Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 19. Juni 2014 (720 13 318 / 146) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Die Gewährung medizinischer Massnahmen zur Behandlu ng eines Geburtsgebrechens setzt die Wirksamkeit bzw. die wissenschaftliche An erkennung der betreffenden thera- peutischen Massnahmen voraus Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Mar kus Mattle, Kantonsrichter Daniel Noll, Gerichtsschreiber Markus Schäfer Parteien A.____ und B.____, Beschwerdeführer gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Medizinische Massnahmen für Sohn C.____ A. Der 1998 geborene C.____ leidet an mehreren Gebu rtsgebrechen, für welche ihm seit seiner Geburt verschiedene Leistungen der Eidgenöss ischen Invalidenversicherung (IV) zuge- sprochen worden waren. Anfangs November 2012 diagnostizierten die behandelnden Ärzte des Spitals D.____ bei C.____ eine Thoraxwanddeformität im Sinne einer ausgeprägten Kielbrust. Seine Eltern, A.____ und B.____, gelangten deshalb im Dezember 2012 mit dem Gesuch an die IV-Stelle Basel-Landschaft, es seien ihrem Sohn C.____ als medizinische Massnahme der Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht IV zur Behandlung dieses Geburtsgebrechens die Kosten fü r eine konservative Therapie mit einem dynamischen Kompressionssystem zuzusprechen. Nach Abklä rung des medizinischen Sachverhaltes entschied die IV-Stelle nach durchgeführte m Vorbescheidverfahren mit Verfü- gung vom 4. Oktober 2013, dass die Kosten für die Behand lung dieses Geburtsgebrechens übernommen würden. Als medizinische Massnahme könne eine k onventionelle Kielbrustorthe- se in einfacher und zweckmässiger Ausführung als Behandlung sgerät zugesprochen werden. Hingegen müsse die beantragte Kostengutsprache für ei n dynamisches Kompressionssystem abgelehnt werden. Bei dieser Therapiemethode handle es sich nicht um eine nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigte Massnahm e, weshalb ein Leistungsan- spruch gegenüber der IV entfalle. B. Gegen diese Verfügung erhoben A.____ und B.____ a m 2. November 2013 Be- schwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsr echt (Kantonsgericht). Darin beantragten sie, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei die IV-Stelle zu ver- pflichten, die Kosten für das dynamische Kompressionssystem so wie die ärztlichen und thera- peutischen Folgekosten im Zusammenhang mit dem dynamischen Kompressionssystem voll- ständig zu übernehmen. Zudem seien die Kosten des Verfahrens der IV-Stelle zu auferlegen. C. In ihrer Vernehmlassung vom 25. November 2013 bean tragte die IV-Stelle die Abwei- sung der Beschwerde. D. Im Rahmen eines zweiten Schriftenwechsels hielten di e Beschwerdeführer mit Replik vom 6. Januar 2014 und die IV-Stelle mit Duplik vom 16 . Januar 2014 an ihren bisherigen An- trägen und wesentlichen Begründungen fest. E. Am 18. Februar 2014 reichten die Beschwerdeführer ein an das Spital D.____ gerichte- tes Schreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV), Bereich Medizin und Geldleis- tungen, vom 4. Februar 2014 ein, in welchem das Bundes amt dem Ärzteteam des Spitals D.____ gegenüber zur Frage der “Kostenübernahme für das dynamische Kompressionssystem und die notwendigen Nachsorgeuntersuchungen bei GgV-Z iffer 164“ Stellung nahm. Nachdem das Kantonsgericht der IV-Stelle Gelegenheit eingeräum t hatte, sich zu diesem Schreiben des BSV an das Spital D.____ zu äussern, teilte die IV-Stelle mit, dass sie ihrerseits eine Rückfrage beim BSV als erforderlich erachte. In der Folge nahm d as BSV mit Schreiben vom 12. März 2014 gegenüber der IV-Stelle zu den ihm unterbreite ten Fragen der Wissenschaftlichkeit bzw. der „breiten Anerkennung“ des dynamischen Kompressionssystems a ls Methode zur Behand- lung des betreffenden Geburtsgebrechens Stellung. Am 2 0. März 2014 leitete die IV-Stelle die- ses Antwortschreiben des BSV vom 12. März 2014 samt eine r kurzen Stellungnahme an das Kantonsgericht weiter. F. Da die genannten Schreiben des BSV vom 4. Februar 2014 und vom 12. März 2014 nach Auffassung des Kantonsgerichts die Frage der wissensc haftlichen Anerkennung des dy- namischen Kompressionssystems als Methode zur Behandlung des vorliegend zur Diskussion stehenden Geburtsgebrechens nicht abschliessend beantwort eten, entschloss sich das Kan- tonsgericht beim BSV ein amtliche Erkundigung hierzu e inzuholen. Am 23. April 2014 liess das Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht BSV dem Kantonsgericht seine Antworten zur aufgeworf enen Fragestellung zukommen. Die Parteien erhielten in der Folge Gelegenheit, zum Erg ebnis dieser amtlichen Erkundigung Stel- lung zu nehmen. Während die IV-Stelle am 7. Mai 201 4 hievon Gebrauch machte, teilten die Beschwerdeführer den Verzicht auf eine zusätzliche Stellungnahme mit. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die - im Übrigen frist- und formgerecht erhobene - Beschwerde der Versicherten vom 2. November 2013 ist demnach einzutreten. 2.1 Laut Art. 13 Abs. 1 IVG haben Versicherte bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendige n medizinischen Massnahmen. Ge- burtsgebrechen werden in Art. 3 Abs. 2 des Bundesgeset zes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 defin iert als Krankheiten, die bei voll- endeter Geburt bestehen. Nach Art. 13 Abs. 2 IVG bez eichnet der Bundesrat die Gebrechen, für welche medizinische Massnahmen gewährt werden; er kan n die Leistung ausschliessen, wenn das Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist. Ge stützt auf diese Bestimmung hat der Bundesrat die Verordnung über Geburtsgebrechen (GgV) vom 9. Dezember 1985 erlassen. Diese führt im Anhang die Liste der anerkannten Gebur tsgebrechen auf (Art. 1 Abs. 2 Satz 1 GgV). 2.2 Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung e ines Geburtsgebrechens not- wendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewäh rter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 GgV). Die Massnahmen umf assen laut Art. 14 Abs. 1 IVG die Behandlung, die vom Arzt selbst oder auf seine Anordnung durch medizinische Hilfspersonen in Anstalts- oder Hauspflege vorgenommen wird, mit Ausnah me von logopädischen und psycho- motorischen Therapien (lit. a) und die Abgabe der vom Arzt verordneten Arzneien (lit. b). Die versicherte Person hat in der Regel nur Anspruch auf di e dem jeweiligen Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf di e nach den gegebenen Umstän- den bestmöglichen Vorkehren; denn das Gesetz will die Ei ngliederung lediglich so weit sicher- stellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch g enügend ist (BGE 124 V 110 E. 2a mit weiteren Hinweisen). Ferner muss der voraussichtliche Erf olg einer Eingliederungsmassnahme in einem vernünftigen Verhältnis zu ihren Kosten stehen (Urteil R. des damaligen Eidgenössi- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht schen Versicherungsgerichts [EVG, heute: Bundesgericht, sozi alrechtliche Abteilungen] vom 29. Januar 2004, I 19/03, E. 2.2 mit Hinweisen). 2.3 Der Leistungsanspruch bei Geburtsgebrechen gemäss Art . 13 IVG besteht - anders als nach der allgemeinen Bestimmung des Art. 12 IVG - unabhängig von der Möglichkeit einer spä- teren Eingliederung in das Erwerbsleben oder in den A ufgabenbereich (Art. 8 Abs. 2 IVG). Ein- gliederungszweck ist die Behebung oder Milderung der als Folge eines Geburtsgebrechens eingetretenen Beeinträchtigung (Urteil J. des Bundesger ichts vom 10. November 2009, 9C_403/2009, E. 4.2 mit Hinweisen). 2.4 Schliesslich setzt die Leistungspflicht der Invalidenv ersicherung bei medizinischen Massnahmen im Allgemeinen (Art. 12 IVG) und bei Gebur tsgebrechen (Art. 13 IVG) im Beson- deren weiter voraus, dass die Massnahmen nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wis- senschaft angezeigt sind (Art. 2 Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV] vom 17. Januar 1961 und Art. 2 Abs. 3 GgV). 3.1 Vorliegend steht ausser Frage, dass der 1998 gebore ne Versicherte an einer Thorax- wanddeformität im Sinne einer ausgeprägten Kielbrust leidet (vgl. den Arztbericht des Spitals D.____ vom 17. Januar 2013). Diese Krankheit ist - auch darin sind sich die Parteien einig - in Ziffer 164 der Liste der Geburtsgebrechen als “Hühnerbrust“ aufgeführt, wobei ein Anspruch auf medizinische Massnahmen nur unter der Voraussetzung beste ht, dass eine Operation oder Orthese notwendig sind. Letzteres - die Notwendigkeit d er Versorgung mit einer Orthese - ist vorliegend ebenfalls nicht strittig; die IV-Stelle hat in der angefochtenen Verfügung vom 4. Oktober 2013 denn auch entschieden, die Kosten für die Behandlung des Geburtsgebre- chens Ziffer 164 des Anhangs zur GgV zu übernehmen. 3.2 Als konkrete medizinische Massnahme hat die IV-Stelle d em Versicherten in der er- wähnten Verfügung eine konventionelle Kielbrustorthese in einfacher und zweckmässiger Aus- führung als Behandlungsgerät zugesprochen. Die Eltern des Versicherten beanstanden in ihrer Beschwerde einzig diese ihrem Sohn zur Behandlung des Geburtsgebrechens zugesprochene Behandlungsmethode; sie ersuchen - wie bereits im Verf ahren vor der IV-Stelle - darum, dass die IV vorliegend als medizinische Massnahme anstelle der Kosten für eine konventionelle Kiel- brustorthese diejenigen für ein dynamisches Kompressionssystem zu übernehmen habe. Ge- stützt auf die Expertise und Empfehlung der behandelnde n Ärzte des Spitals D.____ hätten sie sich für diese Methode zur Behandlung des Geburtsgebrechens ihres Sohnes entschieden. Die IV-Stelle hat dieses Gesuch - wie einleitend ausgefüh rt - in der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen mit der Begründung abgelehnt, beim dynam ischen Kompressionssystem handle es sich nicht um eine nach bewährter Erkenntnis der medizi nischen Wissenschaft angezeigte Massnahme, weshalb ein Leistungsanspruch gegenüber der IV entfalle. Zwischen den Parteien strittig und im Folgenden zu prüfen ist demnach, ob es si ch beim dynamischen Kompressions- system um eine nach bewährter Erkenntnis der medizinisch en Wissenschaft angezeigte Mass- nahme (Art. 2 Abs. 3 GgV) zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 164 des Anhangs zur GgV handelt. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.1 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung gilt ei ne Behandlungsart dann als be- währter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft entsprechend, wenn sie von Forschern und Praktikern der medizinischen Wissenschaft auf breiter Basis anerkannt ist. Das Schwergewicht liegt auf der Erfahrung und dem Erfolg im Bereich e iner bestimmten Therapie (BGE 123 V 58 E. 2b/aa). Die für den Bereich der Krankenpflege entwickelte Definition der Wissenschaftlichkeit findet prinzipiell auch auf die medizinischen Massnahmen der Invalidenversicherung Anwen- dung. Eine Vorkehr, welche mangels Wissenschaftlichkeit nic ht durch die obligatorische Kran- kenpflegeversicherung zu übernehmen ist, kann grundsätzlich auch nicht als medizinische Massnahme nach Art. 12 oder 13 IVG zu Lasten der Invalide nversicherung gehen. Die in die- sem Sinne lautende, zum KUVG ergangene Rechtsprechung ( BGE 123 V 60 E. 2b/cc mit Hin- weisen) ist unter der Herrschaft des seit 1. Januar 199 6 geltenden KVG weiterhin anwendbar. Medizinische Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (Art. 12 und 13 IVG) sowie Analysen und Arzneimittel (Art. 4 bis IVV) werden somit nur unter der Voraussetzung gewährt, dass sie wissenschaftlich anerkannt sind. Auch in der Invalid enversicherung gilt das fundamen- tale Prinzip der wissenschaftlich nachgewiesenen Wirksamkeit (vgl. dazu BGE 129 V 170 E. 3.2 mit Hinweisen), d.h. der wissenschaftlichen Anerkennung (Urteil B. des Bundesgerichts vom 12. März 2008, I 601/06, E. 5.1 mit weiteren Hinweise n). Entscheidend ist somit, ob eine thera- peutische oder diagnostische Massnahme von Forschern und Pra ktikern der medizinischen Wissenschaft auf breiter Basis als geeignet erachtet wird, das angestrebte therapeutische oder diagnostische Ziel zu erreichen. Zu beachten ist, dass die Beurteilung der Wirksamkeit nicht etwa einzelfallbezogen und retrospektiv auf Grund der ko nkreten Behandlungsergebnisse zu erfolgen hat. Vielmehr geht es dabei ebenfalls um ei ne vom einzelnen Anwendungsfall losge- löste und retrospektive allgemeine Bewertung der mit einer diagnostischen oder therapeuti- schen Massnahme erzielten Ergebnisse (BGE 133 V 117 f. E. 3.2.1). 4.2 Die Beurteilung der Wirksamkeit einer diagnostische n oder therapeutischen Massnah- me obliegt rechtsprechungsgemäss in erster Linie der Verw altung und - im Streitfall - dem an- gerufenen Gericht. Für beide gilt, dass sie sich nach Massgabe des Untersuchungsgrundsatzes - mithin von Amtes wegen, aber unter Mitwirkung der P arteien - die entscheidwesentlichen In- formationen zu beschaffen haben. Dabei werden sie mang els Sachkenntnis vor allem bei kom- plexeren Fragestellungen in aller Regel nicht darauf v erzichten können, die Meinungen unab- hängiger Experten beizuziehen. An diesen liegt es, über die Wirksamkeit der in Frage stehen- den Vorkehr zu berichten (Urteil B. des Bundesgericht s vom 12. März 2008, I 601/06, E. 5.1; BGE123 V 66 f. E. 4c). 5. Da das Gericht nach dem Gesagten für die Beurteilun g der Frage, ob es sich bei einer konkreten Behandlungsmethode um eine nach bewährter Er kenntnis der medizinischen Wis- senschaft angezeigte Massnahme handelt, in der Regel auf Auskünfte und Einschätzungen von Sachverständigen angewiesen ist, hat das Kantonsgericht beim BSV eine amtliche Erkundigung zur Frage der Wissenschaftlichkeit des dynamischen Kompressio nssystems als Methode zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 164 des Anhangs zur GgV eingeholt. In ihrem Ant- wortschreiben vom 23. April 2014 führen die Fachleute des Bereichs “Medizin und Geldleistun- gen“ des BSV aus, das dynamische Kompressionssystem sei eine w issenschaftlich geprüfte Behandlungsmethode, die für die Ziffer 164 des Anhang s zur GgV angewendet werde. Es Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht handle sich dabei um eine dynamische Behandlung (“Druck führt zur Veränderung“), die zur Heilung der Hühnerbrust diene. Das dynamische Kompressionssystem werde bei der Invaliden- versicherung als Behandlungsgerät leihweise abgegeben un d die Kosten würden bis zum 20. Lebensjahr übernommen. Im Übrigen verweise man au f die detaillierten Angaben in den bisherigen Stellungnahmen. Mit diesem Hinweis beziehen sich die Fachleute des BSV auf ihre Schreiben an das Spital D.____ vom 4. Februar 2014 und an die IV-Stelle vom 12. März 2014. Im ersteren Bericht wird zu Handen des zuständigen Ober arztes des Spitals D.____, welcher den Versicherten behandelt, festgehalten, man habe inzwischen die publizierten wissenschaftli- chen Arbeiten zu dieser Behandlungsmethode geprüft und teile dessen Meinung, dass es sich beim dynamischen Kompressionssystem um eine zweckmässige und ein fache medizinische Massnahme im Sinne der IV handle. Somit könne die IV b ei entsprechender ärztlicher Indikati- on die Kosten für ein dynamisches Kompressionssystem und die notwendigen Nachsorgeunter- suchungen bei Versicherten mit einer ausgewiesenen Hühner brust übernehmen, sofern eine Orthese notwendig sei. Der medizinische Sachverhalt, insbesondere auch die Notwendigkeit eines dynamischen Kompressionssystems, werde von der zuständig en kantonalen IV-Stelle im Einzelfall überprüft. Im Schreiben vom 12. März 2014 an die IV-Stelle weisen die Fachleute des BSV überdies darauf hin, dass das Verfahren, soweit man den zuständigen Oberarzt des Spi- tals D.____ richtig verstanden habe, in der Schweiz nur am Spital D.____ durchgeführt werde. Es gäbe gemäss einigen publizierten Studien jedoch Klin iken im Ausland, wie z.B. in Argentini- en, in den USA, in Kanada und in Frankreich, die mit dem dynamischen Kompressionssystem schon bis zu 90 % dauerhaften Therapieerfolg aufzeigen könnten. Da es sich im vorliegend zur Beurteilung stehenden Fall um ein laufendes Verfahre n handle, nehme man allerdings keine Stellung zur hier zur Diskussion stehenden Kostenübernahm e. Die Notwendigkeit einer Be- handlung mit einem dynamischen Kompressionssystem müsse in jedem Einzelfall von der zu- ständigen IV-Stelle respektive dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) geprüft werden. 6.1 Auf Grund dieser Stellungnahmen der zuständigen Fachleute des Bereichs “Medizin und Geldleistungen“ des BSV - insbesondere in den b eiden Schreiben vom 23. April 2014 und 4. Februar 2014 - ist davon auszugehen, dass es sich beim vorliegend zur Diskussion stehen- den dynamischen Kompressionssystem um eine nach bewährter E rkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigte Massnahme zur Behandlung des Geburt sgebrechens Ziffer 164 des Anhangs zur GgV handelt. Die für eine Leistungspflicht der IV vorausgesetzte wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit, d.h. die wissenschaftliche Anerk ennung der Behandlungsmetho- de, ist deshalb gestützt auf die Ausführungen der Sach verständigen des BSV klarerweise zu bejahen. 6.2 Trotz dieser Stellungnahmen der zuständigen Fachleut e des BSV hält die IV-Stelle in ihren letzten beiden Eingaben vom 20. März 2014 und 7. Mai 2014 an ihrem Antrag auf Abwei- sung der Beschwerde fest. Zur Begründung macht sie im W esentlichen geltend, dass es sich beim dynamischen Kompressionssystem offenkundig um eine t herapeutische Vorkehr handle, die nur am Spital D.____ durchgeführt werde. Damit f ehle es aber eindeutig „an der Vorausset- zung der verbreiteten Anwendung.“ Dieser Einwand ist zw eifellos nicht geeignet, die vorstehen- de Beurteilung der Wissenschaftlichkeit und Wirksamkeit d er Behandlungsmethode durch die Fachleute des BSV in Frage zu stellen. Diese verweisen in ihren Ausführungen, wie aufgezeigt, Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht unter anderem auf publizierte Studien von Kliniken ve rschiedener Länder (Argentinien, USA, Kanada, Frankreich), in denen dauerhafte Therapieerfo lge mit dem dynamischen Kompressi- onssystem aufgezeigt würden. Überdies gilt es bei der B eurteilung dieses Einwandes durchaus auch zum einen der Häufigkeit eines bestimmten Geburtsg ebrechens bzw. einer Krankheit Rechnung zu tragen und zum anderen zu berücksichtigen, d ass Behandlungs- und Methoden- schwerpunkte an einem einzelnen Spital gesundheitsökonomisch erwünscht sind. Dass die Be- handlungsmethode innerhalb der Schweiz - soweit ersichtli ch - einzig am Spital D.____ zur An- wendung gelangt, ändert deshalb nichts an der von de n zuständigen Fachleuten des BSV be- stätigten wissenschaftlichen Anerkennung dieser medizinischen Vorkehr. 6.3 Ist die wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit, d.h. die wissenschaftliche Aner- kennung des dynamischen Kompressionssystems als Methode zur Be handlung des Geburts- gebrechens Ziffer 164 des Anhangs zur GgV zu bejahen, bl eibt in einem nächsten - und letzten - Schritt die Notwendigkeit einer Behandlung mit dem dynamischen Kompressionssystem im konkret zur Diskussion stehenden Einzelfall zu prüfen. Die erforderliche Notwendigkeit der Be- handlung kann nun allerdings im vorliegenden Fall ohn e weiteres bejaht werden. Es steht aus- ser Frage, dass der der Versicherte an einer Thoraxwandd eformität im Sinne einer ausgepräg- ten Kielbrust und somit am Geburtsgebrechen Ziffer 164 des Anhangs zur GgV leidet. Wie oben ausgeführt (vgl. E. 3.1 hiervor), besteht ein Anspruch auf medizinische Massnahmen zur Be- handlung dieses Leidens zwar nur unter der einschränkend en Voraussetzung, dass eine Ope- ration oder Orthese notwendig sind, letzteres - die N otwendigkeit der Versorgung mit einer Or- these - wird beim Versicherten jedoch von fachärztlicher Seite (vgl. den Arztbericht des Spitals D.____ vom 17. Januar 2013) ausdrücklich bejaht. Die ent sprechende Indikation wird - zu Recht - von keiner der Parteien in Zweifel gezogen. So hat denn auch die IV-Stelle in der ange- fochtenen Verfügung vom 4. Oktober 2013 entschieden, da ss die Voraussetzungen für eine Übernahme der Kosten der Behandlung des Geburtsgebrec hens Ziffer 164 grundsätzlich gege- ben sind. 7. Zusammenfassend folgt aus dem Gesagten, dass der Versiche rte als medizinische Massnahme Anspruch auf Übernahme der Kosten der Behandl ung des Geburtsgebrechens Ziffer 164 des Anhangs zur GgV hat. Entgegen der von de r IV-Stelle in der angefochtenen Ver- fügung vom 4. Oktober 2013 vertretenen Auffassung ist ih m dabei als konkrete medizinische Massnahme jedoch nicht bloss eine konventionelle Kielbru storthese in einfacher und zweck- mässiger Ausführung als Behandlungsgerät zuzusprechen; di e IV-Stelle ist vielmehr zu ver- pflichten, beim Versicherten - wie von ihm verlangt - f ür die Kosten des dynamischen Kompres- sionssystems und der notwendigen Nachsorgeuntersuchungen a ls medizinische Massnahme zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 164 des Anha ngs zur GgV aufzukommen. Dies führt zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung der IV-Stelle und zur Gutheissung der Be- schwerde im eben umschriebenen Sinne. 8. Abschliessend bleibt über die Kosten des Verfahrens zu befinden. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens- und der Parteikosten ist grund- sätzlich auf den Prozessausgang abzustellen. Vorliegend sin d die Beschwerdeführer obsiegen- de und die IV-Stelle unterliegende Partei. 8.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des kantonale n Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 in der Regel in angemesse- nem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. Vorli egend hätte deshalb die IV-Stelle als unterliegende Partei grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tragen. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 V PO den Vorinstanzen - vorbehältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VPO - keine Verfahrenskosten auferlegt werden. Aufgrund dieser Bestimmung hat die IV-Stelle als Vori nstanz trotz Unterliegens nicht für die Verfahrenskosten aufzukommen. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Prozess keine Verfahrenskosten erhoben werden. Den Beschwerdeführern i st der geleistete Kostenvorschuss zurückzuerstatten. 8.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Darunter sind die Kosten zu versteh en, die einer Beschwerde führen- den versicherten Person im gerichtlichen Verfahren für d en Beizug einer Rechtsanwältin bzw. eines Rechtsanwaltes entstanden sind. Vorliegend haben di e Beschwerdeführer zwar obsiegt, da sie jedoch ihre Angelegenheit selber vor Gericht ver treten haben, entfällt ein Anspruch auf Ersatz der Parteikosten im Sinne der genannten Bestimmu ng. Die ausserordentlichen Kosten des Verfahrens können demnach wettgeschlagen werden. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung vom 4. Oktober 2013 aufgehoben und die IV-Stelle Basel-L andschaft wird verpflichtet, für C.____ die Kosten des dynamischen Kom pressions- systems und der notwendigen Nachsorgeuntersuchungen zur B ehand- lung des Geburtsgebrechens Ziffer 164 des Anhangs zur Gg V zu übernehmen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Den Beschwerdeführern wird der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- zurückerstattet. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht