<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Polizeirecht</span> <span class="page_no">155</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Polizeirecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>22</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 4 und 5 Hooligan-Konkordat</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Rayonverbote müssen durch ein das private Interesse des Betroffenen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>überwiegendes öffentliche Interesse gerechtfertigt sein. Dessen Höhe</b></span><br/> <span class="ft3"><b>hängt namentlich davon ab, welche Rechtsgüter im Rahmen der Anlass-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tat tangiert wurden, wie gravierend die Handlung des Betroffenen war</b></span><br/> <span class="ft3"><b>und wie hoch die Rückfallgefahr einzustufen ist. Lautet der Vorwurf auf</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Beteiligung an einem Massendelikt (insb. Landfriedensbruch), ist bei der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Gewichtung der Tathandlung nicht nur darauf abzustellen, inwieweit der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Betroffene selber Gewalttätigkeiten (an Personen und/oder Sachen) ver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>übt hat, sondern auch darauf, ob und inwieweit er das Massenverhalten</b></span><br/> <span class="ft3"><b>beeinflusst hat und beeinflussen konnte. Wer als Anführer einer militan-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ten Fangruppierung auftritt, trägt die Hauptverantwortung für sämtliche</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Handlungen, die durch seine Gruppierung ausgeführt werden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 5.4.2.2). Eine Maximaldauer des Rayonverbots von drei Jahren ist</b></span><br/> <span class="ft3"><b>in casu unverhältnismässig (Erw. 5.4.4).</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft4">vom 2. September 2015 in Sachen A. gegen das Departement Volkswirtschaft</span><br/> <span class="ft4">und Inneres, Kantonspolizei (WPR.2015.26).</span><br/> <span class="ft6"><i>Sachverhalt (Zusammenfassung)</i></span><br/> <span class="ft8">A.</span><br/> <span class="ft8">Im Anschluss an das Super-League-Spiel zwischen dem FC Aa-</span><br/> <span class="ft8">rau und dem FC St. Gallen vom 18. Oktober 2014 fanden vor einem</span><br/> <span class="ft8">Pub in Aarau gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den bei-</span><br/> <span class="ft8">den Fanlagern statt. Die Tumulte mussten unter Polizeieinsatz aufge-</span><br/> <span class="ft8">löst werden, wobei es zu gewalttätigen Übergriffen gegen Polizisten</span><br/> <span class="ft8">kam.</span><br/> <span class="ft8">B.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">156</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Am 21. Januar 2015 verfügte das Departement Volkswirtschaft</span><br/> <span class="ft8">und Inneres des Kantons Aargau (DVI), Kantonspolizei, gestützt auf</span><br/> <span class="ft8">Art. 4 und 5 des Konkordats über Massnahmen gegen Gewalt anläss-</span><br/> <span class="ft8">lich von Sportveranstaltungen vom 15. November 2007 (Konkordat;</span><br/> <span class="ft8">SAR 533.100) und § 3 Abs. 1 lit. l PolG gegen A. ein sich über einen</span><br/> <span class="ft8">Zeitraum von drei Jahren erstreckendes, in den Schranken des</span><br/> <span class="ft8">räumlichen Geltungsbereichs des Konkordats schweizweit gültiges</span><br/> <span class="ft8">Rayonverbot für den jeweiligen Veranstaltungsort der Spiele der</span><br/> <span class="ft8">1. Mannschaft des FC St. Gallen.</span><br/> <span class="ft8">A. wurde vorgeworfen, er habe sich als Anführer einer Fangrup-</span><br/> <span class="ft8">pierung gewaltbereiter Fans des FC St. Gallen an Ausschreitungen</span><br/> <span class="ft8">beteiligt und sei Teil einer Zusammenrottung von FC St. Gallen Fans</span><br/> <span class="ft8">gewesen, welche noch während des Fussballspiels das Stammlokal</span><br/> <span class="ft8">der FC Aarau Fans besetzt und dort Sachbeschädigungen begangen</span><br/> <span class="ft8">hatten.</span><br/> <span class="ft8">C.</span><br/> <span class="ft8">Gegen das durch die Kantonspolizei verfügte Rayonverbot</span><br/> <span class="ft8">reichte A. beim Verwaltungsgericht des Kantons Aargau Beschwerde</span><br/> <span class="ft8">ein und verlangte dessen Aufhebung.</span><br/> <span class="ft8">D.</span><br/> <span class="ft8">(...)</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft8">3.2.</span><br/> <span class="ft8">Dass sich der Beschwerdeführer des Landfriedensbruchs schul-</span><br/> <span class="ft8">dig gemacht hat, wird nicht bestritten und ergibt sich auch aus der in-</span><br/> <span class="ft8">zwischen rechtskräftigen Verurteilung durch die Staatsanwaltschaft</span><br/> <span class="ft8">Lenzburg-Aarau vom 20. April 2015. Damit steht fest, dass der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer eine tatbestandsmässige Handlung im Sinne von</span><br/> <span class="ft8">Art. 2 Abs. 1 lit. h des Konkordats begangen hat und die Vorausset-</span><br/> <span class="ft8">zung für eine Sanktionierung gestützt auf Art. 4 des Konkordats er-</span><br/> <span class="ft8">füllt ist.</span><br/> <span class="ft8">4. (...)</span><br/> <span class="ft8">5.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Polizeirecht</span> <span class="page_no">157</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">5.1.-5.3. (...)</span><br/> <span class="ft8">5.4.</span><br/> <span class="ft8">5.4.1.</span><br/> <span class="ft8">Umstritten und nachfolgend zu klären ist, ob sich das verfügte</span><br/> <span class="ft8">Rayonverbot als verhältnismässig im engeren Sinne erweist. Mit an-</span><br/> <span class="ft8">deren Worten ist zu klären, ob das Rayonverbot in einem vernünfti-</span><br/> <span class="ft8">gen Verhältnis zwischen dem angestrebten Ziel und dem durch die</span><br/> <span class="ft8">betroffene Person zu erduldenden Eingriff steht. Die Massnahme</span><br/> <span class="ft8">muss durch ein das private Interesse überwiegendes öffentliches Inte-</span><br/> <span class="ft8">resse gerechtfertigt sein. Mit Blick auf die Verhältnismässigkeit im</span><br/> <span class="ft8">engeren Sinne darf ein Rayonverbot umso länger ausgesprochen wer-</span><br/> <span class="ft8">den, je höher das öffentliche Interesse zu veranschlagen und je klei-</span><br/> <span class="ft8">ner das private Interesse einzustufen ist.</span><br/> <span class="ft8">5.4.2.</span><br/> <span class="ft8">5.4.2.1.</span><br/> <span class="ft8">Hat eine Person eine Anlasstat im Sinne von Art. 2 Abs. 1 des</span><br/> <span class="ft8">Konkordats begangen und damit G</span><span class="ft10">rund zum Erlass eines Rayonver-</span><br/> <span class="ft10">bots gestützt auf Art. 4 des Konkordats gegeben,</span> <span class="ft8">ist grundsätzlich</span><br/> <span class="ft8">von einem grossen öffentlichen Interesse auszugehen, dieser Person</span><br/> <span class="ft8">für eine gewisse Zeit zu verbieten, sich vor, während und nach einer</span><br/> <span class="ft8">Sportveranstaltung in deren Umfeld aufzuhalten. Dieses grosse öf-</span><br/> <span class="ft8">fentliche Interesse erhöht sich zudem aufgrund der konkreten Um-</span><br/> <span class="ft8">stände des Einzelfalles, wobei die Erhöhung insbesondere