B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1628/2020 U r t e i l v o m 1 7 . M ä r z 2 0 2 1 Besetzung Richterin Mia Fuchs (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter Yanick Felley, Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______, geboren am 1. Januar 2001, Somalia, vertreten durch Joana Mösch, MLaw, HEKS / Rechtsschutz Bundesasylzentren Nordwestschweiz, [...], Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 13. März 2020 D-1628/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine somalische Staatsangehörige, reiste mut- masslich am 25. Dezember 2019 unkontrolliert in die Schweiz ein, worauf sie gleichentags im Bundesasylzentrum Nordwestschweiz ein Asylgesuch stellte. Am 4. Februar 2020 wurde sie durch das Staatssekretariat für Mig- ration (SEM) summarisch befragt, wobei sie als unbegleitete Minderjährige behandelt wurde. B. Gemäss Einträgen in der Datenbank „Eurodac“ war die Beschwerdeführe- rin am 4. Dezember 2019 in Italien daktyloskopisch erfasst worden. Im Rahmen ihrer Befragung erteilte ihr das SEM unter anderem das rechtliche Gehör zur Frage, ob Gründe bestehen würden, welche gegen die Zustän- digkeit Italiens für die Behandlung ihres Asylgesuchs sprechen würden. Diesbezüglich machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie sei in Italien in ein Lager gebracht worden. Obwohl sie krank gewesen sei, sei sie nicht einmal untersucht worden, und es habe sich niemand um sie gekümmert. C. Am 18. Februar 2020 erstattete das Institut für Rechtsmedizin der Univer- sität Basel im Auftrag des SEM in Bezug auf die Beschwerdeführerin ein Gutachten zur medizinischen Altersanalyse. D. Mit Zwischenverfügung vom 28. Februar 2020 teilte das SEM der Rechts- vertreterin im Wesentlichen mit, die Beschwerdeführerin werde gestützt auf die durchgeführte Altersanalyse für den weiteren Verlauf des Verfahrens als volljährig erachtet. Gleichentags erfasste das Staatssekretariat im Zent- ralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) als Geburtsdatum der Be- schwerdeführerin den 1. Januar 2001. E. Am 28. Februar 2020 richtete das SEM an die zuständige italienische Be- hörde die Mitteilung, gestützt auf die einschlägigen Staatsverträge werde Italien als zur Durchführung des As ylverfahrens zuständig erachtet (Ab- kommen vom 26. Oktober 2004 zwischen der Schweizerischen Eidgenos- senschaft und der Europäischen Gemeinschaft über die Kriterien und Ver- fahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die Prüfung eines in D-1628/2020 Seite 3 einem Mitgliedstaat oder in der Schweiz gestellten Asylantrags [Dublin-As- soziierungsabkommen, SR 0.142.392. 68]; Verordnung [EU] Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest- legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu- ständig ist [Dublin-III-VO]; Verordnung [EG] Nr. 1560/2003 der Kommission vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Rates [DVO Dublin]). F. Mit Eingabe an das SEM vom 4. März 2020 teilte die Rechtsvertreterin im Wesentlichen mit, die Volljährigkeit der Beschwerdeführerin werde bestrit- ten. G. Am 11. März 2020 stimmte die zuständige italienische Behörde der Rück- übernahme der Beschwerdeführerin zu. H. Mit Verfügung vom 13. März 2020 (Datum der Eröffnung: 16. März 2020) trat das SEM gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b des Asylgesetzes (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, ordnete deren Wegweisung nach Italien sowie den Vollzug an und wies sie an, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, wobei es festhielt, dass eine Beschwerde gegen diese Verfügung keine aufschiebende Wirkung habe. I. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 20. März 2020 focht die Beschwer- deführerin diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei be- antragte sie, die genannte Verfügung sei aufzuheben und das SEM anzu- weisen, auf ihr Asyl gesuch einzutreten, eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an das SEM zurückzuweisen, subeventualiter sei das Staatssekretariat anzuweisen, bei den italienischen Behörden individuelle Garantien hinsichtlich ihrer Unterbringu ng einzuho- len. Weiter beantragte sie, es sei das im ZEMIS eingetragene Geburtsda- tum zu berichtigen oder – da sie im vorinstanzlichen Verfahren die Volljäh- rigkeit bestritten habe – zumindest ein entsprechender Bestreitungsver- merk anzubringen. In prozessualer Hinsicht beantragte sie, der Vollzug der D-1628/2020 Seite 4 Wegweisung sei im Sinne einer superprovisorischen Massnahme einstwei- len auszusetzen und der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen, zudem sei ihr die unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren. J. Mit Zwischenverfügung vom 24. März 2020 setzte das Bundesverwal- tungsgericht den Vollzug der Wegweisung im Sinne einer superprovisori- schen Massnahme einstweilen aus. K. Mit Zwischenverfügung der Instruktionsrichterin vom 28. April 2020 wurden die Gesuche um Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen. Des Weiteren wurde die Beschwerdeführerin aufgefordert, in Bezug auf ihre gesundheit- liche Situation innert dreissig Tagen ab Erhalt der Verfügung einen medizi- nischen Bericht einzureichen. Die Zwischenverfügung ging der Rechtsver- treterin der Beschwerdeführerin am 30. April 2020 zu. L. Mit Eingabe vom 5. Juni 2020 teilte die Rechtsvertreterin im Wesentlichen mit, obwohl sie beim zuständigen Bundesasylzentrum mehrfach, zuletzt mit Schreiben vom 30. April 2020, einen Antrag auf medizinische Abklärung der Beschwerdeführerin gestellt habe, sei bislang nichts geschehen. Fer- ner ersuchte sie um Erstreckung der Frist für die Einreichung des verlang- ten medizinischen Berichts. M. Mit Schreiben vom 8. Juni 2020 wurde die betreffende Frist durch das Ge- richt bis zum 30. Juni 2020 verlängert. N. Mit Eingabe vom 30. Juni 2020 teilte die Rechtsvertreterin im Wesentlichen mit, sie habe mit Schreiben