<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 243</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">243</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>XIII. Verwaltungsrechtspflege</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>57 Rechtsverzögerungsbeschwerde</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verlegung der Verfahrens- und Parteikosten bei gegenstandslos geworde-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ner Rechtsverzögerungsbeschwerde</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 20. Oktober 2011 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen M. (WBE.2011.289).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">Im Rahmen einer beim Departement Volkswirtschaft und Inne-</span><br/> <span class="ft5">res (DVI) hängigen Beschwerde gegen eine Entzugsverfügung des</span><br/> <span class="ft5">Strassenverkehrsamtes des Kantons Aargau ersuchte der Beschwer-</span><br/> <span class="ft5">deführer beim DVI um einen separaten Entscheid betreffend die Wie-</span><br/> <span class="ft5">dererteilung der aufschiebenden Wirkung. Mit Rechtsverzögerungs-</span><br/> <span class="ft5">beschwerde beantragte er in der Folge vor Verwaltungsgericht, das</span><br/> <span class="ft5">DVI sei anzuweisen, über seinen Antrag auf Erteilung der aufschie-</span><br/> <span class="ft5">benden Wirkung umgehend zu entscheiden. Während des verwal-</span><br/> <span class="ft5">tungsgerichtlichen Instruktionsverfahrens erliess das DVI einen Zwi-</span><br/> <span class="ft5">schenentscheid bezüglich aufschiebende Wirkung.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">II.</span><br/> <span class="ft5">Mit Zwischenentscheid vom 1. September 2011 wies das DVI</span><br/> <span class="ft5">den Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung für die Dauer</span><br/> <span class="ft5">des Beschwerdeverfahrens ab, wodurch das vorliegende Beschwer-</span><br/> <span class="ft5">deverfahren gegenstandslos geworden ist (AGVE 2004, S. 273 f.;</span><br/> <span class="ft5">AGVE 2000, S. 307 f.; vgl. auch das Urteil des Bundesgerichts vom</span><br/> <span class="ft5">10. September 2008 [9C_624/2008]).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">244</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">III.</span><br/> <span class="ft5">1.</span><br/> <span class="ft5">1.1.</span><br/> <span class="ft5">Nachfolgend ist über die Verlegung der Verfahrens- und Partei-</span><br/> <span class="ft5">kosten zu befinden. Gemäss § 31 Abs. 2 Satz 1 und § 32 Abs. 2</span><br/> <span class="ft5">VRPG werden im Beschwerdeverfahren die Verfahrens- und Partei-</span><br/> <span class="ft5">kosten in der Regel nach Massgabe des Unterliegens und Obsiegens</span><br/> <span class="ft5">auf die Parteien verlegt. Gemäss § 13 Abs. 2 lit. e VRPG ist die Vor-</span><br/> <span class="ft5">instanz Partei. Den Behörden werden allerdings Verfahrenskosten</span><br/> <span class="ft5">nur auferlegt, wenn sie schwerwiegende Verfahrensmängel begangen</span><br/> <span class="ft5">oder willkürlich entschieden haben (§ 31 Abs. 2 Satz 2 VRPG). Wer</span><br/> <span class="ft5">sein Rechtsmittel zurückzieht oder auf andere Weise dafür sorgt, dass</span><br/> <span class="ft5">das Verfahren gegenstandslos wird, gilt als unterliegende Partei.</span><br/> <span class="ft5">Wird ein Verfahren ohne Zutun einer Partei gegenstandslos, sind die</span><br/> <span class="ft5">Verfahrenskosten und die Parteikosten nach den abgeschätzten</span><br/> <span class="ft5">Prozessaussichten zu verlegen oder aus Billigkeitsgründen ganz oder</span><br/> <span class="ft5">teilweise dem Gemeinwesen zu belasten (§ 31 Abs. 3 und § 32</span><br/> <span class="ft5">Abs. 3 VRPG).</span><br/> <span class="ft5">1.2.