Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 15. März 2023 (810 22 220) ____________________________________________________________________ Steuern und Kausalabgaben Direkte Bundessteuer 2018 / Wiederherstellung der Beschwerdefrist / Organisations- pflichten juristischer Personen Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, Kantonsrichterin Ana Dettwiler, Kantonsrichter Markus Clausen, Niklaus Ruckstuhl, Stefan Schulthess, Gerichtsschreiber i.V. Lucius Schweizer Beteiligte A.____ AG, Beschwerdeführerin gegen Steuer- und Enteignungsgericht des Kantons Basel-Landschaft (Abteilung Steuergericht), Vorinstanz Steuerverwaltung des Kantons Basel-Landschaft, Beschwerdegeg- nerin Eidgenössische Steuerverwaltung ESTV, Beigeladene Betreff Direkte Bundessteuer 2018 (Urteil des Steuer- und Enteignungsgerichts des Kantons Basel- Landschaft, Abteilung Steuergericht, vom 16. September 2022) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Die A.____ AG bezweckt die Führung eines Architekturbüros sowie das Erbringen aller damit zusammenhängenden Dienstleistungen. Mit Statutenänderung vom 30. Oktober 2020 verlegte sie ihren Sitz von B.____ (BL) nach Zug. Alleinaktionär, Verwaltungsratspräsident und einziger Mitarbeiter ist C.____. B. Mit Einspracheentscheid vom 8. Juni 2022 wies die Steuerverwaltung Basel- Landschaft eine von der A.____ AG erhobene Einsprache gegen die gestützt auf eine Buchprü- fung ergangene Veranlagungsverfügung vom 24. März 2022 betreffend die direkte Bundes- steuer 2018 ab und bestätigte damit die veranlagte direkte Bundessteuer in der Höhe von Fr. 0.--. C. Am 16. Juli 2022 erhob die A.____ AG beim Steuer- und Enteignungsgericht Basel- Landschaft, Abteilung Steuergericht (Steuergericht), Beschwerde gegen den Einspracheent- scheid vom 8. Juni 2022. Mit Verfügung vom 3. August 2022 stellte das Steuergericht fest, dass die Beschwerdefrist nicht eingehalten worden sei und sich die Beschwerdeschrift vom 16. Juli 2022 dazu nicht äussere. Das Steuergericht setzte der A.____ AG eine Frist bis am 1. September 2022 zur fakultativen Stellungnahme. Mit Schreiben vom 31. August 2022 nahm die A.____ AG Stellung, ohne sich zur Fristenproblematik zu äussern. D. Das Steuergericht trat mit Urteil vom 16. September 2022 zufolge verspäteter Be- schwerdeerhebung nicht auf die Beschwerde ein. Zudem fehle es der A.____ AG nach ständi- ger Praxis an einem Feststellungs- oder andersartigen Rechtschutzinteresse, da sich gemäss der Veranlagungsverfügung eine Nullveranlagung ergebe. E. Gegen das Urteil des Steuergerichts vom 16. September 2022 erhob die A.____ AG mit Eingabe vom 18. Oktober 2022 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abtei- lung Verfassungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht). Sie begehrt sinngemäss die Aufhe- bung des vorinstanzlichen Urteils und Rückweisung der Angelegenheit an das Steuergericht zur Wiederherstellung der Beschwerdefrist und Neubeurteilung der Revisionsresultate. Zur Begrün- dung führt sie an, dass sich der Geschäftsleiter und alleinige Aktionär, C.____, bis am 13. Juli 2022 im Ausland aufgehalten habe und deswegen vom Einspracheentscheid keine Kenntnis habe nehmen können. Dies erfülle den Tatbestand der Landesabwesenheit, einem Fristwieder- herstellungsgrund. Weiter macht sie inhaltliche Ausführungen zum Revisionsbericht der Steuer- verwaltung. F. Mit Vernehmlassung vom 1. November 2022 stellt die Steuerverwaltung Basel- Landschaft Antrag auf Abweisung der Beschwerde. In der Vernehmlassung vom 14. November 2022 beantragt die Vorinstanz ebenfalls die Abweisung der Beschwerde. Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) liess sich nicht vernehmen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 145 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer (DBG) vom 14. Dezember 1990 i.V.m. § 3 der Vollzugsverordnung zum Bundesgesetz über die direkte Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Bundessteuer (VV DBG) vom 13. Dezember 1994 und § 131 Abs. 1 des Gesetzes über die Staats- und Gemeindesteuern (StG) vom 7. Februar 1974 können Entscheide des Steuerge- richts mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde beim Kantonsgericht als letzter kantonaler Instanz angefochten werden. Die Artikel 140 bis 144 DBG gelten für das Beschwerdeverfahren sinngemäss (Art. 145 Abs. 2 DBG). Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung der Beschwerde legitimiert (vgl. Art. 140 DBG). 1.2 Zu prüfen ist allerdings, ob auf alle Begehren der Beschwerdeführerin eingetreten wer- den kann. Indem die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerdeeingabe vom 18. Oktober 2022 Ausführungen zum materiellen Inhalt der Veranlagungsverfügung vom 24. März 2022 betref- fend die direkte Bundessteuer 2018 macht, begehrt sie sinngemäss deren Abänderung. Ange- fochten ist jedoch der Nichteintretensentscheid des Steuergerichts vom 16. September 2022. Wird ein Nichteintretensentscheid angefochten, bleibt der Streitgegenstand grundsätzlich auf die Eintretensfrage beschränkt. Das Kantonsgericht prüft daher grundsätzlich nur die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf die Beschwerde eingetreten ist. Es kann folglich auch nur gel- tend gemacht werden, die Vorinstanz habe zu Unrecht das Bestehen einer Eintretensvoraus- setzung verneint (Urteil des Kantonsgerichts, Abteilung Verfassung- und Verwaltungsrecht [KGE VV], vom 18. März 2021 [810 20 205] E. 1.2; KGE VV vom 22. August 2018 [810 17 329] E. 3; KGE VV vom 7. Februar 2018 [810 17 176] E. 2; BGE 132 V 74 E. 1.1). Das von der Be- schwerdeführerin sinngemäss gestellte Begehren, wonach das Gericht die Veranlagungsverfü- gung vom 24. März 2022 betreffend die direkte Bundessteuer 2018 auch inhaltlich prüfen soll, geht somit über den Streitgegenstand hinaus. Auf dieses Begehren ist nicht einzutreten. 1.3 Die restlichen formellen Voraussetzungen nach Art. 140 ff. DBG sind erfüllt, auf die vorliegende Beschwerde ist im aufgezeigten Umfang einzutreten. 1.4 Da es sich um einen klaren Fall handelt, wird vorliegend im Zirkulationsverfahren ent- schieden (§ 1 Abs. 4 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung [VPO] vom 16. Dezember 1993). 2. Mit der Beschwerde in Steuersachen können gemäss Art. 140 Abs. 3 DBG alle Mängel des angefochtenen Entscheids und des vorangegangenen Verfahrens gerügt werden. 3. Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerdeeingabe vom 18. Oktober 2022 neue Tatsachen geltend, die bereits zum Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung an das Steuerge- richt bekannt waren und hätten vorgebracht werden können. Bei Beschwerden in Steuersachen können gemäss § 6 Abs. 3 VPO auch neue Anträge, Behauptungen und Beweismittel vorge- bracht werden. Die von der Beschwerdeführerin neu geltend gemachten Tatsachen, die als un- echte Noven zu qualifizieren sind, sind somit zuzulassen. 4.1 Im vorliegenden Verfahren ist strittig, ob die Vorinstanz die Beschwerde der Beschwer- deführerin vom 16. Juli 2022 gegen den Einspracheentscheid vom 8. Juni 2022 zu Recht als verspätet erfolgt beurteilte respektive ob sie wegen Vorliegens eines Fristwiederherstellungs- grunds dennoch auf die Beschwerde hätte eintreten müssen. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 Die Vorinstanz hielt im angefochtenen Entscheid vom 16. September 2022 fest, dass der Einspracheentscheid der Steuerverwaltung vom 8. Juni 2022 der Beschwerdeführerin ge- mäss der Sendungsverfolgung am 10. Juni 2022 mit A-Post Plus an ihrem Sitz in Zug zugestellt worden sei. Die 30-tägige Frist nach Art. 140 Abs. 1 DBG habe somit am 11. Juni 2022 zu lau- fen begonnen und am 11. Juli 2022 geendet. Da die Beschwerde erst am 16. Juli 2022 der Post übergeben worden sei, sei diese zu spät erhoben worden. Auf die Beschwerde werde deswe- gen nicht eingetreten. 4.3 Die Ausführungen der Vorinstanz zur Fristeinhaltung treffen zu. Die Beschwerdeführe- rin bestreitet denn auch das Fristversäumnis nicht. 5.1 Es ist demnach einzig zu prüfen, ob ein Fristwiederherstellungsgrund vorliegt. Die Be- schwerdeführerin macht vorliegend geltend, ihr einziger Vertreter habe sich vom 12. Mai 2022 bis am 13. Juli 2022 im Ausland aufgehalten. Gemäss Art. 133 Abs. 3 DBG werde auf verspäte- te Einsprachen dennoch eingetreten, wenn der Steuerpflichtige nachweise, dass er infolge Lan- desabwesenheit an der rechtzeitigen Einreichung verhindert gewesen sei. Die Landesabwe- senheit von C.____ erfülle diesen Tatbestand, weshalb auf die verspätete Beschwerde einzu- treten gewesen sei. 5.2 Gemäss Art. 133 Abs. 3 DBG wird auf verspätete Einsprachen bzw. Beschwerden (Art. 140 Abs. 4 DBG) nur eingetreten, wenn die Steuerpflichtige nachweist, dass sie durch Mili- tär- oder Zivildienst, Krankheit, Landesabwesenheit oder andere erhebliche Gründe an der rechtzeitigen Einreichung verhindert war und dass die Rechtsvorkehr innert 30 Tagen nach Wegfall des Hindernisgrundes eingereicht wurde. Eine Wiederherstellung der Frist fällt somit nur dann in Betracht, wenn das Fristversäumnis auf unabwendbare, unverschuldete Hindernis- se zurückzuführen ist. Entscheidend ist dabei, dass der Grund die Pflichtige objektiv daran ge- hindert hat, die Frist einzuhalten, und diese nicht in der Lage gewesen ist, die nötigen Schritte zur Fristwahrung rechtzeitig vorzunehmen (vgl. KGE VV vom 20. Januar 2020 [810 19 172/173] E. 4.1; MARTIN ZWEIFEL/SILVIA HUNZIKER, in: Zweifel/Beusch [Hrsg.], Kommentar zum Schwei- zerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, 4. Aufl., Basel 2022, N 19 zu Art. 133 DBG). Die Wiederherstellungsgründe sind von der pflichtigen Person zu substantiie- ren und zu beweisen (ZWEIFEL/HUNZIKER, a.a.O., N 21 zu Art. 133 DBG). Nach der Praxis und Rechtsprechung ist bei der Beurteilung der Fristwiederherstellungsgründe grundsätzlich ein strenger Massstab anzulegen, d.h. es sind hohe Anforderungen an die Sorgfaltspflicht der Pflichtigen zu stellen: Nur klare Schuldlosigkeit der pflichtigen Person und ihres Vertreters kön- nen zur Fristwiederherstellung führen. Insbesondere stellt ein auf Unachtsamkeit zurückzufüh- rendes Versehen kein unverschuldetes Hindernis dar (vgl. KGE VV vom 24. November 2021 [810 21 114] E. 6.2). 6.1 Die Fristwiederherstellung setzt in formeller Hinsicht ein begründetes Gesuch voraus, welches innert 30 Tagen nach Wegfall des Hindernisgrundes zu stellen ist (ZWEIFEL/HUNZIKER, a.a.O., N 21 zu Art. 133 DBG). Die Vorinstanz wies die Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 3. August 2022 darauf hin, dass die Beschwerdeeingabe vom 16. Juli 2022 verspätet erfolgt sei, und bot ihr Gelegenheit, sich dazu zu äussern, weshalb es ihr nicht möglich gewesen sei, ihre Beschwerdeeingabe rechtzeitig einzureichen. In der Stellungnahme vom 31. August 2022 äus-Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht sert sich die Beschwerdeführerin allerdings nicht zur Fristenproblematik. Insbesondere brachte sie auch nicht sinngemäss einen Fristwiederherstellungsgrund vor. Für das Steuergericht be- stand deshalb auch keine Veranlassung, sich zu dieser Thematik zu äussern. Erst in der Be- schwerdeeingabe an das Kantonsgericht vom 18. Oktober 2022 kann ein Gesuch um Wieder- herstellung der Beschwerdefrist erblickt werden. Zumal die Fristwiederherstellung innert 30 Ta- gen nach Wegfall des Hindernisses verlangt werden muss, ist dieses Gesuch offensichtlich ver- spätet. 6.2 Auch inhaltlich ist das Gesuch klarerweise unbegründet. Steuersubjekt ist vorliegend eine Aktiengesellschaft. Der Fristwiederherstellungsgrund der Landesabwesenheit ist augen- scheinlich nicht auf Gesellschaften anwendbar, denn nur natürliche Personen können vorüber- gehend landesabwesend sein. Juristische Personen müssen dagegen an ihrem Rechtsdomizil jederzeit für die Behörden erreichbar sein. Die Beschwerdeführerin hat sich als juristische Per- son so zu organisieren, dass sie Rechtsmittelfristen – insbesondere 30-tägige – einhalten kann. Generell wird von Verfahrensbeteiligten verlangt, dass sie ihre Post regelmässig kontrollieren oder bei längerer Abwesenheit eine Vertretung beauftragen (vgl. KGE VV vom 24. November 2021 [810 21 114] E. 6.3; Urteil des Bundesverwaltungsgericht A-1670/2006 vom 23. Oktober 2008 E. 2.2; MARTIN ZWEIFEL/HUGO CASANOVA/MICHAEL BEUSCH/SILVIA HUNZIKER, Schweizeri- sches Steuerverfahrensrecht, Direkte Steuern, 2. Aufl., Zürich 2018, § 8 N 17). Dies muss umso mehr gelten, als dass die Beschwerdeführerin selber Einsprache erhoben hatte und deswegen jederzeit mit der Zustellung von fristauslösenden Verfügungen der Steuerverwaltung rechnen musste. Es liegt ein schweres organisatorisches Eigenverschulden der Beschwerdeführerin vor, da sie gemäss ihren eigenen Angaben zwischen dem 12. Mai 2022 und dem 13. Juli 2022 die eingehende Post nicht kontrolliert hat. Das Fristversäumnis ist demnach selbstverschuldet. Eine Wiederherstellung der Frist kommt nach dem Gesagten nicht in Betracht und die Beschwerde ist insgesamt abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 6.3 Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin spätestens seit dem 17. März 2022 um die bevorstehende Landesabwesenheit ihres einzigen Vertreters wusste, wie indirekt aus der Be- schwerdeeingabe hervorgeht (vgl. die beigelegte Buchungsbestätigung vom 17. März 2022). Die Beschwerdeführerin hätte es in der Hand gehabt, bereits bei der Einlegung ihrer Einsprache am 19. April 2022 die Steuerverwaltung konkret über C.____s längeren Auslandaufenthalt zu informieren. So hätte sichergestellt werden können, dass der Einspracheentscheid nicht wäh- rend dessen Abwesenheit zugestellt wird (vgl. ZWEIFEL/CASANOVA/BEUSCH/HUNZIKER, a.a.O., § 8 N 17; Urteil des Bundesgerichts 2C_737/2018 vom 20. Juni 2019 E. 4.1). 7. Es bleibt noch über die Kosten zu befinden. Gemäss Art. 144 Abs. 1 DBG werden die Kosten der unterliegenden Partei auferlegt. Die Höhe der Kosten des Verfahrens werden durch das kantonale Recht bestimmt (Art. 144 Abs. 5 DBG). Dem Ausgang des Verfahrens entspre- chend sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'200.-- der unterlegenen Beschwerdefüh- rerin aufzuerlegen und mit dem geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'200.-- zu verrechnen. Ausgangsgemäss sind die Parteikosten wettzuschlagen (Art. 144 Abs. 4 DBG i.V.m. Art. 64 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes [VwVG] vom 20. Dezember 1968). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'200.-- werden der Be- schwerdeführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'200.-- verrechnet. 3. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Präsidentin Gerichtsschreiber i.V.