B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3126/2024 U r t e i l v o m 7 . O k t o b e r 2 0 2 4 Besetzung Richterin Constance Leisinger (Vorsitz), Richter Manuel Borla, Richter Markus König, Gerichtsschreiberin Natassia Gili. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Lara Hoeft, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Wiedererwägung), Wiederherstellung der Überstellungsfrist (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 6. Mai 2024 / N (…). E-3126/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 25. Mai 2023 in der Schweiz um Asyl nach. B. Mit Verfügung vom 4. Oktober 2023 trat das SEM auf sein Asylgesuch in Anwendung von Art. 31 a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) nicht ein und ordnete die Wegweisung nach Kroatien sowie den Vollzug an. C. Eine gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-5605/2023 vom 26. Oktober 2023 abgewie- sen; dieses Urteil ist in Rechtskraft erwachsen. D. Mit Schreiben vom 29. April 2024 ersuchte der Beschwerdeführer das SEM um Wiederaufnahme des nationalen Asylverfahrens und begründete dies damit, dass die Zuständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs gemäss Art. 29 der Verordnung ( EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge- stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (n achfolgend: Dublin-III-VO) auf die Schweiz übergegangen sei, da die Überstellung nach Kroatien nicht innert Frist durchgeführt worden sei. E. Mit Verfügung vom 6. Mai 2024 – eröffnet am 7. Mai 2024 – stellte das SEM fest, dass die Zuständigkeit für die Prüfu ng des Asylgesuchs des Be- schwerdeführers nicht auf die Schweiz übergegangen sei und die Überstel- lungsfrist bis zum 30. April 2025 (recte: 26. April 2025) bestehe. Gleichzei- tig entzog das SEM einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wir- kung. Das SEM führte zur Begründung im Wesentlichen aus , es sei im Dublin- Verfahren rechtskräftig festgestellt worden, dass Kroatien für die Prüfung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers zuständig sei. Am 16. April 2024 hätte der Beschwerdeführer nach Kroatien ü berstellt werden sollen. Ge- plant gewesen sei eine Polizeibegleitung vom kantonalen Wohnheim zum Flughafen B._______. Gemäss Angaben der betr effenden Akteure sei E-3126/2024 Seite 3 seine Anwesenheit zumindest bis am Vorabend, 15. April 2024, 22 Uhr, be- stätigt gewesen. Zum Zeitpunkt des Verschwindens sei er weder in seinem ihm zugewiesenen Zimmer noch in den anderen Bereichen der Unterkunft aufzufinden gewesen. Anlässlich des nahen Ablaufs der Überstellungsfrist sei nicht auszuschliessen, dass seine nächtliche Abwesenheit bewusst da- rauf gerichtet gewesen sei, sich der Überstellung zu entziehen, zumal er sich sonst stets regelmässig in der Unterkunft aufgehalten haben soll e. Folglich sei am 16. April 2024 die Überstellungsfrist aufgrund des Unter- tauchens des Beschwerdeführers in Anwendung von Art. 29 Abs. 2 Dublin- III-VO auf 18 Monate verlängert worden. Die Zuständigkeit für die Prüfung des Asylgesuchs sei daher nicht auf die Schweiz übergegangen und die Überstellungsfrist nach Kroatien bestehe bis zum 26. April 2025. F. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer, vertreten durch die rubrizierte Rechtsvertreterin, am 17. Mai 2024 Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Wie- derherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde , um super- provisorischen Vollzugsstopp, um Gewährung der unentgeltlichen Rechts- pflege sowie um Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als amtliche Rechts- beiständin. In der Beschwerde wurde ausgeführt, dass sich der Beschwerdeführer am 16. April 2024 in der Unterkunft aufgehalten habe. Er sei bei einer befreun- deten afghanischen Familie, welche im selben Gebäude lebe, am 15. April 2024 zum Abendessen eingeladen gewesen. Er habe abends sein Medi- kament eingenommen, welches stark einschläfernd wirke und habe bei der Familie übernachtet. Am 16. April 2024 sei er um 8 Uhr morgens aufge- wacht und habe erfahren, dass die Polizei frühmorgens in der Unterkunft gewesen sei; ihm sei aber nicht mitgeteilt worden, dass der Besuch ihm gegolten habe. Ausserdem habe er sowohl für den 15. April als auch für den 16. April 2024 seine Anwesenheit in der Unterkunft gemäss den dort geltenden Regeln unterschriftlich bestätigt. G. Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Wegweisung am 22. Mai 2024 gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus. H. Mit Zwischenverfügung vom 6. Juni 2024 wurden die Gesuche um Wieder- herstellung der aufschiebenden Wirkung sowie um Gewährung der E-3126/2024 Seite 4 unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde verzichtet. Das Gesuch um amtliche Rechtsver- beiständung wurde abgewiesen. Gleichzeitig wurde das SEM zur Einrei- chung einer Vernehmlassung eingeladen. I. Mit Vernehmlassung vom 20. Juni 2024 äusserte sich die Vorinstanz zur Beschwerde und h ielt dabei gestützt auf eine Aktennotiz des Migrations- amts des Kantons C._______ vom 16. April 2024 fest, dass die Aussagen des Beschwerdeführers den dem SEM vorliegenden Informationen wider- sprechen würden. Aufgrund des Umstands, dass die Polizei von einem Be- treuer begleitet worden sei, sei davon auszugehen, dass diesem die Be- wohner des Zentrums bekannt und die betroffenen Zimmer durchsucht worden seien. Es entspreche im Weiteren der Praxis, dass dem Beschwer- deführer das Vollzugsdatum nicht bekannt gegeben worden sei. Ihm sei aber sehr wohl das Ende der ursprünglichen Vollzugsfrist am 26. April 2024 bekannt gewesen, so dass anzunehmen sei, dass er sich bewusst während der frühen Morgenstunden nicht im Zentrum befunden habe. Die Aussage des Beschwerdeführers, er habe sich in einem anderen Zimmer im Zent- rum aufgehalten, sei als Schutzbehauptung zu werten. J. Mit Zwischenverfügung vom 5. Juli 2024 stellte das Bundesverwaltungsge- richt dem Beschwerdeführer die Vernehmlassung zu und lud ihn zur Replik ein. K. Am 19. Juli 2024 wurde replizierend unter anderem festgehalten, dass ge- mäss den Regeln des Zentrums für Asylsuchende D._______ keine Pflicht bestehe, im eigenen Zimmer zu übernachten beziehungsweise sich stetig dort aufzuhalten. Es bestehe lediglich die Pflicht, jeweils am Abend die An- wesenheit unterschriftlich zu bestätigen, welcher der Beschwerdeführer sowohl am 15. April als auch am 16. April 2024 vorschriftsgemäss nachge- kommen sei. Entgegen der vorinstanzlichen Behauptung sei nicht davon auszugehen, dass dem Betreuer, der die Polizisten begleitet habe, sämtli- che Bekanntschaften der Bewohner bekannt gewesen sei en. Offenbar habe die Polizei lediglich den Empfang und das Zimmer des Beschwerde- führers durchsucht. Ausserdem stütze sich die Vorinstanz allein auf die Aussage des Zimmergenossen des Beschwerdeführers, dass Letzterer das Zimmer um 22 Uhr verlassen habe. Es sei aber unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer das Zentrum, welches weit vom nächsten Bahnhof E-3126/2024 Seite 5 abgelegen liege, um diese Uhrzeit verlassen habe , um am nächsten Vor- mittag bereits um 8 Uhr wieder vor Ort zu sein. Der Beschwerdeführer habe sich überdies stets im Zentrum aufgehalten, seine An- und Abwesenheiten pflichtbewusst gegenüber dem Zentrumspersonal kommuniziert und habe keine Kenntnis von der bevorstehenden Überstellung gehabt. Es seien mit- hin keine Hinweise dafür ersichtlich, dass er sich bewusst einer Überstel- lung habe entziehen wollen. Ohnehin führe die einmalige Unauffindbarkeit des Beschwerdeführers nach geltender nationaler und internationaler Rechtsprechung nicht zu einer Verlängerung der Überstellungsfrist. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht festgestellt habe, dass es sich bei der Entscheidung zur Verlängerung der Überstellungsfrist um eine Ge- staltungs- und keine Feststellungsverfügung handle, weise die angefoch- tene Verfügung erhebliche Mängel auf und verletze den Anspruch auf rechtliches Gehör des Beschwerdeführers. In formeller Hinsicht wurde erneut um Beiordnung der rubrizierten Rechts- vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin im Sinne von Art. 102 m Abs. 1 Bst. a AsylG ersucht. L. Mit Eingabe vom 25. Juli 2024 reichte der Beschwerdeführer die Hausord- nung der Unterkunft in D._______ vom 11. Dezember 2023 sowie einen Auszug aus dem SBB-Fahrplan zu den Akten. M. Mit Schreiben vom 26. September 2024 liess der Beschwerdeführer auf zwei Urteile des Bundesverwaltungsgerichts hinw eisen, bei denen ver- gleichbare Sachverhalte zu beurteilen gewesen seien. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des BVGer. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Wiedererwägungsentscheide können grundsätzlich wie die ur- sprüngliche Verfügung auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezo- gen werden. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die E-3126/2024 Seite 6 Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Die Beschwerde i st frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2. 2.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge- regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und begründet einzureichen (Art. 111b Abs. 1 AsylG). In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungsgesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (sog. einfaches Wiederwägungsge- such; vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). 2.2 Bei der Eingabe des Beschwerdeführers vom 29. April 2024 handelt es sich um ein klassisches Wiedererwägungsgesuch, wird doch die Anpas- sung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich einge- tretene erhebliche Veränderung der Sachlage beantragt, nämlich der Zu- ständigkeitsübergang für die Prüfung des Asylgesuchs auf die Schweiz nach Ablauf der Überstellungsfrist. Im Schreiben vom 29. April 2024 wird explizit darum ersucht, den Ni chteintretensentscheid wiedererwägungs- weise aufzuheben und auf das Asylgesuch einzutreten. Die Eingabe wäre demnach als solche entgegenzunehmen und nach den spezialgesetzli- chen Vorgaben im Sinne von Art. 111b AsylG zu prüfen gewesen. 2.3 Das SEM hat demgegenüber keine entsprechende Verfügung (Gestal- tungsverfügung, welche Rechte oder Pflichten festlegt), sondern eine so- genannte Feststellungsverfügung im Sinne von Art. 25 VwVG erlassen, in welcher festgestellt wurde, dass kein Zuständigkeitsübergang erfolgt sei und die Frist zur Überstellung am 30. April 2025 ablaufe. Gestaltungs- und E-3126/2024 Seite 7 Feststellungsverfügungen dienen unterschiedlichen Zwecken. Bei der Ge- staltungsverfügung geht es um die unmittelbare Verwirklichung der priva- ten Interessen durch die rechtssuchende Partei. Feststellungsverfügungen hingegen stehen im Dienst der Rechtssicherheit und haben zum Zweck, in einer konkreten Situation rechtliche Unsicherheiten zu beseitigen. Auf- grund dieser unterschiedlichen Zielsetzung sind Feststellungsverfügungen im Verhältnis zu Gestaltungsverfügungen subsidiär (BGE 108 Ib 540 E. 3 S. 546). Können Private ihre Interessen unmittelbar mit einer Gestaltungs- verfügung verwirklichen, ist im Interesse der Verfahrensökonomie der Er- lass einer Feststellungsverfügung ausgeschlossen (vgl. REGINA KUHN/RÜT- SCHE BERNHARD/KUHN MATHIAS, Öffentliches Verfahrensrecht, 2. Aufl., Zü- rich 2015, Rz. 395). 2.4 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung zu Unrecht in die- ser Form ergangen, wie das Bundesverwaltungsgericht bei solchen Kons- tellationen in letzter Zeit bereits mehrmals feststellen musste (vgl. etwa die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer] E-1836/2024 vom 20. Juni 2024 E. 5; D-6964/2023 vom 26. März 2024 E. 2; D-894/2024 vom 20. Februar 2024 E. 4). Ob sich allein aus diesem Aspekt eine Aufhebung der Verfügung und Rückweisung der Sache rechtfertigen würde, kann auf- grund der nachstehenden Erwägungen offenbleiben. 3. 3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.2 Asylsuchende können sich in Beschwerdeverfahren gegen Überstel- lungsentscheidungen auf die richtige Anwendung sämtlicher objektiver Zu- ständigkeitskriterien der Dublin-III-VO berufen, insbesondere auf Bestim- mungen, die einen Zuständigkeitsübergang infolge Fr istablaufs vorsehen (vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5 [insb. E. 5.3.2] m.w.H.). Der Beschwerdeführer macht damit zulässigerweise eine Verletzung von Art. 29 Abs. 2 Dublin-III- VO geltend. 4. 4.1 Nach Eingang der Beschwerde gegen den Nichteintretensentscheid des SEM vom 4. Oktober 2023 informierte dieses die kroatischen Behör- den darüber, dass der Beschwerdeführer gegen seine Wegweisungsverfü- gung eine Beschwerde mit aufschiebender Wirkung eingereicht habe und E-3126/2024 Seite 8 teilte ihnen eine entsprechende Erstreckung der Überstellungsfrist mit. Mit Erlass des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts E -5605/2023 vom 26. Oktober 2023 begann die sechsmonatige Frist zur Überstellung des Beschwerdeführers nach Kroatien wieder zu laufen; sie endete am 26. April 2024 (Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO). 4.2 Wird eine Überstellung nicht innerhalb der Frist von sechs Monaten durchgeführt, ist der zuständige Mitgliedstaat (in casu Kroatien) nicht mehr zur Wiederaufnahme der asylsuchenden Person verpflichtet und die Zu- ständigkeit geht auf den ersuchenden Mitgliedstaat über. Diese Frist kann höchstens auf 18 Monate verlängert werden, unter anderem wenn die Per- son flüchtig ist (Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO). 4.3 Will ein Mitgliedstaat in einer s olchen Konstellation die Überstellungs- frist verlängern, hat er dies gegenüber dem zuständigen Mitgliedstaat vor Ablauf dieser Frist ausdrücklich zu erklären; andernfalls fällt die Zuständig- keit für die Behandlung des Antrags auf internationalen Schutz dem ersu- chenden Mitgliedstaat zu (Art. 9 Abs. 2 der Verordnung [EG] Nr. 1560/2003 der Kommission vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei- nes von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist [in der Fassung vom 30. Januar 2014 gemäss Durchführungsverordnung {EU} Nr. 118/2014; nachfolgend: DVO]; hierzu auch CHRISTIAN FILZWIESER / ANDREA SPRUNG, Dublin -III-Verordnung, 2014, K13 zu Art. 29 Dublin-III-VO und K1 zu Art. 9 DVO). Die Vorinstanz hat den kroatischen Behörden am 16. April 2024 eine Ver- längerung der Überstellungsfrist eröffnet, nachdem der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der geplanten Überstellung nicht in seiner Unterkunft habe angetroffen werden können und demnach «flüchtig» im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO gewesen sei. Damit sei die Frist zur Überstellung des Beschwerdeführers nach Kroatien auf 18 Monate zu verlängern. 4.4 Unter den Begriff «flüchtig» im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO sind alle Sachverhalte zu subsumieren, in denen die asylsuchende Person aus von ihr zu vertretenden Gründen für die Behörden des Staates, der die Überstellung durchführen will, nicht auffindbar ist oder das Überstellungs- verfahren sonst wie absichtlich behindert beziehungsweise, wenn sie sich der Durchführung der Überstellung gezielt und bewusst entzieht, um die Überstellung zu vereiteln. Das Verhalten muss kausal dafür sein, dass die E-3126/2024 Seite 9 asylsuchende Person nicht an den zuständigen Mitgliedstaat überstellt werden konnte (vgl. BVGE 2010/27 E. 7.2.3; Urteile des BVGer D-4561/2023 vom 10. Oktober 2023 E. 6.2 und 7.3; E -5008/2021 vom 18. Januar 2022 E. 5.3; E-4376/2021 vom 13. Dezember 2021 E. 5.3; Ur- teil des EuGH vom 19. März 2019 C -163/17 Abubacarr Jawo/Bundesre- publik Deutschland Rn 70; ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum Euro- päischen Asylzuständigkeitssystem, 2018, N 34 zu Artikel 29; CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin III-Verordnung, 2014, K12 zu Art. 29; ALBERTO ACHERMANN ET AL . [Hrsg.], Jahrbuch für Migrationsrecht 2022/2023, S. 273). Eine einmalige Handlung oder Untätigkeit genügt (vgl. Urteile des BVGer D-835/2023 vom 17. Februar 2023 S. 6 m.w.H.). 5. 5.1 Gemäss Aktenlage kann als erwiesen erachtet werden, dass der Be- schwerdeführer anlässlich des Polizeieinsatzes am frühen Morgen des 16. April 2024 nicht in seinem Zimmer in der Unterkunft D._______ ange- troffen werden konnte. Das SEM schliesst daraus, dass der Beschwerde- führer sich bewusst nicht im Zentrum befunden habe , um seine Überstel- lung zu vereiteln. Das SEM stützt sich in seiner Annahme auf eine Akten- notiz des Migrationsamtes des Kantons C._______ (SEM-Akten […]-61/1), wonach der Polizeieinsatz am 16. April 2024 um ca. 6.30 Uhr stattgefun- den habe und die anwesenden Polizisten sowohl das (…) als auch das (…)zentrum D._______ durchsucht hätten. Zur Dauer des Einsatzes und dem genaueren Vorgehen sind den Akten, namentlich der Aktennotiz, in- des keine Informationen zu entnehmen. 5.2 Der Beschwerdeführer macht seinerseits geltend, am 15. April 2024 abends bei einer befreundeten afghanischen Familie, welche im selben Gebäude lebe, zum Abendessen eingeladen gewesen zu sein und dort übernachtet zu haben. Er verweist auf die abendliche Meldepflicht, der er jeweils nachgekommen sei und die geltende Hausordnung, die er befolgt habe. Der eingereichten Hausordnung des Zentrums kann entnommen werden, dass die Bewohner ab einer Abwesenheit von einem Tag die Be- treuer informieren beziehungsweise diesen eine Telefonnummer und eine gültige Aufenthaltsadresse angeben müssen (Eingabe vom 25. Juli 2024 Beilage 1). Zudem sind die Bewohner offenbar verpflichtet, ihre tägliche Anwesenheit jeweils abends mittels Unterschrift zu bestätigen, wie dem eingereichten Unterschriftsblatt entnommen werden kann (vgl. Be- schwerde, Beilage 3). Dieser Unterschriftspflicht ist der Beschwerdeführer offenbar jeweils nachgekommen, was vom SEM im Übrigen nicht bestritten wird. Der Beschwerdeführer war somit, sollte er tatsächlich das Zentrum E-3126/2024 Seite 10 zum Zeitpunkt des Polizeieinsatzes verlassen haben, nicht verpflichtet, seine weniger als einen Tag dauernde Abwesenheit den Verantwortlichen zu melden. 5.3 Es ist aber gestützt auf die Akten nicht als wahrscheinlich zu erachten, dass der Beschwerdeführer sich zum besagten Zeitraum überhaupt aus seiner Unterkunft begeben hat. Unbestritten ist nämlich, dass der Be- schwerdeführer am 15. April 2024 um 20.30 Uhr die Präsenzliste unter- schrieb und dass er um ca. 21.30 Uhr seine Medikamente an der Loge abholte. Dies ist gemäss Aktennotiz durch die Bilder der Überwachungska- meras verifiziert. Nicht ersichtlich ist hingegen aus den Aufzeichnungen der Überwachungskameras, dass der Beschwerdeführer das Zentrum verlas- sen hat. Hierzu ist festzuhalten, dass das D._______, wie auf Beschwer- deebene ausgeführt, relativ abgelegen liegt und die öffentlichen Verkehrs- mittel dort nur bis kurz vor 20 Uhr verkehren . Es kann unter diesen Um- ständen tatsächlich als eher unwahrs cheinlich erachtet werden, dass der Beschwerdeführer, wie vom SEM impliziert, nach 22 Uhr das Zentrum ver- lassen hat und am kommenden morgen um 8 Uhr wieder im Zentrum war, zumal er sich in diesem Zeitraum ohne fremde Hilfe kaum an einen ande- ren Ort hätte b egeben können. Im Übrigen erscheinen die Ausführungen des Beschwerdeführers, er habe sich bei einer befreundeten Familie in der gleichen Unterkunft aufgehalten, nach dem Gesagten nicht unplausibel. 5.4 Sofern die Vorinstanz ausführt, dem Beschwerdeführer sei das Ende der ursprünglichen Vollzugsfrist am 26. April 2024 sehr wohl bekannt ge- wesen, so dass anzunehmen sei, dass er sich dem Zugriff bewusst entzo- gen habe, ist der Vorinstanz zwar insofern recht zu geben, dass der Be- schwerdeführer sicher nachvollziehen konnte, wann die Überstellungsfrist ablaufen wird (sechs Monate nach dem rechtskräftigen Urteil des Bundes- verwaltungsgerichts). Es hat aber kein Ausreisegespräch stattgefunden und der Beschwerdeführer hatte keine Kenntnis vom genauen Zeitpunkt der geplanten Überstellung nach Kroatien. Aus der Aktennotiz des Migrati- onsamtes ergibt sich sodann, dass der Beschwerdeführer gemäss über- einstimmender Auskunft des Leiters des (…) und des Nachtbetreuers in der Vergangenheit immer anwesend gewesen sei. 5.5 In Würdigung aller Elemente gelingt dem SEM damit der Nachweis, der Beschwerdeführer sei am 16. April 2024 «flüchtig» im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dublin -III-VO gewesen, nicht. Allein aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer während des Polizeieinsatzes am frühen Morgen des 16. April 2024 offenbar nicht in seinem Zimmer und nicht den Bereichen E-3126/2024 Seite 11 anzutreffen war, welche die Polizei durchsuchte, lässt sich nicht schliessen, dass er sich gezielt der Überstellung entzogen hat. Aus der Mitwirkungs- pflicht des Beschwerdeführers respektive der Pflicht, sich den Behörden zur Verfügung zu halten, kann ebenso wenig geschlossen werden, dass er sich stets und ununterbrochen in seinem Zimmer aufzuhalten hätte (s. auch Urteil des BVGer D-6964/2023 vom 26. März 2024 E. 5.5 und E. 6.1). Dem Beschwerdeführer kann auch nicht vorgeworfen werden, er hätte sich den Massnahmen widersetzt, die zur Sicherstellung der Anwesenheit zum Zeit- punkt des Überstellungsversuches erlassen worden seien, da er die ent- sprechenden Massnahmen stets eingehalten hat, und der Beschwerdefüh- rer darüber hinaus vorgängig nicht über den Zeitpunkt der Überstellung in- formiert worden ist. 5.6 Daraus folgt, dass nach Ablauf der sechsmonatigen Überstellungsfrist Kroatien von seiner Verpflichtung, den Beschwerdeführer aufzunehmen beziehungsweise wiederaufzunehmen, befreit worden und die Zuständig- keit für die Behandlung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens auf den er- suchenden Staat, mithin die Schweiz, übergegangen ist. 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfü gung Bundesrecht verletzt (Art. 49 Bst. a VwVG). Die Beschwerde ist gutzuheis- sen. Die Vorinstanz ist anzuweisen, das Asyl- und Wegweisungsverfahren in der Schweiz durchzuführen. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8. 8.1 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. 8.2 Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Par- teikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1’000.– zuzusprechen. E-3126/2024 Seite 12 8.3 Das mit der Replik erneut gestellte Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Rechtsverbeiständung wird mit vorliegendem Urteil ebenfalls ge- genstandslos. (Dispositiv nächste Seite) E-3126/2024 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 1. Die Verfügung vom 6. Mai 2024 wird aufgehoben. Die Vorinstanz wird an- gewiesen, das Asyl- und Wegweisungsverfahren in der Schweiz durchzu- führen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1’000.– auszurichten. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Natassia Gili Versand: