3. Oktober 1995 973 S.o.S. Schweiz ohne Schnüffelpolizei sie vorschlug, in Artikel 96 Absatz 1 den zweiten Satz - eben die Kantonsklausel - schlicht und einfach zu streichen. Werden Fussballsport kennt, weiss, dass Befreiungsschläge gewöhnlich nur für sehr beschränkte Zeit Luft schaffen. Ich befürchte, dass dies auch hier zutrifft. Zwar ist auch der Bun- desrat der Meinung, dass diese Kantonsklausel nicht sakro- sankt ist bzw. kein Tabu sein kann, sondern dass man dar- über diskutieren soll. Wir sind auch der Meinung, dass diese Kantonsklausel heute - bald 150 Jahre nach der Bundes- staatsgründung - zweifellos nicht mehr die gleiche Bedeu- tung hat wie 1848, als sie eingeführt wurde. Es sind aber vor allem drei Gründe, die den Bundesrat bewegen, Sie zu bit- ten, auf die parlamentarische Initiative der Staatspolitischen Kommission des Nationalrates nicht einzutreten und dem Antrag Ihrer Kommission zur parlamentarischen Initiative Schiesser zuzustimmen: I.Das föderalistische Gleichgewicht in unserem Bundes- staat ist nach wie vor sehr labil. Gerade in letzter Zeit haben wir dies wieder mehrmals deutlich erfahren. Ich erinnere etwa an die Abstimmungen zum EWR-Beitritt und - in die- sem Jahr - zur Lockerung der Lex Friedrich, bei denen das Problem der Verschiedenheit der Sprachregionen wieder mit aller Wucht zutage trat. Das föderalistische Gleichgewicht scheint zudem auch dadurch gefährdet zu sein, dass sich das wirtschaftliche Gefalle zwischen den grossen, bevölke- rungsreichen Kantonen und den kleinen Kantonen in den letzten Jahren noch verstärkt hat. Zu diesem föderalistischen Gleichgewicht muss man daher unbedingt Sorge tragen. Ein Mittel dazu ist zweifellos auch die Kantonsklausel. 2. In der Vernehmlassung haben sich, mit Ausnahme des Kantons Genf, alle «lateinischen Kantone» gegen die Auf- hebung der Kantonsklausel ausgesprochen. Mit der FDP und der CVP haben auch zwei grosse Bundesratsparteien minde- stens Vorbehalte angebracht. Die Liberale Partei hat sich entschieden gegen die Aufhebung ausgesprochen. Bei der Behandlung dieser Frage ist daher vor allem gegenüber der «lateinischen Schweiz» grosse Vorsicht geboten. Da wir wis- sen, dass die Kantonsklausel ihrerseits dem Ständemehr un- tersteht, ist es denn auch alles andere als sicher, dass dieser Befreiungsschlag in einer Volksabstimmung tatsächlich ge- lingen würde. 3. In den wichtigen Abstimmungsvorlagen der letzten Zeit ha- ben wir mehrere Male erlebt, dass der Widerstand gerade in kleineren Kantonen gross war. In letzter Zeit hat uns das Ständemehr zunehmend Schwierigkeiten bereitet. Der Bun- desrat ist überzeugt, dass eine möglichst gleichmässige Ver- teilung seiner Mitglieder auf alle Kantone die Akzeptanz von Vorlagen nur erhöhen kann. Der neue Bundesrat hat jüngst in einem Interview gesagt, er sei überzeugt, dass die EWR- Vorlage im Kanton Zürich angenommen worden wäre, wenn ein Zürcher Bundesrat gewesen wäre. Wir sind daher gesamthaft der Meinung, dass die Kantons- klausel nur einen Mosaikstein in diesem ganz heiklen Pro- blemkreis des föderalen Gleichgewichts in unserem Bundes- staat darstellt. Wir sind daher mit Ihrer Staatspolitischen Kommission der Meinung, dass das Herausbrechen dieses einen Mosaiksteines zu kurz greifen würde. Wir sind Ihnen dankbar dafür, dass Sie offensichtlich gewillt sind, dieses be- stehende Problem im Rahmen der zweiten Phase der Regie- rungsreform vertieft zu behandeln. Wir bitten Sie, auf die parlamentarische Initiative der Staats- politischen Kommission des Nationalrates nicht einzutreten und dem Antrag Ihrer Staatspolitischen Kommission zur par- lamentarischen Initiative Schiesser zuzustimmen. Initiative 93.452 Abstimmung - Vote Für den Antrag der Mehrheit (Nichteintreten) 28 Stimmen Für den Antrag der Minderheit (Eintreten) 9 Stimmen An den Nationalrat - Au Conseil national Initiative 93.407 Angenommen - Adopté #ST# 94.028 S.o.S. Schweiz ohne Schnüffelpolizei. Wahrung der inneren Sicherheit. Volksinitiative und Bundesgesetz S.o.S. Pour une Suisse sans police fouineuse. Maintien de la sûreté intérieure. Initiative populaire et loi fédérale Frist - Délai Siehe Seite 567 hiervor - Voir page 567 ci-devant Sa/w'on/Sergio (R, TI) unterbreitet im Namen der Kommission für Rechtsfragen (RK) den folgenden schriftlichen Bericht: Die Behandlungsfrist für die am 14. Oktober 1991 einge- reichte Volksinitiative «S.o.S. Schweiz ohne Schnüffelpol- izei» läuft gemäss Artikel 27 Absatz 1 Geschäftsverkehrs- gesetz (GVG) innert vier Jahren nach Einreichung ab, d. h. am 14. Oktober 1995. Gemäss Artikel 27 Absatz 5bis GVG kann die Bundesversammlung die Frist um ein Jahr verlän- gern, wenn mindestens ein Rat über einen Gegenentwurf oder einen mit der Volksinitiative eng zusammenhängenden Erlass Beschluss gefasst hat. Der Bundesrat hat der Bundesversammlung am 7. März 1994 eine Botschaft zum Bundesgesetz über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit und zur Volksinitiative «S.o.S. Schweiz ohne Schnüffelpolizei» vorgelegt. Der Ent- wurf zum Bundesgesetz über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit stellt einen indirekten Gegenentwurf zur Volksinitiative «S.o.S. Schweiz ohne Schnüffelpolizei» dar. Der Ständerat hat über den Entwurf zum Bundesbeschluss über die Volksinitiative «S.o.S. Schweiz ohne Schnüffelpoli- zei» und über den Entwurf zum Bundesgesetz über Mass- nahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit am 13. Juni 1995 Beschluss gefasst. Die Vorlagen werden zurzeit durch die RK-NR vorberaten. Salvioni Sergio (R, TI) présente au nom de la Commission des affaires juridiques (CAJ) le rapport écrit suivant: Le délai de traitement, fixé à quatre ans en vertu de l'article 27 alinéa 1er de la loi sur les rapports entre les Con- seils (LREC), de l'initiative populaire «S.o.S. Pour une Suisse sans police fouineuse», déposée le 14 octobre 1991, arrivera à échéance le 14 octobre 1995. Conformément à l'article 27 alinéa 5bis LREC, l'Assemblée fédérale peut prolonger le délai d'un an, si l'un des Conseils au moins a pris une déci- sion sur un contre-projet ou sur un acte législatif qui a un rap- port étroit avec l'initiative populaire. Le 7 mars 1994, le Conseil fédéral a présenté à l'Assemblée fédérale un message concernant la loi fédérale sur des me- sures visant au maintien de la sûreté intérieure ainsi que l'ini- tiative populaire «S.o.S. Pour une Suisse sans police foui- neuse». Le projet de loi fédérale sur des mesures visant au maintien de la sécurité intérieure constitue un contre-projet indirect à l'initiative «S.o.S. Pour une Suisse sans police foui- neuse». Le 13 juin 1995, le Conseil des Etats s'est prononcé sur le projet d'arrêté fédéral concernant l'initiative populaire «S.o.S. Pour une Suisse sans police fouineuse» de même que sur le projet de loi fédérale sur des mesures visant au maintien de la sécurité intérieure. La CAJ-CN est actuelle- ment chargée de l'examen préalable de ces deux objets.Secret professionnel. Surveillance 974 3 octobre 1995 Antrag der Kommission Gestützt auf Artikel 27 Absatz 5bis GVG beantragt die Kom- mission, die Frist für die Behandlung der Volksinitiative «S.O.S. Schweiz ohne Schnüffelpolizei» um ein Jahr zu ver- längern. Proposition de la commission Se fondant sur l'article 27 alinéa 5bis LREC, la commission propose de prolonger d'un an le délai de traitement de l'initia- tive populaire «S.o.S. Pour une Suisse sans police foui- neuse». Angenommen - Adopté An den Nationalrat - Au Conseil national #ST# Sammeltitel - Titre collectif Berufsgeheimnisse. Überwachung Secret professionnel. Surveillance 93.3477 Motion des Nationalrates (Stucky) Überwachung von Telekommunikationen mit Berufsgeheimnisträgern Motion du Conseil national (Stucky) Surveillance des télécommunications avec des personnes astreintes au secret professionnel Wortlaut der Motion vom 1. Februar 1995 Der Bundesrat wird beauftragt, die Revision der entspre- chenden Gesetzesbestimmungen vorzunehmen, damit durch technische und administrative Massnahmen die Über- wachung und Aufzeichnung von Telefongesprächen und an- deren Telekommunikationen (Telex, Telefax) zwischen Be- schuldigten oder Verdächtigten und Berufsgeheimnisträgern (Geistliche, Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Hebammen, Rechtsanwälte, Notare, Revisoren sowie ihre Hilfspersonen) ausgeschlossen sind. Texte de la motion du 1er février 1995 Le Conseil fédéral est chargé d'entreprendre la révision des dispositions législatives pertinentes, afin d'en exclure par des mesures techniques et administratives la surveillance et le relevé des conversations téléphoniques et autres télécom- munications (télex, telefax) entre des inculpés ou des sus- pects et des personnes astreintes au secret professionnel (ecclésiastiques, médecins, dentistes, pharmaciens, sages- femmes, avocats, notaires, contrôleurs ainsi que leurs auxi- liaires). #ST# 95.3202 Motion RK-SR (93.3477) Wahrung von .Berufsgeheimnissen bei Überwachungen des Post- und Fernmeldeverkehrs Motion CAJ-CE (93.3477) Sauvegarde du secret professionnel lors de la surveillance de la correspondance postale et des télécommunications Wortlaut der Motion vom 29. Mai 1995 Der Bundesrat wird beauftragt, ausserhalb des Legislaturpro- gramms die Bestimmungen über die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs durch Strafverfolgungsbehörden des Bundes und der Kantone wie folgt zu revidieren: Es müssen mit jeder Anordnung der Überwachung eines Trä- gers von Berufsgeheimnissen geeignete Schutzmassnah- men getroffen werden, damit den mit der Untersuchung be- trauten Personen keine Berufsgeheimnisse der überwachten Personen zur Kenntnis gelangen können, ausgenommen, wenn unter dem Deckmantel des Berufsgeheimnisses Straf- taten begangen werden. Texte de la motion du 29 mai 1995 Le Conseil fédéral est chargé de réviser comme suit, en de- hors du programme de législature, les dispositions sur la sur- veillance de la correspondance postale et des télécommuni- cations par les autorités de poursuite pénale de la Confédé- ration et des cantons: Pour autant que des actes punissables ne soient pas commis sous le couvert du secret professionnel, il y a lieu de prendre des mesures de protection appropriées chaque fois que la surveillance d'une personne astreinte au secret profession- nel est ordonnée afin que les personnes chargées de la sur- veillance ne puissent pas prendre connaissance de secrets professionnels de la personne surveillée. Schriftliche Begründung Die Motion Stucky (93.3477) vom 6. Oktober 1993, Überwa- chung von Telekommunikationen mit Berufsgeheimnist- rägern, hat eine wichtige Problematik aufgeworfen, die nach einem raschen Füllen der Gesetzeslücken ruft. Sie schiesst jedoch einerseits über das Ziel hinaus, weil sie strafbare Handlungen der Berufsgeheimnisträger privilegiert und weil sie technisch und administrativ kaum durchführbar wäre; an- dererseits bleibt sie hinter den heutigen Bedürfnissen zurück, weil sie keinen angemessenen Schutz für den Postverkehr vorsieht. Gegen Berufsgeheimnisträger sollen nur dann Überwa- chungsmassnahmen angeordnet werden können, wenn sie selber einer schweren Straftat verdächtigt werden oder wenn eine tatverdächtige Person ihren Fernmeldeanschluss be- nutzt (z. B. Angestellte, Familienangehörige). Bei allen die- sen Überwachungen muss jedoch durch im Einzelfall festzu- legende geeignete Massnahmen sichergestellt werden, dass die mit der Untersuchung betrauten Personen nur diejenigen Postsendungen oder Gesprächsaufzeichnungen ausgehän- digt bekommen, die keine Berufsgeheimnisse enthalten, für welche der Berufsgeheimnisträger ein Zeugnisverweige- rungsrecht besitzt. Dies kann z. B. dadurch erfolgen, dass vor der Aushändigung die Sendungen und Gesprächsauf- zeichnungen von einer nicht in die Untersuchung einbezoge- nen Person daraufhin durchgesehen werden, ob sie Berufs- geheimnisse enthalten. Gesprächsaufzeichnungen mit Infor- mationen, die Berufsgeheimnisse enthalten, sind umgehend zu vernichten, Postsendungen auszuliefern.Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali S.o.S. Schweiz ohne Schnüffelpolizei. Wahrung der inneren Sicherheit. Volksinitiative und Bundesgesetz S.o.S. Pour une Suisse sans police fouineuse. Maintien de la sûreté intérieure. Initiative populaire et loi fédérale In Amtliches Bulletin der Bundesversammlung Dans Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale In Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale Jahr 1995 Année Anno Band IV Volume Volume Session Herbstsession Session Session d'automne Sessione Sessione autunnale Rat Ständerat Conseil Conseil des Etats Consiglio Consiglio degli Stati Sitzung 10 Séance Seduta Geschäftsnummer 94.028 Numéro d'objet Numero dell'oggetto Datum 03.10.1995 - 08:00 Date Data Seite 973-974 Page Pagina Ref. No 20 026 365 Dieses Dokument wurde digitalisiert durch den Dienst für das Amtliche Bulletin der Bundesversammlung. Ce document a été numérisé par le Service du Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale. Questo documento è stato digitalizzato dal Servizio del Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale.