<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 41 S.177</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">177</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Fürsorgerische Freiheitsentziehung</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>41</b></span> <span class="ft3"><b>Einweisung zur Untersuchung; Verhältnismässigkeit einer Isolation.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Bei einer Einweisung zur Untersuchung ist die Zwangsmassnahme</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Isolation nur bei akuter Selbst- und/oder Fremdgefährdung zu-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>lässig (Erw. 3.1).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Die Isolation zwecks pädagogischer Massnahme ist unverhältnismäs-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sig (Erw. 3.4; Bestätigung der Rechtsprechung, vgl. AGVE 2003,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>S. 141).</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 23. Oktober 2007 in</span><br/> <span class="ft6">Sachen J.L. gegen die Psychiatrische Klinik Königsfelden (WBE.2007.320).</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">3.</span><br/> <span class="ft8">3.1.</span><br/> <span class="ft8">Bei der Isolation handelt es sich um eine "andere Vorkehrung"</span><br/> <span class="ft8">i.S. von § 67e</span><span class="ft9"><sup>bis</sup></span> <span class="ft8">Abs. 1 EG ZGB. Sie bedeutet, allein in einem (oft</span><br/> <span class="ft8">ausser einem Bett unmöblierten) Raum eingeschlossen zu sein. In der</span><br/> <span class="ft8">Regel soll damit einer drohenden Selbst- oder Fremdgefährdung</span><br/> <span class="ft8">begegnet werden, d.h., sie geschieht zum Selbstschutz der betroffe-</span><br/> <span class="ft8">nen Person, aber auch zum Schutz von Personal, Patienten und Ge-</span><br/> <span class="ft8">genständen. Allenfalls kann die mit der Isolation verbundene Reizab-</span><br/> <span class="ft8">schirmung zusätzlich zu einer Beruhigung des Patienten führen, an-</span><br/> <span class="ft8">dererseits kann die zusätzliche Freiheitsbeschränkung unter Umstän-</span><br/> <span class="ft8">den auch eine Erhöhung der Aggression zur Folge haben (vgl. AGVE</span><br/> <span class="ft8">2000, S. 181 f.).</span><br/> <span class="ft8">Mit der Anordnung dieser Massnahme wird grundsätzlich in</span><br/> <span class="ft8">einschneidender Weise in die Freiheitsrechte einer betroffenen Per-</span><br/> <span class="ft8">son eingegriffen. Das verfassungsmässige Recht der persönlichen</span><br/> <span class="ft8">Freiheit, das in der am 1. Januar 2000 in Kraft getretenen Bundesver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">178</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">fassung vom 18. April 1999 ausdrücklich in Art. 10 und - hinsichtlich</span><br/> <span class="ft8">des Schutzes der Menschenwürde - auch in Art. 7 gewährleistet ist,</span><br/> <span class="ft8">beinhaltet insbesondere das Recht auf körperliche und geistige Un-</span><br/> <span class="ft8">versehrtheit, auf Bewegungsfreiheit und Wahrung der Würde des</span><br/> <span class="ft8">Menschen sowie alle Freiheiten, die elementare Erscheinungen der</span><br/> <span class="ft8">Persönlichkeitsentfaltung darstellen (BGE 126 I 114 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft8">Das Recht auf persönliche Freiheit gilt indessen, wie die übrigen</span><br/> <span class="ft8">Freiheitsrechte, nicht absolut. Einschränkungen sind zulässig, wenn</span><br/> <span class="ft8">sie auf einer gesetzlichen Grundlage beruhen, im öffentlichen Inter-</span><br/> <span class="ft8">esse liegen und verhältnismässig sind; zudem dürfen sie den Kernge-</span><br/> <span class="ft8">halt des Grundrechts nicht beeinträchtigen, das heisst, dieses darf</span><br/> <span class="ft8">weder völlig unterdrückt noch seines Gehalts als Institution der</span><br/> <span class="ft8">Rechtsordnung entleert werden (BGE 126 I 115). Eine Zwangsmass-</span><br/> <span class="ft8">nahme ist namentlich dann unverhältnismässig, wenn eine ebenso</span><br/> <span class="ft8">geeignete mildere Anordnung für den angestrebten Erfolg ausreicht.</span><br/> <span class="ft8">Der Eingriff darf in sachlicher, räumlicher, zeitlicher und personeller</span><br/> <span class="ft8">Hinsicht nicht einschränkender sein als notwendig (BGE 126 I 119 f.</span><br/> <span class="ft8">mit Hinweisen). Besondere Zurückhaltung ist geboten bei Einwei-</span><br/> <span class="ft8">sungen zur Untersuchung. In diesen Fällen kann eine Isolation nur</span><br/> <span class="ft8">verhältnismässig sein, wenn eine eigentliche Notfallsituation, d.h.</span><br/> <span class="ft8">eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung, vorliegt oder mit grosser</span><br/> <span class="ft8">Wahrscheinlichkeit kurz bevorsteht.</span><br/> <span class="ft8">3.2.</span><br/> <span class="ft8">(...)</span><br/> <span class="ft8">3.3.</span><br/> <span class="ft8">(...)</span><br/> <span class="ft8">3.4.</span><br/> <span class="ft8">3.4.1.</span><br/> <span class="ft8">In den Unterlagen der Klinik Königsfelden wird der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer ab dem 9. Oktober 2007 durchwegs als "ruhig"</span><br/> <span class="ft8">und "anständig" beschrieben (vgl. entsprechende Einträge ab dem</span><br/> <span class="ft8">9. Oktober 2007 auf dem Überwachungsblatt und in der Krankenge-</span><br/> <span class="ft8">schichte). Auch der behandelnde Oberarzt bestätigte anlässlich der</span><br/> <span class="ft8">Verhandlung, ab dem 9. Oktober 2007 hätten keine Indizien mehr be-</span><br/> <span class="ft8">standen, welche auf eine Bedrohlichkeit des Beschwerdeführers hin-</span><br/> <span class="ft8">gedeutet hätten. Die Unberechenbarkeit des Beschwerdeführers sei</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">179</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">über die Tage abflauend gewesen. Dass der Schlüssel nach dem</span><br/> <span class="ft8">9. Oktober 2007 noch gedreht war, wäre "nicht nötig" gewesen.</span><br/> <span class="ft8">3.4.2.</span><br/> <span class="ft8">Offensichtlich lagen somit ab dem 9. Oktober 2007 keinerlei</span><br/> <span class="ft8">Anhaltspunkte mehr dafür vor, dass der Beschwerdeführer unbere-</span><br/> <span class="ft8">chenbar, aggressiv oder gar fremdgefährlich gewesen wäre; es muss-</span><br/> <span class="ft8">te ab diesem Zeitpunkt folglich nicht mehr mit einer Gewalteskala-</span><br/> <span class="ft8">tion gerechnet werden.</span><br/> <span class="ft8">Im vorliegenden Fall wurde mit der Isolation nebst dem Schutze</span><br/> <span class="ft8">des Pflegepersonals auch ein verhaltenstherapeutisches Ziel verfolgt,</span><br/> <span class="ft8">um beim Beschwerdeführer Verhaltensänderungen (Kooperationsbe-</span><br/> <span class="ft8">reitschaft) zu bewirken und damit bessere Voraussetzungen für die</span><br/> <span class="ft8">erfolgreiche Durchführung des Abklärungsauftrages zu schaffen.</span><br/> <span class="ft8">Offensichtlich war der Beschwerdeführer nicht dazu bereit gewesen,</span><br/> <span class="ft8">auf Verhandlungen und Kompromisse einzugehen, und sich in den</span><br/> <span class="ft8">Tagesablauf der Abteilung zu integrieren. Zweifellos ist ein solches</span><br/> <span class="ft8">Verhalten des Beschwerdeführers aus Sicht des Klinikpersonals als</span><br/> <span class="ft8">eher mühsam und zeitaufwendig einzustufen. In psychiatrischen Kli-</span><br/> <span class="ft8">niken und vergleichbaren Institutionen kommt es aber immer wieder</span><br/> <span class="ft8">vor, dass sich Patienten weigern, sich in den Klinikalltag zu integrie-</span><br/> <span class="ft8">ren. Solange eine konkrete Gefährdung von Mitpatienten und Perso-</span><br/> <span class="ft8">nal sowie von Gegenständen ausgeschlossen werden kann und die</span><br/> <span class="ft8">Belastung auf der Abteilung nicht absolut unzumutbar ist, rechtfertigt</span><br/> <span class="ft8">dieses Verhalten keine Zwangsmassnahmen. Das Ziel, den Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, damit er</span><br/> <span class="ft8">sich in den Klinikalltag integriere, darf nicht durch eine zusätzliche,</span><br/> <span class="ft8">massive Freiheitsentziehung angestrebt werden. Die Isolation als</span><br/> <span class="ft8">reines Disziplinierungsmittel bzw. als pädagogische Massnahme ist</span><br/> <span class="ft8">nicht erlaubt (vgl. dazu AGVE 2003, S. 141).</span><br/> <span class="ft8">3.4.3.</span><br/> <span class="ft8">Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Isolation</span><br/> <span class="ft8">grundsätzlich einen tiefgreifenden Eingriff in die persönliche Freiheit</span><br/> <span class="ft8">darstellt. In casu kann jedoch festgestellt werden, dass der Beschwer-</span><br/> <span class="ft8">deführer es selbst in der Hand gehabt hätte, das Isolations-Zimmer ab</span><br/> <span class="ft8">dem 9. Oktober 2007 zu verlassen. So wurde ihm von Seiten der Kli-</span><br/> <span class="ft8">nik das Angebot unterbreitet, dass er das Isolationszimmer verlassen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">180</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">könne, wenn er am Klinikalltag mitmache. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft8">weigerte sich jedoch und verliess das Isolationszimmer lediglich am</span><br/> <span class="ft8">Donnerstag aufgrund eines Telefonanrufs; danach ging er offenbar</span><br/> <span class="ft8">"freiwillig" wieder ins Isolationszimmer zurück. Der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft8">führer hat die ihm anerbotene Möglichkeit, das Isolationszimmer am</span><br/> <span class="ft8">9. Oktober 2007 verlassen zu können, nicht wahrgenommen, und so</span><br/> <span class="ft8">die damit verbundene Freiheitsbeschränkung ein Stück weit in Kauf</span><br/> <span class="ft8">genommen. So führte der Beschwerdeführer anlässlich der Verhand-</span><br/> <span class="ft8">lung selbst aus, es mache für ihn "keinen Unterschied", ob er "auf der</span><br/> <span class="ft8">geschlossenen Abteilung [...] oder ganz eingesperrt" sei; wenn seine</span><br/> <span class="ft8">Forderungen nicht erfüllt würden, lebe er mit den Konsequenzen,</span><br/> <span class="ft8">auch wenn er nicht gerne auf diesem Zimmer gewesen sei. Der Ein-</span><br/> <span class="ft8">griff in die persönliche Freiheit des Beschwerdeführers ist unter die-</span><br/> <span class="ft8">sen Umständen als relativ klein einzustufen.</span><br/> <span class="ft8">4.</span><br/> <span class="ft8">Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Zwangs-</span><br/> <span class="ft8">massnahme der Isolation zu Beginn der Hospitalisation, nämlich am</span><br/> <span class="ft8">8. Oktober 2007, gerechtfertigt und verhältnismässig war. Am</span><br/> <span class="ft8">9. Oktober 2007 sowie an den folgenden Tagen jedoch lässt sich</span><br/> <span class="ft8">feststellen, dass die an diesen Tagen erfolgte Isolation nicht verhält-</span><br/> <span class="ft8">nismässig war. Die Isolation ist zeitlich über das Notwendige hinaus-</span><br/> <span class="ft8">gegangen. Den Anforderungen des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes</span><br/> <span class="ft8">wurde somit ab dem 9. Oktober 2007 nicht Genüge getan, weshalb</span><br/> <span class="ft8">die Beschwerde im Sinne obiger Erwägungen teilweise gutzuheissen</span><br/> <span class="ft8">ist.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>