Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 6. Mai 2021 (720 19 170 / 118) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente: Würdigung des medizinischen Sachverhalts Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichteri n Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiber Markus Schäfer Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Daniel Tschopp, Advo- kat, Baur Laubscher Tschopp Manera Brodbeck Advokaturbüro, Greifengasse 1, Postfach 1644, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1959 geborene, zuletzt von September 2005 bi s 5. Mai 2015 als Weberin bei der B.____ AG tätig gewesene A.____ meldete sich am 10. September 2015 unter Hinweis auf eine Depression bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Bezug von Leistungen an. Die IV-Stelle Basel-Landschaft klärte in der Folge die gesundheitlichen und die erwerblichen Verhältnisse der Versicherten ab. Dabei zog sie insbesonde re das Dossier der C.____ Kran- kenversicherung AG, des Krankentaggeld-Versicherers von A._ ___, bei. Zudem liess sie die Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Versicherte durch pract. med. D.____, Facharzt für Psychia trie und Psychotherapie, psychiat- risch begutachten. Gestützt auf die Ergebnisse ihrer Abklä rungen ermittelte die IV-Stelle einen Invaliditätsgrad von 0 % und verneinte - nach durchgefü hrtem Vorbescheidverfahren - mit Ver- fügung vom 17. April 2019 einen Rentenanspruch von A.____. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch Advokat Daniel Tschopp, am 24. Mai 2019 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilun g Sozialversicherungsrecht (Kantons- gericht). Darin beantragte sie, es sei die angefochtene Verfügung vollumfänglich aufzuheben und es sei ihr ab Mai 2016 bis auf weiteres eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Eventuali- ter sei ein gerichtliches Obergutachten zur Bestimmung ihrer Arbeits- und Leistungsfähigkeit in Auftrag zu geben. Danach sei auf der Basis einer bewe iskräftigen medizinisch-theoretischen Beurteilungsgrundlage sowie im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen über ihre im Raum stehenden IV-Ansprüche zu entscheiden. Ferner ersuchte di e Beschwerdeführerin um Bewilli- gung der unentgeltlichen Prozessführung und der unentg eltlichen Verbeiständung mit ihrem Rechtsvertreter; alles unter o/e-Kostenfolge. Am 19. Juni 2019 reichte Advokat Daniel Tschopp einen Bericht des behandelnden Psychiaters Dr. med. E.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 11. Juni 2019, zwei Stellungnah- men der Spitex F.____ vom 20. Mai 2019 und 20. März 2 018 sowie einen Bericht der Klinik G.____ vom 5. Dezember 2016 ein. C. Mit Verfügung vom 26. Juni 2019 bewilligte das Ka ntonsgericht A.____ gestützt auf die eingereichten Unterlagen für das vorliegende Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Prozess- führung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Advokat Daniel Tschopp als Rechtsvertreter. D. Die IV-Stelle beantragte in ihrer Vernehmlassung vo m 26. Juli 2019 die Abweisung der Beschwerde. Gleichzeitig legte sie ihren Ausführungen zwei Stellungnahmen von pract. med. H.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) beider Basel, vom 18. Juni 2019 und 10. Juli 2019 sowie eine Stellungnahme des Administrativgutach- ters pract. med. D.____ vom 7. Juli 2019 bei. E. Im Rahmen eines zweiten Schriftenwechsels hielt die Beschwerdeführerin mit Replik vom 22. August 2019 an den in der Beschwerde gestellten Rechtsbegehren und den wesentli- chen bisherigen Vorbringen fest. Zudem reichte sie mit i hrer Eingabe eine neue Stellungnahme von Dr. E.____ vom 20. August 2019 ein. Die Beschwerde gegnerin wiederum beantragte in ihrer Duplik vom 17. September 2020, der sie eine weit ere Beurteilung des RAD-Arztes pract. med. H.____ vom 2. September 2019 beilegte, nach wie vor die Abweisung der Beschwerde. F. Anlässlich der Urteilsberatung vom 31. Oktober 2019 g elangte das Kantonsgericht zum Ergebnis, dass eine abschliessende Beurteilung der Angelegenheit gestützt auf die vorhandene medizinische Aktenlage nicht möglich sei. Das Kantonsgericht beschloss deshalb, den Fall aus- zustellen und zur Klärung der medizinischen Sachlage bei D r. med. I.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, ein psychiatrisches Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. Im Anhang zu diesem Beschluss unterbreitete das Kantonsgericht den P arteien den Entwurf des entspre- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht chenden Auftrags und den vorgesehenen Fragenkatalog. Die Parteien erhoben keine Einwände gegen die Person des Gutachters und verzichteten darauf, Zusatzfragen zu stellen. Die Be- schwerdegegnerin vertrat jedoch in ihrer Stellungnahm e vom 13. Januar 2020 die Auffassung, dass es aus Sicht des RAD "wegen der deutlich im Raum stehenden Frage nach Inkonsisten- zen, Aggravation und Simulation" angezeigt sei, nebst einem psychiatrischen Gutachten auch ein neuropsychologisches Zusatzgutachten einzuholen. Mit einer solchen Expertise liessen sich die Themen "Inkonsistenzen", "Aggravation" und "Simula tion" mit geeigneten Symptomvalidie- rungsverfahren objektiv auf einer verlässlichen Grundlage beurteilen. Am 16. Januar 2020 erging der Begutachtungsauftrag des Gerichts an Dr. I._ ___. Darin wurde der Entscheid über die Frage, ob die von der IV-Stelle vorgeschlagene zusätzliche neuropsychologische Begutach- tung erforderlich sei, dem Experten überlassen. G. Am 12. September 2020 erstattete Dr. I.____ sein psychiatrisches Gerichtsgutachten. Die Parteien erhielten Gelegenheit, sich zum Inhalt des Gutachtens und zur Frage zu äussern, wie sich dessen Ergebnisse auf den Leistungsanspruch de r Versicherten auswirken würden. Die Beschwerdeführerin reichte am 27. Oktober 2020 ih re entsprechende Stellungnahme ein, die IV-Stelle äusserte sich am 28. Oktober 2020, wobei sie ihrer Eingabe eine weitere Beurtei- lung des RAD-Arztes pract. med. H.____ vom 13. Oktober 2020 beilegte. H. Mit Verfügung vom 4. November 2020 überwies der in struierende Präsident die Ange- legenheit dem Dreiergericht zur (erneuten) Beurteilung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes üb er die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf di e Beschwerde der Versicherten vom 24. Mai 2019 ist demnach einzutreten. 2.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 2.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti- ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 2.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach de m Grad der Invalidität wie folgt ab- gestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 2.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs (BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Untervar ianten des Schätzungs- oder Prozent- vergleichs (BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausserordentlichen Methode (BGE 128 V 29). 3.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls a uch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 3.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 3.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). 3.3.1 So weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach de r Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholt es Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt. Eine abw eichende Beurteilung kann ferner ge- rechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserung en anderer Fachexperten dem Ge- richt als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens a bweichende Schlussfolgerun- gen zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/aa mit Hinweisen). 3.3.2 Im Weiteren ist den im Rahmen des Verwaltungsver fahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund e ingehender Beobachtungen und Unter- suchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befun- de zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswür digung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 4. Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psychi schen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltend en psychischen Leiden belastenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen ke in Krankheitswert zukommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat vorau s, das die Arbeits- und Erwerbsfähig- keit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der weiteren Frage zentrale Bedeutung zu, ob u nd inwiefern, allenfalls bei geeigneter Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig er- wartet werden kann, zu arbeiten und einem Erwerb nach zugehen (BGE 127 V 294 E. 5a mit Hinweisen). Zur Annahme einer durch eine psychische Gesund heitsbeeinträchtigung verur- sachten Erwerbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehme n ist, die Verwertung der Arbeitsfä- higkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder - als alternative Voraussetzung - sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; vgl. auch BGE 127 V 294 E. 4c in fine). 5.1 In den medizinischen Akten des vorliegenden Falls fin den sich zwei psychiatrische Gutachten, welche die C.____ Krankenversicherung AG, der Krankentaggeld-Versicherer der Beschwerdeführerin, im Hinblick auf die Beurteilung i hrer Leistungspflicht eingeholt hatte. Im ersten, von Dr. med. J.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, verfassten Gutach- ten vom 4. Mai 2016 vertrat dieser den Standpunkt, d ass die vom behandelnden Psychiater Dr. E.____ und den Ärzten der Klinik G.____ bei der B eschwerdeführerin diagnostizierte Er- krankung aus versicherungspsychiatrischer Sicht nicht nachvoll ziehbar sei. Die Explorandin sei in der angestammten und in jeder anderen Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig. In einem weiteren Gutachten vom 22. August 2016 gelangte Dr. med. K.___ _, Facharzt für Psychiatrie und Psy- chotherapie, zur Auffassung, dass sich bei der Versicherten keine Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit erheben lasse. Als Leiden ohn e Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierte er "Probleme, verbunden mit Schwieri gkeiten bei der Lebensbewältigung im Sinne von akzentuierten, am ehesten dissozialen Persönlic hkeitszügen (ICD-10 Z73.1)" sowie "Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanz en im Sinne von psychi- schen und Verhaltensstörungen durch Tabak, Abhängigkeitssynd rom, gegenwärtiger Sub- stanzgebrauch (ICD-10 F17.24)". In der zuletzt ausgeübte n Tätigkeit als Mitarbeiterin in einer Weberei und in allen Tätigkeiten mit ähnlichem Ressource nprofil sei die Versicherte zu 100 % arbeitsfähig. Die durch den behandelnden Facharzt Dr. E.____ attestierte 100 %-ige Arbeitsun- fähigkeit könne nicht bestätigt werden. 5.2 Die IV-Stelle holte in der Folge (Verlaufs-) Ber ichte des Psychiaters Dr. E.____ und der Klinik G.____ ein. Da die behandelnden Ärzte bei der Versicherten - im Gegensatz zu den vor- erwähnten Gutachtern Dres. J.____ und K.____ - jeweil s psychiatrische Diagnosen mit Auswir- kungen auf die Arbeitsfähigkeit erhoben und ihr deswe gen eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestierten, beschloss die IV-Stelle, zur weiteren Abklä rung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten bei pract. med. D.__ __ ein psychiatrisches Gutachten in Auf- trag zu geben. In seiner Expertise, die er am 22. Mai 2018 erstattete, erhob der genannte Facharzt bei der Versicherten als Diagnosen ohne Auswirkun g auf die Arbeitsfähigkeit eine leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0) sowie akzentuierte histrionische Persönlichkeitszüge (ICD-10 Z73.1), was jedoch definitionsgemäss lediglich ein normabweichendes Verhalten ohne Krankheitswert sei. In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit der Explorandin stellte er fest, dass aus psychiatrischer Sicht keine Diagnosen vorliegen würden, welche die Arbeitsfähigkeit beeinträch- tigen könnten. In seiner Beurteilung thematisierte pr act. med. D.____ diverse invaliditätsfremde Faktoren, die aus versicherungspsychiatrischer Sicht keine E inschränkungen der Arbeitsfähig- keit nach sich ziehen würden. Möglicherweise würden der V ersicherten aufgrund persönlich- keitsstruktureller Defizite die Ressourcen fehlen, um mit den invaliditätsfremden Stressoren Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht angemessen umzugehen. Dies erkläre aber nicht das Ausmass der zunehmenden selbstindu- zierten passiven Tendenzen mit vermeintlicher Abnahme der Fähigkeit zur Selbstversorgung. Die Explorandin zeige in der Begutachtung ausgeprägte Tendenzen zur Aggravation, da sie selbst einfache Fragen nicht beantworten könne. Zwar könne man bei Betroffenen, die an einer schweren Depression leiden, Beeinträchtigungen der kog nitiven und mnestischen Funktionen im Sinne einer Pseudodemenz finden. Ein solches Syndro m liege aber bei der Explorandin mit Sicherheit nicht vor, da pseudodemenzielle Syndrome in ih rer Ausprägung in direktem Zusam- menhang mit der Schwere einer Depression stehen würden. Eine solche liege bei der Versi- cherten aber gar nicht vor. Aus gutachterlicher Sicht wä re die Explorandin zu weit eigenständi- gerer Gestaltung verschiedener Lebensbereiche in der Lag e. In der Gesamtschau des bisheri- gen Krankheitsverlaufs, der diagnostischen Einschätzung unter Einbezug der Persönlichkeits- struktur und unter Berücksichtigung der invaliditätsfremden Faktoren sei von einer Arbeitsfähig- keit von 100 % auszugehen. 5.3 In einer zu Handen des Rechtsvertreters der Beschwer deführerin verfassten Stellung- nahme vom 11. Juni 2019 setzte sich der behandelnde Ps ychiater Dr. E.____ ausführlich mit dem Gutachten von pract. med. D.____ auseinander. Da bei vertrat er die Auffassung, dass entgegen der Einschätzung von pract. med. D.____ keine Aggravation, sondern eine histrioni- sche Persönlichkeitsstörung und eine rezidivierende Depre ssion vorliegen würden. Diese Lei- den hätten zu einem vollständigen Verlust der Arbeitsf ähigkeit auf dem Arbeitsmarkt geführt. In seinen Ausführungen begründete Dr. E.____ eingehend, weshalb das beschriebene Verhal- tensmuster seiner Patientin seines Erachtens als Symptom i m Rahmen ihrer Persönlichkeits- struktur bzw. -störung interpretiert werden müsse und ni cht als Aggravation zu werten sei. Der Gutachter habe den Beschwerden seiner Patientin nicht Rechnung getragen. Diese leide seit Jahren an depressiven Verstimmungen und die Diagnose eine r rezidivierenden depressiven Störung sei auch von den behandelnden Ärzten der Klinik G.____ gestellt und bestätigt worden. Im Verlaufe der mittlerweile vierjährigen Behandlung bei ihm und während der stationären und teilstationären Behandlungen in der Klinik G.____ hät ten sich keine Hinweise für eine willentli- che Herbeiführung oder massive Verdeutlichung psychischer o der körperlicher Störungen im Sinne einer Aggravation oder sonstige Inkonsistenzen geze igt. Zudem könne die beschriebene appellative, demonstrative, übertriebene, dramatische u nd theatralische Wirkung des Vorbrin- gens der Klagen gegenüber den Gutachtern Dres. J.____ und K.____ im Rahmen der histrioni- schen Persönlichkeitszüge erklärt werden, es handle sich kein eswegs um eine Aggravation. Im Lauf der Behandlung habe er, so Dr. E.____ weiter, vo n ihrem Sohn, ihrer Schwiegertochter und von der Spitex erfahren, dass die Versicherte nich t in der Lage sei, alltägliche Tätigkeiten selber zu verrichten. Sie sei deshalb effektiv auf Hilfe Dritter angewiesen. 5.4 Am 7. Juli 2019 nahm pract. med. D.____ auf Ersuche n der IV-Stelle zu diesen Aus- führungen von Dr. E.____ vom 11. Juni 2019 Stellung. Er hielt fest, dass sich der behandelnde Arzt widersprüchlich geäussert habe, denn Dr. E.____ hab e bis anhin keine Persönlichkeitsstö- rung, sondern immer nur eine depressive Störung diagno stiziert. Erst im Nachhinein versuche er, das inkonsistente Verhalten der Versicherten auf ein e Persönlichkeitsstörung zurückzufüh- ren. Seines Erachtens, so das Fazit von pract. med. D.____ , liege bei der Versicherten aber Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht keine Persönlichkeitsstörung vor, seien doch schon die Eingangskriterien für die Bejahung einer Persönlichkeitsstörung per se nicht erfüllt. 5.5 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ver fügung vom 17.April 2019 bei der Beurteilung des medizinischen Sachverhalts hauptsächlich a uf das psychiatrische Gutachten von pract. med. D.____ vom 22. Mai 2018. Sie übernahm demnach dessen Einschätzung, wo- nach in der Gesamtschau des bisherigen Krankheitsverlauf s, der diagnostischen Einschätzung unter Einbezug der Persönlichkeitsstruktur und unter Be rücksichtigung der invaliditätsfremden Faktoren von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit der Versicherten auszugehen sei. 5.6.1 Das Kantonsgericht gelangte anlässlich der ersten Urteilsberatung vom 31. Oktober 2019 zum Schluss, dass bei der Würdigung des medizinische n Sachverhalts weder auf das psychiatrische Gutachten von pract. med. D.____ vom 22. Ma i 2018 noch auf die Berichte und die detaillierte Stellungnahme des behandelnden Arzte s Dr. E.____ vom 11. Juni 2019 abge- stellt werden könne. Zwischen den genannten beiden Fachä rzten habe sich im Laufe des Be- schwerdeverfahrens eine Diskussion entwickelt, die in der La iensphäre nicht wirklich abschlies- send gewertet werden könne. Beide Positionen hätten e twas für sich. Einerseits erscheine die Flucht in ein aggravierendes Verhalten mit dem Ziel, Unterstützung in Form von Zuwendung, Hilfe und Geld im Sinne einer Rente zu bekommen, möglich. Andererseits sei es aber auch vor- stellbar, dass die erschwerten Lebensumstände bei der V ersicherten eine depressive Störung ausgelöst hätten. Vor diesem Hintergrund könne keine abschliessende Bewertung der medizi- nischen Akten vollzogen werden. Dem psychiatrischen Gutach ten von pract. med. D.____ vom 22. Mai 2018 könne deshalb bei der Beurteilung der vorliegenden Angelegenheit - entgegen der Auffassung der IV-Stelle - kein ausschlaggebender Beweiswert beigemessen werden. 5.6.2 Da die übrigen damals vorliegenden medizinischen Berichte ebenfalls keine ausrei- chende Grundlage für eine abschliessende Beurteilung d er Beschwerde bildeten, beschloss das Kantonsgericht, den Fall auszustellen und eine zusätzl iche Abklärung des medizinischen Sachverhalts im Rahmen eines psychiatrischen Gerichtsguta chtens vornehmen zu lassen. Mit dessen Erstellung wurde in der Folge Dr. I.____ beauftragt. 6.1.1 Am 12. September 2020 erstattete Dr. I.____ se in ausführliches Gerichtsgutachten. Darin erhob er gestützt auf eine eingehende ambulant -psychiatrische Untersuchung der Explo- randin, auf die erhobene Fremdanamnese und auf die medizinische Aktenlage als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivie rende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1), und eine Akzent uierung von Persönlichkeitszügen mit histrionischen und abhängigen Anteilen (ICD-10 Z73.1) . Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit hielt er psychische und Verhaltensstö rungen durch Tabak, Abhängigkeits- syndrom (ICD-10; F17.2), sowie einen Status nach psychischen und Verhaltensstörungen durch Sedativa, schädlicher Gebrauch von Benzodiazepinen (ICD-10 F13.1), fest. 6.1.2 Im Abschnitt "Diagnostische Diskussion und Stellungna hme zu divergierenden Diagno- sen anderer Behandler/Institutionen" seines Gutachtens wies Dr. I.____ einleitend darauf hin, dass sich zwischen den Behandlern und den verschiedenen Gut achtern sowie der IV-Stelle Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine Kontroverse darüber entwickelt habe, ob die von d er Explorandin präsentierten und vorge- brachten Beschwerden in erster Linie als Ausdruck einer kr ankheitswertigen psychiatrischen Störung oder aber im Sinne einer Aggravation zu versteh en seien. In diesem Verfahren sei demnach hauptsächlich strittig, (1) ob die Beschwerdeschil derung und Symptompräsentation der Explorandin als gültig und authentisch angesehen werden dürfe oder ob eine Antwortver- zerrung vorliege, (2) ob eine allfällige Verzerrung be wusst, bewusstseinsnah oder unbewusst erfolge, und (3) ob die einer allfälligen Verzerrung zugrundeliegende Motivation bewusst, wil- lentlich und reflektiert oder unbewusst sei. Gestützt a uf seine Untersuchungen gelangte der Gutachter diesbezüglich zum Schluss, dass sich in der Untersuchun g Hinweise auf eine punk- tuelle, nicht-authentische Beschwerdeschilderung und Symptompräsentation finden würden, die jedoch überwiegend als bewusstseinsfern einzuordnen se ien. Anlässlich der Exploration hätten sich keine Anhalte dafür ergeben, dass eine bewusste, zie lgerichtete negative Antwortverzer- rung im Sinne einer Aggravation oder Simulation vorl iege. Vielmehr sei die teilweise nicht- authentische Symptompräsentation mit hoher Wahrscheinlic hkeit als Verdeutlichungstendenz, zu Teilen auch als Ausdruck einer unbewussten Identifika tion mit einer bestimmten Rolle zu verstehen. Die Diskrepanzen zu den anderslautenden Beurtei lungen als Aggravation durch die Vorgutachter würden sich insbesondere durch die vorschne lle Gleichsetzung von negativer Antwortverzerrung mit Aggravation erklären. 6.1.3 Im Weiteren ging Dr. I.____ einlässlich auf die zur Diskussion stehenden psychiatri- schen Diagnosen ein. Dabei erläuterte er ausführlich, d ass und weshalb bei der Versicherten - abweichend von den Einschätzungen der Vorgutachter - i n erster Linie die Diagnose einer re- zidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgr adige Episode (ICD-10 F33.1), zu stel- len sei. Gleichzeitig hielt er fest, dass nicht sicher aus geschlossen, aber auch nicht bestätigt werden könne, ob zu einem früheren Zeitpunkt, nament lich zu Beginn der manifesten Erkran- kung im Jahr 2015, eine schwere Depression bestanden hab e. Im Weiteren diskutierte Dr. I.____ die Frage, ob bei der Explorandin eine Pe rsönlichkeitspathologie im Sinne einer re- gelrechten Persönlichkeitsstörung oder allenfalls einer Persönlichkeitsakzentuierung vorliege. Dabei gelangte er zur Auffassung, dass bei der Versicherte n von einer Akzentuierung von Per- sönlichkeitszügen mit histrionischen und abhängigen Anteilen (ICD-10 Z73.1) auszugehen sei. 6.2 Als nächstes befasste sich Dr. I.____ mit der Frage, inwieweit relevante psychosoziale Belastungsfaktoren zu beachten seien. Er hielt diesbezüglich fest, die Explorandin verfüge über eine nur geringe Schulbildung und keine Berufsausbild ung, was invaliditätsfremde Faktoren seien. Trotz fehlender Bildung sei es ihr aber schon kur z nach der Einreise in die Schweiz ge- lungen, eine Arbeitsstelle anzunehmen und über mehr als zwei Jahr zehnte berufstätig zu bleiben, dies nebst der Be lastung als Hausfrau und Mutter, was sicherlich als Ressou rce zu werten sei. Mittlerweile sei die Explorandin allerdings seit über fünf Jahren nicht mehr im ersten Arbeitsmarkt tätig gewesen, was ganz grundsätzlich eine gewisse Dekonditionierung mit sich gebracht habe und die möglicherweise ihr subjektives Emp finden unterstützt habe, nicht mehr arbeitsfähig zu sein. Inzwischen sei die Versicherte über dies in einem Alter nahe dem Pensi- onsalter, verbunden mit eher schlechten Aussichten auf eine Rückkehr in den ersten Arbeits- markt und möglicherweise auch assoziiert mit kulturell geprägten Vorstellungen, alt zu sein, was wiederum invaliditätsfremde Faktoren seien. Für die Krankheitsentwicklung von gewisser Rele- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht vanz dürften hingegen einige familiäre Schicksalsschläge sein, wie die Scheidungen der Söhne und mehrere Todesfälle in der Familie, die jeder fü r sich genommen allerdings kaum geeignet wären, eine entsprechende innerpsychische Entwicklung anz ustossen. Diese würden jedoch einen Untergrund liefern, der die Auswirkungen zweier weiterer Schicksalsschläge stärker wir- ken lasse. Bei diesen Schicksalsschlägen handle es sich zum ei nen um die Erfahrung, vom Ehemann betrogen und verlassen worden zu sein, was auf dem Hintergrund der Wertvorstel- lungen und des Lebensentwurfs der Explorandin einer tiefen persönlichen Entwertung und wohl auch einer Beraubung ihrer Erwartungen an die Zukunf t gleichkomme. Zum andern handle es sich um die unerwartete Kündigung der langjährigen Ar beitsstelle, die abermals nicht nur eine Erschütterung des Wertesystems bzw. der Grundannahmen der E xplorandin bedeute, sondern auch ein wesentliches verbleibendes identitätsstiftende s Element wegfallen lasse. Beide Ereig- nisse seien auf der Grundlage der Persönlichkeitsstruktur und des Wertesystems der Exploran- din geeignet, eine verhängnisvolle psychische Fehlentwicklung auszulösen; sie seien in diesem Sinne also als invaliditätsrelevante Faktoren anzusehen. 6.3 In seiner medizinischen Beurteilung der Funktionsfäh igkeit aus psychiatrischer Sicht hielt Dr. I.____ "unter Würdigung aller zur Verfügun g stehenden Quellen und gestützt auf die diversen zusammengeführten Beurteilungsdimensionen" zusam menfassend Folgendes fest: Die mittlerweile 61-jährige Explorandin stamme aus ein fachen, traditionellen Verhältnissen, sie habe wenig Schuldbildung genossen und in einer von Kon flikten und teilweise psychischer und auch physischer Gewalt überschatteten Ehe gelebt. Im Alt er von etwas mehr als 30 Jahren sei sie in die Schweiz migriert. Sie habe hier unmittelbar eine Arbeitstätigkeit aufgenommen und in der Folge über Jahre bis Jahrzehnte eine mehrfache Belastung als zweifache Mutter, Hausfrau, Vollzeitarbeitnehmende und Ehefrau mehr oder minder ordentlich bewältigt. Sie verfüge über eine einfach strukturierte Persönlichkeit, die im Sinne einer nicht krankheitswertigen Strukturpa- thologie als Akzentuierung von Persönlichkeitszügen mit abhängigen und histrionischen Antei- len klassifiziert werden könne. Unter dem Eindruck mehrere r familiärer Schicksalsschläge (To- desfälle, Scheidungen beider Söhne, Verlassenwerden durch den Ehemann), die insbesondere auch geeignet gewesen seien, das Wertesystem, die persön lichen Grundannahmen und damit einhergehend das Selbstverständnis der Explorandin gru ndlegend in Frage zu stellen und eine erhebliche Kränkung auszulösen, habe sich eine verhängnisvo lle Fehlentwicklung eingestellt in dem Sinne, dass sich die vorhandenen psychischen Abwehrmecha nismen über Jahre hinweg zusehends erschöpft und zu einer sichtbaren Veränderung des Erlebens und Verhaltens geführt hätten, bis schliesslich ein erneuter Schicksalsschlag und ei ne abermalige Kränkung, nämlich der überraschende Verlust der Arbeitsstelle als verbleibende Identifikationsmöglichkeit, zu einer klinisch manifesten Beschwerdeformation im Sinne einer d epressiven Störung geführt habe. Das sich anschliessende Krankheitsgeschehen scheine von ein em sekundären Krankheitsge- winn, nämlich der Zuwendung des Familiensystems, mitbeeinflusst; wesentlicher geprägt sei es aber von einem erheblichen primären Krankheitsgewinn im Sinne einer dysfunktionalen, also an sich missglückten, psychisch jedoch entlastenden Konfliktbewält igung. In deren Kontext sei auch die unbewusste Identifikation mit einer Krankenrolle einzuordnen, die insgesamt eine aus- gesprochen stabile Abwehrformation darstelle. Als deren Abkömmling sei auch die teilweise feststellbare Tendenz zur nicht-authentischen Beschwerdeschilderung und Symptompräsentati- on als ein primär unbewusstes und bestenfalls zu Teilen be wusstseinsnahes Geschehen im Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Sinne einer Verdeutlichungstendenz zu verstehen. Durch di e vorliegende Konstellation einer affektiven Störung und der für sich genommen mässig ausgep rägten Strukturpathologie, die in Kombination mit der affektiven Störung und im Kontext der beschriebenen Umstände aber klini- sche Relevanz erreiche, sowie in gewissem Grade negativ ver stärkt durch das übermässig ver- sorgende Umfeld bestehe eine insgesamt als schwer anzune hmende Funktionsstörung bei vor- handener, aber nicht allzu ausgeprägter Reservekapazität. 6.4 Zur Frage der Arbeitsfähigkeit der Versicherten fü hrte der Gutachter aus, in der bishe- rigen Tätigkeit bestehe aktuell aus psychiatrischer Sicht keine Arbeitsfähigkeit. Dabei sei zu berücksichtigen, dass zusätzlich zu der festgestellten krankhe itsbedingten, mittelgradigen bis eher schweren Funktionsstörung eine nicht unerhebliche D ekonditionierung eingetreten sei, habe die Explorandin doch seit nunmehr über fünf Jahr en nicht mehr in ihrer angestammten Tätigkeit oder anderswo im ersten Arbeitsmarkt gearbei tet, sondern lediglich noch zeitweise - und nur in einem geringen Pensum - an einer beschützten Arbeitsstelle. Medizinisch-theoretisch lasse sich die krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit auf 70 % bis 80 % beziffern, zusammenge- nommen mit dem Effekt der Dekonditionierung bestehe ke ine Arbeitsfähigkeit im ersten Ar- beitsmarkt. Es spreche jedoch nichts gegen die Wiederaufnahme einer Tätigkeit im beschützten Rahmen im Umfang von zunächst zwei bis höchstens drei Halbtagen die Woche, wobei im Ver- lauf von ca. sechs Monaten und unter enger therapeutisc her Begleitung unbedingt eine Steige- rung auf vier bis fünf Halbtage sowie eine Ausdehnung der Präsenzzeit versucht werden sollte, entsprechend einem Pensum von 40 % bis 50 %. Im Erf olgsfall sollte unbedingt ausreichend Zeit gewährt werden, um das Erreichte zu konsolidieren. Begleitend wäre über den Verlauf von sechs bis zwölf Monaten mit geeigneten therapeutischen Massnahmen die vorhandene Reser- vekapazität zu fördern und im Rahmen der beschützten Tät igkeit im Sinne einer angepassten Belastungssteigerung zu überprüfen. Unter ordentlich günstigen Umständen dürfte so eine Restarbeitsfähigkeit von 30 % bis 40 % zu erzielen sein. Diese Einschätzungen dürften auch für eine angepasste Tätigkeit gelten. In diesem Zusammenh ang sei der Vollständigkeit halber al- lerdings auch zu erwähnen, dass das mittlerweile fortge schrittene Alter der Explorandin von 61 Jahren - obwohl grundsätzlich invaliditätsfremd - selbst bei sehr günstigem Verlauf mit Wieder- erlangen einer Restarbeitsfähigkeit im Verlauf von sec hs bis zwölf Monaten einen erfolgreichen erneuten Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt unwahrschei nlich erscheinen lasse. Dies gelte noch mehr, wenn man weitere - obgleich an sich invalid itätsfremde - Faktoren wie die geringe Schulbildung und die beschränkten Deutschkenntnisse mitberücksichtige. 6.5 Am Schluss seines Gutachtens ging Dr. I.____ auf die Frage ein, ob zur Vervollständi- gung des medizinischen Sachverhalts eine neuropsychologisc he Begutachtung der Versicher- ten notwendig sei. Wie oben ausgeführt (vgl. Abschnitt F . des Sachverhalts), hatte die Be- schwerdegegnerin in ihrer Stellungnahme zum Begutachtu ngsauftrag um eine solche zusätzli- che Expertise ersucht, da sich damit die Themen "Inkonsi stenzen", "Aggravation" und "Simula- tion" mit geeigneten Symptomvalidierungsverfahren objekt iv auf einer verlässlichen Grundlage beurteilen liessen. Dr. I.____ gelangte diesbezüglich aber zur Auffassung, dass die Notwendig- keit (und Eignung) einer neuropsychologischen Begutacht ung im vorliegenden Fall nicht gege- ben sei. Er sei im Rahmen seiner Beurteilung ausführl ich auf die strittige Frage der nicht- authentischen Beschwerdeschilderung und Symptompräsentation eingegangen. Aus einer neu- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht ropsychologischen Beurteilung dürften sich deshalb kaum d ergestalt neue Erkenntnisse gewin- nen lassen, die geeignet wären, den festgestellten Sa chverhalt in Frage zu stellen. Zu berück- sichtigen sei aber auch, dass die geringe Schuldbildung und die geringen Deutschkenntnisse der Explorandin eine neuropsychologische Testung erheblich erschweren würden. Gegebenen- falls müsste auf non-verbale Verfahren abgestellt werden, was voraussichtlich die Aussagekraft deutlich schmälern würde. Schliesslich seien die kognitive Leistungsfähigkeit bzw. die kogniti- ven Leistungseinbussen, die mit neuropsychologischen Verfah ren bevorzugt gemessen wür- den, vorliegend von untergeordneter Bedeutung sowohl für die Diagnosestellung als auch für die Beschreibung der Funktionsfähigkeit und die Frage der Arbeitsfähigkeit. 7. In ihrer Stellungnahme vom 27. Oktober 2020 zum G erichtsgutachten vertrat die Be- schwerdeführerin den Standpunkt, dass dieses äusserst sorgf ältig, detailliert und vollständig erstellt worden sei. Gestützt auf dessen Ergebnisse sei i hr in vollumfänglicher Gutheissung der Beschwerde eine ganze Rente ab Mai 2016 zuzusprechen. D ie Beschwerdegegnerin ihrerseits bezeichnete in der Stellungnahme vom 28. Oktober 2020 das Gutachten zwar ebenfalls als schlüssig, unter Hinweis auf die Beurteilung des RAD-Arztes pract. med. H.____ vom 13. Okto- ber 2020 sah sie einen Mangel der Expertise jedoch da rin, dass die Frage nach einer bewusst- seinsnahen Aggravation ausschliesslich klinisch-psychodynamisch b ewertet und nicht zusätz- lich mit einer differenzierten neuropsychologischen Testung abgeklärt worden sei. 8.1 Nach den oben geschilderten Beweismaximen (vgl. E. 3.3.1 hiervor) weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Experten ab, deren Aufgabe es ist, ihre F achkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise w idersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerun- gen gelangt. Abweichende Beurteilung kann ferner ger echtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht al s triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, s ei es, dass es die Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Er- gebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerung en zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/aa mit Hinweisen). Vorliegend ist keiner dieser G ründe für ein Abweichen vom psychiatri- schen Gerichtsgutachten von Dr. I.____ vom 12. September 2020 ersichtlich. Es ist viel mehr festzuhalten, dass dieses die rechtsprechungsgemässen Vorau ssetzungen an eine medizini- sche Beurteilungsgrundlage in jeder Hinsicht erfüllt: Es weist weder formale noch inhaltliche Mängel auf, es ist - wie dies vom Bundesgericht verlang t wird (vgl. E. 3.2 hiervor) - für die strei- tigen Belange umfassend, es stützt sich auf eine sorgfält ige persönliche Untersuchung der Ex- plorandin und auf verschiedene fremdanamnestische Erheb ungen durch den Gutachter, es be- rücksichtigt die geklagten Beschwerden und es ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden. Inhaltlich ist das Gutachten widerspruchsfrei und es leucht et in der Darlegung der medizini- schen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der medizinischen Situation ein. 8.2 Dr. I.____ befasst sich insbesondere eingehend mit der zwischen den Behandlern und den verschiedenen Gutachtern sowie der IV-Stelle hauptsächlich strittigen und kontrovers beur- Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht teilten Frage, ob die von der Explorandin präsentiert en und vorgebrachten Beschwerden in ers- ter Linie als Ausdruck einer krankheitswertigen psychiatrische n Störung oder aber im Sinne einer Aggravation zu verstehen seien. Dr. I.____ zeigt diesbezüglich überzeugend auf, dass Ersteres der Fall ist und bei der Versicherten zwar Verd eutlichungstendenzen bestehen, dass aber eine (teilweise oder ganz) anspruchsausschliessende A ggravation verneint werden muss. Im Zusammenhang mit dieser Fragestellung setzt sich der G utachter zudem ausgesprochen sorgfältig und ausführlich mit den - vollständig - abwe ichenden ärztlichen Beurteilungen der Gutachter Dres. J.____ und K.____ auseinander und er ze igt schlüssig auf, weshalb auf deren Einschätzung nicht abgestellt werden kann. Überzeugend ist sodann auch, wie Dr. I.____ die von ihm erhobenen Diagnosen begründet und deren Auswir kungen auf die Funktionsfähigkeit beurteilt. In all diesen Punkten kann deshalb an dieser Stelle von weiteren Erörterungen abge- sehen und stattdessen vollumfänglich auf die betreffen den Ausführungen des Gutachters in seiner Expertise vom 12. September 2020 verwiesen werden. 8.3 Nicht gefolgt werden kann der in der Stellungnah me vom 28. Oktober 2020 zum Ge- richtsgutachten geäusserten Kritik der Beschwerdegegneri n, wonach ein Mangel der Expertise darin liege, dass die Frage nach einer bewusstseinsnahen Aggravation ausschliesslich klinisch- psychodynamisch bewertet und nicht zusätzlich mit einer di fferenzierten neuropsychologischen Testung abgeklärt worden sei. Da sich Dr. I.____ einlässli ch und überzeugend mit der Frage nach dem Vorliegen einer Aggravation auseinandergesetzt und diese aus fachärztlicher Sicht schlüssig beantwortet hat, ist diesbezüglich von einer zu sätzlichen neuropsychologischen Ab- klärung kein weiterer Erkenntnisgewinn zu erwarten. S odann kann auch auf die weiteren, von Dr. I.____ angeführten und oben (vgl. E. 6.5 hiervor ) wiedergegeben Gründe verwiesen wer- den, weshalb vorliegend eine neuropsychologische Begut achtung zur Ergänzung des medizini- schen Sachverhalts nicht erforderlich ist - und zudem woh l auch nur beschränkt geeignet wäre. Den betreffenden Argumenten des Experten ist vollumfä nglich zuzustimmen, sodass hier von weiteren Erörterungen zu der von der IV-Stelle geäusse rten Kritik abgesehen und stattdessen auf die entsprechenden Ausführungen des Gutachters verwiesen werden kann. 8.4 Im Gesamtkontext der Expertise etwas kurz ausgefallen i st die gutachterliche Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit der Versicherten. 8.4.1 Dr. I.____ gelangte in seinem Gutachten zum Erge bnis, dass sich medizinisch- theoretisch die krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit a uf 70 % bis 80 % beziffern lasse, zu- sammengenommen mit dem Effekt der Dekonditionierung sei von einer vollständigen Arbeitsun- fähigkeit im ersten Arbeitsmarkt auszugehen. Es spreche je doch nichts gegen die Wiederauf- nahme einer Tätigkeit im beschützten Rahmen im Umfang von zunächst zwei bis höchstens drei Halbtagen die Woche, wobei im Verlauf von ca. sech s Monaten und unter enger therapeu- tischer Begleitung unbedingt eine Steigerung auf vier bis fünf Halbtage sowie eine Ausdehnung der Präsenzzeit versucht werden sollte, entsprechend e inem Pensum von 40 % bis 50 %. Im Erfolgsfall sollte unbedingt ausreichend Zeit gewährt werden, um das Erreichte zu konsolidie- ren. Begleitend wäre über den Verlauf von sechs bis zwölf Monaten mit geeigneten therapeuti- schen Massnahmen die vorhandene Reservekapazität zu fördern und im Rahmen der be- schützten Tätigkeit im Sinne einer angepassten Belastungsst eigerung zu überprüfen. Unter Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht ordentlich günstigen Umständen dürfte so eine Restarbeitsfähigkeit von 30 % bis 40 % zu erzie- len sein. Diese Einschätzungen würden nicht nur für di e bisherige, sondern auch für eine ange- passte Tätigkeit gelten. Gleichzeitig verwies Dr. I.____ aber auch auf das mittlerweile fortge- schrittene Alter der Explorandin von 61 Jahren, was selb st bei sehr günstigem Verlauf einen erfolgreichen erneuten Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt unwahrscheinlich erscheinen lasse. 8.4.2 Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Faktor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, welches zusammen mit weiteren persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die e iner versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt realistischerweise nicht mehr nachgefragt wird, und dass ihr deren Verwertung auch gestützt auf die Selbsteingliederungslast nicht mehr zumutbar ist. Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor, die einen An spruch auf eine ganze Invalidenrente begründet. Der Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leistungsvermö- gen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen, sondern ist durch die Umstände des Einzelfalls bedingt. Massgebend können die Art und Beschaffenheit des Gesundheitsschadens und sei ner Folgen, der absehbare Um- stellungs- und Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch Persönlichkeitsstruk- tur, vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbild ung, beruflicher Werdegang oder An- wendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich sein (Urteil des Bundesge- richts vom 6. Juli 2017, 9C_253/2017, E. 2.2.2; BGE 138 V 457 E. 3.1, je mit Hinweisen). 8.4.3 Gemäss den Ergebnissen des Gutachtens von Dr. I.__ __ war die Versicherte im Zeit- punkt der Exploration medizinisch-theoretisch sowohl in der angestammten als auch in einer angepassten Tätigkeit in hohem Masse, nämlich im Umfang von 70 % bis 80 % arbeitsunfähig. Der Experte wies aber auch darauf hin, dass nichts gegen eine Wiederaufnahme einer Tätigkeit spreche. Allerdings machte er in diesem Zusammenhang klar, dass ein solcher beruflicher Wie- dereinstieg im beschützten Rahmen und mit einem beschei denen zeitlichen Pensum von zu- nächst zwei bis höchstens drei Halbtagen die Woche zu er folgen habe. Im weiteren Verlauf könne dann - nach wie vor in beschütztem Rahmen - eine Steigerung des Pensums auf 40 % bis 50 % angestrebt werden. Gelinge dies, sollte der Versicherten vor weiteren Schritten ausrei- chend Zeit gewährt werden, um das Erreichte zu konsolid ieren. Unter "ordentlich guten Um- ständen" dürfte am Schluss wieder eine Restarbeitsfähi gkeit von 30 % bis 40 % auf dem aus- geglichenen (ersten) Arbeitsmarkt zu erzielen sein. 8.4.4 Aus diesen gutachterlichen Ausführungen ergibt si ch, dass ein beruflicher Wiederein- stieg der Versicherten mit dem Ziel einer entsprechenden Steigerung der verbliebenen geringen Restarbeitsfähigkeit die Durchführung verschiedener befä higender beruflicher Massnahmen von jeweils mehrmonatiger Dauer voraussetzt. In diesem Zusammenhang ist nun aber der Hin- weis des Gutachters auf das fortgeschrittene Alter der Ver sicherten von Bedeutung. Dieses belief sich im Zeitpunkt der Exploration auf 61 Jahre und viereinhalb Monate. Hält man sich dies und die als erforderlich erachteten beruflichen Massnah men vor Augen, so muss die Wiederer- langung der letztlich angestrebten Restarbeitsfähigkei t von 30 % bis 40 % auf dem ausgegli- chenen (ersten) Arbeitsmarkt in Anbetracht des relativ kurz en verbleibenden Zeitraums bis zur Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Erreichung des AHV-Rentenalters - mit dem Gutachter - a ls ausgesprochen schwierig, wenn nicht gar illusorisch bezeichnet werden. 8.4.5 Stellt man auf die der Versicherten aktuell verb liebene, ausgesprochen geringe Rest- arbeitsfähigkeit ab und berücksichtigt man den Umstand, dass sich diese wegen des fortge- schrittenen Alters mit den erforderlichen befähigenden beruflichen Massnahmen bis zur Errei- chung des AHV-Rentenalters nicht mehr in rentenrelevantem Ausmass steigern lässt, muss bei der Versicherten im Ergebnis von einer wirtschaftlichen U nverwertbarkeit ihrer (Rest-) Arbeits- fähigkeit ausgegangen werden. Ist eine Restarbeitsfähig keit aber wirtschaftlich nicht mehr ver- wertbar, liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor und die Versicherte hat Anspruch auf eine ganze Rente. 9.1 Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG setzt der Rentenanspruch un ter anderem voraus, dass die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min- destens 40 % arbeitsunfähig gewesen ist (lit. b). Zudem bestimmt Art. 29 Abs. 1 IVG, dass der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leis- tungsanspruchs entsteht. Vorliegend führte der behande lnde Psychiater Dr. E.____ in seinem Bericht vom 28. Oktober 2015 aus, bei seiner Patientin sei es am 17. Juni 2015 zu einer Ver- schlechterung des psychischen Zustands gekommen. Er habe sie deswegen zur stationären Behandlung in die Klinik G.____ eingewiesen. In Anb etracht dieser Ausführungen des behan- delnden Facharztes ist eine psychisch bedingte vollständige Arbeitsunfähigkeit der Versicherten aktenmässig ab 17. Juni 2015 ausgewiesen. Das Wartejahr von Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG begann somit am genannten Tag zu laufen und endete am 16. Ju ni 2016. Die IV-Anmeldung erfolgte am 11. September 2015, d.h. mehr als sechs Monate vor Ablauf des Wartejahres. Somit hat die Beschwerdeführerin ab 1. Juni 2016 Anspruch auf eine ganze Rente. 9.2 Zusammenfassend ist als Ergebnis festzuhalten, dass die Beschwerde der Versicher- ten gutzuheissen ist. Die angefochtene Verfügung vom 17. April 2019 ist aufzuheben und es ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Juni 2016 Anspruch auf eine gan- ze Rente hat. 10. Abschliessend bleibt über die Kosten des Beschwerdeve rfahrens zu befinden. 10.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens - und der Parteikosten ist grund- sätzlich auf den Prozessausgang abzustellen. Vorliegend ist d ie Beschwerdeführerin obsiegen- de und die IV-Stelle unterliegende Partei. 10.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um d ie Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1000.-- festgel egt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstan den ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, wes- halb die Verfahrenskosten ihr zu auferlegen sind. 10.3 Nach Art. 45 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträ ger die Kosten der Abklärung zu übernehmen, soweit er die Massnahmen angeordnet hat. Hat er keine Massnahmen angeord- net, so übernimmt er deren Kosten dennoch, wenn die M assnahmen für die Beurteilung des Anspruchs unerlässlich waren oder Bestandteil nachträglich zugesprochener Leistungen bilden. Wie das Bundesgericht in BGE 137 V 210 ff. entschieden h at, sind in den Fällen, in denen zur Durchführung der vom Gericht als notwendig erachteten Beweismassnahme an sich eine Rückweisung in Frage käme, eine solche indessen mit Blick au f die Wahrung der Verfahrens- fairness entfällt, die Kosten der durch das Gericht in Auftrag gegebenen Begutachtung dem Versicherer aufzuerlegen. Dies sei, so das Bundesgericht weiter, mit der zitierten Bestimmung von Art. 45 Abs. 1 ATSG durchaus vereinbar (BGE 137 V 2 65 f. E. 4.4.2). Vorliegend war das Gericht anlässlich seiner ersten Urteilsberatung vom 31. Oktober 2019 zum Ergebnis gelangt, dass ein Entscheid in der Angelegenheit gestützt auf di e damals vorhandene Aktenlage nicht möglich war. Es beschloss deshalb, den Fall auszustellen u nd zur weiteren Klärung des medi- zinischen Sachverhalts ein psychiatrisches Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben, Wie sich anlässlich der heutigen Urteilsberatung gezeigt hat, wa r das in der Folge eingeholte Gerichts- gutachten von Dr. I.____ vom 12. September 2020 für e ine abschliessende Beurteilung des medizinischen Sachverhalts unerlässlich. Im Lichte der ge schilderten bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind demnach die Kosten der Begutachtun g der IV-Stelle aufzuerlegen. Diese Kosten belaufen sich insgesamt auf Fr. 6'297.--; sie se tzen sich zusammen aus der Honorar- rechnung von Dr. I.____ vom 7. Oktober 2020 im Betrag von Fr. 6'000.-- für die Erstellung des Gutachtens sowie aus Dolmetscherkosten in der Höhe von Fr. 297.--. 10.4 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da die Beschwerdeführerin obsieg ende Partei ist, ist ihr eine Partei- entschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. De r Rechtsvertreter der Beschwerdefüh- rerin hat in seinen beiden Honorarnoten vom 20. September 2019 und 27. Oktober 2020 für das vorliegende Verfahren einen Zeitaufwand von insgesamt 19 Stunden und 20 Minuten geltend gemacht, was sich in Anbetracht der sich stellenden Sachverh alts- und Rechtsfragen und in Berücksichtigung, dass im Laufe des Prozesses mehrere Eingaben und Stellungnahmen an das Gericht zu verfassen waren, als angemessen erweist. Die Bemühungen sind zu dem in Sozial- versicherungsprozessen praxisgemäss zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Nicht zu beanstanden sind die in den beiden Rechnungen geltend gemachten Auslagen von insgesamt Fr. 248.60. Der Besch werdeführerin ist deshalb eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. Fr. 5'473.25 (19 Stunden und 20 Minuten à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 248.60 zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der IV-Stelle zuzuspre- chen. Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 17. April 2019 aufgehoben und es wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin ab 1. Juni 2016 Anspruch auf eine ganze Rente hat. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung in de r Höhe von Fr. 6'297.-- werden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerde führerin eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 5'473.25 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht