B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3105/2016 U r t e i l v o m 3 0 . S e p t e m b e r 2 0 1 6 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Markus König, Richterin Christa Luterbacher, Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, geboren am (…), eigenen Angaben zufolge Tibet (Volksrepublik China), vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Zuteilung ins erweiterte Asylverfahren; Zwischenverfügung des SEM vom 3. Februar 2015; Asyl und Wegweisung; Verfügungen des SEM vom 20. April 2016 / N (…). E-3105/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der tibetische Beschwerdeführer – angeblich aus dem Dorf B._______ (Bezirk C._______, Gemeinde D._______; A14 S. 3 und 6) stammend – habe im Jahr 2014 Tibet verlassen . Nachdem er am (…) 2014 selbstge- malte Bilder des (…) in der Öffentlichkeit von D._______ und E._______ ausgestellt habe, habe er am (…) 2014 während eines Aufenthalts in F._______ – wo er ein Thangka (ein Rollbild des tantrischen Buddhismus, A16 F. 13) hätte malen sollen – erfahren, dass er behördlich gesucht werde (A14 S. 10). Nachdem sein Bruder ihn zunächst versteckt habe, sei er über die nepalesische Grenze gebracht worden, wo er mehrere Monate geblie- ben sei (A14 S. 8). Am 3. November 2014 habe er Nepal per Flugzeug ver- lassen; am 17. Dezember 2014 sei er in die Schweiz eingereist und suchte gleichentags um Asyl nach (A14 S. 9). B. Mit Verfügung vom 18. Dezember 2014 eröffnete das SEM dem Beschwer- deführer, dass er in Anwendung von Art. 4 Abs. 3 TestV dem Verfahrens- zentrum (VZ) Zürich zugewiesen und sein Asylgesuch dort behandelt werde (A6). Am 15. Januar 2015 fand dort die Befragung zur Person (BzP) und am 28. Januar 2015 die Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 17 Abs. 2 Bst. b TestV statt (jeweils in Anwesenheit seiner ihm zugeordneten Rechtsvertretung; A14 und A16). Anlässlich seiner Anhörung reichte er ein originales Einladungsschreiben für einen (…)wettbewerb vom (…) 2010 (mit Übersetzung) und drei Zeichnungen zu den Akten (A16 S. 2 ff.; A17). Identitätspapiere wurden nicht eingereicht. C. Am 3. Februar 2015 stellte das SEM fest, dass über das Asylgesuch des Beschwerdeführers aufgrund der Aktenlage im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht entschieden werden könne. Da das Asylgesuch weiterer Abklärungen bedürfe, werde es im erweiterten Verfahren gemäss AsylG zu behandeln sein (A18). Diese Verfügung sei erst mit dem Endentscheid anfechtbar. Die ihm zugeordnete Rechtsvertretung beendete daraufhin das Mandatsver- hältnis (A21). D. Am 25. Februar 2015 wurde unter Einreichung einer Vertretungsvollmacht der Vorinstanz das neue Mandat angezeigt (A22 f.). Mit demselben Schrei- ben machte der neue Rechtsvertr eter auf Verständigungsschwierigkeiten E-3105/2016 Seite 3 zwischen dem Dolmetscher und dem Beschwerdeführer während der An- hörung vom 28. Januar 2015 aufmerksam und verwies auf die Möglichkeit einer Sprachanalyse. E. Im Auftrag des SEM wurde am 4. Mai 2015 mittels eines telefonischen In- terviews eine „Evaluation des Alltagswissens “ des Beschwerdeführers durchgeführt. Die sachverständige Person kam in ihrem landeskundlich - kulturellen Bericht zum Schluss, die Wahrscheinlichkeit, dass er im be- haupteten geografischen Raum gelebt haben könnte, sei klein (A28). F. Eine Zusammenfassung des Interviews wurde am 25. Juli 2015 dem Rechtsvertreter mit der Aufforderung zugestellt, sich dazu zu äussern (A31). Am 5. August 2015 reichte der Rechtsvertreter eine entsprechende Stellungnahme ein (A32). G. Mit Verfügung vom 20. April 2016 – eröffnet am 25. April 2016 – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegwei- sung aus der Schweiz sowie den Vollzug dieser Wegweisung unter Aus- schluss der Volksrepublik China an. Es begründ ete diesen Entscheid im Wesentlichen damit, dass der tibetische Beschwerdeführer zur Hauptsa- che ausserhalb des von ihm angegebenen Herkunftsgebietes sozialisiert worden sei, weshalb es bezüglich der Asyl- und Ausreisegründe an der Glaubhaftigkeit mangle (Art. 7 AsylG). H. Mit Eingabe vom 18. Mai 2016 focht der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter die Verfügung vom 3. Februar 2015 sowie eventualiter die- jenige vom 20. April 2016 an. Das Verfahren sei nach Aufhebung der Ver- fügung vom 3. Februar 2015 in die Testphase zurückzuweisen und im be- schleunigten Verfahren abzuschliessen. Das SEM sei zudem anzuweisen, die Entscheidung von jener Person fällen zu lassen, welche die Anhörung durchgeführt habe. Eventualiter sei nach Aufhebung der Verfügung vom 20. April 2016 diese für eine Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu- weisen. Subeventualiter sei unter Gewährung der vorläufigen Aufnahme die Flüchtlingseigenschaft festzustellen. In prozessrechtlicher Hinsicht sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren u nd auf einen Kostenvor- schuss zu verzichten. E-3105/2016 Seite 4 Der Eingabe lag eine Fürsorgebestätigung der G._______ vom 17. Mai 2016 bei. I. Mit Verfügung vom 3. Juni 2016 wurde die unentgeltliche Rechtspflege ge- währt und der Rechtsvertreter als amtliche r Rechtsbeistand zugeordnet (Art. 65 VwVG i.V.m. Art. 110a Abs. 1 AsylG); gleichzeitig wurde auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses verzichtet. J. Im Rahmen seiner Vernehmlassung vom 17. Juni 2016 hielt das SEM fest, dass die Beschwerdeschrift keine neuen erheblichen Tatsachen oder Be- weismittel enthalte, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtferti- gen könnten. K. Mit separaten Schreiben vom 27. Juni 2016 reichte der Rechtsvertreter ein Replikschreiben sowie eine Kostennote zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreff ende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). Aufgrund der Zuweisung des Beschwerdeführers in die Testphase des VZ Zürich kommt zudem die Testphasenverordnung (TestV) zur Anwendung (Art. 1 und Art. 4 Abs. 1 TestV). E-3105/2016 Seite 5 1.3 Die Verfügung vom 3. Februar 2015 ist ein Entscheid gemäss Art. 17 Abs. 2 Bst. d TestV (Wechsel in das Verfahren ausserhalb der Testphase) und kann nur durch Beschwerde gegen die Endverfügung angefochten werden (Art. 37 Abs. 2 TestV). Diese Bedingung ist vorliegend erfüllt. 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtenen Verfügungen besonders berührt und hat ein schutzwürdi- ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist da- her zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Zunächst wurde in der Beschwerdeschrift vom 18. Mai 2016 beantragt, dass nach Aufhebung der Verfügung vom 3. Februar 2015 das Verfahren in die Testphase zurückzuweisen und im beschleunigten Verfahren abzu- schliessen sei. Das SEM sei zudem anzuweisen, die Entscheidung von jener Person fällen zu lassen, welche die Anhörung durchgeführt habe. Diese Rüge wurde dahingehend begründet, dass trotz Hinweis auf eine Entscheidreife des Verfahrens (A16 F. 141) ein Wechsel in das Verfahren ausserhalb der Testphase erfolgt sei; dies, obwohl innerhalb des Testpha- senverfahrens durchaus Raum und Zeit für Herkunftsabklärungen bestehe (Art. 16 Abs. 2 TestV). Darüber hinaus machte der Rechtsvertreter auf Ver- ständigungsschwierigkeiten zwischen Dolmetscher und Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung aufmerksam. Daraus habe sich auch der Nachteil ergeben, dass die in der Endphase des Verfahrens zuständige Person des SEM sich auf eine mit Mängeln behaftete Anhörung habe abstützen müs- sen und nicht a m Résumé des Lingua-Gutachtens beteiligt gewesen sei. Zusammenfassend habe die Zuweisung ins erweiterte Verfahren eine Qua- litätseinbusse und die A bweisung des Asylgesuchs des Beschwerdefüh- rers bewirkt. Der Rechtsvertreter machte die Verfahrensmängel in Bezug auf Verständigungsschwierigkeiten und widersprüchlichen Aussagen des SEM hinsichtlich der Spruchreife des Verfahrens bereits am 25. Februar (A23) und 5. August 2015 (A32) auf vorinstanzlicher Ebene geltend. An- lässlich der Anhörung vom 28. Januar 2015 (A16 F. 141) sei festgestellt E-3105/2016 Seite 6 worden, alle Fakten seien gesammelt, die für die Beurteilung wesentlich seien. Zudem sei unter „Rechtsbelehrung“ darüber informiert worden, dass der Rechtsvertretung ein Asylentscheid zugestellt werde. Demgegenüber sei mit Zwischenverfügung vom 3. Februar 201 5 mitgeteilt worden, auf- grund der Notwendigkeit weiterer Abklärungen werde die Angelegenheit im erweiterten Verfahren weitergeführt. 3.2 In der Vernehmlassung vom 17. Juni 2016 hielt das SEM fest, dass die Abwicklung und nicht standardmässige Durchführung eines Lingua-Gut- achtens (beziehungsweise „Evaluation des Alltagswissens“) mehrere Wo- chen Zeit beanspruchen würde, weshalb ein Wechsel vom beschleunigten ins erweiterte Verfahren vonnöten gewesen sei. Des Weiteren könne der Einwand einer mangelhaften Verständigung anlässlich der Anhörung nicht gehört werden. 3.3 Im Verwaltungsverfahren sind die Abklärungen sowie die Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts von zentraler Bedeutung. Die für die Entscheidfindung (Rechtsanwendung) vorzunehmende Tatsachenfeststel- lung setzt ihrerseits voraus, dass die Sachlage korrekt und vollständig er- mittelt wurde (Art. 12 VwVG; vgl. KRAUSKOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Pra- xiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz VwVG, Waldmann/Weissen- berger [Hrsg.], 2. Aufl. 2016, Art. 12 Rz. 1). Eine Sachverhaltsfeststellung ist dann unrichtig , wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich nicht alle entscheidwesent- lichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft werden, oder weil Be- weise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststel- lung demgegenüber, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wurden. Dies ist häufig dann der Fall, wenn die Vorinstanz gleichzeitig den Anspruch der Parteien auf rechtliches Ge- hör verletzt hat (vgl. BV GE 2012/21 E. 5.1; K RAUSKOPF/EMMENEG- GER/BABEY, a.a.O., Art. 12 Rz. 19 ff.; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs- verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff.). 3.4 Der Beschwerdeführer bat den Dolmetscher an der Anhörung einlei- tend, aufgrund der Verschiedenheit der Dialekte langsam zu sprechen, was zur Kenntnis genommen wurde (A16 F. 2 ff.). In diesem Sinne wurden denn auch für den Beschwerdeführer nichtverständliche tibetische Begriffe be- ziehungsweise Fragen (A16 F. 54, F. 61, F. 65 und F. 69) erklärt (A16 F. 57, F. 62, F. 66 und F. 69). Weitere Einsprüche sind nicht erkennbar und auch E-3105/2016 Seite 7 entsprechende Hinweise des anwesenden (damaligen) Rechtsvertreters fehlen (A16 S. 19). Schliesslich bestätigte der Beschwerdeführer am Ende der Anhörung unterschriftlich, dass ihm das Protokoll Satz für Satz vorge- lesen und in eine verständliche Sprache rückübersetzt worden sei, dass das Protokoll vollständig sei und seiner freien Äusserung entspreche (A16 S. 19). Darauf muss er sich behaften lassen, wesh alb die diesbezügliche Rüge fehlschlägt. 3.5 Die Rüge, das gesamte Verfahren sei von einer einzigen amtsinternen Person des SEM zu begleiten, welche schliesslich auch die Verfügung er- lasse, fusst weder im beschleunigten noch im erweiterten Verfahren auf einer gesetzlichen Grundlage, was vom Rechtsvertreter in seiner Replik vom 27. Juni 2016 denn auch nicht bestritten wird. Zudem ist den zitierten Textstellen aus dem Protokoll vom 28. Januar 2015 nicht mehr zu entneh- men, als dass zu diesem Zeitpunkt die Erhebung des wesentlichen Sach- verhalts für die befragende Person als abgeschlossen erschien . Dies schliesst weitere Instruktionsmassnahmen seitens des SEM nicht aus. 3.6 Die Vorbereitungsphase im VZ Zürich dient unter anderem dazu, die notwendigen Vorabklärungen und erste Verfahrensschritte zu tätigen. So werden die Personalien und biometrische Daten erhoben, Fingerabdrücke, Fotografien und Altersgutachten (Art. 17 Abs. 3bis AsylG) erstellt, Beweis- mittel sowie Reise- und Identifikationspapiere überprüft und herkunfts- und identitätsrelevante Abklärungen getroffen (Art. 16 Abs. 2 TestV). Daneben umfasst die Vorbereitungsphase auch die Befragung zur Person (BzP , Art. 16 Abs. 3 TestV). Die hierzu aufgeführten Behandlungsfristen sollen dem berechtigten Anliegen nach einem raschen Asylverfahren Rechnung tragen (vgl. Botschaft zur Änderung des Asylgesetzes vom 3. September 2014, BBl 2014 7991, 8031). Indes gilt zu betonen, dass die Nichteinhal- tung einer solchen Ordnungsfrist , welche den Zeitraum einer Amtshand- lung festlegt, nicht automatisch eine peremtorische Wirkung hat; das heisst, sie hat weder eine Gutheissung noch eine Abweisung des Gesuchs zur Folge ( vgl. BBl 2014 7991 , 8015; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 257). S chliesslich sollen Verfügungen erst dann erlassen werden, wenn alle notwendigen Sachverhalts abklärungen vorgenommen worden sind (vgl. Art. 12 und Art. 49 Bst. b VwVG). Demzufolge sollen Asylgesuche nicht im beschleunigten Verfahren behandelt werden, wenn namentlich weitere umfangreichere Abklärungen notwe ndig sind (Art. 19 TestV; vgl. BBl 2014 7991, 8015). Zudem besteht kein gesetzlicher Anspruch auf Be- handlung eines Asylgesuchs innerhalb oder ausserhalb von Testphasen (Art. 4 Abs. 3 TestV). E-3105/2016 Seite 8 3.6.1 Gemäss BVGE 2015/10 wurden in früheren Verfahren neben den landeskundlichen-kulturellen Kenntnissen üblicherweise auch die sprachli- chen Fähigkeiten der asylsuchenden Person von Experten geprüft (sog. „Lingua-Analysen“); in jüngster Zeit hat die Fachstelle Lingua Herkunfts- analysen unter dem Titel „Evaluation des Alltagswissens“ – ebenfalls durch amtsexterne Sachverständige erstellt – in Auftrag gegeben, die auf landes- kundlich-kulturelle Elemente (ohne linguistische Komponente) beschränkt sind. Schliesslich kann die Herkunft der asylsuchenden Person auch von einem amtsinternen Mitarbeiter im Rahmen eines eigens dafür vorgesehe- nen Gesprächs über die Landeskunde des Heimatstaates abgeklärt wer- den („Test Alltagswissen“, vgl. ebenda E. 5.1). Diese sind durchaus mitei- nander vergleichbar, wenn die Abklärungen in einer für das Gericht trans- parenten Weise in den Akten festgehalten werden und es somit überprüfen kann, ob die Vorinstanz ihrer Untersuchungs - und Begründungspflicht nachgekommen ist (vgl. ebenda E. 5.2.1 und 5.2.2.1 f.). Im Fall der Abklä- rung des Länder- und Alltagswissens von Asylsuchenden im Rahmen einer Anhörung durch die Vorinstanz („Test Alltagswissen“) müssen demnach aus ihren Akten die Quellen erkennbar sein, welche ihre getroffene Schlussfolgerungen belegen (vgl. ebenda E. 5.2.2.2 und 5.2.3.2). Sind sol- che Mindestanforderungen nicht erfüllt, ist der vorinstanzliche Entscheid in der Regel aufzuheben und die Sache zur korrekten Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (vgl. ebenda E. 5.2.3.1). – Aus diesen Ausführungen ist erkennbar, da ss eine solche Herkunfts- analyse, welche wegen des Fehlens von Identitätsnachweisen vorge- sehen ist, eine anspruchsvolle Aufgabe bedeutet, für welche auch die Experten eine gewisse Vorbereitungszeit benötigen. Es ist offensicht- lich, dass mit solchen tiefergehenden Abklärungen die Ordnungsfrist von Art. 16 Abs. 1 TestV überschr itten wird. Das SEM hat daher zu Recht – um weitergehende ALS einfache herkunfts- und identitätsspe- zifische Abklärungen (Art. 16 Abs. 2 TestV) treffen zu können – den Be- schwerdeführer dem Verfahren ausserhalb der Testphasen zugeordnet (Art. 19 TestV). 3.7 Zusammenfassend wurden keine Verfahrensfehler festgestellt. Im Wechsel des Beschwerdeführers in das Verfahren ausserhalb der Testpha- sen kann daher kein Nachteil erkannt werden. D as Begehren, die Verfü- gung vom 3. Februar 2015 (Zuweisung in das erweiterte Verfahren) sei auf- zuheben, ist demnach abzuweisen. E-3105/2016 Seite 9 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. Im BVGE 2014/12 präzisierte das Bundesverwaltungsgericht seine Praxis gemäss EMARK 2005 Nr. 1 dahingehend, dass bei Personen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder verheimlichen, vermu- tungsweise davon auszugehen sei, dass keine flüchtlings - oder wegwei- sungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ihren bisherigen Auf- enthaltsort bestünden; denn die Abklärungspflicht der Asylbehörden finde ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Für asyl- suchende Personen tibetischer Ethnie, welche unglaubhafte Angaben über ihren angeblichen Sozialisierungsraum in China machen und vermutungs- weise im Exil, vorab in Indien oder Nepal, gelebt hätten, bestünden grund- sätzlich folgende mögliche Konstellationen bezüglich der Staatsangehörig- keit: a. Besitz der chinesischen Staatsangehörigkeit ohne Aufenthaltsbewilli- gung in Nepal oder Indien (blosse Duldung im betreffenden Drittstaat); b. Besitz der chinesischen Staatsangehörigkeit mit entsprechender Auf- enthaltsbewilligung im Drittstaat Nepal oder Indien; c. Besitz der Staatsangehörigkeit von Nepal oder Indien (mit dem damit einhergehenden Verlust der chinesischen Staatsangehörigkeit). E-3105/2016 Seite 10 Daraus ergebe sich folgendes Prüfschema: Besitzt die betreffende Person die chinesische Staatsangehörigkeit und verfügt sie gleichzeitig über eine Aufenthaltsberechtigung im Drittstaat Nepal oder Indien (Konstellation b) oder wird die Person im betreffenden Drittstaat zumindest gelduldet (Kons- tellation a), wäre eine Prüfung der Drittstaatenregelung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG durch die As ylbehörden möglich, vorausge- setzt die asylsuchende Person legt den schweizerischen Behörden alle Fakten im Verfahren dar. Bei der Konstellation b dürften im Regelfall die Voraussetzungen der Drittstaatenregelung gegeben sein. Hat die asylsu- chende Person di e Staatsangehörigkeit von Nepal oder Indien erlangt (Konstellation c), besitzt sie die chinesische Staatsangehörigkeit nicht res- pektive nicht mehr, da sie gemäss chinesischer Rechtslage durch den Er- werb einer anderweitigen Staatsbürgerschaft die chinesisch e Nationalität verliert. Diesfalls wäre die Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf Nepal be- ziehungsweise Indien zu prüfen. Vermutungsweise gelte, dass die asylsu- chende Person im Land ihrer (neu erlangten) Staatsangehörigkeit keine asylrelevante Gefährdung zu befürchten hat, wenn sie keine entsprechen- den Vorbringen glaubhaft vorträgt (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.8). Zusammen- fassend wurde demnach festgestellt, dass für Angehörige der tibetischen Ethnie sowohl in Nepal als auch in Indien die Möglichkeit bestehe, unter gewissen Bedingungen eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten bezie- hungsweise dass es unter engen Voraussetzungen auch möglich sei, die entsprechende Staatsangehörigkeit zu erwerben, womit infolge Erwerbs einer neuen die chinesische Staatsangehörigkeit unt ergehe. Allerdings müsse davon ausgegangen werden, dass ein grosser Teil der in Nepal und Indien lebenden Exil-Tibeterinnen und -Tibeter keine neue Staatsangehö- rigkeit erworben hätten und nach wie vor chinesische Staatsangehörige seien. Verunmögliche eine tibetische asylsuchende Person durch die Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht allerdings die Abklärung, welchen effektiven Status sie in Nepal respektive in Indien innehabe, könne aber namentlich keine Drittstaatenabklärung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden. Im Übrigen werde durch die Verheimlichung und Verschleierung der wah- ren Herkunft auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Person in Bezug auf ihr effektives Heimatland verunmöglicht (BVGE 2014/12 E. 5.9 f.). E-3105/2016 Seite 11 6. 6.1 Die Vorinstanz begründete ihre negative Verfügung vom 20. April 2016 dahingehend, dass es sich beim Beschwerdeführer um eine Person tibeti- scher Herkunft handle, welche aber zur Hauptsache ausserhalb des er- wähnten Herkunftsgebietes sozialisiert worden sei. Da bei stützte sie sich vor allem auf die „Evaluation des Alltagswissens“ vom 4. Mai 2015 (A28), anlässlich welcher der Beschwerdeführer mangelhafte geografische, all- tägliche sowie kulturelle Kenntnisse ausgewiesen habe. An dieser Schluss- folgerung vermöge auc h das als Einladung zu einem (…)wettbewerb im (…) 2010 bezeichnete Papier nichts zu ändern, insbesondere weil nicht nachgewiesen sei, ob der darin genannte Adressat und die Person des Be- schwerdeführers identisch seien. Diesbezüglich sei auffallend, dass die in diesem Papier enthaltenen Angaben zum Herkunftsort des Adressaten nicht mit denjenigen des Beschwerdeführers überein stimmen würden. Zu- dem sei festzuhalten, dass ein solches Schriftstück aufgrund der in China verbreiteten Korruption leicht erwerbbar s ei. Auch könn ten den drei mit Bleistift angefertigten Zeichnungen keine weitergehenden Informationen über den Beschwerdeführer entnommen werden. Mittels der Stellung- nahme vom 5. August 2015 sei es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, stichhaltige Argumente gegen die Erkenntnisse der erwähnten Evaluation anzubringen. Nachdem die Herkunft gemäss der Expertise nicht den Angaben des Be- schwerdeführers entspreche, sei nicht davon auszugehen, dass der Be- schwerdeführer behördlich gesucht sei (Art. 7 AsylG). Diese Feststellung werde durch die pauschalen, vagen und sich widersprechenden Aussagen des Beschwerdeführers während der Befragung beziehungsweise Anhö- rung erhärtet. 6.2 Demgegenüber hielt der Rechtsvertreter in seiner Beschwerde vom 18. Mai 2016 fest, dass das SEM sich an die Einschätzung des Experten der „Evaluation des Alltagswissens“ vom 4. Mai 2015 halte und folglich von der Unglaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers ausgehe (Art. 7 AsylG). Weiter wurde – wie auch schon in der Stellungnahme vom 5. August 2015 – kritisiert, dass eine Sprachanalyse fehle, weshalb davon auszugehen sei, dass der Experte des Dialekts des Beschwerdeführers nicht mächtig sei. Im Weiteren wurde auf die Stellungnahme vom 5. August 2015 verwiesen, gemäss welcher die Qualifikation des Experten in Frage zu stellen sei. Ausserdem mute die Qualität der Fragen unbeholfen an, da der Beschwerdeführer detailliert über das Schulsystem befragt worden sei, obwohl er doch schon von Beginn an erklärt habe, er sei nie zur Schule E-3105/2016 Seite 12 gegangen. Auch sei darauf hinzuweisen, dass der Experte Tibet bereits vor (…) Jahren verlassen habe und sich in dieser Zeit auch beispielsweise Bierpreise beziehungsweise Telefonkosten verändert haben dürften. Wei- ter sei auch die Herkunftsabklärung (während der Anhörung) gebührend zu würdigen. 6.3 Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 17. Juni 2016 fest, dass die Experten anzuweisen seien, sich jeweils entweder auf die Evaluation der Herkunft eines Probanden aus einem geografisch festgesetzten Gebiet gemäss dessen Angaben oder aber auf die Analyse der von ihm gespro- chenen Sprache zu beschränken. Diese Trennung der geografischen und sprachlichen Evaluation sei vorliegend eingehalten worden . Aufgrund der sorgfältig und nachvollziehbar erstellten Herkunfts-Analyse zur vom B e- schwerdeführer angegebenen geografischen Herkunftsregion erübrige sich im vorliegenden Fall ein zusätzlicher Auftrag einer sprachlichen Ana- lyse des Dialekts des Beschwerdeführers. 6.4 Der Rechtsvertreter hielt in seiner Replik vom 27. Juni 2016 nochmals fest, dass nicht nachvollziehbar sei, weswegen das SEM nochmals eine geografische Evaluation habe durchführen lassen, nachdem schon in der Anhörung das landeskundliche Wissen abgeklärt worden sei. Vielmehr hätte eine sprachliche Lingua-Analyse erfolgen sollen. Zudem sei das SEM nur mit wenigen Worten auf die Stellungnahme vom 5. August 2015 einge- gangen. 7. 7.1 Mit der Beanstandung der „Evaluation des Alltagswissens“ vom 4. Mai 2015 rügt der Rechtsvertreter eine unvollständige Sachverhaltsfeststel- lung, welche vorweg zu prüfen ist, da ein allenfalls ungenügend abgeklärter Sachverhalt eine materielle Behandlung verunmöglichen würde (vgl. dazu E. 3.3). 7.2 Hinsichtlich der gerügten Verwertbarkeit der „Evaluation des Alltags- wissens“ sei auf das bereits Gesagte (E. 3.6.1) verwiesen. Die Lingua-Ana- lyse und die „Evaluation des Alltagswissens“ erlauben dem Gericht – bei Einhaltung der gebotenen Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Experten sowie die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit – zuverlässig ermitteln zu können, inwiefern die asylsuchende Person hinreichende Angaben über das behauptete Heimat- land machen konnte. Da bei der neu eingeführten Methode der Herkunfts- abklärung für Asylsuchende tibetischer Ethnie im Rahmen einer Anhörung E-3105/2016 Seite 13 des SEM – anders als bei der Lingua-Analyse respektive der „Alltagswis- sensevaluation“ – kein amtsexterner Sachverständiger mitwirkt, sind die zutreffenden Antworten zudem mit Informationen zum Herkunftsland (Country of Origin Information [COI]) – vorliegend Tibet – zu belegen. Dabei hat sich die Vorinstanz an den grundlegenden Standards, die bei der Be- schaffung, Aufbereitung und Präsentation von COI gelten, zu orientieren (vgl. dazu BVGE 2015/10 E. 5.2.2.2 sowie Referenzurteil des Bundesver- waltungsgerichts E-5846/2014 vom 4. August 2015 E. 5.2). Zudem ist der befragten Person das rechtliche Gehör zu unrichtigen Angaben zu gewäh- ren. Diese Anforderungen wären vorliegend ohne die „Evaluation des All- tagswissens“ nicht erfüllt gewesen, weshalb die diesbezügliche Rüge fehl- schlägt. 7.3 Die Qualifikation der mit der „Evaluation des Alltagswissens“ betrauten Person erscheint vorliegend nicht zweifelhaft (A30). Sprachliche Verstän- digungsschwierigkeiten habe es während des Interviews nicht gegeben (A28 S. 1). Auch besteht kein Anlass, die Objektivität und die Ne utralität der in Frage stehenden Person zu bezweifeln. Dass das Dorf B._______ nicht gefunden werden könne, so der Analyst beispielsweise, wolle nicht heissen, es existiere nicht (A28 S. 1). Ferner werden auch wiederholt zu- treffende Aussagen des Beschwerdeführers zitiert. Dass gewisse Aussa- gen des Beschwerdeführers eher streng bewertet wurden – wie z.B. dass der Lohn vom Verhandlungsgeschick des Malermeisters und nicht des Auf- traggebers abhänge (A28 S. 3) oder dass E._______, wo man den Pass beantragen könne, kein Dorf sei (A28 S. 3) –, vermag die Objektivität und Neutralität des Experten ebenfalls nicht zu erschüttern. Auch lässt die Ver- mutung, seit Ausreise des Experten aus dem Tibet hätten sich die Bier- preise sowie die Biersorten verändert, nicht ohne Weiteres den Schluss zu, der Experte sei nicht kompetent, da er sich auch vom Ausland aus über den letzten Stand der Preise informieren kann. Die weitere Mutmassung, es seien während des Interviews nur Fragen all- gemeiner Natur gestellt worden, muss verneint werden. So wurde der Be- schwerdeführer beispielsweise über seine Heimatregion und deren Touris- musaktivitäten (A28 S. 1), über seine Ausbildung beziehungsweise Tätig- keit als Thangka-Maler (A28 S. 2) und über sein Mobiltelefon befragt. Fra- gen über die allgemeine Schulbildung im Tibet wurden meist korrekt beant- wortet und dementsprechend vom SEM zur Kenntnis genommen (A31). Nach einer gesamtheitlichen Betrachtung erscheint der Bericht vom 4. Mai 2015 als grundsätzlich verwertbar, zumal der Beschwerdeführer im Rah- men der Gewährung des rechtlichen Gehörs (A31) mit seinen aus der Sicht E-3105/2016 Seite 14 des Experten abweichenden Aussagen weitgehend konfrontiert wurde. Die Schlussfolgerungen des Interviews wurden demgemäss nicht lediglich in einer Zusammenfassung dargelegt, ohne der be troffenen Person die ihr vorgeworfenen Falschangaben effektiv erkennbar zu machen. Die Min- destanforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutra- lität der sachverständigen Person wie auch an die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit sind dementsprechend erfüllt (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1). 7.4 Ferner wurde moniert, dass das SEM den Beschwerdeführer zweimal in landeskundlich-kultureller Hinsicht habe prüfen lassen, während demge- genüber eine Sprachanalyse unterlassen worden sei . Wie in BVGE 2015/10 (vgl. E. 3.6.1 und E. 7.2) festgestellt wurde, enthalten die „Evalu- ationen des Alltagswissens“, wie sie in jüngster Zeit (wie auch vorliegend) in Auftrag gegeben werden, keine linguistische Komponente. Freilich hätte die alleinige Anhörung vom 28. Januar 2015 (A16) den Anforderungen an eine gerichtliche Überprüfbarkeit der vorinstanzlichen Sachverhaltserhe- bung nicht ausgereicht und wäre zur korrekten Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen worden. Infolgedessen war es durchaus sinnvoll, eine Evaluation durch einen Experten durchfüh- ren zu lassen. Eine linguistische Analyse wäre indes beispielsweise dann sinnvoll, wenn der Experte aus den Antworten auf geografische Fragen keine Schlüsse ziehen könnte. Dass das SEM darauf verzichtet hat, ist nicht zu beanstanden. 7.5 Der asylrelevante Sachverhalt wurde nach dem Gesagten richtig und vollständig durch die Vorinstanz erhoben. Von einer Rückweisung der Sa- che an das SEM ist daher abzusehen. Auch wurde die Stellungnahme vom 5. August 2015 in der Entscheidbegründung genügend berücksichtigt, muss sich die Vorinstanz doch nicht mit jedem Argument detailliert ausei- nandersetzen. 8. 8.1 Eventualiter wurde die Flüchtlingseigenschaft unter Gewährung der vorläufigen Aufnahme beantragt (Art. 54 AsylG). Da die Vorinstanz die ille- gale Ausreise des Beschwerdeführers aus dem Tibet als unglaubhaft er- achtet, folgt zunächst die Prüfung der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen (Art. 7 AsylG). 8.2 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genüge nd substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in E-3105/2016 Seite 15 vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asyl- suchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder ver- fälschte Beweismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit- wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bede utet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuch- stellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Ge- richt von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftma- chung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar- stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel- len (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). 8.3 Wie bereits festgestellt wurde, ist die Verwertbarkeit der „Evaluation des Alltagswissens“ vom 4. Mai 2015, in welche r festgestellt wurde, dass die Wahrscheinlichkeit klein sei, dass der Beschwerdeführer im behaupte- ten geografischen Raum gelebt habe (A28), nicht in Frage zu stellen. Da- neben kommt aber den weiteren Unglaubhaftigkeitsaspekten betreffend Herkunft, Staatsangehörigkeit, Reiseumstände und Verfolgungsvorbringen ebenfalls Gewicht zu. Die korrekte Auswertung eines Alltagswissenstests ist keineswegs für sich allein der zentrale Dreh- und Angelpunkt der Ent- scheidfindung, mit dem die flüchtlings - und wegweisungsrechtliche Beur- teilung steht oder fällt. Vielmehr handelt es sich um einen Argumentations- strang unter mehreren gleichwertigen (vgl. Urteil des Bundesverwaltungs- gerichts E-6850/2013 vom 13. Januar 2015. E. 6.1). Der Beschwerdeführer hat während des gesamten Verfahrens keine Iden- titätspapiere eingereicht, obwohl er eine Identitätskarte besessen habe (bis sie auf der Flucht im Frühling 2014 vernichtet worden sei ; A14 S. 7; A16 F. 29 ff.). Ferner existiere ein Familienbüchlein (A14 S. 7; A16 F. 33 ff.). Der Beschwerdeführer erwähnte zwar, dass es keine Möglichkeiten gebe, E-3105/2016 Seite 16 seine Verwandtschaft auf dem Land telefonisc h zu kontaktieren (A16 F. 28). Angesichts der Tatsache, dass der Beschwerdeführer ein Apple-Mo- biltelefon im Tibet benutzt habe (A28 S. 3), mutet dies jedoch eigenartig an. Die eingereichten Beweismittel – die Einladung zu einem (…)wettbe- werb sowie die drei Zeichnungen (A17) – beweisen, wie das SEM bereits feststellte, die angegebene Identität nicht. Hinsichtlich seiner Ausreise gab der Beschwerdeführer an, s ein Bruder habe einen Tongfu (chinesische LKW-Marke) mit (…) Personen angehalten und mit diesen gesprochen. Dann sei der Beschwerdeführer nichtwissend, was dafür bezahlt worden sei, in den Tongfu eingestiegen und habe auf der Ladefläche Platz genommen. Danach seien sie – um 5.00 oder 6.00 Uhr – abgefahren und hätten erst nach (…) Stunden gehalten (mutmasslich in H._______, A14 S. 8). Nachdem der Tongfu geöffnet worden sei, habe eine Person den Beschwerdeführer in eine Herberge gebracht, wo er verpflegt worden sei und sich habe ausruhen können . Früh am nächsten Morgen habe dieselbe Person den Beschwerdeführer abgeholt , worauf sie zu- nächst eine halbe Stunde durch einen Wald gegangen seien und nach ei- ner Flussüberquerung in einem Restaurant angekommen seien (A14 S. 8; A16 F. 41 ff.). Nach (…) Stunden Fahrt seien sie abends in Nepal ange- kommen (A14 S. 8). Er habe auf dem ganzen Weg keine Ortsschilder ge- sehen, aber sie hätten einen Pass überquert (A16 F. 41). Diese Umschrei- bung der Flucht wirkt konstruiert und erscheint realitätsfremd. 8.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass de m Beschwerdeführer ge- glaubt wird, dass er tibetischer Ethnie ist, seine Vorbringen hinsichtlich des Ortes der hauptsächlichen Sozialisation und der illegalen Ausreise aus Ti- bet aber insgesamt der Glaubhaftigkeit entbehren. Folglich ist es ihm man- gels glaubhafter Hinweise nicht gelungen, für den Zeitpunkt seiner Aus- reise eine individuelle asylrechtlich relevante Verfolgung, die er in begrün- deter Weise künftig zu befürchten habe, nachzuwei sen oder glaubhaft zu machen. 9. 9.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). E-3105/2016 Seite 17 9.2 Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvoll- zugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersuchungspflicht fin- det aber, wie bereits vorstehend ausgeführt (vgl. E. 5), ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers. Es ist nicht Sache der Behör- den, bei fehlenden Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshinder- nissen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Der Beschwerde- führer hat die Folgen seiner fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort, da er keine konkreten, glaubhaften Hinweise geliefert hat, die gegen eine entspre- chende Rückkehr sprechen würden. In Übereinstimm ung mit der Dispositivziffer 5 der angefochtenen Verfü- gung ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass für alle Exil-Tibeterinnen und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach China im Sinne von Art. 45 Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen wird, da ihnen dort geg ebenenfalls Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn beziehungsweise eine men- schenunwürdige Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.11). 9.3 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich die für eine Rückkehr allenfalls benötigten Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist. 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblich en Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg- lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuwei- sen. 11. 11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hätte der Beschwerdeführer die Kosten des vorliegenden Verfahrens zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Verfügung vom 3. Juni 2016 hat das Bundesverwaltungsgericht dem Ge- such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung stattgegeben. Demzufolge ist der Beschwerdeführer von der Bezahlung der Verfahrens- kosten befreit (Art. 65 Abs. 1 VwVG). E-3105/2016 Seite 18 11.2 Am 3. Juni 2016 bestellte das Bundesverwaltungsgericht den Rechts- vertreter als amtlichen Rechtsbeistand (Art. 110a Abs. 1 AsylG). Die Kos- tennote vom 27. Juni 2016 weist einen Gesamtbetrag von Fr. 3‘340.- auf, wobei auch die Stellungnahme vom 5. August 2015 des vorinstanzlichen Verfahrens in Rechnung gestellt wurde. Dieser ausgewiesene Aufwand so- wie der Stundenansatz (Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE) erscheinen nicht vollumfänglich angemessen beziehungsweise notwendig im Sinne von Art. 64 Abs. 1 VwVG. Unter Berücksichtigung der massgebenden Be- messungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) und der Entschädigungspraxis in Ver- gleichsfällen ist der zeitliche Vertretungsaufwand für das Beschwerdever- fahren auf insgesamt 7 Stunden (à Fr. 150.-, vgl. Verfügung 3. Juni 2016) festzusetzen. Als amtliches Honorar sind demzufolge Fr. 1‘090.- (inkl. Aus- lagen) zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) E-3105/2016 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand lic. iur. Dominik Löhrer wird vom Bundes- verwaltungsgericht ein Honorar von Fr. 1‘090.- zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Patricia Petermann Loewe Versand: