<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 11 S.52</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">52</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>11</b></span> <span class="ft1"><b>§ 15 Abs. 1 lit. c EG BGFA, § 2 AnwV; Anrechenbarkeit eines Praktikums</b></span><br/> <span class="ft1"><b>bei der Eidg. Kommission gegen Rassismus als rechtspraktische Tätigkeit</b></span><br/> <span class="ft1"><b>für die Zulassung zur Anwaltsprüfung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Sinn und Zweck des Erfordernisses einer praktischen juristischen Tätig-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>keit; Voraussetzungen für die Anrechnung einer Tätigkeit</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid der Anwaltskommission vom 15. August 2006 i.S. G. T.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2.</span><br/> <span class="ft4">2.1.</span><br/> <span class="ft4">[...]</span><br/> <span class="ft4">2.2.</span><br/> <span class="ft4">Hintergrund der gesetzlich vorgeschriebenen Voraussetzung der</span><br/> <span class="ft4">praktischen, juristischen Ausbildung für den Erwerb des Anwaltspa-</span><br/> <span class="ft4">tentes (und den späteren Registereintrag, vgl. Art. 7 BGFA) ist zwei-</span><br/> <span class="ft4">fellos der Schutz des Publikums. So hält beispielsweise Schiller fest,</span><br/> <span class="ft4">die wohl wichtigste Anforderung an den Anwalt sei die Fachkompe-</span><br/> <span class="ft4">tenz (K.</span> <span class="ft4">S</span><span class="ft2">CHILLER</span><span class="ft4">, Funktion des Anwalts im Rechtsstaat, in: H. N</span><span class="ft2">A</span><span class="ft4">-</span><br/> <span class="ft2">TER</span> <span class="ft4">[Hrsg.], Professional Legal Services: Vom Monopol zum Wett-</span><br/> <span class="ft4">bewerb, Zürich 2000, S. 165). Nach Erteilung des Anwaltspatentes</span><br/> <span class="ft4">(und der Eintragung im Register) ist es jedem Anwalt erlaubt, ohne</span><br/> <span class="ft4">weitere ,,Aufsicht" Parteien gerichtlich oder aussergerichtlich zu ver-</span><br/> <span class="ft4">treten. Bei den Mandanten eines Anwaltes handelt es sich in der</span><br/> <span class="ft4">Regel um Laien, welche die Arbeit des Anwaltes im Verlaufe des</span><br/> <span class="ft4">Mandates nur schwer beurteilen können. Diese Mandanten sind dar-</span><br/> <span class="ft4">auf angewiesen, dass eine Erteilung des Anwaltspatentes nur an</span><br/> <span class="ft4">Personen erfolgt, welche sich über die für den Anwaltsberuf notwen-</span><br/> <span class="ft4">digen Fähigkeiten ausgewiesen haben, und denen auch eine entspre-</span><br/> <span class="ft4">chende Ausbildung zuteil geworden ist.</span><br/> <span class="ft4">2.3.</span><br/> <span class="ft4">Hauptzweck der verlangten ,,praktischen juristischen" Ausbil-</span><br/> <span class="ft4">dung ist, neben der praktischen Anwendung des im Studium erlern-</span><br/> <span class="ft4">ten theoretischen Wissens im materiellen Bereich, angehende Anwäl-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">53</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">tinnen und Anwälte vor dem Erwerb des Anwaltspatentes mit dem</span><br/> <span class="ft4">Prozessrecht, mit der täglichen Arbeit des (forensisch tätigen) An-</span><br/> <span class="ft4">waltes, vertraut zu machen. Der Umstand, dass gemäss aargauischem</span><br/> <span class="ft4">Recht mindestens 6 Monate der verlangten total 12 Monate Prakti-</span><br/> <span class="ft4">kum bei einem aargauischen Bezirksgericht, dem Obergericht oder</span><br/> <span class="ft4">einem im Aargau registrierten Anwalt zu absolvieren sind, zeigt auf,</span><br/> <span class="ft4">dass die Vermittlung des aargauischen Prozessrechts während der</span><br/> <span class="ft4">Ausbildung im Vordergrund stehen soll. Während bei der Tätigkeit</span><br/> <span class="ft4">an den erwähnten Gerichten der Kontakt mit dem aargauischen Pro-</span><br/> <span class="ft4">zessrecht praktisch sicher gewährleistet ist, trifft dies auf die Tätig-</span><br/> <span class="ft4">keit bei einem Aargauer Registeranwalt mit höchster Wahrscheinlich-</span><br/> <span class="ft4">keit zu. Erfahrungsgemäss praktiziert nämlich der Grossteil der An-</span><br/> <span class="ft4">wälte später in demjenigen Kanton, in welchem er seine Ausbildung</span><br/> <span class="ft4">absolviert und das Anwaltspatent erworben hat (trotz bestehender</span><br/> <span class="ft4">Freizügigkeit).</span><br/> <span class="ft4">Unter altem Recht wurde bezüglich Praktikum beim Anwalt</span><br/> <span class="ft4">noch verlangt, dass dieser ,,im Aargau praktizierend" sei (§ 3 Abs. 1</span><br/> <span class="ft4">aAnwD; SAR 291.110). Neurechtlich wird auf das nun klar fassbare</span><br/> <span class="ft4">Kriterium des Registereintrages abgestellt. Der Grund ist darin zu se-</span><br/> <span class="ft4">hen, dass der Registereintrag in demjenigen Kanton zu erfolgen hat,</span><br/> <span class="ft4">in welchem der Anwalt seine Haupttätigkeit entfaltet, was wiederum</span><br/> <span class="ft4">dem altrechtlichen ,,im Aargau praktizierend" entsprechen dürfte.</span><br/> <span class="ft4">2.4.</span><br/> <span class="ft4">Abgesehen von der Kenntnis des aargauischen Prozessrechts</span><br/> <span class="ft4">soll aber der Kandidierende generell in seiner Praktikumszeit mög-</span><br/> <span class="ft4">lichst gut auf die nach dem Erwerb des Anwaltspatentes (sowie dem</span><br/> <span class="ft4">anschliessenden Registereintrag) mögliche selbständige Anwaltstä-</span><br/> <span class="ft4">tigkeit vorbereitet werden. Daher auch die Betonung der notwendi-</span><br/> <span class="ft4">gen praktischen, juristischen Tätigkeit. Grundsätzlich geht es um die</span><br/> <span class="ft4">Ausbildung des Kandidierenden in denjenigen Bereichen, welche üb-</span><br/> <span class="ft4">licherweise später das Betätigungsfeld des Anwaltes bilden. Während</span><br/> <span class="ft4">die Bereiche Zivil- und Strafrecht sowie Schuldbetreibungsrecht vor</span><br/> <span class="ft4">allem an den Bezirksgerichten und teilweise am Obergericht vermit-</span><br/> <span class="ft4">telt werden können, steht bei den Spezialverwaltungsgerichten und in</span><br/> <span class="ft4">der kantonalen Verwaltung (i.d.R. in den Rechtsdiensten der Depar-</span><br/> <span class="ft4">temente oder Abteilungen) vermehrt das (kantonale) Verwaltungs-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">54</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">recht im Vordergrund. Beim Anwalt wiederum, und zwar sowohl</span><br/> <span class="ft4">beim aargauischen wie auch beim ausserkantonalen, sind all diese</span><br/> <span class="ft4">Bereiche als Betätigungsfeld denkbar, je nach Ausrichtung der Tätig-</span><br/> <span class="ft4">keit des jeweiligen Anwaltes. Immer aber geht es darum, die Anfor-</span><br/> <span class="ft4">derungen an die Tätigkeit des Anwaltes, sei es aus seiner eigenen</span><br/> <span class="ft4">Sicht, sei es aus Sicht der ,,Gegenseite", eben des Gerichts oder der</span><br/> <span class="ft4">Verwaltung, zu vermitteln.</span><br/> <span class="ft4">3.</span><br/> <span class="ft4">3.1.</span><br/> <span class="ft4">Die Gesuchstellerin hat nun gemäss ihrem Antrag ein einjähri-</span><br/> <span class="ft4">ges Praktikum bei der Eidg. Kommission gegen Rassismus (EKR)</span><br/> <span class="ft4">absolviert. [...]</span><br/> <span class="ft4">Die Stellenbeschreibung listet die Tätigkeiten der Gesuchstelle-</span><br/> <span class="ft4">rin, inkl. deren prozentualen Anteil an der gesamten Tätigkeit, wie</span><br/> <span class="ft4">folgt auf:</span><br/> <span class="ft4">- Beobachten der Rechtsprechung, Mitarbeit bei Grundlagen-</span><br/> <span class="ft4">dokumenten [und]</span><br/> <span class="ft4">- Urteilssammlung</span> <span class="ft4">Art.</span> <span class="ft4">261</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft4">StGB (Erstellen Urteilszusam-</span><br/> <span class="ft4">menfassungen, redaktionelle Bearbeitung, Erstellen der Da-</span><br/> <span class="ft4">tenbank, Aktualisierung der Broschüre zur Rechtsprechung)</span><br/> <span class="ft4">40</span> <span class="ft4">%</span><br/> <span class="ft4">- Aufarbeiten der Beratungstätigkeit der EKR in Konfliktfäl-</span><br/> <span class="ft4">len (Erstellen Übersichtsliste, Grobraster für Nachführung</span><br/> <span class="ft4">weiterer Konfliktfälle)</span><br/> <span class="ft4">20</span> <span class="ft4">%</span><br/> <span class="ft4">- Jur. Abklärungen und Mitarbeit bei Stellungnahmen [und]</span><br/> <span class="ft4">- Jur. Beratung und Abklärungen bei Konfliktfallbearbeitung</span><br/> <span class="ft4">20</span> <span class="ft4">%</span><br/> <span class="ft4">- Teilnahme an Teamsitzungen und weiteren Sitzungen (z.T.</span><br/> <span class="ft4">Protokollführung, Mitwirken bei allg. Sekretariatsarbeiten)</span><br/> <span class="ft4">15</span> <span class="ft4">%</span><br/> <span class="ft4">- Nachführen der Zeitungsdokumentation der EKR</span><br/> <span class="ft4">5</span> <span class="ft4">%</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">55</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">3.2.</span><br/> <span class="ft4">Gemäss Stellenbeschreibung bezogen sich nur rund 20 % der</span><br/> <span class="ft4">Tätigkeit der Gesuchstellerin effektiv auf eigentliche juristische,</span><br/> <span class="ft4">praktische Tätigkeiten im oben in Ziff. 2.4 geschilderten Sinn, näm-</span><br/> <span class="ft4">lich die juristischen Abklärungen und die Mitarbeit bei Stellungnah-</span><br/> <span class="ft4">men sowie die Beratung im Zusammenhang mit Konfliktbearbeitung.</span><br/> <span class="ft4">Allerdings wird der forensisch tätige Anwalt, wenn überhaupt, nur</span><br/> <span class="ft4">selten mit Fällen aus dem Tätigkeitsbereich der EKR konfrontiert</span><br/> <span class="ft4">sein.</span><br/> <span class="ft4">Für die Vorbereitung der Anwaltstätigkeit wenig bis gar nichts</span><br/> <span class="ft4">beitragen kann das Nachführen der Zeitungsdokumentation und die</span><br/> <span class="ft4">Teilnahme an Team- und anderen Sitzungen. Ebenso handelt es sich</span><br/> <span class="ft4">bei der Erstellung der Urteilssammlung, welche einen sehr grossen</span><br/> <span class="ft4">Anteil am einjährigen Praktikum der Gesuchstellerin ausmachte,</span><br/> <span class="ft4">nicht um eine ,,praktische" im Sinne von ,,anwaltlicher" Tätigkeit.</span><br/> <span class="ft4">Dieser Bereich hat schon eher etwas mit Sekretariatsarbeit zu tun.</span><br/> <span class="ft4">Dasselbe gilt für die Aufarbeitung der Beratungstätigkeit der EKR.</span><br/> <span class="ft4">3.3.</span><br/> <span class="ft4">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass nur rund 20 % der Tä-</span><br/> <span class="ft4">tigkeit der Gesuchstellerin in ihrem Praktikumsjahr bei der EKR der</span><br/> <span class="ft4">vom Gesetzgeber geforderten ,,praktischen, juristischen" Tätigkeit -</span><br/> <span class="ft4">deren Hauptzweck die ausreichende Ausbildung von angehenden An-</span><br/> <span class="ft4">wälten und Anwältinnen ist - zumindest nahe kommen. Aus diesem</span><br/> <span class="ft4">Grund können vom einjährigen Praktikum bei der EKR lediglich 2</span><br/> <span class="ft4">Monate auf die gemäss § 2 Abs. 2 AnwV ,,zusätzliche praktische</span><br/> <span class="ft4">Ausbildung" angerechnet werden.</span><br/></div> </div> </body> </html>