B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5833/2015 U r t e i l v o m 1 4 . D e z e m b e r 2 0 1 5 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Walter Stöckli, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Norzin-Lhamo Dotschung. Parteien A._______, geboren am (…), Kongo (Kinshasa), vertreten durch Alexandre Mwanza, ARC-EN-CIEL Association, Beschwerdeführerin, Gegen Staatssekretariat für Migration (SEM); Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des SEM vom 7. September 2015 / N (…). D-5833/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 4. Dezember 2008 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ um Asyl nach. Am 8. Dezember 2008 wurde sie zur Person befragt und am 8. Januar 2009 eingehend zu ihren Asylgründen angehört. A.b Dabei begründete die Beschwerdeführerin ihr Asylgesuch im Wesent- lichen damit, dass ihre Eltern im Jahr (…) während de s Krieges in C._______ getötet worden seien. Sie habe nach deren Tod fortan bei ihrer Tante mütterlicherseits in Kinshasa gelebt. Im Juni 2008 habe sie ihren Verlobten kennengelernt, der bei den " D._______ " gearbeitet habe. Ihr Verlobter sei dienstlich nach E._______ (C._______) geschickt worden. Mitte Oktober 2008 sei sie ihm dorthin gefolgt. Er habe für sie gesorgt. In der Nacht vom (…). Oktober 2008 sei er nicht von seiner Arbeit nach Hause gekehrt. Als sie am nächsten Morgen vom Einkaufen zurückgekommen sei, habe ihre Nachbarin sie darüber informiert, dass Militärangehörige die Haustüre aufgebrochen, die Wohnung durchsucht und nach ihr (Beschwer- deführerin) gesucht hätten. Aus Angst sei sie nicht mehr zurück in die Woh- nung gegangen, sondern habe den Kollegen ihres V erlobten aufgesucht. Dieser habe ihr mitgeteilt, dass ihr Verlobter wegen Verdachts auf Zusam- menarbeit mit den Rebellen festgenommen worden sei, da beim (…)lager der D._______ Waffen entdeckt worden seien. Am (…). Oktober 2008 habe sie schliesslich ihren Heimatstaat verlassen. A.c Mit Verfügung vom 18. März 2010 – eröffnet am 19. März 2010 – lehnte die Vorinstanz das Asylgesuch mit der Begründung ab, die Vorbrin- gen der Beschwerdeführerin hielten aufgrund unsubstanziierter, wider- sprüchlicher und erfahrungswidriger Angaben den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht stand. Gleichzeitig ordnete sie die Wegweisung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz an und stellte fest, der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich. A.d Auf die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde vom 21. April 2010 trat das Bundesverwaltungsgericht nicht ein, weil die Beschwerde verspätet eingereicht worden und somit offensichtlich unzulässig war. B. Mit Eingabe vom 9. Juni 2010 reichte die Beschwerdeführerin ein gegen die Verfügung vom 18. März 2010 gerichtetes Wiedererwägungsgesuch D-5833/2015 Seite 3 ein, welches von der Vorinstanz mit Verfügung vom 2. August 2013 abge- wiesen wurde. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. C. Mit Eingabe vom 6. August 2015 liess die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsvertreter bei der Vorinstanz erneut ein gegen die Verfügung vom 18. März 2010 gerichtetes Wiedererwägungsgesuch einreichen, worin sie die Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verbunden mit der Erteilung einer vorläufigen Aufnahme beantragte. D. Mit Verfügung vom 7. September 2015 wies die Vorinstanz das Wiederer- wägungsgesuch der Beschwerdeführerin vom 6. August 2015 ab und be- stätigte die Rechtskraft und Vollstreckbarkeit ihrer Verfügung vom 18. März 2010. Sie erhob eine Gebühr von Fr. 600.– und stellte fest, dass einer all- fälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme. E. Die Beschwerdeführerin erhob gegen diesen Entscheid mit Eingabe vom 18. September 2015 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und be- antragte dabei, im Sinne einer superprovisorischen Massnahme sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen, die angefochtene Ver- fügung sei aufzuheben und eine vorläufige Aufnahme sei anzuordnen, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu- weisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unent- geltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG. F. Die Instruktionsrichterin setzte m it Telefax vom 22. September 2015 den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus (Art. 56 VwVG). G. Mit Verfügung vom 25. September 2015 erteilte die Instruktionsrichterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung, hiess das Gesuch um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete in de r Folge auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um Gewährung der amtlichen Rechtsverbeiständung wurde abgewiesen. Der Beschwer- deführerin wurde Gelegenheit eingeräumt, innert Frist weitere medizini- sche Behandlungsberichte einzureichen, ansonste n das Verfahren ge- stützt auf die bestehende Aktenlage fortgesetzt werde. D-5833/2015 Seite 4 H. Mit Eingabe vom 12. Oktober 2015 teilte die Beschwerdeführerin dem Bun- desverwaltungsgericht im Wesentlichen mit, dass sich der kantonale Sozi- aldienst geweigert habe, für sie einen weiteren Arzttermin zu vereinbaren, weil sie auf Nothilfe angewiesen sei und die bisherigen Behandlungskosten bereits hoch ausgefallen seien. Es sei ihr nicht möglich, ohne Zustimmung des Sozialdienstes einen Arzttermin zu vereinbaren. Zudem sei die Ärztin, welche den letzten medizinischen Bericht verfasst habe, abwesend. I. Mit Verfügung vom 13. Oktober 2015 wurde das SEM eingeladen, innert Frist eine Vernehmlassung einzureichen. J. In seiner Vernehmlassung vom 27. Oktober 2015 hielt das SEM an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. K. Am 28. Oktober 2015 wurde der Beschwerdeführerin die Vernehmlassung des SEM zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sach gebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie- dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist das Bundesve rwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be- schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re- gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die D-5833/2015 Seite 5 angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Mit Beschwerde im Bereich des Ausländerrechts kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtser- heblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG; vgl. auch BVGE 2014/26 E. 5.5 betreffend die in ausländerrechtli- chen Fragen nicht geltende asylrechtliche Kognitionseinschränkung). 3. 3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge- regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift- lich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG (Art. 111b Abs. 1 AsylG). 3.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweck t das Wiedererwä- gungsgesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis- sion [EMARK] 1995 Nr. 21 E. 1 S. 202 ff.). Falls die abzuändernde Verfü- gung unangefochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisionsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum sogenannten «qualifizierten Wiedererwägungsgesuch» vgl. etwa EMARK 2003 Nr. 17 E. 2.a S. 103 f. m.w.H.). 3.3 Die Einreichung eines Wiedererwägungsgesuchs hemmt den Vollzug in der Regel nicht, es sei denn, die für die Behandlung zuständige Behörde setze ihn auf Ersuchen hin wegen einer konkreten Gefährdung der gesuch- stellenden Person im Herkunfts- oder Heimatstaat aus. Vorliegend wurde der Vollzug der Wegweisung am 22. September 2015 einstweilen provisorisch ausgesetzt. Sodann wurde der Beschwerde mit Verfügung vom 25. September 2015 die aufschiebende Wirkung erteilt. D-5833/2015 Seite 6 4. 4.1 Das Wiedererwägungsgesuch richtete sich ausdrücklich nur gegen den mit Verfügung vom 18. März 2010 angeordneten Wegweisungsvollzug. 4.2 Nachdem das SEM den Anspruch der Beschwerdeführerin auf Be- handlung ihres Wiedererwägungsgesuchs nicht in Abrede gestellt hat und darauf eingetreten ist, hat das Gericht zu prüfen, ob die Vorinstanz das Gesuch zu Recht abgewiesen hat. 4.3 Im Folgenden ist somit zu beurteilen, ob die geltend gemachten nach- träglich veränderten tat sächlichen und rechtlichen Voraussetzungen eine Anpassung der ursprünglichen Verfügung erfordern. 5. 5.1 Das Wiedererwägungsgesuch vom 6. August 2015 wurde im Wesent- lichen damit begründet, dass die Beschwerdeführerin an gesundheitlichen Beschwerden, insbesondere an (…) Problemen, leide und (…) sei. Sie sei unabdingbar auf medizinische Behandlungen angewiesen . Es gebe in Kinshasa zwar zwei Zentren, die psychiatrische Behandlungen anbieten würden, doch seien deren Kapazitäten gemäss dem Bericht "DR Kongo: Psychiatrische Versorgung" der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 16. Mai 2013 nur ungenügend. Überdies seien die Behandlungskos- ten für sie finanziell nicht tragbar. Nach ihrer nunmehr siebenjährigen Lan- desabwesenheit könne sie auch nicht auf ein intaktes familiäres und sozi- ales Beziehungsnetz zählen. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Arbeitsstelle finden würde, vor dem Hintergrund der schlechten Wirt- schaftslage trotz ihrer Ausbildung gering. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin einen ärztlichen Bericht vom (…). Juli 2015 ein. In diesem Bericht stellte die be- handelnde Ärztin unter anderem fest, dass die Beschwerdeführerin vom (…). April 2015 bis zum (…). Mai 2015 hospitalisiert gewesen sei und sich seit dem (…). Mai 2015 in Behandlung befinde. Sie diagnostizierte eine (…) im Rahmen des unklaren Asylentscheids sowie eine (…) und prognos- tizierte eine Verbesserung der Symptomatik, sofern die monatlichen Ein- zeltherapiesitzungen fortgeführt w ürden. Demgegenüb er könne es aus psychiatrisch-medizinischer Sicht bei einer Rückführung der Beschwerde- führerin ins Herkunftsland zu einer Exazerbation der Erkrankung kommen. 5.2 Die Vorinstanz begründete die Abweisung des Wiedererwägungsge- suchs unter Bezugnahme auf die gültige Rechtsprechung im Wesentlichen D-5833/2015 Seite 7 damit, dass in Kinshasa entsprechende Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen würden. Es sei nicht erforderlich, dass die Behandlung dort dem schweizerischen Standard entspreche. Im Übrigen sei auf die Möglichkeit de r Rückkehrhilfe zu verweisen. Betreffend die geltend ge- machte (…) sei festzuhalten, dass gemäss dem eingereichten ärztlichen Bericht eine (…) nicht diagnostiziert worden sei. Somit sei davon auszuge- hen, dass es sich bei der geltend gemachten (…) um eine Be hauptung handle. Abgesehen davon stelle (…) für sich alleine die Vollziehbarkeit der Wegweisung noch nicht in Frage, solange konkrete Massnahmen zur Ver- hütung der Umsetzung getroffen würden. Ebenfalls handle es sich beim fehlenden Beziehungsnetz um eine blosse Behauptung, zumal dieses Vor- bringen nicht mit präzisen und differenzierten Angaben versehen worden sei. Es sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in ihrem Hei- matland durchaus über Familienangehörige und Verwandte verfüge, wel- che ihr bei ein er Rückkehr behilflich sein könnten. Somit würden keine Gründe vorliegen, welche die Rechtskraft der Verfügung vom 18. März 2010 beseitigen könnten. 5.3 In ihrer Rechtsmitteleingabe machte die Beschwerdeführerin neben den bereits im Wiedererwägungsgesuch dargelegten Ausführungen gel- tend, es werde nicht bestritten, dass es in Kinshasa die erforderlichen Me- dikamente oder Einrichtungen gebe, welche psychiatrische Behandlungen anbieten würden. Vielmehr sei im vorliegenden Fall – vor dem Hintergrund, dass in Kinshasa, wo 14 Millionen Menschen leben würden, nur zwei me- dizinische Zentren für psychiatrische Krankheiten vorhanden seien – der konkrete Zugang zu den entsprechenden Behandlungen nicht gewährleis- tet. Bei der Chancen- und Risikoabschätzung sei zu berücksichtigten, dass sie eine alleinstehende Frau mit (…) Erkrankung sei. Es sei zwar richtig, dass sich für die Schweiz aus Art. 83 Abs. 4 AuG (SR 142.20) keine Ver- pflichtung ableite, eine medizinische Behandlung zu g arantieren, die dem schweizerischen Standard entspreche. Jedoch sei die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme gestützt auf diese Bestimmung in Betracht zu zie- hen, wenn eine notwendige Behandlung im Heimatland nicht zur Verfü- gung stehe und dies zu einer rasc hen und lebensgefährdenden Beein- trächtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person führen würde. Davon sei im vorliegenden Fall auszugehen. D-5833/2015 Seite 8 6. 6.1 Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten medizinischen Probleme könnten unter dem Gesichtspunkt von Art. 3 EMRK zur Unzuläs- sigkeit respektive infolge einer medizinischen Notlage zur Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung führen (vgl. Art. 83 Abs. 3 und 4 AuG). 6.2 Gemäss der Praxis des EGMR kann der Vollzug der Wegweisung eines abgewiesenen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen im Einzel- fall einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen; hierfür sind jedoch ganz aussergewöhnliche Umstände Vora ussetzung (vgl. EMARK 2005 Nr. 23 E. 5.1. S. 211 f., mit einer Zusammenfassung der Rechtsprechung des EGMR). Vorliegend können solche ganz aussergewöhnlichen Umstände ("very exceptional circumstances"), wie sie der EGMR in seinem Urteil in Sachen D. gegen Grossbritannien vom 2. Mai 1997 feststellte, wo neben einer kurzen Lebenserwartung des an AIDS erkrankten Auszuweisenden erschwerend die Gefahr eines Todes unter extremen physischen und psy- chischen Leiden hinzukam, hinlänglich ausgeschlossen werden (vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1 S. 117 f.; 2009/2 E. 9.1.3). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung als zulässig zu er- achten. 6.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie in Situationen wie Krieg, Bürg er- krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage im Heimat- oder Her- kunftsstaat konkret gefährdet sind. 6.3.1 Der Begriff der "konkreten Gefährdung" gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG ist eng auszulegen und bezieht sich vorab auf einen schwerwiegenden Ein- griff in die körperliche Integrität der ausländischen Person. Art. 83 Abs. 4 AuG findet insbesondere Anwendung auf Personen, die nach ihrer Rück- kehr einer konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil sie aus objektiver Sicht wegen der vorherrschenden Verhältnisse mit gros ser Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich in völlige Armut gestossen würden, dem Hunger und so- mit einer ernsthaften Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, der Invalidität oder gar dem Tod ausgeliefert wären (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.2 S. 1002 f., m.w.H.). 6.3.2 Die publizierte Lageanalyse der ehemaligen Schweizerischen Asyl- rekurskommission in Bezug auf das Heimatland der Beschwerdeführerin ist im Wesentlichen weiterhin als zutreffend zu erachten (vgl. EMARK 2004 D-5833/2015 Seite 9 Nr. 33). Es finden in einigen Regionen des Landes, insbesondere im roh- stoffreichen Osten, seit längerer Zeit bewaffnete Konflikte statt. Im Westen des Landes und insbesondere in der Region um die Hauptstadt Kinshasa haben sich die politi sche Situation und die Sicherheitslage in den letzten Jahren jedoch beruhigt. Somit ist festzustellen, dass in der DR Kongo keine landesweite Bürgerkriegssituation oder Situation allge meiner Gewalt herrscht. Von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ist dann auszu- gehen, wenn sich der letzte Wohnsitz der betroffenen Person in der Haupt- stadt Kinshasa oder einer anderen, über einen Flughafen verfügenden Stadt im Westen des Landes befand, oder wenn die Person in einer dieser Städte über ein gefestigtes Beziehungsnetz verfügt. Trotz Vorliegens der vorstehend genannten Kriterien erscheint der Vollzug der Wegweisung je- doch – nach sorgfältiger Prüfung und Abwägung der individuellen Um- stände – in aller Regel nicht zumutbar, wenn die zurückführende Person (kleine) Kinder in ihrer Begleitung hat, für mehrere Kinder verantwortli ch ist, sich bereits in einem vorangeschrittenen Alter oder in einem schlechten gesundheitlichen Zustand befindet oder wenn es sich bei ihr um eine allein stehende, nicht über ein soziales oder familiäres Netz verfügende Frau handelt (vgl. Urteil des Bunde sverwaltungsgerichts E -3183/2012 vom 2. Dezember 2014 E. 7.1 m.w.H.). Vorliegend erschöpft sich das Vorbringen, wonach die Beschwerdeführerin nach siebenjähriger Landesabwesenheit nicht mehr auf ein intaktes famili- äres und soziales Beziehungsnetz zählen könne, im vorinstanzlichen Ver- fahren als auch auf Beschwerdestufe in unsubstanziierten Behauptungen. Ebenfalls unterlässt es die Beschwerdeführ erin, die geltend gemachten fehlenden Perspektiven für eine Reintegration im Heimatstaat näher zu konkretisieren. Das SEM ist daher zu Recht von der Unglaubhaftigkeit die- ser Vorbringen ausgegangen. 6.3.3 Hinsichtlich der geltend gemachten (…) Erkrankung und im Speziel- len zum fehlenden Zugang zu den erforderlichen Behandlungsmöglichkei- ten gilt es zunächst festzuhalten, dass sich die Beurteilung allfälliger medi- zinischer Wegweisungsvollzugshindernisse vorliegend einzig gestützt auf den ärztlichen Bericht vom (…). Juli 2015 vornehmen lässt. Gemäss die- sem Bericht geht die behandelnde Ärztin in erster Linie von einer (…) bei unsicherem Aufenthaltsstatus aus. Es würden sich überdies keine typi- schen Symptome einer (…) finden lassen. Ferner gebe es keine Hinweise auf eine (…)- oder (…) und es bestehe keine akute (…). Sodann sei von einer Verbesserung der Symptomatik auszugehen, sofern die monatlichen Einzeltherapiesitzungen fortgeführt würden. D-5833/2015 Seite 10 Gründe ausschliesslich medizinischer Natur lassen den Wegweisungsvoll- zug im Allgemeinen nicht als unzumutbar erscheinen, es sei denn, die er- forderliche Behandlung sei wesentlich und im Heimatland nicht erhältlich. Entsprechen ferner die Behandlungsmöglichkeiten im Herkunftsland nicht dem medizinischen Standard in der Schweiz, so bew irkt dies allein noch nicht die Unzumutbarkeit des Vollzugs. Von einer solchen Unzumutbarkeit ist erst dann auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiter- behandlung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesundheitszustandes nach sich zieht (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3 S. 1003 f., BVGE 2009/2 E. 9.3.2 S. 21). Wie von der Beschwerdeführerin auch nicht bestritten, ist davon auszuge- hen, dass psychische Erkrankungen in Kinshasa grundsätzlich behandel- bar sind (vgl. hierzu ausführlich Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-3149/2008 vom 26. Juli 2011 E. 7.3.6 m.w.H.). Nach Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts wurden im Jahr 2011 in den betreffenden Ein- richtungen Gratisbehandlungen angeboten (vgl. a.a.O. E. 7.3.6). Demge- genüber macht die Beschwerdeführerin geltend, dass sich die Kosten für eine ambulante Konsultation auf rund 15 bis 20 US-Dollar belaufen würden und untermauert dieses Vorbringen mit dem Hinweis auf den einschlägigen Bericht der SFH (vgl. S. 5) aus dem Jahr 2013. Vorliegend kann es offen- gelassen werden, ob die Behandlungen inzwischen kostenpflichtig gewor- den sind, da es der Beschwerdeführerin unbenommen bleibt, für die Finan- zierung einer allfälligen Therapie beim SEM einen Antrag auf medizinische Rückkehrhilfe zu stellen (vgl. Art 93 Abs. 1 Bst. d. AsylG; Art 75 der Asyl- verordnung 2 vom 11. August 1999 über F inanzierungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]). Aus diesen Gründen erweist sich das Argument des fehlen- den respektive verunmöglichten Zugangs infolge finanzieller Schranken als nicht valid. Im Übrigen bleibt zu wiederholen, dass der Beschwerdeführerin durch die behandelnde Ärztin bei Fortsetzung der Therapie eine günstige Prognose gestellt worden ist. Damit liegen insgesamt keine Hindernisse medizinischer Art vor, welche dem Vollzug der Wegweisung entgegenste- hen. 6.3.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine stichhaltigen Argu- mente vorgebracht wurden, die für die Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs sprechen. Es ist vorliegend nicht zu verkennen, dass die Be- schwerdeführerin als alleistehende Frau mit angeschlagenem Gesund- heitszustand verletzlicher sein dürfte als andere Personengruppen . Den- noch ist im konkreten Fall davon auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr D-5833/2015 Seite 11 nach Kinshasa keiner konkreten Gefährdung ausgesetzt sein wird und we- der in eine allgemeine noch in eine medizinische Notlage geraten wird. Der Wegweisungsvollzug ist somit als zumutbar zu erachten. 6.4 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass es der Beschwerdeführerin nicht gelun gen ist, die von der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid zu Recht gezogene Schlussfolge- rung zu widerlegen, wonach keine Gründe vorliegen, welche die Rechts- kraft der Verfügung vom 18. März 2010 beseitigen können, zumal der ge- genwärtige gesundheitliche Zustand der Beschwerdeführerin einem Weg- weisungsvollzug nicht entgegensteht. Folglich wurde das Wiedererwä- gungsgesuch der Beschwerdeführerin vom 6. August 2015 von der Vor - instanz zu Recht abgewiesen. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 49 VwVG). Die Be- schwerde ist abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde- führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung vom 25. September 2015 wurde jedoch das Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung im Sinne von Art 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) D-5833/2015 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Norzin-Lhamo Dotschung Versand: