<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 120 S.555</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fremdenpolizeirecht</span> <span class="page_no">555</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Fremdenpolizeirecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>120 Familiennachzug für Personen ausserhalb der Kernfamilie</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Familiennachzugsgesuch eines Schweizer Bürgers für einen in Ungarn</b></span><br/> <span class="ft3"><b>lebenden Neffen. Eine allfällige Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung für</b></span><br/> <span class="ft3"><b>diesen richtet sich nach Art. 7 f. BVO.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Auszug aus dem Entscheid des Rechtsdienstes der Fremdenpolizei vom 30.</span><br/> <span class="ft4">Januar 2001 in Sachen B.I.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">B.I. reichte am 21. Juli 2000 ein Gesuch um Aufenthaltsbewil-</span><br/> <span class="ft6">ligung für seinen Neffen J.B. ein.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1.</span><br/> <span class="ft6">1.1 Die Fremdenpolizei entscheidet im Rahmen der gesetz-</span><br/> <span class="ft6">lichen Vorschriften und der Verträge mit dem Ausland nach freiem</span><br/> <span class="ft6">Ermessen über Aufenthalt und Niederlassung (Art. 4 und 15 des</span><br/> <span class="ft6">Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlas-</span><br/> <span class="ft6">sung der Ausländer [ANAG, SR 142.20]). Die ausländische Person</span><br/> <span class="ft6">hat damit grundsätzlich keinen Anspruch auf Erteilung einer Anwe-</span><br/> <span class="ft6">senheitsbewilligung, soweit sie sich nicht auf eine Norm des Bundes-</span><br/> <span class="ft6">rechts oder eines Staatsvertrags berufen kann, die ihr einen Anspruch</span><br/> <span class="ft6">auf eine solche Bewilligung einräumt (BGE 124 II 361 E. 1b mit</span><br/> <span class="ft6">zahlreichen Hinweisen). Sofern sich ausländerrechtliche Anwesen-</span><br/> <span class="ft6">heits- oder Erwerbstitel nicht auf einen Rechtsanspruch stützen kön-</span><br/> <span class="ft6">nen, sind sie ins rechtsgleich und willkürfrei auszuübende behörd-</span><br/> <span class="ft6">liche Ermessen gestellt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">556</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">1.2 Im vorliegenden Fall vermag der Einsprecher weder aus</span><br/> <span class="ft6">dem nationalen Recht noch aus dem Staatsvertragsrecht einen</span><br/> <span class="ft6">Rechtsanspruch geltend zu machen. Die Niederlassungsverträge räu-</span><br/> <span class="ft6">men für sich allein noch keinen Anwesenheitsanspruch ein. Vielmehr</span><br/> <span class="ft6">gewähren einen solchen erst die in Ergänzung zu den</span><br/> <span class="ft6">Niederlassungsverträgen abgeschlossenen Niederlassungsvereinba-</span><br/> <span class="ft6">rungen (Weisungen und Erläuterungen des Bundesamtes für Aus-</span><br/> <span class="ft6">länderfragen über Einreise, Aufenthalt und Niederlassung, Stand</span><br/> <span class="ft6">April 2000, Ziff. 011.11 f. mit Hinweis auf BGE 120 Ib 360 und 110</span><br/> <span class="ft6">Ib 66). Zwar regelt der Vertrag zwischen der Schweiz und der öster-</span><br/> <span class="ft6">reichisch-ungarischen Monarchie vom 7.</span> <span class="ft6">Dezember 1875 (SR</span><br/> <span class="ft6">0.142.111.631), der auch für Ungarn weitergelten soll (vgl. dort</span><br/> <span class="ft6">Fussnote 1), u. a. die Niederlassungsverhältnisse. Doch fehlt es an</span><br/> <span class="ft6">einer Niederlassungsvereinbarung, die einen Anwesenheitsanspruch</span><br/> <span class="ft6">für ungarische Staatsangehörige begründen würde.</span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">2.1 Es ist daher zu prüfen, ob der Neffe des Einsprechers ge-</span><br/> <span class="ft6">stützt auf die Verordnung vom 6. Oktober 1986 über die Begrenzung</span><br/> <span class="ft6">der Zahl der Ausländer (BVO, SR 823.21) ermessensweise zuzulas-</span><br/> <span class="ft6">sen ist. In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist der Umstand,</span><br/> <span class="ft6">dass der Einsprecher zunächst ein "Gesuch um Einreisebewilligung</span><br/> <span class="ft6">zwecks erwerbslosen Aufenthaltes in der Schweiz" einreichte und</span><br/> <span class="ft6">dieses ausschliesslich damit begründete, Aufenthaltszweck sei der</span><br/> <span class="ft6">Beistand und die Pflege seiner Person, sowie die Unterstützung bei</span><br/> <span class="ft6">der Besorgung des einsprechereigenen Einfamilienhauses. Später</span><br/> <span class="ft6">wolle er seinen Neffen adoptieren. Offensichtlich hat der Einsprecher</span><br/> <span class="ft6">dann gemerkt, dass er auf diesem Wege nicht zum beabsichtigten</span><br/> <span class="ft6">Ziel gelangen würde und wählte einen anderen, denn im Einsprache-</span><br/> <span class="ft6">begehren wird als Zweck ausschliesslich die Erwerbstätigkeit des</span><br/> <span class="ft6">Neffen genannt und diese sowohl mit der Betreuung des Einspre-</span><br/> <span class="ft6">chers wie auch mit der Notwendigkeit begründet, einer (Neben-)Er-</span><br/> <span class="ft6">werbstätigkeit nachzugehen. (...)</span><br/> <span class="ft6">2.2 Die BVO enthält in den Art. 31 ff. die Tatbestände erwerbs-</span><br/> <span class="ft6">loser Wohnsitznahme (Schüler, Studenten, Aufenthalte für medizini-</span><br/> <span class="ft6">sche Behandlungen, Übersiedlung von Rentnern, Pflege- und</span><br/> <span class="ft6">Adoptivkinder, Härtefälle). Von den Pflege- und Adoptivkindern</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fremdenpolizeirecht</span> <span class="page_no">557</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">abgesehen, müssen die Voraussetzungen hierzu aber unmittelbar in</span><br/> <span class="ft6">der Person des Gesuchstellers - vorliegend des Einsprechers und</span><br/> <span class="ft6">nicht seines Neffen - erfüllt sein. Eine Aufenthaltsbewilligung für</span><br/> <span class="ft6">Pflege- oder Adoptivkinder scheidet zum Vornherein aus, weil sich</span><br/> <span class="ft6">diese (ihrem klaren Wortlaut gemäss) auf Kinder, d.h. unmündige</span><br/> <span class="ft6">Personen beschränkt. Im Übrigen verlangt der Einsprecher nicht für</span><br/> <span class="ft6">sich selbst eine Anwesenheitsbewilligung, weshalb eine andere er-</span><br/> <span class="ft6">werbslose Wohnsitznahme für seinen Neffen schon an dieser Vor-</span><br/> <span class="ft6">aussetzung scheitert.</span><br/> <span class="ft6">2.3</span><br/> <span class="ft6">2.3.1 Der Einsprecher verlangt für seinen Neffen aber offen-</span><br/> <span class="ft6">sichtlich primär eine Aufenthaltsbewilligung zum Erwerbszweck, un-</span><br/> <span class="ft6">abhängig davon, ob das Betreuungsverhältnis als Erwerbstätigkeit</span><br/> <span class="ft6">qualifiziert wird oder nicht. Der Einsprecher beantragt - als Nebener-</span><br/> <span class="ft6">werb deklariert - die Erwerbstätigkeit seines Neffen in dessen ange-</span><br/> <span class="ft6">stammtem Beruf bei einem <i>Dritten</i>. Eine entsprechende Bewilligung</span><br/> <span class="ft6">steht somit unter den einschlägigen Voraussetzungen von Art. 6 ff.</span><br/> <span class="ft6">BVO (insbesondere den allgemeine Voraussetzungen, Rekrutierungs-</span><br/> <span class="ft6">prioritäten und der Kontingentierung).</span><br/> <span class="ft6">Zunächst konstituiert Art. 7 Abs. 1 BVO den sogenannten In-</span><br/> <span class="ft6">ländervorrang, was bedeutet, dass der Arbeitgeber den Nachweis</span><br/> <span class="ft6">anzutreten hat, dass er keine einheimische Arbeitskraft findet, die</span><br/> <span class="ft6">gewillt und fähig ist, die Arbeit zu den orts- und berufsüblichen</span><br/> <span class="ft6">Lohn- und Arbeitsbedingungen zu leisten. Somit wird vorausgesetzt,</span><br/> <span class="ft6">dass der um Bewilligung nachsuchende Ausländer einen Arbeitgeber</span><br/> <span class="ft6">hat, ansonsten dieser den verlangten Nachweis gar nicht erbringen</span><br/> <span class="ft6">kann.</span><br/> <span class="ft6">2.3.2 Im vorliegenden Fall hat der Einsprecher offensichtlich</span><br/> <span class="ft6">keinen solchen Arbeitgeber für die Nebenerwerbstätigkeit seines</span><br/> <span class="ft6">Neffen beibringen können (Nachweis durch Arbeitsvertrag u.dgl.).</span><br/> <span class="ft6">Die Sektion Aufenthalt ist bei dessen Betreuung im Übrigen zu</span><br/> <span class="ft6">Recht von einer Erwerbstätigkeit im Sinne von Art. 6 BVO ausge-</span><br/> <span class="ft6">gangen. Die Argumentation des Einsprechers, das geltend gemachte</span><br/> <span class="ft6">Betreuungsverhältnis sei keine Erwerbstätigkeit, könnte zwischen</span><br/> <span class="ft6">Verwandten in gerader Linie oder zwischen Ehepartnern allenfalls</span><br/> <span class="ft6">noch akzeptiert werden, wohl aber kaum bei entfernteren Verwand-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">558</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ten. Ansonsten könnte das (fehlende) Kriterium des Verwandt-</span><br/> <span class="ft6">schaftsgrades zwischen x-beliebigen Personen konstruiert werden</span><br/> <span class="ft6">(...), so etwa zwischen einer Person und dem Cousin des Onkels ihres</span><br/> <span class="ft6">(angeheirateten) Schwagers. Das Betreuungsverhältnis zwischen</span><br/> <span class="ft6">Neffe und Onkel ist ohne Zweifel eine Erwerbstätigkeit im Sinne des</span><br/> <span class="ft6">Gesetzes. Diesfalls aber hat der Einsprecher selber den vom Vor-</span><br/> <span class="ft6">rangtatbestand geforderten Nachweis nicht erbracht. Auch aus die-</span><br/> <span class="ft6">sem Grunde ist die Einsprache abzuweisen.</span><br/> <span class="ft6">2.4 Selbst wenn die Voraussetzungen des Vorrangs erfüllt</span><br/> <span class="ft6">wären, so würde das Gesuch spätestens am Erfordernis der Re-</span><br/> <span class="ft6">krutierungspriorität scheitern. Eine Bewilligung kann prinzipiell nur</span><br/> <span class="ft6">Angehörigen aus dem EU- oder EFTA-Raum gewährt werden, was</span><br/> <span class="ft6">lediglich für hochqualifizierte Personen nicht gilt (Art. 8 Abs. 1 und</span><br/> <span class="ft6">2 BVO). Nach Abs. 3 der gleichen Bestimmung kann im arbeits-</span><br/> <span class="ft6">marktlichen Entscheid eine weitere Ausnahme verfügt werden, wenn</span><br/> <span class="ft6">es sich um qualifizierte Arbeitskräfte handelt und besondere Gründe</span><br/> <span class="ft6">diese Ausnahme rechtfertigen.</span><br/> <span class="ft6">Ob der Neffe des Einsprechers eine qualifizierte Arbeitskraft in</span><br/> <span class="ft6">diesem Sinne ist, braucht indessen nicht entschieden zu werden.</span><br/> <span class="ft6">Selbst wenn dies zuträfe, hätte der entsprechende Nachweis über</span><br/> <span class="ft6">einen Arbeitgeber und bezüglich einer spezifischen Tätigkeit zu er-</span><br/> <span class="ft6">folgen. Vorliegendenfalls existiert kein Nebenerwerbsarbeitgeber und</span><br/> <span class="ft6">bezüglich der Betreuung des Einsprechers kann wohl nicht von einer</span><br/> <span class="ft6">qualifizierten Tätigkeit gesprochen werden, zumal der Neffe in der</span><br/> <span class="ft6">Betreuung bedürftiger Menschen nicht qualifiziert ist und für die</span><br/> <span class="ft6">Pflege des Gartens keine Qualifikation als Ingenieuragronome not-</span><br/> <span class="ft6">wendig ist. Es erübrigt sich daher, die eine Ausnahme rechtfertigen-</span><br/> <span class="ft6">den Gründe zu diskutieren.</span><br/></div> </div> </body> </html>