B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-7939/2016 U r t e i l v o m 2 2 . J u n i 2 0 1 8 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richter Jean-Pierre Monnet, Gerichtsschreiberin Annina Mondgenast. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Esther Potztal, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 14. Dezember 2016 / N (…). E-7939/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 28. Januar 2016 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seine r Fingerabdrücke mit der Eurodac -Datenbank durch das SEM ergab, dass er am 26. Januar 2016 in Deutschland ein Asylgesuch eingereicht hatte. Aufgrund der geltend gemachten Minderjäh- rigkeit wurde am 5. Februar 2016 eine Handknochenanalyse zur Altersbe- stimmung durchgeführt, welche ergab, dass der Beschwerdeführer 19 Jahre oder älter sei. Anlässlich der Befragung zur Person vom 8. Februar 2016 wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintre - tensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Griechenland, Kroatien, Slowenien, Österreich oder Deutschland gewährt, welche ge- mäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europ äischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inte rnationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III- VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs zuständig seien. Die grundsätzliche Zuständigkeit dieser Mitgliedstaaten wurde vom Beschwerdeführer nicht bestritten. Jedoch machte er geltend, er möchte nicht in die anderen Länder zurückkehren , da Flüchtlinge dort überhaupt keine Chancen hätten. In Deutschland habe er zwar nicht bleiben wollen, gegen eine Rückkehr dorthin hätte er jedoch nichts einzuwenden. Sein Ge- burtsdatum korrigierte er auf den (…), weshalb er für das weitere Verfahren als volljährig angesehen wurde. B. Am 4. März 2016 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um Wieder- aufnahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III- VO. Diese teilten dem SEM am 8. März 2016 mit, für die Behandlung des Asylbegehrens nicht zuständig zu sein. Der Beschwerdeführer sei nach ih- rem Kenntnisstand minderjährig und eine Überstellung eines unbegleiteten Minderjährigen sei gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO nicht möglich. C. Das SEM ersuchte die deutschen Behörden am 8. März 2016 gestützt auf Art. 5 Abs. 2 d er Verordnung (EG) Nr. 1560/2003 der Kommission vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verordnung (EG) E-7939/2016 Seite 3 Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be- stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist (nachfolgend: Dublin -II-VO; in der Fassung vom 30. Januar 2014; Durchführungsverordnung [EU] Nr. 118/2014; nachfolgend: DVO) um neu- erliche Prüfung seines Wiederaufnahmeersuchens (sog. Remonstrations- verfahren). Es wies darauf hin, eine durchgeführte Handknochenanalyse habe die Volljährigkeit des Beschwerdeführers ergeben und er selbst habe sein Geburtsdatum auf den (…) korrigiert. D. Am 1. Dezember 2016 entsprachen die deutsch en Behörden dem Über- nahmeersuchen des SEM. E. Mit Schreiben vom 2. Dezember 2016 gewährte das SEM dem Beschwer- deführer das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens sowie zur Wegwei- sung dorthin und räumte ihm Gelegenheit zur schriftlichen Stellungnahme ein. F. Der Beschwerdeführer brachte mit Eingabe vom 12. Dezember 2016 im Wesentlichen vor, seit seiner Flucht aus Afghanistan sei sein Ziel die Schweiz gewesen. In Deutschland sei von ihm verlangt worden, seine Fin- gerabdrücke abzugeben. Es sei ihm gesagt worden, dies sei für eine poli- zeiliche Überprüfung relevant und würde nicht als Asylgesuch registriert werden. Er habe dort kein Asylgesuch eingereicht und möchte nicht nach Deutschland weggewiesen werden. I n der Schweiz habe er inzwischen Freunde gefunden und sich ein soziales Netz aufgebaut. G. Mit Verfügung vom 14. Dezember 2016 (eröffnet am 19. Dezember 2016) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei- sung aus der Schweiz sowie die Überstellung nach Deutschland an. Gleichzeitig stellte es fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine auf- schiebende Wirkung zu und verfügte die Aushändigung der editionspflich- tigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwerdeführer. E-7939/2016 Seite 4 H. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 22. Dezember 2016 beim Bundesverwaltungsger icht Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei festzu- stellen, dass die Schweiz für die Durchführung des Asyl - und Wegwei- sungsverfahrens zuständig sei . Eventualiter sei die Sache zur erneuten Entscheidung an das SEM zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der aufschiebenden Wirkung. Die Vollzugsbe- hörden seien anzuweisen, von seiner Überstellung nach Deutschland ab- zusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über den Suspensiveffekt der eingereichten Beschwerde entschieden habe. Es sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. I. Das Bundesverwaltungsgericht setzte mit Telefax vom 23. Dezember 2016 gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einst- weilen aus. J. Mit Zwischenverfügung vom 27. Dezember 2016 gewährte das Bundesver- waltungsgericht der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und teilte dem Beschwerdeführer mit, er könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Das Gesuc h um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung hiess es gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses. Gleichzeitig lud es die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. K. Die Vorinstanz liess sich am 3. Januar 2017 vernehmen. Die Replik des Beschwerdeführers erfolgte am 24. Januar 2017 und die Duplik der Vor - instanz am 11. Mai 2018. Beide Parteien hielten an ihren Anträgen und Ausführungen fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsg ericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne E-7939/2016 Seite 5 von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bunde sverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3 Die Duplik vom 11. Mai 2018 ist bis anhin dem Beschwerdeführer noch nicht zur Kenntnis gebracht worden. Unter Berücksichtigung des Ausgangs des Verfahrens wird sie zusammen mit dem Urteil zugestellt. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). E-7939/2016 Seite 6 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat ge prüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO; vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2; FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K4 zu Art. 7). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2.1 m.w.H.). Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrag in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufen thaltstitel aufhält, nach Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 4. 4.1 Das SEM begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, ge- mäss dem Abgleich der Fingerabdrücke mit der Zentraleinheit Eurodac habe der Beschwerdeführer in Deutschland am 26. Januar 2016 ein Asyl- gesuch eingereicht. Deutschland sei daher gestützt auf die Dublin-III-VO für die Durchführung seines Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig und habe seiner Übernahme explizit zugestimmt. Der vom Beschwerde- führer geäusserte Wunsch nach einem weiteren Verbleib in der Schweiz habe keinen Einfluss auf die Zuständig keit, da es grundsätzlich nicht Sa- che der betroffenen Person sei, den für ihr Asylverfahren zuständigen Staat zu bestimmen. Der Umstand, dass sich der Beschwerdeführer seit knapp einem Jahr in der Schweiz befinde, spreche nicht gegen die Zuständigkeit Deutschlands. Im Weiteren würden weder völkerrechtliche Hindernisse noch andere Gründe an dieser Zuständigkeit etwas ändern. E-7939/2016 Seite 7 4.2 Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe geltend, gemäss Art. 5 Abs. 2 DVO habe der ersuchte Mitgliedstaat im Remonstra- tionsverfahren innerhalb von zwei Wochen eine Antwort zu erteilen. Sei- tens der deutschen Behörden sei jedoch innert dieser Frist keine Antwort ergangen. Im Gegensatz zum Aufnahme- und Wiederaufnahmeverfahren habe das Ausbleiben einer Antwort im Remonstrati onsverfahren nicht die Wirkung einer Zustimmung. Es bestehe folglich kein Zuständigkeitsüber- gang von der Schweiz an Deutschland. An der Zuständigkeit der Schweiz vermöge auch die Zustimmung Deutschland s mit Schreiben vom 1. De- zember 2016 nichts zu ändern. Das Remonstrationsverfahren könne nicht zu einer Verlängerung der Fristen nach der Dublin -III-VO führen. Die sechsmonatige Überstellungsfrist sei nach der Ablehnung des Wiederauf- nahmegesuchs am 9. September 2016 abgelaufen. Könne die Überstel- lung nicht innerhalb dieser Frist durchgeführt werden, gehe die Zuständig- keit auf den ersuchenden Staat über. In der Verfügung des SEM sei sodann die erste negative Antwort der deutschen Behörden und das eingeleitete Remonstrationsverfahren nicht erwähnt worden, weshalb vermutungs- weise die Entscheidfällung nicht unter vollumfänglicher Berücksichtigung der Dublin-Bestimmungen erfolgt sei. Das SEM habe damit seine Begrün- dungspflicht verletzt. 