Nichteintreten auf Asylgesuch 2011/37 BVGE / ATAF / DTAF 805 37 Auszug aus dem Urteil der Abteilung IV i. S. A. gegen Bundesamt für Migration D–812/2009 vom 19. September 2011 Asylverfahren. Entschuldbare Gründe für das Nichteinreichen von Reise- oder Identitätspapieren innerhalb von 48 Stunden nach Ein - reichung des Gesuchs. Aktenführungspflicht. Rechtliches Gehör zum Ergebnis einer Dokumentenprüfung. Begründungspflicht. Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG. Art. 29 Abs. 2 BV . Art. 26, Art. 27, Art. 28, Art. 29, Art. 30 Abs. 1 und Art. 35 VwVG. 1. Glaubhaft, dass die asylsuch ende Person im Zeitpunkt der Ein - reise in die Schweiz keine authentischen Reise - oder Iden titäts- papiere auf sich getragen hat, die sie innerhalb von 48 Stunden seit Einreichung des Asylgesuchs hätte abgeben kön nen (E. 3– 5.3.3). 2. Die in einer Aktennotiz festgehaltenen Erkenntnisse zur Authen - tizität einer Identitätskarte unterliegen dem Akteneinsichtsrecht; sie sind aufgrund der Aktenführungspflicht vom Bundesamt für Migration (BFM) so zu do kumentieren, dass nachvollzogen wer - den kann, wie es zu seinen Informationen gelangt ist und auf - grund welcher Erkenntnisse auf bestimmte Fälschungsmerkmale geschlossen wird (E. 5.4.3). 3. Das BFM ist verpflichtet, der asylsuchenden Person vor seinem Entscheid Gelegenheit einzuräumen, zu den in einer Aktennotiz festgehaltenen Fälschungsmerkmalen ihrer Identitätskarte Stel - lung nehmen zu können, wenn es sich in seiner Verfügung auf die Aktennotiz stützt (E. 5.4.4). 4. Das BFM hat in der Verfügung die Gründe, aufgrund derer es eine Identitätskarte als nicht authentisch erac htet, nachvoll zieh- bar darzulegen (E. 5.4.5). 2011/37 Nichteintreten auf Asylgesuch 806 BVGE / ATAF / DTAF Procédure d'asile. Motifs excusant la non -remise des documents de voyage ou pièces d'identité dans le délai de 48 heures après le dépôt de la demande d'asile. Obligation de constituer un dossier complet. Droit d'être entendu sur le résultat de l'examen de documents. Devoir de motivation. Art. 32 al. 2 let. a LAsi. Art. 29 al. 2 Cst. Art. 26, art. 27, art. 28, art. 29, art. 30 al. 1 et art. 35 PA. 1. Il est vraisemblable que le requérant d'asile n'ait pas détenu, au moment de son entrée en Suisse, des documents de voyage ou pièces d'identité authentiques pouvant être remis dans les 48 heures qui ont suivi sa demande d'asile (consid. 3–5.3.3). 2. Les constatations relatives à l'authenticité d'une carte d'identité, consignées dans une note de dossier, sont soumises au droit d'ac - cès au dossier; en raison des obligations incombant à l'Office fé - déral des migrations (ODM) concernant la gestion du dos sier, ces constatations doivent être consignées de manière à ce que l'o n puisse reconnaître comment l'Office a obtenu ses infor mations et sur la base de quelles constatations il a conclu à l'existence d'in - dices de falsification (consid. 5.4.3). 3. Avant de prendre sa décision, l'ODM est tenu de donner au re - quérant l'occasion de prendre position sur les indices de falsi fi- cation de sa carte d'identité consignés dans une note du dossier, s'il fonde sa décision sur cette note (consid. 5.4.4). 4. Dans sa décision, l'ODM doit exposer de manière compréhensible les motifs pour lesqu els il estime que la carte d'identité n'est pas authentique (consid. 5.4.5). Procedura d'asilo. Motivi scusabili per la mancata consegna di docu - menti di viaggio o d'identità entro 48 ore dalla presentazione della domanda. Obbligo di gestione degli atti. Diritto di audizione sull'esito dell'esame di documenti. Obbligo di motivare. Art. 32 cpv. 2 lett. a LAsi. Art. 29 cpv. 2 Cost. Art. 26, art. 27, art. 28, art. 29, art. 30 cpv. 1 e art. 35 PA. 1. Verosimiglianza del mancato possesso da parte del richiedente a l momento dell'entrata in Svizzera di documenti di viaggio o d'identità au tentici da consegnare entro 48 ore dalla pre sen- tazione della domanda d'asilo (consid. 3–5.3.3). Nichteintreten auf Asylgesuch 2011/37 BVGE / ATAF / DTAF 807 2. Le risultanze annotate in un nota nell'incartamento, concernenti l'autenticità di una carta d'identità, soggiacciono al diritto di consultazione degli atti; in virtù dell'obbligo di gestione degli atti imposto all'Ufficio federale della migrazione (UFM), devono es - sere documentati in modo tale da poter capire quali riscontri fanno concl udere all'esi stenza di determinat i indizi di falsifi ca- zione (consid. 5.4.3). 3. Se intende fondarsi su una nota per la pro pria decisione, prima di decidere l'UFM è tenuto a concedere al richiedente l'op por- tunità di esprimersi in merito agli indizi di falsificazione rilevati sulla sua carta d'identità e riportati in tale nota (consid. 5.4.4). 4. Nella propria decisione l'UFM deve esporre in modo intelligibile i motivi che lo portano a considerare non autentica una carta d'identità (consid. 5.4.5). Der Beschwerdeführer reiste am 7. Dezember 2008 in die Schweiz ein und suchte am selben Tag um Asyl nach. Da er keine Ausweispapiere vorlegte, wurde er dort mit einem Informationsblatt, dessen Inhalt er mit seiner Unterschrift verstanden zu haben bestätigt e, zur Herausgabe von allenfalls anderswo aufbewahrten Identitätsdokumenten innerhalb von 48 Stunden aufgefordert. Am 6. Januar 2009 reichte der Beschwerdeführer durch die Thurgauer Rechtsberatungsstelle seine Identitätskarte inklusive Briefumschlag beim BFM ein. Mit Verfügung vom 30. Januar 2009 trat das Bundesamt für Migration (BFM) in Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. a und Art. 32 Abs. 3 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht ein. Gleichzeitig verfügte es die We gweisung aus der Schweiz und forderte den Beschwerdeführer – unter Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechts - kraft der Verfügung zu verlassen. Die eingereichte Identitätskarte zog das BFM ein. Mit Eingabe vom 9. Februar 2009 erhob der Beschwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und be an- tragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und das Verfahren zwecks materieller Prüfung an die V orinstanz zurückzuweisen. 2011/37 Nichteintreten auf Asylgesuch 808 BVGE / ATAF / DTAF Das BFM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 25. März 2009 die Abweisung der Beschwerde. Mit Eingabe vom 9. April 2009 reichte der Beschwerdeführer einen Fa - milienausweis, ein Farbfoto und eine Postquittung sowie einen von ihm verfassten Brief in kurdischer Sprache inklusive dem Aramex -Umschlag ein. Im Begleitschreiben führte der Beschwerdeführer aus, dass die Post - quittung (Stempel vom 19. Februar 2009) für ein Schreiben aus seiner Heimat sei, welches weitere wichtige Dokumente beinhalte. Leider s ei es von der irakischen Post nach Schweden geschickt worden und er wisse nicht, wann es zurückkomme. Das Bundesverwaltungsgericht heisst die Beschwerde gut. Aus den Erwägungen: 3. Gemäss Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht eingetreten, wenn Asylsuchende den Behörden nicht innerhalb von 48 Stunden nach Einreichung des Gesuchs Reise - oder Identitätspapiere abgeben. Keine Anwendung findet diese Bestimmung, wenn Asyl su- chende glaubhaft machen können, dass sie aus entschuldbaren Gründen nicht in der Lage sind, innerhalb von 48 Stunden nach Einreichung des Gesuchs Reise - oder Identitätspapiere abzugeben (Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG), wenn aufgrund der Anhörung sowie gestützt auf Art. 3 und Art. 7 AsylG die Flüchtlingseigenschaft festgestellt w ird (Art. 32 Abs. 3 Bst. b AsylG) oder wenn sich aufgrund der Anhörung erweist, dass zusätzliche Abklärungen zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft oder eines Wegweisungsvollzugshindernisses nötig sind (Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG). 4. 4.1 Das BFM trat au f das Asylgesuch des Beschwerdeführers mit der Begründung nicht ein, der Beschwerdeführer habe den Asylbehörden innerhalb der eingeräumten Frist von 48 Stunden keine Reise- oder Iden- titätspapiere abgegeben. Zur Frage, ob der Beschwerdeführer ent schuld- bare Gründe im Sinne von Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG glaubhaft machen kann, führte das BFM aus, dass grundsätzlich davon auszugehen sei, dass der (…) -jährige Beschwerdeführer über einen relevanten Identi tätsaus- weis verfüge. Er habe im Verlauf des Asylverfahrens eine irakische Iden- titätskarte eingereicht, ausgestellt in Y . am (…). Auf dieser fehlten aber die für solche Dokumente üblichen Sicher heitsmerkmale; im Weite ren Nichteintreten auf Asylgesuch 2011/37 BVGE / ATAF / DTAF 809 sei « ein behördlicher Einträge [sic]» nicht in jener Art vorge nommen worden, in welcher er in echten irakischen Identitätskarten vorgenommen werde. Das eingereichte Dokument sei aufgrund dieser Unstim migkeiten nicht authentisch. Im Weiteren habe der Beschwerde führer erklärt, er sei mit einem echten Pass aus dem Irak ausgereist, hab e diesen aber in der Türkei weggeworfen, was nicht nachvollziehbar sei, zumal dem Be - schwerdeführer hätte bewusst sein müssen, dass er sich im Rahmen seines bevorstehenden Asylverfahrens auszuweisen habe. Auf grund dieser Unstimmigkeiten sei davon auszuge hen, dass der Beschwer de- führer über einen relevanten Identitätsausweis verfüge, aber davon ab - sehe, diesen dem BFM abzugeben. 4.2 Der Beschwerdeführer macht demgegenüber geltend, es sei auf - grund der Akten offensichtlich, dass er aus X. komme, weshalb der V oll- zug der Wegweisung nicht zumutbar sei. Dass im vorliegenden Fall ein Nichteintretensentscheid nicht gerechtfertigt sei, sei zudem vom an der Anhörung anwesenden Hilfswerkvertreter festgehalten worden. In der Annahme, die dem BFM zugestellte Identitätsk arte sei genügend, habe er bis zum Entscheid des BFM weitere Bemühungen zum Erhalt von ande - ren Identitätsdokumenten unterlassen. Nun habe er zwecks Erhalts seines Soyat Kayit – ein Dokument, welches sämtliche Identitäts merkmale des Inhabers beinhalte und aufgrund derer dann die Identi tätskarte ausgestellt werde – mit seiner Familie Kontakt aufgenommen. Die Familie habe in der Zwischenzeit bei den lokalen Behörden das genannte Dokument im Original erhalten können. Der Umstand, dass er in der Annahme, bei seiner Identitätskarte handle es sich um ein aus reichendes Identi täts- dokument, keine weiteren Schritte zum Erhalt weiterer Doku mente unter- nommen habe, und er mit seiner Familie zwecks Erhalt eines Soyat Kayit erst in Kontakt getreten sei, nachdem er mit Erhalt des ange fochtenen Entscheides erfahren habe, dass das BFM seine Identi tätskarte als nicht authentisch einstufe, sei entschuldbar. 5. 5.1 Der Beschwerdeführer hat bei der Einreichung seines Asyl ge- suchs im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Kreu zlingen am 7. Dezember 2008 keine Reise - oder Identitätspapiere abgegeben. Auch in den folgenden 48 Stunden hat er kein entsprechendes Dokument ein - gereicht. Damit ist die Nichtabgabe von Reise - und Identitätspapieren innert 48 Stunden ab Einreichung des A sylgesuchs als Grundtatbestand für die Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG gegeben. 2011/37 Nichteintreten auf Asylgesuch 810 BVGE / ATAF / DTAF 5.2 Bei der Befragung im EVZ am 11. Dezember 2008 gab der Beschwerdeführer betreffend Besitz von Ausweispapieren an, er habe einen regulären Pass besessen, der Anfang Okt ober 2008 in Bagdad aus - gestellt worden sei und noch bis Oktober 2016 gültig wäre. Er sei mit diesem Pass, welcher mit einem Touristenvisum versehen gewesen sei, welches ihm Anfang November 2008 von der türkischen Vertretung in X. ausgestellt worden sei, i n die Türkei gereist. Dort habe ihn der Schlepper aufgefordert, den Pass wegzuwerfen. Er habe zudem im Sommer 2006 eine Identitätskarte in Y . ausstellen lassen, welche er bei der Mutter im Irak zurückgelassen habe. Einen Nationalitätenausweis habe er nie g e- habt. Auf die Frage, warum er der Aufforderung Identitätsdokumente ab - zugeben, nicht nachgekommen sei, erklärte er, er habe seit er in der Schweiz sei, keinen Kontakt mit seiner Mutter gehabt, da er kein Geld gehabt habe, um sie anzurufen. In der Türkei habe er noch Kontakt mit ihr gehabt. Er habe aber zur Kenntnis genommen, dass er Ausweis pa- piere beschaffen solle. Als er sieben Tage nach der Befragung im EVZ und elf Tage nach der Einreise anlässlich der Anhörung am 18. Dezember 2008 erneut gefragt wurd e, ob er Doku mente oder Ausweispapiere abzu- geben habe, verneinte der Beschwerdeführer die Frage, fügte jedoch an, seine Angehörigen hätten seine Identitätskarte geschickt, er habe diese aber noch nicht erhalten. Am 6. Januar 2009 stellte der Beschwerdeführer die Identitätskarte dem BFM über die Thurgauer Rechtsbera tungsstelle zu. 5.3 5.3.1 Entschuldbare Gründe im Sinne von Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG liegen grundsätzlich dann vor, wenn dem Umstand, dass die asylsu chen- de Person nicht in der Lage ist, innerhal b von 48 Stunden Reise - oder Identitätspapiere abzugeben, nicht die Absicht zugrunde liegt, den Auf - enthalt in der Schweiz unrechtmässig zu verlängern. Vermag die asyl su- chende Person glaubhaft darzutun, dass sie beispielsweise deshalb nicht in der Lage i st, Reise - oder Identitätspapiere innerhalb von 48 Stunden seit Einreichung des Gesuchs abzugeben, weil sie ihre Reise - oder Iden- titätspapiere im Heimatstaat zurückgelassen hat, und bemüht sie sich um - gehend und ernsthaft um deren Beschaffung innert ange messener Frist, ist die Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG ausgeschlossen (vgl. BVGE 2010/2 E. 5.6 und E. 6). 5.3.2 Der Beschwerdeführer vermochte anlässlich der Befragung im EVZ seinen Reiseweg, welcher ihn vom Irak in die Türkei und schliess - lich ab Ist anbul in einem LKW in die Schweiz führte, anschaulich und Nichteintreten auf Asylgesuch 2011/37 BVGE / ATAF / DTAF 811 plausibel zu beschreiben. Das BFM unterstellt zwar, es sei nicht nach - vollziehbar, dass der Beschwerdeführer seinen Pass in der Türkei weg ge- worfen habe, da ihm bewusst gewesen sein musste, dass er sich im Rah- men seines bevorstehenden Asylverfahrens auszuweisen haben würde. Es ist jedoch eine Tatsache, dass Schlepper ihre « Kundschaft » häufig dazu drängen, Identitätspapiere zu entsorgen oder dieser die vorhandenen Reisepapiere abnehmen. V or diesem Hintergrund ist die Darstellung des Beschwerdeführers, wonach er seinen Pass in der Türkei weggeworfen habe, nachdem ihn der Schlepper dazu a ufgefordert habe, durchaus nicht realitätsfremd. Realistischerweise muss zudem angenom men werden, dass der Beschwerdeführer in einem Abhängigkeits verhältnis zum Schlepper stand, und er – um seine Weiterreise nicht zu gefähr den – in seiner Entscheidung , den Anweisungen des Schleppers Folge zu leisten oder nicht, nicht frei war. Es ist deshalb nachvollziehbar und insofern entschuldbar, wenn er der Aufforderung des Schleppers, den Pass weg - zuwerfen, nachgekommen ist. Ferner ist davon auszugehen, dass die vom Beschwerdeführer zurückgelegte Reise ab der Türkei ohne Reisepa piere – insbesondere mit Hilfe von Schleppern – tatsächlich in der von ihm beschriebenen Art und Weise zurückgelegt werden kann, ohne dabei kon- trolliert zu werden. Hierfür spricht insbeso ndere auch, dass er von keiner europäischen Behörde angehalten und daktyloskopiert worden ist. Auf - grund der Angaben des Beschwerdeführers ist deshalb entgegen der Auf - fassung des BFM davon auszugehen, dass er zum Zeitpunkt der Ein reise in die Schweiz tat sächlich keine authentischen Reise - oder Identi täts- papiere mehr auf sich getragen hat, die er innerhalb von 48 Stunden seit Einreichung des Asylgesuchs hätte abgeben können. 5.3.3 Anlässlich der Befragung im EVZ am 11. Dezember 2008 nahm der Beschwerdeführer z ur Kenntnis, dass er Ausweispapiere beschaffen soll. An der Anhörung am 18. Dezember 2008 erklärte er, er habe mit seiner Mutter darüber gesprochen. Sie habe die Identitätskarte ab - geschickt. Er habe sie aber noch nicht erhalten. Gemäss dem beim BFM eingereichten Briefumschlag wurde die Identitätskarte umgehend, das heisst vier Tage nach der Anhörung (Poststempel vom 22. Dezember 2008), in W. der Post übergeben und ins EVZ geschickt. Diese Identi täts- karte beurteilte das BFM in der angefochtenen V erfügung als nicht authentisch. 2011/37 Nichteintreten auf Asylgesuch 812 BVGE / ATAF / DTAF 5.4 5.4.1 Das rechtliche Gehör, welches in Art. 29 Abs. 2 der Bundes ver- fassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV , SR 101) verankert und in den Art. 29 ff. des Verwaltungs verfahrens- gesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) für das Verwal - tungsverfahren konkretisiert wird, dient einerseits der Auf klärung des Sachverhalts, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwir - kungsrecht der Parteien dar. Gemäss Art. 30 Abs. 1 VwVG hört die Behörde die Parteien an, bevor sie verfügt. Der Anspruch auf vor gängige Anhörung beinhaltet insbesondere, dass die Behörde sich beim Erlass ihrer Verfügung nicht auf Tatsachen abstützen darf, zu denen sich die von der Verfügung betroffene Person nicht vorgängig äussern und diesbe - züglich Beweis führen konnte. Eng mit dem Äusserungsrecht ist der verfahrensrechtliche Anspruch auf Akteneinsicht (Art. 26 VwVG) verbunden. In jedem Verfahren können sich die Betroffenen nur dann wirksam zur Sache äussern und geeignet Beweise führen beziehungsweise Beweismittel bezeichnen, wenn ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird, die Unterlagen einzusehen, auf welche sich die Behörde stützt. V om Akteneinsichtsrecht ausgeschlossen sind verwaltungsinterne Unterlagen (vgl. Entscheidunge n und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 1 E. 3a S. 8 f.). Gilt es den Umfang des Akteneinsichtsrechts zu bestimmen, kommt es jedoch auf die im konkreten Fall objektive Bedeutung eines Aktenstückes für die entscheidwesen tliche Sachverhaltsfeststellung an und nicht auf die Einstufung des Beweismittels durch die Behörden als internes oder gar geheimes Papier. Keine internen Akten sind daher zum Beispiel verwaltungsintern erstellte Berichte und Gutachten zu streitigen Sachverhaltsfragen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör beinhaltet auch, dass die Behörden alles in den Akten festzuhalten haben, was zur Sache gehört und entscheidwesentlich sein kann. Daraus resultiert die Pflicht, Abklärungen, Befragungen, Zeugeneinvernahmen u nd Verhandlungen zu protokollieren, diese zu den Akten zu nehmen und aufzubewahren (BGE 130 II 473 E. 4.2). Die Aktenführung hat geordnet, übersichtlich und vollständig zu sein und es muss ersichtlich sein, wer sie erstellt hat und wie sie zustande gekomme n sind (vgl. MARC HÄUSLER/RETO FERRARI- VISCA, Das Recht auf Akteneinsicht im Verwaltungs - und Verwaltungs- justizverfahren, in: Jusletter 8. August 2011, S. 4 f.; RENÉ RHINOW/HEIN- RICH KOLLER/CHRISTINA KISS/DANIELA THURNHERR/DENISE BRÜHL- MOSER, Öffentliches Prozessrecht. Grundlagen und Bun desrechtspflege, 2. Aufl., Basel 2010, Rz. 339 ff.). Das Recht auf Akten einsicht kann im Nichteintreten auf Asylgesuch 2011/37 BVGE / ATAF / DTAF 813 Übrigen eingeschränkt werden, wenn ein überwiegendes Interesse an deren Geheimhaltung vorhanden ist. Dies muss indes auf grund e iner konkreten, sorgfältigen und umfassenden Abwägung der ent gegenstehen- den Interessen beurteilt werden, wobei der Grundsatz der Verhältnis mäs- sigkeit zu beachten ist. Je stärker das Verfahrensergebnis von der Stel - lungnahme der Betroffenen zum konkre ten Dokument ab hängt und je stärker auf ein Dokument bei der Entscheidfindung (zum Nachteil der Betroffenen) abgestellt wird, desto intensiver ist dem Ak teneinsichtsrecht Rechnung zu tragen (vgl. Art. 27 und Art. 28 VwVG sowie zum Ganzen HÄUSLER/FERRARI-VISCA, a. a. O., S. 2 mit weiteren Hinweisen). Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs ergibt sich schliesslich, dass die Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermöglichen soll, den Entscheid sachgerecht anfechten zu können, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können. Die Begründungs - dichte richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfah - rensumständen und den Interessen des Betroffenen, wo bei bei schwer - wiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffenen – und um solche geht es bei der Frage des Eintretens auf ein Asylgesuch – eine sorgfältige Begründung verlangt wird (BVGE 2008/47 E. 3.2 S. 674 f.; EMARK 2006 Nr. 24 E. 5.1. S. 256). 5.4.2 Das BFM stellte in der angefochtenen Verfügung fest, die an - geblich am (…) in Y . ausgestellte Identitätskarte sei aufgrund von Un - stimmigkeiten nicht authentisch und zog diese ein. Es führt in seiner Begründung aus, auf der eingereichten Identitätskarte würden die für sol - che Dokumente üblichen Sicherheitsmerkmale fehlen und « ein behördli- cher Einträge » sei nicht in jener Art vorgenommen worden, in welcher er in echten irakischen Identitätskarten vorgenommen werde. In der Begründung lä sst es jedoch offen, um was für einen Eintrag es sich handeln und inwiefern dieser falsch sein soll. Aufgrund der Schreibweise « ein behördlicher Einträge » wird nicht einmal klar, ob nach Ansicht des BFM bloss ein oder aber mehrere inkorrekte Einträge vor handen sein sollen. 5.4.3 Aus den Akten geht hervor, dass die durch die Thurgauer Rechtsberatungsstelle am 6. Januar 2009 inklusive Briefumschlag über - mittelte Identitätskarte des Beschwerdeführers am 7. Januar 2009 beim BFM einging. Ferner ist den Akten zu ent nehmen, dass am 28. Januar 2009 – mithin zwei Tage vor Versand der angefochtenen Verfügung – von einem Mitarbeiter des BFM eine Aktennotiz verfasst wurde, worin 2011/37 Nichteintreten auf Asylgesuch 814 BVGE / ATAF / DTAF dieser festhielt, dass die eingereichte Identitätskarte, welche angeblich am (…) in Y . ausgestellt worden sei, aufgrund dreier unstimmiger Merk - male offensichtlich nicht echt sei. Die Aktennotiz wird im Akten ver- zeichnis als « interne Akte » mit dem Vermerk « nicht zur Edition » bezeichnet. Das BFM stützte sich in der Verfügung offenbar auf die in der Aktennotiz betreffend die Identitätskarte des Beschwer deführers enthaltenen Infor mationen. Aufgrund der Bedeutung des Inhalts für den Entscheid, auf das Asylgesuch wegen fehlende r Identitätspapiere nicht einzutreten, kann es sich bei der Aktennotiz nicht, wie im Akten verzeich- nis vermerkt, um eine « interne Akte » handeln. Die in der Notiz enthal - tenen Informa tionen sind für den Entscheid von solcher Relevanz, dass diese vor behältlich von Geheimhaltungsinteressen dem Aktenein sichts- recht unter stehen. Aufgrund der Aktenführungspflicht wäre das BFM zudem gehalten gewesen, die Abklärungen zur Authenti zität der Identi - tätskarte in den Akten so zu dokumentieren, dass jederzeit na chvollzogen werden kann, wie das BFM zu seinen diesbezüglichen Erkenntnissen gelangt ist. Aus der Aktennotiz geht indessen nicht hervor, wie der Mit - arbeiter des BFM an die von ihm festgehaltenen Informa tionen gelangt ist und auf grund welcher Erkenntnisse diese ihrerseits zustande gekom - men sind. Da dies aus der Aktennotiz nicht hervorgeht, hat das BFM die Aktenführungspflicht verletzt. 5.4.4 Darüber hinaus hat es das BFM unterlassen, dem Beschwer de- führer vor dem Erlass der Verfügung Gelegenheit zu geben, sich zu den in der Aktennotiz festgehaltenen Fälschungsmerkmalen seiner Identi täts- karte zu äussern. Der Umstand, dass bei einer voll ständigen Offenlegung aller Einzelheiten von behördlichen Fälschungs erkenntnissen gewisser Dokumente deren m issbräuchliche Verwendung durch den Gesuchsteller oder Dritte zu befürchten ist, kann zwar rechtfertigen, die Einsicht in ein Aktenstück ganz oder teilweise zu verweigern (vgl. EMARK 1994 Nr. 1 E. 4c). Da das BFM in seiner Verfügung jedoch zum Nachteil des Beschwerdeführers gestützt auf die in der Aktennotiz enthaltenen Infor - mationen davon ausgeht, die eingereichte Identitätskarte sei nicht au - thentisch, wäre es gemäss Art. 28 VwVG gehalten gewesen, den Be - schwerdeführer über die festgestellten Fälschungsm erkmale in einer Art und Weise in Kenntnis zu setzen, welche es ihm ermöglicht, vor Er lass der Verfügung konkrete Einwände gegen die vom BFM in Bezug auf die Identitätskarte gewonnen en Erkenntnisse und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen anzubringen. Indem das BFM dies unterlassen hat, hat es den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör ge - mäss Art. 30 Abs. 1 und Art. 28 VwVG verletzt. Nichteintreten auf Asylgesuch 2011/37 BVGE / ATAF / DTAF 815 5.4.5 Wie bereits festgehalten (vgl. E. 5.4.2 f.), wird in den Akten des BFM nicht dokumentiert, wie der Mitarb eiter an die von ihm in der Ak - tennotiz festgehaltenen Informationen betreffend die Identitätskarte des Beschwerdeführers gelangt ist und aufgrund welcher Erkenntnisse diese ihrerseits zustande gekommen sind. Auch in der angefochtenen Verfü - gung schweigt sich das BFM diesbezüglich aus. Die Begründung der Verfügung lässt deshalb – auch für das Bundesverwaltungsgericht – nicht hinreichend nachvollziehbar erkennen, aus welchen Gründen das BFM zur Feststellung gelangt ist, die Identitätskarte sei nicht authent isch. Bei den vom BFM in der Verfügung bezüglich der Identitätskarte fest gestell- ten Unstimmigkeiten handelt es sich daher letztlich um nicht nach voll- ziehbare Behauptungen, zumal auch offen gelassen wird, wel cher be - hördliche Eintrag auf der Identitäts karte nicht korrekt vorge nommen worden sein soll. Das BFM hat insofern auch die ihm obliegende Begründungspflicht verletzt. 5.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das BFM den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör mehrfach verletzt hat, indem es ihm nicht zur Kenntnis brachte, dass und weshalb es seine Iden - titätskarte als nicht authentisch erachtet und ihm keine Gelegenheit bot, sich vorgängig dazu zu äussern, und indem es seiner Aktenführungs - und Begründungspflicht nicht hinreichend nac hgekommen ist (vgl. Art. 28, Art. 29, Art. 30 Abs. 1 und Art. 35 VwVG).