<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 21 S.73</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">73</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Strafprozessrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>21 Bussenumwandlungsverfahren:</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Der Verurteilte, der im Laufe des Bussenumwandlungsverfahrens die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Busse bezahlt, hat in der Regel gestützt auf das Verursachungsprinzip die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Verfahrenskosten zu tragen. Befindet er sich jedoch in wirtschaftlich der-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>art misslichen Verhältnissen, dass bei Nichtbezahlung der Busse diese mit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>aller Wahrscheinlichkeit nicht umgewandelt worden wäre, ist auf die Ko-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>stenauflage zu verzichten.</b></span><br/> <br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 1. Dezember</span><br/> <span class="ft4">2003 in Sachen Staatsanwaltschaft gegen A. A.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. a) Unterlässt es ein Verurteilter, eine gegen ihn ausgespro-</span><br/> <span class="ft6">chene Busse zu bezahlen, und tilgt er sie erst, wenn das Bussenum-</span><br/> <span class="ft6">wandlungsverfahren gemäss Art. 49 Ziff. 3 StGB bereits eingeleitet</span><br/> <span class="ft6">ist, hat er grundsätzlich gestützt auf das Verursachungsprinzip die</span><br/> <span class="ft6">Kosten des Umwandlungsverfahrens zu tragen (OGE, 1. Strafkam-</span><br/> <span class="ft6">mer, vom 11. Dezember 1990 i.S. StA / R.N.; Brühlmeier, Aargaui-</span><br/> <span class="ft6">sche Strafprozessordnung, Kommentar, 2. Aufl., Aarau 1980, N 1</span><br/> <span class="ft6">und 2 zu § 204).</span><br/> <span class="ft6">Das Verursachungsprinzip findet jedoch im Bussenumwand-</span><br/> <span class="ft6">lungsverfahren seine Grenze resp. wird durchbrochen, wenn der Ver-</span><br/> <span class="ft6">urteilte trotz Bezahlung der Busse und gestützt darauf erfolgter Ein-</span><br/> <span class="ft6">stellung des Verfahrens nachweist, dass er in Anwendung der durch</span><br/> <span class="ft6">die Praxis herausgebildeten Kriterien als schuldlos ausserstande im</span><br/> <span class="ft6">Sinne des Gesetzes zu gelten hat, die Busse zu bezahlen, er somit,</span><br/> <span class="ft6">hätte er die Busse nicht bezahlt, bei Durchführung des Verfahrens</span><br/> <span class="ft6">mit seinem Standpunkt mutmasslich durchgedrungen wäre. Dies ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">74</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">zum Beispiel dann möglich, wenn er die Busse, ohne selbst über die</span><br/> <span class="ft6">nötigen Mittel zu verfügen, mit ihm von Dritten zur Verfügung ge-</span><br/> <span class="ft6">stelltem Geld beglichen hat oder er sie aus seinem für andere Be-</span><br/> <span class="ft6">dürfnisse ausgeschiedenen Notbedarf bezahlt hat.</span><br/> <span class="ft6">b) Bezahlt der Verurteilte die Busse nicht und verdient er sie</span><br/> <span class="ft6">auch nicht ab, so wird sie durch den Richter in Haft umgewandelt</span><br/> <span class="ft6">(Art. 49 Ziff. 3 Abs. 1 StGB). Der Richter kann im Urteil selbst oder</span><br/> <span class="ft6">durch nachträglichen Beschluss die Umwandlung ausschliessen,</span><br/> <span class="ft6">wenn der Verurteilte nachweist, dass er schuldlos ausserstande ist,</span><br/> <span class="ft6">die Busse zu bezahlen (Art. 49 Ziff. 3 Abs. 2 StGB). Schuldlosigkeit</span><br/> <span class="ft6">ist dann anzunehmen, wenn der Verurteilte auch bei gutem Willen</span><br/> <span class="ft6">keine Möglichkeit hat, sich die erforderlichen Mittel zu verschaffen</span><br/> <span class="ft6">oder die Busse durch Arbeitsleistung zu tilgen (BGE 125 IV 231</span><br/> <span class="ft6">Erw. 3a S. 233 mit Hinweisen). An den Nachweis der Schuldlosig-</span><br/> <span class="ft6">keit dürfen keine zu hohen Ansprüche gestellt werden. Es genügt</span><br/> <span class="ft6">eine Glaubhaftmachung. Unklarheiten wegen mangelhafter Vorbrin-</span><br/> <span class="ft6">gen hat der Richter durch Befragung des Verurteilten zu beheben</span><br/> <span class="ft6">(ZR 93 [1994] Nr. 77 S. 203 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">c) Die Verurteilte lebt in wirtschaftlich misslichen Verhältnis-</span><br/> <span class="ft6">sen. Sie war drogensüchtig und beging verschiedene Vermögensde-</span><br/> <span class="ft6">likte, die zur Verurteilung zu Bussen führten. Sie befindet sich nun</span><br/> <span class="ft6">seit längerer Zeit in einem strukturierten Methadonprogramm. Sie ist</span><br/> <span class="ft6">zudem Mutter eines nun 2-jährigen Kindes und betreut dieses. Ihr</span><br/> <span class="ft6">Mann und sie sind ausgesteuert, der Mann weiterhin arbeitslos und</span><br/> <span class="ft6">aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, seinen angelernten</span><br/> <span class="ft6">Beruf auszuüben. Sowohl sie als auch ihr Mann und ihre Tochter</span><br/> <span class="ft6">werden vom Sozialamt unterstützt. Mit den Leistungen wird einzig</span><br/> <span class="ft6">der Grundbedarf abgedeckt. Andere Mittel stehen der Verurteilten</span><br/> <span class="ft6">nicht zur Verfügung.</span><br/> <span class="ft6">Es ist offensichtlich, dass die Verurteilte die Busse nicht aus</span><br/> <span class="ft6">diesen Mitteln bestreiten konnte. Daran ändert nichts, dass es sich</span><br/> <span class="ft6">um einen sehr geringen Bussenbetrag handelt. Gemäss den eigenen</span><br/> <span class="ft6">Angaben der Verurteilten hat sie zur Begleichung anderer Bussen</span><br/> <span class="ft6">auch die Hilfe ihrer Mutter in Anspruch genommen. Woher das Geld</span><br/> <span class="ft6">zur ratenweisen Begleichung der hier in Frage stehenden Busse von</span><br/> <span class="ft6">Fr. 50.-- stammt, ist nicht bekannt, aber auch nicht von Bedeutung.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">75</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Selbst wenn sie es von den eigenen Mitteln beglichen hat, wird aus</span><br/> <span class="ft6">der dargestellten finanziellen Situation deutlich, dass es aus dem an-</span><br/> <span class="ft6">deren Zwecken dienenden Notbedarf kommen musste.</span><br/> <span class="ft6">d) Gestützt darauf ist trotz Bezahlung des Bussenbetrages fest-</span><br/> <span class="ft6">zustellen, dass die Verurteilte bislang schuldlos ausserstande war, die</span><br/> <span class="ft6">Busse zu bezahlen und deshalb bei Nichtbezahlung mit ihrem Begeh-</span><br/> <span class="ft6">ren, die Umwandlung der Busse sei auszuschliessen, wohl durchge-</span><br/> <span class="ft6">drungen wäre. Aus diesem Grund sind die Verfahrenskosten aus-</span><br/> <span class="ft6">nahmsweise nicht gemäss dem Verursachungsprinzip ihr aufzuerle-</span><br/> <span class="ft6">gen, sondern auf die Staatskasse zu nehmen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>