B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5877/2019 U r t e i l v o m 1 8 . M a i 2 0 2 1 Besetzung Richter David R. Wenger (Vorsitz), Richterin Mia Fuchs, Richter Lorenz Noli, Gerichtsschreiberin Anja Hasler. Parteien A._______, geboren am (…), Äthiopien, vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Advokatur Kanonengasse, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 9. Oktober 2019 / N (…). E-5877/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ersuchte am 17. Mai 2016 in der Schweiz um Asyl. Am 3. Juni 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) statt und am 16. März 2018 sowie am 30. August 2019 wurde sie zu ihren Asylgründen angehört. Zur Begründung ihres Asylgesuchs macht die Beschwerdeführerin im We- sentlichen geltend, sie sei äthiopische Staatsangehörige, somalischer Eth- nie und stamme aus dem Dorf B._______, Provinz C._______, Region Ogaden, Äthiopien. Sie gehöre einer Nomadenfamilie an und habe die Ko- ranschule ein Jahr lang besucht. Seit 2003 engagiere sie sich für die se- zessionistische ONLF (Ogaden National Liberation Front). Zu Beginn habe sie Informationen geliefert, Geld gesammelt oder die Kämpfer mit Lebens- mitteln und Wasser versorgt. Später habe sie auch Mitgliederbeiträge be- zahlt und an Treffen teilgenommen. Ungefähr Ende des Jahres 2005 sei sie verhaftet worden, weil sie verdächtigt worden sei, mit der ONLF zusam- menzuarbeiten. Glücklicherweise habe es keine Beweise für ihre Unter- stützungstätigkeiten gegeben. Nachdem ihr Onkel väterlicherseits im (…) 2006 eine Bürgschaft bezahlt habe, habe sie das Gefängnis nach acht Mo- naten verlassen können und sei unter Hausarrest gestellt worden. Weil sie Angst gehabt habe, ein weiteres Mal verhaftet zu werden , beziehungs- weise weil sie die ONLF hab e weiterhin unterstützen wollen, sei sie zwei Monate später nach Somalia gegangen. Ihr Onkel habe Geld bezahlt, da- mit ihre Ausreise keine Folgen habe. Als sie in D._______, Somalia, gewe- sen sei, hätten äthiopische Soldaten ihrer Mutter mitgeteilt, sie wüssten von ihrem Aufenthalt in Somalia und sie müsse nach Äthiopien zurückkeh- ren. Sie sei deshalb ungefähr 2008 in den Jemen gegangen. Dort habe sie den Flüchtlingsstatus erhalten und mehrere Jahre als Haushaltshilfe gear- beitet. 2010 habe sie geheiratet und ein Kind geboren. Ein Bruder von ihr sei Kämpfer der ONLF gewesen. Nachdem er ungefähr 2011 verwundet worden sei und aus Äthiopien habe fliehen wollen, sei er inhaftiert worden. Ein anderer Bruder sei getötet worden, weshalb sie Mitte 2013 entschieden habe, mit ihrer Familie nach Äthiopien zurückzukehren. Weil sie und ihr Ehemann keine Identitätsdokumente besessen hätten, seien sie mit ihrem Kind bei der Einreise nach Äthiopien verhaftet worden. Nachdem ihre Iden- tität geklärt worden sei, habe die Polizei erfahren, dass sie früher wegen des Verdachts auf Unterstützung der ONLF inhaftiert gewesen sei. Sie habe Angst vor einer lebenslänglichen Haft gehabt. Ihr Vater habe sich für sie eingesetzt und aufgrund der fortgeschrittenen Schwangerschaft sei sie E-5877/2019 Seite 3 nach ungefähr zwei Monaten für die Geburt aus der Haft entlassen worden. Er sei an ihrer Stelle inhaftiert worden, bis sie in das Gefängnis zurückkeh- ren würde. Sie habe ihr zweites Kind geboren und sich um die Tochter ihres verstorbenen Bruders gekümmert. In dieser Zeit habe sie versucht, eine Mustawaqa (äthiopisches Identitätspapier) in ihrem Bezirk B._______ zu beantragen. Aufgrund ihrer Nähe zur ONLF sei ihr die Ausstellung verwei- gert worden. Polizisten seien mehrere Male zu ihr nach Hause gekommen. Es habe einen Haftbefehl beziehungsweise es habe keinen Haftbefehl ge- geben und die Polizisten hätten nur Geld gewollt, um Kat kaufen zu kön- nen. Elf Monate nach der Freilassung habe sie Äthiopien Ende 2014 ohne ihre Kinder verlassen und sei bis Ende 2015 im Jemen geblieben, von wo sie über den Sudan, Libyen und Italien in die Schweiz gereist sei. Die Bewohner ihres Heimatdorfes seien aufgefordert worden, alle Perso- nen zurückzubringen, welche das Land verlassen hätten. Weil ihre Mutter mitgeteilt habe, dass sie nicht wisse , wo sich ihre Familienmitglieder be- fänden, sei ein Bruder der Beschwerdeführerin zwei Tage lang gefoltert worden. Ihre Mutter habe eine Spritze bekommen, von welcher sie schwer krank geworden sei. Mittlerweile seien alle Leute aus dem Gefängnis be- freit worden. Ihr Ehemann, Vater und Bruder würden immer noch vermisst. Die Beschwerdeführerin reichte eine Ogaden -Community-Karte aus dem Jemen (im Original) zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 9. Oktober 2019 (eröffnet am 10. Oktober 2019) ver- neinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die We gweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. C. Mit Eingabe vom 7. November 2019 erhob die Beschwerdeführerin am Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, die angefochtene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben. Es sei festzustellen, dass sie die Flüchtlingseigenschaft erfülle und es sei ihr in der Schweiz Asyl zu gewäh- ren. Eventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ihr sei die unent- geltliche Prozessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses sei zu verzichten und es sei ihr in der Person des Unterzeich- nenden ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen. E-5877/2019 Seite 4 Der Beschwerde lag die Vollmacht und eine Substitutionsvollmacht vom 24. Oktober 2019, Fotos der Beschwerdeführerin beim Communauté Oga- den en Suisse, sechs Einzahlungsbelege für Mitgliederbeiträge an die ONLF, eine Fotografie der Begrüssungsfolie einer Veranstaltung vom (…) 2018, eine Bescheinigung der Mitglieds chaft bei der Oga denischen Ge- meinde e.V. vom 15. Juni 2019, zwei Fotos der Familie in Äthiopien – alles in Kopie –, eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung und die Honorarnote vom 7. November 2019 bei. D. Mit Zwischenverfügung vom 13. November 2019 hiess der Instruktionsrich- ter die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechts- verbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehm- lassung. E. Am 22. November 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein. F. Am 5. Dezember 2019 reichte die Beschwerdeführerin eine Replik und eine aktualisierte Honorarnote ein Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie- gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge- setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden. 2. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und E-5877/2019 Seite 5 entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde- führerin ist als Verfügungsadressat in zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. 4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, die vorab zu beurteilen sind, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine Kas- sation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 4.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge- listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 Vw VG). Dazu gehört unter anderem, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzu- wirken und in der Anhörung die Asylgründe darzulegen (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). 5. 5.1 Die Beschwerdeführerin rügt, die Vorinstanz habe den jüngsten Ent- wicklungen in Äthiopien nicht genügend Rechnung getragen, weshalb sub- eventualiter beantragt werde, die Sache zur rechtsgenüglichen Sachver- haltsabklärung und zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzu- weisen. 5.2 Aus der Beschwerde geht nicht hervor, ob die Vorinstanz den jüngsten Entwicklungen in Äthiopien bezüglich der Prüfung der Fluchtgründe oder der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht genügend Rechnung E-5877/2019 Seite 6 getragen haben soll. Die Vorinstanz hält in ihrer Verfügung fest, die Be- schwerdeführerin habe sowohl ihre Zugehörigkeit zur ONLF als auch ihre Inhaftierungen und die damit zusammenhängenden Probleme nicht glaub- haft machen können. Inwiefern sie hier die jüngsten Entwicklungen in Äthi- opien hätte würdigen sollen, ist nicht nachvollziehbar. Bei der Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs würdigt sie – wenn auch äusserst knapp – die aktuelle Sicherheitslage in Äthiopien. Namentlich hält sie fest, dass selbst wenn momentan von einer angespannten Lage in verschiede- nen Teilen des Landes, insbesondere entlang gewisser regionaler und na- tionaler Grenzen, auszugehen sei, in Äthiopien weder Krieg noch Bürger- krieg noch eine Situation der allgemeinen G ewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG herrsche. Die Sicherheitslage in Äthiopien spreche grundsätz- lich nicht gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs . Auf Ver- nehmlassungsstufe ergänzte sie, dass Unruhen und Übergriffe nie gänz- lich ausgeschlossen werden könnten, diese im Regionalstaat Somali je- doch lokal begrenzt seien und nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt ausgegangen werden könne. Eine ungenügende Abklärung des Sachver- halts ist nicht ersichtlich. 5.3 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un- begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die diesbe- züglichen Rechtsbegehren sind somit abzuweisen. 6. 6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen E-5877/2019 Seite 7 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 und Art. 3 AsylG). 7. Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin wenige Realkennzeichen enthielten. Die Widersprü- che und Unstimmigkeiten würden überwiegen, weshalb sie weder ihre Zu- gehörigkeit zur ONLF noch die Inhaftierungen und die damit zusammen- hängenden Probleme habe glaubhaft machen könne n. Daran vermöge auch die eingereichte Ogaden-Community-Karte aus dem Jemen nichts zu ändern. Namentlich habe sie sich widersprüchlich zu der Inhaftierungs- dauer und der Reihenfolge der Gefängnisaufenthalte bei der zweiten Inhaf- tierung, zum Zeitpunkt ihres Weggangs in den Jemen, zur Folterung wäh- rend der ersten Haft, zum Fortschritt ihrer Schwangerschaft bei der zweiten Haftentlassung und zum Grund des Weggangs nach Somalia nach der ers- ten Haft geäussert. Den angeblichen Haftbefehl nach der zweiten Haftent- lassung habe sie erst anlässlich der zweiten Anhörung mitgeteilt. Zudem seien ihre Ausführungen zu ihrer Beteiligung bei der ONLF unsubstantiiert und allgemein ausgefallen. Es sei unlogisch, dass sie versucht habe, nach der bedingten Haftentlassung eine Mustawaqa (äthiopische Identitäts- karte) zu organisieren, wenn sie sich doch vor einer erneuten Verhaftung gefürchtet habe. Es sei zudem abw egig, dass ihr Aufenthaltsort in D._______, Somalia, den äthiopischen Behörden bekannt geworden sei und unwahrscheinlich, dass sie nichts über den Aufenthalt und das Wohl- befinden ihres Ehemannes und ihres Vaters wisse. 8. 8.1 Das Gericht kommt nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass die gel- tend gemachte erste Inhaftierung ungefähr Ende 2005 wegen Verdachts der Unterstützung der ONLF und die Unterstützungstätigkeiten der Be- schwerdeführerin für die ONLF im Kern ihren tatsächlichen Erlebnissen entsprechen könnten. Der Vorinstanz ist zuzustimmen, dass in der ersten Anhörung unterschied- lich protokolliert wurde, ob die Beschwerdeführerin während der ersten In- haftierung gefoltert wurde oder nicht. Dem Protokoll lässt sich jedoch mehr- fach entnehmen, sie sei geschlagen worden. Es ist nicht gesichert, ob ihre Erlebnisse mit dem Wort «foltern» immer präzise übersetzt wurden. So wurde denn auch bezüglich der zweiten Haft «In dieser Zeit wurde ich nicht gefoltert, geschlagen» protokolliert. Der Grund für die Ungereimtheit lässt E-5877/2019 Seite 8 sich nicht überprüfen, weil die Beschwerdeführerin nicht mit den unter- schiedlichen Angaben konfrontiert wurde. Jedenfalls enthalten ihre Aussa- gen zu den Umständen der ersten Verhaftung und den Erlebnissen im Ge- fängnis durchaus Realkennzeichen und ihre Angaben anlässlich der Befra- gung und den beiden Anhörungen blieben ansonsten konsistent. Ihre Schil- derungen, wie sie als junges Mädchen die ONLF unterstützt habe, sind plausibel und auch der Grund ihrer Verh aftung erscheint nachvollziehbar. Sie erzählte lebensnah, welche Aufgaben sie im Rahmen ihrer Möglichkei- ten als junges Mädchen für die ONLF wahrgenommen habe und verstrickte sich in keine Widersprüche anlässlich der Befragung und den zwei Anhö- rungen. Eine gewisse Nähe zur ONLF belegen sodann auch die einge- reichten Beweismittel. 8.2 Nicht nachvollziehbar ist jedoch ihre Furcht vor einer zweiten Verhaf- tung vor der Ausreise nach Somalia 2006. So habe es für ihre Unterstüt- zung der ONLF glücklicherweise keine Beweise gegeben und sie sei nur verdächtigt worden, der ONLF geholfen zu haben. Nachdem ihr Onkel eine Bürgschaft hinterlegt habe, sei sie unter gewissen Bedingungen aus der Haft entlassen worden. Sie habe zu Hause bleiben müssen und das Land nicht verlassen dürfen. Ihr Onkel habe Geld bezahlt, damit ihre Ausreise nach Somalia keine Folgen habe. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die äthiopischen Behörden kein Interesse mehr an ihr hatten und eine er- neute Verhaftung nicht bevorstand. Hierfür spricht ebenfalls, dass sie, wie von der Vorinstanz zu Recht festgehalten, widersprüchliche Angaben dazu machte, weshalb sie nach der Haftentlassung nach Somalia gegangen sei. Erwähnte sie anfänglich noch, sie sei damals aus Äthiopien ausgereist, weil sie Angst vor einer erneuten Verhaftung gehabt habe, gab sie im wei- teren Verlauf der Anhörung als Ausreisegrund an, sie habe die Kämpfer der ONLF vom Ausland aus weiterhin unterstützen wollen. Auch auf Nach- frage, ob die Fortsetzung der Unterstützungstätigkeiten für die ONLF der einzige Grund für ihre Ausreise aus Äthiopien gewesen sei, erwähnte sie die angeblich drohende Verhaftung nicht. Der Beschwerdeführerin ist zu- zustimmen, wonach es der allgemeinen Logik entspreche, dass ein Ent- scheid zur Flucht oftmals auf mehr eren Beweggründen basiere. Spät es- tens jedoch auf die Nachfrage wäre von ihr zu erwarten gewesen, dass sie die Furcht vor einer erneuten Verhaftung ebenfalls erwähnt hätte, hätte sie tatsächlich Angst davor gehabt. Das Gericht erkennt hier keinen konstru- ierten Widerspruch der Vorinstanz. Gegen eine ernsthafte Gefahr spricht ebenfalls, dass sie gemäss eigener Angaben von Somalia nochmals nach Äthiopien gereist sei, um ihre Familie zu besuchen bevor sie in den Jemen gegangen sei. E-5877/2019 Seite 9 Es bestehen damit erhebliche Zweifel an einer begründeten Furcht vor ei- ner erneuten Inhaftierung vor der Ausreise aus Äthiopien 2006 und an einer Gefährdung, weil die äthiopischen Behörden ihren Aufenthaltsort in Soma- lia erfahren hätten. 8.3 Ebenfalls bestehen erhebliche Zweifel daran, dass sie nach der Rück- kehr vom Jemen nach Äthiopien Mitte 2013 wegen des früheren Verdachts der Unterstützungstätigkeiten für die ONLF verhaftet worden sei und vor ihrer definitiven Ausreise aus Äthiopien eine erneute Verhaftung kurz be- vorgestanden habe. Sie machte mehrmals unterschiedliche Angaben zur Dauer der beiden Ge- fängnisaufenthalte bei der zweiten Inhaftierung und zu deren Reihenfolge. In der Befragung erwähnte sie, zuerst zwei Nächte im Gefängnis in E._______ und danach zwei Monate im Gefängnis in C._______ gewesen zu sein. In der ersten Anhörung gab sie an, sie sei in das Gefängnis in E._______ gebracht worden, wo sie zwei Monate inhaftiert gewesen sei. Erst auf die unters chiedlichen Angaben hingewiesen erwähnte sie , in E._______ und in C._______ im Gefängnis gewesen zu sein. Doch in der- selben Antwort verstrickte sie sich in weitere Ungereimtheiten , indem sie zuerst erwähnte, in E._______ und dann in C._______ im Gefängnis ge- wesen zu sein und im anschliessenden Satz dann angab, zuerst in C._______ inhaftiert gewesen und dann nach E._______ gebracht worden zu sein. Im weiteren Verlauf der Anhörung bestätigte sie sodann, zuerst in C._______ und dann in E._______ inhaftiert gewesen zu sein. In einem Gefängnis sei sie weniger als einen Monat und im anderen länger als einen Monat gewesen. In der zweiten Anhörung erwähnte sie sodann wieder, zu- erst in E._______ und dann in C._______ inhaftiert gewesen zu sein. Sie wisse nicht, wie lange sie in welchem Gefängnis gewesen sei, aber insge- samt seien es zwei Monate gewesen. Sie glaube, sie habe die grösste Zeit in C._______ verbracht, sei sich aber nicht sicher. Sie gab zudem erstmals an, von C._______ nochmals nach E._______ verlegt worden zu sein. Der Beschwerdeführerin ist insoweit zuzustimmen, dass aufgrund ih rer fehlenden Schulbildung und der Lebensumstände von ihr nicht erwartet werden könne, die Erlebnisse genau zu datieren und es während einer Haft schwierig sei, ein Zeitgefühl zu behalten. Klar aktenwidrig ist jedoch, dass sie keine widersprüchlichen Angaben zu der Reihenfolge der Gefängnisse gemacht habe. Die Erklärungsversuche in der Beschwerde und der Replik, wonach sie einerseits die Ereignisse anfangs zusammengefasst habe und E-5877/2019 Seite 10 deshalb nicht beide Gefängnisse erwähnt habe und es andererseits plau- sibel sei, dass in Kombination mit traumatischen Erlebnissen, was eine In- haftierung mit Folter unbestrittenermassen darstelle, ihr Raum - und Zeit- empfinden in Bezug auf die Gefängnisaufenthalte massgebend beeinträch- tigt gewesen seien, vermögen nicht zu überzeugen. Sie wurde in der ersten Anhörung konkret gefragt, ob sie ausschliesslich in dem Gefängnis in E._______ gewesen oder auch noch woanders hingebracht worden sei. Auch hier erwähnte sie den Transfer in das Gefängnis nach C._______ nicht. Es handelt sich nicht um vermeintliche Widersprüche, sondern um unterschiedliche Angaben zu wesentlichen Punkten des Asylgesuchs. Auch der Erklärungsversuch, wonach die Aussage während der zweiten Anhörung, dass sie nochmals nach E._______ verlegt worden sei, ihre früheren Aussagen präzisiere und sich mit denen auch decke, vermag we- der zu überzeugen noch die Widersprüche zu lösen . Den Ausführungen der Vorinstanz anlässlich der Vernehmlassung, wonach sie trotz fehlender Schulbildung in der Lage hätte sein müssen, konsistente Angaben dazu zu machen, ob sie bloss einige Tage oder Monate in einem Gefängnis ver- bracht habe und die Reihenfolge der Gefängnisaufenthalte widerspruchs- los zu benennen, ist zu folgen, zumal es sich um ein einschneidendes Er- lebnis handelt. Anlässlich der ersten Anhörung erwähnte sie, es habe keinen Haftbefehl gegeben und am Tag ihrer Ausreise aus Äthiopien sei nichts Spezielles vorgefallen. Es sei Zufall gewesen, dass sie an jenem Tag das Land ver- lassen habe. Der Vorinstan z ist zuzustimmen, dass diese Schilderungen klar ihrer Aussage in der ergänzenden Anhörung widersprechen, wonach sie nach der Haftentlassung von einem Brief erfahren habe, gemäss wel- chem sie innerhalb einer Woche erneut habe inhaftiert werden sollen. Ent- gegen der Ansicht der Beschwerdeführerin, handelt es sich dabei nicht bloss um eine Ergänzung des bereits in der Befragung und in der ersten Anhörung dargelegten Sachverhalts. Ihre Erklärungsversuche – sie sei bis anhin nicht danach gefragt worden, die fehlende Schulbildung und das Un- wissen über das Erwarten von detaillierten Schilderungen im Asylverfahren – vermögen, wie die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung zu Recht festhält, nicht zu überzeugen. Sie wurde anlässlich ihrer Anhörungen genügend in- struiert, a lle für das Asylgesuch relevanten Ereignisse zu nennen. Auch wurde sie eingehend zu ihren Fluchtgründen befragt, weshalb sie anläss- lich der ersten Anhörung mehrmals die Gelegenheit gehabt hätte, darüber zu berichten. Der Vorinstanz ist weiter zuzustimmen, wonach ihre Ausfüh- rungen auf Rückfragen über den angeblich erhaltenen Haftbefehl allge- mein und ausweichend ausfielen. So sind die genaueren Umstände, wie E-5877/2019 Seite 11 sie vom Brief erfahren haben soll, trotz mehrerer Nachfragen weiterhin un- klar. Es bestehen damit erhebliche Zweifel an ihrer Verhaftung 2013 wegen ih- rer Unterstützungstätigkeiten für die ONLF sowie an den Verhaftungen ih- res Ehemannes und ihres Vaters. Auch ist zu bezweifeln, dass 2014 eine erneute Verhaftung bevorstand und ihr Ehemann und Vater weiterhin ver- schollen sind. 8.4 Es ist vorliegend nicht auszuschliessen, dass gewisse Sachverhalts- vorträge der Beschwerdeführerin tatsächlich Erlebtem entsprechen. Einige Schilderungen enthalten jedoch gewichtige Unglaubhaftigkeitsmerkmale, weshalb erhebliche Zweifel an deren Glaubhaftigkeit bestehen. Angesichts der nachstehenden Erwägungen erübrigt sich aber eine abschliessende Glaubhaftigkeitsprüfung, weshalb auf die entsprechenden Darlegungen in der Beschwerde nicht weiter einzugehen ist. 9. 9.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist nicht an die Begründung der Vor - instanz gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Es kann die Beschwerde auch aus anderen Überlegungen als jenen der Vorinstanz beurteilen (sog. Mo- tivsubstitution; vgl. CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], VwVG, Kommentar z um Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2019, N 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, S. 398, Rz. 1136). 9.2 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht zum Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht. Es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten Benachteili- gung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realis- tisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Massgeblicher Zeitpunkt für die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft ist derjenige des Entscheides über das Asylgesuch. Dabei sind Veränderun- gen der objektiven Situation im He imatstaat zwischen Ausreise und Asyl- entscheid zugunsten und zulasten der asylsuchenden Person zu berück- sichtigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5.2 S. 154 f.). E-5877/2019 Seite 12 9.3 Im aktuellen Referenzurteil D -6630/2018 vom 6. Mai 2019 hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass sic h die Lage in Äthiopien seit dem Frühling 2018 grundlegend verändert hat. Im April 2018 wurde Abiy Ahmed als erster Oromo in der Geschichte des Landes zum Premierminister ge- wählt. Im Juni 2018 wurde der seit Februar 2018 geltende Ausnahmezu- stand aufgehoben. Äthiopien befindet sich seit dem Amtsantritt des Minis- terpräsidenten Abiy Ahmed sowohl gesellschaftlich als auch politisch im Umbruch. Seither gab es zahlreiche Bestrebungen, die politische Opposi- tion in die demokratischen Reformprozesse miteinzubinden. Dies zeigte sich beispielsweise an Freilassungen politischer Gefangener, der Strei- chung gewisser oppositioneller Gruppierungen von der Liste terroristischer Organisationen sowie der Rückkehr oppositioneller Politiker aus dem Exil, die dem entsprechenden Aufruf der äthiopischen Regierung gefolgt waren (Reuters, After years in exile, an Ethiopian politician returns home with hope and fear, 7. November 2018, https://www.reuters.com/article/uk-ethi- opia-democracy-insight/after-years-in-exile-an-ethiopian-politician-returns -home-with-hope-and-fear-idINKCN1NC0JH?edition-redirect=in, abgeru- fen am 26.04.2021). Von gewissen Massnahmen profitierte auch die ONLF. So wurde sie beispielsweise von der Liste der terroristischen Gruppierun- gen gestrichen (Al Jazeera, Ethiopia removes OLF, ONLF and Ginbot 7 from terror list, 5. Juli 2018, https://www.aljazeera.com/news/2018/7/ 5/ethiopia-removes-olf-onlf-and-ginbot-7-from-terror-list, abgerufen am 26.04.2021) und sie unterzeichnete im Oktober 2018 eine Friedensverein- barung mit der äthiopischen Regierung (DW, Ethiopia signs peace deal with rebel group in oil-rich region, 22. Oktober 2018, www.dw.com/en/ethi- opia-signs-peace-deal-with-rebel-group-in-oil-rich-region/a-45988021, ab- gerufen am 26.04.2021). Der politische Umschwung wirkte sich auch auf die Herkunftsregion der Beschwerdeführerin – die Region Somali – aus. Der ehemalige Präsident des Regionalstaat es Somali Abdi Mohamed O- mar (auch bekannt als Abdi Illey) wurde abgesetzt u nd kurz darauf wurde Anklage gegen ihn erhoben. Die Liyu Police, deren Oberbefehlshaber der jeweilige Regionalpräsident ist, erfuhren unter dem neuen Amtsinhaber Mustafa Omer eine erste Umstrukturierung ( The Economist, Ethiopia's most repressive state is reforming, 3. Oktober 2019, https://www.econo- mist.com/middle-east-and-africa/2019/10/03/ethiopias-most-repressive- state-is-reforming, abgerufen am 26.04.2021). Die Lage in Äthiopien ist zwar nach wie vor al s fragil zu bezeichnen. Derzeit liegen jedoch keine Hinweise auf staatliche Repressalien gegen tatsächliche und vermeintliche Mitglieder der ONLF im Regionalstaat Somali vor (SEM, Focus Äthiopien, Der politische Umbruch 2018, 16. Januar 2019, S. 25 unter Verweis auf die E-5877/2019 Seite 13 Originalquelle in norwegischer Sprache: Landinfo, Etiopia: ONLF og reaks- joner fra myndighetene, 7. Dezember 2018, S. 2, https://www.sem.ad- min.ch/dam/data/sem/internationales/herkunftslaender/afrika/eth/ETH-po- litscher-umbruch-d.pdf, abgerufen am 26.04.2021). Das Bundesverwal- tungsgericht kommt zum Schluss, dass die mangelnde Stabilität der aktu- ellen politischen Ordnung Äthiopiens sich nicht auf die individuelle Lage der Beschwerdeführerin auszuwirken vermag. Die von ihr geltend gemach- ten Fluchtgründe – die Bezichtigung, der ONLF anzugehören und politi- sche Tätigkeiten zu deren Unterstützung auszuführen – führen, wie von der Vorinstanz auf Vernehmlassungsstufe zu Recht festgehalten, zum heuti- gen Zeitpunkt nicht zur Bejahung objektiv begründeter Furcht vor erneuter Inhaftierung im Falle der Rückkehr nach Äthiopien. An dieser Einschätzung vermögen auch die in der Beschwerde zitierten Medienberichte und beige- legten Beweismittel zur Mitgliedschaft bei der ONLF nichts zu ändern, zu- mal sich ihnen keine konkrete Verfolgung durch die äthiopische Regierung entnehmen lässt. Die ethnischen Konflikte mögen in Äthiopien zugenom- men haben. Die Beschwerdeführerin verkennt jedoch, dass diese keine staatliche Verfolgung der Mitglieder der ONLF zur Folge haben, weshalb diese Spannungen vielmehr in die Beurteilung der Zumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs einzufliessen haben (siehe Erwägung 11.3). Soweit die Beschwerdeführerin auf Beschwerdeebene geltend macht, sie sei auf- grund ihrer somalischen Ethnie verfolgt, ist festzustellen, dass im Hinblick auf die veränderte Lage in Äthiopien auch zum heutigen Zeitpunkt keine begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung aufgrund ihrer somali- schen Ethnie besteht. Die Anforderungen an die Feststellung einer Kollek- tivverfolgung sind gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge- richts sehr hoch und vorliegend nicht gegeben (vgl. BVGE 2013/12 E. 6). 9.4 Es bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin aufgrund der auf Be- schwerdestufe geltend ge machten exi lpolitischen Aktivitäten bei einer Rückkehr nach Äthiopien begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG hat. Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst geschaf- fen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Solche begründen zwar die Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht E-5877/2019 Seite 14 missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, die subjek- tive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). In der Beschwerdes chrift wird geltend gemacht, die Beschwerdeführerin sei seit ihrer Ankunft in der Schweiz exilpolitisch tätig. Sie sei Mitglied der Communauté Ogaden en Suisse und der Ogadenischen Gemeinde e.V. In der Schweiz nehme sie oft an Veranstaltungen teil und exponiere sich da- bei regelmässig. So zeige sie sich auf Gruppenbilder n in kämpferischer Pose und sei mit der Flagge der ONLF umwickelt. Sie leiste ebenfalls re- gelmässig finanzielle Unterstützung an die beiden Vereine. Ihre Tätigkeiten seien nicht nur tatsächli ch erkennbar, sondern auch eindeutig individuali- sierbar, zumal sie der Regierung bereits bestens bekannt sei. Sie erreiche eine öffentliche Exponiertheit, die sie mit an Sicherheit grenzender Wahr- scheinlichkeit als Bedrohung für das äthiopische Regime erkennen lasse. Vorab ist festzustellen, dass wie in Erwägung 8 aufgezeigt, daran zu zwei- feln ist, dass die äthiopischen Behörden ein aktives Verfolgungsinteresse an der Beschwerdeführerin haben. Damit ist auch nicht davon auszuge- hen, dass sie nach ihrer Ankunft in der Schweiz unter besonderer Beobach- tung seitens der äthiopischen Behörden gestanden hat. Aus den Akten und den eingereichten Beweismitteln ist kein exponiertes Engagement ersicht- lich. Ihre Unterstützungstätigkeiten für die ONLF erschöpfen sich in de r Teilnahme an Veranstaltungen sowie der einfachen Mitgliedschaft und stel- len ein nur geringes Risikoprofil dar. Das Bundesveraltungsgericht kam zu- dem im Referenzurteil D-6630/2018 (E. 8) zum Schluss, dass angesichts der positiven Entwicklung der politischen Lage in Äthiopien seit dem Amts- antritt des neuen Premierministers Abiy Ahmed im April 2018 die Befürch- tung, im Fall einer Rückkehr nach Äthiopien wegen exilpolitischer Tätigkeit flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteilen ausgesetzt zu sein, unbegründet ist. Für die Beschwerdeführerin besteht hiermit keine ernsthafte Gefahr vor asylrelevanter Verfolgung bei einer Rückkehr nach Äthiopien. Daran ver- mögen ihre Ausführungen in den Rechtsmitteleingaben nichts zu ändern. Insofern erweist sich auch ihre Befürchtung, durch die Papierbeschaffung in den Fokus der äthiopischen Behörden zu gelangen, als haltlos. Das Vor- liegen subjektiver Nachfluchtgründe ist folglich zu verneinen. 9.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass keine konkreten Anhalts- punkte für eine im heutigen Zeitpunkt objektiv begründete Furcht der Be- schwerdeführerin vor einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG durch die E-5877/2019 Seite 15 äthiopischen Behörden vorliegen. Die Vorinstanz hat die Flüchtlingseigen- schaft zu Recht verneint und das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab- gelehnt. 10. Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Sch weiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet. 11. 11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässi g, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Bei der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt g e- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2). 11.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent- gegenstehen. Vorliegend kommt der B eschwerdeführerin keine Flücht- lingseigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 FK und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwendbar. Die Zulässig- keit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfas- sungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau- same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). Gemäss der Praxis des Europäischen G erichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste die Be- schwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass sie für den Fall einer Ausschaffung nach Äthiopien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 E-5877/2019 Seite 16 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Ka mmer 37201/06, §§ 124–127). Dies gelingt ihr nicht, zumal sie keine begründete Furcht vor erneuter Verhaftung bei einer Rückkehr nach Äthiopien hat. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin nicht als unzulä ssig erscheinen (vgl. Referenzurteil D-6630/2018). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 11.3 11.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Ab s. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Entgegen der in der Eingabe vom 7. November 2019 vertretenen Auffas- sung liegt in Äthiopien keine Situation vor, aufgrund derer die Zivilbevölke- rung generell als konkret gefährdet bezeichnet werden muss. Es ist der Beschwerdeführerin zuzustimmen, dass aufgrund der Verteilung von Was- servorräten aus dem Nil Spannungen zwischen Äthiopien und Ägypten be- stehen. Ein Kriegsausbruch scheint jedoch nicht unmittelbar bevorstehend. So ist es bis anhin zu keiner militärischen Auseinandersetzung gekommen, obwohl Äthiopien ohne Rücksprache mit Ägypten mit dem Befüllen ihres Staudammes begonnen hat (Die Presse, Droht ein Krieg um das Nilwas- ser?, 14. April 2021, https://www.diepresse.co m/5965140/droht-ein-krieg- um-das-nilwasser, abgerufen am 26 .04.2021). Ebenfalls ist ihr zuzustim- men, dass es in ländlichen Gebieten nach wie vor ungelöste ethnische Konflikte gibt, welche teilweise zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Vertreibungen führen (vgl. Neue Zürcher Zeitung, «Global Risk»: Wird Äthiopien zum neuen Musterstaat in Afrika?, 4. April 2019, https://www.nzz. ch/globalrisk/aethiopien-abiy-ahmed-musterstaat-ld.1472705?reduced =true; Aljazeera, Over 100 killed in clashes in Ethiopia ’s Afar, Somali re- gions, 7. April 2021, https://www.aljazeera.com /news/2021/4/7/dozens-kil- led-in-clashes-in-ethiopias-afar-somali-regions, beide abgerufen am 26.04.2021). Im Regionalstaat Somali, der Herkunftsregion der Beschwer- deführerin, wurde – wie schon in Erwägung 9.3 erwähnt – im August 2018 E-5877/2019 Seite 17 Abdi Mohamed Omar, der damalige Regierungspräsident und Oberkom- mandant der Liyu Police abgesetzt. Als Nachfolger wurde mit Mustafa O- mer ein ausgewiesener Kritiker des vormaligen Regierungschefs sowie der Liyu Police – welcher mehrfach erhebliche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen worden waren – bestimmt. Als prioritäre Ziele erachtete dieser die Stärkung der Menschenrechte und die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Somali und den Oromo in der Region. Zwar w ird ver- schiedentlich über gewalttätige Auseinandersetzungen in den Grenzregio- nen der Somali-Region, insbesondere zu den äthiopischen Regionalstaa- ten Oromia und Afar berichtet. Dabei handelt es sich aber um vereinzelte Konflikte, die häufig regional begrenzt sind (The New Humanitarian, Ethio- pia’s other conflicts, 23. November 2020, https://www.thenewhumanita- rian.org/news-feature/2020/11/23/ethiopia-tigray-fuel-conflict-hotspots- ethnic-politics, abgerufen am 26.04.2021). Soweit die Beschwerdeführerin auf Angriffe der Liyu Police zu sprechen kommt, ist diesbezüglich festzu- halten, dass der von ihr zitierte Bericht vom 11. Juni 2018 und damit vor der Absetzung von Abdi Mohamed Omar datiert. Aktuell finden in der Re- gion Tigray Gefechte statt, welche bereits tausende Todesopfer gefordert und etliche Zivilisten zur Flucht veranlasst haben sollen (The Guardian, Ethiopia: 1,900 people killed in massacres in Tigray identified, 2. April 2021, https://www.theguardian.com/world/2021/apr/02/ethiopia-1900-people- killed-in-massacres-in-tigray-identified; AP News, «People are starving», New exodus in Ethiopia ’s Tigray a rea, 11. März 2021, https://apnews. com/article/world-news-ethiopia-a25a50a774da284122c74a0bc1428052, beide abgerufen am 26.04.2021). Der Rest des Landes scheint aber von der dortigen Konfliktsituation bisher nicht unmittelbar betroffen zu sein. Es kann insgesamt nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt gesprochen werden, aufgrund derer auf eine konkrete Gefährdung für die gesamte Be- völkerung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden müsste, so dass die Rückkehr für äthiopische Staatsangehörige in den Regionalstaat Somali weiterhin grundsätzlich zumutbar bleibt (Referenzurteil D-6630/2018 E. 12.2; Urteile des BVGer E-5129/2019 vom 6. April 2021 E. 9.3.2; E-2048/2020 vom 11. Januar 2021 E. 4.3.1; SEM, Notiz Äthiopien, Lageentwicklung im Regionals taat Somali, 28. Februar 2020, https://www.sem.admin.ch/dam/data/sem/internationales/herkunftslaen- der/afrika/eth/ETH-lageentwicklung-somali-d.pdf, abgerufen am 26.04.2021). 11.3.2 Die Beschwerdeführerin gab anlässlich der ergänzenden Anhörung an, Schmerzen an (…) und an (…), (…) sowie (…)schmerzen zu haben. Ihre gesundheitlichen Beschwerden vermögen keine medizinische Notlage E-5877/2019 Seite 18 zu begründen, weshalb sie einem Wegweisungsvollzug nicht entgegenste- hen. Hierfür spricht ebenfalls, dass bis anhin keine ärztlichen Atteste ein- gereicht und auch in der Beschwerde nicht weiter darauf eingegangen wurde. 11.3.3 Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind nach wie vor prekär, wes- halb gemäss Praxis zur Erlangung einer sicheren Existenzgrundlage ge- nügend finanzielle Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Bezie- hungsnetz erforderlich sind. Alleinstehende Frauen sind besonders schutz- bedürftig, weshalb zu prüfen ist, ob begünstigende individuelle Faktoren vorliegen, aufgrund derer gewährleistet ist, dass sich die betroffene Person nach Ihrer Rückkehr nicht in einer existenzbedrohenden oder menschen- unwürdigen Situation wiederfindet (BVGE 2011/25 E. 8.4 ff.; bestätigt im Referenzurteil D -6630/2018 2019 E. 12.4 und im Urteil E-5129/2019 E. 9.3.4). Es ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass die An- forderungen an die Annahme einer konkreten Gefäh rdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG hoch sind. Beliebige Nachteile oder Schwierigkeiten rechtfertigen die Annahme einer konkreten Gefährdung nicht, sondern aus- schliesslich Gefahren für Leib oder Leben. Die von der Weg- oder Auswei- sung betroffene Person muss demnach im Falle einer Rückkehr in den Hei- matstaat dort in eine existentielle Notlage geraten (BVGE 2014/26 E. 7.6). Zum sozialen Beziehungsnetz der Beschwerdeführerin in Äthiopien ist vorab zu erwähnen, dass erhebliche Zweifel an der geltend gemachten Verhaftung 2013 und der drohenden Verhaftung 2014 aufgrund ihrer Un- terstützungstätigkeiten für die ONLF bestehen (Erwägung 8.3). Deshalb ist auch zu bezweifeln, dass ihr Ehemann damals mit ihr verhaftet und ihr Va- ter später an ihrer Stelle in Gewahr genommen worden sein soll und beide bis heute verschollen sein sollen. Entgegen der Ansicht der Beschwerde- führerin geht das Gericht nicht davon aus, dass es sich bei ihr um eine alleinstehende Frau handelt, weshalb sie nicht als besonders vulnerabel gilt. Ihr Vorbringen, ihr Ehemann sei tot, ist durch nichts belegt und damit lediglich eine Vermutung. Auch wenn dem so wäre, kann sie trotzdem auf ein intaktes Beziehungsnetz in Äthiopien zurückgreifen. Ihre Mutter und ein Bruder leben in ihrem Heimatdorf und sie unterhält bis heute Kontakt zu ihren Familienmitgliedern. Den Akten lässt sich entnehmen, dass mindes- tens ein Onkel in Äthiopien lebt und sie schon früher zwei Monate bei ihm wohnte. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sie bei ihrer Rückkehr nach Äthiopien eine gesicherte Wohn situation auffinden wird. Sowohl in Somalia als auch im Jemen hat sie langjährige Arbeitserfahrung als Haus- haltshilfe gesammelt, weshalb die Möglichkeit einer Arbeitsbeschaffung in E-5877/2019 Seite 19 Äthiopien besteht. Würde sie trotzdem in finanzielle Not geraten, so könnte sie auf die Hilfe ihres Bruders in Saudi -Arabien zurückgreifen. Dieser be- sitzt dort einen geregelten Aufenthalt sstatus und hat sie schon bei ihren Ausreisen aus Äthiopien finanziell unterstützt . So bezahlte er beispiels- weise die Reise in die Schweiz, die 7000.– Dollar gekostet habe. Im Übri- gen gehört sie dem Clan der Ogaden , dem bedeutendsten somalischen Clan in Äthiopien, an (SEM, Focus Somalia, Clans und Minderheiten, 31. Mai 2017, S. 10, https://www.sem.admin.ch/dam/data/sem/internatio- nales/herkunftslaender/afrika/som/SOM-clans-d.pdf, abgerufen am 26.04.2021). Es ist davon auszugehen, dass sie von diesem Clan ebenfalls gewisse Unterstützung erwarten kann, bezeichnet sie die Clanmitglieder doch anlässlich der ergänzenden Anhörung als Familienmitglieder. In der Replik macht sie geltend, es stelle sich aufgrund des fortschreiten- den Alters ihrer Tochter, die heute ungefähr (…) Jahre alt ist, bald die Frage der Beschneidung. Diese sei insbesondere im Regionalstaat Somali in Äthiopien, wo 99 Prozent der Frauen b eschnitten seien, immer noch weit verbreitet. Die Beschneidung werde dort bei Mädchen zwischen sieben und neun Jahren durchgeführt. Diese Praxis sei gerade in ländlichen Re- gionen gesellschaftlich immer noch akzeptiert und werde vorausgesetzt, damit ein Mädchen beziehungsweise eine Frau gesellschaftlich akzeptiert werde. Die Beschwerdeführerin sei strikt gegen diese g rausame und schmerzhafte Praxis. Dies werde aber von ihrer Mutter und dem übrigen Umfeld nicht akzeptiert, da sie noch immer den alten Traditionen treu seien. Es sei deshalb davon auszugehen, dass sie sich bei einer allfälligen Rück- kehr diesem lokalen Brauch werde widersetzen müssen. Es bestehe die grosse Gefahr, dass aus diesem Konflikt der Verstoss der Beschwerdefüh- rerin aus der Ogaden-Gemeinschaft resultiere. Das Bundesverwaltungs- gericht sei im Urteil D -758/2018 vom 15. November 2018 zum Ergebnis gekommen, dass die Rückkehr einer alleinstehenden Frau in ihre Her- kunftsregion unzumutbar sei, weil sie von ihrer Familie nur Hilfe bekomme, wenn sie die lokalen Gebräuche akzeptiere. Die Beschwerdeführerin ver- kennt, dass im zitierten Urteil der Wegweisungsvollzug aufgrund der post- traumatischen Belastungsstörung und einer mitte lgradigen depressiven Episode als unzumutbar eingestuft wurde, da sich e ine Fortsetzung der Behandlung in der Region Somali und ausserhalb der Hauptstadt Addis Abeba schwierig gestalten würde. Argumentiert wurde, dass die Frau auf die Unterstützung der Eltern angewiesen wäre. Würde sie sich jedoch einer erneuten Beschneidung widersetzen und/oder sich an die Behörden wen- den, wären die Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gewillt, die not-E-5877/2019 Seite 20 wendige medizinische Behandlung zu bezahlen. Im Übrigen ging das Ge- richt davon aus, dass die Frau ausserhalb ihrer Heimatregion über kein Beziehungsnetz und über keine Berufserfahrung verfüge, weshalb sie als alleinstehende Frau nicht nach Addis Ab eba gehen könne (BVGer Urteil D-758/2918 vom 15. November 2018 E. 9.2.3). Es wurde jedoch klar fest- gestellt, dass das Bundesverwaltungsgericht in seiner Praxis davon aus- gehe, von Beschneidung bedrohten Frauen sei es zuzumuten, sich an die äthiopischen Behörden zu wenden, sollten sie sich in einer Situation befin- den, in der sie staatlichen Schutzes bedürften (Urteil D-758/2018 E. 6.2.3 und E. 9.2.2 ; bestätigt in BVGer Urteil E -1140/2017 vom 7. Januar 2020 E. 9.2.3). Der Sachverhalt im erwähnten Urteil und der jenige der Be- schwerdeführerin lassen sich nicht vergleichen. So handelte es sich im er- wähnten Urteil um eine psychisch kranke Frau, die eine medizinische Be- handlung in Addis Abeba benötigte und der Wegweisungsvollzug deshalb als unzumutbar eingestuft wurde, weil nicht mit der finanziellen Hilfe der Familie für diese Behandlung gerechnet werden konnte. Die Beschwerdeführerin stützt sich in ihrer Replik auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) aus dem Jahr 2010 ( SFH, Äthio- pien, Gewalt gegen Frauen, 20. Oktober 2010, https://www.fluechtlings- hilfe.ch/fileadmin/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderberichte/Af- rika/Aethiopien/101020-eth-gewalt-gegen-frauen-de.pdf, a bgerufen am 26.4.2021). Es sind mittlerweile mehr als zehn Jahre vergangen und die Situation in Äthiopien hat sich geändert. In Äthiopien sanken die Zahlen der beschnittenen Frauen von 80 Prozent im Jahr 2000 auf noch 65 Pro- zent im Jahr 2016. Der Rückgang der Meldungen der Beschneidungen von Mädchen könnte jedoch auch darauf zurückzuführen sein, dass nicht alle Beschneidungen gemeldet werden, weil diese 2005 in Äthiopien kriminali- siert wurde. Unter den ethnischen Somali blieb der Prozentsatz der be- schnittenen Frauen auch im Jahr 2016 weiterhin hoch bei 98.5 Prozent. Vielversprechend ist jedoch, dass knapp die Hälfte aller Männer und Frauen der ethnischen Somali eine Beschneidung im Jahr 2016 nicht mehr befürworteten und 42 Prozent angaben, ihre Religion würde diese auch nicht erfordern (Central Statistical Agency Addis Abeba, Ethiopia, The DHS Program ICF, Rockville, Maryland, USA, Demographic and Health Survey 2016, Juli 2017, S. 315 -327, https://dhsprogram.com/pubs/pdf/FR328/ FR328.pdf, abgerufen am 26.04.2021). Die Beschwerdeführerin kann in Äthiopien auf diverse Beziehungsnetze (Familie des Ehemannes, Mutter und Bruder im Heimatdorf, Onkel in Äthiopien, Mitglieder des Ogadenclans, Bruder in Saudi -Arabien) zurückgreifen. Es ist davon auszugehen, sie würde innerhalb ihres Beziehungsnetzes Hilfe finden, würde sie in eine E-5877/2019 Seite 21 Notlage geraten, weil sie sich gegen eine Beschneidung ihrer Tochter weh- ren müsste. Gegen eine latent drohende Gefahr spricht ebenfalls, dass sie diese Befürchtung erstmals in der Replik erwähnte. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin, geht das Gericht davon aus, dass sie sich bei einer Rückkehr nach Äthiopien nicht in einer exis- tenzbedrohenden Situation wiederfinden wird. 11.3.4 Weder individuelle Gründe noch die generelle Situation in Äthiopien lassen auf eine konkrete Gefährdung der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Äthiopien schliessen, weshalb sich der Vollzug der We g- weisung als zumutbar erweist. 11.4 Es obliegt der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständigen Vertre- tung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedoku- mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist daher auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG). 11.5 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll- zug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt vo- raus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, son- dern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entschei- dungen und Mitteilungen der Schweize rischen Asylrekurs kommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmo- dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der S ituation im Heimatland angepasst wird. 11.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 12. 12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer- deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da jedoch der Antrag auf Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 E-5877/2019 Seite 22 VwVG mit Zwischenverfügung vom 13. November 2019 gutgeheis sen wurde und sich aus den Akten auch keine Hinweise auf eine nachträgliche Veränderung der finanziellen Verhältnisse ergeben, ist die Beschwerdefüh- rerin von der Auferlegung der Verfahrenskosten zu befreien. 12.2 Da der Beschwerdeführerin mit der gleichen Zwischenverfügung auch die amtliche Rechtsverbeiständung gewährt wurde, sind die ihr notwendi- gerweise erwachsenen Parteikosten durch das Bundesverwaltungsgericht zu übernehmen (vgl. Art. 110a Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–14 des Regle- ments vom 21. Februar 2008 übe r die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in der Kos- tennote vom 5. Dezember 2019 ausgewiesene Vertretungsaufwand von 10.78 Stunden und der zusätzliche Aufwand von Fr. 67.10 erscheinen an- gemessen. Den Akten ist zu entnehmen, dass Frau BLaw Laura Kunz die Beschwerdeführerin substitutionsweise vertritt. Die beiden eingereichten Honorarnoten und die Replik sind jeweils nur von ihr unterzeichnet wobei die Beschwerdeschrift auch noc h von Rechtsanwalt Tarig Hassan unter- schrieben wurde. Es ist deshalb davon auszugehen, dass der grösste Zeit- aufwand in der Honorarnote auf die Arbeit von Frau BLaw Laura Kunz zu- rückzuführen ist. Weil das Bundesverwaltungsgericht bei amtlicher Vertre- tung praxisgemäss von einem Stundenans atz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nichtanwaltliche Vertreterinnen ausgeht, ist der aufgeführte Stundenan- satz von Fr. 300.– entsprechend auf Fr. 150.– zu reduzieren. Dem amtlich bestellten Rechtsbeistand ist somit zu Lasten des Bundesverwaltungsge- richts ein amtliches Honorar von (gerundet) Fr. 1’815.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-5877/2019 Seite 23 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Beschwerdeführerin wird von der Bezahlung der Verfahrenskosten be- freit. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird zu Lasten der Gerichtskasse ein Ho- norar von Fr. 1’815.– ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: David R. Wenger Anja Hasler Versand: