Kantonsgericht Schwyz Urteil vom 20. Oktober 2020 STK 2020 5 und 6 Mitwirkend Kantonsgerichtsvizepräsidentin lic. iur. Daniela Pérez-Steiner, Kantonsrichter Reto Fedrizzi, Bettina Krienbühl, Dr. Stephan Zurfluh und lic. iur. Ilaria Beringer, Gerichtsschreiber lic. iur. Mathis Bösch. In Sachen A.________, Beschuldigte, Berufungsführerin und Berufungsgegnerin, erbeten verteidigt durch Rechtsanwalt B.________, gegen Staatsanwaltschaft Innerschwyz, Postfach 562, 6431 Schwyz, Anklagebehörde und Berufungsgegnerin, vertreten durch Staatsanwalt C.________, sowie D.________, Privatklägerin, Berufungsgegnerin und Berufungsführerin, vertreten durch Rechtsanwältin E.________, betreffend fahrlässige Körperverletzung (Art. 125 Abs. 1 StGB) (Berufungen gegen das Urteil des Einzelrichters am Bezirksgericht Küssnacht am Rigi vom 25. November 2019, SEO 2019 7);- hat die Strafkammer,Kantonsgericht Schwyz 2 nachdem sich ergeben: A. Am 14. November 2017 kollidierte die von der Chlösterlistrasse nach rechts in die Grepperstrasse einfahrende A.________ mit dem von ihr gelenk- ten F.________ (Automarke) mit der Velofahrerin D.________. Beide Fahr- zeuge blieben unbeschädigt und die Polizei wurde nicht avisiert. Die unverletzt scheinende Velofahrerin schilderte später Probleme beim Schlafen, in der Konzentration und im Gleichgewicht und gab an, zweimal erbrochen zu ha- ben. Sie wurde am 16. November 2017 auf der Notfallpraxis des Kantonsspi- tals Luzern und später aufgrund weiterer Symptome rheumatologisch sowie neuropsychologisch untersucht. Sie wandte sich am 17. Januar 2018 an die Luzerner Kantonspolizei (U-act. 3.1.03 f.) und ihre Anwältin beantragte im Kanton Schwyz am 8. Februar 2018 die Bestrafung von A.________ wegen SVG-Delikten und Körperverletzung (U-act. 3.1.01). B. Die Staatsanwaltschaft Innerschwyz eröffnete am 21. März 2018 gegen A.________ eine Strafuntersuchung betreffend Nichtbeherrschens des Fahr- zeuges und fahrlässiger Köperverletzung. Mit Strafbefehl vom 16. April 2019 bestrafte sie die Beschuldigte wegen fahrlässiger Körperverletzung gestützt auf folgenden Sachverhalt: A.________ lenkte am 14.11.2017 um ca. 17.30 Uhr den Personenwa- gen der Marke F.________ (Automarke) mit den Kontrollschildern SZ xx in Küssnacht am Rigi von der Chlösterlistrasse herkommend zur Ver- zweigung in die Grepperstrasse. Zur gleichen Zeit fuhr D.________ mit ihrem Fahrrad der Marke Stöckli mit der Stammnummer yy von der Lu- zernerstrasse herkommend auf der Grepperstrasse in Richtung Küss- nacht Zentrum. Anschliessend bog A.________ mit ihrem Personenwa- gen nach rechts in die Grepperstrasse in Fahrtrichtung Küssnacht Zen- trum ein. Dabei bemerkte sie die heranfahrende D.________ nicht, wo- durch sie mit ihrem Personenwagen mit der vortrittsberechtigten Fahrrad- lenkerin D.________ auf Höhe der Verzweigung Chlösterlistrasse / Grepperstrasse kollidierte. D.________ kam dadurch nicht zu Fall, erlitt durch die Kollision jedoch unter anderem einen Gedächtnisverlust für das Unfallgeschehen, einen posttraumatischen Schockzustand, eine Hirnprel- lung sowie eine Prellung und Stauchung der Halswirbelsäule.Kantonsgericht Schwyz 3 A.________ verursachte die Kollision und die Verletzungen von D.________ ungewollt infolge pflichtwidriger Unvorsichtigkeit. Obschon Fahrzeugführer vor Verzweigungen besonders vorsichtig zu fahren und nötigenfalls anzuhalten haben, um den auf der Hauptstrasse von links kommenden Verkehrsteilnehmern den Vortritt zu lassen, bemerkte A.________ die Fahrradfahrerin D.________ infolge mangelnder Auf- merksamkeit nicht. A.________ bog nach rechts in die Hauptstrasse ein und es kam zur Kollision. A.________ musste damit rechnen, dass auf der Hauptstrasse andere Verkehrsteilnehmende von links kommen. Für sie war daher vorhersehbar, dass es aufgrund ihrer mangelnden Aufmerksamkeit vor dem Einbiegen in die Hauptstrasse zu einer Kollision mit einer von links kommenden, vortrittsberechtigten Fahrradfahrerin kommen konnte. Bei Anwendung der vor Verzweigungen gebotenen Vor- sicht hätte A.________ ihre Aufmerksamkeit auf den von links kommen- den Verkehr richten und D.________ sehen können und müssen. Ent- sprechend hätte sie beim Bemerken der Fahrradfahrerin ihr Fahrzeug anhalten oder zumindest abbremsen und so die Kollision und die Verlet- zungsfolgen für D.________ vermeiden können. Durch ihr pflichtwidriges Verhalten verursachte A.________ einen Verkehrsunfall, aus dem die Verletzungen von D.________ resultierten. Gegen den Strafbefehl erhoben sowohl die Beschuldigte als auch die Privat- klägerin Einsprache (U-act. 14.1.03 bzw. 14.2.04). Die Staatsanwaltschaft befragte die Beschuldigte nochmals (U-act. 10.0.02) und gab der Privatkläge- rin Gelegenheit zur Einreichung sämtlicher vorhandener medizinischer Berich- te (U-act. 11.1.02). Am 18. September 2019 überwies sie den Strafbefehl dem Einzelrichter am Bezirksgericht Küssnacht (Vi-act. A I). Die Privatklägerin er- suchte erstinstanzlich darum, sie von der Hauptverhandlung zu dispensieren und stellt im Übrigen aber keine Anträge (Vi-act. D GA 7). C. Der Einzelrichter erkannte mit Urteil vom 25. November 2019: 1. Die beschuldigte Person, d.h. A.________, ist schuldig •der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB infolge Missachtung des Vortritts und mangelnder Aufmerk- samkeit im Strassenverkehr. 2. Hierfür wird die beschuldigte Person, – in Anwendung von Art. 125 Abs. 1 StGB sowie Art. 47, 34, 42, 44 und 106 StGB –, bestraft, und zwarKantonsgericht Schwyz 4 a) mit einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 30.00, bedingt vollziehbar bei einer Probezeit von 2 Jahren, sowie b) mit einer Busse von Fr. 150.00. Die Busse ist zu bezahlen. Bei schuldhafter Nichtbezahlung der Busse tritt an deren Stel- le eine Ersatzfreiheitsstrafe von 2 Tagen. 3. Die Zivilforderung der Privatklägerschaft wird, gestützt auf Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO, auf den Zivilweg verwiesen. 4. Die Kosten dieses Verfahrens, – bestehend aus den Strafuntersu- chungskosten von Fr. 2'090.00 und den Gerichtskosten in Höhe von Fr. 1'000.00 –, betragen gesamthaft Fr. 3'090.00 und werden der beschuldigten Person überbunden. Die Strafuntersuchungskosten von Fr. 2'090.00 sind von der be- schuldigten Person innert 30 Tagen seit der Zustellung dieses Ent- scheides an die Staatsanwaltschaft der Bezirke Schwyz, Gersau und Küssnacht, 6430 Schwyz, PC-Konto-Nr. 60-788610-2, einzu- bezahlen, vorbehältlich einer anderslautenden Anordnung der Vollzugsbehörde. Die Gerichtskosten von Fr. 1'000.00 sowie die Busse von Fr. 150.00 sind von der beschuldigten Person mittels beiliegendem Einzahlungsschein innert 30 Tagen seit der Zustellung dieses Ent- scheides dem Bezirksgericht Küssnacht (PC-Konto-Nr. 60-19347- 7) zu überweisen. 5.-7. [Rechtskraft, Rechtsmittel und Zustellung]. D. Gegen dieses Urteil erhoben die Beschuldigte und die Privatklägerin separate Berufungen. Die Beschuldigte beantragte, sie sei in Aufhebung von Ziffer 1, 2 und 4 des angefochtenen Urteils unter entsprechenden Kosten- und Entschädigungsfolgen vor beiden Instanzen von Schuld und Strafe freizuspre- chen. Zudem verlangte sie ein biomechanisches Gutachten zur Frage, ob das Unfallereignis geeignet war, die von der Privatklägerin geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden und medizinischen Befunde auszulösen, was vorläufig verfahrensleitend abgelehnt wurde (STK 2020 5). Die Privatklägerin forderte unter Anfechtung von Ziffern 3 und 4 des angefochtenen Urteils die Entschädigung ihrer notwendigen anwaltlichen Aufwendungen. Sie liess ihre Berufung schriftlich begründen (STK 2020 6 act. 15). Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf die Teilnahme an der Berufungsverhandlung und beantragte schriftlich unter Verweis auf die Begründung des angefochtenen Urteils, die Berufung der Beschuldigten abzuweisen (KG-act. 16 bzw. 13). Die Privatklä-Kantonsgericht Schwyz 5 gerin und deren Rechtsvertreterin sowie die sich in COVID-19-Quarantäne befindliche Beschuldigte wurden antragsgemäss dispensiert. E. Anlässlich der Berufungsverhandlung hielt der Verteidiger an den Anträ- gen der Berufungserklärung fest, nicht aber mehr am mit Berufungserklärung gestellten Beweisantrag, begründete die eigene Berufung und beantwortete kurz die Berufung der Privatklägerin;- und in Erwägung: 1. Der als Anklage überwiesene Strafbefehl legt der Beschuldigten in tatsächlicher Hinsicht eine Kollision auf der Höhe der Verzweigung der Chlös- terli-/Grepperstrasse zur Last, weil sie nach links unaufmerksam gewesen sein und die auf der Grepperstrasse heranfahrende Privatklägerin nicht be- merkt haben soll. Der Vorderrichter geht dagegen davon aus, dass die Be- schuldigte von der Chlösterlistrasse herkommend rechts in die Grepperstrasse eingebogen war, als sie mit der Privatklägerin kollidierte, weil sie diese über- sehen hatte (angef. Urteil E. 2.b/aa). Diese Sachverhaltsfeststellung ist zutref- fend, weil die Privatklägerin aussagte, mit ca. 20 km/h gefahren zu sein und unmittelbar, nachdem sie am Auto der Beschuldigten vorbeifuhr, gehört zu haben, wie dieses beschleunigte und rasch näherkam, bevor sie sich am rech- ten Gesäss durch Metall berührt und vorangeschoben fühlte (U-act. 10.0.01 Nr. 10 f. S. 5). Sie habe die Beschuldigte unbehelligt passiert und sei sicher- lich erst danach von der nach der Einfahrt in die Grepperstrasse ihr Fahrzeug beschleunigenden Beschuldigten angefahren worden (U-act. 8.1.03 Nr. 5, vgl. auch U-act. 8.1.04). Auch die Beschuldigte bestätigte, erst einen „Wider- stand“ gespürt zu haben, als sie auf die Hauptstrasse (Grepperstrasse) abge- bogen war (U-act. 10.0.02 Rn 42 ff.). Ereignete sich die Kollision nicht auf der Höhe der Verzweigung lässt sich der angeklagte Sachverhalt einer Vortritts-Kantonsgericht Schwyz 6 missachtung zufolge fehlender Aufmerksamkeit nach links nicht erstellen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich die Privatklägerin, als die Beschul- digte hätte allenfalls anhalten und einen durch den pflichtgemässen Blick nach links ersichtlichen Verkehrsteilnehmer passieren lassen müssen, bereits vor oder rechts von ihr befand. Soweit der Vorderrichter seinem Urteil indes einen anderen Sachverhalt zugrundelegte, nämlich, dass die Beschuldigte nach der Einfahrt in die Grepperstrasse der bereits vorbeigefahrenen, vor ihr befindli- chen Privatklägerin hätte ausweichen müssen (vgl. dazu angef. Urteil E. 3.c S. 21), ist dies nicht angeklagt. Das Gericht ist jedoch an den in der Anklage bzw. im Strafbefehl umschriebenen Sachverhalt gebunden (Art. 350 Abs. 1 StPO). Das Anklageprinzip verbietet es, nicht angeklagte Sachverhalte zu überprüfen (vgl. EGV-SZ 2019 A 5.4 E. 1.b). Aufgrund der vorliegenden An- klage kann deshalb die Beschuldigte nicht verurteilt werden, soweit sie nach dem Einbiegen in die Grepperstrasse die vor oder links offenbar gegen die Strassenmitte neben ihr fahrende Privatklägerin übersah und mit ihr kollidierte. Die Anklage ist nicht nur in örtlicher Hinsicht bzw. zeitlichem Ablauf oder im kaum nachweisbaren Grund der Unaufmerksamkeit ungenau. Sie bezieht die Unaufmerksamkeit der Beschuldigten namentlich in subjektiver Hinsicht auf einen anderen äusseren Vorgang, nämlich auf die vor dem Einbiegen fehlen- de Vorsicht gegenüber einer auf der Hauptstrasse von links korrekt heranfah- renden Velofahrerin ab. Aus diesen Gründen verletzt die angefochtene Verur- teilung wegen Nichtausweichens der bereits in Richtung Küssnacht, wo auch immer auf der rechten Fahrspur der Strasse weiter gefahrenen Velofahrerin wegen mangelnder Aufmerksamkeit nach dem Einbiegen das Anklageprinzip. Aus diesen formalen Gründen ist die Beschuldigte in Gutheissung der Beru- fung von Schuld und Strafe von den Anklagevorwürfen freizusprechen. 2. Sollte das Nichtausweichen quasi als Vortrittsmissachtung durch We- gabschneiden (vgl. dazu U-act. 10.1.01 Nr. 14 und 18 sowie klärend U-act. 10.1.02 Rn 106 ff.) auf der Grepperstrasse als identisches Ereignis, also der angefochtene Schuldspruch durch die Anklage entgegen dem oben Kantonsgericht Schwyz 7 Gesagten (s. E. 1) noch als gedeckt zu betrachten sein, ist in tatsächlicher Hinsicht vorab festzuhalten, dass dem überwiesenen Strafbefehl nicht zu ent- nehmen ist, wo und wie sich die Privatklägerin die angeklagten Verletzungen (Gedächtnisverlust für das Unfallgeschehen, posttraumatischer Schockzu- stand, Hirnprellung sowie Prellung und Stauchung der Halswirbelsäule) zuzog. Im Einzelnen ist Folgendes festzuhalten: a) Dass die Beschuldigte vor der Kollision die Privatklägerin übersah, ist zugestanden und erstellt. Sie sah die Privatklägerin erst danach (U-act. 10.0.02 Rn 54 f. und 57). Soweit sie behauptet, die Privatklägerin nicht von hinten erfasst, sondern vielmehr links touchiert zu haben (ebd. Rn 38 f.), kann dies nicht ohne Weiteres ausgeschlossen werden. Die Privatklägerin behauptet, ihre Erinnerung habe beim vermuteten Aufprall (U-act. 8.1.02 S. 2) und zwischen der Berührung am Gesäss und ihrer Feststellung, mit den Bei- nen auf dem Boden zu stehen (U-act. 8.1.03 Nr. 6; U-act. 10.1.01 Nr. 26), zweimal ausgesetzt. Ob es sich dabei tatsächlich um Gedächtnislücken han- delt, ist fraglich, nachdem sie das Geschehen durchgehend erlebnisbasiert zu schildern vermochte (dazu s. auch unten lit. b). Sie nahm sich mit dem Gefühl nach vorne geschoben wahr, jeden Moment auf den Boden zu fallen, und spürte ihre rechte Gesässbacke glaublich auf der Motorhaube, kann aber nicht sagen, ob sie mit der Autofront oder seitlich mit der Motorhaube in Berührung kam (U-act. 8.1.02 S. 2 sowie insbes. U-act. 8.1.03 Nr. 4). Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Kollision bzw. Berührung an der linken Seite des Fahrzeuges der Beschuldigten erfolgte, zumal beide Fahrzeuge unbeschädigt blieben. Ferner erscheint es plausibel, dass die einen „Widerstand“ bemer- kende Beschuldigte die Privatklägerin gesehen hätte, wenn sie frontal durch die Motorhaube berührt worden wäre. Schliesslich sagte auch die Privatkläge- rin aus, dass das Auto rechts neben ihr stand (U-act. 10.1.01 Nr. 10 S. 5 und Nr. 21 sowie 23) bzw. sie seitwärts angefahren worden sei (U-act. 3.1.07). Massgeblich ist, dass die wohl erschrockene bzw. ab dem Umstand, dass sie auf den Beinen blieb, „völlig verwunderte“ (U-act. 8.1.02 S. 2) Privatklägerin Kantonsgericht Schwyz 8 auf Nachfrage hin sich nicht erinnern konnte, den Kopf angeschlagen zu ha- ben (U-act. 8.1.03 Nr. 6). Dies ist auch aufgrund des von ihr geschilderten Kollisionsverlaufes unwahrscheinlich, weil sie nicht stürzte, sondern mit dem Velo zwischen den Beinen stehen blieb, was nur durch geringe Geschwindig- keiten der Fahrzeuge erklärbar ist. Somit liegen keine hinreichenden Anhalts- punkte dafür vor, dass die Privatklägerin aufgrund einer schmerzlosen Berührung durch das Auto am Gesäss erhebliche „Beschleunigungsverletzun- gen“ oder einen posttraumatischen Schock erlitten haben könnte. b) Die Privatklägerin begab sich zwei Tage nach dem Unfall zur medizini- sche Untersuchung in die Notfallpraxis des Kantonsspitals Luzern. Laut Be- richt der ab 21. November 2017 konsultierten Hausärztin konnten dort knöcherne Verletzungen im Bereich der Hals- oder Brustwirbelsäule und Blu- tungen im Schädel ausgeschlossen werden. Es wurden Klopfschmerzen über mittiger Lenden- und Brustwirbelsäule festgestellt (vgl. U-act. 3.1.05 i.V.m. 3.1.06; s. auch U-act. 11.1.01). Erst aufgrund „fehlender Besserung, bzw. über die Weihnachtstage wieder Verschlechterung“ überwies die Hausärztin die Privatklägerin in die rheumatologische Sprechstunde und zu einer neuropsy- chologischen Untersuchung an das Kantonsspital Sursee Wohlhusen (U-act. 3.1.05). In dieser Untersuchung wurden am 25. Januar 2018 mittel- schwere Minderleistungen im nonverbalen Lernen und schlussfolgernden Denken sowie insgesamt leichte Minderleistungen in den Bereichen phasische Alertness, geteilte Aufmerksamkeit, figurale Ideenproduktion und in weiteren nonverbal sowie verbal mnestischen Teilaspekten diagnostiziert sowie eine möglicherweise auf die Schmerzsymptomatik (Kopfschmerzen) reaktive Angst- und Ermüdungsanfälligkeit festgestellt (U-act. 3.1.07). All diesen Be- richten kann keine der angeklagten Verletzungen und auch nichts hinsichtlich eines am Unfall erlittenen Schädelhirntraumas (contusio cerberi) entnommen werden. Die Vermutung einer solchen Verletzung beruht einzig auf den Schil- derungen der Privatklägerin, nach dem Unfall zuhause zweimal erbrochen zu haben, und wird erstmals im rheumatologischen Bericht aufgrund des angebli-Kantonsgericht Schwyz 9 chen Erbrechens und der kurzfristigen Erinnerungslücken als wahrscheinlich angenommen (U-act. 3.1.12). Indes vermögen die detaillierten Unfallschilde- rungen der Privatklägerin bei der Polizei keine Bewusstseinsverluste bestäti- gen. Es ist nicht aussergewöhnlich, dass die Privatklägerin nicht präzise Zeit- und Streckenangaben zu machen vermochte, wie lange und wie weit sie sich auf dem Velo vorangeschoben wähnte, bis sie auf den Beinen stehen blieb, zumal es sich vorliegend um wenige Sekunden und Meter handelte. Deswe- gen kann nicht sicher auf einen Gedächtnisverlust für das Unfallgeschehen geschlossen werden. Ebenso plausibel ist es, dass die Privatklägerin in ihrer nicht unmittelbar nach dem Vorfall gemachten Anzeige die Möglichkeit aus- blendet, dass ihre gesundheitlichen Beschwerden nicht mit dem Unfall erklärt werden können. Darauf könnte der Umstand hindeuten, dass die Bestreitung ihrer Unfallversion durch die Beschuldigte bei ihr grosse Ängste auslöste (U-act. 3.1.07 S. 2). Es kann daher nicht die Rede davon sein, dass, wovon die Rheumatologin aufgrund der Schilderungen der Privatklägerin ausgeht, für den Unfallmechanismus eine Amnesie erstellt ist (s. U-act. 3.1.12). Ebenso wenig gab die Privatklägerin gegenüber den Strafverfolgungsbehörden be- kannt, dass sie aufgrund einer Ohnmacht in den Notfall des Kantonsspitals Luzern gebracht worden sein soll, wie dies im Bericht notiert ist, den die Rheumatologin erst aufgrund des nach dem Jahreswechsel offensichtlich durch veränderte Schmerzsymptome verschlechterten Zustandes verfasste. Diese namentlich bezüglich des Vorliegens eines Schädelhirntraumas wenig überzeugenden rheumatologischen Befunde legte die Hausärztin ihren Ant- worten an die Privatklägerin im Schreiben vom 26. Juni 2019 zugrunde (U-act. 11.1.07), worin sie die Sachverhaltsschilderung der Beschuldigten als unwahrscheinlich bezeichnete (ebd. Ziff. 3 ff.), weshalb darauf nicht abgestellt werden kann. 3. Wer vorsätzlich einen Menschen in anderer als schwerer (dazu vgl. Art. 122 StGB) Weise an Körper oder Gesundheit schädigt, wird auf An- trag mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 123 Kantonsgericht Schwyz 10 Ziff. 1 Abs. 1 StGB). Gleichermassen wird auf Antrag bestraft, wer fahrlässig einen Menschen am Körper oder an der Gesundheit schädigt (Art. 126 Abs. 1 StGB). Weil fahrlässige Tätlichkeiten nicht strafbar sind, ist ein Mindestmass an Beeinträchtigung (vgl. Roth/Keshelava, BSK, 4. A. 2019, Art. 125 StGB N 2) sowie ein Kausalzusammenhang zwischen der fraglichen Handlung und der Verletzung erforderlich (Donatsch, OFK, 20. A. 2018, Art. 122 StGB Rz 2). a) Weder ein Aufprall mit dem Kopf, ein Schädelhirntrauma, erhebliche Gedächtnisverluste noch Prellungen oder Stauchungen der Halswirbelsäule sind als Folgen des Unfalls nachgewiesen (vgl. oben E. 2). Ebenso wenig konnten Schäden am Auto und am Velo festgestellt werden, so dass davon ausgegangen werden muss, dass die Fahrzeuge nicht kollidierten und die Kollision einzig darin bestand, dass die rechte Gesässbacke der Privatklägerin durch das Fahrzeug der Beschuldigten unmittelbar schmerzlos berührt wurde. Soweit sich die Privatklägerin vom Auto der Beschuldigten bloss schmerz- und sturzlos vorwärtsgeschoben spürte, liegt keine Körperverletzung vor. Dass der Unfall in seinen Auswirkungen insofern beschränkt war, bestätigen die medi- zinischen Diagnosen der Notfallpraxis am Kantonsspital Luzern, welche phy- sisch weder Verletzungen noch einen Schockzustand feststellten (U-act. 3.1.06). Soweit die Privatklägerin der Notfallpraxis zwei Tage nach dem Unfall Erinnerungslücken, Schreckreaktion, Zittern am ganzen Körper, verminderter Appetit, Schlafstörungen und zweimaliges Erbrechen schilderte, sind diese Symptome medizinisch als Körperverletzungen nicht belegt und vermögen angesichts der geringen Kollisionsintensität bzw. der Unfallsituation (oder Unfallbildes) auch keinen posttraumatischen Schock zu belegen. Die Beschwerden erreichten abgesehen davon das objektiv, namentlich betreffend psychischer Verletzungen zur Annahme einer Körperverletzung vorausgesetz- te erhebliche Ausmass (dazu Donatsch, ebd.) nicht. b) Soweit die Privatklägerin später bei der Hausärztin Schmerzen an der gesamten Wirbelsäule, Vergesslichkeit und Konzentrations- und Orientie-Kantonsgericht Schwyz 11 rungsstörungen beklagte (U-act. 3.1.05), sind diese Beschwerden zum einen ebenfalls medizinisch nicht diagnostiziert, sondern beruhen wie schon gesagt auf den Schilderungen der Privatklägerin, und sollen sich weitestgehend zurückgebildet haben (U-act. 3.1.07 S. 2 oben). Selbst wenn man einräumt, dass diese und weitere Beschwerden wie Kopfschmerzen, die sich zwischen- zeitlich ebenfalls gebessert hatten (ebd.), nicht einfach zu objektivieren sind, können diese angesichts der geringen Kollisionsintensität nicht als unfallbe- dingt betrachtet werden, zumal in der Frage des Kausalzusammenhanges hier strafrechtlich zwar korrelative, aber keine normativen Überlegungen angestellt werden können (vgl. Donatsch, a.a.O., Art. 12 StGB N 14; Niggli/Maeder, BSK, 4. A. 2019, Art. 12 StGB N 90 ff.). Vorliegend korrelieren die Beschwer- den mit dem geringfügigen Unfall umso weniger, als sie erst nach einer Ver- schlechterung mit deutlich verändertem Schmerzbild nach dem Jahreswech- sel Anlass zu weiteren Untersuchungen und der Strafanzeige gaben. Für die Vermutung der Privatklägerin, dass die laut neuropsychologischer Untersu- chung neu vorliegenden Beschwerden (U-act. 3.1.07 S. 1) auf den Unfall zurückzuführen sind, lässt sich dem Bericht keine Anhaltspunkte entnehmen. Damit fehlt es abgesehen von der mangelnden Objektivierung am Nachweis des Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfall und den erst Tage bzw. Monate nach dem Unfall beschriebenen Gesundheitsproblemen. Aus diesen Gründen ist die Beschuldigte auch in der Sache vom Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung freizusprechen. Eine einfache Verkehrsregel- verletzung zufolge Unaufmerksamkeit nach dem Einbiegen in die Grepper- strasse wird ihr in der Anklage nicht vorgeworfen (vgl. auch oben E. 1). 4. Zusammenfassend ist die Berufung der Beschuldigten (STK 2020 5) gutzuheissen. Sie ist in Aufhebung des angefochtenen Urteils von Schuld und Strafe unter Wegfall von Kosten- und Entschädigungsfolgen freizusprechen. Dagegen ist sie vor beiden Instanzen für die anwaltliche Vertretung ab Ein- spracheerhebung zu entschädigen (Art. 426 Abs. 1, 428 Abs. 1 und 436 Kantonsgericht Schwyz 12 Abs. 1 i.V.m. 429 Abs. 1 lit. a StPO sowie §§ 2, 6 und 13 GebTRA). Auf die Kostennoten der Verteidigung (Vi-act. D GA 12 und KG-act. 22/2) kann inso- weit nicht abgestellt werden, als sie den angesichts der beschränkten Schwie- rigkeit der Strafsache hoch erscheinenden Aufwand auf einem über dem orts- üblichen Fr. 250.00 liegenden Stundenansatz abrechnet. So fallen etwa die ausgedehnten Zitate aus den dem Strafrichter bekannten Akten (Einvernah- men und Berichte) in den Plädoyers vor beiden Instanzen auf. Deshalb sind die Entschädigungen ermessensweise festzusetzen (§§ 2, 6 und 13 GebTRA). Die Berufung der Privatklägerin (STK 2020 6) ist resp. wäre insofern gutzu- heissen, als Entschädigungsforderungen nach Art. 433 StPO durch den Straf- richter zu entscheiden sind und nicht auf den Zivilweg verwiesen werden dür- fen. Indes sind sie nunmehr abzuweisen, da die Privatklägerin nicht im Sinne von Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO obsiegt (i.V.m. Art. 436 Abs. 1 StPO) und auch nicht ersichtlich macht, inwiefern die Beschuldigte bei vorliegendem Ausgang des Verfahrens nach Art. 426 Abs. 2 StPO kostenpflichtig wäre (Art. 433 Abs. 1 lit. b StPO). Da sich der Entscheid über die Berufung der Privatklägerin in der Sache ohne Weiteres aus der Beurteilung der Berufung der Beschuldig- ten ergibt, obwohl ihre Kritik an der Verweisung ihrer auf Art. 433 StPO stüt- zenden Entschädigungsforderung als Zivilforderung an sich zutrifft, sind ihr keine Kosten des Berufungsverfahrens aufzuerlegen. Jedoch ist darauf hin- zuweisen, dass der Vorderrichter auf ihre Forderungen nicht hätte eintreten sollen, weil die über den Verhandlungstermin informierte Privatklägerin ihre Entschädigungsforderungen weder beantragte, bezifferte noch belegte, bevor sich das Gericht zur Urteilsberatung zurückzog (Art. 433 Abs. 2 i.V.m. Art. 5 und 348 StPO; STK 2019 25 vom 12. November 2019 E. 7);-Kantonsgericht Schwyz 13 erkannt: Die Berufung der Beschuldigten wird vollumfänglich und die Berufung der Pri- vatklägerin teilweise gutgeheissen, das angefochtene Urteil aufgehoben und stattdessen folgendes Urteil erlassen: 1. Die Beschuldigte wird von Schuld und Strafe freigesprochen. 2. Die Entschädigungsforderungen der Privatklägerin werden abgewiesen. 3. Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens von Fr. 3‘090.00 gehen zu Lasten des Bezirks Küssnacht und diejenigen des Berufungsverfahrens von Fr. 2‘500.00 zu Lasten des Staates. 4. Die Beschuldigte wird für das erstinstanzliche Verfahren durch den Be- zirk Küssnacht mit Fr. 4‘000.00 (inkl. Auslagen und MWST) und für das Berufungsverfahren aus der Kantonsgerichtskasse mit Fr. 3‘000.00 (in- kl. Auslagen und MWST) entschädigt. 5. Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit Zustellung nach Art. 78 ff. des Bundesgerichtsgesetzes (BGG) Beschwerde in Strafsa- chen beim Bundesgericht in Lausanne eingereicht werden. Die Be- schwerdeschrift muss den Anforderungen von Art. 42 BGG entsprechen.Kantonsgericht Schwyz 14 6. Zufertigung an die Parteivertreter (je 2/R), die Staatsanwaltschaft Inner- schwyz (1/A), die Oberstaatsanwaltschaft (1/R) und die Vorinstanz (1/A) sowie nach definitiver Erledigung an die Vorinstanz (1/R, mit den Akten), mit Formular an die KOST (Meldung Freispruch) und die Kantonsge- richtskasse (1/ü, im Dispositiv). Namens der Strafkammer Die Kantonsgerichtsvizepräsidentin Der Gerichtsschreiber Versand 23. Oktober 2020 kau