B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-891/2020 U r t e i l v o m 3 0 . J u l i 2 020 Besetzung Einzelrichterin Mia Fuchs, mit Zustimmung von Richterin Roswitha Petry, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), und ihr Kind B._______, geboren am (…), beide Syrien, vertreten durch Ali Tüm, Asylum Rechtsberatung, (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 16. Januar 2020 / N (…). D-891/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A._______ (nachfolgend Beschwerdeführerin), eine syrische Staatsange- hörige kurdischer Ethnie, verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu- folge etwa im Oktober 2018 in Richtung Türkei. Mithilfe eines Schleppers reiste sie am (…) 2018 auf dem Luftweg von C._______ nach Zürich. Am Folgetag stellte sie ein Asylgesuch, woraufhin das SEM die Einreise in die Schweiz vorläufig verweigerte und ihr den Transitbereich des Flughafens Zürich als Aufenthaltsort zuwies. Am 21. November 2018 wurde sie im Rah- men einer Befragung zur Person (BzP) zu ihren persönlichen Umständen, dem Reiseweg sowie summarisch zu ihren Asylgründen befragt. Das SEM bewilligte am 29. November 2018 die Einreise in die Schweiz und wies die Beschwerdeführerin dem Kanton D._______ zu. Am 4. November 2019 wurde sie einlässlich zu ihren Asylgründen angehört. B. B.a Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie stamme aus dem Dorf E._______, habe dort mit ihrer Familie gelebt und sieben Jahre die Schule besucht. Als der Isl amische Staat (IS) gekommen sei, seien sie nach F._______ gegangen. Ungefähr im Jahr 2010 habe sie an einer Hochzeit ihren heutigen Ehemann G._______ kennengelernt. Sie seien in Kontakt geblieben und er habe mehrmals um ihre Hand angehalten . Ihre Familie habe dies aber abgelehnt, weil sie mit einem Cousin hätte verheiratet wer- den sollen. Im Jahr 2015 sei G._______ ausgereist und habe sie gefragt, ob sie mitkommen wolle. Aus Angst sei sie jedoch nicht mitgegangen, wo- raufhin der Kontakt für eine Weile abgebrochen sei. Später hätten sie aber wieder regelmässig telefoniert. Bereits in ihrer Kindheit habe ihre Familie festgelegt, dass sie und ihr Cousin füreinander bestimmt seien. Da sie den Cousin nicht gemocht habe, habe sie diesen aber nicht heiraten wollen. Ihr Vater habe sie jeweils mit einem Stock geschlagen, wenn sie gegenüber der Familie ihre Ablehnung zum Ausdruck gebracht habe. Insgesamt sei sie deswegen etwa dreimal geschlagen worden. Als sie mitb ekommen habe, dass ihre Familie mit jener des Cousins über konkrete Heiratspläne gesprochen habe, habe sie es nicht mehr ausgehalten. Sie habe mit ihrem heutigen Ehemann telefoniert und sie hätten vereinbart, dass sie zu ihm komme. Sie habe befürchtet, dass ihre Familie sie töten würde, wenn sie sich weiterhin geweigert hätte, ihren Cousin zu heiraten. Auf Aufforderung von G._______ sei sie in Syrien zu einem Amt respektive Gericht gegan- gen. Dort habe sie ihren Ehemann geheiratet – dieser habe sich durch ei- nen Anwalt vertreten lassen – und es seien eine Heiratsurkunde sowie ein D-891/2020 Seite 3 Familienbüchlein ausgestellt worden. Schliesslich sei sie, als sich ihre El- tern gerade vorübergehend im Dorf aufgehalten hätten, in die Türkei aus- gereist. B.b Als Beweismittel legte die Beschwerdeführerin dem SEM eine Heirats- urkunde (Kopie) und ein Familienbüchlein (Original) vor. Zudem befinden sich Fotoaufnahmen von der Beschwerdeführerin in der Türkei sowie Aus- weisdokumente, die sie vom Schlepper erhalten habe, bei den Akten. B.c Am (…) brachte die Beschwerdeführerin in der Schweiz ihre Tochter B._______ zur Welt. C. Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 16. Januar 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und wi es sie sowie ihre Tochter aus der Schweiz weg. Gleichzeitig schob es den Vollzug der Wegweisung zufolge Unzumutbar- keit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. D. Im Namen der Beschwerdeführerin liess ihr Rechtsvertreter dem Bundes- verwaltungsgericht mit Sc hreiben vom 17. Februar 2020 eine als "Be- schwerde" bezeichnete Eingabe zukommen. Darin wurde beantragt, die vorliegende Rechtsschrift sei als Beschwerdeeingang zu betrachten, es sei auf die Beschwerde einzutreten und eine zehntätige Nachfrist für die Ver- besserung der Beschwerde einzuräumen. Zur Begründung wurde ausge- führt, dass sich die Beschwerdeführerin am 17. Februar 2020 telefonisch beim Rechtsvertreter gemeldet und mitgeteilt habe, sie habe Interesse an einer Beschwerdeerhebung. Gleichzeitig habe sie ihn darüber in Kenntnis gesetzt, dass heute der letzte Tag der Beschwerdefrist sei, sie die Akten des SEM im Zug vergessen habe und er eine provisorische Beschwerde machen solle. Aus diesem Grund habe keine Möglichkeit bestanden, eine detaillierte Beschwerde zu verfassen, weshalb um Ansetzung einer Frist zur Beschwerdeverbesserung sowie zur Nachreichung der fehlenden Do- kumente ersucht werde. E. Die Instruktionsrichterin forderte die Beschwerdeführerinnen mit Zwischen- verfügung vom 21. Februar 2020 auf, ihre Beschwerde zu verbessern, in- dem sie Rechtsbegehren formulieren und diese begründen. Zudem wurde D-891/2020 Seite 4 der Rechtsvertreter aufgefordert, sich durch eine schriftliche Vollmacht auszuweisen. F. Mit Eingabe vom 28. Februar 2020 reichten die Beschwerdeführerinnen durch ihren Rechtsvertreter eine Beschwerdeverbesserung ein. Darin be- antragten sie, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren . Weiter sei der rechtserhebliche Sachverhalt festzustellen. Eventualiter wurde be- antragt, die Beschwerdeführerinnen seien "als vorläufige Flüchtlinge" ge- mäss Art. 54 AsylG (SR 142.31) aufzunehmen. Zudem ersuchten sie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. Als Be- schwerdebeilagen wurden die angefochtene Verfügung, eine Vollmacht so- wie eine Sozialhilfebestätigung der Gemeinde H._______ vom 26. Februar 2020, welche G._______ betrifft, zu den Akten gereicht. G. Das SEM teilte der Beschwerdeführerin und ihrem Ehemann mit Schreiben vom 25. Mai 2020 mit, dass der Familienname ihrer Tochter im ZEMIS an- gepasst werde und neu I._______ (vorher: J._______) laute. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än- derung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG be urteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). D-891/2020 Seite 5 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Nach Einreichung der Beschwerdeverbesserung erweist sich die Be- schwerde als frist- und formgerecht. Die Beschwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie sind d aher zur Einrei- chung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden entscheidet das Bundes- verwaltungsgericht in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung ei- nes zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu be- gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111 a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken . Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die D-891/2020 Seite 6 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anfo rderungen an das Glaubhaft- machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie BVGE 2012/5 E. 2.2). 5. 5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügun g aus, dass die Vor- bringen der Beschwerdeführerin den Anforderungen an das Glaubhaftma- chen nicht genügen würden. Erste Zweifel an ihren Angaben kämen bereits auf, weil sie angeblich schon seit Kindstagen ihrem Cousin versprochen gewesen sein soll, aber bis zu ihrer Ausreise im Alter von (…) Jahren keine Vermählung stattgefunden habe. Wäre von ihrer Familie tatsächlich Zwang ausgeübt worden, so wäre zu erwarten gewesen, dass die Heirat bereits zu einem erheblich früheren Zeitpunkt erfolgt wäre. Es wäre auch anzu- nehmen gewesen, dass der Cousin – wenn er an einer Heirat mit ihr inte- ressiert gewesen wäre – schon deutlich früher auf deren Durchführung be- harrt hätte. Angesichts des kulturellen Hintergrunds scheine es erstaunlich, dass die Beschwerdeführerin ihre beiden Familien mit der Bitte, noch zu warten, über zehn Jahre nach Erreichen des Heiratsalters hätte hinhalten können. Dies lasse erheblich an der geltend gemachten Zwangssituation zweifeln. Auch die vorgebrachten Schläge durch ihren Vater und ihren Bru- der würden an dieser Einschätzung nichts ändern. Selbst wenn es zu die- sen gekommen sein sollte, wären diese Übergriffe – sie sei bei drei Gele- genheiten mit einem Stock am Arm geschlagen worden – nicht als genü- gend intensiv einzustufen. Auch die ihr offenbar gewährte Bewegungs- und Handlungsfreiheit spreche gegen die dargelegte Zwangssituation. Sie sei in der Lage gewesen, regelmässig telefonischen Kontakt zu ihrem heutigen Ehemann in der Schweiz zu pflegen, einen Rechtsanwalt zu beauftragen und eine standesamtliche Trauung durchzuführen. Ebenso habe sie selb- ständig die Ausreise antreten können. Ihr eigenständiges Handeln lasse ihre Angabe bei der BzP , wonach ihre Familie sie nicht aus dem Haus ge- lassen habe, unglaubhaft erscheinen. Schliesslich würde die mangelhafte Substanz ihrer Aussagen die Zweifel an diesen erhärten. Ihre Schilderun- gen seien oberflächlich und sie wiederhole oft Sätze mit identischem Wort-D-891/2020 Seite 7 laut, weshalb ihre Ausführungen nicht erlebnisgeprägt erschienen. Insge- samt sei die drohende Zwangsheirat nicht glaubhaft, ebenso wenig wie die angeblich intensive Unterdrucksetzung oder eine zukünftige Verfolgung von Seiten ihrer Familie. Eine Prüfung der Asylrelevanz erübrige sich da- her. Es sei aber dennoch zu erwähnen , dass weder das Kriterium der In- tensität noch jenes der begründeten Furcht erfüllt sein dürften. 5.2 In der Beschwerdeschrift wurde darauf hingewiesen, dass die Erleb- nisse in Syrien für die Beschwerdeführerin traumatisierend gewesen seien und die massive häusliche Gewalt sie sehr belastet habe. Sie sei deshalb seit Oktober 2018 sehr angeschlagen und benötige gemäss ihrem Haus- arzt eine psychologische Behandlung. Die Vorinstanz habe die von ihrem Vater ausgeübte Gewalt und die anhaltenden Heiratsversuche zu Unrecht als nicht hinreichend begründet beu rteilt. Den Schilderungen der Be- schwerdeführerin liessen sich deutlich Verzweiflung, Zorn und Widerstand sowie ihr Leiden und ihre Ohnmacht entnehmen. Zudem habe sie in ver- schiedener Hinsicht frauenspezifische Verfolgungen erlitten. Sie habe ein- gesperrt zu Hause bleiben müssen und der Zugang zur Schule sei ihr ver- wehrt worden. Vor allem aber habe der Vater sie ständig geschlagen und ihr gesamtes Leben habe sie massive häusliche Gewalt erlitten. Dies sei bereits asylrelevant, da es in Syrien keinen Schutz davor gebe und sie auch in Zukunft solche Nachteile zu befürchten hätte. Es sei der Beschwer- deführerin auch nicht möglich gewesen, zu einem früheren Zeitpunkt zu fliehen, da das Verlassen der Familienstruktur ein sehr schwieriger Ent- scheid sei und oft längere Zeit brauche sowie eine extreme Aussichtslosig- keit voraussetze. Das SEM habe sodann seine Begründungspflicht verletzt und nicht berücksichtigt, dass eine mögliche Reflexverfolgung vorliege, weil die Gefahr bestehe, dass Familienangehörige der Beschwerdeführerin aufgrund ihrer humanitären Aktivitäten in der Schweiz als Flüchtlinge Asyl erhalten könnten. Zwar habe sie das Risiko einer Reflexverfolgung in ihrer Anhörung nicht speziell thematisiert, sondern ihre Asylvorbringen auf ge- schlechtsspezifische Aspekte fokussiert. Trotzdem sei bei der Beurteilung ihrer Beschwerde das Risiko in Betracht zu ziehen, dass sie bei einer Rück- kehr nach Syrien Behelligungen wegen ihrer Geschwister zu g ewärtigen hätte. Ausserdem habe ihr Ehemann aus Angst davor, dass er von ihren Familienangehörigen getötet werden könnte, mehrmals seinen Wohnort gewechselt. Die Vorinstanz habe zudem vorhandene Quellen zur spezifischen Verfol- gung von Frauen in Syrien nicht in ihre Überlegungen miteinbezogen und D-891/2020 Seite 8 somit nicht den gesamten r elevanten Sachverhalt gewürdigt. Die Be- schwerdeführerin sei einem unerträglichen psychischen Druck ausgesetzt gewesen angesichts der jahrelang en Misshandlung durch den Vater und den Bruder sowie ihrer traumatisierenden Erlebnisse. Sie sei deswegen in einer labilen psychischen Verfassung, was auch durch Arztzeugnisse do- kumentiert werden könne. Ein entsprechendes Zeugnis werde beim Haus- arzt eingefordert und dem Gericht nachgereicht. Dieser Umstand sei bei der Beurteilung ihrer Vorbringen zu berücksichtigen. Ihre Schilderungen zur häuslichen Gewalt und den wiederholten Versuchen, sie zwangsweise zu verheiraten, seien glaubhaft und von Realkennzeichen geprägt. Dies zeigten ihre emotionalen Reaktionen anlässlich der Anhörung, bei welcher sie wiederholt in Tränen ausgebrochen sei. Ihre Aussagen seien in den we- sentlichen Teilen übereinstimmend und sie schildere die Überg riffe durch den Vater lebensecht und eindrücklich. Die Argumentation des SEM, es sei nicht plausibel, dass es ihr so lange gelungen sei, sich der Zwangsheirat zu entziehen, sei nicht nachvollziehbar. Sie habe sich zunächst dagegen gewehrt, was zu einer Verzögerung geführt habe. Der Druck durch den Va- ter sei jedoch immer stärker geworden und sie habe gesehen, dass er seine Drohungen wahrmachen werde. Bei einer Würdigung der gesamten Aktenlage würden die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar- stellung sprechen, überwiegen. Die Beschwerdeführerin habe glaubhaft machen können, dass ihr Vater sie über Jahre hinweg misshandelt sowie wiederholt versucht habe, sie zwangsweise zu verheiraten. Dies seien ernsthafte Nachteile, welche sie als junge Frau aufgrund ihres Geschlechts erlitten habe. Sie befürchte, bei einer Rückkehr nach Syrien erneut seinen Übergriffen ausgesetzt sowie im schlimmsten Fall sogar getötet und damit Opfer eines Ehrenmords zu werden. 6. 6.1 Das SEM ist vorliegend zu Recht zum Schluss gekommen, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht glaubhaft sind. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die zutreffenden Ausführungen in der ange- fochtenen Verfügung verwiesen werden, welchen in der Beschwerdebe- gründung keine wesentlichen Argumente entgegengehalten werden. Die Aussagen der Beschwerdeführerin dazu, dass sie ihren Cousin hätte hei- raten wollen, sich geweigert habe und aus diesem Grund geschlagen wor- den sei, fielen pauscha l und oberflächlich aus (vgl. A2 8, F75 f. und F81). Auf präzisierende Nachfragen gab sie ausweichende Antworten oder führte aus, sie wisse dies nicht (vgl. A28, F82 ff.). Entgegen der in der Beschwer- deschrift vertretenen Auffassung ist die Schilderung der Misshandlungen, die sie von Seiten ihres Vaters und ihres Bruders erlitten habe, äusserst D-891/2020 Seite 9 einsilbig und keineswegs lebensnah (vgl. A28, F90 ff.). Die Ausführungen der Beschwerdeführerin wirken insgesamt stereotyp, weisen keine Sub- stanz auf und es fehlt ihnen – abgesehen von der Wiedergabe einzelner Dialoge, die sich aber auf wenige Sätze beschränken – an Realkennzei- chen. Es gelang ihr an keiner Stelle, ihre Erlebnisse detailliert und erleb- nisgeprägt darzulegen. Ebenfalls vage blieben ihre Angaben dazu, wes- halb sie befürchte, von ihrer Familie umgebracht zu werden. Sie begrün- dete dies damit, dass sie eine grosse Familie habe, in welcher "so Ähnli- ches" geschehen sei. Als sie darum gebeten wurde, dies zu konkretisieren, gab die Beschwerdeführerin an, ein Mädchen sei mit einem Jungen abge- hauen und sofort getö tet worden, als die Familie sie gefunden habe. Sie erklärte, dass sie das Mädchen gekannt habe, konnte den Verwandt- schaftsgrad zu diesem aber nicht angeben (vgl. A28, F117 ff.). Ihre Ausfüh- rungen in diesem Zusammenhang erweisen sich als sehr knapp und las- sen keinen persönlichen Bezug zu diesem dramatischen Ereignis, das sich in ihrer Familie abgespielt haben soll, erkennen. 6.2 Sodann fällt auf, dass die Beschwerdeführerin bei der BzP angab, sie habe einen Pass besessen, welcher aber in F._______ bei ihrer Fam ilie geblieben sei. Diese habe ihren Pass versteckt, um zu verhindern, dass sie aus dem Land flüchte (vgl. A11, Zif. 4.02). Auch das Original ihrer Iden- titätskarte befinde sich bei der Familie in F._______ (vgl. A11, Ziff. 4.03). Demgegenüber gab sie bei d er Anhörung an, die Identitätskarte sei – ebenso wie ihr Pass respektive ihre anderen Dokumente – bei der Familie ihres Ehemannes (vgl. A28, F21 ff.). Zunächst ist festzuhalten, dass nicht ersichtlich ist und von der Beschwerdeführerin auch nicht näher begründet wird, weshalb ihre Schwiegerfamilie im Besitz ihrer Ausweisdokumente sein soll. Weiter wurde sie auf ihre widersprüchlichen Angaben angespro- chen, woraufhin die Beschwerdeführerin ausführte, dass sie an der BzP einen Dolmetscher aus Ägypten gehabt habe, welchen sie überhaupt nicht verstanden habe (vgl. A28, F25). Diese Erklärung überzeugt jedoch nicht, nachdem die Beschwerdeführerin sowohl zu Beginn als auch am Ende der BzP angab, sie verstehe den Dolmetscher gut (vgl. A11, S. 2 und 14). Dem Protokoll der BzP lassen sich auch keine Hinweise auf Verständigungs- probleme entnehmen. Zudem bestätigte sie mit ihrer Unterschrift, dass das Protokoll der Wahrheit entspreche und in eine ihr verständliche Sprache (Arabisch) übersetzt worden sei. Ihre Angabe bei der Anhörung, dass der Dolmetscher Ägypter gewesen sei, sie diesen nicht verstanden habe und dass sie ohnehin nur ganz wenig Arabisch könne (vgl. A28, F127 ff.), ist deshalb als Schutzbehauptung zu werten. Weiter bleibt aufgrund der un-D-891/2020 Seite 10 terschiedlichen Angaben der Beschwerdeführerin unklar, wann sie tatsäch- lich aus Syrien ausgereist ist. Anlässlich der BzP vom 21. November 2018 erklärte sie, dass sie das Datum ihrer Ausreise nicht genau wisse, aber vor ungefähr einer Woche das Land verlassen habe ( vgl. A11, Ziff. 5.01). Als ihr vorgehalten wurde, in dem von ihr mitgeführten irakischen Pass habe es einen Einreisestempel vom 1. November 2018, bestritt sie, dass sie sich seit diesem Zeitpunkt in der Türkei aufgehalten habe. In der Folge wurden ihr Fotos mit Aufnahmedatum vom (…) respektive (…) November 2018 aus dem Handy ihrer Schwägerin – die mit demselben Schlepp er ausgereist sei – vorgelegt, welche sie in einem türkischen Einkaufszentrum zeigen. Eine Erklärung dafür konnte die Beschwerdeführerin jedo ch nicht liefern (vgl. A11, Ziff. 5.02). Zu Beginn der Anhörung machte sie dann geltend, dass sie bereits Ende September oder am 1. Oktober 2018 in die Türkei gereist sei (vgl. A28, F8 f.). Später erwähnte sie, dass sie ihr zu Hause verlassen habe und in die Türkei gegangen sei, als ihre Eltern sich gerade in ihrem Dorf aufgehalten hätten . Auf Nachfrage führte sie aus, die Eltern seien ungefähr Ende des zehnten Monats, mithin Ende Oktober, ins Dorf gefahren (vgl. A28, F64 ff.). Zudem gab sie – im Unterschied zur BzP – an, dass sie sich ungefähr zwei oder drei Wochen in der Türkei aufgehalten habe (vgl. A28, F109). Angesichts dieser uneinheitlichen Angaben beste- hen erhebliche Zweifel an dem von der Beschwerdeführeri n behaupteten Ausreisezeitpunkt. 6.3 Weiter führte die Beschwerdeführerin bei der Anhörung aus, dass sie ungefähr dreimal von ihrem Vater geschlagen worden sei. Die Schläge seien jeweils erfolgt, wenn ihr Cousin gekommen sei und sie verlangt habe; sonst sei sie nicht geschlagen worden (vgl. A28, F95 f.). Diese Aussagen widersprechen der auf Beschwerdeebene vorgebrachten Darstellung von jahrelanger häuslicher Gewalt durch den Vater, welcher sie angeblich aus- gesetzt gewesen sei. Es sind keine nachvollziehbaren Gründe dafür er- sichtlich, weshalb di e Beschwerdeführerin dieses Sachverhaltselement – sie sei zeitlebens von ihrem Vater geschlagen worden – erst mit der Be- schwerde hätte geltend machen können. Auch im Rahmen der BzP er- wähnte sie mit keinem Wort, dass sie über Jahre hinweg Opfer von häus- licher Gewalt gewesen sei (vgl. A11, Ziff. 7.01 f.). Das entsprechende Vor- bringen ist daher als nachgeschoben und somit unglaubhaft zu qualifizie- ren. Dasselbe gilt auch für die auf Beschwerdeebene vorgebrachte Be- hauptung, dass ihr heutiger Ehemann aus Angst vo r ihrer Familie mehr- mals seinen Wohnort habe wechseln müssen. Die Beschwerdeführerin legte anlässlich ihrer Befragungen an keiner Stelle substanziiert dar, dass D-891/2020 Seite 11 ihr heutiger Ehemann von ihrer Familie bedroht worden wäre und sich des- wegen veranlasst gesehen hätte, seinen Wohnort zu ändern. Das betref- fende Sachverhaltselement erweist sich ebenfalls als nachgeschoben. 6.4 Auf Beschwerdeebene wurde weiter vorgebracht, dass die Beschwer- deführerin psychisch angeschlagen sei und ihr labiler Zustand bei der Be- urteilung der Vorbringen zu berücksichtigen sei. Diesbezüglich ist jedoch anzumerken, dass die Beschwerdeführerin sowohl bei der BzP als auch anlässlich der Anhörung erklärte, sie sei ges und (vgl. A11, Ziff. 8.02 und A28, F4). Bis zum heutigen Zeitpunkt wurde kein Arztzeugnis nachgereicht, obwohl ein solches in der Beschwerdebegründung vom 28. Februar 2020 in Aussicht gestellt worden war. Zudem finden sich in den Akten keine Hin- weise auf psychische Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass sie sich in einem labilen psychischen Gesundheitszustand befindet, welcher sich auf ihr Aussageverhalten aus- gewirkt haben könnte. 6.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Ausführ ungen der Be- schwerdeführerin zur Zwangsheirat, die ihr angeblich gedroht habe, teil- weise nicht nachvollziehbar und überdies äusserst unsubstanziiert sind. Die widersprüchlichen Angaben zu ihren Identitätsdokumenten und zu ihrer Ausreise ziehen zudem ihre persönliche Glaubwürdigkeit in Zweifel. Insge- samt gelingt es ihr nicht, glaubhaft zu machen, dass sie von ihrer Familie massiv unter Druck gesetzt worden sei und hätte gezwungen werden sol- len, ihren Cousin zu heiraten. Es ist folglich auch nicht davon auszugehen, dass ihr gedroht hätte beziehungsweise bei einer Rückkehr drohen würde, Opfer eines Ehrenmords zu werden. 6.6 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin an keiner Stelle geltend machte, d ass sie aufgrund von Aktivitäten ihrer Ge- schwister eine Reflexverfolgung befürchtet habe. Anlässlich der BzP er- wähnte sie lediglich, dass mehrere ihrer Geschwister mit unbekanntem Aufenthaltsstatus in Deutschland lebten (vgl. A11, Ziff. 3.03). Daraus lässt sich aber noch nicht ableiten, dass für die Beschwerdeführerin die Gefahr einer Reflexverfolgung bestanden hätte. Nachdem sie weder politische Ak- tivitäten ihrer Geschwister erwähnte noch ausführte, dass sie des wegen Nachteile zu befürchten gehabt hätte, gab es für das SEM auch keine Ver- anlassung, sich zu einer möglichen Reflexverfolgung zu äussern. Eine Ver- letzung der Begründungspflicht in diesem Zusammenhang liegt nicht vor. Da sich in den Akten keine Anhaltspunkte für eine drohende Reflexverfol- gung finden, erübrigen sich an dieser Stelle weitere Ausführungen dazu. D-891/2020 Seite 12 6.7 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht, das geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin- dest glaubhaft zu machen. Das SEM hat ihr Asylgesuch daher zu Recht abgelehnt. 7. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie. Die Be- schwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländerrechtliche Auf- enthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 9. 9.1 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird mit dem vorliegenden Entscheid gegenstandslos. Da sich die gestell- ten Rechtsbegehren angesichts der obenstehenden Erwägungen als zum Vornherein aussichtslos erweisen, ist das mit der Beschwerdebegründung gestellte Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ungeachtet der geltend gemachten Mittellosigkeit abzuwei- sen. 9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde- führerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG ) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-891/2020 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung wird abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden den Beschwerdeführerinnen auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zuguns- ten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die zu- ständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Regula Aeschimann