<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">59</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>14</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 3 Abs. 1 lit. b FamZG; Art. 1 FamZV; Art. 25 Abs. 5 AHVG.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Die Berufsmatura ist, wie die gymnasiale Maturität, als Ausbildung zu</b></span><br/> <span class="ft1"><b>qualifizieren. Wird neben der Ausbildung eine Erwerbstätigkeit ausge-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>übt, ist für den Anspruch auf Familienzulagen bzw. Ausbildungszulagen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>entscheidend, ob das erzielte Einkommen unter der maximalen vollen Al-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>tersrente der AHV liegt und die Ausbildung gegenüber der Erwerbstätig-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>keit als überwiegend einzustufen ist.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 3. Kammer, vom 16. Februar</span><br/> <span class="ft2">2010 in Sachen X.Y. gegen Ausgleichskasse A. (VBE.2009.767).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1.2.</span><br/> <span class="ft4">Die Familienzulagen umfassen einerseits die Kinderzulagen,</span><br/> <span class="ft4">welche ab dem Geburtsmonat des Kindes bis zum Ende des Monats</span><br/> <span class="ft4">ausgerichtet werden, in dem das Kind das 16. Altersjahr vollendet;</span><br/> <span class="ft4">sofern das Kind erwerbsunfähig ist, wird die Zulage bis zum</span><br/> <span class="ft4">vollendeten 20. Altersjahr ausgerichtet (Art. 3 Abs. 1 lit. a FamZG).</span><br/> <span class="ft4">Des Weiteren umfassen die Familienzulagen die Ausbildungszula-</span><br/> <span class="ft4">gen. Diese werden ab dem Ende des Monats, in dem das Kind das</span><br/> <span class="ft4">16. Altersjahr vollendet, bis zum Abschluss der Ausbildung ausge-</span><br/> <span class="ft4">richtet, längstens jedoch bis zum Ende des Monats, in dem es das</span><br/> <span class="ft4">25. Altersjahr vollendet (Art. 3 Abs. 1 lit. b FamZG).</span><br/> <span class="ft4">1.3.</span><br/> <span class="ft4">Ein Anspruch auf eine Ausbildungszulage besteht für Kinder,</span><br/> <span class="ft4">die eine Ausbildung im Sinne von Art. 25 Abs. 5 des Bundesgesetzes</span><br/> <span class="ft4">über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) absolvie-</span><br/> <span class="ft4">ren (Art. 1 Abs. 1 der Verordnung über die Familienzulagen [FamZV;</span><br/> <span class="ft4">SR 836.21]). Kein Anspruch besteht jedoch, wenn das jährliche Ein-</span><br/> <span class="ft4">kommen des Kindes in Ausbildung höher ist als die maximale volle</span><br/> <span class="ft4">Altersrente der AHV (Abs. 2).</span><br/> <span class="ft4">(...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">60</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">2.2.</span><br/> <span class="ft4">Vorab ist festzuhalten, dass Z.Y. (Sohn von X.Y.) gemäss An-</span><br/> <span class="ft4">stellungsvertrag vom 11. Dezember 2007 bei der Firma E. bei einem</span><br/> <span class="ft4">50</span> <span class="ft4">%igen Arbeitspensum einen jährlichen Verdienst von</span><br/> <span class="ft4">Fr. 26'000.00 (13 x Fr. 2'000.00) erzielt. Dieser Betrag liegt unter der</span><br/> <span class="ft4">maximalen vollen Altersrente der AHV, welche per 1. Januar 2009</span><br/> <span class="ft4">Fr. 27'360.00 pro Jahr beträgt (vgl. Rz. 209 FamZWL), weshalb die</span><br/> <span class="ft4">Anspruchsvoraussetzung im Sinne von Art. 1 Abs. 2 FamZV als</span><br/> <span class="ft4">erfüllt angesehen werden kann (vgl. Erw. 1.3. hiervor).</span><br/> <span class="ft4">2.3.</span><br/> <span class="ft4">2.3.1.</span><br/> <span class="ft4">Weiter ist die Frage zu klären, ob Z.Y. eine Ausbildung im</span><br/> <span class="ft4">Sinne von Art. 1 Abs. 1 FamZV i.V.m. Art. 25 Abs. 5 AHVG absol-</span><br/> <span class="ft4">viert. Hierbei ist nicht massgebend, dass die Schule K. ihren Lehr-</span><br/> <span class="ft4">gang zur Erlangung der kaufmännischen Berufsmatura im Bestäti-</span><br/> <span class="ft4">gungsschreiben vom 22. Januar 2009 als "berufsbegleitend" bezeich-</span><br/> <span class="ft4">net hat, wie dies die Beschwerdegegnerin in ihrem Einspracheent-</span><br/> <span class="ft4">scheid vorbringt. Auch die Tatsache, dass Z.Y. bereits über einen</span><br/> <span class="ft4">Lehrabschluss verfügt (vgl. Fähigkeitszeugnis vom 2. Juli 2008),</span><br/> <span class="ft4">lässt noch nicht den Schluss zu, dass der Anspruch auf Ausbildungs-</span><br/> <span class="ft4">zulagen dahinfällt. Vielmehr kann als Ausbildung auch eine indirekte</span><br/> <span class="ft4">berufliche Ausbildung gelten, welche zunächst nicht der Ausübung</span><br/> <span class="ft4">eines speziellen Berufs dient, sofern der Lehrgang systematisch und</span><br/> <span class="ft4">rechtlich oder zumindest faktisch anerkannt ist (Meyer [Hrsg.],</span><br/> <span class="ft4">Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Soziale Sicherheit [Band</span><br/> <span class="ft4">XIV], 2. Aufl. Basel 2007, S. 1328). Dies trifft auf den fraglichen</span><br/> <span class="ft4">Lehrgang zur Erlangung der kaufmännischen Berufsmatura zweifel-</span><br/> <span class="ft4">los zu, hat doch die Beschwerdegegnerin in ihrem Einspracheent-</span><br/> <span class="ft4">scheid selber auf die klare Strukturierung durch Stundenpläne mit</span><br/> <span class="ft4">Schulblöcken am Montag- und Dienstagnachmittag sowie am Don-</span><br/> <span class="ft4">nerstag ganztags hingewiesen. Dass der Lehrgang rechtlich aner-</span><br/> <span class="ft4">kannt ist, ergibt sich sodann schon aus Art. 2 der Verordnung über</span><br/> <span class="ft4">die Berufsmaturität (BMV; SR 412.103.1). Nach dieser Bestimmung</span><br/> <span class="ft4">umfasst die Berufsmaturität nebst einer erweiterten Allgemeinbil-</span><br/> <span class="ft4">dung insbesondere eine berufliche Grundausbildung (Abs. 1) und</span><br/> <span class="ft4">schafft namentlich erst die Voraussetzungen für das Erlangen einer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">61</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">höheren Fachausbildung (Abs. 2). Dies hat auch die höchstrichterli-</span><br/> <span class="ft4">che Rechtsprechung bestätigt, wonach die Berufsmatura wie die</span><br/> <span class="ft4">Maturität an einem Gymnasium erst die erforderliche Grundlage für</span><br/> <span class="ft4">eine weiterführende - normalerweise universitäre - Ausbildung bil-</span><br/> <span class="ft4">det, d.h. für sich selbst noch nicht als Ausbildung gilt (vgl. Urteil des</span><br/> <span class="ft4">Bundesgerichts vom 8. Dezember 2006 [5C.249/2006] Erw. 3.2.3.).</span><br/> <span class="ft4">Die Berufsmatura ist somit bezüglich des Ausbildungsbegriffes auf</span><br/> <span class="ft4">die gleiche Stufe zu stellen wie die gymnasiale Maturität und als</span><br/> <span class="ft4">Ausbildungslehrgang zu qualifizieren.</span><br/> <span class="ft4">2.3.2.</span><br/> <span class="ft4">Zusammengefasst handelt es sich somit beim Lehrgang zum Er-</span><br/> <span class="ft4">reichen der kaufmännischen Berufsmatura um eine Tätigkeit, welche</span><br/> <span class="ft4">die systematische Vorbereitung auf eine künftige Erwerbstätigkeit</span><br/> <span class="ft4">zum Ziel hat, und damit um Aus- und nicht um Weiterbildung.</span><br/> <span class="ft4">2.4.</span><br/> <span class="ft4">2.4.1.</span><br/> <span class="ft4">Des Weiteren ist zu prüfen, wie es sich mit dem von Z.Y. erziel-</span><br/> <span class="ft4">ten Erwerbseinkommen verhält, d.h. ob seine neben der Ausbildung</span><br/> <span class="ft4">ausgeübte Erwerbstätigkeit bei der Firma E. als überwiegend zu be-</span><br/> <span class="ft4">trachten ist oder nicht. Dem Beschwerdeführer ist insoweit zuzustim-</span><br/> <span class="ft4">men, als hierzu ein Einkommens- und kein reiner Zeitvergleich</span><br/> <span class="ft4">durchzuführen ist. Grundsätzlich gilt, dass sofern das Kind während</span><br/> <span class="ft4">der Ausbildung ein Arbeitsentgelt erhält, diese Tatsache den Ausbil-</span><br/> <span class="ft4">dungscharakter dann nicht aufzuheben vermag, wenn das in Frage</span><br/> <span class="ft4">stehende Gehalt nach Abzug der Ausbildungskosten um mehr als</span><br/> <span class="ft4">25 % tiefer liegt als die übliche Anfangsbesoldung für voll ausgebil-</span><br/> <span class="ft4">dete Erwerbstätige der fraglichen Branche (Meyer [Hrsg.], a.a.O.,</span><br/> <span class="ft4">S. 1328; ZAK 1984, S. 400).</span><br/> <span class="ft4">2.4.2.</span><br/> <span class="ft4">(...)</span><br/> <span class="ft4">Der von Z.Y. besuchte Lehrgang dauert ausweislich der Akten</span><br/> <span class="ft4">drei Semester (vgl. Schreiben der Schule K. vom 29. August 2008),</span><br/> <span class="ft4">woraus sich umgerechnet jährliche Kosten von rund Fr. 10'734.00</span><br/> <span class="ft4">(rund Fr. 5'367.00 pro Semester) ergeben. Zieht man nur schon die-</span><br/> <span class="ft4">sen Betrag - hinzuzurechnen wären weitere Auslagen für Lehrmittel,</span><br/> <span class="ft4">Schulweg etc. - vom erzielten branchenüblichen Einkommen von</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">62</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Fr. 26'000.00 ab, verbleibt pro Jahr ein verfügbares Einkommen von</span><br/> <span class="ft4">Fr. 15'266.00 (Fr. 26'000.00 - Fr. 10'734.00).</span><br/> <span class="ft4">Nachdem das von Z.Y. erzielte Einkommen (Fr. 26'000.00), wie</span><br/> <span class="ft4">gezeigt, einer üblichen Anfangsbesoldung für voll ausgebildete Er-</span><br/> <span class="ft4">werbstätige der fraglichen Branche entspricht, sind davon 25 %</span><br/> <span class="ft4">(Fr. 6'500.00) abzuziehen, was Fr. 19'500.00 ergibt. Das nach Abzug</span><br/> <span class="ft4">der Ausbildungskosten maximal noch verfügbare Erwerbseinkom-</span><br/> <span class="ft4">men von Fr. 15'266.00 liegt demgegenüber um mehr als einen Viertel</span><br/> <span class="ft4">- im konkreten Fall namentlich um rund 41 % - tiefer als die bran-</span><br/> <span class="ft4">chenübliche (und im Rahmen einer 50 %igen Erwerbstätigkeit tat-</span><br/> <span class="ft4">sächlich auch erwirtschaftete) Anfangsbesoldung von Fr. 26'000.00.</span><br/> <span class="ft4">Daraus ist zu schliessen, dass Z.Y. in seiner Eigenschaft als Sachbe-</span><br/> <span class="ft4">arbeiter Finanzen/Rechnungswesen nach Abzug der minimalen Aus-</span><br/> <span class="ft4">bildungskosten ein Erwerbseinkommen erzielt, welches unter der</span><br/> <span class="ft4">von der Rechtsprechung festgelegten Limite von 25 % liegt. Das er-</span><br/> <span class="ft4">zielte Einkommen ist somit wesentlich geringer als die Lohnbezüge,</span><br/> <span class="ft4">welche ein Erwerbstätiger mit abgeschlossener Berufsbildung orts-</span><br/> <span class="ft4">und branchenüblich erhalten würde, weshalb die Erwerbstätigkeit der</span><br/> <span class="ft4">Ausbildung gegenüber als nicht überwiegend einzustufen ist.</span><br/> <span class="ft4">2.5.</span><br/> <span class="ft4">Zusammenfassend ergibt sich somit erstens, dass der von Z.Y.</span><br/> <span class="ft4">absolvierte dreisemestrige Lehrgang an der Schule K. als Ausbildung</span><br/> <span class="ft4">zu qualifizieren ist. Das neben diesem Lehrgang zur Erlangung der</span><br/> <span class="ft4">Berufsmatura erzielte Erwerbseinkommen liegt - abzüglich der</span><br/> <span class="ft4">besonderen Ausbildungskosten - sodann um mehr als einen Viertel</span><br/> <span class="ft4">unter den im Zeitpunkt der Rentenzusprechung orts- und branchen-</span><br/> <span class="ft4">üblichen Anfangslöhnen für voll ausgebildete Erwerbstätige. Nach</span><br/> <span class="ft4">dem Gesagten steht der Umstand, dass sein Sohn Z. ein Erwerbsein-</span><br/> <span class="ft4">kommen erzielt, dem Anspruch des Beschwerdeführers auf Ausrich-</span><br/> <span class="ft4">tung von Ausbildungszulagen nicht entgegen, weshalb die Beschwer-</span><br/> <span class="ft4">de vollumfänglich gutzuheissen ist. Die Beschwerdegegnerin hat</span><br/> <span class="ft4">dem Beschwerdeführer somit die Ausbildungszulagen für den Sohn</span><br/> <span class="ft4">Z. ab dem 1. Januar 2009 bis Ausbildungsende auszurichten.</span><br/></div> </div> </body> </html>