4.3 In ihrer Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, die deutschen Be- hörden hätten innerhalb der in Art. 25 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist das Ersuchen um Wiederaufnahme des SEM abgelehnt. Daraufhin hätten die schweizerischen Behörden gemäss Art. 5 Abs. 2 DVO um neuerliche Prü- fung des Ersuchens gebeten. Die deutschen Behörden seien gemäss DVO gehalten, innert zwei Wochen auf das Remonstrationsschreiben zu reagie- ren. Dabei handle es sich nicht um eine Verwirkungsfrist, weshalb bei Aus- bleiben einer Antwort kein Zuständigkeitsübergang erfolge. Mit der explizi- ten Gutheissung des Ersuchens u m Wiederaufnahme datiert vom 1. De- zember 2016 hätten sich die deutschen Behörden für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens als zuständig erklärt. Die in Art. 29 Dub- lin-III-VO aufgeführte sechsmonatige Überstellungsfrist beginne demnach am 1. Dezember 2016 und ende am 1. Juni 2017. 4.4 Replizierend bemerkt der Beschwerdeführer, im Remonstrationsver- fahren erfolge bei Ausbleiben einer fristgerechten Antwort kein Zuständig- keitsübergang. Eine beantragte neuerliche Überprüfung des Übernahme- ersuchens per Remonstration könne nicht zur Folge haben, dass die Fris- ten wieder „aufleben“ oder von N euem zu laufen beginnen würden. Nach einer einschlägigen Leh rmeinung beginne die Frist für eine Überstellung E-7939/2016 Seite 8 zum Zeitpunkt der ersten (negativen) Antwort zu laufen. Die Gutheissung des Gesuchs durch Deutschland mehr als acht Monate nach dem einge- leiteten Remonstrationsverfahren widerspreche sodann dem Beschleuni- gungsgebot im Dublin-Verfahren. Das Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil E-4664/2014 vom 1. September 201 4 bei einem Fall, bei welchem 13 Monate nach Stellung des Asylgesuchs noch keine Zuständigkeitsbe- stimmung erfolgt sei, das SEM angewiesen, das nationale Verfahren auf- zunehmen. Das Gericht habe diesen Entscheid mit der langen Verfahrens- dauer unter dem Aspek t des Beschleunigungsgebots begründet. Vorlie- gend sei die Zuständigkeit seit der Stellung des Asylgesuchs bis zum 1. Dezember 2016 über zehn Monate nicht geklärt worden. Aus diesen Gründen sei die Schweiz als zuständiger Mitgliedstaat zu erachten. 4.5 Die Vorinstanz führt in ihrer Duplik aus, das zitierte Urteil des Bundes- verwaltungsgerichts sei lediglich ein Urteil von vielen und es würde in die- ser Frage auch eine andere Auffassung vertreten. Das Problem der ver- späteten Antwort sei unter anderem vor dem Hintergrund der unterschied- lichen Identitätsangaben des Asylsuchenden zu sehen. Im vorliegenden Fall habe sich der Beschwerdeführer in Deutschland als Minderjähriger ausgegeben, was zu vertieften Abklärungen geführt habe. Dafür sei von den anderen Dublin -Mitgliedstaaten ein gewisses Verständnis aufzubrin- gen. Deutschland sei anfangs 2016 zufolge der starken Migrationsströme massiv überlastet gewesen, weshalb die Antwort erst am 1. Dezember 2016 erfolgt sei. Es wäre zudem s törend, wenn Dubli n-Mitgliedstaaten durch eine erste (negative) Antwort ihre Zuständigkeit zur Prüfung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens umgehen könnten, indem sie auf eine berechtigte Remonstration längere Zeit nicht antworteten. 5. 5.1 Den Akten ist zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer vor der Einreise in die Schweiz in Deutschland aufgehalten und dort ein Asylge- such gestellt hatte. Das SEM ersuchte daher die deutschen Behörden am 4. März 2016 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin -III-VO um Wieder- aufnahme des Beschwerdeführers. Die deutschen Behörden lehnten das Rückübernahmeersuchen am 8. März 2016 ab, da sie von der Minderjäh- rigkeit des Beschwerdeführers ausgingen . Gleichentags teilte das SEM den deutschen Behörden die Korrektur des Alters durch den Beschwerde- führer mit und ersuchte innerhalb der in Art. 5 Abs. 2 DVO vorgesehenen dreiwöchigen Frist erneut um Aufnahme des Beschwe rdeführers ( Re-E-7939/2016 Seite 9 monstrationsverfahren). Die deutschen Behörden stimmten der Über- nahme des Beschwerdeführers am 1. Dezember 2016 – somit knapp acht Monate nach dem Remonstrationsersuchen – zu. 5.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil E-853/2017 vom 7. Juni 2018 unter E. 9 (zur Publikation vorgesehen) festgehalten, eine ver- spätete Zustimmung zur Zuständigkeit im Remonstrationsverfahren ent- falte jedenfalls dann keine Rechtswirkung mehr , wenn diese nach der sechsmonatigen Überstellungsfrist erfolge respektive wenn die asylsu- chende Person nicht mehr innerhalb dieser sechs Monate in den ersuchten und nun per Remonstrationsverfahren zustimmen den Mitgliedstaat über- stellt werden könne. Nach Ablauf der Überstellungsfrist geh e die Zustän- digkeit auf die Schweiz über und das SEM habe das nationale Asylverfah- ren zügig an die Hand zu nehmen. Dieses Resultat berücksichtig e auch das Ziel der Dublin-III-VO einer raschen Bestimmung des zuständigen Mit- gliedstaats, da in jedem Fall nach Ablauf der Überstellungsfrist feststeh e, welcher Mitgliedstaat für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungs- verfahrens zuständig sei. Ungeklärte Zuständigkeiten nach mehreren Mo- naten oder Jahren, missbräuchliches Abwarten von hypothetischen Zu- stimmungen im Remonstrationsverfahren und somit die Gefahr der Schaf- fung von „refugees in orbit“, welche das Dublin -System verhindern wolle, würden durch dieses Resultat vermieden. Der Beginn der sechsmonatigen Überstellungsfrist gestalte sich je nach Konstellation – explizite Annahme, keine Antwort, ausdrückliche Ablehnung – unterschiedlich. Bei einer expli- ziten Annahme des Aufnahme- oder Wiederaufnahmegesuchs beginne die Überstellungsfrist ab dem Zeitpunkt der Zustimmung des ersuchten Staa- tes zu laufen (Art. 29 Abs. 1 Dublin -III-VO). Antworte der ersuchte Staat nicht und werde damit die Zustimmung (des ersuchten Staates) per Ver- fristung angenommen (Art. 22 Abs. 7 resp. Art. 25 Abs. 2 Dub lin-III-VO), beginne die Überstellungfrist mit dem Verfristungsdatum zu laufen, das heisst mit impliziter Annahme (Art. 29 Abs. 1 Dublin -III-VO). Im Rahmen eines Remonstrationsverfahrens liege indessen weder eine Zustimmung noch eine Verfristung, sondern eine negative Antwort vor. Die im Remon- strationsverfahren erfolgte Zusage nach dieser negativen Antwort sei als deren „Wiedererwägung“ zu verstehen; anders ausgedrückt werde die frühere Ablehnung durch die Antwort im Remonstrationsverfahren nun zu einer Annahme. Dies bedeute, dass für die Berechnung der sechsmonati- gen Überstellungsfrist vom Zeitpunkt der negativen Antwort auszugehen sei. E-7939/2016 Seite 10 5.3 Im vorliegenden Verfahren gilt der 8. März 2016 (Ablehnung Deutsch- lands) als Begin n der sechsmonatigen Überstellungsfrist, welche am 8. September 2016 abgelaufen ist. Die Zustimmung Deutschlands am 1. Dezember 2016 erfolgte somit klar verspätet. Die Zuständigkeit zur Be- handlung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist daher auf die Schweiz übergegangen. 6. Die angefochtene Verfügung ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuwei- sen, das Asylgesuch des Beschwerdeführers im Rahmen eines ordentli- chen Asylverfahrens zügig an die Hand zu nehmen und zu prüfen. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die mit Kos- tennote vom 24. Januar 2017 geltend gemachten Aufwendungen in der Höhe von Fr. 1‘245. – (inkl. Auslagen) erscheinen angemessen. Dem Be- schwerdeführer ist zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung in dieser Höhe zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-7939/2016 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und die angefochtene Verfügung auf- gehoben. 2. Das SEM wird angewiesen, sich für das Asylverfahren des Beschwerde- führers zuständig zu erklären und das nationale Verfahren durchzuführen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1‘245.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Annina Mondgenast Versand: