Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 6. August 2020 (720 20 79 / 191) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Indikatorenprüfung: Eine Überprüfung und Abweichung von der gutachterlichen Zumut- barkeitsbeurteilung kann nur dann zulässig sein, wenn die gutachterliche Einschätzung mit den objektiven Umständen ganz offensichtlich nicht in Einklang zu bringen ist. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Jürg Pulver, Kantons- richter Christof Enderle, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführer, vertreten durch Nikolaus Tamm, Advokat, Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der 1970 geborene A.____ war seit dem 10. Juni 20 15 als Elektroinstallateur bei der B.____AG tätig. Sein letzter effektiver Arbeitstag wa r der 5. Oktober 2017. Am 28. Februar 2018 meldete er sich unter Hinweis auf eine schwere De pression, einen Diabetes und Blut- hochdruck bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (I V) zum Leistungsbezug an. Nach Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Abklärung der erwerblichen und medizinischen Verhältnisse, namentlich nach Einholung eines Gutachtens in den Disziplinen Innere Medizin und Psychiatr ie bei der asim Begutachtung Uni- versitätsspital Basel (fortan: asim), verneinte die IV-St elle mit Verfügung vom 17. Januar 2020 trotz attestierter vollständiger Arbeitsunfähigkeit ein en Rentenanspruch des Versicherten mit der Begründung, die Gesundheitsstörung sei auf invalid itätsfremde bzw. psychosoziale Fakto- ren zurückzuführen. B. Dagegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Nikol aus Tamm, am 20. Februar 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicheru ngsrecht (Kantonsgericht). Er be- antragte unter o/e-Kostenfolge die Aufhebung der an gefochtenen Verfügung und die Ausrich- tung einer ganzen Rente. In verfahrensrechtlicher Hinsi cht ersuchte er um Bewilligung der un- entgeltlichen Prozessführung. Zur Begründung brachte er im Wesentlichen vor, sowohl die Gut- achter als auch der Regionale ärztliche Dienst (RAD) wü rden zumindest derzeit eine vollständi- ge Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit bejahen . Die Auffassung der IV-Stelle, wonach kein verselbstständigtes Leiden im Sinne der bundesgerichtlic hen Rechtsprechung vorliege, sei of- fensichtlich unzutreffend. C. Mit Verfügung vom 25. Februar 2020 wurde dem Besc hwerdeführer für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Advo- kat Nikolaus Tamm als Rechtsvertreter bewilligt. D. In ihrer Vernehmlassung vom 7. Mai 2020 schloss die IV -Stelle auf Abweisung der Be- schwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über d ie Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel -Landschaft, so dass die örtliche Zustän- digkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen i st. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Geset- zes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung ( VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht a ls einzige gerichtliche Instanz des Kan- tons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-S telle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die frist- und formgerecht erhobene Beschwerde vom 20. Februar 2020 ist demnach einzutreten. 2. Streitig ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführer s. Massgebend ist der Sachver- halt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfügu ng vom 17. Januar 2020 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 129 V 4 E. 1.2). Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen T eil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti- ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 3.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Grad der Invalidität wie folgt abge- stuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 3.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Be stimmung des Invaliditätsgrads das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt d er Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs (BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Untervar ianten des Schätzungs- oder Prozent- vergleichs (BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausserordentlichen Methode (BGE 128 V 29). 4.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und bei der Beurteilung der Arbeitsfähig- keit der versicherten Person ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unter- lagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versi- cherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grund- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht lage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsle istungen der versicherten Person noch zu- gemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vg l. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 4.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspre chung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). So ist den im Ra hmen des Verwaltungsverfahrens einge- holten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobach- tungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die A kten Bericht erstatten und bei der Er- örterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Ex- pertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 5.1 Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sin ne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychi- sche Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidi- tät. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung d er Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhän- gig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätio logie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem wei tgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zum utbar ist, eine Arbeitsleistung zu er- bringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG). 5.2 Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychisc hen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unte rziehen (vgl. BGE 143 V 409 Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht E. 4.5.1). Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserhebli- chen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 7.1). 5.3 Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit be i den genannten Gesundheitsschäden be- achtlichen Standardindikatoren hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert: Der erste Indika- toren-Komplex steht unter dem Titel “Gesundheitsschädig ung“. Darunter sind die Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde, der Gesichtspunkt Behand lungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz und die Komorbiditäten zu würdigen. Im zweiten, die “Persönlichkeit“ betreffen- den Indikatoren-Komplex wird nach der Persönlichkeitsentw icklung und der -struktur gefragt, und es sind die persönlichen Ressourcen der versicherten Person zu eruieren. Im dritten Indika- toren-Komplex schliesslich ist unter dem Titel “Sozialer Kontext“ eine Eruierung der Ressourcen anhand des sozialen Umfelds vorzunehmen. Anhand der er mittelten Indikatoren ist schliesslich die “Konsistenz“ zu prüfen. Darunter fallen verhaltensbe zogene Kategorien wie die Indikatoren einer gleichmässigen Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensberei- chen und eines behandlungs- und eingliederungsanamne stisch ausgewiesenen Leidensdrucks (BGE 141 V 281 E. 4). 5.4 Gemäss BGE 141 V 281 ergibt sich hinsichtlich der Be urteilung der Arbeitsfähigkeit, dass sich sowohl die medizinischen Sachverständigen als auch die Organe der Rechtsanwen- dung bei ihrer Einschätzung des Leistungsvermögens an den normativen Vorgaben zu orientie- ren haben; die Gutachter im Idealfall gemäss der ents prechend formulierten Fragestellung (BGE 141 V 281 E. 5.2). Die Rechtsanwender prüfen die medizinischen Angaben frei insbeson- dere daraufhin, ob die ärztliche Einschätzung der Arbei tsunfähigkeit auch invaliditätsfremde Gesichtspunkte (insbesondere psychosoziale und soziokulturell e Belastungsfaktoren) mitbe- rücksichtigt, die vom sozialversicherungsrechtlichen Standpun kt aus unbeachtlich sind (vgl. BGE 140 V 193; 130 V 352 E. 2.2.5). Wo psychosozi ale Einflüsse das Bild prägen, ist bei der Annahme einer rentenbegründenden Invalidität Zur ückhaltung geboten (BGE 141 V 281 E. 4.3.3; 127 V 294 E. 5a; Urteile des Bundesgerichts vom 22. März 2018, 8C_582/2017, E. 5, vom 3. Februar 2016, 8C_746/2015, E. 2.2 und vom 19. Januar 2016, 9C_146/2015, E. 3.1). Es soll indes keine losgelöste juristische Parallelüberprüfun g nach Massgabe des strukturierten Beweisverfahrens stattfinden (BGE 141 V 281 E. 5.2.3), sondern im Rahmen der Beweiswürdi- gung überprüft werden, ob die funktionellen Auswirkun gen medizinisch anhand der Indikatoren schlüssig und widerspruchsfrei festgestellt wurden und som it den normativen Vorgaben Rech- nung tragen (BGE 141 V 281 E. 6; Urteile des Bundesg erichts vom 31. Oktober 2018, 8C_628/2018, E. 4.3 und vom 1. Dezember 2017, 8C_26 0/2017, E. 4.2.4). Entscheidend bleibt letztlich immer die Frage der funktionellen Auswirkungen einer Störung, welche im Rahmen des Sozialversicherungsrechts abschliessend nur aus juristischer S icht beantwortet werden kann. Nach BGE 141 V 281 kann somit der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche gesund- heitsbedingte Arbeitsunfähigkeit nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden B etrachtung ein stimmiges Ge- samtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen (K onsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt. Fehlt es daran, ist der Bew eis nicht geleistet und nicht zu erbringen, was sich nach den Regeln über die (materielle) Beweislast zu Ungunsten der rentenanspre- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht chenden Person auswirkt (Urteil des Bundesgerichts vom 31. Oktober 2018, 8C_628/2018, E. 4.3; BGE 144 V 50 E. 4.3). 6.1 In der angefochtenen Verfügung vom 17. Januar 202 0 stützte sich die IV-Stelle auf das bidisziplinäre Gutachten der asim vom 16. August 2019. Darin wurden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende Depression, aktuell schwere Episode mit psychotischen Symptomen (ICD-10 F33.4), und ein metabolisches Syndrom diagnostiziert. Im Herbst 2017 sei die Ehefrau des Versicherten verhaftet und inhaftiert worden, da er sich viele Jahre zuvor poli- tisch betätigt habe. Aufgrund dieser Belastung sei es zu einer psychischen Dekompensation gekommen, wobei sich eine schwere Depression entwickelt ha be. Im Jahr 2018 sei er deswe- gen mehrmals in der Klinik C.____ hospitalisiert gewesen. Eine weitere Hospitalisation von Feb- ruar 2019 bis April 2019 in der Klinik D.____ habe ke ine Verbesserung des psychischen Zu- stands gebracht. Die depressive Störung sei rezidivierend, da bereits Ende der 90er Jahre eine dreimonatige stationäre Behandlung nach einem Suizidv ersuch bei Depression erfolgt sei. Die Hauptkriterien einer schweren depressiven Episode gemäss ICD-10 seien erfüllt. Der Versicher- te weise eine gedrückte Stimmung, einen Interessenverl ust, fehlende Freude, eine Antriebs- verminderung und eine erhöhte Ermüdbarkeit auf. Diese Symptome seien seit dem Krankheits- beginn im Herbst 2017 durchgehend vorhanden gewesen und bestünden in ausgeprägter Form weiter. Ferner seien auch die weiteren in ICD-10 gen annten Symptome (Herabsetzung des Selbstwertgefühls, Schuldgefühle, negative Zukunftsp erspektive, Schlafstörungen, Appetitver- lust, Probleme der Aufmerksamkeit und Konzentration) fe stzustellen. Die Libido sei aufgeho- ben. Weiter bestünden eine starke psychomotorische Hemmun g, eine Unfähigkeit auf positive Reize positiv zu reagieren, ein erheblicher sozialer Rückzug und eine Vernachlässigung der Körperpflege. Der Beschwerdeführer pflege soziale Kon takte mit seiner Schwester und seiner Mutter, die er einmal pro Monat besuche. Auch zum Brud er habe er grundsätzlich eine gute Beziehung. Er habe aber gemerkt, dass er zu einer Belast ung geworden sei, weshalb er sich von ihm zurückgezogen habe. Ausserdem habe er eine gute Beziehung zu seinem älteren Sohn. Demgegenüber hege der jüngere Sohn einen Grol l gegen ihn. Von seinen Freunden ha- be er sich ganz zurückgezogen. Er schaue die meiste Zeit d es Tages fern; manchmal sitze er einfach am Fenster oder auf dem Balkon und schaue hin aus. Wenn möglich verlasse er das Haus nicht und bewege sich kaum. Der Versicherte stünde nach mehreren stationären Behand- lungen weiterhin in ambulanter Therapie und habe ei ne hochdosierte kombinierte antidepressi- ve und schlafanstossende Medikation. Der klinische Zustand habe sich im letzten Halbjahr den- noch nicht verbessert. Aufgrund der schweren depressive n Episode sei die Flexibilität und die Umstellfähigkeit, die Anwendung fachlicher Kompetenzen, die Durchhaltefähigkeit, die Grup- penfähigkeit, die Fähigkeit Spontanaktivitäten durchzufü hren und die Selbstpflege schwer be- einträchtigt. Die Fähigkeit zur Anpassung an Regeln un d Routinen, die Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben, die Selbstbehauptung sfähigkeit, die Kontaktfähigkeit zu Drit- ten und die Verkehrsfähigkeit seien mittelschwer eing eschränkt. Durch diese Einschränkungen sei aktuell eine berufliche Tätigkeit verunmöglicht. Rel evante Persönlichkeitsaspekte, welche mit der Arbeitsfähigkeit interferieren würden, best ünden nicht. Der Versicherte habe im Laufe seines Lebens eine erhebliche Resilienz gezeigt. Trotz e inem frühen Bruch in der Biographie und dem Aufwachsen in widrigen familiären Verhältnissen sowie der zwangsweise eingegange- nen (ersten) Ehe habe es nur eine mindestens drei Monate dauernde Lebensphase gegeben, in Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht der er wegen der depressiven Episode nicht “funktioniert “ habe. Eine erhöhte Vulnerabilität in- folge der ungünstigen Verhältnisse in der Kindheit un d Jugend müsse jedoch ebenfalls ange- nommen werden und stelle die genannte Resilienz nicht in Frage. Die erste depressive Episode dürfte bereits schwer gewesen sein, sei er doch damals e inen ganzen Monat lang in der ge- schlossenen Abteilung und insgesamt drei Monate lang hos pitalisiert gewesen. Der Versicherte habe immer eine ausserordentlich hohe Arbeitsmotivatio n, Lernbereitschaft und ein grosses Verantwortungsgefühl gezeigt. Er sei ohne Zweifel in telligent, berufliche vielseitig ausgebildet und erfahren. An äusseren Belastungen gebe es nur die politisch motivierte Situation seiner Ehefrau und seines Kindes. Inkonsistenzen seien nicht ersi chtlich. Die beobachtbaren Zeichen der Krankheit würden gut mit den vom Versicherten selbst erlebten Symptomen übereinstim- men. Das Leiden umfasse sämtliche Lebensbereiche in glei cher Form. In seiner bisherigen Tä- tigkeit als Elektromonteur, aber auch für jede andere berufliche Tätigkeit, bestünde seit Oktober 2017 trotz andauernder ambulanter und auch mehrmalige r stationärer Therapie aufgrund der schweren depressiven Episode keine Arbeitsfähigkeit mehr. Die internistischen Diagnosen wür- den nur zu einer qualitativen Einschränkung der Arbeits fähigkeit führen. Prognostisch dürfe kurz- oder mittelfristig nicht mit einer Besserung des p sychischen Zustands gerechnet werden. Dies zumindest so lange, als dass die belastende Situati on mit der Ehefrau nicht gelöst sei. Eine erneute Beurteilung in zwei bis drei Jahren ersche ine aber dennoch sinnvoll, dürfe doch bei einem allfälligen Wegfall der Belastungssituation mit einer Verbesserung des Gesundheits- zustands und der Arbeitsfähigkeit gerechnet werden. 6.2 Am 27. September 2019 nahm der RAD-Arzt Dr. med . E.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, abschiessend zum Gutachten der asim vo m 16. August 2019 Stellung, wobei er es als valide bezeichnete. Ausschlusskriterien würd en nicht vorliegen. Im Gutachten seien die persönliche, berufliche und gesundheitliche E ntwicklung sowie der bisherige Verlauf der Behandlungen und die Heilungschancen nachvollziehbar dargelegt. Dasselbe gelte hin- sichtlich der Konsistenz und Plausibilität der Fähigkeiten, Ressourcen und Belastungen sowie der psychosozialen Faktoren. Die Arbeitsunfähigkeit werde durch die psychische Störung er- klärt. 7.1 Wie oben (vgl. E. 4.3 hiervor) dargelegt, ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -är zte, welche aufgrund eingehender Be- obachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in d ie Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen ge langen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indi zien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen. Solche Indizien liegen keine vor. Das Gutachten der asim vom 16. August 2019 erfüllt sowohl in formeller Hinsicht als auch in haltlich die bundesgerichtlichen Anforderun- gen an eine beweiskräftige medizinische Entscheidungsgrundlage. Die Gutachter hatten Kennt- nis von sämtlichen medizinischen Vorakten, sie setzten sich in angemessener Weise mit den geäusserten Beschwerden auseinander und begründeten di e Schlussfolgerungen in nachvoll- ziehbarer Weise. In inhaltlicher Hinsicht vermag sodann zu überzeugen, dass sich beim Be- schwerdeführer infolge der Verhaftung bzw. Inhaftierun g seiner Ehefrau im Rahmen einer re- zidivierenden depressiven Störung eine dauerhafte schwere depressive Symptomatik entwickel- te und deswegen seit Oktober 2017 von einer vollständig en Arbeitsunfähigkeit auszugehen ist. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Insgesamt bestehen keine Anhaltspunkte, dass die klinische Untersuchung mit Anamneseerhe- bung, Symptomerfassung und Verhaltensbeobachtung als wi chtigste Grundlage gutachtlicher Feststellungen und Schlussfolgerungen (Urteil des Bunde sgerichts vom 4. August 2016, 9C_410/2016, E. 2.2.1 mit Hinweis, in: SVR 2016 IV Nr. 53 S. 178) nicht lege artis erfolgt wäre. Die Beweiskraft des Gutachtens der asim vom 16. August 20 19 ist unter den Verfahrensbetei- ligten zu Recht unbestritten. 7.2 Soweit sich die Beschwerdegegnerin unter Hinweis au f die Literatur und die Urteile des Bundesgerichts vom 22. März 2019, 8C_717/2018, und vom 3 1. Oktober 2018, 8C_628/2018, auf den Standpunkt stellt, die attestierte Arbeitsunf ähigkeit sei allein auf die psychosozialen Umstände (Inhaftierung seiner Ehefrau und seines Kind es) zurückzuführen, die als solche aber ausser Acht bleiben müssten, und zudem nicht von einem verselbständigten Gesundheitsscha- den ausgegangen werden könne, verkennt sie, dass die Sachlagen in jenen Fällen nicht mit der vorliegenden vergleichbar sind. Denn anders als dort weist der Beschwerdeführer eine schwere affektive Störung mit psychotischen Symptomen (ICD-10 F33. 4) und damit ein objektiv be- gründbares krankheitswertiges und schweres Leiden auf. Die Fachärzte legten schlüssig dar, dass sich die funktionellen Beeinträchtigungen durch die Merkmale einer schweren depressiven Störung, die sich insbesondere durch eine Beeinträcht igung der Stimmung, Interessenverlust und Freudlosigkeit, Antriebsverminderung, erhöhte Ermü dbarkeit, Herabsetzung des Selbst- wertgefühls, Schuldgefühle und in starker Ausprägung, negative Zukunftsperspektive, Schlaf- störungen, Appetitverlust, Probleme der Aufmerksamkeit u nd Konzentration, eine starke psychomotorische Hemmung und einer Vernachlässigung der Kö rperpflege manifestieren. Da- mit ist eine starke Ausprägung der Symptomatik durch obje ktive Befunde dargetan. Sodann steht der Beschwerdeführer seit Jahren in psychiatrischer sowie pharmakologischer Behand- lung, wobei auch die stationären Aufenthalte keine w eitere Verbesserung des Zustands brach- ten, was ebenfalls von einem beträchtlichen Leidensdruc k des Beschwerdeführers zeugt. In Bezug auf die Komplexe “Persönlichkeit“ und “sozialer Ko ntext“ stellte der psychiatrische Gut- achter eine mittelgradige Affektarmut und - starrheit , einen deutlich verminderten Antrieb eine starke motorische Unruhe sowie einen sozialen Rückzug fest. Ei ne psychiatrische Komorbidität ist – wie die IV-Stelle zurecht anführt – zwar nicht ge geben. Indes bestehen keine Hinweise dafür, dass die medizinischen Experten die verbleibend en Ressourcen des Versicherten als zu gering einschätzten. Nach den Angaben im Gutachten pfle gt der Beschwerdeführer einzig den Kontakt zu seiner Herkunfts- und einer Nachbarsfami lie, schaut die meiste Zeit des Tages fern, aus dem Fenster oder vom Balkon und bewegt sich kaum noch. Bei diesem bescheidenen Akti- vitätsniveau kann nicht von massgebenden Ressourcen gespr ochen werden. Vielmehr korres- pondieren die aufgezeigten Ressourcen vollends mit de r attestierten Arbeitsunfähigkeit. Dazu kommt, dass die bisherige Fähigkeit des Beschwerdeführers, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigungen zu überstehen, off ensichtlich nicht mehr vorhanden ist, was die besondere Schwere der Krankheit und die daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit un- terstreicht. Daran ändern für den hier zu beurteilend en Zeitraum auch die rein prognostischen Vermutungen des Gutachters nichts, wonach (erst) bei ein em allfälligen Wegfall der Belas- tungssituation mit einer Verbesserung des Gesundheitszustan ds und der Arbeitsfähigkeit ge- rechnet werden könne. Ob und gegebenenfalls wann eine solche Entwicklung eintreten wird, war bei Verfügungserlass und ist auch heute völlig ung ewiss. Insgesamt sind keine Gründe er- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht sichtlich, die dazu Anlass geben könnten, an den Ergebniss en des Gutachtens zu zweifeln, zu- mal auch Dr. D.____, das Gutachten als beweistaugliche B eurteilungsgrundlage qualifizierte und die darin veranschlagte Arbeitsunfähigkeit als nachv ollziehbar beurteilte. Es trifft zwar zu, dass der Rechtsanwender gemäss bundesgerichtlicher Praxis d ie Indikatoren und ihre Auswir- kung auf die Arbeitsfähigkeit frei überprüfen darf. Da die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aber eine medizinische und keine juristische Frage ist, kann ei ne Überprüfung und Abweichung von der gutachterlichen Zumutbarkeitsbeurteilung nur dann zulässig sein, wenn die gutachterliche Einschätzung mit den objektiven Umständen ganz offensicht lich nicht in Einklang zu bringen ist (vgl. BGE 141 V 281; Urteil des Bundesgerichts vom 1. Dezember 2017, 8C_260/2017, E. 4.2.1 ff.), was hier aber nicht der Fall ist. 8. Im Ergebnis ist somit festzuhalten, dass gestützt auf d as beweiskräftige Gutachten der asim vom 16. August 2019 seit Oktober 2017 von einer vo llständigen Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers auszugehen ist. Da die Anmeldung bei der IV zum Leistungsbezug am 28. Februar 2018 erfolgte, ein Rentenanspruch aber erst nach Ablauf des Wartejahrs entsteht (vgl. E. 3.1 hiervor), hat der Beschwerdeführer bei e inem Invaliditätsgrad von 100 % ab 1. Oktober 2018 Anspruch auf eine ganze Rente. 9.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festge legt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstan den ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend hat di e IV-Stelle als unterliegende Partei die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- zu tragen. 9.2 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende besch werdeführende Person Anspruch auf Ersatz ihrer Parteikosten. Dem Beschwerdeführer als ob siegende Partei ist demnach eine Par- teientschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. D er Rechtsvertreter des Beschwerde- führers hat in seiner Honorarnote vom 26. Mai 2020 ein en Zeitaufwand von 8 Stunden und 45 Minuten geltend gemacht. Dieser Aufwand ist in Anb etracht des Aktenumfangs und der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen im Quervergleich mit ähnlich gelagerten Fällen nicht zu beanstanden. Hinzu kommen die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslagen von insge- samt Fr. 24.30. Somit ist dem Beschwerdeführer für das vorliegende Beschwerdeverfahren eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'382.10 (8,75 Stunden à Fr. 250.-- sowie Auslagen von Fr. 24.30 zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzuspre- chen. Demgemäss wird e r k a n n t : Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung vom 17. Januar 2020 aufgehoben und festgest ellt wird, dass der Beschwerdeführer ab 1. Oktober 2018 Anspruch auf eine ganze Rente hat. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat dem Beschwerdefü hrer eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 2'382.10 (inkl. Ausla gen und Mehr- wertsteuer) auszurichten. http://www.bl.ch/kantonsgericht