B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung III C-6241/2010 U r t e i l v o m 1 0 . J u l i 2 0 1 3 Besetzung Richter Daniel Willisegger, Richter Vito Valenti, Richter Francesco Parrino, Gerichtsschreiberin Linda Rindlisbacher Parteien A_______, Beschwerdeführerin, gegen IV-Stelle für Versicherte im Ausland IVSTA, Avenue Edmond-Vaucher 18, Postfach 3100, 1211 Genf 2, Vorinstanz. Gegenstand Invalidenrente; Verfügung der IVSTA vom 11. August 2010. C-6241/2010 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ist S chweizer Staatsangehörige und lebt in Deutschland. Sie arbeitete von 1995 bis 1997 als Teilzeit-Reinigungskraft, im Jahre 2000 während sechs Monaten als ambulante Altenpflegerin und ist seither Hausfrau. Am 16. September 2008 meldete sie sich zum Bezug einer Invalidenrente an. In de r Folge ermittelte die IV-Stelle für Versicher- te im Ausland (IVSTA) den Sachverhalt und liess die von der Beschwe r- deführerin eingereichten medizinischen Berichte und Gutachten durch ih- ren internen ärztlichen Dienst beurteilen (act. 68). Gestützt auf dessen medizinische Stellungnahme vom 16. Januar 2010 teilte sie der B e- schwerdeführerin mit Vorbescheid vom 20. Januar 2010 im Wesentlichen mit, dass sie beabsichtige, das Leistungsbegehren abzuweisen, da der Rentenanspruch frühestens am 1. März 2010 entstehen würde und daher zurzeit keine Leistungen der schweizerischen Invalidenversicherung g e- währt werden könnten (act. 69). B. Am 11. März 2010 erliess die IV STA erneut einen Vorbescheid und teilte der Beschwerdeführerin im Wesentlichen mit, dass ein Invaliditätsgrad von 58% bestehe und somit ab dem 1. März 2010 ein Anspruch auf eine halbe Rente bestehe (act. 70). Dagegen erhob die Beschwerdeführerin am 19. März 2010 Einwand und reichte weitere medizinische Berichte zu den Akten (act. 72 ff.). C. Die IVSTA liess die medizinischen Berichte durch den internen ärztli chen Dienst beurteilen (act. 81). Gestützt darauf teilte sie der Beschwerdefü h- rerin mit Vorbescheid vom 2. Juni 2010 im Wesentlichen mit, dass ein I n- validitätsgrad von 64% bestehe und ab dem 1. März 2010 somit ein A n- spruch auf eine Dreiviertelsrente bestehe (act. 82). Dagegen erhob die Beschwerdeführerin am 25. Juni 2010 Einwand und reichte weitere ärztli- che Berichte zu den Akten (act. 83 ff.). D. Die IVSTA liess die medizinischen Berichte durch de n internen ärztlichen Dienst beurteilen (act. 89). Gestützt darauf sprach sie mit Verfügung vom 11. August 2010 der Beschwerdeführerin eine Dreiviertelsrente ab dem 1. März 2010 zu (act. 91). C-6241/2010 Seite 3 E. Gegen die Verfügung vom 11. August 2010 reichte die Beschwerdeführe- rin mit Eingabe vom 6. September 2010 (Poststempel) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein und beantragte, ihre "Rente rückwirkend von September 2008 bis August 2010" ausbezahlt zu bekomme. F. Mit Zwischenverfügung vom 10. September 2010 erhob das Bundesve r- waltungsgericht einen Kostenvorschuss. Am 24. September 2010 reichte die Beschwerdeführerin weitere ärztliche Berichte zu den Akten und b e- antragte sinngemäss die unentgeltliche Prozessführung. Mit Zwische n- verfügung vom 27. September 201 0 wurde die Beschwerdeführerin au f- gefordert, das Formular "Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege" ausz u- füllen und mit den nötigen Beweismitteln beim Bundesverwaltungsgericht einzureichen. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz um Vernehmlassung e r- sucht. Das Formular ging am 7. Oktober 2010 beim Bundesverwaltung s- gericht ein. G. Am 5. Januar 2011 reichte die Beschwerdeführerin ein ärztliches Gutac h- ten ein, welches der Vorinstanz am 6. Januar 2011 zur Vernehmlassung zugestellt wurde. Die Vernehmlassung der Vorinstanz ging am 25. Januar 2011 beim Bundesverwaltungsgericht ein und wurde der Beschwerdefü h- rerin am 26. Januar 2011 zur Stellungnahme zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 200 5 (VGG, SR 173.32) ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen der IV-Stelle für Versicherte im Ausland (Art. 69 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung vom 19. Juni 1959 [IVG, SR 831.20]) zuständig. Als Verfügungsadressa- tin ist die Beschwerdeführerin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 59 ATSG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einz u- treten (Art. 60 Abs. 1 ATSG und Art. 52 Abs. 1 des Verwaltungsverfa h- rensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021VwVG). 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht unter Einschluss C-6241/2010 Seite 4 des Missbrauchs oder der Überschreitung des Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts s o- wie Unangemessenheit des Entscheids gerügt werden (Art. 49 VwVG). 3. 3.1 Der Beschwerde- oder Streitgegenstand im Verwaltungsprozess wird durch die angefochtenen Verfügung begrenzt und durch die Beschwerde, deren Begehren und Begründung, näher bestimmt (vgl. Art. 44 VwVG; CHRISTOPH AUER, Streitgegenstand und Rügeprinzip im Spannungsfeld der verwaltungsrechtlichen Prozessmaximen, Diss. Bern 1997, S. 34). Der Streitgegenstandsbegriff legt die gerichtliche Urteilszuständigkeit fest und besagt, worüber das Gericht ein Urteil fällen darf und muss ( AUER, a.a.O., S. 36, 63 f. und passim). Für das Beschwerdeverfahren vor Bu n- desverwaltungsgericht wird denn auch ausdrücklich vorgesehen, dass die Beschwerdeschrift die Begehren und deren Begründung enthalten muss (Art. 52 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 3.2 Das Beschwerdeobjekt bildet die angefochtene Verfügung, die vom 11. August 2011 datiert ist. Die Vorinstanz hat der Beschwerdeführerin damit eine ordentliche Invalidenrente (Dreiviertelsrente) mit Wirkung ab 1. März 2010 bis 30. Juni 2010 zugesprochen. Der Gesundheitsschaden der Beschwerdeführerin verursache seit dem 10. März 2009 eine Arbeit s- unfähigkeit. Die Entstehung des Rentenanspruches – der Anspruchsbe- ginn (vgl. Art. 29 des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Inval i- denversicherung [IVG, SR 831.20]) – wurde auf den 1. März 2010 festge- setzt. 3.3 Die Beschwerdeführerin stellt das Begehren auf "rückwirkende Au s- zahlung" (recte: Zusprechung) ihrer Rente (Beschwerde, S. 2). Zur B e- gründung führt sie aus, dass sich ihr "Teilwidersp ruch" auf die Verfügung mit Wirkung ab 1. März 2010 bezieht, weil sie bereits "seit Januar 2007 arbeitsunfähig sei" (Beschwerde, S. 1 und 2). Nach Treu und Glauben kann und muss das Beschwerdebegehren nur dahingehend verstanden werden, dass einzig der Ansp ruchsbeginn angefochten wird. Die übrigen Aspekte der Verfügung gehören an sich zwar zum Streitgegenstand, wenn man ihn auf ein materielles Rechtsverhältnis bezieht, werden aber von der Beschwerdeführerin nicht beanstandet (BGE 125 V 413 E. 2a S. 415). C-6241/2010 Seite 5 4. Die Beschwerdeführerin ist Schweizer Bürgerin und wohnhaft in Deutsch- land, womit das am 1. Juni 2002 in Kraft getretene Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft andererseits über die Freizügigkeit vom 21. Juni 1999 (Freizügigkeitsabkommen [FZA, SR 0.142.112.681]) anwendbar ist (Art. 80a IVG in der Fassung gemäss Ziff. I 4 des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 2001 betreffend die Bestimmungen über die Personenfre i- zügigkeit im Abkommen zur Änderung des Übereinkommens zur Erric h- tung der EFTA, in Kraft seit 1. Juni 2002). Die Bestimmung der Invalidität und die Berechnung der Rente richtet sich auch nach Inkrafttreten des FZA ausschliesslich nach schweizerischem Recht (BGE 130 V 253 E. 2.4). Da grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung h a- ben, und ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Ver- fügung (hier: 11. August 2010) eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 131 V 242 E. 1.1 m. w. H.), sind die ab 1. Januar 2008 anwendba- ren Bestimmungen des ATSG und des IVG (5. IVG -Revision, in Kraft seit 1. Januar 2008, AS 2007 5129) anwendbar. 5. 5.1 Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG ("Beginn des Anspruchs und Auszahlung der Rente") entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs (nach Art. 29 Abs. 1 ATSG). Die Rente wird vom Beginn des Monats an ausb e- zahlt, in dem der Rentenanspruch entsteht (Art. 29 Abs. 3 IVG). Anspruch auf Rente haben Versicherte, welche ihre Erwerbsfähigkeit o der die F ä- higkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können; während eines Jahres (Wartezeit) ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich zu mindestens 40% arb eitsunfähig (Art. 6 ATSG) gew e- sen sind und auch nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid (Art. 8 ATSG) sind (Art. 28 Abs. 1). 5.2 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG), die Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 IVG). Die (leistungsspezifische) Invalidität gilt als eingetreten, sobald sie die für die Begründung des Anspruchs auf die jeweilige Leistung erforder- liche Art und Schwere erreicht hat (Art. 4 Abs. 2 IVG). C-6241/2010 Seite 6 5.3 Für die Invaliditätsbemessung (Art. 16 ATSG und Art. 28 ff. IVG ) ist die Verwaltung und das Gericht auf medizinischen Sachverstand ange- wiesen (vgl. BGE 137 V 210 E. 1.2.1 S. 219 f.). Die Invalidenversich e- rungsstelle (IV -Stelle) kann sich hierfür auf den Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD; Art. 59 Abs. 2 und 2bis IVG), die Berichte der behandelnden Ärztinnen und Ärzte (Art. 28 Abs. 3 ATSG) oder auf externe medizinische Sachverständige wie die medizinischen Abklärungsstellen (MEDAS) stüt- zen (Art. 59 Abs. 3 IVG). 6. 6.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, seit dem Unfall im Jahre 2007 bereits arbeitsunfähig zu sein. Sie sei damals am Sicherheitsgurt ihres Autos hängen geblieben und auf die Strasse gefallen. Der ihr zugespro- chene Rentenanspruch sei deshalb rückwirkend von September 2008 bis August 2010 auszubezahlen. Die Beschwerdeführerin zeigt damit nicht auf, inwiefern die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzen oder auf einer fehlerhaften Sachverhaltsfests tellung beruhen soll. Solches ist auch nicht ersichtlich. 6.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung ausführlich und korrekt dargelegt, weshalb der Beginn der Arbeitsunfähigkeit a uf den 10. März 2009 festzusetzen ist. Sie stützt ihren Entscheid auf die medizi- nischen Stellungnahmen des internen ärztlichen Dienstes vom 16. Januar 2010 (act. 68), vom 31. Mai 2010 (act. 81), vom 15. Juli 2010 (act. 89) und vom 13. Januar 2011 (act. 102). Den Stellungnahmen ist im Wesen t- lichen zu entnehmen, dass der Unfa ll nicht dokumentiert sei. Die bildge- benden Abklärungen, die 2009 für nötig erachtet worden seien, enthielten ebenfalls keine Hinweise auf eine traumatische Ursache der Rückenb e- schwerden. Es fänden sich hingegen degenerative Veränderungen. Die Arbeitsunfähigkeit bestehe sei dem 10. März 2009, was aus dem Attest von Dr. med. B_______ vom 22. Mai 2009 (act. 58) und dem orthopäd i- schen Gutachten von Dr. med. C_______ vom 27. Oktober 2010 (act. 65) hervorgehe. Die von der Beschwerdeführerin erhobenen Einwände lies- sen sich weder durch objektive Befunde noch durch klinisch erhebbare Funktionsausfälle rechtfertigen. 6.3 Das Bundesverwaltungsgericht stellt mit der Vorinstanz fest, dass an- hand der Akten und den von der Beschwerdeführerin eingereichten medi- zinischen Unterlagen nicht anzunehmen ist, dass vor März 2009 bereits eine Arbeitsunfähigkeit bestanden hat. C-6241/2010 Seite 7 7. Den Streitgegenstand bestimmende, aber nicht beanstandete Elemente prüft die Beschwerdeinstanz nur, wenn hiezu auf Grund der Vorbringen der Parteien oder anderer sich aus den Akten ergebenen Anhaltspunkten hinreichender Anlass besteht (BGE 125 V 413 E. 2c S. 417). Die Vori n- stanz hat in der angefochtenen Verfügung die ve rsicherungsmässigen Voraussetzungen für die Ausrichtung der Versicherungsleistung und die einzelnen Faktoren für die Festsetzung der Leistung, namentlich Invalid i- tätsgrad, Rentenberechnung und Ren tenbeginn, korrekt wiedergegeben . Es kann dazu auf die Erwägungen der Vorinstanz verw iesen werden. Die angefochtene Verfügung verletzt kein Bunde srecht und ist auch sonst nicht zu beanstanden (Art. 49 VwVG), weshalb die Beschwerde abzuwei- sen ist. 8. 8.1 Die Verfahrenskosten von Fr. 400. – wären der Beschwerdeführerin als unterliegende Partei aufzuerlegen (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschäd i- gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da die Beschwerde nicht als aussichtslos im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gelten hat und sich die Bedürftigkeit aus den Akten ergibt, wird das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutgehei s- sen. 8.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind der Beschwerdeführerin keine Parteikosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 VGKE e contrario). Der obsiegenden Vorinstanz steht keine Parteientschädigung zu (Art. 7 Abs. 3 VGKE) (Dispositiv nächste Seite) C-6241/2010 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde) – die Vorinstanz (Ref-Nr. […]; Gerichtsurkunde) – das Bundesamt für Sozialversicherungen Für die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Daniel Willisegger Linda Rindlisbacher C-6241/2010 Seite 9 Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun- desgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern , Beschwerde in öffentlich - rechtlichen Angelegenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Die Rechtsschrift hat die Begehren, de ren Begründung mit Angabe der B e- weismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie der Beschwerdeführer in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG). Versand: