B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3239/2023 und F-3240/2023 U r t e i l v o m 1 4 . J u n i 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichter Sebastian Kempe, mit Zustimmung von Richter Markus König; Gerichtsschreiberin Rahel Affolter. Parteien A._______ und B._______, vertreten durch Lea Hungerbühler, Rechtsanwältin und Nathalie Vainio, AsyLex, Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Ver- fahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügungen des SEM vom 26. Mai 2023 / (…). F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerinnen suchten am 3. März 2023 in der Schweiz um Asyl nach. B. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentralein- heit EURODAC) ergab, dass die Schwestern am 1. März 2023 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt hatten. C. Am 27. respektive 28. März 2023 gewährte die Vorinstanz den Beschwer- deführerinnen in Anwesenheit ihrer damaligen Rechtsvertretung das recht- liche Gehör, unter anderem zur Zuständigkeit Kroatiens für die Durchfüh- rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten Nichtein- tretensentscheid, zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat sowie zu ihrem Gesundheitszustand. D. Gleichentags ersuchte die Vorinstanz die kroatischen Behörden um Wie- deraufnahme der Beschwerdeführerinnen gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterie n und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die kroatischen Behörden hiessen die Gesuche um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerinnen am 10. respektive am 11. April 2023 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO gut. E. Mit separaten Verfügungen vom 26. Mai 2023, eröffnet am 30. Mai 2023, trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerinnen nicht ein, ordnete ihre Wegweisung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu ver- lassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die einer allfälligen Be- schwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton Thurgau mit dem Vollzug der Wegweisung. F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 3 F. Am 31. Mai 2023 teilte die bisherige Rechtsvertretung dem SEM die Been- digung der Mandatsverhältnisse mit. G. Mit separaten Eingaben ihrer aktuellen Rechtsvertretung vom 6. Juni 2023 gelangten die Beschwerdeführerinnen gegen die Verfügungen vom 26. Mai 2023 ans Bundesverwaltungsgericht und beantragten, die angefochtenen Verfügungen seien aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf ihr Asyl- gesuch einzutreten und das nationale Asyl - und Wegweisungsverfahren durchzuführen. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, von den zuständigen kroatischen Behörden Zusicherung en einzuholen, dass ab dem Zeitpunkt der Ankunft umgehend Obdach, Nahrung, eine adä- quate und regelmässige medizinische sowie psychologische Behandlung zur Verfügung stehen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten die Beschwerdeführerinnen um Erteilung der aufschiebenden Wirkung sowie um superprovisorische Aus- setzung der Wegweisung. Weiter beantragten sie die Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die Einsetzung ihrer aktuellen Rechtsvertretung als amtliche Vertretung. Schliesslich seien ihre Verfahren zu vereinigen. H. Am 7. Juni 2023 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in elekt- ronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den Voll- zug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 6 AsylG). 1.2 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs- gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu- ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführerinnen sind F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 4 zur Beschwerdeanhebung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte n Beschwerden ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliess- lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge- rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Die Beschwerden erweisen sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als offensichtlich unbegr ündet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln sind (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 2.3 Angesichts des engen persönlichen und sachlichen Zusammenhangs sind die beiden Beschwerdeverfahren antragsgemäss zu vereinigen. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8 –15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 3.3 Der nach der Dublin -III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, eine antragstellende Person, welche während der Prüfung ihres Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder sich im Hoheits- gebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin -III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 5 3.4 Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt . Demgegenüber sind i m Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) die in Kapitel III (Art. 8 –15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu- ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dub- lin-III-VO; vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 3.5 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU –Grund- rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit- gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest- zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied- staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 3.6 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin -III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Gemäss Art. 29 a Abs. 3 der Asyl verordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn da- für gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Ent- scheidung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgericht darf sein eigenes Ermessen nicht an dessen Stelle setzen (BVGE 2015/9 E. 7.6 und E. 8.1 in fine). F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 6 4. 4.1 Abgleiche der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerinnen mit der Eu- rodac-Datenbank ergaben, dass diese vor ihrer Einreise in die Schweiz am 1. März 2023 in Kroatien um Asyl nachgesucht hatten, weshalb das SEM zu Recht gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin -III-VO die kroatischen Behörden um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerinnen ersuchte. Diese haben den Wiederaufnahmegesuchen des SEM innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist ausdrücklich zugestimmt. 4.2 Die Tatsache, dass die Beschwerdeführerinnen ihren Angaben zufolge in Kroatien kein Asylgesuch stellen wollten , vermag die Zuständigkeit der kroatischen Behörden ni cht in Frage zu stellen. Die Zuständigkeit eines Dublin-Mitgliedstaates zur Durchführung eines Asyl- und Wegweisungsver- fahrens bestimmt sich unabhängig vom Willen einer asylsuchenden Per- son nach objektiven, in der Dublin-III-VO festgelegten Kriterien. Es ist aus- serdem unbestritten, dass die Beschwerdeführerinnen über Kroatien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Mitgliedstaaten gelangten. Somit wäre die Zuständigkeit Kroatiens auch dann begründet worden, wenn die Be- schwerdeführerinnen dort kein Asylgesuch gestellt hätten (in diesem Sinne vgl. auch das Urteil des BVGer D -2111/2023, D -2114/2023 und D-2119/2023 vom 27. April 2023 S. 8). 4.3 Somit ist die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens für die Durchfüh- rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gegeben. 5. In den Beschwerden wird auf die Gewalt der kroatischen Behörden gegen- über illegal eingereisten Ausländern und Asylsuchenden hingewiesen und aufgrund geltend gemachter systemischer Mängel im Asyl- und Aufnahme- systems Kroatiens die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin- III-VO gefordert. 5.1 Im Referenzurteil E-1488/2020 vom 22. März 2023 hat das Bundesver- waltungsgericht die seit dem Referenzurteil D -1611/2016 vom 22. März 2016 bestehende Praxis der grundsätzlichen Zulässigkeit von Dublin-Über- stellungen nach Kroatien bestätigt. Das Gericht stellte fest, dass nicht da- von auszugehen ist, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Kroatien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf, die eine Überstellung von Gesuchstellen- den generell als unzulässig erscheinen lassen würden (vgl. E-1488/2020 E. 9.5). Der – angesichts der in E. 9.4.2 f. des Urteils dargelegten Situation F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 7 prima vista nicht unbegründete – Verdacht eines Gefährdungszusammen- hangs zwischen Push-Backs und Dublin-Rückkehr lasse sich aufgrund der verfügbaren Informationen und Erkenntnisse nicht erhärten. Im Rahmen einer auf die Dublin-III-VO gestützten Überstellung liege das Hauptaugen- merk auf der Frage, ob die gesuchstellende Person, zu deren Aufnah me sich die kroatischen Behörden bereit erklärt hätten, Zugang zum dortigen Asylverfahren erhalten werde. Dabei stehe nicht mehr im Vordergrund, ob es für die schutzsuchende Person zuvor allenfalls äusserst schwierig ge- wesen sei, überhaupt auf kroatisches Territorium zu gelangen. Es sei nicht a priori von einer gleichgelagerten Gefährdung für Dublin -Rückkehrende auszugehen wie für Personen, welche erstmals versuchen würden, in das Land einzureisen oder es zu durchqueren. Zum heutigen Zeitpunkt würden keine genügenden Anzeichen für die Befürchtung bestehen, im Dublin - Kontext überstellte Personen würden ohne Eröffnung und Durchführung eines Asylverfahrens in unzulässiger Weise aus Kroatien ausgeschafft. Dies treffe sowohl auf die Überstellung im Rahmen von Take-Charge- (Auf- nahme-) als auch von Take -Back- (Wiederaufnahme-) Verfahren zu (vgl. a.a.O. E. 9.4.4). Im Ergebnis sei davon auszugehen, dass Gesuchstel- lende, welche gestützt auf die Dublin -III-VO nach Kroatien überstellt wür- den, Zugang zum dortigen Asylverfahren erhalten, unabhängig davon, ob es sich um ein Take-Charge- oder Take-Back-Verfahren handle. Insbeson- dere bestehe keine beachtliche Wahrscheinlichkeit, die Überstellten wür- den der Gefahr einer Verletzung ihrer aus dem Refoulement -Verbot flies- senden Rechte ausgesetzt werden (vgl. a.a.O. E. 9.5). 5.2 An dieser aktuellen Beurteilung des Bundesverwaltungsgerichts, wo- nach das kroatische Asyl - und Aufnahmesystem keine systemischen Schwachstellen aufweist, vermögen die Vorbringen der Beschwerdeführe- rinnen nichts zu ändern. Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. 6. Des Weiteren machen die Beschwerdeführerinnen ein Abhängigkeitsver- hältnis im Sinne von Art. 16 Dublin-III-VO zwischen ihnen und ihrer in der Schweiz lebenden Familie (Vater, Mutter und Bruder) geltend und leit en daraus eine Zuständigkeit der Schweiz ab. 6.1 Ist ein Antragssteller insbesondere wegen schwerer Krankheit, ernst- hafter Behinderung oder hohen Alters auf die Unterstützung seines Kindes, eines seiner Geschwister oder eines Elternteils angewiesen, das/der sich rechtmässig in einem Mitgliedstaat aufhält , oder trifft die umgekehrte F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 8 Konstellation zu, so entscheiden die Mitgliedstaaten in der Regel, die Be- teiligten nicht zu trennen beziehungsweise sie zusammenzuführen, sofern die familiäre Bindung bereits im Herkunftsland bestanden hat, der nahe Angehörige in der Lage ist, die abhängige Person zu unterstützen und die Betroffenen diesen Wunsch schriftlich kundgetan haben. Die Nichtanwen- dung der Zuständigkeitsbestimmung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO kann im Einzelfall menschenrechtswidrig sein und einen Ermessensmissbrauch darstellen. Sind die Voraussetzungen von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ge- geben und halten sich die betroffenen Pe rsonen in demselben Mitglied- staat auf, hat sich die entscheidende Behörde für zuständig zu erklären (vgl. Urteile des BVGer F -1568/2022 vom 12. April 2022 E. 7 und F - 280/2021 vom 22. Juli 2021 E. 6 m.w.H.). 6.2 Im konkreten Fall ist jedoch das Bestehen eines hinreichenden Abhän- gigkeitsverhältnisses im Sinne der genannten Bestimmung zwischen den Beschwerdeführerinnen und ihrer Familie zu verneinen. Das Gericht ver- kennt nicht, dass insbesondere der Vater unter erheblichen gesundheitli- chen Beeinträchtigungen leide t (komplexe posttraumatische Belastungs- störung, rezidivierende depressive Störung, chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fa ktoren; vgl. dazu den psychothera- peutischen Verlaufsbericht vom 6.6.2023) und die Anwesenheit seiner Töchter einen stabilisierenden Einfluss auf seine Lebenssituation ausüben könnte. Den Akten ist jedoch kein Hinweis darauf zu entnehmen, dass der Vater, der in der Schweiz auf die Unterstützung seiner Frau und seines Sohnes zählen kann, für die Bewältigung seiner gesundheitlichen Beein- trächtigungen und seines Alltags zusätzlich auf eine unmittelbare und per- sönliche Unterstützung seiner Töchter angewiesen wäre. Auch wurde in keiner Weise dargelegt, inwiefern die Töchter zu ihren Eltern, von denen sie seit mehreren Jahren getrennt leben , in einem relevanten Abhängig- keitsverhältnis stehen würden. Die gesundheitlichen Probleme der Be- schwerdeführerinnen, welche erst auf Beschwerdeebene geltend gemacht wurden, konnten nicht rechtsgenügend belegt werden. Im Übrigen stehen die vorgebrachten psychischen Störungen im Widerspruch zu den Aussa- gen, welche die Beschwerdeführerinnen während des vorinstanzlichen Verfahrens zu ihrem Gesundheitszustand gemacht haben. 6.3 Somit ging die Vorinstanz zu Recht davon aus, dass kein hinreichendes Abhängigkeitsverhältnis für die Anwendung von Art. 16 Abs. 1 Dublin -III- VO vorliegt. Sofern die Beschwerdeführerinnen ein solches nicht als Vo- raussetzung für die Anwendbarkeit von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO verste- hen, stellen sie sich mit dieser Rechtsauffassung in Widerspruch zur F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 9 ständigen Praxis des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. dazu insbesondere das Urteil des BVGer F-1568/2022 E. 7.6.2 m.w.H.). Sie bringen indes nichts vor, was das Gericht veranlassen könnte, auf die entsprechende Praxis zurückzukommen. 7. Auch ein Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin -III-VO, kon- kretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, kommt vorliegend nicht in Betracht. 7.1 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkomm ens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls zur FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301). Ausserdem wird Kroatien durch die Richtlinien des Europäi- schen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge- meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna- tionalen Schutzes (sog. Ve rfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) , gebun- den. 7.2 Mangels systemischer Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO kann vermutungsweise davon ausgegangen werden, dass Kroatien seinen völker- und gemeinschaftsrechtlichen Verpflichtungen gegenüber Perso- nen in der Situation der Beschwerdeführerinnen nachkommt und insbeson- dere auch die Rechte respektiert und schützt, die sich aus der Verfahrens- und Aufnahmerichtlinie ergeben ( vgl. Urteile F-1883/2023 vom 12. April 2023 E. 8.2; F-647/2023 vom 9. Februar 2023 E. 7.1; je m.H.). Diese Ver- mutung kann zwar im Einzelfall widerlegt werden. Hierfür bedarf es aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die von der betroffenen Person glaub- haft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1). 7.3 Die Beschwerdeführerinnen vermögen nicht rechtsgenügend darzutun, dass die von ihnen bei einer Rückführung nach Kroatien zu erwartenden Bedingungen derart schlecht wären, dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen könnten. Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass sie sich nach der Dublin-Rücküberstellung in einer anderen Si- tuation als bei der ersten Einreise nach Kroatien befinden werden (vgl. Ur- teil des BVGer E -1488/2020 E. 9.4 m.w.H.). Den Akten sind denn auch F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 10 keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet wäre oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Zudem steht es Kroatien frei, Personen im Einklang mit der nationalen Ge- setzgebung und dem anwendbaren Völkerrecht zu inhaftieren oder für kurze Zeit festzuhalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschrän- kung der ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen könnten sie sich nöti- genfalls an die kroatischen Behörden wenden und ihre Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Sollten sie sich durch kroatische Behörden oder Drittpersonen ungerecht oder rechtswidrig behandelt fühlen, könnten sie sich mit einer Beschwerde an die zuständi- gen Stellen wenden oder eine Anzeige einreichen. Im Übrigen steht ihnen auch die Möglichkeit offen, di e vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. 7.4 Bezüglich der gesundheitlichen Aspekte ist festzuhalten, dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstell t. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Schwerkranke, die durch die Rückfüh- rung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausge- setzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkür- zung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des Europäischen Ge- richtshofs für Menschenrechte [EGMR] Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180 –193 m.w.H.). Die im vorliegenden Verfahren unsubstantiiert geltend gemachten gesundheitli- chen Beeinträchtigungen («psychische Angeschlagenheit» und «Trauma» gemäss Beschwerden vom 6. Juni 2023) sind hingegen nicht von derarti- ger Schwere, dass sie eine drohende Verletzung von Art. 3 EMRK zu be- gründen vermöchten. Zudem könnten sie in Kroatien behandelt werden. Kroatien verfügt grundsätzlich über eine ausreichende medizinische Infra- struktur (vgl. Urteil des BVGer D-735/2022 vom 28. Februar 2022 E. 6.7.3). 7.5 Vor diesem Hintergrund erscheint auch nicht angezeigt, das SEM dazu zu verpflichten, von den kroatischen Behörden vor einer Überstellung indi- viduelle Zusicherungen bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren, zu me- dizinischer Versorgung oder zu adäquater Unterbringung einzuholen. F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 11 7.6 Sofern dies im Überstellungszeitpunkt erforderlich wäre, würden die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfü- gungen beauftragt sind, die kroatischen Behörden in geeigneter Weis e über allfällige spezifische medizinische Bedürfnisse und Umstände der Be- schwerdeführerinnen informieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO). 7.7 Im Übrigen fehlt es zwischen den Beschwerdeführerinnen und ihren hier lebenden Verwandten nach dem Gesagten (E. 6) auch an einem be- sonderen Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der Rechtsprechung zu Art. 8 EMRK, weshalb das darin verbürgte Recht auf Achtung des Familienle- bens nicht tangiert ist (vgl. F-6463/2019 vom 7. September 2020 E. 8.4 m.w.H.). 7.8 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vorinstanz bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessens- spielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang einer weiteren Überprüfung. 7.9 Es liegen somit weder völkerrechtliche Vollzugshindernisse vor, welche die Schweiz zum Selbsteintritt verpflichten würden, noch Rechtsfehler bei der Ermessensbetätigung. Es besteht folglich kein Grund für einen Selbst- eintritt der Schweiz gemäss Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 in Verbindung mit Art. 17 Dublin-III-VO. 8. Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerinnen nicht eingetreten. Da die Beschwerdeführerinnen nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung sind, wurde die Überstellung nach Kroatien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht ange- ordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). Nach dem Gesagten sind die Beschwerden abzuweisen. Die Gesuche um Gewährung der aufschiebenden Wirkung sind mit Ausfäl- lung des vorliegenden Endentscheids gegenstandslos geworden. Der ver- fügte Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin. 9. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführun g und F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 12 Bestellung der aktuellen Rechtsvertretung als amtliche Vertretung sind ab- zuweisen, da die Begehren − wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt − als aussichtslos zu bezeichnen sind und dies auch schon im Zeit- punkt der Gesuchstellung waren (Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG). Die Kosten der beiden Verfahren sind somit den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 1’000.– festzu- setzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen v or dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) F-3239/2023 und F-3240/2023 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerdeverfahren F -3239/2023 und F -3240/2023 werden verei- nigt. 2. Die Beschwerden werden abgewiesen. 3. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Be- stellung der aktuellen Rechtsvertretung als amtliche Vertretung werden ab- gewiesen. 4. Die Verfahrenskosten von Fr. 1’000.- werden den Beschwerdeführerinnen auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zuguns- ten der Gerichtskasse zu überweisen. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen und die Vorinstanz. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Sebastian Kempe Rahel Affolter