<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 19 S.69</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">69</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>19</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 68 Ziff. 2 StGB, Leitlinien zur Bestimmung der Zusatzstrafe bzw.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Bemessung der Zusatzstrafe zu einer ausländischen Grundstrafe:</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Der schweizerische Zweitrichter ist an die ausländische Grundstrafe so-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>wohl im Schuld- als auch im Strafpunkt gebunden, hat bei der Ausfällung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>einer Zusatzstrafe nach schweizerischen Zumessungskriterien vorzuge-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>hen und schliesslich eine Gesamtbewertung vorzunehmen, um mit der</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Bildung der Differenz zwischen der Grund- und der hypothetischen Ge-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>samtstrafe zum Mass der Zusatzstrafe zu gelangen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Urteil des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 15. April 2004 i.S.</span><br/> <span class="ft2">Staatsanwaltschaft und M.T.-R. gegen H.P.A.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <br/> <span class="ft4">3. a) Die Staatsanwaltschaft beantragt mit ihrer Anschlussberu-</span><br/> <span class="ft4">fung die Erhöhung der vorinstanzlichen Freiheitsstrafe auf 3 ¼ Jahre.</span><br/> <span class="ft4">aa) Der Angeklagte wurde mit Urteil des Landgerichts X. vom</span><br/> <span class="ft4">10. Juli 2001 wegen Steuerhinterziehung in Form des bandenmässi-</span><br/> <span class="ft4">gen Schmuggels zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 9 Monaten</span><br/> <span class="ft4">verurteilt. Er beging die im vorliegenden Verfahren zu beurteilende</span><br/> <span class="ft4">Vergewaltigung am 27. Juni 1999 und somit vor diesem Zeitpunkt.</span><br/> <span class="ft4">Wie sich aus den folgenden Ausführungen ergibt, ist in diesem Fall</span><br/> <span class="ft4">entgegen der Auffassung der Staatsanwaltschaft eine Zusatzstrafe zur</span><br/> <span class="ft4">erwähnten Strafe auszusprechen.</span><br/> <span class="ft4">bb) Gemäss Art. 68 Ziff. 2 StGB hat der Richter, der eine mit</span><br/> <span class="ft4">Freiheitsstrafe bedrohte Tat zu beurteilen hat, die der Täter begangen</span><br/> <span class="ft4">hat, bevor er wegen einer anderen Tat zu Freiheitsstrafe verurteilt</span><br/> <span class="ft4">worden ist, die Strafe so zu bestimmen, dass der Täter nicht schwerer</span><br/> <span class="ft4">bestraft wird, als wenn die mehreren strafbaren Handlungen gleich-</span><br/> <span class="ft4">zeitig beurteilt worden wären.</span><br/> <span class="ft4">Eine Zusatzstrafe kann auch zu einem ausländischen Urteil aus-</span><br/> <span class="ft4">gefällt werden, welches Taten betrifft, die nicht in den räumlichen</span><br/> <span class="ft4">Geltungsbereich des StGB fallen (BGE 115 IV 21 ff. E. 5). Der</span><br/> <span class="ft4">Richter hat sich vorerst zu fragen, welche Strafe er im Falle einer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">70</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">gleichzeitigen Verurteilung in Anwendung von Art. 68 Ziff. 1 StGB</span><br/> <span class="ft4">ausgesprochen hätte; ausgehend von dieser hypothetischen Gesamt-</span><br/> <span class="ft4">bewertung muss er anschliessend unter Beachtung der rechtskräfti-</span><br/> <span class="ft4">gen Grundstrafe die Zusatzstrafe bemessen; für die Bemessung der</span><br/> <span class="ft4">Zusatzstrafe zu einer ausländischen Grundstrafe ist das Vorgehen</span><br/> <span class="ft4">nicht anders (BGE 109 IV 93 E. 2d). Unzulässig ist die Bildung einer</span><br/> <span class="ft4">Gesamtstrafe; die Rechtskraft des ersten Urteils darf nicht angetastet</span><br/> <span class="ft4">werden; dieses wird durch das neue Urteil ergänzt und erweitert.</span><br/> <span class="ft4">Gestützt auf Art. 68 Ziff. 2 StGB muss sich der Richter zuerst fragen,</span><br/> <span class="ft4">welche Strafe er im Falle einer gleichzeitigen Verurteilung ausge-</span><br/> <span class="ft4">sprochen hätte. Im Weiteren stellt sich dann die Frage, wie der Rich-</span><br/> <span class="ft4">ter im Anschluss an seine hypothetische Gesamtbewertung aller vor</span><br/> <span class="ft4">dem früheren Urteil begangenen Straftaten die Zusatzstrafe unter</span><br/> <span class="ft4">Beachtung der rechtskräftigen Grundstrafe bemessen soll. Dabei ist</span><br/> <span class="ft4">zu beachten, dass nicht nur der Schuldpunkt des früheren Urteils, mit</span><br/> <span class="ft4">dem sich das neue Urteil ohnehin nicht zu befassen hat, rechtskräftig</span><br/> <span class="ft4">ist, sondern auch der Strafpunkt. Der neu urteilende Richter ist also</span><br/> <span class="ft4">grundsätzlich an die Strafe, die im früheren Urteil festgesetzt worden</span><br/> <span class="ft4">ist, gebunden. Zu dieser rechtskräftigen Grundstrafe hat er nun die</span><br/> <span class="ft4">Zusatzstrafe so auszusprechen, dass die Grundstrafe und die Zusatz-</span><br/> <span class="ft4">strafe zusammen in ihrer Dauer der hypothetischen Gesamtstrafe</span><br/> <span class="ft4">entsprechen (Urteil des Bundesgerichts 6S.253/1998 vom</span><br/> <span class="ft4">23. November 1999, E. 3c und d).</span><br/> <span class="ft4">Die zur Bestimmung der Zusatzstrafe vorzunehmende hypothe-</span><br/> <span class="ft4">tische Gesamtbewertung aller vor dem früheren Urteil begangenen</span><br/> <span class="ft4">Straftaten muss allein aus der Sicht des Zweitrichters erfolgen (Urteil</span><br/> <span class="ft4">des Bundesgerichts 6S.442/2000 vom 23. Februar 2001, E. 2a; BGE</span><br/> <span class="ft4">109 IV 93 E. 2d). Wie dies genau zu geschehen hat, ist - namentlich</span><br/> <span class="ft4">mit Blick auf frühere ausländische Urteile - weitgehend ungeklärt</span><br/> <span class="ft4">(ausdrücklich offen gelassen im Urteil des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft4">6S.442/2000 vom 23. Februar 2001) und deshalb dem Ermessen des</span><br/> <span class="ft4">Gerichts überlassen. Da es immer um eine Gesamtbewertung geht,</span><br/> <span class="ft4">ist indes ausgeschlossen, die Zusatzstrafe allein mit Blick auf die</span><br/> <span class="ft4">noch nicht beurteilten Taten, quasi selbständig, auszusprechen. Im</span><br/> <span class="ft4">Anschluss an diese Gesamtbewertung ist in einem zweiten Schritt</span><br/> <span class="ft4">unter Beachtung des rechtskräftigen früheren Urteils die Zusatzstrafe</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">71</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">zu bemessen, welche rechnerisch die Differenz zwischen der im frü-</span><br/> <span class="ft4">heren Urteil ausgefällten Strafe (der sog. Grundstrafe) und der Strafe</span><br/> <span class="ft4">bei einer Gesamtbewertung darstellt. Grund- und Zusatzstrafe zu-</span><br/> <span class="ft4">sammen dürfen die Strafe, welche bei einer Gesamtbewertung resul-</span><br/> <span class="ft4">tiert, weder über- noch unterschreiten (Ackermann, in:</span><br/> <span class="ft4">Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Strafgesetzbuch I,</span><br/> <span class="ft4">Basel/Genf/München 2003, N 57 zu Art. 68 StGB).</span><br/> <span class="ft4">b) (...)</span><br/> <span class="ft4">cc) In Abwägung aller tat- und täterbezogenen Umstände wäre</span><br/> <span class="ft4">eine Zuchthausstrafe von 3 Jahren dem Verschulden des Angeklagten</span><br/> <span class="ft4">angemessen. Vorliegend ist indessen zu berücksichtigen, dass der</span><br/> <span class="ft4">Angeklagte mit Urteil des Landgerichts X. vom 10. Juli 2001 wegen</span><br/> <span class="ft4">Steuerhinterziehung in Form des bandenmässigen Schmuggels zu</span><br/> <span class="ft4">einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 9 Monaten verurteilt worden</span><br/> <span class="ft4">ist. Vorliegend ist, wie erwähnt, eine Zusatzstrafe zu dieser Freiheits-</span><br/> <span class="ft4">strafe auszusprechen. Wie die hypothetische Gesamtbewertung vor-</span><br/> <span class="ft4">zunehmen ist, ist namentlich mit Blick auf frühere ausländische Ur-</span><br/> <span class="ft4">teile weitgehend ungeklärt und deshalb dem Ermessen des Gerichts</span><br/> <span class="ft4">überlassen. Zwar wiegen die in Deutschland vom Angeklagten ver-</span><br/> <span class="ft4">übten Taten in der Schweiz etwas weniger schwer. Allerdings ist</span><br/> <span class="ft4">vorliegend nach Auffassung des Obergerichts massgebend, wie der</span><br/> <span class="ft4">Angeklagte unter Berücksichtigung der deutschen Praxis für seine</span><br/> <span class="ft4">Taten bestraft worden wäre. Der Täter soll durch die Aufteilung der</span><br/> <span class="ft4">Strafverfolgungen in mehrere Verfahren nicht benachteiligt, aber</span><br/> <span class="ft4">soweit als möglich auch nicht besser gestellt werden (BGE 109 IV</span><br/> <span class="ft4">69 E. 1, 109 IV 92 E. 2b, 102 IV 244 E. 4a). Wie oben erwähnt ist</span><br/> <span class="ft4">sowohl der Strafpunkt als auch der Schuldpunkt des deutschen Ur-</span><br/> <span class="ft4">teils rechtskräftig und daher nicht zu überprüfen. Bei einer hypotheti-</span><br/> <span class="ft4">schen Gesamtbewertung aller vor dem in Deutschland gefällten Ur-</span><br/> <span class="ft4">teil begangenen Taten zusammen hätte eine Freiheitsstrafe von 6 ¾</span><br/> <span class="ft4">Jahren ausgesprochen werden müssen. Zieht man von dieser Strafe</span><br/> <span class="ft4">die Strafe von 4 Jahren und 9 Monaten gemäss Urteil des Landge-</span><br/> <span class="ft4">richts X. vom 10. Juli 2001 ab, ergibt dies eine Zusatzstrafe von 2</span><br/> <span class="ft4">Jahren. Angesichts des Umstands, dass vorliegend eine Zusatzstrafe</span><br/> <span class="ft4">auszufällen ist, erweist sich die vorinstanzliche Strafe als angemes-</span><br/> <span class="ft4">sen und ist daher zu bestätigen.</span><br/></div> </div> </body> </html>