B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-427/2011/was U r t e i l v o m 1 2 . J u n i 2 0 1 4 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiberin Constance Leisinger. Parteien A._______, geboren (…), Türkei, vertreten durch lic. iur. Peter Frei, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 10. Dezember 2010 / N (…). D-427/2011 Seite 2 Sachverhalt: I. A. Die Beschwerdeführerin ersuchte in der Schweiz erstmals am 1. Oktober 2007 um Asyl nach. Zur Begründung ihres Asylgesuches machte sie im Wesentlichen geltend, sie sei kurdis cher Ethnie und stamme aus dem Dorf B._______, Provinz C._______. Ihr Vater sei seit dem Jahr 1991 verschollen und es sei anzunehmen, dass die Spezialeinheit der Militä r- behörde ("Jitem") ihn getötet habe. Er und ihre gesamte Familie mütterli- cher- und väterlicherseits sei im Heimatstaat politisch aktiv gewesen und seitens der türkischen Sicherheitskräfte ständigen Behelligungen ausg e- setzt gewesen. ([Anzahl]…) Familienmitglieder würden sich zwischenzeit- lich allein in der Schweiz als anerkannte Flüchtlinge aufhalten. Sie selbst sei seit dem Jahr 2003 von den türkischen Sicherheitskräften immer wi e- der behelligt, unter Druck gesetzt und zu ihren Verbindungen zur PKK be- fragt worden , wobei man sie auch mit Schlägen traktiert habe. Die S i- cherheitskräfte hätten sodann regelmässig vor dem Haus der Familie in C._______ patrouilliert. Sie selbst habe sich politisch nicht aktiv beteiligt. Sie habe sich manchmal im Quartier der DTP aufgehalten und habe die Guerilla mit Lebensmitteln unterstützt. Seit ihrem 1 0. Lebensjahr habe auch sie in Verbindung zu Guerillakämpfern gestanden, welche rege l- mässig ins Dorf und das Haus ihrer Familie gekommen seien. Zu einer Frau mit dem Decknamen D._______ habe sich der Kontakt seit dem 16. Lebensjahr intensiviert. Am 15. August 2007, als sie sich bei ihrem Onkel väterlicherseits in C._______ aufgehalten habe, habe ihr Grossv a- ter sie telefonisch darüber informiert, dass diese Frau verhaftet worden sei und das Militär auch nach ihr gesucht habe. Sie habe daraufhin sofort das Haus ihres Onkels verlassen und sich zu einer Tante mütterlicherseits ebenfalls wohnhaft in C._______ begeben. Kurz darauf hätten die Behör- den bei ihrem Onkel in C._______ nach ihr gesucht. Am 24. August 2007 habe sie ihr Onkel deshalb nach Istanbul gebracht, von wo aus sie in d er Folge mit einem gefälschten türkischen Reisepass nach Mailand geflogen und danach in die Schweiz eingereist sei. B. Mit Verfügung vom 13. November 2007 stellte das BFM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nich t erfüllte und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der D-427/2011 Seite 3 Schweiz sowie deren Vollzug. Für die Begründung wird auf die Akten verwiesen. C. Eine gegen diese Verfügung am 13. Dezember 2007 beim Bundesverwal- tungsgericht erhobene B eschwerde wurde mit Urteil vom 28. Februar 2008 als offensichtlich unbegründet abgewiesen. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, es seien von der Beschwerdeführerin keine Dokumente zu den Akten gereicht worden, welche die geltend gemachte landesweite behördliche Suche nach ihr untermauern könnten. Insbeso n- dere stelle die angebliche Verhaftung ihrer Bekannten im August 2007 sowie die nachfolgende behördliche Suche nach ihr eine blosse Mutmas- sung dar, welche sich auf die Äusserung von Drittpersonen stütze. Die landesweite Suche nach der Beschwerdeführerin, werde von dieser ebenfalls lediglich vermutet. Zudem habe die Beschwerdeführerin selbst zu Protokoll gegeben, sie sei in ihrem Dorf "einigermassen in Ruhe" g e- lassen worden. Sodann sei vorliegend a uch nicht von einer drohenden Reflexverfolgung der Beschwerdeführerin auszugehen. Zwar würden in der Praxis staatliche Repressalien gegen nahe Verwandte politischer A k- tivisten angewandt, welche durchaus asylrechtlich relevante Intensität annehmen können. Es seien jedoch besonders diejenigen Personen von einer Reflexverfolgung bedroht, die sich offen für politisch aktive Ve r- wandte einsetzen würden. Diese Voraussetzungen seien im Falle der Be- schwerdeführerin aufgrund der vorliegenden Akten offensichtlich nich t gegeben. Allein die Tatsache, dass Verwandte der Beschwerdeführerin in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt worden seien, genüge dafür jeden- falls nicht. II. D. Gegen dieses Urteil liess die Beschwerdeführerin am 19. März 2008 ein Revisionsgesuch einreichen, das m it Urteil vom 16. Mai 2009 abgelehnt wurde. III. E. Am 8. Februar 2010 reichte die Beschwerdeführerin im Empfangs - und Verfahrenszentrum Basel ein zweites Asylgesuch ein. Anlässlich der summarischen Befragung am 12. Februar 2010 sowie der einlässli chen D-427/2011 Seite 4 Anhörung zu ihren Asylgründen am 4. März 2010 machte die Beschwe r- deführerin im Wesentlichen geltend, nach de m rechtskräftigen Abschluss ihres Asylverfahrens in der Schweiz sei sie am (…) 2008 nach Deutsc h- land gereist, in der Absicht, dort ein Asylgesuch zu stellen. In Deutschland habe sie sich bei ihrer Tante mütterlicherseits in E._______ aufgehalten. In E._______ habe sie mehrmals einen kurdischen Kulturverein besucht und dort einen Landsmann mit Vornamen F._______ kennengelernt, mit welchem sie sich über ihre Situation ausgetauscht habe. Dieser habe ihr vorgeschlagen, nach K andil in den Nordirak zu gehen und sich dort der Guerilla anzuschliessen. Sie habe sich zu diesem Zeitpunkt in einer aus- weglosen Situation gewäh nt und daher diesem Vorschlag zugestimmt. Der kurdische Kulturverein habe ihr schliesslich die Reise in den Nordirak organisiert und auch finanziert. Am (…) 2008 sei sie von Düsseldorf aus nach Erbil in den Nordirak geflogen. Von dort aus sei sie in das La ger Mahmur (auch Machmur, Makhmur, Maxmur) gereist, wo sie in einem Gästehaus untergebracht worden sei. Vor Ort sei ihr jedoch bewusst ge- worden, dass sie den Lebensumständen einer Guerillakämpferin nicht gewachsen sei, was sie den Verantwortlichen gegenübe r auch so ko m- muniziert habe. Es sei ihr dennoch erlaubt worden, im Lager Mahmur zu bleiben, da ihr im Jahr (…) verschollener Vater als "Märtyrer" angesehen werde. Im Lager habe sie in einer Frauenstiftung und im Mesopotam i- schen Kulturzentrum verkehrt. Nach einem Jahr habe man ihr jedoch na- he gelegt, wieder für sich selbst zu sorgen, und es sei auch ihr Wunsch gewesen, das Lager zu verlassen. Ein entfernter Verwandter habe sie am (…) 2009 illegal nach Istanbul gebracht. In Istanbul habe sie über drei Monate bei einer Cousine gewohnt , ohne sich anzumelden. Während ih- res Aufenthaltes i n der Türkei hätten die türkischen Sicherheitskräfte im November 2009 ihre Mutter und de n Grossvater nach ihrem Aufenthalt befragt und sich überdies an den D orfvorsteher von B._______ gewandt, um sich bei ihm nach ihrem Verbleib zu erkundigen. Die türkischen S i- cherheitskräfte würden von ihrem Aufenthalt im Lager Mah mur wi ssen und ihr die Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation vorwerfen. Am ([Datum]…) 2010 sei sie darauf hin mit einem gefälschten Reisepass in die Schweiz gelangt. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin eine Stellungnahme des Menschenrechtsvereins von C._______, datierend vom (…) 2010 (Telefax sowie deutsche Übersetzung) und eine (undatier- te) Bestätigung der Lagerverwaltung des Lagers Mahmur als E -Mail- Auszug sowie eine Liste aller in der Schweiz lebenden Familienangehör i- gen zu den Akten. D-427/2011 Seite 5 F. Mit Verfügung vom 10. Dezember 2010 stellte das BFM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug der Wegweisung an. Zur Begründung wurde im Wesentlichen a usgeführt, die Vorbringen wür- den weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) noch denen an die Asylrelevanz im Sinne von Art. 3 AsylG genügen. Die Beschwerdeführerin habe ihren Aufenthalt im Lager Mahmur nicht glaubhaft machen können, da ihre diesbezüglichen Aussagen sich als unsubstanziiert erweisen und nicht den Eindruck vermitteln würden, dass sie sich dort über mehrere Monate aufgehalten habe. Es sei aus diesem Grund auch nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin im Heimatstaat gesucht werde oder eine Bestrafung befürchten müsse. Aufgrund dessen sei auch das Schreiben der Lagerleitung von M ahmur, in welchem der Aufenthalt der Beschwerdeführerin im Lager bestätigt werde, als Gefälligkeitsschreiben zu bewerten. Aber auch wenn man von der Glaubhaftigkeit des Aufen t- halts der Beschwerdeführerin im Camp Mahmur ausgehe, könne nicht davon ausgegangen werden, dass sich die Beschwerdeführerin damit ei- ner Situation ausgesetzt habe, welche zu einer begründeten Furcht vor ernsthaften Nachteilen führen würde. Die Beschwerdeführerin sei sodann nach eigenen Angaben vom Irak aus zunächst in die Türkei zurückg e- kehrt. Es sei jedoch anzunehmen, dass sie, wäre sie tatsächlich einer Gefährdung ausgesetzt gewesen, dieses Risiko eines Aufenthalts in der Türkei nicht eingegangen wäre. Soweit die Beschwerdeführerin geltend mache, die türkischen Sicherheitsbehörden hätten von ihrem Aufenthalt im Lager Mahmur und K andil gewusst, da die türkischen Sicherhe itsbe- hörden dort über Spitzel verfügen würden, müsse der Beschwerdeführ e- rin entgegen gehalten werden, dass diese Spitzel in diesem Fall auch gewusst hätten, dass sich die Beschwerdeführerin gerade nicht der PKK angeschlossen habe. Der Aufenthalt im Lager Mahmur an sich führe nach Erkenntnissen des BFM noch nicht zu einer politischen Verfolgung durch die türkischen Behörden. Die Beschwerdeführerin habe denn auch selbst geltend gemacht, dass kein Verfahren gegen sie eingeleitet worden sei. Zudem wäre zu prüfen, ob ein allfälliges Verfahren nicht als staatlich leg i- tim bezeichnet werden müsste. Im Zusammenhang mit dem eingereic h- ten Bestätigungsschreiben des Menschenrechtsvereins von C._______ sei festzustellen, dass diese Bestätigung sich auf Ereignisse beziehe , welche bereits im ersten Asylverfahren abgehandelt und rechtskräftig als D-427/2011 Seite 6 nicht relevant beurteilt worden seien. Diesbezüglich werde auf die vorhe- rigen Verfahren verwiesen. Der Vollzug der Wegweisung erweise sich sodann als zulässig, zumutbar und möglich. Insbesondere würden keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges sprechen. Die B eschwerdefüh- rerin sei jung, verfüge über eine gute Schulbildung und in ihrem H eimat- staat über ein familiäres Beziehungsnetz. Zudem sei es den za hlreichen im Ausland lebenden Verwandten zuzumuten, die Beschwerdeführerin bei der Reintegration finanziell zu unterstützen. G. Gegen diese Verfügung reichte die Beschwerdeführerin – handelnd durch ihren Rechtsvertreter – am 12. Januar 2011 Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht ein. In dieser wurde beantragt, die Verfügung sei w e- gen Verletzung formellen Rechts aufzuheben und die Sache sei zur Fes t- stellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an das BFM zurückzuweisen. Eventu aliter wur de beantragt, die Sache sei zur vollständigen und richtigen Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhaltes und zur Neubeurteilung an das BFM zurückzuweisen , oder der Beschwerdeführerin sei in Feststellung der Flüchtlingseigenschaft Asyl in der Schweiz zu gewähren, bzw. sei die Unzumutbarkeit des Wegwe i- sungsvollzuges festzustellen. Im weiteren wurde beantragt, vor Guthei s- sung der Beschwerde sei dem unterzeichnenden Rechtsvertreter eine angemessene Frist zur Einreichung einer detaillierten Kostennote zur B e- stimmung der Parteientschädigung anzusetzen. Sodann ersuchte der Rechtsvertreter um Mitteilung des Spruchkörpers. Im Wesentlichen wurde zur Begründung ausgeführt, die angefochtene Verfügung verletze formelles Recht, insbesondere Art. 29 Abs. 2 der Bun- desverfassung und Art. 29 ff. des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021), habe die Vor- instanz doch den rechtserheblichen Sach verhalt weder vollständig noch richtig abgeklärt. So habe das BFM im Zusammenhang mit d em von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Aufenthalt im Lager Mahmur den von ihr anerbotenen rechtserheblichen Zeugenbeweis einer Bekannten, welche in der Schweiz den Flüchtlingsstatus habe und sich ebenfalls zeitweise im Lage r aufgehalten habe, nicht berücksichtigt. Besagte B e- kannte habe sodann über Kontakte im Lager Mahmur im Nachhinein die von der Lagerverwaltung ausgestellte Bestätigung des Aufenthalts der Beschwerdeführerin vermitteln können. Der Aufenthalt der Beschwerd e-D-427/2011 Seite 7 führerin sei in der Registratur der örtlichen Behörde verzeichnet. Das Un- terlassen weiterer Abklärungen stelle daher eine massgebliche Verle t- zung des rechtlichen Gehörs dar, sei doch das BFM von der Unglaubha f- tigkeit des Aufenthalts der Beschwerdeführerin im Lage r Mahmur ausge- gangen und hätten sich daher weitere Abklärungen aufgedrängt. Aus den Protokollen der Anhörung ergebe sich sodann, dass die Beschwerdefü h- rerin an erheblichen psychischen Problemen lei de, weshalb i hr Gesund- heitszustand hätte abgeklärt werden müssen, insbeso ndere als sich da r- aus klar ableiten lasse, was die B eschwerdeführerin zu ihrem irrationalen Entschluss, sich der PKK anzuschliessen, geführt habe und auch wesent- lich für die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges gewesen wäre. Die Beschwerdeführerin komme aus einer politisch bekannten und aktiven Familie, welche entsprechend den Gepflogenheiten der türk i- schen Sicherheitskräfte unter einem Gen eralverdacht stehe und ständ i- gen Behelligungen ausgesetzt sei. Darüber hinaus sei das BFM angeha l- ten gewesen, im Rahmen einer Botschaftsabklärung beim namentlich b e- kannten Dorfvorsteher, die Vorbringen der Beschwerdeführerin, wonach die Sicherheitsbehörden nach ihr suchen würden, zu verifizieren. H. Mit Verfügung vom 18. Januar 2011 wurde der Beschwerdeführerin r e- spektive deren Rechtsvertreter das am Verfahren beteiligte Spruchgrem i- um mitgeteilt und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. I. In der Vernehmlassung vom 24. Januar 2011 hielt die Vorinstanz an ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Auf die ergänzenden Ausführungen wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in den Erwägungen eingegangen. J. Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin am 27. Januar 2011 zur Kenntnis gebracht und ihr Frist zur Einreichung einer allfälligen Replik gesetzt. K. Am 11. Februar 2011 wurde eine entsprechende Replik eingereicht. Auf die weiteren Ausführungen wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Mit der Replik wurde ein Schreiben (in Kopie) samt deutsch er Übersetzung von G._______, dem Dorfvorsteher des Dorfes B._______, eingereicht. Das Schreiben datiert vom 1. Februar D-427/2011 Seite 8 2011. Es bestätige die Aussagen der Beschwerdeführerin anlässlich der Anhörung am 4. März 2010 . Zusätzlich ergebe sich daraus, dass der Dorfvorsteher am 10. September 2010 von Seiten der Gendarmerie e r- neut angefragt worden sei, ob sich in Angelegenheit der Beschwerdefü h- rerin Neuigkeiten ergeben hätten. Zudem wurde mitgeteilt, dass aktuell entsprechende Abklärungen für eine psychiatrische Behandlung angelau- fen seien. L. Mit Eingabe vom 28. Februar 2011 wurde sodann eine vom gleichen Tag datierende, vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin schriftlich proto- kollierte Auskunft der türkischen Staatsangehörigen H._______, eing e- reicht. Sie nimmt d arin zu den Umständen des Kennenlernens der B e- schwerdeführerin und dem gemeinsamen Aufenthalt im Lager M ahmur Stellung. Sodann wurde H._______ für eine allfällige Zeugenbefragung anerboten. M. Mit Schreiben vom 7. Oktober 2011 teilte der Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin mit, dass diese das Mandatsverhältnis aufgekündigt und einen neuen Rechtsvertreter beauftragt habe. N. Am 21. November 2011 zeigte Rechtsanwalt Peter Frei seine Mandati e- rung im Beschwerdeverfahren an und reichte eine entsprechende Vol l- macht ein. O. Am 6. Dezember 2012 ersuchte das Bundesverwaltungsgericht die Schweizerische Botschaft in Ankara um Abklärungen im Zusammenhang mit dem laufenden Beschwerdeverfahren. P. Das entsprechende Abklärungsergebnis der Schweizerischen Botschaft datiert vom 22. Februar 2013. Q. Mit Schreiben vom 4. März 2013 ersuchte das Bundesverwaltungsgericht die Schweizerische Botschaft in Ankara mit w eiteren Abklärungen in der Sache, namentlich zum Aufenthalt der Beschwerdeführerin im Lager Mahmur. D-427/2011 Seite 9 R. Mit Schreiben vom 1. April 2013 teilte die Schweizerische Botschaft mit, dass entsprechende Abklärungen seitens der Botschaft nicht möglich sei- en. S. Am 29. April 2013 ersuchte das Bundesverwaltungsgericht das Flüch t- lingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR), Büro für die Schweiz und Lichtenstein , um Abklärungen zum Aufenthalt der B e- schwerdeführerin im Lager Mahmur. T. Ein entsprechendes Abklärungsergebnis des UNHCR datiert vom 3. April 2014. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bunde sverwaltungs- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, au sser bei Vorliegen eines Ausliefe- rungsgesuches des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine en t- sprechende Ausnahme liegt nicht vor. 1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht ric htet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ä n- derung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. D-427/2011 Seite 10 2. 2.1 Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 14. Dezember 2012 gilt für die im Zeitpunkt des Inkrafttretens der Änd e- rung vom 14. Dezember 2012 dieses Gesetzes hängigen Verfahren mit Ausnahme der Absätze 2 bis 4 das neue Recht. Gemäss Abs. 2 dieser Übergangsbestimmungen gilt bei Wiedererwägungs - und Mehrfachgesu- chen für die im Zeitpunkt des Inkrafttretens der Änderung vom 14. Dezember 2012 dieses Gesetzes hängigen Verfahren bisheriges Recht in der Fassung vom 1. Januar 2008. Für die Artikel 43 Abs. 2 und 82 Abs. 2 gilt Abs. 1. 2.2 Das vorliegende Verfahren behandelt ein zweites Asylgesuch der B e- schwerdeführerin vom 8. Februar 2010, welches unter die Kategorie der Mehrfachgesuche fällt. Es gilt mithin – ausser bezüglich Art. 43 Abs. 2 und Art. 82 Abs. 2 As ylG – bisheriges Recht in der Fassung vom 1. Januar 2008. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationa li- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft g emacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen od er massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. In der Beschwerde wurde di e nicht vollständige Feststellung des recht s- erheblichen Sachverhalts gerügt. Eine weitere Auseinandersetzung mit den geltend gemachten Verfahrensmängeln kann vorliegend jedoch von vornherein unterbleiben, nachdem auf Beschwerdeeben die relevanten D-427/2011 Seite 11 Abklärungen seitens des Bundesverwaltungsgerichts getroffen wurden und die Beschwerde gestützt auf diese Abklärungen aufgrund nachfol- gender Erwägungen in materieller Hinsicht gutzuheissen ist. 5. 5.1 So ist zunächst festzuhalten, dass die Vorbringen der Beschwerd e- führerin, welche die r elevanten Ereignisse nach rechtskräftigem A b- schluss des ersten Asylverfahrens betreffen, den Anforderungen an die Glaubhaftmachung genügen. Sie wurden überdies durch die getroffenen Abklärungen in den für das Verfahren wesentlichen Aspekten bestätigt. 5.2 Dies gilt zunächst für die Aussagen der Beschwerdeführerin, wonach sie sich nach dem rechtskräftigen Abschluss ihres ersten Asylverfahrens in der Schweiz im (…) 2008 nach Deutschland zu einer Tante begeben habe und von dort am (…) 2008, organisiert durch einen der PKK nah e- stehenden Kurdenverein in Deutschland, in den Nordirak gereist sei. Die Beschwerdeführerin schilderte nachvollziehbar die Gründe für ihren Ent- schluss, sich in Kandil /Nordirak der PKK anzuschliessen und ihre nach der Ankunft in Kan dil aufgekommenen Zweifel an der eige nen Fähigkeit, ein aktives Guerillaleben zu führen. Insbesondere führte sie diesbezüglich auch plausibel aus, sie habe sich als Tochter eines mutmasslich getöteten Märtyrers und aufgrund ihrer eigenen erlebten Behelligungen mit den Zie- len der PKK in gewisser Weise identifizieren können, jedoch habe sie den Entscheid zur Teilnahme am aktiven Ka mpf in einer Phase getroffen, als es ihr nach der Ablehnung ihres Asylgesuches in der Schweiz psychisch schlecht gegangen sei (vgl. act. B2 S. 5 ff., B9 S. 3 ff.). Die Beschwerde- führerin schildert sodann plausibel, dass sie nach der Ankunft im Nordirak von ihrem Vorhaben Abstand genommen habe, da sie sich insbesondere psychisch gar nicht in der Lage gesehen habe, ein aktives Guerillaleben zu führen. 5.3 Im Zusammenhang mit ihrem Aufenthalt im Lager Mahmur konnte die Beschwerdeführerin sodann den Tatsachen entsprechende Angaben zur Grösse und Struktur des Lagers sowie den von ihr gelebten Lageralltag beschreiben und ihre nahestehende Personen nennen (vgl. act. B9 S. 10 ff.). Der Aufenthalt im Lager wurde durch ein von d er Beschwerdeführerin eingereichtes Schreiben der Lagerverwaltung im vorinstanzlichen Verfah- ren bestätigt. Die Vorinstanz erachtete dieses Schreiben als reines Gefäl- ligkeitsschreiben und sprach ihm den Beweiswert ab. Das eingereichte Schreiben ist in der T at lediglich als E -Mail Auszug eingereicht worden und undatiert. Über UNHCR wurden seitens dem Bundesverwaltungsg e-D-427/2011 Seite 12 richt jedoch weitergehende Abklärungen vor Ort ge troffen. Mit Schreiben vom 3. April 2014 hat UNHCR (Büro für die Schweiz und Liechtenstein) mitgeteilt, dass die Registrierung der Bewohner des Flüchtlingslagers Mahmur durch die örtliche Lagerverwaltung erfolge, welche dem Direkt o- rat Vertreibung und Migration (Directorate of Displacement and Migration) unterstehe; dieses wiederum gehöre zum Innenministerium der Regional- verwaltung. Gegenüber dem UNHCR -Büro vor Ort sei am (…) 2014 durch den Leiter der behördlichen L agerverwaltung, Herrn I._______ schriftlich bestätigt worden, dass die Beschwerdeführerin für die Zeit vom (…) 2008 bis (…) 2009 im Lage r registriert gewesen sei . Eine entspr e- chende Kopie des entsprechenden Schreibens, welches sich im Original noch im Büro des UNHCR vor Ort befindet , wurde zuhanden der Akten gereicht. Von der Glaubhaftigkeit der bestätigten Angaben ist auszug e- hen. Insbesondere ergeben sich auch aus dem Schreiben von UNHCR keine Anhaltspunkte dafür, aufgrund welcher die Angaben der Lagerver- waltung in Frage gestellt wären. Überdies hat die Schweizerische Bot- schaft in Ankara es selbst als sachdienlich erachtet, entsprechende A b- klärungen über UNHCR vor Ort zu treffen. Sodann wurde am 28. Februar 2011 eine schriftliche Auskunft der türkischen Staatsangehörigen H._______ eingereicht, welche r in der Schweiz in Zuerkennung ihrer Flüchtlingseigenschaft Asyl gewährt wurde (Beschwerdea kten act. 7/1) und welche sich eigenen Angaben gemäss im April und August 2009 für mehrere Wochen im Lager aufgehalten hat, um ihren dort lebenden und zwischenzeitlich verstorbene Vater zu besuchen. In den dezidierten schriftlichen Ausführungen schildert H._______ die Umstände, unter d e- nen sie die Beschwerdeführerin bereits während des ersten Asylverfa h- rens in der Schweiz kennengelernt hat, sowie die Umstände des Wiede r- sehens und des gemeinsamen Aufenthalts im Lager Mahmur. Die schlüs- sigen Ausführungen untermauern den Aufenthalt der Beschwerdeführerin im Camp Mahmur um ein Weiteres. Auf eine entsprechende Zeugenb e- fragung von H._______ - wie im Beschwerdeverfahren anerboten - kann unter diesen Umständen verzichtet werden. Lediglich ergänzend ist fes t- zustellen, dass die Beschwerdeführerin besagte Frau und deren zeitweil i- gen Aufenthalt im Camp Mahmur bereits anlässlich der Befragungen im vorinstanzlichen Verfahren erwähnte (vgl. act. B2 S. 6). 5.4 Die Beschwerdeführerin führte sodann aus, sie habe nach etwa e i- nem Ja hr nicht mehr im Camp bleiben können und sich mit Hilfe ihrer Familie bzw. einem Verwandten im (…) 2009 mit gefälschten Papieren nach Istanbul begeben. Dort habe sie sich versteckt bei einer Cousine aufgehalten. Im November 2009 hätten sich die türkischen Sicherheits-D-427/2011 Seite 13 kräfte im Heimatort bei der Mutter und dem Grossvater sowie dem Dor f- vorsteher nach ihrem Aufenthalt erkundigt. Das Vorgehen der Siche r- heitskräfte wird durch die von der Schweizerischen Botschaft über ihre Vertrauensperson im Heimatort der Beschw erdeführerin getroffenen A b- klärungen bestätigt. Die Schweizerische Botschaft in Ankara hat am 15. Februar 2013 telefonisch den Dorfvorsteher des Heimatdorfes der Beschwerdeführerin kontaktiert. Dieser bestätigte, das s im Beschwerde- verfahren eingereichte Schreiben vom 1. Februar 2011 ausgestellt zu ha- ben. Er bestätigte sodann auch, dass die Familie der Beschwerdeführerin seit jeher einem gewissen Druck seitens der türkischen Sicherheitskräfte ausgesetzt gewesen sei und der Vater der Beschwerdeführerin versch ol- len bzw. Opfer eines Mordes durch Sicherheitskräfte geworden sei, als die Beschwerdeführerin etwa im Alter von fünf Jahren gewesen sei. Der Dorfvorsteher erklärte sodann, dass der noch im Heimatdorf lebende Grossvater der Beschwerdeführerin sowie ihre Mutter im November 2009 von der Gendarmerie aufgesucht worden seien und man ihnen Fragen zur Beschwerdeführerin und deren Verbleib gestellt habe. Die Mutter der Beschwerdeführerin sei zeitweise in Gewahrsam genommen worden. Gegen die Beschwerdeführerin sei seines Wissens eine Untersuchung eingeleitet worden; er könne jedoch nicht angeben, was ihr genau zum Vorwurf gemacht worden sei , noch wie die Untersuchung ausgegange n sei. Überdies erklärte der Dorfvorsteher, dass es sich bei der Beschwer- deführerin um seine Cousine zweiten Grades handle; d as Dorf B._______ umfasse ca. 50 bis 60 Häuser, deren Bewohner demselben Clan angehören würden. Gemäss Bericht der Schweizerischen Botschaft ergaben auch die Abklärungen des Vertrauensanwaltes im Vorfeld, dass der Dorfvorsteher in der Tat ein entfernter Verwandter der Beschwerd e- führerin sei, wie im Dorf B._______ alle Personen miteinander verwandt seien (vgl. Abklärungsbericht Beschwe rdeakten act. 12). Für die U n- glaubhaftigkeit der Aussagen des Dorfvorstehers ergeben sich trotz des bestehenden verwandtschaftlichen Verhältnisses mit der Beschwerdefüh- rerin keine Anhalts punkte. Entsprechendes wird auch seitens der Schweizerischen Vertretung nicht angezeigt. Angesichts der Funktion en, welche Dorfvorsteher in den kurdischen Regionen für die staatlichen B e- hörden ausüben, ist von einer tatsachenwidrigen Aussage im Sinne einer Gefälligkeitsaussage zu Gunsten der Beschwerdeführerin auch nicht auszugehen. 6. 6.1 Vor dem Hintergrund der glaubhaft gemachten Sachumstände, ist so- dann festzustellen, dass diese auch geeignet sind, die Flüchtlingseige n-D-427/2011 Seite 14 schaft der Beschwerdeführerin zu begründen , wobei massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft n ach Art. 3 AsylG der Zeitpunkt des jetzigen Asylentscheides ist (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 f.). 6.2 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG ist zu bejahen, wenn ein konkreter Anlass zu der Annahme besteht, letztere hätte sich – im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlich- keit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heuti- ger Sicht – mit ebensolcher Wahrsch einlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine ko n- krete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichba- rer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht he r- vorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer o b- jektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Kons e- quenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine stärker ausgeprägte (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Die Beschwerdeführerin selbst weist ein eher schwaches politisches Pro- fil auf. Sie stammt jedoch aus einer politischen stark engagierten kurd i- schen Familie. Allein in der Schweiz wurde ([Anzahl]…) Familienmitglie- dern, namentlich Onkel und Tanten sowie einem Cousin der Beschwerde- führerin der Flüchtlingsstatus zuerkannt und Asyl gewährt (vgl. act. B2 S. 4). Ihr Vater gilt seit dem Jahr (…) als verschollen; es ist – wie vom Dorfvorsteher bestätigt – anzunehmen, dass er von den türkischen S i- cherheitskräften umgebracht wurde. Bereits vor ihrer ersten Ausreise aus dem Heimatstaat im Jahr 2007 war die Beschwerdeführeri n unbestritte- nermassen Behelligungen seitens der türkischen Militär - und Sicherheits- kräfte ausgesetzt. Sofern diesen Behelligungen im ersten Asylverfahren die asylrechtliche Relevanz, mangels genügender Intensität und gestützt auf das Profil der Beschwerde führerin abgesprochen wurde, liegt nu n- mehr nach ihrem fast einjährigen Aufenthalt im Lager Mahmur eine ver- änderte Sachlage vor. Beim Lager Mahmur handelt es sich um ein kurd i- sches Flüchtlingslager, welches sich im Distrikt Makhmur, inmitten des Dreiecks Mossul – Kirkuk – Arbil befindet. Es dient seit Anfang der neun- ziger Jahre als Zufluchtsort von kurdischen Flüchtlingen aus der türki- schen Region Südostanatolien, die seit dem Jahr 1993 während der Kämpfe zwischen der türkischen Armee und der kurdischen PKK aus ih- rer Heimatregionen, insbesondere aus den Regionen Mardin, Hakkari und Sirnak geflohen sind und sich zunächst in verschiedenen Flüchtlings-D-427/2011 Seite 15 lagern niedergelassen hatten. Das Lager Mahmu r s tand seit dem Jahr 1998 offiziell unter dem Schutz und der Kontrolle des UNHCR sowie der irakischen Regierung. UNHCR hat sich im Jahr 2003 aufgrund der her r- schenden Sicherheitslage aus dem Lager zurückgezogen. Es unterstützt die Bewohner, deren Anzahl aktuell auf etwa 12'000 geschätzt wird, aber nach wie vor mit Hilfs - und Lebensmitteln und ist vor Ort präsent. Die S i- cherheit des Camps soll seither von der Demokratischen Partei Kurdi s- tans (KDP) gewährleistet werden. Nach Erkenntnissen des BVGer, sind die Bewohner des Lagers stark von der PKK beeinflusst, fast alle Bewo h- ner von Mahmur sollen Sympathisanten und Anhänger der PKK sein. Auch werden fast sämtliche höheren Funktionen im Camp von PKK - Anhängern besetzt. Insbesondere verletzte und behinderte ehemal ige Kämpfer der PKK, die nicht mehr dem Bergkader angehören können, werden zumeist in der Lagerverwaltung, bei der kulturellen und sozialen Arbeit und für Propagandatätigkeiten und Schulungen eingesetzt. Es handelt sich beim Lager Mahmur nicht um ein Train ingscamp der PKK. Die türkischen Behörden gehen gleichwohl davon aus, dass die PKK in Mahmur aktiv ist. Im Jahr 2007 wurden bei einer Lagerdurchsuchung durch irakische Truppen unter Aufsicht der USA und des UNHCR zwar keine Waffen sichergestellt, es wird j edoch angenommen, dass man im Lager vorgängig über die Aktion informiert war. Schätzungsweise 60 Pr o- zent der Einwohner sind Frauen, Kinder und Jugendliche. Aufgrund des grossen Einflusses der PKK im Lager schliesst sich ein Teil der jüngeren Lagerbewohner dem bewaffneten Kampf der PKK an. Bei den im Lager wohnhaften Frauen soll es sich zum Teil ebenfalls um PKK Aktivistinnen handeln, welche bei Gefechten verwundet wurden. Trotz der eingeleiteten Friedengespräche zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen Arbeiterpartei unter der Führung des inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öca- lan, sowie dem von ihm am 21. März 2013 erklärten Waffenstillstand, gibt es im Moment kein e Lösung zum Status dieses Lagers und seiner B e- wohner. Bestrebungen, das Lager aufzulösen und die Bewohner bei der Rückkehr in die Türkei zu unterstützen, scheiterten bisher. Nur wenige Bewohner des Lagers Mahmur kehrten nach Berichten effektiv in die Tü r- kei zurück. Ob die Rückkehr dabei freiwillig erfolgte und wie sich allenfalls strafrechtliche Konsequenzen für die Rückkehrenden ausnahmen, da r- über liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor (vgl. zum Ganzen UNHCR: "Turkey seeks status for “stateless” PKK members" World Bulle- tin, 20. März 2013, abgerufen unter: htt p://www.unhcr.org/cgi- bin/texis/vtx/refdaily?pass=463ef21123&id=514aba618; sowie " Refugees in Iraq camp to enjoy more services, rights after registration", 4. Juli 2011 abgerufen unter: http://www.u nhcr.org/4e11ae916.html; Hürriyet Daily D-427/2011 Seite 16 News 20. Oktober 2009, "UN asks to be part of Mahmur refugees return process" abgerufen in: http://www.hurriyetdailynews.com/default.- aspx?pageid=438&n=un-asks-to-be-part-of-mahmur-refugees-return-pro- cess-2009-10-20; KEVIN MATTHEES / GÜNTER SEUFERT, April 2013, in S tif- tung Wissenschaft und Politik Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit. "Erdoğan und Öcalan verhandeln Paradigmenwechsel in der türkischen Kurdenpolitik und neue Strategie der PKK" ). Es ist davon auszugehen, dass die türkischen Militär - und Sicherheitsbehörden über Mittelspersonen im Lager verfügen und die türkischen Behörden generell in Kenntnis über den Aufenthalt ihrer kurdischen Landsleute sind. Sofern seitens der Beschwerdeführer in diesbezüglich geltend macht, die Suche bzw. die Erkundigungen der türkischen Sicherheitsbehörden nach ihr im November 2009 stünden im Zusammenhang mit ihrem fast einjährigen Aufenthalt im Lager Mahmur , erweist sich dies somit als überwiegend wahrscheinlich. Der Dorfvorsteher machte in diesem Zusammenhang gel- tend, es sei seines Wissens ein Untersuchungsverfahren gegen die B e- schwerdeführerin eingeleitet worden. Die Beschwerdeführerin selbst bringt in der Anhörung vor, es sei ih res Wissens kein offizielles Strafver- fahren gegen sie eingeleitet worden, sie habe jedoch Angst vor einer poli- tisch motivierten Strafverfolgung aufgrund ihres Aufenthalts im Lager , so- bald man ihrer habhaft werde (act. B9 S. 13 und 14). Ein entsprechendes Vorgehen der türkischen Behörden erscheint als durchaus wahrschein- lich. Der politische Hintergrund der Familie verbunden mit dem Aufenthalt der Beschwerdeführerin in Lager Mahmur reichen demnach aus, um eine subjektive Furcht vor Verfolgung als objektiv begründet erscheinen zu lassen. 6.3 Es erscheint nach Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts so- dann auch als überwiegend wahrscheinlich , dass das Risiko für die B e- schwerdeführerin, im Falle einer Wiedereinreise in die Türkei festgenom- men und einem politisch mot ivierten Strafverfahren zugeführt zu werden , objektiv besteht. Da sich die Gefahr vor Verfolgung bereits bei einer allfäl- ligen Einreise ins Heimatland zeigen dürfte, kann nicht davon ausgega n- gen werden, dass de r Beschwerdeführerin eine innerstaatliche Fluc htal- ternative in der Türkei zur Verfügung stehen würde. Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft de r Beschwerdeführerin zu Unrecht verneint hat, da sie die Voraussetzungen von Art. 3 AsylG aus den soeben erwähnten Gründen erfüllt. 6.4 Es bestehen sodann keine Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwe r- deführerin während ihres Aufenthalts im Nordirak in strafbarer Weise D-427/2011 Seite 17 Handlungen begangen hat, welche allenfalls unter dem Gesichtspunkt der Asylunwürdigkeit nach Art. 53 AsylG zu prüfen wäre. Der Aufenthalt im Lager Mahmur an sich, erfüllt den Tatbestand von Art. 53 AsylG selbst- redend nicht. 6.5 Die Beschwerde ist daher gutzuheissen und das BFM ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin in Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, Asyl in der Schweiz zu gewähren. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun - desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die bei- den im Verfahren nacheinander mandatierten Rechtsvertreter der B e- schwerdeführerin haben keine Kostennote zu den Akten gereicht. Von der Einholung solcher Kostennoten kann jedoch abgesehen werden, da sich der Aufwand schätzen lässt. Unter Berücksichtigung der Bemessung s- grundsätze der Art. 7 ff. VGKE ist der Beschwerdeführerin eine Parteient- schädigung von total Fr. 2'000.– (inkl. Auslagen und M wSt), zuzuspr e- chen. (Dispositiv nächste Seite) D-427/2011 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin in Zuerkennung ihrer Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 2000.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die kantona- le Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Constance Leisinger Versand: