Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 11. März 2020 (810 20 286/810 20 287) ____________________________________________________________________ Kindes- und Erwachsenenschutzrecht Antrag auf Aufhebung der Beistandschaft / Unterstützungsbedarf in finanziellen und ad- ministrativen Angelegenheiten Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, Kantonsri chter Markus Clausen, Daniel Ivanov, Niklaus Ruckstuhl, Stefan Schulthess , Ge- richtsschreiberin i.V. Daniela Hottiger Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin B.____ , Beschwerdeführerin gegen Kindes - und Erwachsenenschutzbehörde C.____ , Vorinstanz Betreff Änderung / Aufhebung von Erwachsenenschutzmassnah men (Entscheide der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde C.____ vom 20. November 2020) A. A.____ (geb. 1962) ist die Mutter von B.____ (geb. 1985). Am 21. November 2019 be- antragte der Hausarzt von B.____ und A.____, med. pra ct. D.____, mit deren Einverständnis bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde C.____ (K ESB) eine Verbeiständung in finan- ziellen Angelegenheiten. B.____ und A.____ seien aus verschiedenen Gründen mit der korrek- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht ten und fristgerechten Erledigung von Rechnungen völl ig überfordert. Es seien deswegen be- reits die dringend benötigten Spitexleistungen eingeste llt worden und es drohe ihnen der Woh- nungsverlust. B. Nach Abklärungen durch den Sozialdienst G.____ errich tete die KESB mit vorsorgli- chen Entscheiden vom 13. Februar 2020 für B.____ und A.____ eine Vertretungsbeistandschaft mit Vermögensverwaltung und ernannte E.____, F.____ GmbH, zur Beiständin. Die Beistand- schaft umfasst im Wesentlichen folgende Aufgabenbereiche: Die Vertretung der verbeistände- ten Personen im Verkehr mit Behörden, Ämtern, Banken , Post, (Sozial-)Versicherungen, sons- tigen Institutionen sowie Privatpersonen; die Verwaltu ng von Vermögen und Einkommen; für eine geeignete Wohnsituation bzw. Unterkunft besorgt zu sein und eine Vertretung der verbei- ständeten Personen in allen in diesem Zusammenhang e rforderlichen Handlungen sowie in medizinischen Angelegenheiten. Die Beiständin wurde zu dem von der KESB ermächtigt, eine umfassende Verwaltung aller Bankkonten ohne jegliche M itwirkung der verbeiständeten Perso- nen vorzunehmen. Für B.____ und A.____ wurde jedoch ein Konto mit Beiträgen zur freien Ver- fügung nach Art. 409 ZGB eingerichtet. C. Nach Eingang des Berichts der Beiständin vom 30. Juni 2020 wurde die Vertretungs- beistandschaft mit Vermögensverwaltung für B.____ und A .____ mit Entscheiden der KESB vom 24. Juli 2020 definitiv bestätigt. D. Am 13. August 2020 beantragten B.____ und A.____ bei der KESB die Aufhebung der bestehenden Beistandschaft. Zur Begründung führten sie aus, dass sich ihre Situation seit dem Frühjahr wesentlich geändert habe und sie beide deutli ch weniger Medikamente einnehmen würden. E. Mit Entscheiden vom 20. November 2020 lehnte die KE SB den Antrag von B.____ und A.____ vom 13. August 2020 ab. F. Gegen diese Entscheide erhoben A.____ und B.____ am 30. November 2020 Be- schwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungs- recht (Kantonsgericht). Sie stellen das Begehren, die Beistandschaft sei aufzuheben. G. Am 11. Dezember 2020 reichten die Beschwerdeführeri nnen das Formular "Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege" ein. H. Am 14. Dezember 2020 wurde der Fall der Kammer zur Beurteilung überwiesen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 450 Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgeset zbuches (ZGB) vom 10. De- zember 1907 kann gegen Entscheide der Erwachsenenschutzb ehörde Beschwerde beim zu- ständigen Gericht erhoben werden. Gestützt auf Art. 450 Abs. 1 ZGB in Verbindung mit § 43 Abs. 2 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltung sprozessording (VPO) vom 16. De- zember 1993 und § 66 Abs. 1 des kantonalen Gesetzes über die Einführung des Zivilgesetzbu- ches (EG ZGB) vom 16. November 2006 ist das Kantonsg ericht, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht, für die Beurteilung der vorliegend en Beschwerde zuständig. Das Verfahren richtet sich nach Art. 450 bis Art. 450e ZGB. Im Übrigen sind die Bestimmungen des kantonalen Verwaltungsprozessrechtes anwendbar (§ 66 Abs. 2 EG ZGB). 1.2 Nach Art. 450 Abs. 2 ZGB sind Personen zur Beschwerde befugt, die am Verfahren beteiligt sind (Ziff. 1), die der betroffenen Person nahestehen (Ziff. 2) oder die ein rechtlich ge- schütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des a ngefochtenen Entscheides haben (Ziff. 3). Die Beschwerdeführerinnen sind als direkte Verfahrensbeteiligte ohne Weiteres zur Beschwerdeerhebung legitimiert. Da auch die übrigen Prozessvoraussetzungen gemäss Art. 450 ff. ZGB in Verbindung mit § 66 Abs. 2 EG ZG B und § 43 ff. VPO erfüllt sind, ist auf die Beschwerde grundsätzlich einzutreten. 1.3 Soweit die Beschwerdeführerinnen Schadenersatz ab Februar 2020 verlangen, wäre ein entsprechendes substantiiertes Begehren (Art. 454 A bs. 1 ZGB) an die Sicherheitsdirektion des Kantons Basel-Landschaft als sachlich zuständige Direktion zu richten (§ 7 Abs. 1 bis in Ver- bindung mit § 7 Abs. 3 lit. a des Gesetzes über die Ha ftung des Kantons und der Gemeinden [Haftungsgesetz] vom 24. April 2008). Auf die Beschwerde ist in diesem Punkt nicht einzutreten. 2. Gemäss Art. 450a Abs. 1 ZGB können mit der Beschwerd e Rechtsverletzungen (Ziff. 1), die unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts (Ziff. 2) sowie die Un- angemessenheit (Ziff. 3) gerügt werden. Dem Kantonsg ericht kommt bei der Beurteilung der vorliegenden Beschwerde somit volle Kognition zu. 3. Da es sich um einen klaren Fall handelt, wird vorlieg end im Zirkulationsverfahren ent- schieden (§ 1 Abs. 4 VPO). 4. Streitgegenstand bildet die Frage, ob der Antrag der Beschwerdeführerinnen auf Auf- hebung der Beistandschaft zu Recht abgewiesen wurde. 5.1 Dem vorliegenden Fall liegt folgender Verfahrens ablauf zugrunde: 5.2 Nach Eingang des Antrags des Hausarztes der Beschwe rdeführerinnen vom 21. No- vember 2019 beauftragte die KESB den Sozialdienst der Gemeinde G.____ mit der Abklärung der Situation. Die zuständige Sozialarbeiterin H.____ beschrieb in einer E-Mail an die KESB vom 5. Februar 2020, dass B.____ wegen eines Krampfanf alles und einer möglichen Epilepsie und A.____ wegen eines tonisch-klonischen Ereignisses hospi talisiert seien. Am 22. Januar Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2020 hätten sie wegen unbezahlter Mietforderungen sei t Juni 2019 per Zwangsräumung ihre Wohnung verlassen müssen und bis zum Spitaleintritt bei einem Freund in I.____ gewohnt. Man habe den Beschwerdeführerinnen jeden Schritt des Zwangsräumungsverfahrens schriftlich mitgeteilt. Da sie jedoch die Post nicht geöffnet hätt en, hätten sie sich auch nicht gegen die Zwangsräumung gewehrt. Die Beschwerdeführerinnen würden eine 100%-IV-Rente und Ergän- zungsleistungen beziehen. Anlässlich eines Gesprächs mit de r Sozialarbeiterin vom 11. Febru- ar 2020 hätten sie sich interessiert und kooperativ gezeigt und seien mit einer Beistandschaft im Rahmen der Einkommens- und Vermögensverwaltung einver standen gewesen. Sie würden sich zudem auch über eine unterstützende Person in gesundh eitlichen Fragen sowie Fragen in Bezug auf ihre Wohnsituation freuen. B.____ habe bis vor einem Jahr die IV-Renten verwaltet und die administrativen Belange erledigt, fühle sich a ber im heutigen Zeitpunkt nicht mehr dazu in der Lage. Sie und ihre Mutter seien froh, wenn si e so schnell wie möglich in die Wohngruppe J.____ eintreten könnten. Der Eintritt in diese Wohng ruppe setze eine Rentenverwaltung voraus. 5.3 Aufgrund der vorgenannten Schilderungen des Sozial dienstes errichtete die KESB mit Entscheid vom 13. Februar 2020 vorsorglich eine Beistan dschaft für die Beschwerdeführerin- nen, da diese nicht in der Lage seien, ihr Einkommen und Vermögen zu verwalten, administrati- ve Angelegenheiten selbst zu regeln und sich alleine um e ine neue Wohnform zu kümmern. In ihrem Bericht zuhanden der KESB vom 30. Juni 2020 hi elt die Beiständin fest, dass die Be- schwerdeführerinnen weiterhin Unterstützung benötigen würden. In ihrer alten Wohnung habe man am 20. Februar 2020 vier Papiersäcke mit ungeöffne ter Post oder losen Einzahlungs- scheinen gefunden. Gegen A.____ lägen gemäss Betreibung sregisterauszug Verlustscheine über Fr. 100'000.-- vor und gegen B.____ Verlustscheine über Fr. 20'000.--. Aufgrund der Sprachbarriere habe in der Vergangenheit stets die Tochter die finanziellen Angelegenheiten für beide erledigt. Diese sei dazu jedoch seit längerer Zeit nicht mehr in der Lage. Der Gesund- heitszustand von B.____ sei abhängig von der Tagesfor m und sie versuche immer noch Schritt für Schritt die Medikamenteneinnahme zu reduzieren. Ende März 2020 habe sie aufgrund eines Epilepsieanfalls notfallmässig im Universitätsspital Basel hospitalisiert werden müssen. Die Be- schwerdeführerinnen seien noch nicht stabil genug, um de n Umzug in eine eigene Wohnung alleine durchzustehen. Die Aufrechterhaltung der Beistandschaft sei deshalb zwingend notwen- dig. Aus dem in den Akten befindlichen Bericht von Dr . med. K.____, Zentrum N.____, vom 10. Juni 2020 geht hervor, dass A.____ die Benzodiazep ine habe absetzen können. B.____ sei noch im Prozess, das Valium abzusetzen, was realistischerwe ise noch etwa 6 Monate dauern könne. Mit Entscheid vom 24. Juli 2020 bestätigte die KESB die Beistandschaft für die Be- schwerdeführerinnen. 5.4 Im angefochtenen Entscheid erachtet die KESB die Voraussetzungen für eine Bei- standschaft nach wie vor als gegeben. Die Situation d er Beschwerdeführerinnen habe sich, wenn überhaupt, dann nur minim gebessert. Die Abkläru ngen der KESB und die Entwicklung der Situation der Beschwerdeführerinnen seit dem Antr ag vom 13. August 2020 hätten bestä- tigt, dass weiterhin ein Schutzbedürfnis bestehe. Insb esondere sei festzustellen, dass die Be- schwerdeführerinnen ohne die bestehende Beistandschaft na ch der Kündigung ihres Mietver- trags mit der Wohngruppe J.____ per 5. November 2020 ohne Anschlusslösung dagestanden Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht wären, hätte es die Beistandschaft nicht gegeben. Die Wohngruppe J.____ führte in ihrer Stel- lungnahme vom 8. September 2020 aus, dass eine Aufhebu ng der Beistandschaft verfrüht sei, da beide Beschwerdeführerinnen medizinisch und psychisch n och nicht stabil genug seien, um auf eine Beistandschaft verzichten zu können, und die no twendigen Kompetenzen fehlten, um den Alltag sowie die administrativen und finanziellen Angelegenheiten langfristig selbständig erledigen zu können. Es fehle ein selbständiges, zielori entiertes und konstruktives Verhalten. Auch die Beiständin schrieb in ihrer Stellungnahme vom 15. September 2020, dass sich die Situation der Beschwerdeführerinnen seit dem Zwischenb ericht vom 30. Juni 2020 nicht we- sentlich verändert habe und die nötige gesundheitliche Stabilität ebenso wie die Fertigkeiten für eine selbständige Bewältigung des Alltags nicht gegeben seien. Die Beiständin äusserte die Befürchtung, dass sich die Beschwerdeführerinnen in einer selbständigen Wohnung ohne Be- reitstellung der notwendigen Unterstützung zurückziehen würden und sich die Situation, die zur Errichtung der Beistandschaft geführt habe, wiederhole n würde. Sie habe eine Weiterführung der Beistandschaft deshalb als zwingend notwendig erachtet . Die Wohnsituation in der Wohn- gruppe J.____ sei zwar nicht ideal, aber die Aufgleisun g der Unterstützung für selbständiges Wohnen sei durch die Massnahmen zur Bekämpfung der Pand emie erschwert worden, wofür die Beschwerdeführerinnen wenig Verständnis aufbringen würden. Im Rahmen der Anhörung durch die KESB vom 21. Oktober 2020 hätten die Beschwerd eführerinnen erklärt, dass die Bei- ständin sich nicht um eine Wohnung für sie gekümmert hab e und dass sie die Situation in der Wohngruppe J.____ nicht mehr aushalten würden. B.____ habe erklärt, dass sie die finanziel- len und administrativen Angelegenheiten selbständig erledigen könne und dass sie am liebsten eine eigene Wohnung in L.____ hätten, in der Nähe i hres Hausarztes, des Zentrums N.____ sowie ihres Psychiaters. Nachdem die KESB die Beschwerdefü hrerinnen darauf aufmerksam gemacht habe, dass sich aus Sicht der Behörden wenig geän dert habe und kaum ein aktives Handeln der Beschwerdeführerinnen betreffend die Woh nsituation erkennbar sei, hätten die Beschwerdeführerinnen am 22. Oktober 2020 gegenüber der KESB erklärt, dass sie eine Woh- nung gefunden hätten und den Vertrag mit der Wohngr uppe J.____ gekündigt hätten. Zu die- sem Zeitpunkt seien die Beschwerdeführerinnen gemäss Anga ben der Wohngruppe J.____ durch ihr Verhalten dort kaum noch tragbar gewesen. Die Beschwerdeführerinnen hätten der KESB daraufhin mitgeteilt, dass die neue Wohnung bezog en und nach Erledigung gewisser Formalitäten und Umbauarbeiten der Mietvertrag unter zeichnet werden könne, dass jedoch der Betreibungsregisterauszug, welcher einige Einträge vor Errichtung der Beistandschaft aufweise, ein Problem darstelle. B.____ habe wenig später erklä rt, dass sie dies mit der Vermieterin ge- klärt habe. Schliesslich hätten die Beschwerdeführerinnen der KESB am 3. und 4. November 2020 eröffnet, dass sie die besagte Wohnung doch nicht beziehen könnten und keine An- schlusslösung hätten, wenn sich die Wohngruppe J.____ nicht flexibel zeige in Bezug auf ihre Kündigung. Die Wohngruppe J.____ habe erklärt, dass sie die Kündigung aufgrund des Verhal- tens der Beschwerdeführerinnen in der Wohngruppe gege nüber Mitarbeitenden nicht erstre- cken könne, woraufhin die Beiständin eine Zwischenlösung im Hotel M.____ organisiert habe, damit die Beschwerdeführerinnen nicht auf der Strasse gelandet seien. 6.1 Die Beschwerdeführerinnen machen zur beantragten Aufhebung der Beistandschaft im Wesentlichen geltend, dass sie die Medikamenteneinnahme reduziert hätten, was auch von Dr. med. K.____, Oberarzt des Zentrums N.____, bestäti gt worden sei. B.____ werde voraus- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht sichtlich in vier Monaten keine Medikamente mehr nehmen und möchte nächstes Jahr die An- waltsprüfung machen. Die aktuelle Situation, in der si e wegen der Beistandschaft seien, lasse dies jedoch nicht zu. Sie seien seit vier Wochen in einem Hotel, obwohl sie eine Wohnung ge- funden hätten, und sie könnten sich kaum etwas Warmes zu essen leisten. 6.2.1 Die KESB errichtet eine Beistandschaft, wenn eine volljährige Person wegen einer geistigen Behinderung, einer psychischen Störung oder ei nes ähnlichen in der Person liegen- den Schwächezustands ihre Angelegenheiten nur teilwei se oder nicht besorgen kann (Art. 390 Abs. 1 Ziff. 1 ZGB). Eine Vertretungsbeistandschaft wi rd errichtet, wenn eine hilfsbedürftige Person bestimmte Angelegenheiten nicht erledigen kann und deshalb vertreten werden muss (Art. 394 Abs. 1 ZGB). Diese Form der Beistandschaft k ann auch gegen den Willen der hilfsbe- dürftigen Person angeordnet werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 5A_795/2014 vom 14. April 2015 E. 4.1.2). Soweit die KESB nicht eine andere An ordnung getroffen hat, schränkt diese Massnahme die Handlungsfähigkeit der betroffenen Perso n nicht ein (Art. 394 Abs. 2 ZGB). Voraussetzung ist, dass der für die Anordnung einer erwa chsenenschutzrechtlichen Massnah- me erforderliche Schwächezustand bewirkt, dass die hilfsbe dürftige Person bestimmte Angele- genheiten nicht oder nicht zweckmässig erledigen kann, i hr Wohl dadurch in relevanter Weise gefährdet ist und sie deshalb vertreten werden muss. Ei ne Vertretungsbeistandschaft ist unter anderem angezeigt, wenn die hilfsbedürftige Person als Folge des Schwächezustands nicht in der Lage ist, sich um bestimmte Angelegenheiten zu kümmer n oder sich völlig passiv verhält und sich deshalb nicht um diese Angelegenheiten kümmert (vgl. Urteil des Bundesgerichts 5A_18/2015 vom 10. August 2015 E. 4.5.2) 6.2.2 Ist die hilfsbedürftige Person im Bereich der Ve rmögensverwaltung zu vertreten, so ist die Vertretungsbeistandschaft gestützt auf Art. 395 ZGB entsprechend zu ergänzen, denn die Vermögensverwaltung ist nicht einer eigenständigen Bei standschaftsart zugeordnet (vgl. H EL - MUT HENKEL /Y VO BIDERBOST , in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zi vilgesetz- buch I, 6. Auflage, Basel 2018, N 1 zu Art. 395 ZGB) . Vermögensverwaltung durch einen Bei- stand erfolgt demzufolge im Rahmen der Vertretungsbeist andschaft und ist nur dann möglich, wenn die Voraussetzungen für eine Vertretungsbeistandschaft erfüllt sind, und zwar in der Wei- se, dass die hilfsbedürftige Person die Verwaltung ihr es Vermögens teilweise oder ganz nicht oder nicht zweckmässig besorgen kann, ihr Wohl dadurch in relevanter Weise gefährdet ist und sie deshalb vertreten werden muss (H ENKEL /BIDERBOST , a.a.O., N 5 zu Art. 395 ZGB). Ent- scheidend für die Anordnung dieser Massnahme ist in erste r Linie das entsprechende Unver- mögen der hilfsbedürftigen Person, nicht die Grösse un d Zusammensetzung des Vermögens i.w.S. (HENKEL /BIDERBOST , a.a.O., N 6 zu Art. 395 ZGB). Bei Erhaltung der Ha ndlungsfähigkeit wird die betroffene Person durch die Handlungen des Be istandes verpflichtet, behält aber eine konkurrierende Handlungsbefugnis in der Verwaltung ihr er Vermögenswerte (vgl. P HILIPPE MEIER , in: Büchler/Häfeli/Leuba/Stettler [Hrsg.], Fam Kom mentar, Erwachsenenschutzrecht, Bern 2013, N 24 zu Art. 394 ZGB). Folge davon ist, d ass grundsätzlich sowohl der gesetzliche Vertreter als auch die betroffene Person z.B. Geld von der Bank abheben kann (vgl. CHRISTIANA FOUNTOULAKIS , in: Breitschmid/Jungo [Hrsg.], Handkommentar zum Schweize r Privatrecht, 3. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2016, N 5 zu Art. 395 ZGB; Botschaft vom 28. Juni 2006 zur Än- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht derung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches [Erwachsen enschutz, Personenrecht, Kindes- recht], Bundesblatt [BBl] 2006, S. 7047 Ziff. 2.2.3). 6.2.3 Soll verhindert werden, dass die urteilsfähige verbeiständete Person im Rahmen ihrer Parallelzuständigkeit auch auf vom Beistand verwaltete V ermögenswerte zugreifen kann, ist entweder gestützt auf Art. 394 Abs. 2 ZGB ihre Handl ungsfähigkeit entsprechend einzuschrän- ken oder ihr gestützt auf Art. 395 Abs. 3 und 4 ZGB der Zugriff auf einzelne Vermögenswerte zu entziehen, ohne ihre Handlungsfähigkeit einzuschränken , beispielsweise wenn Gefahr für das Vermögen besteht, weil die betroffene Person leicht b eeinflussbar ist. Nach Art. 395 Abs. 3 ZGB besteht die Möglichkeit, der betroffenen Person zu ihrem Schutz die faktische Verfü- gungsmöglichkeit über Vermögenswerte zu entziehen, all erdings nur unter einschränkenden Voraussetzungen (vgl. F OUNTOULAKIS , a.a.O., N 5 zu Art. 395 ZGB; BBl 2006 S. 7047 Ziff. 2.2.3). Der Entzug des Zugriffs auf die Konti muss von der KESB angeordnet werden, liegt also nicht in der Kompetenz des Beistandes. Indessen ist e s Aufgabe des Beistandes, der ver- beiständeten Person angemessene Beträge zur freien Ver fügung zu stellen (Art. 409 ZGB; HENKEL /B IDERBOST , a.a.O., N 21 zu Art. 395 ZGB). Selbst wenn der Zug riff auf sämtliche Bank- konti entzogen wird, ist nicht ausgeschlossen, dass der Beist and der betroffenen Person ein zusätzliches Konto für Beträge zur freien Verfügung einri chten kann (vgl. Art. 409 ZGB; HENKEL /BIDERBOST , a.a.O., N 17 zu Art. 395 ZGB). 6.2.4 Zweck der behördlichen Massnahmen des Erwachsenensc hutzes ist nach Art. 388 Abs. 1 ZGB, das Wohl und den Schutz hilfsbedürftiger Personen sicherzustellen. Basis ist stets das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Person. Es soll soweit wie möglich erhalten und gefördert werden (Art. 388 Abs. 2 ZGB). Das Gesetz verzichtet daher weitgehend auf gesetzlich umschriebene, starre Massnahmen zum Schutz hilfsbedürftig er Menschen. In Art. 389 ZGB unterstellt der Gesetzgeber alle behördlichen Massnahmen des Erwachsenenschutzes den bei- den Maximen der Subsidiarität und der Verhältnismässigkei t. Subsidiarität (Art. 389 Abs. 1 ZGB) bedeutet, dass behördliche Massnahmen nur dann anzuordnen sind, wenn die Betreuung der hilfsbedürftigen Person auf andere Weise nicht angemessen sichergestellt ist (vgl. BBl 2006 S. 7042 Ziff. 2.2.1). Kommt die KESB zum Schluss, die vorhandene Unterstützung der hilfsbe- dürftigen Person sei nicht ausreichend oder von vornhere in ungenügend, so muss ihre behörd- liche Massnahme verhältnismässig, das heisst erforderlich und geeignet sein (Art. 389 Abs. 2 ZGB). Es gilt der Grundsatz "so viel staatliche Fürsorge w ie nötig, so wenig staatlicher Eingriff wie möglich" (vgl. Urteil des Bundesgerichts 5A_702/2013 vom 10. Dezember 2013 E. 4.3.1; BBl 2006 S. 7017 Ziff. 1.3.4 in fine). Die KESB hat dabei nicht gesetzlich fest umschriebene, starre Massnahmen, sondern "Massnahmen nach Mass" zu treff en, also solche, die den Be- dürfnissen der betroffenen Person entsprechen (Art. 39 1 Abs. 1 ZGB). Unter den verschiede- nen geeigneten Varianten ist die zurückhaltendste zu w ählen; diese muss zudem in einem ver- nünftigen Verhältnis zur Einschränkung des Selbstbestim mungsrechts stehen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 5A_795/2014 vom 14. April 2015 E. 4.2.1). 6.3 Im vorliegenden Fall bringen die Beschwerdeführeri nnen als einziges Argument für die Aufhebung der Beistandschaft vor, dass sie die Medikamente neinnahme seit Frühjahr 2020 erheblich hätten senken können. Dazu ist festzustellen, dass die Beistandschaft mit Entscheid Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht der KESB vom 24. Juli 2020 gestützt auf den Zwischenberi cht der Beiständin bestätigt wurde, welche den Schutzbedarf der Beschwerdeführerinnen im Ve rgleich zum vorläufigen Entscheid vom 13. Februar 2020 immer noch als gegeben erachtete. Die Medikamenteneinnahme war dabei ein Grund neben anderen für die Errichtung der Beistandschaft. Die KESB begründete ihren Entscheid zudem mit der Tatsache, dass die Beschwerd eführerinnen nicht in der Lage seien, ihr Einkommen und Vermögen zu verwalten, sich u m administrative Belange sowie eine neue Wohnform zu kümmern, sowie aufgrund ihrer psychischen Verfassung. 6.4 Die Beschwerdeführerinnen waren in der Vergangen heit nicht in der Lage, ihre admi- nistrativen und finanziellen Angelegenheiten zweckmässig s elbst zu erledigen, was zu Verlust- scheinen in der Höhe von insgesamt über Fr. 120'000.-- und zur Einstellung der dringend benö- tigten Spitexleistungen führte. Aus den Ausführungen d er involvierten Behörden und Personen (E. 5.1 ff. hiervor) geht deutlich hervor, dass die Besch werdeführerinnen mit der alleinigen Erle- digung ihrer finanziellen Angelegenheiten nach wie vor überfordert wären und auch aktuell nicht in der Lage sind, sich hinreichend um ihre administrativen Belange zu kümmern. Gäbe es keine Beistandschaft, wären die Beschwerdeführerinnen namentl ich wegen der übereilten Kündigung vom 5. November 2020 ohne Anschlusslösung und ohne Wohnu ng dagestanden. Die Weiter- führung der Beistandschaft für die Beschwerdeführerinn en erweist sich vor diesem Hintergrund als geboten und verhältnismässig. Aufgrund der aktuell u nbefriedigenden Wohnsituation der Beschwerdeführerinnen im Hotel M.____ ist mit der KESB festzustellen, dass das Ziel nunmehr insbesondere darin bestehen muss, die Beschwerdeführerinn en dabei zu unterstützen, eine geeignete Unterkunft zu finden. Entgegen den Ausführu ngen der Beschwerdeführerinnen stellt die Beistandschaft kein Hindernis dar, eine eigene Wohn ung zu finden und einen Mietvertrag abzuschliessen. Die Beschwerdeführerinnen sind in ihrer Ha ndlungsfähigkeit diesbezüglich nicht eingeschränkt. Sie können Mietverträge unterzeichnen, ebenso wie sie ohne Einverständ- nis der Beiständin die Kündigung bei der Wohngruppe J. ____ einreichen konnten. Als unzutref- fend erweist sich zudem der Vorwurf der Beschwerdeführe rinnen, dass die Beistandschaft B.____ davon abhalten würde, im Frühjahr 2022 die Anwaltsprüfungen zu machen. 6.5 Die Abweisung des Gesuchs der Beschwerdeführerinne n um Aufhebung der Beistand- schaft erfolgte nach dem Gesagten zu Recht. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 7.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO werden in verwal- tungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren Verfahrenskosten erhoben. Die Verfahrenskosten um- fassen die Gerichtsgebühren und die Beweiskosten. Vorli egend sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1‘400.-- den unterliegenden Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen. Die Partei- kosten sind wettzuschlagen (§ 21 Abs. 1 VPO). 7.2.1 Die Beschwerdeführerinnen stellen das Gesuch um un entgeltliche Rechtspflege. 7.2.2 Gemäss § 22 Abs. 1 VPO wird eine Partei auf ihr Begehren von der Bezahlung der Verfahrenskosten und der Kosten von Beweismassnahmen befre it, wenn ihr die nötigen Mittel fehlen und ihr Begehren nicht offensichtlich aussichtslos erscheint. Als aussichtslos sind Begeh- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht ren anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich geringer sind als die Verlustgefah- ren und die deshalb kaum als ernsthaft bezeichnet wer den können. Massgebend ist, ob eine Partei, die über die nötigen finanziellen Mittel verf ügt, sich bei vernünftiger Überlegung zu ei- nem Prozess entschliessen würde. Eine Partei soll einen Prozess, den sie auf eigene Rech- nung und Gefahr nicht führen würde, nicht deshalb anstrengen können, weil er sie nichts kostet (vgl. BGE 139 III 475 E. 2.2; BGE 138 III 217 E. 2.2 .4; BGE 133 III 614 E. 5). Vorliegend sind die Erfolgsaussichten der Beschwerde bei objektiver Betrac htung beträchtlich geringer einzu- schätzen als die Verlustgefahren. Namentlich haben die B eschwerdeführerinnen ihren Antrag auf Aufhebung der Beistandschaft im Wesentlichen einzig mit der geltend gemachten Reduktion der Medikamenteneinnahme begründet, was offensichtlich zu kurz greift. Die Beschwerde er- weist sich als aussichtslos, was zur Abweisung des Gesuchs d er Beschwerdeführerinnen um unentgeltliche Rechtspflege führt. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Das Gesuch der Beschwerdeführerinnen um unentgeltl iche Rechtspflege wird abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'400.-- werden den Be- schwerdeführerinnen unter solidarischer Haftung auferlegt. 4. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Präsidentin Gerichtsschreiberin i.V. Gegen diesen Entscheid wurde am 30. März 2021 Beschwerde beim Bundesgericht (Verfah- rensnummer 5A_253/2021) erhoben.