Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beschluss der Anwaltsaufsichtskommission Basel-Landschaft vom 7. November 2017 (080 16 1081) ___________________________________________________________________ Anwaltsrecht Disziplinarverfahren Besetzung Präsident Dieter Eglin, Mitglied Elisabeth Berger Götz (Referentin), Ersatzmitglied Michael Baader, Ersatzmitglied Marcel Leuenberger, Mitglied Claudia Weible Imhof; Stv. Aktuar Stefan Steinemann Parteien Advokatin A._____, gegen Rechtsanwältin B._____, vertreten durch Advokat Dr. Thomas Christen, Advokatur & Notariat zum Thurgauerhof, Lindenstrasse 2, Postfach 552, 4410 Liestal, Anzeigegegnerin Gegenstand Anwaltsrecht Disziplinarverfahren (Anzeige vom 27. Juli 2016) A. B._____ vertrat als eine in der Liste der EU -Anwältinnen und -Anwälte des Kantons F._____ eingetragene Rechtsanwältin C._____ (fortan: Ehemann) in einem Ehescheidungsver- fahren vor dem Zivilkreisgericht Ba sel-Landschaft Ost gegen D._____ (fortan: Ehefrau), welche durch Advokatin A._____ vertreten wurde. Im Zusammenhang mit diesem Verfahren erhob Ad- vokatin A._____ (fortan: Anzeigestellerin) am 27. Juli 2016 bei der Anwaltsaufsichtskommission Basel-Landschaft Aufsichtsbeschwerde und beantragte, gegen Rechtsanwältin B._____ ein Aufsichtsverfahren einzuleiten und durchzuführen sowie gegen Rechtsanwältin B._____ ange- messene Disziplinarmassnahmen zu ergreifen. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. B._____ (fortan: Anzeigegegnerin) begehrte mit Stellungnahme vom 7. Oktober 2016, in Abweisung der Anträge der Anzeigestellerin sei von der Einleitung eines Disziplinarverfahrens und demzufolge auch von der Ergreifung von Disziplinarmassnahmen abzusehen. C. Mit Beschluss vom 26. Juni 2017 eröffnete der Ausschuss der Anwaltsaufsichtskommi s- sion Basel-Landschaft ein Disziplinarverfahren gegen die Anzeigegegnerin und gewährte der Anzeigegegnerin sowie der Rechtsanwaltskammer G._____ eine Frist bis zum 28. Juli 2017 zur fakultativen Stellungnahme hinsichtlich einer allfälligen Disziplinarmassnahme. D. Die Rechtsanwaltskammer G._____ verzichtete mit Schreiben vom 24. Juli 2017 auf eine Stellungnahme. Die Anzeigegegnerin begehrte innert erstreckter Frist mit Stellungnahme vom 31. August 2017, von der Verhängung von Disziplinarmassnahmen abzusehen. E. Mit Verfügungen vom 26. September 2017 wurden die Anwaltskommiss ion des Kantons F._____ und die Rechtsanwaltskammer G._____ darüber in Kenntnis gesetzt, dass die A n- waltsaufsichtskommission Basel-Landschaft beabsichtigt, gegen die Anzeigegegnerin eine di s- ziplinarische Sanktion in Form eines Verweises anzuordnen, und gewährte diesen eine Frist bis zum 31. Oktober 2017 zur fakultativen Stellungnahme. F. Die Anwaltskommission des Kantons F._____ verzichtete mit Eingabe vom 10. Oktober 2017 auf eine Stellungnahme und die Rechtsanwaltskammer G._____ liess sich innert Frist nicht vernehmen. Erwägungen 1. Nachdem der Ausschuss der Anwaltsaufsichtskommission Basel-Landschaft mit B e- schluss vom 26. Juni 2017 gegen die Anzeigegegnerin ein Disziplinarverfahren eingeleitet hat, ist nunmehr die Gesamtkommission der Anwaltsaufsich tskommission Basel-Landschaft zum Entscheid über die Verhängung einer allfälligen Disziplinarmassnahme zuständig (§ 23 Abs. 1 und Abs. 2 lit. b des Anwaltsgesetzes Basel-Landschaft vom 25. Oktober 2001 [AnwG]). 2. Nachfolgend ist zunächst darüber zu bef inden, ob die Anzeigegegnerin im streitb e- troffenen Ehescheidungsverfahren durch unsorgfältige Berufsausübung gegen das Bundesg e- setz vom 23. Juni 2000 über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (BGFA) verstossen hat. 2.1 Zur allgemeinen Berufspflicht der Anwältinnen und Anwälte gehört gemäss der Gen e- ralklausel von Art. 12 lit. a BGFA, dass sie ihren Beruf sorgfältig und gewissenhaft ausüben. Bei diesem Begriffspaar handelt es sich um Synonyme. Diese Vorschrift bezweckt nichts anderes, Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht als eine getreue und sorgfältige Ausführung von Anwaltsmandaten sicherzustellen ( AAK ZH KG080028 vom 2. April 2009 E. 4.5.2). Sie verpflichtet die Anwältinnen und Anwälte , sich nicht nur gegenüber ihrer Mandantschaft, sondern auch gegenüber den Behörden, der Gegenpartei, den Berufskollegen und der Öffentlichkeit korrekt zu verhalten; sie haben in der gesamten B e- rufstätigkeit insbesondere alles zu unterlassen, was geeignet wäre, das Vertrauen in ihre Täti g- keit zu beeinträchtigen. Nicht jede Unsorgfalt bei der A usübung eines Anwaltsmandats stellt allerdings einen Verstoss gegen Art. 12 lit. a BGFA dar. Diese Bestimmung erfasst nur erhebl i- che Verstösse gegen die Berufspflichten (vgl. BGer. 2C_652/2014 vom 24. Dezember 2014 E. 3.2). Zur Konkretisierung der Sorgfaltspflicht der Anwältinnen und Anwälte gegenüber ihrer Klientschaft können Rechtsprechung und Lehre zum Auftragsrecht (Art. 398 Abs. 2 OR) hera n- gezogen werden (AppGer. BS VD.2016.228 vom 19. Juli 2017 E. 5.3.1; BGer. 4P.19/2006 vom 21. April 2006 E. 3.3.1; zum Ganzen: KGer. VS vom 11. Mai 2015 E. 3.1.1 f., in: ZWR 2016 S. 299 ff.). 2.2.1 Eine getreue und sorgfältige Mandatsführung durch eine Anwältin oder einen Anwalt verlangt, dass ein Auftrag nur angenommen wird, wenn eine fachgerechte Wahrung der Int e- ressen der Mandantschaft gewährleistet werden kann. Diesen Anforderungen hat die Anzeige- gegnerin im streitbefangenen Ehescheidungsverfahren nicht genügt. So steht unstrittig fest, dass der Anzeigegegnerin durch das Gerich tspräsidium die gesetzliche Regelung der Erzi e- hungsgutschriften erläutert sowie anlässlich einer Gerichtsverhandlung von der Gerichtsschre i- berin mehrfach ganze Passagen aus dem ZGB vorgelesen werden mussten. Zudem musste das Gerichtspräsidium der Anzeigege gnerin schriftliche Erläuterungen zum Vereinbarungsen t- wurf vom 11. Dezember 2015 erstellen, in welchen es über zwei Seiten nähere Ausführungen zum Kinderunterhalts- und Güterrecht darlegte. Diese äusserst ungewöhnliche Inanspruchnah- me des Gerichtspräsidium s und der Gerichtsschreiberin durch die Anzeigegegnerin für rechtl i- che Erläuterungen zeigt, dass der Anzeigegegnerin offensichtlich grundlegende Kenntnisse für die fachgerechte Wahrung der Interessen ihres Mandanten gefehlt haben. Indem sie d en fragli- chen Auftrag dennoch übernommen hat, hat sie schuldhaft gegen Art. 12 lit. a BGFA verstos- sen. Davon ist umso mehr auszugehen, als sie durch ihr Verhalten zweifelsohne einen unnöt i- gen Mehraufwand im Verfahren verursacht hat und dieses geeignet war, das Vertrauen in die Anwaltschaft nachhaltig zu enttäuschen. 2.2.2 Die Anzeigegegnerin begehrte in einer Stellungnahme vom 26. Mai 2015 beim Zivi l- kreisgericht Basel-Landschaft Ost, die Steuerverwaltung der Gemeinde E._____ und der Ka n- ton Aargau seien – als vorsorgliche Massnahme – anzuweisen, die Steuerlast des Ehemanns wegen der gerichtlichen Erforderlichkeit der Zahlung von Alimenten an die Ehefrau und die Ki n- der bis zur Rechtskraft des Scheidungsurteils zu erlassen und eine diesbezügliche Ver fügung zu Gunsten des Ehemanns zu erlassen. Dieser Antrag war klarerweise von vorneherein au s- sichtslos. Der Erlass von vorsorglichen Massnahmen im Scheidungsverfahren richtet sich au f- grund von Art. 276 Abs. 1 Satz 2 ZPO sinngemäss nach den Bestimmungen übe r die Mas s- nahmen zum Schutz der ehelichen Gemeinschaft (Art. 172 ff. ZGB). Damit wird dem Schei- dungsgericht keine Möglichkeit eingeräumt, vorsorglich einen Steuererlass anzuordnen. Ein Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Erlassgesuch kann einzig die steuerpflichtige Person bei der Erlassbehö rde stellen (§ 230d Abs. 1 des Steuergesetzes des Kantons Aargau vom 15. Dezember 1998 [StG/AG] i.V.m. Art. 5 Abs. 1 der Verordnung des EFD vom 12. Juni 2015 über die Behandlung von Gesuchen um Erlass der direkten Bundessteuer [VO Steuererlass]). Weil das Zivilkreisgericht Basel - Landschaft Ost demzufolge die beantragte Anweisung an die Gemeinde E._____ und den Kan- ton Aargau zum Steuererlass nicht treffen konnte, war dieser Antrag der Anzeigegegnerin von Anfang an ohne Aussicht auf Erfolg. Dies trifft vorlie gend umso mehr zu, als e in Erlassgesuch erst gestellt werden kann, wenn die Veranlagung rechtskräftig geworden ist ( § 230d Abs. 1 StG/AG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 VO Steuererlass), und somit bezüglich der besagten nicht recht s- kräftig veranlagten Steuern noch ga r kein Erlassgesuch hat gestellt werden können. Indem die Anzeigegegnerin den von vorneherein aussichtslosen Antrag auf Erlass der fraglichen Steuern beim Zivilkreisgericht Basel -Landschaft Ost gestellt hat, hat sie unsorgfältig gehandelt. Zudem hat die Be arbeitung dieses Antrags fraglos unnötige Mehrkosten verursacht ; ebenso ist das Stellen des aussichtslosen Antrags um Steuererlass dem Ansehen der Anwaltschaft abträglich gewesen. Dieses unsorgfältige Handeln betrifft zwar nur einen Nebenpunkt im Ehescheid ungs- verfahren. Indes ist diese s zusammen mit dem bereits in E. 2.2.1 dargestellten Verhalten der Anzeigegegnerin gesamthaft als ein schuldhafter Verstoss gegen Art. 12 lit. a BGFA zu werten. 3. Im Weiteren ist zu prüfen, ob die Anzeigegegnerin im streitb efangenen Ehesche i- dungsverfahren durch sachlich unbegründete bzw. unnötig verletzende Äusserungen gegen das BGFA verstossen hat. 3.1 Als Berufspflicht obliegt den Anwältinnen und Anwälten in erster Linie, die Inte ressen ihrer Mandantschaft bestmöglich zu vertreten. Als Verfechter von Parteiinteressen sind sie not- gedrungen einseitig tätig. Sie sind nicht verpflichtet, stets das für die Gegenpartei mildeste Vo r- gehen zu wählen. Gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts sollen Anwälte die In teres- sen ihrer Mandanten auch durchaus pointiert vertreten dürfen, um die zu erläuternden Recht s- positionen nachhaltig auf den Punkt zu br ingen. Sie dürfen im Sinne ihrer Klientschaft mithin energisch auftreten und sich den Umständen entsprechend scharf aus drücken; es kann nicht verlangt werden, dass sie jedes Wort genau abwägen (BGer. 2C_103/2016 vom 30. August 2016 E. 3.2.1). Gleichwohl sind nicht sämtliche Mittel durch die Ausübung der anwaltlichen B e- rufspflicht gerechtfertigt. Anwältinnen und Anwälte haben alles zu unterlassen, was die Vertrau- enswürdigkeit ihres Berufsstandes in Frage stellt. Sie haben dazu beizutragen, dass Recht s- streitigkeiten sachgerecht und professionell ausgetragen werden. Aufgrund ihrer besonderen Stellung sind sie zu einer gewissen Zurückhaltung verpflichtet und gehalten, einer Eskalation der Streitigkeiten entgegenzuwirken und sie nicht zu fördern. Sie haben deshalb exzessive A n- griffe auf die Gegenpartei zu unterlassen. Ein unnötig forsches und unangebracht hartes Vo r- gehen einer Anwältin oder eines Anwalts entspricht in der Regel nicht dem Gebot der sorgfält i- gen und gewissenhaften Berufsausübung; es kann nicht im Interesse der Mandantschaft liegen, die Gegenpartei ohne Not zu verärgern und dadurch die Fronten (zusätzlich) zu verhärt en. An- wältinnen und Anwälte sollen daher keine Äusserungen tätigen, die in keinem Zusammenhang Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht zum Streitgegenstand stehen oder gar wider besseres Wissen erfolgen. Äusserungen, die der Klientschaft keinen Nutzen bringen, der Gegenpartei oder Dritten aber u nnötigerweise schaden oder sie ohne jeden vernünftigen Sinn verletzen, sind zu unterlassen (BGer. 2C_103/2016 vom 30. August 2016 E. 3.2.2). 3.2.1 Im E -Mail vom 3. September 2015 schrieb die Anzeigegegnerin der Anzeigestellerin unter anderem: „Sehr geehrte Frau Kollegin (…) Die Enttäuschung des Ehemannes war extrem. Er fühlte sich durch das Angebot der Ehefrau nicht ernst genommen. Für ihn ist dieses Angebot nahe an der Grenze eines Betrugsversuches. (…)“ 3.2.2 In einem Schreiben vom 4. März 2016 teilte die Anzeigegegnerin der Anzeigestellerin insbesondere Folgendes mit: „Sehr geehrte Frau Kollegin Ihr Schreiben vom 2.03.2016, zugestellt nach Ablauf der nachperemptorischen gerichtlichen Frist hat erneut gezeigt, dass Sie alles daransetzen, eine einvernehmliche und paritätische E i- nigung zwischen den Parteien zu gefährden! Nicht nur, dass Sie den Ehemann dazu verpflichten wollten, im Jahre 2016 statt den bereits reduzierten Gesamtunterhalt von monatlich insgesamt CHF 1‘550.–, wie von Ihnen auch mün d- lich zugestanden, einen durchaus ketzerischen Unterhaltsbetrag von CHF 2‘130. – (2 x 940.– + 250.–) zu zahlen. Vielmehr haben Sie durch Ihre Formulierung auch ein nahes Ende des Scheidungsverfahrens erneut vereitelt. Insbesondere hätte der Ehemann durch Ihre Konvention erhebliche Nachteile im Vergleich zur derzeitigen Situation zu verspüren, daher für beide Seiten sinnlos! Zudem ist i hre Aussage hinsichtlich der Teilung des Pensionskassenvermögens schlichtweg falsch, da die Gesetzesänderung bald in Kraft tr itt und für den Pensionskassenausgleich die Einreichung der Scheidungsklage, somit Mai 2014 (nicht August 2015) für die Teilung auch bei rechtskräftigen Verfahren relevant ist. Dies müsste Ihnen wohl genauso bekannt sein. Unter diesen genannten von Ihnen b ewirkten Umständen, die sehr nahe an betrügerischen A b- sichten grenzen, hat der Ehemann keine andere Wahl, als die Veräusserung der Immobilie in die Wege zu leiten, damit das gekündigte Darlehen der Ehegatten an die Vorsorgestiftung rechtzeitig zurückgezahlt werden kann. (…)“ 3.3.1 Die eine fragliche Äusserung betrifft den von der Anzeigegegnerin in ihrem Schreiben vom 4. März 2016 an die Anzeigestellerin verwendeten Ausdruck „ketzerischen Unterhaltsb e- trag“. Zutreffend ist zwar, dass „ketzerisch“ – wie die Anzeigegegnerin geltend macht – laut Du- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht den „von einer allgemein als gültig erklärten Meinung, Verhaltensnorm abweichend [und andere dadurch in Verlegenheit, in eine unangenehme Situation bringend]“ bedeutet. Das Wort „ketz e- risch“ hat allerdings auch einen klar negativen Anstrich im Sinne von Irrlehre. Durch die Ve r- wendung dieses Worts hat sich die Anzeigegegnerin somit einer nicht erforderlichen und unn ö- tig verletzenden Formulierung bedient. Dies hat sie zudem getan, ohne dass die Anzeigestell e- rin oder der Verfahrensablauf dazu sachlichen Anlass gegeben haben. Indem die Anzeigegeg- nerin der Anzeigestellerin vorgeworfen hat, sie habe einen „ketzerischen Unterhaltsbeitrag“ ver- langt, und im nächsten Satz nach geschoben hat, sie habe dadurch ein nahes Ende des Schei- dungsverfahrens vereitelt, hat sie das Verhalten der Anzeigestellerin im besagten Prozess in unnötiger Weise deutlich herabgewürdigt. Dadurch hat sie Art. 12 lit. a BGFA schuldhaft ve r- letzt. 3.3.2 Zudem hat die Anzeigegegnerin im E-Mail vom 3. September 2015 der Anzeigestellerin unterstellt, dass ein von der Anzeigestellerin dem Ehemann unterbreitetes Angebot „nahe an der Grenze eines Betrugsversuches“ sei. Überdies hat die Anzeigegegnerin in ihrem Schreiben vom 4. März 2016 der Anzeigestellerin vorgeworfen, dass die von der Anzeigestellerin durch ihr Vorgehen bewirkten Umstände „sehr nahe an betrügerischen Absichten grenzen“. Mit den frag- lichen Äusserungen hat die Anzeigegegnerin zwar – streng wörtlich genommen – der Anzeige- stellerin kein strafbares Verhalten angekreidet; jedoch hat sie damit ihr unterschwellig zumin- dest ein Verhalten an der Grenze zur Illegalität vorgeworfen. Im streitbefangenen Ehesche i- dungsverfahren hat die Anzeigegegnerin keinen objektiven Anlass für solche Aussagen gehabt. So legt die Anzeigegegnerin weder konkret dar noch ist ersichtlich, dass die Anzeigestellerin ein Verhalten an der Grenze zum Betrug zu Tage legte, geschweige denn, dass sie einen vollende- ten oder einen versuchten Betrug zum Nachteil des Ehemanns verübte. Sie täuschte insbeson- dere zu keinem Zeitpunkt über Tatsachen, sondern vertrat einzig die Interessen der Ehefrau im Ehescheidungsverfahren. Die Anzeigegegnerin verlässt mit den unbegründeten Vorwürfen („nahe an der Grenze eines Betrugsversuches“, „sehr nahe an betrügerischen Absichten gren- zen“) den Spielraum einer zulässigen Kritik am Vorgehen der Anzeigestellerin. Indem die A n- zeigegegnerin der Anzeigestellerin im dargestellten Kontext ein Verhalten mindestens nahe der Grenze zur Illegalität unterstellt hat, hat sie implizit den Eindruck erweckt, die Anzeigestellerin gehe mit wenig Skrupel vor und bediene sich zweifelhafter Machenschaften. Dadurch hat die Anzeigegegnerin die Anzeigestellerin persönlich angegriffen und beleidigt, ohne dass dazu ein begründeter Anlass bestanden hätte. Sie hat mithin die Anzeigestellerin unzulässigerweise in ihrer Ehre herabgewürdigt . Damit hat sie erneut schuldhaft gegen Art. 12 lit. a BGFA versto s- sen. 4.1 Das Aussprechen einer Disziplinarmassnahme setzt nach dem Wortlaut von Art. 17 Abs. 1 BGFA die Verletzung des BGFA voraus. In Art. 17 Abs. 1 BGFA nicht erwähnt, jedoch Voraussetzung für die Ahndung eines Verstosses gegen das BGFA bildet ein schuldhaftes Ver- halten. Die Sanktionierung eines Fehlverhaltens setzt entweder Vorsatz oder zumindest Fahr- lässigkeit voraus (POLEDNA, in: Fellmann/Zindel [Hrsg.], Kommentar zum Anwaltsges etz, 2. Aufl. 2011, Art. 17 N 16 ff.; KGer. VS vom 11. Mai 2015 E. 3.1.1 f. , a.a.O.). Laut Art. 17 Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Abs. 1 BGFA stehen folgende mögliche Massnahmen zur Auswahl: eine Verwarnung (lit. a); ein Verweis (lit. b); eine Busse bis zu 20'000 Franken (lit. c); ein befristetes Berufsausübungsverbot für längstens zwei Jahre (lit. d); sowie ein dauerndes Berufsausübungsverbot (lit. e). Die Diszip- linarmassnahme hat grundsätzli ch einen administrativen Charakter und bezweckt den Schutz des rechtsuchenden Publikums und die Wahrung des Ansehens der Anwaltschaft (VGer. SG B 2015/6 vom 23. August 2016 E. 5.3; POLEDNA, a.a.O., Art. 17 N 14). Die Wahl und Beme s- sung der Massnahme aus dem Sanktionskatalog gemäss Art. 17 Abs. 1 BGFA richtet sich nach der Schwere des Verstosses gegen eine Berufsregel, wobei auch die Anzahl der Verstösse oder eine fortgesetzte Begehung beachtlich sind, dem Ausmass des Verschuldens, der Reue und Einsicht sowi e dem beruflichen bzw. disziplinarischen Vorleben der betroffenen Person (VGer. ZH VB.2016.00367 vom 26. April 2017 E. 2.4.3; POLEDNA, a.a.O., Art. 17 N 27; AAK ZH KG080001 vom 3. April 2014 E. V, in: ZR 113/2014 S. 191). Eine Verwarnung ist bei leichtesten und einmaligen Pflichtverletzungen auszusprechen; ein Verweis ist bei leichteren Verletzungen oder in Fällen zu verhängen, welche sich an der Grenze zu mittelschweren Fällen befinden s o- wie bei einer wiederholten leichten Verletzung oder mehrfachen leicht en Verstössen. Eine Bus- se liegt im "Mittelfeld" der disziplinarischen Sanktionen (VGer. ZH VB.2016.00367 vom 26. April 2017 E. 2.4.3; POLEDNA, a.a.O., Art. 17 N 28 ff.). 4.2 Die hier zu sanktionierenden Berufsregelverletzungen der Anzeigegegnerin im Zusam- menhang mit der Vertretung des Ehemanns vor dem Zivilkreisgericht Basel-Landschaft Ost sind nicht mehr als leicht zu werten. Es gehört zu den elementarsten Pflichten einer Anwältin, ein Mandat nur anzunehmen, wenn sie über die zur Führung des Prozesses not wendigen grundle- genden Kenntnisse verfügt. Diesen Anforderungen hat die Anzeigegegnerin offensichtlich nicht genügt, wie die entsprechenden Belehrungen durch das Gerichtspräsidium und die Gericht s- schreiberin des Zivilkreisgerichts Basel-Landschaft Ost zeigen. Zugunsten der Anzeigegegnerin ist indes zu beachten, dass durch ihr Verhalten keine konkreten Rechtsnachteile für ihren Man- danten eingetreten sind. Mit ihren beleidigenden Äusserungen („ketzerischen Unterhaltsbetrag“, „nahe an der Grenze eines Betrugsv ersuches“, „sehr nahe an betrügerischen Absichten gre n- zen“) hat sie in ihrer Kommunikation die Grenzen des zulässigen Masses der Kritik klar über- schritten. Die mangelhaften Fachkenntnisse und die beanstandete Ausdrucksweise der Anze i- gegegnerin sind geeigne t, das Vertrauen in die Anwaltschaft nachhaltig zu erschüttern. Eben- falls kann das Verschulden der Anzeigegegnerin nicht mehr als leicht eingestuft werden. Der Anzeigegegnerin musste als Inhaberin eines deutschen Anwaltspatents klar gewesen, dass sie ohne ein umfassendes Studium der massgebenden schweizerischen Rechtsnormen und der einschlägigen Rechtsprechung die Interessen ihres Mandanten im Ehescheidungsprozess vor dem Zivilkreisgericht Basel-Landschaft Ost nicht fachgerecht hat wahren können. Die in diesem Verfahren zu Tage getretenen Lücken in ihrem Fachwissen offenbaren klar unzureichende Rechtskenntnisse für die gebotene Wahrung der Interessen des Mandanten. Der Umstand, dass die Anzeigegegnerin dennoch die Rechtsvertretung des Ehemanns übernommen hat , zeugt von fehlendem Verantwortungsbewusstsein. Ausserdem hat die Anzeigegegnerin ihre beleidigenden Äusserungen fraglos bewusst und willentlich gemacht, was einen fehlenden Respekt für die Berufsregeln zeigt. Irgendwelche konkrete Reue oder Einsicht der Anzeigegeg- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht nerin ist sodann nicht erkennbar. Zudem ist zu beachten, dass die Anzeigegegnerin bereits einmal disziplinarrechtlich in Erscheinung getreten ist. So musste die Anwaltsaufsichtskommi s- sion Basel-Landschaft am 20. März 2014 gegen die Anzeigegegneri n aufgrund eines Versto s- ses gegen die Berufsregeln nach Art. 12 lit. a BGFA gestützt auf Art. 17 Abs. 1 lit. b BGFA e i- nen Verweis aussprechen. In Anbetracht all dessen erscheint als Disziplinarmassnahme g e- genüber der Anzeigegegnerin für die von ihr begange nen Berufsregelverletzungen ein erneuter Verweis als angemessen. Als Ergebnis ist somit festzuhalten, dass g egen die Anzeigegegnerin aufgrund des mehrfachen Verstosses gegen die Berufsregeln nach Art. 12 lit. a BGFA gestützt auf Art. 17 Abs. 1 lit. b BGFA ein Verweis auszusprechen ist. 5. Die Kosten des Disziplinarverfahrens werden der Anwältin oder dem Anwalt nach Mas- sgabe des Verschuldens auferlegt (§ 27 Abs. 4 AnwG). Weil die Anzeigegegnerin das vorli e- gende Disziplinarverfahren schuldhaft verursacht h at, sind ihr dessen Kosten zu überbinden. Diese sind vorliegend auf Fr. 1‘000.– festzusetzen (§ 4 Abs. 1 der Verordnung vom 28. Oktober 2002 über die Gebühren zum Anwaltsgesetz). Demzufolge sind die Kosten des Disziplinarve r- fahrens von Fr. 1'000.– der Anzeigegegnerin aufzuerlegen. Demnach wird erkannt: ://: 1. Gegen Rechtsanwältin B._____ wird aufgrund des mehrfachen Verstosses gegen die Berufsregeln nach Art. 12 lit. a BGFA gestützt auf Art. 17 Abs. 1 lit. b BGFA ein Verweis ausgesprochen. 2. Die Kosten des Disziplinarverfahrens von Fr. 1'000.– werden Rechtsanwältin B._____ auferlegt. Präsident Dieter Eglin Stv. Aktuar Stefan Steinemann