B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3887/2010 law/bah/sed U r t e i l v o m 15 . M a i 2 0 12 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Jean-Pierre Monnet, Richter Robert Galliker, Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch lic. iur. Jürg Walker, Fürsprech, Gesuchsteller, Gegenstand Revisionsgesuch; Urteile des Bundesverwaltungsgerichts D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 und D-1958/2010 vom 7. Mai 2010. D-3887/2010 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a. Der Gesuchsteller, ein ethnischer Kurde alevitischen Glaubens mit letztem Wohnsitz in Istanbul, verliess die Türkei eigenen Angaben g e- mäss am 27. Februar 2004 und suchte am 3. März 2004 in der Schweiz um Asyl nach. Das BFM stellte mit Verfügung vom 16. März 2007 fest, der Gesuchsteller erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung des Gesuchstel- lers aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. A.b. Das Bundesverwaltungsgericht wies eine gegen diese Verfügung ge- richtete Beschwerde vom 18. April 2007 mit Urteil D -2756/2007 vom 26. Februar 2010 ab. A.c. Am 25. März 2010 liess der Gesuchsteller durch seinen Rechtsve r- treter beim Bundesverwaltungsgericht ein Gesuch um Revision des Ur- teils D-2756/2007 einreichen. Das Bundesverwaltungsgericht wies das Revisionsgesuch mit Urteil D-1958/2010 vom 7. Mai 2010 ab. B. Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgeri cht vom 31. Mai 2010 liess der Gesuchsteller durch seinen Rechtsvertreter im Rahmen eines zweiten Revisionsgesuchs beantragen, die beiden Urteile des Bundesverwa l- tungsgerichts D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 und D-1958/2010 vom 7. Mai 2010 seien in Revisi on zu ziehen. Er sei als Flüchtling anzuerke n- nen und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventuell sei bloss die Anordnung des Wegweisungsvollzugs aufzuheben und er in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Der Kostenentscheid des Urteils D -1958/2010 vom 7. Mai 2010 sei in jedem Fall aufzuheben. In verfahrensrechtlicher Hinsicht liess er zudem beantragen, die zuständige kantonale Behörde sei anzuweisen, mit Vollzugsmassnahmen bis zum Entscheid über das vorliegende Rev i- sionsgesuch zuzuwarten, und es sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege mit unentgeltlicher Verbeiständung durch den Unterzeichneten zu gewäh- ren. Als Beweismittel wurden Kopien eines Untersuchungsberichts der Staatsanwaltschaft B._______ vom 27. Februar 2006 (Beilage 1), von Berichten der Sicherheitsdirek tion der Provinz B._______vom 18. April 2007 (Beilage 2), vom 8. Oktober 2009 (Beilage 3) und vom 28. Januar 2010 (Beilage 4), eines Beschlusses des (…) Schwurgerichts von C._______ vom 5. Februar 2010 betreffend Erlass eines Haftbefehls g e-D-3887/2010 Seite 3 gen den Gesuchsteller (Beilage 5) und eines Haftbefehl des (…) Schwur- gerichts von C._______ vom 8. Februar 2010 (Beilage 6) je mit deutscher Übersetzung zu den Akten gereicht. C. Mit Verfügung vom 3. Juni 2010 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch um Aussetzung des Wegweisungsvollzugs gut. D. Am 7. Juni 2010 teilte der Rechtsvertreter des Gesuchsteller dem Bu n- desverwaltungsgericht mit, er habe eine Sendung mit Strafakten aus der Türkei erhalten. Zum Beleg lege er einen Briefumschlag bei, in dem ihm die Akten zugestellt worden seien. E. Mit Schreiben vom 8. Juni 2010 übermittelte der Rechtsvertreter Kopien der von Anwalt D._______ beglaubigten, in der Eingabe vom 31. Mai 2010 als Beilage 1-6 eingereichten Dokumente zu den Akten. F. Mit Schreiben vom 22. Juni 2010 reichte der Rechtsvertreter zahlreiche weitere Dokumente (Aussageprotokolle, Schreiben der Gendarmeri e- kommandatur, Schreiben der Staatsanwaltschaften von B._______und C._______ an die Sicherheitsdirektion der Provinz B._______und Schrei- ben der Sicherheitsdirektion der Provinz B._______an die Staatsanwal t- schaften von B._______und C._______ teilweise mit deutscher Überse t- zung sowie ein Begleitschreiben des beigezogenen Übersetzers vom 21. Juni 2010) zu den Akten. G. Am 6. April 2011 ersuchte der Instruktionsrichter die schweizerische Bot- schaft in Ankara um die Vornahme von Abklärungen in der Türkei. H. Die schweizerische Botschaft in Ankara setzte das Bundesverwaltung s- gericht mit Schreiben vom 29. Juni 2011 über die Ergebnisse ihrer Abklä- rungen in Kenntnis. I. Mit Verfügung vom 13. Juli 2011 setzte der Instruktionsrichter dem Rechtsvertreter des Gesuchstellers bis zum 23. Juli 2011 Frist zur Einrei-D-3887/2010 Seite 4 chung einer Kostennote. Am 19. Juli 2011 wurde die Kostennote eing e- reicht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung 1. 1.1. Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt unter anderem Beschwerden gegen Verfügungen des BFM, wobei es auf dem Gebiet des Asyls end - gültig entscheidet, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31] i.V.m. Art. 31 und 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Es ist auch zuständig für die Revision von Urteilen, die es in seiner Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE 2007/21 E. 2.1 S. 242). 1.2. Das Bundesverwaltungsgericht e ntscheidet über Revisionsgesuche in einer Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen, sofern das Rev i- sionsgesuch nicht in die einzelrichterliche Zuständigkeit fällt ( Art. 21 Abs. 1 und Art. 23 VGG). 2. 2.1. Mit dem ausserordentlichen Rechtsmittel der Revision wird die U n- abänderlichkeit und Massgeblichkeit eines rechtskräftigen Beschwerd e- entscheides angefochten, im Hinblick darauf, dass die Rechts kraft besei- tigt wird und über die Sache neu entschieden werden kann (vgl. BVGE E- 6114/2011 vom 18. Januar 2012 E. 2.4.2, BVGE 2007/21 E. 7.1 S. 246). 2.2. Gemäss Art. 45 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) gelten für die Revision von Urteilen des Bundesve r- waltungsgerichts die Art. 121 - 128 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110) sinngemäss. Nach Art. 47 VGG findet auf Inhalt, Form und Ergänzung des Revisionsgesuches Art. 67 Abs. 3 des Bundes- gesetzes vom 20. Dezember 1986 über das Verwaltungsver fahren (VwVG, SR 172.021) Anwendung. Im Revisionsgesuch ist insbesondere der angerufenen Revisionsgrund anzugeben und die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens (im Sinne von Art. 124 BGG) darzutun ist (Art. 47 VGG i.V.m. Art. 67 Abs. 3 VwVG). D-3887/2010 Seite 5 3. In der Eingabe vom 31. Mai 2010 wird als Revisionsgrund Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG angerufen, de r besagt, dass in öffentlichrechtlichen Angel e- genheiten die Revision eines Urteils verlangt werden kann, wenn die e r- suchende Partei nachträglich erhebliche Tatsachen erfährt oder entschei- dende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Verfahren nicht bei brin- gen konnte, unter Ausschluss der Tatsachen und Beweismittel, die erst nach dem Entscheid entstanden sind. Im Revisionsgesuch wird sodann einlässlich ausgeführt, inwiefern durch die eingereichten Beweismittel der angerufene Revisionsgrund in Bezug auf d ie angefochtenen Urteile D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 und D -1958/2010 vom 7. Mai 2010 verwirklicht sein soll (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize- rischen Asylrekurskommission [EMARK] 1993 Nr. 18 E. 4a S. 122 f., ELI- SABETH ESCHER, in: Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, Marcel Al e- xander Niggli/Peter Uebersax/Hans Wiprächtiger [Hrsg.], Basel 2008, N. 5 und 6 zu Art. 123 BGG) und es wird substanziiert und überzeugend dargelegt, dass die se Beweismittel innert der in Art. 124 Abs. 1 Bs t. d BGG vorgesehenen Frist von 90 Tagen nach ihrer Entdeckung eing e- reicht worden sind. Die Eingabe erweist sich damit als hinreichend b e- gründet. Der Gesuchsteller hat zudem ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Änderung der angefochtenen Urte ile und ist daher zur Einreichung eines Revisionsgesuches legitimiert (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG in analogiam; U RSINA BEERLI-BONORAND, Die ausserordentlichen Rechtsmittel in der Verwaltungsrechtspflege des Bundes und der Kant o- ne, Zürich 1985, S. 65 ff.). Auf das frist- und formgerecht eingereichte Re- visionsgesuch ist einzutreten (Art. 47 VGG i.V.m. Art. 67 Abs. 3 VwVG und Art. 52 VwVG). 4. 4.1. Im Rahmen des am 25. März 2010 eingeleiteten Revisionsverfahrens (D-2958/2010) wurde ein aus dem Jahr 1998 stammendes Vo rberei- tungsprotokoll für eine Gerichtsverhandlung aus einem unter anderen g e- gen E._______ laufenden Verfahren eingereicht, in dem der Name des Gesuchstellers erwähnt wird. In der Folge beauftragte der Gesuchsteller einen türkischen Anwalt mit der Vornahme von Abklärungen. Dieser e r- suchte die Kreissicherheitsdirektion des Landkreises F._______ mit Schreiben vom 12. März 2010 um Auskunft, ob und wo gegen den G e- suchsteller ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Aufgrund des Antwor t- schreibens vom 29. März 2010 e rgab sich, dass betreffend den G e- suchsteller bei der Generalstaatsanwaltschaft C._______ Akten vorhan- den seien. Um an weitere Informationen über dieses Verfahren zu ko m-D-3887/2010 Seite 6 men beziehungsweise Einsicht in die Akten zu nehmen, begab sich der türkische Anwalt anschliessend nach C._______. Die dort erhaltenen Ak- ten wurden vom türkischen Anwalt dem Gesuchsteller in die Schweiz übermittelt und im vorliegenden Verfahren eingereicht. 4.2. Im Revisionsgesuch wird ausgeführt, das Bundesverwaltungsgericht sei im ersten Revisionsverfahren nicht bereit gewesen, auf das Ergebnis der Abklärungen des türkischen Anwalts zu warten, der vom Gesuchste l- ler eingeschaltet worden sei. Im Verlauf des ers ten Revisionsverfahrens sei belegt worden, dass die Strafakten beim Staatssicherheitsgericht von C._______ gelegen hätten. Da sie nur dort hätten eingesehen werden können und der türkische Anwalt für die Akteneinsicht eine Fahrstrecke von rund 1'000 km hab e zurücklegen müssen, sei er erst jetzt in der L a- ge, die Beweismittel für seine Verfolgung einzureichen. 4.3. Der Gesuchsteller habe sein Asylgesuch mit vielen Beweisurkunden belegt. Das Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 festgehalten, das BFM habe seine Tätigkeit für die TKP/ML nie bestritten. Da seine Tätigkeit für die TKP/ML nicht in Frage gestellt worden sei, habe er vor Erhalt des Urteils D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 keine Veranlassung gehabt, nach weiteren Informa tio- nen über Verfahrensakten zu suchen, die sich bei nach Europa gefloh e- nen Mitgliedern dieser Organisation befänden. Erst nach Erhalt dieses Urteils habe er die Diskussion mit Freunden wieder aufgenommen. Da r- auf habe er die erste Beweisurkunde erhalten, au f die sich das erste R e- visionsgesuch abgestützt habe. Ein Bekannter von ihm, E._______, habe in Frankreich ein Asylgesuch eingereicht; in einem von diesem eing e- reichten Dokument sei auch sein Name gestanden. Damit sei belegt wo r- den, dass sein Name in einem weiteren Verfahren gefallen sei. In diesem Verfahren vor dem Staatssicherheitsgericht G._______ sei seine polit i- sche Tätigkeit bekannt gemacht worden. Am 15. April 2010 seien weitere Beweisurkunden eingereicht worden. Unter anderem ein Schreiben der Polizei, mit welchem diese seinem türkischen Anwalt mitgeteilt habe, man dürfe ihn nicht informieren und die Akten seines Mandanten lägen bei der Staatsanwaltschaft von C._______. Deshalb habe sich der türkische A n- walt dorthin begeben. Am 27. April 2010 seien im ersten Revisionsverfah- ren weitere Auszüge aus Verfahrensakten eingereicht worden, mit denen belegt worden sei, dass der Name des Gesuchstellers in einem weiteren Verfahren gefallen sei. Inzwischen habe sein türkischer Anwalt Einsicht in die Akten der Sta atsanwaltschaft genommen. Er scheine über 50 Seiten kopiert zu haben. Die neuen Beweisurkunden seien übersetzt worden. In D-3887/2010 Seite 7 einem Untersuchungsbericht vom 27. Februar 2006 verweise die Staat s- anwaltschaft B._______auf verschiedene Denunziationen und halte die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft C._______ fest. In Bericht der S i- cherheitsdirektion der Provinz B._______vom 18. April 2007 bestätige diese, dass sie am 27. Februar 2007 den Auftrag erhalten habe, den G e- suchsteller zu verhaften. Im Bericht vom 8. Oktober 2009 halte sie fest, dass die Gendarmerie beauftragt worden sei, Ermittlungen einzuleiten, die Fahndung laufe weiter. Im Bericht vom 28. Januar 2010 teile sie der Staatsanwaltschaft von C._______ mit, dass keine Angaben über den Aufenthaltsort des Gesuchstellers gemacht werden könnten. Am 5. Februar 2010 habe das Schwurgericht von C._______ beschlossen, einen Haftbefehl gegen den Gesuchsteller zu erlassen. Es werde ihm vorgeworfen, für die TKP/ML -TIKKO aktiv gewesen zu sein. Am 8. Februar 2010 habe das Gericht den Haftbefehl erlassen. Aufgrund die- ser Urkunden stehe fest, dass gegen den Gesuchsteller ein Verfahren hängig sei. Es ergebe sich, dass bis zum Erlass des Haftbefehls nur lokal nach ihm gefahndet worden sei. Dies dürfte erklären, weshalb die Bot- schaft keinen Eintrag in einem zentralen Fahndungsregister gefunden habe. Das Verfahren sei erst Ende Februar 2006 in C._______ anhängig gemacht worden, weshalb die Botschaft bei der ersten Abklärung nichts habe finden können. Mit den Beweisurkunden wer de belegt, dass die Vermutungen des Gesuchstellers, es sei gegen ihn ein Verfahren eing e- leitet worden, richtig gewesen seien; dieses Verfahren sei seit Ende Fe b- ruar 2006 hängig. Mit den Urkunden werde auch belegt, dass nach ihm gesucht werde. Vor dem 27. Februar 2007 sei er nicht einmal lokal g e- sucht worden. Es dürfe deshalb nicht verwundern, dass die Botschaft bei den Abklärungen im August 2005 keine Hinweise auf die Verfolgung des Gesuchstellers gefunden habe. Nach Erlass des Haftbefehls vom 8. Februar 2010 werde er nun landesweit gesucht. Damit stehe fest, dass das Urteil D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 unrichtig sei. Er sei im d a- maligen Zeitpunkt landesweit gesucht worden, das Gericht habe aber noch keine Kenntnis vom Haftbefehl gehabt. 4.4. Das Revisionsgesuch richte sich auch gegen das Urteil D-1958/2010 vom 7. Mai 2010, weil dieses das Urteil D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 bestätigt habe. Beide Urteile müssten aufgehoben und das B e- schwerdeverfahren wieder aufgenommen werden. Die Beweisurkunden seien vor der Fällung der beiden Urteile entstanden. Sie hätte n aber erst jetzt eingebracht werden können, weil sie erst aufgefunden worden seien. Es handle sich um unechte Noven, die im Rahmen von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG angerufen werden könnten. Der Gesuchstel ler habe sie nicht D-3887/2010 Seite 8 bereits im Verlauf des Beschwerdeverfahrens einreichen können, weil der entscheidende Hinweis darauf, wo das Verfahren hängig sei und sich die Akten befänden, erst nach dem Urteil D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 bekannt geworden sei. Hä tte das Bundesverwaltungsgericht das erste Revisionsgesuch nicht so rasch abgewiesen, hätten die angerufenen B e- weisurkunden bereits im ersten Revisionsverfahren eingereicht werden können. Im Urteil D-1958/2010 vom 7. Mai 2010 sei dem Gesuchsteller vorgehalten worden, er hätte die in diesem Verfahren eingereichten B e- weismittel bei Anwendung der zumutbaren Sorgfalt bereits im ordentl i- chen Verfahren einreichen können. Diese Ansicht sei nicht richtig, denn es könne von ihm nicht verlangt werden, dass er während des ganzen Beschwerdeverfahrens auf der Suche nach weiteren Beweismitteln sei. Es könne insbesondere nicht erwartet werden, dass er alle Freunde und deren Freunde danach frage, ob sie über Dokumente verfügten, in denen sein Name erscheine. Die Akten von E._______ seien zufällig aufg e- taucht, weil jemand Verbindung zu ihm hergestellt habe. Das Gleiche gel- te für die neuen Beweisurkunden. 4.5. Mit den neu eingereichten Beweisurkunden stehe fest, dass der G e- suchsteller in der Türkei seit Februar 2007 lokal und seit Februar 2010 landesweit gesucht werde. Es dürfe deshalb nicht erstaunen, dass die Botschaft laut ihrem Bericht vom 17. August 2005 nichts gefunden habe. Es werde deshalb beantragt, eine Botschaftsabklärung vorzunehmen. 4.6. In der Eingabe vom 22. Juni 2010 wird darauf hingewiesen, dass sich mehrere Protokolle, die bereits früher eingereicht worden seien, nicht nur in den Dossiers anderer Personen, sondern auch im Dossier des G e- suchstellers befänden. Damit werde die Feststellung widerlegt, die von den Verhafteten gemachten Aussagen hätten keine Folgen für ihn gehabt. Es stehe nun fest, dass gegen ihn ein Verfahren laufe und dass sich K o- pien der entsprechenden Aussageprotokolle in diesem Dossier befänden. Aus weiteren Aktenstücken ergebe sich, dass die Sicherheits kräfte ihn tatsächlich festnehmen und vor Gericht stellen wollten, da sie die A n- schuldigungen der verhafteten TKP/ML-Mitglieder ernst nähmen. Der tür- kische Anwalt des Gesuchstellers habe diese Beweisurkunden begla u- bigt. 5. 5.1. Gemäss Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG kann in öffentlichrechtlichen An- gelegenheiten die Revision eines Urteils – wie erwähnt – verlangt wer- den, wenn die ersuchende Partei nachträglich erhebliche Tatsachen e r-D-3887/2010 Seite 9 fährt oder entscheidende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Ve r- fahren nicht be ibringen konnte, unter Ausschluss der Tatsachen und B e- weismittel, die erst nach dem Entscheid entstanden sind. Der Revision s- grund der nachträglich erfahrenen Tatsachen beinhaltet zum einen, dass sich diese bereits vor Abschluss des Beschwerdeverfahrens ver wirklicht haben; als Revisionsgrund sind somit lediglich so genannte unechte Nova zugelassen. Zum andern verlangt Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG, dass die gesuchstellende Partei die betreffende Tatsache während des vorang e- gangenen Verfahrens, das heisst bis da s Urteil gefällt worden ist, nicht gekannt hat und deshalb nicht beibringen konnte (vgl. A NDRÉ MO- SER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bu n- desverwaltungsgericht, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band X, Basel 2008, Rz. 5.47, S. 249). Dass es einer um Revision ersuchenden Partei nicht möglich war, Tatsachen und Beweise bereits im früheren Verfahren beizubringen, ist nur mit Zurückhaltung anzunehmen. Der Revisionsgrund der unechten Nova dient nicht dazu, bisherige Unterlassungen in der B e- weisführung wieder gutzumachen (vgl. E LISABETH ESCHER, in: Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, Basel 2008, N. 8 zu Art. 123 BGG). Ausgeschlossen sind damit auch Umstände, welche die gesuchstellende Partei bei pflichtgemässer Sorgfalt hätte kennen könne n (vgl. M O- SER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 5.47, S. 249 f.). Eine Revision ist namentlich dann ausgeschlossen, wenn die Entdeckung der erheblichen Tatsache auf Nachforschungen beruht, die bereits im früheren Verfahren hätten angestellt werden können, den n darin ist eine unsorgfältige Pr o- zessführung der gesuchstellenden Partei zu erblicken (vgl. M O- SER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 5.47, S. 250). Auch bezüglich au f- gefundener Beweismittel gilt das Kriterium, wonach die gesuchstellende Partei nicht in der La ge gewesen sein darf, diese im früheren Verfahren beizubringen. 5.2. Revisionsweise eingereichte Beweismittel sind dann beachtlich, wenn sie entweder die neu erfahrenen erheblichen Tatsachen belegen oder geeignet sind, dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die z war im früheren Verfahren bekannt gewesen, aber zum Nachteil der gesuchste l- lenden Partei unbewiesen geblieben sind. Das vorgebrachte Beweismittel muss für die Tatbestandsermittlung von Belang sein; es genügt nicht, wenn es zu einer neuen Würdigung der bei der Erstbeurteilung bereits bekannten Tatsachen führen soll (vgl. M OSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 5.48, S. 250). D-3887/2010 Seite 10 5.3. Die mit dem Revisionsgesuch eingereichten Dokumente (Unters u- chungsbericht der Staatsanwaltschaft B._______vom 27. Februar 2006 [Beilage 1], Berichte der Sicherheitsdirektion der Provinz B._______vom 18. April 2007 [Beilage 2], vom 8. Oktober 2009 [Beilage 3] und vom 28. Januar 2010 [Beilage 4], Beschluss des (…) Schwurgerichts von C._______ vom 5. Februar 2010 be treffend Erlass eines Haftbefehls g e- gen den Gesuchstell er [Beilage 5], Haftbefehl des (…) Schwurgerichts von C._______ vom 8. Februar 2010 [Beilage 6]) datieren alle vor den angefochtenen Urteilen D -2756/2007 vom 26. Februar 2010 und D - 1958/2010 vom 7. Mai 2010. Es handelt sich somit um Beweismittel im Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG. Die schweizerische Botschaft in Ankara bestätigte in ihrem Schreiben vom 29. Juni 2011, dass diese D o- kumente authentisch sind. Ergänzend fügte sie an, der Gesuchsteller s ei im GBTS ("Genel Bilgi Toplama Sistemi" [zentrales Registrierungssy s- tem]) verzeichnet und es werde nach ihm gefahndet. Über ihn bestehe ein Datenblatt, das am 8. Februar 2010 von der Gendarmerie von B._______aufgrund eines Haftbefehls erstellt worden sei , der am selben Tag vom (…) in C._______ wegen des Vorwurfs der "Mitgliedschaft bei der TKP/ML -TIKKO" erlassen worden sei. Der Gesuchsteller unterliege seit Erlass des Haftbefehls einem Passverbot. Hinsichtlich des gegen ihn geführten Verfahrens lägen kein e neuen Erkenntnisse vor. Im Jahr 2006 sei wegen des Vorwurfs der "TKP/ML-TIKKO-Mitgliedschaft" von der son- derbefugten Staatsanwaltschaft in C._______ ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eröffnet worden. Das Verfahren sei noch am Laufen, jedoch sei es in der Ermittlungsphase stecken geblieben, da der Gesuchsteller flüch- tig sei. Gemäss Angaben eines Vertrauensanwaltes werde aufgrund von Art. 98 der türkischen Strafprozessordnung nach ihm gefahndet. De m- nach bestehe die Möglichkeit, dass er nach seiner Aussagel eistung aus der Haft entlassen würde. 5.4. Im Urteil D -2756/2007 vom 26. Februar 2010 befand das Bunde s- verwaltungsgericht, dem Gesuchsteller sei es nicht gelungen, glaubhaft zu machen oder zu beweisen, dass in der Türkei gegen ihn ein Strafve r- fahren eingeleitet worden sei und/oder dass er dort gesucht werde. Das Gericht ging – wie bereits das BFM in seiner Verfügung vom 16. März 2007 – davon aus, dass die türkischen Behörden ihn nicht der TKP/ML - TIKKO zuordneten. Aufgrund der im Revisionsverfahren als Beilagen 1 -6 eingereichten Dokumente und den Abklärungen der schweizerische Bo t- schaft steht inzwischen jedoch fest, dass in der Türkei gegen den G e- suchsteller wegen des Vorwurfs der "TKP/ML -TIKKO-Mitgliedschaft" ein Ermittlungsverfahren eröffnet und gegen ihn in die sem Zusammenhang D-3887/2010 Seite 11 ein Haftbefehl erlassen worden ist. Die revisionsweise eingereichten D o- kumente erweisen sich mithin als erheblich im Sinne Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG (vgl. M OSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 5.51, En t- scheidungen und Mitteilungen der Schw eizerischen Asylrekurskommissi- on [EMARK] 2002 Nr. 13 S. 114 E. 5a), da sie offensichtlich geeignet sind, die tatbeständliche Grundlage des Urteils D -2756/2007 vom 26. Februar 2010 in Bezug auf die Frage, ob der Gesuchsteller wegen seiner Tätigkeiten für di e TKP/ML -TIKKO in der Türkei mit flüchtling s- rechtlich relevanter Verfolgung rechnen muss, in einer Weise zu ändern, die zu einem für den Gesuchsteller günstigeren Entscheid führen kann. 5.5. Der Beschluss des (…) Schwurgerichts von C._______ betreffend Erlass eines Haftbefehls (Beilage 5) und der daraufhin erlassene Haftbe- fehl (Beilage 6) datieren vom 5. Februar 2010 beziehungsweise vom 8. Februar 2010 . Die Entdeckung der Existenz dieser Dokumente vor Ausfällung des Urteils D -2756/2007 vom 26. Februar 2010 wäre damit hypothetisch allenfalls möglich gewesen, wenn der Gesuchsteller seinen türkischen Anwalt damals bereits mit entsprechenden Nachforschungen beauftragt hätte . Angesichts der plausiblen Ausführungen im Revision s- gesuch ist jedoch davon auszugehen, d ass der Gesuchsteller selbst in diesem Fall den Beschluss des (…) Schwurgerichts von C._______ vom 5. Februar 2010 und den Haftbefehl 8. Februar 2010 aus rein praktischen Gründen nicht mehr im Rahmen des mit Urteil D -2756/2007 vom 26. Februar 2010 abgeschl ossenen Beschwerdeverfahrens beziehung s- weise des mit Urteil D-1958/2010 vom 7. Mai 2010 abgeschlossenen ers- ten Revisionsverfahrens hätte einreichen können. Der Gesuchsteller hät- te mit anderen Worten die unter dem Aspekt der revisionsrechtlichen E r- heblichkeit bedeutsamsten Dokumente für den Nachweis der Tatsache, dass in der Türkei gegen ihn wegen des Vorwurfs der "TKP/ML -TIKKO- Mitgliedschaft" ein Ermittlungsverfahren eröffnet worden ist und er aus diesem Grund mittels Haftbefehl gesucht wird, in den vorange gangen Verfahren selbst dann nicht mehr einreichen können, wenn er seinen tü r- kischen Anwalt bereits im Verlaufe des ordentlichen Beschwerdeverfa h- rens mit der Vornahme entsprechender Nachforschungen beauftragt hä t- te. 5.6. Festzuhalten bleibt, dass vor diesem Hintergrund – übereinstimmend mit dem Ergebnis im vorliegenden Verfahren D-3887/2010 – bereits das erste Revisionsverfahren D-1958/2010 gutgeheissen worden wäre, wenn die nunmehr als Beilagen 1-6 eingereichten Dokumente bereits in jenem Verfahren Eingang in die Akten gefunden hätten. D-3887/2010 Seite 12 5.7. 5.7.1. Zusammenfassend ergibt sich, dass sich das Gesuch um Revision der Urteile D -2756/2007 vom 26. Februar 2010 und D -1958/2010 vom 7. Mai 2010 aufgrund der vorstehenden Erwägungen als begründet er- weist. 5.7.2. Das Urteil D -2756/2007 vom 26. Februar 2010 ist demnach aufzu- heben und das Beschwerdeverfahren ist unter der Verfahrensnummer (…) wieder aufzunehmen. Aufzuheben ist gleichzeitig auch das Urteil D - 1958/2010 vom 7. Mai 2010. Das diesem zugrunde liegende Revision s- verfahren ist aufgrun d des wiederaufzunehmenden Beschwerdeverfa h- rens als gegenstandslos geworden zu betrachten. Die dem Gesuchsteller im Urteil D-1958/2010 vom 7. Mai 2010 auferlegten Verfahrenskosten von Fr. 2'400.– sind diesem zurückzuerstatten. 5.7.3. Bei diesem Ausgang des Revis ionsverfahrens sind keine Verfa h- renskosten aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 68 Abs. 2 und Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Recht s- pflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG erweist sich mithin als gegen stands- los. 5.7.4. Obsiegende Part eien haben Anspruch auf eine Parteientschäd i- gung für die ihnen erwachsenen notwendigen Kosten (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 68 Abs. 2 und Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Gestützt auf die Ko s- tennote vom 19. Juli 2011 ist die Parteientschädigung für das vorliegende Revisionsverfahren auf Fr. 2'060.30 festzusetzen. Gestützt auf Art. 15 i.V.m. Art. 5 VGKE ist dem Gesuchsteller zudem für das gegenstandslos gewordene Revisionsverfahren D-1958/2010 eine Parteienschädigung zuzusprechen. Da für dieses Verfahren keine Kostennote eingereicht wurde, ist die Parteientschädigung gestützt auf Art. 14 Abs. 2 VGKE von Amtes wegen auf Fr. 1'200.– festzusetzen. Dem Gesuchsteller ist de m- nach für die beiden Verfahren D-3887/2010 und D -1958/2010 vom Bun- desverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von total Fr. 3'260.30 (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten. 5.7.5. Durch die Ausrichtung einer Par teientschädigung fällt das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG als gegenstandslos geworden dahin, da die Ausrich-D-3887/2010 Seite 13 tung eines Honorars an einen amtlich bestellten Anwalt lediglich subsidiär im Falle eines Unterliegens in Betracht fällt. 6. Als Folge der Gutheissung des Revisionsgesuchs und der Aufhebung des Urteils D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 hat das Bundesverwaltung s- gericht das Beschwerdeverfahren wieder aufzunehmen und neu zu en t- scheiden (vgl. Art. 128 Abs. 1 BGG). Auf das wiederaufzunehmende Ver- fahren sind die für das Beschwerdeverfahren massgebenden Vorschriften und Grundsätze anzuwenden (vgl. BEERLI-BONORAND, a.a.O., S. 165). Eine hängige Beschwerde hat gemäss Art. 55 Abs. 1 VwVG aufschieben- de Wirkung, weshalb der Gesuchsteller den Ausgang des Beschwerd e- verfahrens in der Schweiz abwarten darf (Art. 42 Abs. 1 AsylG). (Dispositiv nächste Seite) D-3887/2010 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Das Revisionsgesuch wird gutgeheissen. 2. Das Urteil D-2756/2007 vom 26. Februar 2010 wird aufgehoben und das Beschwerdeverfahren wieder aufgenommen. Der Gesuchsteller kann den Beschwerdeentscheid in der Schweiz abwarten. 3. Das Urteil D-1958/2010 vom 7. Mai 2010 wird aufgehoben. Die dem Ge- suchsteller darin auferlegten Verfahrenskosten von Fr. 2'400.– werden diesem zurückerstattet. 4. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5. Dem Gesuchsteller wird vom Bundesverwaltungsgericht eine Parteient- schädigung von Fr. 3'260.30 ausgerichtet. 6. Dieses U rteil geht an den Gesuchsteller , das BFM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Christoph Basler Versand: