B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4200/2018 U r t e i l v o m 1 4 . J u l i 2 0 2 0 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Mia Fuchs, Richterin Constance Leisinger, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien 1. A._______, geboren am (…), 2. B._______, geboren am (…), 3. C._______, geboren am (…), 4. D._______, geboren am (…) Somalia, vertreten durch MLaw Nora Maria Riss, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 18. Juni 2018 / N (…). E-4200/2018 Seite 2 Sachverhalt: I. A. Das SEM wies mit Verfügung vom 23. Dezember 2013 das Asylgesuch des Ehemanns/Vaters der Beschwerdeführenden vom 15. November 2009 ab und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz an. Hingegen verfügte es, dass der Vollzug dieser Wegweisung wegen Unzumutbarkeit zuguns- ten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben werde. B. Mit Eingabe vom 27. Juni 2017 stellte der Ehemann/Vater der Beschwer- deführenden ein Familiennachzugsgesuch zugunsten seiner Frau und des gemeinsamen Sohnes B._______ gestützt auf Art. 85 Abs. 7 AIG (SR 142.20). II. C. Am (…) 2017 reisten die Beschwerdeführerin und ihr Sohn mit am 25. Ok- tober 2017 ausgestellten Humanitären Visa in die Schweiz ein und stellten gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) E._______ Asyl- gesuche. D. Das Familiennachzugsgesuch wurde daraufhin vom SEM mit Verfügung vom 1. November 2018 als gegenstandslos geworden abgeschrieben. E. Am 14. Dezember 2017 fand die Kurzbefragung de r Beschwerdeführerin zur Person (Befragung zur Person, BzP) im EVZ und am 25. Mai 2018 ihre Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt. E-4200/2018 Seite 3 F. F.a Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs in der BzP vor, sie habe zunächst mit ihrer Familie in verschiedenen Quartie- ren Mogadischus gelebt, zuletzt in F._______. Von dort sei sie nach Kenia geflüchtet, wo sie sich während zweier Jahre aufgehalten habe; danach sei sie wieder nach F._______ zurückgekehrt. Später sei sie erneut für zwei Jahre nach Kenia gegangen. Sie habe auch ein Jahr in Äthiopien gelebt , wo sie schwanger geword en sei; respektive sie habe ihr Heimatland So- malia im Jahr 2013 verlassen und anschliessend vier Jahre in Kenia gelebt; respektive sie sei im Mai 2016 von Somalia nach Kenia ausgereist. Sie sei anschliessend in die Schweiz gereist, um mit ihrem Ehemann zusammen- zuleben. Sie habe persönlich nie Probleme mit den somalischen Behörden, dem Militär oder anderen Gruppierungen gehabt. Ihre Mutter habe eine Ar- beitserlaubnis der Übergangsregierung gehabt und für diese Tee gekocht. Die Al-Shabaab hätten sie deswegen telefonisch und mit Briefen bedroht. Eines Tages hätten sie das Haus ihrer Familie bombardie rt, wobei einer ihrer Brüder getötet und ihre Eltern verletzt worden seien. Die Al-Shabaab hätten ihren Bruder mitnehmen wollen und sie habe befürchtet, ebenfalls mit diesen Probleme zu bekommen. Ihre Mutter sei im Apr il 2015 aus Somalia ausgereist; sie sei zuletzt im Sudan g esehen worden und habe mutmasslich nach Libyen weiterreisen wollen. F.b Bei der Anhörung gab die Beschwerdefüh rerin zu Protokoll, sie habe ihren Ehemann am (…) geheiratet und dieser sei im Juni 2008 ausgereist. Sie habe Somalia erstmals im Jahr 2010 verlassen – nachdem ihre Mutter verletzt worden sei – und sei nach Äthiopien und danach nach Kenia ge- gangen. Nach einigen Monaten sei sie von dort nach Somalia zurückge- kehrt, weil sie sich nicht als Flüchtling habe registrieren lassen können. Sie sei, als sie schwanger gewesen sei, zusammen mit ihrem Ehemann nach Äthiopien gegangen. Während er von dort weitergereist sei, sei sie noch vor der Geburt ihres Kindes wieder nach Somalia zu ihrer Familie zurück- gekehrt. Sie sei im März 2011, zu der Zeit als ihre Mutter bedroht worden sei, zusammen mit ihrem Sohn entführt und zu einem Anführer der Al- Shabaab gebracht worden. Dieser habe sie während 55 Tagen festgehal- ten und sexuell missbraucht. Er habe ihr und ihrem Kind auch mit Zigaret- ten Brandwunden zugefügt. Sie habe schliesslich mithilfe eines Nachbarn fliehen können, als der Mann, der sie festgehalten habe, abwesend gewe- sen sei. Danach habe sie bei ihrer Schwiegermutter im Quartier G._______ von Mogadischu gelebt. Etwa ein Jahr darauf sei sie mit dieser nach Kenia ausgereist, danach aber mit ihr wieder nach Somalia zur ückgekehrt. Sie habe bei der BzP diese Umstände nicht erwähnt, weil sie befürchtet habe, E-4200/2018 Seite 4 dass ihr Ehemann vom Missbrauch erfahre, was sie habe verhindern wol- len. Im Mai 2016 sei sie wegen des von ihrem Ehemann gestellten Famili- ennachzugsgesuchs erneut nach Kenia ausgereist und habe sich dort bis zu ihrer Weiterreise in die Schweiz aufgehalten. G. Mit Verfügung vom 18. Juni 2018 (er öffnet am 21. Juni 2018) stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Hingegen verfügte es, dass der Vollzug dieser Wegwei- sung wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf- geschoben werde. H. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 19. Juli 2018 erhoben die Be- schwerdeführenden Beschwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz und beantragten, die Sache sei zur hinreichenden Abklärung des rechtserheb- lichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter seien die Dispositiv-Ziffern 1 bis 3 der vorinstanzlichen Verfügung aufzuheben, es sei festzustellen, dass sie die F lüchtlingseigenschaft erfüllen würden und ihnen sei Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht bean- tragten sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, die Beiord- nung ihrer Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin sowie die Befreiung von der Kostenvorschusspflicht. I. Mit Zwischenverfügung vom 27. Juli 2018 forderte der Instruktionsrichter die Beschwerdeführenden auf, innert Frist ihre Mittellosigkeit zu belegen, stellte fest, über die Gesuche um unentgelt liche Prozessführung und Ver- beiständung werde zu einem späteren Zeitpunkt des Verfahrens befunden und verzichtete vorderhand auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Schliesslich wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen. J. Mit Eingabe vom 2. August 2018 reichten die Beschwerdeführenden eine Sozialhilfebestätigung des Sozialamts des Kantons H._______ vom 31. Juli 2018 zu den Akten. E-4200/2018 Seite 5 K. In seiner Vernehmlassung vom 9. August 2018 hielt das SEM an seiner Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. L. Mit Instruktionsverfügung vom 15. August 2018 hiess der Instruktionsrich- ter das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses. Das Gesuch um Beiordnung der Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin im Sinne von aArt. 110 a AsylG wurde abgewiesen. Ferner wurde den Beschwerdeführenden Gelegenheit zur Einreichung ei- ner Replik geboten. M. Mit am 7. September 2018 eingegangener Eingabe nahmen die Beschwer- deführenden innert erstreckter Frist zur Vernehmlassung der Vorinstanz Stellung und hielten an ihren Beschwerdeanträgen fest. Ferner ersuchten sie um wiedererwägungsweise Aufhebung von Dispositiv -Ziffer 3 der Instruktionsverfügung vom 15. August 2018 und Einsetzung ihrer Rechts- vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. N. Am (…) wurde das Kind C._______ und am (…) das Kind D._______ der Beschwerdeführerin geboren. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. E-4200/2018 Seite 6 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden 1 und 2 haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil- genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs- weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti- miert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.5 Die während des Beschwerdeverfahrens in der Schweiz geborenen Kinder (Beschwerdeführende 3 und 4) werden in das Asyl(Beschwerde) - verfahren ihrer Mutter einbezogen. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, den Vorbringen der Beschwerdeführerin 1 sei zu entnehmen, dass ihr vom Zeitpunkt ihrer Flucht aus der Gefangenschaft b ei den Al-Shabaab im Jahr 2011 bis zu ihrer Ausreise im Mai 2016 nichts mehr zugestossen sei. Sie habe als ein- zigen Grund f ür ihre Ausreise den Wunsch nach einem Zusammenleben mit ihrem Ehemann genannt. Es fehle somit ein ze itlicher Kausalzusam- menhang zwischen der erwähnten Entführung und der Ausreise. E s bestehe kein Anlass zur Annahme, dass sie in absehbarer Zukunft und mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit mit Verfolgung zu rechnen habe. Den Vor- bringen der Beschwerdeführerin könne somit keine Asylrelevanz beige- messen werden und sie würden folglich den Anforderungen an die Flücht- lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. E-4200/2018 Seite 7 3.2 3.2.1 Die Beschwerdeführerin rügte in ihrer Beschwerdeeingabe zunächst, die Vorinstanz habe d en Untersuchungsgrundsatz verletzt. Das Bundes- verwaltungsgericht ha be in seinem "Referenzurteil" E-1425/2014 vom 6. August 2014 (= BVGE 2014/27) f estgehalten, dass alleinstehende Frauen in Somalia ohne männliche Verwandte unter gewissen Umständen die Flüchtlingseigenschaft erfüllen würden. Die Vorinstanz habe es jedoch unterlassen, den Sachverhalt diesbezüglich genügend abzuklären. E s seien ihr keine Fragen zu ihrem Familiennetz in Somalia gestellt worden; weder ihre persönliche und familiäre Situation noch ihr Bildungsgrad oder ihr persönliches Umfeld seien untersucht worden. Man habe sie auch nicht nach ihrer Clanzugehörigkeit gef ragt. Angesichts der genannten R echt- sprechung und de r sich aus ihren Vorbringen ergebenden Hinweise auf eine geschlechtsspezifische Verfolgung wäre die Vorinstanz gehalten ge- wesen, ihre individuellen Fluchtgründe vertieft zu prüfen. Hieran änder e der Umstand nichts, dass der Entscheid zur Ausreise aufgrund des Ge- suchs um Familiennachzug gefallen sei. Das SEM habe demnach wesent- liche Punkte ihrer Vorbringen weder detailliert abgeklärt noch hinreichend gewürdigt. Zudem seien bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft keine Quellen beigezogen und keine weiteren Abklärungen getätigt worden. Damit habe die Vorinstanz das rechtliche Gehör bez iehungsweise den Untersuchungsgrundsatz in schwerwiegender Weise verletzt. 3.2.2 Der Argumentation des SEM bezüglich der asylrechtlichen Relevanz ihrer Vorbringen sei entgegenzuhalten, dass sie Opfer von gesc hlechts- spezifischer Verfolgung geworden und als Mädchen beschnitten worden sei. Damit sei sie angesichts der Situation in Somalia besonders verletzlich und in Gefahr, erneut derartige Verfolgung zu erleiden. Sie erfülle mehrere Faktoren, welche eine flüchtlingsrelevante Gefährdung begründen würden. Sie sei aufgrund der Flucht ihres Ehemannes eine alleinstehende Frau , und sowohl sie als auch ihre Mutter seien Opfer von Genitalverstümmelung sowie von Gewalt durch verschiedene Milizen und Soldaten geworden. Nach der Flucht aus der Gefangenschaft durch die Al -Shabaab habe sie als intern Vertriebene bei ihrer Schwiegermutter ohne männliches Fam ili- enmitglied gelebt. Die Gefahr , erneut geschlechtsspezifis ch verfolgt zu werden, sei damit ausserordentlich hoch. Sie könne nicht auf den Schutz männlicher Verwandter zählen. Ihr Vater sei du rch den Bombenanschlag auf ihr Haus so schwer verletzt worden, dass er nicht mehr arbeitsfähig sei, und er könne sie deshalb nicht mehr beschützen und unterstützen. Andere männliche Verwandte, auf deren Schutz sie zählen könnte, habe sie nicht. E-4200/2018 Seite 8 3.2.3 Intern Vertriebene würden in Somali a Opfer verschiedenster Men- schenrechtsverletzungen. Sie würden ausserord entlich stark unter den Milizen leiden. Auch ihre Kinder würden Gefahr laufen, im Falle einer Rück- kehr nach Somalia schwere Menschenrechtsverletzungen zu erleiden. So drohe dem Sohn eine Zwangsrekrutierung und die Tochter C._______ würde mit grosser Wahrscheinlichkeit ebenfalls Opfer einer Genitalver- stümmelung. Sie wäre nicht in der Lage, ihre Kinder vor Übergri ffen zu schützen. Relevant sei ferner auch der gezi elt auf ihre Familie verübte Bombenanschlag. Im Weiteren laufe sie im Falle einer Rückkehr nach So- malia nach der Geburt ihrer Tochter Gefahr, eine Reinfibulation zu erleiden, um den herrschenden gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Ein sol- cher Eingriff in die körperliche Integrität stelle eine intensive und gezielte Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG dar. Falls sie sich wider- setzen würde, wäre sie als schutzlose alleinstehende Frau ebenfalls an Leib und Leben gefährdet. Sie habe vor ihrer Ausreise in ständiger Gefahr vor neuen Übergriffen gelebt, und dieses Risiko bestehe weiterhi n. Dies erzeuge einen unerträglichen psychischen Druck. Unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Situation könne der Umstand, dass durch Zufall vor ihrer Ausreise keine weiteren sexuellen Übergriffe stattgefunden hätten, nicht zur Annahme führen, dass sie solchen nicht in absehbarer Zukunft und mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit hätte ausgesetzt sein können. 3.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung namen tlich aus, die Ein- schätzung, dass keine begründete Verfolgungsfurcht b estehe, werde da- durch bekräftigt, dass die Beschwerdeführerin sämtliche individuellen Verfolgungsgründe nachgeschoben habe. Sie habe die Entführung und den sexuellen Missbrauch erst im Rahmen der Anhörung erwähnt. Der Ver- weis auf ihre Furcht, ihr Ehemann könnte davon erfahren, erkläre ni cht, wieso sie nicht nur den behaupteten sexuellen Übergriff, sondern auch die Entführung und Misshandlung nicht erwähnt habe. Diese Vorbringen seien folglich als unglaubhaft zu qualifizieren. Im Weiteren würden die Aussagen der Beschwerdeführerin schwerwiegende Widersprüche in Bezug auf ihre Aufenthaltsorte nach der Ausreise ihres Ehemannes aufweisen. Es sei un- klar, wo sie sich tatsächlich aufgehalten habe. Der Vorwurf der Verletzung des Unte rsuchungsgrundsatzes wegen unzureichender Abklärungen in Bezug auf eine geschlechtsspezifische Verfolgung werde zurückgewiesen. Die Beschwerdeführerin habe keine solche V erfolgung geltend gemacht. Sie habe vielmehr ausdrücklich ge äussert, es habe von 2011 bis zu ihrer Ausreise keine Vorfälle mehr gegeben. Eine erneute B eschneidung res- pektive Reinfibulation im Falle einer Rückkehr nach Somalia sei unwahr- scheinlich. Auch die Befürchtung, ihre Tochter könnte Opfer einer solchen E-4200/2018 Seite 9 Behandlung werden, liege nicht auf der Hand, da es in der Verantwortung der Mutter liege, sich da gegen zu wehren. Im Weiter en lebten der Vater und mehrere Geschwister der Beschwerdeführerin in Mogadischu, und sie habe auch Familienangehörige in I._______, wo sie mehrere Jahre wohn- haft gewesen sei. Aus den Akten gehe nicht hervor, dass sie Nachteile we- gen fehlender familiärer oder männlicher Unterstützung erlitten hätte. Dass ihr Vater sie wegen seines Gesundheitszustands nicht unterstützen könne, müsse bezweifelt werden, da sie in der BzP nur von einer Beinverletzung gesprochen, eine Amputation aber nicht erwähnt habe. Schliesslich sei es unzutreffend, die Beschwerdeführerin als eine intern vertriebene Person zu bezeichnen, nur, weil sie sich bei verschiedenen Familienangehörigen an unterschiedlichen Orten im Umkreis von Mogadischu aufgehalten habe. Es müsse nicht von fehlenden Familienstrukturen ausgegangen werden. 3.4 3.4.1 In ihrer Replik äusserte die Beschwerdeführerin ihr Erstaunen dar- über, dass die Vorinstanz in der Vernehmlassung ihre Entführung als un- glaubhaft bezeichnet habe, weil das SEM in der angefochtenen Verfügung ihre Vorbringen als nicht asylrelevant bezeichnet, die Glaubhaftigkeit je- doch nicht in Zweifel gezogen habe. Es sei in Anbetracht ihres Kulturkrei- ses verständlich, dass sie sich davor gefürchtet habe, dass ihr Ehemann von der Entführung erfahre. Verspätete Vorbringen könnten praxisgemäss die Glaub würdigkeit einer Person nicht in Frage stellen, wenn die Ver- spätung sich mit Schuld- oder Schamgefühlen erklären lasse. Mit der Ein- schätzung ihrer Vorbringen als unglaubhaft, einzig gestützt auf das Argu- ment, diese seien nachgeschoben, verletze die Vorinstanz erneut den Un- tersuchungsgrundsatz, da keine eingehende Prüfung ihrer Aussagen vor- genommen worden sei. Ihre Angaben zu der Entführung und de m Miss- brauch seien glaub haft, detailreic h und mit Realkennzeichen versehen. Ihre widersprüchlichen Aussagen betreffend ihre Aufenthaltsorte seien da- rauf zurückzuführen, dass sie kurz vor der BzP eine Fehlgeburt erlitten habe und entsprechend unkonzentriert und traumatisiert gewesen sei. I n Bezug auf die Aufenthaltsdauer in Kenia könne auch ein Übersetzungsfeh- ler vorliegen. Zudem habe sie erst während ihres zweiten Aufenthalts in Kenia Kenntnis von Daten als Zeitmessung erlangt. 3.4.2 Es werde daran festgehalten, dass die Vorinstanz den Hinweisen auf eine geschlechtsspezifische Verfolgung nicht hinreichend nachgegangen sei. Ihre Lebensumstände in Somalia seien im Rahmen der dreistündigen Anhörung nicht abschliessend festgest ellt worden. E s fehle somit eine Grundlage, um zu beurteilen, ob eine geschlecht sspezifische Verfolgung E-4200/2018 Seite 10 vorliege und welchen Risiken sie im Falle einer Rückkehr nach Somalia ausgesetzt wäre. Es wäre – ungeachtet dessen, ob sie vor ihrer Ausreise Opfer eines weiteren Angriffes geworden sei – Aufgabe der Vorinstanz ge- wesen, abzuklären, ob eine Furcht vor künftiger Verfolgung bestehe. Auch der bei Frauen mitentscheidende Faktor des Bestehens zuverlässiger Fa- milienstrukturen sei nicht abgeklärt worden. 3.4.3 Es sei unklar, wie die Vorin stanz zum Schluss komme, sie habe in I._______ noch Verwand te. Betreffend die Gefahr einer erneuten Be- schneidung und einer Reinfibulation werde auf das Referenzurteil BVGE 2014/27 verwiesen. Angesichts dessen, dass sie selber Opfer von Be- schneidung und geschlechtsspezifischer Verfolgung geworden sei und als Frau in Somalia keine Rechte habe, könne ferner nicht davon ausgegan- gen werden, dass sie sich gegen eine Beschneidung ihrer Tochter wehren könnte. Die Zweifel an ihren Aussagen betreffend die Verletzungen ihres Vaters seien nicht nachvollziehbar. Die bereits bei der BzP erwähnte Ent- zündung seines Beins habe schliesslich eine Amputation erforderlich g e- macht. 3.4.4 Soweit die Vorinstanz argumentiere, es würden sich aus den Akten keine Hinweise dafür ergeben, dass sie zwischen 2011 und 2016 Nachteile wegen mangelnder Unterstützung erlitten habe, sei festzuhalten, dass das SEM angesichts der ungenügenden Abklärungen zu ihrer Lebenssituation nicht wissen könne, ob ihr Nachteile gedroht hätten. Sie habe in ihren Aus- führungen mehrfach auf Schwierigkeiten hingewiesen. Es sei nicht schlüs- sig, dass die Vorinstanz sich einerseits auf den Standpunkt setze, es könne aufgrund ihrer widersprüchlichen Aussagen keine Beurteilung betreffend ihre Aufenthaltsorte zwischen 2011 und 2016 vorgenommen werden, gleichzeitig aber kategorisch aus schliesse, dass es sich bei ihr um eine intern vertriebene Person handle . Jedenfalls stehe fest, dass sie im Zeit- punkt ihrer Ausreise nicht gewusst habe, wo ihre Mutter sich aufhalte, und nicht bei ihrer Familie in Mogadischu gelebt habe. Sie sei nach ihrer Ent- führung zu ihrer Schwiegermutter geflüchtet, weil sie nicht an den Wohnort ihrer Mutter habe zurückkehren können. 4. 4.1 Im Verwaltungsverfahren und insbesondere im Asylverfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserhebli- chen Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren bedeutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung E-4200/2018 Seite 11 und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsuchen- den Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht uneinge- schränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchen- den findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER, in: Auer/ Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal- tungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9, sowie BVGE 2012/21 E. 5.1). Die entsc heidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs- grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asyl- suchenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise abzunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre u nd Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausgehende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vor- bringen der asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachv erhalt weiterbestehen, die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen be- seitigt werden können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Ent- scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 23 E. 5a). 4.2 Nach Auffassung des Gerichts hat die Vorinstanz diesen Anforderun- gen im vorliegenden Verfahren Genüge getan: Wie im Weiteren zu erläu- tern sein wird, erfüllt die Beschwerdeführerin die im Urteil BVGE 2014/27 definierten Risikofakt oren, welche für die Annahme einer begründeten Furcht vor geschlechtsspezifischer Verfolgung sprechen, offenkundig nicht. Es ist daher nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz auf weitere Abklärungen bezüglich der persönlichen Situation der Beschwerdeführerin und eine vertiefte Prüfung dieser Kriterien verzichtet hat. Ebenso fehlt es – wie im Folgenden erläutert wird – der von der Beschwerdeführerin vor- gebrachten Entführung und dem Missbrauch an asylrechtlicher Relevanz, weshalb die Frage der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen, namentlich we- gen deren verspäteter Geltendmachung, offengelassen werden kann. Die Rüge der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes, weil eine einge- hende Prüfung der Glaubhaftigkeit unterlassen worden sei, erweist sich demnach ebenfalls als unbegründet. 4.3 Das Kassationsbergehren der Beschwerdeführerin ist damit abzuwei- sen. E-4200/2018 Seite 12 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder ma ssgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf- gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu werden drohen, und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2, je m.w.H.). Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestimmung liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, Letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrschein- lichkeit und in absehbarer Zeit verwirkli cht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleich- barer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimat - oder Herkunftsstaat E-4200/2018 Seite 13 keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 6, 2008/12 E. 7.2.6.2 und 2008/4 E. 5.2). Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder der be- gründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent- scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol- gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns- ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1, 2008/12 E. 5.2 und 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax / Rudin / Hugi Yar / Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 6.2 6.2.1 Gemäss ihrer Darstellung im Rahmen der Anhörung hielt die Be- schwerdeführerin sich nach der Flucht aus der G efangenschaft durch ein Mitglied der Al-Shabaab im Jahr 2011 noch während rund eines Jahres in Mogadischu auf, bis sie nach Kenia ausreiste ; sie kehrte zudem später nach Somalia zurück. Ihre Aussagen im Rahmen der BzP zu ihren Aufent- haltsorten nach 2011 sind widersprüchlich und mit ihrer Darstellung bei der Anhörung nicht ohne weiter es vereinbar. Sie sagte aber auch bei dieser Befragung aus, Somalia erst im Jahre 2013 oder 2016 verlassen zu haben. Zudem lässt sich ihren Aussagen anlässlich der Anhörung entnehmen, dass der Hauptgrund für die Ausreise aus ihrem Heimatland, der Wunsch gewesen sei, mit ihrem in der Schweiz wohnhaften Ehemann zusammen- zuleben (vgl. Protokoll BzP C9 S. 8 und Protokoll Anhörung C22 F58 f.). Unter diesen Umständen hat die Vorinstanz zu Recht festgestellt, dass ein sachlicher und zeitlicher Kausalzusammenhang der geltend gemachten Übergriffe durch ein Al-Shabaab-Mitglied im Jahre 2011 mit der Ausreise der Beschwerdeführerin nicht gegeben ist und diese m Vorbringen somit keine asylrechtliche Relevanz beizumessen ist. 6.2.2 Bei diesem Ergebnis kann offengelassen werden, ob diese Um- stände – wie vom SEM in der Vernehmlassung argumentiert – als unglaub- haft zu erachten wären, weil sie von der Beschwerdeführerin erst im Rah- men der Anhörung vorgebracht wurden. E-4200/2018 Seite 14 6.3 Auch aus den vorgebrachen Drohungen der Al-Shabaab gegenüber ih- rer Herkunftsfamilie, welche sich insbesondere gegen einen Bruder und ihre Mutter gerichtet hätten, kann die Beschwerdeführerin für ihr Asylver- fahren nichts zu ihren Gunsten ableiten. Sie vermochte diese Ereignisse zeitlich nicht genau einzuordnen. Immerhin gab sie anlässlich der Anhö- rung zu Protokoll, ihre Mutter sei Ende 2010 verletzt worden (vgl. Protokoll Anhörung C22 F38) und habe im Zeitpunkt ihrer Entführung im Jahr 2011 Drohanrufe erhalten ( vgl. a.a.O. F35 f.). Diese Angaben lassen darauf schliessen, dass auch zwischen den Drohungen gegen ihre Fam ilie und der endgültigen Ausreise der Beschwerdeführerin aus ihrem Heimatstaat kein hinreichender Kausalzusammenhang bestand. Jedenfalls ergeben sich aus diesen Vorbringen keine schlüssigen Anhaltspunkte für eine be- gründete Furcht der Beschwerdeführerin vor gezielten Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG im Zeitpunkt ihrer Ausreise. 6.4 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, sie müsse mit f rauen- spezifischen Verfolgungsmassnahmen rechnen und insbesondere auf das Risiko einer (erneuten) Genitalverstümmelung von ihr beziehungsweise ih- rer Tochter C._______ verweist, ist Folgendes festzustellen: 6.4.1 In seinem Urteil BVGE 2014/27 hat sich das Bundesverwaltungs- gericht ausführlich zur Frage der frauenspezifischen Fluchtgründe in Bezug auf Somalia geäussert. Dabei stellte es fest, dass für alleinstehende Frauen und Mädchen in Somalia, welche nicht unter dem Schutz eines männlichen Familienmitglieds stehen, ein hohes Risiko besteht, Opfer ge- zielter geschlechtsspezifischer Verfolgung zu werden (vgl. BVGE 2014/27 E. 5.4), dies insbesondere, wenn sie einem Minderheitenclan angehören oder als intern Vertriebene ("internally displaced persons" [IDP]) leben. Die vorliegenden Berichte über die Situation von Mädchen und Frauen in Somalia würden ein Bild von Missbrauch und Gewalt zeichnen, welche gleichermassen von Angehörigen der Al-Shabaab-Miliz wie auch von Sol- daten der Regierungstruppen und von Lagervorstehern in IDP-Lagern aus- gehen würden. Die somalischen Behörden könnten diese Frauen zumeist nicht schützen, und ein gewisser Schutz könne einzig von den Clan - Strukturen oder von der eigenen Kernfamilie ausgehen, was Frauen aus Minderheitenclans und Al leinstehende ohne männliche Familienange - hörige besonders verletzlich mache. In Bezug auf die Stadt Mogadischu verweist das Urteil ferner auf einen Bericht des Hochko mmissariats der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR), worin festgehalten wird, dass insbesondere im Raum Mogadischu die Kernfamilie das einzige schutz - E-4200/2018 Seite 15 gewährende Element darstelle (vgl. a.a.O. E. 5.2 m.w.H.). Auch kann ge- mäss diesem in der amtlichen Sammlung publizierten Urteil eine drohende (erneute) weibliche Genitalverstümmelung im F alle einer Rückkehr nach Somalia eine intensive, gezielte Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG bedeuten (vgl. a.a.O. E. 5.6 f.). 6.4.2 Entgegen ihrer Darstellung handelt es sich bei der Beschwerdefüh- rerin nicht um eine alleinstehende Frau. Sie ist mit einem in der Schweiz wohnhaften Landsmann verheiratet , der auch Vater ihrer Kinder ist . Alle Mitglieder dieser dauerhaften und gemäss Akten gelebten Familieneinheit sind in der Schweiz vorläufig aufgenommen; für eine baldige Aufhebung dieser vorläufigen Aufnahmen gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Eine hypo- thetische Rückkehr der Beschwerdeführenden in den Heimatstaat könnte gemäss heutiger Aktenlage nur gemeinsam mit dem Ehemann / Vater er- folgen. 6.4.3 Im Weiteren ergibt sich aus ihren Ausführungen, dass die Beschwer- deführerin 1, mit Ausnahme zeitweiliger Aufenthalte in Äthiopien und Ke- nia, bis zur Ausreise aus dem Heimatstaat zusammen mit ihrer Herkunfts- familie respektive mit ihrer Schwiegermutter in Mogadischu lebte. Auch un- ter Berücksichtigung der geltend gemachten Übergriffe durch die Al - Shabaab ist demnach nicht von einer gewaltsamen Vertreibung der Be- schwerdeführerin 1 von ihrem angestammten Wohnsitz auszugehen, und sie ist daher auch nicht als intern vertriebene Person (IDP) einzustufen. 6.4.4 Schliesslich hat sie auf dem Personalienblatt angegeben, dem Stamm der "Abgaal" anzugehören, einem Sub-Clan des Clans Hawiye (vgl. SEM-Akten C1/4). Ihr Ehemann gehört gemäss Aktenlage demselben Clan an. Die Hawiye gehören zu den dominierenden Clans in ihrem Heimatort Mogadischu (vgl. ACCORD – Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation, Anfragebeantwortung zu Somalia: Mogadischu: Sozioökonomische Lage [insbesondere für Rückkehrerinnen] {a-11167}, 31. Jänner 2020, S. 39; UK Home Office, Country Policy and Information Note, Somalia: Majority clans and minority groups in south and central Somalia, January 2019, S. 13). 6.4.5 Hieraus ergibt sich, dass im Falle der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter praxisgemäss die Voraussetzungen für die Annahme eines erhöh- ten Risikos frauenspezifischer Verfolgung nicht gegeben sind. Da ihr Profil mit demjenigen in dem von ihnen zitierten Urteil BVGE 2014/27 nicht ver- gleichbar ist, können sie aus diesem nichts zu ihren Gunsten ableiten. Es E-4200/2018 Seite 16 kann davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin und ihre Tochter im Falle einer hypothetischen Rückkehr in ihren Heimatstaat auf den Schutz ihres Ehemannes beziehungsweise Vaters sowie allenfalls ih- res Clans gegen gewaltsame Übergriffe, namentlich durch Angehörige von Milizen oder Soldaten, zählen könnten. Zudem dürfte die Beschwerdefüh- rerin 1 unter diesen Umständen auch in der Lage sein, sich einem allfälli- gen sozialen Druck aus dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld zu widersetzen, ihre Tochter (Infibulation) respektive sich selber (Reinfibula- tion) einer Genitalbeschneidung zu unterziehen. Eine allfällige spätere Diskriminierung der Tochter aufgrund des Verzichts auf eine Beschneidung wäre schon deshalb nicht als asylrelevante Verfol- gung zu qualifizieren, weil es sich nicht um in absehbarer Zukunft mit be- achtlicher Wahrscheinlichkeit eintretende Nachteile handeln würde. 6.4.6 In Anbetracht dieser Erwägungen erwiest sich ferner das Argument, die Beschwerdeführerin wäre in S omalia einem unerträglichen psychi- schen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt, als nicht stich- haltig. Ein unerträglicher psychischer Druck liegt vor, wenn einzelne Per- sonen oder Teile einer Bevölkerung systematisch schweren oder wieder- holten Eingriffen in ihre Menschenrechte durch den Staat ausgesetzt sind und diese Eingriffe eine derartige Intensität erreichen, dass ein menschen- würdiges Leben objektiv nicht mehr möglich erscheint (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1.1 und 2010/28 E. 3.3.1.1, m.w.H.). Diese Voraussetzungen sind vor- liegend nicht gegeben. 6.4.7 Sodann kann die von der Beschwerdeführerin offenbar in der Vergan- genheit erlittene Genitalverstümmelung keine Schutzbedürftigkeit im Sinne von Art. 3 AsylG begründen: Die Gewährung von Asyl kann nicht dazu die- nen, einen Ausgleich für vergangenes Unrecht zu schaffen, sondern sie bezweckt vielmehr, Schutz vor künftiger Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4). 6.4.8 Den Vorbringen der Beschwerdeführerin können nach dem Gesagten keine konkreten Anhaltspunkte dafür entnommen werden, dass sie oder ihre Tochter eine begründete Furcht haben, mit beachtlicher Wahrschein- lichkeit und in absehbarer Zukunft gezielte frauenspezifische Verfolgungs- massnahmen zu erleiden. E-4200/2018 Seite 17 6.5 Zusammenfassend ist f estzuhalten, dass es den Beschwerdeführen- den nicht gelungen ist, eine im Sinne von Art. 3 AsylG relevante Verfol- gungsgefahr nachzuweisen oder glaubhaft darzutun. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch demzufolge zu Recht abgelehnt. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7.3 Da das SEM in seiner Verfügung vom 18. Juni 2018 die vorläufige Auf- nahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz angeordnet hat, erübri- gen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären den Beschwerdeführenden die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit In- struktionsverfügung vom 15. August 2018 ihr Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist auf die Auflage von Verfahrenskosten zu verzichten. E-4200/2018 Seite 18 10. 10.1 Mit Instruktionsverfügung vom 15. August 2018 wurde das Gesuch um Einsetzung der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführenden als unent- geltliche Rechtsbeiständin abgewiesen. In der Eingabe vom 23. August 2018 wurde unter anderem beantragt die Dispositiv-Ziffer 3 dieser Verfü- gung sei aufzuheben und ihre Rechtsvertreterin wiedererwägungsweise als amtliche Rechtsbeiständin einzusetzen. 10.2 Das Bundesverwaltungsgericht bestellt in Verfahren wie dem vorlie- genden auf Antrag der asylsuchenden Person, die von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit wurde, grundsätzlich eine amtliche Rechtsbei- ständin oder einen amtlichen Rechtsbeistand (aArt. 110a Abs. 1 AsylG), wobei auch Personen mit universitärem juristischem Hochschulabschluss zur amtlichen Verbeiständung zugelassen sind, die sich beruflich mit der Beratung und Vertretung von Asylsuchenden befassen (aArt. 110a Abs. 3 AsylG). Das Gericht gelangt angesichts der Ausführungen in der erwähn- ten Eingabe zum Schluss, dass die Rechtsvertreterin der Beschwerdefüh- renden die persönlichen Voraussetzungen gemäss aArt. 110a Abs. 3 AsylG erfüllt und deshalb antragsgemäss als amtliche Rechtsbeiständin einzusetzen ist. 10.3 Demnach ist der Recht sbeiständin der Beschwerdeführenden ein amtliches Honorar für ihre notwendigen Aufwendungen im Beschwerdever- fahren auszurichten. Sie hat keine Kostennote zu den Akten gereicht, wes- halb der notwendige Vertretungsaufwand von Amtes wegen aufgrund der Akten festzusetzen ist (Art. 14 Abs. 2 Satz 2 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Unter Berücksichtigung der mass - gebenden Bemessungsfaktoren, vgl. Art. 9–13 VGKE) ist das Honorar auf insgesamt Fr. 1200.– (inkl. Auslagen) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) E-4200/2018 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Die Dispositiv-Ziffer 3 der Instruktionsverfügung vom 15. August 2018 wird aufgehoben. Das Gesuch um unentgeltliche Verbeiständung im Sinne von aArt. 110a AsylG wird wiedererwägungsweise gutgeheissen. Die bisherige Rechtsvertreterin, MLaw Nora Maria Riss, wird als amtliche Rechtsbeistän- din der Beschwerdeführenden eingesetzt. 4. Das Honorar der amtlichen Rechtsbeiständin wird auf Fr. 1200.– bestimmt und durch die Gerichtskasse vergütet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain