B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5123/2016 U r t e i l v o m 1 6 . M ä r z 2 0 1 7 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter Daniel Willisegger, Gerichtsschreiberin Natasa Stankovic. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw Gian Ege, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft (ohne Wegwei- sungsvollzug); Verfügung des SEM vom 10. August 2016 / N (…). E-5123/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess eigenen Angaben zufolge sein Heimatland im April 2015 und reiste am 15. September 2015 über Äthiopien, den Su- dan, Libyen und Italien in die Schweiz ein, wo er gleichentags im Emp- fangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) (…) ein Asylgesuch einreichte. Am 18. September 2015 wurde er im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) summarisch befragt und am 13. Januar 2016 – im Beisein einer Vertrau- ensperson – vertieft zu seinen Asylgründen angehört. Dabei gab er im We- sentlichen Folgendes zu Protokoll: Er sei eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer Ethnie und in B._______, Subzoba C._______, D._______, geboren und aufgewachsen. Er habe die Schule bis zur vierten Klasse besucht und danach – insbesondere auf- grund des herrschenden Lehrermangels beziehungsweise -wechsels – die Schule abgebrochen. Anschliessend habe er sich etwa drei Jahre lang um Rinder und Ziegen gekümmert. Aufgrund seiner mangelnden Ausbildungs- perspektiven sowie aus Angst, bei einer Razzia verhaftet u nd in den Mili- tärdienst eingezogen zu werden sowie eine Waffe tragen zu müssen, habe er sich entschieden, Eritrea zu verlassen . Im April 2015 habe er sich schliesslich zusammen mit weiteren Personen in Richtung Äthiopien bege- ben. Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte er einer Kopie der Identitäts- karte seiner Mutter ein. B. Mit Verfügung vom 10. August 2016 verneinte das SEM die Flüchtlingsei- genschaft des Beschwerdeführers (Dispositiv -Ziffer 1), wies sein Asylge- such ab (Ziffer 2) und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz an (Zif- fer 3); den Vollzug der Wegweisung schob es indes infolge Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf (Ziffern 4 - 7). Zur Begründung führte es aus, beim Beschwerdeführer handle es sich um einen unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, weshalb ihm eine Ver- trauensperson zugeordnet worden sei (diese habe ihn auch zur Anhörung begleitet). Aus seinen Angaben in der Anhörung ergebe sich, dass er in der Lage gewesen sei, seine Anliegen sachgerecht und umfass end vorzutra- gen. Weder die anwe sende Vertrauensperson noch die Hilfswerksvertre- tung hätten Zweifel an seiner Urteilsfähigkeit geäussert. Aufgrund seines E-5123/2016 Seite 3 Aussageverhaltens gehe das SEM deshalb von seiner Urteilsfähigkeit im Asylverfahren aus. Ferner habe er hinsichtlich seiner Furcht vor einer möglichen Razzia und der Rekrutierung für den Militärdienst angegeben, er sei vor Erreichen der Volljährigkeit und dem Erhalt eines Einberufungsbefehls ausgereist. Weiter habe er erklärt, dass er vor seiner Ausreise keine persönlichen Probleme mit dem Militär, der Polizei oder anderen eritreischen Behörden gehabt habe. Es würden somit keine Hinweise darauf bestehen, dass er im Falle einer Rückkehr nach Eritrea seitens der eritreischen Behörden konkret et- was zu befürchten h ätte. Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinn von Art. 3 AsylG wegen Re fraktion oder Desertion sei gemäss geltender Rechtsprechung nur dann anzunehmen, wenn die betroffene Person in konkretem Kontakt mit den Militärbehörden gestanden sei. Es reiche nicht aus, dass eine asylsuchende Person im dienstfähigen Alter sei und fürchte, irgendwann ausgehoben zu werden (BVGE 2015/3 E. 5. 7.1 m.w.H.). Die Furcht davor, irgendwann in den Militärdienst einbezogen zu werden, stelle demzufolge keine asylbeachtliche Verfolgung dar. Weiter habe der Beschwerdeführer angegeben, sich aufgrund seines Schulabbruchs und der mangelnden Ausbildungsperspektive zur Flucht entschieden zu haben. Bei der fehlenden Bildungsmöglichkeit in Eritrea handle es sich jedoch um Schwierigkeiten, die auf seine persönliche, sozi- ale und wirtschaftliche Situation zurückzuführen seien. Somit vermöge die- ses Vorbringen keine Asylrelevanz zu entfalten. Zur Asylrelevanz der geltend gemachten illegalen Ausreise wurde sodann festgehalten, dass gemäss aktuellen Erkenntnissen des SEM die Behand- lung von Rückkehrenden hauptsächlich davon abhänge, ob die Rückkehr nach Eritrea freiwillig oder unter Zwang erfolgt sei, und welchen National- dienst-Status sie vor ihrer Ausreise gehabt hätten. Für freiwillige Rückkeh- rende würden die eritreischen Straftatbestände für eine illegale Ausreise nicht zur Anwendung gebracht. Interne Richtlinien würden vielmehr vorse- hen, dass sie straffrei in ihre Heimat zurückkehren könnten, wenn zuvor gewisse Forderungen der eritreischen Behörden erfüllt seien (namentlich die Bezahlung der Diasporasteuer). Personen, die ihre nationale Dienst- pflicht nicht erfüllt hätten, müssten zudem ein sogenanntes Reueformular unterzeichnen. Davon befreit seien insbesondere diejenigen Personen, welche das dienstpflichtige Alter noch nicht erreicht hätten oder aus dem Nationaldienst entlassen respektive von der Nationaldienstpflicht befreit worden seien. Zum Umgang der eritreischen Behörden mit zwangsweise E-5123/2016 Seite 4 zurückgeführten Personen würden indes nur vereinzelt Informationen vor- liegen, da e s in den letzten Jahren lediglich auf dem Landweg (aus dem Sudan) Zwangsrückführungen gegeben habe. Im Gegensatz zu den frei- willigen Rückkehrenden hätten die Zurückgeführten ihre n Status bei den Behörden nicht regeln können. Alle vor handenen Informationen würden darauf hindeuten, dass nach der zwangsweisen Rückführung – ähnlich wie bei einem Aufgriff im Inland oder an der Grenze – der Nationaldienst-Status überprüft und entsprechend verfahren werde. Folglich müsse davon aus- gegangen werden, dass der Nationaldienst-Status das wichtigste Kriterium für den Umgang der eritreischen Behör den mit den Zurückgeführten dar- stelle. Die illegale Ausreise spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Zur Beurteilung, ob der Beschwerdeführer im Lichte dessen begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung habe, sei darauf hinzuweisen, dass er gemäss den vorliegenden Akten weder den Na tionaldienst verweigert habe noch aus diesem desertiert sei. Da er demnach nicht gegen die Proclamation on National Service von 1995 verstossen habe und den Akten auch sonst nichts zu entnehmen sei, wonach er bei einer Rückkehr nach Eritrea ernst- hafte Nachteile zu gewärtigen hätte, seien die Anforderungen an die Fest- stellung einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolg ung nicht erfüllt. Seine Vorbringen bezüglich der illegalen Ausreise aus Eritrea seien somit asylrechtlich unbeachtlich. C. Mit Eingabe vom 24. August 2016 erhob der Rechtsvertreter namens und im Auftrag des Beschwerdeführers beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde und beantragte die Aufhebung der Dispositiv-Ziffern 1 und 4 der Verfügung des SEM vom 10. August 2015, die Anerkennung der Flücht- lingseigenschaft des Beschwerdeführers sowie die Anordnung der vorläu- figen Aufnahme als Flüchtling in der Schweiz infolge Unzuläs sigkeit des Wegweisungsvollzugs; eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie Rechtsverbeistän- dung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht. Zur Begründung wurde insbesondere angeführt, den vorinstanzlichen Er- wägungen liege zweifelsohne eine Praxisänderung zugrunde. Bis anhin sei nach konstanter Praxis anerkannt gewesen, dass das illegale Verla ssen des Landes von der eritreischen Regierung als Zeichen politischer Oppo- sition gegen den Staat gewertet werde und illegal ausgereiste Personen – wie der Beschwerdeführer – angesichts der in Eritrea herrschenden Um-E-5123/2016 Seite 5 stände begründete Furcht hätten, bei einer Rückkehr in ihr Heimatland er- heblichen Nachteilen im Sinne von Art 3 AsylG ausgesetzt zu werden. Aus dem Grundsatz der Rechtsgleichheit (Art. 8 BV) sowie dem Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 BV) folge, dass im Rahmen der Rechtsanwen- dung gleiche Sachverhalte gleich zu beurteilen seien beziehungsweise das Vertrauen in die Fortführung einer Praxis grundsätzlich zu schützen sei. Eine Praxisänderung sei daher nur zulässig, wenn ernsthafte und sachli- che Gründe dafür bestehen würden, die Änderung grundsätzlich erfolge, das Interesse an richtiger Rechtsanwendung das Interesse an Rechtssi- cherheit überwiege und schliesslich kein Verstoss gegen Treu und Glauben vorliege. Für Asylverfahren habe das Bundesverwaltungsgericht festge- stellt, dass sich das SEM als Vorinstanz an die Rechtsprechung des Ge- richts als letzte Instanz halten müsse, namentlich was dessen Beurteilung von länderspezifischen Fragestellungen betreffe ( BVGE 2010/54 E. 8.2). Eine Praxisänderung sei nur in folgender Weise möglich: „In solchen Ver- fügungen ist unter Bezugnahme auf die geltende Praxis und mit einlässli- cher Begründung unmissverständlich klarzustellen, dass es sich um so ge- nannte Pilotverfahren handelt, bei denen bewusst von der publizierten Pra- xis abgewichen werde“ (ebd. E. 9.2.1). Vorliegend habe die Vorinstanz die in BVGE 2010/54 aufgestellten Regeln klarerweise missachtet. Im Übrigen liege kein Grund für eine Änderung der publizierten Praxis des Bundesver- waltungsgerichts in Bezug auf Eritrea vor, zumal keine neuen Herkunfts- länderinformationen vorhanden seien, die eine solche zu begründen ver- möchten. Vielmehr sehe die eritreische Rechtslage weiterhin eine Bestra- fung von illegal Ausgereisten (auch von Minderjährigen) mit bis zu fünf Jah- ren Haft – kombinierbar mit einer Busse – vor und es würden keine Verfah- rensgarantien bestehen. Personen, welche Eritrea illegal verlassen hätten, seien im Falle der Rückkehr einem willkürlichen System ausgesetzt. Zu- dem sei darauf hinzuweisen, dass vor allem Urlaubsreisende aus der älte- ren Diaspora -Generation die Möglichkeit nutzen würden , die Diaspora- steuer (2%-Steuer) zu bezahlen sowie, sofern sie den Nationaldienst ver- weigert hätten, ein Reueformular zu unterzeichnen, um das Verhältnis mit dem Regime zu regeln und straffrei zurückkehren zu können. Daher sei nicht gesichert, dass diese Möglichkeit nicht mit einem bestimmten Profil der Rückkehrenden zusammenhänge. Eine generelle Praxisänderung lasse sich damit jedenfalls nicht begründen. Sodann liege gemäss dem SEM der Nichtanwendung der gesetzlichen Vorschriften auf freiwillige Rückkehrende eine interne Richtlinie zugrunde. Diese angeblich vorhan- dene, nicht öffentliche Richtlinie liefere aber auch keine gesicherten Kennt- nisse über veränderte Verhältnisse und vermöge darum keine Praxisände-E-5123/2016 Seite 6 rung ernsthaft und sachlich begründet erscheinen zu lassen. Es sei eben- falls zu bedenken, dass sich das eritreische Justizsystem durch einen gros- sen Willkürgrad auszeichne, so dass zu erwarten sei, dass auch freiwillige Rückkehrende, welche das Land zuvor illegal verlassen hätten, mit unan- gemessenen Strafen belegt würden. Zu definitiv zurückgekehrten Eritree- rinnen und Eritreern würden somit keine gesicherten Erkenntnisse vorlie- gen, zumal auch der Zugang zu Informationen in Eritrea bekanntermassen extrem schwierig sei und das Land selber eine gegen innen und gegen aussen äusserst restriktive Informationspolitik verfolge. Aus älteren Berich- ten sei allerdings bekannt, dass es zu harscher und willkürlicher Bestrafung gekommen sei. Daneben würden auch betreffend die Frage, ob das Stellen eines Asylgesuchs im Ausland von den eritreischen Behörden bestraft wer- den könnte, keine Erkenntnisse vorliegen. Da im Übrigen zu erwarten sei, dass die geänderte Praxis bald erneut angepasst werden müsste, sei die Praxisänderung von vornherein nicht zulässig. Wie aus den obigen Ausführungen ersichtlich sei, habe sich das SEM un- genügend zur tatsächlich vorgenommenen Praxisänderung geäussert und sich nicht hinreichenden mit den Anforderungen an eine Praxisänderung auseinandergesetzt. Eventualiter verletze es damit seine Be gründungs- pflicht. Zur Stützung der Vorbringen wurden zwei Berichte der SFH (Schweizeri- sche Flüchtlingshilfe) vom 3. beziehungsweise 15. August 2016 zu Eritrea (Rückkehr und Bestrafung Minderjähriger für illegale Ausreise) eingereicht. D. Mit Zwischenverfügung vom 31. August 2016 hielt das Bundesverwal- tungsgericht fest, der Beschwerdeführer verfüge aufgrund der angeordne- ten vorläufigen Aufnahme über einen gültigen Aufenthaltstitel zum Verbleib in der Schweiz (bis zu einer allfälligen Aufhebung) ; im Weiteren könne er sich als asylsuchende Personen hier aufhalten. Zudem hiess es die Gesu- che um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie Rechtsver- beiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und stellte dem Beschwerdeführer in der Person von Person von MLaw Gian Ege einen amtlichen Rechtsbeistand bei. Im Übrigen lud es das SEM ein, sich vernehmen zu lassen. E. In seiner Vernehmlassung vom 14. September 2016 hielt das SEM fest, es E-5123/2016 Seite 7 habe in seiner Verfügung ausführlich dargelegt, weshalb der Beschwerde- führer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Es könne an dieser Stelle ergänzt werden, dass sich die bisherige Asyl - und Wegweisungspraxis zu Eritrea im Wesentlichen auf EMARK 2006/3 (Entscheidungen und Mitteilungen der Asylrekurskommission) und die da- malige Lageeinschätzung gestützt habe. Dabei sei das SEM davon ausge- gangen, dass Personen, welche Eritrea im Alter von etwa zwölf Jahren o- der älter illegal verlassen hätten, begründete Furcht hätten, im Falle einer Rückkehr nach Eritrea Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu erleiden. Die Länderanalyse des SEM habe laufend Berichte zu Eritrea ausgewertet und sich mit Ex perten und Partnerbehörden aus getauscht. Das darauf basie- rende, ständig aktualisierte Lagebild sei die Grundlage der Asylpraxis. Im Jahr 2015 habe die Länderanalyse einen Überblick über ihre Erkenntnisse im Bericht „Länderfokus Eritrea“ erarbeitet, der von vier Partnerbehörden sowie einem wissenschaftlichen Experten validiert und vom Europäischen Asylunterstützungsbüro (EASO) veröffentlicht worden sei. Im Rahmen ei- ner Fact-Finding Mission im Februar und März 2016 habe die Länderana- lyse des SEM diese Erkenntnisse überprüft, ergänzt und vertieft. Auf Basis dieser Informationen sowie unter Einbezug weiterer mittlerweile erschiene- ner Berichte habe das SEM den Bericht „Update Nationaldienst und illegale Ausreise“ erstellt, welcher die für die Asylpraxis relevanten Kapitel des Be- richts „Länderfokus Eritrea“ aktualisie re. Im Länderfokus w erde in einem Kapitel ausführlich auf die Quellenlage und die Einschätzung der verschie- denen Überlieferungen eingegangen (vgl. Sektion Analysen SEM, Focus Eritrea – Update Nationaldienst und illegale Ausreise, 22. Juni 2016, Kapi- tel 2). Das SEM habe im Nachgang an die erwähnte Fact-Finding Mission die bisherige Praxis im Lichte aller Informationen, die Stand Juni 2016 vor- gelegen hätten, überprüft und die Frage gestellt, in welchen Fällen Perso- nen bestimmter Fallkonstellationen im Falle einer Rückkehr nach wie vor begründete Furcht vor Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben müss- ten. Um die Frage alleine aufgrund der illegalen Ausreise beantworten zu können, habe es mit Hilfe aller zur Verfü gung stehenden Informationen eine Einschätzung einer h ypothetischen zwangsweisen Rückführung aus der Schweiz nach Eritrea vorgenommen. Dabei seien folgende Aspekte berücksichtigt worden:  der neu eingeführte Diasporastatus der eritreischen Behörden und die damit einhergehende Information, wonach die Behörden mit Personen im Ausland anders umgehen würden als mit Personen, die Eritrea nie verlassen hätten; E-5123/2016 Seite 8  der Inhalt des Reueformulars , gemäss welchem sich die unterzeich- nende Person zwar für die Nichtabsolvierung des Nationaldienstes habe entschuldigen müssen, nicht jedoch für die illegale Ausreise;  der Umstand, dass minderjährige Eritree rinnen und Eritreer weder dienst- noch steuerpflichtig seien;  glaubhafte Schilderungen von Personen im Asylverfahren in der Schweiz (verschiedene minderjährige Personen h ätten glaubhaft dar- gelegt, dass sie in Eritrea wegen ihrer Minderjährigkeit trotz versuchter illegaler Ausreise nicht bestraft worden seien; zudem seien minderjäh- rige Personen in Eritrea bei Razzien, nachdem sie ihre Minderjährigkeit nachgewiesen hätten, umgehend wieder freigelassen worden);  alle Informationen im „Focus Eritrea: Update Nationaldienst und illegale Ausreise“, insbesondere die spärlichen anekdotischen Informationen von Personen, die in den letzten Jahren zwangsweise nach Eritrea zu- rückgeführt worden seien ; dabei ergebe sich das Bild, dass sich die Behandlung der Rückgeführten hauptsächlich am Natio naldienst-Sta- tus orientiere;  welches Profil Personen aufweisen würden, die aus der Schweiz frei- willig und definitiv nach Eritrea zurückkehren würden; meist handle es sich um Personen, die wegen ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt worden seien. Im Lichte der Informationslage Stand 2016 sei das SEM zum Schluss ge- kommen, dass Personen, die ihre Furcht vor zukünftiger Verfolgung allein auf die illegale Ausreise aus Eritrea stützen, die hohen gesetzlichen Anfor- derung an die begründete Furcht vor Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG nicht erfüllen würden. Die im Juni 2016 öffe ntlich angekündigte Praxisan- passung sei daher nicht mi t der Konstellation im Grundsatzurteil BVGE 2010/54 vergleichbar. Daneben sei festzuhalten, dass auch das Bundes- verwaltungsgericht bezüglich der Beurteilung einer illegalen Ausreise in den letzten Jahren eine differenzierte Betrachtungsweise ha be erkennen lassen (vgl. namentlich Urteile des BVGer D-5356/2014 vom 12. April 2016, E-129/2015 vom 20. Januar 2015 sowie E-1781/2016 vom 24. Juni 2016). Schliesslich trage der Beschwerdeführer vor, die Glaubhaftigkeit der illega- len Ausreise sei von der Vorinstanz nicht bestritten worden. Dazu m üsse festgehalten werden, dass die Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise in der E-5123/2016 Seite 9 angefochtenen Verfügung mangels Asylrelevanz nicht überprüft worden sei. Wie das SEM bereits explizit festgehalten habe, behalte es sich eine Prüfung der Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise zu einem späteren Zeit- punkt vor. F. Zur Replik eingeladen, führte der Rechtsvertreter in seiner Stellungnahme vom 28. September 2016 aus, das SEM weise darauf hin, es habe seine Begründungspflicht nicht verletzt, da es ausführlich dargelegt habe, inwie- fern der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Diesbe- züglich könne vollumfänglich auf die Beschwerdeschrift verwiesen werden, wo ausführlich dargelegt worden sei, dass sich das Staatsekretariat gerade nicht mit den Voraussetzungen für eine Praxisänderung im Asylrecht aus- einandergesetzt habe. Daneben komme das SEM mit seinen Hinweisen der vom Bundesverwaltungsgericht geforderten Vorgehensweise für eine Praxisänderung weiterhin nicht nach. Die Vorinstanz weise ferner darauf hin, die beigezogenen verschiedenen Informationen hätten zum Schluss geführt, dass sich die eritreischen Be- hörden bei der Behandlung der Rückgeführten hauptsächlich am National- dienst-Status orientieren würden . Hierzu sei allerdings erneut zu bemer- ken, dass sich die Vorinstanz damit auf Informationen beziehe, welche ge- mäss dem zu Grunde liegenden Bericht nicht gesichert seien. So sei darin immer wieder die dürftige Quellenlage hervorgehoben. Erneut werde deut- lich, dass sich das SEM auf Informationen, welche in die von ihm ge- wünschte Richtung gehen würden, fokussier e und anderes ausser Acht lasse. Das Staatsekretariat spreche etwa von verschiedenen minderjähri- gen Personen, welche glaubhaft gemacht hätten, dass sie trotz versuchter Flucht nicht bestraft worden seien. Damit berücksichtige es aber nicht die Schilderungen vieler Minderjähriger, welche aufgrund von Fluchtversuchen oder wegen Gerüchten um ihre mögliche Flucht sanktioniert oder über- wacht worden seien; derartige Fälle, in welchen diese Ereignisse als glaub- haft bewertet w orden seien, seien der Rechtsvertretung aus dem Bera- tungsalltag bekannt. Offensichtlich werde die dürftige Quellenlage auch, wenn sich das SEM auf „ spärliche anekdotische Informationen“ beziehe. Insgesamt könne nicht davon ausgegangen werden, dass gesicherte neue Erkenntnisse vorliegen würden, die eine Praxisänderung gerechtfertigt er- scheinen liessen. Soweit das SEM auf einzelne Urteile des Gerichts hinweis e, in welchen eine differenzierte Betrachtungsweise der illegalen Ausreise aus Eritrea an E-5123/2016 Seite 10 den Tag gelegt worden sei, k önne erneut auf die Beschwerde verwiesen werden. Darin sei klar dargelegt worden, dass das Bundesverwaltungsge- richt auch in neueren Urteilen die illegale Flucht aus Eritrea als Grund für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft anerkannt habe. Überdies seien die vom SEM beigezogenen Fälle von Personen, die Eritrea im Alter von zwölf respektive zehn Jahren verlassen h ätten, nicht auf den Be- schwerdeführer anwendbar, da er sein Heimatland (…) älter – nämlich als (…)-Jähriger – verlassen habe. Ausserdem sei darauf hinzuweisen, dass die von der Vorinstanz vorge- brachten Gründe für die fehlende Asylrelevanz der illegalen Ausreise nicht einschlägig seien, da die Voraussetzungen f ür die Praxisänderu ng nicht vorliegen würden. Das SEM sei für die Sachverhaltserstellung und die Be- gründung des Entscheids zuständig; b eides finde seinen Abschluss mit dem Erlass der Verfügung. Vorliegend habe das SEM die Glaubhaftigkeit nicht bestritten, wobei eine weitere Prüfung zu einem späteren Zeitpunkt verfahrenstechnisch nicht vorgesehen sei. Eine solche könne nur ergehen, wenn das Gericht befinde, dass die Behörde ihre Pflicht verletzt habe und die Sache an die Vorinstanz zurückweis e. Dem Hinweis der Vo rinstanz, sich die Prüfung der Glaubhaftigkeit vorzubehalten, k önne dementspre- chend keine rechtlich bindende Wirkung zukommen. Wie in der Be- schwerde mit dem Hinweis auf die entsprechenden Aktenstellen belegt worden sei, habe der Beschwerdeführer die illegale Flucht glaubhaft dar- gelegt. Dementsprechend erfüll e er – vorausgesetzt, die von der Vo- rinstanz angestrebte Praxisänderung werde als rechtswidrig erachtet – die Flüchtlingseigenschaft. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). E-5123/2016 Seite 11 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. Da der Beschwerdeführer vorläufig aufgenommen wurde und sich die Rechtsbegehren sowie die Begründung in der Beschwerde auf die Flücht- lingseigenschaft beziehen, beschränkt sich das Verfahren vor dem Bun- desverwaltungsgericht auf die Frage, ob das SEM seine Flüchtlingseigen- schaft zu Recht verneint hat. 4. 4.1 Vorliegend ist in der Sache zu prüfen, ob der Beschwerdeführer wegen seiner Ausreise aus Eritrea bei einer Rückkehr dorthin – mithin wegen sub- jektiver Nachfluchtgründe – befürchten müsste, ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. 4.2 Personen mit subjektive n Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden aber als Flüchtlinge vorläufig aufgenom- men. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten insbesondere das illegale Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht), das Einreichen eines Asylgesuchs im Ausland oder exilpolitische Betätigungen, wenn sie die Ge- fahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Durch Republikflucht zum Flüchtling wird, wer wegen illegaler Ausreise Sanktionen des Heimatstaa- tes befürchten muss, die bezüglich ihrer Intensität ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen (BVGE 2009/29). 4.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe Eritrea illegal verlassen und sei deswegen im Falle einer Rückkehr dorthin an Leib und Leben so- wie in seiner Freiheit gefährdet. E-5123/2016 Seite 12 4.3.1 Die Frage nach der vom SEM eingeleiteten und seitens des Be- schwerdeführers beanstandeten Praxisänderung hat das Bundesverwal- tungsgericht im Rahmen des (in seinen beiden Asylabteilungen kürzlich ko- ordiniert behandelten) Urteils D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Re- ferenzurteil zu publizieren) entschieden. Im besagten Urteil befasste sich das Gericht mit der Frage, ob Eritreerin- nen und Eritreer, die ihr Land illegal verlassen haben, allein deswegen bei einer Rückkehr Verfolgung zu befürchten haben. Es kam dabei zum Schluss, dass sich die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft führe, nicht mehr habe aufrechterhalten las- sen und vom SEM zu Recht angepasst worden sei. Für die Entscheidfin- dung des Gerichts war auch die Tatsache von Bedeutung, dass seit einiger Zeit Personen aus der eritreischen Diaspora für kurze Aufenthalte in ihren Heimatstaat zurückkehren und sich unter ihnen auch Personen befinden, die Eritrea zuvor illegal verlassen hatten. Es sei mithin nicht mehr davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer unerlaubten Ausreise aus Eritrea eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung droht. Von der be- gründeten Furcht vor intensiven und flüchtlingsrec htlich begründeten Nachteilen sei nur dann auszugehen, wenn zur illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukommen, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen (ebd. E. 5). 4.3.2 In Anbetracht der geänderten Rechtsprechung kann die Frage der Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise des Beschwerdeführers vorliegend offen gelassen werden, da in seinem Fall keine solchen zusätzlichen Ge- fährdungsfaktoren ersichtlich sind. Gemäss eigenen Angaben hatte er vor seiner Ausreise keinen Behördenkontakt hinsichtlich eines allfälligen Ein- zugs in den Militärdienst (A15/18 S. 8, 10), so dass er nicht als De serteur oder Refraktär gelten kann. Auch seine Befürchtung , eines Tages in den Militärdienst einberufen zu werden, vermag nicht aufzuzeigen, dass er im Fokus der Militärbehörden steht. Andere Anknüpfungspunkte, welche ihn in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten beziehungsweise zu einer Schärfung seines Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten, sind nicht ersichtlich. Wie bereits erwähnt, ver mag die illegale Ausreise allein keine Furcht vor einer zukünftigen flüchtlingsrechtlich rele- vanten Verfolgung zu begründen. E-5123/2016 Seite 13 4.4 Es ist dem Beschwerdeführer mithin nicht gelungen, eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 und Art. 54 AsylG darzutun. Das SEM hat seine Flüchtlingseigenschaft demnach zu Recht verneint. 5. 5.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 5.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 6. 6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). 6.2 Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 10. August 2016 die vor- läufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Die vorläufige Aufnahme tritt mit dem vorlie- genden Entscheid formell in Kraft. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 31. August 2016 gutgeheissen wurde und den Akten keine Hinweise auf eine Veränderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, ist von einer Kostenauflage abzusehen. E-5123/2016 Seite 14 8.2 Eine Parteientschädigung gemäss Art. 64 VwVG ist beim vorliegenden Verfahrensausgang nicht zuzusprechen. Nachdem auch das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gutgeheissen wurde, ist dem amtlich bestellten Rechtsbeistand zulasten der Gerichts- kasse ein amtliches Honorar gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Be- messungsfaktoren (Art. 9 - 13 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) zu entrichten In der Kostennote vom 28. September 2016 wird ein zeitlicher Aufwand von zehneinhalb Stunden – zu einem Stundenansatz von Fr. 150.– (vgl. Instruk- tionsverfügung vom 31. August 2016) – ausgewiesen, welcher als ange- messen erachtet werden kann. Die Auslagen sind i n der ausgewiesenen Höhe von Fr. 65.– zu vergüten. In Anwendung der genannten Bestimmung, der massgeblichen Bemessungsfaktoren und unter Berücksichtigung der vom Gericht festgelegten und mit Zwischenverfügung vom 31. August 2016 kommunizierten Bedingungen für die Entschädigung amtlich bestellter Rechtsbeistände ist dem Rechtsvertreter ein amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 1‘640.– auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-5123/2016 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem als unentgeltlichen Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertreter wird zu Lasten des Gerichts ein amtliches Honorar von Fr. 1‘640.– zugespro- chen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Natasa Stankovic Versand: