B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6146/2023 U r t e i l v o m 1 6 . N o v e m b e r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichter Lorenz Noli, mit Zustimmung von Richter Sebastian Kempe; Gerichtsschreiber Kevin Schori. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Lea Hungerbühler, Rechtsanwältin, substituiert durch MLaw Michael Meyer AsyLex, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Ver- fahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 1. November 2023 / N (…). E-6146/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 11. Oktober 2023 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich der Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerab- druck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am (…) 2023 bereits in Kroatien um Asyl nachgesucht hatte. B. Am 18. Oktober 2023 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra- tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be- stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). C. C.a Anlässlich des sogenannten Dublin-Gesprächs vom 25. Oktober 2023 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur mut- masslichen Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asylverfah- rens, zu einer allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sach- verhalt C.b Dabei machte er im Wesentlichen geltend, nicht nach Kroatien zurück- kehren zu wollen, da man ihn dort nicht gewollt habe. Man habe ihm ein Dokument gegeben und gesagt, er müsse weggehen. Dieses Dokument habe er nicht mehr. Die kroatischen Behörden seien sehr gewalttätig ge- wesen – er habe gesehen, dass man die Menschen an der Grenze ge- schlagen habe. Zudem sei er zur Abgabe der Fingerabdrücke gezwungen worden. Er habe gar nicht verstanden, dass er in Kroatien gewesen sei. In gesundheitlicher Hinsicht gab er an, Angst vor einer Rückkehr nach Kroa- tien zu haben. Seit seiner Ankunft in der Schweiz sei er eigentlich zufrieden gewesen, aber die Nachricht von der Registrierung in Kroatien belaste ihn psychisch. Er habe daher Angst, dort Schwierigkeiten zu bekommen. D. Die kroatischen Behörden hiessen das Wiederaufnahmegesuch des SEM am 1. November 2023 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO gut. E-6146/2023 Seite 3 E. Mit Verfügung vom 1. November 2023 (eröffnet tags darauf) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl- gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung nach Kroatien, welches gemäss Dublin -III-VO für die Behandlung seines Asylgesuchs zuständig sei. Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug der Wegweisung nach Kroatien, händigte dem Beschwerdeführer die editions- pflichtigen Akten aus und stellte fest, eine allfällige Beschwerde gegen den Entscheid habe keine aufschiebende Wirkung. F. Mit Beschwerde vom 9. November 2023 an das Bundesverwaltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer die vollumfängliche Aufhebung der Ver- fügung vom 1. November 2023, die Anweisung an das SEM, auf das Asyl- gesuch einzutreten, eventualiter die Rückweisung der Sache an das SEM zur Neubeurteilung sowie subeventualiter die Einholung von Zusicherun- gen von den zuständigen Behörden, dass ab dem Zeitpunkt der Ankunft umgehend Obdach, Nahrung, eine adäquate und regelmässige medizini- sche sowie psychologische Behandlung zur Verfügung stehe. In prozessu- aler Hinsicht beantragte er die Gewährung der aufschiebenden W irkung der Beschwerde unter entsprechender Anweisung der kantonalen Behör- den, die superprovisorische Aussetzung des Wegweisungsvollzugs sowie die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive Kostenvor- schussverzicht. G. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 9. November 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). H. Am 10. November 2023 setzte der Instruktionsrichter den Vollzug der Über- stellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 A sylG). Der E-6146/2023 Seite 4 Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le- gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli- cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs- weise einer zweiten Richterin entschieden (A rt. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um ein solches Rechtsmittel, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf ei- nen Schriftenwechsel verzichtet. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah- men des – hier interessierenden – Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2019 VI/7 E. 4–6, 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). E-6146/2023 Seite 5 3.3 Der Mitgliedstaat, bei dem der erste Antrag auf internationalen Schutz gestellt wurde, ist gehalten, einen Antragsteller, der sich ohne Aufenthalts- titel im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält oder dort einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, nachdem er seinen ersten Antrag noch während des Verfahrens zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats zurückgezogen hat, nach den Bestimmungen der Art. 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen, um das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats zum Abschluss zu bringen ( Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO). Diese Bestimmung findet auch im Fall der Weiterreise eines Antragstellers in einen anderen Mitgliedstaat bei noch nicht abgeschlosse- nem Zuständigkeitsverfahren Anwendung (vgl. CHRISTIAN FILZWIESER / ANDREA SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, Das europäische Asylzuständig- keitssystem, 2014, K. 19 zu Art. 20). 3.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zustän digkeit prüfende Mitglied- staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 3.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert; ge- mäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus humanitä- ren Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Über- stellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt indessen zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 4. 4.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Eu- rodac»-Datenbank ergab, dass er sich vor seiner Einreise in die Schweiz E-6146/2023 Seite 6 in Kroatien aufgehalten und dort am (…) 2023 ein Asylgesuch eingereicht hatte. Die kroatischen Behörden stimmten dem Gesuch des SEM um Über- nahme am 1. November 2023 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO zu. Die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens ist somit gegeben. Daran ver- mögen auch die Einwände des Beschwerdeführers, wonach ihm seine Fin- gerabdrücke unter Zwang abgenommen worden seien, respektive dass ihm nicht bewusst gewesen sei, ein As ylgesuch eingereicht zu haben, nichts zu ändern (vgl. angefochtene Verfügung S. 3). Den angeblich erhal- tenen Zettel, wonach er Kroatien innert 72 Stunden zu verlassen habe, konnte er nicht einreichen. Es ist daher unklar, womit die angebliche Weg- weisung aus Kroatien begründet respektive ob eine solche tatsächlich aus- gesprochen wurde. 5. Der Beschwerdeführer bringt in seinem Rechtsmittel im Wesentlichen vor, dass es Gründe für die Annahme gebe, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Kroatien sch were systemische Schwachstellen aufwiesen. Es sei weitgehend bekannt und bestätigt, dass es in Kroatien zu völkerrechtswidrigen Push-backs komme – dies nicht nur in der Grenz- region. Es könne daher nicht davon ausgegangen werden, dass derselbe Staat an anderer Stelle rechtmässig agiere und seinen internationalen Ver- pflichtungen nachkomme. Es bestehe sodann in Kroatien keine Möglich- keit, sich effektiv gegen Polizeigewalt zu wehren. Weiter bestünden für Asylsuchende diverse Schwierigkeiten und Hürden beim Zugang zu psy- chiatrischer Behandlung. Die mit der Aufgabe der medizinischen Versor- gung von Asylsuchenden in Kroatien mandatierte Organisation «Médecins du Monde» habe ihre Aktivitäten am 22. Mai 2023 mangels genügender finanzieller Mittel einstellen müssen . Sodann liege im Falle einer Rück- schaffung ein «real risk» für eine unmenschliche Behandlung vor, womit diese nach Art. 3 EMRK und Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem- ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied- rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) unzulässig sei. Das SEM hätte abklären müssen, ob er in Kroatien angemessen untergebracht und ihm effektiv Schutz gewährt werde, oder ob nicht erneut eine unmenschli- che Behandlung durch die lokalen Behörden drohe. Das SEM habe daher im vorliegenden Fall sein Ermessen unterschritten und hätte vom Selbst- eintrittsrecht nach Art. 17 Dublin-III-VO respektive der Ermessensklausel Gebrauch machen müssen. Den Umständen des Einzelfalles sei vorlie- gend nicht genügend Rechnung getragen und die humanitäre Situation un- genügend berücksichtigt worden. Eventualiter sei die Sache an das SEM E-6146/2023 Seite 7 zurückzuweisen, da es wichtige Tatsachen, welche zur Zuständigkeit der Schweiz führten, nicht abgeklärt habe. Ein pauschaler Verweis auf die the- oretisch bestehenden völkerrechtlichen Verpflichtungen Kroatiens reichten bei derart klaren Hinweisen auf eine Verletzung derselben nicht aus, um eine Rückführung ohne weitere Abklärungen zu rechtfertigen. 6. Das SEM hat den rechtserheblichen Sachverhalt hinreichend abgeklärt. Es hat sich unter Bezugnahme auf die Schilderungen des Beschwerdeführers mit seiner individuellen Situation, der von ihm angeführten Behandlung nach dem Grenzübertritt in Kroatien, den ihm offenstehenden Möglichkei- ten, sich dort gegen ungerechte oder rechtswidrige Behandlung zu wehren und ein Asylgesuch einzureichen, der allgemeinen Situation in Kroatien (in- klusive der Push -Back-Problematik) unter Hinweis auf Abklärungen der Schweizer Vertretung und der medizinischen Versorgung in diesem Land auseinandergesetzt. Es ist nicht ersichtlich, in welcher Hinsicht hier noch konkrete weitere Abklärungen hätten vorgenommen werden müssen. Für die eventualiter beantragte Rückweisung der Sache an die Vorinstanz be- steht keine Veranlassung. 7. 7.1 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts liegen zum heutigen Zeitpunkt und entgegen der Beschwerdevorbringen keine konkre- ten Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Antragstellende in Kroatien würden systemische Schwach- stellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO auf- weisen (vgl. insbesondere Referenzurteil BVGer E -1488/2020 vom 22. März 2023 E. 9.5 und statt vieler Urteil des BVGer F-6013/2023 vom 9. November 2023 E. 7.2). Auch in Würdigung der Aussagen des Be- schwerdeführers zu seiner Behandlung und seinen Beobachtungen wäh- rend des (kurzen) Aufenthalts in Kroatien ist nicht davon auszugehen, er geriete nach einer Überstellung in dieses Land in eine Situation, in dem ihm eine Verletzung von Art. 3 EMRK od er Art. 4 der EU -Grund- rechtecharta drohen würde. Er machte – abgesehen von der erzwungenen Abgabe der Fingerabdrücke – nicht geltend, von den kroatischen Behörden Gewalt erfahren zu haben, sondern lediglich, solche im Grenzgebiet beo- bachtet zu haben (vgl. vorinstanzliche Akten […]-15/2 [nachfolgend: act. 2]). Wie das SEM zu Recht ausführte, kann die Problematik im kroati- schen Grenzgebiet nicht mit Dublin -Rückführungen nach Kroatien in Ver- bindung gebracht werden (vgl. auch vorstehend zitierte Rechtsprechung). E-6146/2023 Seite 8 Im Übrigen kann auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. a.a.O. S. 3 f.). 7.2 Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO nicht ge- rechtfertigt. 8. 8.1 Demnach bleibt zu prüfen, ob die Schweiz das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO auszuüben hat. 8.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar- getan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder aufzu- nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non -Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser- dem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer Rückfüh- rung erwartenden Bedingungen in Kroatien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU -Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Der Beschwerdeführer hat auch keine kon- kreten Hinweise für die Annahme dargetan, Kroatien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie), zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalte n. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Üb- rigen nötigenfalls an die kroatischen Behörden wenden und die ihm zu- stehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Aus den Akten geht im Übrigen nicht hervor, dass sich der Beschwerdeführer während seines kurzen Aufenthalts in Kro- atien erfolglos um entsprechende Unterstützung bemüht oder diese nicht erhalten hätte, zumal er bereits zwei Tage nach seiner Ankunft wieder ab- gereist sei (vgl. act. 15). 9. 9.1 Auch in medizinischer Hinsicht sind den Akten keine Anhaltspunkte da- für zu entnehmen, dass eine zwangsweise Rückweisung ein en Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellt (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H. und Urteil des E-6146/2023 Seite 9 Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.). Den Akten sind – abgesehen von einer Unruhe und Angst im Zusammen- hang mit der drohenden Rückführung nach Kroatien – keine relevanten ge- sundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers zu entnehmen. Der me- dizinische Sachverhalt wurde vom SEM mittels Nachfrage beim Gesund- heitsdienst des BAZ rechtsgenügend abgeklärt (vgl. act. 18). In Kroatien steht zudem – entgegen der Behauptung in der Beschwerde (vgl. a.a.O. S. 7) – grundsätzlich eine durchaus ausreichende medizinische Infrastruk- tur zur Verfügung (vgl. insbes. Referenzurteil E-1488/2020 a.a.O. E. 10.2, statt vieler das Urteil BVGer E -2952/2023 vom 31. Mai 2023 E. 7.3, je m.w.H.). Im Übrigen bezieht sich die Rüge des Beschwerdeführers , wo- nach die «Médecins du Monde» die medizinische Versorgung in den Asyl- zentren per 22. Mai 2023 hätten einstellen müssen, nicht auf die aktuelle Lage: Wie das SEM in seiner Verfügung ausführte, habe die weitere Finan- zierung sichergestellt werden und die Organisation ihre Aktivitäten bereits wieder aufnehmen können (vgl. angefochtene Verfügung S. 6; vgl. auch Urteil des BVGer F-6013/2023 vom 9. November E. 8.3.2 m.w.H.). Es be- stehen keine Hinweise, dass diese Einschätzung unzutreffend wäre. Im Übrigen ist «Médecins du Monde» nur eine von mehreren Stellen, welche die medizinische Betreuung von Asylsuchenden in Kroatien gewährleisten (vgl. Urteil des BVGer F-6013/2023 a.a.O.). 9.2 Zusammenfassend konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes Risiko dartun, wonach sein e Überstellung nach Kroatien die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. 9.3 Für das subeventualiter beantragte Einholen von Garantien der kroati- schen Behörden betreffend Obdach, Nahrung und medizinische Behand- lung besteht nach dem Ausgeführten keine Veranlassung. 10. 10.1 Das SEM verfügt bei der Anwendung der Kann -Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Das Gericht beschränkt sich bei der Beurteilung eines vor- instanzlichen Verzichts der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 im We- sentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). E-6146/2023 Seite 10 10.2 Die Verfügung des SEM ist auch unter diesem Blickwinkel korrekt. Der Sachverhalt ist hinreichend erstellt, und den Akten sind keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich unter diesen Umstän- den weiterer Äusserungen zur Frage eines Selbsteintritts aus humanitären Gründen. 10.3 Nach dem Gesagten bestand kein Grund für eine Anwendung der Er- messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein- räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 11. Das SEM ist demnach zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh- rers nicht eingetreten und hat sei ne Überstellung nach Kroatien verfügt (Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 12. 12.1 Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen. Die Anträge auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung und Befreiung von der Kostenvorschusspflicht erweisen sich als gegenstandslos. Der am 10. November 2023 angeordnete provisorische Vollzugsstopp fällt dahin. 12.2 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Rechtspflege ist unbesehen der finanziellen Verh ältnisse des Beschwerdeführers abzuweisen, weil die Rechtsbegehren aussichtslos waren (Art. 65 Abs. 1 VwVG). 12.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-6146/2023 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Kevin Schori Versand: