<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">387</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>70</b></span> <span class="ft1"><b>§ 19 Abs. 1 lit. c EG ZPO. Keine Anwendung für Ablehnungsbegehren ge-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gen einen Gerichtspräsidenten als Einzelrichter.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Zivilgericht, 4. Kammer, vom</span><br/> <span class="ft2">27. März 2013 in Sachen J.B. (ZSU.2013.50).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1.</span><br/> <span class="ft4">Die Gesuchstellerin hat in der Beschwerde beantragt, es sei ihr</span><br/> <span class="ft4">ein fairer Prozess zu gewähren und nochmals eine Anhörung unter</span><br/> <span class="ft4">Besetzung eines anderen Richters anzusetzen. Auf dieses Begehren</span><br/> <span class="ft4">kann nicht eingetreten werden, weil das Obergericht nicht die zustän-</span><br/> <span class="ft4">dige Instanz ist. Gemäss § 19 Abs. 1 lit. d EG ZPO entscheidet über</span><br/> <span class="ft4">den Ausstand des Gerichtspräsidenten eines Kollegialgerichts das</span><br/> <span class="ft4">Gericht unter Ausschluss des betreffenden Gerichtspräsidenten. Da</span><br/> <span class="ft4">nach Auffassung der Vorinstanz das weitere Verfahren in die Zustän-</span><br/> <span class="ft4">digkeit des Gesamtgerichts fällt (Protokoll der Verhandlung vom</span><br/> <span class="ft4">23. Oktober 2012 S. 5), ist das Ablehnungsbegehren beim Bezirksge-</span><br/> <span class="ft4">richt Aarau zu stellen. Das wäre selbst dann der Fall, wenn der Ge-</span><br/> <span class="ft4">richtspräsident als Einzelrichter zuständig wäre. Zwar bestimmt § 19</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 lit. c EG ZPO, dass das Obergericht über den Ausstand des</span><br/> <span class="ft4">Gerichtspräsidenten als Einzelrichter entscheidet, doch wäre damit</span><br/> <span class="ft4">das Obergericht erste und einzige Instanz, was gegen Bundesrecht</span><br/> <span class="ft4">verstösse. Die Kantone sind seit dem 1. Januar 2011 verpflichtet, von</span><br/> <span class="ft4">wenigen nicht einschlägigen Ausnahmen abgesehen, einen doppelten</span><br/> <span class="ft4">Instanzenzug zur Verfügung zu stellen, damit der Entscheid durch ein</span><br/> <span class="ft4">(hierarchisch übergeordnetes) kantonales Gericht als Rechtsmittelin-</span><br/> <span class="ft4">stanz überprüft werden kann (BGE 138 III 41 Erw. 1.1; Klett, in:</span><br/> <span class="ft4">Niggli/Uebersax/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Bundes-</span><br/> <span class="ft4">gerichtsgesetz, 2. Aufl. 2011, Art. 75 N. 1 ff.). § 19 Abs. 1 lit. c</span><br/> <span class="ft4">EG ZPO darf daher für Ablehnungsbegehren gegen einen Gerichts-</span><br/> <span class="ft4">präsidenten als Einzelrichter nicht angewendet werden. Es besteht</span><br/> <span class="ft4">eine Lücke im kantonalen Gerichtsorganisationsrecht, welche mit ei-</span><br/> <span class="ft4">ner bundesrechtskonformen Lösung durch die Gerichtsbehörde selbst</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">388</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">zu schliessen ist (Errass, in: Niggli/Uebersax/Wiprächtiger [Hrsg.],</span><br/> <span class="ft4">Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2011, Art. 130</span><br/> <span class="ft4">N. 32). Wie erwähnt, sieht § 19 Abs. 1 lit. d EG ZPO für den Fall des</span><br/> <span class="ft4">Ausstands des Gerichtspräsidenten eines Kollegialgerichts vor, dass</span><br/> <span class="ft4">das Gericht unter Ausschluss des betreffenden Gerichtspräsidenten</span><br/> <span class="ft4">über den Ausstand entscheidet. Diese Zuständigkeitsregelung kann in</span><br/> <span class="ft4">Analogie auf den Fall übertragen werden, in welchem der Gerichts-</span><br/> <span class="ft4">präsident als Einzelrichter amtet. Durch eine solche Auslegung der</span><br/> <span class="ft4">Bestimmungen über den Ausstand wird erreicht, dass das Bezirks-</span><br/> <span class="ft4">gericht als erste Instanz und das Obergericht als Rechtsmittelinstanz</span><br/> <span class="ft4">über den Ausstand entscheiden und den Parteien ein doppelter In-</span><br/> <span class="ft4">stanzenzug zur Verfügung steht (Entscheid der 3. Zivilkammer des</span><br/> <span class="ft4">Obergerichts ZVE.2011.29 vom 20. Februar 2012 Erw. 1).</span><br/></div> </div> </body> </html>