B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3293/2016 U r t e i l v o m 2 1 . O k t o b e r 2 0 1 6 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting-Schalch, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren am (…), gemäss eigenen Angaben China (Volksrepublik), vertreten durch lic. iur. Rapten Dahortsang, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 22. April 2016 / N (…). D-3293/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin gelangte gemäss eigenen Angaben am 11. De- zember 2012 in die Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl ersuchte. B. Sie wurde am 31. Dezember 2012 zu ihrer Person und zum Reiseweg so- wie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Eine eingehende Anhörung zu ihren Asylgründen fand am 5. Mai 2014 statt. Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch damit, dass sie aus Ti- bet stamme. In ihrer Heimat habe sie politische Plakate aufgehängt, wes- halb sie gefährdet sei. Als Beweismittel reichte sie im vorinstanzlichen Verfahren eine Identitäts- karte sowie einen kopierten Auszug aus dem Familienbüchlein (Hukou) ein. C. Mit Verfügung vom 21. Mai 2014 lehnte das Bundesamt für Migration (BFM, heute: SEM) das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Das BFM begründete seine Verfügung damit, dass die angebliche Herkunft der Beschwerdeführerin nicht glaubhaft sei. Zum einen habe sie hinsicht- lich ihrer Identitätskarte keine genauen Angaben über deren Ausstellung machen können. Gemäss den Erkenntnissen des BFM sei die Gültigkeit von Identitätskarten für Personen, welche Identitätskarten im Alter zwi- schen 26 und 45 Jahren beantragten, länger als die in der Identitätskarte der Beschwerdeführerin angegebenen zehn Jahre. Auch sei in der Identi- tätskarte ein anderer Wohnort und eine andere Gemeinde aufgeführt als der von der Beschwerdeführerin angegebene Herkunfts - und Wohnort. Zum anderen sei die Beschwerdeführerin nicht in der Lage gewesen, nä- here Angaben über ihren Herkunftsort und deren nähere Umgebung zu machen. Sie spreche auch kaum Chinesisch. Dies sei für eine chinesische Staatsbürgerin höchst unüblich, zumal davon auszugehen sei, dass Per- sonen bei einer Sozialisation in Tibet in der Lage sein müssten, zumindest einfache Alltagskonversationen auf Chinesisch zu führen. Auch die Anga- ben der Beschwerdeführerin zu ihrer illegalen Ausreise seien oberflächlich D-3293/2016 Seite 3 ausgefallen. Schliesslich habe sie auch hinsichtlich ihrer Verfolgungsvor- bringen widersprüchliche und oberflächliche Aussagen gemacht. Daher könne ihr die angebliche tibetische Herkunft sowie die Staatsangehörigkeit nicht geglaubt werden. Daran vermöge auch die eingereichte Identitäts- karte nichts zu ändern, da diese erfahrungsgemäss käuflich erwerbbar sei und die dortigen Angaben teils nicht mit denjenigen der Beschwerdeführe- rin übereinstimmen würden. D. Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin am 20. Juni 2014 beim Bun- desverwaltungsgericht an. Zur Begründung wurde unter anderem entgeg- net, die Echtheit der Identitätskarte lediglich aufgrund der fraglichen Gül- tigkeitsdauer anzuzweifeln, sei nicht überzeugend. Die Vorinstanz be- haupte bloss, dass die übliche Geltungsdauer mehr als zehn Jahre be- trage, ohne dies mit weiteren, zu überprüfenden Angaben zu belegen. Schliesslich nahm die damalige Rechtsvertreterin zu den übrigen Argu- menten der Vorinstanz Stellung, wonach an der tibetischen Herkunf t der Beschwerdeführerin, ihrer Verfolgungsvorbringen und der illegalen Aus- reise zu zweifeln sei. Als Beweismittel wurden mehrere Fotos und Auszüge aus Google-Maps eingereicht. E. Im Rahmen der Vernehmlassung ergänzte das BFM unter anderem, dass die Erkläru ng der Beschwerdeführerin, ihre Identitätskarte sei lediglich zehn Jahre gültig, den Länderinformationen widerspreche. Die von der Be- schwerdeführerin eingereichten Fotos vermöchten keinen Beweis für die angebliche Herkunft zu erbringen, da sie nicht zwinge nd in China erstellt worden seien. Die Landschaftsfotos, auf welchen die Beschwerdeführerin nicht zu sehen sei, seien ebenfalls nicht geeignet, die Herkunft zu bewei- sen. Die Beschwerdeführerin wendete in der Replik unter anderem ein, dass die eingereichte Identitätskarte in Tat und Wahrheit 20 Jahre gültig sei und der Vorwurf des BFM, es handle sich um eine Fälschung, da sie nur 10 Jahre gültig sei, auf einer falschen Sachverhaltsermittlung beruhe. F. Mit Urteil D-3420/2014 vom 20. August 2015 hob das Gericht die Verfügung vom 21. Mai 2014 auf und wies die Sache zur Neubeurteilung an die Vor- instanz zurück. D-3293/2016 Seite 4 G. Am 12. Oktober 2015 führte die Fachstelle LINGUA des SEM eine Analyse der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse und der Sprache der Beschwer- deführerin durch. Der LINGUA-Bericht kam zum Schluss, dass die Soziali- sation der Beschwerdeführerin sehr wahrscheinlich nicht in der von ihr an- gegebenen Region in Tibet, sondern vielmehr im exiltibetischen Milieu er- folgt sei. H. Mit Schreiben vom 12. Januar 2016 gewähr te das SEM der Beschwerde- führerin das rechtliche Gehör zu den Ergebnissen der LINGUA-Analyse. I. Am 23. Februar 2016 hörte sich die Beschwerdeführerin die Aufzeichnung des LINGUA-Gesprächs an. Am 1. März 2016 nahm sie Stellung zur Ana- lyse. J. Mit Verfügung vom 22. April 2016 (Eröffnung am 25. April 2016) verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. K. Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin mit Eingabe ihres Rechts- vertreters vom 25. Mai 2016 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie be- antragte sinngemäss die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die Sache zur erneuten Entschei- dung an das SEM zurückzuweisen. Eventualiter sie die Beschwerdeführe- rin als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der aufschiebenden Wir- kung sowie der unentgeltlichen Prozessführung und amtlichen Rechtsver- beiständung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG i. V.m. Art. 110 a AsylG (SR 142.31) ersucht. Als Beweismittel wurden Kopien der Eingaben aus dem Verfahren D-3420/2014, eine Übersetzung der Identitätskarte und ein einzelnes Blatt aus dem Hukou eingereicht. D-3293/2016 Seite 5 L. Mit Zwischenverfügung vom 1. Juni 2016 teilte das Gericht der Beschwer- deführerin mit, dass der Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zukomme. Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung wurde unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung gut- geheissen. Hinsichtlich des Antrags auf Gewährung der amtlichen Rechts- verbeiständung wurde dem Rechtsvertreter Gelegenheit geboten, den Nachweis der beruflichen Befassung mit der Beratung und Vertretung von Asylsuchenden zu erbringen. M. Mit Eingabe vom 13. Juni 2016 wurde eine Fürsorgebestätigung nachge- reicht und das Gesuch um Gewährung der amtlichen Verbeiständung zu- rückgezogen. N. Am 20. Juni 2016 reichte die Beschwerdeführerin eine Kopie des Urteils D-3420/2014 vom 20. August 2015 ein. O. Mit Vernehmlassung vom 11. Juli 2016 äusserte sich das SEM zur Be- schwerdeschrift, während die Beschwerdeführ erin mit Eingabe vom 18. August 2016 replizierte. P. Am 22. August 2016 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eine Kostennote ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche D-3293/2016 Seite 6 Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Be - schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Sc hweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnah men, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). D-3293/2016 Seite 7 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch damit, dass sie chi- nesische Staatsangehörige tibetischer Ethnie sei und aus dem Dorf B._______, Gemeinde C._______, Kreisbezirk D._______, Kreis E._______, Provinz F._______ (Volksrepublik China) stamme, wo sie von Geburt bis zu ihrer Ausreise gelebt habe. Sie habe weder eine Schule be- sucht noch einen Beruf erlernt und sei bei ihren Eltern landwirtschaftlich tätig gewesen. Am 6. September 2012 habe sie zusammen mit einer Freundin protibetische Plakate angebracht. Kurz darauf sei ihre Freundin verhaftet worden. Aus Furcht, ebenfalls verhaftet zu werden, habe die Be- schwerdeführerin ihren Heimatstaat verlassen. Mit Hilfe eines Schleppers sei sie in die Schweiz geflüchtet. 4.2 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass die LINGUA-Ana- lyse hinsichtlich der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse festhalte, dass die Beschwerdeführerin zwar über gewisse Kenntnisse verfüge, ihr Wissen aber auch markante Lücken aufweise. Mehrere Aussagen würden eine Hauptsozialisation im Kreis E._______ eher zweifelhaft erscheinen lassen. So habe sie eine veraltete administrative Bezeichnung verwendet, was eine Ausreise im Jahre 2012 unwahrscheinlich mache. Sie sei auch nicht mit dem korrekten Namen des Kreisbezirks vertraut gewesen. Die angege- bene Distanz zwischen dem Heimatdorf zu einem wichtigen Kloster sei falsch und sie habe fälschlicherweise angegeben, dass kein Weizen ange- pflanzt werde, was erstaune, da sie gemäss eigenen Angaben in der Land- wirtschaft tätig gewesen sei. Ihr sei nicht bekannt gewesen, wo genau man zwecks Ausstellung eines Personalausweises vorzusprechen habe. Ferner habe sie keine Ämter, Banken und Telekommunikationsunternehmen in der Kreishauptstadt nennen können. Gemäss der sachverständigen Person seien die Kenntnisse der Beschwerdeführerin erlernbar und müssten nicht zwingend vor Ort in Tibet erworben worden sein, während sich die fehlen- den Kenntnisse auf Informationen bezögen, welche weniger leicht erlern- bar seien, sondern sich vielmehr aus Erfahrungen des alltäglichen Lebens ergäben. Die Sprache der Beschwerdeführerin habe auf allen Ebenen (Phonetik/Phonologie, Morphologie und Lexikon) eine Vermisc hung des heimatlichen Dialekts mit dem (…)-Dialekt respektive de r exiltibetischen Koine aufgewiesen. Die Morphologie weise Merkmale auf, welche typisch für die exiltibetische Koine seien. Ferner verfüge die Beschwerdeführerin über sehr geringe Kenntnisse der chinesischen Sprache. Auffällig sei, dass sie auf Chinesisch die Wörter für Tibeter und Chinese vertausche; ein Feh- ler, der bei einer Tibeterin aus Tibet äussert merkwürdig wäre. Ausserdem D-3293/2016 Seite 8 hätten ihre Chinesisch-Kenntnisse Lücken, welche für einheimische Tibe- terinnen untypisch seien. Die sachverständige Person habe daraus ge- schlossen, dass die Beschwerdeführerin Tibet – falls sie dort gelebt haben sollte – nicht erst im Jahre 2012 verlassen habe. Als Fazit halte die Analyse fest, dass die Beschwerdeführe rin sehr wahrscheinlich nicht im Kreis E._______, sondern in einer exiltibetischen Gemeinschaft hauptsozialisiert worden sei. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs habe die Beschwerdeführerin einge- wendet, dass sie drei Klöster erwähnt und nur vage Distanzangaben, wel- che ohnehin vom Marschtempo einer Person abhängig seien, gemacht habe. Gegenüber der Rechtsvertreterin habe sie noch zwei weitere Klöster erwähnt. Die genaue Bezeichnung des Amtes, welches Personalausweise ausstelle, kenne sie nicht, sondern wisse lediglich, dass sich dieses bei der Polizei befinde. Sie sei bei der Ausstellung ihres Ausweises von ihrem Va- ter begleitet worden, welcher sie geführt habe. Sie sei überdies in der Lage anzugeben, wo sich das Amt und wo sich das Spital befänden. Die sach- verständige Person habe den Dialekt der Beschwerdeführerin nicht immer verstanden, sie aber stets aufgefordert, in ihrem Dialekt zu sprechen. Meh- rere Wörter habe die sachverständige Person nicht gekannt. Es stelle sich somit die Frage, inwiefern diese üb erhaupt in der Lage sei, eine linguisti- sche Einschätzung vorzunehmen. Ausserdem erstaune es nicht, dass die Sprache Einflüsse der exiltibetischen Koine aufweise, da die Beschwerde- führerin seit 2012 in der Schweiz lebe. Sie kenne einzelne chinesische Wörter und es sei in diesem Zusammenhang zu beachten, dass sie nie zur Schule gegangen sei. Diese Stellungnahme vermöge das Resultat der LINGUA-Analyse nicht zu widerlegen. Die sachverständige Person sei genügend qualifiziert und durchaus in der Lage, einen linguistischen Bericht zu erstellen. Es sei nicht plausibel, dass die Beschwerdeführerin während ihres rund dreieinhalbjäh- rigen Aufenthalts in der Schweiz dermassen ihren heimatlichen Dialekt ver- lernt habe. Zur eingereichten Kopie des Hukou sei zu erwähnen, dass ein kopierter Auszug leicht fälschbar sei. Es sei ferner nicht nachvollziehbar, wieso diese Kopie erst mehrere Jahre nach der Ankunft in der Schweiz eingereicht worden sei und wieso sie in der Anhörung das Hukou nicht kor- rekt habe beschreiben können. Des Weiteren könne auf die Ausführungen in der Verfügung vom 21. Mai 2014 sowie die Vernehmlassung vom 22. Juli 2014 verwiesen werden. D-3293/2016 Seite 9 Die LINGUA-Analyse entziehe dem Asylgesuch jegliche Grundlage und die Asylgründe sowie die geschilderte Ausreise seien da her nicht glaubhaft. Vielmehr sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin vor ihrer Ankunft in der Schweiz nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exiltibetischen Diaspora gelebt habe. In Anwendung der ge ltenden Praxis sei somit davon auszugehen, dass keine flüchtlings- und wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rück- kehr an den bisherigen Aufenthaltsort bestünden. 4.3 Diesen Erwägungen wurde in der Beschwerdeschrift entgegnet, dass das SEM bereits einmal erfolglos behauptet habe, die Beschwerdeführerin sei nicht in Tibet sozialisiert worden. Dieser Entscheid sei vom Bundesver- waltungsgericht kassiert worden. Zur Begründung habe das Gericht aus- geführt, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin nicht derart unplausi- bel, substanzarm und widersprüchlich seien, als dass eine Herkunft aus Tibet offensichtlich zu verneinen wäre. Weiter sei das Gericht zum Schluss gekommen, dass die von der Beschwerdeführerin eingereichte Identitäts- karte mit fraglicher Begründung in Zweifel gezogen worden sei. Das SEM habe in der Folge zwar eine LINGUA -Analyse in Auftrag gegeben, indes- sen die Ausführungen des Gerichts betreffend die Herkunft der Beschwer- deführerin und die Identitätskarte offenkundig ausser Acht gelassen. Die Identitätskarte sei bereits im Empfangs- und Verfahrenszentrum einge- reicht worden. Für die Behauptung des SEM, dabei handle es sich um eine Fälschung, würden keine Beweise vorliegen. Es möge zwar vorkommen, dass Identitätskarten gefälscht würden, was wohl aber nur unter sehr schweren Bedingungen machbar respektive nur von äusserst raffinierten Betrügern durchführbar wäre. Dazu bedürfte es Kontakt zu illegalen Krei- sen und eine hohe kriminelle Energie, zumal es sich um eine Urkundenfäl- schung handle. Die arglose, einfache und schulisch ungebildete Beschwer- deführerin sei dazu nicht in der Lage und sie käme nie auf die Idee, die Behörden zu täuschen oder zu betrügen. Im Übrigen sei die Beschwerde- führerin auf der Identitätskarte unschwer zu erkennen. Obschon die Iden- titätskarte belege, dass die Beschwerdeführer in in Tibet gelebt habe und dort sozialisiert worden sei, habe die Vorinstanz diese Tatsache nicht ge- würdigt. Das SEM habe bis heute die Echtheit des Dokuments nicht über- prüft und somit seine Beweisabnahmepflicht ver letzt. Das Bundesverwal- tungsgericht habe das SEM angehalten, die Echtheit der Identitätskarte zu überprüfen. Das SEM äussere sich jedoch mit keinem Wort zum Doku- ment. Als weiteren Beweis für die Sozialisation habe die Beschwerdefüh-D-3293/2016 Seite 10 rerin bereits eine Kopie ihres Hukou eingereicht. Mittlerweile liege der Aus- zug im Original vor, welcher hiermit ins Recht gelegt werde. Dadurch werde der vorinstanzlichen Argumentation, es handle sich lediglich um eine Kopie respektive eine Fälschung, der Boden entzogen. Wäre die Beschwerde- führerin in einer exiltibetischen Gemeinschaft sozialisiert worden, hätte sie wohl kaum einen Original-Auszug beschaffen können. Das Hukou sei Vo- raussetzung für die Ausstellung einer Identitätskarte. Die Angaben im Hu- kou würden sich mit denjenig en in der Identitätskarte decken. So hätten beide Dokumente dieselbe Nummer und seien auch sonst inhaltlich iden- tisch. Die Beschwerdeführerin habe mehrere Fotos eingereicht, welche sie in verschiedenen Situation und mit verschiedenen Personen in ihrer Heimat- region zeigen würden. Auch dies belege ihre Sozialisation in Tibet. Die LINGUA-Analyse sei nicht korrekt. Zunächst sei festzuhalten, dass das Informationsblatt über den Werdegang des Experten dem Schreiben des SEM nicht beigelegen habe, so dass die Bes chwerdeführerin nicht wisse, über welchen Lebenslauf und welche Qualifikationen der Experte verfüge. Es müsse davon ausgegangen werden, dass ihm die notwendigen Kennt- nisse über die Heimat der Beschwerdeführerin schlicht abgehen würden. Das SEM räume selbst ein, dass die Beschwerdeführerin gewisse Kennt- nisse in Bezug auf die Landeskunde und die Kultur habe und auch hinsicht- lich des Schulwesens zutreffende Angaben gemacht habe. Wieso das SEM dennoch zum Schluss komme, die Hauptsozialisation könne nicht dort stattgefunden haben, sei nicht nachvollziehbar. Sie habe sämtliche Fragen zu den Verwaltungseinheiten korrekt beantwortet. Sollte dem nicht so sein, so liege das in der mangelnden Schulbildung begründet. So habe sie dem Experten, welcher im Übrigen der Sprache der Beschwerdeführerin in gros- sen Teilen nicht mächtig sei und viele Ausdrücke nicht verstanden habe, mitgeteilt, dass sie aus dem Kreisbezirk G._______ stamme. Dieser habe vier politische Untereinheiten, welche in etwa die Bedeutung einer politi- schen Gemeinde hätten, sogenannte „shangs“, nämlich H._______, I._______, J._______ und K._______. Jede „shang“ umfasse mehrere Dörfer. So auch dasjenige der Beschwerdeführerin namens B._______, welches dem H._______ angehöre. Die eingereichte Identitätskarte nenne nicht B._______, sondern L._______, was chinesisch für M._______ stehe. M._______ liege geografisch neben B._______ und gehöre zu die- sem Dorf. Die Behauptung des SEM in der Anhörung, wonach es keine Gemeinde im Kreis E._______ gebe, die N._______ oder O._______ heisse, sei deshalb tatsachenwidrig. Hinzu komme, dass das SEM die D-3293/2016 Seite 11 Existenz von P ._______, was G._______ entspreche, in der Anhörung zu Unrecht vernein t habe . Wie bereits erwähnt, habe der Experte die Be- schwerdeführerin oft nicht verstanden. So habe sie etwa auf die Frage, was Q._______ bedeute, erklären müssen, dass es sich dabei um ein Dorf in der Nähe von B._______ handle. Die Gehdistanz zu einem in der Nähe gelegenen Kloster sei zwar durchaus etwas tief angegeben worden. Es sei dabei jedoch zu beachten, dass die Beschwerdeführerin eine einfache, schulisch ungebildete Bauersfrau sei. Sie verwende auch – wie dies für die meisten Nomaden- und Bauersfrauen (…) üblich sei – keine Uhr, weshalb sie hinsichtlich Zeitangaben und - schätzungen keine Übung und Erfahrung habe. Sie habe nicht ausgesagt, dass in ihrer Heimat kein Weizen angepflanzt werde. Vielmehr habe sie lediglich gesagt, dass Weizen nicht in ihrem Hei- matdorf angepflanzt werde. In anderen Regionen in der Umgebung von R._______ sei dies anders, was daran liege, dass ihr Heimatdorf in einem Schattenloch liege und sich auch der harte Boden nicht dazu eigne. Die Beschwerdeführerin habe ihre Identitätskarte mit ihrem Vater im Jahre 2007 in E._______ ausstellen lassen. Hinsichtlich des Namens des aus- stellenden Amtes, welchen sie nicht gekannt habe, sei wiederum ihre feh- lende Bildung zu berücksichtigen . Daher könne sie die chinesischen Schriftzeichen nicht lesen. Um den Handel und die Besorg ungen der Fa- milie habe sich der Vater gekümmert. Es erstaune daher nicht, dass sie den genauen Namen des Amtes nicht wisse. Gleiches gelte für die Namen der Ämter, Banken und Telekommunikationsunternehmen. Bestritten werde die Behauptung, dass die Beschwerdeführerin das Wis- sen über ihre Heimat erlernt haben solle. Diese Behauptung sei völlig aus der Luft gegriffen, zumal die Beschwerdeführerin einen reinen R._______- Dialekt spreche, welcher sich nicht schnell für das Asylverfahr en erlernen lasse. Aufgrund ihrer mangelnden Bildung wäre ein solches Anlernen un- möglich. Dass die Antworten teilweise wenig substan ziiert ausgefallen seien, hänge ebenfalls mit ihrem Bildungsstand zusammen. Sie verfüge über keine Kenntnisse, welche über d as Alltägliche einer Bauersfrau hin- ausgehen würden. Somit könnten hinsichtlich politischer, administrativer, geografischer und ökonomischer Themen keine genauen Antworten erwar- tet werden. D-3293/2016 Seite 12 Hinsichtlich der linguistischen Analyse sei zu bemerken, dass die B e- schwerdeführerin aufgefordert worden sei, ihren heimatlichen (…)-Dialekt zu sprechen. Da der Experte diesen Dialekt jedoch zu weiten Teilen nicht verstanden habe respektive Mühe gehabt habe, diesen zu verstehen, habe sie auf die hochtibetische Sprache Ü-Khe gewechselt. Diesen Dialekt habe sie in der Schweiz erlernt, da dies die hiesige Umgangssprache zwischen Tibetern sei. Die Feststellung, dass ihre Sprache auf allen Ebenen Vermi- schungen mit dem (…)-Dialekt respektive der exiltibetischen Koine auf- weise, werde bestritten. Dass der Experte teilweise zentraltibetische Wör- ter herausgehört habe, liege daran, dass er den heimatlichen Dialekt nicht verstanden habe, weshalb sie gezwungen gewesen sei, gewisse Wörter in Hochtibetisch zu sagen. Die fehlenden Chinesi sch-Kenntnisse würden sich mit der mangelnden Schulbildung erklären lassen. Gleiches gelte für die Verwechslung der Be- griffe Tibeter und Chinese. Immerhin habe sie beide Wörter auf Chinesisch gekannt, was belege, dass sie zumindest über beschränkte Kenntni sse verfüge. Die Beschwerdeführerin habe in ihrer Heimat pro-tibetische Plakate aufge- hängt, weshalb sie höchstwahrscheinlich behördlich gesucht werde, zumal ihre Freundin, mit welcher sie die Plakate aufgehängt habe, bereits verhaf- tet worden sei. Die Beschwerdeführerin habe daher mit einer asylrelevan- ten Verfolgung zu rechnen, weshalb ihr Asyl zu gewähren sei. Zumindest sei ihr aufgrund der illegalen Ausreise aus Tibet die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. 4.4 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, dass es das Resultat der LINGUA-Analyse nicht in Frage stelle. 4.5 In der Replik fügte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen an, das SEM hätte bereits nach der ersten Kassation das Asylgesuch gutheissen müssen. Es sei unvers tändlich, wieso das SEM stattdessen ein zweites Verfahren aufgerollt habe und wieder entgegen der Akten- und Beweislage einen negativen Entscheid gefällt habe. Durch dieses unnötige und lang- wierige Verfahren sei der Grundgeist des Asylgesetzes, nämlich die zügige und effiziente Erledigung von Asylgesuchen unter Berücksichtigung der Beweismittel und Akten , missachtet worden und das SEM sei in krasse staatliche Willkür verfallen. Das SEM äussere sich in der Vernehmlassung nicht substanziiert und auf die Ausfü hrungen in der Beschwerde werde D-3293/2016 Seite 13 nicht eingegangen. Bereits in der Beschwerde schrift sei ausgeführt wor- den, dass der Experte der LINGUA-Analyse nicht qualifiziert sei. Dies zeige sich bereits daran, dass er behaupte, die Beschwerdeführerin sei nicht in Tibet sozialisiert worden, obschon sämtliche Beweise dafür sprächen. Eine LINGUA-Analyse sei lediglich ein Privatgutachten des SEM und somit kein Beweismittel. Bereits der Umstand, dass die LINGUA -Experten auf der Lohnliste der Eidgenossenschaft stünden, lasse massive Zweifel daran aufkommen, dass diese neutral und unabhängig seien, wie dies bei einem Sachverständigengutachten der Fall wäre. 5. 5.1 Das SEM stützt seine Verfügung im Wesentlichen auf die LINGUA - Analyse ab. Der Einwand der Beschwerdeführerin, bei der LINGUA -Ana- lyse handle es sich lediglich um ein Privatgutachten, mithin um eine blosse Behauptung, welche nicht zum Beweis tauge, ist unzut reffend. Zwar stellt eine LINGUA -Analyse kein Sachverständigengutachten (Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57 ff. des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über den Bundeszivilprozess [BZP , SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), sondern eine schriftliche Auskunft einer Dritt person (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG) dar. Sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Experten wie auch an die in- haltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analyse erfüllt sind, ist ihr jedoch erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2014/12 E. 4.2.1 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 14 E. 7 und EMARK 1998 Nr. 34). Dies ist vorliegend zu bejahen. So sind die fachlichen Qualifikationen der sachverständigen Person nicht zu bemängeln. Der Einwand auf Beschwer- deebene, die Beschwerdeführerin habe sich nie zum Werdegang und den Qualifikationen äussern können, ist aktenwidrig. Das Schreiben des SEM vom 12. Januar 2016, mit welchem der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zur LINGUA-Analyse gewährt wurde, erwähnt im Beilagenverzeich- nis eine Beschreibung des Werdegangs und der Qualifikationen des Ex- perten. Die damalige Rechtsvertreterin hat in ihren Antwortschreiben vom 25. Januar 2016 respektive 1. März 2016 nicht bemängelt, dass ihr die Qualifikationen nicht offengelegt worden seien, wodurch anzunehmen ist, dass sie die betreffenden Informationen auch erhalten hat und somit die Möglichkeit bestand, dazu Stellung zu nehmen. Ebenfalls nicht durchzudringen vermag die Beschwerdeführerin mit dem Einwand, aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten sei die Qualität der D-3293/2016 Seite 14 Analyse in Frage zu stellen. Im LINGUA -Bericht wird betreffend die Ver- ständigung festgehalten, dass die Beschwerdeführerin teils sehr schnell gesprochen habe, die Verständigung aber trotzdem relativ gut gewesen sei. Zudem seien exiltibetische Spracherscheinungen nur dann beachtet worden, wenn sie spontan geäussert worden seien. Damit übereinstim- mend wurde im Bericht denn auch keiner der Begriffe negativ aufgeführt, welche die Beschwerdeführerin gemäss eigenen Angaben aufgrund von Verständigungsproblemen unter Verwendung des in (…) verwendeten Wortes habe erklären müssen. Der Bericht berücksichtigte somit auch et- waige Verständigungsschwierigkeiten. Inhaltlich ist die Analyse als ausgewogen zu bezeichnen, indem bei der Einschätzung der landeskundlichen Kenntnisse sowie der sprachlichen Fä- higkeiten der Beschwerdeführerin auch dem angeblichen biografischen Hintergrund, insbesondere dem geringen Bildungsstand Rechn ung getra- gen wurde. Des Weiteren wurden nicht nur die Aspekte abgehandelt, wel- che gegen eine Sozialisation in der angeblichen Heimatregion sprechen, sondern auch diejenigen, welche dafür sprechen. In Würdigung sämtlicher Elemente wurde schliesslich das Fazit gezogen, dass die Beschwerdefüh- rerin sehr wahrscheinlich nicht im Kreis E._______ in Tibet, sondern in ei- nem exiltibetischen Milieu sozialisiert worden sei. Wie sich bereits aus dem Fazit des Berichts ergibt, lässt sich ihm kein eindeutiges Ergebnis entneh- men. Sowohl im landeskundlich-kulturellen wie auch im linguistischen Teil der Analyse wurde denn auch ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin durchaus über Länderkenntnisse und eine Sprache verfüge , welche auf eine Sozialisation in der von ihr angegebenen Region hindeuten würden. 5.2 Der LINGUA-Bericht ist jedoch nicht das einzige Element, welches es bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Herkunft zu berücksichtigen gilt. Dies hat umso mehr zu gelten, als der Analyse kein eindeutiges Ergebnis entnommen werden kann. Die Vorinstanz verweist diesbezüglich auf die Verfügung vom 22. Juli 2014, welche vom Bundesverwaltungsgericht kassiert wurde, sowie auf die Ver- nehmlassung im betreffenden Beschwerdeverfahren. Dieser pauschale Verweis ist bereits des halb bedenklich, weil die besagte Verfügung vom Gericht aufgehoben wurde. Dies gilt insbesondere betreffend den in der Verfügung vom 22. Juli 2014 gemachten Vorwurf, bei der Identitätskarte handle es sich um eine Fälschung. Das SEM begründete dies damit, d ie Beschwerdeführerin habe ausgesagt, ihre Identitätskarte sei zehn Jahre gültig; die Karte müsste jedoch gemäss Länderkenntnissen 20 Jahre gültig D-3293/2016 Seite 15 sein. Dabei klammerte das SEM die Tatsache aus, dass die eingereichte Identitätskarte jedoch eine Gültigkeits dauer von 20 Jahren aufweist. Be- reits im Urteil, welches diese Verfügung aufhob, wurde hierzu erwogen, dass die Argumentation des SEM fraglich erscheine und daher eine fun- dierte Prüfung des Identitätsdokuments vorzunehmen sei . Diese Prüfung wurde vom SEM d enn auch veranlasst, mit dem Ergebnis, dass bei der Identitätskarte keine objektiven Fälschungsmerkmale festgestellt wurden (vgl. act. A32). Das Ergebnis dieser Dokumentenanalyse hat das SEM je- doch weder der Beschwerdeführerin offengelegt, noch in seine Er wägun- gen einfliessen lassen, sondern weiterhin pauschal an seiner vom Gericht für wenig überzeugend befundenen Argumentation festgehalten, dass es sich bei der Identitätskarte wohl um eine Fälschung handle . Die einge- reichte Identitätskarte spricht somit für die Glaubhaftigkeit einer Sozialisa- tion in Tibet. Die eingereichten Fotos, welche die Beschwerdeführerin in ländlicher Umgebung zeigen, sind ebenfalls als Indiz für eine Sozialisation in Tibet zu werten, wobei ihnen nur untergeordnete Bedeutung beizumes- sen ist, da sie nicht zwingend in China erstellt worden sind. 5.3 Als weiteres Element sind die Aussagen der Beschwerdeführerin zu ih- ren Fluchtgründen sowie zur Ausreise zu würdigen. Die Fluchtgründe er- weisen sich als klar unglaubhaft. So sind bereits die Beweggründe, welche die Beschwerdeführerin plötzlich dazu bewogen hätten, politisch aktiv zu werden, nicht nachvollziehbar (vgl. act. A6 S. 8 und A12 F100). Die Schil- derung des Ablaufs der Plakataktion erfolgte trotz mehrmalige n Nachfra- gens durchwegs allgemein und weist keine markanten Details auf, welche darauf hindeuten würden, das Geschilderte beruhe auf tatsächlichen Er- lebnissen (vgl. act. A12 F18 bis F53) . Die Beschwerdeführerin äusserte sich zudem widersprüchlich zu den Slogans auf den Plakaten (vgl. act. A6 S. 8 f. und A12 F43 bis F46), dem Zeitpunkt der Festnahme der Freundin (vgl. act. A6 S.8 und A12 F55 bis F57) , den Umständen, wie sie von der Festnahme erfahren habe (vgl. act. A6 S.8 und A12 F58 bis F62), und dem Zeitpunkt der Flucht aus ihrem Heimatdorf (vgl. act. A12 F63 bis F68). Schliesslich vermag auch die Schilderung der Ausreise nicht vollends zu überzeugen. Zwar nannte die Beschwerdeführerin die einzelnen Stationen ihrer Flucht innerhalb Tibets in der BzP und in der Anhörung übereinstim- mend, was für die Glaubhaftigkeit spricht. Den Fussmarsch über die Grenze bei S._______ bis zu ihrem ersten Zufluchtsort in Nepal vermochte sie jedoch nicht substanziiert zu beschreiben. Vielmehr verlor sie sich trotz mehrmaligen Nachfragens regelmässig in oberflächlichen Ausführungen (vgl. act. A12 F76 bis F97). Überdies erstaunt es, dass sie überhaupt keine D-3293/2016 Seite 16 Angaben zur Flugreise machen konnte, zumal die Flughäfen und Fluglinien sowohl im Flugzeug als auch vor Ort immer wieder bei Ansagen und auf Anzeigetafeln namentlich erwähnt werden. Die Fluchtgeschichte und die Ausreise beziehen sich zwar nicht direkt auf die angebliche Herkunft. Sie sind bei deren Beurteilung jedoch unter dem Aspekt der Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin in die Gesamtschau miteinzubeziehen, wenngleich ihnen nur untergeordnete Bedeutung beizu- messen ist. 5.4 In Würdigung sämtlicher der soeben a bgehandelten Elemente ist die Sozialisation der Beschwerdeführerin in Tibet für glaubhaft zu befinden. Denn Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Ein- wände und Zweifel a n den Vorbringen. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objekti vierte Sichtweise abzustellen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung al- ler Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhal- tes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwür- digkeit usw.), die für oder gegen die Beschwerdeführerin sprechen. Glaub- haft ist eine Sachverhaltsdar stellung, wenn die positiven Elemente über- wiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge- brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1). Hinsichtlich der Sozialisation liefert der LINGUA -Bericht kein eindeutiges Ergebnis. Die eingereichte Identitätskarte, welche keine Fälschungsmerk- male aufweist, ist als gewichtiges Indiz für eine So zialisation in Tibet zu würdigen. Auch die eingereichten Fotos stellen solche Indizien dar, selbst wenn ihnen – im Gegensatz zur Identitätskarte – kein sonderlich hohes Gewicht beizumessen ist. Demgegenüber sprechen die Schilderungen der Fluchtgründe und d er Ausreise gegen die Glaubhaftigkeit. Aufgrund des lediglich indirekten Bezugs zur Sozialisation sind diese Elemente jedoch von untergeordneter Bedeutung. In Gesamtbetrachtung dieser Elemente ist die Sozialisation in Tibet respektive der Umstand, dass die Beschwer- deführerin bis vor ih rer Flucht in Tibet gelebt hat, für überwiegend wahr- scheinlich und daher für glaubhaft zu erachten. D-3293/2016 Seite 17 6. 6.1 Somit erweist sich die Argumentation des SEM, aufgrund der Unglaub- haftigkeit der Herkunft aus Tibet sei den Fluchtgründen d as Fundament entzogen, für nicht stichhaltig. Aus der Ausführungen unter Erwägung 5.3 ergibt sich jedoch, dass es der Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine Verfolgung vor ihrem Verlassen des Heimatstaates (Vorfluchtgründe) glaubhaft zu machen, zumal die Ausführungen zur Plakataktion unglaub- haft sind, sodass deren Asylrelevanz nicht zu prüfen ist und die Vorflucht- gründe die Flüchtlingseigenschaft folglich nicht zu begründen vermögen. 6.2 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG ist indessen nicht die Situation im Zeitpunkt der Ausreise, sondern die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheids. So ist auch eine asylsu- chende Person als Flüchtling anzuerkennen , die aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe nach Art. 54 AsylG, das heisst erst durch die unerlaubte Ausreise aus dem Heimat - oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhal- tens nach der Ausreise, eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG befürch- ten muss. In diesen Fällen hat jedoch, trotz Feststellung der Flüchtlingsei- genschaft, ein Ausschluss vom Asyl zu erfolgen. Als subjektive Nachflucht- gründe im Sinne von Art. 54 AsylG gelten insbesondere unerwünschte exil- politische Betätigungen, illegales Verlassen des He imatlandes (sog. Re- publikflucht) oder die Einreichung eines Asylgesuchs im Ausland, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung begründen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1). 6.3 In einem nächsten Schritt ist daher das Vorliegen subjektiver Nach- fluchtgründe zu prüfen. In Rekapitulation der Erwägung 5 ist zu bemerken, dass es das Gericht für glaubhaft erachtet, dass die Beschwerdeführerin vor ihrer Flucht in die Schweiz in Tibet (China) gelebt hat, die chinesische Staatsbürgerschaft besitzt und ihre Heimat illegal verlassen hat. Gemäss geltender Rechtsprechung weisen Tibeterinnen, die die chinesische Staatsbürgerschaft besitzen, in Bezug auf China zumindest subjektive Nachfluchtgründe auf, weil sie als Unterstützerinnen des Dalai Lama und damit als separatistisch gesinnte Oppositionelle betrachtet werden. Daher hat die Beschwerdeführerin begründete Furcht, bei einer Rückkehr flücht- lingsrelevanten Übergriffen ausgesetzt zu werden. Ihr ist folglich aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe die Flüchtlingseigenschaft zuzusp rechen (vgl. BVGE 2009/29 E. 6.7). D-3293/2016 Seite 18 6.4 Die Dispositivziffern 1, 4, 5 und 6 der angefochtenen Verfügung sind demnach aufzuheben und die Beschwerdeführerin ist als Flüchtling anzu- erkennen. Sie erfüllt die Flüchtlingseigenschaft jedoch ausschliesslich we- gen subjektiver Nachfluchtgründe und ist daher in Anwendung von Art. 54 AsylG vom Asyl auszuschliessen. Die Beschwerdeführerin ist gemäss Art. 83 Abs. 8 AuG als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Demgegenüber ist die angefochtene Verfügung dahingehend zu bestäti- gen, als sie das Asylgesuch der Beschwerdeführerin abweist und in der Folge die Wegweisung aus der Schweiz anordnet. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die reduzierten Verfahrens- kosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Aufgrund der Gutheissung des Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und der seither unveränderten finanziellen Lage der Beschwerdeführerin sind jedoch vorliegend auch für den abgewiesenen Teil der Beschwerde keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 65 Abs. 1 VwVG). 7.2 Nachdem die Beschwerdeführerin mit dem Begehren um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung hinsichtlich der Feststellung der Flücht- lingseigenschaft und der Anordnung des Wegweisungsvollzuges durchge- drungen ist, ist ihr für die dafür erwachsenen notwendigen und verhältnis- mässig hohen Kosten praxisgemäss eine um einen Drittel reduzierte Par- teientschädigung zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG, Art. 7 ff. VGKE). Die Kostennote des Rechtsvertreters v om 22. Au- gust 2016 weist einen Zeitaufwand von insgesamt 20,5 Stunden aus. Der Stundenansatz von Fr. 280.– ist jedoch als übersetzt zu erachten, da der Rechtsvertreter nicht gewerbsmässig tätig ist. Der Stundensatz ist daher auf Fr. 180.– zu kürzen. Daraus ergibt sich ein Totalbetrag von Fr. 4‘032.– (Fr. 3‘690.– [20,5 h à Fr. 180.–] plus Barauslagen Fr. 147.60 [4% von 3‘690.–] plus Übersetzungskosten Fr. 194.40) . Die Parteientschädigung beläuft sich mithin auf insgesamt Fr. 2‘688.–. (Dispositiv nächste Seite) D-3293/2016 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. In teilweiser Gutheissung der Beschwerde werden die Dispositivziffern 1, 4, 5 und 6 der angefochtenen Verfügung vom 22. April 2016 aufgehoben. 2. Es wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigen- schaft erfüllt. Das SEM wird angewiesen, die Beschwerdeführerin als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. 3. Soweit die Dispositivziffern 2 (Asyl) und 3 (Wegweisung) der angefochte- nen Verfügung betreffend, wird die Beschwerde abgewiesen. 4. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin eine Parteientschädi- gung von insgesamt Fr. 2‘688.– zu entrichten. 6. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Linus Sonderegger Versand: