B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6922/2019 U r t e i l v o m 8. J u n i 2 0 2 1 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Déborah D’Aveni, Richterin Mia Fuchs, Gerichtsschreiberin Martina von Wattenwyl. Parteien A._______, geboren am (…), China (Volksrepublik), alias B._______, geboren am (…), Indien, (…) Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 25. November 2019 / N (…). D-6922/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Eigenen Angaben zufolge reiste der Beschwerdeführer, ein chinesi- scher Staatsangehöriger tibetischer Ethnie, am 29. Dezember 2016 in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch. A.b Am 30. Dezember 2016 stellte das SEM aufgrund einer Abfrage im zentralen europäischen Visumsystem (VIS) fest, dass der Beschwerdefüh- rer jeweils am 10. Februar 2016 und am 28. Juni 2016 bei der italienischen Botschaft in New Delhi erfolglos um die Erteilung eines Schengen-Visums (Kategorie C [Touristenvisum]) ersucht hatte. Die Treffer der Datenbank gehörten zu einem indischen Reisepass auf seine Alias-Identität (B._______) lautend. A.c Mit Schreiben vom 10. Januar 2017 teilte C._______ (N […]) dem SEM mit, dass es sich beim Beschwerdeführer um ihren Sohn handle. A.d Am 13. Januar 2017 wurde der Beschwerdeführer im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) in D._______ zu seiner Person, seinem Reise- weg und summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Per- son [BzP]). Dabei gab er an, er sei in E._______ in der Region Kham ge- boren, aber bereits als Kind mit seinem Vater und den Geschwistern aus Tibet ausgereist und habe sich in der Folge ausschliesslic h in Nepal auf- gehalten. Visa-Anträge habe er nie gestellt. Im Anschluss an die Befragung wurde ihm das rechtliche Gehör zu seiner Identität und seiner Herkunft ge- währt (vgl. A.b). B. Mit den Eingaben vom 1. Februar 2017 und 23. März 2017 beantragte der Beschwerdeführer die Änderung seiner Personendaten. C. Am 20. Dezember 2018 wurde der Beschwerdeführer zu seinen Asylgrün- den befragt. D. Zu seiner Person und zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Be- schwerdeführer im Wesentlichen vor, er sei nie eingeschult worden und sei öfters krank gewesen. Andere Erinnerungen an Tibet habe er keine. Als er klein gewesen sei, habe seine Mutter flüchten müssen. Wegen der Flucht der Mutter sei es zu Problemen gekommen, weshalb sein Vater mit ihm D-6922/2019 Seite 3 und seinen Geschwistern einige Zeit nach der Mutter ebenfalls ausgereist sei. Er sei damals ungefähr zehn- oder elfjährig respektive acht- oder neun- jährig gewesen. Seine jüngste Schwester sei ca. 7 oder 8 Jahre jünger als er und sein Bruder ca. 7 oder 8 Jahre älter. In Nepal habe er zuerst mit den Geschwistern und dem Vater gewohnt. Danach habe es finanzielle Prob- leme gegeben und sie hätten nicht genügend zu essen gehabt. Eines Ta- ges seien sein Vater und seine beiden Schwestern verschwunden und seit- her nicht mehr zurückgekehrt. Auch sein Bruder sei einige Zeit später, ohne sich zu verabschieden , weggegangen. Er selbst habe fortan in Nepal für Kost und Logis bei einer Familie gearbeitet, diese habe zudem eine Art Restaurant geführt, in welchem er auch manchmal ausgeholfen habe . Er habe in Nepal über keinen Aufenthaltsstatus verfügt. Es sei deswegen nie zu Problemen mit den nepalesischen Behörden gekommen, da er meistens drinnen gearbeitet habe und selten nach draussen gegangen sei. 2015 (vor dem Erdbeben) habe ihn seine Mutter, welche seit mehreren Jahren in der Schweiz lebe, ausfindig machen können und ihm schliesslich dazu verhol- fen, in die Schweiz einzureisen. Auf die weiteren Ausführungen des Beschwerdeführers wird, soweit we- sentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. E. Mit Verfügung vom 25. November 2019 – eröffnet am 26. November 2019 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an und verfügte den Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig wur- den seine Personalien im ZEMIS auf den rubrizierten Namen geändert. F. Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe vom 27. Dezember 2019 (Post- stempel) die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und es sei die Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Vollzugs der Weg- weisung festzustellen und ihm die vorläufige Aufnahme zu gewähren. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung sowie um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses. G. Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2020 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne D-6922/2019 Seite 4 von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und erhob keinen Kostenvorschuss. Gleich- zeitig wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen. H. Mit Eingabe vom 28. August 2020 nahm die Vorinstanz Stellung. I. Mit Eingabe vom 15. September 2020 replizierte der Beschwerdeführer und kündigte an, einen DNA-Test einzureichen. J. Mit Verfügung vom 24. September 2020 erhielt der Beschwerdeführer die Gelegenheit, der innert ihm gewährten Frist einen DNA-Test einzureichen. K. Mit Eingabe vom 24. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer die Er- gebnisse eines DNA-Tests, respektive einen Befund zur Mutterschaftsana- lyse ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist d aher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts Anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht D-6922/2019 Seite 5 (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Vorliegend beschränkt sich die Beschwerde auf die Frage des Vollzugs der Wegweisung. Die Ablehnung der Flüchtlingseigenschaft und die Abwei- sung des Asyls sind mangels Anfechtung demnach in Rechtskraft erwach- sen. Prozessgegenstand bildet vorliegend lediglich die Frage der Wegwei- sung und deren Vollzugs. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26, E.5). 4. 4.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG und Art. 44 AsylG). 4.2 4.2.1 Soweit n icht das Gesetz oder das Freizügigkeitsabkommen einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung vermittelt, kommt als Anspruchsgrundlage Art. 8 EMRK in Betracht, wobei diesbezüglich die Rechtsprechung massgeblich ist (vgl. EMARK 2001 Nr. 21, E. 8 a und b sowie E. 9; bestätigt in BVGE 2013/34; E.4.4 ), gemäss welcher ausländi- sche Personen gestützt auf den in Art. 8 EMRK und Art. 13 BV gewährleis- teten Schutz des Familienlebens einen potenziellen Anspruch auf Aufent- halt in der Schweiz haben, wenn eine enge, nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung vorliegt und mindestens ein in der Schweiz lebenden Familienmitglied über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht verfügt (vgl. BGE 139 I 330 E. 2.1). Zu den Familienbeziehungen, die unter den D-6922/2019 Seite 6 Schutz von Art. 8 Abs. 1 EMRK fallen, gehört neben jener zwischen den Gatten auch jene zwischen Eltern und ihren minderjährigen Kindern (vgl. BGE 135 I 143 E. 1.3.1 und 3.1, BGE 130 II 281 E. 3.1; EMARK 2005 Nr. 3 E. 3.1). Nicht in den Schutzbereich von Art. 8 EMRK fallen andere fami- liäre Verhältnisse, sofern nicht ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis be- steht, welches über die normalen affektiven Bindungen hinausgeht (vgl. BGE 137 I 154, E. 4.3.2). 4.2.2 Obwohl das Verwandtschaftsverhältnis zur Mutter inzwischen nach- weislich belegt ist, kann sich der zum Zeitpunkt der Gesuchseinreichung bereits volljährige Beschwerdeführer nicht auf Art. 8 EMRK berufen und keinen Anspruch aus dieser Norm ableiten, zumal aus seinen Ausführun- gen nicht hervorgeht, dass ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zu sei- ner Mutter vorliegen würde. 4.3 Der Beschwerdeführer verfügt damit weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 5. Ist der Vollzug der Wegwe isung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz- lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 6. 6.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid im Wesentlichen damit, dass die Herkunfts - und Identitätsangaben des Beschwerdeführers den Anforderungen an Art. 7 AsylG nicht genügen würden und er versucht habe, seine wahre Identität beziehungsweise seinen Aufenthalts- und Her- kunftsort zu verschleiern. Seinen angegebenen Personendaten stünden zwei Treffer der CS-VIS-Datenbank entgegen , gemäss welchen er am 10. Februar 2015 (recte: 2016) und am 28. Juni 2015 (recte: 2016) mit ei- nem indischen P ass auf den Namen des indischen Staatsangehörigen D-6922/2019 Seite 7 B._______ in New Delhi erfolglos zwei Touristenvisa für Italien beantragt habe. Seine Ausführungen, dass es sich bei diesem Pass um eine Fäl- schung handle, welche er nie in den Händen gehabt habe, und er nichts von diesen Visaanträgen gewusst habe, überzeuge nicht. Überdies sei da- von auszugehen, dass den zuständigen Behörden bei der Prüfung der Vi- sagesuche aufgefallen sein müsste, wenn es sich beim Pass um eine Fäl- schung gehandelt hätte . Da die dazugehörenden Unterlagen der i talieni- schen Botschaft in New Delhi jedoch nicht mehr erhältlich seien, könnten keine weiteren Abklärungen bezüglich des Passes getätigt werden. Seine Erklärungen im Rahmen des rechtliche n Gehörs zu den Visaanträgen seien auffallend vage und ausweichend ausgefallen. Sodann habe er dar- gelegt, sich lediglich ein bis zwei Monate in Indien aufgehalten zu haben, während zwischen den beiden Visagesuchen rund vier Monate liegen wür- den. Da er kein e eigenen Identitätsdokumente habe einreichen können, würden erhebliche Zweifel an der von ihm behaupteten Identität bestehen. Ferner seien seine Schilderungen zu seinem Aufenthalt in der Autonomen Republik Tibet sowie diejenigen zu seiner illegalen Ausrei se trotz mehrfa- chen Nachfragen äusserst oberflächlich und substanzlos geblieben. Insbe- sondere falle auf, dass er weder die Probleme, welche zu r Ausreise der Mutter oder der Familie geführt hätten, schildern konnte, noch in der Lage war, die Zeitspanne zwischen der Flucht seiner Mutter und seiner eigenen auch nur ungefähr anzugeben. Gemäss Erkenntnissen der Gedächtnispsy- chologie seien Kerngeschehen von wichtigen autobiographischen Erleb- nissen – wie die erwähnten – in der Regel auch noch im Gedächtnis abruf- bar, wenn sie einige Zeit zurückliegen. Vor diesem Hintergrund und ange- sichts des einschneidenden Charakters dieser Erlebnisse würden seine diesbezüglichen Schilderungen nicht überzeugen. Des Weiteren sei es zu Unstimmigkeiten seiner Aussa gen mit denjenigen seiner (angeblichen) Mutter und Schwester gekommen. Diese hätten im Gegensatz zu ihm dar- gelegt, die jüngere Schwester (N […]) sei bei der Flucht ungefähr fünf- oder sechsjährig gewesen, wohingegen gemäss seinen Angaben die Schwester bei der Ausreise noch ein Baby gewesen sein müsste. Auch habe er das Alter seines Bruder s anders eingeschätzt als dies aus den betreffenden Protokollstellen seiner (angeblichen) Mutter hervorgehe. Ferner habe er nie erwähnt, im Tibet noch mit anderen Verwandten zusammengewohnt zu haben, obwohl dies seine (angebliche) Mutter erwähnt habe. Weiter falle auf, dass er in der BzP sein Heimatdorf habe angeben können, anlässlich der Anhörung dazu jedoch nicht mehr in der Lage gewesen sei. Sodann sei festzustellen, dass auch seine Schilderungen zum mehrjährigen Auf- enthalt in Nepal äusserst vage und unsubstanziiert ausgefallen seien. So habe er weder die Namen noch die Adresse der Familie, bei welcher er D-6922/2019 Seite 8 gearbeitet habe, nennen können. Auch zum Leben in Nepal ohne einen Aufenthaltstitel habe er sich lediglich vage geäussert. Schliesslich habe er nicht nachvollziehbar darlegen können, unter welchen Umständen ihn seine Mutter nach so langer Zeit habe ausfindig machen können. Insge- samt seien seine Herkunftsangaben offensichtl ich unzulänglich und halt- los, so dass keine weiteren fachlichen Abklärungen d urchgeführt werden müssten. Es sei davon auszugehen, d ass er seine wahre Herkunft sowie seinen Lebenslauf bewusst habe verschleiern wollen. Lediglich seine gel- tend gemachte tibetische Ethnie sei angesichts des von ihm gesprochenen tibetischen Dialekts nicht in Zweifel zu ziehen, weshalb seine Personalien im ZEMIS anzupassen und auf seinen von ihm angegebenen Namen zu ändern seien. Auch wenn er das Verwandtschaftsverhältnis zu seiner (angeblichen) Mut- ter nachweisen würde, könne deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass er, in Anbetracht seines langjährigen Aufenthalts ausserhalb der Volksre- publik China, nicht über einen Aufenthaltstitel oder die Staatsbürgerschaft in einem Drittstaat verfüge, da keine Rückschlüsse auf seinen eigenen Ge- burts- und Sozialisierungsort aus einem allfälligen Verwandtschaftsverhält- nis geschlossen werden könnten. Sodann könne er sich nicht darauf beru- fen, dass seine (angebliche) Mutter eine vorläufige Aufnahme als Flücht- ling erhalten habe, zumal die damalige Praxis mit BVGE 2 014/12 ange- passt worden sei. Deshalb erübrige es sich, ein allfälliges Abstammungs- verhältnis mittels DNA -Analyse nachzuweisen. Dasselbe gelte bezüglich seiner (angeblichen) Schwester, welche als Flüchtling vorläufig aufgenom- men worden sei, da aufgrund der Trennung im Kindesalter nicht von einer identischen Biographie ausgegangen werden könne. Auch bezüglich sei- nes mutmasslichen Bruders (N […]), auf dessen Asylgesuch nicht einge- treten worden sei, könne er nichts zu seinen Gunsten ableiten. Aufgrund seiner Aussagen sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit da- von auszugehen, dass er vor seiner Einreise in die Schweiz nicht in der Volksrepublik China, sondern vielmehr in einer exiltibetischen Diaspora ge- lebt habe. Angesichts seiner unglaubhaften Vorbringen zu seinem Aufent- halt in einem Drittstaat könnten weder die Flüchtlingseigenschaft noch all- fällige Wegweisungshindernisse geprüft werden. Angesichts der groben Verletzung der Mitwirkungsp flicht infolge seiner unglaubhaften Identitäts- angaben werde eine sinnvolle Prüfung eines Vollzugs einer Wegweisung verunmöglicht. Zwar seien die Vollzugshindernisse von Amtes wegen zu prüfen, jedoch sei es gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtspre-D-6922/2019 Seite 9 chung nicht Sache der Asylbehörden, bei fehlenden Hinweisen des Ge- suchstellers nach allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen in hypo- thetischen Herkunftsländern zu forschen. 6.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, er könne zwar seine Bio- graphie nicht rechtsgenüglich darlegen, habe jedoch als Kind die Volksre- publik China verlassen und sei weder dort noch in Nepal eingeschult wor- den. Während der Befragung sei es für ihn äusserst schwierig gewesen, sich an genaue Zeitangaben zu er innern, da diese für ihn nicht relevant gewesen seien. Zudem liege zwischen der BzP und der Anhörung eine Zeitspanne von zwei Jahren, dies sei eine lange Zeit, um sich an Details erinnern zu können. Sodann habe er sich während der Anhörung schlecht gefühlt. Dies gehe auch aus dem Beiblatt der Hilfswerksvertretung (HWV) hervor. In die Volksrepublik China dürfe er nicht zurückgeführt werden. In Nepal verfüge er über keinen Aufenthaltstitel. Zudem übe die Volksrepublik China einen enormen Druck auf die nepalesis chen Behörden aus und verlange, dass gegen die (tibetischen) Flüchtlinge aktiv vorgegangen werde. Nach Indien könne er auch nicht ausreisen, da er dort niemanden kenne, und nur über einen gefälschten indischen Pass, welcher jedoch nicht in seinem Besitz sei, verfüge. Zusammenfassend habe er weder in Nepal noch in In- dien ein familiäres oder ein soziales Netzwerk. Ausserdem spreche er le- diglich schlecht nepalesisch und sei der indischen Sprache überhaupt nicht mächtig. Hingegen würden seine Mutter und eine seiner Schwestern in der Schweiz leben. Seine Mutter, welche zu m heutigen Zeitpunkt über eine Aufenthaltsbewilligung verfüge, habe bereits zuvor ein Gesuch um Famili- enzusammenführung gestellt, welches jedoch abschlägig beurteilt worden sei. Sollte ihm trotz seiner übereinstimmend en Angaben zu seinen Fami- lienangehörigen das Verwandtschaftsverhältnis zu seiner Mutter nicht ge- glaubt werden, seien er und seine Mutter bereit, sich einem Gentest zu unterziehen. Zudem bestehe gemäss Art. 8 EMRK ein Recht auf Familien- leben. Da er bereits als Kind von seiner Mutter getrennt worden sei, sei es besonders wichtig, dass er jetzt endlich den Kontakt zu seiner Familie auf- bauen könne. Überdies sei es im soziokulturellen Kontext üblich, dass in tibetischen Familien auch die volljährigen Kinder mit der Familie zusam- menlebten. Abschliessend sei festzuhalten, dass der Eintrag im ZEMIS nicht vollstän- dig geändert worden sei, zumal lediglich sein Name, nicht jedoch seine Nationalität und sein Geburtsdatum angepasst worden seien. D-6922/2019 Seite 10 6.3 Die Vorinstanz äusserte sich in der Vernehmlassung dahingehend zur (angeblichen) Mutter des Beschwerdeführers, dass diese zwar im Rahmen ihres zweiten Asylgesuchs als Flüchtling anerkannt worden sei, jedoch habe eine LINGUA -Analyse während der ersten Gesuchseinreichung er- geben, dass diese mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in der Volksrepublik China hauptsozialisiert worden sei. Daraus müsse geschlos- sen werden, dass auch die Kinder ausserhalb Tibets geboren worden sein müssten, was demensprechend bei Annahme des Verwandtschaftsverhält- nisses auch bei ihm der Fall sein müsste . Auch aus der Anerkennung als vorläufig aufgenommener Flüchtling seiner (angeblichen) jüngeren Schwester könne er nach wie vor nichts zu seinen Gunsten ableiten, zumal sich zum familiären Hintergrund ein wesentlicher Widerspruch ergeben habe. Er habe protokollieren lassen, dass seine jüngere Schwester im Zeit- punkt der illegalen Ausreise nach Nepal noch ein Baby gewesen sei , wo- hingegen die (angebliche) Schwester ausgeführt habe, zu diesem Zeit- punkt fünf oder sechs Jahre alt gewesen zu sein. Im Übrigen seien die beiden schon im Kindesalter voneinander getrennt worden, weshalb nicht von identischen Lebensläufen beziehungsweise gleichen Sachverhalten ausgegangen werden könne. Eine erneute Anpassung der Daten im ZEMIS werde veranlasst, da bis zum heutigen Zeitpunkt versehentlich lediglich sein Name, jedoch nicht die Na- tionalität und das Geburtsdatum geändert worden seien. 6.4 Der Beschwerdeführer reichte die Resultate des Mutterschaftsanalyse- befunds ein, welche d as Verwandtschaftsverhältnis zu seiner Mutter mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99% bestätigen. 7. 7.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein r eduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Ent- scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar- stellung der Gesuchstellerin sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits- gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn- zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere D-6922/2019 Seite 11 Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins- besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach- geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg- lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen die Ge- suchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um- stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2). 7.2 In BVGE 2014/12 präzisierte das Bundesverwaltungsgericht s eine Praxis gemäss EMARK 2005 Nr. 1 dahingehend, dass bei Personen tibe- tischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder verheimlichen, vermutungsweise davon auszugehen ist, dass keine wegweisungsbeacht- lichen Gründe gegen eine Rückkehr an ihren bisherigen Aufenthaltsort be- stehen; die Abklärungspflicht der Asylbehörden findet ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Verunmöglicht eine tibeti- sche asylsuchende Person durch die Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht die Abklärung, welchen effektiven Status sie in Nepal respektiv e in Indien innehat, also ob sie über eine Aufenthaltsberechtigung in einem dieser Länder oder gar über deren Staatsangehörigkeit verfügt, kann namentlich keine Drittstaatenabklärung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG statt- finden (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 f.). Aufgrund dessen kommt der Verläss- lichkeit der Herkunftsangaben der asylsuchenden Person wesentliche Be- deutung zu. 7.3 7.3.1 Einleitend ist festzustellen, dass mit dem Einreichen des DNA-Tests das von der Vorinstanz in Zweifel gezogene Mutterschaftsverhältnis von C._______ (N […]) zum Beschwerdeführer nachweislich belegt ist, zumal die errechnete Wahrscheinlichkeit von 99,99% keine gegenteiligen Schlüsse zulässt. Die entsprechend implizierten Zweifel des SEM sind da- mit als unbegründet zu qualifizieren. 7.3.2 Hingegen sind im Übrigen die grundlegenden Zweifel an seinen Aus- führungen zu seinem Lebenslauf des SEM zu bestätigen . So vermag es nicht zu überzeugen, dass sich der Beschwerdeführer weder an das Leben D-6922/2019 Seite 12 in der Volksrepublik China noch an die illegale Ausreise nach Nepal erin- nern konnte, obwohl er angab, im Alter von zehn oder elf respektive mit acht oder neun mit seinen Geschwistern und seinem Vater geflüchtet zu sein. Vor diesem Hintergrund greifen seine Erklärungen, er sei noch zu klein gewesen, um sich daran zu erinnern, nicht. Angesichts seines dama- ligen Alters sollte es ihm zumindest im Ansatz möglich gewesen sein, ei- nige diesbezügliche Erinnerungen wiedergeben zu können, insbesondere in Bezug auf die Personen, mit denen die Familie zusammengelebt habe (vgl. act. A28/19, F 18, F24, F27-28, F31). Auch dass er seinen Geburts - und Aufenthaltsort in Tibet anlässlich der BzP noch nennen konnte, sich daran aber anlässlich der Anhörung nicht mehr erinnerte, wirft gewichtige Zweifel auf. Weiter fallen die widersprüchlichen sowie ungenauen Angaben sein Alter betreffend auf (vgl. act. A9/14, F2.01; A28/19, F16-17), was an- gesichts der Tatsache, dass er sein konkretes Geburtsdatum auf dem Per- sonalienblatt im EVZ angeben konnte, erstaunt (vgl. act. A1/2). Ü berdies stimmen die von ihm angegebenen Altersangaben nicht mit denjenigen seiner Mutter anlässlich deren Anhörung überein, wonach er im Zeitpunkt der Ausreise ungefähr dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen sei . Im- merhin ist dem Beschwerdeführer darin Recht zu geben, dass seine Un- kenntnis zu den Problemen seiner Eltern mit den chinesischen Behörden wenig ins Gewicht fallen (vgl. act. A28/19, F23, F30), zumal es nicht aus- geschlossen ist, dass die Eltern ihren Kindern nichts von ihren Problemen erzählt haben. 7.3.3 Die Schilderungen des Beschwerdeführers zu seinem Aufenthalt und seinem Leben in Nepal sind ebenfalls insgesamt vage und ungenau. Ob- wohl es nicht gänzlich abwegig erscheint, dass er sich während einiger Zeit in Nepal aufgehalten hat, kann nicht – wie von ihm behauptet – von einem permanenten Aufenthalt in Nepal bis zum Erdbeben (im April und Mai 2015) ausgegangen werden (vgl. act. A28/19, F15). Es wäre zu erwarten gewesen, dass er sich zumindest an den Namen , welchen er anlässlich der BzP noch hat nennen können, und die Adresse seines Arbeitgebers sowie den Namen des Restaurants hätte erinnern können, wenn er – wie von ihm behauptet – tatsächlich während mehrerer Jahre in einem Restau- rant in Nepal gearbeitet hätte. Seine Erklärung hierzu, er habe keine Bil- dung, weshalb er die genaue Adresse des Restaurants nicht kenne, hält ebenso wenig stand (vgl. act. A28/19, F51 -57) wie sein Argument in der Beschwerde, dass zwischen der BzP und der Anhörung fast zwei Jahre gelegen hätten. D-6922/2019 Seite 13 7.3.4 Der Beschwerdeführer hat seinen Aufenthalt in Indien – wie auch die Visaanträge – zunächst gänzlich verschwiegen und danach verkürzt dar- gestellt. Eingestanden hat er diese Umstände erst auf Vorhalt der entspre- chenden Beweise – ein Verhalten, das die Glaubwürdigkeit insgesamt ge- wichtig beeinträchtigt. Der Beschwerdeführer gab im Rahmen des rechtli- chen Gehörs an, nicht gewusst zu haben, dass ein Visum für ihn beantragt worden sei (vgl. act. A10/3, S.2, 5. Absc hnitt). Dies überzeugt insofern nicht, da für einen Visumantrag Fingerabdrücke sowie eine Unterschrift notwendig sind, welche ein persönliches Erscheinen unabdingbar machen. Auch die Umstände, wie es zu den zwei Visaanträgen bei der italienischen Botschaft in New Delhi gekommen ist, bleiben insgesamt unklar. Hingegen erscheint es dem Gericht durchaus möglich, dass dem Beschwerdeführer ein (gefälschter) indischer Pass mit einer anderen Identität zur Verfügung gestellt worden ist. Jedoch lassen sich die genauen Umstände hierzu nicht mehr überprüfen, da die dazu notwendigen Unterlagen von der italieni- schen Botschaft in New Delhi nicht mehr einsehbar sind. 7.3.5 Schliesslich erscheint es wenig wahrscheinlich, dass der Kontakt der Mutter zum Beschwerdeführer erst nach über zehn Jahren aufgenommen worden sein soll, zumal er nicht schlüssig ausführen konnte, wie ihn die Mutter ausfindig habe machen können . Auch habe er keine Kontakte mit anderen Verwandten gehabt (vgl. act. A28/19, F15, F60-63). Seine hierzu dargelegten Erklärungen wirken vage und nicht nachvollziehbar, zumal da- von ausgegangen werden kann, dass es sich beim Wiederfinden mit seiner Mutter um ein einschneidendes Ereignis gehandelt haben muss, von wel- chem er hätte detaillierter erzählen können. 7.3.6 Immerhin kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass sich die Aussagen der Geschwister zur Trennung der Familie nach der Ausreise aus Tibet zum Teil decken, was aber letztlich für sich allein die vorgängig aufgereihten Elemente die gegen die Glaubhaftigkeit der geltend gemach- ten Aufenthaltsorte sprechen, nicht aufzuwiegen vermag. 7.3.7 Der Beschwerdeführer liess ausserdem protokollieren, dass er sich seit zwei Monaten kranke fühle, nicht mehr schlafen könne und über seine Lebensgeschichte nachdenken müsse (vgl. act. A28/19, F92-93). Die HWV regte auf dem Unterschriftenblatt zudem an , abklären zu lassen, ob eine Traumatisierung vorliege (welche einen Einfluss auf sein Aussageverha l- ten haben könnte). Auch wenn der Beschwerdeführer geltend machte, er habe sich vor und während der Anhörung schlecht gefühlt, was auch von der HWV auf dem Unterschriftenblatt vermerkt wurde, lassen sich damit D-6922/2019 Seite 14 seine derart unpräzisen und vagen Ausführungen zu seinem Lebenslauf nicht erklären. Zudem liegen dem Gericht bis zum jetzigen Zeitpunkt keine medizinischen Unterlagen vor. 7.4 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Ausfüh- rungen des Beschwerdeführers zu seinem Lebenslauf über weite Strecken unglaubhaft sind und den Anforderungen an Art. 7 AsylG nicht standhalten. Aus dem Gesagten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer seine Aufent- haltsorte vor der Einreise in die Schweiz zu verschleiern versucht. 8. 8.1 Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Mög lichkeit eines Wegweisungsvoll - zugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, jedoch findet die Untersu- chungspflicht ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht der beschwerdefüh- renden Person. Es ist nicht Aufgabe der Behörden, bei fehlenden Hinwei- sen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Vielmehr hat der Beschwerdeführer, welche seinen wahren Lebenslauf und seine wahre Herkunft verschleiert respek- tive verheimlicht, die Folgen seines Verhaltens zu verantworten. Dement- sprechend ist davon auszugehen, dass keine wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an seinen bisherigen Aufenthaltsort beste- hen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10 und 6). 8.2 Aus dem Umstand, dass die Mutter des Beschwerdeführers gemäss damaliger Rechtsprechung als Flüchtling vorläufig aufgenommen wurde, vermag der Beschwerdeführer auch in Beachtung des Gleichbehandlungs- prinzips nichts für sich abzuleiten. Die damalige Rechtspraxis (vgl. EMARK 2005 Nr. 1) wurde angepasst (vgl. BVGE 2014/12). In diesem Zusammen- hang ist aber immerhin darauf hinzuweisen, dass bereits der Mutter des Beschwerdeführers im Rahmen des sie betreffenden rechtkräftig abge- schlossenen Asylverfahrens nicht geglaubt werden konnte, dass sie bis ins Jahr 2006 in Tibet gelebt habe. Auch aus dem Umstand, dass die Schwes- ter ebenfalls als Flüchtling vorläufig aufgenommen wurde, vermag nichts zu ändern, zumal die Sachverhalte aufgrund der frühen Trennung der Kin- der deutlich unterschiedlich sind und die Schwester im Übrigen im Zeit- punkt der Gesuchstellung noch minderjährig war. 8.3 Nachdem die illegal ausgereisten Tibeterinnen und Tibeter, welche die chinesische Staatsbürgerschaft besitzen, in Bezug auf China zumindest subjektive Nachfluchtgründe haben, weil sie als Unterstützer des Dalai D-6922/2019 Seite 15 Lama und damit als separatistisch gesinnte Oppositionelle betrachtet wer- den und – wiederum in Bezug auf China – die Flüchtlingseigenschaft erfül- len (vgl. BVGE 2009/29), ist an dieser Stelle, im Sinne einer Klarstellung und in Übereinstimmung mit der angefochten en Verfügung, darauf hinzu- weisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen und -Tibeter und somit auch für den Beschwerdeführer ein Vollzug der Wegweisung nach China auszuschlies- sen ist, da ihnen dort gegebenenfalls eine unmenschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht. 8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich die für eine Rück- kehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegwei- sung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen er gibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1 -3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoc h das mit der Beschwerde eingegangene Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Verfügung vom 18. August 2020 gutgeheissen wurde, werden keine Verfahrenskosten auferlegt. (Dispositiv nächste Seite) D-6922/2019 Seite 16 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Ein Wegweisungsvollzug nach China wird ausgeschlossen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Martina von Wattenwyl Versand: