<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">82</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>11</b></span> <span class="ft3"><b>§ 17 Abs. 4-6 aEG KVG</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Wenn eine versicherte Person im ordentlichen Verfahren freiwillig auf ei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nen bestehenden Prämienverbilligungsanspruch verzichtet, kann sie die-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sen später auch bei einer Einkommensverminderung nicht mehr im</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ausserordentlichen Verfahren geltend machen. Dies kann in gewissen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Konstellationen zu stossenden Ergebnissen führen, wäre aber durch den</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Gesetzgeber zu korrigieren.</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">83</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 3. Kammer, vom 10. Mai</span><br/> <span class="ft4">2016 i.S. S.S. gegen SVA Aargau (VBE.2015.719)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft5"><i>(Der Beschwerdeführer löste seinen Lehrvertrag per 30. Sep-</i></span><br/> <span class="ft5"><i>tember 2014 auf. Am 22. März 2015 stellte er bei der Beschwer-</i></span><br/> <span class="ft5"><i>degegnerin einen Antrag um rückwirkende Ausrichtung von Prä-</i></span><br/> <span class="ft5"><i>mienverbilligung ab dem 1. Oktober 2014, weil sich sein Einkommen</i></span><br/> <span class="ft5"><i>durch den Wegfall des Lehrlingslohnes um mehr als 20 % vermindert</i></span><br/> <span class="ft5"><i>habe. Der Beschwerdeführer brachte vor, dass er vor dem Verlust</i></span><br/> <span class="ft5"><i>seiner Lehrstelle trotz entsprechenden Anspruchs bewusst auf einen</i></span><br/> <span class="ft5"><i>Antrag auf Prämienverbilligung verzichtet habe, da es ihm ein</i></span><br/> <span class="ft5"><i>Anliegen gewesen sei, selbst für sein Auskommen sorgen zu können.</i></span><br/> <span class="ft5"><i>Die Beschwerdegegnerin lehnte einen rückwirkenden Anspruch auf</i></span><br/> <span class="ft5"><i>Prämienverbilligung ab)</i></span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">5.1.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend gilt es demnach zu klären, ob das ausserordentliche</span><br/> <span class="ft1">Verfahren nach § 17 Abs. 4-6 EG KVG angerufen werden kann, ob-</span><br/> <span class="ft1">wohl bereits im ordentlichen Verfahren eine Geltendmachung von</span><br/> <span class="ft1">Prämienverbilligungsbeiträgen möglich gewesen wäre. (...)</span><br/> <span class="ft1">5.2.</span><br/> <span class="ft5"><i>(Allgemeine Ausführungen zu den Regeln der Gesetzesausle-</i></span><br/> <span class="ft5"><i>gung)</i></span><br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">5.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Auf die Frage, ob ein Anspruch im ausserordentlichen Verfah-</span><br/> <span class="ft1">ren bei veränderten Einkommens- oder Familienverhältnissen auch</span><br/> <span class="ft1">dann geltend gemacht werden kann, wenn auf einen bereits früher</span><br/> <span class="ft1">bestehenden Anspruch (in gleicher oder anderer Höhe) freiwillig ver-</span><br/> <span class="ft1">zichtet worden war, nehmen weder § 17 Abs. 4-6 EG KVG noch die</span><br/> <span class="ft1">übrigen Bestimmungen zur Prämienverbilligung (vgl. §§ 11 ff.</span><br/> <span class="ft1">EG KVG sowie §§ 9 ff. der Verordnung zum EG KVG) explizit</span><br/> <span class="ft1">Bezug.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">84</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">5.3.2.</span><br/> <span class="ft1">So enthält auch § 17 Abs. 4 EG KVG, welcher die Voraus-</span><br/> <span class="ft1">setzungen des ausserordentlichen Verfahrens regelt, diesbezüglich</span><br/> <span class="ft1">keinen ausdrücklichen Vorbehalt. Gemäss § 17 Abs. 6 EG KVG wird</span><br/> <span class="ft1">für die Berechnung des Anspruches im ausserordentlichen Verfahren</span><br/> <span class="ft1">jedoch eine Verminderung des steuerbaren Einkommens (um die</span><br/> <span class="ft1">Differenz zwischen dem ursprünglichen und dem veränderten</span><br/> <span class="ft1">Erwerbseinkommen) vorausgesetzt. Beträgt das steuerbare Einkom-</span><br/> <span class="ft1">men, das für den Prämienverbilligungsanspruch neben dem steuer-</span><br/> <span class="ft1">baren Vermögen den massgebenden Parameter darstellt (§ 16 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">EG KVG), bereits vor der Einkommensveränderung Fr. 0.00, bleibt</span><br/> <span class="ft1">die für das ausserordentliche Verfahren erforderliche Verminderung</span><br/> <span class="ft1">aus. Aus der Bestimmung von § 17 Abs. 6 EG KVG ergibt sich</span><br/> <span class="ft1">mithin, dass der Gesetzgeber das ausserordentliche Verfahren auf</span><br/> <span class="ft1">Fälle beschränken wollte, in denen sich die Einkommensveränderung</span><br/> <span class="ft1">auch tatsächlich auf die Höhe des Prämienverbilligungsanspruches</span><br/> <span class="ft1">auswirkt.</span><br/> <span class="ft1">5.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Betrachtet man die Einbettung des ausserordentlichen Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rens innerhalb der Gesetzessystematik, wird zudem deutlich, dass ein</span><br/> <span class="ft1">Anspruch grundsätzlich im ordentlichen Verfahren geltend gemacht</span><br/> <span class="ft1">werden soll (§ 17 Abs. 1 EG KVG). Nur wenn in einem späteren</span><br/> <span class="ft1">Zeitpunkt aufgrund einer Änderung der wirtschaftlichen oder famili-</span><br/> <span class="ft1">ären Verhältnisse ein Anspruch neu entsteht (Erstanspruch) oder ein</span><br/> <span class="ft1">bereits geltend gemachter Anspruch nachträglich anzupassen ist, soll</span><br/> <span class="ft1">das ausserordentliche Verfahren zur Anwendung kommen (in diesem</span><br/> <span class="ft1">Sinne ist folglich auch § 17 Abs. 4 Satz 1 EG KVG zu verstehen:</span><br/> <span class="ft1">"Bei nachweisbarer Veränderung [...] kann ein Antrag auf Prä-</span><br/> <span class="ft1">mienverbilligung [d.h. ein Erstanspruch] oder, sofern bereits ein</span><br/> <span class="ft1">Anspruch besteht [und demzufolge auch geltend gemacht wurde],</span><br/> <span class="ft1">auf Nachvergütung gestellt werden"). Damit nimmt der Gesetzgeber</span><br/> <span class="ft1">einerseits Rücksicht auf die im Bereich der Prämienverbilligung vor-</span><br/> <span class="ft1">herrschende Massenverwaltung. Andererseits kann so der Vorgabe in</span><br/> <span class="ft1">Art. 65 Abs. 3 Satz 1 KVG Rechnung getragen werden, wonach für</span><br/> <span class="ft1">die Ermittlung des Prämienverbilligungsanspruches im Falle über-</span><br/> <span class="ft1">holter Steuerdaten aktuelle Bemessungsgrundlagen herangezogen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">85</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">werden können sollen (Botschaft betreffend den Bundesbeschluss</span><br/> <span class="ft1">über die Bundesbeiträge in der Krankenversicherung und die</span><br/> <span class="ft1">Teilrevision des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung vom</span><br/> <span class="ft1">21. September 1998 [BBI 1999 I 793, S. 845]; vgl. auch G</span><span class="ft4">EBHARD</span><br/> <span class="ft1">E</span><span class="ft4">UGSTER</span><span class="ft1">, Krankenversicherung, in: SBVR, Rz. 1396 f.; vor diesem</span><br/> <span class="ft1">Hintergrund erfolgte auch die Regelung der Nachvergütung gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 16 Abs. 4 EG KVG). Im Übrigen hat der Bundesgesetzgeber den</span><br/> <span class="ft1">Kantonen bei der Ausgestaltung der Prämienverbilligung erhebliche</span><br/> <span class="ft1">Freiheit zugestanden (vgl. E. 2.1; E</span><span class="ft4">UGSTER</span><span class="ft1">, SBVR, Rz. 1394).</span><br/> <span class="ft1">5.4.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten lässt sich den Gesetzesbestimmungen zur</span><br/> <span class="ft1">in E. 5.1 gestellten Frage durch Auslegung eine Regelung entneh-</span><br/> <span class="ft1">men. Ihre Anwendung kann im Einzelfall allerdings zu einem</span><br/> <span class="ft1">stossenden Ergebnis führen, wenn anspruchsberechtigten Personen,</span><br/> <span class="ft1">die trotz bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen auf staatliche</span><br/> <span class="ft1">Leistungen verzichten, bei (unvorhergesehener) weiterer erheblicher</span><br/> <span class="ft1">Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse nach Ablauf der</span><br/> <span class="ft1">Einreichefrist für das ordentliche Verfahren die Inanspruchnahme</span><br/> <span class="ft1">von Prämienverbilligung im ausserordentlichen Verfahren versagt</span><br/> <span class="ft1">bleibt. Für eine solche Konstellation, wie sie auch beim Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer vorliegt, erweist sich die getroffene Regelung als sachlich</span><br/> <span class="ft1">nicht befriedigend im Sinne einer unechten Lücke (vgl. E. 5.2). Diese</span><br/> <span class="ft1">zu schliessen ist jedoch dem Gesetzgeber vorbehalten, weshalb</span><br/> <span class="ft1">vorliegend das ausserordentliche Verfahren nicht zur Anwendung ge-</span><br/> <span class="ft1">langen kann.</span><br/></div> </div> </body> </html>