<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">132</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>23</b></span> <span class="ft3"><b>Familiennachzug; bedarfsgerechte Wohnung</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Präzisierung der im Kanton Aargau angewandten Praxis zu den für</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einen Familiennachzug erforderlichen Wohnverhältnissen</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Im Rahmen von Art. 42, 43 und 44 AuG sind die Anforderungen an</b></span><br/> <span class="ft3"><b>die Wohnverhältnisse ohne Weiteres erfüllt, wenn die Anzahl Perso-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nen die Anzahl Zimmer der Familienwohnung um höchstens eins</b></span><br/> <span class="ft3"><b>überschreitet. Wird die Zahl um mehr als eins überschritten, ist auf-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>grund der konkreten Umstände zu prüfen, ob die Wohnverhältnisse</b></span><br/> <span class="ft3"><b>trotz erhöhter Belegung der Wohnung angemessen sind.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Sofern bei objektiver Betrachtung ein störungsfreies und gegebenen-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>falls dem Kindswohl entsprechendes Zusammenleben möglich er-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>scheint, sind die Wohnverhältnisse auch bei erhöhter Belegung der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Familienwohnung als angemessen einzustufen. Bei der entsprechen-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>den Beurteilung sind die Grösse der Wohnung, die konkreten Wohn-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>verhältnisse sowie die Familienkonstellation im Einzelfall massge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>bend.</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">133</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 3. Februar</span><br/> <span class="ft5">2017, i.S. A. gegen das Amt für Migration und Integration (WBE.2015.341)</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz ist der Ansicht, die Viereinhalbzimmerwohnung</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers erweise sich für seine (nach einer Bewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung des Familiennachzugs) sechsköpfige Familie - gemessen an der</span><br/> <span class="ft1">weitverbreiteten, auch im Kanton Aargau geltenden Praxis beim Fa-</span><br/> <span class="ft1">miliennachzug bei Personen mit Aufenthaltsbewilligung - als zu</span><br/> <span class="ft1">klein und genüge den Anforderungen für einen Familiennachzug</span><br/> <span class="ft1">nicht. Nach der besagten Praxis gelte eine Wohnung dann als ange-</span><br/> <span class="ft1">messen bzw. bedarfsgerecht, wenn die Anzahl Personen die sie be-</span><br/> <span class="ft1">wohne, die Anzahl Zimmer um höchstens eins überschreite.</span><br/> <span class="ft1">Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts spielen die</span><br/> <span class="ft1">Wohnverhältnisse zwar auch im Rahmen von Art. 43 Abs. 1 AuG</span><br/> <span class="ft1">eine gewisse Rolle, zumal das Gesetz ein Zusammenwohnen der Fa-</span><br/> <span class="ft1">milienmitglieder verlangt. So ist es gerechtfertigt, den Nachweis</span><br/> <span class="ft1">einer tauglichen Wohnung zu verlangen. Diese Anforderungen dür-</span><br/> <span class="ft1">fen jedoch nicht schematisch gehandhabt werden; entscheidend ist</span><br/> <span class="ft1">im Rahmen einer Gesamtsicht der Schutz vor unwürdigen Lebens-</span><br/> <span class="ft1">bedingungen, das Kindsinteresse und der Vorbehalt einer allfälligen</span><br/> <span class="ft1">Fürsorgeabhängigkeit bei veränderten Wohnverhältnissen (Urteil des</span><br/> <span class="ft1">Bundesgerichts</span> <span class="ft1">vom</span> <span class="ft1">17. November</span> <span class="ft1">2011</span> <span class="ft1">[2C_194/2011],</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2.4.5). Im Übrigen gilt eine Wohnung bereits dann als be-</span><br/> <span class="ft1">darfsgerecht im Sinne von Art. 44 lit. b AuG, wenn sie - vorbehält-</span><br/> <span class="ft1">lich einer offenkundigen Überbelegung - für die darin lebenden</span><br/> <span class="ft1">Personen tauglich erscheint, auch wenn keine komfortablen Platzver-</span><br/> <span class="ft1">hältnisse gegeben sind. Mit Blick auf die persönliche Freiheit der be-</span><br/> <span class="ft1">troffenen Personen darf z.B. aufenthaltsberechtigten Ehepaaren nicht</span><br/> <span class="ft1">verwehrt werden, mit ihren Eltern oder Dritten zusammenzuwohnen</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Urteil</span> <span class="ft1">des</span> <span class="ft1">Bundesgerichts</span> <span class="ft1">vom</span> <span class="ft1">25. Oktober</span> <span class="ft1">2011</span><br/> <span class="ft1">[6B_497/2010], Erw. 1.2 a.E.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">134</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.1.3.</span><br/> <span class="ft1">Die im Kanton Aargau angewandte Praxis, wonach eine Woh-</span><br/> <span class="ft1">nung dann bedarfsgerecht bzw. angemessen (Art. 44 AuG) bzw. ein</span><br/> <span class="ft1">Zusammenleben möglich ist (Art. 42 f. AuG), wenn die Anzahl Per-</span><br/> <span class="ft1">sonen die Anzahl Zimmer um höchstens eins überschreitet, erweist</span><br/> <span class="ft1">sich damit nur insofern als zutreffend, als bei Erfüllung dieser Vor-</span><br/> <span class="ft1">aussetzung ohne Weiteres von einer bedarfsgerechten Wohnung aus-</span><br/> <span class="ft1">gegangen werden kann. Wird die Zahl um mehr als eins überschrit-</span><br/> <span class="ft1">ten, ist aufgrund der konkreten Umstände zu prüfen, ob die Wohnung</span><br/> <span class="ft1">trotzdem bedarfsgerecht ist. Nach dem Gesagten ist die mit Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid des RGAR vom 12. November 2004 (BE.2004.0021)</span><br/> <span class="ft1">bestätigte Praxis des MKA zu präzisieren (siehe dort, Erw. II/4.b).</span><br/> <span class="ft1">Massgebend für die Beurteilung, ob eine Familienwohnung</span><br/> <span class="ft1">trotz einer nach Massstab der genannten Praxis vorliegenden "Über-</span><br/> <span class="ft1">belegung" bedarfsgerecht ist, sind neben der Grösse der Wohnung</span><br/> <span class="ft1">die konkreten Familien- bzw. Wohnverhältnisse. Nicht zu beanstan-</span><br/> <span class="ft1">den ist z.B., wenn neben den Ehegatten auch Kinder gemeinsam in</span><br/> <span class="ft1">einem Zimmer schlafen. Ob zwei oder gar mehrere Kinder zusam-</span><br/> <span class="ft1">men ein Zimmer belegen können, hängt im Einzelfall vom Alter und</span><br/> <span class="ft1">Geschlecht der Kinder, von der Zimmergrösse und von der Grösse</span><br/> <span class="ft1">der gemeinschaftlich nutzbaren Zimmer bzw. Wohnfläche ab. Mass-</span><br/> <span class="ft1">gebend ist letztlich immer, ob bei objektiver Betrachtung ein stö-</span><br/> <span class="ft1">rungsfreies und gegebenenfalls dem Kindswohl entsprechendes Zu-</span><br/> <span class="ft1">sammenleben möglich erscheint. Dabei ist insbesondere den schuli-</span><br/> <span class="ft1">schen Bedürfnissen und der Adoleszenz Rechnung zu tragen.</span><br/> <span class="ft1">2.1.4.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall hat die Vorinstanz einzig auf die Anzahl</span><br/> <span class="ft1">der zur Verfügung stehenden Zimmer und die Anzahl Personen abge-</span><br/> <span class="ft1">stellt, ohne die konkreten Umstände zu berücksichtigen. Andererseits</span><br/> <span class="ft1">nahm der Beschwerdeführer trotz Nachfrage der Vorinstanz nicht zur</span><br/> <span class="ft1">Frage Stellung, wie er sich das konkrete Zusammenleben vorstelle.</span><br/> <span class="ft1">Er begnügte sich mit dem Hinweis darauf, dass er über eine grosse</span><br/> <span class="ft1">Wohnung verfüge und bereit wäre, eine grössere Wohnung zu mie-</span><br/> <span class="ft1">ten, sollte dies notwendig sein.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer verfügt aktuell über eine Viereinhalb-</span><br/> <span class="ft1">zimmerwohnung. Wird der Nachzug seiner Kinder bewilligt, sollen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">135</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">in der Wohnung der Beschwerdeführer selbst, seine Tochter B.</span><br/> <span class="ft1">(geb. 1991) mit deren Tochter C., der Sohn D. (geb. 1996) sowie die</span><br/> <span class="ft1">Zwillinge E. und F. (geb. 1997) leben. Im Gesuchszeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">(27. September 2013) waren der Sohn 17 ½ Jahre und die Zwillinge</span><br/> <span class="ft1">16 Jahre alt. Geht man davon aus, dass es sich wie behauptet um eine</span><br/> <span class="ft1">überdurchschnittlich grosse Wohnung handelt und die Zimmereintei-</span><br/> <span class="ft1">lung im optimalen Fall vier Einzelzimmer und ein mit der Küche</span><br/> <span class="ft1">verbundenes halbes Esszimmer umfasst, könnten sich die Zwillinge</span><br/> <span class="ft1">sowie B. und ihre Tochter je ein Zimmer teilen. Damit verbliebe ne-</span><br/> <span class="ft1">ben je einem Zimmer für den Beschwerdeführer und den Sohn D. als</span><br/> <span class="ft1">gemeinsam nutzbare Wohnfläche das halbe Esszimmer. Dies ent-</span><br/> <span class="ft1">spricht nicht Wohnverhältnissen, die bei objektiver Betrachtung ein</span><br/> <span class="ft1">störungsfreies und dem Kindswohl entsprechendes Zusammenleben</span><br/> <span class="ft1">von insgesamt sechs Personen möglich erscheinen lassen. Selbst un-</span><br/> <span class="ft1">ter Berücksichtigung, dass sich die Behörden im Rahmen von</span><br/> <span class="ft1">Art. 42 f. AuG mit Blick auf die Anforderungen an die Grösse der</span><br/> <span class="ft1">Wohnung eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen haben, steht fest,</span><br/> <span class="ft1">dass die Vorinstanz im Ergebnis zu Recht davon ausgegangen ist, die</span><br/> <span class="ft1">Wohnung sei für ein Zusammenleben der sechs Personen untauglich.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>