Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 17. Dezember 2015 (720 15 187) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Rückweisung an Beschwerdegegnerin zur weiteren Abklärung des medizinischen Sach- verhalts Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Jgn az Jermann, Kantonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiberin Margit Campell Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch Daniel Altermatt, Rechts- anwalt, Neuarlesheimerstrasse 15, 4143 Dornach gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.1 A.____ arbeitete zuletzt bis Ende November 2010 als Maschinist bei der B.____. Am 3. Mai 2010 verletzte er sich beim Sturz von einer Leiter am Rücken. In der Folge meldete er sich am 19. August 2010 erstmals unter Hinweis auf Fuss- und Rückenprobleme bei der IV- Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) zum Leistungsbe zug an. Die IV-Stelle führte Frühinterventi- onsmassnahmen durch. Mit Verfügung vom 25. Februar 2011 lehnte sie einen Anspruch auf berufliche Massnahmen ab. Dieser Entscheid erwuchs in Rechtskraft. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A.2 Am 14. Januar 2013 meldete sich der Versicherte er neut bei der IV-Stelle zum Leis- tungsbezug an. Mit Mitteilung vom 17. Mai 2013 wurde A.____ informiert, dass er die Voraus- setzungen für eine Arbeitsvermittlung erfülle. Am 24. S eptember 2013 wurde die Massnahme abgeschlossen, weil sich der Versicherte als nicht arbeit sfähig erachtete. Die IV-Stelle klärte sodann den gesundheitlichen und den erwerblichen Sachve rhalt ab. Mit Verfügung vom 23. April 2015 teilte sie A.____ - nach durchgeführte m Vorbescheidverfahren - mit, dass er bei einem rentenausschliessenden Invaliditätsgrad von 24% keinen Anspruch auf eine Rente habe. B. Hiergegen erhob der Versicherte, vertreten durch R echtsanwalt Daniel Altermatt, am 22. Mai 2013 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilun g Sozialversicherungsrecht (Kantons- gericht), und beantragte unter Kosten- und Entschädigu ngsfolgen, dass die Verfügung der IV- Stelle vom 23. April 2015 aufzuheben sei und das Kanto nsgericht eine medizinische Begutach- tung anzuordnen habe. In der ergänzenden Beschwerdebeg ründung vom 22. Juni 2015 hielt er im Wesentlichen fest, dass die IV-Stelle ihren Entscheid auf unzureichende medizinische Unter- lagen stütze. C. Die IV-Stelle liess sich am 29. Juli 2015 zur Beschwerd e vernehmen und beantragte deren Abweisung. Sie brachte im Wesentlichen vor, dass d ie der angefochtenen Verfügung zugrunde gelegten medizinischen Berichte nicht zu beanstanden seien. D Der Beschwerdeführer liess durch seinen Rechtsvertreter am 7. Oktober 2015 seine Replik und je einen Bericht der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten (HNO) des Spi- tals C.____ vom 16. April 2014 und von Dr. med. D.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 25. September 2015 einreichen. Rechtsanwalt Alte rmatt hielt namens und im Auftrag des Beschwerdeführers fest, dass die IV-Stelle bei ihrem Ent scheid nicht sämtliche Beschwerden seines Klienten berücksichtigt habe. E. Die IV-Stelle hielt in ihrer Duplik vom 22. Oktobe r 2015 unter Hinweis auf die bereits in der Vernehmlassung gemachten Ausführungen an ihrem An trag auf Abweisung der Beschwer- de fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Auf die form- und fristgerecht beim sachlich wie ör tlich zuständigen Gericht erhobene Beschwerde ist einzutreten. 2. Strittig und zu prüfen ist, ob die IV-Stelle den A nspruch des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente zu Recht ablehnte. Massgebend ist de r Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 23. April 2015 entwickelte. Dieser Zeitpunkt bildet rechtssprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterli chen Überprüfungsbefugnisse (BGE 129 V 4 E. 1.2). Der im vorliegenden Verfahren durch den Beschwerdeführer eingereichte Bericht des behandelnden Psychiaters Dr. D.____ vom 25. S eptember 2015 kann daher vorlie- gend nicht berücksichtigt werden, weil er sich zum Sachverhalt nach Verfügungserlass äussert. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.1 Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invali denversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 hat die versicherte Person Anspruch auf e ine ganze Rente, wenn sie zu mindes- tens 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu minde stens 60%, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50% und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40% invalid ist. 3.2 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 des Bun- desgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicher ungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 anwendbar. Danach ist der Invaliditätsgrad aufgrun d eines Einkommensvergleichs zu be- stimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicher te Person nach Eintritt der Inva- lidität und nach Durchführung der medizinischen Behand lung und allfälliger Eingliederungs- massnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeg lichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Er werbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Validenei nkommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die b eiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander ge genübergestellt werden. Aus der Ein- kommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgrad bestimmen (allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs; BGE 104 V 136 E. 2a und b). 4.1 Als Invalidität gilt die voraussichtlich bleibende ode r längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidität wird durch eine Beeinträchti- gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundhei t verursacht, wobei sie im IV- Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder U nfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 IVG, Art. 3 und 4 ATSG). 4.2 Gemäss der Legaldefinition von Art. 6 ATSG ist Arb eitsunfähigkeit die durch eine Be- einträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundh eit bedingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in ei nem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). 5.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und insb esondere auch bei der Beur- teilung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde - die Verwaltung und im Streitfall das Gericht - auf Unterl agen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkei- ten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen S tellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, we lche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Perso n auf dem allgemeinen, ausgegliche- nen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frag e kommenden Arbeitsmarkt zumutba- rerweise noch verrichtet werden können (ULRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschätzung, in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozi- alversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung ( vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widerspreche nden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Be- weismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 323 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c; AHI- Praxis 2001 S. 113 E. 3a). 5.3 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung des Bundesg erichts mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzu stellen (vgl. die ausführlichen Zusam- menstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3 b und in AHI-Praxis 2001 S. 114 E. 3b, jeweils mit zahlreichen Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingehol- ten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, wel che aufgrund eingehender Beobach- tungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die A kten Bericht erstatten und bei der Er- örterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Ex- pertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weitere n Hinweisen). Diese im Bereich der Un- fallversicherung entwickelten Grundsätze finden für das I V-Verwaltungsverfahren sinngemäss Anwendung (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerich ts [EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteilungen] vom 9. August 2000, I 437/99 und I 575/99, E. 4b/bb). 5.4 In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten dar f und soll das Gericht der Erfah- rungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ih rer Patientinnen und Patienten aussa- gen. Bei der Abschätzung des Beweiswerts im Rahmen einer freien und umfassenden Beweis- würdigung dürfen allerdings auch die potentiellen St ärken der Berichte behandelnder Ärzte nicht vergessen werden. Der Umstand allein, dass eine Einschätzung vom behandelnden Medi- ziner stammt, darf nicht dazu führen, sie als von vornher ein unbeachtlich einzustufen; die einen längeren Zeitraum abdeckende und umfassende Betreuung durch behandelnde Ärzte bringt oft wertvolle Erkenntnisse hervor. Auf der anderen Seite l ässt es die unterschiedliche Natur von Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-)Ar ztes einerseits und Begutachtungsauf- trag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten a nderseits (BGE 124 I 170 E. 4; Urteil des EVG vom 13. Juni 2001, I 506/00, E. 2b) nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärung en zu nehmen, wenn die behan- delnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen (SVR 2008 IV Nr. 15 S. 43 E. 2.2.1 mit Hinweisen). Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige - und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpreta- tion entspringende - Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder un- gewürdigt geblieben sind (SVR 2008 IV Nr. 15 S 43 E. 2.2.1 mit Hinweisen). 6.1 Für die Beurteilung des vorliegenden Falls sind im Wesentlichen nachfolgende Berich- te zu berücksichtigen: 6.2.1 Dr. med. E.____, FMH Innere Medizin und Rheuma tologie, diagnostizierte in seinem Bericht vom 19. April 2013 ein radikuläres Reiz- und sen sibles Ausfallsyndrom L5 rechts bei Status nach Diskushernienoperation L4/L5 im Jahr 2007 un d einen Tinnitus bei Innen- ohrschwerhörigkeit beidseits. In der Anamnese führte Dr . E.____ aus, dass der Verlauf nach der Operation im Jahr 2007 günstig und der Versicherte wieder voll arbeitsfähig gewesen sei. Am 3. Mai 2010 sei es zu einem Arbeitsunfall gekommen, b ei welchem der Versicherte rück- wärts von einer Leiter gestürzt und mit den Beinen an der Leiter hängengeblieben sei. Seitdem bestünden wieder verstärkte Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung ins rechte Bein bis zum Fuss, wo auch ein Einschlafgefühl vorhanden sei. Verschiedenst e medikamentöse Behandlungsver- suche, Physiotherapie und lokale Infiltrationen hätten nicht geholfen bzw. würden nicht mehr helfen. Klinisch zeige sich eine leichte Hyperlordose un d Skoliose der Lendenwirbelsäule (LWS), deren Beweglichkeit in alle Richtungen leicht ei ngeschränkt sei. Irritationszonen fänden sich in den Bereichen L4/L5 und L5/S1. Regionär besteh e ein deutlicher Muskelhartspann mit Dolenzen im Bereich der Spina iliaca posterior superio r rechts mehr als links. Im Bereich der medialen Sohle bis zum medialen Fussrücken (Segment L5) fände sich intermittierend eine Dysästhesie, motorische Ausfälle seien aber nicht nachzuwe isen. Der Beschwerdeführer sei aufgrund seiner Beschwerden als Bauarbeiter nicht mehr arbeitsfähig. Hingegen sei es ihm zu- mutbar, eine behinderungsangepasste, wechselbelastende Tätigkeit vollumfänglich auszuüben, bei welcher er keine Gewichte über 10 kg tragen und keine verdrehte oder gebückte Körperhal- tung einnehmen müsse sowie in nicht lärmiger Umgebung beschäftigt sei. 6.2.2 Dem Bericht der Klinik für HNO des Spitals F.____ vom 7. August 2013 ist zu entneh- men, dass der Beschwerdeführer an einem kompensierten T innitus rechts leide, der seit Feb- ruar 2012 bestehe und progredient verlaufe. Trotz meh rerer Therapieversuche (medikamentös, physiotherapeutisch und mit Akupunktur) sei der gewünschte Erfolg nicht eingetreten. Am 16. April 2014 führte die Klinik für HNO des Spita ls F.____ aus, dass beim Beschwerdefüh- rer ein sehr schwerer dekompensierter Tinnitus bestehe. 6.2.3 In der Zeit vom 1. September 2014 bis 20. Sept ember 2014 befand sich der Be- schwerdeführer in der Klinik für Schmerztherapie des Spi tals G.____. Im Bericht vom 19. Sep- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht tember 2014 wurde eine chronische Schmerzstörung mit som atischen und psychischen Fakto- ren mit/bei Status nach Diskushernienoperation L4/L5 re chts im November 2007, Rückentrau- ma im Mai 2010 und Subluxation des Os naviculare rechts, eine mittelgradige depressive Epi- sode (ICD-10:F32.1), Probleme in Bezug auf die wirtsch aftliche Lage (ICD-10:Z53), eine Hypakusis mit Tinnitus und eine arterielle Hypertonie genannt. Die Aufnahme in die multimodale Schmerztherapie sei aufgrund einer chronischen Schmerzstöru ng mit Zervikozephalgie mit Schwindel bei Atlasblockierung rechts, Lumbalgie mit Ili osakralgelenk(ISG)-Syndrom und Pe- dalgie rechts, erfolgloser unimodaler ambulanter Behandlungen inkl. mehrfacher epiduraler Ste- roidinfiltrationen, Zustand nach Diskektomie L4/5, mitt lerweile bestehender psychischer Be- gleiterkrankung sowie Beeinträchtigung der Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit. Der Beschwer- deführer sei mit chronischen Schmerzen und daraus resulti erenden Bewegungseinschränkun- gen im Bereich der Halswirbelsäule (HWS), der LWS, d es ISG rechts und des rechten Fusses zur Schmerzbehandlung in die Klinik eingetreten. Nach Un tersuchung und gemeinsamen As- sessements durch das interdisziplinäre Behandlungsteam habe der Beschwerdeführer an der dreiwöchigen multimodalen Schmerztherapie teilgenomm en, welche Physio-, medizinische Trainings- (MTT), Ergo-, Atem-, Kreativ- und Entspannu ngstherapien beinhaltet habe. Zudem habe er sich an den standardisierten psychiatrisch-psychologi schen Gruppen- und Einzelge- sprächen beteiligt. Es habe eine tägliche Visite mit re gelmässiger interdisziplinärer Teambe- sprechung sowie Überprüfung des Behandlungsverlaufs stat tgefunden. Der Beschwerdeführer habe bei der Aufnahme der Therapie eine mittelgradi ge depressive Symptomatik beschrieben. Er habe sich jedoch schnell in die Patientengruppe inte griert und die verordneten Therapien regelmässig besucht, wobei er eher eine Zuhörerposition eingenommen habe. In den Einzelge- sprächen habe er mehrheitlich über seine finanziellen P robleme und die Zukunftsperspektiven gesprochen, wobei er teils hilflos gewirkt habe. Im Ver lauf sei er unter Einsatz von Remeron 30 mg/Tag in seiner Stimmungslage aufgehellter erschienen . In Bezug auf die Schmerzbewälti- gung habe er hinnehmen können, dass ein aktiver Umgang mit den Schmerzen erforderlich sei. Obwohl er bezüglich der Schmerzintensität über keine Besserung habe berichten können, habe er subjektiv doch ein Benefit durch das MTT-Laufband u nd das Walking gesehen. Manual- medizinisch zeigten sich eine freiere Beweglichkeit der HWS und weniger Kopfschmerzen bei immer noch vorhandenem Muskelhartspann der Suboccipitalmu skulatur und im Bereich der Brustwirbelsäule (BWS). In den unteren Extremitäten li ege möglicherweise eine vorbestehende Reizsymptomatik L5/S1 partiell distal vor. Im Gespräch habe der Beschwerdeführer angegeben, zukünftig eine Verschlimmerung der Beschwerden und seine r psychischen Lage verhindern zu wollen. Er wolle aber aktuell keine ambulante psychiatr ische Behandlung in Anspruch nehmen. Bis 20. September 2014 sei der Beschwerdeführer 100% arbeitsunfähig gewesen. 6.2.4 Am 19. November 2014 hielt die Klinik für Sch merztherapie des Spitals G.____ fest, dass der Beschwerdeführer keine Tätigkeit mit schweren kö rperlichen Belastungen mehr ausü- ben könne. Die angestammte Tätigkeit auf der Baustell e sei ihm daher nicht mehr zumutbar. Hingegen sei eine wechselbelastende Arbeit mit Berücksichtigung der körperlichen Belastungs- grenzen und einer langsamen Steigerung des Pensums de nkbar. Um diese Frage beantworten zu können, müsse eine gutachterliche Beurteilung vorgenommen werden. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2.5 In den Akten findet sich die Stellungnahme von p ract. med. H.____, Ärztin des Regio- nalen Ärztlichen Dienstes beider Basel (RAD), vom 19. Jan uar 2015. Diese führte aus, dass dem Bericht des Kantonsspitals Laufen vom 19. November 20 14 keine Feststellungen zu ent- nehmen seien, welche im Vergleich zu Dr. E.____ vom 1 9. April 2013 auf eine Verschlechte- rung hindeuten würden. Der neurologische Befund nenne inzwischen keine Auffälligkeit mehr in den unteren Extremitäten, sondern nur noch eine vorbestehende Reizsymptomatik. 7.1 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ver fügung vom 23. April 2015 bei der Beurteilung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers auf die Ausführungen von Dr. E.____ vom 19. April 2013 und de r RAD-Ärztin pract. med. H.____ vom 19. Januar 2015. Demzufolge ging sie davon aus, dass dem Beschwerdeführer gestützt auf die gestellten somatischen Diagnosen die Ausübung einer adap tierten Verweistätigkeit zu 100% zumutbar sei. Der Beschwerdeführer macht in seiner Be schwerde nunmehr geltend, dass der Bericht von Dr. E.____ im Zeitpunkt des Erlasses der angef ochtenen Verfügung vom 23. April 2015 veraltet gewesen und in Bezug auf die Schwerhörig keit sowie den Tinnitus unvollständig sei. Zudem leide er zwischenzeitlich an psychischen Beschwer den und sei deswegen in psy- chiatrischer Behandlung. 7.2 In Würdigung der medizinischen Akten ist der Auffa ssung des Beschwerdeführers zu folgen. Dr. E.____ untersuchte den Beschwerdeführer im April 2013 und stellte aus rheumato- logischer Sicht fest, dass dieser an einem radikulären Reiz- und sensiblen Ausfallsyndrom L5 rechts bei Status nach Diskushernienoperation L4/L5 im Jah r 2007 und an einem Tinnitus bei Innenohrschwerhörigkeit beidseits leide. Er erachtete den Beschwerdeführer sodann in einer den somatischen Beschwerden adaptierten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig. Am 19. September 2014 diagnostizierte die Ärzteschaft des Kantonsspitals L aufen neben den von Dr. E.____ fest- gestellten Beschwerden zusätzlich eine chronische Schmerzstö rung mit somatischen und psy- chischen Faktoren sowie eine mittelgradige depressive Episode. Diese psychiatrischen Diagno- sen sind grundsätzlich geeignet, die Arbeitsfähigkeit de s Beschwerdeführers zu beeinflussen. Die IV-Stelle wäre deshalb verpflichtet gewesen, den m edizinischen Sachverhalt auch in psy- chiatrischer Hinsicht weiter zu untersuchen. Auch der Stellungnahme der Klinik für Schmerzthe- rapie des Spitals G.____ vom 19. November 2014 ist zu entnehmen, dass die Frage, in wel- chem Umfang der Beschwerdeführer in einer Verweistätig keit arbeitsfähig sei, Gegenstand ei- ner gutachterlichen Beurteilung sein müsse. Dass der Be schwerdeführer gemäss den Angaben des Kantonsspitals Laufen vom 19. September 2014 im dam aligen Zeitpunkt keine Veranlas- sung sah, eine psychiatrische Behandlung aufzunehmen, ände rt nichts daran. Immerhin ist festzustellen, dass er zwischenzeitlich durch Dr. D.____ psyc hiatrisch behandelt wird. Auch mit Blick auf die Angaben der Klinik für HNO des Spitals F._ ___ vom 16. April 2014, wonach beim Beschwerdeführer ein sehr schwerer dekompensierter Tin nitus vorliege, hätte die Beschwerde- gegnerin weiterführende Untersuchungen in die Wege l eiten und feststellen müssen, wie und ob sich dieser Befund auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt. Aus den geschilderten Gründen kann somit - entgegen der Auffassung der IV-Stelle - bei d er Beurteilung des massgebenden medizi- nischen Sachverhalts nicht auf die Ergebnisse in den Beric hten von Dr. E.____ vom 19. April 2013 und der RAD-Ärztin pract. med. H.____ vom 19. Januar 2015 abgestellt werden. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3 Die vorstehenden Ausführungen zeigen, dass sich der m assgebende medizinische Sachverhalt im Zeitraum zwischen der im April 2013 erfolgten Untersuchung bei Dr. E.____ und dem Erlass der angefochtenen Verfügung vom 23. April 20 15 in anspruchsrelevanter Weise verändert haben könnte. Ob dies effektiv zutrifft, lässt sich gestützt auf die vorhandene medizi- nische Aktenlage nicht abschliessend beurteilen. So ist in sbesondere nicht geklärt, ob und in- wieweit die psychiatrischen Beschwerden und der Tinnitus sich auf die Arbeitsfähigkeit des Be- schwerdeführers ausgewirkt haben bzw. allenfalls noch auswi rken. Die Abklärungsergebnisse aus dem Verwaltungsverfahren sind mit anderen Worten n icht ausreichend beweiskräftig, der relevante medizinische Sachverhalt bedarf vielmehr weiterer Abklärungen. 7.4 Im Entscheid 137 V 210 ff. hat das Bundesgericht die bisherige ständige Rechtspre- chung, wonach das kantonale Gericht prinzipiell die frei e Wahl hatte, bei festgestellter Abklä- rungsbedürftigkeit die Sache an den Versicherungsträger zurückzuweisen oder aber selber zur Herstellung der Spruchreife zu schreiten, geändert. Es h at erkannt, dass die Beschwer- deinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten einzuhole n hat und eine Rückweisung an die IV- Stelle nur noch in Ausnahmefällen erfolgen soll. Da es Aufgabe der Verwaltung und nicht der Beschwerdeinstanz ist, für eine erstmalige vollständige Erhebung des massgebenden Sachver- haltes besorgt zu sein, liegt ein solcher Ausnahmefall et wa vor, wenn relevante Aspekte des medizinischen Sachverhaltes durch die Verwaltung nicht a bgeklärt worden sind. Gleiches gilt, wenn sich die Verwaltung auf einen Bericht stützt, welch er auf Grund der zwischenzeitlichen Entwicklung nicht mehr die aktuelle medizinische Situati on der versicherten Person wiedergibt. Vorliegend muss sich die IV-Stelle diesbezüglich insbeson dere vorhalten lassen, trotz des Um- standes, dass zwischen der Untersuchung durch Dr. E.____ im April 2013 und dem Verfü- gungserlass im April 2015 mehr als zwei Jahre verstrichen waren und obgleich in der Stellung- nahme des Kantonsspitals Laufen vom 19. November 2014 ausgeführt wurde, dass die Evalua- tion der Arbeitsfähigkeit in einer wechselbelastenden Tätigkeit Gegenstand einer gutachterli- chen Beurteilung sein müsse, von weitergehenden Abkläru ngen abgesehen und stattdessen vollumfänglich auf die Ergebnisse von Dr. E.____und de r RAD-Ärztin pract. med. H.____ abge- stellt zu haben. Vor diesem Hintergrund erweist sich eine Rückweisung an die IV-Stelle trotz der geänderten bundesgerichtlichen Rechtsprechung als zulässig. Diese muss den Beschwerdefüh- rer gesamtmedizinisch (rheumatologisch/orthopädisch, psychia trisch und den Tinnitus betref- fend mit Konsensbesprechung) abklären lassen. Zusätzlic h wird sie mit Blick auf die im Bericht der Klinik für Schmerztherapie des Spitals G.____ vom 19. September 2014 gestellte Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psych ischen Faktoren auch den An- forderungen der vom Bundesgericht in BGE 141 V 281 f f. geänderten Schmerzrechtsprechung Rechnung zu tragen haben. Gestützt auf die Ergebnisse ih rer zusätzlichen Abklärungen wird die IV-Stelle über den Rentenanspruch des Beschwerdeführers neu zu befinden haben. 7.5 Die vorliegende Beschwerde ist somit in dem Sinne gutzuheissen, als die angefochte- ne Verfügung vom 23. April 2015 aufzuheben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfü gung an die IV-Stelle Basel- Landschaft zurückzuweisen ist. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens- und der Parteikosten ist grund- sätzlich auf den Prozessausgang abzustellen. Hebt das Kanto nsgericht eine bei ihm angefoch- tene Verfügung auf und weist es die Angelegenheit z um weiteren Vorgehen im Sinne der Er- wägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessua- ler Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (vollständ ig) obsiegende und die IV-Stelle als unterliegende Partei (BGE 137 V 61 f. E. 2.1 und 2.2, 132 V 235 E. 6.2, je mit Hinweisen). 8.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des kantonale n Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 in der Regel in angemesse- nem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. In casu hätte deshalb die IV-Stelle als unter- liegende Partei grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tr agen. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO d en Vorinstanzen - vorbehältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VPO - keine Verf ahrenskosten auferlegt werden. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Prozess keine Ve rfahrenskosten erhoben werden. Dem Beschwerdeführer ist der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- zurück- zuerstatten. 8.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da der Beschwerdeführer obsiegende Partei ist, ist ihm eine Parteient- schädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Der Rech tsvertreter des Beschwerdeführers hat in seiner Kostennote vom 27. November 2015 für das vorliegende Verfahren ein Honorar von Fr. 1‘969.30 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) geltend gemacht, was sich umfang- mässig in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- un d Rechtsfragen als angemessen er- weist. Dem Beschwerdeführer ist deshalb eine Parteientsc hädigung in der genannten Höhe zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. 9.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesger icht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angel egenheiten an das Bundesgericht zuläs- sig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Sel bständig eröffnete Zwischenent- scheide sind - mit Ausnahme der Zwischenentscheide über d ie Zuständigkeit und über Aus- standsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) - nur mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenhei- ten anfechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzumache nden Nachteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endent- scheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläu- figes Beweisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rück- weisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage ( z.B. eine von mehreren materiell- rechtlichen Anspruchsvoraussetzungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn eine Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Voraus- setzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bundesgericht. Die nachstehende Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. 9.3 Zu ergänzen bleibt, dass nach bundesgerichtlicher P raxis die in einem Rückweisungs- entscheid getroffene (Kosten- und) Entschädigungsregelun g - wie die Rückweisung im Haupt- punkt selbst - einen Zwischenentscheid (Art. 93 Abs. 1 BGG ) darstellt, der in der Regel keinen nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne von Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG bewirkt und damit nicht selbstständig beim Bundesgericht angefochten werden kann. Ihre Anfechtung ist erst mit Beschwerde gegen den Endentscheid möglich. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung vom 23. April 2015 aufgehoben und die Angelegenheit zur ergänzenden Abklärung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle Basel-Landschaft zurückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Dem Beschwerdeführer wird der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- zurückerstattet. 3. Die IV-Stelle hat dem Beschwerdeführer eine Part eientschädigung Höhe von Fr. 1‘969.30 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwert steuer) zu entrichten. http://www.bl.ch/kantonsgericht