B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4869/2017 U r t e i l v o m 6 . M a i 2 0 1 9 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Barbara Balmelli, Richter Yanick Felley, Gerichtsschreiberin Irina Wyss. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 2. August 2017 / N (…). D-4869/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat seinen Angaben zu- folge im Oktober 2015 und reiste am 8. Dezember 2015 in die Schweiz ein, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 6. Januar 2016 wurde er zu seiner Person sowie summarisch zu seinen Asylgründen befragt und am 12. Mai 2017 vertieft angehört. B. Mit Verfügung vom 2. August 2017 – eröffnet am 5. August 2017 – stellte das SEM fe st, der Beschwerdeführer erfüll e die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug. C. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 30. August 2017 durch seinen Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfügung sei in den Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben, die Sache sei zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, eventualiter sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuord- nen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung, den Verzicht auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses und die Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand. D. Mit Zwischenverfügung vom 5. September 2017 hiess der damals zustän- dige Instruktionsrich ter die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung ei- nes Kostenvorschusses und ordnete dem Beschwerdeführer seinen Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei. E. Mit Eingaben vom 9. Jan uar 2018 und 21. September 2018 reichte der Beschwerdeführer zwei Beschwerdeergänzungen zu den Akten. Als Be- weismittel reichte er den Ausdruck einer Fotografie seiner Familie vor dem Freiheitsturm in Teheran, Kopien von Pässen seines Bruders B._______ und dessen Familie mit Visa für den Iran (gültig für 28. Mai 2016 bis 26. Au- gust 2016), zwei fremdsprachige Dokumente (den Angaben des Beschwer-D-4869/2017 Seite 3 deführers zufolge ein Mietvertrag seines Bruders B._______) sowie meh- rere Dokumente des Hochkommissariats der Ver einten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) betreffend Anträge auf internationalen Schutz in der Türkei vom 3. August 2018 seines Bruders C._______ und dessen Familie ein. F. Mit Instruktionsverfügung vom 19. Februar 2019 bot das Bundesverwal- tungsgericht der Vo rinstanz Gelegenheit, eine Vernehmlassung einzu- reichen. G. Mit Eingabe vom 6. März 2019 reichte das SEM eine Vernehmlassung zu den Akten. H. Mit Instruktionsverfügung vom 27. März 2019 stellte die neu zuständige Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer die Vernehmlassung zur Stel- lungnahme zu, worauf dieser am 1. April 2019 replizierte. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). D-4869/2017 Seite 4 1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und ins AIG umbe- nannt. Der vorliegend anzuwendende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbestimmung verwendet. 1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legit imiert ( Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Gemäss der Dispositionsmaxime definiert d ie prozessführende Partei mit ihren Rechtsbegehren den Prozessgegenstand (vgl. zum Ganzen anstatt vieler FRITZ GYGI, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl. 1983, S. 203 ff. m.w.H.). Der Beschwerdeführer beantragt in seiner Beschwerde explizit die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung in den Ziffern 4 und 5 (Anwei- sung an den Beschwerdeführer, die Schweiz zu verlassen sowie Beauftra- gung des zuständigen Kantons mit dem Vollzug der Wegweisung). Der Be- schwerdegegenstand beschränkt sich vorliegend somit auf die Frage des Wegweisungsvollzugs. Die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft, die Ab- lehnung des Asylgesuches sowie die Wegweisung aus der Schweiz (vgl. Ziffern 1 bis 3 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung) sind hingegen unangefochten in Rechtskraft erwachsen. 4. 4.1 Das SEM begründete seine Verfügung in Bezug auf den Wegweisungs- vollzug damit, dass gemäss der bundesverwaltungsgerichtlichen Recht- sprechung eine Rückkehr nach Kabul nicht generell unzumutbar, sondern D-4869/2017 Seite 5 unter begünstigenden Umständen zumutbar sei. Obwohl seit dem Abzug der ISAF (International Security Assistance Force) im Jahr 2014 eine Zu- nahme von Sicherheitsvorfällen zu beachten sei, könne nich t auf eine Si- tuation allgemeiner Gewalt geschlossen werden. Aus diesem Grund sei an der bisherigen Rechtsprechung festzuhalten. Der Beschwerdeführer ver- füge in Kabul über eine Familie (Mutter, vier Brüder, eine Schwester), mit welcher er zusammengelebt hab e, und somit im heutigen Zeitpunkt über ein soziales Netz, welches sich für seine Aufnahme und Wiedereingliede- rung als tragfähig erweise. Er sei in gutem Gesundheitszustand und somit arbeitsfähig. Vor seiner Ausreise habe er als selbständiger Chauffeur ge- arbeitet. Diese Beschäftigung könne er bei einer Rückkehr wieder aufneh- men. Auch nach längeren Aufenthalten a usserhalb Afghanistans sei ihm eine Wiedereingliederung bereits mehrmals gelungen. Aus diesen Grün- den sei der Wegweisungsvollzug als zumutbar zu erachten. 4.2 In seiner Beschwerde führte der Beschwerdeführer aus, dass die Ein- schätzung des Bundesverwaltungsgerichts der Sicherheitslage in Afgha- nistan im Grundsatzurteil E-7625/2008 vom 16. Juni 2011 nicht mehr dem aktuellen Stand entspreche. Gemäss Beric hten der Schweizerischen Flüchtlingshilfe habe sich die Lage in den letzten wenigen Jahren kontinu- ierlich verschlechtert. Das SEM hätte sich zwingend zu diesen Verände- rungen äussern müssen. Die angefochtene Verfügung vermittle jedoch den Eindruck, dass das SEM ungeprüft davon ausgegangen sei, dass sich die Lage in Kabul seit Erlass dieses Grundsatzurteils immer noch gleich prä- sentiere. Selbstmordanschläge wie derjenige vom 31. Mai 2017, bei wel- chem vom Tod von über 150 Menschen ausgegangen werde, würden bei- nahe schon zur Tagesordnung gehören. Ausserdem bestehe grosse Wohn- raumknappheit. Das SEM habe bei seiner Einschätzung nur auf die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts verwiesen, wobei das aktuellste, datie- rend vom Juli 2015, bereits über zwei Jahre alt se i. Damit habe das SEM seine Untersuchungspflicht verletzt. 4.3 In der Beschwerdeergänzung vom 9. Januar 2018 machte der Be- schwerdeführer auf die veränderte Einschätzung der Sicherheitslage in Ka- bul durch das Bundesverwaltungsgericht aufmerksam. Zudem brachte er vor, die neu vom Gericht festgehaltenen besonders begünstigenden Um- stände erfülle er nicht. Mit Eingabe vom 21. September 2018 teilte der Be- schwerdeführer mit, da ss sein Bruder B._______ Kabul bereits im Jahr 2016 verlassen habe; der Rest der Familie im März 2018. D-4869/2017 Seite 6 4.4 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, dass das Bundesverwal- tungsgericht in seinem neusten Referenzurteil eine Rückkehr nach Kabul nach wie vor als zumutbar erachte, wenn besonders begünstigende Fak- toren vorliegen würden. Diese begünstigenden Umstände seien bereits im Asylentscheid des SEM berücksichtigt worden und seien auch zum heuti- gen Zeitpunkt gegeben, weshalb an der Zumutbarkeit des Vollzugs festge- halten werde. Aufgrund der eingereichten Beweismittel (Mietvertrag, Visa von Familienmitgliedern für den Iran , Fotografie der Familie in Teheran ) könne nicht von einer dauerhaften Ausreise dieser Personen aus dem Iran ausgegangen werden. Die Biografie des Beschwerdeführers selbst zeige, dass temporäre Aufenthalte afghanischer Staatsbürger im Iran nicht unüb- lich seien. Der eingereichte Mietvertrag eines Bruders des Beschwerdefüh- rers sei lediglich für den Zeitraum vom 20. Juli 2016 bis zum 21. Juli 2017 abgeschlossen worden und stelle keinen Beweis für einen dauerhaften Aufenthalt dieser Familie im Iran dar. Insgesamt sei zu bezweifeln, dass die gesamte Kernfamilie und Verwandtschaft des Beschwerdeführers Ka- bul für immer verlassen habe. 4.5 In der Replik hielt der Beschwerdeführer im Wesentlichen daran fest, mit den eingereichten Beweismitteln dargetan zu haben, dass er in Kabul nicht über ein tragfähiges soziales Netzwerk verfüge. Dies und das Vorlie- gen von besonders begünstigender Faktoren, welche den Wegweisungs- vollzug nach Kabul als zumutbar erscheinen liessen, sei vom SEM nich t ernsthaft geprüft worden. 5. 5.1 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellt die Asylbehörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest. Dabei muss die Behörde die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunterlagen beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis füh- ren. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz der geltenden Unter- suchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt h at, oder nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachumstände berücksich- tigt wurden (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Kom- mentar zum Bundesgesetz über das Verw altungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2018, Art. 12 N. 16; BENJAMIN SCHINDLER, in: a.a.O., Art. 49 N. 29). Ihre Grenze findet die Untersuchungspflicht in der Mitwirkungspflicht de r Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). D-4869/2017 Seite 7 5.2 Insoweit der Beschwerdeführer geltend macht, das SEM hätte sich in der angefochtenen Verfügung zwingend dazu äussern müssen, ob und in- wiefern sich die Lage in Kabul in den letzten viereinhalb Jahren verändert habe, ist festzuhalten, dass sich das SEM in seiner Verfügung auf die zu diesem Zeitpunkt nach wie vor aktuelle Urteile des Bundesverwaltungsge- richts stützte. In der Verfügung und der darin enthaltenen Prüfung der Zu- mutbarkeit berücksichtigte das SEM sämtliche für die Beurteilung massge- benden Sachverhaltselemente. Hinweise darauf, dass die persö nlichen Umstände des Beschwerdeführers nicht genügend geprüft wurden, erge- ben sich entgegen der Ausführungen des Beschwerdeführers in der Replik aus den Akten nicht. Das SEM hat den Sachverhalt somit in genügender Weise abgeklärt, weshalb der Antrag des Be schwerdeführers, die Sache sei zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Ent- scheidfindung an die Vorinstanz zurückzuweisen, abzuweisen ist. 6. 6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). 6.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweiss tandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7. 7.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerr echtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). D-4869/2017 Seite 8 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Nachdem rechts- kräftig festgestellt wurde, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen- schaft nicht erfüllt, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nicht- rückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Afghanistan ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus- schaffung nach Afghanistan dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus- gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men- schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un- menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge- gen Italien 28. Februar 2008 , Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht als un- zulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl - als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.3 7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit seine neusten Referenzurteil vom 13. Oktober 2017 eine ausführliche Lageanalyse zur Situation in der D-4869/2017 Seite 9 afghanischen Hauptstadt Kabul vorgenommen (vgl. Urteil des BVGer D-5800/2016 E. 6.3 ff. [als Referenzurteil publiziert]). Danach stellt sich zum heutigen Zeitpunkt sowohl die Sicherheitslage, welche als volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen ist, als auch die huma- nitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der i n BVGE 2011/7 beschriebe- nen Situation klar verschlechtert dar. Die Lage in Kabul ist daher grund- sätzlich als existenzbedrohend und somit unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Von dieser Regel kann abgewichen werden, falls besonders b egünstigende Faktoren vorliegen, aufgrund derer aus- nahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen werden kann. Solche besonders begünstigenden Faktoren können nach dem vorgenann- ten Referenzurteil grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich bei der zurückkehrenden Person um einen jungen, gesunden Mann handelt. Unabdingbar ist in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hin- blick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung der zurückkehrenden Person als tragfähig erweist. Dieses soziale N etz muss ihr insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Allein aufgrund von lo- sen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kern- familie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbringung ungeklärt sind, ist nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. Entscheidrelevant ist zudem, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungsweise inwie- fern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden kann. Ange- sichts der festgestellten Verschlechterung der La ge in Kabul versteht es sich von selbst, dass das Vorliege n dieser strengen Anforderungen in je- dem Einzelfall sorgfältig geprüft würde und diese erfüllt sein müssten, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu qualifizieren (a.a.O. E. 8.4.1). 7.3.3 Die persönliche Situation des Beschwerdeführers präsentiert e sich zum Zeitpunkt der vorinstanzlichen Verfügung so, dass er seinen Angaben zufolge bis zu seiner Ausreise mit seiner Mutter, seinen vier Brüdern und seiner Schwester zusammenlebte (SEM-Akte A5 3.01). Seine Brüder sind von Beruf (…) und (…) beziehungsweise besitzen ein Geschäft und arbei- ten als Selbständiger. Alle sind beruflich in Kabul tätig (A5 7.01; A22 F20). Seine Schwester arbeitet als Archivleiterin im (…) (A22 F20). Der Be- schwerdeführer selbst ist von Beruf (…) und hat zuletzt als (…) gearbeitet. D-4869/2017 Seite 10 Von dieser Arbeit konnte er seinen Aussagen zufolge „nicht schlecht, mit- telmässig“ leben (A22 F19). Seiner Familie sei es finanziell gut gegangen und sie hätten keine Probleme gehabt (A5 7.01). Der Beschwerdeführer verfügte somit zum damaligen Zeitpunkt (August 2017) über ein gutes so- ziales und als tragfähig zu bezeichnendes Netzwerk. 7.3.4 Auf Beschwerdeebene im Rahmen einer Beschwerdeergänzung macht der Beschwerdeführer geltend, dass seine gesamte Familie Kabul verlassen habe. Sein Bruder B._______ halte sich seit 2016 nicht mehr in dieser Stadt auf. Den in diesem Zusammenhang eingereichten Kopien von Pässen ist zu entnehmen, dass dieser Bruder, dessen Frau und drei Kinder Visa für den Iran, gültig für drei Monate, erhalten haben (Beschwerdeakte A3). Ob die Familie seines Bruders nach Ablauf dieser Visa im Iran geblie- ben oder wieder nach Kabul zurückgekehrt ist, ist aus den Akten nicht er- sichtlich. Weiter ist den eingereichten Unterlagen (Dokumente des UN- HCR) zu entnehmen, dass sein anderer Bruder (C._______; Vater des sich in der Schweiz befindlichen Neffen D._______ [N …]) mit seiner Frau und den drei Geschwistern von D._______ in der Türkei am 3. August 2018 um internationalen Schutz ersucht haben. Ob sich die Familie noch in der Tür- kei aufhält, weitergereist oder zurückgekehrt ist, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Wo sich die weiteren zwei Brüder mit ihren Familien, die beim Staat arbeitende Schwester und die Mutter zurzeit aufhalten, bleibt hinge- gen im Unklaren. Ein Wegzug seiner gesamten Familie sowie die Aufgabe des gemeinsamen Wohnhauses vermochte der Beschwerdeführer mit Ein- gabe des abgelaufenen Mietvertrags und den Fotografien seiner Familie vor einem iranischen Wahrzeichen jedenfalls nicht glaubhaft darzutun. So- mit ist davon auszugehen, dass er mit seiner dort lebenden Familie in Ka- bul weiterhin über ein soziales Netzwerk verfügt , welches ihm wie bis vor seiner Ausreise eine angemessene Unterkunft und Hilfe bei der sozialen und wirtschaftlichen Wiedereingliederung bieten können. Der Beschwerde- führer hat Berufserfahrung als (…) und (…) und es gelang ihm bereits min- destens einmal, sich nach einem Auslandaufenthalt wieder erfolgreich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Zudem ist er – soweit aus den Akten ersichtlich – gesund. 7.4 Insgesamt liegen im Fall des Beschwerdeführers somit begünstigende Faktoren im Sinne der Rechtsprechung vor. Dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Kabul in eine existenzielle Notlage geraten würde, ist nicht anzunehmen, weshalb sich der Vollzug der We gweisung als zu- mutbar erweist. D-4869/2017 Seite 11 7.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt ric htig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) aufzuerlegen. Nachdem das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 5. September 2017 gutgeheissen wurde und aufgrund der Akten keine Hinweise auf eine Veränderung der finanziellen Situation vorliegen, ist von einer Kostenauflage abzusehen. 9.2 Mit der gleichen Verfügung hiess der damals zuständige Instruktions- richter das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung gut und ordnete dem Bes chwerdeführer seinen Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbei- stand bei. Demnach ist diesem ein Honorar für seine notwendigen Ausga- ben im Beschwerdeverfahren auszurichten . Der Rechtsvertreter reichte keine Kostennote zu den Akten. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen, weshalb auf die Ein- holung einer Honorarnote verzichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Dem Rechtsvertreter ist unter Berücksichtigung der massgeben- den Bemessungsfaktoren (Art. 9 – 13 VGKE) sowie der Entschädigungs- praxis in vergleichbaren Fällen zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar von pauschal Fr. 750.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-4869/2017 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dem Rechtsvertreter wird ein amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 750.– entrichtet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Irina Wyss Versand: