B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-6664/2023 U r t e i l v om 9 . J a n u a r 2 0 2 4 Besetzung Einzelrichter Gregor Chatton, mit Zustimmung von Richter Basil Cupa; Gerichtsschreiber Matiu Dermont. Parteien A._______, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung vom 23. November 2023. F-6664/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Mit Verfügung vom 23. November 2023 bestätigte die Vorinstanz die Zu- weisung der syrischen Beschwerdeführerin A._______ (geboren 1988) an den Kanton Zürich für die Dauer der Prüfung ihres Asylgesuchs. B. Mit Eingabe vom 28. September 2023 (der schweizerischen Post am 1. De- zember 2023 übergeben) erhob die Beschwerdeführerin beim Bundesver- waltungsgericht dagegen Beschwerde und beantragte, dem Kanton Bern zugewiesen zu werden. Als Begründung verwies sie auf ihre Abhängigkeit von zwei in diesem Kanton lebenden Brüdern. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG (SR 142.31) nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs- gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu- ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerde wurde frist - und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.4 Entscheide über die Zuweisung einer asylsuchenden Person an einen Kanton können gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG – letzterer geht als spezielle Bestimmung der allgemeinen Regel von Art. 106 Abs. 1 AsylG vor (Art. 106 Abs. 2 AsylG) – nur mit der Begründung angefochten werden, sie verletz- ten den Grundsatz der Einheit der Familie. Da die Beschwerdeführerin vor- liegend zwischen ihr und ihren in einem anderen Kanton lebenden Brüdern ein Abhängigkeitsverhältnis geltend macht, ist die geltend gemachte Ver- letzung dieser Norm hinreichend begründet. Auf die Beschwerde ist diesen Ausführungen nach einzutreten. F-6664/2023 Seite 3 2. Die Beschwerde erweist sich indes als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mi t Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari- scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG weist das SEM die Asylsuchenden den Kantonen zu und trägt dabei den schützenswerten Interessen der Kantone und der Asylsuchenden Rechnung. Die Verteilung erfolgt nach einem Schlüssel gemäss Art. 21 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), wobei das SEM bei der Verteilung bereits in der Schweiz lebende Familienangehörige, die Staatsangehörigkeit der Asylsu- chenden und besonders betreuungsintensive Fälle berücksichtigt (Art. 22 Abs. 1 AsylV 1). 3.2 Der Begriff der «Einheit der Familie» gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG wird im Asylgesetz einheitlich verwendet und entspricht dem Schutzbereich von Art. 8 EMRK (BVGE 2008/47 E. 4.1). Er umfasst demnach die Kernfamilie, d.h. Ehegatten, eingetragene Partnerinnen und Partner, in dauernder ehe- ähnlicher Gemeinschaft zusammenlebende Personen sowie deren minder- jährige Kinder (vgl. Art. 1a Bst. e AsylV 1). Andere familiäre Beziehungen stehen nur in besonderen Fällen unter dem Schutz dieser Garantie. Ist die Beziehung zwischen Eltern und ihren volljährigen Kindern oder zwischen erwachsenen Geschwistern betroffen, muss ein Abhängigkeitsverhältnis dargetan werden, das über die normalen familiären Bindungen hinausgeht (BGE 147 I 268 E. 1.2.3; 144 II 1 E. 6.1). 3.3 Besondere Elemente der Abhängigkeit können sich unabhängig vom Alter, namentlich aus besonderen Betreuungs - oder Pflegebedürfnissen wie bei körperlichen oder geistigen Behinderungen und schwerwiegenden Krankheiten ergeben (vgl. BGE 147 I 268 E. 1.2.3; 145 I 227 E. 3.1; 120 Ib 257 E. 1e; Urteil des BGer 2C_339/201 9 vom 14. November 2019 E. 3.4; Urteil des EGMR Belli und Arquier -Martinez gegen Schweiz vom 11. De- zember 2018, 65550/13, § 65). Die betroffene Person muss für die Bewäl- tigung des täglichen Lebens auf fremde Hilfe angewiesen sein, die sinn- vollerweise nur von einem nahen Angehörigen geleistet werden kann. Eine lediglich moralische Unterstützung genügt nicht, um ein Abhängigkeitsver- hältnis im Sinne der Rechtsprechung zu begründen (Urteile des BGer 2C_339/2019 E. 3.5; BVGE 2008/47 E. 4.1.1 f.; Urteil des EGMR I.M. F-6664/2023 Seite 4 gegen Schweiz vom 9. April 2019, 23887/16, § 62). Das besondere Abhän- gigkeitsverhältnis muss gewachsen sein und im Zeitpunkt der Geltendma- chung des Anspruchs fortbestehen (Urteile des BGer 2C_396/2021 vom 27. Mai 2021 E. 3.2; 2C_867/2016 vom 30. März 2017 E. 2.2). 4. Die Beziehung de r Beschwerdeführerin zu ihren Brüdern fällt nicht unter den Begriff der Kernfamilie. In Bezug auf das Vorliegen eines Abhängig- keitsverhältnisses zwischen den bereits erwachsenen Geschwistern sind den Akten bei letzteren weder körperliche oder geistige Behinderungen noch schwerwiegende Krankheiten zu entnehmen. Die Beschwerdeführe- rin weist in ihrer Beschwerdeschrift lediglich darauf hin, dass die Nähe zu ihren Brüdern für sie eine psychische Stütze darstelle, zumal sie unter an- derem an Panikattacken leide. Die geltend gemachte gegenseitige Abhän- gigkeit, wenn überhaupt von einer solchen im rechtlichen Sinne ausgegan- gen werden kann, ist demnach nicht derart gross, als dass die Beschwer- deführerin für die Bewältigung des täglichen Lebens zwingend auf die Hilfe ihrer Brüder oder diese umgekehrt auf die Hilfe ihrer Schwester angewie- sen wären (vgl. Urteil des BVGer F -3353/2023 vom 3. November 2023 E. 7). Wie bereits erwähnt (s. E. 3.3 hiervor), reicht eine emotionale Unter- stützung in der Regel und auch hier nicht aus, um ein der geltenden Recht- sprechung entsprechendes Abhängigkeitsverhältnis zu begründen . Die Einschätzung der Vorinstanz ist somit nicht zu beanstanden. Die im Falle eines Kantonswechsels geltend gemachten besseren Integrationsaussich- ten der Beschwerdeführerin, insbesondere betreffend die behauptete Tä- tigkeit ihres Bruders als Dolmetscher und interkultureller Vermittler, sind schliesslich nicht weiter zu prüfen, da diese nicht den vorliegend einge- schränkten Rügegrund der Einheit der Familie (s. E. 1.4 hiervor) betreffen. 5. Nach dem Gesagten verletzt die Zuweisung de r Beschwerdeführerin an den Kanton Zürich den Grundsatz der Einheit der Familie gemäss Art. 27 Abs. 3 letzter Satz AsylG nicht. Die Beschwerde ist abzuweisen. 6. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die dafür verursachten Kosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). F-6664/2023 Seite 5 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen nach Versand des vorliegenden Ur- teils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer und die Vorinstanz. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Gregor Chatton Matiu Dermont Versand: