Entscheid vom 28. August 2013 Beschwerdekammer Besetzung Bundesstrafrichter Stephan Blättler, Vorsitz, Cornelia Cova und Emanuel Hochstrasser, Gerichtsschreiber Miro Dangubic Parteien A. GMBH, vertreten durch Rechtsanwalt Matthias Raschle, Beschwerdeführerin gegen GENERALSTAATSANWALTSCHAFT THURGAU, Beschwerdegegnerin Gegenstand Internationale Rechtshilfe in Strafsachen an Deutsch- land Herausgabe von Beweismitteln (Art. 74 IRSG) B u n d e s s t r a f g e r i c h t T r i b u n a l p é n a l f é d é r a l T r i b u n a l e p e n a l e f e d e r a l e T r i b u n a l p e n a l f e d e r a l Geschäftsnummer: RR.2013.198 - 2 - Sachverhalt: A. Die Staatsanwaltschaft Konstanz ermittelt gegen B. und C. wegen Ver- dachts der Korruption und der Untreue. In diesem Zusammenhang gelan g- ten die deutschen Behörden mit Rechtshilfeersuchen vom 13. Mai 2011 an die Schweiz und beantragten u.a. die Durchsuchung der von C. im Anwe- sen in Z. genutzten (Firmen-) Räume, Beschlagn ahme von Beweismitteln sowie um Teilnahme von eigenen Beamten an den beantragten Rechtshi l- fehandlungen (RR.2013.11, act. 1.6). B. Mit Eintretens - und Zwischenverfügung vom 31. Mai 2011 entsprach die Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Thurgau (nachfolgen d "GeStA") dem Rechtshilfeersuchen und beauftragte die Staatsanwaltschaft Kreuzli n- gen (nachfolgend "StA/KR") mit der Durchführung der Rechtshilfemas s- nahmen (RR.2013.11, act. 1.6). C. Am 1. Juli 2011 stellte die StA/KR einen Durchsuchungsbefehl für die Räumlichkeiten in Z. aus. Gemäss Durchsuchungsbefehl handelt es sich dabei um den Wohnort von C. (RR.2013.11, act. 1.7). Mit Beschluss vom 11. Juli 2011 erweiterte das Amtsgericht Konstanz seinen Beschluss vom 11. Mai 2011 und ordnete auch die Durchsuchung der Räumlichkeiten der A. GmbH in Z. an (RR.2013.11, act. 1.8). Mit Beschluss vom 13. Juli 2011 erweiterte das Amtsgericht Konstanz u.a. seinen Beschluss vom 8. Juli 2011 und ordnete die Durchsuchung der Räumlichkei ten der A. GmbH auch in Y. an (RR.2013.11, act. 1.9). D. Mit Verfügung vom 18. Juli 2011 dehnte die GeStA in Ergänzung zur Ei n- tretens- und Zwischenverfügung vom 31. Mai 2011 die angeordnete Durch- suchung auf die Räumlichkeiten der A. GmbH in Z. und die Räumlichkeiten der A. GmbH in Y. aus (RR.2013.11, act.1.11). E. Am 22. Juli 2011 wurden die Räumlichkeiten von C. und der A. GmbH in Z. und die Räumlichke iten der A. GmbH in Y. durchsucht, wobei Unterlagen und Datenträger sichergestellt und auf entsprechenden Antrag versiegelt wurden (RR.2013.11, act. 1.12). - 3 - F. Am 5. August 2011 verfügte die StA/KR die Beschlagnahme der sicherg e- stellten Unterlagen und Datenträger (RR.2013.11, act. 1.14). In der Folge wurden die versiegelten Unterlagen und Datenträger entsiegelt. Auf die Be- schwerden gegen die Hausdurchsuchung und Beweismittelbeschlagnahme ist die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts nicht eingetreten (vgl. Entscheid des Bundesstrafgerichts RR.2012.12, RR.2012.13 und RR.2012 14 vom 19. April 2012). G. Mit Schlussverfügung vom 5. Dezember 2012 verfügte die GeStA die He r- ausgabe der von den deutschen Behörden gewünschten Beweismittel (RR.2013.11, act. 1.2). H. Dagegen erhob C. , vertreten durch Rechtsanwalt Matthias Raschle, mit Eingabe vom 9. Januar 2013 Beschwerde bei der Beschwerdekammer d es Bundesstrafgerichts (RR.2013.11, act. 1). I. Mit Entscheid RR.2013.11 vom 13. Juni 2013 wies die Beschwerdekammer die Beschwerde von C. ab, soweit sie darauf eintrat. Dabei zog sie u.a. in Erwägung, dass C. in Bezug auf die Durchsuchung der Räumlichkeiten der A. GmbH, die in diesem Rahmen erfolgte Beschlagnahme von Beweismi t- teln und die mit der Schlussverfügung verfügten Herausgabe derselben nicht beschwerdebefugt ist (RR.2013.11, act. 13). Auf die dagegen erhobe- ne Beschwerde ist das Bundesgericht mit Ur teil vom 1. Juli 2013 nicht ei n- getreten (RR.2013.11, act. 18). J. Mit Eingabe vom 15. Juli 2013 erhob die A. GmbH, vertreten durch Rechts- anwalt Matthias Raschle, Beschwerde ge gen die Schlussverfügung vom 5. Dezember 2012 und beantragt Folgendes (RR.2013.198, act. 1): "1. Die Schlussverfügung der Staatsanwaltschaft Thurgau, Genera l- staatsanwaltschaft, vom 5. Dezember 2012 sei, soweit sie die Durchsuchung und Beschlagnahmung in den Räumli chkeiten der Beschwerdeführerin in Z. und in Y. betrifft aufzuheben und dem Rechtshilfeersuchen der Staatsanwaltschaft Konstanz sei im gle i- chen Umfang nicht zu entsprechen; 2. Der Durchsuchungsbefehl der Staatsanwaltschaft Kreuzlingen vom 1. Juli 2011 sowie der Beschlagnahme befehl der Staatsanwaltschaft - 4 - Kreuzlingen vom 5. August 2011 seien in Bezug auf die Hausdurc h- suchung vom 22. Juli 2011 in den Räumlichkeiten der Beschwerd e- führerin in Z. und in Y. sowie in Bezug auf die dabei sichergestellten Unterlagen und Gegenstände aufzuheben; 3. Die anlässlich der Hausdurchsuchung vom 22. Juli 2011 in den Räumlichkeiten der Beschwerdeführerin in Z. und in Y. beschlag- nahmten schriftlichen Unterlagen sowie iPads, Laptops, Notebooks, USB Sticks, der Server NAS LG und die externe Festpl atte, samt den Daten, seien nicht an die Staatsanwaltschaft Konstanz herau s- zugeben; 4. Die unter Ziff. 3 aufgeführten Gegenstände, samt Daten, seien der Beschwerdeführerin resp. an deren Rechtsvertreter herauszugeben; 5. Verfahrensantrag: Es sei der B eschwerde für die Dauer des Verfa h- rens aufschiebende Wirkung zu erteilen; 6. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerd e- gegnerin." Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, s o- weit erforderlich, in den folge nden rechtlichen Erwägungen Bezug geno m- men. Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung: 1. 1.1 Für die Rechtshilfe zwischen Deutschland und der Schweiz sind in erster Linie das Europäische Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen vom 20. April 1959 (EUeR; SR 0.351.1), dem beide Staaten beigetreten sind, der zwischen ihnen abgeschlossene Zusatzvertrag vom 13. Nove m- ber 1969 (ZV -D/EUeR; SR 0.351.913.1), sowie die Bestimmungen der Art. 48 ff. des Übereinkommens vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des Übereinkommens von Schengen vom 14. Juni 1985 (Schengener Durc h- führungsübereinkommen, SDÜ; ABl. L 239 vom 22. September 2000, S. 19 - 62) massgebend. 1.2 Soweit das Staatsvertragsrecht bestimmte Fragen nicht abschliessend r e- gelt, gelangen das Bundesgesetz über in ternationale Rechtshilfe in Stra f-- 5 - sachen vom 20. März 1981 (IRSG; SR 351.1) und die Verordnung über i n- ternationale Rechtshilfe in Strafsachen vom 24. Februar 1982 (IRSV; SR 351.11) zur Anwendung (Art. 1 Abs. 1 IRSG; BGE 130 II 337 E. 1 S. 339; 128 II 355 E. 1 S. 357; 124 II 180 E. 1a S. 181). Das innerstaatliche Recht gilt nach dem Günstigkeitsprinzip auch dann, wenn dieses geringere Anforderungen an die Rechtshilfe stellt ( BGE 137 IV 33 E. 2.2.2; BGE 136 IV 82 E. 3.1; 129 II 462 E. 1.1 S. 464, m.w.H.). Vorb ehalten bleibt die Wah- rung der Menschenrechte (BGE 135 IV 212 E. 2.3; 123 II 595 E. 7c). 2. 2.1 Zur Beschwerdeführung ist berechtigt, wer persönlich und direkt von einer Rechtshilfemassnahme betroffen ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung od er Änderung hat (Art. 80 h lit. b IRSG). Personen, g e- gen die sich das ausländische Strafverfahren richtet, sind unter denselben Bedingungen beschwerdelegitimiert (Art. 21 Abs. 3 IRSG). Ein schutzwü r- diges Interesse liegt nicht schon dann vor, wenn jemand irg endeine Bezie- hung zum Streitobjekt zu haben behauptet. Vielmehr muss eine vom ei n- schlägigen Bundesrecht erfasste "spezifische Beziehungsnähe" dargetan sein. Eine blosse mittelbare Betroffenheit genügt hingegen nicht ( BGE 129 II 268 E. 2.3.3 S. 269; 128 II 211 E. 2.2 S. 216 f.; 127 II 104 E. 3 S. 107 ff.; 198 E. 2d S. 205; 126 II 258 E. 2d S. 259; 125 II 356 E. 3b/aa S. 361 f.; 123 II 153 E. 2b S. 156, je mi t Hinweisen). Als persönlich und direkt betroffen (im Sinne von Art. 80 h lit. b und Art. 21 Abs. 3 IRSG) wird im Falle von Hausdurchsuchungen der Eigentümer oder der Mieter angesehen (Art. 9 a lit. b IRSV; BGE 122 II 130 E. 2b). Das Gleiche gilt nach der Rech t- sprechung für Personen, gegen die unmittelbar Zwangsmassnahmen a n- geordnet wurden (BGE 128 II 211 E. 2.3 -2.5 S. 217 ff.; 123 II 153 E. 2b S. 157, je mit Hinweisen). 2.2 Mit Schlussverfügung vom 5. Dezember 2012 wird die Herausgabe von Beweismitteln, die anlässlich der D urchsuchung der Räumlichkeiten der Beschwerdeführerin und C. in Z. und Räumlichkeiten der Beschwerdefü h- rerin in Y. beschlagnahmt worden sind, verfügt. Es ist unbestritten, dass es sich bei den Räumlichkeiten in Y. und einen Teil der Räumlichkei ten in Z. um Räumlichkeiten der Beschwerdeführerin handelt. 2.3 Die Beschwerdeführerin beantragt die Aufhebung des Durchsuchungsb e- fehls, des Beschlagnahmebefehls und der Schlussverfügung betreffend die im Rahmen der Durchsuchung ihrer eigenen Räumlichkeiten beschlag- nahmten und zur Herausgabe vorgesehenen Gegenstände. Sie ist diesb e- züglich beschwerdelegitimiert. - 6 - 2.4 Beim angefochtenen Entscheid han delt es sich um eine Schlussverfügung der ausführenden kantonalen Behörde in internationalen Rechtshilfeang e- legenheiten, gegen welche innert 30 Tagen ab der schriftlichen Mitteilung bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Beschwerde geführt werden kann (Art. 80 e Abs. 1 i.V.m. Art. 80 k IRSG; Art. 37 Abs. 2 lit. a Ziff. 1 StBOG; Art. 19 Abs. 2 des Organisationsreglements für das Bunde s- strafgericht vom 31. August 2010, SR 173.713.161). Die ausführende B e- hörde und die Rechtsmittelinstanz stellen ihre Verfügungen dem in der Schweiz wohnhaften Berechtigten sowie dem im Ausland ansässigen B e- rechtigten mit Zustellungsdomizil in der Schweiz zu (Art. 80m Abs. 1 IRSG). Die Beschwerdefrist gemäss Art. 80 k IRSG beginnt zu laufen, sobald der Betroffene von einer auf ihn bezugnehmenden Verfügung tatsächlich Kenntnis erhält, selbst wenn ihm gegenüber eine formelle Eröffnung nicht erfolgt ist. (BGE 124 II 124 E. 2d/aa.; ROBERT ZIMMERMANN, La coopération judiciaire internationale en matière pénale, 3. Aufl., Bern 200 9, S. 492 N 537). 2.5 Nachfolgend gilt es zu prüfen, ob die obgenannte Beschwerdefrist durch die Beschwerdeführerin eingehalten wurde. Diesbezüglich macht die B e- schwerdeführerin geltend, C. habe sie - nach Erhalt des Entscheides RR.2013.11 vom 13. Juni 2013 - am 14. Juni 2013 über die Schlussverf ü- gung informiert. Folglich habe sie erst seit dem 14. Juni 2013 Kenntnis von der Existenz der Schlussverfügung. Nachdem sie Kenntnis von der Schlussverfügung erlangt habe, habe Rechtsanwalt Matthias Raschle die Beschwerdegegnerin um Zustellung der Schlussverfügung ersucht. Mit Schreiben vom 27. Juni 2013 habe die Beschwerdegegnerin ihr diese z u- kommen lassen. Zusammenfassend stellt die Beschwerdeführerin fest, sei ihr frühestens am 14. Juni 2013 möglich gewesen, Beschwe rde gegen die Schlussverfügung zu erheben. Die Beschwerdefrist habe entsprechend am 15. Juni 2013 zu laufen begonnen (RR.2013.198, act. 1, Rz. 2). 2.6 Gemäss Handelsregisterauszug des Kantons Thurgau ist C. Gesellschafter (er besitzt 95 % der Stammanteile) u nd alleiniger Geschäftsführer (mit Ein- zelunterschrift) der Beschwerdegegnerin. Er ist folglich Organ der B e- schwerdeführerin und entsprechend vertretungsbefugt. 2.7 C. hat mit Eingabe vom 9. Januar 2013 Beschwerde gegen die Schlussver- fügung vom 5. Dezember 20 12 erhoben. Folglich hatte er und damit auch die Beschwerdeführerin bereits zu diesem Zeitpunkt tatsächliche Kenntnis von der Schlussverfügung. Da d ie Beschwerdefrist gemäss Art. 80 k IRSG zu laufen beginnt, sobald der Betroffene von einer auf ihn bezugnehm en-- 7 - den Verfügung tatsächlich Kenntnis erhält, selbst wenn ihm gegenüber eine formelle Eröffnung nicht erfolgt ist (s. supra 2.4), hat die Beschwerdeführ e- rin vorliegend die Beschwerdefrist von Art. 80k IRSG bei weitem nicht g e- wahrt. 2.8 Nach dem Gesagten ist a uf die Beschwerde – ohne Durchführung eines Schriftenwechsels (Art. 57 Abs. 1 VwVG e contrario) – nicht einzutreten. 3. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird die Beschwerdeführerin koste n- pflichtig (Art. 39 Abs. 2 lit. b StBOG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Für die Berechnung der Gerichtsgebühren gelangt gemäss Art. 63 Abs. 5 VwVG i.V.m. Art. 73 StBOG das Reglement des Bundesstrafgerichts vom 31. A u- gust 2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in Bunde s- strafverfahren (BStKR; SR 173.713 .162) zur Anwe ndung. Unter Berüc k- sichtigung aller Umstände ist die Gerichtsgebühr vorliegend auf Fr. 3'000.-- festzusetzen, unter Anrechnung des entsprechenden Betrages am Kosten- vorschuss von Fr. 4'000.--. Die Bundesstrafgerichtskasse ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin den Restbetrag von Fr. 1'000.-- zurückzuerstatten. - 8 - Demnach erkennt die Beschwerdekammer: 1. Auf die Beschwerde wird nicht eingetreten. 2. Die Gerichtsgebühr von Fr. 3'000. -- wird der Beschwerdeführerin auferlegt, unter Anrechnung des entsprechenden Betrages am Kostenvorschuss von Fr. 4'000.--. Die Bundesstrafgerichtskasse wird angewiesen, der Beschwe r- deführerin den Restbetrag von Fr. 1'000.-- zurückzuerstatten. Bellinzona, 28. August 2013 Im Namen der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Der Präsident: Der Gerichtsschreiber: Zustellung an - Rechtsanwalt Matthias Raschle - Generalstaatsanwaltschaft Thurgau - Bundesamt für Justiz, Fachbereich Rechtshilfe Rechtsmittelbelehrung Gegen Entscheide auf dem Gebiet der internationalen Rechtshilfe in Strafsachen kann innert zehn Tagen nach der Eröffnung der vollständigen Ausfertigung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 100 Abs. 1 und 2 lit. b BGG). Gegen einen Entscheid auf dem Gebiet der internationalen Rechtshilfe in Strafsachen ist die Beschwerde nur zulässig, wenn er eine Auslieferung, eine Beschlagnahme, eine Herausgabe von Gegenständen oder Vermögenswerten oder eine Übermittlung von Informationen aus dem Geheimbereich betrifft und es sich um einen besonders bedeutenden Fall handelt (Art. 84 Abs. 1 BGG). Ein besonders bed eutender Fall liegt insbesondere vor, wenn Gründe für die Annahme bestehen, dass elementare Verfahrensgrundsätze verletzt worden sind oder das Verfahren im Ausland schwere Mängel aufweist (Art. 84 Abs. 2 BGG).