<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">150</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>24</b></span> <span class="ft3"><b>Zustelladresse; Zustellfiktion; Annahmeverweigerung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Bleibt ein Betroffener untätig, obwohl er weiss, oder wissen müsste, dass</b></span><br/> <span class="ft3"><b>an der bekanntgegebenen Zustelladresse eine Postsendung nur durch per-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sönliche Übergabe erfolgen kann, ist er gleich zu behandeln, wie wenn er</b></span><br/> <span class="ft3"><b>die Annahme der Postsendung verweigert hätte.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 30. Juni</span><br/> <span class="ft4">2016, in Sachen A. gegen das Amt für Migration und Integration</span><br/> <span class="ft4">(WBE.2016.206).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">151</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht hat in konstanter und seit Jahren geltender</span><br/> <span class="ft1">Rechtsprechung festgehalten, unter welchen Umständen eine Post-</span><br/> <span class="ft1">sendung als zugestellt gilt, auch wenn ein Empfänger von deren In-</span><br/> <span class="ft1">halt keine Kenntnis erlangt hat. Diese Praxis wurde durch den</span><br/> <span class="ft1">Gesetzgeber in die Schweizerische Zivilprozessordnung übernom-</span><br/> <span class="ft1">men, ist aber analog auch im Verwaltungsverfahren anwendbar. Ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss Art. 138 Abs. 3 lit. a ZPO gilt die Zustellung eines Entscheids</span><br/> <span class="ft1">bei einer eingeschriebenen Postsendung, die nicht abgeholt worden</span><br/> <span class="ft1">ist, als am siebten Tag nach dem erfolglosen Zustellungsversuch er-</span><br/> <span class="ft1">folgt, sofern die Person mit einer Zustellung rechnen musste. Glei-</span><br/> <span class="ft1">ches gilt, gemäss Art. 138 Abs. 3 lit. b ZPO, wenn ein Adressat die</span><br/> <span class="ft1">Annahme verweigert, wobei die Postsendung in diesem Fall als</span><br/> <span class="ft1">am Tag der Annahmeverweigerung zugestellt gilt (sog. Zustellfik-</span><br/> <span class="ft1">tion; vgl. dazu J</span><span class="ft4">ULIA</span> <span class="ft1">G</span><span class="ft4">SCHWEND</span><span class="ft1">/R</span><span class="ft4">EMO</span> <span class="ft1">B</span><span class="ft4">ORNATICO</span><span class="ft1">, in: Basler</span><br/> <span class="ft1">Kommentar, 2. Auflage, Basel 2013, Art. 138 ZPO, N 17 ff.). Die</span><br/> <span class="ft1">Formulierung "nicht abgeholt worden ist" suggeriert, dass dem</span><br/> <span class="ft1">Empfänger die Möglichkeit eingeräumt wurde, die Postsendung ab-</span><br/> <span class="ft1">zuholen, wobei diese Abholmöglichkeit in der Praxis dadurch einge-</span><br/> <span class="ft1">räumt wird, dass die Post dem Empfänger eine Abholungseinladung</span><br/> <span class="ft1">in seinen Briefkasten oder in sein Postfach legt. Die Annahmever-</span><br/> <span class="ft1">weigerung setzt in der Regel voraus, dass der Empfänger zwar ange-</span><br/> <span class="ft1">troffen wird, sich jedoch weigert, die Postsendung entgegen zu neh-</span><br/> <span class="ft1">men. Ziel der Zustellfiktion ist es unter anderem, Verfahrensverzöge-</span><br/> <span class="ft1">rungen durch Parteien, die Postsendungen nicht entgegennehmen, zu</span><br/> <span class="ft1">verhindern.</span><br/> <span class="ft1">Damit Behörden und Gerichte postalische Zustellungen vorneh-</span><br/> <span class="ft1">men können, haben die Parteien eine Zustelladresse zu bezeichnen</span><br/> <span class="ft1">und sicherzustellen, dass die Postzustellung an der genannten</span><br/> <span class="ft1">Adresse erfolgen kann. Strengt ein Betroffener ein Verfahren an und</span><br/> <span class="ft1">gibt eine Zustelladresse bekannt, ist er damit in ein Prozessrechtsver-</span><br/> <span class="ft1">hältnis eingetreten und muss sicherstellen, dass die postalische Zu-</span><br/> <span class="ft1">stellung möglich ist. Zudem hat er mit postalischen Zustellungen zu</span><br/> <span class="ft1">rechnen. Dies jedenfalls dann, wenn das Verfahren nicht über längere</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">152</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Zeit ruht. Kann eine Zustellung durch die Post nicht vorgenommen</span><br/> <span class="ft1">werden, weil der Empfänger an der angegebenen Zustelladresse nicht</span><br/> <span class="ft1">betroffen werden kann oder über keinen Briefkasten bzw. kein Post-</span><br/> <span class="ft1">fach verfügt, hat er die Konsequenzen der nichtdurchführbaren Zu-</span><br/> <span class="ft1">stellung zu tragen (Urteil des Bundesgerichts vom 18. Oktober 2010</span><br/> <span class="ft1">[2C_666/2010]).</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der früher erfolgten polizeilichen Zustellung des Ein-</span><br/> <span class="ft1">spracheentscheids musste der Beschwerdeführer wissen, dass der</span><br/> <span class="ft1">Postweg für ihn verschlossen war. Es wäre seine Pflicht gewesen, der</span><br/> <span class="ft1">Frage nachzugehen, weshalb ihm keine Postsendungen mehr zuge-</span><br/> <span class="ft1">stellt werden. Dabei hätte er, gleich wie das Verwaltungsgericht, von</span><br/> <span class="ft1">der Post die Auskunft erhalten, dass er über einen beschrifteten</span><br/> <span class="ft1">Briefkasten verfügen und seine Adresssperre wieder aufgehoben</span><br/> <span class="ft1">werden müsse. Um Postzustellungen wieder zu erhalten, hätte der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer demnach zuerst einen Briefkasten mit seinem</span><br/> <span class="ft1">Namen installieren und danach die Adresssperre bei der Post aufhe-</span><br/> <span class="ft1">ben lassen müssen. Dies hat er jedoch unterlassen, obwohl er selber</span><br/> <span class="ft1">durch Einreichen einer Beschwerde ein Prozessrechtsverhältnis ein-</span><br/> <span class="ft1">gegangen ist, mit der Zustellung von Postsendungen rechnen musste</span><br/> <span class="ft1">und verpflichtet war, dafür zu sorgen, dass ihm Postsendungen zuge-</span><br/> <span class="ft1">stellt werden können. Der Beschwerdeführer hat auch keine anderen</span><br/> <span class="ft1">Vorkehrungen getroffen, dass ihm Postsendungen zugestellt werden</span><br/> <span class="ft1">können (z.B. Angabe eines Postfaches oder Orientierung der Post,</span><br/> <span class="ft1">dass ihm an der genannten Adresse zumindest eingeschriebene Post-</span><br/> <span class="ft1">sendungen persönlich übergeben werden können).</span><br/> <span class="ft1">Eine erste Zustellung der Kostenvorschussverfügung an die</span><br/> <span class="ft1">durch den Beschwerdeführer genannte Adresse scheiterte am 18. Mai</span><br/> <span class="ft1">2016. Die Zustellung an die durch das Verwaltungsgericht ermittelte</span><br/> <span class="ft1">mögliche Alternativadresse scheiterte ebenfalls. Die Zustellung der</span><br/> <span class="ft1">zweiten Verfügung am 13. Juni 2016, mit welcher dem Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer eine letzte Frist zur Begleichung des Kostenvorschusses ange-</span><br/> <span class="ft1">setzt wurde, blieb ebenso erfolglos.</span><br/> <span class="ft1">Gibt ein Betroffener eine Zustelladresse bekannt, obschon er</span><br/> <span class="ft1">dort über keinen Briefkasten verfügt, kann die Zustellung nur durch</span><br/> <span class="ft1">persönliche Übergabe der Postsendung erfolgen. Weiss ein Betroffe-</span><br/> <span class="ft1">ner oder müsste er wissen, dass die normale Postzustellung nicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">153</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mehr funktioniert und unternimmt er nichts, um den Mangel zu behe-</span><br/> <span class="ft1">ben, ist er gleich zu behandeln, wie wenn er die Annahme der Post-</span><br/> <span class="ft1">sendung verweigert hätte.</span><br/> <span class="ft1">Mit anderen Worten gilt die Verfügung vom 13. Juni 2016, mit</span><br/> <span class="ft1">welcher dem Beschwerdeführer eine letzte, nicht ersteckbare Frist</span><br/> <span class="ft1">von 10 Tagen zur Bezahlung des Kostenvorschusses angesetzt</span><br/> <span class="ft1">wurde, wegen Annahmeverweigerung als am 13. Juni 2016 zuge-</span><br/> <span class="ft1">stellt. (...)</span><br/></div> </div> </body> </html>