A bteilung II B -1298/2006 {T 1/2} U rteil vom 25. M ai 2007 M itw irkung: R ichter: H ans-Jacob H eitz (vorsitzender R ichter), R ichter Jean-Luc Baechler, R ichter Frank Seethaler; G erichtsschreiberin Katharina W alder Salam in. W interthur Schw eizerische Versicherungsgesellschaft, G eneral G uisan- Strasse 40, Postfach 357, 8401 W interthur, Beschw erdeführerin gegen B undesam t für Privatversicherungen B PV, Schw anengasse 2, 3003 Bern, Vorinstanz betreffend Vorlagepflicht von Tarifen und A llgem einen Vertragsbedingungen in der kollektiven K rankentaggeldversicherung nach Versicherungsvertrags- gesetz B u n d e s v e rw a ltu n g s g e ric h t T rib u n a l a d m in is tra tif fé d é ra l T rib u n a le a m m in is tra tiv o fe d e ra le T rib u n a l a d m in is tra tiv fe d e ra l2 Sachverhalt: A. M it Verfügung vom 30. Juni 2006 stellte das Bundesam t für Privatversiche- rungen (im Folgenden: BPV) gestützt auf das G esuch der W interthur Schw eizerische Versicherungsgesellschaft (im Folgenden: W interthur) vom 22. M ai 2006 fest, die kollektive Krankentaggeldversicherung nach dem Versicherungsvertragsgesetz vom 2. April 1998 (VVG , SR 221.229.1) gelte als Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicherung im Sinne von Art. 4 Abs. 2 Bst. r des Versicherungsaufsichtsgesetzes vom 17. D ezem - ber 2004 (VAG , SR 961.01). D ie kollektive Krankentaggeldversicherung nach VVG unterstehe som it der Pflicht zur vorgängigen G enehm igung von Tarifen und Allgem einen Versicherungsbedingungen durch das BPV. Einer allfälligen Beschw erde gegen diese Feststellungsverfügung entzog das BPV die aufschiebende W irkung. B. G egen diese Verfügung reichte die W interthur am 24. Juli 2006 Beschw er- de bei der Eidgenössischen R ekurskom m ission für die Aufsicht über die Privatversicherung ein und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei festzustellen, dass Art. 4 Abs. 2 Bst. r VAG nicht auf die kollektive Krankentaggeldversicherung nach dem Versicherungs- vertragsgesetz anw endbar sei. C . D as BPV liess sich am 2. N ovem ber 2006 innert erstreckter Frist zur Be- schw erde der W interthur vernehm en. Es beantragte die Abw eisung der Beschw erde unter Kostenfolge. D . D ie W interthur hielt in ihrer R eplik vom 14. D ezem ber 2006 an den Be- schw erdeanträgen fest. Am 4. Januar 2007 ergänzte sie ihre R eplik innert laufender Frist. E. M it Schreiben vom 25. Januar 2006 teilte das Bundesverw altungsgericht den Parteien den Spruchkörper für die Beurteilung der Beschw erde m it. Es lud das BPV ein, sich bis zum 15. Februar 2007 nochm als zur in der Beschw erde aufgew orfenen zentralen Frage zu äussern. F. M it Brief vom 12. Februar 2007 verzichtete das BPV auf das Einreichen einer D uplik. Es hielt an seinen bisherigen Anträgen und Ausführungen fest. G . Am 23. Februar 2007 stellte das Bundesverw altungsgericht der W interthur das Schreiben des BPV vom 12. Februar 2007 zu und schloss dam it den Schriftenw echsel ab. D as B undesverw altungsgericht zieht in Erw ägung: 1.1 D ie Verfügung des BPV vom 30. Juni 2006 w urde bei der R ekurskom m is- sion für die Aufsicht über die Privatversicherung angefochten, w elche bis zum Inkrafttreten des Verw altungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VG G , SR 173.32) am 1. Januar 2007 zur Beurteilung der Streitsache sachlich und funktionell zuständig w ar (vgl. Art. 83 VAG in der bis zum 1. Januar 2007 gültigen Fassung, AS 2005 5269). 3 G em äss Ü bergangsbestim m ungen des Verw altungsgerichtsgesetzes über- nim m t das Bundesverw altungsgericht, sofern es zuständig ist, die Beurtei- lung der beim Inkrafttreten des Verw altungsgerichtsgesetzes bei Eid- genössischen R ekurskom m issionen hängigen R echtm ittel. D ie Beurteilung erfolgt nach neuem Verfahrensrecht (vgl. Art. 53 Abs. 2 VG G ). D as Bun- desverw altungsgericht beurteilt gem äss Art. 31 VG G Beschw erden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. D ezem ber 1968 über das Verw altungsverfahren (Vw VG , SR 172.021). D ie Beschw erde ist zulässig gegen Verfügungen der D epartem ente und der ihnen unterstellten D ienststellen der Bundesverw altung (vgl. Art. 33 Bst. d VG G ). D ie Verfü- gung des Bundesam tes für Privatversicherungen vom 30. Juni 2006 stellt eine Verfügung im Sinne von Art. 5 Vw VG dar, und das Bundesam t für Pri- vatversicherungen ist eine D ienststelle im Sinne von Art. 33 Bst. d VG G . D as Bundesverw altungsgericht ist dam it für die Behandlung der vorliegen- den Beschw erde zuständig. 1.2 N ach Art. 48 Abs. 1 Bst. a-c Vw VG ist zur Beschw erde berechtigt, w er am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom m en hat, durch die angefochtene Ver- fügung besonders berührt ist und ein schutzw ürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat. 1.2.1 D ie W interthur hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom m en und ist als Verfügungsadressatin von der angefochtenen Verfügung besonders be- rührt. D ie Erfordernisse von Art. 48 Abs. 1 Bst. a und b vw VG sind dam it erfüllt. 1.2.2 D ie vorliegende Beschw erde richtet sich gegen eine Feststellungsverfü- gung. Anspruch auf Erlass einer Feststellungsverfügung besteht gem äss Art. 25 Abs. 2 Vw VG , w enn der G esuchsteller ein schutzw ürdiges Interes- se an der Feststellung über Bestand, N ichtbestand oder U m fang von R echten und Pflichten nachzuw eisen verm ag. Ein schutzw ürdiges Interes- se liegt vor, w enn der G esuchsteller ohne die verbindliche und sofortige Feststellung des Bestandes, N ichtbestandes oder U m fangs öffentlich- rechtlicher R echten oder Pflichten G efahr liefe, dass er für ihn nachteilige M assnahm en trifft oder günstige M assnahm en unterlassen w ürde. D ie Feststellungsverfügung kann nicht abstrakte, theoretische R echtsfragen zum G egenstand haben, sondern nur konkrete R echte oder Pflichten (vgl. Alfred Kölz/Isabelle H äner, Verw altungsverfahren und Verw altungsrechts- pflege des Bundes, 2. A., Zürich 1998, S. 75). Für die W interthur ist Klarheit in der Frage w ichtig, ob sie in der kollektiven Krankentaggeldversicherung nach VVG die Tarife und die allgem einen Vertragsbedingungen (AVB) der Aufsichtsbehörde zur G enehm igung vor- zulegen hat. Sie verfügt som it über ein schutzw ürdiges Interesse an der Feststellung oder Verneinung dieser Vorlagepflicht. Aus der Bejahung dieses Feststellungsinteresses ergibt sich, dass die Be- schw erdeführerin ebenfalls ein schutzw ürdiges Interesse im Sinne von Art. 48 Abs. 1 Bst. c Vw VG an der Aufhebung oder Änderung der angefochte- nen Verfügung hat. Sie ist dam it beschw erdeberechtigt.4 1.3 D ie übrigen Beschw erdevoraussetzungen bezüglich der Beschw erdefrist und der Form sind erfüllt (vgl. Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 Vw VG ). Auf die Beschw erde ist daher einzutreten. 2. Im vorliegenden Fall ist streitig, ob die kollektive Krankentaggeldversiche- rung nach VVG eine Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversiche- rung ist und als solche der präventiven Tarifkontrolle gem äss Art. 4 Abs. 2 Bst. r VAG untersteht. D ie W interthur m acht dazu im W esentlichen geltend, m it der Abschaffung der präventiven Tarifkontrolle unterstünden die Produkte des Privatversicherungsrechts nicht m ehr der vorgängigen G enehm igungspflicht. N eben der Vorinstanz, die zum Schluss kom m t, diese Versicherungen unterstünden der präventiven Tarifkontrolle durch die Aufsichtsbehörde, spricht sich auch das Bundesam t für Justiz in seiner schriftlichen Auskunft zuhanden der Vorinstanz vom 25. April 2006 dafür aus, diesen Versicherungtyp in die G enehm igungspflicht nach Art. 4 Abs. 2 Bst. r VAG einzubeziehen. 2.1 Seit Inkrafttreten des Versicherungsaufsichtsgesetzes am 1. Januar 2006 unterstehen nicht m ehr alle Produkte der Versicherungsunternehm en der präventiven Tarifkontrolle. N ach Art. 4 Abs. 2 Bst. r VAG sind einzig die Tarife und AVB der Versicherungen in den sozial sensiblen Bereichen der beruflichen Vorsorge und der Zusatzversicherungen zur sozialen Kranken- versicherung Bestandteil des genehm igungspflichtigen G eschäftsplans. Beabsichtigt das Versicherungsunternehm en eine Änderung dieser Tarife und AVB, hat es die Änderung gem äss Art. 5 Abs. 1 VAG vorab der Auf- sichtsbehörde zu unterbreiten. D ie Aufsichtsbehörde prüft gestützt auf Art. 38 VAG und aufgrund der vorgelegten Tarifberechnungen, ob sich die vorgesehenen Präm ien in einem R ahm en halten, der einerseits die Solvenz der einzelnen Versicherungseinrichtungen und andererseits den Schutz der Versicherten vor M issbräuchen gew ährleistet. D iese Bestim - m ung ist als Ausnahm e von der R egel der nachträglichen Produktekont- rolle zu verstehen. Sie w urde in den parlam entarischen Beratungen in das G esetz aufgenom m en und verfolgt den Zw eck einer verschärften Aufsicht im G ebiet derjenigen Versicherungen, die den Sozialversicherungen nahe stehen und - m it R ücksicht auf deren soziale Bedeutung - einen besonde- ren Schutz der Versicherten vor m issbräuchlichen Produkten verlangen (vgl. Am tl. Bull. S 2003 1225 f. , Am tl. Bull. N 2004 381 f. sow ie R olf H . W eber und Patrick U m bach, Versicherungsaufsichtsrecht, Bern, 2006, S. 163 f.). 2.2 D as Bundesgesetz vom 18. M ärz 1994 über die Krankenversicherung (KVG , SR 832.10) regelt die obligatorische Krankenpflegeversicherung (vgl. Art. 1a KVG ). N eben der D urchführung der obligatorischen Kranken- pflegeversicherung ist es den Krankenkassen und den gestützt auf Art. 11 Bst. b KVG als Krankenversicherer zugelassenen privaten Versicherungs- unternehm en m öglich, Zusatzversicherungen anzubieten, w elche den von der G rundversicherung angebotenen Leistungskatalog ergänzen (vgl. Art. 12 Abs. 2 KVG ). So bieten beispielsw eise die H albprivat- und Privat- versicherungen dem Versicherten im Falle eines stationären Spital- aufenthalts einen höheren Kom fort als die G rundversicherung, die lediglich 5 die Kosten für eine stationäre Behandlung in der allgem einen Abteilung eines Spitals übernim m t (vgl. Art. 25 Abs. 2 Bst. e KVG ). D iese Zusatz- versicherungen unterstehen dem Versicherungsvertragsgesetz und sind dam it G egenstand des Privatversicherungsrechts (vgl. Art. 12 Abs. 3 KVG ). D ie Eigenheit dieser Zusatzversicherungen ist, dass sie die Leistungen der obligato-rischen G rundversicherung gem äss KVG m it zu- sätzlichen versicherten Leistungen ergänzen. D iese Zusatzversicherungen w eisen daher im m er einen Bezug zur sozialen Krankenpflegeversicherung auf. Ihre Ausge-staltung als die G rundversicherung ergänzende Versiche- rungen hat den G esetzgeber dazu bew ogen, diese Versicherungsprodukte w eiterhin der präventiven Tarifkontrolle zu unterstellen. 2.3 Bei der kollektiven Krankentaggeldversicherung nach dem VVG handelt es sich um eine Versicherung, die ein Arbeitgeber abschliesst, um sich gegen die Folgen der gesetzlichen Lohnfortzahlungspflicht bei unverschuldeter Verhinderung des Arbeitnehm ers an der Arbeitsleistung infolge Krankheit, U nfall, etc. zu versichern (vgl. Art. 324a O R ). Es handelt sich um eine selbständige, um fassende Versicherung des Privatversicherungsrechts, die den Arbeitgeber gegen den Schaden versichert, w elcher ihm im Falle eines krankheitsbedingten Ausfalls seiner Angestellten entstehen kann. D iese Versicherung ist nicht als Sozialversicherung ausgestaltet. Sie stellt auch keine Zusatzversicherung zur obligatorischen Krankenpflegeversi- cherung im oben ausgeführten Sinn dar. Bei der kollektiven Taggeldversi- cherung nach VVG handelt es sich vielm ehr um eine freiw illige Privatver- sicherung. 2.4 Im Ergebnis ist som it festzustellen, dass die kollektive Krankentaggeld- versicherung nach dem Versicherungsvertragsgesetz nicht unter die Be- stim m ung von Art. 4 Abs. 2 Bst. r VAG fällt, sondern den allgem einen R egeln der Versicherungsaufsicht und dam it der nachträglichen Produkte- kontrolle untersteht. M it dieser Kontrolle ist dem Schutz der Versicherten vor m issbräuchlichen Produkten ausreichend R echnung getragen. Auf- grund dieses Ergebnisses ist der Beschw erdeführerin R echt zu geben, w enn sie sich auf den Standpunkt stellt, dass sie seit Inkrafttreten des VAG am 1. Januar 2006 nicht m ehr verpflichtet ist, die Tarife und AVB der kollektiven Krankentaggeldversicherung nach dem VVG dem BPV zur vor- gängigen Tarifgenehm igung einzureichen. D ie angefochtene Verfügung ist daher aufzuheben. 3. Bei diesem Verfahrensausgang sind der Beschw erdeführerin keine Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 Vw VG ). D er von ihr am 25. August 2006 an die Eidgenössische R ekurskom m ission geleistete Kostenvorschuss von Fr. 1'000.-- ist ihr zurückzuerstatten. D a die Beschw erdeführerin nicht anw altlich vertreten ist, hat sie keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (vgl. Art. 64 Abs. 1 Vw VG ). 6 D em nach erkennt das B undesverw altungsgericht: 1. D ie Beschw erde w ird gutgeheissen und die Verfügung des Bundesam tes für Privatversicherung vom 30. Juni 2006 w ird aufgehoben. 2. Es w ird festgestellt, dass die kollektive Krankentaggeldversicherung nach dem Versicherungsvertragsgesetz nicht der präventiven Tarifkontrolle und der Pflicht zur Vorlage der Allgem einen Versicherungsbedingungen ge- m äss Art. 4 Abs. 2 Bst. r VAG untersteht. 3. Es w erden keine Verfahrenskosten erhoben. D er W interthur Schw eizeri- sche Versicherungsgesellschaft ist der am 25. August 2006 an die Eidge- nössiche R ekurskom m ission für die Aufsicht über die Privatversicherung geleistete Kostenvorschuss von Fr. 1'000.-- zurückzuerstatten. 4. D ieses U rteil w ird eröffnet: - der Beschw erdeführerin (m it G erichtsurkunde) - der Vorinstanz (m it G erichtsurkunde) D er vorsitzende R ichter: D ie G erichtsschreiberin: H ans-Jacob H eitz Katharina W alder Salam in R echtsm ittelbelehrung G egen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, Beschw erde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten geführt w er- den (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BG G , SR 173.110]). D ie R echtsschrift ist in einer Am tssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung m it Angabe der Bew eism ittel und die U nterschrift zu enthalten. D er angefochtene Entscheid und die Bew eism ittel sind, sow eit sie der Beschw erdeführer in H änden hat, beizulegen (vgl. Art. 42 BG G ). Versand am : 1. Juni 2007