<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 75</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">75</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>22</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 352, 363 Abs. 1 StPO; Art. 46 Abs. 3 StGB</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Das zur Beurteilung des neuen Verbrechens oder Vergehens zustän-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>dige Gericht entscheidet gemäss Art. 46 Abs. 3 StGB auch über den</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Widerruf aufgrund neuer Delinquenz. Das Verfahren bei selbständi-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gen nachträglichen Entscheiden gemäss Art. 363 ff. StPO kommt</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nicht zur Anwendung (E. 2.2. und 2.3).</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Eine allfällige Widerrufsstrafe ist für die Strafobergrenze von sechs</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Monaten gemäss Art. 352 Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 StPO miteinzuberech-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nen. Steht der Widerruf einer aufgeschobenen Strafe von mehr als</b></span><br/> <span class="ft1"><b>sechs Monaten zur Diskussion, begeht die Staatsanwaltschaft eine</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Kompetenzanmassung, wenn sie einen Strafbefehl erlässt (E. 2.6).</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Die fehlende sachliche Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft ist als</b></span><br/> <span class="ft1"><b>schwerer Verfahrensfehler zu betrachten, welcher Nichtigkeit des</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Strafbefehls zur Folge hat (E. 2.7).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft4">vom 6. Dezember 2011 i.S. Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg gegen</span><br/> <span class="ft4">Gerichtspräsidium Laufenburg (SBK.2011.305).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1.</span><br/> <span class="ft6">Das Gerichtspräsidium Laufenburg sprach X. mit Urteil vom</span><br/> <span class="ft6">21. September 2010 schuldig der Erpressung und verhängte eine</span><br/> <span class="ft6">Freiheitsstrafe von acht Monaten sowie eine Busse von Fr. 500.00.</span><br/> <span class="ft6">Für die ausgefällte Freiheitsstrafe gewährte es ihr den bedingten</span><br/> <span class="ft6">Vollzug unter Ansetzung einer Probezeit von fünf Jahren. Dieses Ur-</span><br/> <span class="ft6">teil erwuchs unangefochten in Rechtskraft.</span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">Die Verurteilte lenkte am 12. April 2011 in Zeiningen (Bezirk</span><br/> <span class="ft6">Rheinfelden) ein Motorfahrzeug in fahrunfähigem Zustand, wobei</span><br/> <span class="ft6">eine qualifizierte Akoholkonzentration festgestellt wurde. Die Staats-</span><br/> <span class="ft6">anwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg verurteilte sie deswegen mit</span><br/> <span class="ft6">Strafbefehl vom 19. Juli 2011 zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen</span><br/> <span class="ft6">Fr. 30.00, gewährte hiefür den bedingten Vollzug bei einer Probe-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">76</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">zeit von fünf Jahren und büsste die Verurteilte zusätzlich mit</span><br/> <span class="ft6">Fr. 800.00. Dieser Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.</span><br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg stellte am</span><br/> <span class="ft6">19. September 2011 beim Gerichtspräsidium Rheinfelden den An-</span><br/> <span class="ft6">trag, es sei der mit Urteil des Gerichtspräsidiums vom 21. September</span><br/> <span class="ft6">2010 gewährte bedingte Strafvollzug für eine Freiheitsstrafe von acht</span><br/> <span class="ft6">Monaten nicht zu widerrufen. Stattdessen sei die Verurteilte gemäss</span><br/> <span class="ft6">Art. 46 Abs. 2 StGB zu verwarnen und die Probezeit um 2.5 Jahre zu</span><br/> <span class="ft6">verlängern.</span><br/> <span class="ft6">4.</span><br/> <span class="ft6">Die Präsidentin des Bezirksgerichts Rheinfelden überwies die</span><br/> <span class="ft6">Angelegenheit mit Verfügung vom 14. November 2011 zuständig-</span><br/> <span class="ft6">keitshalber ans Gerichtspräsidium Laufenburg.</span><br/> <span class="ft6">5.</span><br/> <span class="ft6">Der Präsident des Bezirksgerichts Laufenburg trat am 18. Novem-</span><br/> <span class="ft6">ber 2011 auf den Antrag der Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufen-</span><br/> <span class="ft6">burg vom 19. September 2011 nicht ein und erklärte den Strafbefehl</span><br/> <span class="ft6">der Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg vom 19. Juli 2011</span><br/> <span class="ft6">für nichtig.</span><br/> <span class="ft6">6.</span><br/> <span class="ft6">Gegen diese ihr am 21. November 2011 zugestellte Verfügung</span><br/> <span class="ft6">des Präsidenten des Bezirksgerichts Laufenburg vom 18. November</span><br/> <span class="ft6">2011 erhob die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg mit Post-</span><br/> <span class="ft6">aufgabe vom 21. November 2011 Beschwerde. Sie beantragte, es sei</span><br/> <span class="ft6">die Verfügung des Gerichtspräsidiums Laufenburg vom 18. Novem-</span><br/> <span class="ft6">ber 2011 vollumfänglich aufzuheben, und das Gerichtspräsidium</span><br/> <span class="ft6">Rheinfelden sei anzuweisen, auf ihren Antrag vom 19. September</span><br/> <span class="ft6">2011 einzutreten.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2.2.</span><br/> <span class="ft6">Die Botschaft zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts vom</span><br/> <span class="ft6">21. Dezember 2005 äussert sich wie folgt zum Verfahren bei selb-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">77</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ständigen nachträglichen Entscheiden des Gerichts (Art. 270 des</span><br/> <span class="ft6">Vorentwurfs zur eidgenössischen Strafprozessordnung):</span><br/> <span class="ft6">Das Strafrecht sieht vor allem im Zusammenhang mit dem</span><br/> <span class="ft6">Strafvollzug vor, dass das Gericht sein Urteil nachträglich ergänzen</span><br/> <span class="ft6">muss oder abändern kann. Solche nachträglichen richterlichen Ent-</span><br/> <span class="ft6">scheide (gelegentlich auch nachträgliche Entscheidungen oder Wi-</span><br/> <span class="ft6">derrufsverfahren genannt) sind nach heutiger Rechtslage Entscheide</span><br/> <span class="ft6">über: Die Anordnung einer Ersatzfreiheitsstrafe (Art. 36 nStGB), die</span><br/> <span class="ft6">Umwandlung einer gemeinnützigen Arbeit in eine Geld- oder Frei-</span><br/> <span class="ft6">heitsstrafe (Art. 39 nStGB), die Verlängerung einer stationären thera-</span><br/> <span class="ft6">peutischen Massnahme (Art. 59 Abs. 4 nStGB), die Verlängerung ei-</span><br/> <span class="ft6">ner Suchtbehandlung (Art. 60 Abs. 4 nStGB), die Verlängerung der</span><br/> <span class="ft6">Probezeit bei bedingter Entlassung (Art. 62 Abs. 4 nStGB), die An-</span><br/> <span class="ft6">ordnung einer anderen Massnahme an Stelle des Strafvollzugs bei</span><br/> <span class="ft6">Aufhebung der Massnahme (Art. 62c Abs. 3 nStGB), die Anordnung</span><br/> <span class="ft6">der Verwahrung (Art. 62c Abs. 4 nStGB), die Verlängerung der am-</span><br/> <span class="ft6">bulanten Behandlung (Art. 63 nStGB), die Anrechnung eines mit ei-</span><br/> <span class="ft6">ner ambulanten Behandlung verbundenen Freiheitsentzugs auf die</span><br/> <span class="ft6">Strafe (Art. 63b Abs. 4 nStGB), die Anordnung einer stationären the-</span><br/> <span class="ft6">rapeutischen Massnahme an Stelle des Strafvollzugs (Art. 63b Abs. 5</span><br/> <span class="ft6">nStGB), die Verlängerung der Probezeit bei Entlassung aus der Ver-</span><br/> <span class="ft6">wahrung (Art. 64a Abs. 2 nStGB), die Anordnung der Rückverset-</span><br/> <span class="ft6">zung in die Verwahrung (Art. 64a Abs. 3 nStGB), die Anordnung</span><br/> <span class="ft6">einer stationären therapeutischen Massnahme i.S. von Art. 65 nStGB,</span><br/> <span class="ft6">die Anordnung von Massnahmen i.S. von Art. 95 Abs. 4 und 5</span><br/> <span class="ft6">nStGB.</span><br/> <span class="ft6">Die vorstehend aufgeführten Entscheide können nicht im Rah-</span><br/> <span class="ft6">men eines Urteils ergehen, da - mit Ausnahme des Widerrufs ausge-</span><br/> <span class="ft6">setzter oder bedingter Sanktionen sowie der Entlassungen nach Be-</span><br/> <span class="ft6">gehung neuer Straftaten - kein neues Sachurteil ansteht. Das bedeu-</span><br/> <span class="ft6">tet, dass solche Entscheide in einem gesonderten, selbständigen Ver-</span><br/> <span class="ft6">fahren erlassen werden müssen. Dieser nachträgliche Entscheid wird</span><br/> <span class="ft6">vom Gericht gefällt, das das ursprüngliche Urteil ausgesprochen hat</span><br/> <span class="ft6">(Abs. 1 [Art. 363 Abs. 1 in der Fassung der StPO vom 5. Oktober</span><br/> <span class="ft6">2007]). Soweit eine der genannten Ausnahmen zutrifft, sind hingegen</span><br/> <span class="ft6">die Bestimmungen dieses Kapitels nicht anwendbar; die Staatsan-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">waltschaft wird vielmehr zusammen mit der Anklage die ent-</span><br/> <span class="ft6">sprechenden Anträge stellen (Art. 327 Abs. 1 lit. g [Art. 326 Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">lit. g in der Fassung der StPO vom 5. Oktober 2007]), über die an-</span><br/> <span class="ft6">schliessend im Hauptverfahren und im Rahmen der Urteilsfällung</span><br/> <span class="ft6">(Art. 79 Abs. 4 lit. d [Art. 81 Abs. 4 lit. d in der Fassung der StPO</span><br/> <span class="ft6">vom 5. Oktober 2007]) entschieden wird (vgl. Botschaft des Bun-</span><br/> <span class="ft6">desrates zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts vom 21. De-</span><br/> <span class="ft6">zember 2005, BBl 2006 [Botschaft], S. 1297 f.; vgl. auch Begleit-</span><br/> <span class="ft6">bericht zum Vorentwurf für eine Schweizerische Strafprozessordnung</span><br/> <span class="ft6">vom Juni 2001, EJPD/Bundesamt für Justiz, Bern, Juni 2001 [BeB],</span><br/> <span class="ft6">S. 236).</span><br/> <span class="ft6">2.3.</span><br/> <span class="ft6">Vorliegend gibt ein in einem neuen Hauptverfahren zu beurtei-</span><br/> <span class="ft6">lendes Vergehen Anlass zur Überprüfung der bedingten Sanktion und</span><br/> <span class="ft6">es liegt damit eine der in der Botschaft erwähnten Ausnahmen vor.</span><br/> <span class="ft6">Der Widerruf aufgrund neuer Delinquenz ist wohl der häufigere Fall</span><br/> <span class="ft6">als der Widerruf wegen Entziehung der Bewährungshilfe oder Miss-</span><br/> <span class="ft6">achtung von Weisungen gemäss Art. 46 Abs. 4 i.V.m. Art. 95 Abs. 3-</span><br/> <span class="ft6">5 StGB, weshalb es erstaunt, dass die Verfahren bei selbständigen</span><br/> <span class="ft6">nachträglichen richterlichen Entscheiden ebenfalls Widerrufsverfah-</span><br/> <span class="ft6">ren genannt werden. Da vorliegend ein neues Sachurteil ansteht,</span><br/> <span class="ft6">kann die Frage nach dem Widerruf im Rahmen des neuen Strafver-</span><br/> <span class="ft6">fahrens gefällt werden und das Verfahren bei selbständigen nachträg-</span><br/> <span class="ft6">lichen Entscheiden gemäss Art. 363 ff. StPO kommt nicht zur An-</span><br/> <span class="ft6">wendung (vgl. dazu auch N</span><span class="ft4">IKLAUS</span> <span class="ft6">S</span><span class="ft4">CHMID</span><span class="ft6">, Handbuch des Schwei-</span><br/> <span class="ft6">zerischen Strafprozessrechts, 2009 [zit. Handbuch], § 86 N. 1390 mit</span><br/> <span class="ft6">den Verweisen auf die Botschaft und den Vorentwurf in Fn. 100 f.,</span><br/> <span class="ft6">S. 620 N. 1358 Fn. 31 sowie S. 619 N. 1356 mit Fn. 24; M</span><span class="ft4">ARIANNE</span><br/> <span class="ft6">H</span><span class="ft4">EER</span><span class="ft6">, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung,</span><br/> <span class="ft6">2011, Art. 363 N. 2). Wie die Staatsanwaltschaft zutreffend ausführt,</span><br/> <span class="ft6">ist bei einem unselbständigen Nachverfahren die Zuständigkeitsbe-</span><br/> <span class="ft6">stimmung von Art. 46 Abs. 3 StGB massgebend. Danach entscheidet</span><br/> <span class="ft6">das zur Beurteilung des neuen Verbrechens oder Vergehens zuständi-</span><br/> <span class="ft6">ge Gericht auch über den Widerruf.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">2.4.</span><br/> <span class="ft6">Eine getrennte Beurteilung von neuer Tat bzw. Strafe und</span><br/> <span class="ft6">Widerruf ist ausgeschlossen. Eine Entscheidung betreffend Widerruf</span><br/> <span class="ft6">im Rahmen eines Sachurteils wegen einer neuen Straftat teilt dessen</span><br/> <span class="ft6">Schicksal, insbesondere was die Form oder die dagegen möglichen</span><br/> <span class="ft6">Rechtsmittel betrifft (S</span><span class="ft4">CHMID</span><span class="ft6">, Handbuch, a.a.O., § 42 N. 593). Dies</span><br/> <span class="ft6">zeigt sich insbesondere dann, wenn gemäss Art. 46 Abs. 1 StGB die</span><br/> <span class="ft6">bedingte Strafe widerrufen und deren Art geändert wird, um mit der</span><br/> <span class="ft6">neuen Strafe eine Gesamtstrafe zu bilden. Zu berücksichtigen ist aber</span><br/> <span class="ft6">auch, dass die Frage der Gewährung des bedingten Strafvollzugs für</span><br/> <span class="ft6">die neue Strafe mit jener des Widerrufs einer Vorstrafe im</span><br/> <span class="ft6">Zusammenhang steht (vgl. BGE 134 IV 140 E. 4.5).</span><br/> <span class="ft6">2.5.</span><br/> <span class="ft6">Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg entschied vor-</span><br/> <span class="ft6">liegend am 19. Juli 2011 mit Strafbefehl über die neue Tat. Wegen</span><br/> <span class="ft6">Führens eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand wurde (...)</span><br/> <span class="ft6">zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen Fr. 30.00, bedingt, sowie</span><br/> <span class="ft6">einer Busse von Fr. 800.00, verurteilt. Dieser Strafbefehl erwuchs</span><br/> <span class="ft6">unangefochten in Rechtskraft. Zwei Monate später, am 19. Septem-</span><br/> <span class="ft6">ber 2011, ging bei der Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg</span><br/> <span class="ft6">die Rückfallmeldung der Koordinationsstelle VOSTRA ein. Glei-</span><br/> <span class="ft6">chentags beantragte die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg</span><br/> <span class="ft6">beim Gerichtspräsidium Rheinfelden den Verzicht auf den Widerruf</span><br/> <span class="ft6">und eine Verwarnung und Verlängerung der Probezeit.</span><br/> <span class="ft6">2.6.</span><br/> <span class="ft6">Zum Widerruf sachlich zuständig ist die Staatsanwaltschaft nur,</span><br/> <span class="ft6">wenn die gemäss Art. 352 StPO im Strafbefehlsverfahren möglichen</span><br/> <span class="ft6">Maximalstrafen nicht überschritten werden. Dies unabhängig davon,</span><br/> <span class="ft6">ob ein separater Widerruf oder allenfalls eine Gesamtstrafe nach</span><br/> <span class="ft6">Art. 46 Abs. 1 StGB auszufällen ist. Es sind also beim Widerruf von</span><br/> <span class="ft6">bedingten Strafen für die Errechnung der Strafobergrenzen die zu</span><br/> <span class="ft6">verhängende und die zu widerrufende Sanktion zusammenzuzählen.</span><br/> <span class="ft6">Dies gilt indessen nicht für eine zusätzliche Busse, welche immer</span><br/> <span class="ft6">möglich ist (Art. 352 Abs. 3 StPO).</span><br/> <span class="ft6">Die Vorinstanz sieht im Verzicht der Staatsanwaltschaft auf ei-</span><br/> <span class="ft6">nen Widerrufsantrag eine unzulässige Kompetenzanmassung der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">80</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Staatsanwaltschaft, weil der Gesetzgeber den Entscheid über einen</span><br/> <span class="ft6">allfälligen Widerruf oder Ersatzmassnahmen gemäss Art. 46 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">StGB dem zuständigen Gericht überlasse, sofern die vorgesehene</span><br/> <span class="ft6">Sanktion für das neue Delikt sowie die Widerrufsstrafe die Strafbe-</span><br/> <span class="ft6">fehlskompetenz übersteige. Bei der Antragstellung sei die Einrech-</span><br/> <span class="ft6">nung einer <i>allfälligen</i> Widerrufsstrafe zu berücksichtigen.</span><br/> <span class="ft6">Dieser Auffassung ist zuzustimmen. Zwar ist der Staatsanwalt</span><br/> <span class="ft6">grundsätzlich ebenso gut wie ein Richter bzw. Gericht in der Lage zu</span><br/> <span class="ft6">entscheiden, ob der bedingte Strafvollzug zu widerrufen ist oder</span><br/> <span class="ft6">allenfalls Ersatzmassnahmen anzuordnen sind, da er sich vor Aus-</span><br/> <span class="ft6">fällung seines Strafbefehls auch mit der Persönlichkeit des Beschul-</span><br/> <span class="ft6">digten zu befassen hat. Die Übertragung der Widerrufskompetenz</span><br/> <span class="ft6">gemäss Art. 46 Abs. 3 StGB erfolgte aus der Überlegung, dass der</span><br/> <span class="ft6">spätere Richter, der sich vor Ausfällung seines Urteils ohnehin mit</span><br/> <span class="ft6">der Persönlichkeit des Angeklagten zu befassen hat, besser als der</span><br/> <span class="ft6">frühere Richter in der Lage ist, darüber zu entscheiden, ob der be-</span><br/> <span class="ft6">dingte Strafvollzug zu widerrufen oder ob die Strafe allenfalls durch</span><br/> <span class="ft6">andere, in Art. 46 Abs. 2 StGB vorgesehene Massnahmen zu ersetzen</span><br/> <span class="ft6">sei (BGE 101 Ia 281 E. 3c S. 285 zu Art. 41 Ziff. 3 Abs. 3 aStGB).</span><br/> <span class="ft6">Eine erneute einheitliche Beurteilung des Täters und der ihn</span><br/> <span class="ft6">treffenden Rechtsfolgen wäre somit auch mit der Beurteilung durch</span><br/> <span class="ft6">den Staatsanwalt ermöglicht. Gegen eine solche Kompetenzattrak-</span><br/> <span class="ft6">tion der Staatsanwaltschaft spricht aber nebst dem Wortlaut von</span><br/> <span class="ft6">Art. 352 Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 StPO auch der Umstand, dass die Feh-</span><br/> <span class="ft6">lerquote bei "Strafbefehlsurteilen" besonders hoch ist und ein eigent-</span><br/> <span class="ft6">liches Vorverfahren üblicherweise nicht durchgeführt wird (F</span><span class="ft4">RANZ</span><br/> <span class="ft6">R</span><span class="ft4">IKLIN</span><span class="ft6">, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung,</span><br/> <span class="ft6">2011, Art. 352 N. 2 ff.; N</span><span class="ft4">IKLAUS</span> <span class="ft6">S</span><span class="ft4">CHMID</span><span class="ft6">, Schweizerische Strafpro-</span><br/> <span class="ft6">zessordnung, Praxiskommentar, 2009 [zit. Praxiskommentar], Vor</span><br/> <span class="ft6">Art. 352-357 N. 2; BeB S. 248). Vorliegend war für die Staatsan-</span><br/> <span class="ft6">waltschaft aus dem Strafregisterauszug ersichtlich, dass die neue Tat</span><br/> <span class="ft6">während der fünfjährigen Probezeit gemäss dem am 28. September</span><br/> <span class="ft6">2010 eröffneten Urteil des Gerichtspräsidiums Laufenburg begangen</span><br/> <span class="ft6">wurde. Im Rahmen der bei der Strafzumessung zu berücksichtigen-</span><br/> <span class="ft6">den Täterkomponente hatte die Staatsanwaltschaft die Vorstrafe zu</span><br/> <span class="ft6">berücksichtigen und es hätte ihr dabei auffallen müssen, dass die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">81</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">neue Tat während einer laufenden Probezeit begangen wurde. Das</span><br/> <span class="ft6">Strafbefehlsverfahren zeichnet sich dadurch aus, dass die Staatsan-</span><br/> <span class="ft6">waltschaft bei <i>geringfügigen</i> Straftaten das Strafverfahren zumeist</span><br/> <span class="ft6">ohne Beweisverfahren selbst mit einem urteilsähnlichen Erkenntnis</span><br/> <span class="ft6">abschliessen kann. Nur in diesem Bereich geniesst der Staatsanwalt</span><br/> <span class="ft6">richterliche Unabhängigkeit (vgl. S</span><span class="ft4">CHMID</span><span class="ft6">, Handbuch, a.a.O., § 83</span><br/> <span class="ft6">N. 1352) und erhält der Strafbefehl als suspensiv bedingtes Urteil</span><br/> <span class="ft6">ohne Einsprache dagegen die Wirkung eines rechtskräftigen Urteils</span><br/> <span class="ft6">(Art. 354 Abs. 3 StPO). Wenn eine Strafe von mehr als sechs Mona-</span><br/> <span class="ft6">ten im Raum steht, teilt der Gesetzgeber dem Staatsanwalt lediglich</span><br/> <span class="ft6">die Rolle des Antragstellers zu und die Staatsanwaltschaft muss</span><br/> <span class="ft6">zusammen mit der Anklage die entsprechenden Anträge betreffend</span><br/> <span class="ft6">(unselbständige) nachträgliche richterliche Entscheidungen stellen</span><br/> <span class="ft6">(vgl. BeB S. 236 und Botschaft S. 1298; Art. 326 Abs. 1 lit. g und</span><br/> <span class="ft6">Art. 81 Abs. 4 lit. d StPO).</span><br/> <span class="ft6">Demgemäss ist die Beschwerdekammer in Strafsachen des</span><br/> <span class="ft6">Obergerichts mit der Vorinstanz der Auffassung, dass der Gesetzge-</span><br/> <span class="ft6">ber einen formaljuristischen Ansatz verfolgt (vgl. anderslautend die</span><br/> <span class="ft6">Auffassung von Schmid: "Als überflüssig, ja möglicherweise irrefüh-</span><br/> <span class="ft6">rend erscheint das Einschiebsel 'allfällig' in Art. 352 Abs. 1 StPO; es</span><br/> <span class="ft6">ändert nichts daran, dass eine Addition nur erfolgt, wenn tatsächlich</span><br/> <span class="ft6">ein Widerruf erfolgt" [Handbuch, a.a.O., § 83 N. 1355, Fn. 23]) und</span><br/> <span class="ft6">eine nur allfällige Widerrufsstrafe für die Strafobergrenze mit einbe-</span><br/> <span class="ft6">rechnet. Vorliegend steht der Widerruf einer aufgeschobenen Strafe</span><br/> <span class="ft6">von mehr als sechs Monaten zur Diskussion, weshalb die Staatsan-</span><br/> <span class="ft6">waltschaft durch Erlass des Strafbefehls eine Kompetenzanmassung</span><br/> <span class="ft6">beging.</span><br/> <span class="ft6">2.7.</span><br/> <span class="ft6">Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, war vorliegend</span><br/> <span class="ft6">das Gerichtspräsidium Rheinfelden nicht nur zur Beurteilung des</span><br/> <span class="ft6">Widerrufs (so zutreffend die Staatsanwaltschaft), sondern auch für</span><br/> <span class="ft6">die Beurteilung der neuen Tat zuständig. Insofern erfolgte die Über-</span><br/> <span class="ft6">weisung des Verfahrens an das Gerichtspräsidium Laufenburg zu</span><br/> <span class="ft6">Unrecht (vgl. Verfügung des Gerichtspräsidiums Rheinfelden vom</span><br/> <span class="ft6">14. November 2011).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">82</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Die fehlende sachliche Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft ist</span><br/> <span class="ft6">als schwerer Verfahrensfehler zu betrachten, weshalb die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft6">den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg vom</span><br/> <span class="ft6">19. Juli 2011 zu Recht als nichtig erklärte (BGE 129 I 364;</span><br/> <span class="ft6">AGVE 2005 Nr. 14 E. 4 S. 73).</span><br/> <br/> <br/></div> </div> </body> </html>