Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 10. Dezember 2020 (720 20 160 /311) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Voraussetzungen einer Wiedererwägung bei einer vergleichsgestützten Leistungszuspre- chung des Unfallversicherers Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter Beat Hersberger, Kan- tonsrichter Daniel Noll, Gerichtsschreiberin Gisela Wartenweiler Parteien A.____ , Beschwerdeführerin gegen Zürich Versicherungs -Gesellschaft AG , Geschäftsbereich Scha- den, Postfach, 8085 Zürich, Beschwerdegegnerin Betreff Leistungen / Rente A. Die 1976 geborene A.____ war bei den B.____ Versi cherungen obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert, al s sie am 15. Mai 1997 bei einem Auf- fahrunfall eine Distorsion der Halswirbelsäule (HWS) erlitt. Die B.____ Versicherungen bejahten ihre Leistungspflicht für das Unfallereignis und richteten der Versicherten hierfür die gesetzlichen Leistungen (Heilkosten, Taggelder) aus. Mit Verfügung vom 19. Juli 2001 wurden der Versicher- ten rückwirkend per 1. Januar 2001 eine Invalidenrente basierend auf einem Invaliditätsgrad von Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht 50 % und eine Integritätsentschädigung bei einer Inte gritätseinbusse von 15 % zugesprochen. Zudem erklärten sich die B.____ Versicherungen bereit, im Rahmen von Art. 21 des Bundesge- setzes über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 die Kosten für ambulante Behand- lungen im bisherigen Rahmen auf Zusehen zu übernehmen. Die Verfügung wuchs unangefoch- ten in Rechtskraft. B. Die Versicherte bezog zudem von der Eidgenössischen In validenversicherung (IV) ab 1. Mai 1998 eine Viertelsrente und ab 1. August 1998 eine halbe Invalidenrente (vgl. Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft [IV-Stelle] vom 12. De zember 2000). Seit 1. Januar 2004 erhält sie eine Dreiviertelsrente (vgl. Verfügung der IV-Stelle vom 29. November 2004). Infolge der per 1. Januar 2004 erfolgten Erhöhung der Invalidenrente der IV richtete die Rechtsnachfolgerin der B.____ Versicherungen, die Zürich Versicherungs-Gesellschaf t AG (Zürich), eine Komplemen- tärrente aus (vgl. Verfügung vom 29. Oktober 2004). Neuberechnungen der Komplementärrente erfolgten aufgrund der Geburt des Sohnes der Versicherten per 1. Oktober 2005 (vgl. Verfügung vom 5. April 2006) und des Wegfalls der IV- Zusatzrente für den Ehegatten per 1. Januar 2008 (vgl. Verfügung vom 20. Februar 2008). C. Am 21. Mai 2019 zog die Zürich die von der B.____ Versicherungen erlassene Renten- verfügung vom 19. Juli 2001 infolge zweifelloser Unricht igkeit in Wiedererwägung. Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache der Versicherten wies die Zürich mit Entscheid vom 28. Februar 2020 ab. D. Gegen diesen Entscheid erhob die Versicherte am 29. A pril 2020 Beschwerde ans Kan- tonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsg ericht). Darin beantragte sie sinnge- mäss, es sei der Einspracheentscheid aufzuheben und die Zürich sei zur Weiterausrichtung der Invalidenrente und der Vergütung von Heilbehandlungskosten zu verpflichten. E. In ihrer Vernehmlassung vom 12. Juni 2020 schloss die Z ürich auf Abweisung der Be- schwerde. F. Die Versicherte hielt in ihrer Replik vom 6. Juli 202 0 an ihrem Rechtsbegehren fest. Wie den Akten entnommen werden könne, seien ihre Leistungsa nsprüche immer wieder überprüft worden. Es sei daher nicht nachvollziehbar, dass die bisher ausgerichteten Leistungen nach lang- jährigem Bezug eingestellt würden. G. Die Zürich hielt in ihrer Duplik vom 17. Juli 2020 an ihrem Antrag auf Abweisung der Be- schwerde fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, desse n Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 UVG auf die Unf allversicherung anwendbar sind, kann Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht gegen Einspracheentscheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen Versicherungs- gericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Versicherungsgericht desjenigen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zei t der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat. Vorliegend befindet sich dieser in X.____ (BL), weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwer- den gegen Einspracheentscheide der Versicherungsträger g emäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Beschwerde der Versicherten vom 21. Mai 2019 ist demnach ein- zutreten. 1.2 Auf den 1. Januar 2017 sind die mit Bundesgesetz vom 25. September 2015 revidierten Bestimmungen des UVG in Kraft getreten. Laut Abs. 1 de r Übergangsbestimmungen zur Ände- rung des UVG vom 25. September 2015 werden jedoch Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem Inkrafttreten dieser revidierten Bestimmung en zugetragen haben, und für Berufs- krankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. So verhält es sich auch im vorliegenden Fall, weshalb nachfolgend auf das bisherige Recht und die dazu ergangene Rechtsprechung Bezug genommen wird. 2.1. Im vorliegenden Verfahren sprachen die damalig e B.____ Versicherungen mit der un- angefochten in Rechtskraft erwachsenen Verfügung vom 19. Juli 2001 der Versicherten für die Folgen des Unfallereignisses vom 15. Mai 1997 eine Inva lidenrente, eine Integritätsentschädi- gung sowie Heilbehandlungskosten gemäss Art. 21 Abs. 1 UVG zu. Mit Verfügung vom 21. Mai 2019 zog die Zürich diese Verfügung in Wiedererwägung mit der Begründung, dass die ursprüng- liche Zusprechung der Invalidenrente und der Heilbehandlung zweifellos unrichtig gewesen und ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung sei. Damit seien die Voraussetzungen für eine Wie- dererwägung der Verfügung vom 19. Juli 2001 erfüllt. Da der adäquate Kausalzusammenhang zwischen den gesundheitlichen Beeinträchtigungen und de m Unfallereignis vom 15. Mai 1997 nach Massgabe der zu HWS-Beschwerden entwickelten Grunds ätzen in BGE 117 V 359 nicht gegeben sei, sei die laufende Rente der Versicherten und die Vergütung der Heilbehandlungs- kosten per 31. Mai 2019 einzustellen. Diese Verfügung bestätigte sie mit Entscheid vom 28. Feb- ruar 2020. 2.2 Gemäss Art. 53 Abs. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 2 ATSG und Art. 1 Abs. 1 UVG kann der Versicherungsträger auf formell rechtskräftige Verf ügungen oder Einspracheentscheide zu- rückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Dieses Zurückkommen liegt – beim Fehlen eigentlicher Revisionsgründe (vgl. Art. 53 Abs. 1 ATSG) – im Ermessen des Versicherungsträgers (B GE 133 V 50). 2.3 Die Wiedererwägung im Sinne von Art. 53 Abs. 2 A TSG dient der Korrektur einer an- fänglich unrichtigen Rechtsanwendung einschliesslich unrichtiger Feststellung im Sinne der Wür- digung des Sachverhalts. Zweifellose Unrichtigkeit meint dabei, dass kein vernünftiger Zweifel an der (von Beginn weg bestehenden) Unrichtigkeit der Ve rfügung möglich, also einzig dieser Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Schluss denkbar ist. Das Erfordernis ist in der Regel erf üllt, wenn eine Leistungszusprechung unvertretbar war, weil sie aufgrund falscher Rechtsregeln erfolgte oder weil massgebliche Best- immungen nicht oder unrichtig angewandt wurden (BGE 1 38 V 324 E. 3.3). Anders verhält es sich, wenn der Wiedererwägungsgrund im Bereich materieller Anspruchsvoraussetzungen liegt, deren Beurteilung notwendigerweise Ermessenszüge aufweist. Erscheint die Beurteilung einzel- ner Schritte bei der Feststellung solcher Anspruchsvoraussetzungen (Invaliditätsbemessung, Ar- beitsunfähigkeitsschätzung, Beweiswürdigung, Zumutbarkeit sfragen) vor dem Hintergrund der Sach- und Rechtslage, wie sie sich im Zeitpunkt der rechtskr äftigen Leistungszusprechung dar- bot, als vertretbar, scheidet die Annahme zweifelloser U nrichtigkeit aus (BGE 138 V 324 E. 3.3 S. 328; Urteil des Bundesgerichts vom 12. Februar 2014 , 9C_125/2013, E. 4.1 mit Hinweisen, nicht publ. in: BGE 140 V 15, aber in: SVR 2014 IV N r. 10 S. 39). Die Folge der Unrichtigkeit beurteilt sich dabei nach dem im Zeitpunkt des Erlasses der fraglichen Verfügung herrschenden Rechtszustand; dieser Zustand schliesst auch die damalige R echtspraxis ein (vgl. UELI KIESER , Kommentar zum Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil de s Sozialversicherungsrechts, Zü- rich/Genf/Basel 2020, Rz. 59). 2.4 Um wiedererwägungsweise auf eine verfügte Leistung zurückkommen zu können, ge- nügt es sodann nicht, wenn ein einzelnes Anspruchselement rechtswidrig festgelegt wurde. Viel- mehr hat sich die Leistungszusprechung auch im Ergebnis als offensichtlich unrichtig zu erwei- sen. So muss etwa, damit eine zugesprochene Rente wege n einer unkorrekten Invaliditätsbe- messung wiedererwägungsweise aufgehoben oder herabgesetz t werden kann, nach damaliger Sach- und Rechtslage erstellt sein, dass eine korrekte In validitätsbemessung hinsichtlich des Leistungsanspruchs zu einem anderen Ergebnis geführt hätte (BGE 140 V 77 E. 3.1 mit weiteren Hinweisen). 2.5.1 Wenn der Versicherungsträger eine Wiedererwägung vornimmt und materiell neu ent- scheidet, ist die entsprechende Verfügung mit Einsprache und hernach beschwerdeweise an- fechtbar. Die entsprechende Überprüfung hat sich in ei nem solchen Fall auf die Frage zu be- schränken, ob die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung der ursprünglichen Verfügung ge- geben sind (BGE 119 V 475 E. 1b/cc S. 479, 117 V 8 E. 2a S. 13, 116 V 62; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 24. Juli 2014, 8C_89/2014, E. 2.3; KIESER , a.a.O., Rz. 86 mit weiteren Hin- weisen). 2.5.2 Vorliegend hat die Zürich die Voraussetzungen für die Wiedererwägung der Leistungs- verfügung ihrer Rechtsvorgängerin vom 19. Juli 2001 als erfüllt betrachtet und mit Verfügung vom 21. Mai 2019 bzw. mit Einspracheentscheid vom 28. Febru ar 2020 ihre Leistungen per 31. Mai 2019 eingestellt. Zu prüfen ist somit, ob die Zürich zu Recht die rechtskräftige Verfügung vom 19. Juli 2001 hinsichtlich der Ansprüche auf eine Invalidenr ente und Übernahme der Heilbehand- lungskosten als zweifellos unrichtig und/oder deren Korrektur als von erheblicher Bedeutung qua- lifiziert hat. Was insbesondere die Heilbehandlungskost en anbelangt, ist darauf hinzuweisen, dass die B.____ Versicherungen mit Verfügung vom 19. Juli 2001 die Kostenübernahme für die aktuellen ambulanten Behandlungen im bisherigen Rahmen auf Zusehen hin bejahten. Dass es sich bei diesen Leistungen um Pflegeleistungen und Koste nvergütungen zur Erhaltung der ver- bleibenden Erwerbsfähigkeit im Sinne von Art. 21 Ab s. 1 lit. c UVG handelt, ergibt sich aus den Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Erwägungen dieser Verfügung (vgl. auch Schreiben der B.____ Versicherungen vom 10. Februar 2004). Gemäss Art. 21 Abs. 1 lit. c UVG werden der ver sicherten Person nach der Festsetzung der Rente Pflegeleistungen und Kostenvergütungen (Ar t. 10 – 13 UVG) gewährt, wenn sie zur Erhaltung ihrer verbleibenden Erwerbsfähigkeit dauernd der Behandlung und Pflege bedarf. Die Zürich ging jahrelang davon aus, dass die Versicherte A nspruch auf solche Heilbehandlungen hat, erteilte sie doch der Versicherten gestützt auf Art. 21 Abs. 1 lit. c UVG immer wieder Kosten- gutsprachen für verschiedene Behandlungsmassnahmen (vgl. Schreiben vom 12. Februar 2004, 24. August 2004, 8. Dezember 2005, 19. Mai 2005 und 31. Mai 2005). Sodann stellte die Zürich mit Verfügung vom 21. Mai 2019, welche dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 28. Feb- ruar 2020 zugrunde liegt, nicht nur die laufende Invalidenrente, sondern auch die Vergütung von Heilbehandlungskosten ein. Da mit der Wiedererwägungsve rfügung vom 21. Mai 2019 sowohl die Invalidenrente als auch die Vergütung von Heilbeh andlungskosten per 31. Mai 2019 einge- stellt wurden, sind von der Prüfung der Wiedererwägun gsvoraussetzungen – entgegen der An- sicht der Zürich – nicht nur die Invalidenrente, sonde rn auch die Heilbehandlungskosten erfasst. 3.1 Aus den Akten ergibt sich, dass die mit Verfügung vom 19. Juli 2001 zugesprochenen Leistungen (Invalidenrente, Heilbehandlungskosten und Integritätsentschädigung) auf einem Vergleich beruhen. So ist der Aktennotiz vom 1. Februar 2001 zu entnehmen, dass der damalige Rechtsanwalt der Versicherten mit der B.____ Versicherungen über einen Fallabschluss verhan- delte. Ein weiteres Gespräch hierzu fand am 12. April 2001 statt (vgl. Schreiben der B.____ Ver- sicherungen vom 19. Juni 2001). Gleichentags wurde dem Rechtsanwalt ein schriftlicher Vor- schlag für die Erledigung des Falles unterbreitet. Danach erklärten sich die B.____ Versicherun- gen bereit, der Versicherten vergleichsweise unter andere m eine Invalidenrente gestützt auf ei- nen Invaliditätsgrad von 50 % per 1. Januar 2001 und e ine Integritätsentschädigung bei einer Integritätseinbusse von 15 % zuzusprechen. In Bezug auf die Heilbehandlungskosten gingen die B.____ Versicherungen davon aus, dass der Anspruch auf He ilbehandlung mit der Rentenzu- sprechung dahinfallen würde. Gegebenenfalls würde sie s eparat prüfen, ob eine Kostenüber- nahme im Rahmen von Art. 21 UVG beansprucht werden könne. Mit Schreiben vom 3. Juli 2001 erklärte sich der Rechtsvertreter im Namen und Auftrag der Versicherten mit dem Vorschlag vom 12. April 2001 bezüglich der Invalidenrente und der Integritätsentschädigung einverstanden. Da- gegen konnte er den Wegfall der Kostenübernahme der Heilbehandlungen nicht akzeptieren. Zur Begründung führte er an, dass die Versicherte nach wie vor die bisherigen Behandlungen zur Erhaltung ihrer Erwerbsfähigkeit benötige. Dabei verw ies er auf einen aktuellen Arztbericht des behandelnden Facharztes vom 15. Juni 2001. Der Rechtvertr eter schlug vor, dass die B.____ Versicherungen bis auf weiteres die Kosten für Physiotherapie, Massage und Medikamente über- nehmen würden. In der Folge erliessen die B.____ Versi cherungen die Verfügung vom 19. Juli 2001, mit welcher sie der Versicherten eine Invalidenrente aufgrund eines Invaliditätsgrades von 50 % rückwirkend per 1. Januar 2001 und eine Integrit ätsentschädigung, basierend auf einem Integritätsschaden vom 15 % zusprachen. In den Erwägung en wurde in Bezug auf die Heilbe- handlungskosten gemäss Art. 21 Abs. 1 lit. c UVG festgehalten, dass ein Anspruch auf Vergütung jeweils im Zusammenhang mit der konkreten Behandlung ge prüft werde. Die momentan anfal- lenden Kosten für ambulante Behandlungen würden jedoch weiterhin im bisherigen Rahmen auf Zusehen hin übernommen. Vorbehalten bleibe eine Überprüfung der Indikation im gegeben Zeit- punkt. Dabei nahmen sie ausdrücklich Bezug auf die statt gefundenen Besprechungen und den Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Korrespondenzwechsel, insbesondere auf ihr Schreiben vom 12. April 2001 und das Antwort- schreiben des Rechtsanwaltes der Versicherten vom 3. Juli 2001. 3.2 Im BGE 140 V 77 ff. hat sich das Bundesgericht ausf ührlich mit der Frage befasst, ob bzw. unter welchen Voraussetzungen eine Wiedererwägung bei einer vergleichsgestützten Leis- tungszusprechung des Unfallversicherers zulässig ist. Dabei hat es Folgendes erwogen: "3.2 Bereits vor Inkrafttreten des ATSG war es nach der Rechtsprechung zulässig, sozialversicherungsrechtliche Strei- tigkeiten zwischen Versicherungsträger und Versicherten vergleichsweise zu regeln (vgl. BGE 133 V 593 E. 4.3 S. 595; BGE 104 V 162; UELI KIESER , ATSG-Kommentar, 2. Aufl. 2009, N. 3 ff. zu Art. 50 ATSG; BARBARA KUPFER BUCHER , Das nichtstreitige Verwaltungsverfahren nach dem ATSG und seine Auswirkungen auf das AVIG, 2006, S. 202). In Art. 50 ATSG wurde dies kodifiziert. Danach können Streitigkeiten über sozialversicherungsrechtliche Leistungen durch Ver- gleich erledigt werden (Art. 50 Abs. 1 ATSG). Der Versicherungsträger hat den Vergleich in Form einer anfechtbaren Verfügung zu eröffnen (Art. 50 Abs. 2 ATSG). 3.2.1 Die Befugnis zum Abschluss eines Vergleichs ermächtigt die Behörde nicht, bewusst eine gesetzwidrige Verein- barung zu schliessen, also von einer von ihr als richtig erkannten Gesetzesanwendung im Sinne eines Kompromisses abzuweichen. Ist der Vergleich im Gesetzesrecht zugelassen, so wird aber damit den Parteien bei ungewisser Sach- oder Rechtslage die Befugnis eingeräumt, ein Rechtsverhältnis vertraglich zu ordnen, um die bestehende Rechtsunsi- cherheit zu beseitigen. Dabei und damit wird in Kauf genommen, dass der Vergleichsinhalt von der Regelung des Rechtsverhältnisses abweicht, zu der es bei umfassender Klä rung des Sachverhalts und der Rechtslage allenfalls gekommen wäre. Ein Vergleich ist somit zulässig, soweit der Verwaltung ein Ermessensspielraum zukommt sowie zur Beseitigung rechtlicher und/oder tatsächlicher Unklarheiten (BGE 138 V 147 E. 2.4 S. 149 f.; vgl. auch KUPFER BUCHER , a.a.O., S. 198 f. mit Hinweisen auf Gesetzesmaterialien). 3.2.2 Rechtsprechungsgemäss kann ein Vergleich grundsätzlich ebenso in Wiedererwägung gezogen werden wie eine Verfügung. Es sind jedoch im Rahmen von Art. 53 Abs. 2 ATSG höhere Anforderungen zu stellen, um dem Vergleich- scharakter Rechnung zu tragen (BGE 138 V 147 E. 2.3 S. 149). Der Mechanismus der Interessenabwägung ist somit bei der Wiedererwägung eines Vergleichs bzw. einer Verfügung der gleiche; Unterschiede ergeben sich jedoch bei der Gewichtung, namentlich des Schutzes des berechtigten Vertrauens in den Bestand, der tendenzmässig beim Vergleich stärker als bei der Verfügung ausfällt (BGE 138 V 147 E. 2.4 S. 150). Zu beachten ist dabei auch, dass die Zusprechung von Sozialversicherungsleistungen in der Regel auf verschiedenen Anspruchsgrundlagen beruht. Im UVG sind dies, nebst etwa der Versicherungsdeckung und den notwendigen kausa- len Zusammenhängen, bei der Invalidenrente in erster Linie der Invaliditätsgrad – mit den diesem zugrundeliegenden Faktoren der Invaliditätsbemessung – und der versicherte V erdienst, bei der Integritätsentschädigung die Integritäts- einbusse. Werden Sozialversicherungsleistungen gestützt auf einen Vergleich verfügt, umfasst dieser für gewöhnlich eine gesamthafte Würdigung aller relevanten Anspruchsfakt oren. Das heisst, jede Vergleichspartei bezieht in ihr e Überlegungen mit ein und nimmt in Kauf, dass bei der vergleichsweisen Erledigung einige Anspruchsfaktoren eher zu ihren Gunsten, andere eher zu ihren Ungunsten ausgelegt werden als bei einer umfassenden Prüfung, und sie wägt ab, welchem Ergebnis sie bei gesamthafter Betrachtung zustimmen will. Der Versicherungsträger hat sich hiebei im Rahmen des ihm zustehenden Ermessens zu halten. Für die versicherte Person wird die rasche Zusprechung einer möglichst hohen Leistung im Vordergrund stehen (vgl. E. 3.2.1 hievor). Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3 In Anbetracht der stattgefundenen Verhandlungsge spräche und dem Korrespondenz- wechsel, die zum Erlass der Verfügung vom 19. Juli 2001 g eführt haben, steht zweifellos fest, dass die damalige Leistungszusprechung gestützt auf einen Vergleich erfolgt ist. Damit stellt sich die Frage, ob vorliegend die Voraussetzungen gegeben si nd, die es der Zürich erlauben, die gestützt auf einen Vergleich erfolgte Leistungszusprechung vom 19. Juli 2001 in Wiedererwägung zu ziehen. Diesbezüglich keiner weiteren Erörterungen bedarf es, dass die Wiedererwägungsvo- raussetzung der erheblichen Bedeutung ohne Weiteres erfüllt ist, da eine periodische Dauerleis- tung Prozessgegenstand bildet (BGE 119 V 475 E. 1c mit Hinweisen; SVR 2001 IV Nr. 1 S. 3 E. 5c). Zu prüfen bleibt dagegen, ob die damaligen v ergleichsgestützten zugesprochenen Leis- tungen (Invalidenrente und Heilbehandlung) als zweifellos unrichtig bezeichnet werden können. 4.1 Die Zürich führt an, dass beim Erlass der Verfügun g vom 19. Juli 2001 fälschlicherweise davon ausgegangen worden sei, dass organische Unfallverl etzungen vorlägen. Ihre Rechtsvor- gängerin habe deshalb keine gesonderte Prüfung des Kau salzusammenhangs vorgenommen. Da es sich aber um eine HWS-Problematik handle, hätte die Adäquanz nach Massgabe des BGE 117 V 359 beurteilt werden müssen. Da eine solche gesonderte Adäquanz- prüfung unterlassen worden sei, erweise sich die Verfügung vom 19. Juli 2001 als offensichtlich unrichtig. Daran ändere auch nichts, dass die Rentenzusp rechung vergleichsweise erfolgt sei. Denn die Adäquanzfrage sei nie thematisiert worden, weshalb mit dem Vergleich keine Unsicher- heit in Bezug auf die Adäquanz habe beseitigt werden wollen. Damit unterliege die Frage der Adäquanz nicht der Schutzwirkung des Vergleichs. Eine nacht rägliche rechtskonforme Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs ergebe, dass dieser zu ve rneinen sei. Die Verfügung vom 19. Juli 2001 sei deshalb zu Recht wiedererwägungsweise aufgehoben worden. 4.2 Der Ansicht der Zürich kann nicht beigepflichtet w erden. Zwar ist gemäss bundesgericht- licher Rechtsprechung das Erfordernis der zweifellosen Unri chtigkeit erfüllt, wenn eine Zuspre- chung von Dauerleistungen bei fehlenden objektiv ausgewie senen Unfallfolgen ohne spezielle Adäquanzprüfung erfolgt (SVR 2019 UV Nr. 11 S. 41, 8C_525/2017 E. 7.2 mit Hinweisen; KIESER , a.a.O., Rz. 63). Diese Rechtsprechung bezieht sich jedoch auf einseitig verfügte Versicherungs- leistungen, welche der Versicherer nach einer umfassenden Klärung des Sachverhalts und der Rechtslage zugesprochen hat. Dies ist bei einem Vergleic h nicht der Fall, bezweckt doch der Vergleich die Beseitigung von Rechtsunsicherheiten. Bei der Wiedererwägung einer vergleichs- weise erfolgten Leistungszusprechung ist deshalb der Schutz des berechtigten Vertrauens in den Bestand stärker zu gewichten als bei einseitig verfügten Ansprüchen. Bei einem Vergleich greift bei der Prüfung der Wiedererwägungsvoraussetzungen eine gesamthafte Betrachtungsweise (BGE 140 V 77 E. 3.2.2). Indem sich die Zürich bei der Wiedererwägung einzig auf die Adäquanz- frage beschränkte und die übrigen leistungsrelevanten A nspruchsvoraussetzungen ausser Acht liess, kann sie die gestützt auf einen Vergleich erlassene Verfügung vom 19. Juli 2001 nicht mit der Begründung in Wiedererwägung ziehen, ein einzelnes der anspruchsrelevanten Kriterien, wie hier der adäquate Kausalzusammenhang, sei offensichtlic h zu Unrecht bejaht worden. Dies gilt auch, wenn die Adäquanzfrage in der damaligen Leistungsverfügung offensichtlich falsch beant- wortet wurde (BGE 140 V 77 E. 4). Denn einer gesamthaften Betrachtung läuft es zuwider, wenn die Zürich im Nachhinein ein einzelnes Element des Leistungsanspruchs herausgreift und dieses Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht einer Wiedererwägung der damaligen Verfügung zugrunde legt, aber an den übrigen Anspruchs- faktoren ohne nähere Prüfung festhalten will. Es kann auch nicht von einer bewusst gesetzes- widrig geschlossenen Vereinbarung gesprochen werden. Wed er den Vergleichsverhandlungen zwischen der B.____ Versicherungen und dem damaligen Rechtsvertreter der Versicherten noch den übrigen echtzeitlichen Akten ist ein Hinweis zu entnehmen, dass die Adäquanz in Frage ge- stellt wurde. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Parteien nicht bewusst einen Vergleich ausserhalb des zulässigen Regelungsbereichs haben abschl iessen wollen. Um eine Wiederer- wägung vornehmen zu können, muss vielmehr feststehen, dass d ie vergleichsweise verfügten Leistungen bei einer auch sämtliche weiteren Anspruchsf aktoren umfassenden Klärung des Sachverhalts und der Rechtslage – auf damaligem Stand – im Ergebnis als offensichtlich unrichtig zu betrachten ist (BGE 140 V 77 E. 3.2.3). 5.1 Eine Prüfung der Voraussetzungen für die hier strit tigen Ansprüche auf eine Invaliden- rente und auf Heilbehandlung ergibt, dass die am 19. Juli 2001 verfügten Leistungen nicht offen- sichtlich zu Unrecht zugesprochen wurden. Zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses im Juli 2001 stand gemäss der damaligen medizinischen Aktenlage fest, da ss die Versicherte beim Auffahr- unfall vom 15. September 1997 eine HWS-Distorsion, ein Cervikocephalsyndrom und cervikoce- phale migräniforme Kopfschmerzen bei vorbestehenden Spa nnungskopfschmerzen erlitt (vgl. z.B. Berichte von Dr. med. C.____, FMH Allgemeine Medi zin, vom 19. Juli 1997, des Spitals D.____ und der Klinik E.____ vom 5. März 1998 und 15. Mai 1998). Einige Monate später wurde zudem ein unfallbedingter Tinnitus bei Status nach Schleudertrauma diagnostiziert (vgl. Berichte von Prof. Dr. med. F.____, FMH Oto-Rhino-Laryngologi e, vom 30. Januar 1998 und 17. April 2002) und mit Bericht vom 13. Oktober 1999 ergänzte Prof. Dr. G.____, FMH Neurologie, Klinik E.____, die bisherigen Diagnosen mit leichten neuropsy chologischen Funktionsstörungen. Ge- mäss verschiedenen fachärztlichen Abklärungen und bildgeben den Untersuchungen waren die geklagten Beschwerden nicht objektivierbar (vgl. Berichte von Dr. med. H.____, FMH Radiologie, vom 15. Mai 1997, des Spitals D.____ vom 6. August 1997 und 28. August 1998, von Prof. Dr. med. I.____, FMH Radiologie, vom 29. Dezember 1997 und der Klinik E.____ vom 19. Mai 1998). Psychische Faktoren wurden ausgeschlossen (vgl. Bericht von Dr. med. J.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 1. Juni 1998). Die behandelnden Ärzte attestierten der Versicherten in ihrer angestammten Tätigkeit als kaufmännische Angestellt e nach schwankenden Arbeitsunfä- higkeiten zwischen 25 % und 100 % eine anhaltende 50%i ge Arbeitsunfähigkeit seit 1998/1999 (vgl. Berichte von Dr. med. K.____, FMH Allgemeine Medizin, vom 2. Februar 1999, vom 8. Feb- ruar 2000 und 3. März 2002 sowie von Prof. G.____ vom 13. Oktober 1999 und 15. Juni 2001). Schliesslich holten die B.____ Versicherungen einen Beri cht bei Prof. G.____ ein. Dieser kam am 15. Juni 2001 zum Schluss, dass die Versicherte wahrscheinlich bleibend zu 50 % arbeitsun- fähig sei. Gestützt auf die Berichte der behandelnden Ärzte sprachen die B.____ Versicherungen der Versicherten am 19. Juli 2001 eine Invalidenrente gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 50 % zu. 5.2 Nach einer eingehenden Würdigung der damaligen m edizinischen Aktenlage ist festzu- stellen, dass keine Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Feststellungen der behandelnden Ärzte bestehen. Ihre Beurteilungen sind schlüssig und weichen ni cht wesentlich voneinander ab. Ins- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht besondere war Prof. G.____ die Unfall- bzw. Krankenge schichte der Versicherten bestens be- kannt. Er konnte somit einen fundierten Eindruck über ihre gesundheitliche Situation vermitteln. Seine Einschätzung, wonach die Versicherte zu 50 % arbe itsunfähig sei, ist nachvollziehbar. Seine Zumutbarbeitsbeurteilung kann deshalb nicht als offensichtlich unrichtig bezeichnet wer- den. Dies wird von der Zürich auch nicht bestritten. D a eine HWS-Verletzung ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle und ohne psychische Probl ematik vorliegt, hat die Zürich zu Recht festgestellt, dass gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprec hung eine gesonderte Prüfung des Kausalzusammenhangs nach den in BGE 117 V 359 ff. festgelegten Grundsätzen vorzuneh- men ist. Dabei bestreitet sie zu Recht nicht, dass der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und der seither geklagten Beschwerden gegeben ist. So klagte die Versicherte inner- halb von 24 Stunden über Nackenschmerzen, Bewegungseinsch ränkungen bei der HWS, Schwindel, Benommenheit, Kopfschmerzen und innerhalb vo n 48 Stunden über Übelkeit (vgl. Zusatzfragebogen bei HWS-Verletzungen vom 19. Juli 1997). Damit lagen nach der im Zeitpunkt der Zusprechung der Leistungen geltenden Rechtsprechung zu Schleudertrauma-Fällen die Vo- raussetzungen der Diagnose eines HWS-Schleudertraumas bzw. einer äquivalenten Verletzung sowie das für diese gesundheitliche Beeinträchtigung typische Beschwerdebild vor, um die na- türliche Kausalität ohne weiteres bejahen zu können (B GE 117 V 359 E. 4b und 119 V 335 E. 2b/aa). Zwar litt die Versicherte bereits vor dem Unfall an Spannungskopfschmerzen. Mit neuro- logischem Gutachten des Spitals D.____ vom 28. August 19 98 wurden jedoch die Kopfschmer- zen teilweise und die Migräne vollständig auf den Unfa ll zurückgeführt. Da eine unfallbedingte Teilkausalität für die Leistungspflicht des Unfallversich erers ausreicht, sind die Kopfschmerzen zum typischen Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der HWS zu zählen. 5.3 Bei Schleudertraumen der HWS mit Arbeits- bzw. Er werbsunfähigkeit, die nicht auf or- ganisch nachweisbare Funktionsausfälle zurückzuführen sind, ist für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall für die Entstehung der Ar- beits- bzw. Erwerbsunfähigkeit eine massgebende Bedeutung zukommt. Dies trifft dann zu, wenn er objektiv eine gewisse Schwere aufweist oder mit ande ren Worten ernsthaft ins Gewicht fällt (BGE 117 V 366, 115 V 141 E. 7 mit Hinweisen). Bei leichten Unfällen, wie z.B. einem gewöhnli- chen Sturz, kann gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung der adäquate Kausalzusammen- hang zwischen Unfall und nachfolgenden Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres ver- neint werden, weil aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung, aber auch unter Einbezug unfall- medizinischer Erkenntnisse davon ausgegangen werden darf, dass ein solcher Unfall nicht ge- eignet ist, einen erheblichen Gesundheitsschaden zu verursachen. Bei schweren Unfällen dage- gen ist der adäquate Kausalzusammenhang in der Regel zu bejahen, weil sie nach dem gewöhn- lichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet sind, entsprechende Gesundheitsschäden zu bewirken. Bei Unfällen im mittlere n Bereich müssen weitere, objektiv erfassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder als direkte bzw. indirekte Folgen davon erscheinen, in eine Gesamtwürdigung einbezogen werden. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen: - besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; - die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verle tzungen; - ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht - Dauerschmerzen; - ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen er heblich verschlimmert; - schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikatio nen; - Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit. Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien in die Gesamtwürdigung ist nicht in jedem Fall erfor- derlich. Je nach den konkreten Umständen kann für die Be urteilung des adäquaten Kausalzu- sammenhangs ein einziges Kriterium genügen. Dies triff t einerseits dann zu, wenn es sich um einen Unfall handelt, welcher zu den schwereren Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als Grenzfall zu einem schweren Unfall zu qualifizieren ist. Anderseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen, wenn es in beso nders ausgeprägter Weise erfüllt ist. Kommt keinem Einzelkriterium besonderes oder ausschlaggebe ndes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien herangezogen werden. Handelt es sich beispielsweise um ei- nen Unfall im mittleren Bereich, der aber dem Grenzbereich zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen die weiteren zu berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht wird. Diese Würdigung des Unfalles zusammen mit den objektiven Kriterien führt zur Bejahung oder Verneinu ng der Adäquanz (BGE 117 V 368, 115 V 140 E. 6c). 5.4 Mit der Zürich ist einig zu gehen, dass einfache Auffahrunfälle – wie hier der vorliegende Unfall – rechtsprechungsgemäss in der Regel als mittelsch wer im Grenzbereich zu den leichten Unfällen qualifiziert werden (vgl. Urteil des damalige n Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute: Bundesgericht) vom 5. September 2001, U 323/00, E. 5a). Bei einem mittelschwe- ren Ereignis im Grenzbereich zu den leichten Unfällen ist die Adäquanz zu bejahen, wenn ein einzelnes der bundesgerichtlichen Kriterien in besonders ausgeprägter Weise gegeben ist oder die zu berücksichtigenden Beurteilungskriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sind, wobei auf eine Differenzierung zwischen physischen und psy chischen Komponenten verzichtet wird. 5.5 Entgegen der Ansicht der Zürich ist – wie nachfolgen d aufzuzeigen wird – der adäquate Kausalzusammenhang vorliegend zu bejahen. Die Zürich, we lche die Adäquanzprüfung nach Massgabe von BGE 134 V 109 vorgenommen hat, hat übers ehen, dass diese Prüfung auf dem Stand des Erlasses der leistungszusprechenden Verfügung vorzunehmen ist. Im Jahr 2001 galt die mit BGE 134 V 109 eingeführte verschärfte Rechtsprechung des Bundesgerichts noch nicht. Damit ist der adäquate Kausalzusammenhang nicht aufgrund der in BGE 134 V 109 präzisierten, sondern allein aufgrund der in BGE 117 V 367 festgele gten Kriterien zu beurteilen (zu den neu verfassten Kriterien: vgl. Erwägung 10.3 des BGE 134 V 109). 6.1 Der Auffahrunfall vom 15. Mai 1997 ereignete sic h nicht unter besonders dramatischen oder eindrücklichen Begleiterscheinungen. Gemäss den Akten stand die Versicherte am 15. Mai 1997 in ihrem Auto in einer Autokolonne. Sie schaute nach rechts aus dem Fenster, als das Fahrzeug hinter ihr wieder anfuhr und in ihren Wagen stiess. Ebenso wenig kann das Kriterium der besonderen Art der erlittenen Verletzung bejaht w erden. Zwar hat sie im Moment des Auf- pralls den Kopf nach rechts gedreht, was aus medizinischer Sicht bezüglich Art und Schwere des Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Schleudertraumas dann entscheidend sein kann, wenn währen d der mechanischen Einwirkung auch eine Drehung oder Neigung mit dem Oberkörper vorgenommen wurde (vgl. Urteil des EVG vom 31. Mai 2001, U 275/00, E. 3d/aa und vom 10. Febr uar 2000, U 237/99, E. 3b). Aus den Akten geht nicht hervor, dass die Versicherte während der Kollision eine solche Körperhaltung mit dem Oberkörper eingenommen hatte, hatte sie doch nach eigenen Angaben lediglich den Kopf (nicht aber den gesamten Oberkörper) nach rechts gedreht. Eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen verschlimmert hätte, ist nicht festzustellen. Soweit stimmen diese Ergeb- nisse mit denjenigen der Zürich überein. 6.2 Demgegenüber liegt – entgegen der Auffassung der Zürich – eine ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung vor. Gemäss den Akten mu ss die Versicherte seit dem Unfall Schmerzmittel einnehmen und physikalisch-therapeutisch behan delt werden. Zudem hielt sie sich vom 16. April 1998 bis 14. Mai 1998 stationär in der Klinik E.____ für verschiedene fachärzt- liche Abklärungen und zur Behandlung ihrer Beschwerden auf. Unter diesen Umständen muss die medizinische Behandlung im Lichte der 2001 geltend en Rechtsprechung zu den Schleuder- trauma-Unfällen als ungewöhnlich lange bezeichnet werd en (vgl. Urteil des EVG vom 11. Mai 2001, U 320/99, E. 4). Ebenso steht fest, dass sie seit dem Unfall praktisch ununterbrochen an ausstrahlenden Schmerzen im Nackenbereich, an Kopfschmerzen, an Schwindel und an Tinnitus leidet. Zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses klagte die Versicherte über Beschwerdeexazerba- tionen, insbesondere in Bezug auf die cervikogenen migrä niformen Kopfschmerzattacken, mit Arbeitsausfällen von durchschnittlich 2 Arbeitstagen im Monat und über cervikolumbale Rücken- schmerzen (vgl. Berichte von Prof. G.____ vom 15. Juni 2001 und Dr. K.____ vom 3. März 2001). Bei dieser Sachlage ist das Kriterium der Dauerschmerzen erfüllt. Im Gegensatz zur von der Zü- rich vorgenommenen Beurteilung spielt die Erheblichkeit bei diesem Kriterium nach BGE 117 V 359 keine Rolle. Sodann fällt der schleppende Heilungsverlauf auf, klangen doch die Beschwer- den wie Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie schnelle Ermüdbarkeit nur anfänglich etwas ab; in der Folge dauerten sie unvermindert fort. Die Behandlungsmassnah- men bestanden in Physiotherapie, Chiropraktik, Myotonolytika, Kinesiologie, Massage, Wassergymnastik, Akup unktur und Analgetika (vgl. Be- richte von Dr. C.____ vom 23. September 1997, 16. un d 17. Dezember 1997 sowie der Klinik E.____ vom 15. Mai 1998) sowie einem ca. 4-wöchigen stationären Aufenthalt in der Klinik E.____ (vgl. Bericht der Klinik E.____ vom 15. Mai 1998). Auch im Jahr 2001 wurden ihr noch Physiothe- rapie, Wassertherapie, Triggerpunktmassagen, Myotonolytika und Analgetika verschrieben (vgl. Berichte von Dr. K.____ vom 8. Februar 2000 und 3. März 2001 sowie von Prof. G.____ vom 15. Juni 2001). Der Heilungsverlauf muss deshalb als schwierig im Sinne der dargelegten Rechtspre- chung bezeichnet werden (BGE 117 V 369 E. 5a). Die bu ndesgerichtliche Praxis, wonach die Einnahme von Medikamenten und die Durchführung verschiedener konservativer Therapiemas- snahmen dieses Kriterium nicht erfüllen, galt im Jahr 2001 noch nicht. Zu bejahen ist schliesslich auch das Kriterium des Grades und der Dauer der Arbeitsunfähigkeit: Die vollständige Arbeitsun- fähigkeit nach dem Unfall dauerte bis 8. Juni 1997. Wä hrend einer weiteren Phase vom 9. Juni 1997 bis 6. Juli 1997 betrug die Arbeitsunfähigkeit 50 % (vgl. Arztzeugnis von Dr. C.____ vom 20. Juni 1997). Danach versuchte die Versicherte ihrer angestammten Tätigkeit als kaufmänni- sche Angestellte im Umfang von 75 % nachzugehen. Sie wurde deshalb ab 7. Juli 1997 nur noch Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht zu 25 % arbeitsunfähig geschrieben (vgl. ärztlicher Zwischenbericht von Dr. C.____ vom 23. Sep- tember 1997). Nach dem Aufenthalt in der Klinik E.____ vom 16. April 1998 bis 14. Mai 1998 war sie wieder zu 50 % arbeitsunfähig (vgl. Bericht der Kli nik E.____ vom 15. Mai 1998). Die Versi- cherte versuchte zwar erneut, ihr Arbeitspensum ab 25. Mai 1998 von 50 % auf 75 % zu steigern. Aufgrund der Schmerzzunahme musste sie ihr Arbeitspensum jedoch bereits nach einer Woche wieder auf 50 % reduzieren, was von den behandelnden Ärzten im Wesentlichen so attestiert wurde (vgl. Berichte von Prof. G.____ vom 27. Juli 1998, 20. Oktober 1998 und 13. Oktober 1999 sowie von Dr. K.____ vom 2. Februar 1999). Der Grad der Arbeitsfähigkeit konnte seither nicht mehr gesteigert werden (vgl. Berichte von Prof. G.____ vom 15. Juni 2001 sowie von Dr. K.____ vom 8. Februar 2000 und 3. März 2000). Die Versicherte war somit zum Zeitpunkt des Verfü- gungserlasses bereits seit mehr als 4 Jahren in unterschie dlichem Masse arbeitsunfähig war, weshalb dieses Kriterium erfüllt ist. 6.3 Aufgrund dieser Ausführungen steht fest, dass vier massgebende unfallbezogene Krite- rien erfüllt sind. Damit ist die Adäquanz des Kausalzusam menhangs zwischen dem Unfall und den anhaltenden Beschwerden, welche eine erhebliche Einschränkung der Arbeits- und Erwerbs- fähigkeit bewirken, zu bejahen. Es kann daher nicht von einer zweifellosen Unrichtigkeit gespro- chen werden, welche eine Wiedererwägung der ursprünglichen Leistungsverfügung rechtfertigen würde. Die von der Zürich vorgenommene wiedererwägung sweise Aufhebung der Verfügung vom 19. Juli 2001 ist daher nicht zulässig. Der angefochtene Einspracheentscheid vom 28. Feb- ruar 2020 ist demzufolge aufzuheben. Mit der Aufhebung des Entscheides hat die Verfügung vom 19. Juli 2001 weiter Bestand. Dies bedeutet, dass die Versicherte weiterhin Anspruch auf eine Invalidenrente im bisherigen Umfang und auf Kostenvergütungen für Heilbehandlungen gemäss Verfügung vom 19 Juli 2001 hat. Die Beschwerde ist demgemäss gutzuheissen. 7. Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass das Verfahren v or dem kantonalen Gericht für die Par- teien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erhe- ben. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Der angefoc htene Einspracheent- scheid vom 28. Februar 2020 wird aufgehoben und es wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin weiterhin Anspruch auf eine Invaliden- rente und Kostenvergütungen für Heilbehandlungen hat. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.