<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 59 S.312</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">312</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>59 Rechtliches</b></span> <span class="ft2"><b>Gehör.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Anspruch auf Beweisabnahme (Erw. 3).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Gewährung des rechtlichen Gehörs im Zusammenhang mit einem</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Augenschein (Erw. 4).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 23. Dezember 2008 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen Einwohnergemeinde X. gegen das Bezirksamt Bremgarten</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2008.315).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Zum rechtlichen Gehör gehört u.a. das Recht der Verfahrensbe-</span><br/> <span class="ft1">teiligten, sich vor Erlass eines in ihre Rechtsstellung eingreifenden</span><br/> <span class="ft1">Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen,</span><br/> <span class="ft1">Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen</span><br/> <span class="ft1">gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entwe-</span><br/> <span class="ft1">der mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äus-</span><br/> <span class="ft1">sern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen</span><br/> <span class="ft1">(BGE 126 I 15 Erw. 2a/aa; 124 I 49 Erw. 3a; 124 I 241 Erw. 2, je mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Aus dem Gehörsrecht ergibt sich somit der Anspruch auf Be-</span><br/> <span class="ft1">weisabnahme. Der Verzicht auf die Durchführung beantragter Be-</span><br/> <span class="ft1">weismassnahmen ist indessen zulässig, wenn das Gericht auf Grund</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">313</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">bereits abgenommener Beweise oder gestützt auf die Aktenlage seine</span><br/> <span class="ft1">Überzeugung gebildet hat und ohne Willkür in vorweggenommener</span><br/> <span class="ft1">Beweiswürdigung annehmen kann, dass seine Überzeugung durch</span><br/> <span class="ft1">weitere Beweiserhebungen nicht geändert würde (BGE 122 II 464</span><br/> <span class="ft1">Erw. 4a; 115 Ia 97 Erw. 5b).</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">In seinem Beschluss vom 21. Januar 2008 rechnete der Stadtrat</span><br/> <span class="ft1">X. dem Beschwerdegegner u.a. die Miete von drei Bastelräumen als</span><br/> <span class="ft1">hypothetisches Einkommen an, da davon ausgegangen werden</span><br/> <span class="ft1">müsse, dass der Beschwerdegegner mit den in den Bastelräumen ein-</span><br/> <span class="ft1">gelagerten Teppichen Handel betreibe und damit ein Einkommen er-</span><br/> <span class="ft1">ziele oder andere Geldquellen habe, da es seiner Familie andernfalls</span><br/> <span class="ft1">nicht möglich wäre, allen zusätzlichen finanziellen Verpflichtungen</span><br/> <span class="ft1">auf Dauer nachzukommen.</span><br/> <span class="ft1">Im Verwaltungsbeschwerdeverfahren beantragte der Stadtrat X.</span><br/> <span class="ft1">den Beizug eines Sachverständigen zur Bewertung der eingelagerten</span><br/> <span class="ft1">Gegenstände (Teppiche usw.).</span><br/> <span class="ft1">3.3. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">3.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Es ist zutreffend, dass das Bezirksamt dem Beweisantrag des</span><br/> <span class="ft1">Stadtrats X. stillschweigend nicht stattgegeben hat. Allein darin liegt</span><br/> <span class="ft1">jedoch keine Verletzung des rechtlichen Gehörs, sofern hinreichende</span><br/> <span class="ft1">Gründe für einen Verzicht auf die Beweisabnahme gegeben waren</span><br/> <span class="ft1">und dies mit genügender Klarheit aus dem angefochtenen Entscheid</span><br/> <span class="ft1">hervorgeht (BGE vom 18.</span> <span class="ft1">November 2003 [1P.452/2003],</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2.2.2).</span><br/> <span class="ft1">3.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Aus den Erwägungen des Beschwerdeentscheids ergibt sich,</span><br/> <span class="ft1">dass die Vorinstanz einen Augenschein am Wohnort des Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">degegners durchgeführt hat, um zu prüfen, ob der Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft1">mit den in seinen Bastelräumen eingelagerten Teppichen Einkommen</span><br/> <span class="ft1">erzielt. Dabei ist die Vorinstanz zum Schluss gekommen, die in den</span><br/> <span class="ft1">Bastelräumen eingelagerten Teppiche hätten keinen besonderen wirt-</span><br/> <span class="ft1">schaftlichen Wert. Ob sie mit dieser Beurteilung den wirtschaftlichen</span><br/> <span class="ft1">Wert der Teppiche selbst abschätzen konnte und deshalb stillschwei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">314</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gend den Beweisantrag des Stadtrats X. abgelehnt hat, ergibt sich aus</span><br/> <span class="ft1">den Erwägungen nicht eindeutig, kann aber offen gelassen werden.</span><br/> <span class="ft1">Im angefochtenen Beschluss vom 21. Januar 2008 hat die So-</span><br/> <span class="ft1">zialbehörde X. dem Beschwerdegegner weder ein (hypothetisches)</span><br/> <span class="ft1">Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit angerechnet noch</span><br/> <span class="ft1">wurde er verpflichtet, in den Bastelräumen befindliche Vermögens-</span><br/> <span class="ft1">werte zu liquidieren. Der Beweisantrag der Einwohnergemeinde X.</span><br/> <span class="ft1">zielte denn auch auf die "Rückschlüsse zur Frage der Erwerbstätig-</span><br/> <span class="ft1">keit" des Beschwerdegegners. Ein allfälliges Einkommen aus selb-</span><br/> <span class="ft1">ständiger Tätigkeit war indessen nicht Gegenstand der Beschwerde.</span><br/> <span class="ft1">Zur Beurteilung der im Beschwerdeverfahren umstrittenen Aufrech-</span><br/> <span class="ft1">nungen der Mieten für die drei Bastelräume war keine sachverstän-</span><br/> <span class="ft1">dige Schätzung der eingelagerten Gegenstände erforderlich. Beweise</span><br/> <span class="ft1">müssen nur über (rechts-) erhebliche streitige Tatsachen erhoben</span><br/> <span class="ft1">werden, und Beweisanträge, welche eine nicht erhebliche Tatsache</span><br/> <span class="ft1">betreffen, offensichtlich nicht tauglich sind oder das Beweisergebnis</span><br/> <span class="ft1">nicht ändern, können in antizipierter Beweiswürdigung abgelehnt</span><br/> <span class="ft1">werden (BGE 131 I 153 Erw. 3 mit Hinweisen; 124 I 208 Erw. 4a;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2003, S. 311). Indem die Vorinstanz vom beantragten Gut-</span><br/> <span class="ft1">achten zu einer nicht streitgegenständlichen Frage Abstand nahm und</span><br/> <span class="ft1">bei der Beurteilung nicht auf die Feststellungen des Augenscheins</span><br/> <span class="ft1">abstellte, hat sie das Recht auf Beweisofferte der Einwohnergemein-</span><br/> <span class="ft1">de X. nicht verletzt.</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Wenn sich eine Behörde des Beweismittels des Augenscheins</span><br/> <span class="ft1">bedient, muss sie es in den vorgeschriebenen Formen tun und die</span><br/> <span class="ft1">Grundsätze des rechtlichen Gehörs beachten (BGE 104 Ib 119</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2c). Unter dem Titel "Beweiserhebung" ist in § 22 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">VRPG vorgesehen, dass die Verwaltungsbehörde oder deren Beauf-</span><br/> <span class="ft1">tragte zur Ermittlung des Sachverhalts u.a. auch Beteiligte und Aus-</span><br/> <span class="ft1">kunftspersonen befragen und Augenscheine vornehmen können. In</span><br/> <span class="ft1">welcher Form dies zu geschehen hat, wird anders als im für das Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgericht geltenden § 22 Abs. 3 VRPG, wo für die Beweisab-</span><br/> <span class="ft1">nahme auf die Regeln der Zivilprozessordnung verwiesen wird (für</span><br/> <span class="ft1">den Augenschein: § 249 ZPO), nicht näher bestimmt. § 22 Abs. 1</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">315</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">VRPG enthält somit weder spezifische Vorschriften über die Art der</span><br/> <span class="ft1">Protokollführung noch ergibt sich daraus auch nur eine unmittelbare</span><br/> <span class="ft1">Verpflichtung der Verwaltungsbehörden zur Protokollierung von Au-</span><br/> <span class="ft1">genscheinen. Vom Gesetzgeber war klarerweise beabsichtigt, den</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsinstanzen allgemein ein weniger förmliches Vorgehen zu</span><br/> <span class="ft1">ermöglichen als den Justizbehörden (AGVE 1986, S. 336 f. mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweis auf die Materialien; AGVE 1986, S. 112). Anderseits gelten</span><br/> <span class="ft1">die allgemeinen Verfahrensvorschriften des VRPG (§§ 15 ff.) grund-</span><br/> <span class="ft1">sätzlich uneingeschränkt auch für die Verwaltungsbehörden des</span><br/> <span class="ft1">Kantons und der Gemeinden (§ 1 Abs. 1 VRPG). Insbesondere die</span><br/> <span class="ft1">Bestimmungen über das rechtliche Gehör sind auch für die Be-</span><br/> <span class="ft1">weiserhebung durch Verwaltungsinstanzen von grösster Bedeutung</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 1986, S. 337). Wo sich die kantonalen Verfahrensvorschrif-</span><br/> <span class="ft1">ten als unzureichend erweisen, greifen zudem die unmittelbar aus</span><br/> <span class="ft1">Art. 29 Abs. 2 BV folgenden bundesrechtlichen Minimalgarantien</span><br/> <span class="ft1">Platz (BGE 116 Ia 94 Erw. 3a; ferner AGVE 1980, S. 305 f.; zum</span><br/> <span class="ft1">Ganzen: AGVE 2001, S. 371; 2000, S. 342 f.).</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Im Hinblick auf die spätere Gewährung des Akteneinsichts-</span><br/> <span class="ft1">rechts, zur Schaffung einwandfreier Entscheidgrundlagen sowie zur</span><br/> <span class="ft1">Wahrung des Beschwerderechts ist es unumgänglich, dass die an-</span><br/> <span class="ft1">lässlich eines Augenscheins gemachten Feststellungen in einem</span><br/> <span class="ft1">Protokoll schriftlich festgehalten werden. Das Recht auf Aktenein-</span><br/> <span class="ft1">sicht begründet daher auch eine Aktenerstellungspflicht. Die Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsbehörden haben über die wesentlichen Ergebnisse des Au-</span><br/> <span class="ft1">genscheins immer ein Protokoll zu erstellen, das den Parteien nach</span><br/> <span class="ft1">dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs auch jederzeit zur Einsicht-</span><br/> <span class="ft1">nahme offen stehen muss (BGE 130 II 473 Erw. 2.3; Alfred Kölz /</span><br/> <span class="ft1">Jürg Bosshart / Martin Röhl, VRG, Kommentar zum Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">rechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 2. Auflage, Zürich 1999, § 7</span><br/> <span class="ft1">N 49; Thomas Merkli / Arthur Aeschlimann / Ruth Herzog, Kom-</span><br/> <span class="ft1">mentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege im Kanton</span><br/> <span class="ft1">Bern, Bern 1997, Art. 19 N 33; Attilio R. Gadola, Das verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">interne Beschwerdeverfahren, Diss. Zürich 1991, S. 409; zum Gan-</span><br/> <span class="ft1">zen: AGVE 2001, S. 372 f.; 2000, S. 344).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">316</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">In den Akten findet sich kein Protokoll über die anlässlich des</span><br/> <span class="ft1">Augenscheins am Wohnort des Beschwerdegegners (siehe vorne</span><br/> <span class="ft1">Erw. 3.4.2) gemachten Feststellungen. Obwohl der Augenschein für</span><br/> <span class="ft1">die Beurteilung der Beschwerdebegehren ohne jegliche Relevanz</span><br/> <span class="ft1">blieb, handelt es sich bei der Pflicht zur Aktenerstellung um eine</span><br/> <span class="ft1">elementare Anforderung an ein rechtstaatliches Verfahren, weshalb</span><br/> <span class="ft1">der Verzicht auf jegliche Protokollierung - selbst ein Handprotokoll</span><br/> <span class="ft1">fehlt - eine Verletzung des rechtlichen Gehörs darstellt (siehe</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2001, S. 374).</span><br/> <span class="ft1">4.4.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz ist ergänzend auf die im Verwaltungsverfahren</span><br/> <span class="ft1">geltenden Mitwirkungs- und Äusserungsrechte der Betroffenen hin-</span><br/> <span class="ft1">zuweisen. Dient ein Augenschein dazu, einen streitigen, unabgeklär-</span><br/> <span class="ft1">ten Sachverhalt festzustellen, so müssen die am Verfahren Beteilig-</span><br/> <span class="ft1">ten aufgrund von § 15 Abs. 2 VRPG und Art. 29 Abs. 2 BV grund-</span><br/> <span class="ft1">sätzlich zum Augenschein beigezogen werden. Auf Beweismittel darf</span><br/> <span class="ft1">nicht abgestellt werden, ohne dem Betroffenen Gelegenheit zu</span><br/> <span class="ft1">geben, an der Beweisabnahme mitzuwirken oder wenigstens nach-</span><br/> <span class="ft1">träglich zum Beweisergebnis Stellung zu nehmen. Ein Augenschein</span><br/> <span class="ft1">darf nur dann unter Ausschluss einer Partei erfolgen, wenn schüt-</span><br/> <span class="ft1">zenswerte Interessen Dritter oder des Staates oder eine besondere</span><br/> <span class="ft1">Dringlichkeit dies gebieten oder wenn der Augenschein seinen</span><br/> <span class="ft1">Zweck überhaupt nur dann erfüllen kann, wenn er unangemeldet er-</span><br/> <span class="ft1">folgt (BGE 121 V 150 Erw. 4a und 4b; 116 Ia 94 Erw. 3b; zum Gan-</span><br/> <span class="ft1">zen: BGE vom 15. Juli 2003 [1P.318/2003], Erw. 2.1).</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">5.1.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend hat die Vorinstanz das rechtliche Gehör der</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensbeteiligten mehrfach verletzt. Sie erstellte kein Protokoll</span><br/> <span class="ft1">über den durchgeführten Augenschein und verunmöglichte damit</span><br/> <span class="ft1">auch eine nachträgliche Stellungnahme zum Beweisergebnis des Au-</span><br/> <span class="ft1">genscheins.</span><br/></div> </div> </body> </html>