<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 34" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 34</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">231</span> </div> <div class="page" id="S231"> <div role="main"> <span class="text"><b>I. Zivilrecht (Zivilgesetzbuch) </b></span><br/> <span class="text"><b>A. Familienrecht </b></span><br/> <span class="text"><b>34 </b> <b>Art. 276 Abs. 2 und 289 Abs. 2 ZGB</b></span><br/> <span class="text">Bevorschusste Kindesschutzkosten können von den Eltern oder einem El-</span><br/> <span class="text">ternteil nur auf dem zivilrechtlichen Weg zurückgefordert werden. Die</span><br/> <span class="text">hoheitliche Verfügung über die Festsetzung und Rückerstattung des El-</span><br/> <span class="text">ternbeitrags an von der Gemeinde bevorschusste Kindesschutzkosten mit</span><br/> <span class="text">Gemeinderatsbeschluss ist nichtig. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 4. Zivilkammer, vom 25. November</span><br/> <span class="text">2019, i.S. Einwohnergemeinde A. gegen M.S. (ZSU.2019.215)</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.3.2.</span><br/> <span class="text">Vorliegend hat der Gemeinderat A. mit Beschluss vom 25. April</span><br/> <span class="text">2017 entschieden, dass die Pflegeplatzkosten für den Sohn der Be-</span><br/> <span class="text">klagten abzüglich der Kinderzulagen und des Elternbeitrags der</span><br/> <span class="text">Kindsmutter rückwirkend ab 1. Januar 2016 zu Lasten der Sozialhilfe</span><br/> <span class="text">übernommen werden. Gleichzeitig wurde vom Gemeinderat erwo-</span><br/> <span class="text">gen, dass der im Rahmen der Unterhaltspflicht zu leistende Eltern-</span><br/> <span class="text">beitrag der Beklagten auf monatlich Fr. 664.50 festgesetzt werde und</span><br/> <span class="text">beschlossen, dass der Beklagten eine monatliche Rechnung über die-</span><br/> <span class="text">se Fr. 664.50 zu stellen sei. Ebenfalls wurde die Beklagte mit glei-</span><br/> <span class="text">chem Beschluss aufgefordert, der Abteilung Soziale Dienste einen</span><br/> <span class="text">Abzahlungsvorschlag für die offenen Elternbeiträge von Januar 2016</span><br/> <span class="text">bis April 2017 (16 x Fr. 664.50 = Fr. 10'632.-) zu unterbreiten.</span><br/> <span class="text">Damit ist davon auszugehen, dass die Klägerin vollumfänglich</span><br/> <span class="text">die anfallenden Pflegeplatzkosten von Fr. 2'700.00 pro Monat bevor-</span><br/> <span class="text">schusst, jedoch nur bereit ist, einen Teil (Pflegeplatzkosten abzüglich</span><br/> <span class="text">Kinderzulagen und Elternbeitrag der Beklagten) des bevorschussten</span><br/> <span class="text">Betrages zu Lasten der Sozialhilfe zu übernehmen. Der vom Ge-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">232</span> </div> <div class="page" id="S232"> <div role="main"> <span class="text">meinderat A. hoheitlich festgesetzte und monatlich der Beklagten in</span><br/> <span class="text">Rechnung gestellte Elternbeitrag von Fr. 664.50, für welchen von</span><br/> <span class="text">der Klägerin Rechtsöffnung verlangt wird, entspricht gemäss Ge-</span><br/> <span class="text">meinderatsbeschluss vom 25. April 2017 dem Rückforderungsbetrag,</span><br/> <span class="text">welchen die Beklagte nach Ansicht der Klägerin bzw. des Gemeinde-</span><br/> <span class="text">rates A. im Rahmen ihrer Unterhaltspflicht der Klägerin schuldet.</span><br/> <span class="text">2.3.3.</span><br/> <span class="text">Die Eltern sorgen gemeinsam für den gebührenden Unterhalt</span><br/> <span class="text">des Kindes und tragen insbesondere die Kosten von Betreuung, Er-</span><br/> <span class="text">ziehung, Ausbildung und Kindesschutzmassnahmen (Art. 276 Abs. 2</span><br/> <span class="text">ZGB), wozu auch die Pflegeplatzkosten gehören. Wird der Unterhalt</span><br/> <span class="text">des Kindes ganz oder teilweise aus öffentlichen Mitteln bestritten, so</span><br/> <span class="text">geht der Unterhaltsanspruch des Kindes gegenüber seinen Eltern in</span><br/> <span class="text">diesem Umfang mit allen Rechten auf das Gemeinwesen über</span><br/> <span class="text">(Art. 289 Abs. 2 ZGB; vgl. auch Richtlinien für die Ausgestaltung</span><br/> <span class="text">und Bemessung der Sozialhilfe der Schweizerischen Konferenz für</span><br/> <span class="text">Sozialhilfe [SKOS-Richtlinien] vom 20. Mai 2016, F. 3.3 Elterliche</span><br/> <span class="text">Unterhaltspflicht). Das Gemeinwesen tritt damit bezüglich aller von</span><br/> <span class="text">ihm für den Unterhalt des Kindes an Stelle des Pflichtigen erbrachten</span><br/> <span class="text">Leistungen in den Anspruch des Kindes ein (FOUNTOULAKIS/</span><br/> <span class="text">BREITSCHMID/KAMP, in: Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I,</span><br/> <span class="text">6. Auflage 2018, N. 10 zu Art. 289 ZGB). Ist die Unterhaltspflicht in</span><br/> <span class="text">einem gerichtlichen Urteil oder einem Unterhaltsvertrag festgelegt,</span><br/> <span class="text">so ist dieser Betrag in Bezug auf den bereits verpflichteten Elternteil</span><br/> <span class="text">auch für die Sozialhilfeorgane verbindlich. Doch auch derjenige El-</span><br/> <span class="text">ternteil, dessen Unterhaltspflicht noch nicht mit Urteil oder Unter-</span><br/> <span class="text">haltsvertrag geregelt ist, hat grundsätzlich Unterhaltsbeiträge zu ent-</span><br/> <span class="text">richten. Jedoch können diese neu festzusetzenden Unterhaltsbeiträge</span><br/> <span class="text">nicht mit Beschluss des Gemeinwesens eingefordert werden, da das</span><br/> <span class="text">Gemeinwesen mittels Legalzession lediglich in den Anspruch des</span><br/> <span class="text">Kindes eintritt und dessen Rechte wie beispielsweise das Klagerecht</span><br/> <span class="text">gemäss Art. 279 ZGB oder die Antragsstellung auf Schuldner-</span><br/> <span class="text">anweisung gemäss Art. 292 ZGB übergeht. Das Gemeinwesen erhält</span><br/> <span class="text">dadurch jedoch nicht die sachliche Legitimation, einseitig und ho-</span><br/> <span class="text">heitlich die Höhe eines Unterhaltsbeitrages festzusetzen. Genau dies</span><br/> <span class="text">hat vorliegend jedoch die Klägerin bzw. der Gemeinderat A. mit Be-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">233</span> </div> <div class="page" id="S233"> <div role="main"> <span class="text">schluss vom 25. April 2017 getan: Mit der Festsetzung des monat-</span><br/> <span class="text">lichen Elternbeitrags wurde hoheitlich der Unterhaltsbeitrag der Be-</span><br/> <span class="text">klagten bestimmt, wofür jedoch die sachliche Legitimation fehlte.</span><br/> <span class="text">Wenn sich die Parteien - vorliegend die Klägerin mit der Beklagten -</span><br/> <span class="text">nicht in einem Vertrag auf einen zu bezahlenden Unterhaltsbeitrag</span><br/> <span class="text">einigen können, ist ausschliesslich ein Zivilgericht zur verbindlichen</span><br/> <span class="text">Festsetzung des Unterhalts befugt, wobei ein Schlichtungsversuch</span><br/> <span class="text">vor einer Schlichtungsbehörde gemäss Art. 197 ZPO vorangehen</span><br/> <span class="text">muss. Einer Verwaltungsbehörde oder einem Gemeinwesen kommt</span><br/> <span class="text">diese Kompetenz nicht zu (HAUSHEER/GEISER/AEBI-MÜLLER, Das</span><br/> <span class="text">Familienrecht des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, 5. Auflage</span><br/> <span class="text">2014, Rz. 17.61; vgl. auch SKOS-Richtlinien F. 3.3 Elterliche Unter-</span><br/> <span class="text">haltspflicht).</span><br/> <span class="text">Demzufolge ist festzuhalten, dass mit dem Gemeinderat A. eine</span><br/> <span class="text">sachlich unzuständige Behörde über das Einfordern bzw. Festsetzen</span><br/> <span class="text">von Unterhaltsbeiträgen beschlossen hat.</span><br/> <span class="text">2.3.4.</span><br/> <span class="text">Es ist sodann zu prüfen, ob daraus auf die Nichtigkeit des Be-</span><br/> <span class="text">schlusses des Gemeinderates A. vom 25. April 2017 zu schliessen ist.</span><br/> <span class="text">Fehlerhafte Entscheide sind nach der bundesgerichtlichen</span><br/> <span class="text">Rechtsprechung nichtig, wenn der ihnen anhaftende Mangel beson-</span><br/> <span class="text">ders schwer wiegt, wenn er offensichtlich oder zumindest leicht er-</span><br/> <span class="text">kennbar ist und wenn zudem die Rechtssicherheit durch die Annah-</span><br/> <span class="text">me der Nichtigkeit nicht ernsthaft gefährdet wird. Als Nichtigkeits-</span><br/> <span class="text">gründe fallen vorab funktionelle und sachliche Unzuständigkeiten</span><br/> <span class="text">der entscheidenden Behörde sowie krasse Verfahrensfehler in Be-</span><br/> <span class="text">tracht (BGE 129 I 361 E. 2.1; BGE 139 II 243 E. 11.2 je mit weitern</span><br/> <span class="text">Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 5A:369/2008 vom 9. Juli 2008</span><br/> <span class="text">E. 2.4). Nach der Praxis stellt die funktionelle und sachliche Unzu-</span><br/> <span class="text">ständigkeit einen schwerwiegenden Mangel und damit einen Nich-</span><br/> <span class="text">tigkeitsgrund dar, ausser der verfügenden Behörde komme auf dem</span><br/> <span class="text">betreffenden Gebiet allgemeine Entscheidungsgewalt zu oder der</span><br/> <span class="text">Schluss auf Nichtigkeit vertrüge sich nicht mit der Rechtssicherheit</span><br/> <span class="text">(BGE 127 II 32 E. 3g; BGE 129 V 485 E. 2.3 je mit weiteren Hin-</span><br/> <span class="text">weisen).</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">234</span> </div> <div class="page" id="S234"> <div role="main"> <span class="text">Die Festsetzung von Unterhaltsbeiträgen durch den Gemeinde-</span><br/> <span class="text">rat als sachlich unzuständige Verwaltungsbehörde (vgl. dazu Erwä-</span><br/> <span class="text">gung 2.3.2 und 2.3.3 vorstehend), stellt einen schweren Mangel dar.</span><br/> <span class="text">Bevorschusste Kindesschutzkosten können von den Eltern oder</span><br/> <span class="text">einem Elternteil lediglich im Rahmen der Unterhaltspflicht zurück-</span><br/> <span class="text">gefordert werden, wobei weder der Klägerin noch dem Gemeinderat</span><br/> <span class="text">allgemeine Entscheidungsgewalt für die hoheitliche Unterhaltsfest-</span><br/> <span class="text">setzung zukommt, sondern diese dem Zivilrichter vorbehalten ist</span><br/> <span class="text">(vgl. dazu Erwägung 2.3.3. vorstehend). Auch wird die Rechts-</span><br/> <span class="text">sicherheit nicht gefährdet, da nur die beteiligten Parteien betroffen</span><br/> <span class="text">sind. Ebenso wenig spricht der Vertrauensschutz gegen eine Nichtig-</span><br/> <span class="text">keit, da der Beklagten durch den Beschluss nichts zugesichert wor-</span><br/> <span class="text">den ist, das sie durch die Nichtigerklärung wieder verlieren könnte.</span><br/> <span class="text">Der Beschluss des Gemeinderates A. vom 25. April 2017 ist dem-</span><br/> <span class="text">nach nichtig.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>