S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 2022 VI/I BVGE / ATAF / DTAF VI 1 2022 VI/I Auszug aus dem Urteil der Abteilung V i.S. A., B., C. und D. gegen Staatssekretariat für Migration E–3638/2022 vom 5. Dezember 2022 Gewährung des vorübergehenden Schutz es. Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei mehrfacher Staatsangehörigkeit . Lücken- füllung mittels teleologischer Reduktion. Art. 4, Art. 66 Abs. 1 AsylG. Art. 1 A Ziff. 2 FK. Ziff. I Bst. a Allge- meinverfügung zur Gewährung des vorübergehenden Schutzes i m Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine. 1. Die Allgemeinverfügung betreffend Schutzsuchende aus der Ukraine enthält keine Regelung für Personen, die nebst der ukrai- nischen auch die Staatsangehörigkeit weiterer (verfolgungssiche - rer) Heimatstaaten besitzen (E. 6.1). 2. Das flüchtlingsrechtliche Subsidiaritätsprinzip sieht vor, dass Asylsuchende mit mehreren Staatsangehörigkeiten nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewiesen sind, sofern sie in einem ihrer Heimatstaaten wirksamen Schutz finden können. Dasselbe hat be- treffend den vorübergehenden Schutz im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine zu gelten, da Schutzsuchende, welche so- wohl die ukrainische als auch die Staatsangehörigkeit eines weite- ren (sicheren) Heimatstaates besitzen, nicht bessergestellt werden dürfen als Asylsuchende mit mehreren Staatsangehörigkeiten (E. 6.3). 3. Ziff. I Bst. a der Allgemeinverfügung ist per teleologischer Reduk- tion so auszulegen, dass Sinn und Zweck des vorübergehenden Schutzes verwirklicht werden . Eine Person ukrainischer Staats - bürgerschaft, welche vor dem 24. Februar 2022 in der Ukraine wohnhaft war, ist grundsätzlich nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen, wenn für sie eine valable Schutzalternative ausser - halb der Ukraine bejaht werden kann (E. 6.2 f.). Octroi de la protection provisoire. Principe de subsidiarité en droit d'asile en cas de citoyennetés multiples. Lacune complétée par réduc - tion téléologique. 2022 VI/I S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 2 VI BVGE / ATAF / DTAF Art. 4, art. 66 al. 1 LAsi. Art. 1 A ch. 2 Convention relative au statut des réfugiés. Ch. I let. a Décision de portée générale concernant l 'oc- troi de la protection provisoire en lien avec la situation en Ukraine. 1. La décision de portée générale concernant les citoyens ukrainiens en quête de protection ne règle pas le cas des perso nnes qui pos - sèdent, en sus, la nationalité d 'autres Etats (considérés comme pays sûrs; consid. 6.1). 2. Le principe de subsidiarité en droit d 'asile prévoit que les requé - rants d'asile possédant plusieurs nationalités ne nécessitent pas la protection d 'un Et at tiers s 'ils peuvent trouver une protection efficace dans l'un de leurs pays d'origine. Il doit en aller de même pour la protection provisoire liée à la situation en Ukraine, car les citoyens ukrainiens en quête de protection qui sont également ori- ginaires d'autres pays (considérés comme sûrs) ne peuvent être avantagés par rapport aux requérants d'asile possédant plusieurs nationalités (consid. 6.3). 3. Le ch. I let. a de la décision de portée générale concernant l'octroi de la protection provisoire en lien avec la situation en Ukraine doit être interprété par réduction téléologique de sorte à respecter le sens et le but de la protection provisoire. Toute personne citoyenne de l'Ukraine qui était domiciliée dans ce pays avant le 24 février 2022 ne dépend en principe pas de la protection de la Suisse s'il est admis qu 'elle peut bénéficier d 'une protection valable dans un autre Etat (consid. 6.2 s.). Concessione della protezione provvisoria. Principio della sussidiarietà in materia d 'asilo nei casi di cittadinanza plurima. Lacuna colmata mediante riduzione teleologica. Art. 4, art. 66 cpv. 1 LAsi. Art. 1 A n. 2 Convenzione sullo statuto dei rifugiati. N. I lett. a della decisione di portata generale concernente la concessione della protezione provvisoria in relazione alla situazione in Ucraina. 1. La decisione di portata generale concernente cittadini ucraini in cerca di protezione non disciplina il caso delle persone che, oltre alla cittadinanza ucraina, possiedono anche la nazionalità di altri Stati d'origine (sicuri; consid. 6.1). S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 2022 VI/I BVGE / ATAF / DTAF VI 3 2. In virtù del principio della sussidiarietà vigente in materia d'asilo, i richiedenti l'asilo che possiedono più nazionalità non necessitano della protezione di uno Stato terzo se possono trovare una prote - zione efficace in uno dei loro Stati d'origine. Lo stesso deve valere anche per la protezione provvisoria accordata nel cont esto della situazione in Ucraina, poiché i cittadini ucraini in cerca di prote- zione che possiedono anche la cittadinanza di un altro Stato d'ori- gine (sicuro) non devono essere avvantaggiati rispetto ai richieden- ti l'asilo che possiedono più nazionalità (consid. 6.3). 3. Il n. I lett. a della decisione generale deve essere interpretato me - diante riduzione teleologica in modo da rispettare il senso e lo scopo della protezione provvisoria. In linea di principio, un citta - dino ucraino che era domiciliato in Ucraina prima del 24 febbraio 2022 non necessita protezione della Svizzera se può essere am - messa una valida alternativa di protezione all'infuori dell'Ucraina (consid. 6.2 seg.). Die Beschwerdeführenden A. und B. und ihre beiden Kinder stellten im April 2022 im Bundesasylzentrum E. ein Gesuch um Gewährung des vo- rübergehenden Schutzes. Im Rahmen ihrer Kurzbefragungen führten sie diverse persönliche Gründe an: Sie seien im Jahr 2012 nach Kanada ausgewandert und hätten dort bis zu ihrer Rückkehr in die Ukraine im Jahr 2020 gelebt. Ungefähr im Jahr 2018 hätten sie die kanadische Staatsbürgerschaft erlangt . Die beiden Kinder seien in Kanada geboren, besässen aber vermutlich auch die ukrainische Staatsbürgerschaft. Heute wäre es ihnen kaum möglich, nach Kanada zurückzukehren, da dort faktisch ein Impfzwang herrsche und sich die Be- schwerdeführerin B. nicht gegen Covid -19 impfen lassen wolle. Ausser- dem lebten alle Verwandten und viele gute Freunde in der Ukraine. Über - dies wolle sie ihren Kindern nicht zumuten, in einem Land zu leben, wo Marihuana legal sei. Der Beschwerdeführer A. habe zudem Aussicht auf eine Festanstellung bei der F. Mit Verfügung vom 26. Juli 2022 lehnte das Staatssekretariat für Migrati- on (SEM) die Gesuche um Gewährung vorübergehenden Schutzes ab, ver- fügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den V ollzug der Weg- weisung an. 2022 VI/I S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 4 VI BVGE / ATAF / DTAF Mit Eingabe vom 4. August 2022 erhoben die Beschwerdeführenden Be- schwerde gegen diese Verfügung. Sie beantragten sinngemäss, der Ent - scheid der V orinstanz sei aufzuheben und ihnen sei vorübergehender Schutz zu gewähren. Das Bundesverwaltungsgericht weist die Beschwerde ab. Aus den Erwägungen: 4. 4.1 Gestützt auf Art. 4 AsylG (SR 142.31) kann die Schweiz Schutz- bedürftigen für die Dauer einer schweren allgemeinen Gefährdung, insbe- sondere während eines Kriegs oder Bürgerkriegs sowie in Situationen allgemeiner Gewalt, vorübergehenden Schutz gewähren. Der Bundesrat entscheidet, ob und nach welchen Kriterien Gruppen von Schutzbedürfti - gen vorübergehender Schutz gewährt wird (Art. 66 Abs. 1 AsylG). 4.2 Am 11. März 2022 hat der Bundesrat gestützt auf Art. 66 Abs. 1 AsylG eine Allgemeinverfügung zur Gewährung des vorübergehenden Schutzes im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine erlassen (BBl 2022 586). Gemäss Ziff er I dieses Erlasses g ilt der Schutzstatus für folgende Personenkategorien: a. schutzsuchende ukrainische Staatsbürgerinnen und -bürger und ihre Familienangehörige (Partnerinnen und Partner, minder - jährige Kinder und andere enge Verwandte, welche zum Zeitpunkt der Flucht ganz o der teilweise unterstützt wurden), welche vor dem 24. Februar 2022 in der Ukraine wohnhaft waren; b. schutzsuchende Personen anderer Nationalität und Staaten - lose sowie ihre Familienangehörige gemäss Definition in Buch - stabe a, welche vor dem 24. Februar 2022 einen internationalen oder nationalen Schutzstatus in der Ukraine hatten; c. Schutzsuchende anderer Nationalität und Staatenlose sowie ihre Familienangehörige gemäss Definition in Buchstabe a, welche mit einer gültigen Kurzaufenthalts - oder Aufenthaltsbewilligung be- legen können, dass sie über eine gültige Aufenthaltsberechtigung in der Ukraine verfügen und nicht in Sicherheit und dauerhaft in ihre Heimatländer zurückkehren können. 5. 5.1 Das SEM führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen aus, die Beschwerdeführenden gehörten nicht zu der vom S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 2022 VI/I BVGE / ATAF / DTAF VI 5 Bundesrat definierten Gruppe schutzberechtigter Personen, da sie nebst der ukrainischen Staatsangehörigkeit auch über eine kanadische Staatsbür- gerschaft verfügten und somit die Möglichkeit hätten, sich in Kanada niederzulassen. Die strikte Ablehnung der Covid-19-Impfung und das Feh- len von Verwandten und Freunden in Kanada vermöchten die Annahme einer sicheren Rückkehr nach Kanada nicht umzustossen. Bei den natio - nalen Massnahmen gegen die Verbreitu ng der Covid-19-Pandemie sowie den daraus folgenden Einschränkungen des Privatlebens handle es sich um rechtsstaatlich legitime Regelungen der Regierung, welche die gesamte kanadische Bevölkerung gleichermassen beträfen. Diese seien überdies in- zwischen so weit gelockert worden, dass man sich auch ohne Impfung am sozialen Leben in Kanada beteiligen könne. Auch die Reisebestimmungen seien angepasst worden und Flüge könnten unter Einhaltung der geltenden Bestimmungen auch ohne Impfung angetreten werden. Das E ngagement des Beschwerdeführers für die F. vermöge ebenfalls kein Aufenthaltsrecht in der Schweiz zu begründen, zeuge aber von Tüchtigkeit. Es sei daher davon auszugehen, dass er in Kanada bald eine Anstellung finde. Betref - fend die Kritik am legalen Statu s von Marihuana in Kanada sei anzumer - ken, dass trotz der Legalisierung Einschränkungen und Regeln vorherrsch- ten, die Minderjährige vor einem Substanzmissbrauch schützten. 5.2 In der Beschwerdeschrift machen die Beschwerdeführenden namentlich geltend, sie würden nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um sich in Kanada ein Leben aufbauen zu können. Als Kanadier würden sie auch nicht von der Unterstützung profitieren, die den übrigen Schutz - suchenden aus der Ukraine zukäme. Sie hätten Kanada im Jahr 2020 ver - lassen, da der Beschwerdeführer keinen Zugang zu medizinischer Versor- gung seines verletzten (…) gehabt habe. Ausserdem habe er hier in der Schweiz Aussicht auf eine Festanstellung und die Kinder würden hier zur Schule gehen, weshalb ein erneuter Umzug nicht zumutbar sei. Sie würden im Übrigen die V oraussetzungen erfüllen, welche an schutzberechtigte Personen gestellt würden. 6. 6.1 Der Bundesrat hält – wie dargelegt – in der Allgemeinverfügung vom 11. März 2022 fest, dass schutzsuchende ukrainische Staatsbürgerin- nen und -bürger und ihre Familienangehörige n, welche vor dem 24. Fe- bruar 2022 in der Ukraine wohnhaft waren, Anspruch auf Gewährung des vorübergehenden Schutzes haben (Ziff. I Bst. a). Ob dieser Kategorie nur die Personen ukrainischer Staatsangehörigkeit zuzuordnen sind, die keine 2022 VI/I S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 6 VI BVGE / ATAF / DTAF weitere Staatsangehörigkeit besitzen, lässt sich dem Wortlaut der Bestim- mung nicht entnehmen. Gemäss Praxis des SEM erhalten Staatsangehöri - ge aus EU - und EFTA-Staaten s owie Staatsangehörige des Vereinigten Königreichs, von Kanada, Neuseeland, Australien und den USA sowie de- ren Familienangehörige grundsätzlich keinen vorübergehenden Schutz in der Schweiz (vgl. betreffend binationale Paare die Medienmitteilung des SEM vom 2. Juni 2022 < www.sem.admin.ch/sem/de/home/sem/medien/ mm.msg-id-89100.html >, abgerufen am 5.12.2022). Das SEM geht davon aus, dass diese Personen in den genannten Staaten wirksamen Schutz er - halten und deshalb nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen sind. Es ist im Folgenden zu prüfen, ob diese Auslegung vor Bundesrecht standhält. 6.2 Für die Normen des Verwaltungsrechts gelten die üblichen Me - thoden der Gesetzesauslegung ( HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemei- nes Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, Rz. 177). Nach der bundesgerichtli - chen Rechtsprechung ist ein Gesetz in erster Linie nach Wortlaut, Sinn und Zweck und den ihm zu grunde liegenden Wertungen auf der Basis einer teleologischen Verständnismethode auszulegen. Die Auslegung des Geset- zes ist zwa r nicht entscheidend historisch zu orientieren, im Grundsatz aber dennoch auf die Regelungsabsicht des Gesetzgebers und die damit erkennbar getroffenen Wertentscheidungen auszurichten, die es mit hilfe der herkömmlichen Auslegungselemente zu ermitteln gilt. Dabei geht das Bundesgericht pragmatisch vor und lehnt es namentlich ab, die einzelnen Auslegungselemente einer hierarchischen Prioritätsordnung zu unterstel - len (BGE 140 II 509 E. 2.6 m.H.). Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts besteht eine Lücke i m Ge- setz, wenn sich eine Regelung als unvollständig erweist, weil sie jede Ant- wort auf die sich stellende Rechtsfrage schuldig bleibt oder eine Antwort gibt, die aber als sachlich unhaltbar angesehen werden muss. Hat der Ge - setzgeber eine Rechtsfrage nicht übersehen, sondern stillschweigend – im negativen Sinn – mitentschieden (qualifiziertes Schweigen), bleibt kein Raum für richterliche Lückenfüllung. Eine echte Gesetzeslücke liegt nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts dann vor, wenn der Gesetzgeber etwas zu regeln unterlassen hat, was er hätte regeln sollen, und dem Gesetz diesbezüglich weder nach seinem Wortlaut noch nach dem durch Ausle - gung zu ermittelnden Inhalt eine V orschrift entnommen werden kann. V on einer unechten oder rechtspolitischen Lüc ke ist demgegenüber die Rede, wenn dem Gesetz zwar eine Antwort, aber keine befriedigende, zu entneh- men ist (vgl. zum Ganzen BGE 138 II 1 E. 4.2 m.H.). Aufgrund des S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 2022 VI/I BVGE / ATAF / DTAF VI 7 Rechtsverweigerungsverbots sind die rechtsanwendenden Organe dazu verpflichtet, echte Lücken zu füllen (HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 206 f.). Unechte zu korrigieren, ist ihnen nach traditioneller Auffas - sung grundsätzlich verwehrt, es sei denn, die Berufung auf den als mass - geblich erachteten Wortsinn der Norm stelle einen Rechtsmissbrau ch dar (vgl. BGE 141 V 481 E. 3.1 m.H.). V on der Berichtigung unechter Lücken zu unterscheiden ist der zulässige V organg richterlicher Rechtsfindung, bei welchem ein vordergründig kla- rer, aber zu weit gefasster Wortlaut einer Norm auf den Anwendungsbe - reich reduziert wird, welcher der ratio legis entspricht. Dies wird als teleo- logische Reduktion bezeichnet (vgl. BGE 141 V 191 E. 3 m.H.; 140 I 305 E. 6.2 m.H.; Urteil des BVGer F–512/2019 vom 9. September 2020 E. 7.1 m.H.; grundlegend BGE 121 III 219 E. 1d/aa). 6.3 Weder das Asylgesetz noch die Gesetzesmaterialien äussern sich ausdrücklich zur Rechtslage von Doppelbürgern oder binationalen Fami- lien und Paaren bei der Gewährung vorübergehenden Schutzes. Zu beach- ten ist allerdings, dass dem Asylgesetz der Grunds atz der Subsidiarität asylrechtlichen Schutzes zugrunde liegt. Dieser trägt unter anderem dem Umstand Rechnung, dass Asylsuchende, die mehrere Staatsangehörigkei - ten besitzen, nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewiesen sind, sofern sie in einem der Staaten, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen, Schutz vor Verfolgung finden können (vgl. Art. 1 A Ziff. 2 Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]; BVGE 2010/41 E. 6.5.1 m.H. auf EMARK 2000/15 E. 12a; so auch schon WALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, 1990, S. 34 f. m.H.). Nichts anderes kann für die Gewährung vorüberge - henden Schutzes gemäss Art. 4 AsylG gelten. Würden Doppelbürgerinnen und -bürger, welche sowohl die ukrainische als auch die Staatsangehörig - keit eines weiteren (verfolgungssicheren) Heimatstaates besitzen, in der Schweiz vorübergehenden Schutz erhalten, w ären sie besser gestellt als Asylsuchende, welche die gleichen Staatsbürgerschaften besitzen und in der Schweiz um Schutz vor Verfolgung suchen: Letzteren würde der Schutz verweigert mit der Begründung, dass sie gegen die Verfolgung durch den einen ihrer H eimatstaaten den Schutz durch den anderen ihrer Heimatstaaten beanspruchen können (vgl. Art. 1 A Ziff. 2 Abs. 2 FK). Eine solche Besserstellung von Schutzsuchenden im Sinne von Art. 4 AsylG wäre stossend und nicht im Sinne des Gesetzgebers. Der Wortlaut von Ziffer I Bst. a der Allgemeinverfügung ist folglich per teleologischer 2022 VI/I S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 8 VI BVGE / ATAF / DTAF Reduktion so auszulegen, dass sie dem Sinn und Zweck des vorübergehenden Schutzes und auch dem im Asyl - und Flüchtlingsrecht geltenden Subsidiaritätsprinzip entspricht. Daraus folgt i m Verfahren um vorübergehenden Schutz, dass eine Person ukrainischer Staat sbürger- schaft, welche vor dem 24. Februar 2022 in der Ukraine wohnhaft war, grundsätzlich nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen und entspre - chend auch nicht als schutzbedürfti g im Sinne von Art. 4 AsylG zu be - zeichnen ist, wenn für sie eine valable Schutzalternative ausserhalb der Ukraine bejaht werden kann. 6.4 V orliegend ist unbestritten, dass die Beschwerdeführenden neben der ukrainischen auch die kanadische Staatsbürgerschaft besitzen. Den an- lässlich der Befragungen vom 23. Juni 2022 protokollierten Ausführungen ist zu entnehmen, dass einer dauerhaften Rückkehr in den (zweiten) Hei - matstaat Kanada unter dem Aspekt der Sicherheit nichts entgegensteht. Die Beschwerdeschrift verma g diese Auffassung nicht in frage zu stellen. Die Schwierigkeiten, welche sich aus der Weigerung ergeben, sich gegen das Covid-19-Virus zu impfen, sind vorliegend nicht relevant, zumal – wie das SEM richtig festhält – die Regelungen in Kanada die gesamte Be völ- kerung in gleicher Weise betreffen und sie zudem gelockert wurden. Die Impfpflicht sowie sämtliche Coronamassnahmen wurden per Ende Sep- tember 2022 selbst für Einreisende aufgehoben (vgl. Das Coronavirus und die eTA Kanada, < visumantrag.de/kanada/corona >, abgerufen am 5.12.2022). Auch die Möglichkeit, in Kanada legal Marihuana kaufen und konsumieren zu können, vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern. 6.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführen- den die V oraussetzungen für die Gewährung des vorübergehenden Schut- zes nicht erfüllen und das SEM das Gesuch zu Recht abgelehnt hat.