<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">405</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Anwaltsrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>82</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 12 lit. c BGFA</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Interessenkollision. Ein verbotener Interessenkonflikt liegt dann vor,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>wenn eine Anwältin die Wahrung von Interessen einer Klientin übernom-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>men und dabei Entscheidungen zu treffen hat, mit denen sie sich poten-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tiell in Konflikt zu eigenen oder anderen ihr zur Wahrung übertragenen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Interessen begibt.</b></span><br/> <span class="ft4">Entscheid der Anwaltskommission vom 27. Mai 2014 (AVV.2013.46).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft7">[...]</span><br/> <span class="ft7">2.</span><br/> <span class="ft7">2.1.</span><br/> <span class="ft7">Der beanzeigten Anwältin wird vorgeworfen, sie habe die Be-</span><br/> <span class="ft7">rufsregel von Art. 12 lit. c BGFA verletzt, indem sie im Rahmen</span><br/> <span class="ft7">eines Strafverfahrens wegen sexuellen Handlungen die Tochter E des</span><br/> <span class="ft7">Anzeigers sowie die Mutter von E, V, in einem Verfahren betreffend</span><br/> <span class="ft7">Abänderung des Scheidungsurteils vertrete. Der Anzeiger führt aus,</span><br/> <span class="ft7">dass die beanzeigte Anwältin nicht beide Interessen vertreten könne.</span><br/> <span class="ft7">2.2.</span><br/> <span class="ft7">Art. 12 lit. c BGFA auferlegt dem Anwalt kraft öffentlichen</span><br/> <span class="ft7">Rechts eine besondere Treuepflicht. Er hat jeden Konflikt zwischen</span><br/> <span class="ft7">den Interessen seiner Klientschaft und den Personen, mit denen er</span><br/> <span class="ft7">geschäftlich oder privat in Beziehungen steht, zu meiden (Walter</span><br/> <span class="ft7">Fellmann in: Walter Fellmann/Gaudenz G. Zindel [Hrsg.], Kommen-</span><br/> <span class="ft7">tar zum Anwaltsgesetz, 2. Auflage, Zürich 2011, N 84 zu Art. 12 [zit.</span><br/> <span class="ft7">Name, BGFA-Kommentar]). Nach Auffassung des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft7">liegt allerdings nur dann eine unzulässige Interessenkollision vor,</span><br/> <span class="ft7">wenn ein konkreter Interessenkonflikt besteht. Die blosse abstrakte</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">406</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Möglichkeit, dass zwischen verschiedenen Klienten Differenzen auf-</span><br/> <span class="ft7">treten könnten, genüge nicht (vgl. Fellmann, BGFA-Kommentar,</span><br/> <span class="ft7">a.a.O., N 84b zu Art 12; Testa, a.a.O., S. 93 f.).</span><br/> <span class="ft7">Ein verbotener Interessenkonflikt liegt dann vor, wenn der An-</span><br/> <span class="ft7">walt die Wahrung von Interessen eines Klienten übernommen und</span><br/> <span class="ft7">dabei Entscheidungen zu treffen hat, mit denen er sich potentiell in</span><br/> <span class="ft7">Konflikt zu eigenen oder anderen ihm zur Wahrung übertragenen</span><br/> <span class="ft7">Interessen begibt (Giovanni Andrea Testa, Die zivil- und standes-</span><br/> <span class="ft7">rechtlichen Pflichten des Rechtsanwaltes gegenüber dem Klienten,</span><br/> <span class="ft7">Zürich 2001, S. 93 [zit. Testa]). Wird während der Führung eines</span><br/> <span class="ft7">Mandats ein verbotener Interessenkonflikt festgestellt, muss der An-</span><br/> <span class="ft7">walt das Mandat unverzüglich niederlegen. In bestimmten Fällen</span><br/> <span class="ft7">verbietet Art. 12 lit. c BGFA bereits die Mandatsübernahme. Das</span><br/> <span class="ft7">Verbot widerstreitende Interessen zu vertreten, greift in diesen Fällen</span><br/> <span class="ft7">bereits im Vorfeld des Vertragsschlusses ein und geht damit in jedem</span><br/> <span class="ft7">Fall weiter als die auftragsrechtliche Treuepflicht. Es gilt auch zu-</span><br/> <span class="ft7">gunsten ehemaliger Klienten und sogar von Personen, deren Mandat</span><br/> <span class="ft7">der Anwalt abgelehnt hat (Fellmann, BGFA-Kommentar, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft7">N 85 zu Art. 12; Testa, a.a.O., S. 99; Martin Sterchi, Kommentar zum</span><br/> <span class="ft7">bernischen Fürsprechergesetz, Bern 1992, N 2 zu Art. 13). Wer sich</span><br/> <span class="ft7">einem Anwalt anvertraut - und sei es nur im Rahmen einer</span><br/> <span class="ft7">Mandatsanfrage, in der er ihm Einblick in den Fall gibt - muss sich</span><br/> <span class="ft7">darauf verlassen dürfen, dass dieser über alles Anvertraute schweigt</span><br/> <span class="ft7">und die erhaltenen Kenntnisse niemals in irgendeiner Form gegen</span><br/> <span class="ft7">ihn verwendet (vgl. Fellmann, BGFA-Kommentar, a.a.O., N 85 zu</span><br/> <span class="ft7">Art 12; Testa, a.a.O., S. 93 f.).</span><br/> <span class="ft7">[...]</span><br/> <span class="ft7">3.3.2.</span><br/> <span class="ft7">Es ist somit zu prüfen, ob die beanzeigte Anwältin durch die</span><br/> <span class="ft7">Übernahme des zweiten Mandats, nämlich die Vertretung von V im</span><br/> <span class="ft7">Verfahren betreffend Abänderung des Scheidungsurteils, bzw. Neu-</span><br/> <span class="ft7">zuteilung der elterlichen Sorge, Entscheide zu treffen hat, mit denen</span><br/> <span class="ft7">sie sich potentiell in Konflikt zu den ihr von E zur Wahrung über-</span><br/> <span class="ft7">tragenen Interessen begeben hat. Wie oben dargelegt (Ziff. 2.3) müs-</span><br/> <span class="ft7">sen konkrete Anhaltspunkte für einen Interessenkonflikt bestehen.</span><br/> <span class="ft7">[...]</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">407</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Die Rolle einer Mutter ist in jedem Strafverfahren, welches ge-</span><br/> <span class="ft7">gen ihren Partner wegen sexuellen Missbrauchs der Tochter geführt</span><br/> <span class="ft7">wird, ein Thema (Einvernahme als Zeugin, Auskunftsperson, etc.).</span><br/> <span class="ft7">Nicht auszuschliessen ist, dass die beanzeigte Anwältin von der E In-</span><br/> <span class="ft7">formationen hinsichtlich des Verhaltens der Mutter anlässlich des an-</span><br/> <span class="ft7">gezeigten Missbrauchs erhält, welche allenfalls sogar eine Strafan-</span><br/> <span class="ft7">zeige gegen die Mutter (wegen Beihilfe o.ä.) nötig machen könnten.</span><br/> <span class="ft7">Im Verfahren betreffend Abänderung des Scheidungsurteils vertritt</span><br/> <span class="ft7">die beanzeigte Anwältin die Mutter und hat in diesem Zusammen-</span><br/> <span class="ft7">hang gegen den Vorwurf, dass diese die Tochter vernachlässigt, res-</span><br/> <span class="ft7">pektive nicht genügend vor den Übergriffen ihres Lebenspartners R</span><br/> <span class="ft7">geschützt habe, vorzugehen. Diese Interessenlage führt aber dazu,</span><br/> <span class="ft7">dass sie es dann im Strafverfahren notgedrungen unterlässt bzw. un-</span><br/> <span class="ft7">terlassen muss, als Opfervertreterin und/oder als Vertreterin der Pri-</span><br/> <span class="ft7">vatklägerin das Augenmerk auf eine allenfalls unrühmliche Rolle der</span><br/> <span class="ft7">Mutter im Zusammenhang mit den Übergriffen auf E zu legen (z.B.</span><br/> <span class="ft7">durch kritische Fragen, einen entsprechenden Beweisantrag auf Ein-</span><br/> <span class="ft7">vernahme der Mutter oder durch Einreichen einer Strafanzeige gegen</span><br/> <span class="ft7">diese). Damit liegt aber ein konkreter Interessenkonflikt vor. Dieser</span><br/> <span class="ft7">konkrete Interessenkonflikt musste der beanzeigten Anwältin spätes-</span><br/> <span class="ft7">tens ab Kenntnis vom Vorwurf des Anzeigers bewusst gewesen sein.</span><br/> <span class="ft7">So warf der Anzeiger V vor, sie sei nicht imstande, sich ausreichend</span><br/> <span class="ft7">um die Bedürfnisse der Kinder zu kümmern und habe Kenntnis</span><br/> <span class="ft7">davon gehabt, dass R bereits ein Sexualdelikt begangen habe, die</span><br/> <span class="ft7">Beziehung zu diesem aber nicht beendet habe.</span><br/> <span class="ft7">Ob die beanzeigte Anwältin die Interessen ihrer Mandantinnen</span><br/> <span class="ft7">schlussendlich genügend wahrgenommen hat, ist dabei nicht ent-</span><br/> <span class="ft7">scheidend.</span><br/></div> </div> </body> </html>