<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 52 S.213</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">213</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IX. Fürsorgerische Freiheitsentziehung</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>52 Zwangsbehandlung; Folter?; Rechtsschutzinteresse an der Prüfung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>bereits vollzogener Zwangsmassnahmen.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- auf ein Beschwerdebegehren, es sei die Rechtswidrigkeit einer bereits</b></span><br/> <span class="ft3"><b>vollzogenen Zwangsmassnahme festzustellen, wird namentlich in</b></span><br/> <span class="ft3"><b>jenen Fällen eingetreten, bei denen die betroffene Person mit weiteren</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Zwangsmassnahmen zu rechnen hat (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Zwangsbehandlungen, welche Heilzwecken dienen und nach den Re-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>geln der Medizin vorgenommen werden, stellen keine Folter oder</b></span><br/> <span class="ft3"><b>unmenschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK dar (Erw. 3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 13. Februar 2001 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen A.R. gegen Verfügung des Bezirksarzts R. und Entscheide der Klinik</span><br/> <span class="ft4">Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. Die Beschwerdeführerin macht geltend, die an ihr vorge-</span><br/> <span class="ft6">nommenen Zwangsmassnahmen stellten Folter dar und verstiessen</span><br/> <span class="ft6">gegen Art. 3 (sowie 5 und evtl. 8) EMRK. Zwangsmedikation mit</span><br/> <span class="ft6">Neuroleptika sei ausnahmslos unzulässig, was formell festzustellen</span><br/> <span class="ft6">sei.</span><br/> <span class="ft6">2. a) Gemäss § 38 Abs. 1 VRPG kann jedermann Verfügungen</span><br/> <span class="ft6">und Entscheide durch Beschwerde anfechten, der ein schutzwürdiges</span><br/> <span class="ft6">eigenes Interesse besitzt. Schutzwürdig ist ein eigenes Interesse ins-</span><br/> <span class="ft6">besondere dann, wenn der Ausgang des Verfahrens dem Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführer einen naheliegenden, praktischen Nutzen bringt; dazu ge-</span><br/> <span class="ft6">hört im Allgemeinen, dass das Rechtsschutzinteresse aktuell ist und</span><br/> <span class="ft6">auch im Zeitpunkt der Urteilsfällung noch besteht. Ausnahmsweise</span><br/> <span class="ft6">tritt das Verwaltungsgericht (in Anlehnung an die bundesgerichtliche</span><br/> <span class="ft6">Rechtsprechung) auf Beschwerden trotz fehlendem aktuellem Inte-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">214</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">resse ein, wenn ein besonders bedeutsames Rechtsschutzbedürfnis</span><br/> <span class="ft6">dies rechtfertigt (vgl. AGVE 1990, S. 329 f.; 1986, S. 323 f., je mit</span><br/> <span class="ft6">Hinweisen; Michael Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkon-</span><br/> <span class="ft6">trollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über die Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft6">rechtspflege vom 9. Juli 1968, Diss. Zürich 1998, § 38 N 140 ff. mit</span><br/> <span class="ft6">Hinweisen; Isabelle Häner, Die Beteiligten im Verwaltungsverfahren</span><br/> <span class="ft6">und Verwaltungsprozess, Zürich 2000, Rz. 682, mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">b) Da gegenüber der Beschwerdeführerin Zwangsmassnahmen</span><br/> <span class="ft6">angeordnet und vollzogen wurden, ist die Voraussetzung des eigenen</span><br/> <span class="ft6">Interesses vorliegend zweifellos erfüllt. Dagegen fehlt es an einem</span><br/> <span class="ft6">aktuellen Rechtsschutzinteresse, da die Zwangsmassnahmen im heu-</span><br/> <span class="ft6">tigen Zeitpunkt bereits vollzogen sind. Das Verwaltungsgericht lässt</span><br/> <span class="ft6">in diesem Bereich Ausnahmen aber relativ grosszügig zu, namentlich</span><br/> <span class="ft6">wenn die betroffene Person mit weiteren Zwangsmassnahmen zu</span><br/> <span class="ft6">rechnen hat. Im vorliegenden Fall macht die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft6">geltend, die Zwangsmedikation sei allgemein wie auch im Speziellen</span><br/> <span class="ft6">ihr gegenüber unzulässig. Es rechtfertigt sich, auf die Beschwerde</span><br/> <span class="ft6">auch in diesem Punkt einzutreten, um diese Vorbringen beurteilen zu</span><br/> <span class="ft6">können.</span><br/> <span class="ft6">3. a) aa) Gemäss Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder</span><br/> <span class="ft6">unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unter-</span><br/> <span class="ft6">worfen werden (vgl. dazu Mark E. Villiger, Handbuch der Europä-</span><br/> <span class="ft6">ischen Menschenrechtskonvention (EMRK), 2.</span> <span class="ft6">Auflage, Zürich</span><br/> <span class="ft6">1999, Rz. 275). Erst wenn die Verletzung der persönlichen Freiheit</span><br/> <span class="ft6">eine genügende Schwere erreicht, liegt ein Verstoss gegen Art. 3</span><br/> <span class="ft6">EMRK vor (Frowein/Peukert, Europäische Menschenrechtskonven-</span><br/> <span class="ft6">tion, EMRK-Kommentar, 2.</span> <span class="ft6">Auflage, Kehl/Strasbourg/Arlington</span><br/> <span class="ft6">1996, Art. 3 N 5 und 7). Grundsätzlich gehen die Garantien des</span><br/> <span class="ft6">Art. 3 EMRK nicht weiter als die entsprechenden Schutzbereiche der</span><br/> <span class="ft6">persönlichen Freiheit in der schweizerischen Rechtsordnung, welche</span><br/> <span class="ft6">in Art. 10 und Art. 25 Abs. 3 BV festgelegt worden sind (Villiger,</span><br/> <span class="ft6">a.a.O., Rz. 271).</span><br/> <span class="ft6">Ob im vorliegenden Fall ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK vor-</span><br/> <span class="ft6">liegt, hängt davon ab, ob die an der Beschwerdeführerin vorgenom-</span><br/> <span class="ft6">menen Zwangsmassnahmen überhaupt eine unrechtmässige Verlet-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">215</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">zung der persönlichen Freiheit darstellen und ob diese Verletzung</span><br/> <span class="ft6">derart gravierend ist, dass die Schwelle zu Art. 3 EMRK erreicht ist.</span><br/> <span class="ft6">bb) Die Beschwerdeführerin beruft sich auf Art. 5 EMRK, wel-</span><br/> <span class="ft6">cher den Schutz vor willkürlicher Freiheitsentziehung zum Ziel hat</span><br/> <span class="ft6">(Villiger, a.a.O., Rz. 313). Auch diese Bestimmung geht nicht über</span><br/> <span class="ft6">die Gewährleistung des Rechts der persönlichen Freiheit in Art. 10</span><br/> <span class="ft6">BV und - hinsichtlich des Schutzes der Menschenwürde - auch in</span><br/> <span class="ft6">Art. 7 BV hinaus. Umfasst sind insbesondere das Recht auf körperli-</span><br/> <span class="ft6">che und geistige Unversehrtheit, auf Bewegungsfreiheit und Wah-</span><br/> <span class="ft6">rung der Würde des Menschen sowie auf alle Freiheiten, die ele-</span><br/> <span class="ft6">mentare Erscheinungen der Persönlichkeitsentfaltung darstellen. Das</span><br/> <span class="ft6">Recht auf persönliche Freiheit gilt indessen, wie die übrigen Frei-</span><br/> <span class="ft6">heitsrechte, nicht absolut. Einschränkungen sind zulässig, wenn sie</span><br/> <span class="ft6">auf einer gesetzlichen Grundlage beruhen, im öffentlichen Interesse</span><br/> <span class="ft6">liegen und verhältnismässig sind; zudem dürfen sie den Kerngehalt</span><br/> <span class="ft6">des Grundrechts nicht beeinträchtigen, das heisst, dieses darf weder</span><br/> <span class="ft6">völlig unterdrückt noch seines Gehalts als Institution der Rechtsord-</span><br/> <span class="ft6">nung entleert werden. Der Schutzbereich der persönlichen Freiheit</span><br/> <span class="ft6">samt ihren Ausprägungen sowie die Grenzen der Zulässigkeit von</span><br/> <span class="ft6">Eingriffen sind jeweils im Einzelfall - angesichts der Art und Inten-</span><br/> <span class="ft6">sität der Beeinträchtigung sowie im Hinblick auf eine allfällige be-</span><br/> <span class="ft6">sondere Schutzbedürftigkeit des Betroffenen - zu konkretisieren</span><br/> <span class="ft6">(BGE 126 I 114 f.).