B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3569/2021 U r t e i l v o m 13 . A p r i l 2 0 2 2 Besetzung Richterin Susanne Genner (Vorsitz), Richter Gregor Chatton, Richter Yannick Antoniazza-Hafner, Gerichtsschreiberin Corina Fuhrer. Parteien A._______, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Kantonswechsel. F-3569/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine 1998 geborene syrische Staatsangehörige, ersuchte am 29. Oktober 2015 in der Schweiz um Asyl. Mit Verfügung vom 16. März 2017 wies die Vorinstanz das Asylgesuch ab, verneinte die Flüchtlingseigenschaft und wies sie aus der Schweiz weg. Den Vollzug der Wegweisung schob sie jedoch zufolge Unzulässigkeit auf und ordnete an dessen Stelle die vorläufige Aufnahme an. Mit der Umsetzung der vorläu- figen Aufnahme wurde der Kanton Thurgau beauftragt. Eine gegen den Asylentscheid erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-2176/2017 vom 4. Mai 2017 ab. B. Am 16. August 2018 ersuchte die Beschwerdeführerin ein erstes Mal um Verlegung ihres Wohnsitzes vom Kanton Thurgau in den Kanton Zürich, was sie im Wesentlichen mit ihrer Transsexualität beziehungsweise ihrem sozialen Umfeld in (…) begründete. Die Vorinstanz wies das Gesuch am 1. November 2018 ab. Ein weiteres Gesuch um Kantonswechsel vom 8. September 2020 wies die Vorinstanz mit Verfügung vom 28. Oktober 2020 ebenfalls ab. C. Am 3. Mai 2021 ersuchte die Beschwerdeführerin beim Migrationsamt des Kantons Zürich erneut um Bewilligung eines Wechsels vom Kanton Thur- gau in den Kanton Zürich . Sie begründete den Antrag damit, in (…) ein soziales Netzwerk gefunden zu haben, wogegen es im Kanton Thurgau schwierig sei, als Transfrau offen zu leben. Darüber hinaus habe sie in (…) eine Lehrstelle gefunden. D. Das Migrationsamt des Kantons Zürich übermittelte das Gesuch zustän- digkeitshalber an die V orinstanz, welche der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 20. Mai 2021 mitteilte, dass voraussichtlich weder ein An- spruch auf Einheit der Familie noch eine schwerwiegende Gefährdung vor- liege. Gleichzeitig bat sie die K antone Thurgau und Zürich um Mitteilung, ob sie einem Kantonswechselgesuch zustimmen oder diese s ablehnen würden. E. Der Kanton Zürich verweigerte am 27. Mai 2021 die Zustimmung zum Kan- tonswechsel, der Kanton Thurgau verzichtete auf eine Stellungnahme. Mit F-3569/2021 Seite 3 Schreiben vom 9. Juni 2021 gewährte die Vorinstanz der Beschwerdefüh- rerin rechtliches Gehör zur beabsichtigten Abweisung des Gesuchs. Diese liess sich dazu nicht mehr vernehmen. F. Mit Verfügung vom 8. Juli 2021 wies die Vorinstanz das Gesuch um Kan- tonswechsel ab. G. Am 26. Juli 2021 ersuchte die Beschwerdeführerin bei der Vorinstanz um Wiedererwägung der Verfügung vom 8. Juli 2021. Die Vorinstanz überwies die Eingabe am 9. August 2021 an das Bundesverwaltungsgericht zur Prü- fung, ob diese als Beschwerde gegen die ablehnende Verfügung zu be- handeln sei. H. Mit Schreiben vom 18. August 2021 forderte das Bundesverwaltungsge- richt die Beschwerdeführerin auf, innert laufender Rechtsmitt elfrist einen allfälligen Beschwerdewillen zu bestätigen. Die Beschwerdeführerin bestä- tigte am 21. August 2021, dass ihre Eingabe vom 26. Juli 2021 als Be- schwerde gegen die Verfügung vom 8. Juli 2021 zu verstehen sei. I. Die Vorinstanz hielt mit Vernehmlass ung vom 21. Oktober 2021 vollum- fänglich an ihren Erwägungen fest. Die Beschwerdeführerin liess sich dazu nicht mehr vernehmen. J. Aus organisatorischen Gründen wurde anstelle des bisherigen Instrukti- onsrichters die vorsitzende Richterin im Spruchkörper eingesetzt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Verfügungen des SEM, die ein Gesuch um Bewilligung eines Kantons- wechsels von vorläufig aufgenommenen Personen zum Gegenstand ha- ben, unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). 1.2. Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). F-3569/2021 Seite 4 2. Zu prüfen ist vorab, ob m it Beschwerde vom 26. Juli 2021 ein zulässiger Rügegrund vorgebracht wurde und ob darauf eingetreten werden kann. 2.1. Die Beschwerdeführerin unterliegt als vorläufig aufgenommene, dem Kanton Thurgau zugewiesene Person betreffend den Kantonswechsel den Vorgaben von Art. 85 AIG. Entscheide über den Ka ntonswechsel können gemäss Art. 85 Abs. 4 AIG nur mit der Begründung angef ochten werden, sie verletzten den Grundsatz der Einheit der Familie (BVGE 2009/5 4 E. 1.3.1; Urteile des BVGer F-6389/2020 vom 26. November 2021 E. 1.3; F-4450/2019 vom 15. Juli 2020 E. 3.2). Werden andere Gründe vorge- bracht, ist wegen Unzulässigkeit auf da s Rechtsmittel nicht einzutreten (vgl. e contrario BVGE 2008/47 E. 1.2–E. 2). Zu prüfen ist daher, ob die Beschwerdeführerin in vertretbarer Weise eine Verletzung des Grundsat- zes der Einheit der Familie rügt. 2.2. Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor, sie habe keine Familie im gesetzlichen Sinne. Ihre biologische Familie in Syrien habe den Kontakt zu ihr aufgrund ihrer Homo- beziehungsweise Transsexualität vor langer Zeit abgebrochen. Im Jahr 2015 habe sie in Syrien einen Freund gehabt, welcher in die Schweiz geflohen sei. Sie sei ihm später in die Schweiz nachgereist, wo man zunächst als Paar zusammengelebt, sich später aber getrennt habe. Seit ihrer Ankunft in der Schweiz habe sie ne- ben der erwähnten Beziehung jedoch auch Freundschaften aufbauen kön- nen, welche dauerhaft seien und ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Familie ersetzten. Wenn sie nach den Arbeitstagen in (…) an ihren Woh- nort im Kanton Thurgau zu rückkehre, sei sie dort allein. Ihre Familie und somit ihr (soziales) Leben sowie seit letz tem Jahr auch ihre Arbeitss telle seien in (…). Sie ersuche daher darum, diese Konstellation als eine Form von Familie anzuerkennen. Als Beschwerdebeilage reichte sie ein Schrei- ben von Queeramnesty (Amnesty International Schweiz) vom 26. Juli 2021 ein. Die Organisation unterstütze demnach das Gesuch der Beschwerde- führerin um Kantonswechsel. Im Sinne eines «faktischen Kontexts», in wel- chen der Entscheid eingebettet werden solle, verweise sie auf zwei beige- legte wissenschaftliche Studien, worin die soziale und emotionale Bedeu- tung einer selbst gewählten Familie für LGBTI Jugendliche und junge Er- wachsene aufgezeigt werde, welche aus verschiedenen Gründen keine bi- ologische Familie mehr hätten («We Just Take Care of Each Other»: Navi- gating ‘Chosen Family’ in the C ontext of Health, Illness, and the Mutual Provision of Care amongst Queer and Transgender Young Adults, erschie- nen im International Journal of Environmental Research and Public Health am 8. Oktober 2020; Conceptualizing «Family» and the Role of «Chosen F-3569/2021 Seite 5 Family» within the LGBTQ+ Refugee Community: A Text Network Graph Analysis, erschienen in Healthcare am 25. März 2021). 3. 3.1. Der Grundsatz der Einheit der Familie im Sinne von Art. 85 Abs. 4 AIG entspricht dem Schutzbereich von Art. 8 EMRK (BVGE 2008/47 E. 4.1; F- 2284/2020 vom 5. Mai 2020). Dieser umfasst in erster Linie die Kernfami- lie, das heisst die Gemeinschaft der Ehegatten mi t ihren minderjährigen Kindern; unter gewissen Voraussetzungen fallen auch K onkubinatspaare unter den Familienbegriff. Verwandte ausserhalb der Kernfamilie werden der Familieneinheit zugerechnet, wenn ein besonderes Abhängigkeitsver- hältnis besteht (vgl. BGE 144 II 1 E. 6.1; 137 I 154 E. 3.4.2). 3.2. Vorliegend besteht weder ein verwandtschaftliches noch ein rechtlich begründetes Verhältnis der Beschwerdeführerin zu ihren nicht näher be- zeichneten Freunden im Kanton Zürich , welche von ihr als E rsatzfamilie betrachtet werden. Selbst wenn jedoch aufgrund einer engen Bindung eine Beziehung angenommen würde, welche einer familiären Beziehung gleich- zustellen wäre, würde es zudem an der Voraussetzung des Abhängigkeits- verhältnisses fehlen. Die Beschwerdeführerin vermag damit nicht in ver- tretbarer Weise darzutun, dass potenziell ein Anspruch gestützt auf Art. 8 EMRK besteht (vgl. BGE 139 I 330 E. 1.1). Auf die Beschwerde ist daher nicht einzutreten. 4. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Be- schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). D iese sind in An- wendung von Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) auf Fr. 400.– festzusetzen. F-3569/2021 Seite 6 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Auf die Beschwerde wird nicht eingetreten. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 400.– werden der Beschwerde- führerin auferlegt und vom geleisteten Kostenvorschuss im Betrag von Fr. 800.– in Abzug gebracht. Der Restbetrag von Fr. 400.– wird der Be- schwerdeführerin zurückerstattet. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin und die Vorinstanz. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Susanne Genner Corina Fuhrer Versand: