<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">303</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Zivilprozessrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>51</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 570 Abs. 3 ZGB, Art. 59 Abs. 2 lit. a ZPO. Ausschlagung der Erb-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schaft, Protokollierung, Rechtsschutzinteresse (formelle und materielle</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Beschwer)</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Eine materielle Beschwer als Prozessvoraussetzung des Beschwerdever-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>fahrens ist gegeben, wenn mit der Anfechtung ein wirtschaftlicher, ideeler</b></span><br/> <span class="ft3"><b>oder materieller Nachteil beseitigt werden könnte. Eine Partei hat ein</b></span><br/> <span class="ft3"><b>praktisches und aktuelles Interesse, sich die Zurückweisung ihrer zu</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Protokoll erklärten Ausschlagungserklärung nicht mit der erhöhten</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Beweiskraft einer öffentlichen Urkunde entgegenhalten lassen zu müssen.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Zivilkammer, vom 7. Januar 2015</span><br/> <span class="ft4">(ZBE.2013.5).</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft8">2.</span><br/> <span class="ft8">2.1.</span><br/> <span class="ft8">Voraussetzung für ein Eintreten auf die Beschwerde bildet das</span><br/> <span class="ft8">schutzwürdige Interesse (Art. 59 Abs. 2 lit. a ZPO) an der Abände-</span><br/> <span class="ft8">rung des vorinstanzlichen Entscheides. Das erforderliche Rechts-</span><br/> <span class="ft8">schutzinteresse entspricht im Rahmen des Rechtsmittelverfahrens der</span><br/> <span class="ft8">Beschwer (Zürcher, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger</span><br/> <span class="ft8">[Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung</span><br/> <span class="ft8">[ZPO-Komm.], 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2013, N. 14 zu Art. 59</span><br/> <span class="ft8">ZPO). Formelle Beschwer einer Partei liegt vor, wenn das Dispositiv</span><br/> <span class="ft8">des vorinstanzlichen Entscheids von ihren Anträgen abweicht. Zu-</span><br/> <span class="ft8">dem muss eine materielle Beschwer gegeben sein. Hierfür genügt,</span><br/> <span class="ft8">dass die Partei durch den angefochtenen Entscheid besonders berührt</span><br/> <span class="ft8">ist und ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder</span><br/> <span class="ft8">Abänderung hat (vgl. Art. 76 Abs. 1 lit. b BGG), denn die Legitimati-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">304</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">onsvoraussetzungen im kantonalen Verfahren dürfen gemäss Art. 111</span><br/> <span class="ft8">Abs. 1 BGG nicht enger umschrieben werden als für die Beschwerde</span><br/> <span class="ft8">ans Bundesgericht (BGE 139 III 225 E. 2; BGE 2C_964/2012 E.</span><br/> <span class="ft8">4.1). Hinreichend ist daher, dass mit der Anfechtung ein wirtschaftli-</span><br/> <span class="ft8">cher, ideeller oder materieller Nachteil beseitigt werden könnte. Das</span><br/> <span class="ft8">Rechtsschutzinteresse ist dagegen zu verneinen, wenn der Rechtsmit-</span><br/> <span class="ft8">telkläger durch das Urteil nicht betroffen oder benachteiligt ist</span><br/> <span class="ft8">(Seiler, Die Berufung nach ZPO, Zürich 2013, Rz. 533, m.H.). Die</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdebefugnis setzt ein aktuelles und praktisches Interesse an</span><br/> <span class="ft8">der Gutheissung der Beschwerde voraus (BGE 140 III 92 E. 1.1). Ob</span><br/> <span class="ft8">eine relevante Benachteiligung vorliegt, ist grundsätzlich aufgrund</span><br/> <span class="ft8">der Rechtsmittelanträge und deren Begründung zu ermitteln (Seiler,</span><br/> <span class="ft8">a.a.O., Rz. 533, m.H.).</span><br/> <span class="ft8">2.2.</span><br/> <span class="ft8">2.2.1.</span><br/> <span class="ft8">Mit dem Tode des Erblassers erwerben die Erben die Erbschaft</span><br/> <span class="ft8">als Ganzes. Forderungen, das Eigentum, die beschränkten dinglichen</span><br/> <span class="ft8">Rechte und der Besitz des Erblassers gehen unter Vorbehalt der ge-</span><br/> <span class="ft8">setzlichen Ausnahmen ohne weiteres auf sie über, und die Schulden</span><br/> <span class="ft8">des Erblassers werden zu persönlichen Schulden der Erben (Art. 560</span><br/> <span class="ft8">ZGB). Sowohl die gesetzlichen wie auch die eingesetzten Erben ha-</span><br/> <span class="ft8">ben jedoch die Befugnis, die Erbschaft, die ihnen zugefallen ist, in-</span><br/> <span class="ft8">nert Frist (Art. 567 f. ZGB) auszuschlagen (Art. 566 Abs. 1 ZGB).</span><br/> <span class="ft8">Die Frist zur Ausschlagung beträgt drei Monate (Art. 567 Abs. 1</span><br/> <span class="ft8">ZGB) und beginnt für die gesetzlichen Erben, soweit sie nicht nach-</span><br/> <span class="ft8">weisbar erst später von dem Erbfall Kenntnis erhalten haben, mit</span><br/> <span class="ft8">dem Zeitpunkt, da ihnen der Tod des Erblassers bekannt geworden ist</span><br/> <span class="ft8">(Art. 567 Abs. 2 ZGB).</span><br/> <span class="ft8">2.2.2.</span><br/> <span class="ft8">Die Ausschlagung ist von den Erben bei der zuständigen Be-</span><br/> <span class="ft8">hörde mündlich oder schriftlich zu erklären (Art. 570 Abs. 1 ZGB).</span><br/> <span class="ft8">Die zuständige Behörde hat über die Ausschlagungen ein Protokoll</span><br/> <span class="ft8">zu führen (Art. 570 Abs. 3 ZGB). Dieses Protokoll verfolgt reine In-</span><br/> <span class="ft8">formationszwecke und dient als Beweis für die Abgabe und den Zeit-</span><br/> <span class="ft8">punkt der Ausschlagungserklärung; es hat somit nur deklaratorische</span><br/> <span class="ft8">Bedeutung und entfaltet keine rechtsbegründende Wirkung zwischen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">305</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">den Erben und den Gläubigern des Erblassers (BGE 139 III 225 E. 3;</span><br/> <span class="ft8">BGE 5A_578/2009 E. 2.2; AGVE 2001 Nr. 3 S. 34 f., m.w.H.;</span><br/> <span class="ft8">Schwander, in: Basler Kommentar, Basel 2011, N. 14 zu Art. 570</span><br/> <span class="ft8">ZGB; Häuptli, in: Abt/Weibel, Praxiskommentar Erbrecht, Basel</span><br/> <span class="ft8">2011, N. 9 zu Art. 570 ZGB). Selbst wenn eine Ausschlagungserklä-</span><br/> <span class="ft8">rung zurückgewiesen wird, bleibt es dem betroffenen Erben daher</span><br/> <span class="ft8">unbenommen, sich auf die erklärte Ausschlagung zu berufen, sollte</span><br/> <span class="ft8">er für Erbschaftsschulden belangt werden, und ungeachtet der Proto-</span><br/> <span class="ft8">kollierung der Ausschlagungserklärung steht den Gläubigern des</span><br/> <span class="ft8">Erblassers die Möglichkeit offen, gegen einen Erben vorzugehen, der</span><br/> <span class="ft8">die Ausschlagung erklärt hat (BGE 139 III 225 E. 3;</span><br/> <span class="ft8">BGE 5A_578/2009 E. 2.2).</span><br/> <span class="ft8">Dem Ausschlagungsprotokoll kommt allerdings für die darin</span><br/> <span class="ft8">bezeugten Tatsachen Beweiskraft i.S.v. Art. 9 ZGB zu. Der Dritte</span><br/> <span class="ft8">kann sich somit bis zum Beweis des Gegenteils auf die Richtigkeit</span><br/> <span class="ft8">des Protokolls verlassen. Die Erben, Vermächtnisnehmer, Erbschafts-</span><br/> <span class="ft8">gläubiger und Erbengläubiger haben daher ein erhebliches Interesse</span><br/> <span class="ft8">an der Feststellung, wer eine Erbschaft ausgeschlagen oder angetre-</span><br/> <span class="ft8">ten hat, weshalb ihnen auch das Recht zur Einsichtnahme in das</span><br/> <span class="ft8">Protokoll zusteht (Schwander, a.a.O., N. 13 zu Art. 570 ZGB;</span><br/> <span class="ft8">Häuptli, a.a.O., N. 12 zu Art. 570 ZGB; Tuor/Picenoni, Berner Kom-</span><br/> <span class="ft8">mentar, 2. Aufl., Bern 1964, N. 5 zu Art. 570 ZGB; Riggenbach, in:</span><br/> <span class="ft8">ZBGR 1943, S. 121 ff., S. 122).</span><br/> <span class="ft8">2.2.3.</span><br/> <span class="ft8">Gemäss einhelliger Lehre hat der zuständige Richter nach</span><br/> <span class="ft8">Art. 570 ZGB die Ausschlagungserklärung entgegenzunehmen und</span><br/> <span class="ft8">zu protokollieren, ohne dass er befugt wäre, die Gültigkeit in for-</span><br/> <span class="ft8">meller und materieller Hinsicht zu prüfen (Tuor/Picenoni, a.a.O., N.</span><br/> <span class="ft8">5 zu Art. 570 ZGB; Escher, Zürcher Kommentar, 3. Aufl., Zürich</span><br/> <span class="ft8">1960, N. 16 zu Art. 570 ZGB; Schwander, a.a.O., N. 14 zu Art. 570</span><br/> <span class="ft8">ZGB). Nur ausnahmsweise darf er eine Erklärung bei offensichtli-</span><br/> <span class="ft8">cher Ungültigkeit zurückweisen, namentlich wenn sich an die</span><br/> <span class="ft8">Ausschlagungserklärung weitere Massnahmen der Behörde an-</span><br/> <span class="ft8">schliessen, so etwa im Falle der konkursamtlichen Liquidation des</span><br/> <span class="ft8">Nachlasses oder der bereits beantragten Erbscheinausstellung</span><br/> <span class="ft8">(AGVE 2001 Nr. 3 S. 35; Schwander, a.a.O., N. 14 zu Art. 570 ZGB;</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">306</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Weber, Gerichtliche Vorkehren bei der Nachlassabwicklung, in: AJP</span><br/> <span class="ft8">1997 S. 558; ZR 96/1997 S. 81).</span><br/> <span class="ft8">2.3.</span><br/> <span class="ft8">2.3.1.</span><br/> <span class="ft8">Die Vorinstanz führte im angefochtenen Entscheid aus, die Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführerin habe mit Eingabe vom 10. Juni 2013 mitgeteilt,</span><br/> <span class="ft8">dass sie die Erbschaft der Verstorbenen A. ausschlage. Vom Todestag</span><br/> <span class="ft8">der Erblasserin am TT.MM. 2012 an hätte die Ausschlagung durch</span><br/> <span class="ft8">die Beschwerdeführerin als gesetzliche Erbin bis zum TT.MM. 2013</span><br/> <span class="ft8">erfolgen müssen. Aus den eingegangenen Akten sei nicht hervorge-</span><br/> <span class="ft8">gangen, ob die ausschlagende Erbin allenfalls erst zu einem späteren</span><br/> <span class="ft8">Zeitpunkt als dem Todestag der Erblasserin vom Erbfall Kenntnis</span><br/> <span class="ft8">erhalten habe oder ob die Voraussetzungen für eine Vermutung der</span><br/> <span class="ft8">Ausschlagung i.S.v. Art. 566 Abs. 2 ZGB, d.h. eine amtlich festge-</span><br/> <span class="ft8">stellte oder offenkundige Zahlungsunfähigkeit der Erblasserin im</span><br/> <span class="ft8">Zeitpunkt des Todes, vorgelegen hätten. Die ausschlagende Erbin sei</span><br/> <span class="ft8">deshalb mit Verfügung vom 9. August 2013 aufgefordert worden,</span><br/> <span class="ft8">sich schriftlich beim Gerichtspräsidium zu äussern und falls möglich</span><br/> <span class="ft8">mit Dokumenten zu belegen, zu welchem Zeitpunkt sie Kenntnis</span><br/> <span class="ft8">vom Tod der Erblasserin erhalten habe und ob allenfalls zum Zeit-</span><br/> <span class="ft8">punkt des Todes der Erblasserin deren Zahlungsunfähigkeit amtlich</span><br/> <span class="ft8">festgestellt oder offenkundig gewesen sei. Diese Verfügung sei der</span><br/> <span class="ft8">Erbin am 24. August 2013 zugestellt worden; die ihr darin angesetzte</span><br/> <span class="ft8">Frist sei aber ohne schriftliche Äusserung verstrichen. Die Ausschla-</span><br/> <span class="ft8">gung könne daher nicht gültig zu Protokoll genommen werden.</span><br/> <span class="ft8">2.3.2.</span><br/> <span class="ft8">Die Beschwerdeführerin macht in der Beschwerde geltend, sie</span><br/> <span class="ft8">habe seit 50 Jahren keinen Kontakt mehr zur Erblasserin gehabt und</span><br/> <span class="ft8">von ihrem Tod erst durch eine Mitteilung der Gemeindekanzlei am</span><br/> <span class="ft8">4. März 2013 Kenntnis erhalten, worauf sie am 6. Juni 2013 die Aus-</span><br/> <span class="ft8">schlagung erklärt habe. Sie kenne die Erblasserin nicht und wolle</span><br/> <span class="ft8">auch nichts von ihr. Sie hoffe daher, dass das Gericht ihre Ausschla-</span><br/> <span class="ft8">gungserklärung annehmen könne und die Verfahrenskosten aufhebe.</span><br/> <span class="ft8">2.4.</span><br/> <span class="ft8">Die formelle Beschwer ist vorliegend ohne Zweifel gegeben,</span><br/> <span class="ft8">weil das Gerichtspräsidium Lenzburg die Ausschlagungserklärung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">307</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">der Beschwerdeführerin entgegen deren Antrag gemäss Dispositiv</span><br/> <span class="ft8">des angefochtenen Entscheides nicht zu Protokoll genommen hat.</span><br/> <span class="ft8">Ein praktisches und aktuelles Interesse der Beschwerdeführerin, dass</span><br/> <span class="ft8">sie sich die Zurückweisung ihrer Ausschlagungserklärung nicht mit</span><br/> <span class="ft8">der erhöhten Beweiskraft einer öffentlichen Urkunde entgegenhalten</span><br/> <span class="ft8">lassen muss, ist ebenfalls zu bejahen. Auf die Beschwerde ist daher</span><br/> <span class="ft8">einzutreten.</span><br/></div> </div> </body> </html>