B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3831/2021 U r t e i l v o m 8 . O k t o b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Mia Fuchs (Vorsitz), Richterin Esther Marti, Richter Simon Thurnheer, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), und die Kinder C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), alle Aserbaidschan, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 27. Juli 2021 / N (…). D-3831/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführenden, aserbaidschanische Staatsangehörige mit letztem Wohnsitz in E._______, suchten am 20. Juni 2020 in der Schweiz um Asyl nach. Nach der Personalienaufnahme am 26. Juni 2020 wurden sie im Rahmen von Dublin-Gesprächen unter anderem zu ihrem Reiseweg befragt. Dabei bestätigten sie, dass sie erstmals im Jahr 2016 in Deutsch- land ein Asylgesuch gestellt hatten und nach dessen Ablehnung im Februar 2019 nach Aserbaidschan zurückgekehrt waren. Bereits im Juli 2019 ver- liessen sie ihren Heimatstaat erneut und reisten wiederum nach Deutsch- land, wo sie ein zweites Asylgesuch einreichten. Da sie über ein vom itali- enischen Staat ausgestelltes Schengen-Visum verfügten, wurden sie nach Durchführung eines Dublin-Verfahrens nach Italien überstellt. Dort suchten sie im Februar 2020 um Asyl nach und wurden in einem Camp in F._______ untergebracht. Aufgrund der schlechten Sicherheitslage und der mangelhaften medizinischen Versorgung hätten sie sich entschieden, Italien nach einem viermonatigen Aufenthalt zu verlassen. In der Folge seien sie mit dem Auto in die Schweiz gereist. A.b Das SEM teilte den Beschwerdeführenden mit Schreiben vom 21. Ok- tober 2020 mit, das Dublin -Verfahren sei beendet und ihr Asylgesuch werde in der Schweiz geprüft. Daraufhin hörte es die Eltern am 10. Novem- ber 2020 und die beiden Kinder am Folgetag einlässlich zu ihren Asylgrün- den an. A.c Mit Verfügung vom 16. November 2020 wies das SEM die Beschwer- deführenden dem erweiterten Verfahren zu. Die Eltern wurden am 19. März 2021 ergänzend angehört. B. B.a Die Beschwerdeführenden machten geltend, sie seien im Jahr 2016 aus Aserbaidschan ausgereist, weil dem Sohn C._______ die Fortsetzung seiner vielversprechenden (…) verwehrt worden sei. Der Grund hierfür sei die Parteizugehörigkeit des Vaters A._______ (nachfolgend Beschwerde- führer) gewesen, welcher seit vielen Jahren Mitglied der (…) gewesen sei. Sie hätten deshalb in Deutschland um Asyl ersucht. Das Gesuch sei aber abgelehnt worden, woraufhin sie im Februar 2019 nach Aserbaidschan zu- rückgekehrt seien. Bei der Einreise seien sie anlässlich der Passkontrolle am Flughafen angehalten worden. Während B._______ (nachfolgend Be- schwerdeführerin) mit den beiden Kindern nach einer kurzen Wartezeit habe gehen können, sei der Beschwerdeführer festgenommen und von D-3831/2021 Seite 3 den Sicherheitskräften zu einem G ebäude gebracht worden. Dort hätten sie ihn verhört und ihm vorgeworfen, dass er in Deutschland an Protestak- tionen der Opposition teilgenommen habe . Dabei sei er geschlagen und getreten worden. Nach vier Tagen hätten sie ihn freigelassen mit der An- kündigung, er werde später vom Oberstaatsanwalt G._______ vorgeladen. Am (…) März 2019 sei er zu Hause von Polizisten abgeholt und zum Ober- staatsanwalt gebracht worden. Dieser habe ihn wiederum zu den Protest- aktionen befragt, ihm Fotos davon vorgelegt und wissen wollen, wer noch an den Demonstrationen teilgenommen habe. Als er gesagt habe, er wisse dies nicht, habe der Oberstaatsanwalt ihm zehn Tage Zeit gegeben, um Informationen über die Demonstrationsteilnehmer zu beschaffen. Sollte er dies nicht tun, werde er ins Gefängnis kommen und seine Familie werde ebenfalls zu leiden haben. Zudem seien ihm Dokumente vorgelegt worden, die er – ohne sie lesen zu können – habe unterschreiben müssen. Zu Hause habe er unter anderem seinem Onkel mütterlicherseits von diesen Ereignissen erzählt. Dieser habe Freunde im Iran und der Familie angebo- ten, sie dorthin zu bringen. Am (…) März 2019 seien sie mit dem Onkel sowie einem Freund von diesem nach H._______ gefahren und dann zu Fuss in Richtung Grenze gelaufen. Kurz vor Mitternacht seien sie nahe der Grenze angekommen und der Onkel sei vorausgegangen, um den Über- gang zu erkunden. Plötzlich hätten sie Schüsse gehört, woraufhin sie weg- gerannt und mit dem Auto zurück nach Hause gefahren seien. Am nächs- ten Tag hätten sie aus den Nachrichten erfahren, dass der Onkel am Grenzübergang erschossen worden sei. Während der Trauerzeit hätten die Behörden die Familie in Ruhe gelassen. Danach sei der Beschwerdeführer am (…) Mai 2019 erneut ins Büro des Oberstaatsanwalts vorgeladen wor- den. Dort habe man ihm eröffnet, er erhalte eine milde Stra fe, wenn er 20'000 Euro Bestechungsgeld bezahle; andernfalls werde er für zehn Jahre ins Gefängnis kommen. Er habe um etwas Zeit gebeten, um das Geld auftreiben zu können. Dies sei ihm gewährt worden, woraufhin er mit- hilfe eines Freundes die erneute Ausrei se der Familie nach Deutschland organisiert habe. Nachdem sie das Land verlassen hätten, sei der Bruder des Beschwerdeführers mehrmals nach dessen Aufenthaltsort gefragt wor- den. B.b Als Beweismittel wurden namentlich die Identitätskarten der Be- schwerdeführenden, ein Führerschein sowie ein internationaler Führer- schein des Beschwerdeführers und die Heiratsurkunde der Eltern (alle im Original) eingereicht. Weiter befinden sich Fotos im Zusammenhang mit dem Tod des Onkels, ein Internet-Link mit einem Bericht über diesen Vorfall sowie verschiedene Unterlagen aus den in Deutschland durchgeführten D-3831/2021 Seite 4 Asylverfahren (vgl. dazu die Auflistung auf S. 4 f. der angefochtenen Ver- fügung) bei den Akten. C. Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 27. Juli 2021 stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht. Es lehnte ihre Asylgesuche ab, wies sie aus der Schweiz weg und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. D. Die Beschwerdeführenden erhoben mit Eingabe vom 27. August 2021 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid. Da- rin beantragten sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Fest- stellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventu- aliter sei wegen Unzulässigkeit/Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er- suchten sie um unentgeltliche Rechtspflege und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde lagen – neben der angefoch- tenen Verfügung – zwei Medienberichte über die Verfolgung von regime- kritischen Personen in Aserbaidschan und ein Arztbericht der (…) vom 10. August 2021 betreffend die Tochter D._______ bei. E. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 30. August 2021 den Ein- gang der Beschwerde. F. Mit Eingabe vom 7. September 2021 (Eingang beim Bundesverwaltungs- gericht am 14. September 2021) reichten die Beschwerdeführenden einen weiteren ärztlichen Bericht vom 19. August 2021 üb er den gesundheitli- chen Zustand von D._______ zu den Akten. G. Das (…) liess dem Gericht mit Schreiben vom 9. September 2021 eine Unterstützungsbedürftigkeitserklärung betreffend die Beschwerdeführen- den zukommen. D-3831/2021 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffend e Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung; sie sind daher zur Einreichung der Bes chwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. In der Regel entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Besetzung mit drei Richtern beziehungsweise drei Richterinnen. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG kann auch in diesen Fällen auf die Durchführung eines Schrif- tenwechsels verzichtet werden. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung D-3831/2021 Seite 6 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das SEM führte zur Begründung se iner Verfügung im Wesentlichen aus, es gelinge den Beschwerdeführenden nicht, ihre Vorbringen glaubhaft zu machen. So habe der Beschwerdeführer geltend gemacht, es sei gegen ihn ein Strafverfahr en eröffnet worden, weil er der (…) angehöre und in Deutschland an Protestaktionen teilgenommen habe. Die Angaben zu sei- nen politischen Aktivitäten erwiesen sich indessen als äusserst unsubstan- ziiert. Er habe nicht konkret darlegen können, weshalb er sich für die (...) entschieden habe und wie diese Partei ideologisc h einzuordnen sei. Zu- dem habe er unzutreffende Angaben zur Anzahl ihrer Abgeordneten im Parlament gemacht. Ferner habe er bei den Befragungen in der Schweiz angegeben, dass er bereits in Aserbaidschan an politischen Aktivitäten teil- genommen habe. Gegenüber den deutschen Asylbehörden habe er indes- sen erklärt, dass er zwar Parteimitglied gewesen sei, aber nicht aktiv; er habe in der Partei nichts Besonderes zu tun gehabt. Auch die Angaben zur Teilnahme an Kundgebungen in Deutschland müssten als widersprüchlich eingestuft werden. Anlässlich der ergänzenden Befragung habe er ausge- führt, er sei oft an solchen Veranstaltungen gewesen. Beim Interview in Deutschland habe er dagegen bloss drei Demonstrationen erwähnt, an de- nen er teilgenommen habe. Sodann habe der Be schwerdeführer bei der Befragung in der Schweiz angegeben, ihm sei bei der Rückkehr nach Aser- baidschan von den Behörden lediglich vorgeworfen worden, dass er an Protestaktionen teilgenommen habe und gegen die Regierung sei. Dem- gegenüber habe er im Asylverf ahren in Deutschland ausgeführt, dass er bei der Einreise aufgrund des Vorwurfs der Dokumentenfälschung verhaf- tet worden sei. Seine diesbezügliche Erklärung, dies liege an der Dolmet- scherin, sei als Ausflucht zu werten. Überdies seien die Angaben der Fa- milienmitglieder zum Vorfall vom (…) März 2019 widersprüchlich ausgefal- len. Die Eltern hätten dies wiederum mit Dolmetscherproblemen erklärt, D-3831/2021 Seite 7 was indessen nicht zu überzeugen vermöge. Schliesslich seien auch keine Beweismittel eingereicht worden, um die Eröffnung eines Strafverfahrens in Aserbaidschan zu belegen. Insgesamt hielten die Vorbringen den Anfor- derungen an die Glaubhaftigkeit daher nicht stand. Die blosse Teilnahme an Demonstrationen in Deutschland, die durch Fotos belegt sei, führe nicht zur Annahme einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung, da es keine Hinweise darauf gebe, dass die aserbaidschanischen Behörden Kenntnis davon hätten. Des Weiteren erwiesen sich allfällige Probleme, welche die Beschwerdeführenden befürchteten aufgrund der versuchten illegalen Grenzüberquerung – bei welcher der Onkel e rschossen worden sei –, als nicht asylrelevant. Es sei rechtsstaatlich legitim , wenn die aser- baidschanischen Behörden die Hintergründe dieses Vorfalls aufzuklären versuchten. Dabei gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass sie deswegen mit einer unverhältnismässigen Strafe aufgrund eines der in Art. 3 AsylG aufgeführten Motive rechnen müssten. Es bestünden auch erhebliche Vor- behalte hinsichtlich der Gla ubhaftigkeit dieser Ereignisse. Darauf müsse indessen nicht näher eingegangen werden, da sich dieses Vorbringen, ebenso wie die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Übergriffe in ihrer Kindheit, als nicht asylrelevant erweise. In Bezug auf den gesundheitlichen Zustand werde vorgebracht, die Be- schwerdeführerin leide seit etwa zehn Jahren an (…) und es gehe ihr psy- chisch nicht gut. In einem Arztbericht vom 17. April 2021 werde bei ihr (…) diagnostiziert. Die Tochter D._______ habe ihrerseits die Diagnose n (…) sowie (…) erhalten. Aufgrund von suizidalen Absichten sei sie zweimal in der (…) behandelt worden. Gemäss dem entsprechenden Arztbericht sei eine (…) notwendig. Trotz dieser nicht zu verkennenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen führten derartige Beschwerden in der Regel nicht zu einer lebensbedrohlichen medizinischen Notlage. Zudem habe die Be- schwerdeführerin erklärt, sie sei wegen ihrer psychischen Probleme bereits im Heima tstaat behandelt worden, weshalb davon auszugehen sei, ihr werde auch bei einer Rückkehr eine adäquate Behandlung zur Verfügung stehen. Weiter seien in Aserbaidschan kinderpsychiatrische Behandlungen verfügbar, darunter die von der Tochter benöti gten. Allfälligen suizidalen Tendenzen könne durch eine angemessene Ausgestaltung der Vollzugs- modalitäten Rechnung getragen werden. Sollte der Sohn C._______ – wel- cher seit seiner Kindheit an (…) leide und dem es eigenen Angaben zufolge psychisch ebenfalls nic ht gut gehe – eine medizinische oder psychologi- sche Behandlung benötigen, wäre auch diese im Heimatstaat verfügbar. Insgesamt seien den Akten weder m edizinische noch andere Gründe für die Annahme zu entnehmen, dass die Beschwerdeführenden bei einer D-3831/2021 Seite 8 Rückkehr in eine Notlage geraten würden. Abschliessend sei darauf hinzu- weisen, dass der Vollzug der Wegweisung auch keinen Verstoss gegen das Kindeswohl darstelle. Die beiden Kinder hielten sich erst seit rund ei- nem Jahr in der Schweiz auf und hätten den grössten Teil ihrer Kindheit in Aserbaidschan verbracht. Angesichts der kurzen Aufenthaltsdauer könne noch nicht von einer Verwurzelung in der Schweiz ausgegangen werden und sie seien mit der heimatlichen Sprache und Kultur vertraut, so dass ihnen eine Reintegration gelingen dürfte. 5.2 In der Beschwerdeschrift wurde einleitend ausgeführt, Aserbaidschan werde vom Aliyev-Clan beherrscht, welcher sich im Erdölgeschäft berei- chere und seine Macht nicht zuletzt durch korrupte und menschenrechts- widrige Praktiken ausübe. Der Beschwerdeführer sei der (…) beigetreten, weil er mit den herrschenden Verhältnissen in Aserbaidschan nicht einver- standen sei und es sich dabei um eine Oppositionspartei handle. Es sei für ihn nicht von Bedeutung gewesen, wie diese Partei ideologisch zu verorten sei. Der Umstand, dass er irrtümlicherweise angenommen habe, die (…) habe nur einen Abgeordneten in der Nationalversammlung, sei darauf zu- rückzuführen, dass er sich im Zeitpunkt der letzten Wahlen bereits nicht mehr in Aserbaidschan aufgehalten habe. Es stimme zudem nicht, dass er keine konkreten Angaben zur (…) habe machen können. Vielmehr habe er gesagt, dass es eine gute, schöne Partei sei, welche die Gleichberechti- gung für alle anstrebe und nicht – wie es zurzeit der Fall sei – die Erträge aus dem Rohstoffgeschäft in die Taschen einiger weniger Reicher fliessen lasse. Als ihm und seinem Sohn angedroht worden sei, dass Letzterer nicht mehr zum (…) gehen dürfe, wenn sein Vater die Parteizugehörigkeit nicht wechsle, habe dies die Familie veranlasst, ihren Heimatstaat zu verlassen. Als sie nach Ablehnung des Asylgesuchs in Deutschland zurückgekehrt seien, sei der Beschwerdeführer festgenommen und zu seiner Teilnahme an Protestkundgebungen in Deutschland befragt worden, wobei ihm Fotos von diesen Demonstrationen vorgelegt worden seien. Dies habe er sowohl gegenüber den schweizerischen als auch den deutschen Asylbehörden ausgeführt. Die Behauptung der V orinstanz, es gebe keine Hinweise da- rauf, dass die aserbaidschanischen Behörden Kenntnis von seiner Tei l- nahme an den Kundgebungen in Deutschland hätten, erweise sich daher als aktenwidrig. Es sei davon auszugehen, dass das Regime von Aserbaid- schan über Spitzel in Europa verfüge. Die Erlebnisse des Beschwerdefüh- rers entsprächen denn auch dem üblichen Vorgehen in seinem Heimatland und es gebe prominente Beispiele von Oppositionellen, welche aufgrund von Demonstrationsteilnahmen ins Gefängnis geworfen worden seien. Weiter ziehe die Vorinstanz die Protokolle der Anhörungen in Deutschland D-3831/2021 Seite 9 herbei und konstruiere daraus Widersprüche zu jenen in der Schweiz. Die betreffenden Befragungen hätten aber über einen Zeitraum von knapp vier- einhalb Jahren stattgefunden und es wäre ein ungemein präzises Gedächt- nis vonnöten, um nach dieser Zeit noch im Einzelnen zu wissen, was er wann, wo und wie genau gemacht habe. So habe er in Deutschland, als er nach den Demonstrationen gefragt worden sei, lediglich jene genannt, die ihm zuerst in den Sinn gekommen seien. Nach weiteren Demonstrationen sei er nicht gefragt worden, weshalb es unzulässig sei, aus der entspre- chenden Passage zu schliessen, dass er lediglich an drei Kundgebungen teilgenommen habe. Im Rahmen des ersten Asylgesuchs in Deutschland habe er sodann angegeben, dass er einf aches Mitglied der (…) gewesen sei und nichts Besonderes zu tun gehabt habe. Damit habe er gemeint, dass er kein "Leader" der Partei gewesen sei, sondern lediglich Hilfs- dienste, wie Plakate anbringen, getätigt sowie an Versammlungen teilge- nommen habe. Es bestehe somit kein Widerspruch zu seinen Angaben in der ergänzenden Anhörung. Schliesslich beziehe sich die angebliche Wi- dersprüchlichkeit hinsichtlich des Grundes für seine Verhaftung bei der Ein- reise nach Aserbaidschan auf ein absolut nebensächliches Detail. Die Be- hörden hätten sein Gepäck durchsucht und Dokumente gefunden, die auf seine Verbindungen zur (…) hingewiesen hätten. Dies sei der Grund für seine Verhaftung gewesen. Bei den folgenden Verhören hätten sie Namen von Oppositionellen in Deutschland aus ihm herauspressen wollen, wobei der Vorwurf der Dokumentenfälschung lediglich dazu gedient habe, ihn ein- zuschüchtern. In der Schweiz sei ihm ausdrücklich die Frage nach "weite- ren konkreten Tatvorwürfen" gestellt worden, um zu überprüfen, ob er die- sen Fälschungsvorwurf erneut erwähne. Er habe daraufhin angegeben, er sei verhaftet worden, weil er gegen die Regierung sei und an Demonstra- tionen teilgenommen habe. Dies habe er gesagt, weil die Sache mit der Dokumentenfälschung zwischenzeitlich aus seinem Gedäc htnis ent- schwunden und er sich bewusst gewesen sei, dass der tatsächliche Anlass für die Verhaftung die (…)-Dokumente gewesen sei en. Zum Vorfall vom (…) März 2019 sei festzuhalten, dass sich diesbezüglich in seinen eigenen Angaben keine wesentlichen Widers prüche fänden. Der Umstand, dass sich seine Kinder und seine Ehefrau an den Vorfall aus ihrer persönlichen Sichtweise ander s erinnerten, könne nicht bedeuten, dass dieser nicht stattgefunden habe respektive nicht geglaubt werden könne. Abschlies- send sei nicht ersichtlich, wie er zu einem Strafverfahren, das auf abstru- sen und konstruierten Anschuldigungen beruhe, Beweismittel hätte einrei- chen können. Insgesamt seien die von der Vorinstanz festgestellten "Wi- dersprüche" im Verhältnis zu seinen gesamten Darlegu ngen von höchst untergeordneter Bedeutung. Er habe die Ereignisse in Deutschland und in D-3831/2021 Seite 10 der Schweiz ausführlich, in sich stimmig und mit zahlreichen Realkennzei- chen versehen geschildert. Zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs wurde in der Beschwerde- schrift geltend gemacht, dass die Familie im Jahr 2016 erstmals aus Aser- baidschan ausgereist sei und bei einer Rückkehr buchstäblich vor dem Nichts stünde. Als den Behörden bekannter Oppositioneller wäre es dem Beschwerdeführer nicht möglich, eine ausreichende Existenzgrundlage aufzubauen. Aufgrund der Vorkommnisse im Heimatstaat, der Flucht und den Aufenthalten in verschiedenen Ländern hätten die einzelnen Familien- mitglieder zudem sehr gelitten. Die Beschwerdeführerin sei psychisch an- geschlagen und der Zustand der Tochter sei derart schlecht, dass sie im Alter von erst (…) Jahren anhaltend Suizidgedanken habe. Sie habe auch bereits entsprechende Handlungen unternommen. Aus dem jüngsten kin- derpsychiatrischen Bericht gehe her vor, dass sie deswegen erneut habe hospitalisiert werden müssen. Sie habe Aserbaidschan im Alter von (…) Jahren verlassen und werde seither umhergeschoben, ohne irge ndwo Si- cherheit zu finden. Die soziale Verpflanzung – welche einer Entwurzelung gleichkomme – werde im ärztlichen Bericht auch als erhebliche r Belas- tungsfaktor bezeichnet. In der Schweiz habe sie kürzlich die Schule abge- schlossen, wobei sie sich in der Klasse sehr wohlgefühlt habe. Mit der An- ordnung einer vorläufigen Aufnahme erhielte sie endlic h die Möglichkeit, Wurzeln zu schlagen und sich zu integrieren. 6. 6.1 Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zwei- fel an den Vorbringen der Beschwerdeführenden. Eine Behauptung gilt be- reits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völ- lig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdi- gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge- gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht, wobei auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen ist (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1 m.H.). 6.2 Nach eingehender Prüfung der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass es den Beschwerdeführenden nicht gelingt, ihre Vorbringen glaubhaft zu machen. Dabei ist vorab darauf hinzuweisen, dass die massgebenden D-3831/2021 Seite 11 Anhörungen durch die Asylbehörden – die sich auf die Ereignisse im Jahr 2019 in Aserbaidschan beziehen – zwischen August 2019 und März 2021 stattfanden. Es kann von asylsuchenden Personen ohne Weiteres erwartet werden, dass sie bei mehreren Befragungen zu ihren Asylgründen über einen solchen Zeitraum hinweg kohärente und in den zentralen Punkten widerspruchsfreie Angaben machen können. 6.3 Die Vorinstanz hielt in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest, es sei nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer keine präziseren An- gaben zu einer Partei machen konnte, deren Mitglied er bereits seit rund zehn Jahren sein will (vgl. A172, F60). Die Angabe, es sei eine gute, schöne Partei, welche die Gleichberechtigung für alle möchte, erweist sich als äusserst oberflächlich (vgl. A172, F65 f.). Die auf Beschwerdeebene vorgebrachte Erklärung, er sei einfach gegen die Regierung respektive die herrschenden Verhältnisse in Aserbaidschan gewesen und habe sich ge- rade dieser Partei angeschlossen, weil auch ein Freund bei der (…) gewe- sen sei, erweist sich als wenig überzeugend. Es gibt in Aserbaidschan mehrere oppositionelle Parteien, welche zwar alle mehr oder weniger stark gegen die aktuelle Regierung sind, untereinander aber ebenfalls verschie- dene Ansichten vertreten. Hätte der Beschwerdeführer tatsächlich jahre- lang an Demonstrationen und Informationstagungen der (…) teilgenom- men und in deren Auftrag Plakate angebracht (vgl. A172, F77 f.), darf an- genommen werden, dass er deren Haltung oder Ideologie präziser einord- nen könnte als mit der Angabe, diese unterstütze die Opposition und wolle "das Gute" (vgl. A172, F72 ff.). Es erstaunt auch, dass er der Ansicht war, die Partei verfüge lediglich über einen einzigen Abgeordneten im aserbaid- schanischen Parlament (vgl. A172, F69 f.). Seine Erklärung, dass er sich bei den letzten Wahlen bereits in Europa aufgehalten habe und mit den Problemen der Flucht beschäftigt gewesen sei, erscheint dabei nicht nach- vollziehbar. Einerseits verfügte die (…) bereits nach den vorangehenden Wahlen im Jahr 2015 über (…) Parlamentsabgeordnete und gewann 2020 einen (…) Sitz hinzu (vgl. BAMF, Länderreport 23 Aserbaidschan, Das Par- teiensystem, 04/2020, S.2). Andrerseits ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer, dessen geltend gemachte Probleme allesamt auf seine Parteizugehörigkeit und sein (exil -)politisches Engagement zurückzufüh- ren sein sollen, Kenntnis von derart grundlegenden Informationen wie dem Abschneiden seiner Partei bei den jüngsten Wahlen hätte. 6.4 Entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung ist auch nicht ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführer im Rahmen der Asylver- fahren in Deutschland und in der Schweiz verschiedene Gründe für seine D-3831/2021 Seite 12 Festnahme am Flughafen nennen sollte. So betonte er bei der ergänzen- den Anhörung auf entsprechende Nachfrage hin mehrmals, ihm sei ledig- lich vorgeworfen worden, dass er an Demonstrationen in Deutschland teil- genommen habe und gegen die Regierung sei (vgl. A172, F32 ff.). Gegen- über den deutschen Asylbehörden führte er dagegen aus, dass die Behör- den ihm vorgehalten hätten, dass er mit gefälschten Dokumenten in Deutschland um Asyl ersucht habe. Er sei gefragt worden, wie er an die Dokumente gekommen sei und ob er in Deutschland Personen kenne, die Mitglieder von oppositionellen Parteien seien (vgl. A163, S. 5 f. und S. 9). Er erwähnte gerade nicht, dass er mit dem Vorwurf der Teilnahme an De- monstrationen konfrontiert worden sei, während er in der Schweiz geltend machte, die Teilnahme an den Protestkundgebungen respektive seine op- positionelle Haltung sei der einzige Vorwurf gewesen, der ihm gemacht worden sei (vgl. A125, F54 und A172, F36). Es handelt sich dabei keines- wegs um eine blosse Nebensächlichkeit, zumal er aufgrund dieser Tatvor- würfe angeblich rund vier Tage lang festgehalten und befragt worden sein soll. Gerade weil er jeweils erklärte, ihm seien dabei immer wieder diesel- ben Fragen gestellt worden (vgl. A163, S. 5 f. und A125, F54), wäre zu erwarten gewesen, dass er sich an diese sowie die damit zusammenhän- genden Vorwürfe erinnern kann. 6.5 Unterschiedliche Angaben wurden auch zu den Ereignissen bei der Rückkehr des Beschwerdeführers gemacht. E r selbst führte aus, er sei nach Hause gekommen und in einem schlechten Zustand gewesen. Seine Ehefrau sei mit ihm ins Nebenzimmer gegangen und habe ihn gepflegt res- pektive versorgt (vgl. A172, F38 und A163, S. 10). Die Beschwerdeführerin gab dagegen an, ihr Mann sei in müdem, benommenem Zustand zurück- gekommen und habe kurz erzählt, dass er verhört und misshandelt worden sei. Dann habe er nicht weiter darüber sprechen wollen und sei eingeschla- fen (vgl. A157, S. 7 und A171, F74 ff.). Auffallend ist auch, dass sowohl der Beschwerdeführer als auch seine Ehefrau bei der Befragung in Deutsch- land lediglich erwähnten, dass Ersterer bei seiner Rückkehr an den Beinen verletzt gewesen sei (vgl. A163, S. 10; A157, S. 8). In der Schweiz gaben beide an, dass er von den S chlägen auch eine Wunde oberhalb der Au- genbraue davongetragen habe (vgl. A125, F54; A171, F72). Auf den ent- sprechenden Vorhalt hin führte der Beschwerdeführer dies auf die Dolmet- scherin zurück (vgl. A172, F41). 6.6 Der Vorfall vom (…) März 2019 wurde von den Familienmitgliedern ebenfalls unterschiedlich dargestellt. Nach Angaben des Beschwerdefüh- rers in Deutschland habe er drinnen fern geschaut und di e Kinder hätten D-3831/2021 Seite 13 im Hof gespielt. Plötzlich seien die Kinder hineingekommen und hätten ihn darüber informiert, dass die Polizei vor der Tür stehe (vgl. A163, S. 10). Seine Ehefrau schilderte den Vorfall in Deutschland ähnlich, indem sie er- klärte, die Kinder seien rausgegangen, hätten die Polizisten gesehen und seien erschrocken zurückgekommen, woraufhin ihr Ehemann in den Hof gegangen sei (vgl. A157, S. 8). In der Schweiz erklärte der Beschwerde- führer, die Polizisten hätten geklopft und seine Frau habe die Türe geöffnet. Dann habe sie ihn gerufen und gesagt, die Polizisten wollten ihn sehen (vgl. A172, F42). Angesprochen auf den Widerspruch machte er erneut gel- tend, die Dolmetscherin sei unfähig gewesen (vgl. A172, F46). Dieselbe Erklärung wurde von der Beschwerdeführerin angeführt, als sie darauf an- gesprochen wurde, dass sie die Ereignisse vom (…) März 2019 in der Schweiz anders dargelegt habe als in Deutschland (vgl. A171, F86). Es erstaunt, dass die beiden Elternteile den Vorfall gegenüber den deutschen Behörden ähnlich schilderten, eine davon abweichende Version in der Schweiz vorbrachten und die gleiche Erklärung für die unterschiedlichen Angaben lieferten. Dazu kommt, dass beide bei den Befragungen in der Schweiz darlegten, der Onkel des Beschwerdeführers sei bei dessen Rückkehr – die am selben Tag erfolgt sei – anwesend gewesen und habe vorgeschlagen, sie in den Iran zu bringen (vgl. A171, F73 und A172, F51). Bei der Anhörung in Deutschland erklärte der Beschwerdeführer, sein On- kel sei erst am (…) März 2019, mithin einige Tage später, zu Besuch ge- kommen und habe gesagt, er habe Freunde im Iran und könne sie zu die- sen bringen (vgl. A163, S. 6 f.). Als er auf diese Angaben angesprochen wurde, meinte er, dies sei unzutreffend und es müsse sich um eine falsche Übersetzung handeln (vgl. A172, F53). 6.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Aussagen der Beschwer- deführenden zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten enthalten, welche sich durch die Ausführungen auf Beschwerdeebene nicht entkräf- ten lassen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung der Vorbringen kommt das Gericht zum Schluss, dass vorliegend die Elemente, welche gegen die Glaubhaftigkeit sprechen, überwiegen. Es kann daher nicht davon ausge- gangen werden, dass sich die geltend gemachten Ereignisse bei der Rück- kehr der Beschwerdeführenden nach Ase rbaidschan im Februar 2019 so zugetragen haben, wie es von ihnen geltend gemacht wird. Entsprechend ist – entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Auffassung – auch nicht anzunehmen, dass die heimatlichen Behörden Kenntnis davon ha- ben, dass sich der Beschwerdeführer und sein Sohn in Deutschland an Demonstrationen gegen die aserbaidschanische Regierung beteiligt ha-D-3831/2021 Seite 14 ben. Hinsichtlich der we iteren Vorbringen – namentlich die von der Be- schwerdeführerin erwähnten Übergriffe in ihrer Kindheit sowie die Befürch- tungen im Zusammenhang mit der versuchten illegalen Ausreise in den Iran – ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu verweisen, wonach diese als nicht asylrelevant einzustufen sind. Den diesbezüglichen Erwägungen werden in der Beschwerdeschrift keine massgeblichen Argu- mente entgegengehalten. Die Vorinstanz hat folglich die Flüchtlingseigen- schaft der Beschwerdeführenden zu Recht verneint und ihre Asylgesuche abgelehnt. 7. Lehnt das SEM die Asylgesuche ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Die Beschwerdeführen- den verfügen weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m. w.H.). Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet. 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs- vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen- schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, w enn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.2 8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen D-3831/2021 Seite 15 Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie- mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be- handlung unterworfen werden. 8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung fin- den. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden in den Heimatstaat ist dem- nach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müssten sie eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschli- che Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies gelingt den Beschwerdeführenden jedoch nicht, nachdem sie eine dro- hende Gefährdung im Heimatstaat nicht glaubhaft machen konnten. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Aserbaidschan lässt den Weg- weisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich folglich sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig. 8.3 8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. D-3831/2021 Seite 16 8.3.2 In Aserbaidschan herrscht weder Krieg noch Bürgerkrieg oder eine Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG. Der Weg- weisungsvollzug in den Heimatstaat der Beschwerdeführenden ist dem- nach grundsätzlich als zumutbar zu qualifizieren. 8.3.3 In individueller Hinsicht führte das SEM aus, dass der Beschwerde- führer eine gute Ausbildung absolviert habe und in der Folge als (…) den Lebensunterhalt für die Familie verdient habe, wobei sie zum Mittelstand gehört hätten. Zudem verfügten sie in der Heimat über ein soziales Bezie- hungsnetz und eine gesicherte Wohnsituation, nachdem sie jeweils ihm Haus des Vaters des Beschwerdeführers hätten leben können. Folglich gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass sie bei einer Rückkehr in eine finanzielle oder soziale Notlage geraten könnten. Das Gericht schliesst sich diesen Ausführungen an. Trotz der nicht zu verkennenden Schwierigkeiten, die mit einer wirtschaftlichen Reintegration im Heimatstaat verbunden sind, kann vorliegend davon ausgegangen werden, dass es den Beschwerde- führenden gelingen wird, sich erneut eine Existenz aufzubauen. 8.3.4 Auch in Bezug auf die gesundheitlichen Probleme der Beschwerde- führenden und die entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten in Aser- baidschan kann vollumfänglich auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden. Die Beschwerdeführerin leidet bereits seit längerer Zeit an psychischen Problemen und nahm deswegen im Heimat- staat entsprechende Behandlungen in Anspruch (vgl. A126, F13 ff.). Es ist nicht ersichtlich, weshalb dies bei einer Rückkehr nicht mehr möglich sein sollte. Gemäss dem Arztbericht vom 10. August 2021 wurde die Tochter D._______ im Juli 2021 erneut einer stationären Behandlung zugewiesen aufgrund (…). Dem ärztlichen Bericht vom 19. August 2021 lässt sich ent- nehmen, dass sie zwischenzeitlich wieder entlassen werden konnte. Es bestehe eine latente Suizidalität und es komme immer wieder reaktiv zu suizidalen Krisen, zuletzt nach dem negativen Asylentscheid. Ihre Sympto- matik müsse vor dem Hintergrund einer ausgeprägten psychosozialen Be- lastungssituation verstanden werden, wobei als Belastungsfaktoren "Mig- ration oder soziale Verpflanzung" genannt werden. Der psychische Zu- stand der erst (…)-jährigen Tochter ist zwar sehr bedauernswert, führt in- dessen nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Es ist auch im Heimatstaat möglich, zukünftig (weiterhin) erforderliche – ambulante o- der stationäre – psychiatrische Behandlungen in Anspruch zu nehmen. Es wird in der Beschwerdeschrift nicht dargelegt und ist nicht ersichtlich, in- wiefern D._______ notwendige medizinische Leistungen in Aserbaidschan D-3831/2021 Seite 17 nicht erhältlich machen könnte. Im Zusammenhang mit allfäl ligen suizida- len Absichten der Beschwerdeführerin oder ihrer Tochter wies die Vo- rinstanz zutreffend darauf hin, dass diesen mit geeigneten Massnahmen im Rahmen der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten Rechnung getra- gen werden kann. 8.3.5 Hinsichtlich des Kinde swohls ist festzuhalten, dass sich die Be- schwerdeführenden erst seit gut einem Jahr und damit einer vergleichs- weise kurzen Zeit in der Schweiz aufhalten. Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass sich C._______ und D._______ in der Schweiz besonders gut inte- griert hätten, lassen sich den Akten nicht entnehmen. Es kann folglich nicht von einer Verwurzelung in der Schweiz ausgegangen werden. Angesichts des mehrmaligen Wechsels des Aufenthaltsstaates in den letzten Jahren ist vielmehr anzunehmen, dass die Bindung der beiden Kinder an die Eltern vergleichsweise stark ausgeprägt ist und die Kernfamilie eine wichtigere Rolle spielt als ausserfamiliäre Beziehungen. Zwar lässt sich nicht von der Hand weisen, dass der mit einer Rückkehr verbundene erneute Wechsel des Wohnorts eine erhebliche Belastung für die psychisch angeschlagene Tochter darstellt. Sollte dies zu einer Verschlechterung ihres Gesundheits- zustands oder einer erneuten suizidalen Krise führen, wäre dem mit ent- sprechenden therapeutischen Massnahmen zu begegnen. Beide Kinder haben einen Teil ihrer Schulzeit in Aserbaidschan absolviert und sind mit der heimatlichen Sprache und Kultur vertraut. Zudem verfügen sie im Hei- matstaat über weitere Verwandte und damit ein familiäres Beziehungsnetz, welches sie bei der sozi alen Wiedereingliederung unterstützen kann. Ins- gesamt ist daher nicht davon auszugehen, dass das Kindeswohl bei einer Rückkehr nach Aserbaidschan gefährdet wäre. 8.3.6 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass nicht anzunehmen ist, die Beschwerdeführenden würden bei der Rückkehr nach Aserbaidschan auf- grund der allgemeinen Situation oder aus individuellen Gründen wirtschaft- licher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzielle Notlage geraten. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach als zumutbar. 8.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän- digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). D-3831/2021 Seite 18 8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich , dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt und – soweit diesbezüglich überprüfbar –ange- messen ist (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Be- schwerde war jedoch nicht von vornherein als aussichtslos zu bezeichnen. Zudem wurde mit Eingabe vom 9. September 2021 eine Unterstützungs- bedürftigkeitserklärung des zuständigen Kantonalen Sozialdienstes einge- reicht, weshalb von der prozessualen Bedürftigkeit der Beschwerdeführen- den auszugehen ist. Die Voraussetzungen für die Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sind damit erfüllt und das entsprechende mit der Beschwerde gestellte Gesuch ist gut- zuheissen. Folglich sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Das Ge- such um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses erweist sich mit dem vorliegenden Entscheid als gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-3831/2021 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Regula Aeschimann Versand: