B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-554/2018 U r t e i l v o m 2 4 . N o v e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richter Lorenz Noli (Vorsitz), Richter Simon Thurnheer, Richter David R. Wenger, Gerichtsschreiber Kevin Schori. Parteien A._______, geboren am (…), Beschwerdeführer, B._______, geboren am (…), Beschwerdeführerin, und deren Kinder, C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), F._______, geboren am (…), G._______, geboren am (…), Afghanistan, alle vertreten durch Françoise Jacquemettaz, Centre Suisses-Immigrés (C.S.I.), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Flüchtlingseigenschaft; Verfügung des SEM vom 22. Dezember 2017 / N (…). E-554/2018 Seite 2 Sachverhalt: I. A. Die Beschwerdeführenden suchten am 14. Dezember 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Am 30. Dezember 2015 wurden sie im Rahmen der Befra- gung zur Person (BzP) summarisch zu ihren Asylgründen befragt. B. Mit Verfügung vom 21. März 2016 trat die Vorinstanz im Rahmen des Dub- linverfahrens auf ihre Asylgesuche nicht ein und verfügte ihre Überstellung nach Deutschland. Eine gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-2094/2016 vom 12. April 2016 ab. C. Am 31. Mai 2016 reichten die Beschwerdeführenden ein Wiedererwä- gungsgesuch bei der Vorinstanz ein, welches in der Folge mit Verfügung vom 10. Juni 2016 abgelehnt wurde. Eine hiergegen erhobene Be- schwerde vom 14. Juli 2016 wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-4359/2016 vom 4. August 2016 ab. II. D. Mit Verfügung vom 15. Juli 2016 nahm die Vorinstanz das nationale Asyl- verfahren wieder auf, nachdem die Frist für eine Überstellung nach Deutschland abgelaufen war. E. Anlässlich der Anhörungen vom 21. August 2017 (des Beschwerdeführers) und vom 22. August 2017 (der Beschwerdeführerin und des ältesten Soh- nes) machten die Beschwerdeführenden im Wesentlichen Folgendes gel- tend: Sie seien (…) Ethnie und stammten aus H._______, wo sie bis zur Aus- reise gewohnt hätten. Der Beschwerdeführer und die Beschwerdeführerin hätten am (…) 2002 geheiratet. Der Beschwerdeführer habe circa im Jahr 2004 sein Universitätsstudium abgeschlossen. Die Beschwerdeführerin habe unter der schlechten Behandlung durch die Familie ihres Ehemannes E-554/2018 Seite 3 gelitten und aufgrund dessen psychische Probleme entwickelt. Der Be- schwerdeführer sei als [Händler] mit eigenem [Geschäft] tätig gewesen. Ein Freund von ihm namens I._______ – ein vermögender und hochrangi- ger Angehöriger des afghanischen Militärs – sei ab dem Jahr 2008 in einen persönlichen Konflikt mit dem mächtigen J._______ geraten und noch im gleichen Jahr ermordet worden. Die Beschwerdeführenden hätten darauf- hin die Familie von I._______ (dessen […] mitsamt ihren […] und […]) bei sich aufgenommen, sich um sie gekümmert und beschützt . J._______ habe auch die Kinder von I._______ töten wollen. Zudem seien dem Be- schwerdeführer sämtliche Vermögenswerte von I._______ übertragen wor- den, welche er in der Folge verwa ltet habe. Nachdem die Familie von I._______ Afghanistan rund ein Jahr später verlassen habe, habe J._______ von der Unterstützung der Beschwerdeführenden für die Fami- lie von I._______ erfahren. Sie hätten unter anderem auch Dokumente für sie in die Schwei z geschickt, wo sie sich mittlerweile aufgehalten hätten. Der Beschwerdeführer sei von J._______ aufgefordert worden, mit ihm zu- sammenzuarbeiten, um ihm die Kinder auszuliefern, was er abgelehnt habe. Aufgrund dessen sei er in der Folge ebenfalls zur Ziels cheibe von J._______ geworden. Er habe [sein Geschäft] aufgeben müssen und sich die meiste Zeit während zwei bis drei Jahren aus Angst zuhause aufgehal- ten. Gleichzeitig habe er aber dennoch seinen [Handel] im Versteckten wei- tergeführt – seine Frau habe dav on nichts gewusst. Rund eineinhalb bis zwei Jahre vor ihrer Ausreise hätten J._______’s Schergen versucht, sei- nen Sohn zu entführen. In der Folge sei es zu telefonischen Todesdrohun- gen gekommen. Seine Probleme mit J._______ habe er den Behörden ge- meldet, welche jedoch lediglich gesagt hätten, dass es sich dabei um ein persönliches Problem handle. Ungefähr im (…) 2015 seien die Beschwer- deführenden mit dem Bus nach Kabul gefahren und von dort mit dem Bus und teils zu Fuss nach Teheran weitergereist. In der Folge seien sie über die Türkei nach Griechenland gelangt, von wo sie über die Balkanroute und Deutschland in die Schweiz weitergereist seien. Die Beschwerdeführenden reichten folgende Dokumente und Beweismittel zu den Akten: – ihre Tazkiras, – eine Studentenkarte der Universität K._______, – eine Heiratsurkunde, – einen Beleg für Banküberweisungen, – drei Arztberichte, – eine Eintritts- sowie Behandlungsbestätigung des Spitals L._______. E-554/2018 Seite 4 F. Mit Verfügung vom 22. Dezember 2017 – eröffnet am 27. Dezember 2017 – verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden und lehnte ihre Asylgesuche ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz, deren Vollzug es jedoch infolge Unzumutbarkeit zuguns- ten einer vorläufigen Aufnahme aufschob. Auf die Begründung wird – so- weit wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. G. Mit Beschwerde vom 26. Januar 2018 an das Bundesverwaltungsgericht beantragten die Beschwerdeführenden die Aufhebung der angefochtenen Verfügung die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft betreffend sowie die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft. In prozessualer Hinsicht bean- tragten sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Auf die Be- gründung wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. H. Mit Zwischenverfügung vom 1. Februar 2018 hiess die vormals zuständige Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses. I. Aus organisatorischen Gründen ist di e Verfahrensleitung seit dem letzten Schriftenwechsel auf den vorsitzenden Richter als neuen Instruktionsrich- ter übergegangen. J. Im vorliegenden Verfahren zog das Bundesverwaltungsgericht die vo- rinstanzlichen Akten der Familienangehörigen von I._______ bei (N […]). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). E-554/2018 Seite 5 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbere ich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 2.2 Der Prüfgegenstand im vorliegenden Verfahren ist ausweislich der von den Beschwerdeführenden gestellten Rechtsbegehren auf die Zuerken- nung der Flüchtlingseigenschaft beschränkt. Die Ablehnung des Asylge- suchs und die verfügte Wegweisung sind daher unangefochten in Rechts- kraft erwachsen und bilden nicht Gegenstand des vorliegenden Verfah- rens. 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im E-554/2018 Seite 6 Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge- richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.). 5. 5.1 Das SEM begründete seinen Ent scheid mit der fehlenden Glaubhaf- tigkeit (Art. 7 AsylG) sowie der fehlenden Asylrelevanz (Art. 3 AsylG) der Vorbringen der Beschwerdeführenden. Aufgrund der unsubstanziierten , oberflächlichen Darlegungen zu ihren Asylkernvorbringen und der Vielzahl an logischen Lücken und Ungereimtheiten bestünden grundlegende Zwei- fel an ihren Vorbringen. Zunächst seien bezüglich der eingereichten Dokumente Vorbehalte anzu- bringen. Es sei zu unvereinbaren Angaben zu deren Aufenthaltsort im Zeit- punkt ihrer Ausreise gekommen. An der BzP hätten sie angegeben, dass sich diese beim Bruder befunden hätten, wohingegen sie an der Anhörung ausgesagt hätten, diese seien bei einem Freund gewesen. Zudem se ien die Dokumente gemäss ihren Angaben erst nach ihrer Ausreise ausgestellt worden; auf entsprechende Nachfragen hätten sie hierzu keine schlüssige Erklärung liefern können. Im Weiteren sei es ihnen auch nicht gelungen, die Verfolgung aufgrund der Kinder von I._______, welche sich in ihrer Obhut befunden hätten, glaub- haft darzutun. Auf N achfrage hätten sie keine su bstanziierten Angaben E-554/2018 Seite 7 dazu machen können, wie I._______ zu derartigen Schwierigkeiten mit J._______ hätte kommen können. Angesichts ihres engen V erhältnisses zu I._______ kämen anhand der fehlenden Angaben hierzu Zweifel auf. Schleierhaft sei ebenfalls, weshalb I._______ sie bereits im Jahr 2008 um Schutz hätte anfragen sollen, sie Afghanistan jedoch erst 2014 (recte: 2015) hätten verlassen müssen. Ebenfalls offen sei geblieben, weshalb I._______, ein hoher Kaderbeamter beim Militär, seine Familie nicht durch die Behörden hätte schützen können und dabei gerade auf sie angewiesen gewesen sei. Demnach sei wenig plausibel, dass ausgerechnet der Be- schwerdeführer ins Visier der mutmasslichen Verfolger hätte kommen sol- len. Sie hätten keine schlüssige Erklärung dafür liefern könne n, wie die Verfolger überhaupt von ihrer Unterstützung der Familie hätten erfahren sollen oder weshalb die Verfolger erst nach der Ausreise der Familie Inte- resse an ihnen gezeigt hätten und nicht beispielsweise bereits zum Zeit- punkt des Aufenthalts in ihrem Haus. Insbesondere hätten sie nicht zu plau- sibilisieren vermocht, weshalb sie sich nach den Ereignissen im Jahr 2008 erst 2014 (recte: 2015) zur Ausreise aus Afghanistan gezwungen gesehen hätten. Ferner seien auch ihre Ausführungen zur angeblichen Verfolgung durch die Mittelsmänner von J._______ unbestimmt und oberflächlich aus- gefallen. Es sei schleierhaft, weshalb eine mutmasslich derart einflussrei- che Person wie J._______ sie zwar wiederholt telefonisch hätte bedrohen, sie ansonsten jedoch gänzlich unbehelligt hätte lassen sollen. Ihre Ausfüh- rungen, wonach der Beschwerdeführer nach dem mutmasslichen Entfüh- rungsversuch weiter von J._______ unter Druck gesetzt worden sei, hätten sich im Wesentlichen auf oberflächliche und stereotype Wiederholungen beschränkt. Ferner habe der Beschwerdeführer nicht zu plausibilisieren vermocht, wie es ihm gelungen sein soll e, sich eineinhalb Jahre zu hause versteckt zu halten, dabei jedoch die Warenannahme für seinen [Handel] hätte abwickeln können, ohne dabei von den Gefolgsmännern von J._______ belangt zu werden. Sodann hätten sie in keiner Weise schlüssig herzuleiten vermocht, weshalb sie ausgerechnet in dem Zeitpunkt, in dem sie effektiv ausgereist seien, Afghanistan hätten verlassen müssen. Be- zeichnenderweise sei es auch zu Widersprüchen bezüglich der zeitlichen Verortung der Ausreise gekommen. An einer Stelle habe der Beschwerde- führer erst erklärt, zirka ein Jahr nach der Ermordung von I._______ aus Afghanistan ausgereist zu sein. An anderer Stelle habe er jedoch angege- ben, nach dessen Ermordung im Jahr 2008 noch bis 2014 (recte: 2015) in Afghanistan verblieben zu sein. E-554/2018 Seite 8 Schliesslich seien die Vorbringen der Beschwerdeführenden, wonach die Beschwerdeführerin erhebliche Schwierigkeiten mit der Familie ihres Ehe- mannes gehabt habe und aufgrund dessen psychische Probleme entwi- ckelt habe, nicht asylrelevant. 5.2 Zur Begründung ihrer Beschwerde brachten die Beschwerdeführenden zunächst ihr Unverständnis gegenüber dem Umstand zum Ausdruck, dass ihre Flüchtlingseigenschaft – im Gegensatz zu den Familienangehörigen von I._______ – nicht anerkannt worden sei. I._______ habe den Be- schwerdeführer nicht über seine Verfolgu ng und den Urheber derselben informiert, was ihn jedoch nicht daran gehindert habe, dessen Kinder zu beherbergen und finanziell zu unterstützen. Die ihm anvertrauten Wertsa- chen seien schliesslich von den Feinden von I._______ konfisziert worden. Dabei hätten diese festgestellt, dass er das Eigentum von I._______ ver- walte, weshalb ihr Interesse sodann ihm gegolten habe. Er wisse nicht, was er sonst noch hätte erzählen sollen. Die Ereignisse habe er konzis und mit der Ausnahme allfälliger unbedeutender Widers prüche kohärent ge- schildert. Er vermute, I._______ sei aufgrund seiner politischen Funktion und seines Vermögens verfolgt und schliesslich getötet worden. Ob I._______ die Behörden um Schutz gebeten habe, könne er nicht sagen; die afghanischen Behörden seien jedoch ohnehin nicht fähig, selbst wich- tige Leute zu schützen. Betreffend die Aufenthaltsorte der eingereichten Dokumente bestehe kein Widerspruch: Die Tazkiras hätten sich bei seinem Bruder befunden; nach dessen verschwinden habe er seinen Freund be- auftragt, diese im Haus des Bruders zu suchen. Sein Freund habe diese Dokumente schliesslich auch in die Schweiz geschickt. Zum Zeitpunkt der Ausreise führten die Beschwerdeführenden aus, sie seien davon ausgegangen, dass die Feinde von I._______ mit der Zeit re- alisieren würden, dass dessen Familie das Land verlassen habe und – nachdem der Beschwerdeführer für I._______ keine Waren mehr verwaltet habe – die Bedrohungen aufhören würden. Der Entführungsversuch seines Sohnes und die dabei angewandte Brutalität h ätten sie aber überzeugt, dass J._______ sie nie in Ruhe lassen würde und die gesamte Familie in Gefahr sei. Aus diesem Grund hätten sie sich zur Flucht ins Ausland ent- schieden. Die Beschwerdeführerin habe die Vorbringen des Beschwerdeführers auf- grund ihres schlechten psychischen Zustands nicht substanziieren können. Sie habe an der Anhörung Schwierigkeiten gehabt, Fragen zu beantworten und habe mehrmals weinen müssen – die Ereignisse hätten sie sichtlich E-554/2018 Seite 9 traumatisiert. Ihr Mann habe es aufgrund ihres psych ischen Zustands zu- dem vermieden, ihr von seinen Problemen zu erzählen. 6. 6.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbringen der Beschwerdeführenden zu Recht für unglaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG respektive nicht asylrele- vant im Sinne von Art. 3 AsylG befunden hat. Die Beschwerdeführenden vermögen der ausführlichen und überzeugend begründeten Verfügung der Vorinstanz mit ihrer Beschwerdeeingabe nichts substanziell Verwertbares entgegenzusetzen, zumal sie sich mit zahlreichen zentralen Argumenten des SEM gar nicht auseinandersetzt und gar weitere Widersprüche gene- riert. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann mit den nachfolgenden Erwägungen daher – mit der nachfolgend in E. 6.5 erwähnten Einschrän- kung – auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz in der angefochte- nen Verfügung (dort E. II) sowie der obigen Zusammenfassung (vgl. E. 4.4) verwiesen werden. Im Übrigen vermögen auch die beigezogenen Akten der Familie von I._______ ihre Vorbringen nicht zu stützen , wie nachfol- gend noch zu erläutern sein wird. 6.2 Zunächst ist festzustellen, dass es den Beschwerdeführenden mit ihrer Beschwerdeeingabe nach wie vor nicht gelungen ist, den Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Afghanistan schlüssig darzulegen. Ihre diesbezügliche Erklä- rung, der Beschwerdeführer habe gehofft, J._______ würde mit der Zeit realisieren, dass die Familie von I._______ das Land bereits verlassen habe, lässt sich logisch nicht in Einklang bringen mit den an der Anhörung gemachten Aussagen, wonach er J._______ respektive dessen Mittels- männer gesagt habe, dass die Familie von I._______ das Land verlassen habe und diese erfahren hätten, dass er ihnen Dokumente in die Schweiz geschickt habe (vgl. A31, Q86, Q95). Auch ist schwer nachzuvollziehen, weshalb sie den Entführungsversuch als das für den Entscheid zur Aus- reise ausschlaggebende Ereignis anführen, zumal sie erst eineinhalb bis zwei Jahre danach ausgereist sein wollen (vgl. A31, Q87 ff.). Eine konkrete Erklärung hierfür vermochte der Beschwerdeführer an der Anhörung nicht zu geben (vgl. A31, Q89). Auch die Schilderungen der Organisation der Ausreise lassen sich nicht in Einklang bringen, zumal er sich zwar während vier Monaten auf die Ausreise vorbereitet haben will, den Ents chluss zur Ausreise jedoch zwei bis drei Monate vor Ausreise getroffen habe (vgl. A31, Q105 f.). Sodann ist widersprüchlich, dass der Beschwerdeführer an der Anhörung zwar immer wieder betonte, die letzten rund vier Jahre vor der Ausreise das Haus aus Angst vor J._______ praktisch nie verlassen zu E-554/2018 Seite 10 haben (vgl. A31, Q92, Q93, Q115 ff.), gegen Ende der Anhörung dann aber unerwarteterweise bei der Frage nach möglichen innerstaa tlichen Flucht- alternativen anführte, circa im Jahr 2013 für einen Monat alleine nach Ka- bul gegangen zu sein (vgl. A31, Q128 ff.; A33, Q67). In keiner Weise nach- vollziehbar ist diesbezüglich, dass er damit seine Familie in der geschilder- ten, angeblich äusserst gefährlichen Situation (vgl. A31, Q89; A33, Q87; A34, Q5 f., Q11 f.) sich selbst überlassen haben will. Sodann habe er das Haus zu zahlreichen weiteren Gelegenheiten und für diverse Besorgungen verlassen (vgl. A31, Q51, Q105 f., Q117 f.). Im Weiteren sind die Vorbringen der Beschwerdeführenden von Logikbrü- chen und zahlreichen weiteren Ungereimtheiten geprägt und in wesentli- chen Punkten unsubstanziiert. Die Erklärung des Beschwerdeführers , nichts über die Hintergründe der Auseinandersetzung von I._______ und J._______ zu wissen, da I._______ ihn diesbezüglich nie informiert habe, ist als reine Schutzbehauptung zu werten. Es wäre angesichts dessen, dass er zahlreiche Familienangehörige von I._______ während mehrerer Monate bei sich zu Hause beherbergt habe und ihm gar I._______’s Ver- mögenswerte anvertraut worden seien (vgl. A31, Q10, Q66 f., Q72 ff., Q112 ff.), zu erwarten gewesen, dass der Beschwerdeführer zumindest Fragen diesbezüglich gestellt hätte. Gelegenheit zur Besprechung der Situation hätte sich während der mehrmonatigen Beherbergung der Familie von I._______ bei ihnen zuhause mit Bestimmtheit zur Genüge geboten. Eine schlüssige Erklärung, weshalb der hochrangige Militärkader I._______ ausgerechnet auf den Schutz des Besc hwerdeführers – ein einfacher [Händler] – hätte angewiesen sein sollen, vermochte der Beschwerdefüh- rer nicht zu geben. Zu den weiteren vom SEM angeführten Widersprüchen und Unstimmigkeiten (Beginn ihrer Verfolgung durch J._______, die wie- derholte telefonische aber folgenlose Drohung durch J._______, Weiter- führung des [Geschäfts] bei gleichzeitigem Verstecktleben zuhause, feh- lende Substanz) schweigt sich die Beschwerde aus. Das Gericht schliesst sich diesbezüglich vollumfänglich den zutreffend en Erwägungen d er Vo- rinstanz an, auf welche hier verwiesen werden kann. Die Beschwerdeführerin vermochte mit ihren Aussagen – wie vom SEM zu Recht festgestellt – in keiner Weise zur Klärung der Aussagen des Be- schwerdeführers beitragen. Vielmehr erschweren ihre Ausführungen die Nachvollziehbarkeit ihrer Fluchtgeschichte noch weiter. So habe sie erst ein Jahr vor der Ausreise ihren Mann gefragt, warum er während zwei bis drei Jahren nicht mehr zur Arbeit gegangen und zuhause geblieben sei (vgl. A33, Q45 ). Wie sie in dieser Zeit ihren Lebensunterhalt bestritten, E-554/2018 Seite 11 bleibt ungeklärt, zumal die Ausführungen des Beschwerdeführers, im Ver- steckten seinen [Handel] weitergeführt zu haben, klar als unglaubhaft be- trachtet werden müssen. Zur vom Beschwerdeführer geschilderten mehr- monatigen Beherbergung der Familienangehörigen von I._______ führte sie aus, dass während einiger Tage Leute bei ihnen gewesen seien; sie wisse jedoch weder, wer genau diese Leute gewesen seien, noch wie viele oder wie oft sie bei ihnen gewesen seien – sie könne sich an nichts erin- nern (vgl. A33, Q56 ff.). Auch unter Berücksichtigung ihrer mentalen Prob- leme müssen diese Aussagen als lebensfremd bezeichnet werden. 6.3 Im Übrigen ergibt sich auch aus den Akten der in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannten Familienangeh örigen von I._______ (N […]) nichts, was zu einer anderen Einschätzung der Glaubhaftigkeit ihrer Vor- bringen zu führen vermag. Den Beizugsakten sind keinerlei Hinweise da- rauf zu entnehmen, dass die Familienangehörigen von I._______ vor ihrer Ausreise zeitweise bei ihnen gelebt hätten oder in irgendeiner Weise von ihnen unterstützt worden wären, geschweige denn, dass sie die Beschwer- deführenden überhaupt kennen würden. Insbesondere ergeben sich in zeitlicher Hinsicht keinerlei Übereinstimmungen mit den Schilderungen der Beschwerdeführenden. Ein konkreter Zusammenhang mit der Fluchtge- schichte der Beschwerdeführenden ist in keiner Weise erkennbar. 6.4 Das einzige mit Bezug auf die Asylkernvorbringen der Beschwerdefüh- renden relevante Beweism ittel Nr. 8 (vgl. A32) ist sodann nicht geeignet, jene zu untermauern. Es handelt sich dabei um ein handschriftliches Do- kument in arabischer Sprache, welches mit diversen Fingerabdrücken ver- sehen wurde. Das Dokument beweise gemäss den Angaben des Be- schwerdeführers, dass er das Vermögen von I._______ verwaltet und des- sen Familienangehörigen Geld überwiesen habe (vgl. A31, Q9 ff.). Das Do- kument verfügt jedoch über keinerlei Sicherheitsmerkmale und hätte von jedermann erstellt werden können. Diesem Dokument kommt daher prak- tisch kein Beweiswert zu. 6.5 Der guten Ordnung halber bleibt an dieser Stelle anzufügen, dass ein- zig einem von der Vorinstanz aufgeführten Widerspruch nicht gefolgt wer- den kann, wonach der Beschwerdeführer an einer Stelle erst erklärt habe, ein Jahr nach der Ermordung von I._______ aus Afghanistan ausgereist zu sein, an anderer Stelle angegeben habe, nach dessen Ermordung im Jahr 2008 noch bis 2014 in Afghanistan verblieben zu se in. Aus dem Anhö-E-554/2018 Seite 12 rungsprotokoll ergibt sich klar, dass mit der entsprechenden Frage der Aus- reisezeitpunkt der Familie von I._______ – und nicht der Beschwerdefüh- renden – erfragt werden sollte (vgl. A31, Q65). 6.6 Zusammenfassend ist es den Beschwerdeführenden nicht gelungen, Fluchtgründe im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Das SEM hat ihre Flüchtlingseigensc haft folglich zu Recht ver- neint. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verlet zt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. Die von der Vorinstanz wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs verfügte vor- läufige Aufnahme bleibt dadurch unberührt. 8. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend wären die Kosten den mit ihren Begehren unterlegenen Beschwerdeführenden aufzuerlegen Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements v om 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da mit Zwischenverfügung vom 1. Februar 2018 jedoch die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und seither keine Verbesserung der finanziellen Verhältnisse einge- treten ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) E-554/2018 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Kevin Schori Versand: