<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Stimm-undWahlrecht</span> <span class="page_no">485</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Stimm- und Wahlrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>105 Gemeinderatswahlen; der Versand von Flugblättern oder anderem Pro-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>pagandamaterial durch die Gemeinden ist bei kommunalen Majorzwah-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>len unzulässig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inneres, Gemeindeabtei-</span><br/> <span class="ft3">lung, vom 29. Oktober 2009 in Sachen E. gegen die Einwohnergemeinde Z.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">3. Es ist unbestritten, dass die Gemeinde Z. den Stimmberech-</span><br/> <span class="ft5">tigten mit den offiziellen Unterlagen für die Wahlen des Gemeinde-</span><br/> <span class="ft5">rats auch ein Flugblatt einer politischen Gruppierung (Wahlwerbung)</span><br/> <span class="ft5">zugestellt hat.</span><br/> <span class="ft5">a) Der Gemeinderat ist zunächst auf das Gesetzmässigkeitsprin-</span><br/> <span class="ft5">zip hinzuweisen. Gemäss Art. 5 Abs. 1 der Bundesverfassung (BV)</span><br/> <span class="ft5">vom 18. April 1999 ist die Grundlage und Schranke des staatlichen</span><br/> <span class="ft5">Handelns das Recht. Danach dürfen Verwaltungstätigkeiten nicht nur</span><br/> <span class="ft5">nicht gegen das Gesetz verstossen, sondern sie müssen sich vielmehr</span><br/> <span class="ft5">auf das Gesetz stützen (U. Häfelin/G. Müller/F. Uhlmann, Allgemei-</span><br/> <span class="ft5">nes Verwaltungsrecht, 5. Auflage, Zürich 2006, Rz 368 f.). Insofern</span><br/> <span class="ft5">ist im Bereich des öffentlichen Rechts nicht einfach erlaubt, was</span><br/> <span class="ft5">nicht ausdrücklich verboten ist, sondern es ist nur erlaubt, was sich</span><br/> <span class="ft5">auf eine gesetzliche Grundlage stützen kann.</span><br/> <span class="ft5">b) Gemäss Art. 34 Abs. 2 BV schützt die Garantie der politi-</span><br/> <span class="ft5">schen Rechte die freie Willensbildung und die unverfälschte Stimm-</span><br/> <span class="ft5">abgabe. Eine unzulässige Beeinflussung der Stimmbürgerinnen und</span><br/> <span class="ft5">Stimmbürger kann etwa vorliegen, wenn die Behörden in einen</span><br/> <span class="ft5">Wahl- oder Abstimmungskampf mit behördlicher Propaganda ein-</span><br/> <span class="ft5">greifen. Bei Wahlen sind die Behörden zur strikten Neutralität ver-</span><br/> <span class="ft5">pflichtet, da ihnen keine Beratungsfunktion zukommt. Behördliche</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">486</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Propaganda ist deshalb grundsätzlich unzulässig, insbesondere dann,</span><br/> <span class="ft5">wenn es um die Wiederwahl der betreffenden Behörde selber geht</span><br/> <span class="ft5">oder wenn Kampfkandidatinnen oder Kampfkandidaten auftreten</span><br/> <span class="ft5">(vgl. U. Häfelin/W. Haller/H. Keller, Schweizerisches Bundesstaats-</span><br/> <span class="ft5">recht, 7. Auflage, Zürich 2008, Rz 1393 ff.).</span><br/> <span class="ft5">aa) In § 16 Abs. 4 des Gesetzes über die politischen Rechte</span><br/> <span class="ft5">(GPR) vom 10. März 1992 werden die Gemeinden verpflichtet, bei</span><br/> <span class="ft5">der Durchführung der Verhältniswahlverfahren (Einwohnerrat, Gros-</span><br/> <span class="ft5">ser Rat, Nationalrat) den Wahlberechtigten gleichzeitig mit den amt-</span><br/> <span class="ft5">lichen Wahlunterlagen in einem besonderen Umschlag je ein Flug-</span><br/> <span class="ft5">blatt der an der Wahl beteiligten Parteien oder politischen Gruppie-</span><br/> <span class="ft5">rungen unentgeltlich zuzustellen. Diese Flugblätter sind nach § 16</span><br/> <span class="ft5">Abs. 5 GPR von den interessierten Parteien und politischen Gruppie-</span><br/> <span class="ft5">rungen in der für den jeweiligen Wahlkreis benötigten Anzahl recht-</span><br/> <span class="ft5">zeitig zur Verfügung zu stellen. Der mit organisatorischer Hilfe der</span><br/> <span class="ft5">Gemeinden sowie des Kantons durchgeführte Versand dieses Propa-</span><br/> <span class="ft5">gandamaterials an die Wahlberechtigten beinhaltet zwar eine indi-</span><br/> <span class="ft5">rekte staatliche Unterstützungsmassnahme, die aber, weil sie grund-</span><br/> <span class="ft5">sätzlich nur bei Proporzwahlen zum Zuge kommt, wie dies § 16</span><br/> <span class="ft5">Abs. 4 GPR deutlich macht, unter dem Gesichtspunkt des bei Wahlen</span><br/> <span class="ft5">geltenden Prinzips der strikten staatlichen Neutralität unbedenklich</span><br/> <span class="ft5">erscheint. Insbesondere respektiert diese Hilfestellung auch den</span><br/> <span class="ft5">Grundsatz der Chancengleichheit der Wahlbewerber- und Wahlbe-</span><br/> <span class="ft5">werberinnen, indem allen Parteien und politischen Gruppierungen,</span><br/> <span class="ft5">die sich mit einem Wahlvorschlag an der Listenwahl beteiligen, ohne</span><br/> <span class="ft5">Einschränkung und unter Einräumung der gleichen Bedingungen die</span><br/> <span class="ft5">Möglichkeit haben, von der Dienstleistung Gebrauch zu machen. Die</span><br/> <span class="ft5">Gleichbehandlung aller Listen und aller einzelner Bewerber und Be-</span><br/> <span class="ft5">werberinnen gewährleistet somit im Sinne der bundesgerichtlichen</span><br/> <span class="ft5">Rechtsprechung die freie Willensbildung und Willensbetätigung der</span><br/> <span class="ft5">Wählenden (BGE 113 Ia 291; Stefan Widmer, Wahl- und Abstim-</span><br/> <span class="ft5">mungsfreiheit, Diss. ZH 1989, S. 226).</span><br/> <span class="ft5">bb) Anders verhält es sich demgegenüber nach dem klaren</span><br/> <span class="ft5">Wortlaut des Gesetzes bei einer Majorzwahl wie der vorliegend zu</span><br/> <span class="ft5">beurteilenden Wahl des Gemeinderats (vgl. § 27 Ziff. 4 lit. a GPR).</span><br/> <span class="ft5">Im Gegensatz zur Listenwahl des Einwohnerrats oder zu anderen im</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Stimm-undWahlrecht</span> <span class="page_no">487</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">System des Verhältniswahlverfahrens durchzuführenden Wahlen, bei</span><br/> <span class="ft5">welchen der Kandidaten- bzw. Kandidatinnenkreis geschlossen ist</span><br/> <span class="ft5">und insofern alle auf den Listen aufgeführten Bewerber und Bewer-</span><br/> <span class="ft5">berinnen gleichermassen von der Werbeaktion profitieren können, ist</span><br/> <span class="ft5">der erste Wahlgang einer Majorzwahl nämlich offen. Da demzufolge</span><br/> <span class="ft5">bei einer Majorzwahl ein rechtlich relevanter Kandidatenstatus fehlt,</span><br/> <span class="ft5">können alle Wahlberechtigten gültige Stimmen auf sich vereinigen.</span><br/> <span class="ft5">Dies bedeutet, das Bewerber und Bewerberinnen, die nicht im Rah-</span><br/> <span class="ft5">men der Wahl durch Parteien oder Gruppierungen in Vorschlag ge-</span><br/> <span class="ft5">bracht und in die entsprechende Flugblattwerbung miteinbezogen</span><br/> <span class="ft5">werden, benachteiligt sind.</span><br/> <span class="ft5">c) Es ist demnach festzuhalten, dass das GPR und die dazuge-</span><br/> <span class="ft5">hörige Verordnung den Versand von Propagandamaterial durch die</span><br/> <span class="ft5">Gemeinde bei kommunalen Majorzwahlen nicht vorsehen und dieser</span><br/> <span class="ft5">damit unzulässig ist. Darüber hinaus verletzt die Beilage von Wahl-</span><br/> <span class="ft5">werbung im 1. Wahlgang einer Gemeinderatswahl die verfassungs-</span><br/> <span class="ft5">mässig geschützte Wahl- und Abstimmungsfreiheit (so schon in den</span><br/> <span class="ft5">Entscheiden des Departements Volkswirtschaft und Inneres vom</span><br/> <span class="ft5">26. August 1993 i.S. K. gegen die Gemeinde R., vom 17. Dezember</span><br/> <span class="ft5">1996 i.S. D. gegen die Gemeinde M., und 23. Juni 2004 i.S. F. gegen</span><br/> <span class="ft5">die Gemeinde A. sowie Entscheid des Regierungsrats vom 30. April</span><br/> <span class="ft5">1997 i.S. D. gegen die Gemeinde M.).</span><br/> <span class="ft5">Wird eine unzulässige Einflussnahme auf die Meinungsbildung</span><br/> <span class="ft5">festgestellt, so wird eine Wahl jedoch nur dann aufgehoben, wenn die</span><br/> <span class="ft5">gerügten Unregelmässigkeiten erheblich sind und das Ergebnis be-</span><br/> <span class="ft5">einflussen bzw. beeinflusst haben könnten. Dies trifft hier nach Auf-</span><br/> <span class="ft5">fassung der Beschwerdeinstanz nicht zu. Das Flugblatt war nicht das</span><br/> <span class="ft5">einzige Informationsmittel im Wahlkampf. Vielmehr hat der Anzei-</span><br/> <span class="ft5">ger für das Oberamt am 18. September 2009 ausdrücklich auf den</span><br/> <span class="ft5">Umstand der unerlaubten Werbung hingewiesen. Zudem sind im er-</span><br/> <span class="ft5">wähnten Zeitungsartikel die beiden neuen Kandidaten ausführlich</span><br/> <span class="ft5">vorgestellt worden. Damit war eine freie Willensbildung durchaus</span><br/> <span class="ft5">möglich. Insgesamt kann deshalb davon ausgegangen werden, dass</span><br/> <span class="ft5">das Wahlergebnis den wirklichen Willen der Stimmberechtigten kor-</span><br/> <span class="ft5">rekt zum Ausdruck bringt. Demzufolge kann von einer Kassation der</span><br/> <span class="ft5">Wahl abgesehen werden. Es erweist sich im vorliegenden Falle als</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">488</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">ausreichend, wenn die Aufsichtsbehörde den Gemeinderat dazu ver-</span><br/> <span class="ft5">pflichtet, sich in künftigen Fällen gesetzeskonform zu verhalten.</span><br/></div> </div> </body> </html>