222 RVJ / ZWR 2021 Strafrecht - Friedensbürgschaft - KGE (Einzelrichter der Straf - kammer) vom 21. September 2020, A. und weitere c. X und Staats- anwaltschaft - TCV P3 20 128 Friedensbürgschaft (Art. 66 StGB) - Die Friedensbürgschaft kann entweder im Endur teil, im selbstständigen Verfah ren nach Art. 372 StPO oder als Ersatzma ssnahme nach Art. 237 StPO ange ordnet werden (E. 3). - Stellt die Privatklägerschaft während des Stra fverfahrens einen Antrag auf so fortige Anordnung einer Friedensbürgschaft, ha t die Staatsanwaltschaft die Sa che in der Regel dem Zwangsmassnahmengericht vorzulegen (E. 4). Cautionnement préventif (art. 66 CP) - Le cautionnement préventif peut être ordonné tant dans un jugement final que dans une procédure indépendante au sens de l’art. 372 CPP ou à titre de mesure de substitution au sens de l’art. 237 CPP (consid. 3). - Lorsque la partie plaignante requiert au cours de la procédure pénale qu’un cau - tionnement préventif soit immédiatement ordonné, le ministère public doit en prin cipe soumettre cette demande au tribunal des mesures de contrainte (consid. 4). Aus den Erwägungen 3. Die Friedensbürgschaft nach Art. 66 StGB kann angeordnet werden, wenn eine Person wegen eines Verbrechens oder Vergehens verurteilt wird oder wenn eine Person mit einem Verbrechen oder Vergehen droht und ernsthaft anzunehmen ist, dass sie die Tat wiederholt bzw. ausführt. Sie setzt einen entsprechenden Antrag der betroffenen Person voraus. Die Anordnung der Friedensbürgschaft erfolgt entweder mit dem Endurteil im Hauptverfahren oder, wenn kein Strafverfahren anhängig ist, im selbstständigen Verfahren nach Art. 372 StPO. Dane- ben kann die Friedensbürgschaft auch während der Dauer eines Straf- verfahrens angeordnet werden, namentlich als Ersatzmassnahme nach Art. 237 StPO, sollte sich die Untersuchungsh aft wegen Ausführungs- oder Wiederholungsgefahr als unverhältnismässig erweisen (Jeanneret, in: Bonet/Dupont [Hrsg.], Les mesures provisio nnelles en procédures civile, pénale et administrative, 2015, S. 97 ff.). Vorliegend ist die letztere Variante einschlägig. Eine Minderheit der Lehre will das selbstständige Massnahmever - fahren auch während laufendem Strafverfahren ermöglichen, falls nicht zeitnah ein Endentscheid zu erwarten ist (Schwarzenegger, in: RVJ / ZWR 2021 223 Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweize rischen Strafprozessordnung (StPO), 2. A., 2014, N. 4 zu Art. 372 StPO). Die Mehrheit der Lehre hält jedoch die Art. 372 f. StPO im Falle einer Friedensbürgschaft während laufendem Verfahren für nicht einschlägig und verweist insofern ausschliesslich auf die Ersatzmassnahmen nach Art. 237 StPO (Jeanneret/Thalmann, in: Kuhn/Jeanneret [Hrsg.], Com- mentaire romand, Code de procédure pénale suisse, 2. A., 2019, N. 13, 15 und 19 zu Art. 372 StPO; Schmid/Jositsch, Schweizerisches Straf - gesetzbuch, Praxiskommentar, 3. A., 2018, N. 1 f. zu Art. 372 StPO; Moreillon/Parein-Reymon, CPP, Code de procédure pénale, 2. A., 2016, N. 6 zu Art. 372 StPO; Kissling, B asler Kommentar, 2. A., 2014, N. 5 f. zu Art. 372 StPO). Das Kantonsgericht schliesst sich der letzte - ren Meinung an. Art. 373 StPO ist damit vorliegend nicht einschlägig. 4. Auch betreffend der Frage, ob eine Friedensbürg schaft als Ersatz- massnahme anzuordnen ist, ist der besonderen Verfahrenskonstella - tion, namentlich bei einem entspre chenden Antrag der Privatkläger - schaft, Rechnung zu tragen (Jeanneret, a.a.O., S. 107). Der Staats - anwaltschaft ist zwar grundsätzlich zuzustimmen, dass der Ent scheid, welche Zwangsmassnahmen zu welchem Zeitpunkt angeordnet oder beantragt werden sollen, ihr obliegt, solange sie die Verfahrensleitung innehat. Stellt jedoch die Privatklägerschaft den im materiellen Recht vorgesehenen Antrag auf eine Friedensbürgschaft und ric htet sich dieser nicht (nur) auf den Endentscheid, so kann die Staatsanwaltschaft die betreffende Antragstellung an das Zwangsmassnahmengericht nur dann ablehnen, wenn eine entsprechende Anordnung die Strafunter - suchung negativ beeinflussen könnte oder von vornherein aussichtslos ist oder aber rechtsmissbräuchlich erhoben worden wäre.