Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 24. Oktober 2013 (725 13 53 / 254) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente / Würdigung des medizinischen Sachverhaltes Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Kantons- richter Daniel Noll, Gerichtsschreiber Markus Schäfer Parteien A.____, Beschwerdeführerin, vertreten durch Dr. Peter Bohny, Advo- kat, Falknerstrasse 36, Postfach 173, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1967 geborene, seit Dezember 1999 als Sachbearb eiterin im Personalwesen bei der B.____ AG tätig gewesene A.____ hatte sich am 15. Oktob er 2002 bei einer Auffahrkollision eine HWS-Distorsion zugezogen. Die C.____, bei welcher A.____ obligatorisch gegen die Fol- gen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert war, er brachte nach Eingang der Unfallmel- dung die gesetzlichen Leistungen für die Folgen dieses E reignisses, insbesondere richtete sie A.____ bis Mai 2008 Taggelder aus. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Am 19. Februar 2006 hatte sich A.____ unter Hinweis au f einen "Status nach HWS-Distorsion am 15. Oktober 2002, ein Cervikalsyndrom und kognitive Pr obleme" bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug angemeldet. Die IV-Stelle Basel-Landschaft klärte in der Folge die gesundheitlichen und die erwe rblichen Verhältnisse der Versicherten, wobei sie ab 30. März 2006 einen Invaliditätsgrad von 10 0 % und ab 9. November 2007 einen solchen von 35 % ermittelte. Gestützt auf diese Ergebnis se sprach die IV-Stelle A.____ nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens mit Verfügung vom 14. Dezember 2009 für den Zeit- raum vom 1. März 2006 bis 29. Februar 2008 eine befrist ete ganze IV-Rente zu. Gleichzeitig lehnte sie einen weiteren Rentenanspruch ab 1. März 2 008 ab. Eine von der Versicherten ge- gen diese Verfügung erhobene Beschwerde hiess das Kantonsg ericht, Abteilung Sozialversi- cherungsrecht (Kantonsgericht), mit Urteil vom 7. Juli 201 0 in dem Sinne gut, als es die ange- fochtene Verfügung vom 14. Dezember 2009 aufhob und die Angelegenheit zur weiteren Abklä- rung im Sinne der Erwägungen und zum anschliessenden Er lass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurückwies (Verfahren 720 10 22). In Nachachtung dieses Urteils gab die IV-Stelle bei Dr. med. D.____, Psychiatrie und Psycho- therapie FMH, eine psychiatrische Begutachtung der Versi cherten in Auftrag. Gestützt auf die Ergebnisse, zu denen Dr. D.____ in seinem Gutachten vo m 24. Juli 2011 gelangte, ermittelte die IV-Stelle bei der Versicherten ab 30. März 2006 ei nen Invaliditätsgrad von 100 %, ab 1. Ja- nuar 2008 einen solchen von 36 % und ab 1. Juni 2010 einen Invaliditätsgrad von 71 %. Ge- stützt auf diese Ergebnisse sprach die IV-Stelle A.____ - nach durchgeführtem Vorbescheidver- fahren - mit einer ersten, unangefochten in Rechtskraf t erwachsenen Verfügung vom 10. Okto- ber 2012 für den Zeitraum vom 1. März 2006 bis 29. F ebruar 2008 eine befristete ganze Rente und mit einer weiteren Verfügung vom 29. Januar 2013 für die Zeit ab 1. Juni 2010 eine unbe- fristete ganze Rente zu. Gleichzeitig lehnte sie in de r letztgenannten Verfügung einen Renten- anspruch von A.____ für den Zeitraum vom 1. März 2008 bis 31. Mai 2010 ab. B. Gegen diese Verfügung vom 29. Januar 2013 erhob A dvokat Dr. Peter Bohny namens und im Auftrag von A.____ am 21. Februar 2013 Beschwerde beim Kantonsgericht. Darin bean- tragte er, es sei die angefochtene Verfügung soweit aufzuheben, als ein Rentenanspruch für die Periode vom 1. März 2008 bis 31. Mai 2010 verneint werde. Die Beschwerdegegnerin sei anzu- halten, die zugestandenen (rückwirkenden) Rentenbetreffn isse ab 1. Juni 2010 trotz der vorlie- genden Beschwerde auszuzahlen. Sodann sei die Beschwerdege gnerin zu verpflichten, der Beschwerdeführerin auch vom 1. Januar 2008 bis zum 31. M ai 2010 eine ihrer realen Erwerbs- unfähigkeit entsprechende ganze Rente zu vergüten zuzügl ich 5 % Verzugszins ab theoreti- scher Fälligkeit jeder Rente. Im Weiteren sei der Besch werdeführerin die unentgeltliche Pro- zessführung und die unentgeltliche Verbeiständung zu gewähren; unter o/e-Kostenfolge. C. Mit Verfügung vom 7. März 2013 bewilligte das Geri cht der Beschwerdeführerin gestützt auf die eingereichten Unterlagen für das vorliegende Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Advokat Dr. Peter Bohny als Rechts- vertreter. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht D. In ihrer Vernehmlassung vom 26. April 2013 beantra gte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. E. In ihrer Replik vom 29. Mai 2013 hielt die Beschwe rdeführerin an ihren bisherigen An- trägen und Ausführungen fest. Die IV-Stelle wiederu m ersuchte in ihrer Duplik vom 31. Juli 2013 weiterhin um Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über d ie Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die - im Übrigen frist- und formgerecht erhobene - Beschwerde der Versicherten vom 21. Februar 2013 ist demnach einzutreten. 2. Nachdem die IV-Stelle der Versicherten in den Verfü gungen vom 10. Oktober 2012 und vom 29. Januar 2013 für die Periode vom 1. März 2006 b is 29. Februar 2008 sowie für die Zeit ab 1. Juni 2010 eine ganze Rente zugesprochen hat, ist im vorliegenden Verfahren einzig noch strittig und zu prüfen, ob die IV-Stelle einen Rente nanspruch der Beschwerdeführerin im dazwi- schen liegenden Zeitraum vom 1. März 2008 bis 31. Mai 2010 zu Recht abgelehnt hat. 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen T eil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem andern Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Diese Legaldefinition stimmt i m Wesentlichen mit dem Begriff der Ar- beitsunfähigkeit überein, wie ihn die Rechtspraxis vor dem Inkrafttreten des ATSG entwickelt hatte (vgl. etwa BGE 129 V 53 E. 1.1 in fine mit Hi nweisen). Die bis zum 31. Dezember 2002 ergangene diesbezügliche Rechtsprechung des damaligen Eidgenössischen Versicherungsge- richts (EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abtei lungen) bleibt folglich weitestgehend anwendbar (BGE 130 V 345 E. 3.1.1). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussich tlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kan n im IV-Bereich Folge von Geburtsge- brechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG) . Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psych ischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleib ende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allg emeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorlieg ens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach dem im Rahmen der 5. IV-Revision am 1. Januar 2008 in Kraft gesetzten Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträc htigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 3.4 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 50 E. 1.2, 130 V 398 ff. E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzuge ltenden psychischen Leiden belas- tenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umstän den kein Krankheitswert zu- kommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat voraus, das die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psych ische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der weiteren Frage zentrale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versi cherten Person trotz des Leidens wil- lensmässig erwartet werden kann, zu arbeiten und einem E rwerb nachzugehen (BGE 127 V 299 E. 5a mit Hinweisen). Zur Annahme einer d urch eine psychische Gesundheitsbeein- trächtigung verursachten Erwerbsunfähigkeit genügt es al so nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielm ehr, ob anzunehmen ist, die Verwer- tung der Arbeitsfähigkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder - als alternative Vo- raussetzung - sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 1 02 V 165; vgl. auch BGE 127 V 298 E. 4c in fine). 4.1 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Grad der Invalidität wie folgt abge- stuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 4.2 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstät igen Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt d er Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Der Einkomm ensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht genau ermittelt und einander gegenübergestellt werde n. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgrad bestimmen (BGE 128 V 30 E. 1). 5. Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrades bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. 5.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und ins besondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszu- stand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in we lchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. I m Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Fra ge, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 99 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 5.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung ( vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widerspreche nden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 5.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtsprech ung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzu stellen (vgl. die ausführlichen Zusam- menstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gut achten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erö rterung der Befunde zu schlüssigen Er- gebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Bew eiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.1 Nachdem das Kantonsgericht die Angelegenheit mit Urteil vom 7. Juli 2010 zur weiteren Abklärung des medizinischen Sachverhaltes an die IV-Stell e zurückgewiesen hatte, gab diese bei Dr. D.____ eine psychiatrische Begutachtung der Ver sicherten in Auftrag. In seinem um- fangreichen, gestützt auf die medizinischen Akten und ein e zweimalige psychiatrische Untersu- chung der Explorandin verfassten Gutachten vom 24. Juli 2011 hielt der Experte folgende Diag- nosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit fest: eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F33.0), eine Pa nikstörung ohne Agoraphobie (ICD-10 F41.0), eine posttraumatische Belastungsstörung möglich (I CD-10 F43.1), eine dissoziative Störung gemischt (ICD-10 F44.7) mit Status nach Problemen mit Bezug auf vermuteten sexuel- len Missbrauch in der Kindheit durch eine Person des eng eren Familienkreises (ICD-10 Z61.4) und sonstigen negativen Kindheitserlebnissen (ICD-10 Z61 .8), eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) mit Selbstlimitierung b ei Status nach Heckauffahrkollision mit HWS-Distorsion am 15.10.2002, einen Status nach Gewalte rfahrung in der Beziehung zum Ehepartner (ICD-10 Z63.0), einen Status nach Überfall und Vergewaltigung 1996 (ICD-10 Z60.5) sowie auffällige narzisstische und histrionische Charakterzüge (ICD-10 Z73.1). Im Zusammenhang mit der Beurteilung der Arbeitsfähig keit der Versicherten führte Dr. D.____ aus, es stelle sich psychiatrisch die Frage, ob die Explorand in noch Anstrengungen aufbringen könnte, sich zumindest teilweise in einen beruflichen Pr ozess einzulassen. Auf Grund der In- konstanz des Auftretens ihrer dissoziativen Zustände, ihrer Panikattacken, ihrer Rückzugsten- denz, ihrer Selbstverletzungstendenz, aber auch der Inkon stanz der psychischen Krisen über- haupt, könne auch aktuell keine volle Arbeitsunfähigke it in jeder Tätigkeit begründet werden. Eine gewisse histrionische Inszenierung ihrer diversen Zustä nde bei gleichzeitigem Hilflosig- keitserleben werde offensichtlich. Psychiatrisch stelle sich di e Frage, ob noch Ressourcen vor- handen seien, um ihr eine Restarbeitsfähigkeit zuzumute n. Dies müsse bejaht werden. Ge- samthaft müsse aus psychiatrischer Sicht jedoch eine höhere Arbeitsunfähigkeit als im Gutach- ten der E.____ vom 15. Januar 2008 ausgemacht werden. Der Gesundheitszustand habe sich zwischen 2008 und heute im Laufe des Jahres 2010 noch einm al massgeblich verschlechtert, nachdem die Versicherte früher in einigen Arbeitsversuc hen gescheitert sei und immer mehr Ängste, Schmerzfehlverarbeitungen und dissoziatives Funktionieren entwickelt habe. Am Schluss seines Gutachtens beantwortete Dr. D.____ in kurzer Form verschiedene Fragen der IV-Stelle zur Arbeitsfähigkeit der Explorandin. S o hielt er auf die Frage nach der Arbeitsfä- higkeit der Versicherten im angestammten Beruf fest, die se sei in ihrer zuletzt ausgeübten Tä- tigkeit nicht mehr arbeitsfähig. Auf die Frage nach dem Beginn der Arbeitsunfähigkeit im ange- stammten Beruf führte er aus, seit 2002 habe eine 30 % -ige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes habe sich im Laufe des Jahres 2010 ergeben. Schliesslich beantwortete Dr. D.____ die Frage nach der Zumutbarkeit einer anderen Tätigkeit dahingehend, dass die Versicherte in einer zumutbaren Ve rweistätigkeit bei einem wohlwollen- den Arbeitgeber, der über ihre Zustände Bescheid wisse, vier Stunden täglich einsetzbar sei. Dabei sollte sie nicht unter Stress, nicht unter Hektik u nd nicht ständig im Kundenkontakt arbei- ten müssen und eine einigermassen ruhige Arbeitsumgebun g haben. Einfach überschaubare Bürotätigkeiten wären ihr noch stundenweise zumutbar. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Verf ügung vom 29. Januar 2013 bei der Beurteilung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten vollumfänglich auf die Ergebnisse, zu denen Dr. D.____ in seinem fach ärztlichen Gutachten vom 24. Juli 2011 gelangt ist. Sie ging demzufolge davon aus, dass die Beschwerdeführerin bis Mitte 2010 in ihrer angestammten Tätigkeit zu 30 % eingeschränkt gewesen s ei. Im Laufe des Jahres 2010 sei es zu einer Verschlechterung gekommen mit der Folge, dass die Versicherte ihre angestammte Tätigkeit nicht mehr ausüben könne. In einer Verwei stätigkeit, in welcher sie nicht unter Hektik oder Stress arbeiten müsse, sei sie seither noch zu vier St unden täglich einsetzbar, so dass ab Juli 2010 von einer 50 %-igen Arbeitsfähigkeit in ei ner leidensadaptierten Tätigkeit ausgegan- gen werden könne. 6.3 Auf die Ergebnisse des Gutachtens von Dr. D.____ ka nn unbestrittenermassen abge- stellt werden, soweit es um die Beurteilung des Gesundhe itszustandes und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten für die Zeit ab Juli 2010 geht. Diesbe züglich erfüllt das Gutachten zweifellos die rechtsprechungsgemässen Voraussetzungen an eine med izinische Beurteilungsgrundlage. Es weist weder formale noch inhaltliche Mängel auf, es i st - wie dies vom Bundesgericht ver- langt wird (vgl. Erwägung 5.2 hiervor) - für die stre itigen Belange umfassend, es beruht auf all- seitigen Untersuchungen, es berücksichtigt die geklagten Besch werden, es ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden und es leuchtet in der Darl egung der medizinischen Zusammen- hänge bzw. der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Sodann erweist sich das Gutach- ten als widerspruchsfrei und es setzt sich auch ausführlich mit den bei den Akten liegenden (abweichenden) fachärztlichen Einschätzungen auseinander. Bei der Beurteilung des aktuellen, ab Juli 2010 massgebenden medizinischen Sachverhaltes hat die IV-Stelle deshalb zu Recht vollumfänglich auf die überzeugenden Ergebnisse des Gut achtens von Dr. D.____ vom 24. Juli 2011 abgestellt mit der Folge, dass der Versicherten ab Juli 2010 (wiederum) eine ganze Rente zugesprochen werden konnte. Der Rentenanspruch der Beschw erdeführerin ab Juli 2010 ist denn auch vorliegend nicht mehr strittig (vgl. E. 2 hi ervor), sodass an dieser Stelle darauf nicht mehr weiter einzugehen ist. 6.4 Als etwas schwieriger erweist sich hingegen die Einsch ätzung der Arbeitsfähigkeit der Versicherten im vorliegend zu beurteilenden Zeitraum vom 1. März 2008 bis 31. Mai 2010. Die IV-Stelle vertritt diesbezüglich die Auffassung, dem Gut achten von Dr. D.____ könne entnom- men werden, dass die Beschwerdeführerin bis Mitte 2010 in ihrer angestammten Tätigkeit zu 30 % eingeschränkt gewesen sei und dass es im Laufe des Jahres 2010 zu einer Verschlechte- rung der Situation gekommen sei. Somit könne davon au sgegangen werden, dass die Versi- cherte im vorliegend interessierenden Zeitraum von März 2008 bis Ende Mai 2010 zu 30 % in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei. Diese W ürdigung des fachärztlichen Gutach- tens von Dr. D.____ greift nun allerdings zu kurz, wesh alb darauf nicht abgestellt werden kann. Es trifft zwar zu, dass Dr. D.____ am Schluss seines Gutachte ns auf die entsprechenden Fra- gen der IV-Stelle geantwortet hat, dass bei der Versich erten seit 2002 eine 30 %-ige Arbeitsun- fähigkeit bestanden habe und dass sich eine Verschlechteru ng des Gesundheitszustandes im Laufe des Jahres 2010 ergeben habe. Diese kurzen, auch nicht weiter begründeten Antworten des Gutachters vermögen aber nicht zu überzeugen, und sie sind den auch kaum in Einklang zu bringen zu seinen weiter vorne, im Rahmen der einlä sslichen Beurteilung der Arbeitsfähig- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht keit (S. 22 ff und insbes. S. 28 des Gutachtens) erfolg ten Ausführungen. Dort hält der Experte überzeugend fest, dass gesamthaft aus psychiatrischer Sicht eine höhere als die im Gutachten der E.____ vom 15. Januar 2008 postulierte 30 %-ige Arbeitsunfähigkeit ausgemacht werden müsse. Von Bedeutung ist sodann auch, dass der Gutachter i m Rahmen seiner Beurteilung die von ihm angesprochene Verschlechterung des Gesundheitszusta ndes auf den Umstand zu- rückführt, dass die Explorandin in einigen Arbeitsversuc hen gescheitert sei und immer mehr Ängste, Schmerzfehlverarbeitungen und dissoziatives Funktionieren entwickelt habe (vgl. S. 28 des Gutachtens). Diese Begründung des Experten erscheint e inleuchtend und vermag zu über- zeugen. In diesem Zusammenhang gilt es allerdings zu b eachten, dass die letzten, leider ge- scheiterten Arbeitsversuche der Versicherten in den Jahren 2006 und 2007 sattgefunden hat- ten. Somit darf aber mit der Beschwerdeführerin - und entgegen der Annahme der IV-Stelle - durchaus davon ausgegangen werden, dass sich die vom Gut achter geschilderten negativen gesundheitlichen Folgen (die Entwicklung von „immer meh r Ängsten, Schmerzfehlverarbeitun- gen und dissoziativem Funktionieren“) bereits im Frühja hr 2008 manifestiert haben und dass seither von einem anhaltend schlechteren Gesundheitszusta nd und einer entsprechend höhe- ren Arbeitsunfähigkeit der Versicherten ausgegangen we rden muss. Aus den erwähnten gut- achterlichen Schilderungen lässt sich im Ergebnis somit du rchaus folgern, dass bei der Be- schwerdeführerin bereits ab März 2008 lediglich noch ei ne 50 %-ige Restarbeitsfähigkeit in ei- ner leidensadaptierten Verweistätigkeit bestanden hat. Hinweise, dass es nachfolgend während der hier interessierenden Zeitspanne bis Ende Mai 201 0 allenfalls nochmals zu einer (vorüber- gehenden) Verbesserung der Situation gekommen sein könnte, liegen unstreitig nicht vor. 7.1 Die Annahme, bei der Versicherten habe bereits im vorliegend strittigen Zeitraum von März 2008 bis Ende Mai 2010 eine 50 %-ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden, führt im Rahmen des zur Invaliditätsbemessung erforder lichen Einkommensvergleichs (vgl. E. 4.2 hiervor) zu einem Invaliditätsgrad von 71 %. Die sbezüglich kann auf die Berechnungen und die entsprechenden Ausführungen der IV-Stelle in der angefochtenen Verfügung vom 29. Januar 2013 (zum unbestrittenen Rentenanspruch ab Ju ni 2010) verwiesen werden. Bei einem Invaliditätsgrad von 71% hat die Versicherte Ansp ruch auf eine ganze Rente. Der Be- schwerdeführerin ist eine solche folglich auch im stritt igen Zeitraum vom 1. März 2008 bis 31. Mai 2010 zuzusprechen. 7.2 Zusammenfassend ist als Ergebnis festzuhalten, dass die Versicherte auch im Zeitraum vom 1. März 2008 bis 31. Mai 2010 Anspruch auf eine gan ze Rente hat. In Gutheissung der Beschwerde ist deshalb die angefochtene Verfügung der IV-Stelle vom 29. Januar 2013 in die- sem Sinne zu ändern. 8. Gemäss Art. 26 Abs. 2 ATSG werden die Sozialversicher ungen, sofern die versicherte Person ihrer Mitwirkungspflicht vollumfänglich nachgekommen ist, für ihre Leistungen nach Ab- lauf von 24 Monaten nach der Entstehung des Anspruchs, frühestens aber 12 Monate nach dessen Geltendmachung verzugszinspflichtig. Laut Art. 7 A bs. 1 der Verordnung über den All- gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV) vom 11. S eptember 2002 beträgt der Satz für den Verzugszins fünf Prozent im Jahr. Der Verzug szins wird monatlich auf dem bis Ende des Vormonats aufgelaufenen Leistungsanspruch berechnet (Art. 7 Abs. 2 Satz 1 ATSV). Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Da die Beschwerdeführerin vorliegend ihrer Mitwirkungs pflicht vollumfänglich nachgekommen ist, sind die Voraussetzungen für eine Verzugszinspflicht der IV-Stelle gegeben. Diese ist des- halb dem Antrag der Beschwerdeführerin entsprechend zu verpflichten, die rückwirkend nach- zuzahlenden Rentenleistungen nach Ablauf von 24 Monaten nach der Entstehung des An- spruchs, d.h. demnach mit Wirkung ab 1. März 2010 zu 5 % pro Jahr zu verzinsen, 9.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens- und der Parteikosten ist grundsätz- lich auf den Prozessausgang abzustellen. Vorliegend ist di e Beschwerdeführerin obsiegende und die IV-Stelle unterliegende Partei. 9.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des kantonale n Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 in der Regel in angemesse- nem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. In casu hätte deshalb die IV-Stelle als unter- liegende Partei grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tr agen. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO d en Vorinstanzen - vorbehältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VPO - keine Ver fahrenskosten auferlegt werden. Auf- grund dieser Bestimmung hat die IV-Stelle als Vorinstanz trotz Unterliegens nicht für die Verfah- renskosten aufzukommen. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Prozess keine Verfah- renskosten erhoben werden. 9.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da die Beschwerdeführerin obsieg ende Partei ist, ist ihr eine Partei- entschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. De r Rechtsvertreter der Beschwerdefüh- rerin hat in seiner Honorarnote vom 28. Mai 2013 fü r das vorliegende Verfahren einen Zeitauf- wand von 13 1/3 Stunden geltend gemacht, was sich umfangmässig in Anbetr acht der sich stel- lenden Sachverhalts- und Rechtsfragen als angemessen erw eist. Die Bemühungen sind zu dem in Sozialversicherungsprozessen praxisgemäss zur Anwendung gelangenden Stundenan- satz von 250 Franken - und nicht zu dem vom Rechtsvertrete r geltend gemachten Ansatz von 300 Franken - zu entschädigen. Nicht zu beanstanden sind sodann die in der Honorarnote aus- gewiesenen Auslagen von Fr. 321.80. Der Beschwerdeführ erin ist deshalb eine Parteientschä- digung in der Höhe von Fr. 3'947.55 (13 1/3 Stunden à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 321.80 zu- züglich 8 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 29. Januar 2013 insoweit geändert, als festgestellt wird, dass die Beschwerdeführerin mit Wir kung ab 1. März 2008 Anspruch auf eine ganze IV-Rente hat. 2. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat die rückwirkend n achzuzahlenden Rentenleistungen mit Wirkung ab 1. März 2010 zu 5 % pro Jahr zu verzinsen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerde führerin eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 3'947.55 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht