<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 31 S.93</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">93</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>31</b></span> <span class="ft2"><b>§ 140 Abs. 1 StPO, Entschädigung und Genugtuung für ungerechtfertigte</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Untersuchungshaft bei Freispruch.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Tagessatz von Fr. 200.-- als Genugtuung für ungerechtfertigte Unter-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>suchungshaft ist nach wie vor angemessen.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Bei längerdauernder Untersuchungshaft wird die Genugtuung nicht nach</b></span><br/> <span class="ft2"><b>einem Tagessatz bemessen, sondern als Pauschale festgesetzt.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Einschlägige Erfahrungen aus früheren Strafuntersuchungen und frühe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>rer Untersuchungshaft können zu einer Kürzung der Genugtuung füh-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ren.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die üblichen Auswirkungen einer Strafuntersuchung und der dazu</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gehörigen Zwangsmassnahmen (z.B. Hausdurchsuchung) verschaffen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>keinen Anspruch auf Genugtuung. Es bedarf dazu einer schweren Verlet-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zung der Persönlichkeit.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Urteil des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 25. Juni 2002 i.S.</span><br/> <span class="ft3">R.N. gegen StA.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. a) Die 1975 angesetzte Genugtuungs-Tagespauschale von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 200.-- für ungerechtfertigte Untersuchungshaft (AGVE 1975</span><br/> <span class="ft1">Nr. 51 S. 138) war als Maximalbetrag gedacht und im Vergleich mit</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">94</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">den Leistungen anderer Kantone und des Bundes sehr hoch (vgl.</span><br/> <span class="ft1">hiezu die in ZBJV 134 [1998] S. 238 ff. zusammengefasste Praxis</span><br/> <span class="ft1">des Bundesgerichts). Das Obergericht, Beschwerdekammer in Straf-</span><br/> <span class="ft1">sachen, hat in seinem Entscheid vom 25. Juni 1998 i.S. T.S. ausge-</span><br/> <span class="ft1">führt (ST.1998.00183, S. 4), es bestehe kein Grund, diesen Ansatz</span><br/> <span class="ft1">um die seither eingetretene Teuerung zu erhöhen; ein Tagesansatz</span><br/> <span class="ft1">von Fr. 200.-- sei als Richtlinie für die auszurichtende Genugtuung</span><br/> <span class="ft1">nach wie vor angemessen. Bei längerdauernder Untersuchungshaft</span><br/> <span class="ft1">wird dann die Genugtuung nach der neueren Rechtsprechung des</span><br/> <span class="ft1">Obergerichts nicht mehr nach einem Tagesansatz bemessen, sondern</span><br/> <span class="ft1">als Pauschale festgesetzt (vgl. OGE 2. Strafkammer vom 1. Dezem-</span><br/> <span class="ft1">ber 1999 i.S. StA ca. K.K., ST.1999.00139, S. 9/10, wo für 19 Mona-</span><br/> <span class="ft1">te Haft Fr. 30'000.--, und OGE 1. Strafkammer vom 10. April 2002</span><br/> <span class="ft1">i.S. StA / J.K., ST.2002.00069, S. 35, wo für 174 Tage Untersu-</span><br/> <span class="ft1">chungshaft Fr. 17'000.-- als Genugtuung ausgerichtet wurden). In den</span><br/> <span class="ft1">zitierten Entscheiden wurde festgehalten, die Regel einer Tagespau-</span><br/> <span class="ft1">schale von Fr. 200.-- pro Tag Haftdauer sei nur auf kurze Freiheits-</span><br/> <span class="ft1">strafen anwendbar.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Vorinstanz hat im zu beurteilenden Fall den Pauschalan-</span><br/> <span class="ft1">satz von Fr. 200.-- pro Tag um 50 % gekürzt mit der Begründung, der</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsteller sei vorbestraft. Die Kürzung ist im Grundsatz nicht zu</span><br/> <span class="ft1">beanstanden. Der Ansatz von Fr. 200.-- gilt für unbescholtene Perso-</span><br/> <span class="ft1">nen (AGVE 1975 S. 138). Der Gesuchsteller wurde am 10. Juli 1996</span><br/> <span class="ft1">durch das Strafgericht Basel-Stadt wegen gewerbsmässigen Betruges</span><br/> <span class="ft1">und mehrfach versuchten Kreditkartenmissbrauchs mit 14 Monaten</span><br/> <span class="ft1">Gefängnis (bedingt, Probezeit 2 Jahre), abzüglich 22 Tage Untersu-</span><br/> <span class="ft1">chungshaft, bestraft. Es erweist sich somit, dass entgegen der Auffas-</span><br/> <span class="ft1">sung des Gesuchstellers (Berufung S. 4) die Kürzung aufgrund der</span><br/> <span class="ft1">genannten Vorstrafe sachlich gerechtfertigt ist. Der Gesuchsteller hat</span><br/> <span class="ft1">einschlägige Erfahrungen in einer Strafuntersuchung gemacht und</span><br/> <span class="ft1">hat sich vor allem bereits während mehrerer Wochen in Untersu-</span><br/> <span class="ft1">chungshaft befunden. Die neue Untersuchung und Untersuchungs-</span><br/> <span class="ft1">haft waren demnach für ihn nicht derart einschneidend wie für unbe-</span><br/> <span class="ft1">scholtene Personen. Eine Kürzung des Ansatzes auf Fr. 150.-- trägt</span><br/> <span class="ft1">indessen diesem Umstand genügend Rechnung. Für die Untersu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">95</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">chungshaft sind ihm als Genugtuung demnach Fr. 300.-- zuzuspre-</span><br/> <span class="ft1">chen.</span><br/> <span class="ft1">2. Für die Hausdurchsuchung hat die Vorinstanz eine Genugtu-</span><br/> <span class="ft1">ung von Fr. 100.-- als angemessen erachtet. Der Gesuchsteller ver-</span><br/> <span class="ft1">langt die Erhöhung auf mindestens Fr. 200.--.</span><br/> <span class="ft1">Es ist zwar richtig, dass das Obergericht in einem Entscheid</span><br/> <span class="ft1">vom 22. September 1961 für die Beeinträchtigung der Ehre wegen</span><br/> <span class="ft1">einer ergebnislosen Wohnungsdurchsuchung eine Genugtuung von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 100.-- zugesprochen hat (Beat Brühlmeier, Aargauische Strafpro-</span><br/> <span class="ft1">zessordnung, Kommentar, 2. A., Aarau 1980, S. 287, Anm. 4c zu</span><br/> <span class="ft1">§ 140 StPO). Dies ändert indessen nichts daran, dass eine Genugtu-</span><br/> <span class="ft1">ung nur bei einer schweren Verletzung der Persönlichkeit geschuldet</span><br/> <span class="ft1">ist. Die üblichen Auswirkungen einer Strafuntersuchung und der zu-</span><br/> <span class="ft1">gehörigen Zwangsmassnahmen geben keinen Anspruch auf Genug-</span><br/> <span class="ft1">tuung. Der Gesuchsteller hat nicht dargelegt und es ist aus den Akten</span><br/> <span class="ft1">auch nicht ersichtlich, inwiefern ihn die Hausdurchsuchung beson-</span><br/> <span class="ft1">ders schwer getroffen hat. Vorliegend ist das Begehren demzufolge</span><br/> <span class="ft1">gänzlich abzuweisen. Dies verstösst nicht gegen das Verbot der refor-</span><br/> <span class="ft1">matio in peius, weil gesamthaft keine kleinere Summe als von der</span><br/> <span class="ft1">Vorinstanz festgesetzt ausgerichtet wird.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>