<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 125 S.507</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">507</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>125</b></span> <span class="ft2"><b>Anschlussgebühr.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bestimmt das Erschliessungsreglement den Grundeigentümer im</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Zeitpunkt des Anschlusses an die Erschliessungsanlage als Abgabe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>pflichtigen, kann nur dieser zur Zahlung verpflichtet werden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 4).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Wird die Gebührenverfügung einem Adressaten zugestellt, der den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Grundeigentümer nicht vertritt, ist sie ebenso nichtig, wie der im da-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gegen eingeleiteten Rechtsmittelverfahren ergangene Einspracheent-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>scheid (Erw. 5.1. ff.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus einem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom</span><br/> <span class="ft4">10. September 2002 in Sachen G. AG gegen Einwohnergemeinde H.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">... 4. Der Zeitpunkt, in dem die belastete Baute an die Wasser-</span><br/> <span class="ft1">versorgung angeschlossen worden ist (§ 56 Abs. 1 des Wasserregle-</span><br/> <span class="ft1">ments der Gemeinde H. [WR] ...), geht ebenso wenig aus den Akten</span><br/> <span class="ft1">hervor wie der Zeitpunkt, an dem der Abwasseranschluss in Betrieb</span><br/> <span class="ft1">genommen worden ist (§ 40 des Abwasserreglements der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde H. [AR] ...). Die genaue Ermittlung des relevanten Datums</span><br/> <span class="ft1">ist für die Beurteilung des vorliegenden Falles jedoch nicht notwen-</span><br/> <span class="ft1">dig, da sich die Parzelle X (...) in H. gemäss Auskunft des Grund-</span><br/> <span class="ft1">buchamts L. (...) seit dem 26. August 1999 infolge einfacher Gesell-</span><br/> <span class="ft1">schaft im Gesamteigentum der Ehegatten R. befindet, währenddem</span><br/> <span class="ft1">sie vorher im Alleineigentum von R. stand, der die Liegenschaft</span><br/> <span class="ft1">seinerseits durch Erbgang erworben hatte (...). Damit steht fest, dass</span><br/> <span class="ft1">das Grundstück (...) im gesamten, für den Eintritt der Zahlungspflicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">508</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">in Frage kommenden Zeitraum, also die Zeit nach Erteilung der</span><br/> <span class="ft1">Baubewilligung am 24. August 1998 (...), nie im Eigentum der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin stand. Entsprechend kann sie auch nicht Zahlungs-</span><br/> <span class="ft1">verpflichtete im Sinne des WR und AR sein. Daraus folgt, dass die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde gutzuheissen und der vorinstanzliche Entscheid (zumin-</span><br/> <span class="ft1">dest) aufzuheben ist (vgl. dazu die nachfolgenden Erwägungen).</span><br/> <span class="ft1">5.1. Fehlerhaft ist eine Verfügung, wenn sie inhaltlich rechts-</span><br/> <span class="ft1">widrig ist oder in Bezug auf ihr Zustandekommen, das heisst die</span><br/> <span class="ft1">Zuständigkeit und das Verfahren bei ihrer Entstehung, oder in Bezug</span><br/> <span class="ft1">auf ihre Form Rechtsnormen verletzt (Ulrich Häfelin/Georg Müller,</span><br/> <span class="ft1">Grundriss des Allgemeinen Verwaltungsrechts, 3. Auflage, Zürich</span><br/> <span class="ft1">1998, N 760). Die möglichen Rechtsfolgen der Fehlerhaftigkeit einer</span><br/> <span class="ft1">Verfügung sind die Anfechtbarkeit, die Nichtigkeit und die Wider-</span><br/> <span class="ft1">rufbarkeit der Verfügung (Häfelin/Müller, a.a.O., N 762). Während in</span><br/> <span class="ft1">der Regel eine Verfügung lediglich anfechtbar ist, was heisst, dass sie</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich wirksam ist, jedoch innert einer bestimmten Frist von</span><br/> <span class="ft1">den Betroffenen angefochten und auf Anfechtung hin von den</span><br/> <span class="ft1">zuständigen Behörden aufgehoben oder geändert werden kann, bildet</span><br/> <span class="ft1">die Nichtigkeit die Ausnahme (Häfelin/Müller, a.a.O., N 763; Aar-</span><br/> <span class="ft1">gauische Gerichts- und Verwaltungsentscheide [AGVE]</span> <span class="ft1">2001</span><br/> <span class="ft1">S. 381).</span><br/> <span class="ft1">5.2. Nichtigkeit bedeutet absolute Unwirksamkeit der Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung; sie entfaltet keinerlei Rechtswirkungen. Sie ist vom Erlass an</span><br/> <span class="ft1">(ex tunc) und ohne amtliche Aufhebung als nicht vorhanden, als</span><br/> <span class="ft1">rechtlich unverbindlich zu betrachten. Die Nichtigkeit ist von Amtes</span><br/> <span class="ft1">wegen zu beachten und kann von jedermann jederzeit geltend ge-</span><br/> <span class="ft1">macht werden. Eine Verfügung ist unter den folgenden Vorausset-</span><br/> <span class="ft1">zungen als nichtig zu betrachten (Häfelin/Müller, a.a.O., N 768 mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen; AGVE 2001 S. 381):</span><br/> <span class="ft1">- Die Verfügung muss einen besonders schweren Mangel auf-</span><br/> <span class="ft1">weisen.</span><br/> <span class="ft1">- Der Mangel muss offensichtlich oder zumindest leicht er-</span><br/> <span class="ft1">kennbar sein.</span><br/> <span class="ft1">- Die Nichtigkeit darf die Rechtssicherheit nicht ernsthaft ge-</span><br/> <span class="ft1">fährden. Dazu ist eine Abwägung zwischen dem Interesse an der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">509</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Rechtssicherheit und dem Interesse an der richtigen Rechtsanwen-</span><br/> <span class="ft1">dung vorzunehmen.</span><br/> <span class="ft1">5.3. Diese Voraussetzungen sind gemäss Rechtsprechung dann</span><br/> <span class="ft1">erfüllt, wenn beispielsweise überhaupt keine Eröffnung an irgendeine</span><br/> <span class="ft1">der betroffenen Rechtsparteien ergangen (Bundesgerichtsentscheid</span><br/> <span class="ft1">[BGE] 122 I 97 Erw. 3 S. 98 ff.) oder eine Verfügung einem gänzlich</span><br/> <span class="ft1">falschen Adressaten zugestellt worden ist (BGE 110 V 145 Erw. 2d</span><br/> <span class="ft1">S. 151 f.). Ein solcher Mangel kann nur durch eine nachträgliche,</span><br/> <span class="ft1">korrekt erfolgende Eröffnung geheilt werden (BGE 2A.293/2001</span><br/> <span class="ft1">vom 21. Mai 2002 in Sachen X. gegen Steuerverwaltung des Kan-</span><br/> <span class="ft1">tons Luzern und Verwaltungsgericht des Kantons Luzern, Erw. 1b).</span><br/> <span class="ft1">5.4.1. Nachdem der Einspracheentscheid vom 15. Oktober 2001</span><br/> <span class="ft1">aufgrund fehlender Zahlungspflicht zumindest aufzuheben ist</span><br/> <span class="ft1">(Erw. 4.), fragt sich, welches das rechtliche Schicksal der beiden mit</span><br/> <span class="ft1">der Einsprache angefochtenen Verfügungen vom 10. August 2001 ist.</span><br/> <span class="ft1">5.4.2. Die Verfügungen vom 10. August 2001 waren lediglich</span><br/> <span class="ft1">an die heutige Beschwerdeführerin adressiert. Dass die Gemeinde sie</span><br/> <span class="ft1">aufgrund entsprechender Mitteilung der Grundeigentümer der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin als Vertreterin zugesandt hat, lässt sich aus dem</span><br/> <span class="ft1">Verfügungsinhalt nicht entnehmen. Insbesondere ist auch darauf</span><br/> <span class="ft1">hinzuweisen, dass der "Wunsch" eines Vertreters ohne Genehmigung</span><br/> <span class="ft1">des Vertretenen ebenso wenig ein Vertretungsverhältnis begründen</span><br/> <span class="ft1">kann (...; vgl. Art. 39 f. des Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung</span><br/> <span class="ft1">des Schweizerischen Zivilgesetzbuches [Fünfter Teil: Obligationen-</span><br/> <span class="ft1">recht; SR 220; OR] vom 30. März 1911; Entscheid der Schätzungs-</span><br/> <span class="ft1">kommission [SKE] vom 4. Dezember 1995 in Sachen B. gegen</span><br/> <span class="ft1">Kanton Aargau, Erw. 2.2. S. 2), wie die aufgrund eines privatrechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Vertragsverhältnisses erfolgte Bezahlung einer Rechnung durch</span><br/> <span class="ft1">einen dazu nicht vom Gesetz Verpflichteten (vgl. die Begleichung</span><br/> <span class="ft1">der mit Erteilung der Baubewilligung an R. verfügten provisorischen</span><br/> <span class="ft1">Anschlussgebühren durch die Beschwerdeführerin; ...). Die Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gungen vom 10. August 2001 wurden somit einem falschen Adres-</span><br/> <span class="ft1">saten zugestellt; sie sind als nichtig zu qualifizieren.</span><br/> <span class="ft1">5.5. Nachdem die beiden Grundverfügungen nichtig sind, trifft</span><br/> <span class="ft1">dasselbe rechtliche Schicksal auch den vorinstanzlichen Einsprache-</span><br/> <span class="ft1">entscheid, erging er doch in einem Rechtsmittelverfahren gegen eben</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">510</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">diese von Beginn weg rechtlich inexistenten Verfügungen. Damit ist</span><br/> <span class="ft1">der Einspracheentscheid nicht (nur) aufzuheben, sondern es ist viel-</span><br/> <span class="ft1">mehr seine Nichtigkeit festzustellen.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">(Bemerkung: Beim Verfügungsadressaten handelte es sich um</span><br/> <span class="ft1">den Generalunternehmer)</span><br/></div> </div> </body> </html>