<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 31 S.99</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">99</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Straf- und Massnahmenvollzug</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>31</b></span> <span class="ft3"><b>Bedingte Entlassung aus dem Strafvollzug (Art. 38 Ziff. 1 Abs. 1 StGB).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Es ist nur unter besonderen Voraussetzungen zulässig, die bedingte</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Entlassung von der Sicherstellung sofortiger Ausreise/Ausweisung aus</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Schweiz abhängig zu machen. Begründungspflicht hinsichtlich</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dieser Voraussetzungen (Erw. 2/c, 3).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Zeitpunkt der Entlassung bei Gutheissung der Beschwerde (Erw. 4).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 23. Mai 2003 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen L.S. gegen Verfügung des Departements des Innern.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">(Für die Grundsätze der bedingten Entlassung auf Grund der</span><br/> <span class="ft6">neueren Rechtsprechung vgl. AGVE 2002, S. 159 ff.)</span><br/> <span class="ft6">2. c) aa) Nur unter besonderen Voraussetzungen ist es zulässig,</span><br/> <span class="ft6">die bedingte Entlassung mit der sofortigen Ausreise aus der Schweiz</span><br/> <span class="ft6">zu verknüpfen und die Entlassung zu verweigern, wenn die Ausreise</span><br/> <span class="ft6">oder die Ausschaffung nicht sichergestellt ist (AGVE 1995, S. 268</span><br/> <span class="ft6">ff., auch zum Folgenden). Nebenbestimmungen müssen sich, um</span><br/> <span class="ft6">zulässig zu sein, aus dem mit dem Gesetz verfolgten Zweck, aus</span><br/> <span class="ft6">einem mit der Hauptanordnung in unmittelbarem Sachzusammen-</span><br/> <span class="ft6">hang stehenden öffentlichen Interesse ergeben. Bei der Prüfung der</span><br/> <span class="ft6">bedingten Entlassung steht das Ziel der Resozialisierung im Vorder-</span><br/> <span class="ft6">grund. Bei unterschiedlicher Resozialisierungsprognose (schlecht,</span><br/> <span class="ft6">wenn der Entlassene in der Schweiz bleibt; gut oder jedenfalls bes-</span><br/> <span class="ft6">ser, wenn er ausgewiesen wird und in sein Heimatland zurückkehrt)</span><br/> <span class="ft6">kann deshalb die bedingte Entlassung selber davon abhängig ge-</span><br/> <span class="ft6">macht werden, dass die Ausschaffung aus der Schweiz möglich und</span><br/> <span class="ft6">sichergestellt ist; der erforderliche sachliche Zusammenhang ist kla-</span><br/> <span class="ft6">rerweise gegeben. Ein derartiger Sachverhalt lag einem Entscheid</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">100</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">des Bundesgerichts vom 3. November 2000 (6A.78/2000) zu</span><br/> <span class="ft6">Grunde, wo festgehalten wurde, nur wenn eine gute Prognose beim</span><br/> <span class="ft6">Verbleib in der Schweiz zu Recht verneint worden sei, dürfe die be-</span><br/> <span class="ft6">dingte Entlassung von der gleichzeitigen Ausschaffung (dort durch</span><br/> <span class="ft6">Vollzug der Landesverweisung) abhängig gemacht werden (BGE,</span><br/> <span class="ft6">Erw. 2 a.E.; vgl. auch Marianne Heer-Hensler/Hans Wiprächtiger,</span><br/> <span class="ft6">Ausgewählte Fragen bei der Entlassung aus dem Strafvollzug und</span><br/> <span class="ft6">dem Massnahmenvollzug, in: Brennpunkt Strafvollzug, Festschrift</span><br/> <span class="ft6">zum 25-jährigen Jubiläum des Schweizerischen Ausbildungszen-</span><br/> <span class="ft6">trums für das Strafvollzugspersonal, Bern 2002, S. 55).</span><br/> <span class="ft6">bb) Besonders problematisch ist es, wenn (noch) gar keine</span><br/> <span class="ft6">rechtskräftige Landesverweisung bzw. Fernhaltemassnahme seitens</span><br/> <span class="ft6">der zuständigen Behörden (Strafgericht, Fremdenpolizei) vorliegt,</span><br/> <span class="ft6">deren Vollzug sicherzustellen wäre. Zwar wird sich auch dann eine</span><br/> <span class="ft6">Verbindung der bedingten Entlassung mit der Ausschaffung aus der</span><br/> <span class="ft6">Schweiz nicht völlig ausschliessen lassen, aber sie bedarf einer be-</span><br/> <span class="ft6">sonders überzeugenden Begründung. Wenn das Strafgericht - wie</span><br/> <span class="ft6">hier - auf die Ausfällung einer unbedingten Landesverweisung ver-</span><br/> <span class="ft6">zichtet hat, ergibt sich dies aus der grundsätzlichen Verbindlichkeit</span><br/> <span class="ft6">des Strafurteils für die Strafvollzugsbehörden (AGVE 2000, S. 131).</span><br/> <span class="ft6">Wurde die Landesverweisung bzw. Fernhaltemassnahme zwar ange-</span><br/> <span class="ft6">ordnet, aber angefochten und ist sie deshalb noch nicht rechtskräftig,</span><br/> <span class="ft6">so ist zu beachten, dass Nebenbestimmungen bei der bedingten Ent-</span><br/> <span class="ft6">lassung nicht dazu dienen dürfen, die ordentlichen Rechtsmittel zu</span><br/> <span class="ft6">unterlaufen, indem die bedingte Entlassung bis zum Abschluss der</span><br/> <span class="ft6">Rechtsmittelverfahren verweigert und damit der Gebrauch der ge-</span><br/> <span class="ft6">setzlichen Rechtsmittel mit massiven Nachteilen "bestraft" wird</span><br/> <span class="ft6">(VGE II/30 vom 9. April 2003 [BE.2003.00056] in Sachen Z.T.,</span><br/> <span class="ft6">S. 10).</span><br/> <span class="ft6">3. a) In der angefochtenen Verfügung wird ausgeführt, die Be-</span><br/> <span class="ft6">währungsaussichten bei einem Verbleib in der Schweiz würden nicht</span><br/> <span class="ft6">näher geprüft, da der Beschwerdeführer auf Grund der Entscheide</span><br/> <span class="ft6">des Migrationsamtes die Schweiz mit grosser Wahrscheinlichkeit</span><br/> <span class="ft6">werde verlassen müssen (vgl. auch Vernehmlassung, S. 1 f., wonach</span><br/> <span class="ft6">in solchen Fällen die Prognosestellung für den Fall des Verbleibs in</span><br/> <span class="ft6">der Schweiz zu aufwändig sei); eine summarische Prüfung zeige</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">101</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">aber, dass der Beschwerdeführer bei einem Verbleib in der Schweiz</span><br/> <span class="ft6">gefährdet sei, sich einerseits weiterhin von seinen Eltern aushalten zu</span><br/> <span class="ft6">lassen und anderseits wieder in den Kreisen seiner Mittäter zu</span><br/> <span class="ft6">verkehren und erneut den Verlockungen einer schnellen Geldbeschaf-</span><br/> <span class="ft6">fung zu erliegen.</span><br/> <span class="ft6">b) Das Strafgericht hat die Landesverweisung bedingt ausge-</span><br/> <span class="ft6">sprochen, sodass auf der strafrechtlichen Seite insoweit keine</span><br/> <span class="ft6">Grundlage besteht, die bedingte Entlassung vom Verlassen der</span><br/> <span class="ft6">Schweiz abhängig zu machen. In einem solchen Fall bedarf es zudem</span><br/> <span class="ft6">guter Gründe, um - anders als das Strafgericht - beim Verbleib in der</span><br/> <span class="ft6">Schweiz eine schlechte Legalprognose zu stellen. Die Vorinstanz hat</span><br/> <span class="ft6">diese Frage indessen gar nicht eingehend geprüft, und ihre summari-</span><br/> <span class="ft6">sche Beurteilung vermag nicht zu überzeugen. Es handelt sich um</span><br/> <span class="ft6">die erste Freiheitsstrafe von längerer Dauer, die der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führer verbüsst. Dieser Umstand stellt einen massgeblichen Unter-</span><br/> <span class="ft6">schied zur vorherigen Situation dar; es ist deshalb unzulässig, einfach</span><br/> <span class="ft6">darauf abzustellen, dass der Beschwerdeführer straffällig wurde,</span><br/> <span class="ft6">sondern vielmehr müsste eingehend und überzeugend dargelegt wer-</span><br/> <span class="ft6">den, warum von vornherein feststeht bzw. als sicher anzunehmen ist,</span><br/> <span class="ft6">der Strafvollzug habe - für den Fall des Verbleibens in der Schweiz -</span><br/> <span class="ft6">seine resozialisierende Wirkung auch in Form der Abschreckung</span><br/> <span class="ft6">(Spezialprävention) verfehlt; wie dem Verwaltungsgericht aus ande-</span><br/> <span class="ft6">ren Verfahren bekannt ist, geht die Vorinstanz in aller Regel davon</span><br/> <span class="ft6">aus, ein erstmaliger und langer Freiheitsentzug erziele eine</span><br/> <span class="ft6">abschreckende Wirkung (ein anderer Sachverhalt liegt vor, wenn ein</span><br/> <span class="ft6">Verurteilter schon früher <i>unter gleichen Umständen</i>, d.h. nach Ver-</span><br/> <span class="ft6">büssung von vergleichbar schweren Freiheitsstrafen und bedingter</span><br/> <span class="ft6">Entlassung, rückfällig wurde, allenfalls sogar schon mehrfach; vor-</span><br/> <span class="ft6">liegend gingen indessen nur geringfügige Strafen voraus). Ausser-</span><br/> <span class="ft6">dem kann nicht stillschweigend und als gleichsam selbstverständlich</span><br/> <span class="ft6">unterstellt werden, der drohende Vollzug des Strafrestes von einem</span><br/> <span class="ft6">Jahr Zuchthaus lasse den Beschwerdeführer völlig unbeeinflusst</span><br/> <span class="ft6">(erwähnter VGE vom 9. April 2003, S. 11).</span><br/> <span class="ft6">c) Für die Vorinstanz war letztlich die Annahme entscheidend,</span><br/> <span class="ft6">dass die verfügte, aber noch nicht rechtskräftige fremdenpolizeiliche</span><br/> <span class="ft6">Ausweisung bestehen bleibt. Dieser Beurteilung ist zwar angesichts</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">102</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, wonach die Ausweisung</span><br/> <span class="ft6">bei der Verurteilung zu einer mehr als zweijährigen Freiheitsstrafe</span><br/> <span class="ft6">praktisch ausnahmslos zulässig ist (BGE 120 Ib 14), schwer zu wi-</span><br/> <span class="ft6">dersprechen; doch wurde bereits ausgeführt (vorne, Erw. 2/c/bb),</span><br/> <span class="ft6">dass Nebenbestimmungen bei der bedingten Entlassung nicht dazu</span><br/> <span class="ft6">dienen dürfen, die ordentlichen Rechtsmittel im fremdenpolizeili-</span><br/> <span class="ft6">chen Verfahren zu unterlaufen. Dies mag verfahrensökonomisch</span><br/> <span class="ft6">unbefriedigend erscheinen, ist aber bedingt durch das Nebeneinander</span><br/> <span class="ft6">zweier Verfahren, die je ihre eigene Rechtsmittelordnung haben.</span><br/> <span class="ft6">Verhindern lassen sich derartige Unzukömmlichkeiten dann, wenn</span><br/> <span class="ft6">(nach der rechtskräftigen strafrechtlichen Verurteilung) die fremden-</span><br/> <span class="ft6">polizeiliche Ausweisung speditiv genug erfolgen kann, um bereits</span><br/> <span class="ft6">vor dem Termin für die bedingte Entlassung in Rechtskraft zu er-</span><br/> <span class="ft6">wachsen.</span><br/> <span class="ft6">d) Nach der neueren Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die</span><br/> <span class="ft6">bedingte Entlassung als vierte und letzte Etappe des Stufenstrafvoll-</span><br/> <span class="ft6">zugs die Regel, von der nur ausnahmsweise "aus guten Gründen"</span><br/> <span class="ft6">abgewichen werden darf (BGE 125 IV 115; 124 IV 194; AGVE</span><br/> <span class="ft6">2002, S. 159). Solche Gründe sind hier nicht ersichtlich, zumal nicht</span><br/> <span class="ft6">überzeugend dargelegt werden konnte, dass der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft6">nach der Entlassung in der Schweiz ungeachtet des erheblichen</span><br/> <span class="ft6">Strafrestes umgehend wieder straffällig werden dürfte.</span><br/> <span class="ft6">4. Die Beschwerde ist deshalb grundsätzlich gutzuheissen. Eine</span><br/> <span class="ft6">Entlassung am 16. April 2003, wie beantragt, war allerdings schon</span><br/> <span class="ft6">im Zeitpunkt der Beschwerdeeinreichung unmöglich. Bei der Fest-</span><br/> <span class="ft6">setzung des Entlassungsdatums ist zudem zu berücksichtigen, dass</span><br/> <span class="ft6">das Bundesamt für Justiz legitimiert ist, Verwaltungsgerichtsbe-</span><br/> <span class="ft6">schwerde beim Bundesgericht zu erheben (Art. 103 lit. b OG); es</span><br/> <span class="ft6">muss ihm möglich bleiben, einen Weiterzug und damit einhergehend</span><br/> <span class="ft6">die Beantragung von vorsorglichen Massnahmen noch vor der Ent-</span><br/> <span class="ft6">lassung zu prüfen und gegebenenfalls in die Wege zu leiten. Die</span><br/> <span class="ft6">Entlassung ist daher erst 10 Tage nach Zustellung des vorliegenden</span><br/> <span class="ft6">Urteils anzuordnen; sie kann früher erfolgen, falls das Bundesamt für</span><br/> <span class="ft6">Justiz verbindlich mitteilt, auf ein Rechtsmittel zu verzichten.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">103</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Der Vorinstanz steht es frei, ihre Verfügung vom 31. März 2003</span><br/> <span class="ft6">mit der Anordnung der Schutzaufsicht und der Erteilung geeigneter</span><br/> <span class="ft6">Weisungen zu ergänzen.</span><br/></div> </div> </body> </html>