B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1761/2020 U r t e i l v o m 2 8 . A u g u s t 2 0 2 0 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger; Gerichtsschreiberin Regula Frey. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Derya Özgül, AD Consultancy, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 26. Februar 2020 / N (…). D-1761/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 15. Januar 2017 in der Schweiz um Asyl nach. Am 19. Januar 2017 wurde er zu seiner Person, zum Reiseweg so- wie summarisch zu seinen Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Per- son [BzP]). B. Am 22. Juni 2018 erfolgte die Anhörung des Beschwerdeführers zu seinen Asylgründen. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, als Kurde sei er in der Türkei oft unter Druck gesetzt worden. Seit der Gründung der Re- publik, also seit hundert Jahren, würden K urden unter Druck gesetzt und eingeschränkt. Nachdem sein Vater das Amt als Dorfschützer abgelehnt habe, hätten sie ihr Dorf verlassen müssen und seien im Jahr 1998 nach Istanbul umgezogen. Zwischen 2010 und 2013 habe er mehrere Male an politischen Aktivitäten für die HDP und die BDP teilgenommen. Bei diesen Anlässen habe die Polizei Tränengas eingesetzt, weshalb er wiederholt in Ohnmacht gefallen sei. Im Jahr 2012 sei er an einem solchen Anl ass von der Polizei aufgegriffen und auf den Polizeiposten gebracht worden. Nach- dem er den Polizeibeamten erklärt habe, dass er lediglich ein Passant ge- wesen sei und nicht an der Demonstration teilgenommen habe, habe man ihn am nächsten Morgen wieder freigelassen. Die in Syrien erfolgten Mas- saker an Kurden hätten ihn emotional bewegt und er habe sich verpflichtet gefühlt, nach Syrien zu reisen , um dort die Kurden zu unterstützen. Von Mitte 2013 bis Ende 2015 habe er sich in Syrien aufgehalten, wo er für die YPG (Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidigungseinheiten) nach kurzer Ausbildungszeit auch an Kampfhandlungen teilgenommen habe. Dabei sei er zwei Mal verletzt worden. Als sich die Polizei zu Hause nach seinem Aufenthaltsort erkundigt habe, habe seine Mutter erklärt, er habe das Haus nach einem Streit mit dem Vater verlassen, sie würde den Aufenthaltsort nicht kennen. Schliesslich sei er als vermisst gemeldet worden. Zurück in der Türkei sei er anfänglich nur nachts aus dem Haus gegangen, um Fra- gen seitens Verwandter und Bekannter aus dem Weg zu gehen. Er habe Fragen nach seinem Aufenthalt nur ausweichend beantwortet und Ausre- den erfunden. Nur seine besten Freunde hätten von seinem Aufenthalt in Syrien gewusst. Er habe in der ständigen Angst gelebt, die Behörden könn- ten Kenntnis seines Syrienaufenthalts erlangen. Im Heimatdorf B._______, wo die Familie noch über ein Haus und Land verfüge, sei es zu Spannun- gen gekommen, weil der Dorfvorsteher seine Tiere unbefugt auf dem Land D-1761/2020 Seite 3 der Familie habe weiden lassen und er und der Dorfschützer gedroht hät- ten, sie würden der Polizei vom Syrienaufenthalt des Beschwerdeführers berichten. Überdies hätten sie den Beschwerdeführer aufgefordert, sich den türkischen Behörden zu stellen. Die allgemeine Unterdrückung der Kurden sowie die geschilderten Vorkommnisse hätten ihn zum Verlassen seines Heimatlandes veranlasst. Auf Anraten des kontaktierten Schleppers habe er sich für die Ausreise einen Pass ausstellen lassen, dieser sei ihm unterwegs vom Schlepper abgenommen worden. Zum Nachweis seiner Identität reichte der Beschwerdeführer eine türki- sche Identitätskarte sowie einen Führerausweis zu den Ak ten. Zudem übergab er diverse Fotos zu seinem Einsatz in Syrien. C. Mit Urteil D-5728/2019 vom 11. Februar 2020 hiess das Bundesverwal- tungsgericht eine am 30. Oktober 2019 eingereichte Rechtsverzögerungs- beschwerde gut und wies die Vorinstanz an, das Asylgesuch des Be- schwerdeführers beförderlich zu behandeln und rasch einer Verfügung zu- zuführen. D. Das SEM stellte m it Verfügung vom 26. Februar 2020 – eröffnet am 27. Februar 2020 – fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung sowie den Wegweisungsvollzug aus der Schweiz. Es begründete seine Verfü- gung im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers wür- den die Anforderungen an die Asylrelevanz nicht erfüllen. E. Mit Eingabe vom 2 7. März 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der an- gefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks weiterer Abklärung des Sachverhalts, subeventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit und Un- zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sowie die Gewährung der vorläu- figen Aufnahme. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte der Be- schwerdeführer die Gewährung der aufschiebenden Wirkung und die An- weisung an die zuständigen Behörden, von Vollzugshandlungen abzuse- hen. Zudem wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, D-1761/2020 Seite 4 um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiord- nung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin er- sucht. Gleichzeitig reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestätigung der Gemeinde C._______ (datiert vom 19. März 2 020) sowie ein fremdspra- chiges, als ‘Anwaltsschreiben’ bezeichnetes Dokument zu den Akten. F. Mit Eingabe vom 2. April 2020 reichte der Beschwerdeführer eine deutsche Übersetzung des mit der Beschwerde vom 27. März 2020 eingereichten Anwaltsschreibens ein. G. Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 15. Juni 2020 gut, ver- zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete die rubri- zierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Weiter lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein. H. In seiner Vernehmlassung vom 18. Juni 2020 hielt das SEM fest, die Be - schwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweis- mittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Im Übrigen verwies es auf die Erwägungen seiner Verfügung, an denen es vollumfänglich festhielt. I. Am 23. Juni 2020 wurde diese Vernehmlassung dem Beschwerdeführer zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher D-1761/2020 Seite 5 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung de s AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG ; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist somit einzutreten. 1.5 In Bezug auf den Antrag, der Beschwerde sei die aufschiebende Wir- kung zu erteilen, ist festzustellen, dass der Beschwerde von Gesetzes we- gen aufschiebende Wirkung zukomm t (Art. 42 AsylG). Da d iese von der Vorinstanz auch nicht entzogen wurde, ist auf das besagte Rechtsbegeh- ren mangels Beschwer nicht einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Ar t. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). D-1761/2020 Seite 6 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingse igenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor- bringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Flücht- lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. 4.2 Zur Begründung seines ablehnenden Entscheids führte das SEM im Wesentlichen aus, Befürchtungen vor künftigen Verfolgungsmassnahmen seien nur dann asylrelevant , wenn begründeter Anlass zu Annahme be- stehe, dass sich die Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen werde. Aus seinem türkischen Führer - ausweis gehe hervor, dass dieser am 22. Juni 2015 ausgestellt worden sei. Gemäss eigenen Angaben habe er diesen Ausweis regulär und persönlich erhalten. Dies bedeute, dass seine Aussage, wonach er Ende 2015 bezie- hungsweise Anfang 2016 in die Türkei zurückgekehrt sei, nicht zutreffen könne, sondern seine Rückkehr aus Syrien früher erfolgt sein müsse. Be- denke man, dass vor der Ausstellung eines Fahrausweises auch noch die Fahrschule zu absolvieren gewesen sei, so liege der Schluss nahe, dass er wesentlich früher als von ihm geltend gemacht wieder in die Türkei zu- rückgekehrt sei. Es sei deshalb davon auszugehen, dass er nach seiner Rückkehr aus Syrien bis zur Ausreise im Dezember 2016 mehr als einein- halb Jahre wieder in der Türkei gelebt haben m üsse, was eine verhältnis- mässig lange Zeit darstelle. Zudem habe er nach seiner Rückkehr freiwillig mehrere Behördenkontakte wahrgenommen. So sei er im Anschluss an ei- nen Motorradunfall zur Polizei gegangen und dabei sei festgestellt worden, dass in seinem Fall noch eine Vermisstenanzeige seiner Mutter offen sei, der nachgegangen worden sei. Er habe zudem zur Ausreise das türkische e-Gov konsultiert um sicher zu gehen, dass er über keine Einträge verfüge. Anschliessend habe er sich einen Reisepass a usstellen lassen und die Türkei mit diesem verlassen. Wie erwähnt habe er auch die Fahrprüfung absolviert und bestanden. Somit stehe einerseits fest, dass er nach seiner Rückkehr offenbar keine Furcht gehabt habe, mit den Beh örden seines Heimatlandes zur Wahrnehmung diverser amtlicher Handlungen in Kontakt zu treten. Andererseits seien die türkischen Behörden auch in keiner Weise D-1761/2020 Seite 7 gegen ihn vorgegangen. Er habe somit nach seiner Rückkehr aus Syrien mehr als eineinhalb Jahr e wieder in seinem Heimatland gelebt und sei während dieser Zeit keinen staatlichen Massnahmen ausgesetzt gewesen. Angesichts dessen seien keine Elemente ersichtlich, welche Anlass zur An- nahme einer begründeten Furcht bei der Rückkehr geben würden . Auch sein Verhalten in der Schweiz gebe keinen Anlass zur Annahme, dass er bei einer Rückkehr in die Türkei ernsthafte Massnahmen zu befürchten hätte. Gemäss eigenen Angaben betätige er sich nicht politisch und habe einzig einen Verein in D._______ besucht, wo er an Mahlzeiten teilnehmen und sich gerne aufhalten würde. Er habe zudem an einigen bewilligten De- monstrationen teilgenommen. Die se unterschwelligen (recte: nieder- schwelligen) Aktivitäten erschienen somit nicht geeignet, dass er dadurch das besondere Interesse der türkischen Behörden auf sich gezogen hätte, zumal er bereits vor der Ausreise nicht in deren Fokus gestanden habe. Gemäss konstanter schweizerischer Asylpraxis setze der Begriff der Flüchtlingseigenschaft einen in zeitlicher und sachlicher Hinsicht genügend engen Kausalzusammenhang zwischen Verfolgung und Flucht voraus. Er habe geltend gemacht, vor seinem Syrienaufenthalt Anhänger der BDP be- ziehungsweise HDP gewesen und deshalb einmal von der Polizei mitge- nommen worden zu sein. Dies habe sich mehrere Jahre vor der Ausreise zugetragen und sei nicht Anlass für seine Flucht gewesen. Vielmehr sei er nach dem Syrienaufenthalt wieder in die Türkei zurückgekehrt. Die türki- schen Behörden seien auch nicht gegen ihn vorgegangen. Da seinen An- gaben der geforderte K ausalzusammenhang zur Ausreise fehlten, seien sie nicht asylrelevant. 4.3 Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen auf die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers verwiesen und gerügt, die Vo- rinstanz habe die glaubhaften Vorbringen in der angefochtenen Verfügung nicht genügend berücksichtigt. Die Schlussfolgerung der Vorinstanz, wo- nach der Beschwerdeführer nach seiner Rückkehr keine Furcht gehabt habe, mit den Behörden zur Wahrnehmung amtlicher Handlungen in Kon- takt zu treten, sei un zutreffend, weshalb die Vorinstanz den Sachverhalt unrichtig festgestellt habe. Die Furcht vor Verhaftung und unmenschlicher Behandlung seitens der türkischen Behörden sei begründet und aktuell. Es sei mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die türkischen Behörden von dem Engagement für die YPG in Syrien wissen würden. Diese Wahrscheinlichkeit bewirke für den Beschwerdeführer einen enor- men psychischen Druck. Dieser Druck sei asylrelevant und von der Vo- rinstanz nicht korrekt festgestellt worden. Der Vollständigkeit halber sei zu D-1761/2020 Seite 8 vermelden, dass sich die allgemeine Lage wie auch die Menschenrechts- lage in der Türkei seit seiner Ausreise verschlechtert habe. 5. Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das Bun- desrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abwei- sen beziehungsweise die Sache an die Vorinstanz zurückweisen. 6. 6.1 In einem ersten Schritt ist zu prüfen, wie sich die Situation des Be- schwerdeführers im Zeitpunkt seiner Ausreise aus dem Heimatland Ende 2016 darstellte. 6.1.1 Was die Ereignisse vor seinem Syrienaufenthalt anbelangt, ging die Vorinstanz zutreffend davon aus, d iese vermöchten mangels zeitlichem und sachlichem Kausalzusammenhang keine Asylrelevanz zu entfalten. 6.1.2 Der Beschwerdeführer macht sodann selber nicht geltend, er habe nach der Rückkehr aus Syrien konkrete Verfolgungshandlungen seitens der türkischen Behörden erlitten. Behördliches Verhalten, das ihn unter ei- nen besonderen psychischen Druck gesetzt hätte, ist nicht ersichtlich. Dass sich der Dorfvorsteher Vorteile dadurch verschaffte, dass er und der Dorfschützer sich an den Vater des Beschwerdeführers wandten, genügt nicht. Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Durchsicht der Akten zum Schluss, dass die Vorinstanz zutreffend feststellte, dem Beschwerde- führer könne für den Zeitpunkt seiner Ausreise keine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung zuerkannt werden. Massgebend erscheint diesbezüg- lich, dass er nach der Rückkehr aus Syrien von den türkischen Behörden unbehelligt blieb, obschon es zu diversen Behördenkontakten gekommen war. Ob diese Behördenkontakte allesamt als freiwillig bezeichnet werden können, was auf Beschwerdeebene in Frage gestellt wird, ist nicht ent- scheidend, weshalb auf die entsprechenden Einwände nicht näher einzu- gehen ist. Als relevant erweist sich, dass der Beschwerdeführer tatsächlich Behördenkontakte hatte (im Juni 2015 Ausstellung des Führerausweises, Kontakt mit der Polizei im Nachgang zu einem Verkehrsunfall und schliess- lich die Ausreise auf dem Luftweg im Besitze eines auf seinen Namen lau- tenden Reisepasses). Angesichts dieser Umstände durfte das SEM ohne weiteres davon ausgehen, es hätten keine konkreten Anhaltspunkte für ein behördliches Vorgehen gegen den Beschwerdeführer vorgelegen. Dass D-1761/2020 Seite 9 der Beschwerdeführer subjektiv wegen seines – von der Vorinstanz nicht grundsätzlich in Frage gestellten – Einsatzes in Syrien behördliche Konse- quenzen bei dessen Bekanntwerden befürchtete, führt zu keinem anderen Ergebnis. 6.2 In einem zweiten Schritt ist danach zu fragen, ob dem Beschwerdefüh- rer für den Fall seiner Rückkehr eine begründete Furcht vor Verfolgung zu- zusprechen ist. 6.2.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei beschrän- ken sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene Umstände, wel- che die Betroffenen belasten, sonde rn haben auch die sie entlastenden Momente zu erfassen. Die Behörde hat alle sach - und entscheidwesentli- chen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak- tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheb- lichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich nicht alle ent- scheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft werden, o- der weil Beweise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die Sachver- haltsfeststellung demgegenüber, wenn nicht alle für den Entscheid rechts- relevanten Sachumstände berücksichtigt wurden. Dies ist häufig dann der Fall, wenn die Vorinstanz gleichzeitig den Anspruch der Parteien auf recht- liches Gehör verletzt hat (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). 6.2.2 Der Beschwerdeführer wurde anlässlich seiner Anhörung am 22. Juni 2018 nach allfälligen politischen Tätigkeiten in der Schweiz gefragt. Solche verneinte er zwar grundsätzlich, gab aber gleichzeitig an, er habe n ach dem Einmarsch türkischer Truppen in E._______ an verschiedenen De- monstrationen in F._______, D._______ und G._______ teilgenommen (vgl. A22/25 S. 22). 6.2.3 Aus in den Akten liegenden internen Abklärungen des SEM ist er- sichtlich, dass das (öffentlich zugängliche) Facebook-Profil des Beschwer- deführers im damaligen Zeitpunkt (offenbar Dezember 2019) Einträge mit D-1761/2020 Seite 10 Bezug zum Konflikt in der Türkei und in Syrien sowie solche über exilpoli- tische Aktivitäten in der Schweiz enthielt. Der Beschwerdeführer wurde über diese Erkenntnisse der Vorinstanz nicht informiert. 6.2.4 Ein weiterer Aufruf des Facebook -Profils des Beschwerdeführers durch das SEM im Februar 2020 ergab gemäss interner Aktennotiz, dass die früheren Einträge gelöscht worden waren. 6.2.5 Zwar ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz die fraglichen Ak- tenstücke als intern qualifizierte und diese dem Beschwerdeführer nicht tel quel zur Akteneinsicht herausgab. In Anbetracht des Anspruchs auf recht- liches Gehör wäre das SEM indessen gehalt en gewesen, den Beschwer- deführer über die gewonnenen Erkenntnisse aus den ohne Zutun des Be- schwerdeführers getätigten Abklärungen in geeigneter Form zu informieren und ihm eine Äusserungsmöglichkeit dazu einzuräumen. Dies insbeson- dere vor dem Hintergrund, dass das Aufrufen eines Facebook-Profils ledig- lich eine Momentaufnahme darstellt. Die Abwägung, ob die Meinungs- äusserung des Beschwerdeführers den türkischen Behörden angesichts der anzunehmenden Überwachung ihrer Staatsangehörigen in den sozia- len Medien (vgl. dazu etwa Urteil des BVGer E -5783/2019 vom 5. März 2020 E. 6.4) bekannt geworden sein und welche Auswirkungen dies auf eine allfällige Gefährdung bei einer Rückkehr haben könnte, kann nicht al- lein deshalb unterbleiben, weil die Einträge in einem besti mmten (späte- ren) Zeitpunkt gelöscht waren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung des Kampfeinsatzes des Beschwerde- führers in Syrien umso höher ist, je eher sich die türkischen Behörden bei einer Rückkehr wegen Einträgen in den sozialen Medien zu vertieften Ab- klärungen veranlasst sehen könnten. Schliesslich entbindet die Mitwir- kungspflicht des Asylsuchenden (Art. 8 Abs. 1 AsylG) die Vorinstanz nicht davon, ihm zu behördlichen Erkenntnissen das rechtliche Gehör zu gewäh- ren, wenn diese Erkenntnisse geeignet sein könnten, den Asylentscheid zu beeinflussen. 6.2.6 Anzumerken bleibt, dass dem Beschwerdeführer nicht entgegenge- halten werden kann, auf Beschwerdeebene keine entsprechende Rüge er- hoben zu haben. Nachdem er keine Kenntnisse von den fraglichen (inter- nen) Aktenstücken erhalten hat, war ihm dies nicht möglich. 6.2.7 Zusammenfassend ergibt sich aus den vorhergehenden Erwägun- gen, dass die Vorinstanz einerseits den Anspruch des Beschwerdeführers D-1761/2020 Seite 11 auf rechtliches Gehör und anderseits ihre Un tersuchungspflicht verletzt hat. 7. Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge- stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh- ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz- lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestel lt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er- scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Vorliegend liegt der Mangel in einer Verletzung des Anspruches auf rechtliches Gehör be- ziehungsweise einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung und es rechtfertigt sich eine Kassation der angefochtenen Verfügung. Im Übrigen bleibt auf diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet. 8. Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit die Aufhebung der angefochte- nen Verfügung beantragt wird. Die Verfügung vom 26. Februar 2020 ist aufzuheben und die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachver- halts und anschliessenden Neubeurteilung – unter Würdigung aller ent- scheidwesentlichen Sachverhaltselemente – an die Vorinstanz zurückzu- weisen. 8.1 Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens sind keine Verfah- renskosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die mit Verfügung vom 15. Juni 2020 gewährte unentgeltli che Prozessführung ist mit vorliegen- dem Urteil als gegenstandslos geworden zu betrachten. 8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In ihrer Kos- tennote vom 27. März 2020 weist die Rechtsvertreterin einen Betrag von insgesamt mehr als Fr. 2'547.50 aus. Die dort aufgeführte Spesenpau- schale von Fr. 50.– ist vom Gericht in dieser Form nicht zu entschädigen, anzurechnen sind die angegebenen Portospesen (insgesamt Fr. 7.30). D-1761/2020 Seite 12 Auch erscheint der ausgewiesene Zeitaufwand von insgesamt 13.5 Stun- den nicht vollumfänglich angemessen und ist – unter Berücksichtigung der Eingabe vom 2. April 2020 – auf 8 Stunden zu kürzen. Da die Rechtsver- treterin nicht mehrwertsteuerpflichtig ist, umfasst das amtliche Honorar kei- nen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE. Da- mit ist die Parteientschädigung aufgrund der Bemessungsgrundsätze nach Art. 7 ff. VGKE auf insgesamt Fr. 1’487.30 festzusetzen und dem Be- schwerdeführer durch das SEM auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-1761/2020 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der angefochte- nen Verfügung beantragt wird. 2. Die Verfügung vom 26. Februar 2020 wird aufgehoben und die Sache zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewie- sen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteien tschädigung von insgesamt Fr. 1’487.30 auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Regula Frey Versand: D-1761/2020 Seite 14