B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4004/2019 U r t e i l v o m 9 . A p r i l 2 0 2 1 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Richterin Mia Fuchs; Gerichtsschreiberin Teresia Gordzielik. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch MLaw Nora Maria Riss, Freiplatzaktion Zürich, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 17. Juli 2019 / N (…). D-4004/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ersuchte am 5. März 2018 in der Schweiz um Asyl. In der Folge wurde sie durch das SEM dem Testbetrieb des Verfahrenszen- trums Zürich (VZ) zugewiesen. Am 13. März 2018 wurde sie zu ihrer Per- son, ihrem persönlichen Hintergrund, ihrem Reiseweg sowie dem Verbleib ihrer Reise- und Identitätspapiere befragt. Am 27. Juni 2018 wurde sie ver- tieft zu ihren Asylgründen angehört. Nach Zuweisung ihres Gesuchs in das erweiterte Verfahren wurde sie am 26. Februar 2019 ergänzend angehört. Zur Begründung ihres Gesuchs gab die Beschwerdeführerin im Wesentli- chen an, sie sei sri -lankische Staatsangehörige tamilischer Ethnie und stamme aus B._______, Ostprovinz. Sie habe einen Bruder und eine Schwester gehabt, welche 2006 respektive 2007 den Liberation Tig ers of Tamil Eelam (LTTE) beigetreten und wohl 2009 umgekommen seien. Ihre Mutter habe nach Kriegsende von deren Tod erfahren. Die Behörden hät- ten sich gleichwohl wiederholt bei Letzterer nach den Geschwistern erkun- digt. Sie selbst (die Beschwerdeführerin) habe an verschiedenen Orten an Demonstrationen zu vermissten Personen, zum Thema Menschenrechte oder Gewalt an Frauen teilgenommen, letztmals im März 2016. Des Wei- teren habe sie im Rahmen ihrer Kirchgemeinde geholfen, Kleider und Es- sen zu sammeln und in F lüchtlingslagern zu verteilen. Im Juni 2016 habe sie in C._______ entfernte Verwandte besucht. Kurz danach sei sie dreimal von Militärangehörigen zu Hause aufgesucht und aufgefordert worden, ins Camp zu kommen. Zweimal sei sie mit ihrer Mutter gegangen und nach dem Grund für ihren Besuch in C._______ befragt und beschuldigt worden, Kontakt zu Leuten der Bewegung zu haben. Insgesamt seien sie jedoch freundlich behandelt worden. Beim dritten Mal im (…) 2016 habe ihre Mut- ter sie nicht zum Gespräch begleiten dürfen. Sie sei im Camp verhört und so schwer misshandelt sowie vergewaltigt worden, dass sie ins Kranken- haus zur Behandlung gebracht worden sei. Von dort habe sie zu einer mus- limischen Familie flüchten können und sei später bei deren Bekannten in D._______ für ein Jahr untergekommen. Sie hätten festgestellt, dass sie schwanger sei, und ihr Tabletten für einen Schwangerschaftsabbruch ge- kauft. Ihre Mutter habe nach ihrer Festnahme in einem Haus eines Pries- ters Zuflucht genommen, wo sie immer noch lebe. Die Armee habe sich bei ihr zu Hause nach ihr erkundigt. Im Februar 2018 sei sie mit Hilfe eines Schleppers über Colombo ausgereist. D-4004/2019 Seite 3 Mit dem Gesuch reichte sie einen Auszug aus dem Geburtsregister ein- schliesslich englischer Übersetzung ein. B. Am 15. März 2018 fand eine psychiatrische Konsultation statt (vgl. medizi- nischen Bericht der Praxis (…), SEM-act. A16/2). Am 16. Mai 2018 wurde die Beschwerdeführerin gynäkologisch untersucht (vgl. medizinische Infor- mation des (…), A18/3). C. Mit Verfügung vom 17. Juli 2019 – eröffnet am 18. Juli 2019 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an. D. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 8. August 2019 (Datum der Post- aufgabe) erhob die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen den ablehnenden Entscheid und beantragte sinnge- mäss, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, sie sei als Flüchtling anzuerkennen und ihr sei Asyl zu gewähren. Zumindest sei sie wegen Un- zulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die Sache zur erneuten Beurtei- lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands. Mit der Beschwerdeschrift reichte sie – neben dem Asylentscheid und einer Vollmacht – eine Kopie des Kurzberichts der Hilfswerksvertretung zur ergänzenden Anhörung ein und stellte die Nach- reichung eines Arztberichtes in Aussicht. E. Mit Zwischenverfügung vom 12. August 2019 hielt die Instruktionsrichterin fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang de s Verfahrens in der Schweiz abwarten. Zugleich forderte sie Letztere auf, innert Frist einen Nachweis über ihre Mittellosigkeit sowie den in Aussicht gestellten Arztbe- richt zu den Akten zu reichen. F. Mit Schreiben vom 22. August 2019 reichte die Beschwerdef ührerin eine D-4004/2019 Seite 4 Unterstützungsbestätigung sowie einen ärztlichen Bericht von (…), vom 10. März 2019 ein. G. Mit Zwischenverfügung vom 26. August 2019 hiess die Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Rec htsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtli- che Rechtsbeiständin ein. Zugleich lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlas- sung ein. H. Nach einmaliger Fristerstreckung nahm das S EM mit Vernehmlassung vom 18. September 2019 zur Beschwerdeschrift Stellung. I. Mit Schreiben vom 3. Oktober 2019 replizierte die Beschwerdeführerin. J. Mit Schreiben vom 7. Januar 2020 ergänzte die Beschwerdeführerin ihre Ausführungen in der Replik und äusserte sich zu den jüngsten Entwicklun- gen in Sri Lanka. Zudem wurde eine Honorarnote eingereicht. K. Mit Schreiben vom 18. März 2021 teilte die Rechtsvertreterin dem Gericht mit, sie habe zwischenzeitlich den Arbeitgeber gewechselt und sei nun für die Freiplatz Aktion Zürich tätig. Sie bestätigte, das Mandat unter der neuen Adresse weiterzuführen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für Beschwerden gegen Verfügungen auf dem Gebiet des Asyls und entscheidet regelmässig – so auch hier – endgültig (Art. 5 VwVG, Art. 31 ff. VGG, Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). D-4004/2019 Seite 5 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten ; für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über- gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden und die Beschwerdeführerin ist beschwerdelegitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Im Sinne eines Eventualantrags begehrt die Beschwerdeführerin die Rück- weisung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz. Sinngemäss rügt sie die Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie des Unter- suchungsgrundsatzes. Diese Rügen wären grundsätzlich vorab zu prüfen. Angesichts der nachfolgenden Erwägungen und des vollumfänglichen ma- teriellen Obsiegens der Beschwerdeführerin kann auf eine entsprechende Prüfung jedoch weitgehend verzichtet werden. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freihei t sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen D-4004/2019 Seite 6 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das SEM begründete seinen ablehnenden Ent scheid damit, die Be- schwerdeführerin äussere sich widersprüchlich und unklar hinsichtlich der Vorsprachen der Behörden wegen ihrer Geschwister, obschon es sich da- bei um für sie und ihr weiteres Ergehen wichtige Ereignisse gehandelt ha- ben solle (mit Hinweis auf A20 F143 und 157 ff.). Auf Nachfrage habe sie sodann erklärt, ihr sei in Haft berichtet worden, man habe sie beobachtet; sie selbst habe zuvor jedoch nichts bemerkt (mit Hinweis auf A20 F161 f.). Es sei jedoch davon auszugehen, dass sie eine Überwachu ng auf Schritt und Tritt über mehrere Jahre hinweg zumindest teilweise wahrgenommen hätte. Sodann seien auch die Angaben zum Zeitraum der Teilnahme an Protesten und zu deren Themen, namentlich der letzten Kundgebung im März 2016, unklar und widersprüchlich ausgefallen, weshalb fraglich sei, ob die Beschwerdeführerin tatsächlich und über eine längere Zeit hinweg an Demonstrationen beteiligt gewesen sei (mit Hinweis auf A20 F64 und F249 ff. oder A29 F44 ff.). Widersprüchlich seien ebenso die Vorbringen zu den Daten sowie dem Inhalt der Befragungen durch die Armee (mit Hinweis auf A20 F102, 118 ff. und 132 sowie A29 F124 ff.). Hinsichtlich der Angaben zur dritten Befragung befremde, dass sie dieser überhaupt Folge geleistet haben wolle, zumal es sich um das dri tte Verhör gehandelt habe und sie explizit aufgefordert worden sei, ohne ihre Mutter zu erscheinen. Darüber hinaus wiesen auch ihre Schilderungen zur Haft, zur Verbringung in das Spital sowie zur späteren Flucht diverse Widersprüche auf (mit Hinweis auf A20 F170 f., F183 und F202 sowie A29 F183 f., F186, F192, F71). Überdies wirke ihre Darstellung, sie habe trotz der Wache durch eine Armeeperson vor ihrem Krankenzimmer unbemerkt durch den Gang zum Spitalausgang gehen und dort in ein Tuktuk steigen können, a ngesichts des schwerwie- genden Verdachts der Armee, die Beschwerdeführerin wolle die Bewegung wieder aufbauen helfen, völlig unrealistisch. Insgesamt könne daher nicht geglaubt werden, sie sei in der dargelegten Weise durch die Armee festge- halten und vergewaltigt worden. Schliesslich liessen die medizinischen Ab- klärungen vom 16. Mai 2018 keine andere Einschätzung zu. In der Folge sei auch unglaubhaft, dass die Behörden später bei ihrer Mutter nach ihr gefragt hätten. In Anwendung der Rechtsprechung zur Prüfung sogenannter Risikofakto- ren sei festzuhalten, dass allfällige Befragungen und Kontrollmassnahmen D-4004/2019 Seite 7 bei Rückkehrenden am Flughafen in Sri Lanka und später am Herkunftsort kein asylrelevantes Ausmass erreichten. Eine Vorverfolgung habe die Be- schwerdeführerin nicht glaubhaft gemacht. Vielmehr habe sie bis Februar 2018, mithin noch fast neun Jahre nach dem Kriegsende 2009, in Sri Lanka gelebt. Allfällige, im Zeitpunkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren ver- möchten folglich kein Verfolgungsinteresse seitens der Behörden auszulö- sen und es sei nicht ersichtlich, weshalb die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in deren Fokus geraten sollte. 5.2 In ihrer Beschwerde wiederholte die Beschwerdeführerin zunächst ihre Asylvorbringen. Den Erwägungen des SEM zur fehlenden Glaubhaftigkeit hielt sie entgegen, die Armee sei sich nicht sicher gewesen, ob ihre Ge- schwister tatsächlich tot seien oder sich bei der Familie versteckten, und habe wohl deshalb bis 2011 wiederholt nachgefragt. Zudem habe sie auch Jahre nach dem Krieg Familien mit LTTE-Angehörigen aufgesucht und sie über Letztere ausgefragt. Ein Widerspruch in den Aussagen zum Zeitpunkt und Grund der Armeebesuche habe die anhörende Person anscheinend selbst nicht gesehen, zumal sie in der ergänzende n Anhörung keine Fra- gen dazu gestellt habe. Weiter habe sie (die Beschwerdeführerin) in keiner Weise vorgebracht, auf Schritt und Tritt beobachtet worden zu sein. Ihre diesbezüglichen Angaben seien dahin zu verstehen, dass sie von der Ar- mee überwacht worde n sei und diese Nachforschungen angestellt habe. In Sri Lanka herrsche eine Kultur der Überwachung – zu der nähere Anga- ben gemacht wurden –, etwa auch von digitalen Kommunikationskanälen. Es sei nicht nachvollziehbar, wie sie dies hätte bemerken können. Aus der Argumentation des SEM betreffend ihre Vorbringen zur Teilnahme an Demonstrationen werde nicht klar, worin dies es Widersprüche sehe. Ihre Aussage zum Beginn der Teilnahme an Protesten sei einfach etwas unklar formuliert und die anhörende Person habe in beiden Anhörungen nicht nochmals nachgefragt. Mit dem Hinweis auf ihre eigene Vergewalti- gung habe sie aufzeigen wollen, dass sie genau gegen solche Gräueltaten demonstriert habe. Dies erscheine auch in keiner Weise unvermittelt, son- dern sei als ein Realkennzeichen zu werten. Weiter habe sie in der ergän- zenden Anhörung erklärt, mit ihrer Familie schon seit ihrer Kindheit an ver- schiedensten Veranstaltungen gewesen zu sein, auch solchen gegen das Verschwindenlassen oder gegen Gewalt an Frauen. Auch habe sie wäh- rend dieser Anhörung nähere Angaben zum Zeitraum der Teilnahme an Kundgebungen, deren Inhalt und den Veranstaltungsorten sowie zu weite- ren Hilfsaktionen gemacht, an denen sie beteiligt gewesen sei (mit Hinweis auf A29 F44, F48-52, F54-65). D-4004/2019 Seite 8 In Bezug auf die Daten der ersten beiden Befragungen habe sie sich ohne Vorhalt und zeitnah selbst korrigiert; im Weiteren sei sie durchgehend bei den korrekten Angaben geblieben (mit Hinweis auf A20 F102, F124 f., F132 und A29 F131, F133, F149 f.) und habe diese zud em in Bezug zu einem persönlichen Ereignis, dem Verwandtenbesuch in C._______, gesetzt. In diesem Aussageverhalten könne unter Verweis auf das Handbuch des SEM kein Widerspruch gesehen werden, vielmehr spreche es für die Glaubhaftigkeit. Bezüglich des Zeitpunkts der ersten Befragung sei eben- falls kein Widerspruch erkennbar. Sie habe gesagt, um 10.30 Uhr habe sie im Militärcamp erscheinen sollen, aber nicht, die Befragung habe auch zu dieser Zeit stattgefunden. Im Weiteren habe sie schlüssig erklärt, sie habe zuerst warten müssen, sei dann befragt worden und erst zum Nachmittag wieder gegangen. Die Vorhalte des SEM zum Inhalt der Befragungen er- schienen ein wenig gesucht. In der ergänzenden Anhörung seien die Aus- sagen dazu weniger ausführlich ausgefallen, zuma l sie den Vorwurf der Verbindung zu den LTTE schon in der vertieften Anhörung erwähnt habe und mehr die Befragungsweise habe betonen wollen. Die Nachfrage nach den Geschwistern sei nebensächlich erschienen, weshalb es nachvollzieh- bar sei, dass sie diese erst in der zweiten Anhörung erwähnt habe. Im sri- lankischen Kontext sei es überdies nachvollziehbar, dass sie auch zur drit- ten Befragung gegangen sei. So sei ihr klar gewesen, dass sie bei Nicht- erscheinen festgenommen und ihr Verhalten als Zeichen der Schul d ver- standen worden wäre. Hinzukomme, dass sie unschuldig gewesen sei und die ersten beiden Befragungen «auf eine liebe Art und Weise» erfolgt seien. Hinsichtlich der Vorkommnisse in Haft sei auf die Wissenschaft und Rechtspraxis zu verweisen, wonach trau matisierte Asylsuchende häufig nicht in der Lage seien, präzise, vollständige und widerspruchsfreie Anga- ben zu den erlittenen Misshandlungen zu machen, sondern diese vermie- den oder sich nicht erinnerten. Gemäss mündlichen Aussagen des behan- delnden Therapeuten liege bei ihr (der Beschwerdeführerin) eine ausge- prägte Traumafolgestörung im Sinne einer «KPTBS» mit dissoziativen Symptomen vor. Sie leide weiter unter Flashback-Erlebnissen, einer ängst- lich-depressiven Symptomatik und an Insomnie. Den Anhörungsproto kol- len und dem Kurzbericht der Hilfswerksvertretung sei zu entnehmen, wie schwer es ihr gefallen sei, über die traumatisierenden Ereignisse zu be- richten (stocken, Erzählung abbrechen, weinen). Ihre Aussagen zum Ab- lauf der Verhöre und Misshandlungen wie auch zum Aufenthalt in den ver- schiedenen Zimmern seien chronologisch nicht immer nachvollziehbar und D-4004/2019 Seite 9 teilweise unklar. Umso mehr überrasche, dass das SEM nicht weiter nach- gefragt habe. Ihre Antwort auf die Frage, was «danach» geschehen sei, könne ebenso wenig zeitlich klar eingeordnet werden. Hier wäre es gleich- ermassen angezeigt gewesen nachzufragen, wenn das SEM ihr dies spä- ter als Widerspruch vorhalte. Dasselbe gelte für den Vorhalt über die im Raum anwesenden Personen, zumal nicht klar werde, auf welchen Z eit- raum sich ihre Antwort beziehe. Bezüglich der Aussagen zu den Begleit- personen auf dem Weg in das Spital sei darauf hinzuweisen, dass sie selbst mehrmals beschrieben habe, die Ereignisse nach den sexuellen Übergriffen nicht genau wahrgenommen zu haben (m it Hinweis auf A20 F193, F197, F199 und A29 F87). Sie habe sich physisch und psychisch in einer Ausnahmesituation befunden. Es sei daher nachvollziehbar, dass sie sich nicht mehr an dieses Detail habe erinnern können. Zwar sei ihre Flucht aus dem Spital sehr gefährlich gewesen und habe das Risiko bestanden, erwischt zu werden. Zum einen sei sie aber nur von einem Armeeangehö- rigen bewacht worden, der sie zudem nicht zu dem anderen Zimmer oder zur Toilette begleitet habe. Zum anderen sei das Spital sehr gross und es hätten sich viele Menschen dort aufgehalten. Angesichts der vielen Realkennzeichen wie spürbaren Emotionen, sponta- nen Äusserungen und Schilderungen von Gefühlen während der Ereig- nisse erscheine es äusserst unwahrscheinlich, dass sie sich die ganze Ge- schichte nur ausgedacht habe. Der Hinweis auf die gynäkologische Unter- suchung sei unbehelflich, da erlittene Vergewaltigungen, zumal nach zwei Jahren, nicht medizinisch «bewiesen» werden könnten. Da sie bereits Op- fer massiver sexueller Gewalt geworden sei, sei davon auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr erneut asylrelevanten Verfolgungshandlungen aus- gesetzt würde. Schliesslich weise sie mit mehreren Narben von ihren Miss- handlungen, der illegalen Ausreise, ihrer wiederholten Teilnahme an De- monstrationen und Hilfsaktionen sowie der LTTE-Verbindung von zwei Ge- schwistern ein Risikoprofil auf. 5.3 In seiner Vernehmlassung nahm das SEM unter Verweis auf den ärzt- lichen Bericht vom 10. März 2019 und die darin gestellte Diagnose lediglich zur Frage des Wegweisungsvollzugs Stellung. 5.4 In ihrer Replik äusserte sich die Beschwerdeführerin im Asylpunkt da- hingehend, eine PTBS beweise für sich allein nicht eine behauptete Miss- handlung, könne aber nach der Rechtsprechung als Indiz für die Beurtei- lung der Glaubhaftigkeit von V erfolgungsvorbringen im Rahmen der Be- weiswürdigung berücksichtigt werden (mit Hinweis auf BVGE 2015/11 D-4004/2019 Seite 10 E.7.2.2.). Dies sowie den eingereichten Arztbericht hätte das SEM bei der Glaubhaftigkeitsprüfung berücksichtigen müssen. 5.5 Im Schreiben vom 7. Januar 2020 brachte die Beschwerdeführerin im Asylpunkt an, seit dem Machtwechsel im November 2019 und seinen Fol- gen sowie namentlich der Entführung einer sri -lankischen Mitarbeitenden der Schweizerischen Botschaft in Colombo – zu denen sie sich näher äus- serte – habe sich die Situation in Sri Lanka weiter zugespitzt. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass abgewiesene Asylsuchende aus der Schweiz ohne Weiteres nach der Befragung am Flughafen wieder frei- gelassen würden, sondern dass ihnen Folter, Inhaftierung oder eine andere unmenschliche Behandlung drohe. Angesichts der Asylgesuchstellung und der bereits erwähnten Risikofaktoren müsse sie (die Beschwerdeführerin) befürchten, bei einer Rückkehr verfolgt zu werden. Sofern ihr nicht auf- grund Vorverfolgung Asyl gewährt würde, seien ihre Flüchtlingseigenschaft und die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs zu prüfen. 6. Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin ihre Vorbringen glaubhaft machen konnte. 6.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der vorgebrachten Sachverhaltsdarste llung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Für die Glaub- haftmachung reicht es nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar mög- lich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und über- wiegende Umstände gegen die Vorbringen sprechen (vgl. ausführlich BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2.3). 6.2 Die Beschwerdeführerin macht zunächst geltend, ihre beiden Ge- schwister seien für die LTTE aktiv gewesen und dabei umgekommen. 6.2.1 Die LTTE-Vergangenheit des Bruders und der Schwester der Be- schwerdeführerin wurde durch das SEM nicht explizit in Frage gestellt. Auch das Gericht sieht keine Veranlassung dazu, zumal ihre diesbezügli- chen Aussagen in beiden Anhörungen substantiiert, konsistent und durch- aus plausibel ausfielen (vgl. A20 F40 -47, F143-158; A29 F14 -37). Dem-D-4004/2019 Seite 11 nach ist davon auszugehen, dass sich die älteren Geschwister der Be- schwerdeführerin 2006 respektive 2007 den LTTE anschlossen und im Jahr 2009 im Krieg ums Leben kamen. 6.2.2 Soweit die Beschwe rdeführerin im Weiteren ausführte, die Armee habe sie und vor allem ihre Mutter nach Kriegsende wiederholt aufgesucht und nach dem Verbleib der beiden Kinder befragt, kann das Gericht hin- sichtlich der verschiedenen Zeitangaben der Besuche wenn überhaupt, so doch nur einen sehr schwachen Widerspruch erblicken. Die Antwort der Beschwerdeführerin in der ersten Anhörung lässt erkennen, dass sie die Frage zunächst anders als gestellt verstand (2011, vgl. A20 F150). Auf wei- tere Nachfrage der anhörenden Person erg änzte sie dann ihre Angaben (2013, vgl. A20 F152). Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass sie ihre Asylgründe nicht direkt auf diese Ereignisse zurückführte, weshalb die Aus- sagen zur Suche nach den Geschwistern eher vage ausfallen durften. 6.2.3 Sodann ist mi t der Beschwerdeführerin einig zu gehen, dass ihren Schilderungen in der ersten Anhörung – entgegen der Auffassung des SEM – nicht entnommen werden kann, sie sei über mehrere Jahre auf Schritt und Tritt überwacht worden, was sie in der Tat wohl hätte mitbe kommen müssen. Aus ihren Aussagen ergibt sich lediglich, dass sie von den Armee- angehörigen in der ersten Befragung erfuhr, sie sei beobachtet worden, und daraus auf eine ständige Beobachtung schloss (vgl. A20 F159 -161). Wie intensiv diese Überwachung tatsächlich war, ergibt sich daraus gerade nicht. So kann mit dem Beobachten auch einfach ein «im Blick behalten» gemeint gewesen sein. Dafür spricht auch die in der Beschwerdeschrift er- wähnte Kultur der Überwachung in Sri Lanka. Jedenfalls erscheint es nach dem Gesagten nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin und ihre Mutter davon nichts weiter mitbekommen haben sollen. Abgesehen davon spricht der Umstand, dass sie in diesem Punkt keine weiteren übersteiger- ten Aussagen machte, eher für die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen, dies auch unter Berücksichtigung der weiteren für die Glaubhaftmachung spre- chenden Umstände (vgl. E. 6.2 bis 6.7). 6.3 Dies gilt ebenso für die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrer Teil- nahme an Demonstrationen. Auch hier finden sich keine übertriebenen Schilderungen, welche ein allfälliges Profil schärfen sollten. So gab die Be- schwerdeführerin zunächst gar an, dass die Demonstrationen nicht gegen die Regierung gerichtet gewesen seien. Im Weiteren enthalten ihre Anga- ben zwar gewisse Inkonsis tenzen und fallen teilweise auch etwas ober- flächlich aus, namentlich im Hinblick auf die Zeiten und Orte sowie den D-4004/2019 Seite 12 Inhalt der jeweiligen Kundgebungen (vgl. A20 F249 ff.; A29 F43 ff., F233 ff.). Die recht unstrukturierten Äusserungen lassen aber eher auf di e Mü- hen der Beschwerdeführerin schliessen, sich genau zu erinnern und die verschiedenen Demonstrationen korrekt einzuordnen, was angesichts ih- rer – nach eigenen Angaben – nicht exponierten Stellung bei den Kundge- bungen und des Umstands, dass sie ihrer Teil nahme offensichtlich selbst keine weitere Bedeutung beimass, wenig verwundert. Abgesehen davon beinhalten ihre Aussagen gleichwohl diverse Realkennzeichen, etwa die Nennung konkreter Slogans, welche ihr offenbar besonders auffielen und darum in Erinnerung blieben (vgl. A29 F52). Ebenso kann gerade der un- vermittelte Einschub zu ihrer eigenen Vergewaltigung – welche, wie nach- folgend noch dargelegt wird, als glaubhaft zu erachten ist – als ein Element angesehen werden, das für das tatsächliche Erle ben der Vorbringen spricht, hier also der Teilnahme an Demonstrationen (vgl. A20 F254, F258). Insgesamt entstand über beide Anhörungen hinweg das Bild einer Person, welche nicht intensiv politisch tätig, sondern eher eine Mitläuferin war. Aus- löser der Verfolgungshandl ungen scheinen denn auch weniger die Teil- nahme an diesen Demonstrationen gewesen zu sein, als vielmehr ein Be- such bei Verwandten in C._______, der das Misstrauen der Behörden ge- weckt habe. 6.4 In der Folge bringt die Beschwerdeführerin vor, sie sei nach einem Be- such zu einer Geburtstagsfeier bei Verwandten in C._______ wiederholt durch die Armee im Camp befragt worden. 6.4.1 Die Befragungen vermochte die Beschwerdeführerin mit einer Viel- zahl von Realkennzeichen, direkter Rede und Nebensächlichkeiten zu ver- sehen, sodass der Eindruck entsteht, die Beschwerdeführerin habe das Geschilderte tatsächlich erlebt. Wie sie in ihrer Beschwerdeschrift zutref- fend einwendet, ist den Akten sodann zu entnehmen, dass sie in der ersten vertieften Anhörung von sich aus bereit s einmal Juni 2016 als zeitlichen Beginn ihrer Probleme mit der Armee erwähnte (vgl. A20 F64 ff.) und über- dies die Angaben zu den Daten der ersten Befragungen durch die Armee von sich aus korrigierte, als das SEM auf den Juli 2016 abstellte (vgl. A20 F131 f.). Im Weiteren äusserte sie sich in beiden Anhörungen substantiiert und weitestgehend konsistent im Hinblick auf die Anzahl, den Zeitraum, die Umstände und den wesentlichen Inhalt vor allem der zwei ersten Befra- gungen (vgl. A20 F102 -130; A29 F124 -148; vg l. auch Hinweise in Be- schwerdeschrift E. 5.2) und konnte auch detaillierte Angaben zum Ort der Befragungen machen (vgl. A29 F157 ff.). Dass sie dabei einmal in der ers- ten und ein anderes Mal erst in der zweiten Befragung zu ihrem Besuch in D-4004/2019 Seite 13 C._______ befragt und ihr der Vorwurf zum Kontakt mit den LTTE gemacht worden sein soll, fällt demgegenüber nicht ins Gewicht. Dies gilt umso mehr, als sich die ersten beiden Befragungen in etwa unter den gleichen Umständen und in ähnlicher Art und Weise zutrugen und zeitlich dicht auf- einander folgten, was in der Erinnerung Verwechslungen befördern kann. Weiter erweisen sich die vom SEM festgestellten Widersprüche zur ge- nauen Uhrzeit der ersten beiden Befragungen in der Tat als gesucht. Aus den Anhörungsprotokollen geht nu r hervor, dass die erste Befragung um 10.30 Uhr stattfinden sollte, die Beschwerdeführerin lange warten musste und am Nachmittag befragt wurde (vgl. A20 F102, F118 f.). Ein Wider- spruch ist darin nicht zu erblicken. Im Gegenteil dürften die Angaben, wie in der Beschwerdeschrift näher dargelegt, dahin verstanden werden, dass die Beschwerdeführerin nahezu einen halben Tag bei der Armee zu- brachte, bevor sie befragt wurde. 6.4.2 Dass die Beschwerdeführerin der Aufforderung zur dritten Befragung Folge geleistet habe, obschon sie explizit aufgefordert wurde, ohne ihre Mutter zu kommen, ist aus Sicht des Gerichts kein Hinweis auf die Un- glaubhaftigkeit des Vorbringens. Die Konsequenzen im Falle des Nichter- scheinens liessen der Beschwerdeführerin kaum eine andere Wahl. Als Al- ternative wären nur das Verstecken oder Ausreisen in Betracht gekommen, was gerade angesichts der vorangehenden zwei Befragungen, welche nach eigenem Bekunden angenehm und ohne weitere Konsequenzen ver- liefen, und dem eigenen Verständnis als nicht politisch exponiert, wohl et- was übertrieben gewirkt und seinerseits wenig überzeugt hätte. Nicht zu- letzt ist festzuhalten, dass die Angaben – jedenfalls betreffend die Auffor- derung zu dieser Befragung und wie sie mit ihrer Mutter dorthin ging – wie- derum erlebnisgeprägt, kohärent und substantiiert ausfielen (vgl. A20 F106 f., F110, F114, F164-169; A29 F156-177; zum weiteren Verlauf der Haft vgl. nachfolgend E. 6.5). 6.5 Sodann macht die Beschwerdeführerin geltend, sie sei bei ihrem dritten Besuch im Camp inhaftiert, befragt sowie schwer misshandelt und verge- waltigt worden, wobei sie auch eine bis heute sichtbare Narbe im Gesicht davon getragen habe. 6.5.1 Dazu ist festzuhalten, dass das SEM die Vorbringen zu den Miss- handlungen und namentlich den Vergewaltigungen an sich o ffenbar nicht grundsätzlich in Zweifel zog, sondern den Kontext und namentlich die Gründe dafür als unglaubhaft erachtete. Das Gericht ist seinerseits der Auf- fassung, dass die diesbezüglichen Schilderungen der Beschwerdeführerin D-4004/2019 Seite 14 – namentlich zur Anzahl der Vergewaltiger, ihrer Reaktion darauf zu Beginn und im Verlauf der wiederholten Vergewaltigungen, ihren Verletzungen und deren teilweiser Behandlung – sehr detailliert und von zahlreichen Real- kennzeichen geprägt waren, einschliesslich ihrer Gefühlsbeschrei bung und der aus den Protokollen ersichtlichen Emotionen bei der Wiedergabe der Ereignisse (vgl. A20 F102, F169 ff., insbesondere F190-192; A29 F204- 215). Demnach ist es als überwiegend wahrscheinlich zu erachten, dass sie tatsächlich wiederholt brutal ver gewaltigt wurde. Die auf vorinstanzli- cher und Beschwerdeebene eingereichten ärztlichen Berichte, gemäss de- nen die Beschwerdeführerin unter einer PTBS leidet, untermauern die Vor- bringen zu den erlittenen Misshandlungen. Auch die gut sichtbare, grosse Narbe im Gesicht lässt sich ohne weiteres mit den beschriebenen Ereig- nissen in Einklang bringen, insbesondere dem Umstand, dass die Wunde erst zu einem späten Zeitpunkt professionell verarztet wurde. 6.5.2 Zu Recht hat aber das SEM im Zusammenhang mit den Abläufen und dem Aufenthalt in Haft auf gewisse Unstimmigkeiten hingewiesen. Das Ge- richt kommt jedoch angesichts der überwiegenden Realkennzeichen zum Schluss, dass diese nicht derart gewichtig sind, dass sie zur Unglaubhaf- tigkeit der Vorbringen zu führen vermöchten. Diese lassen sich vielmehr zu einem nicht unwesentlichen Teil mit den Schwierigkeiten der Beschwerde- führerin erklären, von ihren traumatisierenden Erlebnissen zu berichten be- ziehungsweise auf ihren schlechten , nahezu apathischen Zustand nach den Vergewaltigungen. Abgesehen davon ist den Akten zu entnehmen, dass die Ausführungen zu diesem Zeitraum – abgesehen von den substan- tiierten Angaben zu den Vergewaltigungen – auch in weiteren wesentlichen Aspekten durchaus substantiiert, konstant und in sich schlüssi g blieben (anfangs Warten, dann Befragung und Schläge durch mehrere Armeean- gehörige, Verbringung in einen anderen Raum, Vergewaltigungen dort, Be- handlung von Verletzungen, namentlich jener im Gesicht, und schliesslich Verbringung ins Spital, vgl. A20 F169-202; A29 F69, F177, F181-228). Ihre divergierenden Antworten, auf welche sich das SEM massgeblich ab- stützte, bezogen sich demgegenüber auf Detailfragen (Anzahl der Perso- nen oder Verbringung in anderes Zimmer zu einem bestimmten Zeitpunkt). 6.5.3 Dies ist ebenso bezüglich der Aussagen zum Aufenthalt und der ge- glückten Flucht aus dem Spital festzustellen. Die Vorbringen zu den Verlet- zungen und den Behandlungen enthalten ihrerseits substantiierte und von diversen Realkennzeichen geprägte Angaben (Verletzung an der Wange, gerissene Vagina, Unterbauch, Beine, «schwarze Nerven») . Auch diese D-4004/2019 Seite 15 genauen Angaben lassen den Eindruck entstehen, dass die Beschwerde- führerin die geschilderten Ereignisse tatsächlich durchlebte (vgl. A20 F193, F201-218; A29 F66-101, F114-123, namentlich wiederholte Erwähnung der Probleme beim Stuhlgang). Bezüglich gewisser Unstimmigkeiten und Un- kenntnis einzelner Details ist zudem wiederum (vgl. E. 6.4) festzuhalten, dass sich die Beschwerdeführerin bei der Verbringung in das Spital und die ersten Tage dort in einer physischen und psychischen Ausnahmesituation befand. So habe sie in das Spital verbracht werden müssen, weil sie nicht mehr bei Bewusstsein beziehungsweise vollkommen apathisch gewesen sei. Vorgängig sei ihr eine Spritze verabreicht worde n, wobei sie nicht wisse, was diese enthalten habe. Aus den Akten geht überdies hervor, dass sie teilweise unter dem Einfluss von Medikamenten stand, welche offenbar ihr Bewusstsein trübten (vgl. A20 F194; A29 F87 f.). So gab die Beschwer- deführerin an verschiedenen Stellen auch zu Protokoll, nicht richtig da ge- wesen zu sein, nicht alles gesehen und mitbekommen zu haben (vgl. A20 F193, F197, F204; A29 F73, F77, F87 f.). All diese Umstände lassen die vom SEM erwähnte durchaus vorhandene Unstimmigkeit zur Frage, wer die Beschwerdeführerin ins Spital verbracht habe, in den Hintergrund tre- ten. 6.5.4 Die vorstehenden Erwägungen gelten für die weiteren Angaben zur Flucht aus dem Spital gleichermassen. In Anbetracht des desolaten ge- sundheitlichen Zustands erscheint es dur chaus nachvollziehbar, dass die zur Bewachung abgestellte Person die Beschwerdeführerin ni cht zu der erwähnten Behandlung, zu der sie überdies durch eine medizinische Be- gleitperson geführt wurde, begleitete. Weiter ist festzuhalten, dass die Be- schwerdeführerin auch ihre Gefühle, welche in ihr den Entschluss zur Flucht entfachten, plausibel darlegte, namentlich die grosse Angst auf die Information eines Arztes, nach ihrem Aufenthalt im Spital wieder an den Ort der für sie traumatischen Ereignisse zurückkehre n zu müssen (vgl. A20 F209, F216; A29 F114, F117, F226). Ebenso vermochte sie den Moment des Unbewachtseins aufgrund ihrer Schwierigkeiten beim Stuhlgang plau- sibel zu beschreiben. 6.6 Vor dem Hintergrund vorstehender Erwägungen überzeugen schliess- lich auch die Angaben der Beschwerdeführerin zu den Ereignissen bis zur Ausreise und nach diesem Zeitpunkt. So konnte sie plausibel und hinrei- chend substantiiert vortragen, dass und warum sie gerade zu einer musli- mischen Familie flüchtete, dann bei einer weiteren Fami lie untergebracht wurde und wie es ihr in der Zeit erging (vgl. A20 F219 f., F243 -247; A29 D-4004/2019 Seite 16 F102-113). Ihre Angaben insbesondere zur Schwangerschaft und zum Ab- bruch sowie zum Erhalt der Abtreibungsmedikamente sprechen als Real- kennzeichen ihrerseits für die Vorbringen (vgl. A20 F22, F258 -268; A29 F103, F108), zumal sie im sri-lankischen Länderkontext und konkret in der Situation, in welcher sich die Beschwerdeführerin befand, mit viel Scham behaftet (gewesen) sein dürfte. Auch dass sie eine längere Erholungs- phase benötigte, bevor sie schliesslich ausreiste, erscheint aufgrund der schweren Verletzungen und ihrer psychischen Verfassung, welche sie sehr eindrücklich schilderte (vgl. obenstehende Verweise auf A20 und A29), nachvollziehbar. Des Weiteren ordnen sich die Angaben zur Mutter, wo- nach diese aufgrund der Ereignisse um ihre Tochter Schutz bei einer kirch- lichen Einrichtung suchte und Letztere nicht sehr oft bei der muslimischen Familie besuchte, um die Verfolger nicht zum Aufenthaltsort der Beschwer- deführerin zu führen (vgl. A20 F226 f.; A29 F106, F113), kohärent in deren Schilderungen zum Gesamtgeschehen ein. Letztlich ist es nach dem Ge- sagten und ihrer unbewilligten Entfernung aus dem Spital sehr wahrschein- lich, dass die Beschwerdeführerin, wie von ihr dargelegt, an ihrem früheren Wohnort und bei Mutter gesucht wurde, sowohl vor als auch nach der Aus- reise. 6.7 In Würdigung aller Angaben und Beweismittel überwiegen diesen Er- wägungen gemäss trotz gewisser Einwände und Zweifel die Elemente, die für die Richtigkeit des vorgebrachten Sachverhalts sprechen. Demnach ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin wie von ihr dargelegt in das Visier der Armee geriet, mehrfach befragt, dann inhaftiert, verhört und misshandelt sowie vergewaltigt wurde. Ebenso erscheint ü berwiegend wahrscheinlich, dass sie aus der Haft in ein Spital verbracht wurde und sich von dort entfernte. In der Folge ist es schliesslich als glaubhaft zu erachten, dass die Beschwerdeführerin sich während eines Jahres von den schwe- ren Misshandlungen un d traumatischen Erlebnissen versteckt bei einer muslimischen Familie erholte und dann ausreiste. 7. Weiter ist zu prüfen, ob die glaubhaft gemachten Vorbringen als asylrecht- lich relevant im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG zu erkennen sind. 7.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von be- stimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr D-4004/2019 Seite 17 die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf- gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu werden drohen, und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 200 7/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2, je m.w.H.). 7.2 Die Beschwerdeführerin konnte darlegen, dass sie wegen des Ver- dachts der LTTE-Nähe vor ihrer Ausreise ernsthaften Nachteilen, nament- lich einer Inhaftierung sowie Misshandlungen und Vergewaltigungen in die- ser Zeit, ausgesetzt war. In Anbetracht der Schwere der erlittenen Miss- handlungen erscheint sodann nachvollziehbar, dass sie eine längere Zeit der Erholung benötigte, bevor sie Anfang 2018 ausreiste (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.2.1). Der erforderliche Kausalzusamm enhang war in die- sem Zeitpunkt mithin weiter gegeben, zumal die Beschwerdeführerin auch während ihres Aufenthalts in Sri Lanka bis zur Ausreise sowie danach ge- sucht wurde. Sodann ist namentlich angesichts der eigenen Verfolgungs- geschichte und der LTTE-Verbindung der Geschwister anzunehmen, dass sie in Sri Lanka registriert ist. All diese stark risikobegründenden Faktoren zusammen mit den offensichtlichen Narben im Gesicht der Beschwerde- führerin, ihrer tamilischen Ethnie sowie illegalen Ausreise lassen – unter Heranziehung der Rechtsprechung zu den Risikofaktoren (vgl. Referenz- urteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 8) – darauf schliessen, dass die Beschwerdeführerin auch aktuell bei einer Rückkehr objektiv asyl- rechtlich relevante Nachteile zu befür chten hat. Dies gilt umso mehr, als nach der Machtübernahme durch den Rajapaksa -Clan und den weiteren Entwicklungen in Sri Lanka seit Ende 2019 von einer Akzentuierung der Gefährdungslage für Personen wie der Beschwerdeführerin auszugehen ist, welche ein b estimmtes Risikoprofil aufweisen (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015; Human Rights Watch [HRW], Sri Lanka: Families of "Disappeared" Threatened, 16.02.2020). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin die Vo- raussetzungen zur An erkennung als Flüchtling erfüllt. Den Akten lassen sich sodann keine Hinweise auf das Vorliegen von Asylausschlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG entnehmen. Die Beschwerde ist somit gutzu- heissen und die Vorinstanz anzuweisen, die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren. D-4004/2019 Seite 18 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei ist eine Parteientschädi- gung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre- chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 9.3 Die Beschwerdeführerin hat zur Hauptsache obsiegt. Die Rechtsver- treterin hat am 7. Januar 2020 eine Kostennote vorgelegt, in welcher ein Aufwand von 15.5 Stunden zu Fr. 200.– sowie Auslagen in Höhe von Fr. 54.40 geltend gemacht werden. Der Stundenansatz ist als angemessen zu erkennen. Der geltend gemachte zeitliche Aufwa nd erscheint indes im Verhältnis zu anderen Verfahren gleichen Umfangs zu hoch, weshalb das Honorar auf gerundet Fr. 2645.– (12 Stunden à Fr. 200.– inkl. Auslagen) zu kürzen ist. Der Aufwand für die Mitteilung zum Arbeitgeberwechsel wird da- bei nicht eingerechnet, zumal das Schreiben in einem anderen Verfahren an das Gericht ging und sich zudem auf eine Vielzahl von weiteren Be- schwerdeverfahren bezog. Da die Rechtsvertreterin nicht mehrwertsteuer- pflichtig ist, umfasst das amtliche Honorar keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE. Die Vorinstanz ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2645.– auszurichten. 9.4 Mit dem vorliegenden Urteil wird die mit Zwischenverfügung vom 26. August 2019 gewährte unentgeltliche Rechtspflege sowie Verbeistän- dung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ge- genstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-4004/2019 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung vom 17. Juli 2019 wird aufgehoben. Das SEM wird ange- wiesen, die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2645.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Teresia Gordzielik Versand: