<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">323</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1"><b>53</b></span> <span class="ft1"><b>Beschwerdebefugnis/Legitimation</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Beschwerdebefugnis der (Einwohner-)Gemeinde in Bausachen</b></span><br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 17. August 2016 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen A. AG, B. GmbH und C. AG gegen Departement Bau, Verkehr und</span><br/> <span class="ft3">Umwelt sowie Gemeinderat D. (WBE.2015.502, Beschwerdeverfahren I) und</span><br/> <span class="ft3">in Sachen Einwohnergemeinde D. gegen Departement Bau, Verkehr und Um-</span><br/> <span class="ft3">welt sowie Gemeinderat D. (WBE.2015.503, Beschwerdeverfahren II).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">I.</span><br/> <span class="ft6">1. (...)</span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">2.1.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss § 42 VPRG ist zur Beschwerde befugt a) wer ein</span><br/> <span class="ft6">schutzwürdiges eigenes Interesse an der Aufhebung oder der Ände-</span><br/> <span class="ft6">rung des Entscheids hat, b) jede andere Person, Organisation oder</span><br/> <span class="ft6">Behörde, die durch Bundesrecht oder kantonales Recht zur Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerde ermächtigt ist.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">324</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">2.2. (...)</span><br/> <span class="ft6">2.3.</span><br/> <span class="ft6">Fraglich ist hingegen, ob auch der Gemeinderat zur Beschwerde</span><br/> <span class="ft6">befugt ist (Beschwerdeverfahren II [WBE.2015.503]). Eine</span><br/> <span class="ft6">Konstellation im Sinne von § 42 lit. b VRPG (spezifische Ermächti-</span><br/> <span class="ft6">gung durch Bundesrecht oder kantonales Recht) liegt vorab nicht vor.</span><br/> <span class="ft6">Es ist deshalb zu prüfen, ob die Beschwerdebefugnis gestützt auf</span><br/> <span class="ft6">§ 42 lit. a VRPG gegeben ist. Der Gemeinderat bringt vor, als Adres-</span><br/> <span class="ft6">sat sei er vom angefochtenen Entscheid direkt betroffen, und er</span><br/> <span class="ft6">werde in seiner noch vorhandenen Gemeindeautonomie beschnitten,</span><br/> <span class="ft6">weshalb er beschwerdeberechtigt sei.</span><br/> <span class="ft6">Nach der Praxis kann sich auch eine (Einwohner-)Gemeinde auf</span><br/> <span class="ft6">§ 42 lit. a VPRG (bzw. früher § 38 Abs. 1 des Verwaltungsrechtspfle-</span><br/> <span class="ft6">gegesetzes vom 9. Juli 1968 [aVRPG]) berufen. Gleich wie beim pri-</span><br/> <span class="ft6">vaten Beschwerdeführer ist vorausgesetzt, dass sie ein schutzwürdi-</span><br/> <span class="ft6">ges eigenes Interesse geltend machen kann. Die öffentlichen Interes-</span><br/> <span class="ft6">sen einer (Einwohner-)Gemeinde sind eigene, wenn sie dem spezifi-</span><br/> <span class="ft6">schen lokalen Lebensbereich entspringen; gemeint sind jene Belange,</span><br/> <span class="ft6">welche die Gemeindeeinwohner erheblich anders als die Kantonsein-</span><br/> <span class="ft6">wohner im Allgemeinen berühren (vgl. AGVE 1989, S. 305 f.; 1988,</span><br/> <span class="ft6">S. 373; 1986, S. 322; VGE III/18 vom 2. März 2009</span><br/> <span class="ft6">[WBE.2006.430], S. 4; je mit Hinweisen). Nach ständiger Rechtspre-</span><br/> <span class="ft6">chung des Verwaltungsgerichts ist die Einwohnergemeinde (bzw. der</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat) in Bausachen nur dann zur Beschwerde befugt, wenn</span><br/> <span class="ft6">die kantonale Instanz entgegen der gemeinderätlichen Verfügung</span><br/> <span class="ft6">eine Baubewilligung erteilt hat - weil dies zu Veränderungen in der</span><br/> <span class="ft6">Gemeinde führt, welche der Gemeinderat für unzulässig hält - (vgl.</span><br/> <span class="ft6">AGVE 1989, S. 306; 1986, S. 322; VGE III/5 vom 23. Januar 2014</span><br/> <span class="ft6">[WBE.2013.113],</span> <span class="ft6">S. 3;</span> <span class="ft6">VGE III/18</span> <span class="ft6">vom</span> <span class="ft6">2. März</span> <span class="ft6">2009</span><br/> <span class="ft6">[WBE.2006.430], S. 5; M</span><span class="ft3">ICHAEL</span> <span class="ft6">M</span><span class="ft3">ERKER</span><span class="ft6">, Rechtsmittel, Klage und</span><br/> <span class="ft6">Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über die</span><br/> <span class="ft6">Verwaltungsrechtspflege, Kommentar zu den §§ 38-72 [a]VRPG,</span><br/> <span class="ft6">Diss., Zürich 1998, § 38 N 206), nicht hingegen, wenn eine</span><br/> <span class="ft6">Baubewilligung des Gemeinderats aufgehoben wird, weil dann die</span><br/> <span class="ft6">Situation der Gemeinde, wenn der Baugesuchsteller auf ein Rechts-</span><br/> <span class="ft6">mittel verzichtet, nicht anders ist, als wenn überhaupt kein Bauge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">325</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">such eingereicht worden wäre (AGVE 1989, S. 306 mit diversen</span><br/> <span class="ft6">Hinweisen; M</span><span class="ft3">ERKER</span><span class="ft6">, a.a.O., § 38 N 206). Es besteht im vorliegen-</span><br/> <span class="ft6">den Fall kein Grund, von dieser Rechtsprechung abzuweichen. Selbst</span><br/> <span class="ft6">wenn die Baubewilligung im Beschwerdeverfahren nämlich erteilt</span><br/> <span class="ft6">wird, hat die Gemeinde kein Mittel, die Ausführung der Baute durch-</span><br/> <span class="ft6">zusetzen; dies hängt völlig vom Willen des Baugesuchstellers ab (bei</span><br/> <span class="ft6">dem angenommen werden kann, er ergreife selbst ein Rechtsmittel,</span><br/> <span class="ft6">wenn er fest entschlossen ist zu bauen, so dass es in dieser Situation</span><br/> <span class="ft6">gar keiner eigenen Beschwerdelegitimation der Gemeinde bedarf).</span><br/> <span class="ft6">Es bleibt deshalb immer ungewiss, ob die Gemeinde die angestrebten</span><br/> <span class="ft6">Auswirkungen ihrer Beschwerde überhaupt erreichen kann. Ausser-</span><br/> <span class="ft6">dem hat sie, wenn sie die Bautätigkeit fördern will, dies durch gene-</span><br/> <span class="ft6">rell anwendbare und wirksame Massnahmen zu tun. Die besonders</span><br/> <span class="ft6">intensive Unterstützung eines Bauwilligen im Einzelfall - auch in</span><br/> <span class="ft6">prozessualer Hinsicht - erfüllt diese Voraussetzung nicht; sie ist nicht</span><br/> <span class="ft6">allgemein vorgesehen und kann es auch nicht sein, weil dies darauf</span><br/> <span class="ft6">hinausliefe, dass die Gemeinde in jedem Fall prozessiert, wenn sie</span><br/> <span class="ft6">vor der Beschwerdeinstanz nicht recht erhalten hat, also letztlich aus</span><br/> <span class="ft6">reiner Rechthaberei. Zudem bestünde bei derartigem Handeln im</span><br/> <span class="ft6">Einzelfall die erhebliche Gefahr objektiv nicht begründbarer</span><br/> <span class="ft6">Ungleichbehandlung (AGVE 1989, S. 307).</span><br/> <span class="ft6">Vorliegend hob die Vorinstanz die Baubewilligung des Gemein-</span><br/> <span class="ft6">derats auf, und zwar gestützt auf verschiedene kantonale Bauvor-</span><br/> <span class="ft6">schriften, deren Anwendung sie frei überprüfen durfte und musste</span><br/> <span class="ft6">(namentlich kantonale Definitionen/Begriffe bzw. Messweisen im</span><br/> <span class="ft6">Zusammenhang mit Geschossigkeit/Terrassierung und Gebäude-</span><br/> <span class="ft6">länge, aber auch Strassenabstandsvorschriften und Frage, ob die</span><br/> <span class="ft6">Voraussetzungen für Ausnahmebewilligungen erfüllt sind). Soweit es</span><br/> <span class="ft6">um die Anwendung und Auslegung kantonaler Bestimmungen geht,</span><br/> <span class="ft6">kann sich die Gemeinde auch nicht auf ihre Autonomie berufen. Ent-</span><br/> <span class="ft6">sprechend den vorstehenden Ausführung ist die Einwohnergemeinde</span><br/> <span class="ft6">(als deren Organ der Gemeinderat handelt) in einer solchen</span><br/> <span class="ft6">Konstellation nicht befugt, den Entscheid ans Verwaltungsgericht</span><br/> <span class="ft6">weiterzuziehen. Auf die Beschwerde im Beschwerdeverfahren II</span><br/> <span class="ft6">(WBE.2015.503) ist demgemäss nicht einzutreten.</span><br/></div> </div> </body> </html>