B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5800/2016 U r t e i l v o m 1 3 . O k t o b e r 2 0 1 7 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richterin Claudia Cotting- Schalch, Richter Thomas Wespi, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiberin Anne Kneer. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Nora Maria Riss, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 24. August 2016 / N (…). D-5800/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein ethnischer Hazara afghanischer Staatsange- hörigkeit – verliess gemäss eigenen Angaben sein Heimatland im Jahr 2014 und reiste auf dem Landweg am 10. November 2015 in die Schweiz ein, wo er am 12. November 2015 um Asyl ersuchte. Am 19. November 2015 wurde er summarisch befragt und am 26. Juli 2016 eingehend zu sei- nen Asyl- und Ausreisegründen angehört. Dabei gab er bezüglich seiner Person und Herkunft im Wesentlichen an, er sei in Kabul geboren und habe dort sein erstes Lebensjahr verbracht. Da- nach seien er und seine Familie nach B._______ in der Provinz Ghazni gezogen. Dort habe er bis zu seiner Ausreise gelebt. Sein Vater sei im Jahr 2010 gestorben, weshalb er nur rund zwei Jahre die Schule habe besuchen können und sich dann sehr früh um den elterlichen Hof habe kümmern müssen. Die Mutter habe wieder geheiratet und lebe seit 2014 in Kabul respektive in C._______ in der Provinz Ghazni . Auch seine beiden Schwestern hätten geheiratet. Die eine lebe in Kabul, die andere in Ghazni. Er habe seither nur einmal mit seiner Schwester i n Kabul telefoniert , mit der anderen habe er keinen Kontakt gehabt . Er sei ausgereist, da er in Afghanistan niemanden mehr habe und seine Mutter und die Schwestern geheiratet und ihn im Stich gelassen hätten. Zudem werde er als Hazara sowohl von den Taliban als auch vom Islamischen Staat (IS) bedroht und diskriminiert. B. Am (…) wurde der Beschwerdeführer volljährig. C. Mit Verfügung vom 24. August 2016 – eröffnet am 27. August 2016 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenscha ft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung sowie den Vollzug aus der Schweiz. D. Mit Eingabe vom 2 3. September 2016 (Eingang zunächst per Fax ; Post- aufgabe am 26. September 2016) erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch seine Rechtsvertreterin – gegen diese Verfügung beim Bundesver- waltungsgericht Beschwerde und beantragte zur Hauptsache die teilweise Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Anordnung der vorläufi- gen Aufnahme zufolge Unzumutbarkeit. In formeller Hinsicht ersuchte er D-5800/2016 Seite 3 um die Befreiung von der Kostenvorschusspflicht und um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. E. Mit Zwischenverfügung vom 28. September 2016 stellte die Ins truktions- richterin fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh- rung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut, verzichtete auf die E rhebung eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz ein, innert Frist eine Ver- nehmlassung einzureichen und sich insbesondere zur aktuellen Lage in Afghanistan mit Fokus Kabul zu äussern. F. Das SEM reichte mit Eingabe vom 12. Oktober 2016 eine Vernehmlassung zu den Akten, wobei es auf die Erwägun gen in der angefochtenen Verfü- gung verwies und vollumfänglich daran festhielt. G. Der Beschwerdeführer nahm in seiner Replik vom 24. Oktober 2016 zur Vernehmlassung des SEM Stellung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beur teilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). D-5800/2016 Seite 4 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die am 26. September 2016 eingereichte Beschwerde richtet sich lediglich gegen die Dispositivziffern 4 - 5 der angefochtenen Verfügung. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5), da bei der Prüfung des Vorliegens von Wegweisungsvoll- zugshindernissen ausschliesslich Bestimmungen des Ausländergesetzes zur Anwendung gelangen. Gemäss Art. 112 Abs. 1 AuG in Verbindung mit Art. 49 VwVG umfassen die zulässigen Rügen die Verletzung des Bundes- rechts, die unrichtige und unvollständige Feststellung des Sachverhalts so- wie die Unangemessenheit. 4. 4.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte das SEM betref- fend den Wegweisungsvollzug im Wesentlichen aus, der Beschwerdefüh- rer stamme aus D._______ in der Provinz Ghazni. Die Rückkehr an diesen Ort sei aufgrund der dort herrschenden Lage als unzumutbar zu erachten. Es sei somit zu prüfen, ob für ihn eine zumutbare innerstaatliche Wohnsitz- alternative bestehe, was zu bejahen sei. Er habe während seiner Kindheit während eines gewissen Zeitraums in Kabul gelebt. Derzeit würden sowohl seine Mutter mit ihrem neuen Lebenspartner sowie seine ältere Schwester mit ihrer Schwiegerfamilie dort wohnen. Der Beschwerdeführer habe sich zwar in der Anhörung betreffend den Wohnsitz der Mutter widersprüchlich geäussert, wonach diese in C._______ in der Provinz Ghazni lebe. Diese nachträgliche Änderung sei jedoch als unglaubhaft einzustufen. Folglich sei davon auszugehen, dass er in Kabul über ein soziales Beziehungsnetz verfüge, das ihn bei einer Rückkehr empfangen und bei der Wiedereinglie- derung unterstützen könne. Zudem sei er ein junger, gesunder und allein- stehender Mann, der seine Arbeits fähigkeit wiederholt unter Beweis ge- stellt habe. So habe er auch angegeben, seit dem Tod des Vaters die Be-D-5800/2016 Seite 5 wirtschaftung der Felder und so die Finanzierung des gesamten Lebens- unterhaltes bestritten zu haben. Um seine Reisekosten decken zu können, habe er danach im Iran gearbeitet. Es sei deshalb davon auszugehen, dass er auch in Afghanistan in der Lage sein werde, eine Erwerbstätigkeit auf- zunehmen und so ein regelmässiges Einkommen zu erzielen. Demzufolge sei der Vollzug der Wegweisung als zumutbar zu erachten. 4.2 In der Beschwerdeschrift hielt der Beschwerdeführer dem im Wesent- lichen entgegen, die Vorinstanz verkenne, dass seine Familie den Kontakt zu ihm abgebrochen habe, da seine Schwestern sowie die Mutter geheira- tet und ihn alleine gelassen hätten. Er gehöre weiter einer gefährdeten Min- derheit an. Für ihn sei es in Ghazni alleine zu gefährlich gewesen, weshalb er ausgereist sei. Bezüglich der innerstaatlichen Wohnsitzalternative sei darauf hinzuweisen, dass er aus Afghanistan geflohen sei, da er ganz auf sich alleine gestellt gewesen sei. Es sei unverständlich, wie die Vorinstanz darauf komme, dass der Zwang zur Kinderarbeit die Arbeitsfähigkeit einer Person beweise. Er sei in den Befragungen nicht danach gefragt worden, weshalb er keinen Kontakt mehr zur Mutter und zu den Schwestern habe. Seine Mutter sei offensichtlich nicht willens, ihm bei der Wiedereingliede- rung zu helfen. Mit seiner Schwester in Kabul habe er seit seiner Ausreise ein einziges Mal telefoniert. Gemäss dem Amt des Hohen Flüchtlingskom- missars der Vereinten Nationen (UNHCR) müssten für die Beurteilung des Wegweisungsvollzugs schlechte Werte der Indikatoren für die humanitäre und entwicklungsbezogene Lage sowie die allgemeineren wirtschaftlichen Einschränkungen berücksichtigt werden. Das SEM habe es aber unterlas- sen, die individuelle Situation der Familienmitglieder zu überprüfen. Er könne somit nicht auf eine effiziente und funktionierende Schutzinfrastruk- tur vertrauen, zumal die Lage im ganzen Land äusserst gefährlich und in- stabil sei. Er sei mit (…) Jahren, als Angehöriger einer Minderheit, in einer extrem gefährlichen Region ganz auf sich alleine gestellt gewesen und auch jetzt stark gefährdet, verfolgt und diskriminiert zu werden. 4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM im Wesentlic hen aus, die Darstellungen in der Beschwerde bezüglich der allgemeinen Verhältnisse würden grundsätzlich bezweifelt und es würden erhebliche Vorbehalte ge- genüber der gesamten Biographie des Beschwerdeführers bestehen. Er habe angegeben, seit seinem zwölfte n Lebensjahr die landwirtschaftliche Arbeit selber verrichtet zu haben. Es sei aber davon auszugehen, dass er entweder über weitere Familienmitglieder verfüge, welche ihn bei der Ar- beit unterstützt hätten, oder dass er deutlich älter sei, als er angebe. Es sei D-5800/2016 Seite 6 zu bezweifeln, dass ihn die Mutter und die Schwestern alleine zurückge- lassen und sich von ihm abgewendet hätten. Stattdessen erhärte sich der Eindruck, dass er absichtlich Falschangaben sowohl zu seinem familiären Umfeld, seinem Beziehungsstand sowie zu seinem Alter mache. Da anzu- nehmen sei, dass er womöglich älter sei und über ein grösseres Bezie- hungsnetz verfüge, sei der Vollzug der Wegweisung nach wie vor als zu- mutbar einzustufen. In der Anhörung habe er angegeben, in regem Kontakt zu seiner Schwester in Kabul zu stehen. Es sei demnach nicht davon aus- zugehen, dass auch diese keinen Kontakt zu ihm pflegen und ihn bei einer Rückkehr nicht unterstützen wolle respektive könne. Die diesbezüglichen Aussagen des Beschwerdeführers seien vage, tendenziös und wenig fun- diert ausgefallen. Die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei zwar grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen, wobei diese Untersuchungs- pflicht nach Treu und Glauben ihre vernünftigen Grenzen an der Mitwir- kungspflicht des Beschwerdeführers finde, d er im Übrigen auch die Sub- stanziierungslast trage. Es sei nicht Sache der Asylbehörden, bei fehlen- den Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen zu for- schen. Er habe die Folgen seiner unglaubhaften Identitätsangaben und der Unglaubhaftigkeit seines Sachverhaltsvortrages zu tragen, indem vermu- tungsweise davon auszugehen sei, es stünden einer Wegweisung keine Vollzugshindernisse entgegen. Insgesamt gehe das SEM nach wie vor da- von aus, dass der Vollzug der Wegweisung nach Kabul für den Beschwer- deführer zumutbar sei, da er diese innerstaatliche Wohnsitzalternative nicht glaubhaft zu widerlegen vermocht habe. Zur aktuellen Lage in Afghanistan mit Fokus auf Kabul sei hervorzuheben, dass seit dem kontinuierlichen Abzug der Koalition der North Atlantic Treaty Organization (NATO) im Jahr 2014 eine Zunahme von Sicherheitsvorfällen zu beobachten sei. Die Afghan National Security Forces (ANSF) , die seit dem Jahr 2015 für die Sicherheitsoperationen verantwortlich seien, würden im Jahr 2016 besser funktionier en. Kabul stehe vollständig unter deren Kontrolle. Dort sei auch ein Rückgang der den Aufständischen zugeschrie- benen Sicherheitsvorfälle zu beobachten. Die Zunahme der gewalttägigen Verbrechen in Kabul sei im Lichte der wirtschaftlichen Krise und der inlän- dischen Migration zu sehen. Obschon die komplexen und medienwirksa- men Operationen der Aufständischen, insbesondere in Kabul, teilweise viele Opfer fordern würden, könne nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt gesprochen werden. Die aktuelle Situation bedürfe aber einer ge- nauen Beobachtung, um allfällige n weiteren Eskalationen Rechnung tra- gen zu können. D-5800/2016 Seite 7 4.4 In der Replik entgegnete der Beschwerdeführer im Wesentlichen, das SEM habe die Zweifel an seinen Aussagen nur sehr vage begründet. In den Befragungen seien ihm bezüglich seiner Mutter nur sehr wenige Fra- gen gestellt worden. Sein Alter sei im erstinstanzlichen Verfahren nicht in Frage gestellt oder überprüft worden. Seine Aussagen zum Schulbesuch, zum Lebensunterhalt und die dazugehörenden Daten seien hi ngegen schlüssig. Kinderarbeit sei in Afghanistan weit verbreitet. Es sei auch in den meisten Familien eine klare Vorgabe, dass der älteste Sohn die Familie ernähren müsse, wenn der Vater sterbe. Hätte das SEM Zweifel an seinen Aussagen gehabt, hätte es be reits in der Anhörung genauer nachfragen müssen. Auffällig sei, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung für die Zumutbarkeit auf seine Aussagen abgestellt habe und nun bei der er- neuten Prüfung im Beschwerdeverfahren geltend mache, die Aussagen seien nicht glaubhaft. In der Verfügung habe das SEM nur die Aussage angezweifelt, dass seine Mutter in C._______ lebe. Es sei darauf hinzu- weisen, dass in der Befragung die Asyl- und Ausreisegründe nicht erfasst worden seien und er sich nur in der Anhörung dazu habe äussern können. Das SEM habe weiter keine Angaben gemacht, wo und wann er ausgesagt habe, dass er in regem Kontakt mit seiner Schwester stehe. Dies gehe je- denfalls aus den verfügbaren Akten nicht hervor. Er wisse weder wo seine Schwester wohne, noch was oder ob sie arbeite. Auch de ren Ehemann kenne er nicht und es bestehe kein Kontakt zur Familie. Zudem wäre es die Aufgabe der Vorinstanz, nähere Fragen dazu zu stellen. Das SEM habe es unterlassen zu prüfen, ob ein Beziehungsnetz in Kabul bestehe , und habe ihn zur Beziehung zur Schwester nur sehr rudimentär befragt, obwohl Hinweise bestanden hätten, dass kein tragfähiges Beziehungsnetz be- stehe. Das Bundesverwaltungsgericht habe immer wieder betont, dass die Zumutbarkeit der Wegweisung nach Kabul nach strengen Kriterien zu be- urteilen sei und jeder Einzelfall sorgfältig geprüft werden müsse. Ein trag- fähiges soziales Netz, im Hinblick auf Aufnahme und Wiedereingliederung, sei unabdingbar, da ohne Unterstützung die schwierigen Lebensverhält- nisse in Kabul unweigerlich eine existenzielle beziehungsweise lebensbe- drohende Situation herbeiführen würden. Speziell für Rückkehrende aus Europa bestehe ein erhöhtes Risiko, entführt oder überfallen zu werden. Wenn die Person über keine genügenden finanziellen Mitte l verfüge, be- stehe kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft und auch bei der Ar- beitssuche sei ein solches soziales Netz unabdingbar. Auch der Zugang zu genügend Nahrung, Trinkwasser und sanitären Einrichtungen sei ohne tragfähiges Beziehungsnetz nicht gewährleistet. Die Tatsache, dass es sich bei ihm um einen gesunden und jungen Mann handle, ändere daran nichts. Er sei zudem nur zwei bis drei Jahre in die Schule gegangen und verfüge D-5800/2016 Seite 8 demnach über keine genügende Ausbildung, um eine Stelle zu finden. Er sei zwar arbeitsfähig, wobei sich seine Arbeitserfahrung auf die Landwirt- schaft beschränke, was in Kabul nicht helfe. Er habe zudem nur als Kind kurz in Kabul gelebt, sei aber sonst noch nie dort gewesen. 5. 5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nich t zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). 5.2 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug de r Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglich keit) sind alternativer Natur: Ist eine von ihnen erfüllt, ist der Voll zug der Wegweisung als undurchführ- bar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln. Gegen eine allfäl- lige Aufhebung der vorläufigen Aufnahme steht dem weggewiesenen Asyl- suchenden wiederum die Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht offen (Art. 112 AuG i.V.m. Art. 84 Abs. 2 AuG), wobei in jenem Verfahren die Vollzugshindernisse von Amtes wegen und nach Massgabe der dannzumal herrschenden Verhältnisse von Neuem zu prüfen sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 mit weiteren Hinweisen). Im Sinne der nachfolgenden Erwägungen erübrigen sich daher Erwägungen zur Unzulässigk eit respektive Unmög- lichkeit des Wegweisungsvollzugs. 5.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 6. 6.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 6.2 Im Sinne einer Aktualisierung der Beurteilung der Lage in Afghanistan hat das Bundesverwaltungsgericht zwischen Juni und Dezember 2011 im D-5800/2016 Seite 9 Zusammenhang mit der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs drei Lageanalysen vorgenommen (BVGE 2011/7; 2011/38; 2011/49). Dabei beurteilte es jeweils die Situation in verschiedenen Landesteilen Af- ghanistans differenziert. 6.2.1 Mit der Lageanalyse in BVGE 2011/7 gelangte das Bundesverwal- tungsgericht zum Schluss, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan über alle Re gionen hinweg stetig verschlechtert habe ( vgl. BVGE 2011/7 E. 9.1 – 9.7). Zudem habe sich p arallel zur allgemeinen Sicherheitslage auch die humanitäre Situation verschlechtert, wobei aber erhebliche Un- terschiede zwischen ländlichen und städtischen Gebieten festzustellen seien. So wurden die Verhältnisse in den ländlichen Gebieten als gross- mehrheitlich absolut prekär beschrieben. In der Hauptstadt Kabul sei hin- gegen eine deutlich bessere Situation anzutreffen, zumal Kabul im Ver- gleich zu den übrigen Landesteilen trotz vereinzelter Anschläge weiterhin zu den relativ stabilen Landesteilen gehöre, die kaum von Anschlägen be- troffen seien. Die afghanischen Sicherheitskräfte seien dort besser in der Lage, Verantwortung zu übernehmen und für die Bevölkerung in Kabul ein vergleichsweise sicheres Umfeld zu schaffen. Unter Berücksichtigung der gesamten Umstände erachtete das Bundesverwaltungsgericht den Weg- weisungsvollzug nach Kabul unter sorgfältig en Prüfung im Einzelfall be- günstigender Umstände (insbesondere tragfähiges Beziehungsnetz, Mög- lichkeit zur Sicherung des Existenzminimums, gesicherte Wohnsituation , guter Gesundheitszustand) als zumutbar (vgl. a.a.O. E. 9.7.5 – 9.9). 6.2.2 In der zweiten Lageanalyse zu Afghanistan aus dem Jahr 2011 wur- den die Sicherheitslage und die humanitäre Situation in der Stadt Herat analysiert. Dabei kam das Gericht zum Schluss, dass die Situation in Herat als verhältnismässig ruhig beschrieben werden könne, die Zahl der Angriffe relativ gering sei und sich diese meist gegen afghanische und internatio- nale Sicherheitskräfte richteten. Somit sei diese Situation mit derjenigen in der Stadt Kabul vergleichbar und der Wegweisungsvollzug dorthin grund- sätzlich – vorbehältlich der in BVGE 2011/7 statuierten individuellen Vor- aussetzungen – zumutbar (vgl. BVGE 2011/38 E. 4.3.3). 6.2.3 In der dritten und bisher letzten Lageanalyse des Gerichts zu Afgha- nistan wurde die Lage in Mazar-i-Sharif analysiert, wobei auch dort festge- stellt wurde, dass die Situation als verhältnismässig ruhig beschrieben wer- den könne, somit mit derjenigen in Kabul vergleichbar sei und der Wegwei- sungsvollzug dorthin grundsätzl ich – ebenfalls vorbehältlich der in BVGE 2011/7 statuierten individuellen Voraussetzungen – zumutbar sei (vgl. D-5800/2016 Seite 10 BVGE 2011/49 E. 7.3.6 f.). Im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-2060/2016 vom 2. August 2016 wurde die Lage in Mazar-i-Sharif näher betrachtet, wobei festgestellt wurde, dass, trotz der unstabilen Sicherheits- lage in den Regionen um die Stadt und der Zunahme der Anschläge in Mazar-i-Sharif selbst, diese als ruhig und stabil bezeichnet werde und Ma- zar-i-Sharif zu diesem Zeitpunkt (vgl. aber nachfolgend E. 7.4.3.4) als si- cherste Stadt Afghanistans gelte ( vgl. Urteil des Bundesverwaltungsge- richts E-2060/2016 vom 2. August 2016 E. 9.2.2). 6.3 6.3.1 Mit vorliegendem Urteil nimmt das Bundesverwaltungsgericht eine ausführliche Lageanalyse vor, wobei es eine Vielzahl von Länder- und The- menberichten staatlicher und nichtstaatlicher Körperschaften aus dem In - und Ausland und internationaler Organisationen sowie zahlreiche auslän- dische und inländische Presseberichte konsultiert hat. Es ist jedoch zu be- achten, dass die Informationen bezüglich der Sicherheitslage in Afghanis- tan aufgrund der Dynamik des Konflikts schnell ihre Gültigkeit verlieren können. Zudem werden kritische Medienschaffende eher zum direkten Ziel von Anschlägen und geraten gleichzeitig unter Druck der afghanischen Si- cherheitskräfte. Weiter beeinfluss t die Quellenlage auch, dass durch die Geheimhaltung der nationalen und i nternationalen Sicherheitskräfte die diesbezüglichen Informationen limitiert werden, weshalb unter anderem keine gesicherten Angaben zu Opferzahlen bestehen (vgl. dazu E. 7.4.3). Zahlreiche Berichte stützen sich ferner auf wenige, respektive eine einzige – wie beim Bericht des European Asylum Support Office (EASO) von 2016 der Fall – anonymisierte Quelle, was an der generellen Aussagekraft dieser Berichte zweifeln lässt (vgl. u.a. Human Rights Watch [HRW], Afghanistan: Security Forces Assault Reporters, 01.09.2016, < www.hrw.org/news/ 2016/09/01/afghanistan-security-forces-assault-reporters > abgerufen am 10.03.2017). 6.3.2 Für die Analyse wurden im Urteil neben einer Vielzahl an Medienbe- richten (insbesondere Neue Zürcher Zeitung, The Guardian, British Broadcasting Corporation, The New York Times) und Berichten des Afgha- nistan Analysts Networks (< www.afghanistan-analysts.org >) folgende Quellen verwendet (aufgelistet in alphabetischer Reihenfolge nach Her- ausgeberschaft und Chronologie, jeweils zuletzt abgerufen am 04.01.2017): – Afghanistan Independent Human Rights Commission (AIHRC), Report on Civilian Casualties in Afghanistan in 1394, 01.08.2016, < www.aihrc.org.af/ D-5800/2016 Seite 11 media/files/Research%20Reports/english/Report%20on%20Civilian%20Cas ualties_1394_English.pdf > (zit. AIHRC, Report) – Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation (ACCORD), ecoi.net-Themendossier zu Afghanistan: Allgemeine Sicherheitslage in Afghanistan & Chronologie für Kabul, letzte Aktualisierung 16. November 2016, < www.ecoi.net/news/188769::afgha nistan/101.allgemeine-sicherheitslage-in-afghanistan-chronologie-fuer- kabul.htm > (zit. ACCORD, Chronologie) – ACCORD, Afghanistan; Dokumentation des Expertengespräches mit Thomas Ruttig und Michael Daxner vom 4. Mai 2016, 06.2016, < www.ecoi.net/file_upload/90_1466684031_dokumentation-coi-seminar- afg-20160623.pdf > (zit. ACCORD, Expertengespräch) – Bertelsmann Stiftung, BTI 2016 – Afghanistan Country Report, 29.02.2016, < www.bti-project.org/fileadmin/files/BTI/Downloads/Reports/2016/pdf/ BTI_2016_Afghanistan.pdf > (zit. BTI 2016) – Central Statistics Organisation (CSO), Estimated Population of Kabul City by District and Sex 2016-17, undatiert, < www.cso.gov.af/en/page/demography -and-socile-statistics/demograph-statistics/3897111 > (zit. CSO) – Danish Refugee Council, Understand and protect Afghan refugees, asylum seekers and migrants, 10.2016, < drc.dk/media/2799644/understand-and- protect-afghan-refugees-asylum-seekers-and-immigrants-final-ny.pdf > (zit. DRC, Understand) – EASO, EASO Country of Origin Information Report, Afghanistan, Security Situation, 11.2016, < www.ecoi.net/file_ upload/90_1479191564_2016-11-09-easo-afghanistan-security- situation.pdf > (zit. EASO 2016) – Heidelberg Institute for International Conflict Research, Conflict Barometer 2016, < www.hiik.de/de/konfliktbarometer/pdf/ConflictBarometer_2016.pdf > (zit. Conflict Barometer 2016) – HRW, Pakistan Coercion, UN Complicity – The Mass Forced Return of Afghan Refugees, 02.2017, < www.hrw.org/sites/default/files/report _pdf/pakistan0217_web.pdf > (zit. HWR, Return) – HRW, World Report 2017 – Afghanistan, 12.01.2017, < www.hrw.org/sites/ default/files/afghanistan_1.pdf > (zit. HRW, World Report) – HRW, "Today We Shall All Die" – Afghanistan’s Strongmen and the Legacy of Impunity, 03.2015, < www.hrw.org/sites/default/files/report_pdf/ afghanistan0315_4up.pdf > (zit. HRW, Strongmen) – Institute for the Study of War (ISW), The Taliban Resurgent, 03.2015, < www.understandingwar.org/sites/default/files/AFGH%20Report.pdf > (zit. ISW, Resurgent) D-5800/2016 Seite 12 – International Crisis Group, The Economic Disaster Behind Afghanistan’s Mounting Human Crisis, 03.10.2016, < www.crisisgroup.org/asia/south- asia/afghanistan/economic-disaster-behind-afghanistan-s-mounting-human- crisis > (zit. ICG 2016) – Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), Zeitenwende am Hindukusch, 01.2015, < www.kas.de/wf/doc/kas_40191-544-1-30.pdf?150126103209 > (zit. KAS) – Landinfo, Report Hazaras and Afghan insurgent groups, 03.10.2016, < www.landinfo.no/asset/3483/1/3483_1.pdf > (zit. Landinfo, Hazara) – Landinfo, Afghanistan: Sikkerhetssituasjonen i provinsen Kabul, 25.11.2016, < www.landinfo.no/asset/3471/1/3471_1.pdf > (zit. Landinfo) – NATO, Resolut Support Mission – Troop Contributing Nations, 06.2016, < www.rs.nato.int/images//20160614_2016-06-rsm-placemat.pdf > (zit. NATO, Mission) – Norwegian Refugee Council (NRC), Listening to Women and Girls Displaced to Urban Afghanistan, 01.2015, < www.nrc.no/globalassets/ pdf/reports/listening-to-women-and-girls-displaced-to-urban- afghanistan.pdf > (zit. NRC, Urban) – Oxford Analytica Daily Brief, Afghan Taliban contain Islamic State's regional reach, 17.11.2015 (zit. Oxford) – Qantara, Die ungebrochene Macht der Milizen und Warlords, 16.08.2016, < de.qantara.de/inhalt/kampf-gegen-die-taliban-in-afghanistan-die- ungebrochene-macht-der-milizen-und-warlords > (zit. Qantara, Warlords) – Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL), The Changing Face Of Kabul: After Years Of Foreign-Fueled Growth, An Uncertain Future, 13.06.2016, < www.rferl.org/a/changing-face-of-kabul-uncertain-fututure-foreign-troops- leaving/27795414.html > (zit. RFE/RL, Changing) – The Long War Journal, Rival Taliban factions clash in western Afghanistan, 08.12.2015, < www.longwarjournal.org/archives/2015/12/rival-taliban- factions-clash-in-western-afghanistan.php > (zit. LWJ, Rival Taliban) – United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA), Midyear Report 2016 – Protection of Civilians in Armed Conflict, 09.2016, < unama.unmissions.org/sites/default/files/protection_of_civilians _in_armed_conflict_midyear_report_2016_final_rev.1-9sept.pdf > (zit. UNAMA, Midyear Report) – UNAMA, Un Chief In Afghanistan Renews Call for Parties to Protect Civilians – UNAMA Releases Civilian Casualty Data for Third Quarter of 2016, 19.10.2016, < unama.unmissions.org/sites/default/files/19_october _2016_-_un_chief_in_afghanistan_renews_call_for_parties_to_protect_ civilians_english.pdf > (zit. UNAMA, Chief) – UNAMA/ Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights (OHCHR), Protection of Civilians in Armed Conflict – Annual Report 2016, D-5800/2016 Seite 13 02.2017, < unama.unmissions.org/sites/default/files/protection_of_civilians_ in_armed_conflict_annual_report_march_2016_final.pdf > (zit. UNAMA/ OHCHR, Annual Report 2016) – United Nations (UN) General Assembly / UN Security Council, The situation in Afghanistan and its implications for international peace and security - Report of the Secretary-General (A/71/682–S/2016/1049), 13.12.2016, < www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=S/2016/1049 > (zit. UN GA, Report I) – UN General Assembly / UN Security Council, The situation in Afghanistan and its implications for international peace and security - Report of the Secretary-General (A/70/924–S/2016/532), 10.06.2016, < www.un.org/ga/ search/view_doc.asp?symbol=A/70/924 > (zit. UN GA, Report II) – UN OCHA, Internal Displacement due to Conflict, 04.12.2016, < www.humanitarianresponse.info/en/operations/afghanistan/idps > (zit. UN OCHA, IDP) – UN OCHA, Afghanistan: Overview of the Humanitarian Access, Emergency Response Preparedness Review (July to Dec 2016), 10.11.2016, < www.humanitarianresponse.info/system/files/documents/files/afg_erp_revi ew_july-dec2016_physical_access_all_2016nov10.pdf > (zit. UN OCHA, Acces) – UN OCHA, Summary of KIS winter Needs Assessment, Approach and Interventions, 01.02.2016, < www.humanitarianresponse.info/system/files/ documents/files/kis_needs_assessment_-_summary_of_results_draft- updated.pdf > (zit. UN OCHA, KIS) – UNHCR, UNHCR Eligibility Guidelines for Assessing the International Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan, 19.04.2016, < www.ecoi.net/file_upload/ 1930_1461054450_570f96564.pdf > (zit. UNHCR, Guidelines) – UNHCR Task Force on the Kabul Informal Settlements, Post-Distribution Monitoring Survey Report – Winter Assistance 2014/2015, < reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/pdm_kis_2015_- _final_report.pdf > (zit. UNHCR, KIS) – UN-World Food Programm, WFP Afghanistan – Country Brief, 08.2016, < reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Afghanistan%20CB%20Aug ust_OIM.pdf > (zit. WFP Afghanistan) – Worldbank, Afghanistan, Overview, 02.11.2016, < www.worldbank.org/ en/country/afghanistan/overview > (zit. Wordbank, Overview) – Worldbank, Afghanistan Development Update, 04.2016, < documents.world bank.org/curated/en/953921468196145402/pdf/104871-WP-P158556- PUBLIC-AFG-Development-Update-April-2016-final.pdf > (zit. Worldbank, Update) D-5800/2016 Seite 14 7. 7.1 In Afghanistan herrscht Krieg. Zu diesem Ergebnis kommt beisp iels- weise – wie bereits im Jahr 2011 – das Heidelberger Institut für Internatio- nale Konfliktforschung i n seinem Conflict Barometer 2016: Von den 402 Konflikten, die allein für das Jahr 2016 beobachtet und analysiert wurden, werten die Politikwissenschaftle r 38 als "hochgewaltsam" mit massivem Einsatz von organisierter Gewalt und nachhaltigen Zerstörungen; lediglich 18 dieser "hochgewaltsamen" Konflikte werden als Kriege eingestuft, da- runter jener in Afghanistan (vgl. Conflict Barometer 2016, S. 13 und 171 ff.). Die politische Entwicklung und die Veränderung der Sicherheitslage in Af- ghanistan seit 2011 ist vom Erbe Hamid Karzais, von Problemen der im Jahr 2014 gebildeten Regierungskoalition (National Unity Government [NUG]) und der sich seit Ende des Kampfei nsatzes der International Security Assistance Force (ISAF) verschlechternden Sicherheitslage ge- prägt. Seit 2013 wurde die Verantwortung für die Sicherheit allmählich den ANSF übertragen, die seit dem 1. Januar 2015 alleine für die Sicherheit verantwortlich sind. Neben diesen Entwicklungen, bestehen weiterhin ins- gesamt grosse Defizite bezüglich der Rechtstaatlichkeit, in Bezug auf den Schutz der Menschenrechte und in der Bekämpfung der Korruption. 7.2 Nach zwölfjähriger Amtszeit gab Hamid Karzai, der seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 Afghanistan präsidierte und zweimal wiedergewählt wurde, im Juni 2014 aufgrund der verfassungsmässigen Amtszeitbe- schränkung seine Präsidentschaft auf. Durch die Einbindung von einfluss- reichen Vertretern ethnisc her Gruppen, darunter lokale Machthaber und Kriegsfürsten, denen teilweise schwere Menschenrechtsverletzungen vor- geworfen werden, sicherte Karzai sich seinen Machterhalt und sorgte so für eine gewisse Stabilität Afghanistans, wobei das Land zwar zusammen- gehalten, jedoch unter anderem die Korruption gefördert wurde. In der Wahl zum Präsidentenamt standen sich Abdullah Abdullah und Ash- raf Ghani in einer Stichwahl gegenüber, welche beide nicht zur Machtclique Karzais zu zählen waren. Nach einem monatelangen Streit über den Aus- gang der Präsidentschaftswahlen wurden am 29. September 2014 Ashraf Ghani als Präsident und Abdullah Abdullah als Regierungsvorsitzender (Chief Executive [CE]) Afghanistans vereidigt. Bis heute sind aber die Kom- petenzen des CE unklar. In den letzten zwei Jahren haben denn auch die Konflikte innerhalb der Regierung zugenommen, welche sich auch auf die Regierungsbildung und somit indirekt auch auf die Sicherheitslage sowie D-5800/2016 Seite 15 auf das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung auswirken. Der afgha- nische Staat vermag nur rund einen Drittel seiner Staatsausgaben durch Steuereinnahmen zu decken, wobei 42% des ganzen Haushaltsbudgets für Sicherheitskräfte aufgewendet werden. Afghanistan ist demnach auf grosszügige internationale Unterstützung a ngewiesen, was verschiedent- lich zu Abhängigkeiten und Verpflichtungen führt. Quasi gleichzeitig mit der Regierungsbildung beendete nach 13 Jahren im Dezember 2014 die ISAF ihren Einsatz in Afghanistan und wurde von der NATO-geführten Resolute Support Mis sion abgelöst. Während im Jahr 2011 noch 132‘000 Soldaten der ISAF in ganz Afghanistan stationiert wa- ren, sind es 2016 noch 13‘000. Nach Angaben der NATO befanden sich im Juni 2016 12 930 Soldaten in Afghanistan, wobei über die Hälfte aus den Vereinigten Staaten von Amerika stammen. Die verbleibenden Offiziere übernehmen lediglich Ausbildungsaufgaben und unterstützen die afghani- schen Truppen auf der taktischen Ebene (vgl. zum Ganzen, Strongmen, S. 41 ff.; DRC, Understand; ICG 2016; Worldbank, Update, S. 5 ff.; NATO, Mission). 7.3 Im Krieg in Afghanistan stehen im Wesentlichen zwei regierungsfeind- liche Gruppierungen – die Taliban und der Islamic State in Khorasan Pro- vince (ISKP), wie der IS in Afghanistan bezeichnet wird – den staatlichen Sicherheitskräften gegenüber, wobei auch Kriegsherren respektive lokale Machthaber und andere Parteien wie zum Beispiel Al Kaida den Krieg be- einflussen. 7.3.1 Im Juli 2015 gaben die Taliban offiziell bekannt, dass ihr Gründer , Mullah Omar, bereits zwei Jahren zuvor verstorben war, und liessen gleich- zeitig verlautbaren, dass Mullah Akhtar Mansoor die Führung übernommen habe. Der Führungswechsel verstärkte Spannungen zwischen verschiede- nen rivalisierenden Fraktionen innerhalb der Taliban und führte schliesslich zur Abspaltung einer Gruppe unter Mullah Muhammad Rasool. In der Folge kam es zu gewaltsamen Auseinanderset zungen zwischen den einzelnen Fraktionen, bei denen es auch zivile Opfer gab. Im Mai 2016 wurde Mullah Mansoor in der Provinz Belutschistan in Pakistan getötet. Die Taliban wähl- ten aber kurze Zeit später Maulawi Haibatullah Akhundzadah als Nachfol- ger und bestimm ten Sirajjudin Haqqani (auch Sirajuddin) und den Sohn von Mullah Omar, Maulawi Muhammad Yaqoub (auch Yaqoob), zu dessen Stellvertretern (vgl. u.a. LWJ, Rival Taliban). D-5800/2016 Seite 16 Trotz dieser Wechsel in der Führung und den Spannungen verzeichnen die Taliban – gemäss unterschiedlichen Schätzungen heute zwischen 20 000 und 40 000 Mann stark – seit dem Abzug der internationalen Schutztrup- pen grosse Gebietsgewinne. Während die Taliban ihre Präsenz im Süden weiterhin ausbauen, kamen in den letzten zwei Jahren auch grössere Ge- bietsgewinne in den nördlichen Provinzen hinzu. Seit 2016 kontrollieren sie nördlich von Kabul wichtige strategische Gebiete in den Provinzen Balch und Kunduz, wobei sie diese Provinzhauptstadt im Herbst 2015 unerwar- teterweise eroberten und zwei Wochen halten konnten. Zudem verübten sie mehrere komplexe Angriffe in Kabul. Es existieren kaum klare Frontli- nien. Die Taliban durchliefen zudem in den letzten Jahren insbesondere auch auf militärischer Ebene eine Modernisierung respektive Entwicklung und wandelten sich zu einer heute gut organisierten Bewegung. Die Taliban operierten zunehmend in grossen Formationen, unterhalten parallele Ver- waltungsstrukturen, einschliesslich einer (vergleichsweise populären) Ge- richtsbarkeit sowie eines Steuersystems . Aus diesen einzelnen Indizien und Faktoren lässt sich schliessen, dass die Taliban in Afghanistan in den letzten Jahren an Einfluss, Macht und Stärke gewonnen haben (vgl. u.a. ACCORD, Expertengespräch, S. 24 f.). 7.3.2 Neben den Taliban ist im Zusammenhang mit regierungsfeindlichen Gruppierungen auch der ISKP zu nennen, welcher zwar erstmals im Ja- nuar 2015 öffentlich in Erscheinung trat, sich jedoch bereits seit dem Jahr 2010 insbesondere aus Splittergruppen der Pakistanischen Taliban (TTP) gebildet hat. Seit Januar 2015 kam es unter den Gruppen, gegenüber den afghanischen Sicherheitskräften sowie gegenüber den Taliban zu Gefech- ten und zu Zusammenstössen, worunter auch die Zivilbevölkerung litt, ins- besondere da einzelne Gebiete in Nangarhar und Kunar nahe Kabul ab- wechselnd von den Taliban und dem ISKP kontrolliert wurden. Die Vorge- hensweise des IKSP ist durch eine besondere Rücksichtslosigkeit gegen- über seinen Gegnern als auch gegenüber der lokalen Bevölkerung und da- bei insbesondere auch gegenüber Frauen, Kindern und Älteren zu be- schreiben. Abgesehen von Nangarhar, wohin der ISKP nach dem Eingrei- fen von US -Truppen zurückgedrängt wurde, konnte der ISKP aber keine grösseren Gebiete unter seine Kontrolle bring en. Einzelne Ableger des ISKP traten im Verlauf von 2016 in verschiedenen Provinzen, wie Helmand, Loghar oder Zabul in Erscheinung, wurden jedoch jeweils von den lokalen Taliban zerschlagen. Seit Auftreten des ISKP nehmen jedoch konfessionell motivierte Angriffe mit hohen Opferzahlen besonders in urbanen Gebieten Afghanistans wie Kabul zu, was auch die Vorgehensweise des ISKP zum Ausdruck bringt (vgl. u.a. Oxford; Landinfo, Hazara, S. 22 ff). D-5800/2016 Seite 17 7.3.3 Weiter konnten als Konfliktparteien lokale Machthaber wie Atta Noor im Norden, Sherzai im Süden und Osten, sowie Ismail Khan im Westen ihren Einfluss unter der n euen Regierung seit dem Jahr 2014 konsolidie- ren. Abdul Rashid Dostum, ein Milizenführer usbekischer Ethnie, bekleidet unter der neuen Regierung zwar das Amt des Vizepräsidenten, handelt je- doch autonom. Diese lokalen Machthaber gehören auch weiterhin zu den Antreibern der Gewalt in Afghanistan, wobei sie eigene lokale Milizen zum persönlichen Machterhalt unterhalten (vgl. Qantara, Warlords). 7.3.4 Diesen aufständischen Gruppierungen und lokalen Machthabern ste- hen die ANSF gegenüber, welche sic h aus der Afghan National Army (ANA), der Afghan National Police (ANP) un d der Afghan Local Police (ALP) zusammensetzen. Ende 2014 zählten die se afghanischen Sicher- heitskräfte rund 350 000 Personen, wobei die Anzahl der Truppenstärke sowie bezüglich der Anzahl Todesopfer je nach Quelle stark variiert. Ge- mäss verschiedenen Berichten übersteigen jedoch die Opfer- und Deserti- onszahlen die Rekrutierungszahlen deutlich (zwei- bis vierfach). Dement- sprechend weisen die ANSF grosse Defizite in den Bereichen Kommando und Kontrolle, Führung, Logistik und Koordination auf . Die Sicherheits- kräfte verstärken bei der Bevölkerung zudem den Eindruck der Verbreitung der Korruption und einer Kultur der Straflosigkeit innerhalb der Polizei. Da- raus schliesst sich, dass die afghanischen Sicherheitskräfte den der Re- gierung feindlich gesinnten Konfliktparteien kaum in genügender Weise entgegenzuhalten, diese zurückzudrängen oder zu kontrollieren vermögen (vgl. dazu auch BTI 2016, S. 5). 7.4 7.4.1 Im Folgenden wird die Sicherheitslage in Afghanistan genauer be- leuchtet, wobei an dieser Stelle anzumerken ist, dass der Begriff „Sicher- heitslage“ insbesondere im Afghanistan-Kontext schnell zu Missverständ- nissen führen kann, da dieser meist die Zahl sicherheitsrelevanter Vorfälle und ziviler Opfer beleuchtet. Diese Zahl stellt jedoch nur einen Aspekt der Sicherheitslage dar, zu berücksichtigen sind aber auch die Langzeit- und indirekten Auswirkungen der Gewalt insbesondere auf die Menschen- rechtslage. Weiter erweist es sich als schwierig, von „der“ Sicherheitslage in Afghanistan zu sprechen, da sich die Lage von Provinz zu Provinz un- terschiedlich präsentiert, als sehr volatil zu bezeichnen ist und auch inner- halb einer Provinz stark divergiert (vgl. UNHCR Guidelines, S. 16; KAS, S. 76). D-5800/2016 Seite 18 7.4.2 Im Allgemeinen ist festzustellen, dass sich die Sicherheitslage seit Rückzug der ISAF in allen Landesteilen verschlechtert hat. Der afghani- sche Staat hat keine vollständige Kontrolle über sein Territorium. Insbeson- dere ist die Lage in den Provinzen Helmand, Nangarhar, Ghazni, Kunduz und Badghis als besonders fragil zu bezeichnen, wobei aber auch die Tali- ban in diesen Provinzen nicht über das Gewaltmonopol verfügen (vgl. BTI 2016, S. 5). Das Jahr 201 6 wurde verschiedentlich als das Jahr mit den meisten sicherheitsrelevanten Zwischenfällen beschrieben, wobei bewaff- nete Auseinandersetzungen sow ie Explosionen dabei den grössten Teil ausmachen. Zuvor wurde bereits das Jahr 2015 als das gewaltreichste be- zeichnet (UN GA, Report I und II). Seit dem Übergang der Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die ANSF hat der Konflikt mehr und mehr den Charakter eines Bürgerkrieges angenommen, wovon grosse Teile des Staatsgebiets direkt von Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen terroristische Anschläge in den von offenen Gefechten weitgehend ausge- nommenen urbanen Zentren. Im Visier stehen vor allem die Grossstädte Kabul und Kandahar, aber auch kleinere Städte wie Dschalalabad und Kunduz. Im Jahr 2015 nahmen die Taliban 23 von etwa 400 Distriktzentren zeitweilig oder dauerhaft ein – mehr als in jedem Jahr seit 2001. Zusätzlich ist ihre de -facto-Kontrolle ausgedehnter Gebiete in den meisten anderen Provinzen schon so ausgeprägt, dass es dort gar nicht mehr zu intensive- ren Kämpfen kommt, wozu die dortige Schwäche der Regierungstruppen und in vielen Distrikten die nur noch symbolische Präsenz einer Regie- rungsverwaltung beitragen. In einigen Distrikten verzichten die Taliban da- rauf, den letzten Vorstoss zu unternehmen, um keine grösseren Gegen- operationen zu provozieren, oder greifen auf Bitten der örtlichen Bevölke- rung nicht an, um Zerstörungen zu vermeiden. Insgesamt liegt die Zahl der von Taliban kontrollierten oder akut bedrohten Distrikte schätzungsweise zwischen 60 und 100 Distrikten. Es kann somit ohne Weiteres festgestellt werden, dass die afghanischen Sicherheitskräfte nicht in der Lage sind, den Taliban standzuhalten. Diesbezüglich ist auch anzumerken, dass ein Grossteil des Gebietes Afghanistans humanitären Organisationen nicht respektive nur der Afghan Red Crescent Society (ARCS) zugänglich ist, was die prekäre Situation aufzeigt. Auch die UN verfügt nur zu den Provin- zen Samangan und Bamyan sowie im Wesentlichen in engen Bereichen um die grösseren Städte herum Zugang zum Territorium (vgl. KAS, S. 89; ACCORD, Expertengespräch, S. 25, UN OCHA, Acces). 7.4.3 Aufgrund der strikten Erhebungsstandards der UN, wonach jedes Opfer, um in der Statistik aufgeführt zu werden, von drei unabhängigen Quellen verifiziert werden muss, können Opferzahlen kaum realitätsgetreu D-5800/2016 Seite 19 erfasst werden, da sie insbesondere in ländlichen Gebieten nicht registriert werden. Zudem könnten diese aufgrund der fehlenden Statistiken kaum in Relation zur Gesamtbevölkerung gesetzt werden. So ist lediglich festzu- stellen, dass gemäss verschiedenen Berichten die Opferzahlen in den letz- ten Jahren kontinuierlich stiegen und noch nie so hoch gewesen sind. Seit dem Jahr 2009 hat es noch nie so viele zivile Opfer gegeben wie im Jahr 2016. Verschiedentlich werden zivile Opferzahlen (getötet und verletzt) zwischen 8000 und 9000 genannt, wobei wie gesagt aufgrund der strengen Statistikanforderungen und der eingeschränkten gesundheitlichen Versor- gungsmöglichkeiten von Verletzten von einer deutlich höheren Opferzahl ausgegangen werden muss. Auf die blosse Anzahl ist daher kein besonde- rer Fokus zu legen (vgl. UNAMA/OHCHR, Annual Report 2016, S. 10 ff., 17; UNAMA, Chief; AIHRC, Report, S. 12 f.). 7.5 7.5.1 Bezüglich der humanitären Lage in Afghanistan ist festzustellen, dass es nach wie vor zu Vertreibungen und grossen Fluchtbewegungen kommt. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und der Zugang zu medi- zinischer Versorgung und Bildung ist sehr problematisch. Angriffe auf me- dizinische Einrichtungen wie zuletzt im März 2017 in Kabul haben zuge- nommen. Frauen und Mädchen sind nach wie vor weitgehend von Bildung, Gesundheitswesen, Einkommensgenerierung und Besitz von Vermögens- werten ausgeschlossen. Darüber hinaus ist in Afghanistan – soweit mess- bar – insbesondere nach dem Rückzug der ISAF, auf deren Versorgung sich ein Grossteil des afghanischen Wirtschaftssystems abstützte, in den Jahren 2014 und 2015 ein Anstieg der Arbeitslosenquote sowie eine sin- kende Wachstumsrate zu verzeichnen. Zahlreiche Sicherheitsbeamte, Übersetzer, Fahrer, Führer und Köche verloren ihre Arbeit, wobei darauf hinzuweisen ist, dass in Afghanistan ein Erwerbstätiger acht bis zehn Per- sonen unterstützt. Es muss von einer immensen Arbeitslosenquote ausge- gangen werden, wobei diese aufgrund fehlender Daten kaum erhoben wer- den kann. Es ist zu erwarten, dass die Zahlen diesen Negativtrend auch für die Jahre 2015 und 2016 bestätigen werden (vgl. ICG 2016 ; UN- AMA/OHCHR, Annual Report 2016, S. 34 f.) 7.5.2 Zudem ist in Afghanistan von rund 1,2 Millionen intern Vertriebenen auszugehen, wobei allein im Jahr 2015 380 ‘000 Personen neu vertrieben worden sind. Darüber hinaus hat in der zweiten Jahreshälfte 2016 die An- zahl der Rückkehrenden aus Pakistan aber auch derer aus dem Iran stark zugenommen, wobei bis Ende 201 6 mit rund 400 000 bis 600 000 Rück-D-5800/2016 Seite 20 kehrenden aus Pakistan gerechnet wurde, was die Versorgungslage ver- schärft und damit die Sicherheitslage verschlechtert haben dürfte. Pakistan und der Iran stellen seit Jahrzehnten ein Hauptziel für geflohene Afghanin- nen und Afghanen dar. Auch nach dem Ende der Taliban-Herrschaft lebten immer noch mehrere Millionen Menschen aus Afghanistan im Iran und in Pakistan, wobei es sich heute oftmals auch um zirkuläre Flüchtlinge sowie im Exil geborene Personen handelt. Der Druck auf sie nimmt insbesondere auch aufgrund politischer Verstimmungen zwischen den Ländern zu. Aus Pakistan war ein erster Anstieg an Rückkehrenden nach einem von pakis- tanischen Taliban in Afghanistan vorbereiteten Terroranschlag an einer Schule in Peshawar Ende 2014 zu verzeichnen. Seither drängten pakista- nische Sicherheitskräfte afghanische Flüchtlinge massiv zur Rückkehr. Der Iran wiederum schickt Tausende Afghanen zum Kampf nach Syrien, wobei die iranische Regierung afghanischen Flüchtlingen im Gegenzug das Blei- berecht im Iran oder finanzielle Anreize anbietet. Anderen Flüchtlingen wird aber auch direkt mit Abschiebung gedroht. Die afghanischen Provinzen Ka- bul, Kunduz, Baghlan, Laghman und Nangarhar sind besonders von dieser Problematik betroffen. Da es zudem immer wieder zu Angriffen auf Mitar- beitende von internationalen Hilfswerken kommt, werden vermehrt nich t- afghanische Mitarbeitende aus Sorge um ihre Sicherheit aus Afghanistan zurückgeholt und/oder Projekte eingestellt, was als klarer Hinweis auf die prekäre Sicherheitslage gewertet werden muss. Erst im Februar 2017 wur- den bei einem Anschlag auf einen Konvoi des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sechs Mitarbeitende getötet, woraufhin das IKRK die Arbeit in Afghanistan kurzzeitig aussetzte (vgl. HRW, World R eport, S. 1 ff.; UNAMA/OHCHR, Annual Report 2016, S. 12, S. 43 ff.; HRW, Re- turn, S. 55 ff.; UN GA, Report II, Ziff. 42 ff.; WFP Afghanistan). 7.5.3 Das Gesundheitssystem Afghanistans ist gezeichnet durch unzu- reichende Infrastrukturen mit maroden Einrichtungen, beeinträchtigtem Zu- gang zu Gesundheitszentren aufgrund der Sicherheitslage, einem chroni- schen Mangel an qualifiziertem Personal (vor allem an F rauen), einem schlechten Informationssystem und einer schwachen Umsetzung der nati- onalen Gesundheitspolitik. Auch wenn in den letzten Jahren durchaus ei- nige Fortschritte zu verzeichnen waren, bleibt die afghanische Gesund- heitsversorgung unter dem Durchschnitt für Länder mit niedrigem Einkom- men. Neben dem Zugang zur adäquaten Versorgung – wobei viele Afgha- nen sich in Pakistan versorgen lassen – sind auch die Kosten der Gesund- heitsversorgung, sowohl Medikamentenpreise als auch Korruption ein Hauptproblem des afghanischen Gesundheitswesens. Letzteres gilt insbe- sondere für die Provinzen Kabul und Kunduz (Wordbank, Overview) D-5800/2016 Seite 21 7.6 Zusammenfassend ergibt sich eine deutliche Verschlechterung der Si- cherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bundesverwaltungsge- richts im Jahr 2011 über alle Regionen hinweg. Das Gericht kommt dem- nach zum Schluss, dass in weiten Teilen von Afghanistan unverändert eine derart schlechte Sicherheitslage und derart schwierige humanitäre Bedin- gungen bestehen, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren ist und somit der Wegweisungsvollzug nach wie vor als unzumutbar zu beurteilen ist. 8. 8.1 Hingegen sind die Sicherheitslage und die allgemeine humanitäre Si- tuation in Kabul aus verschiedenen Gründen differenziert und gesondert zu analysieren. Zunächst kam Kabul bereits in der bisherigen Rechtspre- chung ein Sonderstatuts zu, indem der Wegweisungsvollzug bei begünsti- genden Umständen als zumutbar erachtet wurde. Zudem ist Kabul mit Ab- stand die grösste Stadt Afghanistans und weist auch die grösste Bevölke- rungsdichte auf, was Auswirkungen auf die Einschätzung der Sicherheits- lage hat. Die genaue Bevölkerungszahl Kabuls ist unbekannt, da seit 1979 keine Volkszählung mehr durchgeführt wurde (wobei auch zu diesem Zeit- punkt nur rund 60% der Distrikte zugänglich waren) und zudem die Bevöl- kerung durch die intern Vertriebenen und die Rückkehrenden unkontrolliert wächst und variiert. So liegen unterschiedliche Schätzungen zwischen 3,8 und 7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern vor, wobei Kabul als eine der schnellst wachsenden Städte der Welt gilt. Diese Tatsache lässt auch die Berechnung von Opferzahlen sowie die Berechnung der Wahrschein- lichkeit, Opfer eines sicherheitsrelevanten Vorfalls zu werden, ins Absurde gleiten, weshalb fortfolgend darauf verzichtet wird (vgl. CSO). 8.2 8.2.1 Die Sicherheitslage in Kabul unterscheidet sich gegenüber derjeni- gen in anderen Teilen Afghanistans dahingehend, dass Kabul wegen der Anzahl Regierungsgebäude, internationale r Organisationen, diplomati- scher Dienste, nationaler und internationaler Sicherheitskräfte sowie auf- grund seiner Urbanität wiederholt Ziel von medienwirksamen Anschlägen wird. Der ISKP , die Taliban, aber auch andere extremistische Gruppen ma- chen Kabul zum Ziel komplexer Angriffe oder von Selbstmordanschlägen. In den letzten Jahren ist denn auch eine deutliche Zunahme von Anschlä- gen in den urbanen Zentren und dabei insbesondere in Kabul zu verzeich- nen, wobei oft eine hohe Anzahl Zivilpersonen den Anschlägen zum Opfer fallen. Im Jahr 2016 verging kein Monat ohne grössere Anschläge. So liegt die Hauptgefahr von Zivilisten in Kabul auch darin, Opfer von Anschlägen D-5800/2016 Seite 22 gegen eine nationale oder internationale Institution zu werden ( vgl. u.a. Landinfo, S. 10). 8.2.2 An dieser Stelle wird beispielhaft und in nicht abschliessender Weise auf einige Anschläge seit Juli 2016 in Kabul verwiesen, um die Intensität, Beliebigkeit und Varietät dieser Anschläge und deren Opfer darzustellen (vgl. insb. ACCORD, Chronologie):  Am 23. Juli 2016 wurden bei zwei Bombenanschlägen auf eine Gross- demonstration schiitischer Hazara mindestens 80 Personen getötet und 231 weitere verletzt. Es handelt sich dabei um den tödlichsten An- schlag in Kabul seit dem Jahr 2001. Der IS bekannte sich zu dem An- schlag.  Bei einer Explosion einer Autobombe und einer anschliessenden Schiesserei am 25. August 2016 in der Amerikanischen Universität in Kabul wurden zwölf Personen getötet. Niemand bekannte sich zu dem Anschlag.  Am 5. September 2016 wurden bei zwei Bombenanschlägen durch die Taliban mindestens 41 Personen getötet und 110 verletzt. Am nächsten Tag verübten ebenfalls Taliban einen mehrstündigen Angriff auf das Ka- buler Büro der internationalen Hilfsorganisation CARE, welches si ch direkt neben dem Büro des ehemaligen Geheimdienstchefs befindet. Welchem Ziel der Angriff galt, ist unklar. Mehrere Personen wurden ver- letzt.  Am 11. Oktober 2016 eröffnete ein Bewaffneter in einer Uniform der afghanischen Sicherheitskräfte auf dem schii tischen Karte -Sachi- Schrein das Feuer auf schiitische Gläubige der Volksgruppe Hazara. Dabei wurden 18 Tote und 54 Verletzte verzeichnet. Der IS bekannte sich zu dieser Tat.  Am 21. November 2016 sprengte sich ein Selbstmordattentäter bei ei- ner schiitischen Moschee in die Luft. Dabei wurden 32 Tote und 50 Ver- letzte verzeichnet. Der IS bekannte sich zu dieser Tat.  Am 22. Dezember 2016 griffen bewaffnete Taliban das Haus eines Par- lamentsabgeordneten an. Dabei wurden acht Menschen getötet sowie sechs weitere v erletzt, darunter der Parlamentarier und seine Frau. Nach einer zehnstündigen Belagerung töteten Sicherheitskräfte die drei Angreifer und befreiten 18 Geiseln. D-5800/2016 Seite 23  Am 10. Januar 2017 wurden bei zwei Bombenexplosionen in der Nähe des Parlamentsgebäudes mindestens 38 Menschen getötet. Mehr als 70 weitere Personen wurden bei diesem offenbar koordinierten An- schlag getötet, für den sich die Taliban als verantwortlich bezeichneten.  Am 7. Februar 2017 wurden bei einem Selbstmordattentat auf den obersten Gerichtshof mindestens 20 Personen getötet und 41 weitere zum Teil schwer verletzt. Die Taliban bekannten sich zu dieser Tat.  Am 8. März 2017 drangen mehrere als Ärzte verkleidete IS-Kämpfer in ein Spital ein und eröffneten das Feuer. 38 Personen starben, Dut- zende wurden verletzt.  Am 11. April 2017 wurden mindestens fünf Personen bei einem Selbst- mordanschlag des IS auf eine Polizeistation in Kabul getötet und meh- rere weitere verletzt.  Am 3. Mai 2017 wurden bei einem Selbstmordanschlag auf einen Kon- voi der Nato-Mission in Afghanistan mindestens acht Zivilpersonen ge- tötet und rund 25 weitere Personen, darunter drei US -Soldaten, ver- letzt. Der IS bekannten sich zu dieser Tat.  Am 31. Mai 2017 wurden bei einem Bombenanschlag im Diplomaten- viertel mindestens 90 Personen getöte t und 400 weitere verletzt. Zu dem Anschlag bekannte sich niemand, weder von seiten der Taliban noch des IS.  Am 2. Juni 2017 wurden bei gewaltsamen Ausschreitungen bei Protes- ten als Reaktion auf den Anschlag vom 31. Mai 2017 mehrere De- monstrierende von der Polizei getötet. Am darauf folgenden Tag kam es bei einem Begräbnis für einen bei der Demonstration getöteten Mann zu Explosionen, bei denen mindestens 20 Personen getötet und 119 weitere verletzt wurden. 8.2.3 Bereits seit August 2008 tragen die ANSF die Hauptverantwortung für die Sicherheit in Kabul. Zum Schutz vor Anschlägen wurde zwar eine Kette von Polizei - und Militärpos ten aufgestellt – der sogenannte "ring of steel" –, an denen Fahrzeuge, welche ins Zentrum von Kabul fahren, ge- prüft werden. Wie an den zahlreichen Anschlägen abgeleitet werden kann, gelang es Extremisten in der Vergangenheit jedoch, mehrmals ungehindert die Absperrungen mit Sprengstoff bela denen Fahrzeugen zu passieren. Zudem gibt es Berichte darüber, dass diese Checkpoints zwar a m Tag in D-5800/2016 Seite 24 Betrieb, in der Nacht jedoch nicht besetzt sind. Anschläge auf vermeintlich sichere Quartiere in Kabul haben für die extremistischen Gruppen denn auch einen grossen propagandistischen Nutzen. Es wird davon ausgegan- gen, dass zumindest die Taliban für die Anschläge in Kabul eine Spezial- einheit ausgebildet haben und eine solide Präsenz in Kabul aufweisen, wo- bei sie insbesondere in den Aussenquartieren an Macht u nd Handlungs- spielraum gewinnen und auch ihre Versorgungswege ins Zentrum sicher- gestellt sind. Dies zeigt deutlich, welche grosse Bedeutung Anschlägen in Kabul zukommt. Die Sicherheitslage ist demnach in Kabul – auch ohne derzeitige direkte Kampfhandlungen – durch die Vielzahl und die Intensität der Anschläge als äusserst prekär zu bezeichnen (vgl. Landinfo, S. 10; UN- AMA, Midyear Report, S. 7; ISW, Resurgent, S. 19) 8.3 8.3.1 Bezüglich der humanitären Situation in Kabul ist festzustellen, dass rund 70% der Bevölkerung Kabuls in „informal settlements“ leben, wobei sich die Bezeichnung „informal“ in erster Linie auf die Stadtplanung bezieht und viele dieser Behausungen durch Vereinbarungen zwischen Bewoh- nern und Landbesitzern relativ nachhaltig sind. Viele dieser Siedlungen weisen aber einen schlechten oder keinen Zugang zur grundlegenden Inf- rastruktur (Strom, Trinkwasser, Abwasser, Verkehrssystem, Bildung usw.) und eine marode Bauweise auf, welche nur bedingt Schutz vor den klima- tischen Bedingungen Kabuls bietet. Die Lebensbedingungen in diesen „in- formal settlements“ sind insbesondere auch im Vergleich zu anderen Ge- bieten Afghanistans allgemein als schlecht zu bezeichnen. Daneben be- stehen in Kabul 51 sogenannte „Kabul Informal Settlements“ (KIS), welche verschiedentlich als Slums im Sinne der UN-HABITAT Definition qualifiziert werden. Knapp die Hälfte aller KIS-Bewohnenden hat keinen Zugang zu Trinkwasser und genügend Nahrung. Eine überwiegende Mehrheit der KIS-Bewohnenden sind Rückkehrende aus Pakistan oder dem Iran. Dazu kommt, dass die schwierige wirtschaftliche Lage, welche das ganze Land seit Abzug der internationalen Truppen betrifft, auch in den urbanen Gebie- ten wie Kabul deutlich zu spüren ist. 8.3.2 Ferner hat auch d ie generell schlechte verkehrstechnische Versor- gungslage wesentliche Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung in Kabul, wobei die Distanz zu einem geeigneten Gesundheitszentrum als eine der wichtigsten Hürden zur Gesundheitsversorgung angegeben wird. Im Jahr 2015 wurden zudem aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen der afghanischen Regierung und der Weltbank in öffentlichen Spitälern in Ka- bul mehrere Monate keine Medikamente an die Patientinnen und Patienten D-5800/2016 Seite 25 mehr ausgeben. Darüber hinaus schloss das Gesundheitsministerium we- gen schlechter medizinischer Einrichtung neun private Kliniken. Ein Gross- teil der Patientinnen und Patienten kann sich in Kabul aufgrund finanzieller Probleme nicht behandeln lassen (vgl. auch oben E. 7.5.3; NRC, Urban, S. 10; UNHCR, KIS, S. 2; UN OCHA, KIS, S. 2; RFE/RL, Changing; HRW, Return, S. 55 ff.). 8.3.3 Kabul verzeichnete in den letzten Jahren einen sehr grossen Bevöl- kerungszuwachs, wobei ein Grossteil der Einwohner nicht in Kabul gebo- ren wurde, sondern aufgrund der Sicherheitslage aus anderen Landestei- len Afghanistans, aus Pakistan oder dem Iran nach Kabul geflüchtet res- pektive zurückgekehrt ist. Dazu kommen Personen, welche sich in Kabul ein besseres wirtschaftliches Fortkommen erhoffen. Die Anzahl der Rück- kehrenden und Internally Displaced People (IDP) ist wie die Gesamtbevöl- kerung kaum zu beziffern; allein im Oktober 2016 sollen sich 11 018 Per- sonen neu in Kabul registriert haben, wobei die Anzahl der unregistrierten Neuankommenden nicht geschätzt werden kann. Zwar haben registrierte Flüchtlinge grundsätzlich die Möglichkeit von finanziellen und medizini- schen Hilfeleistungen durch UNHCR. Für unregistrier te Flüchtlinge ist die IOM zuständig, wobei diese nur 20-30% aller Personen mit ihrer Unterstüt- zung erreicht. Zudem erhalten Rückkehrende rund 50 Dollar vom afghani- schen Staat. Keine der Unterstützungsleistungen ermöglicht jedoch die fi- nanzielle Sicherstellung von Unterkunft und Grundversorgung, weshalb die Mehrzahl dieser Rückkehrenden und intern Vertriebenen in den KIS lebt. Nichtsdestotrotz haben in Afghanistan Städte wie Kabul generell eine hohe Anziehungskraft für IDP, die afghanischen Behörden haben jedoch nicht die nötigen Strategien entwickelt, um mit dieser Entwicklung umzugehen. Rückkehrende und IDP stellen demnach die Stadtverwaltung neben der prekären Sicherheitslage zusätzlich vor grosse Probleme, nicht nur in Be- zug auf verfügbare Unterkünfte, sondern auch hinsichtlich der sonst schon knapp vorhandenen Angebote für Arbeitsstellen, Gesundheit, Bildung, Zu- gang zu sanitären Einrichtungen, Trinkwasser und so weiter. Diese Zu- gangsschwierigkeiten bergen unter anderem auch die Gefahr von sozialen Unruhen, was extremistischen Gruppierungen wiederum in die Hände spielen dürfte. Projekte für die Unterbringung der Rückkehrenden und IDP seitens der afghanischen Regierung und Stadtverwaltung werden von lo- kalen Machthabern und durch die hohe Korruption vereitelt (vgl. E. 7.5.2; HRW, World Report, S. 1 f.; HRW, Return, S. 55 ff.; UNHCR, Guidelines, S. 29 f.; RFE/RL, Changing; UN OCHA, IDP). D-5800/2016 Seite 26 8.4 8.4.1 Nach dem Gesagten stellt sich zum heutigen Zeitpunkt sowohl die Sicherheitslage, welche als volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen ist, als auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7 beschriebenen Situation klar verschlechtert dar. Die Lage in Kabul ist daher grundsätzlich als existenzbedrohend und somit un- zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren. Von dieser Re- gel kann abgewichen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Voll- zugs ausgegangen werden kann. Wie bereits in BVGE 2011/7 festgestellt, kann der Vollzug der Wegweisung zumutbar sein, wenn im Einzelfall besonders günstige Voraussetzungen vorliegen, und die nach Kabul zurückkehrende Person demnach aus- nahmsweise nicht in eine existenzbedrohende Lage geraten würde. Solche günstigen Voraussetzungen können grundsätzlich namentlich dann gege- ben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt. Unabdingbar ist in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hin- blick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkehren den insbe- sondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Allein aufgrund von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen so- wie die Unterbringung ungeklärt sind, ist nicht von einem tragfähigen sozi- alen Beziehungsnetz auszugehen. Es liegt i n der Natur der Sache, dass bei Personen, bei welchen Kabul lediglich eine Aufenthaltsalternative dar- stellt und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt haben, eine Bejahung eines solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grösserer Zurückhaltung bedarf. Ebenso ist entscheidrele vant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftli- che Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden kann. Angesichts der festgestell- ten Verschlechterung der Lage in Kabul, versteht es sich von selbst, dass das Vorliegen dieser strengen Anforderungen in jedem Einzelfall sorgfältig geprüft wird und diese erfüllt sein müssen, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu qualifizieren. 8.4.2 Zusammenfassend ergibt sich, dass eine Wegweisung nach Kabul lediglich bei Vorliegen besonders günstiger Voraussetzungen – so insbe-D-5800/2016 Seite 27 sondere alleinstehende, gesunde Männer mit einem tragfähigen Bezie- hungsnetz, einer Möglichkeit zur Sicherung des Existenzminimums und ei- ner gesicherten Wohnsituation – als zumutbar zu qualifizieren ist. 9. Die Frage, ob hinsichtlich der im Norden gelegenen Stadt Mazar -i-Sharif sowie der zweitgrössten Stadt Afghanistans , Herat, in Bezug auf die Z u- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Ähnliches gesagt werden könnte wie zu Kabul, kann im v orliegenden Fall offen bleiben, weil der Beschwerde- führer keinerlei Bezug zu diesen Städten Afghanistans hat. 10. 10.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, er sei in der Prov inz Ghazni aufgewachsen, wobei er ein Jahr im frühesten Kindesalter in Kabul gelebt habe, er sich jedoch daran nicht mehr erinnere. Seine diesbezüglichen Ant- worten auf die Herkunftsfragen erscheinen insbesondere aufgrund der Substanziiertheit und des Detai lierungsgrades denn auch als glaubhaft (vgl. unter anderem act. SEM A17/19 F30 ff, F62 ff., F78 ff.). Die Vorbehalte des SEM bezüglich seines Alters und seines familiären Umfelds, welche dieses erst im Rahmen des Schriftenwechsels äussert, sind insofern nicht von Belang, als es dabei um das Bestehen eines tragfähigen Beziehungs- netzes in der Provinz Ghazni geht, wohin sich ein Wegweisungsvollzug als generell unzumutbar erweist (vgl. oben E. 7.6). 10.2 Aber auch die vom SEM genannte Aufenthaltsalternative in Kabul er- weist sich nach dem Gesagten im vorliegenden Fall als unzumutbar, wobei offengelassen werden kann, ob die Mutter des Beschwerdeführers in Kabul oder in C._______ lebt und ob und wie häufig ein Kontakt zur Schwester in Kabul besteht. Glaubhaft ist, dass sowohl die Mutter als auch die Schwester in den Familien ihrer Ehemänner leben. Von einer Unterkunfts- möglichkeit und Reintegra tionshilfe für den volljährigen Sohn respektive Bruder kann ohne weitere diesbezügliche Hinweise in casu nicht ausge- gangen werden. Ferner ist beachtlich, dass Kabul für den Beschwerdefüh- rer lediglich als Aufenthaltsalternative in Betracht zu ziehen wäre, d a er sich nie wissentlich in Kabul aufgehalten hat. Weitere soziale Kontakte zu in Kabul lebenden Personen bestehen demnach nicht. Vorliegend ist daher bereits das Bestehen eines tragfähigen sozialen Netzes zu verneinen. Auch seine beschränkte Berufserfahrung als Landwirt vermag im Falle des Beschwerdeführers den Wegweisungsvollzug in der Gesamtabwägung nicht als zumutbar erscheinen zu lassen. Andere individuelle besonders günstige Vor-aussetzungen sind nicht ersichtlich. D-5800/2016 Seite 28 10.3 Daraus folgt, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Ka- bul aufgrund des ungenügenden sozialen Netzes in Kabul, der fehlenden Berufserfahrung sowie dem Fehlen von anderen besonders günstigen Vor- ausserzungen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in eine existenz- bedrohende Lage geraten würde. Der Wegweisungsvollzug ist demnach als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren. Der An- trag, die Sache sei zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, ist bei diesem Verfahrensausgang abzuweisen. 10.4 Den Akten lassen sich keinerlei Hinweise entnehmen, wonach der Be- schwerdeführer einen der Tatbestände von Art. 83 Abs. 7 AuG (Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme) erfüllen würde. 11. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung vom 24. August 2016 sind aufzuheben und das SEM ist an- zuweisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzuges in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 12. 12.1 Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens sind keine Verfah- renskosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). 12.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht. Der notwendige Vertretungsauf- wand lässt sich indes aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen verzichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemes- sungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist das SEM anzuweisen, dem Beschwer- deführer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1300.– auszurich- ten. (Dispositiv nächste Seite) D-5800/2016 Seite 29 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die Dispositivziffern 4 und 5 der Ver- fügung vom 24. August 2016 werden aufgehoben und das SEM wird an- gewiesen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzuges in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1300.– auszurichten. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Anne Kneer Versand: