B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5192/2012 U r t e i l v o m 1 0 . O k t o b e r 2 0 1 2 Besetzung Einzelrichterin Gabriela Freihofer, mit Zustimmung von Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner; Gerichtsschreiber Simon Thurnheer. Parteien A._______, geboren am (…), Bosnien und Herzegowina, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 27. September 2012 / N (…). E-5192/2012 Seite 2 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, dass die Beschwerdeführerin eigenen Angaben zufolge ihren Heimatstaat am 18. April 2012 verliess und am 19. April 2012 in der Schweiz um Asyl nachsuchte, dass sie anlässlich der Kurzbefragung im Empfangs- und Verfahrenszent- rum B._______ vom 30. April 2012 und der einlässlichen Anhörung z u den Gesuchsgründen vom 1. Juni 2012 im Wesentlichen geltend machte, als ethnische Roma habe sie in Bosnien keine Rechte, auf der Strasse sei sie schon beleidigt und beschimpft worden, die Polizei habe dagegen aber nichts unternommen, ausserdem sei sie we gen ihrer Armut in die Schweiz gekommen, in ihrem Heimatstaat sei sie weder krankenvers i- chert noch erhalte sie Sozialhilfe, dass das BFM mit Verfügung vom 27. September 2012 – eröffnet am 29. September 2012 – in Anwendung von Art. 34 Abs. 1 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht eintrat und die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug anordnete, dass das BFM zur Begründung im Wesentlichen anführte, Bosnien und Herzegowina sei ein im Sinne von Art. 6 a Abs. 2 Bst. a AsylG verfo l- gungssicheres Land (safe country), die Vorbringen der Beschwerdeführe- rin seien im Sinne von Art. 3 AsylG mangels Gezieltheit ("individuelle B e- troffenheit") und Intensität der geltend gemachten Nachteile nicht asylr e- levant, so dass es ihr nicht gelungen sei, die Vermutung der Verfolgungs- sicherheit umzustossen, wobei die eingereichten Beweismittel an diesen Erwägungen nichts zu ändern vermöchten, zumal sie lediglich die Vo r- bringen bestätigten, welche grundsätzlich nicht in Frage gestellt würden, dass die Beschwerdeführerin mit handschriftlich ergänzter, vorgedruckter Formular-Eingabe vom 4. Oktober 2012 (Poststempel) gegen diesen En t- scheid beim Bundesverwaltungsgericht Be schwerde erhob und dabei in materieller Hinsicht beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuh e- ben und ihr sei unter Zuer kennung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren, eventualiter sei unter Feststellung der Undurchführbarkeit des Vollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen, dass sie in prozessualer Hinsicht um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, Gewähr ung der unentgeltlichen Prozessführung, eventuell um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung ersuchte, E-5192/2012 Seite 3 dass sie ferner beantragte, die zuständige Behörde sei vorsorglich anz u- weisen, die Kontaktaufnahme mit den Behörden des Heimat - oder Her- kunftsstaates sowie jegliche Datenweitergabe zu unterlassen, und bei e i- ner bereits erfolgten Datenweitergabe sei die Beschwerdeführerin da r- über in einer separaten Verfügung zu informieren, dass die zuständige Instruktionsrichterin den Eingang der Beschwerde mit Zwischenverfügung vom 5. Oktober 2012 bestätigte, dass die vorinstanzlichen Akten am 8. Oktober 2012 beim Bundesverwal- tungsgericht eintrafen (Art. 109 Abs. 2 AsylG), dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig über Beschwerden gegen V erfügungen (Art. 5 des Verwaltungsverfa h- rensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021]) des BFM entscheidet, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG, i.V.m. Art. 31 – 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG nicht vorliegt, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet, dass die Beschwerdeführerin am Verfahren vor der Vorinstanz teilg e- nommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ä n- derung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass somit auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde – vorbehältlich der nachfolgenden Erwägungen – einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu übe r- prüfen (Art. 32 – 35a AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwe r- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu E-5192/2012 Seite 4 Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2011/9 E. 5 S. 116 m.w.H.), dass sich demnach die Beschwerdeinstanz – sofern sie den Nichteintr e- tensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstständigen mat e- riellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung aufhebt und die S a- che zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweist (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 S. 73 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der Schwe i- zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1. S. 240 f.), dass auf die Anträge auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und auf Asylgewährung somit nicht einzutreten ist, dass die Vorinstanz die Frage der Wegweisung und des Vollzugs mat e- riell prüft, weshalb dem Bundesverwaltungsge richt diesbezüglich volle Kognition zukommt, dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich vorliegend, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG vorliegend auf einen Schrifte n- wechsel verzichtet wurde, dass der Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung z u- kommt (Art. 55 Abs. 1 VwVG), so dass auf den Antrag auf Wiederherste l- lung der aufschiebenden Wirkung infolge Gegenstandslosigkeit nicht ei n- zutreten ist, dass gemäss Art. 34 Abs. 1 AsylG auf As ylgesuche von Asylsuchenden aus vom Bundesrat gemäss Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG als verfolgungssi- cher bezeichneten Ländern nicht einzutreten ist, ausser es gebe Hinwe i- se auf eine Verfolgung, dass die Beschwerdeführerin eigenen Angaben zufolge Staatsangehörige von Bosnien und Herzegowina ist, dass der Bundesrat Bosnien und Herzegowina mit Beschluss vom 25. Juni 2003 (mit Wirkung ab 1. August 2003) als verfolgungssicheren E-5192/2012 Seite 5 Staat (safe country) im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG bezeichnet hat und auf di ese Einschätzung im Rahmen der periodischen Überpr ü- fung (vgl. Art. 6a Abs. 3 AsylG) bisher nicht zurückgekommen ist, dass die formelle Voraussetzung für den Erlass eines Nichteintretensen t- scheides gestützt auf Art. 34 Abs. 1 AsylG somit gegeben ist, dass zu prüfen bleibt, ob Hinweise auf eine Verfolgung bestehen, dass dabei praxisgemäss derselbe weite Verfolgungsbegriff zur Anwe n- dung gelangt wie bei Art. 18, Art. 33 Abs. 3 Bst. b und Art. 35 AsylG (BVGE 2011/8 E. 4.2 S. 108), dass dieser weite Verfolgungsbe griff nicht bloss ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG umfasst, sondern auch von Menschenhand veru r- sachte Wegweisungshindernisse im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 3 und 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20), dass dabei ausserdem ein im Vergleich zum – bereits erleichterten – Be- weismassstab des Glaubhaftmachens nochmals reduzierter Massstab anzuwenden ist, dass, sobald sich aus den Akten Hinweise auf Verfolgung ergeben, deren Unglaubhaftigkeit nicht bereits auf den ersten Blick erkannt werden kann, auch bei Asylsuchenden aus verfolgungssicheren Staaten einlässlich g e- prüft werden muss, ob sie die Flüchtlingseigenschaft erfüllen (zum Ga n- zen BVGE 2011/8 E. 4.2 S. 108 m.w.H.), dass für eine materielle Prüfung der Vorbringen (Überprüfung auf die flüchtlings- bzw. asylrechtliche Relevanz) im Rahmen eines Nichteintr e- tensentscheides kein Raum besteht (vgl. EMARK 2004 Nr. 35 E. 5.1 m. w. H. auf die Praxis der ARK [Bestätigung seiner Praxis]), dass das BFM im vorliegenden Fall das Vorliegen von Hinweisen auf Ver- folgung wegen fehlender flüchtlingsrechtlicher Relevanz der Vorbringen verneinte, dass es damit einerseits, obwohl es auf den weiten Verfolgungsbegriff ausdrücklich hinwi es, einen zu engen Verfolgungsbegriff anwandte und andrerseits bereits eine materielle Prüfung der Vorbringen vornahm, während es deren Glaubhaftigkeit "grundsätzlich" nicht in Frage stellte, E-5192/2012 Seite 6 dass die Auffassung des BFM, wonach im vorliegenden Fall keine Hin- weise auf eine Verfolgung im Sinne des Gesetzes bestehen, somit z u- rückzuweisen ist, dass die angefochtene Verfügung nach dem Gesagten aufzuheben, die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen und die Beschwerde, soweit darauf einzutreten ist, gutzuheissen ist, dass der Eventualantrag (Anordnung der vorläufigen Aufnahme unter Feststellung der Undurchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs) bei di e- sem Ausgang des Verfahrens hinfällig wird, dass Personendaten von Asylsuchenden, anerkannten Flüchtlingen und Schutzbedürftigen dem Heimat - oder Herkunftsstaat, wenn dadurch die betroffene Person oder ihre Angehörigen gefährdet würden, nicht bekannt gegeben werden und über ein Asylgesuch keine Angaben gemacht we r- den dürfen (Art. 97 Abs. 1 AsylG), dass jedoch die für die Organisation der Ausreise zuständige Behörde zwecks Beschaffung der für den Vollzug der Wegweisung notwendigen Reisepapiere mit dem Heimat - oder Herkunftsstaat Kontakt aufnehmen kann, wenn in erster Instanz das Vorliegen der Flücht lingseigenschaft verneint wurde (Art. 97 Abs. 2 AsylG), dass vorliegend mit der Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung die formalen Voraussetzungen von Art. 97 Abs. 2 AsylG indes nicht erfüllt sind und der Antrag, die zuständige Behörde sei vorsorglich anzuweisen, die Kontaktaufnahme mit dem Heimatstaat sowie jegliche Datenweiterg a- be an denselben zu unterlassen, folglich gutzuheissen ist, dass aus den Akten keine Hinweise auf eine bereits erfolgte Datenweiter- gabe zu entnehmen sind, so dass der Antrag, eine allfällig erfolgte D a- tenweitergabe sei offenzulegen, gegenstandslos ist, dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Gerichtskosten zu erh e- ben sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG), so dass das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gegenstandslos wird, während das Gesuch um Kostenvorschussverzicht mit dem vorliegenden Direktentscheid hi n- fällig geworden ist, dass der Beschwerdeführerin angesichts ihres Obsiegens eine a ngemes- sene Entschädigung für notwendige Vertretungskosten zu entrichten wäre E-5192/2012 Seite 7 (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art 37 VGG; Art. 7ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), dass sie jedoch unvertreten ist, so dass ihr keine Vertretungskosten en t- standen sind und ihr folglich auch keine Parteientschädigung auszuric h- ten ist. (Dispositiv nächste Seite) E-5192/2012 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben und die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Gabriela Freihofer Simon Thurnheer Versand: