B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5585/2019 U r t e i l v o m 5. N o v e m b e r 2 0 1 9 Besetzung Einzelrichter Simon Thurnheer, mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiberin Bettina Hofmann. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch MLaw Cora Dubach, Freiplatzaktion Basel, Asyl und Integration, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (verkürzte Beschwerdefrist); Verfügung des SEM vom 15. Oktober 2019 / N (…). D-5585/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer suchte am 30. Juli 2019 in der Schweiz um Asyl nach. Er wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region (…) zugewie- sen. A.b Anlässlich der Personalienaufnahme (PA) vom 8. August 2019 und den Anhörungen vom 30. August 2019 und 4. Oktober 2019 führte er im Wesentlichen aus, sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Ethnie rö- misch-katholischen Glaubens zu sein und aus B._______ (Distrikt Jaffna, Nordprovinz) zu stammen. Seine Eltern seien vor den 1990er Jahren für die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) tätig gewesen und hätten im Anschluss ein Rehabilitationsprogramm durchlaufen. Ab dem Jahre 2006 sei auch sein älterer Bruder namens C._______ aktives Mitglied der LTTE gewesen. Nach einer einwöchigen Inhaftierung durch das CID (Criminal Investigation Department) im Jahre 2013 respektive 2014 sei dieser aus Sri Lanka ausgereist und lebe seit dem Jahre 2017 in D._______. Zwi- schen Dezember 2018 und April 2019 habe derselbe Bruder seinem Vater Geld geschickt mit der Bitte, dieses an bestimmte P ersonen zu verteilen. Nach telefonischer Instruktion durch seinen Bruder habe er das Geld je- weils an die genannten Personen verteilt und festgestellt, dass es sich da- bei um ehemalige LTTE -Mitglieder handle. Am 5. und 6. Mai 2019 seien Angehörige des CID in seiner Abwesenheit zu ihm nach Hause gekommen und hätten ihn zu einer Befragung auf den Polizeiposten vorgeladen. Die- ser Anweisung sei er nicht nachgekommen. Am Abend des 7. Mai 2019 sei er von Angehörigen des CID auf offener Strasse gewaltsam in ein Auto ge- drängt und zum Polizeiposten mitgenommen worden. Dort sei er zum Geld- verteilen an ehemalige LTTE -Mitglieder verhört, mehrfach geschlagen, über Nacht festgehalten und am nächsten Morgen mit Hilfe seines Vaters entlassen worden. Ungefähr eine Woche nach seiner Entlassung – etwa am 14. Mai 2019 – sei er an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf der Strasse auf die Behörden getroffen, wobei ihm beide Male die Flucht ge- lungen sei, indem er habe wegrennen können. Anlässlich der zweiten Be- gegnung sei er von einem CID-Beamten mit einer Pistole bedroht worden. Er habe der Situation entkommen können und sei noch am selben Abend zu seiner Schwester nach E._______ (Distrikt Jaffna, Nordprovinz) gegan- gen. Am selben Abend sei er erneut von Angehörigen des CID bei ihm zu Hause aufgesucht worden, wobei persönliche Gegenstände – unter ande- rem Märtyrerporträts zweier Onkel väterlicherseits – konfisziert worden seien. Ferner sei sein Vater zu einem dreistündigen Verhör mitgenommen D-5585/2019 Seite 3 worden. Zuletzt sei er von Angehörigen des CID bei seiner Schwester zu Hause aufgesucht worden, wo er anschliessend noch etwa 20 Tage habe wohnen können und bis zuletzt unbemerkt geblieben sei. Am 17. Juni 2019 sei er auf Anweisung seines Vaters und seiner Grossmutter nach F._______ gegangen und am 21. Juni 2019 auf dem Luftweg aus Sri Lanka ausgereist. Nach seiner Ausreise sei er ungefähr am 10. Juli 2019 erneut zu Hause gesucht worden. Zudem hätten Angehörige des CID zwei bis dreimal nach seiner Ausreise am Platz, wo er festgenomm en worden sei, nach ihm Ausschau gehalten. A.c Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte er seinen Geburts- schein, seine sri-lankische Identitätskarte sowie seinen Führerausweis (je- weils im Original) zu den Akten. B. Nach Zustellung der editionspflichtigen Akten nahm die damalige Rechts- vertreterin zum Entscheidentwurf des SEM vom 11. Oktober 2019 mit Schreiben vom 14. Oktober 2019 Stellung. C. Mit Verfügung vom 15. Oktober 2019 – gleichentags eröffnet – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. D. Am 16. Oktober 2019 teilte die damalige Rechtsvertreterin dem SEM die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit. E. Mit Eingabe vom 24. Oktober 2019 (Datum des Poststempels) liess der Beschwerdeführer mittels rubrizierter Rechtsvertreterin, die er am 16. Ok- tober 2019 mandatiert hatte, gegen diesen Entscheid beim Bundesverwal- tungsgericht Beschwerde erheben. Darin wurde beantragt, die angefoch- tene Verfügung sei aufzuheben und ihm sei Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen, sub- eventualiter sei die Sache zur vollständigen Erhebung des rechtserhebli- chen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hin-D-5585/2019 Seite 4 sicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklu- sive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiord- nung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtlicher Rechtsbeistand. Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung, eine Vollmacht vom 16. Oktober 2019 sowie eine Kostennote bei. F. Die vorinstanzlichen Akten trafen am 25. Oktober 2019 beim Bun desver- waltungsgericht ein (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR 142.31]). G. Mit Schreiben vom 28. Oktober 2019 bestätigte das Bundesverwaltungs- gericht den Eingang der Beschwerde. H. Mit Eingabe vom 29. Oktober 2019 liess der Beschwerdeführer zwei Fotos betreffend seinen Bruder (C._______) und seine beiden Onkel väterlicher- seits ins Recht reichen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer- deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Die Kognition des Bundes verwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu- ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend D-5585/2019 Seite 5 aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be- schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriften- wechsel verzichtet. 4. 4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids qualifizierte die Vor- instanz die Fluchtvorbringen des Beschwerdeführers als nicht glaubhaft. Zur Mitnahme und dem anschliessenden Verhör auf dem Polizeiposten habe sich der Beschwerdeführer zwar wortreich und ausführlich geäussert, es erstaune aber, dass seine Schilderungen hi nsichtlich des Inhalts, der Struktur als auch der Länge drei Mal fast identisch ausgefallen seien und kaum Realkennzeichen enthielten. Auffallend sei indessen, dass seine Schilderungen nicht über den Beschrieb des Handlungsablaufs hinausgin- gen. Zwar habe er auf Nachfrage einige wenige Details zu den Ereignissen genannt: So habe er beispielsweise angegeben, sein Freund habe sich kurz vor seiner Mitnahme an einen Elektrokasten angelehnt und er sei ihm gegenübergestanden, als plötzlich zwei Personen auf einem Motorrad auf ihn zugekommen seien. Er sei von einer der beiden Personen an der Hand gepackt worden, woraufhin er sich umgedreht und einen Jeep habe heran- fahren sehen. Seine auf Nachfrage gemachten zusätzlichen Angaben blie- ben aber weiterhin auf den Handlungsablauf beschränkt, womit es seinen Schilderungen an persönlicher Betroffenheit fehle. Weiter seien seinen spontanen Aussagen zur geltend gemachten Mitnahme auf den Polizeipos- ten keinerlei psychische Vorgänge zu entnehmen gewesen, weshalb er ex- plizit zu seinen Gedanken und innerlichen Vorgängen befragt worden sei. Darauf habe er geantwortet, dass er Angst gehabt, jedoch nicht geweint habe. Auf erneute Nachfrage habe er angegeben, über den Grund der Mit- nahme nachgedacht zu haben. Ein drittes Mal dazu aufgef ordert, seine Gedanken anlässlich der Mitnahme zu beschreiben, habe er ausgeführt, daran gedacht zu haben, dass seine Familie davon erfahren sollte, und die Behörden nicht das Recht hätten, jemanden mitzunehmen und zu schla- gen. Auffallend sei zudem, dass der Beschwerdeführer die Geschehnisse zwischen dem Verhör und der Freilassung beinahe unbeschrieben gelas- sen habe . Anlässlich der Erstbefragung danach befragt, was sich nach dem Verhör zugetragen habe, habe er geantwortet, er sei angehalten wor- den, dort zu bleiben, und habe auf dem Boden schlafen müssen. Auch auf erneute Nachfrage seien seine Antworten äusser st stereotyp und ober- flächlich ausgefallen. So habe er lediglich angegeben, er habe auf dem D-5585/2019 Seite 6 Boden gegessen, Polizisten hin und herlaufen sehen, geschlafen und am nächsten Morgen erneut gegessen, bevor er mit Hilfe seines Vaters entlas- sen worden sei. Diese insgesamt vage gehaltene Sachverhaltsdarstellung sei mit der erfahrungsgemäss um ein Vielfaches komplexeren Wirklichkeit kaum zu vereinbaren. Insbesondere vor dem Hintergrund der geltend ge- machten Schwellungen am ganzen Körper aufgrund der erlittenen Schläge erstaune es, dass der persönliche Bezug in seinen Erzählungen gänzlich fehle. Hinsichtlich des Vorfalls, an welchem der Beschwerdeführer von ei- nem CID-Beamten auf offener Strasse mit der Pistole bedroht worden sein solle, fehle es ebenfalls an persönlicher Betroffenheit. Auch auf konkrete Nachfrage zu seinem Empfinden und seinen Gedanken nach dem Vorfall befragt, seien seine Antworten nicht dar über hinausgegangen, dass er Angst gehabt und sich Gedanken gemacht habe, zu wem er im Anschluss gehen solle. Vor dem Hintergrund, dass er an gegeben habe, von einem Beamten mit der Pistole bedroht und erst nach einer handgreiflichen Aus- einandersetzung entkommen zu sein, würden seine Aussagen erneut äus- serst platt wirken. Es fehle seinen Schilderungen auch diesbezüglich in of- fensichtlicher Weise an der nötigen Substanz. Nach dem Gesagten sei auch die geltend gemachte Verfolgung im Nachgang an diese Ereigniss e nicht glaubhaft. Sodann sei anhand von Risikofaktoren (mit Verweis auf das Referenzurteil des BVGer D-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 8 und 9.1) zu prüfen, ob er im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka dennoch begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG habe. Alleine die Befragung am Flug- hafen Colombo im Falle einer Rückkehr und das allfällige Eröffnen eines Strafverfahrens wegen illegaler Ausreise wie auch die Kontrollmassnah- men am Herkunftsort seien nicht asylrelevant. Der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft gemacht, vor seiner Ausreise asylrelevanten Verfolgungs- massnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Er habe nach Kriegsende noch zehn Jahre in seiner Heimat gelebt. Allfällige, im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten f olglich kein Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht. Es sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte. Die Tatsache, dass er legal und mit seinem originalen Reisepass problemlos ausgereist sei, bestätige diese Einschätzung. Ferner habe er angegeben, nie politisch oder religiös tätig und kein Mitglied bei den LTTE gewesen zu sein. Ausserdem sei er nie vor Gericht gestanden oder in Haft gewesen. D-5585/2019 Seite 7 Weiter habe er angegeben, nie aufgrund der geltend gemachten LTTE-Tä- tigkeit seiner Familienangehörigen Probleme mit den sri-lankischen Behör- den erfahren zu haben. 4.2 Der Beschwerdeführer macht demgegenüber unter anderem geltend, der vorliegende Fall hätte angesichts des detaillierten Sachverhalts und der ausführlichen Begründung im Asylentscheid eine Weiterbehandlung im erweiterten Verfahren erfordert. Eine ganztätige Anhörung ergänzend mit einer halbtätigen Anhörung sowie einem Entscheid von mehr als neun Sei- ten Sachverhalt und Begründung stelle nicht die Behandlung eines einfa- chen Falles dar und berge angesichts einer Beschwerdefrist von nur sie- ben Arbeitstagen die Gefahr einer Verletzung von Verfahrensgarantien der asylsuchenden Person. Dies gelte umso mehr, als selbst die Vorinstanz den Entscheid nicht innerhalb des gesetzlich vorgegebenen Rahmens habe fällen können und die Behandlungsfristen des beschleunigten Ver- fahrens klarerweise überschritten habe. Die Vorinstanz wäre zuf olge des Untersuchungsgrundsatzes verpflichtet gewesen, sein Verfahren zwecks weiterer Abklärungen ins erweiterte Verfahren zu überweisen und allenfalls eine Botschaftsabklärung durchzuführen. Damit habe sie ihre Pflicht zur vollständigen und richtigen Sachverhaltsfeststellung verletzt. Die Sache sei deshalb zur vollständigen und korrekten Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 5. 5.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Seitens des Beschwerdeführers wird zunächst eine Verletzung der Abklärungspflicht sowie der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des Sachverhalts gerügt. 5.2 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellen die Asylbehörden den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Untersuchungsgrundsatz). Dabei muss die Behörde die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunter- lagen beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis führen. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für die Entscheidung wesentlichen Sa- chumstände berücksichtigt hat (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA D-5585/2019 Seite 8 BINDER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16). 5.3 Die Rüge der Verletzung der Untersuchungspflicht ist unbegründet. Die Vorinstanz hatte gestützt auf die Vorbringen keinen Anlass, weitere Abklä- rungen – so zum Beispiel eine Botschaftsabklärung – vorzunehmen. Fer- ner spricht alleine der Umstand, dass die Vorinstanz zu einer anderen Wür- digung der Vorbringen gelangt, als vom Beschwerdeführer verlangt, nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung. 6. 6.1 Zum Vorbringen, das vorliegende Verfahre n hätte von der Vorinstanz im erweiterten Verfahren durchgeführt werden müssen, ist Folgendes fest- zustellen: 6.2 Das am 1. März 2019 neu in Kraft getretene schweizerische Asylver- fahrensrecht zielt darauf ab, eine Mehrzahl der Asylverfahren im soge- nannten beschleunigten Verfahren abzuwickeln. Charakteristisch für die- ses Verfahren ist die Taktung der Verfahrensschritte. Die Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts, die Gewährung der Parteirechte und die Abfassung und Eröffnung des erstinstanzlichen Asylentsc heids folgen ei- nem rechtssatzmässig genau vorgegebenen Zeitplan. Die Vorbereitungs- phase ist gesetzlich in Art. 26 AsylG normiert. Sie dient der Vorinstanz dazu, erste Abklärungen für den weiteren Verlauf des Asylverfahrens vor- zunehmen und die weiteren Verf ahrensschritte vorzubereiten. Die Dauer der Vorbereitungsphase ist in Art. 26 Abs. 1 AsylG festgelegt und beträgt im Dublin Verfahren höchstens 10 Tage, in den übrigen Verfahren höchs- tens 21 Tage. 6.3 Ob ein Fall im beschleunigten Verfahren behandelt werden k ann, ent- scheidet sich im Anschluss an die Anhörung zu den Asylgründen (Art. 29 AsylG). Steht nach der Anhörung (zu Beginn der Verfahrensphase) fest, dass ein Entscheid im Rahmen des beschleunigten Verfahrens nicht mög- lich ist, namentlich, weil weitere Abkl ärungen erforderlich sind, erfolgt die Zuteilung ins erweiterte Verfahren (Art. 26 d AsylG). Wie sich schon aus dem Gesetzeswortlaut ergibt, ist die Triage im Wesentlichen davon abhän- gig, welche Sachverhaltsinstruktionen für die Beurteilung des Asylgesuchs nach der Anhörung noch erforderlich scheinen. Der genaue Umfang der erforderlichen Sachverhaltsinstruktionen ergibt sich dabei aus dem Unter- suchungsgrundsatz. Das SEM muss innert der achttägigen Frist die für den D-5585/2019 Seite 9 Entscheid notwendigen Unterlagen beschaffen, die rechtsrelevanten Um- stände abklären und ordnungsgemäss Beweis führen können. Bei der ge- nannten Frist handelt es sich um eine Ordnungsfrist, welche um einige Tage überschritten werden kann. Die Nichteinhaltung der Frist wirkt sich grundsätzlich nicht per se auf die Rechtmässigkeit des materiellen Ent- scheids aus. Beliebig zulässig ist sie aber auch nicht. Einzig bei Vorliegen triftiger Gründe und sofern absehbar ist, dass der Entscheid zeitnah getrof- fen werden kann, kann diese Frist um einige Tage überschritten werden (Art. 37 Abs. 3 AsylG; vgl. zum Ganzen auch: CARONI MARTINA, Das neue Asylverfahren - ein Überblick, recht 2019, S. 90 Fn. 46 mit Hinweis auf die Botschaft zur Änderung des Asylgesetzes vom 3. September 2014, BBl 2014 7991, S. 8015). Wenn eine pflichtgemässe Schätzung nach Durch- führung der Anhörung zu den Asylgründen zum Resultat führt, dass diese Untersuchungsmassnahmen (und die Gewährung der damit einhergehen- den Parteirechte) realistischerweise nicht innert acht Tagen durchgeführt werden können, hat eine Zuweisung ins erweiterte Verfahren zu erfolgen. 6.4 Das vorliegende Asylverfahren wurde mit der Asylgesuchstellung am 30. Juli 2019 eingeleitet und mit Verfügung vom 15. Oktober 2019, mithin nach 77 Tagen, vorinstanzlich abgeschlossen. Im vorliegenden Fall hat das SEM im Rahmen seiner Sachverhaltsfeststellungen sodann eine erste An- hörung (vom SEM als Erstbefragung/Anhörung bezeichnet) durchgeführt, die von 09:00 Uhr bis um 17:30 Uhr dauerte. Deren Protokoll beinhaltet 33 Seiten (vgl. SEM-Akten A14/34 S. 1 und S. 33). Die zweite Anhörung be- gann um 9:40 Uhr und dauerte bis 12:40 Uhr, wobei 15 Seiten Protokoll entstanden sind (vgl. A17/15 S. 1 und S. 15). Diese Anhörungen erweisen sich vom Umfang her als ausführlich. Eine Anhörung einer asylsuchenden Person (im Rahmen des ihr zu gewährenden rechtlichen Gehörs) dient nicht nur dazu, ihre Gesuchsgründe vorzutragen, sondern beinhaltet zu- gleich den Zweck der materiellen Sachverhaltsfeststellung im Sinne von Art. 12 VwVG. Zu dessen Erstellung ist das SEM infolge des Untersu- chungsgrundsatzes von Amtes wegen ver pflichtet (vgl. BVGE 2007/30 E. 5.5.). Wenn Zweifel an der Glaubhaftigkeit von Vorbringen einer asylsu- chenden Person bestehen und zwecks Beseitigung oder Bestätigung die- ser Zweifel eine weitere Anhörung durchgeführt wird, dient diese der wei- teren Sachverhaltsfeststellung. Das SEM hat vor liegend die gesetzlichen Vorgaben, im Rahmen welcher die Behandlung und der Entscheid im beschleunigten Verfahren vorzuneh- men sind, mithin klar überschritten. D-5585/2019 Seite 10 6.5 Wie bereits festgestellt, hat die Überschreitung nicht per se die materi- elle Unrechtmässigkeit des Entscheids zur Folge. Sie kann aber eine Ver- letzung von Verfahrensrechten und damit eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Folge haben. Mit Blick auf den vorliegenden Fall ist der Rechtsvertretung zuzustimmen, dass die Behandlung eines Falls im beschleunigten Verfahren eine wesent- liche Verkürzung der Rechtsmittelfrist zur Folge hat (sieben Arbeitstage im beschleunigten Verfahren [Art. 108 Abs. 1 AsylG] gegenüber 30 Tagen im erweiterten Verfahren [Art. 108 Abs. 2 und 3 AsylG]). Die Behandlung eines komplexen Falles im beschleunigten Verfahren birgt damit an sich bereits die Gefahr einer Verletzung der Verfahrensgarantien zugunsten der um Asyl nachsuchenden Person und zwar unabhängig davon, inwieweit das Prozessergebnis letztlich rechtlich liquid erscheint (vgl. dazu die Urteile des BVGer E-4367/2019 vom 9. Oktober 2019 E. 7.5, E-4338/2019 vom 5. September 2019 E. 6 und E -2965/2019 vom 28. Juni 20 19 E. 6.3 m.w.H.). 6.6 Die Begründung des SEM erweist sich denn auch vorliegend – trotz deren reichhaltigen Umfangs – inhaltlich als ungenügend. 6.6.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnis se umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korr eliert die Pflicht der Be- hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei- nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 6.6.2 Die Vorinstanz befindet die vom Beschwerdeführer getätigten Aussa- gen zur Mitnahme auf den Polizeiposten, zum Verhör, zur Festhaltung und zum Vorfall, an dem er mit einer Pistole bedroht worden sei, für nicht glaub- haft, ohne diesen Schluss konkret und nachvollziehbar zu begründen (vgl. Verfügung des SEM vom 15. Oktober 2019, Ziff. II/a. S. 5 f. ). Sie be- schränkt sich darauf, mit diversen gleichlautenden Formulierungen die an- gebliche Substanzlosigkeit seiner Angaben – insbesondere bezüglich sei- ner geäusserten Gedanken – zu betonen sowie auf einzelne Protokollstel- len zu verweisen. Sämtliche zusätzlichen Angaben des Beschwerdeführers D-5585/2019 Seite 11 (insbesondere Beschreibung der CID -Beamten und des Polizeipostens [A14/34, F142-144, F159-164], der Verhörmethoden [A14/34, F68, F157; A17/15, F54, F63-64], der Geschehnisse rund um die Bedrohung mit einer Pistole [A14/34, F68, F202-213]) werden vom SEM nicht beleuchtet. Eine hinreichende Auseinandersetzung damit, weshalb diese und weitere Aus- sagen unsubstanziiert erscheinen, erfolgt nicht. Im Übrigen würdigt das SEM weder den Vorwurf der finanziellen Unterstützung ehemaliger LTTE- Mitglieder (A14/34, F69-90; A17/15, F33-53) noch die geltend gemachte Verfolgung im Nachgang an die genannten Ereignisse (A14/34, F274-277; A17/15, F4-15, F81-82, F91-95) ausreichend (vgl. Verfügung des SEM vom 15. Oktober 2019, Ziff. II/a. und b. S. 6 f.). 6.7 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet i n der Regel reformato- risch. Unter den vorliegenden Umständen rechtfertigt sich jedoch gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts die Kassation der angefochtenen Verfügung. Dem Beschwerdeführer bleibt auf diese Weise der Instanzen- zug erhalten, was umso wichtiger ist, als im Asylverfahren das Bundesver- waltungsgericht letztinstanzlich entscheidet (vgl. dazu BVGE 2009/53 E. 7.3, BVGE 2008/47 E. 3.3.4, BVGE 2008/14 E. 4.1). 7. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Aufhe- bung der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Diese ist aufzuheben und die Sache – im Sinne der Erwägungen – zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die Gesuche um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG werden gegenstandslos. 8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechtsvertreterin reichte am 24. Oktober 2019 eine Kostennote zu den Akten, die einen Vertretungsaufwand von 10 Stunden zu einem Stunden- ansatz von Fr. 150.– ausweist. Gestützt auf die in Betrach t zu ziehenden D-5585/2019 Seite 12 Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE), ist der zur Anwendung gebrachte Stundenansatz bei Fr. 150.– zu belassen. Der geltend gemachte zeitliche Aufwand erscheint indes im Verhältnis zu anderen Verfahren gleichen Um- fangs zu hoch und wird um zwei Stunden gekürzt. Die Auslagen von total Fr. 84.– (inkl. Übersetzungskosten) sind als angemessen zu erachten. Demzufolge ist die durch das SEM zu entrichtende Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 1’284.– festzusetzen. Diese umfasst keinen Mehrwert- steuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE. 8.3 Bei dieser Sachlage wird das Gesuch um Beiordnung rubrizierter Rechtsvertreterin als amtlichen Rechtsbeistand gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-5585/2019 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der vorinstanz- lichen Verfügung beantragt wird. 2. Die vorinstanzliche Verfügung wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1’284.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Simon Thurnheer Bettina Hofmann Versand: