B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4942/2017 D-4924/2017 U r t e i l v o m 2 6 . A u g u s t 2 0 1 9 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Sylvie Cossy, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiberin Norzin-Lhamo Ritsatsang. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), und das Kind C._______, geboren am (…), Eritrea, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügungen des SEM vom 21. August 2017. D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. A._______ und B._______ gelangten am 9. Juni 2015 in die Schweiz, wo sie gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ um Asyl nachsuchten. Am 17. Juni 2015 wurden die Beschwerdeführenden ins Bundeszentrum E._______ und am 2. Juli 2015 ins EVZ F._______ transferiert. B. B.a Am 6. Juli 2015 wurde der Beschwerdeführer zu seiner Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]) und am 12. Oktober 2016 eingehend sowie am 7. April 2017 ergänzend angehört. Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er im Wesentlichen aus, er stamme aus G._______, Verwaltungseinheit H._______, Zoba I._______. Seine Eltern seien altersbedingt gesundheitlich angeschlagen, daher habe er seine Familie unterstützen und arbeiten müssen. Aufgrund vieler Fehl- stunden sei er daraufhin in der (…). Klasse von der Schule verwiesen wor- den. Nach dem Schulabbruch sei er im (…) Monat 2014 schriftlich in den Nationaldienst einberufen worden. Da er nicht habe einrücken wollen, sei er nach (…) Tagen nach J._______ in die Einöde gegangen, um zu arbei- ten und sich zu verstecken. (…) Monate später hätten sich die Razzien intensiviert, weshalb er den Entschluss gefasst habe, das Land zu verlas- sen. Im (…) 2014 habe er in Äthiopien die Beschwerdeführerin kennenge- lernt. Sie seien anschliessend gemeinsam nach Europa geflüchtet. Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte er die Identitätskarte seiner Eltern und einen Schülerweis (jeweils in Kopie) ein. B.b Am 6. Juli 2015 wurde die Beschwerdeführerin zu ihrer Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]) und am 8. November 2016 eingehend sowie am 9. Juni 2017 ergänzend angehört. Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte sie im Wesentlichen aus, sie stamme aus K._______, Subzoba L._______, Zoba M._______. Sie habe die Schule in der (…). Klasse abgebrochen, um ihre kranke Mutter zu pfle- gen. Sie habe drei Mal eine Vorladung erhalten. Die Behörden hätten ge- sagt, dass sie nach N._______ gehen solle. Die Lebensumstände im Dorf, D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 3 wo sie zuletzt gelebt habe, seien schwierig gewesen, deshalb habe sie sich entschieden, nach Äthiopien zu gehen. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichte sie zwei Fotos ihrer Schul- zeugnisse ein. C. Am (…) kam das gemeinsame Kind der Beschwerdeführenden, C._______, zur Welt. D. Am 25. April 2017 wurde der Beschwerdeführer von der Vorinstanz er- sucht, zu seinen familiären Verhältnissen Stellung zu nehmen. E. Am 6. Mai 2017 (Poststempel) nahm der Beschwerdeführer Stellung. F. Mit separaten Verfügungen vom 21. August 2017 – jeweils am 22. August 2017 eröffnet – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug an. G. Gegen diese Entscheide erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingaben vom 1. September 2017 (Poststempel) Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht und beantragten die Aufhebung der angefochtenen Verfügun- gen und die Anordnung von vorläufigen Aufnahmen wegen Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung einher- gehend mit dem Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. H. Mit Zwischenverfügungen vom 12. September 2017 stellte die damals zu- ständige Instruktionsrichterin fest, dass die Beschwerdeführenden den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könnten und hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung gut. D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 4 I. Mit Eingaben vom 19. September 2017 wurden die entsprechenden Für- sorgebestätigungen nachgereicht. Der Beschwerdeführer legte zudem eine Kopie seiner Student Identification Card ins Recht. J. In ihren Vernehmlassungen vom 5. Oktober 2017 respektive 12. Oktober 2017 beantragte die Vorinstanz im Wesentlichen die Abweisung der Be- schwerden. K. Am 13. Oktober 2017 wurde die Vernehmlassung des SEM vom 12. Okto- ber 2017 dem Beschwerdeführer zur Kenntnis gebracht. L. Am 23. Oktober 2017 repli zierte die Beschwerdeführerin. Sodann bean- tragten die Beschwerdeführenden die Vereinigung der Verfahren. M. Mit Eingabe vom 7. November 2017 wurde das Ergebnis eines DNA-Tests eingereicht, aus welchem hervorgeht, dass der Beschwerdeführer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Vater von C._______ ist. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be- handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM. Dabei entschei- det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was hier nicht zutrifft – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor wel- chem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (vgl. Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31–33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder das AsylG nichts anderes bes timmen (Art. 37 VGG; Art. 6 und Art. 105 ff. AsylG). 1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 5 1.4 Die Beschwerdeführenden sind legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwV G) und ihre Beschwerden erfolgten frist- und formgerecht (aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 52 Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerden einzutreten ist. 2. Bei den Beschwerdeführenden handelt es sich um Eltern mit einem Klein- kind. Aufgrund des engen persönlichen und sachlichen Zusammenhangs sind die Verfahren aus prozessökonomischen Gründen antragsgemäss zu vereinigen und es ist in einem Urteil über die vorliegenden Beschwerden zu entscheiden (vgl. auch MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl., 2013, S. 144 Rz. 3.17). 3. In ihren Rechtsmitteleingaben, bei welchen es sich um Laieneingaben han- delt, beantragen die Beschwerdeführenden die Anordnung von vorläufigen Aufnahmen wegen Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs. Prozessgegenstand bilden vorliegend – entsprechend den Be- schwerdevorbringen, welche in der Begründung immer wieder Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft und Art. 3 AsylG nehmen – die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Anordnung des Voll zugs der Wegwei- sung, während die Ablehnung der Asylgesuche und die Anordnung der Wegweisungen unangefochten in Rechtskraft erwachsen sind. 4. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 5. 5.1 5.1.1 Die Vorinstanz gelangte in ihrem Entscheid betreffend den Beschwer- deführer zum Schluss, dass dieser das Vorliegen der Flüchtlingseigen- schaft nicht habe glaubhaft machen können und somit das Asylgesuch ab- zulehnen sei. Hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung führte das SEM weiter aus, dass Eritrea gemäss übereinstimmenden Berichten zwar Defi- zite im Bereich der Menschenrechte aufweise. Den vorliegenden Akten seien jedoch k eine konkreten Hinweise auf eine drohende Behandlung oder Strafe in Verletzung von Art. 3 EMRK zu entnehmen. Die blosse Mög- lichkeit, bei der Rückkehr zwecks Zuführung zu einem militärischen Trai- ning allenfalls in Haft genommen zu werden, reiche für die Annahme eines „real risk“ nicht aus. Es könne davon ausgegangen werden, dass der Be-D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 6 schwerdeführer in Eritrea über ein gefestigtes soziales sowie ein vorhan- denes berufliches Netzwerk verfüge. Mit fristgleichem Entscheid werde für die Verlobte und das gemeinsa me Kind eine Wegweisung verfügt, damit ihnen ermöglicht werde, in der Einheit einer jungen und gesunden Familie zurückzukehren. 5.1.2 In seiner Rechtsmitteleingabe führte der Beschwerdeführer im We- sentlichen aus, dass ihm aufgrund seiner Flucht aus Eritrea, seines Alters und seines Geschlechts bei seiner Rückkehr die Einziehung in den eritrei- schen Militärdienst respektive Nationaldienst drohe und er ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt werde. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werde er zudem Opfer von Zwangsarbeit im Sinne von Art. 4 Abs. 2 EMRK. Der Wegweisungsvollzug verstosse somit gegen das Refoulement-Verbot. Es sei eine vorläufige Aufnahme wegen Unzulässig- keit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anzuordnen. 5.2 5.2.1 Die Vorinstanz führte in ihrem Entscheid betreffend die Beschwerde- führerin und das Kind aus, es lägen keine asylrelevanten Vorfluchtgründe vor. Auch vermöge die geltend gemachte illegale Ausreise vorliegend keine Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfolgung zu begründen, wes- halb das Asylgesuch abzulehnen sei. Hinsichtlich des Vollzugs der Weg- weisung führte das SEM weiter aus, dass sich aus den Akten keine indivi- duellen Gründe ergeben würden, die den Wegweisungsvollzug der Be- schwerdeführerin und den ihres Kindes als unzumutbar erscheinen lassen würden. Mit fristgleichem Entscheid werde für den Verlobten eine Wegwei- sung verfügt, damit ihnen ermöglicht werde, in der Einheit einer jungen und gesunden Familie zurückzukehren. Beide würden über Arbeitserfahrung in der (…) sowie über ein intaktes familiäres Beziehungsnetz verfügen. Mit dem landwirtschaftlichen Besitz ihrer Familie und dem Umstand, dass ein in O._______ lebender Bruder ihre Ausreise finanziert habe, sei auch eine gewisse finanzielle Grundlage für die Familie hinsichtlich ihrer Reintegra- tion in Eritrea gegeben. 5.2.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe führte die Beschwerdeführerin im We- sentlichen aus, dass ihr aufgrund ihrer Flucht aus Eritrea, ihres Alters und ihres Geschlechts bei ihrer Rückkehr die Ei nziehung in den eritreischen Militärdienst respektive Nationaldienst drohe und sie ernsthaften Nachtei- len im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt werde. Mit grosser Wahr- scheinlichkeit werde sie zudem Opfer von Zwangsarbeit im Sinne von Art. 4 D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 7 Abs. 2 EMRK. Der Wegweisungsvollzug verstosse somit gegen das Re- foulement-Verbot. Es sei eine vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anzuordnen. 5.2.3 In seiner Vernehmlassung vom 5. Oktober 2017 führte das SEM aus, aufgrund aktueller Länderinformationen sei davon auszugehen, dass die eritreischen Behörden bei Frauen, die verheiratet, schwanger oder Mutter seien, kein Interesse an einer Einberufung in den Nationaldienst hätten. Im Falle der Beschwerdeführerin – als Mutter eines Kleinkindes – könne ent- gegen der Darlegung in der Beschwerde deshalb nicht davon ausgegan- gen werden, dass ihr bei einer möglichen Rückkehr eine Einberufung drohe. 5.3 In ihrer Replik führte die Beschwerdeführerin aus, es sei ihr bewusst, dass nach neuer Rechtsprechung nicht davon ausgegangen werde, dass ihr bei einer Rückkehr eine Einberufung in den Nationaldienst drohe. Die Verfahren seien zu vereinigen, zumal A._______ der Vater des gemeinsa- men Kindes sei. Zum Beweis der Vaterschaft werde ein DNA-Test nachge- reicht. 6. Nachdem die Verfügungen im Asylpunkt nicht angefochten wurden und die Anordnung der Wegweisungen in Rechtskraft erwachsen ist, gilt es im Fol- genden zu prüfen, ob sich der Vollzug derselben als durchführbar erweist. Das Staatssekretariat regelt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz- lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG), wenn der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumut- bar oder nicht möglich ist. Bei der Geltendmachung von Wegweisungsvoll- zugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 6.1 Der Vollzug ist nach Art. 83 Abs. 3 AIG unzulässig, wenn völkerrechtli- che Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen- stehen. 6.2 6.2.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Glaubhaftigkeitsprüfung des SEM in der angefochtenen Verfügung betreffend den Beschwerdeführer nicht überzeugt. Das SEM D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 8 hält dem Beschwerdeführer vor, zunächst eine allgemeine Furcht vor einer zukünftigen Einberufung, jedoch kein tat sächlich erfolgtes Aufgebot gel- tend gemacht und erst auf Nachfrage hin das schriftliche Aufgebot erwähnt zu haben. Dies ist zutreffend. Das SEM lässt aber ausser Acht, dass der Beschwerdeführer das schriftliche Aufgebot direkt im übernächsten Satz erwähnte (vgl. act. A6 F7.01). Das schriftliche Aufgebot ist somit nicht nach- geschoben. Im Gegenteil, die Ausführungen zum Aufgebot in der BzP stim- men im Kern mit den Schilderungen anlässlich der Anhörung überein (vgl. act. A6 F7.02; A20 F83-99). Entgegen den Ausführungen des SEM hat der Beschwerdeführer sich zum Tag, an dem das Aufgebot ausgehändigt wor- den sei, nicht widersprüchlich geäussert. Aus dem Protokoll geht klar her- vor, dass die Behörden das Aufgebot dem Verwalter am Samstag gegeben hätten und dieser es dem Beschwerdeführer respektive seiner Mutter am Sonntag ausgehändigt habe (vgl. act. A20 F93-97). Die Aussage, dass die Mutter dem Verwalter am Samstag mitgeteilt habe, sie nehme das Aufge- bot nicht entgegen, lässt sich dem Protokoll nicht entnehmen (a.a.O. F97). Weiter wirft das SEM dem Beschwerdeführer vor, seinen Schilderungen in Bezug auf die Reaktion der Eltern mangle es an Substanz. Dabei lässt es ausser Acht, dass der Beschwerdeführer nebst dem Gesichtsausdruck auch je einen Monolog seiner Eltern wied ergibt, wobei vor allem der Mo- nolog der Mutter aussergewöhnliche Formulierungen enthält (a.a.O. F99 f.). Es ist zutreffend, dass der Beschwerdeführer in der BzP vorbrachte, unmittelbar nach Erhalt des Schreibens nach J._______ gegangen zu sein, während er anlässlich der Anhörung geltend machte, zwar am Sonntag das Haus verlassen zu haben, aber erst nach ungefähr (…) Tagen nach J._______ gegangen zu sein. Dieser Widerspruch erachtet das Bundes- verwaltungsgericht jedoch ebenso als vernachlässigbar wie die Anga be des Beschwerdeführers, Eritrea im Alter von 18 Jahren verlassen zu ha- ben, obwohl er im (…) 2014 noch minderjährig gewesen sei und erst am (…) 2014 das 18. Lebensjahr erreicht habe. Für die Glaubhaftigkeit der Schilderungen sprechen sodann, dass der Besc hwerdeführer auf Rück- frage hin in der Lage war, seinen Tagesablauf vom betreffenden Sonntag relativ ausführlich wiederzugeben. So habe er frei gehabt und nach dem Gottesdienst ein Fussballspiel geschaut und sei erst am Nachmittag gegen 14/15 Uhr nach Hause zurückgekehrt (a.a.O. F93, F98). Ebenfalls gelang es dem Beschwerdeführer die Vorladung in den Grundzügen zu beschrei- ben, wobei er zugibt, sich aufgrund des Zeitablaufs nicht an alle Details erinnern zu können. Dass der Beschwerdeführer dies eingesteht, kann im vorliegenden Kontext ebenfalls als Realkennzeichen gewertet werden. Ferner stimmt das vorgebrachte Rekrutierungsvorgehen bei minderjähri-D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 9 gen Schulabbrechern durch die lokale Verwaltung mit de n trotz einge- schränkter Quellenlage vorhandenen Informationen zu Eritrea überein (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Eritrea: Nationaldienst, 30. Juni 2017, S. 9; SFH: Eritrea: Rekrutierung von Minderjährigen, 21. Januar 2015, S. 4). Auch wenn nach einer Gesamtwürdigung letztlich nicht alle Zweifel ausgeräumt sind, bestehen durchaus gewisse Anhaltspunkte, wel- che die Vorbringen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit der Ein- berufung in den Militärdienst als glaubhaft erscheinen lassen. Demnach ist in Berücksichtigung des massgeblichen Beweismasses von Art. 7 AsylG davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer von den eritreischen Be- hörden mittels schriftlichem Aufgebot in den Militärdienst einberufen wor- den ist, er sich der Einberufung jedoch entzog und letztlich illegal aus Erit- rea ausgereist ist. 6.2.2 Als nächstes ist die Frage zu klären, ob dem Beschwerdeführer auf- grund der illegalen Ausreise eine Verfolgung droht. Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Her- kunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen des Landes – eine Gefähr- dungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. 6.2.3 Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwa r die Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Daher werden Personen, welche subjek- tive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 6.2.4 Gemäss aktueller Praxis des Bundesverwaltungsgerichts reicht eine illegale Ausreise allein zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht aus. Vielmehr ist eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsgefahr nur dann anzunehmen, wenn zusätzliche Anknüpfungspunkte vorliegen, wel- che zu einer Schärfung des Profils führen (vgl. Referenzurteil des Bundes- verwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 4.1 und 5.1 f.). 6.2.5 Die Vorinstanz stellt die geltend gemachte illegale Ausreise Eritrea nicht in Frage, gelangt aber zum Schluss, dass keine Anknüpfungspunkte vorliegen, welche den Beschwerdeführer in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, zumal das geltend gemachte schriftliche Militärdienstaufgebot aufgrund widersprüch- licher und oberflächlicher Angaben als unglaubhaft einzustufen und auch D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 10 davon auszugehen sei, dass der Beschwerdeführer Eritrea als Minderjäh- riger verlassen habe. Wie vorstehend ausgeführt, erachtet das Bundesver- waltungsgericht die vorgebrachte Einberufung in den Militärdienst dagegen als glaubhaft gemacht. Es ist demnach anzunehmen, dass sich der Be- schwerdeführer nur durch die (illegale) Ausr eise aus Eritrea einer flücht- lingsrechtlich relevanten Verfolgung durch die eritreischen Behörden ent- ziehen konnte (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3 E. 4.10). Da die Gewährung von Asyl nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet, ergibt sich daraus, dass in der Flucht aus Eritrea trotz bereits ausgehändigtem Militär- dienstaufgebot ein zusätzlicher Anknüpfungspunkt zu erkennen ist, wel- cher zusammen mit der illegalen Ausreise des Beschwerdeführers zur Be- jahung einer aktuellen Verfolgungsgefahr und folglich auch zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft zu führen hat. 6.2.6 Damit erweist sich der Wegweisungsvollzug betreffend den Be- schwerdeführer im vorliegenden Einzelfall als unzulässig und es ist eine vorläufige Aufnahme anzuordnen (vgl. Art. 83 Abs. 1 und Abs. 3 AIG). 6.3 6.3.1 Demgegenüber vermag die Beschwerdeführerin ihre Einberufung in den Militärdienst nicht glaubhaft zu schildern. Zwecks Vermeidung von Wiederholungen kann vollumfänglich auf die zut reffenden Erwägungen des SEM verwiesen werden. Hervorzuheben ist, dass sich die geltend ge- machten Vorbringen in kurzen und pauschalen Ausführungen und es der Beschwerdeführerin nicht gelang, die geltend gemachten Umstände auch nur ansatzweise lebensnah zu erzählen (vgl. act. A21 F120 ff.). Ausserdem gehen die Vorbringen auch in zeitlicher Hinsicht nicht auf (a.a.O. F142, F145). Mithin gelangte das SEM zu Recht zum Schluss, dass die geltend gemachte Einberufung der Beschwerdeführerin als unglaub haft einzustu- fen ist. 6.3.2 Nachdem bei der Beschwerdeführerin keine Anknüpfungspunkte vor- liegen, die zur Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft führen könnten, bleibt zu prüfen, ob sie allenfalls einen derivativen Anspruch hat, zumal ihr Lebenspartner und Vater des gemeinsamen Kindes die Flüchtlingseigen- schaft erfüllt. Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten von Flücht- lingen ebenfalls als Flüchtlinge anerkannt, wenn keine besonderen Um- stände dagegen sprechen, wobei die in dauernder eheähnlicher Gemein- schaft zusammenlebenden Personen den Ehegatten gleichgestellt werden (vgl. Art. 1a Bst. e der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 11 SR 142.311]). Die Beschwerdeführenden haben sich eigenen Angaben zu- folge nach ihrer Flucht aus Eritrea im August 2014 kennengelernt. Sie sind danach zusammen in die Schweiz gelangt, haben sich inzwischen verlobt, wohnen zusammen und sind Eltern eines gemeinsamen Kindes. Demnach ist vorliegend davon auszugehen, dass sie eine eheähnliche Gemeinschaft bilden und Ehegatten glei chgestellt werden. Die Familiengemeinschaft wurde zwar erst nach der Flucht begründet und der Beschwerdeführer hat kein Asyl, sondern eine vorläufige Aufnahme als Flüchtling. Trotzdem ist die Beschwerdeführerin vorliegend anspruchsberechtigt, derivativ als Flüchtling anerkannt zu werden (vgl. BVGE 2017 VI /4 E. 4.4.1 und Urteil des BVGer E-5669/2016 vom 18. Januar 2019 E. 4.1 [zur Publikation vor- gesehen]). Das in der Schweiz geborene Kind ist sodann ebenfalls in die Flüchtlingseigenschaft seines Vaters mitei nzubeziehen (Art. 51 Abs. 3 AsylG). 7. Nach dem Gesagten sind die Beschwerden betreffend die Flüchtlingsei- genschaft und den Wegweisungsvollzug gutzuheissen, die Dispositivzif- fern 1, 4 und 5 der angefochtenen Verfügungen des SEM vom 21. August 2017 sind aufz uheben und die Beschwerdeführenden als Flüchtlinge an- zuerkennen. Das SEM ist anzuweisen, sie vorläufig aufzunehmen (Art. 83 Abs. 8 AIG). 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann von der Beschwer- deinstanz von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zugesprochen werden (Art. 64 Abs. 1 VwVG). Da die Beschwerdeführenden im Beschwer- deverfahren jedoch nicht vertreten waren und nicht ersichtlich ist, welche verhältnismässig hohen Kosten ihnen entstanden sein könnten, ist ihnen trotz ihres Obsiegens keine Parteientschädigung zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-4942/2017 D-4924/2017 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird betreffend die Flüchtlingseigenschaft und den Weg- weisungsvollzug (Dispositivziffern 1, 4 und 5 der angefochtenen Verfü- gung) gutgeheissen. 2. Die Beschwerdeführenden werden als Flüchtlinge ane rkannt. Das SEM wird angewiesen, sie vorläufig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Norzin-Lhamo Ritsatsang Versand: