<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 84 S.316</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">316</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>84</b></span> <span class="ft1"><b>Ausschaffungshaft; Mitwirkungspflicht; Verhältnismässigkeit der Haft</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Obwohl der Haftgrund von Art. 13b Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 13a lit. e</b></span><br/> <span class="ft1"><b>ANAG erfüllt ist, ist die Anordnung der Ausschaffungshaft i.c. unverhält-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nismässig, weil keine weiteren Haftgründe vorliegen und das Migrations-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>amt trotz Kenntnis der strafrechtlichen Verurteilung passiv geblieben ist</b></span><br/> <span class="ft1"><b>(Erw. II./6.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft2">7. April 2007 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen J.B. betref-</span><br/> <span class="ft2">fend Haftüberprüfung (1-HA.2007.27).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">II. 6.</span> <span class="ft4">Abschliessend stellt sich die Frage, ob die Haftan-</span><br/> <span class="ft4">ordnung deshalb nicht zu bestätigen sei, weil sie im konkreten Fall</span><br/> <span class="ft4">gegen das Prinzip der Verhältnismässigkeit verstösst. Die Haft ist</span><br/> <span class="ft4">dann als unverhältnismässig zu bezeichnen, wenn der Vollzug der</span><br/> <span class="ft4">Ausschaffung auch durch eine weniger einschneidende Massnahme</span><br/> <span class="ft4">als die Inhaftierung des Betroffenen oder gar ohne Inhaftierung</span><br/> <span class="ft4">sichergestellt werden kann. Mit anderen Worten, wenn der Vollzug</span><br/> <span class="ft4">der Wegweisung bzw. die Vorbereitung des Vollzugs (z.B. Beschaf-</span><br/> <span class="ft4">fung eines Ersatzreisepapiers) nicht erforderlich erscheint. Zudem</span><br/> <span class="ft4">muss der angestrebte Zweck in einem vernünftigen Verhältnis zur</span><br/> <span class="ft4">drohenden Freiheitsbeschränkung stehen (Hugi Yar, in: Uebersax /</span><br/> <span class="ft4">Münch / Geiser / Arnold, Ausländerrecht, Basel 2002, Rz. 7.84).</span><br/> <span class="ft4">Hiezu ist vorab festzuhalten, dass das Migrationsamt spätestens</span><br/> <span class="ft4">seit Ende März 2006 Kenntnis von der Inhaftierung des Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft4">ners wegen Drogenhandels hatte. Dem Migrationsamt war auch be-</span><br/> <span class="ft4">kannt oder hätte zumindest bekannt sein müssen, dass der Gesuchs-</span><br/> <span class="ft4">gegner am 5. Juli 2006 durch das Bezirksgericht Rheinfelden zu ei-</span><br/> <span class="ft4">ner bedingten Freiheitsstrafe von zehn Monaten verurteilt und aus</span><br/> <span class="ft4">der Haft entlassen worden war. Obschon der Haftgrund von</span><br/> <span class="ft4">Art. 13b Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 13a lit. e ANAG bereits zu jenem</span><br/> <span class="ft4">Zeitpunkt erfüllt war, verzichtete das Migrationsamt auf eine Inhaf-</span><br/> <span class="ft4">tierung. Ebenfalls verzichtet wurde auf eine Inhaftierung nach Vorlie-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">317</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">gen des rechtskräftigen Urteils des Obergerichts das Kantons Aargau</span><br/> <span class="ft4">vom 30. November 2006, welches dem Migrationsamt am 9. Februar</span><br/> <span class="ft4">2007 zugestellt worden war. Den Akten ist zudem nicht zu entneh-</span><br/> <span class="ft4">men, dass der Gesuchsgegner seit seiner Verhaftung Mitte Dezember</span><br/> <span class="ft4">2005 strafrechtlich in Erscheinung getreten wäre. Insbesondere ent-</span><br/> <span class="ft4">halten die Akten keine Hinweise auf erneute Kontakte zum Drogen-</span><br/> <span class="ft4">milieu. Damit wäre es unverhältnismässig, den Gesuchsgegner zum</span><br/> <span class="ft4">heutigen Zeitpunkt wegen seines bis Mitte Dezember 2005 in seiner</span><br/> <span class="ft4">ihm zugewiesenen Wohngemeinde betriebenen Drogenhandels in</span><br/> <span class="ft4">Ausschaffungshaft zu nehmen. Dies umso mehr, als das Migrations-</span><br/> <span class="ft4">amt es bislang nicht für angezeigt hielt, den Gesuchsgegner in eine</span><br/> <span class="ft4">andere Unterkunft zu verlegen oder ihn auf ein bestimmtes, abseits</span><br/> <span class="ft4">seiner Wohngemeinde liegendes Gebiet einzugrenzen. Offensichtlich</span><br/> <span class="ft4">ging das Migrationsamt bis zur Anordnung der Ausschaffungshaft</span><br/> <span class="ft4">davon aus, der Gesuchsgegner habe aus der über 200 Tage dauernden</span><br/> <span class="ft4">Untersuchungshaft seine Lehren gezogen und stelle keine Gefahr für</span><br/> <span class="ft4">die Öffentlichkeit mehr dar.</span><br/> <span class="ft4">Nachdem der Gesuchsgegner sich einerseits bereit erklärt hatte,</span><br/> <span class="ft4">freiwillig in sein Heimatland auszureisen und ihm aufgrund der vor-</span><br/> <span class="ft4">liegenden Beweise auch nicht vorgeworfen werden kann, er komme</span><br/> <span class="ft4">seiner Mitwirkungspflicht bei der Papierbeschaffung nicht nach, be-</span><br/> <span class="ft4">dürfen der Vollzug der Ausschaffung und die dazu notwendigen Vor-</span><br/> <span class="ft4">bereitungshandlungen (insbesondere die Vorsprache beim nigeriani-</span><br/> <span class="ft4">schen Konsulat oder die Befragung durch eine nigerianische Delega-</span><br/> <span class="ft4">tion) zum heutigen Zeitpunkt nicht zwingend einer Inhaftierung des</span><br/> <span class="ft4">Gesuchsgegners.</span><br/> <span class="ft4">Das Migrationsamt führte anlässlich der heutigen Verhandlung</span><br/> <span class="ft4">zudem aus, es sei ungewiss, ob die im Juni 2007 geplante Anhörung</span><br/> <span class="ft4">durch eine nigerianische Delegation effektiv stattfinden werde. Al-</span><br/> <span class="ft4">lenfalls käme die Delegation erst im September 2007 in die Schweiz.</span><br/> <span class="ft4">Damit erscheint zumindest fraglich, ob der mit der Haft angestrebte</span><br/> <span class="ft4">Zweck - Sicherstellung der Verfügbarkeit des Gesuchsgegners für die</span><br/> <span class="ft4">Anhörung durch eine nigerianische Delegation; Beschaffung eines</span><br/> <span class="ft4">Ersatzreisepapiers; Ausschaffung - im Hinblick auf den mehrmonati-</span><br/> <span class="ft4">gen Freiheitsentzug noch verhältnismässig ist. Die Frage stellt sich</span><br/> <span class="ft4">umso mehr, als dem Gesuchsgegner, wie vorstehend gezeigt, nicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">318</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">vorgeworfen werden kann, er sei Vorladungen oder Anhörungen fern</span><br/> <span class="ft4">geblieben und er sich zudem bereit erklärt hatte, die Schweiz zu ver-</span><br/> <span class="ft4">lassen. Überdies wurde dem Gesuchsgegner durch das nigerianische</span><br/> <span class="ft4">Konsulat auf Juni 2007 ein weiterer Vorsprachetermin eingeräumt</span><br/> <span class="ft4">und es ist nicht ersichtlich, weshalb er diesen Termin nicht wahr-</span><br/> <span class="ft4">nehmen sollte.</span><br/> <span class="ft4">Unter diesen Umständen steht fest, dass die Inhaftierung zum</span><br/> <span class="ft4">heutigen Zeitpunkt als unverhältnismässig zu qualifizieren ist. Dies</span><br/> <span class="ft4">bedeutet jedoch nicht, dass sich der Gesuchsgegner nun passiv ver-</span><br/> <span class="ft4">halten könnte. Es steht dem Migrationsamt jederzeit frei, die Mitwir-</span><br/> <span class="ft4">kungsbereitschaft des Gesuchsgegners bei der Papierbeschaffung neu</span><br/> <span class="ft4">zu beurteilen. Der Gesuchsgegner wird gut daran tun, sich aktiv um</span><br/> <span class="ft4">die Beschaffung von Reisepapieren zu bemühen und zumindest allen</span><br/> <span class="ft4">diesbezüglichen behördlichen Anordnungen nachzukommen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>