<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 219</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Gesundheitsrecht und Adoption</span> <span class="page_no">219</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>53</b></span> <span class="ft2"><b>Aufnahme von Kindern zur Adoption</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die Adoptionsbewilligung darf nach umfassender Untersuchung aller</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wesentlichen Umstände erteilt werden.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Im Vordergrund steht die Erziehung des Kindes und eine günstige</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Prognose.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die Erfahrungen einer Fachperson sind offenzulegen.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Risikobeurteilung auf der Grundlage objektiver Anhaltspunkte.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 6. Juli 2011 in Sachen A.</span><br/> <span class="ft5">und B. gegen Departement Volkswirtschaft und Inneres (WBE.2011.31).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Voraussetzungen für eine Adoption sind in Art. 264 ff. ZGB</span><br/> <span class="ft1">geregelt. Ein Kind darf adoptiert werden, wenn ihm die künftigen</span><br/> <span class="ft1">Adoptiveltern während wenigstens eines Jahres Pflege und Erzie-</span><br/> <span class="ft1">hung erwiesen haben und nach den gesamten Umständen zu erwarten</span><br/> <span class="ft1">ist, die Begründung eines Kindesverhältnisses diene seinem Wohl,</span><br/> <span class="ft1">ohne andere Kinder der Adoptiveltern in unbilliger Weise zurückzu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">220</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">setzen (Art. 264 ZGB). Die Adoption darf erst nach umfassender</span><br/> <span class="ft1">Untersuchung aller wesentlichen Umstände, nötigenfalls unter Bei-</span><br/> <span class="ft1">zug von Sachverständigen, ausgesprochen werden. Namentlich sind</span><br/> <span class="ft1">die Persönlichkeit und die Gesundheit der Adoptiveltern und des</span><br/> <span class="ft1">Adoptivkindes, ihre gegenseitige Beziehung, die erzieherische Eig-</span><br/> <span class="ft1">nung, die wirtschaftliche Lage, die Beweggründe und die Familien-</span><br/> <span class="ft1">verhältnisse der Adoptiveltern sowie die Entwicklung des Pflege-</span><br/> <span class="ft1">verhältnisses abzuklären. Haben die Adoptiveltern Nachkommen, so</span><br/> <span class="ft1">ist deren Einstellung zur Adoption zu würdigen (Art. 268a ZGB).</span><br/> <span class="ft1">Im Vordergrund steht bei jeder Adoption die Erziehung des</span><br/> <span class="ft1">Kindes. Die Adoption soll dem familienlosen Kind ermöglichen, in</span><br/> <span class="ft1">der Geborgenheit einer Familie aufzuwachsen und die Adoptierenden</span><br/> <span class="ft1">das Glück der Elternschaft erleben zu lassen. In jedem Fall aber hat</span><br/> <span class="ft1">die Adoption dem Wohl des Kindes zu dienen (siehe dazu BVR,</span><br/> <span class="ft1">1995, S. 410 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Darüber hinaus regelt die Verordnung über die Aufnahme von</span><br/> <span class="ft1">Kindern zur Pflege und zur Adoption VOM 19. Oktober 1977</span><br/> <span class="ft1">(PAVO; SR 211.222.338) die Voraussetzungen für die Kindsauf-</span><br/> <span class="ft1">nahme zur Adoption. Wer ein Kind zur Adoption aufnimmt, benötigt</span><br/> <span class="ft1">eine Bewilligung (Art. 11a PAVO). Gemäss Art. 11b Abs. 1 PAVO</span><br/> <span class="ft1">darf diese nur erteilt werden, wenn die künftigen Adoptiveltern und</span><br/> <span class="ft1">ihre Hausgenossen nach Persönlichkeit, Gesundheit und erzieheri-</span><br/> <span class="ft1">scher Eignung sowie nach den Wohnverhältnissen für gute Pflege,</span><br/> <span class="ft1">Erziehung und Ausbildung des Kindes Gewähr bieten und das Wohl</span><br/> <span class="ft1">anderer Kinder der künftigen Adoptiveltern nicht gefährdet wird</span><br/> <span class="ft1">(lit. a) und der Adoption keine rechtlichen Hindernisse entgegen-</span><br/> <span class="ft1">stehen, und die gesamten Umstände, namentlich die Beweggründe</span><br/> <span class="ft1">der künftigen Adoptiveltern, erwarten lassen, dass die Adoption dem</span><br/> <span class="ft1">Wohl des Kindes dient (lit. b). Zusätzliche Bewilligungsvoraus-</span><br/> <span class="ft1">setzungen für die Aufnahme eines Kindes aus dem Ausland sind in</span><br/> <span class="ft1">Art. 11c PAVO geregelt. Soll ein Kind, das bisher im Ausland gelebt</span><br/> <span class="ft1">hat, zur späteren Adoption aufgenommen werden, so müssen die</span><br/> <span class="ft1">künftigen Adoptiveltern zusätzlich zu den Voraussetzungen nach</span><br/> <span class="ft1">Art. 11b PAVO bereit sein, das Kind in seiner Eigenart anzunehmen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Gesundheitsrecht und Adoption</span> <span class="page_no">221</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">und es entsprechend seinem Alter mit seinem Herkunftsland vertraut</span><br/> <span class="ft1">zu machen (Art. 11c Abs. 1 PAVO).</span><br/> <span class="ft1">1.3.</span><br/> <span class="ft1">Bei jeder Adoption kann nur eine Prognose gestellt werden und</span><br/> <span class="ft1">es lässt sich die Frage, ob Pflegeeltern Gewähr für eine gute Pflege,</span><br/> <span class="ft1">Erziehung und Ausbildung bieten werden, nicht objektiv beantwor-</span><br/> <span class="ft1">ten. Sind bei einem Gesuch um Erteilung einer Pflegekinderbewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung zwecks künftiger Adoption deshalb nicht eindeutige, beweis-</span><br/> <span class="ft1">mässig erhärtete Zweifel an der Eignung der gesuchstellenden Per-</span><br/> <span class="ft1">son(en) gegeben oder haben sich nicht Risikofaktoren bereits nach-</span><br/> <span class="ft1">weisbar derart ausgewirkt, dass eine günstige Prognose nicht mehr</span><br/> <span class="ft1">gestellt werden kann, so sollte den künftigen Eltern oder auch einem</span><br/> <span class="ft1">Elternteil und dem Kind eine Chance gegeben werden (BVR 1995,</span><br/> <span class="ft1">S. 418). Im Kindesinteresse steht nicht die <i>theoretisch</i> erdenklich</span><br/> <span class="ft1">beste, sondern die <i>praktisch</i> optimale Lösung (vgl. BVR 1995,</span><br/> <span class="ft1">S. 418), wobei immer der Einzelfall und vor allem die spezifischen</span><br/> <span class="ft1">Bedürfnisse des Kindes massgebend sind. Im Falle einer beabsich-</span><br/> <span class="ft1">tigten Adoption geht es dabei um die bestmögliche Entwicklung</span><br/> <span class="ft1">seiner Persönlichkeit und Verbesserung seiner Situation (vgl. VGE</span><br/> <span class="ft1">IV/41 vom 23. Juni 2010 [WBE.2009.367], S. 8; Cyril Hegnauer, in:</span><br/> <span class="ft1">Berner Kommentar, Band II/2/1, Bern 1984, Art. 264 ZGB N 58 ff.).</span><br/> <span class="ft1">Im Folgenden sind die von der Vorinstanz angewandten Kri-</span><br/> <span class="ft1">terien unter diesem Gesichtspunkt zu prüfen.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz lehnte das Bewilligungsgesuch der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer zur Aufnahme eines dritten Adoptivkindes mit Verfügung vom</span><br/> <span class="ft1">23. Dezember 2010 ab. Die Ablehnung basierte auf vier Faktoren:</span><br/> <span class="ft1">Motivation der Beschwerdeführer, deren Offenheit, keine Ge-</span><br/> <span class="ft1">schlechtswahlmöglichkeit und der Entwicklungsstand der beiden</span><br/> <span class="ft1">bereits adoptierten Mädchen.</span><br/> <span class="ft1">2.2. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.-6. (...)</span><br/> <span class="ft1">7.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend gelangt das Verwaltungsgericht zum Ergeb-</span><br/> <span class="ft1">nis, dass die in der angefochtenen Verfügung zur Ablehnung der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">222</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Bewilligung vorgebrachten Gründe nicht zu überzeugen vermögen.</span><br/> <span class="ft1">Insbesondere konnte die Vorinstanz ihre Bedenken auch an der Ver-</span><br/> <span class="ft1">handlung nicht konkretisieren und nachvollziehbar begründen. Ihre</span><br/> <span class="ft1">Ausführungen stützten sich häufig auf die Intention ("Bauchgefühl")</span><br/> <span class="ft1">der Sozialarbeiterin. Die Erfahrungen einer Fachperson oder Gut-</span><br/> <span class="ft1">achterin sind offenzulegen und die Risikobeurteilung im Einzelfall</span><br/> <span class="ft1">durch objektive Anhaltspunkte einer nicht nur möglichen, sondern</span><br/> <span class="ft1">wahrscheinlichen Gefährdung der zukünftigen Adoption aufzuzei-</span><br/> <span class="ft1">gen. Ohne diese Grundlage wird die Ablehnung eines Gesuches ar-</span><br/> <span class="ft1">biträr und ist mit den Bestimmungen in Art. 11b und 11c PAVO und</span><br/> <span class="ft1">dem Wohl des zu adoptierenden Kindes nicht vereinbar (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Erw. 1.1. bis 1.3.). Es gehört zu den Aufgaben der Sozialarbeiterin,</span><br/> <span class="ft1">alle Risiken abzuklären, die sich in Zukunft negativ auf das Wohl des</span><br/> <span class="ft1">Kindes auswirken können. Allerdings muss bei der Gesamtbewer-</span><br/> <span class="ft1">tung auch die Chance, die ein zu adoptierendes Kind erhält mit lie-</span><br/> <span class="ft1">bevollen Eltern und in guten Verhältnissen aufwachsen zu können</span><br/> <span class="ft1">mitberücksichtigt werden.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall fehlen auch im Gesamtbild ausreichend</span><br/> <span class="ft1">begründete negative Aspekte. Die Ehegatten erfüllen ihre Aufgaben</span><br/> <span class="ft1">und Pflichten als Adoptiveltern von X. und Y. sehr gut. Im Hinblick</span><br/> <span class="ft1">auf ein weiteres Kind bestehen bei den Beschwerdeführern und den</span><br/> <span class="ft1">beiden Töchtern keine Anhaltspunkte für ein Risiko, das sie mit ihren</span><br/> <span class="ft1">Ressourcen nicht bewältigen könnten.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend liegen daher keine Gründe vor, die gegen eine Eig-</span><br/> <span class="ft1">nung der Beschwerdeführer im Sinne des Gesetzes (Art. 268a Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">ZGB, Art. 5 Abs. 1 PAVO und Art. 11b ff. PAVO) sprechen. Vielmehr</span><br/> <span class="ft1">scheinen die Beschwerdeführer dem zu adoptierenden Kind die</span><br/> <span class="ft1">angemessene Pflege, Erziehung und Ausbildung bieten zu können</span><br/> <span class="ft1">ohne das Wohl der beiden Mädchen zu gefährden. Insbesondere ist</span><br/> <span class="ft1">durch die anpassungsfähigen Teilzeitpensen der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">ihre berufliche Tätigkeit mit einer optimalen Betreuung der Kinder</span><br/> <span class="ft1">vereinbar, zumal die Beschwerdeführerin in der Anfangsphase ganz</span><br/> <span class="ft1">auf ihre Berufstätigkeit verzichten möchte um eine Bindung und eine</span><br/> <span class="ft1">enge emotionale Beziehung zum dritten Kind aufbauen zu können.</span><br/> <span class="ft1">Daher sind auch die diesbezüglichen Zweifel der Vorinstanz unbe-</span><br/> <span class="ft1">gründet. Allfälligen Mängeln in der persönlichen Erfüllung der El-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Gesundheitsrecht und Adoption</span> <span class="page_no">223</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ternaufgaben, können zudem die zuständigen Behörden, allenfalls</span><br/> <span class="ft1">die Vormundschaftsbehörde, durch entsprechende Massnahmen oder</span><br/> <span class="ft1">Auflagen begegnen. Schliesslich sind stichhaltige Gründe gegen eine</span><br/> <span class="ft1">vorläufige Aufnahme im Hinblick auf eine möglichst optimale - im</span><br/> <span class="ft1">Interesse des (noch unbekannten) Kindes liegende - Situation nicht</span><br/> <span class="ft1">erkennbar.</span><br/></div> </div> </body> </html>