<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 36 S.183</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">183</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>36 Ortsbildschutz.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Dem Gemeinderat zustehender Ermessensspielraum bei der Anwen-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dung von Ästhetiknormen; Grenzen dieser Autonomie (Erw. 2.2).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Vereinbarkeit der Anordnung, in einer Altstadtzone Fenster mit äus-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>serer Sprossierung statt mit einer sog. "Sandwich"-Sprossierung ein-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zubauen, mit dem dort geltenden Erhaltungsgebot (Erw. 2.3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 27. Oktober 2005 in</span><br/> <span class="ft5">Sachen W. gegen Baudepartement.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. 1.1. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet aus-</span><br/> <span class="ft1">schliesslich noch die Sprossierung der von der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">in den Jahren 2002 und 2003 an den vier Fassaden des Gebäudes Nr.</span><br/> <span class="ft1">28 ausgewechselten Fenster; davon ausgenommen sind die Fenster</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">184</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">im Erdgeschoss der Ostfassade - sie wurden bereits 1973 ersetzt -</span><br/> <span class="ft1">und verschiedene Einzelfenster an der Nordfassade (Estrich- und Ba-</span><br/> <span class="ft1">dezimmerfenster). Früher wiesen die Fenster Holzsprossen auf; sie</span><br/> <span class="ft1">wurden durch Holz/Metall-Fenster mit einer Sprossierung im Schei-</span><br/> <span class="ft1">benzwischenraum der Isolierverglasung ("Sandwich"-Sprossen) er-</span><br/> <span class="ft1">setzt. Der Stadtrat hält diese Art der Sprossierung für unzulässig. Es</span><br/> <span class="ft1">seien in der Altstadt Holzfenster mit einer äusseren Sprossierung</span><br/> <span class="ft1">einzubauen. Die Fenster seien ein bei der Fassadengestaltung wichti-</span><br/> <span class="ft1">ges Element; ihre Grösse, Form, Anordnung und Ausgestaltung</span><br/> <span class="ft1">(Unterteilung, Profilierung usw.) prägten den Charakter des Gebäu-</span><br/> <span class="ft1">des. Holz/Metall-Fenster seien zwar auch bei Altstadtliegenschaften</span><br/> <span class="ft1">nicht grundsätzlich ausgeschlossen, wenn deren Farbgebung und Ge-</span><br/> <span class="ft1">staltung sehr sorgfältig und mit einer ähnlich feinen Detaillierung</span><br/> <span class="ft1">wie bei Holzfenstern erfolge. Im konkreten Fall der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin sei die Ausführung der Fenster in Holz/Metall aufgrund der</span><br/> <span class="ft1">vorgesehenen Detaillierung möglich. Die im Zwischenglasraum an-</span><br/> <span class="ft1">gebrachte Sprossierung genüge jedoch den gestalterischen Anforde-</span><br/> <span class="ft1">rungen von § 18 Abs. 3 der Bau- und Nutzungsordnung der Stadt</span><br/> <span class="ft1">Baden vom 23. Oktober 2001 / 2. April 2003 (BNO) nicht. Es sei</span><br/> <span class="ft1">deshalb bei sämtlichen Fenstern eine zusätzliche Sprossierung an der</span><br/> <span class="ft1">Glasaussenfläche anzubringen, welche fest an der Glasfläche anliege.</span><br/> <span class="ft1">1.2. Das Baudepartement wies die gegen diese Anordnung er-</span><br/> <span class="ft1">hobene Beschwerde ab. Es hielt sich im Wesentlichen an einen von</span><br/> <span class="ft1">der Kantonalen Denkmalpflege eingeholten Amtsbericht vom</span><br/> <span class="ft1">20. Oktober 2003 und erwog u.a. Folgendes: Die Fenster stellten ge-</span><br/> <span class="ft1">nerell einen wesentlichen Teil des architektonischen Konzepts einer</span><br/> <span class="ft1">Fassade dar und prägten das Gesamtbild eines Hauses in starkem</span><br/> <span class="ft1">Masse. Bei einem wertvollen historischen Gebäude wie der "Mittle-</span><br/> <span class="ft1">ren Mühle" treffe dies umso mehr zu. Nachvollziehbar sei auch, dass</span><br/> <span class="ft1">schon das Entfernen von Läden oder Fenstersprossen zu einer erheb-</span><br/> <span class="ft1">lichen, bei solchen Bauten unerwünschten Veränderung des Fassa-</span><br/> <span class="ft1">denbildes führen könne. Die Fachperson beurteile das Weglassen der</span><br/> <span class="ft1">Sprossung bzw. den Verzicht auf die ursprüngliche Sprossierung als</span><br/> <span class="ft1">Beeinträchtigung, ja sogar als klare Abwertung der Gesamterschei-</span><br/> <span class="ft1">nung des Gebäudes. Die in Frage stehende Anordnung des Stadtrats</span><br/> <span class="ft1">erweise sich deshalb als zwingend. Sie sei durch die gesetzlichen Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">185</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">stimmungen, insbesondere durch § 36 BNO, hinreichend abgedeckt</span><br/> <span class="ft1">und auch verhältnismässig. Angesichts des Umstands, dass ein Teil</span><br/> <span class="ft1">der Fenster bereits eingebaut und der Rest geliefert sei, lasse der</span><br/> <span class="ft1">Stadtrat das nachträgliche Aufkleben der Sprossierung an der Glas-</span><br/> <span class="ft1">aussenseite genügen, obwohl nach Meinung der Fachperson eine</span><br/> <span class="ft1">bauliche Massnahme, die in den Produktionsprozess der Fenster ein-</span><br/> <span class="ft1">gebunden sei, langfristig besser und stabiler wäre. Die Kosten der</span><br/> <span class="ft1">Nachbesserung seien so oder so nicht unbeachtlich, der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führerin aber zumutbar; die Bedeutung der Fenstergestaltung gerade</span><br/> <span class="ft1">für eine so wertvolle und gut erhaltene Liegenschaft rechtfertige die-</span><br/> <span class="ft1">sen finanziellen Aufwand.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin bestreitet, dass die fragliche Anord-</span><br/> <span class="ft1">nung auf einer Rechtsgrundlage beruht. Die Fenster, die als solche</span><br/> <span class="ft1">bewilligt und bereits eingebaut seien, wiesen eine Sprossierung im</span><br/> <span class="ft1">"Sandwich"-System auf. Zum Schein sollten nun diese Sprossen mit</span><br/> <span class="ft1">einer zusätzlichen, auf die Glasaussenseite geklebten Sprosse verse-</span><br/> <span class="ft1">hen werden. Diese zusätzlichen Sprossen hätten faktisch keine</span><br/> <span class="ft1">Funktion mehr. Eine denkmalpflegerische Massnahme verlange nun</span><br/> <span class="ft1">aber eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den historischen</span><br/> <span class="ft1">Zusammenhängen. Unberücksichtigt geblieben sei auch der techni-</span><br/> <span class="ft1">sche Fortschritt. Heute würden Fenster anders hergestellt als vor 100</span><br/> <span class="ft1">Jahren. Mit "Sandwich"-Sprossen werde praktisch der gleiche Effekt</span><br/> <span class="ft1">erzielt wie mit Sprossen früherer Konstruktionsweise. Fenster mit</span><br/> <span class="ft1">"Sandwich"-Sprossen liessen sich auch bedeutend leichter reinigen</span><br/> <span class="ft1">als solche mit normalen Sprossen; dies sei unter dem Gesichtspunkt</span><br/> <span class="ft1">der Verhältnismässigkeit wesentlich. Signifikanterweise werde der</span><br/> <span class="ft1">gleiche Fenstertyp auch von der Stadt Baden im Schulhaus "Ländli"</span><br/> <span class="ft1">verwendet, einer Liegenschaft, die sogar unter Denkmalschutz stehe.</span><br/> <span class="ft1">Die Stadt verlange von der Beschwerdeführerin überhaupt mehr, als</span><br/> <span class="ft1">wenn es um ihre eigenen Bauten gehe; vielfach wiesen diese gar</span><br/> <span class="ft1">keine Sprossierung oder sonst eine Befensterung auf, die mit denk-</span><br/> <span class="ft1">malschützerischen Grundsätzen nichts gemein habe. Inkonsequenzen</span><br/> <span class="ft1">seien auch in Bezug auf die Liegenschaften Weite Gasse 37 neben</span><br/> <span class="ft1">dem Stadtturm und die "Résidence am Wasser" gegenüber dem</span><br/> <span class="ft1">"Limmathof" ("Goldener Schlüssel") festzustellen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">186</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2. 2.1. Die Parzelle Nr. 539 mit dem Gebäude Nr. 28 liegt ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss dem Nutzungsplan der Stadt Baden (mit den gleichen Be-</span><br/> <span class="ft1">schluss- und Genehmigungsdaten wie die BNO) in der Altstadtzone</span><br/> <span class="ft1">Aa. Dort gelten u.a. die folgenden Nutzungsbestimmungen (§ 18</span><br/> <span class="ft1">BNO):</span><br/> <span class="ft1">"</span><span class="ft7"><sup>1</sup></span><span class="ft1">Die Altstadt ist in ihrem Gesamtbild und ihrer Struktur zu er-</span><br/> <span class="ft1">halten. Bauten, Freiräume und stadtbildprägende Elemente mit</span><br/> <span class="ft1">kulturgeschichtlicher, architektonischer oder städtebaulicher</span><br/> <span class="ft1">Bedeutung sind in ihrem Bestand zu sichern. Bauten dürfen</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich nicht abgebrochen werden und sind sachgemäss</span><br/> <span class="ft1">zu unterhalten. Es gelten § 36 Abs. 1 und 3 und § 39 Abs. 1 und</span><br/> <span class="ft1">2 BNO.</span><br/> <span class="ft7"><sup>2</sup></span><span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft7"><sup>3</sup></span><span class="ft1">Bauliche Massnahmen sind zulässig, wenn sie den Charakter</span><br/> <br/> <span class="ft1">des historisch gewachsenen Stadtbildes wahren, die schützens-</span><br/> <span class="ft1">werte innere Struktur erhalten und die kleinräumige Nutzungs-</span><br/> <span class="ft1">aufteilung beibehalten. Sie müssen sich in ihren Ausmassen, der</span><br/> <span class="ft1">Gestaltung, den Materialien und der Farbgebung gut in die be-</span><br/> <span class="ft1">stehende Bebauung einfügen.</span><br/> <span class="ft1">(...)"</span><br/> <span class="ft1">Der Stadtrat stützt die in Frage stehende Anordnung auf § 18</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 und 3 BNO ab. Es ist allseits unbestritten, dass dies die vor-</span><br/> <span class="ft1">liegendenfalls massgebliche Rechtsgrundlage ist. Ergänzend verwies</span><br/> <span class="ft1">der Vertreter des Stadtrats anlässlich der verwaltungsgerichtlichen</span><br/> <span class="ft1">Augenscheinsverhandlung auf § 40 BNO. Dazu ist freilich zu be-</span><br/> <span class="ft1">merken, dass § 18 BNO die ästhetischen Anforderungen an Bauten in</span><br/> <span class="ft1">der Altstadtzone Aa offensichtlich abschliessend regelt; § 40 BNO</span><br/> <span class="ft1">enthält gemäss seinem Titel lediglich allgemeingültige Planungs-</span><br/> <span class="ft1">grundsätze, welche im Einzelfall vor den spezifischen Zonenvor-</span><br/> <span class="ft1">schriften zurückzutreten haben (siehe AGVE 1997, S. 339; 1993,</span><br/> <span class="ft1">S. 380 f.). Ebenso wenig ist die vom Baudepartement zitierte Verwei-</span><br/> <span class="ft1">sung auf § 36 BNO in § 18 Abs. 1 Satz 2 BNO einschlägig, bezieht</span><br/> <span class="ft1">sich doch die erwähnte Bestimmung ausschliesslich auf die im Nut-</span><br/> <span class="ft1">zungsplan bezeichneten Kulturobjekte (§ 36 Abs. 1 Satz 1 BNO); die</span><br/> <span class="ft1">Liegenschaft der Beschwerdeführerin stellt kein derartiges Objekt</span><br/> <span class="ft1">dar (Anhang III BNO, Abschnitt H).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">187</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.2. Dem Gemeinderat steht bei der Handhabung von Ästhetik-</span><br/> <span class="ft1">vorschriften - und Vorschriften über die Fenstergestaltung fallen kla-</span><br/> <span class="ft1">rerweise in diese Kategorie - ein erheblicher Ermessensspielraum zu;</span><br/> <span class="ft1">die Gemeinde darf - auch dem Verwaltungsgericht gegenüber - den</span><br/> <span class="ft1">verfassungsrechtlichen Schutz beanspruchen, der ihr gestützt auf die</span><br/> <span class="ft1">Gemeindeautonomie zusteht (§ 106 Abs. 1 KV). Diesem Gesichts-</span><br/> <span class="ft1">punkt kommt dann besonderes Gewicht zu, wenn die Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeinstanz, die über die Ermessenskontrolle verfügt (§ 49</span><br/> <span class="ft1">VRPG), den gemeinderätlichen Entscheid schützt und das Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgericht auf die Rechtskontrolle beschränkt ist (§ 56 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">Das Gericht darf jedenfalls dann nicht korrigierend einschreiten,</span><br/> <span class="ft1">wenn sich die ästhetische Wertung der Vorinstanzen auf vernünftige</span><br/> <span class="ft1">Gründe stützen lässt, selbst wenn andere, ebenfalls vertretbare Lö-</span><br/> <span class="ft1">sungen denkbar wären. Eine Grenze findet diese Zurückhaltung dort,</span><br/> <span class="ft1">wo überwiegende öffentliche und private Interessen entgegenstehen</span><br/> <span class="ft1">(siehe AGVE 1995, S. 334 mit Hinweis). Auch das Bundesgericht</span><br/> <span class="ft1">betont, dass es in erster Linie den örtlichen Behörden obliege, über</span><br/> <span class="ft1">den architektonischen Aspekt zu wachen, weshalb sie diesbezüglich</span><br/> <span class="ft1">über einen breiten Ermessensspielraum verfügten. Die kantonale</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelinstanz dürfe dieses Ermessen nicht ohne weiteres durch</span><br/> <span class="ft1">ihr eigenes ersetzen, sondern auferlege sich in solchen Fällen viel-</span><br/> <span class="ft1">mehr eine gewisse Zurückhaltung; dies gelte im Bereich der Ästhetik</span><br/> <span class="ft1">vor allem dort, wo es um die Lage, Grösse und Höhe von Gebäuden</span><br/> <span class="ft1">innerhalb eines neueren Quartier- oder Teilzonenplans gehe (BGE</span><br/> <span class="ft1">115 Ia 118 f. = Pra 78/1989, S. 796 f.).</span><br/> <span class="ft1">Dieselbe Kognitionsbeschränkung ist insbesondere bei der An-</span><br/> <span class="ft1">wendung kommunaler Bestimmungen zu beachten. Die Gemeinden</span><br/> <span class="ft1">geniessen bei der Ausscheidung und Definition der verschiedenen</span><br/> <span class="ft1">Zonen (§ 13 Abs. 1, § 15 Abs. 1 und Abs. 2 lit. a BauG) aufgrund</span><br/> <span class="ft1">von § 106 KV ebenfalls verfassungsrechtlich geschützte Autonomie.</span><br/> <span class="ft1">Das Verwaltungsgericht hat sich deshalb bei der Überprüfung ein-</span><br/> <span class="ft1">schlägiger gemeinderätlicher Entscheide zurückzuhalten, zumindest</span><br/> <span class="ft1">soweit es bei den zu entscheidenden Fragen um rein lokale Anliegen</span><br/> <span class="ft1">geht und weder überörtliche Interessen noch überwiegende Rechts-</span><br/> <span class="ft1">schutzanliegen berührt werden. Die Gemeinde kann sich in solchen</span><br/> <span class="ft1">Fällen bei der Auslegung kommunalen Rechts insbesondere dort auf</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">188</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ihre Autonomie berufen, wo eine Regelung unbestimmt ist und ver-</span><br/> <span class="ft1">schiedene Auslegungsergebnisse rechtlich vertretbar erscheinen. Die</span><br/> <span class="ft1">kantonalen Rechtsmittelinstanzen sind hier gehalten, das Ergebnis</span><br/> <span class="ft1">der gemeinderätlichen Rechtsauslegung zu respektieren und nicht</span><br/> <span class="ft1">ohne Not ihre eigene Rechtsauffassung an die Stelle der gemeinde-</span><br/> <span class="ft1">rätlichen zu setzen. Die Autonomie der Gemeindebehörden hat je-</span><br/> <span class="ft1">doch auch in diesen Fällen dort ihre Grenzen, wo sich eine Ausle-</span><br/> <span class="ft1">gung mit dem Wortlaut sowie mit Sinn und Zweck des Gesetzes</span><br/> <span class="ft1">nicht mehr vereinbaren lässt (AGVE 2003, S. 190 mit Hinweis).</span><br/> <span class="ft1">2.3. 2.3.1. In seinem Amtsbericht vom 20. Oktober 2003 an das</span><br/> <span class="ft1">Baudepartement verweist der Vertreter der Kantonalen Denkmal-</span><br/> <span class="ft1">pflege zunächst auf die Bedeutung der Fenster ganz allgemein. Sie</span><br/> <span class="ft1">bildeten seit jeher einen wesentlichen Teil des architektonischen</span><br/> <span class="ft1">Konzepts einer Fassade und prägten das Gesamtbild eines Hauses in</span><br/> <span class="ft1">starkem Masse. Sie würden landläufig als die "Augen" des Hauses</span><br/> <span class="ft1">bezeichnet. Hinsichtlich Grösse, Anordnung und Proportion sowie</span><br/> <span class="ft1">Binnengliederung und Detailgestaltung zeigten sie eine für die je-</span><br/> <span class="ft1">weilige Bauepoche charakteristische Gestalt. Sodann wird im Amts-</span><br/> <span class="ft1">bericht darauf hingewiesen, dass die Mühlen seit jeher wichtige und</span><br/> <span class="ft1">oft stattliche Bauten mit einem gewissen Repräsentationsanspruch</span><br/> <span class="ft1">seien. So verhalte es sich auch mit der "Mittleren Mühle". Der mar-</span><br/> <span class="ft1">kante spätklassizistische Mauerbau sei der im Stadtbild dominante</span><br/> <span class="ft1">freistehende Schlussbau der Kronengasse. Von ihrer Stellung und</span><br/> <span class="ft1">Bedeutung für die Stadt her komme der "Mittleren Mühle" eine ge-</span><br/> <span class="ft1">wisse Vorbildfunktion zu. Dementsprechend seien auch erhöhte An-</span><br/> <span class="ft1">forderungen an die Fenstergestaltung zu stellen. Plastiksprossen zwi-</span><br/> <span class="ft1">schen den Isolierglasscheiben hätten nun insbesondere in Schrägsicht</span><br/> <span class="ft1">nicht die optische Wirkung von flügelrahmenbündigen, echten, auf</span><br/> <span class="ft1">dem Glas aufliegenden oder glastrennenden äusseren Sprossen. Die</span><br/> <span class="ft1">plastische Wirkung mit entsprechender Schattenbildung, welche auch</span><br/> <span class="ft1">in der Schrägsicht sichtbar bleibe, fehle. Bei sogenannten Isolierglas-</span><br/> <span class="ft1">sprossen zwischen den Scheiben sei in der optisch wichtigen</span><br/> <span class="ft1">Schrägsicht keine Sprossung, sondern nur noch die durchgehende</span><br/> <span class="ft1">flächige Scheibe zu sehen. Durch die heutigen, perfekt planen Gläser</span><br/> <span class="ft1">werde die spiegelnde, ungegliederte und bei historischen Bauten un-</span><br/> <span class="ft1">erwünschte lochhafte Wirkung von Fenstern, welche keine plastisch</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">189</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">wirksame Sprossung hätten, die auf den Scheiben aufliege bzw. diese</span><br/> <span class="ft1">teile, noch gesteigert. Ein weiterer Grund, der gegen Isolier-</span><br/> <span class="ft1">glassprossen ohne glasaufliegende äussere Sprossen spreche, sei das</span><br/> <span class="ft1">Alterungsverhalten dieser Plastiksprossen. Ein Verzicht auf die pla-</span><br/> <span class="ft1">stisch wirksame flügelrahmenbündige Sprossung beeinträchtige die</span><br/> <span class="ft1">Gesamterscheinung eines historischen Baus erheblich und werte</span><br/> <span class="ft1">diese ab. Bei der "Mittleren Mühle" wäre besonders das Verhältnis</span><br/> <span class="ft1">von feingegliedertem spätklassizistischem Fenstergewände und</span><br/> <span class="ft1">grossflächigem Fensterflügel ohne plastische Sprossenwirkung unbe-</span><br/> <span class="ft1">friedigend. Die unerwünschte Lochwirkung von Fenstern lasse sich</span><br/> <span class="ft1">mit flügelrahmenbündig auf die Scheiben geklebten und abisolierten</span><br/> <span class="ft1">Sprossen vermeiden, womit eine optisch wirksame Binnengliederung</span><br/> <span class="ft1">der Glasflächen zu annehmbaren Bedingungen erreicht werde.</span><br/> <span class="ft1">2.3.2. Das in der Altstadtzone geltende Erhaltungsgebot ist in</span><br/> <span class="ft1">verschiedener Hinsicht eingegrenzt. Schutzobjekt sind das "Gesamt-</span><br/> <span class="ft1">bild" und die "Struktur" der Altstadt (§ 18 Abs. 1 Satz 1 BNO); es</span><br/> <span class="ft1">geht um die Wahrung des Charakters des historisch gewachsenen</span><br/> <span class="ft1">Stadtbildes, die Erhaltung der schützenswerten inneren Struktur und</span><br/> <span class="ft1">die Beibehaltung der kleinräumigen Nutzungsaufteilung. Bauten</span><br/> <span class="ft1">müssen sich in ihren Ausmassen, der Gestaltung, den Materialien</span><br/> <span class="ft1">und der Farbgebung gut in die bestehende Bebauung einfügen (§ 18</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 BNO). Schutzanordnungen müssen mit der kulturgeschichtli-</span><br/> <span class="ft1">chen, architektonischen oder städtebaulichen Bedeutung begründet</span><br/> <span class="ft1">werden können (§ 18 Abs. 1 Satz 2 BNO). Zu fragen ist demzufolge,</span><br/> <span class="ft1">ob das Verbot von "Sandwich"-Sprossen in der Altstadtzone mit die-</span><br/> <span class="ft1">ser vom kommunalen Gesetzgeber angestrebten und vorgegebenen</span><br/> <span class="ft1">"Schutzhöhe" vereinbar ist.</span><br/> <span class="ft1">Verwendet eine Nutzungsbestimmung Begriffe der genannten</span><br/> <span class="ft1">Art, so spricht sie damit offensichtlich die traditionellerweise prä-</span><br/> <span class="ft1">genden Elemente und Merkmale des Altstadtbildes an. Dieses soll in</span><br/> <span class="ft1">seinen grossen Linien und aus einer Gesamtschau erhalten bleiben.</span><br/> <span class="ft1">Der Wortlaut, der bei jeder Gesetzesauslegung den Ausgangspunkt</span><br/> <span class="ft1">bildet (Bundesgericht, in: ZBl 102/2001, S. 84 und BGE 125 II 152,</span><br/> <span class="ft1">je mit Hinweisen; siehe auch AGVE 2003, S. 191 f.), legt eine solche</span><br/> <span class="ft1">Deutung nahe. Geht es nun darum festzulegen, was im Einzelnen den</span><br/> <span class="ft1">altstadtbildprägenden Strukturelementen zuzuordnen ist, so ist der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">190</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">praxisgemässen Anforderung Rechnung zu tragen, dass der Denk-</span><br/> <span class="ft1">mal- und Ortsbildschutz nicht lediglich die Interessen wissenschaft-</span><br/> <span class="ft1">lich geschulter Fachleute abdecken, sondern auch für einen grösseren</span><br/> <span class="ft1">Teil der Bevölkerung plausibel sein soll (siehe BGE 120 Ia 275; 118</span><br/> <span class="ft1">Ia 389 f. mit Hinweisen; AGVE 1995, S. 400 f. mit weiteren Hinwei-</span><br/> <span class="ft1">sen; ferner Elsbeth Wiederkehr Schuler, Denkmal- und Ortsbild-</span><br/> <span class="ft1">schutz [Die Rechtsprechung des Bundesgerichts und des Zürcher</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgerichts], Zürich 1999, S. 28 mit Zitat von BGE 89 I</span><br/> <span class="ft1">474). Aus dieser Optik kommt namentlich der Art und Massstäblich-</span><br/> <span class="ft1">keit der Bauweise (geschlossen, d.h. Zusammenbau der Gebäude in</span><br/> <span class="ft1">einer Häuserzeile, mit relativ einheitlichen, hohen Baukörpern und</span><br/> <span class="ft1">engen Gassen), der Dächergestaltung (Dachformen [Satteldach als</span><br/> <span class="ft1">vorherrschender Typ], Dachneigungen [eher steil], Materialwahl</span><br/> <span class="ft1">[z.B. Biberschwanzziegel], Farbgebung, Beschränkung der Dach-</span><br/> <span class="ft1">durchbrüche auf herkömmliche Gestaltungsmuster wie Lukarnen)</span><br/> <span class="ft1">sowie der Fassadengestaltung (Vorherrschen der Lochfassade) Be-</span><br/> <span class="ft1">deutung zu. Was nun die Fenstergestaltung im Besondern anbelangt,</span><br/> <span class="ft1">vermag ein durchschnittlicher Betrachter auf den ersten Blick wohl</span><br/> <span class="ft1">zu erkennen, ob ein Fenster mit einer Sprossierung oder mit Gewän-</span><br/> <span class="ft1">den versehen ist, und empfindet er solche Merkmale auch durchaus</span><br/> <span class="ft1">als typisch und prägend für das Erscheinungsbild einer Altstadt. Ob</span><br/> <span class="ft1">ein Fenster aussen am Glas aufliegende oder zwischen den Isolier-</span><br/> <span class="ft1">glasscheiben angebrachte "Sandwich"-Sprossen aufweist, stellt für</span><br/> <span class="ft1">ihn aber zweifellos nicht denselben "Blickfang" dar; er nimmt diese</span><br/> <span class="ft1">Unterschiede vielmehr nur bei bewusstem und gezieltem Hinsehen</span><br/> <span class="ft1">wahr. Offenbaren sich also die von den Fachstellen namhaft ge-</span><br/> <span class="ft1">machten optischen Unterschiede nur bei einer kleinräumigen und</span><br/> <span class="ft1">objektbezogenen Betrachtung der betreffenden Hausfassade, so kann</span><br/> <span class="ft1">ihnen letztlich keine rechtserhebliche Bedeutung für das "Gesamt-</span><br/> <span class="ft1">bild" und die "Struktur" der Altstadt beigemessen werden. Als Indiz</span><br/> <span class="ft1">für die Richtigkeit dieser Beurteilung mag auch gelten, dass es ge-</span><br/> <span class="ft1">rade in der Kronengasse insgesamt nicht weniger als sechs Beispiele</span><br/> <span class="ft1">von Gebäuden mit "Sandwich"-Sprossen an den Fenstern gibt (Haus-</span><br/> <span class="ft1">Nrn. 8, 18, 20, 23, 29 und 35), der Stadtrat aber bisher - abgesehen</span><br/> <span class="ft1">vom vorliegenden Fall - keinen Anlass sah, tätig zu werden; ginge es</span><br/> <span class="ft1">um ein wesentliches, "publikumswirksames" Stadtbildmerkmal, wäre</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">191</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">es bei der Baubewilligungserteilung kaum - wie bezüglich der Lie-</span><br/> <span class="ft1">genschaft Kronengasse Nr. 18 - "vergessen gegangen".</span><br/> <span class="ft1">2.3.3. Das Verwaltungsgericht gelangt somit zu einer andern</span><br/> <span class="ft1">Auslegung von § 18 Abs. 1 und 3 BNO als der Stadtrat. Es ist sich</span><br/> <span class="ft1">dabei sehr wohl bewusst, dass es im Hinblick auf die autonome</span><br/> <span class="ft1">Stellung der Gemeinden (vorne Erw. 2.2) Zurückhaltung zu üben hat</span><br/> <span class="ft1">und nicht ohne Not seine eigene Rechtsauffassung an die Stelle der</span><br/> <span class="ft1">gemeinderätlichen setzen darf. Wo sich jedoch eine Auslegung na-</span><br/> <span class="ft1">mentlich mit dem Wortlaut des Gesetzes nicht mehr in Einklang</span><br/> <span class="ft1">bringen lässt, muss es korrigierend eingreifen (AGVE 2003, S. 190</span><br/> <span class="ft1">mit Hinweis). Die angefochtene Anordnung ist deshalb aufzuheben.</span><br/> <span class="ft1">Offen bleiben kann damit, wie unter dem Gesichtspunkt des Verhält-</span><br/> <span class="ft1">nismässigkeitsprinzips zu würdigen ist, dass der Stadtrat von der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin die Ausführung einer "Pseudo"-Variante (auf die</span><br/> <span class="ft1">Aussenfläche der Fensterscheibe geklebte Sprossen) verlangt und im</span><br/> <span class="ft1">Weitern auch - wie am Augenschein festgestellt - Gitterstäbe und mit</span><br/> <span class="ft1">Aluminiumprofilen eingerahmte Fliegengitter an Altstadthäusern to-</span><br/> <span class="ft1">leriert, was nach Auffassung des Verwaltungsgerichts um einiges</span><br/> <span class="ft1">problematischer ist als die zu beurteilenden Sprossierungen.</span><br/> <span class="ft1">Dass der Stadtrat im Bereich der Altstadtzone die möglichst</span><br/> <span class="ft1">detailgetreue Beibehaltung historischer Elemente anstrebt und durch-</span><br/> <span class="ft1">setzen will, wie eben etwa Konstruktionssprossen an den Fenstern,</span><br/> <span class="ft1">ist an sich nachvollziehbar. Nach dem Gesagten bedarf es aber dafür</span><br/> <span class="ft1">einer genügenden Rechtsgrundlage.</span><br/></div> </div> </body> </html>