<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 99 S.437</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">437</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>99</b></span> <span class="ft3"><b>Ausschaffungshaft; Gewährung des rechtlichen Gehörs</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Einhaltung der Frist zur Gewährung des rechtlichen Gehörs nach § 23</b></span><br/> <span class="ft3"><b>KV (Erw. II/2a)</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Inhalt der Gewährung des rechtlichen Gehörs nach § 15 EGAR i.V.m.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>§ 2 VZwAR (Erw. II/2b).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft4">7. Juni 2005 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen D.J. betref-</span><br/> <span class="ft4">fend Haftüberprüfung (HA.2005.00025).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">438</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">II. 2. a) Gemäss § 23 Abs. 1 der Verfassung des Kantons Aargau</span><br/> <span class="ft6">(KV) vom 25. Juni 1980 beziehungsweise § 15 Abs. 1 und 2 des Ein-</span><br/> <span class="ft6">führungsgesetzes zum Ausländerrecht [EGAR] vom 14. Januar 1997</span><br/> <span class="ft6">hat jemand, dem die Bewegungsfreiheit entzogen wird, Anspruch auf</span><br/> <span class="ft6">Gewährung des rechtlichen Gehörs durch einen gesetzlich besonders</span><br/> <span class="ft6">ermächtigten Beamten innert 24 Stunden seit Festnahme.</span><br/> <span class="ft6">Der Gesuchsgegner macht geltend, er sei am 4. Juni 2005 um</span><br/> <span class="ft6">10.50 Uhr durch die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland aus der</span><br/> <span class="ft6">Untersuchungshaft entlassen und zuhanden der Fremdenpolizei in</span><br/> <span class="ft6">Gewahrsam genommen worden. Erst am 6. Juni 2005 sei ihm durch</span><br/> <span class="ft6">das Migrationsamt des Kantons Aargau um 10.35 Uhr das rechtliche</span><br/> <span class="ft6">Gehör gewährt worden. Damit sei die 24-Stunden Frist nicht einge-</span><br/> <span class="ft6">halten, weshalb er aus der Haft zu entlassen sei.</span><br/> <span class="ft6">Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland ordnete am 4. Juni</span><br/> <span class="ft6">2005 um 10.50 Uhr die Haftentlassung sowie die Zuführung des Ge-</span><br/> <span class="ft6">suchsgegners an das Migrationsamt des Kantons Zürich an. Mit Fax-</span><br/> <span class="ft6">schreiben vom 5. Juni 2005, 16.22 Uhr zeigte die Kantonspolizei Zü-</span><br/> <span class="ft6">rich dem Migrationsamt des Kantons Aargau die Zuführung des Ge-</span><br/> <span class="ft6">suchsgegners auf den folgenden Tag an. Am 6. Juni 2005 um</span><br/> <span class="ft6">10.35 Uhr erfolgte die Zuführung an das Migrationsamt sowie die</span><br/> <span class="ft6">Gewährung des rechtlichen Gehörs.</span><br/> <span class="ft6">Der hier geltend gemachte Anspruch auf Gewährung des recht-</span><br/> <span class="ft6">lichen Gehörs innert 24 Stunden seit Festnahme stützt sich auf § 23</span><br/> <span class="ft6">KV und damit auf kantonales Recht. § 23 KV schützt in Form einer</span><br/> <span class="ft6">besonderen Verfahrensgarantie (siehe Marginalie) alle im Kanton</span><br/> <span class="ft6">Aargau oder durch Aargauische Behörden inhaftierte Personen. Er-</span><br/> <span class="ft6">folgt die Inhaftierung ausserhalb des Kantons Aargau durch eine aus-</span><br/> <span class="ft6">serkantonale Behörde, kann sich ein Betroffener nicht auf den Schutz</span><br/> <span class="ft6">von § 23 KV berufen, da jeglicher Bezug zu § 23 KV fehlt. Erfolgt</span><br/> <span class="ft6">die Inhaftierung ausserhalb des Kantons Aargau, jedoch aufgrund</span><br/> <span class="ft6">einer Anordnung durch eine Aargauischen Behörde, so hat diese für</span><br/> <span class="ft6">die Einhaltung der Frist gemäss § 23 KV besorgt zu sein.</span><br/> <span class="ft6">Befindet sich ein Betroffener bereits in einem anderen Kanton</span><br/> <span class="ft6">in Haft, beginnt die Frist für die Gewährung des rechtlichen Gehörs</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">439</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">im Sinne von § 23 KV frühestens im Zeitpunkt der Kenntnisnahme</span><br/> <span class="ft6">der Haft durch eine Aargauische Behörde, da eine Inhaftierung nur</span><br/> <span class="ft6">dann als durch eine Behörde angeordnet bezeichnet werden kann,</span><br/> <span class="ft6">wenn diese zumindest von der Inhaftierung Kenntnis erhalten hat.</span><br/> <span class="ft6">Unter der Annahme, das Faxschreiben vom 5. Juni 2005 wurde</span><br/> <span class="ft6">sogleich zur Kenntnis genommen, bedeutet dies im vorliegenden</span><br/> <span class="ft6">Fall, dass die Frist von 24 Stunden gemäss § 23 KV frühestens am</span><br/> <span class="ft6">5. Juni 2005 um 16.22 Uhr begann, als das entsprechende Faxschrei-</span><br/> <span class="ft6">ben beim Migrationsamt des Kantons Aargau eintraf. Nachdem das</span><br/> <span class="ft6">Migrationsamt dem Betroffenen bereits am 6. Juni 2005 um 10.35</span><br/> <span class="ft6">Uhr das rechtliche Gehör gewährte, wurde die Frist gemäss § 23 KV</span><br/> <span class="ft6">eingehalten. Es kann unter diesen Umständen offen bleiben, ob die</span><br/> <span class="ft6">mögliche Kenntnisnahme der Inhaftierung zur Fristauslösung genügt</span><br/> <span class="ft6">oder ob die Frist zur Gewährung des rechtlichen Gehörs nicht erst</span><br/> <span class="ft6">dann beginnt, wenn die Inhaftierung durch eine Aargauische Behörde</span><br/> <span class="ft6">angeordnet oder bestätigt wurde.</span><br/> <span class="ft6">Selbst wenn das Migrationsamt das rechtliche Gehör nicht</span><br/> <span class="ft6">fristgerecht gewährt hätte, hätte dies nicht die Entlassung des Ge-</span><br/> <span class="ft6">suchsgegners aus der Haft zur Folge. Vielmehr wäre das verantwort-</span><br/> <span class="ft6">liche Gemeinwesen gemäss § 23 Abs. 2 KV verpflichtet, bei einem</span><br/> <span class="ft6">ungesetzlichen oder unbegründeten Freiheitsentzug den dadurch ent-</span><br/> <span class="ft6">standenen Schaden vollumfänglich zu ersetzen und allenfalls Genug-</span><br/> <span class="ft6">tuung zu leisten.</span><br/> <span class="ft6">b) Der Gesuchsgegner beruft sich weiter auf § 15 EGAR i.V.m.</span><br/> <span class="ft6">§ 2 der Verordnung zu den Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span><br/> <span class="ft6">(VZwAR) vom 18. Juni 1997 und macht geltend, ihm sei das rechtli-</span><br/> <span class="ft6">che Gehör nicht gehörig gewährt worden. Weder habe man ihn nach</span><br/> <span class="ft6">dem Grund seiner Anwesenheit in der Schweiz noch nach seinen</span><br/> <span class="ft6">familiären Verhältnissen befragt. Daher sei die Haftanordnung aufzu-</span><br/> <span class="ft6">heben.</span><br/> <span class="ft6">Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Zwar sieht die</span><br/> <span class="ft6">angerufene Bestimmung vor, dass der Gesuchsgegner zum Grund</span><br/> <span class="ft6">seiner Anwesenheit in der Schweiz sowie zu seinen familiären Ver-</span><br/> <span class="ft6">hältnissen befragt wird. § 15 EGAR will jedoch lediglich sicherstel-</span><br/> <span class="ft6">len, dass das Migrationsamt seinen Entscheid in Kenntnis aller</span><br/> <span class="ft6">wesentlichen Umstände fällt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">440</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Vorliegend gaben die Akten über die genannten Umstände be-</span><br/> <span class="ft6">reits genügend Aufschluss: Einerseits sind die Gründe für den Auf-</span><br/> <span class="ft6">enthalt in der Schweiz aufgrund des erfolgten Asylverfahrens offen-</span><br/> <span class="ft6">sichtlich, andererseits waren auch die Familienverhältnisse in den</span><br/> <span class="ft6">Akten dokumentiert, wenn auch, wie sich aufgrund der heutigen Ver-</span><br/> <span class="ft6">handlung herausstellte, unzutreffend. Demzufolge kann dem Migra-</span><br/> <span class="ft6">tionsamt nicht vorgeworfen werden, das rechtliche Gehör sei nicht</span><br/> <span class="ft6">ordnungsgemäss gewährt worden.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>