2010/37 Unfallverhütung 508 BVGE / ATAF / DTAF 37 Auszug aus dem Urteil der Abteilung III i. S. A. AG gegen Suva C-1454/2008 vom 8. Juni 2010 Unfallverhütung. Anfechtbarkeit von Ermahnungen des Kontroll - organs sowie von Verfügungen, wenn die erlassene Anordnung be - reits umgesetzt ist. Art. 5, Art. 44, Art. 48 VwVG. Art. 62 Abs. 2, Art. 66 Abs. 1 VUV . Art. 85, Art. 92 Abs. 3 UVG. 1. Ermahnungen des Kontrollorgans sind in der Regel notwendige Voraussetzung für eine spätere Sanktionierung in Form einer Prämienerhöhung. Da sie die aktuelle Rec htsstellung eines be - troffenen Betriebes verschlechtern, sind solche Ermahnungen grundsätzlich anfechtbar (E. 2.4.3). 2. Feststellungen über die Verletzung von Arbeits sicherheitsvor- schriften sind auch anfechtbar, wenn sie in einer ohne vorgängige Ermahnung erlassenen und bereits vollzogenen Verfügung ent - halten sind, mit welcher Sofortmassnahmen angeordnet wurden (E. 2.4.4). 3. Ermahnungen, die bei einer Prämienerhöhung berücksichtigt werden können, sind – abweichend vom Leitfaden für das Durch- führungsverfahren in der Arbeitssicherheit – mit einer Rechts - mittelbelehrung zu versehen. Einwände des ermahnten Be triebes sind als Einsprachen zu behandeln (E. 2.5.3). Prévention des accidents. Annulabilité d'avertissements de l'organe de contrôle ainsi que de déc isions, lorsque les instructions données ont déjà été mises en œuvre. Art. 5, art. 44, art. 48 PA. Art. 62 al. 2, art. 66 al. 1 OPA. Art. 85, art. 92 al. 3 LAA. 1. Les avertissements de l'organe de contrôle sont, en règle géné - rale, une condition nécessaire p our prononcer une sanction sub - séquente consistant dans l'augmentation des primes d'assurance. Comme ils affectent la situation juridique de l'entreprise concer -Unfallverhütung 2010/37 BVGE / ATAF / DTAF 509 née, ces aver tissements peuvent faire l'objet d'une contestation (consid. 2.4.3). 2. Les constatations relatives à la violation des prescriptions de sé - curité au travail peuvent aussi faire l'objet d'un recours si elles figurent dans une décision prise sans avertissement préalable or - donnant des mesures urgentes, et ce nonobstant l'exécution de ces mesures (consid. 2.4.4). 3. Les avertissements susceptibles d'être pris en considération pour une augmentation des primes doivent contenir une indication des voies de droit, contrairement à ce que prévoit le manuel de la procédure d'exécution pour la sécur ité au travail, et peuvent faire l'objet d'une procédure d'opposition (consid. 2.5.3). Prevenzione degli infortuni. Impugnabilità di avvertimenti dell'orga - no di controllo come pure delle decisioni, allorquando il provvedi - mento emanato è già stato messo in atto. Art. 5, art. 44, art. 48 PA. Art. 62 cpv. 2, art. 66 cpv. 1 OPI. Art. 85, art. 92 cpv. 3 LAINF. 1. Gli avvertimenti dell'organo di controllo sono di regola condi - zione necessaria per un successivo sanzionamento sotto forma di un aumento del premio e p eggiorano quindi la situazione giu ri- dica dell'azienda interessata. Di principio tali avvertimenti sono quindi impugnabili (consid. 2.4.3). 2. Le constatazioni concernenti la violazione delle prescrizioni in materia di sicurezza sul lavoro possono anch'esse formare ogget- to di ricorso, se queste figurano in una decisione priva di un av - vertimento precedente volto ad ordinare delle misure urgenti, e ciò nonostante l'esecuzione di queste misure (consid. 2.4.4). 3. Gli avvertimenti che in successivo momento posson o essere presi in considerazione nell'ambito di un aumento di premio devono – diversamente da quanto previsto dal manuale della procedura d'esecuzione per la sicurezza sul lavoro – essere muniti di un'in - dicazione dei rimedi giuridici. Le obiezioni dell' azienda ammo - nita sono da considerare come delle opposizioni (consid. 2.5.3). 2010/37 Unfallverhütung 510 BVGE / ATAF / DTAF Am 29. Januar 2008 führte die Suva auf der Baustelle F. eine Kontrolle durch und stellte fest, dass Mitarbeiter der A. AG auf einer Absturzhöhe von circa 5,5 m ohne Fas sadengerüst arbeiteten. Mit Verfügung vom 29. Januar 2008 ordnete die Kontrollbehörde gegen über der A. AG an, die Arbeiten ab einer Höhe von 3,0 m einzustellen, bis ein Fassaden - gerüst erstellt sei. Die A. AG erhob mit Datum vom 29. Februar 2008 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht (BVGer) und machte sinn - gemäss geltend, die Verfü gung vom 29. Januar 2008 hätte nicht oder nicht nur ihr gegenüber erlassen werden dürfen. Am 11. März 2008 erliess die Suva betreffend die bei der Baustellen - kontrolle am 29. Januar 2008 festgestellten Mängel eine Ermahnung und drohte der A. AG bei weiteren Verstössen gegen Arbeitsschutz bestim- mungen eine Prämienerhöhung an. In Ergänzung ihrer Beschwer de be - antragte die Beschwerdeführerin die Aufhebung der Verfügung vom 29. Januar 2008 und der Ermahnung vom 11. März 2008. Die Suva ver - trat im Verfahren vor BVGer die Ansicht, Anfechtungs gegenstand könne nur die Verfügung vom 29. Januar 2008 sein, und brachte sinnge mäss vor, die Ermahnung sei erst in einem allfälligen Beschwerd everfahren gegen eine Prämienerhöhung zu überprüfen. Das BVGer tritt auf die Beschwerde ein. Aus den Erwägungen: 2. Angefochten ist die Verfügung der Suva vom 29. Januar 2008, mit welcher die Beschwerdeführerin verpflichtet wurde, die Arbeiten auf der Baustelle F. ab einer Höhe von 3,0 m einzustellen, bis ein Fassaden - gerüst erstellt sei, sowie die Ermahnung der Suva vo m 11. März 2008, welche mit der Verfügung vom 29. Januar 2008 in einem engen sach li- chen Zusammenhang steht. 2.1 Nach Art. 59 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (A TSG, SR 830.1) ist zur Beschwerde berechtigt, wer durch die angefochtene Verfügung (oder den angefochtenen Einsprache entscheid) berührt ist und ein schutz wür- diges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat (vgl. auch Art. 48 Abs. 1 Bst. c des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 üb er das Ver- waltungsverfahren [VwVG, SR 172.021]). Schutzwürdig ist das Inte resse Unfallverhütung 2010/37 BVGE / ATAF / DTAF 511 grundsätzlich nur dann, wenn es nicht nur bei der Beschwerde einrei- chung, sondern auch im Zeitpunkt der Urteilsfällung aktuell und prak - tisch ist (BGE 123 II 285 E. 4; Urt eil des Bundesgerichts [BGer] 2C_166/2009 vom 30. November 2009 E. 1.2.1, Urteil des BGer 8C_622/2009 vom 3. Dezember 2009 E. 1.1; zu den Ausnahmen vgl. bspw. Urteil des BGer 2C_166/2009 vom 30. November 2009 E. 1.2.1; vgl. auch BGE 135 I 79 E. 1.1). Aktuell ist das Interesse, wenn der durch die angefochtene Verfügung erlittene Nachteil im Zeitpunkt des Ent - scheids der Beschwerdeinstanz noch besteht. Ein praktisches Interesse setzt voraus, dass dieser Nachteil bei Gutheissung der Beschwerde be - seitigt werd en kann. Das Interesse ist somit dann schutzwürdig, wenn durch den Ausgang des Verfahrens die tatsächliche oder rechtliche Si - tuation der beschwer deführenden Person noch beeinflusst werden kann. Demgegenüber fehlt es an einem aktuellen praktischen Intere sse, wenn der Nachteil auch bei Gutheissung der Beschwerde nicht mehr behoben werden könnte (BVGE 2009/31 E. 3.1 mit Hinweisen). Fällt das schutz - würdige Interesse im Laufe des Verfahrens dahin, wird die Sache als er - ledigt erklärt; fehlte es schon bei de r Beschwerdeeinreichung, ist auf die Eingabe nicht einzutreten (Urteil des BGer 2C_166/2009 vom 30. No- vember 2009 E. 1.2.1 mit Hinweisen, Urteil des BGer 8C_622/2009 vom 3. Dezember 2009 E. 1.1). 2.2 Mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde anfechtbar sind Verfügu n- gen im Sinne von Art. 5 VwVG (Art. 44 VwVG; vgl. auch Art. 56 Abs. 1 A TSG). Als Verfügungen im Sinne von Art. 5 Abs. 1 VwVG gelten indi - viduelle, an den Einzelnen gerichtete Hoheitsakte, durch die eine kon kre- te verwaltungsrechtliche Rechtsbeziehung re chtsgestaltend oder fest stel- lend in verbindlicher und erzwingbarer Weise geregelt wird. Für das V or- liegen einer Verfügung ist dabei nicht massge bend, ob sie als solche gekennzeichnet ist oder den gesetzlichen Formvor schriften für eine Ver - fügung entsp richt. Massgebend ist viel mehr, ob die Struktur merkmale einer Verfügung vorhanden sind (Urteil des BVGer A -8518/2007 vom 18. September 2008 E. 4.4 mit Hinweisen). 2.3 Nach der Rechtsprechung ist eine behördliche Mahnung einer Verfügung im Sinne von Art. 5 VwVG gleichzustellen, wenn diese die Rechtsstellung der Betroffenen verschlechtert (BGE 103 Ib 350 E. 2, vgl. auch BGE 125 I 119 E. 2a). Im Bereich des Disziplinarrechts liegt ins be- sondere dann eine anfechtbare Verfügung vor, wenn eine Ermah nung als 2010/37 Unfallverhütung 512 BVGE / ATAF / DTAF Disziplinarmassnahme ausgestaltet ist (BGE 125 I 119 E. 2a). Verwar- nungen, Mah nungen und die Androhung belastender Anordnun gen sind anfechtbar, wenn sie notwendige V oraussetzung für spätere, schär fere Massnahmen bilden (Urteil des BGer 5P.199/2003 vom 12. August 2003 E. 1.1), sofern sich die aktuelle Rechtsstellung der be troffenen Person allein dadurch verschlechtert (vgl. PIERRE TSCHANNEN/ULRICH ZIM- MERLI/ MARKUS MÜLLER, Allgemeines Verwaltungsrecht, 3. Aufl., Bern 2009, § 28 N. 27; Urteil des BGer 1P.555/2001 vom 3. Januar 2002 E. 4.2 ff.). Im Falle einer Belehrung, eines Verweises, einer Mahnung oder dergleichen gilt es zu prüfen, ob diesem Akt Sanktionscharakter zu - kommt; dies trifft dann zu, wenn er den V orwurf rechtswidrigen Ver - haltens in sich schliesst, dem Betreffenden nahelegt, dieses in Zukunft zu unterlassen, und objektiv eine Massregelung darstellt. V on Bedeutung ist sodann, inwiefern sich die früher verhängte Massnahme bei der Be urtei- lung in ei nem allfällig später eingeleiteten Di sziplinarverfahren auswir - ken würde (Urteil des BGer 5P.199/2003 vom 12. August 2003 E. 1.1 mit Hinweisen). 2.4 Mit Schreiben vom 8. Februar 2008 bestätigte die Suva der Be - schwerdeführerin, die Hochbauarbeiten könnten weitergeführt wer den, weil das Fassadengerüst erstellt sei (...). Im Zeitpunkt der Beschwerde - erhebung am 29. Februar 2008 war die von der V orinstanz erlassene An- ordnung demnach bereits umgesetzt. Es stellt sich daher die Frage, ob im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ein schutzwürdiges Interesse be stan- den hat. Weiter ist zu prüfen, ob der Ermahnung vom 11. März 2008 Ver- fügungscharakter zukommt. Um diese Fragen zu klären, ist zunächst auf das Verfahren im Bereich der Unfallverhütung einzugehen. 2.4.1 Nach Art. 62 Abs. 1 d er Verordnung über die Unfallverhütung vom 19. Dezember 1983 (VUV , SR 832.30) macht das für die Kontrolle zuständige Durchführungsorgan, wenn sich aufgrund eines Betriebs - besuches herausstellt, dass V orschriften über die Arbeitssicherheit ver - letzt sind, d en Arbeitgeber darauf aufmerksam und setzt ihm eine ange - messene Frist zur Einhaltung der V orschrift. Diese Ermahnung ist dem Arbeitgeber schriftlich zu bestätigen. Wird der Ermahnung keine Folge geleistet, so ordnet das zuständige Durchführungsorgan, nac h Anhörung des Arbeitgebers und der unmittelbar betroffenen Arbeit nehmer, die er - forderlichen Massnahmen durch Verfügung an und setzt dem Arbeitgeber eine ange messene Frist zum V ollzug der Mass nahmen (Art. 64 Abs. 1 Unfallverhütung 2010/37 BVGE / ATAF / DTAF 513 VUV). In dringenden Fällen ist die Verfügung ohne vorgängige Er mah- nung zu erlassen (vgl. Art. 62 Abs. 2 VUV). Leistet der Arbeitgeber einer vollstreckbaren Verfügung keine Folge oder handelt er auf andere Weise V orschriften über die Arbeitssicherheit zuwider, kann sein Betrieb nach Art. 66 Abs. 1 VUV i. V. m. Art. 92 Abs. 3 des Bundes gesetzes vom 20. März 1981 über die Unfallversicherung (UVG, SR 832.20) in eine höhere Stufe des Prämientarifs versetzt werden (Prämienerhöhung). 2.4.2 Die Durchführung der Bestimmungen über die Verhütung v on Berufsunfällen und Berufskrankheiten obliegt gemäss Art. 85 Abs. 1 UVG den Durchführungsorganen des Arbeitsgesetzes vom 13. März 1964 (ArG, SR 822.11) und der Suva. Die gestützt auf Art. 85 Abs. 2 UVG eingesetzte Eidgenössische Koordinationskommission f ür Arbeits- sicherheit (EKAS) stimmt die einzelnen Durchführungsbereiche auf - einander ab, soweit der Bundesrat hierüber keine Bestimmungen erlassen hat; sie sorgt für eine ein heitliche Anwendung der V orschriften über die Verhütung von Berufs unfällen u nd Berufskrankheiten in den Betrieben (Art. 85 Abs. 3 Satz 1 UVG). Die Beschlüsse der EKAS sind für die Ver - sicherer und die Durchführungsorgane des Arbeits gesetzes verbind lich und sie kann insbesondere Ausführungs bestimmungen zum Verfahren er- lassen (Art. 85 Abs. 4 UVG, Art. 53 Bst. a VUV). 2.4.2.1 Der « Leitfaden für das Durchführungsverfahren in der Arbeits - sicherheit » der EKAS (nachfolgend: EKAS -Leitfaden [Bestell nummer 6030]) unterschei det zwischen einem ordent lichen und einem ausser - ordentlichen Durch führungsverfahren. Ziel des ordentlichen Durch - führungsverfahrens ist die (unmittelbare) Durch setzung der Unfall - verhütungsvorschriften in den einzelnen Betrieben (vgl. EKAS -Leitfaden Ziff. 4.2). Das ausserordentliche Verfahren soll (subsidiär) dann ang e- wendet werden, wenn sicherheitswidrige Zustände aufgrund der Art der auszuführenden Arbeit oder der Arbeitsweise nur vorüber gehend und während verhältnismässig kurzer Zeit bestehen, weshalb das ordentliche Verfahren nicht zielführend wäre (vgl. EKAS-Leitfaden Ziff. 5.2.1). 2.4.2.2 Das ausserordentliche Verfahren dient weiter der Feststellung, wann eine Arbeitgeberin oder ein Arbeitgeber – im Sinne von Art. 66 Abs. 1 VUV – « auf andere Weise V orschriften über die Arbeits sicher- heit » zuwiderhandelt und ein Be trieb deshalb in eine höhere Stufe des Prämientarifs zu versetzen ist. Obwohl gemäss Wortlaut von Art. 92 Abs. 3 UVG bereits ein einzelner Verstoss gegen V orschriften über die 2010/37 Unfallverhütung 514 BVGE / ATAF / DTAF Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten eine (rückwirkende) Prä - mienerhöhung rechtfertigen würde, muss eine solche Sanktion ver hält- nismässig sein. Deshalb soll – sofern nicht ein besonders gravierender Verstoss vorliegt oder die Verletzung von V orschriften zu einem Unfall geführt hat – nicht bei jeder (allenfalls geringfügigen ) Zuwiderhandlung gegen Arbeitssicherheitsvorschriften eine Prämienerhöhung verfügt wer - den (vgl. EKAS -Leitfaden, Ziff. 5.2 und 7.3.2). I m Normalfall spricht das Kon trollorgan drei mal eine Ermahnung aus, wenn es einen sicher - heitswidrigen Zustand fests tellt (vgl. EKAS -Leitfaden Ziff. 5.3). In der Ermahnung ist anzu führen, welche Mängel festgestellt und welche Be - stimmungen über die Arbeitssicherheit verletzt wurden. Mit der dritten Ermahnung wird dem Betrieb ange droht, dass bei einem weiteren Ver - stoss gegen Arbeits sicherheitsvorschriften eine Prämienerhöhung (von mindestens 20 %; vgl. Art. 113 Abs. 2 UVV) verfügt werde (vgl. EKAS - Leitfaden Ziff. 5.3.4). 2.4.2.3 Die beiden Verfahren sind nicht strikte getrennt. Die im or dent- lichen Verfahren festgestell ten Sicherheitsverstösse sind auch im aus - serordentlichen Verfahren im Hinblick auf eine allfällige Prä miener- höhung « anzurechnen » (vgl. EKAS -Leitfaden Ziff. 5.2.3). Ob die Fest - stellung eines Verstoss gegen Arbeitssicherheitsvorschriften in einer Er - mahnung oder – weil aus Dringlichkeit auf eine Ermahnung verzichtet wurde – in der Verfügung enthalten ist, spielt keine Rolle. 2.4.3 Wie sich aus dem soeben Ausgeführten ergibt, sind die Ermah - nungen des Kontrollorgans in der Regel notwendige V oraussetzung für eine spätere Sanktionierung in Form einer Prämienerhöhung nach Art. 92 Abs. 3 UVG i. V. m. Art. 66 Abs. 1 VUV und verschlechtern die aktuelle Rechtsstellung eines betroffenen Betriebes. Diesen Ermah nungen kommt demnach Sanktionscharakter im Sinne der Rechtsprechung (vgl. E. 2.3) zu. Das BVGer hat deshalb die Rechtsprechung der Eidgenössischen Re- kurskommission für die Unfallversicherung übernommen und die An - fechtbarkeit einer Ermahnung grundsätzlich be jaht (Urteil des BVGer C-3183/2006 vom 6. Juli 2007 E. 3.5, Urteil des BVGer C-640/2008 vom 18. August 2009 E. 2 und 5 mit Hinweisen). 2.4.4 Die ohne vorgängige Ermahnung gestützt auf Art. 62 Abs. 2 i. V. m. Art. 64 Abs. 1 VUV erlassene Verfügung vom 29. Januar 2008 enthält die Feststellung, dass Arbeits sicherheitsvorschriften nicht einge - halten wurden (fehlendes Fassadengerüst bei einer Absturzhöhe von Unfallverhütung 2010/37 BVGE / ATAF / DTAF 515 5,5 m), hält fest, welche Sofortmassnahmen erforderlich sind (ein Fas sa- dengerüst zu erstellen), und untersagt die Weiterarbeit ab einer Höhe von 3,0 m, bis der festgestellte Mangel behoben ist. Die Feststellung des Ver - stosses gegen V orschriften über die Arbeitssicherheit bleibt auch nach der Behebung des Mangels bestehen und sie kann – wie bei einer Ermahnung – im Hinblick auf eine spätere Prämienerh öhung berücksichtigt werden. Ist eine Ermahnung mit einer solchen Feststellung anfecht bar, muss dies ohne Weiteres auch für eine Verfügung gelten. Das aktuel le Rechts - schutzinteresse ist daher gegeben (vgl. bereits Urteil des BVGer C-3183/2006 vom 6. Juli 2007 E. 3.6). Dass die Suva in ihrer Ermahnung vom 11. März 2008 den bereits in der Verfügung vom 29. Januar 2008 angeführten Sicherheitsmangel er neut festhält, vermag daran nichts zu ändern. Diesbezüglich wäre eine Er mah- nung nicht erforderlich g ewesen. Vielmehr hätte es genügt, in der Verfü - gung – wie bei Ermahnungen (vgl. EKAS -Leitfaden Ziff. 5.3.3 f.) – auf die mögliche Sanktion einer Prämienerhöhung hinzuweisen (vgl. E. 2.5.4). 2.4.5 Anzufügen bleibt, dass die Eröffnung des Beschwerdeweges gegen ei ne – in einer Verfügung oder in einer Ermahnung getroffene – Feststellung des Kontrollorgans, dass V orschriften über die Arbeitssicher- heit verletzt wurden, auch aus beweisrechtlicher Sicht angezeigt er - scheint, weil zwischen solchen Feststellungen läng ere Zeit vergehen kann. Wird eine gestützt auf Art. 92 Abs. 3 UVG ver fügte Prämienerhö- hung angefochten und soll die Beschwerdeinstanz erst in diesem Verfah - ren prüfen, ob die einzelnen Feststellungen damals zu Recht getroffen wurden, können sich Schwie rigkeiten ergeben, den rechts erheblichen Sachverhalt nachträglich noch festzustellen. 2.5 Die von der Suva vertretene Ansicht, wonach die von einem Kontrollorgan – in einer Ermahnung oder einer Verfügung – getroffene Feststellung, dass V orschriften übe r die Arbeitssicherheit verletzt wurden, nicht unmittelbar gerichtlich anfechtbar seien, entspricht den V orgaben im EKAS-Leitfaden. 2.5.1 Der EKAS -Leitfaden soll wie Verwaltungsver ordnungen (zu welchen bspw. Weisungen, Richtlinien usw. gehören) eine einheit liche, gleichmässige und sachrichtige Praxis des Gesetzesvollzugs sicher stellen und ist daher für die Durch führungsorgane grundsätzlich verbindlich 2010/37 Unfallverhütung 516 BVGE / ATAF / DTAF (vgl. vorstehende E. 2.4.2; zu den Verwaltungs verordnungen und deren Berücksichtigung im Gerichts verfahren siehe BGE 133 V 587 E. 6.1, BGE 133 V 346 E. 5.4.2, je mit Hinweisen; ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundes ver- waltungsgericht, Basel 2008, S. 81 Rz. 2.174). Weder eine vollzugs - lenkende Ver waltungsverordnung noch eine V ollziehungsverordnung können (allein) Grundlage bilden, um Rechte und Pflichten zu begründen oder einzuschränken (vgl. TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER, a. a. O., § 14 N. 11 und 23, § 41 N. 12). Erforderlich wäre zumindest eine auf einer hinreichend konkreten formell -gesetzlichen Delegationsbestimmung beruhende Verordnung (vgl. Art. 164 der Bundes verfassung der Schwei - zerischen Eid genossenschaft vom 18. April 1999 [BV , SR 101]; TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER, a. a. O., § 14 N. 27 und § 19 N. 38). 2.5.2 Der EKAS wurden keine Rechtsetzungskompetenzen über tra- gen, welche sie ermächtigen würden, den Rechtsschutz der betrof fenen Betriebe einzuschränken (vgl. Art. 85 UVG und Art. 52 ff. VUV), wes - halb nicht zu prüfen ist, ob beziehungsweise in welcher Form e ine Ein- schränkung allenfalls zulässig wäre. Die im EKAS -Leitfaden nicht vor - gesehene Anfechtungsmöglichkeit von Ermahnungen ist für das Gericht unbeachtlich. 2.5.3 Abweichend von den Musterdokumenten im EKAS -Leitfaden (vgl. Teil II des Leitfadens S. 81 ff.) sind Ermahnungen, die in einem späteren Zeitpunkt im Hinblick auf eine Prämienerhöhung nach Art. 92 Abs. 3 UVG berücksichtigt werden können, mit einer Rechts mittelbeleh- rung zu versehen (vgl. Art. 49 Abs. 3 Satz 1 A TSG; Art. 35 Abs. 1 VwVG). Erhebt de r ermahnte Betrieb dagegen Einwände, hat das Kon - trollorgan darüber in einem Einspracheentscheid zu befinden (vgl. auch Urteil des BVGer C-640/2008 vom 18. August 2009 E. 5). 2.5.4 Keine präzisen V orgaben enthält der EKAS -Leitfaden, wie die Kontrollorgane vorzugehen haben, wenn sie gemäss Art. 62 Abs. 2 VUV auf eine Ermahnung verzichten und direkt mit einer Verfügung nach Art. 64 Abs. 1 VUV die erforderlichen Massnahmen anordnen. Der Leit - faden hält lediglich fest, dass auch solche schwerer wiegende Feststel - lungen im Rahmen des ausserordentlichen Durchführungs verfahrens zu berücksichtigen seien (vgl. EKAS -Leitfaden Ziff. 5.2.3). Ob das Kon - trollorgan im Anschluss an die Verfügung zusätzlich eine Ermah nung zu erlassen hat oder sich auf die in der Verfügung getroffenen Feststellungen Unfallverhütung 2010/37 BVGE / ATAF / DTAF 517 stützen soll, geht aus dem Leitfaden nicht hervor (vgl. auch Muster - dokumente im Teil II des EKAS -Leitfadens S. 70 ff.). Mit Blick auf das Ziel, dass streitige Sachverhaltsfeststellungen möglichst früh zeitig über- prüft werden sollen, und im Interesse eines raschen und ein fachen Ver- fahrens, wäre es wünschenswert, wenn die gestützt auf Art. 62 Abs. 2 i. V. m. mit Art. 64 Abs. 1 VUV erlassene Verfügung auch die Elemente einer Ermahnung im Hinblick auf eine spätere Prä mienerhöhung (vgl. EKAS-Leitfaden Ziff. 5.3.3 f. betreffend 2. und 3. Ermah nung) enthalten würde. Andernfalls wäre in der Verfügung klarzu stellen, dass diese noch keine Feststellung enthält, dass der Verfü gungsadressat Arbeits sicher- heitsvorschriften verlet zt hat, welche im Hinblick auf eine Prä mien- erhöhung berücksichtigt werden können, und dass eine solche Fest stel- lung erst in einer später zu erlassenden an fechtbaren Ermahnung getroffen würde. Für einen betroffenen Betrieb muss klar sein, wann be - ziehungsweise in welchem Verfahren er eine solche Feststellung des Kontrollorgans bestreiten kann. 2.6 Zu prüfen bleibt, ob auf die Rügen betreffend Ermahnung vom 11. März 2008 eingetreten werden kann, soweit darin weitere – nicht be- reits in der Verfügung vom 29. Januar 2008 enthaltene – Verstösse gegen Arbeitssicherheitsvorschriften angeführt werden. Das BVGer hat nur auf Beschwerden gegen Verfügungen einzutreten, die nicht durch Ein sprache anfechtbar sind (vgl. Art. 32 Abs. 2 Bst. a des Verwaltungsgerichtsgeset- zes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 1732.32]; Art. 109 i. V. m. Art. 105a UVG). Aus pro zessökonomischen Gründen rechtfertigt sich vor liegend eine Rückweisung zum Erlass eines Einsprache entscheides jedoch nicht. Da, wie soeben festgestellt, Ermahnungen in Bezug auf die Fe ststellung von Verletzungen der Arbeitssicherheitsvorschriften grund sätzlich an - fechtbar sind, die Beschwer deführerin die Beurteilung der Ermahnung vom 11. März 2008 aus drücklich beantragte, die V orinstanz sich in einer Prozesserklärung dazu geäus sert hat, die Sache spruchreif ist und in einem engen sachlichen Zusam menhang zur ange fochtenen Verfügung steht, ist die Ausdeh nung des Streitgegenstandes auf eine ausser halb des Anfechtungsgegenstandes liegende Frage zu lässig (vgl. BGE 122 V 34 E. 2a mit Hinweisen, BGE 130 V 138 E. 2.1).