<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">348</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>68</b></span> <span class="ft4"><b>Definitive Steuerveranlagung; Veranlagung unter Vorbehalt (§ 191 Abs. 1</b></span><br/> <span class="ft4"><b>StG)</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Es ist nicht zulässig, eine definitive Steuerveranlagung unter Vorbe-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>halt einiger Punkte (teilweise provisorische Steuerveranlagung) zu</b></span><br/> <span class="ft4"><b>eröffnen, und zu einem späteren Zeitpunkt - nach Ablauf der</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Rechtsmittelfrist - eine in diesen Punkten korrigierte Steuerveran-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>lagung vorzunehmen.</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Die "Veranlagung unter Vorbehalt" wurde als "ordentliche Steuer-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>veranlagung" bezeichnet und das Wort "provisorisch" weder an</b></span><br/> <span class="ft4"><b>prominenter Stelle noch hervorgehoben verwendet. Daher sind die</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Pflichtigen nicht darauf zu behaften, dass sie sich nicht gegen das</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Vorgehen gewehrt haben.</b></span><br/> <span class="ft8">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Steuern,</span><br/> <span class="ft8">vom 20. Februar 2014 in Sachen S. + I.S. (3-RV.2013.36).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">349</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft10"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Rekurrent ist Alleinaktionär und Geschäftsführer der</span><br/> <span class="ft1">S. AG. In der Steuererklärung 2008 deklarierte er Einkünfte aus un-</span><br/> <span class="ft1">selbständiger Erwerbstätigkeit von CHF 101'159.00 und einen</span><br/> <span class="ft1">Steuerwert der Aktien von total CHF 100'000.00.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Mit der definitiven Steuerveranlagung 2008 vom 18. März 2010</span><br/> <span class="ft1">wurden die Rekurrenten zu einem steuerbaren Einkommen von</span><br/> <span class="ft1">CHF 98'200.00 veranlagt. Diese entsprach, abgesehen von der Be-</span><br/> <span class="ft1">rücksichtigung eines Vergütungszinses, der Selbstdeklaration. In</span><br/> <span class="ft1">einem "Beiblatt zur Steuerveranlagung 2008" wurde Folgendes fest-</span><br/> <span class="ft1">gehalten:</span><br/> <span class="ft8">"Bestimmt wundern sie sich, warum sie bis heute noch keine</span><br/> <span class="ft8">definitive Steuerabrechnung für das Jahr 2008 erhalten haben.</span><br/> <span class="ft8">Die Kantonale Steuerverwaltung Aarau [recte: Aargau] hat die</span><br/> <span class="ft8">Freigabe noch nicht erteilt. Weil die Sektion juristische Personen mehrere</span><br/> <span class="ft8">Steuerjahre zusammen bearbeitet und sich dadurch die Prüfung der Wert-</span><br/> <span class="ft8">schriftenverzeichnisse mit den Aktien- bzw. GmbH-Anteilbewertungen</span><br/> <span class="ft8">durch die Sektion Verrechnungssteuern und Wertschriftenbewertung hin-</span><br/> <span class="ft8">auszögert, kann dies bei der privaten Steuerveranlagung zu mehrjährigen</span><br/> <span class="ft8">Verzögerungen führen.</span><br/> <span class="ft8">Um dem entgegenzuwirken eröffnen wir Ihre Steuerveranlagung unter</span><br/> <span class="ft8">dem ausdrücklichen Vorbehalt einer Änderung aufgrund von Meldungen</span><br/> <span class="ft8">des Kantonalen Steueramtes. Sollten sich nachträglich grössere Abwei-</span><br/> <span class="ft8">chungen ergeben, nimmt die Steuerbehörde die Änderungen vor. Dies gilt</span><br/> <span class="ft8">für Lohnnebenleistungen und die Bewertung von Wertschriften und des</span><br/> <span class="ft8">Kapitalertrages. Die anderen Faktoren - sofern sie nicht davon betroffen</span><br/> <span class="ft8">werden - unterstehen der ordentlichen Rechtsmittelfrist.</span><br/> <span class="ft8">Wir gehen davon aus, dass dies ihrem Wunsch entspricht und sie dies</span><br/> <span class="ft8">schätzen. Andererseits [korrekt: Andernfalls] bitten wir Sie, uns dies in-</span><br/> <span class="ft8">nerhalb von 30 Tagen mitzuteilen."</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">350</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Mit "Meldung über Rechnungen und Zahlungen" des KStA vom</span><br/> <span class="ft1">6. Oktober 2010 (handschriftlich korrigiert auf den "9.2.2012")</span><br/> <span class="ft1">wurde dem Gemeindesteueramt B. eine geldwerte Leistung der S.</span><br/> <span class="ft1">AG an den Rekurrenten von CHF 10'583.00 mitgeteilt.</span><br/> <span class="ft1">Gestützt darauf eröffnete die Steuerkommission B. den Re-</span><br/> <span class="ft1">kurrenten eine "Definitive Steuerveranlagung 2008 - Korrektur" vom</span><br/> <span class="ft1">21. Juni 2012, in der die geldwerte Leistung von CHF 10'583.00 zum</span><br/> <span class="ft1">steuerbaren Einkommen gerechnet wurde.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der Einsprache der Rekurrenten vom 18./30. Juli</span><br/> <span class="ft1">2012 eröffnete die Steuerkommission B. die "Definitive Steuerver-</span><br/> <span class="ft1">anlagung 2008 - Korrektur" vom 20. September 2012, in der die</span><br/> <span class="ft1">geldwerte Leistung von CHF 10'583.00 zum steuerbaren Einkommen</span><br/> <span class="ft1">gerechnet, aber privilegiert zu 40 % des Gesamtsatzes besteuert wur-</span><br/> <span class="ft1">de.</span><br/> <span class="ft1">In der Folge, nach einem erneuten Schreiben der Rekurrenten,</span><br/> <span class="ft1">wies die Steuerkommission B. die Einsprache ab, soweit damit die</span><br/> <span class="ft1">Aufhebung der Korrektur-Verfügungen verlangt wurde.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">Umstritten ist, ob es zulässig ist, eine definitive Steuerveran-</span><br/> <span class="ft1">lagung unter Vorbehalt einiger Punkte (teilweise provisorische</span><br/> <span class="ft1">Steuerveranlagung) zu eröffnen, und zu einem späteren Zeitpunkt -</span><br/> <span class="ft1">nach Ablauf der Rechtsmittelfrist von 30 Tagen - eine in diesen</span><br/> <span class="ft1">Punkten korrigierte Steuerveranlagung vorzunehmen.</span><br/> <span class="ft1">Die Steuerkommission B. führt aus, die Rekurrenten hätten die</span><br/> <span class="ft1">Veranlagung unter Vorbehalt nicht innert der Frist von 30 Tagen</span><br/> <span class="ft1">gerügt. Es sei daher nach Treu und Glauben auf den Vorbehalt</span><br/> <span class="ft1">abzustellen. Dies gelte umso mehr, als es sich eindeutig um eine</span><br/> <span class="ft1">geldwerte Leistung handle (Einspracheentscheid). In der Vernehm-</span><br/> <span class="ft1">lassung wird ergänzend ausgeführt, es sei in begründeten Einzel-</span><br/> <span class="ft1">fällen, zur Verhinderung von mehrjährigen Verzögerungen bei Prü-</span><br/> <span class="ft1">fungen von Unternehmen durch das Kantonale Steueramt, zulässig,</span><br/> <span class="ft1">Sofortveranlagungen unter Vorbehalt vorzunehmen. Dies erfolge im</span><br/> <span class="ft1">Interesse der steuerpflichtigen Personen und auch aufgrund der wei-</span><br/> <span class="ft1">teren, von der Veranlagung abhängigen Beiträge wie Kranken-</span><br/> <span class="ft1">kassenprämienverbilligung, Elternbeiträge für Musikunterricht,</span><br/> <span class="ft1">Schullager, Kinderkrippen, Mittagstisch oder Stipendiengesuche.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">351</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Rekurrenten sind dagegen der Ansicht, das StG kenne</span><br/> <span class="ft1">weder eine Teil-Veranlagung noch eine Veranlagung unter Vorbehalt.</span><br/> <span class="ft1">Das Vorgehen der Steuerkommission B. sei rechtlich daher nicht</span><br/> <span class="ft1">haltbar und unbeachtlich. Aus dem Umstand, dass auf den Hinweis</span><br/> <span class="ft1">auf dem Beiblatt nicht reagiert worden sei, könne keine Bindung</span><br/> <span class="ft1">abgeleitet werden (Rekurs).</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Einkommens- und Vermögenssteuern werden für jede</span><br/> <span class="ft1">Steuerperiode festgesetzt und erhoben (§ 58 Abs. 1 StG). Als</span><br/> <span class="ft1">Steuerperiode gilt das Kalenderjahr (§ 58 Abs. 2 StG).</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 225 Abs. 1 StG wird für jede Steuerperiode eine</span><br/> <span class="ft1">provisorische Rechnung zugestellt. Die Höhe der provisorischen</span><br/> <span class="ft1">Rechnung ist in der Regel auf Grund der letzten rechtskräftigen</span><br/> <span class="ft1">Veranlagung und der wirtschaftlichen Entwicklung festzusetzen</span><br/> <span class="ft1">(§ 78 Abs. 1 StGV). Eine provisorische Rechnung kann abgeändert</span><br/> <span class="ft1">werden, wenn anzunehmen ist, dass sie wesentlich vom definitiven</span><br/> <span class="ft1">Steuerbetrag abweicht (§ 78 Abs. 2 StGV).</span><br/> <span class="ft1">Das Veranlagungsverfahren wird von der Veranlagungsbehörde</span><br/> <span class="ft1">mit der Veranlagungsverfügung, mit der die Steuerfaktoren (steuer-</span><br/> <span class="ft1">bares Einkommen und Vermögen), die Steuersätze und die Steuerbe-</span><br/> <span class="ft1">träge festgesetzt werden, abgeschlossen (§ 191 Abs. 1 StG). Abwei-</span><br/> <span class="ft1">chungen von der Steuererklärung gibt sie der steuerpflichtigen Per-</span><br/> <span class="ft1">son spätestens bei der Eröffnung der Veranlagungsverfügung bekannt</span><br/> <span class="ft1">(§ 191 Abs. 2 StG).</span><br/> <span class="ft1">Mit der Veranlagung wird die definitive Schlussabrechnung</span><br/> <span class="ft1">zugestellt (§ 226 Abs. 1 StG).</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Wie sich aus den vorstehenden Bestimmungen ergibt, ist eine</span><br/> <span class="ft1">(teilweise) provisorische Steuerveranlagung im StG nicht vorgese-</span><br/> <span class="ft1">hen. Die dafür erforderliche gesetzliche Grundlage fehlt.</span><br/> <span class="ft1">Dieses Ergebnis wird auch vom KStA in seinen Weisungen</span><br/> <span class="ft1">"Wertschriftenverzeichnis und Verrechnungssteuer" bestätigt, wo</span><br/> <span class="ft1">ausgeführt wird:</span><br/> <span class="ft8">"[Das Veranlagungsprogramm] lässt die Möglichkeit zu, ein</span><br/> <span class="ft8">[Wertschriftenverzeichnis] vor dem Abschluss der Prüfung durch das KStA</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">352</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">freizugeben. Eine solche Freigabe darf aber grundsätzlich nicht erfolgen.</span><br/> <span class="ft8">Sie ist aus formellen Gründen problematisch [...]. Auch wenn bei der Eröff-</span><br/> <span class="ft8">nung der Veranlagung ein entsprechender Vorbehalt gemacht wird, ist eine</span><br/> <span class="ft8">nachträgliche Korrektur rechtlich nicht durchsetzbar."</span><br/> <span class="ft1">Das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich ist ebenfalls der</span><br/> <span class="ft1">Ansicht, dass der im Dispositiv einer Verfügung angebrachte Vor-</span><br/> <span class="ft1">behalt, die Steuerbehörde werde unter gewissen Umständen auf die</span><br/> <span class="ft1">Verfügung zurückkommen, unbeachtlich sei (Rechenschaftsbericht</span><br/> <span class="ft1">an den Kantonsrat [RB] 1998, S. 84).</span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Gründe, die das Gemeindesteueramt B. in der Vernehm-</span><br/> <span class="ft1">lassung für eine Veranlagung unter Vorbehalt vorbringt, vermögen</span><br/> <span class="ft1">daran nichts zu ändern. Insbesondere ist nicht erkennbar, dass sich</span><br/> <span class="ft1">die Rekurrenten jemals beschwert hätten, dass die Steuerveranlagung</span><br/> <span class="ft1">2008 noch nicht eröffnet worden war.</span><br/> <span class="ft1">Zudem macht es keinen Sinn, die von der Steuerveranlagung</span><br/> <span class="ft1">abhängigen Kosten und Beiträge, wie etwa die Krankenkassenprä-</span><br/> <span class="ft1">mienverbilligung von einem - allenfalls zu tiefen - teilweise provi-</span><br/> <span class="ft1">sorischen steuerbaren Einkommen zu berechnen. Wohl gibt es hier</span><br/> <span class="ft1">gegebenenfalls zeitliche Differenzen, da für die Berechnungen in der</span><br/> <span class="ft1">Regel auf die letzte rechtskräftige Steuerveranlagung abgestellt wird.</span><br/> <span class="ft1">Diese (ausserhalb der Steuergesetzgebung liegenden) Nachteile sind</span><br/> <span class="ft1">indes systembedingt hinzunehmen und lassen sich selbst durch die</span><br/> <span class="ft1">Vornahme von Veranlagungen unter Vorbehalt nicht vollständig</span><br/> <span class="ft1">verhindern.</span><br/> <span class="ft1">4.4.</span><br/> <span class="ft1">Zu erwähnen ist schliesslich, dass die Rechtssicherheit bei der</span><br/> <span class="ft1">Vornahme von Veranlagungen unter Vorbehalt erheblich leidet. So</span><br/> <span class="ft1">weiss die steuerpflichtige Person nie, ob noch eine Korrektur zu er-</span><br/> <span class="ft1">warten ist. Und wenn sich keine Korrekturen ergeben, würde allen-</span><br/> <span class="ft1">falls die teilweise provisorische Veranlagung auf Dauer provisorisch</span><br/> <span class="ft1">bleiben, wenn nicht die Steuerkommission die provisorischen</span><br/> <span class="ft1">Positionen noch ausdrücklich als definitiv bezeichnet.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">4.6.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">353</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass die Eröffnung einer</span><br/> <span class="ft1">Veranlagungsverfügung unter Vorbehalt nicht zulässig ist.</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">5.1.</span><br/> <span class="ft1">Der in Art. 9 BV verankerte Grundsatz von Treu und Glauben</span><br/> <span class="ft1">verleiht einer Person einerseits Anspruch auf Schutz des berechtigten</span><br/> <span class="ft1">Vertrauens in unrichtige Zusicherungen, Auskünfte, Mitteilungen</span><br/> <span class="ft1">oder Empfehlungen einer Behörde, andererseits verbietet er wider-</span><br/> <span class="ft1">sprüchliches Verhalten (VGE vom 20. August 2008 in Sachen R.B. +</span><br/> <span class="ft1">U.W.B. [WBE.2008.3], mit Hinweisen auf die bundesgerichtliche</span><br/> <span class="ft1">Rechtsprechung). Auch Veranlagungsverfügungen dürfen nicht wi-</span><br/> <span class="ft1">dersprüchlich, irreführend oder missverständlich sein (Urteil des</span><br/> <span class="ft1">Bundesgerichts vom 31. August 2005 [2A.537/2004]).</span><br/> <span class="ft1">5.2.</span><br/> <span class="ft1">Die hier zu prüfende "Veranlagung unter Vorbehalt" wurde als</span><br/> <span class="ft1">"Definitive Steuerveranlagung 2008" bezeichnet und auf dem glei-</span><br/> <span class="ft1">chen Formular eröffnet, wie die jährliche Veranlagung ohne Vorbe-</span><br/> <span class="ft1">halt. Das Wort "provisorisch" wurde weder an prominenter Stelle</span><br/> <span class="ft1">noch irgendwie hervorgehoben (zum Beispiel durch Fettschrift)</span><br/> <span class="ft1">verwendet. Zudem ist in der Veranlagung die "Steuerrechnung 2008"</span><br/> <span class="ft1">enthalten, bei der es sich um eine definitive Schlussabrechnung im</span><br/> <span class="ft1">Sinne von § 226 Abs. 1 StG handelt.</span><br/> <span class="ft1">Insgesamt vermochte die Veranlagung ohne weiteres den</span><br/> <span class="ft1">Eindruck zu erwecken, dass es sich um eine ordentliche definitive</span><br/> <span class="ft1">Steuerveranlagung für das Jahr 2008 im Sinne von § 191 Abs. 1 StG</span><br/> <span class="ft1">handelt. Dies gilt umso mehr, als - wie vorne erwähnt - eine</span><br/> <span class="ft1">Veranlagung unter Vorbehalt im StG nicht vorgesehen ist und die</span><br/> <span class="ft1">Rekurrenten daher mit einer solchen nicht rechnen mussten. Hinzu</span><br/> <span class="ft1">kommt schliesslich, dass in der Veranlagung die Steuerfaktoren -</span><br/> <span class="ft1">ausser der Erfassung des Vergütungszinses für zu viel bezahlte</span><br/> <span class="ft1">Steuern - unverändert gemäss der Steuererklärung 2008 der Re-</span><br/> <span class="ft1">kurrenten übernommen wurden.</span><br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">Zu prüfen ist schliesslich, ob die Rekurrenten gestützt auf den</span><br/> <span class="ft1">Grundsatz von Treu und Glauben auf die "Steuerveranlagung unter</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">354</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Vorbehalt" zu behaften sind, da sie sich nach deren Eröffnung nicht</span><br/> <span class="ft1">gegen das Vorgehen gewehrt haben.</span><br/> <span class="ft1">Dazu ist vorab festzuhalten, dass es stossend ist, wenn die</span><br/> <span class="ft1">Steuerkommission B. bewusst eine gesetzlich nicht vorgesehene</span><br/> <span class="ft1">"Veranlagung unter Vorbehalt" eröffnet und in der Folge die</span><br/> <span class="ft1">Rekurrenten gestützt auf den Grundsatz von Treu und Glauben daran</span><br/> <span class="ft1">zu binden versucht.</span><br/> <span class="ft1">Zudem war, wie bereits in Erw. 5.2. ausgeführt, nicht auf den</span><br/> <span class="ft1">ersten Blick zu erkennen, dass die Veranlagung "nur" unter Vorbehalt</span><br/> <span class="ft1">erfolgt ist. Den Rekurrenten kann jedenfalls kein Verstoss gegen den</span><br/> <span class="ft1">Grundsatz von Treu und Glauben vorgeworfen werden.</span><br/> <span class="ft1">5.4.</span><br/> <span class="ft1">Die Veranlagungsverfügung vom 18. März 2010 stellt damit</span><br/> <span class="ft1">entsprechend ihrer Bezeichnung eine "definitive Steuerveranlagung</span><br/> <span class="ft1">2008" im Sinne von § 191 Abs. 1 StG dar.</span><br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">6.1.</span><br/> <span class="ft1">6.1.1.</span><br/> <span class="ft1">Formell rechtskräftige Steuerverfügungen sind grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">unabänderlich. Die Steuerfestsetzung wird damit für den Steuer-</span><br/> <span class="ft1">pflichtigen wie für das Gemeinwesen endgültig. Auf eine rechtskräf-</span><br/> <span class="ft1">tige Verfügung bzw. einen rechtskräftigen Entscheid kann nur</span><br/> <span class="ft1">ausnahmsweise zurückgekommen werden, wenn ein gesetzlicher</span><br/> <span class="ft1">Änderungsgrund erfüllt ist (BGE 121 II 273; Kommentar zum</span><br/> <span class="ft1">Aargauer Steuergesetz, 3. Auflage, Muri-Bern 2009, § 201 StG N 2).</span><br/> <span class="ft1">6.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Veranlagungsverfügung vom 18. März 2010 ist in Rechts-</span><br/> <span class="ft1">kraft erwachsen. Darauf hätte die Steuerkommission B. somit nur</span><br/> <span class="ft1">zurückkommen dürfen, wenn ein im Steuergesetz vorgesehener</span><br/> <span class="ft1">Änderungsgrund erfüllt war (ebenso: RB 1988 S. 84). Dies ist im</span><br/> <span class="ft1">Folgenden zu prüfen.</span><br/> <span class="ft1">6.2.</span><br/> <span class="ft1">6.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Im Steuergesetz ist für die Korrektur einer rechtskräftigen</span><br/> <span class="ft1">Verfügung zu Gunsten der steuerpflichtigen Person die Revision ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss § 201 ff. StG vorgesehen. Die Voraussetzungen sind vorliegend</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">355</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">offensichtlich nicht erfüllt, da das steuerbare Einkommen mit den</span><br/> <span class="ft1">Korrekturverfügungen vom 21. Juni 2012 bzw. 20. September 2012</span><br/> <span class="ft1">zu Ungunsten der Rekurrenten erhöht wurde.</span><br/> <span class="ft1">6.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Sowohl zu Gunsten als auch zu Ungunsten der steuerpflichtigen</span><br/> <span class="ft1">Person können gemäss § 205 StG Rechnungsfehler und Schreibver-</span><br/> <span class="ft1">sehen in rechtskräftigen Verfügungen berichtigt werden. Im vorlie-</span><br/> <span class="ft1">genden Fall ist indes weder das Eine noch das Andere gegeben.</span><br/> <span class="ft1">6.3.</span><br/> <span class="ft1">6.3.1.</span><br/> <span class="ft1">In § 206 ff. StG sind schliesslich die Nachsteuern geregelt.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 206 Abs. 1 StG gilt Folgendes:</span><br/> <span class="ft8">"Ergibt sich aufgrund von Tatsachen oder Beweismitteln, die der</span><br/> <span class="ft8">zuständigen Steuerbehörde nicht bekannt waren, dass eine Veranlagung zu</span><br/> <span class="ft8">Unrecht unterblieben oder eine rechtskräftige Veranlagung unvollständig ist,</span><br/> <span class="ft8">oder ist eine unterbliebene oder unvollständige Veranlagung auf ein</span><br/> <span class="ft8">Verbrechen oder Vergehen zurückzuführen, wird die nicht erhobene Steuer</span><br/> <span class="ft8">samt Zins als Nachsteuer eingefordert."</span><br/> <span class="ft1">Die Nachsteuer setzt gemäss § 209 StG das KStA fest.</span><br/> <span class="ft1">6.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend hätte, da die Veranlagungsverfügung vom 18. März</span><br/> <span class="ft1">2010 in Rechtskraft erwachsen war, ein Nachsteuerverfahren eröffnet</span><br/> <span class="ft1">und, bei Vorliegen der Voraussetzungen, die nicht erhobene Steuer</span><br/> <span class="ft1">als Nachsteuer eingefordert werden müssen. Für die Festsetzung von</span><br/> <span class="ft1">Nachsteuern fehlt der Steuerkommission B. aber die Kompetenz. Die</span><br/> <span class="ft1">Korrekturverfügungen vom 21. Juni 2012 bzw. 20. September 2012</span><br/> <span class="ft1">wurden somit von der unzuständigen Steuerkommission B. ohne</span><br/> <span class="ft1">gesetzliche Grundlage erlassen. Diese sind aufzuheben. Dabei kann,</span><br/> <span class="ft1">da sie angefochten wurden, offen gelassen werden, ob die Korrek-</span><br/> <span class="ft1">turverfügungen nichtig oder nur anfechtbar sind. Ebenso aufzuheben</span><br/> <span class="ft1">ist damit der Einspracheentscheid vom 18. Dezember 2012.</span><br/> <span class="ft1">6.4.</span><br/> <span class="ft1">6.4.1.</span><br/> <span class="ft1">In den Weisungen "Nachsteuern und Bussen" des KStA vom</span><br/> <span class="ft1">30. November 2000 (Fassung vom 31. Januar 2008) wird das Folgen-</span><br/> <span class="ft1">de ausgeführt:</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">356</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">"5. Rektifikat</span><br/> <span class="ft8">Für die Vornahme eines Rektifikats bestehen keine gesetzlichen</span><br/> <span class="ft8">Grundlagen. Obwohl sich in der Praxis diese Möglichkeit der Verfahrens-</span><br/> <span class="ft8">erledigung in der Regel bewährt hat, ist davon nur begrenzt und unter</span><br/> <span class="ft8">Einhaltung folgender Bedingungen Gebrauch zu machen:</span><br/> <span class="ft8">Die steuerpflichtige Person ist (ohne Einschüchterung mit einem</span><br/> <span class="ft8">allfälligen Nachsteuer- und Bussenverfahren) damit einverstan-</span><br/> <span class="ft8">den;</span><br/> <span class="ft8">Es handelt sich um eine betragsmässig eher geringfügige Korrek-</span><br/> <span class="ft8">tur;</span><br/> <span class="ft8">Es liegt kein oder nur ein leichtes Verschulden der steuerpflich-</span><br/> <span class="ft8">tigen Person vor;</span><br/> <span class="ft8">Die zuständige Steuerkommissärin bzw. der zuständige Steuer-</span><br/> <span class="ft8">kommissär erklären zum vorgesehenen Rektifikat ihr Einver-</span><br/> <span class="ft8">ständnis.</span><br/> <span class="ft8">In Grenzfällen ist mit dem Kantonalen Steueramt, Sektion Spezial-</span><br/> <span class="ft8">steuern, Nachsteuern und Bussen, Rücksprache zu nehmen."</span><br/> <span class="ft1">6.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall waren die erwähnten Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft1">nicht erfüllt. So sind die Rekurrenten gar nie aufgefordert worden,</span><br/> <span class="ft1">sich zur Art der Verfahrenserledigung zu äussern. Zudem waren und</span><br/> <span class="ft1">sind sie offensichtlich mit dem Umfang der Erhöhung des steuer-</span><br/> <span class="ft1">baren Einkommens im Rahmen des "Rektifikats" nicht einver-</span><br/> <span class="ft1">standen.</span><br/> <span class="ft1">Offen bleiben kann, ob ein "Rektifikat" anerkannt werden könn-</span><br/> <span class="ft1">te, wenn die steuerpflichtige Person ursprünglich damit einverstan-</span><br/> <span class="ft1">den ist, jedoch im Nachhinein eine Einsprache und in der Folge einen</span><br/> <span class="ft1">Rekurs dagegen erhebt.</span><br/> <span class="ft1">7.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend sind in Gutheissung des Rekurses der Eins-</span><br/> <span class="ft1">pracheentscheid vom 18. Dezember 2012 und die Korrekturver-</span><br/> <span class="ft1">fügungen vom 21. Juni 2012 bzw. 20. September 2012 aufzuheben.</span><br/></div> </div> </body> </html>