B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-1934/2022 U r t e i l v o m 6 . M ä r z 2 0 2 3 Besetzung Richter Gregor Chatton (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting-Schalch, Richter Yannick Antoniazza-Hafner, Gerichtsschreiberin Caroline Rausch. Parteien A._______, vertreten durch lic. iur. Raphaël Camp, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Einreiseverbot. F-1934/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der brasilianische Staatsangehörige A._______, geboren am (…) (hier- nach: der Beschwerdeführer) , reiste gemäss eigenen Angaben am 12. März 2022 in die Schweiz ein. Gleichentags wurde er von der Stadtpolizei B._______ wegen des Verdachts auf Ausübung einer Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung festgenommen. Anlässlich der tags darauf erfolgten poli- zeilichen Einvernahme wurde ihm das rechtliche Gehör zu einer Wegwei- sung und der allfälligen Verhängung eines Einreiseverbots gewährt. B. Am 14. März 2022 verfügte das Migrationsamt des Kantons B._______ die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz sowie dem Schen- gen-Raum und forderte ihn auf, unverzüglich (innert eines Tages) auszu- reisen. C. Am 14. März 2022 erliess die Staatsanwaltschaft C._______ gegen den Beschwerdeführer einen Strafbefehl wegen rechtswidrigen Aufenthalts so- wie Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung und belegte ihn mit einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu je Fr. 30.–, aufgeschoben bei einer Probezeit von 2 Jahren, und einer Busse von Fr. 300.–. D. Ebenfalls am 14. März 2022 (gleichentags eröffnet) verfügte das Staats- sekretariat für Migration (SEM) gegen den Beschwerdeführer ein dreijähri- ges Einreiseverbot, gültig vom 16. März 2022 bis am 15. März 2025, und ordnete die Ausschreibung der Fernhaltemassnahme im Scheng ener In- formationssystem (SIS II) an. G leichzeitig entzog es einer allfälligen Be- schwerde die aufschiebende Wirkung. E. Am 27. April 2022 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung des Einreiseverbots. Eventualiter sei das Einreiseverbot auf ein oder zwei Jahre zu beschrän- ken. Zudem ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung mitsamt unentgeltlicher Rechtsverbeiständung. F. Mit Zwischenverfügung vom 24. Mai 2022 wies das Bundesverwaltungs-F-1934/2022 Seite 3 gericht das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Rechts- pflege ab und forderte ihn auf, einen Kostenvorschuss von Fr. 1'000. – zu leisten. Am 23. Juni 2022 wurde der Kostenvorschuss bezahlt. G. In ihrer Vernehmlassung vom 11. Juli 2022 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde. Der Beschwerdeführer verzichtete auf das Einreichen einer Replik. H. Am 9. Januar 2023 ersuchte der Beschwerdeführer das Bundesverwal- tungsgericht um Auskunft über den Verfahrensstand. Das Bundesverwal- tungsgericht antworte ihm am 17. Januar 2023. I. Aus organisatorischen Gründen wurde im Februar 2023 für den bisherigen Instruktionsrichter der vorsitzende Richter im Spruchkörper aufgenommen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Verfügungen des SEM, die ein Einreiseverbot nach Art. 67 AIG (SR 142.20) zum Gegenstand haben, unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG). 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes best immt (Art. 37 VGG). 1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Erhebung der Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde ist daher einzutreten (Art. 50 Abs. 1 VwVG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG). 2. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-F-1934/2022 Seite 4 messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb- lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Be gründung der Begehren gebunden und kann die Be- schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis- sen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeit- punkt des Entscheids (BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1 E. 2). 3. 3.1 Zu prüfen ist vorab, ob die Vorinstanz, wie vom Beschwerdeführer gel- tend gemacht, seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt hat. 3.2 Der Beschwerdeführer rügt, dass ihm die Vorinstanz vor Erlass des Einreiseverbots Gelegenheit hätte geben müssen, sich zur beabsichtigten Sanktion zu äussern, was vorliegend nicht geschehen sei. Zudem führt er aus, dass das Einreiseverbot ohne rechtsgenügende Begründung verfügt wurde. Die Begründung des angefochtenen Entscheids sei viel zu knapp und summarisch gehalten. Des Weiteren macht der Beschwerdeführer gel- tend, dass ihm die Wegweisungsverfügung (wohl gemeint: das Einreise- verbot) weder schriftlich noch mündlich übersetzt wurde . Schliesslich sei ihm die Verfügung nicht eröffnet worden. 3.3 Der Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV und Art 29 VwVG) umfasst das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines in seine Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache äussern zu k önnen (Art. 30 Abs. 1 VwVG). Er verlangt von der Behörde, dass sie die Vorbrin- gen des Betroffenen tatsächlich hört, ernsthaft prüft und in ihrer Entscheid- findung angemessen berücksichtigt (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Die Begrün- dung einer Verfügung (Art. 35 Abs. 1 VwVG) muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person diese gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Sie muss wenigstens kurz die Überlegungen darstellen, von denen sich die Behörde leiten liess und auf welche sie ihren Entscheid stützt. Die Anfor- derungen an die Begründung sind umso höher, je grösser der Entschei- dungsspielraum der Behörde ist (BGE 142 II 324 E. 3.6). Ein Anspruch auf Übersetzung von Verfügungen in die Muttersprache besteht nicht (vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer F-4156/2016 vom 8. De zember 2017 E. 3.3 f. m.H.). 3.4 Anlässlich der Einvernahme durch die Stadtpolizei B._______ am 13. März 2022 wurde dem Beschwerdeführer die Möglichkeit eingeräumt, sich F-1934/2022 Seite 5 zur allfälligen Anordnung einer Fernhaltemassnahme zu äussern. Der Be- schwerdeführer bestätigte das Einvernahmeprotokoll sowie dessen Über- setzung durch die anwesende Dolmetscherin mit seiner Unterschrift (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM -act.] 1/4 f.). Entgegen seiner Behauptung wurde ihm somit das rechtliche Gehör betreffend das Einreiseverbot ge- währt. Darüber hinaus konnte der Beschwerdeführer seine Einwände vor dem Bundesverwaltungsgericht, das über eine volle Kognition verfügt, er- neut geltend machen. Folglich erweist sich die Rüge der Verletzung des Äusserungsrechts als unbegründet. Der Empfang des Einreiseverbots wurde vom Beschwerdeführer am 14. März 2022 gegenüber der aushän- digenden Kantonspolizei B._______ unterschriftlich bestätigt (siehe auch diesbzgl. Urteile des BVGer F-3996/2018 vom 17. Februar 2020 E. 4.2 und C-2406/2014 vom 19. Februar 2015 E. 3.4). 3.5 Die Vorinstanz hat in ihrer Verfügung den Grund für die Verhängung des Einreiseverbots, nämlich die Ausübung einer Erwerbstätigkeit ohne da- für erforderliche Bewilligung, angegeben. Die entsprechenden Argumente sind äusserst knapp ausgefallen und es fehlen insbesondere konkrete Aus- führungen in Bezug auf den Beschwerdeführer. Nichtsdestotrotz ist nach- vollziehbar, auf welcher Grundlage und weshalb das Einreiseverbot aus- gesprochen wurde. Dies umso mehr, als dass sowohl der Str afbefehl der Staatsanwaltschaft C._______ als auch die Wegweisungsverfügung des Migrationsamts des Kantons B._______ gleichentags erlassen wurden . Eine sachgerechte Anfechtung des Einreiseverbots war damit ohne weite- res möglich. Dies bestätigt sich denn auch in der Beschwerdeeingabe vom 27. April 2022. Es liegt folglich keine Verletzung der Begründungspflicht vor. 3.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz das rechtliche Gehör des Be- schwerdeführers nicht verletzt. 4. 4.1 Nach Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG (in der hier anwendbaren, bis am 21. No- vember 2022 gültig gewesenen Fassung vom 18. Juni 2010 [AS 2010 5925]) verfügt das SEM unter Vorbehalt von Absatz 5 Einreiseverbote ge- genüber weggewiesenen Ausländerinnen und Ausländern, wenn die Weg- weisung nach Art. 64d Abs. 3 Bst. 2a-c sofort vollstreckt wird. 4.2 Nach Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG kann das SEM ein Einreiseverbot ge- genüber Ausländerinnen und Ausländern verfügen, die gegen die öffentli- che Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen F-1934/2022 Seite 6 haben oder diese gefährden. Ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung liegt insbesondere vor bei einer Missachtung von gesetzli- chen Vorschriften oder behördlichen Verfügungen (Art. 77 a Abs. 1 Bst. a der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Er- werbstätigkeit [VZAE, SR 142.201]). Eine Gefährdung der öffentlichen Si- cherheit und Ordnung liegt vor, wenn konkrete Anhaltspunkte dafür beste- hen, dass der Aufenthalt der betroffenen Person in der Schweiz mit erheb- licher Wahrscheinlichkeit zu einer Nichtbeachtung der öffentlichen Sicher- heit und Ordnung führt (Art. 77a Abs. 2 VZAE). Das Einreiseverbot wird grundsätzlich für eine Dauer von höchstens fünf Jahren verfügt (Art. 67 Abs. 3 erster Satz AIG). Die verfügende Behörde kann ausnahmsweise aus humanitären oder anderen wichtigen Gründen von der Verhängung ei- nes Einreiseverbots absehen oder ein Einreiseverbot endgültig oder vo- rübergehend aufheben (Art. 67 Abs. 5 erster Satz AIG). 4.3 Das in Art. 67 AIG geregelte Einreiseverbot stellt keine Sanktion dar, sondern eine Massnahme zur Abwendung einer künftigen Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002 [nachfolgend: Botschaft], BBl 2002 3709, S. 3813). Die Verhängung eines Einreiseverbots knüpft an das Risiko einer künftigen Gefährdung an. Gestützt auf sämtliche Umstände des Einzelfalles ist eine entsprechende Prognose zu stellen. Dabei ist naturgemäss primär das vergangene Verhalten der betroffenen Person zu berücksichtigen (vgl. anstelle vieler Urteil des BVGer F -4025/2017 vom 1. Oktober 2018 E. 3.2 m.H.). Es genügt dabei, wenn der ausländischen Person eine Sorgfaltspflichtverletzung zugerechnet werden kann. Unkenntnis oder Fehlinterpretation der Einreise - und Aufenthaltsvorschriften stellen in der Regel keinen hinreichenden Grund für ein Absehen von einer Fernhaltemassnahme dar (vgl. Urteil des BVGer F -5969/2016 vom 28. September 2017 E. 4.4. m.H.). 4.4 Der Bestand und die Dauer des Einreiseverbots sind in jedem Fall unter dem B lickwinkel der Verhältnismässigkeit staatlichen Handelns (Art. 5 Abs. 2 BV, Art. 96 Abs. 1 AIG) zu überprüfen. Eine Prognose, für welchen Zeitraum die Sicherungsmassnahme notwendig sein wird, ist naturgemäss nicht möglich. Abstufungen betreffend die Dauer ergeben sich aus der wer- tenden Abwägung zwischen dem öffentlichen Interesse an der Fernhaltung und den privaten Interessen, welche die betroffene Person an der zeitli- chen Beschränkung der Massnahme hat (BVGE 2016/33 E. 9.2; 2014/20 F-1934/2022 Seite 7 E. 8.1). Ausgangspunkt der Überlegungen bilden die Stellung der verletz- ten oder gefährdeten Rechtsgüter, die Besonderheiten des ordnungswidri- gen Verhaltens und die persönlichen Verhältnisse der betroffenen auslän- dischen Person (Art. 96 Abs. 1 AIG; Urteil des BVGer F -1419/2020 vom 11. August 2020, E. 3.4; vgl. auch HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, Rz. 555 ff.). 4.5 Wird gegen eine Person, die nicht die Staatsangehörigkeit eines Mit- gliedstaats der Europäischen Union oder der Europäischen Freihandelsas- soziation besitzt, ein Einreiseverbot verhängt, so wird sie nach Massgabe der Bedeutung des Falles im Schengener Informationssystem (SIS) zur Einreiseverweigerung ausgeschrieben (vgl. Art. 21 und 24 der Verordnung [EG] Nr. 1987/2006 des Europäischen Parlam ents und des Rates vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung, den Betrieb und die Nutzung des Schengener Informationssystems der zweiten Generation [SIS -II], Abl. L 381/4 vom 28.12.2006 [nachfolgend: SIS-II-Verordnung]; Art. 20 der Verordnung vom 8. März 2013 über den nationalen Teil des Schengener Informationssystems [N-SIS] und das SIRENE -Büro [N -SIS-Verordnung, SR 362.0]). 5. 5.1 Die Vorinstanz begründet das Einreiseverbot damit, dass der Be- schwerdeführer in der Schweiz erwerbstätig gewesen sei, ohne über die erforderliche ausländerrechtliche Bewilligung zu verfügen. Dies stelle ei- nen Verstoss gegen die Einreisevoraussetzungen des Ausländerrechts dar, womit auch gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG verstossen worden sei. Die Verfügung einer Fern- haltemassnahme zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sei unabhängig von einem allfälligen Strafverfahren angezeigt. Auch unter Be- rücksichtigung der Stellungnahme des Beschwerdeführers im Rahmen des rechtlichen Gehörs erweise sich das Einreiseverbot als gerechtfertigt und verhältnismässig. Zusätzlich stützt die Vorinstanz das E inreiseverbot auf die sofortige Vollstreckung der Wegweisung des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG. 5.2 Der Beschwerdeführer bestreitet, dass eine Verletzung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung vorlieg e, da es sich in casu nicht um erhebliche oder wiederholte Verstösse gegen gesetzliche Vorschriften handle. Viel- mehr handle es sich um eine erste strafrechtliche Verfehlung in der F-1934/2022 Seite 8 Schweiz und er sei nur mit einer Person – dem Polizisten – bezüglich se- xueller Dienste in Kontakt gewesen. Weiter bringt er vor, nicht gewusst zu haben, dass er für diese Arbeit eine Bewilligung benötige. 6. 6.1 Das Migrationsamt des Kantons B._______ hat den Beschwerdeführer am 14. März 2022 au s der Schweiz weggewiesen und i hn aufgefordert, das Land sowie den Schengen-Raum unverzüglich (innert eines Tages) zu verlassen. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz war die Wegweisung nicht sofort vollstreckbar. Dementsprechend ist der Fernhaltegrund gemäss Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG nicht gegeben. Folglich bleibt zu prüfen, ob gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung gemäss Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG verstosen wurde. 6.2 Gemäss Art. 11 Abs. 1 erster Satz AIG benötigen Ausländerinnen und Ausländer, die in der Schweiz eine Erwerbstätigkeit ausüben wollen, unab- hängig von der Aufenthaltsdauer eine Bewilligung. Der ausländerrechtliche Begriff der Erwerbstätigkeit ist weit gefasst (vgl. SPESCHA, in: Spescha et al. [Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 5. Aufl. 2019, Art. 11 AIG N. 2). Als Erwerbstätigkeit im Sinne des Gesetzes gilt jede üblicherweise gegen Ent- gelt ausgeübte unselbständige oder selbständige Tätigkeit, selbst wenn sie unentgeltlich erfolgt (Art. 11 Abs. 2 AIG). Eine Tätigkeit gilt dann als übli- cherweise gegen Entgelt gerichtet, wenn sie ihrer Art und ihrem Umfan g nach auf dem schweizerischen Arbeits- und Dienstleistungsmarkt angebo- ten wird (vgl. Urteil des BVGer F-2128/2022 vom 28. November 2022, E. 6.2; EGLI/MEYER, Handkommentar zum Bundesgesetz über die Auslän- derinnen und Ausländer, 2010, Art. 11 N. 6). Ohne Belang für die Qualifika- tion als Erwerbstätigkeit ist dabei, ob die Beschäftigung nur stunden- oder tageweise oder vorübergehend ausgeübt wird (vgl. Art. 1a und 2 VZAE). 6.3 Aus den Akten ergibt sich folgendes Bild der das Einreiseverbot auslösenden Umst ände: Ein verdeckter Fahnder der Stadtpolizei B._______ trat via WhatsApp mit einer Person namens «Luca» in Kontakt. Dies aufgrund eines Inserats auf der Internetseite www.rentmen.com. Dabei handelt es sich um eine Website, welche primär sexuelle Dienstleistungen von homosexuell orientierten Männern anbietet. «Luca», welcher später als der Beschwerdeführer identifiziert wurde, trat auf den Chat ein, und es folgte die Vereinbarung, sich am 12. März 2022 zu treffen und für Fr. 200.– pro Stunde den oralen Geschlechtsverkehr zu vollziehen. Bei dem Treffen begaben sich der Beschwerdeführer und der verdeckte Fahnder in ein Hotelzimmer. F-1934/2022 Seite 9 6.4 Der Beschwerdeführer hat durch die Veröffentlichung eines Profils auf der Plattform, die Terminvereinbarung und das anschliessende Treffen mit dem verdeckten Fahnder Handlungen getätigt, die üblicherweise der Er- zielung eines Entgelts dienen. Dies bestreitet der Beschwerdeführer nicht. Damit hat er grundsätzlich eine Tätigkeit ausgeübt, die unter den in E. 6.2 beschriebenen Begriff d er Erwerbstätigkeit fällt. Nicht von Belang ist die vom Beschwerdeführer angeführte Unkenntnis über die Rechtslage (vgl. Urteil des BVGer F-5318/2021 vom 9. Mai 2022, E. 4.2.5.5.). 6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer im be- schriebenen Umfang einer Erwerbstätigkeit im Sinne von Art. 11 Abs. 2 AIG nachgegangen ist. Diese Tätigkeit hat er ohne die erforderliche Bewilligung ausgeübt. Durch diese einmalige Verfehlung hat er gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung verstossen oder diese zumindest gefähr det. Der Tatbestand von Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG ist erfüllt, weshalb die Vorausset- zungen für den Erlass eines Einreiseverbots gegeben sind. Nicht zu prüfen ist, ob eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ord- nung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AIG vorliegt, da vorliegend ein Einreiseverbot von drei Jahren verhängt wurde. 7. 7.1 Zu prüfen bleibt die Verhältnismässigkeit der Massnahme (vgl. E. 4.4). 7.2 Der Beschwerdeführer hat, wie fes tgestellt, wegen Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung in der Schweiz gegen die öffentliche Sicherheit und Ord- nung im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG verstossen. Dieses Fehlver- halten wiegt objektiv nicht leicht, kommt doch den ausländerrechtlichen Normen im Zusammenhang mit Einreise, Aufenthalt und Aufnahme einer Erwerbstätigkeit grundsätzlich eine zentrale Bedeutung zu, wenn es darum geht, eine funktionierende Rechtsordnung zu gewährleisten (BVGE 2016/33 E. 4.3; 2014/20 E. 8.2; statt vieler: Urteil des BVG er F-3451/2018 vom 22. Januar 2020 E. 6.2). Diesbezüglich ist darauf hinzu- weisen, dass die Anordnung des Einreiseverbots bereits aus spezialprä- ventiven Gründen angezeigt ist, um ihn bei künftigen Aufenthalten in der Schweiz von der erneuten Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ord- nung abzuhalten. Zu berücksichtigen ist zudem das generalpräventiv mo- tivierte Interesse, die öffentliche Ordnung durch eine konsequente Mass- nahmenpraxis zu schützen (vgl. Urteil des BGer 2C_282/2012 vom 31. Juli 2012 E 2.5 m.H.). So soll ein Einreiseverbot angesichts der negativen Fol- gen andere ausländische Personen dazu anhalten, sich an die ausländer-F-1934/2022 Seite 10 rechtliche Ordnung des Gastlandes zu halten. Es besteht demnach ein ge- neral- und spezialpräventiv motiviertes Interesse an der Fernhaltung des Beschwerdeführers. 7.3 Mit Blick auf die Besonderheiten des ordnungswidrigen Verhaltens ist zu Gunsten des Beschwerdeführers zu berücksichtigen, dass dieser keine weiteren (oder wiederholten) Verstösse gegen ausländerrechtliche Vor- schriften begangen hat. Auch ist die Dauer seiner Erwerbstätigkeit – der Beschwerdeführer hatte seine Dienste soweit bekannt nur dem versteckten Fahnder angeboten – ist als sehr kurz zu bewerten ( siehe U rteile des BVGer F-2128/2022 vom 28. November 2022, E. 5; F-1764/2021 vom 15. November 2021, E. 4.2). Das begangene Delikt der Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung betrifft zudem kein besonders hochwertiges Rechtsgut. 7.4 Den öffentlichen Fernhalteinteressen sind die privaten Interessen des Beschwerdeführers entgegenzuhalten. Insgesamt macht der Beschwerde- führer sein privates Interesse an einer möglich ungehinderten Wirtschafts- und Bewegungsfreiheit im Schengen-Raum geltend. Diesbezüglich bringt er vor, über Freunde in Paris zu verfügen, die er besuchen wolle . Zudem sei er im Weinhandel tätig und darauf angewiesen , im Schengen-Raum seiner Arbeitstätigkeit (Weinverkauf, Weinmessen etc.) nachgehen zu kön- nen. Zuletzt macht der Beschwerdeführer sein laufendes Visumverfahren in England geltend. 7.5 Diese sehr vagen Vorbringen vermögen vorliegend nicht, das öffentli- che Fernhalteinteresse entscheidend zu relativieren. Seine Arbeitstätigkeit im Weinhandel vermag der Beschwerdeführer lediglich mit einem Empfeh- lungsschreiben eines früheren Vorgesetzten für einen Arbeitseinsatz von wenigen Monaten zu beweisen. Seine Ausführungen bezüglich einer Neu- anstellung bei einem Getränkehändler seit Februar 2022 blieben ferner gänzlich unbelegt. Unter Berücksichtigung der Praxis in ähnlich gelagerten Fällen, in welchen die Betroffenen legal in die Schweiz eingereist waren, erweist sich die Dauer des Einre iseverbots von drei Jahren allerdings als unverhältnismässig (vgl. Urteil e des BVGer F-4221/2021 vom 24 . Juni 2022, E. 6.5; F -6047/2019 vom 30. Juni 2021; F -250/2020 vom 20. Mai 2021, E. 6.6 [zweijährige Einreiseverbote wegen Erwerbstätigkeit ohne Be- willigung, sexuelle Dienstleitungen gegen Entgelt] ). Es ist anzunehmen, dass ein zweijähriges Einreiseverbot genügend Gewähr dafür bietet, dass der Beschwerdeführer künftig den in der Schweiz bzw. im Schengen-Raum geltenden migrationsrechtlichen Vorschriften Bea chtung schenkt. Auch F-1934/2022 Seite 11 wird dem öffentlichen Interesse an der Fernhaltung d es Beschwerdefüh- rers mit einem Einreiseverbot, begrenzt auf zwei Jahre, hinreichend Rech- nung getragen. 8. 8.1 Der Beschwerdeführer ist brasilianischer Staatsangehöriger und damit Drittstaatsangehöriger im Sinne von Art. 3 Bst. d SIS -II-VO. Aufgrund der Ausschreibung im SIS II ist es ihm untersagt, den Schengen-Raum zu be- treten. In Anbetracht des Verstosses gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung durch die Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung in der Schweiz ist die Ausschreibung zu Recht erfolgt und verhältnismässig (vgl. Art. 21 i.V.m. Art. 24 Abs. 3 SIS-II-VO). Eine mit der Ausschreibung einhergehende zu- sätzliche Beeinträchtigung der persönlichen Bewegungsfreiheit hat der Be- schwerdeführer mithin in Kauf zu nehmen (Urteile des BVGer F-5244/2018 vom 8. Juli 2020 E. 9; F‑3533/2016 vom 31. Mai 2017 E. 6.3; F‑4369/2015 vom 18. Oktober 2016 E. 6.3). 8.2 Abgesehen davon hindert die Ausschreibung die anderen Sc hengen- Staaten nicht daran, der betroffenen Person aus humanitären Gründen oder Gründen des nationalen Interesses oder aufgrund internationaler Ver- pflichtungen die Einreise in das eigene Hoheitsgebiet zu gestatten (vgl. Art. 14 Abs. 1 i.V.m. Art. 6 Abs. 5 Bst. c der Verordnung [EG] Nr. 2016/399 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. März 2016 über einen Unionskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen [Kodifi- zierter Text] [Schengener Grenzkodex, SGK, Abl. L 77/1 vom 23.03.2016]) bzw. ihr ein Schengen-Visum mit räumlich beschränkter Gültigkeit auszu- stellen (vgl. Art. 25 Abs. 1 Bst. a [ii] der Verordnung [EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Vi- sakodex der Gemeinschaft [Visakodex, Abl. L 243/1 vom 15.09.2009]). Sie können dem Beschwerdeführer ferner nach Konsultation des ausschrei- benden Staates aus wichtigen Gründen, insbesondere aus humanitären Gründen oder aufgrund internationaler Verpflichtungen, eine Aufenthalts- bewilligung erteilen, wor auf die Ausschreibung zurückgenommen wird (Art. 25 Abs. 1 des Übereinkommens vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des Übereinkommens betreffend den schrittweisen Abbau der Kontrollen an den gemeinsamen Grenzen [Schengener Durchführungsübereinkom- men, SDÜ, Abl. L 239/19 vom 22.09.2000] in der Fassung der Verordnung [EU] Nr. 265/2010 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25.03.2010 [ABl. L 85/1 vom 31.03.2010]; vgl. auch Urteile des BVGer F-4221/2021 vom 24. Juni 2022 E. 6.4; F-384/2019 vom 19. Februar 2020 E. 5.4). F-1934/2022 Seite 12 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass das angefochtene Einreiseverbot dem Grundsatz nach zu bestätigen ist, die festgelegte Dauer jedoch Bun- desrecht verletzt, soweit sie über zwei Jahre hinausgeht (vgl. Art. 49 VwVG). Entsprechend ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die Dauer des Einreiseverbotes auf den 15. März 2024 zu befristen. 10. 10.1 Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschwerde- führer im Umfang des Unterliegens reduzierte Verfahrenskosten aufzuer- legen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind in Anwendung von Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) auf Fr. 6 00.– festzusetzen. 10.2 Dem Beschwerdeführer ist ferner zu Lasten der Vorinstanz im Umfang des Obsiegens eine gekürzte Parteientschädigung für notwendige und ver- hältnismässig hohe Kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 2 VGKE). Mangels einer Kostennote setzt das Gericht die Parteientschädigung nach pflichtgemässem Ermessen fest (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Berücksichtigung des notwendigen und anrechenbaren Auf- wands ist diese pauschal auf Fr. 1500.– festzusetzen. Diese ist nach Mas- sgabe des teilweisen Obsiegens auf insgesamt Fr. 500.– zu kürzen. (Dispositiv nächste Seite) F-1934/2022 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen. 2. Das Einreiseverbot des Beschwerdefü hrers wird auf den 15. März 2024 befristet. 3. Die Kosten des Verfahrens im Betrag von Fr. 600.– werden dem Beschwer- deführer auferlegt und von dem am 23. Juni 20 22 geleisteten Kostenvor- schuss von Fr. 1‘000. – in Abzug gebracht. Der Restbetrag von Fr. 400.– wird dem Beschwerdeführer zurückerstattet. 4. Die Vorinstanz wird verpflichtet, dem Beschwerdeführer eine reduzierte Parteientschädigung von Fr. 500.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer und die Vorinstanz. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Gregor Chatton Caroline Rausch