<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 104</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">104</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>28</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 7 ZPO; § 4 lit. e und § 14 EG ZPO</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Bei Klagen betreffend Krankentaggeldversicherungen nach VVG richtet</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sich das Verfahren auch nach Inkrafttreten der schweizerischen ZPO wie</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bis anhin nach § 64 VRPG. Das Versicherungsgericht entscheidet somit -</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wie bei den Klageverfahren nach BVG - nicht als Zivilgericht, sondern als</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Träger der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Dies hat zur Folge, dass kein</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Schlichtungsverfahren durchzuführen ist.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Beschluss des Versicherungsgerichts, 3. Kammer, vom 1. März</span><br/> <span class="ft3">2011 (VDI.2012.1).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">Mit der neuen Schweizerischen Zivilprozessordnung wurde das</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensrecht insbesondere im Bereich streitiger Zivilsachen</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Art. 1 lit. a ZPO), worunter auch Streitigkeiten aus Zusatzver-</span><br/> <span class="ft1">sicherungen zur sozialen Krankenversicherung gehören, bundesweit</span><br/> <span class="ft1">vereinheitlicht. In diesem Zusammenhang von Bedeutung ist insbe-</span><br/> <span class="ft1">sondere Art. 7 ZPO, wonach die Kantone ein Gericht bezeichnen</span><br/> <span class="ft1">können, welches als einzige kantonale Instanz für Streitigkeiten aus</span><br/> <span class="ft1">Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach dem</span><br/> <span class="ft1">Bundesgesetz vom 18. März 1994 über die Krankenversicherung zu-</span><br/> <span class="ft1">ständig ist. Diese Bestimmung ermöglicht es, die mit AGVE 2005</span><br/> <span class="ft1">S. 89 ff. begründete Zuständigkeitsordnung auch unter der neuen</span><br/> <span class="ft1">Schweizerischen Zivilprozessordnung aufrecht zu erhalten.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Im Rahmen der Umsetzung der neuen ZPO auf kantonaler</span><br/> <span class="ft1">Ebene war von Anfang an klar, dass der Kanton Aargau von der</span><br/> <span class="ft1">Möglichkeit Gebrauch machen wollte, Streitigkeiten aus Zusatzver-</span><br/> <span class="ft1">sicherungen zur sozialen Krankenversicherung weiterhin durch das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">105</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Versicherungsgericht als einzige Instanz beurteilen zu lassen. Ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechend war bereits im ersten Entwurf für ein EG ZPO in § 14</span><br/> <span class="ft1">vorgesehen, dass das Versicherungsgericht als einzige kantonale</span><br/> <span class="ft1">Instanz über Streitigkeiten gemäss Art. 7 ZPO entscheidet. In der</span><br/> <span class="ft1">Botschaft des Regierungsrates vom 16. September 2009 zur 1. Be-</span><br/> <span class="ft1">ratung finden sich dazu auf Seite 26 folgende Erläuterungen: "Für</span><br/> <span class="ft1">Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Kranken-</span><br/> <span class="ft1">versicherung können die Kantone ein Gericht bezeichnen, das als</span><br/> <span class="ft1">einzige kantonale Instanz zuständig ist (Art. 7 CH ZPO). Streitig-</span><br/> <span class="ft1">keiten aus der obligatorischen Krankenversicherung gemäss Bundes-</span><br/> <span class="ft1">gesetz über die Krankenversicherung (KVG) vom 18. März 1994</span><br/> <span class="ft1">werden nach geltendem Recht vom Versicherungsgericht behandelt.</span><br/> <span class="ft1">Die Streitigkeiten aus den Zusatzversicherungen sind in der Regel</span><br/> <span class="ft1">mit den Leistungen aus der obligatorischen Krankenversicherung</span><br/> <span class="ft1">verknüpft. Für diese Streitigkeiten ist somit auch das Versicherungs-</span><br/> <span class="ft1">gericht zuständig. Gemäss Art. 243 Abs. 2 lit. f CH ZPO werden</span><br/> <span class="ft1">diese Streitigkeiten ohne Rücksicht auf den Streitwert im verein-</span><br/> <span class="ft1">fachten Verfahren durchgeführt. Sie werden dennoch in die Zustän-</span><br/> <span class="ft1">digkeit des Kollegialgerichts verwiesen."</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Mit der Botschaft des Regierungsrates vom 17. Februar 2010</span><br/> <span class="ft1">zur 2. Beratung wurde § 4 EG ZPO wie folgt ergänzt:</span><br/> <span class="ft1">§ 4 lit. e EG ZPO</span><br/> <span class="ft1">Schlichtungsbehörden gemäss § 3 lit. a sind</span><br/> <span class="ft1">e) ein Mitglied des Versicherungsgerichts in Streitigkeiten ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss Art. 7 ZPO.</span><br/> <span class="ft1">Die Botschaft enthält hierzu auf Seite 7 folgende Ausführungen:</span><br/> <span class="ft1">"Der Entwurf für die 1. Lesung sah keine Schlichtungsbehörde für</span><br/> <span class="ft1">Streitigkeiten aus einer Zusatzversicherung zur sozialen Krankenver-</span><br/> <span class="ft1">sicherung vor. § 4 EG ZPO enthält eine Auflistung sämtlicher</span><br/> <span class="ft1">Schlichtungsbehörden im Zivilverfahren. In diese Liste ist auch die</span><br/> <span class="ft1">Schlichtungsbehörde für Streitigkeiten aus einer Zusatzversicherung</span><br/> <span class="ft1">zur sozialen Krankenversicherung gemäss Art. 7 CH ZPO aufzu-</span><br/> <span class="ft1">nehmen. Als Schlichtungsbehörde für diese Streitigkeiten sind die</span><br/> <span class="ft1">Präsidentin oder der Präsident, eine Richterin oder ein Richter oder</span><br/> <span class="ft1">eine Ersatzrichterin oder ein Ersatzrichter des Versicherungsgerichts</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">106</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zugelassen. Wie im arbeitsgerichtlichen Verfahren erscheint es hier</span><br/> <span class="ft1">angebracht, mit dem Rechtsgebiet vertraute Spezialistinnen und Spe-</span><br/> <span class="ft1">zialisten mit der Schlichtung zu betrauen. Die Mitwirkung beim</span><br/> <span class="ft1">Schlichtungsverfahren führt wie bei den arbeitsgerichtlichen Strei-</span><br/> <span class="ft1">tigkeiten nicht zu einem Ausstandsgrund (Art. 47 Abs. 2 lit. b CH</span><br/> <span class="ft1">ZPO)." In jener Phase des Gesetzgebungsprozesses ging man noch</span><br/> <span class="ft1">davon aus, dass dem Klageverfahren vor dem Versicherungsgericht</span><br/> <span class="ft1">ein Schlichtungsverfahren voranzugehen habe.</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">Erst nach Abschluss der gesetzgeberischen Arbeiten drängte</span><br/> <span class="ft1">sich in Bezug auf das anwendbare Verfahrensrecht und die Notwen-</span><br/> <span class="ft1">digkeit eines vorgelagerten Schlichtungsverfahrens eine Neubeur-</span><br/> <span class="ft1">teilung auf: Ein im Jusletter vom 20. Dezember 2010 erschienener</span><br/> <span class="ft1">Beitrag gelangte in Bezug auf die vorgenannte Thematik zum</span><br/> <span class="ft1">Schluss, dass die gestützt auf Art. 7 ZPO von den Kantonen für zu-</span><br/> <span class="ft1">ständig erklärten (Sozial-)Versicherungsgerichte nach dem Willen</span><br/> <span class="ft1">des Gesetzgebers und im Einklang mit Art. 7 in Verbindung mit</span><br/> <span class="ft1">Art. 4 ZPO weiter ihr Verfahren anwenden dürfen, welches schon bis</span><br/> <span class="ft1">anhin einfach und rasch sein musste (U</span><span class="ft3">ELI</span> <span class="ft1">S</span><span class="ft3">PITZ</span><span class="ft1">, Eidgenössische</span><br/> <span class="ft1">ZPO und Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung,</span><br/> <span class="ft1">in: Jusletter 20. Dezember 2010, Rz. 22). Im Wesentlichen gelangte</span><br/> <span class="ft1">der Autor gestützt auf die Entstehungsgeschichte von Art. 7 ZPO (der</span><br/> <span class="ft1">erst im Laufe der parlamentarischen Beratung ins Gesetz aufgenom-</span><br/> <span class="ft1">men worden war) zur Auffassung, dass die Kantone die bisher be-</span><br/> <span class="ft1">stehende Möglichkeit beibehalten können, nicht nur als einzige In-</span><br/> <span class="ft1">stanz eingesetzte Sozialversicherungsgerichte als zuständig, sondern</span><br/> <span class="ft1">zugleich auch deren Verfahrensregeln als anwendbar zu erklären.</span><br/> <span class="ft1">Dies ergebe sich einerseits aus der bundesrätlichen Botschaft, welche</span><br/> <span class="ft1">davon ausging, dass die Kantone, welche bisher die entsprechende</span><br/> <span class="ft1">Streitigkeiten einem (einzigen) Versicherungsgericht zuweisen hat-</span><br/> <span class="ft1">ten, weiterhin ihre Zuständigkeit und ihr Verfahren behalten dürften</span><br/> <span class="ft1">(U</span><span class="ft3">ELI</span> <span class="ft1">S</span><span class="ft3">PITZ</span><span class="ft1">, a.a.O., Rz 8 ff.). Anderseits sei auch die parlamentari-</span><br/> <span class="ft1">sche Diskussion in diese Richtung gegangen (U</span><span class="ft3">ELI</span> <span class="ft1">S</span><span class="ft3">PITZ</span><span class="ft1">, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 11 ff.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">107</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">Das Versicherungsgericht kann sich den überzeugenden Argu-</span><br/> <span class="ft1">menten des genannten Autors anschliessen. Demnach kann das ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt auf Art. 7 ZPO vom kantonalen Recht (vgl. § 14 EG ZPO) für</span><br/> <span class="ft1">zuständig erklärte Versicherungsgericht weiterhin sein eigenes Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahren anwenden. Das Verfahren richtet sich demnach wie bis anhin</span><br/> <span class="ft1">nach § 64 VRPG mit Verweis auf das Zivilprozessrecht. Wie im Kla-</span><br/> <span class="ft1">geverfahren nach BVG entscheidet das Versicherungsgericht dabei</span><br/> <span class="ft1">nicht als Zivilgericht, sondern als Träger der Verwaltungsgerichts-</span><br/> <span class="ft1">barkeit. Dies hat ebenfalls zur Folge, dass insbesondere kein Schlich-</span><br/> <span class="ft1">tungsverfahren durchzuführen ist, nachdem das VRPG ein solches</span><br/> <span class="ft1">nicht kennt. Durch Verweis auf die ZPO finden aber immerhin die</span><br/> <span class="ft1">Regeln über das vereinfachte Verfahren (Art. 243 ff. ZPO) sinnge-</span><br/> <span class="ft1">mäss Anwendung.</span><br/> <span class="ft1">An dieser Schlussfolgerung ändert nichts, dass der kantonale</span><br/> <span class="ft1">Gesetzgeber im Rahmen der Schaffung des EG ZPO Bestimmungen</span><br/> <span class="ft1">hinsichtlich eines vorgelagerten Schlichtungsverfahrens aufgenom-</span><br/> <span class="ft1">men hat (vgl. § 3 Abs. 1 lit. f und § 4 Abs. 1 lit. e): Aus dem oben un-</span><br/> <span class="ft1">ter E. 3.2. zitierten Botschaftstext ergibt sich nicht, dass der kanto-</span><br/> <span class="ft1">nale Gesetzgeber <b>neu</b> ein Schlichtungsverfahren einführen wollte.</span><br/> <span class="ft1">Vielmehr wurde schlicht (und unzutreffenderweise) angenommen,</span><br/> <span class="ft1">die Eidgenössische ZPO sehe einen derartigen Schlichtungsversuch</span><br/> <span class="ft1">auch vor Versicherungsgericht zwingend vor, weshalb die ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechenden Zuständigkeitsregelungen zu schaffen seien. Aus § 4</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. e EG ZPO kann umgekehrt nicht abgeleitet werden, dass</span><br/> <span class="ft1">gestützt auf kantonales Recht ein Schlichtungsverfahren durchge-</span><br/> <span class="ft1">führt werden muss, denn es handelt sich dabei nicht um eine Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rensbestimmung, sondern um eine Anordnung rein organisatorischer</span><br/> <span class="ft1">Natur (vgl. Art. 3 ZPO). Letzteres gilt im Übrigen auch für § 3 lit. f</span><br/> <span class="ft1">EG ZPO, worin das Versicherungsgericht als Zivilgericht bezeichnet</span><br/> <span class="ft1">wird. Auch diese Bestimmung ist rein organisatorischer Natur und</span><br/> <span class="ft1">Folge der ursprünglichen Annahme, dass Streitigkeiten aus einer</span><br/> <span class="ft1">Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicherung zwingend</span><br/> <span class="ft1">nach den Verfahrensbestimmungen der ZPO zu entscheiden seien.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">108</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass bei Streitigkeiten aus</span><br/> <span class="ft1">Krankentaggeldversicherungen nach VVG als Zusatzversicherungen</span><br/> <span class="ft1">zur obligatorischen Krankenpflegeversicherung gestützt auf § 64</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 VRPG i.V.m. Art. 61 lit. a ATSG sinngemäss das vereinfachte</span><br/> <span class="ft1">Verfahren gemäss den Art. 243 ff. ZPO zur Anwendung gelangt, je-</span><br/> <span class="ft1">doch ohne vorgängiges Schlichtungsverfahren, nachdem das VRPG</span><br/> <span class="ft1">ein solches nicht kennt.</span><br/></div> </div> </body> </html>