Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 22. September 2020 (810 20 137) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Familiennachzug zum Verbleib beim Vater Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, Kantonsri chter Hans Furer, Daniel Ivanov, Claude Jeanneret , Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin Julia Kempfert Beteiligte A.____ , Beschwerdeführer, B.____ , Beschwerdeführer beide vertreten durch Dieter von Blarer, Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal, Beschwerdegegner Betreff Familiennachzug zum Verbleib beim Vater (RRB Nr. 561 vom 28. April 2020) A. Der serbische Staatsangehörige A.____, geboren 1984 , reiste am 18. Februar 2014 in die Schweiz ein, wo er am 28. März 2014 C.____, gebor en 1993, heiratete. Am 28. März 2014 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht wurde A.____ die Aufenthaltsbewilligung ausgestellt u nd am 28. März 2019 erhielt er die Nie- derlassungsbewilligung. B. Der Sohn von A.____, B.____, geboren 2007 und Sta atsangehöriger von Serbien, reich- te am 13. Juni 2019 bei der Schweizer Botschaft in Belgr ad ein Gesuch um Erteilung eines Vi- sums für den langfristigen Aufenthalt ein. C. Zum Gesuch um Familiennachzug von B.____ gewährte das Amt für Migration und Bür- gerrecht des Kantons Basel-Landschaft (AfMB) A.____ mi t Schreiben vom 27. Juni 2019 das rechtliche Gehör. Mit der Einreichung des Formulars "F amiliennachzug für Drittstaatsangehöri- ge" am 18. Juli 2019 machte A.____ von seiner Möglichkeit zur Stellungnahme Gebrauch und beantwortete die ihm unterbreiteten Fragen des AfMB. D. Mit Verfügung vom 30. Oktober 2019 wies das AfMB da s Familiennachzugsgesuch von A.____ ab. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausg eführt, dass die Frist für den Nachzug von B.____ abgelaufen sei und für einen nachträglichen Familiennachzug keine wichtigen fami- liären Gründe gegeben seien. Zudem sei fraglich, ob der Nachzug in die Schweiz überhaupt dem Kindswohl von B.____ entspreche. Weiter sei die Ver weigerung des Familiennachzugs verhältnismässig und ein Härtefall liege nicht vor. E. Gegen die Verfügung des AfMB erhob A.____ mit Ei ngabe vom 13. November 2019 Beschwerde beim Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft (Regierungsrat). Mit Schreiben vom 30. Januar 2020 reichte A.____, nachfolgend vertre ten durch Dieter von Blarer, Advokat, seine Beschwerdebegründung ein. Er beantragte, die Bes chwerde sei gutzuheissen und der Familiennachzug seines Sohnes sei zu bewilligen. Eventuali ter sei die Angelegenheit zur Neu- beurteilung an das AfMB zurückzuweisen. Für die Dauer des Verfahrens sei es B.____ zu be- willigen, sich bei seinem Vater und dessen Ehefrau in der Schweiz aufzuhalten. Auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. Alles unter o/e-Kostenfolge. F. Mit Entscheid vom 28. April 2020 wies der Regierun gsrat die Beschwerde ab. Gleichzei- tig wurde das Gesuch um Erlass der vorsorglichen Massnahme , wonach B.____ das Verfahren betreffend Bewilligung des Familiennachzugs in der S chweiz abwarten dürfe, abgeschrieben. B.____ habe die Schweiz bis spätestens sieben Tage nach Eröffnung des Entscheids zu ver- lassen. A.____ wurden für das Verfahren vor dem Regierungsrat Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 500.-- auferlegt. G. Gegen den Entscheid des Regierungsrates erhoben A.__ __ und B.____ mit Eingabe vom 7. Mai 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-La ndschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht). Sie beantragten, die Beschwerde sei gutzuheissen und es sei B.____ der Familiennachzug zu seinem Vater gemä ss Art. 44 AIG und Art. 47 AIG unter Berücksichtigung von Art. 8 EMRK und Art. 10 KIK zu bewi lligen. Eventualiter sei die Angele- genheit zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverha ltes und zur erneuten Verfügung an die Vorinstanz zurückzuweisen. B.