<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">121</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Migrationsrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>19</b></span> <span class="ft3"><b>Ausschaffungshaft; Beschleunigungsgebot und Zusammenarbeit mit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ausländischen Behörden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Das Beschleunigungsgebot wird verletzt, wenn die Migrationsbehörden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>während hängiger Herkunftsabklärungen neue Angaben zur Identität der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>inhaftierten Person länger als zwei Monate nicht an die zuständigen aus-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ländischen Behörden weiterleiten. Auch wenn im Rahmen der Papierbe-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schaffung bei einigen ausländischen Behörden eine gewisse Zurückhal-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tung beim Nachfragen angebracht ist, sind neue Erkenntnisse bezüglich</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Herkunft des Betroffenen raschmöglichst zu übermitteln.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft4">vom 2. Februar 2017, i.S. Amt für Migration und Integration gegen A.</span><br/> <span class="ft4">(WPR.2017.9)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">2.3.</span><br/> <span class="ft6">Aus den Akten geht hervor, dass die algerischen Behörden am</span><br/> <span class="ft6">28. Oktober 2016 durch das SEM ersucht worden sind, betreffend</span><br/> <span class="ft6">den Gesuchsgegner Identifikationsabklärungen vorzunehmen. Zum</span><br/> <span class="ft6">Zeitpunkt der letzten Bestätigung der Ausschaffungshaft standen die</span><br/> <span class="ft6">Abklärungen bei den algerischen Behörden somit erst am Anfang.</span><br/> <span class="ft6">Die vom Gesuchsgegner angegebene neue Identität wurde dem SEM</span><br/> <span class="ft6">mit Schreiben vom 4. November 2016 mit dem Hinweis übermittelt,</span><br/> <span class="ft6">dass an der Richtigkeit der neuen Angaben Zweifel bestehen würden.</span><br/> <span class="ft6">Der Vertreter des Gesuchsgegners moniert in seiner Stellung-</span><br/> <span class="ft6">nahme vom 25. Januar 2017, aus den Akten gehe nicht hervor, ob</span><br/> <span class="ft6">und inwiefern das SEM die neuen Angaben an die algerischen Be-</span><br/> <span class="ft6">hörden weitergeleitet habe. Mit Blick auf das Beschleunigungsgebot</span><br/> <span class="ft6">forderte der Einzelrichter das MIKA zudem gleichentags auf, eine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">122</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Aufstellung sämtlicher konkreten Bemühungen der Schweizer Be-</span><br/> <span class="ft6">hörden gegenüber den algerischen Behörden zur Ausstellung eines</span><br/> <span class="ft6">Ersatzreisedokumentes für den Gesuchsgegner bzw. seiner Identitäts-</span><br/> <span class="ft6">abklärung vorzulegen. In der Folge reichte das MIKA seine Korres-</span><br/> <span class="ft6">pondenz mit dem SEM, datierend vom 25. Januar 2017 und</span><br/> <span class="ft6">27. Januar 2017, ein.</span><br/> <span class="ft6">Aus den aufgrund der Beweisanordnung des Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft6">richts vom 25. Januar 2017 eingereichten Unterlagen geht hervor,</span><br/> <span class="ft6">dass die algerischen Behörden durch das SEM lediglich im Drei-</span><br/> <span class="ft6">monatsrhythmus gemahnt würden. Trotzdem erfolgte die Mahnung</span><br/> <span class="ft6">im vorliegenden Fall unmittelbar nach der Beweisanordnung des</span><br/> <span class="ft6">Verwaltungsgerichts und vor Ablauf dieser Frist von drei Monaten,</span><br/> <span class="ft6">jedoch ohne den algerischen Behörden die neu durch den Gesuchs-</span><br/> <span class="ft6">gegner angegebene Identität zu übermitteln.</span><br/> <span class="ft6">Zwar trifft zu, dass das Verwaltungsgericht grundsätzlich nicht</span><br/> <span class="ft6">beanstandet, wenn das SEM die bundesgerichtliche Frist von zwei</span><br/> <span class="ft6">Monaten, innerhalb welcher eine ausstehende Anfrage moniert wer-</span><br/> <span class="ft6">den muss, bezüglich der algerischen Behörden nicht einhält, sondern</span><br/> <span class="ft6">nur alle drei Monate die ausstehende Anfrage anzeigt. Dies gilt je-</span><br/> <span class="ft6">doch nur in Fällen, in denen keine neuen Erkenntnisse bezüglich der</span><br/> <span class="ft6">Identität vorliegen. Gibt der Betroffene eine andere Identität an, ist</span><br/> <span class="ft6">diese den heimatlichen Behörden raschmöglichst zu übermitteln.</span><br/> <span class="ft6">Dies umso mehr, wenn es um Abklärungen in Algerien geht, da diese</span><br/> <span class="ft6">bekanntermassen überdurchschnittlich viel Zeit in Anspruch nehmen.</span><br/> <span class="ft6">Weder das SEM noch das MIKA legen dar, weshalb die neuen Identi-</span><br/> <span class="ft6">tätsangaben nicht an die algerische Vertretung weitergeleitet wurden.</span><br/> <span class="ft6">Der blosse Vermerk des Gesuchstellers im Schreiben vom</span><br/> <span class="ft6">4. November 2016, dass die neu angegebenen Personalien wohl</span><br/> <span class="ft6">falsch seien, reicht jedenfalls als Begründung für die ausgebliebene</span><br/> <span class="ft6">Übermittlung nicht aus. Auch wenn die Erfahrung mit den algeri-</span><br/> <span class="ft6">schen Behörden zeigt, dass eine gewisse Zurückhaltung beim</span><br/> <span class="ft6">Nachfragen angebracht ist, hätte das SEM den neuen Hinweis über-</span><br/> <span class="ft6">mitteln müssen (vgl. AGVE 2008, S. 390 ff.).</span><br/> <span class="ft6">2.4.</span><br/> <span class="ft6">Nach dem Gesagten steht fest, dass das SEM zwischen dem</span><br/> <span class="ft6">28. Oktober 2016 und dem 27. Januar 2017 keinerlei konkrete Bemü-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">123</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">hungen unternommen hat, die Identität des Gesuchsgegners abzuklä-</span><br/> <span class="ft6">ren, obschon neue Identitätsangaben vorlagen.</span><br/> <span class="ft6">Unter diesen Umständen wurde das Beschleunigungsgebot ver-</span><br/> <span class="ft6">letzt und der Gesuchsgegner ist unverzüglich aus der Haft zu entlas-</span><br/> <span class="ft6">sen. Die Prüfung der weiteren Haftvoraussetzungen - auch bezüglich</span><br/> <span class="ft6">einer Durchsetzungshaft - erübrigt sich damit.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>