B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5408/2022 U r t e i l v o m 1 . D e z e m b e r 2 0 2 2 Besetzung Einzelrichterin Gabriela Freihofer, mit Zustimmung von Richterin Constance Leisinger; Gerichtsschreiberin Nina Ermanni. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 16. November 2022 / N (…). E-5408/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reiste am 21. Juli 2022 illegal in die Schweiz ein und suchte gleichentags um Asyl nach. Auf dem eigenhändig ausgefüllten Per- sonalienblatt gab er den (…) als Geburtsdatum an und machte damit gel- tend, minderjährig zu sein. B. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac -Datenbank ergab, dass der Beschwerdeführer bereits am (…) Juli 2022 in Österreich um Asyl nachgesucht hatte und dort tags darauf daktyloskopisch erfasst worden war. C. Am 28. Juli 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zugewie- sene Rechtsvertretung. D. Mit Schreiben vom 29. August 2022 liess der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertretung zwei ärztliche Kurzberichte für das Bundesasyl- zentrum (BAZ) B._______ vom 5. und 22. August 2022 des C._______ so- wie eine Kopie seiner Tazkira und seines Impfbüchleins zu den Akten rei- chen. E. Am 9. September 2022 reichte die Rechtsvertretung einen weiteren ärztli- chen Kurzbericht für das BAZ B._______ vom 8. September 2022 ein. F. F.a Anlässlich der Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (EB UMA) vom 16. September 2022 und im Beisein seiner Rechtsvertretung gab der Beschwerdeführer an, er sei am (…) geboren. Sein Geburtsdatum kenne er seit seiner Schulzeit, weil sein Vater für seine Einschulung eine Tazkira habe ausstellen lassen. Seiner Tazkira lasse sich entnehmen, dass er im Ausstellungszeitpunkt ([…] entspricht im gregorianischen Kalender dem […]) sieben Jahre alt gewesen sei. Sein genaues Geburtsdatum stehe al- lerdings auf dem Impfausweis, da auf der Tazkira das Alter jeweils aufgrund des Aussehens einzig in ganzen Jahren bestimmt werde. Mit der Schule habe er im Jahr (…) begonnen und diese im Jahr (…) im Alter von (…) Jahren beendet. Anschliessend sei er als Schäfer beziehu ngsweise Hirte im Dorf tätig gewesen, bevor er mit (…) Jahren Afghanistan verlassen E-5408/2022 Seite 3 habe. Er sei über den D._______, E._______, F._______, G._______, H._______ und Österreich in die Schweiz gereist. Insbesondere im D._______ und in der E._______ habe er Schwierigkeiten gehabt und sei von den Sicherheitskräften der beiden Länder schlecht behandelt worden. Auch in F._______ habe er Probleme gehabt. Weiter führte er aus, in Österreich kein Asylgesuch eingereicht zu haben. Er habe gemeinsam mit anderen in Öster reich einen Zug in die Schweiz besteigen wollen und sei dabei von den österreichischen Behörden festge- nommen worden. Er habe diesen gesagt, dass er weiterreisen wolle, wo- raufhin sie ihm gesagt hätten, solange er seine Fingerabdrücke nicht ab- gebe, könne er nicht weiterreisen. Dem dortigen Dolmetscher habe er die- selben Personalien angegeben wie in der Schweiz. Allerdings habe der Dolmetscher einfach ein anderes als das von ihm genannte Geburtsdatum geschrieben, woraufhin er den Stift genommen habe, das falsche Geburts- datum durchgestrichen und das richtige hingeschrieben habe. Anschlies- send habe er eine Nacht in Quarantäne verbringen müssen. Auf gesundheitliche Probleme angesprochen, führte er aus, Probleme mit den Händen zu haben. Er könne seine Finger nicht stillhalten und keine schweren Sachen heben. Hinzu kämen Hautprobleme, die aber bereits besser geworden seien. F.b Das SEM informierte den Beschwerdeführer an der EB UMA darüber, dass er sein geltend gemachtes Alter nicht habe beweisen können, wes- halb er wahrscheinlich für eine medizinische Altersabklärung aufgeboten werde. Der Beschwerdeführer erklärte sich mit dem Vorgehen einverstan- den und seine Rechtsvertretung merkte an, dass es für sie aufgrund der eingereichten Kopien der Tazkira und des Impfausweises sowie den wider- spruchslosen Angaben zu seinem Alter nicht angezeigt sei, ein Altersgut- achten zu erstellen. G. Am 21. September 2022 ersuchte die Vorinstanz die österreichischen Be- hörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol- gend: Dublin-III-VO) und informierte die besagten Behörden darüber, dass E-5408/2022 Seite 4 der Beschwerdeführer seine geltend gemachte Minderjährigkeit nicht habe glaubhaft machen können. Es würden noch Zweifel an der Minderjährigkeit bestehen, weil er sein geltend gemachtes Geburtsdatum nicht mit rechts- genüglichen Ausweisen belegen könne. Die schweizerischen Behörden hätten deshalb eine medizinische Altersabklärung in Auftrag gegeben, wo- bei das Ergebnis noch ausstehend sei. Das Ersuchen um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers werde zur Einhaltung der Fristen der Dublin-III-VO bereits jetzt gestellt und das Altersgutachten – sobald es vorliege – über- mittelt. Nach Erhalt des Gutachtens würden die schweizerischen Behörden auf der Grundlage aller verfügbaren Indizien entscheiden, ob er als volljäh- rig oder weiterhin als minderjährig betrachtet werde , und die österreichi- schen Behörden über den Entscheid informieren. Weiter informierte die Vorinstanz die österreichischen Behörden darüber, dass der Beschwerdeführer mitgeteilt habe, sein jüngerer Bruder I._______, Geburtsdatum unbekannt (Alter […]), Afghanistan, befinde sich in Österreich, weshalb sie die genannte n Behörden gleichzeitig ersuche mitzuteilen, ob ihnen eine Person mit den genannten Personalien bekannt sei, und ob Informationen zum geltend gemachten Verwandtschaftsverhält- nis vorliegen würden. H. Am 28. September 2022 führte das Institut für Rechtsmedizin des J._______ eine Altersabklärung beim Beschwerdeführer durch. Im Gutach- ten vom 4. Oktober 2022 kamen die Ärzte zum Schluss, dass die erhobe- nen Befunde ein durchschnittliches Lebensalter von 18 b is 29 Jahren er- geben würden. In Zusammenschau aller Untersuchungsbefunde ergebe sich zum Zeitpunkt der Untersuchung ein Mindestalter von 21.6 Jahren. Das angegebene Geburtsdatum (chronologisches Lebensalter 17 Jahre und ein Monat) könne gemäss aktueller wi ssenschaftlicher Studienlage nicht zutreffen. I. Am 5. Oktober 2022 stimmten die österreichischen Behörden dem Über- nahmeersuchen nicht zu. Zur Begründung führten sie aus, der Beschwer- deführer sei gegenwärtig als Minderjähriger zu betrachten, womit von einer Unzuständigkeit Österreichs auszugehen sei. Weiter hielten sie fest, ge- mäss Erstbefragung würden sich sämtliche Familienangehörigen des Be- schwerdeführers in seinem Herkunftsland aufhalten. Eine Person namens I._______ sei ihnen bislang unbekannt. E-5408/2022 Seite 5 J. Am 10. Oktober 2022 reichte dies Rechtsvertretung des Beschwerdefüh- rers abermals einen ärztlichen Kurzbericht für das BAZ B._______ vom 7. Oktober 2022 ein. K. Mit Schreiben vom 11. Oktober 2022 gewährte die Vorinstanz dem Be- schwerdeführer das rechtliche Gehör zum Ergebnis der Altersabklärung, zu den Zweifeln an seiner vorgebrachten Identität , zu einer allfälligen Än- derung des Geburtsdatums im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) sowie zu der beabsichtigten Wegweisung nach Österreich . Der Beschwerdeführer n ahm am 14. Oktober 2022 Stellung und hielt daran fest, minderjährig zu sein. Er habe korrekt ausgeführt und es sei hinlänglich bekannt, dass auch ein Monat vor dem genauen Geburtsdatum auf einer Tazkira ein Alter von sieben Jahren angegeben werde. Ebenso werde die Tazkira häufig verlangt, nachdem eine Person bereits mit der Schule be- gonnen habe. Dies würde wiederum zu seinen Aussagen passen, wonach er die Tazkira im Rahmen der Einschulung (1. Monat […]) habe ausstellen lassen, und mit deren Ausstelldatum ([…]) übereinstimmen. Das Altersgut- achten stelle sodann lediglich ein Indiz für die Beurteilung der Glaubhaf- tigkeit der Altersangaben dar. Weiter führte er aus, sein jüngerer Bruder I._______, N (…), befinde sich seit dem 16. September 2022 e benfalls in der Schweiz, weshalb dessen Altersangaben zu den familiären Verhältnissen abzuwarten und entspre- chend zu berücksichtigen seien. Er wolle gemeinsam mit seinem minder- jährigen Bruder in der Schweiz bleiben, da sie beide auf die Hilfe des je- weils anderen angewiesen seien. L. Am 20. Oktober 2022 änderte die Vorinstanz das Geburtsdatum des Be- schwerdeführers im ZEMIS auf den (…) und brachte einen Bestreitungs- vermerk an. M. Mit Schreiben vom 25. Oktober 2022 ersuchte die Vorinstanz die österrei- chischen Behörden im Rahmen eines sogenannten Remonstrationsverfah- rens (Art. 5 Durchführungsverordnung [EU] Nr. 118/2014 der Kommission vom 30. Januar 2014 zur Änderung der Verordnung [EG] Nr. 1560/2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Ra-E-5408/2022 Seite 6 tes zur Festl egung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist [nachfolgend: Durchführungsverordnung, DVO]) um erneute Prüfung des Wiederaufnah- meersuchens. Zur Begründung verwies die Vorinstanz auf die nunmehr vorliegenden Ergebnisse des Altersgutachtens, wonach der Beschwerde- führer zum Zeitpunkt der Untersuchung ein Mindestalter von 21.6 Jahren aufgewiesen habe. Damit könne festgehalt en werden, dass das vom Be- schwerdeführer angegebene Geburtsdatum gemäss aktueller wissen- schaftlicher Studienlage nicht zutreffen könne. Der Beschwerdeführer sei dementsprechend für das weitere Verfahren sowie zum Zeitpunkt der Ein- reichung seines Asylgesuchs in Österreich sowie auch in der Schweiz als volljährige Person zu betrachten. N. Am 8. November 2022 stimmten die österreichischen Behörden dem Ersu- chen der Vorinstanz um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO explizit zu. O. Mit Verfügung vom 16. November 2022 (eröffnet am 17. November 2022) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerde führers nicht ein, verfügte dessen Überstellung nach Österreich, welches gemäss Dublin -III-VO für die Be- handlung seines Asylgesuches zuständig sei, forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig ver- fügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (…), mit Bestreitungsvermerk, laute und einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine auf- schiebende Wirkung zukomme. P. Mit Eingabe vom 24. November 2022 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylge- such einzutreten und ein nationales Asylverfahren zu eröffnen, eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a Abs. 3 der Asyl- verordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV1, SR 142.311) für das Asylver- fahren für zuständig zu erklären, subeventualiter sei die Sache wegen der E-5408/2022 Seite 7 Verletzung des rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zu- dem lässt sich aus der Begründung der Beschwerdeschrift entnehmen, dass er sinngemäss auch die Anpassung seines Geburtsdatums im ZEMIS auf den (…) beantragte. In prozessualer Hinsicht beantragte er im Sinne vorsorglicher Massanah- men, der vorliegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu er- teilen und die Vollzugsbehörde sei anzuweisen, von einer Überstellung nach Österreich abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die vorliegende Beschwerde ents chieden habe. Des Weiteren beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Kostenvorschusserhebung. Q. Am 25. November 2022 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist dah er zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2. 2.1 Die Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichteintretensent- scheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG als auch gegen die ZEMIS -E-5408/2022 Seite 8 Eintragung betreffend das Geburtsdatum des Beschwerdeführers. Praxis- gemäss wird das Beschwerdeverfahren betreffend ZEMIS -Datenbereini- gung (E-5446/2022) neben dem Asyl-Beschwerdeverfahren (E-5408/2022) separat geführt (vgl. BVGE 2018 VI/3). Aufgrund der vorliegenden Verfah- renskonstellation werden separate Urteile erlassen, vorliegend bilden die Ziffern 1 bis 4 und 7 der angefochtenen Verfügung Gegenstand des Ver- fahrens. 2.2 Die Beschwerde gegen den Nichteintretensentscheid ist frist- und form- gerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahre n vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung be- sonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 3. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als offen- sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän- digkeit mit Zustimmun g einer zweiten Richterin beziehungsweise eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif- tenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 4.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des E-5408/2022 Seite 9 Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah- men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) – wie vorliegend – findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprü- fung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 5.3 Gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin -III-VO ist im Falle eines unb egleiteten Minderjährigen ohne familiäre Anknüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) der Staat zuständig, in welchem er seinen Antrag gestellt hat. Diese Bestimmung würde eine vorrangige Zuständigkeit der Schweiz be- gründen (Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO), da nach der genannten Bestimmung von Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO unbegleitete Minderjährige von Wiederauf- nahmeverfahren ausgenommen sind (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskom- mentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018, N. 33 zu Artikel 8). 5.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festge legten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts- recht). E-5408/2022 Seite 10 Die Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ist nicht direkt, son- dern nur in Verbindung mit einer nationalen Norm (namentlich Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, Selbsteintritt aus humanitären Gründen) oder in- ternationalem Recht anwendbar (vgl. BVGE 2010/45 E. 5). Aus humanitä- ren Gründen kann das SEM das Asylgesuch auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre (sog. Souve- ränitätsklausel). Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen Dublin -Staat demgegenüber als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen bindenden völkerrechtlichen Bestimmung, ist die Schweiz verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten und es zu behandeln (BVGE 2015/9 E. 8). 6. Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Eurodac- Datenbank ergab, dass dieser am 14. Juli 2022 in Österreich ein Asylge- such eingereicht hatte und tags darauf daktyloskopisch erfasst worden war (SEM-Akte 1184302-8/1). Das SEM ersuchte deshalb die österreichischen Behörden am 21. September 2022 um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO (SEM- Akte 1184302-23/7). Die österreichischen Behörden stimmten dem Ge- such um Übernahme am 8. November 2022 im Rahmen des Remonstrati- onsverfahrens ausdrücklich zu (SEM -Akte 1184302-37/2). Die beschwer- deweisen Ausführungen, wonach der Beschwerdeführer in Österreich nie ein Asylgesuch gestellt habe und zur Abgabe seiner Fingerabdrücke ge- zwungen worden sei, überzeugen aus folgenden Gründen nicht: Erstens spricht die zeitliche Erfassung (Einreichung Asylgesuch am 14. Juli 2022 und erst tags drauf am 15. Juli 2022 daktyloskopische Erfassung) dafür, dass ihm aufgrund der Stellung eines Asylgesuchs die Fingerabdrücke ab- genommen wurden (SEM -Akte 1184302-8/1) und zweitens führte er bei seinem Aufgriff in der Schweiz einen Ausweis der Republik Österreich auf sich, welcher ihn eindeutig als Asylbewerber in Österreich ausweist (SEM- Akte 1184302-5/11). Diesbezüglich ist weiter festzuhalten, dass diese klar widerlegbaren Ausführungen des Beschwerdeführers das Gericht generell an dessen Glaubwürdigkeit zweifeln lassen. Die grundsätzliche Zuständig- keit Österreichs ist nach dem Gesagten gegeben. E-5408/2022 Seite 11 7. 7.1 Der Beschwerdeführer macht in seiner Beschwerdeschrift geltend, er sei minderjährig, womit die Schweiz, trotz Wiederaufnahmeverfahren, für sein Asyl- und Wegweisungsverfahren zuständig sei. 7.2 Die Beweislast für die behauptete Minderjährigkeit trägt grundsätzlich die asylsuchende Person (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3 und 4.2.3). Im Rah- men einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte vorzunehmen, die für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersan- gaben sprechen. Wesentlich sind dabei für echt befundene Identitätspa- piere oder eigene Angaben der betroffenen Person (vgl. Urteil BVGer E-4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1 m.H.a. EMARK 2004 Nr. 30). Das Resultat des Altersgutach tens stellt nur ein Element bei der Beurtei- lung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Minderjährig- keit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.). 7.3 Das SEM qualifizierte die Angaben des Beschwerdeführers hinsichtlich seines Alters, und damit die ge ltend gemachte Minderjährigkeit, als un- glaubhaft. Der Beschwerdeführer habe eine Kopie einer Tazkira und eines Impfbüch- leins eingereicht, wobei die Angaben der beiden Kopien nicht übereinstim- men würden. Namentlich wäre er gemäss dem Datum auf dem Impfbüch- lein zum Zeitpunkt der handschriftlich festgehaltenen Altersangabe auf der Tazkira noch nicht (…) Jahre alt gewesen. Auf diesen Widerspruch ange- sprochen, habe er ausgeführt, auf einer Tazkira schreibe man das Alter je- weils nur in einer ganzen Jahreszahl, man sei entweder sechs oder sieben Jahre alt und nicht (…) Jahre und (…) Monate. Das genaue Geburtsdatum stehe auf seinem Impfbüchlein. Weshalb sein genaues Geburtsdatum nicht auch auf der Tazkira stehe, wisse er nicht, da sein Vater die Tazkira für ihn habe ausstellen lassen. Weiter habe er ausgeführt, die Originale befänden sich in Afghanistan, er habe aber keine Möglichkeit diese in die Schweiz bringen zu lassen. Die Vorinstanz hielt diesbezüglich weiter fest, dass den beiden eingereichten Dokumentenkopie n keine genügende Beweiskraft zukomme, zumal in Afghanistan viele angeblich amtliche und nicht amtli- che Dokumente beliebigen Inhalts ohne Mühe gegen Bezahlung erworben werden könnten und es sich lediglich um Kopien handle. Zudem widersprä- chen sich die Alte rsangaben auf den eingereichten Dokumentenkopien. Wenngleich es sich nur um eine geringfügige Abweichung handle, werde E-5408/2022 Seite 12 die Beweiskraft der vorliegenden Dokumentenkopien dadurch trotzdem weiter eingeschränkt. Zu seiner Schulbildung habe er ausgeführt, im Jahr (…) im Alter von (…) Jahren mit der Schule begonnen zu haben. Er habe die Schule während sechs Jahren besucht und diese im Jahr (…) im Alter von (…) Jahren ver- lassen. Das afghanische Schuljahr dauere grundsätzlich von März bis Ja- nuar, wobei der März gemäss europäischem Kalender dem ersten Monat nach afghanischem Kalender entspreche. Im ersten Monat des Jahres (…) wäre er gemäss dem von ihm angegebenen Geburtsdatum somit no ch nicht (…) Jahre alt gewesen, sondern erst in etwa (…) Jahre. Weiter habe er angegeben, seine Vater habe die Tazkira für seine Einschulung ausstel- len lassen, was wiederum zu einem Widerspruch zu seinen Angaben zum Schulbesuch führe. Die Tazkira sei erst am (…) ausgestellt worden und hätte damit für einen Schulstart im ersten Monat (…) viel zu spät vorgele- gen. Schliesslich sei vorliegend das forensische Gutachten ein starkes Indiz für seine Volljährigkeit. Zum Skelettalter sei festzuhalten, dass die Wachs- tumsfugen der inneren Schlüsselbeinanteile einem durchschnittlichen Le- bensalter von 29 Jahren (29.7  5.1) sowie einem Mindestalter von 21.6 Jahren entspreche. Nach den Ergebnissen der zahnärztlichen Untersu- chung sei ein vollständiger Abschluss des Wurz elwachstums festgestellt worden. An den Weisheitszähnen habe sich jeweils ein Mineralisationssta- dium von H nach Demirjian gefunden. Daraus ergäben sich Entwicklungs- stadien, welche nach Olze auf ein Durchschnittsalter von 22 Jahren (22.5  1.9, 22.6  1.9, 22.7  1.9, 22.7  1.9) schliessen lasse. Das Mineralisa- tionsstadium H der Weisheitszähne lasse nach Knell et al. und Olze et al. bei einer männlichen europäischen Population auf ein Mindestalter von 17 Jahren schliessen. Zusammenfassend könne daher im Zeitpu nkt der Un- tersuchung vom (…) von einem Mindestalter von 21.6 Jahren ausgegan- gen werden. Das von ihm angegebene Lebensalter von 17 Jahren und ei- nem Monat sei mit den erhobenen Befunden nicht zu vereinbaren. Auf- grund dessen sei zu schliessen , dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Volljährigkeit erreicht habe. Der Umstand, dass er in Österreich die gleichen Personalien angegeben habe wie in der Schweiz, sei – entgegen seinen Ausführungen – nicht als Indiz für die Glaubhaftigkeit seiner Angaben zu werten, da davon auszuge- hen sei, dass er beabsichtigt habe auch die österreichischen Behörden über sein wahres Alter zu täuschen. E-5408/2022 Seite 13 Festzuhalten sei des Weiteren, dass die Erstbefragung seines jüngeren Bruders abgewartet worden sei, bevor sein eige nes Geburtsdatum im ZEMIS geändert worden sei. Das Dossier seines Bruders enthalte jedoch keine Elemente, welche die Einschätzung zu ändern vermöchten. Im Übri- gen sei es auch seinem Bruder nicht gelungen, die geltend gemachte Min- derjährigkeit zu belegen oder glaubhaft zu machen, weshalb auch dieser zum Zeitpunkt seines Asylgesuchs in der Schweiz und für das weitere Ver- fahren als volljährig gelte. 7.4 Dem hält der Beschwerdeführer entgegen, er habe glaubhafte Anga- ben zu seinem Alter und seinem Geburtsdatum gemacht. Hinzu komme, dass sein Alter durch die eingereichten heimatlichen Dokumente, insbe- sondere die Tazkira, belegt werde. Er sei nicht damit einverstanden, dass das SEM sein Alter aufgrund des Gutachtens angehoben habe, zumal es bei solchen Altersgutachten zu Standardabweichungen kommen könne. Weiter seien auch die Aussagen seines ebenfalls minderjährigen Bruders zu berücksichtigen. 7.5 Vorab ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz festzuhalten, dass in Afghanistan viele angeblich amtliche und nicht amtliche Dokumente belie- bigen Inhalts ohne Mühe gegen Bezahlung erworben werden können. Die vom Beschwerdeführer eingereichten Dokumente (Tazkira und Impfbüch- lein) liegen sodann lediglich in Kopie vor, womit von einem noch geringeren Beweiswert auszugehen ist. Zudem enthält eine Tazkira keine Sicherheitsmerkmale und kann deshalb einfach gefälscht werden. Selbst bei Annahme der Echtheit der Tazkira be- steht nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts die Mög- lichkeit, dass die darin enthaltenen zeitlichen Angaben keinen zweifels- freien Rückschluss auf das wirkliche Alter erlauben. Die Geburtsdaten wer- den je nach Ausstellungsort unterschiedlich eingetragen und oft basiert die Angabe auf einer Einschätzung des Alters aufgrund des Aussehens der Person im Zeitpunkt der Ausstellung (vgl. hierzu BVGE 2019 I/6 E. 6.2, be- stätigt u.a. im Urteil des BVGer D-60/2020 vom 8. Februar 2021 E. 4.3.2). Diese Erklärung führt e auch der Beschwerdeführer an (SEM -Akte 1184302-18/10 S. 3; 1184302-31/4). Wobei diesbezüglich zu erwähnen ist, dass der Beschwerdeführer eigenen Angaben gemäss bei der Ausstellung der Tazkira nicht selbst vor Ort war, insofern bereits fraglich ist, worauf sich die afghanischen Behörden beim Ausstellen der Tazkira überhaupt stützten (SEM-Akte 1184302-18/10 S. 3). Fraglich ist denn auch der Zeitpunkt der Ausstellung der Tazkira an sich, gab er doch ausdrücklich an, diese für die E-5408/2022 Seite 14 Einschulung benötigt zu habe n, was – wie von der Vorinstanz richtig er- kannt – nicht mit dem Ausstellungsdatum übereinstimmt. Zusammenfas- send ist festzuhalten, dass die Kopie der eingereichten Tazkira – wie auch die Kopie des Impfausweises, welches von vornherein kein amtliches Do- kument zum Beleg der Identität darstellt – kein wesentliches Indiz für die behauptete Minderjährigkeit zum Zeitpunkt der Stellung des Asylgesuchs in der Schweiz bildet. Hinzu kommt, dass die Aussagen des Beschwerde- führers zu seinem Geburtsdatum sowie seine diesbezüglichen Erklärungs- versuche nicht überzeugen. Um Wiederholungen zu vermeiden, ist diesbe- züglich auf die korrekten Ausführungen des SEM zu verweisen (Verfügung des SEM vom 16. November 2022, Ziff. II S. 4 ff.). 7.6 Gemäss dem Grundsatzurteil des Bundesverw altungsgerichts BVGE 2018 VI/3 sind von den in der Schweiz angewandten Methoden der medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein- respektive Skelettal- tersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch die Hand- knochenaltersanalyse und die ä rztliche körperliche Untersuchung) zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet. Anhand der medizinischen Altersabklärung lässt sich keine Aussage zur Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein - respektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebenda E. 4.2.1 f.). 7.6.1 Vorliegend bestehen keine begründeten Anhaltspunkte, welche ge- eignet sind, die Erkenntnisse des Altersgutachtens vom 4. Oktober 2022 entscheidrelevant in Zweifel zu ziehen. Im Altersgutachten wird zunächst festgehalten, dass die körperliche Untersuchung aus medizinischer Sicht keine Hinweise auf das Vorliegen einer entwicklungsbeeinflussenden Er- krankung beziehungsweise einer manifesten Entwicklungsstörung erge- ben habe. Der radiologische Befund der inneren Schlüsselbeinanteile ent- spreche einem durchschnittlichen Lebensalter von 29 Jahren (29.7  5.1) sowie einem Mindestalter von 21.6 Jahren. Die zahnär ztliche Untersu- chung habe einen vollständigen Abschluss des Wurzelwachstums festge- stellt. An den Weisheitszähnen finde sich jeweils ein Mineralisationssta- dium von H nach Demirjian. Daraus würden sich Entwicklungsstadien er- geben, welche nach Olze auf ein Durchschnittsalter von 22 Jahren (22.5  1.9, 22.6  1.9, 22.7  1.9, 22.7  1.9) schliessen lasse. Das Mineralisati- onsstadium H der Weisheitszähne lasse nach Knell et al. und Olze et al. bei einer männlichen europäischen Population auf ein Mindestalter von 17 Jahren schliessen. Lege man die erhoben en Befunde zugrunde, ergebe E-5408/2022 Seite 15 sich ein durchschnittliches Lebensalter von 18 bis 29 Jahren. Zusammen- fassend könne daher im Zeitpunkt der Untersuchung vom (…) von einem Mindestalter von 21.6 Jahren ausgegangen werden. Das von ihm angege- bene Lebensalter von 17 Jahren und einem Monat sei mit den erhobenen Befunden nicht zu vereinbaren. 7.6.2 Gestützt auf BVGE 2018 VI/3 ist es ein starkes Indiz für die Volljäh- rigkeit, wenn das Mindestalter bei der Schlüsselbein- respektive Skelettal- tersanalyse oder der zahnärztlichen Untersuchung über 18 Jahren liegt und die sich anhand der beiden Analysen ergebenden Altersspannen über- lappen (vgl. a.a.O. E. 4.2.2). Gemäss dem Altersgutachten liegt das Min- destalter bei der Schlüsselbeinanalyse über 18 Jahren (21.6 Jahre; durch- schnittliches Lebensalter 29 Jahren [29.7  5.1]), bei der zahnärztlichen Untersuchung unter 18 Jahren (17 Jahre). Allerdings ist betreffend Zahn- altersanalyse zu erwähnen, dass gemäss aktueller Wissenschaftlicher Stu- dienlage kein Mindestalter von über 18 Jahren festgestellt werden kann, sondern maximal ein Mindestalter von 17 Jahren – wie vorliegend –, wenn des höchsten Mineralisationsstadiums H nach Demirjian festgestellt wurde (Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin S GRM - Arbeitsgruppe Qualitätsmanagement in der Forensischen Medizin, Forensische Altersdi- agnostik - Methodendokument Version 02 - Ausgabe Juni 2022, < https://sgrm.ch/inhalte/Forensische-Medzin/AG_QM_FAD_MD_V02_08- 06-2022.pdf >, abgerufen am 30.11.2022). Die zahnärztliche Untersuchung weist sodann insgesamt eine Durchschnittsalter nach Olze von 22 Jahren (22.5  1.9, 22.6  1.9, 22.7  1.9, 22.7  1.9) auf. Die Altersspannen über- lappen sich zwar nicht, berühren sich aber bei einem Wert (24.6), der deut- lich über dem 18. Lebensjahr liegt. Die Ergebnisse stehen eindeutig nicht im Widerspruch zueinander. Vor dem Hintergrund des eindeutigen Fazits des Altersgutachtens («zum Zeitpunkt der Untersuchung ein Mindestalter von 21.6 Jahren») hat die Vorinstanz das Guta chten in Anwendung einer Gesamtwürdigung – namentlich der Aussagen und der eingereichten Iden- titätsdokumente – richtigerweise als ein Indiz gewertet, welches ebenfalls für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers spricht. 7.7 Im Lichte des vorstehend Gesagten ist im Sinne einer Gesamtwürdi- gung aller Indizien davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer seine behauptete Minderjährigkeit nicht glaubhaft machen konnte, mithin im Zeit- punkt der (Asyl-)Antragsstellung in der Schweiz mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit bereits volljährig war. E-5408/2022 Seite 16 7.8 Damit fällt Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO als Kriterium zur Bestimmung des für das Asylverfahren zuständigen Mitgliedstaats ausser Betracht und die grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs ist – nach wie vor – gegeben. 8. 8.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Österreich würden systemische Schwach- stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi- genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden. 8.2 Österreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per- sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er- geben. 8.3 Mit den bloss gene rellen Hinweisen des Beschwerdeführers, es habe in Österreich sehr viele Gesetzesänderungen gegeben, welche dazu ge- führt hätten, dass der Zugang zu unabhängiger Rechtsberatung erschwert worden sei, sowie, dass es in Österreich zur Inhaftierung von vulnerablen Personen käme, wird sodann kein konkretes und ernsthaftes Risiko darge- tan, dass die österreichischen Behörden in seinem Fall den erwähnten völ- kerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachk ämen. Bei einer allfälligen vo- rübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übrigen nötigenfalls an die österreichischen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnah- mebedingungen au f dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahme- richtlinie). 8.4 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 E-5408/2022 Seite 17 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche- ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar- ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei- tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra- schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu- stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb- lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Die gesundheitlichen Beschwerden des Beschwerdeführers ( […]) sind nicht als derart schwer- wiegend anzusehen, dass aus humanitären Gründen oder gar wegen einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK von einer Überstellung nach Ös- terreich abgesehen werden müsste (SEM -Akte 1184302-29/3; 184302- 38/3; 1184302-39/2). Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass Österreich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumin- dest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit beson- deren Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine Hinweise vor, wonach Österreich dem Beschwerdeführer eine adäquate medizini- sche Behandlung v erweigern würde. Der Beschwerdeführer konnte nicht nachweisen, dass er nicht reisefähig sei oder eine Überstellung seine Ge- sundheit ernsthaft gefährden würde. 8.5 Der bereits vorinstanzlich – und auf beschwerdeebene erneut vorge- brachte – Umstand, er wolle bei seinem minderjährigen Bruder in der Schweiz verbleiben, weil sie gegenseitig auf ihre Hilfe angewiesen seien, ändert daran nichts (vgl. Verfügung des SEM vom 16. November 2022, Ziff. II, S. 9). Gemäss aktueller Aktenlage wird sein Bruder (N […]) von den E-5408/2022 Seite 18 schweizerischen Behörden ebenfalls als volljährig betrachtet. Zudem er- achten die schweizerischen Behörden auch bei seinem Bruder Österreich als für das weitere Verfahren zuständig. Zu erwähnen ist sodann, dass die beiden Brüder offensichtlich getrennt voneinander ihre Heimat verlassen haben und den Weg na ch Europa allein auf sich gestellt bew erkstelligen konnten. Von einer gegenseitigen Abhängigkeit beziehungsweise Hilfestel- lung ist somit nicht auszugehen. Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass die damit implizit geltend gemachte Berufung von Art. 8 EMRK vorlie- gend nicht greifen kann, da dieser gemäss Rechtsprechung die «Kernfa- milie» schützt, zu welcher der Bruder des Beschwerdeführers von vornhe- rein nicht gehört, und – wie soeben ausgeführt – auch kein Abhängigkeits- verhältnis besteht (BVGE 2008/47 E. 4.1.1). Österreich bleibt somit zustän- diger Mitgliedstaat gemäss Dublin -III-VO und ist verpflichtet, den Be- schwerdeführer wiederaufzunehmen. 8.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass kein Grund für einen Selbst- eintritt der Schweiz in Anwendung von Art. 17 Dublin -III-VO oder von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vorliegt, zumal in Bezug auf das humanitäre Er- messen des SEM, keine Anhaltspunkte für einen Ermessensfehlgebrauch vorliegen. 9. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf da s Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie- derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Österreich in An- wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). Es besteht nach dem Gesagten keine Veranlassung zur Rück- weisung der Sache an die Vorinstanz im Sinne des Subeventualbege h- rens. 10. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht m ehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). 11. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem E-5408/2022 Seite 19 Urteil abgeschlossen, weshalb sich der Antrag auf Gewährung der auf- schiebenden Wirkung als gegenstandslos erweist. Der angeordnete Voll- zugsstopp fällt mir vorliegendem Urteil dahin. 12. Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – aussichtlos waren, weshalb die Vo- raussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Das Gesuch um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird mit dem vorliegenden Ent- scheid in der Sache gegenstandslos. 13. Bei diesem Ausgan g des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-5408/2022 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Nina Ermanni Versand: