Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 21. Januar 2021 (725 20 71 / 14) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Prüfung der Tatbestandsmerkmale des äusseren Faktors und der Ungewöhnlichkeit bei einem durch Schwindel ausgelösten Sturz Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichteri n Susanne Afheldt, Kantonsrichter Beat Hersberger, Gerichtsschreiberin i.V. Lena Ei- chenberger Parteien Visana AG , Weltpoststrasse 19/21, Postfach 253, 3000 Bern 15, Beschwerdeführerin gegen SOLIDA Versicherungen AG , Saumackerstrasse 35, Postfach, 8048 Zürich, Beschwerdegegnerin, vertreten durch Martin Bürkle, Rechtsanwalt LL.M., Thouvenin Rechtsanwälte KLG, Klausstrasse 33, 8024 Zürich Beigeladene A.____ Betreff Leistungen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A.1 Die 1961 geborene A.____ arbeitet seit 1. Januar 2009 als Pflegefachfrau HF bei der B.____ GmbH und ist bei der SOLIDA Versicherungen AG ( SOLIDA) gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen sowie Berufskrankheiten versichert. Gemäss Bagatell- Unfallmeldung vom 16. Mai 2019 stürzte A.____ am 1. Ap ril 2019 infolge eines Schwindelan- falls bei akuter Übelkeit zu Boden und verletzte sich dabei am Mittelfinger. A.2 Mit Schreiben vom 18. Juni 2019 lehnte die SOLIDA ihre Leistungspflicht ab, da weder ein Unfall noch eine Listendiagnose vorliege. Der St urz sei durch eine innere krankheitsbeding- te Fehlursache ausgelöst worden und erfülle damit den Tatbestand des äusseren Faktors nicht. Die Leistungsverweigerung wurde mit Verfügung vom 29. August 2019 bestätigt. Gegen diese Verfügung erhob die obligatorische Krankenpflegeversiche rung, die Visana AG (Visana), am 25. September 2019 Einsprache. Sie hielt fest, dass unmittelbare und adäquat kausale Ursache der Verletzung der Sturz der Versicherten gewesen sei. Dieser erfülle ungeachtet dessen, ob er sich wegen eines Bewusstseinsverlusts ereignete oder nicht , die Voraussetzungen des Unfall- begriffs. Mit Einspracheentscheid vom 23. Januar 2020 hielt die SOLIDA an ihrem ablehnenden Entscheid fest und verneinte das Vorliegen eines Unfall ereignisses, da der durch den Schwin- del ausgelöste Sturz mangels Einwirkung eines äusseren Fa ktors und mangels Ungewöhnlich- keit den Unfalltatbestand nicht erfülle. Die Gesundhei tsbeeinträchtigung sei als Krankheit ein- zustufen, für welche die Krankenversicherung die Leistung zu übernehmen habe. B. Hiergegen erhob die Visana am 17. Februar 2020 B eschwerde beim Kantonsgericht des Kantons Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherung srecht (Kantonsgericht). Darin be- antragte sie, dass der Einspracheentscheid vom 23. Janua r 2020 aufzuheben und die Be- schwerdegegnerin zu verpflichten sei, für den Unfall vo m 1. April 2019 die gesetzlichen Leis- tungen nach UVG zu erbringen; unter Kosten- und Entsch ädigungsfolgen zulasten der Be- schwerdegegnerin. Zur Begründung verwies die Visana im Wesentlichen auf die bundesgericht- liche Praxis, wonach es sich bei einem Sturz – auch wenn di eser durch eine innere Tatsache (u.a. Schwindel) ausgelöst wurde – um einen äusseren Faktor handle. Die Qualifikation als Un- fall könne nicht ausgeschlossen werden, sofern die Kausa lität des Sturzes mit der Verletzung gegeben sei. Auch sei das Element der Ungewöhnlichkeit bei einem Sturz problemlos vorhan- den. Es seien somit alle Tatbestandselemente des Unfallbegriffs erfüllt. C. Die Beschwerdegegnerin hielt in ihrer Vernehmlassung vom 20. Mai 2020 am Antrag auf Abweisung der Beschwerde vollumfänglich fest. D. Die Versicherte selber erhob gegen den Einspracheent scheid der SOLIDA vom 23. Januar 2020 keine Beschwerde. Da sie jedoch vom Ausgan g des Prozesses mitbetroffen ist, wurde sie vom Kantonsgericht mit Verfügung vom 26 . Mai 2020 zum vorliegenden Be- schwerdeverfahren beigeladen. Sie liess sich zur Sache nicht vernehmen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 In vorstehender Sache hat die Visana Einsprache geg en die Verfügung vom 29. August 2019 erhoben. Der Einspracheentscheid vom 23 . Januar 2020 ist jedoch fälschli- cherweise der Visana Services AG eröffnet worden. Die V isana hat in ihrer Beschwerde unter Vorlage von zwei Handelsregisterauszügen darauf hingewi esen, dass die Visana Services AG eine reine Dienstleistungsgesellschaft sei und die oper ativen Geschäfte der Visana führe. Die Visana hat sich nun – als Versicherungsträgerin – vorbehä ltlich der Zustimmung der Gegenpar- tei mit einem Parteiwechsel einverstanden erklärt. Hier zu hat die Beschwerdegegnerin in ihrer Vernehmlassung ihr Einverständnis gegeben. 1.2 Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, de ssen Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bun desgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einsprache- entscheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantona len Versicherungsgericht Be- schwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Versicherungsgericht desjeni- gen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat. Vorliegend befindet sich der Wohnsitz der beigela denen Versicherten in X.____, weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-La ndschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige ge- richtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Einsprac heentscheide der Versicherungs- träger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Be- schwerde zuständig. 1.3 Zur Beschwerde berechtigt ist gemäss Art. 59 ATSG ne bst der versicherten Person auch, wer durch die angefochtene Verfügung oder den E inspracheentscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderun g hat. Die Visana erfüllt diese Vo- raussetzungen, denn der angefochtene Einspracheentscheid tangiert ihre Leistungspflicht als Krankenpflegeversicherung der Versicherten. Auf die – i m Übrigen frist- und formgerecht erho- bene – Beschwerde der Visana vom 17. Februar 2020 ist demnach einzutreten. 2.1 Streitig und im Folgenden zu prüfen ist, ob das Er eignis vom 1. April 2019 als Unfall im Rechtssinn zu qualifizieren ist. 2.2 Als Unfall gilt gemäss Art. 4 ATSG die plötzliche, n icht beabsichtigte schädigende Ein- wirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den m enschlichen Körper, die eine Beein- trächtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. 2.3 Das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors kann n ach Lehre und Rechtspre- chung auch in einer unkoordinierten Bewegung bestehen ( BGE 130 V 117 E. 2 mit Hinweis auf RKUV 2000 Nr. U 368 S. 100). Bei Körperbewegungen g ilt dabei der Grundsatz, dass das Er- fordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begrün- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht deter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewe gung gleichsam "programmwidrig" be- einflusst hat. Bei einer solchen unkoordinierten Bewegun g ist der ungewöhnliche äussere Fak- tor zu bejahen; denn der äussere Faktor − Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt − ist wegen der erwähnten Programmwidrigkeit zugleich ein ungewöhnlicher Faktor (BGE 130 V 117 E. 2 mit Hinweisen). Weiter hat sich das Bundesgericht in BGE 134 V 72 einlässlich zum Be- griffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit geäussert. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er − nach einem objektiven Massstab − nicht mehr im Rahmen d essen liegt, was für den jeweili- gen Lebensbereich alltäglich und üblich ist. Der äussere Faktor ist zentrales Begriffscharakteris- tikum eines jeden Unfallereignisses; er ist Gegenstück zu r − den Krankheitsbegriff konstituie- renden − inneren Ursache. Die Bezeichnung der massgeben den Genese wird aber erst durch die weiter erforderliche Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors ermöglicht. Die meisten Krank- heiten beruhen auf einer Wechselwirkung von inneren und äusseren Faktoren; oft ist die letzt- lich pathogene innere Ursache ihrerseits ohne Umweltei nflüsse nicht denkbar. Das Begriffs- merkmal der Ungewöhnlichkeit wurde entwickelt, um die " tausendfältigen kleinen und kleinsten Insulte des täglichen Lebens, die als solche gänzlich unkontrollierbar sind und deshalb nur beim Hinzutreten von etwas Besonderem Berücksichtigung finden sollen", aus dem Unfallbegriff aus- zuscheiden (BGE 134 V 77 E. 4.1.1, mit Hinweis auf A LFRED BÜHLER , Der Unfallbegriff, in: Alf- red Koller [Hrsg.], Haftpflicht- und Versicherungsrechtst agung 1995, S. 234). Das Merkmal des Ungewöhnlichen macht den alltäglichen Vorgang zum einmaligen Vorfall. Einwirkungen, die aus alltäglichen Vorgängen resultieren, taugen in aller Regel nicht als Ursache einer Gesundheits- schädigung. Liegt der Grund somit allein im Innern de s Körpers, ist Krankheit gegeben. Daran ändert die blosse Auslösung des Gesundheitsschadens durch e inen äusseren Faktor nichts; Unfall setzt vielmehr begrifflich voraus, dass das exogene Element so ungewöhnlich ist, dass eine endogene Verursachung ausser Betracht fällt (BGE 134 V 77 E. 4.1.1). Nach der Recht- sprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichk eit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selbst. Ohne B elang für die Prüfung der Ungewöhn- lichkeit ist, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiege nde, unerwartete Folgen nach sich gezogen hat. Ausschlaggebend ist, dass sich der äussere Fa ktor vom Normalmass an Umwelt- einwirkungen auf den menschlichen Körper abhebt (BGE 1 34 V 80 E. 4.3.1). Bei Schädigun- gen, die sich auf das Körperinnere beschränken, unterliegt der Nachweis eines Unfalls strengen Anforderungen, weil die unmittelbare Ursache der Sch ädigung unter besonders sinnfälligen Umständen gesetzt werden muss; denn ein Unfallereignis manifestiert sich in der Regel in einer äusserlich wahrnehmbaren Schädigung, während bei deren Fehlen eine erhöhte Wahrschein- lichkeit rein krankheitsbedingter Ursachen besteht (Urte il des Bundesgerichts vom 9. Juli 2010, 8C_189/2010, E. 3.2 mit Hinweis auf BGE 99 V 136 E. 1). Das Erfordernis des äusseren Fak- tors kann auch durch ein Geschehen erfüllt werden, das si ch im Körperinneren abspielt. Eine innere Ursache kann der Auslöser eines Unfalls sein ode r diesen zumindest begünstigt haben. In einem solchen Fall muss das Unfallereignis die natür liche und adäquate Ursache des Ge- sundheitsschadens sein, damit ein Unfall im Rechtssinne an genommen werden kann (BGE 142 V 439 E. 2, 102 V 133 E. b). Gemäss bundesger ichtlicher Rechtsprechung trifft dies beispielsweise bei einem durch intermittierenden Blutdruckabfall verursachten Sturz mit Schen- kelhalsbruch zu, da die Cerebralsklerose nicht als entsch eidende physiologische Ursache der Fraktur betrachtet werden kann, weshalb von einer Unfa llfolge auszugehen ist. Anders zu ent- scheiden wäre, wenn sich aus der Gesamtbeurteilung des Ge sundheitszustandes ergäbe, dass Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Sturz gegenüber der Cerebralsklerose und ihren Au swirkungen als Ursache in den Hinter- grund träte (BGE 102 V 133 E. b). 3.1 Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungsverfahren u nd der Sozialversicherungs- prozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen, aus eigener Ini tiative und ohne Bindung an die Vorbringen oder Beweisanträge der Parteien für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneinge- schränkt, er wird ergänzt durch die Mitwirkungspflichten d er Parteien (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). Zu beachten ist j edoch, dass der Untersuchungsgrundsatz die Beweislast im Sinne der Beweisführungslast begriff snotwendig ausschliesst, da es Sache der verfügenden Verwaltungsstelle bzw. des Sozialversicheru ngsgerichts ist, für die Zusam- mentragung des Beweismaterials besorgt zu sein. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofer n, als im Falle der Beweislosigkeit der Ent- scheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem u nbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift aller dings erst Platz, wenn es sich als unmög- lich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes au fgrund einer Beweiswürdigung ei- nen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen). 3.2 Die Verwaltung als verfügende Instanz und − im Be schwerdefall − das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht gilt, soweit das Gesetz nicht et was Abweichendes vorsieht, der Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 353 E. 5b). Im Streitfall obliegt es dem Gericht zu beurteilen, ob die einzelnen Vorauss etzungen des Unfallbegriffs erfüllt sind. Der Untersuchungsmaxime entsprechend hat es von Amtes we gen die notwendigen Beweise zu erheben und kann zu diesem Zwecke auch die Parteien heranziehen. Wird auf Grund dieser Massnahmen das Vorliegen eines Unfallereignisses nicht we nigstens mit Wahrscheinlichkeit erstellt − die blosse Möglichkeit genügt nicht −, so hat dieses als unbewiesen zu gelten, was sich zu Lasten der den Anspruch erhebenden Person auswir kt (BGE 116 V 136 E. 4b mit Hin- weis; Urteile des Bundesgerichts vom 31. Januar 2011, 8C_709/2010, E. 2.2 und vom 20. Februar 2007, U 346/05, E. 2.2, je mit weiteren Hinweisen). 4.1 Der rechtserhebliche Sachverhalt stellt sich wie folg t dar. Die Versicherte gab im Fra- gebogen zum Unfallhergang an, dass sie akut an Übelkeit gelitten habe. Durch den Brechreiz sei sie schnell aufgestanden und habe einen akuten unvor hergesehenen Schwindelanfall be- kommen. Sie sei zu Boden gestürzt und habe sich dabei den Mittelfinger aufgeschlagen. Mit Schreiben vom 14. Juni 2019 hielt Dr. med. C.____, F MH Allgemeine Innere Medizin und Rheumatologie, fest, dass gemäss Bericht des Spitals Y._ ___ vom 22. Mai 2019 ein Distorsi- onstrauma des dritten Fingers an der rechten Hand anlässlich eines Sturzereignisses diagnosti- ziert worden sei. Laut Dr. C.____ sei die Diagnose tra umatisch bedingt und nicht auf eine Er- krankung oder Degeneration zurückzuführen. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 Die Parteien sind sich einig, dass drei der fünf Ta tbestandsmerkmale des Unfallbegriffs – Körperverletzung, Plötzlichkeit und fehlende Absicht – erfüllt sind. Uneinig sind sich die Par- teien indessen, ob die äussere Einwirkung und deren erforderliche Ungewöhnlichkeit vorliegend gegeben sind. 4.3 Strittig und zu prüfen ist, ob das Tatbestandsmerkma l des äusseren Faktors gegeben ist. 4.3.1 Die Beschwerdegegnerin verneint das Vorliegen e ines äusseren Faktors. Zur Begrün- dung verweist sie auf das Urteil des Sozialversicherungsge richts Zürich (UV.2017.00010) vom 8. November 2018 und auf BGE 142 V 219 sowie 142 V 43 5. Dem Urteil UV.2017.00010 lag der Sachverhalt zugrunde, dass die Beschwerdeführerin in der Küche in Ohnmacht gefallen und auf ihre linke Schulter und den Hals gestürzt war. Ursache des Sturzes war somit ein plötzlicher Bewusstseinsverlust. Das Sozialversicherungsgericht Zürich füh rte aus, dass es bei einem un- vermittelt auftretenden Bewusstseinsverlust ohne äussere Einwirkung am Erfordernis des aus- serhalb des Körpers liegenden, objektiv feststellbaren un d sinnfälligen Ereignisses fehle. Die Ohnmacht und der darauffolgende Sturz seien durch eine körperliche Fehlfunktion verursacht worden und mithin nicht Unfall- sondern Krankheitsfolge. In BGE 142 V 219 hatte sich das Bun- desgericht mit dem Fall eines Beschwerdeführers zu beschäf tigen, bei welchem eine Hüftpro- these brach, als er sein Auto durch eine nicht vollstän dig geöffnete Tür verliess. Das Gericht kam zum Ergebnis, der Bruch der Prothese stelle ein rei n innerer Vorgang dar, weshalb ein äusserer Faktor und somit das Vorliegen eines Unfalls zu verneinen sei. BGE 142 V 435 beruht auf dem Fall eines Wanderers, dem plötzlich übel wurde und der – nachdem er erbrechen musste – kopfüber in eine 60 Meter tiefe Geröllhalde st ürzte und verstarb. Der Notarzt der Rega diagnostizierte beim Wanderer provisorisch einen Herzkrei slaufstillstand, ein Schädel- Hirntrauma, den Verdacht von Brüchen der Halswirbelsäu le, mehrerer Brüche auf der Ebene der Gesichtsknochen und ein vorhergehendes Herzereignis. D as Bundesgericht kam zum Schluss, es liege kein äusserer Faktor vor, sondern der To d des Versicherten sei überwiegend wahrscheinlich durch ein kardiovaskuläres Ereignis verursacht worden. 4.3.2 Der Beschwerdegegnerin kann nicht gefolgt werde n. Das Urteil des Sozialversiche- rungsgerichts Zürich (UV.2017.00010) steht im Widerspru ch zur geltenden Rechtsprechung, wonach ein Sturz ungeachtet dessen, ob er sich wegen eine s Schwindelanfalls ereignete oder nicht, die Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt (BG E 102 V 133 E. b). Zudem setzt sich das Urteil mit den zitierten Bundesgerichtsurteilen (B GE 142 V 219 und 142 V 435) inhaltlich nicht auseinander. Die BGE 142 V 219 zugrundeliegende Konstellation ist von vorliegendem Sachverhalt klar abzugrenzen, da der Sturz im Gegensatz zum Prothesenbruch einen äusseren und nicht bloss einen inneren Faktor darstellt. Diese Rechtsprechung kann folglich nicht auf den vorliegend zu beurteilenden Fall angewendet werden. Gleich verhält es sich mit BGE 142 V 435. Denn im Vergleich zum vorliegenden Sa chverhalt war der Sturz auf der Berg- wanderung gerade nicht überwiegend kausal für den To d, vielmehr war dieser durch innere Faktoren (kardiovaskuläres Ereignis) verursacht worden. Auch kann − entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin − das Erfordernis des äusseren Fakt ors durch ein Geschehen erfüllt werden, das sich im Körperinneren abspielt, wobei eine innere Ursache der Auslöser eines Un- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht falls sein oder diesen zumindest begünstigt haben kann ( vgl. E. 2.3 hiervor). In einem solchen Fall muss das Unfallereignis die natürliche und adäquate Ursache des Gesundheitsschadens sein, damit ein Unfall im Rechtssinne angenommen werden kann. Im vorliegend zu beurteilenden Fall ist die Versichert e gestürzt und hat sich beim Sturz am Fin- ger verletzt. Unmittelbare und adäquat kausale Ursache des Distorsionstraumas des Fingers war der Sturz, da ohne diesen ein Schwindelanfall al leine nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung nicht zu e iner solchen Verletzung führt. Mit ande- ren Worten kann der Sturz nicht weggedacht werden, ohn e dass das eingetretene Distorsions- trauma entfiele. Andererseits ist das Distorsionstrauma kein typischer Gesundheitsschaden, der erfahrungsgemäss als alleinige Folge eines Schwindelanfa lls auftreten kann, weshalb dieser nicht als entscheidende physiologische Ursache der Fingerver letzung betrachtet werden kann. Der innere Zustand der Beschwerdeführerin hat das Unf allereignis möglicherweise begünstigt, er ist jedoch nicht die unmittelbare Ursache des Gesun dheitsschadens. Der Sturz ist somit als äusserer mitwirkender Faktor zu qualifizieren. 4.4 Strittig und zu prüfen bleibt, ob das Tatbestands merkmal der Ungewöhnlichkeit erfüllt ist. 4.4.1 Die Beschwerdegegnerin bringt vor, dass der blosse Sturz ohne weitere von aussen hinzutretende Umstände das Merkmal der Ungewöhnlichkeit nicht erfülle. 4.4.2 Der Beschwerdegegnerin ist nicht zuzustimmen. So b ejahte das Bundesgericht ohne weiteres den Unfallcharakter eines Sturzes aus einem Fenster nach einem Schwindelanfall (Ur- teil des Bundesgerichts vom 1. Juli 2015, 8C_103/2015). Wie in Erwägung 2.3 dargelegt, kann das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung beste- hen, wobei ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf der Körperbe- wegung programmwidrig beeinflusst haben muss. Im vorlie genden Fall ist der Sturz als in der Aussenwelt begründeter Umstand anzusehen, der den Abla uf der Körperbewegung programm- widrig beeinflusst hat. Das Merkmal der Ungewöhnlichkeit ist daher in der unkoordinierten Ei- genbewegung erfüllt. Sodann muss vorliegend die unmit telbare Ursache der Schädigung nicht unter besonders sinnfälligen Umständen gesetzt worden sein, da das Distorsionstrauma des Fingers nicht als alleinige Folge eines Schwindelanfalls auftreten kann. Es bleibt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung hinzu weisen, wonach vorbestehende ge- sundheitliche Probleme (u.a. Schwindel), die ein Unfal lereignis verursachten, bei der Prüfung des ungewöhnlichen äusseren Faktors auszuklammern sind, da es sich dabei um individuelle Fähigkeiten handelt, die kein massgebendes Kriterium zur objektivierten Bejahung oder Vernei- nung der Ungewöhnlichkeit darstellen. Ansonsten würde n Personen, welche beispielsweise aufgrund ihrer Behinderung ein höheres Unfallrisiko ver körpern, diskriminiert (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 11. Februar 2009, 8C_500/2008, E. 4.3, BGE 134 V 79 E. 4.2.3). 4.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass sowohl das Tatbestand smerkmal des äusseren Faktors wie auch dasjenige der Ungewöhnlichkeit gegeben ist und das Ereignis vom 1. Ap- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht ril 2020 somit als Unfall im Rechtssinn zu qualifizieren ist. Demzufolge ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen, als der angefochtene Einsprache entscheid vom 23. Januar 2020 auf- zuheben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung a n die SOLIDA zurückzuweisen ist. Dabei hat sie die übrigen Anspruchsvoraussetzungen hinsi chtlich einer gesetzlichen Leistungs- pflicht zu prüfen. 5. Gemäss Art. 61 lit. a ATSG in der bis Ende 2020 g ültig gewesenen, hier anwendbaren Fassung (vgl. Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 1. Januar 2021) hat der Prozess vor dem kantonalen Gericht für die Parteien in der Regel kostenlos zu sein. Es sind demnach für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Ein e Parteientschädigung wird der nicht anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin nicht ausgerichtet. 6.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesge richt (BGG) vom 17. Ju- ni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen An gelegenheiten an das Bundesgericht zu- lässig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Se lbständig eröffnete Zwischenent- scheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständigkeit und über Aus- standsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegen- heiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzum achenden Nachteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endent- scheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläu- figes Beweisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rück- weisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage ( z.B. eine von mehreren materiell- rechtlichen Anspruchsvoraussetzungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). 6.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es si ch somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vo- raussetzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet d as Bundesgericht. Die nachstehen- de Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, als der angefochte- ne Einspracheentscheid vom 23. Januar 2020 aufgehoben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erw ägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die Vorinstanz zurü ckgewiesen wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Eine Parteientschädigung wird nicht ausgerichtet. http://www.bl.ch/kantonsgericht