<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">85</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Fürsorgerische Unterbringung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>11</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 437 Abs. 1, 446 und 447 ZGB; §§ 67k ff. EG ZGB</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Der in Art. 437 Abs. 1 ZGB enthaltene Vorbehalt zugunsten des kantona-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>len Rechts, wonach die Kantone die Nachbetreuung (im Anschluss an die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Entlassung aus der fürsorgerischen Unterbringung) regeln, bezieht sich</b></span><br/> <span class="ft3"><b>auch auf das Verfahrensrecht. Die §§ 67k ff. EG ZGB regeln indes das</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Verfahren zur Anordnung von Nachbetreuungsmassnahmen nur punk-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tuell. Die Lücken sind mit den Vorschriften in Art. 440 ff. ZGB für das</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Verfahren vor der Erwachsenenschutzbehörde zu füllen. Insbesondere ist</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Art. 447 ZGB analog anwendbar. Das bedeutet, dass die betroffene Per-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>son vor Erlass einer Nachbetreuungsmassnahme grundsätzlich persönlich</b></span><br/> <span class="ft3"><b>angehört werden muss. Die Anhörung hat in der Regel - wie bei der für-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sorgerischen Unterbringung - vor dem Kollegium des Spruchkörpers des</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zuständigen Familiengerichts stattzufinden. Im Weiteren ist ein Gutach-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ten zur Frage der Notwendigkeit ambulanter psychiatrischer/medizini-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>scher Massnahmen einzuholen, wenn noch kein aktuelles Gutachten dazu</b></span><br/> <span class="ft3"><b>vorliegt und dem Spruchkörper des Familiengerichts keine psychiatrisch/</b></span><br/> <span class="ft3"><b>medizinisch geschulte Fachperson angehört.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 9. Juli 2015,</span><br/> <span class="ft4">i.S. A. gegen den Entscheid des Familiengerichts B. (WBE.2015.278).</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft8">II.</span><br/> <span class="ft8">2.</span><br/> <span class="ft8">2.1.</span><br/> <span class="ft8">Der in Art. 437 Abs. 1 ZGB für die Regelung der Nachbetreu-</span><br/> <span class="ft8">ung enthaltene Vorbehalt zugunsten des kantonalen Rechts (vgl. die</span><br/> <span class="ft8">Botschaft Nr. 06.063 zur Änderung des Schweizerischen Zivilgesetz-</span><br/> <span class="ft8">buches, Erwachsenenschutz, Personenrecht und Kindesrecht, vom</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">86</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">28. Juni 2006, nachfolgend: Botschaft Erwachsenenschutz, in: BBl,</span><br/> <span class="ft8">2006, S. 7001 ff., S. 7071) bezieht sich auch auf das Verfahrensrecht.</span><br/> <span class="ft8">Die Kantone können deshalb das Verfahren zur Anordnung von</span><br/> <span class="ft8">Massnahmen der Nachbetreuung selbständig regeln, wobei</span><br/> <span class="ft8">rechtsstaatliche</span> <span class="ft8">Grundsätze</span> <span class="ft8">zu</span> <span class="ft8">beachten</span> <span class="ft8">sind</span> <span class="ft8">(T</span><span class="ft4">HOMAS</span><br/> <span class="ft8">G</span><span class="ft4">EISER</span><span class="ft8">/M</span><span class="ft4">ARIO</span> <span class="ft8">E</span><span class="ft4">TZENSBERGER</span><span class="ft8">, in: Basler Kommentar, Erwachsen-</span><br/> <span class="ft8">enschutz, Basel 2012, Art. 437 N 12). Die Art. 440 ff. ZGB betref-</span><br/> <span class="ft8">fend das Verfahren vor der Erwachsenenschutzbehörde sind nicht</span><br/> <span class="ft8">direkt anwendbar. Allerdings drängt sich eine analoge Anwendung,</span><br/> <span class="ft8">namentlich der in Art. 446 und Art. 447 ZGB verankerten</span><br/> <span class="ft8">Verfahrensgrundsätze dann auf, wenn Nachbetreuungsmassnahmen</span><br/> <span class="ft8">von den Familiengerichten als Erwachsenenschutzbehörde angeord-</span><br/> <span class="ft8">net werden und das kantonale Recht in verfahrensrechtlicher Hin-</span><br/> <span class="ft8">sicht lückenhaft ist. Die §§ 67k ff. EG ZGB regeln das Verfahren zur</span><br/> <span class="ft8">Anordnung von Nachbetreuungsmassnahmen nur punktuell, also</span><br/> <span class="ft8">nicht umfassend und vollständig, wohl auch mit Blick darauf, dass</span><br/> <span class="ft8">die Art. 440 ff. ZGB passende Regelungen für alle Arten von Verfah-</span><br/> <span class="ft8">ren vor der Erwachsenenschutzbehörde beinhalten, die im Bereich</span><br/> <span class="ft8">der Anordnung von Nachbetreuungsmassnahmen ohne weiteres über-</span><br/> <span class="ft8">nommen werden können. Ausserdem enthält § 64a EG ZGB einen</span><br/> <span class="ft8">ausdrücklichen Verweis auf Art. 447 ZGB.</span><br/> <span class="ft8">2.2.</span><br/> <span class="ft8">2.2.1.</span><br/> <span class="ft8">Nach Art. 446 ZGB erforscht die Erwachsenenschutzbehörde</span><br/> <span class="ft8">den Sachverhalt von Amtes wegen (Abs. 1). Sie zieht die erforderli-</span><br/> <span class="ft8">chen Erkundigungen ein und erhebt die notwendigen Beweise. Sie</span><br/> <span class="ft8">kann eine geeignete Person oder Stelle mit Abklärungen beauftragen.</span><br/> <span class="ft8">Nötigenfalls ordnet sie das Gutachten einer sachverständigen Person</span><br/> <span class="ft8">an (Abs. 2). Sie ist nicht an die Anträge der am Verfahren beteiligten</span><br/> <span class="ft8">Personen gebunden (Abs. 3) und wendet das Recht von Amtes wegen</span><br/> <span class="ft8">an (Abs. 4). Die betroffene Person wird gemäss Art. 447 ZGB</span><br/> <span class="ft8">persönlich angehört, soweit dies nicht als unverhältnismässig er-</span><br/> <span class="ft8">scheint (Abs. 1). Im Fall einer fürsorgerischen Unterbringung hört</span><br/> <span class="ft8">die Erwachsenenschutzbehörde die betroffene Person in der Regel im</span><br/> <span class="ft8">Kollegium an (Abs. 2).</span><br/> <span class="ft8">2.2.2.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">87</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Ein erstes wichtiges Mittel der Sachverhaltserhebung sind Aus-</span><br/> <span class="ft8">künfte der Beteiligten. Die Behörde kann solche Auskünfte schrift-</span><br/> <span class="ft8">lich einholen, sich die nötigen Informationen aber auch durch münd-</span><br/> <span class="ft8">liche Befragungen verschaffen. Abklärungen in Form von persönli-</span><br/> <span class="ft8">chen Befragungen haben den Vorteil, dass sie unter Umständen ein</span><br/> <span class="ft8">differenzierteres Bild über bestimmte Sachverhaltselemente vermit-</span><br/> <span class="ft8">teln. Zudem gewinnt die Behörde einen unmittelbaren, persönlichen</span><br/> <span class="ft8">Eindruck von der befragten Person und deren Einstellung. Persönli-</span><br/> <span class="ft8">che Befragungen sind vor allem dort nützlich, wo ein auch persönli-</span><br/> <span class="ft8">che Aspekte umfassendes Bild einer Person oder Situation erhoben</span><br/> <span class="ft8">werden muss (C</span><span class="ft4">HRISTOPH</span> <span class="ft8">A</span><span class="ft4">UER</span><span class="ft8">/M</span><span class="ft4">ICHLE</span> <span class="ft8">M</span><span class="ft4">ARTI</span><span class="ft8">, in: Basler Kom-</span><br/> <span class="ft8">mentar, Zivilgesetzbuch I, Art. 1-456 ZGB, 5. Auflage, Basel 2014,</span><br/> <span class="ft8">Art. 446 N 11).</span><br/> <span class="ft8">Gesetzlich vorgeschrieben ist, wie gesehen, eine persönliche</span><br/> <span class="ft8">mündliche Anhörung der betroffenen Person; vorbehalten sind Fälle,</span><br/> <span class="ft8">in denen eine solche Anhörung unverhältnismässig wäre (Art. 447</span><br/> <span class="ft8">ZGB). Die persönliche Anhörung verfolgt - wie der Anspruch auf</span><br/> <span class="ft8">rechtliches Gehör - zwei Ziele: Zum einen stellt sie ein Mitwir-</span><br/> <span class="ft8">kungsrecht der betroffenen Person dar. Zum anderen bildet sie ein</span><br/> <span class="ft8">Mittel zur Sachverhaltsabklärung. Das Mitwirkungsrecht ist umfas-</span><br/> <span class="ft8">send: Der betroffenen Person ist im Rahmen der persönlichen Anhö-</span><br/> <span class="ft8">rung nicht nur in allgemeiner Form von der in Aussicht genommenen</span><br/> <span class="ft8">Massnahme Kenntnis zu geben. Vielmehr sind ihr sämtliche Einzel-</span><br/> <span class="ft8">tatsachen bekannt zu geben, auf die sich die Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="ft8">nenschutzbehörde bei ihrem Entscheid stützen will. Soweit die An-</span><br/> <span class="ft8">hörung der Sachverhaltsfeststellung dient, kann auf sie nicht verzich-</span><br/> <span class="ft8">tet werden, selbst wenn sich die betroffene Person widersetzen sollte.</span><br/> <span class="ft8">Die Behörde hat sich anhand der persönlichen Anhörung einen</span><br/> <span class="ft8">umfassenden Eindruck von den Zukunftsaussichten und der jüngeren</span><br/> <span class="ft8">Vergangenheit der betroffenen Person zu verschaffen, der ihr mit</span><br/> <span class="ft8">Blick auf die Geeignetheit, die Notwendigkeit und die Angemessen-</span><br/> <span class="ft8">heit der Massnahme als Entscheidungsgrundlage dient (A</span><span class="ft4">UER</span><span class="ft8">/M</span><span class="ft4">AR</span><span class="ft9">-</span><br/> <span class="ft4">TI</span><span class="ft8">, a.a.O., Art. 447 N 4 ff.).</span><br/> <span class="ft8">Nachdem die betroffene Person grundsätzlich vom Kollegium</span><br/> <span class="ft8">des Spruchkörpers anzuhören ist, wenn eine fürsorgerische Unter-</span><br/> <span class="ft8">bringung zur Debatte steht (Art. 447 Abs. 2 ZGB), während im An-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">88</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">wendungsbereich von Art. 447 Abs. 1 ZGB (das betrifft die anderen</span><br/> <span class="ft8">im ZGB vorgesehenen Erwachsenenschutzmassnahmen) die Anhö-</span><br/> <span class="ft8">rung der betroffenen Person durch ein Einzelmitglied der Behörde</span><br/> <span class="ft8">erfolgen oder - unter bestimmten Umständen - sogar an eine geeig-</span><br/> <span class="ft8">nete Drittperson delegiert werden kann (A</span><span class="ft4">UER</span><span class="ft8">/M</span><span class="ft4">ARTI</span><span class="ft8">, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft8">Art. 447 N 16 ff.), stellt sich die Frage, was insoweit im Verfahren</span><br/> <span class="ft8">zur Anordnung von Nachbetreuungsmassnahmen gilt. Unter Ge-</span><br/> <span class="ft8">sichtspunkten der Gesetzessystematik gehören Nachbetreuungsmass-</span><br/> <span class="ft8">nahmen ganz klar zu den therapeutischen/medizinischen Massnah-</span><br/> <span class="ft8">men, die im Rahmen einer bzw. im Nachgang zu einer fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft8">schen Unterbringung angeordnet werden. Art. 437 ZGB ist im dritten</span><br/> <span class="ft8">Abschnitt (Die fürsorgerische Unterbringung) des 11. Titels (Die be-</span><br/> <span class="ft8">hördlichen Massnahmen) der dritten Abteilung (Der Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft8">schutz) des ZGB angesiedelt. Thematisch besteht ebenfalls ein enger</span><br/> <span class="ft8">Sachzusammenhang zwischen den beiden Varianten der fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft8">schen Unterbringung (Unterbringung zur Behandlung und Betreu-</span><br/> <span class="ft8">ung, Zurückbehaltung freiwillig Eingetretener) auf der einen Seite</span><br/> <span class="ft8">und der Nachbetreuung sowie den ambulanten Massnahmen</span><br/> <span class="ft8">(Art. 437 Abs. 2 ZGB) auf der anderen Seite. All diesen Massnahmen</span><br/> <span class="ft8">ist das Folgende gemeinsam: Sie dienen der (medizinischen/psychia-</span><br/> <span class="ft8">trischen/psychologischen/pflegerischen) Behandlung und/oder Be-</span><br/> <span class="ft8">treuung von Personen, die sich diese Behandlung und/oder Betreu-</span><br/> <span class="ft8">ung wegen eines (in Art. 426 Abs. 1 ZGB angeführten) Schwächezu-</span><br/> <span class="ft8">standes nicht bzw. nicht in genügendem Masse selbst angedeihen las-</span><br/> <span class="ft8">sen können, das eine Mal innerhalb, das andere Mal ausserhalb einer</span><br/> <span class="ft8">Einrichtung. Sinn und Zweck der in Art. 447 Abs. 2 ZGB vorge-</span><br/> <span class="ft8">schriebenen Anhörung im Kollegium ist die Wahrung des Unmittel-</span><br/> <span class="ft8">barkeitsprinzips, welchem der Gesetzgeber bei der Anordnung einer</span><br/> <span class="ft8">fürsorgerischen Unterbringung ein hohes Gewicht beimisst, was auch</span><br/> <span class="ft8">mit dem Erfordernis der Interdisziplinarität zusammenhängt. Indem</span><br/> <span class="ft8">das ZGB eine interdisziplinäre Zusammensetzung der Kindes- und</span><br/> <span class="ft8">Erwachsenenschutzbehörde verlangt, gewährleistet es mit dem Gebot</span><br/> <span class="ft8">der Anhörung im Kollegium eine Wahrnehmung durch Entscheidträ-</span><br/> <span class="ft8">ger verschiedener Fachrichtungen (A</span><span class="ft4">UER</span><span class="ft8">/M</span><span class="ft4">ARTI</span><span class="ft8">, a.a.O., Art. 447</span><br/> <span class="ft8">N 33). Diese sollen sich einen eigenen persönlichen Eindruck von</span><br/> <span class="ft8">der betroffenen Person verschaffen können, wenn es deren ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">89</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">sundheitliche und soziale Situation zu beurteilen gilt und eine so ein-</span><br/> <span class="ft8">schneidende Massnahme wie die fürsorgerische Unterbringung in</span><br/> <span class="ft8">Erwägung gezogen wird. Ambulante Massnahmen (der Nachbetreu-</span><br/> <span class="ft8">ung) sind zwar in der Regel - je nach Geltungsdauer - weniger</span><br/> <span class="ft8">einschneidend als die Unterbringung in einer Einrichtung, doch er-</span><br/> <span class="ft8">fordern auch sie eine umfassende Würdigung der gesundheitlichen</span><br/> <span class="ft8">und sozialen Umstände der betroffenen Person. In der Praxis ist nicht</span><br/> <span class="ft8">immer von Beginn weg klar, welche Massnahme im konkreten Ein-</span><br/> <span class="ft8">zelfall ergriffen bzw. beibehalten werden muss. Vielmehr muss regel-</span><br/> <span class="ft8">mässig zwischen der Unterbringung in einer Einrichtung und ambu-</span><br/> <span class="ft8">lanten Massnahmen (der Nachbetreuung) abgewogen werden. Es</span><br/> <span class="ft8">erscheint daher nur sachgerecht, die beiden eng miteinander ver-</span><br/> <span class="ft8">wandten Massnahmen den gleichen Verfahrensbestimmungen zu</span><br/> <span class="ft8">unterwerfen und Art. 447 Abs. 2 ZGB auch in Verfahren zur Anord-</span><br/> <span class="ft8">nung von Nachbetreuungsmassnahmen und anderen ambulanten</span><br/> <span class="ft8">Massnahmen analog anzuwenden, so dass die betroffene Person vom</span><br/> <span class="ft8">gesamten, aus verschiedenen Fachrichtungen zusammengesetzten</span><br/> <span class="ft8">Spruchkörper angehört werden muss.</span><br/> <span class="ft8">Ausnahmsweise kann darauf verzichtet und die Anhörung durch</span><br/> <span class="ft8">ein einzelnes Behördenmitglied durchgeführt werden, wenn Gefahr</span><br/> <span class="ft8">in Verzug ist, wenn sich die betroffene Person weigert, einer Vorla-</span><br/> <span class="ft8">dung Folge zu leisten, oder wenn die Anhörung durch den gesamten</span><br/> <span class="ft8">Spruchkörper wegen der Krankheit oder anderen persönlichkeitsbe-</span><br/> <span class="ft8">dingten Gründen seitens der betroffenen Person nicht geboten ist.</span><br/> <span class="ft8">Von einer Anhörung durch den gesamten Spruchkörper kann ferner</span><br/> <span class="ft8">Umgang genommen werden, wenn dem Grundsatz der Interdiszipli-</span><br/> <span class="ft8">narität nicht entscheidendes Gewicht zukommt. Liegt beispielsweise</span><br/> <span class="ft8">im Verfahren vor der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde bereits</span><br/> <span class="ft8">ein schlüssiges psychiatrisches oder sozial-psychologisches Gutach-</span><br/> <span class="ft8">ten vor, kann es sich rechtfertigen, dass die persönliche Anhörung</span><br/> <span class="ft8">einzig durch das Behördenmitglied mit juristischem Sachverstand</span><br/> <span class="ft8">durchgeführt wird (A</span><span class="ft4">UER</span><span class="ft8">/M</span><span class="ft4">ARTI</span><span class="ft8">, a.a.O., Art. 447 N 35; vgl. auch die</span><br/> <span class="ft8">Botschaft Erwachsenenschutz, S. 7079). Schliesslich ist denkbar, vor</span><br/> <span class="ft8">der Anordnung von Nachbetreuungsmassnahmen von einer Anhö-</span><br/> <span class="ft8">rung im Kollegium abzusehen, wenn das gleiche Kollegium die be-</span><br/> <span class="ft8">troffene Person schon einmal angehört hat, zum Beispiel beim Ent-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">90</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">scheid über die fürsorgerische Unterbringung oder die Verlängerung</span><br/> <span class="ft8">einer solchen. Die Zeitspanne zwischen der letzten Anhörung und</span><br/> <span class="ft8">dem Nachbetreuungsentscheid müsste jedoch relativ kurz bemessen</span><br/> <span class="ft8">sein und es müsste zweifelsfrei feststehen, dass sich in der Zwischen-</span><br/> <span class="ft8">zeit keine neuen Aspekte ergeben haben, die für den Nach-</span><br/> <span class="ft8">betreuungsentscheid relevant sind (vgl. auch AGVE 2013, S. 95 ff.).</span><br/> <span class="ft8">2.2.3.</span><br/> <span class="ft8">Ein Sachverständigengutachten ist anzuordnen, wenn der Kin-</span><br/> <span class="ft8">des- und Erwachsenenschutzbehörde das nötige Fachwissen fehlt,</span><br/> <span class="ft8">um über eine zur Diskussion stehende Massnahme zu entscheiden.</span><br/> <span class="ft8">Erforderlich wird die Konsultation von externem Fachwissen vor</span><br/> <span class="ft8">allem bei fürsorgerischen Unterbringungen oder Einschränkungen</span><br/> <span class="ft8">der Handlungsfähigkeit wegen einer psychischen Störung oder einer</span><br/> <span class="ft8">geistigen Behinderung, aber wohl auch bei ambulanten Massnahmen</span><br/> <span class="ft8">zur Behandlung einer psychischen Störung. Die Kindes- und Er-</span><br/> <span class="ft8">wachsenenschutzbehörde muss jedoch in diesen Fällen nicht stets</span><br/> <span class="ft8">und automatisch ein Expertengutachten einholen. Sie kann darauf</span><br/> <span class="ft8">verzichten, wenn sie zum Beispiel einen Arzt mit genügenden Fach-</span><br/> <span class="ft8">kenntnissen in Psychiatrie im Spruchkörper hat (vgl. A</span><span class="ft4">UER</span><span class="ft8">/M</span><span class="ft4">ARTI</span><span class="ft8">,</span><br/> <span class="ft8">a.a.O., Art. 446 N 19). Ein aus einem Juristen, einem diplomierten</span><br/> <span class="ft8">Sozialarbeiter HSA und einem Fachpsychologen für Psychotherapie</span><br/> <span class="ft8">FSP mit einem lic.phil.-Abschluss und einem Master of Advanced</span><br/> <span class="ft8">Studies in Psychotherapy zusammengesetzter Spruchkörper genügt</span><br/> <span class="ft8">hingegen nicht, um ohne Gutachten über die Fortsetzung einer für-</span><br/> <span class="ft8">sorgerischen Unterbringung oder ambulante psychiatrische/medizi-</span><br/> <span class="ft8">nische Massnahmen zu entscheiden (vgl. das Urteil des Obergerichts</span><br/> <span class="ft8">des Kantons Bern vom 10. November 2014 [KES 14 709], publiziert</span><br/> <span class="ft8">in: CAN, Zeitschrift für kantonale Rechtsprechung, Heft 1/2015,</span><br/> <span class="ft8">S. 23 ff., Erw. 3.2.2). Mit Rücksicht auf die bundesgerichtliche</span><br/> <span class="ft8">Rechtsprechung im Bereich der Unterbringung in eine Einrichtung</span><br/> <span class="ft8">muss sich der Experte in seinem Gutachten betreffend die Notwen-</span><br/> <span class="ft8">digkeit ambulanter psychiatrischer/medizinischer Massnahmen zum</span><br/> <span class="ft8">Gesundheitszustand der betroffenen Person äussern und aufzeigen,</span><br/> <span class="ft8">inwiefern allfällige psychische Störungen das Leben oder die körper-</span><br/> <span class="ft8">liche Integrität der betroffenen Person oder Dritter gefährden könn-</span><br/> <span class="ft8">ten, sowie ob diesem Umstand mit Behandlung begegnet werden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">91</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">muss. Sofern dies der Fall ist, hat der Gutachter zu präzisieren, wel-</span><br/> <span class="ft8">ches die konkreten Risiken für das Leben oder die Gesundheit der</span><br/> <span class="ft8">betroffenen Person sowie Dritter wären, wenn die empfohlene Be-</span><br/> <span class="ft8">handlung nicht erfolgen würde. Er muss weiter darlegen, ob die nöti-</span><br/> <span class="ft8">ge Behandlung mit der vorgesehenen Massnahme gewährleistet wer-</span><br/> <span class="ft8">den kann. Im Gutachten ist auch festzuhalten, ob sich die betroffene</span><br/> <span class="ft8">Person ihrer Krankheit und ihres Behandlungsbedarfs bewusst ist.</span><br/> <span class="ft8">Ein Gutachten ohne diese Angaben wird vom Bundesgericht als un-</span><br/> <span class="ft8">vollständig erachtet (Urteil des Bundesgerichts vom 17. Januar 2014</span><br/> <span class="ft8">[5A_872/2013], Erw. 6.2.2 = [Pra 104/2015], S. 27 f., mit Hinweisen</span><br/> <span class="ft8">auf weitere publizierte Entscheide). Ausserdem muss das Gutachten</span><br/> <span class="ft8">einigermassen aktuell sein, wofür entscheidend ist, ob Gewähr dafür</span><br/> <span class="ft8">besteht, dass sich die Ausgangslage seit der Erstellung des</span><br/> <span class="ft8">Gutachtens nicht verändert hat. Unveränderte Verhältnisse sind dabei</span><br/> <span class="ft8">nur mit Zurückhaltung anzunehmen. Andererseits sind auch unnötige</span><br/> <span class="ft8">und kostspielige prozessuale Leerläufe zu vermeiden. Obwohl die</span><br/> <span class="ft8">seit dem letzten Gutachten verstrichene Zeit für sich allein nicht</span><br/> <span class="ft8">ausschlaggebend ist, ist doch zu berücksichtigen, dass aufgrund der</span><br/> <span class="ft8">Behandlung die Wahrscheinlichkeit der Veränderung der Verhältnisse</span><br/> <span class="ft8">mit der Zeit ansteigt. An die Annahme unveränderter Verhältnisse</span><br/> <span class="ft8">sind daher umso höhere Anforderungen zu stellen, je mehr Zeit seit</span><br/> <span class="ft8">dem letzten Gutachten verstrichen ist (Urteil des Obergerichts des</span><br/> <span class="ft8">Kantons Bern vom 10. November 2014 [KES 14 709], a.a.O.,</span><br/> <span class="ft8">S. 23 ff., Erw. 3.3.1, mit Hinweisen auf die bundesgerichtliche</span><br/> <span class="ft8">Rechtsprechung).</span><br/> <span class="ft8">3.</span><br/> <span class="ft8">3.1.</span><br/> <span class="ft8">Das Familiengericht B., das den vorliegend angefochtenen</span><br/> <span class="ft8">Nachbetreuungsentscheid vom 12. Juni 2015 in der vom Gesetz (§ 3</span><br/> <span class="ft8">Abs. 4 lit. a GOG) vorgesehenen Dreierbesetzung gefällt hat, hat den</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer nicht durch den gesamten Spruchkörper angehört.</span><br/> <span class="ft8">Die Anhörung wurde von der Fachrichterin C. mit einem Master-</span><br/> <span class="ft8">Titel in Sozialarbeit durchgeführt; die juristisch geschulte Gerichts-</span><br/> <span class="ft8">präsidentin D. und Fachrichterin E. wohnten der Anhörung ebenso</span><br/> <span class="ft8">wenig bei wie die Gerichtsschreiberin F. Schon aus diesem Grund</span><br/> <span class="ft8">muss der angefochtene Entscheid wegen Verletzung des analog an-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">92</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">wendbaren Art. 447 Abs. 2 ZGB aufgehoben werden (A</span><span class="ft4">UER</span><span class="ft8">/M</span><span class="ft4">ARTI</span><span class="ft8">,</span><br/> <span class="ft8">a.a.O., Art. 447 N 37; AGVE 2013, S. 96 f.). Eine der in Erw. 2.2.2</span><br/> <span class="ft8">vorne angeführten Ausnahmesituationen, in welcher auf die Anhö-</span><br/> <span class="ft8">rung im Kollegium verzichtet werden konnte, lag nicht vor. Weder</span><br/> <span class="ft8">bestand besondere Dringlichkeit, noch standen - soweit aus den</span><br/> <span class="ft8">Akten ersichtlich - einer Anhörung persönlichkeitsbedingte Hinder-</span><br/> <span class="ft8">nisse auf Seiten des Beschwerdeführers entgegen. Dass dem Grund-</span><br/> <span class="ft8">satz der Interdisziplinarität unter den konkreten Umständen keine</span><br/> <span class="ft8">entscheidende Bedeutung zugekommen wäre, kann nicht gesagt wer-</span><br/> <span class="ft8">den. Gerichtspräsidentin D. und Fachrichterin E. fällten ihren Ent-</span><br/> <span class="ft8">scheid anhand der Akten und des Votums von Fachrichterin C. Sie</span><br/> <span class="ft8">hatten noch nie Gelegenheit, den Beschwerdeführer persönlich ken-</span><br/> <span class="ft8">nenzulernen und sich auf diese Weise durch einen eigenen, unmittel-</span><br/> <span class="ft8">baren Eindruck von seinem Wesen sowie seiner gesundheitlichen</span><br/> <span class="ft8">und sozialen Situation von der Richtigkeit und Angemessenheit der</span><br/> <span class="ft8">angeordneten Massnahme zu überzeugen. Dadurch sind die Partei-</span><br/> <span class="ft8">rechte des Beschwerdeführers in grundlegender Weise missachtet</span><br/> <span class="ft8">worden.</span><br/> <span class="ft8">(...)</span><br/> <span class="ft8">3.2.</span><br/> <span class="ft8">Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer an der Anhörung</span><br/> <span class="ft8">durch Fachrichterin C. nicht korrekt über seine Rechte informiert</span><br/> <span class="ft8">wurde. Der Beschwerdeführer ist der dezidierten Meinung, er leide</span><br/> <span class="ft8">nicht an der ihm diagnostizierten psychischen Krankheit (paranoide</span><br/> <span class="ft8">Schizophrenie). Anfänglich erklärte er sich denn auch mit der Einho-</span><br/> <span class="ft8">lung des in der Stellungnahme von Dr. med. G. vom 21. April 2015</span><br/> <span class="ft8">empfohlenen (psychiatrischen) Gutachtens zur Abklärung seines Ge-</span><br/> <span class="ft8">sundheitszustandes einverstanden. Erst als ihn Fachrichterin C.</span><br/> <span class="ft8">falsch darüber aufklärte, dass er die Gutachterkosten von schätzungs-</span><br/> <span class="ft8">weise Fr. 3'000.00 bis Fr. 8'000.00 selber bezahlen müsse, sofern ihm</span><br/> <span class="ft8">nicht die unentgeltliche Rechtspflege gewährt werde, entschied er</span><br/> <span class="ft8">sich gegen ein Gutachten. Gemäss § 65a Abs. 3 lit. b EG ZGB wer-</span><br/> <span class="ft8">den in Verfahren auf Erlass ambulanter Massnahmen, fürsorgerischer</span><br/> <span class="ft8">Unterbringungen und Nachbetreuungen weder in erster noch in</span><br/> <span class="ft8">zweiter Instanz Gerichtskosten erhoben. Zu den Gerichtskosten zäh-</span><br/> <span class="ft8">len nach § 65a Abs. 4 EG ZGB i.V.m. Art. 95 Abs. 2 lit. c ZPO unter</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">93</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">anderem die Kosten der Beweisführung, also auch Gutachterkosten.</span><br/> <span class="ft8">Mit anderen Worten wären die Gutachterkosten unabhängig von der</span><br/> <span class="ft8">finanziellen Situation des Beschwerdeführers auf die Staatskasse zu</span><br/> <span class="ft8">nehmen. Wäre der Beschwerdeführer in diesem Punkt richtig belehrt</span><br/> <span class="ft8">worden, hätte er allenfalls die Durchführung eines Gutachtens bean-</span><br/> <span class="ft8">tragt. Doch selbst wenn er keinen solchen Antrag gestellt hätte, wäre</span><br/> <span class="ft8">es in der vorliegenden Konstellation sicher sinnvoll gewesen, von</span><br/> <span class="ft8">Amtes wegen ein Gutachten anzuordnen. Zwar sah es das Verwal-</span><br/> <span class="ft8">tungsgericht im Urteil vom 3. Februar 2015 (WBE.2015.32) auch</span><br/> <span class="ft8">aufgrund der mündlichen Ausführungen des psychiatrischen Gutach-</span><br/> <span class="ft8">ters an der Verhandlung vom 3. Februar 2015 als erwiesen an, dass</span><br/> <span class="ft8">der Beschwerdeführer an einer paranoiden Schizophrenie leidet.</span><br/> <span class="ft8">Doch haben sich mit dem ärztlichen Attest von Dr. med. H. vom</span><br/> <span class="ft8">27. Februar 2015 und mit der Stellungnahme von Dr. med. G. vom</span><br/> <span class="ft8">21. April 2015 seither neue Aspekte ergeben, die gewisse, wenn auch</span><br/> <span class="ft8">nicht erhebliche Zweifel an dieser Diagnose aufkommen lassen. Weil</span><br/> <span class="ft8">dem Beschwerdeführer die Erstdiagnose der paranoiden Schizophre-</span><br/> <span class="ft8">nie eher untypisch spät gestellt wurde und mittlerweile nicht mehr</span><br/> <span class="ft8">vollkommen ausgeschlossen erscheint, dass die bei ihm aufgetrete-</span><br/> <span class="ft8">nen Psychosen zumindest teilweise substanzinduziert gewesen bzw.</span><br/> <span class="ft8">durch die betreffende Substanz (Ciprofloxacin) verstärkt worden sein</span><br/> <span class="ft8">könnten, lohnt es sich aus Sicht des Verwaltungsgerichts, ein Gutach-</span><br/> <span class="ft8">ten in Auftrag zu geben, mit welchem einerseits der Gesundheitszu-</span><br/> <span class="ft8">stand des Beschwerdeführers profund abgeklärt wird, unter Einsatz</span><br/> <span class="ft8">aller dafür notwendigen bildgebenden Verfahren, und mit welchem</span><br/> <span class="ft8">andererseits die Frage beantwortet wird, ob die angeordnete Medika-</span><br/> <span class="ft8">tion mit Abilify Maintena in der gewählten Dosis von 400 mg alle</span><br/> <span class="ft8">vier Wochen auch längerfristig eine angemessene und unerlässliche</span><br/> <span class="ft8">Behandlung darstellt.</span><br/></div> </div> </body> </html>