vom 16. Juni 2020 erneut beim SEM beantragt, es sei der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin insbesondere hin- sichtlich einer psychischen Erkrankung medizinisch abzuklären. Bis heute habe sich das Staatssekretariat aber zu keinem der gestellten Anträge ge- äussert. Des Weiteren beantragte die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin, das SEM sei durch das Gericht dazu aufzufordern, ihre gesundheitliche Situation einschliesslich allfälliger psychischer Probleme abzuklären. D-1628/2020 Seite 5 O. Mit Zwischenverfügung vom 25. August 2020 wurde unter anderem festge- stellt, dass das SEM während des laufenden Beschwerdeverfahrens, trotz zweimaligen Antrags der Rechtsvertreterin unter jeweiligem Hinweis auf die Zwischenverfügung vom 28. April 2020, weder eine medizinische Un- tersuchung der Beschwerdeführerin veranlasst noch die entsprechenden Anträge der Rechtsvertreterin überhaupt beantwortet habe. Weiter wurde das Gesuch der Beschwerdeführerin, das SEM sei zur Abklärung ihrer ge- sundheitlichen Situation aufzufordern, gutgeheissen, und das Staatssekre- tariat wurde aufgefordert, bis zum 15. September 2020 einen medizini- schen Bericht einzureichen. P. Mit Eingabe vom 2. September 2020 teilte die Rechtsvertreterin unter Ein- reichung entsprechender Beweismittel mit, die Beschwerdeführerin sei in den Kanton Solothurn verlegt worden, was den Austausch mit ihr – einer unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden – erschwere. Q. Mit Schreiben vom 11. September 2020 ersuchte das SEM um Erstreckung der Frist zur Einreichung eines medizinischen Berichts bis zum 30 . Sep- tember 2020. Diesem Antrag gab die Instruktionsrichterin mit Schreiben vom 15. September 2020 statt. R. Mit Eingabe vom 23. September 2020 übermittelte die Rechtsvertreterin im Zusammenhang mit der Verlegung der Beschwerdeführerin in den Kanton Solothurn die Kopie eines Schreibens des SEM. S. Mit Schreiben vom 29. September 2020 übermittelte das SEM die Kopie eines ärztlichen Zeugnisses betreffend die Beschwerdeführerin. T. Mit Zwischenverfügung vom 18. November 2020 wurde das SEM unter an- derem gestützt auf das genannte ärztliche Zeugnis aufgefordert, die Be- schwerdeführerin für eine eingehende Abklärung an das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes in Bern über- weisen zu lassen. Zur Einreichung eines entsprechenden medizinischen Berichts wurde dem Staatssekretariat eine Frist bis zum 18. Dezember 2020 gesetzt. D-1628/2020 Seite 6 U. Mit Schreiben vom 8. Dezember 2020 übermittelte das SEM das Original des am 29. September 2020 zugestellten ärztlichen Zeugnisses. V. Mit Schreiben vom 17. Dezember 2020 ersuchte das SEM um Erstreckung der Frist zur Einreichung eines medizinischen Berichts bis zum 1. Februar 2021. Diesem Antrag wurde mit Schreiben vom 21. Dezember 2020 statt- gegeben. W. Mit Schreiben vom 29. Januar 2021 ersuchte das SEM unter Einreichung einer Mitteilung des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer ein weiteres Mal um Erstreckung der Frist zur Einreichung eines medizinischen Berichts bis zum 1. März 2021. Diesem Antrag gab die Instruktionsrichterin mit Schreiben vom 4. Februar 2021 statt. X. Mit Schreiben vom 4. Februar 2021 übermittelte das SEM eine Mitteilung des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer, wonach die Beschwerde- führerin den vereinbarten Termi n für eine ärztliche Untersuchung nicht habe wahrnehmen wollen. Y. Mit Zwischenverfügung vom 10. Februar 2021 wurde der Beschwerdefüh- rerin in Bezug auf das Schreiben des SEM vom 4 . Februar 2021 und die betreffende Mitteilung des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer das rechtliche Gehör erteilt. Z. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 23. Februar 2021 reichte die Be- schwerdeführerin eine entsprechende Stellungnahme ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge- gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor- den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit D-1628/2020 Seite 7 Ausnahme v on Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe- rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end- gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen- dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. 2.1 Die Beschwerdeführerin ist legitimiert; auf ihre frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde ist – mit nachfolgender Einschränkung – einzu- treten (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 2.2 Mit der Beschwerdeschrift wird in einem Nebenpunkt beantragt, es sei das im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum der Beschwerdeführerin zu be- richtigen oder – da im vorinstanzlichen Verfahren die Volljährigkeit bestrit- ten worden sei – zumindest ein entsprechender Bestreitungsvermerk an- zubringen. Diesbezüglich ist festzustellen, dass – abgesehen von der blos- sen Bestreitung der Vol ljährigkeit – die Berichtigung des am 28. Februar 2020 durch das SEM in der Datenbank ZEMIS erfassten Geburtsdatums weder im vorinstanzlichen Verfahren bereit s beantragt wurde , noch Ge- genstand der angefochtenen Verfügung bildet. Somit kann die Änderung der im ZEMIS eingetragenen Persone ndaten auch nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens sein, und auf die entsprechenden An- träge ist folglich nicht einzutreten. 3. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilu ngskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1, 2012/4 E. 2.2). Demnach enthält sich die Beschwerdeinstanz – sofern sie den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstän- digen materiellen Prüfung, hebt die angefochtene Verfügung auf und weist die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl. BVGE 2014/39 E. 3). Demgegenüber prüft die Vorinstanz in sol chen Fällen die D-1628/2020 Seite 8 Frage der Wegweisung und des Vollzugs materiell, weshalb dem Bundes- verwaltungsgericht diesbezüglich die volle Kognition zukommt. 4. 4.1 In der Beschwerdeschrift werden formelle Rügen erhoben, die vorgän- gig zu behandeln sind. Dabei wird zum einen geltend gemacht, das SEM habe im Zusammenhang mit der angenommenen Volljährigkeit der Be- schwerdeführerin die Begründungspflicht verletzt und eine Rechtsverwei- gerung begangen. Zum anderen wird gerügt, das Staatssekretariat habe den rechtserheblichen Sachverhalt in medizinischer Hinsicht weder rechts- genüglich abgeklärt noch ausreichend gewürdigt und dabei seine Begrün- dungspflicht sowie den Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt. 4.2 4.2.1 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Part eien Anspruch auf rechtli- ches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, an- dererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen eingreift. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Be- weise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Be- weisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentli cher Be- weise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der An- spruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Be- fugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (BGE 144 I 11 E. 5.3, 135 II 286 E. 5.1; vgl. auch BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsan- spruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form - und fristgerechten Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streitfrage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegungen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht er- forderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein- lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi- derlegt (BGE 136 I 184 E. 2.2.1). D-1628/2020 Seite 9 4.2.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur, weshalb seine Verletzung ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache grundsätzlich zur Aufhebung der mit dem Verfahrensmangel behaf- teten Verfügung führt (BGE 144 1 11 E. 5.3). Eine Gehörsverletzung kann indes ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die Gewährung des rechtli- chen Gehörs in einem Rechtsmittelverfahren nachgeholt wird, in dem die Rechtsmittelinstanz sowohl den Sachverhalt wie auch die Rechtslage frei überprüfen kann, die Gehörsverletzung nicht besonders schwer wiegt und der betroffenen Partei durch die Heilun g kein Nachteil entsteht (BGE 137 I 195 E. 2.3.2; 129 I 129 E. 2.2.3; BVGE 2017 I/4 E. 4.2). 4.2.3 Im Verwaltungsverfahren gelten der Untersuchungsgrundsatz und die Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts (Art. 12 VwVG; vgl. auch Art. 49 Bst. b VwVG; für das Asyl- verfahren ausserdem Art. 6 AsylG). Mithin ist die zuständige Behörde ver- pflichtet, den für die Beurteilung eines Asylgesuchs relevanten Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen (vgl. zur Bedeutung des Untersuc hungs- grundsatzes allgemein etwa ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHL- MANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl., Zürich/St. Gallen 2016 , S. 217 f.; PATRICK KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER/FABIO BABEY, in: Bernhard Waldmann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2016, Art. 12, N 15 ff.). Dieser Grund- satz wird allerdings durch die allgemeine Mitwirkungspflicht der Parteien (Art. 13 VwVG) sowie im Asylverfahren durch die besondere Mitwirkungs- pflicht einer asylsuchenden Person (Art. 8 AsylG) begleitet. 4.3 Hinsichtlich der vorgebrachten Rügen ist in einem ersten Schritt auf die Frage einzugehen, ob die Vorinstanz im Zusammenhang mit der in der an- gefochtenen Verfügung angenommenen Volljährigkeit der Beschwerdefüh- rerin die Begründungspflicht und damit den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt hat. 4.3.1 Dies setzt voraus, zunächst auf die für die Prüfung der Volljährigkeit einer asylsuchenden Person massgeblichen Kriterien hinzuweisen. Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Person zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen, da sie die Beweislast dafür trägt, auch wenn das SEM die entscheidrelevant en Sachverhaltsmomente von Amtes wegen festzustellen hat (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizeri- schen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3; BVGE 2018 D-1628/2020 Seite 10 VI/3 E. 4.2.3 m.w.N.). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwä- gung aller Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der betreffen- den Altersangabe sprechen, vorzunehmen (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1). Wurde der Sachverhalt abschliessend festgestellt und ist es der betroffe- nen Person nicht gelungen, die behauptete Minderjährigk eit glaubhaft zu machen, so hat sie die Folgen zu tragen und wird als volljährig betrachtet (BVGE 2019 I/6 E. 5.4). 4.3.2 Aus den vorinstanzlichen Akten geht diesbezüglich im Wesentlichen Folgendes hervor. Auf dem Personalienblatt, das bei der Anmeldung der Beschwerdeführerin im Bundesasylzentrum Nordwestschweiz ausgefüllt wurde, ist als Geburts- datum der 4. April 2004 eingetragen. Anlässlich der Erstbefragung gab die Beschwerdeführerin an , sie sei im Jahr 2000 geboren worden und – auf entsprechende Nachfrage hin – folg- lich 19 Jahre alt. Das genaue Datum kenne sie nicht, sie sei jedoch im zweiten Monat geboren. Bei der Ankunft im Bundesasylzentrum habe sie ein anderes Datum angegeben, wobei eine andere Person somalischer Staatsangehörigkeit das Formular für sie a usgefüllt habe. Im Verlauf der Erstbefragung beantragte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin die Durchführung eines medizinischen Altersgutachtens. Dies begründete die Rechtsvertreterin damit, aufgrund der widersprüchlichen Angaben, An- zeichen von pubertärem Verhalten, des Analphabetismus und der Regel, wonach Minderjährige die Unterkunft nicht alleine verlassen dürften, sei zu vermuten, dass die Beschwerdeführerin entgegen ihren eigenen Aussagen tatsächlich minderjährig sei. Die Beschwerdeführerin selbst gab in Bezug auf die beantragte Durchführung eines Altersgutachtens zu Protokoll, man könne das machen, sie habe aber immer gedacht, sie sei ungefähr 19 Jahre alt. Auch gegenüber den italienischen Behörden habe sie dieses Al- ter angegeben. Aus der am 18. Februar 2020 durch das Institut für Rechtsmedizin der Uni- versität Basel erstatteten medizinischen Altersanalyse ergibt sich im We- sentlichen Folgendes: In der Zusammenschau der verschiedenen durch- geführten Untersuchungen könne von einem Mindestalter von 16,4 Jahren ausgegangen werden, bei einem wahrscheinlichen Lebensalter von etwa 18 Jahren. Die Vollendung des 18. Lebensjahres und damit die Volljährig- keit lasse sich nicht mit der notwendigen Sicherheit belegen. Das von der Beschwerdeführerin (anhand des Datums 4. April 2004) angegebene Le- bensalter von 15 Jahren und 10 Monaten sei mit den erhobenen Befunden nicht zu vereinbaren. D-1628/2020 Seite 11 Am 28. Februar 2020 teilte das SEM der Rechtsvertreterin mit, die Be- schwerdeführerin werde gestützt auf die durchgeführte Alte rsanalyse für den weiteren Verlauf des Verfahrens als volljährig erachtet, und erfasste in der Datenbank ZEMIS als Geburtsdatu m der Beschwerdeführerin den 1. Januar 2001. In der Folge teilte die Rechtsvertreterin dem SEM mit Schreiben vom 4. März 2020 mit, die Volljährigkeit der Beschwerdeführerin werde bestrit- ten. Dabei machte sie geltend, gemäss dem Altersgutachten lasse sich die Vollendung des 18. Lebensjahres der Beschwerdeführerin nicht ausrei- chend belegen. Es gebe genügend Hinweise, die dafür sprechen würden, die Beschwerdeführerin weiterhin als unbegleitete Minderjährige zu behan- deln, und es werde auf die Anträge anlässlich der Erstbefragung verwie- sen. Diese Argumentation wird durch die Rechtsvertreterin auch in der Be- schwerdeschrift vorgebracht. 4.3.3 Hinsichtlich der soeben genannten Aspekte ist zunächst festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin selbst bei der Erstbefragung vom 4. Februar 2020 auf wiederholte Nachfrage hin die Aussage machte, sie sei bereits 19 Jahre alt und somit volljährig. Diese Angabe bestätigte sie auch noch, nachdem ihre Rechtsvertreterin im Verlauf der Befragung die Vermutung geäussert hatte, die Beschwerdeführerin mache über ihr Alter unzutref- fende Angaben. Dabei ist ausserdem festzustellen, dass sich die Volljäh- rigkeit der Beschwerdeführerin aufgrund der durchgeführten Altersanalyse zum damaligen Zeitpunkt zwar nicht als eindeutig belegt erwies, zugleich jedoch ein Leben salter von 18 Jahren durchaus als wahrscheinlich be- zeichnet wurde. Angesichts dieser Ergebnisse der Altersanalyse und unter Berücksichtigung der eigenen Aussagen der Beschwerdeführerin besteht kein Anlass, die Ausführungen im Beschwerdeverfahren, die Beschwerde- führerin sei tatsächlich zum damaligen Zeitpunkt noch minderjährig gewe- sen, als glaubhaft zu erachten. Damit ist festzustellen, dass die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zu Recht von der Volljährigkeit der Be- schwerdeführerin ausgegangen ist. 4.3.4 Aus dem Gesagten ergibt sich ausserdem, dass das SEM in der an- gefochtenen Verfügung mit ausreichender Begr ündung auf die Frage der Volljährigkeit der Beschwerdeführerin eingegangen ist. Die entsprechende Rüge erweist sich somit als unbegründet. 4.3.5 Der Vollständigkeit halber ist schliesslich zu erwähnen, dass seit der am 18. Februar 2020 erstatteten medizinischen Altersanalyse mehr als ein D-1628/2020 Seite 12 Jahr verstrichen ist, womit aus heutiger Sicht umso mehr von der Volljäh- rigkeit der Beschwerdeführerin auszugehen ist. 4.4 In einem weiteren Punkt wird durch die Rechtsvertreterin gerügt , das SEM habe den rechtserheblichen Sachverha lt in medizinischer Hinsicht weder rechtsgenüglich abgeklärt noch ausreichend gewürdigt und dabei seine Begründungspflicht sowie den Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt. 4.4.1 In diesem Zusammenhang wird in der Beschwerdeschrift im Wesent- lichen ausgeführt, in der angefochtenen Verfügung werde nicht darauf ein- gegangen, dass die Rechtsvertreterin anlässlich der Befragung vom 4. Februar 2020 einen Antrag auf medizinische Abklärung und psychosozi- ale Unterstützung der B eschwerdeführerin gestellt habe. Dabei gehe aus den Akten hervor, dass es sich bei der Beschwerdeführerin um eine trau- matisierte, alleinstehende junge Frau handle. Dies gelte selbst unter der vom SEM vertretenen Annahme, dass die Beschwerdeführerin bereits voll- jährig sei. Die Vorinstanz habe in keiner Weise auf die Tatsache Rücksicht genommen, dass es sich bei der Beschwerdeführerin um eine vulnerable Person handle. In diesem Zusammenhang wird in der Beschwerdeschrift im Übrigen auf die jüngste Praxis des Bundesverwaltungsgerich ts zur Überstellung von Familien und Schwerkranken nach Italien (Urteil E - 962/2019 vom 17. Dezember 2019 [als Referenzurteil publiziert]) hingewie- sen. 4.4.2 Die Beschwerdeführerin sagte im Rahmen ihrer summarischen Be- fragung aus (zum Folgenden das entsprechende Protokoll, Ziff. 5.01 f., 8.02, 9.01), sie sei im Juli 2017 aus ihrem Heimatstaat Somalia ausgereist und nach Libyen gelangt. I n Libyen sei sie von Schleppern, die auf Löse- geld gehofft hätten, während zweier Jahre eingesperrt worden, wobei sie von diesen auch geschlagen worden sei. S ie leide unter Schlaflosigkeit, was daran liege, dass sie in Libyen viele Sachen erlebt habe. Auf die Frage hin, wie es für sie sei, über Libyen sprechen zu müssen, gab die Beschwer- deführerin zur Antwort, sie wolle nicht daran erinnert werden, denn sie sei dort lange festgehalten, geschlagen und misshandelt worden. A us dem Protokoll der summarischen Befragung geht zudem hervor, dass die Rechtsvertreterin im Zusammenhang mit allfälligen traumatischen Erfah- rungen in Libyen einen Antrag auf medizinische Abklärung und psychoso- ziale Unterstützung der Beschwerdeführerin stellte (ebd., Ziff. 8.02). D-1628/2020 Seite 13 4.4.3 In der angefochtenen Verfügung erwähnte das SEM zwar, die Be- schwerdeführerin habe davon berichtet, sie leide unter Schlaflosigkeit, weil sie viele Sachen erlebt habe. Auch erwähnte die Vorinstanz den von der Rechtsvertreterin gestellten Antrag auf medizinische Abklärung . Ferner wurde in der angefochtenen Verfügung festgehalten, gemäss Auskunft des Pflegedienstes im Bundesasylzentrum Flumenthal lägen keine relevanten medizinischen Akten vor. Demgegenüber ist festzustellen, dass die Vo- rinstanz in der angefochtenen Verfügung nicht darauf einging, dass die Be- schwerdeführerin im Rahmen ihrer Befragung von einer zweijährigen Ein- sperrung und dabei erl ittenen Misshandlungen berichtete. Ebenso wurde in der Begründung der angefochtenen Verfügung nicht darauf eingegan- gen, weshalb dem gestellten Antrag auf medizinische Abklärung keine Folge geleistet wurde. 4.4.4 Im vorliegenden Verfahren erging mit Zwischenverfügung vom 28. April 2020 an die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin die Auffor- derung, einen medizinischen Bericht einzureichen. In der Folge teilte die Rechtsvertreterin zunächst mit Eingabe vom 5. Juni 2020 mit, obwohl sie beim zuständigen Bundesasylzentrum mehrfach, zu- letzt mit Schreiben vom 30. April 2020, einen Antrag auf medizinische Ab- klärung der Beschwerdeführerin gestellt habe, sei bislang nichts gesche- hen. Als Beweismittel übermittelte sie eine Kopie des genannten Schrei- bens vom 30. April 2020, welches einen Empfangsstempel des SEM trägt, wonach die Eingabe am 4. Mai 2020 entgegengenommen wurde. Aus dem genannten Schreiben geht hervor, dass die Rechtsvertreterin unter Hin- weis auf die Zwischenverfügung vom 28. April 2020 das Staatssekretariat darum ersuchte, die Beschwerdeführerin sowohl medizinisch als auch psy- chologisch abklären zu lassen. Mit Eingabe vom 30. Juni 2020 teilte die Rechtsvertreterin weiter mit, sie habe mit Schreiben vom 16. Juni 2020 erneut beim SEM beantragt, es sei der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin insbesondere hinsicht- lich einer psychischen Erkrankung medizinisch abzuklären. Bis heute habe sich das Staatssekretariat aber zu keinem der gestellten Anträge geäus- sert. Weiter wurde in der Eingabe ausgeführt, obwohl die Volljährigkeit der Beschwerdeführerin bestritten werde, sei diese in das Bundesasylzentrum Flumenthal verlegt worden, was die Kommunikation zwischen der unbe- gleiteten minderjährigen Asylsuchenden und der Rechtsvertreterin erheb- lich erschwere. Die Rechtsvertreterin habe am 15. Mai, am 23. Juni und am 29. Juni 2020 jeweils die Beschwerdeführerin kontaktiert. Dabei sei deutlich geworden, dass es der Beschwerdeführerin nicht gut gehe, sie D-1628/2020 Seite 14 sich aber geniere, sich aus diesem Grund bei der Pflege zu m elden. Von der Dolmetscherin sei die Rechtsvertreterin auf die kulturell bedingte Angst vor Stigmatisierung hingewiesen worden. Tatsächlich habe die Beschwer- deführerin gegenüber der Rechtsvertretung mehrmals betont, dass sie nicht verrückt sei und deshalb nicht zu einer Psychiaterin gehen wolle. Das Gericht werde ersucht, die Vorinstanz dazu aufzufordern, die gesundheitli- che Situation der Beschwerdeführerin einschliesslich allfälliger psychischer Probleme abzuklären. Mit der Eingabe vom 30. Juni 2020 wurde als Beweismittel unter anderem eine Kopie des genannten Schreibens an das SEM vom 16. Juni 2020 ein- gereicht, welches einen Empfangsstempel trägt, wonach die Eingabe am 17. Juni 2020 durch das Staatssekretariat entgegengenommen wurde. Aus dem Schreiben geh t hervor, dass die Rechtsvertreterin erneut unter Hin- weis auf die Zwischenverfügung vom 28. April 2020 das Staatssekretariat darum ersuchte, die Beschwerdeführerin medizinisch abklären zu lassen , einschliesslich der psychischen Gesundheit. Dabei wies die Rechtsvertre- terin das SEM ausserdem darauf hin, dass ihre medizinischen Anträge bis jetzt unbeantwortet geblieben seien. Es lägen der Rechtsvertreterin auch keine Akten vor, die über den gesundheitlichen Zustand der Beschwerde- führerin aufklären würden. Die Passivität des SEM könne nicht damit be- gründet werden, dass die Beschwerdeführerin nicht von sich aus an den Pflegedienst gelange. Es handle sich bei ihr um eine junge Frau, die mög- licherweise traumatisiert sei, sicherlich bildungsfern sei, sprachliche Schwierigkeiten habe und gemäss dem vorliegenden Altersgutachten wahrscheinlich sogar minderjährig sei. Es sei somit naheliegend, dass sie sich nicht traue, bei der Pflege nach einem Arzttermin zu fragen, ge- schweige denn bei einer Psychiaterin. Gemäss Art. 26a AsylG i.V.m. Art. 29 ff. VwVG obliege es dem SEM, den medizinischen Sachverhalt voll- ständig abzuklären, wenn Hinweise auf Vulnerabilität vorlägen. Es werde beantragt, dass die Beschwerdeführerin umgehend und mit der nötigen Sorgfalt ärztlich untersucht werde, wobei die Untersuchung durch ein rei- nes Frauenteam vorzunehmen sei. Des W eiteren wurde mit der Eingabe eine protokollarische Auflistung ("Stammdatenblatt") der Kontakte zwischen der Rechtsvertretung und der Beschwerdeführerin eingereicht. Daraus geh t über das bereits Erwähnte hinaus unter anderem hervor, dass die Beschwerdeführerin der Rechtsver- treterin am 23. Juni 2020 im Rahmen eines Telephongesprächs mitgeteilt habe, sie habe schon mehrfach mit der Rechtsvertreterin sprechen wollen, jedoch sei ihr der Kontakt vom Pflegedienst verweigert worden. D-1628/2020 Seite 15 Mit Zwischenverfügung der Instruktionsrichterin vom 25. August 2020 wurde das SEM unter Hinweis auf verschiedene Mängel der vorinstanzli- chen Verfahrensführung, auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungs- gerichts in Bezug auf Dublin -Überstellungen unter anderem von schwer erkrankten Asylsuchenden (Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019) und auf den Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör und auf die behördliche Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts – unter Einschluss des medizinischen Sachverhalts – aufgefordert, eine eingehende medizinische Untersuchung der Beschwerdeführerin zu veranlassen. Dabei wurde das Staatssekreta- riat ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass im Rahmen dieser Un- tersuchung auch allfälligen psychischen Problemen der Beschwerdeführe- rin aufgrund möglicher geschlechtsspezifischer Misshandlungen Rech- nung zu tragen sei. Mit Schreiben vom 29. September 2020 übermittelte das SEM die Kopie eines vom 22. September 2020 datierenden ärztlichen Zeugnisses einer Fachärztin für Allgemeine innere Medizin. Aus diesem ärztlichen Zeugnis geht unter anderem hervor, dass möglicherweise von einer posttraumati- schen Belastungsstörung aufgrund diverser Gewalterlebnisse der sehr jung wirkenden Patientin auszugehen sei. Weiter hielt die behandelnde Ärztin fest, sie wolle die Beschwerdeführerin für eine weitere Abklärung und Betreuung an das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer in Bern über- weisen. Mit Zwischenverfügung der Instruktionsrichterin vom 18. November 2020 wurde festgestellt, dass seitens des SEM – obwohl es mit der Zwischen- verfügung vom 25. August 2020 bereits ausdrücklich aufgefordert worden sei, bei der durchzuführenden medizinischen Untersuchung auch allfällige psychische Probleme der Beschwerdeführerin zu berücksichtigen – noch immer keinerlei Massnahmen getroffen worden seien, die von der erwähn- ten Fachärztin für Allgemeine innere Medizin vorgeschlagene fachspezifi- sche psychiatrische Beurteilung in die Wege zu leiten. Somit sei die ge- sundheitliche Situation der Beschwerdeführerin nach wie vor und trotz aus- drücklicher Aufforderung durch das Bundesverwaltungsgericht an die Vo- rinstanz nicht ausreichend abgeklärt worden. Angesichts dessen wurde die Vorinstanz aufgefordert, unverzüglich die im ärztlichen Zeugnis vom 22. September 2020 vorgeschlagene Überweisung der Beschwerdeführe- rin an das Ambulatorium fü r Folter- und Kriegsopfer für eine eingehende Abklärung in die Wege zu leiten. Zur Einreichung des betreffenden medizi- nischen Berichts wurde dem SEM eine Frist bis zum 18. Dezember 2020 gesetzt. D-1628/2020 Seite 16 In der Folge ersuchte das SEM zweimal, mit Schreiben vom 17. Dezember 2020 und vom 29. Januar 2021, unter Bezugnahme auf die terminliche Ver- fügbarkeit des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer um Erstreckung der Frist zur Einreichung des verlangten medizinischen Berichts. Mit Schreiben vom 4. Februar 2021 übermittelte das SEM eine E-Mail des ärztlichen Leiters des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes, Bern. Aus dieser Mitteilung des Ambula- toriums geht hervor, dass für die Beschwerdeführerin am 3. Februar 2021 ein Termin für ein fachärztliches Konsilium und eine Woche später ein wei- terer Termin für eine psychometrische T estung angesetzt war. Nachdem die Beschwerdeführerin zum Termin vom 3. Februar 2021 nicht erschienen sei, habe sich das Ambulatorium telephonisch mit dem Asylheim, in dem sie wohnhaft sei, in Verbindung gesetzt. Die dort zuständige Person habe mitgeteilt, die Beschwerdeführerin habe schon am betreffenden Morgen erklärt, sie wolle nicht zum Termin erscheinen. Die zuständige Person habe dann versucht, die Beschwerdeführerin davon zu überzeugen, dass ein Termin beim Ambulatorium sinnvoll wäre. Die Beschwerdeführerin habe je- doch kein Gespräch mit dem Ambulatorium führen wollen. Das Ambulato- rium schliesse den Fall damit ab, und eine erneute Anmeldung werde nicht als sinnvoll erachtet. Diesbezüglich wurde der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin mit Zwischenverfügung vom 10. Februar 2021 das rechtliche Gehör erteilt. Mit Eingabe vom 23. Februar 2021 gab die Rechtsvertreterin eine entspre- chende Stellungnahme ab. Dabei wird geltend gemacht, die Beschwerde- führerin wohne in einem Asylzentrum des Kantons Solothurn, weit entfernt vom Bundesasylzentrum in Basel, wo eine niederschwellige Beratung durch die Vertrauensperson (implizit: die Rechtsvertreterin) möglich gewe- sen wäre. Dadurch sei der Kontakt zwischen der Vertrauensperson und der Beschwerdeführerin nur noch telephonisch möglich gewesen, wobei Letz- tere das Gespräch nie von sich aus gesucht habe. Im Rahmen der gleich- wohl regelmässig durchgeführten Telephongespräche mit der Vertrauens- person habe die Beschwerdeführerin auf entsprechende Nachfrage hin be- richtet, dass es ihr "normal" gehe, wobei dies für sie bedeute, dass sie im- mer allein und traurig sei. Bezüglich des nicht wahrgenommenen Termins beim Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer habe sie bei einem erneu- ten Telephongespräch ausgeführt, dass sie zwar von der Unterkunft über den Termin informiert worden sei. Jedoch habe sie verstanden, dass man dabei sehr viel befragt werde, weshalb sie sich entschieden habe, nicht hinzugehen. Die Beschwerdeführerin habe erst jetzt die Wichtigkeit des er-D-1628/2020 Seite 17 wähnten Termins begriffen. Somit sei die Vorinstanz aufzufordern, die Un- tersuchung durch das Ambulatorium neu anzusetzen und die Beschwerde- führerin zum Termin zu begleiten. Mit der Eingabe wurde eine erneuerte protokollarische Auflistung der Kontakte zwischen der Rechtsvertretung und der Beschwerdeführerin eingereicht. 4.4.5 Gemäss Art. 8 Abs. 1 Bst. f AsylG i.V.m. Art. 26a AsylG gehört zur Mitwirkungspflicht asylsuchender Personen unter anderem, dass sie sich einer vom SEM angeordneten medizinischen Untersuchung unterziehen. Zufolge Art. 26a Abs. 1 AsylG müssen Asylsuchende die für das Asyl- und Wegweisungsverfahren massgeblichen gesundheitlichen Beeinträchtigun- gen, die ihnen bereits zum Zeitpunkt der Einreichung des Asylgesuches bekannt waren, unmittelbar nach der Gesuchseinreichung, spätestens je- doch bei der Anhörung zu den Asylgründen nach Art. 36 Abs. 2 AsylG oder der Gewährung des rechtlichen Gehörs nach Art. 36 Abs. 1 AsylG geltend machen. Umgekehrt bedeutet dies, dass Asylsuchende mit einer verfah- rensrelevanten gesundheitlichen Beeinträchtigung sich in den Verfahrens- zentren durch vom Bund beauftragtes medizinisches Fachpersonal kosten- los untersuchen lassen können (vgl. Zusatzbotschaft zur Änderung des Asylgesetzes [Kurzfristige Massnahmen] vom 23. September 2011 [BBl 2011 7325, 7332]). Dies setzt notwendigerweise voraus, dass das SEM auf entsprechenden Antrag hin eine entsprechende Untersuchung zur Fest- stellung des medizinischen Sachverhalts auch tatsächlich in die Wege lei- tet. 4.4.6 Angesichts der Aussagen, welche die Beschwerdeführerin gegen- über der Vorinstanz zu ihren Erlebnissen in Libyen machte, wäre im vorlie- genden Fall eine fachärztliche Untersuchung grundsätzlich als angezeigt zu erachten gewesen. Hinzu kommt, dass das Bundesverwaltungsgericht in seinem Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 s trengere Kriterien für Dublin-Überstellungen unter anderem von schwer erkrankten Asylsuchenden, ob in physischer oder in psychischer Hinsicht, die sofort nach der Ankunft in Italien auf lückenlose medizinische Versorgung ange- wiesen sind, beschlossen und das SEM verpflichtet hat, individuelle Zusi- cherungen betreffend die Gewährleistung der nötigen medizinischen Ver- sorgung und Unterbringung bei den italienischen Behörden einzuholen (a.a.O., E. 7.4.3). Dabei wurde festgehalten, es sei in Italien unter anderem in psychologischer Hinsicht von fehlender Unterstützung entsprechend vul- nerabler Personen auszugehen. D-1628/2020 Seite 18 4.4.7 Aus dem vorliegenden Sachverhalt (E. 4.4.2–4.4.6) ergibt sich zwar, dass die Verfahrensführung des SEM grundsätzlich als unsorgfältig und in verschiedener Hinsicht problematisch zu bezeichnen ist. Allerdings steht dem gegenüber, dass die Beschwerdeführerin ihrer gesetzlichen Mitwir- kungspflicht (Art. 8 Abs. 1 Bst. f AsylG i.V.m. Art. 26a AsylG) in keiner Weise nachgekommen ist. An dieser Einschätzung vermögen auch die Ausführungen in der Eingabe vom 23. Februar 2021 zur Frage, weshalb die Beschwerdeführerin den angesetzten Termin für eine Untersuchung durch das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer nicht wahrgenommen habe, nichts zu ändern. Dabei ist insbesondere auch zu berücks ichtigen, dass die Vorinstanz, wie sich erwiesen hat (E. 4.3.3), zu Recht von der Volljährigkeit der Beschwerdeführerin ausgegangen ist. Auch für den in der genannten Eingabe gestellten Antrag, das SEM sei dazu aufzufordern, ei- nen erneuten Termin beim Ambulatorium zu veranlassen, ist kein nachvoll- ziehbarer Anlass ersichtlich, und er ist folglich abzulehnen. Somit sind die Rügen, der rechtserhebliche Sachverhalt sei in medizinischer Hinsicht nicht rechtsgenüglich abgeklärt und ausreichend gewürdigt geworden, und das SEM habe diesbezüglich den Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt, im Ergebnis als unbegründet zu bezeichnen. 4.5 Zusammenfassend erweist sich, dass kein Grund besteht, die ange- fochtene Verfügung wegen der vorgebrachten formellen Rügen aufzuhe- ben. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Behandlung des Asyl- gesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffe nde Mitglied- staat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von eine m einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens ("take charge") sind die in Kapitel D-1628/2020 Seite 19 III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl . Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit- punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah- men eines Wiederaufnahmeverfahrens ("take back") findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.N.). 5.3 Der nach dieser Verordnung zus tändige Mitgliedstaat ist verpflichtet, die antragstellende Person, die während der Prüfung ihres Antrags in ei- nem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder sich im Hoheits- gebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel au fhält, nach Massgabe der Art. 23–25 und 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). Die Dublin-III-VO räumt den Schutz- suchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszu- wählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 5.4 Die zuständige italienische Behörde hat am 11. März 2020 innert der dafür vorgesehenen Frist (Art. 25 Abs. 1 Dublin -III-VO) der Rücküber- nahme der Beschwerdeführerin zugestimmt. Somit ist die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens gegeben, und diese wird von der Beschwerdeführe- rin auch nicht bestritten. 6. 6.1 Unter dem Aspekt von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf- nahmebedingungen für Asylsuchende in Italien würden systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grund- rechte der Europäischen Union mit sich bringen würden. Das B undesver- waltungsgericht hat im bereits erwähnten Referenzurteil in Bezug auf Ita- lien nach eingehender Analyse festgehalten, dass das italienische Asylsys- tem zwar weiterhin Schwachstellen, jedoch keine systemischen Mängel aufweist (vgl. Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). 6.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR D-1628/2020 Seite 20 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per- sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er- geben. Diese Vermutung, wonach Italien seinen völkerrechtlichen Ver- pflichtungen nachkomme, kann durch konkrete und erhebliche Vorbringen im Einzelfall umgestossen werden (vgl. Referenzurteil E -962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 5; BVGE 2011/9 E. 6, 2010/45 E. 7.5 m.w.N.). 6.3 Im v orliegenden Fall beruft sich die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin unter Hinweis auf das Referenzurteil E-962/2019 darauf, dass ihre Überstellung nach Italien unzulässig sei, weil sie nich t nur min- derjährig, sondern angesichts ihrer psychischen Traumatisierung auch in gesundheitlicher Hinsicht besonders vulnerabel sei. 6.3.1 Diesbezüglich ist zunächst festzuhalten, dass die Beschwerdeführe- rin, wie sich erwiesen hat (E. 4.3 .3), ihre Minderjährigkeit nicht glaubhaft zu machen vermochte, womit das SEM in der angefochtenen Verfügung zu Recht von ihrer Volljährigkeit ausgegangen ist. Angesichts dessen besteht auch kein Anlass, das SEM anzuweisen, wie mit der Beschwerdeschrift beantragt, bei den italienischen Behörden individuelle Garantien für eine kindsgerechte Unterbringung einzuholen. 6.3.2 Gestützt auf die einschlägige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) steht fest, dass eine zwangsweise Rückwei- sung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahms- weise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen kann. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener m edizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei- nem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwie- derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. aus der neueren Rechtsprechung das Urteil Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016 [Grosse Kam- mer], Beschwerde Nr. 41738/10, Ziff. 180–193, m.w.N.). Von einem derart gravierenden Krankheitsbild kann bei der Beschwerdeführerin nicht ausge-D-1628/2020 Seite 21 gangen werden. Zwar bestehen aufgrund der Erstbefragung und ange- sichts des im Beschwerdeverfahren eingegangenen ärztlichen Zeugnisses vom 22. September 2020 gewisse Hinweise auf das mögliche Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jedoch ist die tatsächliche ge- sundheitliche Situation der Beschwerdeführerin im Ergebnis wegen ihrer Verletzung der Mitwirkungspflicht im Rahmen der angeordneten medizini- schen Abklärungen (vgl. E. 4.4.7) als unbekannt zu bezeichnen. Weil die- ser Umstand mangels ihrer Mitwirkung vollständig der Beschwerdeführerin anzulasten ist, besteht kein Anlass, diesbezüglich weitere Massnahmen zu treffen. 6.4 Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Italien grundsätzlich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. statt vieler die Urteile des BVGer E-6298/2019 vom 5. Dezember 2019 S. 12 und F -4617/2019 vom 14. Oktober 2019 E. 5.3). Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Dublin-Mitgliedstaat die Rechte aus der Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) anerkennt und schützt. Es liegen keine Hinweise vor, wonach Italien der Beschwerdeführerin eine adäquate medizinische Behandlung verweigern würde, sollte sie eine solche tatsäch- lich benötigen. Der Zugang für asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheitssystem über die Notv ersorgung hinaus ist derzeit grundsätz- lich gewährleistet, auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann ( vgl. das Referenzurteil E-962/2019 E. 6.2.7). Die Be- schwerdeführerin könnte sich nötigenfalls an die italienisch en Behörden wenden und die ihr zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechts- weg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). 6.5 6.5.1 Die Beschwerdeführerin fordert ferner auch die Anwendung der Er- messensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO, respektive d er – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss welcher das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. 6.5.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der Anwendung von Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-D-1628/2020 Seite 22 raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die- sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über - respektive Un- terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des- halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 6.5.3 Nach dem Gesagten bestehen auch aus Sicht des Bundesverwal- tungsgerichts keine ausreichend begründeten Hinweise dafür, dass die Be- schwerdeführerin im Fall der Rückkehr nach Italien in eine existentielle Not- lage geraten wird. Es besteht daher kein Grund für eine Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Italien der für die Behandlung der Asylgesuche der Beschwerdeführerin zuständige Mitglied- staat gemäss Dublin-III-VO. 6.6 Allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zu- sammenhang mit der COVID -19-Pandemie stellen – gemäss aktuellem Kenntnisstand – lediglich temporäre Vollzugshindernisse dar und vermö- gen am Ausgang des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern (vgl. bspw. Urteil des BVGer F-1829/2020 vom 9. April 2020 E. 5.2). 7. Das SEM ist nach dem Gesagten zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein- getreten. Da sie nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlas- sungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 8. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 des Bundesge- setzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (Ausländer - und Integrationsgeset z, AIG, SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.N.). 9. Aus den angestellten Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich D-1628/2020 Seite 23 überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen, so- weit auf sie einzutreten ist. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten an sich der Be- schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde der mit der Beschwerdeschrift gestellte Antrag auf unentgeltliche Prozessfüh- rung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 28. April 2020 gutgeheissen. Somit hat die Beschwerdeführerin keine Ver- fahrenskosten zu tragen. (Dispositiv nächste Seite) D-1628/2020 Seite 24 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit auf sie einzutreten ist. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Mia Fuchs Martin Scheyli Versand: