B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-649/2012 U r t e i l v o m 2 6 . M ä r z 2 0 1 3 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Markus König, Richter Yanick Felley; Gerichtsschreiberin Sara Steiner. Parteien A._______, geboren (…), Irak, vertreten durch Stephanie Motz, Barrister, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisung); Verfügung des BFM vom 30. Dezember 2011 / N (…). D-649/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein armenisch-orthodoxer Christ aus Bagdad – verliess den Irak eigenen Angaben zufolge im Oktober 2009 und gelangte mit einem Lastwagen über ihm unbekannte Länder und Frankreich am 31. Oktober 2009 in die Schweiz, wo er am 4. November 2009 ein Asyl- gesuch stellte. Am 19. November 2009 wurde er summarisch befragt und am 14. Januar 2010 einlässlich angehört. Zur Begründung seines Asylgesuches gab er im Wesentlichen an, er sei Christ. Zudem hätten er und sein Vater für die Amerikaner und seine Mut- ter für eine internationale Organisation gearbeitet. Wegen der Arbeit der Mutter sei er mit der Familie nach Erbil gegangen und sechs Monate dort geblieben. Weil die Situation schwierig gewesen sei, seien sie nach Ba g- dad zurückgekehrt. Zehn Tage beziehungsweise einen Monat nach ihrer Rückkehr hätten sie von der "Al-Mujaheddin" einen Drohbrief erhalten, dass auf Agententum und Verrat der Tod stehe und sie das Land verla s- sen sollten. Daraufhin seien sie ausgereist, seine Familie nach Syrien, er in die Schweiz. B. Mit Verfügung vom 30. Dezember 2011 – eröffnet am 4. Januar 2012 – lehnte das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, nahm ihn aber zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig auf. C. Mit Eingabe vom 3. Februar 2012 (Poststempel) erhob der Beschwerd e- führer – handelnd durch seine Rechtsvertreterin – gegen diesen En t- scheid Beschwerde und beantragte die Aufhebung der Dispositivziffern 1 und 2 der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingse i- genschaft und die Asylgewährung. In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. D. Mit Verfügung vom 17. Februar 2012 stellte die Instruktionsrichterin fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könne, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen D-649/2012 Seite 3 Prozessführung gut, wies jenes um unentgeltliche Verbeiständung ab und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E. In seiner Vernehmlassung vom 22. Februar 2012, welche dem Beschwer- deführer am 23. Februar 2012 zur Kenntnis gebracht wurde, hielt das BFM an seinen Erwägungen fest u nd beantragte die Abweisung der B e- schwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [ AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahr en richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist ein zu- treten. D-649/2012 Seite 4 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Zur Begründung se iner Verfügung führte das BFM im Wesentlichen aus, gemäss gefestigter Asylpraxis re iche zur Frage der Kollektivverfo l- gung allein die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, welches in seinen spezi- fischen Eigenschaften Ziel einer Verfolgungsmotivation sei, in der Regel nicht, um die Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Vielmehr kämen auch bei g eltend gemachter Kollektivverfolgung die Kriterien der ernsthaften Nachteile oder begründeten Furcht gemäss Art. 3 AsylG zu r Anwendung. Solange die Übergriffe nicht derart intensiv und häufig seien, dass jedes Gruppenmitglied mit guten Gründen befürchten m üsse, getroffen zu we r- den, müssten besondere Umstände vorliegen, damit bereits aufgrund der blossen Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kollektiv die Ernsthaftigkeit der Nachteile oder Begründetheit der Furcht als erfüllt beurteilt werden könnten. Gemäss geltender Rechtsprechung und Asylpraxis sei von ke i- ner Kollektivverfolgung von Christen im Irak auszugehen, dass allein au f- grund der Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft bereits auf begründe-D-649/2012 Seite 5 te Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung zu schliessen wäre (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E -5474/2006 vom 16. April 2009 E. 4.4.2). Die weiteren Vorbringen rund um den Drohbrief fielen w i- dersprüchlich aus. So habe der Beschwerdeführer in der Befragung vo r- gebracht, er habe diesen Drohbrief zehn Tage nach seiner Rückkehr nach Bagdad erhalten, in der Anhörung habe er hingegen geltend gemacht, er habe diesen Drohbrief einen Monat nach seiner Rückkehr erhalten. Auf- grund dieser divergierenden Angaben müsse das Vorbringe n als u n- glaubhaft qualifiziert werden. 4.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, die Vorinstanz unterlasse es gänzlich, auf seine asylrechtlich relevanten Vorbringen bezüglich se i- ner Anstellung bei der amerikanischen Firma B._______ und derjenigen seiner Mutter bei C._______ einzugehen. Stattdessen befasse sie sich lediglich mit einem angeblichen Widerspruch bezüglich der Frage, wie lange nach der Rückkehr nach Bagdad der Drohbrief eingetroffen sei, tue aber auch dies nur oberflächlich. Die Diskrepanz von 20 Tagen stütze sich auf Aussagen bei der Erstbefragung und der Anhörung. Dies sei an sich schon problematisch, da die Erstbefragung in einem abgekürzten Rahmen stattfinde und nicht zur Abklärung der Flüchtlingseigenschaft diene. So habe er an der Anhörung klar gemacht, dass es an der Bef ra- gung Missverständnisse mit dem Dolmetscher gegeben habe. Er habe sagen wollen, dass er ungefähr zehn Tage nach Erhalt des Drohbriefes geflohen sei, und nicht, dass seine Familie zehn Tage nach der Rückkehr den Drohbrief erhalten habe . Zudem habe er berei ts an der Befragung klar gemacht, dass er Schwierigkeiten mit der Erinnerung habe und dies ausdrücklich bezüglich des Empfangsdatums des Drohbriefes . Allgemein habe er angegeben, dass der Krieg einen dazu bringe, sich an vieles nicht mehr zu erinnern. Auch andere Daten habe er schwer nennen kö n- nen. Die Erinnerung sei demnach durch ein im Rahmen der erlebten Kriegs- und Terrorismussituation durchaus plausibles Gedächtnisproblem erschwert worden. Zudem sei eine Diskrepanz von 20 Tagen nicht w e- sentlich und könne als solche nicht als einziges oder wesentliches Kriter i- um für die Glaubhaftmachung genommen werden. Des Weiteren enthalte seine Beschreibung Realitätskennzeichen. So sei die B._______ eine auf Dieselgeneratoren spezialisierte Firma, die vor allem im Nahen Osten t ä- tig sei. Auch der Lohn von USD 600 entspreche durchaus den lokal übl i- chen Lohnvorstellungen eines irakischen, nicht fachlich ausgebildeten Angestellten für die riskante Arbeit bei amerikanischen Firmen. Weiter beschreibe er den Inhalt des Drohbriefes wortwörtlich. Und die Furcht, dass auf den Drohbrief ein Mordanschlag gefolgt hätte, sei begründet. D-649/2012 Seite 6 Dies werde durch Berichte von Nichtregierun gsorganisationen bestätigt. Auch die Angabe, dass sie in Erbil einen Bürgen gebra ucht hätten, ent- spreche den Angaben des UNHCR. Und schliesslich sei es auch plaus i- bel, dass er, der zuvor bei seinem Vater als Autoelektriker gearbeitet ha- be, eine Anstellung bei einer Firma gefunden habe, die Generatoren i n- stalliere und warte. Schliesslich sei festzuhalten, dass er mit seinen Vo r- bringen ausdrücklich nicht übertrieben habe und klar gemacht habe, dass die Konfrontation in seinem Wohnviertel nichts mit dem Drohbri ef zu tun gehabt habe. Von einer Kollektivverfolgung von Christen im Irak sei g e- mäss dem Bundesverwaltungsgericht zwar nicht auszugehen, Fälle von Christen aus dem Irak müssten aber einer Individualprüfung unterzogen werden, in der es insbesondere den Grad der Exponiertheit der betreffen- den Person in religiöser, sozialer, beruflicher oder politischer Hinsicht zu berücksichtigen gelte. Vorliegend sei die Familie mit der Arbeit bei amer i- kanischen und internationalen Organisationen in beruflicher Hinsicht b e- sonders exponiert gewesen. Zusammen mit ihrer Angehörigkeit zur christ- lich-orthodoxen Kirche führe dies vor allem im terroristisch bedrohten Bagdad zu einer begründeten Furcht vor asylrelevanter Verfolgung. Dass Christen besonders gefährdet seien, gehe aus verschiedenen Länderbe- richten hervor. 5. Das Bundesverwaltungsgericht ging in seiner bisherigen Praxis nicht von einer Kollektivverfolgung von Christen im Irak aus (vgl. Urteile des Bu n- desverwaltungsgerichts E -3651/2011 vom 11. Oktober 2011 E. 3.2, D-2029/2008 vom 7. Oktober 2011 E. 4.2, E -3332/2009 vom 30. August 2011 E. 3, D-3090/2008 vom 6. Mai 2010 E. 5.2). Wie nachfolgend darge- legt, gibt es keine Veranlassung, von dieser Beurteilung abzuweichen. Für die Analyse der aktuellen Situation vor Ort wurde im Wesentlichen auf die nachfolgend aufgeführ ten Quellen zurückgegriffen. Sofern andere Quellen in die Analyse einbezogen wurden, sind diese im Text benannt.  United Kingdom Home Office, Operational Guidance Note – Iraq, Dezember 2012  United States Department of State, International Religious Fre e- dom Report for 2011 – Iraq, Juli 2012  United States Commission on I nternational Religious Freedom (USCIRF), 2012 Annual Report – Iraq, März 2012 D-649/2012 Seite 7  Human Rights Watch (HRW), Human Rights Watch World Report 2012 – Iraq, Januar 2013  International Organisation for Migration (IOM), IOM Emergency Needs Assessments – Update, Displacement of Christians to the North of Iraq, 31. Januar 2012  United Nations High Commission er for Refugees ( UNHCR), UNHCR Eligibility Guideli nes for Assessing the International Pr o- tection Needs of Asylum-Seekers from Iraq, 31. Mai 2012 6. Die Anforderungen an die Feststellung einer Kollektivverfolgung sind g e- mäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichtes sehr hoch. G e- mäss schweizerischer Asylpraxis zur Frage der Kollektivverfolgung reicht allein die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, welches in seinen spezif i- schen Eigenschaften Ziel einer Verfolgungsmotivation ist, in der Regel nicht, um die Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Vielmehr kommen auch bei geltend gemachter Verfolgung aufgrund der blossen Zugehöri g- keit zu einem bestimmten Kollektiv die Kriterien der ernsthaften Nachteile oder der begründeten Furcht gemäss Art. 3 AsylG zur Anwendung. Als Erstes wird der Betroffene seine Zugehörigkeit zum entsprechenden Kol- lektiv nachweisen müssen. Sodann ist analog der Prüfung einer geltend gemachten Individualverfolgung zu prüfen, ob die gegen das Kollektiv e r- folgte Massnahme gezielt auf dieses Kollektiv gerichtet ist, mithin über das hinausgeht, was andere Teile der Bevölkerung hinzunehmen haben. Sodann müssen die Massnahmen eine gewisse Intensität aufweisen. Analog der Prüfung der Intensität einer individuell geltend gemachten Massnahme wird diese zu bejahen sein, wenn es sich um Eingriffe ha n- delt, die das Leben gefährden, die körperliche Integrität verletzen sowie – im Fall von Freiheitsbeschränkungen – von einer gewissen Dauer sind oder zumindest in ihrer Gesamtheit mit einer gewissen Häufigkeit vo r- kommen. Die gezielten und intensiven Nachteile müs sen weiter zum Ziel haben, möglichst alle Mitglieder des Kollektivs zu treffen und sie müssen in Relation zur Grösse des Kollektivs eine bestimmte Dichte aufweisen. Erheblich ist eine solche Wahrscheinlichkeit vor Verfolgung dann, wenn in der Vergangenheit ein beträchtlicher Anteil des Kollektivs tatsächlich ernsthafte Nachteile zu erleiden hatte. So wird zum Beispiel in der deu t- schen Rechtsprechung im vorliegenden Kontext von einer genügenden Verfolgungsdichte ausgegangen, wenn ein Zehntel des Kollektivs v on Verfolgung betroffen war (vgl. BVGE 2011/16 E. 5 S. 265 f.). D-649/2012 Seite 8 7. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich bereits in verschiedenen En t- scheiden mit der schwierigen Situation religiöser Minderheiten im Irak auseinandergesetzt (vgl. BVGE 2008/12, 2008/4, 2011/16 ). Demnach seien nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein nichtmuslim i- sche Religionsangehörige wie beispielsweise Christen, Sabäer/Mandäer , Yeziden, Baha'i und Juden insbesondere im Zentralirak in zunehmendem Masse Opfer konfessioneller Gewalt geworde n (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.4.3 f.). Die genannten Religionsgruppen würden als Bedrohung für den islamischen Charakter des Irak oder als Unterstützer der US -geführ- ten Truppen und der gegenwärtigen irakischen Regierung angesehen. Angehörige dieser Religionsg emeinschaften seien nicht nur Diskrimini e- rungen, Drohungen und Gewalt ausgesetzt, sie erlitten auch Einschrän- kungen in der Religionsausübung und in ihrer Bewegungsfreiheit. Dies betreffe vor allem auch weibliche Angehörige der genannten Religion s- gemeinschaften, die zum Teil gezwungen seien, sich streng islamischen Verhaltens- und Bekleidungsvorschriften anzupassen und einer sehr weitgehenden Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit unterlägen. Be i- spielhaft für die Gewalt gegen religiöse Minderheiten stehe der Anschlag vom 15. August 2007 westlich der Stadt Mosul, dem etwa 200 Angehörige der religiösen Minderheit der Yeziden zum Opfer gefallen seien und we l- cher in den Verantwortungsbereich sunnitischer Rebellen oder Al -Qaida fallen solle. Zu verzeichnen seien so dann interethnische und interreligi ö- se Spannungen zwischen den im Irak lebenden ethnischen und religiösen Gruppierungen (z. B. Kurden, Turkmenen, Arabern, Roma, Yeziden, Sha- bak, Assyrern, Chaldäern, Armeniern). In Gebieten mit gemischt ethn i- scher oder reli giöser Bevölkerungszusammensetzung berichteten Ang e- hörige der Minderheitsgruppen von Diskriminierung, erzwungener Assimi- lation und Gewalt. Die Spannungen beträfen namentlich auch Gebiete, die zuvor im Fokus der Zwangsarabisierungspolitik des ehemaligen ira ki- schen Regimes gestanden hätten, insbesondere die Provinzen Kirkuk, Ninive, Salah Al-Din oder Diyala, in denen sich kurdische Interessengrup- pen aktiv für eine Einbindung in die autonomen kurdischen Gebiete im Nordirak stark machen würden. 8. 8.1 Heute leben im Irak zirka 400'000 bis 600'000 Christen, w ährend es im Jahr 2003 noch schätzungsweise 800'000 bis 1,4 Millionen waren. Ungefähr zwei Drittel sind Chaldäer, annähernd ein Fünftel Assyrer und die Weiteren Syrisch- und Armenisch -Orthodoxe Christen, Angelikan er und anderen Protestanten. Die Hauptsiedlungsgebiete der Christen im D-649/2012 Seite 9 Irak befinden sich in den Gebieten mit der grössten Gewaltdichte, wie Bagdad, Ninawa (Mosul und Ninawa-Ebenen), Kirkuk und Basra sowie im Nordirak. Das historische Heimatland de r Christen im Irak sind die Nin a- wa-Ebenen in der gleichnamigen Provinz, wo die Lage durch den Konflikt zwischen Kurden und Arabern um die Zugehörigkeit von Teilen der Pr o- vinz zum Zentralirak oder zum kurdischen Autonomiegebiet geprägt ist. Zwischen diesen Fronten werden die Christen, aber auch andere Minde r- heiten wie die Yeziden und Turkmenen unter Druck gesetzt, dass sie sich als Araber oder Kurden identifizieren, um den jeweiligen Sieg bei einem allfälligen Referendum über die Zukunft der Provinz zu siche rn. Die Ku r- den verfolgen dabei eine doppelte Strategie. Einerseits geben sie den Minderheiten Zuwendungen. Andererseits wenden sie repressive Meth o- den gegen Minderheiten an, um diese unter Kontrolle zu halten (vgl. auch BVGE 2011/16 E. 7.2 f., S. 268 f.). 8.2 Christen und andere Minderheiten besetzen hohe politische Positio- nen sowohl in der zentralen Regierung (Iraqi Council of M inisters COM) als auch in der Kurdischen Regionalregierung (Kurdish Regional G o- vernment's Council of Ministers ). So sind der irakische Umweltminister und der kurdische Minister für Kommunikation und Transport Christen. Im nationalen- (Council of R epresentatives COR) wie auch im kurdischen Parlament (Iraqi Kurdistan Parliament IKP) sind fünf Sitze von 325 bezie- hungsweise von 111 für Christen reserviert. Weiter finanziert die nationale Regierung neben einer sunnitischen und einer schiitischen auch eine Stif- tung für Christen und andere Religionen. Diese würde für die Bezahlung von Geistlichen und den Bau und Unterhalt von Kirchen aufkom men, die meisten Kirchen bevorzugen es aber, sich selber zu unterhalten . Die Stif- tung konnte hingegen ein Dreijahresprogramm zu r Anstellung zusätzl i- cher Wächter aus Minderheitengruppen starten, um religiöse Stätten von Minderheiten zu schützen . Im allgemeinen sind Minderheiten in politisch gewählten Ämtern, Regierungsposten und in der Verwaltung aber unter- vertreten und fühlen sich politisch iso liert. Dies gilt vor al lem für die Pr o- vinzebene, wo sie im Provincial Council (3 von 440 Sitzen sind für Chri s- ten aus Bagdad, Ninawa und Basra reserviert) nicht adäquat vertreten sind. Jeder Versuch der Minderheiten, Druck auszuüben, um eine besse- re politische Vertretung zu erreichen, löste heftige Reaktionen aus (Mino- rity Rights Group International, Still Targeted, 23. November 2010, S. 23.) Insbesondere sind Minderheiten aber in der öffentlichen Verwaltung pro- portional untervertreten, auch hier vor allem auf der Provinz - und Lokal- ebene. Dies wirkt sich insbesondere im Bereich der Sicherheitskräfte ne- gativ aus, wo es praktisch kein nicht-muslimisches Personal gibt. D-649/2012 Seite 10 8.3 In der irakischen Verfassung wird unter anderem festgehalten, dass jeder Iraker das Recht auf Religionsfreiheit hat, wobei die Religionsfre i- heit der Christen, Jeziden und Mandäer ausdrücklich garantiert wird. Die- se verfassungsmässig verankerte Religionsfreiheit wurde durch die R e- gierung selber nicht verletzt und das Recht der Mehrheit der Bürger auf Ausübung ihres Glaubens wurde respektiert. Weihnachten ist zum offiziel- len Feiertag erklärt worden und auch die Osterfeiertage, wenn auch keine offiziellen Feiertage, konnten durch die Christen ungestört begangen werden. Trotzdem ist die Umsetzung der erwähnten Verfassungsbesti m- mungen in der Praxis und die gegenseitige Toleranz der Angehörigen der einzelnen Glaubensrichtungen noch ungenügend. So wird auch in jüngs- ter Vergangenheit im Irak von gesellschaftlicher Schmähung und Diskr i- minierung gegenüber religiösen Minderheiten berichtet. So sehen sich Mitglieder von nicht -muslimischen Minderheiten etwa gezwungen, sich den islamischen Regeln zu unterwerfen und beispielsweise einen Schle i- er zu tragen oder an Ramadan zu fasten. Eine Kombination aus konfe s- sionsgebundener Anstellungspraxis, Korruption, ungleicher Rechtsa n- wendung und nachfolgend aufgezeigten gezielten An schlägen hat einen nachteiligen ökonomischen Effekt auf nicht -muslimische Minderheiten und führte zur Flucht von einer signifikanten Anzahl Nichtmuslimen als Binnenvertriebene nach Ninawa und in den Nordirak sowie auch ins Au s- land. 8.4 Auch wird immer noch von gewaltsamen Anschlägen gegen Christen berichtet. Wenn auch die Übergriffe im Vergleich zu früheren Jahren a b- genommen haben, bleiben Christen Opfer von Bedrohungen, Einschüc h- terungen, Raub, Entführungen, Mordanschlägen und Angriffen auf ihre Häuser. Dabei sind vor allem auch geistliche Amtsträger Ziele von A n- schlägen und a uch auf Kirchen wurden im 2011 wiederholt Bombena n- schläge verübt. Zuverlässige diesbezügliche Gewalts tatistiken gibt es aber nicht. Hinter den Übergriffen stehen meist Terroristen und Aufständi- sche, wie erwähnt beschuldigen in Ninawa Nichtregierungsorganisationen aber auch die kurdischen Behörden der Übergriffe gegen Minderheiten. Insgesamt gilt es zwar zu beachten, dass Bürger aller ethnischen und r e- ligiösen Gruppen Opfer von terrorist ischen Gruppierungen werden und die meisten gross angelegten Terroranschläge Muslime betreffen. Mi n- derheiten wie Christen verfügen aber über k eine Milizen und Clanstruktu- ren, sodass Anschläge gegen diese regelmässig zur Flucht einer unve r- hältnismässig hohen Anzahl ihrer Mitglieder führen. Schwerste Bedenken gibt insbesondere die Sicherheitslage von Christen in den umstrittenen Gebieten und in Bagdad. Zu einer ersten Fluchtwelle von mehr als 12'000 D-649/2012 Seite 11 Christen kam es im Jahr 2008 nachdem in Mosul 14 ihrer Mitglieder getö- tet worden waren. Zwischen Oktober und Dezember 2009 flüchteten um die zehntausend Christen aus Angst vor Bombenangriffen und Einschüch- terungen aus den Regionen um Kirkuk. Am 12. Juli 2009 explodierten sechs Bomben vor christlichen Kirchen in Bag dad, dabei wurden vier Menschen getötet und 16 verletzt (Los Angeles Time, Churches in Iraq targeted in bombings; 4 killed , 13. Juli 2009). Am 15. und 23. Dezember 2009 verübten bewaffnete Gruppierungen Bombenattentate auf Kirchen in Mosul (Amnesty International, Iraqi Christians fear spike in Christmas attacks, 20. Dezember 2010) . In den Wochen vor den Wahlen vom 7. März 2010 wurden in Mosul zehn Christen getötet, was zu einem Ma s- senexodus von um die 4300 Christen führte. Im Mai 2010 sind in der Nä- he eines Buses , der Christen zur Universität Mosul transportierte , zwei Bomben explodiert, ein Mensch starb , 80 bis 160 wurden verletzt (Com- pass Direct, Bomb Attack Seriously Injures Christian Students , 5. Mai 2010). In Bagdad ereignete sich am 31. Oktober 2010 ein Grossanschlag auf eine katholische Kirche, bei dem 40 bis 60 Gläubige ums Leben k a- men und mehr als 60 verletzt wurden. 1300 christliche Familien flüchteten daraufhin aus Bagdad, Mo sul und Basra in den Nordirak, andere Regi o- nen von Ninawa und ins Ausland. Die Al-Kaida im Irak bekannte sich zu dem Anschlag. Im November 2010 kamen bei einem gezielten Bomben - und Granatenangriff auf von Christen bewohnte Häuser in Bagdad mi n- destens fünf Menschen ums Leben, 30 wurden verletzt. Am 30. Dezember 2010 trafen zehn Bombenattentate von Christen bewohnte Häuser in Bagdad, zwei Personen wurden verletzt, 20 getötet. Mehrere Christen wurden zudem im November und Dezember 2010 in Bagdad und Mosul erschossen (US Commission on International R eligious Free- dom, Annual report on religious freedom , Mai 2011, S. 89). Trotz darauf- hin erhöhter Anzahl Sicherheits -Checkpoints in ihrer Nachbarschaft ver- anlassten diese Attentate viele zur Flucht. Auch wurden in Bagdad chris t- liche und yezidische Geschäfte , die als unislamisch angesehen werden, Opfer von Vandalenakten. 8.5 Die irakische Regierung rief weiterhin zu Toleranz gegenüber religi ö- sen Minderheiten auf , verurteilte Anschläge öffentlich und versprach, die Opfer zu entschädigen und die Täter zu verfolgen . Nach Anschlägen auf christliche Glaubensstätten unterstützte die Regierung den Wiederaufbau und erhöhte die Sicherheitsmassnahmen rund um Kirchen und Gla u- bensstätten. Im Januar 2010 ergriffen die irakische und die kurdische Re- gierung eine Serie von Massn ahmen, um die Sicherheit in den umstritt e- nen Gebieten zu erhöhen, unter anderem wurden Kontrollposten und Pa-D-649/2012 Seite 12 trouillen eingerichtet. Im Jahr 2009 akzeptierte die irakische Regierung die Anstellung von 500 Christen und Sabäern/Mandäern im Innenministe- rium, um ihr Gewicht im Sicherheitsbereich zu erhöhen (US Department of State, International Religious Freedom Report 2010, Iraq, 17. November 2010). Zudem versuchen die Minderheiten, sich selber zu schützen. Beispielsweise haben Christen in Tilkaif und Hamdani yah Grä- ben um ihre Dörfer gegraben, um Angriffe durch mit Sprengsätzen vers e- hene Autos zu verhindern (IRIN, Iraq: minority communities in Nineveh appeal for protection , 15. November 2009). Im Februar 2010 haben die Führer irakischer Kirchen den "Council of Christian Church Leaders of Iraq" gegründet, um ihre Meinungen, Positionen und Entscheidungen g e- genüber dem Staat zu einen. Damit wollen sie die Präsenz der Christen im Irak erhalten und stärken (Christian Today, Iraq church leaders to speak with common v oice, 21. Februar 2010). Schliesslich haben gewi s- se Minderheiten in Ninawa und Kirkuk eig ene bewaffnete Milizen gegrün- det, die zum Teil durch die kurdische Regierung finanziert werden (Minori- ty Rights Group International, Still Targeted, 23. November 2010, S. 14). Trotz all diesen Bemühungen und willkommenen Fortschritten in der E r- höhung der Sicherheit der Minderheiten, bleiben die Behörden in der Un- tersuchung von Anschlägen und der Ahndung der Straftaten weiterhin zu- rück, sodas s diese oft ungestraft bleiben. Die Beurteilung in BVGE 2008/12 E. 6.7.3 wonach die Sicherheitskräfte oft nicht in der Lage seien, effektiven Schutz zu gewähren, da Milizen und kriminelle Gruppierungen Verbindungen zu Teilen der Sicherheitskräfte unterhielten oder in diese in- filtriert seien, wodurch die Sicherheitskräfte in ihrer Funktions - und Einsatzfähigkeit erheblich eingeschränkt und teilweise selbst Akteure von erheblichen Menschenrechtsverletzungen seien, muss weiterhin au f- rechterhalten werden (vgl. auch zur Publikation vo rgesehenes Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-6107/2008 vom 8. Januar 2013 E. 6.3.3.1 letzter Abschnitt). 9. Zu prüfen gilt es nachfolgend, ob vor dem Hintergrund der dargestellten Lage von einer Kollektivverfolgung der Christen im Zentralirak auszug e- hen ist. 9.1 Vorauszuschicken ist dabei, dass Christen von staatlicher Seite keine ernsthaften Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu gewärtigen haben, zumal die oben beschriebenen Benachteiligungen und Schikanen von Seiten der Behörden die Intensität ernsthafter Nachteile jedenfalls nicht zu erreichen vermögen und sich im Übrigen auch nicht genügend häufen. D-649/2012 Seite 13 In Betracht zu ziehen ist in diesem Zusammenhang nicht zuletzt auch die Grösse der christlichen Gemeinschaft, die politische Vertretung, die ihnen zustehenden Rechte und die ernsthaften Bemühungen von staatlicher Seite, die Situation der Christen zu verbessern und ihnen Schutz zu g e- währen. Vor diesem Hintergrund vermag auch die gesellschaftliche Schmähung und Diskriminierung durch die muslimische Mehrheit insg e- samt keinen unerträglichen Druck zu begründen, der ein menschenwü r- diges Leben der Christen im Zentralirak verunmöglichen würde. 9.2 Die Übergriffe auf Leib und Leben durch nicht -staatliche Gruppierun- gen auf Christen müssen jedoch als genügend intensiv im Sinne von Art. 3 AsylG beurteilt werden; durch diese Angriffe verloren zahlreiche Christen ihr Leben oder wurden in ihrer physischen Integrität verletzt. Zwar haben sich nicht alle der registrierten Überfälle gezielt gegen die Betroffenen als Christen gerichtet, sondern vereinzelt lagen auch andere Motive zugrunde insbesondere kriminelle . Dennoch kann den vorliege n- den Quellen ohne weiteres entnommen werden, dass die überwiegende Mehrheit der Übergriffe sich eben gegen die Christen als Glaubensg e- meinschaft richteten und zum Ziele hatten, dieser zu schaden. Allein dass auch andere Bevölkerungsgruppen, ihrerseits gezielt wegen einem b e- stimmten Merkmal, ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind, ändert an der Gezieltheit der Verfolgung nichts. Als Zwischenergebnis ist d aher festzu- halten, dass Christen von nichtstaatlichen Gruppierungen ausgehenden ernsthaften Nachteilen ausgesetzt waren, die gezielt und aus asylrech t- lich relevanten Motiven gegen sie gerichtet waren. Gegen solche stand ihnen auch kein genügender Schutz zu r Verfügung, sind doch, wie unter E. 8.8 ausgeführt wurde, die staatlichen Sicherheitskräfte im Zentralirak bis heute nicht in der Lage, wirksamen Schutz zu bieten. 9.3 Aus der Verfolgung einzelner zum Kollektiv gehörender Personen lässt sich aber wie bereits erwähnt nur dann eine begründete Furcht vor Verfolgung für das ganze Kollektiv ableiten, falls eine genügende Verfo l- gungsdichte vorliegt, das heisst, wenn ein beträchtlicher Anteil des Ko l- lektivs ernsthaften Nachteilen ausgesetzt wäre. Gemäss den vorliege n- den Statistiken wird die christliche Bevölkerung im Irak auf zirka 4 00'000 bis 6 00'000 Personen geschätzt . Gemäss den oben beispielhaft aufg e- zählten Ereignissen waren unter den Christen regelmässig Opfer von Gewalttaten zu beklagen. Zwar kann aufgrund fehlender Statistiken keine genaue Ziffer genannt werden, es ist jedoch davon auszugehen, dass Er- eignisse mit grösseren Opferzahlen bekannt geworden sind . Hinzu zu zählen sind zweifellos noch Übergriffe, die nicht öffentlich wurden, weil sie D-649/2012 Seite 14 weniger intensiv waren, aber dennoch als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu beurteilen sind. Angesichts des oben Gesagten und der dort genannten Zahlen kann jedoch selbst unter Berücksichtigung ei- ner gewissen Dunkelziffer nicht davon ausgegangen werden, dass die asylrechtlich relevanten Übergriffe in Anbetracht der doch recht grossen Gruppe der christlichen Bevölkerung eine kritische Verfolgungsdichte er- reichen, bei deren Vorliegen eine Kollektivverfolgung zu bejahen wäre. Nur ein Bruchteil der christlichen Bevölkerung im Zentralirak wurde Opfer der Übergriffe. Auf der Grundlage der dargestellten Erkenntnislage kann demnach nicht von der objektiv begründeten Furcht jedes im Zentralirak lebenden Christen ausgegangen werden, selbst Opfer von Verfolgung zu werden. Hinzu kommt, dass generell im Irak seit dem Jahr 2007 ein Rückgang der Anschläge und Morde zu verzeichnen ist. Auch wenn der Zentralirak also weiterhin als einer der unsichersten Orte der Welt gilt , kann diesen Erwägungen gemäss nicht davon ausgegangen werden, dass Christen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Religionsg e- meinschaft mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Opfer von asylrechtlich re- levanter Verfolgung werden. Insgesamt kann somit eine Kollektivverfo l- gung der Angehörigen der Christen nicht bejaht werden. 9.4 Nach dem Gesagten ist nicht von einer Kollektivverfolgung von Chri s- ten im Zentrali rak in dem Sinne aus zugehen, dass allein aufgrund der Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft bereits auf eine begründete Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung zu schliessen wäre. Bei Christen aus dem Irak ist das Vorliegen einer begründeten Furcht vor Verfolgung weiterhin im Rahmen einer Individualprüfung zu beurteilen; dabei ist insbesondere der Grad der Exponiertheit der betreffenden Pe r- son in religiöser, sozialer, beruflicher oder politischer Hinsicht zu berüc k- sichtigen (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E -3651/2011 vom 11. Oktober 2011 E. 3.2, D -2029/2008 vom 7. Oktober 2011 E. 4.2, E-3332/2009 vom 30. August 2011 E. 3 , D-3090/2008 vom 6. Mai 2010 E. 5.2). 10. 10.1 In diesem Sinne gilt es zu prüfen, ob der Beschwerdeführer au f- grund seines besonderen Profils oder allenfalls wegen erlebter Vorverfo l- gung dennoch begründe te Furcht vor Verfolgung hat. Er hat diesbezüg- lich geltend gemacht, ihm und seine r Familie sei mit dem Tod gedroht worden, sofern sie den Irak nicht verliessen. D-649/2012 Seite 15 10.2 Wie erwähnt sind Christen im Irak Diskriminierungen, Drohungen und Gewalt ausgesetzt und erleiden auch Einschränkungen in der Relig i- onsausübung und in ihrer Bewegungsfreiheit. Ferner sind Personen, wel- che für bestimmte Institutionen im Irak arbeiten und deshalb von den Au f- ständischen als Unterstützer der US -geführten multinationalen Truppen im Irak wahrgenommen würden, potenzielle Opfe r und zum Teil schwe r- wiegenden Angriffen ausgesetzt. Zum betroffenen Personen kreis zählen vor allem Iraker, die für die multinationalen Truppen und ausländische Un- ternehmen sowie internationale und humanitäre Organisationen tätig sind (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.4.2 f.). 10.3 Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer armenisch-orthodo- xen Glaubens ist. Ferner ist aufgrund der Tatsache, dass er bei seiner Einreise in die Schweiz diverse Schmuckstücke in Form von Kreuzen auf sich trug (vgl. Akten des BFM A2 S. 3), und aufgrund seiner Aussagen an der Befragung (vgl. A1 S. 5) davon auszugehen, dass er seinen Glauben praktizierte. Auch nicht strittig ist, dass er und andere Familienangehörige für amerikanische und internationale Unternehmen gearbeitet ha ben. Dieser Punkt wurde in der Befragung zwar nicht eingehend angespr o- chen, womit der Beschwerdeführer keine Möglichkeit hatte, im Detail zu erzählen. Hingegen hat er dieses Sachverhaltselement stets kohärent und übereinstimmend angegeben (vgl. insbesondere auch A2 S. 19). Es vermag auch zu überzeugen, dass der Beschwerdeführer als Autom e- chaniker in einer Firma wie der B._______, die gemäss Angaben im I n- ternet tatsächlich im Irak tätig ist und mit Dieselgeneratoren handelt, eine Anstellung fand. 10.4 Damit kumuliert der Beschwerdeführer verschiedene Gefährdung s- potentiale auf sich, die seine Furcht vor ernsthaften Nachteilen durchaus als begründet erscheinen lassen. Übergriffe insbesondere seitens (nicht- staatlicher) fundamentalistisch -islamistischer Gruppierungen können a n- gesichts der oben beschriebenen Situation vor Ort nicht ausgeschlossen werden. Das BFM hat zwar zu Recht festgehalten, dass sich der B e- schwerdeführer zum Zeitpunkt, an dem er den Drohbrief erhalten habe, widersprüchlich geäussert hat, indem er einmal sagt e, es sei zehn Tage nach seiner Rückkehr nach Bagdad gewesen, und ein anderes Mal , ei- nen Monat danach. Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Me i- nung handelt es sich dabei sehr wohl um eine relevante Diskrepanz. Dem Beschwerdeführer kann aber immerhin zu Gute gehalten werden, dass er an anderer Stelle ausführte, er wisse nicht genau, wann sie den Drohbrief erhalten hätten (vgl. A1 S. 6) , und dass er auch sonst gewisse Erinn e-D-649/2012 Seite 16 rungslücken aufweist, was er auf den Krieg zurückführt (vgl. A21 F20 f. ). Insbesondere ist dem Beschwerdeführer aber Recht zu geben, wenn er ausführt, es sei nicht statthaft , sich auf diesen Widerspruch als einziges Argument gegen die Glaubhaftigkeit zu stützen. So wird denn in der Be- schwerde auch richtigerweise weiter aus geführt, dass der Beschwerde- führer den Inhalt des Drohbriefes an der Befragung un d der Anhörung übereinstimmend beschrieben hat (vgl. A1 S. 5 und A21 F37). Als weitere Realkennzeichen sind seine Aussagen zu werten , dass der Drohbrief nur an ihn und seine Mutter gerichtet gewesen sei und die "Al -Mudjahedin" als Absender figuriert hätten (vgl. A1 S. 6) . Für die Glaubhaftigkeit des Beschwerdeführers spricht weiter, dass solche Drohbriefe gegenüber Christen in Bagdad auch in Berichten von unabhängigen internationalen Organisationen erwähnt werden (U.S. Department of State, International Religious Freedom Report for 2011, Ju li 2012, S. 10 f.). Schliesslich ist auch nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer die Sicherheitsbehö r- den nicht um Schutz er sucht hat, sondern kurz nach der ersten Drohung bereits ausgereist ist (vgl. A21 F65) . Wie in E. 8.4 ausgeführt, können sich Christen im Irak angesichts ihrer Schutzlosigkeit in der Regel allein durch Flucht vor Übergriffen schützen. Obwohl sich die Sicherheitslage in der Region Bagdad verbessert hat und es politisch zögerliche Fortschritte gibt, ist im Zentralirak – wie erwähnt – weiterhin vom Fehlen eines staatli- chen Gewaltmonopols und einer effizienten und funktionierenden Schut z- infrastruktur auszugehen. Ein ernstzunehmend es Sicherheitsproblem stellt denn auch die Unterwanderung der staatlichen Sicherheitskräfte durch schiitische und sunnitische Milizen sowie die Milizen politischer Parteien dar. Auch Banden und kriminelle Gruppierungen unterhalten Verbindungen zu Sicherheitskräften (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.6 - 6.8). 10.5 Angesichts der als glaubhaft zu erachtenden Vorbringen des B e- schwerdeführers ist vor dem Hintergrund der aktuellen Lage und in A b- wägung der vorgebrachten Sachverhaltselemente davon auszugehen, dass er als praktizierender Christ und Mitarbeiter eines amerika nischen Unternehmens im Zeitpunkt der Ausreise wie auch für den Fall einer Rückkehr in den Zentralirak begründete Furcht davor hatte beziehungs- weise hat, zur Zielscheibe islamistischer Extremisten zu werden. Im Wei- teren ist davon auszugehen, dass die irakische Regierung und die S i- cherheitsbehörden nicht in der Lage sind, ihm effektiven Schutz vor Übergriffen seitens islamistischer Gruppierungen oder von Benachteil i- gungen seitens Privater zu gewähren . Der Beschwe rdeführer hat de m- nach begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG. D-649/2012 Seite 17 11. 11.1 Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes erfüllt die Flüchtlingseigenschaft nicht, wer in seinem Heimatland Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung finden kann. Im Lichte der Schutztheorie b e- dingt die Annahme einer innerstaatlichen Schutzalternative, dass am Z u- fluchtsort eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur besteht und der Staat gewillt ist, der in einem anderen Land esteil von Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Die betroffene Person muss darüber hinaus den Zufluchtsort ohne unzumutbare Gefa h- ren auf legalem Weg erreichen und sich dort legal aufhalten können. Schliesslich muss es ihr individuell zuzumuten sein, den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig in Anspruch nehmen zu können. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände der betroffenen Person zu beachten und es ist unter Berüc k- sichtigung des länderspezifischen Kontextes im Rahmen einer individue l- len Einzelfallprüfung zu beurteilen, ob ihr angesichts der sich konkret a b- zeichnenden Lebenssituation am Zufluchtsort realistischerweise zugem u- tet werden kann, sich dort niederzulassen u nd sich eine neue Existenz aufzubauen (vgl. BVGE 2011/51 E. 8 S. 1019 ff.). 11.2 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass das BFM in der angefochtenen Verfügung eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Irak als unzumutbar qualifiziert hat. Es besteht keine Veranlassung, auf Beschwerdeebene diese Einschätzung in Frage zu stellen. In den drei irakisch-kurdischen Nordprovinzen Dohuk, Erbil und Suleimaniya sind die Sicherheits- und Justizbehörden zwar grundsätzlich in der Lage und wi l- lens, den Einwohnern Schutz vor Verfolgung zu gewähren. Gemäss Pra- xis des Bundesverwaltungsgerichts erscheint jedoch eine erfolgreiche Ansiedlung in den nordirakischen Provinzen für Nichtkurden, die dort über kein tragfähiges Beziehungsnetz verfügen, nicht möglich (vgl. BVGE 2011/51 E. 9.2). Der Beschwerdeführer ist arabischer Ethnie und christli- chen Glaubens und hat – soweit den Akten zu entnehmen ist – im Nord- irak kein tragfähiges soziales Beziehungsnetz. Daran vermag auch nichts zu ändern, dass er mit seiner Familie vor de r Ausreise sechs Monate in Erbil gelebt hat. Unter diesen Umständen kann das Bestehen einer inner- staatlichen Schutzalternative für den Beschwerdeführer nicht bejaht we r- den. 11.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass im Falle des Beschwerd e- führers entgegen der Beurteilung durch das BFM sämtliche Kriterien der in Art. 3 AsylG enthaltenen Definition als erfüllt zu betrachten und dieser D-649/2012 Seite 18 demzufolge als Flüchtling anzuerkennen ist. Da sich aus den Akten keine Hinweise für das Vorliegen eines Ausschlussgrundes (Art. 5 3 AsylG) e r- geben, ist ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG). Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, die Verfügung des BFM vom 30. Dezember 2011 aufzuheben und dieses anzuweisen, dem Beschwe r- deführer Asyl zu gewähren. 12. 12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 12.2 Dem Beschwerdeführer ist in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendigen Vertr e- tungskosten zuzusprechen (vgl. Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin hat keine Kostennote zu den Akten gereicht. Auf eine entsprechende Nac h- forderung kann jedoch verzichtet werden, zumal sich der Aufwand hinrei- chend zuverlässig abschätzen lässt. Die von der Vorinstanz zu entric h- tende Parteientschädigung wird demnach im Umfang von Fr. 1000.– (inkl. Auslagen und MwSt) festgesetzt (Art. 14 VGKE). (Dispositiv nächste Seite) D-649/2012 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung vom 30. Dezember 2011 wird aufgehoben und das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewä h- ren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschäd i- gung von Fr. 1000.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Sara Steiner Versand: