B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4802/2020 U r t e i l v o m 3 0 . D e z e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Mia Fuchs, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, geboren am (…), sowie deren Kinder B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), Kosovo, alle vertreten durch Dr. iur. Babak Fargahi, Rechtsanwalt, RISE ATTORNEYS AT LAW, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (Beschwerde gegen Wiedererwä- gungsentscheid); Verfügung des SEM vom 26. August 2020 / N (…). D-4802/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin ersuchte zusammen mit ihren Kindern am 16. Februar 2016 in der Schweiz um Asyl. Zur Begründung ihres Gesuchs machte sie geltend, sie stamme aus D._______, Kosovo, und sei albani- scher Ethnie und islamischen Glaubens. (…) 2015 sei ihr Mann von einem ehemaligen UCK-Kämpfer erschossen worden. Dem sei ein Konflikt zwi- schen dem Neffen ihres Mannes und dem Bruder des Täters vorangegan- gen. Der Mörder sei in Haft genommen worden. Nach der Beerdigung habe sie ihre Söhne wieder in den Kindergar ten geschickt. Die Kindergärtnerin habe ihr in der Folge mitgeteilt, sie könne für die Sicherheit der Kinder nicht garantieren, da bereits mit deren Entführung gedroht worden sei. Daraufhin habe sie sich bei ihrer Mutter und später bei ihren Schwägerinnen (Schwestern des Mannes) aufgehalten. Diese hätten ihr aus Sicherheits- gründen zur Ausreise geraten. Aufgrund der genannten Vorfälle leide sie an psychischen Problemen. Eine Rückkehr komme in Anbetracht der Blut- racheproblematik, namentlich auch ihre Kinder b etreffend, nicht in Be- tracht. A.b Mit Verfügung vom 4. März 2016 lehnte die Vorinstanz die Asylgesu- che ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Voll- zug. Begründet wurde dieser Entscheid mit der fehlenden Asylrelevanz der Vorbringen. Im Kosovo als «safe country» sei im Rahmen einer Regelver- mutung vom B estehen einer Schutzinfrastrukt ur auszugehen. Die Be- schwerdeführerin habe die Nachstellungen und Drohungen gegen ihre Kin- der den Behörden nicht gemeldet. Es sei auch nicht von einem allfällig ge- planten Blutrachedelikt auszugehen, da eine solche Rache nach dem Mord an ihrem Ehemann von der falschen Familie ausginge. Von Seiten ihrer Familie sei aber offenbar keine solche Fehde beabsichtigt worden. Abge- sehen davon seien die Kinder noch viel zu jung, um von einer allfälligen Fehde tangiert zu werden. Betreffend Wegweisungsvollzug wurde ausge- führt, die Beschwerdeführerin habe in der Heimat noch ihre Mutter und eine Schwester, wobei sie bei einer Rückkehr bei der Mutter wohnen könne. Auch zu ihren Schwägerinnen habe sie offenbar ein gutes Verhältnis. Da- mit verfüge sie als alleinstehende Frau mit zwei Kindern über ein breit es Familiennetz. Ferner seien im Kosovo in den letzten Jahren verschiedene Frauenorganisationen, an die sie sich im Bedarfsfall wenden könne, aktiv geworden. D-4802/2020 Seite 3 A.c Eine entsprechende Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht vom 14. März 2016 wurde mit Urteil D-1609/2016 vom 27. Dezember 2016 abgewiesen. B. B.a Mit Eingabe an das SEM vom 2. Februar 2017 stellten die Beschwer- deführenden ein Gesuch um Wiedererwägung betreffend den Vollzug der Wegweisung und beantragten, die Verfügung des SEM vom 4. März 2016 sei im Wegweisungsvollzugspunkt aufzuheben und es sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung in den Kosovo unzumutbar sei , sowie die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Begründet wurde das Gesuch damit, dass die Beschwerdeführerin erfahren habe, dass die Verwandten ihres Mannes Anspruch auf ihre Kinder erheben würden. Sie seien mit ihrer ei- genmächtigen Ausreise nicht einverstanden gewesen und hätten den Fall bereits der lokalen Polizeistelle in D._______ gemeldet. Zur Untermaue- rung wurden in diesem Zusammenhang eidesstattliche Erklärungen einge- reicht und darauf hingewiesen, dass die Polizei in D._______ lediglich auf Anfrage einer schweizerischen Amtsstelle eine solche Anzeige herausge- ben würde. Das SEM werde deshalb ersucht, diese herauszuverlangen. Ferner könne die Beschwerdeführerin bei einer allfälligen Rückkehr nicht im Haus ihrer Mutter wohnen, da ihr in Deutschland wohnhafter Brud er, welchem besagtes Haus gehöre, dies verboten habe. Er wolle nicht in die Probleme der Familie ihres verstorbenen Ehemannes miteinbezogen wer- den. Damit mache sie zwei Umstände geltend, die im Asylverfahren nicht oder unzureichend gewürdigt worden seien: Ihr drohe bei einer Rückkehr einerseits die Wegnahme ihrer Kinder und andererseits könne sie von ihrer eigenen Familie nicht die nötige Unterstützung erwarten. B.b Das SEM wies das Wiedererwägungsgesuch mit Verfügung vom 24. März 2017 ab und stellte fest, die Verfügung vom 4. März 2016 sei rechtskräftig und vollstreckbar. Zur Begründung führte die Vorinstanz an, die eingereichten Beweismittel, mit denen belegt werden solle, dass die Angehörigen des ermordeten Ehemannes der Beschwerdeführerin ihr bei einer Rückkehr in den Kosovo die Kinder entziehen wollten, seien ebenso als Gefälligkeitsdokumente zu wert en wie die Schreiben der Verwandten der Beschwerdeführerin, in denen erklärt werde, sie könne von ihnen keine Hilfe erwarten. Die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin sei sodann nicht derart schlecht, dass die Rückführung zu einer lebensbedroh- lichen Verschlechterung derselben führe. D-4802/2020 Seite 4 B.c Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden am 7. April 2017 Be- schwerde und legte n dar, die eingereichten Beweismittel betr effend die drohende Entziehung ihrer Kinder seien von einer in der Schweiz lebenden Cousine des Schwagers der Beschwerdeführerin aus dem Kosovo mitge- bracht worden. Diese habe bei einem Besuch im Kosovo Angehörige des ermordeten Ehegatten der Beschwerdeführerin angetroffen und erfahren, dass diese von der bevorstehenden Rückschaffung Kenntnis erhalten hät- ten und nun Anspruch auf die Kinder der Beschwerdeführerin erheben wür- den. Es sei keine Warnung an die Beschwerdeführerin erfolgt, sondern die genannte Bekannte habe beim Notar nachgefragt, ob die Familie des Er- mordeten tatsächlich entsprechende Anzeigen und Erklärungen abgege- ben habe. In einer Eingabe vom 22. April 2017 wurde zudem erklärt, die Bekannte habe die Familie des Ermordeten gebeten, ihr das Begehren für den Kindesanspruch schriftlich zu geben. Der Notar habe von der Familie das Einverständnis erhalten, ihr die Kopien auszuhändigen. Der Familie des Ermordeten sei daran gelegen, dass alle Behörden von ihrem An- spruchsrecht Kenntnis erhielten. Möglicherweise würden sie sich sogar Hilfe von den Schweizer Behörden erhoffen. Dieses Verhalten sei im koso- varischen Kontext plausibel und könne nicht als Gefälligkeit gegenüber der Beschwerdeführerin qualifiziert werden. B.d Das Bundesverwaltungsgericht stützte die vorinstanzliche Verfügung und wies die Beschwerde mit Urteil D-2089/2017 vom 11. Mai 2017 ab. C. Am 27. Juli 2018 gelangten die Beschwerdeführenden mit als «Gesuch be- treffend neues Asylgesuch / vorläufige Aufnahme / Gesuch um Wiederer- wägung» bezeichneten Eingabe an die Vorinstanz und beantragten, es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren, even- tualiter sei die vorläufige Aufnahme der Gesuchsteller anzuordnen, sube- ventualiter sei wiedererwägungsweise eine vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit und / oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges zu gewähren. In prozessualer Hinsicht wurde um die Erteilung der aufschie- benden Wirkung und Aussetzung des Wegweisungsvollzugs sowie Befrei- ung von der Bezahlung der Verfahrenskosten und Verzicht auf Erhebung eines Gebührenvorschusses sowie Bestellen eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes in der Person des Unterzeichneten ersucht. Begründet wurde das Gesuch damit, die Beschwerdeführerin habe sich erstmals einer eingehenden medizinischen Untersuchung nach dem inter- national anerkannten Istanbul -Protokoll unterzogen . D er entsprechende D-4802/2020 Seite 5 Bericht vom 28. Juni 2018 werde nun eingereicht. Die untersuchenden Ärz- tinnen hätten festgestellt, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der erlit- tenen häuslichen Gewalt durch ihren Ehemann und dessen Brüder sowie aufgrund der erlebten Erschiessung ihres Ehe mannes bei einer Rückfüh- rung in den Kosovo in erheblichem Masse retraumatisiert würde. Es seien unter anderem eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und eine Angst und depressive Störung diagnostiziert worden. Weiter lässt sich dem Arztbericht entnehmen, die Beschwerdeführerin habe bereits während der Hochzeitsvorbereitungen gemerkt, dass die Familie ihres Mannes sehr streng und anspruchsvoll sei. Im ersten Jahr nach der Hochzeit habe ihr Mann sie gut behandelt, seine Brüder jedoch seien immer strenger mit ihr umgegangen. Das Paar habe im Haus der Eltern des Ehemannes gelebt, wo auch die Brüder und deren Familien gelebt hätten . Bald habe sie bei ihren Schwägerinnen Zeichen von körperlicher Misshandlung bemerkt. Ihr Mann sei von seinen Brüdern kritisi ert worden, wenn er sie gut behandelt und ihr beispielsweise erlaubt habe, ihr e Familie alleine zu besuchen. Mit der Zeit habe ihr Mann begonnen, ebenfalls Hand gegen sie zu erheben. Nach der Geburt der Kinder habe er sie manchmal gezwungen, auf dem Boden zu schlafen zur Bestrafung. Auch habe er sie mehrfach vergewaltigt. Auch die im Haus lebenden Kinder seien von den Brüdern ihres Mannes regelmässig verprügelt worden. In diesem Klima der Gewalt habe die Be- schwerdeführer unter immer stärkerer Angst gelitten, weshalb sie sich auch nicht getraut habe, ihren Mann zu verlassen. Hätte sie dies getan, hätte ihre Schwiegerfamilie es niemals zugelassen, dass sie ihre Kinder mitge- nommen hätte. Nach dem Tod ihres Vaters im Mai 2015 habe sie sich noch hilfloser gefühlt , da sie keinerlei Schutz aus ihrer Familie mehr gehabt habe. Am (…) 2015 sei ihr Mann erschossen worden. Dies habe für sie bedeutet, dass sie keinerlei Rechte mehr habe gegenüber ihrer Schwie- gerfamilie. Sie sei nicht offiziell, sondern nur nach Brauch ver heiratet ge- wesen. Ihre Schwiegerfamilie halte s ich an den Kanun, welcher zwar seit den 1950er Jahren offiziell im Kosovo nicht mehr gelte, aber auf dem Land nach wie vor beachtet werde. In der Region D._______ sei es in der Regel so, dass die Frau beim Tod ihres Ehemannes ihre Kinder bei der Schwie- gerfamilie lassen und das Haus für immer verlassen müsse. Tue sie dies nicht, unternehme die Schwiegerfamilie alles M ögliche um die Kinder zu sich zu nehmen. Die Beschwerdeführerin habe sich nicht an diese Regeln gehalten, sondern sei ohne die Erlaubnis ihrer Schwiegerfamilie in die Schweiz gereist, wo sie um Asyl ersucht habe. Nachdem ihr Asylgesuch am 27. Dezember 2016 zweitinstanzlich abgewiesen worden sei, habe sie versucht, sich das Leben zu nehmen, und sei aufgrund dessen vom 6. bis zum 11. Januar 2017 hospitalisiert gewesen. Sie beschreibe Flashbacks D-4802/2020 Seite 6 und intrusive Gedanken im Zusammenhang mit den innerfamiliären Ge- waltvorfällen sowie mit dem Ort des Todes ihres Mannes, wo sie diesen tot, in seinem Blut liegend, vorgefunden habe, sowie Panikattacken und Angst in Bezug auf die Sicherheit ihrer Kinder. Sie klage über chronische Kopf- schmerzen, Muskelverspannungen und Zittern. Ferner beschreibe sie Hy- pervigilanz, eine grosse Lärmsensibilität, Reizbarkeit, Sch lafstörungen, Albträume, starke Angstzustände, Traurigkeit, Ohnmacht, Mü digkeit, Er- schöpfung und Weinen. Diese Symptomatik stimme mit jener einer PTBS überein. Bei ihr sei eine Fortsetzung der psychotherapeutischen Behand- lung sowie eine medikamentöse antidepress ive Behandlung indiziert. Ohne diese sei die Prognose schlecht. Sollten ihr ihre Kinder von der Schwiegerfamilie weggenommen werden, würde das Risiko von selbstge- fährdendem Verhalten bestehen. Die psychologischen Beobachtungen zu- sammen mit den erhaltenen Informationen und dem Wissen über innerfa- miliäre Gewalt, sexuelle Gewalt, den drohenden Verlust der Kinder, würden nach Meinung der Ärzte einen sehr hohen Grad an Kohärenz mit den gel- tend gemachten Misshandlungen und der Furcht vor der Wegnahme der Kinder durch die Schwiegerfamilie darstellen. Die beschriebene und beo- bachtete psychologische Symptomatik stimme in hohem Masse mit der extremen Stresssituation im soziokulturellen Kontext der Beschwerdefüh- rerin überein. Weiter wurde die Länderanalyse des SEM «Focus Kosovo – Behandlungs- angebote bei psychischen Erkrankungen» vom 25. Oktober 2016 zitiert. Darin werde festgestellt, dass bei schweren psychischen Störungen im Ko- sovo Einschränkungen in der Behandlung bestehen würden. Gerade kom- plexe PTBS würden eine grosse Herausforderung darstellen. Zum selben Befund komme der Länderbericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH), wonach derzeit im Kosovo keine Möglichkeit bestehe, eine PTBS zusammen mit einer schweren dep ressiven Episode angemessen zu be- handeln. Dies, weil sowohl die notwendigen Medikamente fehlen würden als auch das entsprechende Fachwissen der dortigen Ärzte nicht vorhan- den sei. Ferner sei das Kindeswohl vorrangig zu beachten. Eine Rückfüh- rung der Beschwerdeführenden hätte zur Folge, dass die Beschwerdefüh- rerin von ihren Kindern getrennt würde, sei es durch eine Fremdplatzie- rung, da sie gesundheitlich nicht in der Lage sein werde, im Kosovo ein eigenständiges Leben zu führen, sei es durch die Familie des verstorbenen Ehemannes. Ferner sei die Beschwerdeführerin durch ihren Ehemann und dessen Brüder Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Aufgrund ihrer Si- tuation würden daher konkrete Anzeichen für das Vorliegen geschlechts- spezifischer Verfolgungsgründe bestehen. D-4802/2020 Seite 7 D. Mit Verfügung vom 26. August 2020 (erö ffnet am 28. August 2020) nahm die Vorinstanz die Eingabe der Beschwerdeführenden als «qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch» entgegen, wies dieses ab und erklärte ihre Ver- fügung vom 4. März 2016 für rechtskräftig und vollstreckbar. Gleichzeitig wurden die Gesuche um unentgeltliche Verbeiständung und um Erlass der Verfahrenskosten abgewiesen und eine Gebühr in der Höhe von Fr. 600.– erhoben sowie festgehalten, dass einer allfälligen Beschwerde keine auf- schiebende Wirkung zukomme. Begründet wurde diese Verfügung im We- sentlichen damit, gemäss Beschluss des Bundesrates vom 6. März 2009 gelte der Kosovo als verfolgungssicherer Staat («safe country») im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG (SR 142.31). Damit bestehe die gesetzliche Regelvermutung, dass asylrelevante staatliche Verfolgung nicht stattfinde und Schutz vor nichtstaatliche r Verfolgung gewährleistet sei. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts würden Frauen im Ko- sovo bei der Durchsetzung ihrer Rechte zwar nach wie vor auf Schwierig- keiten stossen. Jedoch seien auch Fortschritte in der staatlichen Ahndung von häuslicher Gewalt gegen Frauen erzielt worden. Soweit die Beschwer- deführerin geltend mache, ihr Ehemann habe sie physisch und sexuell misshandelt, sei anzumerken, dass dieser bereits vor ihrer Ausreise ver- storben sei. Es sei daher ausgeschlossen, dass sie bei einer Rückkehr Ge- fahr laufen könnte, durch ihn häusliche Gewalt zu erfahren. Betreffend die Furcht, ihre Schwäger könnten sich erneut an ihr vergehen, sei festzuhal- ten, dass keine Hinweise darauf bestehen würden, dass diese je wegen häuslicher Gewalt angezeigt worden wären. Es würden demnach keine An- haltspunkte dafür vorliegen, dass sie trotz einer Strafanzeige der konkreten Gefahr zukünftiger gewalttätiger Übergriffe ausgesetzt sein könnte. Ferner sei im letzten Verfahren festgestellt worden, dass der Schwager und wei- tere Angehörige ihres verstorbenen Ehemannes sie offensichtlich in ihrem Bestreben unterstützt hätten, nicht in den Kosovo zurückk ehren zu müs- sen. In Bezug auf den eingereichten psychiatrischen Bericht stellte die Vo- rinstanz fest, dass dieser sich lediglich an den Empfehlungen des Istanbul- Protokolls orientiere, jedoch kein eigentliches Gutachten nach Istanbul - Protokoll darstelle und es offenbleibe, inwieweit und nach welchen Kriterien dessen Standards angewendet worden seien. Das SEM stell e sodann nicht in Abrede, dass d ie Beschwerdeführerin psychisch belastet sei, es falle jedoch auf, dass den früheren Verfahren keinerlei Andeutungen oder Hinweise für erlittene häusliche Gewalt zu entnehmen seien. Zwar ver- weise sie in ihrer Eingabe zurecht darauf, dass besonders delikate Situati- onen erst im späteren Verlauf des Verfahrens ans Licht kommen können D-4802/2020 Seite 8 und die Glaubhaftigkeit von Vorbringen über psychisch belastende Ereig- nisse im Zusammenhang mit einer verspätet geltend gemachten ge- schlechtsspezifischen Verfolgung nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen seien. Indes sei in dieser Situation eine individuelle und nuancierte Überprüfung vorz unehmen, welche die Gesamtheit aller Umstände des Einzelfalls berücksichtige. So erstaune, dass sie die gewalttätigen Über- griffe im Haushalt ihres Mannes, insbesondere was die Kinder betreffe, in keinem der früheren Verfahren erwähnt habe. Insgesamt vermöge deshalb der eingereichte psychiatrische Bericht den Entscheid vom 4. März 2016 nicht umzustossen. Weiter mache d ie Beschwerdeführerin geltend, ihre Kinder seien aufgrund des gewaltsamen Todes ihres Vaters von Blutrache bedroht und der Kanun würde vorsehe n, dass ihr ihre Kinder weggenom- men würden. Diese Vorbringen seien bereits im ordentlichen Verfahren be- ziehungsweise im ersten Wiedererwägungsverfahren geprüft worden. Es sei daher vollumfänglich auf die Verfügung des SEM vom 4. März 2016 und vom 24. März 2017 sowie auf die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts D-1609/2016 vom 27. Dezember 2016 und D-2089/2017 vom 11. Mai 2017 zu verweisen. Schliesslich mache sie geltend, ihre psychische Erkrankung sei im Kosovo nicht angemessen behandelbar. Das Bundesverwa ltungs- gericht sei in vergleichbaren Fällen zum Schluss gekommen, dass die be- nötigte medizinische Behandlung aufgrund der im Kosovo vorhandenen medizinischen Versorgungslage weitgehend gewährleistet sei. Es sei da- von auszugehen, dass auch die Beschwerdeführenden die in der Schweiz aufgenommene Behandlung im Kosovo fortsetzen könnten, wenn auch nicht unter denselben Voraussetzungen wie in der Schweiz. Dabei sei auf die Möglichkeit einer individuellen medizinischen Rückkehrhilfe zu verwei- sen. Auch in Bezug auf das Kindswohl sei die Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs durch das Bundesverwaltungsgericht in den früheren Ver- fahren bestätigt worden. Vor dem Hintergrund, dass die psychiatrische Be- handlung im Kosovo möglich sei, sei nicht davon auszugehen, dass die Kinder fremdplatziert werden müssten. Zudem sei davon auszugehen, dass sie im Kosovo durch ihre Verwandten Unterstützung erhalten könne. Auch die durch den Besuch der Schule beginnende Integration der Kinder in der Schweiz vermöge nicht eine Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs zu begründen. Somit würden keine Gründe vorliegen, welche die Rechtskraft der Verfügung vom 4. März 2016 beseitigen könnten, weshalb das Wiedererwägungsgesuch abzuweisen sei. E. Am 28. September 2020 erhoben die Beschwerdeführenden gegen diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragten, D-4802/2020 Seite 9 der Entscheid des SEM sei vollumfänglich aufzuheben, es sei ihre Flücht- lingseigenschaft festzustellen und ihnen sei Asyl zu gewähren, eventualiter seien sie vorläufig aufzunehmen, subeventualiter sei die Sache zur Vor- nahme von weiteren Abklärungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, es sei der Beschwerde die auf- schiebende Wirkung zu erteilen und der Vollzug der Wegweisung per sofort auszusetzen, es sei den Beschwerdeführenden für das vorinstanzliche Verfahren die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und ihnen sei in der Person des unterzeichnenden Rechtsanwaltes ein unentgeltlich er Rechtsbeistand zu bestellen sowie es sei ihnen im Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und in der Person des un- terzeichnenden Rechtsanwaltes ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu be- stellen. Zur Begründung der Beschwerde wurde im Wesentlichen ange- führt, die Beschwerdeführenden hätt en erhebliche häusliche Gewalt und den gewaltsamen Tod ihre s Ehemannes beziehungsweise Vaters erlebt. Auch würden frauenspezifische Verfolgungsgrün de vorliegen. Die Be- schwerdeführerin leide deswegen heute unter anderem an einer PTBS und einer Angst und depressiven Störung, die im Kosovo aufgrund mangelnder Therapiemöglichkeit sowie aufgrund der erheblichen Gefahr einer Retrau- matisierung nicht angemessen behandelt werden könnten. Eine Rückfüh- rung hätte auch zur Folge, dass die Beschwerdeführerin von ihren Kindern getrennt würde. Schliesslich leide auch eines der beiden Kinder aufgrund der erlittenen häuslichen Gewalt an einer PTBS, Anpassungsstörung und Pavor Nocturnus, die im Kosovo nicht behandelt werden könnten. Im ein- gereichten Arztbericht werde festgeste llt, dass der Beschwerdeführer 3 eine angemessene Behandlung seiner psychischen Krankheiten benötige, die im Kosovo allerdings nicht existiere. Ferner würde ihn eine Rückkehr in den Kosovo, wo ihm diese schrecklichen Ereignisse zugestossen seien, retraumatisieren und seine Entwicklung könnte dadurch langfristig geschä- digt werden. Dies stehe mit dem Kindeswohl nicht im Einklang und würde ebenfalls asylrelevante Nachteile nach sich ziehen. Ferner seien die Kinder in der Schweiz gut integriert. Zusätzlich wird in der Beschwerde geltend gemacht, am 12. März 2020 sei das Elternhaus der Beschwerdeführerin in D._______ bis auf die Mauern niedergebrannt. Es sei offenbar in Abwe- senheit der Bewohner eingedrungen und ein Feuer gelegt worden, dies werde durch einen Bericht des Innenministeriums bestätigt. Im Bereich der geschlechtsspezifischen Verfolgung müsse geprüft werden, ob für die Frauen nach Berücksichtigung der gesamten in einer bestimmten Gemein- schaft geltenden Regeln ein Minimum an persönlicher Entfaltung im Sinne der Menschenwürde möglich sei. Nach geltender Praxis würden die gene- rellen und die grundsätzlichen Schwierigkeiten, denen die Frauen in einer D-4802/2020 Seite 10 patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt sind, für sich allein keine Verfol- gung im Sinne des Asylgesetzes darstellen. Indes könnten Frauen, je nach den spezifischen Verhältnissen im jeweiligen Land , wegen der bestehen- den sozialen Beziehungen in eine Situation geraten, die mit einer Gefähr- dung ihres Lebens oder ihrer körperlichen Integrität gleichzusetzen sei. Ge- mäss Schutztheorie sei zu klären, ob die Person, die verfolgt werde oder eine Verfolgung befürchte, angemessenen Schutz in ihrem Heimatland fin- den könne. Im Bereich der geschlechtsspezifischen Verfolgung sei die Auf- forderung, Schutz bei den Behörden zu suchen, differenziert zu betrachten und die Prüfung müsse die spezifischen Verhältnisse im He rkunftsstaat und die persönliche Situation des Opfers berücksichtigen. Indem sich die Vorinstanz ganz allgemein auf den Standpunkt stelle, der Kosovo sei ein «safe country» und damit weder die spezifischen Verhältnisse im Her- kunftsstaat noch die persönliche Situation des Opfers berücksichtige, ver- letze sie den Anspruch auf rechtliches Gehör und stelle den Sachverhalt nicht rechtsgenüglich fest. Ferner attestiere die Vorinstanz dem eingereich- ten psychiatrischen Gutachten keine Relevanz und behaupte, dieses s ei kein Gutachten nach Istanbul -Protokoll, ohne dies zu begründen . Damit verletze sie nicht nur den Anspruch auf rechtliches Gehör, sondern auch grundlegende Beweisregeln des Asylverfahrens. Entgegen der Ansicht des SEM müsse dem eingereichten Gutachten erheblicher Beweiswert zukom- men. Ferner wird dem Vorwurf des SEM, die Beschwerdeführerin habe die häusliche Gewalt in keinem früheren Verfahren geltend gemacht, entgeg- net, es sei – selbst nach Weisung des SEM – möglich, dass besonders delikate Situationen, beispielsweise eine Vergewaltigung, erst im späteren Verlauf des Verfahrens ans Licht kämen. Die schwere Traumatisierung der Beschwerdeführerin sei sodann erstellt. Das ärztliche Gutachten stelle zu- dem fest, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihres Trauma s grosse Schwierigkeiten bekunde, über die innerfamiliären Erlebnisse zu berichten. Weiter wird geltend gemacht, der Kosovo stelle für alleinerziehende Frauen und insbesondere solche, die Opfer häuslicher Gewalt und sexueller Über- griffe geworden seien, kei n «safe country» dar. Der Kosovo zeichne sich durch ein hohes Aufkommen an Gewalt gegen Frauen aus. So verbiete selbst Deutschland, welches den Kosovo ebenfalls als «safe country» er- achte, die Abschiebung von alleinerziehenden Frauen in den Kosovo, weil die Gefahr sozialer und wirtschaftlicher Isolation drohe. Schliesslich habe das SEM den Aspekt des Kindeswohls mit keinem Wort berücksichtigt. Die Beschwerdeführenden 2 und 3 würden in der Schweiz die Schule besu- chen und hätten den Kosovo im Alter von vier J ahren verlassen. Sie wür- den die Landessprache fliessend in Wort und Schrift beherrschen. Gemäss Bericht der Lehrpersonen würden sie sich hier in einem kindergerechten D-4802/2020 Seite 11 und stabilen Umfeld befinden und seien gut entwickelt. Ein Herausreissen aus diesem gewohnten Umfeld würde das Kindeswohl gefährden, insbe- sondere da vollkommen unklar sei, was mit ihnen im Kosovo geschehen würde. Auch dies habe die Vorinstanz pflichtwidriger Weise nicht näher ab- geklärt. Dabei sei darauf hinzuweisen, dass eines der beiden Kinder unter gesundheitlichen Problemen leide. Das Kindeswohl sei im höchsten Aus- mass gefährdet, wenn die Familie in den Kosovo abgeschoben würde. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden folgende Beweismittel zu den Akten: die Auskunft der SFH-Länderanalyse vom 12. September 2017 (Kosovo: Sorgerecht), einen ärztlichen Bericht betreffend die Beschwerdeführerin vom 28. Juni 2018, ein Schreiben von Frau Amélie Hagmann vom 21. Juli 2020, zwei Schulbestätigungen für die beiden Kinder vom 8. Juli 2020, ein Schreiben von Jean -Daniel Diserens vom 23. September 2020, eine n ärztlichen Bericht betreffend den Be- schwerdeführer 3 vom 30. Juni 2020, einen Bericht des Innenministeriums der Republik Kosovo vom 16. März 2020 mit beglaubigter Übersetzung so- wie eine Auskunft der SFH-Länderanalyse vom 31. August 2016 (Kosovo: Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer schwe- ren depressiven Episode). F. Am 29. September 2020 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be- handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM. Da Wiederer- wägungsentscheide gemäss Lehre und Praxis grundsätzlich wie die ur- sprüngliche Verfügung auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezo- gen werden können, ist das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was vorliegend nicht der Fall ist – bei Vorlie- gen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor dem die Beschwerde führende Person Schutz sucht (A rt. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). D-4802/2020 Seite 12 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Be- schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form- gerecht eingereichte Beschwerde ( aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 1.4 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (vgl. Art. 21 Abs. 1 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht kann auch in solchen Fällen auf die Durchführung des Schriftenwechsels verzichten (Art. 111 a Abs. 1 AsylG). 1.5 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 2. Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und begründet einzureichen (Art. 111b aAbs. 1 AsylG). In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs- gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange- fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi- onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begrün den (zum soge- nannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch " vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.). 3. 3.1 Die Beschwerdeführenden rügen eine Verletzung des rechtlichen Ge- hörs und des Untersuchungsgrundsatzes. Diese formellen Rügen sind vorab zu beurteilen. D-4802/2020 Seite 13 3.2 Nach Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Ge- hör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern und er- hebliche Beweise beizubringen, wenn dies geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1, BVGE 2009/35 E. 6.4.1 mit Hin- weisen). Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver- haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach- verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise fa lsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal- tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043). 4. 4.1 Nach eingehender Prüfung der Akten erachtet das Bundesverwal- tungsgericht den rechtserheblichen Sachverhalt für nicht ric htig und voll- ständig abgeklärt. Ferner wird in Bezug auf den eingereichten Arztbericht eine Verletzung des rechtlichen Gehörs festgestellt. So stellt die Vorinstanz in ihrer Verfügung fest, der eingereichte psychiatrische Bericht orientiere sich lediglich an den Empfehlungen des Istanbul -Protokolls, stelle jedoch kein Gutachten nach Istanbul-Protokoll dar und es bleibe offen, inwieweit und nach welchen Kriterien dessen Standards angewendet worden seien. Die Vorbringen der Beschwerdeführenden betreffend erlebte häusliche Ge- walt erachtet die Vorinstanz trotz Bericht als unglaubha ft. Im Bericht wird hingegen festgehalten, dieser sei unter Berüc ksichtigung der Empfehlun- gen des Istanbul-Protokolls verfasst worden. Die Vorinstanz unterlässt es in ihrer Verfügung, zu begründen, weshalb sie davon ausgeht, dass der Bericht den Standards eines Gutachtens nach Istanbul-Protokoll nicht ent- spreche. Das Istanbul-Protokoll (vollständiger Titel: Handbuch für die wirk- same Untersuchung und Dokumentation von Folter und anderer grausa- mer, unmenschlicher oder entwürdigender Behandlung oder Strafe) bein- haltet allgemeingültige Standards zur Untersuchung und Dokument ation von Folter und weiteren Menschenrechtsverletzungen. Die Standards des Istanbul-Protokolls wurden durch diverse Sachverständige während eines D-4802/2020 Seite 14 dreijährigen Prozesses ausgearbeitet und von der UN -Generalversamm- lung angenommen. Gutachten, die im Einklang mit den Standards des Is- tanbul-Protokolls erstellt werden, kann somit ein erhöhter wissenschaftli- cher Wert zuerkannt werden (vgl. Interpellation Glättli 17.3193, verfüg bar unter: https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suchecuria-vista/ge- schaeft?AffairId=20173193, abgerufen am 11.11.2020). Es ist somit für die Feststellung des korrekten Sachverhaltes durchaus relevant, ob es sich beim psychiatrischen Bericht um ein Gutac hten handelt, welches im Ein- klang mit den Standards des Istanbul-Protokolls erstellt wurde. Indem das SEM dies ohne weitere Begründung verneint und der Beschwerdeführerin zu dieser Einschätzung auch keine Möglichkeit zur Stellungnahme gewährt hat, hat sie deren Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Dadurch, dass dieses Beweismittel von der Vorinstanz nicht hinreichend gewürdigt wurde, wurde ausserdem der rechtserhebliche Sachverhalt nicht korrekt festge- stellt. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass die Argum entation der Vo- rinstanz, es erstaune, dass die Beschwerdeführerin die gewalttätigen Übergriffe im Haushalt ihres Mannes in keinem früheren Verfahren erwähnt habe, nicht zu überzeugen vermag. Nach konstanter Rechtsprechung des Gerichts kann ein verspätetes Vorbringen durch kulturell bedingte Schuld- und Schamgefühle beziehungsweise einen Selbstschutzmechanismus er- klärbar sein (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.3 mit Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 17). Das Vorbringen der Beschwerdeführerin im Hinblick auf die erlittene (sexuelle) Gewalt durch ihren Ehemann und dessen Brüder wird vom Gericht angesichts des ärztlichen Berichts und der Diagnose als glaubhaft erachtet. 4.2 Betreffend Sachverhaltsfeststellung ist weiter festzuhalten, dass unter Berücksichtigung des ärztlichen Berichts beziehungsweise der darin gel- tend gemachten neuen Vorbringen sowie der gesundheitlichen Probleme sowohl der Beschwerdeführerin als auch des Beschwerdeführ ers 3 die Aussage der Vorinstanz, betreffend Blutrache, Kindswohl und einer allfälli- gen Wegnahme der Kinder könne auf die vorherigen Verfügungen und Ur- teile verwiesen werden, nicht genügt. Diese Fragen sind alle – nach der korrekten und vollständigen Feststellung des Sachverhalts – einer erneu- ten Prüfung zu unterziehen. Dasselbe gilt für das Vorbringen einer mögli- chen Retraumatisierung bei einer Rückkehr in den Kosovo. Es ist vorlie- gend weder nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz dem ärztlichen Be- richt die Relevanz abspricht, noch, weshalb im Hinblick auf die neuen Vor- bringen durch die Vorinstanz keine weiteren Abklärungen vorgenommen worden sind. Die Beschwerdeführenden sind als alleinerziehende Mutter D-4802/2020 Seite 15 und deren Kinder als vulnerable Gruppe zu qualifizieren. Sie stammen aus einem Teil Kosovos, von welchem bekannt ist, dass die Gesellschaft nach wie vor sehr traditionell funktioniert. Die Vorinstanz wäre unter diesen Um- ständen gehalten gewesen – und ist es nun umso mehr im Hinblick auf die Beweismittel betreffend Brandstiftung im Haus der Mutter der Beschwer- deführerin – weitere Abklärungen, insbesondere eine Botschaftsabklärung vorzunehmen. 4.3 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Vorinstanz, indem sie dem eingereichten Arztbericht kaum Gewicht zumass und es unterliess, weitere Abklärungen vorzunehmen, den Sachverhalt nicht richtig und vollständig abgeklärt und damit den Untersuchungsgrundsatz verletzt hat. Relevante Abklärungen im Herkunftsstaat sind möglich und angezeigt. 5. 5.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. 5.2 Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt wer den müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen feh- lende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Be- schwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). 5.3 Nach dem Gesagten erweist sich eine Kassation als angezeigt. Zwar kann auch das Bundesverwaltungsgericht einzelne Untersuchungsmass- nahmen veranlassen und selber durchführen. Da jedoch der Sachverhalt nicht abschliessend geklärt erscheint und weitere Untersuchungsmass- nahmen notwendig sind, ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Auf- hebung der vorinstanzlichen Verfügung beantragt wird. Das Verfahren ist an die Vorinstanz zurückzuweisen und diese ist anzuweisen, in geeigneter Weise die Umstände der Beschwerdeführenden in D._______ abzuklären, insbesondere betreffend deren Gesundheit und der Möglichkeit, unter de- ren Berücksichtigung wieder dort Fuss zu fassen , sowie der Möglichkeit einer Wegnahme der Kinder der Beschwerdeführerin durch deren Schwie- gerfamilie. Weiter ist es anzuweisen, die im Beschwerdeverfahren einge- reichten Unterlagen angemessen zu würdigen und die Sache neu zu beur- teilen. D-4802/2020 Seite 16 Bei dieser Sachlage erübrigt sich eine weitere Auseinandersetzung mit den restlichen Vorbringen im Beschwerdeverfahren. 6. Mit dem materiellen Entscheid in der Hauptsache wird der prozessuale An- trag, es sei der Vollzug der Wegweisung für die Dauer des Beschw erde- verfahrens auszusetzen, hinfällig. 7. 7.1 Die Beschwerdeführenden beantragen, ihnen sei auch für das vor - instanzliche Verfahren die unentgeltliche Prozessführung sowie die unent- geltliche Rechtsverbeiständung zu gewähren. 7.2 Der Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege und amtliche Verbei- ständung wird in erster Linie durch das anwendbare Verfahrensrecht gere- gelt. Unabhängig davon besteht ein solcher Anspruch auch unmittelbar ge- stützt auf Art. 29 Abs. 3 BV (BGE 128 I 225 E. 2.3). Danach hat jede Per- son, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und deren Rechtsbe- gehren nicht aussichtslos erscheint, Anspruch auf unentgeltliche Rechts- pflege. Soweit es zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist, hat sie ausser- dem Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand. F ür das Beschwerde- verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht wird die unentgeltliche Rechtspflege in aArt. 110 a AsylG (vgl. für das neue Recht: Art. 102m AsylG) und Art. 65 VwVG konkretisiert. In Bezug auf Beschwerden im Rah- men von Wiedererwägungsverfahren verzichtete der Gesetzgeber auf die Anwendung der erleichterten Regelungen zur amtlichen Verbeiständung (vgl. aArt. 110a AsylG; vgl. für das neue Recht: Art. 102m Abs. 2 AsylG), so dass die allgemeinen Regeln des Art. 65 Abs. 2 VwVG zur Anwendung kommen. Für das erstinstanzliche Asylverfahren als nichtstreitiges Verwal- tungsverfahren fehlt eine entsprechende ausdrückliche gesetzliche Rege- lung (vgl. BVGE 2017 VI/8 E. 3.1). 7.3 Vorliegend ist festzustellen, dass in der Beschwerde zu Recht ausge- führt wird, das Wied ererwägungsgesuch sei nicht aussichtslos gewesen und die prozessuale Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin ergebe sich aus den Akten. Die Vorinstanz wäre bei einer anderen Betrachtungsweise ver- pflichtet gewesen, der Beschwerdeführerin eine entsprechende Nac hfrist für das Einreichen einer Fürsorgebestätigung anzusetzen. Bereits der Um- stand, dass das Migrationsamt des Kantons Thurgau mit Schreiben vom 2. August 2018 darum ersucht wurde, den Vollzug der Wegweisung im Sinne einer vorsorglichen Massnahme einstweilen auszusetzen, zeigt auf, D-4802/2020 Seite 17 dass auch das SEM nicht von der Aussichtslosigkeit des Wiedererwä- gungsgesuchs ausging. Dafür spricht auch die Dauer des Verfahrens. Vor diesem Hintergrund ergibt sich, dass in der angefochtenen Verfügung zu Unrecht von der Aussichtslosigkeit des Wiedererwägungsgesuchs ausge- gangen und eine Gebühr erhoben wurde. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG für das erstinstanzliche Wiedererwägungsverfahren ist folglich gutzuheissen. Allfällig bereits ge- leistete Gebühren sind der Beschwerdeführerin durch die Vorinstanz zu- rückzuerstatten. 7.4 Betreffend die Notwendigkeit einer amtlichen Verbeiständung im vo- rinstanzlichen Verfahren ist festzuhalten, dass es für die Anhandnahme ei- nes Wiedererwägungsverfahrens durch das SEM gestützt auf das Asylge- setz genügt, wenn die Partei den Grund für die Wiedererwägung schriftlich darlegt und zur Untermauerung der Vorbringen allenfalls geeignete Be- weismittel vorlegt (vgl. dazu auch das Urteil des Bundesverwaltungsge- richts E-1943/2019 vom 24. Mai 2019 E. 4.5). Sofern das SEM das Gesuch aufgrund der Eingabe und der Beweismittel nicht zur Entscheidreife brin- gen kann, ist es gehalten, weitere Abklärungen bis hin zu einer erneuten Anhörung, vorzunehmen. Vorliegend hat das SEM keine weiteren Abklä- rungen vorgenommen, jedoch wurden auch durch den Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden keine weiteren Eingaben getätigt. Es ist nicht er- kennbar, dass diese ihr Verfahren notwendigerweise nur mit Unterstützung durch eine n amtlich beigeordn eten Rechtsvertreter hätten durchführen können. Es stellten sich im erstinstanzlichen Wiedererwägungsverfahren weder in tatsächlicher noch rechtlicher Hinsicht schwierige Fragen. Dies im Unterschied zum Beschwerdeverfahren, wo bereits der Entscheid über die Gewährung der amtlichen Rechtsverbeiständung im erstinstanzlichen Ver- fahren komplexere Rechtssachverhalte beinhaltet und Ansprüche betrifft, die die Beschwerdeführerin als Laiin und einer Schweizerischen Amtsspra- che nicht mächtigen Person nicht ohne fachliche juristische Unterstützung geltend zu machen vermag (vgl. a.a.O. E. 6.1). Folglich hat die Vorinstanz das Gesuch um amtliche Rechtsverbeistä ndung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG zu Recht mangels Notwendigkeit abgewiesen. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), weshalb der Antrag um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung gegenstandslos geworden ist. D-4802/2020 Seite 18 8.2 Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote zu den Akten gereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann jedoch verzich- tet werden, da sich im vorliegenden Verfahren der Aufwand zuverlässig ab- schätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Dem Beschwerdeführer ist somit eine Parteientschädigung zu Last en des SEM von insgesamt Fr. 3’000.– zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-4802/2020 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der angefochte- nen Verfügung beantragt wird. 2. Die Verfügung des SEM vom 26. August 2020 wird aufgehoben und das Verfahren zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an das SEM zu- rückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insge- samt Fr. Fr. 3’000.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Aglaja Schinzel Versand: