<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">145</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>26</b></span> <span class="ft3"><b>Bausperre (§ 30 BauG)</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Als Rechtsmittelinstanz, die nicht Planungsorgan ist, darf das Verwal-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tungsgericht in einem Beschwerdeverfahren (gegen eine Baubewilligung)</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nicht gegen den Willen des in erster Linie zuständigen Gemeinderats eine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Bausperre anordnen, um eine künftige Planung zu sichern.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 11. Januar</span><br/> <span class="ft4">2017, i.S. A., B., C. und D. gegen E. AG, Gemeinderat F. sowie Departement</span><br/> <span class="ft4">Bau, Verkehr und Umwelt (WBE.2016.108)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">2.2.1.</span><br/> <span class="ft6">Die sog. Bausperre ist eine Plansicherungsmassnahme und wird</span><br/> <span class="ft6">in § 30 BauG geregelt: Während der Erlass oder die Änderung von</span><br/> <span class="ft6">Nutzungsordnungen vorbereitet wird, kann die zuständige Behörde</span><br/> <span class="ft6">die Gesuche für die Bewilligung von Bauten und Anlagen in den von</span><br/> <span class="ft6">den neuen Plänen betroffenen Gebieten für die Dauer von höchstens</span><br/> <span class="ft6">zwei Jahren zurückstellen. Bewilligungen für Bauten und Anlagen</span><br/> <span class="ft6">dürfen nur erteilt werden, wenn feststeht, dass diese die Verwirkli-</span><br/> <span class="ft6">chung der neuen Pläne nicht erschweren.</span><br/> <span class="ft6">Die "zuständige Behörde" für die Verfügung von Bausperren ist</span><br/> <span class="ft6">in erster Linie der Gemeinderat als Baubewilligungsbehörde. Dane-</span><br/> <span class="ft6">ben können die Beschwerdeinstanzen ebenfalls in die Lage kommen,</span><br/> <span class="ft6">§ 30 BauG anzuwenden, entweder erstinstanzlich, wenn die Pflicht</span><br/> <span class="ft6">zum Erlass einer Bausperre erst im Laufe des Beschwerdeverfahrens</span><br/> <span class="ft6">entstanden ist, oder im Rahmen der Überprüfung dessen, ob der Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinderat § 30 BauG korrekt angewandt und zu Recht auf die Verfü-</span><br/> <span class="ft6">gung einer Bausperre verzichtet hat. Allerdings werden die entspre-</span><br/> <span class="ft6">chenden Befugnisse der Rechtsmittelinstanzen durch die verfas-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">146</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">sungsrechtlich geschützte Gemeindeautonomie (§ 106 KV) erheblich</span><br/> <span class="ft6">eingeschränkt. Mit Rücksicht auf die in diesem Bereich autonome</span><br/> <span class="ft6">Stellung der Gemeinden darf eine Beschwerdeinstanz, die - wie das</span><br/> <span class="ft6">Verwaltungsgericht - nicht selber Planungsorgan ist, § 30 BauG nur</span><br/> <span class="ft6">dann anwenden, wenn sich der Gemeinderat im Beschwerdeverfah-</span><br/> <span class="ft6">ren klar dahingehend äussert, er wolle an der Neuordnung festhalten</span><br/> <span class="ft6">bzw. würde § 30 BauG selber anrufen, wenn er (im heutigen Zeit-</span><br/> <span class="ft6">punkt) selber über die Baubewilligung zu entscheiden hätte (AGVE</span><br/> <span class="ft6">2004, S. 191; 1980, S. 256 ff.; VGE III/24 vom 17. März 1989,</span><br/> <span class="ft6">S. 13).</span><br/> <span class="ft6">2.2.2.</span><br/> <span class="ft6">Anlass für die von den Beschwerdeführern beantragte Bausper-</span><br/> <span class="ft6">re ist die von der Gemeindeversammlung am beschlossene und vom</span><br/> <span class="ft6">Regierungsrat am (...) genehmigte Wiedereinführung einer Aus-</span><br/> <span class="ft6">nützungsziffer von 0,4 für die W2. Die im Zeitpunkt der Bewillli-</span><br/> <span class="ft6">gung des streitgegenständlichen Baugesuchs geltende Bau- und</span><br/> <span class="ft6">Nutzungsordnung (BNO) der Gemeinde F. vom (...) sah für die W2</span><br/> <span class="ft6">(im Gegensatz zur alten BNO) keine Ausnützungsziffer vor.</span><br/> <span class="ft6">Die Wiedereinführung einer Ausnützungsziffer für die W2 stand</span><br/> <span class="ft6">schon im Zeitpunkt der Erteilung der Baubewilligung im Raum. Das</span><br/> <span class="ft6">erhellt auch aus den Ausführungen des Gemeinderates im Bewilli-</span><br/> <span class="ft6">gungsentscheid vom 23. März 2015 unter der Rubrik Ausnützungs-</span><br/> <span class="ft6">ziffer. Danach hat sich der Gemeinderat jedoch bewusst gegen die</span><br/> <span class="ft6">Verfügung einer Bausperre entschieden. Zur Begründung gab er an,</span><br/> <span class="ft6">die beabsichtigte Zonenplanrevision (Ausnützungsziffer von 0,4 für</span><br/> <span class="ft6">die W2) sei noch mit grossen Unsicherheiten behaftet. Deshalb</span><br/> <span class="ft6">werde das Vertrauen der Bauherrschaft in die geltende Zonenordnung</span><br/> <span class="ft6">(Rechtssicherheit für die Bauplanung) höher gewichtet und das Bau-</span><br/> <span class="ft6">vorhaben mit einer Ausnützungsziffer von 0,553 bewilligt.</span><br/> <span class="ft6">Im Rechtsmittelverfahren hat der Gemeinderat F. seine diesbe-</span><br/> <span class="ft6">zügliche Haltung nicht geändert. Vor Verwaltungsgericht verteidigte</span><br/> <span class="ft6">er seinen Entscheid, keine Bausperre über die Parzelle X zu verhän-</span><br/> <span class="ft6">gen, sogar explizit, unter Hinweis darauf, dass für den Gemeinderat</span><br/> <span class="ft6">sehr ungewiss gewesen sei, ob die Gemeindeversammlung einer</span><br/> <span class="ft6">Ausnützungsziffer von 0,4 zustimmen würde. Aufgrund der an der</span><br/> <span class="ft6">Gemeindeversammlung (...) abgegebenen Voten sei zwar der Ein-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">147</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">druck entstanden, dass die Beibehaltung einer Ausnützungsziffer (an-</span><br/> <span class="ft6">stelle der Einführung des vom Gemeinderat vorgeschlagenen, von</span><br/> <span class="ft6">der Gemeindeversammlung schliesslich zurückgewiesenen grossen</span><br/> <span class="ft6">Grenzabstandes von 8 m) mehrheitlich begrüsst worden sei. Eine Er-</span><br/> <span class="ft6">höhung der Ausnützungsziffer von 0,4 auf 0,6 habe aber nicht ausge-</span><br/> <span class="ft6">schlossen werden können. In diesem noch offenen Planungsstadium</span><br/> <span class="ft6">ein "fertiges, in allen Punkten korrektes Baugesuch" abzuweisen, das</span><br/> <span class="ft6">zudem die Erwägungen der Rechtsabteilung BVU (im Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">entscheid vom 6. Oktober 2014) beherzigt habe, sei für den Gemein-</span><br/> <span class="ft6">derat keine Option gewesen.</span><br/> <span class="ft6">2.2.3.</span><br/> <span class="ft6">Dem Verwaltungsgericht ist es nach dem oben Gesagten</span><br/> <span class="ft6">(Erw. 2.2.1 vorne) nicht gestattet, gegen den ausdrücklich erklärten</span><br/> <span class="ft6">Willen des Gemeinderats F. § 30 BauG anzuwenden und an dessen</span><br/> <span class="ft6">Stelle eine Bausperre über die Parzelle X zu verfügen. Damit würde</span><br/> <span class="ft6">das Verwaltungsgericht eine Planungsabsicht sichern, wo nach dem</span><br/> <span class="ft6">Dafürhalten der zuständigen Planungsbehörde kein entsprechender</span><br/> <span class="ft6">Absicherungsbedarf besteht, eine Vorwirkung der künftigen Nut-</span><br/> <span class="ft6">zungsordnung nicht erwünscht ist. Insofern kann auf den Antrag der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführer auf Erlass einer Bausperre über die Parzelle X</span><br/> <span class="ft6">mangels Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts zum Erlass von Bau-</span><br/> <span class="ft6">sperren gegen den Willen des zuständigen Planungsorgans nicht ein-</span><br/> <span class="ft6">getreten werden.</span><br/> <span class="ft6">Im Übrigen wäre dieser Antrag ohnehin unbegründet. Mit der</span><br/> <span class="ft6">Vorinstanz (...) ist festzuhalten, dass eine gefestigte Planungsabsicht</span><br/> <span class="ft6">allein nicht genügt, um eine Bausperre zu rechtfertigen. Darüber hi-</span><br/> <span class="ft6">naus muss das Bauvorhaben die Verwirklichung der Planung er-</span><br/> <span class="ft6">schweren. Das ist dann anzunehmen, wenn mit einem Bauvorhaben</span><br/> <span class="ft6">ein derart starkes Präjudiz geschaffen würde, dass die vorgesehene</span><br/> <span class="ft6">Zonierung generell fragwürdig erschiene. Es geht darum, Abwei-</span><br/> <span class="ft6">chungen zu verhindern, die für die Ausscheidung, Abgrenzung und</span><br/> <span class="ft6">Gestaltung der Zonierung im fraglichen Gebiet wesentlich sind</span><br/> <span class="ft6">(AGVE 1988, S. 363; VGE III/20 vom 22. März 1996</span><br/> <span class="ft6">[BE.95.00357], Erw. II/1c). Von solchen Abweichungen kann im vor-</span><br/> <span class="ft6">liegenden Fall nicht ausgegangen werden. Im Dorfteil mit der streit-</span><br/> <span class="ft6">betroffenen Parzelle X ist die W2 weitestgehend überbaut. Nach der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">148</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">insoweit unbestritten gebliebenen Darstellung der Vorinstanz ist das</span><br/> <span class="ft6">Bauvorhaben der Beschwerdegegnerin das einzige Projekt, welches</span><br/> <span class="ft6">eine Ausnützungsziffer von über 0,4 beansprucht. Es ist nicht ersicht-</span><br/> <span class="ft6">lich, inwiefern ein einziger Bau am Rande der Bauzone mit einer hö-</span><br/> <span class="ft6">heren Ausnützungsziffer die Planung der Gemeinde durchkreuzen</span><br/> <span class="ft6">und die Nutzungsordnung (im betreffenden Gebiet) in Frage stellen</span><br/> <span class="ft6">könnte. Was die Beschwerdeführer dagegen vorbringen, vermag</span><br/> <span class="ft6">nicht zu überzeugen. Auch wenn der geplante Bau augenscheinlich</span><br/> <span class="ft6">grösser dimensioniert sein wird als die benachbarten Bauten, wird</span><br/> <span class="ft6">der Charakter dieser Zone dadurch nicht ausgehebelt. Welche über-</span><br/> <span class="ft6">mässig nachteiligen Auswirkungen das Bauvorhaben auf die nordöst-</span><br/> <span class="ft6">lich angrenzende Landschaftsschutzzone hat, wird von den Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführern nicht näher konkretisiert. Zu Recht schützte deshalb</span><br/> <span class="ft6">die Vorinstanz den gemeinderätlichen Ermessensentscheid, keine</span><br/> <span class="ft6">Bausperre über die Parzelle X zu verfügen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>