B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-380/2017 law/bah U r t e i l v o m 2 . F e b r u a r 2 0 1 7 Besetzung Einzelrichter Walter Lang, mit Zustimmung von Richter Markus König; Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 16. Dezember 2016 / N (…). D-380/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer, ein Hazara mit letztem Wohnsitz in Kabul, ver- liess Afghanistan eigenen Angaben gemäss im Sommer 2013 und gelangte über verschiedene Länder am 30. Juni 2015 in die Schweiz, wo er glei- chentags um Asyl nachsuchte. Auf dem Personalienblatt (vgl. act. A1/2) gab er an, er sei am (…) geboren worden. A.b Das SEM beauftragte am 1. Juli 2015 einen Facharzt für Innere Medi- zin FMH mit Fertigkeitsausweis Sachkunde für dosisintensives Röntgen KHM und Sachverstand für die Anwendung von ionisierender Strahlung am Menschen, eine Knochenanalyse zur Altersbestimmung durchzuführen. A.c Der Arzt gelangte aufgrund eines Röntgenbildes der linken Hand des Beschwerdeführers am 2. Juli 2015 zum Schluss, das Knochenalter be- trage (…) Jahre oder mehr. Der Beschwerdeführer habe somit ein wahr- scheinliches Alter von (…) Jahren oder mehr (vgl. act. A6/1). A.d Bei der Befragung zur Person (BzP) vom 21. Juli 2015 im Empfangs- und Verfahrenszentrum Altstätten und der Anhörung zu den Asylgründen vom 11. November 2016 machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er stamme aus der Provinz B._______, habe aber vor seiner Aus- reise in Kabul gelebt. Im Frühling 2011 sei er aufgrund besserer Lebens- perspektiven in den Iran gegangen, wo er Arbeit gefunden habe. Nachdem sein Bruder, der für die afghanische Armee gearbeitet habe, Ende Dezem- ber 2011 getötet worden sei, habe seine Mutter ihn zur Rückkehr nach Af- ghanistan aufgefordert. In Kabul habe er zusammen mit seiner Mutter bei verschiedenen Behörden vorgesprochen, um Näheres über Umstände des Todes seines Bruders zu erfahren. Eines Tages habe er einen Telefonanruf erhalten und sei aufgefordert worden, die Nachforschungen einzustellen, ansonsten er sein Leben riskiere. Im Juni 2013 sei er von vier Männern betäubt, entführt und zu einem bei Kabul gelegenen Hügel gebracht wor- den. Als er zu sich gekommen sei, habe er bemerkt, dass man ihm die Hosen ausgezogen habe. Die Männer hätten ihn geschlagen und gedroht, ihn zu vergewaltigen. Als er um Hilfe gerufen habe, seien Drittpersonen erschienen, worauf die Entführer das Weite gesucht hätten. Er habe seine Hose genommen und sei über eine Stunde gelaufen, bis er diese angezo- gen habe. Als er seiner Mutter von diesem Vorfall erzählt habe, habe sie ihm gesagt, er müsse ausreisen. D-380/2017 Seite 3 A.e Der Beschwerdeführer gab bei der Vorinstanz Fotografien der Tazkira seines Vaters und einer Bestätigung des Todes seines Bruders ab. A.f Am 22. November 2016 teilte der Beschwerdeführer dem SEM mit, er habe seine Mutter angerufen und gefragt, ob sie eine Kopie seiner Tazkira habe. Es könne eine solche nicht einreichen. B. Mit Verfügung vom 16. Dezember 2016 – dem Beschwerdeführer eröffnet am 21. Dezember 2016 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer er- fülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Zu- gleich verfügte es seine Wegweisung aus der Schw eiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. C. Mit Eingabe vom 18. Januar 2017 erhob der Beschwerdeführer beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und bean- tragte, Der Entscheid des SEM sei aufzuheben, d er Vollzug der Wegwei- sung sei auszusetzen, es sei die Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuord- nen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er ausserdem, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und die unentgeltli- che Prozessführung zu gewähren . Am 19. Januar 2017 (Poststempel) wurde dem Bundesverwaltungsgericht eine Bestätigung der Fürsorgeab- hängigkeit des Beschwerdeführers vom 5. Januar 2017 zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. D-380/2017 Seite 4 1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form- gerecht eingereichte Beschwe rde (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vor- liegend um eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summa- risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. Zufolge der Antragstellung r ichtet sich die vorliegende Beschwerde aus - schliesslich gegen den angeordneten Vollzug der Wegweisung. Gegen- stand des Beschwerdeverfahrens bildet somit die Frage, ob das SEM den Vollzug der Wegweisung zu Recht angeordnet hat (vgl. Art. 44 Abs. 2 AsylG), oder ob infolge Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit desselben an Stelle des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme anzuordnen ist (Art. 44. Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 und 4 AuG [SR 142.20]). 5. 5.1 Das SEM begründet seinen Entscheid dami t, dass in den Schilderun- gen des Beschwerdeführers zu seiner Biographie markante Unterschiede bestünden. So habe er voneinander abweichende Angaben zum Geburts- datum, zum Zeitpunkt der Umsiedlung nach Kabul und zu seinen in Afgha- nistan lebenden Verwandten gemacht. Hinzu komme, dass sein äusseres Erscheinungsbild nicht dem von ihm angegebenen Alter entspreche. Er habe auch abweichende Angaben zu den Kernvorbringen gemacht, habe D-380/2017 Seite 5 er doch bei der BzP angegeben, nach seiner Entführung noch 15 Tage zu Hause gewesen zu sein und noch fünf Tage gewartet zu haben, bis er ei- nen Schlepper gefunden habe, während er bei der Anhörung gesagt habe, er habe Afghanistan vier bis sechs Tage nach der Entführung verlassen. Bei der BzP habe er vorgebracht, er sei entführt worden, a ls er von der Kriminalpolizei gekommen sei, während er bei der Anhörung geltend ge- macht habe, er sei damals von der Staatsanwaltschaft gekommen. Bei der BzP habe er zudem gemeint, bei den Leuten, die die Entführer vertrieben hätten, habe es sich wohl um Touristen gehandelt, während er bei der An- hörung vermutet habe, es könne sich um Leute gehandelt haben, die dort heimlich Alkohol getrunken hätten, da man dies an diesem Ort oft mache. Die Vorbringen des Beschwerdeführers hinsichtlich der Nachforschungen zum Tod seines Bruders wirkten konstruiert und nicht wie selbsterlebt. Die eingereichten Fotografien einer Tazkira des Vaters und der Todesbeschei- nigung seines Bruders könnten die geltend gemachte Verfolgung nicht be- legen. Die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand. Hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs führt das SEM aus, dass eine Rück- kehr nach Kabul nicht generell unzumutbar sei. Der Beschwerdeführer habe zuletzt in Kabul gewohnt und habe dort ein familiäres Beziehungs- netz. Seine Angehörigen könnten ihn aufnehmen und bei der Reintegration unterstützen. Er sei jung und gesund und habe Arbeitserfahrung. Er könne einen Antrag auf Rückkehrhilfe stellen und mit Unterstützung der Internati- onalen Organisation für Migration (IOM) ein Wiedereingliederungsprojekt erarbeiten. Dies unterstütze ihn beim Aufbau einer nachhaltigen Existenz- grundlage. Es sei davon auszugehen, dass er mit der heimatlichen Kultur und Sprache stark verbunden und mit den he imatlichen Gepflogenheiten vertraut sei. 5.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, die afgha- nische Regierung sei nicht in der Lage, die Sicherheit der Zivilbevölkerung zu garantieren. Die Verhältnisse in Afghanistan seien nicht dazu angetan, Rückführungen von Flüchtlingen, die sich längere Zeit in der Schweiz auf- gehalten hätten, zu vollziehen. Diese würden sich in den afghanischen Ver- hältnissen kaum zurechtfinden und von der Bevölkerung beargwöhnt. Un- ter den herrschenden Umständen stelle jede Rückführung ohne dezidier- ten Schutz eine Gefährdung dar. Das Haupthindernis für die Schaffung von Sicherheit sei die Unfähigkeit der Zentralregierung, ihr Machtmonopol lan- desweit durchzusetzen. Auch die Lage in Kabul sei unbefriedigend, komme es dort doch zu Anschlägen und sei die Gewalt alltäglich. Zur Illustration D-380/2017 Seite 6 werden mehrere Anschläge genannt, bei denen zahlreiche Zivilisten ums Leben kamen. Die Taliban griffen immer wieder staatliche Institutionen und Regierungsvertreter an. Seit dem Abzug der internationalen Truppen habe sich die Situation verschlechtert. Die Anzahl der intern Vertriebenen sei an- gestiegen. Afghanistan sei nicht in der Lage, die Einhaltung der Menschen- rechte zu gewährleisten; das SEM sei bei der Einschätzung der Lage in Afghanistan zu undifferenziert und optimistisch. Der Beschwerdeführer ge- höre der Ethnie der Hazara an, die diskriminiert werde und Übergriffe zu erleiden habe. 6. 6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmung en über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). 6.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder un menschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 6.3 Einleitend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Anhörung zu den Asylgründen und des Erlasses der angefochtenen Verfügung die Volljährigkeit auch eigenen Angaben gemäss erreicht hatte, weshalb es sich erübrigt, vorliegend auf die Frage der behaupteten und vom SEM bezweifelten Minderjährigkeit bei der Gesuchseinreichung ein- zugehen. D-380/2017 Seite 7 6.4 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer unbestrittenermassen nicht gelungen ist, eine asylrecht- lich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorlie- genden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Afghanistan ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus- schaffung nach Afghanistan dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus- gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men- schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un- menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge- gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist dem Beschwerdeführer nicht gelungen. Unter Hinweis auf die nicht bestrittenen Ausführungen in der vorinstanzlichen Verfügung ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine per- sönlich erlittene oder ihm drohende Verfolgung glaubhaft zu machen. Auch wenn sich die allgemeine Sicherh eitslage in Kabul und die Situation der Hazara in den letzten Jahren verschärft beziehungsweise verschlechtert hat, ist nicht davon auszugehen, Angehörige der ethnischen Minderheit der Hazara hätten in Kabul generell mit menschenrechtswidriger Behandlung zu rechnen. Die allgemeine Menschenrechtssituation in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig er- scheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 6.5 6.5.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. D-380/2017 Seite 8 6.5.2 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung auf die massgebliche Rechtsprechung verwiesen und festgehalten, dass seit dem Abzug der In- ternational Security Assistance Force (ISAF) im Jahr 2014 eine Zunahme von Sicherheitsvorfällen zu beobachten sei. Trotzdem werde in Kabul nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt ausgegangen. Diese Auffassung entspricht – wie nachfolgend aufzuzeigen ist – der aktuellen Rechtspre- chung des Bundesverwaltungsgerichts. Es steht ausser Frage, dass das SEM mit seinen Länderspezialisten die aktuelle Situation in Afghanistan beziehungsweise in Kabul laufend überprüft und beurteilt. 6.5.3 Bezüglich der allgemeinen Lage in Afghanistan hat das Bundesver- waltungsgericht in BVGE 2011/7 festgestellt, dass in weiten Teilen des Lan- des eine derart schlechte Sicherheitslage herrsche und derart schwierige humanitäre Bedingungen bestehen würden, dass d ie Situation insgesamt als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei indes die Situation in der Haupt- stadt Kabul (vgl. BVGE 2011/7 insbes. E. 9.9.2), sowie in den Städten Ma- zar-i-Sharif (vgl. BVGE 2011/49 E. 7.3.6 und 7.3.7) und Herat ( vgl. BVGE 2011/38 E. 4.3.1-4.3.3) zu unterscheiden. Der Vollzug dorthin könne als zumutbar erachtet werden, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jun- gen, gesunden Mann handle, der dort über ein tragfähiges soziales Netz verfüge, das ihn bei der Heimkehr unterstützen könne ( vgl. BVGE 2011/7 E. 9.9). Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass die Anzahl der in Kabul verübten Anschläge, die sich vor allem gegen nationale und inter- nationale Institutionen richten, trotz der erheblichen Präsenz von Polizei und Armee seit der in BVGE 2011/7 publizierten Lagebeurteilung zugenom- men hat. Dies kann unter anderem auch einem Bericht der SFH -Länder- analyse vom 6. Juni 2016 zu Afghanistan (Sicherheitslage in der Stadt Ka- bul) entnommen werden. Die Hauptgefahr für die Zivilbevölkerung besteht darin, zufällig Opfer eines gegen eine staatliche Institution oder gegen eine einflussreiche Person verübten Anschlags zu werden. Ein weiteres Sicher- heitsproblem für Zivilisten stellt die Kriminalität dar, kommt es doch auch in Kabul immer wieder zu Entführungen und gewalttätigen Übergriffen. Die Lebensbedingungen in Kabul sind für die Zivilbevölkerung wie auch im üb- rigen Afghanistan nicht einfach, trotzdem sind gemäss einem Sprecher des IOM im Jahr 2016 6000 Afghanen freiwillig von Europa nach Afghanistan zurückgekehrt, woraus allerdings nicht der Schluss gezogen werden kann, eine Rückkehr sei generell als zumutbar zu beurteilen. Das Bundesverwal- tungsgericht hat die in BVGE 2011/7 skizzierte Praxis in konstanter Recht- sprechung bestätigt (vgl. bspw. Urteile des BVGer D -3174/2015 vom 17. November 2016, D -6799/2015 vom 1. November 2016, E -719/2015 D-380/2017 Seite 9 vom 20. Oktober 2016, D -7906/2015 vom 20. September 2016 und D-4721/2015 vom 19. September 2016). 6.5.4 Der Beschwerdeführer stammt eigenen Aussagen zufolge aus der Provinz B._______, hat allerdings vor seiner Ausreise in den Iran und zwi- schen seiner Rückkehr nach Afghanistan und der Wiederausreise im Som- mer 2016 in Kabul gewohnt, wo er auch gearbeit et habe. Aufgrund seiner widersprüchlichen Angaben ist nicht feststellbar, wie lange er wirklich in Kabul lebte. Während seines Aufenthalts im Iran und in Kabul hat er Be- rufserfahrung als (…), als (…) und vor allem als (…) sammeln können (vgl. act. A10/17 S. 5) , was ihm bei der Arbeitssuche zum Vorteil gereichen kann. Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise auf gesundheitliche Probleme, weshalb davon auszugehen ist, der Beschwerdeführer sei ar- beitsfähig. Es verfügt mithin über die Grundlagen für die Reintegration im Heimatland. Er wird erneut zusammen mit seine n Eltern und seiner Schwester im gemeinsamen Haushalt leben können und in einer Anfangs- phase von den Eltern und allenfalls von seinen weiteren Verwandten – diesbezüglich machte er indessen auch voneinander abweichende Anga- ben – unterstützt werden. Das SEM hat des Weiteren auf die Möglichkeit hingewiesen, ihm auf Antrag hin Rückkehrhilfe zu leisten. Es besteht vor diesem Hintergrund kein Anlass für die Annahme, der Beschwerdeführer gerate nach einer Rückkehr nach Kabul in eine seine Existenz bedrohende Situation. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit nicht als unzu- mutbar. 6.5.5 Mit der auf Beschwerdeebene eingereichten Kopie einer Tazkira lässt sich nichts belegen, das für die Frage der Durchführbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs relevant sein könnte. Es ist indessen festzuhalten, dass der Beschwerdeführer noch mit Schreiben vom 22. November 2016 behaup- tete, seine Mutter habe keine Kopie seiner Tazkira, weshalb er nichts ein- reichen könne. 6.6 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 6.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). D-380/2017 Seite 10 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt , den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 600.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das Gesuch um Gewährung der u nentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ist unbesehen der ausgewiese- nen Fürsorgeabhängigkeit des Beschwerdeführers abzuweisen, da sich die Beschwerde als aussichtslos darstellte. Angesicht des direkten Entscheids in der Hauptsache wird das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-380/2017 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 600.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Christoph Basler Versand: