<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 69 S.341</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">341</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>69 Formelle Enteignung nachbarlicher Abwehrrechte; nachträgliches</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Begehren wegen Immissionen durch eine Baustelle (§ 155 Abs. 1 lit. c</b></span><br/> <span class="ft2"><b>BauG)</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Grundsätzliches zur Immissionsentschädigung im Zusammenhang</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mit öffentlichen Werken (Erw. 3.1.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Übermässige Immissionen während vier Monaten rechtfertigen keine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Entschädigung, wenn die Erholungszeiten eingehalten werden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 3.2. - 3.3.5.2.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Ein auf Parteiabrede beruhender Mietzinserlass kann nicht als Scha-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>den anerkannt werden (Erw. 3.3.9.2.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Immissionen während der Abwesenheit des Wohnungsinhabers wer-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>den nicht als Nutzungsbeschränkung berücksichtigt (Erw. 3.3.9.3.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom</span><br/> <span class="ft5">25. April 2006 in Sachen M. gegen Kanton Aargau.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. Verbleibender Hauptstreitpunkt des vorliegenden Verfahrens</span><br/> <span class="ft1">ist der Ersatz von Mietzinsausfällen und eine Entschädigung an den</span><br/> <span class="ft1">Eigentümer wegen eingeschränkter Wohnnutzung als Folge der Bau-</span><br/> <span class="ft1">immissionen (...).</span><br/> <span class="ft1">3.1. Das Grundeigentum beinhaltet unter anderem das Recht,</span><br/> <span class="ft1">übermässige Einwirkungen von Nachbarn auf das eigene Grundstück</span><br/> <span class="ft1">abwehren zu können (Art. 684 ZGB i.V.m. Art. 679 ZGB). Gegen</span><br/> <span class="ft1">übermässige Einwirkungen steht dem betroffenen Grundeigentümer</span><br/> <span class="ft1">insbesondere die Unterlassungsklage zur Verfügung. Gehen diese</span><br/> <span class="ft1">Immissionen jedoch von einem im öffentlichen Interesse liegenden</span><br/> <span class="ft1">Werk aus, für welches dem Werkeigentümer das Enteignungsrecht</span><br/> <span class="ft1">zusteht und können diese Einwirkungen nicht oder nur mit einem</span><br/> <span class="ft1">unverhältnismässigen Aufwand vermieden werden, so werden die</span><br/> <span class="ft1">Abwehransprüche des Grundeigentümers infolge der vorrangigen</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Interessen unterdrückt. Das bedeutet die zwangsweise</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">342</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Errichtung einer Dienstbarkeit auf dem Grundstück des Enteigneten</span><br/> <span class="ft1">zugunsten des Werkeigentümers, deren Inhalt in der Pflicht zur Dul-</span><br/> <span class="ft1">dung der Immissionen besteht. An Stelle des Unterlassungsanspruchs</span><br/> <span class="ft1">kann die Entschädigung für die Enteignung der nachbarlichen</span><br/> <span class="ft1">Abwehrrechte, d.h. eine formelle Enteignung, treten (BGE 123 II</span><br/> <span class="ft1">490 ff. mit weiteren Hinweisen; zum Ganzen vgl. Entscheid der</span><br/> <span class="ft1">Schätzungskommission [SKE] EV.2000.50018 in Sachen R.M. vom</span><br/> <span class="ft1">7. November 2000, S. 5). (...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.2.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Bundesgericht ist Baustellenlärm während einer Dauer</span><br/> <span class="ft1">von drei bis sechs Monaten in der Regel entschädigungslos</span><br/> <span class="ft1">hinzunehmen (BGE 106 Ib 251). Den Mietern eines Restaurants, die</span><br/> <span class="ft1">den Betrieb sechs Monate vor Ablauf ihres Vertrages einstellten, weil</span><br/> <span class="ft1">sie sich infolge von Bauarbeiten für die Bahnunterführung, der</span><br/> <span class="ft1">Schliessung des SBB-Niveauüberganges und der Kanalisationsarbei-</span><br/> <span class="ft1">ten unmittelbar vor und neben der Liegenschaft dazu genötigt sahen,</span><br/> <span class="ft1">verweigerte es eine Entschädigung (BGE 113 Ia 354 ff.).</span><br/> <span class="ft1">Ob die Intensität der Beeinträchtigungen durch die Baustelle im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Fall eine Entschädigung rechtfertigt, ist nun zu prüfen.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.3.4. Für Baustellen sind in der LSV keine Grenzwerte festge-</span><br/> <span class="ft1">legt. Stattdessen hat das BUWAL die Richtlinie über emissions-</span><br/> <span class="ft1">begrenzende Massnahmen zur Vermeidung von Baulärm vom</span><br/> <span class="ft1">2. Februar 2000 ausgearbeitet. Es handelt sich dabei um Weisungen</span><br/> <span class="ft1">an Vollzugsbehörden für lärmrechtliche Vorschriften, mit denen die</span><br/> <span class="ft1">Konkretisierung und Anwendung der Art. 11 und 12 USG für Bau-</span><br/> <span class="ft1">stellen aufgezeigt wird. Für kantonale Behörden ist deren Anwen-</span><br/> <span class="ft1">dung nicht zwingend. Bei Abweichungen ist aber nachzuweisen, dass</span><br/> <span class="ft1">die bundesrechtlichen Anforderungen eingehalten werden (Richtlinie</span><br/> <span class="ft1">S. 4 Ziff. 1.6.).</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.3.4.7. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die</span><br/> <span class="ft1">BUWAL-Richtlinie eingehalten worden zu sein scheint. Jedenfalls</span><br/> <span class="ft1">sind gravierende Abweichungen nicht nachgewiesen. Der von der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">343</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Baustelle verursachte Lärm hätte also nicht durch zumutbare Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahmen verringert werden können.</span><br/> <span class="ft1">3.3.5. Unvermeidbare, übermässige Immissionen sind zu ent-</span><br/> <span class="ft1">schädigen, wenn sie eine gewisse Dauer aufweisen. Andernfalls sind</span><br/> <span class="ft1">sie - wie auch die üblichen Baustellenimmissionen - von der</span><br/> <span class="ft1">Duldungspflicht gedeckt (...). Dass auch eine mehrjährige Baustelle,</span><br/> <span class="ft1">von der keine übermässigen Einwirkungen ausgehen, entschädi-</span><br/> <span class="ft1">gungslos hinzunehmen ist, ergibt sich aus dem Bundesgerichtsent-</span><br/> <span class="ft1">scheid 1E.9/2001 vom 25. Februar 2002, Erw. 6. In diesem Fall (...)</span><br/> <span class="ft1">verlangte der Gesuchsteller Ersatz der hypothetischen Mietzinsein-</span><br/> <span class="ft1">bussen für 5 Jahre. Das Begehren wurde abgewiesen, weil keine</span><br/> <span class="ft1">übermässigen Immissionen festgestellt werden konnten. Ab welcher</span><br/> <span class="ft1">Dauer übermässige Einwirkungen entschädigt werden müssen,</span><br/> <span class="ft1">wurde vom Bundesgericht, soweit ersichtlich, bisher nicht festgelegt.</span><br/> <span class="ft1">Im Entscheid 106 Ib 251 hat es lediglich festgehalten, dass Bau-</span><br/> <span class="ft1">stellen von 3-6 Monaten in der Regel entschädigungslos hinzuneh-</span><br/> <span class="ft1">men sind. Im Vergleich zur Zahl der Begehren wegen Dauerlärm von</span><br/> <span class="ft1">Strasse, Schiene und Flughäfen finden sich in der bundesgericht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Rechtsprechung nur wenige Fälle betreffend Baustellenlärm,</span><br/> <span class="ft1">obwohl die öffentliche Hand laufend auch grössere Bauwerke reali-</span><br/> <span class="ft1">siert. Die Einsicht in die Notwendigkeit solcher Eingriffe und die</span><br/> <span class="ft1">Toleranz gegenüber temporären Immissionen scheinen daher allge-</span><br/> <span class="ft1">mein vorhanden zu sein. Da auch Entschädigungen für Dauerlärm</span><br/> <span class="ft1">nur unter restriktiven Voraussetzungen zugesprochen werden (...),</span><br/> <span class="ft1">muss - um das Verhältnis zu wahren - bei vorübergehenden über-</span><br/> <span class="ft1">mässigen Immissionen eine gewisse Dauer verlangt werden. Kurz-</span><br/> <span class="ft1">zeitige Störungen genügen nicht, auch wenn sie als übermässig zu</span><br/> <span class="ft1">beurteilen sind.</span><br/> <span class="ft1">3.3.5.1. Die Liegenschaft des Gesuchstellers war in der ersten</span><br/> <span class="ft1">Bauphase zeitweise extremem Lärm ausgesetzt, das ist unbestritten.</span><br/> <span class="ft1">Als übermässig lärmintensive Arbeiten werden angeführt: das Spit-</span><br/> <span class="ft1">zen der Betonmauer (ab 13. Januar 2004), das Zerkleinern der Find-</span><br/> <span class="ft1">linge und der Felsplatte (ab 23. Januar 2004) sowie die Bohrarbeiten</span><br/> <span class="ft1">für die Pfähle (vom 3.-24. Februar 2004 und vom 13.-17. Mai 2004)</span><br/> <span class="ft1">(...). Grosszügig gerechnet hat die lärmintensive Phase maximal</span><br/> <span class="ft1">vom 13. Januar 2004 bis 17. Mai 2004, also rund 4 Monate gedauert.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">344</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die anschliessenden Arbeiten waren weniger belastend. Sie wa-</span><br/> <span class="ft1">ren wohl störend, fielen aber nicht aus dem Rahmen von gewöhnli-</span><br/> <span class="ft1">chen Immissionen einer Baustelle. Dafür spricht auch, dass die Mie-</span><br/> <span class="ft1">ter nicht ausgezogen sind, obwohl die Arbeiten an der Umfahrungs-</span><br/> <span class="ft1">strasse bis heute nicht abgeschlossen sind. Selbst der Fotograf, der</span><br/> <span class="ft1">angeblich das Atelier per Ende Juni 2004 gekündigt haben soll (...),</span><br/> <span class="ft1">ist geblieben. Die Beeinträchtigung durch üblichen Baulärm ist von</span><br/> <span class="ft1">den betroffenen Anwohnern entschädigungslos zu dulden (...).</span><br/> <span class="ft1">3.3.5.2. Der Gesuchsteller gab zu bedenken, dass er mehr als</span><br/> <span class="ft1">andere betroffen sei. Das Haus stehe auf einer mehrlagigen Schicht</span><br/> <span class="ft1">von Findlingen. Beim Abbau der Findlinge und den Bohrarbeiten</span><br/> <span class="ft1">seien Schall und Schwingungen ins Haus übertragen und besonders</span><br/> <span class="ft1">gut wahrgenommen worden. Zudem sei der Baulärm von mehrge-</span><br/> <span class="ft1">schossigen Gebäuden gegenüber seiner Liegenschaft zurückgewor-</span><br/> <span class="ft1">fen worden (...). An der Verhandlung vom 25. April 2006 machte M.</span><br/> <span class="ft1">weiter geltend, dem Haus gegenüber sei eine 8 m hohe Pfahlwand</span><br/> <span class="ft1">gestanden, die den Lärm zurückgeworfen habe (...).</span><br/> <span class="ft1">Die zusätzliche Belastung infolge des schwierigen Baugrundes</span><br/> <span class="ft1">betrifft Arbeiten in jener Phase, in welcher der Baustellenlärm un-</span><br/> <span class="ft1">bestritten über dem üblichen Mass lag (...). Die Zusatzbelastung</span><br/> <span class="ft1">bestätigt dieses Ergebnis nochmals; etwas anderes ergibt sich daraus</span><br/> <span class="ft1">nicht. Der Einwand betreffend Reflektion des Schalls durch gegenü-</span><br/> <span class="ft1">berliegende Gebäude vermag nicht zu überzeugen. Diese stehen et-</span><br/> <span class="ft1">was hangabwärts von der Liegenschaft des Gesuchstellers und bilden</span><br/> <span class="ft1">keine geschlossene, parallel verlaufende Front. Eine spürbare</span><br/> <span class="ft1">Verstärkung der Bauimmissionen ist davon nicht zu erwarten. Was</span><br/> <span class="ft1">die Pfahlwand angeht ist zu bedenken, dass der gegenüberliegende</span><br/> <span class="ft1">Grubenrand etwas tiefer lag und vor dem Haus des Gesuchstellers</span><br/> <span class="ft1">ebenfalls eine Schutzwand aufgestellt wurde. Von letzterer liegt ein</span><br/> <span class="ft1">Foto in den Akten (...). Erstere wurde nicht dokumentiert und es ist</span><br/> <span class="ft1">schwierig, deren Wirkung im Nachhinein abzuschätzen. Es ist aber</span><br/> <span class="ft1">nicht anzunehmen, dass sie den normalen Baulärm - wenn überhaupt</span><br/> <span class="ft1">- derart verstärkt hat, dass die Liegenschaft ständig einer übermässi-</span><br/> <span class="ft1">gen Belastung, vergleichbar jener der ersten Bauphase, ausgesetzt</span><br/> <span class="ft1">war. Andernfalls wäre das Argument nicht erst an der Verhandlung</span><br/> <span class="ft1">vorgetragen worden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">345</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Somit bleibt es bei der Feststellung, dass die für eine allfällige</span><br/> <span class="ft1">Entschädigung relevante Phase rund 4 Monate gedauert hat. Das mag</span><br/> <span class="ft1">auf den ersten Blick lange erscheinen. Da die Erholungszeiten (Mit-</span><br/> <span class="ft1">tag, Nacht, Wochenende) aber eingehalten wurden, die Immissionen</span><br/> <span class="ft1">also auf die weniger empfindlichen Tageszeiten fielen, relativiert sich</span><br/> <span class="ft1">dieses Ergebnis. Im Vergleich mit jenen, die von Verkehrslärm</span><br/> <span class="ft1">betroffen sind, der sich nicht an die üblichen Arbeitszeiten hält, ist</span><br/> <span class="ft1">das eine deutliche Erleichterung. Deshalb ist vorliegend die notwen-</span><br/> <span class="ft1">dige Dauer, die eine Entschädigung rechtfertigen würde, nach Über-</span><br/> <span class="ft1">zeugung der Schätzungskommission nicht erreicht.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.3.9. Selbst wenn Intensität und Dauer der Immissionen für</span><br/> <span class="ft1">eine Entschädigung sprechen würden, wäre eine solche nur</span><br/> <span class="ft1">auszurichten, wenn durch die Einwirkungen ein beträchtlicher Scha-</span><br/> <span class="ft1">den entstanden wäre (...).</span><br/> <span class="ft1">Der Gesuchsteller stellt eine Gesamtforderung von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 79'978.80 (...). Darin sind enthalten: Mietzinsreduktionen für drei</span><br/> <span class="ft1">Wohnungen, Mietzinsreduktion für den Gewerberaum, Entschädi-</span><br/> <span class="ft1">gung für den ebenfalls im Haus wohnenden Gesuchsteller sowie eine</span><br/> <span class="ft1">Umtriebsentschädigung. Die Ersatzforderung basiert auf Mietzins-</span><br/> <span class="ft1">senkungen für die Jahre 2004 und 2005. Wie bereits festgehalten</span><br/> <span class="ft1">(...), dauerte die für eine allfällige Entschädigung massgebende</span><br/> <span class="ft1">lärmintensive Bauphase rund 4 Monate. Rechnet man die Ge-</span><br/> <span class="ft1">samtforderung auf diese Zeit um, bleiben noch rund Fr. 13'300.--. Ob</span><br/> <span class="ft1">dieser Betrag als schwerwiegender Schaden anzusehen ist, bleibe</span><br/> <span class="ft1">dahin gestellt.</span><br/> <span class="ft1">3.3.9.1. Bisher hat der Gesuchsteller einzig dem Fotografen</span><br/> <span class="ft1">eine Mietzinsreduktion im Umfang von 50 % gewährt. Die übrigen</span><br/> <span class="ft1">Mieter wurden auf den Entscheid der Schätzungskommission über</span><br/> <span class="ft1">das vorliegende Entschädigungsbegehren vertröstet (...). Was die</span><br/> <span class="ft1">Wohnungsmieten betrifft, hat der Gesuchsteller demnach gar keinen</span><br/> <span class="ft1">Schaden erlitten.</span><br/> <span class="ft1">3.3.9.2. Die Mietzinsreduktion für das Atelier wurde freiwillig</span><br/> <span class="ft1">gewährt. Es liegt dafür weder ein Entscheid der Schlichtungsstelle in</span><br/> <span class="ft1">Mietsachen noch ein Entscheid eines Zivilgerichts vor. Ein auf</span><br/> <span class="ft1">Parteiabrede beruhender Mietzinserlass kann jedoch nicht anerkannt</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">346</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">werden. Andernfalls hätte es der Gesuchsteller in der Hand, den</span><br/> <span class="ft1">Schaden infolge Bauimmissionen selber festzulegen. Wo ein Vermie-</span><br/> <span class="ft1">ter auch in der betroffenen Liegenschaft wohnt und dem Bauherrn</span><br/> <span class="ft1">gegenüber eine Entschädigungsforderung stellt, ist der Interessen-</span><br/> <span class="ft1">konflikt offensichtlich.</span><br/> <span class="ft1">Da der privatrechtliche und der öffentlichrechtliche Immissions-</span><br/> <span class="ft1">schutz grundsätzlich selbstständig nebeneinander stehen, würde die</span><br/> <span class="ft1">Schätzungskommission ein entsprechendes Zivilurteil mit Rücksicht</span><br/> <span class="ft1">auf die Unterschiede nicht unbesehen übernehmen (Erich Zimmerlin,</span><br/> <span class="ft1">Baugesetz des Kantons Aargau, Kommentar, 2. Auflage, Aarau 1985,</span><br/> <span class="ft1">§§ 160/61 N 2; vgl. auch Max Imboden/René A. Rhinow, Schwei-</span><br/> <span class="ft1">zerische Verwaltungsrechtsprechung, Band II: Besonderer Teil, 5.</span><br/> <span class="ft1">Auflage, Basel 1976, S. 1054 lit. a). Die allgemeinen Gebote der</span><br/> <span class="ft1">widerspruchsfreien und koordinierten Anwendung der Rechtsord-</span><br/> <span class="ft1">nung verlangen jedoch den sachgerechten Einbezug von und die</span><br/> <span class="ft1">möglichst weitgehende Rücksichtnahme auf Normen anderer Rechts-</span><br/> <span class="ft1">gebiete zum gleichen Gegenstand (BGE 126 III 225 f., vgl. auch den</span><br/> <span class="ft1">Aufsatz von Niccolò Raselli, Berührungspunkte des privaten und</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Immissionsschutzes in URP 2000 S. 271 ff.; für eine</span><br/> <span class="ft1">Rückbesinnung auf die grundlegenden Unterschiede der beiden Teil-</span><br/> <span class="ft1">ordnungen: Susanne Auer, Neuere Entwicklungen im privatrechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Immissionsschutz, Zürcher Studien zum Privatrecht 134, Diss.,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 1997, S. 15, 17, 32 f.). Die Chancen für eine Schadenanerken-</span><br/> <span class="ft1">nung wären mit Zivilurteil daher deutlich besser, auch weil der Zivil-</span><br/> <span class="ft1">richter - wie der Enteignungsrichter - die Berechtigung einer</span><br/> <span class="ft1">Mietzinsreduktionsforderung nach rechtlichen Vorgaben zu prüfen</span><br/> <span class="ft1">und zu beurteilen hat. So wäre jedenfalls ausgeschlossen, dass Be-</span><br/> <span class="ft1">stand und Höhe des Schadens von den beteiligten Privaten zu Lasten</span><br/> <span class="ft1">der öffentlichen Hand festgelegt würden.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend bleibt der Umfang der Einschränkung des Fotobe-</span><br/> <span class="ft1">triebs unklar. Es ist unerfindlich, wie man auf eine Reduktion von 50</span><br/> <span class="ft1">% kam. Nicht nachvollziehbar ist auch, weshalb keine Abstufung der</span><br/> <span class="ft1">Reduktion nach Baufortschritt vereinbart wurde. Die Beeinträchti-</span><br/> <span class="ft1">gungen nahmen ja laufend ab. Konkrete Umsatzeinbussen wurden</span><br/> <span class="ft1">nicht geltend gemacht und sind jedenfalls nicht belegt. Für diese</span><br/> <span class="ft1">hätte der Fotograf im Übrigen selber ein Begehren bei der Schät-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">347</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zungskommission stellen müssen. Die Mietzinseinbusse für das Ate-</span><br/> <span class="ft1">lier kann unter diesen Umständen ebenfalls nicht als Schaden aner-</span><br/> <span class="ft1">kannt werden.</span><br/> <span class="ft1">3.3.9.3. Beim Schaden, den der Gesuchsteller für beeinträchtig-</span><br/> <span class="ft1">tes Wohnen während der Bauzeit angibt, stellt sich vorab die Frage,</span><br/> <span class="ft1">wie viel Zeit er während der hier interessierenden Bauphase im Aus-</span><br/> <span class="ft1">land zugebracht hat. Von Immissionen betroffen kann nur sein, wer</span><br/> <span class="ft1">diesen ausgesetzt ist. Während der Abwesenheit des Wohnungsinha-</span><br/> <span class="ft1">bers ist die Nutzung nicht beschränkt, weil sie ja gar nicht ausgeübt</span><br/> <span class="ft1">wird. (...) [Der Gesuchsteller erklärt], dass er sich aus gesundheitli-</span><br/> <span class="ft1">chen Gründen jeweils im Frühling und im Herbst in Portugal auf-</span><br/> <span class="ft1">halte. (...) An der Verhandlung vom 25. April 2006 erklärte der Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsteller, die Gesundheitsprobleme hätten schon vor dem Tunnel-</span><br/> <span class="ft1">bau bestanden. Seit seiner Pensionierung 1995 sei er oft abwesend,</span><br/> <span class="ft1">üblicherweise 6-8 Wochen. Im Jahr 2005 habe er mehr Zeit in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz verbracht, weil dann der Garten wiederhergestellt worden</span><br/> <span class="ft1">sei (...). Diese Angaben bestätigen, dass die Beeinträchtigungen im</span><br/> <span class="ft1">zweiten Jahr (2005) geringer waren als im ersten. Wie lange die</span><br/> <span class="ft1">Abwesenheit Anfang 2004 genau gedauert hat - ob sie Baustellen</span><br/> <span class="ft1">bedingt allenfalls länger als üblich ausfiel - bleibt offen. Es wäre</span><br/> <span class="ft1">Sache des Gesuchstellers gewesen, dies darzulegen. Die Frühlingsab-</span><br/> <span class="ft1">wesenheit wäre aber wohl so oder anders in die Zeit der lärmintensi-</span><br/> <span class="ft1">ven Bauphase gefallen, was die anrechenbare Dauer der entschädi-</span><br/> <span class="ft1">gungsrelevanten Phase verkürzt. Zudem beruhte die ursprüngliche</span><br/> <span class="ft1">Forderung auf einem Mietwert von Fr. 4'500.-- (...), während die</span><br/> <span class="ft1">definitive Forderung gemäss der Zusammenstellung der A. AG (..)</span><br/> <span class="ft1">ohne weitere Begründung auf einem Mietzins von Fr. 3'500.-- ba-</span><br/> <span class="ft1">siert. Das erweckt den Anschein, als sei der Betrag willkürlich</span><br/> <span class="ft1">festgelegt worden. Auch diese Forderung ist nicht rechtsgenügend</span><br/> <span class="ft1">nachgewiesen.</span><br/> <span class="ft1">Somit kann festgestellt werden, dass kein schwerwiegender</span><br/> <span class="ft1">Schaden nachgewiesen wurde. Es sei aber angemerkt, dass in Fällen,</span><br/> <span class="ft1">wo die übermässig belastende Bauphase relativ kurz ist, der Nach-</span><br/> <span class="ft1">weis eines grossen Schadens schwierig ist. Selbst wenn Gewerbebe-</span><br/> <span class="ft1">triebe über mehrere Monate gravierende Umsatzeinbussen erleiden,</span><br/> <span class="ft1">ist ihnen eine Entschädigung nicht sicher (vgl. BGE 113 Ia 354 ff.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">348</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Dieses Problem stellt sich jeweils auch Mietern und Pächtern, die</span><br/> <span class="ft1">selber gegen einen öffentlichen Bauherrn vorgehen, weil sie nur für</span><br/> <span class="ft1">die Dauer bis zum nächsten ordentlichen Kündigungstermin eine</span><br/> <span class="ft1">Entschädigung fordern können (Wagner/Gebhardt, a.a.O., S. 7 mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweis auf BGE 106 Ib 241 ff.).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>