Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 16. August 2012 (720 11 236) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Anspruch auf eine Invalidenrente Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Daniel N oll, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin Gisela Wartenweiler Parteien A.____, Beschwerdeführerin, vertreten durch Doris Vollenweider, Advokatin, Gitterli-strasse 8, Postfach 215, 4410 Liestal gegen IV-Stelle Basel-Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente (756.2179.0387.94) A. Die 1958 geborene A.____ arbeitete seit 1. April 1988 als Mitarbeiterin in der Ab- waschküche des B.____ und ist dort seit 1. Februar 2006 i n einem Teilzeitpensum zu 50% be- schäftigt. Am 18. Juli 2003 meldete sie sich unter Hinwei s auf Schulter-, Arm- und Handbe- schwerden sowie allgemeinen Schmerzen bei der IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) zum Leistungsbezug an. Nach Abklärung der erwerblichen und gesundheitlichen Verhältnisse wurde der Versicherten mit Verfügung vom 5. September 2007 vom 1. Juli 2002 bis 30. September 2002 eine Viertelsrente (Invaliditätsgrad: 40 %), vom 1. Januar 2003 bis 31. Mai 2003 eine hal- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht be Rente (Invaliditätsgrad: 50 %), vom 1. Januar 2004 bis 31. Mai 2004 eine ganze Rente (In- validitätsgrad: 100 %) und vom 1. Juni 2004 bis 31. Mai 2006 eine halbe Rente (Invaliditäts- grad: 50 %) zugesprochen. Die gegen diese Verfügung erh obene Beschwerde vom 4. Oktober 2007 hiess das Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherung srecht, mit Urteil vom 21. Mai 2008 in dem Sinne gut, dass die Angelegenheit in Aufhebung der angefochtenen Verfügung zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen an die IV-Stelle zurückgewiesen wurde. B. In der Folge klärte die IV-Stelle den medizinischen Sachverhalt erneut ab und verfügte am 8. Juni 2011 eine vom 1. Juli 2002 bis 30. Septem ber 2002 befristete Viertelsrente (Invalidi- tätsgrad: 40 %), eine vom 1. Januar 2003 bis 31. Mai 2003 befristete halbe Rente (Invaliditäts- grad: 50 %), eine vom 1. Januar 2004 bis 31. Mai 2004 befristete ganze Invalidenrente (Invalidi- tätsgrad: 100 %) und eine vom 1. Juni 2004 bis 31. Ma i 2006 befristete halbe Rente (Invalidi- tätsgrad: 50 %). C. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten du rch Advokatin Doris Vollenweider, am 30. Juni 2011 fristgerecht Beschwerde ans Kantonsgeri cht. Darin beantragte sie, es sei die angefochtene Verfügung betreffend Rentenanspruch ab 1. Juni 2006 aufzuheben und ihr ab 1. Juni 2006 mindestens eine halbe Rente auf der Gru ndlage einer 50%igen Invalidität auszu- richten; unter o/e Kostenfolge. Zur Begründung führt e sie aus, dass die IV-Stelle entgegen den Vorgaben im Urteil des Kantonsgerichts vom 21. Mai 20 08 keinen Bericht des behandelnden Psychiaters Dr. med. C.____, FMH Psychiatrie und Psychothera pie, eingeholt habe. Der von der IV-Stelle beauftragte Gutachter Dr. med. D.____ , FMH Psychiatrie und Psychotherapie, habe daher keine Auseinandersetzung mit den Feststellu ngen und den Befunden von Dr. C.____ vornehmen können. Desgleichen habe er es un terlassen, sich mit den übrigen in den Akten vorhandenen abweichenden psychiatrischen Feststellungen eingehend zu befassen. Der IV-Stelle sei weiter vorzuwerfen, dass sie Dr. C.____ nachträglich nur zu einer Stellung- nahme zu den bestehenden Ausführungen aufgefordert un d nicht einen umfassenden und voll- ständigen Bericht verlangt habe. Prompt habe sie in ih rer Verfügung beanstandet, dass Dr. C.____ keine näheren Angaben zu den objektiven B efunden vorgenommen habe, weshalb auf das umfassende Gutachten von Dr. D.____ abzustellen sei. Weiter sei festzustellen, dass die von Dr. D.____ und Dr. C.____ gestellten Diagnose n einer mittelschweren Depression und einer somatoformen Schmerzstörung übereinstimmten. D agegen würden deren Auswirkungen unterschiedlich beurteilt. Die IV-Stelle gehe ungerecht fertigterweise unter Verweis auf die Test- ergebnisse davon aus, dass lediglich eine leichte bis mittelgradige depressive Episode vorliege. Die Schlussfolgerung, dass aufgrund de leicht- bis mitte lgradigen Ausprägung eine 30%ige Ar- beitsunfähigkeit resultiere, sei daher unbegründet. A ufgrund der langjährigen Behandlung sei der Einschätzung von Dr. C.____ zu folgen, der der Ansich t sei, dass die mittelschwere De- pression eine 50%ige Erwerbsunfähigkeit begründe. Aufg rund der Persönlichkeitsstruktur der Versicherten sei zudem anzunehmen, dass sie die Folgen de r somatoformen Schmerzstörung nicht überwinden könne und die Möglichkeiten zur Verbe sserung des Gesundheitszustandes ausgeschöpft seien. D. In ihrer Vernehmlassung vom 2. August 2011 beantra gte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht E. Anlässlich der Urteilsberatung vom 17. November 201 1 stellte das Kantonsgericht fest, dass die Abklärungsergebnisse aus dem Verwaltungsverfahren keine verlässliche Entscheid- grundlage bilden würden. Es beschloss deshalb, den Fall auszustellen, Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, einen Gutachterauftrag zu erteilen und von Dr. C.____ einen Arztbericht einzuholen. F. Am 5. Januar 2012 reichte Dr. C.____ die Antworte n zu den vom Kantonsgericht am 24. November 2011 gestellten Fragen ein. Nach Einsicht in die Stellungnahme von Dr. C.____ hielten die IV-Stelle mit Schreiben vom 17. Januar 20 12 unter Hinweis auf die Ausführungen von Dr. med. F.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, und die Versicherte durch ihre Rechtsvertretern am 13. Februar 2012 an ihren Anträgen fest. G. Dr. E.____ stellte ihr Gutachten am 7. März 2012 d em Gericht zu. Die IV-Stelle nahm dazu am 21. März 2012 und die Versicherte am 11. April 2012 unter Festhalten an ihren bishe- rigen Anträgen Stellung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Vorliegend ist unbestritten, dass die Versicherte auf grund ihres psychischen Gesund- heitszustandes vom 1. Juli 2002 bis 30. September 2002 A nspruch auf eine Viertelsrente, vom 1. Januar 2003 bis 31. Mai 2003 Anspruch auf eine halb e Invalidenrente, vom 1. Januar 2004 bis 31. Mai 2004 auf eine ganze Invalidenrente und vo m 1. Juni 2004 bis 31. Mai 2006 auf eine halbe Invalidenrente hat. Dagegen ist streitig, ob ein Anspruch auf eine halbe Invalidenrente ab 1. Juni 2006 besteht. 1.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die In- validenversicherung (IVG) vom 1. Juni 1959 Versicherte, d ie ihre Erwerbsfähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmass- nahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt nach Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 die voraussichtlich bleibende oder l ängere Zeit dauernde ganze oder teil- weise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der kör- perlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursacht e und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigke it sind Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliess- lich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Er- werbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.2 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 50 E. 1.2, 130 V 398 ff. E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzuge ltenden psychischen Leiden belas- tenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umstän den kein Krankheitswert zu- kommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat voraus, das die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psych ische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der weiteren Frage zentrale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versi cherten Person trotz des Leidens wil- lensmässig erwartet werden kann, zu arbeiten und einem E rwerb nachzugehen (BGE 127 V 299 E. 5a mit Hinweisen). Zur Annahme einer d urch eine psychische Gesundheitsbeein- trächtigung verursachten Erwerbsunfähigkeit genügt es al so nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielm ehr, ob anzunehmen ist, die Verwer- tung der Arbeitsfähigkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder - als alternative Vor- aussetzung - sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 1 02 V 165; vgl. auch BGE 127 V 298 E. 4c in fine). 1.3 In diesem Zusammenhang gilt es festzuhalten, dass ei ne diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerzstörung als solche noch keine Invalidi tät begründet. Vielmehr besteht nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung eine Vermu tung, dass die genannten Leiden oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengu ng überwindbar sind. Bestimmte Um- stände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konst ant behindern, können den Wieder- einstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machen, weil d ie versicherte Person alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendig en Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, entscheidet sich im Einzelfall a nhand verschiedener Kriterien. Im Vor- dergrund steht die Feststellung einer psychischen Komorbid ität von erheblicher Schwere, Aus- prägung und Dauer. Massgebend sein können auch weitere F aktoren, so: chronische körperli- che Begleiterkrankungen; ein mehrjähriger, chronifiziert er Krankheitsverlauf mit unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne länger dauernde R ückbildung; ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens; ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer innersee- lischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entl astenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die Krankheit" ); das Scheitern einer konsequent durch- geführten ambulanten oder stationären Behandlung (au ch mit unterschiedlichem therapeuti- schem Ansatz) trotz kooperativer Haltung der versicherten Person (BGE 130 V 352). Je mehr dieser Kriterien zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde darstellen, des- to eher sind - ausnahmsweise - die Voraussetzungen für e ine zumutbare Willensanstrengung zu verneinen (U LRICH MEYER -BLASER , Der Rechtsbegriff der Arbeitsunfähigkeit und seine Be- deutung in der Sozialversicherung, in: Schaffhauser/Sch lauri [Hrsg.], Schmerz und Arbeitsunfä- higkeit, St. Gallen 2003, S. 77; BGE 131 V 50 f.). 1.4 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person A nspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf e ine Viertelsrente, wenn sie zu min- destens 40 % invalid ist. 2. Ausgangspunkt der Ermittlung eines Rentenanspruchs bildet die Frage, in welchem Ausmass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheit lichen Beeinträchtigungen arbeitsun- fähig ist. 2.1 Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die du rch eine Beeinträchtigung der körper- lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, vo lle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbei t zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem andern Ber uf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). 2.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und insb esondere auch bei der Beur- teilung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde - die Verwaltung und im Streitfall das Gericht - auf Unterl agen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkei- ten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen S tellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, we lche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Perso n auf dem allgemeinen, ausgegliche- nen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frag e kommenden Arbeitsmarkt zumutbar- erweise noch verrichtet werden können (U LRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschätzung, in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozi- alversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 2.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung ( vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Bei der Beurteilung der Frage, ob und allenfalls in welchem Umfang bei einer versicher- ten Person eine Arbeitsunfähigkeit besteht beziehungswe ise wie die verbleibende Arbeitsfähig- keit verwertet werden kann, sind die Gerichte regelmässig auf entsprechende fachärztliche Ein- schätzungen und Stellungnahmen angewiesen. Widersprechen sich medizinische Berichte, darf das Gericht den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nich t auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitig en Untersuchungen beruht, auch die ge- klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakt en (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizini- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerung en der Expertin oder des Experten be- gründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 2.4 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung au fzustellen. So führte das Bundesgericht zu den Gerichtsgutachten aus, dass das Gericht "nicht ohne zw ingende Gründe" von den Ein- schätzungen des medizinischen Experten abweicht, dessen Aufga be es ist, seine Fachkennt- nisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um ei nen bestimmten Sachverhalt medizi- nisch zu erfassen (BGE 125 V 352 f. E. 3b/aa). Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn e in vom Gericht eingeholtes Ober- gutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolge rungen gelangt. Abweichende Beur- teilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensät zliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig genug erscheinen, d ie Schlüssigkeit des Gerichtsgutach- tens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch einen Oberexperten für ange- zeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Ergebni s des Gerichtsgutachtens abwei- chende Schlussfolgerungen zieht (BGE 118 V 290 E. 1b, 112 V 32 f. mit Hinweisen). 3.1. Das Kantonsgericht stellte in seinem Urteil vom 21. Mai 2008 fest, dass hinsichtlich der körperlichen Einschränkungen die orthopädische Beurteilun g von Dr. med. G.____, FMH Or- thopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungs apparates, H.____, vom 23. März 2006 massgebend sei. Danach bestehe sowohl für die ang estammte Tätigkeit der Versicherten als auch für sämtliche anderen körperlich leichten bis mi ttelschweren Tätigkeiten in wechseln- der Position eine volle Arbeitsfähigkeit. Diese Zumutba rkeitsbeurteilung wird von den Parteien im vorliegenden Verfahren nicht bestritten, weshalb i n somatischer Hinsicht auf die Beurteilung von Dr. G.____ abgestellt wird. Uneinigkeit besteht da gegen nach wie vor bezüglich der Aus- wirkungen der psychischen Beeinträchtigungen auf die Arbeitsfähigkeit der Versicherten. 3.2 In Bezug auf die ärztlichen Beurteilungen in psychisch er Hinsicht ist darauf hinzuwei- sen, dass das Kantonsgericht in seinem Urteil vom 21. Mai 2008 den medizinischen Sachver- halt bis zum Zeitpunkt der richterlichen Überprüfungsbef ugnis (Verfügungserlass: 5. November 2007) ausführlich zusammenfasste. Es wird darauf verwiesen. 3.3.1 Nachdem das Kantonsgericht die Angelegenheit mit Urteil vom 21. Mai 2008 zur er- neuten Abklärung an die IV-Stelle zurückgewiesen hatt e, wollte die IV-Stelle zuerst einen Be- richt der behandelnden Psychologin der I.____ einholen . Die zuständigen Ärzte der I.____ teil- ten am 27. Oktober 2008 mit, dass die Versicherte seit d em 18. März 2008 dort nicht mehr in Behandlung sei. Gleichzeitig legten sie den Therapiev erlaufs- und Abschlussbericht vom 18. März 2008 bei. In diesem sind als Diagnosen eine mit telgradige depressive Episode und eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung aufgeführt. Die Versicherte reagiere auf Krän- kungen und unerwünschte Entwicklungen mit Rückzug anstelle e iner angemessenen Vertre- tung ihrer Bedürfnisse. Die Kürzung der IV-Leistungen h abe zu einer Intensivierung der Krän- kungsgefühle geführt, welche sie auf die behandelnde P sychologin übertragen habe. In diesem Konflikt habe sie ihre Enttäuschungs- und Wutgefühle di rekt äussern und sich aktiv für ihre Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Wünsche nach Unterstützung einsetzen können. Die Versiche rte leide an einer somatoformen Schmerzstörung, deren erfolgreiche Bewältigung durch ih re belastende gegenwärtige soziokul- turelle, finanzielle und familiäre Situation, die un günstigen Beziehungserfahrungen in Kindheit und Jugend sowie ihre starke Betroffenheit und ihren Sc huldgefühlen wegen des Leidens, dass ihre Eltern durch Krankheit und Krieg erfahren hätte n, behindert würde. Ihre Ressourcen wür- den in einem guten Zugang auf der Körperebene und ihrer positiven Arbeitseinstellung liegen. 3.3.2 In der Folge beauftragte die IV-Stelle Dr. D. ____ mit der Begutachtung der Versicher- ten. Dieser hielt in seinem Gutachten vom 12. April 2009 als psychiatrische Diagnose mit Aus- wirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine leicht- bis mitt elgradige depressive Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung fest. Die anhal tende somatoforme Schmerzstörung beeinflusse dagegen die Arbeitsfähigkeit nicht. Im Ra hmen der Untersuchung seien keine Be- einträchtigungen der Bewusstseinsklarheit und -helligke it feststellbar gewesen. Aufmerksam- keit, Konzentration, Auffassung, Merkfähigkeit und Langzeitgedächtnis seien ungestört. Hinwei- se auf Sinnestäuschungen, inhaltliche Denkstörungen, Wahn wahrnehmungen oder Ich- Störungen beständen keine. Die Versicherte habe dagege n auf der Verhaltensebene ein aus- geprägtes verbales und nonverbales Schmerzgebaren geze igt. Der formale Gedankengang sei geordnet, aber deutlich eingeengt und kreisend um die körperlichen Beschwerden. Es sei auch eine ausgeprägte Tendenz zur Selbstbeobachtung körperlich er Vorgänge im Sinne einer Auf- merksamkeitsfokussierung zu beobachten gewesen. Die Grund stimmung sei gedrückt depres- siv, labil und weinerlich klagsam. Die affektive Modulati onsfähigkeit sei deutlich vermindert. An- zeichen für eine akute oder latente Suizidalität oder eines Gefühls von Lebensüberdruss hätten sich nicht gezeigt. Der Antrieb sei unvermindert gewesen . Die psychometrischen Untersuchun- gen ergäben nach der Hamilton Depressionsskala ein leic htgradig depressives Syndrom und nach der Montgomery Asberg Depression Rating Scale ein m ittelgradig depressives Syndrom. Diagnostisch beständen nach ICD-10 eine mittelgradig depressive Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung (F33.11) sowie eine a nhaltende somatoforme Schmerz- störung (F45.4), wobei letztere Diagnose keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit habe. Die Schmerzstörung und die Depression ständen in ungünstiger Wechselwirkung. Ein ausgeprägter sozialer Rückzug sei bei Teilzeitarbeit und Aussenkontakt en in der Freizeit nicht gegeben. Die zum Untersuchungszeitpunkt ausgeprägt leicht- bis mittelgr adige depressive Symptomatik sei im Rahmen einer prolongiert-depressiven Entwicklung als eine relevante mitwirkende psychisch ausgewiesene Komorbidität zu beurteilen. Dagegen li ege kein verfestigter therapeutisch nicht mehr angehbarer innerseelischer Verlauf einer Konfli ktsbewältigung vor. Die Behandlungs- optionen seien noch nicht ausgeschöpft. Die psychische Ko morbidität führe bei der Versicher- ten zu einer 30%igen Einschränkung der zumutbaren Will ensanstrengung zur Schmerzüber- windung bzw. zu einer entsprechenden Beeinträchtigung de r Arbeitsfähigkeit sowohl in ihrer angestammten Tätigkeit als auch in einer Verweistätigkeit. Zur Prognose führte Dr. D.____ aus, dass eine Psychotherapie sinnvoll sei, wobei das Erlernen von Strategien der Schmerzbewälti- gung eine wichtige Rolle spiele. Das rigide körperbezogene Krankheitskonzept der Versicherten und die ungünstigen psychosozialen Faktoren (geringe kulturelle Integration, sekundärer Krank- heitsgewinn [Unterstützung durch Familie, Entlastung] , Dekonditionierung, laufendes versiche- rungsrechtliches Verfahren) würden die Erfolgschancen ei ner solchen Therapie einschränken. Die Prognose sei deshalb als ungünstig zu beurteilen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3.3 Am 8. Februar 2010 nahm Dr. D.____ Stellung zu den Einwänden der Versicherten vom 11. Dezember 2009. Die behandelnden Ärzte der I._ ___ hätten eine höhere Arbeitsunfä- higkeit angenommen, weil sie invaliditätsfremde Faktoren berücksichtigt hätten. Dass die Versi- cherte ihre Restarbeitsfähigkeit nicht optimal ausschöpf e, sei im Wesentlichen auf IV-fremde Faktoren zurückzuführen. Seine Ausführungen zur Prognose seien entgegen der Ansicht der Versicherten nicht widersprüchlich. Beim vorliegenden Krankheitsbild bestehe oft eine deutliche Diskrepanz zwischen dem medizinisch-theoretisch zu erwartend en Erfolg einer zumutbaren Behandlung und dem tatsächlichen Therapieverlauf. Da ss die Versicherte von den Therapien zur Schmerzbewältigung nicht hinreichend profitiere, se i vor allem auf die ungünstigen psycho- sozialen Kontextfaktoren zurückzuführen. Die Prüfung nach de n Foerster-Kriterien habe ge- zeigt, dass die Schmerzüberwindung zwar erschwert, aber ni cht verunmöglicht sei. Der Tages- ablauf zeige, dass die Versicherte in der Lage sei, ein höheres Arbeitspensum zu leisten, wenn es die Umstände (z.B. Personalknappheit) erforderten bzw. eine entsprechende Motivationsla- ge bestehe. 3.4.1 Der behandelnde Arzt Dr. C.____ hatte am 24. A ugust 2010 Gelegenheit, sich zur me- dizinischen Aktenlage zu äussern. Die Versicherte habe in ih rer Kindheit ein überangepasstes und unterwürfiges Verhalten vor allem dem autoritären Vater gegenüber entwickelt. Als die Ver- sicherte in die Schweiz gekommen sei, habe sie Arbeiten übernommen, welche nicht ihren Qualifikationen entsprochen hätten. Die Versicherte sei mit einer vermehrten Anpassungsleis- tung und Kränkbarkeit belastet. Ihr Verhalten sei persön lichkeitsbedingt und somit nicht vorwie- gend abhängig von äusseren Bedingungen. Er könne Dr. D. ____ nicht zustimmen, dass die Versicherte zu mehr Arbeitsleistung fähig sei als im jetzi gen ausgeübten Umfang. Sie brauche nach mehr als 4 Stunden Arbeit eine lange Erholungszei t. Die bisher erreiche Stabilität im Um- gang mit ihren Schmerzen sei Folge eines ständigen Übens. 3.4.2 Zum Bericht von Dr. C.____ vom 24. August 2010 n ahm Dr. D.____ am 14. Januar 2011 Stellung. Einer akzentuierten Persönlichkeitsstörung komme per se kein Krankheitswert zu. Da die Persönlichkeitsmerkmale sich schon früh manife stiert hätten und die Versicherte da- bei voll leistungsfähig gewesen sei, könnten diese Pe rsönlichkeitszüge auch im weiteren Ver- lauf keine Arbeitsunfähigkeit begründen. Dr. C.____ weise darauf hin, dass der Arbeitsplatz für die Versicherte positive Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl habe. Damit zeige sich, dass die Versicherte in der Lage sei, ihre vorhandenen Ressourcen i m Rahmen der notwendigen Wil- lensanstrengung zu mobilisieren. 3.4.3 Schliesslich äusserte sich Dr. F.____ am 18. Februa r 2011 zu den Einschätzungen von Dr. D.____ und Dr. C.____. Er kam zum Schluss, dass die a kzentuierten Persönlichkeitszüge der Versicherten nicht einer psychiatrischen Störung, ei ner Erkrankung oder einem schweren Gesundheitsschaden entsprechen würden. Die Tatsache, dass d ie Versicherte nach der Migra- tion weniger anspruchsvolle Tätigkeiten ausgeübt habe, sei invaliditätsfremd. Die Einschätzung von Dr. D.____ über den Schweregrad der depressiven Stör ung beruhe auf einer psychopatho- logischen Befunderhebung und einer umfassenden psychometri schen Testung. Das Ausmass Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit habe Dr. D.____ - im Gegensatz zu Dr. C.____ - nach den Foerster-Kriterien vorgenommen, weshalb darauf abzustellen sei. 3.5.1 Mit Schreiben vom 5. Januar 2012 beantwortete Dr. C.____ die Fragen des Kantons- gerichts. Danach behandle er die Versicherte seit 24. Juni 2008 alle 2 Wochen in einer einstün- digen Sitzung. Er kritisierte das Gutachten von Dr. D._ ___ dahingehend, dass dieser lediglich die äussere Lebensgeschichte der Versicherten aufgreife und zur Beurteilung der emotionalen Entwicklung nach Schlüsselsymptomen suche. Auf die innere psychische Entwicklung gehe er aber nicht ein, welche jedoch zur Einschätzung der Persö nlichkeitsstruktur und der damit ver- bundenen Ressourcen äusserst wichtig sei. Dr. D.____ "erl edige" die Persönlichkeitsstruktur der Versicherten mit der Feststellung, dass die Diagnose "akzentuierte Persönlichkeitszüge" keinen Krankheitswert besitze. Weitere Ausführungen dazu fehlten. Weiter begründe er die nicht ausgeschöpften Ressourcen damit, dass die Versicher te bisher voll leistungsfähig gewe- sen sei, ohne dies näher darzulegen. Zudem habe Dr. D. ____ im Rahmen der Foerster- Kriterien das Kriterium der unbefriedigenden Behandl ungsergebnisse trotz konsequent durch- geführter ambulanter und stationärer Massnahmen nicht erwähnt. Dieses Kriterium erhärte die Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung u nd gebe dazu Hinweise auf die ausgeschöpften Ressourcen. Zur Persönlichkeitsentwicklung sei präzisierend anzuführen, dass die Versicherte als die ältere und sensiblere von zwei Tö chtern ein stilles und eher ängstliches Kind gewesen sei, welches früh Verantwortung übernom men und sich den autoritären und strengen Anweisungen des Vaters gefügt habe. Damit habe sie einiges an Leistungsfähigkeit und Durchhaltevermögen erreicht, jedoch mit dem Preis einer grossen Anstrengung und unter Zurücknahme von Selbstbehauptung. Mit der Emigration in die Schweiz sei die Versicherte her- ausgefordert gewesen, sich an eine neue und ungewohn te Situation anzupassen. Nach ihrer Heirat habe ihr Ehemann bestimmt, dass ihr neugebore ner Sohn zu den Eltern nach Bosnien komme, damit sie weiterhin zu 100 % arbeiten könne. Di e Versicherte habe ihren Wunsch, ih- ren Sohn selber betreuen zu dürfen, nicht durchsetzen k önnen. Erst als ihr Sohn 4 Jahre alt gewesen sei, habe sie es aufgrund des Angebots der Spi talkinderkrippe geschafft, ihren Sohn in die Schweiz zu holen. Sie habe sich aber verpflichtet g efühlt, ihr 100%-Arbeitspensum auf- recht zu erhalten. Nach der Verletzung ihrer rechten Ha nd 2001 als Folge eines Arbeitsunfalls mit schwierigem Heilungsverlauf hätten sich deutliche Zeichen einer psychischen Dekompensa- tion gezeigt. Das Ausmass dieser Verletzung stehe in keinem Verhältnis zur emotionalen Reak- tion und mache deutlich, dass ihre Fähigkeit zu einer aktiven psychischen Verarbeitung des Unfalls an ihre Grenze gekommen sei. Die intensive therap eutische Unterstützung auf der so- matischen und psychischen Ebene zeige keine wesentliche Ver besserung der Beeinträchti- gung, obwohl die Versicherte die entsprechenden Übung en bis heute diszipliniert weiterführe. Diese Eigenaktivität trage dazu bei, dass sie den aktuell en Stand ihrer Belastungsfähigkeit auf- recht erhalten könne. Seines Erachtens sei die Persönlichke itsentwicklung ein dynamischer Prozess, der sich als Wechselspiel zwischen Umwelt und vorhand enen Wesensmerkmalen vor allem in der Kindheit geformt habe und im Erwachsenen alter weiterlaufe. Er wies darauf hin, dass er grundsätzlich die gleichen Befunde erhebe wie D r. D.____. Er setze jedoch einige Ak- zente anders. Die Grundstimmung sei meist bedrückt-klagend . In Mimik und Gestik habe er noch nie Ausdruck von Freude erleben können. Bei Konfron tation könne sie Auflehnung oder Empörung ausdrücken. Es gelinge ihr aber kaum, in der konkreten Situation entsprechend zu Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht handeln; die Reaktion erfolge vielmehr über verstärkt e somatische Beschwerden. Als Diagno- sen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit hielt er eine mittelgradig depressive Episode, eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und akzentu ierte Persönlichkeitszüge in Rich- tung abhängige Persönlichkeitsstörung fest. Die Versicher te könne die aktuelle Arbeitsfähigkeit zu 50 % mit seiner Unterstützung und der begleitenden somatischen Behandlung einigermas- sen aufrecht erhalten. 3.5.2 Dr. F.____ stellte am 17. Januar 2012 Stellun g fest, dass sich Dr. D.____ im Gegen- satz zu Dr. C._____ auf Fremdbeurteilungsskalen abstelle , welche ein leicht- bis mittelgradig depressives Syndrom ergeben würden. Im Einklang mit diese m Schweregrad stehe die allge- meine Lebens- und Alltagsbewältigung der Versicherten (Morgenrituale, Ausführen von Übun- gen, Kräuterbäder, Physiotherapie, tägliches Arbeiten, Nordic Walking, Kochen nach der Arbeit, Erledigung des Haushalts in sehr reduziertem Zustand). Bei einer vorherrschend mittelgradigen Depression müsste der psychomotorische Antrieb oder die Ko nzentrationsfähigkeit reduziert sein, was Dr. C.____ aber nicht beschreibe. Eine mittelg radige depressive Störung könne des- halb nicht bestätigt werden. 3.6 Im vom Gericht angeordneten Gutachten vom 7. März 2012 diagnostizierte Dr. E.____ eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, eine rezidi vierende depressive Störung, ge- genwärtig mittelgradige Episode ohne somatisches Syndro m und akzentuierte Persönlichkeits- züge. Die Schwierigkeiten bei der kulturellen Eingewöhnung, der chronische Partnerschaftskon- flikt und die Krankheit des Ehepartners beeinflussten d ie Arbeitsfähigkeit dagegen nicht. In der diagnostischen Begründung führte sie aus, dass es Ende der 90er-Jahre zu einer Entwicklung der diffusen Schmerzsymptomatik und anderen funktionelle n Beschwerden gekommen sei. Im Mai 2001 habe die Versicherte einen Arbeitsunfall erlitten, bei welchem sie sich die rechte Hand verletzt habe. Trotz folgenloser Abheilung persistierten die Schmerzen, welche sich im Verlauf der Zeit auf den gesamten Körper ausgedehnt hätten. M it dem Unfall vom Mai 2001 sei es zur psychischen Dekompensation und anhaltender Teilarbeitsunfä higkeit gekommen. Die Manifes- tation der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung sei in den Zeitraum der Rückenopera- tionen des Ehemannes und dem Lehrabbruch ihres Sohnes g efallen. Die Versicherte habe sich als alleinige Ernährerin ihrer Familie gesehen, deren Ziel (Hausbau in Bosnien und Rückkehr in die Heimat) nicht das ihre sei. Mit der Einnahme der Krankenrolle habe sie teilweise eine Ent- lastung von dieser Verpflichtung erfahren. Sie nehme d iese Rolle nicht voll bewusst aber be- wusstseinsnah ein, was sich aus ihren Formulierungen "Ich h abe jahrelang in der Schweiz ge- arbeitet und mein Mann hat in seiner Heimat das Geld in sein Haus investiert. Jetzt bin ich selbst krank." und ihrer Präsentation als hilflose, weine rliche und klagsame Person ergeben würde. Während der Untersuchung sei die Versicherte im mer wieder auf die beiden Schlüssel- themen der Weggabe ihres Sohnes wenige Wochen nach der Geburt zu ihren Eltern und des 100%igen Arbeitspensums zwecks Finanzierung des Hausbaus in der Heimat zurückgekom- men. Die geschilderten Schmerzen spielten im Vergleich dazu eine untergeordnete Rolle. Die Versicherte ziehe eine äusserst negative Lebensbilanz. S ie habe nur gekämpft und gearbeitet, anderen geholfen und ihren kranken Ehemann jahrelang unterstützt. Gelohnt habe sich dies jedoch nicht. Ihr Sohn habe seine Möglichkeiten nicht ge nutzt und sie sei enttäuscht. Niemand sei ihr dankbar oder unterstütze sie bei ihrer Krankheit . Die wichtige Bedeutung der psychoso- Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht zialen Belastungsfaktoren ziehe sich durch sämtliche Unter lagen (z.B. Belastung durch den Krieg in der Heimat, Erkrankung des Ehemannes, Abbruch der Lehre des Sohnes, finanzielle Unterstützung der Eltern, finanzielle Schwierigkeiten durch den Hausbau in der Heimat, Berufs- tätigkeit, Aufgaben als Hausfrau und Mutter, Migration in die Schweiz etc.). Dr. E.____ kam zum Schluss, dass die Entstehung und Aufrechterhaltung der p sychischen Störungen überwiegend durch die psychosozialen, soziokulturellen Belastungsfakt oren bedingt sei. In Bezug auf die Foerster-Kriterien führte sie aus, dass aufgrund der rezi divierenden depressiven Störung mit- telgradiger Ausprägung eine psychiatrisch relevante Komo rbidität jedoch keine chronische kör- perliche Begleiterkrankung vorliegen würde. Ein Verlust der sozialen Integration sei nicht gege- ben. Die Versicherte gehe einer 50%igen Berufstätigkei t nach, sei weiterhin verheiratet, pflege regelmässige Kontakte zu Angehörigen und Nachbarn und nehme an einer Laufgruppe teil. Sie nähe, lese und verbringe ihre Ferien regelmässig in ih rer Heimat. Es liege deshalb kein verfes- tigter Krankheitsverlauf oder eine verselbstständigte psyc hische Störung mit Auswirkung auf sämtliche Lebensbereiche vor. Der Krankheitsgewinn sei über wiegend als sekundär zu be- zeichnen mit resultierender Entlastung der Versicherten . Während des Krankheitsverlaufes sei es zu keiner signifikanten Besserung der depressiven oder Schmerzsymptomatik gekommen, was - wie auch bereits von den Vorgutachtern beschrieben - mit dem Fortbestehen der krank- heitsfremden psychosozialen Belastungsfaktoren zusammenhä nge. Bei der heutigen Untersu- chung sei eine mittelgradig depressive Niedergeschlagenhei t, eine Minderung der Freude und des Selbstvertrauens, wiederkehrende Suizidgedanken, Klagen über subjektive Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Ein- und Durchschlafstörungen un d ein morgendliches Früherwa- chen festzustellen. Ein verminderter Antrieb oder Hemmung, ein Morgentief, eine Appetitminde- rung oder Gewichtsverlust seien nicht beobachtet oder be richtet worden. Die Persönlichkeit der Versicherten sei durch akzentuierte selbstunsicher-ängstliche und überangepasst- aggressionsgehemmte Züge gekennzeichnet. Im Sinne einer Ü berlebensstrategie habe sie die Neigung zu einer Überanpassung und zum Gehorsam mit Leug nen der eigenen Bedürfnisse und Unterdrückung ihrer aggressiven Gefühle entwickelt. Sie habe grosse Schwierigkeiten, sich für ihre Interessen einzusetzen und sich abzugrenzen. Die se beschriebenen Persönlichkeitszü- ge würden nicht das Ausmass einer Persönlichkeitsstörung annehmen, welche eine wesentli- che Beeinträchtigung der sozialen Funktionsfähigkeit in m ehreren Lebensbereichen erfordern würde. Die Versicherte habe 13 Jahre lang zu 100 % an der gleichen Stelle erfolgreich gearbei- tet. In der beruflichen Anamnese würden sich weder ein vermehrter Stellenwechsel noch ver- mehrte Konflikte finden lassen. Den akzentuierten Persön lichkeitszügen komme insofern eine mindernde Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu, als sie eine Abgrenzung der Versicherten gegenüber den Anforderungen der Vorgesetzten erschweren würden, was zu einer wiederhol- ten Überschreitung der Belastbarkeitsgrenze geführt ha be. Sie stellten somit eine leichte, per- sönlichkeitsbedingte Minderung der Ressourcen im Umgan g mit der Schmerzstörung dar. Im Vergleich zu den psychosozialen Belastungsfaktoren komme d iesen jedoch eine untergeordne- te Bedeutung zu. In der bisherigen Tätigkeit als ungele rnte Küchenhilfe bestehe eine 70%ige Arbeitsfähigkeit. Aufgrund des mittleren Schweregrad es der depressiven Symptomatik sowie der subjektiven Schmerzen sei die Arbeitsfähigkeit um 30 % reduziert. Bei der gleichmässigen Verteilung eines zumutbaren wöchentlichen Arbeitspensums von 80 % bestehe eine geringgra- dige Leistungsminderung durch eine leichte Verlangsamun g, sodass eine effektive Gesamtar- beitsfähigkeit von 70 % resultiere. Die Arbeitsfähigkeit in vergleichbaren Verweistätigkeiten, d.h. Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht in körperlich leichten bis mittelschweren, ungelernten Tätigkeiten mit von aussen vorgegebenen Arbeitsabläufen ohne erhöhte Anforderungen bezüglich Eigeninitiative oder Entscheidungsfin- dung betrage ebenfalls 70 %. 4.1. Das Gutachten von Dr. E.____ vom 7. März 2012 erf üllt sämtliche rechtsprechungs- gemässen Voraussetzungen an ein Gutachten. Es weist weder formale noch inhaltliche Mängel auf, es ist - wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 2.3 hiervor) - für die streitigen Belange umfassend, es beruht auf allseitigen Untersuchu ngen, es berücksichtigt die geklagten Beschwerden, es ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben w orden, es leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der medizinischen Situation ein und es ist in den Schlussfolgerungen überzeugend. Es enthält eine ausführliche Darlegung und ein- gehende Würdigung der medizinischen Aktenlage. Dr. E.__ __ setzte sich eingehend mit der divergierenden Arbeitsfähigkeitsbeurteilung von Dr. C.____ auseinander und legte dabei schlüssig dar, weshalb auf dessen Einschätzung nicht abgest ellt werden kann. So erklärte sie, dass sich Dr. C.____ am gegenwärtigen Arbeitspensum und den subjektiven Angaben der Ver- sicherten orientiert habe. Ferner gehe aus seinen Stel lungnahmen deutlich hervor, dass er in seiner Beurteilung der Arbeitsfähigkeit IV-irrelevante Faktoren wie die für die Versicherte quali- tativ nicht sehr anspruchsvolle Arbeit in der Schweiz un d die Weggabe des wenige Wochen alten Sohnes habe einfliessen lassen. Auch die Beurteil ung von Dr. D.____ erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich zur derjenigen von Dr. E.____ zu sein. So hielt Dr. D.____ in seiner Diagnosestellung eine leichte bis mittelschwere depressi ve Episode fest. Angesichts der fluktu- ierend rezidivierenden depressiven Störung sei die Versicherte zu 30 % in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Dagegen stufte Dr. E.____l den Schwereg rad der depressiven Erkrankung hö- her ein und diagnostizierte eine mittelgradige depressi ve Episode. Sie gelangte trotzdem zur gleichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit wie Dr. D._ ___. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass die von Dr. D.____ gestellte Diagno se nach ICD-10 F. 33.11 einer rezidi- vierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradi ge Episode, entspricht und somit nicht von derjenigen von Dr. E.____ abweicht. In diesem Sinn e führte er in seiner Beurteilung zur Diagnose auch aus, dass in Anwendung der ICD-10 eine mit telgradig ausgeprägte depressive Episode vorliege (vgl. Seite 13 des Gutachtens von Dr. D .____). Die gleiche Auffassung teilen sich die beiden Gutachter auch hinsichtlich der Bedeutun g der IV-fremden Faktoren. Sowohl Dr. D.____ als auch Dr. E.____ kamen zum Schluss, dass die verschiedenen psychosozialen und soziokulturellen Belastungsfaktoren eine überwiegen de Rolle in Bezug auf die psychische Störung einnehmen würden. In der Folge berücksichtigte n beide Fachpersonen diese Faktoren bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht. Weite r nahm Dr. E.____l mit Blick auf die diag- nostizierte somatoforme Schmerzstörung nach einem einge henden Aktenstudium, einer aus- führlichen Anamneseerhebung und einer persönlichen Unt ersuchung eine sorgfältige Prüfung der Foerster-Kriterien vor und stellte dabei fest, da ss zwar eine psychisch relevante Komorbidi- tät vorliege, die übrigen Kriterien jedoch nicht erfü llt seien. Ausserdem setzte sie sich entgegen der Ansicht der Versicherten detailliert mit deren Persö nlichkeit auseinander. Dabei erkannte sie, dass die bei der Versicherten vorliegenden akzentuie rten-aggressionsgehemmten Persön- lichkeitszüge eine leichte Minderung der Ressourcen im U mgang mit der Schmerzstörung zur Folge hätten. Trotz dieser Einschränkung seien genügend Ressourcen vorhanden, um das sub- jektive Schmerzempfinden überwinden zu können. Aufgrund dieser Ausführungen gibt es keine Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit des Gutachte ns von Dr. E.____, weshalb diesem volle Beweiskraft beizumessen ist. Gestützt darauf ist somit festzustellen, dass die Versicherte in ihrer Leistungsfähigkeit wegen ihrer psychischen Beei nträchtigungen zu 30 % eingeschränkt ist. 4.2.1 Im Zusammenhang mit den psychosozialen und soziokult urellen Belastungsfaktoren machte die Versicherte geltend, dass solche Faktoren bei der Entstehung und des Andauerns ihrer psychischen Erkrankung mitgewirkt hätten und ihre Persönlichkeitszüge, welche auch ge- mäss Dr. E.____ die Arbeitsfähigkeit einschränkten, mit prägen würden. Eine Unterscheidung zwischen IV-fremden und IV-relevanten Faktoren erscheine daher vorliegend konstruiert, zumal die Versicherte diese Faktoren nicht selber verändern od er bestimmen könne. Zudem habe Dr. E.____ nicht begründet, inwiefern und in welchem Ausmass die leistungsmindernde psychi- sche Störung auf IV-relevante oder IV-fremde Faktoren beruhe. 4.2.2 Es ist darauf hinzuweisen, dass nur eine Beeinträcht igung der Gesundheit bzw. deren Auswirkungen zu einer Arbeitsunfähigkeit und zu einer In validität im Rechtssinne führen kön- nen. Dabei muss die gesundheitliche Störung durch ein p athologisches Geschehen verursacht worden sein (vgl. T HOMAS LOCHER , Invalidität und invaliditätsfremde Faktoren, in: Sc hmerz und Arbeitsunfähigkeit, Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], St. Gallen 2003, S. 246). Die Rechtsprechung verlangt deshalb zur Annahme einer Invalidität ein medi zinisches Substrat, das (fach)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgew iesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 20. September 2011, 8C_302/2011, E. 2.5.1). Juristisch sind somit sämtl iche den Gesundheitszustand belas- tende Faktoren, die nicht medizinischer Natur sind, zu den IV-fremden Faktoren zu zählen. Sol- che Faktoren sind vom sozialversicherungsrechtlichen Standpu nkt aus unbeachtlich und ver- mögen daher keinen Leistungsanspruch zu begründen (vgl. B GE 127 V 294 E. 5a). Bei den IV- fremden Faktoren handelt es sich um einen versicherungsre chtlichen Begriff von leistungsaus- schliessendem bzw. -begrenzendem Charakter (G ABRIELA RIEMER -KAFKA , Versicherungsmedi- zinische Gutachten, Bern 2007, S. 55). Im Gegensatz zu de n Juristen unterscheiden die Medi- ziner nicht zwischen sozialen Ursachen und Folgen einer Kra nkheit. Im Sinne des bio-psycho- sozialen Krankheitsbegriffs werden soziale, das Beschwerdeb ild und die Leistungsfähigkeit be- einflussende Faktoren nicht ausgeklammert, sondern die be troffene Person wird in ihren ge- samten Lebensumständen erfasst. Das medizinische Krankhei tsverständnis ist also weiter ge- fasst als das rechtliche (vgl. M YRIAM SCHWENDER , Krankheit und Recht. Der Krankheitsbegriff im schweizerischen Sozialversicherungsrecht, Basel/Genf/Münche n 2008, S. 147). Indem die rechtsanwendenden Behörden und Gerichte die psychosozialen Faktoren auszublenden haben, werden nicht wenige zuvor von Ärzten krank geschriebene Me nschen auf eine für sie unver- ständliche Weise "gesund", insbesondere dann, wenn psychoso ziale Gründe überwiegend zum Krankwerden beigetragen haben (vgl. J ÖRG JEGER , Wer bemisst invaliditätsfremde Ursachen der Arbeitsunfähigkeit?, in: Sozialversicherungsrechtstagun g 2008, St. Gallen 2009, S. 160). Wie die Versicherte zu Recht anführte, lassen sich psychos oziale und soziokulturelle Faktoren oft nicht klar vom medizinisch objektivierbaren Leiden tre nnen. Trotzdem können solche äusse- ren Umstände nicht als gesundheitliche Beeinträchtigungen im Sinne des Gesetzes verstanden werden, weil der gesetzliche Invaliditätsbegriff selber klar zwischen der versicherten Person als Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Trägerin des (invalidisierenden) Gesundheitsschadens und d er durch ihn verursachten Er- werbsunfähigkeit unterscheidet. Infolgedessen können ps ychische Störungen, welche durch soziale Umstände verursacht werden und bei Wegfall der B elastungsfaktoren wieder ver- schwinden, nicht zur Invalidenrente berechtigen (vgl. U rteil des Bundesgerichts vom 29. Juli 2008, 9C_830/2007, E. 4.2). 4.2.3 Vorliegend wird nicht bestritten, dass die belast enden Lebensumstände der Versicher- ten (Migration und ihre Folgeerscheinungen, Weggabe des neugeborenen Sohnes, chronischer Ehekonflikt, Erkrankung des Ehemannes, finanzielle Schwie rigkeiten, Abbruch der Lehre des Sohnes, Bosnienkrieg, unerfüllter weiterer Kinderwunsc h, belastende 100%ige Berufstätigkeit, Aufgaben als Hausfrau und Mutter etc.) eine Hauptroll e bei der Entstehung der diagnostizierten psychischen Störungen und bei der Aufrechterhaltung der Symptomatik spielen. Diese als ur- sächlich zu betrachtende Faktoren des diagnostizierten Gesu ndheitsschadens können gemäss Rechtsprechung nicht einem pathologischen Substrat im engeren, rechtserheblichen Sinn zuge- rechnet werden. Auf eine Unterscheidung zwischen IV-fremd en und IV-relevanten Faktoren kann somit entgegen der Ansicht der Versicherten nicht verzi chtet werden. Gemäss bundesge- richtlicher Rechtsprechung ist es auch nicht Aufgabe der medizinischen Fachpersonen, eine punktgenaue Einschätzung des Einflusses IV-fremder Faktoren auf den Gesundheitszustand einer versicherten Person vorzunehmen. Die begutachtende Person hat lediglich die invalidi- tätsfremden Umstände von den medizinischen zu abstrahiere n. Danach hat sie aufgrund der medizinischen Faktoren deren Auswirkungen und das Ausmass a uf das verbleibende funktio- nelle Leistungsvermögen zu beurteilen (vgl. dazu auch J EGER , a.a.O., S. 167 f.), Diesen Anfor- derungen ist Dr. E.____ vollumfänglich nachgekommen, in dem sie zwischen medizinisch be- gründeten und somit IV-relevanten gesundheitlichen ps ychischen Beeinträchtigungen und IV- fremden Faktoren unterschied. Die von Dr. E.____ vorge nommene Differenzierung ist nachvoll- ziehbar und begründet, weshalb ihr zu folgen ist. Folg erichtig liess sie die psychosozialen und soziokulturellen Faktoren bei ihrer Beurteilung der Ar beitsfähigkeit ausser Acht. Schliesslich kam sie zum Schluss, dass die objektiv ausgewiesenen psychischen Beeinträchtigungen die Leistungsfähigkeit der Versicherten um 30 % verminderten . Darin sind die die Arbeitsfähigkeit im geringen Grad einschränkenden Persönlichkeitszüge ber ücksichtigt (vgl. S. 30 des Gutach- tens). 5.1 Die Invaliditätsbemessung bei erwerbstätigen Versiche rten erfolgt aufgrund eines Ein- kommensvergleichs. Gemäss Art. 16 ATSG wird dazu das Erwer bseinkommen, das die versi- cherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Dur chführung der medizinischen Behand- lung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgegli- chener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung zum Erwerbsein- kommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht inva lid geworden wäre (Validenein- kommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst gena u ermittelt und einander ge- genübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensd ifferenz der Invaliditätsgrad bestim- men lässt (vgl. BGE 104 V 136). Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts sind für den Einkommensvergleich grundsätzlich die Verhältnisse im Zeit punkt des Beginns des Rentenan- spruchs massgebend (vgl. BGE 129 V 222, 128 V 174). Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.2 Die IV-Stelle nahm in ihrer Verfügung vom 8. Juni 2011 zur Ermittlung der Einschrän- kung der Versicherten im Erwerbsbereich für den hier ma ssgebenden Zeitraum ab 1. Juni 2006 den erforderlichen Einkommensvergleich vor. Dabei ging sie gestützt auf den Angaben des Ar- beitgebers der Versicherten von einem jährlichen Valideneinkommen von Fr. 61'827.-- aus. Die- ses Valideneinkommen wird von der Versicherten nicht bestritten. Wie die IV-Stelle in ihrer Ver- nehmlassung vom 2. August 2011 jedoch zu Recht bemerkte, wurde dieses Valideneinkommen seit 2003 nicht der Lohnentwicklung angepasst. Unter Be rücksichtigung der bis 2006 erfolgten Nominallohnentwicklung (vgl. Bundesamt für Statistik, Ent wicklung der Nominallöhne, Frauen) ergibt sich ein massgebendes Einkommen von Fr. 65'105.-- jährlich. 5.3.1 Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist nac h der Rechtsprechung primär von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Geht die versicherte Person keiner Erwerbstätigkeit mehr nach, ist beim Einkommensver- gleich von einem hypothetischen Invalideneinkommen auszug ehen, für dessen Ermittlung auf die statistischen Löhne der (LSE) abzustellen ist (vgl. BG E 126 V 76 E. 3b/bb mit Hinweisen und BGE 124 V 322 E. 3b/aa). Vorliegend führt die V ersicherte nach Eintritt des Gesundheits- schadens ihre bisherige Tätigkeit als Mitarbeiterin in der Abwaschküche des Kantonsspitals Liestal im Umfang von 50 % weiter, schöpft aber dabei ihre Restarbeitsfähigkeit gemäss Zu- mutbarkeitsbeurteilung nicht optimal aus. In der ange fochtenen Verfügung rechnete die IV- Stelle das tatsächlich erwirtschaftete Einkommen auf di e zumutbare Restarbeitsfähigkeit von 70 % hoch. Diese Vorgehensweise erweist sich als unzulässig. Der von einer invaliden Person tatsächlich erzielte Verdienst bildet für sich allein be trachtet grundsätzlich kein genügendes Kri- terium für die Bestimmung der Erwerbsunfähigkeit und damit des Invaliditätsgrades. Das Mass der tatsächlichen Erwerbseinbusse stimmt mit dem Umfang der Invalidität vielmehr nur dann überein, wenn - kumulativ - besonders stabile Arbeitsve rhältnisse eine Bezugnahme auf den allgemeinen Arbeitsmarkt sich praktisch erübrigen, wenn die versicherte Person eine Tätigkeit ausübt, bei der anzunehmen ist, dass sie die ihr verbl eibende Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise voll ausschöpft, und wenn das Einkommen aus der Ar beitsleistung als angemessen und nicht als Soziallohn erscheint (vgl. BGE 135 V 297 E. 5. 2). Da die Versicherte mit ihrem derzei- tigen Arbeitspensum von 50 % die ihr verbleibende Arb eitsfähigkeit gemäss ärztlichem Zumut- barkeitsprofil nicht voll verwertet, verbietet sich das Heranziehen des effektiven Einkommens bzw. dessen Aufrechnung auf das zumutbare Pensum von 70 %. Eine derartige Vorgehenswei- se würde schliesslich weiteren Hypothesen unterliegen. Insbesondere ist nicht klar, ob das Kan- tonsspital Liestal die Versicherte auch im Umfang von 70 % beschäftigen würde. Unter diesen Umständen ist das Invalideneinkommen anhand der LSE zu ermitteln. 5.3.2 Laut Tabelle TA1 betrug der Zentralwert, Anfo rderungsniveau 4 für Frauen, im Jahre 2006 monatlich Fr. 4'019.--. Dieser Wert ist auf die d urchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 41,7 Stunden umzurechnen, womit bei einer Restarb eitsfähigkeit von 70 % für die Zeit ab 1. Juni 2006 ein jährliches Invalideneinkommen von Fr. 35'194.-- resultiert. 5.3.3 Von dem auf diese Weise erhobenen statistischen W ert können unter bestimmten Vor- aussetzungen Abzüge vorgenommen werden. Laut der dazu ergangenen Rechtsprechung Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöh ne herabzusetzen sind, von sämtli- chen persönlichen und beruflichen Umständen des konkreten Einzelfalles ab (leidensbedingte Einschränkung, Lebensalter, Anzahl Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäf- tigungsgrad), welche nach pflichtgemässem Ermessen gesam thaft zu schätzen sind. Dabei ist der Abzug vom statistischen Lohn unter Berücksichtigung al ler jeweils in Betracht fallenden Merkmale letztlich aber auf insgesamt höchstens 25% zu begrenzen (vgl. BGE 126 V 80 E. 5b). Ein Abzug soll aber nicht automatisch, sondern nur dan n erfolgen, wenn im Einzelfall Anhalts- punkte dafür bestehen, dass die versicherte Person wege n eines oder mehrerer der genannten Merkmale ihre gesundheitlich bedingte (Rest-)Arbeitsf ähigkeit auf dem allgemeinen Arbeits- markt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfol g verwerten kann. Vorliegend sind mit Blick auf die ärztliche Zumutbarkeitsbeurteilung von Dr. E.____ nebst der zeitlichen Beschrän- kung keine zusätzlichen Aspekte ersichtlich, die auf eine Erschwernis bei der erwerblichen Verwertung der Restarbeitsfähigkeit schliessen lassen würden. Unter diesen Umständen ist von der Vornahme eines leidensbedingten Abzuges abzusehen. 5.4 Der Vergleich zwischen Validen- und Invalideneinkom men führt zu einer Lohneinbusse von Fr. 29'911.--, was einen Invaliditätsgrad von gerundet 46 % und Anspruch auf eine Viertels- rente ab 1. Juni 2006 ergibt. Die Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen. 6.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des kantonale n Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 in der Regel in angemesse- nem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. Vorli egend hätte deshalb die IV-Stelle als unterliegende Partei grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tragen. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 V PO den Vorinstanzen - vorbehältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VPO - keine Verfahrenskosten auferlegt werden. Aufgrund dieser Bestimmung hat die IV-Stelle als Vori nstanz trotz Unterliegens nicht für die Verfahrenskosten aufzukommen. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Prozess keine Verfahrenskosten erhoben werden. 6.2 Gemäss bundesgerichtliche Rechtsprechung sind die Ko sten für ein Gerichtsgutachten als ordentliche Abklärungskosten zu behandeln, welche der IV-Stelle aufzuerlegen sind. Das Bundesgericht führte im BGE 137 V 210 in Erwägung 4.4 .2 zur Begründung aus, dass Art. 45 Abs. 1 ATSG und Art. 78 Abs. 3 der Verordnung über di e Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 eine Kostentragung der IV-Stelle auc h für Abklärungsmassnahmen vorsehe, welche die IV-Stelle zwar nicht angeordnet habe, welche jedoch für die Beurteilung des Leis- tungsanspruchs unerlässlich seien (vgl. dazu auch IV-Rundsch reiben Nr. 314). Diese Voraus- setzung ist vorliegend gegeben, nachdem das Kantonsgeric ht mit Beschluss vom 17. Novem- ber 2011 zum Schluss kam, dass eine abschliessende Beurteilung gestützt auf die bis zu jenem Zeitpunkt vorgelegene Aktenlage nicht möglich sei. Die Aufwendungen für die gerichtliche Be- gutachtung durch Dr. E.____ in Höhe von Fr. 7'285.-- si nd demgemäss der IV-Stelle zu über- binden. Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.3 Laut Art. 61 lit. g des Bundesgesetzes über den All gemeinen Teil des Sozialversiche- rungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da die Versicherte obsiegende Partei ist, ist ihr eine Par- teientschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Die Rechtsvertreterin der Beschwerde- führerin machte in ihrer Honorarnote vom 25. Mai 201 2 für das vorliegende Verfahren einen Zeitaufwand von insgesamt 17,83 Stunden geltend. Die detaillierte Abrechnung beinhaltet nun allerdings auch Bemühungen, die im Rahmen des Verwalt ungsverfahrens bis zum Erlass der Verfügung erbracht wurden. Art. 52 Abs. 3 ATSG hält ausdrücklich fest, dass im Einsprachever- fahren in der Regel (vgl. zu den hier nicht zutreffend en Ausnahmen: U ELI K IESER , ATSG- Kommentar, Zürich/Basel/Genf 2009, S. 527) keine Parteientschädigungen ausgerichtet werden (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 1. Juli 2003, U 236/02). Es kann daher nur der nach der Zustellung der Verfügung entst andene Aufwand entschädigt werden. Damit reduziert sich der in der Honorarnote vom 25. Mai 2012 ausgewiesene Zeitaufwand auf 12,5 Stunden, was sich umfangmässig als angemessen erweist. Dasselbe gilt für die ab Verfü- gungszeitpunkt angefallenen Auslagen von Fr. 49.50. Damit ist der Versicherten eine Parteient- schädigung für das vorliegende Beschwerdeverfahren in de r Höhe von Fr. 3'434.45 (12,5 Stun- den à Fr. 250.-- und Auslagen von Fr. 49.50.-- zuzüglich 8 % MwSt.) zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung vom 8. Juni 2011 aufgehoben und festgestellt wird, dass die Beschwerdeführerin vom 1. Juli 2002 bis 30. September 2002 An- spruch auf eine Viertelsrente, vom 1. Januar 2003 bis 31. Mai 2003 Anspruch auf eine halbe Invalidenrente, vom 1. Januar 2 004 bis 31. Mai 2004 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, v om 1. Juni 2004 bis 31. Mai 2006 Anspruch auf eine halbe Invalid enrente und ab 1. Juni 2006 Anspruch auf eine Viertelsrente hat. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- wird der Beschwerdeführerin zurückerstattet.. 3. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung bei Dr . med. E.____ in Höhe von Fr. 7'285.-- werden der IV-Stelle auferlegt. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerde führerin eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 3'434.45 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Gegen diesen Entscheid wurde von der IV-Stelle Basel-Landschaft am 1. Oktober 2012 Be- schwerde beim Bundesgericht ( Verfahren-Nr. 8C_792/2012 ) erhoben. http://www.bl.ch/kantonsgericht