B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1673/2017 vao U r t e i l v o m 3 . O k t o b e r 2 0 1 8 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richterin Sylvie Cossy, Richter Jürg Marcel Tiefenthal, Gerichtsschreiberin Eva Zürcher. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw Michèle Künzi, Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 16. Februar 2017 / N (…) D-1673/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine eritreische Staatsangehörige, verliess ihr Heimatland gemäss ihren Aussagen am 21. Juni 2014 und gelangte am 27. Juli 2015 in die Schweiz, wo sie am gleichen Tag ihr Asylgesuch ein- reichte. Am 5. August 2015 fand die Befragung z ur Person statt und am 23. Januar 2017 hörte sie das SEM an. Die Beschwerdeführerin legte dar, sie sei ethnische Tigrinya aus B._______, wo sie seit ihrer Geburt bis zur Ausreise gelebt habe und wo sich ihre Eltern, Geschwister und ihr Ehemann befänden. Anlässlich der Befragung legte sie dar, sie habe i m Juli 2012 das (…) Schuljahr in C._______ abgeschlossen, sei am 24. September 2013 erneut nach C._______ aufgeboten und am 5. Oktober 2013 nach D._______ ver- legt worden. Da dort das Leben für sie schwierig gewesen sei, habe sie sich zwei Wochen später nach Hause begeben. Während der folgenden acht Monate habe niemand gemerkt, dass sie abgehauen sei. Sie sei nie zivil tätig gewesen. Als die Verwaltung davon erfahren habe, sei ihr ein Auf- gebot zugeschickt wor den, weshalb sie ausgereist sei. Es sei gegen sie kein Strafverfahren hängig. Anlässlich der Anhörung brachte sie vor, sie habe im Jahr 2011/2012 die Militärausbildung in C._______ absolviert und im August 2012 abgeschlos- sen. Anschliessend sei sie nach B._______ zurückgekehrt und habe dort in einer (…) gearbeitet. Im September 2013 sei sie von der Verwaltung aufgefordert worden, nach C._______ zurückzukehren. Dieser Aufforde- rung habe sie jedoch nicht Folge geleistet und weiterhin in der (…) gear- beitet. Bis im Juni 2014 habe sie in den Häusern ihrer Eltern und Schwie- gereltern gelebt. Die Beschwerdeführerin gab keine Identitätsdokumente ab. Ihre Identitäts- karte und der Eheschein würden sich beim Ehemann in B._______ befin- den. B. Mit Verfügung vom 16. Februar 2017 stellte das SEM fest, dass die Be- schwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte ihr Asylge- such ab, wies sie aus der Schweiz weg und ordnete den Vollzug der Weg- weisung an. Die Vorbringen der Beschwerdeführerin – sowohl die geltend gemachte Desertion als auch die illegale Ausreise aus Eritrea – könnten D-1673/2017 Seite 3 infolge unsubstanziierter und widersprüchlicher Angaben nicht geglaubt werden. C. Mit Eingabe vom 16. Mai 2018 reichte die Beschwerdeführerin Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein und beantragte in materieller Hinsicht die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Gewährung der vor- läufigen Aufnahme. In formeller Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Einschluss des Verzichts auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses und um Beiordnung der die Beschwerde unterzeichnenden Juristin als amtliche Rechtsbeiständin. Der Beschwerde wurden eine Kopie der angefochtenen Verfügung , eine Vollmacht, eine Fürsorgebestätigung vom 2. März 2017, eine Kostennote un d vier Fotos beigelegt. D. Mit Zwischenverfügung vom 24. März 2017 wurde der Beschwerdeführerin mitgeteilt, dass sie den Ausgang des Beschwerdeverfahrens in der Schweiz abwarten könne. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wurde gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses verzichtet. Das Gesuch um Beiordnung einer amtlichen Rechtsbeistandschaft wurde ebenfalls gutgeheissen und MLaw Michèle Künzi, Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not , als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Das SEM wurde zur Vernehmlassung einge- laden. E. In ihrer Vernehmlassung vom 7. April 2017 stellte die Vorinstanz fest, dass keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel vorlägen, welche eine Änderung des Standpunktes rechtfertigen könnten. Sie hielt an ihren Erwägungen vollumfänglich fest. F. Am 11. April 2017 wurde der Beschwerdeführerin ein Replikrecht zur Ver- nehmlassung eingeräumt. G. In ihrer Replik vom 3. Mai 2017 nahm die Beschwerdeführerin zur vo- rinstanzlichen Vernehmlassung Stellung. D-1673/2017 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefo chtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Die Beschwerde richtet sich lediglich gegen den angeordneten Wegwei- sungsvollzug (Dispositivziffern 4 und 5 der vorinstanzlichen Verfügung vom 16. Februar 2017). Demnach ist die vorinstanzliche Verfügung in Rechts- kraft erwachsen, soweit sie die Frage des Asyls und der Flüchtlingseigen- schaft betrifft. Damit ist praxisgemäss auch die Wegweisung als solche (Dispositivziffer 3) nicht mehr zu überprüfen. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet demnach nur noch die Frage, ob das SEM den Wegweisungsvollzug zu Recht als durchführbar erachtet hat oder ob allenfalls anstelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen ist. D-1673/2017 Seite 5 4. 4.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 4.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 5. 5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 5.2 Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde zunächst geltend, dass die Vorinstanz keine Gesamtwürdigung aller relevanten Aspekte vor- genommen habe. Insbesondere habe sie die für die Glaubhaft igkeit spre- chenden Elemente ausser Acht gelassen. Demgegenüber sei die Be- schwerdeführerin eingeschüchtert gewesen und habe Mühe sich auszu- drücken. Da Eritrea nur legal verlassen könne, wer einen gültigen Reise- pass und ein Ausreisevisum besitze, Ausreisevisa jedoch seit Jahren nur unter sehr restriktiven Bedingungen und gegen hohe Geldbeträge an we- nige als loyal beurteilte Personen ausgestellt würden, Frauen bis ins Alter von 47 Jahren grundsätzlich von der Visumserteilung ausgeschlossen seien und die Beschw erdeführerin kaum zu einer Kategorie von eritrei- schen Staatsangehörigen zähle, denen die Ausreise erlaubt würde, sei sie wohl kaum in der Lage gewesen, eine legale Ausreise zu organisieren. Folglich sei davon auszugehen, dass sie Eritrea illegal verlassen habe. Die Vorbringen seien bezüglich Herkunft, Identität und illegaler Ausreise als glaubhaft zu werten. Vorliegend sei der Vollzug der Wegweisung unzuläs- sig, weil ein solcher gegen Art. 3 und Art. 4 EMRK verstosse. Der Militär- dienst in Eritrea stelle eine Verletzung des Verbots von unmenschlicher und D-1673/2017 Seite 6 erniedrigender Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK dar, weil er die grund- und menschenrechtlich verankerten Freiheitsrechte beschränke, mit einer massiven körperlichen und psychischen Belastung der Betroffe- nen einhergehe und in vielen Fällen missbräuchlich sei. Zudem verletze er auch Art. 4 EMRK, weil die verlangte Arbeit gegen den Willen der Betroffe- nen erfolge, der Zwang unrecht oder repressiv sei oder die Arbeit unnötiges Leid und Schmerz erzeuge beziehungs weise schikanierend sei. Ausser- dem falle die Entlohnung sehr tief aus. Da sich die Beschwerdeführerin im militärdienstpflichtigen Alter befinde und ihr Ehemann inzwischen desertiert sei sowie Eritrea verlassen habe, würde sie im Fall ihrer Rückkehr ins Hei- matland in den Militärdienst eingezogen. Unter diesen Umständen sei der Vollzug der Wegweisung unzulässig. Darüber hinaus habe die Vorinstanz den Untersuchungsgrundsatz und das rechtliche Gehör verletzt, indem sie die familiäre und finanzielle Situation der Beschwerdeführerin nicht umfas- send geprüft habe. Das Vorhandensein eines tragfähigen Beziehungsnet- zes sei in Frage gestellt. Damit sei der Wegweisungsvollzug auch unzu- mutbar. 5.3 Die Frage, ob die geltend gemachte illegale Ausreise als glaubhaft zu sehen ist oder nicht, kann vorliegend offen bleiben. Diese Frage wäre im Zusammenhang mit der Prüfung von subjektiven Nachfluchtgründen zu un- tersuchen. Diese betreffen indessen die Flüchtlingseigenschaft, welche – wie vorangehend bereits erwähnt (vgl. E. 3) – mangels Anfechtung nicht Prüfungsgegenstand ist. Im Übrigen ist auf das Referenzurteil des Bundes- verwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 zu verweisen. 5.4 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs- vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der glei che Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen- schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 5.5 Der Vollzug ist nicht zulässig, wen n völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem D-1673/2017 Seite 7 Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). 5.6 Infolge der auf den Vollzugspunkt beschränkten Anfechtung ist die Feststellung, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, in Rechtskraft erwachs en. Das Non -refoulement-Prinzip im Sinne der vorgenannten flüchtlingsrechtlichen Bestimmungen ist daher nicht tan- giert. 5.7 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Wegweisungsvollzug sei angesichts der drohenden Einziehung in den eritreischen Nationaldien st und einer damit verbundenen Verletzung von Art. 3 und Art. 4 Abs. 2 EMRK als unzulässig zu betrachten. 5.8 Aufgrund des Alters der Beschwerdeführerin erscheint ihre Befürch- tung, bei einer Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen zu werden, als plausibel (vgl. zur eritreischen Musterungspraxis auch das Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 13.2-13.4). Da die Beschwerdefüh- rerin nur den Wegweisungsvollzug anficht und ein Hindernis darin erblickt, dass sie bei einer allfälligen Rückkehr riskiere, i n den Militärdienst einge- zogen zu werden, kann offen bleiben, ob sie sich tatsächlich den Militärbe- hörden durch Flucht entzogen hat. Es kann in diesem Zusammenhang in- dessen festgehalten werden, dass das SEM diesbezügliche Schilderungen als widersprüchlich und damit als unglaubhaft erachtet hat. In der Be- schwerde wird auf die entsprechende Argumentation des SEM nicht einge- gangen. 5.9 Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei anstehender Einziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bundesverwaltungs- gericht in einem jüngst ergangenen Grundsatzurteil geklärt worden (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E -5022/2017 vom 10. Juli 201 8 [BVGE-Publikation vorgesehen] E. 6.1). Das Gericht hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im genannten Urteil sowohl unter dem Ge- sichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs . 2 EMRK; vgl. dazu nachfolgend E. 6.2.2) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK; vgl. dazu nachfolgend E. 6.2.3) geprüft. D-1673/2017 Seite 8 5.9.1 Nach einer umfassenden Analyse der verfügbaren Quellen gelangte das Bundesverwaltungsgericht im genannten Urteil zum Ergebnis, dass die Bemessung der Dienstdauer und die Gewährung von Urlauben im eritrei- schen Nationaldienst für die Einzelpers on kaum vorhersehbar seien. Die durchschnittliche Dienstdauer lasse sich nicht genau beziffern, auszuge- hen sei jedoch davon, dass sie zwischen fünf und zehn Jahre betrage und in Einzelfällen darüber hinausgehen könne. Die Lebensbedingungen ge- stalteten sich sowohl in der Grundausbildung als auch im militärischen und im zivilen Nationaldienst schwierig; im zivilen Nationaldienst insbesondere deshalb, weil Verpflegung und Unterkunft nicht immer zur Verfügung ge- stellt würden und der Nationaldienstsold – trotz einzelner Verbesserungen in jüngster Zeit – kaum ausreiche, um den Lebensunterhalt zu decken. Dar- über hinausgehend stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, dass es im eritreischen Nationaldienst – insbesondere in der Grundausbildung und im militärischen Nationaldienst – zu Misshandlungen und sexuellen Übergrif- fen komme (vgl. zum Ganzen E-5022/2017 E. 6.1.5.2). 5.9.2 In rechtlicher Hinsicht führte das Bundesverwaltungsgericht aus, Art. 4 Abs. 2 EMRK stehe dem Wegweisungsvollzug nur dann entgegen, wenn das ernsthafte Risiko einer flagranten Verletzung des Zwangsarbeits- verbots anzunehmen wäre. Der im eritreischen Nationaldienst effektiv zu befürchtende Nachteil, auf unabsehbare Zeit eine niedrig entl ohnte Arbeit für den Staat ausführen zu müssen, sei zwar als unverhältnismässige Last zu qualifizieren. Der Nachteil beraube jedoch Art. 4 Abs. 2 EMRK nicht sei- nes essenziellen Gehalts; insofern sei keine flagrante Verletzung anzuneh- men. Nicht erstellt sei zudem, dass die kolportierten Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart systematisch stattfänden, dass jede National- dienstleistende und jeder Nationaldienstleistende dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden. Auch insofern sei eine Verletzung von Art. 4 Abs. 2 EMRK durch den Wegweisungsvollzugs zu verneinen (vgl. zum Ganzen E-5022/2017 E. 6.1.5.2). 5.9.3 Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) müsste die Beschwerdeführerin mit Blick auf Art. 3 EMRK das ernsthafte Risiko ("real risk") nachweisen, dass ihr im Fall einer Rückschie- bung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Nr. 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Im Grundsatzurteil E-5022/2017 führte das Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich aus, dass keine hinreichenden Belege dafür existieren, dass Misshandlungen und sexuelle Übergriffe im D-1673/2017 Seite 9 Nationaldienst derart flächendeckend stattfänden, dass jede Dienstleis- tende und jeder Dienstleistender dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden. Es besteht daher kein ernsthaftes Ri- siko einer Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle einer Einziehung in den eritreischen Nationaldienst (a.a.O., E. 6.1.6). 5.9.4 Weitere Gründe für die Annahme der Unzulässi gkeit des Wegwei- sungsvollzugs ergeben sich weder aus den Akten noch aus der Beschwer- deschrift. Der Wegweisungsvollzug ist folglich als zulässig zu betrachten. 5.10 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 5.10.1 Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungs- weise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausge- gangen werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in ei- nigen Bereichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Kon- flikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenz- bedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle Faktoren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.). 5.10.2 Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich um eine junge und ge- mäss ihren Angaben gesunde Frau, die vor ihrer Ausreise im Familienver- band gelebt hat. Besondere Umstände, aufgrund derer von einer Existenz- bedrohung ausgegangen werden müsste, sind vorliegend keine ersichtlich. Unter diesen Umständen war das SEM nicht verpflichtet, umfassende Ab- klärungen zu ihrem familiären und finanziellen Hintergrund vorzunehmen, D-1673/2017 Seite 10 weshalb weder der Untersuchungsgrundsatz noch das rechtliche Gehör verletzt wurden. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegwei- sung nicht als unzumutbar. Auch die allgemeine Situation in Eritrea spricht aufgrund der aktuellen Länderpraxis nicht gegen den Wegweisungsvoll- zug. Seit Einreichung der Beschwerde haben sich überdies weitere Ver- besserungen ergeben; namentlich haben Äthiopien und Eritrea jüngst ein Friedensabkommen geschlossen (vgl. Neue Zürcher Zeitung, Trotz Frie- densabkommen in Eritrea – Asylpraxis bei Eritreern ändert sich vorerst nicht, 11. Juli 2018). An dieser Einschätzung vermögen die weiteren Ein- wände in der Beschwerde nichts zu ändern. 5.10.3 Somit ist der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar zu be- trachten. 5.11 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh- rung nach Eritrea generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AuG entgegen. Es obliegt daher der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 5.12 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betr acht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). An dieser Einschätzung vermögen die nachgereichten Fotos nichts zu än- dern. 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer- deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit der Besch werde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung D-1673/2017 Seite 11 wurde jedoch mit Zwischenverfügung vom 24. März 2017 gutgeheissen, weshalb keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. 7.2 Nachdem die Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtsverbei - ständung gewährt und MLaw Michèle Künzi, als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt wurde, ist Letzterer ein amtliches Honorar auszurichten. 7.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der Re- gel von einem Stundenansatz von Fr. 200. – bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Es wird nur der notwendige Aufwand entschädigt. 7.4 Die Rechtsvertreterin hat eine Kostennote eingereicht, in welcher ein zeitlicher Aufwand von neun Stunden aufgeführt wird und aus welcher sich ein Stundenansatz in der Höhe von Fr. 180 .– ergibt. Letzterer ist gestützt auf die vorangehenden Erwägungen auf Fr. 150. – zu kürzen. Ausserdem erscheint der zeitliche Aufwand unangemessen, wobei insbesondere für die Stellungnahme von gut einer halben Seite (act. 8) zwei Stunden ver- rechnet wurden, was nicht realistisch ist. Insgesamt ist der zeitliche Auf- wand auf sieben Stunden zu kürzen , woraus sich ein Aufwand von Fr. 1‘050.– ergibt. Zu diesem Betrag sind die Mehrwertsteuer von Fr. 84.– und die Auslagen in der Höhe von Fr. 50.- zu rechnen, was einen Gesamt- betrag von Fr. 1‘184.– ergibt. Der Rechtsbeiständin MLaw Michèle Künzi ist durch das Bundesverwaltungsgericht gestützt auf die in Betracht zu zie- henden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) somit ein amtliches Hono- rar in der Höhe von Fr. 1‘184.– auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-1673/2017 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. MLaw Michèle Künzi wird zulasten des Gerichts ein amtliches Honorar von Fr. 1‘184.– ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Eva Zürcher Versand: