B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5885/2022 U r t e i l v o m 2 0 . M ä r z 2 0 2 3 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richterin Contessina Theis, Gerichtsschreiberin Sandra Bisig. Parteien A._______, geboren am (…), dessen Ehefrau B._______, geboren am (…), und die Kinder C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), alle Türkei, alle vertreten durch MLaw Daniela Candinas, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 8. Dezember 2022 / N (…). D-5885/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. A._______ (nachfolgend: Beschwerdeführer) und B._______ (nachfol- gend: Beschwerdeführerin) suchten am 14. Oktober 2022 zusammen mit ihren beiden Töchtern in der Schweiz um Asyl nach. B. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der Eurodac -Datenbank durch das SEM ergab, dass sie am 11. Oktober 2022 in Kroatien (E._______) aufge- griffen worden waren und dort gleichentags um Asyl ersucht hatten. C. C.a Am 1. November 2022 fand das Dublin-Gespräch der Beschwerdefüh- rerin und am 7. November 2022 dasjenige des Beschwerdeführers statt. Das SEM konfrontierte die Beschwerdeführenden dabei mit den genannten Eurodac-Treffern und gewährte ihnen das rechtliche Gehör zur möglichen Zuständigkeit Kroatiens für die Durchfü hrung des Asylverfahrens, einer Wegweisung dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. C.b Die Beschwerdeführenden erklärten im Wesentlichen, sie seien in Kro- atien von der Polizei mit einem Fahrzeug aufgegriffen und in Handschellen sowie unter Folter zu einer Polizeiwache gebracht worden. Dort seien sie durch Gewaltanwendung und Drohungen gezwungen worden, ihre Finger- abdrücke abzugeben. Sie sowie ihre ältere Tochter seien geschlagen wor- den und die Beschwerdeführerin sei schwer belästigt worden. Ihr sei das Kopftuch abgenommen worden und sie sei an ihren intimen Bereichen an- gefasst worden, wobei sie sich dazu nicht im Detail äussern könne. Ihnen sei auch damit gedroht worden, dass ihnen ihre Töchter weggenommen würden. Diese seien von ihnen getrennt in einen anderen Raum gebracht worden, wobei sie ihr Weinen gehört hätten. Sie hätten daher die Finger- abdrücke abgegeben. Dabei hätten sie jedoch gesagt, dass sie kein Asyl- gesuch stellen, sondern in die Schweiz weiterreisen wollten. Nach der Ab- nahme ihrer Fingerabdrüc ke seien sie in ein Zelt gebracht worden. Dort habe es kein Essen, keine Decken und keine Stühle gegeben. Einige Stun- den später seien sie von dort geflohen und hätten ihre Reise fortgesetzt. Sie würden lieber sterben, als nach Kroatien zurückzukehren. Der Be- schwerdeführerin gehe es aufgrund der dortigen Erlebnisse psychisch sehr schlecht und sie würde im Falle einer Rückkehr dorthin den Verstand ver- lieren. Auch dem Beschwerdeführer gehe es mental schlecht, wenn er an D-5885/2022 Seite 3 Kroatien denke. Die ältere Tochter wolle ebenfalls nicht nach Kroatien zu- rück und weine, wenn von Kroatien gesprochen werde. Sie sei hier sehr zufrieden. In Kroatien gebe es keine Zukunft für die Kinder. C.c Zu ihrem Gesundheitszustand gaben sie ausserdem im Wesentlichen Folgendes an: Die Beschwer deführerin leide an Rückenschmerzen, wel- che Folge der erlebten Gewalt sein könnten, und habe einen unregelmäs- sigen Zyklus. Ausserdem schmerze ihr Nasenknochen sehr. Teilweise sei ihr Kinn betäubt und sie könne nicht sprechen. Der Beschwerdeführer leide aktuell an Migräne. Vier seiner Finger würden zudem taub werden, wenn er die Hände still auf den Tisch lege. Ferner habe er (noch im Heimatland) Blutverdünner erhalten aufgrund der feinen Blutgefässe, die verstopfen würden. Dieses Me dikament hätte er sechs Monate einnehmen müssen. Er habe sich jedoch aufgrund des politischen Drucks nicht darum kümmern können. Die beiden Töchter hätten sodann aufgrund der Erlebnisse oft Angst. Sie würden an Appetitlosigkeit leiden und daher nun sehr sc hnell krank werden. C.d Weitergehend wird auf die Protokolle in den Akten verwiesen. D. Am 7. November 2022 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden mit zwei separaten Schreiben um Rückübernahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Ver ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle- gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgli edstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu- ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die kroatischen Behörden ent- sprachen diesen Gesuchen am 21. November 2022 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO. E. Am 24. November 2022 holte das SEM bei der zuständigen Gesundheits- betreuung telefonisch Informationen zu den Beschwerdeführenden ein. Diese teilte dem SEM mit, dass für die jüngere Tochter ein Termin beim Kinderarzt organisiert worden sei, weil sie (…) und gemäss Auskunft der Beschwerdeführenden bei ihr bereits einmal eine Anämie diagnostiziert worden sei. Der Arzttermin sei für den 15. Dezember 2022 vereinbart wor- den. D-5885/2022 Seite 4 F. Gleichentags sowie am 1. Dezember 2022 reichte die Rechtsvertretung zwei ärztliche Kurzberichte betreffend die Beschwerdeführerin zu den vor- instanzlichen Akten. G. Mit Verfügung vom 8. Dezember 2022 – eröffnet am 13. Dezember 2022 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei- tig beauftragte es den Kanton F._______ mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte den Beschwerdeführenden die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine allfällige Beschwerde gegen den Entscheid habe keine aufschiebende Wirkung. H. Die Rechtsvertretung reichte zwischen dem 9. und 19. Dezember 2022 drei weitere Arztberichte betreffend die Beschwerdeführerin und ein en ärztli- chen Bericht betreffend die ältere Tochter zu den vorinstanzlichen Akten. I. I.a Mit Eingabe vom 20. Dezember 2022 erhoben die Beschwerdeführen- den – handelnd durch ihre Rechtsvertreterin – Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht und beantragten dabei, die Verfügung vom 8. Dezem- ber 2022 sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf ihre Asylgesu- che einzutreten und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen, eventualiter sei die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen, subeventualiter sei dieses anzuweisen, individuelle Zusicherungen von den kroatischen Be- hörden bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren, adäquater medizini- scher Versorgung sowie Unterbringung einzuholen. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren und das SEM sowie die Vollzugs- behörden seien im Rahmen von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Entscheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeg- lichen Vollzugshandlungen abzusehen. Schliesslich ersuchten sie um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung (inkl. Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses). I.b Der Beschwerde lagen insbesondere schriftliche Auskünfte eines Mitar- beiters des Center for Peace Studies (CPS) in Zagreb und ein bereits in D-5885/2022 Seite 5 den vorinstanzlichen Akten liegender ärztlicher Bericht betreffend die Be- schwerdeführerin bei. J. Mit superprovisorischer Massnahme vom 21. Dezember 2022 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus. K. Mit Eingabe vom 5. Januar 2023 reichte die Rechtsvertreterin einen weite- ren ärztlichen Bericht betreffend die Beschwerdeführerin und einen Arztbe- richt betreffend den Beschwerdeführer zu den Akten. L. Mit Verfügung vom 12. Januar 2023 erteilte die Instruktionsrichterin der Be- schwerde die aufschiebende Wirkung. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. M. Mit Eingaben vom 13. Februar und 10. März 2023 liessen die Beschwer- deführenden insgesamt drei weitere ärztliche Berichte (betreffend die jün- gere Tochter, die Beschwerdeführerin und den Beschwerdeführer) zu den Akten reichen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben D-5885/2022 Seite 6 ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 1.4 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (Spruchkörper; Art. 21 Abs. 1 VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1 AsylG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskom petenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchen- de in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Diesbezüglich kommt die Dublin -III-VO zur Anwen- dung. 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah- men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätz- lich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt. Die Zu- ständigkeit beziehungsweise die Verpfl ichtung des Mitgliedstaates zur Wiederaufnahme ergibt sich direkt aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d beziehungs-D-5885/2022 Seite 7 weise Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO (vgl. Urteil des Europäischen Gerichts- hofs [EuGH; Grosse Kammer] vom 2. April 2019, Staatssecretaris van Vei- ligheid en Justitie gegen H. und R., C -582/17 und C -583/17, Rn. 47–50; BVGE 2019 VI/7 E. 4-6, 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.). 3.3 Gemäss Art. 20 Abs. 5 Satz 1 Dublin -III-VO ist der Mitgliedstaat, bei dem der erste Antrag auf internationalen Schutz gestellt wurde, gehalten, Antragstellende, die sich ohne Aufenthaltstitel im Hoheitsgebiet eines an- deren Mitgliedstaats aufh alten oder dort einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt haben, nachdem sie ihren ersten Antrag noch während des Verfahrens zur Best immung des zuständigen Mitgliedstaats zurückgezo- gen haben nach den Bestimmungen der Art. 23, 24, 25 und 29 wieder auf- zunehmen, um das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitglied- staats zum Abschluss zu bringen. Diese Bestimmung findet auch – wie vor- liegend – im Falle der Weiterreise der Antragstellenden in einen anderen Mitgliedstaat bei noch nicht abgeschlossenem Zuständigkeitsverfahren An- wendung (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, 2014, K. 19 zu Art. 20). 3.4 Erweist es sich als unmöglich, Antragstellende in den eigentlich zustän- digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An- nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An- tragstellende in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein an derer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied- staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III- VO). 3.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Ge- mäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch "aus humanitären D-5885/2022 Seite 8 Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein an- derer Staat zuständig wäre. Der Selbsteintritt ist zwingend, wenn individu- elle völkerrechtliche Über stellungshindernisse vorliegen (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 4. Vorliegend ergab ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführen- den mit der Eurodac-Datenbank, dass sie am 11. Oktober 2022 in Kroatien aufgegriffen und in diesem Dublin -Mitgliedstaat gleichentags als Asylsu- chende registriert wurden. Das SEM ersuchte deshalb die kroatischen Be- hörden – unter Hinweis auf die Aussagen der Beschwerdeführenden, wo- nach sie in Kroatien nicht (willentlich) um Asyl ersucht hätten – um deren Wiederaufnahme. Die kroatischen Behörden stimmten dem Gesuch um Rückübernahme innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO ausdrücklich zu. Damit ist die Zu- ständigkeit Kroatiens grundsätzlich gegeben (vgl. etwa Urteil des BVGer E-5839/2022 vom 22. Dezember 2022 E. 6 m.w.H.), was in der Beschwer- de auch nicht bestritten wird. 5. 5.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische Schwachstel- len aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU -Grundrechtecharta mit sich brin- gen würden. 5.2 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtli nge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass dieser Staat seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf ausserdem davon ausgegangen w erden, dass Kroatien die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parla- ments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 D-5885/2022 Seite 9 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati- onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. 5.3 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wie- deraufnahmeverfahren liegen zum heutigen Zeitpunkt keine konkreten Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren (inkl. Zuständigkeitsver- fahren) und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Kroatien wür- den systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin- III-VO aufweisen. Für eine Änderung der Rechtsprechung besteht – auch unter Berücksichtigung der Vorbringen der Beschwerdeführenden zu ihren Erlebnissen in Kroatien und des in der Beschwerde zitierten Berichts "Po- lizeigewalt in Bulgarien und Kroatien: Konsequenzen für Dublin -Überstel- lungen" der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 13. September 2022 sowie der (niedrigen) Anerkennungsquote für Asylsuchende in Kroa- tien im Jahr 2021 – keine Veranlassung (vgl. dazu etwa die Urteile des BVGer D-5422/2022 vom 23. Januar 2023 E. 8.2 und F -4002/2022 vom 26. September 2022 E. 7.2 ff., je m.w.H.). 5.4 Eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO erweist sich demnach als nicht gerechtfertigt. 6. 6.1 Hinsichtlich des von den Beschwerdeführenden auf Beschwerdeebene – etwa mit ihren Vorbringen zu den behaupteten Erlebnissen in Kroatien sowie ihrer Vulnerabilität als Familie mit zwei kleinen Kindern und verschie- denen gesundheitlichen Problemen – geforderten zwingenden Selbstein- tritts durch die Schweiz ist sodann Folgendes festzuhalten: 6.2 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt im Sinne der von den Be- schwerdeführenden in den Dublin -Gesprächen geschilderten Erlebnisse und den in ihrer Beschwerde gemachten generellen Ausführungen nicht, dass der Em pfang und die Aufnahmebedingungen für Asylsuch ende in Kroatien problematisch sein können. Die Beschwerdeführenden vermögen indessen mit ihren Vorbringen zu ihren Erlebnissen in Kroatien nicht dar- zutun, dass sie dort – nach legaler Rückkehr aus einem Dublin -Mitglied- staat – kein faires Asylverfahren erhalten würden und sie ernsthaft Gefahr laufen würden, bei einer Rückkehr dorthin unmenschlich im Sinne von Art. 3 EMRK behandelt zu werden. Sie werden sich nach der Dublin-Über- stellung in einer anderen Situation als bei ihrer ersten (illegalen) Einreise nach Kroatien befinden. Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, D-5885/2022 Seite 10 dass Kroatien grundsätzlich als Rechtsstaat mit einem funktionierenden Justizsystem einzustufen ist. Folglich ist von der grundsätzlichen Schutz- willigkeit und Schutzfähigkeit dieses Staates auszugehen. Bei einer allfäl- ligen vorübergehenden Einschränkung der ihnen zustehenden Aufnahme- bedingungen könnten sich die Beschwerdeführenden an die kroatischen Behörden wenden und ihre Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Dies gilt auch in Bezug auf die geltend ge- machte Gewalt und allfällige sexuelle Belästigungen seitens kroatischer Polizisten. Im Übrigen steht den Beschwerdeführenden die Möglichkeit of- fen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu ko ntaktieren. Daran vermögen die Ausführungen in der Beschwerdeschrift, wonach mehreren Nichtregierungsorganisationen (namentlich CPS) der Zugang zu den Auf- nahmezentren in Zagreb und Kutina (im September 2018 und bald darauf) verweigert worden sei, nichts zu ändern (vgl. zum Ganzen etwa Urteil des BVGer D-5422/2022 vom 23. Januar 2023 E. 9.2). 6.3 6.3.1 Soweit die Beschwerdeführenden geltend machen, dass bei einer Überstellung nach Kroatien mit einer massiven und unwiderruflichen Ver- schlechterung ihres (psychischen) Gesundheitszustands zu rechnen sei, weshalb eine Wegweisung gegen Art. 3 EMRK verstosse, ist zunächst festzuhalten, dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit ge- sundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstel len kann. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstel- lung mit dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Un- terstützung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwer- kranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizini- scher Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert wür- den, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ih- res Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erhe blichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 6.3.2 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Die von den Be- schwerdeführenden anlässlich des Dublin-Gesprächs erwähnten gesund- heitlichen Probleme und insbesondere die aktenkundigen Diagnosen – bei D-5885/2022 Seite 11 der Beschwerdeführerin wurden eine sekundäre Oligomenorrhoe, Ein- und Durchschlafstörungen respektive ausgeprägte Schlafstörungen mit Alb- träumen, eine nicht näher bezeichnete Angststörung beziehungsweise Pa- nikattacken, ein Infekt der oberen Atemwege, Konjunktivitis, ein subakutes lumbospondylogenes Schmerzsyndrom respektive ein lumbosakrales Schmerzsyndrom nach Folter beziehungsweise eine Lendenwirbelprel- lung, beim Beschwerdeführer Kopfschmerzen, bei der älteren Tochter ein viraler Atemwegsinfekt und bei der jüngeren Tochter eine Otitis media per- forata und (…) diagnostiziert – sowie allfällige (weitere) psychische Prob- leme der Beschwerdeführenden, bezüglich welcher eine Behandlung bis- her offensichtlich nicht dringend angezeigt war, stehen einer Überstellung nach Kroatien nicht entgegen. Auch ist hinsichtlich des für den 15. Dezem- ber 2022 geplanten Kinderarzttermins der jüngeren Tochter der Beschwer- deführenden (vgl. Bst. E. vorstehend), wozu allerdings noch kein ärztlicher Bericht eingereicht wurde, nicht davon auszugehen, dass bei ihr eine gra- vierende Erkrankung vorliegt, welche in Kroatien nicht (weiter) behandelt werden könnte. Kroatien verfügt grundsätzlich über eine ausreichende me- dizinische Infrastruktur. Sodann bestehen dort nebst den staatlichen Ein- richtungen auch Angebote von Nichtregierungsorganisationen für die psy- chologische Betreuung, w omit von einem genügenden psychologischen Behandlungsangebot auszugehen ist (vgl. etwa Urteil des BVGer D- 5422/2022 vom 23. Januar 2023 E. 9.3.2 m.w.H). Auch unter Berücksichti- gung der in der Beschwerde erwähnten Berichte von Nichtregierungsorga- nisationen hinsichtlich erheblicher Mängel und Einschränkungen im Zu- gang zum Gesundheitssystem ist nicht davon auszugehen, dass Kroatien seinen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin-III-VO in medizinischer Hin- sicht in genereller Weise nicht nachkommen könnte beziehungsweise nicht nachkommen wollte. 6.3.3 Nach dem Gesagten steht das in der Beschwerde geltend gemachte Risiko einer Retraumatisierung bei einer Rückkehr nach Kroatien einer Überstellung ebenfalls nicht entgegen, weshalb sich weitere Ausführungen dazu erübrigen. Anzumerken bleibt, dass die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, den me- dizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung der Beschwerdeführenden Rechnung tragen und die kroati- schen Behörden vorgängig über die spezifischen medizinischen Umstände informieren werden (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). 6.4 Es bestehen im Weiteren keine Hinweise, welche im konkreten Fall der Überstellung der Beschwerdeführenden als Familie mit kleinen Kindern D-5885/2022 Seite 12 nach Kroatien entgegenstehen würden. In dieser Hinsicht sind keine Sach- verhaltsumstände ersichtlich gemacht, welche die (impliziten) vorinstanzli- chen Schlüsse betreffend das Vorhandensein von genügenden Aufent- haltsstrukturen massgeblich erschüttern könnten. Die Hinweise in der Be- schwerde auf die Zahl der ukrainischen Kriegsflüchtlinge in Kroatien und die massiv gestiegene Zahl der Migranten auf der Balkanroute reichen hier- für nicht aus. Auch wenn sodann das Zentrum Kutina – wie in der Be- schwerde geltend gemacht – aufgrund von Renovationsarbeiten (nach wie vor) geschlossen wäre, ist festzuhalten, dass es den kroatischen Behörden obliegt, im Rahmen der von ihnen eingegangenen Verpflichtungen, Fami- lien mit Kindern rechtskonform unterzubringen und zu betreuen. Das SEM musste sich – entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung – demzufolge auch nicht veranlasst sehen, weit ere Abklärungen zu den in Kroatien zur Verfügung stehenden Unterbringungsmöglichkeiten vorzu- nehmen (vgl. Urteil des BVGer D -5422/2022 vom 23. Januar 2023 E. 7.4 m.w.H.). 6.5 Aufgrund des derzeitigen Erkenntnisstandes ist es nicht angezeigt, das SEM dazu zu verpflichten, bei den kroatischen Behörden (individuelle) Ga- rantien dafür einzuholen, dass diese sich an die von ihnen eingegangenen völkerrechtlichen Verpflichtungen inklusive die adäquate und nahtlose me- dizinische Versorgung sowie eine nahtlose Unterbringun g in den Struktu- ren für vulnerable Personen, namentlich auch Familien, halten (vgl. etwa Urteil des BVGer E-4341/2022 vom 8. Dezember 2022 E. 7.3.5). Vorlie- gend bestehen keine Gründe, die ein Abweichen von dieser Regel aufdrän- gen würden, weshalb der entspr echende Subeventualantrag abzuweisen ist. 6.6 Soweit in der Beschwerde geltend gemacht wird, das Wohl der Töchter im Sinne von Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) und ihre Entwicklung wären bei einer Rückkehr nach Kroatien massiv gefährdet, ist Folgendes festzuhal- ten: Kroatien ist Signatarstaat der KRK und kommt seinen daraus erwach- senen Verpflichtungen grundsätzlich nach, weshalb eine Überstellung nach Kroatien weder eine Verletzung von Art. 3 KRK noch Art. 3 EMRK be- deutet. Die Töchter sind aufgrund ihres Alters beziehungsmässig stark auf ihre Eltern fixiert und angesichts der relativ kurzen Aufenthaltsdauer in der Schweiz hier noch nicht verwurzelt, sodass ein Vollzug der Wegweisung nicht gegen das Kindesw ohl spricht. Gemäss Aktenlage bestehen auch keine Hinweise auf unverzüglich behandlungsbedürftige, schwere gesund- heitliche Probleme beider Töchter. D-5885/2022 Seite 13 6.7 Nach dem Gesagten erweist sich die Überstellung nach Kroatien unter Beachtung der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen als zuläs- sig, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf die Asyl- gesuche der Beschwerdeführenden ersichtlich sind. Daran vermag auch das Beschwerdevorbringen, wonach die Schwester der Beschwerdeführe- rin in der Schweiz ein Aufenthaltsrecht habe und die einzige Stütze der Familie sei, nichts zu ändern. 7. 7.1 Soweit die Beschwerdeführenden das Vorliegen von "humanitären Gründen" geltend machen und diesbezüglich dem SEM eine unzu- reichende Prüfung vorwerfen, ist schliesslich Folgendes festzuhalten: 7.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der Anwendung der Kann -Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Das Gericht über- prüft den vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin, sondern beschränkt seine Beurtei- lung im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). 7.3 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel – trotz der textbausteinartigen Formulierungen und entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung – nicht zu beanstanden. Das SEM hat in der ange- fochtenen Verfügung gewürdigt, dass es sich bei den Beschwerdeführen- den um eine Familie handelt und hat ihre behaupteten Erlebnisse in Kroa- tien sowie ihre gesundheitliche Situation berücksichtigt. Unter diesen Um- ständen sowie unter Hinweis auf die obigen Erwä gungen kann dem SEM – entgegen den entsprechenden Rügen – weder eine Verletzung der Un- tersuchungs- und d er Begründungspflicht noch eine Ermessensunter- schreitung vorgeworfen werden. Der Eventualantrag auf Rückweisung ist demzufolge abzuweisen. 8. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht eingetreten. Die übrigen Vorbringen der Beschwerdeführenden (insb. auch in der Rechtsmitteleingabe) sind nicht geeignet, eine Änderung dieser Einschät- zung zu bewirken, weshalb nicht we iter darauf einzugehen ist. Da die D-5885/2022 Seite 14 Beschwerdeführenden nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie- derlassungsbewilligung sind, wurde die Überstellung nach Kroatien in An- wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 9. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). 10. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde- führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen mit Instruktions- verfügung vom 12. Januar 2023 die unentgeltliche Prozessführung ge- mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-5885/2022 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Sandra Bisig