B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4718/2012 U r t e i l v o m 7 . N o v e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Richter Fulvio Haefeli (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richterin Claudia Cotting-Schalch; Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren (…), alias B._______, geboren (…), Republik Kosovo, vertreten durch lic. iur. Bernhard Zollinger, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 30. August 2012 / N _______. D-4718/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer – ein der Ethnie der Ashkali/"Ägypter"/Majup zugehöriger kosovarischer Staatsangehör i- ger – seinen Heimatstaat am 31. August 2011 zusammen mit seinen E l- tern und Geschwistern ( Verfahren D-4720/2012, N _______ ) und reiste am 1. September 2011 via ihm unbekannte Länder illegal in die Schweiz ein, wo er am 2. September 2011 im Empfa ngs- und Verfahrenszentrum C._______ um Asyl nachsuchte. Am 27. September 2011 fand die Befr a- gung zur Person statt und am 22. August 2012 wurde der Beschwerd e- führer zu seinen Asylgründen angehört. Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er insbesondere geltend, die ganze Familie habe Probleme mit den Albanern bekommen, weil sein Va- ter früher in einem Spital tätig gewesen sei. Sie hätten von diesem wissen wollen, wer damals Leute getötet und ihre Häuser in Brand gesteckt h a- be. Die ganze Familie sei als Majup beschimpft und aufgefordert wor den, Kosovo zu v erlassen. Sie hätten Angst gehabt, dass der Vater umg e- bracht werden könnte. Er selbst sei in der Schule, aber auch ausserhalb verprügelt worden. Seine Schwester sei am Kopf verletzt worden , d ie Mutter leide an Schwächeanfällen. Wirtschaftliche Probleme hät ten sie nicht gehabt. B. Mit Verfügung vom 30. August 2012 – eröffnet am 3. September 2012 – trat das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 1 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerd e- führers vom 2. September 2011 nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. C. Mit Eingabe vom 10. September 2012 liess der Beschwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei der angefocht ene Entscheid aufzuheben. Es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei von der Wegweisung abzusehen. Subeventualiter sei das Verfahren zur Neuabklärung zurückzuweisen. Auf die Beschwerdebegründung wird – soweit entscheidrelevant – in den Erwägungen eingegangen. D-4718/2012 Seite 3 D. Mit Verfügung vom 20. September 2012 bestätigte der zuständige I n- struktionsrichter den Eingang der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entsche i- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorlie gen eines Aus- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme liegt in casu nicht vor, wesh alb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 108 Abs. 2 und Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen – einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). D-4718/2012 Seite 4 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriften- wechsel verzichtet. 4. 4.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 32 – 35a AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerdei n- stanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2011/9 E. 5 S. 116). Demnach enthält sich die Beschwerdeinstanz – sofern sie den Nichtei n- tretensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstständigen m a- teriellen Prüfung, hebt die angefochtene Verfügung auf und w eist die Sa- che zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 S. 73 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizer i- schen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1. S. 240 f.). Folglich ist auf das Begehren, es sei Asyl zu gewähren, nicht einzutreten. 4.2 Die Vorinstanz prüft die Frage der Wegweisung und des Vollzugs ma- teriell, weshalb dem Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich volle Kogni- tion zukommt. 5. Auf Gesuche von Asylsuchenden aus verfolgungssicheren Staaten nach Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG (sogenannte Safe -Country-Regelung) wird nicht eingetreten, ausser es gebe Hinweise auf Verfolgung (Art. 34 Abs. 1 AsylG). 6. 6.1 Zur Begründung des angefochtenen Nichteintretensentscheides füh r- te das BFM im Wesentlichen aus, Kosovo habe am 17. Februar 2008 die Unabhängigkeit erklärt. Gemäss der neuen kosovarischen Verfassung, die am 15. Juni 2008 in Kraft getreten sei, sei auch nach dem Statu s- wechsel eine internationale zivile und militärische Präsenz vorgesehen. So bestünden in Kosovo mit der UNMIK und der EU zwei internationale Missionen. Die am 9. Dezember 2008 offiziell gestartete EULEX -Mission sei formal den Vereinten Nationen unterstellt und werde unter deren Oberhoheit und innerhalb eines statusneutralen Rahmens geführt. Die i n- ternationalen Sicherheitskräfte und die Kosovo Police ( KP) garantierten die Sicherheit. D-4718/2012 Seite 5 Der Bundesrat habe angesichts der aufgezeigten innenpolitischen Situ a- tion mit Beschluss vom 6. März 2009 Kosovo als verfolgungssicheren Staat (safe country) im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG bezeichnet, weshalb das Bundesamt auf Asylgesuche von Personen aus diesem Staat nicht eintrete, ausser es gebe Hinweise auf eine Verfolgung. Dera r- tige Hinweise, welche die widerlegbare Vermutung der Verfolgungss i- cherheit gemäss Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG umstossen könnten, seien vorliegend aus den Akten nicht ersichtlich: Das BFM schliesse zwar nicht aus, dass der Vater des Beschwerdefüh- rers während des Krieges in einem Spital gearbeitet habe und das Haus im Jahr 1999 niedergebrann t sei. Den Beschwerdeführenden (siehe Ver- fahren N _______ und vorliegendes Verfahren) sei es indessen nicht g e- lungen, von der Asylrelevanz ihrer Vorbringen zu überzeugen. Diese se i- en als unglaubhaft und zweifelhaft zu erachten. Der Vater sei gemäss den Ausführungen der Mutter, des Beschwerdeführers und der Schwester be- reits nach dem Kriegsende gesucht worden. Dies sei auch früher rund 5 – 6-mal pro Monat passiert. Demgegenüber habe der Vater geltend g e- macht, er sei erst seit 2007 gesucht worden, früher habe er keine Pro b- leme ge habt. Da es sich hierbei um einen zentralen Punkt der Asylvo r- bringen handle, sei der Wahrheitsgehalt der Ausführungen der oben er- wähnten Beschwerdeführenden mit starken Zweifeln behaftet. Ausserdem sei es vor dem Hintergrund, wonach der Vater über einen Zeitraum von rund 12 Jahren von einer bekannten Person sowie vielen weiteren Unb e- kannten 5 – 6-mal pro Monat – also mehrere Hundert Mal – gesucht wor- den sein solle, unrealistisch, dass sich diese Personen jeweils mit der Antwort der Familienangehörigen, er sei nicht zu Hause, zufrieden geg e- ben und ihn nie angetroffen hätten, obwohl er die letzten fünf Jahre immer im gleichen Haus wohnhaft gewesen sei und gelegentlich als Handwe r- ker, Maler und Bauarbeiter gearbeitet habe. Auch den Aussagen des Be- schwerdeführers sei zu entnehmen, dass der Vater früher als Maler gea r- beitet habe. Es sei nicht ersichtlich, wie dies möglich gewesen sein solle, nachdem sich der Vater gemäss eigenen Angaben seit 1999 versteckt haben wolle respektive die ganze Zeit gesucht worden sein solle. Der Va- ter habe sich darüber hinaus während der Anhörung hinsichtlich seiner Erwerbstätigkeit und des Grundes, warum die Familie nicht früher ausg e- reist sei, in Widersprüche verstrickt beziehungsweise habe versucht, se i- ne Aussagen jeweils anzupas sen. Die unterschiedlichen Aussagen habe er nicht überzeugend zu klären ver mocht. Des Weiteren behaupteten die vorerwähnten Beschwerdeführenden, keine Kenntnisse über den Aufen t- haltsort der zahlreichen Verwandten zu haben , was jedoch wen ig plausi-D-4718/2012 Seite 6 bel sei, zumal sie bereits seit 2006 im Haus der Schwägerin gelebt haben wollten und keine überzeugenden Gründe genannt hätten, weshalb der Kontakt gänzlich abgebrochen sein solle. D er Beschwerdeführer wolle zudem nicht gewusst haben, dass er im H aus von nahen Verwandten gewohnt habe (vgl. Anhörungsprotokoll vom 22. August 2012, A9 S. 4). Die Ausführungen der oben erwähnten Beschwerdeführenden seien reali- tätsfremd geblieben. Sie hätten die angeblich zu Hause und in der Schule erlittenen Belästigung en, Bedrohungen und Übergriffe auch nie ang e- zeigt, obwohl der Vater genau wisse, wer dahinter ste cke. Ferner könne nicht nachvollzogen werden, weshalb sie (inkl. des Beschwerdeführers) mit der Ausreise rund 12 Jahre zugewartet hätten. Es sei nicht ersichtlich, inwiefern die Situation im Jahr 2011 habe verändert sein sollen. Nach dem Gesagten erübrige es sich, auf weitere Widersprüche und Ung e- reimtheiten einzugehen. Zusammenfassend kam das BFM zum Schluss, dass sich aus den Akten keine Hinweise ergäben, we lche die widerlegbare Vermutung des Art. 6 a Abs. 2 Bst. a AsylG umstossen könnten. Daher werde in Anwendung von Art. 34 Abs. 1 AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich. 6.2 In der Rechtsmitteleingabe wurde im Wesentlichen geltend gemacht, die Bedrohungslage für die albanischsprachigen Majup sei in Kosovo immer noch akut. Es liege nicht nur eine generelle, sondern auch eine i n- dividuelle Gefährdung des Beschwerdeführers vor. Da s Haus des Famil i- envaters sei abgebrannt worden, doch die Polizei habe sich nicht schut z- bereit gezeigt. Zudem werde der Vater per Haftbefehl im Kosovo gesucht, was aufgrund der nach wie vor aktuellen Sippenhaft auch für den B e- schwerdeführer als individuelle Bedrohung zu qualifizieren sei. Damit sei seine Flüchtlingseigenschaft belegt. Ausserdem habe er in der Schweiz zahlreiche Familienangehörige, weshalb auch Art. 8 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreihe i- ten (EMRK, SR 0.101) einer Wegweisung entgegenstehe. 6.3 6.3.1 Gemäss eigenen Angaben handelt es sich beim Beschwerdeführer um einen kosovarischen Staatsangehörigen. Der Bundesrat hat Kosovo mit Beschluss vom 6. März 2009 zum "safe country" im obgenannten Sinn erklärt und ist auf diese Einschätzung im Rahmen der periodischen Überprüfung (vgl. Art. 6 a Abs. 3 AsylG) bisher nicht zurückgekommen. D-4718/2012 Seite 7 Angesichts dessen ist vorliegend die formelle Voraussetzung für den E r- lass eines Nichteintretensentscheides gestützt auf Art. 34 Abs. 1 AsylG gegeben. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann diesbezüglich auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. 6.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht teilt die Einschätzung des BFM, w o- nach in casu keine Hinweise ersichtlich sind, welche die in Bezug auf Ko- sovo bestehende widerlegbare Vermutung der Verfolgungssicherheit u m- stossen könnten. Das Bundesamt legte in ausführlicher Art und Weise dar, weshalb vorliegend die Voraussetzungen für ein Nichteintreten g e- mäss Art. 34 Abs. 1 AsylG erfüllt seien. Das Gericht erachtet die entspr e- chenden vorinstanzlichen Erwägungen als korrekt, so dass es sich rech t- fertigt, vollumfänglich darauf zu verweisen. Die entsprechenden auf B e- schwerdeebene gemachten Ausführungen vermögen zu keiner anderen Einschätzung zu führen. So ist insbesondere das Vorbringen, die Polizei habe sich nicht schutzbereit erklärt, nicht zu hören, da die Beschwerd e- führenden (siehe Verfahren N _______) den Akten zufolge die Polizei gar nicht aufsuchten. Der Vater des Beschwerdeführers gab in diesem Z u- sammenhang an, er habe die Vorfälle der Polizei nicht ge meldet. Auch die Beschwerdeführerinnen (Mut ter/Schwester) erklärten, man habe aus Angst keine Anzeige erstattet. Das Vorbringen, der Vater werde in Kosovo per Haftbefehl gesucht, wurde im Übrigen erst auf Beschwerdeebene gel- tend gemacht, weshalb es als nachgeschoben, mithin als unglaubhaft zu qualifizieren ist. Nach dem Gesagten ist die Echtheit der in Aussicht g e- stellten Dokumente (Polizeirapport, Haftbefehl) ernsthaf t zu bezweifeln, so dass darauf verzichtet werden kann, deren Nachreichung abzuwarten. 6.3.3 Unter Berücksichtigung aller Umstände ergibt sich, dass das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 1 AsylG zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist. 7. 7.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.2 Der Besc hwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer so l-D-4718/2012 Seite 8 chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. EMARK 2001 Nr. 21). 8. 8.1 Ist der Vollzu g der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes v om 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und der damaligen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls w e- nigstens glaubhaft zu machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Peter U e- bersax/Beat Rudin/Thomas Hug i Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], Auslände r- recht, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band VII I, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148 S. 568). 8.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat - oder Herkun ftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete G e- fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.2.1 Das BFM begründete die Anordnung des Wegweisungsvollzugs damit, dass weder die im Heimatstaat herrschende politische Situation noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit der Rückführung sprechen würden. In Kosovo habe sich die Sicherheitslage in den vergang enen Jahren verbessert; in vielen Dörfern und Bezirken sei sie seit Jahren st a- bil. Die Verbesserungen im interethnischen Zusammenleben hätten vor allem für albanischsprachige Roma, Ashkali und "Ägypter" positive Au s- wirkungen. Die Wahrscheinlichkeit einer konkreten Gefährdung könne für albanischsprachige Roma, Ashkali und Majup – mit Ausnahme einiger Dörfer beziehungsweise Gemeinden – alleine aufgrund der Ethnie au s- geschlossen werden. Zudem sei für diese Ethnien die Bewegungsfreiheit in Kosovo grundsätzlich gegeben. Auch sei der Zugang zu den medizin i- schen und sozialen Strukturen in aller Regel gewährleistet. Im vorliege n-D-4718/2012 Seite 9 den Fall gehörten die Beschwerdeführenden (siehe Verfahren N _______ und vorliegendes Verfahren) der Minderheit der albanischsprachigen M a- jup an und seien seit mehreren Jahren in D._______ wohnhaft gewesen. Der Vollzug der Wegweisung sei somit zumutbar. Insbesondere würden auch keine individuellen Gründe gegen die Zumu t- barkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen. Die vorerwähnten Be- schwerdeführenden hätten keine wirtschaft lichen Probleme gehabt (vgl. Befragungsprotokoll vom 27. September 2011, A4 S. 7) und könnten in ein Haus zurückkehren, in dem sie seit Jahren wohnhaft gewesen seien. Den Akten seien keine Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, dass die Mut- ter oder die Schwester des Beschwerdeführers eine medizinische B e- handlung benötigen würden, die in ihrer Heimat nicht gewährleistet wäre. Es sei den Beschwerdeführenden zuzumuten, bei einer Rückkehr nach Kosovo erneut einer Erwerbstätigkeit nachzug ehen, um ihren Lebensu n- terhalt zu bestreiten. Hinzu komme, dass sie viele Verwandte hätten. Dass sie mit diesen keinen Kontakt unterhielten, sei nicht plausibel. Selbst blosse soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten, wie namentlich der Mangel an Wohnungen und Arbeitsplätzen, von welchen die ansäss i- ge Bevölkerung betroffen sei, stellten keine existenzbedrohende Situation dar, welche den Wegweisungsvollzug in den Heimatstaat als unzumutbar erscheinen liesse. Demzufolge stünden auch allfällige wirtschaft liche Reintegrationsschwierigkeiten dem Vollzug nicht entgegen. 8.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner Praxis davon aus, dass der Vollzug der Wegweisung von albanischsprachigen Roma, As h- kali und "Ägyptern" nach Kosovo in der Regel zumutbar ist, sofern auf- grund einer Einzelfallabklärung (insbesondere durch Untersuchungen vor Ort; heute über die Schweizerische Botschaft, früher via das sogenannte Verbindungsbüro) feststeht, dass bestimmte Reintegrationskriterien – wie berufliche Ausbildung, Gesundheitszu stand, Alter, ausreichende wir t- schaftliche Lebensgrundlage und Beziehungsnetz in Kosovo – erfüllt sind (vgl. BVGE 2007/10). Damit wird die Rechtsprechung der ehemaligen ARK fortgeführt (vgl. EMARK 2006 Nr. 10 und 11). Das Bundesverwaltungsgericht hält auch nach der Unabhängigkeitserklä- rung von Kosovo, dessen Anerkennung durch die Schweiz sowie der Qualifikation durch den Bundesrat als "safe country" an dieser Rech t- sprechung grundsätzlich fest. Die Situation der Minderheiten hat sich betreffend Arbeitsmarkt und diskriminierungsfreien Zugang zu öffentlichen D-4718/2012 Seite 10 Leistungen wie Ausbildung, Justiz oder medizinischer Versorgung seit der Unabhängigkeit nicht grundlegend verbessert. Die ethnischen Minderhe i- ten werden zwar nicht kollektiv verfolgt und sind nur in Einzelf ällen Opfer von schweren Gewaltakten; von einer ernsthaften Gefahr für Leib und Leben allein aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit ist nicht zu sprechen. Allerdings sind die Minderheitenangehörigen im Alltag oft Opfer manni g- faltiger Formen von Diskriminier ungen. Es besteht eine Diskrepanz zw i- schen der Rechtslage, welche Diskriminierungen verbietet, und der Reali- tät. Die Angehörigen der Minderheiten sind von der höchsten Armuts-, Ar- beitslosen-, Schulabbruch- und Sterblichkeitsrate in Kosovo betroffen. 8.2.3 8.2.3.1 Die Vorinstanz ist in der angefochtenen Verfügung von der Z u- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen, ohne die Zumutba r- keitskriterien im Rahmen einer Einzelfallabklärung vor Ort vertieft geprüft zu haben. Das Urteil BVGE 2007/10 verlangt zwar nicht in jed em Fall zwingend – etwa als formelle und materielle Bedingung einer hinreiche n- den Erstellung des rechtserheblichen Sachverhaltes – eine Einzelfallab- klärung vor Ort. Ein Entscheid soll sich aber nicht bloss auf Angaben der Asylsuchenden – welche sich in der Regel auf die rudimentäre Bekann t- gabe naher Angehöriger und ausgeübter Berufstätigkeit beschränken – stützen, sondern auf eine konkrete Analyse der Situation vor Ort, welche ein genaueres Bild der herrschenden Verhältnisse vermitteln kann. Vorliegend hat das BFM die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisung s- vollzugs einzig aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers geprüft. Dadurch ist jedoch in ungenügender Weise abgeklärt, ob er sich in seiner Heimat abgesehen von seinen Familienangehörigen auf ein soziales Netzwerk abstüt zen kann und ob eine ausreichende wirtschaftliche L e- bensgrundlage besteht. Gerade vor dem Hinter grund, wonach der Be- schwerdeführer geltend machte, er habe keine Verwandten mehr im K o- sovo (vgl. A4 S. 4) , hätte sich vorliegend eine Einzelfallabklärung aufge- drängt. Da eine solche nicht erfolgt ist, beruht die angefochtene Verf ü- gung auf einem unvollständig festgestellten Sachverhalt. 8.2.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Regel reform a- torisch. Nur ausnahmsweise wird eine angef ochtene Verfügung kassiert und an die Vorinstanz zurückgewiesen. In casu liegt der Mangel der a n- gefochtenen Verfügung in einer unvollständigen Abklärung des Sachve r- halts, und die unterbliebenen notwendigen Abklärungen (vor Ort) stellen eine relativ aufwändige Beweiserhebung dar. In einem solchen Fall recht-D-4718/2012 Seite 11 fertigt sich eine Kassation der angefochtenen Verfügung. Zudem bleibt dem Beschwerdeführer auf diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wich tiger ist, als das Bundesverwaltungsgericht im Asylverfahren letztinstanzlich entscheidet. Nach dem Gesagten sind die Ziffern 3 und 4 des Dispositivs der ang e- fochtenen Verfügung aufzuheben und die Beschwerde ist bezüglich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs gutzuheissen. Das BFM ist anz u- weisen, die erforderlich en Abklärungen (vor Ort) vorzunehmen bezi e- hungsweise vornehmen zu lassen und aufgrund des vollständig erstellten und aktualisierten Sachverhalts betreffend den Vollzug der Wegweisung neu zu entscheiden. Der Subeventualantrag, das Verfahren sei zur Ne u- abklärung zurückzuweisen, wird gutgeheissen. Angesichts dieser Sachla- ge kann darauf verzichtet werden, auf die weiteren Beschwerdevorbrin- gen näher einzugehen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten nach dem Grad des Durchdringens praxisgemäss zur Hälfte (Fr. 300.-) dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 9.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren hin eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 und 2 VGKE). Vo r- liegend hat der Rechtsvertrete r keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann indessen verzichtet werden, da der Aufwand für das Beschwerdeverfahren zuverlässig abschätzbar ist (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In Anwendung der genannten Bestimmung und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist das BFM anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung in der Höhe von pauschal Fr. 600.- (inkl. Auslagen und allfällige Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-4718/2012 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird hinsichtlich des Nichteintretens auf das Asylgesuch und der Wegweisung als solche (Ziffern 1 und 2 des Dispositivs der ange- fochtenen Verfügung) abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Beschwerde wird bezüglich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs gutgeheissen. Die Ziffern 3 und 4 des Dispositivs der angefochtenen Ve r- fügung werden demnach aufgehoben. Die Vorinstanz hat das Verfahren im Sinne der Erwägungen wieder aufzunehmen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 300.- werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Das BFM hat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bunde s- verwaltungsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 600.- (inkl. Auslagen und allfällige Mehrwertsteuer) zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Fulvio Haefeli Karin Schnidrig Versand: