B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-770/2014 law/fes U r t e i l v o m 17 . J u n i 2 0 1 4 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richterin Claudia Cotting-Schalch, Gerichtsschreiberin Sarah Ferreyra. Parteien A._______, geboren (…), Eritrea, vertreten durch lic. iur. Martina Culic, Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisung); Verfügung des BFM vom 30. Januar 2014 / N (…). D-770/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein eritreischer Staatsbürger tigrinischer Ethnie aus dem Dorf B._______ (Zoba Debub), verliess seinen Heimatstaat im Juni 2011. Am 18. Dezember 2013 reiste er illegal in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch. B. Am 30. Dezember 2013 wurde der Beschwerdeführer im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel zur Person, zum Reiseweg und summ a- risch zu den Gründen für das Verlassen seines Heimatlandes befragt. Am 17. Januar 2014 hörte ihn das BFM in Anwesenheit seiner Vertrauens- person einlässlich zu den Asylgründen an. Er machte zur Begründung seines Asylgesuchs im Wesentlichen geltend , er sei nach dem Tod seines Vaters und der erneuten Heirat seiner Mutter bei seinen Grosseltern nahe der äthiopischen Grenze aufgewachsen. Am 11. Juni 2011 hätten ihn zwei Freunde besucht und bei ihm übernachtet. Am nächsten Tag habe er seine Freunde verabschiedet und sei wie g e- wohnt zur Schule gegangen. Am Vormittag seien zwei Sicherheitskräfte in Begleitung seiner beiden Freunde bei ihm in der Schule erschienen und hätten ihn nach dem Namen und Adresse gefragt. Er habe den Soldaten die gewünschten Informationen mitgeteilt, woraufhin sie sich mit den Freunden entfernt hätten. Auf dem Heimweg von der Schule sei er von anderen Freunden informiert worden, dass sein Grossvater festgeno m- men worden sei. Er habe das nicht geglaubt und sich nach Hause beg e- ben. Dort habe die Grossmutter dann bestätigt, dass der Gros svater fest- genommen worden sei und nicht e her freigelassen werde, bis er bei den Behörden vorstellig werde. Nun sei ihm klar geworden, dass seine Freunde wohl beim Verlassen des Heimatlandes geschnappt worden se i- en und den Behörden von der Übernachtung bei ihm zuhause berichtet hätten, was schliesslich zur Festnahme seines Grossvaters wegen Ve r- dachts auf Menschenschmuggel geführt haben müsse. Aus Angst ebe n- falls verhaftet und des Menschenschmuggels beschuldigt zu werden, h a- be er sich dazu entschlossen, Erit rea zu verlassen. Er sei noch am se l- ben Abend aufgebrochen und habe sich in Richtung äthiopische Grenze begeben, welche unmittelbar hinter der Schule verlaufe. Nach dem Pa s- sieren der Grenze sei er von äthiopischen Grenzsoldaten aufgegriffen und ins Auffanglager (…) gebracht worden. Von dort aus sei er zwei Wo- chen später ins Flüchtlingslager (…) verlegt worden. Ende Septe m-D-770/2014 Seite 3 ber/Anfang Oktober 2 013 seien er und vier weitere Lagerinsa ssen en t- führt und in den Sudan g ebracht worden. Nachdem seine Entführer mit seinem Onkel väterlicherseits in Israel ins Geschäft gekommen seien, habe man ihn nach Libyen gebracht, von wo er auf dem Seeweg nach Italien und weiter bis in die Schweiz gelangt sei. C. Mit Verfügung vom 20. Januar 2014 wies das BFM den Beschwerdefü h- rer für die Dauer des Verfahrens dem Kanton C._______ zu und forderte den (zuständige Behörde) des Kantons C._______ auf, die für unbegle i- tete minderjährige Asylsuchende vorgesehenen Schutzmassnahmen in die Wege zu leiten und die Daten der gesetzlichen Vertretung mitzuteilen. D. Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 30. Januar 2014 stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte dessen Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegwe i- sung aus der Schweiz, schob deren Vollzug der Wegweisung jedoch we- gen Unzulässigkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. E. Mit Eingabe vom 1 3. Februar 201 4 liess der Beschwerdeführer mittels seiner Rechtsvertreterin gegen diesen Entscheid beim Bundesverwa l- tungsgericht Beschwerde erheben und beantrage n, die angefochtene Verfügung des BFM sei aufzuheben und es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht liess er zudem beantr a- gen, es sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Der Beschwerde wur- de eine Kostennote beigelegt. F. Mit Verfügung vom 19. Februar 201 4 hiess der Instruktionsrichter des Bundesverwaltungsgerichts das Gesuch um Gewährung der unentgeltl i- chen Rechtspflege gut und ve rzichtete auf die Erhebung eines Koste n- vorschusses. Gleichzeitig gab er dem BFM Gelegenheit, eine Verneh m- lassung einzureichen. G. Das BFM hielt in der Vernehmlassung vom 24. Februar 2014 an seiner Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. D-770/2014 Seite 4 H. Der Instruktionsrichter gab dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 27. Februar 2014 Gelegenheit, eine Replik einzureichen. Am 3. März 2014 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein. I. Mit Entscheid vom 5. März 2014 ordnete die Kindes - und Erwachsenen- schutzbehörde (KESB) E._______ für den Beschwerdeführer eine Beistandsschaft im Sinne von Art. 306 Abs. 2 des Schweizerischen Zivil- gesetzbuchs vom 10. Dezember 1907 (ZGB, SR 210) an und ernannte F._______, Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not, zur Beiständin. J. Am 10. März 2014 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestät i- gung ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsge richt Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet bet reffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entsche i- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgül- tig (Art. 105 AsylG, Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) und die unrichtige oder unvollständige Feststellu ng des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). D-770/2014 Seite 5 2. 2.1 Der Beschwerdeführer ist 15-jährig und damit unmündig. Es ist de s- halb vorab dessen Prozessfähigkeit als Sachurteilsvoraussetzung von Amtes wegen zu prüfen. Als verfahrensrechtliches Korrelat der Handlungsfähigkeit ist die Prozess- fähigkeit nach den einschlägigen zivilrechtlichen Vorschriften zu beurte i- len (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylr e- kurskommission [EMARK] 1996 Nr. 3 E. 2b S. 19). Sie setzt demnach Ur- teilsfähigkeit, Mündigkeit und das Fehlen einer Entmündigung voraus (Art. 13 und 17 ZGB) sowie Art. 35 i. V. m. Art. 20 Abs. 1 Bst. a des Bun- desgesetzes vom 18. Dezember 1987 über das Internationale Privatrecht [IPRG, SR 291]). Urteilsfähig ist jeder, dem es nicht wegen seines Ki n- desalters oder infolge anderer Umstände an der Fähigkeit mangelt, ve r- nunftgemäss zu handeln (Art. 16 ZGB). Urteilsfähige Unmündige können sich zwar grundsätzlich nur mit der Zustimmung ihrer gesetzlichen Vertre- ter durch ihre Handlungen verpflichten (Art. 19 Abs. 1 ZGB); ohne diese Zustimmung vermögen sie nur Rechte auszuüben, welche ihnen um ihrer Persönlichkeit willen zustehen (Art. 19 Abs. 2 ZGB). Nach Lehre und Pra- xis gelten sowohl die Einreichung eine s Asylgesuchs als auch die Ergre i- fung von in diesem Kontext stehenden Rechtsmitteln als solche "höchs t- persönliche" Rechte (vgl. BVGE 2011/39 E. 4.3.2). Den Akten sind keine Anhaltspunkte zu entnehmen, die zu Zweifeln an der Urteilsfähigkeit des Beschwerdef ührers in Bezug auf das Einreichen des Asylgesuches, das Vortragen seiner Asylvorbringen oder auf die E r- hebung der Beschwerde Anlass geben würden. Die Befragungsprotokolle vermitteln durchwegs den Eindruck, der Beschwerdeführer sei sich über den Gehalt der an ihn gerichteten Fragen im Klaren gewesen, habe sachbezogen geantwortet und sich bei der Darlegung der Asylgründe s o- wie seiner persönlichen Verhältnisse jederzeit von vernünftigen Überl e- gungen leiten lassen. Es ist somit von der Urteilsfähigkeit und dam it von der Prozessfähigkeit des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Beschwe r- deeinreichung auszugehen. 2.2 Ferner ist die Beschwerde frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ha t am Verfahren vor der Vorinstanz tei l- genommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdi ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert D-770/2014 Seite 6 (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 3. Die Beschwerde vom 13. Februar 2014 enthält in Bezug auf die Able h- nung des Asylgesuches keinen Antrag und auch in der Begründung fi n- den sich diesbezüglich keine Einwendungen. Gegenstand des vorliege n- den Beschwerdeverfahrens bildet somit lediglich die Frage, ob das BFM die Flüchtlingseigenschaft zu Recht abgelehnt hat oder ob der Beschwer- deführer gestützt auf Art. 54 AsylG als Flüchtling vorläufig aufzunehmen ist. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, National i- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachtei len ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Asyl G erfüllt eine asylsu - chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachtei- le von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7 S. 1017 ff. ; 2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f.; 2008/4 E. 5.2 S. 37 f.). Ausgangspunkt für die Beu r- teilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer so l- chen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Ra h- men der Prüfung nach der Ak tualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls w e- sentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zw i- schen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten D-770/2014 Seite 7 der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 f., WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 5. 5.1 Das BFM führte zur Begründung seiner Verfügung vom 30. Januar 2014 aus, es sei durchaus vorstellbar, dass die eritreischen Behörden den Beschwerdeführer ebenfalls hätten befragen woll en, zumal es sich gemäss seinen Angaben um Freunde von ihm gehandelt habe. Weniger wahrscheinlich sei indes, dass ihm diese behördliche Befragung Schwi e- rigkeiten eingebracht hätte. Er sei zu diese m Zeitpunkt gerade mal zwölf Jahre alt und noch ein Kind gewesen, womit davon auszugehen sei, dass sich die behördlichen Massnahmen in seinem Fall auf eine informative Befragung beschränkt hätten. Seine Befürchtung, die Behörden hätten ihn wegen Menschenschmuggels verhaftet, müsse daher als objektiv u n- begründet beurteilt werden. Entsprechend würden seine Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Demzufolge erfülle er die Flüchtlingseigenschaft nicht, s o dass sein Asylgesuch abzulehnen sei. Bei dargelegter fehlender Asylrele- vanz seiner Vorbringen könne darauf verzichtet werden, auf allfällige U n- glaubhaftigkeitsmerkmale in seiner Schilderung einzugehen. Aus den Ak- ten ergäben sich jedoch konkrete Anhaltspu nkte dafür, dass ihm im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Deshalb erachte das BFM den Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Eritrea in Würdigung sämtl i- cher Umstände und unter Berücksichtigung der Aktenlage im gegenwärt i- gen Zeitpunkt als nicht zulässig. Deshalb sei er in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 5.2 In der Beschwerde vom 13. Februar 2014 wird im Wesentlichen aus- geführt, dass laut Bundesverwaltungsgericht durch Republikflucht zum Flüchtling wird, wer sich aufgrund der unerlaubten Ausreise mit Sankti o- nen seines Heimatstaates konfrontiert sehe, die bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen würden . Gemäss Art. 11 der Proclamation No. 24/1992, die die Ein- und Ausreise nach und vor Eritrea regle, sei ein legales Verlassen von Eritrea nur mit einem gültigen Reisepass und e i- nem zusätzlichen Ausreisevisum möglich. Die Ausreise ohne die erforder- lichen Dokumente werde gemäss Art. 29 der Proclamation No. 24/1992 D-770/2014 Seite 8 mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren und/oder einer Busse sanktioniert. In der Praxis würden Ausreisevisa bereits seit mehreren Jah- ren nur noch unter sehr restriktiven Bedingungen und gegen Bezahlung hoher Geldbeiträge (im Gegenwert von rund 10'000 Dollar) an wenige, als loyal beurteilte Personen ausgestellt, wobei Kinder ab elf Jahren, Männer bis zum Alter von 54 Jahren und Frauen bis 47 Jahre grundsätzlich von der Visumserteilung ausgeschlossen seien. Wer versuche, das Land o h- ne behördliche Erlaubnis zu verlassen, riskiere neben der gesetzlich a n- geordneten Bestrafung sein Leben, da die Grenzschutztruppen den B e- fehl hätten, Fluchtversuche mit gezielten Schüssen zu verhindern. Das eritreische Regime erachte das illegale Verlassen des Landes als Ze i- chen politischer Opposition gegen den Staat und versuch e, mit den dr a- konischen Massnahmen der sinkenden Wehrbereitschaft und der Ma s- senfluchtbewegungen in der Bevölker ung Herr zu werden . Der B e- schwerdeführer sei bei seiner Ausreise aus Eritrea zwölf Jahre alt gew e- sen, was von der Vorinstanz nicht bestritten we rde. Vor dem Hintergrund der zitierten Rechtsprechung habe der Beschwerdeführer begründete Furcht, bei einer Rückkehr nach Eritrea erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. Demnach erfülle der Beschwe r- deführer die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft. Die drohende Verfolgung sei auf seine illegale Ausreise zurückzuführen, weshalb ihm in Anwendung von Art. 54 AsylG zwar kein Asyl zu gewähre n sei. Doch er sei in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Das BFM bestreite weder die illegale Flucht aus Eritrea im Alter von zwölf Jahren noch das Bestehen von konkreten Anhaltspunkten, wonach dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Eritrea mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandl ung drohe. Doch beu r- teile es – entgegen der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts – die illegale Ausreise aus Eritrea und die dem Beschwerdeführer dr o- hende Gefahr bei einer allfälligen Rückkehr als nicht den Anforderungen von Art. 3 AsylG entsprechend. 5.3 In der Vernehmlassung führte das BFM aus, die Bejahung der Flüch t- lingseigenschaft illegal ausgereister eritreischer Staatsbürger und Staat s- bürgerinnen wegen subjektiven Nachfluchtgründen setze voraus, dass es sich bei den Flüchtlingen um rekrutierungsf ähige beziehungsweise dienstpflichtige Personen handle. Rekrutierungsfähig beziehungsweise dienstpflichtig seien Personen im Alter von ca. 14 Jahren bis 50 Jahren. Personen unter 14 Jahren und über 50 Jahren seien in der Regel von der Dienstpflicht befreit beziehungsweise nicht rekrutierungsfähig. Der B e- schwerdeführer sei zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus Eritrea zwölf Jahre D-770/2014 Seite 9 alt gewesen, womit er mit seiner illegalen Ausreise keine subjektiven Nachfluchtgründe geschaffen habe und also die Flüchtlingseigensc haft nicht erfülle. 5.4 In der Replik wird im Wesentlichen geltend gemacht, es sei in der Be- schwerde nicht vorgebracht worden, dass dem Beschwerdeführer in Eri t- rea Militärdienst drohe. Vielmehr würde sich die Argumentation darauf stützen, dass der Beschwerdeführer Eritrea illegal verlassen habe und in- folge Republikflucht einen subjektiven Nachfluchtgrund aufweise, we s- halb er in der Schweiz als Flüchtling anzuerkennen sei. 6. 6.1 Eine asylsuchende Person ist als Flüchtling anzuerkennen, die au f- grund subjektiver Nachf luchtgründe nach Art. 54 AsylG, das heisst erst durch die unerlaubte Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise, eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG befürchten muss. In diesen Fällen hat jedoch, trotz F eststel- lung der Flüchtlingseigenschaft, ein Ausschluss vom Asyl zu erfolgen. Als subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gelten insbeson- dere unerwünschte exilpolitische Betätigungen, illegales Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht) oder die Einreichung eines Asylg e- suchs im Ausland, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung b e- gründen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1 S. 376 f.). Durch Republikflucht zum Flüchtling wird, wer sich aufgrund der unerlaubten Ausreise mit Sankti o- nen seines Heimatstaates konfrontiert sieht, die bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen. Solche Tatbestände der Republikflucht fanden sich insbesondere in den Strafgesetzbüchern der ehemaligen Ostblock-Staaten ( vgl. STÖCKLI, a.a.O., Rz. 11.56; Handbuch zum Asyl - und Wegweisungsverfahren, Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH [Hrsg.], Bern 2009, S. 203). 6.2 In der Beschwerde (siehe E. 5.2) wird auf die geltende Rechtspr e- chung des Bundesverwaltungsgerichts hingewiesen und zutreffend da r- gestellt, dass das eritreische Regime das illegale Verlassen des Landes als Zeichen politischer Opposition gegen den Staat erachtet und mit den drakonischen Massnahmen versucht, der sinkenden Wehrbere itschaft und der Massenfluchtbewegung in der Bevölkerung – jährlich kehren mehrere Tausend Staatsangehörige dem Land wegen der zunehmenden Militarisierung, der unbegrenzten Dienstdauer und der sich verschlec h- ternden Menschenrechtslage den Rücken – Herr zu werden. G emäss D-770/2014 Seite 10 Art. 11 der Proclamation No. 24/1992, die die Ein- und Ausreise nach und vor Eritrea regelt, ist ein legales Verlassen von Eritrea nur mit einem gü l- tigen Reisepass und einem zusätzlichen Ausreisevisum möglich. In der Praxis werden Ausreisevisa bereits seit mehreren Jahren nur noch unter sehr restriktiven Bedingungen und gegen Bezahlung hoher Geldbeiträge (im Gegenwert von rund 10'000 Dollar) an wenige, als loyal beurteilte Personen ausgestellt, wobei Kinder ab elf Jahren, Männer bis zum Alter von 54 Jahren und Frauen bis 47 Jahre grundsätzlich von der Visumse r- teilung ausgeschlos sen sind (vgl. Urteile des BVGer E -3702/2013 vom 18. März 2014 E. 6.2.1; D-4876/2007 vom 29. September 2010 E. 4.2; D- 3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.2). 6.3 Aufgrund de r Akten und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise 1 2-jährig war, ist o h- ne weiteres davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer seinen Hei- matstaat illegal, das heisst ohne behördliches Ausreisevisum, verlassen hat. Davon, und von einer ihm drohenden Freiheitsstrafe bis zu fünf Ja h- ren, geht auch das BFM in der angefochtenen Verfügung aus. Allerdings hat es diese Umstände nicht u nter dem Gesichtspunkt von Art. 3 AsylG, sondern lediglich unter demj enigen von Art. 3 EMRK berücksichtigt und die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit des Vollzuges der We g- weisung angeordnet, nicht abe r die Flüchtlingseigenschaft des Be- schwerdeführers festgestellt. Damit weicht das Bundesamt nicht nur von der Praxis ab, wonac h illegal aus Eritrea ausgereiste eritreische Asyls u- chende als Flüchtlinge anerkannt werden, sondern verkennt auc h, dass der Beschwerdeführer angesichts der vorstehend (vgl. E. 5.2 und E. 6.2) genannten Umstände begründete Furcht hat, bei einer Rückkehr in sei- nen Heimatstaat erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG au s- gesetzt zu werden. Der Beschwerdeführer erfüllt demnach die Anford e- rungen an die Flüchtlingseigenschaft. Da die drohende Verfolgung alle r- dings auf die illegale Ausrei se des Beschwerdef ührers aus Eritrea zu- rückzuführen ist, bleibt die Asylberechtigung jedoch aufgrund der Au s- schlussklausel von Art. 54 AsylG verwehrt, wonach subjektive Nac h- fluchtgründe zwar zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft, jedoch nicht zur Asylgewährung führen. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzt, soweit sie die Frage der Flüchtlingseigenschaft b e- trifft. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die Verfügung des BFM vom 30. Januar 2014 betreffend die Ziffer 1 des Dispositivs aufzuheben D-770/2014 Seite 11 und es ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseige n- schaft erfüllt. Das BFM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flücht- ling vorläufig aufzunehmen. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8.2 Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwa l- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 8.3 Die Rechtsvertreterin hat eine vom 13. Februar 2014 datierende Kos- tennote eingereicht. Der darin geltend gemach te Zeitaufwand von vier- einhalb Stunden sowie die Spesenpauschale von Fr. 50.–, erscheinen angemessen. Der Stundenansatz von Fr. 240.– bewegt sich zudem im Rahmen von Art. 10 Abs. 2 VGKE. Das BFM ist demzufolge anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine Parteien tschädigung von Fr. 1216.40 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-770/2014 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 30. Januar 2014 wird betreffend Ziffer 1 des Dispositivs aufgehoben und das BFM wird angewiesen, den Beschwerde- führer als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschäd i- gung von Fr. 1216.40 zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Ferreyra Versand: