<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 37" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 37</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">239</span> </div> <div class="page" id="S239"> <div role="main"> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>37 </b> <b>Art. 450 Abs. 2 Ziff. 2 und 3 ZGB</b></span><br/> <span class="text">Keine Beschwerdelegitimation einer nahestehenden Person bei Ableh-</span><br/> <span class="text">nung der Mitwirkung durch die urteilsfähige betroffene Person trotz</span><br/> <span class="text">verwandtschaftlichem Verhältnis </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="text">nenschutz, vom 24. Mai 2019, i.S. M.K. (XBE.2019.8)</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.2</span><br/> <span class="text">Fraglich und nachfolgend zu prüfen ist, ob die Beschwerde-</span><br/> <span class="text">führenden zur Erhebung einer Rechtsverzögerungsbeschwerde</span><br/> <span class="text">legitimiert sind. Da die Erstattung einer Gefährdungsmeldung keine</span><br/> <span class="text">Beteiligung am Verfahren begründet (LUCA MARANTA, in: Basler</span><br/> <span class="text">Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Auflage 2018, N. 14 zu Vorbemer-</span><br/> <span class="text">kungen zu Art. 443-450g ZGB), können die Meldeerstatter nur</span><br/> <span class="text">verfahrenslegitimiert sein, wenn sie nahestehende Personen sind</span><br/> <span class="text">(Art. 450 Abs. 2 Ziff. 2 ZGB) oder ein (eigenes) rechtlich</span><br/> <span class="text">geschütztes Interesse haben (Art. 450 Abs. 2 Ziff. 3 ZGB).</span><br/> <span class="text">2.2.1.</span><br/> <span class="text">2.2.1.1.</span><br/> <span class="text">Zur Beschwerde zugelassen sind nach Art. 450 Abs. 2 Ziff. 2</span><br/> <span class="text">ZGB die der betroffenen Person nahestehenden Personen, sofern</span><br/> <span class="text">diese Drittbeschwerdeführer die Wahrung von Interessen des Schutz-</span><br/> <span class="text">bedürftigen geltend machen (vgl. BGE 137 III 67 E. 3.4.1). Es</span><br/> <span class="text">handelt sich dabei nach Lehre und Rechtsprechung um Personen,</span><br/> <span class="text">welche die betroffene Person zufolge Verwandtschaft oder Freund-</span><br/> <span class="text">schaft oder wegen ihrer Funktion oder beruflichen Tätigkeit (Arzt,</span><br/> <span class="text">Sozialhelfer, Priester oder Pfarrer etc.) gut kennen und kraft ihrer</span><br/> <span class="text">Eigenschaften sowie kraft ihrer Beziehungen zu dieser als geeignet</span><br/> <span class="text">erscheinen, deren Interessen zu wahren. Eine Rechtsbeziehung ist</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">240</span> </div> <div class="page" id="S240"> <div role="main"> <span class="text">nicht erforderlich. Entscheidend ist vielmehr die faktische</span><br/> <span class="text">Verbundenheit. Das Wort Nahestehen meint eine auf unmittelbarer</span><br/> <span class="text">Kenntnis der Persönlichkeit des Betroffenen, von diesem bejahte und</span><br/> <span class="text">von Verantwortung für dessen Ergehen geprägte Beziehung, die den</span><br/> <span class="text">Dritten geeignet erscheinen lässt, Interessen des Betroffenen wahr-</span><br/> <span class="text">zunehmen (LORENZ DROESE/DANIEL STECK, in: Basler Kommentar,</span><br/> <span class="text">Zivilgesetzbuch I, 6. Auflage 2018, N. 32 ff. zu Art. 450 ZGB; Urteil</span><br/> <span class="text">des Bundesgerichts [BGer] 5A_112/2015 vom 7. Dezember 2015 E.</span><br/> <span class="text">2.5.1.2; BGE 137 III 67 E. 3.4.1). Mit dem Erfordernis der Verfol-</span><br/> <span class="text">gung der Interessen der betroffenen Person wird die Beschwer-</span><br/> <span class="text">delegitimation der nahestehenden Person eingeschränkt.</span><br/> <span class="text">Im vorliegenden Fall pflegt die betroffene Person mit den</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführenden keine vertrauensvolle Beziehung. Der Be-</span><br/> <span class="text">troffene lehnt eine Einmischung seiner Geschwister und seiner</span><br/> <span class="text">Mutter in das erwachsenenschutzrechtliche Verfahren ausdrücklich</span><br/> <span class="text">ab. Mangels einer von der betroffenen Person bejahten engen</span><br/> <span class="text">Beziehung zu dieser, sind die Beschwerdeführenden trotz ihres</span><br/> <span class="text">verwandtschaftlichen Verhältnisses nicht geeignet, die Interessen</span><br/> <span class="text">ihres Bruders bzw. ihres Sohnes wahrzunehmen. Daher sind sie im</span><br/> <span class="text">konkreten Fall nicht als nahestehende Personen im Sinne von</span><br/> <span class="text">Art. 450 Abs. 2 Ziff. 2 ZGB qualifiziert.</span><br/> <span class="text">2.2.1.2.</span><br/> <span class="text">Die Ablehnung der Angehörigen durch die betroffene Person</span><br/> <span class="text">könnte nur dann allenfalls unberücksichtigt bleiben für die Frage der</span><br/> <span class="text">Zulassung als nahestehende Personen, wenn der betroffenen Person</span><br/> <span class="text">die Urteilsfähigkeit fehlen würde, um diese Bejahung oder</span><br/> <span class="text">Ablehnung - wie hier - vornehmen zu können. Es gilt diesbezüglich</span><br/> <span class="text">der allgemein gültige Grundsatz, dass eine urteilsfähige Person</span><br/> <span class="text">unabhängig davon, ob sie handlungsfähig oder handlungsunfähig ist,</span><br/> <span class="text">selbständig Rechte ausüben kann, die ihr um ihrer Persönlichkeit</span><br/> <span class="text">Willen zustehen (LORENZ DROESE/DANIEL STECK, a.a.o., N. 27 zur</span><br/> <span class="text">Art. 450 ZGB). Aus dem mit Eingabe der Familie X. vom 31. De-</span><br/> <span class="text">zember 2018 eingereichten Verlaufsbericht der Psychiatrischen</span><br/> <span class="text">Dienste Aargau AG (PDAG) zuhanden der SUVA vom 16. Novem-</span><br/> <span class="text">ber 2017 ergibt sich, dass nur eine leichte kognitive Störung vorliegt</span><br/> <span class="text">(vgl. act. 369). Damit ist der Betroffene durchaus in der Lage, zu</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">241</span> </div> <div class="page" id="S241"> <div role="main"> <span class="text">erkennen, um was es im erwachsenenschutzrechtlichen Verfahren</span><br/> <span class="text">geht und was er mit der Ablehnung der Einmischung der Familien-</span><br/> <span class="text">angehörigen in das erwachsenenschutzrechtliche Verfahren bewirkt.</span><br/> <span class="text">In derartigen persönlichen Angelegenheiten werden an die Urteils-</span><br/> <span class="text">fähigkeit keine hohen Anforderungen gestellt (vgl. ROLAND</span><br/> <span class="text">FANKHAUSER, in: Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Auflage</span><br/> <span class="text">2018, N. 34 zu Art. 16 ZGB). Somit bestehen vorliegend keine</span><br/> <span class="text">Anzeichen dafür, dass die betroffene Person nicht urteilsfähig wäre</span><br/> <span class="text">und daher die Mitwirkung ihrer Angehörigen nicht rechtswirksam</span><br/> <span class="text">ablehnen könnte.</span><br/> <span class="text">2.2.2.</span><br/> <span class="text">Nehmen nahestehende Personen eigene Interessen wahr, werden</span><br/> <span class="text">sie wie gewöhnliche Drittpersonen behandelt. Drittpersonen sind zur</span><br/> <span class="text">Beschwerde befugt, wenn sie ein rechtlich geschütztes Interesse an</span><br/> <span class="text">der Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entscheids haben</span><br/> <span class="text">(Art. 450 Abs. 2 Ziff. 3 ZGB). Ein bloss tatsächliches Interesse</span><br/> <span class="text">genügt nicht. Die Geltendmachung dieses eigenen (wirtschaftlichen</span><br/> <span class="text">oder ideellen) rechtlich geschützten Interesses ist nur zulässig, wenn</span><br/> <span class="text">es mit der fraglichen Massnahme direkt zusammenhängt bzw. mit der</span><br/> <span class="text">Massnahme geschützt werden soll und deshalb von der Erwach-</span><br/> <span class="text">senenschutzbehörde hätte berücksichtigt werden müssen (Urteil</span><br/> <span class="text">BGer 5A_979/2013 vom 28. März 2014 E. 4.2; LORENZ</span><br/> <span class="text">DROESE/DANIEL STECK, a.a.O., N. 37 ff. zu Art. 450 ZGB).</span><br/> <span class="text">Neben der geltend gemachten Sorge um die betroffene Person</span><br/> <span class="text">sind die Beschwerdeführenden an der Reputation und dem wirt-</span><br/> <span class="text">schaftlichen Fortkommen der X.-Gruppe interessiert. Damit ist das</span><br/> <span class="text">von der Familie X. verfolgte eigene Interesse sachlicher und finan-</span><br/> <span class="text">zieller Natur, also kein schützenswertes im Sinne des Erwachsenen-</span><br/> <span class="text">schutzes. Mangels eigenem rechtlich geschütztem Interesse, welches</span><br/> <span class="text">mit einer Massnahme geschützt werden soll, können die</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführenden sich nicht auf die Legitimation als Drittperson</span><br/> <span class="text">gemäss Art. 450 Abs. 2 Ziff. 3 ZGB berufen.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>