<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">291</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>56 Alimentenbevorschussung;</b></span> <span class="ft3"><b>Beschwerdelegitimation</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Fehlende Legitimation des Unterhaltsschuldners zur Anfechtung ei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ner Alimentenbevorschussung</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 30. Oktober 2009 in Sa-</span><br/> <span class="ft6">chen M.M. gegen das Bezirksamt Bremgarten (WBE.2009.303).</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerde an das Verwaltungsgericht ist gemäss § 54</span><br/> <span class="ft1">VRPG zulässig gegen letztinstanzliche Entscheide der Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsbehörden. Gemäss § 58 SPG können Verfügungen und Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheide der Sozialbehörden mit Beschwerde beim Bezirksamt ange-</span><br/> <span class="ft1">fochten werden (Abs. 1). Dessen Entscheid kann an das Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgericht weitergezogen werden (Abs. 2). Das Verwaltungsgericht</span><br/> <span class="ft1">ist somit zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig.</span><br/> <span class="ft1">Gerügt werden können nur die unrichtige oder unvollständige</span><br/> <span class="ft1">Sachverhaltsfeststellung sowie Rechtsverletzungen, nicht aber Er-</span><br/> <span class="ft1">messensfehler (§ 58 Abs. 4 SPG i.V.m. § 55 Abs. 1 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 42 lit. a VRPG ist zur Beschwerdeführung befugt,</span><br/> <span class="ft1">wer durch die angefochtene Verfügung berührt ist und ein schutz-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">292</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">würdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat (mate-</span><br/> <span class="ft1">rielle Beschwer). Dieses Interesse kann rechtlicher oder auch bloss</span><br/> <span class="ft1">tatsächlicher Natur sein. Ein schutzwürdiges Interesse liegt vor,</span><br/> <span class="ft1">wenn die tatsächliche oder rechtliche Situation des Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rers durch den Ausgang des Verfahrens beeinflusst werden kann. Es</span><br/> <span class="ft1">besteht im praktischen Nutzen, den die erfolgreiche Beschwerde dem</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer eintragen würde, das heisst in der Abwendung</span><br/> <span class="ft1">eines materiellen oder ideellen Nachteils, den der angefochtene</span><br/> <span class="ft1">Entscheid für ihn zur Folge hätte (AGVE 2002, S. 279 f.; Michael</span><br/> <span class="ft1">Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren nach dem</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege [Kommentar</span><br/> <span class="ft1">zu den §§ 38-72 VRPG], Diss. Zürich 1998, § 38 N 129).</span><br/> <span class="ft1">Sodann muss die beschwerdeberechtigte Partei zusätzlich zum</span><br/> <span class="ft1">schutzwürdigen Interesse ein aktuelles und praktisches Interesse an</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführung dartun (AGVE 1998, S. 351). Damit soll</span><br/> <span class="ft1">sichergestellt werden, dass die rechtsanwendende Behörde konkrete</span><br/> <span class="ft1">und nicht bloss theoretische Fragen entscheidet (AGVE 1999, S. 353</span><br/> <span class="ft1">mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Die Legitimation zur Beschwerde ist eine Sachurteilsvorausset-</span><br/> <span class="ft1">zung und von Amtes wegen zu prüfen. Die Prüfung umfasst das Vor-</span><br/> <span class="ft1">liegen der Sachurteilsvoraussetzungen im vorinstanzlichen Verfahren</span><br/> <span class="ft1">(Merker, a.a.O., Vorbem. zu § 38 N 3 f.).</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">2.2.1.</span><br/> <span class="ft1">In Ziffer 1 der Verfügung vom 11. Mai 2009 gewährte der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinderat X. die Bevorschussung der Unterhaltsbeiträge. Adressatin</span><br/> <span class="ft1">dieser Anordnungen ist J.M., und nur im Verhältnis zu ihr hat die Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde ein Rechtsverhältnis begründet und gestaltet. Das SPG regelt</span><br/> <span class="ft1">in §§ 32 ff. (§§ 32 - 38) die Ausrichtung von Vorschüssen für den</span><br/> <span class="ft1">Unterhalt der Kinder, wenn die Eltern ihre Pflichten nicht erfüllen</span><br/> <span class="ft1">(Art. 293 Abs. 2 ZGB). Die Unterhaltsbeiträge werden vom Zivil-</span><br/> <span class="ft1">richter festgelegt, und ein vollstreckbarer Entscheid gegenüber dem</span><br/> <span class="ft1">zivilrechtlich zum Unterhalt Verpflichteten bildet eine Voraussetzung</span><br/> <span class="ft1">für die Bevorschussung (§ 33 lit. b SPG). Mit dem Urteil des Ge-</span><br/> <span class="ft1">richtspräsidiums Bremgarten vom 31. März 2009, worin sowohl die</span><br/> <span class="ft1">Unterhaltspflicht des Vaters gegenüber seinen Kindern als auch die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">293</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Höhe des Unterhaltsanspruches festgelegt wurden, ist diese Voraus-</span><br/> <span class="ft1">setzung erfüllt. Gegen das Urteil des Bezirksgerichts Bremgarten</span><br/> <span class="ft1">vom 31. März 2009 wurde beim Obergericht des Kantons Aargau</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde geführt. Gemäss § 298 Abs. 4 ZPO sind die im erstin-</span><br/> <span class="ft1">stanzlichen Urteil festgelegten Unterhaltsbeiträge sofort vollstreck-</span><br/> <span class="ft1">bar, sofern das Obergericht nichts anderes anordnet. Der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer ist durch Ziffer 1 des Gemeinderatsbeschlusses in seinen</span><br/> <span class="ft1">Rechten und Pflichten nicht unmittelbar betroffen und besitzt im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Verfahren auch keine Parteistellung. Ein Rechts-</span><br/> <span class="ft1">schutzinteresse des Beschwerdeführers an der Aufhebung der Bevor-</span><br/> <span class="ft1">schussung der Unterhaltsbeiträge für seine Kinder ist nicht auszu-</span><br/> <span class="ft1">machen. Er ist somit nicht legitimiert, Beschwerde gegen Ziffer 1 des</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderatsbeschlusses vom 11. Mai 2009 einzureichen. Bei Ziffer</span><br/> <span class="ft1">2 und Ziffer 3 des Gemeinderatsbeschlusses handelt es sich lediglich</span><br/> <span class="ft1">um Anweisungen an die Finanzverwaltung und nicht um Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gungen, womit diese keine möglichen Anfechtungsobjekte nach § 41</span><br/> <span class="ft1">VRPG darstellen. Bei Ziffer 4 handelt es sich um einen Hinweis, der</span><br/> <span class="ft1">sich an die Ehefrau richtet, und einen Verweis auf Rechts-</span><br/> <span class="ft1">vorschriften. Dieser weist ebenfalls keinen Verfügungscharakter auf</span><br/> <span class="ft1">und kann somit auch nicht mit einer Beschwerde angefochten wer-</span><br/> <span class="ft1">den.</span><br/> <span class="ft1">2.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Unterhaltsbeiträge, welche die Gemeinde X. bevorschusst</span><br/> <span class="ft1">hat, können nach § 37 Abs. 1 SPG vom unterhaltspflichtigen Eltern-</span><br/> <span class="ft1">teil zurückgefordert werden. Die geschuldete Unterhaltsleistung</span><br/> <span class="ft1">bleibt aber unabhängig von der Bevorschussung gleich hoch und</span><br/> <span class="ft1">richtet sich nach dem Urteil des Gerichtspräsidiums Bremgarten vom</span><br/> <span class="ft1">31. März 2009 bzw. dem (noch zu ergehenden) Urteil der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deinstanz. Durch die Bevorschussung entsteht keine neue Forderung</span><br/> <span class="ft1">gegenüber dem Unterhaltspflichtigen. Es findet lediglich ein Gläubi-</span><br/> <span class="ft1">gerwechsel statt, da die Gemeinde X. im Umfang der Bevorschus-</span><br/> <span class="ft1">sung von Gesetzes wegen Gläubiger der Unterhaltsbeiträge wird</span><br/> <span class="ft1">(Art. 289 Abs. 2 ZGB). Der mögliche Rahmen, in dem die Gemeinde</span><br/> <span class="ft1">X. zur Rückforderung berechtigt ist, wird von den Zivilurteilen fest-</span><br/> <span class="ft1">gelegt und verändert sich durch die Bevorschussung in keiner Weise.</span><br/> <span class="ft1">Die Alimentenbevorschussung ist daher kein Nachteil, den der Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">294</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schwerdeführer durch eine Beschwerde abwenden könnte. In einem</span><br/> <span class="ft1">zivilrechtlichen (Rück-) Forderungsverfahren der Gemeinde X. ge-</span><br/> <span class="ft1">gen den Beschwerdeführer kann dieser geleistete Zahlungen zur</span><br/> <span class="ft1">Verrechnung stellen und Einreden gegen den Bestand und die Höhe</span><br/> <span class="ft1">(Art. 81 Abs. 1 SchKG), nach Massgabe der ihm im rechtskräftigen</span><br/> <span class="ft1">Zivilurteil auferlegten Unterhaltsverpflichtung, vorbringen.</span><br/> <span class="ft1">2.2.3.</span><br/> <span class="ft1">Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer in den eigenen Interessen durch die Verfügung des</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderates X. nicht beeinträchtigt ist. Weder seine tatsächliche</span><br/> <span class="ft1">noch rechtliche Situation wird durch den Ausgang des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">verfahrens beeinflusst. Er schuldet die vom Scheidungs- oder Ehe-</span><br/> <span class="ft1">schutzrichter festgesetzten Unterhaltsbeiträge, ob sie nun von der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde X. bevorschusst werden oder nicht. Ein praktischer Nut-</span><br/> <span class="ft1">zen, den eine erfolgreiche Beschwerde dem Beschwerdeführer ein-</span><br/> <span class="ft1">bringen kann, ist nicht ersichtlich (AGVE 2002, S. 279 f. mit Hin-</span><br/> <span class="ft1">weisen).</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend fehlt dem Beschwerdeführer ein Rechts-</span><br/> <span class="ft1">schutzinteresse an der Aufhebung und Abänderung des Beschlusses</span><br/> <span class="ft1">vom 11. Mai 2009 und damit an der Aufhebung und Abänderung des</span><br/> <span class="ft1">angefochtenen Beschwerdeentscheids.</span><br/> <span class="ft1">Auf die Verwaltungsgerichtsbeschwerde kann somit nicht ein-</span><br/> <span class="ft1">getreten werden.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Sachurteilsvoraussetzungen der Vorinstanz müssen vom</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgericht von Amtes wegen geprüft werden (siehe vorne</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2.1). Die fehlende Legitimation des Beschwerdeführers (siehe</span><br/> <span class="ft1">vorne Erw. 2.2.3) betrifft auch die Sachurteilsvoraussetzung im Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeverfahren vor der Vorinstanz. Die Vorinstanz ist dement-</span><br/> <span class="ft1">sprechend zu Unrecht auf die Beschwerde eingetreten. Der ange-</span><br/> <span class="ft1">fochtene Entscheid ist von Amtes wegen zu berichtigen. Aus verfah-</span><br/> <span class="ft1">rensökonomischen Gründen findet aber keine Rückweisung an die</span><br/> <span class="ft1">Vorinstanz statt (§ 49 VRPG).</span><br/></div> </div> </body> </html>