Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 7. September 2022 (810 22 18) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung / Rückstufung Besetzung Vorsitzender Niklaus Ruckstuhl, Kantonsrichter Hans Furer, Markus Clausen, Daniel Häring, Daniel Noll , Gerichtsschreiberin Julia Kempfert Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Oliver Borer, Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , Vorinstanz Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung / Rückstu fung (RRB Nr. 100 vom 18. Januar 2022) A. Die türkische Staatsangehörige A.____ (geb. 1963) r eiste am 25. November 1986 im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz ein und ist im Besitz einer Niederlassungsbewil- ligung. Sie ist seit August 2003 von ihrem Ehemann B. ____ gerichtlich getrennt und seit Juni 2022 geschieden. A.____ ist Mutter von drei Kindern (geb. 1979, 1984 und 1987). Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. A.____ war in der Zeit von 1992 bis 2011 als Raumpf legerin erwerbstätig. Im Juni 2011 stellte sie bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung ( IV) mit dem Hinweis auf Rücken- schmerzen ein Gesuch zum Bezug von Leistungen, welches im M ärz 2018 – nach gescheiter- ten beruflichen Massnahmen und durchgeführtem Vorbescheidsverfahren – abgewiesen wurde. Eine dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Kantonsger icht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht, mit Urteil vom 15. November 2 018 abgewiesen. Ihre dagegen erho- bene Beschwerde an das Bundesgericht zog A.____ nach Abw eisung ihres Gesuchs um un- entgeltliche Rechtspflege zurück. C. Seit April 2011, mit einem Unterbruch von August 2012 bis Januar 2013, bezieht A.____ Leistungen der Sozialhilfe. Infolgedessen sprach das Amt für Migration und Bürgerrecht (AFMB) am 19. August 2019 gegenüber A.____ eine auslä nderrechtliche Verwarnung aus. Da- rin wurde festgehalten, dass sich die bezogene Sozialhil feunterstützung auf Fr. 183'920.-- be- laufen würde und insgesamt drei Verlustscheine in der Höhe von Fr. 2'740.-- verzeichnet seien. A.____ wurde darauf aufmerksam gemacht, dass sie finanzi ell selbständig werden müsse, an- dernfalls weitere ausländerrechtliche Massnahmen geprüft würden. Die Arbeitsbemühungen seien zu dokumentieren und würden im nächsten Jahr überprüft werden. D. Im Februar 2021 beliefen sich die bezogenen Sozialh ilfeleistungen auf rund Fr. 227'000.--, weshalb das AFMB A.____ mit Schreibe n vom 24. Februar 2021 das rechtliche Gehör im Hinblick auf einen allfälligen Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung (Rückstufung) gewährte. A .____, vertreten durch Nuray Ates Tek- demir, Advokatin, reichte am 14. Mai 2021 ihre Stellungnahme ein. E. Mit Verfügung vom 22. Juli 2021 widerrief das AFM B die Niederlassungsbewilligung von A.____ und ersetzte diese durch eine Aufenthaltsbewi lligung (Rückstufung). Die Aufent- haltsbewilligung wurde mit den Bedingungen verknüpft, wonach sich A.____ zum einen um eine ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten angepasste Erwerbst ätigkeit im Umfang von 50 Stellen- prozenten (steigerbar) bemühen (mind. 24 Bewerbungen pro Quartal), dies dokumentieren (Ko- pien von Inseraten, Bewerbungen und Absagen) und einen allfälligen Arbeitsvertrag dem AFMB unaufgefordert zukommen lassen müsse. Zum anderen müsse A.____ Deutschkurse absolvie- ren und dies bei der Prüfung der Verlängerung der A ufenthaltsbewilligung mittels anerkanntem Sprachzertifikat, Referenzniveau A2 (mündlich und schri ftlich) belegen. Schliesslich dürfe sie keine Schulden mehr generieren. Die Aufenthaltsbewilligung wurde für die Dauer von 12 Mona- ten ausgestellt. F. Die von A.____, vertreten durch Nuray Ates Tekdem ir, dagegen erhobene Beschwerde vom 5. August 2021 wies der Regierungsrat des Kantons Bas el-Landschaft mit Regierungs- ratsbeschluss vom 18. Januar 2022 ab. Dem Gesuch um Gewährun g der unentgeltlichen Rechtspflege wurde stattgegeben und Verfahrenskosten wurden keine erhoben. G. Dagegen erhob A.____, nachfolgend vertreten durch Oliver Borer, Advokat, mit Einga- be vom 25. Januar 2022 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Verfassungs- und Verwal- tungsrecht (Kantonsgericht), mit den Rechtsbegehren, i n Gutheissung der Beschwerde sei der Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beschwerdeführerin die Niederlassungsbewilligung zu be lassen, unter Kosten- und Entschädi- gungsfolge. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde ei ne mündliche Verhandlung vor dem Kan- tonsgericht beantragt. Ihre Beschwerdebegründung reichte die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 28. März 2022 ein. H. Mit Vernehmlassung vom 22. April 2022 schloss der R egierungsrat auf kostenfällige Abweisung der Beschwerde. I. Am 11. Mai 2022 wurde der Fall der Kammer zur Be urteilung überwiesen. J. Anlässlich der heutigen Parteiverhandlung wurde die Beschwerdeführerin befragt. Die Parteien hielten an den schriftlich gestellten Anträgen fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kan tonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand nach § 44 VPO noch ein spezialgesetzli cher Ausschlusstatbestand vor- liegt, ist die Zuständigkeit des Kantonsgerichts zur Beu rteilung der Beschwerde gegeben. Die weiteren formellen Voraussetzungen sind ebenfalls erfüllt, sodass auf die Beschwerde eingetre- ten werden kann. 1.2 Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können gemäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Festste llung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit des angefochte nen Rechtsaktes ist dem Kantonsge- richt dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen – verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO e contrario). 2. Strittig ist, ob das AFMB zu Recht gestützt auf Art. 6 3 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (Ausländer- und Integrationsgesetz, AIG) vom 16. Dezember 2005 die Niederlassungsbewilligun g der Beschwerdeführerin widerru- fen und durch eine Aufenthaltsbewilligung ersetzt hat. 3.1 Gemäss Art. 63 Abs. 2 AIG kann die Niederlassungsbew illigung widerrufen und durch eine Aufenthaltsbewilligung ersetzt werden, wenn die I ntegrationskriterien nach Art. 58a AIG nicht erfüllt sind. Mit der Rückstufung soll erreicht we rden, dass die betroffene Person zukünftig ihr Verhalten ändert und sich besser integriert. Die Rückstufung hat somit auch einen präven- tiven Charakter (Staatssekretariat für Migration [SEM] , Weisungen AIG, Stand 1. November 2019, Ziff. 8.3.3). Die Rückstufung kann gemäss Art. 62 a Abs. 1 der Verordnung über Zulas- sung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) vom 24. Oktober 2007 mit einer Integrations- vereinbarung oder einer Integrationsempfehlung nach Art. 58b AIG verbunden werden. Wird die Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Verfügung nicht mit einer Integrationsvereinbarung od er Integrationsempfehlung verbunden, so muss sie gemäss Art. 62a Abs. 2 VZAE mindestens folgende E lemente enthalten: lit. a) die In- tegrationskriterien nach Art. 58a Abs. 1 AIG, die die Ausländerin oder der Ausländer nicht erfüllt hat; lit. b) die Gültigkeitsdauer der Aufenthaltsbewi lligung; lit. c) die Bedingungen, an die der weitere Verbleib in der Schweiz geknüpft wird (Art. 3 3 Abs. 1 AIG) und lit. d) die Folgen für den Aufenthalt in der Schweiz, wenn die Bedingungen nac h lit. c) nicht eingehalten werden (Art. 62 Abs. 1 lit. d AIG). 3.2 Mit der per 1. Januar 2019 in Kraft gesetzten Geset zesänderung wurden die mass- gebenden Integrationskriterien neu auf Gesetzesstufe in Art. 58a AIG explizit und abschlies- send definiert. Gemäss Art. 58a Abs. 1 AIG berücksichtigt die zuständige Behörde bei der Beur- teilung der Integration folgende Kriterien: a. die Beachtung der öffentlichen Sicherheit und Ordnu ng; b. die Respektierung der Werte der Bundesverfassung; c. die Sprachkompetenzen; und d. die Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung. Der Situation von Personen, welche die Integrationskriterien von Art. 58a Abs. 1 lit. c und d AIG aufgrund einer Behinderung oder Krankheit oder anderen gewichtigen persönlichen Umständen nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen erfüllen können, ist gemäss Art. 58a Abs. 2 AIG angemessen Rechnung zu tragen. Die in Art. 58a Abs. 1 AIG genannten Integrationskriterien wurden in den verschiedenen migrationsrechtlichen Erlasse n (AIG, Asylgesetz [AsylG] vom 26. Juni 1998 und Bundesgesetz über das Schweizer Bürgerrecht [Bürgerrechtsgesetz, BüG] vom 20. Juni 2014) vereinheitlicht und aufeinander abgestimmt (Botschaft zur Änderung des Auslän- dergesetzes [Integration] vom 8. März 2013, Bundesblatt [BBl] 2013 S. 2399). 4.1 Die Vorinstanz erwog, dass der Widerrufsgrund der erheblichen und dauerhaften Sozi- alhilfeabhängigkeit von Art. 63 Abs. 1 lit. c AIG erfüllt sei, sich der Widerruf der Niederlassungs- bewilligung und die Wegweisung der Beschwerdeführerin jedoch derzeit als unverhältnismässig erweisen würden. Es sei deshalb zu prüfen, ob gestützt auf Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 58a AIG eine Rückstufung der Niederlassungsbewilligung auf eine Aufenthaltsbewilligung in Frage komme. Dies sei zu bejahen, da mangels wirtschaft licher Integration das Integrationskri- terium von Art. 58a Abs. 1 lit. d AIG nicht erfüllt sei. In Bezug auf ihre Sprachkompetenz erfülle die Beschwerdeführerin die gesetzlichen Voraussetzungen ebenfalls nicht. Die Integrationskrite- rien gemäss Art. 58a Abs.1 AIG seien somit gesamthaft nicht erfüllt. Vorliegend erweise sich die Rückstufung als das mildeste zur Verfügung stehende Mittel , um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Von einer blossen Androhung einer Rückstufung im Sinne einer Verwarnung gemäss Art. 96 Abs. 2 AIG sei nicht in gleichem Masse eine posi tive Verhaltensänderung zu erwarten, zumal die Beschwerdeführerin bereits im August 2019 ve rwarnt worden sei. Sie habe sich trotz (reduzierter) Arbeitsfähigkeit und einer genügend lan gen Frist im Laufe der vergangenen Jahre Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht nicht ausreichend darum bemüht, eine Erwerbstätigkeit z u suchen. In Übereinstimmung mit dem AFMB sehe die Vorinstanz keinen Anlass, ermessensweise a uf eine Rückstufung zu ver- zichten. Es entspreche zudem einem gewichtigen öffent lichen Interesse, dass Personen, die in der Lage sind, einer (reduzierten) Erwerbstätigkeit nach zugehen, der öffentlichen Fürsorge nicht übermässig zur Last fielen. Die Rückstufung erweise sich somit auch als verhältnismässig. 4.2 Die Beschwerdeführerin wendet hiergegen im Wesentl ichen ein, dass es für sie neben ihren gesundheitlichen Einschränkungen auch aufgrund ih res Alters, des fehlenden Ausbil- dungsniveaus, der Berufserfahrung und ihrer Nationalit ät nicht leicht sei, eine Stelle zu finden. Ihr könne somit nicht vorgeworfen werden, sie würde sich weigern, am Erwerbsleben teilzu- nehmen, weshalb der Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. c AIG nicht erfüllt sei. Aus densel- ben Gründen ergebe sich, dass die Beschwerdeführerin d ie Integrationskriterien von Art. 58a AIG im Rahmen ihrer Möglichkeiten erfülle. Die aktuel le gesundheitliche Situation der Be- schwerdeführerin und die rapide Verschlechterung, die sich nach Erhalt der angefochtenen Ver- fügung des AFMB ergeben habe, zeige, welche Stresssympto me der Entzug der Niederlas- sungsbewilligung bei der Beschwerdeführerin auslöse. Die jährliche Überprüfung der Aufent- haltsbewilligung würden wieder dieselben Symptome her vorrufen, was eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation und eine Arbeitsaufnahme v erunmögliche. Eine Rückstufung sei somit nicht verhältnismässig. Die Bedingungen, welche vom AFMB verfügt worden seien, seien ebenfalls nicht verhältnismässig, zumal nicht davon auszu gehen sei, dass es genügend Stel- lenangebote gebe, welche auf das Profil der Beschwerdeführerin passen würden. 5.1 Voraussetzung für eine Rückstufung nach Art. 63 Abs. 2 AIG ist eine Prüfung der In- tegrationskriterien nach Art. 58a AIG im Rahmen einer zukunftsgerichteten Gesamtbetrachtung. Im Rahmen dieser Gesamtbetrachtung sind alle vier in A rt. 58a Abs. 1 AIG abschliessend ge- nannten Kriterien zu prüfen. Erforderlich ist eine Ge samtwürdigung aller massgeblichen Aspek- te im Einzelfall (vgl. M ARC SPESCHA , in: Spescha/Zünd/ Bolzli/Hruschka/de Weck [Hrsg.], Kom- mentar Migrationsrecht, 5. Auflage, 2019, Art. 58a A IG N 1; siehe auch Urteil des Bundes- verwaltungsgerichts F-4152/2016 vom 27. Juni 2018 E. 4. 5). Eine gleichartige Gesamtwür- digung ist auch im Einbürgerungsverfahren vorzunehmen ( vgl. Urteil des Bundesgerichts 1D_7/2019 vom 18. Dezember 2019 E. 3.4). Die Niederl assungsbewilligung ist ihrer Rechtsna- tur nach unbefristet und nicht an Bedingungen geknüpf t (Art. 34 Abs. 1 AIG). Integrationsdefizi- te rechtfertigen eine Rückstufung deshalb nicht leichthi n, sondern nur, wenn sie derart sind, dass auch ein Widerruf der Niederlassungsbewilligung sa mt Wegweisung aus der Schweiz ernsthaft in Betracht fällt (vgl. SPESCHA , a.a.O., Art. 63 AIG N 23). Die Rückstufung setzt zudem voraus, dass die betroffene Person in der Lage ist, ihr Verhalten zu steuern, d.h. ihre Integration zu verbessern, was zum Beispiel im Fall von Sozialhilfeabhängigen dann nicht der Fall ist, wenn der Sozialhilfebezug aufgrund persönlicher Umstände im Sinne von Art. 77f VZAE entschuldbar erscheint (vgl. SPESCHA , a.a.O., Art. 63 AIG N 26). 5.2 Das Integrationskriterium von Art. 58a Abs. 1 lit. d AIG verlangt die Teilnahme am Wirt- schaftsleben oder am Erwerb von Bildung. Nach Art. 77e Abs. 1 VZAE nimmt eine Person am Wirtschaftsleben teil, wenn sie die Lebenshaltungskosten u nd Unterhaltsverpflichtungen deckt durch Einkommen, Vermögen oder Leistungen Dritter, auf die ein Rechtsanspruch besteht. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Nach Art. 77e Abs. 2 VZAE nimmt eine Person am Erwerb von Bildung teil, wenn sie in Aus- oder Weiterbildung ist. Bei diesem Integrationskriterium wird nicht bloss der entsprechende Wil- le gefordert, sondern die tatsächliche Teilnahme bezieh ungsweise der Erwerb (S PESCHA , a.a.O., Art. 58a N 7). Die Beschwerdeführerin bezieht seit April 2011, mit einem Unterbruch von August 2012 bis Januar 2013, Leistungen der Sozialhilfe, wobei sich der bezogene Betrag zum Zeitpunkt des vorinstanzlichen Entscheids auf rund Fr. 2 27'000.-- belief. Der Sozialhilfebezug dauert zudem bis heute an. Der mittlerweile angefal lene Gesamtbetrag der bisher bezogenen Sozialhilfeleistungen ist deshalb als erheblich zu beze ichnen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_714/2018 vom 30. Januar 2019 E. 3.2.3). Die Beschw erdeführerin war seit dem Jahr 2011 nicht mehr erwerbstätig und hat damit längere Zeit ni cht am Erwerbsleben teilgenommen. Obschon der Beschwerdeführerin im IV-Verfahren eine Ar beitsfähigkeit im Umfang von 70% attestiert wurde, hat sie bis heute, abgesehen von weni gen Bewerbungen, keine ernsthaften und zielorientierten Bemühungen unternommen, sich wirt schaftlich zu integrieren und von der Sozialhilfe zu lösen. 5.3 Die sprachliche Integrationsanforderung nach Art. 58a Abs. 1 lit. c AIG kann auf ver- schiedene Weise erfüllt werden. Der Nachweis der Sprach kompetenz erbringt gemäss Art. 77d VZAE, wer die am Wohnort gesprochene Landessprache als Muttersprache spricht und schreibt, während mindestens drei Jahren die obligatori sche Schule oder eine Ausbildung auf Sekundarstufe II oder Tertiärstufe in dieser Landesspra che besucht hat oder über einen Sprachnachweis verfügt, welcher die entsprechende Sprachk ompetenz in dieser Landesspra- che bescheinigt. Ein entsprechender Nachweis der Sprach kompetenz der Beschwerdeführerin liegt nicht vor. Die Tochter der Beschwerdeführerin gib t in ihrem Schreiben vom 25. Oktober 2020 an, dass ihre Mutter vor 15 Jahren einen Deutsch kurs absolviert habe, den entsprechen- den Nachweis jedoch nicht mehr beibringen könne. Die Beschwerdeführerin macht dazu gel- tend, dass sie Deutsch sprechen könne. Sie habe jedoch di e Primarschule in ihrer Heimat auf- grund ihres Geschlechts nicht besuchen dürfen, weshalb sie heute Analphabetin sei und das Absolvieren eines Deutschkurses aufgrund ihrer Schreib- und Leseschwäche schwierig sei. Ihre Sprachkompetenz müsse unter Berücksichtigung dieser Tatsache beurteilt und als ausreichend eingestuft werden. Nach der Trennung von ihrem Eheman n im Jahr 2003 waren die Kinder der Beschwerdeführerin 24, 19 und 16 Jahre alt, weshalb es ihr spätestens ab diesem Zeitpunkt neben ihrer Erwerbstätigkeit durchaus zumutbar gewesen wäre, an ihrer Schreib-, Lese- und Sprachkompetenz zu arbeiten und einfache Lese- und Schr eibkompetenzen zu erlernen. An- lässlich der Parteiverhandlung wird ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin Gespräche auf Deutsch führen kann, allerdings nur über rudimentäre Sprachkenntnisse verfügt. Dass sich die Beschwerdeführerin trotz ihrer langen Anwesenheit in der Schweiz nur rudimentär verständigen kann, ist somit als Defizit anzusehen. 5.4 Die öffentliche Sicherheit und Ordnung (Art. 58a Abs. 1 lit. a AIG) gilt nach Art. 77a VZAE unter anderem als nicht beachtet, wenn gesetzliche Vorschriften und behördliche Verfü- gungen missachtet werden, öffentlich-rechtliche oder pr ivatrechtliche Verpflichtungen mutwillig nicht erfüllt werden. Die Verschuldung, als Folge des Ni chterfüllens von öffentlich-rechtlichen oder privatrechtlichen Verpflichtungen, muss mutwillig erfolgen, das heisst sie muss selbst ver- schuldet und qualifiziert vorwerfbar sein. Wurde berei ts eine ausländerrechtliche Verwarnung Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht (Art. 96 Abs. 2 AIG) ausgesprochen, ist entscheidend, ob die ausländische Person danach wei- terhin mutwillig Schulden angehäuft hat. Von entschei dender Bedeutung ist, welche Anstren- gungen zur Sanierung unternommen worden sind. Positiv zu würdigen ist etwa, wenn vorbe- standene Schulden abgebaut worden sind. In der Verwar nung vom 19. August 2019 wurde auf drei Verlustscheine in der Höhe von insgesamt Fr. 2'740. -- verwiesen, welche auf den Namen der Beschwerdeführerin verzeichnet gewesen waren. In den Akten befindet sich ein Betrei- bungsregisterauszug vom 4. August 2021, welcher noch ni cht getilgte Verlustscheine in der Höhe von Fr. 839.30 verzeichnet. Die Beschwerdeführeri n war somit darum bemüht, ihre Schulden abzubauen und zu begleichen, weshalb die Vorau ssetzung von Art. 58a Abs. 1 lit. a AIG grundsätzlich als erfüllt gilt. 5.5 Das Integrationskriterium der Respektierung der Wer te der Bundesverfassung nach Art. 58a Abs. 1 lit. b AIG und Art. 77c VZAE erfüllt die Beschwerdeführerin und gibt zu keinen weiteren Ausführungen Anlass. 6.1 Die Integrationskriterien der Beachtung der öffen tlichen Sicherheit und Ordnung sowie der Respektierung der Werte der Bundesverfassung werden von der Beschwerdeführerin erfüllt, können jedoch bei der Beurteilung der konkreten Integr ation als eigenständige Kriterien nicht erheblich ins Gewicht fallen, da sie keine besonderen I ntegrationsbemühungen voraussetzen. Die zwei wesentlichen Kriterien, und zwar die Teilnahme am Wirtschaftsleben sowie die Sprachkompetenz, die verstärkt die Bemühungen der auslän dischen Person um Integration zeigen und verlangen, erfüllt die Beschwerdeführerin n ach dem Gesagten dagegen grundsätz- lich nicht. In Anbetracht ihrer sehr langen Anwesenhe it in der Schweiz (Aufenthalt seit 1986) ist es somit prinzipiell nicht zu beanstanden, dass die Vorinsta nzen die Integration der Beschwer- deführerin als mangelhaft beurteilt haben. 6.2 Art. 58a Abs. 2 AIG statuiert, dass der Situation vo n Personen, welche die Integrati- onskriterien von Art. 58a Abs. 1 lit. c und d AIG aufgru nd einer Behinderung oder Krankheit oder anderen gewichtigen persönlichen Umständen nicht od er nur unter erschwerten Bedin- gungen erfüllen können, angemessen Rechnung zu tragen se i. Die Beschwerdeführerin bringt diesbezüglich vor, dass sich ihre gesundheitliche Situatio n vor allem aufgrund der Verfügung des AFMB und wegen des Drucks ihres Ehemannes merklich verschlechtert habe. Am 28. Dezember 2021 sei aus diesem Grund bei der IV ein Wiedererwägungsgesuch eingereicht worden. Die aktuelle Arbeitsfähigkeit der Beschwerdef ührerin könne seit der stationären Be- handlung in den Universitären Psychiatrischen Kliniken Bas el (UPK) vom 15. September bis 21. Dezember 2021 nicht ohne weitere Überprüfung mit 70% der ursprünglichen Arbeitsfähig- keit festgesetzt werden. Zudem nehme die Beschwerdeführ erin weiterhin an regelmässigen Behandlungen und an Gruppentherapien teil, was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und ihre zeitliche Flexibilität ebenfalls verschlechtere. Die Beschw erdeführerin reichte ein ärztliches Zeugnis der UPK vom 24. Dezember 2021 sowie einen ärztlichen Bericht der Psychiatrie Basel- land vom 1. März 2022 ein. In beiden Berichten wird b ei der Beschwerdeführerin insbesondere eine depressive sowie somatoforme Störung festgestellt. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.3 Selbst, wenn im Rahmen der zukunftsgerichteten G esamtbetrachtung gemäss Art. 58a Abs. 1 und Abs. 2 AIG auch unter Berücksichtigung der vorst ehenden Erwägung (E. 6.2 hier- vor) eine Integration gestützt auf Art. 58a AIG zu ver neinen wäre, erwiese sich der Widerruf der Niederlassungsbewilligung und deren Ersatz durch eine Aufenthaltsbewilligung – wie nachfol- gend aufzuzeigen sein wird – als unverhältnismässig, wesha lb diese Frage offengelassen wer- den kann. Unter den gegebenen Umständen kann auch die Frage offengelassen werden, ob die Vorinstanzen eine den Anforderungen genügende Gesamt betrachtung der Integrationskriterien vorgenommen haben. 7.1 Die Rückstufung stellt im Vergleich zu einer mit de m Wiederruf der Niederlassungsbe- willigung verknüpften Wegweisung eine mildere Massnahme dar, muss allerdings auch selbst verhältnismässig sein (vgl. SPESCHA , a.a.O., Art. 63 AIG N 23). Im Rahmen der Verhältn ismäs- sigkeitsprüfung nach Art. 36 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossen- schaft (BV) vom 18. April 1999 ist zu prüfen, ob die Rückstufung geeignet und erforderlich ist, ihren Zweck zu erfüllen. Die Rückstufung hat zudem in einem angemessenen Verhältnis zu den damit für die betroffene Person verbundenen Konsequenzen zu stehen ("Übermassverbot"; vgl. Art. 96 AIG bzw. Art. 5 Abs. 2 BV). 7.2 Die Vorinstanz führt aus, dass die Beschwerdeführerin durch die Rückstufung und die damit verbundenen Bedingungen, namentlich die Pflicht zu Stellensuchbemühungen und ent- sprechender Dokumentation, zu einer Verhaltensänderung bewegt werden könne. Es sei unter Berücksichtigung ihrer Arbeitsfähigkeit im Umfang von 7 0% nicht einsehbar, inwiefern es der Beschwerdeführerin gänzlich unmöglich sein sollte, sich b eruflich wieder zu integrieren oder zumindest einen entsprechenden Versuch zu starten. Dabei sei es zweckdienlich, über gute Sprachkenntnisse zu verfügen. Es gehe primär darum, die mündliche Ausdrucksfähigkeit zu verbessern, bzw. sich zumindest um eine Verbesserung zu be mühen. Schliesslich stelle die Rückstufung im Verhältnis zur Wegweisung bereits eine mildere Massnahme dar. 7.3 Die Beschwerdeführerin lebt seit rund 36 Jahren in der Schweiz, womit von einer star- ken Verwurzelung in diesem Land auszugehen ist. Seit dem Jahr 2011 war die Beschwerdefüh- rerin nicht mehr erwerbstätig und bezog seit dieser Ze it Sozialhilfeleistungen in grossem Um- fang. An die erteilte Aufenthaltsbewilligung wurden Bedingungen geknüpft, wonach sich die Beschwerdeführerin um eine ihren Fähigkeiten und Mögl ichkeiten angepasste Erwerbstätigkeit im Umfang von 50 Stellenprozenten zu bemühen und die s zu dokumentieren habe. Zudem ha- be sie Deutschkurse zu absolvieren und dies mittels Zertifikat zu belegen sowie keine Schulden mehr zu generieren. Inwiefern das Ziel einer wirtschaft lichen Integration im Fall der 59-jährigen Beschwerdeführerin jedoch noch erreicht werden könnte, e rschliesst sich vor dem Hintergrund der diversen ärztlichen Gutachten aus dem IV-Verfahren, welche der Beschwerdeführerin ab dem Jahr 2012 durchgehend unter anderem eine leichte b is schwere depressive Störung sowie eine somatoforme Schmerzstörung diagnostizieren, nicht . Im Bericht der Psychiatrie Baselland vom 9. Mai 2018 wurde zudem festgehalten, dass die Beschwe rdeführerin narzisstische, de- pendente und histrionische Persönlichkeitszüge aufweise un d an Konzentrationsstörungen, Merkfähigkeitsschwächen sowie an Ein- und Durchschlafschwierig keiten leide. Überdies habe die Beschwerdeführerin suizidale und fremdaggressive Geda nken und würde sich sozial zu- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht rückziehen. Ihre Prognose sei aufgrund der langandauern den Beschwerden und dem kulturell bedingten unterschiedlichen Therapie- und Krankheitsverständnis schlecht (vgl. Urteil des Kan- tonsgerichts, Abteilung Sozialversicherungsrecht, vom 15. November 2018 [720 18 153] E. 7.14). Dem Bericht der Psychiatrie Baselland vom 11. September 2019 ist weiter zu entneh- men, dass sich die Beschwerdeführerin seit längerem wegen einer chronisch depressiven Symptomatik mit rezidiv suizidalen Krisen und einer chron ischen Schmerzerkrankung in ambu- lanter Behandlung befinde. Die Beschwerdeführerin lei de weiterhin unter einer ausgeprägten depressiven Symptomatik mit Antriebsminderung, leichter Er schöpfbarkeit, Hoffnungslosigkeit und Konzentrationsstörungen. In Anbetracht des langen Krankheitsverlaufs und der geringen Ressourcen der Beschwerdeführerin sei von einer deutlich eingeschränkten Besserungsfähig- keit auszugehen. Die psychische Situation der Beschwerdeführ erin sei dauerhaft labil und sie sei immer wieder suizidgefährdet. Im ärztlichen Bericht d er UPK vom 24. Dezember 2021 wird festgehalten, dass die Beschwerdeführerin ein depressives Zu standsbild mit deutlicher Störung der Aufmerksamkeit und Konzentration zeige. Zudem beste he eine deutliche Antriebsminde- rung sowie eine somatoforme Schmerzstörung, wodurch die Beschwerdeführerin deutlich be- lastet und im Alltag eingeschränkt sei. Insgesamt sei eine Verschlechterung des Zustandsbildes festzustellen. Im E-Mail der UPK vom 4. Januar 2022 an die Beschwerdeführerin wird schliess- lich darauf hingewiesen, dass ein Wiedererwägungsgesuch an die IV abgeschickt worden sei. Der Vorinstanz ist zwar dabei zuzustimmen, dass das öffentliche Interesse an einer Verhaltens- änderung der Beschwerdeführerin gross ist, zumal diese b ereits Sozialleistungen in grossem Umfang bezogen hat und auch weiterhin beziehen wird. Aufgrund der vorstehenden ärztlichen Einschätzungen des psychischen Gesundheitszustands der Beschwe rdeführerin sowie ihrer bisherigen eigenen Bemühungen, sich im Erwerbsleben zu integrieren und ihre Sprachkompe- tenzen zu verbessern, ist jedoch in keiner Weise ersicht lich, dass die Beschwerdeführerin ge- nügend Ressourcen wird aufbringen können, um die mit der Aufenthaltsbewilligung verbunde- nen Bedingungen erfüllen zu können. Infolgedessen wi rd es ihr mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht gelingen, sich beruflich wieder zu integrieren o der zumindest einen entsprechenden Ver- such zu starten. Angesichts ihres Alters, ihrer psychischen Diag nosen, ihres Gesundheitszu- standes und ohne qualifizierte Ausbildung oder Weiterbildung ist nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin für die Zeit bis zu ihrem orden tlichen Pensionsalter eine Stelle finden wird, um wieder am Wirtschaftsleben teilhaben zu können und sich von der Sozialhilfe zu lösen. Die Rückstufung stellt unter all diesen Umständen im vorl iegenden Fall keine geeignete und zumutbare Massnahme dar und erweist sich damit als unverhältnismässig. 7.4 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und der Beschwerdeführerin die Niederlassungsbewilligung zu belassen. 8.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren und die Beweiskosten und werden in der Regel der unterlieg enden Partei in angemessenem Aus- mass auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Dem Ausgang des Verfah rens entsprechend werden die Verfahrenskosten in der Höhe von insgesamt Fr. 2'000.-- d er unterliegenden Vorinstanz aufer- legt. Der Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 2'000.-- w ird der Beschwerdeführerin zurücker- stattet. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann ge mäss § 21 Abs. 1 VPO für den Beizug eines Anwalts oder einer Anwältin eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Der obsiegenden Beschwerdeführerin ist ausgangsgemäss eine Parteientschädigung zuzusprechen. Der Rechtsvertret er der Beschwerdeführerin macht in seinen Honorarnoten vom 10. Juni 2022 und vom 6. Sept ember 2022 einen Aufwand von ge- samthaft 19.66 Stunden zu einem Stundenansatz in der H öhe von Fr. 250.-- sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 98.20 geltend, was angemessen ist. Fü r die heutige Parteiverhandlung sind zusätzlich 4 Stunden zum selben Ansatz hinzuzurechnen. Demge mäss ist der Beschwerdefüh- rerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 6' 476.20 (inkl. Auslagen und 7.7 % MWST) zuzusprechen, die der unterliegenden Vorinstanz aufzuerlegen ist. Bezüglich der Neuverlegung der Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens ist die Angele genheit an den Regierungsrat zu- rückzuweisen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Entscheid des Regierungsrats des Kantons Basel-Landschaft Nr. 100 vom 18. Januar 202 2 aufgeho- ben. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Koste n des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat zurückgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 2000.-- werden dem Regie- rungsrat des Kantons Basel-Landschaft auferlegt. Der K ostenvorschuss in der Höhe von Fr. 2'000.-- wird der Beschwerdeführerin zurückerstattet. 4. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat de r Beschwerde- führerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 6'476.20 (inkl. Auslagen und 7.7 % MWST) auszurichten. Vorsitzender Gerichtsschreiberin