2003 1 Art. 8 Abs. 1 und Art. 29 Abs. 1 BV; Art. 87, Art. 90 Abs. 4 und Art. 91 aStG. Anfechtbarkeit einer Ermessenseinschätzung (Entscheid des Ober- gerichts Nr. 66/2000/11 vom 16. November 2001 i.S. R.). Die Bestimmung von Art. 90 Abs. 4 aStG, wonach kei n Einspracherecht besteht, wenn bei einer Ermessenseinschätzung die S teuerfaktoren nicht um mehr als 20 % gegenüber der letzten rechtskräftigen Veranlagung erhöht werden, verstösst gegen das Rechtsgleichheitsgebot; sie kann daher nicht an- gewandt werden. Aus den Erwägungen: 2.– a) ... b) Der Fall beurteilt sich sowohl in materieller als auch in verfahrens- mässiger Hinsicht nach altem Recht (Art. 220 und Ar t. 229 Abs. 2 des Geset- zes über die direkten Steuern vom 20. März 2000 [StG, SHR 641.100]). 3. – a) Die Ermittlung der Steuern beruht auf der Selbste inschätzung der Pflichtigen und auf der Veranlagung durch die Steue rbehörden (Art. 74 des Gesetzes über die direkten Steuern vom 17. Dezember 1956 [aStG; OS 19, S. 212 ff.]). Die Steuererklärung ist innert der in der öffentlichen Anzeige oder im Steuererklärungsformular festgesetzten Fris t wahrheitsgetreu ausge- füllt und unterzeichnet einzureichen (Art. 76 Abs. 1 aStG). Versäumt der Steuerpflichtige die ihm zur Selbstei nschätzung gesetzte Frist oder weigert er sich, den ihm von den Steuerb ehörden gemachten Aufla- gen nachzukommen, so tritt gemäss Art. 87 aStG an S telle der Selbsteinschät- zung die Veranlagung durch die Steuerbehörde (Abs. 1). Bei der Veranlagung von Amtes wegen oder bei offensichtlich ungenügende r Selbsttaxation kön- nen die Steuerfaktoren nach Erfahrungszahlen, Vermö gensentwicklung oder Lebensaufwand des Pflichtigen bestimmt werden (Abs. 2). Benützt der Steuerpflichtige trotz Mahnung die für die Selbsteinschät- zung angesetzte Frist nicht und werden seine Steuer faktoren nicht um mehr als 20 % gegenüber der letzten rechtskräftigen Vera nlagung erhöht, so steht ihm das Einspracherecht nicht zu (Art. 90 Abs. 4 aS tG). Wird im übrigen die Einsprache von einem nach Ermessen veranlagten Steu erpflichtigen erhoben, so hat dieser im Einspracheverfahren die Unrichtigk eit der Veranlagung nachzuweisen (Art. 91 aStG). 2003 2 b) Der Rekurrent hat innert der im Steuererklärungsf ormular fest- gesetzten Frist keine Steuererklärung 1999–2000 ein gereicht. Er hat in der Folge auch auf Mahnungen und eine ausgefällte Ordnu ngsbusse nicht rea- giert. Die Steuerverwaltung hat ihn daher grundsätzlich zu Recht für die Steu- erjahre 1999 und 2000 nach Ermessen veranlagt. c) Der Rekurrent hat die Steuererklärung innert der Einsprachefrist nachgereicht. Die Steuerkommission ist jedoch auf die damit verbundene Ein- sprache nicht eingetreten, weil die Steuerfaktoren des Rekurrenten in der an- gefochtenen Veranlagung nicht um mehr als 20 % gege nüber der letzten rechtskräftigen Veranlagung erhöht worden waren. Di es war denn auch dem Rekurrenten in den vorangegangenen Mahnungen und in der Ordnungs- bussenverfügung ausdrücklich angedroht worden. Das Obergericht hat bereits einmal erklärt, die ge setzlich vorgesehene Verwirkung des Einspracherechts sei aus rechtsstaat licher Sicht problema- tisch. Es konnte jedoch die Frage offenlassen, ob A rt. 90 Abs. 4 aStG verfas- sungswidrig sei, weil das Erfordernis der erfolglos en Mahnung damals nicht gegeben war (OGE Nr. 66/1998/44 vom 7. Mai 1999 i.S . M., E. 2b und c). Im vorliegenden Fall sind die Voraussetzungen zur Anwe ndung der genannten Bestimmung grundsätzlich erfüllt. Die Frage von der en Vereinbarkeit mit übergeordnetem Recht ist daher nunmehr zu beurteilen. Das Obergericht hat seinerzeit auf einen Entscheid des Verwaltungs- gerichts des Kantons Bern hingewiesen, worin dieses festgestellt hatte, eine solche Verwirkungsbestimmung verstosse gegen das ve rfassungsmässige Rechtsgleichheitsgebot. Das Verwaltungsgericht ist in seiner Begründung vom Grundsatz ausgegangen, dass das Einsprache- bzw . Rekursrecht des Steuerpflichtigen eine der wichtigsten Rechtsschutz einrichtungen des moder- nen Staates sei. Daher lasse sich sachlich nicht be gründen, den zufolge Nicht- erfüllung seiner Mitwirkungspflichten nach Ermessen veranlagten Steuer- pflichtigen vom Einsprache- und Rekursverfahren aus zuschliessen. Immerhin sei anerkannt, dass Ermessenstaxationen willkürfrei erfolgen müssten und dass der Steuerpflichtige grundsätzlich zum Nachweis zuzulassen sei, dass die Veranlagung den Rahmen des nach den Umständen Mögli chen sprenge. Solle an diesem Grundsatz festgehalten werden – was aus G ründen der Rechtsstaat- lichkeit als unabdingbar erscheine –, so sei schlec hterdings nicht einzusehen, weshalb trotz Nichteinreichens der Steuererklärung das Einsprache- und Re- kursrecht bestehen bleiben solle, sofern die Ermess enstaxation im Vergleich mit der Veranlagung in der Vorperiode um mehr als 2 0 % erhöht werde, wäh- rend bei einer weniger weitreichenden Erhöhung ein Ausschluss von der An- fechtungsmöglichkeit rechtens sein solle. Auch wenn pflichtwidrig keine 2003 3 Steuererklärung eingereicht werde, sei die Veranlag ung in jedem Fall nach pflichtgemässem Ermessen zu treffen. Von daher gese hen bestehe kein sach- licher Grund, den Steuerpflichtigen nur dann zur An fechtung zuzulassen, wenn die Erhöhung der Ermessenstaxation im Vergleic h mit der Vorperiode ein bestimmtes Mindestmass überschreite. Anders ent scheiden hiesse, entwe- der im Rahmen einer justizmässig nicht überprüfbare n Quote Erhöhungen oh- ne nähere Untersuchung der tatsächlichen Verhältnis se zuzulassen, was nach dem Gesagten gegen anerkannte Prinzipien der Steuer veranlagung verstiesse, oder dem Ausschluss des Einsprache- oder Rekursrech ts im Ergebnis Straf- charakter beizumessen, was aber gerade nicht der Si nn der Bestimmung sein solle. Endlich sei unerfindlich, weshalb der pflich tvergessene Steuerpflichti- ge, dessen Ermessenstaxation gegenüber der Vorperio de massiv erhöht wer- den müsse, verfahrensmässig besser gestellt sein so lle als ein anderer Steuer- pflichtiger, der ebenfalls keine Steuererklärung ei ngereicht habe und dessen Veranlagung nach dem Ergebnis der von Amtes wegen d urchzuführenden Untersuchungen nur geringfügig oder überhaupt nicht erhöht werden müsse. Daraus erhelle, dass der Gesetzgeber mit dem Erlass der fraglichen Bestim- mung rechtliche Unterscheidungen getroffen habe, fü r die ein vernünftiger, sachlicher Grund in den zu regelnden Verhältnissen nicht ersichtlich sei. Die Vorschrift verstosse deshalb gegen Art. 4 der (dama ls geltenden) Bundesver- fassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 2 9. Mai 1874 (aBV) und sei daher im Einzelfall nicht anwendbar. Daran ändere nichts, dass das (damalige) Steuerrecht des Bundes (Art. 92 Abs. 1 d es Bundesratsbeschlusses über die Erhebung einer direkten Bundessteuer vom 9 . Dezember 1940 [BdBSt]) eine der beanstandeten Bestimmung entsprec hende Ordnung enthal- te. Diese sei, wiewohl von der Rechtslehre begründe termassen kritisiert, nach Massgabe von Art. 113 Abs. 3 bzw. Art. 114 bis Abs. 3 aBV für die Gerichte verbindlich und könne daher nicht auf ihre Verfassu ngsmässigkeit hin über- prüft werden (Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. Juni 1980, E. 4, BVR 1980, S. 382 ff.; vgl. auch Känzig/Behnisch , Die di- rekte Bundessteuer, III. Teil, 2. A., Basel 1992, Art. 92 N. 51, S. 188 [wonach die Regelung von Art. 92 Abs. 1 BdBSt verfassungswidrig sein dürfte]). Diese überzeugende Argumentation lässt sich ohne w eiteres auf die Be- stimmung von Art. 90 Abs. 4 aStG übertragen. Diese verstösst demnach ge- gen das Rechtsgleichheitsgebot von Art. 8 Abs. 1 un d Art. 29 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossensch aft vom 18. April 1999 (BV, SR 101). Ein Rechtsmittelausschluss wird auch dem Wesen des Instituts der Ermessensveranlagung nicht gerecht. D iese soll nicht eine Straf- sanktion für den säumigen Steuerpflichtigen, sonder n ein blosses Hilfsmittel zur Überbrückung der Ungewissheit im Sachverhalt bi lden. Sie dient durch 2003 4 Feststellung des "wahrscheinlich wahren" Sachverhal ts dem Ziel, eine dem Grundsatz der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ge- nügende Veranlagung des Steuerpflichtigen zu ermögl ichen. Deshalb darf diesem nicht verwehrt werden, durch Anfechtung der Ermessensveranlagung im Rechtsmittelverfahren den "wahren" Sachverhalt d arzulegen oder die Grundlage für eine der Wirklichkeit gerechtere Schätzung beizubringen (Mar- tin Zweifel , Die Sachverhaltsermittlung im Steuerveranlagungsv erfahren, Zü- rich 1989, S. 134 f.). Das Bundesrecht sieht denn a uch heute für die kantona- len und kommunalen Steuern generell die Möglichkeit der Anfechtung von Ermessensveranlagungen wegen offensichtlicher Unric htigkeit vor (Art. 48 Abs. 2 Satz 1 des Bundesgesetzes über die Harmonisi erung der direkten Steu- ern der Kantone und Gemeinden vom 14. Dezember 1990 [StHG, SR 642.14]). Ist somit die Bestimmung von Art. 90 Abs. 4 aStG m it dem übergeordne- ten Bundesrecht nicht vereinbar, so kann sie im vor liegenden Fall nicht an- gewandt werden. Die Steuerkommission ist daher zu U nrecht gestützt darauf auf die Einsprache des Rekurrenten nicht eingetreten. d) Die Steuerkommission hätte aufgrund der vorstehen den Erwägungen die Einsprache ... entgegennehmen und darauf überpr üfen müssen, ob sie den formellen gesetzlichen Anforderungen genüge. Gegebe nenfalls hätte sie dar- auf eintreten und materiell beurteilen müssen, ob und inwieweit damit die Un- richtigkeit der angefochtenen Ermessensveranlagung dargetan sei. Der Rekurs ist daher gutzuheissen, soweit darauf e inzutreten ist, der Ein- spracheentscheid ... ist aufzuheben, und die Sache ist an die Steuerkommissi- on zurückzuweisen, damit sie im genannten Sinn vorgehe.