<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 335</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">335</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>79</b></span> <span class="ft2"><b>Ausschaffungshaft; Dublin-Verfahren; rechtsgenüglicher Wegweisungs-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>entscheid; Einreiseverbot</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Basiert der für die Anordnung einer Ausschaffungshaft notwendige Weg-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>weisungsentscheid auf einem Einreiseverbot, muss dieses dem Gericht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>vorgelegt werden und es muss ersichtlich sein, dass das Einreiseverbot</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dem Betroffenen eröffnet wurde (E. II./2.2.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">2. August 2011 in Sachen Amt für Migration und Integration Kanton Aargau</span><br/> <span class="ft3">gegen G.S. betreffend Haftüberprüfung (1-HA.2011.146).</span><br/> <br/> <span class="ft3">Gegen den Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht</span><br/> <span class="ft3">hat das Bundesamt für Migration Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Ange-</span><br/> <span class="ft3">legenheiten beim Bundesgericht (2C_722/2011) erhoben. Dieses ist wegen un-</span><br/> <span class="ft3">terlassener Beschwerdeverbesserung mit Urteil vom 23. Dezember 2011 auf</span><br/> <span class="ft3">die Beschwerde nicht eingetreten.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">II.</span><br/> <span class="ft5">2. [...]</span><br/> <span class="ft5">2.2.</span><br/> <span class="ft5">Der Haftrichter hat sich im Rahmen der Prüfung, ob die Aus-</span><br/> <span class="ft5">schaffungshaft rechtmässig ist, Gewissheit darüber zu verschaffen,</span><br/> <span class="ft5">ob ein Weg- oder Ausweisungsentscheid vorliegt (vgl.</span><br/> <span class="ft5">BGE 128 II 193, E. 2.2.2, S. 198). Das Gesetz verlangt in Art. 76</span><br/> <span class="ft5">Abs. 1 AuG, dass ein erstinstanzlicher Weg- oder Ausweisungsent-</span><br/> <span class="ft5">scheid eröffnet worden ist. Das Rekursgericht hat dazu in früheren</span><br/> <span class="ft5">Entscheiden ausgeführt, dass auch ein Einreiseverbot eine Fernhal-</span><br/> <span class="ft5">temassnahme beinhalte und deshalb für die Dauer des Einreisever-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">336</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">bots die Wirkung einer Wegweisungsverfügung entfalte (vgl. Urteil</span><br/> <span class="ft5">des Präsidenten des Rekursgerichts vom 23.</span> <span class="ft5">November 2010,</span><br/> <span class="ft5">1-HA.2010.131, E. II/2.2; AGVE 2002 Nr. 126, S. 513).</span><br/> <span class="ft5">Das MIKA stützt die Anordnung der Ausschaffungshaft auf ein</span><br/> <span class="ft5">angeblich von den ungarischen Behörden gegen den Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft5">verhängtes Einreiseverbot für den Schengenraum, welches vom</span><br/> <span class="ft5">27. Oktober 2010 bis am 27. Oktober 2013 gültig sein soll. Dieses</span><br/> <span class="ft5">Einreiseverbot liegt nicht vor. Der Gesuchsgegner gab zwar gegen-</span><br/> <span class="ft5">über der Polizei und dem MIKA an, er habe gewusst, dass er nicht in</span><br/> <span class="ft5">die Schweiz einreisen dürfe. Anlässlich der Haftverhandlung korri-</span><br/> <span class="ft5">gierte er seine Aussage dahingehend, dass er nur von einem Einreise-</span><br/> <span class="ft5">verbot betreffend Ungarn, nicht jedoch betreffend die Schweiz ge-</span><br/> <span class="ft5">wusst habe.</span><br/> <span class="ft5">Fraglich ist, ob unter diesen Umständen von einem rechtsge-</span><br/> <span class="ft5">nüglich eröffneten Wegweisungsentscheid ausgegangen werden</span><br/> <span class="ft5">kann.</span><br/> <span class="ft5">Als Hinweis auf das Einreiseverbot befinden sich in den Akten</span><br/> <span class="ft5">einerseits eine RIPOL-Ausschreibung und andererseits ein Ausdruck</span><br/> <span class="ft5">aus dem Schengen Informationssystem (SIS). Daraus geht hervor,</span><br/> <span class="ft5">dass der Gesuchsgegner über eine Schengen-ID (Ungarn, Hauptiden-</span><br/> <span class="ft5">tität) verfügt und er gestützt auf Art. 96 (vermutlich des Schengener</span><br/> <span class="ft5">Durchführungsübereinkommen (SDÜ) vom 19. Juni 1990) zur Ein-</span><br/> <span class="ft5">reiseverweigerung ausgeschrieben ist.</span><br/> <span class="ft5">Aus den vorliegenden Dokumenten geht jedoch nicht hervor,</span><br/> <span class="ft5">dass der Ausschreibung zur Einreiseverweigerung ein Einreiseverbot</span><br/> <span class="ft5">zugrunde liegt. Weder der RIPOL-Ausschreibung noch dem Aus-</span><br/> <span class="ft5">druck aus dem SIS kann entnommen werden, welche Behörde wel-</span><br/> <span class="ft5">chen Staates gegen den Gesuchsgegner ein Einreiseverbot verhängt</span><br/> <span class="ft5">haben und auf welches Gebiet sich dieses Verbot erstrecken soll.</span><br/> <span class="ft5">Zudem widersprechen sich die beiden Dokumente bezüglich des</span><br/> <span class="ft5">Erfassungs- und Verfallsdatums. Es steht damit auch nicht fest, für</span><br/> <span class="ft5">welchen Zeitraum das behauptete Einreiseverbot gelten soll.</span><br/> <span class="ft5">Nachdem aus einem Einreiseverbot ohnehin nur indirekt auf ei-</span><br/> <span class="ft5">nen für die Dauer des Einreiseverbots bestehenden Wegweisungsent-</span><br/> <span class="ft5">scheid geschlossen werden kann, ist zu fordern, dass das Einreisever-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">337</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">bot dem Gericht vorgelegt wird und auch klar ersichtlich ist, dass es</span><br/> <span class="ft5">dem Betroffenen eröffnet wurde.</span><br/> <span class="ft5">Nach dem Gesagten ist nicht erstellt, dass im heutigen Zeit-</span><br/> <span class="ft5">punkt ein gegen den Gesuchsgegner verfügtes, gültiges Einreisever-</span><br/> <span class="ft5">bot für die Schweiz besteht, aus welchem indirekt auf einen eröffne-</span><br/> <span class="ft5">ten Wegweisungsentscheid geschlossen werden kann.</span><br/> <span class="ft5">Da abgesehen vom geltend gemachten Einreiseverbot kein</span><br/> <span class="ft5">Weg- oder Ausweisungsentscheid gegen den Gesuchsgegner vorliegt,</span><br/> <span class="ft5">fehlt es in concreto an der Voraussetzung eines rechtsgenüglichen</span><br/> <span class="ft5">Wegweisungsentscheids für die Anordnung der Ausschaffungshaft.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> </body> </html>