B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3859/2013 U r t e i l v om 2 6 . N o v e m b e r 2 0 1 4 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting-Schalch, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiberin Simona Risi. Parteien A._______, Russland, vertreten durch Michel Meier, BAS Beratungsstelle für Asylsuchende der Region Basel, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 4. Juni 2013 / N (…). E-3859/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer, ein Tschetschene mit letztem Wohnsitz in B._______ (Vorort von Grosny), verliess seinen Heimatstaat eigenen A n- gaben zufolge am 25. Juni 2012. Über die Ukraine, Polen, Tschechien und weitere Länder gelangte er am 2. Juli 2012 in die Schweiz und suc h- te im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person vom 16. Juli 2012 und der Anhörung nach Art. 29 AsylG (S R 142.31) zu den Asylgründen vom 19. September 2012 brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, kurz nach dem Tod von C._______ (tschetschenischer Rebellenführer) im Jahr (…) sei er (…) festgenommen worden. Während der folgenden, etwa zweiwöchigen beziehungsweise einmonatigen Haft sei er gefoltert und über aufständi- sche Personen und Moskauer Staatsleute sowie Funktionäre befragt worden. Am (…) Oktober 2010 sei er erneut festgenommen worden. Un i- formierte Männer einer Spezialeinheit von Ramsan Kadyrov seien in sein Haus eingedrungen und hätten ihn mitgenommen. Anschliessend sei er in ein Privatgefängnis von Kadyrov gebracht worden. Während der Haft sei er der Willkür seiner Verfolger ausgeliefert gewesen. Es seien ihm Fragen über Geldanlagen und Wertsa chen von C._______ gestellt worden, und er sei erneut gefoltert worden, (…). Vermutlich noch im Oktober 2010 sei er halbtot aus dem Gefängnis geworfen worden. Danach habe er sich un- ter anderem Namen mehrere Monate lang im Spital aufgehalten. Nach der Entlassung habe er eine Weile auf dem (…) seiner (…) gelebt. Diese sei von der Staatsanwaltschaft vorgeladen, bedroht und nach ihm befragt worden. Er habe deshalb grosse Angst gehabt und sich entschlossen, das Land zu verlassen. A.b Mit Schreiben vom 24. September 2012 informierte der Beschwerde- führer die Vorinstanz darüber, dass es ihm bei der Anhörung nicht gut ge- gangen sei, und machte ergänzende Ausführungen. So habe er während der Befragung mehrere Durst- und Müdigkeitsattacken gehabt und sich in der Pause hinlegen müssen. Aufgrund der im Heimatland erlebten Tra u- matisierung habe er nicht im notwendigen Ausmass auf seine Haft, die Haftbedingungen und die Hafterlebnisse eingehen können, womit ein w e- sentlicher Aspekt seiner Vorbringen nur ungenügend habe beleuchtet werden können. Zudem habe er im Gefängnis Dinge erlebt, die er in G e- genwart einer Frau nicht äussern könne. Ausserdem habe er aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung Gedächtnisprobleme und könne sich E-3859/2013 Seite 3 an den Zeitraum zwischen Oktober 2010 und März 2012 nur schwer erin- nern. Bei seinem Krankenhausaufenthalt in Tschetschenien sei er über längere Zeit hin nicht bei Bewusstsein gewesen und habe das Spital massiv untergewichtig verlassen. Gegen Ende der Anhörung sei ihm die sorgfältige Überprüfu ng des Protokolls aufgrund seiner Müdigkeit und Konzentrationsschwäche nur noch eingeschränkt möglich gewesen. In der darauffolgenden Nacht habe er (…)schmerzen gehabt und sei am Morgen des 20. Septembers 2012 mit Verdacht auf (…) ins Universitäts- spital D._______ eingewiesen worden. Aus diesen Gründen bat der Beschwerdeführer die Vorinstanz um Pr ü- fung, ob zur Erhebung des asylrelevanten Sachverhalts weitere Abkl ä- rungen nötig seien und ob eine allfällige zusätzliche Anhörung aus- schliesslich in einem Männerteam durchgeführt werden könne. A.c Mit Eingaben vom 1., 3., 10. und 23. Oktober 2012 reichte der B e- schwerdeführer einen Bericht seiner Psychiaterin (med. pract. E._______, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, […]) vom 1. Oktober 2012 und vier Austrittsberichte des Universitätsspitals D._______ (samt Laborbefunden ) vom 23. August 2012 /4. September 2012 (Aufenthalt vom 18. bis 24. August 2012), vom 2. Oktober 2012 (Aufenthalt vom 20. bis 27. September 2012) und vom 20. Oktober 2012 (Aufenthalt vom 19. bis 20. Oktober 2012) zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 4. Juni 2013 – eröffnet am 5. Juni 2013 – stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegwe isung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung führte das BFM insbesondere aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit und die Asylrelevanz nicht stand. Bei der geltend gemachten Verhaftung im Jahre (…) handle es sich um ein mehrere Jahre zurückliegendes Erei g- nis, welches mit der Ausreise nicht in einem genügend engen Kausalz u- sammenhang stehe. Deshalb sei es ohne nähere Prüfung als nicht asy l- relevant zu qualifizieren. Die Vorbringen des Beschwerdeführers betre f- fend die zweite Inhaftierung im Oktober 2010 seien sodann nicht hinre i- chend begründet. So sei er nicht imstande gewesen, klar darzulegen, wo er sich während der Haft aufgehalten habe. Ebenso habe er zwar eine r- seits ein Festnahmedatum (Anfang Oktober 2010) ausmachen können, E-3859/2013 Seite 4 andererseits habe er die Dauer der Inhaftierung nicht angeben können beziehungsweise habe er dazu widersprüchliche Aussagen gemacht. Auf Nachfrage hin habe er zunächst vermutet, seine Entlassung müsse noch im Oktober 2010 gewesen sein, während er später angegeben habe, im Dezember 2011 aus dem Gefängnis entlassen worden zu sein, um kurz darauf vorzubringen, er wisse es schlicht nicht. Sodann habe er die u n- stimmige Zeitangabe betreffend die Dauer des Spitalaufenthalts nicht auf- lösen können. Schliesslich habe er zu Protokoll gegeben, nach der Haf t- entlassung bis zur Ausreise im Juni 2012 keine Probleme mehr gewärtigt zu haben, weil die Behörden nicht gewusst hätten, wo er sich aufgehalten habe. Dieser Umstand spreche gegen die befürchtete Verfolgung. C. Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 5. Juli 2013 durch seinen Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwaltungsg e- richt und beantragte, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, es sei die Flüchtlingseige nschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzuste l- len und das BFM anzuweisen, d ie vorläufigen Aufnahme anzuordnen, subeventualiter sei das BFM anzuweisen, den Sachverhalt neu zu prüfen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unen t- geltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Neben den bereits beim BFM eingereichten Arztberichten legte der Be- schwerdeführer als weiteres Beweismittel einen Bericht der Schweizer i- schen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 5. Oktober 2011 ( FIORENZA KUTHAN, Tchétchénie: traitement des PTSD) zu den Akten. D. Am 22. Juli 2013 reichte der Beschwerdeführer einen weiteren Arztbericht seiner Psychiaterin vom 16. Juli 2013 zu den Akten. E. Mit Verfügung vom 24. Juli 2013 hiess das Bundesverwaltungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. F. Am 20. November 2013 reichte der Beschwerdeführer einen Kurzau s-E-3859/2013 Seite 5 trittsbericht des Universitätsspitals D._______ vom 28. Oktober 2013 über einen 12 -tägigen Spitalaufenthalt vom 17. bis 28. Oktober 2013 zu den Akten. G. Mit Verfügung vom 6. Mai 2014 setzte das Bundesverwaltungsger icht dem Beschwerdeführer Frist an zur Einreichung eines aktuellen Arztb e- richts sowie einer Erklärung betreffend die Entbindung der ihn beha n- delnden Ärzte von der Schweigepflicht. H. Der Beschwerdeführer legte m it Schreiben vom 12. und 27. Mai 2014 e i- ne Entb indungserklärung vom 11. Mai 2014 und ein Arztzeugnis seiner Psychiaterin vom 16. Mai 2014 ins Recht. I. Mit Verfügung vom 30. Juli 2014 lud das Bundesverwaltungsgericht die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein , welche sich am 6. August 2014 vernehmen liess. J. Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 25. August 2014. Zu- dem brachte er als weitere Beweismittel einen Internetartikel von BBC News vom 20. August 2014 (Ramzan Kadyrov 'quizzes 1,000 Chechens' over lost phone) und einen Bericht der SFH vom 22. April 2013 ( ADRIAN SCHUSTER, Tschetschenien: Verfolgung von Personen mit Kontakten zu den Mudschahed) bei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfüg ungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bu n- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z uständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde . Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). E-3859/2013 Seite 6 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde wurde frist - und formgerecht eingereicht. Der B e- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt un d hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 2. Die Kognition und die Rügemöglichkeiten richte n sich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. Der Beschwerdeführer machte geltend, bei der Anhörung durch seine ge- sundheitlichen Probleme in der Schilderung des Sachverhal tes beein- trächtigt gewesen zu sein. Nachfolgend ist daher zunächst zur prüfen, ob der Sachverhalt vollständig und richtig erstellt wurde. 3.1 In seiner Beschwerdeschrift führte der Beschwerdeführer im Einzel- nen aus, er stimme dem BFM darin zu, dass er die Verhaftung im Jahre 2010 nicht konsistent wiedergegeben habe und es im Laufe der Befr a- gungen zu Widersprüchen gekommen sei. Es sei jedoch auch festzuha l- ten, dass er offenkundig und durch ärztliche Berichte bestätigt durch die Ereignisse in Tschetschenien stark traumatisiert sei und wegen der G e- dächtnis-, Konzentrations- und dissoziativen Störungen grosse Mühe h a- be, in klaren Zusammenhängen zu berichten, insbesondere wenn es um die traumatisierenden Erlebnisse gehe. Seine diesbezüglichen Probleme würden durch die Spitalaufenthal te unterstrichen, in die er sich nach den Befragungen jeweils habe b egeben müssen. Zudem habe er am Ende der Anhörung, nach Abgabe der Protokolle, dem Befrager mitgeteilt, dass er Probleme mit der Anwesenheit der Dolmetscherin und der Hilfswer k- vertreterin (HWV) gehabt und dabei sowie mit Schreiben aus dem Spital vom 24. Se ptember 2012 um eine Befragung in Anwesenheit von aus- schliesslich Männern gebeten habe. Da es sich dabei potenziell wichtige Elemente des Sachverhalts handle, werde die Aufhebung der angefoc h- tenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an das BFM zur erneu- ten Prüfung unter Vornahme einer weiteren Anhörung in eine m Männer- team beantragt. E-3859/2013 Seite 7 Der Rechtsvertreter fügte an, dass sich die Kommunikation zwischen ihm und dem Beschwerdeführer schwierig gestalte, da dieser grosse Mühe bekunde, frei über seine Erlebnisse zu berichten und sie zeitlich einz u- ordnen. 3.2 Vernehmlassend führte das BFM insbesondere aus, die Beschwerde- schrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, die eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Ergänzend sei jedoch festzuhalten, dass nicht verständlich sei, dass der Beschwerd e- führer, wenn er sich durch die Präsenz von gewissen Personen bei der Anhörung in seiner freien Rede gestört gefühlt hätte, dies dem Befra ger nicht (vor dem Abschluss der Bef ragung) mitgeteilt hätte. Dem Protokoll der Anhörung seien überdies auch keine Einwände bezüglich Verstän d- nisschwierigkeiten oder Müdigkeitserscheinungen zu entnehmen. 3.3 Zur Beurteilung, ob beziehungsweise inwieweit die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers die Erstellung des Sachverhalts anläss- lich der Anhörung vom 19. September 2012 beeinträchtigt hat, sind z u- nächst überblicksweise die in der Schweiz gestellten medizinischen D i- agnosen und der Behandlungsverlauf darzulegen. 3.3.1 Hinsichtlich seiner physischen Gesundheitsbeeinträchtigungen reichte der Beschwerdeführer im erstinstanzlichen Verfahren und im B e- schwerdeverfahren fünf Austrittsberichte des Universitätsspitals D._______ betreffend vier stationäre Aufenthalte in der dortigen Klinik für innere Medizin zu den Akten. Erstmals hielt sich der Beschwerdeführer rund eineinhalb Monate nach der Einreise (18. – 24. August 2012) im Universitätsspital D._______ auf. Der zweite Spitalaufenthalt begann am Tag nach der Anhörung (20. – 27. September 2012). Des Weiteren wurde der Beschwerdeführer vom 19. bis 20. Oktober 2012 und vom 17. bis 28. Oktober 2013 stationär behandelt. Aus den eingereichten Berichten erg e- ben sich zusammenfassend folgende Diagnosen: (…). In den Berichten wurde angemerkt, der Beschwerdeführer habe sich jeweils in deutlich r e- duziertem Allgemeinzustand und (…) Ernährungszustand präsentiert. Im Bericht vom 10. Oktober 2012 wurde sodann festgehalten, die allgemeine Symptomatik der Schwäche sei am ehesten im Rahmen einer posttrau- matischen Belastungsstörung (PTBS) zu interpretieren. 3.3.2 Neben den Berichten des Universitätsspitals Basel reichte der B e- schwerdeführer ärztliche Berichte seiner Psychiaterin (Fachärztin für E-3859/2013 Seite 8 Psychiatrie und Psychotherapie FMH) vom 1. Oktober 2012, 16. Juli 2013 und 16. M ai 2014 ein. Diesen ist zu entnehmen, dass der Beschwerd e- führer am 9. August 2012 – rund einen Monat nach der Einreise in die Schweiz – von seinem Hausarzt mit Verdacht auf PTBS an die beha n- delnde Psychiaterin überwiesen wurde. Diese diagnostizierte eine P TBS nach Inhaftierung und Folter ( ICD-10 F43.1). Seit der Diagnosestel lung wurde die Krankheit medikamentös ( …) sowie mit (…) einzeltherapeuti- schen Sitzungen behandelt. Mit Bericht vom 1. Oktober 2012 wurde insbesondere festgehalten, die Kontaktaufnahme mi t dem Beschwerdeführer sei massiv erschwert g e- wesen, obgleich die behandelnde Ärztin die russische Sprache perfekt beherrsche. Er habe alle Betreuenden ausdrücklich gebeten, ihm keine Kontakte mit russischsprechenden Personen anzubieten, da er Angst h a- be, durch diese Kontakte geortet zu werden, was seine Familie das L e- ben kosten könnte. Beim Thema Folter habe er sich dissoziativ, mitte l- schwer im Denken verlangsamt, assoziativ, umständlich, sporadisch vo r- beiredend verhalten. Nach mühevollem Aufbau einer psyc hotherapeuti- schen Allianz habe er seine Beschwerden geäussert. Die Psychiaterin stellte eine mittelschwere Gedächtnisstörung, besonders des Frischg e- dächtnisses und mittelschwere Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstö- rungen fest. Dem Patienten falle es schw er, dem roten Faden eines Ge- sprächs zu folgen. Im Affekt zeige er Misstrauen, Ängstlichkeit und Tra u- rigkeit. Er leide nicht an Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen, Wahn- oder Zwangsstörungen. Er habe jedoch eine Ich-Störung im Sinne einer inneren Entfremdung von Gefühlen. Es gebe deutliche Hinweise auf das Vorliegen einer schweren PTBS. Mit Berichten vom 16. Juli 2013 und vom 20. Mai 2014 hielt die beha n- delnde Ärztin an der Diagnose der vollendeten schweren PTBS nach P o- lytraumatisierung, Inhaftierung und Folter fest. Zudem hätten sich im Lau- fe der Therapie (zusätzlich zur PTBS) Merkmale einer (…) herauskristalli- siert ([…]). Beim Ansprechen der Inhaftierung und der traumatischen Er- lebnisse in Tschetschenien zeige der Patient dissoziative Zustände; er sei psychisch abwesend und verliere den Faden des Gesprächs. Nur mit grosser Mühe könne er jeweils zum Gesprächsthema zurückgeführt we r- den. Er orientiere sich gut in Bezug auf die eigene Person, zeige aber ei- ne schlechte Or ientierung betreffend die zeitlichen Abläufe der traumat i- schen Erlebnisse in Tschetschenien, was in einem engen Zusamme n- hang mit Flashbacks und Dissoziationen stehen müsse. Die Gespräche würden durch die Konzentrationsstörungen deutlich erschwert. Er verliere E-3859/2013 Seite 9 sich einerseits in Details und könne andererseits nur schwer beim Thema bleiben. Er zeige grosse Gedächtnislücken im Sinne einer retrograden Amnesie beim Versuch, die traumatischen Erlebnisse zu rekonstruieren. Im Denken zeige er sich verlangsamt, umständlich und inhaltlich par a- noid. Trotz scheinbar äusserer Ruhe fühle er sich meist angespannt, b e- sonders wenn er in einem näheren Kontakt Menschen treffen müsse. Die kognitiven Beeinträchtigungen würden es nach wie vor nicht zulassen, dass er seine Erlebnisse kohärent und vollständig darstelle. 3.4 Aufgrund der eingereichten Arztberichte ist für das Gericht erstellt, dass der Beschwerdeführer an einer PTBS sowie zahlreichen physischen Beschwerden leidet, die insbesondere im Zusammenhang mit der PTBS und einer (…)verletzung mit anschliessender (…) zu sehen sind. Die Auswirkungen insbesondere der psychischen Erkrankung des B e- schwerdeführers werden bei der Durchsicht der Befragun gsprotokolle of- fensichtlich. So machte er bei der Darlegung seiner Asylgründe zahlrei- che Gedankensprünge und weitgehend kn appe und unzusammenhä n- gende Ausführungen. Es gelang ihm nicht, sich auf die Fragen des Sac h- bearbeiters zu seinen Asylgründen zu konzentrieren. Exemplarisch fest- gehalten seien in diesem Zusammenhang die Ausführungen zu seinem angeblichen Aufenthalt im Privatgefängnis von Ramsan Kadyrov: (…). Der für die Beurteilung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers mas s- gebliche Sachverhalt erscheint mit der durchgeführten Anhörung nicht als hinreichend erstellt, was weitgehend auf dessen Aussageverhalten zu- rückzuführen ist. Eine Verletzung der Mitwirkungspflicht (vgl. Art. 8 AsylG) kann dem Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang jedoch nicht vor- geworfen werden. Dessen Konzentrations- und Ausdrucksschwierigkeiten lassen sich mit seiner psychischen Erkrankung erklären, die bereits bei der Anhörung vom 19. September 2012 bestand . Bei dieser Sachlage darf – unabhängig von den teilweise berechtigten Einw änden des BFM anlässlich der Vernehmlassung – nicht auf den unvollständig erhobenen Sachverhalt abgestellt werd en. Die angefochtene Verfügung ist daher aufzuheben und die Sache ist zur Durchführung einer weiteren Anhörung und neuem Entscheid an das BFM zurückzuweisen. Dabei wird dem a n- geschlagenen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers angemessen Rechnung zu trag en sein, wobei aufgrund der besonderen Umstände a l- lenfalls eine vorgängige Rücksprache mit der Psychiaterin, zwecks Vo r- bereitung des Beschwerdeführers auf eine erneute Anhörung, angezeigt E-3859/2013 Seite 10 sein wird . Zudem ist die Anhörung in einem reinen Männerteam vorz u- nehmen. 4. Zusammenfassend ergibt sich, dass der Sachverhalt unvollständig erstellt ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG), und die Beschwerde daher gutzuheissen ist. 5. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG). 6. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Auf das Einfordern einer Kostennote kann verzichtet werden, da sich der notwe n- dige Vertretungsaufwand aufgrund der Akten hinreichend zuverlässig a b- schätzen lässt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehend en Bemessungs- faktoren (Art. 9 –13 VGKE) ist ihm zu Lasten der Vorinstanz eine Parte i- entschädigung von Fr. 1'400.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-3859/2013 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben und die Sache wird im Sinne der Erwägungen zur vollständi- gen Erstellung des Sachverhalts und neuem Entscheid an das BFM z u- rückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschäd i- gung von Fr. 1'400.– (inkl. Auslagen) auszurichten. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Simona Risi Versand: