<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp325376"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>107 Ia 166<br/><br/><br/><div class="paraatf">32. Auszug aus dem Urteil der I. öffentlichrechtlichen Abteilung vom 7. Oktober 1981 i.S. L. gegen S., Staatsanwaltschaft, Obergericht und Kassationsgericht des Kantons Zürich (staatsrechtliche Beschwerde)</div> <div class="paraatf"></div> <a name="idp326832"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf">Art. 6 Ziffer 2 EMRK; Kostenauflage bei Freispruch. <div class="paratf">Die in den meisten kantonalen Strafprozessordnungen vorgesehene Regelung, wonach einem Freigesprochenen Kosten auferlegt werden können, wenn er das Strafverfahren durch ein verwerfliches oder leichtfertiges Benehmen verursacht hat, verstösst nicht gegen die Unschuldsvermutung. </div> </div> </div> <a name="idp329120"></a> <a name="idp332944"></a> <br/><div> <a name="idp336784"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> <span class="small">ab Seite 166</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page166"></a><div class="center pagebreak">BGE 107 Ia 166 S. 166</div> </div> <div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp338896"></a><span class="bold" id="consideration_3.">3. </span>Der Beschwerdeführer hält dafür, die Auferlegung von Verfahrenskosten und die Verweigerung einer Prozessentschädigung trotz Freispruch bedeute an sich schon, losgelöst von den Verhältnissen des konkreten Falles, einen Verstoss gegen die Unschuldsvermutung im Sinne von Art. 6 Ziffer 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK).</div> <div class="paraatf">Der Entscheid der zürcherischen Gerichte stützt sich auf § 189 der Strafprozessordnung des Kantons Zürich (StPO). Nach dieser Vorschrift können dem Angeklagten, der freigesprochen wird, die Kosten ganz oder teilweise auferlegt werden, wenn er die Einleitung der Untersuchung durch ein verwerfliches oder leichtfertiges Benehmen verursacht oder ihre Durchführung erschwert hat. Die gleichen Voraussetzungen gelten für die Verweigerung einer Entschädigung (<span class="artref"><artref id="CH/312.0/43" type="start"></artref>§<artref id="CH/312.0/191" type="start"></artref><artref id="CH/312.0/43" type="start"></artref>§ 43 und 191 StPO</span><artref id="CH/312.0/191" type="end"></artref><artref id="CH/312.0/43" type="end"></artref><artref id="CH/312.0/191" type="end"></artref>). Gleichartige oder zum mindesten sehr ähnliche Bestimmungen finden sich im Gesetz über den Bundesstrafprozess (Art. 173 Abs. 2) sowie in den Strafprozessordnungen der grossen Mehrzahl der schweizerischen Kantone (BE: Art. 200 Abs. 3 StrV; LU: <span class="artref">§ 277 Abs. 1 StPO</span>; UR: <span class="artref">Art. 133 Abs. 2 StPO</span>; SZ: <span class="artref">§ 51 Abs. 2 StPO</span>; NW: <span class="artref">§ 45 Abs. 4 StPO</span>; OW: <span class="artref">Art. 172 <a name="page167"></a><div class="center pagebreak">BGE 107 Ia 166 S. 167</div>lit. b StPO</span>; GL: <span class="artref">Art. 139 Abs. 1 Ziff. 2 StPO</span>; ZG: <span class="artref">§ 57 Abs. 1 StPO</span>; FR: <span class="artref">Art. 63 Ziff. 6 StPO</span>; SO: <span class="artref">§ 32 Abs. 3 StPO</span>; BS: <span class="artref">§ 191 Abs. 3 StPO</span>; BL: <span class="artref">§ 140 Abs. 3 StPO</span>; SH: <span class="artref">Art. 277 StPO</span>; AR: <span class="artref">Art. 242 Abs. 1 StPO</span>; SG: <span class="artref"><artref id="CH/312.0/209/3" type="start"></artref><artref id="CH/312.0/209/1/3" type="start"></artref><artref id="CH/312.0/209/1/2" type="start"></artref>Art. 209 Abs. 1 Ziff. 2 u. 3 StPO</span><artref id="CH/312.0/209/1/3" type="end"></artref><artref id="CH/312.0/209/3" type="end"></artref><artref id="CH/312.0/3" type="end"></artref>; GR: <span class="artref">Art. 157 StPO</span>; AG: § 164 Abs. 3 in Verb. mit <span class="artref">§ 139 Abs. 3 StPO</span>; TG: <span class="artref">§ 68 Abs. 1 StPO</span>; VD: Art. 158 CPP; VS: <span class="artref">Art. 207 Ziff. 3 StPO</span>; NE: Art. 90 CPP; JU: Art. 203 Abs. 3 CPP). Einzig die Kantone Appenzell I.Rh., Tessin und Genf regeln eine derartige Kostenauflage nicht oder lassen sie nur unter ganz besonderen Umständen zu.</div> <div class="paraatf">Das Bundesgericht hatte sich schon des öftern mit dem Einwand zu befassen, die Verpflichtung eines Freigesprochenen zur Tragung von Gerichtskosten und die Verweigerung einer Prozessentschädigung verstosse gegen die Unschuldsvermutung. Es hat diese Auffassung bisher stets abgelehnt mit der Begründung, die Kostenauflage bedeute keine Ahndung eines vom Strafrecht erfassten Verhaltens, sondern vielmehr eine Haftung für prozessuales Verschulden, oder, anders formuliert, eine den zivilrechtlichen Grundsätzen angenäherte Haftung für ein fehlerhaftes Verhalten (vgl. ausser dem vom Beschwerdeführer selbst zitierten Urteil i.S. L. M. vom 16. Mai 1979 die weiteren nicht veröffentlichten Urteile vom 20. Dezember 1979 i.S. J. M., vom 15. Oktober 1980 i.S. P. Ba. und P. Br., vom 17. November 1980 i.S. V. L., vom 4. März 1981 i.S. R. Z. und vom 18. August 1981 i.S. M. C. und Mitbeteiligte; im gleichen Sinne auch R. HAUSER, Kurzlehrbuch des schweizerischen Strafprozessrechtes, S. 286). Die vorstehend wiedergegebene Übersicht über die Gesetzgebung der schweizerischen Kantone zeigt deutlich, dass der Gedanke, es solle nicht der Staat und damit nicht der einzelne Bürger als Steuerzahler für Verfahrenskosten aufkommen müssen, die von einem Angeschuldigten durch vorwerfbares Verhalten verursacht worden sind, in der Schweiz tief verwurzelt ist. Das Bundesgericht hat sich an den eindeutig zum Ausdruck gebrachten Willen des Gesetzgebers jedenfalls so lange zu halten, als nicht durch einen Grundsatzentscheid des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte dessen Unvereinbarkeit mit der EMRK festgestellt worden ist. Der erwähnte Einwand erweist sich daher als unbegründet.</div> </div></body></html>