B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4868/2019 E-4871/2019 U r t e i l v o m 1 4 . J u l i 2 0 2 0 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Constance Leisinger, Richterin Barbara Balmelli-Mühlematter, Gerichtsschreiberin Martina Stark. Parteien 1. A._______, geboren am (…), Beschwerdeführer, Verfahren E-4868/2019, und 2. B._______, geboren am (…), Beschwerdeführerin, Verfahren E-4871/2019, beide Syrien, beide (…), gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügungen des SEM vom 20. August 2019 / N (…), N (…). E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden, zwei Geschwister kurdischer Ethnie und yezi- dischen Glaubens mit letztem Wohnsitz in C._______ in der Region Afrin, reisten am 18. Januar 2016 gemeinsam mit ihren beiden weiteren Schwes- tern D._______ (N […]) und E._______ (N […]) in die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchten. Im Rahmen ihrer summarischen Erst- befragungen und Anhörungen vom 26. Januar 2016 und 31. Januar 2018 respektive 6. März 2018 begründeten sie ihre Gesuche im Wesentlichen mit ihrer Furcht vor einer drohenden Rekrutierung in den Militärdienst und den kriegsbedingt schwierigen Lebensumstände n in ihrem Heimatstaat. Beide verwiesen in ihren Aussagen zudem auf eine n Angriff im (…) 2013 auf einen Kontrollposten, d en mehrere Dorfbewohner – darunter auch ihr Bruder F._______ (N […]) – errichtet hätten. Ihr Bruder sei in der Folge verhaftet worden und habe später in der Schweiz Asyl erhalten. Zudem verwiesen sie auf einen Onkel, der unter ihnen unbekannten Umständen getötet worden sei und machten in unterschiedlichem Ausmass weitere in- dividuelle Asylgründe geltend, auf die in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen wird. B. Mit zwei separaten Verfügungen vom 20. August 2019 verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden, wies ihre Asylgesu- che ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den Wegweisungsvollzug infolge Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob. C. Die Beschwerdeführerenden erhoben mit zwei separaten Eingaben an das Bundesverwaltungsgericht vom 20. September 2019 Beschwerde gegen die vorinstanzlichen Verfügungen. Darin beantragten sie jeweils die Aufhe- bung der vorinstanzlichen Verfügung und die Asylgewährung unter Aner- kennung ihrer Flüchtlingseigenschaft, even tualiter seien sie unter Anker- kennung ihrer Flüchtlingseigenschaft in der Schweiz vorläufig aufzuneh- men. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte n sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung einschliesslich Verzicht auf einen Kosten- vorschuss. E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 3 D. Mit separaten Instruktionsverfügungen vom 11. Oktober 2019 hiess der In- struktionsrichter die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozess- führung gut. Überdies wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Ver- nehmlassung in beiden Verfahren eingeladen. E. Die Vorinstanz liess sich am 24. Oktober 2019 zu den Beschwerden ver- nehmen und hielt dabei jeweils vollumfänglich an ihren Erwägungen der angefochtenen Verfügung fest. F. Am 30. Oktober 2019 wurden den Beschwerdeführerenden die jeweilige Vernehmlassung zusammen mit einer Einladung zur Replik übermittelt. G. Mit separaten Eingaben vom 14. November 2019 replizierten die Be- schwerdeführenden und hielten an ihren Rechtsbegehren fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerden und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); für die vorliegenden Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 4 1.3 Die beiden Beschwerden sind frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden haben an den Verfahren vor der Vor- instanz teilgenommen, sind durch die angefochtenen Verfügungen beson- ders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwer- den legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerden ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Aufgrund des engen sachlichen und persönlichen Zusammenhangs sind die Beschwerdeverfahren E-4868/2019 und E -4871/2019 zu vereinigen. Es ist damit über die beiden Rechtsmittel in einem Urteil zu befinden. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention, FK; SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 5 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefäl schte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das SEM begründete seine Asylentscheide im Wesentlichen wie folgt: 5.1.1 Die geltend gemachten Ausreisen aufgrund der kriegsbedingten Nachteile und der allgemein schwierigen und gefährlichen Situation im Bür- gerkriegsgebiet würden keine asylrechtliche Relevanz aufweisen. 5.1.2 Soweit die Beschwerdeführenden geltend machen würden, Rekrutie- rungsbemühungen seitens der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê) ausge- setzt gewesen zu sein, würden diese Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3 AsylG ebenfalls nicht genügen. Dies insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass die Beschwerdefüh- renden nicht persönlich zum Militärdienst aufgefordert worden seien, was die Begründetheit ihrer Furcht vor einer Rekrutierung entsprechend verrin- gere. 5.1.3 Aus den Akten der Beschwerdeführenden sowie aus denjenigen ih- res Bruders, der in der Schweiz Asyl erhalten ha be, und der übrigen Ge- schwister ergäben sich keine konkreten Hinweise auf eine erlitten e oder berechtigterweise zu befürchtende Anschlussverfolgung. Auch im Zusam- menhang mit der Festnahme respektive Tötung ihres Onkels hätten sie keine Probleme geltend gemacht. 5.1.4 Die Beschwerdeführenden hätten im Rahmen ihrer Asylverfahren keine Nachteile aufg rund ihrer kurdischen Ethnie oder ihres yezidischen Glaubens geltend gemacht. Weder für die kurdische Ethnie noch für die yezidische Glaubensgemeinschaft sei im Entscheidzeitpunkt von einer Kol- lektivverfolgung auszugehen. 5.1.5 Den Akten seien keine Anhaltspunkte zu entnehmen, wonach die Be- schwerdeführerin aufgrund zweimaliger Teilnahme an regimekritischen De- monstrationen im (…) 2012 asylrelevante Verfolgung erlitten oder solche in Zukunft zu befürchten hätte. 5.1.6 Soweit der Beschwerdeführer nebst Befürchtungen, von der PKK re- krutiert zu werden, überdies anführe, im Jahr 2011 von der syrischen Mili- tärbehörde für den Militärdienst ausgehoben worden zu sein, seien diese Vorbringen nicht glaubhaft. E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 6 5.2 Die Beschwerdeführenden führen in den Begründungen ihrer Rechts- mittel im Wesentlichen Folgendes aus: 5.2.1 Beiden drohe Zwangsrekrutierung seitens der PKK. Im Falle des Be- schwerdeführers käme überdies seine Aushebung durch die syrischen Mi- litärbehörden erschwerend hinzu. Die Vorinstanz habe die Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens zu Unrecht verneint und verkenne deshalb, dass der Beschwerdeführer aus Sicht des syrischen Regimes als Dienstverweigerer registriert worden sei und deshalb im Falle einer Rückkehr erheblicher Ge- fahr ausgesetzt sei. Weitere Nachteile hätten ihm auch gedroht, weil er sich in einer Gruppe für kurdische Folklore aktiv engagiert habe. 5.2.2 Aufgrund der Festnahme des Bruders der Beschwerdeführenden F._______ (N […]) und dessen Ausreise hätten sie als Familienangehörige mit Reflexverfolgung sowohl seitens des syrischen Regimes als auch der PKK zu rechnen. 5.2.3 Ihre Demonstrationsteilnahmen würden sie erheblicher Gefährdung durch das syrische Regime aussetzen. Insbesondere könne nicht ausge- schlossen werden, dass sie während dieser Demonstrationen identifiziert worden seien. Diesbezüglich verwiesen die Beschwerdeführenden auf mehrere Youtube-Videos, die Demonstrationen und Zwangsrekrutierungen in ihrem Heimatdorf zeigen sollen, wobei der Beschwerdeführer in einem Video bei einer Demonstration erkennbar sei. 5.2.4 Ihr Heimatdorf sei sowohl von syrischen als auch von kurdischen Si- cherheitskräften wiederholt gestürmt und gezielt angegriffen worden, was unter anderem aus dem Angriff auf den Kontrollposten der Dorfbewohner hervorgehe. 5.2.5 Als Angehörige der yezidischen Glaubensgemeinschaft seien sie zu- dem einer erheblichen Bedrohung durch radikalislamische Gruppierungen ausgesetzt. 6. 6.1 Nach Prüfung der Akten der Beschwerdeführenden unter Beizug und Durchsicht der Asyldossiers ihrer drei Geschwister (N […], N […] und N […]) kommt das Bundesverwalt ungsgericht zum Schluss, dass die Vo- rinstanz die Vorbringen zu Recht als flüchtlingsrechtlich nicht relevant qua- lifiziert hat. Die Ausführungen in den Beschwerdeschriften vermögen den Erwägungen des SEM letztlich nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen. So- mit kann vorab auf die zutreffenden Erwägungen der angefochtenen Ver- fügungen verwiesen werden. E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 7 6.2 Ergänzend hält das Bundesverwaltungsgericht Folgendes fest: 6.3 Beide Beschwerdeführenden machen geltend, dass ihnen im Zeitpunkt ihrer Ausreise eine Zwangsrekrutierung durch die PKK respektive die YPG (Yekîneyên Parastina Gel) gedroht habe und ihnen im Falle einer Rückkehr eine solche weiterhin drohe. In diesem Zusammenhang ist zunächst fest- zuhalten, dass im Juli 2014 von der PYD (Partiya Yekîtiya Demokrat) in den kurdischen Gebieten Syriens zwar eine Dienstpflicht für alle (männlichen) Bürger zwischen 18 und 30 Jahren eingeführt worden ist, aber selbst Per- sonen, welche sich dieser entziehen wollen, keine asylrelevanten Nach- teile zu gewärtigen haben (vgl. zum Ganzen Re ferenzurteil D-5329/2014 vom 23. Juni 2015). Überdies sind den Akten keine Hinweise zu entneh- men, wonach die Beschwerdeführenden Rekrutierungsbemühungen sei- tens der PKK respektive der YPG ausgesetzt gewesen wären. Vielmehr gaben sie zu Protokoll, persönlich nicht von entsprechenden Rekrutie- rungsversuchen betroffen gewesen zu sein (vgl. N […] act. A23/13 F49 f. sowie N […] act. A21/14 F112). Lediglich die Schwester der Beschwerde- führenden sei von der PYD zum Militärdienst aufgefordert worden, wobei das Bundesverwaltungsgericht den entsprechenden Vorbringen dieser Schwester im Urteil D -6947/2018 vom 25. Juni 2019 ebenfalls die asyl- rechtliche Relevanz absprach (vgl. auch N […] act. A21/14 F111). 6.4 Der Beschwerdeführer macht überdies geltend, im Jahr 2011 für den Militärdienst ausgehoben und ein Jahr später zum Einrücken aufgefordert worden zu sein. Da er dieser Aufforderung keine Folge geleistet habe, fürchte er sich vor einer Festnahme durch die syrischen Behörden. Die Vor- instanz verneint die Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens. Wie im Folgenden aufzuzeigen ist, kann die Beurteilung der Glaubhaftigkeit letztlich offenblei- ben, da auch dieses Vorbringen die Anforderungen an die Asylrelevanz im Sinn von Art. 3 AsylG nicht erfüllt. Die Militärdienstpflicht knüpft nicht an eine der in Art. 3 AsylG aufgeführten Eigenschaften, sondern an den Wohnort, das Alter und das Geschlecht, an. Die Wehrdienstverweigerung für sich allein begründet demnach die Flüchtlingseigenschaft nicht, sondern ist erst zuzuerkennen, wenn sie zu einer Verfolgung im Sinn von Art. 3 Abs. 1 AsylG führt. Mit anderen Worten muss die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienstverweige- rung eine Behandlung zu gewärtigen haben, die ernsthaften Nachteilen ge- mäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Das Bundesverwaltungsgericht E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 8 qualifiziert eine Wehrdienstverweigerung (auch) im syrischen Kontext nur dann als flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die betreffende Person sich zu- sätzlich zur Wehrdienstverweigerung auch noch politisch exponiert hatte, als Regimegegner registriert ist und somit aus politischen Gründen eine unverhältnismässige Strafe zu befürchten hätte (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.3 und statt vieler die Urteile BVGer E -5262/2018 vom 19. Dezember 2018, E. 6.1; E -3366/2018 vom 4. Juni 2019 , E. 6.3.1 oder D -3941/2018 vom 19. August 2019 E. 4.2.4). Von einer derartigen politischen Exponiertheit ist nach heutig er Aktenlage beim Beschwerdeführer nicht auszugehen. Daran vermag auch die auf Beschwerdeebene erstmals vorgetragene Dar- stellung nichts zu ändern, gemäss welcher der Beschwerdeführer sich ak- tiv in einer kurdischen Folkloregruppe engagiert und er überdies an De- monstrationen gegen das syrische Regime sowie die PYD teilgenommen habe (vgl. Beschwerde E-4868/2019 S. 5). Ungeachtet der Frage nach der Glaubhaftigkeit erweisen sich diese Vorbringen als unbehelflich. Das Mit- wirken in einer kurdischen Folkloregruppe reicht in diesem Zusammen- hang offensichtlich nicht zur Annahme, es lägen zusätzliche Gefährdungs- faktoren vor. Gleiches gilt für die Demonstrationsteilnahmen, da keine Hin- weise auf eine Identifizierung des Beschwerdeführers vorliegen und er ent- sprechende politische Aktivitäten im Rahmen der Anhörungen nicht geltend gemacht hat (vgl. N […] act. A7/12 7.02). Schon angesichts der schlechten Filmqualität ändert auch das eingereichte Youtube -Video, das den Be- schwerdeführer bei einer Demonstration zeigen soll, nichts an dieser Ein- schätzung. 6.5 Zur Frage des Vorliegens einer Reflexverfolgung aufgrund der Aktivitä- ten des Brud ers oder des Onkels ist festzustellen, dass diese auf Be- schwerdeebene erstmals vorgebracht wird. Die Beschwerdeführenden ver- mögen aber weder eine Vorverfolgung noch eine begründete Furcht vor einer Verfolgung im Falle einer Rückkehr darzulegen, da ihren Ausführun- gen anlässlich der Anhörungen im vorinstanzlichen Verfahren keine Anzei- chen zu entnehmen sind, wonach sie im Zusammenhang mit den Aktivitä- ten ihres Bruders oder ihres Onkels selber gezielt persönliche Nachteile erlitten oder solche zu befürchten geh abt hätten (vgl. N […] act. A23/13 F49, F71; N […] act. A7/12 7.02, act. A21/14 F40 und F95). Soweit die Be- schwerdeführenden in der Replik ausführen, dass eine zukünftige Re- flexverfolgung nicht ausgeschlossen werden könne, reicht dies zur An- nahme einer mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit drohenden Verfolgung in Zukunft offensichtlich nicht aus (vgl. Replik E -4871/2019 S. 1). Zudem bleibt fest zustellen, dass den Akten , entgegen der entsprechenden Be- schwerdebehauptungen, auch keine Hinweise zu entnehmen sind, die auf E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 9 eine Reflexverfolgung der Beschwerdeführenden unter sich oder aufgrund allfälliger Wehrdienstverweigerungen ihrer übrigen Geschwister schliessen lassen würden. 6.6 Die Beschwerdeführerin macht zwar eine zweimalige Demonstrations- teilnahme im (…) 2012 geltend, verneint aber zugleich politische Aktivitäten (vgl. N […] act. A7/12 7.02 und A21/14 F91). Überdies macht sie keine Nachteile geltend, die sie im Zusammenhang mit den erwähnten Demonst- rationsteilnahmen erlitten hätte (vgl. N […] A21/14 F95). Der Beschwerdeführer bringt auf Beschwerdeebene erstmals vor, eben- falls an Demonstrationen teilgenommen zu haben, wobei weder d ieses Vorbringen noch eine angeblich daraus folgende Gefährdung näher aus- geführt werden (vgl. Beschwerde E-4868/2019 S. 5). Wie bereits in Erwä- gung E. 6.3 dargelegt, sind in den Akten keine Anhaltspunkte ersichtlich, die auf eine Identifizierung der Beschwerdeführenden hinweisen würden, was im Übrigen auch nicht durch das eingereichte Videomaterial widerlegt wird. Ebenso unzureichend sind die Ausführungen in den Repliken (jeweils S. 2), wonach eine Identifizierung nicht ausgeschlossen werden könne. 6.7 In ihrer Rechtsmitteleingabe macht die Beschwerdeführerin zudem eine Gefährdung infolge ihrer Zugehörigkeit zur yezidischen Glaubensge- meinschaft geltend. Es wird vorgebracht, dass sich die Situation der yezi- dischen Bevölkerung in der Region Afrin seit der Einnahme durch die Tür- kei erheblich verschlechtert habe, da sich unter den Verbündeten der tür- kischen Armee auch bewaffnete radikalisla mische Gruppierungen und Kämpfer befänden (vgl. Beschwerde E-4871/2019 S. 6). Angehörige der yezidischen Glaubensgemeinschaft würden von diesen Gruppierungen ge- zielt verfolgt werden. 6.7.1 Soweit geltend gemacht wird, die yezidische Glaubensgemeinschaft sei kollektiv verfolgt, ist zunächst auf die sehr restriktiven Voraussetzungen zur Annahme einer Kollektivverfolgung zu verweisen (vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2, 2011/16 E. 5, je m.w.H.). Gemäss schweizerischer Asylpraxis reicht die blosse Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, welches in seinen spezifischen Eigenschaften Ziel einer Verfolgungsmotivation ist, in der Regel nicht aus, um die Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Vielmehr kommen auch bei geltend gemachter Verfolgung aufgrund der blossen Zugehörigkeit zu ei- nem bestimmten Kollektiv die Kriterien der erlittenen ernsthaften Nachteile oder der begründeten Furcht vor solchen gemäss Art. 3 AsylG zur Anwen-E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 10 dung. Kollektivverfolgung ist anzunehmen, wenn die gezielten und ernst- haften Nachteile zum Ziel haben, möglichst alle Mitglieder des Kollektivs zu treffen, und sie in Relation zur Grösse des Kollektivs eine bestimmte Dichte aufweisen, so dass der einzelne aus der erheblichen Wahrschein- lichkeit heraus, selbst verfolgt zu werden, objektive Furcht hat (vgl. BVGE 2011/16 E. 5.2 m.w.H.). Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Ur- teil D-3302/2014 vom 8. September 2015 festgehalten, dass ein aus Al- eppo stammender syrischer Staatsangehöriger mit yezidischer Religions- zugehörigkeit im Falle seiner Rückkehr nach Syrien aufgrund der unmittel- baren Nähe zum Einflussbereich des sogenannten Islamischen Staates (IS) und sonstiger radikalislamistischer Organisationen Gefahr läuft, ernst- hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu erleiden. Des Weiteren habe er gegenüber dieser Gefährdun g in Syrien keinen adäquaten staatlichen oder quasi-staatlichen Schutz zu erwarten. Mit dem in Fünferbesetzung er- gangenen Urteil D-5771/2014 vom 17. Februar 2017 (E. 6.3 m.w.H.) wich das Bundesverwaltungsgericht jedoch von dieser Einschätzung ab. Auch dieses Urteil bezog sich auf die Stadt Aleppo und hielt in Bezug auf diesen Beschwerdeführer fest, dass keine objektiv begründete Furcht zu bejahen sei, in Syrien – ausserhalb der nach wie vor unter der Kontrolle des IS ste- henden Gebiete im Südosten des Landes – ernsthaften Nachteilen bezie- hungsweise Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu sein. Es begründet dies damit, dass die islamistischen Gruppierungen nicht primär die Verfol- gung „Ungläubiger“, sondern den Kampf gegen das Regime von Baschar al-Assad im Auge ha tten. Es wurden keine (gezielten) Verfolgungsmass- nahmen gegen Angehörige der yezidischen Glaubensgemeinschaft gemel- det. Mitte Dezember 2016 befand sich überdies die ganze Stadt Aleppo wieder unter Kontroll e der syrischen Regierung (vgl. a.a.O. E. 6.3.5 m.w.H.). Mit Urteil E-4518/2015 vom 18. April 2018 bestätigte das Bundes- verwaltungsgericht diese Feststellung, wobei es überdies ausdrücklich auf das Urteil D-3302/2014 Bezug nahm und festhielt, dass diese Rechtspre- chung zum heutigen Zeitpunkt nicht bestätigt werden könne; denn seither seien die Territorien, die vom IS und anderen islamistischen Organisatio- nen kontrolliert werden, massiv zurückgegangen und auf wenige Gebiete an der Grenze zu Irak beschränkt (vgl. E-4518/2015 E. 7.3.2 m.w.H). Das Bundesverwaltungsgericht geht folglich nicht von einer Kollektivverfolgung der Yeziden in Syrien aus. E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 11 6.7.2 Angesichts dieser bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung ist demnach davon auszugehen, dass die Beschwerdeführ enden, selbst wenn sie als Yeziden bekannt gewesen sein sollten, deswegen keiner asyl- relevanten Verfolgung im Sinn von Art. 3 AsylG ausgesetzt waren und sie einer solchen auch im Falle einer Rückkehr nicht ausgesetzt sind . Es ist zudem festzuhalten, dass sie im Verlauf des vorinstanzlichen Asylverfah- rens keine entsprechenden Nachteile aufgrund ihrer Glaubensrichtung gel- tend machten, respektive solche gezielten Nachteile auf Nachfrage hin ex- plizit verneinten (vgl. N […] A21/14 F97 und N […] A23/13 F6 ff.). 6.8 Von den durch die Bürgerkriegssituation herv orgerufenen Nachteilen, namentlich von der schlechten Sicherheitslage und den auch in anderer Hinsicht teilweise prekären Lebensbedingungen ist der Grossteil der syri- schen Bevölkerung betroffen. Solchen Nachteilen ist die asylrechtliche Ge- zieltheit abzusprechen (vgl. hierzu statt vieler WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.16 m.w.H.), teilweise auch die flücht- lingsrechtliche Motivation oder die Intensität der Nachteile im Sinn von Art. 3 Abs. 2 AsylG. 6.9 Für beide in der Schweiz vorl äufig aufgenommenen Beschwerdefüh- renden ist nach dem Gesagten festzuhalten, dass sie in der Vergangenheit keine flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteile erlitten und solche auch bei einer (hypothetischen) Rückkehr nach Syrien nicht mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft zu gewärtigen hätten. Die Vor- instanz hat demnach zu Recht ihre Flüchtlingseigenschaft verneint und die Asylgesuche abgewiesen. 7. Lehnt das SEM ein Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine aus- länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er- teilung einer solche. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 12 8. Nachdem das SEM in seinen Verfügungen vom 20. August 2019 ange- sichts der Lage in Syrien die Unzu mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festgestellt und die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden ange- ordnet hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zuläs- sigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtenen Verfügungen Bundesrecht nicht verletzen und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellen. Die Beschwerden sind abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde- führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit separaten Instruktionsverfügungen vom 11. Oktober 2019 ihre Gesuche um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gut- geheissen wurden und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist von der Auf- lage von Verfahrenskosten abzusehen. (Dispositiv nächste Seite) E-4868/2019 E-4871/2019 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerdeverfahren E -4868/2019 und E -4871/2019 werden ver - einigt. 2. Die Beschwerden werden abgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Martina Stark Versand: