Abteilung I A-3395/2007 {T 0/2} U r t e i l v o m 2 4 . F e b r u a r 2 0 0 9 Richter Daniel Riedo (Vorsitz), Richter Pascal Mollard, Richter Markus Metz, Gerichtsschreiber Urban Broger. A._______ AG , Beschwerdeführerin, gegen Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), Hauptabteilung Mehrwertsteuer, 3003 Bern, Vorinstanz. Heilbehandlungen / Medizinisches Call Center. B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandA-3395/2007 Sachverhalt: A. Die A._______ AG (nachfolgend auch «Gesellschaft» genannt) hat ih- ren Sitz in Bern und bezweckt das Erbringen von Dienstleistungen im Be reich des Gesundheitswe sens, insbesondere mittels Call Center und internetgestützten Lösungen. Die Gesellschaft war vom 25. Mai 2000 bis zum 13. Sep tember 2002 im Register der Mehrwertsteuer- pflichtigen eingetragen. Per 19. De zember 2001 wurde sie in die Mehr- wertsteuergruppe der B._______ Gruppe aufgenommen. B. Mit Schreiben vom 25. Juni 2003 an die Eidgenössische Steuerverwal- tung (ESTV) bestritt die Gesellschaft ihre Mehrwertsteuerpflicht be- züglich jener Umsätze, die seit dem 1. Januar 2001 aus dem Betrieb eines medizinischen Call Centers resultierten. Es handle sich hier um Um sätze, die mit Leistungen erzielt würden, die im Sinne des Bundes- gesetzes vom 18. März 1994 über die Krankenversicherung (KVG, SR 832.10) kassenpflichtig seien. Solche Leistungen seien nach Art. 18 Ziff. 3 des Bundesgesetzes vom 2. Sep tember 1999 über die Mehr- wertsteuer (Mehrwertsteuergesetz, MWSTG, SR 641.20) von der Mehrwertsteuer ausgenom men. C. Mit Entscheid vom 26. Januar 2004 verfügte die ESTV sinngemäss, dass die von der Gesellschaft telefonisch und über Internet erbrachten Dienstleistungen im Bereich des Gesundheitswesens zum Normalsatz steuerbar seien. Die ESTV begründete ihren Entscheid damit, dass unter den in Art. 18 Ziff. 3 MWSTG verwendeten Begriff der Heilbe- handlung das ärztliche Untersuchen eines Patienten, die Diagnose und die ärztliche Behandlung falle. Erforderlich sei, dass die Handlun- gen von eidgenössisch diplomierten Ärzten mit kantonaler Berufsaus- übungsbewilligung erbracht werden. Teil einer Heilbehandlung seien zwar auch telefonische Auskünfte eines Arztes, sofern sie im Zusam - men hang mit der übrigen Behandlung stünden. Im konkreten Fall hät- ten aber irgendwelche Leute die Möglichkeit, sich durch das Team des Call Centers beraten zu lassen. Ärztliche Behandlungen direkt am Men schen würden nicht durchgeführt. Was die Gesellschaft tue, sei deshalb nicht mit der telefonischen Beratung eines Hausarztes ver- gleichbar, dem der Patient und dessen Krankheitsgeschichte bekannt sei. Seite 2A-3395/2007 D. Eine gegen den Entscheid vom 26. Januar 2004 erhobene Einsprache wies die ESTV mit Einspracheentscheid vom 17. April 2007 ab und verfügte sinngemäss, • dass die Gesellschaft für die Steuerperiode 1. bis 4. Quartal 2001 zu Recht Fr. 239'979.10 Mehrwertsteuern bezahlt habe; • dass auf dem genannten Betrag und für die Zeit vom 16. Ok to- ber 2001 bis 24. Juni 2003 noch Verzugszinsen in der Höhe von Fr. 20'298.-- zu leisten seien; • dass die Gesellschaft für die Steuerperiode 1. Quartal 2002 bis 3. Quartal 2003 zu Recht Fr. 491'021.90 Mehrwertsteuern be- zahlt habe; • dass eine Kontrolle nach Art. 62 MWSTG an Ort und Stelle vor- behalten bleibe. E. E.a Mit Eingabe vom 16. Mai 2007 lässt die Gesellschaft Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erheben und sinngemäss beantragen, • ihre Dienstleistungen im Bereich des Gesundheitswesens seien rückwirkend per 1. Januar 2001 als von der Mehrwertsteuer ausgenommene Leistungen im Sinne von Art. 18 Ziff. 3 MWSTG anzuerkennen; • die von der Gesellschaft für das 1. bis 4. Quartal 2001 bezahl- ten Mehrwertsteuern im Umfang von Fr. 239'979.10 sowie die für das 1. Quartal 2002 bis 3. Quartal 2003 bezahlten Mehr- wertsteuern im Betrag von Fr. 491'021.90 seien samt Zinsen zurückzuerstatten; • zurückzuerstatten seien auch die für die Periode 4. Quartal 2003 bis 2. Quartal 2006 in der Höhe von Fr. 783'501.81 sowie die für das 3. und 4. Quartal 2006 über Fr. 224'477.37 abge- rechneten Mehrwertsteuern samt Zinsen; • die Verzugszinsrechnung der ESTV vom 26. Januar 2004 über Fr. 20'298.25 sei ungültig zu erklären. Seite 3A-3395/2007 E.b Die Beschwerdeführerin argumentiert, dass ein medizinisches Call Center die hohen Kosten der ärztlichen Notfallkonsultationen er- heblich senke. Im Call Center würden ausschliesslich Ärzte mit kanto- naler Berufsausübungsbewilligung und diplomierte Krankenschwestern eingesetzt. Man erbringe Leistungen im Bereich der medizinischen Be- handlung und Fachberatung, nehme Triagen vor und vermittle Leis- tungserbringer im Gesundheitswesen. All dies könne auch von einer herkömm lichen Arztpraxis oder einem ärztlichen Notfalldienst erbracht werden. Die Fürsorgedirektion des Kantons Bern habe die Zulassung des Call Centers denn auch ausdrücklich davon abhängig gemacht, dass zu jeder Zeit ein Arzt erreichbar sei. Die Kunden seien mehrheit- lich Krankenversicherer und Ärztenetzwerke. Deren Kunden wiederum, d.h. die Patienten, könnten bei medizinischen Fragen oder Problemen über eine Gratisnum mer mit dem Call Center Kontakt aufnehmen. So- genannte TelMed-Versicherte seien sogar vertraglich dazu verpflichtet, zuerst mit dem Call Center in Kontakt zu treten, bevor sie selber einen Leistungserbringer aufsuchten. Dritte schliesslich, die nicht bei einem Kun den der Beschwerdeführerin versichert seien, könnten die Dienst- leistungen des Call Centers über eine 0900-Nummer ebenfalls nutzen. E.c Bezüglich der Rechtslage stellt sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, dass sämtliche Leistungen nach Art. 7 Abs. 2 Bst. a und b der Verordnung des eidgenössischen Departements des Innern (EDI) vom 29. September 1995 über Leistungen in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (Krankenpflege-Leistungsverordnung, KLV, SR 832.112.31) von der Mehrwertsteuerpflicht ausgenommen seien. Zu diesen Leistungen gehörten auch Massnahmen zur Abklärung und Be ratung sowie zur Untersuchung und Behandlung im Rahmen der Durchführung der Krankenpflege. Das von ihr im Call Center einge- setzte Personal grenze die von den Patienten geschilderten Symptome ab und gebe Empfehlungen zur Dringlichkeit weiterer medizinischer Mass nahmen ab. Insofern würden in einer Vielzahl von Fällen Diagno- sen gestellt, gestützt auf welche eine Behandlung durchgeführt wer- den könne. Die Beschwerdeführerin weist darauf hin, dass eine Unter- suchung, Diagnose oder Behandlung weder die persönliche Anwe sen- heit noch die «Be kanntheit» des Patienten voraussetze. Ihre Leistun- gen seien in Bezug auf die Behandlung mit denjenigen von Haus-, Pi- kett- oder Notfallärzten, welche teilweise auch nur telefonisch konsul- tiert würden, identisch. Seite 4A-3395/2007 F. Die ESTV hat mit Vernehmlassung vom 20. August 2007 zur Be- schwerde Stellung genommen. Sie beantragt deren kostenfällige Ab- weisung, soweit darauf eingetreten werden könne. G. Auf die weiteren Vorbringen der Parteien wird, soweit entscheidwe - sentlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Angefochten ist ein Einspracheentscheid der ESTV. Damit richtet sich die Beschwerde gegen eine Verfügung nach Art. 5 des Bundesge- setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständige Be schwerdeinstanz (vgl. Art. 31, Art. 32 e contrario und Art. 33 Bst. d des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesverwaltungs- gericht [Verwaltungsgerichtsgesetz, VGG, SR 173.32]). Auf die im Übrigen form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist mit nach- folgenden Einschränkungen einzutreten. 1.2 Anfechtungsobjekt im Verfahren vor dem Bundesverwaltungsge- richt ist einzig der vorinstanzliche Entscheid (AN DRÉ M OSER /MICHA EL BEUSCH /LORENZ KNEUBÜHLER , Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs- gericht, Basel 2008, Rz. 2.7). Das Anfechtungsobjekt bildet den Rah- men, welcher den möglichen Umfang des Streitgegenstandes begrenzt (BGE 133 II 35 E. 2; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 2C.642/2007 vom 3. März 2008 E. 2.2; M OSER /BEUSCH /KNEUBÜHLER , a.a.O., Rz. 2.7). Objekt eines Beschwerdeverfahrens vor dem Bundesverwaltungsge- richt kann folglich nur sein, was bereits im vorinstanzlichen Verfahren zu beurteilen war. Gegenstände, über welche die Vorinstanz nicht ent- scheiden musste, können aus Gründen der funktionellen Zuständigkeit auch durch die übergeordnete Rechtsmittelbehörde nicht geprüft wer- den (Urteil des Bundesgerichts 2C.687/2007 vom 8. April 2008 E. 1.2.1 mit weiteren Hinweisen). In concreto bilden die Steuerperioden 1. bis 4. Quartal 2001 (samt Zin- sen) sowie 1. Quartal 2002 bis 3. Quartal 2003 Streitgegenstand des hier angefochtenen Einspracheentscheides der ESTV vom 17. April 2007. In ihren Rechtsbegehren ans Bundesverwaltungsgericht verlangt Seite 5A-3395/2007 die Beschwerdeführerin nun auch die Beurteilung weiterer Steuerpe- rioden, nämlich jener betreffend das 4. Quartal 2003 bis 2. Quartal 2006 und 3. bis 4. Quartal 2006. Damit verkennt die Beschwerdeführe- rin die durch das Anfechtungsobjekt gesetzten Grenzen und verlangt nach einer unzulässigen Ausweitung des Streitgegenstandes. Insoweit kann auf ihre Beschwerde nicht eingetreten werden. 1.3 Sodann verlangt die Beschwerdeführerin, die durch sie erbrachten Dienstleistungen im Bereich des Gesundheitswesens rückwirkend per 1. Januar 2001 als von der Mehrwertsteuer ausgenommene Leistun- gen im Sinne von Art. 18 Ziff. 3 MWSTG anzuerkennen. Soweit sie da- mit eine generelle und über die konkrete Steuerperiode hinausreichen- de Feststellung verlangt, kann auf ihr Begehren ebenfalls nicht einge- treten werden. Da nämlich über die streitigen Mehrwertsteuern durch Leistungsverfügung entschieden werden kann, fehlt es für die verlang- te Feststellung am schutzwürdigen Interesse (Urteil des Bundesge- richts 2C.743/2007 vom 9. Juli 2008 E. 2.3). 2. Gemäss Art. 1 Abs. 1 MWSTG erhebt der Bund eine allgemeine Ver- brauchssteuer nach dem System der Netto-Allphasensteuer mit Vor- steuerabzug. Die Erhebung erfolgt nach dem Grundsatz der Wettbe- werbsneutralität mit Anrechenbarkeit der Vorsteuer sowie unter Be- rücksichtigung der Überwälzbarkeit und der Wirtschaftlichkeit der Er- hebung (Art. 1 Abs. 2 MWSTG). Der Steuer unterliegen – sofern nicht ausdrücklich ausgenommen – die durch steuerpflichtige Personen ge- tätigten Umsätze. Dazu gehören u.a. die im Inland gegen Entgelt er- brachten Dienstleistungen (vgl. Art. 5 Bst. b MWSTG). 2.1 Art. 18 MWSTG enthält eine Liste von steuerausgenommenen Leistungen. Die auf diesen Leistungen angefallene Vorsteuer ist nicht zum Abzug berechtigt (Art. 17 MWSTG). Deshalb werden die auf den Vorumsatzstufen angefallenen Vorsteuern zum Kosten- und damit in den meisten Fällen auch zum Preisbestandteil, womit die Steuerbelas- tung als «taxe occulte» in den Preis eingeht (vgl. D ANIEL RIEDO , Vom We sen der Mehrwertsteuer als allgemeine Verbrauchsteuer und von den entsprechenden Wirkungen auf das schweizerische Recht, Bern 1999, S. 77). Entsprechend werden diese (sogenannt unechten) Steu- erbefreiungen in der Doktrin überwiegend als systemwidrig betrachtet und abgelehnt, was das Bundesgericht ausdrücklich anerkennt (grund- legend: BGE 124 II 193 E. 5e mit weiteren Hinweisen). Es rechtfertigt Seite 6A-3395/2007 sich deshalb, die mehrwertsteuerlichen Bestimmun gen über die Steu- erausnahmen eher einschränkend als ausdehnend zu interpretieren (BGE 124 II 193 E. 5e; vgl. auch Urteile des Bundesgerichts 2C.11/2008 vom 16. Mai 2008 E. 2.4; 2C.16/2008 vom 16. Mai 2008 E. 6.2; 2C.613/2007 vom 15. August 2008 E. 2.2; 2C.232/2007 vom 14. Ok tober 2008 E. 2.1). 2.2 In der Liste der Steuerausnahmen sind auch die von Ärzten, Zahn- ärzten, Psychotherapeuten, Chiropraktoren, Physiotherapeuten, Natur- ärzten, Hebam men, Krankenschwestern oder Angehörigen ähnlicher Heil- und Pflegeberufe im Bereich der Humanme dizin erbrachten Heil- behandlungen aufgeführt (Art. 18 Ziff. 3 MWSTG). Nebst dem Vor lie- gen einer Heilbehandlung (objektives Kriterium) wird dabei vorausge- setzt, dass der Leistungserbringer über eine Berufsausübungsbewilli- gung verfügt (subjektives Kriterium). Die Regelung der Einzelheiten hat der Gesetzgeber an den Bundesrat delegiert. Der Bundesrat hat den Begriff der Heilbehandlung in Art. 2 Abs. 1 sei- ner Verordnung vom 29. März 2000 zum Bundesgesetz über die Mehr- wertsteuer (MWSTGV, SR 641.201) präzisiert. Demnach gelten als Heilbehandlungen die Feststellung und Behandlung von Krankheiten, Verletzungen und anderen Störungen der körperlichen und seelischen Ge sundheit des Menschen sowie Tätigkeiten, die der Vorbeugung von Krankheiten und Gesundheitsstörungen des Menschen dienen. 2.3 Das Wort Heilbehandlung (Behandlung) impliziert die physische Nä he zum Patienten. Die Eidgenössische Steuerrekurskommission (SRK) als Vorgängerorganisation des Bundesverwaltungsgerichts hat im Zusam menhang mit Leistungen von Alters- und Pflegeheimen denn auch entschieden, dass als steuerausgenommene Heilbehandlungen nur solche Pflegeleistungen gelten können, die durch qualifiziertes Pflege- und Therapiepersonal unmittelbar am Heimbewohner vollzo- gen werden. Eine Heilbehandlung setze begriffsnotwendigerweise eine besondere Nähe zur Person voraus, bei der der Erfolg der Leistung eintreten soll: Der Chirurg operiere am Patienten, der Zahnarzt verab- reiche dem Patienten eine Spritze und setze einen Stiftzahn ein; der Psychiater führe ein Therapiegespräch mit dem Patienten. Die Aus- nahme von der Mehrwertsteuer dürfe nicht unbesehen auf vorbereiten- de Tätigkeiten ausgedehnt werden (Entscheid der SRK 2001-175 vom 9. Juli 2002, veröffentlicht in Verwaltungspraxis der Bundesbehörden Seite 7A-3395/2007 [VPB] 67.20 E. 2d.bb sowie [auszugsweise] in Aktuelle Juristische Praxis [AJP] 2003 S. 1075). 2.4 Mit dem Begriff der Heilbehandlung hatte sich in BGE 124 II 193 auch das Bundesgericht auseinandergesetzt. Das Urteil betraf den – im Wesentlichen gleichlautenden – Art. 14 Ziff. 3 der Verordnung vom 22. Juni 1994 über die Mehrwertsteuer (MWSTV, AS 1994 1464). Da bei ging es um die mehrwertsteuerliche Behandlung der Lieferung von Zahnprothesen und kieferorthopädischen Apparaturen. Das Bun- desgericht hielt fest, dass nur eine direkt am Patienten – dem Endver- braucher – vorgenom mene Be handlung von der Steuer ausgenom men sei (BGE 124 II 193 E. 7a.aa). Sodann seien auch die dem Patienten direkt verabreichten Medikame nte und medizinischen Hilfsmittel von der Steuer ausgenom men; Vorumsätze fielen ferner nicht darunter (BGE 124 II 193 E. 7a.aa). Das Bundesgericht hat im Übrigen mit Ur- teil 2C.642/2008 vom 12. Dezember 2008 E. 3.1 bestätigt, dass es an einer restriktiven Auslegung von Art. 14 Ziff. 3 MWSTV bzw. Art. 18 Ziff. 3 MWSTG festhalten will. 2.5 Eine Leistung kann sich aus verschiedenen, teils befreiten, teils nicht befreiten Leistungen oder Leistungskomponenten zusam men set- zen. Die grundsätzliche Behandlung von sogenannten Leistungskom - plexen, d.h. von Leistungen mit verschiedenen Komponenten, ist in Art. 36 Abs. 4 MWSTG aus drücklich geregelt. Die Bestimmung unter- scheidet zwischen Gesamtleistungen (Art. 36 Abs. 4 Satz 1 MWSTG) und Leistungen, die aus Haupt- und Nebenleistungen bestehen (Art. 36 Abs. 4 Satz 2 MWSTG). Leistungskomplexe (Gesamtleistungen) gelten als einheitlicher wirt- schaftlicher Vorgang, wenn sie wirtschaftlich eng zusammengehören und so ineinander greifen, dass sie als unteilbares Ganzes anzusehen sind. Mit Art. 36 Abs. 4 MWSTG wird der Grundsatz der Einheitlichkeit von Leistungen im Gesetz verankert. Er basiert auf der wirtschaftlichen Be trachtungsweise und dient u.a. der Erhebungswirtschaftlichkeit im Sinne von Art. 1 Abs. 2 MWSTG. Die mehr wertsteuerliche Qua lifika- tion der Ge samtleistung erfolgt nach der für sie wesentlichen Eigen- schaft, d.h. nach der Leistung, welche wirtschaftlich betrachtet im Vor- dergrund steht. Bei Vorliegen einer Haupt- und einer oder mehrerer Ne benleistungen richtet sich die Beurteilung der Ne benleistung stets nach den Eigenschaften der Hauptleistung (vgl. Urteile des Bundesge- Seite 8A-3395/2007 richts 2A.452/2003 vom 4. März 2004 E. 3.1 mit Hinweisen und 2A.756/2006 vom 22. Oktober 2007 E. 2.4 mit Hinweisen). 3. Im vorliegenden Fall weist die Beschwerdeführerin zurecht darauf hin, die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern habe aus- drücklich verlangt, dass die in ihrem Call Center tätigen Ärzte über Be- rufsausübungsbewilligungen verfügten. Es ist unbestritten, dass solche Be willigungen für die von der Beschwerdeführerin angestellten Ärzte vorliegen. Auch wenn nicht anzunehmen ist, dass ein im Call Center eingehender Anruf in jedem Fall von einem Arzt beantwortet wird, sind die Ausführungen, wonach immerhin zu jeder Zeit ein Arzt zur Verfü- gung steht oder zumindest erreichbar ist, glaubhaft. Ob damit dem ge- setzlichen Erfordernis der Behandlung durch einen kantonal zugelas- senen Leistungserbringer bereits Genüge getan ist und folglich das subjektive Kriterium gemäss Art. 18 Ziff. 3 MWSTV erfüllt ist, kann of- fen bleiben. Die Beschwerde ist, wie sich zeigen wird, bereits aus an- deren Gründen abzuweisen, wobei jedoch zu unterscheiden ist zwi- schen Leistungen, die die Beschwerdeführerin an Krankenversicherer und Ärztenetzwerke erbringt und solchen, die an Personen erbracht werden, die das Call Center über eine gebührenpflichtige 0900-Num- mer kontaktieren. 3.1 So geht aus den Akten hervor, dass die Beschwerdeführerin ihre Leistungen u.a. den C._______ Versicherungen AG erbringt und hierzu für jede dort versicherte Person einen jährlichen Betrag von Fr. X.XX verrechnet (vi. Act. 5). In dieser Konstellation kann schon deshalb kei- ne von der Mehrwertsteuer befreite Heilbehandlung vorliegen, da die von der Beschwerdeführerin mittels Call Center erbrachten Leistungen Eingangsleistungen des Krankenversicherers darstellen. Ein Leis- tungsaustausch zwischen der Beschwerdeführerin und dem versicher- ten Endverbraucher (Patienten) liegt hingegen nicht vor (vgl. auch Ur- teil des Bundesverwaltungsgerichts A-1639/2006 vom 27. Juni 2007 E. 3.2.4). Zum gleichen Schluss zwingen die Aussagen der Beschwerdeführerin selber. Gemäss ihrem Werbeprospekt (vi. act. 15) liegt der Hauptzweck des Call Centers darin, bei den anrufenden Personen eine Triage vor- zunehmen. Die Triage führt zu einer effizienten Verteilung der be- schränkten medizinischen Ressourcen. Es geht darum, dass der Pati- ent die richtige Leistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort in Anspruch Seite 9A-3395/2007 nimmt. Bei dem von der Beschwerdeführerin angebotenen Mo dell be- zieht folglich ein Krankenversicherer (oder Ärztenetzwerk) Triagie- rungsleistungen. Der Werbeprospekt nennt folgende Triagestufen: Not- fall, Arztbesuch, Arztbesuch regulär und Selbstbehandlung. Die Kran- kenversicherer kaufen somit bei der Beschwerdeführerin eine Manage- mentleistung ein, die letztlich Einfluss auf die später von ihnen zu übernehmen den Kosten hat. Erteilt das Call Center einem anrufenden Patienten nämlich den Rat zur Selbstmedikation, bewirkt dies beim Krankenversicherer unter Umständen eine Kostenersparnis. Der Leis- tungsaustausch findet damit offensichtlich zwischen der Beschwerde- führerin und dem Krankenversicherer, bzw. dem Ärztenetzwerk statt; der versicherte Patient profitiert allenfalls indirekt über tiefere Prämien. Eine Heilbehandlung im Sinne von Art. 18 Ziff. 3 MWSTG liegt nicht vor. 3.2 Zu prüfen bleibt, wie es sich mit jenem Teil des Umsatzes verhält, den die Beschwerdeführerin nicht mit Krankenversicherern, sondern mit Anrufen auf ihre gebührenpflichtige 0900-Nummer erzielt. Wie die Be schwerdeführerin selber festhält und wie es sich aus den Akten un- zweideutig ergibt, ist der hierdurch erzielte Umsatz mengenmässig re- lativ unbedeutend (vgl. Punkt 1.3 der Einsprache der Beschwerdefüh- rerin an die ESTV vom 24. Februar 2004 sowie die dort beiliegenden Rech nungen = vi. act. 5). Hier findet allerdings unbestritten ein direkter Leistungsaustausch mit den Anrufenden (Patienten) statt. Streitig ist, ob es sich bei den in diesem Zu sam men hang erbrachten Leistungen um Heilbehandlungen im Sinne von Art. 18 Ziff. 3 MWSTG handelt: Eine von der Steuer ausgenommene Heilbehandlung setzt eine beson- dere physische Nähe, d.h. die Behandlung direkt am Patienten voraus (vgl. hievor Punkt 2.3). Dies ist bei einer telefonischen Beratung offen- sichtlich nicht der Fall. Ohnehin will das Bundesgericht die Steueraus- nahmen zurückhaltend ausgelegt wissen (vgl. hievor Punkt 2.4). Es be- steht vorliegend kein Anlass, von der klaren und gefestigten Recht- sprechung abzuweichen. 3.3 Der von der Beschwerdeführerin angestrebte Vergleich mit Not- fall-, Pikett- und Hausärzten, die ihre Klienten unter Umständen eben- falls telefonisch beraten, geht fehl. Die Beschwerdeführerin übersieht, dass Notfall-, Pikett- und Hausärzte mit einem grundlegend anderen Mo dell arbeiten: Während das Call Center der Beschwerdeführerin we- der logistisch noch personell darauf ausgerichtet ist, Heilbehandlun- Seite 10A-3395/2007 gen am Pa tienten vorzunehmen, stellt gerade dies sowohl beim Not- fall-, Pikett- als auch beim Hausarzt der Normalfall dar. Wenn ein Not- fall-, Pikett- oder Hausarzt im Zuge einer Behandlung telefonisch Aus- kunft erteilt, handelt es sich damit allenfalls um eine Nebenleistung, die dem Schicksal der Hauptleistung (einer Heilbehandlung) folgt, oder um eine Leistungskomponente der eigentlichen Heilbehandlung als Ge samtleistung. Eine rechtsungleiche Behandlung, wie sie die Be- schwerdeführerin vermutet, liegt offensichtlich nicht vor. Sollte die Be- schwerdeführerin den Vergleich mit – falls überhaupt existierend – te- lefonischen Auskünften von Ärzten anstreben, die zu keiner konkreten Be handlung direkt am Anrufenden führen oder keiner solchen Behand- lung folgen, dann würden diese von den Ärzten offensichtlich auch nicht in Rechnung gestellt; sie wären als unentgeltlich mehrwertsteuer- lich irrelevant und ein Vergleich mit entgeltlichen 0900-Anrufen an die Be schwerdeführerin erübrigt sich deshalb. Steuerausgenom mene Heilbehandlungen durch die Beschwerdeführe- rin finden zusam menfassend auch anlässlich der 0900-Anrufe nicht statt. 4. Ausgangsgemäss ist die Beschwerde abzuweisen. Die Verfahrenskos- ten in der Höhe von Fr. 18'000.-- sind der Beschwerdeführerin aufzuer- legen (Art 63 Abs. 1 VwVG) und mit dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen. Eine Parteientschädigung an die Be- schwerdeführerin ist nicht zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG e con - trario). Seite 11A-3395/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 18'000.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt. Sie werden mit dem geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 18'000.- verrechnet. 3. Eine Parteientschädigung wird nicht zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an: - die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde) - die Vorinstanz (Ref-Nr. _______; Gerichtsurkunde) Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Daniel Riedo Urban Broger Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun desgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in öffentlich-rechtli- chen Angelegenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 des Bun desgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Die Rechtsschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begeh- ren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unter- schrift zu enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie die beschwerdeführende Partei in Händen hat, beizu- legen (vgl. Art. 42 BGG). Versand: Seite 12