<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 8 S.40</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">40</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft1"><b>8</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 12 lit. a BGFA</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Verpasste Rechtsmittelfrist: Keine Verletzung von Art. 12 lit. a BGFA,</b></span><br/> <span class="ft1"><b>wenn ein Rechtsanwalt alle geeigneten Vorsichtsmassnahmen wie die</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Führung einer doppelten Fristenkontrolle sowie die genügende Instruk-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>tion eines Kanzleimitarbeiters getroffen hat, um die Einhaltung von Fris-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>ten gewährleisten zu können.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid der Anwaltskommission vom 28. Februar 2008 i.S. B.Z.</span><br/> <span class="ft4">(AVV.2007.25)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">41</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">Dem beigelegten Schreiben vom 1. September 2006 des bean-</span><br/> <span class="ft6">zeigten Anwaltes ist zu entnehmen, dass er das Ersuchen um Zustel-</span><br/> <span class="ft6">lung der vollständigen Ausfertigung des Urteils zwar geschrieben</span><br/> <span class="ft6">habe, aber dieses vom für den Versand zuständigen Kanzleimitarbei-</span><br/> <span class="ft6">ter nicht abgesandt worden sei.</span><br/> <span class="ft6">Zu beurteilen ist vorliegend, ob der beanzeigte Anwalt infolge</span><br/> <span class="ft6">Verpassens der Frist zur Einforderung einer vollständig begründeten</span><br/> <span class="ft6">Urteilsausfertigung die Berufsregel nach Art. 12 lit. a BGFA verletzt</span><br/> <span class="ft6">hat.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss Art. 12 lit. a BGFA übt der Anwalt seinen Beruf</span><br/> <span class="ft6">sorgfältig und gewissenhaft aus. Diese Pflicht gebietet ihm, die</span><br/> <span class="ft6">Interessen des Auftraggebers nach besten Kräften zu wahren und</span><br/> <span class="ft6">alles zu unterlassen, was diese Interessen schädigen könnte. Diszi-</span><br/> <span class="ft6">plinarrechtlich relevant sind nur grobe Verstösse gegen diese man-</span><br/> <span class="ft6">datsrechtliche Treuepflicht. Das Berufsrecht soll nämlich lediglich si-</span><br/> <span class="ft6">cherstellen, dass der Anwalt seine Aufgabe nicht wissentlich unrich-</span><br/> <span class="ft6">tig oder grobfahrlässig fehlerhaft erfüllt. Verpasst ein Anwalt bei-</span><br/> <span class="ft6">spielsweise versehentlich eine Frist, ist dies disziplinarrechtlich</span><br/> <span class="ft6">grundsätzlich nicht von Bedeutung. Die Aufsichtsbehörde hat nur</span><br/> <span class="ft6">einzuschreiten, wenn erschwerende Umstände vorliegen, die auf eine</span><br/> <span class="ft6">unverantwortliche Berufsausübung schliessen lassen (W</span><span class="ft4">ALTER</span> <span class="ft6">F</span><span class="ft4">ELL</span><span class="ft6">-</span><br/> <span class="ft4">MANN</span> <span class="ft6">in: W</span><span class="ft4">ALTER</span> <span class="ft6">F</span><span class="ft4">ELLMANN</span> <span class="ft6">/</span> <span class="ft6">G</span><span class="ft4">AUDENZ</span> <span class="ft6">G.</span> <span class="ft6">Z</span><span class="ft4">INDEL</span> <span class="ft6">[Hrsg.], Kom-</span><br/> <span class="ft6">mentar zum Anwaltsgesetz, Zürich 2005, N 26 zu Art. 12). Von einer</span><br/> <span class="ft6">disziplinarisch relevanten Verletzung der Berufspflicht kann diesbe-</span><br/> <span class="ft6">züglich erst dann gesprochen werden, wenn ein Anwalt die üblichen</span><br/> <span class="ft6">Vorsichtsmassnahmen zur Vermeidung solcher Fehlleistungen unter-</span><br/> <span class="ft6">lässt. Ohne weiteres dürfte ein Disziplinartatbestand sodann vorlie-</span><br/> <span class="ft6">gen, wenn ein Anwalt eine Fristeinhaltung aus böswilliger Absicht</span><br/> <span class="ft6">zum Nachteil seines Mandanten unterlässt (G</span><span class="ft4">IOVANNI</span> <span class="ft6">T</span><span class="ft4">ESTA</span><span class="ft6">, Die</span><br/> <span class="ft6">zivil- und standesrechtlichen Pflichten des Rechtsanwaltes gegenüber</span><br/> <span class="ft6">dem Klienten, Zürich 2001, S. 87 ff., mit Hinweisen auf die Praxis</span><br/> <span class="ft6">der zürcherischen Aufsichtskommission).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">42</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Eine Fristversäumnis fällt disziplinarisch beispielsweise dann</span><br/> <span class="ft6">nicht ins Gewicht, wenn in Bezug auf die Postaufgabe die Sekretärin</span><br/> <span class="ft6">irrtümlicherweise annahm, der Anwalt selbst habe das fristgerecht</span><br/> <span class="ft6">niedergeschriebene Fristerstreckungsgesuch auf die nahe Post ge-</span><br/> <span class="ft6">bracht, was er aber krankheitsbedingt nicht tat (vgl. T</span><span class="ft4">ESTA</span><span class="ft6">, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft6">S. 87, mit Hinweis auf den Entscheid der Aufsichtskommission des</span><br/> <span class="ft6">Kantons Zürich Nr. 141 vom 4. November 1987. Hier wurde der be-</span><br/> <span class="ft6">schuldigte Anwalt aber trotzdem schuldig gesprochen. Dies, weil er</span><br/> <span class="ft6">dem Klienten die Fristversäumnis zeitweilig verschwieg bzw. ver-</span><br/> <span class="ft6">suchte, ihn über seine Säumnis zu täuschen und das Mandat zur Un-</span><br/> <span class="ft6">zeit niederlegte). In Bezug auf die cura in custodiendo wurde in</span><br/> <span class="ft6">einem Entscheid der Aufsichtskommission des Kantons Zürich fest-</span><br/> <span class="ft6">gehalten, es sei Pflicht des Anwaltes, alle geeigneten Massnahmen zu</span><br/> <span class="ft6">treffen, dass die peinlich genaue Einhaltung der Fristen gewährleistet</span><br/> <span class="ft6">sei. Wahrung der Fristen sei Verantwortungssache des das Mandat</span><br/> <span class="ft6">führenden Anwaltes selbst. Dazu genüge es beispielsweise an sich</span><br/> <span class="ft6">nicht, die Sekretärin generell darauf aufmerksam zu machen, die auf</span><br/> <span class="ft6">den Dossiers eingetragenen Fristen einzuhalten. Notwendig sei eine,</span><br/> <span class="ft6">möglichst doppelte, Fristenkontrolle mit z.B. rot markierten Agenda-</span><br/> <span class="ft6">eintragungen bzw. anderweitigem adäquatem Sicherheitsdispositiv</span><br/> <span class="ft6">(ZR 1995, Bd. 94, Nr. 33, S. 105ff).</span><br/> <span class="ft6">Die Anwaltskommission des Kantons Aargau hat mit Entscheid</span><br/> <span class="ft6">vom 7. Dezember 2007 (AGVE 2007, Nr. 8, S. 44) festgehalten, dass</span><br/> <span class="ft6">es disziplinarrechtlich relevant sei, wenn ein Anwalt, der durch eige-</span><br/> <span class="ft6">nes Verschulden eine Frist in der internen Kontrolle um einen Monat</span><br/> <span class="ft6">verschoben eingetragen und dadurch die Frist für die Einreichung</span><br/> <span class="ft6">einer Berufung versäumt habe. Zudem habe der Anwalt auch keine</span><br/> <span class="ft6">üblichen Vorsichtsmassnahmen zur Gewährleistung der Einhaltung</span><br/> <span class="ft6">der Frist nachgewiesen.</span><br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">3.1.</span><br/> <span class="ft6">Es ist zu prüfen, ob und wenn ja welche Sicherheitsmassnah-</span><br/> <span class="ft6">men in der Kanzlei Z. grundsätzlich getroffen wurden, um eine Fehl-</span><br/> <span class="ft6">leistung, wie die vorliegend zu beurteilende, verhindern zu können</span><br/> <span class="ft6">(vgl. dazu oben Ziff. 2).</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">43</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">3.1.1.</span><br/> <span class="ft6">Der beanzeigte Anwalt weist in seiner Stellungnahme vom</span><br/> <span class="ft6">26. August 2007 auf die in ihrer Kanzlei existierende doppelte Fris-</span><br/> <span class="ft6">tenkontrolle hin. Der Kanzleimitarbeiter bestätigt in seiner Stellung-</span><br/> <span class="ft6">nahme vom 15. November 2007 die vom beanzeigten Anwalt be-</span><br/> <span class="ft6">schriebene Art und Weise der Fristenkontrolle (Einreihen der Dos-</span><br/> <span class="ft6">siers in chronologischer Reihenfolge und Agendaeintrag). Der Kanz-</span><br/> <span class="ft6">leimitarbeiter führt dazu aus, die Fälle seien in einem grossen Gestell</span><br/> <span class="ft6">übersichtlich und nach Ablauf der Fristen eingeordnet worden, wobei</span><br/> <span class="ft6">er und der beanzeigte Anwalt die gerade aktuellen Fristen wie Beru-</span><br/> <span class="ft6">fungs- und andere Verwirkungsfristen täglich überwacht hätten. Zu-</span><br/> <span class="ft6">dem seien die wesentlichen Fristen in der Wochenagenda eingetragen</span><br/> <span class="ft6">worden. Er selber habe die erledigten und bereit liegenden Briefe je-</span><br/> <span class="ft6">weils auf die Post gebracht.</span><br/> <span class="ft6">3.1.2.</span><br/> <span class="ft6">Die Ausführungen des beanzeigten Anwaltes und des Kanzlei-</span><br/> <span class="ft6">mitarbeiters zeigen auf, dass in der Anwaltskanzlei Z. die üblichen</span><br/> <span class="ft6">Vorsichtsmassnahmen, nämlich eine doppelte Fristenkontrolle, getä-</span><br/> <span class="ft6">tigt wurden, um die Einhaltung der Fristen gewährleisten zu können.</span><br/> <span class="ft6">3.2.</span><br/> <span class="ft6">3.2.1.</span><br/> <span class="ft6">[...]</span><br/> <span class="ft6">3.2.2.</span><br/> <span class="ft6">Die erwähnten Unterlagen (Kopie des Auszuges der Agenda der</span><br/> <span class="ft6">Kanzlei Z., Kontoblatt zum Dossier M. sowie Kopie des Schreibens</span><br/> <span class="ft6">vom 19. Juni 2006 an das Bezirksgericht B.) weisen darauf hin, dass</span><br/> <span class="ft6">die Frist in die Agenda eingetragen und das Schreiben fristgerecht</span><br/> <span class="ft6">verfasst wurde. Zudem ist aufgrund der obigen Ausführungen des</span><br/> <span class="ft6">Kanzleimitarbeiters davon auszugehen, dass der Brief auch zum Ver-</span><br/> <span class="ft6">sand bereit gelegt wurde. Warum dieser dann nicht an das Bezirks-</span><br/> <span class="ft6">gericht B. gelangte, kann nicht schlüssig erklärt werden.</span><br/> <span class="ft6">3.3.</span><br/> <span class="ft6">3.3.1.</span><br/> <span class="ft6">Nachdem in der Kanzlei Z. Massnahmen getroffen wurden, um</span><br/> <span class="ft6">die Einhaltung der Fristen gewährleisten zu können und das Schrei-</span><br/> <span class="ft6">ben vom beanzeigten Anwalt offenbar geschrieben und zum Versand</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">44</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">bereit gelegt wurde, ist des Weiteren die Frage zu prüfen, ob der</span><br/> <span class="ft6">Kanzleimitarbeiter betreffend die Fristenwahrung und den Versand</span><br/> <span class="ft6">der Post auch genügend instruiert war, liegt doch auch diesbezüglich</span><br/> <span class="ft6">die Verantwortung beim beanzeigten Anwalt.</span><br/> <span class="ft6">3.3.2.</span><br/> <span class="ft6">[...]</span><br/> <span class="ft6">3.4.</span><br/> <span class="ft6">3.4.1. - 3.4.2.</span><br/> <span class="ft6">[...]</span><br/> <span class="ft6">3.5.</span><br/> <span class="ft6">Gestützt auf die vorstehenden Überlegungen ist zu Gunsten des</span><br/> <span class="ft6">beanzeigten Anwaltes davon auszugehen, dass die üblichen Vor-</span><br/> <span class="ft6">sichtsmassnahmen wie die doppelte Fristenkontrolle sowie die genü-</span><br/> <span class="ft6">gende Instruktion des Kanzleimitarbeiters getroffen wurden, um die</span><br/> <span class="ft6">Einhaltung von Fristen gewährleisten zu können. Zudem weisen die</span><br/> <span class="ft6">eingereichten Unterlagen darauf hin, dass das Schreiben zur Einfor-</span><br/> <span class="ft6">derung einer vollständig begründeten Urteilsausfertigung fristgerecht</span><br/> <span class="ft6">geschrieben und zum Versand bereit gelegt wurde. Warum das</span><br/> <span class="ft6">Schreiben schliesslich beim Bezirksgericht B. nicht angekommen ist,</span><br/> <span class="ft6">lässt sich nicht mehr eruieren. Nach dem in Ziff. 2. Gesagten liegen</span><br/> <span class="ft6">demnach keine "erschwerenden Umstände" vor, welche auf eine un-</span><br/> <span class="ft6">verantwortliche Berufsausübung schliessen lassen. Im Übrigen sind</span><br/> <span class="ft6">auch keine Anhaltspunkte für eine böswillige Absicht seitens des</span><br/> <span class="ft6">Anwaltes ersichtlich.</span><br/> <span class="ft6">4.</span><br/> <span class="ft6">Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass dem be-</span><br/> <span class="ft6">anzeigten Anwalt nach dem Gesagten keine Verletzung der Berufs-</span><br/> <span class="ft6">regel gemäss Art. 12 lit. a BGFA vorgeworfen werden kann. Für eine</span><br/> <span class="ft6">Disziplinierung des beanzeigten Anwaltes besteht daher keine Veran-</span><br/> <span class="ft6">lassung.</span></div> </div> </body> </html>