Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 23. Juni 2022 (720 21 242 / 143) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Würdigung der medizinischen Berichte; Asperger-Syndrom Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter in Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Jürg Pulver, Gerichtsschreiberin Christina Mar- kiewicz Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Bianka Fürbringer , Advo- katin, Gremper & Partner AG, Steinenring 60, Postfach, 4002 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der 1980 geborene A.____ war bis 2011 als Maurer t ätig. Am 30. Januar 2012 meldete er sich infolge Rücken- und Schulterbeschwerden bei der E idgenössischen Invalidenversiche- rung zum Leistungsbezug an. Gestützt auf das rheumatologische Gutachten von Dr. med. B.____ vom 30. Juli 2012 und einer attestierten Arbeitsfähigkeit von 100 % in einer angepassten Tätigkeit verneinte die damals zuständige IV-Stelle Basel-Stadt mit Verfügung vom 9. November 2012 und Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht einem ermittelten IV-Grad von 19 % einen Rentenanspruch von A.____. Hingegen wurde ein An- spruch auf Umschulungsmassnahmen bejaht und A.____ liess si ch als Tätowierer weiterbilden. Die IV-Stelle übernahm die Ausbildungskosten und zahlte während des sechs monatigen Prakti- kums ein Taggeld. Im Anschluss war der Versicherte jedoch nie in einem relevanten Ausmass als Tätowierer erwerbstätig. Mit Gesuch vom 15. März 2018 meldete sich A.____ nunmehr bei der IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) zum Leistungsbezug infolge einer depressiven Symptomatik an. Zur Abklärung des Gesundheitszustandes holte die IV-Stelle ein bidisziplinä res Gutachten bei Dr. B.____ und Dr. med. C.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, ein. Ge stützt auf das Gutachten vom 22. Dezember 2020 und nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens lehnte die IV-Stelle mit Ver- fügung vom 28. Juli 2021 und einem ermittelten IV-Grad von 8 % bei einer attestierten 100%igen Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit einen Leistungsanspruch von A.____ ab. B. Dagegen erhob dieser mit Eingabe vom 18. August 202 1 Beschwerde ans Kantonsge- richt, Abteilung Sozialversicherungsrecht. Insbesondere bemängelte er die psychiatrische Abklä- rung durch Dr. C.____. C. Mit Vernehmlassung vom 17. September 2021 beantrag te die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Das psychiatrische Gutachten von Dr. C.___ _ sei voll beweiskräftig, weshalb ohne Weiteres darauf abgestellt werden könne. D. In seiner Replik vom 24. November 2021 präzisierte A._ ___, nunmehr vertreten durch Rechtsanwältin Bianka Fürbringer, seine Rechtsbegehren dahingehend, dass die Verfügung der IV-Stelle vom 28. Juli 2021 aufzuheben und ihm eine g anze Invalidenrente zuzusprechen sei. Eventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren Abklär ung und Neuverfügung an die IV-Stelle zurückzuweisen. Nach wie vor sei er nicht in der Lage, einer angepassten Tätigkeit nachzugehen. Dies bestätige auch sein behandelnder Psychiater, Dr. me d. D.____. Das Gutachten von Dr. C.____ sei somit nicht beweiskräftig, insbesondere fehle es an einer rechtsgenüglichen Ausei- nandersetzung mit der Diagnose Asperger-Syndrom, weshalb eine neue Abklärung unter Einbe- zug der Berichte von Dr. D.____ vom 22. Oktober 2021 und von E.____, Psychotherapeutin, vom 26. Oktober 2021 zu erfolgen habe. E. Die IV-Stelle hielt mit Duplik vom 21. Dezember 202 1 an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest. Die Diagnose eines Asperger-Syndroms sei nach hinreichender Abklärung nicht gestellt worden, sondern lediglich der Verdacht auf ein solches geäussert worden. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungs- gericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anf echtungsobjekt des vorliegenden Verfah- rens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, so dass die örtliche Zuständigkeit des Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwer- den gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die frist- und fo rmgerecht erhobene Beschwerde vom 18. August 2021 ist demnach einzutreten. 2. Am 1. Januar 2022 trat die vom Gesetzgeber am 19. J uni 2020 beschlossene Änderung des IVG ("Weiterentwicklung der IV", WEIV) in Kraft. D ie vorliegend angefochtene Verfügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts (statt vieler : BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V 354 E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 sowi e des Bundesgesetzes über den All- gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 in der bis 31. De- zember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendbar (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Februar 2022, 8C_455/202, E. 2). Sie werden im Folgenden je weils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet. 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während ei- nes Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig ge- wesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die du rch eine Beeinträchtigung der körper- lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bis- herigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebre- chen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). U nter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be- einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorlie gens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück- sichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 3.3 Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im S inne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachä rztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeuten d mit dem Vorliegen einer Invalidität. In Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbei ts- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologi e ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurtei- lende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG). Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkran- kungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen. Diese Abklä- rungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärzt- lichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeits- unfähigkeit schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 7.1). 3.4 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem G rad der Invalidität wie folgt abge- stuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu min- destens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 3.5 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumut- bare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Be- ziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid gewor- den wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkommensvergleichs (BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Untervarianten des Schä tzungs- oder Prozentvergleichs (BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausserordentlichen Methode (BGE 128 V 29). 4. Die Neuanmeldung wird – wie auch das Gesuch um L eistungsrevision – nur materiell geprüft, wenn die versicherte Person glaubhaft macht, d ass sich die tatsächlichen Verhältnisse seit der letzten rechtskräftigen Entscheidung in einem für den Rentenanspruch erheblichen Mass verändert haben (Art. 87 Abs. 3 IVV; BGE 130 V 71 E. 2.2). Gelingt ihr dies nicht, so wird auf das Gesuch nicht eingetreten. Ist die anspruchserhebliche Änderung glaubhaft gemacht, ist die Ver- waltung verpflichtet, auf das neue Leistungsbegehren einzutreten und es in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht umfassend zu prüfen (SVR 2014 IV Nr. 33 E. 2); sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17 ATSG vo rzugehen. Stellt sie fest, dass der IV- Grad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch z u prüfen, ob die festgestellte Ver- änderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Ge- richt (SVR 2008 IV Nr. 35 E. 2.1; BGE 117 V 198 E. 3a). 5.1 Um den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person beurtei- len zu können, ist die Verwaltung – und im Beschwerdef all das Gericht – auf Unterlagen ange- wiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stel- lung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Be- urteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2, 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 5.2 Sämtliche Beweismittel, somit auch medizinische Ber ichte und Sachverständigengut- achten, unterliegen der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Im Sinne einer Richtlinie ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Unters uchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Bef unde zu schlüssigen Ergebnissen gelan- gen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4, 125 V 351 E. 3b/bb). Demgegenüber kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachperson en zwar nach der Rechtspre- chung Beweiswert zu, praxisgemäss haben sie aber nicht dieselbe Beweiskraft wie ein gerichtli- ches oder einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag gegebenen Gutachten. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung e ines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforder ungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit d er versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1, 139 V 225 E. 5.3, 135 V 465 E. 4.4 und 4.7). 6.1 Zu prüfen ist, ob die IV-Stelle zurecht gestützt a uf das bidisziplinäre Gutachten vom 22. Dezember 2020 von einem seit 2012 unveränderten Gesundheitszustand ausgegangen ist und den Anspruch auf eine Invalidenrente abgelehnt hat. 6.2 Grundlage der rentenablehnenden Verfügung vom 9 . November 2012 bildete das rheu- matologische Gutachten von Dr. B.____ vom 30. Juli 2012. Diagnostiziert wurde mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches, rezidivierendes Lumbovertebralsyndrom mit degenerativen Veränderungen (Chondrosen L/4 und L4/5 mit jeweils Pr otrusionen L3/4 und L4/5 sowie flache paramedian linksseitige Diskushernie L5/S1 [MRT LWS 6. Dezember 2007 und 25. Juni 2010]). Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien unter and erem ein Status nach vorderer Kreuz- bandersatzplastik links unter Verwendung von Semitendinosus und Grazilis in der RigidFix-Tech- nik infolge vorderer Kreuzbandruptur links am 1. November 2006, eine Periarthropathia humeros- capularis rechts mit leichtem Impingement rechts und eine Meralgia paraesthetica (sensible Lä- sion des Nervus cutaneus femoris lateralis rechts). Im ange stammten Beruf als Maurer sei der Versicherte nicht mehr arbeitsfähig. In einer leichten bis gelegentlich mittelschweren Verweistä- tigkeit sei eine 100%ige Tätigkeit zumutbar, sofern es sic h um eine Tätigkeit handle, in welcher er nicht dauernd heben und über 10 kg stossen oder ziehe n und nicht dauernd oder repetitiv vornübergebeugt arbeiten müsse. Ferner seien Aufgaben, für welche er links knien müsse, auf- grund des relativ oberflächlich liegenden Osteosynthesematerials ungünstig. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.3 Im rheumatologischen Verlaufsgutachten vom 22. Deze mber 2020, das die IV-Stelle nach der Neuanmeldung eingeholt hatte, diagnostizier te Dr. B.____ mit Auswirkung auf die Ar- beitsfähigkeit ein chronisches, rezidivierendes Lumbovertebr alsyndrom mit degenerativen Ver- änderungen. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nannte er eine beginnende mediale und late- rale Gonarthrose links bei Status nach Kreuzbandersatzplastik links sowie eine Periarthropathia humeroscapularis rechts mit anamnestisch zeitweilig leich tem Impingement rechts. Dr. B.____ beschrieb die aktuellen Befunde bis auf die nicht mehr nachweisbare Meralgia paraesthetica als identisch zur Vorbegutachtung im Jahr 2012. Er stellte vor allem auch keine Schonungszeichen der Muskulatur fest, weder im Schulter- noch im Kniegel enksbereich. Für eine leichte bis selten mittelschwere, rückenschonende Verweistätigkeit bestehe gle ich wie bei der Begutachtung im Jahr 2012 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Die Einschätzu ng von Dr. B.____ ist für den somati- schen Bereich schlüssig und beweiskräftig. Eine rentenrelevante somatische Gesundheitsverän- derung liegt somit nicht vor, was vom Versicherten auch nicht bestritten wird. 6.4 Die aktuelle Neuanmeldung vom 15. März 2018 erfol gte denn auch nicht wegen der so- matischen Situation, sondern wegen einer zunehmenden depressiven Symptomatik. Gemäss Be- richt des F.____ vom 2. Mai 2018 leide der Versicherte seit Behandlungsbeginn am 14. Februar 2018 unter einer zunehmenden depressiven Symptomatik mit Selbstzweifeln, Selbstunsicherheit, rascher Überforderung, sozialem Rückzug, Konzentrationsschwierigkeiten sowie Mühe zur Emo- tionsregulierung. Dies verstärkt seit Sommer 2017, wobei bereits ein langjähriges Leiden be- stehe, welches bisher mehrheitlich kontrollierbar gewesen sei. Aktuell sei der Versicherte mit den Auflagen der Sozialhilfe im Bereich der Arbeitsfindung wegen ausgeprägter Konzentrations- und Organisationsschwierigkeiten überfordert. Sein Denken sei schwarz-weiss mit zwanghaften, selbstunsicheren Anteilen, depressiver Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Diagnosti- ziert wurde eine kombinierte Persönlichkeitsakzentuierung mit selbstunsicheren, emotional-insta- bilen Anteilen (ICD-10 Z73.1) und differenzialdiagno stisch eine Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F61), ferner eine rezidivierende depressive Störung, aktuell mittelgradig (ICD-10 F33.1). Attestiert wurde eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit vom 14. Februar 2018 bis 4. März 2018 und am 7. Mai 2018 eine 50%ige vom 26. April 2018 bis 31. Mai 2018. Unter angepassten Bedingungen mit klaren Aufgaben, wenig Leistungsdruck und schrittweiser Steigerung mit 3–4 Stunden täglich sei eine Arbeitsfähigkeit aber grundsätzlich gegeben. 6.5 Auf die Ankündigung der IV-Stelle vom 20. Novembe r 2019, ein bidisziplinäres Gutach- ten einholen zu wollen, meldete sich die Partnerin des Versicherten und teilte mit, dass er bezüg- lich eines Asperger-Syndroms abgeklärt werde. Er sei zuerst in G.____ gewesen. Da keine si- chere Diagnose habe gestellt werden können, folge eine spezifische Abklärung bei der Fachpsy- chologin H.____. Die Untersuchungen seien voraussichtlich im März 2020 abgeschlossen (Ak- tennotizen vom 22. November 2019 und 5. Dezember 2019) . Daraufhin entschied der RAD, die laufenden Untersuchungen abzuwarten und erst danach das Gutachten in Auftrag zu geben. 6.6 Die Resultate der am 16. und 17. April 2019 in G.____ durchgeführten neuropsycholo- gischen Testungen wurden im Bericht vom 13. Juni 2019 f estgehalten. Beim Versicherten habe ein durchschnittlicher Gesamt-IQ von 91 ermittelt werden können. In der Konzentrationsleistung zeigten sich in allen Tests durchschnittliche Werte. Die Er gebnisse der TAP (Testbatterie zur Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Aufmerksamkeitsprüfung [vielseitiges Diagnoseinstrumentarium, das mit zahlreichen Untertests differenziert eine Reihe von Aufmerksamkeitsfunktionen untersucht]) zeigten meist Werte, die im durchschnittlichen Bereich lägen, so auch in der Gedächtnisleistung. Im psychologischen Befund- bericht Asperger vom 3. Juli 2019 wurde zusammenfassend festgehalten, dass die Resultate mit Blick auf die Fragestellung eines Asperger-Syndroms als nicht konsistent in diese Richtung wei- send zu interpretieren seien. Dies betreffe sowohl di e anamnestisch erhobenen Daten als auch teilweise die psychometrischen Testbefunde. Einerseits wiesen die vom Versicherten ausgefüll- ten Fragebögen auf ein Asperger-Syndrom hin. Es sei je doch wichtig zu bemerken, dass die Selbstbeurteilung am wenigstens valide sei. Anderersei ts seien die Hinwiese in der Anamnese nicht eindeutig. Der Versicherte gebe an, als Kind mit anderen Kindern gespielt zu haben. Er weise keine Sprech- und Sprachauffälligkeiten, keine m otorische Ungeschicklichkeit und kein "Aufzwingen" von Routinen, Rituale und Interessen auf . Auffälligkeiten beständen teilweise im Bereich der non-verbalen Kommunikation. Insgesamt kö nne anhand der hier erhobenen Daten die Diagnose eines Asperger-Syndroms nach ICD-10 F84.5 nicht gestellt werden. 6.7 Gemäss Notiz der IV-Stelle vom 29. Januar 2020 teil te die Fachpsychologin H.____ mit, dass die Asperger-Abklärung habe abgebrochen werden müssen. Zur seriösen Abklärung gehör- ten auch fremdanamnetische Informationen zur Kindheit. Da der Versicherte keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern pflege und auch keine Lehrperson habe benennen können, die Auskunft über die Kindheit geben könne, habe sie die Untersuchung beenden müssen. 6.8 Mit Arztbericht vom 14. Februar 2020 berichtete Dr . D.____ als behandelnder Psychiater des Versicherten, dass er nach einer Behandlung im Jahr 2014 erneut seit 3. September 2018 bei ihm in Therapie sei. Der Versicherte leide gemäss eigenen Angaben und auch bestätigt durch seine Lebenspartnerin derzeit an ihn im Alltag beeinträchtigenden Stimmungsschwankungen. Zu- dem bestehe hinsichtlich sozialer Kontakte eine Ängstlichkeit, verbunden mit einer rasch auftre- tenden Gereiztheit, was oft zu einem übermässigen Genuss v on Alkohol führe, sodass der Ver- sicherte mit Rückzug und Insuffizienz- und Schuldgefühlen r eagiere. Als Diagnosen stellte Dr. D.____ einen Verdacht auf ein Asperger-Syndrom ( ICD-10 F84.5) und differenzialdiagnos- tisch eine Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen und ängstlich vermeidenden Zügen (ICD-10 F60.3). Die Verdachtsdiagnose Asperger-Syndrom sei vom Versicherten und seiner Le- benspartnerin geäussert worden. Entsprechende Abklärungen seien erfolgt. Die Diagnose habe aber "bei einer nur wahrscheinlichen Beeinträchtigung" in der Kindheit nicht sicher bestätigt wer- den können. Im heutigen Alltag zeige der Versicherte Verhaltensauffälligkeiten, die auf eine tief- gründige Störung hinweisen würden. Vor dem Hintergr und der derzeit bestehenden instabilen psychischen Verfassung weise der Versicherte für sämtliche T ätigkeiten keine verwertbare Ar- beitsfähigkeit auf. Dr. D.____ attestierte eine volle Arbeitsfähigkeit seit dem 17. Dezember 2018 bis auf weiteres. Die bestehenden Schwierigkeiten hinsichtlich einer kontinuierlichen Medikamen- teneinnahme seien mit der psychischen Instabilität erklär bar und dem Versicherten nicht anzu- lasten. Im Weiteren dränge der Versicherte, aber auch seine Lebenspartnerin, auf eine Verifizie- rung der Diagnose Asperger-Syndrom. Er habe den Versicherten deshalb zur weiteren Abklärung überwiesen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.9 Die Abklärung erfolgte in I.____ in der Spezialsp rechstunde für Autismusspektrumstö- rungen und ADHS. Aus dem Bericht vom 10. Juli 2020 g eht hervor, dass im Verlauf des Ge- sprächs der Verdacht entstanden sei, dass eine ADHS vorli egen könnte. In Absprache mit dem Versicherten sei diese Diagnose deshalb zusätzlich abgeklärt worden. In der allgemeinen psy- chiatrischen Untersuchung sei der Versicherte bewusstseinsklar und allseits orientiert gewesen. Im Kontakt sei er im Wechsel zurückgezogen und dysphorisch g ewesen, im Verlauf abschwä- chend. Augenkontakt sei kaum aufgenommen worden. Im Gespräch hätten sich leichte Konzent- rationsstörungen gezeigt und im formalen Denken sei er leicht eingeengt gewesen mit einer Ten- denz zu rationalisieren. Er berichte über Prüfungsangst, zwanghafte Tendenzen und dass er die Kontrolle über Dinge brauche. Wahn- oder Sinnesstörungen seien keine erkennbar gewesen. Die Vitalgefühle seien gestört und er sei leichtgradig d eprimiert. Impulsdurchbrüche und Suizidge- danken seien vorhanden, aber keine akute Suizidalität. Nach psychiatrischer Untersuchung mit verschiedenen Testungen habe die Diagnose Autismusspektrumstörung ausgeschlossen werden können. Es sei davon auszugehen, dass sich die bestehende Sym ptomatik, insbesondere die Schwierigkeiten in sozialen Kontakten, aufgrund von belastenden Erlebnissen in der Kindheit ent- wickelt habe. Dagegen könne die Diagnose einer ADHS ge stellt werden. Eine medikamentöse Behandlung mit Methylphenidat sei zu prüfen, um die affektive Instabilität zu verbessern. 6.10 Dr. C.____ stellte in seinem psychiatrischen Teilg utachten vom 22. Dezember 2020 keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nannte er eine Schmerzverarbeitungsstörung (ICD-10 F54 ) und impulsive Persönlichkeitszüge (ICD-10 Z73.1). Der Versicherte habe eine Lehre als M aurer absolviert und anschliessend 13 Jahre auf dem Bau gearbeitet. Wegen Rückenbeschwerden habe er wiederholt bei der Arbeit gefehlt. Seit 2011 gehe er keiner geregelten beruflichen Tätigkeit mehr nach. Er fühle sich infolge der Rückenbeschwerden kaum mehr arbeitsfähig. Therapie n würden keine durchgeführt und Schmerzmittel nehme er nicht ein. Er stehe in einer sta bilen Beziehung zu seiner langjährigen Partnerin, mit der er eine gemeinsame Tochter habe. Er kümmere sich auch liebevoll um den in die Beziehung gebrachten Sohn seiner Partnerin. Seinen Alltag gestalte er aktiv, führe den Haus- halt weitgehend selbständig und betreue die Kinder. Er sei im Alltag nicht durch schwere, invali- disierende Schmerzen beeinträchtigt. Die Diagnose einer Schmerzstörung könne folglich nicht gestellt werden, es handle sich um eine Schmerzfehlverar beitung. Eine weitere psychiatrische Störung liege nicht vor. Der Versicherte stehe in psychiatrischer Behandlung bei Dr. D.____. Eine psychopharmakologische Therapie werde nicht durchgeführt. Die Behandlung habe er ursprüng- lich aufgenommen, weil er vorübergehend vermehrt unter Eifersucht gelitten habe, als seine Part- nerin nach langjähriger Abstinenz eine berufliche Tätigkeit aufgenommen habe. In der Zwischen- zeit könne er gut damit umgehen. Die Arbeitsunfähigkeitsatteste seines behandelnden Psychia- ters entlasteten ihn von der Pflicht, Arbeitsbemühunge n für das Sozialamt nachweisen zu müs- sen. Der Versicherte neige etwas zu impulsiven Handlungen, eine Persönlichkeitsstörung könne hingegen nicht diagnostiziert werden. Die geltend gema chte Arbeitsunfähigkeit lasse sich nicht objektivieren. Sie sei weitgehend invaliditätsfremd und werde sich durch eine psychiatrische Be- handlung kaum beeinflussen lassen. Darüber, dass er im Alltag durch psychische Beschwerden beeinträchtigt wäre, berichte der Versicherten nicht. Er fühle sich zwar im sozialen Kontakt etwas unwohl, dies sei jedoch nicht mit einer psychiatrischen Störung gleichzusetzen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht In Bezug auf den Verdacht auf ein Asperger-Syndrom, we lcher von Dr. D.____ am 14. Februar 2020 genannt worden sei, sowie in Bezug auf die Diagnose einer ADHS (Bericht der H.____ vom 10. Juli 2020) sei festzuhalten, dass mit Blick auf den Lebensalltag Hinweise für beide Diagnosen fehlten. Der Versicherte habe ohne Schwierigkeiten di e obligatorischen Schulen besuchen kön- nen, habe erfolgreich die Lehre als Maurer absolviert und sei 13 Jahre in seinem angestammten Beruf tätig gewesen. Dabei habe er keinerlei Schwierigkeiten gehabt. Er führe den Haushalt selb- ständig und kümmere sich um die Kinder. In der psychiatrischen Untersuchung sei er nicht ange- trieben gewesen, habe keine Konzentrationsstörungen gezeigt und nicht über innere Unruhe ge- klagt. Ferner habe er berichtet, dass er, wenn ihn eine Aufgabe interessiere, durchaus während Stunden problemlos intensiv arbeiten könne. Somit könn e weder die Diagnose eines Asperger- Syndroms noch diejenige einer ADHS bestätigt werden. 7.1 Nachdem das rheumatologische Teilgutachten von Dr. B.____ nicht angezweifelt wird, erachtet der Beschwerdeführer das entsprechende psychiatrische Teilgutachten von Dr. C.____ als unvollständig und somit als beweisuntauglich. Namentlich habe Dr. C.____ seine Beurteilung abgegeben, ohne dass er vom Ergebnis der laufenden Asp erger-Abklärung im Detail Kenntnis gehabt habe. Seine Behauptung, es gebe keine Anhaltspunkte für ein Asperger-Syndrom sei so- mit unrichtig, hätten doch zum Zeitpunkt der Begutachtung mehrere Berichte vorgelegen, die auf ein Asperger-Syndrom hingewiesen hätten. Folglich sei e ine neue psychiatrische Begutachtung vorzunehmen, welche auch eine umfassende Abklärung eines möglichen Asperger-Syndroms unter Einbezug der Berichte von Dr. D._____ vom 22. Oktober 2021 und von Psychotherapeutin I.____ vom 26. Oktober 2021 beinhalte. 7.2 Der Vorwurf, dass sich Dr. C._____ nicht vertieft m it dem Thema Asperger-Syndrom auseinandergesetzt habe, ist nachvollziehbar, bleibt er mit seinen Ausführungen dazu und auch zur Diagnose ADHS an der Oberfläche. Allerdings sind hier die fachspezifischen Abklärungsbe- richte von ausschlaggebender Bedeutung, insbesondere die jenigen zur Autismusspektrumstö- rung, welche im Zeitpunkt der gutachterlichen Beurteilung Dr. C.____ vorlagen. Bezüglich Asper- ger-Syndrom liegen übereinstimmende Einschätzungen der Fachspezialisten vor, dass die Diag- nose nicht gestellt werden könne, auch wenn gewisse Hinweise dafür bestehen. Insofern haben die Ausführungen von Dr. C.____ zur Diagnose Asperger-Syndrom keine eigenständige Bedeu- tung. Gemäss dem spezialärztlichen Bericht der H.____ vom 10. Juli 2020 wurde hingegen eine ADHS festgestellt. Der Versicherte sei diesbezüglich über die Behandlungsmöglichkeit mit Me- thylphenidat unterrichtet worden, welches die affektive Instabilität verbessern könnte. Ein Einfluss dieser Diagnose auf die Arbeitsfähigkeit wurde hingege n nicht festgestellt. Folgt man auch hier der spezialärztlichen Abklärung und nimmt die Diagnose A DHS entgegen Dr. C.____ als gege- ben an, kann aufgrund der Aktenlage nicht von einer invalidisierenden Auswirkung dieser Störung ausgegangen werden. Im Ergebnis vermag der Beschwerdeführer, selbst wenn die Kritik an den Ausführungen von Dr. C.____ zum Teil berechtigt ist, m it seinem Haupteinwand, der medizini- sche Sachverhalt bezüglich des Asperger-Syndroms sei unvoll ständig abgeklärt worden, nicht durchzudringen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3 Daran ändern auch die mit der Replik eingereichte n neuen Berichte von Dr. D.____ vom 22. Oktober 2021 sowie von Psychotherapeutin E.____ vom 26. Oktober 2021, welche Sachver- haltselemente im Verfügungszeitpunkt betreffen und somit zu würdigen sind (BGE 121 V 362 E. 1b; Urteile des Bundesgerichts vom 20. April 2017, 8C_71/2017, E. 8.3 und vom 30. August 2012, 9C_949/2011, E. 3.2.2), letztlich nichts. 7.4 So hat der Bericht von Dr. D.____ vom 22. Oktober 2 021 beweisrechtlich keinen Einfluss auf das Ergebnis. Die Aussage, dass die Diagnose eines Asper ger-Syndroms (ICD-10 F84.5) gestellt werden könne, da von einem im Wesentlichen unveränderten Bild der auffälligen Psycho- pathologie auszugehen sei, ist in Anbetracht der fachsp ezifischen Ergebnisse der Autis- musspektrumabklärungen unverständlich. Ferner sind die zusä tzlich gestellten "möglichen" Di- agnosen bipolare affektive Störung Typ II (ICD-10 F31.8) und schädlicher Gebrauch von Alkohol (ICD-10 F10.1) sowie die attestierte volle Arbeitsunfähigkeit infolge fehlender innerer Ressourcen weder begründet noch nachvollziehbar. 7.5.1 Gemäss Bericht von Psychotherapeutin E.____ vom 26. Oktober 2021 kontaktierten der Beschwerdeführer und seine Partnerin sie im August 201 9 wegen einer möglichen Autis- musspektrumstörung im Sinne eines Asperger-Syndroms. Anlässlich des Erstgesprächs vom 13. September 2019 habe sie prima vista den Eindruck gehabt, dass der Verdacht auf eine solche Störung gerechtfertigt sei. Auch die anlässlich der Te stungen vom 16. und 17. April 2019 in G.____ erhobenen Befunde seien ihrer Einschätzung nac h mit einer Autismusspektrumstörung vereinbar. Sie habe sich deshalb mit der leitenden Psychol ogin, Dr. J.____, in Verbindung ge- setzt, die sich bereit erklärt habe, eine Verlaufskontro lle durchzuführen. Aus den Befunden des psychologischen Befundberichts Asperger vom 3. Juli 2019 und den mündlichen Angaben von Dr. J.____ sei herauszulesen gewesen, dass die grösste d iagnostische Schwierigkeit darin be- standen habe, das Vorliegen eines möglichen Asperger-Syndroms vom Vorliegen einer schwer- wiegenden Persönlichkeitsstörung abzugrenzen. Als diagnostisches Fazit sei gestützt auf die vor- liegenden Informationen deshalb festzuhalten, dass der Versicherte entweder eine Symptomatik im Bereich einer Autismusspektrumstörung oder eine Symptomatik im Bereich einer schwerwie- genden Persönlichkeitsstörung aufweise. Für die Differen zialdiagnostik sei eine ausführliche Neubegutachtung notwendig. 7.5.2 Die Ausführungen von E.____ stellen keine gesiche rten Erkenntnisse dar, sondern Ver- mutungen zum psychischen Zustand des Beschwerdeführers, die allein im Raum stehen. Der prima-vista Eindruck und das nicht dokumentierte Telefongespräch mit Dr. J.____ vermögen den Ausschluss einer Autismusspektrumstörung, der auf umfassende Tests der Spezialistin basiert, nicht in Frage zu stellen. Auch scheint eine Verlaufskont rolle bei Dr. J.____ nicht stattgefunden zu haben, fehlt es doch an einem entsprechenden Bericht in den Akten. Darüber hinaus kamen die Fachpersonen der I.____ unabhängig von G.____ in ihrem Bericht vom 10. Juli 2020 ebenfalls zum Ergebnis, dass die Diagnose eines Asperger-Syndroms nicht gestellt werden könne. Ferner kann die Behauptung, dass die grösste diagnostische Schwier igkeit darin bestanden habe, das Vorliegen eines Asperger-Syndroms vom Vorliegen einer s chwerwiegenden Persönlichkeitsstö- rung abzugrenzen, anhand der Angaben von Dr. J.____ i m psychologischen Befundbericht As- perger vom 3. Juli 2019 nicht nachvollzogen werden. Es muss im Gegenteil davon ausgegangen Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht werden, dass dies im umfassenden Bericht erwähnt worden wäre, falls dies eine Schwierigkeit gewesen wäre, und erst recht, wenn es sich dabei um die "grösste diagnostische Schwierigkeit" gehandelt hätte. Auf Seite 5 unten des Berichts vom 3. Juli 2019 wird denn auch lediglich aufge- listet, dass im Rahmen des strukturierten klinischen Interviews für DSM-IV, Achse II (SKID II) die Kriterien für eine negativistische und selbstunsichere Persönlichkeitsstörung erfüllt seien. In der abschliessenden Zusammenfassung wird mit keinem Wort eine schwere Persönlichkeitsstörung genannt, was – wie bereits erwähnt – doch hätte getan werden sollen, wenn ein solcher Verdacht bestanden hätte. Dass der Beschwerdeführer auffallende Persönlichkeitszüge aufweist, ist hin- gegen unbestritten, geht aus dem Bericht des F.____ vom 2. Mai 2018 schon die Diagnose kom- binierte Persönlichkeitsakzentuierung mit selbstunsicheren, emotional-instabilen Anteilen hervor. Des Weiteren berichtete Dr. D.____ ebenfalls von eine r auffälligen Psychopathologie und Ver- haltensauffälligkeiten. Diese könnten aber auch im Zusammenhang mit der Diagnose ADHS ste- hen, welche von der I.____ – nach Ausschluss einer Autismusspektrumstörung – gestellt worden war. Schliesslich schloss auch Dr. C.____ eine Persönlichkeitsstörung aus und erkannte auf im- pulsive Persönlichkeitszüge. Diesbezüglich scheinen alle involvierten Fachpersonen, zwar unter verschiedenen Titeln, aber letztlich übereinstimmend von auffallenden Persönlichkeitsmerkmalen auszugehen, die sich im Alltag bemerkbar machen, aber nicht in einem rentenrelevanten Aus- mass. Folglich hat auch Dr. C.____ konsequenterweise keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestiert. Einzig Dr. D.____ geht von einer vollen Arbeitsunfähigkeit aus, ohne dies jedoch nach- vollziehbar zu begründen, weshalb darauf nicht abgestellt werden kann. 8. Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass gestützt auf die vorliegende Aktenlage keine psychiatrische Diagnose vorliegt, die einen massgebenden Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hat. Der medizinische Sachverhalt wurde bezüglich der in Frage stehenden Krankheitsbilder um- fassend abgeklärt, weitere psychiatrische Abklärungen sind zurzeit nicht angezeigt. Im Ergebnis ist der Konsensbeurteilung des bidisziplinären Gutachte ns vom 22. Dezember 2020 zu folgen, dass die rheumatologische Einschätzung zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit massgebend ist, da aus psychiatrischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähi gkeit besteht. Aus rheumatologi- scher Sicht ist der Beschwerdeführer in einer leichten bis selten mittelschweren, rückenschonen- den Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig. Eine Verschlecht erung des Gesundheitszustandes ist mit der Neuanmeldung vom 15. März 2018 somit nicht ausgewi esen. Ein Anspruch auf eine Invali- denrente besteht nicht, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist. 9.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Nach Art. 6 9 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerde- verfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrens- kosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist der Beschwerdeführer unterliegende Partei, weshalb ihm die Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. Da ihm mit verfahrensleitender Verfügung vom 8. September 2021 die unentgeltliche Pro- zessführung bewilligt worden ist, gehen die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- vorläufig zu Lasten der Gerichtskasse. 9.2 Gemäss Ausgang des Verfahrens besteht kein Anspruch au f eine Parteientschädigung. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen Verbeistä ndung mit verfahrensleitender Verfügung Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht vom 21. September 2021 wird der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers ein Honorar aus der Gerichtskasse ausgerichtet. Für das vorliegende Verfahren werden 9,5 Stunden sowie Auslagen von Fr. 36.25 in Rechnung gestellt, was angemessen ist. Ihr ist deshalb ein Honorar in der Höhe von Fr. 2'157.10 (9,5 Stunden à Fr. 200.-- zuzüglich Auslagen von Fr. 36.25 und 7,7 % Mehrwert- steuer) aus der Gerichtskasse auszurichten. 9.3 Der Beschwerdeführer wird jedoch ausdrücklich auf § 53a Abs. 1 des Gesetzes über die Organisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 aufmerksam gemacht, wonach eine Par- tei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurd e, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- w erden dem Beschwer- deführer auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung werden die Ver- fahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständu ng wird der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers ein Honorar in der Höhe von Fr. 2'157.10 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse ausgerichtet. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht