Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 30. August 2016 (460 15 262) ____________________________________________________________________ Strafrecht mehrfacher versuchter Mord, eventualiter mehrfache vorsätzliche Tötung sowie versuchte qualifizierte Brandstiftung Besetzung Präsident Enrico Rosa, Richter Edgar Schürmann (Ref.), Richter Stephan Gass; Gerichtsschreiberin Nicole Schneider Parteien Staatsanwaltschaft Basel -Landschaft , Allgemeine Hauptabteilung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Anklagebehörde gegen A.____ , vertreten durch Advokatin Doris Vollenweider, Gitterlistrasse 8, Postfach 215, 4410 Liestal, Beschuldigte und Berufungsklägerin Gegenstand mehrfacher versuchter Mord, eventualiter mehrfache vorsätz - liche Tötung sowie versuchte qualifizierte Brandstiftung Berufung gegen das Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 12. Juni 2015 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft (Fünf erkammer 4) vom 12. Juni 2015 wur- de A.____ mangels Schuldfähigkeit in Anwendung von Art. 19 Abs. 1 StGB von der Anklage der (versuchten) qualifizierten Brandstiftung freigespr ochen (Ziff. 1 Urteilsdispositiv). Von der An- klage des mehrfachen versuchten Mordes, eventualite r der mehrfachen versuchten Tötung wurde sie ebenfalls freigesprochen (Ziff. 2 Urteils dispositiv). Die Beschuldigte wurde indessen in Anwendung von Art. 19 Abs. 1 und 3 sowie Art. 59 StGB zur stationären Behandlung in eine geeignete psychiatrische Einrichtung oder Massnahme nvollzugseinrichtung im Sinne von Art. 59 Abs. 2 StGB eingewiesen (Ziff. 3 Urteilsdisposit iv). Die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vorverfahrens von Fr. 14‘800.05, den Expertisekosten des gerichtlichen Ver- fahrens von Fr 4‘147.50 und einer pauschalen Geric htsgebühr von Fr. 12‘000.00, wurden in Anwendung von Art. 425 StPO sowie § 4 Abs. 3 GebT z ufolge Uneinbringlichkeit dem Staat auferlegt und der amtlichen Verteidigung ein Honora r in Höhe von insgesamt Fr. 11‘142.40 (inkl. Hauptverhandlung, Auslagen und 8% Mehrwertst euer sowie einer Reduktion des Stun- denansatzes von Fr. 200.00 auf Fr. 180.00 für die Jahre 2012 und 2013) aus der Gerichtskasse entrichtet (Ziff. 4 und 5 Urteilsdispositiv). B. Gegen dieses Urteil meldeten die Staatsanwaltschaf t mit Eingabe vom 18. Juni 2015 und die Beschuldigte mit Eingabe vom 23. Juni 2015 Berufung an. Am 10. November 2015 teil- te die Staatsanwaltschaft dem Kantonsgericht Basel- Landschaft, Abteilung Strafrecht (nachfol- gend Kantonsgericht), mit, dass sie ihre Berufung u nter Vorbehalt einer Anschlussberufung nach Eingang der Berufungserklärung zurückziehe. Mit Berufungserklärung vom 23. November 2015 beantragte die Beschuldigte Folgendes: „1. Es sei in Gutheissung der Berufung Ziff. 1 des Urteils vom 12. Juni 2015 insofern abzu- ändern, als A.____ vollumfänglich und nicht nur man gels Schuldfähigkeit von der Ankla- ge der (versuchten) qualifizierten Brandstiftung freizusprechen ist. 2. Es sei in Gutheissung der Berufung Ziff. 3 des Urteils vom 12. Juni 2015 aufzuheben und auf die Anordnung einer Massnahme zu verzichten. 3. Es sei A.____ auch im Berufungsverfahren die am tliche Verteidigung mit der Unterzeichnenden zu bewilligen. 4. Unter o/e Kostenfolge.“ Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Die Beschuldigte stellte überdies den Beweisantrag, es sei ein Obergutachten zur Frage der Notwendigkeit sowie zum Inhalt einer allfälligen Massnahme einzuholen. Mit Verfügung vom 8. Dezember 2015 wies der zuständ ige Präsident des Kantonsgerichts den Antrag der Beschuldigten auf Erstellung eines Oberg utachtens gestützt auf Art. 139 Abs. 2 StPO ab. Gleichzeitig bewilligte er die amtliche Verteidigung für das Berufungsverfahren. Mit Eingabe vom 14. Dezember 2015 teilte die Staats anwaltschaft mit, dass sie weder einen Antrag auf Nichteintreten stelle noch Anschlussberu fung erkläre, und beantragte die vollum- fängliche Bestätigung des angefochtenen Urteils des Strafgerichts vom 12. Juni 2015. C. In ihrer Berufungsbegründung vom 5. Februar 2016 wi ederholte die Beschuldigte die in der Berufungserklärung bereits gestellten Rechtsbeg ehren sowie den Beweisantrag betreffend Einholung eines Obergutachtens. Mit kantonsgerichtlicher Verfügung vom 8. Februar 2 016 wurde der erneut gestellte Beweisan- trag betreffend Obergutachten wiederum abgewiesen u nd stattdessen der Sachverständige, B.____, zur Berufungsverhandlung geladen. Ausserdem wurde ein aktueller Verlaufs- und The- rapiebericht betreffend den Aufenthalt der Beschuldigten im Wohnhaus X.____, eingeholt. Mit kantonsgerichtlicher Verfügung vom 14. April 20 16 wurde der Verlaufsbericht des Wohn- hauses X.____ vom 23. März 2016 an die Parteien zur Kenntnisnahme weitergeleitet. Das Wohnhaus X.____ wurde sodann gebeten, dem Gericht i n Ergänzung zum Verlaufsbericht mit- zuteilen, ob die Beschuldigte im Rahmen des aktuell en Aufenthalts intern oder extern mit einer forensisch ausgebildeten Fachperson deliktsorientie rt therapiert werden könne. Schliesslich wurde der Therapeut, C.____, Ambulatorium U.____, g ebeten, einen Therapiebericht einzu- reichen. Mit kantonsgerichtlicher Verfügung vom 1. Juni 2016 wurde das schriftliche Verfahren ge- schlossen und die Parteien sowie B.____ als Sachver ständiger zur zweitinstanzlichen Haupt- verhandlung vorgeladen. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht D. Mit Schreiben vom 6. Juni 2016 beantragte die Besc huldigte beim Kantonsgericht die Vorladung von C.____ als Sachverständiger. Dieser Antrag wurde mit kantonsgerichtlicher Ver- fügung vom 7. Juni 2016 abgewiesen. E. Anlässlich der zweitinstanzlichen Hauptverhandlung, zu welcher die Beschuldigte zu- sammen mit ihrer Vertreterin, Advokatin Doris Volle nweider, Staatsanwalt Martin Hälg für die Staatsanwaltschaft, sowie der Sachverständige B.___ _ erscheinen, wird zunächst die Beschul- digte zu ihrem Aufenthalt im Wohnhaus X.____ in V._ ___ sowie zum angeklagten Vorfall vom 9. April 2012 befragt. In der Folge erläutert resp. ergänzt B.____ sein Gutachten vom 28. Feb- ruar 2013 und nimmt zur aktuellen Situation der Beschuldigten Stellung. Die schriftlichen und mündlichen Ausführungen der P arteien sowie die Stellungnahme von B.____ werden - soweit notwendig - in den nachfolgenden Erwägungen dargelegt. Erwägungen I. Formelles 1. Die Berufung ist gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO zuläs sig gegen Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilwei se abgeschlossen worden ist. Es können Rechtsverletzungen, die unvollständige oder unricht ige Feststellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden, wobei das Berufungs gericht das Urteil in allen angefochte- nen Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 398 Abs . 2 und Abs. 3 StPO). Die Berufung ist zunächst dem erstinstanzlichen Gericht innert 10 Ta gen seit Eröffnung des Urteils schriftlich oder mündlich anzumelden. Danach muss beim Berufung sgericht innert 20 Tagen seit der Zu- stellung des begründeten Urteils eine schriftliche Berufungserklärung eingereicht werden (Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO). 2. Gemäss Art. 382 Abs. 1 StPO ist jede Partei, die e in rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, zur Berufung legitimiert. Die Berechti- gung zur Einlegung eines Rechtsmittels ist eine Ein tretensvoraussetzung. Die Legitimation ist dann gegeben, wenn die Partei ein aktuelles rechtli ch geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, d.h. wenn sie durch den angefochtenen Entscheid be- schwert ist. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. In casu wird das Urteil des Strafgerichts Basel-Lan dschaft vom 12. Juni 2015 ange- fochten. Dieses Urteil stellt ein taugliches Anfech tungsobjekt dar. Das Urteilsdispositiv wurde der Vertreterin der Beschuldigten am 16. Juni 2015 eröffnet (act. 639). Die Berufungsanmel- dung, die vom 23. Juni 2015 datiert und an diesem T ag auch bei der Post zum Versand aufge- geben wurde (act. 737), ist fristgerecht erfolgt. D as begründete Strafgerichtsurteil wurde der Vertreterin der Beschuldigten am 3. November 2015 zugestellt (act. 698/1). Die Berufungserklä- rung der Beschuldigten vom 23. November 2016 ist da mit ebenfalls rechtzeitig erfolgt. Die Zu- ständigkeit der Dreierkammer des Kantonsgerichts zu r Beurteilung der vorliegenden Berufung ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO und § 15 Abs. 1 lit. a EG StPO. Zu prüfen bleibt damit, ob die Beschuldigte auch ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des Entscheides hat. Sie wurde nämlich im erstinsta nzlichen Verfahren sowohl vom Vorwurf des mehrfachen versuchten Mordes, eventualiter der mehrfachen versuchten Tötung als auch von der Anklage der versuchten qualifizierten Brand stiftung freigesprochen. Der Freispruch wurde indessen mit der fehlenden Schuldfähigkeit de r Beschuldigten begründet. Ausserdem wurde sie wegen ihrer psychischen Erkrankung in ein e Massnahmenvollzugseinrichtung einge- wiesen. Trotz Freispruchs ist die Beschuldigte also namentlich aufgrund der angeordneten sta- tionären Behandlung beschwert. Die Voraussetzungen für ein Eintreten auf die Berufung sind damit allesamt erfüllt. Da die Einweisung der Besch uldigten in eine Massnahmenvollzugsein- richtung eine Folge des Freispruchs mangels Schuldf ähigkeit darstellt, ist aber nicht nur der beantragte Verzicht auf die Anordnung einer Massnah me zu überprüfen, sondern auch auf das Begehren der Beschuldigten, vom Vorwurf der versuch ten qualifizierten Brandstiftung vollkom- men freigesprochen zu werden, einzutreten. II. Gegenstand des Berufungsverfahrens 1. Gemäss Art. 404 Abs. 1 StPO überprüft das Berufung sgericht das erstinstanzliche Urteil nur in den angefochtenen Punkten. Es ist daher vora b darzulegen, was im zweitinstanzlichen Verfahren noch zur Diskussion steht. 2. Im vorliegenden Fall hat nur die Beschuldigte Beru fung erklärt. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Berufung am 10. November 2015 wieder zurüc kgezogen. In Anbetracht des Verbots der „reformatio in peius“, das in Art. 391 Abs. 2 S tPO geregelt ist, darf das Kantonsgericht das Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht vorinstanzliche Urteil daher nur entweder bestätige n oder zu Gunsten der Beschuldigten mil- dern, hingegen nicht verschärfen. Konkret richtet sich die Berufung aufgrund der Antr äge der Beschuldigten in ihrer Berufungser- klärung zunächst gegen Ziffer 1 des erstinstanzlich en Urteilsdispositivs, nämlich gegen die Tat- sache, dass der Freispruch von der Anklage der vers uchten qualifizierten Brandstiftung man- gels Schuldfähigkeit gemäss Art. 19 Abs. 1 StGB erf olgt ist, der Freispruch also auf die fehlen- de Schuldfähigkeit zurückzuführen ist. Die Beschuld igte verlangt im Berufungsverfahren dem- gegenüber, dass sie vollumfänglich von diesem Vorwu rf freigesprochen wird. Sie beanstandet sodann, dass die Vorinstanz eine stationäre Behandl ung in einer geeigneten psychiatrischen Einrichtung angeordnet hat (Ziff. 3 Urteilsdisposit iv). Diesbezüglich verlangt die Beschuldigte, dass auf die Anordnung einer stationären Massnahme verzichtet wird. Das Kantonsgericht darf nachfolgend nur diese Punkte überprüfen. Der Freispruch vom Vorwurf der versuchten qualifizierten Brandstiftung mangels Schuldfähigkeit sowie der Freispruch der Beschuldigten von der Anklage des mehrfachen versuc hten Mordes, eventualiter der mehrfa- chen versuchten Tötung (Ziff. 2 Urteilsdispositiv), sind hingegen rechtskräftig. III. Tatsächliches 1. Im vorliegenden Fall wird der Beschuldigten gemäss Anklageschrift der Staatsanwalt- schaft vom 24. Februar 2014 im Wesentlichen folgend er Sachverhalt zur Last gelegt: Zur Tat- zeit, nämlich am Ostermontag, 9. April 2012, gegen 02:20 Uhr, befanden sich die Beschuldigte, ihr Ehemann D.____, der zu diesem Zeitpunkt im Zimm er des gemeinsamen Sohnes schlief, sowie der Vater der Beschuldigten, E.____ und desse n Ehefrau F.____, die Stiefmutter der Be- schuldigten, in der Wohnung der Familie an der Y.__ __-strasse in Z.____. Der Vater der Be- schuldigten und seine Ehefrau übernachteten im ehelichen Schlafzimmer der Ehegatten A.____ und D.____. Die Beschuldigte soll nun gegen 02:20 U hr im Wohnzimmer der ehelichen Woh- nung die dort zuvor zum Schlafen benutzte Bettdecke mittels eines Feueranzünders angezün- det und die brennende Decke bewusst in den mit eine m Teppich ausgestatteten Wohnungsflur direkt vor das Zimmer, in dem zu dieser Zeit ihr Eh emann schlief, geworfen haben. Dadurch sei im Wohnungsflur ein Brand mit meterhohen Flammen en tstanden. Die Beschuldigte habe ge- wusst, dass das „in Brand setzen“ einer Bettdecke u nd das anschliessende zu Boden werfen derselben auf einen Teppich geeignet gewesen sei, e inen Brand von erheblichen Ausmassen Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht hervorzurufen. Zumindest habe sie dies billigend in Kauf genommen. Nachdem die Beschuldig- te die brennende Decke in den Wohnungsflur geworfen und durch den so gelegten Brand den Fluchtweg ihres Ehemannes, ihres Vaters und ihrer S tiefmutter verunmöglicht - jedenfalls aber zumindest erheblich erschwert - habe, sei sie teiln ahmslos aus der Wohnung gegangen und habe die sich darin befindenden Menschen kaltblütig der Feuersbrunst bzw. ihrem Schicksal überlassen. Durch die von der Beschuldigten gelegte n Feuersbrunst sei wegen Russab- lagerungen an Boden und Wänden ein polizeilich gesc hätzter Gebäudeschaden in Höhe von Fr. 80‘000.00 zum Nachteil der Baugenossenschaft des Bundespersonals (BBB) sowie ein poli- zeilich geschätzter Inneneinrichtungsschaden in Höh e von Fr. 75‘000.00 zum Nachteil des Ehemannes entstanden. 2. Die Vorinstanz ging in ihrem Urteil davon aus, das s der Brand in der Wohnung an der Y.____-strasse in Z.____ durch die Beschuldigte gel egt worden sei. Das Strafgericht führt dazu im Wesentlichen Folgendes aus: Anlässlich der Haupt verhandlung bestreite die Beschuldigte zwar dafür verantwortlich zu sein und vor allem ein e Tötungsabsicht gehabt zu haben. Die ge- gen sie erhobenen Vorwürfe bezeichne sie als Lüge u nd es gebe auch keine Zeugen. Bereits im Rahmen der Strafuntersuchung habe sie eine Tötun gsabsicht vehement abgestritten. Zum Brand habe sie dabei unterschiedliche, teils widers prüchliche Aussagen gemacht. So habe sie einmal erklärt, dass sie den Brand nicht extra veru rsacht habe. Sie habe einen halben Liter Wein getrunken und habe nur Rauch, aber kein Feuer gesehen. Ein anderes Mal habe sie zu Protokoll gegeben, dass sie das Feuer nicht absicht lich gelegt habe resp. dass sie sich nicht daran erinnern könne oder dass es ein Unfall gewese n sei. Bei der Konfrontation mit dem ihr zur Last gelegten Tatvorgehen und der Brandverursac hung habe sie dann aber wieder erklärt, dass sie schuldig sei. Diese Deposition bezeichnete das Strafgericht indessen als einmalige Aussage, die im Widerspruch zu den unmittelbar vorangehenden und nachfolgenden Aussagen stehe und aufgrund der insgesamt recht wirren und s prunghaften Aussagen der Beschuldigten nicht unbesehen als Eingeständnis gewertet werden k önne. Mangels eines Brandgutachtens und direkter Zeugen sei die genaue Entstehung des F euers unbekannt. Auszuschliessen sei jedoch, dass die Ursache auf eine umgefallene Kerze oder Zigaretten zurückzuführen sei, wie das die Beschuldigte gemutmasst habe. Zum einen sei en keine entsprechenden Spuren er- sichtlich und eine Kerze würde sich beim Umfallen v on selbst löschen. Zum anderen spreche die Lage des brennenden Sofaüberzugs mitten im Flur klar gegen diese Annahme. Aufgrund der vorliegenden Situation sei auch ein technischer Defekt oder eine Selbstentzündung zwei- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht felsfrei auszuschliessen, so dass von einem bewusst en Anzünden des Sofaüberzuges ausge- gangen werden müsse. Als Brandverursacherin komme l ediglich die Beschuldigte in Frage, da zur Entstehung des Brandes die übrigen in der Wohnu ng anwesenden Personen geschlafen hätten (erstinstanzliches Urteil S. 10). Die Vorins tanz hielt weiter fest, ohne Aussagen eines Sachverständigen könne über die Brandentwicklung nu r unzureichend gemutmasst werden. Es dürfe insbesondere nicht aufgrund der Höhe der Russ ablagerungen auf die Höhe der Flammen geschlossen werden. Klar sei indessen, dass der Bra ndherd auf eine kleine Fläche eingrenzt werden könne. Der Teppich im Flur habe sodann entge gen der Darstellung in der Anklage- schrift nicht gebrannt, sondern sei nur angesengt w orden. Es habe auch keine meterhohen Flammen gegeben. Vielmehr sei der Brand innert kurz er Zeit und ohne besondere Anstrengun- gen durch D.____ mit Wasser aus dem Badezimmer gelö scht worden (erstinstanzliches Urteil S. 13 f.). Das Strafgericht ging daher auch davon a us, dass keine Feuersbrunst im Sinne von Art. 221 StGB entstanden sei. Die Beschuldigte sei sich aber der Gefahr einer Feuersbrunst bewusst gewesen. Da sie trotzdem die Sofadecke ange zündet, die brennende Decke dann un- beaufsichtigt im Flur liegen gelassen und die Wohnung verlassen habe, sei zumindest von einer eventualvorsätzlich versuchten qualifizierten Brand stiftung auszugehen (erstinstanzliches Urteil S. 22). Die Vorinstanz nahm schliesslich nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ zu Gunsten der Beschuldigten an, dass sie im Tatzeitpunkt vollständig schuldunfähig und daher auch nicht fähig gewesen sei, das Unrecht ihrer Tat einzusehen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln (erstin- stanzliches Urteil S. 24). 3. Die Beschuldigte macht in ihrer Berufung im Wesent lichen geltend, dass sie die Sofade- cke nicht angezündet habe und dass namentlich die F eststellung der Vorinstanz, wonach sie um die Gefahr einer Feuersbrunst gewusst und eine solche in Kauf genommen habe, falsch sei. Nachfolgend ist demnach zu prüfen, ob sich nachweis en lässt, dass die Beschuldigte für den Brand vom 9. April 2012 verantwortlich ist. 4. Gemäss Art. 10 Abs. 2 StPO würdigt das Gericht die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Verfahren gewonnenen Überzeugung. Dieser G rundsatz der freien richterlichen Be- weiswürdigung besagt, dass ein Urteil nicht in Anwe ndung von festen Beweisregeln zu fällen ist, sondern das Gericht aufgrund seiner persönlich en Überzeugung darüber entscheiden soll, ob es eine Tatsache als bewiesen erachtet oder nicht (W OLFGANG WOHLERS , Zürcher Kommen- tar StPO, 2014, Art. 10 N 25). Der Grundsatz der fr eien Beweiswürdigung darf jedoch nicht da- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht zu missbraucht werden, dass sich ein Gericht zur Be gründung seines Urteils schlicht und ein- fach auf seine innere Überzeugung beruft. Die persönliche Überzeugung des Gerichts resp. der einzelnen Richterinnen und Richter muss zum einen a uf einer gewissenhaften Prüfung aufbau- en und zum anderen zumindest objektivier- und nachv ollziehbar sein. Daraus folgt, dass objek- tiv begründete Zweifel, d.h. solche, die sich nach der objektiven Sachlage einem vernünftigen Menschen aufdrängen, auch dann ausschlaggebend sind , wenn die zuständige Richterin oder der zuständige Richter zwar keine Zweifel hat, dies e aber im konkreten Fall haben sollte (WOLFGANG WOHLERS , a.a.O., Art. 10 N 31 ff.). Nach dem in Art. 10 Abs. 3 StPO geregelten Grundsat z "in dubio pro reo" hat das Gericht von der für die beschuldigte Person günstigeren Sachlag e auszugehen, wenn unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Vorausse tzungen der angeklagten Tat bestehen. Der Grundsatz "in dubio pro reo" ist zugleich Beweislas t- und Beweiswürdigungsregel. Als Beweis- lastregel bedeutet er, dass es Sache der Anklagebeh örde ist, den Nachweis für die Schuld zu erbringen und nicht die beschuldigte Person ihre Un schuld zu beweisen hat. Als Beweiswürdi- gungsregel besagt der Grundsatz "in dubio pro reo", dass ein Gericht nicht von einem für die beschuldigte Person ungünstigen Sachverhalt ausgehe n darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat. Der Grundsatz wird verletzt, wenn das Gericht die beschuldigte Person trotz erheblich er Zweifel schuldig spricht oder wenn es zwar nicht zweifelt und schuldig spricht, obwohl es aufgrund der konkreten Umstände vernünf- tigerweise erhebliche und nicht zu unterdrückende Z weifel hätte haben müssen. Erheblich sind dabei Zweifel immer dann, wenn sie sich nach der ob jektiven Sachlage aufdrängen und jedem vernünftigen Menschen stellen. Rein abstrakte und t heoretische Zweifel sind hingegen nicht massgebend, weil derartige Unsicherheiten immer mög lich sind und eine absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann. Für eine Verurteilung m uss es deshalb genügen, wenn das Be- weisergebnis über jeden vernünftigen Zweifel erhabe n ist (N IKLAUS OBERHOLZER, Grundzüge des Strafprozessrechts, 3. Aufl., 2012, N 688 ff.; vgl. auch WOLFGANG WOHLERS , a.a.O., Art. 10 N 11 ff. sowie R OBERT HAUSER /ERHARD SCHWERI /KARL HARTMANN , Schweizerisches Strafpro- zessrecht, 6. Aufl., 2005, § 54 N 13). Als Beweis für die Täterschaft kommt aber nicht nur der unmittelbare Nachweis von Tatsachen durch direkte Beweismittel in Betracht. Auch indire kte, mittelbare Beweise, also blosse Anzei- chen resp. Indizien, können für die Beweisführung relevant sein (WOLFGANG WOHLERS , Zürcher Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 139 N 2). Beim sogenannten Indizienbeweis wird aus be- stimmten Tatsachen, die nicht unmittelbar rechtserh eblich, aber bewiesen sind (Indizien), auf die zu beweisende, unmittelbar rechtserhebliche Tat sache geschlossen. Eine Mehrzahl von Indizien, die für sich alleine nur mit einer gewiss en Wahrscheinlichkeit auf die Täterschaft oder die Tat hinweisen und einzeln betrachtet die Möglic hkeit des Andersseins offen lassen, können einen Anfangsverdacht verstärken und in ihrer Gesamtheit ein Bild erzeugen, das bei objektiver Betrachtung keine Zweifel bestehen lässt, dass sich der Sachverhalt so verwirklicht hat (vgl. BGer 6B_328/2011 vom 16. September 2011 E. 2.3). Sc hliesslich ist auch darauf hinzuweisen, dass innere Tatsachen, wie namentlich die Motivation für ein Delikt, oft nicht direkt, sondern nur anhand der äusseren Umstände nachgewiesen werden kö nnen. Es ist daher zulässig, von äusseren Umständen auf innere Tatsachen zu schliessen (vgl. BGE 125 IV 242 E. 3c). 5. Die Beschuldigte bestreitet, dass sie die Sofadeck e angezündet und so am 9. April 2012 um ca. 02:20 Uhr einen Brand in der Familienwohnung verursacht hat. Wie zuvor dargelegt, ging die Vorinstanz unter Hinweis auf die Depositio nen der Beschuldigten, die sie im Rahmen einer formell korrekten Befragung gemacht hatte (vg l. dazu die Einvernahmen vom 17. Dezem- ber 2012; act. 205 ff. und vom 3. September 2013; a ct. 231 ff. sowie das Protokoll der erstin- stanzlichen Hauptverhandlung; act. 547 ff.) davon aus, dass der angeklagte Sachverhalt bestrit- ten ist, dies obwohl die Beschuldigte in der Einver nahme vom 17. Dezember 2012 zu Protokoll gab, dass sie schuldig sei (act. 211 RN 139). Die V orinstanz hielt dazu fest, dass es sich dabei um eine einmalige Aussage handle, die im Widerspruch zu den unmittelbar vorangehenden und nachfolgenden Aussagen stehe und aufgrund der insge samt recht wirren und sprunghaften Aussagen der Beschuldigten nicht unbesehen als Eing eständnis gewertet werden könne (erst- instanzliches Urteil S. 7 ff.). Das Kantonsgericht folgt diesen erstinstanzlichen Feststellungen voll und ganz. 6. Mangels eines klaren und zweifelsfreien Geständnis ses stellt sich also die Frage, ob der angeklagte Sachverhalt anderweitig nachgewiesen wer den kann. Im vorliegenden Fall gibt es kein Brandgutachten und auch keine Aussagen von dir ekten Zeugen. Der Ehemann der Be- schuldigten, D.____, der noch in der gleichen Nacht von der Polizei (vgl. dazu Polizeirapport vom 24. April 2012; act. 245 ff.) und am 29. Mai 20 12 (act. 191 ff.) von der Staatsanwaltschaft als Zeuge zum Vorfall befragt wurde, entdeckte den Brand im Flur um ca. 02:20 Uhr (act. 245). Zuvor hatte er im „Bubenzimmer“ geschlafen (act. 19 5 RN 90). Er konnte das Feuer dann sel- Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht ber löschen, wobei er zwischendurch die Schwiegerel tern auf den Balkon schickte und auch nach seiner Ehefrau suchte und dabei feststellte, d ass sie nicht in der Wohnung war (act. 195 RN 106 ff.). D.____ gab zu Protokoll, er habe sofor t gedacht, dass seine Frau etwas mit dem Brand zu tun habe (act. 195 RN 125 f.). Nachdem er das Feuer gelöscht habe, sei er ebenfalls zu seinen Schwiegereltern auf den Balkon gegangen, um dort auf die Polizei und die Feuerwehr zu warten, und habe dann unten seine Frau gesehen, die nur mit dem Pyjama bekleidet, zum Wohnhaus gelaufen sei. Sie habe zum Balkon hinaufge schaut und dabei ganz ruhig gewirkt (act. 195 RN 127 ff.). Auf die Frage, weshalb seine Frau den Sofaüberzug angezündet habe, erklärte D.____, dass er keine Ahnung habe. Als mögliche Gründe erwähnte er dann aber doch, dass seine Frau glaube, sie sei „verzaubert“ worden und dass sie mit dem längeren Aufenthalt ihres Vaters und der Stiefmutter über Ostern nicht einstanden gewesen sei, dies obwohl sie sich anfänglich über den Besuch gefreut habe. Er ge he davon aus, dass ihre Schizophrenie dafür verantwortlich sei. Einen eigentlichen Streit habe es aber zuvor nicht direkt gegeben (act. 199 RN 190 ff.). D.____ hatte nicht selber gesehen, wie die Sofadecke in Brand geraten und vor allem, ob tatsächlich die Beschuldigte für das Feuer verantwortlich war. Diese befand sich bei der Brandentdeckung gemäss seinen Angaben auch gar nicht mehr in der Wohnung. Da sich aus den polizeilichen Fotographien (act. 271 f f.) ebenfalls keine Anhaltspunkte für die Brandursache ergeben, ist demnach mangels konkreter Beweise völlig unklar, wie und warum die Sofadecke Feuer gefangen hat. Es ist nicht einm al nachgewiesen, ob die Beschuldigte überhaupt noch in der Wohnung war, als der Sofaüber zug Feuer fing. Die Beschuldigte selber erwähnte nämlich auf die Frage nach der Brandursach e, dass sie gar kein Feuer, sondern nur Rauch gesehen habe (act. 213 RN 141, 153 und 162 f. ; act. 217 RN 229; act. 221 RN 317; act. 233 RN 64; act. 235 RN 91 und 99). Ausserdem redete sie immer wieder von einer Kerze resp. einer Duftkerze (act. 209 RN 75; act. 213 RN 146; a ct. 215 RN 205; act. 235 RN 100; act. 237 RN 123, 129, 145 und 153) resp. dass es ein Unfall gewesen sei (act. 233 RN 50; 235 RN 90 und 107; act. 237 RN 125 und 130). Obwohl die Aussa gen der Beschuldigten zum Teil wirr sind, so gibt es doch keinen offenkundigen Grund, d ass sie insgesamt nicht glaubhaft wären resp. nicht darauf abgestellt werden dürfte. Die eb en aufgeführten Angaben der Beschuldigten sind daher auch nicht als Schutzbehauptungen zu qua lifizieren. Entgegen der vorinstanzlichen Meinung lässt sich deshalb keineswegs zweifelsfrei ausschliessen, dass die Brandursache auf eine umgefallene Kerze oder allenfalls sogar auf ei ne brennende und nicht ganz ausgedrückte Zigarette - die Beschuldigte ist Raucherin (act. 21 1 RN 125) - zurückzuführen ist. Die Begrün- dung der Vorinstanz für ihre Annahme, wonach nur di e Beschuldigte als Brandverursacherin in Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht Frage komme, erweist sich ohnehin nicht als überzeu gend. Das blosse Fehlen von Spuren, die eindeutig für einen Unfall sprechen, darf nicht ein fach zum Nachteil der Beschuldigten ausge- legt werden. Dies gilt auch für das Argument der Vo rinstanz, dass sich eine Kerze beim Umfal- len von selber lösche. Im vorliegenden Fall gibt es - wie bereits erwähnt - kein Brandgutachten und auch sonst keinen detaillierten Bericht, in dem z.B. der angetroffene Tatort resp. dort vorge- fundene brandrelevante Utensilien genau umschrieben werden. Selbst konkrete Angaben zur Sofadecke, insbesondere aus welchem Material diese beschaffen war, fehlen. Ohne Kenntnis dieser wichtigen Informationen bleiben die Annahmen der Vorinstanz aber unbelegt und sind daher nicht haltbar. Bei leicht entflammbarem Mater ial reicht nämlich bereits ein kurzer Kontakt mit einem brennenden Gegenstand aus, um ein Feuer z u entfachen. Die Schlussfolgerung der Vorinstanz, wonach der Brand mangels anderer Ursach en nur durch ein bewusstes Anzünden des Sofaüberzugs verursacht worden sei und alleine die Beschuldigte dafür in Frage komme, weil die anderen Personen geschlafen hätten, kann nicht gestützt werden. 7. Zu prüfen bleibt nunmehr, ob es hinreichende Indiz ien gibt, die dafür sprechen, dass die Beschuldigte die Sofadecke vorsätzlich angezündet u nd dann in den Gang gelegt hat. In die- sem Zusammenhang sind vor allem die Aussagen des Eh emannes der Beschuldigten zur Vor- geschichte und zum Verhalten seiner Frau nach dem B rand von Bedeutung (vgl. Einvernahme vom 29. Mai 2012, act. 191 ff. und Polizeirapport v om 24. April 2012, act. 245 ff.). Gemäss den Schilderungen von D.____ kamen am Osterwochenende 2 012 fünf Familienmitglieder der Be- schuldigten auf ihre Einladung hin aus Deutschland zu Besuch in die Schweiz. Ihr Vater und die Stiefmutter der Beschuldigten übernachteten während dieser Zeit in der Wohnung der Familie. Dieser Besuch habe laut D.____ bereits Tage zuvor S tress für die Beschuldigte, der es damals psychisch nicht gut gegangen sei, bedeutet. Der Auf enthalt der eingeladenen Familienmitglie- der habe sich dann entgegen der ursprünglichen Plan ung um einen Tag verlängert, wodurch sich der Stress für die Beschuldigte vergrössert ha be. Zudem sei die Beschuldigte zu dieser Zeit bereits seit etwa einer Woche wegen Nacken- un d Rückenschmerzen bei ihrem Hausarzt in Behandlung gestanden. Am Ostersonntag habe seine Frau wegen dieser Schmerzen auf die Notfallstation gehen wollen, was D.____ aber aus Rü cksichtnahme auf den Besuch ablehnt habe, weil er davon ausgegangen sei, dass kein medi zinischer Notfall vorliege, sondern die Beschuldigte lediglich Aufmerksamkeit seitens der F amilie wolle. Die Beschuldigte habe da- raufhin gegen 14:00 Uhr die Polizei angerufen und d ieser gegenüber erklärt, dass D.____ sie mehrmals „unabsichtlich“ geschlagen habe und sie ab er nicht ins Krankenhaus bringen wolle. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Die ausgerückten Polizisten hätten schnell erkannt, dass seine Frau nicht physisch, sondern psychisch krank sei. Im späteren Verlauf des Tages sei die Stimmung der Beschuldigten ziem- lich schwankend gewesen: so habe sie manchmal freundlich, dann aber wieder „hässig“ mit der Stiefmutter geredet. Manchmal habe sie über Rückenschmerzen geklagt, dann sei es ihr wieder gut gegangen. Gegen Mitternacht habe seine Frau ern eut über Rückenschmerzen geklagt und deswegen nicht, wie alle anderen, ins Bett gehen wo llen. Da D.____ jedoch vom hektischen Tag müde gewesen sei, habe er seine Frau alleine zu rückgelassen und sich im „Bubenzimmer“ schlafen gelegt. Nach einer gewissen Zeit habe er d ann seine Frau auf dem Gang mit der Stiefmutter streiten gehört. Sie habe ihr Vorwürfe gemacht, weil sie noch nicht abgereist sei. Überdies habe sie behauptet, dass die Stiefmutter u nd D.____ sie verzaubern und die Medika- mente deshalb nicht gegen die Schmerzen helfen würd en. D.____ habe die streitenden Frauen getrennt und die Beschuldigte zum Schlafen ins „Mäd chenzimmer“ resp. die Stiefmutter ins eheliche Schlafzimmer geschickt. Danach habe er sic h im „Bubenzimmer“ ins Bett gelegt und sei eingeschlafen. In der Zeit zwischen 2:20 Uhr un d 2:40 Uhr sei er dann erwacht und habe den Brand im Flur entdeckt. Nachdem er das Feuer ge löscht habe, sei D.____ - wie bereits oben ausgeführt - zu den Schwiegereltern auf den Balkon gegangen und habe unten seine Frau gesehen, die ganz ruhig gewirkt habe. Die Beschuldi gte sei dann auch wieder in die Wohnung resp. auf den Balkon gekommen, habe der Stiefmutter einen Faustschlag seitlich an den Hin- terkopf gegeben mit den Worten „Das hast du verdien t“ und sei dann wieder in der Wohnung verschwunden. Vermutlich habe seine Frau gemeint, d ass sie von der Stiefmutter verzaubert worden sei. D.____ und die Schwiegereltern hätten a uf die Feuerwehr und Polizei gewartet. Seine Frau sei nach dem Brand zunächst ins U.____sp ital und dann von dort ins W.____ ge- bracht worden. Er habe sie später nie auf den Brand angesprochen (vgl. act. 191 ff. sowie erst- instanzliches Urteil S. 11 f.). 8. Aus dieser Darstellung der Geschehnisse ergeben si ch zweifelsohne einige Anhalts- punkte, die darauf hindeuten, dass die Beschuldigte die Sofadecke angezündet haben könnte, sei dies aus Stress über den verlängerten Aufenthal t ihres Vaters und der Stiefmutter, sei dies aus Verärgerung über fehlende Aufmerksamkeit und Fü rsorge ihrer Familie oder ganz generell wegen Überforderung resp. wegen ihrer psychischen E rkrankung. Zu bedenken ist indessen, dass es sich bei den zwar durchaus nachvollziehbare n Angaben des Ehemannes zum einen - wie D.____ selber mehrfach betont - um blosse Vermu tungen handelt (vgl. act. 195 RN 125 f und 134; act. 199 RN 192 ff.). Zum anderen werden s eine Schilderungen von keiner Seite be- Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht stätigt, weil weder der Vater der Beschuldigten noc h die Stiefmutter zu den Ereignissen vom 9. April 2012 befragt wurden. Es gibt sodann weitere U ngereimtheiten. So erscheint es zunächst erstaunlich, dass die Beschuldigte nach der vermein tlichen Brandlegung aus der Wohnung lief und auch danach ganz ruhig blieb. In Anbetracht, da ss D.____ dies besonders erwähnt (act. 195 RN 129 f.), ist anzunehmen, dass er selber das Verhalten seiner Ehefrau als Widerspruch zu seiner zuvor geäusserten Vermutung auffasste. Eb enfalls erstaunlich ist sodann, dass sich die Beschuldigte über den längeren Aufenthalt ihres eigenen Vaters und dessen Frau geärgert haben sollte, nachdem sie ihre Familie zuvor selber eingeladen hatte und sich - gemäss Anga- ben von D.____ (act. 199 RN 194 f.) - auch darauf g efreut hatte. Was schliesslich den vom Ehemann erwähnten Faustschlag gegen die Stiefmutter anbelangt, der im Übrigen von der Be- schuldigten bestritten wird (act. 219 RN 288 ff.), so passt auch dieser nicht ganz in das Bild, das sich aufgrund der Vorgeschichte ergibt. Wenn die Be schuldigte mit der absichtlichen Brandle- gung Frust abbauen oder jemanden damit bestrafen wo llte, hätte sie ihr Ziel ja mit dem Anzün- den der Sofadecke erreicht. Die nachfolgende Tätlic hkeit würde sich diesfalls erübrigen und ergäbe daher auch keinen Sinn mehr, zumal die Besch uldigte vehement in Abrede stellt, dass sie mit dem Brandanschlag jemanden umbringen wollte (act. 213 RN 146 f., 162). Aus der Vor- geschichte und den sonstigen Umständen lassen sich also nur vereinzelte Indizien entnehmen. Eine geschlossene Indizienkette, die den Verdacht d es Ehemanns hinreichend stützen würde, ergibt sich daraus jedoch nicht. Zusammenfassend ist somit Folgendes festzuhalten: E s gibt im vorliegenden Fall weder Zeu- gen noch eine genaue Untersuchung und Dokumentation der Brandursache noch eine ge- schlossene Indizienkette. Vielmehr kann aufgrund de r Angaben der Beschuldigten nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass die Sofadeck e wegen einer brennenden Kerze Feuer gefangen hat. Bei objektiver Betrachtung bestehen d aher nach Ansicht des Kantonsgerichts berechtigte und nicht zu überwindende Zweifel, ob s ich der angeklagte Sachverhalt tatsächlich verwirklicht hat. Bei dieser Sachlage muss die Besc huldigte nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" freigesprochen werden. 9. Die Berufung ist also gutzuheissen und die Beschul digte vollumfänglich - und nicht nur mangels Schuldfähigkeit gemäss Art. 19 Abs. 1 StGB - freizusprechen. Damit erübrigt sich aber die Überprüfung der erstinstanzlich angeordneten un d von der Beschuldigten angefochtenen stationären Massnahme. Wenn keine strafbare Tat beg angen wurde, darf auch keine Sanktion, Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht also keine Strafe oder Massnahme verhängt resp. ausgesprochen werden. Wie sich aus Art. 59 Abs. 1 lit. a StGB explizit ergibt, kann das Gerich t selbst bei einer gutachterlich attestierten psy- chischen Störung nur dann eine Massnahme anordnen, wenn eine mit der Störung in Zusam- menhang stehende Straftat - ein Verbrechen oder ein Vergehen - begangen wurde (M ARIANNE HEER /E LMAR HABERMEYER , Basler Kommentar StGB, 3. Aufl. 2013, Art. 59 N 42 ff.). Die im erst- instanzlichen Urteil (Ziff. 3 des Urteilsdispositiv s) angeordnete stationäre Massnahme ist daher aufzuheben. Der Vollständigkeit halber ist nachfolgend darauf h inzuweisen, dass aufgrund der veränderten Verhältnisse die Notwendigkeit einer stationären Massnahme im vorliegenden Fall ohnehin sehr fraglich gewesen wäre. Seit dem 18. Juni 2013 lebt die Beschuldigte nämlich im Wohnhaus X.____. Dabei handelt es sich um eine vom Verein fü r Q.____ Basel-Landschaft betriebene Institution für Menschen mit einer schon länger and auernden psychischen Krankheit oder Be- hinderung. Gemäss Auskunft des Wohnhauses X.____ ha be sich die Beschuldigte nach an- fänglichen Schwierigkeiten gut eingelebt. Sie wirke physisch und psychisch stabil. Seit ihrem Eintritt im Wohnhaus X.____ gehe sie regelmässig al le 14 Tage ins Ambulatorium U.____ zu C.____ und G.____, Pflegefachfrau und Leiterin Geme indepsychiatrie, in die Therapie. Die Be- schuldigte könne sich nunmehr mit der Unterstützung der Betreuungspersonen besser regulie- ren. Sie nehme meist selber wahr, wenn sie aggressiv werde oder Ängste in ihr aufsteigen wür- den, und spreche rechtzeitig darüber. In den vergan genen Jahren habe sie keine schweren Krisen mehr erlebt und es habe auch keine gefährlic hen Situationen mehr gegeben (vgl. dazu die Berichte des Wohnhauses X.____ vom 15. April 20 14 sowie vom 23. März resp. 29. April 2016 sowie die Arztberichte von C.____ vom 16. Mai 2014, 8. April 2015 und vom 24. Mai 2016). Anlässlich der Hauptverhandlung vor Kantonsg ericht erklärt die Beschuldigte selber, dass es ihr im Wohnhaus X.____ gut gehe, dass sie d ort in der Küche helfen und auch kochen dürfe und dass alle lieb seien (vgl. zweitinstanzli ches Protokoll, S. 2). Schliesslich geht auch ihre Vertreterin davon aus, dass sich die Situation der Beschuldigten mit dem Eintritt in das Wohnhaus X.____ positiv entwickelt habe und bezeich net das aktuelle Setting als eigentlichen Glücksfall (vgl. Berufungsbegründung vom 5. Februar 2016, S. 13). IV. Kosten 1. Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO gehen die Verfahrensko sten dann zu Lasten der beschul- digten Person, wenn sie verurteilt wird. Wie zuvor dargelegt, ist die Beschuldigte nunmehr voll- Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht umfänglich freizusprechen. Dies hat zur Folge, dass auch die erstinstanzlichen Kosten dem Staat aufzuerlegen sind. Das Strafgerichtsurteil (Ziff. 4 des Urteilsdispositivs) ist demnach inso- weit abzuändern, als die Kosten des Vorverfahrens v on Fr. 14‘800.05, die Expertisekosten des gerichtlichen Verfahrens von Fr. 4‘147.50 sowie die Gerichtsgebühr von Fr. 12‘000.00 in An- wendung von Art. 426 Abs. 1 StPO - und nicht mehr zufolge Uneinbringlichkeit gemäss Art. 425 StPO sowie § 4 Abs. 3 GebT - zu Lasten des Staates gehen. 2. Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien so dann die Kosten des Rechtsmittel- verfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unter liegens. In Anbetracht, dass die Be- schuldigte mit ihrer Berufung vollumfänglich durchg edrungen ist, gehen also auch die Kosten des zweitinstanzlichen Verfahrens, bestehend aus einer Gebühr von Fr. 4‘875.00, Auslagen von Fr. 200.00 und Expertisekosten von Fr. 1‘400.00, total Fr. 6‘475.00, zu Lasten des Staates. Der Vertreterin der Beschuldigten, Advokatin Doris Vollenweider, ist schliesslich für ihre Bemü- hungen im Berufungsverfahren ein Honorar von Fr. 3‘900.00 zuzüglich Auslagen von Fr. 177.00 und Mehrwertsteuer à 8% resp. von Fr. 326.15, total Fr. 4‘403.15, aus der Gerichtskasse aus- zurichten. Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichts Basel-Landscha ft vom 12. Juni 2015, das wie folgt lautet: „1. A.____ wird von der Anklage der (versuchten) quali fizierten Brandstiftung mangels Schuldfähigkeit in Anwendung von Art. 19 Abs. 1 StGB freigesprochen. 2. A.____ wird von der Anklage des mehrfachen vers uchten Mordes, eventualiter der mehrfachen versuchten Tötu ng frei- gesprochen. 3. A.____ wird in Anwendung von Art. 19 Abs. 1 und 3 sowie Art. 59 StGB zur stationären Behandlung in eine gee ignete psychiatrische Einrichtung oder Massnahmenvollzugseinrich- tung im Sinne von Art. 59 Abs. 2 StGB eingewiesen. Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4. Die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vor- verfahrens von Fr. 14‘800.05, den Expertisekosten d es ge- richtlichen Verfahrens von Fr 4‘147.50 und einer pauschalen Gerichtsgebühr von Fr. 12‘000.00, gehen in Anwendun g von Art. 425 StPO sowie § 4 Abs. 3 GebT zufolge Uneinbr inglich- keit zu Lasten des Staates. Wird kein Rechtsmittel ergriffen und kein begründe tes Urteil verlangt (Art. 82 Abs. 2 StPO), wird die strafgeric htliche Ge- bühr auf Fr. 6‘000.00 ermässigt (§ 4 Abs. 1 GebT). 5. Das Honorar der amtlichen Verteidigung in Höhe von insge- samt Fr. 11‘142.40 (inkl. Hauptverhandlung, Auslage n und 8% Mehrwertsteuer sowie einer Reduktion des Stundea nsat- zes von Fr. 200.00 auf Fr. 180.00 für die Jahre 201 2 und 2013) wird aus der Gerichtskasse entrichtet. 6. …. „ wird in Gutheissung der Berufung der Beschuldigten in Ziffer 1, 3 und 4 aufgehoben resp. wie folgt neu gefasst: „1. A.____ wird von der Anklage der (versuchten) q ualifizierten Brandstiftung freigesprochen. 3. (aufgehoben) 4. Die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vor- verfahrens von Fr. 14‘800.05, den Expertisekosten d es ge- richtlichen Verfahrens von Fr. 4‘147.50 und einer pauschalen Gerichtsgebühr von Fr. 12‘000.00, gehen zu Lasten d es Staates.“ Im Übrigen wird das Urteil des Strafgerichts Basel- Landschaft vom 12. Juni 2015 bestätigt. Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht II. Die Kosten des Berufungsverfahrens, bestehend aus einer Gebühr von Fr. 4‘875.00, Auslagen von Fr. 200.00 und Exper tisekosten von Fr. 1‘400.00, total Fr. 6‘475.00, gehen zu Lasten des Staates. Der Vertreterin der Beschuldigten, Advokatin Doris Vollenweider, wird für ihre Bemühungen im Berufungsverfahren ein Honorar von Fr. 3‘900.00 zuzüglich Auslagen von Fr. 177.00 und Mehrwertsteuer à 8% resp. von Fr. 326.15, total Fr. 4‘403.15, aus der Gerichtskasse ausgerichtet. Präsident Enrico Rosa Gerichtsschreiberin Nicole Schneider