<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 124 S.521</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">521</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Gemeinderecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>124 Auslegung von Verfügungen.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Ausgangspunkt und Grundlage der Auslegung einer Verfügung bildet</b></span><br/> <span class="ft3"><b>deren Wortlaut. Ergänzend zum Wortlaut sind im Rahmen der Ausle-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gung die Begleitumstände und das Verhalten der Behörde vor,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>während und nach Erlass der Verfügung zu beachten und die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Verfügung ist unter Berücksichtigung der Verfassung, des Gesetzes,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der öffentlichen Interessen und des Vertrauensgrundsatzes auszu-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>legen (Erw. 2 b aa).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Die für das Vertragsrecht entwickelten Auslegungsmittel und -regeln</b></span><br/> <span class="ft3"><b>können für die Feststellung des Verfügungsinhaltes analog heran-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gezogen werden (Erw. 2 b bb).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Regierungsrates vom 23. August 2000 i.S. Einwohnerge-</span><br/> <span class="ft4">meinde K. gegen Departement des Innern.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2. a) Die Einwohnergemeinde K. (Beschwerdeführerin) hat</span><br/> <span class="ft6">M.R. (Beschwerdegegner) mit Schreiben vom 19. Mai 1999 gestützt</span><br/> <span class="ft6">auf § 12 des Dienst- und Besoldungsreglementes der Gemeinde K.</span><br/> <span class="ft6">vom 1. Dezember 1995 gekündigt. Es stellt sich die Frage, ob diese</span><br/> <span class="ft6">Kündigung zulässig war.</span><br/> <span class="ft6">Die Beschwerdeführerin hat im Wahlbeschluss vom 5. März</span><br/> <span class="ft6">1997, welcher die Anstellungsverfügung darstellt, folgende Klausel</span><br/> <span class="ft6">verankert:</span><br/> <span class="ft7">,,5.</span><br/> <span class="ft7">Der Arbeitnehmer muss sich für vier Jahre fest verpflichten, d.h. bis</span><br/> <span class="ft7">30. April 2001."</span><br/> <span class="ft6">(...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">522</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">b) aa) Die Parteien streiten um den massgeblichen Inhalt der</span><br/> <span class="ft6">oben zitierten Nebenbestimmung. Die Beschwerdeführerin stellt sich</span><br/> <span class="ft6">auf den Standpunkt, dass keine der Parteien ein befristetes Anstel-</span><br/> <span class="ft6">lungsverhältnis habe eingehen wollen. Bei Ziff. 5 des Wahlbeschlus-</span><br/> <span class="ft6">ses vom 4. März 1999 handle es sich lediglich um eine moralische</span><br/> <span class="ft6">Verpflichtung des Beschwerdegegners. Es liege demnach nicht ein</span><br/> <span class="ft6">befristetes, sondern ein unbefristetes, und damit gegenseitig jederzeit</span><br/> <span class="ft6">unter Einhaltung der Kündigungsfristen und -termine beendbares</span><br/> <span class="ft6">öffentlichrechtliches Anstellungsverhältnis vor. Der Beschwerdegeg-</span><br/> <span class="ft6">ner hält dem entgegen, dass die Wahlbehörde ihm gegenüber nie zum</span><br/> <span class="ft6">Ausdruck gebracht habe, es solle sich bei Ziff. 5 des Wahlbeschlus-</span><br/> <span class="ft6">ses nur um eine moralische Verpflichtung handeln, andererseits habe</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdegegner ohne weiteres angenommen, es handle sich</span><br/> <span class="ft6">dabei um eine rechtlich bindende Verpflichtung. Er habe diese Ver-</span><br/> <span class="ft6">pflichtung von Anbeginn weg als feste Wahl seiner Person bis Ende</span><br/> <span class="ft6">April 2001, demnach als beidseitige Verpflichtung verstanden.</span><br/> <span class="ft6">bb) Im Zusammenhang mit dem massgeblichen Inhalt einer</span><br/> <span class="ft6">Verfügungsklausel stellt sich die Frage, ob und wie eine solche Klau-</span><br/> <span class="ft6">sel ausgelegt werden muss. Ausgangspunkt und Grundlage der Aus-</span><br/> <span class="ft6">legung einer Verfügung bildet deren Wortlaut. Ergänzend zum</span><br/> <span class="ft6">Wortlaut sind im Rahmen der Auslegung die Begleitumstände und</span><br/> <span class="ft6">das Verhalten der Behörde vor, während und nach Erlass der Verfü-</span><br/> <span class="ft6">gung zu berücksichtigen. Ausserdem ist die Verfügung unter Berück-</span><br/> <span class="ft6">sichtigung der Verfassung, des Gesetzes, der öffentlichen Interessen</span><br/> <span class="ft6">und des Vertrauensgrundsatzes auszulegen (AGVE 1982 S. 271;</span><br/> <span class="ft6">Fritz Gygi, Verwaltungsrecht, Bern 1986, S. 129, 204 f., 210 mit</span><br/> <span class="ft6">Verweisungen auf die</span> <span class="ft6">bundesgerichtliche Rechtsprechung; für die</span><br/> <span class="ft6">Auslegung privatrechtlicher Verträge: Peter Gauch/Walter</span><br/> <span class="ft6">R. Schluep/Jörg Schmid/Heinz Rey, Schweizerisches Obligationen-</span><br/> <span class="ft6">recht, Allgemeiner Teil, Band I, 7. Auflage, Zürich 1998, N 1205 ff.).</span><br/> <span class="ft6">Die für das Vertragsrecht entwickelten Auslegungsmittel und -</span><br/> <span class="ft6">regeln können für die Feststellung des Verfügungsinhaltes analog</span><br/> <span class="ft6">herangezogen werden (Max Imboden/René A. Rhinow, Schweizeri-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">523</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">sche Verwaltungsrechtsprechung, Band I: Allgemeiner Teil, 6. Auf-</span><br/> <span class="ft6">lage, Basel/Frankfurt a.M. 1986, Nr. 74 B Va mit Verweisungen). Bei</span><br/> <span class="ft6">der Auslegung einer einzelnen Verfügungsklausel sind auch die</span><br/> <span class="ft6">übrigen Klauseln miteinzubeziehen und die in Frage stehende</span><br/> <span class="ft6">Klausel ist im Zusammenhang auszulegen (systematisches</span><br/> <span class="ft6">Element oder sogenannte ganzheitliche Auslegung;</span><br/> <span class="ft6">Gauch/Schluep/Schmid/Rey, a.a.O., N 1229 ff.). Bei Anwendung des</span><br/> <span class="ft6">Vertrauensprinzips ist zu fragen, wie eine vernünftig und korrekt</span><br/> <span class="ft6">handelnde Person die auszulegende Verfügung verstehen durfte und</span><br/> <span class="ft6">musste. Besteht eine Differenz zwischen dem nach Vertrauensgrund-</span><br/> <span class="ft6">satz ermittelten Inhalt einer Verfügungsklausel und dem wirklichen</span><br/> <span class="ft6">Verfügungswillen der Behörde, erkennt aber der Verfügungsadressat</span><br/> <span class="ft6">oder die Verfügungsadressatin diesen Willen, so bestimmt sich der</span><br/> <span class="ft6">Verfügungsinhalt nach dem wirklichen Willen der verfügenden Be-</span><br/> <span class="ft6">hörde, und es kommt nicht zu einer Auslegung der Verfügung nach</span><br/> <span class="ft6">dem Vertrauensprinzip. Dies ergibt sich auch aus § 2 der Verfassung</span><br/> <span class="ft6">des Kantons Aargau vom 25. Juni 1980, der bestimmt, dass der</span><br/> <span class="ft6">Grundsatz von Treu und Glauben auch im Verhältnis zwischen Pri-</span><br/> <span class="ft6">vatperson und Staat zu beachten ist (Kurt Eichenberger, Verfassung</span><br/> <span class="ft6">des Kantons Aargau, Textausgabe mit Kommentar, Aarau/Frankfurt</span><br/> <span class="ft6">a.M./Salzburg 1986, § 2 N 7; Wolfgang Wiegand, Kommentar zum</span><br/> <span class="ft6">Schweizerischen Privatrecht, Obligationenrecht I, 2. Auflage, Basel</span><br/> <span class="ft6">1996, Art. 18 N 7 f.; Ernst Zeller, Kommentar zum Schweizerischen</span><br/> <span class="ft6">Privatrecht, Obligationenrecht I, Basel 1992, Art. 18 N 31).</span><br/> <span class="ft6">Bei der Auslegung von Verträgen kann auch die Unklarheitsre-</span><br/> <span class="ft6">gel beachtet werden, welche besagt, dass eine unklare Vertragsbe-</span><br/> <span class="ft6">stimmung im Zweifelsfall zu Lasten derjenigen Partei auszulegen ist,</span><br/> <span class="ft6">welche diese Bestimmung verfasst hat (,,in dubio contra stipulato-</span><br/> <span class="ft6">rem"). Diese Regel kommt vor allem dann zum Zug, wenn der Ver-</span><br/> <span class="ft6">fasser oder die Verfasserin einer Vertragsklausel der andern Partei</span><br/> <span class="ft6">diese nicht erläutert hat und nach Anwendung der übrigen erwähnten</span><br/> <span class="ft6">Auslegungsregeln Zweifel am massgeblichen Inhalt der Klausel be-</span><br/> <span class="ft6">stehen bleiben (vgl.</span> <span class="ft6">Gauch/Schluep/Schmid/Rey, a.a.O., N 1231 f.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">524</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">mit Hinweisen). Zwar bezieht sich diese Unklarheitsregel nicht auf</span><br/> <span class="ft6">Verfügungen und ist originär keine Regel des Verwaltungsrechts; sie</span><br/> <span class="ft6">kann aber analog auf Verfügungen angewandt werden, insbesondere</span><br/> <span class="ft6">wenn es sich - wie vorliegend - um eine synallagmatische, d.h. auf</span><br/> <span class="ft6">Austausch von Leistung und Gegenleistung ausgerichtete, zustim-</span><br/> <span class="ft6">mungsbedürftige Verfügung und daher um eine ,,vertragsähnliche"</span><br/> <span class="ft6">Verfügung handelt. Indessen darf die Funktion der Verfügung als</span><br/> <span class="ft6">Vollzugsinstrument des materiellen Rechtes nicht darunter leiden.</span><br/> <span class="ft6">(...)</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>