<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 78 S.311</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">311</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>78 Rechtliches</b></span> <span class="ft2"><b>Gehör.</b></span> <span class="ft2"><b>Akteneinsichtsrecht.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Untaugliche Beweismittel müssen nicht abgenommen werden; antizi-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>pierte Beweiswürdigung (Erw. 1).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Zieht eine Behörde Akten bei, so haben die Parteien Anspruch auf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Einsicht, selbst wenn die Behörde die Akten als irrelevant betrachtet</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2/a-c).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Verweigerte Akteneinsicht: Heilung im Rechtsmittelverfahren</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2/d).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">312</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 10. September 2003 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen G..B. gegen Entscheid des Steuerrekursgerichts.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. a) Im Sinne eines Beweisantrages verlangt die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führerin den Beizug sämtlicher Steuerakten ihres verstorbenen Ehe-</span><br/> <span class="ft1">mannes.</span><br/> <span class="ft1">b) Vom Steuerpflichtigen oder der Steuerbehörde angebotene,</span><br/> <span class="ft1">gesetzlich zulässige Beweise, die zur Feststellung erheblicher Tatsa-</span><br/> <span class="ft1">chen geeignet sind, müssen abgenommen werden (§</span> <span class="ft1">133</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 aStG). Der Anspruch des Steuerpflichtigen auf Abnahme sol-</span><br/> <span class="ft1">cher Beweismittel ist Ausfluss des rechtlichen Gehörs. Er besteht</span><br/> <span class="ft1">indessen nicht unbeschränkt, sondern unter der Voraussetzung, dass</span><br/> <span class="ft1">das beantragte Beweismittel geeignet ist, eine für die Veranlagung</span><br/> <span class="ft1">wesentliche Behauptung zu erhärten (AGVE 1991, S. 365 f.; 1983,</span><br/> <span class="ft1">S. 366 f.; Jürg Baur, in: Kommentar zum Aargauer Steuergesetz,</span><br/> <span class="ft1">Muri/BE 1991, § 133 N 4). Ein Verzicht ist insbesondere dann ge-</span><br/> <span class="ft1">boten, wenn die Abnahme von Beweisen in Frage steht, die sich von</span><br/> <span class="ft1">vorneherein als untauglich erweisen (Ulrich Häfelin/Georg Müller,</span><br/> <span class="ft1">Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2002,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 1686; Kölz/Bosshart/Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechts-</span><br/> <span class="ft1">pflegegesetz des Kantons Zürich, 2. Auflage, Zürich 1999, § 7 N 10,</span><br/> <span class="ft1">§ 8 N 34, je mit Hinweisen). Diese sog. antizipierte Beweiswürdi-</span><br/> <span class="ft1">gung ist zulässig, bedarf allerdings jeweils einer genügenden Be-</span><br/> <span class="ft1">gründung (vgl. AGVE 1991, S. 365 f., 378 f.; 1989, S. 152;</span><br/> <span class="ft1">VGE II/31 vom 3. April 1996 [BE.1994.00169] in Sachen E. K.,</span><br/> <span class="ft1">S. 12).</span><br/> <span class="ft1">c) Die Vorinstanz hat vom Gemeindesteueramt B. die Steuerak-</span><br/> <span class="ft1">ten des Ehemannes für die Veranlagungsperiode 1999/2000 beige-</span><br/> <span class="ft1">zogen, vom Beizug von Akten früherer Veranlagungsperioden hat sie</span><br/> <span class="ft1">abgesehen. Vorliegend geht es um die für die Steuerveranlagung</span><br/> <span class="ft1">1999/2000 massgebenden Einkommensverhältnisse der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin in den Bemessungsjahren 1997/98 (§ 53 aStG), insbeson-</span><br/> <span class="ft1">dere um die ihr vom Ehemann geleisteten Unterhaltszahlungen für</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">313</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">die Zeit vom 1. Juli 1997 bis 31. Dezember 1998. Die Steuerakten</span><br/> <span class="ft1">des Ehemannes können, wie die Beschwerdeführerin selber zutref-</span><br/> <span class="ft1">fend ausführte, einzig insoweit von Bedeutung sein, als es um die</span><br/> <span class="ft1">Überprüfung der von ihm in diesem Zeitraum effektiv erbrachten</span><br/> <span class="ft1">Unterhaltsleistungen geht. Hierfür sind allein die Steuerakten</span><br/> <span class="ft1">1999/00 des Ehemannes von Bedeutung, da die älteren Akten ledig-</span><br/> <span class="ft1">lich in die vorliegend nicht bedeutsamen Einkommens- und Vermö-</span><br/> <span class="ft1">gensverhältnisse weiter zurückliegender Jahre Einblick geben kön-</span><br/> <span class="ft1">nen. Das vorliegende Beschwerdeverfahren kann nicht dazu dienen,</span><br/> <span class="ft1">für die Beschwerdeführerin weitere Akten anzufordern, an denen sie</span><br/> <span class="ft1">in anderem Zusammenhang (Zwischenveranlagung; güter- und erb-</span><br/> <span class="ft1">rechtliche Auseinandersetzung) interessiert sein mag. Dies führt zur</span><br/> <span class="ft1">Abweisung des Beweisantrags der Beschwerdeführerin.</span><br/> <span class="ft1">2. a) Die Beschwerdeführerin rügt, sie sei durch die Verweige-</span><br/> <span class="ft1">rung des Akteneinsichtsrechts betreffend die Steuerakten des</span><br/> <span class="ft1">Ehemannes in ihrem Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt wor-</span><br/> <span class="ft1">den.</span><br/> <span class="ft1">b) Das Recht auf Akteneinsicht als Teilgehalt des Anspruchs auf</span><br/> <span class="ft1">rechtliches Gehör hat Verfassungsrang (Art. 29 Abs. 2 BV). Es soll</span><br/> <span class="ft1">den Verfahrensbeteiligten dazu verhelfen, von den einem Verfahren</span><br/> <span class="ft1">zu Grunde liegenden Akten Kenntnis zu nehmen (BGE 108 Ia 7;</span><br/> <span class="ft1">Michele Albertini, Der verfassungsmässige Anspruch auf rechtliches</span><br/> <span class="ft1">Gehör im Verwaltungsverfahren des modernen Staates, Diss. Bern</span><br/> <span class="ft1">2000, S. 225). Das Recht auf Akteneinsicht während eines Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rens gilt nicht uneingeschränkt. Die Einsicht in ein Aktenstück kann</span><br/> <span class="ft1">nach § 16 Abs. 1 VRPG mit Grundangabe verweigert werden, wenn</span><br/> <span class="ft1">dieses nur dem verwaltungsinternen Gebrauch dient, wie Notizen,</span><br/> <span class="ft1">Entwürfe, Referate und dergleichen (lit. a) oder wenn wichtige</span><br/> <span class="ft1">öffentliche oder schutzwürdige private Interessen zu wahren sind (lit.</span><br/> <span class="ft1">b). Nicht zulässig ist es indessen, den Anspruch von besonderen Vor-</span><br/> <span class="ft1">aussetzungen abhängig zu machen (AGVE 1990, S. 407). So ist es</span><br/> <span class="ft1">insbesondere unerheblich, ob das Aktenstück den Ausgang des</span><br/> <span class="ft1">Verfahrens tatsächlich beeinflusst; es genügt, dass es überhaupt</span><br/> <span class="ft1">geeignet ist, die Entscheidfindung zu beeinflussen (Albertini, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">S. 227; vgl. auch Alfred Kölz/Isabelle Häner, Verwaltungsverfahren</span><br/> <span class="ft1">und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, Zürich 1998, Rz. 296;</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">314</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Willy Huber, Das Recht des Bürgers auf Akteneinsicht im Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsverfahren, Diss. St. Gallen, 1980, S. 47). In diesem Sinne hat</span><br/> <span class="ft1">das Bundesgericht festgehalten, dass die Einsicht in Akten, die für</span><br/> <span class="ft1">ein bestimmtes Verfahren beigezogen wurden, nicht mit der Begrün-</span><br/> <span class="ft1">dung verweigert werden dürfe, die fraglichen Akten seien für den</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensausgang belanglos; es müsse dem Betroffenen vielmehr</span><br/> <span class="ft1">selber überlassen sein, die Relevanz der Akten zu beurteilen</span><br/> <span class="ft1">(unpublizierter Bundesgerichtsentscheid vom 13. August 1996 i.S.</span><br/> <span class="ft1">E., zitiert bei Albertini, a.a.O., S. 227).</span><br/> <span class="ft1">c) Die Vorinstanz verweigerte der Beschwerdeführerin nicht aus</span><br/> <span class="ft1">den in § 16 Abs. 1 VRPG genannten Gründen die Einsicht in die</span><br/> <span class="ft1">Steuerakten 1999/2000 des Ehemannes, sondern weil sie (an sich</span><br/> <span class="ft1">zutreffend) zum Schluss gekommen war, dass sich darin keine rele-</span><br/> <span class="ft1">vanten Unterlagen befänden, welche nicht auch in den Steuerakten</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin enthalten seien, und dass die Veranlagung</span><br/> <span class="ft1">des Ehemannes keinen Einfluss auf das vorliegende Verfahren habe.</span><br/> <span class="ft1">Damit machte die Vorinstanz das Akteneinsichtsrecht der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin letztlich zu Unrecht vom Verfahrensausgang abhängig</span><br/> <span class="ft1">und verletze damit deren Anspruch auf rechtliches Gehör.</span><br/> <span class="ft1">d) Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur.</span><br/> <span class="ft1">Seine Verletzung führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde in der Sache selbst zur Aufhebung des angefochtenen Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheids (vgl. statt vieler BGE 127 I 132 mit Hinweis). Eine Heilung</span><br/> <span class="ft1">in einem Rechtsmittelverfahren ist ausnahmsweise möglich. Dies</span><br/> <span class="ft1">hängt namentlich von der Schwere und Tragweite der Gehörsverlet-</span><br/> <span class="ft1">zung sowie davon ab, ob die Rechtsmittelinstanz den angefochtenen</span><br/> <span class="ft1">Entscheid in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht frei überprüfen</span><br/> <span class="ft1">kann (BGE 127 V 437 f.; 126 V 132; vgl. zum Ganzen auch:</span><br/> <span class="ft1">AGVE</span> <span class="ft1">1997, S.</span> <span class="ft1">374; VGE IV/54 vom 23.</span> <span class="ft1">Dezember 2002</span><br/> <span class="ft1">[BE.2000.00270] in Sachen A.R. und Mitbeteiligte, S. 8, je mit Hin-</span><br/> <span class="ft1">weisen).</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführerin ist aus dem Vorgehen der Vorinstanz</span><br/> <span class="ft1">kein Rechtsnachteil erwachsen. Die ihr nicht zugestellten Steuerak-</span><br/> <span class="ft1">ten 1999/2000 des Ehemannes dienten der Vorinstanz nicht als Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidungsgrundgrundlage. Zudem war die Beschwerdeführerin auf</span><br/> <span class="ft1">Grund ihrer Anfrage vom 20. Februar 2001 an das Gemeindesteuer-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">315</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">amt B. im Zeitpunkt des vorinstanzlichen Urteils zumindest im Be-</span><br/> <span class="ft1">sitz der Steuererklärung 1999/2000 ihres Ehemannes. Die Gehörs-</span><br/> <span class="ft1">verletzung wiegt somit nicht schwer und konnte durch die Zustellung</span><br/> <span class="ft1">der Steuerakten 1999/2000 des Ehemannes durch das Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">gericht, dem die gleiche Kognition wie der Vorinstanz zukommt,</span><br/> <span class="ft1">geheilt werden.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>