<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">48</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>11</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 240 Abs. 1 und 2 StGB.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Der Grundtatbestand nach Art. 240 Abs. 1 StGB ist bereits erfüllt, wenn</b></span><br/> <span class="ft3"><b>die Fälschung nicht leicht erkennbar oder nicht bloss wenige Falsifikate</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mit geringem Nominalwert hergestellt worden sind, auch wenn die Vorge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>hensweise des Täters einfach war und er nur geringe kriminelle Energie</b></span><br/> <span class="ft3"><b>aufgewendet hat. Das gebietet der Umstand, dass die Voraussetzung zur</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Annahme des privilegierten Tatbestands von Art. 240 Abs. 2 StGB nicht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>das Vorliegen eines "leichten", sondern eines "besonders leichten" Falles</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ist.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 18. August</span><br/> <span class="ft4">2010, i.S. P.L.F. gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau</span><br/> <span class="ft4">(SST.2010.145)</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.2.3. Allgemein gültige Kriterien, wann ein besonders leichter</span><br/> <span class="ft1">Fall vorliegt, wurden von Rechtsprechung und Lehre bislang nicht</span><br/> <span class="ft1">entwickelt. Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung liegt ein sol-</span><br/> <span class="ft1">cher vor, wenn die Fälschung für jedermann leicht erkennbar ist oder</span><br/> <span class="ft1">wenn nur wenige Falsifikate mit geringem Nominalwert hergestellt</span><br/> <span class="ft1">worden sind (BGE 133 IV 256 E. 3.2 mit Hinweisen). Es genügt</span><br/> <span class="ft1">nicht, dass ein Fall bloss als leicht erscheint. Andererseits wird in der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsprechung ausgeführt, das Vorgehen oder der Nominalwert der</span><br/> <span class="ft1">Fälschungen müsse eine kriminelle Energie offenbaren, welche die</span><br/> <span class="ft1">Annahme des Grundtatbestandes mit einer Mindeststrafe von einem</span><br/> <span class="ft1">Jahr Freiheitsstrafe gebiete (vgl. BGE 133 IV 256 E. 3.2).</span><br/> <span class="ft1">Die obengenannten Kriterien helfen in einem Fall, wie er vorlie-</span><br/> <span class="ft1">gend zu beurteilen ist, nicht weiter, denn in diesem kann einerseits</span><br/> <span class="ft1">aufgrund der Vorgehensweise des Täters und des Nominalwerts nicht</span><br/> <span class="ft1">ernsthaft von einer kriminellen Energie gesprochen werden, die eine</span><br/> <span class="ft1">Mindeststrafe von einem Jahr Freiheitsstrafe gebieten würde. Ande-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">49</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">rerseits liegt aber aufgrund der Qualität, der Anzahl und des Nomi-</span><br/> <span class="ft1">nalwerts der Falsifikate auch kein "besonders" leichter Fall vor. Nach</span><br/> <span class="ft1">dem oben Gesagten ist jedoch, auch wenn das Bundesgericht in</span><br/> <span class="ft1">einem vergleichbaren Fall (BGE 133 IV 256) unter Hinweis auf den</span><br/> <span class="ft1">richterlichen Ermessensspielraum entschieden hat, die Annahme des</span><br/> <span class="ft1">privilegierten Tatbestandes verletze kein Bundesrecht, immer dann</span><br/> <span class="ft1">vom Grundtatbestand auszugehen, wenn kein besonders leichter Fall</span><br/> <span class="ft1">vorliegt. Entscheidend für die Annahme des privilegierten Tatbestan-</span><br/> <span class="ft1">des der Geldfälschung ist somit ausschliesslich, ob die Fälschung für</span><br/> <span class="ft1">jedermann leicht erkennbar war oder nur wenige Falsifikate mit</span><br/> <span class="ft1">geringem Nominalwert hergestellt worden sind.</span><br/> <span class="ft1">2.3.3. Der Angeklagte hat gemäss diesbezüglich anerkanntem</span><br/> <span class="ft1">Sachverhalt mit einem professionellen Farblaserkopierer bei seinem</span><br/> <span class="ft1">damaligen Arbeitgeber 26 falsche Banknoten Fr. 20.00, 48 falsche</span><br/> <span class="ft1">Banknoten Fr. 50.00 und 13 falsche Banknoten Fr. 100.00, insge-</span><br/> <span class="ft1">samt 87 falsche Banknoten mit einem Nominalwert von Fr. 4'220.00,</span><br/> <span class="ft1">hergestellt.</span><br/> <span class="ft1">Sowohl die Anzahl von 87 Falsifikaten als auch der Nominal-</span><br/> <span class="ft1">wert von Fr. 4'220.00 sprechen gegen die Annahme eines besonders</span><br/> <span class="ft1">leichten Falles (L</span><span class="ft4">ENTJES</span> <span class="ft1">M</span><span class="ft4">EILI</span> <span class="ft1">/</span> <span class="ft1">K</span><span class="ft4">ELLER</span><span class="ft1">,</span> <span class="ft1">Basler</span> <span class="ft1">Kommentar, StGB</span><br/> <span class="ft1">II, 2. Aufl., Basel 2007, N. 22 zu Art. 240). Bei 87 Banknoten kann</span><br/> <span class="ft1">nicht mehr von bloss wenigen Falsifikaten gesprochen werden. Auch</span><br/> <span class="ft1">der Nominalwert von Fr. 4'220.00 ist nicht gering. Dieser Betrag ist</span><br/> <span class="ft1">mehr als zehn mal höher als der vom Bundesgericht betreffend</span><br/> <span class="ft1">Art. 172</span><span class="ft2"><sup>ter</sup></span> <span class="ft1">StGB festgelegte Grenzwert für die Annahme eines "gerin-</span><br/> <span class="ft1">gen Vermögenswertes" (Fr. 300.00, BGE 121 IV 261). Auch im Ver-</span><br/> <span class="ft1">gleich zu dem vom Bundesgericht bei der Sachbeschädigung als</span><br/> <span class="ft1">grossen Schaden im Sinne von Art. 144 Abs. 3 StGB festgelegten</span><br/> <span class="ft1">Grenzwert von Fr.</span> <span class="ft1">10'000.00 (Urteil des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft1">6B_202/2010 vom 31. Mai 2010) kann der Nominalwert der Falsifi-</span><br/> <span class="ft1">kate von Fr. 4'220.00 nicht mehr als so gering bezeichnet werden,</span><br/> <span class="ft1">dass von einem besonders leichten Fall gesprochen werden könnte.</span><br/> <span class="ft1">Werden die gefälschten Banknoten betrachtet, so sehen sie wie</span><br/> <span class="ft1">echte aus. Die Farben sind originalgetreu und beim Kopieren sind</span><br/> <span class="ft1">Merkmale gebrauchter Banknoten wie z.B. Faltstriche übernommen</span><br/> <span class="ft1">worden. Wären die zur Kennzeichnung als Falsifikate angebrachten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">50</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Löcher nicht vorhanden, schöpfte der Betrachter keinen oder höchs-</span><br/> <span class="ft1">tens beim Befühlen allenfalls einen gewissen Verdacht. Die vom An-</span><br/> <span class="ft1">geklagten hergestellten Banknoten sind nur bei genauer Überprüfung</span><br/> <span class="ft1">der Sicherheitsmerkmale bei guten Verhältnissen (gutes Licht, genü-</span><br/> <span class="ft1">gend Zeit, keine Durchmischung mit echten Banknoten) von echten</span><br/> <span class="ft1">Banknoten zu unterscheiden. Es trifft zwar zu, dass der Angeklagte</span><br/> <span class="ft1">die Falsifikate nicht speziell nachbearbeitet hat (z.B. durch Nach-</span><br/> <span class="ft1">ahmung von Sicherheitsmerkmalen) und er gewöhnliches Papier ver-</span><br/> <span class="ft1">wendet hat. Das führt aber nicht dazu, dass es sich vorliegend um</span><br/> <span class="ft1">leicht erkennbare oder gar plumpe Falsifikate handeln würde. Auf-</span><br/> <span class="ft1">grund der eigenen Wahrnehmung steht für das Obergericht fest, dass</span><br/> <span class="ft1">die Qualität der Falsifikate so gut ist, dass sie nicht für jedermann</span><br/> <span class="ft1">leicht als gefälscht erkennbar sind. Dieser Befund deckt sich mit den</span><br/> <span class="ft1">bei der Fachstelle des Polizeikommandos Aargau vorgenommenen</span><br/> <span class="ft1">Abklärungen. Auch in den Augen dieser Fachstelle soll es sich bei</span><br/> <span class="ft1">den Falsifikaten um solche sehr guter Qualität handeln. Die Fäl-</span><br/> <span class="ft1">schung sei von blossem Auge kaum sichtbar (Rapport der Kantons-</span><br/> <span class="ft1">polizei Aargau vom 20. November 2008, act. 211).</span><br/> <span class="ft1">Nicht entscheidend für die Frage, ob ein besonders leichter Fall</span><br/> <span class="ft1">der Geldfälschung vorliegt, sind der Zeitaufwand des Angeklagten</span><br/> <span class="ft1">für die Herstellung der Falsifikate und die Gründe, weshalb er diese</span><br/> <span class="ft1">hergestellt hat. Diese Punkte sind im Rahmen der Strafzumessung zu</span><br/> <span class="ft1">berücksichtigen.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend gelangt das Obergericht zum Schluss, dass</span><br/> <span class="ft1">kein besonders leichter Fall im Sinne von Art. 240 Abs. 2 StGB vor-</span><br/> <span class="ft1">liegt. (...)</span><br/></div> </div> </body> </html>