Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 3. Februar 2022 (720 20 282 / 25) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente: Würdigung des medizinischen Sachverhalts Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richter Christof Enderle, Gerichtsschreiber Markus Schäfer Parteien GastroSocial Pensionskasse , Buchserstrasse 1, Postfach 2304, 5001 Aarau 1, Beschwerdeführerin gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Beigeladene A. ___, vertreten durch Ana Dettwiler, Rechtsanwältin, Advokatur am Fischmarkt, Fischmarkt 12, 4410 Liestal Betreff IV-Rente betr. A.____ A. Die 1983 geborene, seit 21. Juli 2008 als Schichtche fin bei der B.____ AG tätige A.____ meldete sich am 2. August 2012 unter Hinweis a uf Kniebeschwerden bei der Eidgenös- sischen Invalidenversicherung (IV) zum Bezug von Leistung en an. Die IV-Stelle Basel- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Landschaft veranlasste verschiedene Abklärungen, insbesond ere holte sie mehrere medizini- sche Gutachten zum Gesundheitszustand und zur Arbeitsfäh igkeit der Versicherten ein. Auf dieser Grundlage ermittelte die IV-Stelle bei der Ve rsicherten Invaliditätsgrade von 60 % ab 1. Oktober 2013, von 100 % ab 25. April 2016 und wie derum von 60 % ab 1. August 2016. Ge- stützt auf diese Ergebnisse sprach sie A.____ - nach durch geführtem Vorbescheidverfahren - mit Verfügung vom 17. Juli 2020 für den Zeitraum vom 1. Oktober 2013 bis 30. Juni 2016 eine Dreiviertelsrente, für die Periode vom 1. Juli 2016 bi s 31. Oktober 2016 eine ganze Rente und ab 1. November 2016 erneut eine - unbefristete - Dreiviertelsrente zu. B. Gegen diese Verfügung erhob die GastroSocial Pensio nskasse am 4. August 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversich erungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte sie, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei der Versicherten aus somatischer Sicht ab März 2016 eine Viertelsrente und a b Juli 2016 bis Oktober 2016 eine be- fristete ganze Rente zuzusprechen. Sodann sei aufgrund e iner Verschlechterung aus psychiat- rischer Sicht per November 2019 eine neue Wartefrist zu eröffnen und der Versicherten per November 2020 eine Invalidenrente zuzusprechen; unter o /e-Kostenfolge zu Lasten der Be- schwerdegegnerin. C. Mit Verfügung vom 6. August 2020 lud das Kantonsge richt die Versicherte A.____ zum vorliegenden Beschwerdeverfahren bei. D. Am 10. September 2020 teilte Advokatin Ana Dettwi ler dem Kantonsgericht mit, dass die Beigeladene sie im vorliegenden Beschwerdeverfahren mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragt habe. Gleichzeitig beantragte sie, es seien ihrer Mandantin für das vorliegende Ver- fahren die unentgeltliche Prozessführung und die unen tgeltliche Verbeiständung mit ihrer Rechtsvertreterin zu bewilligen. Diesem Ersuchen entsp rach das Kantonsgericht mit Verfügung vom 15. September 2020. E. Die IV-Stelle beantragte in ihrer Vernehmlassung vo m 23. September 2020 die Abwei- sung der Beschwerde. F. In der Stellungnahme vom 3. Dezember 2020 liess d ie Beigeladene durch ihre Rechts- vertreterin Ana Dettwiler beantragen, es sei die Besch werde vollumfänglich abzuweisen; unter o/e-Kostenfolge, wobei davon Vormerk zu nehmen sei, d ass ihr mit Verfügung vom 15. Sep- tember 2020 die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung bewilligt worden seien. G. Anlässlich der Urteilsberatung vom 22. April 2021 g elangte das Kantonsgericht zum Ergebnis, dass eine abschliessende Beurteilung der Angelegenheit gestützt auf die vorhandene medizinische Aktenlage nicht möglich sei. Das Kantonsgericht beschloss deshalb, den Fall aus- zustellen und zur Klärung der medizinischen Sachlage bei PD Dr. med. C.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, ein psychiatrisches Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. Im Anhang zu diesem Beschluss unterbreitete das Kantonsgericht den P arteien den Entwurf des entspre- chenden Auftrags und den vorgesehenen Fragenkatalog. Die Parteien erhoben keine Einwände Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht gegen die Person des Gutachters. Ebenso verzichteten sie darauf, (eigentliche) Zusatzfragen zu stellen; die Beschwerdeführerin bat den Gerichtsguta chter jedoch für den Fall, dass er eine Arbeitsfähigkeit vor November 2017 attestieren sollte, um eine vertiefte Auseinandersetzung mit den beiden im Administrativverfahren eingeholten psychia trischen Gutachten vom August 2015 und November 2017. Am 15. Juni 2021 erging der Begut achtungsauftrag des Kantonsgerichts an PD Dr. C.____. H. Am 10. September 2021 erstattete PD Dr. C.____ sei n psychiatrisches Gerichtsgutach- ten. Die Parteien erhielten Gelegenheit, sich zum Inh alt des Gutachtens und zur Frage zu äus- sern, wie sich dessen Ergebnisse auf den Leistungsanspru ch der Versicherten auswirken wür- den. Die IV-Stelle teilte am 1. Oktober 2021 mit, da s Gerichtsgutachten erschiene ihr nicht ge- eignet, die der angefochtenen Verfügung zu Grunde li egenden Befunde in Zweifel zu ziehen. Gleichzeitig legte sie ihren Ausführungen eine Beurte ilung von Dr. med. D.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) beider Basel, vom 23. September 2021 bei. Die Beschwerdeführerin nahm am 4. Oktober 2 021 Stellung. Sie hielt fest, dass sie dem detaillierten und umfangreichen Gerichtsgutachten von PD Dr. C.____ nichts anzufügen habe. Der medizinische Sachverhalt erscheine nunmehr als lückenlos dokumentiert und die Anträge gemäss Beschwerde vom 4. August 2020 seien wie folgt anzupassen: In Gutheissung dieser Beschwerde sei die Verfügung der IV-Stelle vom 17. Juli 2020 aufzuheben und es sei der Invaliditätsgrad gestützt auf das Gerichtsgutachten vo m 10. September 2021 neu zu be- messen; unter o/e-Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdegeg nerin. Die Beigeladene schliess- lich äusserte sich am 18. Oktober 2021 dahingehend, dass das Gerichtsgutachten von PD Dr. C.____ die bundesgerichtlichen Anforderungen an d en Beweiswert erfülle, so dass darauf abgestellt werden könne. Sie beantrage deshalb, die a ngefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei "der Beschwerdeführerin" (richtig wohl: der Beigeladenen) mit Wirkung ab 1. Oktober 2013 eine ganze IV-Rente zusprechen. I. Mit Verfügung vom 20. Oktober 2021 überwies der in struierende Präsident die Angele- genheit dem Dreiergericht zur (erneuten) Beurteilung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes ü ber die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.2 Wurde, wie vorliegend, eine (präsumtiv leistungsp flichtige) Vorsorgeeinrichtung unbe- strittenermassen rechtzeitig in das invalidenversicherun gsrechtliche Verfahren einbezogen und ihr die (Renten-) Verfügung formgültig eröffnet, sin d die wesentlichen Feststellungen und Beur- teilungen für die Festsetzung des Invaliditätsgrads im Entscheid, der das invalidenversiche- rungsrechtliche Verfahren abschliesst, für sie grundsätzlic h verbindlich, sofern diese nicht of- fensichtlich unhaltbar sind (Urteil des Bundesgerichts vom 1. Dezember 2020, 9C_552/2020, E. 3.2 mit Hinweisen; BGE 132 V 1 E. 3.2 mit Hinweise n). Vorliegend war die Beschwerde füh- rende Vorsorgeeinrichtung ins IV-Verfahren einbezogen, so dass sie nach dem Gesagten an den Entscheid der IV-Stelle gebunden ist. Es kommt ihr deshalb ein selbständiges Beschwerde- recht gegen die strittige Verfügung der IV-Stelle vom 17. Juli 2020 zu. 1.3 Nach dem Gesagten ist auf die - im Übrigen frist- und formgerecht erhobene - Be- schwerde der Vorsorgeeinrichtung vom 4. August 2020 einzutreten. 1.4 Da die Versicherte vom Ausgang des Prozesses mitbetrof fen ist, hat das instruierende Präsidium des Kantonsgerichts sie mit Verfügung vom 6. A ugust 2020 richtigerweise zum vor- liegenden Beschwerdeverfahren beigeladen. 2. Am 1. Januar 2022 trat die vom Gesetzgeber am 19. Juni 2020 beschlossene Ände- rung des IVG ("Weiterentwicklung der IV", WEIV) in Kra ft. Die vorliegend angefochtene Verfü- gung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgeme inen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V 354 E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmun gen des IVG und diejenigen der Ver- ordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 sowie des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (AT SG) vom 6. Oktober 2000 in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendb ar (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Februar 2022, 8C_455/2021, E. 2). Sie werden im Folgenden jeweils in dieser Version wie- dergegeben, zitiert und angewendet. 3. Streitig und zu prüfen ist der Rentenanspruch der Beigeladenen. 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die du rch eine Beeinträchtigung der körper- lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, vo lle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbei t zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Ber uf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die vo raussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie k ann im IV-Bereich Folge von Geburts- gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IV G). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommende n allgemeinen Arbeitsmarkt zu ver- stehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der g esundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 3.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach de m Grad der Invalidität wie folgt ab- gestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 3.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs (BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Untervar ianten des Schätzungs- oder Prozent- vergleichs (BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausserordentlichen Methode (BGE 128 V 29). 4.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls a uch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2, 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die ander e medizinische These abstellt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2). Hinsichtlich des Beweiswertes eine s Arztberichtes ist demnach entschei- dend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntn is der Vorakten (Anamnese) abge- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht geben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Z usammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schl ussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 4.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). 4.3.1 So weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach de r Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholt es Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt. Eine abw eichende Beurteilung kann ferner ge- rechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserung en anderer Fachexperten dem Ge- richt als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens a bweichende Schlussfolgerun- gen zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/aa mit Hinweisen). 4.3.2 Im Weiteren ist den im Rahmen des Verwaltungsver fahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund e ingehender Beobachtungen und Unter- suchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befun- de zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswür digung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 5.1 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltend en psychischen Leiden belastenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen ke in Krankheitswert zukommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat vorau s, das die Arbeits- und Erwerbsfähig- keit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der weiteren Frage zentrale Bedeutung zu, ob u nd inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig er- wartet werden kann, zu arbeiten und einem Erwerb nach zugehen (BGE 127 V 294 E. 5a mit Hinweisen). Zur Annahme einer durch eine psychische Gesund heitsbeeinträchtigung verur- sachten Erwerbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehme n ist, die Verwertung der Arbeitsfä- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht higkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder - als alternative Voraussetzung - sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; vgl. auch BGE 127 V 294 E. 4c in fine). 5.2 Zu ergänzen ist, dass das Bundesgericht mit BGE 143 V 418 entschieden hat, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukt urierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind. Dieses Verfahren de finiert systematisierte Indikatoren, die - unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Bela stungsfaktoren einerseits und Kom- pensationspotentialen (Ressourcen) anderseits - im Reg elfall erlauben, das tatsächlich erreich- bare Leistungsvermögen ergebnisoffen und symmetrisch zu beurteilen (BGE 141 V 281 E. 3.6). Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diagnostische n Einordnung des Leidens, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen hat (BGE 143 V 409 E. 4.5.2 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2). 6.1 Die IV-Stelle holte zur Abklärung des Gesundheitszusta nds und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten bei den Dres. med. E.____, Innere M edizin und Rheumatologie FMH, und F.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, das rheumatol ogisch-psychiatrische Gutachten vom 14. August/23. Oktober 2015 ein. Im psychiatrischen Tei lgutachten vom 14. August 2015 gelangte Dr. F.____ zur Auffassung, dass bei der Explo randin keine psychiatrische Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vorliege. Entsprechend bestehe aus psychiatrischer Sicht in jeder beruflichen Tätigkeit eine volle Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Dr. E.____ erhob im rheumatologischen Teilgutachten vom 23. Oktober 2015 al s Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ein bilaterales femoro-patellar es und trochleares Schmerzsyndrom (ICD-10 M22.4) und ein lumbovertebrales Schmerzsyndrom (ICD-1 0 M54.5). Aufgrund dieser Beein- trächtigungen sei die Versicherte in der angestammten T ätigkeit als Schichtchefin in einem Ca- fé und in jeglichen körperlich schweren bis mittelschwe ren Verweistätigkeiten vollständig ar- beitsunfähig. Dagegen bestehe in einer rücken- und knie adaptierten leichten Verweistätigkeit eine volle Arbeits- und Leistungsfähigkeit. In ihrer bi disziplinären Konsensbesprechung kamen die Dres. E.____ und F.____ zum Schluss, dass diese rhe umatologische Beurteilung hinsicht- lich der Einschätzung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit massgebend sei. 6.2 In einem Verlaufsgutachten vom 8. November 2017/15 . Januar 2018 gelangten die Dres. E.____ und F.____ weitestgehend zu identischen Ei nschätzungen wie anlässlich ihrer vorstehend geschilderten Erstbegutachtung. Dr. F.____ hielt fest, dass sich aus psychiatrischer Sicht nach wie vor keine Diagnose mit Einfluss auf die A rbeitsfähigkeit erheben lasse. Als Be- einträchtigungen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfäh igkeit diagnostizierte Dr. F.____ eine Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0), ängstlich-vermeid ende Persönlichkeitszüge (ICD-10 Z73.1) und eine Essstörung (ICD-10 F50.9). Insgesamt bestünden keine Hinweise, dass die Arbeitsfähigkeit der Explorandin aus psychiatrischer Sicht jemals eingeschränkt gewesen sei. Auch der rheumatologische Gutachter Dr. E.____ wieder holte im Wesentlichen die im Rahmen der Erstbegutachtung gestellten Diagnosen und seine da malige Beurteilung der Arbeitsfähig- keit. Ergänzend hielt er fest, dass es zwischenzeitlich weg en zusätzlich aufgetretener Kniebe- schwerden zu einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit g ekommen sei. Aktenkundig habe diese vom 1. März 2016 bis 24. April 2016 50 % und vom 2 5. April 2016 - dem Datum der Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht rechtsseitig durchgeführten Knieoperation - bis Ende J uli 2016 100 % betragen. Anschliessend habe wieder eine volle Belastbarkeit und Arbeitsfähi gkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit bestanden. 6.3 Nachdem im Vorbescheidverfahren eine ausführliche S tellungnahme der behandeln- den Psychiaterin Dr. med. G.____, Psychiatrie und Psychot herapie FMH, vom 16. April 2019 eingegangen war, entschloss sich die IV-Stelle, bei Prof. Dr. med. H.____, Psychiatrie und Psy- chotherapie FMH, ein neuerliches psychiatrisches (Verlaufs-) Gutachten einzuholen. In ihrer Expertise, die sie am 6. November 2019 erstattete, hiel t die genannte Fachärztin als psychiatri- sche Diagnosen eine somatoforme Störung (ICD-10 F45.0 ), eine ängstlich-vermeidende Per- sönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.6) und eine "Binge Eati ng Störung" (ICD-10 F50.0) fest. Zur Frage der Arbeitsfähigkeit führte Prof. Dr. H.____ a us, in der bisherigen Tätigkeit sei die Versi- cherte zu 100 % arbeitsunfähig. In einer angepassten T ätigkeit sei sie aufgrund der komplexen Symptomatik zu 60 % beeinträchtigt. Dies gelte seit "dem Ende der Arbeitsfähigkeit, d.h. seit dem März 2010." Die angepasste Tätigkeit bestehe bevorz ugt aus Bürotätigkeit. Im Übrigen sei das von Dr. E.____ im rheumatologischen Gutachten vom Januar 2018 formulierte Zumutbar- keitsprofil massgebend. Darüber hinaus sollte die angep asste Tätigkeit aus psychiatrischer Perspektive nicht mit hohen Anforderungen an Leistung u nd Geschwindigkeit einhergehen und in einer wertschätzenden Atmosphäre erfolgen. 6.4 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ver fügung vom 17. Juli 2020 bei der Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähi gkeit der Versicherten auf das rheu- matologische Gutachten von Dr. E.____ vom 15. Januar 20 18 und auf das psychiatrische Gut- achten von Prof. Dr. H.____ vom 6. November 2019. Sie ging demzufolge davon aus, dass der Versicherten aus medizinisch-theoretischer Sicht seit März 20 10 eine Verweistätigkeit in einem 40 %-Pensum zumutbar sei, wobei im Anschluss an die Knie operation vom 25. April 2016 bis Ende Juli 2016 gar keine Arbeitsfähigkeit bestanden habe. 6.5.1 Das Kantonsgericht gelangte anlässlich der ersten U rteilsberatung vom 22. April 2021 zum Schluss, dass dem psychiatrischen Gutachten von Prof. D r. H.____ vom 6. November 2019 bei der Beurteilung des Gesundheitszustands und d er Arbeitsfähigkeit der Versicherten keine ausschlaggebende Beweiskraft zukomme. Der Hauptman gel dieses Gutachtens liege darin, dass einige für die Beurteilung des medizinischen Sachverhalts massgebende Feststel- lungen und Einschätzungen nicht oder jedenfalls nur un zureichend begründet würden. So falle bereits in formaler Hinsicht auf, dass die Gutachterin bei den erhobenen Diagnosen keine Un- terscheidung treffe zwischen Diagnosen mit und solchen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfä- higkeit. Als zu oberflächlich würden sich sodann die Au sführungen der Gutachterin zu der von ihr diagnostizierten Persönlichkeitsstörung erweisen. So führe sie zwar einzelne der hierfür laut der ICD-10-Klassifikation vorausgesetzten Kriterien auf , es fehle aber eine Aufzählung sämtli- cher Kriterien und eine Würdigung, wie viele der Krit erien in welcher Ausprägung im vorliegen- den Fall erfüllt seien. Im Weiteren unterlasse es Prof . Dr. H.____ - und darin liege ein wesentli- cher Mangel des Gutachtens - ihre Einschätzung der Arbeit sfähigkeit näher zu begründen. Sie beschränke sich auf die Aussage, dass die Explorandin "in e iner angepassten Tätigkeit auf- grund der komplexen Symptomatik zu 60 % beeinträchtigt " sei. Weder werde "die Komplexität Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Symptomatik" erklärt noch gehe aus der Ressourcenwürdi gung hervor, weshalb die Fähig- keiten in den einzelnen Bereichen leicht-, mittel- od er schwergradig beeinträchtigt seien. Ein weiterer erheblicher Mangel der Expertise liege schliessl ich im Umstand, dass die Gutachterin die Zumutbarkeitsbeurteilung auch in zeitlicher Hinsich t nicht plausibel begründe. Sie halte le- diglich fest, dass ihre Zumutbarkeitsbeurteilung "seit d em Ende der Arbeitsfähigkeit" (gemeint ist wohl: der Arbeitstätigkeit), "d.h. seit dem März 2 010" gelte. Aus den Akten gehe nun aller- dings hervor, dass die Versicherte ab Dezember 2012 wiede r in einem Pensum von 80 % zu arbeiten begonnen habe. Dazu komme, dass eine psychiatrisch e Symptomatik erstmals im Be- richt der Klinik I.____ vom 28. Mai 2014 beschrieben we rde, weshalb eine psychiatrisch be- gründete Arbeitsunfähigkeit rückwirkend seit März 2010 - jedenfalls ohne einlässlichere Be- gründung durch die Gutachterin - nicht plausibel erscheine. 6.5.2 Da die übrigen damals vorliegenden medizinischen Berichte ebenfalls keine ausrei- chende Grundlage für eine abschliessende Beurteilung d er Beschwerde bildeten, beschloss das Kantonsgericht, den Fall auszustellen und eine zusätzl iche Abklärung des medizinischen Sachverhalts im Rahmen eines psychiatrischen Gerichtsguta chtens vornehmen zu lassen. Mit dessen Erstellung wurde in der Folge PD Dr. C.____ beauftragt. 7.1 Am 10. September 2021 erstattete PD Dr. C.____ se in Gerichtsgutachten. Darin erhob er gestützt auf eine ambulant-psychiatrische Untersuchung der Explorandin und auf die medizi- nische Aktenlage als Diagnosen mit Auswirkungen auf die A rbeitsfähigkeit eine selbstunsichere Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.6), eine leichte dep ressive Episode (ICD-10 F32.0) und eine Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0). 7.2.1 Im Abschnitt "Begründung der Diagnosen und diff erenzialdiagnostische Diskussion" führte PD Dr. C.____ aus, im Rahmen der Begutachtung habe die vertiefte Erhebung der Sys- tem-, insbesondere aber der Berufsanamnese, ergeben, d ass die Explorandin während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn nie in der Lage gewesen sei, eine Arbeitsstelle "entspannt" und mit ausreichender Selbstsicherheit zu belegen. Die Explor andin sei zwar während insgesamt ca. zehn Jahren im ersten Arbeitsmarkt tätig gewesen, all erdings sei diese Berufsanamnese diskontinuierlich gewesen und immer wieder unterbrochen worden. Insbesondere aber habe die bisherige Berufsanamnese für die Explorandin eine per manente Anstrengung bedeutet, die im Verlauf zu einer relevanten Erschöpfung ihrer innerpsych ischen Ressourcen habe führen müs- sen. Die Versicherte zeige in ihrer Anamnese jenen fast klassischen Verlauf, den man bei zahl- reichen Menschen mit Persönlichkeitsstörungen erkennen könne: Die berufliche Tätigkeit könne zwar über einen gewissen Zeitraum hinweg aufrechterhalt en werden, die ständige Zuhilfenah- me inadäquater Abwehrmechanismen führe jedoch zur perm anenten innerpsychischen Labili- sierung und zur zunehmenden innerpsychischen Erschöpfung. Zu sätzliche äussere Belastun- gen - wie hier die Knieoperation im März 2013 und de r Tod des Vaters im August 2013 - reich- ten dann aus, um den endgültigen Verlust dieses vorbeste hend labilen Gleichgewichts herbei- zuführen, was gleichbedeutend damit sei, dass die inner psychischen Ressourcen in kurzer Zeit massiv und nicht selten vollständig erschöpfen würden. Wie ausgeprägt die Selbstunsicherheit dieser Explorandin sei, zeige aber nicht nur die Berufsa namnese, sondern auch die äusserst defizitäre und rudimentär anmutende Sozialanamnese. E s sei der Explorandin bis heute nicht Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht gelungen, einen eigentlichen Bekanntenkreis zu etablie ren, der über einige wenige Kolleginnen hinausgehe. Sie teile dazu mit, dass sie unterdessen vie l lieber alleine sei, weil sie einer Freundschaft "nicht gerecht werden" könne. Damit bringe sie nicht nur ihre ausgesprochene Selbstunsicherheit, sondern den Kern ihrer innerpsychisch en Struktur, nämlich ihre schwere, primäre narzisstische Insuffizienz, überaus deutlich zum Ausdruck. Aufgrund dieser diversen Beurteilungsdimensionen könne festgehalten werden, dass bei der Explorandin die Kardinaldefinition für eine Persönlichkeitsstörung erfüllt sei, wonach ab verhält- nismässig frühem Lebensalter zentrale Bereiche der priva ten, sozialen und beruflichen Anam- nese nachhaltig und relevant tangiert sein müssten. Bei m Vorliegen einer regelrechten Persön- lichkeitsstörung stünden der Explorandin lediglich unsubl imierte, d.h. deutlich unausgereifte Abwehrmechanismen bzw. Bewältigungsstrategien in Belastu ngs- und Konfliktsituationen zur Verfügung, sodass sie in solchen Situationen dazu präde stiniere, sekundäre psychische Symp- tomformationen bzw. eine Exazerbation vorbestehender p sychischer Symptomformationen zu entwickeln. Die bei ihr vorhandenen Defizite in sämtlich en relevanten anamnestischen Lebens- bereichen würden weit über jenes Ausmass hinausgehen, w elches man bei blossen Persön- lichkeitsakzentuierungen vorfinde. Wenn es darum gehe, diese Persönlichkeitsstörung zu subtyp isieren, so könne man aufgrund obiger Gesamtschau ohne Weiteres eine selbstunsichere Pe rsönlichkeitsstörung diagnostizie- ren, für welche als Synonym auch der Begriff der ängstl ich-vermeidenden Persönlichkeitsstö- rung verwendet werde. Für die selbstunsichere Persönlichkeitsstörung müssten gemäss ICD-10 F60.6 vier von insgesamt sechs Kriterien erfüllt sein, b ei der Explorandin seien sämtliche sechs diagnostischen Kriterien gemäss ICD-10 gegeben: Sie ber ichte über eine andauernde innere Anspannung, die sie während ihrer Berufsanamnese erle bt habe. Sie habe sich permanent un- ter Druck gefühlt, sie sei überzeugt, weniger kompetent , weniger leistungsfähig und unattrakti- ver als andere Personen zu sein und sie werde von perma nenten Minderwertigkeitsgefühlen begleitet. Sodann könne die Explorandin nicht mit Kri tik umgehen. Sie habe hierzu mitgeteilt, dass sie Kritik tagelang mit sich trage und bei Fehlern "verrückt" auf sich selbst sei. Im Weiteren bringe der sehr kleine Kreis von Kolleginnen überaus de utlich zum Ausdruck, dass die Explo- randin nur dann persönliche Kontakte aufrechterhalte, wenn sie sich darüber sicher sein könne, dass sie geschätzt werde. Schliesslich führe sie einen eingeschränkten Lebensstil, der aus ihrer narzisstischen Insuffizienz resultiere und eine Vermeidu ng diverser Aktivitäten mit sich bringe. Im Ergebnis könne man bei der Explorandin also ohne je den Zweifel eine selbstunsichere Per- sönlichkeitsstörung diagnostizieren, wobei deren Schweregrad als ausgeprägt einzustufen sei. 7.2.2 Was die Affektpathologie der Explorandin betref fe, lasse sich aktuell eine leichte de- pressive Episode diagnostizieren. Diese depressive Episod e bzw. Störung sei als Sekun- därphänomen auf dem Boden der vorstehend beschriebenen primären selbstunsicheren Per- sönlichkeitsstörung zu verstehen, zumal die Explorandin im Rahmen der Persönlichkeitsstörung lediglich auf unsublimierte Abwehrmechanismen zurückgrei fen könne und somit in Belastungs- und Konfliktsituationen zur Exazerbation sekundärer psychischer Symptomformationen neige. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.2.3 Schliesslich sei in Bezug auf die von ihm diagnostizi erte Somatisierungsstörung fest- zuhalten, dass die Explorandin über zahlreiche Körperschm erzen berichte, die zwar nicht per- manent täglich auftreten würden, allerdings teile sie mit, dass sie keinen Tag ohne Schmerzen irgendwo an ihrem Körper erlebe. Es sei also zu einer A usweitung ihrer Körperschmerzen ge- kommen. Entsprechend habe der rheumatologische Experte D r. E.____ in seinen beiden Gut- achten eine Schmerzverarbeitungsstörung bzw. differenti aldiagnostisch eine Somatisierungs- störung in den Diagnoselisten aufgeführt. Er habe all erdings auch organische Korrelate für das Schmerzerleben der Explorandin eruieren können. Rein formal müsse man eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren gem äss ICD-10 F45.41 diagnosti- zieren, wenn man davon ausgehe, dass die von der Explora ndin erlebten Schmerzen unbe- wussten Mechanismen entspringen würden. 7.3 In einem nächsten Abschnitt seines Gutachtens befasste sich PD Dr. C.____ ausführ- lich mit den verschiedenen bei den Akten liegenden psychi atrischen Gutachten und Berichten, in denen die involvierten Fachärztinnen und -ärzte tei lweise zu erheblich abweichenden Ergeb- nissen gelangten. Bezüglich des ersten Gutachtens von Dr . F.____ vom 14. August 2015 mo- nierte PD Dr. C.____, dass der Vorgutachter nicht im D etail auf die qualitativen Funktionsein- bussen der Versicherten eingehe. Er attestiere ihr aus psychiatrischer Sicht eine volle Arbeits- fähigkeit für jegliche Tätigkeiten, greife jedoch in sei ner Diskussion der innerpsychischen Struk- tur der Explorandin zu kurz und verpasse daher das Vorl iegen einer regelgerechten Persönlich- keitsstörung. In seinem zweiten Gutachten vom 8. November 2017 verneine Dr. F.____ das Vorliegen einer von der behandelnden Psychiaterin dia gnostizierten ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Er attestiere der Versicherten aus psychiatrischer Sicht wiederum eine volle Arbeitsfähigkeit. Zur Begründung mache er unte r anderem geltend, dass die Explorandin während einigen Jahren ohne nennenswerte Schwierigkeite n in der freien Wirtschaft habe ar- beiten können. Dieses Argument werde, so die Kritik von PD Dr. C.____, immer wieder vorge- bracht, wenn es um den Ausschluss von Persönlichkeitsstörun gen gehe. Dabei komme es je- doch nicht darauf an, ob eine Person in der Lage gewe sen sei, im ersten Arbeitsmarkt tätig zu sein - auch nicht über viele Jahre hinweg. Es gehe vielm ehr um die Klärung, unter welchen Umständen bzw. unter Zuhilfenahme welcher (allfällige r) Strategien und "Hilfsmittel" eine Be- rufsanamnese im ersten Arbeitsmarkt möglich gewesen sei. Diese Diskussion vermisse er im Gutachten von Dr. F.____. Zum ausführlichen, zu Handen der IV-Stelle verfassten B ericht von Dr. G.____ vom 16. April 2019 hielt PD Dr. C.____ fest, die behandelnde Psychiaterin diskutiere darin die diagnostischen Kriterien gemäss ICD-10 für eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung in verdienstvol- lem Detail. Mit ihren nachvollziehbaren Ausführungen begründe sie plausibel das Vorliegen einer ängstlich-vermeidenden bzw. selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung gemäss ICD-10. Schliesslich äusserte sich PD Dr. C.____ zum psychiatrische n Gutachten von Prof. Dr. H.____ vom 6. November 2019 dahingehend, dass auch sie das Vorli egen einer ängstlich- vermeidenden Persönlichkeitsstörung insgesamt nachvollziehb ar begründe, es finde sich aber keine genaue Diskussion darüber, wie viele der geforderte n diagnostischen Kriterien gemäss ICD-10 erfüllt seien. Ebenso fehle eine Auseinander setzung mit der Frage, weshalb eine regel- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht rechte Persönlichkeitsstörung und nicht bloss eine Persönl ichkeitsakzentuierung vorliege, wie sie Dr. F.____ in seinem zweiten Gutachten diagnostizie rt habe. Im Weiteren kritisierte der Ge- richtsgutachter, dass Prof. Dr. H.____ ihre Beurteilung , wonach die Versicherte in einer ange- passten Tätigkeit zu 40 % arbeitsfähig sei, nicht begrü nde. Dasselbe gelte für ihre Aussage, dass ihre Einschätzung seit März 2010 gelte. 7.4 In seiner Beurteilung der Arbeitsfähigkeit gelan gte PD Dr. C.____ zum Schluss, dass bei der Explorandin in jeglichen beruflichen Tätigkeiten des ersten Arbeitsmarkts aus psychiatri- scher Sicht keine Arbeitsfähigkeit mehr bestehe. Die Versicherte sei zuletzt im Oktober 2013 im ersten Arbeitsmarkt tätig gewesen. Sodann habe sie auf dem Boden ihrer primären, schweren selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung, die eine langjähri ge Erschöpfung ihrer innerpsychi- schen Ressourcen zur Folge gehabt habe, eine schwere Dekom pensation dieser innerpsychi- schen Ressourcen erlitten. Es sei der Explorandin zwar noch möglich gewesen, zwischen 2013 und 2016 eine kaufmännische Ausbildung zu durchlaufen. D iese habe sich jedoch auf lediglich einen Samstag pro Monat und einen Abend à zwei Stunde n pro Woche beschränkt, ansonsten sei die Versicherte während dieser Zeit keiner eigentlichen beruflichen Tätigkeit nachgegangen. Sie sei erst wieder seit Februar 2020 erwerbstätig, a llerdings im zweiten, geschützten Arbeits- markt. Im ersten Arbeitsmarkt habe sie ab Oktober 2013 keine Tätigkeit mehr erbringen kön- nen. Die attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit b estehe demnach seit Oktober 2013 durch- gehend bis heute. 7.5 Im Abschnitt "Standardindikatoren" seines Gutachte ns wies PD Dr. C.____ darauf hin, dass bei der Explorandin eine schwere primäre selbstunsichere Persönlichkeitsstörung vorliege, sodass sie in Belastungs- und Konfliktsituationen nicht au f ausreichend sublimierte Abwehrme- chanismen zurückgreifen könne und in solchen Situationen zur Entwicklung sekundärer psychi- scher Symptomformationen neige, so spezifisch zu depressiven Symptomformationen und so- matoformen Beschwerden. Die erschöpften innerpsychischen Ressourcen hätten trotz mehrjäh- riger psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlungsmassnahm en nicht einer relevanten Besserung zugeführt werden können. Dies mache deutlich , dass man es bei dieser primären Persönlichkeitsstörung mit einer chronifizierten, dauerha ften und therapieresistenten schweren psychischen Störung zu tun habe. Sodann gab PD Dr. C.____ an, dass die Explorandin anläss- lich der Begutachtung innerhalb ihrer subjektiven Angab en keinerlei Hinweise für Inkonsisten- zen, Selbstlimitierungen oder Krankheitsgewinne gezeigt habe. Auch beim Vergleich dieser subjektiven Beschwerdeangaben mit den objektiven Untersu chungsbefunden hätten sich keine solchen Hinweise ergeben. Bei der Explorandin bestehe e in jederzeit authentisch imponieren- der psychischer Leidensdruck. Im Weiteren würdigte der Ger ichtsgutachter die qualitativen Funktionsfähigkeiten der Versicherten anhand der sogen annten ICF-Kriterien. Dabei gelangte er zusammenfassend zum Schluss, dass die qualitativen Funkt ionsfähigkeiten aus psychiatri- scher Sicht in den relevanten Beurteilungsdimensionen schwer beeinträchtigt seien mit der Fol- ge, dass der Explorandin aus psychiatrischer Sicht eine v ollständige Arbeitsunfähigkeit im ers- ten Arbeitsmarkt attestiert werden müsse. 8.1 In der Stellungnahme vom 1. Oktober 2021 zum Ger ichtsgutachten von PD Dr. C.____ vertrat die Beschwerdegegnerin gestützt auf die Beurte ilung ihres RAD-Arztes Dr. D.____ vom Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht 23. September 2021 die Auffassung, dass ihr dieses nicht geeignet erscheine, die der ange- fochtenen Verfügung zu Grunde liegenden Befunde in Zweifel zu ziehen. Die Beschwerdeführe- rin äusserte sich am 4. Oktober 2021. Sie hielt fest, d ass sie dem detaillierten und umfangrei- chen Gerichtsgutachten von PD Dr. C.____ nichts anzufüge n habe. Der medizinische Sachver- halt erscheine nunmehr als lückenlos dokumentiert. Die B eigeladene schliesslich nahm am 18. Oktober 2021 dahingehend Stellung, dass das Gerichtsg utachten von PD Dr. C.____ die bundesgerichtlichen Anforderungen an den Beweiswert erf ülle, so dass darauf abgestellt wer- den könne. 8.2 Nach den oben geschilderten Beweismaximen (vgl. E. 4.3.1 hiervor) weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Experten ab, deren Aufgabe es ist, ihre F achkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Vorliegend ist kein Grund für ein Abweichen vom psychiatrischen Gerichts gutachten von PD Dr. C.____ vom 10. September 2021 ersichtlich. Es ist viel mehr festzuhalten, dass dieses die rechtsprechungs- gemässen Voraussetzungen an eine medizinische Beurteilu ngsgrundlage in jeder Hinsicht er- füllt: Es weist weder formale noch inhaltliche Mängel a uf, es ist - wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 4.2 hiervor) - für die streit igen Belange umfassend, es stützt sich auf eine sorgfältige persönliche Untersuchung der Explorandin, es berücksichtigt die geklagten Be- schwerden und es ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden. Inhaltlich ist das Gutachten widerspruchsfrei und es leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Überzeugend ist insbesondere, wie PD Dr. C.____ die von ihm erhobenen Diagnosen begründet und wie er deren Auswirkungen auf die Funkti- onsfähigkeit beurteilt. Zudem setzt er sich auch ausführlich mit den - vollständig oder teilweise - abweichenden fachärztlichen Einschätzungen der Administr ativgutachter Dr. F.____ und Prof. Dr. H.____ auseinander und er zeigt schlüssig auf, weshal b auf diese nicht abgestellt werden kann. Es kann deshalb an dieser Stelle von weiteren E rörterungen zu den genannten Punkten abgesehen und stattdessen vollumfänglich auf die betreff enden Ausführungen des Gutachters in seiner Expertise vom 10. September 2021 verwiesen werd en. Dasselbe gilt schliesslich auch für die von der rekurrierenden Pensionskasse in ihrer Be schwerde hauptsächlich thematisierten Fragen nach dem Beginn und nach allfälligen Unterbr echungen der auf psychischen Gesund- heitsbeeinträchtigungen beruhenden Arbeitsunfähigkeit . PD Dr. C.____ legt diesbezüglich schlüssig dar, dass und weshalb die von ihm aus psychiatrischer Sicht attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit seit Oktober 2013 durchgehend bis heute besteht. 8.3 Was die IV-Stelle vorbringt, vermag die ausschlagg ebende Beweiskraft der Gerichts- expertise von PD Dr. C.____ nicht in Frage zu stellen. Sie macht in erster Linie geltend, dass der Gerichtsgutachter im Wesentlichen die gleichen psychi schen Gesundheitsbeeinträchtigun- gen diagnostiziert habe wie vor ihm die Administrativgutachterin Prof. Dr. H.____. Ein Vergleich der in den beiden Gutachten erhobenen Befunde zeige, dass anlässlich beider Untersuchungen ein weitgehend identischer Gesundheitszustand vorgelegen habe. Somit handle es sich bei der abweichenden Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch P D Dr. C.____ im Vergleich zum Vor- gutachten lediglich um eine anderslautende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei einem unver- ändert gebliebenen Gesundheitszustand. Die Expertise von PD Dr. C.____ sei deshalb nicht Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht geeignet, die Befunde, auf denen die angefochtene Ve rfügung basiere, in Zweifel zu ziehen. Dieser Betrachtungsweise der IV-Stelle kann nicht beigep flichtet werden, insbesondere verhält es sich nicht so, dass PD Dr. C.____ und Prof. Dr. H.____ übereinstimmende Befunde erhoben hätten. Beide diagnostizierten zwar eine selbstunsichere b zw. eine ängstlich-vermeidende Per- sönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.6), im Unterschied zur Ad ministrativgutachterin stufte der Ge- richtsgutachter den Schweregrad dieser Persönlichkeitsstörung aber explizit als ausgeprägt ein. Zudem habe, so PD Dr. C.____ weiter, eine Würdigung der qualitativen Funktionsfähigkeiten anhand der sogenannten ICF-Kriterien ergeben, dass di ese in den relevanten Beurteilungsdi- mensionen schwer beeinträchtigt seien. Entgegen der Sich tweise der IV-Stelle weichen somit die in den beiden Expertisen erhobenen Befunde vonei nander ab und es ist vor diesem Hinter- grund nachvollziehbar und schlüssig, dass der Gerichtsgutacht er der Versicherten eine erhebli- chere Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit attestier te als vor ihm die Administrativgutachterin. Im Weiteren moniert die IV-Stelle, die Annahme des Gerichtsgutachters, wonach bereits ab Oktober 2013 eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden h abe, vermöge auch deshalb nicht zu überzeugen, weil die Versicherte "zwischen 2013 und 2016 erfolgreich eine kaufmännische Ausbildung durchlaufen konnte." Mit diesem Einwand k ann die IV-Stelle vorliegend ebenfalls nichts zu ihren Gunsten ableiten Die betreffende Aussage ist insofern zu relativieren, als sich die Kurse der erwähnten Aus- bzw. Weiterbildung ledi glich auf einen Samstag pro Monat und auf einen Abend à zwei Stunden pro Woche beschränkten . Ansonsten ging die Versicherte im fraglichen Zeitraum keiner beruflichen Tätigkeit nach . Unter diesen Umständen schliesst aber die Absolvierung einer Aus- bzw. Weiterbildung in eine m zeitlich derart beschränkten Umfang die gleichzeitige Annahme einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit für jegliche berufliche Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt klarerweise nicht aus. 8.4 Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist demnach festzuha lten, dass die Versicherte aufgrund ihrer psychischen Gesundheitsbeeinträchtigungen im ersten Arbeitsmarkt vollständig arbeitsunfähig ist. Vor diesem Hintergrund erübrigen sich Ausführungen zur Frage, ob und in- wieweit die Versicherte zusätzlich auch aus somatischer Sicht in ihrer Arbeitsfähigkeit einge- schränkt ist. Somit ist auf die Beurteilungen, zu denen d er rheumatologische Experte Dr. E.____ in den beiden Gutachten vom 23. Oktober 2015 und 15. Januar 2018 gelangte, nicht weiter einzugehen. 9.1 Nach dem oben Gesagten (vgl. E. 3.4 hiervor) ist gemäss Art. 16 ATSG der Invalidi- tätsgrad bei erwerbstätigen Versicherten aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Da die Versicherte in sämtlichen Tätigkeiten vollständi g arbeitsunfähig ist, kann jedoch von der Vornahme eines Einkommensvergleichs abgesehen und stattdesse n ohne Weiteres von einer vollständigen Erwerbsunfähigkeit bzw. von einem Invaliditä tsgrad von 100 % ausgegangen werden. Bei einem Invaliditätsgrad von 100 % hat die Versicherte Anspruch auf eine ganze Rente. 9.2 Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG setzt der Rentenanspruch un ter anderem voraus, dass die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min- destens 40 % arbeitsunfähig gewesen ist (lit. b). Zudem bestimmt Art. 29 Abs. 1 IVG, dass der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leis- Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht tungsanspruchs entsteht. Wie den Akten entnommen werde n kann, wurde die Versicherte am 22. März 2013 am rechten Knie operiert. Aufgrund die ses Eingriffs attestierte ihr der behan- delnde Orthopäde ab dem 21. März 2013 eine vollständig e und ab 24. Juni 2013 eine 50 %-ige Arbeitsunfähigkeit (vgl. die Aktenzusammenstellung der Klinik J.____ AG, IV-Dok. 53). An diese aus somatischen Gründen attestierten Arbeitsunfähigke iten schloss sich ab Oktober 2013 laut dem Gerichtsgutachten von PD Dr. C.____ die bis heute a ndauernde, auf psychischen Ge- sundheitsbeeinträchtigungen beruhende vollständige Arbe itsunfähigkeit an. Das Wartejahr von Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG begann somit am 21. März 201 3 zu laufen und endete am 20. März 2014. Die IV-Anmeldung war am 2. August 2012, d.h. m ehr als sechs Monate vor Ablauf des Wartejahres, erfolgt. Somit hat die Versicherte grundsätzlich ab 1. März 2014 Anspruch auf eine ganze Rente. 9.3 In Bezug auf diesen Rentenanspruch der Versicherten gilt es im Zusammenhang mit dem vorliegenden Beschwerdeverfahren nun allerdings noch den nachfolgenden formell-recht- lichen Aspekt zu beachten. 9.3.1 In der angefochtenen Verfügung vom 17. Juli 202 0 hatte die IV-Stelle der Versicherten für den Zeitraum vom 1. Oktober 2013 bis 20. Juni 2016 eine Dreiviertelsrente, für die Periode vom 1. Juli 2016 bis 21. Oktober 2016 eine ganze Rent e und ab 1. November 2016 erneut eine - unbefristete - Dreiviertelsrente zugesprochen. Im Vergleich zu dieser Verfügung führt der heu- tige Prozessausgang, wonach die Versicherte ab 1. März 2 014 Anspruch auf eine unbefristete ganze Rente hat, im Ergebnis zu einer Besserstellung de r beigeladenen Versicherten und gleichzeitig aber auch zu einer Schlechterstellung der Position der Beschwerdeführerin. 9.3.2 Nach Art. 61 lit. d ATSG ist das kantonale Versic herungsgericht nicht an die Begehren der Parteien gebunden. Es kann eine Verfügung oder einen Einspracheentscheid zu Ungunsten der Beschwerde führenden Person ändern oder dieser meh r zusprechen, als sie beantragt hat. Das Bundesgericht hat mehrfach betont, dass mit dieser in Satz 1 von Art. 61 lit. d ATSG statu- ierten fehlenden Bindung an die Parteibegehren die Verwirklichung des objektiven Rechts über das subjektive Rechtsschutzinteresse gestellt wird. Dement sprechend gelten im Verfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht das Gebot der Rechtsan wendung von Amtes wegen und der Untersuchungsgrundsatz. Dem kantonalen Gericht wird d urch diese Entscheidung des Bundesgesetzgebers ermöglicht, das geltende Recht auf den massgebenden Sachverhalt an- zuwenden, ohne dabei an die Begehren der Beschwerde f ührenden Partei gebunden zu sein (BGE 144 V 153 E. 4.2.2 mit Hinweisen). 9.3.3 Zieht das kantonale Versicherungsgericht eine Sc hlechterstellung (reformatio in peius) der Beschwerde führenden Partei in Betracht, so hat e s dieser gemäss Art. 61 lit. d Satz 2 ATSG vorgängig Gelegenheit zur Stellungnahme sowie zum Rückzug der Beschwerde zu ge- ben. Es stellt sich die Frage, ob diese formell-rechtli che Bestimmung auch zur Anwendung zu gelangen hat, wenn es sich bei der Beschwerde führenden Partei - wie hier - um einen von der angefochtenen Verfügung mitbetroffenen Sozialversicherer und nicht um die versicherte Person handelt, oder ob nur letztere von dieser "Stärkung ih res Parteirechts" (vgl. UELI KIESER , ATSG- Kommentar, 4. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 61 Rz 170) profitieren soll. Wie es sich Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht damit verhält, kann hier aus den nachfolgenden Überleg ungen offen bleiben. Die Beschwerde führende GastroSocial Pensionskasse hielt in ihrer Stellu ngnahme vom 4. Oktober 2021 fest, dass sie dem detaillierten und umfangreichen Gerichtsgut achten von PD Dr. C.____ nichts an- zufügen habe. Der medizinische Sachverhalt erscheine nunm ehr als lückenlos dokumentiert. Die Beschwerdeführerin passte deshalb in ihrer Eingabe die ursprünglichen Rechtsbegehren dahingehend an, dass in Gutheissung der Beschwerde die Verfügung der IV-Stelle vom 17. Juli 2020 aufzuheben und der Invaliditätsgrad gestützt auf das Gerichtsgutachten vom 10. Septem- ber 2021 neu zu bemessen sei. Aus diesem Antrag folgt a ber unstreitig, dass sich die Be- schwerdeführerin im Ergebnis nicht gegen den aus der ent sprechenden Neuberechnung resul- tierenden Invaliditätsgrad von nunmehr 100 % und die sich daraus ergebende Verschlechterung ihrer Position gegenüber der angefochtenen Verfügung stellt. Es kann daher - so oder so - da- von abgesehen werden, ihr formell nochmals Gelegenheit zur Stellungnahme sowie zum Rück- zug der Beschwerde zu geben. 9.4 Zusammenfassend ist demnach als Ergebnis festzuhalten , dass die Beschwerde - den geänderten Rechtsbegehren der Beschwerdeführerin und de r beigeladenen Versicherten fol- gend - dahingehend gutzuheissen ist, als die angefochtene Verfügung vom 17. Juli 2020 aufzu- heben und festzustellen ist, dass die Beigeladene mit Wi rkung ab 1. März 2014 Anspruch auf eine ganze Rente hat. 10. Abschliessend bleibt über die Kosten des Beschwerdeve rfahrens zu befinden. 10.1 Laut Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewil- ligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kos- tenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensauf wand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskos- ten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmen s einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. 10.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Be schwerde führende Person An- spruch auf Ersatz der Parteikosten. Rechtsprechungsgemäss steht darüber hinaus aber auch der obsiegenden, anwaltlich vertretenen beigeladenen Person eine Parteienschädigung zu (CHRISTIAN ZÜND , Kommentar zum Gesetz über das Sozialversicherungsgericht d es Kantons Zürich, Zürich 1999, S. 239, mit Hinweisen auf BGE 109 V 62 E. 4 und auf verschiedene unver- öffentlichte Urteile des damaligen Eidgenössischen Ver sicherungsgerichts [EVG]). Nach dem Gesagten hat die obsiegende Beigeladene deshalb, wie v on ihr beantragt, Anspruch auf eine Parteientschädigung. Ihre Rechtsvertreterin hat in der Honorarnote vom 28. Oktober 2021 für das vorliegende Verfahren einen Aufwand von 19 Stunde n und 35 Minuten geltend gemacht, was sich umfangmässig zwar als hoch, in Anbetracht der sich st ellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen aber noch als angemessen erweist. Die Bemühungen sind zu dem in Sozialversi- cherungsprozessen für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Nicht zu beanstanden sind s odann die ausgewiesenen Auslagen Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht von Fr. 239.25. Der Beigeladenen ist demnach eine Par teientschädigung in der Höhe von Fr. 5‘530.50 (19 Stunden und 35 Minuten à Fr. 250.- - zuzüglich Auslagen von Fr. 239.25 und 7,7 % Mehrwertsteuer) zuzusprechen. 10.3 Beim Entscheid, wem die Verfahrens- und die Part eikosten aufzuerlegen sind, ist grundsätzlich auf den Verfahrensausgang abzustellen. In d er speziellen Konstellation, wie sie sich hier präsentiert, sind - gemessen an den ursprüngliche n Rechtsbegehren bzw. vom mate- riell-rechtlichen Prozessergebnis her gesehen - sowohl die Beschwerdeführerin als auch die IV- Stelle unterliegende Parteien. Dies könnte grundsätzlich Anlass geben, die ordentlichen und die ausserordentlichen Kosten anteilsmässig den genannten be iden Parteien zu überbinden. Nun gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass die GastroSocial Pensionskasse in ihrer Beschwerde vom 4. August 2020 explizit rügte und begründete, dass un d weshalb das für die IV-Stelle massgebliche psychiatrische Gutachten von Prof. Dr. H.____ vo m 6. November 2019 für die streitigen Belange nicht umfassend sei und demnach den r echtsprechungsgemässen Anforde- rungen an ein beweistaugliches Gutachten nicht genüge. Anlässlich der ersten in dieser Ange- legenheit erfolgten Urteilsberatung vom 22. April 20 21 erachtete das Kantonsgericht diese von der Beschwerdeführerin erhobenen Rügen als begründet (vgl. E. 6.5.1 hiervor); es entschied, den Fall auszustellen und zur Klärung des medizinischen S achverhalts ein psychiatrisches Ge- richtsgutachten in Auftrag zu geben. Der damalige Beschl uss des Kantonsgerichts macht deut- lich, dass die Erhebung der Beschwerde durch die GastroS ocial Pensionskasse jedenfalls in- soweit begründet war, als sie darin in zutreffender Wei se die vorinstanzliche Abklärung und Würdigung des medizinischen Sachverhalts beanstandete. Die s wiederum zeigt, dass die Be- schwerdeführerin - unter damaliger Optik - ausreichende Veranlassung hatte, die Verfügung der IV-Stelle vom 17. Juli 2020 beim Kantonsgericht anzuf echten. Vor diesem Hintergrund rechtfer- tigt es sich gestützt auf das Verursacherprinzip (vgl. dazu BGE 125 V 375 E. 2b), der Be- schwerde führenden Pensionskasse keine Kosten zu auferlegen und stattdessen die IV-Stelle zur Tragung der ordentlichen und ausserordentlichen Kosten dieses Prozesses zu verpflichten. 10.4 Zu prüfen bleibt, wer für die Kosten des Gericht sgutachtens von PD Dr. C.____ vom 10. September 2021 aufzukommen hat. Nach Art. 45 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträger die Kosten der Abklärung zu übernehmen, soweit er die Massnahmen angeordnet hat. Hat er keine Massnahmen angeordnet, so übernimmt er deren Kost en dennoch, wenn die Massnah- men für die Beurteilung des Anspruchs unerlässlich waren o der Bestandteil nachträglich zuge- sprochener Leistungen bilden. Wie das Bundesgericht in B GE 137 V 210 ff. entschieden hat, sind in den Fällen, in denen zur Durchführung der vom Gericht als notwendig erachteten Be- weismassnahme an sich eine Rückweisung in Frage käme, eine solche indessen mit Blick auf die Wahrung der Verfahrensfairness entfällt, die Koste n der durch das Gericht in Auftrag gege- benen Begutachtung dem Versicherer aufzuerlegen. Dies s ei, so das Bundesgericht weiter, mit der zitierten Bestimmung von Art. 45 Abs. 1 ATSG durcha us vereinbar (BGE 137 V 265 f. E. 4.4.2). Vorliegend war das Gericht anlässlich seiner e rsten Urteilsberatung vom 22. April 2021 zum Ergebnis gelangt, dass ein Entscheid in der An gelegenheit gestützt auf die damals vorhandene Aktenlage nicht möglich war. Es beschloss desha lb, den Fall auszustellen und zur weiteren Klärung des medizinischen Sachverhalts ein psychiatrisches Gerichtsgutachten in Auf- trag zu geben. Wie sich anlässlich der heutigen Urteilsbe ratung gezeigt hat, war das in der Fol- Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht ge eingeholte Gerichtsgutachten von PD Dr. C.____ vom 10. September 2021 für eine ab- schliessende Beurteilung des medizinischen Sachverhalts une rlässlich. Im Lichte der geschil- derten bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind demnach d ie Kosten der Begutachtung der IV-Stelle aufzuerlegen. Diese Kosten belaufen sich gemä ss der Honorarrechnung von PD Dr. C.____ vom 10. September 2021 auf Fr. 7'000.--. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 17. Juli 2020 aufgeho ben und es wird festgestellt, dass die Beigeladene A.____ ab 1. März 2 014 Anspruch auf eine ganze Rente hat. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. Der Beschwerdeführerin wird der geleistete Kostenvorsch uss in Höhe von Fr. 800.-- zurückerstattet. 3. Die Kosten der gerichtlichen Begutachtung in der H öhe von Fr. 7'000.-- werden d er IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerde führerin eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 5'530.50 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht