Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 2. Februar 2022 (810 21 182) ____________________________________________________________________ Soziale Sicherheit Opferhilfe / Kostengutsprache für längerfristige anwaltliche Hilfe Besetzung Vorsitzender Niklaus Ruckstuhl, Kantonsrichter Stef an Schulthess, Markus Clausen, Hans Furer , Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiber Martin Michel Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Natalie Matiaska , Advokatin gegen Opferhilfe -Kommission beider Basel , Beschwerdegegnerin Betreff Erweiterung Kostengutsprache (Verfügung der Opferhilfe-Kommission beider Basel vom 8. Juli 2021/20. Juli 2021) A. A.____ ging im Jahr 2002 eine Beziehung mit B.___ _ ein. Dieser war seit dem 30. Juli 2002 mit C.____ verheiratet und unterhielt neben der ehelichen Beziehung und der Beziehung Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht zu A.____ noch eine weitere sexuelle Beziehung. A.____ hatte keine Kenntnis von den weite- ren Beziehungen von B.____. B. Am 1. März 2011 erfuhr A.____, dass sie von B.____, der seit Februar 2008 Kenntnis seiner HIV-Infektion und diese gegenüber A.____ verschwie gen hatte, mit HIV angesteckt wur- de. B.____ wurde deswegen mit Urteil des Kantonsgerich ts Fribourg vom 15. September 2019 wegen schwerer Körperverletzung und versuchter schwerer Körperverletzung zu einer beding- ten Freiheitsstrafe von 18 Monaten bei einer Probezeit von 2 Jahren sowie einer Busse von Fr. 1'000.-- verurteilt. C. Die Opferhilfe beider Basel bewilligte A.____ in der Folge für ihre anwaltliche Vertre- tung durch Advokat Daniel Bäumlin im abgeschlossenen Stra fverfahren eine Kostengutsprache für 4 Stunden Soforthilfe und 35 Stunden längerfristige anwaltliche Hilfe. D. Mit Unfallmeldung vom 16. April 2021 forderte A. ____, vertreten durch Nathalie Matiaska, Advokatin in Liestal, wegen der HIV-Infektion von der D.____ (Unfallversicherung) Versicherungsleistungen als Folge eines Unfallereignisses. Für die Geltendmachung dieses An- spruchs bewilligte die Opferhilfe beider Basel A.____ eine weitere Kostengutsprache für 10 Stunden längerfristige anwaltliche Hilfe. E. Mit Verfügung vom 26. Mai 2021 lehnte die Unfallve rsicherung die Ausrichtung von Leistungen gestützt auf das Bundesgesetz über die Unfallver sicherung (UVG) vom 20. März 1981 ab, insbesondere weil das für die Erfüllung des Un fallbegriffs notwendige Erfordernis der Ungewöhnlichkeit nicht erfüllt sei. F. Am 15. Juni 2021 beantragte A.____, vertreten durch Advokatin Nathalie Matiaska, bei der Opferhilfe beider Basel eine Erweiterung der Ko stengutsprache um 20 Stunden längerfristi- ge anwaltliche Hilfe für das Rechtsmittelverfahren gegen die Verfügung der Unfallversicherung. G. Mit Verfügung vom 8. Juli 2021 (bzw. Rektifikat vom 20. Juli 2021) lehnte die Opferhil- fe-Kommission beider Basel (OHK) den Antrag um Erweite rung der Kostengutsprache um 20 Stunden längerfristige anwaltliche Hilfe für das Re chtsmittelverfahren gegen die Verfügung der Unfallversicherung mangels Aussicht auf Erfolg ab. H. Dagegen erhebt A.____, vertreten durch Advokatin Nathalie Matiaska, mit Eingabe vom 22. Juli 2021 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel- Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht). Sie beantragt, die OHK sei zu verpflichten, die Kosten- gutsprache um 20 Stunden längerfristige anwaltliche H ilfe für das Rechtsmittelverfahren gegen die Verfügung der Unfallversicherung zu erweitern. I. Die OHK schloss mit Vernehmlassung vom 14. September 20 21 unter Verweis auf die angefochtene Verfügung auf Abweisung der Beschwerde. J. Die Beschwerdeführerin hat am 15. Oktober 2021 eine Replik eingereicht. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Im Kanton Basel-Landschaft ist die OHK für das Ertei len von Kostengutsprachen und den Erlass von Verfügungen über längerfristige Hilfe (A rt. 13 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten [Opferhilfegesetz, OHG] vom 23. März 2007 i.V.m. Art. 14 OHG) zuständig (§ 3 Abs. 1 lit. b der kantonalen Veror dnung zum Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten [VOHG] vom 16. Februar 1993 u nd § 5 lit. b des Vertrags über die Op- ferberatungsstellen beider Basel vom 13. April 1999). Gegen Entscheide der OHK gemäss § 5 lit. b des Vertrags über die Opferberatungsstellen be ider Basel kann das Opfer innert 10 Tagen ab Zustellung schriftlich und begründet beim Kantonsgeri cht Beschwerde erheben, wenn das Opfer Wohnsitz im Kanton Basel-Landschaft hat (§ 8 Abs. 2 lit. a VOHG). Da die Beschwerde- führerin Wohnsitz im Kanton Basel-Landschaft hat, ist d ie Zuständigkeit des Kantonsgerichts gegeben. Die Beschwerdeführerin ist sodann von der angefochtenen Verfügung berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung (§ 47 A bs. 1 des Gesetzes über die Verfas- sungs- und Verwaltungsprozessordnung [VPO] vom 16. Dezem ber 1993). Auch die weiteren formellen Voraussetzungen sind erfüllt, weshalb auf die Beschwerde einzutreten ist. 2. Das Kantonsgericht überprüft den angefochtenen Ent scheid – in Abweichung zu § 45 Abs. 1 VPO – frei (Art. 29 Abs. 3 OHG). 3.1 Im Opferhilferecht stehen sich – im Unterschied zum Haftpflichtrecht – andere Parteien gegenüber, nicht schädigende und geschädigte Person, sonde rn der Staat und das Opfer. Staatliche Opferhilfe wird als Akt der Solidarität der Gemeinschaft zugunsten ihrer schuldlos von Unrecht betroffenen Mitglieder aufgefasst und stel lt keine Form der Staatshaftung dar (vgl. HEINZ AEMISEGGER /C HARLOTTE SCHODER , Opferhilfe in der Gerichtspraxis, insbesondere in der Rechtsprechung des Bundesgerichts, in: Schweizerisches Zent ralblatt für Staats- und Verwal- tungsrecht [ZBl] 109/2008 S. 566 f.). Entsprechend sieh t der dem OHG zugrundeliegende Art. 124 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidge nossenschaft (BV) vom 18. April 1999 vor, dass Opfer "angemessen entschädigt werden, wen n sie durch die Straftat in wirt- schaftliche Schwierigkeiten geraten" (E VA WEISHAUPT , Finanzielle Leistungen gemäss Opfer- hilfegesetz, in: Ehrenzeller/Guy-Ecabert/Kuhn [Hrsg.], Das revidierte Opferhilfegesetz, 2009, S. 57). Da die Opferhilfe weder die Funktion eines sta atlichen Versicherungsmodells noch eine umfassende Ersatzpflicht vorsieht, wurden gewisse Einschrä nkungen im OHG vorgesehen. So sind die finanziellen Verhältnisse des Opfers zu berücksicht igen und Leistungen gemäss OHG können nur subsidiär zu allen anderen möglichen Leistungst rägern erbracht werden. Das Ge- setz statuiert daher in Art. 4 OHG den Grundsatz der Su bsidiarität von Leistungen der Opfer- hilfe gegenüber anderen Leistungsträgerinnen, wie Sozial- und Privatversicherungen (Urteil des Bundesgerichts 1C_256/2009 vom 8. Februar 2010 E. 5 m it Hinweisen; W EISHAUPT , a.a.O., S. 50; BARBARA ZIMMERLI , Das Opferhilfegesetz – Umsetzung und Strukturen im Kant on Basel- Landschaft, in: Biaggini/Achermann/Mathis/Ott [Hrsg.], Staats- und Verwaltungsrecht des Kan- tons Basel-Landschaft II, 2005, S. 163). Wer Kostenbeit räge für die längerfristige Hilfe Dritter, eine Entschädigung oder Genugtuung beansprucht, muss gl aubhaft machen, dass weder der Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Täter noch eine andere verpflichtete Person oder Insti tution keine oder keine genügende Leis- tung erbringt, es sei denn, es sei ihm oder ihr angesi chts der besonderen Umstände nicht zumutbar, sich um Leistungen Dritter zu bemühen (Art. 4 Abs. 2 OHG). 3.2 Gemäss Art. 2 OHG umfasst die Opferhilfe Beratung u nd Soforthilfe (lit. a), länger- fristige Hilfe der Beratungsstellen (lit. b), Kostenbe iträge für längerfristige Hilfe Dritter (lit. c), Entschädigung (lit. d), Genugtuung (lit. e) und Befr eiung von Verfahrenskosten (lit. f). Während die Beratung, die Soforthilfe und die von den Beratu ngsstellen erbrachte längerfristige Hilfe für das Opfer und seine Angehörigen unentgeltlich sind (Ar t. 5 OHG), besteht ein Anspruch auf Kostenbeiträge für längerfristige Hilfe Dritter und a uf Entschädigung nur, wenn die anrechen- baren Einnahmen des Opfers oder seiner Angehörigen das Vierfache des massgebenden Betrags für den allgemeinen Lebensbedarf nach Art. 1 0 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Inv alidenversicherung (ELG) vom 6. Oktober 2006 nicht übersteigen (Art. 6 Abs. 1 OHG) . Anwaltskosten können ausschliesslich als Soforthilfe oder längerfristige Hilfe geltend gem acht werden (Art. 5 der Verordnung über die Hilfe an Opfer von Straftaten [Opferhilfeverordnung, OHV] vom 27. Februar 2008). 4.1 Die Vorinstanz verweigerte eine Erweiterung der Kostengutsprache um 20 Stunden längerfristige anwaltliche Hilfe für das Rechtsmittelve rfahren gegen die abweisende Verfügung der Unfallversicherung. Sie erwog im Wesentlichen, gem äss Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 gelte als Un- fall die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Ein wirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den Körper, die eine Beeinträchtigung de r körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge habe. Der Unfallbeg riff umfasse die fünf – kumulativ erfor- derlichen – Tatbestandselemente äussere Einwirkung, Plöt zlichkeit, fehlende Absicht, Unge- wöhnlichkeit und Gesundheitsschaden. Fehle eines dieser E lemente, sei das Ereignis nicht als Unfall, sondern als Krankheit zu qualifizieren. Damit das Kriterium der Ungewöhnlichkeit bei Infektionskrankheiten als erfüllt betrachtet werden könne , müsse gemäss herrschender Recht- sprechung erstellt sein, dass der Erreger in untypischer Weise in den Körper gelangt sei. Weil das HI-Virus im vorliegenden Fall auf typische Weise – d urch ungeschützten Geschlechtsver- kehr – ins Körperinnere des Opfers gelangt sei, sei das K riterium der Ungewöhnlichkeit nicht er- füllt. Damit sei davon auszugehen, dass eine Beschwerde ge gen die Verfügung der Unfallver- sicherung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Erfolg haben werde, weshalb die für das Rechtsmittelverfahren beantragte Kostengutsprache abgelehnt werde. 4.2 Die Beschwerdeführerin bringt dagegen vor, die Re chtsprechung zum Vorliegen eines Unfalls bei Infektionen sei eine einzelfallbezogene Rech tsprechung. Zur Frage, ob bzw. unter welchen Bedingungen eine HIV-Infektion bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr einen Unfall darstelle, gebe es keinen einschlägigen Entscheid. In ihrem Fall sei entscheidend, dass sie we- der um das risikobehaftete Sexualverhalten ihres langjähr igen Freundes gewusst habe, noch von ihm über die Infektion informiert worden sei. Di e Frage, ob eine HIV-Infektion typischerwei- se durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen werde, sei im vorliegenden Fall nicht alleine massgebend für die Beantwortung der Frage der Ungewöhnlichkeit. Das Verhalten des Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Ex-Partners sei als ungewöhnlich zu qualifizieren, wesha lb das Kriterium der Ungewöhnlichkeit zu bejahen sei. 4.3 Die Übernahme von Anwaltskosten durch die Opferhilf e setzt voraus, dass die anwalt- liche Vertretung notwendig, geeignet und angemessen ist . Massgebende Kriterien für die Beur- teilung der Notwendigkeit sind u.a. der Grad der Beei nträchtigung des Opfers, die Möglichkeit und Fähigkeit des Opfers, seine Rechte selbständig wah rzunehmen: dies namentlich mit Blick auf Alter, soziale Lage, Sprach- und Rechtskenntnisse, sowie gesundheitliche und psychische Verfassung sowie die rechtlichen und tatsächlichen Schwi erigkeiten des Falls (vgl. Fachtechni- sche Empfehlung der Schweizerischen Verbindungsstellen-Ko nferenz Opferhilfegesetz zur Vereinheitlichung und Konkretisierung der Praxis bezügli ch Übernahme von Kosten für juristi- sche Hilfe Dritter [Fachtechnische Empfehlung] vom 22. Okt ober 2019 S. 3). Die zuständige kantonale Stelle prüft die Frage der Notwendigkeit se lbständig. Die Übernahme von Anwalts- kosten durch die Opferhilfe ist nicht zwingend an die gle ich strengen Anspruchsvoraussetzun- gen geknüpft wie bei der unentgeltlichen Rechtspflege (vgl. BGE 131 II 121 E. 2.3 = Die Praxis [Pra] 2005 Nr. 145). Im IV- und Unfallversicherungsverfahren ist die Notwendigkeit einer anwalt- lichen Vertretung im nichtstreitigen Verwaltungsverfah ren bis zum Erlass des Vorbescheids bzw. der Verfügung nur bei komplexen rechtlichen Fragen oder bei einem komplexen Sachver- halt zu bejahen, weil der Sachverhalt von Amtes wegen a bgeklärt wird. Kein Anspruch auf Übernahme von Anwaltskosten besteht sodann bei offensichtlich nutzlosen oder aussichtslosen Bemühungen. Als aussichtslos sind Bemühungen anzusehen, be i denen die Aussichten auf ein Obsiegen beträchtlich geringer erscheinen als jene auf ein Unterliegen, so dass sei kaum mehr als ernsthaft bezeichnet werden können (vgl. Fachtechnische Empfehlung S. 4). 5.1 Zu klären bleibt, ob die Vorinstanz die Bemühungen im angestrebten Rechtsmittelver- fahren gegen die Verfügung der Unfallversicherung als aussichtslos bezeichnen durfte. 5.2 Art. 4 ATSG umschreibt den Unfall als die plötzlich e, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf de n menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psyc hischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (vgl. zu den Merkmalen des Unfallbegriffs auch BGE 134 V 72 E. 2.2 und BGE 122 V 230 E. 1 = Pra 86/1997 Nr. 82). Das Unfallerei gnis zeichnet sich durch vier Merkmale (Plötzlichkeit, Unfreiwilligkeit, Ungewöhnlichkeit und äusserer Faktor) aus. Zudem wird verlangt, dass das Unfallereignis eine bestimmte Folge (Beeinträchtigung der Gesundheit oder Tod) nach sich zieht (U ELI KIESER , Kommentar ATSG, 4. Auflage, 2020, Art. 4 ATSG N 1 4 f.). Die Be- griffsmerkmale des Unfalls dienen der (negativen) Umschre ibung des Krankheitsbegriffs und damit der Abgrenzung der sozialen Unfall- von der Krank enversicherung (vgl. BGE 134 V 72 E. 5.1). Die Krankheit wird in Art. 3 ATSG definiert als Beeinträchtigung der körperlichen, geis- tigen oder psychischen Gesundheit, die nicht Folge eines Unfalls ist und die eine medizinische Untersuchung oder Behandlung erfordert oder eine Arb eitsunfähigkeit zur Folge hat (I RENE HOFER , in: Frésard-Fellay/Klett/Leuzinger [Hrsg.], Basler Ko mmentar ATSG, 2020, Art. 4 ATSG N 2 f.). Die in der Praxis nicht immer einfache Zuordnung eines Sachverhalts zu den Merkmalen des gesetzlichen Unfall- bzw. Krankheitsbegriffs kann in l eistungsrechtlicher Hinsicht von entscheidender Bedeutung sein, da der Versicherungsschu tz nach UVG umfassender und Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht daher für die Versicherten in der Regel vorteilhafter ist als derjenige nach dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) vom 18. März 1994 (HOFER , a.a.O., Art. 4 ATSG N 2 f.). 5.3 Das Kriterium der Ungewöhnlichkeit dient dazu, ein e Abgrenzung des Unfalls von Ereignissen zu ermöglichen, die im Rahmen des Alltäglich en eintreten (U ELI KIESER /H ARDY LANDOLT , Unfall – Haftung – Versicherung, 2012, N 15). Auszusc heiden sind mithin die "tau- sendfältigen kleinen und kleinsten Insulte des tägliche n Lebens, die als solche gänzlich unkon- trollierbar sind und deshalb nur beim Hinzutreten von etwas Besonderem Berücksichtigung fin- den" (KIESER , a.a.O., Art. 4 ATSG N 39). Der äussere Faktor ist un gewöhnlich, wenn er den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen od er Üblichen überschreitet. Ob dies zu- trifft, beurteilt sich im Einzelfall, wobei grundsätzlich nur die objektiven Umstände in Betracht fal- len (BGE 134 V 72 E. 4.1 mit Hinweisen). Nach der Re chtsprechung bezieht sich das Merkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selbst. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich gezogen ha t. Ausschlaggebend ist, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umwelteinwirkungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkungen allein begründen keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 80 E. 4.3.1; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_842/2018 vom 6. Mai 2019 E. 3.3.1). 5.4 Infektionen entstehen, wenn Krankheitserreger in de n Körper eindringen, sich hier ansiedeln und vermehren (A LFRED MAURER , Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2. Auf- lage, 1985, S. 189). Infektionskrankheiten werden du rch äussere Faktoren (Bakterien, Viren etc.) ausgelöst. Die blosse Ansteckung mit einer solchen Krankheit ist jedoch nichts Ungewöhn- liches. Gesundheitsschädigungen, die auf eine Infektion zurückzuführen sind, stellen grundsätz- lich Krankheiten dar und gehören daher in den Bereich der Krankenversicherung (vgl. MAURER , a.a.O., S. 189; BGE 122 V 230 E. 3 = Pra 86/1997 Nr . 82). Somit besteht grundsätzlich keine Leistungspflicht der Unfallversicherung für Infektionskrank heiten. Eine Ausnahme ist lediglich dort zu machen, wo die Krankheit bei einem Unfallerei gnis übertragen wird (ANDRÉ NABOLD , in: Hürzeler/Kieser [Hrsg.], Kommentar zum schweizerischen Sozi alversicherungsrecht, UVG, 2018, Art. 6 UVG N 23). Damit der Faktor der Ungewöh nlichkeit bei Infektionen als erfüllt betrachtet werden kann, muss erstellt sein, dass der Erreg er der Infektion in untypischer Weise in den Körper gelangt. Bei Infektionen wird üblicherw eise die Einwirkung eines ungewöhnlichen Faktors abgelehnt, ausser es handelt sich um eine Wundinf ektion (KIESER , a.a.O., Art. 4 ATSG N 62, mit Hinweisen). Selbst der Nachweis eines durch K ratzen entstandenen Hautdefekts genügt für die Annahme einer Wundinfektion nicht, d a derartigen alltäglichen Vorkommnissen das Merkmal des Unfallmässigen nicht zukommt (A LEXANDRA RUMO -JUNGO /A NDRÉ PIERRE HOLZER , Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsre cht, UVG, 4. Auflage, 2012, S. 35 f.; Urteil des Sozialversicherungsgerichts d es Kantons Zürich UV.2016.00222 vom 31. Mai 2017 E. 1.4.2). Es gilt also grundsätzlich, das s der Erreger der Infektion in untypischer Weise in den Körper gelangen muss, damit der Faktor d er Ungewöhnlichkeit als erfüllt betrach- tet werden kann. Dies wird angenommen bei Stichen od er Bissen von Tieren (etwa Bienen, Wespen, Hornissen oder Zecken), soweit es sich dabei nicht um einen alltäglichen Vorgang handelt; letzteres ist etwa bei Mückenstichen anzunehmen (K IESER /L ANDOLT , a.a.O., N 79). Wenn die natürlichen Körperöffnungen dem krankmachende n Keim als Eintrittspforte dienen, Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht liegt der Regelfall der Infektionskrankheit vor. Die Erreger können hierbei von anderen Men- schen, aber auch von Tieren, aus der Luft, von Gebrau chsgegenständen und von Nahrungs- und Genussmitteln übertragen werden. Ein Unfall als Ur sache solcher Infektionen wird grund- sätzlich verneint, wenn die Erreger auf die "normale", für die betreffende Krankheit typische, Art ins Körperinnere gelangen. Es wird somit auf die Art d er Übertragung abgestellt. Ein Unfall wird ausnahmsweise bejaht, wenn die Krankheit unter ausserge wöhnlichen Umständen, d.h. aty- pisch, übertragen wird (MAURER , a.a.O., S. 190 ff.). Das Merkmal der Ungewöhnlichkeit wird nur dadurch erfüllt, dass bei Infektionen die Keime auf ung ewöhnliche Art ins Körperinnere gelan- gen. Daher reicht es für die Erfüllung des Unfallbegr iffs nicht aus, wenn Keime lediglich durch kleine Hautaufschürfungen oder Kratzer, wie sie täglich vorkommen, in den Körper eindringen, sondern es sind "eigentliche Verletzungen" erforderlich (MAURER , a.a.O., S. 192; BGE 122 V 230 E. 3a = Pra 86/1997 Nr. 82). Die Ungewöhn lichkeit bezieht sich auf den äusseren Faktor und nicht auf dessen Wirkung auf den menschlichen Körper. Kein Unfall liegt somit vor, wenn ein (nicht ungewöhnlicher) äusserer Faktor lediglich schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zieht. Der äussere Faktor gilt als ungewöhnlic h, wenn er den Rahmen des im jeweili- gen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschrei tet. Der häufigste Infektionsweg mit dem HI-Virus ist ungeschützter Geschlechtsverkehr, weshalb b ei einer HIV-Infektion durch ein- vernehmlichen ungeschützten Geschlechtsverkehr das Kriterium d er Ungewöhnlichkeit regel- mässig zu verneinen sein wird (vgl. KIESER /L ANDOLT , a.a.O., N 24 und FN 32). 5.5 Auch wenn die Rechtsprechung zum Vorliegen eines Unfalls einzelfallbezogen sein mag und es zur Frage, ob bzw. unter welchen Bedingunge n eine HIV-Infektion bei ungeschütz- tem Geschlechtsverkehr einen Unfall im Rechtssinne darste llt, noch keinen einschlägigen Ge- richtsentscheid geben mag, kann der Beschwerdeführerin ni cht gefolgt werden, dass das Krite- rium der Ungewöhnlichkeit vorliegend zu bejahen sei. Irrelevant ist diesbezüglich insbesondere, dass der Ex-Partner der Beschwerdeführerin wegen schwere r Körperverletzung verurteilt wurde. Damit der Faktor der Ungewöhnlichkeit als erfül lt betrachtet werden könnte, hätte der HIV-Erreger der Infektion in untypischer Weise in den Körper gelangen müssen, was vorliegend gerade nicht der Fall ist. Vielmehr liegt der Regelfa ll des Übertragungswegs des HI-Virus – un- geschützter Geschlechtsverkehr – vor und ungewöhnliche Umstä nde, d.h. eigentliche Verlet- zungen, die das Merkmal der Ungewöhnlichkeit bei der Übe rtragung von Keimen erfüllen wür- den, werden von der Beschwerdeführerin weder geltend gemacht noch sind solche ersichtlich. Demgemäss ist die Vorinstanz zu Recht zum Schluss gelangt, dass im Fall der Beschwerdefüh- rerin der Erreger der HIV-Infektion in typischer Weise in den Körper der Beschwerdeführerin ge- langt ist und dass das Verschweigen der HIV-Infektion die Übertragung der Infektion nicht unge- wöhnlich im Sinne von Art. 4 ATSG macht. In Übereinst immung mit der Vorinstanz und der zuvor erwähnten herrschenden Lehre und Rechtsprechung (E. 5.4) ist somit vorliegend das Kri- terium der Ungewöhnlichkeit nicht erfüllt. 6. Ergänzend ist festzuhalten, dass auch das Kriterium de r Plötzlichkeit nicht erfüllt ist. Mit dem in Art. 4 ATSG enthaltenen Kriterium der Plötzli chkeit wird ein zeitlicher Rahmen gesteckt. Verlangt ist eine Einwirkung während eines kurzen, abg renzbaren Zeitraums. Dabei handelt es sich in aller Regel um die Zeitspanne eines Sekundenbr uchteils. Allerdings hat die Rechtspre- chung bisher keine zeitliche Maximaldauer festgelegt un d Einwirkungen während längerer Zeit Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht immer noch als "plötzlich" betrachtet; dabei handelte es sich um Zeiträume von mehreren Minu- ten, Stunden oder eines ganzen Tags. Jedenfalls muss e s sich um eine relativ kurze Zeit han- deln (vgl. K IESER , a.a.O., Art. 4 ATSG N 17 mit Hinweisen). Dauert di e Einwirkung länger als einige Sekunden, so wird verlangt, dass es sich um einen einzelnen äusseren Faktor handelt, der Gesundheitsschaden also nicht bloss durch die repetit iven Einwirkungen immer gleicher äusserer Faktoren entsteht (N ABOLD , a.a.O., Art. 6 UVG N 16; Urteil des Bundesgerichts 8C_842/2018 vom 6. Mai 2019 E. 3.3.3; BGE 140 V 220 E. 5.1 mit Hinweisen). Aufgrund des Umstands, dass die Beschwerdeführerin unbestrittenermassen über einen langen Zeitraum hin- weg ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihrem damaligen Partner hatte, kann nicht von einer einmaligen schädigenden und damit plötzlichen Ein wirkung im Sinne des Unfallbegriffs gesprochen werden. 7. Angesichts der schlüssigen Erwägungen der Vorinstanz und der erwähnten herrschen- den Lehre und Rechtsprechung zum Kriterium der Ungewöhn lichkeit (siehe vorne E. 5.4) ist nicht ersichtlich, inwiefern sich die Verfügung der Unf allversicherung mit tauglichen Rügen er- folgversprechend anfechten liesse. Daher ist nicht zu be anstanden, dass die Vorinstanz das von der Beschwerdeführerin angestrebte Rechtsmittelverfa hren gegen die Verfügung der Un- fallversicherung als aussichtslos bezeichnet und dementsprechend die beantragte längerfristige anwaltliche Hilfe verweigert hat. Demzufolge erweist si ch die Beschwerde als unbegründet und ist abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens erübrigt es sich zu p rüfen, ob die Erweiterung der Kostengutsprache für längerfristige anwaltliche Hilfe auch noch aus einem anderen Grund – zu- folge Subsidiariät der Opferhilfeleistungen – zu verw eigern gewesen wäre. Leistungen der Op- ferhilfe sind – wie erwähnt (siehe vorne E. 3.1) – subsi diär und haben den Sinn einer Ausfall- garantie. Sie werden nur dann endgültig gewährt, wenn weder die Täterschaft noch eine andere verpflichtete Person oder Institution für die Kosten a ufkommt (Art. 4 OHG). Es hätte daher vor- her abgeklärt werden müssen, ob die Anwaltskosten ande rweitig (z.B. durch eine Rechtschutz- oder Haftpflichtversicherung) gedeckt sind (Fachtechnische Empfehlung S. 4). Auch im Verhält- nis zum Institut der unentgeltlichen Rechtspflege ist der Anspruch auf Übernahme von Anwalts- kosten subsidiär. Vorliegend ist aus den Vorakten nicht e rsichtlich, dass die Vorinstanz – unter Mitwirkung der Beschwerdeführerin – geprüft hätte, ob z.B. eine Rechtsschutzversicherung für die Anwaltskosten aufkommt oder ob eine Übernahme der Kosten im Rahmen der unentgeltli- chen Rechtspflege in Frage kommt. Wie es sich damit verh ält, kann indes letztlich offenbleiben, da die Beschwerde – wie zuvor dargelegt – ohnehin abzu weisen ist. 9. Für die Verfahren betreffend die Gewährung von Be ratung, Soforthilfe, längerfristiger Hilfe, Entschädigung sowie Genugtuung erheben die Ver waltungs- sowie Gerichtsbehörden vom Opfer und seinen Angehörigen keine Kosten (Art. 30 Abs. 1 OHG). Demgemäss werden auch im Rechtsmittelverfahren keine Verfahrenskosten erhoben (vgl. ebenso Urteil des Bundes- gerichts 1C_256/2009 vom 8. Februar 2010 E. 6). Die P arteikosten sind wettzuschlagen (§ 21 Abs. 1 VPO). Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Kantonsrichter Gerichtsschreiber