Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 28. Dezember 2020 (720 20 251 / 323) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Prüfung des Anspruchs auf Betreuungskosten gemäss Art. 11a Abs. 1 IVG Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Gerichtsschrei berin Barbara Vögtli Parteien A.____ , Beschwerdeführerin gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff Betreuungskosten A. A.____ meldete sich am 29. August 2017 bei der Eidg enössischen Invalidenversiche- rung (IV) unter Hinweis auf eine seit September 2011 bestehende Schwerhörigkeit zum Leis- tungsbezug an und beantragte die berufliche Integration. Mit Verfügung vom 10. November 2017 lehnte die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) das Leistungsbegehren mit dem Hinweis ab, die bisherigen Tätigkeiten seien weiterhin zumutbar. Am 4. Januar 2019 meldete sich die Versicherte erneut bei der IV-Stelle an und beantragte Unterstützung bei der Stellensuche. Diese sei aufgrund der Hörproblematik erfolglos verlaufen. In der Folge sprach ihr die IV-Stelle als berufliche Mass- nahme eine Arbeitsvermittlung zu (Verfügung vom 17. Januar 2019). Nach einem Coaching ab- solvierte A.____ im Rahmen der Massnahme vom 30. September 2019 bis 29. Dezember 2019 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine Vorbereitungsmassnahme in der Eingliederungsstätte B.____ (vgl. Mitteilung vom 15. Okto- ber 2019). Sie erhielt in dieser Zeitspanne ein IV- Taggeld. Am 6. Januar 2020 reichte sie ein Gesuch um Ausrichtung einer Entschädigung für Betreuungsko sten, die während der Zeit der Vorbereitungsmassnahme entstanden seien, bei der IV-Ste lle ein. Da die IV-Stelle über dieses Gesuch nicht im Rahmen einer Verfügung entschieden hat te, erhob die Versicherte am 31. Ja- nuar 2020 beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantons- gericht), Rechtsverweigerungsbeschwerde. Am 17. Februa r 2020 liess die IV-Stelle der Versi- cherten den Vorbescheid zukommen und beantragte gleich entags dem Kantonsgericht die Ab- schreibung des Rechtsverweigerungsverfahrens (720 20 54). In der Folge schrieb das Kantons- gericht das Verfahren 720 20 54 mit Beschluss vom 19. Februar 2020 als gegenstandslos ab. A.____ reichte am 18. März 2020 bei der IV-Stelle ein en Einwand gegen den Vorbescheid vom 17. Februar 2020 ein. Mit Verfügung vom 29. Mai 2020 hielt die IV-Stelle an ihrer Auffassung fest und lehnte den Anspruch auf Betreuungskosten ab. Da die Versicherte als erwerbstätig gelte und während der Massnahme ein Taggeld bezogen habe, seien die Voraussetzungen für eine Ent- schädigung der Betreuungskosten nicht gegeben. Anspruch a uf ein Taggeld der Invalidenversi- cherung hätten grundsätzlich nur die erwerbstätigen versicherten Personen. Erwerbstätig sei, wer unmittelbar vor Beginn der Arbeitsunfähigkeit eine Erwerbstätigkeit ausgeübt habe. Nur nichter- werbstätige Personen hätten Anspruch auf eine Entschädig ung von Betreuungskosten. Daran würden auch die erwähnten Merkblätter der AHV/IV nichts ändern, da diese nur allgemein infor- mieren würden und für die Beurteilung von Einzelfällen ausschliesslich die gesetzlichen Bestim- mungen massgebend seien. Auch die Ausführungen im Zusammenhang mit der Wegleitung über die Beiträge der Selbständigerwerbenden und Nichterwerbstätigen in der AHV, IV und EO (WSN) seien nicht einschlägig, da die Versicherte nicht in der Eingliederungsstätte B.____ arbeite, son- dern lediglich eine Vorbereitungsmassnahme absolviert habe. B. Dagegen erhob A.____ mit Eingabe vom 28. Juni 202 0 Beschwerde beim Kantonsge- richt. Sie beantragte unter o/e-Kostenfolge, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei ihr eine Entschädigung für Betreuungskosten im Betrag von Fr. 4'346.-- (53 Tage à Fr. 82.- -) für die Zeitperiode vom 30. September 2019 bis 29. Dezember 2019 zuzusprechen. Zudem sei der Erwerbsstatus für die Beitragsjahre 2010 bis 2019 zu überprüfen. Nach allgemeinen Ausfüh- rungen führte sie ab Seite 17 ihrer Beschwerde aus, dass sie unter die den Nichterwerbstätigen gleichgestellte Versichertenkategorie der nicht dauernd voll Erwerbstätigen falle. Sie habe zum Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit bereits seit mehreren Jahren lediglich eine Erwerbs- tätigkeit in geringem Masse (weniger als 50 % und/oder neun Monate im Jahr) ausgeübt und werde seit ihrer Heirat von ihrem Ehemann finanziel l unterstützt. Im Dezember 2001 sei sie als Selbständigerwerbende erfasst worden. Ihre Haupttäti gkeit habe jedoch in der Führung des Haushalts und der Betreuung der Kinder bestanden. Sie habe in der Vergangenheit Verluste er- wirtschaftet und habe vom 1. Januar 2012 bis 31. Augus t 2014 und vom 1. Oktober 2016 bis 29. September 2019 gar keine Erwerbstätigkeit ausgeübt. Sie habe zu keinem Zeitpunkt Arbeits- losengeld bezogen. Gegen den erwerblichen Charakter der Tätigkeit und für die Annahme einer blossen Liebhaberei spreche, dass sie während längerer Zeit weder eigene noch fremde Arbeits- kraft eingesetzt und keine erheblichen finanziellen Mitt el investiert habe. Da sie nicht arbeitslos sei und keine Taggelder der Kranken- oder Unfallversiche rung beziehe, könne sie auch nicht Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht einer erwerbstätigen versicherten Person gleichgestellt werden. Die Qualifikation als Erwerbstä- tige in den Jahren 2012, 2013, 2017, 2018 und 2019 scheide mangels einer tatsächlichen Er- werbstätigkeit aus. In den Jahren 2010, 2011, 2014, 2015 und 2016 habe sie nicht dauernd voll gearbeitet. Die Beschwerdeführerin führte sodann unter Hinweis auf die Verwaltungsweisungen betreffend die Abgrenzung der erwerbstätigen von den nichterwerbstätigen versicherten Perso- nen (immer bezogen auf den AHV-beitragsrechtlichen Status) und in diesem Zusammenhang zu den beschränkt arbeitsfähigen versicherten Personen auf Seite 26 f. aus, dass Personen, die in Geschützten Werkstätten und Beschäftigungsstätten arbeite n oder im Rahmen von Beschäfti- gungsmassnahmen eingesetzt würden, als nichterwerbstätig g elten würden, sofern sie weniger als Fr. 19.20 pro Tag erhielten. Sie habe im Jahr 2019 aufgrund der Teilnahme am Arbeitstraining ein Taggeld von durchschnittlich Fr. 7.60 und damit we niger als Fr. 19.20 erhalten, weshalb sie als Nichterwerbstätige gelte und die Voraussetzungen a uf eine Entschädigung der Betreuungs- kosten erfüllt seien. Weiter weist die Beschwerdeführerin darauf hin, dass die Entschädigung für Betreuungskosten nur für Nichterwerbstätige gelte und Frauen, die neben der Betreuung der Kin- der einer geringen Erwerbstätigkeit nachgehen würden, leer ausgingen. Diese Ungleichbehand- lung sei kaum bewusst gewählt worden, vielmehr handle e s sich um gesetzgeberisches Verse- hen, das möglichst bald korrigiert werden müsse. Zuletzt zitierte die Beschwerdeführerin aus BGE 146 V 271 (publ. Urteil des Bundesgerichts vom 27. Mai 2020, 8C_508/2019), ohne daraus je- doch konkrete Schlüsse zu ziehen (Seiten 29 – 36 der Beschw erde). C. Mit Vernehmlassung vom 17. August 2020 beantragte d ie Beschwerdegegnerin die Ab- weisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. S ie hielt an ihrer Auffassung fest, wo- nach die Beschwerdeführerin als Erwerbstätige zu qualifizieren sei, da sie unmittelbar vor Eintritt der Arbeitsunfähigkeit im Jahr 2011 eine Erwerbstätigk eit ausgeübt bzw. ein der AHV- Beitragspflicht unterstelltes Erwerbseinkommen erzielt habe. Die IV-Verordnung definiere, wer als erwerbstätig gelte. Unerheblich sei in diesem Zusam menhang die AHV-beitragsrechtliche Qualifikation der Beschwerdeführerin. Es treffe daher nicht zu, dass sich die Parteien uneinig wären, ob die Beschwerdeführerin AHV-rechtlich als Erwerbstätige oder Nichterwerbstätige ein- zustufen sei. Dazu habe sich die Beschwerdegegnerin mangel s Zuständigkeit gar nicht geäus- sert. Die Präsidentin zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Die Beschwerde wurde beim sachlich und örtlich zustän digen Gericht form- und fristge- recht eingereicht. 1.2 Im Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicheru ngsgericht sind grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu beurteilen, zu denen die zuständige Sozialversicherungsbehörde vor- gängig verbindlich – in Form einer Verfügung – Stell ung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und damit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und inso- weit keine Verfügung ergangen ist. Bezieht sich die Beschwerde bzw. eine Eingabe auf ein nicht durch die Verfügung bestimmtes Rechtsverhältnis, gehören die beanstandeten Aspekte weder Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht zum Anfechtungs- noch zum Streitgegenstand (BGE 131 V 164 E. 2.1 mit weiteren Hinweisen). Diesfalls steht den Betroffenen keine Befugnis zu, verf ügungsweise nicht geregelte Rechtsver- hältnisse durch eine Beschwerde richterlich überprüfen zu lassen. Das kantonale Versicherungs- gericht tritt auf eine solche Beschwerde nicht ein. 1.3 Anfechtungsobjekt des vorliegenden Beschwerdeverfahre ns bildet die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 29. Mai 2020. Darin wurde einzig über die Frage entschieden, ob die Beschwerdeführerin die Voraussetzungen für einen Anspr uch auf Betreuungskosten für die Dauer des Arbeitstrainings erfüllt. Die Überprüfung de s Erwerbs- bzw. Beitragsstatus der Be- schwerdeführerin in den Beitragsjahren 2010 bis 2019 bildete nicht Gegenstand der angefochte- nen Verfügung. Es handelt sich hierbei um eine AHV-rechtliche Frage, deren Beantwortung in die Zuständigkeit der Ausgleichskassen und nicht in diejenige der Beschwerdegegnerin fällt. Folglich hat die Beschwerdeführerin keine Befugnis, dieses Rechtsverhältnis sowie ihre beitragsrechtliche Qualifikation (Seiten 9 – 18 der Beschwerde) im Rahme n der vorliegenden Streitigkeit richterlich überprüfen zu lassen. Daher ist auf das Rechtsbegehren Ziffer 2 nicht einzutreten. 1.4 Der Beschwerdeführerin ist es zudem verwehrt, die R echtmässigkeit der Höhe des von der Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 16. Oktober 2 019 festgelegten Taggelds, das der Beschwerdeführerin für die Dauer des Arbeitstrainings zugesprochen und ausgerichtet wurde, durch das Kantonsgericht überprüfen zu lassen (ab Seite 18 der Beschwerde). Gegen die rechts- kräftige Verfügung vom 16. Oktober 2019 steht der Beschwerdeführerin kein ordentliches Rechts- mittel mehr offen. Auf diesbezügliche Begehren und Aus führungen ist deshalb im vorliegenden Verfahren ebenfalls nicht einzugehen. 2. Gemäss § 55 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessord- nung (VPO) vom 16. Dezember 1993 entscheidet die präsid ierende Person der Abteilung Sozi- alversicherungsrecht des Kantonsgerichts Streitigkeiten bis zu einem Streitwert von Fr. 20'000.-- durch Präsidialentscheid. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Zusprechung einer Entschädigung von Betreuungskosten in der Höhe von Fr. 4'346.--, womit der Streitwert unter der erwähnten Grenze von Fr. 20'000.-- liegt. Die Angele genheit fällt daher in die Kompetenz der präsidierenden Person der Abteilung Sozialversicherungsrecht des Kantonsgerichts. 3.1 Gemäss Art. 22 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Inval idenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 haben Versicherte während der Durchführun g von Eingliederungsmassnahmen – wozu die vorliegend vom 30. September 2019 bis 29. D ezember 2019 durchgeführte Vorberei- tungsmassnahme zählt – nach Art. 8 Abs. 3 IVG Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie an wenigs- tens drei aufeinander folgenden Tagen wegen der Massn ahmen verhindert sind, einer Arbeit nachzugehen, oder sie in ihrer gewohnten Tätigkeit zu mindestens 50 % arbeitsunfähig im Sinne von Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 sind. 3.2 Nach Art. 20 sexies Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 gelten Versicherte als erwerbstätig, die unmittelbar vor Beginn ihrer Arbeitsunfähig- keit (Art. 6 ATSG) eine Erwerbstätigkeit ausgeübt haben (lit. a) oder die glaubhaft machen, dass Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht sie nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit eine Erwerbst ätigkeit von längerer Dauer aufgenommen hätten (lit. b). Art. 20 sexies Abs. 2 IVV stellt den erwerbstätigen Versicherten gle ich: arbeitslose Versicherte, die Anspruch auf eine Leistung der Arbeitslo senversicherung haben oder mindes- tens bis zum Eintritt der Arbeitsunfähigkeit hatten (li t. a), und Versicherte, die nach krankheits- oder unfallbedingter Aufgabe der Erwerbstätigkeit Taggelder als Ersatzeinkommen beziehen (lit. b). 3.3 Gemäss Art. 11a Abs. 1 IVG haben nicht erwerbstäti ge Versicherte, die an Eingliede- rungsmassnahmen teilnehmen und die mit Kindern unter 1 6 Jahren oder mit Familienangehöri- gen im gemeinsamen Haushalt leben, Anspruch auf eine Entschädigung für Betreuungskosten, wenn sie nachweisen, dass die Eingliederungsmassnahmen zusät zliche Kosten für die Betreu- ung verursachen (lit. a) und die Eingliederungsmassnahme n mindestens zwei aufeinander fol- gende Tage dauern (b). Abs. 2 legt fest, dass der Ansp ruch auf eine Entschädigung für die Be- treuung der eigenen Kinder (lit. a), der Pflegekinde r, die unentgeltlich zu dauernder Pflege und Erziehung aufgenommen wurden (lit. b) und der Famili enangehörigen, für die ein Anspruch auf Anrechnung einer Betreuungsgutschrift nach Artikel 29septies des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) vom 20. Dezember 1946 zusteht (lit. c), gilt. 3.4 Bis zur 5. IVG-Revision sah das Gesetz für Personen m it kleinem Einkommen sowie für Nichterwerbstätige das sog. "kleine Taggeld" i.S. einer Art "Mindesteinkommen" während der Eingliederung vor (aArt. 22 Abs. 1 Satz 2 und 24 Abs. 3 in der Fassung nach der 4. IVG-Revision). Anlässlich der 5. IVG-Revision wurde diese Mindestgarant ie vom Parlament bewusst aufgeho- ben. Seit der Aufhebung der Mindestgarantie haben de shalb nichterwerbstätige Personen, ein- schliesslich Personen mit einer Tätigkeit im Aufgabenbereich, die an Eingliederungsmassnahmen teilnehmen, keinen Anspruch mehr auf IV-Taggelder (BGE 146 V 271 E. 6.1). Das Bundesgericht führte in BGE 146 V 271 in Erwägungen 6.4 und 7 zusammenfassend aus, Sinn und Zweck des in Art. 22 f. IVG vorgesehenen Taggeldanspruchs während der Durchführung von Eingliederungs- massnahmen sei seit der 5. IV-Revision einzig noch der Ersatz für ein effektives Einkommen, das infolge der Massnahmen nicht mehr erzielt werden könne. Die auf Gesetzesstufe durch Strei- chung des Mindesttaggeldes für Nichterwerbstätige in Art. 23 IVG vorgenommene Einschränkung des Taggeldanspruchs auf Erwerbstätige solle einerseits negative Anreizwirkungen für Personen ohne Erwerbseinkommen verhindern und andererseits zu den mit der Gesetzesrevision verfolg- ten Sparzielen beitragen. Ausgehend vom Wortlaut des Gesetzes ergebe sich, dass Art. 22 IVG keinen Taggeldanspruch für im Aufgabenbereich tätige Personen vorsehe. Bemessungsgrund- lage für das Taggeld der Anspruchsberechtigten bilde nur noch das letzte ohne gesundheitliche Einschränkung tatsächlich erzielte Erwerbseinkommen (vgl. Art. 23 Abs. 1 IVG). Die Ausnahmen dazu würden im Gesetz präzise umschrieben (Art. 23 Abs. 2 und 2 bis IVG; vgl. auch Art. 22 Abs. 5 bis f. IVG). Eine finanzielle Schlechterstellung der Nichterwerbstätigen während der Teilnahme an Eingliederungsmassnahmen sei vom Gesetzgeber nicht nur in Kauf genommen, sondern so- gar angestrebt worden. Denn künftig solle ausgeschlosse n werden, dass gesundheitlich beein- trächtigte Personen nach Eintritt der Invalidität finan ziell besser dastehen würden als vorher. Schliesslich hielt das Bundesgericht fest, dass Art. 20 sexies Abs. 1 lit. b IVV, wonach Versicherte als erwerbstätig gelten, wenn sie glaubhaft machen, dass sie nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine Erwerbstätigkeit von längerer Dauer aufgenommen hätten, die gesetzliche Grundlage fehle (BGE 146 V 271 E. 8.1). 3.5 Aufgrund der Abschaffung des "kleinen Taggelds" füg te der Gesetzgeber Art. 11a IVG ein. Die Voraussetzung der fehlenden Erwerbstätigkeit ergibt sich aus Sinn und Zweck des Insti- tuts: weil die versicherte Person nicht erwerbstätig ist und damit kein Erwerbseinkommen hat, ihr aber wegen der tatsächlichen Teilnahme an der Eingli ederungsmassnahme zusätzliche Kosten für Pflege-Ersatzpersonal entstehen, wollte ihr der Ge setzgeber mit Kostenersatz beistehen (ERWIN MURER , Invalidenversicherungsgesetz, Handkommentar, Zürich 2014 , Art. 11a IVG N 3 f.). Die Beschwerdeführerin weist in der Beschwerde zu Recht darauf hin, dass es in der Literatur kritische Stimmen gibt, die die Beschränkung des persönli chen Anwendungsbereichs von Art. 11a IVG auf nicht erwerbstätige Versicherte in Frage stellen, weil damit geringfügig erwerbstätige taggeldberechtigte Personen mit Betreuungsaufgaben be nachteiligt würden. Die Betroffenen würden zwar Taggeld nach Art. 22 ff. IVG erhalten, do ch könne dieses niedriger als die Betreu- ungskosten ausfallen (ERWIN MURER , a.a.O., Art. 11a IVG N 15). Weder der Gesetzgeber noch die Rechtsprechung sahen sich in der Zwischenzeit jedoch veranlasst, durch die Annahme einer unechten Lücke und die Füllung derselben an dieser Situa tion etwas zu ändern, nachdem das "kleine Taggeld" bewusst abgeschafft worden war. 4.1 Vorliegend steht fest, dass die Beschwerdeführerin ein IV-Taggeld erhielt. Damit wurde sie als erwerbstätige versicherte Person eingestuft, wogeg en sie sich nicht wehrte. Ohne die Rechtmässigkeit dieser Einstufung zu überprüfen, ist dazu in Kürze folgendes festzuhalten: Dr. med. C.____, Spezialarzt FMH für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten, hielt im Bericht vom 20. September 2011 (iv act. 31) eine Hörminderung fest, die sich "in letzter Zeit deutlich verschlech- tert" habe. Dem IK-Auszug (iv act. 24) ist zu entnehmen , dass die Beschwerdeführerin im Jahr 2011 selbständig erwerbstätig war und ein Einkommen von Fr. 9'094.-- bei der Ausgleichskasse deklariert hatte. Damit ist es nicht willkürlich, wenn die Beschwerdegegnerin davon ausging, dass die Beschwerdeführerin vor Eintritt der Arbeitsunfähigkeit, die auf die Zunahme der Schwerhörig- keit zurückzuführen war, einem Erwerb nachging und sie d emzufolge als erwerbstätig im Sinne von Art. Art. 20 sexies Abs. 1 lit. a IVV einstufte und ihr ein IV-Taggeld a usrichtete. Daran vermag auch der Hinweis der Beschwerdeführerin nichts zu ändern, Personen, die in Geschützten Werk- stätten arbeiteten, seien AHV-rechtlich als Nichterwer bstätige zu qualifizieren. Denn entschei- dend für die Einstufung nach Art. 22 IVG sind die Verh ältnisse vor dem Eintritt der Arbeitsunfä- higkeit und nicht diejenigen während der Eingliederun gsmassnahme. Somit fällt die Beschwer- deführerin nicht in den Anwendungsbereich von Art. 11a IVG und hat gegenüber der Beschwer- degegnerin keinen Anspruch auf Ersatz der Betreuungskosten. 4.2 Damit kann die Frage offengelassen werden, ob die Beschwerdeführerin die während der Eingliederung zusätzlich entstandenen Kosten für die Betreuung ihres jüngsten, primarschul- pflichtigen Sohnes geltend machen kann. Die Beschwerdefü hrerin richtete ihrem ältesten Sohn vom 1. Oktober 2019 bis 29. Dezember 2019 einen Lohn al s Kinderbetreuer aus. Der älteste Sohn brach das Gymnasium per Ende Juni 2019 vorzeitig ab und suchte in der Folge eine befris- tete Stelle bis Mitte Januar 2020 (Seite 22 der Beschwerde). Die versicherte Person trifft im So- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht zialversicherungsrecht eine Schadenminderungspflicht. Im Rahmen der Prüfung des Leistungs- anspruchs ist die zumutbare Mithilfe von Familienangehörigen zu berücksichtigen, die weitergeht als die ohne Gesundheitsschädigung üblicherweise zu erwart ende Unterstützung. Auszugehen ist dabei vom Grundsatz, dass einem Leistungsansprecher im Rahmen der Schadenminderungs- pflicht Massnahmen zuzumuten sind, die ein vernünftiger Mensch in der gleichen Lage ergreifen würde, wenn er keinerlei Entschädigung zu erwarten hä tte (BGE 133 V 504 E. 4.2). Es wäre demzufolge zu prüfen gewesen, ob die Kosten in Anbetracht der Schadenminderungspflicht über- haupt zu erstatten gewesen wären. 5. Die angefochtene Verfügung vom 29. Mai 2020 ist nac h dem Gesagten nicht zu bean- standen und die dagegen erhobene Beschwerde ist, soweit darauf einzutreten ist, abzuweisen. 6. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 VPO in der Reg el in angemessenem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. Bei Präsidialentsche iden wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einhe itlich auf Fr. 400.-- fest. Vorlie- gend ist die Beschwerdeführerin unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten ihr aufzuer- legen sind. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird, soweit darauf eingetrete n wird, abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 400.-- we rden der Beschwer- deführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kostenvo rschuss in der Höhe von Fr. 400.-- verrechnet. http://www.bl.ch/kantonsgericht