B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3680/2022 U r t e i l v o m 1 3 . S e p t e m b e r 2 0 2 3 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richter Yannick Antoniazza-Hafner, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Susanne Stockmeyer. Parteien x._______, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Schengen-Visum zu Besuchszwecken; Verfügung des SEM vom 27. Juli 2022 F-3680/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. A._______ (…) und B._______ (…), beide in Indien wohnhafte Angehörige der tibetischen Ethnie (nachfolgend Gesuchstellende bzw. Eingeladene) , beantragten am 23. März 2022 bei der Schweizer Botschaft in New Delhi die Erteilung von Schengen-Visa für einen Besuchsaufenthalt vom 2. April 2022 bis 25. Mai 2022 bei ihrer im Kanton Z._______ lebenden Tochter X._______ (nachfolgend: Beschwerdeführerin bzw. Gastgeberin ). Diese verfügt über die Schweizer Staatsangehörigkeit (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 3/99 ff., 3/91 f.; unpaginierte Akten CH-Botschaft). B. Mit Formularverfügungen vom 28. März 202 2 verweigerte die Schweizer Vertretung in New Delhi die Ausstellung der Schengen-Visa, da Zweifel am Aufenthaltszweck der Gesuchstellenden bestünden. Zudem könne ihre Ab- sicht einer fristgerechten Wiederausreise aus dem Schengen -Raum nicht festgestellt werden (SEM act. 1/39 ff.). C. Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin am 30. März 2022 Einsprache bei der Vorinstanz (SEM act. 1/48). In der Folge liess Letztere durch die kantonale Migrationsbehörde weitere Abklärungen zum Sachver- halt vornehmen (SEM act. 6). D. Mit Entscheid vom 27. Juli 2022 wies die Vorinstanz die Einsprache ab (SEM act. 7). Zur Begründung führte sie zusammenfassend aus, vor dem allgemeinen und persönlichen Hintergrund der Gesuchstellenden in Indien sei davon auszugehen, dass keine hinreichenden Gründe für eine fristge- rechte und anstandslose Wiederausreise nach einem B esuchsaufenthalt bestünden. E. Am 23. August 2023 (Datum des Poststempels) erhob die Beschwerdefüh- rerin Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sinngemäss bean- tragte sie die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Erteilung der Visa (Akten des Bu ndesverwaltungsgerichts [BVGer act.] 1). Der Be- schwerde beigelegt waren mehrere Beweismittel (u.a. eine Bestätigung des «P ._______» vom 6. August 2022 und eine eidesstattliche Erklärung einer Nachbarin der Gesuchstellenden vom 9. August 2022). F-3680/2022 Seite 3 F. Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 14. Oktober 2022 auf Abweisung der Beschwerde (BVGer act. 6). G. Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 25. Oktober 2022 und reichte als weitere Beweismittel eine Kopie der Flugtickets ihrer Eltern so- wie Fotos ein, welche die Beschwerdeführerin und ihre Kinder zusammen mit den Eingeladenen zeigen (BVGer act. 8). H. Mit Schreiben vom 23. Januar 2023 erkundigte sich die Beschwerdeführe- rin nach dem Verfahrensstand (BVGer act. 9). Eine Antwort des Gerichts erfolgte mit Schreiben vom 26. Januar 2023 (BVGer act. 10). I. Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit erheblich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Der Einspracheentscheid des SEM bezüglich Schengen -Visa ist mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes be stimmt (Art. 37 VGG). 1.2 Die Beschwerdeführerin hat am vorangegangenen Einspracheverfah- ren teilgenommen und ist als Gastgeber in durch die angefochtene Verfü- gung besonders berührt. Obwohl der anberaumte Besuchszeitraum mit t- lerweile verstrichen ist, muss auf ein fortbestehendes Rechtsschutzinte- resse geschlossen werden. Dies belegt schon die Einreichung des Rechts- mittels. Auf die frist- und formgerechte Beschwerde ist einzutreten (vgl. Art. 50 und Art. 52 VwVG). 1.3 In der vorlie genden Angelegenheit entscheidet das Bundesverwal- tungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG). F-3680/2022 Seite 4 2. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er- messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb- lichen Sachverhalts und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be- schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde- verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend sind grundsätzlich di e tatsächli- chen Verhältnisse zum Zeitpunkt seines Entscheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.). 3. 3.1 Die angefochtene Verfügung betrifft die Visagesuche eines in Indien lebenden Ehepaars tibetischer Ethnie. Da sich die Gesuchstellenden als sogenannte Drittstaatsangehörige weder aus eigenem noch aus abgelei- tetem Recht auf die EU/EFTA -Personenfreizügigkeitsabkommen berufen können und die beabsichtigte Aufenthaltsdauer 90 Tage innerhalb eines Zeitraums von 180 Tagen nicht überschreitet, fällt die vorliegende Streitsa- che in den persönlichen und sachlichen Anwendungsbereich der Schen- gen-Assoziierungsabkommen (aufgeführt im Anhang I Ziff. 1 des AIG [SR 142.20]), mit denen die Schweiz den Schengen-Besitzstand sowie die da- zugehörigen gemeinschaftsrechtlichen Rechtsakte (nac hfolgend: Schen- gen-Recht) übernommen hat. Das AIG und seine Ausführungsbestimmun- gen, in casu namentlich die Verordnung vom 15. August 2018 über die Ein- reise und die Visumerteilung (VEV, SR 142.204), gelangen nur soweit zur Anwendung, als die Schengen -Assoziierungsabkommen keine abwei- chenden Bestimmungen enthalten (Art. 2 Abs. 2–5 AIG; Art. 1 Abs. 2 VEV). 3.2 Zum einschlägigen Schengen -Recht gehören die Verordnung (EG) Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft (Visakodex, VK, ABl. L 243/1 vom 15.09.2009), die Verordnung (EG) Nr. 2016/399 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. März 2016 über einen Gemeinschafts- kodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen (kodifizierter Text) (Schengener Grenzkodex, SGK, Abl. L 77/1 vom 23.03.2016) und die Verordnung (EU) 2018/1806 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 14. November 2018 zur Aufstellung der Liste der Drittländer, deren F-3680/2022 Seite 5 Staatsangehörige beim Überschreiten der Aussengrenzen im Besitz eines Visums sein müssen, sowie die Liste der Drittländer, deren Staatsangehö- rige von dieser Visumpflicht befreit sind (kodifizierter Text) (nachfolgend: Verordnung [EU] 2018/1806, ABl. L 303/39 vom 28.11.2018). In ihrem An- wendungsbereich regel n sie umfassend die Visumpflicht, die Visum- vergabe und die Einreise in das Hoheitsgebiet der durch das Schengen - Recht gebundenen Staaten (nachfolgend: Mitgliedstaaten). 4. Die Voraussetzungen für die Erteilung eines Visums präsentieren sich im Anwendungsbereich der genannten Rechtsgrundlagen wie folgt: 4.1 Das schweizerische Recht kennt für drittstaatsangehörige Personen Visa für kurzfristige Aufenthalte und solche für längerfristige Aufenthalte. Die Visa für kurzfristige Aufenthalte fallen in den Regelungsbereic h des Schengen-Rechts. Sie werden für einen Aufenthalt von höchstens 90 Ta- gen innerhalb eines Zeitraums von 180 Tagen ausgestellt und können für das Hoheitsgebiet aller Schengen -Staaten gültig sein (einheitliches [Schengen-]Visum) (Art. 2 Bst. d Ziff. 1 VEV) oder sich auf das Hoheitsge- biet eines oder mehrerer Schengen-Staaten beschränken ([Schengen-]Vi- sum mit räumlich beschränkter Gültigkeit; nachfolgend: VrG-Visum) (Art. 2 Bst. d Ziff. 2 VEV). Die Visa für längerfristige Aufenthalte sind nationale Visa (Art. 2 Bst. f VEV). Sie unterstehen ausschliesslich dem Landesrecht. Ob eine drittstaatsangehörige Person für einen kurzfristigen Aufenthalt der Visumpflicht untersteht, bestimmt sich grundsätzlich nach der Verordnung (EU) 2018/1806 (Art. 8 Abs. 1 und 3 VEV) , wobei das Verfahren und die Voraussetzungen der Visumerteilung vom Visakodex geregelt werden (Art. 12 Abs. 1 VEV). Gemäss Art. 21 Abs. 1 VK ist ein (formell zulässiges) Vi- sumgesuch daraufhin zu überprüfen, ob die allgemeinen Einreisevoraus- setzungen des Art. 6 Abs. 1 Bst. a, c, d und e SGK erfüllt sind (zur Bezug- nahme des Art. 21 Abs. 1 VK auf Art. 5 Abs. 1 Bst. a, c, d und e SGK vgl. Art. 44 SGK i.V.m. der Entsprechungstabelle im Anhang X) . Der restliche Inhalt des Art. 21 VK differenziert und konkretisie rt diese Prüfung, wobei besonders wichtige Aspekte eine eingehende Regelung erfahren. 4.2 Die Ablehnungsgründe des Art. 32 Abs. 1 VK widerspiegeln die Prü- fung eines Visumsgesuchs auf Erfüllung der allgemeinen Einreisevoraus- setzungen. Ist einer der dort aufgelisteten Tatbestände gegeben – weitere Ablehnungsgründe ergeben sich implizit aus Art. 25 VK –, darf ein Visum nicht erteilt werden. Ansonsten ist es auszustellen. Ein Rechtsfolgeermes- sen besteht nicht (so das Urteil des Europäischen Gerichtshofs [EuGH] F-3680/2022 Seite 6 vom 19. Dezember 2013 C-84/12 Koushkaki, EU:C:2013:862, Rn. 26–55, 63; zur Auslegung des innerstaatlichen Rechts im Lichte dieses Urteils vgl. BVGE 2014/1 E. 4.1 m.H.). Ein Rechtsanspruch auf Erteilung eines Visums wird der gesuchstellenden Person gleichwohl nicht vermittelt (BVGE 2014/1 E. 4.1.5 m.H.). Ist das Visum zu verweigern, weil einer oder meh- rere Ablehnungsgründe gegeben sind, kann ausnahmsweise ein VrG -Vi- sum nach Art. 25 VK erteilt werden. Ein Ausnahmefall, der die Ausstellung eines VrG-Visums gestattet, liegt namentlich vor, wenn es ein Mitgliedstaat aus humanitären Gründen, aus Gründen des nationalen Interesses oder aufgrund internationaler Verpflichtungen für erforderlich hält, vom Grund- satz abzuweichen, dass die in Art. 6 Abs. 1 Bst. a, c, d und e SGK festge- legten Einreisevoraussetzungen erfüllt sein müssen (Art. 25 Abs. 1 Bst. a Ziff. i VK). 5. 5.1 Die Gesuchstellenden unterstehen der Visumspflicht (Art. 3 Abs. 1 der Verordnung (EU) 2018/1806 in Verbindung mit deren Anhang I Ziff. 1). Die Erteilung eines Visums wurde ihnen auf Einsprache hin verweigert, weil die Vorinstanz das Risiko einer nicht anstandslosen Wiederausreise nach Ab- lauf des Visums als nicht mehr gering einstufte. Damit wurde auf den Ver- weigerungsgrund des Art. 32 Abs. 1 Bst. b VK Bezug genommen, demge- mäss das Visum der gesuchstellenden Person zu verweigern ist, «wenn begründete Zweifel (…) an der Glaubwürdigkeit (ihrer) Aussagen oder der von (ihr) bekundeten Absicht bestehen, das Hoheitsgebiet der Mitglied- staaten vor Ablauf der Gültigkeit des beantragten Visums zu verlassen.» 5.2 Bei der Beurteilung des Kriteriums der gesicherten Wiederausreise muss ein zukünftiges Verhalten beurteilt werden, wozu nur Prognosen ge- troffen werden können. Dabei sind sämtliche Umstände des konkreten Ein- zelfalles zu würdigen insbesondere auch die allgemeinen Verhältnisse im Herkunftsland der gesuchstellenden Person. Bei Einreisegesuchen von Personen aus Staaten bzw. Regionen mit politisch, sozial oder wirtschaft- lich ungünstigen Verhältnissen rechtfertigt sich eine strenge Praxis, da die persönliche Interessenlage in solchen Fällen erfahrungsgemäss nicht mit dem Ziel und Zweck einer zeitlich befristeten Einreisebewilligung im Ein- klang steht. Der zuständigen Behörde kommt dabei ein erheblicher Beur- teilungsspielraum zu (vgl. BVGE 2014/1 E. 6.1 m.H.; ferner statt vieler Ur- teile des BVGer F-5322/2022 vom 9. Juni 2023; F-1826/2022 vom 24. Mai 2023 E. 6.1; F-1086/2020 vom 23. Februar 2021 E. 4.1). F-3680/2022 Seite 7 6. 6.1 Indien ist ein Land extremer Gegensätze: Man findet dort boomende Zentren wie Mumbai, Delhi oder Bangalore und eine wachsende Anzahl an enorm reichen Familien, gleichzeitig aber auch Millionen Menschen, die in extremer Armut leben. Etwa 15 Prozent der dortigen Bevölkerung ist unter- ernährt. Der Welthunger -Index 2022 bewertet die Situation in Indien als ernst. Die öffentlichen Ausgaben für Bildung und Gesundheit reichen bis- lang nicht aus, um die gesamte Bevölkerung zu versorgen. Auch die Qua- lität der Angebote ist oft noch zu ger ing. Mängel bestehen ausserdem in der Infrastruktur: Ein Grossteil der Bevölkerung hat keinen beziehungs- weise nur unzureichenden Zugang zu Basisdienstleistungen wie Wasser - oder Sanitätsversorgung, angemessene m Wohnraum, Abfallentsorgung und Mobilität. So verfügt in Indien etwa 30 Prozent der Bevölkerung über keine eigene Toilette (vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusam- menarbeit und Entwicklung > > http://www.bmz.de > Länder: Indien > Ak- tuelle Situation > Extremer Reichtum, extreme Armut; abgerufe n im Sep- tember 2023). 6.2 Bezüglich der Lebensumstände von in Indien lebenden Tibeter n kann ausgeführt werden, dass die meisten tibetischen Flüchtlinge in den 37 offi- ziellen und rund 70 informellen tibetischen Siedlungen leben, wobei ers- tere, so die Angaben des Tibet Justice Center aus dem Jahr 2011, als stark überbevölkert und landwirtschaftlich übernutzt gelten. Hohe Arbeitslosig- keit und Unterbeschäftigung der Exiltibeter sind ein zusätzliches Problem. Immerhin sind diejenigen, die in den offiziellen Siedlungen leben und dort registriert sind, im Vergleich zu den übrigen, die sich hauptsächlich über Indien und Nepal verteilen, deutlich bessergestellt (vgl. Urteil des BVGer F-1563/2017 vom 30. Januar 2019 E. 6.3). 7. In die Prognose über die Absichten von gesuchstellenden Personen, den Schengen-Raum fristgerecht zu verlassen, sind weiter deren persönliche, familiäre und berufliche Situation sowie deren Interessenlage miteinzube- ziehen (BVGE 2014/1 E. 6.3.1). Obliegt einer gesuchstellenden Person im Heimatland beispielsweise eine besondere berufliche, gesellschaftliche oder familiäre Verantwortung, kann dies die Prognose für eine anstands- lose Wiederausreise begünstigen. Umgekehrt muss bei Personen, die in ihrer Heimat keine besonderen Verpflichtungen haben, d as Risiko eines ausländerrechtlich nicht regelkonformen Verhaltens nach einer bewilligten F-3680/2022 Seite 8 Einreise als hoch eingeschätzt werden (BVGE 2014/1 E. 6.3.1 m.H.; 2009/27 E. 8). 7.1 Bei den Gesuchstellenden handelt es sich um ein Ehepaar tibetischer Ethnie. Gemäss den vorinstanzlichen Akten verfügten der (…) Gesuchstel- ler und seine (…) Ehefrau in Indien je über eine bis zum 30. März 2023 gültige Aufenthaltsbewilligung (SEM act. 3/60). Ob diese mittlerweile ver- längert wurden ist zwar nicht bekannt - die Beschwerdeführerin hat im vor- liegenden Verfahren keine entsprechenden Dokumente mehr ins Recht ge- legt -, dürfte jedoch aufgrund des langjährigen Aufenthalts der Gesuchstel- lenden in Indien anzunehmen sein (vgl. SEM act. 3/60; vgl. dazu auch Aus- führungen der Beschwerdeführerin in der Rechtsmitteleingabe 2. Ab- schnitt, S. 2). Beide Eingeladenen verfügen überdies über ein für die legale Ausreise aus Indien benötigtes indisches «Identity Certificate» sowie ein «Return Visa» zur Wiedereinreise (SEM act. 3/59, unpaginierte Akten CH- Botschaft; vgl. ADRIAN SCHUSTER, China/Indien: Situation tibetischer Flüchtlinge in Indien, Auskunft der SFH-Länderanalyse vom 9. September 2013, S. 8 f.). 7.2 In der Einsprache vom 30. März 2022 wurde alsdann geltend gemacht, die Gesuchstellenden hätten ihr ganzes Leben in Indien verbracht und wür- den dort über alles verfügen, was sie bräuchten. Sie hätten ein Haus und Land, beherrschten die Sprache und würden ihre Zeit mit ihren Landsleu- ten geniessen; es gäbe kein Grund, wieso die Gesuchstellenden in einem anderen Land leben sollten, ohne ihre Kinder, die in Indien leb en würden (SEM act. 1/48). Den Angaben der Beschwerdeführerin im Schreiben an die kantonale Migrationsbehörde vom 26. Mai 2022 zufolge seien die Ge- suchstellenden pensioniert und würden nach ihrer Rückkehr nach Indien so leben, wie sie jetzt gelebt hätten (SEM act. 6/115). In der Rechtsmitte- leingabe vom 22. August 2022 weist die Beschwerdeführerin darauf hin, dass ihre Eltern sehr alt seien und nicht mehr arbeiten würden; in Indien wohnende Tibeter, die nicht bei einer Behörde oder in einem grossen Be- trieb wohnen würden, hätten keine Pension. Ihre Eltern seien Bauern und lebten selbständig. Da ihr Vater altershalber nicht so gut mit dem Geld um- gehen könne, sei das Geld auf dem Konto ihrer Mutter; der Vater helfe und vertraue jedem, was zu gefährlich sei. Die Mutter pflege sowieso den Vater. Die beiden hätten in Indien ein Haus und 4.28 Hektaren Land. Auch die Kinder der Gesuchstellenden würden dort leb en. Sie würden nicht in ein anderes Land ziehen wollen, wo sie keine Unterstützung hätten und ihre Kinder zurücklassen müssten . Wenn es das Ziel sei, in der Schweiz ein besseres Leben zu haben, würde sie , so die Beschwerdeführerin, doch F-3680/2022 Seite 9 eher ihre jüngeren Geschwister einladen, weil diese noch ein längeres Le- ben vor sich hätten . Ihre Eltern, besonders ihr Vater , seien alt und er sei noch nie im Ausland gewesen und sie wolle ihm zeigen, wie schön es im Ausland sei und welche Spezialitäten es gebe. Die Gesuchstellenden wür- den niemals in einem Land sterben wollen, welches sie kaum kennen wür- den; s ie hätten Sehnsucht nach ihren Kindern . Die Beschwerdeführerin und ihre Geschwister würden dies ihren Eltern, die so vieles durchgemacht hätten, nicht zumuten wollen. In ihrer Kultur sei es wichtig, die Eltern bis zum letzten Atemzug zu begleiten (BVGer act. 1). Mit Schreiben vom 25. Oktober 2022 machte die Beschwerdeführerin überdies im Wesentli- chen ergänzend geltend, sie habe ihre Eltern im Sommer vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen. Der Grund dafür sei Covid, ihre Arbeit und ihre Kinder gewesen (BVGer act. 8). 8. 8.1 Vorliegend soll aufgrund ihres langjährigen Aufenthaltes eine gewisse Verwurzelung der Gesuchstellenden in Indien nicht in Abrede gestellt wer- den. Allerdings lassen die lediglich sehr pauschal vorgetragenen Ausfüh- rungen der Beschwerdeführerin zu weiteren in Indien lebenden Geschwis- tern sowie zum Umstand, dass ihre Eltern dort über Haus und Land verfü- gen, nicht darauf schliessen, dass den Eingeladenen in Indien besondere gesellschaftliche oder familiäre Verpflichtungen obliegen würden. Die Ge- suchstellerin vermerkte auf ihrem Antrag auf Erteilung eines Schengen-Vi- sum vom 23. März 2022 als derze itige berufliche Tätigkeit «Agriculture» (vgl. unpaginierte Akten CH-Botschaft), hingegen bleibt offen, wie stark sie selbst noch in die Bewirtschaftung des Landes eingebunden ist, zumal sie für die Pflege ihres Ehemannes zuständig sei und überdies in der Rechts- mitteleingabe geltend gemacht wurde, die Gesuchstellenden seien sehr alt und würden nicht mehr arbeiten. Auch lässt die fast zweimonatige Dauer des geplanten Besuchsaufenthalts in der Schweiz nicht darauf schliessen, dass ihre Anwesenheit in Indien zwingend erforderlich wäre. Etwas ande- res kann auch nicht von den im Beschwerdeverfahren eingereichten Be- weismittel abgeleitet werden (vgl. Bestätigung des «P ._______» vom 6. August 2022; eidesstattliche Erklärung einer Nachbarin der Gesuchstel- lenden vom 8. August 2022). 8.2 Bezüglich der wirtschaftlichen Verhältnisse der Gesuchstelle nden ist darauf hinzuweisen, dass die Gesuchstellerin bei der «T._______ Bank» per 4. März 2022 über mehrere Bankkonti mit einem Gesamtvermögen von 972'243 Indischen Rupien (ca. 10'823.98 CHF per 5. September 2023) F-3680/2022 Seite 10 verfügt. Weitere Angaben wurden nicht gemacht. Ob es sich dabei um Un- terstützungsleistungen handelt oder selbst erwirtschaftetes Geld, bleibt da- her offen. Unter diesen Umständen kann nicht darauf geschlossen werden, die Gesuchstellenden leben in wirtschaftlich sicheren Verhältnissen. Ohne- hin gilt es zu bedenken, dass selbst grössere Vermögenswerte keine hin- reichende Gewähr für eine fristgerechte und anstandslose Wiederausreise der Gesuchstellenden bieten, da liquide Vermögenswerte im Fall einer Mig- ration nicht verloren gehen (vgl. Urteil des BVGer F-156/2022 vom 6. März 2023 E. 6.3.2 m.w.H.). 8.3 Vor diesem Hintergrund ist nicht von besonder en, im Heimatland be- stehenden Verpflichtungen und von wirtschaftlichen Verhältnissen auszu- gehen, die Gewähr für eine Wiederausreise nach Ablauf des Visums bie- ten. Kommt hinzu, dass die Eingeladenen zwar weitere Kinder in Indien haben sollen, sie hingegen auch einen starken Bezug zur Schweiz haben, wo eine Tochter (die Beschwerdeführerin) und deren Kinder leben. Von Be- deutung kann überdies, insbesondere im Hinblick auf das fortgeschrittene Alter der G esuchstellenden und die Pflegebedürftigkeit des Gesuchstel- lers, die Qualität der Gesundheitsversorgung in der Schweiz sein. 8.4 Damit durfte die Vorinstanz rechtsfehlerfrei davon ausgehen, dass die persönlichen Lebensumstände der Gesuchstellenden keine ausreichende Gewähr für eine fristgerechte und anstandslose Wiederausreise nach ei- nem Besuchsaufenthalt in der Schweiz bieten. An dieser Einschätzung ver- mag auch der Umstand nichts zu ändern, dass die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 25. Oktober 2022 dem Gericht Kopien der Flugtickets (Hin- und Retourflüge) der Gesuchstellenden zustellte und die Gastgeberin ge- mäss den vorinstanzlichen Akten über geordnete finanzielle Verhältnisse zu verfügen scheint (SEM act. 3/61 ff.). Sie kann zwar mit rechtlich verbind- licher Wirkung für gewisse finanzielle Risiken im Zusammenhang mit dem Besuchsaufenthalt, nicht aber für ein bestimmtes Tun oder Unterlassen ih- rer Gäste einstehen (vgl. BVGE 2014/1 E. 6.3.7 und BVGE 2009/27 E. 9). 8.5 Mit der fehlenden Gewähr für eine anstandslos e Wiederausreise ist eine zwingende Voraussetzung für die Erteilung eines Visums nicht erfüllt. Gründe humanitärer oder anderer Art, welche die Erteilung eines Visums mit räumlich beschränkter Gültigkeit rechtfertigen würden, wurden nicht geltend gemacht und sind auch nicht ersichtlich. Nichts abgeleitet werden kann in diesem Zusammenhang auch von den mit Schreiben vom 23. Ja- nuar 2023 eingereichten Fotos. F-3680/2022 Seite 11 9. Aus vorstehenden Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist da- her abzuweisen. 10. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens wird die unterliegende Be- schwerdeführerin kostenpflichtig (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) F-3680/2022 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 900.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Sie sind durch den in gleicher Höhe entrichteten Kostenvorschuss ge- deckt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin und die Vorinstanz. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Susanne Stockmeyer Versand: