<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 16 S.61</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">61</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>16</b></span> <span class="ft2"><b>Rechtsverweigerung; Begründungspflicht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Erlass vorläufiger Massnahmen i.S.v. § 294 ZPO bedarf mangels ei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ner Weiterzugsmöglichkeit keiner Begründung (Erw. 2/c-e).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid der Inspektionskommission vom 20. Dezember</span><br/> <span class="ft3">2000 i.S. Y.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. Die Beschwerdeführerin macht sinngemäss eine Rechtsver-</span><br/> <span class="ft1">weigerung von Gerichtspräsident X. geltend, weil dieser mit der</span><br/> <span class="ft1">Abweisung ihres Begehrens um vorläufige Massnahmen im Ehe-</span><br/> <span class="ft1">schutz vom 19. Juni 2000 grundlegende Verfahrensgarantien in</span><br/> <span class="ft1">schwerwiegender Weise verletzt habe, sodass eine Rechtsverweige-</span><br/> <span class="ft1">rung vorliege. Zu prüfen ist vorliegend, ob das Verhalten von</span><br/> <span class="ft1">Gerichtspräsident X. rechtmässig ist oder ob eine Amtspflichtverlet-</span><br/> <span class="ft1">zung in Form einer Rechtsverweigerung vorliegt. Nicht Gegenstand</span><br/> <span class="ft1">dieses Verfahrens indessen ist mangels Zuständigkeit der Inspek-</span><br/> <span class="ft1">tionskommission die materielle Beurteilung der Begehren.</span><br/> <span class="ft1">a) Eine formelle Rechtsverweigerung begeht die in der Sache</span><br/> <span class="ft1">zuständige Behörde, wenn sie ein bei ihr gestelltes Gesuch nicht an</span><br/> <span class="ft1">die Hand nimmt und behandelt (BGE 102 Ib 237 mit weiteren</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen). Als formelle Rechtsverweigerung gilt auch das Fehlen</span><br/> <span class="ft1">von Entscheidungsgründen, wo das Gesetz eine Begründungspflicht</span><br/> <span class="ft1">vorsieht oder wo es dem Betroffenen ohne Begründung nach den</span><br/> <span class="ft1">Umständen nicht möglich ist, sich ein Bild über die Tragweite der</span><br/> <span class="ft1">Verfügung zu machen und sie sachgemäss anzufechten (BGE 102 Ib</span><br/> <span class="ft1">238, 98 Ia 464 ff. E. 5, 98 Ib 195 f. E. 2, je mit Hinweisen).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">62</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">b) Gerichtspräsident X. erliess am 21. Juni 2000 folgende Ver-</span><br/> <span class="ft1">fügung:</span><br/> <span class="ft1">,,1. Der Antrag auf Erlass vorläufiger Massnahmen ist abgewie-</span><br/> <span class="ft1">sen.</span><br/> <span class="ft1">2.-4.(...)"</span><br/> <span class="ft1">Der Verfügung waren weder eine Darstellung der Anträge der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin noch eine eigentliche Begründung zu entneh-</span><br/> <span class="ft1">men.</span><br/> <span class="ft1">c) Im Fall dringender Gefahr kann der Richter im Verfahren um</span><br/> <span class="ft1">Erlass vorsorglicher Verfügungen vor Anhörung der Gegenpartei</span><br/> <span class="ft1">vorläufige Massnahmen treffen (§ 294 Abs. 1 ZPO). Solche Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahmen sind der Natur nach vorläufig und fallen mit Rechtskraft des</span><br/> <span class="ft1">Entscheides über das im Summarverfahren gestellte Begehren dahin</span><br/> <span class="ft1">(§ 294 Abs. 2 ZPO). Die Anordnung vorläufiger Massnahmen wird</span><br/> <span class="ft1">nicht rechtskräftig und kann vom Richter jederzeit aufgehoben oder</span><br/> <span class="ft1">abgeändert werden (Bühler/ Edelmann/Killer, Kommentar zur aar-</span><br/> <span class="ft1">gauischen Zivilprozessordnung, 2. A., Aarau/Frankfurt a.M./Salzburg</span><br/> <span class="ft1">1998, N 5 zu § 294 ZPO). Weder die Anordnung noch die Ablehnung</span><br/> <span class="ft1">vorläufiger Massnahmen ist weiterziehbar (AGVE 1990 S. 71).</span><br/> <span class="ft1">d) Gerichtspräsident X. hat das Begehren der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin um Erlass einer vorläufigen Massnahme betreffend die</span><br/> <span class="ft1">Unterhaltsverpflichtung ihres Ehemannes mit Verfügung vom</span><br/> <span class="ft1">21. Juni 2000 abgelehnt (Ziff. 1) und diesen Enscheid nicht be-</span><br/> <span class="ft1">gründet. Eine Begründung beim Erlass vorläufiger Massnahmen ist</span><br/> <span class="ft1">in der ZPO nicht vorgesehen. Die Beschwerdeführerin leitet die</span><br/> <span class="ft1">Begründungspflicht aus den §§ 276 und 277 ZPO ab. Ihr ist indessen</span><br/> <span class="ft1">entgegenzuhalten, dass die Verfügung von Gerichtspräsident X. vom</span><br/> <span class="ft1">21. Juni 2000 nicht einen Endentscheid, sondern einen - nicht</span><br/> <span class="ft1">weiterziehbaren - Zwischenentscheid darstellt, weshalb die Regeln</span><br/> <span class="ft1">von §§ 276 und 277 ZPO gar nicht zur Anwendung gelangen.</span><br/> <span class="ft1">e) Nun verlangt die Praxis, wie erwähnt, auch dann eine</span><br/> <span class="ft1">Begründung, wenn eine solche zwar nicht ausdrücklich vorgesehen</span><br/> <span class="ft1">ist, es dem Betroffenen ohne diese aber nach den Umständen nicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">63</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">möglich ist, sich ein Bild über die Tragweite der Verfügung zu</span><br/> <span class="ft1">machen und sie sachgemäss anzufechten. Vorliegend besteht diese</span><br/> <span class="ft1">Anfechtungsmöglichkeit eben gerade nicht. Die betroffene</span><br/> <span class="ft1">Verfahrenspartei hat somit kein geschütztes Interesse an einer</span><br/> <span class="ft1">vollständig begründeten Verfügung, da sie weder über die Tragweite</span><br/> <span class="ft1">der Verfügung im Ungewissen ist noch diese weiterziehen kann. Eine</span><br/> <span class="ft1">Rechtsverweigerung kann daher im Fehlen einer Begründung beim</span><br/> <span class="ft1">Erlass vorläufiger Massnahmen nicht erblickt werden.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>