<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp376448"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>149 II 246<br/><br/><br/><div class="paraatf">23. Auszug aus dem Urteil der I. öffentlich-rechtlichen Abteilung i.S. A.A. gegen Generalstaatsanwaltschaft und Departement für Justiz und Sicherheit des Kantons Thurgau (Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten)</div> <div class="paraatf">1C_344/2022 / 1C_656/2022 vom 2. Juni 2023</div> <a name="idp378128"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste a</div> <br/><div class="paraatf">Art. 13, 14, 16 und 19 OHG; <span class="artref">Art. 5 OHV</span>; Opferhilfegesetzgebung; Anwaltskosten des Strafverfahrens. <div class="paratf">Das Opfer im Sinne der Opferhilfegesetzgebung kann die Anwaltskosten des Strafverfahrens ausschliesslich als Soforthilfe oder als längerfristige Hilfe im Sinne von <span class="artref">Art. 13 OHG</span> geltend machen (E. 5). </div> </div> </div> <a name="idp383488"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste b</div> <br/><div class="paraatf"><span class="artref"><artref id="CH/312.5/4/2" type="start"></artref><artref id="CH/312.5/4/1" type="start"></artref>Art. 4 Abs. 1 und 2 OHG</span><artref id="CH/312.5/4/2" type="end"></artref><artref id="CH/312.5/2" type="end"></artref>; keine Subsidiarität der Leistungen aus OHG im Verhältnis zur unentgeltlichen Rechtspflege. <div class="paratf">Die Subsidiarität der Opferhilfe greift nicht im Verhältnis zur unentgeltlichen Rechtspflege. Ein Opfer, das Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege hat, diesen aber im Strafverfahren nicht geltend macht, kann auch nachträglich noch bei der Opferhilfestelle den Antrag auf Übernahme der Anwaltskosten stellen (E. 12). </div> </div> </div> <a name="idp390080"></a> <a name="idp395696"></a> <a name="idp402320"></a> <a name="idp407840"></a> <br/><div> <a name="idp414496"></a><span class="big bold" id="sachverhalt">Sachverhalt</span> <span class="small">ab Seite 247</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page247"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 247</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp420224"></a><span class="bold">A. </span>Am 31. Mai 2019 erhob die Staatsanwaltschaft Bischofszell Anklage beim Bezirksgericht Weinfelden gegen C. wegen sexuellen Handlungen mit Kindern, Pornografie und Tätlichkeiten unter anderem zum Nachteil von A.A. Der Rechtsvertreter von A.A. hatte bereits im Vorfeld der Anklageerhebung subsidiär Forderungen aus dem Bundesgesetz vom 23. März 2007 über die Hilfe an Opfer von Straftaten (OHG; SR 312.5) gestellt. Das Verfahren betreffend Forderung aus OHG wurde mit verfahrensleitender Verfügung vom 28. November 2019 vom Strafverfahren gegen C. abgetrennt und bis zu dessen rechtskräftigem Abschluss sistiert.</div> <div class="paraatf">Mit Urteil vom 9. Dezember 2019 wurde C. unter anderem der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern zum Nachteil von A.A. schuldig gesprochen. Dieser wurde eine Genugtuung von Fr. 15'000.- zugesprochen.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp422816"></a><span class="bold">B. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp423856"></a><span class="bold">B.a </span>Nach Eintritt der Rechtskraft des strafrechtlichen Urteils informierte das Bezirksgericht Weinfelden die Parteien mit Schreiben vom 2. Juni 2021 über die Weiterführung des OHG-Verfahrens. Mit Entscheid vom 22. September 2021 sprach es A.A. eine Genugtuung aus OHG von Fr. 15'000.- zu. A.A.s Antrag auf Entschädigung ihres Rechtsvertreters für das Strafverfahren wies es ab. <a name="page248"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 248</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp426480"></a><span class="bold">B.b </span>Dagegen erhob A.A. Beschwerde beim Obergericht des Kantons Thurgau. Dieses nahm die Beschwerde als Berufung entgegen und erkannte mit Entscheid vom 18. Januar 2022: "Die Berufung ist unbegründet" (Ziff. 1).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp427952"></a><span class="bold">B.c </span>Gegen diesen Entscheid erhebt A.A. Beschwerde beim Bundesgericht und beantragt, Ziff. 1 des angefochtenen Entscheids sei aufzuheben und es sei ihr für die Opfervertretung im erwähnten Strafverfahren eine Entschädigung von Fr. 12'294.50 aus Opferhilfe zuzusprechen; eventuell sei die Sache zur Neubeurteilung zurückzuweisen (Verfahren 1C_344/2022).</div> <div class="paraatf">Die Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Thurgau beantragt die Abweisung der Beschwerde. Das Obergericht beantragt die Abweisung der Beschwerde unter Hinweis auf den angefochtenen Entscheid.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp430304"></a><span class="bold">C. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp431344"></a><span class="bold">C.a </span>Nach dem Entscheid des Bezirksgerichts Weinfelden vom 22. September 2021 (vgl. oben Bst. B.a) reichte A.A. am 11. Oktober 2021, parallel zum unter Bst. B beschriebenen Verfahren, beim Departement für Justiz und Sicherheit des Kantons Thurgau einen Antrag auf Übernahme der Anwaltskosten in der Höhe von Fr. 12'294.50 ein. Mit Entscheid vom 25. Mai 2022 wies das Departement für Justiz und Sicherheit des Kantons Thurgau den Antrag ab.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp433280"></a><span class="bold">C.b </span>Die dagegen von A.A. beim Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau erhobene Beschwerde wies dieses mit Entscheid vom 9. November 2022 ab.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp434512"></a><span class="bold">C.c </span>Gegen diesen Entscheid erhebt A.A. Beschwerde beim Bundesgericht und beantragt, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und es sei ihr für die Opfervertretung im erwähnten Strafverfahren eine Entschädigung von Fr 12'294.50 aus Opferhilfe zuzusprechen; eventuell sei die Sache zur Neubeurteilung zurückzuweisen (Verfahren 1C_656/2022). (...)</div> <div class="paraatf">Das Bundesgericht vereinigt die Verfahren, heisst beide Beschwerden gut und weist die Sache zur Neubeurteilung an das Verwaltungsgericht zurück.</div> <div class="paraatf"> <i>(Auszug)</i> </div> <br/><div> <a name="idp437616"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page249"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 249</div>Aus den Erwägungen:</div> <div class="paraatf"> </div> <div class="paraatf"> <i>Verfahren 1C_344/2022</i> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp440528"></a><span class="bold" id="consideration_5.">5. </span>Es ist zunächst die Frage zu klären, ob die Anwaltskosten des Strafverfahrens als längerfristige Hilfe im Sinne von <span class="artref">Art. 13 Abs. 2 OHG</span> oder als Entschädigung im Sinne von <span class="artref">Art. 19 OHG</span> zu qualifizieren sind.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp445152"></a><span class="bold" id="consideration_5.1">5.1 </span>Gemäss <span class="artref">Art. 13 Abs. 1 OHG</span> leisten die Opferhilfeberatungsstellen dem Opfer und seinen Angehörigen sofort Hilfe für die dringendsten Bedürfnisse, die als Folge der Straftat entstehen (Soforthilfe). Nach Abs. 2 desselben Artikels leisten sie dem Opfer und dessen Angehörigen soweit nötig zusätzliche Hilfe, bis sich der gesundheitliche Zustand der betroffenen Person stabilisiert hat und bis die übrigen Folgen der Straftat möglichst beseitigt oder ausgeglichen sind (längerfristige Hilfe). Die Beratungsstellen können die Soforthilfe und die längerfristige Hilfe durch Dritte erbringen lassen (<span class="artref">Art. 13 Abs. 3 OHG</span>).</div> <div class="paraatf">Hingegen haben das Opfer und seine Angehörigen nach <span class="artref">Art. 19 Abs. 1 OHG</span> Anspruch auf eine Entschädigung für den erlittenen Schaden infolge Beeinträchtigung oder Tod des Opfers.</div> <div class="paraatf">Gemäss <span class="artref">Art. 5 der Verordnung vom 27. Februar 2008 über die Hilfe an Opfer von Straftaten (OHV; SR 312.51)</span> können Anwaltskosten ausschliesslich als Soforthilfe oder längerfristige Hilfe geltend gemacht werden.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp454992"></a><span class="bold" id="consideration_5.2">5.2 </span>Das Bundesgericht hat in <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2023&amp;to_year=2023&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-II-121%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page121">BGE 131 II 121</a> E. 2.4, d.h. vor Inkrafttreten der Totalrevision des Opferhilfegesetzes, festgehalten, dass Anwaltskosten generell als Hilfeleistungen zu qualifizieren sind. Es hat aber die subsidiäre Forderung, die Anwaltskosten als Entschädigung abzugelten, nicht ausgeschlossen bzw. bejaht (vgl. PETER GOMM, in: Kommentar zum Opferhilferecht, 4. Aufl. 2020, N. 24 zu <span class="artref">Art. 19 OHG</span>). Unter dem alten Opferhilfegesetz bestand also die Möglichkeit, Anwaltskosten sowohl als Hilfeleistung gemäss OHG wie auch als Entschädigung gemäss OHG geltend zu machen.</div> <div class="paraatf">Am 1. Januar 2009 sind das totalrevidierte Opferhilfegesetz und die Opferhilfeverordnung in Kraft getreten. <span class="artref">Art. 5 OHV</span> sieht seither explizit vor, dass Anwaltskosten ausschliesslich als Soforthilfe oder längerfristige Hilfe geltend gemacht werden können.</div> <div class="paraatf">Dies stimmt mit der Botschaft zum totalrevidierten Opferhilfegesetz überein, wo der Bundesrat ausführt, die längerfristige Hilfe gemäss <a name="page250"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 250</div><span class="artref">Art. 13 OHG</span> diene dazu, die Folgen der Straftat zu beseitigen oder wenigstens zu mildern, und umfasse unter anderem die juristische Unterstützung (Anwalts- und Verfahrenskosten) in Verfahren, die Folge der Straftat seien (Botschaft vom 9. November 2005 zur Totalrevision des Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten, BBl 2005 7211; nachfolgend: Botschaft OHG).</div> <div class="paraatf">Schliesslich führt auch die Schweizerische Verbindungsstellen-Konferenz Opferhilfegesetz (SVK-OHG) in ihrer Fachtechnischen Empfehlung vom 22. Oktober 2019 betreffend Übernahme von Anwaltskosten aus, dass die Anwaltskosten entweder als Soforthilfe oder als längerfristige Hilfe geltend gemacht werden können, und stützen sich dabei auf die <span class="artref"><artref id="CH/312.5/14" type="start"></artref><artref id="CH/312.5/13" type="start"></artref>Art. 13, 14 und 16 OHG</span><artref id="CH/312.5/14" type="end"></artref><artref id="CH/312.5/16" type="end"></artref> sowie auf <span class="artref">Art. 5 OHV</span>.</div> <div class="paraatf">Vor diesem Hintergrund besteht kein Zweifel daran, dass Anwaltskosten ausschliesslich als Soforthilfe oder als längerfristige Hilfe im Sinne von <span class="artref">Art. 13 OHG</span> geltend gemacht werden können. Die gegenteilige Argumentation der Beschwerdeführerin ist unbegründet.</div> <div class="paraatf">(...)</div> <div class="paraatf"> </div> <div class="paraatf"> <i>Verfahren 1C_656/2022 </i> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp477984"></a><span class="bold" id="consideration_12.">12. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp479024"></a><span class="bold" id="consideration_12.1">12.1 </span>Gemäss der unter dem alten OHG entwickelten Rechtsprechung waren die Leistungen aus OHG subsidiär zur unentgeltlichen Rechtspflege (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2023&amp;to_year=2023&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-II-121%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page121">BGE 131 II 121</a> E. 2.3; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2023&amp;to_year=2023&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F121-II-209%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page209">BGE 121 II 209</a> E. 3b; Urteil 1C_26/2008 vom 18. Juni 2008 E. 4; siehe auch MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 19 zu <span class="artref">Art. 136 StPO</span>; HARARI/CORMINBOEUF HARARI, in: Commentaire romand, Code de procédure pénale suisse, 2. Aufl. 2019, N. 39 zu <span class="artref">Art. 136 StPO</span>). Stand dem Opfer nach dem kantonalen Verfahrensrecht ein Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung zu, bestand grundsätzlich kein Bedarf mehr für die Übernahme der Anwaltskosten durch die Opferhilfestelle (zit. Urteil 1C_26/2008 E. 4). In <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2023&amp;to_year=2023&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F121-II-209%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page209">BGE 121 II 209</a> E. 3b wurde diese Subsidiarität unter Hinweis auf die Materialien damit begründet, dass der Bundesgesetzgeber mit dem OHG, insbesondere betreffend die unentgeltliche Rechtspflege, nicht in die Zuständigkeit der Kantone im Bereich des Strafprozesses eingreifen wollte.</div> <div class="paraatf">Die Rechtslage hat sich seit der Entwicklung dieser Rechtsprechung jedoch beträchtlich verändert. Zum einen ist die Gesetzgebung auf dem Gebiet des Strafprozessrechts seit der Annahme des <a name="page251"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 251</div>Bundesbeschlusses über die Reform der Justiz am 12. März 2000 eine Bundeskompetenz (<span class="artref">Art. 123 Abs. 1 BV</span>). So hat am 1. Januar 2011 die Schweizerische Strafprozessordnung die kantonalen Strafprozessordnungen abgelöst. Zum anderen ist am 1. Januar 2009 die Totalrevision des OHG in Kraft getreten. Zumal das Bundesgericht die Subsidiarität der Leistungen aus OHG im Vergleich zur unentgeltlichen Rechtspflege hauptsächlich mit der - mittlerweile weggefallenen - kantonalen Zuständigkeit im Bereich des Strafprozessrechts begründete, rechtfertigt es sich, das Verhältnis der beiden Rechtsinstitute zu überprüfen. Dazu ist <span class="artref">Art. 4 OHG</span> auszulegen.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp497232"></a><span class="bold" id="consideration_12.2">12.2 </span>Gemäss <span class="artref">Art. 4 Abs. 1 OHG</span> werden Leistungen der Opferhilfe nur endgültig gewährt, wenn der Täter oder die Täterin oder eine andere verpflichtete Person oder Institution keine oder keine genügende Leistung erbringt. Wer Kostenbeiträge für die längerfristige Hilfe Dritter, eine Entschädigung oder eine Genugtuung beansprucht, muss glaubhaft machen, dass die Voraussetzungen nach Absatz 1 erfüllt sind, es sei denn, es sei ihm oder ihr angesichts der besonderen Umstände nicht zumutbar, sich um Leistungen Dritter zu bemühen (<span class="artref">Art. 4 Abs. 2 OHG</span>).</div> <div class="paraatf"><span class="artref">Art. 4 Abs. 1 OHG</span> legt in allgemeiner Weise die Subsidiarität der Opferhilfe im Verhältnis zu anderen verpflichteten Personen und Institutionen fest, insbesondere dem ausdrücklich genannten Täter bzw. der Täterin. Das Institut der unentgeltlichen Rechtspflege wird hingegen nicht ausdrücklich erwähnt. Es stellt sich also die Frage, ob der Kanton, wenn er in einem Strafverfahren unentgeltliche Rechtspflege leistet, im Verhältnis zum Staat, wenn er Opferhilfe leistet, als eine "andere verpflichtete Person oder Institution" ("un autre débiteur" / "un'altra persona o istituzione debitrice") zu gelten hat. Da die Kantone sowohl für die unentgeltliche Rechtspflege wie auch betreffend Leistungen der Opferhilfe Schuldnerinnen sind (vgl. Botschaft OHG, a.a.O., S. 7239), ist dies zu verneinen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass keine "andere" - sondern die gleiche - verpflichtete Person bzw. Körperschaft zur Zahlung verpflichtet ist. Dieser Schluss bestätigt sich bei Berücksichtigung der übrigen Auslegungsmethoden, wie nachfolgend zu zeigen ist.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp506080"></a><span class="bold" id="consideration_12.3">12.3 </span>In der Botschaft zum OHG wird zu Art. 4 ausgeführt, die Opferhilfe mildere allenfalls ungenügende Leistungen der primär Leistungspflichtigen und wolle verhindern, dass die betroffenen Personen Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssten (Botschaft OHG, a.a.O., S. 7205). Neben dem Täter oder der Täterin erwähnt die <a name="page252"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 252</div>Botschaft als primär Leistungspflichtige ausdrücklich Sozial- und Privatversicherungen und ausländische Staaten (Botschaft OHG, a.a.O., S. 7205 und 7206). Der Kanton, der in einem Strafverfahren unentgeltliche Rechtspflege leistet, wird nicht erwähnt. Auch in der Parlamentsdebatte wurde der Kanton, der in einem Strafverfahren unentgeltliche Rechtspflege leistet, nicht als primär Leistungspflichtiger im Sinne von <span class="artref">Art. 4 Abs. 1 OHG</span> bezeichnet. Hingegen wurde mehrmals betont, dass die Opferhilfe dann gewährt werde, wenn die primär Leistungspflichtigen, "d.h. der Straftäter, die Straftäterin oder ihre Versicherungen nicht oder nicht ausreichend bezahlen" (Votum Ständerat Wicki, AB 2007 S 162 [Erste Sitzung des Ständerats vom 14. März 2007]; vgl. auch Votum Bundesrat Blocher, AB 2006 N 1084 [Erste Sitzung des Nationalrats vom 22. Juni 2006]). Aufgrund der Gesetzesmaterialien zu <span class="artref">Art. 4 OHG</span> ist somit nicht davon auszugehen, dass der Gesetzgeber die Opferhilfe als subsidiär zur unentgeltlichen Rechtspflege einstufen wollte.</div> <div class="paraatf">Das Verhältnis des Opferhilferechts zum Institut der unentgeltlichen Rechtspflege wird in der Botschaft hingegen im Abschnitt zur Befreiung von Verfahrenskosten thematisiert. Der Bundesrat hält fest, die Opfer hätten die vom OHG vorgesehenen Kostenbeiträge für juristische Hilfe nicht nötig, soweit <span class="artref">Art. 29 Abs. 3 BV</span> oder die unentgeltliche Rechtspflege nach kantonalem Recht zur Anwendung gelange. Er verweist weiter auf die unter dem alten Recht ergangene, oben erwähnte Rechtsprechung zur Subsidiarität (Botschaft OHG, a.a.O., S. 7234). Der Bundesrat bezog sich hier also ausdrücklich auf die Rechtslage vor Inkrafttreten der Schweizerischen Strafprozessordnung und die damalige Kompetenzaufteilung im Bereich des Strafprozessrechts, weshalb sich daraus für die heutige Situation nichts ableiten lässt. Die Parlamentsdebatte zu <span class="artref">Art. 30 OHG</span> ist auch nicht aufschlussreich.</div> <div class="paraatf">Insgesamt ergibt sich aus der historischen Auslegung der Bestimmung keine eindeutige Antwort auf die zu beantwortende Frage.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp519184"></a><span class="bold" id="consideration_12.4">12.4 </span>Aus systematischer Hinsicht ist zu bemerken, dass mit dem neuen OHG die Regelung in <span class="artref">Art. 30 Abs. 3 OHG</span> eingeführt wurde, wonach das Opfer und seine Angehörigen die Kosten für einen unentgeltlichen Rechtsbeistand nicht zurückerstatten müssen. Die unter dem alten Recht bestehende Schlechterstellung der Opfer, die unentgeltliche Rechtspflege erhielten und diese wieder zurückerstatten mussten, wenn sie zu neuem Vermögen kamen, wurde somit behoben (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2023&amp;to_year=2023&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-262%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page262">BGE 141 IV 262</a> E. 2.5; Botschaft OHG, a.a.O., S. 7234). <a name="page253"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 253</div>Es spielt nunmehr keine Rolle mehr, ob das Opfer unentgeltliche Rechtspflege bezogen hat oder die Anwaltskosten unter dem Titel der längerfristigen Hilfe von der Opferhilfe übernommen wurden: es muss die staatliche Hilfe weder im ersten noch im zweiten Fall zurückerstatten. In <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2023&amp;to_year=2023&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-262%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page262">BGE 141 IV 262</a> E. 3.3.3 hat das Bundesgericht überdies festgehalten, dass <span class="artref">Art. 30 Abs. 3 OHG</span> auch unter der neuen Strafprozessordnung gilt, und bestätigt, dass der Gesetzgeber die erwähnte Ungleichbehandlung der Opfer mit dem neuen Recht nicht wieder einführen wollte. Es stützte sich dabei insbesondere auf die in <span class="artref">Art. 8 BV</span> verankerte Rechtsgleichheit.</div> <div class="paraatf">Wäre der opferhilferechtliche Anspruch weiterhin subsidiär zur unentgeltlichen Rechtspflege, wären die Opfer in sehr bescheidenen finanziellen Verhältnissen betreffend <i>Geltendmachung des Anspruchs</i> jedoch weiterhin schlechter gestellt als jene Opfer, die zwar nicht mittellos im Sinne von <span class="artref">Art. 29 Abs. 3 BV</span> sind, jedoch die Voraussetzungen für die Opferhilfe im Sinne von <span class="artref"><artref id="CH/312.5/6" type="start"></artref>Art. 6 und 16 OHG</span><artref id="CH/312.5/16" type="end"></artref> erfüllen. Tatsächlich müssten erstere ihren Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege im Strafverfahren unverzüglich geltend machen, ansonsten sie ihn aufgrund der Subsidiarität verlieren würden - und dies, obwohl das Recht selbst nicht verwirkt (vgl. nicht publ. E. 10.3). Das Zeitfenster, in dem diese - finanziell sehr schlecht gestellte - Kategorie von Opfern den Anspruch auf Übernahme der Kosten durch die unentgeltliche Rechtspflege geltend machen müsste, wäre relativ kurz. Hingegen könnten die finanziell etwas besser gestellten Opfer noch lange über das Strafverfahren hinaus den Anspruch auf Übernahme der Anwaltskosten geltend machen.</div> <div class="paraatf">In Übereinstimmung mit <span class="artref">Art. 8 BV</span> und der Regelung in <span class="artref">Art. 30 Abs. 3 OHG</span>, die auf die Gleichstellung aller Opfer abzielt, die staatliche Hilfe für das Strafverfahren beanspruchen können, müssen die Opfer auch bezüglich der Geltendmachung des Anspruchs auf staatliche Hilfe gleichgestellt werden. Die systematische Auslegung der Bestimmung spricht somit gegen eine Subsidiarität der Opferhilfegesetzgebung zur unentgeltlichen Rechtspflege.</div> <div class="paraatf"> Anzufügen bleibt, dass die Gleichstellung der Opfer, die unentgeltliche Rechtspflege beantragen, im Vergleich zu jenen, die bei der Opferhilfe einen Antrag um Übernahme der im Strafverfahren angefallenen Anwaltskosten stellen, auch bezüglich der effektiven Entschädigung gewährleistet ist. Die von der Opferhilfe zu leistende anwaltliche Entschädigung entspricht gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich nämlich jenem Betrag, der in <a name="page254"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 254</div>Anwendung des Tarifes über die unentgeltliche Rechtspflege zugesprochenworden wäre (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2023&amp;to_year=2023&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-II-121%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page121">BGE 131 II 121</a> E. 2.4.3). Bezüglich der Berechnung des Honorars ist somit unerheblich, ob das Opfer die unentgeltliche Rechtspflege beantragt oder seinen Anspruch auf Übernahme der im Strafverfahren angefallenen Anwaltskosten aus OHG geltend macht: Es erhält in beiden Fällen in der Regel die gleiche Entschädigung. </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp548464"></a><span class="bold" id="consideration_12.5">12.5 </span>Schliesslich ist für die Ermittlung des Sinns und Zwecks der Subsidiarität der Leistungen der Opferhilfe erneut die Botschaft zum OHG heranzuziehen, wonach die Opferhilfegesetzgebung verhindern will, dass die betroffenen Personen Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssen, wenn die primär Leistungspflichtigen (Täter, Täterin, Sozial- und Privatversicherungen) nicht oder nicht genügende Leistungen erbringen (Botschaft OHG, a.a.O., S. 7205). Die Schlechterstellung der mittellosen Opfer bezüglich der Geltendmachung des Anspruchs auf Übernahme der Anwaltskosten könnte aber genau dies zur Folge haben: Haben sie - aus irgendeinem Grund - die unentgeltliche Rechtspflege im Strafverfahren nicht beantragt, könnten sie ihren Anspruch später nicht mehr geltend machen und müssten die Anwaltskosten selbst tragen. Je nach Höhe dieser Schuld wäre das Risiko, dass diese Opfer schlussendlich Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssen, beträchtlich.</div> <div class="paraatf">In diesem Sinne kann auch auf den Abschnitt der Botschaft bezüglich längerfristiger Hilfe verwiesen werden: Diese dient dazu, die Folgen der Straftat zu beseitigen oder wenigstens zu mildern (Botschaft OHG, a.a.O., S. 7211). Dieser Zweck kann nicht durchwegs erreicht werden, wenn die finanziell besonders schlecht gestellten Opfer den Anspruch auf Übernahme der Anwaltskosten verlieren, sofern sie keine unentgeltliche Rechtspflege beantragt haben. Im Gegenteil hätte diese Subsidiarität zur Folge, dass die Straftat die Opfer in noch grössere finanzielle Schwierigkeiten führt. Die Subsidiarität der Opferhilfe im Verhältnis zum Institut der unentgeltlichen Rechtspflege widerspricht somit auch der teleologischen Auslegung der Bestimmung.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp553456"></a><span class="bold" id="consideration_12.6">12.6 </span>Zusammenfassend ergibt die Auslegung von <span class="artref">Art. 4 Abs. 1 OHG</span>, dass die Subsidiarität der Opferhilfe im Verhältnis zur unentgeltlichen Rechtspflege nicht greift. Ein Opfer, das Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege hat, diesen aber im Strafverfahren nicht geltend macht, kann somit auch nachträglich noch bei der Opferhilfestelle den Antrag auf Übernahme der Anwaltskosten <a name="page255"></a><div class="center pagebreak">BGE 149 II 246 S. 255</div>stellen. Es wird somit diesbezüglich jenen Opfern gleichgestellt, die nicht mittellos im Sinne von <span class="artref">Art. 29 Abs. 3 BV</span> sind, aber die Voraussetzungen für die Opferhilfe im Sinne von <span class="artref"><artref id="CH/312.5/6" type="start"></artref>Art. 6 und 16 OHG</span><artref id="CH/312.5/16" type="end"></artref> erfüllen.</div> <div class="paraatf">Diese Präzisierung der Rechtsprechung betreffend Subsidiarität ändert nichts an der Rechtsprechung des Bundesgerichts in <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2023&amp;to_year=2023&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-II-121%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page121">BGE 131 II 121</a> : Ein sorgfältiges Opfer sollte sich weiterhin so früh wie möglich an die Beratungsstelle wenden, damit die Frage der Übernahme der Anwaltskosten soweit möglich im Voraus geregelt werden kann. Andernfalls besteht das Risiko, dass die Opferhilfe die angefallenen Anwaltskosten a posteriori nicht umfassend übernimmt (vgl. nicht publ. E. 10.3).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp565904"></a><span class="bold" id="consideration_13.">13. </span>Angewendet auf den vorliegenden Fall ergibt sich, dass der Beschwerdeführerin nicht entgegengehalten werden kann, sie habe die unentgeltliche Rechtspflege im Strafverfahren nicht beantragt. Der Anspruch der Beschwerdeführerin auf Übernahme der Anwaltskosten aus der Opferhilfegesetzgebung ist weder verwirkt noch subsidiär zur unentgeltlichen Rechtspflege. (...)</div> </div></body></html>