Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 8. Oktober 2015 (720 15 210) ___________________________________________________________________ Invalidenversicherung Die versicherte Person hat Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung mittleren Grades, unabhängig davon, ob die Hilfe bei der Pflege gesellschaftlicher Kontakte der allgemei- nen Lebensverrichtung Fortbewegung/Kontaktpflege zugeordnet wird oder der lebens- praktischen Begleitung. Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantonsrich- ter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin Christina Markiewicz Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch Katrin Plattner, Behinder- tenforum, Bachlettenstrasse 12, 4054 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Hilflosenentschädigung (756.2805.8574.85) Seite 2 A. Der 1962 geborene A.____ bezieht seit 1. Januar 19 94 aufgrund einer schweren Zwangsstörung und einer rezidivierenden depressiven Störu ng eine ganze IV-Rente. Mit Verfü- gung vom 13. Mai 2015 gewährte ihm die IV-Stelle rü ckwirkend ab 1. Februar 2009 eine Hilflo- senentschädigung leichten Grades. Gemäss Abklärungsberich t vom 7. Februar 2014 sei A.____ seit Februar 2008 auf lebenspraktische Begleitun g angewiesen und bedürfe bei der Pflege gesellschaftlicher Kontakte der Dritthilfe. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch Katrin Plattner, Rechtsdienst für Behinderte, Behindertenforum, mit Eingabe vom 10. J uni 2015 Beschwerde ans Kantonsge- richt, Abteilung Sozialversicherungsrecht. Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Ver- fügung. Weiter sei ihm rückwirkend ab 1. Februar 2009 eine Hilflosenentschädigung mittleren Grades auszurichten. Zur Begründung führte er an, dass er in praktisch allen alltäglichen Le- bensverrichtungen auf regelmässige indirekte Dritthilfe a ngewiesen sei, indem er unnachgiebig aufgefordert werden müsse, die entsprechenden konkreten H andlungen wie Duschen, Essen, Aufstehen usw. überhaupt und in angemessener sowie zumutbarer Art und Weise zu erledigen. C. Die IV-Stelle beantragte mit Vernehmlassung vom 26 . August 2015 die Abweisung der Beschwerde. Abgesehen von der Pflege gesellschaftlicher Kontakte sei der Beschwerdeführer in den alltäglichen Lebensverrichtungen auf keine rege lmässige und erhebliche Dritthilfe ange- wiesen. Er könne die Verrichtungen – wenn auch mit erh öhtem Zeitaufwand – selbständig täti- gen. Den Hilfestellungen der Eltern werde im Rahmen der lebenspraktischen Begleitung bereits Rechnung getragen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Erwachsene Versicherte mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die hilflos (Art. 9 des Bundesgesetzes über den Allgemeine n Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG] vom 6. Oktober 2000) sind, haben Anspruch auf ei ne Hilflosenentschädigung (Art. 42 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG] vom 19. Juni 1959). Als hilflos gilt eine Person, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche Lebensverrich- tungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen Überwachung bedarf (Art. 9 ATSG). 1.2 Das Gesetz unterscheidet zwischen schwerer, mittelschwe rer und leichter Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 2 IVG). Die Hilflosigkeit gilt als leicht , wenn die versicherte Person trotz der Abga- be von Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen Leben sverrichtungen regelmässig in erhebli- cher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist; einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf; einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders aufwändigen Pflege bedarf; wegen einer schweren Sinnesschädigung oder ein es schweren körperlichen Gebre- chens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleistun gen Dritter gesellschaftliche Kon- takte pflegen kann; oder dauernd auf lebenspraktische Beg leitung im Sinne von Art. 38 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV] vom 17. Januar 1961 angewiesen ist (Art. 37 Seite 3 Abs. 3 lit. a - e IVV). Die Hilflosigkeit gilt gemäss Ar t. 37 Abs. 2 IVV als mittelschwer , wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in d en meisten alltäglichen Lebensverrich- tungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (lit. a); sie in min- destens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauernden Üb erwachung bedarf (lit. b); oder in min- destens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter und überdies dauernd auf lebenspraktische Begl eitung im Sinne von Art. 38 IVG ange- wiesen ist (lit. c). Schliesslich gilt die Hilfslosigkeit als schwer , wenn die versicherte Person voll- ständig hilflos ist. Dies ist der Fall, wenn sie in allen alltäglichen Lebensverrichtungen regel- mässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter ang ewiesen ist und überdies der dauernden Pflege oder persönlichen Überwachung bedarf. 1.3 Nach ständiger Rechtsprechung sind die folgenden se chs alltäglichen Lebensverrich- tungen massgebend: Ankleiden/Auskleiden; Aufstehen/Absitzen/Abliegen; Essen; Körperpflege; Verrichtung der Notdurft; Fortbewegung (im oder ausse r Haus)/Kontaktaufnahme (BGE 133 V 463 E. 7.2, 127 V 97 E. 3c, 121 V 90 E. 3; Urteil de s Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute Bundesgericht] vom 1. April 2004, I 815/0 3, E. 1). Weiter muss die Hilfe Dritter re- gelmässig und erheblich sein. Der Begriff der Erheblich keit ist in Relation zu setzen zum zeitli- chen Aufwand, den die Hilfsperson hat. Die Hilfe ist m ithin insbesondere erheblich, wenn die versicherte Person mindestens die Teilfunktion einer einze lnen Lebensverrichtung überhaupt nicht mehr, nur mit unzumutbarem Aufwand oder nur au f unübliche Art und Weise selbst ausü- ben kann oder wegen ihres psychischen Zustandes nicht vorn ehmen würde (AHI-Praxis 1996 S. 171 f. E. 3; ZAK 1981 S. 388 f. E. 2a). Von der direkten Dritthilfe bei der Ausführung der all- täglichen Lebensverrichtungen ist die indirekte Dritthil fe zu unterscheiden. Indirekte Hilfe ist gegeben, wenn die versicherte Person die alltäglichen L ebensverrichtungen zwar funktions- mässig selber ausführen kann, dies aber nicht, nur unvol lständig oder zu Unzeiten tun würde, wenn sie sich selbst überlassen wäre. Die indirekte Drit thilfe setzt voraus, dass die Drittperson regelmässig anwesend ist und die versicherte Person insbeson dere bei der Ausführung der in Frage stehenden Verrichtungen persönlich überwacht, si e zum Handeln anhält oder von schä- digenden Handlungen abhält und ihr nach Bedarf hilft . Eine blosse Erschwerung oder Verlang- samung bei der Vornahme von Lebensverrichtungen begründet grundsätzlich keine Hilflosigkeit (ZAK 1989 S. 213, 1986 S. 481). 1.4 Bei Lebensverrichtungen, welche mehrere Teilfunktio nen umfassen, wird nach der Rechtsprechung nicht verlangt, dass die versicherte Person bei der Mehrzahl dieser Teilfunkti- onen fremder Hilfe bedarf; vielmehr ist bloss erforderl ich, dass sie bei einer dieser Teilfunktio- nen regelmässig in erheblicher Weise auf direkte oder in direkte Dritthilfe angewiesen ist (vgl. ULRICH MEYER /M ARCO REICHMUTH , Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], Re cht- sprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 3. Aufl. 2014, S. 498 N. 26 zu den Art. 42-42ter IVG). In diesem Sinne ist die Hilfe beispielsweise bereits erheblich bei Fort- bewegung und Kontaktaufnahme, wenn sich die versicherte Person im oder ausser Haus nicht Seite 4 selbst fortbewegen kann oder wenn sie bei der Kontakta ufnahme Dritthilfe benötigt. Solange durch geeignete Massnahmen bei einzelnen Lebensverrichtu ngen die Selbständigkeit erhalten werden kann, liegt diesbezüglich keine Hilflosigkeit vo r (ROBERT ETTLIN , Sozialversicherungs- rechtliche Aspekte bei Verlust der Selbstversorgungsfähigk eit [Selbstversorgungsfähigkeit], in: HAVE 2003, S. 117 und Fn. 8). Zu beachten ist weiter, dass gemäss Rechtsprechung Hilfestel- lungen Dritter, derer eine versicherte Person bei mehr eren Lebensverrichtungen bedarf, grund- sätzlich nur einmal berücksichtigt werden können. Bei der Zuordnung einer Hilfeleistung zu ei- ner bestimmten Lebensverrichtung hat daher eine funkti onal gesamtheitliche Betrachtungswei- se Platz zu greifen (Urteil des Bundesgerichts vom 4. Ju ni 2010, 9C_839/2009, E. 3.3 mit Hin- weis auf SVR 2004 AHV Nr. 19, H 150/03, E. 5.3.2; M EYER /R EICHMUTH , a.a.O., S. 499 N. 27 zu den Art. 42-42ter IVG). 2.1 Ein Bedarf an lebenspraktischer Begleitung im Sin ne von Art. 42 Abs. 3 IVG liegt vor, wenn eine volljährige versicherte Person ausserhalb ein es Heimes lebt und infolge Beeinträch- tigung der Gesundheit (a) ohne Begleitung einer Drittperson nicht selbständig wohnen kann, (b) für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung auf Begleitung einer Drittperson an- gewiesen ist oder (c) ernsthaft gefährdet ist, sich daue rnd von der Aussenwelt zu isolieren (Art. 38 Abs. 1 IVV). Zu berücksichtigen ist nur die lebenspraktische Begleitung, die regelmässig und im Zusammenhang mit einer der Situationen nach Absatz 1 erforderlich ist (Art. 38 Abs. 3 IVV). Ziel der lebenspraktischen Begleitung ist es zu verhindern , dass Personen schwer verwahrlo- sen und/oder in ein Heim oder eine Klinik eingewiesen werden müssen. Die betroffene Person muss auf Hilfe bei der Tagesstrukturierung oder auf Unte rstützung bei der Bewältigung von All- tagssituationen angewiesen sein. Bei ausserhäuslichen Verr ichtungen liegt ein Bedarf an le- benspraktischer Begleitung vor, wenn diese notwendig ist , damit die betroffene Person in der Lage ist, das Haus für bestimmte notwendige Verrichtunge n und Kontakte (Einkauf, Freizeitak- tivitäten, Kontakte mit Amtsstellen, Arztbesuche, Coiffe urbesuche) zu verlassen. Eine lebens- praktische Begleitung zur Vermeidung einer dauernden Isolation setzt voraus, dass sich die Isolation und die damit verbundene Verschlechterung de s Gesundheitszustandes bereits mani- festiert haben. Die lebenspraktische Begleitung besteht hier in beratenden Gesprächen und in der Motivation zur Kontaktaufnahme. Die lebenspraktische Begleitung beinhaltet weder die (di- rekte oder indirekte) Dritthilfe bei den sechs alltägl ichen Lebensverrichtungen noch die Pflege oder Überwachung. Vielmehr stellt sie ein zusätzliches und eigenständiges Institut der Hilfe dar. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist sodann die vom Bundesamt für Sozialversi- cherungen vorgenommene Konkretisierung der Anwendungsfälle der lebenspraktischen Beglei- tung in den Rz 8050-8052 des Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invaliden- versicherung (KSIH) grundsätzlich sachlich gerechtfertigt und damit gesetzes- und verord- nungskonform (vgl. BGE 133 V 450; Urteil des Bundesgeri chts vom 2. April 2015, 9C_497/2014, E. 2.2.2). Die lebenspraktische Begleitu ng im Sinne von Art. 38 Abs. 3 Satz 1 IVV ist regelmässig, wenn sie über eine Periode von drei Monaten gerechnet im Durchschnitt mindestens 2 Stunden pro Woche benötigt wird. Seite 5 2.2 Im Rahmen der lebenspraktischen Begleitung ist die direkte und indirekte Dritthilfe zu berücksichtigen; demnach kann die Begleitperson die notw endigerweise anfallenden Tätigkei- ten auch selber ausführen, wenn die versicherte Person d azu gesundheitsbedingt trotz Anlei- tung oder Überwachung/Kontrolle nicht in der Lage ist (BGE 133 V 450 E. 10.2). 3. Ob eine Hilfe notwendig ist, ist objektiv, nach dem Z ustand der versicherten Person, zu beurteilen. Dabei ist unerheblich, ob die versicherte Person allein, in der Familie oder sonst wie in einer der heutzutage verbreiteten Wohnformen lebt. Massgebend ist allein, ob die versicherte Person, wäre sie auf sich allein gestellt, erhebliche Dritthilfe benötigen würde. Demgegenüber ist die tatsächlich erbrachte Mithilfe von Familienmit gliedern eine Frage der Schadenminde- rungspflicht, die erst in einem zweiten Schritt zu prüf en ist. Eine solche Hilfe geht zwar weiter als die ohne Gesundheitsschaden üblicherweise zu erwartend e Unterstützung, jedoch darf den Familienangehörigen keine unverhältnismässige Belastung e ntstehen (Urteil des Bundesge- richts vom 1. April 2010, 9C_410/2009, E. 5.1 und 5.5). 4. Sowohl bei der Erarbeitung der Grundlagen für di e Bemessung der Hilflosigkeit in den alltäglichen Lebensverrichtungen wie auch bei der Hilf losigkeit unter dem Gesichtspunkt der lebenspraktischen Begleitung ist eine enge, sich ergänzend e Zusammenarbeit zwischen Ärzte- schaft und Verwaltung erforderlich. Erstere hat anzugebe n, inwiefern die versicherte Person in ihren körperlichen bzw. geistigen Funktionen durch das Le iden eingeschränkt ist. Der Versiche- rungsträger kann an Ort und Stelle weitere Abklärunge n vornehmen, wobei bei Unklarheiten über physische und psychische Störungen und/oder deren Au swirkungen in der Alltagspraxis Rückfragen an die medizinischen Fachpersonen nicht nur z ulässig, sondern notwendig sind (BGE 130 V 61 E. 6.1.1). Damit dem Abklärungsbericht vo ller Beweiswert zukommt, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein: Als Berichterstat terin wirkt eine qualifizierte Person, die Kenntnis der örtlichen und räumlichen Verhältnisse hat sowie mit den seitens der Medizin ge- stellten Diagnosen und den sich daraus ergebenden Beei nträchtigungen vertraut ist. Der Be- richtstext muss plausibel, begründet und detailliert bezüglich der einzelnen alltäglichen Lebens- verrichtungen sowie den tatbestandsmässigen Erfordernissen der lebenspraktischen Begleitung sein. Weiter sind die Angaben der Hilfe leistenden Per sonen zu berücksichtigen, wobei diver- gierende Meinungen im Bericht aufzuzeigen sind. Genügt der Bericht über die Abklärung vor Ort den einzelnen rechtsprechungsgemässen Beweisanforde rungen, greift das Gericht in das Ermessen der die Abklärung tätigenden Person nur ein, wenn klar feststellbare Fehleinschät- zungen vorliegen (BGE 133 V 468 E. 11.1.1, 130 V 63 E. 6.2; Urteil des EVG vom 2. Juni 2004, I 127/04, mit Hinweis auf BGE 129 V 67 E. 2.3.2, BGE 128 V 93; Urteil des EVG vom 4. Sep- tember 2001, I 175/01). 5.1 Mit Verfügung vom 13. Mai 2015 gewährte die IV- Stelle dem Beschwerdeführer eine Hilflosenentschädigung leichten Grades ab 1. Februar 2009. Die IV-Stelle stützte sich dabei auf den Abklärungsbericht vom 7. Februar 2014. Danach ist der Versicherte auf lebenspraktische Begleitung angewiesen und in der Lebensverrichtung Fo rtbewegung/Pflege gesellschaftlicher Seite 6 Kontakte regelmässig und in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen. Der Versicher- te lebe komplett zurückgezogen und würde ohne das Engag ement seiner Eltern keine sozialen Kontakte pflegen. Der Beschwerdeführer ist dagegen de r Auffassung, dass er in den meisten Lebensverrichtungen Hilfe in Form indirekter Dritthilfe benötige. Zu prüfen ist demnach, ob er objektiv betrachtet, auf Hilfe in weiteren Lebensverri chtungen angewiesen ist und wenn ja, ob diese auch unter Berücksichtigung der Schadenminderungspflicht Bestand haben. Weiter ist zu entscheiden, ob eine allfällige notwendige Dritthilf e - wie die Hilfe bei der Pflege gesellschaftli- cher Kontakte - unter die lebenspraktische Begleitung zu subsumieren ist oder nicht. 5.2 Allgemein ist zu beachten, dass eine blosse Erschweru ng oder verlangsamte Vornahme von Lebensverrichtungen nicht bereits eine Hilflosigkeit zu begründen vermag (vgl. E. 1. 3). Wie der Beschwerdeführer selbst ausführt, kann er die allt äglichen Lebensverrichtungen funktions- mässig selber ausführen. Aufgrund seiner Zwangserkrankung von kontrollierendem Charakter benötigt er jedoch für alle Tätigkeiten das x-fache an Zeit, was zu seinem „normalen“ Alltag ge- hört. Es stellt sich deshalb hier eher die Frage, ob er es aufgrund seiner psychischen Erkran- kung vermeidet, gewisse Lebensverrichtungen zu tätigen bzw . diese nur unvollständig oder zu Unzeiten ausführt, womit die indirekte Dritthilfe in Vordergrund stehen dürfte. 6.1.1 Die Lebensverrichtung Essen umfasst die Nahrung an s Bett bringen, Nahrung zerklei- nern, Nahrung zum Mund führen, Nahrung pürieren sowie die Sonderernährung. Die Rechtsver- treterin macht geltend, dass der Beschwerdeführer für die Nahrungsaufnahme übermässig viel Zeit aufwänden müsse. So benötige er allein für das F rühstück 45 Minuten. Zudem bestehe die Gefahr, dass er ohne die Hilfe seiner Eltern, welche ihm jeden Tag einen Obstteller bereitstellen würden, auf das Essen verzichten würde. Er bedürfe im Be reich Essen deshalb indirekter Dritt- hilfe in Form von verbaler Unterstützung. 6.1.2 Dass der Beschwerdeführer zur Einnahme der Mahlzei ten ermahnt werden müsste, geht weder aus dem Abklärungsbericht noch aus seiner eigenen Beschreibung des Alltags hervor (vgl. Schreiben des Beschwerdeführers vom 25. Juni 2015). Die Zubereitung des Essens durch die Eltern stellt dagegen eine wichtige und unerlässlich e Hilfeleistung dar. Diese gehört aber nicht zur alltäglichen Lebensverrichtung Essen bzw. einer i hrer Teilfunktionen, sondern ist viel- mehr Teil der allgemeinen Haushaltsführung, was unter die lebenspraktische Begleitung zur Ermöglichung des selbständigen Wohnens fällt (Art. 38 A bs. 1 lit. a IVV; Urteil des Bundesge- richts vom 25. Juli 2007, I 652/06, E. 8.3). Die Dauer von 45 Minuten für die Einnahme des Frühstücks inklusive Kaffeezubereitung ist nicht derart lang, dass hier eine Hilfeleistung in Form verbaler Unterstützung zum schnelleren Essen bedürft werd e, da wie gesagt, eine Verlangsa- mung nicht bereits eine Hilfsbedürftigkeit begründet und eine solche auch nicht unter die Le- bensverrichtung Essen zu subsumieren wäre. Folglich ist ei ne Hilfsbedürftigkeit des Versicher- ten bei der Lebensverrichtung Essen zu verneinen. Seite 7 6.2.1 Bei den Lebensverrichtungen Aufstehen/Absitzen/Ab liegen liegt Hilflosigkeit vor, wenn sich die versicherte Person ohne die Hilfe einer Drittp erson nicht aufstehen, absitzen oder ab- liegen kann. Vorliegend wird geltend gemacht, dass der Beschwerdeführer insofern auf indirek- te Dritthilfe angewiesen sei, als er jemanden benötige , der ihn klar und unnachgiebig jeden Morgen zu angemessener Stunde zum Aufstehen aufforder e, ansonsten er den halben Tag im Bett verbringe. In Bezug auf das Aufstehen am Morgen e rklärte der Versicherte, dass er sehr spät aufstehe, meist werde es Mittag. Er liege im Bet t und sehe Berge vor sich. „Es bedrückt mich so – diese Anstrengung, bis ich nur das Alltägliche geregelt habe. Das Alltägliche zu re- geln, kostet mich fast den ganzen Tag.“ Er müsse immer a lles kontrollieren und zwar schema- tisch. „Ich stehe auf, mache zum Beispiel einen Schritt vor , dann einen nach rechts, dann einen zurück, dann sage ich mir, basta, jetzt ist das Aufstehen abg eschlossen. Ich konzentriere mich beim Aufstehen erst mal auf das Nötigste: Aufstehen, To ilette, Frühstück – damit ich überhaupt fähig bin, meinen anstrengenden Alltag anzugehen. Auf stehen, Toilette und in die Küche ge- hen, dauert etwa 15 Minuten.“ 6.2.2 Aus den Schilderungen des Beschwerdeführers zum Th ema Aufstehen wird deutlich, dass die alltäglichen Aufgaben an sich für ihn eine Anstr engung und Belastung darstellen. Er steht aber selbst auf, auch wenn dies aufgrund seines Rhythmus erst gegen Mittag erfolgt, eine explizite Aufforderung dazu benötigt er nicht. Vielmehr bedarf er Hilfe bei der Strukturierung des Tages, damit er leichter aufstehen kann. Die Hilfe bei m Gestalten des Tagesablaufs gehört je- doch in den Bereich lebenspraktische Begleitung. Bei de r Lebensverrichtung Aufste- hen/Absitzen/Abliegen ist eine Hilfsbedürftigkeit des Beschwerdeführers zu verneinen. 6.3 In Bezug auf das Verrichten der Notdurft braucht d er Beschwerdeführer weder direkte noch indirekte Hilfe. Zwar unterliegt er auch in die sem Bereich gewissen Zwängen, in dem er kontrollieren muss, ob er alles sauber hinterlassen habe. Eine Aufforderung, die Toilette aufzu- suchen oder seine Kleider zu ordnen, ist nicht nötig. In diesem Bereich ist der Beschwerdefüh- rer somit auch nicht hilflos. 6.4.1 Beim An- und Auskleiden liegt Hilflosigkeit vor, wenn die versicherte Person ein unent- behrliches Kleidungsstück oder eine Prothese nicht selber an- oder ausziehen kann. Oder wenn sie sich zwar selber ankleiden kann, ihr hingegen die Klei der bereitgelegt werden müssen oder kontrolliert werden muss, ob sich die versicherte Person de r Witterung entsprechend gekleidet hat oder ob sie Vor- und Rückseite der Kleidungsstücke ve rwechselt hat (vgl. KSIH, gültig ab 1. Januar 2014, Rz. 8014). Für das Ankleiden benötigt der Beschwerdeführer vergleichsweise wenig Zeit. Nach eigener Aussage sei er in etwa 15 Mi nuten angezogen. Er müsse nur alle Ta- schen kontrollieren und alles gründlich ausschütteln. In d er Beschwerde führt die Rechtsvertre- terin ergänzend dazu aus, dass das Ankleiden nur deshalb i m Verhältnis wenig Zeit brauche, weil der Beschwerdeführer die Anzahl der Kleidungsstücke drastisch reduziert habe. Anlässlich eines Besprechungstermins von Anfang Juni 2015 sei der Be schwerdeführer in Jeans erschie- nen, welche unzählige Male genäht und geflickt gewesen se ien und den Anschein erweckten, Seite 8 nur noch an Fäden zusammenzuhalten, was einen ziemlich ve rwahrlosten Anblick geboten ha- be. Auf entsprechende Nachfrage hin habe der Beschwerd eführer erklärt, dass dies eine Kon- sequenz der Reduktion der Kleidungsstücke sei – so besitze er praktisch nur noch diese eine Hose. Um seinen Zwängen entgegenzuwirken und die allt ägliche Lebensverrichtung des An- kleidens innert nützlicher Frist erledigen zu können, limi tiere sich der Beschwerdeführer über das zumutbare Mass hinaus. Dies könne nicht mehr unter di e Schadenminderungspflicht sub- sumiert und damit für zumutbar erklärt werden. Der Besch werdeführer sei demnach in diesem Bereich auf indirekte Dritthilfe in Form des Aussuchens und Bereitlegens von intakten, saube- ren Kleidungsstücken angewiesen. 6.4.2 Die Vorinstanz führt dagegen an, dass der Versiche rte gerade seiner Schadenminde- rungspflicht nachkomme, indem er eine für sich zu handh abende Kleiderauswahl getroffen ha- be. Nur über eine reduzierte Anzahl an Kleidungsstücken zu verfügen, bedeute jedoch nicht, dass diese in einem schlechten Zustand zu sein hätten. 6.4.3 Zu prüfen ist, ob es dem Beschwerdeführer in Nach achtung der ihm obliegenden Scha- denminderungspflicht zuzumuten ist, sich mit einer redu zierten Auswahl an Kleidungsstücken zu begnügen. In diesem Zusammenhang ist auf die Rechtspr echung zur Schadenminderungs- pflicht hinzuweisen (BGE 123 V 233 E. 3c), wonach die versicherte Person auch im Bereich der Hilflosenentschädigung, bevor sie Leistungen verlangt, a lles ihr Zumutbare selber vorzukehren hat, um die Folgen des Gesundheitsschadens bestmöglich zu mildern (ZAK 1989 S. 214 E. 1c und 215 E. 2b, 1986 S. 482 E. 1c und 483 E. 2a; Urte il des EVG vom 23. September 2003, I 360/03, E. 1.1), und, solange in diesem Rahmen du rch geeignete Massnahmen bei einzelnen Lebensverrichtungen die Selbständigkeit erhalten werden kann, diesbezüglich keine relevante Hilflosigkeit vorliegt (ZAK 1989 S. 215 E. 2b, 1986 S . 483 E. 2a; Urteil des EVG vom 12. No- vember 2002, I 108/01, E.3.3). Von der versicherten Per son können aber nur Vorkehren ver- langt werden, die ihr unter Berücksichtigung der gesamt en objektiven und subjektiven Gege- benheiten des Einzelfalles zumutbar sind (BGE 113 V 28 E. 4a). 6.4.4 Die Grenze der Schadenminderung bildet die Zum utbarkeit der Massnahme für die be- troffene Person. Bei der Beurteilung der Frage der Z umutbarkeit und damit der Frage, welche Massnahmen bei einzelnen Lebensverrichtungen zur Erhaltung der Selbständigkeit ergriffen werden müssen, darf die Würde der betroffenen Person nicht ausser Acht gelassen werden. Im Lichte dieses Gesichtspunktes ist es dem Beschwerdeführer ni cht zuzumuten, sich jeden Tag nur noch sehr einfach und mit geflickten Kleidungstücken zu kleiden. Im Sinne einer angemes- senen Lebensgestaltung hat er ein Recht darauf, eine Auswahl an ordentlichen Kleidern zu ha- ben und diese zu tragen. Die Limitierung des Beschwerde führers auf eine minimale Anzahl an Kleidern überschreitet die Grenze des Üblichen und ist d em Beschwerdeführer nicht zuzumu- ten. In diesem Sinne liegt eine im Teilbereich Ankleid en relevante Hilflosigkeit vor, indem er darauf angewiesen ist, dass eine Drittperson ihm täglich die entsprechende Kleidung auswählt und bereitlegt. Seite 9 6.5.1 Zu prüfen ist weiter, ob hinsichtlich der Lebensve rrichtung Körperpflege regelmässig und erheblich Dritthilfe benötigt wird. Der Beschwerdeführ er braucht zufolge seiner Zwänge für die Körperpflege sehr viel Zeit. Diesbezüglich führte er aus, dass er zum Duschen mindestens 45 Minuten brauche. Nach dem Duschen müssten noch alle P lättli und Ritzen trocken gerieben werden. Er beschränke sich deshalb auf einmal Duschen pro Woche. Zähne putzen dauere 15- 20 Minuten. Er putze schematisch und äusserst gründlich al le Zähne von allen Seiten, dann putze er die Zahnbürste, Borste für Borste und kontrol liere viermal. Dann müsse er noch sein Gesicht und die Hände waschen und schliesslich das Lavabo putzen und trocken reiben. Er putze deshalb nur einmal pro Tag die Zähne, meist abe nds. Das Rasieren mache er elektrisch und es dauere ca. eine Stunde. Es dauere lange, bis wi rklich alle Härchen weg seien. Zuerst aus seinem Gesicht, auch aus der Nase und aus den Ohren un d dann aus dem Rasierapparat, aus dem Lavabo, von seinem T-Shirt. Er rasiere sich deshal b nur einmal pro Woche. Um eine angemessene Körperpflege zu erreichen, sei er zwingend darauf angewiesen, dass ihn jemand zur täglichen Pflege auffordere und ihn davon abhalte, sich in der Reinigung des Bades bzw. des Lavabos und der gebrauchten Gegenstände zu verlieren. Einmal Duschen pro Woche, vor allem in den Sommermonaten sei absolut ungenügend und entspreche nicht den gesellschaftli- chen Normen. 6.5.2 Die IV-Stelle ist der Auffassung, dass der gelten d gemachte Zeitbedarf sich nicht auf die Lebensverrichtung als solche beschränke, sondern auch für di e Reinigung der Zahnbürste so- wie der Fliesen usw. benötigt werde. Dies sei nicht zu berücksichtigen. Tatsache sei, dass der Versicherte nicht auf Dritthilfe angewiesen sei. Eine b loss verlangsamte Vornahme einer Tätig- keit vermöge auch hier keine Hilflosigkeit zu begründen. 6.5.3 Der IV-Stelle ist insofern Recht zu geben, als ei ne verlangsamte Vornahme der Körper- pflege die Person nicht hilflos macht. Vorliegend ist jedoch zu berücksichtigen, dass es nicht nur um die verlangsamte Vornahme einer Lebensverrichtung geht, sondern um die Vermeidung einer regelmässigen Körperpflege. Tägliches Duschen un d Rasieren gehören heute – auch in Berücksichtigung des Alters des Beschwerdeführers - zur nor malen Körperhygiene. Da der Be- schwerdeführer diese aufgrund seiner Krankheit vermeide t, ist er darauf angewiesen, dass er von einer Drittperson dazu aufgefordert und begleitet wird. Folglich ist für die Lebensverrichtung Körperpflege von einer regelmässigen und erheblichen Dritthilfe auszugehen. 7. Als Zwischenergebnis ist somit festzuhalten, dass der Be schwerdeführer in Bezug auf die Lebensverrichtungen Fortbewegung/Kontaktaufnahme, A nkleiden/Auskleiden und Körper- pflege auf Dritthilfe angewiesen ist und der lebenspra ktischen Begleitung bedarf. Zu prüfen ist, ob es diesbezüglich Überschneidungen gibt, welche zu beachten sind. 8. Beim Institut der lebenspraktischen Begleitung hande lt es sich aufgrund der gesetzli- chen Konzeption – wie bereits angesprochen - nicht um d ie (direkte oder Indirekte) Dritthilfe bei Seite 10 den sechs alltäglichen Lebensverrichtungen (vgl. BGE 133 V 450). Dies bedeutet gemäss Rechtsprechung indes nicht, dass jene Tätigkeiten, welche unter dem Gesichtspunkt der Hilfs- bedürftigkeit bei den sechs alltäglichen Lebensverrichtun gen relevant sind, grundsätzlich nicht Regelungsgegenstand des Instituts der lebenspraktischen Beg leitung sein können. Bereits der abstrakte Vergleich der Umschreibung der sechs alltäglich en Lebensverrichtungen mit den im KSIH genannten Anwendungsfällen lebenspraktischer Begle itung (Rz 8050-8052 in der ab 1. Januar 2014 gültigen Fassung) erhellt, dass sich Überschn eidungen bei den beiden Instituten nicht verhindern lassen (vgl. dazu auch Urteil des Bund esgerichts vom 14. Mai 2014, 9C_135/2014, E. 4.3.1). Aufgrund dieser Überschneidungen wurden denn auch Instrumente zur Abgrenzung geschaffen. So darf die benötigte, bereits unter dem Gesichtspunkt der Hilfsbedürf- tigkeit bei den sechs alltäglichen Lebensverrichtungen ber ücksichtigte Hilfe rechtsprechungs- gemäss nicht zusätzlich einen Anspruch auf lebenspraktische Begleitung begründen (Urteil des Bundesgerichts vom 30. März 2011, 9C_115/2011, E. 2.2). In diesem Sinne hält Rz. 8048 KSIH fest, dass sofern zusätzlich zur lebenspraktischen Begleitung die Hilfe bei der Teilfunktion einer alltäglichen Lebensverrichtung benötigt wird, die gle iche Hilfeleistung nur einmal – d.h. entwe- der als Hilfe bei der Teilfunktion der alltäglichen Le bensverrichtung oder als lebenspraktische Begleitung - berücksichtigt werden darf. Denn rechtsprechu ngsgemäss können Hilfestellungen Dritter, derer eine versicherte Person bei mehreren Le bensverrichtungen bedarf, grundsätzlich nur einmal berücksichtigt werden. Bei der Zuordnung ein er Hilfeleistung zu einer bestimmten Lebensverrichtung hat eine funktional gesamtheitliche Be trachtungsweise Platz zu greifen. Es sind keine Gründe ersichtlich – so das Bundesgericht, wesha lb diese Regelung nicht auch insti- tutsübergreifend gelten sollte, wenn eine Einschränku ng zum einen den Anspruch auf lebens- praktische Begleitung auslösen, zum anderen aber auch be i der Beurteilung der Hilflosigkeit in den sechs alltäglichen Lebensverrichtungen ins Gewicht fal len kann (vgl. dazu Urteil des Bun- desgerichts vom 11. Dezember 2014 9C_691/2014, E. 4.1 u nd 4.2 mit zahlreichen Hinweisen, vom 14. Mai 2014, 9C_135/2014, E. 4.3.1, vom 12. Mai 2011, 9C_202/2011, E. 2 und 3, und vom 1. April 2010, 9C_410/2009, E. 5). 9.1 Die Abklärungsperson führte in ihrem Bericht vom 7. Februar 2014 eindrücklich aus, dass der Beschwerdeführer ohne die Hilfe seiner Eltern d en Alltag nicht bewältigen könnte. Der Versicherte habe sich seit Jahren sozial komplett zurückgezoge n. Er verbringe den grössten Teil des Tages bis spät in die Nacht in seinem Zimmer . Er unterhalte keine sozialen Kontakte abgesehen vom Kontakt zu den Eltern. Diese müssten ihn immer wieder dazu ermuntern, Kon- takte zu alten Studienkollegen oder ehemaligen Schulfr eunden aufzunehmen, dies jedoch mit mässigem Erfolg. In Bezug auf die lebenspraktische Beglei tung führte die Abklärungsperson aus, dass der Beschwerdeführer Hilfe bei der Tagesstruktur benötige. Die Eltern leisteten keine direkte Dritthilfe, sondern böten ihm mit dem gemeinsa men und täglich zur selben Zeit einge- nommenen Mittagessen eine gewisse Struktur. Ohne diese n regelmässigen Rahmen hätte er überhaupt keine Tagesstruktur. Auch bei der Bewältigung von Alltagssituationen benötige der Beschwerdeführer Hilfe. Administrative Belange müssten m it der Unterstützung des Vaters er- ledigt werden. Würde der Versicherte dies selbständig tu n wollen, würde er sich in den Details Seite 11 verlieren und kein Ende finden. Für Erledigungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung sei ebenfalls eine Begleitung nötig. Ausserhäusliche Besorg ungen könnten nicht selbständig getä- tigt werden. Schliesslich sei zur Verhinderung einer dauernden Isolation von der Aussenw elt eine regelmässige Anwesenheit einer Drittperson erforderlich. Eine vollständige Isolation könne nur durch die Anwesenheit und die Hilfe der Eltern ve rhindert werden. In Bezug auf die Frage, ob der Versicherte Anleitung zur Erledigung des Haushalts sowie Überwachun g und Kontrolle bzw. Hilfe beim Organisieren des Haushalts benötige, verneint die Abklärungsperson die Not- wendigkeit einer Dritthilfe. Der Versicherte betätige sich praktisch kaum im Haushalt. Dieser werde von der Mutter erledigt. Sie sauge das Zimmer i hres Sohnes, staube ab, wechsle die Bettwäsche und erledige die Wäsche. 9.2 Eine lebenspraktische Begleitung wird zweifellos zure cht anerkannt, da der Beschwer- deführer gemäss dem Abklärungsbericht alle drei Anwend ungsfälle von Art. 38 Abs. 1 IVV er- füllt. So kann er ohne Begleitung einer Drittperson n icht selbständig wohnen (lit. a), ist auf die Begleitung einer Drittperson für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung angewie- sen (lit. b) und ist ernsthaft gefährdet, sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren (lit. c). Eine selbständige Bewältigung des Alltags nach lit. a setzt vor aus, dass die betroffene Person auf Hilfe bei der Tagesstrukturierung oder auf die Unterst ützung bei der Bewältigung von Alltagssi- tuationen (z.B. Fragen der Gesundheit, Ernährung und Hygiene, einfache administrative Tätig- keiten etc.) angewiesen sein muss. Zusätzlich kann auch ein Hilfebedarf im Haushalt anerkannt werden (vgl. KSIH, Rz. 8050.1). 9.3 Der Beschwerdeführer erledigt kaum Hausarbeiten, so ndern überlässt diese grössten- teils seiner Mutter. Aufgrund des Krankheitsbildes kann davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer diese auch unter Anleitung nicht erl edigen würde oder könnte bzw. auch dafür übermässig viel Zeit in Anspruch nehmen müsste. So ist er auch darauf angewiesen, dass die Eltern das Essen zubereiten und bereitstellen. Da im Rahmen der lebenspraktischen Beglei- tung auch die direkte Dritthilfe zu berücksichtigen ist, ist auch ein Hilfebedarf im Haushalt zu bejahen. Dies bestätigt auch Dr. med. B.____, FMH Psych iatrie und Psychotherapie, in seinem Bericht vom 15. Januar 2015. Der Beschwerdeführer benöt ige in vielen Bereichen Unterstüt- zung durch seine Eltern. Ohne deren Anwesenheit und H ilfe könnte er nicht selbständig leben. So gesehen seien zwei Stunden pro Woche zu knapp bemesse n. Ohne Unterstützung der El- tern müsste der Versicherte – neben der Hilfe bei alle n administrativen Angelegenheiten auch in allen haushälterischen Tätigkeiten (Waschen, Putzen, Ko chen) praktisch täglich unterstützt werden, da er für alle Tätigkeiten wegen seiner Kontr ollzwänge das x-fache an Zeit benötige und innerhalb weniger Tage in einem Chaos enden würde. 9.4 In Bezug auf allfällige Überschneidungen ist zu b eachten, dass der Beschwerdeführer ohne die Hilfe Dritter Gefahr läuft, sich vollständig vo n der Aussenwelt zu isolieren. Er benötigt folglich erhebliche und regelmässige Hilfe bei der Pfl ege gesellschaftlicher Kontakte. Dieser Bereich ist deckungsgleich mit und zugleich ein zentrale r Inhalt der lebenspraktischen Beglei- Seite 12 tung (Art. 37 Abs. 1 lit. b und c IVV). Wie in E. 8 dargelegt, darf, sofern zusätzlich zur lebens- praktischen Begleitung auch die Hilfe bei der Teilfun ktion einer alltäglichen Lebensverrichtung benötigt wird, die gleiche Hilfeleistung nur einmal - d.h. entweder als Hilfe bei der Teilfunktion der alltäglichen Lebensverrichtung oder als lebensprakt ische Begleitung – berücksichtigt wer- den (vgl. KSHI Rz. 8048). Diese Wahlmöglichkeit wird aber nach KSHI Rz. 8024 bezüglich Hilfe bei der Kontaktpflege, um der Gefahr einer dauernden Isolation vorzubeugen (insbesondere bei psychisch behinderten Personen) aufgehoben, indem diese n ur unter dem Titel lebensprakti- sche Begleitung zu berücksichtigen ist, nicht aber im Rahm en der Teilfunktion Pflege gesell- schaftlicher Kontakte bei der Lebensverrichtung Fortbeweg ung. In diesem Sinne wird auch im Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung bei der lebensp raktischen Begleitung darauf hinge- wiesen, dass Hilfeleistungen grundsätzlich zuerst bei de n alltäglichen Lebensverrichtungen zu berücksichtigen seien, ausgenommen die Hilfe bei der Pfl ege von gesellschaftlichen Kontakten bei Gefahr einer dauernden Isolation. Das Bundesgericht bestätigt allgemein, dass Einschrän- kungen bei der Kontaktpflege, welche den Anspruch auf lebenspraktische Begleitung gerade auch auslösten, bei der Beurteilung der Hilflosigkeit i n den alltäglichen Lebensverrichtungen nicht nochmals ins Gewicht fallen dürften (Urteil des Bu ndesgerichts vom 14. Mai 2014, 9C_135/2014, E. 4.3.1 mit zahlreichen Hinweisen). Ein e Begründung für eine Gewichtung zu- gunsten der lebenspraktischen Begleitung lässt sich dem Entscheid nicht entnehmen, sie macht aber dann Sinn, wenn lediglich die Hilfsbedürftigkeit bei der Lebensverrichtung Fortbewe- gung/Kontaktaufnahme erfüllt ist. Damit allein bestün de nach Art. 42 Abs. 2 IVG noch kein An- spruch auf eine Hilflosenentschädigung, da dafür eine D ritthilfe in mindestens zwei Lebensver- richtungen verlangt wird. Ist die versicherte Person abe r bei der Pflege gesellschaftlicher Kon- takte auf Dritthilfe angewiesen und kann diese Hilfsb edürftigkeit der lebenspraktischen Beglei- tung zugeordnet werden, besteht Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung leichten Grades. Ist eine Person jedoch bei der Pflege von Kontakten und e iner weiteren Lebensverrichtung (bsp. Körperpflege) auf Dritthilfe angewiesen und benötigt sie überdies noch lebenspraktischer Be- gleitung kann die Zuordnung der Hilfeleistung bei de r Kontaktpflege eine Rolle spielen. Insbe- sondere dann, wenn die versicherte Person – wie vorliege nd der Beschwerdeführer – aufgrund mehrerer Defizite auf lebenspraktische Begleitung angew iesen ist, so auch beispielsweise auf eine Hilfe bei der Tagesstrukturierung (Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV). Würde man die notwendige Hilfe bei der Kontaktpflege ebenfalls der lebensprakti schen Begleitung angliedern, hätte die versicherte Person Anspruch auf eine Hilflosenentschädigun g leichten Grades (lebensprakti- sche Begleitung und Hilfe bei einer Lebensverrichtung [ Körperpflege]). Würde die Hilfe, die die versicherte Person bei der Kontaktpflege benötigt als Dr itthilfe bei der Lebensverrichtung Fort- bewegung/Kontaktpflege belassen, hätte die versicherte P erson Anspruch auf eine Hilflo- senentschädigung mittleren Grades (lebenspraktische Beglei tung aufgrund der notwendigen Hilfe bei der Tagesstrukturierung und Dritthilfe bei den Lebensverrichtungen Fortbewe- gung/Kontaktpflege und Körperpflege). Wie es sich dami t verhält, muss vorliegend nicht ab- schliessend beurteilt werden. Die Zuordnung der Hilfsbe dürftigkeit bei der Pflege gesellschaftli- cher Kontakte zur lebenspraktischen Begleitung oder zur L ebensverrichtung Fortbewe- gung/Kontaktpflege ändert so oder so nichts am Anspru ch des Beschwerdeführers auf eine Seite 13 Hilflosenentschädigung mittleren Grades. Denn eine sol che liegt vor, wenn die versicherte Per- son in zwei alltäglichen Lebensverrichtungen Dritthilfe benötigt und überdies auf lebensprakti- sche Begleitung angewiesen ist. Dies ist hier der Fall. Der Beschwerdeführer benötigt beim An- kleiden/Auskleiden und bei der Körperpflege Dritthilfe und ist zusätzlich auf lebenspraktische Begleitung angewiesen ist. Somit besteht auch Anspruc h auf eine Hilflosenentschädigung mitt- leren Grades, wenn die Hilfe bei der Pflege gesellscha ftlicher Kontakte der lebenspraktischen Begleitung zugeordnet wird (vgl. E. 1.2 und E. 7). 10. Schliesslich ist noch zu prüfen, inwiefern die Unter stützung der Eltern unter die Scha- denminderungspflicht fällt. Diese geht weiter als die ohne Gesundheitsschaden üblicherweise zu erwartende Hilfe, jedoch darf den Familienangehörigen keine unverhältnismässige Belastung entstehen. Geht es um die Mitarbeit von Familienangeh örigen, ist stets danach zu fragen, wie sich eine vernünftige Familiengemeinschaft einrichten wür de, sofern keine Versicherungsleis- tungen zu erwarten wären. Die dauernden und umfassend en Hilfeleistungen der Eltern für den Beschwerdeführer, wie sie aus dem Abklärungsbericht, dem Arztbericht von Dr. B.____ sowie dem Bericht des Beschwerdeführers ersichtlich sind, übersch reiten das übliche Mass dessen, was gemeinhin unter zumutbarer Mithilfe der Eltern zu subsumieren ist. Insbesondere befinden sich die Eltern mit Jahrgang 1932 und 1934 in einem A lter, wo die Leistungsfähigkeit reduziert ist und sie bereits mit der Selbstsorge an die Grenzen d er Belastbarkeit stossen dürften. Der Mehraufwand kann deshalb nicht im Rahmen der Schadenminderungspflicht gefordert und eine Hilflosigkeit verneint werden. Dies wurde im Übrigen v on der Vorinstanz auch nicht geltend ge- macht. 11. Unter Berücksichtigung des dauernden Bedarfs an leb enspraktischer Begleitung und des Umstandes, dass bei zwei bzw. drei von sechs alltäglichen Lebensverrichtungen (Anklei- den/Auskleiden, Körperpflege und allenfalls Fortbewegu ng/Kontaktpflege) eine regelmässige und in erheblichem Umfang gewährte Dritthilfe festgest ellt worden ist, liegt im Zeitpunkt des Verfügungserlasses eine mittelschwere Hilflosigkeit vor. Die Beschwerde ist demnach gutzu- heissen. 12.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des kantonale n Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 in der Regel in angemesse- nem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. In casu hätte deshalb die Beschwerdegeg- nerin als unterliegende Partei grundsätzlich die Verfah renskosten zu tragen. In diesem Zusam- menhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO den Vorinstanzen – vor- behältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VP O – keine Verfahrenskosten auferlegt werden. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Pr ozess keine Verfahrenskosten erho- ben werden. Dem Beschwerdeführer ist der geleistete Kos tenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- zurückzuerstatten. Seite 14 12.2 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende besc hwerdeführende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Der Beschwerdeführer als obsiegen de Partei ist demnach eine Partei- entschädigung zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen . Der in der Honorarnote vom 9. September 2015 für das vorliegende Verfahren gelt end gemachte Zeitaufwand von 10 Stun- den erweist sich in Anbetracht der sich stellenden Sach verhalts- und Rechtsfragen als ange- messen. Nicht zu beanstanden sind sodann die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslagen in der Höhe von Fr. 50.--. Dem Beschwerdeführer ist desh alb eine Parteientschädigung von Fr. 1‘550.-- (10 Stunden à Fr. 150.-- [Stundenansat z für Verbandsangestellte von gemeinnützi- gen Organisationen] plus Auslagen von Fr. 50.--) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzuspre- chen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die angefoc htene Verfügung vom 13. Mai 2015 wird aufgehoben und festgestellt, dass de r Beschwerde- führer ab 1. Februar 2009 Anspruch auf eine Hilflose nentschädigung mittleren Grades hat. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- wird dem Beschwerdeführer zurückerstattet. 3. Die IV-Stelle hat dem Beschwerdeführer eine Part eientschädigung in der Höhe von Fr. 1‘550.-- (inkl. Auslagen) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht