B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3675/2021 U r t e i l v o m 1 2 . N o v e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Mia Fuchs (Vorsitz), Richterin Roswitha Petry, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), und das Kind B._______, geboren am (…), Afghanistan, beide vertreten durch Joël Müller, Rechtsanwalt, Rechtsschutz für Asylsuchende, (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 23. Juli 2021 / N (…). D-3675/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a C._______, der Ehemann von A._______ (nachfolgend Beschwerde- führerin), hält sich seit dem 13. Januar 2020 in der Schweiz auf und wurde mit Verfügung vom 21. Oktober 2020 vorläufig aufgenommen. A.b Die griechischen Behörden ersuchten die Schweiz im Rahmen eines Dublin-Verfahrens am 20. Oktober 2020 um Übernahme der Beschwerde- führerin und ihrer Tochter. Die schweizerischen Behörden stimmten diesem Ersuchen am Folgetag zu. A.c Am 20. Mai 2021 reiste die Beschwerdeführerin mit ihrer Tochter auf dem Luftweg von Griechenland in die Schweiz und stellte gleichentags ein Asylgesuch. B. B.a In Anwesenheit ihrer zugewiesenen Rechtsvertreterhin hörte das SEM die Beschwerdeführerin am 7. Juli 2021 zu ihren Asylgründen an. Bei der Rückübersetzung erlitt sie einen Zusammenbruch, war nicht mehr an- sprechbar und verlor das Bewusstsein. Die Anhörung musste daher abge- brochen werden. In der Folge wurde die Beschwerdeführer in auf den 14. Juli 2021 ein weiteres Mal vorgeladen. Anlässlich dieses Termins wurde die Rückübersetzung abgeschlossen und es wurden einige ergänzende Fragen gestellt. B.b Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie stamme au s dem Dorf D._______ (Distrikt E._______, Provinz F._______) und habe mit ihren El- tern und Geschwistern zusammengelebt. Sie sei weder zur Schule gegan- gen noch habe sie einen Beruf erlernt. Schon von Geburt an seien sie und ihr heutiger Ehemann C._______ einander versprochen gewesen. Eine Zeit lang habe sich C._______ im Iran aufgehalten und nach seiner Rück- kehr hätten sie sich mehrmals getroffen, manchmal auch heimlich auf dem Estrich ihres Hauses. Schliesslich habe C._______ bei ihrer Familie um ihre Hand angehalten. Ihr Vater und ihr Bruder G._______ hätten dies aber in aller Deutlichkeit abgelehnt. Stattdessen hätte sie H._______, den Sohn ihrer Tante mütterlicherseits, heiraten sollen. Dieser sei jedoch viel zu alt gewesen, habe ständig Haschisch geraucht und seine schwangere Frau so stark geschlagen, dass sie verstorben sei. Zudem habe sie C._______ geliebt und ihn heiraten wollen. Ein oder zwei Tage nach dem abgelehnten Heiratsantrag sei ihre Tante zu ihrer Familie gekommen mit Blumen in den Händen, was auf eine Brautwerbung hinweise. Bevor sie gegangen sei, sei D-3675/2021 Seite 3 sie zu ihr gekommen, habe ihr Schokolade und Zuckerperlen über den Kopf gestreut und gesagt, es sei schön, dass man sie ihnen für H._______ gegeben habe. Sie habe nicht gewusst, was dies bedeute, zumal keiner sie gefragt habe, ob sie diesen Mann wolle. Am folgenden Tag habe sie mit C._______ sprechen können und ihm alles erzählt. Sie habe gesagt, s ie werde sich umbringen, wenn sie H._______ heiraten müsse, und er habe ihr versprochen, dass er etwas unternehmen werde. Ihre Mutter habe sie auf dem Estrich reden gehört und sei hochgekommen. Bei ihrer Ankunft sei C._______ zwar bereits weg gewesen , die Mutter habe aber vermutet, dass sie mit ihm geredet habe. Sie habe sie an den Haaren gepackt, in ihr Zimmer geworfen und eingesperrt. Am Abend sei G._______ zu ihr gekom- men, habe sie stark geschlagen und ihr Fusstritte versetzt sowie ihren Kopf gegen die W and geschlagen. Zudem habe er gedroht, wenn er sie und C._______ noch einmal zusammen sehe, werde er sie beide töten. Danach habe sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen und nur in Begleitung ihrer Schwester das Bad aufsuchen dürfen. Einige Tage später sei ihr Bruder gekommen und habe ihr eröffnet, dass sie H._______ zur Braut gegeben worden sei und bald ein Fest stattfinde . Kurz darauf sei C._______ Schwester zu B esuch gekommen, habe sie beiseite genommen und ihr gesagt, sie solle sich in der Nacht bereithalten, um gemeinsam mit C._______ zu fliehen. Mitten in der Nacht sei sie in den Estrich gegangen, habe dort C._______ angetroffen und sei mit ihm über das Dach nach draussen gelangt. Mit dem Auto seien sie in den Iran gereist , wo sie sich etwa fünf oder sechs Jahre aufgehalten hätten. Da sie über keine Doku- mente verfügt hätten, habe die Gefahr bestanden, dass sie verhaftet und ausgeschafft würden. Aus diesem Grund seien sie schliesslich nach Eu- ropa weitergereist. Abschliessend brachte die Beschwerde führerin vor, dass sie in der Schweiz die Entscheidung getroffen habe, keiner Religion mehr anzugehören. C. Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 23. Juli 2021 stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerinnen erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht. Es lehnte ihre Asylgesuche ab und wies sie aus der Schweiz weg. Gleich- zeitig ordnete es wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme an und beauftragte den Kanton I._______ mit deren Umsetzung. D. Die Beschwerdeführerinnen erhoben – handelnd durch ihren Rechtsvertre-D-3675/2021 Seite 4 ter – mit Eingabe vom 16. August 2021 Beschwerde gegen diesen Ent- scheid. Darin beantragten sie, die Dispositivziffern 1-3 der angefochtenen Verfügung seien aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, sie als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen Erhebung des Sachverhalts und zur Neubeurtei- lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Ver- zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E. Die Instruktionsrichterin forderte die Beschwerdeführerinnen mit Verfügung vom 20. August 2021 auf, eine Fürsorgebestätigung nachzureichen. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen. F. Mit Eingabe vom 25. August 2021 reichten die Beschwerdeführerinnen eine Unterstützungsbestätigung der (…) vom 25. August 2021 zu den Ak- ten. G. Die Vorinstanz liess sich mit Schreiben vom 1. September 2021 zur Be- schwerde vom 16. August 2021 vernehmen. H. Mit Zwischenverfügung vom 6. September 2021 hiess die Instruktionsrich- terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem räumte sie den Beschwerdeführerinnen die Möglichkeit ein, eine Replik einzureichen. I. Die Beschwerdeführerinnen liessen mit Schreibe n vom 14. September 2021 eine Replik zu den Akten reichen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den D-3675/2021 Seite 5 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [SR 142.318] ; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freihei t sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen D-3675/2021 Seite 6 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, es gelinge der Beschwerdeführerin nicht, ihre Vorbringen glaubhaft zu machen. So habe sie angegeben, sie habe sich jeweils heimlich mit C._______ getroffen. Ihre diesbezüglichen Aussagen seien jedoch wenig konkret und substanz- arm ausgefallen und sie habe sich insbesondere nicht daran erinnern kön- nen, wie oft sie sich getroffen hätten und was sie unternommen habe, um diese Treffen geheim zu halten. Als vage erwiesen sich auch die Ausfüh- rungen zu ihrem Gespräch mit C._______, bei welchem sie von ihrer Mut- ter überrascht worden sei. Zwar habe sie mehrere Passagen in direkter Rede dargelegt und einige Details erwähnt. Insgesamt hätten die Aussa- gen aber nicht die Qualität , welche eine erlebnisbasierte Schilderung er- warten lassen würde. Generell wiesen ihre Angaben wenig Tiefe auf und liessen Realkennzeichen weitgehend vermissen. Zudem habe sie ausge- führt, ihre Familie sei mit der Heirat mit C._______ nicht einverstanden ge- wesen, weil ihr Bruder die Tochter ihrer Tante mütterlicherseits habe heira- ten wollen, weshalb sie im Gegenzug deren Sohn hätte heiraten sollen. C._______ habe dagegen im Rahmen seine r Anhörung erklärt, dass die Mutter seiner Ehefrau mit der dritten Heirat des Vaters nur unter der Bedin- gung einverstanden gewesen sei, dass die Beschwerdeführerin H._______ heirate. Diese selbst habe jedoch die Frage, ob die dritte Ehe- frau des Vaters etwas mit der geplanten Heirat mit H._______ zu tun ge- habt habe, ausdrücklich verneint. Sodann habe die Beschwerdeführerin angegeben, dass sie gesehen habe, wie C._______ mit seiner Schwester, seinem Schwager und seiner Tante gekommen sei, um bei ihrer Familie um ihre Hand anzuhalten. Demgegenüber habe C._______ ausgeführt, er sei mit zwei seiner Schwestern und seinem Schwager zu ihrer Familie ge- kommen. Auch die Angaben der Beschwerdeführerin zu H._______ sowie dazu, wie sie von der geplanten Heirat und den von ihrer Familie getroffe- nen Vereinbarungen erfahren habe, seien vage und unsubstanziiert geblie- ben. Namentlich habe sie sich nicht daran erinnern können, ob bereits ein Datum für die Hochzeit festgelegt worden und ob es zu direkten Begeg- nungen zwischen ihr und H._______ gekommen sei. Sie habe dies damit erklärt, dass die Ereignisse weit zurücklägen und sie vergesslich geworden sei. Ferner habe sie angegeben, Afghanistan im Frühling verlassen zu ha- ben, während C._______ ausgeführt habe, sie seien im Herbst ausgereist. D-3675/2021 Seite 7 Insgesamt erwiesen sich die Aussagen der Beschwerdeführerin zu wesent- lichen Aspekten als vage, undifferenziert und teilweise widersprüchlich. Gemäss Erkenntnissen der Gedächtnispsychologie bleibe das Kernge- schehen von wichtigen autobiografischen Ereignissen im Ge dächtnis län- gerfristig abrufbar, weshalb Angaben dazu auch noch möglich sein sollten, wenn diese schon einige Zeit zurücklägen. Schliesslich sei festzuhalten, dass das Verhalten der Beschwerd eführerin bei der Anhörung – bei der Rückübersetzung habe sie das Bewusstsein verloren – auf ein Trauma hin- deuten könnte. Eigenen Angaben zufolge habe sie bereits in Griechenland zwei Anfälle dieser Art erlitten und es lasse sich erkennen, dass Situationen von Stress und Angst bei ihr offenbar starke körperliche Reaktionen aus- lösten. Sie habe sich in der Schweiz aber nicht in psychologische oder psy- chiatrische Behandlung begeben. Es lasse sich nicht abschliessend beur- teilen, wie es zu diesem mutmasslichen Trauma gekommen sei. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen sei jedoch nicht davon auszugehen, dass sie ein solches unter den von ihr vorgebrachten Umständen erlitten habe. Zudem habe sie bei der Anhörung ausreichend Gelegenheit erhalten, sich frei zu äussern. Auf Nachfrage habe sie mehrfach den Willen bekundet, mit der Anhörung respektive Rückübersetzung fortzu fahren. Zwar könn ten in den Aussagen traumatisierter Personen gewisse Unstimmigkeiten und Lü- cken auftreten. Bei sich grundlegend widersprechenden Angaben und sol- chen von tiefer Qualität hinsichtlich des Kerngeschehens könne hingegen auch bei Vorliegen eines möglichen Traumas nicht leichthin von einem Er- lebnisbezug ausgegangen werden. Vor diesem Hintergrund gelinge es der Beschwerdeführerin – unter Berücksichtigung ihrer persönlichen U m- stände – nicht, ihre Vorbringen glaubhaft zu machen. Des Weiteren habe sie zum Ende der Anhörung hin erklärt, sie gehöre kein er Religion mehr an. In ihrem Umfeld habe niemand Kenntnis davon, abgesehen von ihrem Ehemann. Bereits im Heimatstaat habe sie religiöse Handlungen als Zwang erlebt. Der Auslöser für die Abwendung vom Islam sei das Verhalten ihres Vaters – eines Geistlichen – gewesen, der sich selbst nie an das ge- halten habe, was er den Leuten in der Moschee gepredigt habe. Es sei ihr offenbar über viele Jahre hinweg möglich gewesen, den islamischen Nor- men entsprechend zu leben und ihre persönliche Haltung zur Religion für sich zu behalten. Den Akten se i nicht zu entnehmen, dass dies zu einem unerträglichen psychischen Druck geführt hätte. Unabhängig von der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens erweise sich ihre geltend gemachte Apostasie daher als nicht asylrelevant. 4.2 In der Beschwerdeschrift wurde dargelegt, dass die Beschwerdeführe- rin zu den Treffen mit C._______ konsistente Angaben gemacht habe. Sie D-3675/2021 Seite 8 habe erklärt, er sei manchmal regulär zu ihnen ins Haus gekommen und habe sie zudem ab und zu heimlich auf dem Estrich getroffen. Es sei nach- vollziehbar, dass sie die genaue Anzahl der Treffen nicht habe nennen kön- nen, zumal diese vor rund zehn Jahren stattgefunden hätten. Die Feststel- lung der Vorinstanz, sie habe nicht dargelegt, wie sie die Treffen geheim gehalten hätten, erweise sich als aktenwidrig. So habe sie ausgeführt, dass sie sich nur getroffen hätten, wenn ihre Eltern und ihr Bruder nicht im Haus gewesen seien. Weiter treffe es zu, dass sie angegeben habe, C._______ sei in Begleitung seiner Schwester, seiner Tante und seines Schwagers zu ihrer Familie gegangen. Sie habe die Gruppe aber nur von Weitem gese- hen. Bei der später stattfindenden Rückübersetzung habe sie eingeräumt, dass sie ihren Ehemann nochmal gefragt und er ihr gesagt habe, er sei mit zwei Schwestern und se inem Schwager zu ihnen gekommen . Dies sei nicht als entscheidender Widerspruch zu werten, da die Beschwerdeführe- rin lediglich dargelegt habe , was sie geglaubt habe zu sehen. Offenbar habe sie sich dabei geirrt, was je nach Distanz und Sichtwinkel durchaus möglich sein könne. Die divergierenden Aussagen von ihr und C._______ zum Ausreisezeitpunkt – Frühling oder Herbst – seien höchstwahrschein- lich darauf zurückzuführen, dass die wenig gebildete und traumatisierte Beschwerdeführerin allgemein Mühe habe, sich an Daten zu erinnern. So- dann erwiesen sich die Angaben zum Gespräch mit C._______, bei dem sie von ihrer Mutter überrascht worden sei, nicht als besonders detailarm. Vielmehr entsprächen sie dem eher wortkargen Erzählstil der Beschwer- deführerin, welcher si ch über das gesamte Protokoll erstrecke. Zudem gebe sie die Geschehnisse trotz der verstrichenen Zeit in direkter Rede wieder, was als Realkennzeichen zu werten sei. Die Aussage, sie habe sich beim Auftauchen ihrer Mutter erschreckt und Angst bekommen, schil- dere ihr subjektives Empfinden, was ebenfalls auf tatsächlich Erlebtes schliessen lasse. Die Vorinstanz halte weiter fest, die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann hätten sich unterschiedlich zu den Gründen geäussert, aufgrund derer die Familie ihre Heirat abgelehnt habe. Dabei gelte es zu berücksichtigen, dass die Ereignisse mehr als zehn Jahre zurücklägen. Die Beschwerdeführerin habe diese aus ihrer Warte und gemäss ihrem Wis- sensstand geschildert. Sie habe insbesondere zu Protokoll gegeben, dass sie von einer Abmachung ihrer Eltern in diesem Zusammenhang nichts ge- wusst habe. Entsprechend habe sie darüber auch nichts berichten können. Es sei im soziokulturellen Kontext von Afghanistan nicht unüblich, dass Frauen über die Vorbereitung ihrer Zwangsheirat nich t informiert würden. Möglicherweise habe es vorliegend auch mehrere Gründe für die beab- sichtigte Vermählung mit H._______ gegeben oder die Familie habe sich D-3675/2021 Seite 9 C._______ gegenüber anders geäussert als gegenüber der Beschwerde- führerin. Ohnehin sei der Grund für sie nicht von Bedeutung gewesen, da sie hinsichtlich der Heirat mit H._______ von ihrer Familie vor vollendete Tatsachen gestellt worden sei. Die Aussagen des Ehepaars würden sich nicht widersprechen, sondern sie schilderten beide aus ihren Perspektiven, was sie – vom Hörensagen – über die Gründe der Familie für die Ableh- nung ihrer Heirat gewusst hätten. Schliesslich habe die Beschwerdeführe- rin ausgeführt, ihr sei nur gesagt worden, die Hochzeit mit H._______ werde stattfinden, ohne dass ein Datum genannt worden sei. Die s sei durchwegs plausibel und dürfe ihr nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Der Vorwurf, sie habe den Kontakt respektive die Begegnungen mit H._______ nicht substanziiert wiedergeben können, erweise sich als un- angemessen, da sie auf diese Fragen stets mit körperlichen Stresssymp- tomen reagiert habe, welche auf eine mögliche Traumatisierung hindeute- ten. Der Befragungsstil wirke empathielos und der von der Rechtsvertrete- rin angeregte Verzicht auf wiederholende Fragen in diesem Zusammen- hang sei ohne jegliche Begründung ignoriert worden. Zudem habe die Vo- rinstanz lediglich festgehalten, es sei nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin ein mögliches Trauma unter den von ihr vorgebrach- ten Umständen erlitten habe. Diese Schlussfolgerung basiere auf einer komplett unbelegten Vermutung und es sei unverständlich, weshalb sie nicht aufgrund der von ihr geschilderten Sachverhaltselemente hätte trau- matisiert werden sollen. Auch für psychologische Laien erscheine es plau- sibel, dass die drohende Zwangsheirat gepaart mit Gewalterlebnissen durch Familienangehörige eine Traumatisierung hervorgerufen haben könnte. Hierfür spreche auch, dass sie bei der Rückübersetzung das Be- wusstsein verloren und – wie sich dem Anhörungsprotokoll entnehmen lasse – auf bestimmte Fragen hin Stressreaktionen gezeigt habe. Damit habe sich die Vorinstanz überhaupt nicht auseinandergesetzt, obwohl dies als Indiz für die Glaubhaftigkeit hätte gewertet werden müssen. Sodann treffe es zwar zu, dass sie zu Protokoll gegeben hab e, sie wolle keinen Psychologen besuchen. Angesichts des Untersuchungsgrundsatzes und der klaren Hinweise auf eine Traumatisierung hätte das SEM ihr eine psy- chologische/psychiatrische Abklärung aber zumindest mit etwas mehr Druck nahelegen sollen. Schliesslich enthielten ihre Aussagen keine grundlegend widersprüchlichen Angaben und sie wiesen, trotz eher karger Aussagequalität, gewisse Realkennzeichen auf. Es sei auch – insbeson- dere angesichts der vergleichsweise langen freien Rede – nicht nachvoll- ziehbar, inwiefern ihre Ausführungen zum Kerngeschehen von besonders tiefer Qualität sein sollen. Unter Berücksichtigung des geringen Bildungs-D-3675/2021 Seite 10 grades, des Zeitablaufs von zehn Jahren sowie der mutmasslichen Trau- matisierung seien die Vorbringen als glaubhaft anzusehen. Die drohende Zwangsheirat im Kindesalter erweise sich als asylrelevant, zumal sie be- reits Opfer von Gewalttätigkeiten seitens ihrer Familie geworden sei und ihr eine Verfolgung gedroht hätte, wenn sie sich dieser widersetzt hätte. Die Vorinstanz habe di e Frage der Asylrelevanz vorliegend nicht einmal ansatzweise geprüft. 4.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, dass bei den Aussagen der Beschwerdeführerin nicht ein besonderer Detailreichtum erwartet wor- den sei, sondern vielmehr einheitliche Angaben von einer gewissen Sub- stanz. Zum Vorwurf des empathielosen Befragungsstils sei festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin bei der Anhörung mehrmals gefragt worden sei, ob sie in der Lage sei, diese fortzusetzen. Sie habe sich jeweils aus- drücklich mit der Fo rtführung der Befragung einverstanden erklärt. Das SEM stelle zudem nicht in Abrede, dass sie möglicherweise ein Trauma erlitten habe. Es bestünden aber Zweifel hinsichtlich der diesbezüglichen Umstände. Dabei sei es denkbar, dass die Anhörungssituation und die ge- stellten Fragen unabhängig von der Glaubhaftigkeit der Vorbringen spezi- fische Erinnerungen getriggert und körperliche Reaktionen ausgelöst hät- ten. Weiter stehe das SEM zwar in der Pflicht, notwendige Abklärungen vorzunehmen. Die asylsuchende Person müsse jedoch ihrerseits an der Erstellung des Sachverhalts mitwirken. Die Beschwerdeführerin habe eine psychologische oder psychiatrische Behandlung abgelehnt und es sei nicht Sache des SEM, sie gegen ihren Wunsch zu einer solchen Abklärung zu drängen. Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass die Asylrelevanz bei fehlender Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht geprüft werden müsse. 4.4 In der Replik wurde daran festgehalten, dass der Befragungsstil der Anhörung empathielose Züge aufgewiesen und es die Vorin stanz zu Un- recht unterlassen habe, die Bewusstlosigkeit der Beschwerdeführerin als Anhaltspunkt für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu würdigen. Die Aus- führungen in der Vernehmlassung, wonach es nicht Aufgabe des SEM sei, asylsuchende Personen zu psycho logischen oder psychiatrischen Abklä- rungen zu drängen, zeuge ebenfalls von wenig Fingerspitzengefühl. Es sei offenkundig, dass die Beschwerdeführerin traumatisiert sein könnte, wes- halb sie hätte darauf hingewiesen werden sollen, dass eine medizinische Abklärung sowohl in ihrem Interesse als auch im Interesse einer korrekten Sachverhaltserstellung liege. Schliesslich treffe es zwar zu, dass die Asyl- relevanz von Vorbringen, deren Glaubhaftigkeit bezweifelt werde, nicht ge-D-3675/2021 Seite 11 prüft werden müsse. Dieses Vorgehen sei indessen einerseits aus mensch- licher Sicht zu hinterfragen, da es für die betroffene Person weitaus härter sei, wenn ihr nicht geglaubt werde, als wenn ihr aufgrund der gesetzlichen Lage kein Schutz geboten werden könne. Andrerseits sei es schwer ver- ständlich, dass die Vorinstanz sich trotz der in der Beschwerde vorgebrach- ten Argumente, welche für die Glaubhaftigkeit sprechen, nicht einmal im Rahmen der Vernehmlassung zur Asylrelevanz geäussert habe. 5. Vorab ist festzuhalten, dass der Sachverhalt vorliegend als vollständig er- stellt zu erachten ist. Zwar trifft es zu, dass das Verhalten der Beschwer- deführerin und der Umstand, dass sie bei der Anhörung zusammenbrach und das Bewusstsein verlor, auf eine Traumatisierung hinweist. Indessen hat die Vorinstanz sie durchaus auf die Möglichkeit einer psychologischen Behandlung angesprochen. Daraufhin führte die Beschwerdeführerin aus, sie sei in Griechenland etwa ein Jahr lang zu einem Psychologen gegan- gen und habe die Erfahrung gemacht, dass sie dies eher gequält als ihr Lösungen gebracht habe (vgl. SEM -Akte 10 96805-24/30 [ nachfolgend Akte 24] F150). Zudem war die damalige Rechtsvertreterin gemäss ihrer Eingabe vom 8. Juli 2021 der Ansicht, dass sowohl auf die Rücküberset- zung als auch auf jegliche weitere Befragung verzichtet werden sollte (vgl. SEM-Akte 1096805-20/2). Weiter machte sie mit Schreiben vom 15. Juli 2021 Anmerkungen zur – gegen ihre Anregung durchgeführten – Rück- übersetzung und hielt unter anderem fest, dass die Beschwerdeführerin nach ihren Erfahrungen in Griechenland auf keinen Fall zu einem Psychi- ater gehen möchte. Dies habe sie auch gegenüber dem Gesundheitsper- sonal dargelegt (vgl. SEM-Akte 1096805-26/2, nachfolgend Akte 26). Vor diesem Hintergrund kann der Vorinstanz nicht vorgeworfen werden, dass sie d er Beschwerdeführerin nicht mit genügend Nachdruck nahegelegt habe, sich im Interesse der Sachverhaltserstellung sowie ihrer eigenen Ge- sundheit einer psychologischen oder psychiatrischen Abklärung zu unter- ziehen. Zudem lässt das Schreiben der damaligen Rechtsvertreterin darauf schliessen, dass sie weitergehende Abklärungen für nicht notwendig oder gar schädlich für die Gesundheit der Beschwerdeführerin erachtete (vgl. Akte 26). Es erscheint denn auch – trotz vorhandenen Anzeichen für eine Traumatisierung – wenig zielführend, gegen den ausdrücklichen Willen ei- ner asylsuchenden Person eine psychiatrische Abklärung anzuordnen. Das Vorgehen des SEM erweist sich als korrekt und eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes ist zu verneinen. Zudem ist festzuhalten, dass der Befragungsstil bei der Anhörung nicht als unangemessen einzustufen ist. Vielmehr wurde die Beschwerdeführerin mehrmals gefragt, ob sie sich D-3675/2021 Seite 12 in der Lage fühle, die Anhörung fortzusetzen und weitere Fragen zu beant- worten. Dies wurde von ihr jeweils bejaht (vgl. Akte 24, F72 f., F117, F151 f. und F155 ff.). Die Fragen, welche von der Befragerin trotz der anderslau- tenden Anregung der Rechtsvertreterin (vgl. Akte 24, S. 25) gestellt wur- den, erscheinen zweckmässig, um zur Erstellung des Sachverhalts beizu- tragen. Es lässt sich teilweise nicht vermeiden, dass bei Anhörungen zu Asylgründen genaue Auskünfte zu Ereignissen erfragt werden müssen, welche für die Betroffenen äusserst schwierig zu ertragen sind. Dies war bei der Beschwerdeführerin angesichts ihrer körperlichen Stressreaktionen offensichtlich der Fall. Die Art und Weise, in welcher die Sachbearbeiterin des SEM die Fragen gestellt hat, ist jedoch nicht zu beanstanden. 6. 6.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen ei- ner Beschwerdeführerin. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge- macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völ lig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erleb- nisse betreffende, substanziierte, weitgehend widerspruchsfreie und kon- krete Schilderung de r Vorkommnisse, welche bei objektiver Betrachtung plausibel erscheint. Von unglaubhaften Ausführungen ist dagegen bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen auszugehen. Entscheidend ist, ob bei einer Gesamtbeurteilung die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung der Be- schwerdeführenden sprechen, überwiegen oder nicht. Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt eines Vor- bringens zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Umstände we- sentliche Elemente gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre- chen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2013/11 E. 5.1). 6.2 Dem Anhörungsprotokoll lassen sich verschiedene Hinweise auf eine Traumatisierung der Beschwerdeführerin entnehmen. Neben dem Zusam- menbruch bei der Rückübersetzung hat sie sich während der Befragung mehrmals an den Kopf gefasst respektive die Hände vor die Augen gehal- ten sowie geweint (vgl. Akte 24, F91, F93 f. und S. 30). Zudem liegen die geltend gemachten Ereigniss e bereits längere Zeit zurück, nachdem sie sich nach der Ausreise aus dem Heimatstaat mehrere Jahre lang im Iran aufgehalten haben will. Diesen Umständen ist bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen Rechnung zu tragen. Die Feststellung der D-3675/2021 Seite 13 Vorinstanz, dass es den Aussagen der Beschwerdeführerin an Substanz mangle, ist daher zu relativieren. Insbesondere kann nicht erwartet werden, dass ein konkretes Gespräch , welches vor annähernd zehn Jahren statt- gefunden haben soll, detailliert und unter Angabe der genauen Umstände wiedergegeben werden kann. Dies gilt auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es sich dabei um ein äusserst entscheidendes Gespräch mit ihrem heutigen Ehemann handelte, bei welchem sie von ihrer Mutter überrascht worden sei. Indessen erscheint es schwer nachvollziehbar, dass sie zu den Treffen mit C._______, welche dem Heiratsantrag voraus- gegangen seien, keine konkreteren Angaben machen kann. Die diesbe- züglichen Schilderungen erweisen sich als oberflächlich und die Beschwer- deführerin war nicht in der Lage, diese zeitlich näher einzuordnen oder de- ren Anzahl ungefähr zu bezeichnen. Auch zu den Treffen selbst konnte sie keine präzisen Angaben machen. Vielmehr erklärte sie mehrmals , sie könne sich nicht erinnern (vgl. Akte 24, F74 ff.). Das SEM führte in dieser Hinsicht zu Recht aus, dass diese Aussagen äusserst vage ausfielen und trotz der verstrichenen Zeit zu erwarten gewesen wäre, dass die Beschwer- deführerin hierzu differenziertere Angaben machen kann. 6.3 6.3.1 Von entscheidender Bedeutung erscheint vorliegend, dass die Aus- führungen der Beschwerdeführerin in wesentlichen Punkten von den Schil- derungen ihres Ehemanns abweichen. Diese widersprüchlichen Angaben lassen sich weder mit dem Zeitablauf noch mit einer möglichen Traumati- sierung erklären. Wie die Vorinstanz zu Recht ausführte, machten die bei- den etwa unterschiedliche Angaben dazu, weshalb die Familie der Be- schwerdeführerin ihre Heirat – welche seit ihrer Geburt vorgesehen gewe- sen sei – abgelehnt habe. So erklärte C._______, der Hauptgrund für die Ablehnung sei die Mutter seiner Frau gewesen. Als erste Ehefrau sei sie mit der dritten Heirat ihres Mannes nur unter der Bedingung einverstanden gewesen, dass ihre Tochter – die Beschwerdeführerin – ihrem Neffen ge- geben werde (vgl. SEM -Akten 1059957-37/25 [nachfolgend Akte 37] F124 f.). Zwar gab auch die Beschwerdeführerin an, dass ihre Mutter einen Einfluss auf den ablehnenden Entscheid ihrer Familie gehabt habe. Sie machte jedoch geltend, dass ihr Bruder G._______ beabsichtigt habe, die Tochter ihrer Tante zu heiraten. Aus diesem Grund habe er gewollt, dass sie ihrerseits deren Sohn H._______ heirate. Ihre Mutter sei damit einver- standen gewesen, dass sie den Sohn der Tante heirate, und ihr Vater habe alles getan, was die Mutter gesagt habe (vgl. Akte 24, F68 ff.). Die Frage, ob die dritte Frau des Vaters etwas damit zu tun gehabt habe, dass ihre D-3675/2021 Seite 14 Familie gegen die Heirat mit C._______ gewesen sei, verneinte die Be- schwerdeführerin dagegen ausdrücklich (vgl. Akte 24, F 71). In der Be- schwerdeschrift wurde ausgeführt, die beiden Eheleute hätten die Gründe für die Ablehnung der Heirat aus ihren jeweiligen Perspektiven geschildert, wobei die Familie ihnen gegenüber möglicherweise auch nicht dieselben Gründe angegeben habe. E s ist jedoch darauf hinzuweisen, dass C._______ angab, dass er die von ihm erwähnten Gründe von der Be- schwerdeführerin erfahren habe, als das Thema einmal im Iran zur Spra- che gekommen sei (vgl. Akte 37, F125). Folglich müssten die Ausführun- gen der Ehegatten offensichtlich übereinstimmen, zumal sie gerade nicht auf ihren jeweiligen eigenen Wahrnehmungen beruhen. Als die Beschwer- deführerin auf die abweichenden Ausführungen ihres Ehemannes ange- sprochen wurde, erklärte sie lediglich, sie habe erwähnt, dass ihre Mutter "mit denen" Vereinbarungen gehabt habe (vgl. Akte 24, F141). Bei der Rückübersetzung merkte sie an, sie habe nicht gewusst, dass ihr Vater mit ihrer Mutter so eine Abmachung gehabt habe. Vielmehr habe sie gedacht, sie würde nur deswegen H._______ gegeben, damit ihr Bruder die Tochter der Tante heiraten könne (vgl. A24, S. 25). Diese Erläuterungen vermögen die widersprüchlichen Angaben nicht zu erklären, insbesondere da C._______ angab, sein Wissen über die Pläne der Familie von der Be- schwerdeführerin erhalten zu haben. 6.3.2 Sodann hielt das SEM zutreffend fest, dass die Aussagen der Be- schwerdeführerin und ihres Ehemanns hinsichtlich der Frage, wer L etzte- ren beim Heiratsantrag begleitet habe, nicht übereinstimmen. C._______ gab bei seiner Anhörung zu Protokoll, dass er zusammen mit seinen bei- den Schwestern und seinem Schwager um die Hand der Beschwerdefüh- rerin angehalten habe (vgl. Akte 37, F24). Diese führte ihrerseits aus, sie habe gesehen, dass ihr heutiger Ehemann damals in Begleitung seiner Schwester, seines Schwagers und seiner Tante väterlicherseits gekommen sei (vgl. Akte 24, F67 und F119). Auf entsprechende Nachfrage bestätigte sie dies a usdrücklich. Als ihr die Aussage ihres Ehemannes vorgehalten wurde, meinte sie, dass sie eben nur seine Schwester, den Schwager und die Tante gesehen habe (vgl. Akten 24, F136 und F138). Bei der Rücküber- setzung – die zu einem späteren Zeitpunkt stattfand – führte die Beschwer- deführerin aus, sie habe ihren Mann nochmal gefragt und dieser habe ge- sagt, er sei tatsächlich in Begleitung seiner beiden Schwestern gekommen. Sie habe ihn damals nur von Weitem gesehen (vgl. Akte 24, S. 25). Diese Erklärung erscheint jedoch wenig überzeugend, nachdem sie bei der An- hörung mehrfach bestätigte, dass sie mit eigenen Augen geseh en habe, wie und mit wem ihr Ehemann zu ihrer Familie gekommen sei. Erst nach D-3675/2021 Seite 15 Rücksprache mit C._______ machte sie geltend, dass sie ihn nur von Wei- tem gesehen und sich offenbar getäuscht habe. Gemäss ihren Aussagen in der Anhörung will sie zudem festgestellt haben, dass er beim Hinausge- hen unzufrieden respektive unglücklich ausgesehen habe (vgl. Akte 24, F60 und F67). Es ist schwer nachvollziehbar, dass sie nah genug gewesen sein will, um die emotionale Reaktion von C._______ zu erkennen, aber zu weit entfernt, um festzustellen, wer ihn begleitet habe. 6.3.3 Weiter erklärte die Beschwerdeführerin, dass sie von ihrer Mutter bei einem Gespräch mit C._______ überrascht und in der Folge in ihr Zimmer gesperrt worden sei. Noch am gleichen Abend sei ihr Bruder G._______ zu ihr gekommen und habe sie heftig zusammengeschlagen (vgl. Akte 24, F60 S. 8). Im Rahmen seiner Anhörung erklärte C._______, dass seine Ehefrau ihm gegenüber angegeben habe, an jenem Abend sei G._______ zusammen mit H._______ und einer weiteren Person zu ihr gekommen und habe sie brutal geschlagen (vgl. Akte 37, F100). Zwar ist festzuhalten, dass die Ausführungen zu diesem Vorfall bei der Rückübersetzung zum Zusammenbruch der Beschwerde führerin führten. Es erstaunt jedoch, dass sie selbst nicht erwähnte, dass neben ihrem Bruder noch weitere Per- sonen bei diesem sehr gravierenden Vorfall dabei gewesen sein sollen. Sie korrigierte ihre diesbezügliche Aussage auch bei der zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführten Rückübersetzung nicht. 6.3.4 Ferner erklärte die Beschwerdeführerin, dass zwischen der Vorspra- che von C._______ bei ihrer Familie und ihrer gemeinsamen Ausreise nur ein paar Tage und keine ganze Woche vergangen sei (vgl. Akte 24, F66). Dies deckt sich ungefähr mit den Zeitabläufen, die sie im Rah men des freien Berichts schilderte (vgl. Akte 24, F60). Demgegenüber gab C._______ bei seiner Anhörung an, dass zwischen der Ablehnung seines Heiratsantrags durch die Familie und dem Übergriff, welchen er von Seiten des Bruders G._______ und dessen Leuten erlitten habe, etwa zwanzig Tage vergangen seien. Etwa fünf oder sechs Tage später sei die Ausreise erfolgt (vgl. Akte 37, F110 f.). Diese beiden Darstellungen sind ebenfalls nicht miteinander vereinbar. 6.3.5 Schliesslich war es der Beschwerdeführerin nicht möglich, den Zeit- punkt ihrer Ausreise näher zu bezeichnen. So führte sie aus, sie könne sich weder an das Datum noch an den Monat oder das Jahr erinnern. Einzig auf die Frage nach der Jahreszeit gab sie an, es sei "kurz vor Frühling" gewesen (vgl. Akte 24, F48 ff.). C._______ war sich seinerseits beim Jahr D-3675/2021 Seite 16 der Ausreise nicht sicher und meinte, es sei vielleicht 1391 (2012) gewe- sen. Anders als seine Ehefrau gab er indessen an, Afghanistan mit ihr ge- meinsam im Herbst verlassen zu haben (vgl. Akte 37, F31 f.). Wie das SEM zu Recht festhielt, ist die von der Beschwerdeführerin vorgebrachte Erklä- rung für die unterschiedlichen Angaben – sie habe dies von ihrer Familie so gehört – nicht nachvollziehbar (vgl. Akte 24, F134). Auch die Ausführun- gen in der Beschwerdeschrift, wonach sie höchstwahrscheinlich traumati- siert sei und allgemein Mühe habe, sich an Daten zu erinnern, erscheint wenig überzeugend. Es wird gerade nicht erwartet, dass sie ein genaues Datum angeben kann. Vielmehr sollte sie die Ausreise innerhalb des Jah- res einordnen, was sie denn auch tat, indem sie die Jahreszeit nannte. Bei der Frage nach dem Monat und de m Jahr führte sie dagegen aus, s ie könne sich nicht daran erinnern. Es ist nicht ersichtlich, weshalb sie – wenn sie auch die Jahreszeit nicht mehr gewusst hätte – dies nicht ebenfalls hätte zu Protokoll geben können. Der Umstand, dass sie eine Angabe machte, welche aber jener von C._______ diametral widerspricht, verstärkt die Zweifel an ihren Vorbringen. 6.4 Die heftige körperliche Reaktion der Beschwerdeführerin auf die Kon- frontation mit ihren Vorbringen lässt darauf schliessen, dass es in ihrer Ver- gangenheit Erlebnisse gibt, welche sie bis heute psychisch beeinträchti- gen. Es gibt klare Anhaltspunkte dafür, dass in ihrem Fall eine Traumatisie- rung vorliegen dürfte. Daraus kann jedoch – entgegen der auf Beschwer- deebene vertretenen Auffassung – nicht direkt auf den Wahrheitsgehalt der von ihr vorgebrachten Fluchtgründe geschlossen werden. Vielmehr sind zahlreiche Gründe denkbar, die zu einer Traumatisierung geführt haben könnten. Darunter fallen neben Gewalterfahrungen in der Kindheit (vgl. Akte 24, F124) auch Ereignisse auf der Flucht oder während eines länge- ren – von Unsicherheit und der Angst einer Ausschaffung geprägten – Auf- enthalts in einem Drittstaat (vgl. Akte 24, F58 f.). Zwar ist durchaus möglich, dass es die psychischen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin er- schweren, sich an die genauen Umstände ihrer Flucht zu erinnern. Die zahlreichen unterschied lichen Angaben gegenüber den Aussagen ihres Ehemannes lassen sich damit jedoch nicht erklären. 6.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass es der Beschwerdeführerin auch unter Berücksichtigung ihrer sehr wahrscheinlichen Traumatisierung nicht gelingt, ihre Asylvorbringen glaubhaft zu machen. Es kann daher nicht davon ausgegangen werden, dass sie ihren Heimatstaat aus den von ihr genannten Gründen verlassen hat. Vor diesem Hintergrund hat das SEM zu Recht darauf verzichtet, ihre Vorbringen auf die Asylrelevanz zu prüfen. D-3675/2021 Seite 17 6.6 6.6.1 Die Beschwerdeführerin machte bei der Rückübersetzung geltend, dass sie sich in der Schweiz frei fühle und daher bei der Registrierung an- gegeben habe, sie glaube an keine Religion (vgl. Akte 24, S. 25). Im Refe- renzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-4952/2014 vom 23. August 2017 wurde festgehalten, dass Personen aus Afghanistan, deren Aposta- sie öffentlich bekannt werde, begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG hätten. Es müsse daher geprüft werden, inwie- weit von einer Person vernünftigerweise erwartet werden könne, die dro- hende Verfolgung durch das eigene (diskrete) Verhalten abzuwenden, oder ob dies für sie zu einem unerträglichen psychischen Druck führe n würde (vgl. a.a.O. E. 7.5.5 f.). 6.6.2 Auf Nachfrage erklärte die Beschwerdeführerin, dass sie bereits in ihrer Heimat religiöse Handlungen wie Beten oder Fasten als Zwang erlebt habe. Sie habe gesehen, dass ihr Vater als Geistlicher das, was im Koran gesagt werde, selbst nicht befolgt habe (vgl. Akte 24, F159 f.). Zwar hat sie die endgültige Entscheidung, sich vom Islam abzuwenden, offenbar erst in der Schweiz getroffen (vgl. Akte 24, F163). Innerlich scheint sich die Be- schwerdeführerin aber bereits vor längerer Zeit – aufgrund des Verhaltens, das sie bei ihrem Vater beobachtet hatte – von der Religion entfernt zu haben. Sie machte nicht geltend, dass ihre innere Abwendung vom Islam in ihrem Heimatstaat dazu geführt hätte, dass sie aufgrund der Anpassung an die dort herrschenden islamischen Sitten und Gebräuche unter einem unerträglichen psychischen Druck gelitten hätte. Sie brachte ihre Ausreise denn auch zu keinem Zeitpunkt mit ihrer Religion respektive ihrer Ableh- nung des islamischen Glaubens in Verbindung. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass es ihr bei einer rein hypothetischen Rückkehr verun- möglicht wäre, aufgrund ihrer Abwendung vom Islam in Afghanistan ein menschenwürdiges Leben zu führen. Das betreffende Vorbringen erweist sich folglich als nicht asylrelevant. 6.7 Zusammenfassend ist fes tzuhalten, dass die Vorbringen der Be- schwerdeführerin den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht genügen sowie – hinsichtlich der Apostasie – nicht asyl- relevant sind. Die Vorinstanz hat folglich zutreffend die Flüchtlingseigen- schaft der Beschwerdeführerinnen verneint und ihre Asylgesuche abge- lehnt. 7. Lehnt das SEM ein Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt D-3675/2021 Seite 18 es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländer- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG SR 142.20]). 8.2 Die Vorinstanz hat infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerinnen in der Schweiz an- geordnet. Diese bleibt durch den vorliegenden Entscheid unberührt. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4), erübrigen sich weitere Ausführungen zur Frage der Durch- führbarkeit des Vollzugs der Wegweisung. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verl etzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist da- her abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit Instruktionsverfügung vom 6. September 2021 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen wurde, ist auf die Aufer- legung von Kosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) D-3675/2021 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die zu- ständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Regula Aeschimann Versand: