B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3648/2017 U r t e i l v o m 6. D e z e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richter David R. Wenger, Gerichtsschreiberin Simona Risi. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw El Uali Emmhammed Said, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Aargau, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 26. Mai 2017 / N (…). E-3648/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein ethnischer Tadschike mit letztem Wohnsitz in Herat, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im Septem- ber 2015 gemeinsam mit seinen Eltern und zwei Schwestern und reiste in den Iran. Bei der Weiterreise in die Türkei verlor er seine Familie aus den Augen. Über Griechenland und die Balkan -Route gelangte er am 24. Ok- tober 2015 alleine in die Schweiz un d suchte gleichentags im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel um Asyl nach. Am 11. November 2015 wurde er summarisch zur Person befragt (BzP; Protokoll in den vor - instanzlichen Akten A5/11). Eine Handknochenaltersanalyse vom 16 . No- vember 2015 bestätigte die geltend gemachte Minderjährigkeit. I n der Folge wurde dem Beschwerdeführer von Amts wegen eine Vertrauensper- son zugeordnet. Am 3. April 2017 wurde er zu seinen Asylgründen ange- hört (Anhörung; A26/23). B. Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer gel- tend, sein Vater habe einen Heiratsbewerber für seine zweitälteste Tochter abgewiesen und der Verlobung mit einem anderen Mann zugestimmt. Da- raufhin sei sein Vater von Freunden des Abgewiesenen zusammenge- schlagen worden. Er (der Be schwerdeführer) sei dazwischen gegangen und dabei mit einem Messer verletzt worden. Nach diesem Vorfall seien seine Mutter und seine Schwestern wiederholt von den Männern der Fami- lie des abgewiesenen Bewerbers belästigt und beleidigt worden. Sein Vater habe eine Vermittlung durch angesehene ältere Personen eingeleitet, was nichts bewirkt habe. Da die Situation unerträglich geworden sei, habe sein Vater schliesslich die Ausreise der Familie organisiert. C. Mit Verfügung vom 26. Mai 2017 – eröffnet am 29. Mai 2017 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft man- gels Glaubhaftigkeit seiner Fluchtgründe nicht, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Weg- weisung an. D. Mit Beschwerde seiner Rechtsvertreterin vom 28. Juni 2017 gelangte der Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht . Er beantragte , die Verfügung des SEM sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft E-3648/2017 Seite 3 anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren, eventual iter sei zufolge Unzu- lässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen, subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung und Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. Zum Beweis seiner Vorbringen und seiner Integration in der Schweiz reichte der Beschwerdeführer Kopien eines Sc hulzeugnisses und der Taskara seiner Eltern sowie Arbeitszeugnisse eines christlichen Sozialun- ternehmens vom August und Oktober 2016, einen Praktikumsvertrag vom 12. Dezember 2016 und einen Bericht betreffend die Integrations- und Be- rufsbildungsklasse vom 19. Juni 2017 zu den Akten. E. Mit Zwischenverfügung vom 20. Juli 2017 hiess die Instruktionsrichterin die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ferner lud sie die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen. F. Das SEM führte mit Eingabe vom 7. August 2017 im Wesentlichen aus, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Be- weismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könn- ten. G. Am 24. August 2017 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein. H. Mit Zwischenverfügung vom 29. Juni 2021 lud die Instruktionsrichterin das SEM unter Hinweis auf das die aktuelle Lage in der Stadt Herat beleuch- tende Urteil D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 (als Referenzurteil publiziert) ein, eine ergänzende Vernehmlassung einzureichen. I. Am 23. Juli 2021 zog das SEM die angefochtene Verfügung hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs in Wiedererwägung, hob die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs auf und na hm den Beschwerdeführer mangels Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz auf. E-3648/2017 Seite 4 J. Mit Zwischenverfügung vom 3. August 2021 wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, innert Frist mitzuteilen, ob er an denjenigen Beschwerdean- trägen, welche infolge der Wiedererwägung durch die Vorinstanz nicht ge- genstandslos geworden sind, festhalten oder die Beschwerde zurückzie- hen möchte. K. Der Beschwerdeführer teilte mit Eingabe vom 17. August 2021 mit, er halte an seiner Beschwerde fest. L. Mit Zwischenverfügung vom 18. Oktober 2021 stellte die Instruktionsrich- terin fest, gemäss dem Eintrag im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) gehe der Beschwerdeführer mittlerweile einer Erwerbstätigkeit nach. In diesem Zusammenhang setzte sie ihm Frist an, um entweder eine aktuelle Fürsorgebestätigung oder das wahrheitsgetreu ausgefüllte Formu- lar „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“ einzureichen. M. Der Beschwerdeführer führte mit Eingabe vom 4. November 2021 aus, er absolviere derzeit eine Lehre und werde zusätz lich zu seinem Lehrlings- lohn vom Sozialdienst finanziell teilunterstützt. In diesem Zusammenhang reichte er seinen Lehrvertrag vom 29. April 2021 und eine Bestätigung der sozialen Dienste C._______ vom 3. November 2021 zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end- gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). E-3648/2017 Seite 5 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AS 2016 3101) in Kraft getret en. Für das vorliegende Verfahren gilt das alte Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinst anz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf diese ist ein- zutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich vorliegend nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe od er wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens ode r der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM erachtet die Ausreisegründe des Beschwerdeführers als un- glaubhaft. Dazu führt es aus, obwohl die Konfrontation mit der gegneri- schen Familie mehrere Monate angedauert habe, habe er über deren Mit- glieder keine Aussagen machen können, ausser dass sie wohlhabend und paschtunischer Ethnie seien (A26 S. 13 ff.). Selbst unter der Berücksichti- gung seines jungen Alters erscheine es realitätsfremd, dass er nicht habe angeben können, vom wem konkret die Bedrohung ausgegangen sei. Auch E-3648/2017 Seite 6 die Beschreibung des Ereignisses, als er mit einem Messer verletzt worden sei, sei auffallend vage, obwohl er mehrfach auf den Vorfall angesprochen worden sei ( ebd. S. 14 ff.). Die Wahrnehmung und die Fähigkeit zur Re- flektion sowie die Qualität der Nacherzählung einer durchlebten Situation würden sich zwischen einem Kind und einem Erwachsenen unterscheiden. Doch alleine mit der diffus beschriebenen Angst vor der gegnerischen Fa- milie könne er nicht anschaulich und nachvollziehbar begründen, weshalb seine Familie über mehrere Monate hinweg nicht den nächstbesten Schutz bei der Polizei gesucht habe (ebd. S. 15). Die Aussagen über die relevante Zeitspanne von einem halben Jahr und das Verhalten seiner Familie, wo- nach diese sich lediglich zu Hause aufgehalten und die Ausreise organi- siert habe, seien auffallend oberflächlich ausgefallen und daher kaum plau- sibel. In dieser Form könnten Vorbringen von jeder beliebigen Person ge- macht werden. Mit Verweis auf die bereits genossene Schulbildung von mehreren Jahren könne trotz der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers betreffend Ereignissen, die ihn und seine Familie zum Verlassen des Hei- matstaates gezwungen hätten, eine erlebnisnahe und nachvollziehbare Schilderung erwartet werden. Hingegen fehlten seinen Schilderungen ab dem Moment der fluchtauslösenden Ereignisse jegliche persönlich gefärb- ten Reaktionsmuster wie eigene Wahrnehmungen oder Betroffenheit. Auf- grund des sehr einfach gehaltenen Erzählflusses und des auf die Chrono- logie der Ereignisse beschränkten Sachverhalts, sei auf konstruierte Asyl- gründe zu schliessen. An dieser Einschätzung änderten auch die gut ver- heilten Narben (ebd. S. 14, 17) nichts, weil sie den Sachverhalt nicht nach- weisen könnten. Da die Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaf- tigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhielten, erübrige sich die Prüfung von deren Asylrelevanz. Die geltend gemachte Tatsache, wonach es in Af- ghanistan zu bürgerkriegsähnlichen Ereignissen und Unruhen gekommen sei und der Beschwerdeführer um die Möglichkeit einer gesicherten Le- bensführung fürchte (A8 S. 7 ff. und A26 S. 13 ), stelle sodann gemäss ständiger Praxis keinen asylrechtlich beachtlichen Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG dar. Demzufolge erfülle er die Flüchtlingseigenschaft nicht, so dass sein Asylgesuch abzulehnen sei. 4.2 Dagegen wendet der Beschwerdeführer ein, er habe seine Asylgründe sehr detailliert, von Realkennzeichen geprägt und widerspruchsfrei erläu- tert und somit glaubhaft machen können. So habe er angegeben, dass der abgewiesene Bewerber als Geldwechsler gearbeitet habe, nicht das Ober- haupt der Familie gewesen sei, und dass er Schwestern gehabt habe, wel- che nicht gearbeitet hätten. Dessen Vater sei immer wieder monateweise abwesend gewesen, wobei nicht klar gewesen sei, was für einen Beruf er E-3648/2017 Seite 7 ausgeübt habe (A26 F97–F102). Auch die Beschreibungen des Ereignis- ses mit dem Messerstich seien kohärent und plausibel ausgefallen. Er habe erklärt, dass er dazwischen gegangen sei, als sein Vater vom abge- wiesenen Bewerber und dessen Freunden zusammengeschlagen worden sei, und dass er infolge des Messerstichs mit dreizehn Stichen habe genäht werden müssen (ebd. F105–F115, F135 f.). Insgesamt habe er das Erlebte schlüssig, plausibel und detailliert geschildert. Wenn er etwas nicht ge- wusst habe, habe er dies auch zugegeben, und er habe es unterlassen, unnötige Übertreibungen zu machen (ebd. F114), was gewichtige Glaub- haftigkeitsmerkmale seien. Seine Familie habe die Polizei zwar nicht über den Streit mit der paschtunischen Familie informiert, jedoch habe sie auf traditionelle Weise versuch t, den Streit beizulegen (A26 F126). Er habe ausserdem geschildert, dass seine Eltern sich eine Anzeigeerstattung überlegt, sich aber dagegen entschieden hätten, da sie befürchtet hätten, dass seine Schwestern aus Rache entführt oder vergewaltigt werden wür- den oder den anderen Familienmitgliedern etwas angetan werden könnte (ebd. F115 und F118 f.). Die Tradition der Rache sei in Afghanistan nach wie vor verbreitet. Es sei verständlich, dass sein Vater aus Angst, die Fa- milie noch mehr zu gefährden, davon abgesehen habe, polizeiliche Hilfe herbeizuziehen, zumal nicht anzunehmen sei, dass der Staat in der Lage gewesen wäre, seiner Familie Personenschutz zu gewähren. Im Übrigen sei fraglich, ob der Sachverhalt vollständig festgestellt worden sei. Bei der Anhörung sei es zwischen ihm und dem Dolmetscher mehrfach zu Verständnisschwierigkeiten gekommen, da sie unterschiedliche Dia- lekte gesprochen hätten. Dies ha be einige Missverständnisse zur Folge gehabt und möglicherweise seien gewisse Aussagen nicht richtig oder un- vollständig übersetzt worden. Die Hilfswerkvertretung habe denn auch fest- gehalten, der Dolmetscher sei sprachlich nicht ganz sattelfest gewesen. Es seien ihm auch Fehler unterlaufen, die dank des aufmerksamen Gesuch- stellers und der Vertrauensperson hätten berichtigt werden können (A26 Unterschriftenblatt). Da er mittlerweile relativ gut Deutsch spreche, habe er gemerkt, dass der Dolmetscher seine Aussagen teilweise zusammenge- fasst habe, obwohl er viel er zählt habe. Er habe die falsche Übersetzung korrigieren können, soweit es ihm aufgefallen sei. Es sei aber nicht auszu- schliessen, dass dem Dolmetscher weitere Fehler unterlaufen seien, die er nicht bemerkt habe und bei denen er nicht habe intervenieren können. Es könne auch sein, dass aufgrund der ungenügenden Übersetzung bei der Vorinstanz der Eindruck entstanden sei, dass den Schilderungen jegliche persönlich gefärbten Reaktionsmuster fehlen würden, oder der Erzählfluss für die Vorinstanz einfach gehalten schien. E-3648/2017 Seite 8 5. Zunächst ist die formelle Rüge nach Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG zu behan- deln, da eine unvollständige oder unrichtige Erstellung des Sachverhalts die Aufhebung des angefochtenen Entscheids und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz bewirken könnte. 5.1 Die Behörde ist im Asylverfahren – wie auch im übrigen Verwaltungs- verfahren – aufgrund der geltenden Untersuchungsmaxime verpflichtet, den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen richtig und vollstän- dig abzuklären (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG ). Unrichtig ist die Sach- verhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesent- lichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Der Behörde obliegt es im Rahmen des rechtli- chen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 und 32 Abs. 1 VwVG) sodann, die Vorbringen der asylsuchenden Person entgegenzunehmen, diese auch wirklich zu hören, sorg fältig zu prüfen und sich damit in der Entscheidfin- dung sachgerecht auseinanderzusetzen. 5.2 Die Vorinstanz bringt in ihrer Vernehmlassung vor, es würden keine Hinweise dafür bestehen, dass der Sachverhalt anlässlich der Anhörung nicht vollständig erhoben worden wäre. Wie der Beschwerdeführer selbst festhalte, hätten Missverständnisse anlässlich der Anhörung ausgeräumt werden können. Der Beschwerdeführer wendet mit der Replik ein, es sei im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar, welche Aussagen nicht vollstän- dig korrekt übersetzt worden seien. In diesem Fall könnten Widersprüche unmöglich ihm angelastet werden und ihm zum Nachteil gereichen. Auch wenn er bereits relativ gu t Deutsch spreche, habe er nicht alle Aussagen rücküberprüfen können, was ohnehin nicht seine Aufgabe sei. 5.3 Aus dem Anhörungsprotokoll ergibt sich nicht, an welchen Stellen die Übersetzung der Aussagen des Beschwerdeführers nachträglich aufgrund sprachlicher Missverständnisse korrigiert werden musste n, was eine ein- gehende Überprüfung des Protokolls durch das Gericht verunmöglicht. Er- stellt und beidseitig anerkannt ist, dass der Dolmetscher sprachliche Defi- zite (allerdings in unbekanntem Ausmass) h atte und ihm Fehler bei der Übersetzung unterliefen. Diese sollen durch den minderjährigen Be- schwerdeführer und seine Vertrauensperson korrigiert worden sein (A26 Unterschriftenblatt); es erscheint jedoch durchaus möglich, dass nicht E-3648/2017 Seite 9 sämtliche Übersetzungsfehler bemerkt wurden . Vor diesem Hintergrund und unter zusätzlicher Berücksichtigung der Minderjährigkeit des Be- schwerdeführers im Zeitpunkt der geschilderten Ereignisse (14.5 Jahre) und der Anhörung (15.5 Jahre) erweist es sich tatsächlich als heikel, de s- sen Schilderungen als vage, diffus und oberflächlich zu bezeichnen und ihm das Fehlen persönlich gefärbter Reaktionsmuster vorzuwerfen. Indes- sen macht der Beschwerdeführer nicht geltend, er habe seine Asylgründe nicht allesamt ausführen können. Daher ist von einem richtig und vollstän- dig erstellten Sachverhalt auszugehen und eine erneute Anhörung des Be- schwerdeführers erübrigt sich. Indessen sind die erstellten Übersetzungs- probleme bei der Würdigung zu berücksichtigen. 6. 6.1 Dem Anhörungsprotokoll ist eine ausführliche und für einen Minderjäh- rigen erstaunlich stimmige Schilderung der geltend gemachten Ausreise- gründe zu entnehmen. Dass der Beschwerdeführer nicht weiter in die Tiefe ging, ist ihm nicht vorzuwerfen, wurde er dazu doch zu keinem Zeitpunkt aufgefordert. Insbesondere hinsichtlich des Messerangriffs wurden ihm zwar diverse Fragen gestellt, welche er alle beantwortete; er wurde indes- sen nicht aufgefordert, den freien Bericht ausführlicher zu gestalten oder sich detaillierter zu äussern (A26 F103 –119). Auch betreffend den Hinter- grund der gegnerischen Familie wurde er nicht zu einer eingehenderen Schilderung angehalten (ebd. F97 –102); ebensowenig wurden ihm hin- sichtlich des Umstands, wie Mitglieder seiner Familie während sechs Mo- naten bedroht und belästigt worden seien, wenn sie das Haus praktisch nie verlassen hätten, Rückfragen gestellt (ebd. F92,120). Das Gericht kann sich daher der Einschätzung des SEM, es handle sich um auffallend vage Beschreibungen beziehungsweise seien die Ausführungen realitätsfrem d und unplausibel, nicht anschliessen. Zudem erklärte der Beschwerdeführer durchaus nachvollziehbar, dass seine Familie aus Angst vor Vergeltungs- schlägen durch die gegnerische Familie keinen Schutz bei der lokalen Po- lizei gesucht habe (ebd. F115–119). Im Übrigen kann auf die zutreffenden Ausführungen in der Beschwerdeschrift verwiesen werden. Abgesehen von einer Ungereimtheit hinsichtlich des Verhältnisses zur gegnerischen Familie (A5 Ziff. 7.01: «Wir waren vorher gute Freunde», A26 F97: «Es war eine Famili e aus unserem Quartier. Wir hatten flüchtigen Kontakt zu ihnen») enthalten die Ausführungen des Beschwerdeführers schliesslich keine Widersprüche. Seine Darstellung erscheint somit insgesamt glaub- haft, weshalb die Asylrelevanz seiner Fluchtgründe zu prüfen ist. E-3648/2017 Seite 10 6.2 Übergriffe durch Dritte mit einem Motiv nach Art. 3 Abs. 1 AsylG oder Befürchtungen, künftig solchen ausgesetzt zu sein, sind dann asylrelevant, wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkommt oder nicht in der Lage ist, Schutz zu gewähren (BVGE 2008/12 E. 6.8). Die Angst vor künftiger Verfolgung ist begründet, wenn die subjektive Furcht einer Person auf kon- kreten Anhaltspunkten beruht und somit objektiv nachvollziehbar ist und wenn davon auszugehen ist, die Furcht werde sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft verwirklichen (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.1; 2010/57 E. 2.5). 6.2.1 Die Messerstiche wurden dem Beschwerdeführer durch Dritte zuge- fügt. Sie erfolgten nicht mit einer asylrechtlich relevanten Verfolgungsmoti- vation gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG (vorne E. 3.1) sondern gestützt auf ein asylfremdes Motiv (Rache aufgrund der Abweisung durch den Vater des Beschwerdeführers). Zudem galt der Angriff eigentlich seinem Vater und nicht dem Beschwerdeführer, der lediglich dazwischen ging und in diesem Zusammenhang verletzt wurde. Eine Verfolgung im Sinne des Asylgeset- zes im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Heimatstaat liegt bereits daher nicht vor, weshalb darauf verzichtet werden kann, die Schutzfähigke it und -wil- ligkeit der afghanischen Behörden im damaligen Zeitpunkt zu prüfen. 6.2.2 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Si- tuation im Zeitpunkt des Entscheides. Veränderungen der Situation zwi- schen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asyl- suchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2, BVGE 2010/9 E. 5.2, BVGE 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.). Seit der Ausreise des Beschwerdeführers sind über sechs Jahre vergan- gen. Nachdem er im Zeitpunkt der Ausreise keine begründete Furcht vor Verfolgung hatte, sind auch keine Gründe für eine in naher Zukunft dro- hende intensive Behelligung durch die Familie des abgewiesenen Heirats- anwärters im Falle einer (hypothetischen) Rückkehr des Beschwerdefüh- rers nac h Afghanistan ersichtlich. Mithin fehlt es für die Annahme einer künftigen Verfolgung ebenfalls an der asylrechtlichen Motivation, sowi e auch an der Aktualität der Bedrohung. Der Beschwerdeführer selbst brachte anlässlich der Anhörung auf die Frage, was er im Falle einer Rück- kehr nach Afghanistan befürchte, sodann nicht vor, er sorge sich um wei- tere Angriffe seitens der gegnerischen Familie. Hingegen machte er gel- tend, er verfüge in seinem Heimatland über keine Familie mehr und könnte es dort kaum zwei Tage lang aushalten; die momentan drohende Gefahr seien überdies seine Minderjährigkeit und der Mangel an Arbeit (A26 F142, E-3648/2017 Seite 11 160). Auch auf Beschwerdeebene machte er keine weiteren Befürchtungen geltend. Selbst wenn er dennoch eine subjektive Furcht vor künftiger asyl- relevanter Verfolgung haben sollte, erweist sich diese aus den genannten Gründen nicht als objektiv begründet. 6.3 Zusammenfassend kommt d as Gericht zum Schluss, dass der Be- schwerdeführer weder im Zeitpunkt der Ausreise noch heute oder in ab- sehbarer Zukunft in begründeter Weise befürchten musste respektive muss, aufgrund seiner Vorbringen in seinem Heimatland in flüchtlingsrecht- lich relevanter Weise verfolgt zu werden. Die Vorinstanz hat demnach im Ergebnis zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Sch weiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wu rde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung hin- sichtlich der Dispositivziffern 1–3 Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist insofern abzuweisen. In Bezug auf die übrigen Dispositivziffern der angefochtenen Verfügung ist die Beschwerde mit der Gewährung der vorläufigen Aufnahme durch die Vorinstanz gegen- standslos geworden. 9. 9.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung sind dem Beschwerdeführer grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsie- gen und Unterliegen aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüglich sei- ner Anträge auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Asylgewährung und Aufhebung der Wegweisung unterlegen. Bezüglich der Anordnung des E-3648/2017 Seite 12 Wegweisungsvollzugs hat er durch die teilweise Wiedererwägung der Ver- fügung durch das SEM hingegen obsiegt. Praxisgemäss bedeutet dies ein hälftiges Obsiegen. 9.2 Nach dem Gesagten wären die Verfahrenskosten zur Hälfte dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch mit Zwischenverfügung vom 20. Juli 2017 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde und er nach wie vor vom Sozialdienst finanziell unterstützt wird, hat er keine Verfahrenskosten zu tragen. 9.3 Der Beschwerdeführer ist im Umfang seines Obsiegens – hier also hälf- tig – für die ihm erwachsenen notwendigen Kosten zu entschädigen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Am 17. November 2017 wurde eine Kostennote eingereicht, in welcher ein Aufwand von 6.8 Stunden à Fr. 250.– und Aus- lagen von Fr. 53.60, mithin Kosten in der Höhe von Fr. 1'761.93 geltend gemacht werden. Dieser Aufwand erscheint angemessen. Hinzu kommen die Aufwendungen für die Eingaben vom 17. August 2021 und vom 4. No- vember 2021, welche auf 1.2 Stunden zu schätzen sind. Somit ist von ei- nem Gesamtaufwand für das Beschwerdeverfahren von 8 Stunden auszu- gehen. Das SEM ist demnach anzuweisen, de m Beschwerdeführer eine hälftige Parteientschädigung in der Höhe von gerundet Fr. 1030.– auszu- richten. 9.4 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter dem Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom 31. Mai 2018 als amtlicher Rechtsbeistand beige- ordnet worden ist und die vormals am 20. Juli 2017 beigeordnete Rechts- beiständin ersetzt, ist er im Weiteren unbesehen des Ausgangs des Ver- fahrens für den entstandenen Aufwand zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Das Bun- desverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der Regel von ei- nem Stundenansatz zwischen Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nichtanwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der in der eingereichten Kostennote ausgewiesene Stundenansatz von Fr. 250.– ist für die amtliche Rechtsverbeiständung somit auf Fr. 150.– zu re- duzieren. In Berücksichtigung des zeitlichen Aufwands von 8 Stunden ergibt dies ein Gesamttotal von Fr. 1‘253.60 (inkl. Auslagen). Dem Rechts- vertreter des Beschwerdeführers ist somit ein hälftiges Honorar von gerun- det Fr. 630.– zulasten des Bundesverwaltungsgerichts auszurichten. E-3648/2017 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit sie nicht gegenstandslos gewor- den ist. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführet für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1’030.– auszurichten. 4. Dem rubrizierten Rechtsvertreter wird für seinen Aufwand als amtlicher Rechtsbeistand ein Honorar von Fr. 630.– zulasten der Gerichtskasse aus- gerichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Simona Risi Versand: