<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 1 S.29</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">29</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Zivilprozessrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>A. Zivilprozessordnung</b></span><br/> <br/> <span class="ft3"><b>3</b></span> <span class="ft3"><b>§ 2 lit. c ZPO: Befangenheit des Richters wegen Vorbefassung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Ein laufendes Präliminarverfahren, in welchem unter anderem über die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Abänderung von Unterhaltsbeiträgen zu entscheiden ist, erscheint nicht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mehr als hinreichend offen, wenn sich der Richter in einem anderen Ver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>fahren derselben Parteien im Rahmen der Beurteilung eines zu leistenden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Prozesskostenvorschusses bereits dahingehend geäussert hat, dass die Un-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>terhaltsbeiträge im laufenden Präliminarverfahren massiv gekürzt wür-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>den.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid der Inspektionskommission vom 15. Dezember 2008 i.S. A.S ge-</span><br/> <span class="ft4">gen Gerichtspräsidium A. (IVV.2008.5)</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">Die Gesuchstellerin bzw. ihr Vertreter gründet den Verdacht der</span><br/> <span class="ft6">Befangenheit des Gesuchsgegners auf dessen Äusserungen im Urteil</span><br/> <span class="ft6">vom 21. November 2007. Damit habe der Gesuchsgegner zum Aus-</span><br/> <span class="ft6">druck gebracht, dass er über die Frage der Unterhaltsbeiträge im lau-</span><br/> <span class="ft6">fenden Verfahren bereits eine vorgefasste Meinung habe. Die Ge-</span><br/> <span class="ft6">suchstellerin macht den Ausstandsgrund der Vorbefassung geltend.</span><br/> <span class="ft6">3.1.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss § 2 lit. c ZPO hat ein Richter von Amtes wegen auch in</span><br/> <span class="ft6">den Ausstand zu treten, wenn er in einem früheren Zeitpunkt in rich-</span><br/> <span class="ft6">terlicher oder nichtrichterlicher Funktion mit der konkreten Streitsa-</span><br/> <span class="ft6">che schon einmal zu tun hatte (A</span><span class="ft4">LFRED</span> <span class="ft6">B</span><span class="ft4">ÜHLER</span> <span class="ft6">/</span> <span class="ft6">A</span><span class="ft4">NDREAS</span> <span class="ft6">E</span><span class="ft4">DEL</span><span class="ft6">-</span><br/> <span class="ft4">MANN</span> <span class="ft6">/</span> <span class="ft6">A</span><span class="ft4">LBERT</span> <span class="ft6">K</span><span class="ft4">ILLER</span><span class="ft6">, Kommentar zur aargauischen Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft6">ordnung, 2. Aufl., Aarau 1998, N 11 zu § 2 [zit. ZPO-Kommentar]).</span><br/> <span class="ft6">In einem solchen Fall sogenannter Vorbefassung stellt sich die Frage,</span><br/> <span class="ft6">ob sich ein Richter durch seine Mitwirkung an früheren Entscheidun-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">30</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">gen in einzelnen Punkten bereits in einem Mass festgelegt hat, die</span><br/> <span class="ft6">ihn nicht mehr als unvoreingenommen erscheinen lassen. Anhand der</span><br/> <span class="ft6">konkreten Umstände des Einzelfalls muss untersucht werden, ob die</span><br/> <span class="ft6">zu entscheidende Rechtsfrage trotz Vorbefassung noch als offen er-</span><br/> <span class="ft6">scheint. Zu berücksichtigen ist, unter welchen tatsächlichen und ver-</span><br/> <span class="ft6">fahrensrechtlichen Umständen sich der Richter im früheren Zeit-</span><br/> <span class="ft6">punkt mit der Sache befasste bzw. sich später damit zu befassen hat.</span><br/> <span class="ft6">Von Bedeutung ist überdies, welche Fragen zu entscheiden sind und</span><br/> <span class="ft6">inwiefern sie miteinander zusammenhängen (BGE 126 I 68 Erw. 3c;</span><br/> <span class="ft6">114 Ia 50 Erw. 3d; AGVE 1997 S. 98, Nr. 32).</span><br/> <span class="ft6">3.2.</span><br/> <span class="ft6">[...]</span><br/> <span class="ft6">3.2.1 - 3.2.3.</span><br/> <span class="ft6">[...]</span><br/> <span class="ft6">3.3.</span><br/> <span class="ft6">Die obigen Ausführungen zeigen auf, dass es sich bei den bei-</span><br/> <span class="ft6">den Verfahren nicht um die gleiche Sache handelt. Im früheren</span><br/> <span class="ft6">Verfahren ging es insbesondere um die Frage der Zustimmung des</span><br/> <span class="ft6">Beklagten zur Sanierung der Heizung in der Liegenschaft der Ge-</span><br/> <span class="ft6">suchstellerin. Im noch zu entscheidenden laufenden Präliminarver-</span><br/> <span class="ft6">fahren sind unter anderem die Unterhaltsansprüche Gegenstand des</span><br/> <span class="ft6">Verfahrens. Dieser Sachverhalt und die damit verbundenen konkreten</span><br/> <span class="ft6">Rechtsfragen haben mit den Sach- und Rechtsfragen des mittlerwei-</span><br/> <span class="ft6">len rechtskräftig abgeschlossenen früheren Verfahrens nichts gemein-</span><br/> <span class="ft6">sam, weshalb grundsätzlich keine Vorbefassung vorliegt.</span><br/> <span class="ft6">3.4.</span><br/> <span class="ft6">3.4.1.</span><br/> <span class="ft6">Eine andere Frage ist, ob sich der Gesuchsgegner aufgrund der</span><br/> <span class="ft6">Ausführungen im Entscheid vom 21. November 2007, "Zudem ist</span><br/> <span class="ft6">davon auszugehen, dass die Unterhaltsbeiträge der Klägerin im lau-</span><br/> <span class="ft6">fenden Präliminarverfahren rückwirkend per September 2006 massiv</span><br/> <span class="ft6">gekürzt werden. Ab Rechtskraft dieses Urteils wird somit die Kläge-</span><br/> <span class="ft6">rin für mehrere Monate keinen Unterhalt mehr vom Beklagten erhal-</span><br/> <span class="ft6">ten" (...), nicht mehr lösen und die Sache im laufenden Verfahren</span><br/> <span class="ft6">deshalb nicht mehr mit der nötigen Distanz und Objektivität beurtei-</span><br/> <span class="ft6">len kann.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">31</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <br/> <span class="ft6">3.4.2.</span><br/> <span class="ft6">Die beanstandeten Äusserungen erfolgten im Rahmen der Beur-</span><br/> <span class="ft6">teilung, ob die Gesuchstellerin auf einen Prozesskostenvorschuss des</span><br/> <span class="ft6">Beklagten angewiesen sei. Für die Beurteilung, ob die Voraussetzun-</span><br/> <span class="ft6">gen für die Leistung eines Prozesskostenvorschusses gegeben sind,</span><br/> <span class="ft6">stellte der Gesuchsgegner auf diverse Grundlagen aus anderen Ver-</span><br/> <span class="ft6">fahren (Präliminarakten [...]; Eheschutzurteil vom 6. August 2001</span><br/> <span class="ft6">[...]; Scheidungsverfahren [...]) ab.</span><br/> <span class="ft6">[...] Der daraufhin folgende Schriftenwechsel endete schliess-</span><br/> <span class="ft6">lich mit der Verfügung vom 11. März 2008, in welcher der Gesuch-</span><br/> <span class="ft6">stellerin (Vertreter) die Frist zur Erstattung der Widerklageduplik bis</span><br/> <span class="ft6">zum 20. März 2008 erstreckt wurde [...]. Die Widerklageduplik der</span><br/> <span class="ft6">Gesuchstellerin war noch ausstehend.</span><br/> <span class="ft6">Der Gesuchsgegner äusserte sich somit in seinem Entscheid</span><br/> <span class="ft6">vom 21. November 2007 in einem Zeitpunkt, in dem im laufenden</span><br/> <span class="ft6">Verfahren bereits wesentliche Teile der Rechtsschriften erstattet wor-</span><br/> <span class="ft6">den waren. Dass sich der Gesuchsgegner im früheren Verfahren auf</span><br/> <span class="ft6">ein anderes noch nicht abgeschlossenes Verfahren bezogen und die</span><br/> <span class="ft6">Kürzung der Unterhaltsbeiträge, welche ein zentrales Thema im lau-</span><br/> <span class="ft6">fenden Verfahren darstellen, als Begründung herangezogen hat, deu-</span><br/> <span class="ft6">tet darauf hin, dass er sich in Bezug auf die Frage der Unterhaltsbei-</span><br/> <span class="ft6">träge bereits festgelegt hat. Auch insbesondere die Wortwahl, "Ab</span><br/> <span class="ft6">Rechtskraft dieses Urteils wird somit die Klägerin für mehrere</span><br/> <span class="ft6">Monate keinen Unterhalt mehr vom Beklagten erhalten", lässt keinen</span><br/> <span class="ft6">anderen Schluss zu als dass sich der Gesuchsgegner bereits in einem</span><br/> <span class="ft6">Mass festgelegt hat, so dass die Frage betreffend Unterhaltsbeiträge</span><br/> <span class="ft6">im laufenden Verfahren nicht mehr als offen erscheint.</span><br/> <span class="ft6">4.</span><br/> <span class="ft6">[...]</span><br/> <span class="ft6">Das laufende Verfahren erscheint demnach nicht mehr als</span><br/> <span class="ft6">hinreichend offen. Die Befürchtung der Gesuchstellerin, der Prälimi-</span><br/> <span class="ft6">narentscheid im laufenden Verfahren könne vom Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft6">nicht mehr unvoreingenommen geführt werden, erweist sich bei</span><br/> <span class="ft6">objektiver Betrachtung als begründet. Das Ablehnungsbegehren der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">32</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Gesuchstellerin ist demnach gutzuheissen und der Gesuchsgegner hat</span><br/> <span class="ft6">in den Ausstand zu treten.</span><br/></div> </div> </body> </html>