<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">309</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>54</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 279 ZPO</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Art. 279 ZPO betreffend Genehmigung von Scheidungsvereinbarungen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>findet keine Anwendung auf diejenigen Materien, die wie die Kinderbe-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>lange der Parteidisposition entzogen sind.</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Zivilkammer, vom 30. Juni 2015</span><br/> <span class="ft6">i.S. M. gegen T. (ZOR.2015.33).</span><br/> <span class="ft8"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <span class="ft1">Im erstinstanzlichen Scheidungsurteil sprach das Gerichtspräsi-</span><br/> <span class="ft1">dium X die Scheidung aus und erledigte das Verfahren mit Bezug</span><br/> <span class="ft1">auf alle Scheidungsnebenfolgen, d.h. auch die Kinderbelange (elterli-</span><br/> <span class="ft1">che Sorge und Unterhalt), durch Genehmigung zweier von den Par-</span><br/> <span class="ft1">teien geschlossener Konventionen.</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">3.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 279 Abs. 1 ZPO genehmigt das Scheidungsgericht</span><br/> <span class="ft1">eine Vereinbarung über die Scheidungsfolgen, wenn es sich davon</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">310</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">überzeugt hat, dass die Ehegatten die Vereinbarung aus freiem Willen</span><br/> <span class="ft1">und nach reiflicher Überlegung geschlossen haben und sie klar, voll-</span><br/> <span class="ft1">ständig und nicht offensichtlich unangemessen ist. Art. 279 ZPO fin-</span><br/> <span class="ft1">det allerdings keine Anwendung auf diejenigen Materien, welche der</span><br/> <span class="ft1">Parteidisposition entzogen sind, d.h. die Kinderbelange. Der Verweis</span><br/> <span class="ft1">der Vorinstanz auf die betreffende Gesetzesbestimmung ist insofern</span><br/> <span class="ft1">unzutreffend. Vereinbarungen der Eltern hinsichtlich der Kinderbe-</span><br/> <span class="ft1">lange sind nur als Anregungen für eine gerichtliche Regelung zu be-</span><br/> <span class="ft1">trachten, die vom Gericht auf ihre Übereinstimmung mit dem</span><br/> <span class="ft1">Kindeswohl zu überprüfen sind (Siehr/Bähler, in: Basler Kommentar</span><br/> <span class="ft1">zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 2. Aufl., Basel 2013,</span><br/> <span class="ft1">N. 1c zu Art. 279 ZPO; Stein-Wigger, in: Schwenzer, FamKommen-</span><br/> <span class="ft1">tar Scheidung, Bd. II, Bern 2011, N. 20 zu Art. 279 ZPO; Sutter-</span><br/> <span class="ft1">Somm/Gut, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger, Kommentar</span><br/> <span class="ft1">zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 2. Aufl., Zürich 2013,</span><br/> <span class="ft1">N. 7 zu Art. 279 ZPO). Bei seinem Entscheid über die Kinderbelange</span><br/> <span class="ft1">hat das Scheidungsgericht alle für das Kindeswohl wichtigen</span><br/> <span class="ft1">Umstände zu beachten. Dabei hat es auf einen gemeinsamen Antrag</span><br/> <span class="ft1">der Eltern sowie, soweit tunlich, auf die Meinung des Kindes</span><br/> <span class="ft1">Rücksicht zu nehmen (Art. 133 Abs. 2 ZGB). Der gemeinsame</span><br/> <span class="ft1">Antrag der Eltern ist sowohl nach den Umständen seiner Entstehung</span><br/> <span class="ft1">wie auch der Gewährleistung des Kindeswohles zu verifizieren</span><br/> <span class="ft1">(Breitschmid, in: Basler Kommentar zum Zivilgesetzbuch I, 4. Aufl.,</span><br/> <span class="ft1">Basel 2010, N. 23 zu Art. 133 ZGB). In der Praxis werden aber die</span><br/> <span class="ft1">Gerichte einem gemeinsamen Antrag der Parteien zumeist folgen, ist</span><br/> <span class="ft1">doch in der Regel davon auszugehen, dass das Kindeswohl am</span><br/> <span class="ft1">besten gewahrt ist, wenn die Eltern übereinstimmende Anträge</span><br/> <span class="ft1">stellen. Wird der Antrag der Eltern durch die Äusserungen des</span><br/> <span class="ft1">Kindes gestützt und liegen keine Anhaltspunkte für eine</span><br/> <span class="ft1">Kindeswohlgefährdung vor, wird das Gericht daher dem Antrag</span><br/> <span class="ft1">regelmässig entsprechen, ohne weitere Abklärungen zu treffen</span><br/> <span class="ft1">(Büchler/Wirz, in: Schwenzer, FamKommentar Scheidung, Bd. I,</span><br/> <span class="ft1">Bern 2011, N. 13 zu Art. 133 ZGB; Büchler/Maranta, Das neue</span><br/> <span class="ft1">Recht der elterlichen Sorge, in: Jusletter vom 11. August 2014, Rz.</span><br/> <span class="ft1">36; Stein-Wigger, a.a.O., N. 21 zu Art. 279 ZPO).</span><br/></div> </div> </body> </html>