B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1434/2021 U r t e i l v o m 6 . A u g u s t 2 0 2 1 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiber Constantin Hruschka. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Patrik Eggenberger, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren Nordwestschweiz, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 11. März 2021 / N (…). D-1434/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer – ein minderjähriger Staatsangehöriger von Af- ghanistan – suchte am 1. Januar 2021 um Gewährung von Asyl in der Schweiz nach. Dabei gab er an, dass er Afghanistan Anfang 2019 verlas- sen habe und im Sommer 2019 in B._______ in den Dublin-Raum einge- reist sei. A.b Die Abfrage des SEM in der Eurodac-Datenbank vom 6. Januar 2021 ergab, dass der Beschwerdeführer bereits in C._______ (am 27. Oktober 2020) und in D._______ (am 28. November 2020) als Asylsuchender re- gistriert worden war. Am 8. Januar 2021 richtete das SEM Auskunftsbegeh- ren nach Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Par- laments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zustän dig ist ( Dublin- VO) an beide Staaten. D._______ teilte am 28. Januar 2021 mit, dass der Beschwerdeführer als Asylsuchender in D._______ registriert und der Auf- enthaltsort den (…) Behörden unbekannt sei (A16). C._______ teilte am 10. Februar 2021 mit, dass der Beschwerdeführer am 28. November 2020 aus der Asylunterkunft untergetaucht und das Asylgesuch des Beschwer- deführers am 11. Dezember 2020 in der «administrative phase» des Asyl- verfahrens abgelehnt worden sei (A21). Im Nachgang dazu wurde kein Dublin-Verfahren durchgeführt, sondern das Asylgesuch in der Schweiz an die Hand genommen. A.c Am 29. Januar 2021 wurde im Beisein seines mit Vollmacht vom 11. Januar 2021 im Rahmen des Asylverfahrens nach Art. 102 h Abs. 1 AsylG (SR 142.31) mandatierten Rechtsvertreters die Erstbefragung des Beschwerdeführers durchgeführt. Der Rechtsvertreter fungierte während des Aufenthalts im Zentrum des Bundes auch als Vertrauensperson für den Beschwerdeführer (Art. 17 Abs. 3 Bst. a AsylG). A.d Am 2. März 2021 wurde der Beschwerdeführ er im Beisein seines Rechtsvertreters zu seinen Gesuchsgründen angehört. B. B.a Im Rahmen der Befragung und der Anhörung führte der Beschwerde- führer zu seiner Person und seinem persönlichen Hintergrund das Fol- gende aus: Er sei ethnischer Pashtune aus dem Viertel E._______ des D-1434/2021 Seite 3 Dorfes F._______ (auch: G._______) im Distrikt H._______ in der Provinz Baghlan in Afghanistan. Seine Eltern und seine zwei jüngeren Brüder seien noch in Afghanistan, er habe weder in der Schweiz noch in Drittstaaten Bezugspersonen. Er sei im Dorf F._______ zur Schule gegangen. Auf dem Weg von Afghanistan in die Schweiz sei er mehrfach von der Polizei kon- trolliert worden, dabei seien ihm in C._______ und D._______ Fingerab- drücke abgenommen worden. B.b Der Beschwerdeführer brachte anlässlich der Befragung vor, er habe seine Heimat zur Hauptsache wegen des Krieges verlassen. Im Rahmen der Anhörung führte er an, er habe seine Heimat verlassen, weil er dort unmittelbar von einer Zwangsrekrutierung durch die Taliban bedroht gewe- sen sei. Auf die diesbezüglichen Angaben und Ausführungen des Be- schwerdeführers wird – soweit wesentlich – in den Erwägungen eingegan- gen. C. C.a Das Asylverfahren wurde im beschleunigten Verfahren gemäss Art. 26c AsylG durchgeführt. Am 9. März 2021 liess das SEM dem Be- schwerdeführer über seinen Rechtsvertreter den Entwurf des Asylent- scheids zur Stellungnahme zukommen, der eine Ablehnung des Asylge- suchs sowie eine vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs vorsah und im Wesentlichen der Verfügung vo m 11. März 2021 (dazu sogleich) entsprach. C.b Am 10. März 2021 nahm der Beschwerdeführer über seinen Rechts- vertreter Stellung zum Entscheidentwurf und verdeutlichte, dass er mit dem Entscheid, das Asylgesuch abzulehnen, nicht einverstanden sei. Es drohe ihm eine Zwangsrekrutierung durch die Taliban, welche a ls lokale, quasi- staatliche respektive private Machthaber zu gelten hätten. Dies sei als ernsthafter Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG anzusehen, der an das Alter, das Geschlecht sowie den Wohnort anknüpfe , welche nicht abänderbare Merkmale darstellten und der drohende Eingriff daher asylrelevant sei. D. Mit Verfügung vom 11. März 2021 (eröffnet am gleichen Tag) stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch ab, verbunden mit der Anordnung der Wegwei- sung aus der Schweiz. Gleichzeitig ordnete das SEM wegen Unzumutbar- keit des Wegweisungsvollzuges die vorläufige Aufnahme des Beschwer- deführers in der Schweiz an. D-1434/2021 Seite 4 In seinem Entscheid hielt das SEM auch im Lichte der Ausführungen in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf an seinen Erwägungen fest. Es ge- langte zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien nicht asylrelevant, da die Rekrutierung durch die Taliban nicht in diskriminieren- der Weise erfolge, so dass kein Verfolgungsmotiv gegeben sei. Darüber hinaus hielt das SEM fest, dass nicht anzunehmen sei, dass sich die be- fürchtete Zwangsrekrutierung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in ab- sehbarer Zukunft verwirklicht hätte . In Anbetracht dies er Erwägungen könne darauf verzichtet werden, die Glaubhaftigkeit der Vorbringen näher zu überprüfen. E. Gegen den Asylentscheid des SEM erhob der Beschwerdeführer – han- delnd durch seinen Rechtsvertreter – am 30. März 2021 Beschwerde . In seiner Eingabe beantragte er zur Hauptsache die Aufhebung der Ziffern 1– 3 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Rück- weisung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht. Im Rahmen seiner Beschwerdebegründung bestätigte und bekräftigte der Beschwerdeführer das Vorbringen, er habe seine Heimat verlassen müs- sen, weil er von den Taliban habe zwangsrekrutiert werden sollen. Diesbe- züglich machte er unter Bezugnahme auf ein Urteil des Bundesverwal- tungsgerichts (E -5072/2018 vom 17.Dezember 2020) geltend, dass die Rekrutierung durch eine private Miliz – anders als eine allgemeine Wehr- pflicht – nicht rechtstaatlich legitim sei. Die drohende Zwangsrekrutierung durch die Taliban sei daher als Verfolgung anzusehen, die an bestimmte unveränderbare Merkmale seiner Person – namentlich Alter, Geschlecht und Herkunft – anknüpfe, die dazu beitrügen, dass er einer bestimmten sozialen Gruppe zuzuordnen sei. Er solle aufgrund eines asylrechtlich re- levanten Motivs zu einem nicht legitimen Kampfeinsatz gezwungen wer- den, die bevorstehende Zwangsrekruti erung sei daher als ernsthafter Nachteil anzusehen, der auch die erforderliche Intensität aufweise. Die Zwangsrekrutierung hätte mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit bevor- gestanden, wenn der Beschwerdeführer im Herkunftsland verblieben wäre, da die Taliban nur aufgrund des zum Ausreisezeitpunkt junges Alters des D-1434/2021 Seite 5 Beschwerdeführers vorerst davon abgesehen hätten, diesen mitzuneh- men. Die Taliban hätten davon nur abgesehen, da sie gehört hätten, dass der Beschwerdeführer ausgereist sei. Die Aussagen des Beschwer deführers diesbezüglich seien detailliert, schlüssig und plausibel sowie widerspruchsfrei. Sie seien daher als glaub- haft einzustufen. F. Mit Zwischenverfügung vom 9. April 2021 entsprach das Bundesverwal- tungsgericht dem Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und um Befrei- ung von der Vorschusspflicht. In der Zwischenverfügung hielt das Gericht fest, dass die Vorinstanz auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Frage der Glaubhaftigkeit der Gesuchsvorbringen verzichtet habe, obwohl der Beschwerdeführer in sei- ner Erstbefragung ausschliesslich die allgemeine Kriegssituation in Afgha- nistan als Ausreisegrund angegeben habe. Das Gericht ziehe aufgrund der Aktenlage diesbezüglich eine Motivsubstitution in Betracht, da der Be- schwerdeführer in der Erstbefragung vom 29. Januar 2021 ausführlich und schlüssig seine Ausreisegründe vorgebracht und die drohende Zwangsrek- rutierung nicht erwähnt habe. Daher dürfe eine konkret drohende Zwangs- rekrutierung im Ausreisezeitpunkt als nicht glaubhaft gemacht zu erkennen sein. Zu di eser Frage räumte das Gericht dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur möglichen Motivsubstitution ein und gab ihm die Mög- lichkeit zur Stellungnahme beziehungsweise Beschwerdeergänzung. G. Der Beschwerdeführer – handelnd durch seine Rechtsvertretung – nahm mit Schreiben vom 26. April 2021 Stellung und verwies im Wesentlichen auf seine Minderjährigkeit im Befragungszeitpunkt. Von Minderjährigen könne in der Erstbefragung nicht erwartet werden, dass sie ihre Asylgründe aus freien Stücken vollständig und ab schliessend schon in der Erstbefra- gung schildern würden. Vielmehr sei der Verletzlichkeit und potentiellen Überforderung minderjähriger Personen genauso Rechnung zu tragen, wie der fehlenden Zeit für den Vertrauensaufbau zwischen der Vertrauensper- son und d em Minderjährigen vor der Erstbefragung. Daher könne er auf die Nichterwähnung der drohenden Zwangsrekrutierung nicht behaftet werden und eine Glaubhaftigkeitsprüfung, die die Vorbringen in der Erst- befragung zu Lasten des Beschwerdeführers berücksichtige, sei nicht zu-D-1434/2021 Seite 6 lässig. Es sei vielmehr möglich, dass in der Anhörung weitere Gründe auf- tauchten, ohne dass dies bedeute, dass die Angaben des Beschwerdefüh- rers nicht glaubhaft seien. Die vorgetragenen Gründe seien vielmehr schlüssig und es wäre an der Vorinstanz, Zweifel an den in der Anhörung genannten Gründen an der Anhörung anzusprechen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be- handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM; dabei entschei- det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vor- liegend – endgültig (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG; Art. 6 AsylG). 1.3 Im Geltungsbereich des AsylG kann mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Er- messens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechts- erheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs.1 VwVG) und die Be- schwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 Covid-19-Verordnung Asyl [SR 142.318], Art. 52 Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerde einzutreten ist. 2. Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das Bun- desrecht von Amtes wegen an und ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebunden. Folglich kann es die Be- schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis- sen oder den angefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer von der Vor- instanz abweichenden Begründung bestätigen (sog. Motivsubstitution; vgl. BVGE 2007/41 E. 2 m.w.H. und KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsver- fahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1136). Im vorliegenden Fall nimmt das Bundesverwaltungsgericht bezüglich des Kerns der Begründung des Asylgesuchs eine Motivsubstitution im erwähn-D-1434/2021 Seite 7 ten Sinn vor und würdigt die Verfolgungsvorbringen des Beschwerdefüh- rers nachfolgend un ter dem Gesichtspunkt von Art. 7 AsylG. Dem Be- schwerdeführer wurde diesbezüglich praxisgemäss das rechtliche Gehör gewährt (vgl. Sachverhalt Bst. H). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlin gseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Anspruch auf Asyl hat demnach, wer nachweisen oder zumindest glaubhaft machen kann, dass er im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Hei- mat- oder Herkunftsstaat aus einem asylrelevanten Grund ernsthaften Nachstellungen bereits ausgesetzt war oder dass er aus einem solchen Grund entsprechende Nachstellungen zumindest konkret zu fürchten hatte. Der Beschwerdeführer macht geltend, er erfülle diese Voraussetzun- gen, weil ihm an seinem Heimatort als Minderjähriger eine Zwangsrekru- tierung durch die Taliban gedroht habe, er sich aber den Taliban nicht habe anschliessen wollen. 4.2 Die Voraussetzungen für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft (sog. Einschlussgründe) müssen kumulativ vorliegen. Das bedeutet, dass wenn einer der Einschlussgründe nicht vorliegt, die Flüchtlingsanerken- nung und somit auch die Asylgewährung nicht in Betracht kommt. Insoweit ist eine bestehende Gefahr, verfolgt zu werden, Voraussetzung für die Prü- fung, ob ein Verfolgungsmotiv vorliegt. D-1434/2021 Seite 8 4.3 Der Beschwerdeführer beruft sich konkret darauf, dass die Taliban an seinem in der Provinz Baghlan gelegenen Heimatort E._______ im Distrikt H._______ in die Moschee gekommen seien und die Besucher der Mo- schee aufgefordert hätten, ihre Söhne den Taliban als Kämpfer zu überlas- sen. Einige Tage später seien sieben Taliban zu ihnen nach Hause gekom- men, um den Vater zur Übergabe des Beschwerdeführers aufzufordern. Dieser habe die Übergabe mit Hinweis auf das junge Alter des damals 14- jährigen Beschwerdeführers verweigert und habe anschliessend die Aus- reise des Beschwerdeführers organisiert. 4.4 Im Gegensatz zu den detaillierten Angaben zu seinem Hintergrund hat der Beschwerdeführer im Verlauf des erstinstanzlichen Verfahrens nur sehr vage und oberflächliche Angaben zum angeblich fluchtauslösenden Ereig- nis gemacht. Darüber hinaus hat er dieses Ereignis erst an der Anhörung zu den Asylgründen geschildert, während er sich in der Erstbefragung nur darauf berufen hat, er sei wegen des Krieges geflohen. Die Aussagen des Beschwerdeführers ge ben damit Anlass zu Zweifeln an den konkreten Rekrutierungsversuchen der Taliban in seinem Fall. Es bestehen aufgrund der Angaben und Ausführungen im Rahmen der Befragung vom 29. Januar 2021 erhebliche Zweifel an den späteren Vorbringen hinsichtlich der kon- kreten Aufforderung seitens der Taliban an seinen Vater, ihnen den Be- schwerdeführer als Kämpfer zu übergeben, und der Weigerung, einer Auf- forderung zur Rekrutierung durch die Taliban nachzukommen. Mit Blick auf die Rekrutierungspraxis der Taliban in der Provinz Baghlan lässt sich zu- dem festhalten, dass die Taliban einerseits einen stärkeren Fokus auf die Rekrutierung von Personen mit militärischer Erfahrung legen und somit ge- nerell die Zahl der rekrutierten Minderjährigen abnimmt und die Rekrutier- ten in der Regel nicht jünger als 15 Jahre alt sind (vgl. dazu etwa Landinfo, Afghanistan: Recruitment to Taliban, 29.06.2017 , https://landinfo.no/wp- content/uploads/2018/03/Afghanistan-Recruitment-to-Taliban-29062017. pdf, abgerufen am 14.07.2021). Gleichzeitig ist es nach den bestehenden Herkunftsländerinformationen insbesondere aufgrund struktureller Zwänge faktisch unmöglich, sich einem tatsächlichen Rekrutierungsversuch durch die Taliban zu entziehen. Oppositionelle haben daher nur die Möglichkeit, sich entweder sehr diskret zu verhalten , oder die Region zu verlassen (ebda.). Insofern sind die Ausführungen des Beschwerdeführers, er sei oh- nehin gegen die Taliban und habe sich einem konkreten Rekrutierungsver- such entzogen, auch vor dem Hintergrund der bestehenden Herkunftslän- derinformationen als nicht glaubhaft im Hinblick auf das fluchtauslösende Ereignis zu erkennen. D-1434/2021 Seite 9 4.5 Aufgrund der Aktenlage ist vielmehr davon auszugehen, dass der Be- schwerdeführer Afghanistan aufgrund der herrschenden Sicherheitssitua- tion verlassen hat. Er hat nämlich anlässlich der Befragung im Rahmen von insgesamt schlüssigen Angaben und Ausführungen davon berichtet, dass er seine Heimat wegen der dort herrschenden, allgemeinen Kriegslage ver- lassen habe. So hat er in der Befragung vom 29. Januar 2021 ausdrücklich vorgebracht, dass er hauptsächlich wegen des Krieges geflohen sei. Seine Eltern hätten sich nämlich gesorgt, dass der Familie etwas zustossen könnte, zumal einige Dorfbewohner bei den Gefechten – zu welchen es ständig gekommen sei – getötet worden seien. Diese Schilderungen de- cken sich mit den verfügbaren Informationen zur Situation in der Provinz Baghlan, die durch eine Zunahme der Gewalt geprägt war und ist (vgl. etwa European Asylum Support Office [EASO] , Afghanistan Security Situation, 09.2020, https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/2020_09_ EASO_COI_Report_Afghanistan_Security_ situation.pdf, Baghlan, S. 79 ff. sowie zur aktuellen Situation etwa The New York Times, Afghan War Casualty Report: May 2021, 03.06.2021, https://www.ny- times.com/2021/05/06/world/asia/afghan-war-casualty-report-may-2021. html und United Nations Assistance Mission in Afghani stan [U NAMA]/ Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights [OH- CHR], Afghanistan Annual Report on Protection of Civilians In Armed Con- flict: 2020, 23.02.2021, https://unama.unmissions.org/sites/default/files/af- ghanistan_protection_of_civilians_report_2020_revs3.pdf, all e abgerufen am 14.07.2021 ). Es darf daher ausgeschlossen werden, dass der Be- schwerdeführer sich an dieser Stelle noch vorbehalten hätte, eine konkret und individuell drohende Zwangsrekrutierung zu einem späteren Zeitpunkt detailliert zu schildern. Vielmehr deuten die Vorbringen des Beschwerde- führers und die oben dargestellten Herkunftsländerinformationen darauf hin, dass die Rekrutierungsmassnahmen der Taliban in der Heimatprovinz des Beschwerdeführers zwar stattgefunden haben, sich aber nicht konkret auf den Beschwerdeführer gerichtet haben. Der Beschwerdeführer konnte daher nicht glaubhaft machen, dass sich die allgemeinen Rekrutierungs- massnahmen der Taliban in der Provinz Baghlan gez ielt auch auf ihn be- zogen haben. Das zentrale Gesuchsvorbringen des angeblichen konkreten Rekrutierungsversuchs durch die Taliban, vermag vor dem Hintergrund der Vorbringen des Besc hwerdeführers und im Hinblick auf die oben darge- stellte Situation in der Herkunftsprovinz nicht zu überzeugen. 4.6 Im Hinblick auf die in der Replik vom 26. April 2021 seitens des Be- schwerdeführers dargetane Notwendigkeit des besonderen S chutzes von D-1434/2021 Seite 10 Minderjährigen bei der Einschätzung der Glaubwürdigkeit ist noch anzu- merken, dass auch Aussagen von Minderjährigen nicht vollständig einer Würdigung entzogen sind, insbesondere wenn sie in den Kontext der wei- teren Aussagen gesetzt werden. Da auch in der Anhörung die Schilderun- gen des Besuchs der Taliban vage und holzschnittartig waren, deuten die wenigen geschilderten Details darauf hin , dass der Besch werdeführer et- was beschreibt, das zwar in seinem Umfeld passiert ist, was er selbst aber nicht konkret erlebt hat. Die Erklärung, dass der Beschwerdeführer erst an der Anhörung genügend Vertrauen g efasst hab e, um vom Versuch der Zwangsrekrutierung zu erzählen, vermag auch aus diesem Grund nicht zu überzeugen. Eine Gesamtwürdigung aller Aussagen des Beschwerdefüh- rers und der verfügbaren Herkunftsländerinformationen ergibt, dass nicht glaubhaft gemacht ist , dass dem Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Ausreise eine Zwangsrekrutierung seitens der Taliban konkret gedroht hat. 4.7 Nach dem Gesagten ist den Vorbringen, es drohe am Herkunftsort von Seiten der Taliban bei Rückkehr eine zwangsweise Rekrutierung des Be- schwerdeführers, die Grundlage entzogen. Es besteht demzufolge für den Beschwerdeführer keine hinreichend glaubhaft gemachte Gefahr, verfolgt zu werden. Daher fällt die Frage, ob ein Verfolgungsmotiv besteht, vorlie- gend ausser Betracht. Auf die diesbezüglichen Au sführungen in der Be- schwerde ist daher nicht weiter einzugehen. 4.8 Nach vorstehenden Erwägungen sind im Falle des Beschwerdeführers keine Sachverhaltsumstände bewiesen oder zumindest glaubhaft ge- macht, welche zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft führen könnten. Die Ablehnung des Asylgesuches durch das SEM ist demnach zu bestäti- gen. Nach dem gesagten besteht keine Veranlassung zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz. Das entsprechende Eventualbegehren wird abgewiesen. 5. 5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 5.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspru ch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). D-1434/2021 Seite 11 6. Da die Vorinstanz in ihrer Verfügung vom 11. März 2021 infolge Unzumut- barkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme des Beschwer- deführers in der Schweiz angeordnet hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zum Wegweisungsvollzug (vgl. Sachverhalt Bst. D). 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt im Er- gebnis richtig sowie vollständig festst ellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be- schwerde ist daher abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten des Verfahrens grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent - schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Aufgrund der Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (nach Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist jedoch von einer Kostenauflage abzusehen. (Dispositiv nächste Seite) D-1434/2021 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Constantin Hruschka Versand: