<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 17 S.77</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">77</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>17</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 8 Abs. 1 lit. c OHG; § 2 Abs. 3 VG</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Für Schäden, welche eine Amtsperson in Ausübung einer amtlichen Ver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>richtung zugefügt hat, bestehen ausschliesslich Ansprüche gegen den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Staat. Das Opfer ist demnach im Strafverfahren nicht zur Ergreifung von</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Rechtsmitteln legitimiert, weil sich allfällig entstandene Ansprüche weder</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gegen den Angeschuldigten richten noch zivilrechtlicher Natur sind</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Praxisänderung zu AGVE 1997 Nr. 44 S. 136 f.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 18. Januar 2005</span><br/> <span class="ft3">in Sachen Staatsanwaltschaft und A.S. gegen A.M.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Hilfe an</span><br/> <span class="ft1">Opfer von Straftaten (OHG), in Kraft seit 1. Januar 1993, kann das</span><br/> <span class="ft1">Opfer sich am Strafverfahren beteiligen. Es kann insbesondere den</span><br/> <span class="ft1">Gerichtsentscheid mit den gleichen Rechtsmitteln anfechten wie der</span><br/> <span class="ft1">Beschuldigte, wenn es sich bereits vorher am Verfahren beteiligt hat</span><br/> <span class="ft1">und soweit der Entscheid seine Zivilansprüche betrifft oder sich auf</span><br/> <span class="ft1">deren Beurteilung auswirken kann (Art. 8 Abs. 1 lit. c OHG).</span><br/> <span class="ft1">b) Gemäss Art. 2 Abs. 1 OHG ist Opfer, wer durch eine Straftat</span><br/> <span class="ft1">in seiner körperlichen, sexuellen oder psychischen Integrität unmit-</span><br/> <span class="ft1">telbar beeinträchtigt worden ist. Der Berufungskläger macht geltend,</span><br/> <span class="ft1">der Angeklagte habe sich der fahrlässigen schweren Körperverlet-</span><br/> <span class="ft1">zung schuldig gemacht, indem er es unterlassen habe, die erforderli-</span><br/> <span class="ft1">chen Sicherheitsmassnahmen vorzukehren, was dazu geführt habe,</span><br/> <span class="ft1">dass er querschnittgelähmt sei. Durch die angebliche Straftat wurde</span><br/> <span class="ft1">er in seiner körperlichen Integrität erheblich verletzt und ist somit</span><br/> <span class="ft1">Opfer im Sinne der genannten Bestimmung.</span><br/> <span class="ft1">c) Erforderlich ist weiter, dass dem Opfer durch die inkriminier-</span><br/> <span class="ft1">te Tat Zivilansprüche gegen den Angeschuldigten entstanden sind</span><br/> <span class="ft1">und dass der angefochtene Entscheid diese betrifft oder sich auf de-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ren Beurteilung auswirken kann (BGE 127 IV 185 E. 1a S. 187,</span><br/> <span class="ft1">bestätigt in BGE 128 IV 188).</span><br/> <span class="ft1">aa) Zivilansprüche im Sinne des OHG sind solche, die ihren</span><br/> <span class="ft1">Grund im Zivilrecht haben und deshalb ordentlicherweise vor dem</span><br/> <span class="ft1">Zivilgericht durchgesetzt werden müssen. Primär handelt es sich um</span><br/> <span class="ft1">Ansprüche auf Schadenersatz und Genugtuung gestützt auf</span><br/> <span class="ft1">Art. 41 ff. OR. Für Schäden, die durch Mitarbeiter des öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Dienstes in Ausübung ihrer amtlichen Verrichtungen verursacht wur-</span><br/> <span class="ft1">den, können die Gemeinwesen von Bund und Kantonen von</span><br/> <span class="ft1">Art. 41 ff. OR abweichende Bestimmungen erlassen (Art. 61 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">OR). Gestützt auf diese Bestimmung tritt gemäss der Gesetzgebung</span><br/> <span class="ft1">des Bundes und der meisten Kantone als Haftungssubjekt an die</span><br/> <span class="ft1">Stelle des Mitarbeiters des öffentlichen Dienstes das Gemeinwesen,</span><br/> <span class="ft1">so dass der Geschädigte ausschliesslich dieses belangen kann (Häfe-</span><br/> <span class="ft1">lin/Müller, Grundriss des Allgemeinen Verwaltungsrechts, 4. Auf-</span><br/> <span class="ft1">lage, Zürich 2002, N. 2306). Ist der Angeschuldigte ein Mitarbeiter</span><br/> <span class="ft1">des öffentlichen Dienstes und hat er die ihm vorgeworfene Tat in</span><br/> <span class="ft1">Ausübung seiner amtlichen Verrichtungen begangen, so ist deshalb</span><br/> <span class="ft1">zu prüfen, wie das anwendbare öffentliche Recht die Haftung regelt.</span><br/> <span class="ft1">Sieht dieses eine primäre ausschliessliche Haftung der juristischen</span><br/> <span class="ft1">Person des öffentlichen Rechts vor, so entfällt ein direkter Anspruch</span><br/> <span class="ft1">gegen den Angeschuldigten und damit auch eine zivilrechtliche</span><br/> <span class="ft1">Forderung im Sinne von Art. 8 Abs. 1 lit. c OHG sowie die Legitima-</span><br/> <span class="ft1">tion zur Berufung. Da die zivilrechtliche Haftung des Mitarbeiters im</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Dienst für Schäden, die er in Ausübung der amtlichen</span><br/> <span class="ft1">Verrichtung verursacht, die Ausnahme ist, muss in der Berufung ge-</span><br/> <span class="ft1">nau dargelegt werden, welche Ansprüche dem Berufungskläger ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt auf das Privatrecht gegen den Mitarbeiter des öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Dienstes zustehen (BGE 128 IV 188 E. 2.2 f.; 127 IV 189 E. 2b; 125</span><br/> <span class="ft1">IV 161 E. 2 und 3).</span><br/> <span class="ft1">bb) Angeschuldigt ist vorliegend ein Mitarbeiter der Stadt X.</span><br/> <span class="ft1">Die Berufung enthält jedoch keinerlei Angaben darüber, welche</span><br/> <span class="ft1">Forderungen dem Berufungskläger gestützt auf das Privatrecht zuste-</span><br/> <span class="ft1">hen könnten. Gemäss Art. 75 der Verfassung des Kantons Aargau</span><br/> <span class="ft1">vom 25. Juni 1980 (SAR 110.000) haften der Kanton und die</span><br/> <span class="ft1">Gemeinden für den Schaden, den ihre Behörden oder Beamte bei der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Ausübung der amtlichen Tätigkeiten widerrechtlich verursacht ha-</span><br/> <span class="ft1">ben. Entsprechend sieht § 2 des Verantwortlichkeitsgesetzes (Gesetz</span><br/> <span class="ft1">über die Verantwortlichkeit der öffentlichen Beamten und Angestell-</span><br/> <span class="ft1">ten und über die Haftung des Staates und der Gemeinden für ihre Be-</span><br/> <span class="ft1">amten vom 21. Dezember 1939; SAR 150.100) vor, dass der Kanton</span><br/> <span class="ft1">und die Gemeinden verpflichtet sind, für Schaden Ersatz zu leisten,</span><br/> <span class="ft1">der Dritten durch öffentliche Beamte, Angestellte und Arbeiter in</span><br/> <span class="ft1">Ausübung ihres Dienstes widerrechtlich, sei es absichtlich, sei es</span><br/> <span class="ft1">fahrlässig, zugefügt worden ist. Entsprechend ist gemäss § 2 Abs. 3</span><br/> <span class="ft1">das direkte Klagerecht gegen fehlbare Beamte, Angestellte oder Ar-</span><br/> <span class="ft1">beiter ausgeschlossen.</span><br/> <span class="ft1">cc) Demnach stehen dem Geschädigten für den Schaden, den</span><br/> <span class="ft1">ihm ein Mitarbeiter einer Gemeinde des Kantons Aargau in Aus-</span><br/> <span class="ft1">übung einer amtlichen Verrichtung zugefügt haben soll, ausschliess-</span><br/> <span class="ft1">lich Ansprüche gegen den Staat zu. Der Berufungskläger hat somit</span><br/> <span class="ft1">keine Möglichkeit, den seiner Ansicht nach fehlbaren Mitarbeiter der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde X. ins Recht zu fassen. Die Voraussetzungen der Staats-</span><br/> <span class="ft1">haftung, der Umfang der Entschädigung, die Geltendmachung sowie</span><br/> <span class="ft1">die Verwirkung und Verjährung von Ansprüchen werden vom kanto-</span><br/> <span class="ft1">nalen Recht abschliessend geregelt. Es handelt sich dabei um öf-</span><br/> <span class="ft1">fentliches Recht (BGE 125 IV 161 E. 2b mit Hinweis auf 122 III 101</span><br/> <span class="ft1">E. 1).</span><br/> <span class="ft1">Soweit dem Berufungskläger überhaupt Ansprüche aus dem</span><br/> <span class="ft1">Verhalten des Angeklagten entstanden sind, richten sie sich weder</span><br/> <span class="ft1">gegen diesen noch sind sie zivilrechtlicher Natur. Der Berufungsklä-</span><br/> <span class="ft1">ger ist daher vorliegend zur Erhebung der Berufung nicht berechtigt</span><br/> <span class="ft1">(BGE 127 IV 189 E. 2b, 125 IV 161 E. 2 und 3, Urteil des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts vom 26. September 2003 6P.66/2003/6S.165/2003). Auf die</span><br/> <span class="ft1">Berufung ist daher nicht einzutreten.</span><br/> <span class="ft1">dd) Das Obergericht hat in seiner früheren Rechtsprechung an-</span><br/> <span class="ft1">ders entschieden: So wurde in AGVE 1997 Nr. 44 S. 136 in einem</span><br/> <span class="ft1">ähnlich gelagerten Fall die Legitimation eines Opfers zur Berufung</span><br/> <span class="ft1">im Zusammenhang mit Beamten mit der Begründung bejaht, das</span><br/> <span class="ft1">Strafurteil könne sich auf die mit Klage gegen den Staat geltend zu</span><br/> <span class="ft1">machenden Zivilansprüche auswirken. An dieser Rechtsprechung</span><br/> <span class="ft1">kann im Lichte der neueren, in mehreren Urteilen bestätigten bundes-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">80</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gerichtlichen Rechtsprechung nicht mehr festgehalten werden. Die</span><br/> <span class="ft1">Praxis des Obergerichts wird entsprechend geändert.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>