B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-4443/2025 U r t e i l v o m 2 7 . J u n i 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichter Sebastian Kempe, mit Zustimmung von Richterin Aileen Truttmann; Gerichtsschreiberin Joana Maria Mösch. Parteien A._______, geb. (…), Jordanien, vertreten durch Lea Hungerbühler, Rechtsanwältin, und Monica Snipes Escalada, AsyLex, Gotthardstrasse 52, 8002 Zürich, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 11. Juni 2025. F-4443/2025 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 11. Mai 2025 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentralein- heit EURODAC) ergab, dass er zuvor bereits am 3. Mai 2025 in Kroatien sowie am 7. Mai 2025 in Slowenien Asylgesuche eingereicht hatte. B. Am 27. Mai 2025 ersuchte die Vorinstanz die kroatischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Ver- ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim- mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats- angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin -III-VO). Diese hiessen das Ersuchen am 6. Juni 2025 gestützt auf die von der Vo- rinstanz angerufene Bestimmung gut. C. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs im Rahmen des persönlichen Dublin-Gesprächs trat die Vorinstanz mit Verfügung vom 11. Juni 2025 auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) nicht ein. Gleichzeitig ordnete sie d essen Weg- weisung nach Kroatien an, setzte ihm eine Frist zur Ausreise bis spätestens zum Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist und wies auf die einer allfälligen Beschwerde fehlende aufschiebende Wirkung hin. D. Mit Beschwerde vom 18. Juni 2025 gelangte der Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte, die angefochtene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf sein Asyl- gesuch einzutreten. Eventualiter sei die Verfügung ebenfalls aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sub- eventualiter sei bei den zuständigen Behörden die Zusicherung einzuho- len, dass ihm ab dem Zeitpunkt seiner Ankunft umgehend Obdach, Nah- rung sowie eine angemessene und regelmässige medizinische und psy- chologische Betreuung zur Verfügung stehen. In verfahrensrechtlicher Hin- sicht beantragte der Beschwerdeführer, seiner Beschwerde sei die auf- schiebende Wirkung zu gewähren und der Vollzug der Wegweisung sei superprovisorisch auszusetzen. Zudem sei ihm die unentge ltliche F-4443/2025 Seite 3 Rechtspflege zu gewähren und aufgrund seiner Mittellosigkeit auf einen Kostenvorschuss zu verzichten. E. Am 20. Juni 2025 ordnete der Instruktionsrichter einen superprovisori- schen Vollzugsstopp an. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG) und die Sachurteilsvoraussetzungen sind erfüllt, so dass auf die Be- schwerde einzutreten ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG, Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Das Gericht entsche idet über diese endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess- lich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge- rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari- scher Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 2. 2.1 Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung des Untersuchungsgrund- satzes beziehungsweise eine fehl erhafte und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts. Er beantragt die Aufhebung des Ent- scheids der Vorinstanz. Im Wesentlichen macht er geltend, die Vorinstanz habe seine gesundheitliche Situation sowie die in Kroatien erlittene Gewalt nicht hinreichend berücksichtigt. Insbesondere hätte abgeklärt werden müssen, ob die erforderlichen medizinischen Behandlungen sowie der ef- fektive Zugang zur Versorgung in Kroatien für sein aktuelles Krankheitsbild gewährleistet sind. Diese formellen Rügen sind vorrangig zu prüfen, da sie – sofern sie sich als berechtigt erweisen – zur Kassation der angefochte- nen Verfügung führen können (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2). F-4443/2025 Seite 4 2.2 Die Vorinstanz hat den rechtserheblichen Sachverhalt vor Erlass ihres Entscheids vollständig und zutreffend ermittelt (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Im Rahmen des persönlichen Dublin-Gesprächs vom 23. Mai 2025 wurde der Beschwerdeführer umfassend angehört. Dabei wurde ihm das rechtliche Gehör hinsichtlich der möglichen Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, des beabsichtigten Nichteintretensentscheids, der Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat sowie in Bezug auf seinen Gesundheitszustand gewährt. Diese Gesichts- punkte wurden in der angefochtenen Verfügung vollständig berücksichtigt. Die Vorinstanz hielt fest, dass Kroatien über eine ausreichende medizini- sche Infrastruktur verfüge und verpflichtet sei, dem Beschwerdeführer die erforderliche medizinische Versorgung zu gewähren. Dass beziehungs- weise inwiefern sie den Sachverhalt in Bezug auf den effektiven Zugang zu einer medizinischen Behandlung des aktuellen Krankheitsbilds weiter hätte abklären müssen, ergibt sich weder aus den Beschwerdevorbringen noch aus den übrigen Akten – insbesondere nicht vor dem Hintergrund der einschlägigen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. unten E. 3.1 f.). 2.3 Die formelle Rüge des Beschwerdeführers ist unbegründet. Der Um- stand, dass er die Beurteilung durch die Vorinstanz nicht teilt, stellt keine Verletzung der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechts- erheblichen Sachverhalts dar. Es besteht keine Veranlassung, die Sache zur (weiteren Sachverhaltsabklärung und) Neubeurteilung an die Vo- rinstanz zurückzuweisen. Das diesbezügliche Eventualbegehren ist abzu- weisen. 3. 3.1 In materieller Hinsicht hat die Vorinstanz korrekt erwogen, dass ge- mäss den Bestimmungen der Dublin -III-VO grundsätzlich Kroatien für die Behandlung der Asylgesuche des Beschwerdeführers zuständig ist, dass das kroatische Asylsystem rechtsprechungsgemäss keine systemischen Mängel aufweist, aufgrund derer die Zuständigkeit gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf die Schweiz überginge, und dass vorliegend keine völ- kerrechtlichen Vollzugshindernisse ersichtlich sind, welche die Schweiz zu einem Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflichten würden. Sie hat die Vorbringen des Beschwerdeführers hinsichtlich erlebter Gewalt durch kroatische Grenzbeamte sowie seines dokumentierten Gesundheits- zustands berücksichtigt und in Überei nstimmung mit der einschlägigen Rechtsprechung gewürdigt. Darüber hinaus hat die Vorinstanz in rechts- fehlerfreier Ausübung des ihr nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO und Art. 29a F-4443/2025 Seite 5 Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) zukommenden Ermessens von einem freiwilligen Selbsteintritt der Schweiz abgesehen. Sie hat dabei insbesondere berücksichtigt, dass dem Be- schwerdeführer in Kroatien der Zugang zur benötigten medizinischen Be- handlung offensteht. Sie ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein- getreten und hat in Anwendung von Art. 44 AsylG dessen Wegweisung nach Kroatien angeordnet. Zur näheren Begründung wird auf die korrekten vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen. 3.2 Was der Beschwerdef ührer auf Rechtsmittelebene vorbringt, vermag daran nichts zu ändern. Seine durch verschiedene Berichte untermauerten Ausführungen zu Missständen in Kroatien – insbesondere zu sogenannten Pushbacks, Polizeigewalt, mangelndem Zugang zum Rechtsweg, unzu- reichender Unterbringung und defizitärer Gesundheitsversorgung – sind nicht geeignet, die im Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1488/2020 vom 22. März 2023 aufgrund einer Gesamtbetrachtung diver- ser staatlicher und nichtstaatlicher Quellen sowie der Rechtsprechung an- derer Dublin-Mitgliedstaaten vorgenommene Beurteilung des Bundesver- waltungsgerichts, wonach das kroatische Asyl- und Aufnahmesystem keine systemischen Schwachstellen aufweist, in Frage zu stellen. Die Beschwerdevorbringen hinsichtlich erlebter Gewalt durch kroatische Behörden – insbesondere die Behauptung, diese hätten versucht, auf ihn zu schiessen – sind weder rechtsgenüglich substanziiert noch belegt. Sie führen daher nicht zur Annahme, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rücküberstellung nach Kroatien eine konkrete Gefahr einer gegen Art. 3 EMRK verstossenden Behandlung drohen würde. Zwar anerkennt das Bundesverwaltungsgericht, dass das Verhalten kroatischer Behörden im Rahmen der Erstaufnahme mitunter problematisch sein kann. Es beste- hen jedoch keine hinreichenden Hinweise darauf, dass dem Beschwerde- führer im Falle einer Rückführung eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung drohen würde. Vielmehr ist davon auszugehen, dass er sich nach einer Dublin-Rückführung in einer anderen Situation befinden wird als bei seiner ersten Einreise (vgl. BVGe r E-1488/2020 vom 22. März 2023 E. 9.4). Eine Verpflichtung der Vorinstanz zum Selbsteintritt nach Art. 17 Dublin-III- VO vermögen auch seine geltend gemachten gesundheitlichen Probleme – namentlich eine vergrösserte Milz mit daraus folgender Thrombozytope- nie (Blutplättchenmangel), eine Wunde am Fuss, eine posttraumatische F-4443/2025 Seite 6 Belastungsstörung, eine Kopfschmerzstörung sowie Suizidalität –nicht zu begründen. Die Vorinstanz hat zutreffend festgestellt, dass diese Beein- trächtigungen nicht die Erheblichkeitsschwel le gemäss der Rechtspre- chung zu Art. 3 EMRK erreichen (vgl. dazu Urteile des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, Nr. 41738/10, §§ 180-193 m.w.H., bestätigt durch Savran gegen Dänemark 7. Dezember 2021, Grosse Kammer, Nr. 57467/15, §§ 121 ff). Zudem stellt Suizidalität gemäss ständiger Rechtsprechung grundsätzlich kein Vollzugshindernis dar (vgl. Urteil BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2 sowie statt vieler Urteil des BVGer F -3542/2024 vom 10. Juni 2024 E. 5.3; Entscheid d es EGMR Al-Zawatia gegen Schweden vom 22. Juni 2010, 50068/08, § 57 f.). 3.3 Was den Subeventualantrag betrifft, die Vorinstanz sei anzuweisen, von den kroatischen Behörden Zusicherungen über die Gewährleistung von Obdach, Nahrung sowie einer adäquaten medizinischen und psycho- logischen Versorgung ab Ankunft einzuholen, ist festzuhalten, dass Kroa- tien rechtsprechungsgemäss über eine grundsätzlich ausreichende Infra- struktur für Asylsuchende verfügt. Etwaige Einschränkungen können auf dem Rechtsweg (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie) geltend gemacht oder mit Unterstützung karitativer Organisationen überbrückt werden. Mangels kon- kreter Anhaltspunkte, wonach diese Annahmen im Fall des Beschwerde- führers nicht zutreffen würden, erweist sich eine solche Anweisung als nicht geboten. 4. Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 25. März 2025 nicht zu beanstanden und die Beschwerde ist abzuweisen. 5. Mit vorliegendem Urteil wird der Antrag auf Gewährung der aufschieben- den Wirkung gegenstandslos und der am 20. Juni 2025 angeordnete Voll- zugsstopp fällt dahin. 6. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG) ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind und dies auch im Gesuchszeitpunkt waren. Entsprechend sind die Verfah- renskosten dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750. – festzusetzen (Art. 1 –3 des F-4443/2025 Seite 7 Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) F-4443/2025 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750. – werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen nach Versand des vorliegenden Ur- teils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz und das kan- tonale Migrationsamt. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Sebastian Kempe Joana Maria Mösch Versand: