200 16 1204 IV ACT/GUA/ARJ Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 27. April 2017 Verwaltungsrichter Ackermann, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Kölliker, Verwaltungsrichter Knapp Gerichtsschreiberin Gurtner A.________ vertreten durch B.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 8. November 2016 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1963 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) meldete sich am 2. Mai 2016 unter Hinweis auf eine psychische Beein- trächtigung zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung an (Ant- wortbeilagen der Invalidenversicherung [AB] 1). Im Rahmen der medizini- schen und erwerblichen Abklärungen zog die IV-Stelle Bern (IVB bzw. Be- schwerdegegnerin) die Akten der Krankentaggeldversicherung C.________ AG bei. Gestützt auf das von dieser veranlasste Gutachten von Dr. med. D.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 27. Ju- li 2016 (AB 10.2) stellte die IVB mit Vorbescheid vom 11. August 2016 (AB 11) die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht, da kein invalidisie- render Gesundheitsschaden vorliege. Daran hielt sie nach erhobenem Einwand (AB 13) mit Verfügung vom 8. November 2016 (AB 16) fest und lehnte das Leistungsbegehren ab. B. Hiergegen erhebt die Versicherte, vertreten durch B.________, dipl. Sozia- larbeiter FH, am 7. Dezember 2016 Beschwerde und beantragt die Aufhe- bung der Verfügung vom 8. November 2016. Die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, berufliche Eingliederungsmassnahmen im geschützten Rah- men zu gewähren. Eventualiter sei eine ganze Rente zuzusprechen. Mit Beschwerdeantwort vom 25. Januar 2017 beantragt die Beschwerde- gegnerin die Abweisung der Beschwerde.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 3 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 8. November 2016 (AB 16). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf Leistungen der Invali- denversicherung. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 4 2. 2.1In formeller Hinsicht rügt die Beschwerdeführerin eine Verletzung des rechtlichen Gehörs. Unter diesem Titel bringt sie vor, dass die Be- schwerdegegnerin auf den im Vorbescheidverfahren eingereichten Bericht der behandelnden Ärztin, Dr. med. E.________, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 6. September 2016 (AB 12) nicht eingegangen sei. Weiter fehle eine Stellungnahme des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD). Soweit die Beschwerdeführerin sinngemäss geltend macht, das Gutachten von Dr. med. D.________ vom 27. Juli 2016 (AB 10.2) sei nicht von einem Sozialversicherungsträger eingeholt worden, stellt dies eine Frage des Beweiswertes und nicht des rechtlichen Gehörs dar (vgl. hierzu E. 4.4.1 hiernach). 2.2Die Verfügungen sind zu begründen, wenn sie den Begehren der Parteien nicht voll entsprechen (Art. 49 Abs. 3 ATSG). Die Begründungs- pflicht ist wesentlicher Bestandteil des Anspruchs auf rechtliches Gehör im Sinne von Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung (BV; SR 101). Sie soll ver- hindern, dass sich die Behörde von unsachlichen Motiven leiten lässt, und den Betroffenen ermöglichen, die Verfügung gegebenenfalls sachgerecht anzufechten. Dies ist nur möglich, wenn sowohl die betroffene Person als auch die Rechtsmittelinstanz sich über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen können. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die Überle- gungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf welche sich ihre Verfügung stützt. Dies bedeutet indessen nicht, dass sie sich ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen muss. Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (BGE 136 I 229 E. 5.2 S. 236, 124 V 180 E. 1a S. 181). 2.3In der Verfügung vom 8. November 2016 (AB 16) nimmt die Be- schwerdegegnerin in der Begründung sowohl auf die im Vorbescheidver- fahren von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Argumente als auch zu den Einschätzungen von Dr. med. E.________ rechtsgenüglich Bezug (AB 16). Die Beschwerdegegnerin muss sich nicht ausdrücklich mit jedem einzelnen Einwand auseinandersetzen (vgl. E. 2.2 hiervor). Damit erweist sich die Rüge der Beschwerdeführerin als unbegründet. Hinsichtlich der Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 5 nicht eingeholten Stellungnahme des RAD (Beschwerde, S. 1) ist nicht er- sichtlich, inwiefern das rechtliche Gehör verletzt worden sein soll, denn ob ein Bericht des RAD nötig ist oder nicht, ist eine Frage der Beweiswürdi- gung resp. des Untersuchungsgrundsatzes. Somit ist das rechtliche Gehör im Vorbescheidverfahren nicht verletzt worden. 3. 3.1Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 ATSG). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Ein- schränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu ver- werten, abwenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitge- hend objektiv bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2 S. 50, 130 V 352 E. 2.2.1 S. 353; SVR 2007 IV Nr. 47 S. 154 E. 2.4). Psychosoziale und soziokultu- relle Faktoren lassen sich oft nicht klar vom medizinisch objektivierbaren Leiden trennen. Trotzdem können solche äusseren Umstände nicht als gesundheitliche Beeinträchtigungen im Sinne des Gesetzes verstanden werden, weil der gesetzliche Invaliditätsbegriff klar zwischen dem Gesund- heitsschaden, an dem die versicherte Person leidet, und der durch ihn ver- ursachten Erwerbsunfähigkeit unterscheidet. Infolgedessen können psychi- sche Störungen, welche durch soziale Umstände verursacht werden und bei Wegfall der Belastung wieder verschwinden, nicht zur Invalidenrente berechtigen. Zwar kann einer fachgerecht diagnostizierten psychischen Krankheit der invalidisierende Charakter nicht mit dem blossen Hinweis auf Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 6 eine bestehende psychosoziale Belastungssituation abgesprochen werden. Je stärker aber psychosoziale und soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto aus- geprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein (BGE 127 V 294 E. 5a S. 299; SVR 2012 IV Nr. 52 S. 189 E. 3.2). Nur wenn und soweit psychosoziale und soziokultu- relle Faktoren einen derart verselbstständigten Gesundheitsschaden auf- rechterhalten oder seine – unabhängig von den invaliditätsfremden Ele- menten bestehenden – Folgen verschlimmern, können sie sich mittelbar invaliditätsbegründend auswirken (BGE 139 V 547 E. 3.2.2 S. 552; SVR 2010 IV Nr. 19 S. 59 E. 5.2). In diesem Sinn werden Wechsel- wirkungen zwischen sich körperlich und psychisch manifestierenden Störungen und der sozialen Umwelt berücksichtigt, wenn auch bedeutend weniger stark als nach dem in der Medizin verbreiteten bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell (SVR 2008 IV Nr. 62 S. 204 E. 4.2). 3.2Um den IV-Grad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu be- urteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99). 4. 4.1Zum Gesundheitszustand bzw. zur Arbeits- und Leistungsfähigkeit ist den Akten im Wesentlichen Folgendes zu entnehmen: 4.1.1Dr. med. F.________, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, bestätigt im Zwischenbericht vom 28. Oktober 2015 eine 100%-ige Arbeits- unfähigkeit ab dem 3. September 2015 (AB 5.2 S. 5 Ziff. 4). Falls die Pfle- geintensität der schwer erkrankten Tochter nachlasse oder anders organi-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 7 siert werden könne, sei mit einer teil- bzw. später mit einer vollprozentigen Arbeitsfähigkeit zu rechnen (AB 5.2 S. 5 Ziff. 7). 4.1.2Im Zwischenbericht der Psychiatrischen Dienste G.________ vom 4. Dezember 2015 wird eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1) diagnostiziert (AB 5.2 S. 1 Ziff. 3). Die Beschwerdeführerin leide an Konzentrationsstörungen, sei formalgedanklich verlangsamt und grübelnd. Die affektive Modulationsfähigkeit sei herabgesetzt, der Appetit vermindert, zudem leide sie an Antriebs- und Schlafstörungen (AB 5.2 S. 1 Ziff. 4). Ak- tuell sei nicht einschätzbar, innert welcher Zeit mit einer Arbeitsfähigkeit zu rechnen sei (AB 5.2. S. 2 Ziff. 9). 4.1.3Die Beschwerdeführerin war vom 15. Februar bis 13. März 2016 in der Klinik H.________, Spezialklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, hospitalisiert. Die behandelnden Ärzte diagnostizieren in ihrem Bericht vom 5. April 2016 (AB 9 S. 7 – 10) eine Anpassungsstörung mit längerer de- pressiver Reaktion (ICD-10 F43.21; AB 9 S. 7). Weiter wird eine vollständi- ge Arbeitsunfähigkeit vom 15. Februar bis 27. März 2016 attestiert (AB 9 S. 9). Beim Eintritt seien ein leicht gedrückter Affekt, sporadische innere Unruhe, Einschlafstörungen, Gedankenkreisen und Grübeln sowie Zu- kunftssorgen im Vordergrund gestanden. Diese Symptomatik stehe einer- seits in engem Zusammenhang mit dem körperlichen Wohlbefinden ihrer Tochter, welche als „Schmetterlingskind“ seit Geburt viel Unterstützung benötige und immer wieder mit Verschlechterungen des Gesundheitszu- standes – bei insgesamt schlechter Prognose – kämpfen müsse, anderer- seits sei auch die Arbeit teilweise eine Belastung. Aufgrund der eher leicht- gradig ausgeprägten Symptomatik und auch auf Wunsch der Beschwerde- führerin sei auf eine psychopharmakologische Intervention verzichtet wor- den (AB 9 S. 8 f.). 4.1.4Dr. med. E.________ bestätigt im Bericht vom 17. Juni 2016 (AB 9 S. 1 – 6) die im Bericht der Klinik H.________ vom 5. April 2016 genannte Diagnose. Zusätzlich diagnostiziert sie einen psychomotorischen Tremor (AB 9 S. 1 Ziff. 1.1). Die Beschwerdeführerin sei zurzeit 100% arbeitsun- fähig (AB 9 S. 3 Ziff. 1.6). Aktuelle Symptome seien ein innerer Ausnahme- zustand, permanentes Gedankenkreisen um das Leiden und Sterben der Tochter, was zeitlich nicht abzusehen sei. Verzweiflung, Ohnmachtsge-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 8 fühle, Unruhe, Tremor, Konzentrationsstörungen, Erschöpfung wie auch Überforderung mit der Organisation und dem Verrichten alltäglicher Not- wendigkeiten ständen im Vordergrund. Zur Prognose hält Dr. med. E.________ fest, dass diese aktuell nicht einschätzbar sei und in engem Zusammenhang mit der Tochter stehe (AB 9 S. 2 Ziff. 1.4). 4.1.5Im Gutachten vom 27. Juli 2016 (AB 10.2) diagnostiziert Dr. med. D.________ eine generalisierte Angststörung (ICD-10 F41.1) mit Auswir- kungen auf die Arbeitsfähigkeit. Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsun- fähigkeit seien unter anderem anamnestisch eine depressive Episode (ICD- 10 F32.4), gegenwärtig nahezu vollständig remittiert, differentialdiagnos- tisch eine Dysthymie (ICD-10 F34.1) sowie anamnestisch eine Anpas- sungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10 F 43.21; AB 10.2 S. 30 Ziff. 5). Der Gutachter hält weiter fest, dass der Beschwerdeführerin eine angemessene schulische, berufliche wie auch soziale Entwicklung gelungen sei. Im Zusammenhang mit einer deutlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes ihrer Tochter, die unter anderem Lungenembo- lien erlitten und Herzschwierigkeiten gehabt habe, habe die Beschwerde- führerin „aus nervlichen Gründen“ nicht mehr arbeiten können (AB 10.2 S. 31 Ziff. 6). Des weiteren habe die diagnostische Einschätzung einer An- passungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10 F43.21) nicht zweifelsfrei nachvollzogen werden können, dies aufgrund des Längs- schnittverlaufs und der von der Beschwerdeführerin genannten Hauptbe- schwerde einer Angst. In diesem Zusammenhang sei eher an eine genera- lisierte Angststörung (ICD-10 F41.1) zu denken, zumal die erforderlichen Kriterien angemessen erfüllt seien (AB 10.2 S. 31 f. Ziff. 6.1). Unter Berücksichtigung der Schilderungen zum Tages- und Wochenablauf resp. den Tätigkeiten sei gegenwärtig eine geringe bis leichtgradige Einschrän- kung durch die Auswirkungen dieser Störung erkennbar. Der Beschwerde- führerin sei es möglich, ihren Haushalt zu führen, sich angemessen zu klei- den, Auto zu fahren, soziale Kontakte zu pflegen, sich um ihre Familienan- gehörigen und speziell um ihre Tochter zu kümmern (AB 10.2 S. 33). Ge- genwärtig sei eine weitgehend remittierte depressive Episode feststellbar gewesen, darauf hätten die objektiven psychopathologischen Befunde, die passend zu den Ergebnissen der Montgomery-Asperg Depression Rating Scale (MADRS) seien, und die Angaben zum Tagesablauf hingewiesen. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 9 Ein sogenanntes somatisches Syndrom habe nicht festgestellt werden können (AB 10.2 S. 34 Ziff. 6.2 oben). In differentialdiagnostischer resp. ergänzender Hinsicht könne grundsätzlich auch eine Dysthymie (ICD-10 F34.1) diskutiert werden (AB 10.2 S. 34 Ziff 6.2 Mitte), welche unter Berücksichtigung der Aktenlage und der Schilderung der Beschwerdeführe- rin möglich sei (AB 10.2 S. 35 gegen unten). Ergänzend weist der Gutach- ter darauf hin, dass keine Hinweise auf eine Störung aus dem schizophre- nen Formenkreis (ICD-10 F2), eine weitere Angststörung (ICD-10 F40/41) oder weitere psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähig- keit feststellbar gewesen seien. Ebenso wenig sei eine posttraumatische Belastungsstörung feststellbar. Auch eine Persönlichkeitsstörung könne nicht angenommen werden (AB 10.2 S. 36 Ziff. 6.3). Weder eine weitge- hend remittierte depressive Episode noch eine differentialdiagnostische Dysthymie würden eine Arbeitsunfähigkeit begründen, was für sich allein auch für die diagnostizierte Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion gelte. Aufgrund der generalisierten Angststörung sei indessen für eine Tätigkeit mit intensivem zwischenmenschlichem Kontakt, erhöhten Anforderungen an die Belastbarkeit und die Kreativität eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 20% anzunehmen. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als … sei am ehesten diesem Bereich zuzuordnen, so dass diesbezüglich eine Arbeitsfähigkeit von 80% ausgewiesen sei. Für eine leidensangepass- te Tätigkeit mit weniger intensivem zwischenmenschlichem Kontakt und geringeren Anforderungen an die Flexibilität und Belastbarkeit sei von einer Arbeitsfähigkeit von 90% auszugehen, während für den Haushalt keine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausgewiesen sei (AB 10.2 S. 36 f. Ziff. 6.4). Die feststellbaren psychosozialen Gesichtspunkte seien in diesem Zusammenhang berücksichtigt und von den objektivierbaren Be- funden abgegrenzt worden (AB 10.2 S. 37 f.). 4.1.6Im Bericht vom 6. September 2016 (AB 12) nimmt Dr. med. E.________ zum Gutachten von Dr. med. D.________ vom 27. Juli 2016 (AB 10.2) Stellung. Betreffend Verlauf und Anpassung der Diagnose im Verlauf sei festzustellen, dass die Beschwerdeführerin mit einer Anpas- sungsstörung mit zunächst vorwiegend depressiver Symptomatik und inne- rem Erregungszustand auf die Verschlechterung des Gesundheitszustan- des ihrer Tochter reagiert habe. Aufgrund des prolongierten Verlaufs habe Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 10 die Diagnose zu Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion angepasst werden müssen. Im Verlauf seien die depressiven Symptome zurückgetreten, die Angstsymptome seien bestehen geblieben und hätten als diejenigen einer generalisierten Angststörung beschrieben werden kön- nen, die sich allerdings nicht auf eine vermeintliche Vorahnung oder poten- tielle Gefährdung, sondern auf die reale Prognose der Tochter beziehe. Der Diagnose des Gutachters schliesse sie sich an, da die Symptome im Quer- schnitt denjenigen einer generalisierten Angststörung entsprächen. Mit der aktuellen Zustandsverschlechterung im August und September 2016 seien erneut depressive Symptome hinzugetreten. Aufgrund des prolongierten Verlaufs sei zudem eine dependente Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.7) wahrscheinlich, zumal sich in der umfassenderen Anamnese hierzu deutliche Hinweise finden liessen, so dass im Längsschnitt die entspre- chenden Kriterien erfüllt seien. Die genaue und definitive Abklärung der Persönlichkeitsstörung sei jedoch in der akuten Situation der Angststörung und der aktuell erneuten depressiven Krise nicht möglich resp. zulässig (AB 12 S. 3). Es bestehe weiterhin und abweichend zur Beurteilung des Gutachters eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit bezüglich einer Arbeit in der …. Des weiteren hat sich aktuell in der Krise insbesondere die Angstsym- ptomatik derart verschlechtert, dass auch deshalb akut eine 100%-ige Ar- beitsunfähigkeit bestehe (AB 12 S. 6). 4.2Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge- ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352; SVR 2015 IV Nr. 28 S. 86 E. 4.1). Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 11 nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag- gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei- nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 137 V 210 E. 6.2.2 S. 269, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). 4.3In somatischer Hinsicht ist aufgrund der Akten kein Gesundheits- schaden mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit erstellt; dies wird denn auch nicht geltend gemacht. 4.4Die Beschwerdegegnerin hat sich in der hier angefochtenen Ver- fügung vom 8. November 2016 (AB 16) massgeblich auf das Gutachten von Dr. med. D.________ vom 27. Juli 2016 (AB 10.2) gestützt. 4.4.1Vorab ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin kein Administrativgutachten in Auftrag gegeben, sondern auf das zuhanden der C.________ AG erstattete Gutachten von Dr. med. D.________ abge- stellt hat. Die IV-Stelle hat im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes und des Amtsbetriebes darüber zu entscheiden, ob die Einholung einer eigens in Auftrag gegebenen Expertise, welche den Anforderungen von Art. 44 ATSG genügt, erforderlich ist; eine gesetzliche Verpflichtung zur Einholung eines solchen Gutachtens besteht hingegen nicht. Im Rahmen der Verhält- nismässigkeit und im Sinne der raschen Verfahrenserledigung kann es vielmehr geboten sein, gegebenenfalls auf ein ausserhalb des Invaliden- versicherungszweiges erstattetes Gutachten abzustellen; andernfalls müss- te in derartigen Fällen immer ein zweites Gutachten eingeholt werden, was – nebst unnötigen finanziellen Aufwendungen – auch eine Belastung der Versicherten bedeuten würde. Wird auf die Einholung einer eigenen Exper- tise verzichtet, wird dem Umstand, dass die spezifischen verfahrensrechtli- chen Vorgaben keine Anwendung fanden, dadurch Rechnung getragen, dass die Expertise im Verfahren der Invalidenversicherung nicht den erhöh- ten Beweiswert eines versicherungsexternen Gutachtens im Sinne von Art. 44 ATSG (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b bb S. 353) geniesst. Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin (Beschwerde, S.1) führt deshalb der Umstand, dass das Gutachten von der C.________ AG vorliegend nicht als Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 12 Sozialversicherungsträger, sondern als Privatversicherer und damit nicht unter Berücksichtigung der Vorschriften von Art. 44 ATSG eingeholt wurde, weder zu einer Verletzung des rechtlichen Gehörs noch schadet es der grundsätzlichen Beweistauglichkeit des Gutachtens. 4.4.2In materieller Hinsicht erfüllt das Gutachten die von der höchstrich- terlichen Rechtsprechung an den Beweiswert einer medizinischen Experti- se gestellten Anforderungen (vgl. E. 4.2 hiervor), so dass darauf abzustel- len ist. Die darin enthaltenen Feststellungen beruhen auf eigenen Ab- klärungen und sind in Kenntnis der Vorakten sowie unter Berücksichtigung der geklagten Beschwerden getroffen worden. Die Ausführungen in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sind einleuchtend und die gezogenen Schlussfolgerungen zum Gesundheitszustand werden nach- vollziehbar begründet. Die Berichte der behandelnden Psychiaterin Dr. med. E.________ vom 17. Juni 2016 und 6. September 2016 (AB 9 S. 1 – 6 und AB 12) sprechen nicht gegen die Zuverlässigkeit der Einschätzung von Dr. med. D.________; insbesondere enthält der Bericht vom 6. September 2016, worin Dr. med. E.________ zum Gutachten von Dr. med. D.________ Stel- lung nimmt, kein Indiz, das der Gutachter nicht beachtet hätte. Er setzt sich im Gutachten zudem ausführlich mit den bisherigen psychiatrischen Beur- teilungen auseinander (AB 10.2 S. 31 – 33 Ziff. 6). Weiter überzeugt auch die von Dr. med. E.________ angenommene vollständige Arbeitsunfähigkeit nicht (AB 12 S. 6). Zunächst bestätigt sie implizit, dass ein reaktives Geschehen vorliegt, da sie auf den auslösenden Faktor – die Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Tochter – hinweist (AB 12 S. 2 f.). Sie bezeichnet dies als ausserordentliche seeli- sche Belastung und schreibt weiter, dies führe zu einer Anpassungsstörung (AB 12 S. 3), was sich mit der Einschätzung des Gutachters deckt (AB 10.2 S. 31 ff. Ziff. 6.1), welcher sie sich denn auch anschliesst (AB 12 S. 3 Mit- te). Im Übrigen bestätigt die behandelnde Psychiaterin damit, dass hier – entgegen den Ausführungen der Beschwerdeführerin (Beschwerde, S. 2) – nicht eine dreissigjährige Belastung vorliegt, die zur Reaktion geführt hat, sondern dass dies mit dem verschlechterten Gesundheitszustand der Tochter im September 2015 zu tun hat. Weiter erwähnt Dr. med. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 13 E.________ neu eine dependente Persönlichkeitsstörung, führt aber gleichzeitig aus, Abklärung und Diagnose seien aktuell nicht möglich (AB 12 S. 3). Damit ist dieser Gesundheitsschaden nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit (BGE 141 V 15 E. 3.1 S. 20) erstellt; abgesehen davon legt der Experte überzeugend dar, dass die generellen Voraussetzungen einer Persönlichkeitsstörung gemäss ICD-10 F6 nicht erfüllt sind (AB 10.2 S. 36 Ziff. 6.3). Der Gutachter geht hinsichtlich der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit da- von aus, dass allein die Angststörung Auswirkungen auf die Arbeitsfähig- keit hat; die von den behandelnden Ärzten der Psychiatrischen Dienste G.________ am 4. Dezember 2015 diagnostizierte mittelgradige depressi- ve Episode (AB 5.2 S. 1 Ziff. 3) – welche damals zu einer 100%-igen Ar- beitsunfähigkeit führte (AB 5.2 S. 2 Ziff. 7 und 9) – sei weitgehend remit- tiert, so dass sie sich nicht mehr auf die Arbeitsfähigkeit auswirke (AB 10.2 S. 36 f. Ziff. 6.4). Jedoch handelt es sich bei der Angststörung – anders als in der Beschwerde ausgeführt (Beschwerde, S. 2) – um ein reaktives Ge- schehen im Zusammenhang mit der Verschlechterung des Gesundheitszu- standes der Tochter im September 2015 (vgl. Berichte des Dr. med. F.________ vom 28. Oktober 2015 [AB 5.2 S. 5 Ziff. 6 f.], der Klinik H.________ vom 5. April 2016 [AB 9 S. 8 f.], der Dr. med. E.________ vom 17. Juni 2016 und 6. September 2016 [AB 9 S. 2 Ziff. 1.4 und AB 12 S. 2 f.] und Gutachten vom 27. Juli 2016 [AB 10.2 S. 31 Ziff. 6.1]) und somit nicht um einen verselbstständigten Gesundheitsschaden (vgl. Urteil des BGer vom 17. Februar 2016, 9C_668/2015, E. 3; vgl. auch E. 3.1 hiervor), so dass die vom Gutachter angenommene entsprechende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (AB 10.2 S. 36 f. Ziff. 6.4) sozialversicherungsrechtlich un- beachtlich ist. Damit besteht kein invalidisierender Gesundheitsschaden. 4.5Nach dem Dargelegten ist die Beschwerdegegnerin zu Recht davon ausgegangen, dass kein invalidisierender Gesundheitsschaden bzw. keine relevante Minderung der Arbeitsfähigkeit und somit keine Invalidität im Rechtssinne (vgl. E. 3.1 hiervor) vorliegt. Weitere medizinische Abklärun- gen – insbesondere eine Stellungnahme des RAD (vgl. Beschwerde, S. 1 unten) – erübrigen sich (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. BGE 122 V 157 E. 1d S. 162.). Die Beschwerde ist somit abzuweisen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 14 5. 5.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festzulegen. Vorliegend werden die Verfahrenskosten gerichtlich auf Fr. 800.-- festge- setzt, der unterliegenden Beschwerdeführerin zur Bezahlung auferlegt und dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe entnommen. 5.2Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die unterliegende Be- schwerdeführerin keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (Umkehr- schluss aus Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG). Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdeführerin zur Bezahlung auferlegt und dem geleisteten Kostenvorschuss in glei- cher Höhe entnommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 4. Zu eröffnen (R): - B.________ z.H. der Beschwerdeführerin - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin:Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. April 2017, IV/16/1204, Seite 15 Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.