B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5913/2012 U r t e i l v o m 3 0 . N o v e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Einzelrichter Robert Galliker, mit Zustimmung von Richter Hans Schürch; Gerichtsschreiberin Daniela Brüschweiler. Parteien A._______, geboren (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Flughafenverfahren (Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung); Verfügung des BFM vom 8. November 2012 / N (…). D-5913/2012 Seite 2 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, dass der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge sowie angesichts der Eintragungen im mitgeführten Reisepass am 11. September 2012 auf dem Landweg in die Türkei einreiste, am 14. September 2012 auf dem Luftweg von der Türkei nach B._______ gelangte, worauf er in der Folge ebenfalls auf dem Luftweg am 22. Oktober 2012 in die Schw eiz weiter- reiste und am 23. Oktober 2012 im Flughafen Zürich um Asyl nachsuchte, dass das BFM mit Verfügung vom 23. Oktober 2012 die Einreise in die Schweiz vorläufig verweigerte und dem Beschwerdeführer für die Dauer von längstens 60 Tagen den Transitbereich des Flughafens Zürich als Aufenthaltsort zuwies, dass er durch den Dienst Flughafenverfahren des BFM am 27. Oktober 2012 summarisch befragt und am 2. November 2012 zu den Asylgründen angehört wurde, dass der Beschwerdeführer zur Begründung seines Asylgesuchs im W e- sentlichen geltend machte, er habe das Aufgebot zur Militärdienstleistung erhalten, worauf er sich angesichts der Situation in Syrien zur Ausreise entschlossen habe, dass das BFM mit Verfügung vom 8. November 2012 – eröffnet am 10. November 2012 – in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. b des Asy l- gesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht eintrat und die Wegweisung des Beschwerdeführers nach B._______ so- wie den Vollzug anordnete, dass das BFM zur Begründung im Wesentlichen anführte, der Beschwe r- deführer habe sich vor der Einreise in die Schweiz in B._______ auf- gehalten, dass B._______ Vertragspartei sowohl des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts stellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) als auch des betreffenden Zusatzprotokolls vom 31. Januar 1967 (ausgenommen Kapitel IV) sei und sich in der Regel an das Gebot des Non -Refoulement gemäss FK halte, dass es sich bei B._______ um ein traditionelles Zielland für Asylsuchen- de handle, auch das Hochkommissariat der UNO für Flüchtlinge D-5913/2012 Seite 3 (UNHCR) in B._______ tätig und der Zugang zum Asylverfahren gewähr- leistet sei, dass zudem keine Personen, zu denen der Beschwerdeführer eine enge Beziehung habe, und keine nahen Angehörigen in der Schweiz leben würden, dass die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht offensichtlich zu Tage trete, da die Vorbringen des Beschwerdeführers gewisse U n- glaubhaftigkeitselemente aufwiesen, dass das Non-Refoulement-Gebot bezüglich des Heimat- oder Herkunfts- staates nicht zu prüfen sei, da der Beschwerdeführer in einen Drittstaat reisen könne, in dem er Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG finde, dass weder die in B._______ herrschende Situation noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit der Wegweisung dorthin sprechen würden und die Einwände des Beschwerdeführers, er wolle dort nicht leben und es gebe dort Drogen abhängige, die Zumutbarkeit der Rückkehr nicht zu w i- derlegen vermöge, dass ausserdem der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und praktisch durchführbar sei, dass aufgrund des Übereinkommens über die internationale Zivilluftfahrt (Chicago, 7. Dezember 1944), Annex 9, eine Fluggesellschaft grundsät z- lich dazu verpflichtet sei, einen Passagier, der nicht in den Staat einreisen könne, in welchen sie ihn transportiert ha be, an den Abflugsort – im vor- liegenden Fall C._______ – zurückzubringen, und der Beschwerdeführer auch dorthin zurückgeführt werden könne, zumal er einen gültigen Reise- pass mit einem (…) Visum besitze, dass der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom 14. November 2012 gegen diesen Entscheid beim Bundesverwa l- tungsgericht B eschwerde erheben und dabei in materieller Hinsicht beantragen liess, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben, die Sache sei zwecks neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen und diese sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten, D-5913/2012 Seite 4 dass er in verfahrensrechtlicher Hinsicht um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ersuchte, dass auf die Begründung der Rechtsbegehren, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen wird, dass der zuständige Instruktionsrichter mit Verfügung vom 16. November 2012 festhielt, über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensge- setzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) werde im Enden t- scheid befunden, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses werde ve r- zichtet und die Vorinstanz werde zur Einreichung einer Stellungnahme eingeladen, dass die Vorinstanz mit der innert erstreckter Frist eingereichte n Ver- nehmlassung vom 27. November 2012 die Abweisung der Beschwerde beantragte, und zieht in Erwägung, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des BFM entschei- det, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG, i.V.m. Art. 31 – 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG nicht vorliegt, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet, dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgeno m- men hat, du rch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung hat und daher zu r Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass somit auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu- treten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), D-5913/2012 Seite 5 dass die vorinstanzliche Vernehmlassung vom 27. November 2012 dem Beschwerdeführer nicht zur Kenntnis gebracht wurde, dass aus Gründen der Prozessökonomie von einer diesbezüglichen G e- währung des rechtlichen Gehörs abzusehen ist (Art. 30 Abs. 2 B st. c VwVG), nachdem im vorliegenden Urteil den Prozessbegehren entspr o- chen wird, dass die Vernehmlassung der Vorinstanz im Sinne der Verfahrenstran s- parenz jedoch diesem Urteil beigelegt wird, dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichte rlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweis e- einer zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich vorliegend, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summ arisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass vorliegend vorab der formelle Einwand des Beschwerdeführers zu prüfen ist, dass der Beschwerdeführer geltend macht, das BFM habe seinen A n- spruch auf rechtliches Gehör verletzt, indem jede Begründung für die A n- nahme der Unglaubhaftigkeit der Asylvorbr ingen des Beschwerdeführers fehle, dass eine Verfolgung des Beschwerdeführers unter Berücksichtigung der heutigen Situation in Syrien nicht unbegründet in Abrede gestellt werden könne, weshalb es nicht genüge, einzig das Vorliegen gewisser Unglau b- haftigkeitsmerkmale zu behaupten, dass gemäss Art. 34 Abs. 2 Bst. b AsylG auf Asylgesuche nicht eingetr e- ten wird, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat zurückkehren können, in welchem sie sich vorher aufgehalten haben und im Einzelfall effektiver Schutz vor Rückschiebung nach Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht, dass Art. 34 Abs. 3 AsylG vorsieht, dass dieser Nichteintretenstatbestand keine Anwendung findet, wenn Personen, zu denen die asylsuchende D-5913/2012 Seite 6 Person enge Beziehungen hat, oder nahe Angehörige in der Schweiz l e- ben (Bst . a), wenn die asylsuchende Person offensichtlich die Flüch t- lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt (Bst. b), oder wenn Hinweise darauf bestehen, dass im Drittstaat kein effektiver Schutz vor Rückschi e- bung nach Artikel 5 Abs. 1 AsylG besteht (Bst. c), dass bei Anwendung des Nichteintretens-Tatbestandes von Art. 34 Abs. 2 Bst. a und b AsylG (sicherer Drittstaat) und im Unterschied zu Abs. 1 der gleichen Bestimmung (safe country, verfolgungssicheres Herkunftsland) nicht zu prüfen ist, ob Hinweise auf Verfo lgung vorliegen, sondern ledi g- lich die Ausnahmeklausel von Art. 34 Abs. 3 Bst. b AsylG zu beachten ist, wonach von einer Wegweisung in den Drittstaat dann abgesehen wird, wenn die asylsuchende Person offensichtlich die Flüchtlingseigenschaft erfüllt, dass ein Nichteintretensentscheid indessen ausgeschlossen bleibt, wenn das Fehlen der Flüchtlingseigenschaft oder von Vollzugshindernissen nicht offenkundig ist beziehungsweise eine Argumentation zusätzliche Abklärungen erforderlich machen würde oder ein ablehn ender Entscheid einer einlässlichen Begründung bedürfte, dass die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid hinsichtlich der Flüch t- lingseigenschaft einzig ausführte, diese trete nicht offensichtlich zutage, da die Vorbringen des Beschwerdeführers gewisse Ungla ubhaftigkeits- elemente aufwiesen, dass es das BFM jedoch unterlässt, diese Unglaubhaftigkeitselemente in irgend einer Weise zu konkretisieren, dass in Art. 35 Abs. 1 VwVG für das Verwaltungs- bzw. Asylverfahren (vgl. Art. 6 AsylG) festgehalten wird, schriftliche Verfügungen seien zu begrün- den, dass diese Bestimmung den Inhalt der Begründungspflicht nicht näher umschreibt, die Begründung eines Entscheides jedoch so abgefasst sein muss, dass der Betroffene ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (vgl. LORENZ KNEUBÜHLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Ko m- mentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], Z ü- rich 2008, Rz. 6 ff. zu Art. 35 VwVG; BVGE 2007/30 E. 5.6), dass die Behörde wenigstens die Überlegungen kurz anzuführen hat, von denen sie sich leiten liess und auf welche sich ihr Entscheid stützt, wobei D-5913/2012 Seite 7 sie sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken kann (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen Asyl- rekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 24 E. 5.1 S. 256; BGE 112 Ia 110 E. 2b), dass auch im Falle eines Nichteintretensentscheides darzulegen ist, wo r- in Anhaltspunkte für die Annahme unglaubhafter Vorbringen gesehen wurden, ansonsten dem Beschwerdeführer eine sachgerechte Anfec h- tung des Entscheides verunmöglicht wird, dass überdies auch keine Überprüfung durch die Rechtsmittelinstanz möglich ist, wenn sich aus dem angefochtenen Entscheid nicht ergibt, weshalb die Vorinstanz von unglaubhaften Angaben ausging, dass die Vorinstanz somit ihrer Begründungspflicht i m angefochtenen Entscheid nicht nachgekommen ist, dass auch die vorinstanzliche Vernehmlassung keine entsprechenden Ausführungen enthält, dass bei dieser Sachlage eine Heilung auf Beschwerdeebene nicht ang e- zeigt erscheint, weshalb die Beschwerde gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 8. November 2012 aufzuheben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Verfahrenskosten aufz u- erlegen sind (Art. 63 Abs. 3 VwVG), womit das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 VwVG) gegenstandslos wird, dass dem vertretenen Beschwerdeführer angesichts seines Obsiegens eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendigen und ve r- hältnismässig hohen Kosten zuzusprechen ist (vgl. Art. 64 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsg e- richt [VGKE, SR 173.320.2]), dass, nachdem keine Kostenno te zu den Akten gereicht worden ist und sich der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund der Aktenlage hinre i- chend zuverlässig abschätzen lässt, die von der Vorinstanz auszurichten- de Parteientschädigung unter Berücksichtigung der massgebenden B e-D-5913/2012 Seite 8 messungsfaktoren – insbesondere der analogen Beschwerdeerhebung im Fall des E._______ des Beschwerdeführers – von Amtes wegen auf Fr. 300.-- festzusetzen ist. (Dispositiv nächste Seite) D-5913/2012 Seite 9 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und die Verfügung des BFM vom 8. November 2012 aufgehoben. 2. Die Sache wird im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an das BFM zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM hat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bunde s- verwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 300.-- auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM sowie die Flugh a- fenpolizei. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Daniela Brüschweiler Versand: