<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 21 S.76</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">76</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>21</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 197 Ziff. 3 StGB, Pornographie:</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Die auf sich selbst reduzierte Sexualität muss nicht begriffsnotwendig mit</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Darstellungen des Genitalbereichs verbunden sein. Gewisse auf sexuellen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Lustgewinn ausgerichtete sadomasochistische Praktiken bedürfen des</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Einbezugs des Genitalbereichs nicht.</b></span><br/> <br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 27. Mai 2004</span><br/> <span class="ft2">i.S. Staatsanwaltschaft gegen U.G.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">Der Inhalt der beim Angeklagten beschlagnahmten Videofilme</span><br/> <span class="ft4">beschränkt sich darauf, dass weibliche Personen mit der Hand und</span><br/> <span class="ft4">verschiedenen Gegenständen wie Tischtennisschlägern, Ruten oder</span><br/> <span class="ft4">Stöcken durch Schläge aufs Gesäss gezüchtigt werden. Dabei entste-</span><br/> <span class="ft4">hen Hautrötungen, Striemen und blutunterlaufene, fast aufgeplatzte</span><br/> <span class="ft4">Prellungen. Die Züchtigungen sind teilweise intensiv und von langer</span><br/> <span class="ft4">Dauer. Die Frauen erleiden dabei Schmerzen und geben dies durch</span><br/> <span class="ft4">Wimmern, Stöhnen und Schmerzschreie kund. Auch optisch sind die</span><br/> <span class="ft4">Aufnahmen auf die Darstellung der Züchtigungen und der erlittenen</span><br/> <span class="ft4">Schmerzen ausgerichtet. Der Genitalbereich ist in die Handlungen</span><br/> <span class="ft4">nicht einbezogen und wird in den Aufnahmen auch nicht resp. ledig-</span><br/> <span class="ft4">lich in einem unbedeutenden Ausmass gezeigt.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <br/> <span class="ft4">2. Wer pornographische Schriften, Ton- oder Bildaufnahmen,</span><br/> <span class="ft4">Abbildungen, andere Gegenstände solcher Art oder pornographische</span><br/> <span class="ft4">Vorführungen, die sexuelle Handlungen unter anderem mit Gewalt-</span><br/> <span class="ft4">tätigkeiten zum Inhalt haben, einführt und lagert, wird mit Gefängnis</span><br/> <span class="ft4">oder mit Busse bestraft (Art. 197 Ziff. 3 StGB). Seit dem 1. April</span><br/> <span class="ft4">2002 wird zudem mit Gefängnis bis zu einem Jahr oder mit Busse</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">77</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">bestraft, wer solche Gegenstände oder Vorführungen, die sexuelle</span><br/> <span class="ft4">Handlungen mit Gewalttätigkeiten zum Inhalt haben, erwirbt, sich</span><br/> <span class="ft4">über elektronische Mittel oder sonst wie beschafft oder besitzt</span><br/> <span class="ft4">(Art. 197 Ziff. 3</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">StGB).</span><br/> <span class="ft4">Der Begriff der Pornographie umschreibt Darstellungen oder</span><br/> <span class="ft4">Darbietungen sexuellen Inhalts, die in der Regel sexuelles Verhalten</span><br/> <span class="ft4">aus seinen menschlichen Bezügen heraustrennen und dadurch ver-</span><br/> <span class="ft4">gröbern und aufdringlich wirken lassen, zum Beispiel durch Dar-</span><br/> <span class="ft4">stellung sexueller Vorgänge, die Sexualität in fortschreitender Steige-</span><br/> <span class="ft4">rung verzeichnet und auf sich selbst reduziert (Botschaft des Bundes-</span><br/> <span class="ft4">rats über die Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuchs vom</span><br/> <span class="ft4">26. Juni 1985 in: Bundesblatt 1985 II S. 1089). Dadurch wird der</span><br/> <span class="ft4">Mensch zum blossen Sexualobjekt erniedrigt (Jenny, Kommentar</span><br/> <span class="ft4">zum Schweizerischen Strafrecht, 4.</span> <span class="ft4">Band, Bern</span> <span class="ft4">1997, N</span> <span class="ft4">4 zu</span><br/> <span class="ft4">Art. 197 mit Hinweisen). Die Vorinstanz verbindet unter Hinweis auf</span><br/> <span class="ft4">Matthias Schwaibold/Kaspar Meng (Basler Kommentar, Strafgesetz-</span><br/> <span class="ft4">buch II, Basel/Genf/München 2003, N 14 zu Art. 197) den Begriff</span><br/> <span class="ft4">der Pornographie mit der Konzentration der Darstellungen auf den</span><br/> <span class="ft4">Genitalbereich mit der Folgerung, dass Pornographisches ohne Be-</span><br/> <span class="ft4">zug zum anatomischen Genitalbereich strafrechtlich nicht denkbar</span><br/> <span class="ft4">sei (Urteil S. 10; vgl. dazu auch Rehberg/Schmid/Donatsch, Straf-</span><br/> <span class="ft4">recht III, 8. Aufl., Zürich 2003, S. 453, wo als Erfordernis ebenfalls</span><br/> <span class="ft4">die übermässige Betonung des Genitalbereichs in der Darstellung</span><br/> <span class="ft4">sexueller Handlungen angeführt wird). Die Lehrmeinung im Basler</span><br/> <span class="ft4">Kommentar mit der Konzentration der Darstellungen auf den Geni-</span><br/> <span class="ft4">talbereich verweist auf die Botschaft des Bundesrats (Botschaft</span><br/> <span class="ft4">a.a.O., S. 1089). Dort finden sich jedoch keine derartigen Ausfüh-</span><br/> <span class="ft4">rungen, und es ist - wie gerade im zu beurteilenden Verfahren festge-</span><br/> <span class="ft4">stellt werden kann - auch nicht einsehbar, weshalb die auf sich selbst</span><br/> <span class="ft4">reduzierte Sexualität begriffsnotwendig mit Darstellungen des Geni-</span><br/> <span class="ft4">talbereichs verbunden sein müsste. Wohl dürfte dies in aller Regel</span><br/> <span class="ft4">der Fall sein, jedoch bedürfen gerade gewisse auf sexuellen Lustge-</span><br/> <span class="ft4">winn ausgerichtete sadomasochistische Praktiken des Einbezugs des</span><br/> <span class="ft4">Genitalbereichs nicht und sind trotzdem zu den pornographischen</span><br/> <span class="ft4">Handlungen zu zählen. Damit im Einklang steht ohne weiteres die</span><br/> <span class="ft4">Definition von Trechsel (Schweizerisches Strafgesetzbuch, Kurz-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">kommentar, 2. Aufl., Zürich 1997, N 4 zu Art. 197), dass die Dar-</span><br/> <span class="ft4">stellung eine aus jedem realistischen Zusammenhang gerissene,</span><br/> <span class="ft4">übersteigerte und auf sich selbst konzentrierte Sexualität zum Gegen-</span><br/> <span class="ft4">stand hat. Pornographische Erzeugnisse leben vom betonten Hinse-</span><br/> <span class="ft4">hen. Wo Zielrichtung und demonstrative Darstellung zusammen-</span><br/> <span class="ft4">kommen, liegt Pornographie vor. Sie ist objektiv darauf ausgerichtet,</span><br/> <span class="ft4">beim Konsumenten geschlechtliche Erregung zu wecken und den</span><br/> <span class="ft4">Leser, Betrachter oder Zuhörer sexuell aufzureizen (Trechsel, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft4">N 4 zu Art. 197; Rehberg/Schmid/Donatsch a.a.O., S. 453).</span><br/> <span class="ft4">Zentral für die Pornographie ist die sexuelle Handlung. Die</span><br/> <span class="ft4">Vorinstanz qualifiziert diese unter Bezugnahme auf Rehberg/Schmid</span><br/> <span class="ft4">(Strafrecht III, Zürich 1997, S. 380) als eine körperliche Betätigung</span><br/> <span class="ft4">am eigenen Körper oder demjenigen eines anderen Menschen, die</span><br/> <span class="ft4">unmittelbar auf die Erregung oder Befriedigung geschlechtlicher</span><br/> <span class="ft4">Lust - wenn auch nur bei einem von zwei Beteiligten - gerichtet ist.</span><br/> <span class="ft4">Ob der direkte Sexualbezug gegeben ist, kann sich nur nach dem</span><br/> <span class="ft4">äusseren Erscheinungsbild der Betätigung ergeben, das allein einen</span><br/> <span class="ft4">ausreichenden Anknüpfungspunkt für die Beurteilung der Handlung</span><br/> <span class="ft4">zu bieten vermag. Diese muss stets unter Berücksichtigung aller Um-</span><br/> <span class="ft4">stände vom Standpunkt eines aussenstehenden objektiven Betrach-</span><br/> <span class="ft4">ters aus erfolgen (Urteil S. 8). Stratenwerth/Jenny (Schweizerisches</span><br/> <span class="ft4">Strafrecht, Besonderer Teil I, 6. Aufl., Bern 2003, S. 147) gehen auf</span><br/> <span class="ft4">ambivalente Verhaltensweisen ein, deren sexuelle Bedeutung davon</span><br/> <span class="ft4">abhängen soll, welche Absicht der Täter mit ihnen verfolgt, und füh-</span><br/> <span class="ft4">ren im Zusammenhang mit Handlungen, die sich äusserlich nicht ein-</span><br/> <span class="ft4">deutig als geschlechtlich bezogen darstellen mögen, aus, dass am</span><br/> <span class="ft4">Rückgriff auf die Motivation des Täters gelegentlich kein Weg vor-</span><br/> <span class="ft4">beiführe. Als Beispiele sprechen sie sexuell motivierte Akte der Ag-</span><br/> <span class="ft4">gression mit Schlägen in den Unterleib, auf das Gesäss oder auf die</span><br/> <span class="ft4">Brust an, um sich durch die körperliche Misshandlung sexuellen</span><br/> <span class="ft4">Lustgewinn zu verschaffen. Sie verneinen die Qualifikation als se-</span><br/> <span class="ft4">xuelle Handlung dann, wenn der sexuelle Hintergrund des Verhaltens</span><br/> <span class="ft4">für niemanden ausser dem Täter erkennbar ist.</span><br/> <span class="ft4">(...)</span><br/> <span class="ft4">3. a) In den im Verfahren zu beurteilenden Filmen werden - als</span><br/> <span class="ft4">einzigem Inhalt - weibliche Personen dargestellt, die unter Stöhnen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">und Wimmern und Bitten um Innehaltung von Personen männlichen</span><br/> <span class="ft4">Geschlechts mit Schlägen aufs nackte Gesäss gezüchtigt werden.</span><br/> <span class="ft4">Ebenso wie die Anwendung von Gewalt die Darstellung dominiert,</span><br/> <span class="ft4">ist deren gleichzeitige Sexualbezogenheit auch für einen neutralen</span><br/> <span class="ft4">objektiven Betrachter offensichtlich. Es handelt sich nicht um Ge-</span><br/> <span class="ft4">walt als Aggression aus Wut, Hass, reinem Zerstörungswillen oder</span><br/> <span class="ft4">ähnlichem, sondern um sadistische Praktiken, die unmittelbar und</span><br/> <span class="ft4">vordringlich der Erregung oder Befriedigung sexueller Lust dienen.</span><br/> <span class="ft4">Es kann deshalb nicht davon gesprochen werden, dass die Gewalt-</span><br/> <span class="ft4">anwendung vom sexuellen Kontext losgelöst wäre, sondern im Ge-</span><br/> <span class="ft4">genteil bildet sie die Ausdrucksform des so gearteten sexuellen Ver-</span><br/> <span class="ft4">haltens. Deshalb ist nicht Art. 135 StGB anzuwenden, sondern stellen</span><br/> <span class="ft4">die gezeigten Praktiken tatbestandsmässiges Verhalten im Sinne von</span><br/> <span class="ft4">Art. 197 StGB dar, selbst wenn sie nicht auf den Genitalbereich der</span><br/> <span class="ft4">Frauen bezogen sind. Auch hier wird die auf diese Weise ausge-</span><br/> <span class="ft4">drückte Sexualität durch die Beschränkung der Handlungen auf die</span><br/> <span class="ft4">Züchtigungen auf sich selbst reduziert. Die Rahmengeschehnisse</span><br/> <span class="ft4">sind blosse "Aufhänger" zur Darstellung der Züchtigungshandlungen</span><br/> <span class="ft4">und dermassen nebensächlich und gesucht, dass keinesfalls ein Ge-</span><br/> <span class="ft4">samtzusammenhang hergestellt werden könnte.</span><br/> <span class="ft4">Unter diesen Umständen ist nicht nur mit der Vorinstanz festzu-</span><br/> <span class="ft4">stellen, dass es sich um sexuelle Handlungen handelt und dabei Ge-</span><br/> <span class="ft4">walt angewendet wird, die zum Teil in echte körperliche Misshand-</span><br/> <span class="ft4">lungen mündet, sondern entgegen deren Schlussfolgerungen sind</span><br/> <span class="ft4">diese Handlungen als pornographisch im Sinne des Gesetzes zu be-</span><br/> <span class="ft4">zeichnen, selbst wenn sie sich nicht auf den Genitalbereich im enge-</span><br/> <span class="ft4">ren Sinne beziehen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>