B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1094/2014 U r t e i l v o m 9 . M a i 2 0 1 4 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan, vertreten durch Hansjörg Trüb, Asylbrücke Zug, (…) Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. Januar 2014 / N (…). D-1094/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer, ein Tadschike mit letztem Wohnsitz in Kabul, verliess Afghanistan eigenen Angaben gemäss im Jahr 2009 zusammen mit einem Schlepper, der ihn nach Pakistan gebracht habe. Er sei dabei im Besitz seiner Taskara gewesen, die er unterwegs verloren habe. Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in Pakistan habe er sich in den Iran begeben, wo er vier Monate in Teheran geblieben sei. Danach sei er über die Türkei nach Griechenland gebracht worden , wo er während fünf Mo- naten in Athen gelebt habe. Von dort aus sei er über ihm unbekannte Länder und Österreich am 6. Oktober 2011 in die Schweiz gelangt, wo er am folgenden Tag um Asyl nachsuchte. Er gab an, am (…) geboren zu sein. A.b Das BFM erteilte dem (…) Kinderspital den Auftrag, mit dem B e- schwerdeführer eine Knochenanalyse zur Altersbestimmung durchzufü h- ren. Gemäss dem Radiologiebericht vom 7. Oktober 2011 betrug sein Skelettalter zum Erhebungszeitpunkt mindestens 19 Jahre. A.c Bei der Befragung zur Person ( BzP) im Empfangs- und Verfahrens- zentrum Altstätten vom 20. Oktober 2011 sagte der Beschwerdeführer aus, sein Vater habe für einen Verwandten eine Bürgschaft geleistet. Der Sohn eines Grossonkels sei mit einem Mädchen, um dessen Hand er mehrmals erfolglos a ngehalten habe, durchgebrannt. Die Familie des Mädchens habe den Grossonkel verprügelt und ihn aufgefordert, den Aufenthaltsort des jungen Paares zu nennen. Sie habe bei den Taliban Hilfe gesucht, die den Grossonkel mitgenommen und gefoltert hätten. Dessen Ehefrau habe seinen Vater gebeten, eine Bürgschaft zu leisten. Der Grossonkel sei von den Taliban unter der Bedingung freigelassen worden, binnen fünf Tagen seinen Sohn und das Mädchen zu finden. Da der Grossonkel die beiden nicht habe finden können, habe er sich z u- sammen mit seiner Frau abgesetzt. Danach hätten die Taliban seinen Va- ter festgenommen. Nach der Machtübernahme von Karzai sei sein Vater aus der Haft entlassen worden. Die Brüder des durchgebrannten Mä d- chens hätten davon erfahren und seinen Vate r verschleppt und getötet. Seine Mutter habe bei den Behörden Anzeige erstattet, die den Leichnam gefunden hätten. Auf Nachfrage gab er an, er sei nach dem Tod seines Vaters noch mehrere Jahre lang in Afghanistan geblieben. Die Brüder des Mädchens hätten s eine Schwester entführen wollen. Seine Mutter habe für sie einen Ehemann gefunden; die Polizei habe beim Hochzeitsfest für D-1094/2014 Seite 3 Sicherheit gesorgt. Er sei auf dem Weg zur Arbeit stets von einem Fah r- zeug verfolgt worden. Die Brüder des Mädchens hätten ihn töten wollen. Er habe sich nicht an die heimatlichen Behörden gewandt. Zum Schluss der Befragung gewährte das BFM dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zum Ergebnis der Knochenaltersanalyse. Das BFM eröffnete ihm danach, dass er als volljährig betrachtet werde. A.d Das BFM hörte den Beschwerdeführer am 20. Dezember 2013 zu seinen Asylgründen an. Er machte dabei im Wesentlichen geltend, seine Schwester lebe im Iran und seine Mutter lebe in Pakistan. In Afghanistan habe sein Vater eine (…) betrieben; nach dessen Tod habe er einen ha l- ben Tag dort gearbeitet und einen halben Tag sei er zur Schule gega n- gen. Von seinen in Afghanistan lebenden Tanten habe er erfahren, dass seine Familie nach Pakistan gezogen sei. Das Leben sei für sie in Afgha- nistan schwierig gewesen. Di e Brüder des durchgebrannten Mädchens hätten angefangen, ihm Angst zu machen. Manchmal seien sie mit dem Auto gekommen. Sein Schwager habe ihm geholfen, Afghanistan zu ve r- lassen. Zu den Vorfällen um seinen Vater befragt, räumte er ein, er habe vieles nicht in Erinnerung, da er damals noch sehr jung gewesen sei. Ei- niges habe er später von seiner Mutter erfahren. Als sein Vater entführt worden sei, habe sich seine Mutter an die Polizei gewendet, die den Sachverhalt aufgenommen und sie zum Sicherheitsbüro gebr acht habe, wo sie befragt worden seien. Sie hätten danach nichts mehr von der Pol i- zei gehört. Als sein Vater damals nicht nach Hause gekommen sei, habe er sich zusammen mit einem Nachbarn auf die Suche gemacht; sie hä t- ten den Leichnam seines Vaters gefunden. Der Beschwerdeführer gab zu Beginn der Anhörung eine Telefaxkopie einer Taskara zu den Akten. B. Das BFM stellte mit Verfügung vom 29. Januar 2014 – eröffnet am 31. Januar 2014 – fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingse i- genschaft nicht, und le hnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es se i- ne Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. C. Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 3. März 2014 bea n- tragte der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter die Aufhebung der angefocht enen Verfügung. Es sei die Unzumutbarkeit des Wegwe i- sungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Auf die Erhebung von Verfahrenskosten und eines Kostenvorschusses sei zu D-1094/2014 Seite 4 verzichten. Der Eingabe lagen eine Bestätigung der Fürsorgeabhä ngig- keit des Beschwerdeführers vom 3. März 2014 und vier Fotografien bei. D. Der Instruktionsrichter hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltl i- chen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 6. März 2014 gut. Die Akten überwies er zur Vernehmlassung an das BFM. E. Mit Vernehmlassung vom 10. März 2014 beantragte das BFM die Abwe i- sung der Beschwerde. F. In seiner Stellungnahme vom 26. März 2014, der ein Schreiben von Frau B._______, Lehrerin (…), vom 23. März 2014 beilag, hielt der Beschwe r- deführer an seinen Anträgen fest. G. Der Beschwerdeführer reichte am 6. Mai 2014 eine eidesstattliche Erkl ä- rung seiner in Pakistan lebenden Tante ein. Diese bestätigte am 12. April 2014, dass die Mutter des Beschwerdeführers verstorben sei und seine Brüder bei ihr in Pakistan lebten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bun- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen e i- nes Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerd e- führende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG l iegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. D-1094/2014 Seite 5 1.2 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG ; Art 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Gemäss Absatz 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 14. Dezember 2012 des Asylgesetzes gilt für die im Zeitpunkt des Inkraf t- tretens der Änderung vom 14. Dezember 2012 dieses Gesetzes hängigen Verfahren mit Ausnahme der Absätze 2–4 das neue Recht. 2.2 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 3.1.1 Das BFM begründete seinen Entsc heid damit, dass der Beschwer- deführer nach dem Tod seines Vaters noch viele Jahre unbehelligt in A f- ghanistan gelebt habe. Zwischen den Ereignissen, die seinem Vater z u- gestossen seien, und seiner Ausreise bestehe kein genügend enger Kau- salzusammenhang. Er lege keinen begründeten Anlass dar, der zur A n- nahme führen würde, die Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wah r- scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Die Gründe, aufgrund derer es zum Streit zwischen den Familien gekommen sei, wären durch den Tod seines Vaters hinfällig geworden. Seine Vorbringen stellten keine asylbeachtliche Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG dar. 3.1.2 Sollte die Familie des Mädchens tatsächlich ein Interesse gehabt haben, den Beschwerdeführer zu töten, hätte sie dies längst t un können. Er habe aber keinen konkreten Hinweis für eine Gefährdung liefern kö n- nen. Er habe lediglich gesagt, dessen Brüder seien ihm auf dem Weg zur Arbeit mit einem Wagen gefolgt und hätten ihm in die Augen geschaut. Gegen die Glaubhaftigkeit einer Verf olgung spreche auch die Tatsache, dass er auf Nachfrage nicht habe sagen können, ob seine Familie nach seiner Ausreise noch Probleme gehabt habe. Er habe lediglich gesagt, nicht danach gefragt zu haben. Wäre seine Familie tatsächlich durch Blut-D-1094/2014 Seite 6 rache gefähr det gewesen, hätte er sich bestimmt nach entsprechenden Ereignissen erkundigt. 3.1.3 Schliesslich sei festzuhalten, dass bei seiner Ankunft in der Schweiz Zweifel am angegebenen Alter aufgekommen seien. Er habe angegeben, 1995 geboren und damit minderjährig zu sein. Die Altersbestimmung ha- be ergeben, dass sein Skelettalter mindestens 19 Jahre betragen habe. Zudem habe er widersprüchliche Angaben zum Alter und zum Datum der Ausstellung der Taskara gemacht. Ebenso habe er ungenaue zeitliche Angaben zum Tod seines Vaters, zu seiner Schulzeit, zum Zeitpunkt se i- ner Ausreise und seinem weiteren Reiseweg gemacht. Bei der eing e- reichten Kopie der Taskara handle es sich nicht um ein rechtsgenügliches Dokument. Da er die Minderjährigkeit nicht habe glaubhaft machen kö n- nen, sei er als volljährig eingestuft worden. 3.1.4 Eine Rückkehr von abgewiesenen Asylsuchenden nach Kabul sei gemäss Rechtsprechung nicht generell unzumutbar. Der Beschwerdefüh- rer sei in Kabul aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe Arbeitse r- fahrung als (…) und (…) gesammelt. Ausserdem verfüge er dort über ein breites familiäres Beziehungsnetz. Mehrere Tanten sowie seine Mutter und Geschwister lebten dort, weshalb davon auszugehen sei, dass er über soziale Beziehungen verfüge, die ihm bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft Unterstützung bieten könnten. Seine Angabe bei der Anhörung, seine Mutter und die Geschwister seien mittlerweile nach P a- kistan gezogen, könne als Schutzbehauptung gewertet werden, die im Wissen um die gängige Asylpraxis gemacht worden sei. Er habe nur sehr unsubstanziiert oder gar nicht über die genaue Adresse, die Kontaktdaten und den Arbeitsort der Familienmitglieder Auskunft geben können, obwohl er in ständigem Kontakt mit ihnen stehe. 3.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Mutt er des Beschwe r- deführers sei am 1. Januar 2014 in Pakistan verstorben. Die Vorinstanz habe sein Vorbringen, die Mutter und die Geschwister seien nach Paki s- tan gezogen, als Schutzbehauptung erachtet. Er verfüge indessen in K a- bul nicht über ein tragfähiges B eziehungsnetz. Seine Tanten seien weder verpflichtet noch in der Lage, einen Verwandten so lange zu unterstützen, bis er über ein Einkommen verfüge. Bei einem Vollwaisen könne ohnehin nur in ganz besonderen Einzelfällen von einem tragfähigen Beziehung s- netz gesprochen werden. Vorliegend entspreche dieses niemals den A n- forderungen an die Rechtsprechung. Die im Grundsatzurteil des Bunde s- verwaltungsgerichts geforderte Prüfung der strengen Bedingungen für die D-1094/2014 Seite 7 Annahme der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei vorliegend nicht erfolgt. Seine Familie lebe unangemeldet in C._____, womit sie nicht über eine offizielle Adresse verfüge. In Zeiten von Facebook und Handy seien Postadressen ohnehin kaum noch relevant. Die Unterste l- lung einer Schutzbehauptung sei nicht g erechtfertigt. Da seine Mutter in Pakistan nicht angemeldet gewesen sei, gebe es bezüglich ihres Todes keine amtlichen Papiere. Es würden jedoch Fotografien eingereicht, die seine Mutter mit seinen Brüdern beziehungsweise seine Schwester mit den Brüdern an lässlich der Beerdigung der Mutter zeige. Die Schwester sei deshalb aus dem Iran angereist. 3.3 Das BFM führt in seiner Vernehmlassung aus, Voraussetzung eines tragfähigen Beziehungsnetzes sei nicht zwingend eine (vollumfängliche) Unterstützung im Sinne finan zieller Hilfe und Zur -Verfügung-Stellung von Wohnraum. Es müsse dem Rückkehrer möglich sein, aufgrund eigener Bemühungen mithilfe der sozialen Verknüpfung seines Netzwerks eine Existenz aufbauen zu können. Dies sei vorliegend gewährleistet, da drei Tanten des Beschwerdeführers in Kabul lebten. Weitere Verwandte habe er in den Befragungen erwähnt. Das BFM halte daran fest, dass die ge l- tend gemachte Ausreise der Mutter und der Brüder aus Afghanistan eine Schutzbehauptung sei. Den Ausführungen in der Beschwerd e sei zu en t- gegnen, dass es dem Beschwerdeführer gerade in Zeiten von Handy und Facebook leicht möglich sein sollte, den Aufenthalt seiner Familie in C._______ angemessen zu beweisen. Den Tod seiner Mutter vom 1. Ja- nuar 2014 habe der Beschwerdeführer anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs (act. A24/2) betreffend den Vollzug der Wegwei sung vom 4. Februar 2014 mit keinem Wort erwähnt. Mit den eingereichten Fo- tografien könne dieser Umstand nicht belegt werden. Es mute seltsam an, dass die Brüder des B eschwerdeführers zu unterschiedlichen Zei t- punkten jeweils dieselbe Kleidung getragen hätten, dies jedoch mit ei n- fachsten Mitteln zu vertuschen suchten. 3.4 In der Stellungnahme wird entgegnet, in der Gerichtspraxis würden hinsichtlich der Rückkehrmöglichkeit nach Afghanistan konkrete Möglich- keiten der Sicherung des Existenzminimums und der Wohnsituation ve r- langt. Diese Voraussetzungen müssten in jedem Einzelfall geprüft we r- den. Die Vorinstanz habe in Kabul keine Abklärungen vorgenommen. Konkrete Möglichkeit de r Existenzsicherung bedeute beim Fehlen eines genügenden Vermögens vollumfängliche Unterstützung in der Anfang s- zeit sowie das Zur -Verfügung-Stellen einer Wohnmöglichkeit. Das BFM verzichte auf Ausführungen, wie dies möglich sein solle. Die Rückkehr D-1094/2014 Seite 8 nach Ka bul stelle eine Ausnahme von der generellen Regel der Unz u- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Afghanistan dar. Indem eng umschriebene Voraussetzungen sowie eine sorgfältige Prüfung im Einzel- fall gefordert seien, werde die Beweislast im speziellen Fall auf die en t- scheidende Behörde übertragen. Dadurch, dass die Geschwister und die Mutter ausgereist und letztere im Exil verstorben sei, befinde er sich in einem Beweisnotstand. Dieser werde dadurch verstärkt, dass seine Br ü- der in den Iran weitergereist seie n. Es bestünden Hinweise dafür, dass sie an der iranischen Grenze festgenommen worden seien. In der B e- schwerde werde nicht behauptet, die Fotografien könnten den Tod der Mutter beweisen. Dass die Vorinstanz dem Beschwerdeführer aufgrund der Kleidung der Brüder Manipulationen vorwerfe, sei absurd. Flüchtlinge in prekären Verhältnissen verfügten meist nicht über eine vielfältige Ga r- derobe. Zum rechtlichen Gehör könne man sich nicht äussern, da die A k- te nicht ediert worden sei. 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisun g nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu bewe i- sen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 4.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie i m Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind . Wird eine konkrete G e- fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 4.2.1 Betreffend die allgemeine Lage in Afghanistan ist auf die vom Bu n- desverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung im Grundsatzurteil BVGE 2011/7 zu verweisen, welche nach wie vor als zutreffend zu erach- ten ist. Nach eingehender Lageanalyse stellte das Bundesverwaltungsge- richt darin fest, dass die Sicherheitslage sowie die humanitären Bedi n- gungen in weiten Teilen Afghanistans – ausser allenfalls in den Gros s-D-1094/2014 Seite 9 städten – äusserst schlecht seien. Es kam deshalb zum Schluss, dass die Situation in Afghanistan praktisch flächendeckend als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemei- nen Feststellung sei die Situation in der Hauptstadt Kabul zu untersche i- den. Angesichts dessen, dass sich dort die Sicherheitslage im Verlauf des vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre Situation im Vergleich zu den übrigen Gebieten etwas weniger dramatisch sei, könne der Vollzug der Wegweisung nach Kabul unter bestimmten, im Einzelfall sorgfältig zu prüfenden Umständen als zumutbar qualifiziert werden. Solche Umstände könnten grundsätzlich namentlic h dann geg e- ben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handle. Sodann sei in erster Linie ein soziales Netz unabdingbar, welches sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrers als tragfähig erweise; denn ohne Unterstützung durch Fami- lie oder Bekannte würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in eine existenzielle beziehungsweise lebensbedr o- hende Situation führen. Für einen Rückkehrer aus Europa bestehe nach der Ankunft in Kabul ein erhöhtes Risiko, entführt oder überfallen zu we r- den, da vermutet werde, er trage Devisen auf sich. Verfüge er über keine genügenden finanziellen Mittel, hätte er ohne soziale Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare – das heisst winterfeste und mit minimaler sanitärer Einrichtung ausgestattete – Unterkunft. Auch für die Arbeitss u- che seien persönliche Beziehungen unerlässlich, da eine Einstellung (s o- gar von unqualifizierten Arbeitskräften) regelmässig nur aufgrund persö n- licher Empfehlungen erfolge. Ei ne auch nur einigermassen gesunde E r- nährung wäre ohne die Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich, der Zugang zu sauberem Trinkwasser schwierig; Unte r- stützungsmassnahmen der Regierung oder internationaler Organisati o- nen könnten laut zuverlä ssigen Quellen daran nichts ändern. Ohne eine soziale Vernetzung würde daher auch ein junger und grundsätzlich g e- sunder Mann unweigerlich innert absehbarer Zeit in eine existenzbedr o- hende Situation geraten (vgl. a.a.O. E. 9.3 ff.). Das Bundesverwaltung s- gericht kam in der Folge in zwei weiteren Grundsatzentscheiden zum Schluss, dass unter Voraussetzung der genannten begünstigenden U m- stände ein Vollzug der Wegweisung auch in die Städte Herat (vgl. BVGE 2011/38) und Mazar-e Sharif (vgl. BVGE 2011/49) zumutbar sein könne. 4.2.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich den Akten zufolge um e i- nen heute 21-jährigen alleinstehenden Mann ohne aktenkundige gesund- heitliche Probleme mit letztem Wohnsitz in Kabul. Er wurde in der Haup t- stadt Afghanistans geboren, wuchs dort auf, b esuchte teilweise nur halb-D-1094/2014 Seite 10 tags die Schule und arbeitete in der elterlichen (…) sowie als (…) (vgl. A9/15 S. 1 f.). Er verfügt zwar nicht über eine Berufsausbildung im wes t- europäischen Sinn, jedoch ist es im afghanischen Kontext durchaus ü b- lich, dass Jugend liche auf diese Art und Weise in die Erwerbstätigkeit einsteigen. Die erworbene Arbeitserfahrung ist daher im Hinblick auf eine Wiedereingliederung in den afghanischen Arbeitsmarkt als nützlich zu e r- achten. Der Beschwerdeführer wohnte vor seiner Ausreise a us Afghanis- tan zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in Kabul, seine Schwester lebt mittlerweile im Iran (vgl. A9/15 S. 5, A19/16 S. 3). In Kabul leben vier Tanten des Beschwerdeführers, die Mutter des Beschwerd e- führers sei zusammen mit seinen Brüdern kurz vor seiner Ausreise zu e i- ner dieser Tanten gezogen (vgl. A9/15 S. 6). Unbesehen der Glaubhaftig- keit sein er Aussagen, wonach seine Mutter mit seinen Brüdern nach C._______ gezogen und Anfang Januar 2014 dort verstorben sei, verfügt er in Kabul somit immer noch über ein Beziehungsnetz und eine Woh n- möglichkeit. Aufgrund der Aktenlage ist davon auszugehen, dass die Schwester seiner Mutter, zu der diese zusammen mit den drei Brüdern des Beschwerdeführers gezogen war, ihn in der ersten Zeit nach sei ner Rückkehr bei sich aufnehmen kann und unterstützen wird. Der B e- schwerdeführer kann von seiner Tante aufgenommen werden und dürfte somit über eine gesicherte Wohnmöglichkeit verfügen. Es darf des Weite- ren angenommen werden, dass ihm auch die vier Tanten väterlicherseits im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Seite stehen werden. Da er in Kabul aufgewachsen und zur Schule gegangen ist sowie gearbeitet hat , e r- scheint es überdies als wahrscheinlich, dass er dor t abgesehen von se i- nen Familienangehörigen auch noch über Freunde und Bekannte verfügt, die ihm insbesondere bei der Arbeitssuche behilflich sein könnten. Es steht ihm im Übrigen auch offen, beim BFM einen Antrag auf individuelle Rückkehrhilfe zu stellen ( vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 73 ff. der Asyl verordnung 2 vom 11. August 1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2; SR 142.312]). 4.2.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht als unzumutbar. An dieser Schlussfolgerung vermög en die Ausführungen in der Eingabe vom 6. Mai 2014 nichts zu ändern. 4.3 Hinsichtlich der vom BFM bejahten Zulässigkeit des Wegweisung s- vollzugs werden in der Beschwerde keine Einwände erhoben, weshalb es sich erübrigt, dazu weitere Ausführungen zu machen. D-1094/2014 Seite 11 4.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständ i- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegw eisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 4.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als durchführbar bezeichnet. Eine Anordnung der v orläufigen Auf- nahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 5. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG ). Die Beschwerde i st abzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da das Gesuc h um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 6. März 2014 gutgeheissen wurde und sich an den entsprechenden Voraussetzungen nichts geändert hat, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) D-1094/2014 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Hans Schürch Christoph Basler Versand: