführerin dieser Arg u- mentation entgegen, aufgrund ihres Gesundheitszustandes und des ne u- geborenen Kindes bestehe ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Schwe s- ter. Sie leide aufgrund ihrer (…) an einer gravierenden Krankheit und sei auf eine (…) medikamentöse Therapie und in der Folge auf funktioni e- rende Strukturen angewiesen, welche ihr bei ihrer Schwester geboten werden könnten. Wie das BFM selber ausführe, halte sie sich mehrhei t- lich bei ihrer Schwester und nicht in der Asylunterkunft auf. Dies zeige, dass sie auf deren Unterstützung angewiesen sei. Für sie als (…) Mutter stelle die Erziehung des Sohnes ohne fremde Hilfe eine grosse Belastung E-3820/2014 Seite 7 dar, sie müsse auch diesbezüglich auf die Hilfe ihrer Schwester zur ück- greifen. Es ergebe sich damit die Zuständi gkeit der Schweiz nach Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO. Die Schweiz hätte sich jedenfalls im Sinne des Selbsteintrittsrechts nach Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO für die Behandlung des Asylgesuchs für z u- ständig erklären sollen; dies sowohl aufgrund der prekären Zustände des italienischen Asylsystems, als auch mit Blick darauf, dass sie als (…) Frau, die sich alleinerziehend um ein Kleinkind kümmern müsse, eine b e- sonders verletzliche Person darstelle. Die erwähnte Besti mmung eröffne einen Ermessensspielraum, den das BFM fehlerhafterweise nicht genutzt habe. Die EU-Kommission habe am 24. Oktober 2012 ein Vertragsverletzung s- verfahren (Nr. 2012_2189) gegen Italien eingeleitet. Dies zeige, dass Zweifel an der korrekten Umsetzung der vom BFM vorgebrachen Richtl i- ne angebracht seien. Der SFH -Bericht vom 10. Oktober 2013 könne durchaus Aufschlüsse über die konkret zu erwartende Situation geben. Es drohe ihr im Falle e i- ner Wegweisung nach Italien eine ernsthafte und reale Ge fahr, mit gros- ser Wahrscheinlichkeit in eine unzumutbare Notlage zu geraten und auch von ihrem Kind getrennt zu werden. Sie hätte zudem als alleinerziehende Mutter und (…) in Italien keine Chance, für sich und ihr Kind eine fina n- zielle Existenzgrundlage zu erreichen. Auch die überdimensionale Zei t- dauer, welche für die Durchführung eines Asylverfahrens in Italien ben ö- tigt werde, wäre für sie und ihr Kind verheerend. Dem BFM könne dahingehend zugestimmt werden, dass Italien grun d- sätzlich über die medizinisch e Infrastruktur verfüge, welche für sie no t- wendig sei, jedoch bestehe eine reelle Gefahr, dass sie keinen genüge n- den Zugang dazu erhalten werde. 5.3 Das BFM führt in seiner Vernehmlassung an, die italienischen Behör- den hätten mit Schreiben vom 21. Juli 2014 d ie Neuüberstellung der B e- schwerdeführerin und deren Kindes nach (…) sowie deren Unterbringung (…) für besonders schutzwürdige Personen bestätigt. Abklärungen bei der Verbindungsperson des BFM in Rom hätten ergeben, dass es zwar zu vereinzelten Trennungen von Familien gekommen sei, diese hätten je- doch ausschliesslich den Ehemann beziehungsweise Kindsvater betro f-E-3820/2014 Seite 8 fen. Eine Trennung in der vorliegenden Konstellation könne ausgeschlo s- sen werden. 5.4 In der Replik bringt die Beschwerdeführerin vor, die Aufnahmeplätze in den FER -Projekten seien immer noch beschränkt und die finanziellen Ressourcen des Europäischen Flüchtlingsfonds limitiert. Es sei deshalb vorliegend von einem Ausnahmefall auszugehen und aus humanitären Gründen habe die Schweiz vom Selbsteintritt Geb rauch zu machen. B e- züglich des Abhängigkeitsverhältnisses zu ihrer Schwester sei darauf hin- zuweisen, dass es sich um eine innige schwesterliche Beziehung handle, welche von grosser wechselseitiger emotionaler Abhängigkeit geprägt sei. 6. 6.1 Zu Recht weist das BFM in der angefochtenen Verfügung darauf hin, dass es sich bei der in der Schweiz lebenden Schwester nicht um eine "Familienangehörige" im Sinne von Art. 2 Bst. i Dublin -II-VO (Ehegatte, minderjährige Kinder) handelt und diese folglich keine Zuständigkeit der Schweiz zu begründen vermag (vgl. ausserdem zum vorgebrachten A b- hängigkeitsverhältnis E. 7.3 nachstehend). 6.2 Nachdem die italienischen Behörden dem Ersuchen des BFM um Übernahme der Beschwerdeführerin im Sinne von Art. 9 Abs. 4 Dublin -II- VO zugestimmt haben, ist die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens somit gegeben. 6.3 Nach Art. 3 Abs. 2 Dublin-II-VO kann die Schweiz ein Asylgesuch prü- fen, auch wenn nach den in dieser Verordnung vorgesehenen Kriterien ein anderer Staat zuständig ist (Selbsteintrittsrecht ). Diese Bestimmung ist nicht direkt anwendbar, sondern kann nur in Verbindung mit einer a n- deren Norm des nationalen oder internationalen Rechts angerufen we r- den (vgl. BVGE 2010/45 E. 5). Erweist es sich allerdings als unmöglich, die Beschwerdeführerin an den eigentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das dortige Asylverfahren und die dortigen Aufnahmebedingungen system i- sche Schwachstellen aufweisen, die für sie die Gefahr einer unmenschl i- chen oder entwürdigenden Behandlung i.S. von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, EU - Grundrechtecharta) mit sich bringen, wäre in der Folge zu prüfen, ob au f- grund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig besti mmt werden kann; andernfalls würde der die Zuständigkeit prüfende Mitglie d-E-3820/2014 Seite 9 staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). In Frage kommen insbesondere das flüchtlingsrechtliche Refoulement-Verbot nach Art. 33 des Abkommens vom 28. Juli 1 951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie menschenrechtliche Garantien der EMRK, des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (UNO-Pakt II, SR 0.103.2) und des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedr i- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105). Droht ein Verstoss g e- gen ein solches übergeordnetes Recht, besteht ein einklagbarer A n- spruch auf Ausübung des Selbsteintrittsrechts – und der Ermessensspiel- raum der anwendenden Behörde tendiert gegen Null (vgl. Urteil des BVGer D-1623/2014 E. 5.3 vom 1. April 2014). 6.4 Die im nationalen Recht enthaltene Norm von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 1. Februar 2014 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311) sieht vor, dass das BFM aus humanitären Gründen ein G e- such behandeln kann, auch wenn eine Prüfung ergeben hat, dass ein a n- derer Staat zuständig wäre. Es handelt sich dabei um eine Kann -Be- stimmung, die dem BFM über die zwingenden Regeln des übergeordn e- ten Rechts hinaus einen gewissen Ermessensspielraum lässt und restri k- tiv auszulegen ist (BVGE 2010/45 E. 8.2.2 und BVGE 2011/9 E. 8.1 f.). Nach der am 1. Februar 2014 in Kraft getretenen Asylgesetzesrevision kann in diesem Bereich im Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwal- tungsgericht das Handeln oder Unterlassen des BFM mittels seiner ange- fochtenen Verfügung nicht (mehr) wegen Unangemessenheit gerügt we r- den (vgl. E. 2.1 ; vgl. Urteil des BVGer D -1623/2014 E. 5.4 vom 1. April 2014). 6.5 Demnach ist nachfolgend ausschliesslich zu prüfen, ob die B e- schwerdeführerin im Falle ihrer Überstellung nach Italien Gefahr laufen würde, wegen der dortigen Mängel des Asylverfahrens und der Aufna h- mebedingungen eine Verletzung ihrer Grundrechte zu erleiden. Es obliegt dabei ihr, dem Geri cht darzulegen, gestützt auf welche ernsthaften ko n- kreten Hinweise anzunehmen sei, die italienischen Behörden würden in ihrem Fall ihre staatsvertraglichen Verpflichtungen nicht respektieren und ihr den notwendigen Schutz verweigern. 7. 7.1 Dieser Nachweis ist d er Beschwerdeführerin nicht gelungen. Zur Be- hauptung, die Zustände in Italien seien generell prekär, ist festzuhalten, E-3820/2014 Seite 10 dass die Unterbringung der Asylsuchenden jedenfalls die Minimalsta n- dards des internationalen Rechts und insbesondere von Art. 3 EMRK nicht unterschreitet. Italien ist Signatarstaat der EMRK, der FK sowie der FoK und es wird in der Beschwerde nicht dargelegt noch gibt es entspre- chend konkrete Hinweise in den Akten dafür, dass sich Italien im vorli e- genden Fall nicht an die daraus resultierenden Verpflichtungen hält. Es besteht auch kein Grund zur Annahme, dass Personen, die sich im Ra h- men eines Asylverfahrens in Italien aufhalten, aufgrund der dortigen Au f- enthaltsbedingungen in eine existentielle Notlage geraten würden. Zwar steht das italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende in gewissen Punkten in der Kritik. Indes hat auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) festgehalten, dass in Italien kein systemat i- scher Mangel an Unterstützung und Einrichtungen für Asylsuc hende be- stehe, dies obwohl die allgemeine Situation und insbesondere die L e- bensumstände von Asylsuchenden, anerkannten Flüchtlingen und Pers o- nen mit einem subsidiären Schutzstatus in Italien gewisse Mängel au f- weisen würden ( EGMR: Entscheidung Mohammed Hussein und andere vs. Niederlande und Italien [Beschwerde Nr. 27725/10] vom 2. April 2013). Dublin-Rückkehrende werden im Übrigen nach Kenntnis des Bu n- desverwaltungsgerichts bezüglich Unterbringung von den italienischen Behörden bevorzugt behandelt werden und die Behörden sind bestrebt, hilfsbedürftigen Personen besondere Unterstützung zukommen zu la s- sen. Darüber hinaus nehmen sich auch zahlreiche private Hilfsorganisat i- onen der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen an. Vorliegend wurde d ie Unterbringung der Beschwerdeführerin im (…) für besonders schutzwürdige Personen von den italienischen Behörden mit Schreiben vom 21. Juli 2014 bestätigt. Es besteht insgesamt kein Grund zur A n- nahme, die Beschwerdeführerin würde in Italien wegen ungenügender Aufenthaltsbedingungen in existenzielle Not geraten oder keinen Zugang zum Asylverfahren erhalten. 7.2 Ebenfalls zu Recht spricht das BFM den geltend gemachten medizini- schen Gründen eine Entscheidrelevanz ab. Zur vorgebrachten (…)Erkrankung ist festzuhalten, dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur dann einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellt, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in T o- desnähe befindet (BVGE 2011/9 E. 7). Solches ist vorliegend gemäss ärztlichem Bericht vom 16. Juni 2014 nicht gegeben. Es wird ausgeführt, trotz (…) sei die Beschwerdeführerin bezüglich der (…) völlig asympto- matisch, es habe im Labor einzig ein Eisenmangel festgestellt werden E-3820/2014 Seite 11 können. Die Schwangerschaft sei komplikationslos verlaufen und (…) des (…) habe vermieden werden können. Es werde empfohlen, die (…) The- rapie auch nach der Geburt fortzuführen. Es hätten sich bisher keine Hinweise auf Unverträglichkeiten der Therapie ergeben. Der Beschwerde- führerin gehe es ges undheitlich sehr gut. Sofern sie die (…) Therapie re- gelmässig und ohne Unterbrüche einnehmen könne und es zu keinen Medikamenten-bedingten Komplikationen kommen werde, sei von einer normalen Lebenserwartung auszugehen. Zudem ist festzuhalten, dass die ital ienischen Behörden vom BFM am 1. Juli 2014 bereits über die Krankheit der Beschwerdeführerin in Kenntnis gesetzt worden sind. Die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragten Schweizer Behörden tragen ausserdem Problemen von verletzlichen Perso nen bei der Überstellung Rechnung. Die Vorinstanz wird, wie in der angefocht e- nen Verfügung dargelegt, die italienischen Behörden vorliegend bis s pä- testens sieben Tage vor der geplanten Überstellung umfassend über die Situation der Beschwerdeführerin und ihren Gesundheitszustand info r- mieren. In Italien wiederum haben Alleinerziehende und minderjährige Kinder Anspruch auf eine spezialisierte Unterkun ft sowie Schulbildung, und psychisch oder physisch Leidenden stehen ausreichende medizin i- sche Infrastrukturen zur Verfügung. 7.3 Gestützt auf die im Recht liegenden Arztzeugnisse (vgl. E.7.2 hievor) liegt sodann die Schlussfolgerung des BFM, dass das geltend g emachte Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und ihrer Schwester nicht nachvollziehbar sei, im Ermessen der Vorinstanz, we l- ches gemäss Art. 106 Abs. 1 AsylG nur auf qualifizierte Fehler überprüft werden kann. Solche qualifizierten Ermess ensfehler werden allerdings weder in der Beschwerde substanziiert behauptet noch sind sie aus den Akten ersichtlich. 7.4 Zusammenfassend besteht kein konkretes und ernsthaftes Risiko, die Überstellung der Beschwerdeführerin nach Italien würde gegen völke r- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz oder Landesrecht verstossen. Es besteht keine Verpflichtung der Schweiz zum Selbsteintritt. Aufgrund di e- ser Sachlage erweisen sich die vorinstanzlichen Erwägungen, soweit sie vom Bundesverwaltungsgericht angesichts dessen eingeschränkter Kog- nition im Asylverfahren überprüft werden können, als zutreffend. Italien ist zur Rückübernahme der Beschwerdeführerin sowie zur Durchführung des vorliegenden Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig. E-3820/2014 Seite 12 8. Das BFM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten. Da die Beschwerdeführerin nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts - oder Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in A n- wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]). 9. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AuG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2010/45 E. 10 S. 645). 10. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des BFM zu bestätigen. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem indes deren Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 15. Juli 2014 gutgeheissen wurde , ist von der Kostenerhebung abzusehen. (Dispositiv nächste Seite) E-3820/2014 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und E_______. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Jeannine Scherrer-Bänziger Versand: