<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 92 S.350</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Steuerrekursgericht</span> <span class="page_no">350</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>92</b></span> <span class="ft1"><b>Steuerstrafrecht; Strafbefehlsverfahren (§ 242 ff. StG).</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Grundsätzlich besteht kein Anspruch auf eine persönliche Anhörung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>im Rahmen des Strafbefehlsverfahrens vor dem Kantonalen Steuer-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>amt.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">4. November 2003 in Sachen KStA gegen P. E., RV.2003.50227/K 8219</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. a) Bei der Busse wegen Verletzung von steuerrechtlichen</span><br/> <span class="ft6">Verfahrenspflichten handelt es sich um eine echte kriminalrechtliche</span><br/> <span class="ft6">Strafe. Auf das Verfahren gelangen dementsprechend die Garantien</span><br/> <span class="ft6">der EMRK, insbesondere Art. 6, zur Anwendung. Ebenfalls zu be-</span><br/> <span class="ft6">achten sind die entsprechenden strafprozessualen Grundsätze der</span><br/> <span class="ft6">Bundesverfassung, insbesondere der Anspruch auf rechtliches Gehör</span><br/> <span class="ft6">in Art. 29 Abs. 2 BV. Zu diesen den Angeschuldigten zustehenden</span><br/> <span class="ft6">Rechten gehört nicht nur das Recht, sich zur Beschuldigung, zum</span><br/> <span class="ft6">Beweisergebnis und zum Strafantrag zu äussern, sondern auch das</span><br/> <span class="ft6">Recht auf persönliche Einvernahme. Die Angeschuldigten müssen</span><br/> <span class="ft6">die Gelegenheit haben, sich im Verlauf des gesamten Verfahrens</span><br/> <span class="ft6">mindestens einmal mündlich zu äussern (Entscheid des Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft6">gerichts Zürich vom 27. September 2000, publiziert in StE 2001</span><br/> <span class="ft6">A 21.13 Nr. 5, Erw. 2/a mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">b) Das kantonale Steueramt kann im Strafbefehlsverfahren die</span><br/> <span class="ft6">angeschuldigte Person befragen (§ 244 Abs. 1 StG). Eine Verpflich-</span><br/> <span class="ft6">tung zur persönlichen Anhörung ist indessen im Steuergesetz - anders</span><br/> <span class="ft6">als im Verfahren vor dem Steuerrekursgericht (§ 249 f. StG) - nicht</span><br/> <span class="ft6">vorgeschrieben, und zwar weder vor Ausfällung des Strafbefehls</span><br/> <span class="ft6">noch vor der allfälligen Erhebung einer Anklage. Dies entspricht der</span><br/> <span class="ft6">Regelung in § 196 Abs. 2 StPO, wo einzig in Bezug auf</span><br/> <span class="ft6">Freiheitsstrafen vorgesehen ist, dass der Bezirksamtmann "in der</span><br/> <span class="ft6">Regel" vorgängig die beschuldigte Person persönlich anhört und ihr</span><br/> <span class="ft6">den Strafbefehl mündlich eröffnet.</span><br/> <span class="ft6">c) Das Verfahren des Strafbefehls oder ähnliche Verfahren</span><br/> <span class="ft6">zeichnen sich im allgemeinen dadurch aus, dass einerseits eine von</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">351</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">der Strafuntersuchung getrennte materielle Beurteilung fehlt und</span><br/> <span class="ft6">dass anderseits das entsprechende Erkenntnis vom Untersuchungs-</span><br/> <span class="ft6">richter oder von einer Verwaltungsbehörde ausgeht. Der Strafbefehl</span><br/> <span class="ft6">wird rechtskräftig, wenn die betroffene Person keine Einsprache</span><br/> <span class="ft6">einlegt; sie hat aber ohne Weiteres aufgrund einer blossen Einsprache</span><br/> <span class="ft6">die Möglichkeit, die Durchführung eines ordentlichen Strafverfah-</span><br/> <span class="ft6">rens zu verlangen.</span><br/> <span class="ft6">Der EuGH hat hierzu ausgeführt, im Hinblick auf die grosse</span><br/> <span class="ft6">Zahl leichter Zuwiderhandlungen könne ein Vertragsstaat gute</span><br/> <span class="ft6">Gründe dafür haben, seine Gerichte von der Verfolgung und Ahn-</span><br/> <span class="ft6">dung solcher Verstösse zu entlasten. Die Übertragung dieser Aufga-</span><br/> <span class="ft6">ben auf Verwaltungsbehörden verstosse umso weniger gegen die</span><br/> <span class="ft6">Konvention, als die betroffene Person wegen jeder so ergangenen</span><br/> <span class="ft6">Entscheidung ein Gericht anrufen könne, das die Garantien des Art. 6</span><br/> <span class="ft6">EMRK biete (vgl. BGE 114 Ia 150 mit Hinweisen). Im Übrigen wird</span><br/> <span class="ft6">im Strafbefehlsverfahren nicht über die Stichhaltigkeit einer straf-</span><br/> <span class="ft6">rechtlichen Anklage entschieden bzw. enthält der Strafbefehl keine</span><br/> <span class="ft6">richterliche Tatsachen- und Schuldfeststellung. Dieser ist vielmehr</span><br/> <span class="ft6">das Ergebnis einer Unterwerfung, mit welcher die angeschuldigte</span><br/> <span class="ft6">Person auf die Garantien des Art. 6 EMRK verzichtet. Der Umstand,</span><br/> <span class="ft6">dass der Strafbefehl einem rechtskräftigen Urteil gleichgestellt wer-</span><br/> <span class="ft6">den kann, vermag daran nichts zu ändern, weil die Möglichkeit zur</span><br/> <span class="ft6">Einspracheerhebung besteht. Darin zeigt sich, dass der Strafbefehl</span><br/> <span class="ft6">nur eine vorläufige Entscheidung ist, nach deren Erlass die ange-</span><br/> <span class="ft6">schuldigte Person das Recht hat, ihre Sache vor einem Richter unter</span><br/> <span class="ft6">Einhaltung aller Garantien gemäss Art. 6 EMRK verhandeln zu las-</span><br/> <span class="ft6">sen (vgl. zum Ganzen: A. Donatsch, Gedanken zur Revision des</span><br/> <span class="ft6">kantonalen Steuerstrafrechts, StR 1992 S. 526 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">Aus dem Gesagten folgt, dass nach Massgabe von Art. 6 EMRK</span><br/> <span class="ft6">ein Anspruch auf persönliche Anhörung erst auf Stufe der allenfalls</span><br/> <span class="ft6">angerufenen Gerichtsinstanz, nicht aber bereits auf Stufe der</span><br/> <span class="ft6">Strafbefehlsbehörde besteht (vgl. BGE 119 Ib 311, Erw. 7/c [diesem</span><br/> <span class="ft6">Entscheid liegt kein Strafbefehl, sondern eine erstinstanzliche</span><br/> <span class="ft6">Verfügung zugrunde, gegen die ein vollkommenes Rechtsmittel offen</span><br/> <span class="ft6">steht]; Entscheid der Bundessteuer-Rekurskommission Zürich vom</span><br/> <span class="ft6">13. Mai 1992, publiziert in StE 1992 B 101.8 Nr. 8 lit. e).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Steuerrekursgericht</span> <span class="page_no">352</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">d) Trotz der erwähnten Nichtanwendbarkeit von Art. 6 EMRK</span><br/> <span class="ft6">ist es nach der Praxis des Verwaltungsgerichts Zürich bereits im</span><br/> <span class="ft6">Rahmen des Strafbefehlsverfahrens unabdingbar, dass das kantonale</span><br/> <span class="ft6">Steueramt eine persönliche Befragung der angeschuldigten Person</span><br/> <span class="ft6">durchführt. Die Rechtsprechung wird damit begründet, dass die mit</span><br/> <span class="ft6">der Angelegenheit befasste Behörde nur aufgrund einer persönlichen</span><br/> <span class="ft6">Einvernahme einen Eindruck von der Persönlichkeit der angeschul-</span><br/> <span class="ft6">digten Person gewinnen, die inneren Tatumstände beurteilen (sub-</span><br/> <span class="ft6">jektiver Tatbestand, Verschulden, Beweggründe) und die unerlässli-</span><br/> <span class="ft6">chen Entscheidgrundlagen für die Strafzumessung (Gesundheitszu-</span><br/> <span class="ft6">stand, Lebensumstände, Strafempfindlichkeit, Charakter) erhalten</span><br/> <span class="ft6">könne. Da bereits die den Sachverhalt als erste untersuchende und</span><br/> <span class="ft6">beurteilende Behörde das Verschulden der angeschuldigten Person zu</span><br/> <span class="ft6">ergründen und gegebenenfalls im Strafbefehl zu berücksichtigen</span><br/> <span class="ft6">habe, müsse sie auch eine persönliche Befragung durchführen (StE</span><br/> <span class="ft6">2001 A 21.13 Nr. 5 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">Die erwähnte Rechtsprechung ist ohne Weiteres in jenen Fällen</span><br/> <span class="ft6">zu übernehmen, wo der Bussenentscheid stark individualisiert ist,</span><br/> <span class="ft6">d.h. wo die Persönlichkeit der angeschuldigten Person, die inneren</span><br/> <span class="ft6">Tatumstände und weitere für die Strafzumessung wesentliche Ent-</span><br/> <span class="ft6">scheidgrundlagen tatsächlich relevant sind. Demgegenüber erweist es</span><br/> <span class="ft6">sich in Abweichung von dieser Praxis als gerechtfertigt, im Strafbe-</span><br/> <span class="ft6">fehlsverfahren auf eine persönliche Anhörung zu verzichten, wenn es</span><br/> <span class="ft6">lediglich um eher geringfügige Strafen geht, bei deren Ahndung</span><br/> <span class="ft6">regelmässig in schematisierter Art und Weise vorgegangen wird.</span><br/> <span class="ft6">Dies gilt u.a. für die Bussen betreffend der Verletzung von steuer-</span><br/> <span class="ft6">rechtlichen Verfahrenspflichten, soweit sie den Charakter einer blos-</span><br/> <span class="ft6">sen Ordnungsbusse und nicht denjenigen einer eigentlichen Fiskal-</span><br/> <span class="ft6">strafe haben; eine weit gehende Schematisierung lässt sich in diesen</span><br/> <span class="ft6">Fällen nicht beanstanden (Walter Kälin/Lisbeth Sidler, Verschul-</span><br/> <span class="ft6">densgrundsatz und Öffentlichkeitsprinzip: Die Strafsteuer im Lichte</span><br/> <span class="ft6">von Verfassung und EMRK, publiziert in: ASA 60, S. 164 ff. mit</span><br/> <span class="ft6">Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">e) Eine generelle Pflicht, im Strafbefehlsverfahren den Ange-</span><br/> <span class="ft6">schuldigten persönlich zu befragen, ist folglich zu verneinen. Dieses</span><br/> <span class="ft6">Resultat ergibt sich auch nach Massgabe von Art. 29 Abs. 2 BV.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">353</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Danach ist wesentlich, dass die angeschuldigte Person spätestens mit</span><br/> <span class="ft6">dem Erlass des Strafbefehls Kenntnis von der Einleitung des Straf-</span><br/> <span class="ft6">verfahrens erhält (§ 243 Abs. 2 StG), Akteneinsicht verlangen (§ 244</span><br/> <span class="ft6">Abs. 2 StG) und Einsprache erheben kann (§ 247 Abs. 1 StG). Damit</span><br/> <span class="ft6">ist der Anspruch auf Gewährung des rechtlichen Gehörs hinlänglich</span><br/> <span class="ft6">erfüllt.</span><br/> <span class="ft6">Zusammenfassend ergibt sich, dass sich die Regelung, wonach</span><br/> <span class="ft6">im Strafbefehlsverfahren bzw. vor einer allfälligen Anklageerhebung</span><br/> <span class="ft6">grundsätzlich keine Anhörung der angeschuldigten Person vorge-</span><br/> <span class="ft6">schrieben ist, nicht beanstanden lässt. Eine gegenteilige Verpflich-</span><br/> <span class="ft6">tung ergibt sich allenfalls im Einzelfall, soweit die Strafe nicht mehr</span><br/> <span class="ft6">den Charakter einer blossen Ordnungsbusse, sondern denjenigen</span><br/> <span class="ft6">einer eigentlichen Fiskalstrafe besitzt. Dies ist in concreto offen-</span><br/> <span class="ft6">sichtlich nicht der Fall. Auf eine Anhörung durfte das KStA folglich</span><br/> <span class="ft6">verzichten.</span><br/></div> </div> </body> </html>