</span><br/> <span class="ft5">In Fällen von Rechtsverzögerung oder Rechtsverweigerung ist</span><br/> <span class="ft5">es jeweils die Behörde, die dafür sorgt, dass das Verfahren gegen-</span><br/> <span class="ft5">standslos wird, indem sie den Entscheid in der Hauptsache fällt. Bei</span><br/> <span class="ft5">rein formeller Betrachtung und Anwendung der hiervor zitierten ge-</span><br/> <span class="ft5">setzlichen Bestimmungen würde dies bedeuten, dass die verfügende</span><br/> <span class="ft5">Behörde stets unterliegende Partei wäre, und der Kostenentscheid</span><br/> <span class="ft5">somit stets zu Gunsten des Beschwerdeführers lauten würde; dies</span><br/> <span class="ft5">selbst dann, wenn ein Beschwerdeführer eine völlig aussichtslose</span><br/> <span class="ft5">Beschwerde betreffend Rechtsverweigerung oder Rechtsverzögerung</span><br/> <span class="ft5">eingereicht hätte. Somit könnten Rechtsverzögerungsbeschwerden</span><br/> <span class="ft5">ohne jedes Kostenrisiko eingereicht werden. Eine solche Regelung</span><br/> <span class="ft5">der Kostenfrage bei Rechtsverzögerungs- bzw. Rechtsverweige-</span><br/> <span class="ft5">rungsbeschwerden wäre unbefriedigend.</span><br/> <span class="ft5">1.3.</span><br/> <span class="ft5">§ 31 Abs. 3 Satz 1 und § 32 Abs. 3 Satz 1 VRPG, wonach der-</span><br/> <span class="ft5">jenige, der dafür sorgt, dass das Verfahren gegenstandslos wird, kos-</span><br/> <span class="ft5">tenpflichtig wird, umfasst zwar vom Wortlaut her den vorliegenden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">245</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Sachverhalt, widerspricht jedoch nach dem eben Ausgeführten der</span><br/> <span class="ft5">inneren Teleologie (Zielsetzung; Sinn und Zweck) des Gesetzes. Die</span><br/> <span class="ft5">besagte Rechtsnorm kann folglich nicht unbesehen angewandt wer-</span><br/> <span class="ft5">den; vielmehr rechtfertigt sich gestützt auf die hiervor ausgeführten</span><br/> <span class="ft5">Überlegungen eine teleologische Reduktion, bei welcher der Anwen-</span><br/> <span class="ft5">dungsbereich einer Rechtsnorm (in casu § 31 Abs. 3 Satz 1 und § 32</span><br/> <span class="ft5">Abs. 3 Satz 1 VRPG) so beschränkt wird, dass Sachverhalte, die</span><br/> <span class="ft5">nach dem Wortlaut der Norm an sich erfasst würden, von der Anwen-</span><br/> <span class="ft5">dung der Norm ausgeschlossen werden. Nach Vornahme der teleolo-</span><br/> <span class="ft5">gischen Reduktion in Bezug auf § 31 Abs. 3 Satz 1 und § 32 Abs. 3</span><br/> <span class="ft5">Satz 1 VRPG ist nun nachfolgend zu prüfen, nach welchen Regeln</span><br/> <span class="ft5">die Kostenverteilung bei gegenstandslos gewordenen Rechtsverzöge-</span><br/> <span class="ft5">rungsbeschwerden vorzunehmen ist.</span><br/> <span class="ft5">1.4.</span><br/> <span class="ft5">Dass gegenstandslos gewordene Rechtsverzögerungsbeschwer-</span><br/> <span class="ft5">den im Hinblick auf die Kostenverteilung einen Spezialfall bilden,</span><br/> <span class="ft5">hat das Verwaltungsgericht bereits unter Geltung des Gesetzes über</span><br/> <span class="ft5">die Verwaltungsrechtspflege vom 9. Juli 1968 (aVRPG), welches</span><br/> <span class="ft5">sich nicht ausdrücklich über die Frage der Verfahrenskosten und der</span><br/> <span class="ft5">Parteientschädigung in Verfahren ohne Sachentscheid geäussert hat-</span><br/> <span class="ft5">te, erkannt (AGVE 2000, S. 307). Unter Geltung des aVRPG war ge-</span><br/> <span class="ft5">mäss einem Grundsatzentscheid des Verwaltungsgerichts aus dem</span><br/> <span class="ft5">Jahr 1982 die Kostenverteilung regelmässig nach dem formellen</span><br/> <span class="ft5">Ausgang, d. h. nach den Grundsätzen von § 33 Abs. 2 und § 36</span><br/> <span class="ft5">aVRPG (Obsiegen/Unterlie-gen), erfolgt, wenn ein Verfahren ohne</span><br/> <span class="ft5">Sachentscheid erledigt wurde. Um stossende Ergebnisse zu verhin-</span><br/> <span class="ft5">dern, richtete sich nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts</span><br/> <span class="ft5">in Ausnahmefällen der Kostenentscheid auch nach dem Verursacher-</span><br/> <span class="ft5">prinzip (AVGE 1989, S. 276 f.; 1990, S. 324).</span><br/> <span class="ft5">Das Verwaltungsgericht hat unter der Geltung des aVRPG in</span><br/> <span class="ft5">AGVE 2000, S. 307, in Bezug auf die Frage der Kostenverteilung bei</span><br/> <span class="ft5">gegenstandslos gewordenen Rechtsverzögerungsbeschwerden mit</span><br/> <span class="ft5">Verweis auf AGVE 1989, S. 318, festgehalten, dass in derartigen</span><br/> <span class="ft5">Fällen die Kostentragung weder nach dem Grundsatz, dass diese dem</span><br/> <span class="ft5">formellen Ausgang des Verfahrens folgt, noch nach dem ausnahms-</span><br/> <span class="ft5">weise anzuwendenden Verursacherprinzip, wenn der materielle Aus-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">246</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">gang klar anders liegt als der formelle, zu erfolgen habe. In solchen</span><br/> <span class="ft5">Fällen sei vielmehr zu prüfen, ob die Beschwerde im Zeitpunkt ihrer</span><br/> <span class="ft5">Einreichung begründet war bzw. ob der Beschwerdeführer den</span><br/> <span class="ft5">Vorwurf der Rechtsverzögerungsbeschwerde zu Recht erhoben hat.</span><br/> <span class="ft5">1.5.</span><br/> <span class="ft5">Die unter der Rechtsprechung zum aVRPG entwickelten</span><br/> <span class="ft5">Grundsätze, wonach entscheidendes Kriterium für die Kostenvertei-</span><br/> <span class="ft5">lung war, ob die Beschwerde im Zeitpunkt ihrer Einreichung begrün-</span><br/> <span class="ft5">det war bzw. ob der Beschwerdeführer den Vorwurf der Rechtsver-</span><br/> <span class="ft5">zögerungsbeschwerde zu Recht erhoben hat, sind folgerichtig und</span><br/> <span class="ft5">gelten nach wie vor. Sie entsprechen zudem der heutigen Regelung</span><br/> <span class="ft5">in § 31 Abs. 3 Satz 2 bzw. § 32 Abs. 3 Satz 2, wonach die Verfah-</span><br/> <span class="ft5">rens- und Parteikosten nach den abgeschätzten Prozessaussichten zu</span><br/> <span class="ft5">verlegen sind, wenn ein Verfahren ohne Zutun einer Partei gegen-</span><br/> <span class="ft5">standslos wird. Mit Blick auf die hiervor ausgeführten Feststellungen</span><br/> <span class="ft5">und Überlegungen betreffend Besonderheiten von gegenstandslos</span><br/> <span class="ft5">gewordenen Rechtsverzögerungs- oder Rechtsverweigerungsbe-</span><br/> <span class="ft5">schwerden drängt sich im Sinne der inneren Teleologie des Gesetzes</span><br/> <span class="ft5">die analoge Anwendung dieser Bestimmungen auf. Dies rechtfertigt</span><br/> <span class="ft5">sich umso mehr, als dass betreffend Verfahrenskosten bei gegen-</span><br/> <span class="ft5">standslos gewordenen Rechtsverzögerungs- oder Rechtsverweige-</span><br/> <span class="ft5">rungsbeschwerden die Prozessaussichten ohnehin zu prüfen sind, um</span><br/> <span class="ft5">beurteilen zu können, ob die Behörde einen schwerwiegenden Ver-</span><br/> <span class="ft5">fahrensmangel begangen hat (§ 31 Abs. 2 Satz 2 VRPG).</span><br/> <span class="ft5">1.6.</span><br/> <span class="ft5">Im Übrigen findet sich eine entsprechende Regelung im Bun-</span><br/> <span class="ft5">desgesetz vom 4. Dezember 1947 über den Bundeszivilprozess</span><br/> <span class="ft5">(BZP; SR 273). Für Fälle, in denen ein Rechtsstreit gegenstandslos</span><br/> <span class="ft5">gewordenen ist, bestimmt Art. 72 BZP, dass diesfalls das Gericht mit</span><br/> <span class="ft5">summarischer Begründung über die Prozesskosten auf Grund der</span><br/> <span class="ft5">Sachlage vor Eintritt des Erledigungsgrundes entscheidet. Auch das</span><br/> <span class="ft5">Bundesgericht wählt bei einem gegenstandslos gewordenen Rechts-</span><br/> <span class="ft5">streit das selbe Vorgehen gestützt auf Art. 71 BGG i.V.m. Art. 72</span><br/> <span class="ft5">BZP und stellt demgemäss bei der Beurteilung der Kosten- und Ent-</span><br/> <span class="ft5">schädigungsfolgen in erster Linie auf den mutmasslichen Ausgang</span><br/> <span class="ft5">des Prozesses ab (siehe z.B. BGE 118 Ia 488, Erw. 4a, oder das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">247</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Urteil des Bundesgerichts vom 26. Mai 2009 [2C.45/2009], Erw. 3).</span><br/> <span class="ft5">Das Bundesgericht hat diesbezüglich ausgeführt, es gehe dabei nicht</span><br/> <span class="ft5">darum, die Prozessaussichten im einzelnen zu prüfen und dadurch</span><br/> <span class="ft5">weitere Umtriebe zu verursachen; vielmehr müsse es bei einer knap-</span><br/> <span class="ft5">pen Beurteilung der Aktenlage sein Bewenden haben (erwähntes</span><br/> <span class="ft5">Urteil des Bundesgerichts vom 26. Mai 2009).</span><br/> <br/> <br/></div> </div> </body> </html>