Abteilung IV D-4080/2007/wif {T 0/2} U r t e i l v o m 2 4 . F e b r u a r 2 0 1 0 Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Thomas Wespi, Gerichtsschreiber Patrick Weber. X._______, geboren _______, Türkei, vertreten durch lic. iur. Bernhard Jüsi, _______, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 16. Mai 2007 / N _______. B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandD-4080/2007 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest: A. Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer sein Heimat- land am 3. April 2007 und gelangte von Tschechien und ihm unbe- kannten Ländern her kommend am 10. April 2007 in die Schweiz, wo er gleichentags ein Asylgesuch stellte. Dazu wurde er am 11. April 2007 summarisch befragt. Am 8. Mai 2007 führte das BFM eine Anhö- rung durch. Dabei machte der Beschwerdeführer mit letztem Wohnsitz in _______ im Wesentlichen geltend, Sympathisant der DHKP-C gewesen zu sein. Zur Organisation Temel Hakler habe er enge Beziehungen gepflegt. Er habe an zahlreichen Protestveranstaltungen teilgenommen und sei wiederholt bei der Durchführung behilflich gewesen. Anlässlich von Kundgebungen sei er 1999 beziehungsweise im Jahr 2000 festgenom- men und nach einem Tag wieder freigelassen worden. Bei einer von ihm im Jahre 2002 geleiteten Veranstaltung im Zusammenhang mit ei- nem durch die Polizei getöteten Kameraden sei er fotografiert worden. Die Aufnahme sei in einer Zeitung veröffentlicht worden. Im Jahre 2004 sei er erneut vorübergehend festgenommen worden. Am 7. De- zember 2006 habe er sich anlässlich einer polizeilichen Razzia im Ver- einslokal der Temel Hakler aufgehalten. Am 19. Dezember 2006 habe er an einer Protestveranstaltung der Gefangenenhilfsorganisation Tay- ad und einer weiteren Bewegung teilgenommen. Eine dabei gemachte Bildaufnahme von ihm sei wiederum in einem Printmedium publiziert worden. Im Zusammenhang mit den Todesfastenaktionen hätten am 4. und 7. Januar 2007 unbewilligte Demonstrationen stattgefunden. Er habe bei der Planung und Durchführung geholfen. Am 9. Januar 2007 hätten die Sicherheitskräfte seinetwegen die elterliche Wohnung durchsucht. Er selbst habe sich zu diesem Zeitpunkt nicht zuhause, sondern sicherheitshalber bei Freunden aufgehalten. Seine Angehöri- gen seien massiv eingeschüchtert worden. Man habe damit gedroht, ihn (den Beschwerdeführer) in einem Typ-F-Gefängnis zu inhaftieren. Eine Woche später sei die Wohnung erneut durchsucht worden. Es seien mehrere Personen angehalten beziehungsweise im Rahmen ei- ner Razzia im Vereinslokal der Temel Haklar festgenommen und zu ihm befragt worden. Zudem sei die Wohnung seiner Eltern vermehrt überwacht worden. Er habe sich bei seiner Schwester aufgehalten und sei dort telefonisch bedroht worden. Um sie nicht in Gefahr zu bringen, sei er nach einem Monat wieder zu Freunden gezogen. Sein Vater sei Seite 2D-4080/2007 seinetwegen aber nach wie vor unter Druck gesetzt worden. In Anbe- tracht dieser Sachlage und wegen des bevorstehenden Militärdienstes habe er sich zur Flucht entschlossen. B. Mit Verfügung vom 16. Mai 2007 – dem Beschwerdeführer am selben Datum mündlich eröffnet – lehnte das Bundesamt das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Zur Begründung führte es aus, die Schilderungen des Beschwerdeführers betreffend Verfolgung durch die türkischen Behörden seien nicht glaubhaft. Seine Angaben zur angeblichen Suche und zur möglichen Gefährdung seien wiederholt vage ausgefallen. Zudem habe er es unterlassen, mit Hilfe eines Anwalts in Erfahrung zu bringen, ob gegen ihn tatsächlich ermit- telt werde oder nicht. Seine unter anderem vorgebrachte Erklärung, er habe dazu keine Gelegenheit gehabt, könne nicht nachvollzogen wer- den. Entsprechend fehlten substanziierte Hinweise auf eine relevante Gefährdung im Heimatland. Ausserdem sei er nicht in der Lage ge- wesen, ein tatsächlich ausgeübtes politisches Engagement im vorge- brachten Ausmass plausibel zu machen. Die diesbezüglichen Schil- derungen vermittelten nicht den Eindruck von tatsächlich Erlebtem. Al- lein das Vorbringen, auf Kundgebungen fotografiert worden zu sein, begründe für sich alleine noch keine asylrelevante Gefährdung. Schliesslich erfolge eine allfällige Bestrafung wegen Militärdienstver- weigerung in der Türkei ausschliesslich gestützt auf rechtsstaatlich le- gitime und demnach nicht asylrelevante Motive. Den Vollzug der Weg- weisung in die Türkei erachtete das BFM für zulässig, zumutbar und mög lich. C. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 14. Juni 2007 beantragte der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids, die Feststellung seiner Flüchtlingseigen- schaft und die Asylgewährung, eventualiter die Feststellung der Unzu- lässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verbunden mit der vorläufigen Aufnahme in der Schweiz, eventualiter die Rück- weisung der Sache an die Vorinstanz zur ergänzenden Sachverhalts- feststellung und die unentgeltliche Prozessführung samt Entbindung von der Vorschusspflicht (Art. 65 Abs. 1 und 2 des Verwaltungsverfah- rensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021]). Zur Be- gründung machte er geltend, in der Türkei behördlich gesucht zu wer- den. Von der Schweiz aus habe er von andauernden Suchbemühun- Seite 3D-4080/2007 gen der Sicherheitskräfte erfahren. Auch wenn er zu Beginn seiner po- litischen Aktivitäten noch nicht offiziell gesucht worden sei, müsse er nunmehr damit rechnen, dass die Behörden einen Vorwand hätten, um gegen ihn vorzugehen. Durch den Beizug eines Anwalts in der Türkei vor seiner Flucht hätte er seinen Aufenthaltsort preisgeben müssen, was mit einer Akzentuierung seiner Gefährdung verbunden gewesen wäre. Aktuell versuche er von der Schweiz aus, mittels eines Anwalts in der Türkei, abzuklären, ob ein ihn betreffendes Verfahren und ein Datenblatt existiere. Die Vorinstanz wäre gehalten gewesen, diesbe- züglich den Sachverhalt mittels einer Botschaftsanfrage detailliert ab- zuklären. Er habe sich entgegen der vorinstanzlichen Sichtweise poli- tisch exponiert und sei dadurch zunehmend in den Fokus der Behör- den geraten. Entsprechende Beweismittel würden nachgereicht. Über- dies müsse er damit rechnen, bei der Rückkehr wegen des ausste- henden Militärdienstes festgenommen zu werden. Auch in diesem Lichte besehen habe er begründete Furcht vor asylrelevanten Nachtei- len im Heimatland. Nach dem Gesagten würde ein allfälliger Vollzug der Wegweisung gegen die relevanten gesetzlichen Bestimmungen verstossen. D. Mit Zwischenverfügung vom 20. Juni 2007 hiess das Bundesverwal- tungsgericht das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG wurde abgewiesen. Betreffend all- fällig nachgereichte Beweismittel wurde auf Art. 32 Abs. 2 VwVG ver- wiesen. E. Mit Vernehmlassung vom 6. Juli 2007 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde. Selbst wenn der Beschwerdeführer auf einer Fotografie in einer Zeitschrift als Kundgebungsteilnehmer er- kennbar gewesen sein sollte, könne dadurch noch nicht auf begrün- dete Furcht vor ernsthaften Nachteilen geschlossen werden. F. Mit Replik vom 31. Juli 2007 hielt der Beschwerdeführer an seinen bis- herigen Darlegungen fest. Als Belege für die Situation vor Ort respek- tive sein politisches Engagement gab er zwei bebilderte Zeitungsarti- kel samt Übersetzungen zu den Akten. Ferner ersuchte er um Einräu- Seite 4D-4080/2007 mung einer angemessenen Frist zur Nachreichung weiterer Beweismit- tel. Letzterem entsprach das Bundesverwaltungsgericht implizit. G. Mit Eingabe vom 20. Mai 2008 gab der Beschwerdeführer die Perso- nalien und die Adresse seines in der Türkei mandatierten Anwalts be- kannt. Gleichzeitig beantragte er erneut die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur ergänzenden Sachverhaltsabklärung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet endgültig über Be- schwerden gegen Verfügungen des BFM auf dem Gebiet des Asyls (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31] i.V.m. Art. 31 - 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Fest- stellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessen- heit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf die frist- und formgerecht ein- gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1, Art. 50 und Art. 52 VwVG). 3. Sachlogisch ist vorab über den Kassationsantrag des Beschwerdefüh- rers zu befinden. Seine Auffassung, das BFM wäre gehalten gewesen, mittels einer Botschaftsanfrage weitere Abklärungen vorzunehmen, kann indes nicht geteilt werden. Vielmehr hat das BFM in ausführ- lichen und gemäss nachfolgenden Ausführungen zutreffenden Erwä- gungen dargelegt, weshalb vorliegend eine begründete Furcht vor asylrelevanten Nachteilen zu verneinen sei. In Anbetracht der Akten- lage ging das BFM zutreffenderweise von einem rechtsgenüglich er- stellten Sachverhalt aus, hatte der Beschwerdeführer doch – wenn Seite 5D-4080/2007 auch in Widerspruch zu anderen Aussagen – wiederholt dargelegt, ge- gen ihn sei kein Verfahren eingeleitet worden (A 1/10, S. 6; A 6/17, S. 9). Im Übrigen findet die behördliche Untersuchungsmaxime ihre Grenze in der Mitwirkungspflicht des Betroffenen; allein der Hinweis auf nunmehr allfällig bestehende Akten der Ermittlungsorgane vor Ort bedingt jedenfalls nicht schon zwingend Abklärungen der Asylbehör- den, da der Beschwerdeführer soweit zumutbar gehalten ist, Beweis- mittel im Rahmen der Mitwirkungspflicht selber erhältlich zu machen (Art. 8 Abs. 1 Bst. d AsylG). Durch die blosse Angabe der Adresse ei- nes türkischen Anwalts ist der Mitwirkungspflicht aber offensichtlich nicht genüge getan worden beziehungsweise ergeben sich daraus kei- ne Anhaltspunkte, gegen den Beschwerdeführer sei tatsächlich ein Verfahren eröffnet worden. Nach dem Gesagten bestand beziehungs- weise besteht weder im damaligen noch im jetzigen Zeitpunkt Anlass für die Asylbehörden, zusätzliche Abklärungen vorzunehmen. Der An- trag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist mithin mangels ersichtlicher Gehörsverletzung abzuweisen. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine ausländische Person anerkannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer be- stimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, sol- chen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Mass- nahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachwei- sen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrschein- lichkeit für gegeben hält (Art. 7 AsylG). Vorbringen sind dann glaub- haft, wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in we- sentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfah- rung widersprechen. Darüber hinaus muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Seite 6D-4080/2007 Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Be- weismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt oder unbegründet nach- schiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit- wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegen - satz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge- macht, wenn der Richter von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge- gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Rich- tigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. 4.3 Die Vorinstanz hat im angefochtenen Entscheid das politische En- gagement des Beschwerdeführers im geltend gemachten Ausmass für unglaubhaft erachtet. Diese Einschätzung, welche das BFM in über- zeugenden Erwägungen darlegte, teilt auch das Bundesverwaltungs- gericht. Es mag zwar zutreffen, dass der Beschwerdeführer Sympathi- en für die von ihm erwähnten Organisationen empfindet und an der ei- nen oder anderen Veranstaltung verbunden mit einer allfälligen Kurz- festnahme im Anschluss daran teilnahm. Dabei dürfte auch die einge- reichte Bildaufnahme in einem Presseerzeugnis zustande gekommen sein. Dass er sich aber mehr als ein blosser Mitläufer engagiert haben sollte, erscheint entgegen den Beschwerdevorbringen in keiner Weise als plausibel. So war er auch auf wiederholtes Nachfragen nicht in der Lage, seine angebliche Beteiligung bei der Organisation und Durch- führung einer Manifestation auch nur annähernd zu substanziieren (A 6/17, S. 8). Weitere eher stereotype und kaum mit Realkennzeichen versehene Aussagen vermitteln jedenfalls nicht das Bild eines eigent- lichen Politaktivisten (A 6/17, S. 10 und 14). Seine mutmassliche Nähe zu eher linksgerichteten Kreisen und Organisationen ist zwar nicht zu bestreiten. Hingegen kann den vorliegenden Akten nichts entnommen werden, was auf eine markante diesbezügliche Profilierung oder Expo- nierung schliessen lassen würde, zumal er unter anderem angab, nicht Mitglied einer Partei, Organisation oder Bewegung gewesen zu sein Seite 7D-4080/2007 (A 1/10, S. 6). In sich eher widersprüchlich erscheinen sodann die An- gaben zur angeblichen behördlichen Vorgehensweise gegen ihn. Einerseits brachte er bei der Summarbefragung vor, die Sicherheits- kräfte hätten seinetwegen zuhause Razzien durchgeführt. Wenig spä- ter legte er indes dar, es bestünden keine konkreten Hinweise für eine behördliche Suche (A 1/10, S. 5 f.). Dieses in sich unstimmige Aus- sageverhalten wiederholte er anlässlich der Anhörung. Auch dort wusste er nicht, ob offiziell nach ihm gesucht werde; gleichzeitig er- wähnte er aber wiederum Razzien bei ihm zuhause (A 6/17, S. 9). In Anbetracht dieser Ungereimtheiten ist jedenfalls nicht glaubhaft, dass die Behörden ein relevantes Verfolgungsinteresse gegen den Be- schwerdeführer entwickelt haben. So hat er es denn bis zum heutigen Zeitpunkt trotz der ihm obliegenden Mitwirkungspflicht unterlassen, mit Hilfe des von ihm bezeichneten Anwalts in der Türkei allfällige Belege, welche die geltend gemachte Verfolgung erhärten würden, beizubrin- gen. Dies rechtfertigt aufgrund der Aktenlage den Schluss, dass auch im heutigen Zeitpunkt nicht aus politischen Gründen gegen ihn im Hei- matland ein Verfahren anhängig gemacht wurde. 4.4 Im Weiteren stellen allfällige strafrechtliche Konsequenzen wegen Re fraktion, Dienstverweigerung oder Desertion bei einer Rückkehr ins Heimatland grundsätzlich keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes dar. Es ist ein legitimes Recht jedes Staates, seine Bürger zum Militär- dienst einzuberufen, weshalb strafrechtliche oder disziplinarische Massnahmen bei Pflichtverletzungen grundsätzlich nicht als politisch motivierte oder menschenrechtswidrige Verfolgungsmassnahmen zu betrachten sind. Allerdings stellt eine wegen Missachtung der Dienst- pflicht drohende Strafe dann eine asylrelevante Verfolgung dar, wenn der Wehrpflichtige wegen seines Verhaltens mit einer Strafe zu rech- nen hat, welche entweder aus Gründen nach Art. 3 AsylG diskriminie- rend höher ausfällt oder an sich unverhältnismässig hoch ist. Ebenfalls illegitim und daher flüchtlingsrechtlich relevant ist eine Einberufung zum Militärdienst, wenn sie darauf abzielt, einem Wehrpflichtigen aus einem der in Art. 3 AsylG genannten Gründe erhebliche Nachteile zu- zufügen oder diesen in völkerrechtlich verpönte Handlungen zu ver- stricken. Beim Beschwerdeführer, welcher den Militärdienst als Flucht- grund anlässlich der Summarbefragung auch auf Nachfragen noch nicht angegeben hatte, bestehen indes nach dem Gesagten und ent- gegen den Beschwerdevorbringen keine konkreten Anhaltspunkte da- für, dass eine allfällige militärstrafrechtliche Sanktion relevant höher als üblich beziehungsweise diskriminierend ausfallen würde. Dies vor Seite 8D-4080/2007 allem deshalb, weil weder ein markantes politisches Profil des Be- schwerdeführers noch eine relevante Vorverfolgung ersichtlich sind. 4.5 Dem Beschwerdeführer ist es demnach nicht gelungen, nachzu- weisen oder glaubhaft zu machen, dass er in der Türkei aktuell be- gründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG haben muss. Die diesbezüglichen Erwägungen des BFM sind entgegen den Beschwerdevorbringen nicht zu beanstanden. Es er- übrigt sich, auf weitere Beschwerdevorbringen oder die beigebrachten Presseartikel näher einzugehen, weil sie am Ergebnis nichts ändern können. Das Bundesamt hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 5. 5.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Ein- heit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrecht- liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize- rischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 6. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesge- setzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Auslän- der [AuG, SR 142.20]). 7. 7.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtun- gen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Auslän- ders in den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenste- hen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge- zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus ei- nem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Ge- fahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden Seite 9D-4080/2007 (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Ge mäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Über- einkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau- same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. No - vember 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass der Grundsatz der Nichtrückschiebung nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwer- deführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5 AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulements im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Be schwerdeführers in die Türkei ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh- rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall ei- ner Ausschaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be- handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Ge- richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Fol- terausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR, Bensaid gegen Grossbritannien, Urteil vom 6. Februar 2001, Recueil des arrêts et décisions 2001-I, S. 327 ff., und Saadi ge- gen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008 [Application no. 37201/06]). Allein die Möglichkeit eines allfälligen militärstrafrechtlichen Verfahrens erfüllt diese Anforderungen nicht. Auch die allgemeine Menschen- rechtssituation in der Türkei lässt den Wegweisungsvollzug zum heuti- gen Zeitpunkt klarerweise nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. Seite 10D-4080/2007 8. 8.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunfts- staat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). Diese Bestimmung wird vor allem bei Gewaltflüchtlingen angewendet, das heisst Ausländerinnen und Aus- ländern, die mangels persönlicher Verfolgung weder die Vorausset- zungen der Flüchtlingseigenschaft noch jene des völkerrechtlichen Non-Refoulement-Prinzips erfüllen, jedoch wegen der Folgen von Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt nicht in ih- ren Heimatstaat zurückkehren können (BVGE 2008 Nr. 5). 8.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass die all- gemeine Lage in der Türkei nicht durch Krieg, Bürgerkrieg oder durch eine Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet ist, aufgrund derer die Zivilbevölkerung als konkret gefährdet bezeichnet werden müsste. Der Vollzug der Wegweisung ist unter diesen Umständen nicht generell als unzumutbar zu bezeichnen. 8.3 Der Beschwerdeführer lebte gemäss seinen Aussagen vor der Ausreise in _______ und verfügt dort über diverse soziale Anknüp- fungspunkte. Relevante gesundheitliche Probleme können den Akten nicht entnommen werden. Somit ist davon auszugehen, dass er in der Türkei nicht in eine existenzgefährdende Situation geraten wird. 8.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 9. Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 10. Insgesamt ist der durch die Vorinstanz verfügte Vollzug der Wegwei- sung zu bestätigen. Die Vorinstanz hat diesen zu Recht als zulässig, Seite 11D-4080/2007 zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anord- nung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AuG). 11. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be- schwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 12. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 20. Juni 2007 gutgeheissen wurde, ist von der Kostenauflage abzuse- hen. (Dispositiv nächste Seite) Seite 12D-4080/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an: - die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers (Einschreiben) - das BFM, Abteilung Aufenthalt, mit den Akten N _______ (per Ku- rier; in Kopie) - _______ Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand: Seite 13