B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5463/2019 U r t e i l v o m 11 . A u g u s t 2 0 2 0 Besetzung Richterin Constance Leisinger (Vorsitz), Richter Gérald Bovier, Richter David Wenger, Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw El Uali Emmhammed Said, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Aufhebung vorläufige Aufnahme (Asyl); Verfügung des SEM vom 17. September 2019 / N (…). E-5463/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reiste (…) am 27. Oktober 2016 in die Schweiz ein und ersuchte am gleichen Tag um Asyl nach. Zur Begründung seines Gesuchs bra chte der Beschwerdeführer im We- sentlichen vor, er habe in seinem Heimatland die Schule bis zur (…) be- sucht und auf den (…) seiner Eltern gearbeitet. Sein Vater habe nach des- sen Entlassung aus dem Militärdienst begonnen, ein Haus zu bauen, sei jedoch im Jahre 2014 festgenommen worden. Das Haus sei mit Hilfe von Verwandten fertig erstellt worden. Im Jahr 2015 hätten die Behörden ihr neugebautes Haus mangels Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben zerstört. Die Familie habe eine Hütte gebaut und fortan darin gelebt. Diesem schwierigen Leben in seinem Heimatland habe er entfliehen wollen, wes- halb er im Juni 2016 illegal aus Eritrea ausgereist sei. B. Mit Verfügung vom 29. März 2017 stellte das SEM fest, der Beschwerde- führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch vom 27. Oktober 2017 ab und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz an. Den Vollzug der Wegweisung erachtete das SEM als nicht zumutbar und ordnete die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers an. Seinen Entscheid begründete das SEM hauptsächlich damit, die vom Be- schwerdeführer dargelegte baurechtliche Massnahme beruhe nicht auf ei- nem asylrechtlich relevanten Motiv. Im Wegweisungsvollzugspunkt hielt es fest, es erachte den Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Eritrea oder in einen Drittstaat in Würdigung sämtlicher Umstände und un- ter Berücksichtigung der Aktenlage zum gegenwärtigen Zeitpunkt als nicht zumutbar. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. C. Mit Strafbefehl vom 24. Oktober 2017 wurde der Beschwerdeführer wegen geringfügigem Erschleichen einer Leistung (infolge Benützung eines öf- fentlichen Verkehrsmittels ohne Fahrkarte) zu einer Geldbusse verurteilt. D. Mit Strafbefehl vom 12. Dezember 2018 erfolgte eine Verurteilung des Be-E-5463/2019 Seite 3 schwerdeführers wegen Hausfriedensbruchs, Tätlichkeit, sexueller Beläs- tigung und mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche Verfügung en. Er wurde zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je Fr. 10.00, bedingt auf- geschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren, und einer Geldbusse von Fr. 600.00 verurteilt. E. Mit Schreiben vom 31. Mai 2019 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, aufgrund seiner aktuellen Lageeinschätzung sowie jener des Bundes- verwaltungsgerichts (Urteil D-2311/2016 vom 17. August 2017) zu Eritrea beabsichtigte es, die vorläufige Aufnahme aufzuheben und den Vollzug der Wegweisung anzuordnen. Es erteilte dem Beschwerdeführer die Möglich- keit, sich dazu bis zum 28. Juni 2019 zu äussern. F. In seiner Stellungnahme vom 26. Juli 2019 führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, infolge seiner Flucht aus Eritrea habe er die Schule nicht zu Ende führen und auch keine andere Arbeitserfahrung als jene in der (…) sammeln können. Über den Verbleib seines inhaftierten Vaters wisse die Familie nichts. Sein Halbbruder habe deshalb recherchiert und sei aufgrund seiner Erkundigungen nach dem Vater vor ungefähr zwei Jah- ren für zwei Monate inhaftiert und danach direkt ins Militär eingezogen wor- den. Seine Schwester lebe mit der Mutter nach wie vor in B._______. Die anderen Geschwister seien ausser Landes geflohen, wobei ein Bruder nach Eritrea zurückgeschafft worden sei. Er sei im Gefängnis. Die Verwal- tung habe der Mutter das (…) weggenommen, da sie alleine mit der jünge- ren Schwester lebe. Sie habe kein Einkommen. Einzig ihr Bruder bringe ihr jeweils zu Essen. Der Onkel, der in den C._______ lebe, unterstütze diese nicht mehr. Seiner Mutter und Schwester gehe es schlecht. Sie seien auf Almosen angewiesen. Er habe nur noch selten Kontakt zu seiner Mutter. Mit den anderen Verwandten in Eritrea habe er keinen Kontakt. Hingegen pflege er regelmässige Kontakte zu seinen in der Schweiz lebenden On- keln, seiner Tante und Cousine. Er habe sich hier ein neues Leben aufge- baut, sprachliche Fortschritte gemacht und Deutschkurse sowie einen In- tegrationskurs absolviert. Da er arbeiten wolle, sei er in der Schweiz nicht zur Schule gegangen. Seit kurzem habe er eine feste Arbeitsstelle als (…) Mitarbeiter inne. In Eritrea wäre er der Willkür der Behörden ausgesetzt. Sein Vater und ein Bruder seien dort im Gefängnis, ein Bruder befinde sich im Militärdienst. Er habe Angst, dass ihm das gleiche Schicksal drohe. In seiner Heimat könne er auf kein so ziales, ihn unterstützendes Netzwerk zählen und er würde in eine existenzielle Notlage geraten. Er habe in der E-5463/2019 Seite 4 Schweiz in der Vergangenheit Fehler gemacht und aus ihnen und den ihm auferlegten Strafen gelernt. Der Stellungnahme lagen Bestätigungen von verschiedenen Deutsch- so- wie eines Integrationskurses sowie ein Arbeitsvertrag und ein Zwischen- zeugnis des Arbeitgebers bei. G. Mit Verfügung vom 17. September 2019 – eröffnet am 24. September 2019 – hob das SEM die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers auf, setzte ihm eine Ausreisefrist bis zum 12. November 2019 an und beauf- tragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. H. Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe des rubrizierten Rechtsvertre- ters vom 18. Oktober 2019 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen den Entscheid des SEM vom 17. September 2019 ein. Darin wurde beantragt, die Verfügung sei aufzuheben und dem Beschwerdeführer wei- terhin die vorläufige Aufnahme zu belassen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und an die Vorinstanz zur Neubeurteilung zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhe bung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung des Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand ersucht. I. Mit Zwischenverfügung vom 11. Dezember 2019 stellte die zuständige In- struktionsrichterin fest, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses werde derzeit verzichtet und lud das SEM ein, bis zum 27. Dezember 2019 eine Vernehmlassung zur Beschwerde einzureichen. J. Das SEM reichte am 23. Dezember 2019 eine Vernehmlassung ein. Diese wurde dem Beschwerdeführer mit Frist zur Replik bis am 23. Januar 2020 zugestellt. Eine Stellungnahme de s Beschwerdeführers ging am 23. Ja- nuar 2020 ein. E-5463/2019 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det im Bereich der Aufhebung der vorläufigen Aufnahme endgültig (Art. 84 Abs. 2 AIG, Art. 83 Bst. c Ziff. 3 BGG). 1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 112 AIG i.V.m. Art. 37 VGG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 48 Abs. 1 VwVG, Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unricht ige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG; BVGE 2014/26 E. 5). 2. 2.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 83 Abs. 1 AIG). 2.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 2.3 Das Staatssekretariat überprüft nach erfolgter Anordnung einer vorläu- figen Aufnahme periodisch, ob die Voraussetzungen dafür noch gegeben E-5463/2019 Seite 6 sind (Art. 84 Abs. 1 AIG). Gemäss Art. 84 Abs. 2 AIG hebt es die vorläufige Aufnahme auf und ordnet den Vollzug der Weg- oder Ausweisung an, wenn die Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind, das heisst, wenn der Voll- zug der rechtskräftig angeordneten Wegweisung zulässig (Art. 83 Abs. 3 AIG) und es der ausländischen Person zumutbar (Art. 83 Abs. 4 AIG) und möglich (Art. 83 Abs. 2 AIG) ist, sich in ihren Heimat -, Herkunfts- oder in einen Drittstaat zu begeben. 2.4 Die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme muss verhältnismässig sein (Art. 5 Abs. 2 BV; Art. 96 Abs. 1 AIG). Bei der Ermessensausübung im Sinn von Art. 96 Abs. 1 AIG sind die öffentlichen Interessen und die persönlichen Verhältnisse sowie der Grad der Integration der Ausländerinnen und Aus- länder zu berücksichtigen. 3. 3.1 Das SEM begründete die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme im We- sentlichen damit, nach eigener aktueller Lageeinschätzung und jener des Bundesverwaltungsgerichts könne in Eritre a nicht von einem Krieg, Bür- gerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise einer generellen Unzumutbarkeit im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG ausgegangen werden. In Abkehr von der früheren Praxis für die Bejahung der Zumutbar- keit des Wegweisu ngsvollzugs nach Eritrea werde auch nicht mehr das Vorliegen begünstigender individueller Faktoren vorausgesetzt. Es müsse allerdings aufgrund der weiterhin schwierigen Lage in Eritrea ausgeschlos- sen werden können, dass die ausländische Person in eine existenzbedro- hende Situation gerate. Eine solche liege nicht vor. Es handle sich beim Beschwerdeführer um einen jungen, alleinstehenden und arbeitsfähigen Mann, welcher an keinen aktenkundigen gesundheitlichen Beschwerden leide. Die von ihm in seiner Stellungnahme dargestellte Notlage seiner Fa- milie sei nicht glaubhaft gemacht und würde seinen Ausführungen während den Anhörungen zu den Asylgründen widersprechen. Bei einer Rückkehr könne er entweder auf den (…) der Familie oder aber als Angestellter in der (…) tätig sein. Viele seiner Familienangehörigen würden sich zudem in Eritrea befinden, womit er dort auch über ein Beziehungsnetz verfüge. Im Weiteren prüfte das SEM, ob allfällige, weitere Vollzugshindernisse ei- ner Wegweisung entgegenstünden. Dazu führte es mit Blick auf die Frage der Zulässigkeit im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG aus, mangels Flüchtlings- eigenschaft sei das flüchtlingsrechtliche Rücks chiebungsverbot nicht an- wendbar. Eritrea weise zwar Defizite im Bereich der Menschenrechte auf, eine allgemein schlechte Menschenrechtslage reiche jedoch nicht, um dem E-5463/2019 Seite 7 Wegweisungsvollzug generell entgegenzustehen . Aus den Akten seien auch keine Hinweise auf eine individuell drohende Behandlung oder Strafe nach Art. 3 EMRK zu entnehmen, zumal der Beschwerdeführer nicht ge- gen die "Proclamation on National S ervice" von 1995 verstossen habe. Eine drohende Einberufung in den eritreischen Nationaldienst stehe der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs ebenso wenig wie die illegal er- folgte Ausreise entgegen. De n Vollzug de r Wegweisung erachtete das SEM zudem als möglich im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG. Ausserdem gelangte es zum Schluss, die Aufhebung der vorläufigen Auf- nahme erweise sich als verhältnismässig im Sinne von Art. 96 Abs. 1 AIG. Der Beschwerdeführer sei nicht überdurchschnittlich in der Schweiz inte- griert und er sei hier mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten. Es sei auch nicht damit zu rechnen, dass er bei einer Rückkehr mit grösseren Anpassungsschwierigkeiten zu rechnen hätte. 3.2 In der Beschwerde wird eingewandt, der Beschwerdeführer habe noch keinen Nationaldienst geleistet. Er werde bei einer Rückkehr deswegen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bereits am Flughafen bei seiner Wie- dereinreise verhaftet , unter unmenschlichen Bedingungen inh aftiert und dann dem Nationaldienst zugeführt. Ihm drohe bei einer Rückkehr willkür- liche Haft unter unmenschlichen Bedingungen, womit der Wegweisungs- vollzug Art. 3 EMRK verletze. Es wird diesbezüglich insbesondere auf das Urteil des EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) vom 20. Juni 2017 M.O. v. Schweiz, Nr. 41282/16, § 79, das seinerseits auf das Urteil des United Kingdom, Upper Tribunal (Immigration and Asylum Cham- ber) in der Sache MST and Others (national service – risk categories) Erit- rea CG (2016) UKUT 00443 (IAC) vom 11. Oktober 2016 (fortan UK Upper Tribunal) verweise, hingewiesen. Im Weiteren wird argumentiert, d er Nationaldienst in Eritrea stelle – wie vom Bundesverwaltungsgericht festgestellt worden sei – eine Form von Zwangsarbeit im Sinne von Art. 4 EMRK dar. Dabei handle es sich aber um ein fundamentales Verbot. Wie verschiedene Urteile des EGMR zeigten, gelte dieses absolut, weshalb eine Konventionsverletzung vorliege. Es lasse sich zudem nicht nur bei einer flagranten Verletzung dieser Norm auf eine Missachtung des Refoulementverbots schliessen. Das Bundesverwal- tungsgericht verkenne, dass Art. 4 Abs. 3 Bstb. c EMRK eine eigenstä n- dige Notstandsklausel enthalte. Der EGMR leite – wie dessen Rechtspre- chung zeige – zudem aus Art. 4 Abs. 2 EMRK eine positive Verpflichtung E-5463/2019 Seite 8 der Vertragsstaaten ab, um tatsächliche und potentielle Opfer von Zwangs- arbeit zu schützen. Das Bundesverwaltungsgericht setzte einen zu hohen Massstab an, um ein Refoulementverbot anzunehmen. Ohnehin wäre aber eine flagrante Verletzung vorliegend zu bejahen, was sich aus dem zitier- ten Urteil des UK Upper Tribunal ergebe. Hinsichtlich seiner Behauptung, es würde im eritreischen Militärdienst nicht zu systematischen Misshand- lungen kommen, stütze sich das Bundesverwaltungsgericht zudem auf ei- nen Bericht des Danish Immigration Service, obwohl es anerkannt habe, dass dieser öffentlich kritisiert worden sei. Hinsichtlich der Zumutbarkeit des Vollzuges der Wegweisung wird ausge- führt, der Beschwerdeführer sei als (…) aus Eritrea geflüchtet. Als junger lediger Mann würde er daher bei einer Rückkehr mit Sicherheit in den Na- tionaldienst eingezogen. Er müsste somit Zwangsarbeit leisten, was ihm nicht zuzumuten wäre, da er auf d iese Weise in eine persönliche Notlage geraten würde. Ausserdem wäre er Misshandlungen und sexuellen Über- griffen ausgesetzt, was ebenfalls zur Unzumutbarkeit des Vollzuges der Wegweisung führe. Sein Vater sei nach wie vor im Gefängnis. Die Familie verfüge über kein (…) mehr und sei auf Almosen angewiesen. Sein Halb- bruder sei inhaftiert worden und ein weiterer Bruder ebenfalls. Seine Schwester sei im Ausland wohnhaft. Die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme sei ausserdem unverhältnismäs- sig. Die Integration des derzeit nicht von der Sozialhilfe abhängigen Be- schwerdeführers sei fortgeschritten. Seine beruflichen und persönlichen Bindungen in der Schweiz seien «massiv» zu gewichten. Das SEM lasse bei seiner Güterabwägung auch unberücksichtigt, dass er seit seiner letz- ten Verurteilung vom 12. Dezember 2018 nicht mehr straffällig geworden sei. Weder das Strafmass noch das bisherige straffreie Leben des Be- schwerdeführers habe das SEM in seinen Entscheid einfliessen lassen. Die Güterabwägung sei daher ungenügend erfolgt und die Verfügung treffe ihn in einer unverhältnismässigen Härte. 3.3 In der Vernehmlassung hält das SEM im Wesentlichen fest, es ver- zichte auf weitere Ausführungen zur Unzulässigkeit des Vollzuges der Wegweisung, da di e Rechtsvertretung diesbezüglich nicht individuell auf die Situation des Beschwerdeführers Bezug nehme, sondern generell die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kritisiere. Die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit durch den Beschwerdeführer stelle einen Aspekt der Integration dar, der in der Verfügung thematisiert worden E-5463/2019 Seite 9 sei. Die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme mit Blick auf die begonnene Erwerbstätigkeit könne nur dann als unverhältnismässig erachtet werden, wenn eine Person sich über das normale Mass hinaus in sozialer und/oder beruflicher Hinsicht in der Schweiz derart tiefgreifend integriert habe, dass eine Aufhebung der vorläufigen Aufnahme beziehungsweise das Heraus- reissen aus dieser Umgebung als unverhältnismässig angesehen werden müsse. Die erstmalige Aufnahme einer Erwerbstätigkeit seit dem (…) 2019 stelle keine über das normale Mass hinausgehende Integration dar. Der angeblich nahe Kontakt zu Verwandten in der Schweiz sei bereits in der Stellungnahme vom 26. Juli 2019 geltend gemacht und in d er Verfü- gung thematisiert worden. In der Beschwerde werde dieses Vorbringen nicht substantiiert oder mit Beweismitteln belegt. Überdies handle es sich bei den in der Schweiz anwesenden Personen nicht um Angehörige der Kernfamilie des Beschwerdeführers. Selbst wenn ein naher Kontakt zu die- sen in der Schweiz anwesenden Verwandten bestehen würde, würde dies kein Wegweisungsvollzugshindernis darstellen. Inwiefern schliesslich das SEM Rechts - und Ermessensfehler gemacht habe, werde nicht konkretisiert. Auf dies es Vorbringen werde daher nicht näher eingegangen. 3.4 In der Replik wird eingewandt, der Wegweisungsvollzug sei unzulässig, da der Beschwerdeführer zur Gruppe junger, gesunder, lediger Männer zu zählen sei. Unter Hinweis auf verschiedene Protokollstellen wird erneut er- klärt, der Vater und einer der Brüder des Beschwerdeführers müssten dem Staat dienen und Militärdienst leisten. Eine Schwester sei kurz nach Erhalt des militärischen Aufgebots ausgereist. Der Vater sei im Wehrdienst ver- letzt worden. Weswegen dieser dienstuntauglich geworden sei. Ausserdem sei der Vater willkürlich und ohne Prozess auf unbestimmte Zeit zwei Mal in Haft genommen worden. Ausser der Mutter und einer Schwester seien alle weiteren Familienmitglieder ausgereist. Aufgrund des ungehorsamen Verhaltens des Vaters stehe die ganze Familie im Fokus der eritreischen Behörden. Der Beschwerdeführer sei dadurch einem Verfolgungsrisiko und einer ernsthaften Gefahr eines Einzugs in den Nationaldienst ausgesetzt. Es bestehe ein "real risk" einer Verletzung im Sinne von Art. 2, 3 und 4 EMRK. Der Vollzug der Wegweisung sei daher unzulässig. Das SEM qualifiziere mit seinem Hinweis in der Vernehmlassung auf das Urteil E-5022/2017 vom 10. Juli 2018 den eritreischen Militärdienst als Zwangsarbeit im Sinne von Art. 4 Abs. 2 EMRK . Der Beschwerdeführer E-5463/2019 Seite 10 müsste demnach bei einer Rückkehr mit erheblicher Wahrscheinlichkeit dem Militär dienen und wäre som it zu Zwangsarbeit verdammt, was mit einer Verletzung von Art. 4 EMRK einhergehe. Zu seiner in der Heimat lebenden, psychisch kranken Mutter und zu seiner Schwester habe er kaum noch Kontakt; zu seinem militärdienstleistenden Bruder habe er gar keinen Kontakt mehr. Bei einer Rückkehr müsste er seine Mutter pflegen. Sein Vater sitze vermutlich immer noch im Gefängnis. Der (…) Betrieb seiner Familie sei marode, das Elternhaus enteignet wor- den. Ausserdem habe er in Eritrea die Schule abbrechen müssen. Bei einer Rückkehr würde er in eine existenzielle Notlage geraten. Begünstigende Umstände würden damit keine vorliegen. Die Verwandten in der Schweiz gehörten zwar nicht zur Kernfamilie, gleichwohl pflege er eine gute und schützenswerte Beziehung zu diesen Verwan dten. Er sei mit (…) Jahren in die Schweiz gereist, sei hier sozialisiert worden und er habe hier seine lebensprägende Phase erlebt. Seit einem halb en Jahr arbeite er im (…), habe vor, sich weiterzubilden und wolle seine Sprachkenntnisse weiter ver- bessern. Unter anderem aufgrund seines Status (vorläufige Aufnahme) habe er nicht eher arbeiten können. Seit seiner Verurteilung verhalte er sich gesetzesgetreu. Die Vorinstanz gehe mit Blick auf Art. 4 AIG von einem zu engen Integrationsverständnis aus. Ein öffentliches Interesse am Weg- weisungsvollzug, welches das private Interesse des Beschwerdeführers überwiege, sei bei einer Gesamtbetrachtung nicht gegeben. Die vom SEM vorgenommene Güterabwägung verletze Art. 96 AIG. 4. 4.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die vor instanzliche Einschätzung zu bestätigen ist. Dies aus den nachfolgenden Gründen: 4.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf gemäss Art. 33 Abs. 1 des durch die Schweiz ratifizierten Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) die Schweiz keinen Flüchtling in irgendeiner Form in das Ge- biet eines Landes ausweisen oder zurückstellen, wo sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatszugehörigkeit, seiner Zuge- hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder seinen politischen An- schauungen gefährdet wäre oder in dem er Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (sog. Refoulement-Verbot). E-5463/2019 Seite 11 Mit Verfügung vom 29. März 2017 stellte das SEM fest, der Beschwerde- führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG (welcher sich im Wesentlichen mit Art. 1 A Ziff. 2 FK deckt) nicht. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Das SEM hat daher in der ange- fochtenen Verfügung zu Recht gefolgert, dass das flüchtlingsrechtliche Re- foulement-Verbot vorliegend nicht zum Tragen kommt. 4.3 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (nachfolgend: Folter Üb., SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschli- cher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Nach Praxis des EGMR müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Ge- fahr («real risk») n achweisen oder glaubhaft machen, ihm drohe im Falle einer Rückschiebung in seinen Heimatstaat Folter oder unmenschliche Be- handlung (sog. menschenrechtliches Refoulement -Verbot). Art. 4 EMRK statuiert zudem das Verbot der Sklaverei und der Zwangsarbeit. Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Grundsatzurteil BVGE 2018 VI/4 die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei drohender Einziehung in den eritreischen Nationaldienst unter den Asp ekten des Zwangsarbeitsverbots gemäss Art. 4 Abs. 2 EMRK sowie des Folterver- bots und der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung nach Art. 3 EMRK umfassend geklärt. Nach eingehender Quellenanalyse kam es da- bei zum Schluss, die Bedingungen im eritreischen Nationaldienst seien grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinne von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu quali- fizieren. Durch die Einziehung in den eritreischen Nationaldienst bestünde gleichwohl nicht das ernsthafte Risiko einer schwerwiegenden Verletzung von Art. 4 Abs. 2 EMRK. Nicht erstellt sei zudem, dass die berichteten Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart systematisch stattfänden, so dass jede N ationaldienstleistende und jeder Nationaldienstleistende dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erlei- den (vgl. a.a.O. E. 6.1, insbes. 6.1.5). Das Gericht verneinte auch das ernsthafte Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle einer Einzie- hung in den eritreischen Nationaldienst (vgl. a.a.O. E. 6.1.6). Es existierten keine hinreichenden Belege dafür, wonach Misshandlungen und sexuelle Übergriffe im Nationaldienst derart flächendeckend stattfinden würden, so dass jede Dienst leistende und jeder Dienstleistende dem ernsthaften Ri- siko ausgesetzt wäre, selbs t solche Übergriffe zu erleiden. Auch ging es nicht von einem "real risk" einer Haftstrafe allein aufgrund der Ausreise vor bestehender Dienstpflicht aus (vgl. a.a.O. E. 6.1.8). E-5463/2019 Seite 12 Der Beschwerdeführer hat weder den Nationaldienst verweigert noch ist er aus dem Nationaldienst desertiert. Bei seiner Ausreise aus Eritrea war er noch (…). Er verneinte denn auch, jemals im Militärdienst gewesen zu sein oder ein militärisches Aufgebot erhalten zu haben (vgl. act. A10/12 S. 5). Er wurde demnach in Eritrea noch nicht militärisch aufgeboten, womit er – wie vom SEM zutreffend erwähnt – nicht gegen die Proclamation on Nati- onal Service von 1995 verstossen hat. Aufgrund des Umstands, dass er den Militärdienst noch nicht geleistet hat, müsste er zwar – wie auf Be- schwerdeebene zu Recht bemerkt – bei einer Rückkehr befürchten, in den Nationaldienst eingezogen zu werden (vgl. zur eritreischen Musterungs- praxis das Referenzurteil des BVGer D - 2311/2016 vom 17. August 2017 E. 13.2-13.4). Selbst eine drohende Einberufung in den eritreischen Natio- naldienst steht – wie das SEM zu Recht erkannte – der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs nicht entgegen (BVGE 2018 VI/4 E. 6.1). Auch in Bezug auf die illegale Ausreise ist festzuhalten, dass dem Beschwerdefüh- rer aufgrund dessen bei einer (freiwilligen) Rückkehr nach Eritrea kein ernsthaftes Risiko einer In haftierung droht (BVGE 2018 VI/4 E.6.1.8 und Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5.1). 4.4 Im Umstand, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr der Ein- zug in den Nationaldienst droht, kann gemäss dem zitierten Urteil BVGE 2018 IV/4 somit keine Verletzung von Art. 3 oder 4 EMRK erkannt werden. Erwähnte Rechtsprechung erging im Übrigen unter Berücksichtigung des in der Beschwerde erwähnten Urteils des EGMR vom 20. Juni 2017 M.O. v. Schweiz sowie auch jenem des UK Upper Tribunal vom 11. Oktober 2016. Auch befasste sich das Bundesverwaltungsgericht darin mit der Frage nach der Geltung respektive Wirkung von Art. 4 Abs. 2 EMRK und setzte sich sowohl mit Art. 4 Abs. 3 EMRK sowie auch dessen Bstb. c als auch dem in der Beschwerde als zu streng erachteten Beweismass ausei- nander (vgl. a.a.O. E. 6.1.2, S. 25 ff. und E. 6.1.3 S. 27 ff.), wobei es ver- schiedene Urteile des EGMR berücksichtigte. Wenn in der Beschwerde er- wähntes Koordinationsurteil kritisiert und unter Zitierung weiterer Urteile des EGMR (die vor dem Koordinationsurteil des BVGer ergangen sind) da- bei ein anderer Schluss gezogen wird, vermag diese Argumentation am Umstand, dass erwähnte Rechtsprechung nach wie vor Gültigkeit bean- sprucht, nichts zu ändern. 4.5 Aus den Akten ergeben sich auch sonst keine weiteren Gründe für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. Auch die unbe- strittenermassen problematische allgemeine Menschenrechtssituation in E-5463/2019 Seite 13 Eritrea lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un- zulässig erscheinen (vgl. Urteil des BVGer E-4694/2018 E. 8.4). Der Weg- weisungsvollzug ist folglich als zulässig zu betrachten. 5. 5.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea – wie vom SEM zutref- fend erwähnt – nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation all- gemeiner Gewalt beziehungsweise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden. Zwar ist die wirtsch aftliche Lage nach wie vor schwierig, jedoch haben sich in jüngster Zeit die Le- bensbedingungen in einigen Bereichen verbessert. So haben sich die me- dizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zugang zu Was- ser und zur Bildung stabilisiert. Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernst- hafte ethnische oder religiöse Konflikte sind nicht zu verzeichnen (vgl. Re- ferenzurteil des BVGer D -2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.). Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass sich seit dem genannten Referenz- urteil weitere Verbesserungen ergeben haben, namentlich haben Äthiopien und Eritrea ein Friedensabkommen geschlossen. Die drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst führt mangels einer hinreichend konkreten Gefährdung zudem nicht – wie auf Beschwer- deebene eingewandt wird – generell zur Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG (vgl. BVGE 2018 VI/4 E. 6.2). Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung ausgegangen wer- den, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind allerdings begünstigende individuelle Fak- toren nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D -2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.). Aus dieser neuen Lageeinschätzung lässt sich ableiten, dass sich die Situation in Eritrea in mehreren Lebensbereichen zum Besseren verändert hat. Entsprechend ist es möglich, dass die E-5463/2019 Seite 14 Gründe, die einst zur Anordnung einer vorläufigen Aufnahme wegen Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs geführt haben, durch die neue La- gebeurteilung weggefallen sind. 5.2 Besondere Umstände, die einen Vollzug der Wegweisung des Be- schwerdeführers nach Eritrea unzumutbar erscheinen lassen würden, sind – entgegen der Argumentation auf Beschwerdeebene – vorliegend vom SEM zu Recht verneint worden: Der Beschwerdeführer gab im Rahmen des Asylverfahrens an, er habe zu- sammen mit seiner Schwester und Mutter in einer Hütte gelebt. Sein Vater sei im Gefängnis gewesen. Sein Bruder sei im Militärdienst. Ein weiterer Bruder sei im D._______. Eine Schwester lebe in E._______. Sie hätten (…) respektive einen (…) gehabt, den er verwaltet habe. Seine Mutter sei zudem durch einen in den C._______ wohnhaften Onkel unterstützt wor- den (vgl. act. A10/12 S. 5 und S. 8, act. A24/12 S. 2 f. und S. 5 ff.). Vor dem Hintergrund dieser Angaben erscheinen die in der Beschwerde und der Stellungnahme (vgl. act. B14/14 S. 2 f.) nunmehr neu geltend gemachten Vorbringen, das (…) sei der Familie nach der Ausreise des Beschwerde- führers weggenommen worden, die Mutter und Schwester würden von Al- mosen und in einem Zelt leben und d ie Unterstützung vom Onkel in den C._______ sei weggefallen, höchst fraglich. So ist nicht ersichtlich und wird auch nicht näher plausibilisiert, weshalb der Mutter das (…) enteignet wor- den sein soll. Die Erklärung in der Stellungnahme, weil sie alleine dort lebe, leuchtet jedenfalls nicht ein. Ausserdem steht der angeblichen Enteignung das Vorbringen in der Replik, wonach der (…) Betrieb marode sei, entge- gen. Über den Verbleib des Vaters herrschen ebenso widersprüchliche An- gaben, wird doch dazu in der Replik einmal erklärt, dieser müsse Militär- dienst leisten, was sich nicht mit dem gleichzeitigen Vorbringen, wonach er wegen einer Verletzung dienstuntauglich geworden sei, vereinbaren lässt. Andererseits wird die Vermutung angestellt, der Vater habe sich ungehor- sam verhalten und sei vermutlich im Gefängnis. Unverständlich erscheint zudem, dass der Onkel in den C._______ seine Spenden an die Mutter mit der Begründung, die Kinder sollten zahlen, eingestellt habe. Selbst davon ausgehend, die Familie befinde sich aktuell in schwierigeren Verhältnissen als vor der Ausreise des Besc hwerdeführers, lässt sich aber feststellen, dass es sich bei ihm um einen jungen, nunmehr (…) und – soweit aufgrund der Akten ersichtlich – gesunden Mann handelt. In Eritrea hat er (…) Jahre lang die Schule besucht und seiner Mutter früher im eigenen (…) Betrieb geholfen (vgl. act. A10/12 S. 4 f. , act. A24/12 S. 2 f. und S. 5). In der Schweiz konnte er in einem (…) zusätzliche Arbeitserfahrung sammeln E-5463/2019 Seite 15 (vgl. act. A14/14 S. 9 ff.) . Dieser Umstand dürfte ihm bei einer Rückkehr behilflich sein. In Eritrea leben gemäss seinen neusten Darlegungen zu- mindest weiterhin seine Mutter zusammen mit der jüngeren Schwester. Ein Onkel unterstützt diese angeblich mit Lebensmitteln (vgl. act. B14/14 S. 2). Er verfügt zudem im Heimatland über zahlreiche weitere Verwandte (vgl. act. A10/5 S. 9). Es ist mithin davon auszugehen, dass dem Beschwerde- führer in seinem Heimatstaat die soziale und wirtschaftliche Reintegration gelingen wird. Lediglich ergänzend ist in diesem Zusammenhang festzu- stellen, dass der Beschwerd eführer über einige nahe Verwandte verfügt, die der eritreischen Diaspora im Ausland angehören. Auch wenn – wie er- wähnt – aufgrund seiner früheren Angaben höchst fraglich erscheint, dass der in den C._______ lebende Onkel die finanzielle Hilfe an die Mutter ein- gestellt habe (vgl. act. A24/12 S. 6, act. A14/14 S. 2), könnte der Beschwer- deführer aber allenfalls auf die Unterstützung seiner in E._______ wohn- haften Schwester zählen. Auch ist davon auszugehen, dass die in der F._______ lebenden Verwandten (vgl. act. A10/12 S. 6, act. A 24/12 S. 5), die gemäss den Angaben im Zentralen Migrationssystem (ZEMIS) teils er- werbstätig sind, dem Beschwerdeführer materielle Unterstützung zukom- men lassen. Es ist demnach – übereinstimmend mit dem SEM – von einem tragfähigen Beziehungsnetz des Beschwerdeführers auszugehen, wel- ches ihn bei Bedarf unterstützen kann. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch in individueller Hin- sicht als zumutbar. 5.3 Mit Blick auf die Möglichkeit des Vollzugs der Wegweisung im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG ist festzustellen, dass zwangsweise Rückführungen nach Eritrea derz eit generell nicht möglich sind. Dem Beschwerdeführer steht es jedoch offen, freiwillig in seinen Heimatstaat zurückzukehren, was praxisgemäss der Feststellung der Unmögli chkeit des We gweisungsvoll- zugs entgegensteht. Es obliegt ihm, sich bei der zuständigen Vertretung seines Heimatstaats die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG ; vgl. auch BVGE 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist folglich auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG). An dieser Einschätzung vermag im Übrigen auch die derzeit herrschende Corona-Pandemie nichts zu ändern, da es sich dabei – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres Vollzugshindernis ha ndelt, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rech- nung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im E-5463/2019 Seite 16 Heimatland angepasst wird (vgl. Urteil des BVGer E -2058/2020 vom 27. Mai 2020 E. 10.4.2). 5.4 Als Zwischenfazit lässt sich feststellen, dass der Vollzug der Wegwei- sung des Beschwerdeführers nach Eritrea grundsätzlich als zulässig, zu- mutbar und möglich zu erachten ist. 6. 6.1 Es bleibt damit zu prüfen, ob sich d ie Aufhebung der vorläufigen Auf- nahme – wie vom SEM erwogen – auch als verhältnismässig im Sinne von Art. 96 AIG erweist. 6.2 Es ist vorab festzuhalten, dass sich der Beschwerdeführer in der Schweiz bisher zunächst als Asylgesuchsteller, seit März 2017 als vorläufig Aufgenommener aufhält. Die vorläufige Aufnahme wurde damals im Sinne einer Ersatzmassnahme für den als unzumutbar eingeschätzten Wegwei- sungsvollzug angeordnet. Bereits im damaligen vorinstanzlichen Entscheid vom 29. März 2017 wurde in den Dispositivziffern 5 und 6 festgehalten, dass die vorläufige Aufnahme ab dem Datum der Verfügung bis zu deren Aufhebung gelte und im Falle einer A ufhebung die angeordnete Wegwei- sung zu vollziehen sei. Das Aufenthaltsrecht fusste daher von vornherein auf einer periodisch überprüfbaren Vollzugsersatzmassnahme. 6.3 Der Beschwerdeführer hat zwischen August 2017 und 2018 strafrecht- liche Delikte begangen. Deren Strafmass war vorliegend – entgegen der Ansicht in der Beschwerde – kein massgebender Faktor für die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme, zumal der eigentliche Grund dafür nicht etwa in der Delinquenz des Beschwerdeführers (etwa im Sinne von Art. 84 Abs. 3 i.V.m. Art. 82 Abs. 7 AIG) lag, sondern vielmehr aufgrund einer veränderten Lageeinschätzung und damit durch das SEM gestützt auf Art. 84 Abs. 2 AIG erfolgte. Das SEM hatte somit keinen Anlass, dem Strafmass im Rah- men der Verhältnismässigkeitsprüfung besondere Beachtung zu schen- ken. Die Rüge, es sei in diesem Punkt keine genügende Abwägung erfolgt, erweist sich auch deshalb als unbegründet, da das SEM entgegen der An- sicht in der Beschwerde auch einer allfälligen Integration des Beschwerde- führers in der angefochtenen Verfügung Beachtung geschenkt hat (vgl. S. 7 f. der Verfügung). 6.4 Auch wenn die erfolgten strafrechtlichen Verurteilungen aktuell über ein Jahr zurückliegen und – soweit erkennbar – keine weiteren strafrechtlichen Anzeigen erfolgten, indizieren die begangenen Delikte jedoch, dass der E-5463/2019 Seite 17 Beschwerdeführer in jenem Zeitpunkt nicht gewillt war, sich der schweize- rischen Rechtsordnung anzupassen. Von einer fortgeschrittenen Integra- tion kann aber insbesondere deshalb nicht gesprochen werden, da er sich erst seit drei Jahren in der Schweiz befindet. Die verschiedenen Kurse dienten, wie deren Bestätigungen zu entnehmen ist, der Verbesserung sei- ner Integration. Die seit (…) 2019 verübte Tätigkeit in der (…) weist zwar – ebenso wie die in der Replik erwähnten Weiterbildungsabsichten – auf In- tegrationsbemühungen hin. Dennoch kann bei einer Gesamtbetrachtung nicht von einem hohen Integrationsgrad gesprochen werden, welcher einer Rückkehr des Beschwerdeführers nach Eritrea entgegenstehen würde. Die Beziehung zu verschiedenen hier lebenden Verwandten, welche nicht zur Kernfamilie gehören, ändert an dieser Einschätzung nichts. Entgegen der Auffassung in der Replik kann im Übrigen auch nicht davon gesprochen werden, dass er in der Schweiz sozialisiert worden sei. Er hat in Eritrea die überwiegende Zeit seines bisherigen Lebens und damit dort seine prägen- den Jahre verbracht. In Eritrea verfügt er zudem – wie erwähnt – nach wie vor über Angehörige seiner Kernfamilie und über weitere Verwandte. 7. Das SEM hat den Wegweisungsvollzug demzufolge zutreffend als zuläs- sig, zumutbar sowie möglich erachtet und die vorläufige Aufnahme zu Recht aufgehoben. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rec htserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da – ex ante betrachtet – die gestellten Rechtsbegehren als nicht aussichtslos zu bezeichnen sind und der Beschwerdeführer aufgrund der Aktenlage als bedürftig zu erachten ist, ist ihm die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren. Es sind daher keine Verfahrenskosten zu erheben. 9.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeist än- dung ist ebenfalls gutzuheissen (Art. 102m Abs. 1 Bst. c AsylG) und dem E-5463/2019 Seite 18 Beschwerdeführer ist antragsgemäss rubrizierter Rechtsvertreter als amt- licher Rechtsbeistand beizuordnen, zumal diese r die in Art. 112m Abs. 3 AsylG enthaltenen Voraussetzungen erfüllt. Dem als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertreter ist ein amtliches Honorar zulasten der Gerichtskasse zuzusprechen. Die Festset- zung erfolgt in Anwendung der Art. 8–11 sowie Art. 12 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE). Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amt- licher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für – wie vorliegend – nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Es wurde keine Kostennote zu den Akten ge- reicht. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich indes aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen, weshalb auf d ie Einholung einer sol- chen verzichtet wird (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Be- tracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist dem amtli- chen Rechtsbeistand durch das Gericht ein Honorar in der Höhe von Fr. 550.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-5463/2019 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung wird gutgeheissen. Dem Beschwerdeführer wird rubrizierter Rechtsvertre- ter als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. 4. Dem Rechtsvertreter ist durch das Bundesverwaltungsgericht ein amtli- ches Honorar in der Höhe von Fr. 550.– zulasten der Gerichtskasse aus- zurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Claudia Jorns Morgenegg Versand: