<h2>SubmittedText<h2><p>Diese Interpellation ist in Rahmen des Projektes engage.ch entstanden. Engage.ch bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Möglichkeit, ihre Anliegen einzubringen und mit Parlamentarier:innen zu debattieren. </p><p>In der Schweiz leisten die Erwerbstätigen in Vollzeitstellen aktuell etwa 41 Wochenarbeitsstunden. Damit liegen wir über dem europäischen Durchschnitt. In Finnland sind es lediglich 37,8, in den Niederlanden 39,5 Stunden. Unterdessen gibt es diverse Studien und Experimente, die sehr positive Effekte einer Arbeitszeitreduktion aufweisen. </p><p>Die Hans-Böckler-Stiftung hat europäische Länder hinsichtlich ihrer wöchentlichen Arbeitszeit und Produktivität untersucht. Die Erkenntnis: Je weniger Wochenstunden, desto produktiver wurde gearbeitet. Positive Zwischenergebnisse von Pilotprojekten in Grossbritannien haben ebenso Schlagzeilen gemacht: Beschäftigte mit verkürzter Arbeitszeit sind produktiver, weniger gestresst und seltener krank. Auch in Island, wo über drei Jahre die 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich getestet wurde, sind die Resultate positiv. Die Produktivität ist gestiegen und die Steuereinnahmen blieben stabil. Die Isländer:innen hingegen sind gesünder und glücklicher geworden. Auch in Schweden gibt es innovative Pilotprojekte. Unter anderem hat das Toyota-Werk in Göteborg den 6-Stunden-Tag eingeführt. Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden ist gestiegen, die Krankmeldungen haben abgenommen und die Produktivität blieb stabil. </p><p>Angesichts der positiven Auswirkungen auf die Volksgesundheit ist es unverständlich, dass der Bundesrat eine Arbeitszeitreduktion auf Grundlage von empirisch längst widerlegten, wissenschaftlich veralteten Arbeitsmarktmodellen ablehnt. </p><p>- Ist der Bundesrat in Kenntnis dieser diversen Studien und Experimente aus anderen europäischen Staaten, die stark positive Effekte für die Gesundheit der Arbeitnehmenden aufweisen?</p><p>- Anerkennt der Bundesrat dabei ein Sparpotential für das Gesundheits- und das Sozialversicherungswesen?</p><p>- Anerkennt der Bundesrat die Erkenntnis, dass in anderen europäischen Staaten bei einer moderaten Arbeitszeitreduktion die Produktivität anstieg und die Steuereinnahmen stabil blieben? Warum wurden diese Tatsachen bei der Ablehnung der Motion 23.3248 nicht erwähnt?</p><p>- Ist der Bundesrat bereit, entsprechende Pilotprojekte inklusive wissenschaftlicher Begleitung zu unterstützen respektiv zu fördern?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1./2. Der Bundesrat hat Kenntnis von den verschiedenen Projekten zur Reduktion der Arbeitszeit im Ausland. Im Übrigen hat er sich in seiner Antwort auf die Interpellation 23.3294 Wermuth zum Pilotprojekt in Grossbritannien geäussert, auch in Bezug auf die gesundheitlichen Auswirkungen. Die erwähnten Projekte wurden nicht nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewertet.</p><p>Eine Übersichtsstudie über die wissenschaftliche Literatur aus dem Jahr 2022 (Voglino et al. 2022) zeigt, dass eine Arbeitszeitreduktion bei gleichbleibendem Lohn positive Auswirkungen auf einige gesundheitsbezogene Faktoren haben kann. Auswirkungen auf die Lebensqualität konnten hingegen nicht nachgewiesen werden. In einer Mehrheit der von dieser Studie erfassten Institutionen wurde zusätzliches Personal eingestellt, um eine Zunahme der Arbeitsintensität mit allfälligen negativen Folgen für die Gesundheit zu vermeiden. Ausserdem wird in der Studie darauf hingewiesen, dass die gesundheitlichen Auswirkungen einer Arbeitszeitreduktion davon abhängen, wie die zusätzliche Freizeit genutzt wird.</p><p>Gesundheitsprobleme aufgrund von Stress am Arbeitsplatz sind nicht zwingend eine Folge der Anzahl geleisteter Arbeitsstunden. Wichtig ist, dass die Arbeitgeber bei den Risikofaktoren im Zusammenhang mit Stress ansetzen. Eine generelle Arbeitszeitreduktion erscheint hingegen nicht als ein geeignetes Instrument, um Einsparungen im Gesundheitsbereich und bei den Sozialversicherungen zu erwirken.</p><p>3. Weder in Island noch in Grossbritannien wurde die Arbeitszeit in der gesamten Wirtschaft um einen Tag verkürzt. Der Bundesrat sieht keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen einer moderaten Arbeitszeitreduktion und einer Produktivitätssteigerung oder stabilen Steuereinnahmen. In seiner Stellungnahme zur Motion 23.3248 Funiciello hat er gezeigt, dass die die wöchentliche Normalarbeitszeit aller Beschäftigten unter Berücksichtigung der Teilzeitbeschäftigung zwischen 1991 und 2021 um 3,2&nbsp;Stunden zurückgegangen ist. Gleichzeitig sind in diesem Zeitraum nicht nur die Löhne, sondern auch die Produktivität und die Steuereinnahmen kontinuierlich gestiegen. Das Potenzial zur Erhöhung der Produktivität dürfte je nach Branche unterschiedlich sein. Daher sind die Sozialpartner weiterhin am besten in der Lage, an den jeweiligen Kontext angepasste Lohn- und Arbeitsbedingungen festzulegen. Der Bundesrat erachtet es nicht als zielführend, in die Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern einzugreifen.</p><p>4. Zu dieser Frage hat sich der Bundesrat bereits in seiner Antwort auf die Interpellation 23.3294 Wermuth geäussert.</p>