200 19 900 IV LOU/LUB/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 5. März 2020 Verwaltungsrichter Loosli, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Kölliker, Verwaltungsrichter Jakob Gerichtsschreiber Lüthi A.________ vertreten durch B.________, Fürsprecherin C.________ Beschwerdeführer gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 1. November 2019 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 2 Sachverhalt: A. Der 1959 geborene A.________ (Versicherter bzw. Beschwerdeführer) meldete sich im September 2017 unter Hinweis auf eine Hepatitis C und Folgeschäden bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (Akten der IV [act. II] 2). Die IV-Stelle Bern (IVB bzw. Beschwerdegegnerin) tätigte daraufhin erwerbliche sowie medizinische Abklärungen und stellte im Wesentlichen gestützt auf einen Bericht des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD; act. II 41 S. 6 ff.) mit Vorbescheid vom 5. August 2019 (act. II 42) die Verneinung eines Rentenanspruch bei einem Invaliditätsgrad von 22 % in Aussicht. Nach erhobenem Einwand (act. II 45) und Rücksprache mit dem RAD (act. II 47, 55) verneinte die IVB mit Verfügung vom 1. November 2019 (act. II 56) entsprechend dem Vor- bescheid einen Rentenanspruch. B. Mit Eingabe vom 27. November 2019 hat der Versicherte, vertreten durch B.________, handelnd durch Fürsprecherin C.________, Beschwerde er- hoben. Er beantragt, die Verfügung der IVB vom 1. November 2019 sei aufzuheben und es sei ein psychiatrisch-neuropsychologisches Gutachten anzuordnen. Des Weiteren ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. Mit Beschwerdeantwort vom 6. Januar 2020 hat die Beschwerdegegnerin unter Verzicht auf eine umfassende Stellungnahme auf Abweisung der Be- schwerde geschlossen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 3 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Der Beschwerdeführer ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 1. November 2019 (act. II 56). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Rente der IV. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 4 2. 2.1Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Massgebend ist – im Unterschied zur Ar- beitsunfähigkeit – nicht die Arbeitsmöglichkeit im bisherigen Tätigkeitsbe- reich, sondern die nach Behandlung und Eingliederung verbleibende Er- werbsmöglichkeit in irgendeinem für die betroffene Person auf dem ausge- glichenen Arbeitsmarkt in Frage kommenden Beruf. Der volle oder bloss teilweise Verlust einer solchen Erwerbsmöglichkeit gilt als Erwerbsunfähig- keit (BGE 130 V 343 E. 3.2.1 S. 346). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitli- chen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). 2.2Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 ATSG). Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG so- wie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische Be- fundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchti- gung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 145 V 215 E. 5.1 S. 221). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch nicht gesagt, dass dieser auch invalidisierenden Charakter hat. Ob dies zutrifft, beurteilt sich gemäss dem klaren Gesetzeswortlaut nach dem Einfluss, den der Gesund- heitsschaden auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit hat. Entscheidend ist, ob der versicherten Person wegen des geklagten Leidens nicht mehr zu- mutbar ist, ganz oder teilweise zu arbeiten. Deshalb gilt eine objektivierte Zumutbarkeitsprüfung unter ausschliesslicher Berücksichtigung von Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung (BGE 142 V 106 E. 4.4 S. 110).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 5 Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung erfolgt die Prüfung, ob ein psychischer Gesundheitsschaden eine rentenbegründende Invalidität zu bewirken vermag, schliesslich anhand eines strukturierten normativen Prü- fungsrasters (BGE 143 V 418 E. 7 S. 427, 141 V 281 E. 4.1 S. 296). Dies gilt für sämtliche psychischen Störungen (BGE 143 V 418 E. 7.2 S. 429). Fachärztlich einwandfrei diagnostizierten Abhängigkeitssyndromen bzw. Substanzkonsumstörungen kann nicht zum vornherein jede invalidenversi- cherungsrechtliche Relevanz abgesprochen werden. Vielmehr ist – gleich wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen – nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln, ob und gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyndrom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person auswirkt (BGE 145 V 215 E. 5.3.3 S. 226 und E. 7 S. 228). 2.3Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invali- ditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertelsrente. 2.4Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüg- lich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99; SVR 2018 IV Nr. 27 S. 87 E. 4.2.1).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 6 3. 3.1Den Akten ist bezüglich des Gesundheitszustands des Beschwerde- führers bzw. seiner Arbeits- und Leistungsfähigkeit – soweit entscheidwe- sentlich – das Folgende zu entnehmen: 3.1.1Die Hausärztin med. pract. D.________ nannte im Bericht vom 11. Januar 2018 (act. II 16) als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits- fähigkeit eine schwere Leberzirrhose bei chronischer Hepatitis C und eine Niereninsuffizienz. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit seien eine chronische Anämie und Thrombozytopenie (act. II 16 S. 1). Sie attestierte eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % vom 1. Juni 2012 bis auf Weiteres (act. II 16 S. 3). 3.1.2Im Operationsbericht des Spitals E.________ vom 8. Oktober 2018 (act. II 33 S. 19-23) über die am 5. Oktober 2018 durchgeführte orthotope Lebertransplantation (OLT) wurden eine virusinduzierte Leberzirrhose CHILD C bei Hepatitis C (act. II 33 S. 19), eine HCC-suspekte (Hepatocel- luläres Karzinom) Läsion Seg V/VIII und IVa, weitere suspekte Läsion (ED 18. September 2018), eine chronische Hepatitis C, der Verdacht auf Kar- diopathie, eine obere gastrointestinale Blutung unter Pradaxa am 20. Sep- tember 2019, ein Pleuraerguss rechts i.R. Leberzirrhose (act. II 33 S. 20), eine acute on chronic Niereninsuffizienz, eine Thrombose V. mesenterica superior sowie Konfluens (ED Mai 2017), ein Status nach Reanimati- on/CPR (12. September 2018) und eine untere gastrointestinale Blutung diagnostiziert (act. II 33 S. 21). Aufgrund einer Nachblutung wurden am 7. Oktober 2018 eine Relaparotomie, eine Hämatomausräumung, eine Blutstillung und eine Leberbiopsie durchgeführt (act. II act. II 33 S. 26). Am 10. April 2019 berichteten die behandelnden Ärzte von einem Konsum von ca. zehn Zigaretten sowie zwei Gläsern Rotwein pro Tag und dass sich sechs Monate nach OLT ein klinisch guter Verlauf mit guter Verträglichkeit der Immunsupression zeige. Die Leberwerte seien normal, ebenso die Le- berfunktion (act. II 39 S. 13). Am 9. Juli 2019 führten die behandelnden Ärzte einen schädlichen Alkoholkonsum (67 g pro Tag [1.5 l süsser Most 4 %, 2 dl Wein 12 %]) als zusätzliche Diagnose auf (act. II 49 S. 3). Bezüg- lich der Leber bestehe ein guter Verlauf und eine normale Funktion; bezüg- lich Äthylkonsum sei dringend eine Reduktion notwendig (act. II 49 S. 5).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 7 3.1.3Im RAD-Bericht vom 15. Juli 2019 (act. II 41 S. 6 ff.) listete Dr. med. F.________, Facharzt für Arbeitsmedizin, als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine OLT (Operation am 5. Oktober 2018), einen fortgesetzten Alkoholkonsum (2 Gläser Rotwein pro Tag), eine Polytoxiko- manie (i.v. Drogenabusus) in den 1990-er Jahren, Heroin nasal 3-4 Mal/Woche, auf. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierte er einen Zustand nach Leberzirrhose CHILD C bei chronischer Hepatitis C, Genotyp 4 (act. II 41 S. 7), einen Zustand nach hepatocellulärem Karzinom, einen Zustand nach oberer gastrointestinaler Blutung unter Pradaxa am 20. September 2018, eine chronische Pankreatitis, eine Narbenhernienrevision mit IPOM-Einlage (31. Januar 2019), eine untere gastrointestinale Blutung, eine Niereninsuffizienz, eine chronisch-venöse Insuffizienz, eine Thrombo- se V. mesenterica superior sowie Konfluens (ED Mai 2017), einen Zink- mangel, eine chronische Anämie und Thrombozytopenie und einen fortge- setzten Nikotinabusus (act. II 41 S. 8). Sechs Monate nach der Lebertrans- plantation bestehe ein guter Allgemeinzustand mit unauffälligem kardio- pulmonalem Zustand. Der Versicherte rauche weiterhin und trinke akten- kundig zwei Gläser Rotwein täglich. Es bestehe eine körperliche Minderbe- lastbarkeit und ein erhöhtes Infektionsrisiko bei Zustand nach Lebertrans- plantation. Zumutbar seien leichte, vorwiegend sitzende Tätigkeiten ganz- tags über 8.5 Stunden mit einer Leistungsminderung von 20 % aufgrund des vermehrten Pausenbedarfs. Zu vermeiden seien repetitives He- ben/Tragen von Gewichten, Zwangshaltungen, Bücken, Knien, Kauern (d.h. keine Körperhaltung mit Bauchpresse), das Steigen auf Leitern und Gerüste, ohne häufiges Treppensteigen. In Ausnahmefällen und in nicht repetitiver Weise könnten Gewichte von maximal 10 kg gehoben oder ge- tragen werden (act. II 41 S. 9). 3.1.4Im Bericht des Spitals E.________ vom 17. September 2019 (act. II 49 S. 9-13) wurden als Diagnosen eine OLT am 5. Oktober 2018 bei Leberzirrhose und HCC Segment V, III, eine Vorfussinfektion nach Zehen- nagelverletzung Dig. II, ein schädlicher Alkoholkonsum, eine Narbenherni- enrevision mit IPOM-Einlage am 31. Januar 2019, ein Status nach chroni- scher Hepatitis C, eine durchgemachte Hepatitis B, ein Status nach acute on chronic Niereninsuffizienz prä-OLT, ein Ausschluss einer Kardiopathie, ein Status nach oberer gastrointestinaler Blutung unter Pradaxa am Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 8 20. September 2018, ein Status nach unterer gastrointestinaler Blutung, ein Status nach Thrombose V. mesenterica superior sowie Konfluens (ED Mai 2017) und ein Status nach Reanimation/CPR am 12. September 2018 auf- geführt (act. II 49 S. 9-11). Klinisch gehe es dem Patienten relativ gut. Seit dem Frühjahr trinke er wieder täglich Alkohol (act. II 49 S. 12; anamnes- tisch ca. 67 g/d; act. II 49 S. 11). Die Hepatitis C sei erfreulicherweise ge- heilt (act. II 49 S. 13). 3.1.5Am 18. September 2019 telefonierte der RAD-Arzt Dr. med. F.________ mit der behandelnden Ärztin im Spital E.________ und ver- merkte in der entsprechenden Aktennotiz, der Versicherte sei momentan in einem guten Allgemein- und übergewichtigen Ernährungszustand. Beklagt werde seitens der behandelnden Ärztin der regelmässige Konsum von Süssmost und Wein. Explizit sei das vom RAD erstellte Zumutbarkeitsprofil besprochen worden, wogegen es von ihr keine Einwände gegeben habe (act. II 50). 3.1.6In der RAD-Stellungnahme vom 26. September 2019 (act. II 53 S. 2) führte Dr. phil. G.________, Fachpsychologe für Neuropsychologie FSP, auf interne Zuweisung hin aus, vorliegend bestehe aus neuropsycho- logischer Sicht bei einmaligem Status nach hepatischer Enzephalopathie und dessen adäquater Behandlung keine offensichtliche Notwendigkeit einer neuropsychologischen Untersuchung, zumal nach der akuten hepati- schen Enzephalopathie keine neurokognitiven Symptome dokumentiert worden seien und die Symptome einer hepatischen Enzephalopathie in aller Regel reversibel seien. Es sei auch nicht anzunehmen, dass selbst nach langem Opioid-Abusus neurokognitive oder neuropsychiatrische Be- einträchtigungen fortbestünden bzw. dadurch eine zerebrale Schädigung verursacht worden sei. 3.1.7Der RAD-Arzt med. pract. H.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, legte in seiner auf interne Zuweisung hin erfolgten Stel- lungnahme vom 4. Oktober 2019 (act. II 54) dar, dass die klassifikatori- schen Vorgaben nach ICD-10 für einen schädlichen Gebrauch von Alkohol (F10.1) nicht erfüllt seien, da nirgends Schädigungszeichen wie Leberver- grösserung oder erhöhte Leberwerte beschrieben würden und zumindest bis aktuell auch keine schädlichen psychischen Folgen des zweifellos vor-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 9 handenen Alkoholkonsums wie Räusche, Gedächtnisstörungen, Verwirrt- heit, Delir oder dergleichen ausgewiesen seien. Bezogen auf die ICD-10 sei der vorliegende Sachverhalt unter F10.8 (Gefährlicher Gebrauch) zu subsumieren, zumal auch die diagnostischen Kriterien einer Abhängigkeit nach ICD-10 – zumindest bisher – nicht erfüllt seien (act. II 54 S. 1). Noch handle es sich um die Ausübung einer gefährlichen – auf Dauer sicherlich schädlich werdenden – Gewohnheit, ebenso wie das Vermeiden von Be- wegung oder Gewichtszunahme, denen im jetzigen Stadium auch noch kein Krankheitswert zukomme. Auf keinen Fall liessen sich aus dem jetzi- gen Konsumverhalten alkoholbedingte dauerhafte IV-relevante Einschrän- kungen seiner Leistungs- und/oder Arbeitsfähigkeit ableiten. Die Nicht- Bereitschaft des Versicherten, seinen Konsum angesichts der Ermahnun- gen der Ärzte einzuschränken oder am Besten zu unterlassen, sei derzeit – bei jetzt gesunder Leber und von daher auch Nichtvorliegen einer cere- bralen Beeinträchtigung – weiterhin als freier Willensentscheid zu werten und nicht als Ausdruck einer den Betroffenen willenlos/abstinenzunfähig machenden Erkrankung. Wenn das behandlerseits als manifeste Abhän- gigkeit gesehen worden wäre oder würde, wäre es sicherlich so angegeben und als F10.2 verschlüsselt worden. Ein Anhalt für eine psychiatrische Ko- morbidität bestehe nicht (act. II 54 S. 5). 3.1.8In der RAD-Stellungnahme vom 22. Oktober 2019 (act. II 55 S. 3 ff.) hielt Dr. med. F.________ fest, es würden im Einwand keine medizinisch relevanten Aspekte vorgebracht, welche die Arbeitsfähigkeit beeinflussten. Weitere Abklärungen seien nicht zu tätigen. Auf das erstellte Zumutbar- keitsprofil könne weiter abgestützt werden. 3.2Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu- chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt- nis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Aus- schlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her- kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 10 dessen Inhalt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 126, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweis- wert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverläs- sigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt in einem An- stellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen (SVR 2008 IV Nr. 22 S. 70 E. 2.4). Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuver- lässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststel- lungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 139 V 225 E. 5.2 S. 229; 135 V 465 E. 4 S. 467 ff., je mit Hinweisen). Auch reine Ak- tengutachten können beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt. Dies gilt grundsätzlich auch in Bezug auf Berichte und Stellungnahmen des RAD (Entscheide des Bundesgerichts [BGer] vom 2. Februar 2016, 8C_674/2015, E. 2.2.1, vom 7. Januar 2016, 9C_780/2015, E. 3.1.1, vom 29. Oktober 2015, 9C_610/2015, E. 3.1). 3.3Beim Erlass der angefochtenen Verfügung vom 1. November 2019 (act. II 56) stützte sich die Beschwerdegegnerin massgeblich auf die Be- richte des RAD vom 15. Juli, 18. und 26. September sowie 4. und 22. Ok- tober 2019 (act. II 41 S. 6 ff., act. II 50, 53-55). Der RAD-Arzt med. pract. H.________ folgert in seinem versicherungs- psychiatrischen Fazit vom 4. Oktober 2019 (act. II 54) anhand der Berichte des Spitals E.________ auf einen gefährlichen Gebrauch von Alkohol, der unter die als generelle Auffang-Diagnose einzustufende Kodierung F10.8 der ICD-10 subsumiert wird (vgl. DILLING/MOMBOUR /SCHMIDT [Hrsg.], Inter- nationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Kli- nisch-diagnostische Richtlinien, 10. Aufl. 2015, S. 123 f.). Die Diagnose des schädlichen Gebrauchs (ICD-10 F10.1) negiert er, da das ICD-10-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 11 Kriterium der tatsächlichen Schädigung der psychischen oder physischen Gesundheit (vgl. DILLING et al., a.a.O., S. 114) von den behandelnden Ärz- ten nicht beschrieben worden sei. Die Diagnose eines Abhängigkeitssyn- droms nach ICD-10 F10.2 erachtet med. pract. H.________ als nicht gege- ben. Diese bedingt nach ICD-10 konkret das Bestehen von drei oder mehr der folgenden Kriterien während mindestens einem Monat oder wiederholt innerhalb von zwölf Monaten (BGE 145 V 215 E. 5.2.1 S. 222 f.; vgl. auch DILLING et al., a.a.O., S. 115): 1. Ein starkes Verlangen (Craving) oder eine Art Zwang, die Substanz zu konsumie- ren. 2. Verminderte Kontrolle über den Substanzgebrauch, d.h. über Beginn, Beendigung oder die Menge des Konsums, deutlich daran, dass oft mehr von der Substanz oder über einen längeren Zeitraum konsumiert wird als geplant, oder an dem an- haltenden Wunsch oder an erfolglosen Versuchen, den Substanzkonsum zu ver- ringern oder zu kontrollieren. 3. Ein körperliches Entzugssyndrom (siehe F1x.3 und F1x.4), wenn die Substanz re- duziert oder abgesetzt wird, mit den für die Substanz typischen Entzugssymptomen oder auch nachweisbar durch den Gebrauch derselben oder einer sehr ähnlichen Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden. 4. Toleranzentwicklung gegenüber den Wirkungen der Substanz. Für eine Intoxikation oder um den gewünschten Effekt zu erreichen, müssen grössere Mengen der Sub- stanz konsumiert werden, oder es treten bei fortgesetztem Konsum derselben Menge deutlich geringere Effekte auf. 5. Einengung auf den Substanzgebrauch, deutlich an der Aufgabe oder Vernachlässi- gung anderer wichtiger Vergnügen oder Interessensbereiche wegen des Sub- stanzgebrauchs; oder es wird viel Zeit darauf verwandt, die Substanz zu bekom- men, zu konsumieren oder sich davon zu erholen. 6. Anhaltender Substanzgebrauch trotz eindeutig schädlicher Folgen (siehe F1x.1), deutlich an dem fortgesetzten Gebrauch, obwohl der Betreffende sich über die Art und das Ausmass des Schadens bewusst ist oder bewusst sein könnte. Der RAD-Psychiater geht davon aus, dass die Hepatologen des Spitals E.________ es mitgeteilt hätten, wenn sie drei dieser Kriterien als erfüllt erachtet hätten. Er verneint damit die Diagnosen des schädlichen Ge- brauchs und – implizit – eines Abhängigkeitssyndroms allein aufgrund der Akten der hierzu fachfremden viszeralen Chirurgie und Medizin des Spitals E.________. Eine eigene (psychiatrische) Untersuchung hielt er für nicht erforderlich (act. II 54 S. 5 unten). Die Einschätzung von med. pract. H.________ ist nicht ohne weiteres ein- leuchtend, zumal die Kriterien für die Diagnose eines Abhängigkeitssyn- droms hier nicht eindeutig beurteilt werden können; insbesondere können etwa die Kriterien nach den zuvor erwähnten Ziff. 1, 2, 4, 5 und 6 mittels der vorliegend fachfremden medizinischen Akten weder klar verneint noch Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 12 bejaht werden. Aus dem Umstand, dass sich die behandelnden Hepatolo- gen nicht zu den diagnostischen Kriterien eines Abhängigkeitssyndroms geäussert haben, kann nicht einfach geschlossen werden, diese seien nicht in der nötigen Anzahl erfüllt. Denn zum einen war es nicht Aufgabe dieser Ärzte, sich zur fachfremden Diagnose eines Abhängigkeitssyndroms zu äussern, und zum andern gingen sie (bereits) von einer (für sie ebenfalls fachfremden) Diagnose des schädlichen Gebrauchs aus. Ebenso wenig konnte sich der RAD-Arzt bei seiner Einschätzung auf selbst erhobene Un- tersuchungsbefunde stützen (act. II 54 S. 5 unten) und es lagen ihm auch keine anderweitigen psychiatrischen oder psychotherapeutischen Berichte vor, die die Problematik eines Abhängigkeitssyndroms bzw. einer Sub- stanzkonsumstörung zum Gegenstand hatten. Auch dass die Behandler des Spitals E.________ keine Laborwerte mitgeteilt haben, die für eine Gefährdung sprechen (act. II 54 S. 4 unten), reicht nicht aus, um einen schädlichen Gebrauch oder gar ein Abhängigkeitssyndrom auszuschlies- sen. Diesbezüglich ist vorab zu beachten, dass beim Beschwerdeführer die Lebertransplantation am 5. Oktober 2018 durchgeführt worden ist (act. II 33 S. 19-23) und somit erst kurze Zeit zurückliegt. Sodann ist mit dem Be- schwerdeführer festzuhalten, dass (erhöhte) Laborwerte zwar ein Indiz für ein Abhängigkeitssyndrom sein können, jedoch kein Diagnosekriterium gemäss ICD-10 F10.2 darstellten. Beim Abhängigkeitssyndrom handelt es sich um eine psychische Erkrankung, weshalb im Wesentlichen die psychi- schen Vorgänge massgebend sind. 3.4Unter diesen Umständen fehlt es hier an der bundesgerichtlich ver- langten Grundlage einer klaren medizinischen Befundlage und weiter einer fachärztlich einwandfrei diagnostizierten Gesundheitsbeeinträchtigung (BGE 145 V 215 E. 5.1 S. 221 f.; vgl. E. 2.2 hiervor), die eben bei der vor- liegenden Aktenlage und den divergierenden Diagnosen nicht vorliegen können. Die Sache ist damit zur Klärung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers (Befund, Diagnose, Leistungseinschränkungen usw., vgl. BGE 145 V 215 S. E. 6 und 6.1 S. 227) an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, welche dazu eine Begutachtung, wie sie bereits mit dem Einwand gefordert wurde (psychiatrisch und insbesondere auch unter Ein- bezug von Experten der Viszeralchirurgie/Hepatologie; act. II 45), zu veran- lassen hat. In diesem Rahmen wird zu entscheiden sein, ob invalidenversi-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 13 cherungsrechtlich beachtliche Gesundheitsschädigungen diagnostiziert werden. Gegebenenfalls wären die psychischen Gesundheitsschäden, wo- zu auch Abhängigkeitssyndrome bzw. Substanzkonsumstörungen zählen, weiter im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens auf ihre Auswirkun- gen auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit hin zu prüfen (vgl. BGE 145 V 215 E. 6.2 f. S. 227 f.; E. 2.2 hiervor). 3.5Nach dem Dargelegten ist die angefochtene Verfügung vom 1. No- vember 2019 (act. II 56) in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die Sache – antragsgemäss (Beschwerde S. 2) – an die Beschwerdegeg- nerin zurückzuweisen, damit diese im Sinne der Erwägungen weitere Ab- klärungen treffe und hiernach über den Rentenanspruch des Beschwerde- führers neu verfüge. 4. 4.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1‘000.-- festzulegen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, hat bei diesem Ausgang des Verfahrens die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG; BVR 2009 S. 186 E. 4). 4.2Die – wie hier – durch eine Organisation der öffentlichen Sozialhil- fe vertretene versicherte Person hat trotz Obsiegens keinen Anspruch auf Parteientschädigung (BGE 126 V 11 E. 1-5 S. 11). 4.3Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist das Verfahren betreffend Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne der Befreiung von den Verfahrenskosten als gegenstandslos geworden vom Geschäftsverzeichnis abzuschreiben.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. März 2020, IV/19/900, Seite 14 Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Bern vom 1. November 2019 aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen, damit sie – nach Vornahme der Abklärungen im Sinne der Erwägungen – neu verfüge. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 4. Das Verfahren betreffend das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird vom Geschäftsverzeichnis abgeschrieben. 5. Zu eröffnen (R): - B.________, Fürsprecherin C.________ z.H. des Beschwerdeführers - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Der Gerichtsschreiber: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.