B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4426/2020 U r t e i l v o m 2 5 . N o v e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Roswitha Petry (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richterin Constance Leisinger, Gerichtsschreiberin Mara Urbani. Parteien A._______, geboren am (…), Beschwerdeführer, B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), alle Afghanistan, alle vertreten durch MLaw Sabina Tirendi, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren Nordwestschweiz, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 5. August 2020 / N (…). E-4426/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer und seine Söhne reisten am (…) Juli 2020 im Rahmen einer Dublin -IN-Überstellung von Griechenland kommend in die Schweiz ein und suchten gleichentags um Asyl nach. Die Ehefrau des Be- schwerdeführers hatte bereits am (…) August 2019 in der Schweiz ein Asylgesuch eingereicht. Mit in Rechtskraft erwachsener Verfügung vom 8. November 2019 hatte das SEM das Gesuch abgelehnt und w egen Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme verfügt. A.b Die Vorinstanz prüfte die Asylgesuche der Beschwerdeführenden im beschleunigten Verfahren nach Art. 26c AsylG [SR 142.31]. Anlässlich der Personalienaufnahmen (PA) vom 14. Juli 2020 und der Anhörungen vom 27. Juli 2020 machten sie im Wesentlichen Folgendes geltend: Sie seien afghanische Staatsangehörige tadschikischer Ethnie und in D._______ geboren und aufgewachsen. Der Beschwerdeführer habe un- gefähr drei bis vier Jahre vor seiner Ausreise angefangen, als (…) und (…) für einen afghanischen Parlamentsabgeordneten zu arbeiten. Mehrere Wochen vor der Ausreise habe er drei Anrufe erhalten, die den Taliban zu- zuschreiben seien. Sie hätten ihn dabei aufgefordert, herauszufinden , wann sich sein Arbeitgeber an welchem Ort alleine befinde und ihnen diese Informationen zuzuspielen. Er habe die Zusammenarbeit jeweils abge- lehnt. Als er seinen Arbeitgeber über die Vorfälle in Kenntnis gesetzt habe, habe dieser die Gefahr heruntergespielt. Danach seien Mitglieder der Tali- ban bei ihm zuhause erschienen und hätten seiner Frau in seiner Abwe- senheit einen Drohbrief übergeben. Darin sei er erneut aufgefordert wor- den, mit den Taliban zusammenzuarbeiten, ansonsten würden sie ihn und seine Familie töten. Rund einen Monat später sei er im schusssicheren Fahrzeug des Parlamentsabgeordneten unterwegs gewesen. Plötzlich hät- ten zwei Personen auf einem Motorrad sein Fahrzeug in Beschuss genom- men. Er sei sich sicher, dass der Angriff ihm persönlich gegolten habe, weil er sich alleine im Fahrzeug befunden habe. Aus Angst vor weiteren Konse- quenzen wegen seiner verweigerten Zusammenarbeit mit den Taliban habe er seine Arbeitsstelle gekündigt und sei gemeinsam mit seiner Fami- lie ausgereist. Auch seine Schwiegereltern sowie seine Eltern hätten in der Folge aus Angst vor einer Reflexverfolgung ihren Heimatort verlassen. Seine Schwiegereltern würden jetzt in E._______ wohnen. Seine Eltern seien nach Iran gereist und würden sich immer noch dort befinden. E-4426/2020 Seite 3 Als Beweismitt el reichte der Beschwerdeführer einen auf den (...) April 2019 datierten Drohbrief der Taliban im Original, eine (…)karte und eine Karte des (…) im Original (als Beleg für seine Arbeitstätigkeit für den Parlamentsabgeordneten) sowie Kopien von drei Fotos e ines Fahr- zeuges mit Einschusslöchern ein. Ausserdem reichte er das Zertifikat einer (…) im Original zu den Akten, bei welcher er gearbeitet habe. Als Identitätsnachweis legte er seine eigene Tazkira, seinen Fahrausweis, seinen Eheschein sowie die Tazkira seines Sohnes C._______ (jeweils im Original) ins Recht. B. Am 3. August 2020 unterbreitete die Vorinstanz der zugewiesenen Rechts- vertretung der Beschwerdeführenden einen Verfügungsentwurf zur Stel- lungnahme. Mit Eingabe vom 4. August 2020 nahm die Rechtsvertretung zum Entwurf des Entscheides des SEM schriftlich Stellung. C. Mit Verfügung vom 5. August 2020 – eröffnet gleichentags – verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden (Disposi- tivziffer 1), lehnte ihre Asylgesuche ab (Dispositivziffer 2) und verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3). Der Vollzug der Wegwei- sung wurde wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben (Dispositivziffer 4). D. Mit Beschwerde vom 4. September 2020 an das Bundesverwaltungsge- richt beantragten die Beschwerdeführenden die Aufhebung der angefoch- tenen Verfügung in den Dispositivziffern 1–3, die Feststellung der Flücht- lingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eve ntualiter sei die Sache zur Neubeurteilung im erweiterten Verfahren an die Vorinstanz zurückzu- weisen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E. Mit Schreiben vom 7. September 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs- gericht den Eingang der Beschwerde. E-4426/2020 Seite 4 F. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 7. September 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG). G. Mit Verfügung vom 25. September 2020 hiess die zuständige Instruktions- richterin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung unter der Voraus- setzung des fristgerechten Einreichens einer Fürsorgebestätigung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud sie das SEM zur Vernehmlassung ein. H. Mit Eingabe vom 7. Oktober 2020 reichten die Beschwerdeführenden frist- gerecht eine Fürsorgebestätigung vom 30. September 2020 ein. I. Mit Vernehmlassung vom 9. Oktober 2020 hielt das SEM an seiner Verfü- gung fest. Diese wurde den Beschwerdeführenden am 14. Oktober 2020 zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül- tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid -19-Verordnung Asyl, SR 142.318] und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an E-4426/2020 Seite 5 deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einrei- chung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solche n Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerich ts beinhaltet die Glaubhaftigkeitsprüfung eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Überein- stimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben sowie persönliche Glaubwürdigkeit, wobei die Sachverhaltsdarstellung nur glaubhaft sein kann, wenn die positiven Elemente überwiegen [vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.]). Grund- sätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilde- rungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemei- nen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Be- weismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann, wenn sie E-4426/2020 Seite 6 wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nach- schiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwir- kung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt dur chaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zwei fel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie- gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre- chen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). 4. 4.1 Zur Begründung ihres Asylentscheids führte die Vorinstanz aus, die Vorbringen der Beschwerdeführenden seien aufgrund von Widersprüchen unglaubhaft. Die Ehefrau des Beschwerdeführers habe die Drohanrufe der Taliban in der Anhörung zu ihren Asylgründen nicht erwähnt. Der Einwand des Be- schwerdeführers, die Ehefrau habe vergessen, diese zu erwähnen, über- zeuge nicht. Er habe sich widersprüchlich zur Anzahl der Anrufe geäussert und sowohl die Anrufe als auch seine darauffolgenden Reaktionen sub- stanzarm und ausweichend geschildert. Nicht nachvollziehbar sei, dass er nach Rückfrage bei seinem Arbeitgeber davon ausgegangen sei, dass es sich um nichts Ernstes ha ndle. Seine Antwort auf die Frage, ob er sich überlegt habe, seine Nummer zu wechseln, überzeuge nicht. In Bezug auf den Erhalt des Drohbriefs habe sein Sohn angegeben, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers den Brief in der Hand gehabt und ständig geweint habe, was implizieren würde, dass sie den Inhalt des Briefes gekannt habe. Dies stehe im Widerspruch zu den Angaben des Beschwerdeführers, wel- cher ausgesagt habe, sie hätten den Inhalt des Briefes erst nach der Über- setzung durch den Nachbarn erfahren . Dem Drohbrief selbst komme ins- besondere kein Beweiswert zu, weil er keinerlei fälschungssichere Merk- male enthalte. Zudem datiere der Drohbrief auf den (…) April 2019; die Be- schwerdeführenden seien jedoch bereits im Januar, Februar oder März 2019 ausgereist. Es sei nicht verständlich, dass der Beschwerdeführer die wiederholten persönlichen Drohungen über Wochen weitgehend ignoriert habe und weiterhin seiner Arbeit nachgegangen sei, dann aber sofort aus- gereist sei, als auf das eindeutig als Parlamentsfahrzeug erkennbare Auto E-4426/2020 Seite 7 seines Arbeitgebers geschossen worden sei. Nicht glaubhaft sei auch der Umstand, dass sowohl seine Eltern als auch seine Schwiegereltern auf- grund seiner Schwierigkeiten ausgereist seien. Bezüglich der Angreifer auf dem Motorrad habe er zunäch st von einer Person gesprochen. Erst als man ihn mit der Aussage seiner Ehefrau konfrontiert habe, habe er sich korrigiert und dargelegt, es seien zwei Personen gewesen. Sein Sohn habe zudem angegeben, dass der Beschwerdeführer nach dem Vorfall um zehn Uhr abends nachhause gekommen sei, die Familie darüber informiert habe und angekündigt habe, den Arbeitgeber anrufen zu wollen. Er selbst habe demgegenüber dargelegt, am Abend nach dem Vorfall seine Familie noch nicht in Kenntnis gesetzt zu haben. Die Glaubhaftigkeit seiner Tätigk eit als (…) und (…) eines afghanischen Parlamentsabgeordneten könne offenbleiben, da ein erhöhtes Risikoprofil und damit eine abstrakte Gefährdung für sich alleine noch nicht zur be- gründeten Furcht vor Verfolgung führten. Seine Vorbringen seien ohnehin – also auch bei gegebener Glaubhaftigkeit – nicht asylrelevant. Er habe nämlich nicht darlegen können, inwiefern der Angriff ihm persönlich und nicht etwa seinem Arbeitgeber oder den Parla- mentsdiensten im Allgemeinen gegolten habe. Zudem fehle es an einem asylrelevanten Verfolgungsmotiv. Selbst wenn man seinen Vorbringen Glauben schenken könnte, wäre er nämlich nicht wegen eines ihm anhaf- tenden und unveränderlichen Merkmals im Sinne von Art. 3 AsylG oder wegen seiner politischen Ei nstellung ins Visier der Taliban geraten. Viel- mehr wäre er aufgrund seiner Tätigkeit für den Parlamentsabgeordneten und somit als Träger von sicherheitssensiblen Informationen von den Tali- ban ausgewählt worden. Es wäre anzunehmen gewesen, dass er nach ei- ner Kündigung seiner Arbeitsstelle schon zu einem früheren Zeitpunkt nicht mehr für die Taliban interessant gewesen wäre. Aktuell würde er sich über keine risikobegründenden Faktoren mehr auszeichnen, zumal er seine Ar- beitsstelle bereits vor über einem Jahr aufgegeben habe. 4.2 Die Beschwerdeführenden halten diesen Erwägungen in ihrer Stellung- nahme zum Entscheidentwurf sowie in ihrer Beschwerdeschrift entgegen, sie würden ein Profil aufweisen, welches insgesamt zu einer objektiv be- gründeten Furcht führe. Die Ehe frau des Beschwerdeführers habe die Drohanrufe nicht erwähnt, da man ihr erklärt habe, sie solle sich auf ihre eigenen Asylgründe fokussieren und nicht auf diejenigen ihres Ehemanns. Die ungefähre Angabe zur Anzahl der Anrufe lasse sich kulturell erklären. E-4426/2020 Seite 8 In Afghanistan legten die Menschen keinen grossen Wert auf die Genauig- keit der Anzahl beziehungsweise Daten. Seine Antworten zu den Fragen betreffend Drohanrufe seien nicht ausweichend, sondern präzise gewesen. Die Gespräche hätten nicht lange gedauert, weshalb er nicht mehr darüber habe berichten können. Ausserdem habe er geschildert, wie sich seine Ge- fühlslage im Anschluss an die Anrufe geändert habe und somit von persön- lichen Eindrücken berichtet. Sein Sohn wisse nicht viel über die Gescheh- nisse und könne sie nicht zeitlich einordnen. Er könne sich lediglich daran erinnern, dass seine Mutter einen Brief in der Hand gehalten habe und be- sorgt gewesen sei. Aus dem Protokoll gehe nicht hervor, ob dies an dem Tag geschehen sei, an welchem der Brief angekommen sei oder am da- rauffolgenden Tag. Zudem sei in Bezug auf seine Aussagen ein tieferer Be- weismassstab anzuwenden, da er minderjährig sei. Das Erinnerungsver- mögen der Ehefrau des Beschwerdeführers sei aufgrund ihrer schlechten psychischen Verfassung abgeschwächt. Auf dem eingereichten Drohbrief sei ein Stempel ersichtlich. Trotzdem habe die Vorinstanz diesem jegliche Beweistauglichkeit abgesprochen, ohne das Bestehen von Fälschungs - beziehungsweise Echtheitsmerkmalen überprüft zu haben. Ihm seien die gefährlichen Aspekte seiner Arbeit bewusst gewesen; er habe sich aber nicht gleich nach dem ersten Drohanruf einschüchtern lassen wollen. Erst nach dem Schussangriff sei ihm bewusst geworden, dass die Taliban es ernst meinten und in welcher konkreten Gefahr er sich befinde. Gemäss Herkunftsländerinformationen sei es üblich, dass die Taliban Druck auf Fa- milienangehörige ausüben würden, um an Informationen über gesuchte Personen zu gelangen. Deshalb sei es nachvollziehbar, dass die Verwand- ten der Beschwerdeführenden ihren Heimatort ebenfalls verlassen hätten. Die Männer auf dem Motorrad hätten zuerst versucht, das Fahrzeug zu stoppen. Als der Beschwerdeführer trotzdem weitergefahren sei, hätten sie sich ihm angenähert und auf das Fahrzeug geschossen. Deshalb müsse zwingend davon ausgegang en werden, dass sie ihn erkannt und gezielt auf ihn geschossen hätten. Es treffe zwar zu, dass der Beschwerdeführer als Mittel zum Zweck behan- delt worden sei, um an sensible Informationen des Parlamentsabgeordne- ten zu kommen. Jedoch s eien die angedrohten Vergeltungsmassnahmen zumindest teilweise von politischen Motiven getragen, da die Verweigerung der Zusammenarbeit als oppositioneller Akt aufgefasst werde. Es sei be- kannt, dass die Taliban regierungsnahe Personen mittels Drohungen und E-4426/2020 Seite 9 Entführungen einschüchterten, um sie dazu zu bewegen, sich von der Re- gierungstätigkeit abzukehren und sich allenfalls der Opposition bezie- hungsweise den Taliban anzuschliessen. 5. 5.1 Die Vorinstanz ist zur zutreffenden Einschätzung gelangt, dass die Fluchtgründe der Beschwerdeführenden unglaubhaft sind. Um Wiederho- lungen zu vermeiden, ist auf die vorinstanzlichen Erwägungen zu verwei- sen. Besonders ins Gewicht fallen bei der Glaubhaftigkeitsprüfung die zeitlichen Ungereimtheiten betreffend den Drohbrief und die Ausreise. Anlässlich der PA vom 14. Juli 2020 gab der Beschwerdeführer an, rund 15 Monate zuvor und somit ungefähr Mitte April 2019 ausgereist zu sein (vgl. SEM-Akten 1069283-25/12 Ziffer 5.01) . In der Anhörung vom 27. Juli 2020 sagte er aus, der Angriff der Taliban liege rund ein Jahr und vier Monate zurück (vgl. SEM-Akten 1069283-29/17 [nachfolgend: Akte 29/17] F19). Somit muss sich der Angriff im März 2019 zugetragen haben. Den Angaben des Be- schwerdeführers zufolge hat die Familie Afghanistan vier Tage nach dem Angriff verlassen (Akte 29/17 F82). Seine Ehefrau gab anlässlich ihrer An- hörung vom 30. Oktober 2019 an, sieben Monate zuvor mit ihrer Familie ausgereist zu sein. Ihre Ausreise erfolgte nach dem Gesagten Ende März 2019. Der angeblich von den Taliban zugestellte Drohbrief ist aber auf den (…) April 2019 datiert (vgl. Akte 1069283-30/1). Wenn sich der Angriff – wie vom Beschwerdeführer behauptet – ungefähr 20 bis 22 Tage nach Er halt des Briefes ereignet hat (vgl. Akte 29/17 S. 6), hätte die Ausreise der Fa- milie circa Ende Mai 2019 stattgefunden, was mit den Zeitangaben der Be- schwerdeführenden nicht in Einklang zu bringen ist. Weiter ist – wie die Vorinstanz zutreffend festhält – nicht nachvollziehbar, weshalb die Ehefrau des Beschwerdeführers die drei Drohanrufe von den Taliban in ihrer Anhörung nicht erwähnt hat. Sie hat dort ausführlich über die Proble me ihres Ehemanns berichtet und in Bezug auf ihre eigenen Probleme geltend gemacht, dass auch ihre Schwierigkeiten auf das Ar- beitsverhältnis ihres Ehemanns mit dem Parlamentsabgeordneten gründe- ten. Es wäre deshalb zu erwarten gewesen, dass sie auch die Drohanrufe erwähnt hätte. Ein weiterer Widerspruch betrifft die Geschehnisse unmittelbar nach dem Angriff auf den Beschwerdeführer. Während dieser angab, nach dem An- griff sofort seinen Arbeitgeber telefonisch informiert zu haben, jedoch seine E-4426/2020 Seite 10 Familie am besagten Tag noch nicht in Kenntnis gesetzt zu haben (vgl. Akte 29/17 S. 8, F86), schilderte sein Sohn, dass sein Vater noch am selben Abend seine Mutter informiert habe (vgl. SEM-Akten 1069283-28/11 F61, F64). Daraufhin habe er seinen Arbeitgeber an gerufen, um ihm die Ge- schichte zu erzählen (vgl. a.a.O.). Die Erklärungsversuche in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf und in der Beschwerdeschrift sind nicht geeignet, diese Widersprüche aufzulö- sen. Nicht glaubhaft ist sodann, dass der Beschwerdeführer während fast vier Jahren als (…) und (…) für einen Parlamentsabgeordneten tätig gewesen sein will, dabei mehrere Drohungen der Taliban nicht ernstgenommen hätte und nach einer ersten gefährlichen Situation sofort aus seinem Heimatland ausgereist sein soll. Ihm scheint die Gefahr, welche bei einer solchen Ar- beitstätigkeit droht, bewusst gewesen zu sein, zumal er den Erhalt von Dro- hungen in einer solchen Position als «etwas ganz Übliches» bezeichnete (vgl. SEM-Akten 1069283-29/17 S. 6). Vor diesem Hintergrund wäre nach einem Ereignis wie dem Angriff auf das selbsterklärend exponierte, schuss- sichere Fahrzeug seines Arbeitgebers eine andere Reaktion zu erwarten gewesen. Überdies hätte er auch durch die Kündigung seiner Arbeitsstelle dieser angeblichen Gefahr entgehen können, waren doch die Taliban sei- nen Angaben zufolge nicht an ihm persönlich, sondern lediglich an seiner Verbindung zum Parlamentsabgeordneten interessiert gewesen . Diese Einschätzung wird vom Beschwerdeführer implizit geteilt, wenn er in der Beschwerdeschrift bestätigt, er sei von den Taliban bloss als Mittel zum Zweck benutzt worden (vgl. Beschwerdeschrift Ziffer 15). Es ist somit da- von auszugehen, dass die Taliban das angebliche Interesse an ihm verlo- ren hätten, wenn er sich für sie nicht mehr als "nützlich" erwiesen hätte . Deshalb ist sein e Bemerkung, die Taliban hätten ihn in D._______ auch wiedergefunden, wenn er die Arbeitsstelle gewechselt hätte, unbehelflich. Schliesslich blieben seine Ausführungen zur Frage, weshalb er in den Fo- kus der Taliban geraten sein soll, gesamthaft vage und unbestimmt. Aus den Befragungsprotokollen geht nicht hervor, warum sich die Taliban über- haupt für den betreffenden Parlamentsabgeordneten interessiert haben sollen. E-4426/2020 Seite 11 Die eingereichten Kopien von Fotos des beschossenen Fahrzeugs vermö- gen diese Einschätzung nicht umzustossen, zumal nicht ansatzweise be- legt ist, dass es sich dabei um das Fahrzeug des Parlamentsabgeordneten handelt. 5.2 In einer Gesamtabwägung kommt das Bundesverwaltungsgericht da - her mit der Vorinstanz zum Schluss, dass die zentralen Vorbringen der Be- schwerdeführenden den Anforderungen an das Glaubhaftmachen eines asylrelevanten Sachverhalts nicht genügen . Die Vorinstanz hat daher zu Recht ihre Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. Da das SEM in seiner Verfügung vom 5. August 2020 die vorläufige Auf- nahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz angeordnet hat, erübri- gen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass di e angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde - führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist jedoch auf die Erhebung von Ver- fahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) E-4426/2020 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Roswitha Petry Mara Urbani Versand: