<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 3 S.28</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">28</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>3</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 559 ZGB; Erbbescheinigung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Definition und Wesen (Erw. 2c)</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Die Verweigerung der Ausstellung einer Erbbescheinigung ist ein be-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schwerdefähiger Endentscheid im summarischen Verfahren gemäss</b></span><br/> <span class="ft2"><b>§ 335 lit. a ZPO. Zur Beschwerdeführung sind die eingesetzten Erben,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nicht aber der Willensvollstrecker legitimiert (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Zur Einsprache gegen die Ausstellung der Erbbescheinigung i.S.v.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Art. 559 Abs. 1 ZGB berechtigt sind nicht nur die Pflichtteils-, son-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dern auch andere durch Testament von der Erbfolge ausgeschlossene</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">29</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>gesetzliche Erben; die Bestreitung bewirkt, dass die Erbbescheinigung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nicht ausgestellt werden darf (Erw. 3b).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Zivilkammer, vom 15. August 2000</span><br/> <span class="ft3">in Sachen M.K. u.a. gegen D.P.S. u.a.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Die Beschwerdegegner beantragen Nichteintreten auf die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde, da kein (anfechtbarer) Endentscheid i.S.v. § 335 lit. a</span><br/> <span class="ft1">ZPO vorliege und die Beschwerdeführer nicht beschwert seien.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Sicherungsmassregeln über den Nachlass i.S.v. Art. 551 -</span><br/> <span class="ft1">559 ZGB werden im Verfahren der freiwilligen, nichtstreitigen Ge-</span><br/> <span class="ft1">richtsbarkeit erlassen. Dieses richtet sich nach kantonalem Recht.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 72 EG ZGB ist der Gerichtspräsident am letzten Wohnsitz</span><br/> <span class="ft1">des Erblassers die zuständige Behörde für alle den Erbgang betref-</span><br/> <span class="ft1">fenden Massnahmen. Gestützt auf § 300 Abs. 1 ZPO gelangt das</span><br/> <span class="ft1">summarische Verfahren zur Anwendung (Bühler/Edelmann/Killer,</span><br/> <span class="ft1">Kommentar zur aarg. Zivilprozessordnung, 2. A., Aarau 1998,</span><br/> <span class="ft1">N 5(33) zu § 300 ZPO). Gegen Endentscheide im summarischen Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahren ist gemäss § 335 lit. a ZPO die Beschwerde zulässig. Der</span><br/> <span class="ft1">Ausdruck Endentscheid umfasst Prozess- und Sachurteile sowie Ab-</span><br/> <span class="ft1">schreibungsbeschlüsse, die das summarische Verfahren als Ganzes</span><br/> <span class="ft1">abschliessen. Unerheblich ist, ob der Summarentscheid in materielle</span><br/> <span class="ft1">Rechtskraft erwachsen ist (Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 1 ff. zu</span><br/> <span class="ft1">§ 335 ZPO). Mit dem Entscheid des Gerichtspräsidiums K. wurde</span><br/> <span class="ft1">das summarische Verfahren betreffend Ausstellung einer Erbbe-</span><br/> <span class="ft1">scheinigung abgeschlossen; er ist daher nach § 335 lit. a ZPO mit</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde anfechtbar.</span><br/> <span class="ft1">c) Die Erbbescheinigung ist die von der zuständigen Behörde</span><br/> <span class="ft1">ausgestellte Bestätigung, welche Person(en) die alleinigen Erben ei-</span><br/> <span class="ft1">nes bestimmten Erblassers sind und somit das ausschliessliche Recht</span><br/> <span class="ft1">haben, den Nachlass in Besitz zu nehmen und darüber zu verfügen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">30</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Sie wird nach Art. 559 Abs. 1 ZGB ausdrücklich unter Vorbehalt der</span><br/> <span class="ft1">Ungültigkeits- und Erbschaftsklage ausgestellt und ist daher stets nur</span><br/> <span class="ft1">ein provisorischer Ausweis ohne materiellrechtliche Bedeutung für</span><br/> <span class="ft1">die Erbenstellung der darin erwähnten Personen; über diese Fragen</span><br/> <span class="ft1">kann nur der ordentliche Richter definitiv entscheiden. Die Erbbe-</span><br/> <span class="ft1">scheinigung verleiht aber den prima facie berechtigt erscheinenden</span><br/> <span class="ft1">Erben einen provisorischen Legitimationsausweis zur Inbesitznahme</span><br/> <span class="ft1">und Verfügungsmöglichkeit über die Erbschaftsgegenstände (Martin</span><br/> <span class="ft1">Karrer, Basler Kommentar, Basel 1988, N 2 f. zu Art. 559 ZGB;</span><br/> <span class="ft1">Peter Tuor/Vito Picenoni, Berner Kommentar, 2. A., Bern 1964, N 23</span><br/> <span class="ft1">ff. zu Art. 559 ZGB; Arnold Escher, Zürcher Kommentar, 3. A., Zü-</span><br/> <span class="ft1">rich 1960, N 8 f. zu Art. 559 ZGB). Keinen Anspruch auf eine Erb-</span><br/> <span class="ft1">bescheinigung hat der Vermächtnisnehmer, denn diesem kommt</span><br/> <span class="ft1">keine Erbenqualität zu (Karrer, a.a.O., N 9 zu Art. 559 ZGB;</span><br/> <span class="ft1">Tuor/Picenoni, a.a.O., N 3 zu Art. 559 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">Die eingesetzten Erben M.K. und M.K. erleiden durch die</span><br/> <span class="ft1">Nichtausstellung der Erbbescheinigung zweifellos einen Rechts-</span><br/> <span class="ft1">nachteil, indem ihnen versagt ist, den Nachlass (vorläufig) zu behän-</span><br/> <span class="ft1">digen und darüber zu verfügen. Ihre Beschwerdelegitimation ist da-</span><br/> <span class="ft1">her zu bejahen. Der Willensvollstrecker ist dagegen zur Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führung nur insoweit legitimiert, als es um seine Einsetzung, Stel-</span><br/> <span class="ft1">lung oder Funktion geht (Karrer, a.a.O., N 11 der Vorbemerkungen</span><br/> <span class="ft1">zu Art. 551 - 559 ZGB). Da vorliegend der eingesetzte Willensvoll-</span><br/> <span class="ft1">strecker durch den angefochtenen Entscheid keine Verletzung in ei-</span><br/> <span class="ft1">nem subjektiven Recht erfährt, kann auf seine Beschwerde nicht</span><br/> <span class="ft1">eingetreten werden. Auf die Beschwerde der Vermächtnisnehmerin</span><br/> <span class="ft1">ist ebenfalls nicht einzutreten, nachdem diese nicht als Adressatin der</span><br/> <span class="ft1">angefochtenen Verfügung berührt ist.</span><br/> <span class="ft1">3. b) Die eingesetzten Erben machen geltend, ihre Erbberechti-</span><br/> <span class="ft1">gung ergebe sich zweifelsfrei aus dem Testament; die Erblasserin</span><br/> <span class="ft1">habe keine pflichtteilsberechtigten Nachkommen hinterlassen und</span><br/> <span class="ft1">über ihr Vermögen frei verfügen können. Zur Bestreitung gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 559 Abs. 1 ZGB berechtigt sind nicht nur die Pflichtteils-, son-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">31</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">dern auch andere durch Testament von der Erbfolge ausgeschlossene</span><br/> <span class="ft1">gesetzliche Erben (ZR 1986 S. 25 f.; Karrer, a.a.O., N 10 zu Art. 559</span><br/> <span class="ft1">ZGB; Tuor/Picenoni, a.a.O., N 4 zu Art. 559 ZGB). Die Bestreitung</span><br/> <span class="ft1">bewirkt, dass die Erbbescheinigung nicht ausgestellt werden kann.</span><br/> <span class="ft1">Dies ist auch dann der Fall, wenn sie nur von einem einzigen hiezu</span><br/> <span class="ft1">Berechtigten erhoben wurde bzw. wenn sie sich nicht gegen alle ein-</span><br/> <span class="ft1">gesetzten Erben richtet, denn die Erbbescheinigung muss sämtliche</span><br/> <span class="ft1">Personen anführen, die zusammen die Erbengemeinschaft bilden und</span><br/> <span class="ft1">gesamthänderisch über den Nachlass verfügen können (Karrer,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., N 13 zu Art. 559 ZGB; Tuor/Picenoni, a.a.O., N 16 zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 559 ZGB; Paul Piotet, Schweizerisches Privatrecht, Bd. IV/2,</span><br/> <span class="ft1">Basel/Stuttgart 1981, S. 725 f.; Eduard Sommer, Die Erbbeschei-</span><br/> <span class="ft1">nigung nach schweiz. Recht, Diss. Zürich 1941, S. 45; AGVE 1984</span><br/> <span class="ft1">S. 676). Die Verweigerung der Erbbescheinigung verhindert lediglich</span><br/> <span class="ft1">die (vorläufige) Auslieferung der Erbschaft an die eingesetzten</span><br/> <span class="ft1">Erben; über den Bestand des Erbanspruchs besagt sie nichts. Dieser</span><br/> <span class="ft1">ist im Rahmen der erbrechtlichen Klagen durch den ordentlichen</span><br/> <span class="ft1">Richter zu klären. Die Einsprache bezweckt einzig die</span><br/> <span class="ft1">Aufrechterhaltung einer prozessualen Situation. Ihre Wirkungen</span><br/> <span class="ft1">bestehen daher längstens bis zur Verjährung bzw. Verwirkung der</span><br/> <span class="ft1">erbrechtlichen Klagen (ZR 1986 S. 27; Sommer, a.a.O., S. 49).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>