Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 1. September 2022 (715 22 105 / 204) ____________________________________________________________________ Arbeitslosenversicherung Die vorliegende Aufhebungsvereinbarung ist nicht al s Selbstkündigung zu werten, die Initiative zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses is t von der Arbeitgeberin ergriffen wor- den. Ferner ist der Versicherten auch kein Verschulden an ihrer Arbeitslosigkeit anzulas- ten. Es mangelt daher an einer Grundlage für die vo rübergehende Einstellung in der An- spruchsberechtigung. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Gerichtsschreiber in Katja Wagner Parteien A.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Ramón Eichenberger , Advokat, LEXTERNA AG, Frankfurt-Strasse 14, 4053 Basel gegen Unia Arbeitslosenkasse , Kompetenzzentrum D -CH West , Monbi- joustrasse 61, Postfach 3398, 3001 Bern, Beschwerdegegnerin Betreff Einstellung in der Anspruchsberechtigung A. Die 1994 geborene A.____ war seit dem 15. August 2 014 bei der B.____ AG zunächst als Sachbearbeiterin und später ab 1. August 2019 als T eamleiterin Administration tätig. Mit Aufhebungsvereinbarung vom 1. Juni 2021 wurde das Arb eitsverhältnis in gegenseitigem Ein- vernehmen per 31. Mai 2021 aufgelöst. In der Folge m eldete sich A.____ am 11. Juni 2021 bei Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht ihrer Wohnsitzgemeinde zur Arbeitsvermittlung an und st ellte ab 1. August 2021 Antrag auf Ar- beitslosenentschädigung im Umfang einer Vollzeitbeschäft igung. Mit Verfügung vom 12. No- vember 2021 stellte die Unia Arbeitslosenkasse (Kasse) A .____ wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit für die Dauer von 22 Tagen ab 1. Juni 2021 in der Anspruchsberechtigung ein. Daran hielt sie auch auf Einsprache der Versicherten hin mit Einspracheentscheid vom 3. März 2022 fest, wobei sie den Beginn der Einstellungsfrist auf den 1. August 2021 festlegte. B. Mit Eingabe vom 4. April 2022 erhob die Versichert e, vertreten durch Ramón Eichen- berger, Advokat, Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte sie, in Aufhebung des angefochtenen Ein- spracheentscheids vom 3. März 2022 sei die Beschwerdegegne rin zu verpflichten, ihr ab Be- ginn der Anspruchsberechtigung die gesetzlichen Leistungen ohne Einstellung im Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung infolge des aufgelösten Arbei tsverhältnisses auszurichten; unter o/e-Kostenfolge. Als Begründung machte sie im Wesentli chen geltend, dass die vorliegende Aufhebungsvereinbarung vom 1. Juni 2021 nicht als Selbstkündigung zu werten sei. C. In ihrer Vernehmlassung vom 5. Mai 2022 schloss die K asse auf Abweisung der Be- schwerde. Auf die Vorbringen der Parteien ist − soweit notwendig − in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen. Der Präsident zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Auf die beim örtlich und sachlich zuständigen Geri cht und im Weiteren form- und frist- gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 1.2 Gemäss § 55 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 entscheidet die pr äsidierende Person der Abteilung Sozialversicherungsrecht des Kantonsgerichts Streitigkeite n bis zu einem Streitwert von Fr. 20'000.-- durch Präsidialentscheid. Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob die Beschwerdegegnerin die Versicherte zu Rech t wegen selbstverschuldeter Ar- beitslosigkeit für die Dauer von 22 Tagen in der Ansp ruchsberechtigung eingestellt hat. Bei ei- nem versicherten Verdienst in der Höhe von Fr. 6'121.-- (Kassen-act. 97) und einer Einstelldau- er von 22 Tagen liegt der Streitwert in jedem Fall unter der erwähnten Grenze von Fr. 20'000.--, weshalb die Angelegenheit in die Kompetenz der präsidi erenden Person der Abteilung Sozial- versicherungsrecht fällt. 2.1 Nach Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obl igatorische Arbeitslosenversiche- rung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) vom 25. Jun i 1982 muss die versicherte Person alles Zumutbare unternehmen, um eine Arbeitslosigkeit z u vermeiden oder zu verkürzen. Kommt sie dieser Verpflichtung nicht nach, kann die zustä ndige Arbeitslosenkasse die Einstel- lung in der Anspruchsberechtigung verfügen (Art. 30 AVI G). Die Einstellung hat die Funktion Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht einer Haftungsbegrenzung der Versicherung für Schäden, die die versicherte Person hätte ver- meiden oder vermindern können. Als Verwaltungssanktio n ist sie vom Gesetzmässigkeits-, Verhältnismässigkeits- und Verschuldensprinzip beherrscht (T HOMAS NUSSBAUMER , Arbeitslo- senversicherung, in: Schindler/Tanquerel/Tschannen/Uhlm ann [Hrsg.], Schweizerisches Bun- desverwaltungsrecht, Soziale Sicherheit, 3. Auflage, Basel 2016, Rz. 828 ff.). 2.2 Gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG ist eine versicherte Person in der Anspruchsberech- tigung einzustellen, wenn sie durch eigenes Verschulden a rbeitslos geworden ist. Selbstver- schuldete Arbeitslosigkeit liegt dann vor, wenn und soweit der Eintritt der Arbeitslosigkeit nicht objektiven Faktoren zuzuschreiben ist, sondern in einem n ach den persönlichen Umständen und den persönlichen Verhältnissen vermeidbaren Verhalt en der versicherten Person liegt (ARV 1982 Nr. 4 S. 39). Dies ist unter anderem dann d er Fall, wenn die versicherte Person das Arbeitsverhältnis von sich aus kündigt, ohne dass ihr eine andere Stelle zugesichert war (Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV). Die Auflösung des Arbeitsverhältn isses "im gegenseitigen Einvernehmen" gilt aus der Sicht des Arbeitslosenversicherungsrechts grund sätzlich als Auflösung des Arbeits- verhältnisses durch die Arbeitnehmerin bzw. den Arbeitne hmer (vgl. ARV 1979 Nr. 23). Nach ständiger Rechtsprechung ist aber zu prüfen, ob eine vers icherte Person unmissverständlich vor die Wahl gestellt worden ist, selber zu kündigen (b zw. das Arbeitsverhältnis im gegenseiti- gen Einvernehmen aufzulösen) oder aber die Kündigung der Arbeitgeberin entgegen zu neh- men (B ARBARA KUPFER BUCHER , Bundesgesetz über die obligatorische Arbeitslosenversiche - rung und Insolvenzentschädigung, Zürich 2013, S. 165 f.). 3.1 Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungs- und Verw altungsgerichtsbeschwerde- verfahren ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht, wonach Versicherungsträger und Ge- richte von Amtes wegen für die richtige und vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen haben (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a). Dies bedeutet, dass in Bezug auf den rechtserheblichen Sachverhalt Abklärungen dann vorzunehmen sind, wenn und soweit hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder ander er sich aus den Akten ergebender An- haltspunkte hinreichender Anlass besteht (Urteil des EVG vom 8. März 2001, C 102/00, E. 1b; BGE 117 V 282 E. 4a; AHI-Praxis 1994 S. 212 E. 4a; SV R-Rechtsprechung 1999, IV Nr. 10 S. 28 E. 2c). 3.2 Das Kantonsgericht besitzt in Sozialversicherungssachen die vollständige Überprü- fungsbefugnis und ist in der Beweiswürdigung frei (§ 57 VPO in Verbindung mit Art. 61 Satz 1 ATSG; Art. 61 lit. c ATSG). Die Verwaltung al s verfügende Instanz und im Beschwerde- fall das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bew iesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind (vgl. R ENÉ RHINOW /H EINRICH KOLLER /C HRISTINA KISS /D ANIELA THURNHERR / DENISE BRÜHL -MOSER , Öffentliches Prozessrecht, 3. Auflage, Basel 2014, N 999). Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid n ach dem Beweisgrad der über- wiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. C RISTINA SCHIAVI , in: Basler Kommentar ATSG, Frésard-Fellay/Klett/Leuzinger [Hrsg.], Basel 2020, Art . 43 N 11; BGE 144 V 427 E. 3.2). Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhaltes genügt d iesen Beweisanforderungen nicht. Es ist vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die das Gericht von allen möglichen Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (vgl . BGE 144 V 427 E. 3.2, 138 V 218 E. 6 mit diversen Hinweisen). 4. Vorliegend ist unbestritten, dass das Arbeitsverhältnis zwischen der Beschwerdeführe- rin und ihrer Arbeitgeberin mit Aufhebungsvereinbarun g vom 1. Juni 2021 ohne verbindliche Zusicherung einer neuen Arbeitsstelle aufgelöst wurde. Zwischen den Parteien streitig und zu prüfen ist einzig, ob die Aufhebungsvereinbarung gemäss dem Dafürhalten der Kasse als Selbstkündigung nach Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV zu wer ten ist, oder die Initiative zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses von der Arbeitgeberin ergriffe n worden ist, wie von der Beschwerde- führerin geltend gemacht wird. 5.1 Der rechtserhebliche Sachverhalt präsentiert sich hie rzu im Wesentlichen wie folgt: Die Versicherte war zuletzt seit 1. August 2019 als Teamleit erin bei der B.____ tätig (vgl. Kassen- act. 155 ff.). Der Aufhebungsvereinbarung vom 1. Juni 2 021 ist zu den Gründen für die Auflö- sung des Arbeitsverhältnisses zu entnehmen, dass der Wunsch z ur Beendigung des Arbeits- verhältnisses nach der Niederkunft durch die Arbeitnehm erin im Gespräch mit dem CEO der B.____ vom 2. Oktober 2020 bestätigt worden sei. Die Stelle der Arbeitnehmerin habe besetzt werden müssen, damit der Betrieb der Filiale in X.___ _ habe weitergeführt werden können. Zu- dem sei der Arbeitnehmerin mit E-Mail vom 2. Oktober 2020 bestätigt worden, dass sie die Wei- terbildungskosten zur Betriebswirtschafterin HF, welche die B.____ gemäss der Weiterbil- dungsvereinbarung vom 16. März 2017 übernommen habe, bei einem Austritt nicht zurückzah- len müsse. Der Rückzahlungsbetrag würde per 31. Mai 202 1 Fr. 14'465.-- betragen (vgl. Kas- sen-act. 181). Der in der Aufhebungsvereinbarung erwäh nten Email-Korrespondenz vom 2. Oktober 2020 zufolge bedankte sich die Versicherte zunächst für das persönliche Gespräch sowie das entgegengebrachte Vertrauen und die langjä hrige Zusammenarbeit. Ferner ersuchte sie um eine schriftliche Bestätigung, wonach sie nach de r Auflösung des Arbeitsverhältnisses die Kosten für die Weiterbildung nicht zurückzahlen mü sse. Daraufhin antwortete der CEO der B.____, dass auch er sich für das offene Gespräch sowie das V erständnis der Versicherten für die seitens der Arbeitgeberin getroffene Entscheidung bedanke. Ferner bestätigte er, dass die Versicherte die Kosten für die Ausbildung nicht zurückzuzahlen müsse. Im Antrag auf Arbeitslo- sentschädigung vom 11. Juni 2021 gab die Versicherte zum Kündigungsgrund an, dass sie während der Schwangerschaft drei Monate und nach der Niederkunft 14 Wochen abwesend gewesen sei, weshalb ihre Stelle neu besetzt worden sei , um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Daher sei ein Aufhebungsvertrag vereinbart worden, we lcher die Auszahlung von zwei Monats- löhnen gemäss Kündigungsfrist vorgesehen habe (vgl. Kassen-act. 178). Mit Schreiben vom 12. August 2021 ersuchte die Kasse die Versicherte um nähere Angaben betreffend die Auflösung des Arbeitsverhältnisses. Am 18. August 2021 führte die Versicherte hierzu im Wesentlichen aus, dass sie nach zwei erlittenen Aborten im November 20 19 und Februar 2020 im Juni 2020 erfahren habe, dass sie erneut schwanger sei. Sie habe d araufhin ihre Arbeitgeberin über den Grund ihrer Arbeitsunfähigkeit im besagten Zeitraum sow ie die Tatsache aufgeklärt, dass sie aufgrund der Schwangerschaft aktuell nur zu 50% arbeits fähig sei. Ende September 2021 (rec- te: 2020) sei ihr mitgeteilt worden, dass sie nach der Schwangerschaft nicht mehr weiterbe- schäftigt werden könne, da die Stelle so schnell wie möglich besetzt werden müsse. Da sie die- se Entscheidung frustriert habe, habe sie mit dem CEO der B.____ am 30. September 2020 ein Gespräch geführt, worin ihr die entsprechende Entscheidun g nochmals erläutert und bestätigt Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht worden sei, dass sie die Ausbildungsbeiträge nicht zurückb ezahlen müsse. Der hierzu ergan- genen E-Mail vom 2. Oktober 2020 lasse sich entnehmen, d ass die Entscheidung von Seiten der Arbeitgeberin ausgegangen sei. Ab dem 8. November 2020 sei ihr von ihrem behandelnden Arzt zwingend Homeoffice verordnet worden. Die Umsetzung sei im Unternehmen indessen aus technischen Gründen nicht möglich gewesen. In der Zwische nzeit sei ihre Stelle bereits besetzt worden. Während des Mutterschaftsurlaubs sei ihr dann d ie Auflösung in gegenseitigem Ein- vernehmen angeboten worden, damit sie während der Kün digungsfrist nicht mehr arbeiten müsse. Deshalb seien ihr auch zwei Monatslöhne inkl. Antei l 13. Monatslohn angeboten wor- den, damit sie nicht im Nachteil sei. Gemäss Schweizerischem Obligationenrecht wären es zwei Monate Kündigungsfrist gewesen. Auf die Frage hin, au s welchen Gründen die Versicherte der Aufhebungsvereinbarung zugestimmt habe, antwortete sie , dass die Auflösung ideal zu ihrer Familiensituation gepasst habe. Mit der Auflösung des Vertrags habe sie die zwei Monate der Kündigungsfrist zu Hause bleiben und für den Monat J uni und Juli 2021 trotzdem Lohn bezie- hen können, ohne dass sie hierfür eine Gegenleistung ha be erbringen müssen. Bevor sie den Vertrag unterzeichnet habe, habe ihr Frau C.____ von der Öffentlichen Arbeitslosenkasse mit- geteilt, dass sie den Vertrag mit gutem Gewissen unterzeichnen könne. Am 12. November 2021 erging die angefochtene Verfügung, mit welcher die V ersicherte für 22 Tage in der Anspruchs- berechtigung eingestellt wurde. 5.2 In ihrer Einsprache vom 13. Dezember 2021 bekräfti gte die Versicherte, dass das Ar- beitsverhältnis nicht in gegenseitigem Einvernehmen au fgelöst worden sei (vgl. hierzu ausführ- lich Kassen-act. 49 ff.). Der Einsprache legte sie fer ner eine Stellungnahme der ehemaligen Arbeitgeberin vom 9. Dezember 2021 betreffend die Auf lösung des Arbeitsverhältnisses bei. Darin führte diese aus, dass die Versicherte anfangs Juli 2020 einige längere schwanger- schaftsbedingte Arbeitsausfälle zu verzeichnen gehabt habe und ab dem 9. November 2020 bis zur Geburt der Tochter ausgefallen sei, sodass eine ne ue Lösung habe gesucht werden müs- sen. Zudem habe die Versicherte den Wunsch geäussert, dass si e nach dem Mutterschaftsur- laub gerne noch ein halbes Jahr pausieren und anschliessend in einem Teilzeitpensum arbeiten möchte. Als KMU mit knapper Personalbesetzung habe die S telle nicht unbesetzt gelassen werden können, weshalb eine Nachfolge gesucht und die Stelle im Januar 2021 neu besetzt worden sei. Dieses Vorgehen habe der CEO der B.____ m it der Versicherten persönlich be- sprochen und per E-Mail am 2. Oktober 2020 bestätigt. Damit die Versicherte keine finanziellen Einbussen erleide, sei in der Aufhebungsvereinbarung vereinbart worden, dass ihr zwei zusätz- liche Monatslöhne ausbezahlt und die Weiterbildungskost en in der Höhe von Fr. 14'465.-- er- lassen würden. Die ehemalige Arbeitgeberin der Versiche rten bezog am 14. Februar 2022 auf Nachfrage der Beschwerdegegnerin hin, mit nahezu iden tischem Wortlaut wie im Schreiben vom 9. Dezember 2021, zur Auflösung des Arbeitsverhältn isses Stellung (vgl. hierzu Kassen- act. 29). 5.3 Die Beschwerdegegnerin beruft sich zur Begründung d er vorübergehenden Leistungs- einstellung namentlich auf die Stellungnahmen der ehemaligen Arbeitgeberin vom 9. Dezember 2021 und 14. Februar 2022. Diese lege aus ihrer Sicht glaubhaft dar, dass nie geplant gewesen sei, das Arbeitsverhältnis mit der Versicherten so rasch als möglich aufzulösen. Hätte die Versi- cherte nicht den Wunsch eines längeren unbezahlten Urla ubs und eines anschliessenden Teil- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht zeitpensums geäussert, so hätte die Arbeitgeberin das Ar beitsverhältnis nicht von sich aus auf- gelöst. 5.4 Der Auffassung der Beschwerdegegnerin, wonach der vorliegende Aufhebungsvertrag eine Selbstkündigung im Sinne von Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV darstelle, kann in pflichtgemässer Würdigung der vorstehend zitierten Aktenlage nicht gefolgt werden. Entgegen den Darlegungen der Beschwerdegegnerin lässt sich aus den Schreiben vom 9. Dezember 2021 und 14. Februar 2022 vielmehr herauslesen, dass die Initiative zur Auflös ung des Arbeitsverhältnisses von Sei- ten der Arbeitgeberin ergriffen worden ist. Allein sch on die Formulierung: "Da Frau A.____ an- fangs Juli 2020 einige längere schwangerschaftsbedingte Arbeitsausfälle hatte, und ab dem 9. November 2020 bis zur Geburt der Tochter ausfiel, mu ssten wir eine neue Lösung suchen.", lässt darauf schliessen, dass die Aufhebungsvereinbarung wo hl durch die Arbeitgeberin ausge- arbeitet worden war und die Beschwerdeführerin sich led iglich damit einverstanden erklärte. In Übereinstimmung hierzu gab die Versicherte bereits im A ntrag auf Arbeitslosentschädigung vom 11. Juni 2021 an, dass sie während der Schwangerschaf t drei Monate und nach der Nie- derkunft 14 Wochen abwesend gewesen sei, weshalb ihre Stelle neu besetzt worden sei, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Auf Nachfrage der Besch werdegegnerin hin bekräftigte sie am 18. August 2021, dass ihr Ende September 2021 (recte: 2020) mitgeteilt worden sei, sie könne nach der Schwangerschaft nicht mehr weiterbeschäftigt werden, da die Stelle so schnell wie möglich besetzt werden müsse. Nichts anderes ergibt sich schl iesslich aus den dokumentierten E-Mail-Korrespondenzen vom 2. Oktober 2020, in deren R ahmen der CEO der B.____ sich ex- plizit für das Verständnis der Versicherten für die seiten s der Arbeitgeberin getroffene Entschei- dung bedankte. Ferner hat die ehemalige Arbeitgeberi n in dem sich in den Akten befindlichen Arbeitszeugnis vom 31. Mai 2021 (vgl. Kassen-act. 85 f.) abschliessend festgehalten, dass die Stelle der Versicherten während ihrer Schwangerschaft n eu habe besetzt werden müssen und im Anschluss keine Stelle mehr frei gewesen sei. Dahe r sei sie gezwungen gewesen, dass Ar- beitsverhältnis aufzulösen. Die nachträglich getätigte vage Aussage der ehemaligen Arbeitge- berin in ihrer Stellungnahme vom 14. Februar 2022 zuh anden der Beschwerdegegnerin, wo- nach "die Situation bestimmt anders beurteilt" worde n wäre, wenn die Versicherte sich ent- schieden hätte, nach der Niederkunft zurückzukehren, vermag vor diesem Hintergrund nicht zu überzeugen. Sie steht sodann im Widerspruch zu den im se lben Schreiben angeführten Grün- den, wonach schwangerschaftsbedingte Ausfälle und die Ab wesenheit ab dem 9. November 2020 für das Suchen einer neuen Lösung bzw. die Neubes etzung der Stelle ausschlaggebend waren. Auch im Arbeitszeugnis vom 31. Mai 2021 wird festgehalten, die Stelle der Versicherten habe während der Schwangerschaft neu besetzt werden müssen und die Arbeitgeberin sei, weil sie im Anschluss keine freie Stelle gehabt habe, zur Beend igung des Arbeitsverhältnisses ge- zwungen gewesen. Hinsichtlich der Hintergründe für das bereits Ende September 2021 geführ- te Gespräch zwischen dem CEO der B.____ und der Versicher ten liegen ferner divergierende Aussagen vor. In der Aufhebungsvereinbarung vom 1. Jun i 2021 wird angeführt, dass der Wunsch zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses nach der Niederkunft durch die Arbeitnehme- rin im Gespräch mit dem CEO der B.____ in der E-Mail vom 2. Oktober 2020 bestätigt worden sei. Demgegenüber führte die Versicherte in ihrer Stel lungnahme vom 18. August 2022 an, sie habe mit dem CEO der B.____ am 30. September 2020 ein Gespräch geführt, worin ihr die ent- sprechende Entscheidung, wonach sie nach der Schwangerschaft nicht mehr weiterbeschäftigt werden könne, nochmals erläutert und bestätigt word en sei. Zwar ist der genaue Inhalt dieses Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gesprächs nicht detailliert dokumentiert, so dass sich dies er nicht mehr eruieren lässt. Unge- achtet dessen kann dem geäusserten Wunsch der Beschwerdef ührerin, nach einem zusätzli- chen unbezahlten Urlaub, in Würdigung der Gesamtsituat ion keine ausschlaggebende Bedeu- tung für die Auflösung das Arbeitsverhältnisses beigeme ssen werden. Dies umso weniger, als sich der vorliegenden Aktenlage keine Hinweise entnehme n lassen, denen zufolge die Versi- cherte ausschliesslich unter diesen Bedingungen zurückgeke hrt wäre, geschweige denn die Auflösung des Arbeitsverhältnisses angestrebt hätte. Auch die ehemalige Arbeitgeberin spricht in ihren Schreiben vom 9. Januar 2021 und 14. Februar 2022 davon, dass es sich hierbei ledig- lich um einen "geäusserten Wunsch" der Versicherten gehandelt habe. Wie dargelegt, führte sie in erster Linie die schwangerschaftsbedingten Ausfälle und die Abwesenheit der Versicherten für die Neubesetzung der Stelle an. Für eine von Seite n der Arbeitgeberin getroffene Entschei- dung spricht nicht zuletzt die Tatsache, dass die Arbeitg eberin die Stelle bereits per 1. Januar 2021 besetzt und damit Fakten geschaffen hatte. Die vo n der Versicherten mit Stellungnahme vom 18. August 2021 angeführten Gründe, die sie schliessl ich zur Unterzeichnung der Aufhe- bungsvereinbarung am 1. Juni 2021 veranlasst haben (vgl . E. 5.1 hiervor), vermögen schliess- lich nichts daran zu ändern, dass sie im Ergebnis vor die Wahl gestellt worden war, das Ar- beitsverhältnis im gegenseitigen Einvernehmen aufzulösen oder aber die Kündigung der Arbeit- geberin entgegen zu nehmen. Wie sie in ihrer Stellun gnahme vom 18. August 2021 ausführte, stellte ersteres angesichts der Familiensituation die besse re Option dar. Mit der Auflösung des Vertrags habe sie die zwei Monate der Kündigungsfrist z u Hause bleiben und für den Monat Juni und Juli 2021 trotzdem Lohn beziehen können, ohne dass sie hierfür eine Gegenleistung habe erbringen müssen (vgl. E. 5.1 hiervor). Aus dem U mstand, dass die Beschwerdeführerin die Aufhebungsvereinbarung mit für sie vorteilhaften Ko nditionen unterzeichnet hat, kann kei- neswegs geschlossen werden, dass sie die Initiative zur Aufl ösung des Arbeitsverhältnisses ergriffen hatte. Aufgrund dieser Aktenlage sind die S chlussfolgerungen der Kasse, wonach die Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis nicht von sich aus auf gelöst hätte, nicht nachvollziehbar. Vielmehr ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer Arbeitgeberkündigung auszuge- hen, mit der Folge, dass die Aufhebungsvereinbarung vom 1. Juni 2021 nicht als Selbstkündi- gung zu werten ist und eine Einstellung gestützt auf Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV ausser Betracht fällt. 5.5 Unter diesen Umständen zu prüfen bleibt noch di e Frage, ob der Beschwerdeführerin ein Verschulden an ihrer Arbeitslosigkeit im Sinne von Ar t. 30 Abs. 1 lit. a AVIG in Verbindung mit Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV anzulasten ist. Diesbezüglich ist indessen nicht ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin einen arbeitsrechtlich relevanten Anlass zur Kündigung gegeben hätte. Die durch die Schwangerschaft bedingten Absenzen können je denfalls keinen ihr vorwerfbaren Grund zur Kündigung darstellen. Im Weiteren lassen sic h den vorliegenden Akten weder Hin- weise auf eine Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten noch ein sonstiges Verhalten der Versi- cherten entnehmen, welches berechtigten Anlass zur Kündigung gegeben hätte. Ein vorwerfba- res Verhalten wird der Versicherten denn auch von der B eschwerdegegnerin nicht zur Last ge- legt. 6. Zusammenfassend fehlt es an den tatbestandsmässigen Vor aussetzungen für eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung nach Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG in Verbindung mit Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV oder Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen und der angefochtene Einspracheentscheid vom 3. März 2022 ist aufzuheben. 7.1 Gemäss Art. 61 lit. f bis ATSG ist das Verfahren bei Streitigkeiten über Leistu ngen kos- tenpflichtig, wenn dies im jeweiligen Einzelgesetz vorg esehen ist. Sieht das Einzelgesetz keine Kostenpflicht vor, kann das Gericht einer Partei, die sich mutwillig oder leichtsinnig verhält, Ge- richtskosten auferlegen. Da das AVIG keine Kostenpflicht vo rsieht und sich die Parteien weder mutwillig noch leichtsinnig verhalten haben, sind für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. 7.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die Beschwerde füh rende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt un d ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schw ierigkeit des Prozesses bemessen. Nachdem die Beschwerdeführerin obsiegt hat, hat sie Ansp ruch auf Ersatz ihrer Parteikosten. Die Bemühungen sind zu dem in Sozialversicherungsprozessen praxisgemäss für durchschnitt- liche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen (vgl. § 3 Abs. 1 der Tarifordnung für Anwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003). Der Rechtsver- treter der Beschwerdeführerin hat in seiner Honorarno te vom 19. Mai 2022 für das vorliegende Verfahren einen Zeitaufwand von 8 Stunden und 30 Mi nuten geltend gemacht, was umfang- mässig in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen als angemessen zu bezeichnen ist. Nicht zu beanstanden sind sodann die in d er Honorarnote ausgewiesenen Aus- lagen von insgesamt Fr. 6.40. Ihm ist deshalb ein Ho norar in der Höhe von Fr. 2'295.60 (8 Stunden und 30 Minuten à Fr. 250.-- zuzüglich Spe sen und Auslagen von Fr. 6.40 sowie 7.7% Mehrwertsteuer) zulasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und der angef ochtene Einsprache- entscheid vom 3. März 2022 wird aufgehoben. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 2'295.60 (inkl. Auslagen und 7.7% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht