<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 80 S.397</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">397</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>80</b></span> <span class="ft2"><b>Durchsetzungshaft; Verhältnismässigkeit bei Drogenabhängigkeit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Hat ein drogenabhängiger Betroffener im Heimatland keine Möglichkeit,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>an einem Entzugsprogramm teilzunehmen, kann von ihm nicht verlangt</b></span><br/> <span class="ft2"><b>werden, dass er trotz Drogenabhängigkeit in sein Heimatland zurück-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kehrt. Unter diesen Umständen müssen die zuständigen Behörden alles</b></span><br/> <span class="ft2"><b>daran setzen, seine Abhängigkeit zu beenden (E. II./4.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">29. Mai 2008 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen M.B.A.K.</span><br/> <span class="ft3">betreffend Haftverlängerung (1-HA.2008.52).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 4. Abschliessend stellt sich die Frage, ob die Haftverlänge-</span><br/> <span class="ft1">rung deshalb nicht zu bestätigen sei, weil sie im konkreten Fall gegen</span><br/> <span class="ft1">das Prinzip der Verhältnismässigkeit verstösst.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">398</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Mit Urteil vom 21. Januar 2008 hielt das Bundesgericht fest, die</span><br/> <span class="ft1">Behörden hätten auch im Rahmen der Durchsetzungshaft auf die</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffung des Betroffenen hin zu wirken (BGE</span> <span class="ft1">134</span> <span class="ft1">I</span> <span class="ft1">92,</span><br/> <span class="ft1">E. 2.3.1). Im vorliegenden Fall bedeutet dies, dass der Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft1">ner trotz seiner Methadonabhängigkeit nach Algerien zurückkehren</span><br/> <span class="ft1">können muss. Eine Rückkehr wäre dann problemlos zumutbar, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Gesuchsgegner nach einer Rückkehr nach Algerien weiterhin</span><br/> <span class="ft1">Methadon erhalten würde oder einen adäquaten Methadonentzug</span><br/> <span class="ft1">durchführen könnte. In diesem Fall wäre eine weitere Inhaftierung</span><br/> <span class="ft1">wohl während der gesamten maximal zulässigen Dauer verhältnis-</span><br/> <span class="ft1">mässig, da seitens des Gesuchsgegners keine Veranlassung bestünde,</span><br/> <span class="ft1">sich gegen eine Rückkehr auszusprechen. Es steht dem Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft1">frei, nachzuweisen, dass in Algerien eine entsprechende Weiterbe-</span><br/> <span class="ft1">handlung mit Methadon oder ein adäquater Methadonentzug möglich</span><br/> <span class="ft1">ist.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der Abklärungen via Swissmedic und nachdem der</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsteller keine entsprechende Bestätigung des BFM vorlegen</span><br/> <span class="ft1">konnte, ist jedoch davon auszugehen, dass der Gesuchsgegner bei ei-</span><br/> <span class="ft1">ner Rückkehr nach Algerien einen "kalten" Methadonentzug über</span><br/> <span class="ft1">sich ergehen lassen müsste. Unter diesen Umständen wäre es unver-</span><br/> <span class="ft1">hältnismässig, den Gesuchsgegner über Monate hinweg in Durchset-</span><br/> <span class="ft1">zungshaft zu belassen, während dieser Zeit Methadon zu verabrei-</span><br/> <span class="ft1">chen und gleichzeitig von ihm zu verlangen, seinen Widerstand ge-</span><br/> <span class="ft1">gen eine Rückkehr nach Algerien aufzugeben. Die Migrationsbehör-</span><br/> <span class="ft1">den sind in Fällen wie dem Vorliegenden verpflichtet, alles daran zu</span><br/> <span class="ft1">setzen, die Methadonabhängigkeit eines Betroffenen zu beenden.</span><br/> <span class="ft1">Bislang wurde in einer ersten Phase versucht, das Methadon im</span><br/> <span class="ft1">Hinblick auf eine begleitete Ausschaffung zu reduzieren. Nachdem</span><br/> <span class="ft1">die Ausschaffung gescheitert war, entschied der für das Ausschaf-</span><br/> <span class="ft1">fungszentrum zuständige Bezirksarzt, zur Methadonabgabe zurück-</span><br/> <span class="ft1">zukehren. In einer zweiten Phase wurde der Methadonentzug auf</span><br/> <span class="ft1">freiwilliger Basis in der Psychiatrischen Klinik K. in Angriff genom-</span><br/> <span class="ft1">men. Dieser Entzug scheiterte am fehlenden Willen des Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft1">ners.</span><br/> <span class="ft1">Grundsätzlich besteht kein Anspruch auf Abgabe von Metha-</span><br/> <span class="ft1">don. Vielmehr ist Methadon als Heroinsubstitut vorgesehen, um Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">399</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">troffene von illegalem Heroinkonsum und der damit verbundenen</span><br/> <span class="ft1">Kriminalität fernzuhalten. Die Abgabe von Methadon muss im Kan-</span><br/> <span class="ft1">ton Aargau in der Regel durch den Kantonsarzt bewilligt werden. Da</span><br/> <span class="ft1">sich der Gesuchsgegner im Rahmen der Durchsetzungshaft kein He-</span><br/> <span class="ft1">roin beschaffen kann, ist nicht ersichtlich, weshalb er weiter Metha-</span><br/> <span class="ft1">don konsumieren müsste. Unter diesen Umständen obliegt es dem</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsteller - im Rahmen seiner Pflicht, auch während der Durch-</span><br/> <span class="ft1">setzungshaft auf die Ausschaffung des Gesuchsgegners hinzuwirken</span><br/> <span class="ft1">- dafür besorgt zu sein, den Methadonentzug auch gegen den Willen</span><br/> <span class="ft1">des Gesuchsgegners durchzuführen. Der Gesuchsteller hat deshalb</span><br/> <span class="ft1">beim Kantonsarzt die Beendung der Methadonabgabe zu erwirken.</span><br/> <span class="ft1">Sollte sich der Gesuchsgegner weiterhin weigern, einen freiwil-</span><br/> <span class="ft1">ligen Methadonentzug durchzuführen und sollte der Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft1">keine Bestätigung der zuständigen algerischen Institution beibringen</span><br/> <span class="ft1">können, wonach der Gesuchsgegner trotz Methadonkonsums in sein</span><br/> <span class="ft1">Heimatland zurückkehren kann und er dort weiterhin Methadon er-</span><br/> <span class="ft1">hält oder mit ihm ein adäquater Methadonentzug durchgeführt wird</span><br/> <span class="ft1">bzw. sollte keine Verfügung des Kantonsarztes erwirkt werden kön-</span><br/> <span class="ft1">nen, wonach dem Gesuchsgegner nur noch so lange Methadon verab-</span><br/> <span class="ft1">reicht wird, als dies bei einem "warmen" Methadonentzug notwendig</span><br/> <span class="ft1">ist, wäre die Weiterführung der Haft als unverhältnismässig zu be-</span><br/> <span class="ft1">zeichnen.</span><br/> <span class="ft1">In jedem Fall ist bei einem Methadonentzug den Bedenken des</span><br/> <span class="ft1">Bezirkarztes betreffend Selbst- und Drittgefährdung Rechnung zu</span><br/> <span class="ft1">tragen. Die Durchsetzungshaft ist deshalb für die Dauer des Metha-</span><br/> <span class="ft1">donentzugs bzw. soweit medizinisch indiziert in der Psychiatrischen</span><br/> <span class="ft1">Klinik K. oder einer anderen geeigneten Entzugsanstalt zu vollzie-</span><br/> <span class="ft1">hen. [...]</span><br/></div> </div> </body> </html>