B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5541/2015/mel U r t e i l v o m 2 4 . M ä r z 2 0 16 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Daniel Willisegger, Richter Gérard Scherrer; Gerichtsschreiberin Martina Kunert. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), Bertastrasse 8, Postfach, 8036 Zürich, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 13. August 2015 / N (…). D-5541/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der aus Afghanistan stammende Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im Januar 2010 und gelangte unter anderem via Iran, Griechenland und Österreich am 26. Mai 2012 in die Schweiz, wo er gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Altstätten um Asyl nachsuchten. Am 1. Juni 2012 wurde er im EVZ su m- marisch befragt und am 11. Februar 2014 vom damaligen Bundesamt für Migration (BFM, heute SEM) direkt angehört. A.b In entscheidwesentlicher Hinsicht reichte er Kopien seiner und seines Vaters Tazkiras zu den Akten. B. B.a Am 30. Oktober 2014 wurde mit dem Beschwerdeführer ein Gespräch im Hinblick auf eine sprachliche und länderkundliche Expertise (soge- nannte Lingua-Analyse) geführt (vgl. Act. A28). Bei der Evaluation der lan- deskundlich-kulturellen Kenntnisse (Ziffer 2) wurde dieser zu regionalen Gegebenheiten, Landwirtschaft, Brauchtümern, Ernährungs- und Kleider- gewohnheiten, Landesalltag und sonstigen Besonderheiten der vorgebli- chen Herkunftsregion befragt. Der Experte hält darin fest, das s der Be- schwerdeführer ein Heiligtum und den Gouverneur der Provinz Paktia , habe benennen können, die Bezeichnung für die in Afghanistan verbreite- ten Minibusse gekannt und die korrekten Fahrtzeiten von seinem Heimatort nach B._______ und C._______ angegeben habe, ausserdem habe er über Kinderspiele, Hochzeitsbräuche, Viehwirtschaft, Brauchtümer an reli- giösen Feiertagen, lokal ansässige Stämme, das wichtigste Anbauprodukt ([…]), Speisen und eine lokale Besonderheit im Zusammenhang mit dem Neujahrsfest in seiner vorgeblichen Herkunftsregion Bescheid gewusst. Zudem habe er gewusst , weshalb in seiner angeblichen Region ein be- stimmtes Produkt nicht angebaut werde, habe die Modalitäten bei der Aus- stellung eines afghanischen Personalausweises angeben können und sei über die fehlende zentrale Stromversorgung im ländlichen Bereich des Be- zirks und die stattdessen gängige Beheizungsart (mit […] anstatt […]) im Bilde gewesen. Zutreffend sei auch seine Ausführung, wonach viele junge Männer die Dörfer verliessen, um ausserhalb zu lernen oder zu arbeiten . Allerdings habe er unerwähnt gelassen, dass in der angegebenen Region (…), (…) und (…) wüchsen und sei mit dem afghanischen Währungssys- tem nicht vertraut gewesen, da er unzutreffend angegeben habe, auf dem (…) sei ein gewisser (…) abgebildet und behauptet habe, es gäbe keine D-5541/2015 Seite 3 (…). Ausserdem habe er realitätsfremd angegeben, in seinem Heimatdorf dienten alle Jungen in der afghanischen Armee, was auch aufgrund des Einflusses der Taliban kaum zutreffen könne. Sodann habe er unzutreffend behauptet, die Schulzeit in Afghanistan dauere zehn Jahre , während die Gymnasialstufe in der Regel erst nach elf Jahren beendet sei, allerdings sei diesbezüglich dem tiefen Bildungsniveau des Beschwerdeführers Rechnung zu tragen. Sodann habe er widersprüchliche Angaben zu sei- nem Herkunftsort gemacht, indem er zunächst angegeben habe, im Be- zirkshauptort D._______ und später 40 Autominuten entfernt davon gebo- ren zu sein. B.b In der linguistischen Analyse (Ziffer 3) hält der Experte fest , das vom Beschwerdeführer gesprochene Paschto entspreche dem in der Provinz E._______ gesprochenen und weise keine charakteristischen Merkmale des in Pakistan gesprochenen Paschto auf. B.c In der Schlussfolgerung der Lingua -Analyse (Ziffer 4) kommt der Ex- perte zum Schluss, die Hauptsozialisation des Beschwerdeführers sei ein- deutig nicht in Afghanistan, sondern sehr wahrscheinlich im Milieu afgha- nischer Emigranten ausserhalb von Afghanistan erfolgt. Zudem habe er abweichend angegeben, 21 beziehungsweise 24 Jahre alt zu sein und un- terschiedliche Angaben bezüglich der Anzahl besuchter Schuljah re ge- macht (vgl. Act. A28). C. Dem Beschwerdeführer wurde der Inhalt der Lingua-Analyse zusammen- gefasst zur Kenntnis gebracht und ihm wurde unter Fristansetzung und ge- währter Fristverlängerung Gelegenheit zum Einreichen einer Stellung- nahme gegeben. D. In seiner Stellungnahme vom 2 6. Mai 2015 führte der Beschwerdeführer sein Alter betreffend aus, in Afghanistan gäbe es viele Schwierigkeiten und kaum jemand kümmere sich um sein Alter, er gehe aufgrund der Angaben seiner Mutter jedoch davon aus, 24 -jährig zu sein. Sodann habe er vier Jahre den Schulunterricht besucht und auf Initiative seiner Mutter hin in B._______ bei einem Bekannten gewohnt und bei einem Lehrer namens F._______ Englisch gelernt. Der Dolmetscher, der ihm während der Befra- gung Schläge angedroht und seine afghanische Herkunft in Frage gestellt habe, sei vermutlich Iraner oder Pakistaner aus Peschawar und gäbe sich fälschlicherweise als Afghane aus (vgl. Act. A35). D-5541/2015 Seite 4 E. E.a Mit Verfügung vom 13. August 2015 – eröffnet am 17. August 2015 – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 26. Mai 2012 ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Wegweisung an. E.b Die Vorinstanz stellt sich auf den Standpunkt, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaubwürdigkeit (sic.) ge- mäss Art. 7 AsylG nicht standhielten, weshalb deren Asylrelevanz nicht ge- prüft werden müsse. E.c Zum Wegweisungsvollzugspunkt wiederholt die Vorinstanz einleitend den Inhalt der Lingua-Analyse, weshalb vorab auf diese verwiesen werden kann (vgl. vorstehend, Bst. B) und führte darüber hinausgehend aus, der Beschwerdeführer habe, nach seinem Geburtsdatum gemäss dem afgha- nischen und gregorianischen Kalender befragt, unzutreffend behauptet, es bestünde kein Unterschied zwischen der afghanischen und der westlichen Zeitrechnung. In Anbetracht dessen, dass er als angeblich ungebildeter Af- ghane im Verlauf des Asylverfahrens verschiede ne Male Jahreszahlen nach der westlichen Zeitrechnung habe angeben können, erscheine dieser Erklärungsversuch nicht plausibel . Folglich sei davon auszugehen, dass seine Hauptsozialisierung offensichtlich in einem Land erfolgt sei, in wel- chem der westliche Kalender verwendet werde. Ausserdem habe er sich in Widersprüche seinen Vater betreffend verstrickt, indem er abweichend an- gegeben habe, dieser sei noc h am Leben beziehungsweise verstorben (vgl. Act. A5, Pkt. 1.17.05, 3.01 und A15, F42). Ausserdem überrasche es, dass eine Person, welche die Schule abgebrochen habe, einen Englisch- kurs besucht habe. Davon unbenommen erscheine die geltend gemachte Ausreise unglaubwürdig (sic.), da er keine Ortschaften zwischen Kabul und Herat habe benennen können, obwohl die Strecke über 600 Kilometer be- trage. Schliesslich müsste er gemäss den Angaben in seiner Ta zkira im Jahr 2007/2008 ungefähr dreizehn Jahre und im Verfügungszeitpunkt folg- lich 20 oder 21 Jahre alt gewesen sein. Dies lasse sich jedoch nicht mit dem Geburtsjahr , welches er bei der Erstbefragung angegeben habe (1990) in Einklang bringen. Erschwerend komme hinzu, dass er unter- schiedliche Angaben zu seiner Tazkira gemacht habe (vgl. Act. A5, Pkt. 4.03 und A15, F120). Weiter sei auf der Kopie der Tazkira seines Va- ters der (…) ([…]) als Ausstellungsdatum angegeben, wobei sein Vater zu diesem Zeitpunkt angeblich nicht mehr am Leben gewesen sei. Aufgrund des Ausgeführten müsse davon ausgegangen werden, dass er offensicht- lich vor der Ausreise über längere Zeit, insbesondere während den Jahren D-5541/2015 Seite 5 seiner Hauptsozialisation, allenfalls sogar seit seiner Geburt, ausserhalb Afghanistans gelebt habe. Allerdings sei es dem SEM w egen der Verlet- zung seiner Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht nicht möglich, sich in Kennt- nis aller notwendigen Informationen zur Zumutbarkeit der Wegweisung "in jenen unbekannten Drittstaat" oder allenfalls nach Afghanistan zu äussern. Der Vollzug der Wegweisung erweise sich als zumutbar. Ausserdem sei der Vollzug der Wegweisung trotz der gegenwärtig vorliegenden Sachlage grundsätzlich als technisch möglich und praktisch durchführbar zu erach- ten, da davon auszugehen sei, dass er afghani scher Staatsbürger sei. In Anbetracht des Ausgeführten sei jedoch nicht auszuschliessen, dass er ebenfalls im Land, in welchem er vor seiner Ausreise gelebt habe, über einen Aufenthaltsstatus oder die Staatsangehörigkeit verfüge, welche ihm eine Rückkehr dorthin ermögliche. F. F.a Mit Eingabe vom 9. September 2015 erhob der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter gegen den Entscheid des SEM beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der an- gefochtenen Verfügung, die Gewährung von Asyl oder jedenfalls die Fest- stellung der Flüchtlingseigenschaft, eventualiter die Feststellung der Unzu- mutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung und die Anordnung der vorläufi- gen Aufnahme und in prozessualer Hinsicht die Gewährung der vollum- fänglichen unentgeltlichen Rechtspflege unter Anordnung des Rechtsver- treters als amtlichen Rechtsbeistand und Verzicht auf Erhebung eines Kos- tenvorschusses. F.b In der Beschwerdeeingabe rügt der Beschwerdeführer in formeller Hin- sicht die seiner Auffassung nach zu lange Verfahrensdauer, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Erstellung der Lingua-Analyse und sieht darin einen Verstoss gegen Art. 37 AsylG, unbenommen vom Umstand, dass es sich bei der angerufenen Norm lediglich um eine nicht durchsetz- bare Ordnungsfrist handle. Sodann bezweifelt er, dass das Lingua-Gutach- ten neutral, objektiv und fair erstellt worden sei, da die Schlussfolgerungen sprachlich nicht eindeutig, nachvollziehbar und klar formuliert seien. Wolle man die nur ungenügend zusammengefasste Li ngua-Analyse zum Nach- teil des Beschwerdeführers verwenden, müsse diese zwingend editiert werden. Sodann hätte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer die Zweifel an der geltend gemachten Herkunft zwingend mitteilen und ihm das recht- liche Gehör hierzu gewähren müssen. Im Zusammenhang mit dem Weg- weisungsvollzug wird geltend gemacht, die Begründung und Schlussfolge- rung der Vorinstanz, weshalb dieser möglich, zulässig und zumutbar sein D-5541/2015 Seite 6 soll, sei nicht nachvollziehbar. Die Vorinstanz glaube dem Beschwerdefüh- rer, dass dieser afghanischer Staatsangehöriger sei und in Ziffer 4 des Ver- fügungsdispositivs werde ihm die zwangsweise Rückführung in seinen Hei- matsaat angedroht, sollte dieser nicht fristgemäss ausreisen . Mit Heimat- staat könne bei vorliegender Aktenlage lediglich Afghanistan gemeint sein, weshalb die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug nach Afghanistan zwin- gend hätte prüfen müssen. Hierzu sei festzuhalten, dass dieser gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Praxis lediglich nach Kabul, allenfalls nach Herat oder Mazar-i-Sharif in Frage komme und selbst dann nur beim Vor- liegen begünstigender Umstände (vgl. BVGE 2011/38) . Im vorliegenden Verfahren sei nie die Rede davon gewesen, dass der Beschwerdeführer aus einer der erwähnten Städte komme und auch die Prüfung, ob begüns- tigende Umstände vorlägen, sei in casu nicht erfolgt. Davon unbenommen sei der Umstand, dass der Beschwerdeführer in der Lingua -Analyse zum Schluss komme, der Beschwerdeführer spreche das für die Provinz Paktia charakteristische Paschto, als gewichtiges Indiz für eine Sozialisierung in Afghanistan zu werten. Ohnehin sei nicht nachvollziehbar, wie der Experte aufgrund der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse eine Sozialisierung in Paktia als zweifelhaft bezeichnen könne und zugleich zum Schluss komme, diese sei auszuschliessen. G. Mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 17. September 2015 teilte das Bundesverwaltungsgericht dem Beschwerdeführer mit, er könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Das Gesuch um Gewährung der vollumfänglichen unentgeltlichen Rechtspflege unter An- ordnung des Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand und Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses wurde im Umfang von Ziffer 2 gut- geheissen und darüberhinausgehend abgewiesen. Der Beschwerdeführer wurde erfolglos aufgefordert, innert angesetzter Frist einen reduzierten Kostenvorschuss zu leisten. Die Vorinstanz wurde in Anwendung von Art. 57 VwVG zur Einreichung einer Stellungnahme bis zum 2. Oktober 2015 eingeladen. H. Nach gewährter Fristerstreckung räumte die Vorinstanz in ihrer Vernehm- lassung vom 21. Oktober 2015 die fehlende Kohärenz und Nachvollzieh- barkeit bestimmter Ausführungen in der Lingua-Analyse ein und bestätigte die entsprechenden Rügen in der Beschwerdeeingabe (vgl. Act. A60). Bei- spielsweise habe der Experte festgehalten, aufgrund der landeskundlich - kulturellen Kenntnisse erscheine es zweifelhaft, ob der Beschwerdeführer D-5541/2015 Seite 7 tatsächlich in Paktia aufgewachsen sei oder sich zumindest in den Jahren vor der Ausreise länger dort aufgehalten habe, weshalb er eine Hauptsozi- alisation in Afghanistan ausgeschlossen habe. Ferner habe er eine Haupt- sozialisation in Afghanistan einerseits ausgeschlossen und andererseits angenommen, der Beschwerdeführer sei mit grösster Wahrscheinlichkeit im Milieu afghanischer Emigranten ausserhalb Afghanistans aufgewach- sen. Im Falle einer Hauptsozialisation ausserhalb Afghanistans wäre je- doch der Schluss, dass er eindeutig aus dem Milieu afghanischer Emigran- ten ausserhalb Afghanistans stamme, logischer gewesen. Weiter gehe aus der Lingua-Analyse hervor, dass der Beschwerdeführer kulturelle und lan- deskundliche Fragen teilweise korrekt beantwortet habe, in der Analyse je- doch keine Gewichtung der verschiedenen Antworten vorgenommen habe, womit nicht ausreichend klar sei, welche Faktoren den Experten zum Schluss geführt hätten, die geltend gemachte Sozialisation in Afghanistan in Frage zu stellen. Sodann habe der Experte bezüglich der Herkunftsan- gabe de s Beschwerdeführers ausgeführt, dieser habe angegeben, aus D._______ zu stammen und später eingeräumt, aus einem Dorf zu stam- men, welches 40 Minuten Fahrzeit vom Bezirkszentrum D._______ ent- fernt liege. Auf Nachfrage habe er bejaht, dass D._______ ein Dorf sei und dadurch eingestanden, dass es sich nicht um einen grösseren Ort in der Umgebung handle, sondern um seinen Herkunftsort. Neben dem 40 Minu- ten Autofahrt entfernten Provinzzentrum D._______ gebe es in jenem Be- zirk keinen anderen Ort dieses Namens. Di e Angaben des Beschwerde- führers zu seinem Herkunftsort seien also nicht zutreffend. Der tatsächliche Name des Dorfes bleibe ungenannt, wobei einzuräumen sei, dass nach diesem auch nicht gefragt worden sei. Somit handle es sich um ein viel gewichtigeres Argument, als wenn jemand Nachbarorte oder Entfernungs- angaben nicht genau nennen könne. Die Vorinstanz teilt diese Auffassung nicht und erkennt in den Darlegungen zur Herkunftsangabe keinen " klaren Widerspruch". Asylsuchende, die nach ihrem Herkunftsort befragt würden, gäben erfahrungsgemäss oft zu- nächst die nächstgelegene grössere Ortschaft an und nicht den Ort, wo sie tatsächlich geboren seien oder gelebt hätten. Irrtümlicherweise sei bei der Prüfung des Asylgesuchs diesen unklaren Punkten in der Lingua-Analyse vor dem Hintergrund, dass nicht allein dasselbe gegen eine Sozialisation des Beschwerdeführers in Afghanistan spreche, nur ungenügend Aufmerk- samkeit geschenkt worden. Sodann spreche auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer in mehrfacher Hinsicht unzutreffende Angaben zum af- ghanischen Währungssystem gemacht habe, dagegen, dass er bis zu sei- ner Ausreise im Alter von ca. 20 Jahren in Afghanistan gelebt habe, zumal D-5541/2015 Seite 8 von einem fast 20 -jährigen Jugendlichen erwartet werden könne, dass er mit dem afghanischen Geld vertraut sei. Ausserdem seien dem Experten beziehungsweise der Expertin keine Dörfer bekannt, in welchen alle Ju- gendlichen in der afghanischen Armee dienen würden, obwohl es – insbe- sondere bei Jugendlichen aus dem Norden und Nordosten – zutreffe, dass diese mangels alternativer Verdienstmöglichkeiten versuchen würden, in der Armee zu dienen. In den paschtunischen Gebieten im Südosten Afgha- nistans sei dies jedoch wegen des grossen Einflusses der Taliban, auf wel- chen selbst der Beschwerdefü hrer hingewiesen habe, unwahrscheinlich . Davon unbenommen ergäben sich aus der linguistischen Analyse keine Hinweise auf einen Sozialisationsort ausserhalb von Afghanistan, weshalb ein zweifelsfreies Urteil mit Angabe des Sozialisationsortes nicht möglich sei und eine Sozialisation im Milieu afghanischer Emigranten ausserhalb Afghanistans nur wahrscheinlich erscheine, nichtsdestotrotz bleibe die Feststellung, dass die Hauptsozialisation zweifelsfrei nicht in Afghanistan erfolgt sei, bestehen. Übereinstimmend mit dem Experten sei festzuhalten, dass der Beschwer- deführer für eine Person, die angeblich so lange in Afghanistan gelebt habe, nur über ungenügende Kenntnisse des afghanischen Währungssys- tems verfüge. Zudem könne es offensichtlich nicht zutreffen, dass alle Ju- gendlichen seines Dorfes in der afghanischen Armee dienten. Solche als schwer zu gewichtenden Ungereimtheiten wiesen, neben den anderen in der Analyse vom 9. Februar 2015 erwähnten Unstimmigkeiten, deutlich da- rauf hin, dass er unrichtige Angaben zu seiner Sozialisation respektive zu seinem Aufenthalt in Afghanistan gemacht habe, selbst wenn er bei der Lingua – Analyse gewisse landeskundlich-kulturelle Fragen habe beant- worten können und sich seine Angaben zum angeblichen Herkunftsort ei- gentlich nicht als unzutreffend oder widersprüchlich erwiesen hätten. Unabhängig vom Gutachten sei darauf hinzuweisen, dass der Beschwer- deführer – wie in der angefochtenen Verfügung dargelegt – nur über unge- nügende Kenntnisse des afghanischen Kalenders verfügt, unstimmige An- gaben zum Lebensumfeld in und zur Ausreise aus Afghanistan gemacht und eine offensichtlich verfälschte Kopie einer Tazkira eingereicht habe. Im Übrigen enthalte die Beschwerdeschrift keine neuen erheblichen Tatsa- chen oder Beweismittel, welche eine Ä nderung des vorinstanzlichen Standpunktes rechtfertigen könnten. D-5541/2015 Seite 9 I. In der Replikeingabe vom 28. Oktober 2015 führt der Beschwerdeführer durch seinen Rechtvertreter aus, die Vorinstanz habe in der angefochtenen Verfügung keine Zweifel an der Lingua-Analyse angebracht, was aufzeige, dass das Asylgesuch des Beschwerdeführers nur unsorgfältig geprüft wor- den sei. Im Übrigen habe die Vorinstanz, anstatt eine neue Lingua-Analyse in Auftrag zu geben oder dem Beschwerdeführer Gelegenheit zu geben, sich zu den unklaren Punkten zu äussern, de n Experten nachträglich zur Stellungnahme eingeladen mit dem offensichtlichen Ziel, die Ungereimthei- ten wieder "gut zu machen". Diese Stellungnahme dürfe für das vorlie- gende Verfahren nicht verwendet werden und es sei klar, dass die Lingua- Analyse nur verwendet werden dürfe, wenn sie offengelegt werde. Ohnehin leide die angefochtene Verfügung an einem "krassen Widerspruch", wenn im Verfügungsdispositiv der Wegweisungsvollzug nach Afghanistan ange- ordnet werde, während die af ghanische Herkunft des Beschwerdeführers in Frage gestellt werde. J. J.a Mit Instruktionsverfügung vom 29. Oktober 2015 wurde die Vorinstanz zum Einreichung einer zweiten Vernehmlassung eingeladen. J.b In ihrer Vernehmlassung vom 11. November 2015 führt sie im Wesent- lichen aus, die Lingua -Analyse stelle zwar ein zentrales, aber nicht das einzig relevante Element dar, welches im Rahmen der Herkunftsprüfung zu beachten sei. Ergäben sich gestützt auf die Aussagen und Papiere gewich- tige Hinweise, die die vorgebliche Sozialisation als unwahrscheinlich er- scheinen liessen, stelle die Lingua -Analyse, zumindest wenn die geltend gemachte Sozialisation nicht als wahrscheinlich erachtet würde, keinen Faktor dar, der zu einem anderen Schluss führen könne. Im vorliegenden Fall sei festzuhalten, dass sich eine Person, welcher während ihres Aufent- haltes in Afghanistan eine Tazkira ausgestellt worden sei, kaum veranlasst gesehen hätte, eine verfälschte Ausweiskopie einzureichen. Da die ungenügenden Kenntnisse der afghanischen Zeitrechnung "eigent- lich das gewichtigste Argument überhaupt" darstellten, hätte sich die Vor- instanz selbst dann, wenn sie sich von der Zwischenfolgerung der landes- kundlich-kulturellen Analyse – die nur von Zweifeln an der geltend gemach- ten Sozialisation spricht – hätte leiten lassen, kein anderer Entscheid auf- gedrängt. Es treffe im Übrigen nicht zu, dass die Vorinstanz die Lingua - Analyse nicht sorgfältig analysiert und die Verfügung massgeblich auf ei-D-5541/2015 Seite 10 nem mangelhaften Gutachten beruhe, obwohl die Aufforderung zum Ein- reichen einer Stellungnahme "sicherlich bereits zu einem früheren Zeit- punkt notwendig gewesen" wäre, "um gewisse, im Grunde genommen ne- bensächliche Punkte zu klären und den Entscheid nachvollziehbar zu ma- chen". Im Übrigen habe die Vorinstanz entgegen der Ausführungen des Beschwerdeführers in ihrer Verfügung nicht festgehalten, dass dieser (sehr wahrscheinlich) nicht aus Afghanistan komme, sondern gehe davon aus, dass er die afghanische Staatsbürgers chaft besitze, womit eine Wegwei- sung nach Afghanistan möglich sei. Zudem sei die Wegweisung nach Af- ghanistan unter gewissen Voraussetzungen zumutbar und der Beschwer- deführer habe es durch seine offensichtlich unrichtigen Angaben zu seinem Lebensumfeld verunmöglicht, diese genauer zu prüfen. Damit und gestützt auf die Verletzung der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht sei gemäss Praxis des SEM die Zumutbarkeit der Wegweisung zu bejahen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Die Bes chwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichu ng der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 1.3 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige und D-5541/2015 Seite 11 unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4 Da der Beschwerdeführer den mit Zwischenverfügung vom 17. Sep- tember 2015 geforderten Kostenvorschusses nicht geleistet hat, ist auf das Rechtsbegehren im Umfang von Ziffer 1 nicht einzutreten . Die Dispositiv- ziffern 1, 2 und 3 der vorinstanzlichen Verfügung sind somit in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des Beschwerdeverfahrens bildet lediglich die Frage, ob der Wegweisungsvollzug zu Recht als durchführbar zu erachten ist. 1.5 Aufgrund der nachfolgenden Erwägungen erübrigte es sich, die zweite vorinstanzliche Vernehmlassung während des Instruktionsverfahrens dem Beschwerdeführer zuzustellen. Sie ist ihm mit dem vorliegenden Urteil zur Kenntnis zu bringen. 2. 2.1 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). Glaubhaft ge- macht sind Vorbringe, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwie- gender Wahrscheinlichkeit für g egeben hält. Unglaubhaft sind insbeson- dere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massge- blich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 2.2 Die Realkennzeichen sollen es den entscheidenden Behörden erlau- ben, die Aussagen der asylsuchenden Person möglichst objektiv und rechtsgleich zu beurteilen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit ist aller- dings ein objektivierter, nicht ein objek tiver Massstab anzuwenden: In die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Vorbringen müssen auch relevante in- dividuelle Aspekte der asylsuchenden Person einbezogen werden (Urteil des BVGer E –1917/2014 vom 21. Mai 2014 E 7.1.2 mit Verweis auf EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1). Entsprechend sind bei der Anwendung des Beweismasses gewisse persönliche Umstände der asylsuchenden Person zu berücksichtigen. Hat diese zum Beispiel überdurchschnittliche Schwie- rigkeiten, sich klar und strukturiert auszudrücken, und liegen dafür objek- tive Gründe vor, muss das SEM dies im Rahmen der Beweiswürdigung und D-5541/2015 Seite 12 der Prüfung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen berücksichtigen. Solche objektiven Gründe können zum Beispiel in einem tiefen Bildungsniveau, geringen intellektuellen Fähigkeiten, de m Alter oder psychischen Proble- men liegen. Dies folgt im Übrigen auch aus dem Grundsatz der freien Be- weiswürdigung, der für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfah- ren gilt und die Bundesbehörden und -gerichte verpflichtet, die Beweise frei, umfassend und pflichtgemäss zu würdigen (Art. 19 VwVG in Verbin- dung mit Art. 40 des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über den Bundeszivilprozess [BZP , SR 273]. 3. 3.1 Lingua-Analysen des SEM gelten gemäss Rechtsprechung nicht wie vom Beschwerdeführer behauptet als Parteigutachten, sondern als schrift- liche Auskünfte einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG). Ihnen wird allerdings, sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität der sachverständi- gen Person wie auch an die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbar- keit der Analyse erfüllt sind, ein erhöhter Beweiswert zugemessen. Sodann stehen private Interessen eines Lingua-Experten einer Offenlegung seiner persönlichen Eckdaten entgegen. Zum Schutze vor Druck- und Retorsions- versuchen bei der Tätigkeit im Asylverfahren ist es deshalb angezeigt, dass dessen persönlichen Daten, die leichthin zur Identifizierung seiner Person führen können, geheim bleiben. Ebenfalls ist es gesetzeskonform, wenn sich der Gutachter und der Proband bei einer direkten Befragung nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Hingegen sind Herkunft, Dauer und Zeitraum des Aufenthaltes der sachverständigen Person im umstritte- nen Herkunftsland respektive Herkunftsgebiet sowie ihr Werdegang, auf welchen sich ihre Sachkompetenz abstützt, dem Probanden im Rahmen der Lingua-Abklärungen vollständig offenzulegen, damit er sich eine klare Vorstellung über die gutachterliche Qualifikation machen kann (vgl. statt vieler Urteile de s Bundesverwaltungsgerichts E -5712/2008 vom 24. Mai 2011 E. 4.2, D -6810/2007 vom 15. Februar 2011 E. 5.2; EMARK 2003 Nr. 14 E. 7 S. 89, EMARK 1998 Nr. 34 E. 5–8 S. 284 ff.). 3.2 Da die Vorinstanz dem Beschwerdeführer den wesentlichen Inhalt des Lingua-Gutachtens mit Schreiben vom 9. April 2015 zur Kenntnis brachte, hat sie das rechtliche Gehör bezüglich der Herkunftsabklärung gewahrt (vgl. Art. 28 VwVG). Einen Anspruch auf eine vollumfängliche Offenlegung der Lingua-Analyse oder der Personalien des Experten hat der Beschwer- deführer aufgrund der entgegenstehenden wesentlichen Geheimhaltungs- interessen nicht (vgl. Art. 27 VwVG). D-5541/2015 Seite 13 4. Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es nicht darauf ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet deren Vollzug an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen An- spruch auf Erteilung einer solchen. Seine Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.1 mit Hinweis auf EMARK 2001 Nr. 21). 5. 5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Bei der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundes- verwaltungsgerichts und seiner Vorgängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2). 5.2 Bevor der Frage der Zulässigkeit respektive Zumutbarkeit und Möglich- keit des Wegweisungsvollzugs nachgegangen werden kann, ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zutreffenderweise zum Schluss gelangte, der Beschwer- deführer sei ausserhalb Afghanistans geboren oder zumindest hauptsozi- alisiert worden. Dabei sind neben der von der Vorinstanz in Auftrag gege- benen Lingua-Analyse die vom Beschwerdeführer gemachten Angaben sowie die von ihm eingereichten Dokumente zu berücksichtigen. 5.2.1 Nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts hat die Vorinstanz die Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen zu Recht verneint. Von deren fehlender Glaubhaftigkeit kann jedoch nicht auf die fehlende Glaubwürdigkeit des Be- schwerdeführers geschlossen werden, seine den Wegweisungsvollzug be- treffenden Vorbringen sind objektiv und gestützt auf die Aktenlage zu prü- fen. Bezüglich der vom SEM bei der Fachstelle Lingua in Auftrag gegebenen Lingua–Analyse, welche von einem qualifizierten Sachverständigen durch- geführt (vgl. Act. A28) wurde, ist vorab festzuhalten, dass diese detailliert ausfiel und Rückschlüsse über eine wahrscheinliche Hauptsozialisation des Beschwerdeführers zulässt . Allerdings gelangt das Gericht nach Durchsicht derselben zu einem gegenteiligen Schluss als der Experte, der D-5541/2015 Seite 14 eine Hauptsozialisation in Afghanistan "eindeutig" ausschliesst. Einleitend ist darauf hinzuweisen, dass das vom Beschwerdeführer gesprochene Paschto frei von pakistanischen Einflüssen dem in der Provinz Paktia ge- sprochenen entspricht. Diese Tatsache ist für sich betrachtet bereits ein gewichtiges Indiz für eine Hauptsozialisation in der angeblichen Herkunfts- region und wird aufgrund des nachfolgend Ausgeführten noch bestärkt. Bei der Untersuchung des landeskundlich-kulturellen Wissens fällt auf, da ss der Beschwerdeführer nicht nur allgemein verfügbares Grundwissen über seine angebliche Herkunftsregion wiedergegeben hat, sondern mit religiö- sen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten, den klimatischen Verhältnis- sen, den ansässigen Stämmen und deren Unterstämmen vertraut war und zudem über praktisches, für sein alltägliches Fortkommen relevantes Wis- sen verfügte (vgl. vorstehend Sachverhalt, Bst. B.a). Dass er als Dorfbe- zeichnungen die Namen der ansässigen Stämme angab (was nach An- gabe des Experten möglich ist) spricht nicht gegen, sondern für die Glaub- haftigkeit seines herkunftsbezogenen Vorbringens: Der allgemeinen Logik folgend würde es eine Person, welche sich so gründlich Wissen über die Lebensumstände einer vorgeblichen Region aneignet wie vorliegend un- terstellt, kaum unterlassen, auch die Namen von einigen Dörfern auswen- dig zu lernen , naheliegenderweise von solchen, die in einem Nachschla- gewerk aufgeführt sind. Sodann ist nicht ersichtlich, inwiefern die Ausfüh- rungen zu den Kleidungsge wohnheiten detaillierter als vom Beschwerde- führer vorgebracht hätten ausfallen sollen, wobei der Umstand, dass sich der Experte hierzu ausschweigt, während er an anderer Stelle in der Lin- gua-Analyse die fehlenden oder unvollständigen Angaben explizit darlegt, beziehungsweise ergänzt, zusätzliche Fragen aufwirft. Was er mit der Fest- stellung, dass diese Kleidungsgewohnheiten "in gleicher Weise für Pakis- tan als zutreffend gelten können" zum Ausdruck bringen möchte , er- schliesst sich dem Gericht nicht und es erk ennt in dieser Feststellung nichts Nachteiliges für den Beschwerdeführer, da sie nichts daran ändert, dass sich die Darlegungen für die vorgebliche Herkunftsregion als zutref- fend erweisen. Hingegen trifft es zu, dass der Beschwerdeführer falsche Angaben zum Aussehen des (…) Geldscheines machte und unzutreffend ausführte, es gäbe keine (…) Geldscheine. Allerdings ist hierzu relativie- rend festzustellen, dass er sein Heimatland im Zeitpunkt des Lingua-Inter- views bereits seit bald vier Jahren verlassen hat te und bis im Jahr 2002 Geldnoten im Umlauf waren, welche Ähnlichkeit mit den vom Beschwerde- führer beschriebenen aufwiesen (vgl. http://www.atsnotes.com/ca- talog/banknotes/afghanistan.html und http://articles.la- times.com/2002/nov/10/world/fg-money10, jeweils am 1 5. März 2016 zu-D-5541/2015 Seite 15 letzt besucht), weshalb die Auffassung des Experten, der Beschwerdefüh- rer habe sich mit d em afghanischen Währungssystem nicht vertraut ge- zeigt, nur beschränkt Zustimmung verdient. Sodann ist es offensichtlich nicht möglich, dass – wie vom Beschwerdeführer ausgeführt – "alle Jun- gen" in der Armee dienen, wenn zugleich "viele junge Männer die Dör fer verlassen" um ausserhalb zu arbeiten oder zu lernen. Folglich wäre ein Nachfragen durch die Interviewerin angezeigt gewesen, was oder wer mit "alle Jungen" gemeint ist, zumal der Beschwerdeführer selber angab, der Bezirk D._______ werde von den Taliban kontrolliert und es bereits vor die- sem Hintergrund nicht sein kann, dass "alle Jungen" in der afghanischen Armee dienen. Schliesslich ist noch festzuhalten, dass die Alphabetisie- rungsrate in Paktia lediglich 11.5 % beträgt (vgl. http://www.areu.org.af/Up- loads/EditionPdfs/1208E-A%20to%20Z%202012.pdf, zuletzt besucht am 15. März 2016), weshalb es nicht erstaunt, dass sich der Beschwerdefüh- rer in der Anzahl Schuljahre – er gab deren (…) anstatt (…) an – geirrt hat, zumal nur wenige Kinder beziehungsweise Jugendliche in den Genuss ei- ner mehrjährigen Schulbildung kommen und der Beschwerdeführer, der glaubhaft dargelegt hat, Schafe gehütet zu haben, nicht zu den Privilegier- ten gehören dürfte, für die die Anzahl Schuljahre von praktischer Relevanz sind. Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass der Beschwerdeführer in der Lingua-Analyse überwiegend richtige Angaben zu den unterschied- lichen Lebensbereichen seiner angeblichen Herkunftsregion machen konnte und auch die linguistische Analyse eine Verbundenheit mit den sprachlichen Gegebenheiten der Provinz Paktia erkennen liess. Folglich erscheint die geltend gemachte Herkunft gestützt auf die Lingua-Analyse als sehr wahrscheinlich. Schliesslich reichte der Beschwerdeführer zum Nachweis seiner afghani- schen Staatsangehörigkeit die Kopie seiner Tazkira ein, gemäss welcher er im Jahr 2007/2008 ungefähr dreizehn Jahre alt gewesen sein soll. Die Vorinstanz führte diesbezüglich zutreffend aus, dass der Beschwerdefüh- rer unterschiedliche Angaben über den Verbleib und den Erhalt derselben gemacht hat und geht "angesichts dieser Unstimmigkeiten" ohne nähere Begründung davon aus, dass er eine verfälschte Ausweiskopie einreichte, um seine Identität zu belegen. Allerdings deutet der Umstand, dass er die Ausweiskopie offenbar zunächst nicht einreichen wollte und wenig plau- sible Angaben über deren Verbleib gemacht hat, viel eher darauf hin, dass er seine Identität ursprünglich zu verschleiern versucht hat. Trotzdem ist die Tatsache, dass er nach Ansicht des im Rahmen der Lingua -Analyse D-5541/2015 Seite 16 herangezogenen Experten zutreffende Angaben bezüglich des Ablaufes der Ausstellung einer Tazkira machte ein Indiz dafür, dass er vor seiner Ausreise in Afghanistan gelebt hat. Im Übrigen ist auch davon auszugehen, dass, wenn er eine verfälschte Tazkira zu den Akten gereicht hätte, er diese dahingehend hätte au sstellen, beziehungsweise anfertigen lassen, dass sie mit den von seiner Mutter gemachten Angaben zu seinem Alter über- eingestimmt hätte. Was schliesslich die als nicht glaubwürdig (sic.) erachtete Ausreise anbe- langt, ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer im Januar 2010 aus Afghanistan ausgereist ist und erst anlässlich der Anhörung im Februar 2014 zu den Orten, welche zwischen Kabul und Herat liegen, befragt wurde. Dass er sich nach über vier Jahren nicht mehr an die Namen von Ortschaften erinnern kann, durch w elche er mutmasslich zum ersten Mal in seinem Leben gereist ist, erscheint entgegen der Auffassung der Vor - instanz als nachvollziehbar. Leider hat es die Vorinstanz versäumt, die nä- heren Umstände der geltend gemachten Ausreise beziehungsweise deren Glaubhaftigkeit durch gezieltes Nachfragen in Erfahrung zu bringen – ein Versäumnis, welches dem Beschwerdeführer nicht zum Nachteil gereichen darf. Als widersprüchlich erweisen sich hingegen die Angaben über seinen Va- ter. Hierzu führte der Beschwerdeführer ursprünglich aus, dieser sei am Leben und habe die Familie ernährt, gab dann aber abweichend an, er sei getötet worden (vgl. Act. A5, S. 4f. und Act. A15, F42). Durch den vorge- täuschten Tod seines Vaters versuchte der Beschwerdeführer offenbar, das Bild einer schwierigen familiären Situation zu skizzieren, was sich nachtei- lig auf die Glaubhaftigkeit seines Vorbringens auswirkt. Die Vorinstanz führt in der zweiten Vernehmlassung aus, die ungenügen- den Kenntnisse der afghanischen Zeitrechnung sei "eigentlich das gewich- tigste Argument überhaupt", welches gegen die geltend gemachte Soziali- sierung spräche, während die Lingua -Analyse "nur eines der verschiede- nen Argumente" darstelle. Sollte das der ursprünglichen Auffassung der Vorinstanz entsprechen, drängt sich die Frage auf, weshalb sie sich in der der angefochtenen Verfügung auf knapp zwei A4 -Seiten mit d er Lingua- Analyse auseinandersetzt und auf nur wenigen Zeilen das "eigentlich ge- wichtigste Argument überhaupt " abhandelt u nd hierzu lediglich ausführt, der Beschwerdeführer habe unzutreffend angegeben, im Zusammenhang mit den beiden Zeitrechnungen bestünde kein Unterschied bezüglich der Tage und Monate (vgl. auch Act. A15, F8f. und 131). Diese Angabe ist im D-5541/2015 Seite 17 Übrigen nur teilweise falsch, da sich das in Afghanistan massgebliche ira- nische Kalenderjahr ebenfalls in zwölf Monate gliedert und die Monate (bis auf den letzten Monat des Jahres, der, wenn kein Schaltjahr vorliegt, 29 Tage umfasst) ebenfalls 30 bzw. 31 Tage zählen . Allerdings folgen – abweichend vom g regorianischen Kalender – im iranischen Kalender je- weils die 31-tägigen bzw. 30-tägigen Monate aufeinander und das Jahr en- det mit dem kürzesten Monat (vgl. http://www.nabkal.de/kalrechiran.html, zuletzt besucht am 17. März 2016). 5.2.2 Bei einer Gesamtschau der die Herkunft des Beschwerdeführers be- treffenden Elemente kommt das Gericht trotz gewissen Unstimmigkeiten zum Schluss, dass dieser mit überwiegender Wahrscheinlichkeit aus Pak- tia, Afghanistan stammt und bis zu seiner Ausreise oder jedenfalls die meis- ten Jahre seines Lebens dort gelebt hat. 5.3 5.3.1 Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegwei- sung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4, 2013/1 E. 6.2, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2). Weil sich vorliegend der Vollzug der Wegweisung aus den nachfolgend aufgezeigten Gründen als unzumutbar erweist, kann auf eine Erörterung der beiden an- deren Kriterien verzichtet werden. 5.3.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug der Wegweisung für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemei- ner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundes- gesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). In seiner Lageanalyse für Afghanistan im Urteil BVGE 2011/7 kam das Bun- desverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Sicherheitslage und die hu- manitäre Situation in Afghanistan derart schlecht seien, dass von einer existenzbedrohenden Situation im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu spre- chen sei (E. 9.9.1). Einzig in den Städten Kabul (BVGE 2011/7 insbes. E. 9.9.2), Mazar -i-Sharif (BVGE 2011/49 E. 7.3.6 und 7.3.7) und Herat D-5541/2015 Seite 18 (BVGE 2011/38, E. 4.3.1 -4.3.3) stellten sich die Sicherheitslage und die humanitäre Situation heute weniger bedrohlich dar, als in den übrigen Lan- desteilen Afghanistans. Unter der Voraussetzung begünstigender Um- stände (insbes. tragfähiges Beziehungsnetz, Möglichkeit zur Sicherung des Existenzminimums, gesicherte Wohnsituation, guter Gesundheitszu- stand) könne ein Vollzug der Wegweisung in dieses Städte zumutbar sein (BVGE 2011/49 E. 7.3.5–7.3.8). Vor dem Hintergrund der Ausführungen in E. 5.2 ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nicht aus einer der drei zuvor erwähnten Städte stammt. Die Schilderungen des Beschwerdeführers bezüglich des Verbleibs seines Vaters sind zwar durch- aus widersprüchlich ausgefallen. Indessen lassen sich ihnen keine klaren Hinweise dafür entnehmen, dass der Beschwerdeführer heute in Kabul, Mazar-i-Sharif oder Herat über ein tragfähiges Beziehungsnetz mit gesi- cherter Existenz verfügt. Folglich erweist sich der Wegeweisungsvollzug des Beschwerdeführers nach Afghanistan als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG, weshalb er in der Schweiz vorläufig aufzunehmen ist (Art. 83 Abs. 1 AuG). 6. Gestützt auf die vorangehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzu- heissen, soweit darauf einzutreten ist. Die Dispositivziffern 4 und 5 der an- gefochtenen Verfügung sind aufzuheben und das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 und 4 AuG). 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens, kann offen bleiben, ob die Vorinstanz den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verletzt hat. 8. 8.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen des Beschwerdeführers aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen. Bezüg- lich der Anordnung des Wegweisungsvollzuges hat der Beschwerdeführer obsiegt. 8.2 Daher ist die Beschwerde vom 9. September 2015 im Umfang von Zif- fer 1 des Rechtsbegehrens der Beschwerdeeingabe vom 9. September D-5541/2015 Seite 19 2015 offensichtlich unzulässig, weshalb die Kosten des Nichteintretensent- scheides im Umfang von Fr. 200.– (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 8.3 Angesichts des teilweisen Obsiegens (betreffend der Anordnung des Wegweisungsvollzuges) ist die Vorinstanz anzuweisen, dem Beschwerde- führer eine hälftige Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG; Art. 7 Abs. 1 und 2 VGKE) . Allerdings erscheint das in der Kos- tennote vom 28. Oktober 2015 ausgewiesene Honorar (15 Stunden à Fr. 200.–, zzgl. Auslagen: Fr. 40.–) zu hoch und ist angemessen, d.h. um 5 Stunden zu kürzen (10 Stunden à Fr. 200.–, zzgl. Auslagen: Fr. 40.–), da nur die notwendigen und nicht die unnötigen Aufwendungen zu ersetzen sind. Die Vorinstanz ist folglich anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine hälftige Parteientschädigung, d.h. Fr. 1'000.–, zzgl. Auslagen: Fr. 40.– zu- zusprechen (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG; Art. 7 Abs. 1 und 2 VGKE). (Dispositiv nächste Seite) D-5541/2015 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführer vorläufig aufzuneh- men. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 200.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1'040.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Martina Kunert Versand: