<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 61" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 61</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Kausalabgaben und Enteignungen</span> <span class="page_no">449</span> </div> <div class="page" id="S449"> <span class="text"><b>61 </b> <b>Anschlussgebühr</b></span><br/> <span class="text">Ersatzbauten sowie Um-, An-, Aus- und Erweiterungsbauten sind an-</span><br/> <span class="text">schlussgebührenrechtlich grundsätzlich gleich zu behandeln. Eine ab-</span><br/> <span class="text">weichende Regelung im kommunalen Recht wird aber unter bestimmten</span><br/> <span class="text">Umständen toleriert (Präzisierung der Rechtsprechung / vgl. AGVE 2003,</span><br/> <span class="text">S. 112). </span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">450</span> </div> <div class="page" id="S450"> <div role="main"> <span class="text">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Kausalabga-</span><br/> <span class="text">ben und Enteignungen, vom 20. Juni 2018 in Sachen A. gegen Einwohnerge-</span><br/> <span class="text">meinde B. (4-BE.2017.8).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">4.4.</span><br/> <span class="text">4.4.1.</span><br/> <span class="text">Als erstes ist zu klären, ob es sich beim Bauprojekt der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführerin um einen Ersatzbau oder um einen Um-, An-, Aus-</span><br/> <span class="text">oder Erweiterungsbau handelt. (...)</span><br/> <span class="text">4.4.2.</span><br/> <span class="text">Auf der Parzelle X. standen bei deren Übernahme durch die Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführerin die Y.-Scheune mit Anbauten sowie ein Nebenge-</span><br/> <span class="text">bäude (Schopf). Die Beschwerdeführerin brach An- und Nebenbau-</span><br/> <span class="text">ten ab. Sie kernte die Y.-Scheune aus. Erhalten blieben einzig die</span><br/> <span class="text">West- und Ostfassade sowie das Dach. In diese Gebäudereste fügte</span><br/> <span class="text">sie den Südteil des neuen, zweigeschossigen Mehrfamilienhauses mit</span><br/> <span class="text">vier Wohnungen ein.</span><br/> <span class="text">Die Altbauten waren bis in die 1990er-Jahre als Lagerraum ge-</span><br/> <span class="text">nutzt worden, danach standen sie leer (...). Der Neubau weicht also</span><br/> <span class="text">nicht nur in der Form, sondern auch in der Nutzung (Wohnen statt</span><br/> <span class="text">Gewerbe) stark von den vorbestehenden Bauten ab. Die Baubewilli-</span><br/> <span class="text">gung wurde zudem für das gesamte Mehrfamilienhaus und nicht nur</span><br/> <span class="text">für einen Teil davon erteilt. Aus diesen Gründen ist der Neubau nicht</span><br/> <span class="text">als blosse Erweiterung des Bestehenden, sondern als Ersatzbau zu</span><br/> <span class="text">werten (...).</span><br/> <span class="text">4.4.3.</span><br/> <span class="text">Gemäss § 51 Abs. 1 Abwasserreglement (AR) ist für Ersatzbau-</span><br/> <span class="text">ten eine Anschlussgebühr wie bei Neubauten, abzüglich bereits be-</span><br/> <span class="text">zahlter Anschlussgebühren, geschuldet.</span><br/> <span class="text">Dem scheint die Praxis der Gemeinde jedoch nicht zu folgen.</span><br/> <span class="text">Nach den von ihr formulierten Definitionen gilt bei einem Abbruch</span><br/> <span class="text">oder Teilabbruch: Wird ein bereits angeschlossenes Gebäude oder</span><br/> <span class="text">Gebäudeteile abgebrochen und an dessen Stelle ein Neubau errichtet,</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Kausalabgaben und Enteignungen</span> <span class="page_no">451</span> </div> <div class="page" id="S451"> <div role="main"> <span class="text">so können die bestehenden Flächen (BGF, GGF, entwässerte Hart-</span><br/> <span class="text">flächen) gemäss § 51 Abs. 1 Abwasserreglement in Abzug gebracht</span><br/> <span class="text">werden (...). Statt der reglementarisch vorgesehenen Anrechnung</span><br/> <span class="text">bezahlter Anschlussgebühren wird also auch bei Ersatzbauten eine</span><br/> <span class="text">Mehrflächenbelastung vorgenommen - so auch im vorliegenden Fall</span><br/> <span class="text">(...). Der Gemeinderat behandelt die Sachverhalte Ersatzbaute und</span><br/> <span class="text">Um-, An-, Aus- oder Erweiterungsbaute anschlussgebührenrechtlich</span><br/> <span class="text">- anders als reglementarisch vorgesehen - gleich.</span><br/> <span class="text">4.4.4.</span><br/> <span class="text">Zur gebührenrechtlichen Behandlung von Ersatzbauten einer-</span><br/> <span class="text">seits und Um-, An-, Aus- und Erweiterungsbauten andererseits hat</span><br/> <span class="text">sich das Bundesgericht schon mehrfach geäussert. Es hat festgehal-</span><br/> <span class="text">ten, dass Ersatzbauten grundsätzlich gleich zu behandeln sind wie</span><br/> <span class="text">Um-, An-, Aus- oder Erweiterungsbauten. Das ergebe sich einerseits</span><br/> <span class="text">aus dem mit der Anschlussgebühr verfolgten Finanzierungszweck,</span><br/> <span class="text">andererseits aber auch aus praktischen Gründen. Es sei oft nicht</span><br/> <span class="text">möglich, zwischen Ersatzbau und Um-, An-, Aus- oder Erweite-</span><br/> <span class="text">rungsbau eine klare Trennlinie zu ziehen. Die Gleichsetzung soll aber</span><br/> <span class="text">nicht absolut gelten. Wo zwischen Altbaute und Ersatzbaute eine</span><br/> <span class="text">grosse Diskrepanz besteht, können für die Ersatzbaute trotz eines</span><br/> <span class="text">grundsätzlich vorhandenen Anschlusses die volle Anschlussgebühr</span><br/> <span class="text">erhoben werden. Eine unterschiedliche Behandlung der beiden</span><br/> <span class="text">Sachverhalte Ersatzbau/Umbau ist auch zulässig, wenn das abge-</span><br/> <span class="text">brochene Gebäude baufällig war und der Anschluss während längerer</span><br/> <span class="text">Zeit nicht benutzt wurde (Bundesgerichtsentscheide 2P.78/2003 vom</span><br/> <span class="text">1. September 2003, Erw. 3.6 mit Hinweisen; 2P.223/2004 vom</span><br/> <span class="text">18. Mai 2005, Erw. 3.2 und 3.3.1 ff.; 2C_153/2007 vom 10. Oktober</span><br/> <span class="text">2007, Erw. 5.2).</span><br/> <span class="text">Zulässig ist auch eine Abgaberegelung, die für Um-, An-, Aus-</span><br/> <span class="text">oder Erweiterungsbaute eine Zusatzgebühr nach Massgabe des</span><br/> <span class="text">Mehrwerts bzw. der Mehrfläche vorsieht, bei Ersatzbauten die Ge-</span><br/> <span class="text">bühr aber nach dem gesamten Versicherungswert bzw. der gesamten</span><br/> <span class="text">Fläche bemisst, sofern die seinerzeit für die beseitigte Altbaute be-</span><br/> <span class="text">zahlten Anschlussgebühren abgezogen werden. Das Bundesgericht</span><br/> <span class="text">führte dazu aus, durch die Errichtung und den Anschluss eines neuen</span><br/> <span class="text">Gebäudes werde grundsätzlich ein neuer Abgabetatbestand ge-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">452</span> </div> <div class="page" id="S452"> <div role="main"> <span class="text">schaffen, auch wenn dieses ein bereits angeschlossenes Gebäude er-</span><br/> <span class="text">setze. Es gebe kein unabhängig von einem bestimmten Gebäude</span><br/> <span class="text">bestehendes, zeitlich unbeschränktes wohlerworbenes Anschluss-</span><br/> <span class="text">recht, das bei späteren baulichen Änderungen als feste Grösse</span><br/> <span class="text">respektiert werden müsse. Gründe der Billigkeit könnten es aber</span><br/> <span class="text">rechtfertigen, auch bei Ersatzbauten, gleich wie bei Erweiterungs-</span><br/> <span class="text">und Umbauten, bei der Bemessung der Anschlussgebühr den bisher</span><br/> <span class="text">auf den betreffenden Grundstücken vorhandenen und durch eine ent-</span><br/> <span class="text">sprechende Abgabe bereits abgegoltenen Anschlüssen bis zu einem</span><br/> <span class="text">gewissen Grad Rechnung zu tragen. Das werde mit der Anrechnung</span><br/> <span class="text">bereits bezahlter Anschlussgebühren berücksichtigt (Bundesgerichts-</span><br/> <span class="text">entscheid 2P.223/2004 vom 18. Mai 2005, Erw. 3.3.3.).</span><br/> <span class="text">4.4.5.</span><br/> <span class="text">Grundsätzlich wäre nach der bundesgerichtlichen Recht-</span><br/> <span class="text">sprechung eine Gleichbehandlung der beiden Sachverhalte Ersatzbau</span><br/> <span class="text">und Um-, An-, Aus- oder Erweiterungsbau, wie vom Gemeinderat B.</span><br/> <span class="text">vorgenommen, vorzuziehen. Es toleriert jedoch unter besonderen</span><br/> <span class="text">Umständen eine Ungleichbehandlung. Insbesondere toleriert es auch</span><br/> <span class="text">die in § 51 Abs. 1 AR verankerte Regelung, wonach für Ersatzbauten</span><br/> <span class="text">eine volle Anschlussgebühr abzüglich geleisteter Gebühren für abge-</span><br/> <span class="text">rissene Altbauten zu erheben ist.</span><br/> <span class="text">Hinzu kommt vorliegend, dass die abgerissenen Bauten seit</span><br/> <span class="text">längerem leer gestanden hatten und dass mit der Neuüberbauung eine</span><br/> <span class="text">Nutzungsänderung einherging. Beide Tatbestände würden nach Bun-</span><br/> <span class="text">desgericht auch eine volle Anschlussgebühr rechtfertigen (vorne Erw.</span><br/> <span class="text">4.4.4., vgl. auch § 51 Abs. 3 AR zur Zweckänderung).</span><br/> <span class="text">§ 51 AR verstösst demnach nicht gegen höherrangiges Recht.</span><br/> <span class="text">Es darf ihm die Anwendung nicht versagt werden. (...)</span><br/> <span class="text">Die mit der Baubewilligung verfügte Abwasseranschlussgebühr</span><br/> <span class="text">ist daher aufzuheben und reglementskonform festzusetzen. (...).</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>