<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp323824"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>143 III 137<br/><br/><br/><div class="paraatf">21. Auszug aus dem Urteil der I. zivilrechtlichen Abteilung i.S. A. GmbH gegen B. GmbH (Beschwerde in Zivilsachen)</div> <div class="paraatf">4A_648/2016 vom 27. Februar 2017</div> <a name="idp325104"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf"><span class="artref">Art. 6 und <artref id="CH/272/243" type="start"></artref>Art. 243 ZPO</span><artref id="CH/272/6" type="end"></artref>; sachliche Zuständigkeit des Handelsgerichts; vereinfachtes Verfahren. <div class="paratf">Gilt für eine Streitigkeit nach <span class="artref"><artref id="CH/272/243/2" type="start"></artref><artref id="CH/272/243/1" type="start"></artref>Art. 243 Abs. 1 oder 2 ZPO</span><artref id="CH/272/243/2" type="end"></artref><artref id="CH/272/2" type="end"></artref> das vereinfachte Verfahren, ist das Handelsgericht nicht zuständig (E. 2). </div> </div> </div> <a name="idp333792"></a> <a name="idp343024"></a> <br/><div> <a name="idp352208"></a><span class="big bold" id="sachverhalt">Sachverhalt</span> <span class="small">ab Seite 137</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page137"></a><div class="center pagebreak">BGE 143 III 137 S. 137</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp353872"></a><span class="bold">A. </span>Am 20. September 2016 reichte die A. GmbH (Beschwerdeführerin) Klage betreffend eine Forderung aus dem Verkauf von <a name="page138"></a><div class="center pagebreak">BGE 143 III 137 S. 138</div>Gesellschaftsanteilen gegen die B. GmbH (Beschwerdegegnerin) beim Handelsgericht des Kantons Zürich ein. Das Klagebegehren in der Sache lautet wie folgt:</div> <div class="paraatf citation">"Es sei die Beklagte zu verpflichten, der Klägerin CHF 30'000,00 zuzüglich Verzugszins zu 5 % p.a. seit 8.7.2016 zu bezahlen."</div> <div class="paraatf">Mit Beschluss vom 11. Oktober 2016 verneinte das Handelsgericht seine sachliche Zuständigkeit und trat auf die Klage nicht ein.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp357840"></a><span class="bold">B. </span>Die A. GmbH hat dagegen "Beschwerde in Zivilsachen und subsidiäre Verfassungsbeschwerde" beim Bundesgericht erhoben. Sie verlangt, es sei der angefochtene Beschluss aufzuheben, die Zuständigkeit des Handelsgerichts festzustellen und die Angelegenheit zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen des Bundesgerichts an die Vorinstanz zurückzuweisen.</div> <div class="paraatf">Das Handelsgericht verzichtete auf Vernehmlassung. Die B. GmbH liess sich nicht vernehmen.</div> <br/><div> <a name="idp359968"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> </div> <br/><div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp360928"></a><span class="bold" id="consideration_2.">2. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp361968"></a><span class="bold" id="consideration_2.1">2.1 </span>Das Handelsgericht stellte zusammengefasst fest, der Streitwert belaufe sich - da die Zinsforderung dafür in Anwendung von <span class="artref">Art. 91 Abs. 1 ZPO</span> nicht relevant sei - auf genau Fr. 30'000.-. Damit gelte nach <span class="artref">Art. 243 Abs. 1 ZPO</span> das vereinfachte Verfahren. Da dieses jedoch gemäss <span class="artref">Art. 243 Abs. 3 ZPO</span> vor dem Handelsgericht keine Anwendung finde, sei die vorliegende Klage zufolge der in <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=25&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2017&amp;to_year=2017&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-III-457%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page457">BGE 139 III 457</a> publizierten bundesgerichtlichen Rechtsprechung im vereinfachten Verfahren von den ordentlichen Gerichten und nicht vom Handelsgericht zu behandeln, selbst wenn dessen Zuständigkeit nach <span class="artref">Art. 6 Abs. 2 ZPO</span> zu bejahen wäre.</div> <div class="paraatf">Die Beschwerdeführerin hält diese Auffassung für bundesrechtswidrig. Sie meint, die vom Bundesgericht festgestellte Ausnahme von der handelsgerichtlichen Zuständigkeit im Anwendungsbereich des vereinfachten Verfahrens gelte ausschliesslich im Fall von <span class="artref">Art. 243 Abs. 2 ZPO</span>, während umgekehrt handelsrechtliche Streitigkeiten im Sinne von <span class="artref">Art. 6 Abs. 2 ZPO</span>, für die laut <span class="artref">Art. 243 Abs. 1 ZPO</span> <i>aufgrund ihres Streitwerts</i> eigentlich das vereinfachte Verfahren gelte, im ordentlichen Verfahren vom Handelsgericht zu beurteilen seien.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp382992"></a><span class="bold" id="consideration_2.2">2.2 </span><span class="artref">Art. 6 Abs. 2 ZPO</span> definiert den Zuständigkeitsbereich des Handelsgerichts. Eine Streitigkeit gilt als handelsrechtlich, wenn: a. die <a name="page139"></a><div class="center pagebreak">BGE 143 III 137 S. 139</div>geschäftliche Tätigkeit mindestens einer Partei betroffen ist; b. gegen den Entscheid die Beschwerde in Zivilsachen an das Bundesgericht offen steht; und c. die Parteien im schweizerischen Handelsregister oder in einem vergleichbaren ausländischen Register eingetragen sind. Die Streitwertgrenze nach <span class="artref">Art. 74 Abs. 1 BGG</span> bildet folglich in diesem Bereich eine Voraussetzung der sachlichen Zuständigkeit des Handelsgerichts (siehe <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=25&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2017&amp;to_year=2017&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F142-III-788%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page788">BGE 142 III 788</a> E. 4.1 S. 789; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=25&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2017&amp;to_year=2017&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-III-67%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page67">BGE 139 III 67</a> E. 1.2 S. 70).</div> <div class="paraatf"><span class="artref">Art. 243 ZPO</span> bestimmt den Geltungsbereich des vereinfachten Verfahrens. Gemäss Absatz 1 umfasst dieser vermögensrechtliche Streitigkeiten bis zu einem Streitwert von 30'000 Franken. Nach Absatz 2 gilt das vereinfachte Verfahren weiter ohne Rücksicht auf den Streitwert für die in den Buchstaben a-f genannten Streitigkeiten.</div> <div class="paraatf">Erfüllt eine Angelegenheit zugleich die Voraussetzungen der Zuständigkeit des Handelsgerichts und diejenigen für die Geltung des vereinfachten Verfahrens, ist Absatz 3 von Artikel 243 ZPO zu beachten. Gemäss diesem findet das vereinfachte Verfahren "keine Anwendung" in Streitigkeiten vor der einzigen kantonalen Instanz nach den Artikeln 5 und 8 und vor dem Handelsgericht nach Artikel 6. Das Bundesgericht hat sich in <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=25&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2017&amp;to_year=2017&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-III-457%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page457">BGE 139 III 457</a> ausführlich mit dieser Bestimmung auseinandergesetzt. Für die damals strittige Abgrenzung in mietrechtlichen Angelegenheiten ging es in Erwägung 4.4.3 davon aus, dass "die Regelung der Verfahrensart jener über die sachliche Zuständigkeit der Handelsgerichte" vorgehe. Zur Begründung verwies es vor allem auf die Unterschiede zwischen ordentlichem und vereinfachtem Verfahren und führte aus, die Abgrenzung zwischen der Zuständigkeit der Handelsgerichte und jener der ordentlichen Gerichte (bzw. in gewissen Kantonen der Mietgerichte) könne "nicht derart sein, dass dadurch in die von der Zivilprozessordnung vorgegebenen Verfahrensarten eingegriffen würde".</div> <div class="paraatf">Wenn aber das Handelsgericht - wie im erwähnten Urteil entschieden - nicht zuständig ist für Streitigkeiten, die gemäss <span class="artref">Art. 243 Abs. 2 lit. c ZPO</span> im vereinfachten Verfahren zu beurteilen sind (siehe <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=25&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2017&amp;to_year=2017&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F142-III-515%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page515">BGE 142 III 515</a> E. 2.2.4 S. 517), muss das Gleiche aus derselben Überlegung auch hinsichtlich von allen anderen Angelegenheiten gelten, auf die nach <span class="artref"><artref id="CH/272/243/2" type="start"></artref><artref id="CH/272/243/1" type="start"></artref>Art. 243 Abs. 1 und 2 ZPO</span><artref id="CH/272/243/2" type="end"></artref><artref id="CH/272/2" type="end"></artref> das vereinfachte Verfahren anwendbar ist. Die von der Beschwerdeführerin geforderte unterschiedliche Behandlung der Tatbestände gemäss den beiden Absätzen findet weder in der zitierten Erwägung des Bundesgerichts noch im Wortlaut von Absatz 3 eine Grundlage. Entgegen der <a name="page140"></a><div class="center pagebreak">BGE 143 III 137 S. 140</div>Beschwerdeführerin statuiert dieser auch keine "Spezialvorschrift für die Verfahrensart" bezüglich von "handelsrechtlichen Streitigkeiten mit einem Streitwert von exakt CHF 30.000,00". Vielmehr fallen solche Angelegenheiten nach <span class="artref">Art. 243 Abs. 1 ZPO</span> in den Geltungsbereich des vereinfachten Verfahrens und damit aus dem Zuständigkeitsbereich des Handelsgerichts. Die Vorinstanz hat dies zutreffend erkannt und ihre sachliche Zuständigkeit zu Recht verneint. (...)</div> </div></body></html>