<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 96 S.369</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">369</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Enteignungsrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>96 Materielle Enteignung (ergänzende formelle Enteignung); Zug-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>recht/Heimschlagsrecht (§ 140 Abs. 2 BauG).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Für die Prüfung der Voraussetzungen (Wertrelation) ist der Zeit-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>punkt des Entscheids der Schätzungskommission massgebend.</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Aus einem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom</span><br/> <span class="ft6">10. Juni 2003 in Sachen L. und L. gegen Einwohnergemeinde L.</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen:</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">2.3.2. Sowohl der Träger des Rechts als auch das Gemeinwesen</span><br/> <span class="ft8">können die formelle Enteignung beantragen, wenn die Entschädi-</span><br/> <span class="ft8">gung mehr als zwei Drittel des Verkehrswerts des Rechtes ausmacht</span><br/> <span class="ft8">(§ 140 Abs. 2 BauG).</span><br/> <span class="ft8">2.3.2.1. (...)</span><br/> <span class="ft8">2.3.2.2. Der Anspruch auf ergänzende formelle Enteignung setzt</span><br/> <span class="ft8">einzig voraus, dass ein Gesuch um Entschädigung für materielle</span><br/> <span class="ft8">Enteignung hängig ist und die Entschädigung mehr als zwei Drittel</span><br/> <span class="ft8">des Verkehrswerts des Rechts ausmacht (§ 140 Abs. 2 BauG). Frag-</span><br/> <span class="ft8">lich ist, ob dabei auf die Verhältnisse im Eingriffszeitpunkt oder im</span><br/> <span class="ft8">Zeitpunkt des Entscheids der Schätzungskommission abzustellen ist.</span><br/> <span class="ft8">Die ergänzende formelle Enteignung (Zugrecht oder Heimschlags-</span><br/> <span class="ft8">recht) ist im RPG nicht vorgesehen. Den Kantonen steht es frei, ein</span><br/> <span class="ft8">kantonales Zugrecht zu schaffen. Der Entschädigungsanspruch für</span><br/> <span class="ft8">die materielle Enteignung wird davon jedoch nicht berührt, er richtet</span><br/> <span class="ft8">sich nach Bundesrecht (Art. 5 Abs. 2 RPG; ...). Die Kantone regeln</span><br/> <span class="ft8">die Form der Übernahme und die geschuldete Entschädigung der</span><br/> <span class="ft8">ergänzenden formellen Enteignung (BGE 114 Ib 178). Im Recht des</span><br/> <span class="ft8">Kantons Aargau ist der massgebliche Zeitpunkt nicht ausdrücklich</span><br/> <span class="ft8">festgelegt (vgl. § 140 Abs. 3 BauG i.V.m. § 134 ff. BauG). Als</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">370</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Grundsatz gilt bei der formellen Enteignung jedoch, dass auf die</span><br/> <span class="ft8">Verhältnisse im Zeitpunkt des Entscheids der Schätzungskommission</span><br/> <span class="ft8">abzustellen ist (§ 154 Abs. 2 Satz 2 BauG). Dies deckt sich auch mit</span><br/> <span class="ft8">einer allgemeinen Regel im Enteignungsrecht, nach welcher die Ver-</span><br/> <span class="ft8">hältnisse möglichst nahe bei der Umsetzung eines Eingriffs massge-</span><br/> <span class="ft8">bend sein sollen. Vorliegend ist nämlich die formelle Enteignung nur</span><br/> <span class="ft8">mit entsprechendem Entscheid der Schätzungskommission möglich.</span><br/> <span class="ft8">Zudem kann das Gemeinwesen das Zugrecht erst ausüben,</span><br/> <span class="ft8">wenn die Eigentümer eine Entschädigung für materielle Enteignung</span><br/> <span class="ft8">geltend machen. Die Entschädigungsforderung kann, wie vorliegend</span><br/> <span class="ft8">geschehen, auch Jahrzehnte nach dem Eingriff noch gestellt werden.</span><br/> <span class="ft8">Der zwischenzeitlichen Landpreisentwicklung wird zwar Rechnung</span><br/> <span class="ft8">getragen, indem die Entschädigung für die Wertminderung verzinst</span><br/> <span class="ft8">wird (...). Die Baulandpreise einer Gemeinde verändern sich jedoch</span><br/> <span class="ft8">nicht zwingend im Gleichschritt mit den Zinssätzen. Das Verhältnis</span><br/> <span class="ft8">zwischen Minderwertentschädigung und Verkehrswert im Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft8">des Eingriffs kann daher von jenem im Zeitpunkt des Entscheids</span><br/> <span class="ft8">abweichen, insbesondere wenn der zeitliche Abstand gross ist. Da die</span><br/> <span class="ft8">Gemeinde das Zugrecht erst jetzt geltend machen kann, müssen auch</span><br/> <span class="ft8">die Voraussetzungen aufgrund der aktuellen Verhältnisse geprüft</span><br/> <span class="ft8">werden.</span><br/> <span class="ft8">Die Verzinsung der Entschädigung für die materielle Enteig-</span><br/> <span class="ft8">nung ist Teil des bundesrechtlichen Entschädigungsanspruchs (er-</span><br/> <span class="ft8">wähnter BGE in ZBl 2001 S. 554 f.). Der Zins lässt sich aber nur</span><br/> <span class="ft8">rückblickend, also vom aktuellen Zeitpunkt aus, bestimmen. Ent-</span><br/> <span class="ft8">sprechend kann es in § 140 Abs. 2 BauG nur um die Wertrelation im</span><br/> <span class="ft8">Zeitpunkt des Entscheids der Schätzungskommission gehen.</span><br/> <span class="ft8">Es besteht kein Grund, den speziellen Enteignungstitel nach</span><br/> <span class="ft8">§ 140 Abs. 2 BauG weiter als nötig von der regulären formellen Ent-</span><br/> <span class="ft8">eignung zu entfernen. Jede zusätzliche Abweichung bräuchte eine</span><br/> <span class="ft8">besondere Begründung. Die Rechtsposition des Enteigneten soll</span><br/> <span class="ft8">unabhängig vom Weg, über den die Enteignung stattgefunden hat,</span><br/> <span class="ft8">grundsätzlich gleich sein. Nach § 137 BauG kann der Enteignete</span><br/> <span class="ft8">innert 25 Jahren seit Übertragung des Rechts die Rückübertragung</span><br/> <span class="ft8">verlangen, wenn feststeht, dass das Land nicht zweckentsprechend</span><br/> <span class="ft8">verwendet wurde. Das spricht ebenfalls für eine zurückhaltende,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">371</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">eigentümerfreundliche Auslegung des Zugrechts, zumal vorliegend</span><br/> <span class="ft8">die Frist schon abgelaufen wäre, wenn man denselben massgeblichen</span><br/> <span class="ft8">Zeitpunkt wie bei der materiellen Enteignung verwenden würde.</span><br/> <span class="ft8">Auch das Verhältnismässigkeitsprinzip, von dem das Enteignungs-</span><br/> <span class="ft8">recht geprägt wird, verlangt den mildest möglichen Eingriff, d.h. im</span><br/> <span class="ft8">Zweifel ist auf eine Enteignung zu verzichten. Zudem gibt § 140</span><br/> <span class="ft8">Abs. 1 BauG dem Privaten eine zusätzliche Basis zur Ausübung der</span><br/> <span class="ft8">formellen Enteignung, was wieder für eine eigentümerfreundliche</span><br/> <span class="ft8">Interpretation spricht. Schliesslich wird nach dem Zweistufenprinzip</span><br/> <span class="ft8">des Bundesgerichts (...) der Restwert, der infolge der ergänzenden</span><br/> <span class="ft8">formellen Enteignung zu entschädigen ist, im Zeitpunkt des Schät-</span><br/> <span class="ft8">zungsentscheids berechnet (vgl. dazu im kantonalen Recht § 140</span><br/> <span class="ft8">Abs. 3 BauG i.V.m. § 134 ff. BauG. i.V.m. § 154 Abs. 2 Satz 2 BauG)</span><br/> <span class="ft8">. Es liegt daher nahe, für die Beurteilung, ob die Voraussetzungen für</span><br/> <span class="ft8">das Zugrecht gegeben sind, auch auf dieses Datum abzustellen.</span><br/> <span class="ft8">Aus all diesen Überlegungen scheint es einzig sachgerecht, für</span><br/> <span class="ft8">die Berechnung des Anteils der Wertminderung am Verkehrswert auf</span><br/> <span class="ft8">die aktuellen Verhältnisse abzustellen.</span><br/> <span class="ft8">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>