B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4145/2021 law/gnb U r t e i l v o m 18 . Ju l i 2 0 2 2 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Lorenz Noli, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Gerichtsschreiberin Barbara Gysel Nüesch. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch Linda Spähni, Freiplatzaktion Basel, Asyl und Integration, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 16. August 2021 / N (…). D-4145/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamili- scher Ethnie – reiste eigenen Angaben zufolge am 4. Oktober 2017 in die Schweiz ein, wo er am 21. November 2017 um Asyl nachsuchte. In der Folge fand am 28. November 2017 die Befragung zur Person (BzP) statt. Mit Verfügung vom 8. Januar 2018 gewährte das SEM dem Beschwerde- führer (schriftlich) das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Frankreichs für die Durchführung seines Asyl- und Wegweisungsverfahrens gemäss Dub- lin-III-VO, zum Nichteintretens entscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) sowie zur Wegweisung nach Frankreich. Die Stellung- nahme des Beschwerdeführers erging am 31. Januar 2018. A.b Mit Verfügung vom 26. März 2018 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Weg- weisung aus der Schweiz nach Frankreich an und forderte den Beschwer- deführer auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwer- defrist zu verlassen. A.c Die gegen diese Verfügung am 13. April 2018 erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil F-2157/2018 vom 24. April 2018 ab. B. B.a Am 1. Juni 2018 liess der Beschwerdeführer beim SEM ein Wiederer- wägungsgesuch einreichen und in der Hauptsache beantragen, es sei auf die Verfügung vom 26. März 2018 zurückzukommen und auf sein Asylge- such einzutreten. B.b Mit Verfügung vom 7. Juni 2018 wies das SEM das Wiedererwägungs- gesuch ab, erklärte seine Verfügung vom 26. März 2018 für rechtskräftig und vollstreckbar, erhob eine Gebühr in der Höhe von Fr. 600.–, wies das Gesuch um Anordnung vorsorglicher Massnahmen ab und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme. B.c Die gegen diese Verfügung am 12. Juli 2018 an das Bundesverwal- tungsgericht erhobene Beschwerde wurde mit Urteil D -4077/2018 vom 26. Juli 2018 abgewiesen. D-4145/2021 Seite 3 B.d Da der Beschwerdeführer seit dem 11. Juni 2018 als unbekannten Auf- enthaltes galt, konnte eine Rücküberstellung nach Frankreich nicht erfol- gen. C. Mit Eingabe vom 30. März 2021 liess der Beschwerdeführer um Wie der- aufnahme des nationalen Asylverfahrens ersuchen, da die Fristen zur all- fälligen Überstellung nach Frankreich mittlerweile abgelaufen seien. D. Am 30. April 2021 verfügte das SEM die Aufhebung seiner Verfügung vom 26. März 2018 und die Wiederaufnahme und Durchführung des nationalen Asylverfahrens. E. Der Beschwerdeführer wurde am 3. Juni 2021 einlässlich zu seinen Asyl- gründen angehört. F. Zu seinem persönlichen Hintergrund und zur Begründung seines Asylge- suchs führte der Beschwerdeführer in der BzP und der Anhörung aus (vgl. Bst. A.a und E), er stamme aus B._______, Distrikt C._______, und habe nach dem Ablegen der A-Level-Prüfungen, welche er jedoch nicht bestan- den habe, im Jahre 2005 am (…) in C._______ einen sechsmonatigen (…) absolviert. In den Jahren 2004 und 2005, während des Waffenstillstands, habe er, angespornt dur ch den (…), D._______, an verschiedenen Pro- testkundgebungen und Gedenktagen teilgenommen und auch bei der Or- ganisation mitgeholfen. Zudem habe der (…) E._______ ihn – und viele andere junge Leute – aufgefordert, die Zivilbevölkerung für Kundgebungen zu mobilisieren. Nachdem D._______ am (…) 2006 verschleppt worden sei, habe er Angst bekommen und sich im (…) 2006 nach O._______ be- geben. F._______, ein Kollege von D._______ und eine wichtige Person bei den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), habe ihm geholfen, nach O._______ zu gelangen und ihm dort später eine Arbeit in einem (…) ver- schafft. Gewohnt habe er bei einem Onkel seines Vaters in G._______. Für das (…) habe er (…) in der Stadt O._______ (…). Es sei ihm gesagt wor- den, dass es sich um eine streng geheime Tätigkeit handle; erst später in Malaysia habe er erfahren, dass dieses (…) den LTTE gehört habe. Am (….) 2008 sei er im Bus auf dem Weg zur Arbeit dur ch Angehörige der Special Task Force (STF) kontrolliert und dann der Polizei übergeben wor- den. Angehörige des Criminal Investigation Department (CID) hätten ihn D-4145/2021 Seite 4 verhört. Nach zehn Tagen sei er vor Gericht gebracht und gegen eine Kau- tion von LKR (…) vorübergehend auf freien Fuss gesetzt worden. Jedoch sei ein weiterer Gerichtstermin für (…) 2009 angesetzt worden. Am (…) 2008 sei er auf dem Weg zum hinduistischen Tempel von H._______ von fünf Männern in einem Van an einen unbekannten Ort verschleppt worden. Während elf Tagen sei er von CID-Angehörigen zu seinem LTTE-Engage- ment verhört, gefoltert und mehrfach vergewaltigt worden. Schliesslich sei er mit verbundenen Augen wieder m it einem Van weggebracht und in I._______ freigelassen worden respektive es sei ihm die Flucht aus diesem Folterhaus gelungen. Bis zur Ausreise habe er sich bei einem Freund sei- nes Grossonkels aufgehalten. Mitte 2009 sei er mit einem Schlepper nach Malaysia gelangt und von dort aus am 3. Januar 2010 nach Schweden be- ziehungsweise am 6. Dezember 2011 nach Frankreich gereist. In beiden Ländern seien seine Asylgesuche abgelehnt worden, weshalb er im (…) 2016 nach Sri Lanka zurückgekehrt sei. In seinem Heimatdorf habe er dann vom (…) 2016 bis (…) 2017 in der (…) als (…) gearbeitet. Am (…) 2016 beziehungsweise am (…) 2017 sei in einem Brunnen in der Nähe der (…) beziehungsweise in einem Brunnen, den seine Familie mit anderen Personen geteilt habe, Munition gefunden worden, worauf die Leute in der Umgebung befragt worden seien. Zwei Tage nach diesem Fund sei er wäh- rend acht Stunden auf dem Polizeiposten J._______ befragt, beschimpft und geschlagen worden, dies auch zu seinen früheren Problemen. Eine Woche beziehungsweise zehn Tage später sei er von Personen in Zivil verhaftet und in einem alten Haus in K._______ befragt, geschlagen, ge- foltert und rund sechs Stunden festgehalten worden. Man habe (…) mit heissem Öl übergossen, um ihn zu einer Unterschrift unter ein singhalesi- sches Dokument zu bewegen. Daraufhin sei er zu einem Freun d bezie- hungsweise einer Bekannten nach L._______ gegangen, wo er circa (…) Monate geblieben sei. Während dieser Zeit sei er mindestens einmal pro Woche zu Hause in B._______ gesucht worden und seinen Eltern sei ge- sagt worden, dass ein Haftbefehl gegen ihn existiere. Am 2. Oktober 2017 habe er Sri Lanka in Begleitung eines Schleppers und mit einem gefälsch- ten sri-lankischen Reisepass auf dem Luftweg erneut verlassen. Seine Mutter habe sich am (…) 2021 an einer Kundge bung beteiligt und sei in der Folge am (…) 2021 von der Polizei einvernommen worden. Dabei sei sie auch über ihn (den Beschwerde führer) befragt worden. Am (…) 2021 habe bei den Eltern eine Hausdurchsuchung stattgefunden und seine El- tern seien bedrängt worden, seinen Aufenthaltsort preiszugeben, was sie jedoch nicht getan hätten. Seinen Eltern sei gesagt worden, er habe überall D-4145/2021 Seite 5 explosive Gegenstände deponiert und würde Kontakte zu den LTTE pfle- gen. Auch hätten sie der Mutter ein von ihm unterschriebenes singhalesi- sches Dokument gezeigt. Seither werde das Haus der Eltern beobachtet. G. Der Beschwerdeführer reichte im Verlauf der vorinstanzlichen Verfahren im Wesentlichen folgende Identitätsnachweise und Beweismittel zu den Ak- ten: - Identitätskarte; - Geburtsurkunde; - Ledigkeitsbescheinigung; - Vaterschaftsanerkennung und Erklärung über die gemeinsame elterliche Sorge vom (…); - Medizinische Unterlagen die Lebenspartnerin betreffend; - (…), "(…)" vom (…) 2016. H. Mit Verfügung vom 16. August 2021 – eröffnet am 17. August 2021 – stellte das SEM fest, de r Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an. Gleichzeitig händigte es die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus. I. Mit Eingabe vom 13. August 2021 – eingegangen beim SEM am 16. Au- gust 2021 – stellte die Rechtsvertretung dem SEM folgende Beweismittel zu: - Bericht von Dr. med. M._______, N._______, vom 5. August 2021; - Beschwerde an die Menschenrechtskommission von Sri Lanka vom (…) 2008/(…) 2009 (in Kopie; mit englischer Übersetzung); - Schreiben von E._______, (…), vom (…) 2015 (in Kopie; mit englischer Übersetzung); - Schreiben von P._______, Rechtsanwalt, vom (…) 2021. J. J.a Mit Eingabe vom 16. September 2021 liess der Beschwerdeführer ge- gen die Verfügung vom 16. August 2021 Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben und ihm sei in der Schweiz Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs festzustellen und ihm die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren, subeventualiter sei der Fall zur erneuten Prüfung D-4145/2021 Seite 6 an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht wurde um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht. J.b Der Beschwerde lagen – neben der angefochtenen Verfügung und ei- ner Vollmacht – folgende Beweismittel bei: - Die in Buchstabe I (vorstehend) aufgeführten Dokumente; - Bericht: "Eine Menge Sprengstoff wurde in B._______ sichergestellt!", (…) 2017 (mit deutscher Übersetzung); - Bericht: "(…)"; - vier Fotos von Verletzungen beziehungsweise Narben; - Psychiatrischer Verlaufsbericht des (…) vom 10. September 2021; - Fürsorgebestätigung vom 30. August 2021. K. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 20. September 2021 den Eingang der Beschwerde. L. Mit Eingabe vom 23. September 2021 reichte die rubrizierte Rechtsvertre- terin ihre Kostennote nach. M. Mit Zwischenverfügung vom 1. Oktober 2021 stellte die ursprünglich zu- ständige Instruktionsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Aus- gang des Verfahrens in der Schweiz abwarten , und forderte ihn – da die Beschwerde keine Unterschrift enthielt – auf, innert Frist eine Beschwer- deverbesserung einzureichen. N. Die verbesserte Beschwerde wurde innert Frist eingereicht. O. Der (…) teilte dem SEM am 3. November 2021 mit, dass der Beschwerde- führer und Q._______ (N […]) am (…) geheiratet hätten. Die Eheleute ha- ben zwei gemeinsame Kinder: R._______, geboren am (…), und S._______, geboren am (…). P. Mit Verfügung vom 8. Dezember 2021 hielt der nunmehr zuständige In- struktionsrichter fest, dass das vorliegende Beschwerdeverfahren mit je-D-4145/2021 Seite 7 nem der Ehefrau und der Kinder des Beschwerdeführers (vgl. Bst. O; Ge- schäfts-Nr. D-6569/2019) koordiniert geführt werde. Gleichzeitig wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Vorbe- halt einer allfälligen Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Be- schwerdeführers gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses verzichtet. Der Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Schliesslich wurde das SEM eingeladen, eine V ernehmlas- sung zur Beschwerde einzureichen. Q. Das SEM liess sich am 23. Dezember 2021 zur Beschwerde vernehmen. R. Der Instruktionsrichter hiess mit Verfügung vom 6. Januar 2022 auch das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung unter Vorbehalt einer allfälligen Veränderung der finanziellen Verhältnisse gut und gab dem Beschwerdeführer Gelegenheit, eine Replik einzureichen. S. Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 21. Januar 2022 replizieren. Beigelegt war eine Auskunft der SFH-Länder- analyse mit dem Titel "Sri Lanka: Behandlung von Schizophrenie mit De- pot-Medikament und 24/7 Betreuung" vom 26. Oktober 2021. T. Schliesslich reichte die Rechtsvertretung am 22. März 2022 einen ambu- lanten Bericht der (…) vom 19. März 2022 (inklusive Medikamentenrezept) sowie das Aufgebot für einen Sprechstundentermin vom 2. März 2022 zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher D-4145/2021 Seite 8 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesver waltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Das vorliegende Verfahren wird mit jenem der Ehefrau und der Kinder (D-6569/2019) koordiniert geführt (vgl. Bst. P). 4. 4.1 In formeller Hinsicht wird gerügt, indem das SEM vier vom Beschwer- deführer am 13. August 2021 eingereichte Beweismittel nicht in seine Ent- scheidfindung und Begründung miteinbezogen habe, habe es den An- spruch auf rechtliches Gehör verletzt. Die internen Abläufe der Vorinstanz sollten so funktionieren, dass eingereichte Dokumente und Beweismittel die Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen ohne zeitlichen Verlust errei- chen. 4.2 In der Tat äusserte sich das SEM in seiner Verfügung vom 16. August 2021 nicht zu den laut Eingangsstempel ebenfalls am diesem Tag beim SEM eingegangenen Beweismitteln. Ob die Eingabe vom 13. August 2021 den zuständigen Sachbearbeiter vor oder nach dem Versand des ange- fochtenen Entscheides erreichte, geht aus den vorinstanzlichen Akten und auch aus der Vernehmlassung nicht schlüssig hervor. Ersichtlich ist jedoch, dass die Verfügung des SEM und der interne V erteiler als Aktenstücke D-4145/2021 Seite 9 A57/13 und A58/1 im Aktenverzeichnis figurieren, wohingegen die Eingabe vom 13. August 2021 – anders als im Falle des von der Rechtsvertretung zitierten Urteils des Bundesverwaltungsgerichts D-3090/2021 vom 20. Juli 2021 – noch nicht paginiert wurde. Dieser Umstand lässt darauf schliessen, dass die angefochtene Verfügung erging, bevor der Fachspezialist Kennt- nis von den neuen Beweismitteln erhielt. Hinweise, wonach durch interne Abläufe des SEM ein zeitlicher Verlust entstanden wäre, sind keine ersicht- lich. Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehörs ist daher zu verneinen. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass das SEM in sei- ner Vernehmlassung ausführlich zu den neu eingereichten Beweismitteln Stellung nahm. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re- ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausge- setzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings - eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaub haft sind insbesondere Vor- bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi- dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Das SEM f ührt zur Begründung seiner Verfügung aus, aufgrund von erheblichen Widersprüchen im Zusammenhang mit seiner Befreiung nach der Festnahme vom (…) 2008, des Datums des Munitionsfundes, des Or- tes der zweiten Festnahme im Jahr 2017 und der Ausreise im Jahr 201 7 würden sich massive Zweifel am Wahrheitsgehalt der geltend gemachten Nachteile ergeben. Im Weiteren falle auf, dass der Beschwerdeführer nicht in der Lage sei, auf Nachfrage detailliertere Aussagen zu machen, welche die freie Schilderung vertiefen würden . Zentrale Elemente seiner Vorbrin- gen würden zudem unsubstantiiert ausfallen. Auf spezifische Nachfragen D-4145/2021 Seite 10 würden seine Aussagen ausweichend oder er wiederhole bereits Erzähl- tes. So seien seine Aussagen zu den Rollen von D._______ und F._______ bei den LTTE und zum Zustandekommen des eigenen Kontaktes zu ihnen sehr knapp ausgefallen. Auch die Umstände seines Eng agements für die LTTE in O._______ habe er nicht überzeugend darzulegen vermocht. Aus- serdem widerspreche es der Logik des Handelns, dass er ohne einen re- gulären Aufenthaltstitel (…) in O._______ (…) haben wolle in einer Zeit, in der in O._______ höchste Sicherheitsvorkehrungen gegolten hät ten und tamilische Staatsbürger streng kontrolliert worden seien. Im Weiteren seien seine Antworten hinsichtlich der Vorwürfe der Behörden anlässlich der zwei Festnahmen in O._______ ausweichend und unsubstantiiert ausgefallen. Diese vagen Angaben würden erstaunen, zumal in der Folge angeblich ein Gerichtsverfahren eröffnet worden sei . Zudem erscheine sehr unwahr- scheinlich, dass man ihn trotz des Vorwurfs, in O._______ Bomben legen zu wollen, auf Bitte des Grosso nkels gegen Kaution freigelassen habe . Wenn tatsächlich ein Gerichtsverfahren gegen ihn eröffnet worden wäre, sollte es ihm möglic h sein, Unterlagen einzureichen. Was den Munitions- fund im Brunnen anbelange, seien seine Antworten auf die vertiefenden Fragen sehr knapp ausgefallen. Auch sei zumindest erstaunlich, dass ihm anlässlich der beiden Mitnahmen im Jahre 2017 mitgeteilt worden sei, es gebe ein hängiges Gerichtsverfahren, es drohe ihm eine langjährige Haft- strafe und man werde einen Haftbefehl beantragen, er aber nach wenigen Stunden ohne Auflagen wieder freigelassen worden sei. Schliesslich wäre in Bezug auf die zweite Mitnahme im Jahre 2017, als man ihm heisses Öl über (…) gegossen habe, um ihn zu zwingen, vorgefertigte Blätter zu un- terschreiben, zu erwarten gewesen, dass er dieses einschneidende Erleb- nis lebhafter hätte schildern können. Es würden auch keine Faktoren vorliegen, welche eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG zu begründen vermöchten. Die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie und die zweimalige Landesabwesenheit würden nicht ausreichen, um von Verfolgungsmassnahmen bei der Rückkehr auszuge- hen. Aufgrund des blossen Umstandes, dass der Beschwerdeführer als Schüler allenfalls an Gedenkveranstaltungen und Protes tkundgebungen teilgenommen habe und auch seine Brüder Menschenrechtskundgebun- gen organisiert hätten, sei nicht davon auszugehen, dass er in den Augen der sri-lankischen Sicherheitsbehörden als Person gelte, die eine beson- ders enge Beziehung zu den LTTE gepflegt habe, und deshalb in den Fo- kus der Behörden geraten könnte. Zwar habe die Überwachung der Zivil- bevölkerung seit den dschihadistisch motivierten Terroranschlägen an Os- tern 2019 und nochmals nach der Präsidentschaftswahl am 16. November D-4145/2021 Seite 11 2019 zugenommen. Der Beschwerdeführer habe jedoch weder die Präsi- dentschaftswahl respektive deren Folgen als Gefährdungselement vorge- bracht, noch seien den Akten Hinweise auf eine Verschärfung seiner per- sönlichen Situation aufgrund dieses Ereignisses zu entnehmen. 6.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, es sei nicht legitim, widersprüchliche Aussagen zwischen der BzP und der Anhörung derart stark zu gewichten. Die Berichterstattung des Beschwerdeführers entspre- che der Erwartung bei einem traumatisierten Menschen, da bei grosser emotionaler Belastung die Speicherung im Gedächtnis überwiegend emo- tional geschehe und die Kontextinformation nicht abgespeichert werden könne. In der Schweiz sei beim Beschwerdeführer eine post traumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert worden. Die vom SEM vorge- brachten Widersprüche seien daher wenig geeignet , die Glaubhaftigkeit der Aussagen als Ganzes in Frage zu stellen. Angesichts der traumatisie- renden Erlebnisse während der Gefange nschaft im Jahre 2008 sei nicht überraschend, dass es hinsichtlich der Befreiung zu verschiedenen Aussa- gen gekommen sei. Die Schwierigkeiten, über traumatische Ereignisse zu- sammenhängend oder in einem zeitlichen und räumlichen Rahmen zu be- richten, würden o ft zusammen mit Konzentrationsstörungen zunehmen, wenn die Befragungssituation von der untersuchten Person als belastend erlebt werde. Dies geschehe insbesondere durch wiederholtes Nachfra- gen, demonstrative Zweifel des Gegenübers und durch Zeitdruck, wie dies zum Beispiel während der BzP der Fall sei. In Bezug auf den Munitionsfund liege der Verdacht sehr nahe, dass es in der BzP zu einer Verwechslung der Zahlen gekommen sei. Dies könne sowohl bei der Übersetzung als auch bei der Protokollierung geschehen sein. Dies erscheine plausibel, da die restlichen Schilderungen chronologisch widerspruchslos seien. Sodann handle es sich bei den Zwiebel - und Reisfeldern um dieselben Felder. Während der Regenzeit baue die Familie auf ihren Feldern vor allem Reis an. Zur restlichen Zeit würden diese Felder verwendet, um Zwiebeln und ein wenig Chili anzubauen. Hinsichtlich der Ausreise aus Sri Lanka im Jahre 2017 habe der Beschwerdeführer in der BzP – zur Kürze angehalten – lediglich seinen ursprünglichen Ausgangsort sowie sein Ziel angegeben. Seine Schilderungen würden auch viele Details und Realkennzeichen auf- weisen. Er spreche beispielsweise immer wieder in der direkten Rede, habe seine Entführer im Jahre 2017 den Umständen entsprechend sehr detailliert beschreiben können oder habe über sein Motiv berichtet, wes- halb er zwischen 2004 und 2005 an Demonstrationen teilgenommen be- ziehungsweise bei der en Organisation mitgeholfen habe. Auch habe er über die Angst, d ie er während der Folter erlebt habe, berichten und die D-4145/2021 Seite 12 Orte detailliert beschreiben können, an denen er 2008 und 2017 festgehal- ten und gefoltert worden sei. Dagegen habe das SEM darauf verzichtet, nach Details zu fragen, die ihm realistischerweise bekannt sein könnten. Es habe sich vor allem auf Elemente fokussiert, die entweder Personen in seinem direkten Umfeld oder die Verhaltensweise der sri -lankischen Be- hörden beziehungsweise Sicherheitskräfte betroffen hätten . Die Hand- lungs- und Denkweise seines Umfelds entziehe sich naturgemäss seiner Kenntnis. Deshalb könne die Vorinstanz nicht verlangen, dass er die ge- naue Rolle D._______s und F._______s innerhalb der LTTE benennen könne. Dennoch habe er angeben können, dass F._______ D._______ für die LTTE rekrutiert und es sich bei F._______ entsprechend um eine Ver- bindungsperson gehandelt habe. Es liege ebenso wenig in seiner Erklä- rungskompetenz, wieso man gerade ihn für die Arbeit im (…) in O._______ ausgewählt habe. Die Vorinstanz könne nicht davon ausgehen, dass ihm dies genau dargelegt worden sei , zumal man ihm sogar versc hwiegen habe, dass er dort (…) für die LTTE (…) habe. Er habe auch keineswegs ausweichend, sondern klar und konzis au f die Frage, wann und wie er F._______ kennengelernt habe, geantwortet. Da er F._______ eben kaum gekannt habe, sei es nachvollziehbar, dass er – über die erhaltene Hilfe hinaus – keine weiteren An gaben zu seiner Beziehung zu diesem habe machen können. Zudem scheine es plausibel, dass er zunächst nicht ge- wusst habe, dass D._______ verschwunden sei, und er deshalb wie immer zur (…) gegangen sei. Erst dort habe er dann F._______ kennengelernt, welcher Kontakt zu den Unterstützern D._______s habe aufnehmen wol- len, um sie von dessen Verschwinden zu unterrichten und um ihnen das- selbe Schicksal zu ersparen. Zu seiner Tätigkeit im (…) habe er klare Aus- sagen gemacht. Hinsichtlich seiner Fes tnahme und Entführung in O._______ sei nicht nachvollziehbar, weshalb das SEM Kenntnisse über Ereignisse, Handlungen und Gedanken verlange, in die er keinen Einblick haben könne. Die Entführer hätten ihm keine weiteren Informationen zu D._______s Denunziation gegeben, weil sie von diesem keine konkreten Vorwürfe erhalten hätten. Die Sicherheitskräfte hätten lediglich über seine früheren Tätigkeiten im Umfeld der LTTE Bescheid gewusst und ihn ledig- lich zu einem Geständnis allfälliger weiterer Straftaten bringen wollten. Dementsprechend erscheine es plausibel und nachvollziehbar, dass er auf die Fragen der Vorinstanz keine detaillierteren Aussagen habe machen können. In den Jahren 2007 und 2008 sei es nach Bomb enanschlägen in O._______, für welche die LTTE verantwortlich gemacht worden seien, im- mer wieder zu willkürlichen Verhaftungen von Tamilen gekommen, die kei- nen festen Woh nsitz in O._______ gehabt hätten. Die s ha be der Be- schwerdeführer genauso dargelegt. Für die Sicherheitskräfte sei es nicht D-4145/2021 Seite 13 nachvollziehbar gewesen, wie er in O._______ ohne fremde Unterstützung habe leben können. Für sie seien LTTE-Verbindungen offenbar am plausi- belsten gewesen. Leider seien im E ntscheid der Vorinstanz weder seine Ausführungen noch seine klare Verneinung weiterer Vorwürfe gewürdigt worden. Was den Munitionsfund anbelange, habe er e ntgegen den Aus- führungen der Vorinstanz zu Protokoll gegeben, dass ein anderer Teilinha- ber bei Reinigungsarbeiten des Brunnens auf diese Waffen gestossen sei und seinen Fund der STF gemeldet habe, woraufhin diese die Waffen si- chergestellt und vernichtet habe. Das Verhör auf dem Polizeiposten er- scheine als ein Versuch, den Beschwerdeführer, von dem angenom men worden sei, dass er Verbindungen zu den LTTE pflege, einzuschüchtern und ihn zu einem Geständnis zu drängen. Es erscheine plausibel, dass die Polizisten irgendwann aufgegeben hätten, zumal sie keine konkreten Be- weise dafür gehabt hätten, dass er irgend etwas mit diesen Waffen zu tun gehabt habe. Hinsichtlich der zweiten Entführung und Folter im Jahre 2017 sei zu berücksichtigen, dass er aufgrund der PTBS grosse Probleme habe, seine Folter und die darauffolgenden Ereignisse detailliert und kohärent darzulegen. Das Muster von Entführungen durch Regierungskräfte, soge- nannte "white van abductions", als stereotyp zu bezeichnen, sei tatsächlich zutreffend, da diese oft nach dem gleichen Schema ablaufen würden. Die- ser Umstand dürfe jedoch unter keinen Umständen ihm angelastet werden. Insgesamt seien seine Aussagen substantiiert, plausibel und nachvollzieh- bar und würden weiter untermauert durch die sowohl fotografisch als auch ärztlich gut dokumentierten Narben. Das Verfolgungsinteresse sei zum Zeitpunkt der Flucht extrem hoch gewe- sen, weshalb bei einer Rückkehr eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung anzunehmen sei. Im Weiteren stamme der Beschwerdeführer ursprünglich aus dem Distrikt C._______. Bereits dadurch würde er bei der Einreise systematisch ins Visier der Sicherheitskräfte geraten. Ohne sri - lankischen Reisepass würde er mit einem temporären Reisepass als Per- son mit einem durchlaufenen Asylverfahren identifizierbar und infolgedes- sen von der Einreisebehörde und dem CID einer Personenüberprüfung un- terzogen und zu Identität, persönlichem Hintergrund und Reiseziel befragt. Zudem erfülle er gleich mehrere wichtige Risikofaktoren. So sei er mehr- fach inhaftiert gewesen, wobei ihm Aktivitäten für die LTTE , wie geplante Bombenanschläge, vorgeworfen worden seien. Während zweier Ausland- aufenthalte habe er ein Asylgesuch gestellt, sei seit seiner Ausreise exilpo- litisch tätig und weise sichtbare Narben auf. D-4145/2021 Seite 14 6.3 In seiner Vernehmlassung führt das SEM hinsichtlich der am 13. Au- gust 2021 eingereichten Dokumente aus, die beiden Bestätigungsschrei- ben würden angesichts ihres Inhaltes den Charakter von blossen Gefällig- keitsschreiben ohne namhaften Beweiswert aufweisen. Das Schreiben von P ._______ sei auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter des Beschwerdefüh- rers und gestützt auf ihre Aussagen ausgestellt worden, und im Schreiben von E._______ werde nicht dargelegt, warum die Bedrohungen bis heute andauern sollten. Die Klage bei der Menschenrechtskommission gebe nur die Parteiaussage eines Verwandte n des Beschwerdeführers wieder, die darin enthaltenen Angaben seien sehr knapp gehalten und gewisse Text- felder seien nicht ausgefüllt. Zudem liege das Dokument nur in einer ver- schwommenen Kopie vor, was eine eingehendere Überprüfung schwierig mache. Was die Arztberichte vom 5. August 2021 und 10. September 2021 anbelange, könnten d ie Ärzte sich bei den beschriebenen Ursachen der psychischen und körperlichen Leiden nur auf die Aussagen des Beschwer- deführers bezüglich seiner Erlebnisse in Sri Lanka stützen . Die Diagnose einer PTBS stelle für sich allein jedoch keinen Beweis für ein behauptetes traumatisierendes Vorkommnis dar. Gleichwohl könne die ärztliche Ein- schätzung ein Indiz für die Plausibilität von Ereignissen bilden . Die Anga- ben des Beschwerdeführers zu den konkreten Umständen der ange blich in Sri Lanka erlittenen Misshandlungen seien vom SEM jedoch aufgrund verschiedener Beurteilungskriterien als unglaubhaft erachtet worden und die eingereichten Arztberichte seien ni cht geeignet, einen nachträglichen Beweis für die angeblichen Mitnahmen und Misshandlungen darzustellen. Der PTBS und den depressiven Episoden könnten auch andere Ursachen zugrunde liegen wie etwa ein Unfall oder die Unsicherheit des Asylverfah- rens. Zudem habe sich der Beschwerdeführer erst nach der Anhörung in ärztliche Behandlung begeben. Im Weiteren könnten gemäss den Erkennt- nissen der Gedächtnispsychologie neuartige, folgenreiche und emotional bedeutsame Erfahrungen verhältnismässig gut im Gedächtnis abgespei- chert werden. Bei traumatisierenden Erlebnissen sei die Fachwelt geteilter Meinung: Während ein Teil die Meinung vertrete, dass in Situationen höchster Belastung Informationen nicht mehr wie gewohnt im Gehirn ab- gespeichert werden könnten, erachte ein anderer Teil belastende Ereig- nisse als besonders gut abspeicher- und erinnerbar. Die zweite Lehrmei- nung erkenne keine gesicherten Belege dafür, dass Psychotraumata ein Nicht-Erinnern verursachen würden. Auch gebe es kein durch Aussenkri- terien gesichertes Wissen darüber, dass ein durch Traumatherapie erlang- tes "Erinnern" , also ein therap iegestütztes Zusammensetzen von Frag- menten, ein Abbild einer längst vergangenen Realität darstellen könne . Das SEM gehe daher davon aus, dass in den Aussagen von Personen, die D-4145/2021 Seite 15 unter einer Traumafolgestörung leiden, durchaus gewisse Unstimmigkeiten und Lücken auftreten könnten. Bei sich diametral widersprechenden Aus- sagen oder Aussagen von tiefer Qualität zum Kerngeschehen könne hin- gegen nicht leichthin von einem Erlebnisbezug ausgegangen werden. Es sei denkbar, dass der Beschwerdeführer an Konzentrations- und Gedächt- nisstörungen oder an Verdrängungsprozessen leiden könnte. Die deutli- chen Widersprüche und die unsubstantiierten Schilderungen in zentralen Elementen seiner Vorbringen würden sich jedoch nicht mit den gesundheit- lichen Beeinträchtigungen erklären lassen. Vor diesem Hintergrund ver- möchten die auf Beschwerdeebene eingereic hten Fotos die geltend ge- machte Folter nicht zu belegen, zumal die Verbrennungen auch unter an- deren Umständen oder zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sein könn- ten. Ergänzend sei anzufügen, dass grundsätzliche Zweifel an der Rück- kehr des Beschwerdeführers nach Sri Lanka im Jahre 2016 bestünden. Er habe sich widersprüchlich zu den Daten seiner Rückkehr geäussert und habe keinerlei Belege für seinen Aufenthalt in Sri Lanka in den Jahren 2016 und 2017 vorweisen können. 6.4 In der Replik wird betont, die eingereichten Beweismittel vermöchten die Vorbringen des Beschwerdeführers zu untermauern. Die behandelnden Psychologen seien durchaus in der Lage, die vom Beschwerdeführer vor- gebrachten Ereignisse einzuordnen und zu beurteilen, ob diese glaubhaft seien oder nicht. Die Fachpersonen könnten auch beurteilen, welche Ur- sachen der Diagnose zugrunde liegen würden. Was die Erinnerung anbe- lange, sei insbesondere bei traumatisierten Personen erwiesen, dass sie Mühe hätten, die Anforderungen an die Befragung zu ihren Asylgründen zu erfüllen. Sie könnten die traumatischen Ereignisse und mitunter auch vo- rangehende und nachfolgende Zeitperioden zunächst nicht chronologisch schildern. Traumatische Ereignisse oder Zeitspannen würden intrapsy- chisch zunächst als raum - und zeitlos empfunden. Die Schwierigkeiten, traumatische Ereignisse zusammenhängend oder in einem zeitlichen und räumlichen Rahmen zu berichten, würden oft zusammen mit Konzentrati- onsstörungen zu nehmen, wenn die Befragungssituation von der unter- suchten Person als belastend erlebt werde. Im ärztlichen Verlaufsbericht vom 10. September 2021 werde explizit festgehalten, dass Erinnerungslü- cken, -störungen respektive -verzerrungen und Amnesien auftreten könn- ten, was bei dem Betroffenen zu scheinbar widersprüchlichen Aussagen führen könne. Die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers könne somit nicht in Frage gestellt werden. Was die grundsätzlichen Zwei- fel des SEM an der Rückkehr nach Sri Lanka anbelange, handle es sich beim angeblichen Widerspruch offensichtlich um einen Fehler be i der D-4145/2021 Seite 16 Übersetzung. Ob die Waffen im "(…)" oder "(…)" gefunden worden seien, könne bei der Übersetzung schnell falsch verstanden werden. Dieser an- gebliche Widerspruch wirke von der Vorinstanz sehr gesucht und lasse sich problemlos auflösen. 7. 7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub- haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent- scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D -5779/2013 vom 23. Februar 2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.). 7.2 Die Vorinstanz qualifizierte die Vorbringen des Beschwerdeführers im Grundsatz mit ausführlicher und überzeugender Begründung als unglaub- haft. Diesbezüglich kann vorab weitgehend auf die zutreffende Argumen- tation in der angefochtenen Verfügung und der Vernehmlassung verwiesen werden (vgl. E. 6.1 und 6.3). In Ergänzung und Präzisierung dazu ist Fol- gendes festzustellen: 7.3 Zunächst ist festzuhalten, dass der Verweis auf den beschränkten Be- weiswert des Protokolls der BzP vorliegend unbehilflich ist, zumal dem Be- schwerdeführer bereits im Rahmen dieser ersten, 2.9 Stunden dauernden Befragung Gelegenheit gegeben wurde, sich ausführlich zu seinen Asyl- gründen zu äussern (vgl. SEM -act. A9/16 Ziff. 7.01 f. und 9.03). Die Ge- wichtung der vom SEM angeführten Widersprüche zwischen den Aussa- gen anlässlich der BzP und der Anhörung ist somit nicht zu beanstanden. 7.4 Nicht in Abrede gestellt wird, dass sich eine PTBS auf das Aussagever- halten der traumatisierten Person auswirken kann und entsprechend bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen zu beachten ist (vgl. Urteil des BVGer E -3415/2013 vom 8. April 2014 E. 4.3.2). Untersuchun- gen zeigen jedoch, dass traumatische Erlebnisse unabhängig vom Vorlie- gen einer PTBS-Symptomatik in der Regel gut und langfristig erinnert wer- den können. Bedeutende Beeinträchtigungen der expliziten Erinnerung sind nur für Einzelfälle nachgewiesen. Anders als bei neutralen Ereignissen werden jedoch bei traumatischen Ereignissen aufgrund der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf relevante Details benachbarte Details oder mit dem Kern des Ereignisses nicht in Beziehung stehende Details – zumin- dest in zeitlicher Nähe zum Ereignis – schlechter erinnert als bei neutralen Ereignissen (vgl. VOLBERT, Aussagen über Traumata, in: Aussagepsycho- logie für die Rechtspraxis, Hrsg. LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, Zürich 2017, D-4145/2021 Seite 17 S. 399 ff.). Somit ist auch im Fal le einer Traumatisierung davon auszuge- hen, dass die Grundzüge einer Fluchtgeschichte in den wesentlichen Tei- len ohne krasse Widersprüche und mehrheitlich übereinstimmend darge- stellt werden. Die Diagnose der PTBS kann für sich allein nicht als taugli- ches Beweismittel für die als unglaubhaft erkannten Vorfälle gelten. Insbe- sondere ist der Einwand in der Replik, behandelnde Psychologen seien in der Lage, die Glaubhaftigkeit von vorgebrachten Ereignissen und die der Traumatisierung zugrundeliegenden Ursachen zu beurteilen, klar zu ver- neinen. Die Einschätzung eines Facharztes in Bezug auf die Plausibilität von Ereignissen, welche als Ursache für die diagnostizierte PTBS in Be- tracht fallen, bildet lediglich ein Indiz (und keinen Beweis), welches im Rah- men der Beweiswürdigung zu berücksichtigen ist (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/11 E. 7.2.1 f.). Vorliegend enthalten die Aussagen des Beschwerde- führers gleich mehrere erhebliche Widersprüche seine Kernvorbringen be- treffend, welche sich nicht durch die Diagnose einer PTBS erklären lassen. Auch ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer während der Be- fragungen zu keinem Zeitpunkt geltend machte, er habe Erinnerungsprob- leme oder Mühe, über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Erst ganz zum Schluss der Anhörung erwähnte der Beschwerdeführer: "(…) Ich habe auch Alpträume. Ich denke öfters über meine Vergangenheit nach. Ich habe viele Sachen mittlerweile vergessen" (vgl. SEM-act. A54/22 F122). 7.5 In der Beschwerde wird geltend gemacht, es sei in Bezug auf die Daten des Munitionsfundes in der BzP zu einer Verwechslung der Zahlen gekom- men, was bei der Übersetzung oder während der Protokollierung gesche- hen sein könne. In diesem Zusammenhang fällt zunächst auf, dass der Be- schwerdeführer zwei Monate nach der Bz P im Rahmen seiner Stellung- nahme vom 31. Januar 2018 wiederholen liess , das Waffendepot sei An- fang (…) 2016 gefunden worden, und zum Beleg einen Bericht aus "(…)" vom (…) 2016 zu den Akten reichte, wonach in einem Brunnen in B._______ "(…)" gefunden worden seien. Eine in der BzP erfolgte Ver- wechslung des Datums erscheint bereits deshalb unwahrscheinlich . Im Weiteren überrascht, dass der Beschwerdeführer ebendiesen Zeitungsar- tikel – nun allerdings ohne Datumsangabe – als Beschwerdebeilage ein- reichen liess zum Beweis, dass der Waffenfund am (…) 2017 stattgefunden habe. Gleichzeitig wurde ein weiterer Bericht vom (…) 2017 beigelegt, wo- nach "heute Abend" Sprengstoff in einem Brunnen sichergestellt worden sei. Nicht nur wird hier ein drittes, neues Datum ins Feld geführt und fehlt im Bericht jeglicher Hinweis auf eine Internet- oder sonstige Medienquelle, sondern es stimmt interessanterweise auch die Anzahl der gefundenen Waffen exakt mit derjenigen gemäss dem erwähnten Bericht aus "(…)" vom D-4145/2021 Seite 18 (…) 2016 überein. Dass Letzterer auch tatsächlich aus dem Jahre 2016 stammen muss, ergibt sich ohne Weiteres aus einem auf der gleichen Seite abgedruckten Bericht, wonach die (…). Am Rande sei sodann erwähnt, dass im Zeitungsartikel von einem seit langem unbenutzten Brunnen ("long unused well") die Rede ist, wohingegen der Beschwerdeführer vorbrachte, dass der Brunnen während der Erntearbeit regelmässig benutzt worden sei (vgl. SEM-act. A54/22 F52). Auch sprach er in der BzP davon, dass es sich um einen Brunnen in der Nähe der (…) gehandelt habe (vgl. SEM -act. A9/16 Ziff. 7.01), wohingegen er in der Anhörung von "unserem Brunnen" sprach (vgl. SEM -act. A54/22 F36). Den unterschiedlichen Datumsanga- ben liegt nach dem Gesagten offensichtlich mitnichten eine Verwechslung von Zahlen bei der Protokollierung oder Übersetzung der BzP zugrunde. Vielmehr ergibt sich zweifelsfrei, dass der Beschwerdeführer einen tat- sächlich erfolgten Waffenfund im Jahre 2016 benutzt hat, um darauf auf- bauend eine – letztlich mit Fehlern behaftete – frei erfundene Verfolgungs- geschichte zu konstruieren. Vor diesem Hintergrund ist das Vorbringen des Beschwerdeführers, er sei im Zusammenhang mit einem Waffenfund in ei- nem Brunnen zunächst befragt und später entführt, verhört, geschlagen und mit heissem Öl übergossen worden, als insgesamt unglaubhaft zu qua- lifizieren. Es erübrigt sich deshalb, auf die weiteren Vorbr ingen auf Be- schwerdeebene zu diesen Verfolgungsvorbringen und zur Ausreise im Jahre 2017 einzugehen, da ihnen jeglicher Wahrheitsgehalt abzusprechen ist. Im Übrigen qualifizierte bereits das Bundesverwaltungsgericht in sei- nem Urteil F-2157/2018 vom 24. April 2018 die Angaben des Beschwerde- führers zum Verlassen des Dublinraumes und zur Wiedereinreise als un- glaubhaft (vgl. a.a.O. S. 6 f.). 7.6 7.6.1 Was die Entführung im (…) 2008 anbelangt, vermag d as Vorliegen einer PTBS oder allfälliger Konzentrationsstörungen nicht zu erklären, weshalb der Beschwerdeführer in der BzP ausführte, er sei nach elf Tagen freigelassen worden (vgl. SEM-act. A9/16 Ziff. 7.02), hingegen in der An- hörung schilderte, wie er habe fliehen können (vgl. SEM-act. A54/22 F34). Hier geht es keineswegs um Probleme bei der chronologischen Einord- nung oder um benachbarte Details (vgl. E. 7.4), sondern um einen massi- ven Widerspruch das Kernvorbringen de s Asylgesuchs betreffend. Es ist den Protokollen auch nichts zu entnehmen, das auf eine besonders belas- tende Situation des Beschwerdeführers während der Befragungen hinwei- sen würde. Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit dieser Entführung lassen sich – mit Verweis auf die überzeugenden Ausführungen des SEM in der Vernehmlassung – auch nicht durch die eingereichte Beschwerde an die D-4145/2021 Seite 19 Menschenrechtskommission von Sri Lanka vom (…) 2008/(…) 2009 ent- kräften. 7.6.2 Dem Beschwerdeführer ist darin zuzustimmen, dass ihm das Verhal- ten von Drittpersonen nur bedingt entgegengehalten werden kann, und eine Verfügung nicht alleinig auf solches abgestellt werden sollte. Das SEM stellte im Zusammenhang mit D._______ und F._______, der Arbeit im (…) und den Vorwürfen der Behörden anläs slich der zwei Festnahmen in O._______ jedoch überwiegend Fragen, welche den Beschwerdeführer di- rekt betrafen, und bezog die entsprechenden Antworten in seine Erwägun- gen ein. Es ist nicht ersichtlich, dass das SEM unrealistische Erwartungen gehabt und dara uf verzichtet hätte, nach Details zu fragen, die dem Be- schwerdeführer hätten bekannt sein können. Soweit in diesem Zusammen- hang allenfalls implizit eine formelle Rechtsverletzung geltend gemacht wird, ist eine solche zu verneinen. 7.6.3 Hinsichtlich der Schilderungen des Beschwerdeführers im Zusam- menhang mit D._______ und F._______, deren Rolle innerhalb der LTTE, der eigenen Tätigkeit für das (…) und den Vorwürfen der Behörden anläss- lich der zwei Festnahmen in O._______ im Jahre 2008 fällt auf, dass der Beschwerdeführer in der freien Rede lange Ausführungen zu machen ver- mochte. Dagegen fielen seine Antworten auf vertiefende Fragen überra- schend unsubstantiiert und ausweichend aus. Von klaren und konzisen Antworten kann nicht die Rede sein. Dies zeigt sich beispielhaft an der Ant- wort des Beschwerdeführers auf die Frage, wie gut er F._______ gekannt habe und was er mit ihm gemacht und besprochen habe: " D._______ wurde entführt. Erst danach lernte ich F._______ kennen." Nach der Wie- derholung der Frage führte der Beschwerdeführer aus: "Nach der Entfüh- rung von D._______ forderte mich F._______ auf nach O._______ zu ge- hen und er hat mir versprochen, mir in O._______ zu helfen" (vgl. SEM - act. A54/22 F82 f.). Dass er F._______ erst nach D._______s Verschwin- den kennengelernt und kaum gekannt habe, vermag diese Knappheit nicht zu erklären. Auch die Beschreibung der Tätigkeit im (…) fiel äusserst ober- flächlich und rudimentär aus (vgl. SEM -act. A54/22 F84 ff.). Was die Vor- würfe der Behörden anlässlich der zwei Festnahmen in O._______ anbe- langt, fehlen den entsprechenden Schilderungen jegliche Elemente, die auf eine Erlebnisbegründetheit schliessen liess en (vgl. SEM -act. A54/22 F88 ff.). Trotzdem lässt sich dem Anhörungsprotokoll – entgegen der An- sicht in der Beschwerde – durchaus entnehmen, dass die Sicherheitskräfte von D._______ konkrete Vorwürfe gegen den Beschwerdeführer erhalten hätten (vgl. SEM-act. A54/22 F34 und F91 ff.). Dass die Sicherheitskräfte D-4145/2021 Seite 20 lediglich über die früheren Tätigkeiten des Beschwerdeführers im Umfeld der LTTE Bescheid gewusst und ihn nur zu einem Geständnis allfäl liger weiterer Straftaten hätten bringen wollen, ist eine reine Mutmassung. So- dann erscheint gerade vor dem Hintergrund, dass es in den Jahren 2007 und 2008 immer w ieder zu willkürlichen Verhaftungen von Tamilen ohne festen Wohnsitz in O._______ kam, nicht plausibel, dass der Beschwerde- führer für die (…) für die LTTE ausgewählt worden sein soll, da er ohne Registrierung ständig Gefahr gelaufen wäre, im Rahmen einer K ontrolle festgehalten zu werden. Nicht nachvollziehbar ist auch, weshalb der tiefe Lohn im (…) ein ernsthaftes Verdachtsmoment hätte darstellen sollen, zu- mal der Beschwerdeführer bei seinem Grossonkel gelebt habe, was er den Sicherheitsbehörden auch mitgeteilt habe (vgl. SEM-act. A54/22 F34). 7.6.4 Ergänzend ist festzuhalten, dass sich im Strukturvergleich keine Un- terschiede im Detaillierungsgrad zwischen den Schilderungen der Vorfälle in den Jahren 2004 bis 2009 und derjenigen im Jahre 2017 finden. Letztere haben sich mit Verweis auf die vorstehende Erwägung 7.5 als konstruiert erwiesen, weshalb vereinzelte Realkennzeichen in den Ausführungen des Beschwerdeführers die früheren Verfolgungsvorbringen b etreffend nicht per se für deren Glaubhaftigkeit sprechen. Die Ausführungen auf Be- schwerdeebene sind nicht geeignet, das Geric ht vom Gegenteil zu über- zeugen. Es erstaunt vielmehr, dass die Verfolgungsgeschichte in der Be- schwerde teilweise detaillierter dargestellt wird als in den Befragungen. So wird etwa ausgeführt, der Beschwerdeführer habe sich nach der Abnahme der Fingerabdrücke im Rahmen der ersten Festnahme im Jahre 2008 "wie neugeboren" gefühlt, weil er gewusst habe, dass seine Festnahme nun for- malisiert worden sei und er sicher am Leben gelassen wür de (vgl. Be- schwerde Ziff. 24). Es wäre zu erwarten gewesen, dass der Beschwerde- führer ein subjektiv derart zentrales Element bereits bei der Anhörung er- wähnt hätte. Ebenfalls nachgeschoben und unglaubhaft erscheint sodann, dass der Beschwerdeführer hinsichtlich der Protestkundgebungen in den Jahren 2004 und 2005 zu einem "Team" von drei oder vier Schülern gehört habe, zu denen D._______ engeren Kontakt gepflegt habe . Den Befra- gungsprotokollen ist nicht zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit der Organisation der erwähnten Kundgebungen be- ziehungsweise der Mobilisierung der Dorfbewohner zu einer kleinen, be- sonders aktiven und exponierten Gruppe gehört hätte (vgl. etwa SEM-act. A54/22 F34 und F78). Dasselbe gilt für seine geltend gemachten Tätigkei- ten im Auftrag des (…) E._______ (vgl. etwa SEM-act. A54/22 F34). Des- sen Schreiben vom (…) 2015 ist für sich allein nicht geeignet, zu einem anderen Ergebnis zu gelangen. D-4145/2021 Seite 21 7.7 In Würdigung sämtlicher Umstände vermag der Beschwerdeführer keine Vorfluchtgründe glaubhaft zu machen. Demzufolge kann auch nicht geglaubt werden, dass die Behörden aktuell am Beschwerdeführer interes- siert sein sollen und seinetwegen die Mutter beziehungsweise die Eltern befragt und ihr Haus durchsucht hätten. Das eingereichte Schreiben des Anwalts P ._______ vom (…) 2021 ist als reines Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren. Weshalb die Brüder des Beschwerdeführers ihrerseits in den Jahren 2019 und 2020 Sri Lanka verlassen haben und auf welche Ursa- che(n) die in den Arztberichten festgestellten und teilweise fotografisch be- legten Verletzungen und Narben, die psychischen Probleme und die chro- nischen Schmerzen des Beschwerdeführers (vgl. E. 9.4.4) zurückzuführen sind, muss nach dem Gesagten offenbleiben. 7.8 7.8.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorverfol- gung bei einer Rückkehr in sein Heimatland ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden. 7.8.2 Diesbezüglich ist auf das Referenzurteil E -1866/2015 vom 15. Juli 2016 zu verweisen, in dem das Bundesverwaltungsgericht festgestellt hat, dass aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asyl- suchende nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien (vgl. a.a.O. E. 8.3), und gleichzeitig ausgeführt hat, das Risiko von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, sei an verschiedenen Risikofaktoren zu bemessen (vgl. im Einzelnen a.a.O. E. 8.4.1-8.4.3 und E. 8.4.4 f.) und es sei im Einzelfall abzuwägen, ob die konkret glaubhaft gemachten Risiko- faktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person ergeben (vgl. a.a.O. E. 8.5.5). Diese Rechtsprechung behält auch vor dem Hintergrund der aktuellen Situation ihre Gültigkeit (vgl. etwa die Urteile des BVGer E-4930/2019 vom 10. Mai 2022 E. 5.4 und E-5959/2019 vom 19. April 2022 E. 8.4.2). 7.8.3 Das Bundesverwaltungsgericht stützt die vorinstanzliche Verfügung auch in diesem Punkt. Wie den vorstehenden Erwägungen zu entnehmen ist, hat sich die Vorverfolgung des Beschwerdeführers als unglaubhaft er- wiesen. Die geltend gemachten e xilpolitischen Tätigkeiten – "aktive Teil- nahme an tamilischen Veranstaltungen und Kundgebungen, Verteilung von Flyern" (vgl. Beschwerde Ziff. 49) – werden in keiner Art und Weise sub- stantiiert. Es ist nach dem Gesag ten nicht davon auszugehen, dass sich der Beschwerdeführer auf der Stopp - oder der Watch -List befindet und D-4145/2021 Seite 22 deshalb zu befürchten hätte, im Falle der Rückkehr noch am Flughafen Colombo verhaftet zu werden. Es kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass er einer Befragung und einer Überprüfung durch die Grenzbehörden unterzogen wird. Dieser "Backgroundcheck" ist aber nicht als asylrelevante Verfolgung zu werten, und für ein darüberhinausgehendes Interesse der sri-lankischen Behörden sind keine massgeblichen Hinweise ersichtlich. Alleine aus der tamilischen Ethnie, seiner Herkunft aus dem Distrikt C._______, dem Umstand, dass er mit einem temporären Reisepass aus der Schweiz nach Sri Lanka zurück kehrt, der Asylgesuchstellung in der Schweiz und seinen Narben kann er keine asylrelevante Gefährdung ab- leiten. Im Übrigen kann auf die zutreffenden Ausführungen des SEM ver- wiesen werden. 7.8.4 An dieser Einschätzung vermögen auch die jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka nichts zu ändern. Aufgrund der Akten ist nicht davon auszuge- hen, dass der Beschwerdeführer einen individuellen Bezug etwa zum Re- gierungswechsel 2019, der diplomatischen Krise zwischen Sri Lanka und der Schweiz Ende 2019 oder der aktuell schwelenden Regierungskrise in Sri Lanka aufweist, aufgrund dessen er einer möglichen Gefährdung aus- gesetzt sein könnte. 7.9 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nichts vorgebracht hat, das geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzu- weisen oder zumindest glaubhaf t zu m achen. Es kann darauf ver zichtet werden, auf die weiteren Vorbr ingen auf Beschwerdeebene einzugehen, da sie an der Würdigung des vorliegenden Sachverhalts nichts zu ändern vermögen. Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be- schwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. 8. 8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). D-4145/2021 Seite 23 9. 9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 9.2 9.2.1 Das SEM erachtet den Vollz ug der Wegweisung als völkerrechtlich zulässig. Sodann bestehe aktuell keine gänzlich unsichere, von bewaffne- ten Konflikten oder anderen unberechenbaren Unruhen dominierte Lage, aufgrund derer Rückkehrer unabhängig ihres individuellen Hintergrunds konkret gefährdet wären. Im Weiteren habe der Beschwerdeführer abge- sehen von seinem mehrjährigen Aufenthalt in Europa immer im Distrikt C._______, Nordprovinz, gelebt. Er sei jung und verfüge über eine gute Schulausbildung sowie über eine Berufsausbildung und Beru fserfahrung. Seine Eltern würden nach wie vor in B._______ leben und würden über Landwirtschaftsland verfügen. Er selber habe früher in der Landwirtschaft mitgearbeitet. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich im Jahr 2016 sei er in der Lage gewesen, eine Arbeit zu finden, was für seine Integrationsfähig- keit im Heimatstaat spreche. Auch verfüge er über weitere Verwandte und ein Netz von Bekannten, welche ihn schon in der Vergangenheit unterstützt hätten. Gemäss aktuellem Verfahrenstand sei seine Partnerin ebenf alls verpflichtet, die Schweiz mit den beiden Kindern zu verlassen. Es sei ihm deshalb zuzumuten, gemeinsam mit der Partnerin und den gemeinsamen Kindern nach Sri Lanka zurückzukehren. Sollte der Partnerin auf Be- schwerdeebene ein Aufenthaltsrecht zugesproc hen werden, sei es ihm auch zuzumuten, von Sri Lanka aus ein Gesuch um Familiennachzug zu stellen respektive ein Visum zwecks Heirat zu beantragen. 9.2.2 In der Beschwerde wird eingewendet, der Beschwerdeführer sei vor seiner Flucht aus Sri Lanka auf verschieden e Arten verfolgt und erniedri- genden Behandlungen ausgesetzt worden. Zudem sei aufgrund der wie- derholten Aufsuchung seiner Eltern davon auszugehen, dass der sri-lanki- sche Staat nach wie vor ein Interesse an seinem Verbleib habe. Es sei damit zu rechnen, das s er bei einer allfälligen Rückschaffung erst recht D-4145/2021 Seite 24 einer staatlichen Verfolgung ausgesetzt wäre. Der Vollzug der Wegweisung nach Sri Lanka sei deshalb nicht zulässig. Angesichts der diagnostizierten PTBS und rezidivierende n depressiven Störung sei eine Rückkehr auch nicht zumutbar. Psychisch erkrankte Menschen würden in Sri Lanka diskri- miniert und häufig isoliert. Dies hindere Personen mit psychischer Erkran- kung, diese offen zu legen und sich in Behandlung zu begeben. Zudem sei – mit Verweis auf verschiedene Berichte – der Zugang zu psychiatrischer Versorgung im ehemaligen Konfliktgebiet unzulänglich und problematisch. Es bestehe unter anderem ein Mangel an qualifiziertem psychiatrischen Personal. Das eingeschränkte Angebot decke das Bedürfnis an Behand- lungen bei Weitem nicht ab. Die psychiatrischen Konsultationen würden pro Patient rund fünf Minuten dauern und seien auf die Anpassung der Me- dikation ausgerichtet. Im Norden Sri Lankas sei keine Psychotherapie ver- fügbar. Auch die stationären Plätze seien begrenzt. Viele Personen seien zudem wegen der Mängel im öffentlichen Gesundheitswesen gezwungen, ihre Gesundheitsleistungen im privaten Sektor zu beziehen, wo die Kosten vollständig selbst übernommen werden müssten. Der Zugang zu einer län- gerfristigen Behandlung, wie sie der Beschwerdeführer benötige, sei in der Nordprovinz höchstwahrscheinlich nicht möglich. Bei einer Rückschaffung nach Sri Lanka bestehe deshalb das Risiko einer Retraumatisierung. 9.2.3 In seiner Vernehmlassung bejaht das SEM Behandlungsmöglichkei- ten von psychischen und psychiatrischen Problemen in Sri Lanka . Das Land habe grosse Fortschritte hinsichtlich der medizinischen Versorgung gemacht und die Investitionen ins Gesundheitswesen hätten zugenom- men. Staatliche Krankenhäuser seien in jeder grösseren Stadt angesiedelt und würden über modernste Geräte verfügen, sodass sie viele Behand- lungsmethoden anbieten könnten. Die medizinischen Dienstleistungen seien in der Regel kostenlos. Zusätzlich gebe es viele sehr gut ausgestat- tete Privatkliniken, welche jedoch in der Regel teuer seien. Zudem würden sich in Sri Lanka 23 Spitäler mit psychiatrischen Abteilungen zur stationä- ren Betreuung und über 300 Kliniken für ambulante Behandlungen psy- chisch kranker Patienten befinden. Somit sei die Verfügbarkei t von adä- quater psychiatrischer Behandlung zu bejahen und der Vollzug der Weg- weisung zumutbar. 9.2.4 In der Replik lässt der Beschwerdeführer ausführen, das Bundesver- waltungsgericht beziehe sich auf veraltete Quellen. Gemäss einer Länder- analyse der SFH aus dem Jahr 2021 bestehe ein Mangel an psycholo- gisch-psychiatrischen Behandlungsmöglichkeiten. Die 24/7 -Betreuung werde in der Regel durch die Familien geleistet. Vor allem im Norden von D-4145/2021 Seite 25 Sri Lanka würden Behandlungsplätze fehlen. Zwar bestünden einige pr i- vate Plätze, diese würden aber oft von unqualifizierten Personen betrieben und Misshandlungen wie Anketten und Schläge seien weit verbreitet. Die öffentlichen psychiatrischen Dienste seien überlastet und die stationären Behandlungsmöglichkeiten psychisch erkrankter Personen nach wie vor sehr tief. Die langfristige Behandlung von Personen mit chronischen Er- krankungen sei problematisch. Im öffentlichen Sektor bestünden nur be- schränkte Mittel für solche Behandlungen mittels teurer Medikamente. Ge- mäss Verlaufsbericht vom 10. September 2021 bestehe beim Beschwer- deführer bei einer nicht adäquat behandelten PTBS insbesondere die Ge- fahr einer Chronifizierung. Es bestehe eine klare Indikation, wenn nicht so- gar Notw endigkeit einer psychiatrisch -psychotherapeutischen Behand- lung. Fachspezifische Behandlungen einer PTBS seien in Sri Lanka kaum möglich. Aufgrund der erlebten Willkür sei alleine schon die Rückschaffung nach Sri Lanka als Trigger für eine erneute Exazerbation der PTBS und der depressiven Störung zu sehen, was bis hin zum Auftreten von akuten sui- zidalen Krisen führen könnte. Für eine therapeutische Intervention der PTBS bedürfe es primär eines "sicheren" Rahmens und einer stabilisierten psychischen Verfassung, weswegen eine Rückweisung a n den Ort der Traumatisierung aus medizinisch-psychiatrischer Sicht kontraindiziert sei. Der Beschwerdeführer gehe noch immer zwei Mal im Monat in die Behand- lung. Eine Rückführung sei aus medizinischer Sicht nicht zumutbar. 9.3 9.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Voll- zuges beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völ- kerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkom- mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un- menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). 9.3.2 Weder aufgrund der Aussagen des Beschwerdeführers noch auf- grund der übrigen Akten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrschein-D-4145/2021 Seite 26 lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder FoK verbotenen Strafe oder Behand- lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei- sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen (vgl. dazu BVGE 2011/24 E. 10.4 und das weiterhin einschlägige Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2). An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka festzuhal- ten. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 9.4 9.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 9.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri -lankischen Regierung und den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Der Wegweisungs- vollzug in die Nordprovinz Sri Lankas ist zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähi- gen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Ur- teil E-1866/2015 E. 13.2). An dieser Einschätzung ist auch unter Berück- sichtigung der aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka festzuhalten . Zwar stellt sich die wirtschaftliche Situation in Sri Lanka aktuell sehr schwierig dar. Allerdings können wirtschaftliche Schwierigkeiten, von welchen die vor Ort ansässige Bevölkerung generell betroffen ist, für sich allein keine kon- krete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellen (vgl. EMARK 2005 Nr. 24 E. 10.1 S. 215). 9.4.3 Vorliegend sprechen auch keine individuellen Gründe gegen die Zu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Der Beschwerdeführer stammt aus Distrikt C._______, Nordprovinz, wohin der Vollzug der Wegweisung D-4145/2021 Seite 27 grundsätzlich als zumutbar zu erachten ist. Um Wiederholungen zu ver- meiden, kann vorab auf die zutreffenden Erwägungen des SEM in der an- gefochtenen Verfügung und der V ernehmlassung verwiesen werden. Er- gänzend ist festzuhalten, dass die Ehefrau und die beiden Kinder mit Urteil vom 15. Juli 2022 nach Sri Lanka weggewiesen werden (vgl. Urteil des BVGer D-6569/2019 vom 15. Juli 2022). 9.4.4 Dr. med. M._______ diagnostizierte beim Beschwerdeführer gemäss seinem Bericht vom 5. August 2021 multiple körperliche und psychische Folterspätschäden nach schwerster Traumatisierung in den Jahren 2008 und 2017 sowie eine PTBS. Es bestünden multiple Brandnarben an (…), eine grosse Verbrennungsnarbe am (…) und (…) Narben. Beim (…) leide der Beschwerdeführer an massiven Schmerzen. In der F olge bestätigte das (…) in seinem Verlaufsbericht vom 10. September 2021 das Vorliegen einer PTBS und stellte zusätzlich eine rezidivierende depressive Störung (gegenwärtig schwere Episode; ICD-10 F33.2) fest. Den Beschwerdefüh- rer würden insbesondere die Bilder der Folterungen und wie er blutend und in Erwartung seines Todes wiederholt zurückgelassen worden sei, verfol- gen. Es handle sich bei ihm um einen äusserst verzweifelten Mann, dem aus psychiatrischer Sicht zuzutrauen sei, in seiner Verzweiflung einen Su- izidversuch zu unternehmen. Die Ausschaffung komme im Erleben des Pa- tienten einem Todesurteil gleich, was deutliche Auswirkungen auf seine Steuerungsfähigkeit haben könnte. Es b estehe bei ihm eine klare Indika- tion, wenn nicht sogar die Notwendigkeit einer psychiatrisch-psychothera- peutischen Behandlung. Alleine schon die Rückführung nach Sri Lanka sei als Trigger für eine erneute Exazerbation der PTBS und der depressiven Störung z u sehen, was bis zum A uftreten von suizid alen Krisen führen könnte. Dem ambulanten Bericht der (…) vom 19. März 2022 ist sodann zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer seit einer Schlagstockverlet- zung im Militär vor fünf Jahren an einem chronischen Schmerzsyndrom im (…) leide. Aufgrund eines bereits geplanten MRI wurde auf eine Röntgen- bildgebung verzichtet und eine analgetische Therapie und Vollbelastung nach Massgabe der Beschwerden empfohlen. Weitere medizinische Un- terlagen nach der aktenkundig geplanten weiteren Untersuchung am 30. März 2022 wurden keine eingereicht (vgl. Bst. T). 9.4.5 Aus gesundheitlichen Gründen kann nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden, wenn eine dringend notwendige medizinische Behandlung im Hei- matland nicht zur Verfügung steht und die fehlende Möglichkeit der (Wei- D-4145/2021 Seite 28 ter-)Behandlung bei einer Rückkehr zu einer raschen un d lebensgefähr- denden Beeinträch tigung des Gesundheitszustands, zur Inva lidität oder gar zum Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumutbarkeit jedenfalls nicht vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem schweizerischen Stan- dard entspre chende Behandlung grundsätzlich mö glich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2 E. 9.3.2). Von einer solchen medizinischen Notlage ist mit Verweis auf die vorstehende Erwägung 9.4.4 vorliegend nicht auszugehen. Ferner hat Sri Lanka hinsichtlich der medizinischen Versorgung grosse Fortschritte ge- macht; in den letzten Jahren wurde zunehmend in das Gesundheitswesen investiert. Staatliche Krankenhäuser sind in jeder grösseren Stadt angesie- delt, verfügen über modernes Gerät und bieten viele Behandlungsmetho- den an. Auch psychische Probleme sind in Sri Lanka gemäss ständiger Rechtsprechung adäquat behandelbar (vgl. statt vieler Urteil e des BVGer E-1756/2020 vom 6. April 2022 E. 8.3 m.w.H. und D-640/2019 vom 14. Juli 2021 E. 7.3.2 m.w.H.). Es ist demnach davon auszugehen, dass eine wei- terführende oder erneute Behandlung der aktenkundigen gesundheitlichen Probleme auch in Sri Lanka erhältlich wäre. An dieser Einschätzung ver- mag der Umstand, dass die Behandlungsmöglichkeiten in Sri Lanka deut- lich schwerer zugänglich sind als in der Schweiz, nichts zu ändern. Hin- sichtlich einer allfälligen G efahr der Suizidalität bei einem zwangsweisen Wegweisungsvollzug ist darauf hinzuweisen, dass vom Vollzug der Weg- weisung gemäss konstanter Rechtsprechung nicht Abstand zu nehmen ist, solange Massnahmen zur Verhütung der Umsetzung einer Suiziddrohung getroffen werden können (vgl. etwa Urteil des BVGer D -4227/2020 vom 4. März 2021 E. 8.3). Schliesslich ist auf die Möglichkeit hinzuweisen, me- dizinische Rückkehrhilfe gemäss Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG zu beantra- gen, welche durch die Abgabe von Medikamenten, Hilfe bei der Ausreise- organisation oder durch Unterstützung während und nach der Rückkehr gewährt werden kann. 9.4.6 Es ist somit nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer würde bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aus individuellen Gründen wirtschaftli- cher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzielle Notlage ge- raten, die als konkrete Gefährdung im Sinne der zu beachtenden Bestim- mung zu werten wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG). Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 9.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE D-4145/2021 Seite 29 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist daher auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG). 9.6 Das SEM hat den Wegweisungsvollzug demnach zu Recht als zuläs- sig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 10. Zusammenfassend ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundes- recht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie voll- ständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich über- prüfbar – angemessen ist. Gründe für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz sind nicht ersichtlich. Die Beschwerde ist abzuweisen. 11. 11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit der Be- schwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent geltlichen Prozess- führung wurde jedoch mit Verfügung vom 8. Dezember 2021 gutgeheissen (vgl. Bst. P). Da aufgrund der Akten nicht davon auszugehen ist, die finan- ziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers hätten sich seither in relevan- ter Weise verändert, ist dieser nach wie vor als bedürftig zu erachten. Es sind daher keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 11.2 Mit Verfügung vom 6. Januar 2022 wurde auch das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gutgeheissen (vgl. Bst. R). Der amtlichen Rechtsbeiständin ist ein Honorar auszurichten (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver- waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE]). Bei amtlicher Vertretung geht das Gericht in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.− bis Fr. 220.− für Anwältinnen und Anwälte und von Fr. 100.− bis Fr. 150.− für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschädigen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Die Rechtsvertreterin hat in ihrer am 23. September 2021 eingereichten Kostennote ein Honorar von total Fr. 3'518.− (inkl. Dol- metscherkosten von Fr. 344.– und Portospesen von Fr. 4.–) eingesetzt. Der Aufwand für die Erstellung der Kostennote von 0.5 Stunden ist nicht zu entschädigen. Der übrige ausgewiesene zeitliche Aufwand von 20.6 Stun- den für Besprechungen mit dem Beschwerdeführer, Aktenstudium, weitere Abklärungen und das Verfassen der Beschwerde ist als eher hoch, aber D-4145/2021 Seite 30 gerade noch angemessen zu bezeichnen. In der Kostennote nicht enthal- ten ist der für die Replik und die Eingabe vom 22. März 2022 getätigte Auf- wand, welcher von Amtes wegen auf 3.5 Stunden zu veranschlagen ist. Der Aufwand für die Beschwerdeverbesserung ist nicht zu vergüten. Der gesamte Aufwand beläuft sich demnach auf 24 .1 Stunden, die Auslagen erhöhen sich auf Fr. 356.–. Der – nicht mehrwertsteuerpflichtigen – amtli- chen Rechtsvertreterin ist daher zu Lasten des Bundesverwaltungsgerichts ein Honorar von gerundet Fr. 3'970.– (inkl. Auslagen) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-4145/2021 Seite 31 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das Bundesverwaltungsgericht entrichtet der als amtliche Rechtsbeistän- din eingesetzten Rechtsvertreterin ein Honorar in der Höhe von insgesamt Fr. 3'970.–. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Barbara Gysel Nüesch Versand: