B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5522/2017 U r t e i l v o m 3 0 . J a n u a r 2 0 1 8 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richterin Esther Marti, Gerichtsschreiberin Maria Wende. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Ass. iur. Christian Hoffs, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 30. August 2017 / N (…). E-5522/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 3. Oktober 2015 in der Schweiz um Asyl und machte anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 8. Okto- ber 2015 und der Anhörung vom 18. Juli 2017 im Wesentlichen Folgendes geltend: Er sei afghanischer Staatsangehöriger usbekischer Ethnie aus B._______, Distrikt C._______, Provinz Sar -e Pol. Seine Familienangehörigen seien Grossgrundbesitzer, welche unter anderem Weintrauben anbauen würden. Eines Tages habe er einen Mitarbeiter des afghanischen Sicherheitsamtes, D._______, kennengelernt. Dieser habe Weintrauben bei ihm bestellt und sei zu einem Kunden und später Freund geworden. Mit der Zeit habe D._______ ihm Fragen zu Vorkommnissen im Dorf und den Moscheen ge- stellt, die er beantwortet habe. Ungefähr im Jahr 2014 sei der Be schwer- deführer zu Hause von drei Personen abgeholt worden, welche sich als Gefolgsleute von D._______ ausgegeben hätten. Er habe sie begleitet. Auf einem Feld hätten sie ihm ein Tuch auf die Nase gedrückt, woraufhin er das Bewusstsein verloren habe. Er sei geknebelt und auf einem Stuhl fest- gebunden, in einem dunklen Raum , wahrscheinlich einem Keller, aufge- wacht. Daraufhin sei er verprügelt worden. Die Männer hätten Paschtu ge- sprochen, er habe sie nicht verstanden. Später seien drei Männer aufge- taucht, die mit ihm Farsi gesprochen hätten. Immer wieder sei er geschla- gen, befragt und mit dem Tod bedroht worden. Man habe ihm vorgeworfen, ein Abtrünniger zu sein und als ungläubiger Spion für D._______ tätig zu sein. Er sei mehrmals Zeuge von Enthauptungen geworde n. Auch sei er gezwungen worden, Medikamente einzunehmen. Nach zehn Tagen sei er aus diesem Raum geführt und geknebelt auf einer Strasse ausgesetzt wor- den. Bei den Entführern habe es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Ta- liban gehandelt. Nach der Entführung sei er zwei Wochen lang bettlägerig gewesen. Die Dorfältesten und die Polizei seien verständigt worden, doch habe er ihnen nicht sagen können, wo er festgehalten worden sei. Im (...) 2015 habe seine (…), mit welcher er aufgewachsen sei und welche wie eine Schwester für ihn gewesen sei, vor ein Sharia-Gericht gestellt werden sollen. Sie sei von ihrem Vater gegen ihren Willen mit einem Taliban, der in Pakistan studiert habe, verlobt worden. Als sie von einem anderen Mann schwanger geworden sei, habe sich das im Dorf herumgesprochen und schliesslich hätten auch die Taliban davon erfahren. Sie hätten vom Imam verlangt, dass er das Mädchen ausliefere. Dieser habe daraufhin die Mut- ter des Mädchens zur Rede gestellt. Jene habe bestätigt, dass ihre Tochter E-5522/2017 Seite 3 schwanger sei. Am selben Abend sei der Beschwerdeführer mit seiner (…) nach Mazar-i-Sharif und nach einigen Tagen von dort über mehrere Länder in die Türkei geflüchtet. Sie sei in Istanbul geblieben, da sie krank gewesen sei und sie kein Geld mehr gehabt hätten. Er sei weiter nach Europa gereist und über mehrere Länder am 2. Oktober 2015 in die Schweiz gelangt. Da er mit seiner (…) geflohen sei, würden die Dorfbewohner, von denen viele den Taliban angehören würden, glauben, dass er sie geschwängert habe. Dies werde als Verbrechen angesehen, weshalb er seitens der Taliban mit einem Todesurteil rechnen müsse. Als Beweismittel re ichte der Beschwerdeführer seine Tazkira im Original, einen psychotherapeutischen Kurzbericht vom 13. Juli 2017, in welchem ihm eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung attestiert wird, und ein Schreiben des Dorfältesten (in Kopie) zusammen mit ein er nicht amtlichen Übersetzung ein. B. Mit Verfügung vom 30. August 2017 – eröffnet am 4. September 2017 – verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus der Sch weiz an, schob den Vollzug jedoch infolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. C. Mit Beschwerde vom 28. September 2017 an das Bundesverwaltungsge- richt beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der Dispositivziffern 1 bis 3 der ange fochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingsei- genschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Bei- ordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand. Als Beweismittel reichte er einen Artikel von South Front vom 30. März 2017 zu von den Taliban kontrollierten Gebieten ein. D. Mit Verfügung vom 24. Oktober 2017 hiess das Bundesverwaltungsgericht die Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege und amtliche Rechtsverbei- ständung in der Person des rubrizierten Rechtsvertreters gut und verzich- tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E-5522/2017 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend - endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Gestützt auf Art. 111a AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriften- wechsels verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). E-5522/2017 Seite 5 4.1.1 Bezüglich des Bestehens einer begründeten Verfolgungsfurcht gilt es zu prüfen, ob die Verfolgungssituation im Zeitpunkt der Ausreise aktuell ge- wesen ist beziehungsweise ob ein zeitlicher und sachlicher Kausalzusam- menhang zwischen der erlebte n Vorverfolgung und der Ausreise bejaht werden kann. Sofern die erlittene Vorverfolgung in zeitlichem und sachli- chem Kausalzusammenhang zur Flucht steht, lässt sich dem Asylgesetz – ohne dass der Aspekt einer drohenden Wiederholung der erlittenen Verfol- gung noch weiter zu prüfen wäre – die Regelvermutung entnehmen, auf- grund der erlittenen Vorverfolgung sei auch eine begründete Furcht vor weiterer, zukünftiger Verfolgung zu bejahen. Ein fehlender zeitlicher Zu- sammenhang zwischen Vorverfolgung und Ausreise zerstört (nur) die Re- gelvermutung zugunsten des Vorliegens begründeter Furcht vor Verfol- gung; dies schliesst nicht aus, dass im konkreten Einzelfall die früher erlit- tene Verfolgung einen der guten Gründe für die heutige Verfolgungsfurcht darstellen kann. Die begründete Furcht vor Verfolgung ist dann freilich nicht aufgrund einer Regelvermutung aus der erlittenen Vorverfolgung abzulei- ten, sondern ihr Bestehen im Zeitpunkt der Ausreise ist von der asylsu- chenden Person darzutun und von der Behörde gesondert zu p rüfen (vgl. BVGE 2009/51 E.4.2.5 m.w.H.). 4.1.2 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeit- punkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müs- sen konkrete Indizien vorliegen, welc he den Eintritt der erwarteten ernst- haften Nachteile als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht da- vor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2.5; 2010/44 E. 3). Dabei ist zu berücksichtigen, dass Personen, welche bereits Verfolgungshandlungen ausgesetzt waren, objektive Gründe für eine ausgeprägtere subjektive Furcht vor weiterer Ver- folgung haben (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). E-5522/2017 Seite 6 5. 5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids befand die Vorin - stanz die Vorbringen des Beschwerdeführers als den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit nicht genügend. Seine Entführung durch die Taliban würde weder in einem zeitlichen noch in einem sachlichen Kausalzusammenhang zu seiner Flucht stehen. Der Umstand, dass er von den Taliban hätte bestraft werden sollen, weil in sei- nem Dorf angenommen werde, dass er seine (...) geschwängert habe, sei ebenfalls nicht asylrelevant, da die Bestrafung nicht aufgrund einer der in Art. 3 AsylG aufgezählten Eigenschaften erfolgt wäre . Schliesslich würde die labile Sicherheitssituation in seiner Heimatregion nicht nur ihn persön- lich betreffen, sondern die gesamte Bevölkerung, weshalb es sich nicht um eine gegen ihn persönlich gerichtete Verfolgung handle. 5.2 Auf Beschwerdeebene konkretis iert der Beschwerdeführer verschie- dene Punkte seiner Aussagen und führt aus , dass die Taliban Personen, die in ihrer Wahrnehmung gegen islamische Grundsätze und Werte verstossen hätten, bedroht, angegriffen und getötet hätten. In Gebieten, welche sich unter der Kontrolle der Taliban und anderer regierungsfeindli- cher Kräfte befinden würden, bestehe für Personen, die unmoralischer Ver- haltensweisen bezichtigt würden, das Risiko, über die parallelen Justiz- strukturen dieser regierungsfeindliche n Kräfte zu harten Strafen, ein- schliesslich zur Auspeitschung und zum Tod verurteilt zu werden. Unter Verweis auf den Artikel von South Front führt der Beschwerdeführer weiter aus, die Hälfte der Bewohner seines Heimatdorfes seien Taliban und die Justizstrukturen würden von diesen kontrolliert. Nachdem er seinen Hei- matort mit seiner schwangeren (...) verlassen habe, seien die Dorfbewoh- ner, und damit auch die Taliban, davon ausgegangen, dass er unehelichen Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt habe. Dies werde als Verbrechen ge- wertet und wiege umso schwerer, als seine (...) einem anderen Mann ver- sprochen gewesen sei, welcher ebenfalls ein Taliban sei. Zudem habe er seiner (...), welche vor ein Scharia-Gericht hätte gestellt und gesteinigt wer- den sollen, zur Flucht verholfen. Dadur ch habe er sie der Gerichtsbarkeit der Scharia entzogen, was ebenfalls ein Verbrechen darstelle. Er habe ge- gen die Gesetze der Scharia und damit gegen das religiöse Recht verstos- sen. Aus Sicht der Taliban habe er damit als Ungläubiger gehandelt. Er habe selbst miterleben müssen und habe ausführlich geschildert, wie als Ungläubige bezeichnete Personen enthauptet worden seien. Die Bezeich- nung als Ungläubiger, welcher gegen die Scharia verstossen habe, würde ein Merkmal darstellen, welches untrennbar m it seiner Person verbunden sei und damit ein asylrelevantes Verfolgungsmotiv darstelle. Zudem habe E-5522/2017 Seite 7 er bereits früher, zum Zeitpunkt seiner Entführung durch die Taliban, deren Misstrauen erweckt. Durch seine Handlungen vor seiner Ausreise, habe er den Verdacht der Taliban, er sei ein Ungläubiger, bestätigt. Eine funktionie- rende Schutzinfrastruktur, welche ihn vor der Verfolgung durch die Taliban schützen könnte, bestehe nicht. Er habe begründete Furcht vor einer asyl- relevanten Verfolgung durch die Taliban, weshalb er die Flüchtlingseigen- schaft erfülle und ihm Asyl zu gewähren sei. 6. 6.1 Das Gericht hat mit Urteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 (als Re- ferenzurteil publiziert) eine neue Lagebeurteilung zu Afghanistan vorge- nommen. Zusammenfassend ergibt sich eine deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bundesverwaltungs- gerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der International Security Assistance Force (ISAF) über alle Regionen hinweg (vgl. dazu ausführlich E. 7.3 und E. 7.4). Es erscheint unklar, ob sich die afghanischen Sicherheitskräfte gegen die regierungsfeindlichen Gruppierungen werden behaupten können, zumal die Desertions- und Abgangsrate sehr hoch so- wie der Ausbildungsstand der Rekruten schlecht ist und eine Infiltrierung durch regierungsfeindliche Gruppierungen stattfindet. Zudem gilt die Af- ghan Local Police (ALP) in der afghanischen Bevölkerung als korrupt und wird für gravierende Menschenrechtsverletzungen und Missbräuche ver- antwortlich gemacht. Hinzu kommt die Tatsache, dass Angehörige der ALP für die von ihnen begangenen Vergehen nicht zur Rechenschaft gezogen werden und teilweise unter der Kontrolle lokaler Machthaber stehen (vgl. zum Ganzen SFH, Afghanistan: Update, Die aktuelle Sicherheitslage, Bern, 30. September 2016, S. 6 ff.; Bertelsmann Stiftung, BTI 2016 – Af- ghanistan Country Report, < https://www.bti -project.org/fileadmin/fi- les/BTI/Downloads/Reports/2016/pdf/BTI_2016_Afghanistan.pdf >, abge- rufen am 16.01.2018; vgl. auch Urteil des BVGer D-3394/2014 vom 26. Ok- tober 2015). Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich sodann Gruppen von Personen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Ver- folgungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, welche die Regierung unterstützen oder als deren Unterstützer betrachtet werden, beispielsweise indem sie den Behörden Informationen zu den re- gierungsfeindlichen Gruppierungen liefern oder dessen verdächtigt wer- den, sowie westlich orientierte oder der afghanischen Gesellsch aftsord- nung aus anderen Gründen nicht entsprechende Personen (vgl. Urteile des BVGer E -3520/2014 vom 3. Novem ber 2015 E. 7.3; D -416/2015 vom E-5522/2017 Seite 8 25. August 2017 E. 6.4; ANTONIO GIUSTOZZI für Landinfo: Afghanistan; Ta- liban’s Intelligence and the intimidation ca mpaign, 23.08.2 017, < https://landinfo.no/asset/3590/1/ 3590_1.pdf >, abgerufen am 16.01.2018, S. 11). 6.2 Die Vorinstanz stellt die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwer- deführers nicht explizit in Frage. Diesem Standpunkt ist angesichts der im Wesentlichen widerspruchsfreien Schilderungen und der vielen Realkenn- zeichen in seiner Darlegung (vgl. vorinstanzliche Akten A20 beispielsweise F81, F96 ff. und F121 ff.) beizupflichten. Auch kann der Vorinstanz zuge- stimmt werden, dass der zeitliche Kausalzusammen hang zwischen der Entführung durch die Taliban und der Flucht des Beschwerdeführers als unterbrochen anzusehen ist. Dies hat jedoch lediglich zur Folge, dass die Vermutung einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung aufgehoben wird, der Nachweis oder zumindest die Glaubhaftmachung einer begrün- deten Furcht vor zukünftiger Verfolgung steht dem Beschwerdeführer je- doch offen. In Übereinstimmung mit seinen Vorbringen ist festzuhalten, dass Personen, welche „unmoralischer Verhaltensweisen“ bezichtigt wer- den, über die parallelen Justizstrukturen regierungsfeindlicher Kräfte in Af- ghanistan zu harten Strafen, einschliesslich zum Tod „verurteilt“ werden können. In diesem Zusammenhang sind Verstösse gegen die Scharia be- ziehungsweise deren Auslegung durch die Taliban , beispielsweise durch Blasphemie, Apostasie, Führen einer gleichgeschlechtlichen Beziehung oder ausserehelichen Geschlechtsverkehr zu nennen (vgl. etwa SFH, Af- ghanistan: Update, Die aktuelle Sicherheitslage, Bern, 14. September 2017, S. 19 ff.; UNHCR Eligibility Guidelines for Assessing the International Protection Needs of Asylum -Seekers from Afghanistan, 19. April 2016, S. 34 ff.; ANTONIO GIUSTOZZI, a.a.O., S. 11; European Asylum Support Of- fice [EASO], EASO Country of Origin Information Report. Afghanistan Indi- viduals targeted under societal and legal norms , December 2017, < http://www.refworld.org/docid/5a38ce314.html > , abgerufen am 16.01.2018, S. 48 ff.). Es liegen Berichte vor, wonach Personen , die sich „unmoralischer Verhaltensweisen“, wie ausserehelichen Geschlechtsver- kehrs, schuldig gemacht haben sollen, von regierungsfeindlichen Gruppie- rungen, wie den Taliban, ausgepeitscht oder (durch Steinigung ) getötet wurden (vgl. EASO, a.a.O., S. 48 ff.). Gemäss dem vorgenannten Bericht der EASO soll es insbesondere auch in der Heimatprovinz des Beschwer- deführers zu Tötungen und Steinigungen von Personen (Männern und Frauen), die des Ehebruchs beschuldigt wurden, durch die Taliban gekom- men sein (vgl. EASO, a.a.O., S. 49 f.) . Der Beschwerdeführer entspricht den vorgenannten Risikoprofilen und es ist von einem hohen Risiko der E-5522/2017 Seite 9 Verfolgung durch die Taliban auszugehen. Er hat nicht nur seiner unehelich schwangeren (...), welche zudem einem Taliban versprochen war, zur Flucht verholfen und sie damit einer Bestrafung durch die Taliban entzo- gen, sondern er wird auch verdächtigt, mit ihr ausserehelichen Ge- schlechtsverkehr gehabt zu haben. Damit hat er sich in den Augen der Ta- liban eines unmoralischen Verhaltens schuldig gemacht und in schwerer Weise gegen deren (religiöse) Grundsätze verstossen. Zudem hatte er be- reits früher deren Aufmerksamkeit auf sich gezogen, da er verdächtigt wurde, Informationen an die afghanischen Behörden, in der Person von D._______, weiterzugeben (was im Übrigen den Tatsachen entsprach). Dies hatte die Entführung durch die Taliban und die Bezeichnung als „Un- gläubiger“ zur Folge. Angesichts dessen, dass er bereits einmal einer Ver- folgung durch die Taliban ausgesetzt war, im Rahmen derer er schwere Misshandlungen durchleben musste sowie Zeuge von Enthauptungen von „Ungläubigen“ wurde, und in der Folge mehrfach gegen die (religiösen) Grundsätze der Taliban verstossen hat (bzw. des Verstosses verdächtigt wird), bestand sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht konkre- ter Anlass zur Annahme, dass eine Verfolgung sich mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zeit erneut verwirklicht hätte. Solches wäre, auch vor dem Hintergrund der verschlechterten Sicherheitslage in Afghanistan, im heutigen Zeitpunkt ebenfalls anzunehmen, wenn der Be- schwerdeführer in seine Heimat zurückkehren würde. 6.3 Es bleibt zu prüfen, ob für den Beschwerdeführer e ine innerstaatliche Flucht- beziehungsweise Schutzalternative bestanden hätte. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bedingt die Annahme ei- ner innerstaatlichen Schutzalternative unter anderem, dass am Zufluchts- ort eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur besteht und der Staat gewillt ist, der in einem anderen Landesteil von Verfolgung betroffe- nen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Schliesslich muss es ihr individuell zuzumuten sein, den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz länger- fristig in Anspruch nehmen zu können. Dabei sind die allgemeinen Verhält- nisse am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände der betroffenen Per- son zu beachten und es ist unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes im Rahmen einer indivi duellen Einzelfallprüfung zu beurteilen, ob ihr angesichts der sich konkret abzeichnenden Lebenssituation am Zu- fluchtsort realistischerweise zugemutet werden kann, sich dort niederzu- lassen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Für die Frage der Zumut- barkeit kommt der Zumutbarkeitsbegriff gemäss Art. 83 AuG zur Anwen- dung (vgl. BVGE 2011/51 E. 8). E-5522/2017 Seite 10 Die genannten Voraussetzungen sind vorliegend nicht erfüllt. Weder die Städte Kabul, Herat noch Mazar-i-Sharif kommen als potenzielle Schutzal- ternativen in Frage, da mangels persönlicher Bezugspunkte des Be- schwerdeführers zu diesen Städten die von der Rechtsprechung verlang- ten, besonders begünstigenden Umstände nicht gegeben sind (vgl. BVGE 2011/38 E. 4.3 zu Herat, BVGE 2011/49 E.7.3 zu Mazar -i-Sharif und Urteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 zu Kabul). 6.4 Zusammenfassend erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Gründe für den Ausschluss aus der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 1 Bst. F FK sind nicht ersichtlich. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz ist aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flücht- ling anzuerkennen und ihm – mangels Vorliegens von Asylausschlussgrün- den (vgl. Art. 53 AsylG) – in der Schweiz Asyl zu gewähren. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An- wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Eine Ent- schädigung des als amtlicher Rechts beistand eingesetzten Rechtsvertre- ters durch das Bundesverwaltungsgericht entfällt somit. Der Rechtsvertreter reichte mit der Beschwerde eine Honorarnote in der Höhe von Fr. 1‘190. – ein. Der veranschlagte Stundensatz von Fr. 200. – (inklusive Mehrwertsteuer) bewegt sich im gemäss Art. 10 Abs. 2 VGKE vorgesehenen Rahmen und der Zeitaufwand von 5.5 Stunden und zusätz- lichen Auslagen in der Höhe von Fr. 90.– (Übersetzerin, Porti, Telefon, Fax, Kopien) erscheint angemessen. Die Parteientschädigung ist demn ach in dieser Höhe festzusetzen und das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerde- führer diesen Betrag auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-5522/2017 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben. Das SEM wird angewiesen, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1‘190.– auszurichten. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Maria Wende