<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 16 S.67</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">67</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>16</b></span> <span class="ft2"><b>§ 125 ZPO.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Gesamtrechnung bei Ehepaaren. Lebt der Gesuchsteller mit seiner Ehe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gattin in einer Haushaltsgemeinschaft, ist sein prozessualer Zwangsbe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>darf anhand einer Gesamtrechnung zu ermitteln, das heisst die Nettoein-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kommen der Ehegatten sind zusammenzuzählen und dem nach den all-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gemeinen Regeln berechneten gemeinsamen Bedarf inklusive Zuschlag</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gegenüberzustellen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 4. Zivilkammer, vom 18. Juni 2002 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen J. F.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. b) Lebt der Gesuchsteller mit seiner Ehegattin in einer Haus-</span><br/> <span class="ft1">haltsgemeinschaft, ist sein prozessualer Zwangsbedarf anhand einer</span><br/> <span class="ft1">Gesamtrechnung zu ermitteln, da aufgrund der Unterhalts- oder Bei-</span><br/> <span class="ft1">standspflicht der Ehegatten (Art. 163 Abs. 1 bzw. Art. 159 Abs. 3</span><br/> <span class="ft1">ZGB) die familienrechtliche Pflicht besteht, die Prozesskosten des</span><br/> <span class="ft1">andern Ehegatten mitzufinanzieren, selbst wenn es sich um vermö-</span><br/> <span class="ft1">gensrechtliche Prozesse handelt. Dies folgt aus dem Grundsatz, dass</span><br/> <span class="ft1">der Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege subsidiär zur familien-</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen Unterhalts- respektive Beistandspflicht ist und deshalb</span><br/> <span class="ft1">die Pflicht des Staats, der bedürftigen Partei für einen nicht aus-</span><br/> <span class="ft1">sichtslosen Prozess die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, der</span><br/> <span class="ft1">Unterhalts-</span> <span class="ft1">und</span> <span class="ft1">Beistandspflicht</span> <span class="ft1">aus</span> <span class="ft1">Familienrecht</span> <span class="ft1">nachgeht</span><br/> <span class="ft1">(BGE 85 I 1 Erw. 3; Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N. 22 zu § 125</span><br/> <span class="ft1">ZPO mit Hinweisen; Alfred Bühler, Die Prozessarmut, Sonderdruck</span><br/> <span class="ft1">aus Gerichtskosten, Parteikosten, Prozesskaution, unentgeltliche Pro-</span><br/> <span class="ft1">zessführung, Bern 2001, S. 143 f. mit Hinweisen; ZBJV 2000 S. 594</span><br/> <span class="ft1">f.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">68</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Bei Lohnpfändungen sind das monatliche Nettoeinkommen bei-</span><br/> <span class="ft1">der Ehegatten und ihr gemeinsames Existenzminimum zu bestim-</span><br/> <span class="ft1">men. Das gemeinsame Existenzminimum ist zwischen den Ehegatten</span><br/> <span class="ft1">im Verhältnis zu deren Nettoeinkommen aufzuteilen. Zieht man vom</span><br/> <span class="ft1">Nettoeinkommen des betriebenen Ehegatten den auf ihn entfallenden</span><br/> <span class="ft1">Anteil des Existenzminimums ab, erhält man den pfändbaren Teil des</span><br/> <span class="ft1">Einkommens. So verfuhr die Vorinstanz gestützt auf BGE 114 III 12</span><br/> <span class="ft1">ff. im angefochtenen Entscheid. Diese Art der Berechnung läuft je-</span><br/> <span class="ft1">doch richtig besehen darauf hinaus, dass der Ehegatte des Gesuch-</span><br/> <span class="ft1">stellers aus der Bedürftigkeitsberechnung ausgeklammert wird und</span><br/> <span class="ft1">sich deshalb im Endeffekt nicht an den Prozesskosten des Gesuch-</span><br/> <span class="ft1">stellers beteiligen muss, was der Subsidiarität der unentgeltlichen</span><br/> <span class="ft1">Rechtspflege widerspricht. Eine strikte Anwendung dieser Berech-</span><br/> <span class="ft1">nungsart im Rahmen der unentgeltlichen Prozessführung könnte des-</span><br/> <span class="ft1">halb zu stossenden Ergebnissen führen, wenn zum Beispiel der Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsteller nur ein geringes Einkommen erzielt, durch das Einkom-</span><br/> <span class="ft1">men des Ehegatten aber im Wohlstand oder gar Luxus leben kann</span><br/> <span class="ft1">(ZBJV 2000 S. 594). Um die formellen Voraussetzungen zur Bewil-</span><br/> <span class="ft1">ligung der unentgeltlichen Rechtspflege an eine verheiratete Person</span><br/> <span class="ft1">zu prüfen, welche mit dem Ehegatten in einer Haushaltsgemeinschaft</span><br/> <span class="ft1">lebt, sind deshalb bei einer Gesamtrechnung die Nettoeinkommen</span><br/> <span class="ft1">beider Ehegatten zusammenzuzählen und diesen ist der nach den</span><br/> <span class="ft1">allgemeinen Regeln berechnete gemeinsame Bedarf inklusive Zu-</span><br/> <span class="ft1">schlag gegenüberzustellen. Resultiert kein oder nur ein geringfügiger</span><br/> <span class="ft1">Überschuss, der zur Finanzierung des Prozesses weder ganz noch</span><br/> <span class="ft1">teilweise ausreicht, ist die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen,</span><br/> <span class="ft1">andernfalls zu verweigern (Bühler, a.a.O., S. 144; ZBJV 2000</span><br/> <span class="ft1">S. 595).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>