<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 225</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">225</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>X. Wahlen und Abstimmungen</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>54 Politische</b></span> <span class="ft2"><b>Rechte</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bei der Unterzeichnung eines Volksbegehrens (Referendum/Initiati-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ve) müssen schreibfähige Stimmberechtigte sowohl den Namensein-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>trag als auch die Unterschrift eigenhändig vornehmen (Erw. 4.5).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Für Hilfsangaben (Vornamen, Geburtstag und Adresse) gelten keine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>qualifizierten Formvorschriften. Auch hinsichtlich der Hilfsangaben</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Eigenhändigkeit zu verlangen, läuft auf überspitzten Formalismus</b></span><br/> <span class="ft2"><b>hinaus (Erw. 4.6).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Das Merkblatt der Staatskanzlei vom 8. April 2002, welches vollum-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fängliche Eigenhändigkeit verlangt, kann künftig insoweit nicht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mehr zur Anwendung gelangen (Erw. 6.1).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 2. März 2011 in Sachen F.</span><br/> <span class="ft5">und Konsorten (WBE.2010.347).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">4.4.</span><br/> <span class="ft7">Materiell umstritten ist die Auslegung von § 43 GPR. Im Sinne</span><br/> <span class="ft7">einer Harmonisierung mit den Bundesvorschriften (Art. 61 des Bun-</span><br/> <span class="ft7">desgesetzes über die politischen Rechte vom 17. Dezember 1976</span><br/> <span class="ft7">[BPR; SR 161.1]) nahm der kantonale Gesetzgeber im Rahmen der</span><br/> <span class="ft7">Teilrevision des GPR, die per 1. Juli 2000 in Kraft getreten ist, eine</span><br/> <span class="ft7">Anpassung des Wortlauts des § 43 GPR vor. Zur Vorbeugung von</span><br/> <span class="ft7">Fälschungen hatte der Bundesgesetzgeber zuvor Art. 61 BPR revi-</span><br/> <span class="ft7">diert und neu vorgeschrieben, dass auf den Initiativ- und Referen-</span><br/> <span class="ft7">dumsbögen zusätzlich zum handschriftlichen Namen die eigenhändi-</span><br/> <span class="ft7">ge Unterschrift beigefügt werden muss. Diese Vorgaben übernahm</span><br/> <span class="ft7">der kantonale Gesetzgeber für das kantonale Recht vollumfänglich,</span><br/> <span class="ft7">da die Bundesvorschriften nur für die eidgenössischen Volksinitiati-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">226</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">ven und Referenden direkt gegolten hätten (vgl. Botschaft des Regie-</span><br/> <span class="ft7">rungsrats des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom</span><br/> <span class="ft7">25. März 1999, 99.105, S. 7). § 43 GPR stimmt damit im Wortlaut</span><br/> <span class="ft7">materiell mit Art. 61 BPR überein:</span><br/> <span class="ft5">§ 43 GPR:</span><br/> <span class="ft8"><sup>1</sup></span> <span class="ft5">Die Stimmberechtigten müssen ihren Namen handschriftlich und leserlich</span><br/> <span class="ft5">auf die Unterschriftenliste setzen sowie zusätzlich ihre eigenhändige Unter-</span><br/> <span class="ft5">schrift beifügen. Schreibunfähige können die Eintragung ihres Namens durch</span><br/> <span class="ft5">eine stimmberechtigte Person ihrer Wahl vornehmen lassen.</span><br/> <span class="ft8"><sup>2</sup></span> <span class="ft5">Sie müssen alle weiteren Angaben machen, die zur Feststellung ihrer Iden-</span><br/> <span class="ft5">tität nötig sind, wie Vornamen, Jahrgang, Adresse.</span><br/> <span class="ft8"><sup>3</sup></span><span class="ft5">Sie dürfen das gleiche Referendumsbegehren nur einmal unterschreiben.</span><br/> <span class="ft7">4.5.</span><br/> <span class="ft7">Auszugehen ist bei der Auslegung von diesem Gesetzeswort-</span><br/> <span class="ft7">laut. Aus § 43 Abs. 1 GPR ergibt sich, dass jede stimmberechtigte</span><br/> <span class="ft7">Person ihren eigenen Namen selbst und von Hand und daneben ihre</span><br/> <span class="ft7">Unterschrift eigenhändig eintragen muss (mit Ausnahme der schreib-</span><br/> <span class="ft7">unfähigen Personen). Wie die Bundeskanzlei zutreffend ausführt,</span><br/> <span class="ft7">zeigt gerade die präzise Regelung dieser Ausnahme, wie ernst es dem</span><br/> <span class="ft7">Gesetzgeber damit war, die Unterzeichnung auch eidgenössischer</span><br/> <span class="ft7">Volksbegehren als höchstpersönliches Recht auszugestalten. Aus</span><br/> <span class="ft7">diesem Grund kann die eigenhändige Unterschrift allein nicht genü-</span><br/> <span class="ft7">gen; es widerspräche klarem Willen des Gesetzgebers, Fremdeinträge</span><br/> <span class="ft7">des Namenszugs zu tolerieren. So verzichtete der Bundesgesetzgeber</span><br/> <span class="ft7">anlässlich der Einführung des Erfordernisses eigenhändiger Unter-</span><br/> <span class="ft7">schrift nicht auf den eigenhändigen Eintrag des Namens, sondern</span><br/> <span class="ft7">verlangte ausdrücklich kumulativ ("zusätzlich") Eigenhändigkeit für</span><br/> <span class="ft7">Namenseintrag und Unterschrift. In dieser Formstrenge kann kein</span><br/> <span class="ft7">überspitzter Formalismus gesehen werden. (...)</span><br/> <span class="ft7">4.6.</span><br/> <span class="ft7">4.6.1.</span><br/> <span class="ft7">Entgegen den Ausführungen des Regierungsrats ergibt sich in-</span><br/> <span class="ft7">des die von ihm verlangte Eigenhändigkeit sämtlicher Angaben we-</span><br/> <span class="ft7">der aus dem Gesetz noch lässt sich dies aus den Vorgaben des Bun-</span><br/> <span class="ft7">des zur einheitlichen Handhabung ableiten. § 43 Abs. 2 GPR verlangt</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">227</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">vielmehr einzig, dass die Stimmberechtigten die nötigen Angaben</span><br/> <span class="ft7">zur Feststellung der Identität machen müssen, wobei im Gegensatz</span><br/> <span class="ft7">zur Formulierung in § 43 Abs. 1 GPR das Erfordernis der Eigenhän-</span><br/> <span class="ft7">digkeit bzw. der Handschriftlichkeit nicht genannt wird. Die weiteren</span><br/> <span class="ft7">Angaben gemäss § 43 Abs. 2 GPR sind denn auch als blosse Hilfs-</span><br/> <span class="ft7">angaben zu verstehen. Vornamen, Geburtsdatum und Adresse sind,</span><br/> <span class="ft7">soweit zur Identifikation nötig, anzugeben. Soweit eine Person ohne</span><br/> <span class="ft7">erheblichen Aufwand identifizierbar ist (dies dürfte insbesondere in</span><br/> <span class="ft7">kleineren Gemeinden eher der Fall sein), könnten sogar ihr Name</span><br/> <span class="ft7">und ihre Unterschrift für die Rechtsgültigkeit genügen. Daher darf</span><br/> <span class="ft7">ihre Angabe von vornherein nicht an qualifizierte Formvorschriften</span><br/> <span class="ft7">gebunden werden. Dies entspricht der gewachsenen und gefestigten</span><br/> <span class="ft7">Praxis der Bundeskanzlei bei Volksbegehren auf Bundesebene.</span><br/> <span class="ft7">Hilfsangaben (Vornamen, Geburtstag und Adresse) werden</span><br/> <span class="ft7">folglich seitens der Bundeskanzlei in konstanter Praxis auch dann</span><br/> <span class="ft7">anerkannt, wenn sie z.B. mit Schreibmaschine oder von fremder</span><br/> <span class="ft7">Hand eingesetzt oder durch Gänsefüsschen, dito oder dergleichen er-</span><br/> <span class="ft7">teilt worden sind. Unterschriften mit der Begründung zu streichen,</span><br/> <span class="ft7">vom Gesetzgeber klar als Hilfsangabe charakterisierte Hinweise</span><br/> <span class="ft7">seien nicht eigenhändig erteilt worden, läuft auf überspitzten For-</span><br/> <span class="ft7">malismus hinaus und schützt die Ausübung der politischen Rechte</span><br/> <span class="ft7">nicht mehr, sondern dient im Gegenteil der Verhinderung ihrer wirk-</span><br/> <span class="ft7">samen Wahrnehmung. Ein überspitzter Formalismus ist gerade auch</span><br/> <span class="ft7">im Bereich der Volksrechte absolut zu vermeiden (...).</span><br/> <span class="ft7">4.6.2.-4.6.4. (...)</span><br/> <span class="ft7">5. (...)</span><br/> <span class="ft7">6.</span><br/> <span class="ft7">6.1.</span><br/> <span class="ft7">Der Vollständigkeit halber ist auf das kantonale Merkblatt der</span><br/> <span class="ft7">Staatskanzlei (Merkblatt der Staatskanzlei vom 8.</span> <span class="ft7">April</span> <span class="ft7">2002),</span><br/> <span class="ft7">worauf sich der Regierungsrat beruft und das zur Sicherstellung der</span><br/> <span class="ft7">einheitlichen Rechtsanwendung im Kanton sämtlichen Gemeinden</span><br/> <span class="ft7">und den Sekretariaten der Kantonalparteien zugestellt worden ist,</span><br/> <span class="ft7">einzugehen. Darin wird wörtlich ausgeführt:</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">228</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">"...</span><br/> <span class="ft5">2.</span><br/> <span class="ft5">Die Anforderung der Handschriftlichkeit bedeutet, auch wenn dies nicht expli-</span><br/> <span class="ft5">zit ausgeführt wird, das eigenhändige Niederschreiben dieser Angaben. Wird</span><br/> <span class="ft5">lediglich die Unterschrift des/der Stimmberechtigten eigenhändig gesetzt,</span><br/> <span class="ft5">werden also die übrigen zwingenden Angaben erkennbar von fremder Hand</span><br/> <span class="ft5">niedergeschrieben, so muss die Stimmrechtsbescheinigung von der Einwoh-</span><br/> <span class="ft5">nerkontrolle der zuständigen Gemeinde <i>verweigert</i> werden.</span><br/> <span class="ft5">3.</span><br/> <span class="ft5">Das Erfordernis der umfassenden Eigenhändigkeit dient dazu, Unregelmä-</span><br/> <span class="ft5">ssigkeiten bei der Sammlung von Unterschriften vorzubeugen."</span><br/> <span class="ft7">6.2</span><br/> <span class="ft7">Beim Merkblatt handelt es sich um eine sogenannte Verwal-</span><br/> <span class="ft7">tungsverordnung, die in erster Linie Regeln für das verwaltungs-</span><br/> <span class="ft7">interne Verhalten enthält. Verwaltungsverordnungen umschreiben</span><br/> <span class="ft7">grundsätzlich keine Rechte und Pflichten der Bürger. Konkret han-</span><br/> <span class="ft7">delt es sich beim Merkblatt (wie auch beim Kreisschreiben der</span><br/> <span class="ft7">Bundeskanzlei) um eine verhaltenslenkende Verwaltungsverordnung,</span><br/> <span class="ft7">mit der zum Zweck einer einheitlichen und rechtsgleichen Rechtsan-</span><br/> <span class="ft7">wendung auf die Ermessensausübung und die Handhabung offen for-</span><br/> <span class="ft7">mulierter Vorschriften abgezielt wird. Verwaltungsverordnungen</span><br/> <span class="ft7">können so genannte Aussenwirkungen entfalten und somit zumindest</span><br/> <span class="ft7">indirekt in die Rechtsstellung der Bürger zurückwirken (ausführlich</span><br/> <span class="ft7">zu Verwaltungverordnungen: BGE 128 I 167, Erw. 4.3, m.w.H.).</span><br/> <span class="ft7">Dass die Anwendung des Merkblatts hier derartige Aussenwirkungen</span><br/> <span class="ft7">zeitigte, bedarf keiner weiteren Erläuterungen. Verwaltungsverord-</span><br/> <span class="ft7">nungen bedürfen keiner förmlichen gesetzlichen Ermächtigung,</span><br/> <span class="ft7">können aber, da sie von der Verwaltungsbehörde und nicht vom ver-</span><br/> <span class="ft7">fassungsmässigen Gesetzgeber stammen, keine von der gesetzlichen</span><br/> <span class="ft7">Ordnung abweichende Bestimmung vorsehen (BGE 120 Ia 343,</span><br/> <span class="ft7">Erw. 2a, m.w.H.). Sie sind für die rechtsanwendenden Behörden ins-</span><br/> <span class="ft7">besondere auch für das Verwaltungsgericht nicht verbindlich, werden</span><br/> <span class="ft7">aber mitberücksichtigt, soweit sie eine dem Einzelfall angepasste</span><br/> <span class="ft7">sachgerechte Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmun-</span><br/> <span class="ft7">gen zulassen (AGVE 2006, S. 232, BGE 121 II 473, Erw. 2b mit</span><br/> <span class="ft7">Hinweisen). Die in der Verwaltungsverordnung vorgenommene Aus-</span><br/> <span class="ft7">legung des Gesetzes unterliegt somit der richterlichen Nachprüfung.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">229</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">6.3.</span><br/> <span class="ft7">Im Merkblatt wird mit der verlangten vollumfänglichen Eigen-</span><br/> <span class="ft7">händigkeit - wie dargelegt - ein zusätzliches, vom Gesetzeswortlaut</span><br/> <span class="ft7">nicht gedecktes Erfordernis aufgestellt, das sich zudem als überspitzt</span><br/> <span class="ft7">formalistisch erweist und der gefestigten Praxis der Bundeskanzlei</span><br/> <span class="ft7">widerspricht. In Anbetracht dessen, dass in einem derartigen Merk-</span><br/> <span class="ft7">blatt gerade keine von der gesetzlichen Ordnung abweichende Be-</span><br/> <span class="ft7">stimmung vorgesehen werden darf und auch aufgrund der (wie der</span><br/> <span class="ft7">Regierungsrat zutreffend darlegt) wünschenswerten einheitlichen</span><br/> <span class="ft7">Praxis auf Bundes-, Kantons- und kommunaler Ebene, kann das</span><br/> <span class="ft7">kantonale Merkblatt künftig insoweit somit nicht mehr zur Anwen-</span><br/> <span class="ft7">dung gelangen.</span><br/> <span class="ft7">(Hinweis: Das Bundesgericht hat eine Beschwerde gegen diesen</span><br/> <span class="ft7">Entscheid mit Urteil vom 15. Juli 2011 [1C_169/2011] abgewiesen.)</span><br/></div> </div> </body> </html>