<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Schuldbetreibungs- und Konkursrecht</span> <span class="page_no">339</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>66</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 177 ZGB, Art. 80 Abs. 1 SchKG. Eine in einem Eheschutzverfahren</b></span><br/> <span class="ft4"><b>verfügte Anweisung an den Schuldner gemäss Art. 177 ZGB ist gegenüber</b></span><br/> <span class="ft4"><b>dem angewiesenen Schuldner kein definitiver Rechtsöffnungstitel (Praxis-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>änderung).</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 5. Zivilkammer, vom 17. März 2014</span><br/> <span class="ft6">in Sachen H. gegen R. (ZSU.2013.317).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">340</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 80 Abs. 1 SchKG kann der Gläubiger beim Richter</span><br/> <span class="ft1">die definitive Rechtsöffnung verlangen, wenn die Forderung auf</span><br/> <span class="ft1">einem vollstreckbaren gerichtlichen Entscheid beruht.</span><br/> <span class="ft1">Die Anweisung an den Schuldner eines Ehegatten im Sinn von</span><br/> <span class="ft1">Art. 177 ZGB als privilegierte Zwangsvollstreckungsmassnahme sui</span><br/> <span class="ft1">generis (BGE 137 III 197 Erw. 1.2.) setzt voraus, dass der betreffen-</span><br/> <span class="ft1">de Ehegatte zu Geldzahlungen an den Familienunterhalt verpflichtet</span><br/> <span class="ft1">ist (Bräm/Hasenböhler, Zürcher Kommentar, Zürich 1998, N. 9 zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 177 ZGB). Der Anspruch muss auf einem gültigen Titel - einem</span><br/> <span class="ft1">gültigen Unterhaltsvertrag oder einem vollstreckbaren Urteil - beru-</span><br/> <span class="ft1">hen. Nicht erforderlich ist aber, dass bereits ein Geldbetrag richter-</span><br/> <span class="ft1">lich festgesetzt ist. In diesem Fall kann mit dem Antrag auf An-</span><br/> <span class="ft1">weisung an den Schuldner gestützt auf Art. 173 ZGB (während des</span><br/> <span class="ft1">Zusammenlebens der Ehegatten), Art. 176 ZGB (im Falle des</span><br/> <span class="ft1">Getrenntlebens der Ehegatten) oder Art. 276 ZPO (für die Dauer</span><br/> <span class="ft1">eines Scheidungsverfahrens) ein Begehren um Zusprechung von</span><br/> <span class="ft1">Unterhaltsbeiträgen verbunden werden (vgl. Hausheer/Reusser/Gei-</span><br/> <span class="ft1">ser, Berner Kommentar zu Art. 159-180 ZGB, Bern 1999, N. 9a zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 177 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">Die Forderung, für welche im vorliegenden Verfahren die defi-</span><br/> <span class="ft1">nitive Rechtsöffnung beantragt wird, beruht demnach nicht auf dem</span><br/> <span class="ft1">Anweisungsentscheid; sie beruht vielmehr auf dem Eheschutzent-</span><br/> <span class="ft1">scheid der 5. Zivilkammer des Obergerichts vom 14. November 2011</span><br/> <span class="ft1">(ZSU.2011.349) im Verfahren zwischen der Klägerin und ihrem Ehe-</span><br/> <span class="ft1">mann. Beim Anweisungsentscheid handelt es sich lediglich um eine</span><br/> <span class="ft1">privilegierte Zwangsvollstreckungsmassnahme, die an die Stelle der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsöffnung mit anschliessender Pfändung tritt (BGE 137 III 197</span><br/> <span class="ft1">Erw. 1.2.). Die Lohnpfändung geschieht dadurch, dass der Betrei-</span><br/> <span class="ft1">bungsbeamte dem Schuldner oder dessen Vertreter bekannt gibt, dass</span><br/> <span class="ft1">er ohne seine Einwilligung nicht mehr über die gepfändete Ein-</span><br/> <span class="ft1">kommensquote verfügen dürfe (BGE 109 III 11 Erw. 2; vgl. Vonder</span><br/> <span class="ft1">Mühll, in: Basler Kommentar, Bundesgesetz über Schuldbetreibung</span><br/> <span class="ft1">und Konkurs I [BSK-SchKG I], 2. Auflage, Basel 2010, N. 43 zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Schuldbetreibungs- und Konkursrecht</span> <span class="page_no">341</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Art. 93 SchKG). Bei der Anzeige an den Drittschuldner, dass er</span><br/> <span class="ft1">rechtsgültig nur noch an das Betreibungsamt leisten könne (Art. 99</span><br/> <span class="ft1">SchKG), handelt es sich um eine blosse Sicherungsmassnahme</span><br/> <span class="ft1">(BGE 109 III 11 Erw. 2), die mit der Pfändung als solcher nicht zu</span><br/> <span class="ft1">verwechseln ist (Lebrecht, BSK-SchKG I, a.a.O., N. 7 zu Art. 99</span><br/> <span class="ft1">SchKG). Wenn der Drittschuldner trotz dieser Anzeige an den</span><br/> <span class="ft1">Betreibungsschuldner bezahlt, trägt er das Risiko, doppelt bezahlen</span><br/> <span class="ft1">zu müssen (Lebrecht, a.a.O., N. 10 zu Art. 99 SchKG). Wie die</span><br/> <span class="ft1">Rechtsöffnung mit anschliessender Pfändung keinen Rechtsöffnungs-</span><br/> <span class="ft1">titel gegen den Drittschuldner, der nicht Partei des Zwangsvoll-</span><br/> <span class="ft1">streckungsverfahrens ist, begründet, so begründet auch die Zahlungs-</span><br/> <span class="ft1">anweisung im Sinn von Art. 177 ZGB als Zwangsvollstreckungs-</span><br/> <span class="ft1">massnahme sui generis keinen Rechtsöffnungstitel gegen den Dritt-</span><br/> <span class="ft1">schuldner. In Anbetracht der Qualifikation der Zahlungsanweisung</span><br/> <span class="ft1">im Sinn von Art. 177 ZGB als Zwangsvollstreckungsmassnahme sui</span><br/> <span class="ft1">generis und der Unterscheidung zwischen Erkenntnis- und Voll-</span><br/> <span class="ft1">streckungsverfahren rechtfertigt es sich somit entgegen der in</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1982, Nr. 11, S. 47 ff., veröffentlichten Praxis nicht mehr,</span><br/> <span class="ft1">einen Anweisungsentscheid als Rechtsöffnungstitel anzuerkennen.</span><br/> <span class="ft1">Der angewiesene Arbeitgeber ist zudem nicht Partei des Anwei-</span><br/> <span class="ft1">sungsverfahrens. Zwar wird die Auffassung vertreten, der Arbeitge-</span><br/> <span class="ft1">ber könne gegen die Anweisung im Sinn von Art. 177 ZGB Berufung</span><br/> <span class="ft1">einlegen (Reetz, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger [Hrsg.],</span><br/> <span class="ft1">Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO-</span><br/> <span class="ft1">Komm.], 2. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2013, N. 35 der Vorbemer-</span><br/> <span class="ft1">kungen zu den Art. 308-318 ZPO). Damit ihm das rechtliche Gehör</span><br/> <span class="ft1">gewahrt wird, müsste er allerdings in der Berufung sämtliche Tat-</span><br/> <span class="ft1">sachenbehauptungen und Beweisanträge einbringen können, die er</span><br/> <span class="ft1">hätte einbringen können, wenn er von Anfang an in das erstinstanz-</span><br/> <span class="ft1">liche Verfahren einbezogen worden wäre. In diesem Fall aber würde</span><br/> <span class="ft1">die angestrebte Beschleunigung nicht mehr erreicht, abgesehen</span><br/> <span class="ft1">davon, dass den Parteien eine Instanz verloren ginge, in welcher über</span><br/> <span class="ft1">die betreffenden neuen Behauptungen zu befinden wäre.</span><br/> <span class="ft1">Beruht die Forderung auf einem vollstreckbaren Entscheid eines</span><br/> <span class="ft1">schweizerischen Gerichts oder einer schweizerischen Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft1">hörde, so wird die definitive Rechtsöffnung gemäss Art. 81 Abs. 1</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">342</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">SchKG erteilt, wenn nicht der Betriebene durch Urkunden beweist,</span><br/> <span class="ft1">dass die Schuld seit Erlass des Entscheids getilgt oder gestundet wor-</span><br/> <span class="ft1">den ist, oder die Verjährung anruft. Über den materiellen Bestand der</span><br/> <span class="ft1">Forderung darf das Rechtsöffnungsgericht nicht befinden</span><br/> <span class="ft1">(BGE 5P.356/2002, Erw. 1; Staehelin, BSK-SchKG I, a.a.O., N. 2a</span><br/> <span class="ft1">zu Art. 81 SchKG). Im Anweisungsverfahren zwischen den Ehegat-</span><br/> <span class="ft1">ten wird nicht über die Forderung zwischen dem Arbeitgeber und</span><br/> <span class="ft1">dem Schuldnerehegatten entschieden. Art. 81 SchKG setzt aber vo-</span><br/> <span class="ft1">raus, dass über den Bestand der Forderung, die vollstreckt werden</span><br/> <span class="ft1">soll, bereits entschieden worden ist. Da dies nicht geschehen ist,</span><br/> <span class="ft1">müsste dem Schuldner somit die Einwendung offen stehen, die</span><br/> <span class="ft1">Schuld bestehe nicht. Gerade über diese Frage aber soll im Verfahren</span><br/> <span class="ft1">betreffend definitive Rechtsöffnung nicht entschieden werden. Das</span><br/> <span class="ft1">Verfahren betreffend definitive Rechtsöffnung unterscheidet sich</span><br/> <span class="ft1">insofern vom Verfahren betreffend provisorische Rechtsöffnung, in</span><br/> <span class="ft1">welchem alle Einwendungen und Einreden zu hören sind, welche</span><br/> <span class="ft1">zivilrechtlich von Bedeutung sind, um die Schuldanerkennung zu</span><br/> <span class="ft1">entkräften (vgl. Staehelin, a.a.O., N. 84 zu Art. 82 SchKG). Auch</span><br/> <span class="ft1">unter diesem Gesichtspunkt rechtfertigt es sich nicht, einen Anwei-</span><br/> <span class="ft1">sungsentscheid als definitiven Rechtsöffnungstitel zu qualifizieren.</span><br/> <span class="ft1">Die in AGVE 1982 publizierte Praxis ist daher aufzugeben</span><br/> <span class="ft1">(...).</span><br/></div> </div> </body> </html>