<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 42 S.180</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">180</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>42</b></span> <span class="ft2"><b>Einweisung zur Untersuchung; Aufhebung der fürsorgerischen Freiheit-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sentziehung, wenn deren Voraussetzungen mangels Geisteskrankheit oder</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Geistesschwäche nicht mehr gegeben sind.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Keine Geisteskrankheit/Geistesschwäche bei fraglicher Fremdge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fährdung im Ehekonflikt.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Zeigt sich anlässlich einer Klinikeinweisung zur Untersuchung, dass</b></span><br/> <span class="ft2"><b>keine Geisteskrankheit oder Geistesschwäche vorliegt, so ist der Pa-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tient aus der Klinik zu entlassen, auch wenn die Frage der Fremdge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fährdung (im Rahmen eines Ehekonflikts) nicht restlos geklärt ist.</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">181</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 16. Januar 2007 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen M.C.L. gegen den Bezirksarzt X. (WBE.2007.3).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">Bei einer Einweisung zur Untersuchung darf die betroffene Per-</span><br/> <span class="ft1">son gemäss § 67d Abs. 3 EG ZGB nur so lange zurückbehalten wer-</span><br/> <span class="ft1">den, als es für die Untersuchung unbedingt erforderlich ist. Der</span><br/> <span class="ft1">Klinikvertreter hat an der Verhandlung bestätigt, dass die im Rahmen</span><br/> <span class="ft1">des stationären Klinikaufenthalts mögliche Untersuchung des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers abgeschlossen ist. Die Frage der Fremdgefährdung</span><br/> <span class="ft1">könnte einzig durch ein forensisches Gutachten im Rahmen des</span><br/> <span class="ft1">Strafverfahrens näher abgeklärt werden. Es stellt sich somit die</span><br/> <span class="ft1">Frage, ob der Beschwerdeführer zu entlassen sei oder ob die</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzungen für eine definitive Einweisung zur Behandlung er-</span><br/> <span class="ft1">füllt seien.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzung für die Errichtung oder Aufrechterhaltung einer</span><br/> <span class="ft1">fürsorgerischen Freiheitsentziehung ist gemäss Art. 397a ZGB u.a.</span><br/> <span class="ft1">das Vorliegen einer Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Trunksucht,</span><br/> <span class="ft1">anderen Suchterkrankungen oder einer schweren Verwahrlosung.</span><br/> <span class="ft1">Bei den im ZGB verwendeten Begriffen Geisteskrankheit und</span><br/> <span class="ft1">Geistesschwäche handelt es sich um (veraltete) Rechtsbegriffe, die</span><br/> <span class="ft1">nicht im medizinischen Sinn zu verstehen sind und auch nicht ihrer</span><br/> <span class="ft1">Bedeutung in der Umgangssprache entsprechen (Eugen Spirig, in:</span><br/> <span class="ft1">Zürcher Kommentar, II. Band: Familienrecht, Zürich 1995, Art. 397a</span><br/> <span class="ft1">N 26 und 42; Thomas Geiser, in: Basler Kommentar, ZGB I/2, Ba-</span><br/> <span class="ft1">sel/Genf/München 1999, Art.</span> <span class="ft1">397a N 7). Während das</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgericht in Anlehnung an Hans Binder eine Geisteskrank-</span><br/> <span class="ft1">heit beim Auftreten psychischer Störungen, die stark auffallen und</span><br/> <span class="ft1">einem besonnenen Laien als uneinfühlbar, tiefgreifend abwegig, grob</span><br/> <span class="ft1">befremdend erscheinen, bejaht (vgl. Ernst Langenegger, in: Basler</span><br/> <span class="ft1">Kommentar, ZGB I/2, 2. Aufl., Basel/Genf/München 2002, Art. 369</span><br/> <span class="ft1">N 21; Spirig, a.a.O., Art. 397a N 27), fallen unter den Begriff der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">182</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Geistesschwäche andere seelische Abweichungen, welche (erheblich)</span><br/> <span class="ft1">auffallen, aber nicht völlig uneinfühlbar sind (Langenegger, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Art. 369 N 23; Spirig, a.a.O., Art. 397a N 44). Nach dieser Ausle-</span><br/> <span class="ft1">gung beschränkt sich Geistesschwäche im Sinne des ZGB nicht auf</span><br/> <span class="ft1">intellektuelle Mängel, sondern umfasst auch psychische Störungen</span><br/> <span class="ft1">von weniger gravierender Art als bei Geisteskrankheit (Hans Michael</span><br/> <span class="ft1">Riemer, Grundriss des Vormundschaftsrechts, Bern 1997, S. 47). Ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss herrschender Lehre sind damit alle weiteren seelischen Abwei-</span><br/> <span class="ft1">chungen gemeint, welche der Laie nicht geradezu als Krankheit</span><br/> <span class="ft1">erachtet, weil er den Eindruck hat, sich in das Seelenleben des an-</span><br/> <span class="ft1">dern noch einigermassen einfühlen zu können (Hans Binder, Die</span><br/> <span class="ft1">Geisteskrankheit im Recht, Zürich 1952, S. 78). Auch die Geistes-</span><br/> <span class="ft1">schwäche bezeichnet also einen dauerhaften, zumindest längere Zeit</span><br/> <span class="ft1">dauernden Zustand. Das Verwaltungsgericht betrachtet es als Indiz</span><br/> <span class="ft1">für das Vorliegen einer Geistesschwäche im Sinne des ZGB, wenn</span><br/> <span class="ft1">einer Person die Fähigkeit abgeht, sich in ihrem Verhalten der Umge-</span><br/> <span class="ft1">bung wenigstens so weit anzupassen, dass sie ihr Leben einigermas-</span><br/> <span class="ft1">sen geordnet und ihren eigenen dringenden Wünschen gemäss zu</span><br/> <span class="ft1">führen vermag (vgl. zum Ganzen AGVE 1996, S. 264 f.; 1990,</span><br/> <span class="ft1">S. 221 f.; 1989, S. 192, 195 f.; 1986, S. 197 f.; 1985, S. 207; 1983,</span><br/> <span class="ft1">S. 121 f.; 1982, S. 140 ff.).</span><br/> <span class="ft1">3.1.1.</span><br/> <span class="ft1">Anlässlich der verwaltungsgerichtlichen Verhandlung vom</span><br/> <span class="ft1">16. Januar 2007 erklärte der behandelnde Klinikarzt, dass aktuell</span><br/> <span class="ft1">kein depressives Zustandsbild des Beschwerdeführers vorliege, wo-</span><br/> <span class="ft1">bei dies auch auf die konstante Behandlung mit dem Antidepres-</span><br/> <span class="ft1">sivum Efexor zurückzuführen sei. Im Gegensatz zu einem an einer</span><br/> <span class="ft1">Depression erkrankten Patienten sei der Beschwerdeführer in der</span><br/> <span class="ft1">Lage, zu kämpfen und sich aufzubäumen, was dieses Krankheitsbild</span><br/> <span class="ft1">ausschliesse. Ebenfalls auszuschliessen seien eine Krankheit aus dem</span><br/> <span class="ft1">schizophrenen Formenkreis, Zwangs- oder Angststörungen sowie ei-</span><br/> <span class="ft1">ne Persönlichkeitsstörung. Auch die neurologische Untersuchung sei</span><br/> <span class="ft1">ohne Befund ausgefallen. Somit sei erstellt, dass keine akute</span><br/> <span class="ft1">psychiatrische Erkrankung vorliege. Allenfalls könne von einer ak-</span><br/> <span class="ft1">zentuierten Persönlichkeit des Beschwerdeführers gesprochen wer-</span><br/> <span class="ft1">den, was jedoch keine stationäre psychiatrische Behandlung notwen-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">183</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">dig mache. So gesehen seien die Voraussetzungen für eine fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft1">sche Freiheitsentziehung nicht mehr erfüllt; schwierig abzuschätzen</span><br/> <span class="ft1">sei jedoch die Frage der Fremdgefährdung.</span><br/> <span class="ft1">3.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Für das Verwaltungsgericht, dem auch ein Fachrichter angehört,</span><br/> <span class="ft1">steht auf Grund der Akten, der ärztlichen Befunde und der eigenen</span><br/> <span class="ft1">Wahrnehmung somit fest, dass keine behandlungsbedürftige akute</span><br/> <span class="ft1">psychiatrische Erkrankung des Beschwerdeführers vorliegt. Auch</span><br/> <span class="ft1">eine Geisteskrankheit oder Geistesschwäche im juristischen Sinn</span><br/> <span class="ft1">liegt nicht vor, da sich der Beschwerdeführer während des gesamten</span><br/> <span class="ft1">Klinikaufenthalts angepasst verhalten hat. Die Verhaltensauffällig-</span><br/> <span class="ft1">keiten im Zusammenhang mit den Konflikten zwischen ihm und</span><br/> <span class="ft1">seiner Ehefrau erreichen nicht das Mass einer Geistesschwäche, da</span><br/> <span class="ft1">keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass dem Beschwerdeführer die</span><br/> <span class="ft1">Fähigkeit abgeht, sich in seinem Verhalten der Umgebung wenig-</span><br/> <span class="ft1">stens so weit anzupassen, dass er sein Leben einigermassen geordnet</span><br/> <span class="ft1">und seinen eigenen dringenden Wünschen gemäss zu führen vermag.</span><br/> <span class="ft1">Überdies fehlt es offensichtlich auch an einer stationären Behand-</span><br/> <span class="ft1">lungsbedürftigkeit des Beschwerdeführers. Die nötige persönliche</span><br/> <span class="ft1">Fürsorge kann ihm ausserhalb der Klinik erwiesen werden. Entspre-</span><br/> <span class="ft1">chend hat er sich auch freiwillig bereit erklärt, die ambulante Thera-</span><br/> <span class="ft1">pie fortzusetzen.</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Somit steht fest, dass die Voraussetzungen für die Aufrecht-</span><br/> <span class="ft1">erhaltung der fürsorgerischen Freiheitsentziehung mangels Geistes-</span><br/> <span class="ft1">krankheit oder Geistesschwäche spätestens seit dem Verhandlungs-</span><br/> <span class="ft1">zeitpunkt nicht mehr gegeben sind, weshalb die fürsorgerische Frei-</span><br/> <span class="ft1">heitsentziehung aufzuheben und der Beschwerdeführer aus der Kli-</span><br/> <span class="ft1">nik zu entlassen ist. Dieser Ausgang des Verfahrens ist unabhängig</span><br/> <span class="ft1">von der Beurteilung einer allfälligen Fremdgefährdung. Das von der</span><br/> <span class="ft1">Ehefrau und der Klinik Barmelweid mehrfach glaubwürdig geschil-</span><br/> <span class="ft1">derte Aggressionspotential des Beschwerdeführers seiner Ehefrau</span><br/> <span class="ft1">gegenüber war zwischendurch auch an der Verhandlung spürbar,</span><br/> <span class="ft1">jedoch hatte sich der Beschwerdeführer stets unter Kontrolle und es</span><br/> <span class="ft1">lag keine derart akute Fremdgefährdung vor, welche unverzüglich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">184</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">staatliche Massnahmen zum Schutz der Angehörigen erforderlich</span><br/> <span class="ft1">machen würde.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>