B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-7430/2015, E-7434/2015 U r t e i l v o m 2 0 . N o v e m b e r 2 0 1 7 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richterin Mia Fuchs, Richterin Andrea Berger-Fehr, Gerichtsschreiberin Lara Ragonesi. Parteien A._______, geboren am (…), (Beschwerdeführer 1), B._______, geboren am (…), (Beschwerdeführerin), C._______, geboren am (…), (Beschwerdeführer 2), sowie D._______, geboren am (…), (Beschwerdeführer 3), Syrien, alle vertreten durch lic. iur. Bernhard Jüsi, Rechtsanwalt, Advokatur Kanonengasse, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügungen des SEM vom 15. Oktober 2015 / N (…) und N (…). E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden verliessen Syrien eigenen Angaben zufolge am 18. Februar 2014 in Richtung Türkei, von wo aus sie mit einem Visum im April 2014 erstmals in die Schweiz gelangten und anschliessend nach Bel- gien weiterreisten. Im Rahmen des Dublin -Verfahrens wurden sie am 15. Oktober 2014 von Belgien aus in die Schweiz überstellt, wo sie glei- chentags um Asyl nachsuchten. Am 30. Oktober 2014 fand en im Emp- fangs- und Verfahrenszentrum E._______ die Befragungen zur P erson (BzP) der Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie der Beschwerdeführerin statt. Die BzP des Beschwerdeführers 3 wurde aufgrund seiner geistigen Behinderung am 4. November 2014 im Beisein seines Vaters (Beschwer- deführer 1) durchgeführt. Das SEM hörte sowohl die Beschwerdeführen- den 1 und 2 als auch die Beschwerdeführerin am 28. Januar 2015 vertieft zu ihren Asylgründen an. Auf eine Anhörung des Beschwerdeführers 3 wurde mit dem elterlichen Einverständnis verzichtet. A.a Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer 1 im Wesentlichen geltend, er sei mehrere Jahre Mitglied der Arbeiterpartei Kudistans (kurdisch: Partiya Karkerên Kurdistan, PKK) gewesen und habe an verschiedenen Veranstaltungen der Partei teilgen ommen und als Ka- dermitglied auch Sitzungen geleitet. Er sei deshalb von den syrischen Be- hörden einige Male für kurze Zeit mitgenommen worden und habe Schmiergeld bezahlen sowie die Motorräder der Beamten kostenlos repa- rieren müssen. Zwei Jahre vor seiner Ausreise habe er die Tätigkeit für die PKK aus gesundheitlichen Gründen eingestellt. Im Weiteren sei die Situa- tion in Syrien schwierig gewesen, es habe keinen Strom und kein Wasser mehr gegeben und verschiedene Gruppierungen hätten sich an seinem Wohnort bekämpft. Sein Sohn O. (Beschwerdeführer 2) sei von der PKK aufgefordert worden, sich ihnen anzuschliessen, und ein weiterer Sohn sei als Reservist von den syrischen Behörden aufgeboten worden, habe dieser Aufforderung aber keine Folge geleistet. Seine beide n Söhne seien des- wegen gesucht worden und hätten sich verstecken müssen. Die syrischen Behörden sowie die Mitglieder der PKK seien ihretwegen mehrmals bei ihm zu Hause aufgetaucht und hätten nach seinen Söhnen gefragt. A.b Die Beschwerdeführerin machte zur Begründung ihres Asylgesuchs im Wesentlichen geltend, sie habe Syrien aufgrund der allgemeinen Bürger- kriegslage und der gegenwärtigen Kämpfe zwischen den einzelnen Grup- pierungen verlassen. Zudem hätten sowohl die syrische Regierung als E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 3 auch die PKK den Beitritt ihrer Söhne O. (Beschwerdeführer 1) und D. ge- fordert. A.c Der Beschwerdeführer 2 führte zur Begründung seines Asylgesuchs aus, er habe zwischen Januar und März 2012 mehrmals an Demonstratio- nen gegen das syrische Regime teilgenommen. An den Newroz-Feiern im Jahr 2012 sei es zu einem Zwischenfall gekommen, wo die syrischen Be- hörden die Feier aufgelöst und ihn anschliessend mit dem Auto verfolgt hätten. Dabei sei er am Bein verletzt worden und habe im Spital behandelt werden müssen. Nach seiner Entlassung aus dem Spital seien die syri- schen Behörden einige Male zu seinem Vater gekommen und hätten sich nach seinem Aufenthaltsort erkundigt. Sein Vater habe die Situation mit den syrische n Behörden mittels Bezahlung von Schmiergeld bereinigen können. Ende 2012/Anfang 2013 sei er von der PKK / PYD (Demokratische Union, kurdisch: Partiya Yekitîya Demokrat) beziehungsweise YPK (An- merkung des Gerichts: andere Schreibweise für YPG, kurdische Volksver- teidigungseinheiten) aufgefordert worden, sich ihrem bewaffneten Ka mpf anzuschliessen. Er habe dieser Aufforderung jedoch keine Folge geleistet und sich deswegen ungefähr ein Jahr verstecken müssen, da er mehrmals zu Hause aufgesucht und seine Eltern nach seinem Verbleib gefragt wor- den seien. A.d Die Beschwerdeführenden reichten im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens ihre syrischen Identitätskarten zu den Akten. Zudem reichte der Beschwerdeführer 2 verschiedenen Fotografien über die Teilnahme an De- monstrationen in Syrien ein. B. Mit Verfügungen vom 15. Oktober 2015 – eröffnet am 19. Oktober 2015 – stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführenden erfüllten di e Flücht- lingseigenschaft nicht, und lehnte ihre Asylgesuche ab. Zugleich verfügte sie die Wegweisung aus der Schweiz, verzichtete jedoch wegen Unzumut- barkeit auf die Anordnung von deren Vollzug und schob diesen zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. C. Mit Eingaben vom 18. November 2015 reichten die Beschwerdeführenden durch ihren Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragten in materielle r Hinsicht, die Verfügungen des SEM seien in den Ziffern 1-3 des Dispositivs aufzuheben, es sei ihre Flüchtlings- eigenschaft festzustellen, es sei ihnen Asyl zu gewähren und die Verfahren E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 4 der beiden angefochtenen Verfügungen seien zu vereinigen. In verfahrens- rechtlicher Hinsicht bean tragten sie die Gewährung der u nentgeltlichen Rechtspflege (inkl. Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses) sowie die Bestellung des im Rubrum bezeichneten Rechtsanwalts als un- entgeltlicher Rechtsbeistand. Den Beschwerden beigelegt waren, unter anderem, eine Bescheinigung über die wirtschaftliche Sozialhilfe der Beschwerdeführenden vom 17. No- vember 2015, eine Bestätigung der PYD, ein Spitalbericht (inkl. Überset- zung) des Beschwerdeführers 2, ein Beschluss der KES B betreffend Be- schwerdeführer 3 und die Beschwerde im Verfahren N (...). D. Mit Zwischenverfügung vom 15. Dezember 2015 vereinigte die Instrukti- onsrichterin antragsgemäss die beiden Verfahren E -7430/2015 und E-7434/2015, hiess das Gesuch um Gewährung der unen tgeltlichen Rechtspflege gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete den im Rubrum bezeichneten Rechtsanwalt als amtlichen Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Einreichung ei- ner Vernehmlassung ein. E. Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 29. Dezember 2015 unter Anbringung einiger zusätzlicher Anmerkungen an seinen Erwägungen fest und schloss auf Abweisung der Beschwerden. F. Eine Kopie der Vernehmlassung des SEM vom 29. Dezember 2015 wurde den Beschwerdeführenden mit Instruktionsverfügung vom 6. Januar 2016 zugestellt. Gleichzeitig wurde ihnen Gelegenheit geboten, innert angesetz- ter Frist eine Replik und entsprechende Beweismittel zu den Akten zu rei- chen. G. Mit Eingabe vom 15. Januar 2016 nahmen die Beschwerdeführenden zur Vernehmlassung des SEM Stellung. H. Am 2. Februar 2016 reichten die Beschwerdeführenden neue Beweismittel (Original Spitalbericht vom 29. Oktober 2015 und einen Briefumschlag) zu den Akten. E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 5 I. Mit Schreiben vom 18. Oktober 2017 reichten die B eschwerdeführenden als neues Beweismittel einen „Haftbefehl“ vom 5. Februar 2017 (inkl. Über- setzung) betreffend den Beschwerdeführer 2 ein. J. Am 30. Oktober 2017 reichten die Beschwerdeführenden – unter Bezug- nahme auf ihre Eingabe vom 18. Oktober 2017 – Zustellunterlagen (zum eingereichten „Haftbefehl“), eine Vollmacht des Beschwerdeführers 2 und die Honorarnote des Rechtsvertreters zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die Be- schwerdeführenden sind als Verfügungsa dressaten zur Beschwerdefüh- rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2.2 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung auf Verletzung von Bundesrecht sowie unrichtige und unvollständige Fest- stellung des rechtserheblichen Sachverhalts hin (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefäh rdung E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 6 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich au f gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz führt in den angefochtenen Verfügungen aus, die Vor- bringen der Beschwerdeführenden würden den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standh alten. So habe sich der Beschwerdeführer 2 widersprüchlich zu der angeblichen Suche und den Rekrutierungsversuchen durch die PKK geäussert. Weiter habe er erst an- lässlich der Bundesanhörung angegeben, dass er – nebst der Teilnahme an einer Newroz-Feier im März 2012 – mehrmals an Demonstrationen ge- gen das syrische Regime teilgenommen habe , und dass er von den syri- schen Behörden auf eine Liste von gesuchten Personen gesetzt worden sei. Auch der Beschwerdeführer 1 habe sich widersprüchlich bezüglich der angeblichen Übergriffe aufgrund seiner PKK-Mitgliedschaft geäussert. So habe er unterschiedliche Angaben zu den angeblichen Festhaltungen durch die syrischen Behörden gemacht und erst anlässlich der Anhörung zu Protokoll gegeben, dass die syrischen Behörden ihn einmal als Spion hätten einsetzen wollen. Im Weiteren habe sich der Beschwerdeführer 1 zu den Übergriffen der sy- rischen Behörden nicht genau äussern können und auch die Schilderun- gen des Beschwerdeführers 2 betreffend die versuchte Rekrutierung durch die PKK und die strafrechtliche Verfolgung durch die syrischen Behörden nach der Newroz-Feier im Jahr 2012 seien vage und oberflächlich ausge- fallen. Dasselbe gelte für die Beschwerdeführerin, welche die vermeintli- chen Übergriffe der syrischen Behörden auf ihren Sohn, den Beschwerde- führer 2, nur vage und allgemein geschildert habe. 4.2 Die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführenden (Unsicherheit, mögliche Übergriffe seitens der Bürgerkriegsparteien) seien auf die gegen- wärtig in Syrien herrschende Bürgerkriegslage z urückzuführen und daher asylrechtlich nicht relevant. E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 7 4.3 Die Beschwerdeführenden bringen dage gen vor, es handle sich bei den von der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung aufgegriffenen Punkten gar nicht um Widersprüche. So habe der Beschwerdeführer 2 die zeitliche Angabe betreffend den ersten Rekrutierungsversuch lediglich prä- zisiert und auch bezüglich der Anzahl der Rekrutierungsversuche habe er angeben, die Besuche durch die PYD -S (angeblich Abkürzung für „Arbei- terpartei Kurdistans in Syrien“) hätten nicht in völlig regelmässigen Abstän- den stattgefunden. Auch den Widerspruch betreffend das Verstecken im Badezimmer habe er auf entsprechende Nachfrage hin sofort auflösen können, so habe er sich nämlich einmal im Bad versteckt, als die syrische Geheimpolizei (und nicht die PYD-S) nach ihm gesucht habe. Dass er die Teilnahme an politischen Demonstrationen erst anlässlich der Anhörung zu Protokoll gegeben habe, sei darauf zurückzuführen, dass sein früheres po- litisches Engagement an der BzP kein Thema gewesen und er auch nicht danach gefragt worden sei. Er sei zudem lediglich Teilnehmer gewesen und sei von den Behörden weder identifiziert noch registriert worden. Von der Liste habe er – entgegen der Behauptung der Vorinstanz – bereits an- lässlich der BzP gesprochen. Auch hinsichtlich des Beschwerdeführers 1 würden die von der Vorinstanz geltend gemachten Widersprüche geradezu konstruiert scheinen. So habe dieser mit der Angabe, er sei nie länger als ein e Nacht festgehalten wor- den, seiner ursprünglichen Angabe (er sei manchmal ein, zwei Nächte fest- gehalten worden) nicht widersprochen. Was den Kontaktversuch der syri- schen Behörden betreffe, so habe er diesen erst anlässlich der Anhörung erwähnt, weil der Zweck der BzP lediglich eine summarische Erhebung der Asylgründe und des Reisewegs sei und nicht der Abklärung der Flücht- lingseigenschaft diene. Überdies belege das mit der Beschwerde einge- reichte Schreiben der PYD-S Sektion Europa, dass er immer noch als Sym- pathisant der PYD-S registriert sei, was ein weiteres Indiz für die Glaubhaf- tigkeit seiner Ausführungen sei. 4.4 Die Ausführungen des Beschwerdeführers 2 seien zudem über weite Stellen detailliert und würden über etliche Realkennzeichen verfügen. Aus- serdem habe die Hilfswerksvertretung bezüglich seiner Anhörung festge- halten, dass diese in einem sehr hohen Tempo durchgeführt und er meh- rere Male unterbrochen worden sei. Es sei fraglich, ob er genügend Raum gehabt habe, seine Asylgründe ohne Druck darzulegen. Es könne nicht sein, dass er bei der Befragung gestresst und unterbrochen werde, und ihm dann vorgehalten werde, er habe zu wenig detaillierte Angaben ge- macht. Auch der Beschwerdeführer 1 habe äusserst genaue Ausführungen E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 8 gemacht und sei dabei sichtlich bewegt gewesen, was für die subjektive Wahrheit des Erzählten spreche. Dass die Aussagen der Beschwerdefüh- renden zudem übereinstimmend ausgefallen seien, sei ein weiteres Indiz für das tatsächlich Erlebte. 4.5 Sowohl der Beschwerdeführer 1 als auch sein Sohn, der Beschwerde- führer 2, hätten in Syrien an regimekritischen Demonstrationen teilgenom- men und seien den Behörden bekannt. Ein anderer Sohn beziehungsweise Bruder D. werde wegen Wehrdienstverweigerung gesucht und sei deswe- gen auch bereits inhaftiert worden. E ine Tochter kämpfe in Syrien für die PYD-S und eine andere Tochter werde aufgrund ihrer Ehe mit einem Ara- ber verfolgt. Die gesamte Familie sei somit den syrischen Behörden als aktive Oppositionelle bekannt. 4.6 Die PYD-S habe zwar erst am 13. Juli 2014 ein Wehrpflichtgesetz er- lassen, es sei jedoch davon auszugehen, dass bereits vorher Zwangsrek- rutierungen stattgefunden hätten. Die Bestrafung von Verweigerern des staatlichen syrischen Wehrd ienstes sei generell als unverhältnismässig schwer zu qualifizieren, dies gelte auch für die Wehrdienstverweigerung für die kurdischen Truppen. Da der Beschwerdeführer 1 ein hochrangiger Po- litiker in der PYD-S gewesen sei, sei davon auszugehen, dass die Bestra- fung des Beschwerdeführers 2 aufgrund seiner Wehrdienstverweigerung aus politischen Gründen unverhältnismässig streng ausfallen würde. 4.7 Ausserdem würde – aufgrund der politischen Tätigkeiten ihrer Kinder, und der Vergangenheit des Beschwerdeführers 1 – eine flüchtlingsrechtlich relevante Reflexverfolgung des Beschwerdeführers 1 und der Beschwer- deführerin vorliegen. Dasselbe gelte für den Beschwerdeführer 3, welcher auf die Hilfe und Unterstützung seiner Familie angewiesen sei. 4.8 In Ihrer Vernehmlassung vom 29. Dezember 2016 wiederholt die Vorinstanz, dass die politischen Tätigkeiten und geltend gemachten Verfol- gungen der Beschwerdeführenden 1 und 2 widersprüchlich und wenig de- tailliert ausgefallen seien. Dem nun eingereichten Spitalbericht könne ent- nommen werden, dass dieser nach Erhalt des Asylentscheides bestellt worden sei und er deshalb ein in Auftrag gegebenes Gefälligkeitsschreiben ohne Beweiswert darstelle. Weiter sei nicht „glaubhaft nachgewiesen“ wor- den, dass der Beschwerdeführer 1 und die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannten Familienangehörigen per-E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 9 sönlich in Syrien verfolgt worden seien und es sei nicht ersichtlich, inwie- fern ihnen aufgrund dieser Personen in Syrien künftig (Reflex-)Verfolgung drohe. 4.9 Die Beschwerdeführenden halten in ihrer Replik vom 15. Januar 2016 an der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen fest. Bezüglich des eingereichten Spitalberichts werde jedoch der Vorinstanz widersprochen, wenn sie die- sen als Gefälligkeitsschreiben darstelle. Die Originalakten seien nicht mehr zugänglich gewesen, weshalb der behandelnde Arzt die Behandlung auf Wunsch des Patienten nachträglich kurz zusammengefasst habe. Weiter sei zweifellos ein enger sachlicher und zeitlicher Zusammenhang zwischen der Ausreise der Beschwerdeführenden und den politischen Aktivitäten der Kinder (politisches Engagement, Verweigerung des Wehrdienstes in der syrischen Armee und für die PYD-S) gegeben. 5. Das Gericht geht nach Durchsicht der Akten davon aus, dass die Vorbrin- gen der Beschwerdeführenden den Anforderungen an Art. 3 und 7 AsylG nicht zu genügen vermögen und die Vorinstanz ihre Asylgesuche daher zu Recht abgelehnt hat. 5.1 5.1.1 Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer 2 die gelten d gemachte Verfolgung durch PYD/PKK-Mitglieder nicht glaubhaft machen konnte. So äusserte er sich diesbezüglich widersprüchlich und gab anläss- lich der BzP an, er sei einmal bei sich zu Hause gewesen und habe sich im Bad versteckt, als er gesucht worden sei (vgl. Akten des Asylverfahrens, A7/12, S. 9). Später gab er zu Protokoll, er sei nie zu Hause gewesen, als die PKK-Mitglieder nach ihm gesucht beziehungsweise gefragt hätten (vgl. Akten des Asylverfahrens, A19/17, F 44). Seine Erklärung in der Rechts- mitteleingabe, er habe sich im Bad versteckt, als die syrischen Behörden ihn gesucht hätten, geht fehl, zuma l die Frage explizit auf PKK -Mitglieder bezogen war und der Beschwerdeführer 2 das Protokoll der BzP nach der Rückübersetzung unterzeichnete und damit als richtig bestätigte. Weiter ist in diesem Zusammenhang nicht nachvollziehbar, weshalb der Beschwer- deführer alle zwei Wochen eine Nacht zuhause verbracht haben soll (vgl. Akten des Asylverfahrens, A19/17, F 33, 43), wenn die PKK- Mitglieder ihn doch regelmässig in der Nacht gesucht haben sollen (vgl. Akten des Asyl- verfahrens, A19/17, F 23). Seine Aussagen stehen dabei auch im Wider- spruch zu den Aussagen seiner Mutter (Beschwerdeführerin), ihr Sohn sei E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 10 manchmal am Tag nach Hause gekommen, nie aber in der Nacht (vgl. Ak- ten des Asylverfahrens, A20/10, F 29, 31). Hinzu kommt, dass die Ver- wandten und Freunde, bei welchen er sich angeblich ungefähr ein Jahr aufgehalten haben will, im gleichen Ort und teilweise sogar in der gleichen Strasse gelebt haben sollen (vgl. Akten des Asylverfahrens, A19/17, F 57). Wäre er tatsächlich gesucht worden, so hätte er sich wohl – vor allem in der Nacht – von seinem Zuhause ferngehalten und sich nicht in seiner di- rekten Nachbarschaft versteckt. 5.1.2 In der Rechtsmitteleingabe wird gerügt, die Anhörung des Beschwer- deführers 2 sei in einem sehr hohen Tempo erfolgt, er sei mehrmals unter- brochen worden und es sei deshalb fraglich, ob er seine Asylgründe ohne Druck habe darlegen können. Dies habe auch die anwesende Hilfswerks- vertretung angemerkt. Dem entsprechenden Anhörungsprotokoll ist zu ent- nehmen, dass dem Beschwerdeführer 2 zunächst Gelegenheit geboten wurde, seine Asylgründe frei darzulegen (vgl. Akten des Asylver fahrens, A19/17, F 13 f.). Dem Beschwerdeführer 2 wurden anschliessend viele und vor allem detaillierte Fragen zu den geschilderten Asylgründen gestellt. Dem Anhörungsprotokoll sind überdies auch keine Hinweise zu entneh- men, dass sich der Beschwerdeführer 2 anlässlich der Anhörung nicht wohl gefühlt oder unter besonderem Druck gestanden hätte. Die Anhörung dau- erte – gemäss Anmerkung auf dem Protokoll – inklusive Rückübersetzung und kurzer Pause immerhin gut 3 Stunden, was nicht ungewöhnlich kurz ist. Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer 2 das Protokoll nach erfolg- ter Rückübersetzung unterzeichnete und damit als richtig bestätigte. Die entsprechende Rü ge, der Beschwerdeführer 2 habe seine Asylgründe nicht ausführlich schildern können, geht nach dem Gesagten fehl. 5.1.3 Im Juli 2014 führte die kurdische Partei der Demokratischen Union in den von Kurden kontrollierten Gebieten in Nordsyrien ein Gesetz zur allge- meinen Wehrpflicht und damit die obligatorische Dienstpflicht für alle (männlichen) Bürger zwischen 18 und 30 Jahren ein (vgl. Danish Immigra- tion Service, Syria: Military Service, Mandatory Self-Defence Duty and Re- cruitment to the YPG, 26.02.2015, § 2.3, https://www.nyidan- mark.dk/NR/rdonlyres/991BA1A7-84C6-42A2-BC16-23CE6B5D862C/0/ Syriennotat26feb2015.pdf, abgerufen am 20.11.2017; Dicle Haber Ajansi, Rojava to defend itself with this law, 15.07.2014, http://www.dicleha- ber.com/en/news/content/view/410688?from=1923065108, abgerufen am 20.11.2017). Diesbezüglich ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer 2 Syrien zum Zeitpunkt der Einführung des besagten Gesetzes bereits ver- lassen hatte. Hinzu kommt, dass er zum Zeitpunkt seiner Ausreise erst 16 E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 11 Jahre alt war. Der Beschwerdeführer 2 wäre also, selbst wenn er sich zum Zeitpunkt der Einführung des Gesetzes noch in S yrien befunden hätte, nicht davon erfasst worden. Zahlreiche Quellen belegen zudem, dass grös- sere Verhaftungswellen erst nach der Implementierung des Gesetzes statt- fanden beziehungsweise publik wurden (vgl. beispielhaft ARA News, Sy- rian Kurds press hundred s of young men into army, 15.10.2014, http://www.dailystar.com.lb/News/Middle-East/2014/Oct-15/274133-syrian -kurds-press-hundreds-of-young-men-into-army.ashx#axzz3G7hVVUUy, abgerufen am 20.11.2017; Kurdwatch [Berlin], ʿAin al‑ʿArab: PYD beginnt Zwangsrekrutierung im Kanton Kobanî, 10.06.2016, http://kurd- watch.org/?d3860, abgerufen am 20.11.2017; Kurdwatch [Berlin], Zwangs- rekrutierungen und der Einsatz von Kindersoldaten durch die Partei der Demokratischen Union in Syrien, 05.2015, http://kurdwatch.org/pdf/Kurd- Watch_A010_de_Zwangsrekrutierung.pdf, abgerufen am 20.11 .2017). Zwar kann nicht ausgeschlossen werden, dass bereits vor der Implemen- tierung vereinzelt Zwangsrekrutierungen stattfanden; es dürfte sich in An- betracht des Ebengesagten aber um Einzelfälle handeln. Die Vorbringen des Beschwerdeführers 2 sind entsprechend als unwahrscheinlich, mithin als unglaubhaft zu betrachten. Dies umso mehr, als nicht nachvollzi ehbar erscheint, weshalb die PYD so kurz vor der Einführung des besagten Ge- setzes andere Kriterien zur Auswahl der Personen angewendet haben soll. 5.1.4 An dieser Einschätzung vermag auch der „Haftbefehl“ vom 5. Februar 2017 nichts zu ändern. Es handelt sich dabei um eine Haftanweisung von der Rekrutierungsabteilung F._______ an den Direktor der Region Al - Qameshli. Solche Dokumente weisen im syrischen Kontext eine relativ hohe Fälschbarkeit auf und sind leicht käuflich erwerbbar. Der Beschwer- deführer 2 erläuterte sodann auch nicht, wie er in d en Besitz dieses inter- nen Behördendokuments gelangt ist. In der Eingabe vom 30. Oktober 2017 wird diesbezüglich lediglich ausgeführt, das Beweismittel sei von einem Onkel aus der Türkei geschickt worden. Hinzu kommt, dass die Haftanwei- sung lediglich in Kop ie eingereicht wurde und Kopien aufgrund ihrer Fäl- schungsanfälligkeit ohnehin nur ein geringer Beweiswert zukommt. Nach dem Gesagten kann der Haftanweisung keine erhebliche Beweiskraft bei- gemessen werden. Selbst wenn der Beschwerdeführer 2 – wie vorgetra- gen – einer (zu bezweifelnden) Einberufung zum Militärdienst nicht Folge geleistet haben sollte und per Haftanweisung gesucht würde, kann aus die- sem Umstand alleine nicht auf eine flüchtlingsrechtlich relevante Gefähr- dung geschlossen werden. E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 12 5.1.5 Auch der Beschwerdeführer 1 machte – wie die Vorinstanz zutreffend feststellte – im Rahmen seiner Befragungen widersprüchliche Angaben zu den vorgebrachten Behelligungen durch die syrischen Behörden. Dabei ist insbesondere erstaunlich, dass er den anlässlich der Anhörung geschilder- ten Bestechungsversuch an der BzP nicht ansatzweise erwähnte, obwohl die Ablehnung des Angebots scheinbar der Auslöser für die geltend ge- machten Behelligungen beziehungsweise jahrelangen Schmiergeldzah- lungen an die syrischen Behörden gewesen sei. 5.2 Unabhängig von der Frage der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen nach Art. 7 AsylG wird nachfolgend aufgezeigt, dass die Vorbringen der Be- schwerdeführenden den Anforderungen an Art. 3 AsylG nicht genügen. 5.3 Der Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen verpflichtet die Verwaltung und das Gericht, auf den festgestellten Sachverhalt jenen Rechtssatz anzuwenden, den sie als den einschlägigen erachten, und ihm jene Auslegung zu geben, von der sie überzeugt si nd. Dieses Prinzip hat zur Folge, dass das Bundesverwaltungsgericht als Beschwerdeinstanz den angefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestätigen kann, die von jener der Vorinstanz abweicht (Art. 62 Abs. 4 VwVG; sog. Motivsubstitution). Sollte sich der neue Entscheid auf Rechtsnormen stüt- zen, mit deren Anwendung die Parteien nicht rechnen mussten, ist ihnen die Gelegenheit zu geben, sich vorgängig dazu zu äussern (zur Motivsub- stitution vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundes- verwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 1.54; BVGE 2007/41 E. 2 m.w.H.). Eine Gewährung des rechtlichen Gehörs drängt sich vorliegend nicht auf, da sich die Beschwerdeführenden bereits selbst in der Beschwerde zur Asylrelevanz nach Art. 3 AsylG geäussert und somit die Anwendung dieser Rechtsnorm in Betracht gezogen haben. 5.4 Der Beschwerdeführer 2 machte im Rahmen seines Asylverfahrens geltend, die syrischen Behörden hätten ihn nach einem Vorfall anlässlich der Newroz-Feier im Jahr 2012 mehrmals zu Hause aufg esucht und sein Vater (Beschwerdeführer 1) habe jeweils Bestechungsgelder bezahlt. Die Besuche hätten Ende 2012 aufgehört (vgl. Akten des Asylverfahrens, A19/7, F 67, 74). Damit fehlt es den entsprechenden behördlichen Über- griffen an rechtsgenüglicher Intensität und sowohl in zeitlicher als auch in sachlicher Hinsicht an einem hinreichenden Zusammenhang zur Ausreise der Beschwerdeführenden im Februar 2014, weshalb diesen Vorkommnis-E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 13 sen bereits aus diesem Grunde keine a sylbeachtliche Bedeutung zukom- men. Daran vermag auch der auf Beschwerdeebene eingereichte Spital- bericht nichts zu ändern. Dasselbe gilt für die vom Beschwerdeführer 1 geltend gemachten Behelli- gungen durch die syrischen Behörden, zumal diese – gemäss eigenen Aussagen des Beschwerdeführers 1 – bereits über 15 beziehungsweise 20 Jahre zurückliegen und es den erlittenen Benachteiligungen (Bezahlung von Bestechungsgeldern und Reparatur von Motorrädern) auch an rechts- genüglicher Intensität mangelt. 5.5 Der Vollständigkeit halber sei – betreffend die angeblichen Rekrutie- rungsversuche des Beschwerdeführers 2 durch die PYD/PKK – an dieser Stelle erwähnt, dass einerseits eine drohende Rekrutierung für sich allein nicht ausreicht, um die Flüchtlingseigenschaft zu begründen, zumal die Ge- fahr einer asylrelevanten Verfolgung – das heisst die Gefahr ernsthafter Nachteile – für Personen, die sich einer Rekrutierung verweigern, zu ver- neinen ist (vgl. dazu Urteil des BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3 m.w.H. [als Referenzurteil publiziert]) , und andererseits – gemäss Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe – bereits ein Familienmitglied für die PYD kämpft und die Wehrpflicht der beschwerdeführenden Familie da- mit erfüllt ist (vgl. ARA News, Conscription Law: PYD calls on Syria Kurds to ‘defend dignity’ , 19.07.2014, http://aranews.net/2014/07/conscription- law-pyd-calls-syria-kurds-defend-dignity/, abgerufen am 20.11.2017). Ent- sprechend müsste der Beschwerdeführer 2 auch bei Wahrunterstellung seiner diesbezüglichen Vorbringen nicht damit rechnen, bei einer Rückkehr in sein Heimatland in asylrelevanter Weise von der PYD verfolgt zu werden (vgl. auch E. 5.1.4 hiervor). 5.6 Zu den geltend gemachten Demonstrationsteilnahmen der Beschwer- deführenden 1 und 2 ist zu bemerken, dass zwar nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese tatsächlich an Demonstrationen teilgenommen haben. Demgegenüber machen die Beschwerdeführenden 1 und 2 aber nicht geltend, aufgrund ihrer Teilnahmen jemals Probleme mit den syri- schen Behörden gehabt zu haben oder mit Beamten während Demonstra- tionen aneinandergeraten zu sein ( bis auf den Vorfall anlässlich der Newroz-Feier im Jahr 2012 [ vgl. Akten des Asylverfahre ns, A21/13, F 49 ff.; A19/17, F 83 ff. ]). Entsprechend wird davon ausgegangen, dass die beiden Beschwerdeführenden anlässlich dieser Demonstrationen nicht in exponierter Weise in Erscheinung getreten und damit von den syrischen Behörden nicht registriert worden sind (vgl. auch E. 4.3 hiervor und Urteil E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 14 des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.6.2 und 5.7.2 [als Re- ferenzurteil publiziert]). Daran vermögen auch die eingereichten Fotogra- fien und das Schreiben der PYD nichts zu ändern. 5.7 Der Beschwerdeführer 1 und die Beschwerdeführerin machen auf Be- schwerdeebene weiter geltend, aufgrund der politischen Aktivitäten ihrer Kinder liege auch ein klarer Fall von Reflexverfolgung vor. 5.7.1 Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG, wenn sie aus einem dort aufgeführten Motiv Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2), wobei ein e bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung nicht genügt, sondern vielmehr konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen müssen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5; 2010/44 E. 3.4). 5.7.2 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe- nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver- folgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re- flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeter- weise befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung BVGE 2007/19 E. 3.3 S. 225, unter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [ EMARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl. ausserdem EMARK 1994 Nr. 17). 5.7.3 Dass die vom Beschwerdeführer 1 und der Beschwerdeführerin in ihrem Heimatland erlittenen Nachteile ein asylrelevantes Ausmass ange- nommen hätten, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Da sich die syrischen Behörden gemäss eigenen Aussagen der Beschwerdeführenden Ende 2012 aus ihrer Wohnregion zurückzogen ( vgl. Akten des Asylverfahrens, A20/10, F 55; A19/17, F 74), ist auch die Furcht vor künftiger (Reflex-)Ver- folgung durch dieselben unbegründet, zumal eine bloss entfernte Möglich- keit künftiger Verfolgung nicht genügt. Schliesslich konnten der Beschwer- deführer 1 und die Beschwerdeführerin auch nicht darlegen, weshalb sie aufgrund der politischen Aktivitäten ihrer Kinder (und wegen der angebli- chen Heirat ihrer Tochter mit einem Mann arabischer Ethnie) in Zukunft mit Massnahmen durch die PYD/PKK zu rechnen hätten, welche bezüglich In- tensität über die bisher erlittenen Benachteiligungen hinausgehen würden. E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 15 Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch zu erwähnen, dass sich zwei Töchter beziehungsweise Schwestern der Beschwerdeführend en noch immer in F._______ befinden. 5.7.4 Bei der gegebenen Sachlage sind die Anträge auf Beiziehung der Ak- ten des Sohnes und der Tochter beziehungsweise der Geschwister der Be- schwerdeführenden abzuweisen. Der Beschwerdeführer 1 und die Be- schwerdeführerin konnten nicht glaubhaft darlegen, dass sie aufgrund der Wehrdienstverweigerung des Sohnes O. und der Heirat ihrer Tochter in ih- rem Heimatland asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt worden sind oder ihnen bei einer Rückkehr (Reflex-)Verfolgung droht, weshalb sich ein Bei- zug der Akten erübrigt. Überdies liegt auch keine Einwilligung dieser bei- den Personen zur Einsicht in ihre Asylakten für das vorliegende Verfahren vor, worauf mit Zwischenverfügung vom 15. Dezember 2015 ausdrücklich hingewiesen wurde. 5.8 Schliesslich sind auch die im Rahmen von Krieg oder Situationen all- gemeiner Gewalt erlittenen Nachteile nicht asylrelevant. 5.9 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorbringen der Beschwerde- führenden den Anforderungen an Art. 3 und 7 AsylG nicht zu genügen ver- mögen und die Vorinstanz ihre Asylgesuche daher zu Recht abgelehnt hat. Daran vermögen auch die übrigen Vorbringen auf B eschwerdeebene nichts zu ändern, weshalb nicht näher auf sie eingegangen werden muss. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine aus- länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er- teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeord- net (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 6.2 Im Sinne einer Klarstellung wird abschliessend festgehalten, dass sich aus den vorstehenden Erwägungen nicht der Schluss ergibt, die Be- schwerdeführenden seien zum heutigen Zeitpunkt angesichts der Entwick- lung in Syrien in ihrem Heimatstaat nicht gefährdet. Indessen ist eine sol- che Gefährdungslage ausschliesslich unter dem Aspekt von Art. 83 Abs. 4 AuG (SR 142.20) einzuordnen, wonach der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein kann, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 16 auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Der generellen Gefährdung aufgrund der aktuellen Situation in Syrien im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG wurde durch das SEM mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer- deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfügung vom 15. Dezember 2015 wurde indes das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands gutgeheis- sen. Auf die Erhebung von Verfahrenskosten ist somit zu verzichten. 7.2 Der Rechtsvertreter hat eine Kostennote in der Höhe von insgesamt Fr. 5‘182.70 eingereicht. Daraus ist ersichtlich, dass ein Stundenansatz von Fr. 300.– berechnet wurde. Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220. – für Anwältinnen und Anwälte aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der Stundenansatz ist entsprechend übersetzt und auf Fr. 220.– zu kürzen. Weiter erweist sich d er geltend g emachte zeitliche Aufwand von 15.85 Stunden unter Berücksichtigung der gesamten Verfah- rensumstände als nicht angemessen und ist zu reduzieren. Dem Rechts- vertreter ist demnach für seine Bemühungen zu Lasten des Gerichts ein amtliches Honorar von pauschal Fr. 2‘500.– (inkl. Auslagen und Mehrwert- steuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-7430/2015, E-7434/2015 Seite 17 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird durch das Bundesverwaltungsgericht eine Entschädigung von Fr. 2‘500.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Lara Ragonesi