<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 99 S.414</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">414</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>99</b></span> <span class="ft2"><b>Rechtliches Gehör. Beweiserhebung. Aktenführung.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft2"><b>Wesentliche Beweise dürfen nicht bloss telefonisch eingeholt werden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. II/1/a,c).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft2"><b>Pflicht der Behörde, alles Wesentliche in den Akten festzuhalten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. II/1/b).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft2"><b>Rückweisung bei klarer Verletzung des Anspruchs auf rechtliches</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Gehör; Ausnahmen (Erw. II/1/d).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">415</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 4. September 2002 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen R.Z. gegen Entscheid des Regierungsrats.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">I/2. Der durch die erstinstanzliche Verfügung bestimmte Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rensgegenstand ist die Anweisung, die Beschwerdeführerin müsse</span><br/> <span class="ft1">sich zum Bezug von IV-Leistungen anmelden oder eine ärztliche</span><br/> <span class="ft1">Bestätigung vorlegen, dass eine IV-Anmeldung nicht sinnvoll sei,</span><br/> <span class="ft1">weil keine Aussicht auf Zusprechung von IV-Leistungen bestehe, an-</span><br/> <span class="ft1">dernfalls die Sozialhilfeleistungen gekürzt würden.</span><br/> <span class="ft1">II/1. Im vorinstanzlichen Verfahren hat das Gesundheitsdeparte-</span><br/> <span class="ft1">ment als instruierende Behörde beim Rechtsdienst der SVA eine tele-</span><br/> <span class="ft1">fonische Auskunft darüber eingeholt, ob der Beschwerdeführerin ein</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf IV-Leistungen zustehen könnte, und darüber eine Ak-</span><br/> <span class="ft1">tennotiz angefertigt. Bei der Beurteilung der Verhältnismässigkeit der</span><br/> <span class="ft1">streitigen Weisung stützte sich die Vorinstanz ausschliesslich auf</span><br/> <span class="ft1">diese Auskunft.</span><br/> <span class="ft1">a) Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs ergibt sich der</span><br/> <span class="ft1">Anspruch der Verfahrensbeteiligten, an der Erhebung wesentlicher</span><br/> <span class="ft1">Beweise mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu</span><br/> <span class="ft1">äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen.</span><br/> <span class="ft1">Mündlich oder telefonisch eingeholte Auskünfte sind nur unter ein-</span><br/> <span class="ft1">schränkenden Bedingungen zulässig und beweistauglich. Jedenfalls</span><br/> <span class="ft1">müssen sie schriftlich in einer Aktennotiz festgehalten werden. Weil</span><br/> <span class="ft1">sie auch so einer Überprüfung durch die Betroffenen nur beschränkt</span><br/> <span class="ft1">zugänglich sind, sind sie nach der bundesgerichtlichen Rechtspre-</span><br/> <span class="ft1">chung nur insoweit zulässig, als damit blosse Nebenpunkte, nament-</span><br/> <span class="ft1">lich Indizien und Hilfstatsachen, festgestellt werden. Beziehen sich</span><br/> <span class="ft1">die Auskünfte demgegenüber auf wesentliche Punkte des rechtser-</span><br/> <span class="ft1">heblichen Sachverhalts, ist grundsätzlich die Form einer schriftlichen</span><br/> <span class="ft1">Anfrage und Auskunft oder einer protokollierten mündlichen Einver-</span><br/> <span class="ft1">nahme zu wählen (zum Ganzen ausführlich: BGE 117 V 283 ff.;</span><br/> <span class="ft1">124 V 375; Pra 88/1999, Nr. 109, Erw. 4/a; Michele Albertini, Der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">416</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">verfassungsmässige Anspruch auf rechtliches Gehör im Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsverfahren des modernen Staates, Diss. Bern 2000, S. 355 f.).</span><br/> <span class="ft1">b) Ebenfalls aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör und aus</span><br/> <span class="ft1">dem Beweisführungsrecht ergibt sich die Aktenführungspflicht der</span><br/> <span class="ft1">Behörde, also die Pflicht, alles in den Akten festzuhalten, was zur</span><br/> <span class="ft1">Sache gehört und wesentlich ist (BGE 124 V 375 f.; Albertini, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">S. 255 f.; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum Gesetz über</span><br/> <span class="ft1">die Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, Bern 1997, Art. 23</span><br/> <span class="ft1">N 10), und die grundsätzliche Pflicht zur Kenntnisgabe beim Beizug</span><br/> <span class="ft1">neuer Akten (vgl. BGE 118 Ia 19 f.; Merkli/Aeschlimann/Herzog,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Art. 23 N 11).</span><br/> <span class="ft1">c) Dass sich das Gesundheitsdepartement zunächst telefonisch</span><br/> <span class="ft1">beim Rechtsdienst der SVA über die Aussichten einer IV-Anmeldung</span><br/> <span class="ft1">erkundigte, um sich ein vorläufiges Bild machen zu können, ist nicht</span><br/> <span class="ft1">zu beanstanden. Da die Auskunft auf eine inhaltliche Stellungnahme</span><br/> <span class="ft1">zu einem wichtigen Beschwerdepunkt hinauslief, auf die sich der</span><br/> <span class="ft1">Regierungsrat in seinem Entscheid abstützen sollte, hätte nach dem</span><br/> <span class="ft1">zuvor Ausgeführten im Instruktionsverfahren dann zunächst unter</span><br/> <span class="ft1">Angabe des massgeblichen Sachverhalts eine schriftliche Auskunft</span><br/> <span class="ft1">eingeholt werden und diese dem Vertreter der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">zur Stellungnahme unterbreitet werden müssen. Auch so war es je-</span><br/> <span class="ft1">denfalls unerlässlich, die erstellte Aktennotiz zu den Akten zu neh-</span><br/> <span class="ft1">men und dies der Beschwerdeführerin zur Kenntnis zu bringen. Das</span><br/> <span class="ft1">unzulässige Vorgehen verunmöglichte es der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">bzw. ihrem Vertreter, zur Ansicht der SVA Stellung zu nehmen und</span><br/> <span class="ft1">zu versuchen, diese mit zusätzlichen Argumenten zu widerlegen.</span><br/> <span class="ft1">d) aa) Die klare Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör</span><br/> <span class="ft1">führt grundsätzlich zur Aufhebung des angefochtenen Entscheides</span><br/> <span class="ft1">und zur Rückweisung an die Vorinstanz (§ 58 VRPG; AGVE 1987,</span><br/> <span class="ft1">S. 323). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist es indes-</span><br/> <span class="ft1">sen möglich, aus Gründen der Prozessökonomie auf die Aufhebung</span><br/> <span class="ft1">zu verzichten, wenn dies einzig zur Folge hätte, das Verfahren unnö-</span><br/> <span class="ft1">tig in die Länge zu ziehen. Vorausgesetzt ist, dass der festgestellte</span><br/> <span class="ft1">Mangel nicht zu schwerwiegend ist, dass die Beschwerdebehörde</span><br/> <span class="ft1">über eine ausgedehnte Kognition verfügt und dass die Parteien von</span><br/> <span class="ft1">den wesentlichen Tatsachen Kenntnis erhielten und dazu Stellung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">417</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nehmen konnten (Pra 88/1999, Nr. 109, Erw. 4/d mit Hinweisen). Zu</span><br/> <span class="ft1">beachten ist auch das Interesse des Betroffenen, dem an einem baldi-</span><br/> <span class="ft1">gen definitiven Entscheid gelegen sein kann (vgl. AGVE 1974,</span><br/> <span class="ft1">S. 361 f.; 1982, S. 215 f.; 1985, S. 326; Michael Merker, Rechtsmit-</span><br/> <span class="ft1">tel, Klage und Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen</span><br/> <span class="ft1">Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege [Kommentar zu den §§ 38-</span><br/> <span class="ft1">72 VRPG], Diss. Zürich 1998, § 58 N 31, allerdings mit einseitiger</span><br/> <span class="ft1">Betonung des Aspekts der Verfahrensdauer).</span><br/> <span class="ft1">bb) Die Verfahrensmängel, die dazu führten, dass die Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin bzw. ihr Anwalt von der Beweiserhebung zu einem we-</span><br/> <span class="ft1">sentlichen Punkt ausgeschlossen wurde, sind gravierend. Dem Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgericht steht keine Ermessensüberprüfung zu. Ein konkretes</span><br/> <span class="ft1">Interesse der Beschwerdeführerin an der Beschleunigung des Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rens ist nicht erkennbar. Somit kann von der Rückweisung nicht ab-</span><br/> <span class="ft1">gesehen werden.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>