B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-7493/2016 U r t e i l v o m 2 8 . F e b r u a r 2 0 1 7 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren am (…), gemäss eigenen Angaben China (Volksrepublik), vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 2. November 2016 / N (…). D-7493/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin gelangte gemäss eigenen Angaben am 29. Okto- ber 2012 in die Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl ersuchte. B. Sie wurde am 23. November 2012 zu ihrer Person, zum Reiseweg und summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Eine eingehende Anhörung zu de n Gründen der Flucht fand am 1. April 2014 statt. Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch damit, dass sie chine- sische Staatsangehörige tibetischer Ethnie sei und aus B._______ (Tibet) stamme. Sie sei anlässlich einer Protestveranstaltung verhaftet worden. Anschliessend seien wöchentlich Polizisten zu ihr nach Hause gekommen. C. Mit Verfügung vom 1. April 2015 lehnte das SEM das Asylgesuch der Be- schwerdeführerin ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an, wobei ein Vollzug in die Volksrepublik Chin a explizit aus- geschlossen wurde. D. Eine gegen diese Verfügung erhobene Beschwerd e wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2873/2015 vom 9. November 2015 gutge- heissen, und die Sache wurde zur ergänzenden Sachverhaltsermittlung und erneuten Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen. E. Am 23. Dezember 2015 führte die Fachstelle LINGUA des SEM eine Ana- lyse der landeskundlich -kulturellen Kenntnisse und der Sprache der Be- schwerdeführerin durch. Der LINGUA-Bericht kam zum Schluss, dass die Sozialisation der Beschwerdeführerin eindeutig nicht in der von ihr ange- gebenen Region in Tibet, sondern vielmehr in einer exiltibetischen Gemein- schaft ausserhalb Chinas erfolgt sei. F. Am 11. April 2016 hörte das SEM die Beschwerdeführerin zu den Ergeb- nissen der LINGUA-Analyse an. D-7493/2016 Seite 3 G. Am 9. Juni 2016 reichte die Beschwerdeführerin einen Brief und ein Foto ihrer Mutter ein. H. Mit Verfügung vom 2. November 2016 (Eröffnung am 3. November 2016) stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigen- schaft nicht erfülle, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an, wobei der Vollzug nach China ex- plizit ausgeschlossen wurde. I. Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin mit Eingabe ihres Rechts- vertreters vom 2. Dezember 2016 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Gewäh- rung von Asyl. Eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung und amtlichen Rechtsverbeistän dung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 110a AsylG (SR 142.31) ersucht. J. Mit Zwischenverfügung vom 15. Dezember 2016 hiess das Gerich t den Antrag auf unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsverbeistän- dung gut und ordnete Herrn Dominik Löhrer als amtlichen Rechtsbeistand bei. K. In der Vernehmlassung vom 20. Dezember 2016 hielt das SEM an seinen bisherigen Ausführungen fest und beantragte die Abweisung der Be- schwerde. Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin am 22. De- zember 2016 zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den D-7493/2016 Seite 4 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Be - schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG ; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia len Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, d es Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die D-7493/2016 Seite 5 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch damit, dass sie chi- nesische Staatsangehörige tibetischer Ethnie sei und aus B._______, Tibet (Volksrepublik China) stamme, wo sie bis zur ihrer Flucht gelebt habe. Sie habe nie die Schule besucht und keinen Beruf erlernt. Am (…) hätten sich zwei junge Tibeter in B._______ angezündet. Sie sei anwesend gewesen und habe laut protestiert, weshalb sie verhaftet und für fünf Tage auf dem Polizeiposten festgehalten worden sei. Dank einer Bekannten ihrer Mutter sei sie freigekommen. In der Folge sei die Polizei jeweils einmal in der Wo- che zu ihr nach Hause gekommen und ihr Ehemann, welcher Händler ge- wesen sei, habe sein Geschäft nicht weiterführen dürfen. Deshalb habe sie zusammen mit ihrem Ehemann und den zwei Kindern China verlassen. Sie sei nach Nepal gereist und habe das Land auf dem Luftweg alleine verlas- sen, während sich ihr Ehemann und die Kinder weiterhin in Nepal aufhalten würden. 4.2 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass sich bereits aus der BzP und der Anhörung ergeben habe, dass die von der Beschwerdeführe- rin geltend gemachte Herkunft nicht glaubhaft sei. Die LING UA-Analyse, wonach die Beschwerdeführerin eindeutig nicht in B._______ und sehr wahrscheinlich nicht in Tibet, sondern ausserhalb Chinas in einer exiltibe- tischen Gemeinschaft sozialisiert worden sei, bestätige diese Annahme. Die Angaben der Beschwerdeführ erin zu Strassen und Bauten in ihrem Heimatort sowie zur administrativen Gliederung würden Lücken aufweisen, welche bei einer dort sozialisierten Person nicht zu erwarten wären. Ferner seien die Distanzangaben betreffend wichtige Orte fehlerhaft und die An- gaben zu einem wichtigen Kloster seien lückenhaft. Die Ausführungen zum Schulwesen seien nur teilweise zutreffend, während diejenigen zum Per- sonalausweis grösstenteils falsch gewesen seien. Der LINGUA -Experte sei auch erstaunt darüber gewesen, dass sie kaum Angaben über die be- rufliche Tätigkeit des Ehemannes habe machen können. Hinsichtlich der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse habe der Experte als Fazit festge- halten, dass die Beschwerdeführerin zwar über gewisse Kenntnisse ver- füge. Diese hätten jedoch nicht zwingend in Tibet vor Ort erworben werden D-7493/2016 Seite 6 müssen, sondern seien möglicherweise auch bloss erlernt. Die Angaben seien grösstenteils lückenhaft und würden nicht dem entsprechen, was von einer Person mit dem angegebenen biografischen Hintergrund zu erwarten wäre, weshalb die Sozialisation in B._______ zweifelhaft sei. Der sprachliche Teil der Analyse halte fest, dass die Phonetik/Phonologie – mit gewissen Abweichungen – dem Dialekt von B._______ entspreche. Die Morphologie sei jedoch durch zahlreich e Vereinfachungen geprägt, was für die exiltibetische Sprache typisch sei. Auch das Vokabular entspre- che demjenigen einer Exiltibeterin. Gemäss Experte sei nicht davon aus- zugehen, dass die Beschwerdeführerin während ihrer Aufenthalte in Nepal und in der Schweiz ihren heimatlichen Dialekt verloren hätte. Ihre Sprache weise auf allen drei Ebenen der Analyse, insbesondere bei der Morpholo- gie, Merkmale auf, welche der exiltibetischen Koine zuzuschreiben seien. Selbst mit dem Kontakt mit dem Exiltibetischen in N epal oder in der Schweiz könnte eine solche Veränderung der Sprache nicht erklärt wer- den, da dies nur oberflächlich und langsam geschehe. Schliesslich sei es gemäss LINGUA -Bericht ungewöhnlich, dass die Beschwerdeführerin kaum über Chinesisch-Kenntnisse verfüge. Der linguistische Teil der Ana- lyse halte als Fazit fest, dass die Beschwerdeführerin eindeutig nicht in B._______ (Tibet), sondern in einer exiltibetischen Gemeinschaft aus- serhalb Chinas sozialisiert worden sei. Der Beschwerdeführerin sei es im Rahm en des rechtlichen Gehörs nicht gelungen, die Feststellungen der LINGUA-Analyse zu entkräften. So habe sie im Wesentlichen lediglich ein gewendet, dass sie aus B._______ stamme. Auch der eingereichte Brief und das Foto der Mutter würden nichts an der Feststellung ändern, dass die Sozialisation nicht in Tibet stattgefunden habe. Es könne nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass es sich um ihre Mutter handle und es stelle sich die Frage, wieso die Mutter nicht eine Ko- pie des Familienbüchleins und andere Fotos, auf welchen die Beschwer- deführerin zu sehen sei, geschickt habe. Da eine Sozialisation in Tibet zu verneinen sei, werde den Fluchtgründen die Grundlage entzogen. Ohnehin seien die diesbezüglichen Vorbringen unlogisch, widersprüchlich und ohne Realkennzeichen, so dass sie das Er- gebnis der LINGUA-Analyse untermauern würden. So sei nicht nachvoll- ziehbar, wieso die Beschwerdeführerin gerade an diesem Tag das Haus verlassen habe, um das erste Mal in ihrem Leben zu demonstrieren. Ferner D-7493/2016 Seite 7 seien die Zeitangaben zum geschilderten Vorfall nicht nachvollziehbar und ungenau. Es sei auch kaum verständlich, wieso sie die Personen, welche sich selbst verbrannt hätten, anhand von Fotos verwechselt habe. Die Schilderung des Reisewegs sei ebenfalls ohne Realkennzeichen erfolg t. Die Beschwerdeführerin sei nicht in der Lage gewesen, die Grenzüberque- rung bei C._______ und die Weiterreise in die Schweiz anschaulich und detailliert zu schildern. Gemäss aktueller Rechtsprechung könne bei Personen tibetischer Ethnie, welche über ihre Sozialisation unglaubhafte Angaben machen würden, da- von ausgegangen werden, sie würden in einem Drittland über eine Aufent- haltsbewilligung oder eine Duldung verfügen, wodurch keine Gründe ge- gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort vorlägen. Das Asylge- such sei daher abzulehnen. 4.3 Diesen Erwägungen wurde in der Beschwerdeschrift entgegnet, die Schlussfolgerungen der LINGUA-Analyse seien problematisch. Von einer Person, welche nie zur Schule gegangen sei und sich meistens im selben Quartier in B._______ aufgehalten habe, dürfe keine lückenlose Auskunft über das Schulsystem, die administrative Einteilungen und Distanzen er- wartet werden. Es sei zu vermuten, dass das SEM der Beschwerdeführerin nicht glaube, ungebildet zu sein, zumal ihr in Frage 2 3 der e rgänzenden Anhörung vorgeworfen worden sei, sie sehe nicht aus, als sei sie ihr gan- zes Leben zuhause gewesen und sie habe sich soeben auf Englisch mit ihrem Rechtsvertreter verständigt. Inwiefern man aus dem Aussehen da- rauf schliessen könne, wo sich jemand in seinem Leben aufgehalten habe, sei fraglich. Das SEM habe gänzlich ausgeblendet, dass sich die Be- schwerdeführerin damals schon beinahe vier Jahre in der Schweiz aufge- halten habe. Letztlich habe man der Beschwerdeführerin mit der Frage 23 wohl mitteilen wollen, man gehe davon aus, sie lüge. Die Beschwerdeführerin habe sehr viele richtige Angaben gemacht. Sie habe ihren Wohnort beschreiben können und über Tempel, Strassen und Klöster, das Spital, den Markt, das Kino sowie den Bahnhof Bescheid ge- wusst. Ihr sei vorgehalten worden, sie könne keine Kreise angeben, welche zu B._______ gehören würden. Ihre Nachfrage, was damit gemeint sei, habe man ihr mit den Worten zurückgeschoben, sie müsse am besten wis- sen, welche Kreise gemeint seien. Das SEM selbst habe offensichtlich keine Ahnung, von was überhaupt die Rede sei im LINGUA-Bericht. Ihr sei vorgeworfen worden, sie habe falsche Angaben zur Begehung und der D-7493/2016 Seite 8 Umgebung von Klöstern gemacht, und dabei habe man nicht berücksich- tigt, dass sie die Klöster selbst kenne und angegeben habe, was man von dort erblicken könne. Hinsichtlich der Verortung des Bahnhofs habe man ihr vorgeworfen, sie wisse nicht, ob er im Osten der Stadt liege. Dazu sei zu sagen, dass auch der Rechtsvertreter nicht angeben könnte, ob sich der Bahnhof Zürich im Osten, Süden oder Westen der Stadt befinde und es sei zu bezweifeln, ob die Mitarbeitenden des Bundesverwaltungsgerichts eine entsprechende Angabe über den Bahnhof St. Gallen machen könnten. Das Wissen der Beschwerdeführerin entspreche gesamthaft betrachtet s omit durchaus einer Person, welche nie zur Schule gegangen sei und stets im selben Quartier gelebt habe. Zum linguistischen Teil der Analyse sei anzumerken, dass der Experte zwar sehr bestimmt habe sagen können, sie sei nicht in B._______ sozialisiert worden, nicht aber, wo denn die Sozialisation tatsächlich stattgefunden habe. Die Beschwerdeführerin sei erstaunt über die Ansicht des Sachver- ständigen und betone, dass sie tatsächlich in B._______ gelebt habe und den dortigen Dialekt spreche. Mithin könne aus der LINGUA-Analyse auch der Schluss gezogen werden, sie sei in B._______ sozialisiert worden. 5. 5.1 Das SEM hat das Asylgesuch der Beschwerdeführerin zu Recht abge- lehnt. Im BVGE 2014/12 präzisierte das Gericht seine Praxis gemäss EMARK 2005 Nr. 1 dahingehend, dass bei Personen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder verheimlichen würden, vermutungs- weise davon auszugehen sei, dass keine flüchtlings - oder wegweisungs- beachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ihr en bisherigen Aufent- haltsort beständen. Denn die Abklärungspflicht der Asylbehörden finde ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Verunmögli- che eine tibetische Asylsuchende durch die Verletzung ihrer Mitwirkungs- pflicht die Abklärung, welchen effektiven Status sie in Nepal respektive in Indien innehabe, könne namentlich keine Drittstaatenabklärung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden. Überdies werde durch die Ver- heimlichung und Verschleierung der wahren Herkunft auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Person in Bezug auf ihr effektives Heimatland verunmöglicht (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 f.). 5.2 Aufgrund der Aktenlage besteht Grund zur Annahme, dass die Be- schwerdeführerin ihre wahre Herkunft zu verschle iern versucht. Dabei D-7493/2016 Seite 9 kann hauptsächlich auf die LINGUA-Analyse verwiesen werden. Eine sol- che LINGUA-Analyse stellt zwar kein Sachverständigengutachten (Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57 ff. des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über den Bundeszivilprozess [BZP , SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), sondern eine schriftliche Auskunft einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG) dar. Sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Experten wie auch an die in- haltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analyse erfüllt sind, ist ihr jedoch erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2014/12 E. 4.2.1 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 14 E. 7 und EMARK 1998 Nr. 34). Dies ist vorliegend zu bejahen. Die LINGUA-Analyse ist fundiert und mit einer überzeugenden sowie ausgewogenen Begründung versehen, die zu kei- nen Beanstandungen Anlass gibt. So wurde insbesondere auch der bio- grafische Hintergrund der Beschwerdeführerin (Hausfrau mit mangelnder Schulbildung) in die Beurteilung einbezogen. Zudem bestehen an der fach- lichen Qualifikation des Sachverständigen keine Zweifel, weshalb der vor- liegenden Sprach- und Herkunftsanalyse nach den erwähnten Kriterien er- höhter Beweiswert zugemessen und von ihrer inhaltlichen Richtigkeit und Vollständigkeit ausgegangen wird. Der Einwand auf Beschwerdeebene, die LINGUA-Analyse würde auch den Schluss zulassen, dass die Beschwerdeführerin in B._______ sozialisiert worden sei, überzeugt nicht. So wurde in der Analyse überzeugend ausge- führt, dass die Beschwerdeführer trotz gewisser Kenntnisse von B._______ über Wissenslücken verfüge, welche sich kaum erklären lies- sen und ihre Sprache in den Bereichen der Phonetik/Phonologie, der Mor- phologie und des Lexikons eine exiltibetische Prägung aufweise, welche nicht nur oberflächlich sei, sondern auch tief verankerte Bereiche der Sprechweise betreffe, so dass sich dies nicht mit dem Hinweis auf die Auf- enthalte in Nepal und der Schweiz erklären lasse. 5.3 Ferner wird die Annahme einer Täuschung über die tatsächliche Her- kunft durch die Unglaubhaftigkeitsmomente in den Aussagen hinsichtlich der Vorfluchtgründe bekräftigt. So sind die Schilderungen der Beschwer- deführerin zu den Selbstverbrennungen sowie der Inhaftierung vage (vgl. act. A15 F118 bis F152) und hinsichtlich der zeitlichen Abfolge der Selbst- verbrennung und dem Auftauchen der Polizisten sowohl widersprüchlich als auch unlogisch. So sagte sie aus, dass sie sich zwei Stunden auf dem Platz befunden habe, als die Polizisten aufgetaucht seien (vgl. act. A15 F120). Sie sei zum Platz gekommen, als die Personen bereits am Brennen gewesen seien (vgl. ebd. F124). Anschliessend fügte sie an, sie habe, als D-7493/2016 Seite 10 sie zum Platz gekommen sei, die Personen brennen gesehen und habe die Polizisten, welche – im Widerspruch zur früheren Aussagen – bereits dort gewesen seien, aufgefordert, die Flammen zu löschen (vgl. ebd. F 125, F126, F129, 134 und 138 ). Es habe etwa eine Stunde gedauert, bis die Flammen gelöscht worden seien, vielleicht auch mehr als eine Stunde oder etwas mehr als eine halbe Stunde (vgl. ebd. F135 f.). Letztere Aussage lässt sich weder mit der allgemeinen Logik noch mit dem vom SEM er- wähnten Bericht, wonach der ganze Vorfall nach 15 Minuten vorbeigewe- sen sei, vereinbaren (vgl. ebd. F137). 5.4 Schliesslich vermögen auch der eingereichte Brief und das Foto die Herkunft und Sozialisation in Tibet nicht zu belegen, zumal sich aus diesen Dokumenten nur sehr beschränkte Aussagen über d ie Herkunft ableiten lassen. S ie sind somit nicht geeignet, die s oeben angesprochenen Ele- mente, welche eindeutig gegen die Herkunft aus Tibet sprechen, aufzuwie- gen. 5.5 In Übereinstimmung mit dem SEM ist somit festzustellen, dass die Be- schwerdeführerin über ihre Herkunft täuschende Angaben gemacht hat. In Anwendung der in B VGE 2014/12 E. 5.10 entwickelten Rechtsprechung hat das SEM daher zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerde- führerin verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Au fnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei D-7493/2016 Seite 11 der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.2 Unter Hinweis auf die in Erwägung 5.1 skizzierte Rechtsprechun g ist der Vollzug der Wegweisung aufgrund der unglaubhaften Angaben der Be- schwerdeführerin zu ihrer Herkunft für zulässig, zumutbar und möglich zu erachten. 7.3 Nachdem diejenigen Tibeterinnen und Tibeter, die die chinesische Staatsbürgerschaft besitzen, in B ezug auf China zumindest subjektive Nachfluchtgründe haben, weil sie als Unterstützer des Dalai Lama und da- mit als separatistisch gesinnte Oppositionelle betrachtet werden und – wie- derum in Bezug auf China – die Flüchtlingseigenschaft erfüllen (vgl. BVGE 2009/29), ist an dieser Stelle, im Sinne einer Klarstellung und in Überein- stimmung mit der angefochtenen Verfügung, darauf hinzuweisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen und -Tibeter und somit auch für die Beschwerdefüh- rerin ein Vollzug der Wegweisung nach Ch ina auszuschliessen ist, da ihnen dort gegebenenfalls eine unmenschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten des Verfahrens der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 15. Dezember 2016 jedoch gutge- heissen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 10. Nachdem der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtsverbeistän- dung gewährt und Herr Dominik Löhrer als amtlicher Vertreter einge setzt wurde, ist Letzterem ein amtliches Honorar auszurichten. Der Rechtsver- treter hat keine Kostennote eingereicht, weshalb das amtliche Honorar auf-D-7493/2016 Seite 12 grund der Akten zu bestimmen und unter Berücksichtigung der massgebli- chen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) auf insgesamt Fr. 450.– (inklusive Auslagen) festzusetzen ist. D-7493/2016 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Herrn Dominik Löhrer wird zu Lasten des Gerichts ein amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 450.– (inklusive Auslagen) ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Linus Sonderegger Versand: