B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4209/2020 U r t e i l v o m 1 6 . O k t o b e r 2 0 2 3 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Susanne Bolz-Reimann, Richterin Chrystel Tornare Villanueva, Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch lic. iur. Nesrin Ulu, Verein Rechtsbüro, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 23. Juli 2020 / N (…). D-4209/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Eth- nie, ersuchte am 18. Januar 2019 um Asyl in der Schweiz nach. Am 29. Ja- nuar 2019 wurde er zu seiner Person und summarisch zu den Asylgründen befragt (BzP), am 19. September 2019 fand die einlässliche Anhörung statt. Dabei machte er zur Begründung seines Asylgesuchs geltend, er stamme aus B._______ (bei Istanbul), wo er bis zur Gymnasialzeit gelebt habe, in der Folge sei er zwecks Arbeit nach Antalya gegangen, wo er ungefähr drei Jahre geblieben sei. Er habe dort als Koch gearbeitet. Von Ende 2014 bis Oktober 2015 habe er in Ankara den Militärdienst absolviert, danach sei er nach B._______ zurückgekehrt. Ungefähr im März 2016 sei er wieder nach Antalya gegangen – er habe sich jeweils von November bis März in B._______ aufgehalten und über die Sommermonate in Antalya gearbeitet. Nach dem Militärdienst sei es ihm psychisch schlecht gegangen. Anfang 2017 sei sein bester Freund umgekommen und er habe sich mit Hilfe der Partei DHKP-C (Devrimci Hlklarin Kurtulus Partisi-Cephesi) darum bemüht, dass dessen Leichnam herausgegeben werde. Bei dieser Partei handle es sich um eine sozialistische Partei, die nicht zugelassen sei. Er habe weiter nichts mit dieser zu tun gehabt, aber sein verstorbener Freund sei Mitglied gewesen. Eines Tages, im Februar 2017, seien die Räumlichkeiten der Partei gestürmt und er sei zusammen mit weiteren Anwesenden auf einen Posten gebracht worden. Dort sei er verhört worden. Er sei nach fünf bis sechs Stunden freigelassen worden, die anderen hätten auf dem Posten bleiben müssen. In der Folge sei er beschattet worden. Ein Freund ha be ihm empfohlen, sich eine Zeit lang nicht blicken zu lassen. Er sei dann nach Antalya gegangen. Dort sei er eines Tages, ungefähr im Mai 2018, im Rah- men einer Routinekontrolle unterwegs angehalten worden. Einige Tage später sei er in ein Auto gezerrt wor den und habe einen Schlag auf den Kopf bekommen. Als er aufgewacht sei, seien seine Hände gefesselt ge- wesen und sein linkes Auge habe geblutet. Man habe ihn gefragt, warum er in Antalya sei, ob er eine Aktion durchführen wolle. Er habe verneint. Man habe ihn zu seinen Cousins und seinem Onkel befragt. Seine Familie sei der Polizei bekannt, einer seiner Cousins sei seit sieben oder acht Jah- ren im Gefängnis. Sein Familienname schade ihm, verschiedene Familien- mitglieder würden verfolgt, einige davon seien in der Schweiz. Er sei wäh- rend der Befragung immer wieder geschlagen worden. Schliesslich sei eine Person gekommen, die ihn gut behandelt und ihm angeboten habe, D-4209/2020 Seite 3 Informant zu werden. Da es ihm schlecht gegangen sei, habe er das An- gebot akzeptieren müssen. Dara ufhin sei er zurückgebracht worden. Er habe in der Folge mit seinem Onkel Kontakt aufgenommen und später mit ihm und seinem Vater die Situation besprochen. Diese meinten, wenn er als Informant für die Polizei tätig werde, werde er Probleme mit der Familie bekommen. Beide Optionen seien schlecht für ihn. Er habe deshalb zu- sammen mit seiner Familie beschlossen, das Land zu verlassen und sich auf die Suche nach einem Schlepper gemacht . Nach seiner Ausreise sei sein Bruder mehrmals mitgenommen und über ihn befragt worden. In sei- nem Heimatsquartier seien immer noch fremde Fahrzeuge mit fremden Gesichtern unterwegs. Das mache seiner Familie Angst. B. Mit Verfügung vom 23. Juli 2020 – eröffnet am 24. Juli 2020 – lehnte die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. C. Mit Eingabe vom 24. August 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Dabei wurde beantragt, die Verfügung des SEM sei aufzuheben und es sei ihm unter Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren, eventua- liter seien die Dispositivpunkte vier und fünf aufzuheben und festzustellen, der Vollzug der Wegweisung in die Türkei sei unzulässig und unzumutbar sowie die vorläufige Aufnahme anzuordnen, subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses ersucht. Mit der Beschwerde wurde eine Liste der Namen von sich in der Schweiz befindenden Familienangehörigen des Beschwerde- führers, eine Fotografie seines verstorbenen Freundes, verschiedene On- line-Artikel sowie eine Fürsorgebe stätigung vom 21. August 2020 als Be- weismittel eingereicht. D. Mit Zwischenverfügung vom 28. September 2020 stellte die Instruktions- richterin den legalen Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Schweiz fest und hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltli chen Prozessfüh- rung sowie Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes unter Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses gut. Die rubrizierte Rechts -D-4209/2020 Seite 4 vertreterin wurde als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Gleichzeitig wurde Frist zur Einreichung einer Beschwerdeverbesserung angesetzt. E. Ebenfalls am 28. September 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Be- schwerdeverbesserung zu den Akten. Als Beweismittel wurden ein Online- Artikel vom 4. Oktober 2017 sowie ein Schreiben des Gemeindevorstehers vom 19. September 2020 eingereicht, beides in türkischer Sprache. F. Mit Vernehmlassung vom 28. Oktober 2020 teilte das SEM mit, die Be- schwerde enthalte keine Elemente oder Beweismittel, die etwas an den in der Verfügung dargelegten Erwägungen ändern könnten und beantragte die Abweisung derselben. G. Am 23. November 2020 replizierte der Beschwerdeführer. Dabei wurden folgende Beweismittel zu den Akten gereicht: ein Artikel von taz.de vom 2. April 2020, ein Schreiben eines türkischen Anwaltes vom 23. Novem- ber 2020, die ersten zwei Seiten eines Berichtes des IHD (İnsan Haklarι Derneǧi, Menschenrechtsverein) vom 5. November 2020 sowie eine Pres- semitteilung desselben vom 5. November 2020 (die letzten drei in türki- scher Sprache). H. Mit Zwischenverfügung vom 10. Januar 2023 lu d die Instruktionsrichterin den Beschwerdeführer ein, innert Frist eine Stellungnahme und entspre- chende Dokumente zu seiner aktuellen Situation einzureichen. I. Am 13. Februar 2023 reichte der Beschwerdeführer eine Stellungnahme sowie die Vollmacht eines tür kischen Rechtsanwaltes vom 10. Feb- ruar 2023, ein Anwaltsschreiben desselben vom 11. Februar 2023 (beides in türkischer Sprache) sowie die Bestätigung der Mitgliedschaft des Demo- kratischen Kurdischen Gesellschaftszentrums Aarau vom 26. Januar 2023 ein. Am 15. März 2023 ergänzte der Beschwerdeführer seine Stellung- nahme. J. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 28. August 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG). D-4209/2020 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bis zu diesem Zeit- punkt gültige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Ände- rung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, D-4209/2020 Seite 6 Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder we- gen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu wer- den (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, die Beschreibung der ersten Festnahme sei stereotyp und inkohärent ausgefallen. So habe der Beschwerdeführer nicht erklären können, wie die Partei DHKP-C ihm in seiner Suche nach dem Leichnam seines Freundes hätte helfen können. Seine Beschreibung der Festnahme selber sei detailarm ausgefallen. Ausserdem würden sich Widersprüche finden: einmal habe er ausgesagt, mit den anderen Teilnehmern danach keinen Kontakt mehr gehabt zu haben, später, er habe zwei Mal mit einem Freund, der ebenfalls festgenommen worden sei, gesprochen. Ausserdem habe er ursprünglich gesagt, seit März 2016 i n Antalya gewesen zu sein, die Festnahme in B._______ habe aber im Februar 2017 stattgefunden. Auch seine Beschreibung der Festnahme im Mai 2018 sei unpersönlich und stereotyp ausgefallen. Er habe jeweils nur wiederholt, was er früher gesagt habe, keine we iteren Details angefügt. Seine Erzählung würde keine Realkennzeichen oder Hinweise auf persönlich Erlebtes beinhalten. Dazu würden weitere Inkohärenzen kommen. Betreffend Kontrolle habe er einmal gesagt, er sei auf dem Weg zur Arbeit gewesen, einmal, auf d em Weg nach Hause. Auch erstaune, dass er einfach freigelassen worden sei, ohne irgendeine Garantie. Allgemein erstaune das Interesse an ihm zumal nichts an seinem Profil den Schluss zu lasse, dass die Behörden an ihm Interesse hätten. Er sei weder Parteimitglied noch sonst politisch aktiv ge- wesen. Seine Verwandten seien sodann viel früher ausgereist, es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Behörden Jahre später ein Interesse an ihm zeigen würden. Ferner sei er seit seiner Entlassung im Mai 2018 noch wäh- rend zwei Monaten in der Türkei verblieben, ohne dass ihm etwas D-4209/2020 Seite 7 zugestossen sei. Seine Aussage, sein Bruder sei befragt worden nach sei- ner Ausreise, sei sodann nicht belegt. Dass er sich erst sechs Monate nach seiner Einreise bei den Behörden gemeldet und ein Asylgesuch gestellt habe, sei ferner nicht das Verhalten einer verfolgten Person. 4.2 Den Erwägungen des SEM wurde in der Rechtsmittelschrift unter an- derem entgegengehalten, der Beschwerdeführer s ei aufgrund der politi- schen Aktivitäten seiner Familienangehörigen in der Türkei verfolgt und dort unter Druck gesetzt worden. Zahlreiche Verwandte seien als Flücht- linge in die Schweiz und andere europäische Staaten gereist. Er selber sei nie politisch aktiv gewesen, da er in seiner Kindheit unter der Verfolgung der Sicherheitskräfte sehr gelitten habe. Sein Freund Melih Isik sei Guerilla für die DHKP -C gewesen und Ende 2016 zusammen mit zehn weiteren Personen bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen. Die Medien hätten über dieses Ereignis berichtet. Die türkische Regierung habe wäh- rend mehrerer Monate keine Informationen über die Leichen der getöteten Guerillas bekanntgegeben. Deshalb habe sich der Beschwerdeführer dafür eingesetzt, den Leichnam seines Freundes zu erhalten, um ihn begraben zu können. Der Beschwerdeführer habe weiter geltend gemacht, er sei von den Sicherheitskräften als Spitzel angeworben worden. Dieses Vorgehen sei in der Türkei verbreitet. Obwohl er selber nicht Parteimitglied sei, sei er aufgrund seiner Familie und seiner Kontakte für die Sicherheitskräfte inte- ressant. Schliesslich habe der Beschwerdeführer in der Schweiz an politi- schen Aktivitäten teilgenommen und habe sich öffentlich für die Rechte der Kurden und Kurdinnen eingesetzt. Das SEM habe im vorliegenden Fall den Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt. Aufgrund der politischen Aktivitä- ten seiner Familie sowie seiner exilpolitischen Tätigkeiten sei er, im Falle einer Rückkehr in die Türkei, der Gefahr der Verfolgung ausgesetzt. 4.3 In der Beschwerdeverbesserung wurde im Wesentlichen ausgeführt, zahlreiche Personen, die sich in der Türkei für Menschenrechte und Frei- heiten einsetzen würden, würden öffentlich der Mitgliedschaft der DHKP-C beschuldigt. Dies habe auch der Beschwerdeführer befürchtet. Er habe an diversen Aktionen der Volksfront (Halk Cephesi) teilgenommen, wie bei- spielsweise an Versammlungen gegen den Islamischen Staat (IS). So sei er bei einer polizeilichen Operation anlässlich einer solchen Versammlung verhaftet worden. Seither sei er der Polizei bekannt und diese habe später versucht, ihn als Spitzel zu gewinnen. Die türkische Polizei schlage jungen und unerfahrenen Aktivisten oft vor, sie sollen einen anderen politischen Weg einschlagen und den Staat unterstützen. Bei Widerspruch komme oft psychische und physische Folter ins Spiel. Dieses in der Türkei typische D-4209/2020 Seite 8 Vorgehen habe der Beschwerdeführer anlässlich seiner Anhörung glaub- haft geschildert. Aufgrund seiner Unerfahrenheit und der politischen Ge- schichte seiner Familie sei er für die Sicherheitsbehörden interessant, wes- halb diese versucht hätten, ihn als Spitzel zu gewinnen. Dies würde ihm auch bei einer Rückkehr wieder drohen. Die von der Vorinstanz angeführ- ten Widersprüche seien nicht gegeben. Der Beschwerdeführer spreche ausserdem bereits relativ gut Deutsch und könne sich sehr gut in der hie- sigen Gesellschaft integrieren. Eine Rückkehr sei gefährlich, weil er nicht wisse, ob ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet worden sei oder noch er- öffnet werde. Der Gemeindevorsteher bestätige, dass Polizisten nach ihm gefragt hätten. 4.4 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, die exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwerdeführers würden nicht ein Ausmass annehmen, welches die Aufmerksamkeit der türkischen Sicherheitsbehör den auf sich ziehen und ihn einer Gefahr im Sinne von Art. 3 AsylG aussetzen würden. Er habe jeweils auch keine prominente Position eingenommen. Im Weite- ren werde vollumfänglich an den Erwägungen der Verfügung festgehalten. 4.5 In seiner Replik legte der Besch werdeführer dar, es entspreche nicht der Realität, dass nur Personen mit intensiven exilpolitischen Tätigkeiten und spezieller Exponiertheit in den Fokus der türkischen Behörden geraten würden. So seien in der Türkei über siebzigtausend Jugendliche und Stu- denten in Haft. Zahlreichen Berichten und Nachrichten zufolge würden die Personen an der Grenze kontrolliert und angehalten, um festzustellen, ob sie in den sozialen Medien gegen das türkische Regime aktiv seien. Diese Kontrollen würden oft zufällig erfolgen. Der Beschwerdeführer sei der Poli- zei bereits bekannt. Die Hausdurchsuchung, die vom Gemeindevorsteher bestätigt worden sei, gebe zusätzlich Grund zur Annahme, dass ein Straf- verfahren gegen ihn eröffnet worden sei. Er habe einen türkischen Rechts- anwalt damit beauftragt, dies abzuklären. Dieser habe ihm mitgeteilt, es könnte gegen ihn ein Verfahren wegen Propaganda einer terroristischen Organisation eröffnet worden sei. Meistens sei es nicht möglich, Aktenein- sicht in einem solchen Strafverfahren zu erlangen, bevor die Person in Haft sei. Schliesslich sei einer Pressemitteilung des IHD vom 5. November 2020 zu entnehmen, dass die polizeiliche Spitzelanwerbung – auch unter An- wendung von Gewalt – stark zugenommen habe. 4.6 Mit seiner Eingabe vom 13. Februar 2023 reichte der Beschwerdefüh- rer verschiedene Beweismittel ein und erklärte, aufgrund des Erdbebens von Anfang Februar sei die Beschaffung von heimatlichen Dokumenten D-4209/2020 Seite 9 erschwert. Am 15. März 2023 liess er mitteilen, dass die Nachforschungen seines Rechtsanwaltes in der Türkei ergebnislos geblieben seien und er keine weiteren Dokumente einreichen beziehungsweise nicht nachweisen könne, dass gegen ihn ein Strafverfahren eingeleitet worden sei. 5. 5.1 Auf Beschwerdeebene wird die unvollständige Feststellung des Sach- verhalts (vgl. Art. 12 VwVG) gerügt. Diese formelle Rüge ist vorab zu be- handeln, da sie allenfalls zur Kassation der angefochtenen Verfügung füh- ren könnte (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal- tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.) 5.2 Weder aus der Verfügung noch aus den Verfahrensakten ist ersichtlich, inwiefern das SEM den Sachverhalt unvollständig festgestellt haben soll. Auch eine Verletzung der Begründungspflicht ist nicht ersichtlich. Das SEM hat ausführlich die einzelnen Aspekte der Asylvorbringen gewürdigt sowie ausserdem die im vorinstanzlichen und letztlich auch die im Beschwerde- verfahren eingereichten relevanten Beweismittel berücksichtigt und sich bei seiner Beurteilung zudem auf die erstellten Protokolle gestützt. Dass das SEM zu einer materiell anderen Einschätzung gelangt ist, als der Be- schwerdeführer begehrt hat, ist eine Frage der materiellen Würdigung. 6. 6.1 6.1.1 Das SEM erachtete die Vorbringen des Beschwerdeführers in seiner Verfügung als unglaubhaft, weshalb die Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Auf Vernehmlassungsstufe wird ferner begründet, die exilpoliti- schen Tätigkeiten in der Schweiz würden kein Ausmass annehmen, dass mit einer Verfolgung aufgrund derselben zu rechnen wäre. Nach Prüfung der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die Vorinstanz im Ergeb- nis zu Recht festgestellt hat, dass sich aus den vom Beschwerdeführer ge- nannten Gründen nicht auf eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG schliessen lässt. 6.1.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist nicht an die Begründung der Vor- instanz gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus anderen Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen (sog. Mo- tivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI, in: Christoph Auer/Markus Mül- ler/Benjamin Schindler [Hrsg.], Kommentar zum VwVG, 2. Aufl., Zü- rich/St. Gallen 2019, Art. 62, N 16; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN D-4209/2020 Seite 10 BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltung srechtspflege des Bun- des, 3. Aufl., Zürich 2013, S. 398). 6.1.3 Wie in den nachfolgenden Erwägungen begründet erachtet d as Ge- richt die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht als asylrelevant. Auf eine Prüfung der Glaubhaftigkeit derselben kann deshalb verzichtet werden. 6.2 Es wird nicht angezweifelt, dass der Beschwerdeführer aus einer ex- ponierten Familie stammt. Dies allein führt jedoch nicht zur Annahme einer Verfolgung, ist doch offensichtlich nicht die gesamte Familie betroffen, son- dern nur einzelne Mitglieder. So machte er selber geltend, nicht politisch aktiv gewesen zu sein. Selbst wenn von der Glaubhaftigkeit seiner Vorbrin- gen und damit davon ausgegangen wird, er sei einmal festgenommen wor- den und in seinem Heimatquartier sei nach ihm gefragt worden, kann au s diesen Vorfällen noch nicht auf eine ihm landesweit drohende staatliche Verfolgung geschlossen werden. Der Beschwerdeführer hat sich regelmäs- sig in Antalya aufgehalten und dort gearbeitet. So steht es ihm frei, wieder dorthin zurückzukehren, oder auch, s ich in Istanbul oder einer anderen Stadt aufzuhalten. Aufgrund seines mangelnden politischen Profils ist nicht davon auszugehen, dass ausserhalb von seinem Heimatquartier nach ihm gesucht wird beziehungsweise er dort bekannt wäre. Bisher gibt es keine Hinweise auf ein gegen ihn gerichtetes Strafverfahren, hat er doch im Laufe des Verfahren zwei Anwälte in der Türkei mit Abklärungen beauftragt, wel- che bis heute ergebnislos geblieben sind. Der Umstand, dass sich der Beschwerdeführer nach seiner Festnahme noch rund zwei Monate zuhause aufhielt, spricht ebenfalls dagegen, dass er weitere Übergriffe seitens der Sicherheitskräfte befürchtete. Da aufgrund der Aktenlage keine Anzeichen dafür vorliegen, dass er von den türkischen Behörden landesweit gesucht wird oder fichiert ist und gegen ihn scheinbar weder ein Ermittlungs- noch ein Strafverfahren eingeleitet wurde, wäre es für ihn möglich gewesen, sich in einen anderen Landesteil zu begeben und sich dort niederzulassen, bevor er um subsidiären internationalen Schutz ausserhalb seines Heimatstaates nachsuchte. 6.3 6.3.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge- schaffen worden ist, mach t sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch D-4209/2020 Seite 11 gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1, 2009/28 E. 7.1 m.w.H.). 6.3.2 Das SEM weist in seiner Vernehmlassung zu Recht darauf hin, dass die Ausübung von exilpolitischen Aktivitäten gemäss ständiger Praxis der schweizerischen Asylbehörden nicht ausreicht, um eine tatsächliche Ge- fährdung im Falle einer Rückkehr in die Türkei zu begründen. Der Be- schwerdeführer ist in der Türkei nicht vorbestraft und es ist nicht davon auszugehen, dass er aufgrund der Schwierigkeiten, die er mit den lokalen Sicherheitskräften hatte, landesweit gesucht wird. Des Weiteren verfügt er nicht über ein geschärftes Profil, da seine politischen Aktivitäten in seinem Heimatstaat niederschwellig waren. Vielmehr müssten konkrete Anhalts- punkte – nicht nur die abstrakte oder rein theoretische Möglichkeit – dafür vorliegen, dass der Beschwerdeführer tatsächlich da s Interesse der hei- matlichen Behörden auf sich gezogen hätte. Massgebend ist dabei nicht primär das Hervortreten im Sinne einer optischen Erkennbarkeit und Indi- vidualisierbarkeit, sondern eine öffentliche Exponierung, die aufgrund der Persönlichkeit der asylsuchenden Person, der Form des Auftritts und des Inhalts der in der Öffentlichkeit abgegebenen Erklärungen den Eindruck erweckt, dass der Asylsuchende zu einer Gefahr für den Bestand des tür- kischen Regimes wird (vgl. beispielsweise das Urteil des BVGer D-5125/2015 vom 30. Mai 2018 E. 9.3 m.w.H.). Um eine tatsächliche Ge- fährdung im Falle der Rückkehr in die Türkei als wahrscheinlich erscheinen zu lassen, müssen konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass exilpoli- tisch aktive Staatsangehörige der Türkei tatsächlich das Interesse der hei- matlichen Behörden auf sich gezogen haben respektive als regimefeindli- che Personen namentlich identifiziert und registriert wurden (vgl. beispiels- weise das Urteil des BVGer D -705/2018 vom 18. Februar 2019 E. 6.1.1 m.w.H.). Beim Beschwerdeführer liegen keine Hinweise vor, die auf eine solche Exponiertheit schliessen liessen, zumal er eine solche auch nicht geltend macht. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass seitens des türki- schen Regimes ein besonderes Interesse an ihm besteh en könnte, da es sich bei ihm nicht um eine Person handelt, die mit Blick auf Art und Umfang ihrer exilpolitischen Tätigkeiten als besonders engagierter und exponierter Regimegegner aufgefallen sein könnte. Insgesamt ist nicht davon auszu- gehen, dass er in absehbarer Zeit mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile erleiden wird. D-4209/2020 Seite 12 6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus der Türkei nicht erfüllte. Auch im heutigen Zeitpunkt erscheint es nicht überwiegend wahr- scheinlich, dass er bei einer Rückkehr in die Türkei einem erhöhten Verfol- gungsrisiko ausgesetzt sein und in absehbarer Zeit mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu be- fürchten haben wird. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in den im Rahmen des Beschwerdeverfahrens gemachten Eingaben und die ein- gereichten Beweismittel im Einzelnen einzugehen, da sie an der Würdi- gung des vorliegenden Sachverhalts nichts zu ändern vermögen. 6.5 Dem Beschwerdeführer ist es aufgrund des vorstehend Gesagten nicht gelungen, eine asylrechtlich relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Das SEM hat folg- lich zu R echt seine Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulä ssig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den D-4209/2020 Seite 13 Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie je ner des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei- sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124– 127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. D-4209/2020 Seite 14 8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.4.1 Gemäss konstanter Praxis ist in der Türkei nicht von einer flächende- ckenden Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhält- nissen auszugehen – auch nicht in dem vorwiegend von Kurden besiedel- ten Osten und Südosten des Landes (vgl. Urteile des BVGer E-3042/2017 vom 28. Juli 2017 E. 6.2.2 sowie das Referenzurteil E -1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3). Anders als beispielsweise Hakkari oder Sirnak (vgl. herzu weiterhin BVGE 2013/2) gehören die Umgebung von Istanbul und Antalya offensichtlich nicht zu jenen Gebieten, für die punktuell eine Situa- tion allgemeiner Gewalt angenommen wird. Die allgemeine Sicherheits- lage steht damit einem Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden an ihren Herkunftsort nicht entgegen. Die Ausführungen des SEM zur individuellen Zumutbarkeit einer Rückkehr in die Türkei sind nicht zu beanstanden. Der Beschwerdeführer ist jung, ohne familiäre Verpflichtungen und verfügt über mehrjährige Arbeitserfah- rung als Koch. Ausserdem kann er in der Türkei auf ein familiäres Netz zurückgreifen. Es sollte ihm daher möglich sein, bei einer Rückkehr in die Türkei eine Arbeit zu finden und für seinen Unterhalt zu sorgen. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zus tändi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefoc htene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig D-4209/2020 Seite 15 sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg- lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da sein Gesuch um unentgelt- liche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 28. September 2020 gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich seine finanzielle Lage seither nachhaltig verän- dert hat, ist von der Auflage von Verfahrenskosten abzusehen. 11. Mit derselben Verfügung wurde das Gesuch um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und dem Beschwerdeführer die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Ihr ist ein amtliches Honorar für die notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Nachdem keine Kostennote eingereicht worden ist, ist die Entschädigung der Rechtsbeiständin vom Gericht aufgrund der Akten festzulegen (Art. 14 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das Honorar ist unter Berücksichtigung aller relevanten Umstände auf ins- gesamt Fr. 1’800.– (inkl. sämtlicher Auslagen) festzusetzen und durch die Gerichtskasse zu vergüten. (Dispositiv nächste Seite) D-4209/2020 Seite 16 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Der amtlichen Rechtsbeiständin, lic. iur. Nesrin Ulu, Rechtsbüro, Stamp- fenbachstrasse 142, 8006 Zürich, wird zulasten der Gerichtskasse ein Ho- norar von Fr. 1800.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Aglaja Schinzel