<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 62 S.246</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">246</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>62</b></span> <span class="ft2"><b>Öffentliches Baurecht und privates Nachbarrecht.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Die Baubewilligung verleiht als Polizeierlaubnis dem Bauherrn einen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Rechtsanspruch auf Erteilung, wenn die öffentlichrechtlichen Voraus-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>setzungen erfüllt sind (Erw. 2/b).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Die Abweisung des Baugesuchs wegen der ungünstigen Präjudi-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zierung allfälliger künftiger Bauabsichten des Grundstücksnachbarn</b></span><br/> <span class="ft2"><b>verstösst mangels einer ausreichenden Rechtsgrundlage im konkreten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Fall gegen das Grundrecht der Eigentumsgarantie (Erw. 2/c).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 30. Mai 2000 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen Stadtrat Klingnau gegen Baudepartement.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. Gegenstand des Beschwerdeverfahrens bildet ausschliesslich</span><br/> <span class="ft1">der vom Stadtrat abgelehnte und vom Baudepartement bewilligte</span><br/> <span class="ft1">Einbau je eines Fensters an der Südostfassade des Gebäudes Nr. 242</span><br/> <span class="ft1">im Kinderzimmer der Vierzimmerwohnung im 1. Obergeschoss und</span><br/> <span class="ft1">im Schlafzimmer der Vierzimmerwohnung im Dachgeschoss. Die</span><br/> <span class="ft1">Bauparzelle liegt nach dem Zonenplan der Gemeinde Klingnau vom</span><br/> <span class="ft1">26. April 1988 / 5. März 1991 in der Dorfzone Weier.</span><br/> <span class="ft1">2. a) Der Stadtrat begründet seine ablehnende Haltung aus-</span><br/> <span class="ft1">schliesslich damit, dass aufgrund der öffentlichrechtlichen Bauvor-</span><br/> <span class="ft1">schriften eine Erweiterung der bestehenden Baute auf der Nach-</span><br/> <span class="ft1">barparzelle Nr. 1198 denkbar sei. Deshalb müsse verlangt werden,</span><br/> <span class="ft1">dass die Brandmauer des Gebäudes Nr. 242 auf der Parzelle Nr. 1199</span><br/> <span class="ft1">geschlossen bleibe, damit dem Grundstücksnachbar die Möglichkeit</span><br/> <span class="ft1">erhalten bleibe, in geschlossener Bauweise freien Raum auf seinem</span><br/> <span class="ft1">Grundstück baulich zu nutzen. Wenn nach dem Grundsatz ,,wer zu-</span><br/> <span class="ft1">erst kommt, mahlt zuerst" verfahren werde, werde die öffentlich-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">247</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">rechtliche planerische Zielsetzung gemäss Art. 38 BO aus den An-</span><br/> <span class="ft1">geln gehoben.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Baubewilligung stellt eine sogenannte Polizeierlaubnis</span><br/> <span class="ft1">dar, mit der festgestellt wird, dass dem ihr zugrundeliegenden Bau-</span><br/> <span class="ft1">vorhaben keine öffentlichrechtlichen, insbesondere baupolizeilichen</span><br/> <span class="ft1">und raumplanerischen Hindernisse entgegenstehen (Erich Zimmerlin,</span><br/> <span class="ft1">Baugesetz des Kantons Aargau, Kommentar, 2. Auflage, Aarau 1985,</span><br/> <span class="ft1">§ 152 N 5). Dies bedeutet zweierlei: Zum Einen besteht ein</span><br/> <span class="ft4"><i>Rechtsanspruch</i> auf Erteilung der Bewilligung, wenn alle (öffent-</span><br/> <span class="ft1">lichrechtlichen) Voraussetzungen erfüllt sind (Zimmerlin, a.a.O.).</span><br/> <span class="ft1">Zum Andern dürfen die Baubewilligungsbehörden grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">keine privatrechtlichen Fragen beurteilen, sondern sind sie nur zur</span><br/> <span class="ft1">Anwendung der Vorschriften über Raumplanung, Umweltschutz und</span><br/> <span class="ft1">Bauwesen sowie weiterer <i>öffentlichrechtlicher</i> Vorschriften berufen.</span><br/> <span class="ft1">Sie haben im Rahmen eines Baubewilligungsverfahrens in der Regel</span><br/> <span class="ft1">einzig zu prüfen, ob einem Bauvorhaben öffentlichrechtliche Hinder-</span><br/> <span class="ft1">nisse entgegenstehen. Dieser Grundsatz wird dort durchbrochen, wo</span><br/> <span class="ft1">die öffentlichrechtliche Ordnung unmittelbar an das Privatrecht</span><br/> <span class="ft1">anknüpft; hier muss die Baubewilligungsbehörde vorfrageweise</span><br/> <span class="ft1">privatrechtliche Fragen beantworten. Es muss sich dabei aus dem</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Recht selber ergeben, dass eine privatrechtliche Vorfrage</span><br/> <span class="ft1">durch die Baubewilligungsbehörde zugunsten des Baugesuchstellers</span><br/> <span class="ft1">entschieden sein muss, bevor die Baubewilligung erteilt werden darf.</span><br/> <span class="ft1">Dies ist etwa da der Fall, wo die Erschliessung einer Bauparzelle im</span><br/> <span class="ft1">Sinne von § 32 Abs. 1 lit. b BauG privatrechtlich abgesichert ist,</span><br/> <span class="ft1">beispielsweise mit einem Fahrwegrecht. Oder ein Bauherr erfüllt die</span><br/> <span class="ft1">ihm obliegende Pflicht zur Schaffung von Abstellplätzen dadurch,</span><br/> <span class="ft1">dass er diese auf einem fremden Grundstück bereitstellt, und zwar so,</span><br/> <span class="ft1">dass sie ,,dauernd als solche benutzt werden können"(§ 55 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">BauG); im allgemeinen setzt dies den Nachweis einer</span><br/> <span class="ft1">entsprechenden dinglichen Berechtigung, etwa aufgrund eines Bau-</span><br/> <span class="ft1">oder Benützungsrechts, voraus. In all diesen Fällen bildet die</span><br/> <span class="ft1">vorgängige Prüfung von Fragen aus dem Bereich des Privatrechts die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">248</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">rechtliche Grundlage für den Baubewilligungsentscheid. Demgegen-</span><br/> <span class="ft1">über sind privatrechtliche Einwände, wie der Hinweis auf eine Bau-</span><br/> <span class="ft1">verbotsdienstbarkeit oder behauptete Eigentumsrechte Dritter, von</span><br/> <span class="ft1">den Baubewilligungsbehörden nicht zu beachten. Hiefür steht der</span><br/> <span class="ft1">zivilrechtliche Rechtsweg offen, und ein privatrechtlicher Berech-</span><br/> <span class="ft1">tigter hat die Möglichkeit, die Errichtung einer seinen Rechten</span><br/> <span class="ft1">widersprechenden Baute mittels richterlicher Anordnung zu verhin-</span><br/> <span class="ft1">dern. Aufgabe der Baubewilligungsbehörden ist es nicht, die Rechte</span><br/> <span class="ft1">Privater durch die Verweigerung einer Baubewilligung zu wahren,</span><br/> <span class="ft1">mögen diese auch noch so offenkundig sein. Diese Aufgabe ist von</span><br/> <span class="ft1">Verfassungs wegen den Zivilgerichten zugedacht; Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft1">hörden und Verwaltungsgericht sind hiefür nicht zuständig (Zimmer-</span><br/> <span class="ft1">lin, a.a.O., § 152 N 1b; AGVE 1987, S. 226 ff. und 1992, S. 305 f., je</span><br/> <span class="ft1">mit Hinweisen; VGE III/41 vom 8. April 1999 in Sachen R., S. 4 f.).</span><br/> <span class="ft1">c) Zur Rechtsanwendung im vorliegenden konkreten Einzelfall</span><br/> <span class="ft1">lässt sich aus diesen Grundsätzen was folgt ableiten:</span><br/> <span class="ft1">aa) Wie bereits erwähnt, steht nach Auffassung des Stadtrats der</span><br/> <span class="ft1">Baubewilligung einzig die ungünstige Präjudizierung allfälliger</span><br/> <span class="ft1">künftiger Bauabsichten der Grundstücksnachbarn entgegen (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Erw. a hievor). Die Brandschutzproblematik (Einhaltung der Vor-</span><br/> <span class="ft1">schriften betreffend Durchbrechung von Brandmauern [Art. 76</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 BO]) ist kein Thema mehr, nachdem sich das Aargauische</span><br/> <span class="ft1">Versicherungsamt im vorinstanzlichen Verfahren dahingehend ge-</span><br/> <span class="ft1">äussert hat, dass die Südostfassade des Gebäudes Nr. 242 im</span><br/> <span class="ft1">fraglichen Bereich nicht als Brandmauer im Rechtssinne betrachtet</span><br/> <span class="ft1">werden kann. Ebenso wenig bildet der Ortsbildschutz ein Hindernis;</span><br/> <span class="ft1">die Ansicht des Stadtrats, dass die Südostfassade des Gebäudes</span><br/> <span class="ft1">Nr. 242 keinen besonderen architektonischen Wert aufweist, wird</span><br/> <span class="ft1">durch den am verwaltungsgerichtlichen Augenschein beigezogenen</span><br/> <span class="ft1">Fachbeamten des Baudepartements (Abteilung Hochbau) gestützt.</span><br/> <span class="ft1">Weitere Hindernisse öffentlichrechtlicher Art werden nicht genannt</span><br/> <span class="ft1">und sind auch nicht ersichtlich.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">249</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">bb) Die Verweigerung der vom Beschwerdegegner beabsich-</span><br/> <span class="ft1">tigten baulichen Vorkehr tangiert das Grundrecht der Eigentums-</span><br/> <span class="ft1">garantie (Art. 26 Abs. 1 BV). Einschränkungen von Grundrechten</span><br/> <span class="ft1">bedürfen u. a. einer gesetzlichen Grundlage (Art. 36 Abs. 1 BV).</span><br/> <span class="ft1">Eine Bestimmung, welche die Berücksichtigung künftiger Bauvor-</span><br/> <span class="ft1">haben des Nachbarn ausdrücklich vorschreibt, enthält nun aber we-</span><br/> <span class="ft1">der das kantonale noch das kommunale Recht; auch die Vertreter des</span><br/> <span class="ft1">Stadtrats mussten dies an der verwaltungsgerichtlichen Augen-</span><br/> <span class="ft1">scheinsverhandlung einräumen. Eine ausreichende Rechtsgrundlage</span><br/> <span class="ft1">wäre möglicherweise dann zu bejahen, wenn in der Dorfzone Weier</span><br/> <span class="ft1">die geschlossene Bauweise zwingend vorgeschrieben wäre, was in-</span><br/> <span class="ft1">dessen nicht zutrifft (vgl. Art. 38 BO; anders in der Altstadtzone, in</span><br/> <span class="ft1">welcher die geschlossene Bauweise zumindest als Regel gilt [Art. 41</span><br/> <span class="ft1">Abs. 8 BO]).</span><br/> <span class="ft1">cc) Damit steht fest, dass das Argument, mit welchem der Stadt-</span><br/> <span class="ft1">rat die Abweisung des Baugesuchs begründet, ausschliesslich die</span><br/> <span class="ft1">privatrechtliche Ebene berührt. Es wäre Sache der betroffenen Nach-</span><br/> <span class="ft1">barn, ihre diesbezüglichen Interessen vor dem Zivilrichter im dafür</span><br/> <span class="ft1">vorgesehenen Verfahren geltend zu machen (vgl. zur privatrechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Rechtslage beim Durchbruch einer Mittel- oder Grenzmauer,</span><br/> <span class="ft1">die gemeinschaftlich werden kann: BGE 120 Ib 330); die Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsbehörden und das Verwaltungsgericht sind dafür jedenfalls</span><br/> <span class="ft1">sachlich nicht zuständig (vgl. Erw. b hievor; ferner AGVE 1997,</span><br/> <span class="ft1">S. 336). Nur am Rande sei in diesem Zusammenhang beigefügt, dass</span><br/> <span class="ft1">die Eigentümer der Nachbarparzelle Nr. 1198 allfällige spätere Bau-</span><br/> <span class="ft1">absichten nicht selber ins Spiel gebracht, sondern in ihrer Einsprache</span><br/> <span class="ft1">vom 30. August 1997 lediglich auf die Beeinträchtigung ihrer Pri-</span><br/> <span class="ft1">vatsphäre durch den Fenstereinbau hingewiesen haben.</span><br/> <span class="ft1">3. Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass dem Bauvor-</span><br/> <span class="ft1">haben des Beschwerdegegners kein Hindernis öffentlichrechtlicher</span><br/> <span class="ft1">Art entgegensteht, weshalb er Anspruch auf Erteilung der Baube-</span><br/> <span class="ft1">willigung hat. Die Beschwerdegründe, welche der Stadtrat vorbringt,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">250</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">erweisen sich nicht als stichhaltig, die Beschwerde ist demzufolge</span><br/> <span class="ft1">abzuweisen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>