Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 26. Oktober 2017 (720 17 140 / 285) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Beginn des Rentenanspruchs: Würdigung des medizinischen Sachverhalts und Beurtei- lung des rentenbegründenden Wartejahrs Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Dan iel Noll, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin Nadja Wenger Parteien A.____ , vertreten durch Peter Bürkli , Advokat , St. Jakobs -Strasse 11, Postfach, 4002 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1960 geborene A.____ arbeitete zuletzt von A pril 2014 bis Juni 2014 im Haus- dienst des Betriebs B.____ im Rahmen eines 80 %-Pen sums. Am 2. Oktober 2014 (eingegan- gen am 21. Oktober 2014) hat sich A.____ unter Hinw eis auf eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Bezug von Leistungen angemeldet. Ein in de r Folge von der IV-Stelle Basel- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Landschaft (IV-Stelle) durchgeführtes Belastungstrainin g wurde nach drei Monaten abgebro- chen. Daraufhin sprach die IV-Stelle A.____ nach Abklärung der gesundheitlichen und erwerbli- chen Verhältnisse sowie nach durchgeführtem Vorbescheidver fahren mit Verfügung vom 22. März 2017 eine ganze Rente ab dem 1. August 2015 in Höhe von Fr. 1‘248.-- zu. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Peter Bürkli, am 10. Mai 2017 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilu ng Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte sie, es sei in Aufheb ung der Verfügung vom 22. März 2017 der Sachverhalt vollständig festzustellen, eventualiter sei die Angelegenheit zur vollständigen Feststellung des Sachverhaltes an die Vorinstanz zurückzuweise n. Ferner sei die Höhe der Invalidenrente der Beschwerdeführerin unter Berücksichtig ung der Anspruchsberechtigung ab dem 1. Januar 2015 und der Einkommensteilung in den K alenderjahren nach der Eheschlies- sung der Beschwerdeführerin im Jahr 2007 neu zu berechn en. Zudem sei der Beschwerdefüh- rerin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und V erbeiständung mit dem Unterzeich- neten als Rechtsvertreter zu bewilligen; unter o/e-Koste nfolge. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde der Beizug der Akten und die Feststellung des Ein kommens von C.____ für die Jahre nach der Eheschliessung mit der Beschwerdeführerin im Ja hr 2007 bis zur Scheidung im Feb- ruar 2017 beantragt. In der Begründung führte die B eschwerdeführerin im Wesentlichen aus, der Beginn der Anspruchsberechtigung ab 1. August 201 5 sei nicht richtig festgestellt worden. Sie habe bereits während ihrer Arbeitstätigkeit unter gesundheitlichen Problemen gelitten und sei seit Januar 2014 zu mindestens 85 % arbeitsunfähig. Dies ergebe sich aus dem Nachtrag vom 29. November 2016, den die Gutachterin Dr. med. D.____, FMH Psychiatrie und Psycho- therapie, zu ihrem Gutachten vom 12. Mai 2016 erstellt habe. Gerügt wird im Weiteren die Be- rechnung der IV-Rente. Es bestehe ein Anspruch, dass die Einkommen, welche die Ehegatten während der gemeinsamen Ehe erzielt hätten, geteilt u nd je zur Hälfte den beiden Ehegatten angerechnet würden. Ihre Ehe sei 2017 geschieden word en. Die IV-Stelle habe aber die Ein- kommensteilung nicht vorgenommen, so dass die Höhe der Invalidenrente zu tief berechnet worden sei. C. Der Beschwerdeführerin wurde mit Verfügung vom 5. Januar 2017 die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung m it Advokat Peter Bürkli als Rechtsver- treter bewilligt. D. Mit Vernehmlassung vom 28. Juni 2017 beantragte di e IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Hinsichtlich der Berechnung der Invalidenre nte wurde vorgebracht, die Aus- gleichskasse habe noch keine Kenntnis der erneuten Scheid ung der Beschwerdeführerin ge- habt. Sie habe deshalb angekündigt, die Rente neu zu berechnen. E. Am 12. Juli 2017 erliess die IV-Stelle die angekündi gte Neuverfügung. Darin wurde die Zivilstandsänderung berücksichtigt und der Beschwerdeführer in ab 1. März 2017 eine höhere Invalidenrente im Umfang von Fr. 1‘317.-- zugesprochen. F. Mit Replik vom 1. September 2017 hielt die Beschwer deführerin an ihren Anträgen fest. Hinsichtlich der Neuberechnung der Rente führte sie aus, dass auch diese fehlerhaft erscheine. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht G. Die IV-Stelle hielt in ihrer Duplik vom 19. Septe mber 2017 am Abweisungsantrag fest. H. Mit Eingabe vom 25. Oktober 2017 hat die Beschwerd eführerin die Rentenberechnung gemäss der neuen Verfügung vom 12. Juli 2017 als korrekt anerkannt. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Beschwerde der Versicherten vom 10. Mai 201 7 ist demnach einzutreten. 2. Strittig und zu prüfen ist, ab welchem Zeitpunkt di e Beschwerdeführerin Anspruch auf eine ganze Rente hat. Während die Beschwerdegegnerin den Beginn des Rentenanspruchs per 1. August 2015 festlegte, stellt sich die Beschwerdeführe rin auf den Standpunkt, dass ihr An- spruch bereits am 1. Januar 2015 entstanden sei. 3. Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (sog. Wartejahr; lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Das rentenbegründende Wartejahr gemäss Ar t. 28 Abs. 1 lit. b IVG gilt als eröffnet, wenn eine Einbusse an funktionellem Leistungsvermögen im bisherigen Beruf von mindestens 20 % vorliegt (Urteil des Bundesgerichts 9C_818/2013 v om 24. Februar 2014 E. 1 mit weiteren Hinweisen). Es kann indessen auch zu laufen beginnen, wen n die versicherte Person über das ihr gesundheitlich Zumutbare arbeitet (U LRICH MEIER /M ARCO REICHMUTH , Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, Zürich/Basel/Genf 2014, Art. 28 Rz. 26). 4. Ausgangspunkt der Ermittlung des Beginns des Renten anspruchs bildet die Frage, ab welchem Zeitpunkt die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig war. 4.1 Für die Beurteilung, ob eine versicherte Person üb er die erforderliche Zeitspanne im erforderlichen Umfang in ihrer Arbeitsfähigkeit eing eschränkt war, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufg abe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, seit wann und in wel- chem Umfang sowie auch in welcher Tätigkeit die versichert e Person arbeitsunfähig ist (vgl. dazu BGE 132 V 99 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (v gl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widerspreche nden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 5.1 In Bezug auf die Frage, ab welchem Zeitpunkt und in welchem Umfang die Beschwer- deführerin arbeitsunfähig war, liegen verschiedene är ztliche Einschätzungen vor. Die Stellung- nahmen des Hausarztes E.____, Praktischer Arzt, die Beurtei lungen der behandelnden Psychi- aterin Dr. med. F.____, FMH Psychiatrie und Psychotherap ie, die Berichte der Klinik G.____ und schliesslich ein von der IV-Stelle eingeholtes externes Gutachten von Dr. D____. 5.2 Im psychiatrischen Gutachten vom 12. Mai 2016 diagnost izierte Dr. D.____ bei der Beschwerdeführerin eine kombinierte Persönlichkeitsstörun g mit vorwiegend histrionischen, dependenten und ängstlich vermeidenden Anteilen sowie eine rezidivierende depressive Stö- rung, gegenwärtig in mittelgradiger Episode. Die besc hriebenen Symptome von Angst und Pa- nik würden sich unter die depressive Störung subsumieren lassen und würden keine eigenstän- dige Störung darstellen. Als somatischer Befund sei eine Spondylarthritits festgestellt worden. Ob die geklagten Schmerzen mit diesem Befund hinreichend erklärbar seien, gehe aus der me- dizinischen Aktenlage nicht klar hervor. Sollte das morpho logische Korrelat zur Erklärung der Schmerzen nicht ausreichen, müsse zusätzlich eine chronische Schmerzstörung mit somati- schen und psychischen Faktoren diagnostiziert werden. Diesf alls müsse davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin ihre Schmerzen nur eingeschränkt überwinden könne. Das Funktionsniveau der Beschwerdeführerin sei in den sozia len, beruflichen wie auch freizeit- lichen Aktivitäten recht niedrig. Durch den pflichtbewussten Besuch der Klinik G.____ und durch die motivierte Teilnahme an der Exploration würden d er Leidensdruck sowie die Arbeitsmotiva- tion deutlich. Die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdefü hrerin sei somit nicht eine Frage des "Nicht Wollens", sondern des "Nicht Könnens". In Bezug au f die zuletzt ausgeübte Tätigkeit im Bereich Wäscherei und Reinigung bestehe noch eine Restar beitsfähigkeit von 10-15 %, was Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht aber nur dann realistisch sei, wenn die Arbeit auf mö glichst viele Wochentage verteilt werde. Für die davor ausgeübte Tätigkeit in der Gastronomie se i die Beschwerdeführerin voll arbeits- unfähig, da in dieser Tätigkeit noch höhere Anforderu ngen an die Durchhaltefähigkeit, Flexibili- tät und Kontaktfähigkeit bestünden und auch der Zeitdr uck höher sei. Für alle Verweistätigkei- ten in einem Betrieb mit anderen Mitarbeitenden best ehe nach intensiver und wohlwollender Einarbeitung eine Arbeitsfähigkeit von ebenfalls maxim al 10-15 %. Als nicht ganz nachvollzieh- bar bezeichnet die Gutachterin die Zumutbarkeitsbeurtei lung der behandelnden Psychiaterin Dr. F.____, welche zunächst eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert habe und dann unversehens trotz unveränderter Beschwerden von einer teilweisen A rbeitsunfähigkeit ausgehe. Der Be- schwerdeführerin eher gerecht werde die Einschätzung im Bericht der Klinik G.____, welche von einer maximal 20 %-igen Arbeitsfähigkeit für angepasste Tätigkeiten ausgehe. Auf entsprechende Nachfrage der IV-Stelle hat die Gu tachterin Dr. D.____ mit ergänzendem Nachtrag vom 29. November 2016 ausgeführt, es sei davon auszugehen, dass seit Anfang 2014 gesamthaft eine Arbeitsfähigkeit von 10-15 % bestehe. Aus den ärztlichen Unterlagen und aus fremdanamnestischen Angaben gehe eindeutig hervor, dass sich am Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit damals in Bezug auf den a ktuellen Status nicht wirklich etwas ge- ändert habe. Allfällige Schwankungen in Richtung Verb esserung oder Verschlechterung des Gesundheitszustandes hätten keine praktische Relevanz, da si e – wenn überhaupt – nur zu kurz und in zu geringem Ausmass vorhanden waren, um eine wirkliche Änderung der Arbeitsfä- higkeit zu bewirken. 5.3 Das von Dr. D.____ erstellte Gutachten erweist sich a ls beweistauglich und es kann darauf abgestellt werden. Den im Rahmen des Verwaltun gsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, die aufgrund eing ehender Beobachtungen und Untersu- chungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatte n und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweiswürdi gung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverl ässigkeit der Expertise sprechen. Sol- che Indizien liegen hier keine vor. Das psychiatrische Gutac hten inkl. Nachtrag von Dr. D.____ vom 12. Mai 2016 und 29. November 2016 weist weder fo rmale noch inhaltliche Mängel auf, es ist – wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 4.2 hiervor) – für die streitigen Belange umfassend, es beruht auf allseitigen Untersuchungen, es berücksichtigt die geklagten Be- schwerden, es ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben word en, es ist in der Darlegung der me- dizinischen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der aktue llen medizinischen Situation schlüssig, es setzt sich mit den vorhandenen abweichenden ärztl ichen Einschätzungen ausei- nander und es enthält einleuchtende Schlussfolgerungen. Die Beurteilung von Dr. D.____ deckt sich auch weitgehend mit der Einschätzung der Klinik G._ ___, welche ebenfalls von einer psy- chischen Erkrankung seit Januar 2014 ausging. Ferner hielt der Regionale ärztliche Dienst der IV-Stelle (RAD) in seiner Stellungnahme vom 19. Mai 2016 fest, dass das von Dr. D.____ er- stellte Gutachten inhaltlich schlüssig sei. Die Diagnosen würden nachvollziehbar hergeleitet und begründet und auch die Ausführungen zur Arbeitsfähigkeit der Versicherten seien nachvollzieh- bar. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.4 Trotz dieser Beurteilung des RAD stützte sich die IV -Stelle in der angefochtenen Ver- fügung bei der Beurteilung des Beginns der Arbeitsunfä higkeit auf die Berichte von Dr. F.____. Diese attestierte der Beschwerdeführerin vom 16. Augu st 2014 bis 31. August 2014 eine Ar- beitsunfähigkeit von 100 %, vom 1. September bis 31. O ktober 2014 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % und seit dem 1. November 2014 wieder eine Ar beitsunfähigkeit von 100 %. Eine ein- leuchtende Begründung für diese Schwankungen ist weder ersichtlich, noch wird sie von Dr. F.____ erläutert. Deren Beurteilung der Arbeitsf ähigkeit erscheint daher nicht nachvollzieh- bar. Es ist somit – entgegen der Auffassung der Beschwe rdegegnerin – gestützt auf das Gut- achten von Dr. D.____ von einer Arbeitsunfähigkeit im Umfang von 85-90 % ab Januar 2014 auszugehen. 6. In einem weiteren Schritt ist unter Berücksichtigung des Wartejahrs gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG und der sechsmonatigen Wartefrist gem äss Art. 29 Abs. 1 IVG zu beurteilen, wann der Anspruch auf eine Invalidenrente entstanden ist. 6.1 Die Beschwerdegegnerin stellt sich auf den Standpun kt, dass der Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin frühestens sechs Monate nach deren Anmeldung am 23. Oktober 2014 beginnen könne, also frühestens am 1. April 2015. Da die Beschwerdeführerin aber noch bis Ende Juni 2014 gearbeitet habe, könne das Wartejahr frühestens im Juli 2014 zu laufen begin- nen und der Leistungsanspruch frühestens per 1. Juli 2015 entstehen. 6.2 Der Beschwerdeführerin ist insoweit zuzustimmen, al s dass der Rentenanspruch erst sechs Monate nach der Anmeldung zum Leistungsbezug entstehe n kann (Art. 29 Abs. 1 IVG). Da die Anmeldung der Beschwerdeführerin erst am 21. O ktober 2014 bei der Beschwerdegeg- nerin eingegangen ist, kann der Beginn des Rentenans pruchs frühestens am 1. April 2015 ent- stehen. 6.3 Der Beginn des Rentenanspruchs ab 1. April 2015 se tzt jedoch voraus, dass das War- tejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG am 1. April 2014 eröffnet wurde. Soweit die Beschwerde- gegnerin vorbringt, das Wartejahr könne nicht ab Ap ril 2014 zu laufen beginnen, weil die Versi- cherte von April bis Ende Juni 2014 im Betrieb B.____ gearbeitet habe, ist festzustellen, dass ihr damaliges Arbeitspensum lediglich 80 % betrug. Die s ergibt sich aus dem Fragebogen zur Ermittlung der Erwerbstätigkeit vom 14. September 20 16. Da zur Eröffnung des Wartejahrs ge- mäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20 % genügt (vgl. Erwägung 3), konnte das Wartejahr grundsätzlich tr otz 80 %-iger Arbeitstätigkeit am 1. April 2014 zu laufen beginnen. Das Wartejahr kann indessen auch zu laufen beginnen, wenn eine versicherte Person über das ihr gesundheitlich Zumut bare hinaus arbeitet (vgl. Erwä- gung 3). Dies war vorliegend mit überwiegender Wahr scheinlichkeit der Fall. Dr. D.____ attes- tiert der Beschwerdeführerin ab Januar 2014 eine Arbei tsfähigkeit von 10-15 %. Es ist daher davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin während dre i Monaten in ihrem 80 %- Pensum über das ihr gesundheitlich Zumutbare hinausgegan gen ist. Die Annahme, dass die kurzzeitige Beschäftigung in einem 80 %-Pensum keine Verbesserung des Gesundheitszustan- des bzw. der Arbeitsfähigkeit zu begründen vermochte, wird auch von der Gutachterin bestätigt. In ihrem Nachtrag vom 29. November 2016 stellte Dr. D. ____ fest, dass allfällige Schwankun- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht gen in Richtung Verbesserung oder Verschlechterung des G esundheitszustandes keine prakti- sche Relevanz hätten, da sie nur zu kurz und in zu geringem Ausmass vorhanden gewesen seien, um eine wirkliche Änderung der Arbeitsfähigkeit zu bewirken. Die Kündigung der Arbeits- stelle von Seiten der Arbeitgeberin nach nur drei Mon aten ist schliesslich ein weiteres Indiz da- für, dass die Beschwerdeführerin der Arbeit und dem 80 %-Pensum im Betrieb B.____ nicht gewachsen war. Aus den dargelegten Gründen steht fest, dass die Beschwerdeführerin von April bis Juni 2014 im Umfang von mindestens 20 % arbeit sunfähig war und das Wartejahr so- mit am 1. April 2014 eröffnet werden konnte. Im Zeit raum vom 1. Juli 2014 bis 31. März 2014 war die Beschwerdeführerin unbestrittenermassen weit übe r 40 % arbeitsunfähig. Durchschnitt- lich betrug die Arbeitsunfähigkeit somit vom 1. April 2014 bis 31. März 2015 mehr als 40 %. Folglich war das Wartejahr im Zeitpunkt des frühestmögl ichen Rentenbeginns per 1. April 2015 (vgl. Erwägung 6.2) bereits abgelaufen. Die Beschwerde führerin hat daher Anspruch auf eine ganze Rente ab 1. April 2015. 7. Hinsichtlich des weiteren Streitpunktes betreffend di e Berechnung der Rente ist festzu- stellen, dass der Beschwerdeführerin mit der neuen Verfügung vom 12. Juli 2017 ab März 2017 eine höhere Rente im monatlichen Umfang von Fr. 1‘31 7.-- zugesprochen wurde. Die Renten- berechnung gemäss dieser Neuverfügung wurde von Seiten der Beschwerdeführerin zwischen- zeitlich als korrekt anerkannt. Die Beschwerdeführerin hat daher unbestrittenermassen ab März 2017 Anspruch auf eine Rente in Höhe von Fr. 1‘317. --. Prozessual ist die Neuverfügung vom 12. Juli 2017 als teilweise Beschwerdeanerkennung und al s Antrag der IV-Stelle auf Gutheis- sung der Beschwerde im entsprechenden Umfang zu qualifizieren. 8. Zusammenfassend ist damit festzuhalten, dass die IV-Ste lle in teilweiser Gutheissung der Beschwerde zu verpflichten ist, der Beschwerdeführeri n ab 1. April 2015 eine ganze Invali- denrente zu bezahlen, welche sich ab März 2017 auf Fr. 1‘317.-- beläuft. 9. Es bleibt über die Kosten des Verfahrens zu befinden . 9.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um di e Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis 1‘000.-- festgelegt . Bei Fällen wie dem vorliegenden, in de- nen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrens- kosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Die Verfahrenskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 VPO in der Regel in angemessenem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. Beim Ent scheid über die Verlegung der Prozess- kosten ist somit grundsätzlich auf den Prozessausgang abzust ellen. Vorliegend hat die Be- schwerdeführerin in einem Beschwerdepunkt zur Hälfte und in einem zweiten Beschwerdepunkt voll obsiegt. Damit ist sie insgesamt zu drei Vierteln o bsiegende und zu einem Viertel unterlie- gende Partei. Es rechtfertigt sich daher, der Beschwerd eführerin einen Viertel der Verfahrens- kosten im Umfang von Fr. 200.-- aufzuerlegen. Es ist ihr nun allerdings mit Verfügung vom 5. Januar 2017 die unentgeltliche Prozessführung bewil ligt worden. Aus diesem Grund werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9.2 Nach Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwe rde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Im Falle des Unterliegens we rden die ausserordentlichen Kosten dem Prozessausgang entsprechend wettgeschlagen. Vorliegen d sind die ausserordentlichen Kosten des Verfahrens im gleichen Verhältnis wie die Ver fahrenskosten zu verlegen. Im Um- fang von drei Vierteln ist die Beschwerdeführerin obsie gende Partei und hat dementsprechend Anspruch auf Ersatz von drei Viertel der Parteikosten. D ie Kosten im Umfang von einem Viertel sind wettzuschlagen. Da der Beschwerdeführerin in der Ve rfügung vom 5. Januar 2017 die un- entgeltliche Verbeiständung mit ihrem Rechtsvertreter b ewilligt worden ist, werden die Kosten für den nicht erfassten Viertel aus der Gerichtskasse entschädigt. 9.3 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat die ihm mit Verfügung vom 27. September 2017 angesetzte Frist bis 18. Oktober 2017 zur Einreichung der Honorarnote ungenutzt verstreichen lassen. Er hat dem Gericht mit Ein gabe vom 24. Oktober 2017 seine Honorarnote nachträglich zugestellt. Aufgrund der verspä teten Eingabe setzt das Gericht wie angedroht, den Honoraranspruch nach Ermessen fest. Für das vorliegende Verfahren erweist sich in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen ein Zeitaufwand von 10 Stunden als angemessen. Hinsichtlich der Auslagen we rden Fr. 86.-- als gerechtfertigt er- achtet. In Anbetracht dessen, dass die Beschwerdeführerin zu drei Vierteln obsiegt und zu ei- nem Viertel unterliegt, erscheint es sachgerecht, ihr e ine reduzierte Parteientschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen für 7,5 Stunden und A uslagen von Fr. 50.--. Die Bemühun- gen sind zu dem in Sozialversicherungsprozessen praxisgemäs s für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu e ntschädigen. Der Beschwerdefüh- rerin ist deshalb eine reduzierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'079.-- (7,5 Stunden à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 50.-- zuzüglich 8 % Meh rwertsteuer) zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Im Übrigen sind die ausserordentlichen Kosten wettzuschlagen. 9.4 Da der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Ver beiständung bewilligt wurde, ist der Rechtsvertreter für seine von der obigen Parteientschädig ung nicht erfassten Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Gemäss § 3 Abs. 2 der Ta rifordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003 beträgt das Honora r bei unentgeltlicher Verbeiständung Fr. 200.-- pro Stunde. Dem Rechtsvertreter ist deshalb ein Honorar in der Höhe von Fr. 578.90 (2,5 Stunden à Fr. 200.-- + Auslagen von Fr. 36.-- zu züglich 8 % Mehrwertsteuer) aus der Ge- richtskasse auszurichten. 10. In Bezug auf das aus der Gerichtskasse ausgerichtete Ho norar ihres Rechtsvertreters und die vorläufig auf die Gerichtskasse genommenen Ver fahrenskosten wird die Beschwerde- führerin ausdrücklich auf § 53a Abs. 1 des Gesetzes über d ie Organisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 aufmerksam gemacht, wonach eine Par tei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne teilweise gu tgeheissen, als die angefochtene Verfügung vom 22. März 2017 aufgehoben un d die IV- Stelle Basel-Landschaft verpflichtet wird, der Beschwerd eführerin ab 1. April 2015 eine ganze Rente zu bezahlen. 2. In Bezug auf die Rentenhöhe wird festgestellt, dass diese zufolge teilweiser Beschwerdeanerkennung ab März 2017 Fr. 1‘317.-- beträgt. 3. Der Beschwerdeführerin werden Verfahrenskosten in d er Höhe von Fr. 200.-- auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführun g werden diese Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerdefü hrerin eine redu- zierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2‘079.- - (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Im Übrigen werden die ausserordentlichen Kosten wettgeschlagen. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständun g wird dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin überdies ein Hon orar in der Höhe von Fr. 578.90 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertste uer) aus der Gerichtskasse ausgerichtet. http://www.bl.ch/kantonsgericht