Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 19. März 2020 (720 18 190 / 49) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Bestimmung des massgebenden medizinischen Sachverhalts aufgrund eines Gerichtsgut- achtens; gestützt darauf Zusprache einer befristeten halben sowie einer unbefristeten gan- zen Invalidenrente. Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Dieter F reiburghaus, Kantons- richter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin Katja Wagner Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch S onja Ryf, Advokatin, Ad- vokatur am Fluss, Totentanz 4, Postfach 1059, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der 1960 geborene A.____ meldete sich am 23. August 2013 unter Hinweis auf einen erlittenen Unfall im Jahr 1990, eine Opiatabhängigke it sowie Depressionen bei der Eidgenössi- schen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Nach Abklärung der erwerblichen und gesundheitlichen Verhältnisse lehnte die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) den Anspruch auf Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine Invalidenrente mit Verfügung vom 30. April 2018 gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 0% ab. B. Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte, vertr eten durch Sonja Ryf, Advokatin, am 4. Juni 2018 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungs- recht (Kantonsgericht). Darin beantragte er, die Verf ügung der IV-Stelle vom 30. April 2018 sei aufzuheben und ihm eine volle IV-Rente aufgrund einer Erwerbsunfähigkeit von mindestens 70% auszurichten, dies seit dem 1. Juli 2014. Eventualiter se i ein gerichtliches Obergutachten über seinen physischen und psychischen Gesundheitszustand einzuhole n; unter o/e-Kostenfolge. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die unentgeltliche Prozessführung mit Advokatin Ryf als Rechtsvertreterin. C. Mit prozessleitender Verfügung vom 5. Juni 2018 bewil ligte die instruierende Präsidentin dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Advokatin Ryf als Rechtsvertreterin. D. Mit Schreiben vom 22. August 2018 legte der Beschwe rdeführer weitere Unterlagen ins Recht. E. In ihrer Vernehmlassung vom 19. September 2018 sch loss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde. F. Mit Replik vom 29. Oktober 2018 hielt der Beschwerd eführer vollumfänglich an seinen Anträgen fest. Ergänzend brachte er vor, dass der Beizug der Tabellenlöhne für die Ermittlung des Valideneinkommens nicht gerechtfertigt sei. In ihr er Duplik vom 29. November 2018 hielt auch die IV-Stelle an ihrem Standpunkt fest. G. Anlässlich der Urteilsberatung vom 24. Januar 2019 g elangte das Kantonsgericht zur Auffassung, dass eine abschliessende Beurteilung der Angelegenheit gestützt auf die vorhande- nen medizinischen Akten nicht möglich sei. Das Gericht beschloss deshalb, den Fall auszustellen und zur Klärung des medizinischen Sachverhalts ein Gerichtsgutachten einzuholen. H. Mit Schreiben vom 23. April 2019 beauftragte das K antonsgericht die Academy of Swiss Insurance Medicine (asim) mit der Erstellung eines psychi atrischen Gutachtens, welches am 4. Dezember 2019 erstattet wurde. Die Parteien erhiel ten in der Folge Gelegenheit, sich zum Inhalt des Gutachtens und zur Frage zu äussern, wie sich dessen Ergebnisse auf den Leistungs- anspruch der Versicherten auswirken würden. Der Beschwerdeführer machte am 8. Januar 2020 hiervon Gebrauch. Die IV-Stelle wiederum liess sich am 5. Februar 2020 zum Gutachten und zu dessen Auswirkungen auf den Leistungsanspruch vernehmen. I. Mit Schreiben vom 7. Februar 2020 ersuchte das Kant onsgericht die Parteien zur Frage des Rentenbeginns Stellung zu nehmen, nachdem beide Parteien das Gutachten als beweiskräf- tig erachtet hatten und Einigkeit in Bezug auf eine in zeitlicher Hinsicht seit Juni/Juli 2014 beste- hende vollständige Arbeitsunfähigkeit bestanden hatte. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Auf die Vorbringen der Parteien ist − soweit notwend ig − in den nachfolgenden Erwägungen ein- zugehen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Auf die beim örtlich und sachlich zuständigen Gericht und im Weiteren form- und fristge- recht eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 2. Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf eine I nvalidenrente. 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während ei- nes Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig ge- wesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid sind (lit. c). 3.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussich tlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebre- chen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). U nter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be- einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 3.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Gr ad der Invalidität wie folgt abgestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ganze Rente , wenn sie zu mindestens 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60%, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindes- tens 50% und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40% invalid ist. 3.4 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 50 E. 1.2, 130 V 398 ff. E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltend en psychischen Leiden belastenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen ke in Krankheitswert zukommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat voraus, das die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. In BGE 143 V 409 und 143 V 418 hat das Bundesgericht entschieden, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem st rukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind. Dieses für somatoforme Leiden entwickelte Vorgehen definiert systematisierte Indikatoren, die – unter Berücksi chtigung von leistungshindernden äusseren Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) ander- seits – erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht E. 2., E. 3.4 bis 3.6 und 4.1). Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diagnostischen Einord- nung des Leidens, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer recht- lich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbr ingen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen hat (BGE 143 V 409 E . 4.5.2 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2). 4. Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt d er Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Der Einkommensverglei ch hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgrad bestimmen (allgemeine Methode des Ein kommensvergleichs; BGE 128 V 30 E. 1). 5.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versi- cherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grund- lage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zuge- mutet werden können (BGE 132 V 99 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 5.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) − wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, s owie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Pro- zess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizin ische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück- sichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der me- dizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 469 f. E. 4.4 und 4.5). So führte das Bund esgericht zu den Gerichtsgutachten aus, dass das Gericht "nicht ohne zwingende Gründe" von den E inschätzungen des medizinischen Experten abweicht, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfü- gung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizi nisch zu erfassen (BGE 125 V 352 f. E. 3b/aa). Gleichwohl wie bei Gutachten externer Spezialärzte, welche von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholt wurden und den Anforderungen der Rechtsprechung entsprechen, darf das Gericht insbesondere einem von ihm eingeholten Gerichtsgutachten vollen Beweiswert zuerkennen, solange "nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit" der Exper- tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f.). Schli esslich lässt es die Natur des Begutach- tungsauftrags eines amtlich bestellten fachmedizinischen Experten nicht zu (BGE 124 I 170 E. 4 S. 175; Urteil des EVG I 506/00 vom 13. Juni 2001, E . 2b), ein Administrativ- oder Gerichtsgut- achten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn andere Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen (Urtei l des Bundesgerichts vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). Vorbehalte n bleiben Fälle, in denen sich eine abwei- chende Beurteilung aufdrängt, weil beispielsweise die b ehandelnden Ärzte wichtige − und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende − Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sin d (Urteil des Bundesgerichts I 514/06 vom 25. Mai 2007, E. 2.2.1, mit Hinweisen). 6.1 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ve rfügung vom 30. April 2018 bei der Beurteilung des medizinischen Sachverhalts im Wesentlichen auf das bidisziplinäre Gutachten von Dr. med. B.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, und Dr. med. C.____, FMH Physika- lische Medizin und Rehabilitation und Rheumatologie, v om 9. / 30. November 2015 (vgl. IV-act. 56-57). Sie ging gestützt darauf davon aus, dass die Th erapieoptionen für die Behandlung der darin diagnostizierten rezidivierenden depressiven Störun g mit gegenwärtig mittelgradiger Epi- sode (ICD-10 F33.1) nicht ausgeschöpft seien, womit es an einer invalidisierenden Wirkung die- ses Leidens fehle und damit ein Invaliditätsgrad von 0% bestehe. Den im Rahmen des Verwal- tungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialä rztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie n ach Einsicht in die Akten Bericht er- statten und bei der Er örterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zu- verlässigkeit der Expertise sprechen (vgl. E. 5.3 hiervor). Anlässlich der in dieser Angelegenheit erfolgten Urteilsberatung vom 24. Januar 2019 gelangt e das Kantonsgericht nun allerdings zur Auffassung, dass diesem Gutachten keine ausschlaggebende Beweiskraft zukomme. Anlass, an den entsprechenden Schlussfolgerungen des Gutachtens zu zw eifeln, gab zum einen der Um- stand, dass dem psychiatrischen Fachteil des Gutachtens lediglich eine summarische Würdigung der im Rahmen eines strukturierten Beweisverfahrens zu prüfenden Standardindikatoren zu ent- nehmen war und das Schwergewicht der gutachterlichen Be urteilung auf der nach alter Recht- sprechung massgebenden Frage nach der sog. Therapieresist enz lag. Dabei fiel ins Gewicht, dass beim Versicherten schon zahlreiche pharmakologische Behandlungen durchgeführt worden Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht waren, die infolge erheblicher Nebenwirkungen jedoch abgebrochen werden mussten. Auch fehlte es dem Gutachten an einer Auseinandersetzung mi t abweichenden ärztlichen Auffassun- gen. Ferner wurde die Beweiskraft des psychiatrischen Gutachtens von Dr. B.____ auch dadurch geschmälert, dass Inkonsistenzen hinsichtlich der festgestellten Ressourcen ausgemacht werden mussten. In somatischer Hinsicht erachtete das Gericht eine ergänzende Beurteilung durch einen Facharzt der Gastroenterologie als unerlässlich, womit sich aufgrund allfälliger Wechselwirkun- gen der Diagnosen und im Sinne einer Gesamtbetrachtung ferner eine orthopädische Beurteilung aufdrängte. Nachdem sich dementsprechend mit Beschluss des Kantonsgerichts vom 24. Januar 2019 die Einholung eines gerichtlichen Gutachtens als un erlässlich erwiesen hatte, steht nun- mehr das gerichtliche Gutachten der asim vom 4. Dezember 2019 im Zentrum der medizinischen Beurteilung. 6.2 Im entsprechenden Gutachten diagnostizierten die beteiligten Fachpersonen aus poly- disziplinärer Sicht mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit einen Verdacht auf eine kombinierte Per- sönlichkeitsstörung mit führend ängstlich vermeidenden und abhängigen Anteilen, ein Abhängig- keitssyndrom, Störungen durch Opioide, gegenwärtige Teilnahme an einem ärztlich überwachten Ersatzdrogenprogramm (ICD-10; F11.22), ein Abhängigkeitssyndrom, Störungen durch Benzodi- azepine/Sedativa, ärztliche Verschreibung (ICD-10; F13.2 ), eine rezidivierende depressive Stö- rung, Schweregrad aktuell nicht abgrenzbar gegenüber Suchtmittelgebrauch, nicht schwergradig (ICD-10; F33) sowie ein chronisches spondylogenes und d iskogenes Lumbosakralsyndrom mit pseudoradikulärer Ausstrahlung bei Osteochondrosen mit flacher Protrusion und Spondylarthro- sen LWK 4/5 und LWK 5/S1, mässiggradigen rezessalen Stenosen L5 und S1 beidseits und reiz- loser Ankylose des ISG beidseits. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurden u.a. funktionelle Beschwerden im Rahmen der Opiate-Abhängigkeit diagnostiziert. In ihrer Konsensbeurteilung kamen die Gutachter über ein, dass einzig die psychiatrische Beur- teilung hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit ausschlaggebe nd sei. Aus orthopädischer Sicht würden sich lediglich Einschränkungen bezüglich des Belastungsprof ils ergeben. Der Explorand sei ak- tuell weder in seiner bisherigen Tätigkeit noch in ei ner angepassten Tätigkeit arbeitsfähig. Dies im Wesentlichen aufgrund einer offensichtlich stark fluktu ierenden, klinisch gut erkennbaren In- stabilität im Rahmen der aktuell eingenommenen, stark interagierenden und schwer steuerbaren Substanzen (insbesondere Midazolam). Es würden eine Ant riebsstörung und eine depressive Grundstimmung bestehen, die jedoch weniger einer depressiven Störung zuzuordnen seien, als vielmehr der Suchterkrankung mit einer aktuell problematischen psychopharmakologischen Ein- stellung. Diese schliesse fluktuierende, aber erhebliche Sedierungen ein und weise eine Potenz auf, die für sich eine affektive Störung zu unterhalten vermag. Gleichzeitig erfolge ein sozialer Rückzug. Eine Schwierigkeit ergebe sich daraus, dass unklar sei, inwieweit eine Umstellung der Substitutionstherapie überhaupt in der Lage sei, eine Arbeitsfähigkeit herzustellen. Seit 2010, insbesondere aber nach der Reintegrationsmassnahme 2014 , durch welche ein endgültiges Scheitern jeglicher Arbeitsbemühungen bestätigt worden sei, seien eine Chronifizierung und De- konditionierung eingetreten, bei einem gesichert guten Funktionsniveau bis 2010 und einem ein- geschränkt guten Funktionsniveau bis 2014. Entsprechend s ei davon auszugehen, dass bis 2013/2014 zumindest eine Teilarbeitsfähigkeit von 50% bestanden habe. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.3 Wie oben ausgeführt (E. 5.3 hiervor), weicht da s Gericht bei Gerichtsgutachten nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Vorliegend besteht kein Anlass, von den Ergebnissen des zitierten Gerichtsgutachtens abzuweichen. Das Gutachten ist umfassend und die darin dargeleg- ten medizinischen Zusammenhänge sowie die jeweils vorgenommenen Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar und überzeugend. Die Gutachter haben den Versicherten persönlich untersucht, eine umfassende Anamnese erhoben und gehen einlässlich auf seine Angaben und Beschwer- den ein. Sie setzen sich zudem fundiert mit den bei den Akten liegenden medizinischen Berichten auseinander und begründen abweichende Einschätzungen in überzeugender Weise. So wird na- mentlich aus psychiatrischer Sicht unter Hinweis auf die d ivergierenden Beurteilungen der Ar- beitsfähigkeit, insbesondere das Gutachten von Dr. B. ____ vom 9. November 2015, nachvoll- ziehbar dargelegt, weshalb eine geringere Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit nicht begründet werden könne. Das Gutachten weist eine sorgfältig durch geführte Diskussion der Standardindi- katoren auf, welche eine umfassende Würdigung der psych osozialen Belastungsfaktoren und Ressourcen des Versicherten umfasst (vgl. hierzu ausführlich Gutachten S. 32 ff.). Nachdem die ausschlaggebende Beweiskraft des Gerichtsgutachtens der asim von den Parteien in ihren Stel- lungnahmen vom 8. Januar bzw. vom 5. Februar 2020 – zu Recht – nicht in Frage gestellt wird, ist gestützt auf die darin enthaltenen Ausführungen davon auszugehen, dass beim Versicherten sowohl in einer angestammten Tätigkeit als auch in eine r leidensadaptierten Tätigkeit seit dem Abbruch der Eingliederungsmassnahmen im Juni 2014 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit be- steht. Für den Zeitraum davor ist von einer Arbeitsunfä higkeit von 50% auszugehen. Diese Ar- beitsfähigkeitseinschätzung ist der Prüfung des Rentenanspruchs zugrunde zu legen (vgl. E. 7.1 ff. hiernach). 7.1 In dieser Hinsicht streitig und zu prüfen ist hingeg en die Frage nach dem Rentenbeginn. Der Beschwerdeführer macht geltend, dass dieser mit Blick auf die IV-Anmeldung im August 2013 und die in der Zeit vom 31. März bis 30. Juni 2014 gewährten Taggelder auf den 1. Juli 2014 zu liegen kommt. Da der Rentenanspruch nicht gleichzeitig mit einem Taggeldanspruch entstehen könne, sei der Rentenanspruch am 1. Juli 2014 entstanden. Infolge der zu diesem Zeitpunkt be- stehenden vollständigen Erwerbsunfähigkeit resultiere Anspruch auf eine ganze Rente. Demge- genüber vertritt die IV-Stelle die Auffassung, dass d er Anspruch auf eine ganze Rente auf den 1. September 2014 festzulegen sei, wobei sie für den Zeitraum davor von einem Anspruch auf eine halbe Rente ausgeht. 7.2 Wie bereits dargelegt (vgl. E. 3.1 hiervor), besteh t nach Art. 28 Abs. 1 IVG Anspruch auf eine Rente für Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindes- tens 40% invalid sind (lit. c). Nach Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch darüber hinaus frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG. Art. 29 Abs. 3 IVG bestimmt, dass eine Rente von Beginn des Monats an ausbezahlt wird, in dem der Rentenanspruch entsteht. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3 Nachdem der Beschwerdeführer gestützt auf das bew eiskräftige Gerichtsgutachten seit Januar 2010 zu 50% in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt gewesen war, ist das Wartejahr im Januar 2011 abgelaufen, was grundsätzlich unbestritten ist. Indessen kann der Rentenanspruch gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG, wie der Beschwerdeführer in grundsätzlicher Hinsicht zu Recht an- führt, erst nach Ablauf der Karenzfrist von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungs- anspruchs entstehen (vgl. E. 7.2 hiervor). Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der Anspruch in der Invalidenversicherung, anders als bspw. in der Alters- und Hinterlassenenversicherung, nicht mit Beginn des ersten Monats nach Eintritt des anspruchsbeg ründenden Sachverhalts entsteht, sondern gleich am Tag dieses Ereignisses (vgl. BGE 101 V 157 ff.; MEYER , ULRICH /R EICHMUTH , MARCO , Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Aufl. 2014, N 1 ff. zu Art. 29 IVG.). Da die Rente ferner vom Beginn des Monats an ausbezahlt wird, in dem der Rentenanspruch ent- steht, kommt der frühestmögliche Rentenbeginn aufgrund der vom 23. August 2013 datierenden Leistungsanmeldung vorliegend auf den 1. Februar 2014 zu liegen. Weil der Taggeldanspruch erst Ende März 2014 einsetzte, ist der Rentenanspruch somi t − entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers − bereits entstanden und durch den Taggeldanspruch lediglich unterbrochen worden. Was die erwerblichen Verhältnisse (vgl. E. 4 hiervor) zu diesem Zeitpunkt anbelangt, so ist der von der IV-Stelle basierend auf der gerichtsgutachterlich veranschlagten Arbeitsunfähigkeit von 50% ermittelte Invaliditätsgrad von 52% nicht zu be anstanden. Diesbezüglich kann vollum- fänglich auf den von der IV-Stelle im Schreiben vom 5 . Februar 2020 vorgenommenen Einkom- mensvergleich verwiesen werden. 7.4 Die Eingliederungsmassnahmen haben am 13. Juni 2014 infolge gesundheitlicher Gründe abgebrochen werden müssen (vgl. IV-act. 34). In Übereinstimmung mit den gutachterli- chen Ausführungen ist demnach ab diesem Zeitpunkt von ein er Verschlechterung, mithin von einer vollschichtigen Arbeitsunfähigkeit für jegliche berufliche Tätigkeit auszugehen. Damit kann ohne weitere Erörterungen festgehalten werden, dass de r Invaliditätsgrad ab dem genannten Zeitraum 100% betrug. Wird gleichzeitig über den Anspruch auf eine niedrige und anschliessend eine höhere Rente entschieden, gilt es den Bestimmungen von Art. 88 ff. IVV Rechnung zu tragen (vgl. Kreisschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen [BSV] über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung [KSIH], R z. 4013). Eine Verschlechterung der Er- werbsfähigkeit ist zu berücksichtigen, sobald sie ohne wes entliche Unterbrechung drei Monate gedauert hat (Art. 88a Abs. 2 IVV). Mit Blick auf die Karenzfrist nach Art. 88a Abs. 2 IVV entsteht der Anspruch auf die ganze Rente somit ab 1. September 2014. 8. Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass ab 1. Februa r 2014 Anspruch auf eine halbe und ab 1. September 2014 Anspruch auf eine ganze Rente besteht. Während dem Taggeldbezug besteht kein Rentenanspruch. In diesem Sinne ist die Beschwerde vom 4. Juni 2018 gutzuheis- sen und die Verfügung der IV-Stelle vom 30. April 2018 ist aufzuheben. 9.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis Satz 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsge- richt kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 VPO in der Regel in angemessenem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. In casu hat deshalb die IV-Stelle Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht als unterliegende Partei die Verfahrenskosten zu tragen. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- sind der IV-Stelle aufzuerlegen. 9.2 Im Zusammenhang mit den Kosten für die gerichtliche Begutachtung ist Art. 45 Abs. 1 ATSG zu beachten. Dieser Bestimmung zufolge hat der Versicherungsträger die Kosten der Abklärung zu übernehmen, soweit er die Massnahmen a ngeordnet hat. Hat er keine Mass- nahmen angeordnet, so hat er deren Kosten dennoch zu übernehmen, wenn die Massnahmen für die Beurteilung des Anspruchs unerlässlich waren ode r Bestandteil nachträglich zugespro- chener Leistungen bildeten. Wie das Bundesgericht in B GE 137 V 210 ff. entschieden hat, sind in jenen Fällen, in denen zur Durchführung der vom G ericht als notwendig erachteten Beweis- massnahmen an sich eine Rückweisung in Frage käme, eine so lche indessen mit Blick auf die Wahrung der Verfahrensfairness entfällt, die Kosten der durch das Gericht in Auftrag gegebenen MEDAS-Begutachtung den IV-Stellen aufzuerlegen (BGE 137 V 265 f. E. 4.4.2). Vorliegend ist das Kantonsgericht anlässlich seiner Urteilsberatung vom 24. Januar 2019 zum Ergebnis gelangt, dass ein Sachentscheid gestützt auf die damals vorhandene Aktenlage nicht möglich war. Es kann in dieser Hinsicht vollumfänglich auf die Erwägungen im Beschluss des Kantonsgerichts vom 24. Januar 2019 verwiesen werden. In Anbetracht de r dort erwogenen Umstände war die gerichtliche Begutachtung durch die asim nicht nur angez eigt, sondern unerlässlich (vgl. hierzu ausführlich E. 6.1 hiervor). Das Kantonsgericht beschloss d eshalb, die erforderliche zusätzliche Abklärung des medizinischen Sachverhaltes im Rahmen eine s Gerichtsgutachtens vornehmen zu lassen. Im Lichte der geschilderten Rechtsprechung sind d ie daraus resultierenden Kosten, welche sich gemäss der Honorarrechnung vom 9. Januar 2020 auf insgesamt Fr. 19'519.60 be- laufen, demnach der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. 9.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die Beschwerde füh rende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt un d ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. Nach- dem der Beschwerdeführer mehrheitlich obsiegt hat, hat er Anspruch auf Ersatz seiner Partei- kosten. Der durch die Rechtsvertreterin in ihren Honorarnoten vom 29. Oktober 2018, 9. Januar 2019 und 21. Februar 2020 geltend gemachte Aufwand vo n insgesamt Fr. 5'961.70 zuzüglich Spesen von Fr. 264.80 erweist sich in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechts- fragen zwar als hoch, aber noch als vertretbar. Dem Besch werdeführer ist somit eine Parteient- schädigung in der Höhe von insgesamt Fr. 6'226.50 (inkl. 7.7% Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird insoweit gutgeheissen, al s die angefochtene Ver- fügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 30. April 20 18 aufgehoben und festgestellt wird, dass der Beschwerdeführer ab 1. F ebruar 2014 Anspruch auf eine halbe und ab 1. September 2014 Ansp ruch auf eine ganze Rente hat. Während dem Taggeldbezug besteht kein Rentenan- spruch. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- w erden der Beschwer- degegnerin auferlegt. 3. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung in de r Höhe von Fr. 19'519.60 werden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat dem Beschwerdefü hrer eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 6'226.50 (inkl. Ausla gen und 7.7% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht