Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 22. Dezember 2016 (720 16 66 / 342) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Gutheissung der Beschwerde. Der Schaden ist im gelt end gemachten Umfang beweis- mässig ausreichend erstellt und steht in einem direkten Kausalzusammenhang mit einem rechtswidrigen Verhalten der IV-Stelle. Die Vaudoise hat den Anspruch ausserdem recht- zeitig geltend gemacht. Die IV-Stelle haftet gestüt zt auf Art. 78 ATSG und wird verpflich- tet, der Vaudoise den Betrag von Fr. 15'960.50 zuzü glich Zins zu 5 % seit dem 1. August 2010 zu bezahlen. Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantonsrich- ter Beat Hersberger, Gerichtsschreiberin Olivia Reber Parteien Vaudoise Allgemeine Versicherungs -Gesellschaft AG , Place de Milan, Case postale 120, 1001 Lausanne, Beschwerdeführerin gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Haftung nach Art. 78 ATSG Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A.1 Der Versicherte A.____ erlitt im Jahr 1997 einen V erkehrsunfall und bezog in der Folge vom 11. Januar 1997 bis zum 31. Juli 2008 Taggelder d er Vaudoise Allgemeine Versicherungs- Gesellschaft AG (Vaudoise). Am 24. November 1999 meldete er sich ausserdem bei der Eidge- nössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Mittels Verfügungen vom 4. Juli 2008 sprach die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stell e) A.____ mit Wirkung vom 1. November 1998 bis 31. Mai 2004 eine ganze Rente und ab 1. Juni 2004 eine unbefristete Viertelsrente zu. Die Viertelsrente wurde inzwischen per Oktober 2010 eingestellt. A.2 Die Verfügungen vom 4. Juli 2008 wurden der Vaud oise zunächst nicht eröffnet. Nach- dem die Vaudoise aber über den Regressdienst vom Erlass der Verfügungen erfahren hatte, verlangte sie am 8. August 2008 die Zustellung der Verf ügungen. Die Verfügungen wurden ihr daraufhin am 11. August 2008 zugestellt. Mit Schreib en vom 18. August 2008 bestätigte die Vaudoise der IV-Stelle den Erhalt der Verfügungen und teilte mit, dass sie während der die Ver- fügung betreffenden Zeit ebenfalls Leistungen erbracht habe, so dass sie vor Auszahlung des Rückstandes um Zustellung eines Verrechnungsantrages ersuche. Weil der Ausgleichskasse Basel-Stadt (Ausgleichskasse) nicht b ekannt gewesen war, dass die Vaudoise eine Überversicherung geltend machen wollte, wurden ein entsprechender Anspruch nicht geprüft und die rückwirkend zugesprochenen Rentenl eistungen vollumfänglich an den Versicherten ausbezahlt. Am 3. Oktober 2008 teilte die Vaudoise der IV-Stelle mit, dass sie ihr demnächst einen Verrechnungsantrag zukommen lasse, da e ine Überversicherung zu Gunsten der Vaudoise bestehe. Unter Bezugnahme auf das Schreibe n vom 3. Oktober 2008 reichte die Vaudoise am 30. März 2009 die Überentschädigungsberechnung ein und bat um möglichst bal- dige Überweisung von Fr. 295‘280.65. Auf entsprechend es Ersuchen der Vaudoise vom 26. Juni 2009 hin erklärte die IV-Stelle mit Schreiben vom 3. Juli 2009 ihren Verzicht auf die Einrede der Verjährung bis 30. Juni 2010. Mit Schreiben vom 21. August 2009 stellte sich die IV-Stelle auf den Standpunkt, dass der Vau- doise die Verfügungen mit dem Vermerk der Auszahlung an den Versicherten zugestellt worden seien. Da die Vaudoise diese Verfügungen nicht angef ochten habe, seien sie in Rechtskraft erwachsen, so dass keine Ansprüche gegenüber der IV-Stel le bestünden. Ein allfälliger Rück- erstattungsanspruch müsse gegenüber dem Versicherten g eltend gemacht werden. Mit Schrei- ben vom 6. November 2009 teilte die Vaudoise der IV-St elle mit, dass ihres Erachtens unter den gegebenen Umständen eine Haftung der IV-Stelle g egeben sei, weshalb sie eine Rückfor- derung von Fr. 152‘374.-- geltend mache. In der Folge sind jeweils vor Ablauf der entsprechenden Fristen alljährlich regelmässig Ver- zichtserklärungen in Bezug auf die Verjährungseinrede ei ngeholt bzw. abgegeben worden. Mit Schreiben vom 13. Januar 2011 verlangte die Vaudoise vo n der IV-Stelle erstmals eine be- schwerdefähige Verfügung in Bezug auf den Rückforderungsanspruch. Die IV-Stelle lehnte dies aber mit Schreiben vom 15. Februar 2011 ab mit der Begründung, dass der Schaden noch nicht bezifferbar sei, solange nicht feststehe, wie die Verhand lungen der Vaudoise mit dem Versi- cherten über die Rückerstattung der von ihm bezogenen Le istungen ausgehen würden. Am 6. August 2014 informierte die Vaudoise die IV-Stelle dahingehend, dass sie beabsichtige, mit Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht dem Versicherten betreffend die Überentschädigung einen Vergleich abzuschliessen, wobei sie den regressierten Betrag von ihrem Überentschädigungsan spruch abziehen würde. Ferner schlug die Vaudoise vor, zur Frage der Haftung bei eine m Rechtsanwalt in X.____ gemeinsam ein neutrales Rechtsgutachten in Auftrag zu geben. Di e IV-Stelle lehnte dies jedoch mit Schrei- ben vom 25. August 2014 unter Verweis auf die nach wie vor unklare Bezifferung des Schadens ab. Am 20. Oktober 2015 bat die Vaudoise die IV-Stelle um den Erlass einer formellen Verfügung im Sinne von Art. 78 Abs. 2 ATSG. Als Schaden machte si e einen Betrag von Fr. 15‘960.50 zuzüglich Zinses zu 5% seit 1. August 2010 geltend. Diese r Restbetrag sei die Differenz zwi- schen der Überentschädigung im Umfang von Fr. 25‘960.5 0 und den vom Versicherten zurück- gezahlten Fr. 10‘000.--. Beim Vergleich habe der Ver sicherte ausserdem auf ein IV-Kapital ge- genüber der Vaudoise verzichtet. Dem Schreiben legte d ie Vaudoise ferner eine Kopie des ein- geholten Rechtsgutachtens zur Haftungsfrage bei und beantragte den Erlass einer beschwerde- fähigen Verfügung. Mit Schreiben vom 10. Dezember 201 5 erachtete die IV-Stelle die Überent- schädigungsrechnung als nicht nachvollziehbar, weshalb sie sich ausserstande sehe, eine Ver- fügung zu erlassen. Schliesslich verlangte die Vaudoise am 7. Januar 2016 bis spätestens am 31. Januar 2016 eine anfechtbare Verfügung, ansonsten sie rechtlich vorgehen müsse. A.3 Mit Verfügung vom 28. Januar 2016 lehnte die IV- Stelle eine Haftung gestützt auf Art. 78 ATSG ab. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausge führt, dass die Vaudoise bereits die Verfügung vom 4. Juli 2008 hätte anfechten können bzw. m üssen, wenn sie mit deren Inhalt nicht einverstanden gewesen sei. Des Weiteren sei das Beg ehren der Vaudoise um Schaden- ersatz nicht innert eines Jahres seit Kenntnis des Schadens gestellt worden. Ausserdem müsse das Vorliegen eines Schadens ohnehin verneint werden. Selbst wenn eine Überentschädigung vorgelegen hätte, habe die Vaudoise den Kausalzusamme nhang durch den Abschluss des Vergleichs unterbrochen. B. Hiergegen erhob die Vaudoise am 24. Februar 2016 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Ka ntonsgericht). Darin beantragte sie, die Verfügung der SVA Basel-Landschaft vom 28. Januar 2016 sei aufzuheben und die Haftung der IV-Stelle Basel-Landschaft gestützt auf Art. 78 A TSG zu bestätigen. Die SVA Basel- Landschaft sei zu verpflichten, der Vaudoise Fr. 15‘960. 50 samt Zins von 5% seit dem 1. Au- gust 2010 als Überversicherung zu überweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Las- ten der Beschwerdegegnerin. Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor, dass sie als bekannter zuständiger UVG-Versicherer trotz Art. 49 Ab s. 4 ATSG keine Kopie der Verfügung vom 4. Juli 2008 erhalten habe, obwohl diese Verfügung en zum Teil ausdrücklich auf ihren Ak- ten basierten. Ein allfälliges Rechtsmittel gegen die Verfügung hätte nichts geändert, da der Rentenrückstand dem Versicherten am 4. Juli 2008 ausbeza hlt worden sei. Das eingeholte neutrale Rechtsgutachten von Herrn B.____, Rechtsanwalt, vom 7. Oktober 2015 halte fest, dass die IV-Stelle widerrechtlich agiert und folglich der Vaudoise einen Schaden provoziert ha- be. Von einem Unterbruch des Kausalzusammenhangs könne n icht gesprochen werden, da es sich um einen unpräjudiziellen Vergleich gehandelt habe. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht C. In ihrer Vernehmlassung vom 26. April 2016 schloss di e IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde. D. In einem zweiten Schriftenwechsel hielten die Besch werdeführerin mit Replik vom 31. Mai 2016 und die Beschwerdegegnerin mit Duplik vom 2. Juni 2016 an ihren eingangs ge- stellten Rechtsbegehren fest. E. Anlässlich der ersten Urteilsberatung vom 1. Septemb er 2016 beschloss das Kantons- gericht, den Fall auszustellen und den Parteien Gelegen heit zu geben, zur Frage der örtlichen Zuständigkeit Stellung zu nehmen. Sobald die Stellungn ahmen der Parteien vorliegen würden, werde ein Meinungsaustausch mit dem Versicherungsgericht des Kantons Waadt durchgeführt. F. Nachdem sowohl die Beschwerdegegnerin am 21. Septe mber 2016 als auch die Be- schwerdeführerin am 28. September 2016 das Kantonsgeri cht des Kantons Basel-Landschaft für örtlich zuständig erachteten, verzichtete das Kantonsgericht auf den Meinungsaustausch mit dem Versicherungsgericht des Kantons Waadt und setzte die heutige zweite Urteilsberatung an. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes üb er die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. 1.2 Gemäss Art. 78 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Al lgemeinen Teil des Sozialversi- cherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 sind für Schäden , die von Durchführungsorganen oder einzelnen Funktionären von Versicherungsträgern ein er versicherten Person oder Dritten widerrechtlich zugefügt wurden, diejenigen Versicherungs träger haftbar, die für diese Organe verantwortlich sind. Ein Versicherungsträger, der gegen e inen anderen Versicherungsträger Haftungsansprüche geltend machen will, gilt als Drittper son und ist somit grundsätzlich legiti- miert (UELI KIESER , ATSG-Kommentar, 3. Auflage, Bern/St. Gallen/Zürich 2015, N 28 zu Art. 78 ATSG). Die Legitimation der Vaudoise ist damit zu bej ahen. Gemäss Abs. 2 der genannten Be- stimmung entscheidet die entsprechende Behörde mittel s Verfügung. Diese Verfügung ist auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg anfechtbar, wobei ge mäss Art. 78 Abs. 3 ATSG kein Ein- spracheverfahren durchgeführt wird. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.3 Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erho bene – Beschwerde vom 24. Februar 2016 ist demnach einzutreten. 2. Materiell streitig und im Folgenden zu prüfen ist, ob die IV-Stelle eine Haftung gestützt auf Art. 78 ATSG zu Recht abgelehnt hat. 3.1 Nach Art. 78 ATSG haften für Schäden, die von Du rchführungsorganen oder einzelnen Funktionären von Versicherungsträgern einer versicherten Person oder Dritten widerrechtlich zugefügt wurden, die öffentlichen Körperschaften, privaten Trägerorganisationen oder Versiche- rungsträger, die für diese Organe verantwortlich sind ( Abs. 1). Die zuständige Behörde ent- scheidet durch Verfügung über Ersatzforderungen (Abs. 2). Die subsidiäre Haftung des Bundes für ausserhalb der ordentlichen Bundesverwaltung stehen de Organisationen richtet sich nach Art. 19 des Verantwortlichkeitsgesetzes (VG) vom 14. Mä rz 1958 (Abs. 3). Für die Verfahren nach den Abs. 1 und 3 gelten die Bestimmungen dieses Ge setzes. Ein Einspracheverfahren wird nicht durchgeführt. Die Art. 3-9, 11, 12, 20 Ab s. 1, 21 und 23 VG sind sinngemäss an- wendbar (Abs. 4). Personen, die als Organe oder Funkti onäre eines Versicherungsträgers, ei- ner Revisions- oder Kontrollstelle handeln oder denen d urch die Einzelgesetze bestimmte Auf- gaben übertragen wurden, unterliegen der gleichen st rafrechtlichen Verantwortlichkeit wie Be- hördenmitglieder und Beamte nach dem Strafgesetzbuch (Abs. 5). 3.2 Die Haftung gemäss Art. 78 ATSG ist subsidiärer Nat ur, das heisst dass sie nur zur An- wendung gelangen kann, wenn der geltend gemachte Ansp ruch nicht durch die gewöhnlichen Verwaltungs- und Gerichtsverfahren im Bereich der Sozialve rsicherung erlangt werden kann oder beim Fehlen einer speziellen sozialversicherungsrechtl ichen Haftungsnorm (K IESER , ATSG-Kommentar, N 7 zu Art. 78). Sie setzt voraus, dass eine versicherte Person oder ein Drit- ter Schaden erlitten hat. Da es sich um eine Kausalhaf tung handelt, ist zwar ein natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang zwischen der Handlung und dem Schaden vorausgesetzt, nicht aber ein Verschulden eines Organs der Versicherungseinrichtung. 3.3 Gemäss Art. 20 Abs. 1 VG erlischt die Haftung des B undes (Art. 3 ff.), wenn der Ge- schädigte sein Begehren auf Schadenersatz oder Genugtuu ng nicht innert eines Jahres seit Kenntnis des Schadens einreicht, auf alle Fälle nach zehn Jahren seit dem Tage der schädi- genden Handlung des Beamten. 4.1 Art. 1 lit. c ATSG legt fest, dass dieses Gesetz di e sozialversicherungsrechtlichen Leis- tungen aufeinander abstimmt. Hierzu hat der Gesetzgeber in den Art. 63 ff. ATSG entsprechen- de allgemeine Koordinationsbestimmungen erlassen. Die se befassen sich mit der intersystemi- schen Koordination, also mit den Leistungen verschiedener Sozialversicherer (vgl. Art. 63 Abs. 1 ATSG). Art. 69 Abs. 1 ATSG bestimmt, dass das Zusam mentreffen von Leistungen ver- schiedener Sozialversicherungen nicht zu einer Überentschä digung der berechtigten Person führen darf. Bei der Berechnung der Überentschädigung werden deshalb nur Leistungen glei- cher Art und Zweckbestimmung berücksichtigt, die der ansp ruchsberechtigten Person auf Grund des schädigenden Ereignisses gewährt werden. Sind Leistungen nicht kongruent, d.h. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht fehlt es an der ereignisbezogenen, personellen, sachlichen und zeitlichen Übereinstimmung, so sind sie kumulativ zu erbringen (vgl. KIESER , ATSG-Komm., N 22 zu Art. 68). 4.2 Im vorliegenden Fall interessiert aus koordination srechtlicher Sicht die Kollision von Invalidenrente und UVG-Taggeld. Art. 68 ATSG bestimmt , dass Taggelder unter Vorbehalt der Überentschädigung kumulativ zu Renten anderer Sozialversic herungen gewährt werden. Mit dieser Bestimmung wird insbesondere zum Ausdruck gebracht, dass Taggelder und Renten auch dann kumulativ zu erbringen sind, wenn sie auf den selben Versicherungsfall zurückzufüh- ren, mithin kongruent sind. Eine Invalidenrente und ei n UVG-Taggeld können somit unter Vor- behalt einer Überentschädigungskürzung im Sinne von Art . 69 Abs. 2 ATSG kumuliert werden, wobei der Unfallversicherer nachrangig leistet und sein Taggeld gegebenenfalls kürzt (vgl. GUSTAVO SCARTAZZINI /M ARC HÜRZELER , Bundessozialversicherungsrecht, 4. Auflage, Ba- sel 2012, S. 725; vgl. ferner BGE 121 V 132 E. 2b). 5.1 Im Zusammenhang mit der Subsidiarität der Haftung snorm (vgl. E. 3.2 hiervor) macht die IV-Stelle geltend, die Vaudoise habe den Empfang einer Kopie der Verfügungen vom 4. Juli 2008 am 18. August 2008 schriftlich bestätigt. Den Ve rfügungen seien auch Höhe und Zah- lungsmodalitäten der ausstehenden Rentenbeträge zu ent nehmen gewesen, so dass die Vau- doise die Auszahlung an den Versicherten auf dem normale n Beschwerdeweg innert 30 Tagen ab 18. August 2008 hätte anfechten können und müssen. Da sie das nicht getan habe, fehle es an einem Kausalzusammenhang zwischen dem Verhalten der IV-Stelle und dem geltend ge- machten Schaden. Damit entfalle gleichzeitig eine Haf tung nach Art. 78 ATSG. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass die Rentenbeträge im Zeitpunkt, als die Vaudoise Kenntnis der Verfü- gungen vom 4. Juli 2008 erlangt hat, unbestrittenerm assen bereits an den Versicherten ausbe- zahlt waren. Damit hätte die Vaudoise den Schaden mit dem gerichtlichen Anfechtungsverfah- ren also gar nicht mehr abwenden können. Hätte die V audoise damals Beschwerde erhoben, wäre das Kantonsgericht möglicherweise mangels aktuell en Rechtsschutzinteresses auf die Beschwerde nicht eingetreten. Allenfalls wäre festges tellt worden, dass ein Anspruch der Vau- doise aus Überversicherung besteht. Die Entstehung des Sch adens aber wäre so oder anders mit einer Beschwerde nicht mehr abzuwenden gewesen. D er Einwand der IV-Stelle, dass mit einer Beschwerde der Kausalverlauf zwischen dem schädigende n Verhalten der IV-Stelle und dem Schaden unterbrochen worden wäre, kann daher nicht gehört werden. 5.2 Die auf einer Kausalhaftung basierende Verantwort lichkeitsnorm setzt weiter Wider- rechtlichkeit des agierenden Organs voraus. Erlässt ein Versicherungsträger eine Verfügung, welche die Leistungspflicht eines anderen Trä- gers berührt, so hat er auch ihm die Verfügung zu er öffnen. Dieser kann die gleichen Rechts- mittel ergreifen wie die versicherte Person (Art. 49 Abs. 4 ATSG sowie Art. 73 bis Abs. 2 lit. d i.V.m. Art. 76 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV] vom 17. Januar 1961). Danach hätte die IV-Stelle die Verfügung vom 4 . Juli 2008 auch der Vaudoise eröffnen müssen, da deren Leistungspflicht davon berührt ist. Gemäss dem Verteiler der Verfügung ging diese an einige Empfänger (unter anderem an den Versicherten, die Steuerverwaltung des Kan- tons Basel-Landschaft und die Ausgleichskasse des Kantons Basel-Stadt), jedoch nicht an die Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Vaudoise. Dies obwohl die Vaudoise der IV-Stelle als UVG-Versicherung bekannt war und so- gar in der Begründung der besagten Verfügung namentl ich erwähnt wurde. Es ist festzustellen, dass der Erlass der Verfügung unter gleichzeitiger Auszah lung der darin verfügten Leistungen, bevor die Verfügung auch gegenüber der Vaudoise erla ssen und die damit verbundene Rechtsmittelfrist abgewartet wurde, ein klarer Verstoss g egen Art. 57a Abs. 2 IVG i.V. mit Art. 73 bis Abs. 2 und 76 Abs. 1 lit. a IVV ist. Im Ergebnis ist daher festzuhalten, dass ein rechts- widriges Verhalten der IV-Stelle vorliegt. 5.3 Die Haftung gemäss Art. 78 ATSG setzt ausserdem das V orliegen eines Schadens vo- raus. Die IV-Stelle wendet diesbezüglich ein, dass der vo n der Vaudoise geltend gemachte Schaden nach wie vor nicht erwiesen sei, da nicht erstellt sei, dass der Versicherte in den Ge- nuss einer Überentschädigung gekommen sei. Was den Bereich der Überentschädigung betreffend die Unfallversicherung anbelangt, ist fest- zustellen, dass die Verantwortlichkeit bzw. die Haftung der IV-Stelle anerkannt werden muss. Die IV-Stelle hat der Vaudoise ihren Schaden (abzügli ch des vom Versicherten direkt zurücker- langten Betrages) zurückzuerstatten. Was den Schaden hinsich tlich der Unfall- Zusatzversicherung anbelangt, kann hingegen weder eine W iderrechtlichkeit noch ein adäqua- ter Kausalzusammenhang zwischen dem Schaden und der Pfli chtverletzung der IV-Stelle fest- gestellt werden. Im schlüssigen Rechtsgutachten von Herrn B.____ vom 7. Oktober 2015 wurde ebenfalls ausdrücklich festgehalten, dass die nach UVG-Zusa tzversicherung ausgerichteten Leistungen bei der Berechnung der Überversicherung nicht berücksichtigt werden können. Die Vaudoise hat sodann in ihrem Schreiben vom 20. Oktober 2015 eine nachvollziehbare und überzeugende Rechnung aufgestellt. So wird die Summe der UVG-Taggelder von Fr. 507'073.-- und der IV-Rentenleistungen von Fr. 152'374.--, tota l somit Fr. 659'447.--, dem mutmasslich entgangenen Verdienst gegenübergestellt, der den effe ktiv ausbezahlten Unfalltaggeldern inkl. UVG-Zusatzleistungen entspricht, und somit Fr. 633'486.5 0 beträgt. Die Differenz beläuft sich auf Fr. 25'960.50 und in diesem Umfang erscheint ein e Überentschädigung rechtsgenüglich ausgewiesen. Schliesslich hat die Vaudoise den Betrag, d en sie direkt vom Versicherten zu- rückerhalten hat, von der geltend gemachten Summe in Abzug gebracht. Es resultiert folgerich- tig ein Endbetrag von Fr. 15‘960.50. Es wäre zudem Sache der IV-Stelle gewesen, diese Zahlen substantiiert zu bestreiten bzw. zu widerlegen. Der Einwand der IV-Stelle, aus früheren Rechnungen der Vaudoise habe aus UVG noch keine Überentschädigung resultiert und eine Übere ntschädigung sei auch vom Versicher- ten stets bestritten worden, genügt nicht, die Rechnung der Vaudoise zu entkräften. 5.4 Eine weitere Voraussetzung für die Haftung nach Ar t. 78 ATSG ist das Vorliegen eines Kausalzusammenhangs zwischen der widerrechtlichen Handlung und dem Schaden. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin kann nicht gesagt werden, dass die Beschwerdeführe- rin durch den Abschluss des Vergleichs den Kausalzusammenhang unterbrochen hat. Die Be- schwerdeführerin hat mit dem Versicherten einen aussergerichtlichen Vergleich abgeschlossen, um die Unsicherheiten, welche auf dem Prozessweg best ehen, zu umgehen. Die vergleichs- weise erlangten Fr. 10‘000.-- brachte die Beschwerdef ührerin sodann in Abzug von der Scha- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht denssumme und gelangte im Ergebnis zu einem Schaden in der Höhe von Fr. 15‘960.50. Dass die Vaudoise sich vergleichsweise mit einer Zahlung vo n Fr. 10'000.-- zufriedengegeben hat, bedeutet entgegen dem Dafürhalten der IV-Stelle keineswegs, dass sie auf Ersatz des weiteren Schadens verzichtet hat oder dass eine Gegenforderung de s Versicherten im Umfang des wei- teren Schadens von der Vaudoise anerkannt und liquidie rt wird. Vielmehr ist – wie bei jedem Vergleich – davon auszugehen, dass die Unsicherheit, bei ei ner Verfolgung des Anspruchs auf dem Prozessweg erfolgreich zu sein, ihren Ausdruck in ein er Reduktion der entsprechenden Forderungssumme findet. Im vorliegenden Fall scheint a uf Seiten der Vaudoise ein beträchtli- ches Prozessrisiko schon darin zu bestehen, dass der Versichert e aktuell durch die im Jahr 2008 erfolgten Zahlungen gar nicht mehr bereichert ist . Dass die Vaudoise immerhin einen Teil des Schadens über den Vergleich mit dem Versicherten li quidiert hat, ist Ausdruck der Bemü- hungen der Vaudoise, alle Möglichkeiten zur Verringer ung des Schadens zu nutzen und liegt schliesslich auch im Interesse der IV-Stelle. Es kann daher nicht angehen, dass die IV-Stelle aus diesem Umstand eine Aufhebung ihrer grundsätzlichen Haftung für den Schaden ableitet. Zwischen dem rechtswidrigen Verhalten der IV-Stelle un d dem geltend gemachten Schaden besteht somit ein Kausalzusammenhang. 5.5 Die Beschwerdegegnerin macht schliesslich geltend, dass die Frist für die Geltendma- chung des Schadens ohnehin verwirkt sei. Gemäss Art. 20 A bs. 1 VG erlischt die Haftung des Bundes (Art. 3 ff.), wenn der Geschädigte sein Begehr en auf Schadenersatz nicht innert eines Jahres seit Kenntnis des Schadens einreicht, auf alle Fälle nach zehn Jahren seit dem Tage der schädigenden Handlung des Beamten (vgl. E. 3.3 hiervor) . Die absolute Frist von zehn Jahren läuft erst im Jahr 2018 ab und ist somit zweifellos ein gehalten. Streitig und zu prüfen ist vorlie- gend, ob die relative Frist von einem Jahr eingehalten wurde oder nicht. Bei dieser Frist handelt es sich um eine Verwirkungsfrist, welche weder unterbroche n noch gehemmt werden kann. Die Verzichtserklärungen in Bezug auf die Verjährungseinrede der Beschwerdegegnerin sind dem- nach nicht zu beachten. Es ist nachfolgend zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt des Vergleichsab- schlusses Kenntnis von der Höhe des Schadens hatte. Aus dem Schreiben der Vaudoise an den Rechtsvertreter des Versicherten vom 5. September 20 14 wird ersichtlich, dass sich der Versicherte bereit erklärt hat, der Vaudoise in Sachen Überentschädigung einen Pauschalbe- trag von Fr. 10‘000.-- zu überweisen und gleichzeitig auf ein allfälliges IV-Kapital zu verzichten. Aus einem weiteren Schreiben der Vaudoise an den Recht svertreter des Versicherten vom 19. Dezember 2014 geht hervor, dass der Versicherte trotz Bestätigung am 3. Oktober 2014 die vereinbarten Fr. 10‘000.-- bisher nicht überwiesen hat . Mit Schreiben vom 8. Januar 2015 er- suchte der Versicherte die Vaudoise darum, ihm zehn Ein zahlungsscheine zu schicken. Er wol- le die geschuldete Zahlung in zehn Raten à Fr. 1‘000 .-- leisten. Am 14. Januar 2015 teilte die Vaudoise dem Versicherten mit, dass sie die Ratenzahlun gen von Fr. 1‘000.-- jeden Monat er- warten würden, erstmals per Ende Januar 2015. Mit E-Mail vom 1. Februar 2015 informierte der Versicherte die Vaudoise, dass er die Zahlungen per 25 . Februar 2015 beginnen werde. Leider sei es ihm per Ende Januar 2015 nicht mehr möglich gewesen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Im vorliegenden Fall wird aus den soeben erwähnten Akten ersichtlich, dass der Versicherte die Zahlung der Vergleichssumme hinausschob und Ratenzahlung en beantragte. Da es sich beim abgeschlossenen Vergleich nicht um einen gerichtlichen Vergleich handelte, hätte die Be- schwerdeführerin bei Nichtbezahlung der Fr. 10‘000.-- in einem allfälligen betreibungsrechtli- chen Verfahren keinen Rechtsöffnungstitel gegen den Ver sicherten in der Hand gehabt (vgl. Art. 80 Abs. 2 Ziff. 1 des Bundesgesetzes über Sch uldbetreibung und Konkurs [SchKG] vom 11. April 1889). Vor diesem Hintergrund ist es ange bracht, die relative Frist erst ab jenem Zeitpunkt laufen zu lassen, als die Beschwerdeführerin Kenntnis davon hatte, ob und gegebe- nenfalls wann der Versicherte die vereinbarten Fr. 10‘000.-- tatsächlich bezahlt hat. Die genaue Höhe des Schadens konnte erst feststehen, wenn Sicherheit bezüglich der Einbringbarkeit des vergleichsweise vereinbarten Betrages bestand. Der Versich erte stellte mit E-Mail vom 1. Feb- ruar 2015 die Bezahlung der ersten Rate per Ende Feb ruar in Aussicht. Wann der Restbetrag geleistet wurde, ist aus den Akten nicht ersichtlich, jed enfalls hat die Vaudoise vor Ablauf eines Jahres seit Leistung der ersten Rate, nämlich am 20. Okt ober 2015 den heute strittigen Scha- densbetrag bei der IV-Stelle geltend gemacht. Damit i st der Anspruch entgegen dem Dafürhal- ten der IV-Stelle nicht verwirkt. 6.1 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Schaden im geltend gemachten Umfang beweismässig ausreichend erstellt ist und in einem direkte n Kausalzusammenhang steht mit einem rechtswidrigen Verhalten der IV-Stelle. Der Ans pruch wurde ausserdem rechtzeitig gel- tend gemacht. Die IV-Stelle haftet demnach gestützt a uf Art. 78 ATSG und ist zu verpflichten, der Vaudoise den Betrag von Fr. 15'960.50 zuzüglich Z ins zu 5 % seit dem 1. August 2010 zu bezahlen. 6.2 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Beschwerde der Vaudoise vom 24. Februar 2016 gutzuheissen und die angefochtene Verfügung der I V-Stelle vom 28. Januar 2016 aufzu- heben ist. 7. Für den vorliegenden Prozess werden keine Verfahren skosten erhoben (vgl. Art. 61 lit. a ATSG). Die ausserordentlichen Kosten werden dem Prozessau sgang entsprechend wettge- schlagen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügu ng der IV-Stelle Ba- sel-Landschaft vom 28. Januar 2016 aufgehoben und die Haftung der IV-Stelle Basel-Landschaft gestützt auf Art. 78 ATSG be stätigt. Die IV- Stelle Basel-Landschaft wird verpflichtet, der Vaudoi se Allgemeine Versicherungs-Gesellschaft AG Fr. 15‘960.50 samt Zins von 5 % seit dem 1. August 2010 als Überversicherung zu überweisen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. Gegen diesen Entscheid wurde von der IV-Stelle am 3. April 2017 Beschwerde beim Bundesge- richt (siehe nach Vorliegen des Urteils: Verfahren-Nr. 8C_247/2017 ) erhoben. http://www.bl.ch/kantonsgericht