____ sei gemäss Art. 47 Abs. 4 AIG i.V.m. Art. 11 Abs. 2 BV und Art. 12 KRK anzuhören. Es sei eine Hauptverhandlun g in Anwesenheit von A.____ und Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht B.____ durchzuführen. Die Vorinstanz bzw. das AfMB sei i m Sinne einer superprovisorischen Verfügung anzuweisen, von Vollzugsmassnahmen Abstand zu nehmen und B.____ einen pro- visorischen Aufenthaltstitel für einen legalen Aufenthal t während des Verfahrens auszuhändi- gen. Unter o/e-Kostenfolge. Am 2. Juni 2020 reichten A.____ und B.____ ihre Begründung ein. Darin wird zusätzlich beantragt, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen. H. Mit Verfügung vom 9. Juni 2020 wurde das AfMB ange wiesen, für die Dauer des kan- tonsgerichtlichen Beschwerdeverfahrens von Vollzugsmassnahmen bezüglich der Wegweisung von B.____ abzusehen. I. Mit Eingabe vom 30. Juni 2020 liess sich der Regierun gsrat vernehmen und schliesst auf Abweisung der Beschwerde unter o/e-Kostenfolge. J. Mit Verfügung vom 7. Juli 2020 wurde der Fall der Kammer zur Beurteilung überwiesen und festgehalten, dass das Urteil schriftlich eröffnet werde. K. Der Rechtsvertreter von A.____ und B.____ reichte mi t Schreiben vom 14. Juli 2020 seine Honorarnote ein und nahm gleichzeitig Stellung zur Vernehmlassung des Regierungsra- tes. Darin wird unter anderem festgehalten, dass die Kindsmutter bis heute nicht auffindbar sei. L. Am 31. Juli 2020 reichten A.____ und B.____ dem Gericht Screen-Shots des Facebook- Profils von B.____s Mutter ein, welche aufzeigen würden, dass sich diese nicht mehr in Serbien aufhalte. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessord- nung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügun gen und Entscheide des Regierungs- rats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kanto nsgericht zulässig. A.____ war im vor- instanzlichen Verfahren beteiligt, er ist als Adressat vom angefochtenen Beschluss berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung. Er ist folglich legitimiert, die vorliegende Beschwerde zu erheben. Ob B.____, welcher am regierun gsrätlichen Beschwerdeverfahren nicht teilgenommen hat, ebenfalls legitimiert ist, kan n offengelassen werden, zumal B.____ die Beschwerde gemeinsam mit A.____ eingereicht hat. Da die übrigen formellen Voraussetzungen erfüllt sind und sowohl die örtliche als auch die sachliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts gegeben sind, kann auf die vorliegende Beschwerde eingetreten werden. 1.2 Die Beschwerde erweist sich als klarer Fall, weshalb das Kantonsgericht im Zirkulations- verfahren entscheidet (§ 1 Abs. 4 VPO). 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können gemäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Untersch reitung oder Missbrauch so- wie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des S achverhalts gerügt werden. Die Über- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht prüfung der Angemessenheit ist dem Kantonsgericht im vorliegenden Fall verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO). 3. Streitgegenstand bildet die Frage, ob das AfMB da s Gesuch des Beschwerdeführers um Familiennachzug zu Recht abgewiesen und der Regierungsra t diesen Entscheid zu Recht be- stätigt hat. 4. In formeller Hinsicht macht der Beschwerdeführer gel tend, dass B.____ in der vorlie- genden Angelegenheit hätte angehört werden müssen. Gr undsätzlich werden Kinder über 14 Jahre gemäss Art. 47 Abs. 4 des Bundesgesetzes über die Auslä nderinnen und Ausländer und über die Integration (Ausländer- und Integrationsgese tz, AIG) vom 16. Dezember 2005 und Art. 73 Abs. 3 der Verordnung über Zulassung, Aufentha lt und Erwerbsfähigkeit (VZAE) vom 24. Oktober 2007 angehört, sofern dies erforderlich ist. B.____ ist 12 Jahre alt, weshalb sich der Beschwerdeführer vorliegend nicht rechtswirksam auf Art . 47 Abs. 4 AIG berufen kann. Zu be- rücksichtigen ist jedoch, dass gemäss Art. 12 des Übereinkomm ens der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes (UNO-KRK) vom 20. Dezember 1 989 die Vertragsstaaten dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden , das Recht zusichern diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten bzw. Ger ichts- oder Verwaltungsverfahren unmit- telbar oder durch einen Vertreter oder eine geeigne te Stelle frei zu äussern und angehört zu werden. Dies gilt grundsätzlich altersunabhängig. Das B undesgericht hat diesbezüglich festge- halten, dass Art. 12 UNO-KRK einerseits unmittelbar anw endbar ist und dem Kind die darin statuierten Rechte grundsätzlich auch im fremdenpolizeil ichen Verfahren zustehen. Das Kind sei jedoch andererseits nicht zwingend persönlich, sondern lediglich in angemessener Weise anzuhören. Die Anhörung könne je nach der zu behandelnden Problematik und den Umständen des Einzelfalles auch schriftlich oder über einen Vertr eter vorgenommen werden (BGE 124 II 368 E. 3c). Vorliegend ist es dem Vater al s Beschwerdeführer grundsätzlich mög- lich, die Rechte seines Sohnes zu vertreten. Dies gilt umso mehr, als sich in fremdenpolizeili- chen Fällen aufgrund des Interessengleichlaufs der Kind er mit denen der Eltern, nach bundes- und kantonsgerichtlicher Praxis nicht automatisch eine mün dliche Anhörung aufdrängt (vgl. Ur- teil des Bundesgerichts 2C_578/2012 vom 22. Februar 2013 E. 2.4 sowie Urteil des Kantonsge- richts, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht [KGE VV], vom 16. November 2011 [810 11 118] E. 6.3). B.____ wurde weder von den Vorinstan zen noch vom Kantonsgericht persön- lich angehört. In den Eingaben des Beschwerdeführers sow ie im Arztbericht von Dr. med. D.____ vom 21. Januar 2020 kommt jedoch unzweifelhaft zum Ausdruck, dass B.____ mit sei- nem Vater in der Schweiz leben und er nicht mehr zurück nach Serbien möchte. Folglich und unter Berücksichtigung, dass der konventionsrechtliche Gehör sanspruch von Art. 12 UNO-KRK im Ausländerrecht auch schriftlich möglich ist, erfolgte der Verzicht auf die persönliche Anhö- rung zu Recht. 5.1 Nach Art. 43 Abs. 1 AIG haben ausländische Ehegatten und ledige Kinder unter 18 Jah- ren von Personen mit Niederlassungsbewilligung Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewil- ligung, wenn sie mit diesen zusammenwohnen (werden). Nach Art. 47 Abs. 1-3 AIG muss die- ser Anspruch auf Familiennachzug für Kinder unter 12 Jahren innerhalb von 5 Jahren, für Kin- der über 12 Jahren innerhalb von 12 Monaten nach Entste hung des Familienverhältnisses oder Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Erteilung der Aufenthalts- oder Niederlassungsbew illigung geltend gemacht werden. Die Nachzugsfrist für B.____ lief am 27. März 2019 ab, wom it das am 13. Juni 2019 gestellte Ein- reisegesuch verspätet erfolgte. Dies wird auch vom Beschwerdeführer zu Recht nicht bestritten. 5.2 Der Beschwerdeführer macht hingegen geltend, die Erteilung der Niederlassungsbewilli- gung am 28. März 2019 habe eine neue Nachzugsfrist für seinen Sohn ausgelöst. Dem ist je- doch entgegenzuhalten, dass nach herrschender bundesger ichtlicher Rechtsprechung ein Sta- tuswechsel nur dann eine neue Nachzugsfrist auslöst, wenn ein (erstes, erfolgloses) Gesuch mit Bezug auf bloss Aufenthaltsberechtigte fristgerecht gestellt worden war (vgl. BGE 137 II 393 = Pra 101/2012 Nr. 26 E. 3.3; Urteil des Bundesgerich ts 2C_386/2016 vom 22. Mai 2017 E. 2.1). Der Beschwerdeführer hat als Aufenthaltsberec htigter unbestrittenermassen kein Ge- such um Familiennachzug von B.____ gestellt, weshalb sein Statuswechsel bzw. der Erhalt der Niederlassungsbewilligung keine neue Nachzugsfrist ausl öst. Daran ändert auch das Vorbrin- gen des Beschwerdeführers nichts, wonach ein früheres Gesu ch um Familiennachzug offen- sichtlich abgewiesen worden wäre, da er die Voraussetzu ngen nicht habe erfüllen können und die Mutter von B.____ bis Ende 2018 verhindert habe, dass B.____ zu seinem Vater habe rei- sen dürfen (Urteil des Bundesgerichts 2C_1154/2016 vom 2 5. August 2017 E. 2.3 ff.). Gestützt auf Art. 47 Abs. 1-3 AIG vermag der Beschwerdeführer som it keinen Nachzugsanspruch zu begründen. 6.1 Im Folgenden ist damit zu prüfen, ob die Vorausset zungen für einen nachträglichen Fa- miliennachzug im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG erfüll t sind. In diesem Zusammenhang rügt der Beschwerdeführer eine willkürliche Sachverhaltsfeststellung sowie (implizit) eine falsche rechtli- che Würdigung, indem die Vorinstanz das Vorliegen wichtiger familiärer Gründe für den verspä- teten Familiennachzug verneint habe. Des Weiteren ma cht er eine Verletzung des Schutzes des Privat- und Familienlebens (Art. 8 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten [EMRK] vom 4. November 1950 und Art. 13 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft [BV] vom 18. April 1999) geltend. 6.2 Wichtige familiäre Gründe im Sinne von Art. 47 A bs. 4 AIG liegen vor, wenn das Kinds- wohl nur durch einen Nachzug in die Schweiz gewahrt wer den kann (Art. 75 VZAE). Entgegen dem Wortlaut dieser Verordnungsbestimmung ist dabei n ach der Rechtsprechung jedoch nicht ausschliesslich auf das Kindswohl abzustellen; es bedarf vielm ehr einer Gesamtschau unter Berücksichtigung aller relevanten Elemente im Einzelfall (Urteil des Bundesgerichts 2C_888/2011 vom 20. Juni 2012 E. 3.1). Dabei ist dem Sinn und Zweck der Fristenregelung Rechnung zu tragen, welche die Integration der Kinder erleichtern will, indem diese durch einen frühzeitigen Nachzug unter anderem auch eine möglich st umfassende Schulbildung in der Schweiz geniessen sollen. Zudem geht es darum, Nachzugsg esuchen entgegenzuwirken, die rechtsmissbräuchlich erst kurz vor Erreichen des erwerbstäti gen Alters gestellt werden und bei denen die erleichterte Zulassung zur Erwerbstätigkeit und nicht (mehr) die Bildung einer echten Familiengemeinschaft im Vordergrund steht (vgl. Urteile des Bundesgerichts 2C_467/2016 vom 13. Februar 2017 E. 3.1.2 und 2C_176/2015 vom 27. A ugust 2015 E. 3.1). Die Bewilligung des Nachzugs nach Ablauf der Fristen hat nach dem Willen de s Gesetzgebers die Ausnahme zu bleiben; dabei ist Art. 47 Abs. 4 Satz 1 AIG bzw. Art. 73 Abs. 3 VZAE jeweils aber dennoch so Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht zu handhaben, dass der Anspruch auf Schutz des Familienl ebens nach Art. 8 EMRK bzw. Art. 13 BV nicht verletzt wird (Urteil des Bundesgerich ts 2C_97/2013 vom 26. August 2013 E. 2.3 mit Hinweisen). 6.3 Ein wichtiger Grund liegt etwa vor, wenn die weit erhin notwendige Betreuung der Kinder im Herkunftsland z.B. wegen des Todes oder der Krankheit der betreuenden Person nicht mehr gewährleistet ist. Praxisgemäss liegen keine solchen Grün de vor, wenn im Heimatland alterna- tive Pflegemöglichkeiten bestehen, die dem Kindswohl besse r entsprechen, weil dadurch ver- mieden werden kann, dass die Kinder aus ihrer bisherige n Umgebung und dem ihnen vertrau- ten Beziehungsnetz gerissen werden. An den Nachweis der fehlenden Betreuungsmöglichkeit im Heimatland stellt die Rechtsprechung umso höhere An forderungen, je älter das nachzuzie- hende Kind ist und je grösser die Integrationsschwierigke iten erscheinen, die ihm hier drohen (Urteile des Bundesgerichts 2C_276/2011 vom 10. Oktober 2011 E. 4.1 und 2C_132/2012 vom 19. September 2012 E. 2.3.1). Allerdings geht es inha ltlich nicht darum, dass alternative Be- treuungsmöglichkeiten im Heimatland überhaupt fehlen; d.h. es ist nach der Rechtsprechung mit Art. 8 EMRK nicht vereinbar, einen Familiennachzug erst dann zuzulassen, wenn keine ein- zige andere Alternative zur Betreuung des Kindes in sein em Heimatland zur Verfügung steht. Eine solche Alternative muss aber dann ernsthaft in Bet racht gezogen und sorgfältig geprüft werden, wenn das Kind bereits älter ist, sich seine Inte gration schwieriger gestalten dürfte und die zum in der Schweiz lebenden Elternteil aufgenom mene Beziehung noch nicht allzu eng er- scheint (BGE 133 II 6 E. 3.1.2). Hat das Kind nur noch einen Elternteil, kann in der Regel nicht angenommen werden, dass es in seinem Interesse liegt, von diesem Elternteil getrennt zu le- ben; ferner ist eine gewisse kulturelle und soziale Entw urzelung jeder familiären Umgliederung immanent und kann nicht a priori gegen den Familienna chzug sprechen (Urteil des Bundesge- richts 2C_247/2012 vom 2. August 2012 E. 3.3). 6.4.1 Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor , dass er seinen Sohn zu sich ge- nommen habe, da die Mutter von B.____ im November 20 19 nicht mehr auffindbar und B.____ meistens bei der Grossmutter väterlicherseits gewesen sei . Die Grossmutter sei die einzige Verwandte, welche B.____ in Serbien kenne, diese könne sich jedoch aus gesundheitlichen Gründen nicht um B.____ kümmern und wohne nicht in ei nem kindgerechten Umfeld. Zudem sei die Grossmutter nie eine Konstante in B.____s Leben gewesen, er sei nur von seiner Mutter betreut worden. Seine Mutter habe ihn jedoch immer häufiger zu seiner Grossmutter gebracht, bevor sie mit ihrem neuen Partner verschwunden sei. Eine Rückkehr nach Serbien würde für B.____ eine Retraumatisierung bedeuten. Er müsste ohne Eltern und mit einer für eine adäqua- te Betreuung unfähigen Grossmutter leben. Im Übrigen sei zu berücksichtigen, dass sich B.____ hier in der Schule gut integriert habe, währ end in Serbien aufgrund der Situation seine schulischen Leistungen schlechter geworden seien, er nicht mehr im Fussballtraining erschie- nen sei und an Gewicht zugenommen habe. Es liege im Interesse von B.____, bei seinem Va- ter in der Schweiz leben zu können. Zudem sei am 12. Ap ril 2020 die Tochter des Beschwerde- führers bzw. die Halbschwester von B.____ in der Schweiz zur Welt gekommen. Es reiche nicht aus, dass der Regierungsrat die Schilderungen des Beschwe rdeführers als abenteuerlich oder unglaubwürdig bezeichne. Er hätte vielmehr selber Bem ühungen anzustellen gehabt, um die Situation in Serbien bzw. alternative Betreuungsmöglich keiten für B.____ nachzuweisen. Es Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht wäre an den Vorinstanzen gelegen, die Fakten glaubwürdig zu widerlegen und Abklärungen vor Ort durchzuführen. 6.4.2 Die Vorinstanz hat in ihrem Urteil darauf abge stellt, dass entgegen dem Vorbringen des Beschwerdeführers der Umstand, dass B.____ in Serbien nicht mit seiner Mutter zusammenle- ben bzw. von dieser betreut werden könne, keinen wichtigen Grund im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG darstelle, zumal dieser Grund durch die Kindseltern herbeigeführt worden sei. Bei den in der Rechtsprechung bejahten wichtigen Gründen für ein en nachträglichen Familiennachzug handle es sich um Gründe, die von den Kindseltern nicht beeinflussbar seien. Die Kindseltern hätten gemeinsam beantragt, das Sorgerecht von der Mu tter auf den Vater zu übertragen und das serbische Gericht habe diesem Antrag stattgegeben, oh ne zu prüfen, ob sich ein Wegzug von B.____ zu seinem Vater in die Schweiz mit dem Kin dswohl vereinbaren lasse. Die für die Sorgerechtsumteilung geltend gemachten Gründe würden einen nachträglichen Familiennach- zug nicht rechtfertigen. Für das serbische Gericht sei ein zig die finanzielle Situation der Eltern ausschlaggebend gewesen, jedoch habe B.____ während mehr als 12 Jahren mit seiner Mutter zusammen in Serbien gewohnt und sei das erste Mal im Ap ril 2019 in der Schweiz bei seinem Vater gewesen. Vor diesem Hintergrund könne nicht ange nommen werden, B.____ habe seit jeher eine intensivere Verbundenheit zum Vater als zu seiner Mutter. Weiter sei die dramatische Schilderung der (Wohn)-Situation von B.____ bei seiner Mutter bzw. bei seiner Grossmutter in Serbien unglaubwürdig. Diese Situation sei in der St ellungnahme des Beschwerdeführers zum rechtlichen Gehör nicht angeführt worden. Er habe nicht erwähnt, dass die Kindsmutter in einer neuen Partnerschaft lebe und ihr Partner von B.____ nichts wissen wolle, weshalb sich auch die Mutter nicht mehr um B.____ kümmere, ihn bei der Grossmutter lasse und nicht mehr abho- le. Diese Gründe seien erst im verwaltungsinternen Besch werdeverfahren vorgebracht worden und würden darauf hindeuten, dass ein wichtiger famil iärer Grund habe gefunden werden müs- sen. Die Berufung auf diese Gründe erweise sich als tre uwidrig. Schliesslich würden die öffent- lichen Interessen das private Interesse des Beschwerdeführ ers, seinen Sohn bei sich in der Schweiz zu haben, überwiegen und es liege kein Härtefall vor. 6.5.1 Die Vorinstanz geht offenbar davon aus, dass die Argumentation des Beschwerdefüh- rers nur vorgeschoben und eine Betreuungsmöglichkeit für B.____ gegeben sei. Den Akten lässt sich dazu allerdings nichts entnehmen. Zwar wird vom Beschwerdeführer nicht vorge- bracht, dass B.____ verwahrlost sei, seit seine Mutter i hn verlassen und er bei seiner Gross- mutter väterlicherseits gelebt habe. Er macht jedoch gel tend, dass sich B.____ seit dem Ver- schwinden seiner Mutter in der Schule verschlechtert ha be und nicht mehr in sein Fussballtrai- ning gegangen sei. Zudem habe B.____ in der Zeit, b is er von seinem Vater in die Schweiz ge- holt worden sei, 10 kg zugenommen, da er sich selber ver sorgt und auf Fastfood zurückgegrif- fen habe. Berichte zum Gesundheitszustand der Mutter des B eschwerdeführers oder zu ihrer Wohnsituation befinden sich keine in den Akten. Trotz der vorstehenden Berichte und fehlender Hinweise auf eine kindsgerechte Betreuungssituation in Serbien ist die Vorinstanz ohne weitere Abklärungen davon ausgegangen, die Betreuung habe bi sher funktioniert und sei auch in Zu- kunft gewährleistet. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.5.2. Der Beschwerdeführer macht geltend, dass weder B .____ noch die Kindsmutter Kontakt zu deren Eltern hätten und B.____ von diesen nicht be treut werden könne. Weiter gibt der Be- schwerdeführer an, die einzige noch in Serbien lebende Verwandte, welche Kontakt zu B.____ habe, sei die Mutter des Beschwerdeführers, welche einer seits nicht in der Lage sei, sich um ihren Enkel zu kümmern, und andererseits dies auch nicht w olle. Ob in Serbien tatsächlich Be- zugspersonen da sind, die B.____ betreuen könnten, erscheint damit unklar. 6.5.3 Der Beschwerdeführer verweist weiter zum einen a uf die Erklärung der Kindsmutter vom 7. Juni 2019, mit welcher sie zustimmt, dass B.____ in d ie Schweiz zu seinem Vater reisen kann, um dort bei diesem zu leben. Zum anderen bezieht er sich auf das Urteil des Amtsge- richts in E.____, Aussenstelle in F.____, vom 22. November 2019, mit welchem dem Be- schwerdeführer die alleinige elterliche Sorge über B.____ zugeteilt und dessen Wohnsitz an die Adresse des Beschwerdeführers verlegt wurde. Dazu führt d er Beschwerdeführer aus, die Mut- ter von B.____ sei seit dem Termin beim Gericht verschwun den und habe ohne Absprache mit dem Beschwerdeführer gehandelt. Mit grosser Wahrscheinlichkeit habe sich die Kindsmutter zu ihrem neuen Partner nach Frankreich abgesetzt und zeig e kein Interesse mehr an der Betreu- ung ihres Sohnes. 6.5.4 Die Vorinstanz macht in diesem Zusammenhang gelt end, dass der Beschwerdeführer das alleinige Sorgerecht über B.____ nur erhalten habe, weil seine finanziellen Verhältnisse viel besser seien als diejenigen der Kindsmutter. Eine untr agbare Betreuungssituation bei der Kindsmutter sei nicht der Grund dieser Sorgerechtsumtei lung gewesen. Der Vorinstanz ist da- bei Recht zu geben, dass dem Urteil des Amtsgerichts vom 22. November 2019 keine Hinweise auf Erziehungs- oder Betreuungsschwierigkeiten der Kind smutter zu entnehmen sind. Die Kindsmutter hat jedoch mit Schreiben vom 7. Juni 2019 ihre Zustimmung zum Wohnortswech- sel von B.____ erteilt und sich sodann der Betreuung von B.____ entzogen. Diesbezüglich legt der Beschwerdeführer dar, dass die Kindsmutter B.____ a b September 2019 zunehmend bei der Grossmutter abgegeben habe und im November 2019 ni cht mehr auffindbar gewesen sei, worauf der Beschwerdeführer B.____ sofort in die Schw eiz geholt habe. Seit der Gerichtsver- handlung vom 22. November 2019 habe der Beschwerdefüh rer nichts mehr von der Kindsmut- ter gehört. Dem Anwalt der Kindsmutter sei es ebenfall s nicht gelungen, mit ihr Kontakt aufzu- nehmen (vgl. Schreiben des Anwalts vom 13. Dezember 201 9). Gestützt auf die vorliegenden Akten entsteht der Eindruck, dass sich die Betreuungssituatio n und damit die Lebensumstände in Serbien für B.____ ab September 2019 zunehmend v erschlechtert haben. Dem Bericht der Klassenlehrerin vom 8. November 2019 ist zu entnehmen, dass sich B.____ zurückgezogen habe und desinteressiert sowie demotiviert geworden sei. Der Fussballtrainer von B.____ be- richtet in seinem Schreiben vom 6. November 2019, dass si ch der Zustand von B.____ ver- schlechtert habe und er nicht mehr in die Trainingsstun den komme, obwohl er sehr gerne Fussball spiele. Zudem habe B.____ stark zugenommen, er grenze sich ab und ziehe sich zu- rück. Der Trainer habe sich schon im April 2019 grosse Sor gen gemacht und den Beschwerde- führer über B.____s Zustand informiert. Beide Berichte über B.____ legen eine negative Verän- derung in B.____s Leben nahe. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.5.5 Angesichts der klaren Zustimmung der Mutter zum We gzug von B.____, der rechtskräf- tigen Sorgerechtsumteilung auf den Beschwerdeführer, der unklaren Situation bei der Gross- mutter, der Berichte der Lehrerin bzw. des Trainers in Serbien und des Schreibens des Anwalts der Mutter, ist fraglich, ob in Zukunft eine Betreuung des 12-jährigen B.____ in seinem Heimat- land gewährleistet ist. 6.6 Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung ist ein nachträg licher Familiennachzug nicht aus- geschlossen, wenn dies dem Kindswohl besser entspricht (E. 6.3). B.____ ist seit November 2019 in der Schweiz und wohnt bei seinem Vater, dessen Ehefrau und seiner Halbschwester. Er besucht die Integrationsklasse in G.____. Dort fügt er sich gut ein und ist motiviert, die deut- sche Sprache zu lernen (vgl. Kurzbericht der Klassenlehrper son vom 29. April 2020). Die Vo- rinstanz hält fest, dass die Berufung des Beschwerdeführers auf eine Änderung der Betreu- ungsverhältnisse in Serbien sich als treuwidrig erweise, d a sie nicht auf einen externen Grund zurückzuführen sei, sondern einzig auf dem Willen und Vor gehen der Kindseltern beruhe. Die- ser Erwägung ist entgegenzuhalten, dass sie auf einem in Bezug auf das Kindswohl nicht rechtsgenüglich festgestellten Sachverhalt basiert. Im vo rliegenden Fall bestehen besondere Umstände, zumal die Mutter, welche die elterliche Sorge über B.____ nicht mehr innehat, seit November 2019 angeblich verschwunden ist und die Grossmu tter, bei welcher sich B.____ bis zu seiner Einreise in die Schweiz aufgehalten habe, gemäss den sich in den Akten befindlichen Dokumenten weder willens noch fähig zu sein scheint, ihren Enkel zu betreuen. Gleichzeitig lebt der sorgeberechtigte Beschwerdeführer mit seiner Ehefr au und der gemeinsamen Tochter zu- sammen in der Schweiz. Ob und wie die Betreuung von B.____ in Serbien für die Zukunft si- chergestellt ist, wurde von den Vorinstanzen nicht näher abgeklärt. Unter diesen Umständen ist unklar, ob das Kindswohl bei einer Rückkehr in die Heimat besser gewahrt würde als bei einem Verbleib in der Schweiz. Die Angelegenheit ist daher a n das AfMB zurückzuweisen, um abzu- klären, ob eine das Kindswohl wahrende Betreuung von B. ____ in Serbien gewährleistet ist. Erst wenn dies erstellt ist, wird sich zeigen, ob wichtig e Gründe für den nachträglichen Famili- ennachzug im Sinne von Art. 47 Abs. 4 AIG gegeben sind . Das AfMB wird dabei die aktuellen und zukünftigen Betreuungsverhältnisse in Serbien genau zu prüfen haben, wobei dem Be- schwerdeführer eine Mitwirkungspflicht obliegt (Art. 90 AIG). 7. Die Beschwerde erweist sich damit als begründet und ist entsprechend gutzuheissen. Das angefochtene Urteil ist aufzuheben und die Sache zu r Vornahme zusätzlicher Sachver- haltsabklärungen und zu neuem Entscheid im Sinne der Er wägungen an das AfMB zurückzu- weisen. 8.1 Es bleibt über die Kosten des vorliegenden Verfa hrens zu entscheiden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht koste npflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren sowie die Beweiskosten und werden in der Regel der unterlie- genden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt (§ 20 Ab s. 3 VPO). Vorliegend sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'400.-- dem Regi erungsrat aufzuerlegen. Der Kosten- vorschuss in der Höhe von Fr. 2'100.-- ist dem Beschwerdeführer zurückzubezahlen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann g estützt auf § 21 Abs. 1 VPO für den Beizug einer Anwältin bzw. eines Anwalts eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Entsprechend dem Ausg ang des vorliegenden Verfahrens ist dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung zulast en des Regierungsrates zuzuspre- chen. In seiner Honorarnote vom 14. Juli 2020 macht de r Rechtsvertreter des Beschwerdefüh- rers für das Verfahren vor dem Kantonsgericht einen Auf wand von 17.16 Stunden à Fr. 230.-- geltend, was angemessen erscheint. Folglich hat der Regi erungsrat dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 4'361.80 (inkl. Auslagen und 7.7% MWST) zu bezahlen. 8.3 Die Angelegenheit ist zur Neuverlegung der Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens an den Regierungsrat zurückzuweisen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und der Entsc heid des Regierungsra- tes des Kantons Basel-Landschaft vom 28. April 2020 wird aufgehoben. Die vorliegende Angelegenheit wird zur Neubeurteilun g im Sinne der Erwägungen an das Amt für Migration und Bürgerrecht zurückgewiesen. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Koste n des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat des Kantons Basel-La ndschaft zurückgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'400.-- w erden dem Regie- rungsrat auferlegt. Der Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 2'100.-- wird dem Beschwerdeführer zurückerstattet. 4. Der Regierungsrat hat dem Beschwerdeführer eine Pa rteientschädigung in der Höhe von Fr. 4'361.80 (inkl. Auslagen und 7.7% MWST) zu bezah- len. Präsidentin Gerichtsschreiberin