B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1790/2024 U r t e i l v o m 2 7 . M ä r z 2 0 2 4 Besetzung Einzelrichterin Gabriela Freihofer, mit Zustimmung von Richter Gregor Chatton; Gerichtsschreiberin Nina Ermanni. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Marek Wieruszewski, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 11. März 2024 / N (…). E-1790/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reichte am 12. Februar 2024 in der Schweiz ein Asylgesuch ein. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der «Eurodac» - Datenbank ergab, dass er am (…) Oktober 2023 in Kroatien illegal in den Dublin-Raum eingereist war und dort gleichentags um Asyl nachsuchte. B. B.a Am 22. Februar 2024 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer – im Rahmen des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlam ents und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) und im Beisein sei- ner Rechtsvertretung – das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer all- fälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. Dabei machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, bei seiner ersten Einreise nach Kroatien sei ihm das Telefon abgenommen worden. Anschliessend sei er festgenommen, geschlagen und für fünf bis sechs Tage in einem Polizeiauto gemeinsam mit anderen Leuten eingesperrt ge- wesen. Das Auto habe er jeweils einmal am Tag verlassen dürfen, um auf die Toilette zu gehen. Obwohl er das Essen selbst habe bezahlen müssen, habe es lediglich einmal am Tag Wasser und Brot gegeben. Es sei sehr kalt gewesen und er habe in einer Nacht einen Kälteschock erlitten. Nach diesen Tagen sei er nach B._______ abgeschoben worden. Bei seiner zweiten Einreise seien ihm unter Zwang seine Fingerabdrücke abgenom- men worden und danach habe man ihn aufgefordert zu gehen. Ein Schlep- per habe ihm dann gesagt, damit seine Fingerabdrücke aus dem System wieder gelöscht würden, müsse er nach C._______ gehen. Dort habe er sich mehrere Monate in einem Hotel eines Bekannten aufgehalten und sei dann mittels Schlepper von C._______ direkt in die Schweiz gereist. Nach Kroatien wolle er nicht zurück, weil er dort unmenschlich behandelt worden sei. Er habe Angst vor den Kroaten und wäre dort ganz allein e. Sein Ziel sei die Schweiz gewesen, weil man sich hier um ihn kümmere, und er sich auch schneller integrieren könne, da er die Sprache bereits etwas beherr- sche. E-1790/2024 Seite 3 Betreffend seine gesundheitliche Situation führte er aus, es gehe ihm gut. Er befürchte aber, aufgrund seiner Zeit in Kroatien bleibende Schäden da- vongetragen zu haben. Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte er Fotos von mehreren Quit- tungen und Hotelrechnungen ein. B.b Ebenfalls am 22. Februar 2024 ersuchte die Vorinstanz – unter Nen- nung des Reisewegs und unter Beilage der Informationen aus «Eurodac» sowie der eingereichten Beweismittel – die kroatischen Behörden um Wie- deraufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. C. Am 7. März 2024 stimmten die kroatischen Beh örden dem Ersuchen um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dub- lin-III-VO ausdrücklich zu. D. Mit Verfügung vom 11. März 2024 (eröffnet am 13. März 2024) trat die Vor- instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstellung nach Kroatien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den zu- ständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Be- schwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme. E. Mit Schreiben vom 13. März 2024 teilte die zugewiesene Rechtsvertretung dem SEM die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit. F. Mit Eingabe des rubrizierten Rechtsvertreters vom 20. März 2024 liess der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwe rde erheben und beantragte, die Verfügung des SEM vom 11. März 2024 sei vollständig aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. E-1790/2024 Seite 4 In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG inklusive Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses. G. Am 22. März 2024 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori- schen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsge- richt die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründethei t hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu E-1790/2024 Seite 5 Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver- fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch- führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. Der Beschwerdeführer moniert in seiner Beschwerdeschrift in formeller Hinsicht, er habe bereits anlässlich des Dublin -Gesprächs ausgeführt, zu befürchten, dass seine Aussagen ni cht «ganz korrekt» übersetzt würden. Genau dies sei nun geschehen ; der Inhalt des Dublin-Gesprächs stimme nicht mit seinen Aussagen überein und gebe nicht wieder, was er in Kroa- tien für Misshandlungen erlitten habe. Damit rügt er implizit eine unrichtige sowie unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts. Den vorliegenden Akten – namentlich dem Protokoll des Dublin-Gesprächs – lässt sich eindeutig entnehmen, dass das gesamte Protokoll dem Be- schwerdeführer «Satz für Satz» von seiner anwesenden Rechtsvertretung vorgelesen und vom Dolmetscher übersetzt wurde. Dieser Umstand wurde sodann vom Beschwerdeführer selbst sowie von seiner Rechtsvertretung und dem Dolmetscher mittels eigenhändiger Unterschrift bestätigt. Der Be- schwerdeführer hat denn a uch eigenständig Streichungen beziehungs- weise Ergänzungen am Protokoll vorgenommen (vgl. SEM-Akte […]-10/3). Somit widersprechen die diesbezüglichen Ausführungen des Beschwerde- führers der Aktenlage, weshalb er daraus auch nichts zu seinen Gunsten abzuleiten vermag. Die Vorinstanz hat den Sachverhalt demnach korrekt und vollständig festgestellt. Dementsprechend erweist sich die formelle Rüge als unbegründet. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig i st, tritt das SEM, nachdem der E-1790/2024 Seite 6 betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zuge- stimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah- men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) – wie vorliegend – findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprü- fung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2019 VI/7 E. 4-6; 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän- digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An- nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An- tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensc hlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als z u- ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän- dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an- deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 5.4 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Eu- rodac»-Datenbank ergab, dass dieser am (…) Oktober 2023 in Kroatien E-1790/2024 Seite 7 ein Asylgesuch gestellt hatte (vgl. SEM-Akte […]-7/1). Das SEM hat die kroatischen Behörden daher zu Recht am 22. Februar 2024 um Wieder- aufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin- III-VO ersucht (vgl. SEM -Akte […]-12/5), zumal das SEM auch zu Recht davon ausging, dass sich der Beschwerdeführer nicht mehrere Monate in C._______ und somit auch nicht ausserhalb des Dublin-Raums aufgehal- ten hat (vgl. Verfügung des SEM vom 11. März 2024 Ziff. II S. 3 f.), was auf Beschwerdeebene auch nicht mehr bestritten wird. Die kroatischen Behör- den haben sodann dem Wiederaufnahmegesuch des SEM gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO – im Wissen um den geltend gemachten mehr- monatigen Aufenthalt des Beschwerdeführers in C._______ – ausdrücklich zugestimmt (vgl. SEM-Akte […]-17/2). Nach dem Gesagten ist die grund- sätzliche Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Weg- weisungsverfahrens betreffend den Beschwerdeführer (weiterhin) gege- ben. Der auf Beschwerdeebene erneut geltend gemachte Umstand, dass er zur Abgabe seiner Fingerabdrücke in Kroatien gezwungen worden sei, vermag daran nichts zu ändern (vgl. dazu auch Verfügung des SEM vom 11. März 2024 Ziff. II S. 3). 6. 6.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische Schwachstel- len aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU -Grundrechtecharta mit sich brin- gen würden. 6.2 Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts weisen das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Kroatien keine systemischen Schwachstellen auf (vgl. unter vielen: Urteile des BVGer F-1483/2024 vom 18. März 2024 E. 6.2, E-1306/2024 vom 7. März 2024 E. 6, F-773/2024 vom 13. Februar 2024 E. 7.3 und E-6574/2023 vom 1. Dezember 2023 S. 5 ff., je mit Hinweisen auf das Referenzurteil des BVGer E -1488/2020 vom 22. März 2023 E. 9.5). Demnach sind Dublin - Überstellungen nach Kroatien grundsätzlich sowohl in «take-charge» (Auf- nahme) als auch in «take -back» (Wiederaufnahme) V erfahren zulässig (Referenzurteil E-1488/2020 E. 9.5). Die in der Beschwerdeschrift zitierten Berichte (u.a. Human Rights Watch, «Like We Were Just Animals» – Push- backs of People Seeking Protection from Croatia to Bosnia and Herzego- vina, Mai 2023; SFH, Jur istische Analyse zu Kroatien: SFH beurteilt aktuelle Praxis der Schweiz kritisch, 10. März 2023, < E-1790/2024 Seite 8 https://www.fluechtlingshilfe.ch/publikationen/news-und-stories/juristi- sche-analyse-zu-kroatien-sfh-beurteilt-aktuelle-praxis-der-schweiz-kritisch >; Äusserungen einer Delegation der NGOs «Centre for Peace Studies» und «Are You Serious?» anlässlich der Verleihung des Menschenrechts- preises «Offene Alpen» am 15. Juni 2023 in Bern, vgl. CONSTANZE WARTA, Schweiz/Kroatien: Menschenrechtspreis auf der Balkanroute, 20. Juli 2023, < https://forumcivique.org/artikel/schweiz-kroatien-menschenrechts- preis-auf-der-balkanroute >; Solidarité sans frontières und Droit de Rester, Eine Spirale der Gewalt. Dublin -Rückführungen nach Kroatien und die Rolle der Schweiz, 28. Juni 20 23, < www.sosf.ch/cms/up- load/230628_Sosf_DublinKroatien_Spirale_der_Gewalt_DE_WEB.pdf >; sämtliche Berichte abgerufen am 26.03.2024) vermögen nichts daran zu ändern. Schliesslich ändert auch der Hinweis auf die kroatische Asylstatis- tik nichts, wonach in Kroatien im Jahre 2022 gerade einmal 21 Personen einen Schutzstatus erhalten hätten und lediglich fünf Asylgesuche von af- ghanischen Staatsangehörigen geprüft worden seien, zumal es sich beim Beschwerdeführer um einen türkischen Staatsangehörigen handelt. 6.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin- III-VO nicht gerechtfertigt. 7. 7.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und ist verpflichtet, seinen diesbezüglichen völkerrechtli- chen Verpflichtungen nachzukommen. Es darf davon ausgegangen wer- den, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutz- suchende aus den Richtlinien des Europä ischen Parlaments und des E-1790/2024 Seite 9 Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfah- rensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz bean- tragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. 7.2 Insbesondere lassen auch die vom Beschwerdeführer bei seiner illega- len Einreise nach Kroatien angeblich erlebten Vorkommnisse (Beschimp- fung und Schläge, Abnahme des Telefons, vorübergehendes Einsperren in ein Polizeiauto mit weiteren Personen, lediglich Erhalt von Wasser und Brot) nicht den Schluss zu, er habe bei einer Überstellung nach Kroatien mit hoher Wahrscheinlichkeit eine unmenschliche oder erniedrigende Be- handlung im Sinne von Art. 3 EMRK, Art. 3 FoK oder Art. 4 EU -Grund- rechtecharta zu gewärtigen. Er vermag somit kein konkretes und ernsthaf- tes Risiko darzutun, die kroatischen Behörden würden in seinem Fall bei der Rückkehr ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachkommen. Er wird sich, wie vom SEM zutreffend erläutert, nach der Dublin -Überstel- lung in einer anderen Situation wiederfinden als nach seiner ersten (illega- len) Einreise nach Kroatien. Für den Fall, dass er dennoch von Behörden- vertretern rechtswidrig behandelt würde, hätte er sich an das kroatische Justizwesen oder die dortigen Aufsichtsbehörden zu wenden. Der Be- schwerdeeinwand, wonach dies möglicherweise mit grösseren Schwierig- keiten verbunden sein könnte als in der Schweiz, ändert daran nichts un d weist im Übrigen auch nicht per se auf systemische Schwachstellen im kro- atischen Asylsystem hin (vgl. u.a. Urteil des BVGer E -6609/2023 vom 8. Dezember 2023 E. 7.2). Es bestehen sodann keine Gründe für die An- nahme, Kroatien werde den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und den Beschwerdeführer zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land ge zwungen zu werden. Bei einer allfälligen vorüberge- henden Einschränkung der ihm zustehenden Aufnahmebedingungen könnte er sich nötigenfalls an die kroatischen Behörden wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (Art. 26 der Aufnahmerichtlinie). Schliesslich steht ihm die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. Auf die zutreffende Erwägung in der an- gefochtenen Verfügung und die entsprechenden Hinweise kann verwiesen werden (vgl. Verfügung des SEM vom 11. März 2024 Ziff. II S. 4 ff.). 7.3 Gemäss vorliegender Aktenlage sind keine gesundheitlichen Probleme ausgewiesen, der Beschwerdeführer gilt demnach als gesund (vgl. SEM -E-1790/2024 Seite 10 Akte […]-10/3). Die beschwerdeweisen Mutmassungen, er befürchte auf- grund seiner Erlebnisse in Kroatien bleibende physische und psychische Schäden davon getragen zu haben, ändern daran nichts. Es liegen keine Hinweise vor, wonach Kroatien dem Beschwerdeführer eine nach dessen Überstellung allenfalls notwendig werdende medizinische Behandlung ver- weigern würde. Der Beschwerdeführer legte nicht dar, dass er nicht reise- fähig sei oder eine Überstellung seine Gesundheit ernsthaft gefährden würde. 7.4 Eine Überstellung nach Kroatien erweist sich demnac h als zulässig , und es liegen keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt der Schweiz nach Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO vor. Bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 verfügt das SEM über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Vorliegend bestehen keine Hinweise auf eine Ermessensunterschreitung oder andere, nicht ge- setzeskonforme Ausübung des Ermessens (Ermessensmissbrauch, Über- schreitung des Ermessens). Bei dieser Sachlage enthält sich das Gericht in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 7.5 Nach dem Gesagten bleibt Kroatien der für die Behandlung des Asyl- gesuchs des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin- III-VO. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin -III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). 8. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da dieser nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts - oder Niederlassungsbe- willigung ist, wurde die Überstellung nach Kroatien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). Es besteht nach dem Gesagten keine Veranlassung zur Rückweisung der Sa- che an die Vorinstanz im Sinne des Eventualbegehrens. 9. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). E-1790/2024 Seite 11 10. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. Der angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegen- dem Urteil dahin. 11. Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – von vornherein aussichtlos waren, weshalb die Voraussetzungen von Ar t. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Das Gesuch um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache gegenstandslos. 12. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-1790/2024 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Nina Ermanni Versand: