B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4858/2019 U r t e i l v o m 2 9 . N o v e m b e r 2 0 1 9 Besetzung Einzelrichterin Constance Leisinger, mit Zustimmung von Richter William Waeber, Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 16. August 2019 / N (…). E-4858/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, syrischer Staatsangehörigkeit, aus B._______ in der Provinz C._______ stammend, verliess ihren Heimatstaat eigenen An- gaben zufolge im Jahre 2012. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Libyen ge- langte die Beschwerdeführerin schliesslich zusammen mit ihrem Ehemann und den drei gemeinsamen Kindern in die Schweiz, wo sie am 27. Mai 2017 im Empfangs- und Verfahrenszentrum D._______ um Asyl ersuchte. B. Im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) wurde die Beschwerdeführe- rin am 12. Juni 2017 zunächst summarisch angehört. Die einlässliche An- hörung zu den Asylgründen erfolgte am 7. August 2018. Dabei machte sie im Wesentlichen folgendes geltend: Im Jahre 2000 habe sie ihren Ehemann geheiratet. Der Ehe entstammten drei Kinder. Zwischen 2006 und 2012 sei sie in Syrien als (…) tätig gewe- sen. Während des Krieges hätten sich die Lebensbedingungen kontinuier- lich verschlechtert und es sei zusehends schwieriger geworden, elemen- tarste Grundbedürfnisse zu stillen. Durch die anhaltenden Bombardierun- gen hätten sie und ihre Kinder in ständiger Angst und Unsicherheit gelebt. Im Jahre 2012 sei sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen von zwei unbe- kannten Männern zuhause aufgesucht worden. Die Männer hätten sich als Kämpfer der DAESH zu erkennen gegeben und seien auf der Suche nach ihrem Ehemann gewesen. Dieser habe sich zu dem Zeitpunkt bei seiner Schwester in einer benachbarten Ortschaft aufgehalten. Im Rahmen des dritten und letzten Besuchs der unbekannten Männer hätten diese sie ver- gewaltigt. Um ihr Leben fürchtend habe sie kurz darauf zusammen mit ih- rem jüngsten Kind ihren Heimatstaat auf dem Luftweg nach Libyen verlas- sen. Ihr Ehemann sei mit den beiden anderen Kindern wenig später dazu gestossen. Nach rund sechsjährigem Aufenthalt in Libyen hätte sie sich schliesslich zusammen mit ihrer Familie in die Schweiz begeben. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen brachte die Beschwerdeführerin ihre Identitätskarte sowie eine Kopie der Personalienseite ihres Reisepasses bei. C. Mit Verfügung vom 16. August 2019 – eröffnet am 21. August 2019 – lehnte das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete die E-4858/2019 Seite 3 Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den Vollzug der Wegweisung zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob. Das Asylgesuch ihres Ehemannes wurde mit separater Verfügung abgelehnt und ebenfalls die vorläufige Aufnahme angeordnet. In die den Ehemann betreffende Verfü- gung waren die Kinder der Beschwerdeführerin eingeschlossen. Die se Verfügung ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen. D. Mit Eingabe vom 20. September 2019 (Datum Poststempel) liess die Be- schwerdeführerin, handelnd durch ihren mandatierten Rechtsvertreter, beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung erheben. Darin beantrag te sie die vollumfängliche Aufhebung der Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neu- beurteilung sowie zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts. Eventualiter sei ihr nach der Gewährung vollumfänglicher Akteneinsicht so- wie eventualiter des rechtlichen Gehörs eine Nachfrist zur Beschwerdeer- gänzung anzusetzen. Eventualiter sei ihr und ihren Kindern unter Anerken- nung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren. Eventualiter seien sie und ihre Kinder als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hin- sicht ersuchte sie ausserdem um Gewährung der unentgeltlichen Prozess- führung einschliesslich Verzichts auf einen Kostenvorschuss. E. Mit Zwischenverfügung vom 26. September 2019 gab das Bundesverwal- tungsgericht dem Rechtsvertrete r der Beschwerdeführerin Gelegenheit, sich zur Vollständigkeit der zwischenzeitlich durch das SEM erfolgten Ak- teneinsichtsgewährung zu äussern. Ausserdem wurde auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. F. Mit Eingabe vom 30. September 2019 wies de r Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin gegenüber dem Bundesverwaltungsgericht auf die ver- spätete Zustellung der vorinstanzlichen Akten und hielt an den Beschwer- debegehren fest. G. Mit Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2019 hiess das Bundesverwal- tungsgericht das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. E-4858/2019 Seite 4 H. In ihrer Vernehmlassung vom 9. Oktober 2019 hielt die Vorinstanz an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. I. Die Vernehmlassung wurde dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin am 11. Oktober 2019 zusammen mit einer Einladung zur Replik übermittelt. J. Mit Eingabe vom 11. Oktober 2019 reichte die Beschwerdeführerin eine Kopie der Trennungserklärung vom 7. Oktober 2019 sowie eine Kopie der Trennungsvereinbarung vom 1. Oktober 2019 ein. K. Mit Eingabe vom 15. Oktober 2019 ersuchte der Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin um Klärung der Frage ob die Einladung zur Replik vom 11. Oktober 2019 auch im Sinne einer Nachfr istansetzung zur Beschwer- deergänzung zu verstehen sei und dass er um Fristverlängerung ersuche, sofern diese Annahme zutreffe. L. Das Bundesverwaltungsgericht wies das Gesuch um Fristverlängerung mit Zwischenverfügung vom 24. Oktober 2019 ab. M. Mit Eingabe vom 28. Oktober 2019 replizierte die Beschwerdeführerin und reichte eine Beschwerdeergänzung ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). E-4858/2019 Seite 5 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah- ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde- führung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht einge- reichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist demnach einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts un d die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist im Ver- fahren einzelrichterlicher Zus tändigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz zunächst aus, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht asylrele- vant im Sinne von Art. 3 AsylG seien. Von Krieg, Bürgerkrieg oder Situati- onen allgemeiner Gewalt betroffen zu sein reiche nicht aus, um die Flücht- lingseigenschaft einer Person zu begründen, sofern die erlittenen Nach- teile sich nicht durch ihre Gezieltheit gegen eine bestimmte Person als Ver- folgung gemäss Art. 3 AsylG erwiesen. Überdies entbehrten die Schilde- rungen der Beschwerdeführerin der Glaubhaftigkeit, da sie sic h im Laufe des Verfahrens in essentiellen Punkten widersprochen habe. Auf die Frage nach ihren Fluchtgründen habe sie in der BzP lediglich die Kriegssituation angeführt. Dabei habe sie insbesondere die traumatisierenden Auswirkun- gen der Gewalthandlungen auf ihr jüngstes Kind betont und auf die äus- serst prekären Lebensumstände in ihrem Heimatstaat hingewiesen. Im Zuge der Bundesanhörung habe sie schliesslich eine Vergewaltigung durch zwei Mitglieder der DAESH als Fluchtursache angegeben. Die Vo- rinstanz anerkennt zwar, dass es Opfern sexueller Gewalt mitunter schwer- fallen könne, sich zu den entsprechenden Vorkommnissen zu äussern. Dennoch habe von der Beschwerdeführerin erwartet werden können, dass E-4858/2019 Seite 6 sie ihre Asylgründe bereits im Rahmen der BzP zumindest andeut ungs- weise darlege. Ihre Schilderungen in der BzP hätten solcher Hinweise al- lerdings gänzlich entbehrt und sich lediglich auf ihr Leben inmitten des Kriegsalltags beschränkt. Ausserdem seien laut der Vorinstanz keine nach- vollziehbaren Gründe ersichtlich, die das Versäumnis der Beschwerdefüh- rerin, die geltend gemachten Fluchtgründe bereits in der BzP zumindest oberflächlich zu erwähnen, rechtfertigen würden. Vielmehr habe die Be- schwerdeführerin auf direkte Nachfrage in der BzP verneint, mit Vertretern jihadistischer Organisationen in Kontakt gestanden zu haben. Zudem habe sie zu Protokoll gegeben, ihr sei nie etwas zugestossen, da sie sich vor- nehmlich zuhause aufgehalten habe. Des Weiteren merkt die Vorinstanz an, dass sich auch die Vorbringen des Ehemannes der Beschwerdeführe- rin zwischen BzP und Bundesanhörung beträchtlich gewandelt hätten und seinen Vorbringen und Darstellungen ebenfalls zahlreiche Elemente hinzu- gefügt worden seien. Unter diesen Gesichtspunkten wiegten die genann- ten Widersprüche ungleich schwerer, da sie die Schilderungen insgesamt diskreditierten. Die Vorbringen seien überdies weitestgehend unsubstanti- iert und vage geblieben, weshalb es sich aufdränge, sie als unglaubhaft einzustufen. 4.2 Die Beschwerdeführerin hält dieser Einschätzung der Vorinstanz in der Beschwerdeschrift zunächst entgegen, dass die verzögerte Zustellung der vorinstanzlichen Akten an ihren mandatierten Rechtsvertreter ihr Aktenein- sichtsrecht verletzt habe. Zudem kritisiert die Beschwerdeführerin die Mas- snahme des SEM, die Verfügungen ohne Begründung zu trennen und ins- besondere die Entscheidung, ihre Kinder der Verfügung ihres Ehemannes anzugliedern, obwohl sie nachweislich getrennt vom Ehemann lebe und sich die Kinder in ihrer Obhut befänden. Sofern die Verfügungen aufgrund der familiären Situation getrennt worden seien, hätte dieser Umstand zwin- gend in der Verfügung selbst gewürdigt werden müssen und insbesondere hätten die, gegen sie gerichteten, Gewalt- und Nötigungshandlungen ihres Ehemannes Eingang in den vorinstanzlichen E ntscheid finden müssen o- der es wären zumindest weitere Abklärungen nötig gewesen. Diese feh- lende Würdigung bewirke überdies auch eine Verletzung des rechtlichen Gehörs. Denkbar sei ausserdem, dass die Verfügungen aufgrund der gel- tend gemachten geschlechtss pezifischen Verfolgung getrennt wurden. In jedem Fall werde deutlich, dass die Ursache für die Trennung der Verfü- gungen entscheidrelevant sei und die mangelnde Begründung diesbezüg- lich unhaltbar sei. Hinsichtlich der Vergewaltigungsvorbringen sei anzu- merken, dass das SEM komplett ausser Acht lasse, dass sich die Ereig-E-4858/2019 Seite 7 nisse rund sechs Jahre vor der Anhörung abgespielt hätten. Im Anhörungs- zeitpunkt habe sich die Beschwerdeführerin also mit der entsprechenden Substantiiertheit geäussert, die nach derart langer Zeit zu erwarten gewe- sen sei. Die Vorinstanz habe bereits selbst darauf hingewiesen, dass es traumatisierten Opfern von geschlechtsspezifischer Gewalt mithin nicht im- mer möglich sein könne, sich bereits im Rahmen der ersten Befragung zu den entsprechenden Geschehnissen zu äussern. Im Falle der Beschwer- deführerin habe sich die schwierige Situation mit ihrem Ehemann zudem ebenfalls negativ auf ihre freie Schilderung ausgewirkt. Weiterhin sei es absurd, der Beschwerdeführerin Unglaubhaftigkeit vorzuwerfen, we il sie kein Datum der Tat habe nennen können und ihr die Identität der Täter unbekannt geblieben sei. Des Weiteren habe die Vorinstanz die persönli- chen Umstände der Beschwerdeführerin nicht hinreichend berücksichtigt, da sich im Falle einer Rückkehr nach Syrien aktuell sehr wohl Verfolgungs- momente ergäben. So sei sie einerseits aus politisch -religiösen Gründen Opfer einer Vergewaltigung geworden und die diesbezügliche Stigmatisie- rung im Falle einer Rückkehr konstatiere eine asylrechtlich relevante Ver- folgung. Dazu trete der Umstand, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer ehelichen Probleme, respektive ihres Status als alleinstehende Frau, in ihrem Heimatstaat einer Verfolgung insbesondere durch ihre Schwieger- familie ausgesetzt wäre. Mit separater Eingabe vom 11. Oktober 2019 legte die Beschwerdeführerin zudem eine Kopie der Trennungsvereinbarung vom 1. Oktober 2019 sowie der Trennungserklärung der Gemeindeverwaltung E._______ vom 7. Ok- tober 2019 vor. 4.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, dass die Ausführun- gen der Beschwerdeeingabe zur getrennten Verfügung der Beschwerde- führerin und ihrer Kinder unbegründet seien. Die Beschwerdeführerin selbst habe während der Anhörung zu verstehen gegeben, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt nie jemandem von den Ereignissen rund um den sexuel- len Übergriff erzählt habe. Für die Vorinstanz ergebe sich aus diesem Um- stand eine besondere Konstellation, in der insbesondere die Interessen der Beschwerdeführerin sowie deren Privatsphäre ein erhöhtes Mass an Dis- kretion geb öten. Die auf Beschwerdeebene vorgebrachte Trennung der Eheleute verleihe der vorinstanzlichen Massnahme, die Verfügungen zu trennen, zudem zusätzliche Legitimation. Die Vorinstanz ist der Ansicht, dass die Massnahme sich weder auf die Beschwerdeführerin n och deren Kinder negativ auswirke. Schliesslich sei die Flüchtlingseigenschaft sämt- licher Familienmitglieder verneint und die vorläufige Aufnahme angeordnet E-4858/2019 Seite 8 worden. Die auf Beschwerdeebene vorgebrachten Obhutsüberlegungen der Beschwerdeführerin im Verhältnis zu ihren Kindern hätten ebenso we- nig Einfluss auf den vorinstanzlichen materiellen Entscheidfindungspro- zess wie der blosse Umstand, dass die Asylentscheide separat verfügt wor- den seien. Die derzeitige innerfamiliäre Regelung der Obhutsfrage sei le- diglich für zivilrechtliche Behörden von Interesse. Ebenfalls auf Beschwer- deebene vorgebracht worden sei, dass die Beschwerdeführerin wiederholt Opfer gewalttätiger Ausbrüche seitens ihres Ehemannes geworden sei und dass die gemeinsamen Kinder Zeugen davon geworden seien. Dies hätte sich ebenso wenig aus der Anhörung selbst ergeben wie die Trennung der Eheleute nach ihrer Ankunft in der Schweiz. Der Einwand, dass die Be- schwerdeführerin in dieser Konstellation im Falle einer Rückkehr begrün- dete Furcht vor Verfolgung haben müsse sei nicht zulässig. Die in der Schweiz erfolgte Trennung konstatiere kein ausreichendes Element und ein allfälliges diesbezügliches zivilrechtliches Urteil könne lediglich im Rah- men eines Wiedererwägungsgesuches berücksichtigt werde n. Abschlies- send hält die Vorinstanz fest, dass die in der Beschwerde geäusserte Kritik an der Glaubhaftigkeitsprüfung nicht standhalten könne. Das SEM stütze sich zur Begründung seiner Glaubhaftigkeitseinschätzung zum vermeintli- chen sexuellen Übergriff nicht einzig auf die Datumsangaben, die der Schil- derung zu entnehmen waren. Es lägen eine Reihe von Elementen vor, die der Glaubhaftigkeit der Beschwerdeführerin insgesamt abträglich seien und die Lücken und Unstimmigkeiten in ihren Ausführungen liessen sich auch nicht durch den Vorwurf eines langgezogenen Verfahrens oder einer angeblichen Traumatisierung der Beschwerdeführerin erklären. Die Vo- rinstanz gibt ausserdem zu bedenken, dass sie sich das verspätete Ein- treffen der vorinstanzlichen Akten beim Rechtsve rtreter der Beschwerde- führerin nicht entgegenhalten lassen müsse, da sie mit der gebotenen Eile agiert habe und eine schnellere Zustellung schlicht nicht möglich gewesen sei. 4.4 Im Rahmen ihrer Replik hielt die Beschwerdeführerin erneut fest, dass ihr aus der Verletzung der Akteneinsicht ein nicht wiedergutzumachender Nachteil entstanden sei und die Verfügung deshalb aufgehoben werden müsse. Die mangelnde Begründung, auf deren Grundlage die Vorinstanz sich zur Trennung der Verfügungen veranlasst sah, wiege in sbesondere schwer, da die Kinder sich in ihrer Obhut befänden. Es sei zudem nicht hinnehmbar, dass die Vorinstanz ihr in ihrer Vernehmlassung signalisiere, die Geltendmachung der ehelichen Probleme im Rahmen eines Wiederer- wägungsverfahren vorzubringen. Die s insbesondere unter Berücksichti- gung der vorinstanzlichen Akten, aus denen bereits eindeutig hervorgehe, E-4858/2019 Seite 9 dass die familiären Probleme bereits lange vor Abschluss des vorinstanzli- chen Verfahrens bestanden hätten. Mit der Replik geht überdies eine Beschwerdeergänzung einher. Darin wird zunächst die bereits geforderte Gewährung um Akteneinsicht konkretisiert, indem die betreffenden Aktenstücke genau bezeichnet werden. Zudem wird im Rahmen der Beschwerdeergänzung eine Verletzung von Art. 6 AsylV 1 und somit sowohl eine Verletzung der Abklärungspflicht als auch des rechtlichen Gehörs gerügt. Der Umstand, dass die Befragung von ei- nem Mann durchgeführt worden sei verletze die entsprechende Bestim- mung und müsse zur Aufhebung der Verfügung führen. Vor diesem Hinter- grund sei auch die vorinstanzliche Einschätzung, wonach die Vorbringen zu wenig detailreich geschildert worden seien, nicht haltbar. Ebenso deut- lich gehe aus der Befragung eine zeitliche Verortung der Geschehnisse hervor, da diese sich laut Aussagen der Beschwerdeführerin im selben Mo- nat wie ihre Ausreise aus dem Herkunftsstaat ereignet hätten. Das SEM konstruiere ausserdem die Unglaubhaftigkeit aus Gründen, die der Be- schwerdeführerin keinesfalls hätten bekannt sein können. Einerseits könne ihr nicht vorgew orfen werden, den Grund weshalb ihr Ehemann vo n den zwei Männern gesucht worden sei , nicht zu kennen. Andererseits könne sie nicht dafür verantwortlich gemacht werden, von ihrem Mann nicht über die entsprechenden Hintergründe aufgeklärt worden zu sein. Zud em ent- hielten die Akten klare Hinweise darauf, dass das eheliche Zusammenle- ben zerrüttet gewesen sei. Die Feststellung der angeblichen Unglaubhaf- tigkeit der Beschwerdeführerin durch die Vorinstanz erscheine unter diesen Gesichtspunkten als willkürlich und aktenwidrig. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer b estimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die E-4858/2019 Seite 10 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. Zu den in der Beschwerde geltend gemachten formellen Rügen ist Folgen- des festzustellen: 6.1 Gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG in Verbindung mit Art. 6 AsylV 1 wird die asylsuchende Person von einer Person gleichen Geschlechts befragt, wenn konkrete Hinweise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen. Geschlechtsspezifisch ist die Verfolgung dann, wenn sie in der Form sexu- eller Gewalt stattfindet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen soll (hierzu und zum Folgenden BVGE 2015/42 E. 5.2, unter Hinweis auf Ent- scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 2 E. 5a c). Das Geschlecht soll nach Möglichkeit auch bei der Auswahl der Personen, die als Dolmetscher eingesetzt werden und das Protokoll führen, berücksichtigt werden. Art. 6 AsylV 1 – diese Bestim- mung findet bei Frauen und Männern gleichermassen Anwendung – ist eine Ausgestaltung des rechtlichen Gehörs, mithin eine Schutzvorschrift, deren Zweck es ist, dass asylsuchende Personen ihre Vorbringen ange- messen vortragen, das heisst, konkret erlittene Übergriffe möglichst frei und unbeeinträchtigt von Schamgefühlen schi ldern können. Gleichzeitig dient sie dazu, die Richtigkeit der Sachverhaltsabklärung zu gewährleisten. Da diese Schutzvorschrift nicht bloss ein Recht der asylsuchenden Person beinhaltet, eine solche Befragung zu verlangen, sondern die Behörde dazu verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzugehen, sobald entspre- chende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzuwenden. In der genannten, immer noch Gültigkeit entfaltenden, Rechtspraxis wurde so- dann festgehalten, dass ein Verzicht – wenn überhaupt – jedenfalls nur dann angenommen werden könne, sofern ein solcher ausdrücklich erklärt werde. Andernfalls werde der Schutzzweck der Norm ihres Sinnes beraubt (a.a.O. E. 5c, vgl. in diesem Sinne auch Urteil des BVGer D -6857/2016 vom 15. Februar 2018 E. 4.1 m.w.H.). Im vorliegenden Fall ergaben sich nicht schon in der BzP sondern erst im Laufe der einlässlichen Anhörung eindeutige Hinweise auf geschlechtsspe- zifische Gewalt (A75/Q40). Die Vorinstanz wird allerdings nicht von den Vorgaben in Art. 6 AsylV 1 entbunden, wenn sich Anknüpfungspunkte für E-4858/2019 Seite 11 das Vorliegen geschlechtsspezifischer Gewalt nicht schon in deren Vorfeld, sondern erst während der eigentlichen Bundesanhörung ergeben. Gerade in solchen Konstellationen ist, wie in der vorinstanzlichen Verfügung zutref- fend festgehalten, besondere Rücksicht darauf zu nehmen, dass Be- troffene sexueller beziehungsweise geschlechtsspezifische r Gewalt oft nicht von Beginn an in der Lage sind, offen über Erlebtes zu berichten. Den Akten lässt sich entnehmen, dass im vorliegenden Fall mindestens der Be- frager und der Hilfswerksvertreter männlichen Geschlechts waren. Das Verhalten des Befragers im Anschluss an den freien Bericht der Beschwer- deführerin im Hinblick auf ihre Asylgründe offenbart denn auch die wün- schenswerte Sensibilität für die eingangs beschriebene Thematik. Die Auf- klärung der Beschwerdeführerin über ihr Recht, von einem gleichge- schlechtlichen Team befragt zu werden (A75/Q41ff.) vermag dennoch nicht aufzuwiegen, dass die Vorinstanz in casu ihre amtliche Pflicht zur Bef ra- gung im Einklang mit Art. 6 AsylV 1 verletzt hat. Aus der Rechtsprechung ergibt sich zwar die Möglichkeit der ausdrücklichen Verzichtserklärung auf eine Befragung durch ein gleichgeschlechtliches Team (vgl. insbesondere vgl. Urteil des BVGer D-6857/2016 vom 15. Februar 2018 E. 4.1 m.w.H.). Die Reaktion der Beschwerdeführerin auf die bezeichnete Rechtsbeleh- rung kann allerdings nicht als ausdrücklicher Verzicht aufgefasst werden. Mithin suggeriert die Aussage – einer laut Akten sichtlich aufgewühlten Be- schwerdeführerin – «je suis prête à parler» kein unbedingtes Einverständ- nis in die Befragung durch das anwesende Team, geschweige denn ein umfassendes Verständnis der Problematik mit der der Befrager sie kon- frontierte. Die als überaus zurückhaltend zu verstehe nde Äusserung ver- mag gerade im Hinblick auf den Inhalt der vorinstanzlichen Verfügung das Vorgehen des SEM nicht zu rechtfertigen. Die Verfügung stützt sich zu we- sentlichen Teilen auf die Vergewaltigungsvorbringen und deren mutmass- liche Unglaubhaftigkeit. Darin zeigt sich nochmals deutlich die Notwendig- keit, die Befragung entweder von Amtes wegen abbrechen zu müssen oder die Anordnung einer zusätzlichen Befragung zu den geschlechtsspezifi- schen Aspekten im Sinne von Art. 17 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 6 AsylV 1. Dieses Versäumnis der Vorinstanz führt dazu, dass nicht von der vollstän- digen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts ausge- gangen werden kann. 6.2 Indem das SEM trotz konkreter Hinweise auf eine geschlechtsspezifi- sche Verfolgung die Besch werdeführerin nicht durch ein reines Frau- enteam zu den Asylgründen anhören liess, hat es ihren Anspruch auf recht- liches Gehör verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig bezie-E-4858/2019 Seite 12 hungsweise unvollständig festgestellt und damit Bundesrecht verletzt. An- gesichts der formellen Natur des Anspruchs auf rechtliches Gehör spielt es sodann keine Rolle, ob die Missachtung der Verfahrensvorschrift von Art. 6 AsylV 1 auch Einfluss auf das Ergebnis hatte. Das SEM ist daher aufzufor- dern, die entsprechenden Massnahm en durchzuführen und gestützt auf deren Ergebnisse das Asylgesuch neu zu beurteilen. 6.3 Eine weitere Problematik geht aus dem Adressatenkreis der vo- rinstanzlichen Verfügung hervor. Diese richtet sich nur an die Beschwerde- führerin während deren Kinder, die sich nachweislich in ihrer Obhut befin- den, der Verfügung des Vaters angegliedert wurden, die nunmehr in Rechtskraft erwachsen ist. Die Vorinstanz führt in ihrer Vernehmlassung aus, die Trennung der Verfügungen habe keinerlei Einfluss auf den Aufent- haltsstatus der einzelnen Personen, da ihre Asylgesuche allesamt abge- wiesen und die vorläufige Aufnahme angeordnet wurde. Dabei verkennt sie, dass sich in der vorliegenden Konstellation sehr wohl negative, verfah- rensrechtliche Konsequenzen ergeben. Insbesondere wurde es der Mutter (Beschwerdeführerin) durch das von der Vorinstanz gewählte Vorgehen verunmöglicht, die Verfügung ihrer Kinder anzufechten. Das weitere Argu- ment, die Trennung der Kinder vom Verfahren ihrer Mutter habe sich auf- grund der von der Beschwerdefüh rerin geltend gemachten sexuellen Ge- walterfahrungen aufgedrängt, ein Argument, welches sich im Falle des Ehemannes durchaus als stichhaltig erweist, jedoch nicht in Bezug auf die noch minderjährigen Kinder. Das SEM hat denn auch, nach Einreichung der Vernehmlassung mit Mail vom 20. November 2019 signalisiert, die Kin- der an das Beschwerdeverfahren ihrer Mutter zu koppeln. Mit der Aufhe- bung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache zur wei- teren Abklärung und neuem Entscheid wird das SEM Gelegenheit haben, die Kinder im Sinne eines geordneten Geschäftsganges in das Verfahren ihrer Mutter einzubeziehen. 7. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als mit ihr die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Rückweisung der Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung beantragt wird. Die vorinstanzliche Verfügung vom 16. August 2019 ist auf- zuheben und die Sache ist in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständigen Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen ans SEM zurückzuweisen. E-4858/2019 Seite 13 Auf die im Beschwerdeverfahren in reformatorischer Hinsicht gestellten Rechtsbegehren und deren Begründung sowie auf die bisher eingereichten Dokumente ist bei diesem Verfahrensausgang nicht einzugehen, da es Sa- che des SEM sein wird, sich damit zu befassen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9. Der im Beschwerdeverfahren vertretenen Beschwerdeführerin ist ange- sichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun- gen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Ent- schädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzu- sprechen. Da keine Kostennote eingereicht wurde, sind die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist der Beschwerdeführerin zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1500.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zu- zusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-4858/2019 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2. Die Verfügung des SEM vom 16. August 2019 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird verpflichtet, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1500.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Claudia Jorns Morgenegg Versand: