Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 21. September 2017 (720 17 123 / 255) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Drittauszahlung; Unzulässigkeit der Verrechnung einer IV-Rente mit Beitragsschulden der Alters- und Hinterlassenenvorsorge. Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Bea t Hersberger, Kantonsrich- ter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiber Stephan Paukner Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Jan Herrmann , Recht s- anwalt, Lange Gasse 90, 4052 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Beigeladene Ausgleichskasse Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen Ausgleichskasse des Kantons Solothurn , Postfach 111, 4501 Solothurn Ausgleichskasse des Kantons Aargau , Kyburgerstrasse 15, 5001 Aarau Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Betreff Drittauszahlung A. Der 1954 geborene A.____ ist gelernter Auto- und Landmaschinenmechaniker. Seit 2003 war er als Reitlehrer und Bereiter selbständig er werbstätig. Am 21. Mai 2012 zog er sich bei einem Reitunfall Verletzungen im Rückenbereich zu. In der Folge meldete er sich am 2. Ap- ril 2013 unter Hinweis auf seine unfallbedingten Besc hwerden bei der Eidgenössischen Invali- denversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Nach Abklärung der gesundheitlichen und er- werblichen Verhältnisse wies die IV-Stelle Basel-Landsch aft (IV-Stelle) das Leistungsbegehren des Versicherten mit Verfügung vom 7. Mai 2015 ab. E ine hiergegen erhobene Beschwerde hiess das Kantonsgericht des Kantons Basel-Landschaft, Abt eilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht), mit Urteil vom 11. August 2016 teilweise gut und sprach dem Versicherten mit Wirkung ab 1. Oktober 2013 eine halbe Rente der IV zu. B. In Nachachtung des Urteils des Kantonsgerichts vom 11 . August 2016 sprach die IV- Stelle dem Versicherten mit Verfügung vom 21. März 2017 ab 1. Oktober 2013 bis Ende Febru- ar 2017 eine halbe IV-Rente zu, wobei sie für diesen Z eitraum einen Nachzahlungsbetrag von Fr. 35‘735.35 errechnete. Unter Berücksichtigung diverser Verrechnungen, namentlich in Gut- heissung insgesamt dreier Verrechnungsanträge zu Gunsten der Ausgleichskasse des Kantons Solothurn (AK SO) über Fr. 7‘747.15, der Ausgleichskasse des Kantons Aargau (AK AG) über Fr. 3‘619.10 und der Sozialhilfebehörde B.____ über Fr. 1‘591.65, richtete sie dem Versicherten noch einen Nachzahlungsbetrag von Fr. 22‘279.05 aus. C. Hiergegen erhob der Versicherte, vertreten durch Rech tsanwalt Jan Hermann, am 25. April 2017 Beschwerde beim Kantonsgericht. Er bea ntragte, es sei die IV-Stelle in Aufhe- bung der angefochtenen Verfügung anzuweisen, ihm eine n Nachzahlungsbetrag von Fr. 33‘731.35 zuzüglich Zins von Fr. 2‘004.— auszurichten. Die Verrechnungsanträge der AK AG und SO im Umfang von Fr. 3‘619.10 bzw. Fr. 7‘747. 15 seien abzuweisen, unter o/e- Kostenfolge, wobei der Kostenerlass und die unentgeltliche Verbeiständung zu bewilligen seien. Zur Begründung liess der Beschwerdeführer im Wesentli chen vorbringen, dass sich eine Dritt- auszahlung verbiete, soweit sein betreibungsrechtliches Existenzminimum tangiert würde. Wäh- rend der Zeitspanne, für die ihm nun nachträglich ein e IV-Rente ausgerichtet worden sei, habe er weder über Einkommen noch über Vermögen verfügt. Di e ihm nunmehr zugesprochene IV- Rente stelle seit Januar 2014, nachdem er zuvor durch die Sozialhilfebehörde B.____ und an- schliessend vorschussweise von seiner Lebensgefährtin unter stützt worden sei, die einzige Einkommensquelle dar. Seine Einkünfte hätten sich auch unter Berücksichtigung der ihm nun- mehr nachträglich zugesprochenen IV-Rente somit durchgeh end unter dem betreibungsrechtli- chen Existenzminimum befunden. Es bestehe deshalb keinerl ei Substrat, auf welches die AK AG und SO verrechnungsweise zugreifen dürften. D. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 26. April 201 7 wurden die Ausgleichskasse des Kantons Basel-Landschaft (AK BL), die AK SO und die A K AG zum Beschwerdeverfahren bei- geladen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht E. Die AK AG hielt in ihrer Stellungnahme vom 8. Ma i 2017 fest, dass sie den Versicherten aufgrund der Meldung der Steuerbehörden am 24. März 2014 rückwirkend für die Jahre 2011 und 2012 als Selbständigen erfassen und ihm dabei die entsprechenden Beiträge in Rechnung habe stellen müssen. Jedoch habe trotz wiederholter Mahn ungen kein Zahlungseingang ver- bucht werden können, weshalb die entsprechenden Beitr äge in der Folge aufgrund von Aus- sichtslosigkeit abgeschrieben worden seien. Nachdem das Ver rechnungsbegehren der AK AG im Februar 2017 durch die IV-Stelle gutgeheissen word en sei, habe jedoch eine Nachzahlung dieser Beiträge verbucht und deren Abschreibung aufgeho ben werden können. Es bestünden somit keine Beitragslücken mehr auf dem individuellen Konto des Versicherten. F. In ihren Vernehmlassungen vom 12. Juli 2017 schlossen sowohl die IV-Stelle als auch die beigeladene AK BL auf Abweisung der Beschwerde. D ie AK SO schloss mit Vernehmlas- sung vom 26. Juli 2017 ebenfalls auf Abweisung der Besch werde. Die AK AG verwies mit Ein- gabe vom 10. August 2017 auf ihre bereits eingereichte Stellungnahme vom 12. Juli 2017. Auf die einzelnen Vorbringen der Parteien ist soweit notwendig in den nachfolgenden Erwägun- gen einzugehen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschw erde ist einzutreten. 2. Zu prüfen ist, ob die Verrechnung der Beitragsfo rderungen der AK AG und SO mit den dem Versicherten in der Periode zwischen Oktobe r 2013 und Februar 2017 zustehen- den IV-Rentenansprüchen rechtmässig erfolgt ist. 2.1 Das Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des S ozialversicherungsrechts (ATSG) enthält keine allgemeine Verrechnungsnorm (v gl. Art. 20 Abs. 2 ATSG; Urteil des Bundesgerichts 9C_1015/2010 vom 12. April 2011, E. 2.1). Gemäss Art. 20 Abs. 2 lit. a AHVG können mit fälligen Leistungen aber namentlich Forderungen aufgrund des AHVG und des IVG miteinander verrechnet werden. Diese Be stimmung ist nach Art. 50 Abs. 2 IVG (in der seit 1.1.2003 in Kraft stehenden Fassun g) auch auf dem Gebiet der Invaliden- versicherung anwendbar. Durch den Verweis in Art. 5 0 Abs. 2 IVG auf Art. 20 Abs. 2 AHVG wurde normativ sowohl eine zweiginterne wie au ch eine zweigübergreifende Ver- rechnung von Leistungen und Forderungen geschaffen. Im Urteil I 141/05 vom 20. September 2006 hat das damalige Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; heute Bundesgericht, Sozialrechtliche Abteilungen) die Zu lässigkeit einer Verrechnung des An- spruchs auf Rentennachzahlungen der Invalidenversic herung mit ausstehenden Sozial- versicherungsbeiträgen derselben Person deshalb grun dsätzlich bestätigt. Die Verrech- nung kann sich dabei sowohl auf laufende Renten der ersatzpflichtigen Person wie auch auf Rentennachzahlungen beziehen (BGE 136 V 286, E. 4.1 mit Hinweisen). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.2 Die Verrechnung mit einer Rente darf indessen n ur insoweit erfolgen, als der Ver- rechnungsabzug an den Renten das betreibungsrechtli che Existenzminimum nicht beein- trächtigt (BGE 131 V 249, E. 1.2; BGE 136 V 286, E. 6.1) Für die Berechnung des Notbe- darfs sind die betreibungsrechtlichen Regeln anzuwe nden. Eine Verrechnung darf dem- nach nur erfolgen, wenn nach Massgabe der betreibun gsrechtlichen Praxis eine pfänd- bzw. verrechenbare Quote verbleibt, wobei selbst be i einem schuldhaften Verhalten des Rückerstattungspflichtigen eine Verrechnung nur bis zur Grenze des Existenzminimums erfolgen kann (BGE 131 V 249 E. 3.1 und 3.3). Zu b eachten ist sodann, dass eine zeitli- che Kongruenz bei der Verrechnung von Invalidenrent en mit nachzuzahlenden Sozialver- sicherungsbeiträgen in dem Sinne, dass diese den gle ichen Zeitraum beschlagen müssen, rechtsprechungsgemäss nicht verlangt wird (BGE 115 V 341). 2.3 Im vorliegenden Fall geht es nicht um die Abtre tung bzw. Drittauszahlung und Ver- pfändung von Leistungsansprüchen, sondern um die Ti lgung einer Schuld der mit einer fälligen Leistungspflicht belasteten Sozialversiche rung (IV) mit Forderungen einer anderen Sozialversicherung (AHV). Nach der Rechtsprechung s tellt sich die Frage der Zulässigkeit einer Verrechnung unter dem Gesichtspunkt der Wahru ng des betreibungsrechtlichen Existenzminimums diesfalls nicht nur bei einer lauf enden, monatlich ausgerichteten Rente, sondern auch bei Rentennachzahlungen. Auch diese ha ben zum Zweck, den Existenzbe- darf der versicherten Person zu decken, und zwar in jener Zeitspanne, für die sie nachbe- zahlt werden. Davon gehen auch die Verwaltungsweisu ngen des BSV aus, wobei für die Prüfung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums in einem solchen Fall diejenige Zeitspanne massgebend ist, für welche die Nachzahlu ng bestimmt ist (Rz. 10921 der Wegleitung über die Renten in der Eidgenössischen Al ters-, Hinterlassenen- und Invali- denversicherung [RWL] in der ab 1. Januar 2017 gelt enden Fassung). Bei Rentennach- zahlungen gilt die Verrechnungsschranke des Existenz minimums allerdings dann nicht, wenn die Sozialbehörde für die Zeit des nachträglic hen Rentenanspruchs dem Betroffenen effektiv Sozialhilfe ausgerichtet hat. Dann spielen die Höhe des betreibungsrechtlichen Existenzminimums und der Fürsorgeleistungen keine R olle (BGE 136 V 286, E. 5 ff. und dort zitierte Rechtsprechung). 2.4 Im Urteil I 141/05, E. 5.3, hatte das EVG darge legt, dass es grundsätzlich nicht von Belang sei, dass das Fehlen einer Rente in der Verg angenheit allenfalls zu einer Unter- schreitung des Existenzminimums geführt habe, weil der Verzicht auf die Verrechnung der Nachzahlung für verflossene Zeiten nicht zu einem be sseren Leben führe. Die konkrete Fragestellung betreffend die Zulässigkeit einer ent sprechenden Verrechnung wurde letzt- lich aber offengelassen. Auch in BGE 136 V 286 hat te das Bundesgericht die Frage, ob bei einer Rentennachzahlung die Zulässigkeit einer Verrechnung generell nicht mehr unter dem Gesichtspunkt der Wahrung des betreibungsrechtl ichen Existenzminimums zu prüfen ist, explizit noch offengelassen. In seinem Urteil 9C_1015/2010 vom 12. April 2011 hielt das Bundesgericht schliesslich aber fest, dass kein e Gründe ersichtlich seien, von Rz. 10921 RWL abzuweichen, wonach das betreibungsrech tliche Existenzminimum bei einer Rentennachzahlung in jener Zeitspanne zu beac hten ist, für welche die Nachzahlung bestimmt sei. Zur Begründung hielt es im Wesentlich en fest, dass es zwar einleuchte, Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht dass eine versicherte Person, welche während eines bestimmten Zeitraums Sozialhilfe bezogen habe und für denselben Zeitraum eine Renten nachzahlung erhalte, sich nicht auf die Verrechnungsschranke des betreibungsrechtlichen Existenzminimums berufen könne, weil diese zum Zweck habe, zu vermeiden, dass jeman d durch die Verrechnung tatsäch- lich ins Elend gestossen wird, wovon angesichts der von der Sozialhilfe erhaltenen Unter- stützung nicht die Rede sein könne. Anders aber ver halte es sich, wenn die versicherte Person unter dem Existenzminimum gelebt und dennoch aus irgendwelchen Gründen kei- ne Unterstützung der Sozialbehörde beansprucht habe . In diesem Fall könne nicht argu- mentiert werden, dass das Existenzminimum im fragli chen Zeitraum durch die Sozialbe- hörde sichergestellt gewesen und der Zweck der Verr echnungsschranke deshalb hinfällig sei. Auch wenn sich nicht von der Hand weisen lasse , dass der Verzicht auf die Verrech- nung der Nachzahlung für die Vergangenheit nicht zu einem besseren Leben führe, dürfte die versicherte Person in einem solchen Fall – sowe it sie nicht über ein hinreichendes Vermögen verfügt habe – nämlich gezwungen gewesen s ein, sich die Mittel zur Exis- tenzwahrung anderweitig, beispielsweise in Form ein er Bevorschussung von privater Sei- te, zu beschaffen. Für die Geltung der Verrechnungs schranke lasse sich in einem solchen Fall ausserdem nach wie vor anführen, dass es die V erwaltung sonst in der Hand hätte, durch Zuwarten mit dem Erlass ihrer Rentenverfügung die Verrechnungsschranke zu um- gehen. Auch wenn es zutreffe, dass die Verrechnung dem Schuldner von Beiträgen inso- weit Vorteile bringe, als diese rentenbildend seien , könne daraus nicht geschlossen wer- den, die Verrechnung sei ohne Rücksicht auf das Exi stenzminimum zulässig, soweit es um rentenbildenden Beiträge gehe (a.a.O., E. 3.4). 3.1 Zwischen den Parteien ist mangels gegenteiliger Anhaltspunkte in den Akten zu Recht unbestritten geblieben, dass der Versicherte während der Zeitspanne, in der ihm nun mit Wirkung ab 1. Oktober 2013 nachträglich eine IV-Rente ausgerichtet worden ist, weder über ein Einkommen noch über ein massgebendes Vermögen verfü gt hat. Die ihm nunmehr zuge- sprochene IV-Rente stellt seit Januar 2014, nachdem er zuvor in der Periode von Oktober bis Dezember 2013 noch durch die Sozialhilfebehörde B.___ _ und anschliessend vorschussweise von seiner Lebensgefährtin unterstützt worden war, dem nach die einzige Einkommensquelle dar. Seine damaligen Einkünfte haben sich daher auch unter Berücksichtigung der ihm nun- mehr nachträglich zugesprochenen IV-Rente seither durchg ehend unter dem betreibungsrecht- lichen Existenzminimum befunden. Ein über das betreibung srechtliche Existenzminium hinaus- gehendes Substrat, auf welches die beigeladenen AK AG und SO verrechnungsweise zurück- greifen könnten, ist mithin auszuschliessen. Zu Recht un angefochten und insoweit zwischen den Parteien ebenfalls unstrittig geblieben ist sodann die zutreffende Auffassung (vgl. oben Er- wägung 2.3), dass die Verrechnungsschranke in Bezug auf die ihm während Oktober bis De- zember 2013 von der Sozialhilfebehörde seiner Wohnsitzgemeinde ausgerichtete Sozialhilfeun- terstützung (vgl. Verrechnungsantrag der Gemeinde B.___ _, Abteilung Soziales vom 7. März 2017, Beilage 6 zur Vernehmlassung der AK BL) keine Geltung beanspruchen kann. 3.2 Der Streit dreht sich somit einzig um die Recht sfrage, ob sich die Verrechnung von unbezahlt gebliebenen AHV-Beiträgen zu Gunsten eine rseits der AK SO für die Zeit von Januar bis Dezember 2010 im Umfang von Fr. 7‘747.14 (vgl. Verrechnungsantrag der AK Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht SO vom 27. Februar 2017, Beilage 4 zur Vernehmlassu ng der AK BL) und andererseits der AK AG in der Zeit von Januar 2011 bis Mai 2012 im Umfang von Fr. 3‘619.10 (vgl. Verrechnungsantrag der AK AG vom 13. Februar 2017, Beilage 5 zur Vernehmlas- sung der AK BL) als rechtmässig erweist. Soweit die se Beitragsschulden aus einer Zeit stammen, die noch vor dem Beginn des Rentenanspruchs des Versicherten ab 1. Oktober 2013 zu liegen kommt, ist vorweg darauf hinzuweisen, dass eine zeitliche Kongruenz bei der Verrechnung von Invalidenrenten mit nachzuzahle nden Sozialversicherungsbeiträgen in dem Sinne, dass diesen den gleichen Zeitraum bes chlagen müssen, nicht verlangt wird (BGE 115 V 341). Der strittigen Verrechnung steht i n zeitlicher Hinsicht daher nichts ent- gegen. Der Beschwerdeführer vertritt nun allerdings die Auffassung, dass die betrei- bungsexistenzrechtliche Verrechnungsschranke keine V errechnung zulasse. 3.3 Die IV-Stelle stellt sich mit Verweis auf die V ernehmlassung der AK BL zunächst auf den Standpunkt, dass das Bundesgericht in Abweic hung seiner im Urteil 9C_1015/2010 bestätigten Rechtsprechung mittlerweil e eine einzelfallweise Ausnahme der Verrechnungsschranke dann zugelassen habe, wenn das Existenzminimum während der fraglichen Zeitspanne durch Leistungen der Sozi alhilfe gewährleistet gewesen sei und falls die nachzuzahlende Rente eine in der früheren Periode geleistete Rente ersetzt ha- be. Die AK BL beruft sich dabei auf BGE 138 V 402. Dieser Entscheid ist für die hier vor- liegende Sachlage jedoch nicht einschlägig. Wie das Bundesgericht in Erwägung 4.4 die- ses Entscheids festgehalten hat, ist zu unterscheide n, ob Rentennachzahlungen mit aus- stehenden Beiträgen oder mit im fraglichen Zeitraum bereits erbrachten Leistungen ver- rechnet werden sollen. Die hier vorliegende Situati on beschlägt die Verrechnung mit aus- stehenden Beiträgen für einen Zeitraum, für welchen keine anderen Leistungen geflossen sind. Anders als bei zuvor bereits erbrachten Leist ungen, wonach eine Bedarfsleistung nachträglich durch eine andere ersetzt wird, vermag die von der AK BL zitierte Rechtspre- chung an der Einhaltung einer existenzrechtlichen V errechnungsschranke daher nichts zu ändern. Die höchstrichterliche Rechtsprechung lässt in dieser Hinsicht keinen Raum für eine Lockerung der zu beachtenden Verrechnungsschra nke (Urteil des Bundesgerichts 9C_1015/2010 vom 12. April 2011, E. 3.4). 3.4 Daran ändert auch der Hinweis der AK BL nichts, dass das Bundesgericht bisher noch nicht entschieden habe, wie es sich damit verh ält, wenn die Beachtung der Verrech- nungsschranke zur Folge hat, dass rentenbildende Be iträge nachträglich aus dem indivi- duellen Konto gestrichen werden. Wenn die anschlies send neu berechnete Rente tiefer ausfällt und deshalb die dem Versicherten zustehend en Ergänzungsleistungen erhöht werden, mag es zwar zunächst stossend erscheinen, d ass diesfalls die Allgemeinheit für die Erhöhung allfälliger Ergänzungsleistungen aufzu kommen hat, weil eine selbständig erwerbstätige Person ihre Beiträge zuvor nicht bezah lt hat. Der unmissverständlichen Rechtsprechung zufolge ändert dies jedoch nichts dar an, dass es die Verwaltung diesfalls weiterhin in der Hand hätte, durch Zuwarten mit dem Erlass ihrer Rentenverfügung die Verrechnungsschranke zu umgehen. Einem solchen „Zuf allsfaktor“ systemisch einen Rie- gel zu schieben, ist nämlich einer der zentralen Gr ünde der im Urteil des Bundesgerichts 9C_1015/2010 bestätigten Rechtsprechung. Die von de r AK BL thematisierte Ungerech- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht tigkeit ist der bundesgerichtlichen Rechtsprechung mit anderen Worten inhärent, weshalb die Verrechnungsschranke auch im hier vorliegenden Fall zu beachten ist. Dass eine al- lenfalls tiefere IV- und in der Folge eine tiefere AHV-Rente durch einen höheren Anspruch auf Ergänzungsleistungen wieder kompensiert wird, ä ndert daran aber auch deshalb nichts, weil das System der Ergänzungsleistungen eb enso vom Sozialgedanken geprägt ist. Es ist daran zu erinnern, dass beispielsweise bei einem (freiwilligen) Rentenvorbezug nach Art. 40 AHVG für die Berechnung der jährlichen Ergänzungsleistung lediglich die gekürzte Rente als Einnahme angerechnet wird (Art. 15a der Verordnung über die Ergän- zungsleistungen zur Alters- und Hinterlassenen- und Invalidenversicherung [ELV] vom 15. Januar 1971). Hier wie dort hat für die Erhöhung de r Ergänzungsleistung die Allgemeinheit einzustehen. Ebenfalls ist in diesem Zusammenhang z u beachten, dass die dem Versi- cherten zustehende IV-Renten-Nachzahlung ohne die z wei strittigen Drittauszahlungen zwar um Fr. 11‘366.25 höher ausfällt; dieser Betrag ist bei der Berechnung der Ergän- zungsleistung im Rahmen des Reinvermögens jedoch wi eder insoweit zu berücksichtigen, als er gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. c des Bundesgeset zes über die Ergänzungsleistungen (ELG) vom 6. Oktober 2006 im Umfang eines Fünfzehnt els bzw. bei Altersrentnern im Um- fang eines Zehntels dieses Reinvermögens, soweit es bei alleinstehenden Personen Fr. 37‘500.— übersteigt, zu entsprechend tieferen Ergän zungsleistungen führt. Mit Blick auf diesen gesetzlich für alle versicherten Personen eg alitär vorgesehenen Lastenausgleich kann nicht davon gesprochen werden, die zu berücksi chtigende Verrechnungsschranke des Existenzminimums führe im hier vorliegenden Ein zelfall zu stossenden Ergebnissen zu Lasten der Allgemeinheit. 3.5 Die an die AK SO und AG erfolgten und vom Besch werdeführer in der Folge ange- fochtenen Drittauszahlungen erweisen sich bei diese m Ergebnis als unzulässig. Die ange- fochtene Verfügung der IV-Stelle ist daher insoweit aufzuheben, als festgestellt wird, dass der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Rentennachzahlung in Höhe von Fr. 31‘641.30 zuzüg- lich Zins von Fr. 2‘004.— besitzt. Soweit er eine Nachzahlu ng im Umfang von Fr. 33‘731.35 beantragt, ist er darauf hinzuweisen, dass vom Nachzahlungsbetrag von Fr. 35‘323.— auch die beiden Verrechnungsbeträge von Fr. 351.15 und Fr. 1‘ 738.90 abzuziehen sind (Nachzahlungs- betrag total von Fr. 35‘323.— abzüglich Drittauszahl ung Sozialhilfebehörde über Fr. 1‘591.65 sowie abzüglich Verrechnungen Sammelabrechnung und NE über Fr. 351.15 bzw. Fr. 1‘738.90). Dies führt letztlich zur teilweisen Gutheissung der Beschwerde. 4.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsge richt kostenpflichtig. Der Streit um die Drittauszahlung einer Invalidenrente betrifft allerdings nicht die Bewilligung oder die Verwei- gerung von IV-Leistungen, weshalb nach der Praxis des Kant onsgerichts (Urteil vom 28. April 2008 [720 07 189/139], E. 6.1) in solchen Fällen von der Erhebung von Gerichtskosten abgese- hen wird und für den vorliegenden Prozess keine Verfahrenskosten zu erheben sind. 4.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verfahrens en tsprechend ist dem Beschwerde- führer deshalb eine Parteientschädigung zuzusprechen. Di ese ist der IV-Stelle aufzuerlegen, Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht welche die materiell unterlegene Gegenpartei ist (BGE 127 V 107 E. 6b und Urteil des Bundes- gerichts vom 20. Oktober 2008, 9C_806/2007, E. 5). Der Rechtsvertreter des Beschwerdefüh- rers hat in seiner Honorarnote vom 22. August 2017 für das vorliegende Beschwerdeverfahren einen nicht zu beanstandenden Zeitaufwand von neun S tunden bei einem Stundenansatz von Fr. 250.— geltend gemacht. Die in den Honorarnoten au sgewiesenen Auslagen im Umfang von Fr. 141.60 sind ebenfalls angemessen. Damit ist dem Besc hwerdeführer eine Parteientschädi- gung für das vorliegende Beschwerdeverfahren in der Höh e von insgesamt Fr. 2‘582.95 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung der IV- Stelle vom 21. März 2017 insoweit aufgehoben, als festg estellt wird, dass der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Rentennachza hlung in Höhe von Fr. 31‘641.30 zuzüglich Zins von Fr. 2‘004.— besitzt. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die IV-Stelle hat dem Beschwerdeführer eine Part eientschädigung in der Höhe von Fr. 2‘582.95 (inkl. Auslagen und 8 % MwSt .) zu bezah- len.