<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 6 S.38</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">38</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>6</b></span> <span class="ft2"><b>§ 171 ZPO; Vereinigung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Instruktionsrichter kann getrennt eingereichte Klagen vereinigen,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wenn die Voraussetzungen von § 171 Abs. 1 ZPO vorliegen. Erfolgt die</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Vereinigung unmittelbar bei Prozesseinleitung, bestimmt sich der Streit-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wert des Verfahrens aufgrund des Gesamtbetrages der eingeklagten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Forderungen. Im arbeitsgerichtlichen Verfahren liesse es sich mit der ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>setzlichen Beschränkung der Rechtswohltat des kostenlosen Verfahrens</b></span><br/> <span class="ft2"><b>auf betraglich geringfügige Streitsummen (Art. 343 Abs. 2 i.V.m. Abs. 3</b></span><br/> <span class="ft2"><b>OR) nicht vereinbaren, wenn sich die Arbeitsgerichte die kostenlose</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Durchführung von Parallelprozessen über einzelne Forderungen aus</b></span><br/> <span class="ft2"><b>demselben Rechtsverhältnis, die in ihrem Gesamtbetrag den Schwellen-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wert der Kostenfreiheit übersteigen, aufzwingen lassen müssten.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Zivilkammer, vom 19. Juni 2006,</span><br/> <span class="ft3">i.S. T. AG ca. C.T.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Klägerin macht geltend, die Vorinstanz habe die von ihr be-</span><br/> <span class="ft1">wusst getrennt eingereichten Klagen auf Rückerstattung von Mehr-</span><br/> <span class="ft1">wertsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen zu Unrecht vereinigt;</span><br/> <span class="ft1">sie sei nicht bereit, die ihr daraus erwachsenen Kostennachteile zu</span><br/> <span class="ft1">tragen. Hinzu komme, dass der Nichteintretensentscheid der Vorin-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">39</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">stanz vom 30. April 2004 im Kostenpunkt in Rechtskraft erwachsen</span><br/> <span class="ft1">sei; damit sei für das Arbeitsgericht einzig noch der Streitwert der</span><br/> <span class="ft1">Klage betreffend Rückerstattung der Sozialversicherungsbeiträge</span><br/> <span class="ft1">von Fr. 24'286.10 massgebend gewesen, für welchen von Bundes-</span><br/> <span class="ft1">rechts wegen Kostenfreiheit bestehe.</span><br/> <span class="ft1">2.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 171 ZPO kann der Kläger mit der gleichen Klage</span><br/> <span class="ft1">mehrere Ansprüche einklagen, wenn dafür der angerufene Richter</span><br/> <span class="ft1">zuständig und die gleiche Verfahrensart vorgeschrieben ist (Abs. 1).</span><br/> <span class="ft1">Aus zureichenden Gründen kann der Instruktionsrichter die Tren-</span><br/> <span class="ft1">nung verfügen oder getrennt geltend gemachte Ansprüche vereinigen</span><br/> <span class="ft1">(Abs. 2). Die Ausgestaltung als Kann-Bestimmung zeigt, dass dem</span><br/> <span class="ft1">Richter bei diesem Entscheid ein erheblicher Ermessenspielraum zu-</span><br/> <span class="ft1">kommt. Er wird von der Befugnis zur Klagevereinigung im Interesse</span><br/> <span class="ft1">der Prozessökonomie namentlich dann Gebrauch machen, wenn zwi-</span><br/> <span class="ft1">schen mehreren gerichtlichen Verfahren ein Zusammenhang besteht</span><br/> <span class="ft1">und von deren Vereinigung eine zweckmässigere Abwicklung des</span><br/> <span class="ft1">Verfahrens zu erwarten ist (Bühler/Edelmann/Killer, Kommentar zur</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Zivilprozessordnung, Aarau/Frankfurt a.M./Salzburg</span><br/> <span class="ft1">1998, N 4 und 12 zu § 171 ZPO; AGVE 1963, S. 54). Erfolgt die</span><br/> <span class="ft1">Vereinigung bei Prozesseinleitung, kann sie eine Veränderung des</span><br/> <span class="ft1">Streitwertes bewirken, da der Wert mehrerer Ansprüche, die sich</span><br/> <span class="ft1">nicht gegenseitig ausschliessen, nach § 18 Abs. 1 ZPO zusammenge-</span><br/> <span class="ft1">zählt wird. Massgeblicher Zeitpunkt für die Streitwertberechnung ist</span><br/> <span class="ft1">nämlich die Einreichung der Klage beim erstinstanzlichen Richter.</span><br/> <span class="ft1">Der damit festgelegte Streitwert bleibt grundsätzlich für den ganzen</span><br/> <span class="ft1">kantonalen Prozess massgebend (Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">N 6 zu §§ 16 und 17, N 4 zu § 18 und N 12 zu § 171 ZPO).</span><br/> <span class="ft1">2.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Klägerin hat in ihren der Vorinstanz gleichentags getrennt</span><br/> <span class="ft1">eingereichten Klagen gegen den Beklagten einerseits einen Anspruch</span><br/> <span class="ft1">auf Rückerstattung von Mehrwertsteuerbeiträgen im Betrag von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 13'534.15 und anderseits einen Anspruch auf Rückerstattung von</span><br/> <span class="ft1">Sozialversicherungsbeiträgen im Betrag von Fr. 24'286.10 geltend</span><br/> <span class="ft1">gemacht. Beide Forderungen gründen nach unbestritten gebliebener</span><br/> <span class="ft1">Darstellung der Klägerin in einem Arbeitsverhältnis zwischen den</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">40</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Parteien und waren damit im Rahmen eines Arbeitsgerichtsverfah-</span><br/> <span class="ft1">rens zu beurteilen. Die Voraussetzungen für eine objektive Klagen-</span><br/> <span class="ft1">verbindung i.S.v. § 171 Abs. 1 ZPO waren somit gegeben. Es bedarf</span><br/> <span class="ft1">sodann keiner Erläuterung, dass die Führung mehrerer Prozesse über</span><br/> <span class="ft1">Forderungen zwischen den gleichen Parteien aus demselben Rechts-</span><br/> <span class="ft1">verhältnis für das Gericht einen erheblichen Mehraufwand darstellt,</span><br/> <span class="ft1">weshalb sich schon aus Gründen der Prozessökonomie eine Vereini-</span><br/> <span class="ft1">gung der Klagen aufdrängte. Demgegenüber vermochte die Klägerin,</span><br/> <span class="ft1">abgesehen von der Erlangung der Kostenfreiheit i.S.v. Art. 343</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 i.V.m Abs. 3 OR, kein sachliches Interesse an einer getrennten</span><br/> <span class="ft1">Beurteilung ihrer Forderungen darzutun. Es liesse sich aber mit der</span><br/> <span class="ft1">gesetzlichen Beschränkung der Rechtswohltat des kostenlosen Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahrens auf betraglich geringfügige Streitsummen (Art. 343 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">i.V.m. Abs. 3 OR) nicht vereinbaren, wenn sich die Arbeitsgerichte</span><br/> <span class="ft1">die kostenlose Durchführung von Parallelprozessen über einzelne</span><br/> <span class="ft1">Forderungen aus demselben Rechtsverhältnis, die in ihrem Gesamt-</span><br/> <span class="ft1">betrag den Schwellenwert der Kostenfreiheit übersteigen, aufzwin-</span><br/> <span class="ft1">gen lassen müssten. Die von der Klägerin erwähnte Möglichkeit</span><br/> <span class="ft1">einer Teilklage, die von der Lehre als zulässiges Mittel zur Erlangung</span><br/> <span class="ft1">der Kostenfreiheit anerkannt wird (Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">N 6 zu § 369 ZPO), ist mit der hier in Frage stehenden gleichzeitigen</span><br/> <span class="ft1">Anhebung von zwei separaten Prozessen nicht vergleichbar, da der</span><br/> <span class="ft1">Kläger mit der Teilklage - wohl mit Hinblick auf die präjudizielle</span><br/> <span class="ft1">Wirkung des Urteils - auf einen Vollstreckungstitel für den Rest sei-</span><br/> <span class="ft1">ner Forderung und insoweit auf die Inanspruchnahme der Gerichte</span><br/> <span class="ft1">vorerst verzichtet. Dass die Arbeitsgerichtspräsidentin vorliegend die</span><br/> <span class="ft1">von der Klägerin angehobenen Klagen vereinigt hat, ist nach dem</span><br/> <span class="ft1">Gesagten nicht zu beanstanden, sondern war im Interesse einer straf-</span><br/> <span class="ft1">fen und beförderlichen Prozessleitung (§ 8 GOG; § 72 Abs. 1 ZPO)</span><br/> <span class="ft1">geboten. Da die Vereinigung unmittelbar bei Prozesseinleitung er-</span><br/> <span class="ft1">folgte, bestimmt sich der Streitwert des Verfahrens aufgrund des Ge-</span><br/> <span class="ft1">samtbetrages der eingeklagten Forderungen von Fr. 37'820.25, so-</span><br/> <span class="ft1">dass die Grenze der Gerichts- und Parteikostenfreiheit von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 30'000.-- bzw. Fr. 20'000.-- (vgl. Art. 343 Abs. 2 i.V.m. Abs. 3</span><br/> <span class="ft1">OR; § 369 Abs. 1 ZPO) überschritten wird. An der grundsätzlichen</span><br/> <span class="ft1">Kostenpflicht ändert auch nichts, dass heute - nachdem der Nicht-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">41</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">eintretensentscheid der Vorinstanz vom 30. April 2004 in Bezug auf</span><br/> <span class="ft1">die Rückerstattung der Mehrwertssteuer von Fr. 13'534.15 in Rechts-</span><br/> <span class="ft1">kraft erwachsen ist - nur mehr die Rückerstattung der Sozialver-</span><br/> <span class="ft1">sicherungsbeiträge von Fr. 24'286.10 streitig ist (Erw. 2.2.1. hievor;</span><br/> <span class="ft1">BGE 115 II 30 Erw. 5b, 104 II 222 Erw. 2b; Staehelin/Vischer, Zür-</span><br/> <span class="ft1">cher Kommentar, Teilband V/2c, 3. Aufl., Zürich 1996, N 23 zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 343 OR).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>