<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 126 S.607</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">607</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>126 Gemeindeversammlung; die Informationstätigkeit der Gemeindebehör-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>den hat sich im Vorfeld einer Gemeindeversammlung grundsätzlich auf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>die gesetzlich vorgesehenen Abstimmungserläuterungen des Gemeindera-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tes zu beschränken.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inneres vom 29. Novem-</span><br/> <span class="ft3">ber 2005 in Sachen X. gegen den Gemeinderat Y.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. Der Beschwerdeführer beanstandet die Informationsaktivitä-</span><br/> <span class="ft1">ten von Gemeindebehörden im Hinblick auf ein an der Gemeindever-</span><br/> <span class="ft1">sammlung traktandiertes Geschäft. Insbesondere werden die von der</span><br/> <span class="ft1">Schulpflege und der Schulleitung eingesetzten Mittel, wie etwa die</span><br/> <span class="ft1">über die Schüler verteilten Schreiben an die Eltern und das E-Mail</span><br/> <span class="ft1">vom Schulleiter an das Lehrerkollegium, als unerlaubte Einfluss-</span><br/> <span class="ft1">nahme der Behörden in einem Abstimmungskampf bezeichnet. Der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat hingegen erachtet diese als zulässige Informationsmittel</span><br/> <span class="ft1">(bezüglich des Schreibens und der Pressemitteilung) oder als schulin-</span><br/> <span class="ft1">terne Angelegenheit (E-Mail) und räumt Schulpflege wie auch Schul-</span><br/> <span class="ft1">leitung das Recht ein, sich zum Projekt zu äussern und dieses gegen</span><br/> <span class="ft1">aussen zu vertreten.</span><br/> <span class="ft1">a.) Das vom Verfassungsrecht des Bundes gewährleistete politi-</span><br/> <span class="ft1">sche Stimmrecht gibt jeder Bürgerin und jedem Bürger einen An-</span><br/> <span class="ft1">spruch darauf, dass kein Abstimmungsresultat anerkannt wird, das</span><br/> <span class="ft1">nicht den freien Willen der Stimmberechtigten zuverlässig und</span><br/> <span class="ft1">unverfälscht zum Ausdruck bringt (BGE 114 Ia 43). Daraus folgt,</span><br/> <span class="ft1">dass jeder Stimmbürger seine Entscheidung gestützt auf einen mög-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">608</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">lichst freien und umfassenden Prozess der Meinungsbildung soll tref-</span><br/> <span class="ft1">fen können. Die Freiheit der Willensbildung schliesst grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">jede direkte Einflussnahme der Behörden aus, welche geeignet wäre,</span><br/> <span class="ft1">die freie Willensbildung der Stimmbürgerschaft im Vorfeld von Wah-</span><br/> <span class="ft1">len und Abstimmungen zu verfälschen. Eine solche Beeinflussung</span><br/> <span class="ft1">liegt etwa dann vor, wenn die Behörde, welche zu einer Sachabstim-</span><br/> <span class="ft1">mung amtliche Erläuterungen verfasst, ihre Pflicht zur objektiven In-</span><br/> <span class="ft1">formation verletzt sowie über den Zweck und Tragweite der Vorlage</span><br/> <span class="ft1">falsch orientiert. Eine unerlaubte Beeinflussung der Stimmberechtig-</span><br/> <span class="ft1">ten kann ferner vorliegen, wenn die Behörde in unzulässiger Weise in</span><br/> <span class="ft1">den Abstimmungskampf eingreift und entweder positive, zur Siche-</span><br/> <span class="ft1">rung der Freiheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger aufge-</span><br/> <span class="ft1">stellte Vorschriften missachtet oder sich sonst wie verwerflicher Mit-</span><br/> <span class="ft1">tel bedient (BGE 112 Ia 335).</span><br/> <span class="ft1">b.) In ihrer bisherigen Praxis hat die Beschwerdeinstanz es als</span><br/> <span class="ft1">unzulässig erachtet, dass eine Behörde neben dem erläuternden Be-</span><br/> <span class="ft1">richt noch mit anderen Mitteln in den Abstimmungskampf eingreifen</span><br/> <span class="ft1">darf (Entscheid vom 4. September 1991 i.S. J. K. gegen Einwohner-</span><br/> <span class="ft1">gemeinde A.; Entscheid vom 4. Juni 1997 i.S. U. S. gegen Gemein-</span><br/> <span class="ft1">derat S.; Entscheid Referendumskomitee O. gegen Gemeinderat O.</span><br/> <span class="ft1">in Aargauische Gerichts- und Verwaltungsentscheide [AGVE] 1996,</span><br/> <span class="ft1">S. 469 ff.). Ausnahmsweise lassen aber Lehre und Rechtsprechung</span><br/> <span class="ft1">eine zusätzliche Information der Stimmberechtigten in den Fällen zu,</span><br/> <span class="ft1">in denen triftige Gründe eine amtliche Intervention erfordern (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Werner Stauffacher, Die Stellung der Behörden im Wahl- und Ab-</span><br/> <span class="ft1">stimmungskampf, in: ZBl 68/1967, S. 361 ff.). Solche Gründe liegen</span><br/> <span class="ft1">etwa dann vor, wenn die Behörde krassen Verzerrungen und Verfäl-</span><br/> <span class="ft1">schungen in der gegnerischen Abstimmungspropaganda entgegenzu-</span><br/> <span class="ft1">treten oder grobe Fehler richtig zu stellen hat (BGE 112 Ia 337).</span><br/> <span class="ft1">c.) Im vorliegenden Fall hat der Gemeinderat die gesetzlich vor-</span><br/> <span class="ft1">gesehenen Abstimmungserläuterungen abgegeben. Daneben liess</span><br/> <span class="ft1">auch die Schulpflege ein Schreiben über die Schülerinnen und Schü-</span><br/> <span class="ft1">ler verteilen und den Inhalt zusätzlich noch in der regionalen Presse</span><br/> <span class="ft1">publizieren. Damit hat die Schulpflege unzulässigerweise in den Ab-</span><br/> <span class="ft1">stimmungskampf eingegriffen. Der Gemeinderat verkennt hier die</span><br/> <span class="ft1">Tragweite der erlaubten Aktivitäten von Gemeindebehörden. Die In-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">609</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">formationspflicht ist bereits durch die Abstimmungserläuterungen</span><br/> <span class="ft1">abgedeckt. Daran ändert auch nichts, dass in diesem Schreiben die</span><br/> <span class="ft1">Eltern nicht direkt aufgefordert wurden, für die Vorlage zu stimmen.</span><br/> <span class="ft1">Die Schulpflege bringt darin jedenfalls einzig ihre Position zum Aus-</span><br/> <span class="ft1">druck, indem sie die Vorteile des Neubaus schildert und die Vorlage</span><br/> <span class="ft1">zur Annahme empfiehlt. Gleiches gilt auch für das vom Schulleiter</span><br/> <span class="ft1">an die Lehrkräfte gesandte E-Mail. Ganz generell ist es unzulässig</span><br/> <span class="ft1">über die offiziellen Abstimmungserläuterungen hinaus, staatliche</span><br/> <span class="ft1">Mittel und Wege für den Abstimmungskampf einzusetzen, sei dies</span><br/> <span class="ft1">nun über Publikationen in Zeitungen, über die Abgabe von Schreiben</span><br/> <span class="ft1">an die Schüler oder sei dies über schulinterne Mailnachrichten. Es ist</span><br/> <span class="ft1">nicht ersichtlich und wird vom Gemeinderat auch nicht vorgebracht,</span><br/> <span class="ft1">dass diese Aktivitäten der Schulpflege und des Schulleiters notwen-</span><br/> <span class="ft1">dig gewesen wären, um krassen Verzerrungen und Verfälschungen in</span><br/> <span class="ft1">der gegnerischen Abstimmungspropaganda entgegenzutreten oder</span><br/> <span class="ft1">grobe Fehler richtig zu stellen. Damit widerspricht dieses Vorgehen</span><br/> <span class="ft1">der heute geltenden Praxis. Demzufolge bleibt festzustellen, dass die</span><br/> <span class="ft1">Gemeindebehörden im vorliegenden Falle über das zulässige Mass</span><br/> <span class="ft1">hinaus in den Abstimmungskampf eingegriffen haben.</span><br/> <span class="ft1">3. Zu prüfen bleibt, welche Folgen der unzulässigen Einfluss-</span><br/> <span class="ft1">nahme zu geben sind. Nachdem sich die Auswirkungen nicht ziffern-</span><br/> <span class="ft1">mässig ermitteln lassen, muss aufgrund der Umstände ein Einfluss</span><br/> <span class="ft1">auf das Abstimmungsergebnis im Bereich des Möglichen liegen. Da-</span><br/> <span class="ft1">bei ist insbesondere auf die Grösse des Stimmenunterschiedes, die</span><br/> <span class="ft1">Schwere des konstatierten Fehlers und dessen Bedeutung im Rahmen</span><br/> <span class="ft1">der gesamten Abstimmung abzustellen. Kann die Möglichkeit, dass</span><br/> <span class="ft1">die Beschlussfassung ohne den Mangel anders ausgefallen wäre, als</span><br/> <span class="ft1">derart gering eingestuft werden, dass sie nicht mehr ernsthaft in Be-</span><br/> <span class="ft1">tracht kommt, so wird von einer Kassation abgesehen (AGVE 1992,</span><br/> <span class="ft1">S. 499). In Würdigung aller Umstände erscheint ein anderer Ausgang</span><br/> <span class="ft1">der Abstimmung über das Kreditbegehren für den Neubau der Turn-</span><br/> <span class="ft1">halle Dorf als ausgeschlossen. Einerseits kann die Beeinflussung als</span><br/> <span class="ft1">nicht allzu gross eingestuft werden. So ist etwa die These, dass die</span><br/> <span class="ft1">Eltern aufgrund zu befürchtender Nachteile für ihre Kinder oder die</span><br/> <span class="ft1">Lehrerschaft aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses von der</span><br/> <span class="ft1">Schule ohne weiteres für Schulanliegen eingespannt werden könnten,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">610</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">etwas sehr konstruiert bzw. lebensfremd. Zudem wurde das für die</span><br/> <span class="ft1">Eltern gedachte Schreiben nicht von allen Lehrkräften an die Schüle-</span><br/> <span class="ft1">rinnen und Schüler verteilt. Dies schränkt den Kreis der möglicher-</span><br/> <span class="ft1">weise beeinflussten Eltern von vornherein ein. Die Einflussnahme</span><br/> <span class="ft1">durch die Publikation in der Zeitung darf ebenfalls nicht überschätzt</span><br/> <span class="ft1">werden, da die Leserinnen und Leser auch ohne diese Mitteilung da-</span><br/> <span class="ft1">von haben ausgehen können, dass die Schulpflege die Vorlage unter-</span><br/> <span class="ft1">stützt. Schliesslich spricht selbst die Teilnehmerzahl von 254</span><br/> <span class="ft1">Stimmberechtigten nicht dafür, dass gerade für dieses Schulanliegen</span><br/> <span class="ft1">aussergewöhnlich viele Leute zusätzlich hätten mobilisiert werden</span><br/> <span class="ft1">können. Diese liegt nur leicht über dem Durchschnitt und entspricht</span><br/> <span class="ft1">aufgrund der traktandierten Geschäfte vielmehr den Erwartungen.</span><br/> <span class="ft1">Andererseits liegt ein klares Abstimmungsergebnis vor. Die Nein-</span><br/> <span class="ft1">Stimmen machen lediglich einen Anteil von 10 % der Anwesenden</span><br/> <span class="ft1">aus, wogegen die überwiegende Mehrheit sich für den Kredit ausge-</span><br/> <span class="ft1">sprochen hat. Demnach lässt eine realistische Einschätzung der ge-</span><br/> <span class="ft1">samten Umstände nur den Schluss zu, dass die Vorlage auch ohne die</span><br/> <span class="ft1">unerlaubte Einflussnahme angenommen worden wäre. Das angefoch-</span><br/> <span class="ft1">tene Abstimmungsergebnis bringt daher den wirklichen Willen der</span><br/> <span class="ft1">Stimmberechtigten zum Ausdruck, weshalb eine Kassation der Ab-</span><br/> <span class="ft1">stimmung zu unterbleiben hat.</span><br/></div> </div> </body> </html>