200 23 594 IV ISD/REL/STA Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 23. September 2024 Verwaltungsrichter Isliker, Kammerpräsident Verwaltungsrichterin Wiedmer, Verwaltungsrichter Jakob Gerichtsschreiberin Bischof A.________ vertreten durch B.________, lic. iur. C.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 28. Juli 2023 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1978 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) war zuletzt in einem Praktikum als … tätig und meldete sich im Januar 2015 unter Hinweis auf eine im Vorjahr diagnostizierte Multiple Sklerose (MS) bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (Akten der IV-Stelle Bern [IVB bzw. Beschwerdegegnerin; act. II] 1). Die IVB nahm in der Folge erwerbliche und medizinische Abklärungen vor, liess ein neuro- psychologisches (act. II 64.1), ein neurologisches (act. II 94.1) sowie ein psychiatrisches Gutachten (act. II 91.1) erstellen und veranlasste eine Haushaltsabklärung (act. II 96). Gestützt darauf verneinte sie mit Verfügung vom 23. November 2017 (act. II 98) einen Rentenanspruch. Diese Verfü- gung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Nach einer Neuanmeldung im September 2019 (act. II 100) aufgrund einer gesundheitlichen Verschlechterung wurde die Versicherte wiederum psych- iatrisch und neurologisch begutachtet (interdisziplinäres Gutachten vom 27. November 2020 [act. II 135.1, 136.1]). Gestützt darauf und auf den Ab- klärungsbericht Haushalt vom 20. Januar 2022 (act. II 156) sowie jeweils eine Stellungnahme der beiden Gutachter (act. II 144 f.) stellte die IVB mit Vorbescheid vom 25. Januar 2022 (act. II 157) bei einem Invaliditätsgrad (IV-Grad) von 34 % erneut die Verneinung eines Rentenanspruchs in Aus- sicht. Nach dem Einwand der Versicherten (act. II 162, 166 und 168 S. 1) und gestützt auf weitere, neu eingeholte medizinische Unterlagen sowie einen aktualisierten Abklärungsbericht (act. II 197) stellte die IVB mit Vor- bescheid vom 23. Februar 2023 (act. II 198) die Ausrichtung einer 60%igen Invalidenrente (IV-Rente) ab dem 1. März 2022 in Aussicht. Daran hielt sie nach erhobenem Einwand (act. II 206, 217) fest und verfügte am 28. Juli 2023 wie vorbeschieden (act. II 219).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 3 B. Hiergegen erhob die Versicherte – vertreten durch den B.________, lic. iur. C.________ – am 22. August 2023 Beschwerde. Sie beantragt die Aufhe- bung der angefochtenen Verfügung sowie die korrekte Ermittlung des Vali- deneinkommens und die Zusprache einer höheren IV-Rente. Mit Beschwerdeantwort vom 18. September 2023 beantragt die Beschwer- degegnerin die Abweisung der Beschwerde. Mit Eingabe vom 24. Oktober 2023 machte die Beschwerdeführerin Aus- führungen und reichte weitere Unterlagen zu den Akten, worauf die Be- schwerdegegnerin am 10. November 2023 ihrerseits Stellung nahm und an ihrem Rechtsbegehren festhielt. Mit Verfügung vom 26. April 2024 wurde die Beschwerdeführerin gestützt auf eine summarische Prüfung der Sach- und Rechtslage über eine mögli- cherweise drohende Schlechterstellung (reformatio in peius) orientiert und erhielt Gelegenheit zur Stellungnahme resp. zum Rückzug der Beschwer- de. Mit Eingabe vom 26. Juni 2024 hielt die Beschwerdeführerin an ihrer Be- schwerde fest und reichte weitere Unterlagen ein. Mit Stellungnahme vom 8. Juli 2024 hielt auch die Beschwerdegegnerin an ihren bisherigen Anträgen und Ausführungen fest. Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 4 (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 28. Juli 2023 (act. II 219). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf eine IV-Rente. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Am 1. Januar 2022 sind die Änderungen vom 19. Juni 2020 des IVG (Weiterentwicklung der IV) und weiterer Erlasse (insbesondere des ATSG) in Kraft getreten (AS 2021 705). In zeitlicher Hinsicht sind – vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen – grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgeblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 148 V 162 E. 3.2.1 S. 166, 144 V 210 E. 4.3.1 S. 213). Demnach ist nach der bis zum 31. Dezember 2021 geltenden Rechtslage zu beurteilen, ob bis zu diesem Zeitpunkt ein Rentenanspruch entstanden ist. Trifft dies zu, so er- folgt ein allfälliger Wechsel zum neuen stufenlosen Rentensystem je nach Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 5 Alter der Rentenbezügerin oder des Rentenbezügers gemäss lit. b und lit. c der Übergangsbestimmungen des IVG zur Änderung vom 19. Juni 2020 (Entscheid des Bundesgerichts [BGer] vom 16. Mai 2023, 8C_608/2022, E. 3.1). Die angefochtene Verfügung erging zwar am 28. Juli 2023 (act. II 219) und damit nach Inkrafttreten der IVG-Änderung vom 19. Juni 2020. Indessen liegt der frühestmögliche Zeitpunkt der potentiellen Entstehung eines Ren- tenanspruchs mit Blick auf die im September 2019 erfolgte Neuanmeldung (act. II 100) vor dem 1. Januar 2022 (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG), weshalb die diesbezüglichen Bestimmungen des IVG und der Verordnung vom 17. Ja- nuar 1961 über die Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) in der bis 31. Dezember 2021 gültigen Fassung (fortan: aArt.) massgebend sind (Rz. 9101 des Kreisschreibens des Bundesamts für Sozialversicherungen [BSV] über Invalidität und Rente in der Invalidenversicherung [KSIR]; zur Bedeutung von Verwaltungsweisungen vgl. BGE 144 V 195 E. 4.2 S. 198). 2.2Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 ATSG). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschrän- kungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, ab- wenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2 S. 50, 130 V 352 E. 2.2.1 S. 353; SVR 2014 IV Nr. 2 S. 5 E. 3.1). 2.3Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherten Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbe-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 6 reich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a) und die zusätz- lich während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. b und lit. c). Gemäss aArt. 28 Abs. 2 IVG (in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewese- nen Fassung) bestand der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versi- cherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem IV-Grad von mindestens 50 % bestand Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad von min- destens 40 % ein solcher auf eine Viertelsrente. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durch- führung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmass- nahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeits- marktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). 2.4 2.4.1Ändert sich der IV-Grad einer Rentenbezügerin oder eines Renten- bezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (aArt. 17 Abs. 1 ATSG). Wurde eine Rente wegen eines zu geringen IV- Grades bereits einmal verweigert, so wird eine neue Anmeldung nur ge- prüft, wenn die versicherte Person darin glaubhaft macht, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (vgl. Art. 87 Abs. 2 und 3 IVV). 2.4.2Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den IV-Grad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Die IV-Rente ist deshalb nicht nur bei einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustandes, sondern auch dann revidierbar, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen (oder die Aus-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 7 wirkungen auf die Betätigung im üblichen Aufgabenbereich) des an sich gleich gebliebenen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben. Ein Revisionsgrund ist ferner unter Umständen auch dann gegeben, wenn eine andere Art der Bemessung der Invalidität zur Anwendung gelangt oder eine Wandlung des Aufgabenbereichs eingetreten ist (BGE 144 I 103 E. 2.1 S. 105, 141 V 9 E. 2.3 S. 10; SVR 2021 IV Nr. 36 S. 110 E. 3.1). 2.4.3Ob eine anspruchsbegründende Änderung in den für den Invali- ditätsgrad erheblichen Tatsachen eingetreten ist, beurteilt sich im Neuan- meldungsverfahren – analog zur Rentenrevision nach Art. 17 Abs. 1 ATSG – durch Vergleich des Sachverhaltes, wie er im Zeitpunkt der letzten mate- riellen Beurteilung und rechtskräftigen Ablehnung bestanden hat, mit demjenigen zur Zeit der streitigen neuen Verfügung (BGE 133 V 108 E. 5.3 S. 112; 130 V 71 E. 3.2.3 S. 77; AHI 1999 S. 84 E. 1b). 2.4.4Liegt eine erhebliche Änderung des Sachverhalts vor, ist der Ren- tenanspruch in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht allseitig, d.h. unter Berücksichtigung des gesamten für die Leistungsberechtigung ausschlag- gebenden Tatsachenspektrums, neu und ohne Bindung an frühere Invali- ditätsschätzungen zu prüfen (BGE 141 V 9 E. 2.3 S. 11, 117 V 198 E. 4b S. 200; SVR 2021 IV Nr. 36 S. 110 E. 3.1). 3. 3.1Die Beschwerdegegnerin ist auf die Neuanmeldung von September 2019 (act. II 100) eingetreten und hat den Leistungsanspruch materiell ge- prüft. Folglich ist die Eintretensfrage durch das Gericht nicht zu beurteilen (BGE 109 V 108 E. 2b S. 114). 3.2Revisionsrechtliche Vergleichsbasis bildet die Verfügung vom 23. November 2017 (act. II 98), mit welcher in Anwendung der gemischten Methode (80 % Erwerbstätigkeit und 20 % Tätigkeit im Aufgabenbereich) ein Rentenanspruch verneint wurde. Gestützt auf die zwischenzeitlich ver- änderte soziale Situation der Beschwerdeführerin und ihre Angaben an- lässlich der Haushaltsabklärungen vor Ort (act. II 156 S. 3 - 5 und 197 S. 4 f.) erscheint nunmehr die Ausübung einer vollschichtigen ausserhäus-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 8 lichen Erwerbstätigkeit im hypothetischen Gesundheitsfall ohne weiteres nachvollziehbar. Mit dem veränderten erwerblichen Status und der deshalb anwendbaren allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs (vgl. E. 2.3 hiervor) besteht ein Revisionsgrund (vgl. E. 2.4.2 vorstehend), sodass der Rentenanspruch allseitig neu zu prüfen ist (vgl. E. 2.4.4 hiervor). Dies ist zwischen den Parteien zu Recht unbestritten. 3.3Zum Gesundheitszustand und zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerde- führerin finden sich in den Akten insbesondere folgende Angaben: 3.3.1Im interdisziplinären Gutachten vom 27. November 2020 (act. II 135.1, 136.1) stellten die Experten nach neurologischer und psych- iatrischer Untersuchung die Diagnosen einer schubförmigen MS (ICD-10: G35.1) sowie einer organischen depressiven Störung (ICD-10: F06.32) mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (136.1 S. 19 Ziff. 6, act. II 135.1 S. 18 Ziff. 6). Dr. med. D.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, führte im psychiatrischen Teilgutachten vom 27. November 2020 (act. II 135.1) aus, dass – wie auch schon in der ersten Begutachtung im Jahr 2017 – die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung nicht nachvollziehbar sei und auch die früher gestellten Diagnosen aus dem Bereich der Angst- störungen aktuell nicht von Relevanz seien, da grundsätzlich die gleiche Einschränkung bestehe wie bei der neurologischen Erkrankung einer MS und weil aktuell keine Symptomatik erhoben oder aus den Akten abgeleitet werden könne (S. 18). In der Tätigkeit als … könne die Beschwerdeführerin bei einer Präsenzzeit von 70 % mit einer geringen Minderung der Leis- tungsfähigkeit arbeiten, so dass insgesamt eine 66%ige Arbeitsfähigkeit resultiere (S. 22 Ziff. 8.1). Die Arbeitsfähigkeit werde für alle Arbeiten ähn- lich betrachtet, sei doch die angestammte Tätigkeit als angepasste Tätig- keit zu betrachten (Ziff. 8.2). Im neurologischen Teilgutachten vom 27. November 2020 (act. II 136.1) hielt Dr. med. E.________, Facharzt für Neurologie, fest, dass die Be- schwerdeführerin in den letzten Jahren subjektiv über eine Verschlechte- rung ihrer gesundheitlichen Situation berichte, wobei in der klinisch- neurologischen Untersuchung eine gewisse Verschlechterung insbesonde-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 9 re der Gehfähigkeit habe festgestellt, ein peripher-vestibulärer Schwindel aber nicht habe nachgewiesen werden können (S. 22). Es sei gesamthaft von einer gewissen langsamen Progredienz der neurologischen Grunder- krankung MS auszugehen, welche allerdings in der somatisch- neurologischen Untersuchung weiterhin nicht zu erheblichen Defiziten führe (S. 23). Im Vordergrund stünden die subjektiven Beschwerden in Form der Müdigkeit und des Schwankschwindels. Letzterer sei für die angestammte Tätigkeit kaum von Relevanz, weil es sich hierbei um eine körperlich nicht belastende, vorwiegend sitzende Tätigkeit handle. Die Müdigkeit spiele für diese wie auch jede andere mögliche Tätigkeit allerdings schon eine rele- vante Rolle und führe zu einer gewissen Einschränkung in der Leistungs- fähigkeit. Aus neurologischer Sicht bestehe ein zeitlich zumutbares Pen- sum für die angestammte Tätigkeit von 80 %, wobei eine absolute Ein- schränkung der Leistungsfähigkeit um 10 % bestehe, so dass gesamthaft für die bisherige Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 70 % resultiere (S. 24). Im Rahmen der interdisziplinären Gesamtbeurteilung (act. II 135.1 S. 25 Ziff. 10) kamen die Experten zum Schluss, die Beschwerdeführerin sei bei nachgewiesener MS-Erkrankung in ihrer medizinisch-theoretischen Arbeits- fähigkeit in der angestammten Tätigkeit um ein Drittel eingeschränkt, ent- sprechend einer Arbeitsfähigkeit von etwa 66 %. Diese Beurteilung beinhal- te die neurologische und die psychiatrische Beurteilung; ein additives Ver- stärken sei nicht nachvollziehbar, da die psychiatrische Einschätzung in der federführenden neurologischen Einschätzung bei Vorliegen einer MS auf- gehe. 3.3.2In den Stellungnahmen vom 28. Mai 2021 (act. II 144, 145) führten die Gutachter Dres. med. D.________ und E.________ aus, dass sich aus den vorgebrachten Einwänden des behandelnden Psychiaters (act. II 138) keine neuen Erkenntnisse ergäben, die eine inhaltliche Änderung an der Einschätzung im Gutachten vom 27. November 2020 (act. II 135.1, 136.1) zu begründen vermöchten. 3.3.3Im Bericht vom 14. Februar 2022 (act. II 162 S. 4) hielt lic. phil. F.________, Fachpsychologin für Psychotherapie, vom Spital G.________, fest, dass sich die Depression der Beschwerdeführerin seit der Begutach- tung deutlich verschlechtert habe und einer rezidivierenden Störung, ge-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 10 genwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1), entspreche. Wegen der MS-bedingten kognitiven Einschränkungen fühle sich die Beschwerdefüh- rerin nicht mehr in der Lage als Psychotherapeutin zu arbeiten, es käme stattdessen eine einfachere psychologische Tätigkeit in einem Beschäfti- gungsgrad von 40 % in Frage. 3.3.4Die behandelnde Dr. med. H.________, Fachärztin für Neurologie, führte im Schreiben vom 16. Februar 2022 (act. II 165) aus, dass sich be- züglich der MS zwischen dem ersten neurologischen Gutachten im August 2017 und dem zweiten Gutachten im November 2020 eine Verschlechte- rung eingestellt habe. Im Gutachten vom November 2020 werde die erheb- liche motorische und kognitive Fatigue zwar erwähnt und als schwergradig beschrieben, bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aber kaum miteinbe- zogen und nicht diskutiert. Weiter könne entgegen den Aussagen im Gut- achten nicht davon ausgegangen werden, dass durch eine krankheitsmodi- fizierende Immuntherapie eine relevante Verbesserung der Arbeitsfähigkeit erzielt werden könne. Eine leichtgradige Verbesserung sei zwar möglich, führe aber erfahrungsgemäss nicht zu einer relevanten Verbesserung der jeweiligen Arbeitsfähigkeit (S. 2). 3.3.5Im Rahmen der neuropsychologischen Abklärung hielt M. Sc. I.________ in ihrem Bericht vom 5. April 2022 (act. II 168 S. 2 - 11) fest, dass nach dem standardisierten Testverfahren wie bereits bei der letzten Untersuchung von 2019 weiterhin eine deutliche kognitive Fatigue bestehe, die klinisch fass- und beobachtbar sei und auch subjektiv glaubwürdig be- richtet werde (S. 8). Die von der Beschwerdeführerin angegebene relevan- te depressive und ängstliche Symptomatik habe passende Korrelate ge- zeigt (wenig Mimik, affektarm, bedrückt wirkend). Im Verlauf zeige sich zur Voruntersuchung aus dem Jahr 2019 eine statistisch signifikante Ver- schlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit vor allem in den Bereichen Aufmerksamkeit, Gedächtnis und den Exekutivfunktionen (S. 9). Die aktuel- len Einschränkungen führten zu deutlichen Auswirkungen auf die berufli- chen Tätigkeiten (S. 10). Eine leichte bis mittelschwere neuropsychologi- sche Störung führe zu einer Einschränkung in der Leistungsfähigkeit von 30 - 50 %, abhängig von den jeweiligen beruflichen Anforderungen. Zusätz-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 11 lich kämen Einschränkungen hinzu, die auf psychische Probleme zurückzu- führen seien. 3.3.6Die RAD-Ärztin Dr. med. J.________, Fachärztin für Neurologie, führte in ihrem Aktenbericht vom 16. Juni 2022 (act. II 173) aus, dass sich im Vergleich zur Voruntersuchung die neuropsychologischen Befunde ver- schlechtert hätten, wobei unklar sei, ob dies im Rahmen der MS oder durch die Depression bedingt – und damit reversibel – sei (S. 3). Zur Vervollstän- digung der Akten seien ein psychiatrischer Verlaufsbericht sowie ein neuro- logischer Untersuchungsbericht einzuholen (S. 4) 3.3.7Im Verlaufsbericht des Spitals G.________ vom 4. Juli 2022 (act. II 177 S. 2 - 4) wurden die Diagnosen einer MS und einer mittelgradi- gen depressiven Episode (ICD-10: F32.1) gestellt (S. 2 Ziff. 3) und der Ge- sundheitszustand als stationär eingeschätzt, wobei sich keine Änderung seit der letzten Diagnosestellung ergeben habe (Ziff. 1). Die Beschwerde- führerin habe mit verschiedenen Therapien versucht ihren Gesundheitszu- stand zu verbessern, was zeitweise auch gelungen sei, aber es bleibe eine gewisse Unberechenbarkeit (S. 3 Ziff. 4). Sie traue sich nicht zu wieder als Psychotherapeutin zu arbeiten. 3.3.8Die behandelnde Neurologin, Dr. med. H.________, führte in ihrem Bericht vom 18. November 2022 (act. II 193) aus, dass die MS in den letz- ten Jahren klinisch und kernspintomographisch eine leichtgradige Krank- heitsprogression gezeigt habe mit im Verlauf neu nachweislicher Bein- schwäche links, leicht verstärkten Sensibilitätsstörungen im Extremitäten- bereich und Zunahme der kognitiven Einschränkungen (S. 3). Klinisch ste- he weiterhin die ausgeprägte Fatigue im Vordergrund. Letztere lasse sich mit dem kernspintomographischen Nachweis sehr gut erklären, auch wenn sie durch die rezidivierende depressive und ängstliche Symptomatik akzen- tuiert werden könne. 3.3.9Im Bericht vom 15. Dezember 2022 (act. II 189) diagnostizierte der RAD-Arzt Dr. med. K.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychothera- pie, eine organische depressive Störung (ICD-10: F06.32) mit mittelgradi- ger depressiver Ausprägung und bei MS mit ausgeprägter kognitiver Fa- tigue (S. 8). Die Behandlerin lic. phil. F.________ halte zwar einen statio-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 12 nären psychiatrischen Gesundheitszustand zwischen Mai 2020 und Juli 2022 fest, postuliere im Einwand vom 14. Februar 2022 aber eine schwere depressive Episode, was gestützt auf die Akten nicht nachvollziehbar sei. Aus psychiatrischer Sicht habe sich der Gesundheitszustand seit dem Gut- achten im November 2020 nicht wesentlich verschlechtert (S. 9). 3.3.10Die RAD-Ärztin Dr. med. J.________ hielt im Bericht vom 19. De- zember 2022 (act. II 190) fest, aus neurologischer Sicht gebe es keinen Hinweis darauf, dass sich die körperlichen Einschränkungen verstärkt hät- ten (S. 4). Jedoch liege eine neurologische Abklärung vor, welche eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen zeige. Aufgrund der objektiven Befunde sei eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes ausgewie- sen (S. 5). Spätestens ab dem Datum der neuropsychologischen Untersu- chung vom 16. März 2022 bestehe aufgrund der leicht- bis mittelgradigen kognitiven Störung in der angestammten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit in einem 50 %-Pensum als … mit einer 10%igen Leistungsminderung infolge der Fatigue. In einer angepassten Tätigkeit würde der Grad der Arbeits- fähigkeit 60 % mit zusätzlich einer Leistungsminderung von 10 % aufgrund der Fatigue betragen. 3.4Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge- ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 125 V 351 E. 3a S. 352). 3.4.1Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu- chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt- nis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Aus- schlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 13 kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 126, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). 3.4.2Den im Verwaltungsverfahren eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersu- chungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4 S. 227, 135 V 465 E. 4.4 S. 470, 125 V 351 E. 3b bb S. 353; SVR 2020 IV Nr. 71 S. 246 E. 2.2). 3.4.3Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar be- gründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 351 E. 3b ee S. 354; SVR 2022 UV Nr. 3 S. 8 E. 3.2). Auch reine Aktengutachten können beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sach- verhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt. Dies gilt grundsätzlich auch in Bezug auf Berichte und Stellungnahmen Regionaler Ärztlicher Dienste (SVR 2020 IV Nr. 38 S. 134 E. 4.3). Urteilt das Gericht indessen abschliessend gestützt auf Beweisgrundlagen, die aus dem Verfahren vor dem Sozialversiche- rungsträger stammen, sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderun- gen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen, sind ergänzende Ab- klärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1 S. 65, 135 V 465 E. 4.4 S. 470, 122 V 157 E. 1d S. 162). 3.5In medizinischer Hinsicht stützte sich die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung vom 28. Juli 2023 (act. II 219) im Wesentli- chen auf das bidisziplinäre Gutachten der Dres. med. D.________ und E.________ vom 27. November 2020 (act. II 135.1, 136.1) und die ergän- zenden gutachterlichen Stellungnahmen vom 28. Mai 2021 (act. II 144, Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 14 145) sowie – nachdem die Beschwerdeführerin im Rahmen der Anhörung im April 2022 eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes geltend gemacht und auf die neuropsychologische Abklärung (act. II 168 S. 2 - 11) verwiesen hatte – auf die Stellungnahmen der RAD-Ärzte vom 15. und 19. Dezember 2022 (act. II 189, act. II 190). Das bidisziplinäre psychiatrisch-neurologische Gutachten vom 27. Novem- ber 2020 (act. II 135.1, 136.1) wie auch die beiden ergänzenden gutachterli- chen Stellungnahmen vom 28. Mai 2021 (act. II 144 f.) sind für die streitigen Belange umfassend, beruhen auf einlässlichen klinischen Explorationen und wurden in Kenntnis der Vorakten sowie in Berücksichtigung der geklagten Beschwerden erstattet. Sie überzeugen inhaltlich, indem die darin enthalte- nen Darlegungen der medizinischen Zusammenhänge sowie der Beurtei- lung der medizinischen Situation einleuchten und die Schlussfolgerungen nachvollziehbar begründet sind. Die Beurteilung des Gesundheitszustandes erfolgte unter dem Einbezug sämtlicher hier relevanten medizinischen Fachdisziplinen und beruht auf kongruenten Einschätzungen anlässlich ei- nes Konsensgesprächs (act. II 135.1 S. 25 Ziff. 10). Damit erfüllt das bidis- ziplinäre Gutachten die vorerwähnten höchstrichterlichen Beweisanforde- rungen (vgl. E. 3.4.1 hiervor) und erbringt vollen Beweis (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/bb S. 353). Daran vermögen die eingereichten medizinischen Unterlagen – namentlich der Bericht der behandelnden Neurologin Dr. med. H.________ vom 16. Februar 2022 (act. II 165) und derjenige der Psycho- login lic. phil. F.________ vom 14. Februar 2022 (act. II 162 S. 4) – keine konkreten Zweifel zu erwecken, haben doch die Gutachter die von den Be- handlerinnen geltend gemachten kognitiven Einschränkungen sehr wohl berücksichtigt und dargelegt, dass sie aus neurologischer Sicht nicht ohne weiteres nachvollziehbar und ausschliesslich auf die MS zurückzuführen seien (vgl. act. II 136.1 S. 23 unten). Soweit daher die Behandlerinnen ge- stützt auf denselben medizinischen Sachverhalt zu einer anderslautenden Beurteilung der Arbeitsfähigkeit gelangten, genügt dies gemäss der Recht- sprechung nicht, um das Gutachten in Frage zu stellen (vgl. SVR 2021 IV Nr. 10 S. 29 E. 5.7, 2019 UV Nr. 31 S. 117 E. 3). Gestützt auf die interdiszi- plinäre Konsensbeurteilung im Gutachten vom 27. November 2020 (act. II 135.1 S. 25 Ziff. 10) ist somit mit den Gutachtern grundsätzlich bzw. vorerst von einer durchschnittlichen Arbeitsfähigkeit von 66 % auszugehen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 15 3.6Hinsichtlich der im Nachgang zur bidisziplinären Begutachtung von November 2020 (act. II 135.1, 136.1) im April 2022 geltend gemachten Verschlechterung des Gesundheitszustandes (act. II 168) ergibt sich das Folgende: 3.6.1In psychiatrischer Hinsicht wurden im Bericht des Spitals G.________ vom 4. Juli 2022 (act. II 177) ein stationärer Gesundheitszu- stand und keine wesentliche Veränderung der Befundlage beschrieben. Gestützt darauf und auf die überzeugende Beurteilung des RAD- Psychiaters Dr. med. K.________ vom 15. Dezember 2022 (act. II 189 S. 9) ist seit dem bidisziplinären Gutachten vom 27. November 2020 (act. II 135.1, 136.1) in psychiatrischer Hinsicht keine massgebende Ver- änderung des Gesundheitszustandes erstellt, weshalb nach derzeitiger Aktenlage für den gesamten anspruchsrelevanten Zeitraum auf die Befun- de und Schlussfolgerungen im psychiatrischen Teilgutachten abgestellt werden kann. 3.6.2Hinsichtlich des neurologischen Gesundheitszustandes machte die Beschwerdeführerin im ersten Vorbescheidverfahren im September 2019 eine Verschlechterung geltend (act. II 162, 168). Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der Folge im Wesentlichen auf den neuropsychologischen Abklärungsbericht vom 5. April 2022 (act. II 168 S. 2 - 11) sowie die dies- bezüglichen Stellungnahmen der RAD-Ärztin Dr. med. J.________ vom 16. Juni 2022 (act. II 173) und insbesondere vom 19. Dezember 2022 (act. II 190). Aufgrund dieser Unterlagen erscheint eine zwischenzeitlich eingetretene, allfällig anspruchsrelevante Verschlechterung der kognitiven Funktionen im Zusammenhang mit der progredient verlaufenden MS- Erkrankung nicht ausgeschlossen. Gestützt auf diese Ausgangslage wäre die Beschwerdegegnerin in Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes gemäss Art. 43 ATSG deshalb verpflichtet gewesen, die Auswirkungen dieser allfälligen Verschlechterung auf die Arbeitsfähigkeit genauer abzu- klären. Dies ist indessen nach dem aktuellen Stand der medizinischen Ak- ten bisher nicht hinreichend geschehen, wie nachfolgend darzulegen ist: Die RAD-Neurologin Dr. med. J.________ stütze sich für ihre abschlies- sende Aktenbeurteilung vom 19. Dezember 2022 (act. II 190) auf den neu- ropsychologischen Abklärungsbericht von M. Sc. I.________ vom 5. April Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 16 2022 (act. II 168 S. 2 - 11) und hielt das Einholen eines aktuellen neurolo- gischen Untersuchungsberichts der behandelnden Neurologin für sinnvoll (act. II 173 S. 4). Der eingeforderte Bericht von Dr. med. H.________ da- tiert zwar vom 18. November 2022 (act. II 193), ging indes erst nach Erstat- tung der abschliessenden RAD-Stellungnahme vom 19. Dezember 2022 (act. II 190) bei der Beschwerdegegnerin ein (vgl. Eingangsdatum 30. Ja- nuar 2023 [vgl. act. II Inhaltsverzeichnis S. 2]). Letztere verzichtete in der Folge darauf, diesen neurologischen Verlaufsbericht dem RAD vorzulegen, weshalb dem Aktenbericht der RAD-Ärztin vom 19. Dezember 2022 (act. II 190) ein nicht lückenloser Befund zugrunde lag (vgl. E. 3.4.3). Eine eigenständige fachärztliche klinische Untersuchung durch den RAD erfolgte nicht. Weder im neuropsychologischen Abklärungsbericht vom 5. April 2022 (act. II 168 S. 2 - 11) – welcher nach bundesgerichtlicher Rechtspre- chung lediglich, aber immerhin, eine Zusatzuntersuchung darstellen kann und bei begründeter Indikation in Erwägung zu ziehen ist (Entscheid des BGer vom 16. April 2021, 8C_11/2021, E. 4.2) –, noch im späteren Bericht der behandelnden Neurologin (act. II 193) erfolgte sodann eine nachvoll- ziehbare Auseinandersetzung mit dem neurologischen Teilgutachten oder eine begründete Herleitung der nunmehr als tiefer eingestuften Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin. Dem neuropsychologischen Bericht vom 5. April 2022 (act. II 168 S. 2 - 11) ist einzig zu entnehmen, dass es zu einer "statistisch signifikanten Verschlechterung" der kognitiven Leistungsfähigkeit, insbesondere in den Bereichen Aufmerksamkeit, Ge- dächtnis und Exekutivfunktionen, gekommen sei (S. 9). Gleichzeitig wurde eine subjektiv im Vordergrund stehende kognitive Fatigue als seit dem letz- ten Bericht weiterbestehend beschrieben, sodass unklar ist, ob und inwie- weit zwischenzeitlich eine Verschlechterung auf der Befundebene tatsäch- lich eingetreten ist. Ohne ersichtliche Würdigung bzw. Validierung über- nahm die RAD-Ärztin Dr. med. J.________ diese Einschätzung und schloss daraus, dass bei einer leicht- bis mittelgradigen kognitiven Störung "als Richtwert" bei einer Tätigkeit mit hohen Anforderungen die Funktion als mittelgradig eingeschränkt zu beurteilen sei, womit in der (anspruchsvollen) Tätigkeit als … eine Arbeitsfähigkeit von 50 % bzw. in einer "nicht an- spruchsvollen Tätigkeit" eine solche von 60 %, jeweils mit einer zusätzli- chen Leistungsminderung von 10 % wegen Fatigue, bestehe (act. II 190 S. 4). Dieser pauschale und schematische Verweis auf nicht näher be-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 17 zeichnete Richtwerte genügt den beweisrechtlichen Anforderungen an die (fachärztliche) Begründung der Arbeitsfähigkeit in der konkreten Situation der Beschwerdeführerin nicht (vgl. Entscheid des BGer vom 5. März 2018, 9C_732/2017, E. 4.1.2). Insbesondere fehlt es an einer nachvollziehbaren fachärztlichen Plausibilisierung der geltend gemachten zusätzlichen Ein- schränkungen anhand entsprechender klinischer (und nicht bloss testpsy- chologischer) Erhebungen und einer Gegenüberstellung zu den anlässlich der neurologischen Begutachtung von November 2020 (act. II 136.1) erho- benen Befunden (vgl. auch BGE 141 V 281 E. 4.4.1 S. 303, 130 V 352). Insgesamt bestehen damit zumindest geringe Zweifel an der abschliessen- den Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die RAD-Neurologin vom 19. Dezember 2022 (act. II 190), sowohl hinsichtlich der medizinischen Grundlagen und der Begründung als auch mit Blick auf den zeitlichen Ver- lauf der Arbeitsfähigkeit, weshalb nicht darauf abgestellt werden kann. 3.6.3Auch die von der behandelnden Neurologin Dr. med. H.________ im Bericht vom 18. November 2022 (act. II 193) festgehaltene "leichtgradi- ge Progression" der MS-Erkrankung reicht für sich alleine nicht aus zur Bestätigung der durch die RAD-Ärztin angenommenen, nunmehr deutlich höheren Arbeitsunfähigkeit, denn die Behandlerin hat wiederum die Er- kenntnisse aus der neuropsychologischen Abklärung übernommen ohne diese weitergehend zu würdigen und auf die weiterhin im Vordergrund ste- hende Fatigue verwiesen. Eine nachvollziehbare Darlegung der Verände- rung des klinischen Befundes seit dem neurologischen Teilgutachten vom 27. November 2020 (act. II 136.1) fehlt hingegen, womit im jetzigen Zeit- punkt nicht abschliessend beurteilt werden kann, inwieweit eine tatsächli- che Verschlechterung des Gesundheitszustandes vorliegt oder ob allein eine unterschiedliche Würdigung eines im Wesentlichen unveränderten gebliebenen medizinischen Sachverhaltes vorgenommen wurde, was nach ständiger Praxis unter revisionsrechtlichem Gesichtswinkel unerheblich wäre (BGE 147 V 161 E. 4.2 S. 164, 144 I 103 E. 2.1 S. 105). Daran ver- mögen auch die im Beschwerdeverfahren eingereichten Berichte der be- handelnden Dr. med. H.________ vom 25. Juni 2024 (Akten der Be- schwerdeführerin [act. IA] 2) bzw. der Psychologinnen M. Sc. I.________ und lic. phil. L.________, Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP, vom 4. Juni 2024 (act. IA 1) nichts zu ändern, zumal in diesen bloss die früheren Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 18 Angaben wiederholt bzw. bestätigt wurden. Schliesslich gilt es auch der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen, weshalb gemäss bundesge- richtlicher Rechtsprechung im Streitfall – wie auch hier – eine direkte Leis- tungszusprache einzig gestützt auf die Angaben der behandelnden Ärztin- nen und Ärzte kaum je in Frage kommt ( BGE 135 V 465 E. 4.5 S. 470 f.; Entscheid des BGer vom 13. Juni 2012, 8C_160/2012, E. 3.1.2). 3.6.4Folglich erweist sich der medizinische Sachverhalt hinsichtlich der in neurologischer Sicht geltend gemachten Verschlechterung des Gesund- heitszustandes seit dem bidisziplinären Gutachten vom 27. November 2020 (act. II 135.1, 136.1) als unzureichend abgeklärt. Die Beschwerdegegnerin hat daher – in Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes (Art. 43 ATSG) – eine erneute bidisziplinäre Begutachtung – allenfalls zuzüglich neuropsychologischer Abklärungen – der Beschwerdeführerin zu veranlas- sen. Letztere wurde mit prozessleitender Verfügung vom 26. April 2024 auf die Möglichkeit einer Verschlechterung bzw. Nichtbestätigung ihres (beste- henden) Rentenanspruchs im Rahmen der weiteren Abklärungen hinge- wiesen und hat in der Folge mit Eingabe vom 26. Juni 2024 ausdrücklich an der Beschwerde festgehalten, weshalb die Rückweisung der Sache auch mit Blick auf eine allfällige reformatio in peius statthaft ist. 4. Nach dem Dargelegten ist die angefochtene Verfügung vom 28. Juli 2023 (act. II 219) in Gutheissung der Beschwerde vom 22. August 2023 aufzu- heben und die Sache zur ergänzenden medizinischen Abklärung im Sinne der Erwägungen und anschliessenden erneuten Verfügung an die Be- schwerdegegnerin zurückzuweisen. Bei diesem Verfahrensausgang erübri- gen sich aktuell Weiterungen zu den erwerblichen Auswirkungen bzw. zum Einkommensvergleich.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 19 5. 5.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unab- hängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.– bis Fr. 1'000.– festzulegen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.–, hat bei diesem Ausgang des Verfahrens die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG; BVR 2009 S. 186 E. 4). Der geleistete Kostenvor- schuss von Fr. 800.– ist der Beschwerdeführerin nach Eintritt der Rechts- kraft des Urteils zurückzuerstatten. 5.2Die obsiegende Beschwerde führende Person hat Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsgericht festge- setzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit- sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). Gemäss der Praxis des Verwaltungsgerichts wird der Parteikostenersatz bei gemeinnützig tätigen Rechtsberatungsstellen sowie Rechtsschutzversi- cherungen, Gewerkschaften und Berufsverbänden aufgrund eines allge- meingültigen pauschalisierten Stundenansatzes festgesetzt, welcher im konkreten Fall mit dem gebotenen Aufwand multipliziert wird. Der Stunden- ansatz wird je nach fachlicher Qualifikation der Vertretung festgelegt, wobei als fachlich qualifizierte Vertretung diejenige durch Juristinnen und Juristen sowie durch eidgenössisch diplomierte Sozialversicherungsexpertinnen und -experten gilt. Als fachlich nicht qualifizierte Vertretung gelten alle übri- gen Parteivertreterinnen und -vertreter (vgl. Rundschreiben der Sozial- versicherungsrechtlichen Abteilung und der Abteilung für französischspra- chige Geschäfte des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 16. De- zember 2009, abrufbar unter <www.justice.be.ch>). Im Falle der Vertretung durch eine gemeinnützig tätige Rechtsberatungsstelle im Sinne der Recht- sprechung (BGE 135 I 1 E. 7.4.1 S. 4) wird der Stundenansatz bei einer fachlich qualifizierten Vertretung auf Fr. 130.-- und bei einer fachlich nicht qualifizierten Vertretung auf Fr. 80.-- festgelegt.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 20 Per 1. Januar 2024 hat der massgebende Mehrwertsteuersatz geändert (Verordnung über die Anhebung der Mehrwertsteuersätze zur Zusatzfinan- zierung der AHV vom 9. Dezember 2022 [AS 2022 863]). Massgebend für den anzuwendenden Steuersatz ist der Zeitpunkt der Leistungserbringung. Für Leistungen, die bis zum 31. Dezember 2023 erbracht wurden, ist der Steuersatz von 7.7 % anwendbar. Der Steuersatz von 8.1 % gilt für Leis- tungen, die ab dem 1. Januar 2024 erbracht wurden. Sind Leistungen vor und nach dem 1. Januar 2024 erbracht worden, muss eine separate Be- rechnung erfolgen (vgl. Art. 115 Abs. 1 i.V.m. Art. 112 MWSTG). Mit den beiden Kostennoten vom 20. September 2023 und vom 23. No- vember 2023 machte lic. iur. C.________ für die Zeit bis zum 31. Dezem- ber 2023 einen Aufwand von 10.55 Stunden (9 Stunden per 20. September 2023 zuzüglich von 1.55 Stunden per 23. November 2023) à Fr. 130.– so- wie Auslagen von Fr. 54.90 (Fr. 46.80 + Fr. 8.10) geltend. MLaw M.________ vom B.________ wies mit Kostennote vom 17. Juli 2024 einen zusätzlichen Aufwand von 6.25 Stunden à Fr. 130.– aus. Alle drei Kosten- noten sind nicht zu beanstanden. Gestützt darauf ist der tarifmässige Par- teikostenersatz für die Zeit bis 31. Dezember 2023 auf Fr. 1'536.25 (Hono- rar: Fr. 1’371.50 [10.55 Stunden x Fr. 130.–]; Auslagen: Fr. 54.90; MWST: Fr. 109.85 [7.7 % auf Fr. 1'426.40]) und für die Zeit ab 1. Januar 2024 auf Fr. 878.30 (Honorar: Fr. 812.50 [6.25 Stunden x Fr. 130.–]; MWST: Fr. 65.80 [8.1 % auf Fr. 812.50]), gesamthaft somit auf Fr. 2'414.55, festzu- setzen. Diesen Betrag hat die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführe- rin zu ersetzen. Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung der IV-Stelle Bern vom 28. Juli 2023 aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegeg- nerin zurückgewiesen, damit sie – nach Vornahme der Abklärungen im Sinne der Erwägungen – neu verfüge.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Sept. 2024, IV/23/594, Seite 21 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.– werden der Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 800.– wird der Beschwerdeführerin nach Eintritt der Rechtskraft des Urteils zurückerstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin die Parteikosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 2‘414.50 (inkl. Auslagen und MWST), zu ersetzen. 4. Zu eröffnen (R): - B.________, lic. iur. C.________ z.H. der Beschwerdeführerin - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.