</span><br/> <span class="ft6">cc) Die Beschwerdeführerin beruft sich ferner auf Art. 8</span><br/> <span class="ft6">EMRK, wonach jedermann Anspruch auf Achtung seines Privatle-</span><br/> <span class="ft6">bens hat. Diese Garantie geht im hier zu beurteilenden Bereich nicht</span><br/> <span class="ft6">über diejenigen in den bereits erwähnten Bestimmungen hinaus.</span><br/> <span class="ft6">b) aa) Die an der Beschwerdeführerin durchgeführten medizini-</span><br/> <span class="ft6">schen Zwangsmassnahmen, insbesondere die Verabreichung von</span><br/> <span class="ft6">Neuroleptika, stellen aufgrund der damit verbundenen starken Ver-</span><br/> <span class="ft6">änderung des geistigen und körperlichen Zustands schwere Eingriffe</span><br/> <span class="ft6">in deren persönliche Freiheit dar. Aufgrund ihrer tiefgreifenden</span><br/> <span class="ft6">Auswirkungen berühren sie den Kerngehalt dieses Grundrechts</span><br/> <span class="ft6">(BGE 126 I 115 mit Hinweisen). Eine Verletzung der EMRK-Be-</span><br/> <span class="ft6">stimmungen liegt nach der Rechtsprechung des Europäischen Ge-</span><br/> <span class="ft6">richtshofs und des Bundesgerichts indessen nicht vor, wenn die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">216</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Zwangsbehandlung zu Heilzwecken vorgenommen wurde, also unter</span><br/> <span class="ft6">medizinischen Gesichtspunkten als notwendig oder angebracht er-</span><br/> <span class="ft6">scheint und nach ärztlichen Regeln durchgeführt wird (Bundesge-</span><br/> <span class="ft6">richt in: Schweizerisches Zentralblatt für Staats- und Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft6">recht [ZBl] 94/1993, S. 508 mit Hinweisen); sind diese Vorausset-</span><br/> <span class="ft6">zungen erfüllt, so ändert auch die zur Behandlung erforderliche Ge-</span><br/> <span class="ft6">waltanwendung (Festhalten zum Zweck der Injektion) nichts an der</span><br/> <span class="ft6">Beurteilung (ZBl 94, S. 509). Anders wäre es dagegen, wenn es sich</span><br/> <span class="ft6">um eine medikamentöse Zwangsbehandlung experimenteller Natur</span><br/> <span class="ft6">und mit erniedrigendem Charakter handelte (ZBl 94, S. 508) und der</span><br/> <span class="ft6">Heilzweck nur vorgeschoben wäre.</span><br/> <span class="ft6">Die Beschwerdeführerin bzw. ihr Vertreter vertritt demgegen-</span><br/> <span class="ft6">über die Meinung, ob eine Zwangsbehandlung als Folter anzusehen</span><br/> <span class="ft6">sei, beurteile sich einzig nach dem Empfinden der Betroffenen. In</span><br/> <span class="ft6">Übereinstimmung mit der angeführten Rechtsprechung vermag das</span><br/> <span class="ft6">Verwaltungsgericht einer solchen, rein subjektiven, Definition nicht</span><br/> <span class="ft6">zu folgen. In letzter Konsequenz würde sie dazu führen, dass jeder</span><br/> <span class="ft6">staatliche Eingriff (und sei es nur beispielsweise das Verbot, in be-</span><br/> <span class="ft6">stimmten Räumen zu rauchen) absolut unzulässig wäre, sofern nur</span><br/> <span class="ft6">die Betroffenen glaubhaft machten, sie empfänden den Eingriff als</span><br/> <span class="ft6">"Folter". Dass die Ausführungen über die Herkunft der heutigen</span><br/> <span class="ft6">Psychiatrie und die - nicht zu bestreitende - Möglichkeit des Miss-</span><br/> <span class="ft6">brauchs nicht geeignet sind, die Zwangsbehandlung generell als un-</span><br/> <span class="ft6">zulässig erscheinen zu lassen, bedarf keiner weiteren Begründung.</span><br/> <span class="ft6">Dies gilt erst recht für die angeblichen, politischen Hintergründe</span><br/> <span class="ft6">(Psychiatrie, Behandlung mit Psychopharmaka und fürsorgerische</span><br/> <span class="ft6">Freiheitsentziehungen als Mittel des Staates, die unterdrückten Mas-</span><br/> <span class="ft6">sen im Zaum zu halten).</span><br/> <span class="ft6">bb) Es besteht kein Zweifel, dass die in der Klinik erfolgten</span><br/> <span class="ft6">Zwangsbehandlungen Heilzwecken dienten, nach den Regeln der</span><br/> <span class="ft6">Medizin vorgenommen wurden und daher keine Folter oder un-</span><br/> <span class="ft6">menschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK darstellen.</span><br/></div> </div> </body> </html>