davon ab-</span><br/> <span class="ft8">hängt, welche Rechtsgüter im Rahmen der Anlasstat tangiert wurden,</span><br/> <span class="ft8">wie gravierend die Handlungen der betroffenen Person waren und</span><br/> <span class="ft8">wie gross die Rückfallgefahr einzustufen ist. Je gravierender die tan-</span><br/> <span class="ft8">gierten Rechtsgüter einzustufen sind und je gravierender die Hand-</span><br/> <span class="ft8">lungen waren, umso höher ist das öffentliche Interesse zu qualifizie-</span><br/> <span class="ft8">ren. Gleiches gilt in Bezug auf die Rückfallgefahr. Zudem ist von ei-</span><br/> <span class="ft8">nem erhöhten öffentlichen Interesse auszugehen, wenn eine betroffe-</span><br/> <span class="ft8">ne Person wiederholt mit einem Rayonverbot belegt werden muss</span><br/> <span class="ft8">oder in einem früheren Verfahren zwar auf den Erlass eines Rayon-</span><br/> <span class="ft8">verbots verzichtet, jedoch eine Verwarnung ausgesprochen wurde.</span><br/> <span class="ft8">Wird der betroffenen Person Landfriedensbruch vorgeworfen,</span><br/> <span class="ft8">bemisst sich das öffentliche Interesse zudem daran, ob und wenn ja,</span><br/> <span class="ft8">in welchem Ausmass Personen zu Schaden gekommen sind bzw.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">158</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">welche Sachschäden zu verzeichnen sind. Überdies ist das öffentli-</span><br/> <span class="ft8">che Interesse umso höher zu veranschlagen, je gewichtiger die Rolle</span><br/> <span class="ft8">der betroffenen Person im Rahmen der Zusammenrottung zu qualifi-</span><br/> <span class="ft8">zieren ist und/oder je massgeblicher ihr Tatbeitrag an den Personen-</span><br/> <span class="ft8">oder Sachschäden war.</span><br/> <span class="ft8">5.4.2.2.</span><br/> <span class="ft8">Der Beschwerdeführer wurde rechtskräftig wegen einer Anlass-</span><br/> <span class="ft8">tat im Sinne von Art. 2 Abs. 1 des Konkordats verurteilt, weshalb be-</span><br/> <span class="ft8">reits deshalb von einem grossen öffentlichen Interesse am Erlass ei-</span><br/> <span class="ft8">nes Rayonverbots auszugehen ist.</span><br/> <span class="ft8">Dem rechtskräftigen Strafbefehl vom 20. April 2015 ist zu ent-</span><br/> <span class="ft8">nehmen, dass sich die Fans des FC St. Gallen während des Fussball-</span><br/> <span class="ft8">spiels FC Aarau gegen FC St. Gallen vom 18. Oktober 2014 ins</span><br/> <span class="ft8">Stammlokal "Penny Farthing" des FC Aarau an der Bahnhofstrasse</span><br/> <span class="ft8">in Aarau begaben und dieses besetzten, wobei ein Sachschaden von</span><br/> <span class="ft8">ca. CHF 5'000.00 entstand. Im weiteren Verlauf kam es im Rahmen</span><br/> <span class="ft8">des durch den Beschwerdeführer begangenen Landfriedensbruchs zu</span><br/> <span class="ft8">massiven tätlichen Auseinandersetzungen zwischen den Fans des</span><br/> <span class="ft8">FC St. Gallen und des FC Aarau und die Polizei musste Gummi-</span><br/> <span class="ft8">schrot und Reizstoffe einsetzen, um die Fanlager zu trennen. Die</span><br/> <span class="ft8">Fans traktierten sich mit Faust- und Beinschlägen und bewarfen sich</span><br/> <span class="ft8">mit Gläsern, Flaschen und pyrotechnischen Gegenständen. Zudem</span><br/> <span class="ft8">wurden Handlichtfackeln und Rauchpetarden gezündet, wodurch es</span><br/> <span class="ft8">zu Verkehrsbehinderungen kam und weshalb der öffentliche Verkehr</span><br/> <span class="ft8">umgeleitet werden musste. Aufgrund der im Rahmen des Landfrie-</span><br/> <span class="ft8">densbruchs tangierten Rechtsgüter (Gefährdung von Leib und Leben,</span><br/> <span class="ft8">Sachbeschädigung, Störung des öffentlichen Verkehrs) ist von einem</span><br/> <span class="ft8">erhöhten öffentlichen Interesse auszugehen.</span><br/> <span class="ft8">Was den Tatbeitrag und die Rolle des Beschwerdeführers be-</span><br/> <span class="ft8">trifft, ist Folgendes festzuhalten:</span><br/> <span class="ft8">Dem Beschwerdeführer werden keine konkreten Handlungen</span><br/> <span class="ft8">im Zusammenhang mit Sachbeschädigungen oder der Gefährdung</span><br/> <span class="ft8">von Personen vorgeworfen. Den beigezogenen Strafakten, insbeson-</span><br/> <span class="ft8">dere dem darin enthaltenen Video, ist einzig zu entnehmen, dass der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer sich eines Gartenstuhls bemächtigte, um sich ge-</span><br/> <span class="ft8">gen Wurfgegenstände zu schützen und damit die Beschädigung des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Polizeirecht</span> <span class="page_no">159</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Gartenstuhls in Kauf nahm. Diesbezüglich ist höchstens von einem</span><br/> <span class="ft8">leicht erhöhten öffentlichen Interesse auszugehen.</span><br/> <span class="ft8">Eine vollkommen andere Beurteilung ergibt sich aber aufgrund</span><br/> <span class="ft8">der Rolle des Beschwerdeführers, welcher dieser im Rahmen der</span><br/> <span class="ft8">Fangruppierung des FC St. Gallen einnimmt. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft8">ist Anführer (Capo) der sogenannten Ultras des FC St. Gallen. Wie</span><br/> <span class="ft8">der Stellenleiter der Fanarbeit St. Gallen zutreffend darlegt, ist der</span><br/> <span class="ft8">Capo einer ultra-orientierten Fankurve Koordinator und Vorsänger</span><br/> <span class="ft8">während eines Spiels und geht dem Corteo (Fanmarsch vor und nach</span><br/> <span class="ft8">dem Spiel) voraus. Er ist Ansprechpartner für die verschiedenen Ak-</span><br/> <span class="ft8">teure (Vertreter des Fussballclubs, Polizei, Fanbetreuer) rund um ein</span><br/> <span class="ft8">Spiel. Ein Capo hat, wie dies aus dem Namen hervorgeht, als Kopf</span><br/> <span class="ft8">seiner Ultra-Gruppierung sehr grossen Einfluss auf die Mitglieder. Er</span><br/> <span class="ft8">bestimmt mit seinen engsten Vertrauten, wie sich die Gruppierung</span><br/> <span class="ft8">vor, während und nach einem Spiel verhält. Ohne Zustimmung des</span><br/> <span class="ft8">Capo setzt sich der Corteo zum Beispiel nicht in Bewegung oder hält</span><br/> <span class="ft8">auf seinen Befehl an und führt Aktionen durch. Damit trägt der Capo,</span><br/> <span class="ft8">zusammen mit seinen engsten Vertrauten, die Hauptverantwortung</span><br/> <span class="ft8">für sämtliche Handlungen, welche durch seine Gruppierung ausge-</span><br/> <span class="ft8">führt werden. Unabhängig davon, ob er einzelne Handlungen direkt</span><br/> <span class="ft8">ausgeführt hat, liegen diese in seinem Verantwortungsbereich und</span><br/> <span class="ft8">sind ihm zuzurechnen. Nach dem Gesagten besteht in Bezug auf den</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer ein erheblich erhöhtes öffentliches Interesse am</span><br/> <span class="ft8">Erlass eines Rayonverbots.</span><br/> <span class="ft8">Was der Beschwerdeführer dagegen vorbringt, ändert daran</span><br/> <span class="ft8">nichts. Insbesondere kann keine Rede davon sein, der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft8">führer sei nur während einiger Sekunden Teil der Zusammenrottung</span><br/> <span class="ft8">gewesen und sein auf dem Video zu sehendes Verhalten wirke unbe-</span><br/> <span class="ft8">holfen. Als seine Gruppierung mit Gegenständen beworfen wurde,</span><br/> <span class="ft8">begab sich der Beschwerdeführer während einiger Sekunden in De-</span><br/> <span class="ft8">ckung, behändigte einen Gartenstuhl und stellte sich bewusst wieder</span><br/> <span class="ft8">in die Schusslinie. Dieses Verhalten ist einerseits provokativ und sta-</span><br/> <span class="ft8">chelt andererseits die Mitglieder der eigenen Gruppierung dazu an,</span><br/> <span class="ft8">standhaft Widerstand zu leisten. Ebenso wenig greift der Versuch des</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführers, der Polizei die Verantwortung für die Eskalation</span><br/> <span class="ft8">zuschieben zu wollen. Wäre der Beschwerdeführer seiner Verantwor-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">160</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">tung als Capo gerecht geworden, hätte er seine Gruppierung, der</span><br/> <span class="ft8">Aufforderung der Polizei rechtzeitig Folge leistend, zum Bahnhof</span><br/> <span class="ft8">geführt und wäre abgereist. Dass sich der Beschwerdeführer nicht</span><br/> <span class="ft8">vermummt hat, relativiert sein Verhalten und seine Verantwortung</span><br/> <span class="ft8">überdies nicht. Als Capo ist der Beschwerdeführer den Szenekennern</span><br/> <span class="ft8">derart gut bekannt, dass ein Vermummen ohnehin nutzlos gewesen</span><br/> <span class="ft8">wäre. Auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer nach eigenen</span><br/> <span class="ft8">Angaben erheblich alkoholisiert war, bedeutet entgegen seiner An-</span><br/> <span class="ft8">nahme nicht, dass das öffentliche Interesse an der Anordnung eines</span><br/> <span class="ft8">Rayonverbots relativiert würde. Im Gegenteil ist davon auszugehen,</span><br/> <span class="ft8">dass der Beschwerdeführer seinen Alkoholkonsum nicht unter Kon-</span><br/> <span class="ft8">trolle hat, obschon er sich in einer Führungsfunktion befindet und da-</span><br/> <span class="ft8">mit Vorbildfunktion hat, was eher für ein noch höheres öffentliches</span><br/> <span class="ft8">Interesse spricht.</span><br/> <span class="ft8">Mit Blick auf die Rückfallgefahr wird der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft8">zwar durch ein Geschäftsleitungsmitglied des FC St. Gallen und den</span><br/> <span class="ft8">Stellenleiter Fanarbeit in einem positiven Licht dargestellt. Dies än-</span><br/> <span class="ft8">dert aber nichts daran, dass die Wahrscheinlichkeit einer Teilnahme</span><br/> <span class="ft8">des Beschwerdeführers an Zusammenkünften seiner Ultra-Gruppie-</span><br/> <span class="ft8">rung bei Heim- und bei Auswärtsspielen des FC St. Gallen als sehr</span><br/> <span class="ft8">hoch einzustufen ist. Die Gefahr, dass sich der Beschwerdeführer da-</span><br/> <span class="ft8">bei an Zusammenrottungen beteiligt, welche zu Ausschreitungen füh-</span><br/> <span class="ft8">ren und er somit anlässlich einer Sportveranstaltung erneut Landfrie-</span><br/> <span class="ft8">densbruch begeht, ist als sehr hoch einzustufen. Bekanntermassen</span><br/> <span class="ft8">lassen sich Ultras trotz Stadionverboten nicht davon abhalten, ihre</span><br/> <span class="ft8">Gruppierung zu Heim- und Auswärtsspielen zu begleiten.</span><br/> <span class="ft8">Insgesamt ist aufgrund der tangierten Rechtsgüter, der im Rah-</span><br/> <span class="ft8">men des Landfriedensbruchs begangenen Delikte und vor allem der</span><br/> <span class="ft8">Rolle des Beschwerdeführers als Capo der Fangruppierung sowie der</span><br/> <span class="ft8">hohen Rückfallgefahr von einem grossen bis sehr grossen öffentli-</span><br/> <span class="ft8">chen Interesse am Erlass eines Rayonverbots auszugehen.</span><br/> <span class="ft8">5.4.3.</span><br/> <span class="ft8">5.4.3.1.</span><br/> <span class="ft8">Das private Interesse an der Aufhebung oder der zeitlichen bzw.</span><br/> <span class="ft8">örtlichen Beschränkung des Rayonverbots bemisst sich primär daran,</span><br/> <span class="ft8">inwiefern die betroffene Person durch das Rayonverbot in ihren indi-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Polizeirecht</span> <span class="page_no">161</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">viduellen Tätigkeiten eingeschränkt wird. Entscheidend ist dabei ins-</span><br/> <span class="ft8">besondere die Häufigkeit der Einschränkung und die Frage, ob es für</span><br/> <span class="ft8">die betroffene Person zumutbar ist, im Einzelfall oder für eine be-</span><br/> <span class="ft8">stimmte Tätigkeit eine Ausnahmebewilligung einzuholen.</span><br/> <span class="ft8">Demgegenüber fällt die grundsätzliche Einschränkung, d.h. jede</span><br/> <span class="ft8">Einschränkung bezüglich Örtlichkeiten, die kein Gebiet betreffen, in</span><br/> <span class="ft8">dem sich die Person üblicherweise aufhält, nicht sonderlich ins Ge-</span><br/> <span class="ft8">wicht. Dies umso weniger, als die Benutzung öffentlicher Verkehrs-</span><br/> <span class="ft8">mittel zur Durchreise auch innerhalb des grundsätzlich verbotenen</span><br/> <span class="ft8">Rayons möglich ist.</span><br/> <span class="ft8">5.4.3.2.</span><br/> <span class="ft8">Der Beschwerdeführer bringt nichts vor, was auf eine individu-</span><br/> <span class="ft8">elle Einschränkung bezüglich der verbotenen Rayons ausserhalb der</span><br/> <span class="ft8">Stadt St. Gallen hindeuten würde, weshalb sich weitere Ausführun-</span><br/> <span class="ft8">gen hierzu erübrigen.</span><br/> <span class="ft8">Nachdem der Beschwerdeführer in St. Gallen wohnt, ist ihm</span><br/> <span class="ft8">grundsätzlich ein erhebliches privates Interesse zuzubilligen, sich in</span><br/> <span class="ft8">St. Gallen frei bewegen zu können. Einschränkungen sind nur soweit</span><br/> <span class="ft8">notwendig zu verfügen.</span><br/> <span class="ft8">Das Rayonverbot in der Stadt St. Gallen umfasst die drei Teilge-</span><br/> <span class="ft8">biete Rayon A (West), Rayon B (Ost) und Rayon C (Nord). Auch</span><br/> <span class="ft8">wenn der Beschwerdeführer in Rayon B wohnt, stellt dies für ihn</span><br/> <span class="ft8">keine Einschränkung dar, da sich das Stadion des FC St. Gallen in</span><br/> <span class="ft8">Rayon A befindet und es dem Beschwerdeführer somit bei Heimspie-</span><br/> <span class="ft8">len des FC St. Gallen nicht verwehrt ist, sich frei in den Rayons B</span><br/> <span class="ft8">und C zu bewegen. In Rayon A befindet sich aber unter anderem</span><br/> <span class="ft8">auch die Sportanlage Gründenmoos. Der Beschwerdeführer macht</span><br/> <span class="ft8">geltend, er sei aktives Mitglied des FC B. und spiele für diesen Ver-</span><br/> <span class="ft8">ein in der dritten und fünften Liga. Da die Heimspiele auf den</span><br/> <span class="ft8">Kunstrasenplätzen der Sportanlage Gründenmoos ausgetragen wür-</span><br/> <span class="ft8">den, sei es ihm verwehrt, an Heimspieltagen des FC St. Gallen Spiele</span><br/> <span class="ft8">mit seinem Fussballclub zu bestreiten. Dies und der Umstand, dass er</span><br/> <span class="ft8">an den besagten Tagen keine Zeit mit seinem Freundes- und Kolle-</span><br/> <span class="ft8">genkreis verbringen könne, stelle eine Beeinträchtigung dar, die weit</span><br/> <span class="ft8">über das bezweckte Verbot, d.h. den Besuch von Spielen des</span><br/> <span class="ft8">FC St. Gallen, hinausgehe. Konsultiert man die Homepage des FC B.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">162</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">(zuletzt besucht am 1. September 2015) fällt zunächst auf, dass der</span><br/> <span class="ft8">Verein weder eine Mannschaft in der dritten noch in der zweiten Liga</span><br/> <span class="ft8">hat. Die beiden aktiven Mannschaften spielen vielmehr in unter-</span><br/> <span class="ft8">schiedlichen Gruppen in der 4. Liga, wobei die beiden Mannschaften</span><br/> <span class="ft8">seit Beschwerdeeinreichung wohl auf- bzw. abgestiegen sein dürften.</span><br/> <span class="ft8">Bei genauer Betrachtung fällt zudem auf, dass der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft8">weder als Mitglied der 1. Mannschaft noch der 2. Mannschaft aufge-</span><br/> <span class="ft8">führt wird und - soweit ersichtlich - auch keine offizielle Funktion</span><br/> <span class="ft8">innerhalb des Vereins ausübt. Sollte die Behauptung effektiv zutref-</span><br/> <span class="ft8">fen, dass der Beschwerdeführer bei einer der Mannschaften des</span><br/> <span class="ft8">FC B. zum Einsatz kommt, handelt es sich bestenfalls um gelegentli-</span><br/> <span class="ft8">che Aufgebote. Sollte ein derartiges Aufgebot effektiv mit einem</span><br/> <span class="ft8">Heimspiel des FC St. Gallen zusammenfallen, wäre es dem Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer problemlos zumutbar, sich gegebenenfalls bei der</span><br/> <span class="ft8">Kantonspolizei St. Gallen um eine Ausnahmebewilligung zu bemü-</span><br/> <span class="ft8">hen. Nach dem Gesagten ist dem Beschwerdeführer bezüglich Rayon</span><br/> <span class="ft8">A bestenfalls ein kleines privates Interesse an der Aufhebung des Ra-</span><br/> <span class="ft8">yonverbots zuzubilligen.</span><br/> <span class="ft8">5.4.4.</span><br/> <span class="ft8">Zusammenfassend steht fest, dass dem grossen öffentlichen In-</span><br/> <span class="ft8">teresse an der Anordnung eines Rayonverbots lediglich untergeord-</span><br/> <span class="ft8">nete private Interessen gegenüberstehen, weshalb von einem über-</span><br/> <span class="ft8">wiegenden öffentlichen Interesse auszugehen ist und sich das Rayon-</span><br/> <span class="ft8">verbot grundsätzlich als verhältnismässig erweist. Fraglich ist hinge-</span><br/> <span class="ft8">gen, ob dies auch auf die Festlegung des Rayonverbots für die Maxi-</span><br/> <span class="ft8">maldauer von drei Jahren zutrifft. Zwar ist von einer sehr grossen</span><br/> <span class="ft8">Rückfallgefahr auszugehen, dass sich der Beschwerdeführer anläss-</span><br/> <span class="ft8">lich einer Sportveranstaltung erneut einer Zusammenrottung an-</span><br/> <span class="ft8">schliesst und Landfriedensbruch begeht. Nachdem es aber im Rah-</span><br/> <span class="ft8">men des am 18. Oktober 2014 begangenen Landfriedensbruchs nicht</span><br/> <span class="ft8">zu massiven Gewalttätigkeiten oder zu einer erheblichen Gefährdung</span><br/> <span class="ft8">von Leib und Leben gekommen ist und sich die Sachschäden in</span><br/> <span class="ft8">Grenzen halten, wäre die Anordnung eines Rayonverbots für die ma-</span><br/> <span class="ft8">ximal zulässige Dauer von drei Jahren unverhältnismässig. Dies um-</span><br/> <span class="ft8">so mehr, als sich der Beschwerdeführer nicht aktiv an Gewalttätig-</span><br/> <span class="ft8">keiten beteiligt hat und auch kein wiederholter Verstoss gegen das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Polizeirecht</span> <span class="page_no">163</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Konkordat vorliegt. Das verfügte Rayonverbot ist nach dem Gesag-</span><br/> <span class="ft8">ten auf zwei Jahre zu beschränken.</span><br/></div> </div> </body> </html>