B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2808/2023 U r t e i l v o m 1 9 . J u n i 2 0 2 3 Besetzung Richterin Roswitha Petry (Vorsitz), Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Richter Lorenz Noli, Gerichtsschreiberin Sandra Bodenmann. Parteien A._______, geboren am (…), Burundi, vertreten durch Stefania Mathis, Rechtsanwältin Rechtsschutz für Asylsuchende, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 8. Mai 2023 / N (…). E-2808/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführer stellte am 21. Dezember 2022 ein Asylgesuch in der Schweiz. B. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentralein- heit Eurodac) ergab, dass er am (…) 2022 illegal in Kroatien eingereist war und dort um Asyl ersucht hatte. C. Am 29. Dezember 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zu- gewiesene Rechtvertretung mit der Wahrung seiner Interessen im Asylver- fahren. D. Am 9. Januar 2023 ersuchte die Vorinstanz die kroatischen Behörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO; vgl. SEM-Akte […] [nachfolgend: Akte] -14). E. E.a Am 16. Januar 2023 fand das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 Dublin-III-VO statt (vgl. Akte 17). Dabei wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Kroatiens für sein Asyl- gesuch und zu seinem Gesundheitszustand gewährt. E.b Der Beschwerdeführer gab an, er sei am (…) 2022 von Waldwegen in Bosnien und Herzegowina herkommend in Kroatien eingereist und habe gleichentags dort um Asyl ersucht. Als die kroatischen Polizeibeamten ihn gesichtet hätten, hätten sie geschossen und Hunde auf ihn gesetzt. Er sei dann weggerannt, aber von den Polizisten gefasst, in ein Fahrzeug gesetzt und im Wald wieder freigelassen worden. Er sei dabei gezwungen worden, seine Hose auszuziehen und die Polizisten hätten ihn durchsucht. Als er sich zur Wehr gesetzt habe, sei er von vier Polizisten geschlagen worden, er weise heute noch entsprechende Narben auf. Er sei dann mit weiteren E-2808/2023 Seite 3 zwei Personen in ein kleines Auto gesetzt worden. Der eine habe ihm Öl aufs Gesäss gestrichen und ihn vergewaltigt, während der andere Mann einen Revolver auf ihn gerichtet habe. Sein Telefon sei ihm abgenommen worden. Anschliessend sei er irgendwo im Wald abgesetzt worden. Hierauf sei er nach Bosnien und Herzegowina zurückgekehrt. Er habe ein weiteres Mal versucht, nach Kroatien einzureisen und sei wiederum von kroatischen Beamten aufgegriffen und zu ein em Polizeiposten geführt worden, wo er erklärt habe, er wolle kein Asylgesuch in Kroatien stellen, sondern in die Schweiz einreisen. Seine Fingerabdrücke seien ihm zwangsweise abge- nommen worden. Anschliessend sei er in einen Saal geführt worden und von dort weggelaufen. Er sei nach Slowenien gereist, wo er auch von den Behörden aufgegriffen und daktyloskopisch erfasst worden sei. Danach sei er nach Italien gelangt und von dort in die Schweiz eingereist. In Kroatien sehe er keine Zukunft, zumal dort die Me nschenrechte nicht eingehalten würden. Er sei dort vergewaltigt und menschenunwürdig be- handelt worden. Wegen der dort erlittenen Vorfälle werde er gegenwärtig medizinisch behandelt. Er habe am ganzen Körper Schmerzen und habe um einen Röntgentermin gebeten. Er habe Albträume und sollte psychiat- risch begleitet werden. Er wünsche, bei weiteren Abklärungen durch ein Frauenteam befragt zu werden. F. Am 23. Januar 2023 stimmten die kroatischen Behörden dem Übernahme- ersuchen des SEM vom 9. September 2022 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO zu (vgl. Akte 19). G. Am 12. April 2023 reichte die Rechtsvertretung einen Arztkurzbericht (Me- dizinisches Datenblatt) von Dr. med. B._______, Allgemeinmedizin, C._______, vom 12. April 2023 zu den Akten, in welchem mehrere (…) am (…) des Beschwerdeführers diagnostiziert und eine Überweisung an die Radiologie festgehalten werden (Akte 22). H. Mit E-Mail vom 19. April 2023 wandte sich die Rechtsvertretung an das Gesundheitsteam im Bundesasylzentrum (BAZ) D._______ und ersuchte um einen Termin bei einer weiblichen Psychiaterin für den Beschwerdefüh- rer. E-2808/2023 Seite 4 Hierauf orientierte die zuständige Pflegefachfrau des BAZ die Rechtsver- tretung, dass die Wartefrist für einen psychiatrischen Termin bis vier Mo- nate dauere; der Beschwerdeführer habe am 12. April 2023 eine Konsulta- tion beim Zentrumsarzt gehabt und dabei seine psychischen Probleme nicht geäussert (Akte 25). I. Gemäss E-Mail des Gesundheitsdienstes vom 24. April 2023 wurden die (…)probleme des Beschwerdeführers mit einer Bandage und mit der Haus- apotheke behandelt. Dieser habe sich wegen Schlafprobleme n und Ge- dankenkreisen mehrmals gemeldet und «Redormin» erhalten . Er sei zu- sätzlich an die Seelsorge überwiesen worden (Akte 23). J. Am 26. Apr il 2023 wurde ein erweitertes Dublin -Gespräch durchgeführt (vgl. Akte 24). Dabei gab der Beschwerdeführer ergänzend zu Protokoll, beim Übergriff der kroatischen Polizisten sei er an der (…), am (…) und (…) verletzt und am (…) geschlagen worden. Seine heutigen (…)probleme seien auf diese Misshandlungen zurückzuführen. Die Polizisten hätten ih- ren Übergriff und die Penetrierung gefilmt. Nachdem die Polizisten von ihm abgelassen hätten, habe er Leute angetroffen und diese nach dem Weg gefragt. Nachdem er bei einer weiteren Polizeikontrolle innerhalb Kroatiens angehalten und auf den Posten gebracht worden sei, habe er aus Angst seine sexuellen Misshandlungen nicht vorgetragen. Er habe die Medikamenteneinnahme wegen des Ramadans nicht einhal- ten können. Er benötige eine weibliche Facharztperson und eine weibliche Seelsorgerin; bisher habe er seine Erlebnisse mit dem männlichen, musli- mischen Seelsorger nicht besprechen können. Gegenüber dem Zentrums- arzt habe er am 12. April 2023 lediglich seine körperlichen Probleme vor- getragen. Es sei ihm auch mitgeteilt worden, dass es drei bis vier Monate dauere, bis er einen Termin bei einem Psychologen erhalte. Er sei ängstlich und sein Selbstvertrauen sei verloren gegangen. Er befürchte bei einer Rückkehr nach Kroatien auch, da ss die Videoaufnahme seiner sexuellen Misshandlungen publik gemacht werde. Die beim Dublin-Gespräch anwesende Rechtsvertretung gab zu Protokoll, der Beschwerdeführer habe eine weibliche Psychiaterin verlangt, aber noch keinen Konsultationstermin erhalten; man habe ihm stattdessen Me- dikamente verabreicht. E-2808/2023 Seite 5 K. Am 27. April 2023 wurde ein Arztbericht des Kantonsspitals E._______ in D._______ eingereicht. Darin werden chronische Schmerzen im rechten (…) diagnostiziert und eine ergänzende MRI -Untersuchung empfohlen (Akte 26). L. Gemäss dem ergänzten medizinischen Datenblatt von Dr. B._______, C._______ wurde am 4. Mai 2023 eine weitere Konsultation des Beschwer- deführers betreffend sein (…) durchgeführt und dabei eine MRI-Untersu- chung empfohlen. M. Gemäss Mitteilung des SEM vom 5. Mai 2023 war am 19. April 2023 mit dem Beschwerdeführer vereinbart worden, dass er sich bezüglich seiner psychischen Beschwerden nach dem Ramadan beim Gesundheitsdienst melde, um eine medikamentöse Therapie zu versuchen. Bei der Arztkon- sultation vom 4. Mai 2023 habe er die psychischen Probleme wiederum nicht angesprochen. Er habe sich auch diesbezüglich nicht mehr beim Ge- sundheitspersonal des (…) D._______ gemeldet (Akte 28). N. Am 5. Mai 2023 reichte die Rechtsvertretung das ergänzte medizinische Datenblatt vom 4. März 2023 (vgl. Bst. L, oben) und eine E-Mail an das Gesundheitsteam im BAZ vom 16. Januar 2023 beim SEM ein (Akte 29). O. Mit Verfügung vom 8. Mai 2023 – eröffnet am Folgetag – trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Wegwei- sung in den für ihn zuständigen Dublin-Staat (Kroatien), forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen und be- auftragte den Kanton F._______ mit dem Vollzug der Wegweisung. Gleich- zeitig händigte es dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten ge- mäss Aktenverzeichnis aus und stellte f est, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. P. Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 16. Mai 2023 (Poststempel) er- hob der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Dabei wurde beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die E-2808/2023 Seite 6 angefochtene Verfügung zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Sache zur Einholung individueller Zusicherungen der kroatischen Be- hörden bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren sowie adäquater Unter- bringung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, de r Beschwerde sei die au f- schiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuwei- sen, von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen, bis das Gericht über die Beschwerde befunden habe. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kosten vorschusses zu verzich- ten. Q. Am 17. Mai 2023 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstel- lung des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus. R. Mit Zwischenverfügung vom 24. Mai 2023 wurde der Beschwerde die auf- schiebende Wirkung erteilt, das Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung gutgeheissen und die Vorinstanz zur Vernehmlas- sung eingeladen. S. In seiner Vernehmlassung vom 30. Mai 2023 hielt das SEM an seinen bis- herigen Erwägungen fest und nahm zu den Beschwerdevorbringen Stel- lung. T. Am 5. Juni 2023 wurde dem Beschwerdeführer das Recht zur Replik ge- währt, welches dieser mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 13. und 14. Juni 2023 wahrnahm. E-2808/2023 Seite 7 Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorl iegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerden legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwer- den ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Die Vorinstanz führt in ihrem Nichteintretensentscheid im Wesentlichen aus, durch den Abg leich der Fingerabdrücke stehe fest, dass der Be- schwerdeführer in Kroatien als Asylsuchende r registriert worden sei. Die kroatischen Behörden hätten dem Ersuchen des SEM um Wiederauf- nahme zugestimmt. Es sei nicht davon auszugehen, dass diese Behörden ohne Willensbekundung oder gegen den Willen einer Person ein Asylge- such erfassen würden. Die kroatischen Behörden seien aufgrund der ille- galen Einreise auch dann für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig, wenn in Kroatien kein Asylgesuch erfasst worden wäre. Die kroatischen Behörden würden seit Jahren von zahlreichen nationalen oder internationalen Organisationen dahingehend kritisiert, dass sie E-2808/2023 Seite 8 Migrantinnen und Migranten keine Möglichkeit zur Einreichung eines Asyl- gesuchs bieten und sie ohne individuelle Prüfung von Fluchtgründen und teilweise unter Gewalt nach Bosnien und Herzegowina zurückführen wür- den (sogenannte «Pushbacks»). Von dieser Problematik seien aber Per- sonen betroffen, welche in Kroatien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin- Staaten einreisten, v on den kroatischen Polizei - und Grenzbehörden an- gehalten würden und sich dabei keine Fingerabdrücke abnehmen liessen, da sie an einem Asylverfahren in Kroatien nicht interessiert seien und in einen weiteren Dublin-Staat weiterreisen wollten. Die geschilderte Proble- matik im kroatischen Grenzgebiet könne nicht mit Rückführungen nach Kroatien gestützt auf die Dublin -III-VO in Verbindung gebracht werden. Mehrfache Abklärungen durch die Schweizer Botschaft in Kroatien hätten bisher keine Hinweise auf generelle systemische Schwachstellen im kroa- tischen Asyl- und Aufnahmesystem ergeben. Dublin-Rückkehrende wür- den unabhängig davon, ob sie zuvor in Kroatien bereits um Asyl nachge- sucht hätten oder nicht, ausnahmslos in die Hauptstadt Zagreb überstellt. Sie würden regelkonform und im Einklang mit dem Völkerrecht behandelt und bei ihrer Ankunft über ihre Rech te informiert, einschliesslich des Rechts, einen Asylantrag zu stellen. Es gebe keine Hinweise, dass Dublin- Rückkehrenden eine Kettenabschiebung nach Bosnien und Herzegowina oder systematische Gewalt seitens der kroatischen Polizei drohe. Es seien keine Fälle von Benachteiligung oder völkerrechtswidriger Behandlung im kroatischen Asylsystem dokumentiert. Im jüngst ergangenen Referenzur- teil des Bundesverwaltungsgerichts E -1488/2020 vom 22. März 2023 sei festgehalten worden, dass keine Hinweise vorl ägen, wonac h Personen, welche in einem Take-back-Verfahren nach Kroatien überstellt würden und deren Asylgesuch in Kroatien zurückgezogen oder abgeschrieben worden sei, in unzulässiger Weise abgeschoben würden. Gemäss eigenen Angaben sei der Beschwerdeführer nicht Op fer von Pushbacks geworden. Seinen Ausführungen zu den ersten beiden Aufgrif- fen in Kroatien sei nicht zu entnehmen, dass er unter Missachtung einer Asylbeantragung nach Bosnien und Herzegowina zurückgeschoben wor- den wäre. Seine Schilderungen würden sich auf Vorkommnisse im Zusam- menhang mit seiner illegalen Einreise und der Registrierung der Fingerab- drücke und nicht auf einen Aufenthalt in den Asylstrukturen beziehen. Nach der Registrierung habe er sich den kroatischen Behörden entzogen und somit selbständig auf den Zugang zu den Asylstrukturen verzichtet. Der vorgebrachte Missbrauch durch kroatische Beamte sei ein ernstzuneh- mendes Vorbringen. Mutmasslich habe es sich um eine sicherheits -E-2808/2023 Seite 9 relevante Durchsuchung gehandelt, gegen welche sich der Beschwerde- führer zur Wehr gesetzt habe, weshalb weitere Polizisten dazugekommen seien und ihn gefesselt hätten. Es sei nicht Sache des SEM, ein allfälliges Fehlverhalten von kroatischen Beamten aus der Ferne zu beurteilen, son- dern der zuständigen Stellen vor Ort. Der Zug ang zu wirksamen Rechts- mitteln sei in Kroatien gewährleistet. Die geltend gemachten Übergriffe lies- sen nicht grundsätzlich darauf schliessen, dass er bei einer Rückkehr mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer einer unmenschlichen oder erniedrigen- den Behandlung würde. Er werde nach seiner Überstellung nach Kroatien, welche an den Flughafen Zagreb erfolgen werde, nicht mit derselben Situ- ation konfrontiert wie anlässlich seiner Einreise. Aufgrund der vorliegenden Informationen sei nicht davon auszugehen, dass e in dringlicher Behandlungsbedarf bestehe bezüglich der körperli- chen und psychischen Beschwerden. Sämtliche Krankheitsbeschwerden seien in Kroatien behandelbar. Es ergäben sich keine Gründe, welche die Anwendung der Souveränitätsklausel anzeigen würden. 3.2 Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe geltend, die angefochtene Verfügung bestehe im Wesentlichen aus Wiedergaben des von ihm geschilderten Sachverhalts und einer Fülle von Textbaustei- nen ohne vertiefte inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Vorbringen. Seine konkrete Situation habe das SEM nur oberflächlich behandelt. Die Vorgaben des Gerichts in Bezug auf besonders vulnerable Personen wür- den weder erwähnt noch umgesetzt. Das SEM habe auch pauschal das Bestehen eines dringlichen (medizinischen) Behandlungsbedarfs verneint. Ohne Abklärung des psychischen Gesundheitszustandes könne nicht be- urteilt werden, welche medizinische Behandlung notwendig oder nicht drin- gend notwendig sei und inwieweit eine solche Behandlung in Kroatien ge- währleistet werde. Ebenfalls unklar bleibe, inwiefern die Rückkehr nach Kroatien aufgrund des dort Erlebten eine Retraumatisierung darstelle. Das SEM wäre gehalten gewesen, diesbezüglich den Sachverhalt vollständig zu erheben und dazu vertieft Stellung zu beziehen. Dadurch habe es die Untersuchungs- und die Begründungspflicht verletzt. Im Referenzurteil E-1488/2020 werde festgehalten, da ss eine Rückkehr nach Kroatien nicht zumutbar sei, wenn genügend Hinweise bestünden, dass die beschwerdeführende Person von traumatischen Ereignissen im betroffenen Land eine Langzeittraumatisierung davongetragen habe. In diesem Zusammenhang liege eine rech tsfehlerhafte Ermessensunter- schreitung durch das SEM vor. E-2808/2023 Seite 10 Seine Schilderungen über die erlittenen sexuellen Übergriffe in Kroatien wirkten realitätsnah und erlebt. Der Umstand, dass er die Übergriffe nicht umgehend gemeldet habe, spreche für die Glaubhaft igkeit der Angaben. Dasselbe gelte auch für die mit Arztberichten untermauerten (…)beschwer- den, an denen er seit den Misshandlungen leide. Das SEM habe ungenü- gend gewürdigt, dass die Übergriffe durch kroatischen Polizisten erfolgt seien. Für die psychische Belastung sei unerheblich, ob er die Übergriffe bei der illegalen Einreise und Registrierung der Fingerabdrücke oder wäh- rend einem Aufenthalt in den Asylstrukturen erlitten habe. Entscheidend sei, dass er sich aufgrund des Erlebten davor fürchte, wieder in Kontakt mit den kroatischen Behörden zu treten. Das SEM und der Gesundheitsdienst des BAZ D._______ seien mehrmals um eine medizinische Abklärung des psychischen Gesundheitszustandes ersucht worden. Dementsprechend habe das SEM auch Kenntnisse von den Beschwerden und der fehlenden Abklärung des psychischen Zustandes. Der Beschwerdeführer habe auch mehrmals den Wunsch geäussert, von einer weiblichen Person behandelt zu werden. Der ihm zur Verfügung stehende Arzt und der muslimische Seelsorger seien Männer gewesen. Eine Rückkehr des Beschwerdefüh- rers nach Kroatien ohne eingehende medizinische Abklärungen sei nicht zumutbar. 3.3 In seiner Vernehmlassung vom 30. Mai 2023 hält das SEM ergänzend fest, eine telefonische Nachfrage beim Gesundheitsdienst d es BAZ D._______ vom 26. Mai 2023 habe ergeben, dass der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit den vorgetragenen Schlafproblemen bis dato nicht mehr vorstellig geworden sei, obschon mit ihm vereinbart worden sei, dass er sich nach dem Ramadan – also nach dem 20. April 2023 – betreffend eine medikamentöse Therapie melden solle. Am 17. Mai 2023 sei letztma- lig eine Arztvisite durch den Zentrumsarzt erfolgt, wobei der Beschwerde- führer keinerlei psychische Probleme erwähnt habe. Es sei wegen seiner Kniebeschwerden am 29. Juni 2023 ein orthopädischer Termin vorgese- hen. Am 21. Mai 2023 habe MedicHelp den Beschwerdeführer angefragt, wie es ihm im Allgemeinen gebe, worauf er angegeben habe, dass es sei- nem (…) mit den abgegebenen Schmerzmitteln besser gehe. Psychische Beschwerden habe er auch hier nicht geltend gemacht. Der Beschwerdeführer sei aufgrund seiner Mitwirkungspflicht gehalten, eine Behandlungsbedürftigkeit beim zuständigen Gesundheitsdienst oder beim Zentrumsarzt zum Ausdruck zu bringen. Der Umstand, dass er eine Anbindung an die Seelsorge ausgeschlagen und sich zwecks einer medi- kamentösen Therapie nicht mehr beim Gesundheitsdienst gemeldet habe, E-2808/2023 Seite 11 lasse nicht auf einen dringlichen psychiatrisch -psychologischen Behand- lungsbedarf schliessen. Es seien keine gen ügenden Hinweise auszu- machen, dass ihm aufgrund traumatischer Erlebnisse und Langzeittrauma- tisierung eine Rückkehr nach Kroatien nicht zuzumuten sei. 3.4 Darauf replizierte der Beschwerdeführer am 14. Juni 2023, er habe sich bis zum 31. Mai 2023 im BAZ D._______ aufgehalten und sei vom dortigen Zentrumsarzt mehrmals untersucht worden. Seine Schlafprobleme seien dort medikamentös behandelt worden ohne therapeutische Begleitung. Seine mehrfachen Ersuchen beim behandelnden Arzt um eine psychologi- sche Betreuung seien im medizinischen Datenblatt und den Arztberichten nicht dokumentiert worden. Aus den Akten gehe hervor, dass er seine psy- chischen Probleme bei mehreren Stellen deponiert habe; diese seien aber nicht ernstgenommen worden. Es sei nicht nachvollziehbar , inwiefern er seiner Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen sei. Auch der Verweis auf die nicht wahrgenommene seelsorgerische Betreuung sei fragwürdig, zu- mal es sich dabei nicht um medizinisches Personal handle. Er sei am 1. Juni 2023 ins Durchgangszentrum (DZ) G._______ transferiert worden. Dort habe er sich mehrfach an den Gesundheitsdienst gewandt und seine psychischen Beschwerden deponiert. Sein psychischer Zustand habe sich inzwischen verschlimmert. Der Eingabe wurden eine undatierte E-Mail der Zentrumsleitung des DZ an die Rechtsvertretung sowie weitere Anhänge (insbesondere zwei Medika- mentenverordnungen, Austrittsblatt MedicHelp vom 31. Mai 2023, Medizi- nisches Datenblatt [aktualisiert mit Konsultation vom 17. Mai 2023], Unter- lagen zum Orthopädietermin) beigelegt. Aus der E-Mail geht hervor, dass intensiv nach einem passenden Therapieplatz gesucht werde. 4. 4.1 Der Beschwerdeführer moniert, die Vorinstanz habe den Untersu- chungsgrundsatz sowie die Begründungspflicht verletzt und den Sachver- halt unvollständig festgestellt. Diese formellen Rügen sind vorab zu beur- teilen. 4.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be- hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10 E-2808/2023 Seite 12 E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht v erpflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zu- sätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie auf- grund der Aktenlage als angezeigt erscheinen. Ihre Grenze findet die Un- tersuchungspflicht in der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtli- ches Gehör. Dieser Anspruch umfasst als Mitwirkungsrecht alle Befug- nisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ih- ren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vor- bringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfin- dung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.). 4.2.1 Der Beschwerdeführer rügt, das SEM habe sich mit den geltend ge- machten sexuellen Gewalttaten und Misshandlungen nicht genügend aus- einandergesetzt. Der rechtserhebliche Sachverhalt sei nicht vollständig festgestellt worden, weil keine Abklärung seines psychischen Gesundheits- zustandes vorgenommen worden sei. 4.2.2 Hierzu ist festzuhalten, dass die Vorinstanz in Beachtung des Refe- renzurteils des Bundesverwaltungsgerichts E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 eine Einzelfallprüfung vorgenommen hat und dabei unter Verweis auf die Abklärungen durch die Schweizer Botschaft in Kroatien zum Schluss ge- kommen ist, dass Personen, welche im Rahmen eines Dublin -Verfahrens nach Kroatien zurückgeführt würden, nicht von der problematischen Push- back-Praxis betroffen seien. Die Vorinstanz hat dort die Erkenntnisse aus den Abklärungen der Schweizer Botschaft in Kroatien – welche teilweise auf öffentlich zugänglichen Quellen basieren –, zu den Pushbacks und der Situation von Dublin-Rückkehrenden in zusammengefasster Form wieder- gegeben und nachvollziehbar aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich hat leiten lassen. Zudem hat sie sich mit den gesundheitlichen Ein- schränkungen des Beschwerdeführers aus einandergesetzt. Damit ist sie ihrer Sachverhaltsabklärungs - und Begründungspflicht in ausreichender Weise nachgekommen. Entgegen der anderslautenden Behauptung in der Beschwerde hat das SEM die geltend gemachten sexuellen Übergriffe sei- tens kroatischer Polizisten gewürdigt. Das SEM hat diesbezüglich explizit festgehalten, dass der Missbrauch durch kroatische Beamte ein ernstzu- nehmendes Vorbringen darstelle (vgl. angefochtene Verfügung, S. 6 oben). E-2808/2023 Seite 13 Es wurde weiter erwogen, dass der Beschwerdeführer in Kroatien Zugang zu wirksamen Rechtsmitteln habe und sich auf dem Rechtsweg in Kroatien gegen eine ungerechte oder rechtswidrige Behandlung zur Wehr setzen könne. Das SEM hat sich in der sachlich gebotenen Tiefe mit diesem Vor- bringen auseinandergesetzt und begrü ndet, weshalb die erlittenen Über- griffe insgesamt nicht gegen eine Rücküberstellung nach Kroatien spre- chen. 4.2.3 Der Beschwerdeführer hat bei den am 12. April und 4. Mai 2023 er- folgten Konsultationen beim Zentrumsarzt keinerlei psychische Beschwer- den vorgetragen oder angedeutet. Im Rahmen des erweiterten Dublin-Ge- sprächs vom 26. April 2023 wurde er darauf hingewiesen, dass er entspre- chende Probleme beim Zentrumsarzt deponieren müsse, damit dieser bei Bedarf eine allfällige Überweisung an eine psychologische Fac hperson veranlassen könne (vgl. Akte 24, Frage 25 und 26). Auch wenn er psychische Schwierigkeiten seiner Rechtsvertretung gegen- über mehrfach geäussert haben soll, bestand für das SEM ohne konkretes Vortragen entsprechender Probleme im vorinstanzlichen Ver fahren keine Veranlassung, diesbezüglich weitere Abklärungen durchzuführen. Mit dem Beschwerdeführer war am 19. April 2023 vereinbart worden, dass er sich nach Beendigung des Ramadan (am 20. April 2023) beim Gesundheits- dienst zur medikamentösen Behandlung seiner Schlafprobleme melden solle (vgl. Sachverhalt oben, Bst. M). Diese Vereinbarung hat er jedoch nicht eingehalten. Aufgrund der ihm obliegenden Mitwirkungspflicht (vgl. Art. 8 AsylG) wäre es in der Verantwortung des – bereits im vorinstanzli- chen Verfahren juristisch vertretenen – Beschwerdeführers gewesen, seine psychischen Probleme näher zu substanziieren und dem Zentrums- arzt mitzuteilen. Er hat deshalb die Konsequenzen der Verletzung seiner Mitwirkungspflicht zu tragen. Hieran vermögen auch die Ausführungen in der Replikeingabe vom 16. Juni 2023 (vgl. E. 3.4 oben) nichts zu ändern. Die angeblich von der Vorinstanz nicht dokumentierten persönlichen Be- mühungen des Beschwerdeführers um eine psychologische Behandlung entbehren jeglicher Grundlage. Dem SEM kann keine mangelhafte Erstel- lung des rechtserheblichen Sachverhalts vorgehalten werden. 4.3 Nach dem Gesagten erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün- det. Eine Rückweisung an die Vorinstanz zur Neubeurteilung der Sache fällt folglich ausser Betracht. E-2808/2023 Seite 14 4.4 Der Subeventualantrag auf Rückweisung der Sache zur Einholung in- dividueller Zusicherungen der kroatischen Behörden ist dementsprechend abzuweisen. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gem äss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzi- gen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zustän- diger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständig keitsprüfung nach Kapitel III Dublin -III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin- III-VO). 5.2 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen auf wei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedst aat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer zuständiger Mitgliedstaat bestimmt werden, wird E-2808/2023 Seite 15 der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO be- schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten- losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV, SR 142.311) konkretisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 5.3 Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentral- einheit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am (…) 2022 in Kroa- tien um Asyl nachgesucht hatte. Die daktyloskopische Erfassung erweist sich – wie die Vorinstanz zu Recht festhält –, unbenommen von der angeb- lich fehlenden Absicht des Beschwerdeführers, ein Asylgesuch in Kroatien zu stellen, als zuständigkeitsbegründend (vgl. Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO). Nachdem die kroatischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 2 Dublin-III- VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch des SEM zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit Kroatiens grundsätzlich gegeben. 6. 6.1 Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind die Vorbringen de s Beschwerdeführers nicht geeignet, diese Zuständigkeit in Frage zu stellen. Sie begründen auch keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der Schweiz (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO, Art. 29a Abs. 3 AsylV 1). 6.2 Kroatien ist Vertragsstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschli che oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105), des Abkom- mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301), und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass es sei- nen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf auch davon ausgegangen werden, dass Kroatien die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für E-2808/2023 Seite 16 die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. 6.2.1 Im als Referenzurteil publizierten Entscheid E -1488/2020 vom 22. März 2023 wurde die seit dem Referenzurteil D -1611/2016 vom 22. März 2016 bestehende Praxis der grundsätzlichen Zulässigkeit von Dublin-Überstellungen nach Kroatien bestätigt, da nicht davon auszugehen sei, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Kroatien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dub- lin-III-VO auf, die eine Überstellung von Gesuchstellenden generell als un- zulässig erscheinen liessen (vgl. a.a.O. E. 9.5). Der – angesichts der (im Urteil in E. 9.4.2 f.) dargelegten Situation prima vista nicht unbegründete – Verdacht eines Gefährdungszusammenhangs zwischen Pushbacks und Dublin-Rückkehr lasse sich aufgrund der verfüg- baren Informationen und Erkenntnisse nicht erhärten. Insofern bestünden zum heutigen Zeitpunkt keine genügenden Anzeichen, die befürchten lies- sen, Dublin-Rückkehrende würden ohne Eröffnung und Durchführung ei- nes Asylverfahrens aus Kroatien rechtswidrig ausgeschafft. Noch weniger sei aufgrund dieser Ausgangslage anzunehmen, dass dies systematisch geschehen würde. Im Ergebnis sei davon auszugehen, dass Gesuchstel- lende, welche gestützt auf die Dublin -III-VO nach Kroatien überstellt wür- den, Zugang zum dortigen Asylverfahren erhielten, unabhängig davon, ob die gesuchstellende Person im Rahmen eines Take -Charge- oder Take- Back-Verfahrens überstellt werde. Insbesondere bestehe keine beachtli- che Wahrscheinlichkeit, die Überstel lten würden der Gefahr einer Verlet- zung ihrer aus dem Refoulement -Verbot fliessenden Rechte ausgesetzt werden (vgl. a.a.O. E. 9.5). 6.2.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin- III-VO nicht gerechtfertigt. Von einer Überstellung ist n ur in Ausnahmefällen abzusehen, in welchen durch substantiierte Vorbringen dargetan wird, dass die generelle An- nahme wie im Urteil E-1488/2020 ausgeführt im Einzelfall nicht zutrifft. Dies gelingt dem Beschwerdeführer mit der Schilderung seiner Erlebnisse in Kroatien und dem Verweis auf Berichte verschiedener Organisationen (vgl. Beschwerde, S. 9) betreffend punktuelle Schwachstellen im kroatischen Asylsystem nicht. Auch unter Berücksichtigung der vom Beschwerdeführer E-2808/2023 Seite 17 geschilderten Vorfälle ist nicht davon auszugehen, Kroatien verstosse sys- tematisch gegen seine vertraglichen Verpflichtungen. Wie das SEM zutref- fend aus führt, werden Dublin-Rückkehrende und somit auch der Be- schwerdeführer ausnahmslos in die Hauptstadt Zagreb überstellt. Diese Rücküberstellung erfolgt einerseits mit Zustimmung der kroatischen Behör- den und andererseits nach entsprechender Vorankündigung. Die kroati- schen Behörden werden vorgängig über die persönliche Situation infor- miert. Dies wird auch explizit sichergestellt durch die Ausführungen in der Gutheissung des Rückübernahmeersuchens vom 23. Januar 2023, wo- nach das SEM seitens der kroatischen Behörden darum ersucht wird, ihnen mindestens sieben respektive zehn Arbeitstage im Voraus Angaben zu allfälligen besonderen gesundheitlichen Aspekten abzugeben (vgl. Akte 19). Es ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer legal und kontrolliert nach Kroatien zurückkehren kann und ihm keine Rückschiebung nach Bos- nien und Herzegowina (Kettenabschiebung) oder Gewalt seitens der kroa- tischen Polizeibehörden droht. In der Gutheissung des Rückübernahmeer- suchens vom 23. Januar 2023 wird ebenfalls seitens der kroatischen Be- hörden festgehalten, dass der Beschwerdeführer nach der Stellung seines Asylgesuchs am (…) 2022 – noch vor der Durchführung seiner Befragung – das Empfangszentrum verlassen habe. Es ist deshalb davon auszuge- hen, dass in Kroatien noch keine endgültige Entscheidung über sein dort gestelltes Asylgesuch getroffen worden ist und folglich sein Verfahren nach der Rückkehr weitergeführt wird. Der Beschwerdeführer, der sich nur kurze Zeit in Kroatien aufgehalten hat, hat auch nicht konkret dargetan, inwiefern die ihn bei einer Rückführung zu erwartenden Bedingungen in Kroatien derart schlecht seien, dass es zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK kommen könnte. Bei Fehlverhalten einzelner Beamter oder von Privatpersonen kann er sich an die zuständigen kroatischen Stellen wenden. 6.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe physische und psychi- sche gesundheitliche Beeinträchtigungen , was einer Überstellung nach Kroatien entgegenstehe. Angesichts des bereits von ihm Erlebten könne die Rückkehr nach Kroatien zu einer schwerwiegenden Retraumatisierung führen. Zudem macht er gestützt auf mehrere Berichte von Menschen- rechtsorganisationen Mängel und Einschränkungen im Zugang zum kroa- tischen Gesundheitssystem geltend (vgl. Beschwerde, S. 9). E-2808/2023 Seite 18 6.3.1 Wie bereits ausgeführt, ist nicht davon auszugehen, dass dem Be- schwerdeführer bei einer Überstellung nach Kroatien als Dublin-Rückkeh- render Pushbacks oder Gewalt seitens der kroatischen Polizeibehörden drohen (vgl. E. 6.2 oben). 6.3.2 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen stellt nur ausnahmsweise einen Verstoss geg en Art. 3 EMRK dar. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand- lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer erns- ten, raschen und unwiederbring lichen Verschlechterung ihres Gesund- heitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 20126, Grosse Kam- mer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.). 6.3.3 Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Die Vorinstanz hat den medizinischen Sachverhalt präzise dargelegt. Auf die dortigen Ausfüh- rungen kann verwiesen werden (vgl. angefochtene Verfügung, S. 7 und 8 sowie Vernehmlassung vom 30. Mai 2023). Es ist festzuhalten, dass die (…)beschwerden des Beschwerdeführers behandelt worden sind und es ihm gemäss einer erneuten Anfrage des SEM beim Gesundheitsdienst des BAZ D._______ vom 26. Mai 2023 im Allgemeinen gut geht (vgl. Vernehm- lassung vom 30. Mai 2023) . Psychische Beschwerden wurden vom ihm weder gegenüber dem SEM noch dem zuständigen Gesundheitsdienst des BAZ respektive beim Zentrumsarzt vorgetragen. Die Anfrage des SEM vom 26. Mai 2023 im Rahmen der Vernehmlassung hat vielmehr ergeben, dass der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit den vorgetragenen Schlaf- problemen bis dato nicht mehr vorstellig geworden sei. Auch bei der letzten Arztvisite des Zentrumsarztes am 17. Mai 2023 und bei einer weiteren An- frage von MedicHelp am 21. Mai 2023 habe er keinerlei psychische Prob- leme geltend gemacht. Die aktenkundigen physischen Beeinträchtigungen, insbesondere seine (…)problematik, erweisen sich als nicht derart gravierend, dass er im Falle einer Überstellung nach Kroatien mit dem Risiko einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes konfrontiert wäre. Es besteht auch keine zwingende Veranlassung, den für den 29. Juni 2023 beplanten Termin bei einer Orthopädiefachperson abzu- warten. Es sind auch keine konkrete n Anhaltspunkte für die in der Be- schwerde befürchtete Retraumatisierung substanziiert w orden, weshalb E-2808/2023 Seite 19 der Beschwerdeführer diesbezüglich aus dem zitierten Referenzurteil E-1488/2020 nichts zu seinen Gunsten ableiten kann. Die Vorinstanz hielt zutreffend fest, dass Kroatien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitg liedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumin- dest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit beson- deren Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Sodann bestehen in Kro- atien nebst den staatlichen Einrichtungen auch Angebote von Nichtregie- rungsorganisationen für die psychische Betreuung, womit von einem ge- nügenden psychologischen Behandlungsangebot auszugehen ist (vgl. Ur- teile des BVGer E-5310/2023 vom 6. Mai 2023 E. 7.2.3 mit weiterem Ver- weis auf: E-794/2022 vom 5. Mai 2022 E. 7.2.3 sowie F -4368/2020 vom 14. Januar 2021 E. 7.3 m.H.). In dieser Hinsicht vermögen auch die auf Beschwerdeebene zitierten Berichte zu keiner anderen Einschätzung der Situation de s Beschwerdeführers in Kroatien zu führen. Die schweizeri- schen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauf- tragt sind, werden den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung Rechnung tragen und bei entspre- chendem Bedarf die kroatischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Es liegen damit keine Hinweise vor, wonach Kroatien sei- nen Verpflichtungen im Rahm en der Dublin -III-VO in medizinischer Hin- sicht nicht nachkommen würde. Der aktuelle Gesundheitszustand des Be- schwerdeführers führt somit für den Fall einer Überstellung nach Kroatien nicht zur Annahme einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK. Sollte eine psychologische Behandlung des Beschwerdeführers inskünftig erfor- derlich werden, kann er sich diesbezüglich an die kroatisch en Behörden und Institutionen wenden. 6.4 Der Beschwerdeführer konnte demnach kein konkretes und ernsthaf- tes Risiko dartun, wonach seine Wegweisung nach Kroatien die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. 6.5 Schliesslich bestand für das SEM auch keine Veranlassung, von den kroatischen Behörden Garantien bezüglich des Zugangs zum Asylverfah- ren und adäquater medizinischer Behandlung einzuholen, zumal es zu E-2808/2023 Seite 20 Recht davon ausging, das Asylverfahren und die Aufenthaltsbedingungen von Asylsuchenden in Kroatien würden keine erheblichen Unzulänglichkei- ten aufweisen. 6.6 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vorinstanz bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Aufgrund der Kog- nitionsbeschränkung gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG überprüft das Gericht den vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beur- teilung im Wesentlichen darauf, ob die Vorinstanz den Sachverhalt diesbe- züglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getragen und ihren Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu bean- standen. Entgegen der Ausführungen in der Beschwerde sind keine stich- haltigen, substanziierten Hinweise auf eine Ermessensunterschreitung durch die Vorinstanz feststellbar. 6.7 Gestützt auf die vorangegangenen Erwägungen ist d ie Vorinstanz zu Recht auf d as Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die Überstellung nach Kroatien angeordnet. Kroatien ist als zuständiger Mitgliedstaat verpflichtet, den Beschwerdeführer wiederaufzunehmen. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutz- suchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht ve rletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1 –3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ih m mit Zwischenverfü- gung vom 24. Mai 2023 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 1-3 VGKE). E-2808/2023 Seite 21 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Roswitha Petry Sandra Bodenmann Versand: