<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 127 S.540</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">540</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>127 Energieversorgung; Solidarhaftung des Liegenschaftseigentümers für</b></span><br/> <span class="ft1"><b>ausstehende Stromrechnung des Mieters</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Departements des Innern vom 11. Mai 2000 in Sachen F.J.</span><br/> <span class="ft2">gegen den Gemeinderat N.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">An seiner Sitzung vom 2. August 1999 fasste der Gemeinderat</span><br/> <span class="ft4">N. folgenden Beschluss:</span><br/> <span class="ft4">,,Herr F. J. ist demgemäss entsprechend der Verfügung der</span><br/> <span class="ft4">Elektrizitäts- und Wasserkommission vom 30. Juni 1999 verpflichtet,</span><br/> <span class="ft4">den Stromgebühren-Ausstand seiner früheren Mieterin im Betrag</span><br/> <span class="ft4">von Fr. 1'082.70 zu übernehmen. Er wird ersucht, den Betrag innert</span><br/> <span class="ft4">30 Tagen der Finanzverwaltung zu überweisen."</span><br/> <span class="ft4">Mit Eingabe vom 13. August 1999 führt F. J. Beschwerde</span><br/> <span class="ft4">und verlangt sinngemäss die Aufhebung des gemeinderätlichen Be-</span><br/> <span class="ft4">schlusses vom 2. August 1999. Zur Begründung bringt er im We-</span><br/> <span class="ft4">sentlichen vor, dass er auf die Zusammenarbeit der betreffenden</span><br/> <span class="ft4">Gemeindestellen angewiesen sei, damit er seine Verpflichtungen als</span><br/> <span class="ft4">Eigentümer überhaupt wahrnehmen könne. Als solidarhaftender</span><br/> <span class="ft4">Liegenschaftsbesitzer erwarte er bei Verbindlichkeiten der Mieter</span><br/> <span class="ft4">über alle Korrespondenz nach dem Verfall des Zahlungstermins in-</span><br/> <span class="ft4">formiert zu werden. Das bedeute, dass die Gemeinde die Solidarhaf-</span><br/> <span class="ft4">tung nur geltend machen dürfe, wenn dem Eigentümer zuvor die</span><br/> <span class="ft4">Möglichkeit zur Wahrnehmung seiner Rechte - hier allenfalls das</span><br/> <span class="ft4">Retentionsrecht - eingeräumt worden sei.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2. Der Gemeinderat stützt seine Gebührenverfügung auf § 68</span><br/> <span class="ft4">des Elektra- und Wasserreglementes. Demgemäss haften für die Ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">541</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">bindlichkeiten von Mietern und Pächtern neben diesen die Liegen-</span><br/> <span class="ft4">schaftseigentümer bzw. die Baurechtsberechtigten solidarisch. Zu-</span><br/> <span class="ft4">nächst stellt sich die Frage der Zulässigkeit einer solchen Regelung</span><br/> <span class="ft4">in einem kommunalen Erlass. Danach ist allenfalls in einem zweiten</span><br/> <span class="ft4">Schritt zu prüfen, ob die Solidarhaftung des Liegenschaftseigentü-</span><br/> <span class="ft4">mers in zeitlicher Hinsicht uneingeschränkt geltend gemacht werden</span><br/> <span class="ft4">kann.</span><br/> <span class="ft4">a) Nach Art. 122 Abs. 1 der neuen Bundesverfassung ist die</span><br/> <span class="ft4">Gesetzgebung auf dem Gebiet des Zivilrechtes Sache des Bundes.</span><br/> <span class="ft4">Diese Zuständigkeit ist eine umfassende. Der Bund hat unter ande-</span><br/> <span class="ft4">rem mit dem Erlass des Schweizerischen Obligationenrechtes davon</span><br/> <span class="ft4">Gebrauch gemacht. Das Gesetz beruht auf dem Grundsatz der Ge-</span><br/> <span class="ft4">samtkodifikation. Das heisst, es hat eine generelle und ab-</span><br/> <span class="ft4">schliessende Regelung zum Ziel (Häfelin/Haller, Schweizerisches</span><br/> <span class="ft4">Bundesstaatsrecht, 3. Auflage, Zürich 1993, Rz 385b). Die Kantone</span><br/> <span class="ft4">dürfen zivilrechtliche Bestimmungen nur noch erlassen, wenn und</span><br/> <span class="ft4">soweit sie das Bundesrecht ausdrücklich oder im Sinn nach dazu</span><br/> <span class="ft4">ermächtigt (Art. 5 Abs. 1 ZGB). Es ist ihnen zudem nicht gestattet,</span><br/> <span class="ft4">Vorschriften aufzustellen, die dem Privatrecht des Bundes widerspre-</span><br/> <span class="ft4">chen. Die Kantone können daher keine Normen erlassen, welche die</span><br/> <span class="ft4">Verwirklichung des Bundeszivilrechtes verunmöglichen (BGE 104 Ia</span><br/> <span class="ft4">108). Falls sie dies dennoch tun, verstossen sie gegen den Grundsatz</span><br/> <span class="ft4">der derogatorischen Kraft des Bundesrechts. Eine Missachtung liegt</span><br/> <span class="ft4">dann vor, wenn die Kantone und Gemeinden dort legiferieren, wo</span><br/> <span class="ft4">der Bundesgesetzgeber ein Gebiet selber abschliessend geregelt hat,</span><br/> <span class="ft4">wenn die Normen nicht durch ein wesentliches öffentliches Interesse</span><br/> <span class="ft4">gedeckt sind oder wenn das kantonale öffentliche Recht das Bundes-</span><br/> <span class="ft4">zivilrecht beeinträchtigt und seinem Sinn oder Geist widerspricht</span><br/> <span class="ft4">oder es geradezu vereitelt (BGE 101 Ia 505).</span><br/> <span class="ft4">b) Grundsätzlich regeln die bundesrechtlichen Vorschriften</span><br/> <span class="ft4">über das Mietrecht das Verhältnis zwischen Vermieter und Mieter</span><br/> <span class="ft4">abschliessend. Raum für abweichende Bestimmungen der Kantone</span><br/> <span class="ft4">und der Gemeinden bleibt dabei kaum. Das Obligationenrecht sieht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">542</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">keine Solidarhaftung für den Vermieter vor. Offenbar wollte man</span><br/> <span class="ft4">nicht, dass dieser generell für Verbindlichkeiten des Mieters einste-</span><br/> <span class="ft4">hen muss. Ebenfalls nichts zu ihren Gunsten ableiten kann die Ge-</span><br/> <span class="ft4">meinde aus Art. 143 Abs. 2 OR. Demnach entsteht Solidarität ohne</span><br/> <span class="ft4">Willenserklärung zwischen den Schuldnern nur in dem vom Gesetz</span><br/> <span class="ft4">bestimmten Fällen. Mit Gesetz im Sinne dieser Vorschrift sind nur</span><br/> <span class="ft4">das Zivilrecht gemeint (BGE 108 II 493). Die Statuierung einer Soli-</span><br/> <span class="ft4">darhaftung des Vermieters für die Stromkosten des Mieters in einem</span><br/> <span class="ft4">kommunalen Reglement ist demzufolge wohl unzulässig. Indes</span><br/> <span class="ft4">braucht die Frage in diesem Verfahren nicht abschliessend geklärt zu</span><br/> <span class="ft4">werden, da die Beschwerde aus einem weiteren Grund gutzuheissen</span><br/> <span class="ft4">ist.</span><br/> <span class="ft4">3. a) Der Gemeinderat ist der Ansicht, dass er die Solidar-</span><br/> <span class="ft4">haftung des Vermieters uneingeschränkt geltend machen darf. Sie sei</span><br/> <span class="ft4">nicht vom Zeitpunkt der Information über den Ausstand abhängig.</span><br/> <span class="ft4">Dieser Auffassung kann nicht beigepflichtet werden. Sofern eine</span><br/> <span class="ft4">Solidarhaftung für Stromkosten überhaupt denkbar ist, kann sie je-</span><br/> <span class="ft4">denfalls nur soweit gehen, dass dadurch die dem Vermieter gegen</span><br/> <span class="ft4">den Mieter zustehenden Rechte nicht eingeschränkt werden. Wie</span><br/> <span class="ft4">bereits unter Ziffer 2.a dargelegt, darf eine Regelung in einem kom-</span><br/> <span class="ft4">munalen Erlass das Zivilrecht nicht unterlaufen (BGE 122 I 351).</span><br/> <span class="ft4">Der Gläubiger muss in der Lage bleiben, seine Forderungen durch-</span><br/> <span class="ft4">setzen zu können (BGE 104 Ia 105). Das heisst, die Solidarhaftung</span><br/> <span class="ft4">ist von der Gemeinde in zeitlicher Hinsicht derart früh geltend zu</span><br/> <span class="ft4">machen, dass der Vermieter die Möglichkeit zum Reagieren hat und</span><br/> <span class="ft4">er etwa ein Mietzinsdepot errichten oder den Mietvertrag ändern</span><br/> <span class="ft4">könnte. Eine rechtzeitige Anzeige der Schuldübernahme gebietet</span><br/> <span class="ft4">auch das Gebot von Treu und Glauben, welches sich aus § 2 der</span><br/> <span class="ft4">Kantonsverfassung ergibt.</span><br/> <span class="ft4">b) Letzter Termin für die Forderungseingabe im Konkursver-</span><br/> <span class="ft4">fahren gegen die Mieterin war Ende Februar 1999. Die Gemeinde hat</span><br/> <span class="ft4">sich indes erst mit Rechnung vom 30. Juni 1999 an den Beschwerde-</span><br/> <span class="ft4">führer gewandt. Zu diesem Zeitpunkt konnte er nicht mehr reagieren.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">543</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Dadurch sind seine Rechte in unzulässiger Weise beschnitten wor-</span><br/> <span class="ft4">den. Die Gemeinde hat die Solidarhaftung des Beschwerdeführers,</span><br/> <span class="ft4">sofern diese überhaupt vor dem übergeordneten Recht standhält,</span><br/> <span class="ft4">somit verspätet geltend gemacht. Die angefochtene Gebührenverfü-</span><br/> <span class="ft4">gung vom 2. August 1999 entbehrt somit einer Rechtsgrundlage. Sie</span><br/> <span class="ft4">ist daher aufzuheben.</span><br/></div> </div> </body> </html>