B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6276/2019 U r t e i l v o m 1 2 . M a i 2 0 2 0 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Markus König, Richterin Contessina Theis, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch Rajeevan Linganathan, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 25. Oktober 2019. D-6276/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein sri -lankischer Staatsangehöriger tamilischer Ethnie, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 14. Mai 2016 und reiste mit dem Flugzeug via B._______ nach C._______. Auf dem Landweg setzte er seine Reise fort und erreichte am 27. Juni 2016 die Schweiz, wo er gleichentags im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ um Asyl nachsuchte. Dort wurde er am 4. Jul i 2016 im Rahmen einer Befragung zur Person (BzP) zu s einen persönlichen Um- ständen, dem Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen be- fragt. Am 21. Juni 2018 hörte ihn das SEM einlässlich zu seinen Asylgrün- den an. B. B.a Dabei brachte der Beschwerdeführer vor, er stamme aus E._______, wo er die Schule bis zur 9. Klasse besucht habe. Für die Hochzeit eines Cousins sei er im Jahr 2006 ins Vanni-Gebiet gegangen. Nachdem die Zu- gangsstrassen aufgrund des Krieges gesperrt worden seien, habe er bei seinem Onkel – eigentlich ein Cousin seines Vaters – in F._______ gelebt. Sein älterer Bruder sei etwa 2007 von den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) mitgenommen worden und habe ein m ilitärisches Training absol- vieren müssen. Ungefähr nach einem Jahr sei er geflüchtet und nach Lon- don gegangen. Die Familie habe davon aber nichts gewusst und angenom- men, er sei gestorben. Aufgrund des Verschwindens seines Bruders habe er selbst die LTTE unterstützen müssen, indem er bei der Verteilung von Nahrungsmitteln und beim Graben von Bunkern geholfen habe. Nach Kriegsende sei er ins Flüchtlingscamp (…) gekommen und einen Monat später zum Camp (…) transferiert worden, wo er auf seinen Onkel getroffen sei. Er sei dort mehrmals befragt worden, einerseits zu seinem Bruder und andrerseits zu seinen eigenen Tätigkeiten für die LTTE. Während sein On- kel freigelassen worden sei, habe die Armee beabsichtigt, i hn für Einglie- derungsmassnahmen in ein anderes Camp zu schicken. Der Onkel habe sich für ihn eingesetzt und schliesslich durch Zahlung von Schmiergeld er- reicht, dass er ebenfalls freigelassen worden sei. In der Folge habe er beim Onkel in F._______ gewohnt, wo er oft von Soldaten aufgesucht worden sei. Einmal hätten sie ihn m itgenommen, in ein dunkles Zimmer gebracht und zu seiner Tätigkeit für die LTTE befragt. Es sei ihm auch vorgehalten worden, dass sein Cousin – der Sohn des Onkels – bei den LTTE gewesen sei und sein Onkel zu einer Märtyrerfamilie gehöre. Sie hätten ihn geschla- gen und mit einem Stiefel in den Genitalbereich getreten. Nach einem Tag D-6276/2019 Seite 3 sei er wieder entlassen worden, wobei d ie Soldaten gesagt hätten, er müsse im Dorf bleiben und sie würden wiederkommen. Sie seien denn auch mehrmals erschienen und hätten ihn befragt. Aufgrund der Bedrohun- gen durch die Behörden und weil er gedacht habe, dass seine Eltern ge- storben seien, habe er sogar einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Sein Onkel habe ihn jedoch gerettet. Im Juni 2013 habe er den Entschluss zur Ausreise gefasst, diesen Plan aber aus finanziellen Gründen nicht um- setzen können. Im Jahr 2014 hätten sie erfahren, dass sein älterer Bruder noch am Leben sei und sich als Flüchtling in England aufhalte. Sein Onkel habe mit dem Bruder Kontakt aufgenommen und dieser habe ihm (dem Beschwerdeführer) ebenfalls zur Ausreise geraten. Mithilfe eines Schlep- pers habe er Sri Lanka schliesslich im Frühjahr 2016 verlassen. In der Schweiz habe er mehrmals an Kundgebungen in G._______ und H._______ teilgenommen. Zudem habe er Geld für die LTTE gespendet und bei tamilischen Festen in der Küche geholfen. Anfang 2017 seien seine Eltern, welche sich bis dahin in Indien aufgehalten hätten, nach Sri Lanka zurückgekehrt. Die Behörden hätten ihn in der Folge mehrmals bei seinen Eltern gesucht. B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Identitätskarte im Original sowie eine Wohnsitzbestätigung des Dorfvorstehers von F._______ für die Zeit von 2006 bis 2009 (in Kopie) ein. Ebenso gab er einen Kurzbericht des (…) vom 29. Juni 2018 und zwei ärztliche Berichte vom 11. Juni 2018 und 3. Juli 2018 zu den Akten. C. Mit Verfügung vom 25. Oktober 2018 (recte: 2019) – eröffnet am 29. Okto- ber 2019 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flücht- lingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegwei- sung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. D. Mit Eingabe vom 27. November 2019 erhob der Beschwerdeführer – han- delnd durch seinen neu mandatierten Rechtsvertreter – beim Bundesver- waltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigen- schaft festzustellten und ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit und/oder die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zuges festzustellen und die vorläufige Aufnahme zu verfügen, subeventu- aliter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. D-6276/2019 Seite 4 In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um unentgeltliche Rechts- pflege sowie Beiordnung des unterzeichnenden Rechtsvertreters als amt- lichen Rechtsbeistand. Als Beschwerd ebeilagen wurden – neben einer Vollmacht, der angefochtenen Verfügung sowie einer Sozialhilfebestäti- gung – Bilder einer Demonstration und verschiedene Medienartikel zu den Akten gereicht. E. Der Instruktionsrichter stellte mit Verfügung vom 9. Dezember 2019 fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess er das Gesuch um Gewährung der unentgelt- lichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses und ordnete dem Beschwerdeführe r Rechtsanwalt Rajeevan Linganathan als amtlichen Rechtsbeistand bei. F. Das SEM liess sich mit Schreiben vom 15. Januar 2020 zur Beschwerde vom 27. November 2019 vernehmen. G. Mit Eingabe vom 21. Februar 2020 reichte der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter eine Replik zu den Akten, unter Beilage verschie- dener Medienberichte, eines Interviews der Schweizerischen Flüchtlings- hilfe (SFH) mit einem tamilischen Journalisten sowie einer Honorarnote. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie- gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Aus nahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich D-6276/2019 Seite 5 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüch tlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die ei nen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM erachtete die Vorbringen des Beschwerdeführers als nicht glaubhaft. So habe er bei der BzP noch ausgeführt, dass sein Bruder von D-6276/2019 Seite 6 den LTTE zurückgekommen und von den Eltern ins Ausland geschickt wor- den sei. Im Widerspruch dazu habe er bei der Anhörung erklärt, sein Bruder sei nach England geflohen . Die Familie habe seit 2007 keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt und erst im Jahr 2014 von dessen Aufenthaltsort er- fahren. Weiter habe der Beschwerdeführer unterschiedliche Angaben zur Anzahl der Bedrohungen von Seiten der sri -lankischen Sicherheitskräfte während seines Aufenthalts im Flüchtlingscamp gemacht. Während er bei der BzP von zwei Vorfällen gesprochen habe, habe er an der Anhörung ausgesagt, er sei dort vier o der fünf Mal bedrängt worden. Grundlegend verschieden seien auch seine Angaben dazu, wie oft er nach der Entlas- sung aus dem Camp von den Sicherheitskräften mitgenommen worden sei. Anlässlich der BzP habe er ausgesagt, er sei alle drei Monate für etwa fünf Stunden mitgenommen worden, letztmals 15 Tage vor der Ausreise. Im Rahmen der Anhörung habe er dagegen erklärt, er sei nur einmal mitge- nommen und gefoltert worden, wobei er am nächsten Tag entlassen wor- den sei. Weiter habe er angegeben, die letzte Behellig ung durch die Be- hörden habe etwa sechs Monate vor der Ausreise stattgefunden. Auf ent- sprechenden Vorhalt habe er die Unterschiede zwischen seinen Vorbrin- gen bei der BzP und jenen bei der Anhörung nicht plausibel erklären kön- nen. Hinzu komme, dass seine Ausführungen bei der Anhörung teils vage ausgefallen seien. So habe er vorgebracht, das auslösende Ereignis für die Ausreise sei die Mitnahme im Sommer 2013 gewesen. Trotz mehrfachen Nachfragen habe er diese aber nur oberflächlich beschreiben können. Es sei auch unklar geblieben, weshalb er im Anschluss nicht zeitnah ausge- reist sei. Zwar habe er als Grund hierfür die finanzielle Lage angeführt, jedoch nicht nachvollziehbar dargelegt, inwiefern sich an dieser bis im Jahr 2016 etwas geändert habe. Aufgrund der Widersprüche und vagen Aussa- gen erfüllten seine Vorbringen die Anforderungen an Art. 7 AsylG nicht. Es sei daher zu prüfen, ob der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka dennoch begründete Furcht vor zukünftigen Verfolgungsmass- nahmen im Sinne von Art. 3 AsylG habe. Hinsichtlich der geltend gemach- ten Tätigkeit für die LTTE sei festzuhalten, dass die sri -lankischen Behör- den ihn schon lange hätten verhaften können, wen n sie dies beabsichtigt hätten, zumal er nach der Entlassung aus dem Flüchtlingscamp bis zu sei- ner Ausreise Anfang 2016 ohne Unterbruch in F._______ gelebt habe. All- fällige im Zeitpunkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten jedoch kein Verfolgungsinteresse seitens de s sri-lankischen Staates auszulösen vermocht. Es sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und verfolgt werden sollte. Es bestehe D-6276/2019 Seite 7 daher kein begründeter Anlass zur Annahme, dass er in Sri Lanka mit be- achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft asylrelev anten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein werde. Zu den vorgebrachten exilpolitischen Tätigkeiten sei festzuhalten, dass sich der Beschwerdeführer dabei nicht exponiert habe. Vielmehr sei er le- diglich als gewöhnlicher Teilnehmer an Demonstrationen gewesen, habe bei Festen in der Küche ausgeholfen und Geld an Anhänger der LTTE ge- spendet. Seine Ausführungen würden nicht darauf schliessen lassen, dass er von den heimatlichen Behörden als überzeugter Aktivist für die Wieder- belebung des tamilischen Separatismus wahrgenommen werde. Den Vollzug der Wegweisung erachtete die Vorinstanz als zulässig, zumut- bar und möglich. Insbesondere verfüge der Beschwerdeführer in der Hei- mat über ein stabiles Beziehungsnetz und seine Wohnsituation könne als gesichert angesehen werden. Ebenso habe er im Ausland lebende Ver- wandte, mehrere Jahre Schulbildung und Arbeitserfahrung in der Landwirt- schaft. Die allenfalls notwendige Behandlung seiner gesundheitlichen Be- schwerden sei in Sri Lanka gewährleistet, weshalb auch keine medizini- schen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs spre- chen würden. 4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, das SEM habe es unterlassen, vorgebrachte Tatsachen und Beweismittel korrekt zu würdi- gen und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig, vollständig und willkür- frei festzustellen. Es habe daher den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verletzt. Der Befragungsprozess sei vorliegend in mehr- facher Hinsicht mangelhaft gewesen. So habe zwischen der BzP und der Anhörung ein Zeitraum von rund zwei Jahren gelegen, was dazu geführt habe, dass der Sachverhalt durch verschiedene Beamte analysiert worden sei und die konkreten Fr agestellungen nicht zielorientiert gewesen seien. Weiter habe die Hilfswerksvertretung (HWV) ausdrücklich darauf hingewie- sen, dass es dem Beschwerdeführer teilweise nicht gelungen sei, Fragen zu verstehen und sich an bestimmte Ereignisse zu erinnern. Insbesondere habe er Schwierigkeiten mit Zahlen und Zeitangaben gehabt. Die HWV habe die zuständige Behörde daher aufgefordert, den psychischen Zu- stand und die Erinnerungsfähigkeit des Beschwerdeführers hinsichtlich ei- ner möglichen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) abzuklären. Die Vorinstanz habe diese Anmerkung jedoch ignoriert. Es werde daher subeventualiter beantragt, die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen D-6276/2019 Seite 8 und die Anhörung in Gegenwart einer medizinis chen Fachperson zu wie- derholen. Der Beschwerdeführer habe offensichtlich mentale Schwierigkei- ten, weshalb eine "Standardbefragung" allein nicht ausreiche. Ferner habe die Vorinstanz das Vorliegen einer Reflexverfolgung aufgrund der Zwangs- rekrutierung seines Bruders als Kämpfer der LTTE nicht angemessen ge- prüft. Sodann verkenne das SEM, dass die Asylvorbringen lediglich glaubhaft zu machen seien und somit geringeren Anforderungen genügen müssten. Es entspreche nicht den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen, sich Jahre später noch an genaue Abläufe zu erinnern. Zudem handle es sich bei den betreffenden Vorbringen um traumatische Erlebnisse, welche oft verdrängt würden. Die vom SEM aufgeführten angeblichen Widersprüche könnten daher nicht als Grundlage für die Glaubhaftigkeitsprüfung herangezogen werden. Die Abweichungen beträfen nicht nur marginale und belanglose Sachverhaltselemente, es könne von einer Person auch nicht erwartet wer- den, dass sie mehrere Jahre nach den Vorfällen noch die genaue Anzahl an Befragungen sowie deren Ablauf detailliert wiedergeben könne. Im kon- kreten Fall komme hinzu, dass der Beschwerdeführer aufgrund einer PTBS an psychischen Problemen leide, weshalb die Befragungsprotokolle nicht verwertbar seien. Für die Beurteilung der Asylgründe sei es zudem unausweichlich, die ak- tuellen Entwicklungen in Sri Lanka zu berücksichtigen. Im November 2019 sei Gotabaya Rajapaksa zum neuen Präsidenten gewählt worden. Dieser sei während der Präsidentschaft seines Bruders Mahinda Rajapaksa be- reits Verteidigungsminister gewesen. Beiden würden unzählige Menschen- rechtsverletzungen gegen die tamilische Bevölkerung, sowohl während der Bürgerkriegszeit als auch danach, vorgeworfen. Mit der erneuten Macht- übernahme des Rajapaksa -Clans habe sich die Lage für die tamilische Minderheit in Sri Lanka erheblich verschlechtert. Insbesondere werde schonungslos gegen Personen mit Verbindungen zu den LTTE vorgegan- gen, in Strafverfahren würden die Rechte von Beschuldigten missachtet und die Anwendung von Folter durch die Sicherheitskräfte sei weit verbrei- tet. Der Beschwerdeführer gehöre zu den Personen mit einem Risikoprofil, welche im Rahmen von "Säuberungsaktionen" beseitigt oder willkürlich verhaftet würden. Da er selbst für die LTTE Hilfstätigkeiten ausgeführt habe und über familiäre Verbindungen zu den LTTE verfüge, sei er – gerade nach der Machtübernahme durch den Rajapaksa -Clan – stark gefährdet. Das SEM habe diesbezüglich den Sachverhalt in mehrfacher Hinsicht falsch und unvollständig festgestellt. D-6276/2019 Seite 9 Weil der Beschwerdeführer die LTTE unterstützt habe und sein Bruder ein LTTE-Kämpfer gewesen sei, habe er bereits in Sri Lanka im Visier des Staatsapparates gestanden. Personen mit seinem Profil stellten aus Sicht der Behörden eine Gefahr für den Einheitsstaat dar, da er sich am Wieder- aufbau einer Unabhängigkeitsbewegung beteiligen könnte oder dies allen- falls vom Ausland aus bereits tue. Seine Teilnahme an Demonstrationen in der Schweiz respektive die Veröffentlichung von Bildern davon im Internet bestätige die Sicherheitsbehörden in dieser Auffassung. Es gebe verschie- dene Berichte von Tamilen, welche nach der Asylgesuchstellung im Aus- land nach Sri Lanka zurückgekehrt und dort verhaftet worden seien. In manchen Fällen sei es auch zu Folterungen gekommen und die Rückkeh- rer würden nach der Entlassung von den Behörden überwacht. Im Rahmen des bei einer Rückkehr durchgeführten Background -Checks würden die LTTE-Verbindungen des Beschwerdeführers unausweichlich festgestellt. Er habe bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen, um einer er- neuten Inhaftierung beziehungsweise Folterung zu entgehen. Das SEM wolle ihn nun genau die ser Situation wieder aussetzen, da ihm als abge- wiesener tamilischer Asylsuchender mit einer LTTE -Vergangenheit eine unrechtmässige Verhaftung mit anschliessender Folter drohe. Eventualiter wurde beantragt, den Vollzug der Wegweisung als unzulässig respektive unzumutbar zu qualifizieren und den Beschwerdeführer vorläu- fig aufzunehmen. Das SEM habe keine korrekte und vollständige Beurtei- lung der Zulässigkeit vorgenommen . Insbesondere fehle eine Würdigung der vom Bundesverwaltungsgericht vorgegebenen Risikofaktoren – vorlie- gend unter anderem die LTTE-Tätigkeit und die Reflexverfolgung aufgrund des Bruders – und es werde nicht begründet, inwiefern der Wegweisungs- vollzug im konkreten Fall zulässig sei. Sollte das Gericht die Flüchtlingsei- genschaft des Beschwerdeführers verneinen, müsse anhand der gut doku- mentierten Ereignisse bei der Rückschaffung von tamilischen Asylsuchen- den festgehalten werden, dass alle nach Sri Lanka zurückgeschafften ta- milischen Asylbewerber mit überwiegende r Wahrscheinlichkeit jederzeit Opfer einer Verhaftung sowie von Verhören unter Anwendung von Folter werden könnten. Angesichts des drastischen Vorgehens der Behörden ge- genüber verdächtigen Personen – insbesondere seit der Machtergreifung Rajapaksas – und im Lichte der Vorgeschichte des Beschwerdeführers be- stehe die überwiegende Gefahr einer Verfolgu ng. Zudem sei der fortdau- ernden exilpolitischen Tätigkeit des Beschwerdeführers Rechnung zu tra- gen. Der Vollzug der Wegweisung erweise sich daher als unzulässig. D-6276/2019 Seite 10 Sodann lägen klare Hinweise dafür vor, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr konkret gefährdet wäre, weshalb der Wegweisungsvollzug auch unzumutbar sei. Neben dem Risiko, dass zurückkehrende Tamilen bereits am Flughafen Verhaftungen und Verhören , oft verbunden Miss- handlungen, ausgesetzt würden, bestehe auch die Gefahr, zu einem spä- teren Zeitpunkt Opfer von Behelligungen, Belästigungen und Misshandlun- gen durch Behörden oder paramilitärische Gruppierungen zu werden. 4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM im Zusammenhang mit der psychischen Verfassung des Beschwerdeführers aus, dass er in der Anhö- rung zwar ausgesagt habe, es gehe ihm psychisch nicht gut. Gleichzeitig habe er aber eine begonnene p sychologische Behandlung auf eigenen Wunsch nach wenigen Sitzungen abgebrochen. Auf Nachfrage habe er hinzugefügt, er habe sich viele Gedanken gemacht, insbesondere zu sei- ner Familie und seiner unklaren Zukunft in der Schweiz. Es sei nachvoll- ziehbar, dass sich dies auf seine psychische Verfassung ausgewirkt habe. Konkrete Anhaltspunkte für einen psychischen Ausnahmezustand, welcher seine Aussagefähigkeit in Bezug auf den Inhalt der zentralen Asylvorbrin- gen in entscheidrelevanter Weise beeinträchtigt hätte, seien anlässlich der Anhörung jedoch nicht festgestellt worden. Psychische Beschwerden lies- sen nicht per se auf eine Aussageunfähigkeit schliessen und allfälligen Be- einträchtigungen des Beschwerdeführers sei durch eine unterstützende Befragungstechnik – beispielsweise durch mehrfaches Nachfragen – Rechnung getragen worden. Nach der Anhörung sei ein Kurzbericht des (…) vom 29. Juni 2018 sowie ein Arztbericht vom 3. Juli 2018 eingereicht worden. Das SEM habe diese Berichte geprüft, sich aber nicht zu ergän- zenden medizinischen Abklärungen veranlasst gesehen und den psychi- schen Gesundheitszustand in die Gesamtbetrachtung der Glaubhaftig- keitsbeurteilung miteinbezogen. Hinsichtlich der vorgebrachten Reflexverfolgung aufgrund der Tätigkeit sei- nes Bruders für die LTTE sei festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei, die geltend gemachte Verfolgung wegen seines Bru- ders respektive seiner eigenen Hilfstätigkeit für die LTTE glaubhaft zu ma- chen. Konkrete Anhaltspunkte für zukünftige Verfolgungsmassnahmen in- folge der Tätigkeit des Bruders liessen sich weder den Ausführungen des Beschwerdeführers noch den Akten entnehmen. Weiter führe auch die ak- tuelle politische Lage in Sri Lanka und insbesondere die Wahl von Gota- baya Rajapaksa zum Präsidenten sowie die damit einhergehenden Verän- derungen nicht zu einer anderen Einschätzung. Es gebe zum jetzigen Zeit- punkt keinen Anlass zur Annahme, dass unter dem neuen Präsidenten D-6276/2019 Seite 11 ganze Volksgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt seien. Das SEM prüfe stets das Verfolgungsrisiko im Einzelfall und es sei kein persönlicher Bezug des Beschwerdeführers zur Präsidentschaftswahl res- pektive deren Folgen zu erkennen. 4.4 In der Replik wurde geltend gemacht, dass nicht nur die Anmerkungen der HWV, sondern auch die vom Beschwerdeführer eingereichten Arztbe- richte auf eine PTBS hingewiesen hätten. Die HWV habe das SEM ent- sprechend aufgefordert, von Amtes wegen Abklärungen zum psychischen Gesundheitszustands zu tätigen . Dies werde nicht oft gemacht und es stelle sich die Frage, welche Rolle die HWV spielten, wenn deren Empfeh- lungen offensichtlich nicht berücksichtigt würden. Ein typisches Anzeichen für eine PTBS sei die Vermeidung von Erinnerungen, welche diese verur- sacht hätten. Teilweise könnten sich die Betroffenen gänzlich nicht an das auslösende Ereignis erinnern. Es könne dem Beschwerdeführer somit nicht vorgehalten werden, er habe die Kernelemente seiner Fluchtgründe nicht ausreichend detailliert wiedergegeben. Er sei aufgrund seines Ge- sundheitszustandes schlicht nicht in der Lage gewesen, ausführlichere An- gaben zu machen . Es sei erwiesen, dass sein e gesundheitliche Verfas- sung Auswirkungen auf die Aussagefähigkeit gehabt habe und zwinge nd eine ärztliche Abklärung erfolgen müsse. Sodann habe der Beschwerdeführer die Reflexverfolgung aufgrund der Tä- tigkeit seines Bruders für die LTTE glaubhaft dargelegt. Da er mit dem Bru- der nicht persönlich über seine genaue Stellung und seine Aufgaben b ei den LTTE habe sprechen können, sei es nachvollziehbar, dass seine da- hingehenden Ausführungen nicht allzu ausführlich seien. Es könne ihm deshalb nicht vorgeworfen werden, er habe die Umstände betreffend sei- nen Bruder unglaubhaft geschildert. Zudem sei es gerichtsnotorisch, dass der sri-lankische Staatsapparat Familienangehörige von Ex -LTTE-Kämp- fern aufsuche und zum Reden zwinge. Weiter stelle das SEM seine eige- nen für die LTTE erbrachten Hilfstätigkeiten zu Recht nicht in Abrede. Der Beschwerdeführer sei bei den Behörden bereits registriert, da er inhaftiert und verhört worden sei. Es sei somit erwiesen, dass er bei einer Rückwei- sung einer erheblichen (Reflex-) Verfolgung ausgesetzt sein würde. Zu den exilpolitischen Aktivitäten sei festzuhalten, dass der Beschwerde- führer an einer Kundgebung in G._______ an vorderster Front für einen unabhängigen Tamilenstaat und für die LTTE demonstriert habe. Foto- und Videoaufnahmen sowie Medienberichte davon seien im Internet veröffent- licht worden. Bilder des Beschwerdeführers, auf denen er eine Fahne der D-6276/2019 Seite 12 Tamil Tigers in die Luft halte, seien für jedermann – und damit auch für die heimatlichen Behörden – einsehbar. Der sri-lankische Geheimdienst sei auch in der Schweiz gut vernetzt und das Wiederaufflammen von Unab- hängigkeitsbewegungen im Ausland werde genau beobachtet. Dies gelte insbesondere für die Schweiz, wo die LTTE nicht verboten und vom Bun- desgericht weder als kriminelle noch als terroristische Organisation einge- stuft worden sei. Der Beschwerdeführer sei den sri-lankischen Behörden bei der Kundgebung zweifellos nicht nur wegen seiner Teilnahme, sondern insbesondere wegen des Plakats, das er in die Höhe gehalten h abe, auf- gefallen. Er gelte daher als besonders verdächtige Person, welche – ge- rade nach dem Machtwechsel in Sri Lanka – bei einer Rückkehr einer per- sönlichen Verfolgung ausgesetzt werden würde. Die Schweizer Botschaft habe kürzlich in den eigenen Reihen erfahren müssen, dass der wieder an die Macht gekommene Rajapaksa-Clan bei seinem Vorgehen keine Opfer scheue. So sei eine Angestellte der Botschaft mit einem weissen Van ent- führt, mit dem Tod bedroht und gezwungen worden, botschaftsinterne In- formationen preiszugeben. Anstatt den Fall aufzuklären, hätten sich die sri- lankischen Behörden auf den Standpunkt gestellt, dass die Frau lüge. In der Folge sei sie unter dem Vorwand der falschen Anschuldigung inhaftiert worden. Dieses Vorgehen sei beispielhaft für die Machenschaften des neuen Staatsoberhauptes. Dem beigelegten Interview mit einem tamili- schen Journalisten, welcher als anerkannter Flüchtling in der Schweiz lebe, lasse sich entnehmen, dass zahlreiche Personen in Sri Lanka durch den Machtwechsel gefährdet seien. Darunter befänden sich nicht nur Journa- listen, sondern auch andere Regierungskritiker, Teilnehmer von Demons - trationen, Angehörige der LTTE sowie Familienmitglieder von verschwun- denen Personen. Vor diesem Hintergrund seien die Schweizer Behörden nun endgültig gezwungen, die absolut unzumutbare Sicherheitslage in Sri Lanka eingehend zu überprüfen. Der Beschwerdeführer, der sich weit mehr als nur an Demonstrationen engagiert habe, sei aufgrund des Machtwech- sels einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt. 5. 5.1 Der Beschwerdeführer erhebt formelle Rügen, indem er dem SEM eine unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts sowie eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör vorwirft. Diese Rügen sind vorab zu beurteilen, d a sie – sofern begründet – allen- falls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu be- wirken. D-6276/2019 Seite 13 5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, andrer- seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein- greift. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Er- lass eines solchen Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen und Einsicht in die Akten zu nehmen. Der Anspruch auf recht- liches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3). Mit dem Ge- hörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass der Be- troffene den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1). Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet ge- mäss Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG einen Beschwerdegrund. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten- widriger Sachverhalt zugrunde gelegt oder Beweise falsch gewürdigt wor- den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid wesentli- chen Sachumstände berücksichtigt wurden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). 5.3 In der Be schwerdeschrift wurde gerügt, dass zwischen den beiden durchgeführten Befragungen ein Zeitraum von rund zwei Jahren gelegen habe. Daher sei der Sachverhalt von verschiedenen Beamten analysiert worden und die konkreten Fragestellungen seien nicht zielorientiert gewe- sen. Der Beschwerdeführer habe an mehreren Stellen auf Fragen antwor- ten müssen, welche kaum zur Erstellung des rechtserheblichen Sachver- halts respektive zur Beurteilung des Asylgesuchs beigetragen hätten. Es ist jedoch nicht ersichtlich, weshalb der Umstand, dass während des Ver- fahrens unterschiedliche Personen das Asylgesuch bearbeitet haben, für den Beschwerdeführer negative Auswirkungen gehabt haben soll. Er legt denn auch nicht näher dar, welche Fragen ni cht zielorientiert gewesen seien und inwiefern ihm daraus, dass ihm diese gestellt worden seien, ein Nachteil erwachsen sei. Aus dem Anhörungsprotokoll ergeben sich keine Hinweise darauf, dass der Befragungsstil unangemessen gewesen und der D-6276/2019 Seite 14 Beschwerdeführer systematisch nach unwesentlichen Sachv erhaltsele- menten gefragt worden wäre. Die dahingehende Rüge erweist sich als un- begründet. 5.4 Weiter wurde geltend gemacht, die Vorinstanz habe den psychischen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nicht ausreichend abgeklärt, obwohl er in der Anhörung sei ne psychischen Probleme erwähnt und die HWV entsprechende Abklärungen empfohlen habe. Diesbezüglich ist fest- zuhalten, dass der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung ausführte, er sei physisch gesund, aber psychisch gehe es ihm nicht gut. Zwar sei er zwei Mal bei einem Psychiater gewesen. Er habe sich jedoch daran ge- stört, dass ihm dieser Fragen über seine Vergangenheit gestellt habe, wes- halb er wieder aufgehört habe, hinzugehen. Auf die Frage, wie es ihm seit- her gehe, antwortete er, dass er sich viele Ge danken über seine Familie mache und sein Status in der Schweiz immer noch nicht stabil sei, was seinen Alltag beeinträchtige (vgl. A19, F5 ff.). Dem vorgelegten Kurzbericht des (…) vom 29. Juni 2018 lässt sich entnehmen, dass der Beschwerde- führer Symptome gezeigt habe, welche auf eine PTBS hinweisen würden. Der unsichere Aufenthaltsstatus wirke sich jedoch destabilisierend und blo- ckierend aus, so dass er sich nicht auf einen therapeutischen Prozess ein- lassen könne. Auch im Bericht vom 3. Juli 2018 wird ausgeführt, es be- stehe der Verdacht auf psychische Beeinträchtigungen; die behandelnde Ärztin äussert sich jedoch nicht weiter dazu. Zutreffend ist, dass sich den Ausführungen des Beschwerdeführers sowie den Akten Hinweise auf psychische Probleme entnehmen lassen und d ie HWV eine Abklärung des psychischen Gesundheitszustandes anregte. Auf dem Unterschriftenblatt begründete sie dies damit, dass der Beschwerde- führer – eigenen Angaben zufolge – psychische Probleme habe und es ihm mehrfach nicht gelungen sei, Fragen zu beantworten und sich an be- stimmte Ereignisse zu erinnern sowie mit Zahlen beziehungsweise Zeitan- gaben umzugehen. Es ist zwar möglich, dass derartige Erinnerungs- schwierigkeiten tatsächlich auf psychische Beeinträchtigungen zurückzu- führen sind. Dies ist jedoch keineswegs die einzige Erklärung für ein sol- ches Aussageverhalten. Die Angaben des Beschwerdeführers lassen auch darauf schliessen, dass die psychischen Probleme vor allem mit dem un- sicheren Aufenthaltsstatus in der Schweiz sowie Sorgen um seine Familie zusammenhängen (vgl. A19, F8). Es erscheint verständlich, dass es für eine asylsuchende Person belastend ist, sich ohne Familie mit einem un- sicheren Aufenthaltsstatus in einem fremden Land aufzuhalten. Darau s D-6276/2019 Seite 15 lässt sich jedoch noch keine Notwendigkeit für ein medizinisches Gutach- ten ableiten, da dies nicht zwingend auch eine beeinträchtige Aussagefä- higkeit hinsichtlich der Asylvorbringen zur Folge hat. Eine diagnostizierte psychische Störung liegt bis zum he utigen Zeitpunkt nicht vor. Es wäre dem Beschwerdeführer vorliegend aber möglich und zu- mutbar gewesen, von sich aus einen entsprechenden ärztlichen Bericht einzureichen. Offensichtlich wusste er um die Möglichkeit, eine psycholo- gische oder psychiatrische Behandlung in Anspruch zu nehmen. Einerseits wurde dies in der Anhörung thematisiert, andrerseits wurde er auch bereits psychologisch betreut und berichtete seiner Ärztin von psychischen Prob- lemen (vgl. A20, Beweismittel 3 und 4). Er brach eine im Frühjahr 2018 begonnene Behandlung jedoch ab, um nicht mit dem Psychiater über seine Vergangenheit sprechen zu müssen. Es ist daher fraglich, ob eine Begut- achtung von Amtes wegen zielführend gewesen wäre, da eine solche ohne die Kooperation des Beschwerdeführers – darunter auch in einem gewis- sen Ausmass das Schildern von vergangenen Erlebnissen – kaum sinnvoll erscheint. Er hätte aber ausreichend Zeit gehabt, sich – wenn er eine Be- handlung der von ihm geltend gemachten psychischen Probleme ge- wünscht hätte – während des vorinstanzlichen Verfahrens zu einer Fach- person zu begeben und einen entsprechenden Bericht einzureichen. Es ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass weder die Ausführun- gen des Beschwerdeführers anlässlich der Anhörung noch die vorgelegten Arztberichte auf eine derart schwerwiegende psychische Beeinträchtigung schliessen lassen, dass er nicht in der Lage gewesen wäre, die Anhörung durchzuführen. Entsprechend gibt es auch keinen Grund, die Befragungs- protokolle als "unverwertbar" einzustufen. Des Weiteren ist nicht ersicht- lich, inwiefern eine Anhörung im Beisein einer medizinischen Fachperson zu einer besseren Sachverhaltsabklärung beitragen würde. Vielmehr ist dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers – wie vom SEM im Rah- men der Vernehmlassung richtigerweise festgehalten – bei der Gesamtbe- urteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen Rechnung zu tragen. Der Be- fragungsstil der Anhörung erscheint allfälligen Problemen, welche der Be- schwerdeführer beim Verständnis der Fragen oder bei der Einordnung von Sachverhaltselementen gehabt haben könnte , angepasst. Ihm wurde je- weils die Möglichkeit eingeräumt, präzisierende Angaben zu machen, die Zeitangaben auf ungefähre Zeiträume zu beschränken und zu wider- sprüchlichen oder unklaren Aussagen Stellung zu nehmen (vgl. bspw. A19, F75 ff., F84 ff., F91 f., F104 f., F163 ff.). Die Anhörung erweist sich daher als korrekt durchgeführt und es besteht keine Veranlassung, die Sache an D-6276/2019 Seite 16 die Vorinstanz zurückzuweisen und diese aufzufordern, den Beschwerde- führer erneut anzuhören. Weiter stellt die Nichtberücksichtigung der Empfehlungen der HWV entge- gen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung auch keine Ver- letzung von Verfahrensvorschriften dar. Das SEM ist nicht verpflichtet, den Anregungen der HWV für weit ere Sachverhaltsabklärungen in jedem Fall nachzukommen. Vielmehr handelt es sich dabei um blosse Empfehlungen, welche nicht bindend sind. Angesichts des Umstands, dass der Beschwer- deführer von sich aus einen Bericht betreffend seine psychischen Prob- leme vorlegte, gleichzeitig aber ausführte, er habe die Behandlung abge- brochen und auf eine Weiterführung verzichtet, kann dem SEM nicht vor- geworfen werden, es habe seinen medizinischen Zustand nicht ausrei- chend abgeklärt. Der Beschwerdeführer hätte sich bei Bedarf jederzeit auf- grund der von ihm geltend gemachten psychischen Probleme erneut in ärztliche Behandlung begeben und einen entsprechenden Bericht vorlegen können. 5.5 Der Beschwerdeführer moniert weiter, dass die Vorinstanz die Re- flexverfolgung aufgrund der (Zwangs-)Rekrutierung seines Bruders durch die LTTE nicht angemessen geprüft habe. Das SEM hielt in der angefoch- tenen Verfügung fest, der Beschwerdeführer habe vorgebracht, dass sein Bruder etwa ein Jahr für die LTTE tätig gewesen sei. Es kam jedoch zum Schluss, die geltend gemachten Verfolgungshandlungen aufgrund dieses Umstands – sowie infolge seiner eigenen Tätigkeit für die LTTE – seien nicht glaubhaft. Weiter führte es aus, allfällige , im Zeitpunkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten kein Verfo lgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht. Er habe nach Kriegsende noch sieben Jahre im Heimatstaat gelebt und es sei aufgrund der Akten- lage nicht ersichtlich, dass e r über ein Risikoprofil verfüge , welches dazu führen könnte, dass er bei einer Rückkehr in den Fokus der Behörden ge- raten würde. Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass sich d ie Vor- instanz ausreichend zu dem Vorbringen des Beschwerdeführers, ihm drohe eine Reflexverfolgung aufgrund der Tätigkeit seines Bruders für die LTTE, geäussert und diesen Aspekt angemessen berücksichtigt hat. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer die Einschätzung des SEM nicht teilt und die Relevanz dieses Vorbringen s für die Erfüllung der Flüchtlingsei- genschaft anders beurteilt, stellt keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. D-6276/2019 Seite 17 5.6 Zusammenfassend erweist sich der Befragungsprozess nicht als man- gelhaft und das SEM war nicht verpflichtet, weitergehende Abklärungen zum psychischen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers vorzuneh- men. Eine unvollständige und unrichtige Sachverhaltsabklärung liegt nicht vor. Die aus dem Akten hervorgehenden psychischen Beeinträchtigungen sind im Rahmen der Glaubhaftigkeitsprüfung angemessen zu berücksich- tigen. Ebenso ist die geltend gemachte Reflexverfolgung aufgrund der vor- gebrachten Tätigkeit des Bruders für die LTTE bei der materiellen Prüfung der Vorbringen zu beurteilen. Von einer Verletzung des rechtlichen Gehörs in diesem Zusammenhang ist nicht auszugehen. Die formellen Rügen er- weisen sich daher als unbegründet und es besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 6. 6.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen ei- nes Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge- macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erleb- nisse betreffende, substanziierte, weitgehend widerspruchsfreie und kon- krete Schilderung der Vorkommnisse, welche bei objekti ver Betrachtung plausibel erscheint. Von unglaubhaften Ausführungen ist dagegen bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen auszugehen. Entscheidend ist, ob bei einer Gesamtbeurteilung die Gründe, die für die Richtigkei t der Sachverhaltsdarstellung des Be- schwerdeführers sprechen, überwiegen oder nicht. Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt eines Vorbringens zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Umstände wesentliche Elemente gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2013/11 E. 5.1). Die Beiziehung des Proto- kolls der BzP im Sinne einer Gegenüberstellung mit den in der ausführli- chen Anhörung protokollierten Aussagen ist dabei grund sätzlich zulässig. Den Angaben im ersten Protokoll kommt angesichts des summarischen Charakters dieser Befragung für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Asylgründe aber nur ein beschränkter Beweiswert zu. Unterschiedliche An- gaben dürfen und müssen jedo ch mitberücksichtigt werden, wenn klare Aussagen in der BzP in wesentlichen Punkten von den späteren Ausfüh-D-6276/2019 Seite 18 rungen diametral abweichen, oder wenn bestimmte Ereignisse oder Be- fürchtungen, die später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht zu- mindest ansatzweise in der BzP erwähnt werden (vgl. Urteil des BVGer D-4320/2017 vom 26. Oktober 2017 E. 5.3 m.H.). 6.2 6.2.1 Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei von der sri-lankischen Armee bereits während des Aufenthalts im Flüchtlingscamp mitgenommen und befragt worden. Auch nach der Entlassung aus dem Camp im Frühjahr 2010 bis hin zur Ausreise im Mai 2016 seien die Sicherheitsbehörden oft vorbeigekommen, hätten ihn befragt und eingeschüchtert respektive mit- genommen. Die Schilderungen des Beschwerdeführers enthalten jedoch zahlreiche Ungereimtheiten. Insbesondere ist die summarische Darlegung der Ereignisse anlässlich der BzP in verschiedenen Punkten nicht verein- bar mit seinen Ausführungen bei der Anhörung. Auch innerhalb der Anhö- rung widersprach er sich an mehreren Stellen und es gelang ihm nicht, die Widersprüche aufzulösen. 6.2.2 Der Beschwerdeführer sah die Tätigkeit seines Bruders für die LTTE als "Kernpunkt" seiner Probleme an. Bei der Anhörung gab er zu Protokoll, sein Bruder sei im Jahr 2007 von den LTTE zwangsrekrutiert worden und ein Jahr später geflohen. Weil sie dies nicht gewusst hätten, hätten sie ge- dacht, er sei gestorben (vgl. A19, F73). Demgegenüber führte er anlässlich der BzP noch aus, dass der Bruder nach einem Jahr von der Bewegung zurückgekommen und daraufhin von den Eltern ins Ausland geschickt wor- den sei, weil die Bewegung nach ihm gesucht habe (vgl. A4. Ziff. 7.01). Diese unterschiedlichen Angaben erstaunen insbesondere deshalb, weil der Beschwerdeführer die Tätigkeit des Bruders als Hauptursache für seine Probleme ansah und dies mithin ein für ihn zentrales Sachverhaltselement darstellte. Entsprechend wäre zu erwarten gewesen, dass er die Flucht des Bruders vor den LTTE übereinstimmend schildert. 6.2.3 Auffallend sind jedoch vor allem die unterschiedlichen Angaben des Beschwerdeführers dazu, wie oft und in welchem Ausmass er angeblich von den sri -lankischen Sicherheitsbehörden bedroht worden sei. Diesbe- züglich führte er bei der BzP im freien Bericht aus, die Armee sei zweimal zu seinem Onkel nach Hause gekommen und habe ihn eingeschüchtert. Gleichzeitig erwähnte er, sie seien alle drei Monate gekommen, hätten ihn mitgenommen und bedroht, zuletzt 15 Tage vor seiner Ausreise (vgl. A4, Ziff. 7.01). Bei den folgenden Nachfragen gab er an, z wischen 2010 und D-6276/2019 Seite 19 der Ausreise seien ständig zivil gekleidete Leute von der Spionageabtei- lung bei ihnen zu Hause vorbeigekommen. Sie hätten ihn jeweils mitge- nommen, eingeschüchtert und wieder gehen lassen. Er sei für etwa fünf Stunden festgehalten worden; dies habe sich alle drei Monate im gleichen Rahmen abgespielt (vgl. A4, Ziff. 7.02). 6.2.4 Anlässlich der Anhörung führte der Beschwerdeführer aus, er sei be- reits während der Zeit im Flüchtlingscamp (…) vier- bis fünfmal von den Behörden befragt und bedroht word en (vgl. A19, F77 und F82). Nach der Entlassung sei er zwischen acht- und zehnmal zu Hause gesucht worden. Dabei sei er nur ein einziges Mal mitgenommen worden (vgl. A19, F102 f.). Es fiel ihm schwer, diese zeitliche Mitnahme einzuordnen; es sei aber kurz nach der Entlassung aus dem Camp gewesen (vgl. A19 , F104 f.) Er er- klärte, dass er dabei befragt und gefoltert worden sei, indem sie ihn ge- schlagen und mit Stiefeln getreten hätten (vgl. A19, F106). Nach einem Tag in Haft sei er auf freien Fuss gesetzt worden. Danach seien Soldaten mehr- mals beim Onkel zu Hause vorbeigekommen. Weitere Mitnahmen habe es aber nicht gegeben, vielmehr hätten nur verbale Beschimpfungen und Be- drängungen stattgefunden (vgl. A19, F108 ff.). Auf die Frage, wie oft er zwi- schen 2013 und 2016 Kontakt mit den Behörden gehabt habe, antwortete er, dass dies etwa dreimal im Monat gewesen sei (vgl. A19, F114). Tenden- ziell habe die Häufigkeit der Besuche eher abgenommen und der letzte Besuch habe etwa sechs Monate vor der Ausreise stattgefunden (vgl. A19, F166 f.). 6.2.5 Aus diesen Ausführungen des Beschwerdeführers geht nicht hervor, ob er nach der Entlassung aus dem Camp zweimal, acht- bis zehnmal, alle drei Monate oder dreimal im Monat von den Sicherheitsbehörden behelligt worden sein soll. Unklar bleibt auch, ob er einmal für einen Tag inhaftiert und dabei gefoltert oder mehrmals für etwa fünf Stunden mitgenommen worden sei. Sodann erklärte der Beschwerdeführer bei der BzP , es seien jeweils Leute von der Spionageabteilung in zivil vorbeigekommen, wäh- rend er an der Anhörung von Soldaten sprach. Weiter äusserte er sich un- terschiedlich dazu, ob der letzte Besuch der Sicherheitsbehörden 15 Tage oder sechs Monate vor der Ausreise stattgefunden habe. Die Erklärungs- versuche des Beschwerdeführers, dass die Angaben an der Anhörung zu- treffen würden, er bei der BzP nervös gewese n und es für ihn unterwegs sehr schwierig gewesen sei, vermögen dabei nicht zu überzeugen (vgl. A19, F163 f., F168 f. und F173). Es handelt sich bei den Problemen mit den Sicherheitsbehörden um den zentralen Grund, welcher ihn angeblich zur Ausreise bewoge n hat. Zwar kann nicht erwartet werden, dass eine D-6276/2019 Seite 20 Person bei unzähligen Zusammentreffen mit den Behörden deren genaue Anzahl benennen kann. Nicht nachvollziehbar ist jedoch, dass die Darstel- lungen in derart grossem Ausmass – die Angaben reichen von insgesamt zweimal bis zu dreimal im Monat über sechs Jahre hinweg – voneinander abweichen. 6.2.6 In der Beschwerdeschrift wird dem entgegengehalten, es entspreche nicht den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen, sich auch Jahre später noch an die genaue Anzahl von Bef ragungen zu erinnern und deren Ab- läufe detailliert wieder zugeben. Vorliegend komme hinzu, dass der Be- schwerdeführer an psychischen Problemen leide. Zutreffend ist, dass dem gesundheitlichen Zustand eines Asylsuchenden während des Verfahrens angemessen Rechnung zu tragen ist. Dazu gehört – neben dem Zugang zu allenfalls notwendigen medizinischen Behandlungen – auch, dass vor- handene psychische Beeinträchtigungen in die Beurteilung der Glaubhaf- tigkeit der Vorbringen einfliessen. Beim Beschwerdeführer liegt keine diagnostizierte psychische Erkrankung vor. Er war jedoch in ärztlicher Behandlung und wurde für eine kurze Zeit psychologisch betreut. Dem Bericht des (…) vom 29. Juni 2018 lässt sich entnehmen, dass er mit dem behandelnden Psychologen im (…) 2018 drei Gespräche geführt hat, bei welchen er unter anderem über (…) – alles Symptome einer PTBS – geklagt habe. Dennoch habe er sich nicht auf einen längeren therapeutischen Prozess einlassen können. Im ärztlichen Bericht vom 3. Juli 2018 wird namentlich festgehalten, der Beschwerdefüh- rer habe (…). Weiter wurde erwähnt, es bestehe der Verdacht auf eine psy- chologische Beeinträchtigung. Bei der Anhörung im Juni 2018 erwähnte der Beschwerdeführer keine körperlichen Beschwerden, führte jedoch aus, er habe psychische Probleme (vgl. A19, F5). Selbst wenn eine PTBS diagnostiziert worden wäre und der Beschwerde- führer damit einhergehend unter Konzentrations- und Erinnerungsschwie- rigkeiten leiden würde, erklärt dies nicht die äusserst gravierenden Unter- schiede bei der Dars tellung seiner Fluchtgründe. Zwar ist anzuerkennen, dass eine PTBS das Aussageverhalten von Menschen beeinflussen kann. Entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung kann je- doch auch von einer psychisch beeinträchtigten Person respektive einer Person mit den vom Beschwerdeführer geschilderten Beschwerden erwar- tet werden, dass sie die Grundzüge ihrer Fluchtgeschichte in den wesent- lichen Teilen und hinsichtlich der zentralen Punkte kohärent und ohne er-D-6276/2019 Seite 21 hebliche Widersprüche schildert. Die vorliegend dargelegten gesundheitli- chen Probleme vermögen die zahlreichen gravierenden Widersprüche in seinen Aussagen jedoch nicht ausreichend zu erklären. Die betreffenden Schilderungen weichen in verschiedener Hinsicht und in erheblichem Aus- mass voneinander ab. Ergänzend ist festzuhalten, dass sich dem Anhö- rungsprotokoll – trotz der Anmerkung der HWV auf dem Unterschriftenblatt, dass er Probleme mit Zahlen und Zeitangaben gehabt habe – nicht ent- nehmen lässt, dass der Beschwerdeführer grundsätzlich nicht in der Lage gewesen wäre, seine Erlebnisse zeitlich einzuordnen. So konnte er sich noch an die genauen Daten erinnern, an denen er ins Flüchtlingscamp ge- kommen und wieder entlassen worden sei; ebenso konnte er das präzise Ausreisedatum nennen (vgl. A19, F72 S. 9 und F75). Die Ungereimtheiten beziehen sich dagegen weitestgehend auf die Mitnahmen, Befragungen und Behelligungen durch die Sicherheitskräfte. Zu diesen machte der Be- schwerdeführer sehr unterschiedliche Angaben und er konnte sie auch zeitlich nicht einordnen. 6.3 Sodann wies die Vorinstanz zutreffend darauf hin, dass es nicht nach- vollziehbar erscheint, weshalb der Beschwerdeführer Sri Lanka erst im Jahr 2016 verlassen hat. Eigenen Angaben zufolge fasste er bereits im Juni 2013 den Entschluss, auszureis en. Als Ursache dafür gab er an, dass er damals malträtiert und gefoltert worden sei (vgl. A19, F112 f.). Dies deckt sich jedoch nicht mit seinen vorangehenden Aussagen an der Anhörung, wonach die einzige Mitnahme durch die Sicherheitsbehörden, bei welcher er gefoltert worden sei, kurz nach seiner Entlassung aus dem Camp erfolgt sei, mutmasslich zwischen 2011 und 2012 (vgl. A19, F103 ff.). Weiter be- gründete er den Umstand, dass er erst drei Jahre nach dem eigentlichen Ausreiseentscheid das Land verliess, mit mangelnden Finanzen. Auf die Frage, was sich an dieser Situation bis im Jahr 2016 geändert habe, führte er aus, dass sein Onkel mehrere Hektaren Land besessen habe, welches er stückweise verkauft habe (vgl. A19, F123 f.). Es ist nicht ersichtlich und wird vom Beschwerdeführer nicht nachvollziehbar erklärt, weshalb ein all- fälliger Landverkauf nicht bereits früher möglich gewesen sein soll. Zudem gab er bei der BzP noch an, dass es ihnen wirtschaftlich gut gegangen sei (vgl. A4, Ziff. 9.01). Vor diesem Hintergrund erscheint es schwer verständ- lich, dass er – wenn er tatsächlich in dem von ihm geltend gemachten Aus- mass von den Behörden behelligt worden wäre – aus finanziellen Gründen mehrere Jahre mit der Umsetzung seines Ausreiseentschlusses zugewar- tet hätte. D-6276/2019 Seite 22 6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelingt, glaubhaft zu machen, dass er nach der Entlassung aus dem Flüchtlingscamp bis zur Ausreise hin unzählige Male von den Sicherheits- behörden aufgesucht, befragt und bedrängt sowie einmal mitgenommen und gefoltert worden sei. Seine Ausführungen im Zusammenhang mit die- sen Ereignissen sind krass widersprüchlich und lassen sich weder zeitlich einordnen noch in ihrer Häufigkeit und Intensität abschätzen. Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung – und unter Berücksichtigung von allfälligen psy- chischen Problemen des Beschwerdeführers – überwiegen die Elemente, welche gegen die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen sprechen. Die angeb- lichen Probleme, sich an bestimmte Vorfälle zu erinnern und diese zeitlich einzuordnen, beziehen sich fast ausschliesslich auf die behaupteten Be- helligungen durch die Sicherheitsbehörden nach der Entlassung aus dem Camp. Es gelingt ihm daher n icht, glaubhaft zu machen, dass er wegen der Rekrutierung seines Bruders durch die LTTE sowie seinen eigenen Hilfstätigkeiten für diese in Sri Lanka Verfolgungsh andlungen ausgesetzt war. Entsprechend ist nicht davon auszugehen, dass er im Zeit punkt der Ausreise im Visier der sri-lankischen Sicherheitskräfte gestanden hat. Ebenso wenig ist anzunehmen, dass er bei seinen Eltern zu Hause – nach- dem diese im Februar 2017 nach E._______ zurückgekehrt seien – ge- sucht worden sei. Im Folgenden ist zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer aus anderen Grün- den bei einer Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen. 7. 7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind. Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nach- teile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risi- kofaktoren. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der sogenannten „Stop-List“ und die Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden da- bei als stark risikobegründende Faktoren eingestuft . Demgegenüber stel- len das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegründende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene D-6276/2019 Seite 23 kleine Gruppe tatsächlich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der sri- lankischen Behörden bestrebt sei, den tamilischen Separatismus wieder- aufleben zu lassen. Das Gericht hat im Einzelfall die konkret glaubhaft ge- machten Risikofaktoren in einer Gesamtschau sowie unter Berücksichti- gung der konkreten Umstände zu prüfen und zu erwägen, ob mit beachtli- cher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung vor- liegt (Urteil E-1866/2015 E. 8). 7.2 Der Beschwerdeführer stammt aus dem Distrikt I._______ und hielt sich seit dem Jahr 2006 im Vanni -Gebiet auf. Sein Bruder wurde etw a im Jahr 2007 von den LTTE zwangsrekrutiert und absolvierte ein Kampftrai- ning. Er verliess die LTTE aber nach einem Jahr, woraufhin der Beschwer- deführer gezwungen war, Hilfstätigkeiten für diese auszuführen. Dabei sei er vor allem bei der Verteilung von Nahrungsmitteln eingesetzt worden und habe Bunker graben müssen (vgl. A19, F77 f.). Des Weiteren sei der Sohn seines Onkels ein Mitglied der LTTE gewesen und während des Krieges gestorben (vgl. A19, F18). Der Beschwerdeführer weist sowohl eigene als auch familiäre Verbindungen zu den LTTE auf und erfüllt somit einen stark risikobegründenden Faktor. Dies bedeutet jedoch noch nicht, dass er zu jener kleinen Gruppe zu zählen ist, die bei einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Der Beschwerdeführer selbst nahm z u keinem Zeitpunkt an Kampfhand- lungen teil. Die von ihm ausgeführten Hilfstätigkeiten für d ie LTTE gab er im Flüchtlingscamp gegenüber den Behörden vollumfänglich zu (vgl. A19, F93). Ebenso hatten die Behörden Kenntnis davon, dass sein Bruder zwangsrekrutiert worden war und seine Familie die LTTE mit Nahrungsmit- teln unterstützt hatte (vgl. A19, F79 f.). Es gelang dem Beschwerdeführer jedoch nicht, glaubhaft zu machen, dass er nach der Entlassung aus dem Camp jahrelang von den sri-lankischen Sicherheitsbehörden behelligt wor- den wäre. Vielmehr ist davon auszugehen, dass er danach für rund sechs Jahre bei seinem Onkel in F._______ gelebt und in dessen Landwirt- schaftsbetrieb gearbeitet hat, ohne dass es zu nennenswerten Problemen mit den staatlichen Behörden gekommen wäre. Hinweise darauf, dass ge- gen ihn ein Strafverfahren eröffnet oder ein Haftbefehl ausgestellt worden wäre, liegen nicht vor. Es ist daher nicht anzunehmen, dass er auf der so- genannten "Stop -List" vermerkt ist und bei einer Rückkehr befürchten müsste, unmittelbar bei der Einreise verhaftet zu werden. Seine exilpoliti- schen Tätigkeiten beschränken sich auf die einfache Teilnahme an einigen D-6276/2019 Seite 24 Demonstrationen, bei denen er eine Fahne getragen habe, auf die Mithilfe bei Festen und das Spenden von Fr. 300.– an die LTTE (vgl. A19, F145 ff.). Sein Engagement ist als niederschwellig anzusehen und es ist davon aus- zugehen, dass er als blosser Mitläufer von den sri -lankischen Behörden nicht als Gefahr wahrgenommen würde. Sodann ist der Beschwerdeführer tamilischer Ethnie und verfügt über kei- nen Reisepass. Diese Umstände sind jedoch als lediglich schwach risiko- begründende Faktoren anzusehen, welche nicht geeignet sind, dazu zu führen, dass er von den sri-lankischen Behörden als Unterstützer der LTTE respektive als Person wahrgenommen wird, die bestrebt ist, den tamili- schen Separatismus wiederaufleben zu lassen. Insgesamt weist er kein Profil auf, welches darauf schliessen lassen müsste, dass er bei einer Rückkehr die Aufmerksamkeit der heimatlichen Sicherheitsbehörden auf sich ziehen würde. Unter Würdigung aller Umstände des vorliegenden Fal- les ist daher nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer in den Augen des sri -lankischen Regimes als Gefahr für den Einheitsstaat Sri Lanka angesehen würde und ihm deswegen ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden. 7.3 7.3.1 An dieser Stelle ist sodann festzuhalten, dass die allgemeine Lage in Sri Lanka in jüngster Zeit verschiedenen Veränderungen unterworfen war. So wurde am 16. November 2019 Gotabaya Rajapaksa zum neuen Präsi- denten Sri Lankas gewählt. Dieser war unter seinem Bruder Mahinda Raja- paksa, welcher von 2005 bis 2015 an der Macht war, Verteidigungssekre- tär. Er wurde angeklagt, zahlreiche Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivisten begangen zu haben. Zudem wird er von Be- obachtern für Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen verant- wortlich gemacht; er bestreitet die Anschuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri Lanka, 14.1.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bruder Mahinda zum Premierminister und band einen weiteren Bruder, Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein. Die drei Brüder Gotabaya, Mahinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren damit im neuen Regierungskabinett zusammen zahlreiche Regierungsab- teilungen oder –institutionen (vgl. https://www.aninews.in/news/world/asia /sri-lanka-35-including-presidents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as- ministers-of-state20191127174753/, abgerufen am 17.04.20). Beobachter sowie Angehörige von ethnischen und religiösen Minderheiten befürchten insbesondere mehr Repression und die vermehrte Überwachung von ver- schiedenen Personengruppen, darunter Menschenrechtsaktivistinnen und D-6276/2019 Seite 25 -aktivisten, Journalistinnen und Journalisten, Oppositionellen und regie- rungskritischen Personen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Re- gierungswechsel weckt Ängste bei Minderheiten, 21.11.2019). Des Weite- ren kam es Ende des letzten Jahres zu einem Konflikt zwischen der Schweizer Botschaft und den sri-lankischen Behörden. Dieser stand im Zu- sammenhang mit der – in der Replik ebenfalls erwähnten – Entführung ei- ner Botschaftsangestellten, die gezwungen worden sein soll, interne Infor- mationen preiszugeben. Die diplomatischen Beziehungen haben sich aber zwischenzeitlich wieder normalisiert und es wurden bereits Rückschaffun- gen nach Sri Lanka durchgeführt, ohne dass die Betroffenen über die be- kannten Befragungen am Flughafen und am Wohnort hinausgehenden Problemen ausgesetzt waren. Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist es beim derzeitigen Kenntnis- stand durchaus als möglich zu erachten, dass sich die Gefährdungslage für Personen mit einem bestimmten Risikoprofil akzentuieren könnte (vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E 1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri Lanka: Families of "Disappear ed" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungs- gruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asyl- suchenden Person zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019, zu deren Folgen respektive zu den jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka be- steht. 7.3.2 Vorliegend gelang es dem Beschwerdeführer nicht, glaubhaft zu ma- chen, dass er in der Heimat behördlicher Verfolgung ausgesetzt gewesen war. Es sind auch keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass er im aktuel- len politischen Kontext in Sri Lanka in den Fokus der sri-lankischen Behör- den geraten könnte und mit asylrelevanter Verfolgung zu rechnen hätte. 7.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer nichts vor- gebracht hat, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuwei- sen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asylge- such zu Recht abgelehnt. 8. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt D-6276/2019 Seite 26 es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet. 9. 9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie- mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be- handlung unterworfen werden. 9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. D-6276/2019 Seite 27 Gemäss Rechtsprechung des Bundesver waltungsgerichts – an welcher weiterhin festzuhalten ist – lassen weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungsvollzug unzulässig erscheinen (vgl. E-1866/2015 E. 12.2 f.). Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei- sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies gelingt ihm jedoch nicht. An dieser Einschätzung ändern auch das Ergebnis der Präsidentschaftswahl vom November 2019 und deren Auswirkungen auf die Lage in Sri Lanka nichts, da kein persön- licher Bezug des Beschwerdeführers zu diesen Ereignissen erkennbar ist. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 9.4 9.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 9.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Zurzeit herrscht in Sri Lanka weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. In den beiden Refe- renzurteilen E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 und D-3619/2016 vom 16. Ok- tober 2017 hat das Bundesverwaltungsgericht eine aktuelle Einschätzung der Lage in Sri Lanka vorgenommen. Dabei stellte es fest, dass der Weg- weisungsvollzug sowohl in die Nordprovinz als auch in die Ostprovinz unter Einschluss des Vanni-Gebiets zumutbar ist, wenn das Vor liegen von indi- viduellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine ge- sicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann. Auch die jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka – namentlich die Wahl von D-6276/2019 Seite 28 Gotabaya Rajapaksa zum Präside nten und deren Folgen – sowie die Nachwirkungen der Anschläge vom 21. April 2019 und des damals ver- hängten, zwischenzeitlich wieder aufgehobenen, Ausnahmezustands füh- ren nicht dazu, dass der Wegweisungsvollzug generell als unzumutbar an- gesehen werden müsste. 9.4.3 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Der Beschwerdeführer ist heute (…) Jahre alt, stammt aus E._______ (Distrikt I._______, Nordprovinz) und hielt sich seit dem Jahr 2006 mehrheitlich in F._______ auf. Dabei wohnte er mit einem Onkel und dessen Ehefrau zusammen, welcher nach wie vor dort leben (vgl. A19, F16 ff.). Die Eltern des Beschwerdeführers kehrten vor einigen Jahren nach E._______ zurück und er verfügt im Heimatstaat mit seiner Tante und deren drei Töchtern über weitere Verwandte (A19, F28 f. und F37 ff.). Es ist daher von einem tragfähigen familiären Beziehungs- netz auszugehen und seine Wohnsituation kann als gesichert angesehen werden. Weiter besuchte der Beschwerdeführer gut acht Jahre die Schule und arbeitete jahrelang im Landwirtschaftsbetrieb seines Onkels mit ( vgl. A19, F21 ff. und F41 ff.). Seine Schulbildung und Arbeitserfahrung werden es ihm ermöglichen, sich im Heimatstaat auch wirtschaftlich wiedereinzu- gliedern. Zudem hat er im Ausland lebende Angehörige – einen Bruder in Grossbritannien, eine Tante in der Schweiz und einen Onkel in Kanada (vgl. A4, Ziff. 3.02 f.) – welche ihn gegebenenfalls zumindest in der An- fangsphase finanziell unterstützen könn ten. Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage geraten würde. Den eingereichten Arztzeugnissen lässt sich entnehmen, dass der Be- schwerdeführer im Sommer 2018 an (…) gelitten hat. Ausserdem bestand der Verdacht auf psychische Beeinträchtigungen. Diese gesundheitlichen Beschwerden sind zwar bedauerlich, sie erreichen j edoch nicht ein Aus- mass, welches den Vollzug der Wegweisung unzumutbar erscheinen liesse. Sollte eine weitere oder erneute Behandlung der physischen Prob- leme erforderlich sein, ist davon auszugehen, dass eine solche auch in Sri Lanka erhältlich wäre. Hinsichtlich der psychischen Beschwerden ist fest- zuhalten, dass der Beschwerdeführer eine entsprechende Behandlung in der Schweiz abgebrochen hat. Den Akten lässt sich nicht entnehmen, dass er beabsichtigen würde, diese wiederaufzunehmen. Zudem setzte er im Rahmen der Anhörung die psychischen Probleme in erster Linie in einen Zusammenhang mit dem unsicheren Aufenthaltsstatus in der Schweiz und damit, dass er sich Gedanken um seine Familie mache (vgl. A19, F8 ff.). D-6276/2019 Seite 29 Diese Schwierigkeiten dürften sich bei einer Rüc kkehr in die Heimat, ver- bunden mit einer Wiedervereinigung mit seiner Familie – darunter seinen Eltern, von denen er lange Zeit g laubte, sie s eien verstorben (vgl. A4, Ziff. 3.01) – eher entschärfen. Des Weiteren gäbe es in Sri Lanka auch Möglichkeiten, ps ychische Erkrankungen zu behandeln (vgl. Urteil des BVGer E-7137/2018 vom 23. Januar 2019 E. 12.3), sofern dies erforderlich werden sollte. 9.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls notwen- digen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 10. Aus diesen Erwägung en ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 11. 11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun- gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Auf die Erhebung von Kosten ist indessen angesichts der mit Verfügung vom 9. Dezember 2019 gewährten unentgeltlichen Prozessführung zu verzich- ten. 11.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde dem Beschwerdeführer Rechtsanwalt Rajeevan Linganathan als amtlicher Rechtsbeistand beige- ordnet. Dieser reichte mit der Replik eine Honorarnote vom 21. Februar 2020 zu den Akten, in welcher er einen Au fwand von 13 Stunden à Fr. 220.– und Auslagen in Höhe von Fr. 92.40 geltend machte, insgesamt Fr. 3'179.75. Der zeitliche Aufwand erscheint vorliegend überhöht und ist D-6276/2019 Seite 30 zu reduzieren. Als angemessen ist ein Aufwand von 10 Stunden zu erach- ten, weshalb das amtliche Honorar auf Fr. 2'469.– (gerundet, inklusive Aus- lagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen ist. (Dispositiv nächste Seite) D-6276/2019 Seite 31 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand, Rechtsanwalt Rajeevan Linganathan, wird vom Bundesverwaltungsgericht ein Honorar in Höhe von Fr. 2'469.– aus- gerichtet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Regula Aeschimann