B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-5111/2025 U r t e i l v o m 2 4 . J u l i 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichter Basil Cupa, mit Zustimmung von Richterin Christa Preisig; Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren (...), Afghanistan Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung des SEM vom 2. Juli 2025. F-5111/2025 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin suchte am (...) zusammen mit ihrer Familie (N_______ und N_______) in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab, dass ihr in Italien ein für den (Nennung Zeitpunkt) gültiges Visum ausgestellt worden war. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruckdatenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass sie gleichentags in Italien um Asyl nachgesucht hatte, wo sie in der Folge als Flüchtling anerkannt wurde. A.b Mit Verfügung vom 5. März 2025 trat das SEM auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein und wies sie aus der Schweiz weg. Die ge- gen diese Verfügung am 12. März 2025 erhobene Beschwerde hiess das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-1726/2025 vom 19. März 2025 gut, soweit die Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt wurde, hob die vorinstanzliche Verfügung auf und wies die Sache zur vollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück. A.c Mit Verfügung vom 31. März 202 5 nahm das SEM das Asylverfahren wieder auf. Gleichzeitig teilte es de r volljährigen Beschwerdeführerin mit, dass die mit ihr in die Schweiz gereisten Verwandten (Nennung Verwandte) gemäss dem geltenden Familienbegriff nicht zu ihrer (Kern)Familie gehö- ren würden (m.H. auf Art. 1a Bst. e der Asylverordnung 1 über Verfahrens- fragen vom 11. August 1999 [AsylV 1; SR 142.311]). Es bestehe demnach für sie kein Anspruch auf eine Zuweisung in einen spezifischen Kanton be- ziehungsweise in denselben Kanton wie ihre Verwandten. B. Mit Entscheid vom 2. Juli 2025 – eröffnet am 3. Juli 2025 – wies das SEM die Beschwerdeführerin für den weiteren Verlauf des Asylverfahrens dem Kanton B._______ zu. C. Am 10. Juli 2025 gelangte die Beschwerdeführerin mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht. Darin beantragte sie, es sei der Zuweisungs- entscheid vom 2. Juli 2025 aufzuheben und die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventu- aliter sei die Vorinstanz anzuweisen, sie gemeinsam mit ihren (Nennung Verwandte) (N_______) dem Kanton C._______ zuzuweisen. In prozessu- aler Hinsicht ersuchte sie um Wiederherstellung der aufschiebenden F-5111/2025 Seite 3 Wirkung der Beschwerde, um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt auf Beschwerde hin selbstän- dig anfechtbare Zwischenverfügungen des SEM betreffend Kantonszuwei- sung und Kantonswechsel (Art. 27 Abs. 3 i.V.m. Art. 107 Abs. 1 AsylG [SR 142.31]; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 ff. VGG; Art. 46 VwVG). 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das AsylG oder das VGG nichts anderes be- stimmen (Art. 37 VGG; Art. 2 Abs. 4 VwVG; Art. 6 AsylG). 1.3 Entscheide über die Zuweisung der asylsuchenden Person an einen Kanton können gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG nur mit der Begründung an- gefochten werden, sie verletzten den Grund satz der Einheit der Familie. Formelle Rügen sind insoweit zulässig, als sie im Zusammenhang mit der Frage des Grundsatzes der Einheit der Familie stehen (BVGE 2008/47 E. 1.2 und E. 1.3.2). 1.4 Die Beschwerdeführerin ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Ab s. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerechte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.5 Die Beschwerde erweist sich – wie sich aus den nachfolgenden Erwä- gungen ergibt – als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahr en einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 2. 2.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung der Begründungspflicht, mithin eine solche ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör. Die Gesund- heitsprobleme ihrer (Nennung Verwandte) würden sich aus den Akten er- geben. Das SEM hätte diesen Umstand bei ihrem Entscheid über die Kan- tonszuweisung berücksichtigen müssen, anstatt sie ohne Begründung ei- nem anderen Kanton als ihre (Nennung Verwandte) zuzuweisen. F-5111/2025 Seite 4 2.2 Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV) folgt unter anderem die grundsätzliche Pflicht der Behörden, ihren Entscheid zu be- gründen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass die betroffene Per- son den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Die Be- gründung muss kurz die wesentlichen Überlegungen nennen, von denen sich die Behörd e hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist hingegen, dass sich der Entscheid mit allen Partei- standpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 137 II 266 E. 3.2; 136 I 184 E. 2.2.1; 133 III 439 E. 3.3). Hat die asylsuchende Person um Zuteilung in einen bestimmten Kanton ersucht oder ergeben sich aus den Akten Umstände, die für eine bestimmte Zuweisung sprechen würden, muss sich die Vor - instanz damit konkret auseinandersetzen. Eine blosse Formularverfügung ohne Begründung genügt in einem solchen Fall den Anforderungen an die Begründungspflicht nicht (vgl. BVGE 2009/54 E. 2.3; 2008/47 E. 3.3.3; Ur- teile des BVGer F-6154/2020 vom 2. Dezember 2021 E. 2.1; F-4921/2020 vom 3. Februar 2021 E. 3.2). 2.3 Vorliegend ist eine Verletzung des rechtlichen Gehörs zu verneinen. Das SEM hat der Beschwerdeführerin bereits im Rahmen der Wiederauf- nahme des Asylverfahrens am 31. März 2025 die Gründe mitgeteilt, wes- halb für sie kein Anspruch auf eine Zuweisung in einen spezifischen Kanton beziehungsweise in denselben Kanton wie ihre Verwandten besteht (vgl. SEM act. 31/4). Es hat sich somit mit den Umständen, die für eine be- stimmte Zuweisung in einen Kanton sprechen würden, schon zu diesem Zeitpunkt hinlänglich auseinandergesetzt. De r Beschwerdeführerin war deshalb von da an die vorinstanzliche Einschätzung bekannt. Dass das SEM im Zuweisungsentscheid vom 2. Juli 2025 auf ihr Anliegen, dem glei- chen Kanton wie ihre (Nennung Verwandte) zugeteilt zu werden, nicht noch einmal näher eingegangen ist, stellt unter diesen Umständen kein en for- mellen Mangel dar. Insgesamt ist das SEM seiner Begründungspflicht in rechtsgenüglicher Weise nachgekommen. 2.4 Die formelle Rüge erweist sich somit als unbegründet. Der gestellte Rückweisungsantrag (Rechtsbegehren Ziff. 2) ist daher abzuweisen. 3. 3.1 Gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG weist das SEM die Asylsuchenden den Kantonen zu und trägt dabei den schützenswerten Interessen der Kantone und der Asylsuchenden Rechnung. Die Verteil ung geschieht nach einem Schlüssel gemäss Art. 21 AsylV 1, wobei das SEM bei der Verteilung F-5111/2025 Seite 5 bereits in der Schweiz lebende Familienangehörige, die Staatsangehörig- keit der Asylsuchenden und besonders betreuungsintensive Fälle berück- sichtigt (Art. 22 Abs. 1 AsylV 1). 3.2 Der Begriff der "Einheit der Familie" gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG wird im Asylgesetz einheitlich verwendet und entspricht dem Schutzbereich von Art. 8 EMRK (BVGE 2008/47 E. 4.1). Er umfasst in erster Linie die Kernfa- milie, also die Ehegatten und deren minderjährige Kinder (vgl. Art. 1a Bst. e AsylV 1). Andere familiäre Verhältnisse fallen bloss dann in den Schutzbe- reich von Art. 8 Ziff. 1 EMRK, sofern eine genügend nahe, echte und tat- sächlich gelebte Beziehung besteht. Hinweise für solche Beziehungen sind das Zusammenleben in einem gemeinsamen Haushalt, eine finanzielle Ab- hängigkeit, speziell enge familiäre Bande, regelmässige Kontakte oder die Übernahme von Verantwortung für eine andere Person. Bei hinreichender Intensität sind auch Beziehungen zwischen nahen Verwandten, namentlich solche von erwachsenen Kindern zu ihren (Nennung Verwandte) oder un- ter Geschwistern, wesentlich. In diesem Fall setzt die Berufung auf Art. 8 Abs. 1 EMRK aber voraus, dass zwischen den beteiligten Personen ein über die normalen affektiven Bindungen hinausgehendes Abhängigkeits- verhältnis besteht (BGE 147 I 268 E. 1.2.3; 144 I I 1 E. 6.1; 137 I 154 E. 3.4.2, je m. H.). 3.3 Besondere Elemente der Abhängigkeit können sich unabhängig vom Alter, namentlich aus besonderen Betreuungs - oder Pflegebedürfnissen wie bei körperlichen oder geistigen Behinderungen und schwerwiegenden Krankheiten, ergeben (vgl. BGE 147 I 268 E. 1.2.3; 145 I 227 E. 3.1; 120 Ib 257 E. 1e; Urteil des BGer 2C_339/2019 vom 14. November 2019 E. 3.4; Urteil des EGMR Belli und Arquier -Martinez gegen Schweiz vom 11. Dezember 2018, 65550/13, § 65). Die betroffene Person muss für die Be- wältigung des täglichen Lebens auf fremde Hilfe angewiesen sein, die sinn- vollerweise nur von einem nahen Angehörigen geleistet werden kann. Eine lediglich moralische Unterstützung genügt dabei nicht, um ein Abhängig- keitsverhältnis im Sinne der Rechtsprechung zu begründen (Urteile des BGer 2C_339/2019 E. 3.5; BVGE 2008/47 E. 4.1.1 f.; Urteil des EGMR I.M. gegen Schweiz vom 9. April 2019, 23887/16, § 62). Das besondere Abhän- gigkeitsverhältnis muss gewachsen sein und im Zeitpunkt der Geltendma- chung des Anspruchs fortbestehen (Urteile des BGer 2C_396/2021 vom 27. Mai 2021 E. 3.2; 2C_867/2016 vom 30. März 2017 E. 2.2). F-5111/2025 Seite 6 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung des Grundsatzes der Ein- heit der Familie und beantragt eine Zuweisung in den Kanton C._______. Sie macht geltend, dass ihre (Nennung Verwandte) gesundheitlich ange- schlagen seien (Nennung Leiden der Verwandten), weshalb diese auf ihre Unterstützung angewiesen seien. Ihre (...) übrigen (Nennung Verwandte) vermöchten ihren (Nennung Verwandte) keinen genügenden Beistand zu geben. 4.2 Die Beziehung der volljährigen Beschwerdeführerin zu ihren (Nennung Verwandte) und (Nennung Verwandte) fällt nicht unter den Begriff der Kern- familie (vgl. E. 3.2 hiervor). Für das Vorliegen eines Abhängigkeitsverhält- nisses im Sinne der Rechtsprechung (vgl. E. 3.3 hiervor) genügt eine le- diglich moralische, administrative, ausbildungs- oder sprachbezogene Un- terstützung ihrer im Kanton C._______ lebenden Verwandten nicht. Vorlie- gend ist weder aus den Akten ersichtlich noch leg t sie substanziiert dar, welche Aufgaben und Tätigkeiten ihre (Nennung Verwandte) ohne ihre Hilfe im Alltag nicht selbständig bestreiten könnten. Ebenso wenig ist er- sichtlich, inwiefern zwischen ihr und ihren (Nennung Verwandte) – oder auch ihren (Nennung Verwandte) – ein über die normalen affektiven Bin- dungen hinausgehendes Abhängigkeitsverhältnis bestehen soll. Ein sol- ches Verhältnis ist auch nicht aus der familiären Situation zu ihren Ver- wandten abzuleiten. Den Asylakten ihrer (Nennung Verwandte) ist zu ent- nehmen, dass der Gesundheitszustand ihrer Angehörigen bei der Ankunft im Bundesasylzentrum geprüft und aufgenommen wurde. (Darlegung des Gesundheitszustands ihrer Verwandten). Wohl erscheint es einleuchtend, dass eine räumliche Nähe so wohl die Beschwerdeführerin als auch ihre Angehörigen emotional und moralisch zu stärken vermöchten und wir- kungsvolle Unterstützung sich auf diese Weise leichter bewerkstelligen liesse. Lediglich moralische Unterstützung vermag jedoch – wie erwähnt – kein Abhängigkeitsverhältnis zu begründen. Aus der gesundheitlichen Si- tuation ihrer (Nennung Verwandte) ergeben sich vorliegend keine speziel- len Betreuungs- oder Pflegebedürfnisse im Sinne der zitierten Rechtspre- chung (vgl. E. 3.3 hiervor). Für medizinische und therapeutische Belange sowie diesbezügliche Beratungen stehen ihren (Nennung Verwandte) im Kanton C._______ zweifellos die entsprechenden Institutionen weiterhin zur Verfügung. Im Übrigen steht es der Beschwerdeführerin offen, die Wo- chenenden bei ihren (Nennung Verwandte) zu verbringen. 4.3 Zusammenfassend bestehen keine verwandtschaftlichen Beziehun- gen, welche anspruchsrelevant von Art. 8 EMRK erfasst werden. Die F-5111/2025 Seite 7 Zuweisung der Beschwerdeführerin an den Kanton B._______ verletzt da- her den Grundsatz der Einheit der Familie nicht. 4.4 Vor diesem Hintergrund ist auch der Eventualantrag, es sei die Vor - instanz anzuweisen, d ie Beschwerdeführerin gemeinsam mit ihren (Nen- nung Verwandte) dem Kanton C._______ zuzuweisen (Rechtsbegehren Ziff. 3), abzuweisen. 5. Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung nicht zu beanstanden und die Beschwerde ist abzuweisen. 6. 6.1 Mit dem Entscheid in der Hauptsache sind die Gesuche um Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden. 6.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren gemäss den vorstehenden Erwägungen als aussichtslos zu bezeichnen waren. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Verfahrenskosten können erlassen werden, wenn Gründe in der Sache oder in der Person der Partei es als unverhältnismässig erscheinen lassen, sie der Partei aufzuerlegen (Art. 6 Bst. b VGKE des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). In Anbetracht der gesamten Umstände ist dies vorliegend der Fall; dies auch deshalb, weil die Be- schwerde ohne Durchführung eines Schriftenwechsels behandelt werden konnte und zugleich der Beschwerdeführerin infolge des Direktentscheids die Möglichkeit genommen wird, ihre Beschwerde nach Abweisung des Gesuchs um unentgeltliche Prozessführung zurückzuziehen. Auf die Erhe- bung von Verfahrenskosten ist demnach zu verzichten. Eine Parteient- schädigung fällt ausgangsgemäss ausser Betracht (Art. 64 Abs. 1 VwVG). 7. Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). F-5111/2025 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, die Vorinstanz und das zu- ständige Migrationsamt. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Basil Cupa Stefan Weber Versand: