B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3115/2019 X_START U r t e i l v o m 1 2 . M a i 2 0 2 1 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richterin Roswitha Petry, Gerichtsschreiberin Karin Parpan. Parteien A._______, geboren am (…), Nigeria, vertreten durch Rachel Brunnschweiler, Bündner Beratungsstelle für Asylsuchende, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 31. Mai 2019 / N (…). E-3115/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, nigerianischer Staatsangehöriger stammend aus dem Dorf B._______, C._______, beziehungsweise D._______, E._______, mit letztem Wohnort in F._______, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im September 2009. In der Folge r eichte er im Juni 2010 in Griechenland ein Asylgesuch ein, welches am (…) Oktober 2013 rechtskräftig abgewiesen wurde. Daraufhin habe er sich bis im Feb- ruar 2019 illegal in Griechenland aufgehalten und sei über Italien schliess- lich am (…) Februar 2019 in die Schweiz eingereist, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. B. B.a Am 8. März 2019 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Am 21. Mai 2019 wurde der Beschwerdeführer eingehend zu seinen Asylgrün- den angehört. Dabei machte er im Wesentlichen Folgendes geltend: B.b In seinem Heimatdorf habe es eine Art Gottheit gegeben und sein Va- ter sei für diese verantwortlich gewesen. Nachdem sein Vater gestorben sei, hätte der Beschwerdeführer seine Nachfolge antreten sollen. Da er und seine Mutter jedoch christlichen Glaubens seien, habe er sich geweigert, dieses Amt zu übernehmen. Die Dorfältesten und das Dorfoberhaupt hät- ten daraufhin gedroht, ihn zu töten. Er habe gehört, dass im Dorf geplan t worden sei, ihn der Gottheit zu opfern. Zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester sei er in der Folge zu seinem Onkel mütterlicherseits nach Ghana gezogen. Auch in Ghana sei er über den Onkel kontaktiert, bedroht und aufgefordert worden, ins Dorf z urückzukehren. Aus Angst habe er deshalb Ghana nach einjährigem Aufenthalt wieder verlassen und sich nach F._______ in Nigeria begeben. Dort habe er sich mit jemandem angefreundet, in dessen Dorf sich Ähnliches zugetragen habe. Diese Per- son habe ihn gewarnt, dass man ihn überall in Nigeria finden würde, wes- halb er das Land verlassen müsse. Nach etwa acht Monaten in F._______ sei er schliesslich im September 2009 in die Türkei geflogen und von dort nach Griechenland gelangt. C. Mit Verfügung vom 31. Mai 2019 – gleichentags eröffnet – verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asyl- gesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Voll- zug an. E-3115/2019 Seite 3 D. Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 14. Juni 2019 ans Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung. Da- rin beantragte er die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Asylgewährung unter Anerkennung seiner Flüchtlingseigenschaft; eventu- aliter sei aufgrund Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrens- rechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung einschliesslich Verzichts auf die Kostenvorschusserhebung sowie um Beiordnung einer amtlichen Rechtsverbeiständung, ohne in der Beschwerdeschrift eine konkrete Person zu bezeichnen; eventualiter er- suchte er um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung. E. Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh- rung mit Z wischenverfügung vom 26. Juni 2019 gut und setzte dem Be- schwerdeführer gleichzeitig Frist zur Bezeichnung einer Rechtsverbeistän- dung im Sinn von aArt. 110a AsylG. Die Vorinstanz wurde überdies zur Ver- nehmlassung eingeladen. F. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers, MLaw Rachel Brunnschwei- ler, zeigte mit Eingabe vom 1. Juli 2019 ihr Mandatsverhältnis gegenüber dem Bundesverwaltungsgericht an. G. Die Vorinstanz liess sich am 2. Juli 2019 zur Beschwerde vernehmen und hielt dabei vollumfänglich an ihren Erwägungen in der angefochtenen Ver- fügung fest. H. Mit Zwischenverfügung vom 10. Juli 2019 wurde die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers als dessen amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt und dem Beschwerdeführer wurde die Vernehmlassung zusammen mit einer Einladung zur Replik übermittelt. I. Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 11. Juli 2019 (Ein- gangsdatum Bundesverwaltungsgericht: 16. Juli 2019) und hielt an seinen Rechtsbegehren fest. E-3115/2019 Seite 4 J. J.a Mit Verfügung vom 18. März 2021 teilte die Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer ihre Absicht mit, unter Umständen wegen fehlender ak- tueller Bedürftigkeit die mit Zwischenverfügung vom 26. Juni 2019 ge- währte unentgeltliche Prozessführung zu widerrufen. Sie gewährte ihm hierzu das rechtliche Gehör und stellte ihm ein Formular zur Abklärung sei- ner finanziellen Verhältnisse zu. J.b Mit Eingabe vom 23. März 2021 hielt der Beschwerdeführer fest, er verfüge über eine Festanstellung und sei nicht mehr bedürftig. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist – unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung – einzutreten. 1.4 Der vorliegenden Beschwerde kommt von Gesetzes wegen aufschie- bende Wirkung zu und diese wurde von der Vorinstanz auch nicht entzogen (Art. 55 VwVG). Auf den Eventualantrag um Gewährung der aufschieben- den Wirkung der Beschwerde ist deshalb nicht einzutreten. E-3115/2019 Seite 5 2. Die Kognition des B undesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Asylentscheid im We- sentlichen mit der mangelnden Asylrelevanz der Vorbringen. In Nigeria be- stehe staatlicher Schutz durch die Strafverfolgungsbehörden. Der nigeria- nische Staat, vorliegend die Polizeiorgane, seien zudem grundsätzlich schutzwillig. Es lägen keine Hinweise darauf vor, das s dieser Schutzwille im Fall des Beschwerdeführers nicht gegeben gewesen sei. Er mache gel- tend, nicht versucht zu haben, polizeilichen Schutz zu erhalten. Soweit er behaupte, die Polizei mische sich nicht in traditionelle Angelegenheiten von Dörfern ein, h andle es sich dabei lediglich um eine Vermutung. Daraus lasse sich nicht ableiten, dass die Polizei bei den geltend gemachten schweren Drohungen ihm gegenüber – Mord und Menschenopfer – nicht schutzwillig gewesen wäre. Vielmehr sei es ihm zuzumuten gewesen, sich aufgrund der geltend gemachten Probleme an die Behörden zu wenden und deren Schutz in Anspruch zu nehmen. Im Übrigen hielt die Vorinstanz fest, dass er die Bedrohungen nur sehr knapp und unsubstanziiert geschil- dert habe und nicht der Eindruck entste he, er habe von selbst erlebten Drohungen berichtet. Angesichts der mangelnden Asylrelevanz erübrige es sich jedoch, auf die Glaubhaftigkeit der Vorbringen einzugehen. 3.2 Zur Begründung seines Rechtsmittels führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, die vorinstanzliche Einschätzung, wonach er die hei- matlichen Behörden um Schutz hätte angehen können, sei unzutreffend und seine Vorbringen somit von asylrechtlicher Relevanz . Die nigeriani- sche Polizei missbrauche häufig ihre Macht und handle unvorhersehbar, weshalb ein Grossteil der Bevölkerung ihr misstraue. Die Polizei sei zudem selbst in illegale Geschäfte verwickelt, weshalb sie sich nicht darum küm- mere, ob Teile der rituellen Praxis in den Dörfern illegal seien. Nigeria gelte ausserdem als Hochburg von Ritualverbrechen und rituelle Tötungen seien im gesamten Land verbreitet. Insbesondere im Gebiet , aus dem er stamme, seien solche Ritualmorde offiziell bestätigt und es könne kaum dagegen vorgegangen werden. Als alleinstehender Mann ohne Familie werde er völlig schutzlos und somit ein ideales Opfer für Kriminelle sein, die entweder im Auftrag der Dorfbewohner nach ihm suchen würden oder die mit menschlichen Körperteilen handelten. Vor dem Hintergrund seiner sozialen Isolation präsentiere sich jedenfalls der Wegweisungsvollzug als E-3115/2019 Seite 6 unzumutbar. Er verfüge über keinerlei Sozialkontakte und könn e auch keine nennenswerte Schulbildung, geschweige denn Ausbildung vorwei- sen. Insofern habe er Angst, bei einer Rückkehr auf der Strasse leben zu müssen und Kriminellen und Spionen aus seinem Dorf schutzlos ausgelie- fert zu sein. 3.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz zunächst aus, aus dem geltend gemachten Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Polizei könne weder generell noch im konkreten Fall auf deren fehlende Schutz- willigkeit und Schutzfähigkeit geschlossen werden. Die in der Beschwerde- schrift zitierten Quellen zur Verbreitung von Ritualmorden würden ihrerseits von Gesetzen gegen diese Praxis und auch von entsprechenden Sanktio- nen der Täter berichten. Insofern werde das Vorkommen von Ritualmorden in Nigeria nicht bestritten, es liessen sich jedoch keine Rückschlüsse auf die mangelnde Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit der Behörden gegen- über dem Beschwerdeführer ziehen. 3.4 Auf Replikebene brachte der Beschwerdefüh rer im Wesentlichen vor, sich fast genauso sehr vor den Polizeibehörden wie vor seinen eigentlichen Verfolgern zu fürchten, da er um die kriminellen Praktiken der Polizei wisse. Somit sei es ihm subjektiv nicht zumutbar, die Polizei um Schutz zu ersu- chen. Soweit das SEM in seiner Verfügung von der grundsätzlichen Schutzwilligkeit der Polizei ausgehe, sei festzustellen, dass diverse euro- päische Asylgerichte in Bezug auf Menschenhandel eine mangelnde Schutzfähigkeit der nigerianischen Behörden angenommen hätt en. Auf den Schutzwillen und insbesondere die Schutzfähigkeit sei somit kein Ver- lass, wobei für seinen tatsächlichen Schutz beides nötig sei. Die Existenz von Gesetzen gegen Ritualmorde biete keinen ausreichenden Schutz, da mangels finanzieller Ressourcen, wegen einem hohen Korruptionsgrad und der grossen Bedeutung traditioneller Autoritäten keine effektive Straf- verfolgung stattfinde. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsuchende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit be- achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungs- motive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. E-3115/2019 Seite 7 BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen (BVGE 2010/57 E. 2.5). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2., 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutz - theorie ist somit die flüchtlingsrechtliche Relevanz einer nichtstaatlichen Verfolgung vom Vorhandensein eines adäquaten Schutzes durch den Hei- matstaat abhängig. Dieser Schutz ist als hinreichend zu qualifizieren, wenn die betroffene Person effektiven Zugang zu einer funktionierenden und ef- fizienten Schutzinfrastruktur hat und ihr die Inanspruchnahme eines sol- chen innerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdeführers zu Recht als flüchtlingsrechtlich nicht relevant qualifiziert hat. Der Beschwer- deführer vermag mi t seinen Ausführungen in der Beschwerdeschrift den Erwägungen des SEM letztlich nichts entgegenzusetzen, das geeignet wäre, zu einer anderen Einschätzung zu führen. Somit kann zur Vermei- dung von Wiederholungen vorab auf die diesbezüglichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. act. A20/6 Ziff. II S. 3). Als Wesentlich wird Folgendes erachtet: E-3115/2019 Seite 8 5.2 Die vom Beschwerdeführer geschilderten Drohungen infolge seiner Weigerung, das religiöse Amt seines Vaters zu übernehmen, sind auf Mit- glieder der Dorfgemeinschaft – und somit flüchtlingsrechtlich gesehen auf Drittpersonen – zurückzuführen. Insofern bleibt zu prüfen, ob für de n Be- schwerdeführer die Inanspruchnahme staatlichen Schutzes im Heimat- staat möglich war. Diesbezüglich machte der Beschwe rdeführer im Rah- men der Anhörungen geltend, die heimatlichen Behörden nicht um Schutz ersucht zu haben, da diese sich nicht in solche Dorfangelegenheiten ein- mischen würden respektive die Polizei selbst Angst vor solchen Sachen habe (vgl. act. A19/11 F32, F61). Auf Beschwerdeebene fügte er ausser- dem an, Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Polizei sei in Nigeria weit verbreitet, weshalb es ihm subjektiv nicht zumutbar gewesen sei, sich an die Behörden zu wenden (vgl. Beschwerde S. 2 und Replik S. 4). 5.3 Es mag zwar sein, dass die nigerianischen Behörden sich nicht in je- dem einzelnen Fall als schutzwillig und schutzfähig erweisen, was jedoch unter dem flüchtlingsrechtlichen Begriff der Schutzwilligkeit und -fähigkeit auch nicht verlangt wird. Von einer generellen Schutzunfähigkeit und –wil- ligkeit geht das Gericht aber nicht aus. Letztlich kann vorliegend eine ein- gehende Beurteilung der Schutzwilligkeit und -fähigkeit der nigerianischen Behörden im konkreten Fall ohnehin unterbleiben, da der Beschwerdefüh- rer überhaupt nicht erst versucht hat, sich schutzsuchend an die heimatli- chen Behörden zu wenden. Dies kann ihm nun insofern entgegengehalten werden, als er den Behörden gar keine Möglichkeit zur Schutzgewährung gegeben hat, weshalb diesbezüglich auf die Subsidiarität des flüchtlings- rechtlichen Schutzes zu verweisen ist (vgl. beispielsweise BVGer Urteil E- 2390/2020 vom 15. Mai 2020 S. 11). Der in der Beschwerde erstmals vor- gebrachte Einwand, wonach er sich aufgrund des gesellschaftlich veran- kerten Misstrauens gegenüber der Polizei nicht an diese habe wenden kön- nen, vermag nicht zu überzeugen, zumal der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörungen keine derartigen Vorbehalte gegenüber den nigeriani- schen Behörden geäussert hatte. Soweit im Übrigen in der Replik die man- gelnde Schutzfähigkeit der Behörden vorgebracht wird , erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit d iesem Einwand, bezieh t er sich doch auf die Problematik des Menschenhandels (vgl. Replik S. 1). 5.4 Unter dem Aspekt der fehlenden Asylrelevanz i st auch festzuhalten, dass es keinen Grund zur Annahme gibt, der Beschwerdeführer könne sich nicht an einem anderen Ort – insbesondere in einer nigerianischen Gross- stadt – aufhalten. Entgegen seinen Befürchtungen, überall in Nigeria ge- funden zu werden, ist kaum vorstellbar, dass er heute, rund dreizehn Jahre E-3115/2019 Seite 9 nach dem Verlassen seines Dorfes, in ganz Nigeria gesucht wird respektive überall wiedererkannt würde. Dieser Eindruck verstärkt sich vor dem Hin- tergrund, dass der Beschwerdeführer im Jahre 2009 bereits einmal nach Nigeria zurückgekehrt ist und dort während (…) Monaten unbehelligt in F._______ lebte ( vgl. act. A19/11 F38 ). Die definitive Ausreise ab F._______ sei nach Aussagen des Beschwerdeführers denn auch lediglich auf Anraten eines Freundes hin erfolgt, in dessen Dorf sich Ähnliches zu- getragen habe (vgl. act. A19/11 F40). Insofern ergeben sich auch gewisse Zweifel sowohl am zeitlichen als auch am sachlichen Kausalzusammen- hang der Vorbringen. Insgesamt ist somit nicht davon auszugehen, der Be- schwerdeführer habe im heutigen Zeitpunkt begründete Furcht vor ernst- haften Nachteilen im Sinn von Art. 3 AsylG. 5.5 Im Ergebnis bedarf der Beschwerdeführer keines internationalen Schutzes (vgl. BVGE 2011/51 E. 7), weshalb seine Vorbringen als nicht asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG zu qualifizieren sind. 5.6 Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgewiesen hat. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt namentlich weder über eine ausländer- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, E-3115/2019 Seite 10 wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Dritt staat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be- schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asyl rechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 7.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh- rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus- gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men- schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un- menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge- gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschen rechtssituation im Heimatstaat E-3115/2019 Seite 11 lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. 7.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.3.1 Weder die allgemeine Lage im Heimatstaat des Beschwerdeführers noch individuelle Gründe lassen darauf schliessen, dass der Beschwerde- führer im Falle einer Rückkehr einer Gefahr ausgesetzt wäre, weshalb der Vollzug der Wegweisung vorliegend zumutbar ist. Es ist zwar davon aus- zugehen, dass er aufgrund mangelnder Sozialkontakte bei seiner Rück- kehr erschwerte Reintegrationsbedingungen vorfinden wird. Es erscheint dennoch unwahrscheinlich, dass er in Nigeria in eine existenzbedrohende Notlage geraten oder besonders schutzlos und somit für Kriminelle leicht angreifbar sein wird, zumal er – soweit den Akten zu entnehmen ist – ge- sund und arbeitsfähig ist . Es dürfte ihm als Christ überdies möglich sein, sich im Rahmen christlicher Glaubensgemeinschaften ein soziales Netz- werk aufzubauen. In Bezug auf seine finanzielle Lage nach der Rückkehr steht dem Beschwerdeführer – nebst den Einkünften aus seiner Erwerbs- tätigkeit in der Schweiz – die Möglichkeit offen, in der Schweiz finanzielle Rückkehrhilfe zu beantragen. 7.3.2 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). E-3115/2019 Seite 12 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verf ügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Mit Zwischenverfügung vom 26. Juni 201 9 wurde das mit der Be- schwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess- führung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) gutgeheissen und es wurde auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses (Art. 64 Abs. 3 VwVG) verzichtet. Gemäss Stellungnahme des Beschwerdefü hrers vom 23. März 2021 haben sich seine finanziellen Verhältnisse zwischenzeitlich in relevanter Weise verän- dert, so dass er ist nicht mehr als bedürftig zu erachten ist. Die Ziffer 2 des Dispositivs der Instruktionsverfügung vom 26. Juni 2019 ist deshalb wie- dererwägungsweise in diesem Punkt aufzuheben und der Antrag auf Be- willigung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Wirkung ex nunc abzuweisen (vgl. BGE 122 I 322 E. 2c; EMARK 2000 Nr. 6 E. 9) . Folglich sind dem Beschwerdeführ er mangels heutiger pro- zessualer Bedürftigkeit die Kosten des Verfahrens von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun- gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) aufzuerle- gen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). 9.2 Mit Zwischenverfügung vom 10. Juli 2019 wurde MLaw Rachel Brunn- schweiler als amtliche Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers einge- setzt. Nachdem die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht mehr erfüllt sind und der entsprechende Entscheid vom 26. Juni 2019 wiederer- wägungsweise aufgehoben wurde, mangelt es auch an den Voraussetzun- gen für die Bestellung eines Anwaltes im Sinne von aArt. 110a AsylG. Folg- lich ist die Ziffer 1 des Dispositivs der Zwischenverfügung vom 10. Juli 2019 ebenfalls wiedererwägungsweise aufzuheben und das Gesuch um Beiord- nung einer unentgeltlichen Rechtsvertretung mit Wirkung für die Zukunft (vgl. MARTIN KAYSER/RAHEL ALTMANN, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2019, Rz. 51 zu Art. 65) abzuwei- sen. Demnach ist der Rechtsvertreterin ein amtliches Honorar für die bis anhin notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb das Honorar aufgrund der Akten festzulegen ist (Art. 14 Abs. 2 VGKE), wobei sich vorliegend der Auf- wand zuverlässig abschätzen lässt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehen-E-3115/2019 Seite 13 den Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) und dem in der Zwischenver- fügung vom 10. Juli 2019 kommunizierten Stundenansatz ist das Honorar auf insgesamt Fr. 200.– (inkl. aller Auslagen) festzulegen. (Dispositiv nächste Seite) E-3115/2019 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Ziffer 2 des Dispositivs der Instruktionsverfügung vom 26. Juni 2019 wird im Sinne der Erwägungen aufgehoben. Der Antrag auf Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung wird abgewiesen. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Die Ziffer 1 des Dispositivs der Zwischenverfügung vom 10. Juli 2019 wird wiedererwägungsweise aufgehoben. Das Gesuch um Beiordnung einer unentgeltlichen Rechtsvertretung wird mit Wirkung für die Zukunft abge- wiesen. MLaw Rachel Brunnschweiler wird zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar für die bis anhin notwendigen Aufwendungen von Fr. 200.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Karin Parpan Versand: