<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 119 S.551</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">551</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>119 Referendumsrecht; das obligatorische Referendum ist im Gemeindege-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>setz abschliessend geregelt und kann nicht in der Gemeindeordnung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>erweitert werden.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Departements des Innern vom 26. März 2001 in Sachen F.S.</span><br/> <span class="ft3">gegen die Einwohnergemeinde R.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Anlässlich der Einwohnergemeindeversammlung vom 18. Juni</span><br/> <span class="ft1">1999 stellte F.S. unter Traktandum "Verschiedenes" den Überwei-</span><br/> <span class="ft1">sungsantrag, wonach zwei Bestimmungen in die Gemeindeordnung</span><br/> <span class="ft1">aufzunehmen seien, damit einerseits über Verpflichtungskredite,</span><br/> <span class="ft1">welche einen bestimmten Betrag überschreiten, automatisch an der</span><br/> <span class="ft1">Urne abgestimmt werden müsse und andererseits die Versammlung</span><br/> <span class="ft1">Berichte der Delegierten zur Kenntnis nehmen müsse. Der Gemein-</span><br/> <span class="ft1">deammann hat dieses Begehren entgegengenommen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">552</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Mit Eingabe vom 7. November 2000 reicht F.S. eine Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde ein und stellt das Begehren, dass das Inkrafttreten von</span><br/> <span class="ft1">Beschlüssen der Gemeindeversammlung, die geeignet seien, den</span><br/> <span class="ft1">Finanzhaushalt der Gemeinde massgebend zu beeinflussen, auszu-</span><br/> <span class="ft1">setzen sei, bis ein an der Sommergemeinde 1999 eingebrachter, die-</span><br/> <span class="ft1">sen Themenbereich betreffender Antrag auf Ergänzung der Gemein-</span><br/> <span class="ft1">deordnung abschliessend behandelt sei. Zur Begründung bringt er im</span><br/> <span class="ft1">Wesentlichen vor, dass er unter Traktandum "Verschiedenes" der</span><br/> <span class="ft1">Gemeindeversammlung vom 18. Juni 1999 den Antrag eingereicht</span><br/> <span class="ft1">habe, die Gemeindeordnung in dem Sinne zu ergänzen, dass stark</span><br/> <span class="ft1">finanzrelevante Beschlüsse der Gemeindeversammlung dem obli-</span><br/> <span class="ft1">gatorischen Referendum unterstellt werden sollten. Seither herrsche</span><br/> <span class="ft1">zu diesem Begehren Funkstille, was in klarer Weise gegen § 28 des</span><br/> <span class="ft1">Gemeindegesetzes verstosse. Schlimmer als die formale Verletzung</span><br/> <span class="ft1">des Gesetzes finde er die sich aus den Begleitumständen aufzwin-</span><br/> <span class="ft1">gende Vermutung, dass es sich dabei nicht einfach um eine Trölerei</span><br/> <span class="ft1">handle, sondern um den Versuch, die Bürger über den Tisch zu</span><br/> <span class="ft1">ziehen.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Gemäss § 28 Abs. 1 GG ist jeder Stimmberechtigte befugt,</span><br/> <span class="ft1">der Versammlung die Überweisung eines neuen Gegenstandes an den</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat zum Bericht und Antrag vorzuschlagen. Der Gemein-</span><br/> <span class="ft1">deammann kann ein derartiges Begehren von sich aus entgegen-</span><br/> <span class="ft1">nehmen. Dies ist zulässig. Mit der Entgegennahme eines Vorschlages</span><br/> <span class="ft1">erübrigt sich eine Abstimmung über diesen. Der vom Gemeinderat zu</span><br/> <span class="ft1">prüfende Gegenstand ist auf die Traktandenliste der nächsten Ver-</span><br/> <span class="ft1">sammlung zu setzen. Ist dies nicht möglich, so sind ihr die Gründe</span><br/> <span class="ft1">darzulegen (§ 28 Abs. 2 GG). Der überwiesene Gegenstand muss in</span><br/> <span class="ft1">jedem Fall traktandiert werden. Bei einem unzulässigen Vorschlag</span><br/> <span class="ft1">darf allerdings kein materieller Beschluss gefasst werden (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Andreas Baumann, Die Kompetenzordnung im aargauischen Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinderecht, Aarau 1986, S. 352). Die Stimmberechtigten sind aber</span><br/> <span class="ft1">in jedem Fall zu informieren, aus welchen Gründen der überwiesene</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">553</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Gegenstand nicht behandelt werden kann. Ein in der</span><br/> <span class="ft1">Gemeindeversammlung eingebrachter Vorschlag muss mit dem</span><br/> <span class="ft1">übergeordneten Recht im Einklang stehen sowie in tatsächlicher und</span><br/> <span class="ft1">rechtlicher Hinsicht durchführbar sein. Ansonsten darf über den Ge-</span><br/> <span class="ft1">genstand kein Beschluss gefasst werden.</span><br/> <span class="ft1">b) Der Gemeindeammann hat den Antrag des Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rers entgegengenommen (vgl. Protokoll der Einwohnergemeinde-</span><br/> <span class="ft1">versammlung vom 18. Juni 1999). Damit gilt das Begehren als über-</span><br/> <span class="ft1">wiesen, und es entsteht die Pflicht zur Traktandierung. An der</span><br/> <span class="ft1">nächsten Gemeindeversammlung sind die Stimmberechtigten zu-</span><br/> <span class="ft1">mindest über die Gründe der Nichtbehandlung des überwiesenen Ge-</span><br/> <span class="ft1">genstandes zu informieren.</span><br/> <span class="ft1">3. Der Beschwerdeführer hat an der Gemeindeversammlung</span><br/> <span class="ft1">vom 18. Juni 1999 einen Überweisungsantrag auf die Aufnahme</span><br/> <span class="ft1">zweier neuer Normen in der Gemeindeordnung gestellt. Zum einen</span><br/> <span class="ft1">wollte er eine Bestimmung schaffen, wonach über Verpflichtungs-</span><br/> <span class="ft1">kredite, welche einen noch zu bestimmenden Betrag überschreiten,</span><br/> <span class="ft1">automatisch an der Urne abgestimmt werden soll. Das heisst, der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer verlangt die Einführung eines obligatorischen Fi-</span><br/> <span class="ft1">nanzreferendums. Die Gemeindeversammlung sollte zum anderen</span><br/> <span class="ft1">die Berichte von Delegierten der Gemeindeverbände zur Kenntnis</span><br/> <span class="ft1">nehmen. Beide Begehren sind unzulässig.</span><br/> <span class="ft1">a) Gemäss § 33 Abs. 2 GG unterliegen der Urnenabstimmung in</span><br/> <span class="ft1">allen Fällen: Erlass und Änderung der Gemeindeordnung (lit. a);</span><br/> <span class="ft1">Beschlüsse über Änderungen im Bestand von Gemeinden (lit. b)</span><br/> <span class="ft1">sowie Beschlüsse auf Einführung der Organisation mit Einwohnerrat</span><br/> <span class="ft1">(lit. c). Diese Regelung ist abschliessend. Andernfalls müsste eine</span><br/> <span class="ft1">klare Vorschrift wie bei Gemeinden mit Einwohnerrat bestehen. Dort</span><br/> <span class="ft1">wird in § 57 GG explizit vorgeschrieben, dass der Gesamtheit der</span><br/> <span class="ft1">Stimmberechtigten zum Entscheid durch die Urne von der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meindeordnung ausdrücklich bezeichnete weitere Geschäfte vorge-</span><br/> <span class="ft1">legt werden müssen. Eine analoge Bestimmung für Gemeinden mit</span><br/> <span class="ft1">Gemeindeversammlung fehlt. Daraus lässt sich ableiten, dass man</span><br/> <span class="ft1">diesen Gemeinden nicht die Möglichkeit einräumen wollte, in der</span><br/> <span class="ft1">Gemeindeordnung eine Erweiterung des obligatorischen Referen-</span><br/> <span class="ft1">dums vorzusehen. Diese Auslegung entspricht auch dem seinerzeiti-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">554</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gen Willen des Gesetzgebers. Bei den Beratungen zum Gemeinde-</span><br/> <span class="ft1">gesetz ist eine Einschränkung und nicht eine Ausdehnung des Refe-</span><br/> <span class="ft1">rendumsrechts gewünscht worden. Man wollte die Gemeindever-</span><br/> <span class="ft1">sammlung stärken. In der Versammlungsdemokratie ist das obligato-</span><br/> <span class="ft1">rische Referendum zudem ein wesensfremdes Element.</span><br/> <span class="ft1">Aus den vom Beschwerdeführer angerufenen Bestimmungen</span><br/> <span class="ft1">ergibt sich nichts Gegenteiliges. In § 16 GG sind nur die einzelnen</span><br/> <span class="ft1">Organe der Gemeinden mit Gemeindeversammlung aufgezählt. Wel-</span><br/> <span class="ft1">che Aufgaben diese zu übernehmen haben, kann daraus indes nicht</span><br/> <span class="ft1">abgeleitet werden. Mit den weiteren Zuständigkeiten der Gemein-</span><br/> <span class="ft1">deorgane in § 18 Abs. 1 lit. f GG hat der Gesetzgeber primär an die</span><br/> <span class="ft1">Zuweisung neu auf die Gemeinde zukommende Aufgaben gedacht</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Protokoll des Grossen Rates vom 12. September 1978, Votum</span><br/> <span class="ft1">Dr. Louis Lang). Hingegen geht aus den Materialien nicht hervor,</span><br/> <span class="ft1">dass mit dieser Bestimmung eine Grundlage für die Einführung des</span><br/> <span class="ft1">obligatorischen Referendums geschaffen werden sollte. Aus der</span><br/> <span class="ft1">Zuständigkeitsregelung von § 18 Abs. 1 lit. f GG kann der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer somit nichts zu seinen Gunsten ableiten. Die Einfüh-</span><br/> <span class="ft1">rung eines obligatorischen Finanzreferendums ist somit nach dem</span><br/> <span class="ft1">geltenden Gemeindegesetz nicht zulässig.</span><br/> <span class="ft1">b) In welcher Weise die Stimmberechtigten über die An-</span><br/> <span class="ft1">gelegenheiten eines Verbandes zu orientieren sind, kann nicht in der</span><br/> <span class="ft1">Gemeindeordnung einer einzelnen Gemeinde festgesetzt werden.</span><br/> <span class="ft1">Damit würde in unzulässiger Weise in die Verbandsautonomie</span><br/> <span class="ft1">eingegriffen. Es käme darüber hinaus in den Verbandsgemeinden zu</span><br/> <span class="ft1">unterschiedlichen Lösungen. Die Verpflichtung zur Information der</span><br/> <span class="ft1">Stimmbürgerinnen und Stimmbürger kann nur in den</span><br/> <span class="ft1">Verbandssatzungen selber statuiert werden.</span><br/></div> </div> </body> </html>