B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4606/2024 U r t e i l v o m 3 0 . J u l i 2 0 2 4 Besetzung Einzelrichterin Contessina Theis, mit Zustimmung von Richterin Daniela Brüschweiler; Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, geboren am (…), Kamerun, vertreten durch Lea Hungerbühler, Rechtsanwältin, AsyLex, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (sicherer Drittstaat); Verfügung des SEM vom 15. Juli 2024 / N (…). D-4606/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 17. Mai 2024 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Euro- dac) ergab, dass er am 23. Juni 2017 in Griechenland ein Asylgesuch ein- gereicht hatte. Gemäss den eingereichten Dokumenten wurde ihm in Grie- chenland Schutz gewährt. Am 17. Mai 2024 erkundigte sich das SEM bei den griechischen Behörden über den Verfahrensstand und am 24. Mai 2024 ersuchte es diese um Rückübernahme des Beschwerdeführers . Die griechischen Behörden stimmten der Übernahme am 25. Mai 2024 zu und teilte n mit, der Be- schwerdeführer verfüge in Griechenland seit dem 28. Juli 2017 über die Flüchtlingseigenschaft sowie über eine bis zum 6. August 2026 gültige Auf- enthaltsbewilligung. Anlässlich des persönlichen Gesprächs vom 7. Juni 2024 wurde der Be- schwerdeführer zu seiner Ausreise aus Griechenland sowie zu seinem Auf- enthalt dort befragt. Ausserdem wurde ihm das rechtliche Gehör zu einem möglichen Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31 a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) und einer Wegweisung nach Griechenland gewä hrt. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er wolle nicht nach Griechenland zu- rück, da er sich dort nicht sicher fühle. Er habe dort viel Traumatisches und Missbrauch erlebt. Im Juli 2022 sei er durch Polizisten misshandelt worden. Als er in der Folge g egen diese habe vorgehen wollen, sei ihm von alle n Seiten mitgeteilt worden, das würde nichts bringen. Als dann seine Frau in Kamerun die Scheidung beantragt habe, habe er einen Suizidversuch un- ternommen. Nach diesem Suizidversuch sei ihm im Krankenhaus di e Be- handlung verweigert worden. Eine NGO habe ihm schliesslich geholfen, einen Psychologen zu organisieren. Er sei bisexuell und habe sich für die LGBTI-Community eingesetzt, deshalb habe er schon früher Kontakt zu dieser NGO gehabt. Im Februar 2024 sei er erneut von der Polizei geschla- gen und mit einem Pfefferspray angegriffen worden, weshalb es ihm erneut schlecht gegangen sei. Er habe deshalb Urlaub genommen und sei in die Schweiz gekommen, wo er am 7. Mai 2024 einen erneuten Suizidversuch getätigt habe. Seither sei er in stationärer psychiatrischer Behandlung. Mit Eingabe vom 10. Juni 2024 reichte der Beschwerdeführer verschiedene Beweismittel zu den Akten, um seine Vorbringen zu untermauern ( ärztli- ches Zeugnis vom 23. Mai 2024; Eintrittsbericht Notfall nach Gewaltvorfall mit Polizei vom 6. Juli 2022 ; Anzeige gegen Polizisten vom 22. Juli 2022 D-4606/2024 Seite 3 nach Gewaltvorfall; Fotografien von Verletzungen nach Polizeigewalt; Me- dizinischer Bericht zur Behandlung nach Gewaltvorfall ; Psychiatriebericht zum ersten Suizidversuch nach Gewaltvorfall; Bericht des Psychiaters vom 22. November 2022; Rezepte für Antidepressiva und Antiepileptika; provi- sorischer Austrittsbericht der (…) vom 3. Juni 2024 (Austritt nicht erfolgt) ; abgelaufener Mietvertrag; Aufhebung des Arbeitsvertr ags durch den Ar- beitgeber). Dem Austrittsbericht des (…) vom 3. Juni 2024 ist zu entneh- men, dass beim Beschwerdeführer eine mittelgradige depressive Episode sowie Verdacht auf eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnosti- ziert wurden. Er habe im Jahr 2022 Gewalt durch die Polizei erfahren und leide seither an einer Depression, wobei die durch die Ehefrau initiierte Trennung diese noch verschlimmert habe. Nach einem Suizidversuch im November 2022 sei er zweimal pro Woche in psychiatrischer Behandlung gewesen, seit dem Sommer 2023 sei er wieder stabil gewesen, unter ent- sprechender Medikation. Nach einer erneuten Gewalterfahrung durch die Polizei im Februar 2024 leide er wieder vermehrt an Depressionen, Ge- dankenkreisen und Albträumen. Deshalb sei er zu Verw andten in die Schweiz gereist. Hier habe er von einer Brücke springen wollen, sei aber von Passanten daran gehindert worden, in der Folge habe er psychiatri- sche Hilfe gesucht. Aktuell befinde er sich in einem guten Allgemeinzu- stand, habe Suizidgedanken aber keine Suizidabsichten. B. Mit Verfügung vom 15. Juli 2024 – eröffnet gleichentags – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, forderte den Beschwerdeführer – unter Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen, beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte die editionspflichtigen Akten ge- mäss Aktenverzeichnis aus. C. Die zugewiesene Rechtsvertretung teilte dem SEM mit Schreiben vom 16. Juli 2024 die Niederlegung ihres Mandates mit. D. Mit Eingabe vom 22. Juli 2024 erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch seine neue Rechtsvertretung – beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung u nd beantragte dabei, diese sei vollumfänglich aufzuheben, die Vorinstanz sei anzuweisen, auf D-4606/2024 Seite 4 sein Asylgesuch einzutreten, eventualiter sei ihm die vorläufige Aufnahme zu gewähren, subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vo- rinstanz zurückzuweisen, sub-subeventualiter seien spezifische Garantien von den griechischen Behörden einzuholen, um eine angebrachte Unter- bringung und medizinische Versorgung sicherzustellen. In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren, die Aussetzung des Wegweisungsvollzuges sei superprovi- sorisch zu erlassen und der zuständige Kanton über die Aussetzung der Wegweisung in Kenntnis zu setzen, ferner sei dem Beschwerdeführer zu- folge Mittellosigkeit Kostenbefreiung zu gewähren und auf einen Ko sten- vorschuss zu verzichten. E. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 23. Juli 2024 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). F. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 23. Juli 2024 den Eingang der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh- rung legitimier t (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist daher – vorbehältlich der Erwägung 2 – einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Gemäss Art. 55 Abs. 1 VwVG hat die Beschwerde in Verwaltungssachen D-4606/2024 Seite 5 aufschiebende Wirkung; die Vorinstanz hat der Beschwerde diese nicht entzogen (Art. 55 Abs. 2 VwVG). Auf die Anträge, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren, die Auss etzung des Wegwei- sungsvollzuges sei superprovisorisch zu erlassen und der zuständige Kan- ton über die Aussetzung der Wegweisung in Kenntnis zu setzen, ist daher mangels Rechtsschutzinteresses nicht einzutreten. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts u nd die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt wird, handelt es sich um ein solches Rechtsmittel, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 5. 5.1 In der Beschwerde wurde der Vorinstanz vorgeworfen, sie habe den medizinischen Sachverhalt nicht genügend abgeklärt. So habe keine um- fassende psychologisch-psychiatrische Abklärung stattgefunden, obwohl der Beschwerdeführer offensichtlich schwer traumatisiert sei durch die äus- serst schwierigen Lebensbedingungen in Griechenland. Ohne eine solche Abklärungen sei es nicht möglich, die Folgen einer Ausschaffung abzu- schätzen oder abzuklären, ob eine angemessene Behandlung in Griechen- land vorhanden ist. Ferner habe die erlittene Polizeigewalt nicht genügend Beachtung gefunden. Darüber hinaus habe die Vorinstanz es unterlassen, die konkrete Situation des Beschwerdef ührers vor Ort in Griechenland rechtsgenüglich zu analysieren und seine Aussagen diesbezüglich zu wür- digen. Hierbei handelt es sich um formelle Rügen, welche vorab zu beur- teilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der erstin- stanzlichen Verfügung zu bewirken. 5.2 Die Vorinstanz hat den Sachverhalt vollständig erstellt und alle notwen- digen Abklärungen getätigt, wobei auf die ausführlichen vorinstanzlichen Erwägungen zu verweisen ist. In Bezug auf die psychische Gesundheit des D-4606/2024 Seite 6 Beschwerdeführers wird in der vorinstanzlichen Verfügung auf den ärztli- chen Bericht vom 3. Juni 2024 Bezug genommen und ausgeführt, der me- dizinische Sachverhalt sei ausreichen erstellt, um die Zulässigkeit und die Zumutbarkeit einer Wegweisung nach Griechenland beurteilen zu können. Es sei unter Berücksichtigung der entsprechenden Gerichtspraxis nicht da- von auszugehen, dass seine gesundheitlichen Beschwerden derart gravie- rend seien, dass die Schwelle einer Verletzung von Art. 3 EMRK erreicht wäre. Die medizinische Versor gung in Griechenland für Personen mit Flüchtlingsstatus sei gewährleistet. Aufgrund der Tatsache, dass er schon sieben Jahre in Griechenland gelebt habe und bereits in psychiatrischer respektive psychotherapeutischer Behandlung gewesen sei, sei er mit dem griechischen Gesundheitssystem vertraut und aufgrund seiner Griechisch- kenntnisse könne er mit dem medizinischen Personal kommunizieren. Mit diesen Ausführungen hat die Vorinstanz den Sachverhalt genügend erstellt und gewürdigt. 5.3 Die formellen R ügen erweisen sich somit als unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Verfügung aus formellen Gründen aufzu- heben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entspre- chende Eventualbegehren ist abzuweisen. 6. 6.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 6.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das Bundesverwaltungsgericht dies e Punkte insoweit ohne Einschränkung prüft. 7. 7.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein- getreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann, in welc hem sie sich vorher aufgehalten hat. D-4606/2024 Seite 7 7.2 Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellun- gen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). 7.3 Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest, dass es sich bei Griechenland als Mitgliedstaat der EU um einen sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG handelt. Mit Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtli che Länder der EU und der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) als sichere Dritt- staaten bezeichnet. Den vorinstanzlichen Akten ist sodann zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer in Griechenland internationaler Schutz ge- währt worden ist und die griech ischen Behörden seiner Rückübernahme ausdrücklich zugestimmt haben. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten. Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass die sehr hohe Schwelle für die Feststellung einer Unzulässigkeit, die der EuGH in den in der Beschwerde zitierten Urteilen definiert hat, vorliegend nicht erreicht wird, wobei dies gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts unter dem Aspekt des Wegweisungsvollzuges zu behandeln ist (nachfolgend E. 9.4.2; vgl. Referenzurteil des Bundesver- waltungsgerichts E-3427/2021, E-3431/2021 E. 10 und 11). 8. Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent- haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9. 9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenh eitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, D-4606/2024 Seite 8 wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtlic he Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus- länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini- scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest- gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf- nahme zu gewähren. 9.3 9.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in seinem Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 einlässlich mit der Situation in Griechenland auseinandergesetzt und an seiner bisherigen Rechtspre- chung festgehalten, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Griechen- land für Personen, die dort einen Schutzstatus erhalten haben, grundsätz- lich zulässig ist. Das Gericht geht nicht von einer Situation aus, in der jeder Person mit Schutzstatus in Griechenland eine unangemessene und ernied- rigende Behandlung im Sinne einer Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde. Trotz existierender Schwachstellen kann nicht von einem dysfunk- tionalen Aufnahmesystem gesprochen werden. Gewisse Angebote existie- ren in Griechenland, die auch f ür Schutzberechtigte offenstehen, wenn auch die Kapazitäten kaum ausreichend sein dürften und diese bisher vor allem von internationalen Akteuren in Zusammenarbeit mit der lokalen Zi- vilgesellschaft erbracht und finanziert werden. Trotz dieser schwierigen Verhältnisse geht das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass schutz- berechtigte Personen grundsätzlich in der Lage sind, ihre existenziellen Bedürfnisse abzudecken. Auch ist davon auszugehen, dass Rückkehren- den keine menschenunwürdige Behandlung droht, wes halb für sie kein «real risk» einer völkerrechtswidrigen Behandlung besteht. An dieser Ein- schätzung vermögen auch die vom Beschwerdeführer sowohl im Rahmen der Stellungnahme zum Entscheidentwurf als auch auf Beschwerdeebene getätigten Ausführungen nichts zu ändern. Es kann vollumfänglich auf die ausführlichen und korrekten Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wer- den. D-4606/2024 Seite 9 9.3.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (vgl. BVGer-Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 E. 11.3). Die Legal- vermutung der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung gilt bezüglich Griechenland grundsätzlich auch für vulnerable Personen, wie zum Bei- spiel Personen, die an gesundheitlichen Problemen le iden, die nicht als schwerwiegende Erkrankung einzustufen sind (vgl. a.a.O. E. 11.5.1). 9.4 Es obliegt der betroffenen Person, diese Legalvermutungen umzustos- sen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die Be- hörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwen- digen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen aussetzen würden respektive, dass sie in Griechenland aufgrund von indi- viduellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. BVGer-Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 E. 11.4). 9.4.1 Der Beschwerdeführer verfügt in Griechenland über den Flüchtlings- status. Damit wird ihm der notwendige Schutz gewährt. Zudem besitzt er eine noch bis zum 6. August 2026 gültige griechische Aufenthaltsbewilli- gung. 9.4.2 Bei Unterstützungsbedarf sowie bei allfälligen Verfahrensverletzun- gen obliegt es grundsätzlich dem Beschwerdeführer und ist es ihm vorlie- gend auch zuzumuten, sich an die griechischen Behörden zu wenden und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern. Auf- grund der Akten liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass er für den Fall einer Rückkehr nach Griechenland dort mit beachtlicher Wahrscheinlich- keit einer nach Art. 3 EMRK o der Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be- handlung ausgesetzt wäre. Auch unter Berücksichtigung der Schwächen des griechischen Aufnahmesystems vermag allein die blosse Möglichkeit, in nicht absehbarer Zeit aus nicht voraussehbaren Gründen in eine prekäre Lebenssituation zu geraten, die hohe Schwelle zum «real risk» nicht zu erreichen, womit sich der Vollzug der Wegweisung als zulässig erweist. 9.4.3 Selbst wenn die Lebensbedingungen in Griechenland für den Be- schwerdeführer als Person mit internationalem Schutzstatus eine Heraus- forderung darstellen und eine adäquate Eingliederung in die dortigen sozi- alen Strukturen mit nicht zu verkennenden Erschwernissen verbunden sein dürften, liegen keine Hinweise für die Annahme vor, dass er bei einer Rück- kehr nach Griechenland e iner existenziellen Notlage ausgesetzt wäre. D-4606/2024 Seite 10 Insbesondere ist an dieser Stelle zu berücksichtigen, dass er sich bereits während sieben Jahren in Griechenland aufgehalten hat und das System dort kennt sowie über Arbeitserfahrung und gute Sprachkenntnisse verfügt. Aufgrund seines Schutzstatus und seiner Aufenthaltsbewilligung hat er grundsätzlich Zugang zu Sozialleistungen, zum griechischen Stellenmarkt und zur Gesundheitsversorgung , wobei er Anspruch auf diesbezügliche Gleichbehandlung mit griechischen Staat sangehörigen hat. Wie die Vo- rinstanz korrekt festgehalten hat, erweisen sich seine physischen und psy- chischen Beschwerden als nicht derart gravierend, um einer Wegweisung nach Griechenland entgegenzustehen, da diese auch in Griechenland be- handelbar sind. E r hat keine konkreten und ernsthaften Hinweise für die Annahme dargetan, Griechenland würde ihm nach einer Rückführung dort- hin eine adäquate Betreuung und Behandlung verweigern. Es ist zudem davon auszugehen, dass er in der Lage ist, sich bei Bedarf an die griechi- schen Behörden oder auch an karitative Organisationen zu wenden, zumal er dies in der Vergangenheit bereits getan hat. Auch diesbezüglich kann vollumfänglich auf die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden. Seine Vorbringen vermögen die hohen Anforderungen an eine konkrete Gefährdung nicht zu erfüllen respektive vermag er damit die Legalvermu- tung nicht umzustossen. Obschon die von ihm geschilderten Erlebnisse in Griechenland zu bedauern sind, vermögen sie – auch in Kombination mit seinen gesundheitlichen Problemen – keine besondere Verletzlichkeit im Sinne der aktuellen bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. BVGer-Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 E. 11.5.3) zu begründen, weshalb nicht auf die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu schliessen ist. Bei dieser Sachlage besteht auch keine Veranlassung, indi- viduelle Garantien einzuholen. Allerdings ist der Vollständigkeit halber fest- zuhalten, dass die Vorinstanz seine gesundheitliche Situation zum Zeit- punkt des Vollzugs zu beurteilen und zu berücksichtigen hat, sowie die griechischen Behörden darüber zu informieren sind. Diesbezüglich wird insbesondere die Reisefähigkeit und Suizidgefahr mit den behandelnden Ärzten abzuklären sein. 9.5 Es ist schliesslich auch ohne Weiteres von der Möglichkeit des Weg- weisungsvollzugs auszugehen (Art. 83 Abs. 2 AIG), da sich Griechenland ausdrücklich zu einer Wiederaufnahme des Beschwerdeführers bereit er- klärt hat. 9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). D-4606/2024 Seite 11 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen , soweit darauf einzutreten ist. 11. Der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses erweist sich mit vorliegendem Urteil als gegenstandslos. 12. 12.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. Erwägungen1 VwVG) ist abzuweisen, da sich die Beschwer- debegehren entsprechend den vorstehenden Erwägungen von vornherein als aussichtslos erwiesen haben. 12.2 Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1‒3 des Reg- lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-4606/2024 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Aglaja Schinzel