<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 73" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 73</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">527</span> </div> <div class="page" id="S527"> <span class="text"><b>73 </b> <b>Anfechtbarer Entscheid; Akteneinsichtsrecht </b></span><br/> <span class="text">-</span><br/> <span class="text"><b>Ein Entscheid ist trotz fehlender Rechtsmittelbelehrung und Bezeich-</b></span><br/> <span class="text">nung anfechtbar, wenn die Behörde darin Rechte oder Pflichten</span><br/> <span class="text">einer Partei verbindlich regelt (Erw. 1). </span><br/> <span class="text">-</span><br/> <span class="text"><b>Die Nachbarin und der Nachbar dürfen die Akten eines Baubewilli-</b></span><br/> <span class="text">gungsverfahrens auch noch nach rechtskräftiger Erledigung einse-</span><br/> <span class="text">hen, um die Einhaltung der Baubewilligung überprüfen zu können.</span><br/> <span class="text">Das IDAG ist hier nicht anwendbar, da das spezifische Interesse</span><br/> <span class="text">(parteiliche Verfahrensrechte), und nicht das Öffentlichkeitsprinzip,</span><br/> <span class="text">das Akteneinsichtsrecht legitimiert (Erw. 2 und 3). </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt vom</span><br/> <span class="text">12. März 2018 (EBVU 18.31).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">1. Ausgangslage</span><br/> <span class="text">In seinem Schreiben vom 14. November 2017 gab der Gemein-</span><br/> <span class="text">derat im Wesentlichen die auf der Homepage der Beauftragten für</span><br/> <span class="text">Öffentlichkeit und Datenschutz publizierte Antwort zur Frage, ob</span><br/> <span class="text">man in Akten eines fremden, rechtskräftig erledigten Baube-</span><br/> <span class="text">willigungsverfahrens Einsicht nehmen könne, wie folgt wieder</span><br/> <span class="text">(www.ag.ch/idag &gt; Häufige Fragen &gt; Kann ich in Akten eines frem-</span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">528</span> </div> <div class="page" id="S528"> <div role="main"> <span class="text">den, rechtskräftig erledigten Baubewilligungsverfahrens Einsicht</span><br/> <span class="text">nehmen?):</span><br/> <span class="text"><i> Mit Mail vom 31. Oktober 2017 ersuchen Sie den Gemein-</i></span><br/> <span class="text"><i>derat um Einsicht in die bewilligten, rechtskräftigen Bauakten resp. </i></span><br/> <span class="text"><i>Planunterlagen des Neubauprojekts von B. Wir haben Ihr Gesuch um </i></span><br/> <span class="text"><i>Akteneinsicht geprüft und auf seine Rechtmässigkeit gemäss IDAG </i></span><br/> <span class="text"><i>(Gesetz über die Information der Öffentlichkeit, den Datenschutz und </i></span><br/> <span class="text"><i>das Archivwesen) überprüft. Gestützt auf die Ausführungen des </i></span><br/> <span class="text"><i>IDAG ist im Zusammenhang mit ihrem Gesuch um Akteneinsicht in </i></span><br/> <span class="text"><i>ein fremdes, rechtskräftig erledigtes Baubewilligungsverfahren </i></span><br/> <span class="text"><i>Folgendes festgehalten: </i></span><br/> <span class="text">'Baubewilligungsakten enthalten Personendaten, welche in der</span><br/> <span class="text">Regel nicht anonymisierbar sind, da die um Einsicht ersuchende</span><br/> <span class="text">Person ohnehin weiss oder ohne besondere Schwierigkeiten</span><br/> <span class="text">herausfinden kann, um wen es sich beim Inhaber der Baubewilligung</span><br/> <span class="text">handelt. Eine Einsichtnahme allein gestützt auf das Öffentlichkeits-</span><br/> <span class="text">prinzip ist daher in der Regel nur dann möglich, wenn die betroffene</span><br/> <span class="text">Person darin einwilligt, da keine gesetzliche Pflicht zu Einsichts-</span><br/> <span class="text">gewährung besteht, die Einsichtnahme nicht für die Aufgaben-</span><br/> <span class="text">erfüllung notwendig ist und infolge Rechtskraft der Baubewilligung</span><br/> <span class="text">die Einsicht auch nicht zur Durchsetzung von Rechtsansprüchen</span><br/> <span class="text">notwendig ist.</span><br/> <span class="text">Hingegen ist ein Einsichtsrecht gestützt auf Art. 29 Abs. 2 BV</span><br/> <span class="text">möglich, sofern die um Einsicht ersuchende Person ein schützens-</span><br/> <span class="text">wertes Interesse glaubhaft macht. Dieses kann sich aus der</span><br/> <span class="text">Betroffenheit in einem spezifischen Freiheitsrecht (z.B. persönliche</span><br/> <span class="text">Freiheit) oder durch eine besondere Sachnähe ergeben. Das</span><br/> <span class="text">Einsichtsrecht gestützt auf Art. 29 Abs. 2 BV findet seine Grenzen an</span><br/> <span class="text">überwiegenden öffentlichen oder privaten Interessen. Daher ist vor</span><br/> <span class="text">dem Entscheid über die Einsichtsgewährung immer eine Interes-</span><br/> <span class="text">senabwägung vorzunehmen (BGE 129 1 249, 122 I 161, 110 Ia 85;</span><br/> <span class="text">1P.240/2002, VPB 1991 55 I 3).</span><br/> <span class="text">Oft wird ein Einsichtsgesuch damit begründet, die gesuch-</span><br/> <span class="text">stellende Person vermute einen Verstoss gegen Bauauflagen o.ä.</span><br/> <span class="text">Diese Begründung ist zu wenig spezifisch und reicht daher nicht aus.</span><br/> <span class="text">Damit die Behörde die Interessenabwägung pflichtgemäss durchfüh-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">529</span> </div> <div class="page" id="S529"> <div role="main"> <span class="text">ren kann, muss der Antragsteller genauer darlegen, weshalb die in</span><br/> <span class="text">den Baubewilligungsakten enthaltenen Akten für ihn von besonde-</span><br/> <span class="text">rem Interesse sind, welche Verstösse er vermutet und er muss diese</span><br/> <span class="text">Vermutung begründen. Erst wenn die Behörde abschätzen kann, wie</span><br/> <span class="text">schwerwiegend die vermuteten Verstösse und die daraus resultieren-</span><br/> <span class="text">den Konsequenzen wären, kann sie über den Bestand eines Ein-</span><br/> <span class="text">sichtsrechts entscheiden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Kon-</span><br/> <span class="text">trolle der Einhaltung der Auflagen den Behörden und nicht den Pri-</span><br/> <span class="text">vaten obliegt. Wird beispielsweise bei einer bereits länger bestehen-</span><br/> <span class="text">den Baute ein geringfügiger Verstoss gegen eine Bauauflage ver-</span><br/> <span class="text">mutet, wiegt das Interesse an der Wahrung der Privatsphäre</span><br/> <span class="text">regelmässig schwerer als das Interesse an der Akteneinsicht. Kommt</span><br/> <span class="text">dagegen ein Verstoss gegen Auflagen zum Immissionsschutz in</span><br/> <span class="text">Frage, kann das private Interesse an der Einsichtnahme zur Vorbe-</span><br/> <span class="text">reitung eines Verfahrens schwerer zu gewichten sein als das</span><br/> <span class="text">Geheimhaltungsinteresse des Baubewilligungsnehmers.'</span><br/> <span class="text"><i>Ohne die Einwilligung der betroffenen Bauherrschaft B. sehen </i></span><br/> <span class="text"><i>wir daher keine Möglichkeit, Ihnen in fremde, rechtskräftige Bauge-</i></span><br/> <span class="text"><i>suchsakten Einsicht zu gewähren. Bitte teilen Sie uns mit, sofern wir </i></span><br/> <span class="text"><i>die Bauherrschaft um deren Einverständnis anfragen sollen. </i></span><br/> <span class="text">Der Gemeinderat verwies sodann ... auf die im Schreiben vom</span><br/> <span class="text">14. November 2017 formulierten Ausführungen. Weiter hielt er fest,</span><br/> <span class="text">er sehe keine Veranlassung, darauf zurückzukommen, und er halte an</span><br/> <span class="text">der Beantwortung vom 14. November 2017 fest. Weder das Schrei-</span><br/> <span class="text">ben vom 14. November 2017 noch jenes vom 8. Dezember 2017</span><br/> <span class="text">wurden den Beschwerdeführenden mit Rechtsmittelbelehrung eröff-</span><br/> <span class="text">net.</span><br/> <span class="text">Verfügungen respektive Entscheide sind als solche zu bezeich-</span><br/> <span class="text">nen und mit einer Rechtsmittelbelehrung zu versehen (vgl. § 26</span><br/> <span class="text">Abs. 1 und 4 VRPG). Das in Frage stehende Schreiben des</span><br/> <span class="text">Gemeinderats vom 8. Dezember 2017 war zwar weder als Verfügung</span><br/> <span class="text">bezeichnet noch enthielt es eine Rechtsmittelbelehrung. Gemäss</span><br/> <span class="text">anerkannter bundesgerichtlicher Rechtsprechung gilt aber was folgt</span><br/> <span class="text">(BGE 129 II 125 ff.):</span><br/> <span class="text"><i> Auch der Empfänger einer nicht als solchen bezeichneten </i></span><br/> <span class="text"><i>Verfügung ohne Rechtsmittelbelehrung kann diese nicht einfach </i></span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">530</span> </div> <div class="page" id="S530"> <div role="main"> <span class="text"><i>ignorieren; er ist vielmehr gehalten, sie innert der gewöhnlichen </i></span><br/> <span class="text"><i>Rechtsmittelfrist anzufechten oder sich innert nützlicher Frist nach </i></span><br/> <span class="text"><i>den in Frage kommenden Rechtsmitteln zu erkundigen, wenn er den </i></span><br/> <span class="text"><i>Verfügungscharakter erkennen kann und sie nicht gegen sich gelten </i></span><br/> <span class="text"><i>lassen will (...). Gemäss einem aus dem Prinzip von Treu und </i></span><br/> <span class="text"><i>Glauben fliessenden (...) Grundsatz des öffentlichen Prozessrechts </i></span><br/> <span class="text"><i>darf den Parteien aus einer fehlerhaften behördlichen Rechts-</i></span><br/> <span class="text"><i>mittelbelehrung zwar kein Nachteil erwachsen. Wer aber die </i></span><br/> <span class="text"><i>Unrichtigkeit der Rechtsmittelbelehrung erkannte oder bei </i></span><br/> <span class="text"><i>zumutbarer Sorgfalt hätte erkennen müssen, kann sich nicht auf den </i></span><br/> <span class="text"><i>genannten Grundsatz berufen. Rechtsuchende geniessen keinen </i></span><br/> <span class="text"><i>Vertrauensschutz, wenn sie bzw. ihr Rechtsvertreter den Mangel </i></span><br/> <span class="text"><i>allein schon durch Konsultierung der massgeblichen Verfahrens-</i></span><br/> <span class="text"><i>bestimmung hätten erkennen können. Allerdings vermag nur eine </i></span><br/> <span class="text"><i>grobe prozessuale Unsorgfalt der betroffenen Partei oder ihres </i></span><br/> <span class="text"><i>Anwaltes eine falsche Rechtsmittelbelehrung aufzuwiegen ... </i></span><br/> <span class="text"><i>Sinngemäss das Gleiche muss gelten, wenn umstritten ist, ob der </i></span><br/> <span class="text"><i>Verfügungscharakter eines Schreibens erkennbar war. </i></span><br/> <span class="text">Aufgrund des Dargelegten gilt es als erstellt, dass es sich beim</span><br/> <span class="text">Schreiben des Gemeinderats vom 8. Dezember 2017 um eine Verfü-</span><br/> <span class="text">gung handelt, dies obwohl das strittige Dokument zwar nicht alle</span><br/> <span class="text">Formmerkmale einer Verfügung enthält, aber die geforderten Struk-</span><br/> <span class="text">turmerkmale erfüllt (Anordnung einer Behörde, Regelung eines</span><br/> <span class="text">spezifischen, einseitigen, verbindlichen Rechtsverhältnisses: Vernei-</span><br/> <span class="text">nung der Akteneinsicht; vgl. PIERRE TSCHANNEN / ULRICH</span><br/> <span class="text">ZIMMERLI / MARKUS MÜLLER, Allgemeines Verwaltungsrecht,</span><br/> <span class="text">4. Auflage, Bern 2014, § 28 N 17 sowie § 29 N 3).</span><br/> <span class="text">2. Zuständigkeit und Befugnis zur Beschwerdeführung</span><br/> <span class="text">Der Gemeinderat begründet seine Abweisung im Wesentlichen</span><br/> <span class="text">damit, dass die Voraussetzungen des IDAG nicht gegeben seien. Es</span><br/> <span class="text">trifft mit Blick auf die im Schreiben vom 14. November 2017</span><br/> <span class="text">wiedergegebene Meinung der Beauftragten für Öffentlichkeit und</span><br/> <span class="text">Datenschutz zu, dass eine Herausgabe gestützt auf die Bestimmung</span><br/> <span class="text">des IDAG nicht möglich ist. Der Gemeinderat hat aber Folgendes</span><br/> <span class="text">ausser Acht gelassen:</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">531</span> </div> <div class="page" id="S531"> <div role="main"> <span class="text">Gemäss § 2 Abs. 2bis IDAG finden die Bestimmungen des</span><br/> <span class="text">IDAG auf hängige Verfahren der Zivil-, Straf- und Verwaltungs-</span><br/> <span class="text">rechtspflege keine Anwendung. Der Geltungsbereich des IDAG</span><br/> <span class="text">erstreckt sich damit auf hängige erstinstanzliche Verfahren vor</span><br/> <span class="text">Verwaltungsbehörden (§ 2 Abs. 2bis IDAG). <i>Parteiliche Verfahrens-</i></span><br/> <span class="text"><i>rechte</i> gemäss Verfassung und den speziellen Normen des VRPG ge-</span><br/> <span class="text">hen aber nicht nur der Bestimmung von § 7 lit. b IDAG vor, welche</span><br/> <span class="text">das Zugangsrecht zu Dokumenten hängiger Verfahren gestützt auf</span><br/> <span class="text">das Öffentlichkeitsprinzip ausschliesst (so in: Botschaft des Regie-</span><br/> <span class="text">rungsrats des Kantons Aargau zum VRPG 07.27 vom 14. Februar</span><br/> <span class="text">2017, S. 33). Sie bilden auch die geeignete Rechts- respektive for-</span><br/> <span class="text">melle Gesetzesgrundlage zur Datenbearbeitung etwa gemäss § 8</span><br/> <span class="text">Abs. 1 bzw. § 14 Abs. 1 und § 15 Abs. 1 IDAG (vgl. zum Ganzen:</span><br/> <span class="text">VGE III/103 vom 21. Oktober 2013, S. 20). Zwar unterliegt auch das</span><br/> <span class="text">allgemeine Informationszugangsrecht Einschränkungen, wenn über-</span><br/> <span class="text">wiegende öffentliche oder private Interessen entgegenstehen. Aus-</span><br/> <span class="text">schlaggebend ist, dass sowohl im Anwendungsbereich des VRPG</span><br/> <span class="text">wie auch des IDAG eine Interessenabwägung vorzunehmen ist. Beim</span><br/> <span class="text">individualrechtlichen Akteneinsichtsrecht stehen schutzwürdige eige-</span><br/> <span class="text">ne Interessen ... den Geheimhaltungsinteressen entgegen, wohinge-</span><br/> <span class="text">gen im IDAG der voraussetzungslose im Öffentlichkeitsprinzip wur-</span><br/> <span class="text">zelnde Transparenzanspruch den Geheimhaltungsinteressen gegen-</span><br/> <span class="text">übersteht (§ 1 Abs. 1 lit. a IDAG; vgl. auch ALAIN GRIFFEL, in:</span><br/> <span class="text">Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich,</span><br/> <span class="text">3. Auflage, Zürich / Basel / Genf 2014, zu § 9 N 4). Daraus folgend</span><br/> <span class="text">ist ein Akteneinsichtsrecht gestützt auf das IDAG zu verweigern, da</span><br/> <span class="text">es sich bei den Baugesuchsakten um nicht anonymisierbare Perso-</span><br/> <span class="text">nendaten handelt (vgl. GRIFFEL, a.a.O., zu § 9 N 4).</span><br/> <span class="text">Im vorliegenden Fall geht es den Beschwerdeführern aber wei-</span><br/> <span class="text">testgehend um die Durchsetzung von baurechtlichen Bestimmungen,</span><br/> <span class="text">wollen sie doch erreichen, dass das Bauvorhaben nicht so nah an ihre</span><br/> <span class="text">Grenze gestellt wird. Unbeachtlich ist, dass sie die Baubewilligung</span><br/> <span class="text">nicht mehr anfechten können und ihnen - wenn überhaupt - nur noch</span><br/> <span class="text">der zivilrechtliche Rechtsweg offensteht. Immerhin steht es ihnen</span><br/> <span class="text">nämlich weiterhin offen, die Einhaltung der bewilligten Baute zu</span><br/> <span class="text">kontrollieren. Vor diesem Hintergrund geht es darum, den Bauvor-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 6 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">532</span> </div> <div class="page" id="S532"> <div role="main"> <span class="text">schriften Nachachtung zu verschaffen. Es handelt sich damit im wei-</span><br/> <span class="text">testen Sinn um ein zukünftiges, hängiges baurechtliches Verfahren.</span><br/> <span class="text">Vorliegend geht es damit um die Verfolgung, die Wahrung und die</span><br/> <span class="text">Verteidigung eigener Interessen der Beschwerdeführenden, weshalb</span><br/> <span class="text">sich das Verfahren nach dem Verwaltungsrechtspflegegesetz richtet</span><br/> <span class="text">(vgl. GRIFFEL, a.a.O., zu § 8 N 23). Für die Anwendung des VRPG -</span><br/> <span class="text">und damit für den Ausschluss des IDAG - spricht auch, dass unter an</span><br/> <span class="text">anderer Stelle noch näher zu bezeichnenden Voraussetzungen von</span><br/> <span class="text">Verfassungs wegen parteiliche Verfahrensrechte die Akteneinsicht in</span><br/> <span class="text">abgeschlossene Verfahren gestatten (Erw. 3.2 nachfolgend).</span><br/> <span class="text">Das BVU, welches Beschwerden gegen Entscheide der Ge-</span><br/> <span class="text">meinderäte beurteilt, die in Anwendung der Baugesetzgebung (ein-</span><br/> <span class="text">schliesslich der Gemeindebauvorschriften) ergangen sind, ist damit</span><br/> <span class="text">zuständig zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde (§ 13 Abs. 1</span><br/> <span class="text">lit. a Ziff. 1 DelV, § 61 Abs. 1 BauV; § 50 VRPG sowie § 4 Abs. 1</span><br/> <span class="text">BauG).</span><br/> <span class="text">Die Beschwerdeführenden sind Adressaten des angefochtenen</span><br/> <span class="text">Entscheids und demnach zur Beschwerdeführung ohne weiteres be-</span><br/> <span class="text">fugt (§ 42 VRPG). Auf die im Übrigen form- und fristgerecht einge-</span><br/> <span class="text">reichte Beschwerde ist daher einzutreten.</span><br/> <span class="text">3. Akteneinsicht</span><br/> <span class="text">3.1</span><br/> <span class="text">Der Gemeinderat lehnt die Einsicht in die Baugesuchsunterla-</span><br/> <span class="text">gen in der Hauptsache mit der Begründung ab, die Beigeladenen hät-</span><br/> <span class="text">ten der Einsicht in die Baugesuchsunterlagen nicht zugestimmt; eine</span><br/> <span class="text">Interessenabwägung fehlt. Die Beschwerdeführerenden vertreten die</span><br/> <span class="text">Ansicht, dass sie als unmittelbar angrenzende Nachbarn ein Recht</span><br/> <span class="text">auf Akteneinsicht hätten. Sie begründen ihr Gesuch zwar im</span><br/> <span class="text">vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht näher. Jedoch stellt das</span><br/> <span class="text">Bundesgericht keine hohen Anforderungen an die Begründung für</span><br/> <span class="text">die Akteneinsicht. Es genügt, wenn der Betreffende die Unterlagen</span><br/> <span class="text">zur Abklärung von Prozesschancen benötigt (BGE 129 I 249, E. 3).</span><br/> <span class="text">Bezogen auf den vorliegenden Fall gilt was folgt: Aufgrund der Un-</span><br/> <span class="text">terlagen und Aussagen ... ist erkennbar, dass die Beschwerdeführen-</span><br/> <span class="text">den die Baugesuchsunterlagen zur Wahrung ihrer Rechte benötigen.</span><br/> <span class="text">In Kenntnis der strittigen Unterlagen wird ihnen die Einleitung</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 7 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">533</span> </div> <div class="page" id="S533"> <div role="main"> <span class="text">weiterer prozessualer Schritte erleichtert, namentlich die Verfolgung</span><br/> <span class="text">eines zivilrechtlichen Verfahrens oder um allenfalls zu kontrollieren,</span><br/> <span class="text">ob sich die Beigeladenen an die Baubewilligung halten. Folgerichtig</span><br/> <span class="text">genügen diese Angaben für den Nachweis eines schutzwürdigen Inte-</span><br/> <span class="text">resses, zumal bei einem abgeschlossenen rechtskräftigen Baubewilli-</span><br/> <span class="text">gungsverfahren die Glaubhaftmachung eines schutzwürdigen priva-</span><br/> <span class="text">ten Interesses für die Akteneinsicht genügt (GRIFFEL, a.a.O., zu § 8</span><br/> <span class="text">N 25).</span><br/> <span class="text">3.2</span><br/> <span class="text">Auf Verfassungsebene ergibt sich das Akteneinsichtsrecht der</span><br/> <span class="text">Verfahrensparteien aus Art. 29 Abs. 2 BV. Der Anspruch soll garan-</span><br/> <span class="text">tieren, dass die von einem staatlichen Verfahren Betroffenen die Ent-</span><br/> <span class="text">scheidgrundlagen der Behörde kennen (vgl. JÖRG PAUL MÜLLER /</span><br/> <span class="text">MARKUS SCHEFER, Grundrechte in der Schweiz, 4. Auflage, Bern</span><br/> <span class="text">2008, S. 871). Das Recht auf Akteneinsicht setzt voraus, dass über-</span><br/> <span class="text">haupt Akten vorhanden sind, die eingesehen werden können, d.h. es</span><br/> <span class="text">begründet auch eine Aktenerstellungs- bzw. Aktenführungspflicht</span><br/> <span class="text">(vgl. BGE 138 V 218, E. 8; 130 II 473, E. 4.1; 124 V 372, E. 3b;</span><br/> <span class="text">115 Ia 97, E. 4; AGVE 2001, S. 372; 2000, S. 343 f.; je mit Hinwei-</span><br/> <span class="text">sen). Sämtliche Verfahrenselemente, wie Sachverhalt, Beweiserhe-</span><br/> <span class="text">bungen und Protokolle sind durch Aktenführung ausreichend zu</span><br/> <span class="text">dokumentieren (AGVE 2001, S. 372; 2000, S. 344; je mit Hinwei-</span><br/> <span class="text">sen; vgl. zur Aktenerstellungspflicht auch MÜLLER / SCHEFER,</span><br/> <span class="text">a.a.O., S. 877; BERNHARD WALDMANN / MAGNUS OESCHGER, in:</span><br/> <span class="text">Praxiskommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren,</span><br/> <span class="text">Zürich 2009, Art. 26 N 34 ff.).</span><br/> <span class="text">Der Umfang des Anspruchs auf Akteneinsicht bemisst sich pri-</span><br/> <span class="text">mär nach kantonalem Recht, subsidiär nach den aus Art. 29 Abs. 2</span><br/> <span class="text">BV abgeleiteten Mindestgarantien. Im Kanton Aargau regeln § 22</span><br/> <span class="text">KV und § 22 VRPG das Akteneinsichtsrecht für das Verwaltungsver-</span><br/> <span class="text">fahren. Gemäss diesen Bestimmungen hat diejenige Person, welche</span><br/> <span class="text">von einer Verfügung oder einem Entscheid betroffen ist, das Recht,</span><br/> <span class="text">in die <i>Verfahrensakten</i> Einsicht zu nehmen. Nicht zu den Verfahrens-</span><br/> <span class="text">akten gehören Notizen, Entwürfe, Referate und dergleichen, wenn sie</span><br/> <span class="text">nur dem internen Gebrauch dienen. Die Akteneinsicht bezieht sich</span><br/> <span class="text">auf alle für den Entscheid wesentlichen Akten, d.h. auf alle jene Ak-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 8 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">534</span> </div> <div class="page" id="S534"> <div role="main"> <span class="text">ten, welche die Grundlage einer Entscheidung bilden (vgl. u.a.</span><br/> <span class="text">BGE 121 I 225 E. 2a, mit weiteren Hinweisen). Die Einsicht in ein</span><br/> <span class="text">Aktenstück kann zur Wahrung wichtiger öffentlicher oder schutz-</span><br/> <span class="text">würdiger privater Interessen verweigert werden (§ 22 Abs. 2 VRPG).</span><br/> <span class="text">Grundsätzlich garantieren die genannten Bestimmungen den</span><br/> <span class="text">Beteiligten eines spezifischen Verfahrens vor einer Verwaltungs- und</span><br/> <span class="text">Gerichtsbehörde ein Recht auf Akteneinsicht während des Verfah-</span><br/> <span class="text">rens. Vor und namentlich auch nach dem Verfahren hat der Be-</span><br/> <span class="text">troffene ein spezifisches Interesse an der Einsicht glaubhaft zu ma-</span><br/> <span class="text">chen. Ein solches Interesse ergibt sich aus der Betroffenheit in einem</span><br/> <span class="text">spezifischen Grundrecht. Es besteht häufig auch darin, dass ein in</span><br/> <span class="text">Aussicht genommenes Verfahren, so etwa zur Durchsetzung von</span><br/> <span class="text">Schadenersatzansprüchen, nur sinnvoll eingeleitet werden kann,</span><br/> <span class="text">wenn der Betroffene Kenntnis von den entsprechenden Akten hat</span><br/> <span class="text">(vgl. MÜLLER / SCHEFER, a.a.O., S. 873; mit Hinweis auf BGE 130</span><br/> <span class="text">III 42).</span><br/> <span class="text">Der Anspruch auf Akteneinsicht besteht gegenüber jener Be-</span><br/> <span class="text">hörde, welcher die Datenherrschaft über die fraglichen Dokumente</span><br/> <span class="text">zukommt (BGer 1A.253/2005, E. 3.6.3). Weiter garantiert der ver-</span><br/> <span class="text">fassungsrechtliche Anspruch, die Akten am Sitz der betreffenden Be-</span><br/> <span class="text">hörde einzusehen, Notizen anzufertigen und gegen Gebühr Kopien</span><br/> <span class="text">der Akten selber auf dem Kopiergerät der Verwaltung herzustellen,</span><br/> <span class="text">wenn dies keinen unverhältnismässigen Aufwand für die Verwaltung</span><br/> <span class="text">erfordert (MÜLLER / SCHEFER, a.a.O., S. 879, mit Hinweis auf</span><br/> <span class="text">BGE 122 I 109; 126 I 7, E. 2b; AGVE 1995, S. 364, mit Hinweisen).</span><br/> <span class="text">3.3</span><br/> <span class="text">Die Akteneinsicht kann - wie bereits dargelegt - zur Wahrung</span><br/> <span class="text">wichtiger öffentlicher oder schutzwürdiger privater Interessen</span><br/> <span class="text">verweigert werden. Als wichtige öffentliche Interessen stehen etwa</span><br/> <span class="text">Anliegen der Landesverteidigung oder der Staatssicherheit sowie der</span><br/> <span class="text">Schutz der Polizeigüter (Leib und Leben, Gesundheit) im Vorder-</span><br/> <span class="text">grund (ADRIAN MAUERHOFER, Die verschiedenen Facetten des</span><br/> <span class="text">rechtlichen Gehörs, in: Kantonale Planungsgruppe Bern-Bulletin,</span><br/> <span class="text">Nr. 1/2015, S. 30). Nachdem im vorliegenden Fall den öffentlichen</span><br/> <span class="text">Interessen keine Bedeutung zukommt, erübrigen sich weitere</span><br/> <span class="text">Ausführungen. Massgebend sind vorliegend die privaten Interessen</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 9 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">535</span> </div> <div class="page" id="S535"> <div role="main"> <span class="text">der Beigeladenen. Es handelt sich dabei namentlich um Persönlich-</span><br/> <span class="text">keitsrechte, welche die körperliche und geistige Integrität, die Ge-</span><br/> <span class="text">heim- und Privatsphäre sowie die Ehre schützen und damit eine Ein-</span><br/> <span class="text">schränkung des Akteneinsichtsrechts rechtfertigen können. Es stehen</span><br/> <span class="text">dabei vor allem die Bekanntgabe von Personendaten Dritter im Vor-</span><br/> <span class="text">dergrund (WALDMANN / OESCHGER, a.a.O., zu Art. 27 N 28 f.).</span><br/> <span class="text">Im Weiteren muss zwischen den Einsichtsinteressen der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführenden und den entgegenstehenden privaten (Geheim-</span><br/> <span class="text">haltungs-)Interessen der Beigeladenen abgewogen werden, wobei</span><br/> <span class="text">unbeachtlich ist, ob sich die Beigeladenen am Verfahren beteiligt ha-</span><br/> <span class="text">ben oder nicht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Geheimverfahren</span><br/> <span class="text">den elementarsten Grundsätzen eines Rechtsstaats widersprechen,</span><br/> <span class="text">weshalb bei der Verweigerung der Akteneinsicht Zurückhaltung</span><br/> <span class="text">geboten ist. Das heisst, nur ... wesentliche, besonders schützens-</span><br/> <span class="text">werte private Interessen, die das grundsätzlich ebenfalls wesentliche</span><br/> <span class="text">Interesse an der Akteneinsicht überwiegen, können im Einzelfall das</span><br/> <span class="text">Akteinsichtsrecht einschränken (WALDMANN / OESCHGER, a.a.O., zu</span><br/> <span class="text">Art. 27 N 17). Als weitere die Geheimhaltung erfordernde private</span><br/> <span class="text">Interessen gelten Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse von Gegenpar-</span><br/> <span class="text">teien und Dritten (vgl. WALDMANN / OESCHGER, a.a.O., zu Art. 27</span><br/> <span class="text">N 37). Als solche Geheimnisse werden alle auf ein Unternehmen</span><br/> <span class="text">bezogene Tatsachen, Umstände und Vorgänge verstanden, die nicht</span><br/> <span class="text">offenkundig, sondern nur einem begrenzten Personenkreis zugäng-</span><br/> <span class="text">lich sind und an deren Nichtverbreitung der Rechtsträger ein berech-</span><br/> <span class="text">tigtes Interesse hat. Betriebsgeheimnisse umfassen im Wesentlichen</span><br/> <span class="text">technisches Wissen, wohingegen sich Geschäftsgeheimnisse in der</span><br/> <span class="text">Regel auf kaufmännisches Wissen beziehen. Darunter zählen etwa</span><br/> <span class="text">Umsätze, Ertragslagen, Geschäftsbücher, Kundenlisten, Bezugs-</span><br/> <span class="text">quellen, Konditionen, Markstrategien, Unterlagen zur Kreditwürdig-</span><br/> <span class="text">keit, Kalkulationsunterlagen, Patentanmeldungen und sonstige Ent-</span><br/> <span class="text">wicklungs- und Forschungsprojekte, durch welche die wirtschaft-</span><br/> <span class="text">lichen Verhältnisse eines Betriebs massgeblich bestimmt werden</span><br/> <span class="text">können (MAUERHOFER, a.a.O., S. 31).</span><br/> <span class="text">3.4</span><br/> <span class="text">Bezogen auf den vorliegenden Fall ist die Sachlage ziemlich</span><br/> <span class="text">eindeutig und klar. Die schutzwürdigen Interessen der Beschwerde-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 10 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">536</span> </div> <div class="page" id="S536"> <div role="main"> <span class="text">führenden, die darin bestehen, nur in Kenntnis der strittigen Bauge-</span><br/> <span class="text">suchsunterlagen ihre Rechte in weiteren Verfahren optimal wahrzu-</span><br/> <span class="text">nehmen, überwiegen die nicht spezifizierten privaten Geheimhal-</span><br/> <span class="text">tungsinteressen der Beigeladenen. Die Beschwerdeführenden als</span><br/> <span class="text">unmittelbar angrenzende Nachbarn kennen die Beigeladenen. Vor</span><br/> <span class="text">diesem Hintergrund existieren faktisch keine schützenswerten Privat-</span><br/> <span class="text">interessen. Folglich hat der Gemeinderat die Einsicht in die strittigen</span><br/> <span class="text">Baugesuchsunterlagen zu Unrecht verweigert.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>