<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">392</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>83</b></span> <span class="ft3"><b>Bauen im Waldabstand; Ausnahmebewilligung bei temporären Bauten</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Café-Container und WC-Anlagen sind keine Kleinbauten</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Massstab für die Bejahung einer Ausnahmesituation bei temporären</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Bauten</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Regierungsrats i.S. H.M. und Z. AG gegen den Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (Abteilung für Baube-</span><br/> <span class="ft5">willigungen)/Stadtrats B. vom 4. April 2017.</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">4.2</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 48 Abs. 1 lit. b BauG beträgt der Waldabstand min-</span><br/> <span class="ft1">destens 8 m für Klein- und Anbauten, unterirdische und Unterniveau-</span><br/> <span class="ft1">bauten, Schwimmbäder und Materialabbaustellen (Ziff. 1), Terrain-</span><br/> <span class="ft1">veränderungen und Stützmauern über 80 cm bis 1.80 m Höhe</span><br/> <span class="ft1">(Ziff. 2). Der Waldabstand von 18 m gilt schliesslich für alle grössere</span><br/> <span class="ft1">Bauten und Anlagen (§ 48 Abs. 1 lit. c BauG).</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Ziff. 2.2 IVHB (zur Anwendbarkeit der IVHB: § 16</span><br/> <span class="ft1">BauV; ...) gelten als Kleinbauten freistehende Gebäude, die in ihren</span><br/> <span class="ft1">Dimensionen die zulässigen Masse nicht überschreiten und die nur</span><br/> <span class="ft1">Nebennutzflächen enthalten. Zu den Nebennutzflächen gehören alle</span><br/> <span class="ft1">nicht dem Wohnen und dem Gewerbe dienenden oder hierfür nicht</span><br/> <span class="ft1">verwendbaren Flächen (§ 32 Abs. 2 lit. a BauV; vgl. dazu auch:</span><br/> <span class="ft1">Erläuterungen IVHB, S. 24).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">393</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.3</span><br/> <span class="ft1">Der Café-Container und die WC-Anlagen stellen unabhängig</span><br/> <span class="ft1">der Dimensionierung keine Kleinbauten dar, da sie integrierter Teil</span><br/> <span class="ft1">der gewerblichen Hauptnutzung sind. Der guten Ordnung halber ist</span><br/> <span class="ft1">noch darauf hinzuweisen, dass gewerblich genutzte Räume auch un-</span><br/> <span class="ft1">ter Geltung der ABauV, das heisst vor Umsetzung der IVHB durch</span><br/> <span class="ft1">die Stadt B., nicht als Klein- oder Anbauten i.S.v. § 18 ABauV hätten</span><br/> <span class="ft1">qualifiziert werden können. Für die vorliegend umstrittenen Bauten</span><br/> <span class="ft1">gilt daher ein Waldabstand von 18 m (§ 48 Abs. 1 lit. c BauG), wel-</span><br/> <span class="ft1">cher nicht eingehalten ist. Eine in § 48 Abs. 2 und Abs. 4 BauG gere-</span><br/> <span class="ft1">gelte Ausnahmesituation liegt ebenfalls nicht vor. Der Gastro-</span><br/> <span class="ft1">nomiebetrieb und die WC-Anlagen sind daher auf eine Ausnahmebe-</span><br/> <span class="ft1">willigung i.S.v. § 67 BauG angewiesen. Die AfB anerkennt, dass sie</span><br/> <span class="ft1">den Gastronomiebetrieb nicht als Kleinbaute hätte bewilligen dürfen</span><br/> <span class="ft1">(Duplik der AfB, S. 1 f.).</span><br/> <span class="ft1">4.4</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 67 Abs. 1 i.V.m. Abs. 2 BauG kann der Gemeinderat</span><br/> <span class="ft1">mit Zustimmung des zuständigen Departements bei der Bewilligung</span><br/> <span class="ft1">von Bauten und Anlagen, unter billiger Abwägung der beteiligten</span><br/> <span class="ft1">privaten Interessen, Ausnahmen von kantonalen Nutzungsplänen ge-</span><br/> <span class="ft1">statten, wenn (a) es mit dem öffentlichen Wohl sowie mit Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck der Rechtssätze vereinbar ist und (b) ausserordentliche Ver-</span><br/> <span class="ft1">hältnisse vorliegen oder die Anwendung der Pläne zu hart wäre. Eine</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmebewilligung erfordert somit ein Doppeltes: Zum einen be-</span><br/> <span class="ft1">darf es ausserordentlicher Verhältnisse oder eines Härtefalls. Zum</span><br/> <span class="ft1">anderen kommt eine Ausnahmebewilligung nur dann in Betracht,</span><br/> <span class="ft1">wenn sie gleichzeitig mit dem öffentlichen Wohl und dem Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck der Rechtssätze zu vereinbaren ist. Diese Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft1">müssen kumulativ erfüllt sein (AGVE 2006, S. 167). Allein aus dem</span><br/> <span class="ft1">Umstand, dass eine Ausnahme mit dem Sinn und Zweck der Rechts-</span><br/> <span class="ft1">sätze vereinbar wäre, darf nicht auf ausserordentliche Verhältnisse</span><br/> <span class="ft1">oder auf einen Härtefall geschlossen werden. Schliesslich muss die</span><br/> <span class="ft1">Abwägung der beteiligten Interessen für die Bewilligung einer Aus-</span><br/> <span class="ft1">nahme sprechen (RRB 2016-000963 vom 31. August 2016,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 6.3.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">394</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Frage, ob ausserordentliche Verhältnisse vorliegen, beurteilt</span><br/> <span class="ft1">sich nach der Interessenlage. Die Umschreibung der Normtatbestän-</span><br/> <span class="ft1">de richtet sich an durchschnittlichen Lebenssituationen aus. Dem Ge-</span><br/> <span class="ft1">setz liegt eine Interessenbeurteilung zugrunde, die der Gesetzgeber</span><br/> <span class="ft1">für diese typische Lebenssituation durchgeführt hat. Einschränkun-</span><br/> <span class="ft1">gen, die sich aus dieser Beurteilung ergeben, muss der Betroffene</span><br/> <span class="ft1">hinnehmen. Der zu entscheidende Sachverhalt kann indessen von der</span><br/> <span class="ft1">Interessenlage her so ausserordentlich sein, dass angenommen wer-</span><br/> <span class="ft1">den muss, der Gesetzgeber habe diesen Einzelfall stillschweigend</span><br/> <span class="ft1">ausgeschlossen. Das gilt namentlich dann, wenn der Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft1">durch die Einhaltung der Norm wesentlich schwerer getroffen wird,</span><br/> <span class="ft1">als dies dem Gesetzgeber bei der Normierung des Regelfalls vor-</span><br/> <span class="ft1">schwebte (vgl. zum Ganzen: AGVE 1992, S. 348 und 355, je mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen; AGVE 1997, S. 314 f., S. 332, VGE III/27 vom 19. Juni</span><br/> <span class="ft1">2008, Erw. 8.4). Gemäss der verwaltungsgerichtlichen Praxis schei-</span><br/> <span class="ft1">det ein Härtefall i.S.v. § 67 Abs. 1 lit. b 2. Satzteil BauG aus, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Baugrund überbaubar bleibt. Ebenso vermag der Wunsch nach</span><br/> <span class="ft1">einer optimalen Überbaubarkeit des Grundstücks für sich allein keine</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmesituation i.S.v. § 67 Abs. 1 lit. b 1. Satzteil BauG zu be-</span><br/> <span class="ft1">gründen (RRB 2014-001054 vom 24. September 2014, Erw. 4.4;</span><br/> <span class="ft1">VGE III/32 vom 22. August 2008, Erw. 2.6 und 2.7.2; AGVE 2001,</span><br/> <span class="ft1">S. 296, 298).</span><br/> <span class="ft1">Der Massstab für die Bejahung von ausserordentlichen Verhält-</span><br/> <span class="ft1">nissen oder eines Härtefalls darf bei der Errichtung von temporären</span><br/> <span class="ft1">Bauten und Anlagen jedoch nicht gleich streng angelegt werden als</span><br/> <span class="ft1">bei dauerhaft konzipierten Projekten. Die Baubewilligungsbehörden</span><br/> <span class="ft1">müssen die beschränkte Bestandesdauer der Vorrichtungen im Sinne</span><br/> <span class="ft1">des verfassungsrechtlichen Grundsatzes der Verhältnismässigkeit</span><br/> <span class="ft1">(Art. 5 BV; § 2 Satz 2 KV) miteinbeziehen und würdigen. Mit ande-</span><br/> <span class="ft1">ren Worten ausgedrückt können die Baubewilligungsbehörden Aus-</span><br/> <span class="ft1">nahmebewilligungen für temporäre Bauten unter wesentlich leichte-</span><br/> <span class="ft1">ren Voraussetzungen erteilen (A</span><span class="ft5">NDREAS</span> <span class="ft1">B</span><span class="ft5">AUMANN</span><span class="ft1">, Das Baubewilli-</span><br/> <span class="ft1">gungsverfahren nach aargauischem Recht, Zürich/Basel/Genf 2007,</span><br/> <span class="ft1">S. 172 f.; E</span><span class="ft5">RICH</span> <span class="ft1">Z</span><span class="ft5">IMMERLIN</span><span class="ft1">, Baugesetz des Kantons Aargau vom</span><br/> <span class="ft1">2. Februar 1971, 2. Aufl., Aarau 1985, § 155 N 8; VGE III/31 vom</span><br/> <span class="ft1">12. Mai 2009, Erw. II. 5.2 und 6).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">395</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.5</span><br/> <span class="ft1">Der Stadtrat B. befristete das Bauprojekt auf zwei Sommer-</span><br/> <span class="ft1">saisons und verfügte, dass die zum vorliegenden Bauprojekt gehö-</span><br/> <span class="ft1">renden Installationen vollständig und ohne Aufforderung der Be-</span><br/> <span class="ft1">hörde zu entfernen seien (Entscheid des Stadtrats B., fortan: ange-</span><br/> <span class="ft1">fochtener Entscheid, S. 14). Er hielt in den Erwägungen seines Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheids weiter fest, dass es für den dauerhaften Betrieb eines Cafés</span><br/> <span class="ft1">auf der Bauparzelle eines neuen Baugesuchs bedarf, wobei ein quali-</span><br/> <span class="ft1">tativ hochstehendes Bauvorhaben zu planen und umzusetzen sei (an-</span><br/> <span class="ft1">gefochtener Entscheid, S. 10). Der Stadtrat schliesst damit auch eine</span><br/> <span class="ft1">unbefristete Verlängerung der Baubewilligung für die vorliegend um-</span><br/> <span class="ft1">strittenen Bauten und Anlagen aus. Aufgrund dessen ist vorliegend</span><br/> <span class="ft1">nur zu beurteilen, ob für eine zeitlich begrenzte Dauer eine</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmebewilligung erteilt werden kann.</span><br/> <span class="ft1">Für die temporäre Installation eines Café-Containers auf der</span><br/> <span class="ft1">Bauparzelle kann der Regierungsrat ausserordentliche Verhältnisse</span><br/> <span class="ft1">bejahen. Der Stadtrat B. will nämlich mit der temporären Baubewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung Erfahrungen mit einem Gastronomiebetrieb beim T. sammeln.</span><br/> <span class="ft1">Es wäre nicht verhältnismässig, die Baubewilligung für eine solch</span><br/> <span class="ft1">klar begrenzte Zeitdauer zu verweigern. Anders wäre aufgrund der</span><br/> <span class="ft1">geltenden Waldabstandsvorschriften der BNO wohl der Fall zu</span><br/> <span class="ft1">beurteilen, wenn es um eine Dauerbaute auf der Bauparzelle ginge</span><br/> <span class="ft1">(vgl. dazu auch: RRB Nr. 2009-000109 vom 28. Januar 2009, Erw. 4</span><br/> <span class="ft1">i.V.m. 3.2). Immerhin ist auch noch darauf hinzuweisen, dass es § 48</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 BauG ermöglicht, in den Nutzungsplänen gegenüber</span><br/> <span class="ft1">einzelnen Waldparzellen innerhalb der Bauzone auch geringere</span><br/> <span class="ft1">Waldabstände vorzuschreiben.</span><br/> <span class="ft1">Im Übrigen sprechen - wie die Abteilung Wald BVU zu Recht</span><br/> <span class="ft1">geltend macht - auch keine öffentlichen Interessen gegen die Ertei-</span><br/> <span class="ft1">lung der Ausnahmebewilligung. Die dagegen sprechenden privaten</span><br/> <span class="ft1">Interessen der Beschwerdeführenden, das heisst ihr Ruhebedürfnis,</span><br/> <span class="ft1">überwiegen die öffentlichen Interessen an der Errichtung eines</span><br/> <span class="ft1">Gastronomiebetriebs für zwei Sommersaisons nicht.</span><br/> <span class="ft1">Die von der AfB erteilte Zustimmung zum Bauvorhaben ist da-</span><br/> <span class="ft1">her - nachdem der Stadtrat die Baubewilligung nur für zwei Som-</span><br/> <span class="ft1">mersaisons erteilte - im Ergebnis rechtlich nicht zu beanstanden. Die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">396</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Rüge des Beschwerdeführers 1 erweist sich damit als unbegründet,</span><br/> <span class="ft1">da der Waldabstand dem bewilligten temporären Projekt nicht entge-</span><br/> <span class="ft1">gensteht.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>