B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3370/2011 U r t e i l v o m 2 1 . J u n i 2 0 1 2 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richter Thomas Wespi, Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______ , geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch Laura Rossi, Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 26. Mai 2011 / N (…). D-3370/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Vater der Beschwerdeführerin – ebenfalls ein Staatsangehöriger aus Sri Lanka – reichte am 30. August 1996 bei der Schweizerischen Bot- schaft in B._______ ein Asylgesuch ein. Die Einreise in die Schweiz wurde am 26. Juni 1998 durch die Vorinstanz nicht bewilligt. A.b Am 29. September 2004 gelangte der Vater der Beschwerdeführerin in die Schweiz und stellte ein Asylgesuch. Dieses wurde vom BFM mit Verfügung vom 11. Oktober 2004 abgewiesen. Gleichzeitig ord nete die Vorinstanz die Wegweisung samt Vollzug an. Die gegen d en Entscheid am 10. November 2004 erhobene Beschwerde hiess das Bundesver - waltungsgericht mit Urteil vom 21. November 2008 gut. Die Be - schwerdeinstanz befand, die vo m Vater der Beschwerdeführerin geltend gemachten Vorbringen seien glaubhaft. Er habe begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 des Asylge setzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31). A.c Für die Asylgründe des Vaters der Beschwerdeführerin und die Er- wägungen der Asylbehörden im Einzelnen ist auf die Akten zu verweisen (vgl. N […] und Verfahren D-3253/2006). B. B.a Am 26. Januar 2009 liess der Vater der Beschwerdeführerin beim BFM ein Gesuch um Familienzusammenführung hinsichtlich der B e- schwerdeführerin, ihrer beiden Brüder und ihrer Mutter stellen. B.b Mit Verfügung vom 3. Februar 2009 bewilligte das BFM der Mutter und den beiden Brüdern der Beschwerdeführerin die Einreise in die Schweiz zwecks Familienvereinigung. Die Beschwerdeführerin wurde in besagter Verfügung nicht erwähnt. C. C.a Am 2. März 2009 stellte die Rechtsvertretung der Beschwerdeführe - rin beim BFM ein Gesuch um Einreisebewilligung für ihre Mandantin. Die- se beabsichtige, in der Schweiz ein Asylgesuch zu stellen. Falls ihrem Er- suchen nicht entsprochen werde, sei das vorliegende Gesuch mitsamt Beilagen an die Botschaft in B._______ weiterzuleiten. C.b Zur Begründung machte die Beschwerdeführerin geltend, ihr Vater sei in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und es sei ihm Asyl gewährt D-3370/2011 Seite 3 worden. Im Sinne einer Reflexverfolgung sei auch sie in Sri Lanka g e- fährdet. Sie werde durch Be waffnete unter Druck gesetzt und verfolgt. Man habe ihr mit Entführung gedroht, falls sich der Vater nicht stelle . Auch nach einem Wohnortswechsel sei sie telefonisch bedroht worden. Wegen der perspek tivlosen Situation habe sie einen Suizidversuch b e- gangen. Sie könne nicht allein in Sri Lanka leben. Ohne Ehemann und ohne eigene Familie sowie als Tochter eines verfolgten Vaters müsse sie als äusserst verletzliche Person angesehen werden. C.c Der Eingabe lagen ein Schreiben des Vaters der Beschwerdeführerin vom 2. März 2009 und ein IKRK-Schreiben vom 12. Februar 2009 bei. C.d Am 31. März 2009 überwies das BFM die Eingabe vom 2. März 2009 unter Hinweis auf Art. 20 AsylG an die Botschaft in B._______ . D. D.a Mit Schreiben vom 9. April 2009 forderte die Botschaft die Beschwer- deführerin auf, ihre Asylbegründung zu ergänzen und Dokumente ein - zureichen. D.b In der Folge gab die Beschwerdeführerin am 30. April 2009 (Eingang Botschaft am 6. Mai 2009) eine präzisierende Eingabe zu den Akten. Dar- in machte sie wie derum geltend, wegen ihres Vaters unter Druck gesetzt worden zu sein. Sie habe die Vorfälle dem IKRK gemeldet. Da sie nicht in der Lage gewesen sei, Angaben zur Identität der Täter zu machen, habe man ihr nicht helfen können. Der Eingabe lagen Beweismittel (Reisepass/ ID-Karte / Geburtsurkunde / Flugbestätigung / Schulunterlagen / Schrei- ben einer kirchlichen Behörde / ärztliches Schreiben / Unterlagen im Z u- sammenhang mit der Anstellung der Mutter) in Kopie bei. D.c Anlässlich der Befragung durch die Botschaft vom 7. Juli 2009 in B._______ bekräftigte die Beschwerdeführerin ihre bisheri gen Vorbrin- gen. Sie sei tamilischer Ethnie und stamme aus C._______ . Sie sei poli- tisch nicht aktiv gewesen. Seit der Ausreise ihres Vaters seien sie und die Angehörigen immer wieder durch Unbekannte bedroht wor den. Im Okto- ber 2005 seien sie und ihre Mutter durch Unbekannte auf Motor rädern angehalten und eingeschüchtert worden. Ausserdem hätten diese einmal versucht, si e aus eine m Tuktuk zu zerren. Sie habe deshalb vorü - bergehend in (…) gelebt. Bei der Rückkehr seien sie und die Mut ter im August 2007 am Bahnhof wegen ihres Vaters respektive Gatten erneut D-3370/2011 Seite 4 massiv bedroht worden. Im Februar 2008 hätten die Unbekannten wege n des Vaters zuhause vorgesprochen. Am 2. Juni 2009 seien wei tere Dro- hungen bei einer Bekannten der Mutter ergangen. Da sie in Sri Lanka keine Lebenssicherheit habe, sei sie auf den Schutz der Schweiz an - gewiesen. D.d Am 8. Juli 2009 übermittelte die Botscha ft dem BFM mit einem B e- gleitschreiben die Asylakten der Beschwerdeführerin. E. Am 26. August 2009 gelang ten die beiden Brüder der Beschwerdeführ e- rin in die Schweiz. Gemäss den Akten stellten sie am 4. November 2009 Asylgesuche. Mit Verfü gung vom 24. Nov ember 2009 stellte das BFM fest, die Brüder erfüll ten die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht. Gleichzeitig anerkannte es sie als Flüchtlinge im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG und gewährte ihnen Asyl . Der Entscheid erwuchs unang e- fochten in Rechtskraft. F. Mit Schreiben vom 7. Dezember 2009 erkundigte sich die Rechtsvertrete- rin der Beschwerdeführerin nach dem Verfahrensstand. G. Am 28. Januar 2010 bewilligte das BFM der Beschwerdeführerin die Ein - reise in die Schweiz zur Durchführung des Asylverfahrens. H. H.a Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat zusammen mit ihrer Mutter am (…) Februar 201 0 auf dem Luftweg und gelangte am 24. Februar 2010 in die Schweiz. Anlässlich der Summarbefragung vom 31. März 2010 erneuerte sie ihr Asylersuchen. Die Anhörung fand am 25. Mai 2010 statt. H.b Im Rahmen der Befragungen legte sie im Wesentlichen die bisheri - gen Vorkommnisse in Sri Lanka aus aktueller Sicht dar. Wegen der a n- dauernden und sich intensivierenden Drohanrufe habe sie Depressio nen bekommen. Aufgrund der angedrohten Entführung habe sie die Schule nicht mehr besuchen können. Sie sei auf der Strasse angehalten und konkret bedroht worden. In Anbetracht der Situation sei sie mit ihrer Mu t- ter Ende 2007 nach Indien gereist, aber nach einem Monat wieder zu - rückgekehrt. In Anschluss an die Befragung durch die Botschaft in B._______ habe sie bis zur Ausreise in C._______ bei einer Kollegin ih-D-3370/2011 Seite 5 rer Mutter gelebt. Seit sie sich in der Schweiz bei ihren Eltern aufhalte, gehe es ihr gesundheitlich besser. I. Mit Verfügung vom 11. Juni 2010 stellte das BFM fest, die Mutter der Be- schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht. Gleichzeitig anerkannte es sie als Flüchtling im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG und gewährte ihr Asyl. Der Entscheid erwuchs unangefoc h- ten in Rechtskraft. J. Am 26. April 2011 erkundigte sich die Rechtsvertreterin der Beschwerd e- führerin beim BFM nach dem V erfahrensstand. Der Eingabe la gen zwei Dokumente im Hinblick auf die beantragte Förderung der berufli chen In- tegration ihrer Mandantin bei. K. K.a Mit Verfügung vom 26. Mai 2011 – eröffnet am 30. Mai 2011 – stellte das BFM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegwei sung aus der Schweiz. Die Vorinstanz legte dar, die von der Beschwerdeführe- rin vorgebrachte Verfolgung sei unglaubhaft. Sie habe zu wesentlichen Punkten widersprüchliche Angaben gemacht. Namentlich betreffend d ie zeitliche Einordnung angeblich fluchtauslösender Ereignisse bestünden erhebliche Diskrepanzen. So habe sie den Beginn der Verfolgungshan d- lungen nicht übereinstimmend dargelegt (2005 respektive 2006). Auch die Aussagen zum Übergriff im Tuktuk (März 2008 beziehungsweise vor April 2007) sowie zum Vorfall bei der Bekannten ihrer Mut ter (März/April 2009 beziehungsweise 2. Juni 2009) differierten. Weitere Ungereimtheiten in den Schilderungen – so auch im Vergleich zu den Darlegungen ihrer Mut- ter – bestätigten die Zweifel an der geltend gemachten Verfolgung. Es sei nicht glaubhaft, dass sie in der vorgebrachten Weise bedroht worden sei. K.b Wegen der vom BFM gleichzeitig festgestellten Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs wurde die Beschwerdeführerin in der Schweiz vo r- läufig aufgenommen. L. Mit Eingabe vom 15. Juni 2011 beantragte die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhebung der Dispositivziffern 1 bis 3 der D-3370/2011 Seite 6 vorinstanzlichen Verfügung (Verneinung der Flüchtlingseigenschaft / Ver- weigerung des Asyls / Wegweisung aus der Schweiz), die Anerken nung als Flüchtling, die Asylgewährung, eventuali ter den Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft ihres Vaters ver bunden mit der G ewährung von Familienasyl sowie für den Fall des Un terliegens die Gewährung der un- entgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 und 2 des Ver - waltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021]) samt Entbindung von der Vorschusspflicht. Zur Begründung machte sie geltend, die ihr angelaste ten Widersprüche seien leicht e r- klärbar. Betreffend Datum der ersten Verfol gungshandlung (2005 bezie- hungsweise 2006) habe sie anlässlich der Anhörung ausgesagt, die O - Levels besucht zu haben, als die Bedrohungen begonnen hätten; es sei im Jahr 2006 gewesen. Dabei habe sie sich in der Jahreszahl getäuscht. Gemäss dem jetzt eingereich ten Zeugnis sei diese Schulphase im Jahr 2005 gewesen. Es lägen also ins gesamt übereinstimmend e Aussagen vor. Die angeblichen Ungereimtheiten bei der Datumsangabe zum Tu k- tuk-Vorfall bestünden in sofern nicht, als es sich um zwei verschiedene Vorfälle handle. Im Weiteren habe ihre Mutter eingeräumt, (im Gegensatz zu ihrer Tochter) den Vor fall bei der Bekannten im Jahre 2 009 nicht ko r- rekt geschildert zu haben. Generell sei sodann zu beachten, dass die Be- schwerdeführerin seit der Flucht ihres Vaters eine sehr schwierige Zeit er- lebt habe. Es sei auf grund von Erinnerungslücken kaum möglich für sie gewesen, die immer wie derkehrenden und traumatisierenden Erlebnisse detailgetreu anzugeben. Wegen ihres Vaters sei sie ein Opfer von Reflex- verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG geworden. Dem angefochtenen Entscheid könne sodann nicht entnommen werden, ob auch die abgelei- tete Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG geprüft worden sei. Es bestehe ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihr und ihren Eltern. Im Weiteren sei die lange Dauer des Asylverfahrens des Va - ters nicht ihr anzulasten. Wäre der Vater umgehe nd als Flüchtling aner - kannt worden, wäre sie im damaligen Zeitpunkt noch minderjährig wie i h- re als Flüchtlinge anerkannten Brüder gewesen. Der Eingabe lagen – teil- weise bereits eingereichte – Beweismittel bei (Schreiben des Vaters vom 2. März 2009 / IKRK-Schreiben vom 12. Februar 2009 / Arztbericht vom 19. Februar 2009 / Schulzeugnis / Bestätigung der Bedürftigkeit / Kos- tennote). M. Mit Zwischenverfügung vom 17. Juni 2011 stellte das Bundesver wal- tungsgericht fest, die Beschwerdeführerin könne den Ausgang des Ve r- fahrens in der Schweiz abwarten, verzichtete auf die Erhebung eines D-3370/2011 Seite 7 Kostenvorschusses und hiess das Ge such im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut. Dasjenige gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wurde abgewiesen. N. Mit Vernehmlassung vom 1. Juli 2011 beantragte das BFM die Abweisung der Beschwerde. Ein Einbezug der Beschwerdeführerin in die Flüch t- lingseigenschaft ihrer Eltern gestützt auf Ar t. 51 Abs. 2 AsylG kom me nicht in Betracht. Die Beschwerdeführerin sei ju ng, gesund und gut au s- gebildet; sie habe ihre Schulbildung teilweise in Internaten, fern von ih rer Familie, erhalten. Ausserdem sei es ihr möglich gewesen, 2007/2008 aus Sri Lanka nach Indien und zurückzureisen. Es sei mithin nicht von einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis hinsichtlich der Eltern auszugehen. O. Mit Replik vom 18. Juli 2011 hielt die Beschwerdeführerin an ihren bish e- rigen Vorbringen fest. Entgegen der vorinstanzlichen Sichtweise be stehe ein existenzielles Abhängigkeitsverhältnis; sie könne sich nicht selber ge- gen Übergriffe durch Verfolger ihres Vaters schützen. Aus dem Um stand, wonach ihre Mutter mit der Ausreise aus Sri Lanka zugewartet habe, bis auch ihr – ihrer Tochter – vom BFM eine Einreisebewilligung er teilt wor- den sei, werde deutlich, dass sie nicht einen Tag ohne den Schutz und die Begleitung ihrer Mutter in Sri Lanka leben könne. Die Pilgerreise nach Indien rechtfertige offensichtlich keine andere Einschätzung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwa ltungs- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Ausliefe- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdefüh rende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. D-3370/2011 Seite 8 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Be - schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be - schwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund - sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausge setzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen oder den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren. Darüber hinaus muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vo r- bringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt (Art. 7 Abs. 3 AsylG), wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch dar - stellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt oder unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige D-3370/2011 Seite 9 Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel a n den Vorbringen des Beschwerd e- führers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaf t- machung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbri n- gen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As pekte wesentli- che und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhalt s- darstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer G esamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhalts darstellung spre- chen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. die von der vormaligen Be schwerdeinstanz begründete Rechtsprechung in Entsc heidungen und Mit teilungen der Schweizer i- schen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f. , mit weiteren Hinweisen, welche vom Bundesverwaltungsgericht weitergeführt wird). 4. 4.1 Es mag zutreffen, dass die Beschwerdeführerin wegen Verbindungen oder Aktivitäten ihres in die Schweiz geflohenen Vaters zusammen mit ihrer Mutter und ihren Brüdern in einem gewissen Ausmass in den Fokus an sich gewaltbereiter Personen in Sri Lanka geriet. Dass dies bei ihr zu psychischen Beeinträchtigungen führte, is t nachvollziehbar , und es er - scheint nicht als ausgeschlossen, dass sie auch deshalb gewisse Schwierigkeiten bei der zeitlichen Einordnung von Ereignissen bekun - dete. Diese vom BFM festgehaltenen Unstimmigkeiten sind somit an sich nicht überzubewerten und basieren zum Teil auf Aussagen anlässlich der Befragung durch die Botschaft, wo praxisgemäss keine Hilfswerk - vertretung dabei war. Insgesamt weisen diese Diskrepanzen aber tenden- ziell doch darauf hin, dass die Beschwerdeführerin das Geschilderte z u- mindest im geltend gemachten Ausmass nicht erlebt hat, zumal die Erklä- rungsversuche in der Beschwerde mangels Stichhaltigkeit kaum über - zeugen. Auffallend ist ferner die weitgehende Substanzlosigkeit der Schil- derungen angeblich konkreter Vorfälle. So war die Beschwerdeführerin beispielsweise nicht in der Lage, das bedrohliche Ereignis bei einer Be- kannten ihrer Mutter vom Frühjahr 2009 lebensecht zu schildern , und er- weckte so nicht den Eindruck von etwas tatsächlich Vorgefallenem (vgl. Akten BFM B 7/10 Antw orten 43 ff.). Ungereimt äusserte sie sich ferner zum Empfang der telefonischen Drohungen. So legte sie bei der Su m- marbefragung dar, diese nicht entgegengenommen zu haben (vgl. B 1/10 D-3370/2011 Seite 10 S. 7). Demgegenüber hätte sie gemäss den – allerdings auch in sich nicht übereinstimmenden – Schilderungen bei der Anhörung solche Anrufe o f- fenbar doch persönlich entgegengenommen. Überdies wirken ihre Ang a- ben zu den telefonischen Drohungen unbesehen der Frage, ob sie solche gar nie oder nur selten persönlich entgegengenomme n haben soll, wie- derum in kei ner Weise substanziiert ( vgl. B 7/10 Antworten 14 ff.). Vor diesem Hintergrund erstaunt nicht, dass sie kaum Aussag en über die al l- fällige Herkunft der Bedrohenden machen konnte (vgl. z.B. Botschaftspro- tokoll, Ziff. 10.1.). Au sserdem wäre es ihr bei einer tatsächlich ernsthaft drohenden Verfolgung kaum gelungen, über Jahre physisch weitestg e- hend unbehelligt zu bleiben (vgl. a.a.O. Ziff. 10.3; B 7/10 Antwort 33). E i- ne allfällige staatliche und asylrelevante Verfolgung wirkt im Übrigen auch insofern nicht glaubhaft, als ihr (…) ein Reisepass ausgestellt wurde und sie das Land in der Folge legal – wenn auch durch Unterstützung der Schweizer Behörden – verlassen konnte. Schliesslich ist darauf hinz u- weisen, dass im Verfahren der Mu tter und der Brüder der Beschwerd e- führerin vom BFM festgehalten wurde, die angebliche (Reflex-)Verfolgung wegen des Ehemannes respektive Vaters sei nicht glaubhaft. Diese En t- scheide sind unangefochten in Rechtskraft er wachsen. Die geltend g e- machte Reflex verfolgung ist entgegen den erneut nicht überzeugenden Beschwerdevorbringen somit auch in diesem Lichte besehen nicht glau b- haft. 4.2 Insgesamt ist daraus zu schliessen, dass d ie Beschwerdeführerin im Zeitpunkt des Verlassens ihres Heimatlandes im Februar 2010 keinen ge- zielten und intensiven Behelligungen ausgesetzt gewesen ist. An dieser Einschätzung vermögen die eingereichten Beweismittel – soweit sie sich überhaupt auf die geltend gemachte Verfolgung beziehen – nichts zu än- dern. So beleuchten etwa das Schreiben des Vaters der Beschwerdefüh- rerin vom 2. März 2009 und ein IKRK -Schreiben vom 12. Februar 2009 die damalige Situation aus der Sicht der jeweiligen Verfasser und sind in Anbetracht der festgestellten Ungereimtheiten in den Vorbringen der Be - schwerdeführerin nicht geeignet, die geltend gemachte und asylrelevante Verfolgung ihrer Person hinlänglich zu belegen. Offenbar erkannte auch das von ihr bereits vor der Ausreise kontaktierte IKRK keinen dringen den Handlungsbedarf (vgl. Botschaftsprotokoll, Ziff. 11; B 7/10 Antwort 61). Im Weiteren sind ihre gesundheitlichen Probleme unbestritten. D-3370/2011 Seite 11 5. 5.1 Ferner ist an dieser Stelle auf die sich seit der Ausreise der B e- schwerdeführerin weiter stabilisierende Lage in Sri Lanka einzugehen (vgl. BVGE 2011/24). Am 19. Mai 2009 verkündete die Regierung Sri Lankas offiziell den Sieg der Regierungstruppen über die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), und Präsident Rajapakse erklärte den seit 26 Jahren dauernden Krieg für beendet. Das Führungskader der LTTE ist komplet t ausgelöscht worden. Die höchstrangigen LTTE -Kader waren entweder gefangen ge nommen oder getötet worden (so auch der LTTE -Chef Velupillai Prabha karan), oder sie konnten das Land verlassen. Trotz dieser Veränderungen gibt es Personenkreise, die seit Beendigung des militäri schen Konfliktes immer noch einer erhöhten Verfolgungsgefahr ausge setzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, die auch nach Be endigung des Bürgerkriegs verdächtigt werden, mit den LTTE in Verbin dung zu stehen oder gesta n- den zu haben, ebenso Anhänger des Ex-Generals Sarath Fonseka, Jour- nalisten und andere in der Medienbran che tätige Perso nen, international und lokal tätige Vertreter von NGO, die sich für die Men schenrechte ein- setzen oder Verstösse kriti sieren, Opfer un d Zeugen von Mensche n- rechtsverletzungen sowie Personen, die solche Übergriffe bei den Behör- den anzeigen, abgewie sene Asylbewerber mit Verdacht zu Kontakten zu LTTE-Kadern oder Personen, die über be trächtliche finanzielle Mittel ver- fügen (siehe die au sführliche Darstellung der Personengruppen im vorer- wähnten Urteil BVGE 2011/24 E. 8). 5.2 In Anbetracht der Asylvorbringen ihres Vaters (vgl. dazu den Sachver- halt in BVGE D -3253/2006), (…) wäre nicht ausgeschlossen gewesen, dass auch die Beschwerdeführerin im Sinne einer Reflexverfolgung mas- siven Druck erlebt hätte. Einen solchen vermochte sie nach dem Gesa g- ten indes nicht glaubhaft zu ma chen. Dass sich das Interesse der srila n- kischen Behörden an ihrer Per son seit ihrer Ausreise akzentuiert hätte, erscheint in Anbetracht der gene rellen Entwicklung vor Ort und ihrer Vo r- bringen nicht glaubhaft. So verfügt sie offensichtlich über kein eigenes po- litisches Profil und war nie in Haft oder ein Gerichtsverfahren involviert. Auch eine Gefährdung nach der R ückkehr wegen Kontak ten zu LTTE - Kadern im Ausland liegt insofern nicht auf der Hand, als der Aufenthalt in der Schweiz im Lichte der übrigen Verfahrensumstände noch kein eigent- liches persönliches Risikoprofil ausmacht. Schliesslich ist nach der Ze r- schlagung der LTTE auch eine diesbezügliche Verfolgung nicht beachtlich wahrscheinlich. D-3370/2011 Seite 12 6. Zusammenfassend ist somit nicht davon auszugehen, dass die Be - schwerdeführerin von den srilankischen Sicher heitskräften gesucht w ird oder in naher Zu kunft eine sonsti ge Verfolgung zu befürchten hätte. Es muss nicht ange nommen werden, dass ih r bei einer Rückkehr nach Sri Lanka ernst hafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes drohen würden. Damit erübrigt es sich, auf die diesbezüglichen Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe einzugehen, weil diese am Ergebnis des vorliegen - den Verfahrens nichts zu ändern vermögen. 7. 7.1 Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder werden als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, sofern keine besonderen Umstände dagegen sprechen (Art. 51 Abs. 1 AsylG). Andere nahe Ang e- hörige von in der Schweiz lebenden Flüchtlingen können in das Famili en- asyl eingeschlossen werden, wenn besondere Gründe für die Fami - lienvereinigung sprechen (Ar. 51 Abs. 2 AsylG). 7.2 Das BFM hat in der a ngefochtenen Verfügung keine Erwägungen zu diesen Gesetzesbestimmungen gemacht. Dies ist jedoch nicht als Verlet- zung des rechtlichen Gehörs zu werten, wie den nachfolgenden Erw ä- gungen zu entnehmen ist. 7.3 Die Beschwerdeführerin bringt in diesem Zusammenhang zwar auf Beschwerdeebene vor, die lange Dauer des Asylverfahrens des Vaters sei nicht ihr anzulasten. Hätte ihn das BFM umgehend als Flüchtling a n- erkannt, wäre sie im damaligen Zeitpunkt noch minderjährig wie ihre als Flüchtlinge anerkannten Brüder ge wesen. Die Beschwerdeführerin ve r- kennt in diesem Zusammenhang aber die bereits in EMARK 1996 Nr. 18 festgehaltene Praxis, wonach für den Einbezug minderjähriger Kinder ihr Alter im Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz massgeblich ist. Im damal i- gen Zeitpunkt w ar sie bereits volljäh rig, und sie kann sich folglich nicht auf Art. 51 Abs. 1 AsylG berufen. Auch eine Fallkonstellation im Sinne von Art. 51 Abs. 2 AsylG ist offensichtlich zu verneinen. Zwar ist eine Bezi e- hungsnähe zwischen Mutter und Tochter nicht in Abrede zu stellen. Diese überschreitet jedoch nicht die normale Nähe zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Ein Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der Rech t- sprechung zu Art. 51 Abs. 2 AsylG kann daraus jedenfalls nicht abgeleitet werden, zumal die junge Beschwerdeführerin ohne weiteres zu einem e i- genständigen Leben fähig ist (vgl. EMARK 2001 Nr. 24) . Das BFM war angesichts der klar fehlenden Voraussetzungen für einen Einbezug in die D-3370/2011 Seite 13 Flüchtlingseigenschaft des Vaters nicht gehalten, dazu detaillierte Ausfüh- rungen zu machen. 8. Nach dem Gesagten hat das BFM das Asylgesuch der Beschwerdeführe- rin zu Recht abgelehnt und ihre Flüchtlingseigenschaft verneint. 9. 9.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 9.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol - chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733, m.H.a. EMARK 2001 Nr. 21). 9.3 Die Beschwerdeführerin wurde vom BFM in der angefochtenen Verfü- gung wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen, weshalb sich weitere Erörterungen erübrigen. 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be - schwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 11. Bei die sem Ausgang des Beschwerdeverfahrens wären dessen Kosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Bu n- desverwaltungsgericht hat jedoch das Gesuch um Gewährung der un - entgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 17. Juni 2011 gutgeheissen, und es besteht aufgrund der Akten kein Anlass, auf diesen Entscheid zurückzukommen. (Dispositiv nächste Seite) D-3370/2011 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustän - dige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand: