<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 53 S.217</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">217</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>53 Im Bereich der Zwangsmassnahmen steht dem Verwaltungsgericht die</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Überprüfung der Ermessenshandhabung nicht zu.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Verweigert der Betroffene die medizinisch indizierte, medikamentöse Be-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>handlung und erweist sich eine Zwangsbehandlung als unverhältnismäs-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>sig, so ist er in der Regel aus der Klinik zu entlassen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 3. April 2001 in</span><br/> <span class="ft2">Sachen T.S. gegen Verfügung des Bezirksarzts Z. und Entscheid der Klinik</span><br/> <span class="ft2">Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">I. 2. Gemäss § 67e</span><span class="ft2">bis</span> <span class="ft4">Abs. 4 EG ZGB kann ein Entscheid der</span><br/> <span class="ft4">Psychiatrischen Klinik Königsfelden betreffend Zwangsmassnahmen</span><br/> <span class="ft4">im Rahmen einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung innert</span><br/> <span class="ft4">10 Tagen mit Beschwerde beim Verwaltungsgericht angefochten</span><br/> <span class="ft4">werden. Das Verwaltungsgericht ist demgemäss zur Beurteilung der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerde gegen den Entscheid der Ärztlichen Leitung der Klinik</span><br/> <span class="ft4">Königsfelden vom 29. März 2001 zuständig. Die Überprüfung der</span><br/> <span class="ft4">Ermessenshandhabung steht dem Verwaltungsgericht in diesem Be-</span><br/> <span class="ft4">reich nicht zu. § 67p EG ZGB, auf den in § 67e</span><span class="ft2">bis</span> <span class="ft4">Abs. 4 EG ZGB</span><br/> <span class="ft4">ausdrücklich verwiesen wird, regelt diese Frage nicht. Dagegen ver-</span><br/> <span class="ft4">weist § 67q EG ZGB "im Übrigen" auf die Vorschriften des VRPG.</span><br/> <span class="ft4">Danach ist die Ermessensüberprüfung in der Regel ausgeschlossen</span><br/> <span class="ft4">(§ 56 Abs. 1 VRPG), und in der abschliessenden Aufzählung der</span><br/> <span class="ft4">Ausnahmen in Abs. 2 und 3 des § 56 VRPG (vgl. AGVE 1983,</span><br/> <span class="ft4">S. 240; Michael Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontroll-</span><br/> <span class="ft4">verfahren nach dem aargauischen Gesetz über die Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft4">rechtspflege [Kommentar zu den §§ 38-72 VRPG], Diss. Zürich</span><br/> <span class="ft4">1998, § 56 VRPG N 36) sind die Entscheide über Zwangsmassnah-</span><br/> <span class="ft4">men nach § 67e</span><span class="ft2">bis</span> <span class="ft4">EG ZGB nicht aufgeführt. Dies erscheint denn</span><br/> <span class="ft4">auch sachlich vertretbar; die Prüfung der Verhältnismässigkeit als</span><br/> <span class="ft4">Rechtskontrolle bietet den Betroffenen ausreichenden Rechtsschutz.</span><br/> <span class="ft4">II. 4. b) Das Verwaltungsgericht hat in seiner bisherigen Recht-</span><br/> <span class="ft4">sprechung festgehalten, die fürsorgerische Freiheitsentziehung sei</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">218</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">unverhältnismässig, wenn nur vage Aussichten auf einen Behand-</span><br/> <span class="ft4">lungserfolg bestünden und der Betroffene nicht in hohem Masse</span><br/> <span class="ft4">selbst- oder fremdgefährlich sei (AGVE 1993, S. 310 [Regeste]).</span><br/> <span class="ft4">Der zuständige Oberarzt erklärte an der Verhandlung, dass beim</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer keine akute Selbstgefährdung vorliege. Auch der</span><br/> <span class="ft4">Sachverständige erachtete die Suizidgefahr als klein. Anhaltspunkte</span><br/> <span class="ft4">für eine Fremdgefährdung sind keine ersichtlich. Die von der Klinik</span><br/> <span class="ft4">als notwendig angesehene medikamentöse Behandlung wurde noch</span><br/> <span class="ft4">nicht begonnen, weil der Beschwerdeführer bisher jegliche Ein-</span><br/> <span class="ft4">nahme von Medikamenten verweigerte. Die Klinik hat zwar diesbe-</span><br/> <span class="ft4">züglich einen Zwangsmassnahmen-Entscheid getroffen, diesen aber</span><br/> <span class="ft4">mit aufschiebender Wirkung versehen. Eine weitere Zurückbehaltung</span><br/> <span class="ft4">in der Klinik kann somit nur dann verhältnismässig sein, wenn der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer - auch gegen seinen Willen - adäquat medika-</span><br/> <span class="ft4">mentös behandelt werden kann. Es ist daher vorweg zu prüfen, ob</span><br/> <span class="ft4">eine Zwangsmedikation verhältnismässig ist.</span><br/> <span class="ft4">2. a) Die Klinik begründete ihren Zwangsmassnahmen- Ent-</span><br/> <span class="ft4">scheid vom 29. März 2001 damit, dass beim Beschwerdeführer eine</span><br/> <span class="ft4">Psychose vorliege. An der Verhandlung führte der behandelnde</span><br/> <span class="ft4">Oberarzt aus, dass mit einer neuroleptischen Medikation das Zu-</span><br/> <span class="ft4">standsbild des Beschwerdeführers verbessert werden könne. Die</span><br/> <span class="ft4">aufschiebende Wirkung sei deshalb angeordnet worden, weil man</span><br/> <span class="ft4">vor dem Beginn der Behandlung den Beschwerdeentscheid des Ver-</span><br/> <span class="ft4">waltungsgerichts abwarten wollte.</span><br/> <span class="ft4">b) Der Beschwerdeführer lehnt eine Behandlung mit neurolepti-</span><br/> <span class="ft4">schen Medikamenten ab. Er ist lediglich zur Einnahme von homöo-</span><br/> <span class="ft4">pathischen Mitteln bereit.</span><br/> <span class="ft4">c) Eine neuroleptische Zwangsmedikation stellt zweifellos</span><br/> <span class="ft4">einen schweren Eingriff in die persönliche Freiheit dar und darf da-</span><br/> <span class="ft4">her nur erfolgen, wenn der betroffenen Person die notwendige Für-</span><br/> <span class="ft4">sorge auf andere Weise nicht gewährleistet werden kann. Die</span><br/> <span class="ft4">Zwangsbehandlung kann nur verhältnismässig sein, wenn die per-</span><br/> <span class="ft4">sönliche Freiheit des Beschwerdeführers auf längere Sicht durch die</span><br/> <span class="ft4">Verabreichung dieser Medikamente eindeutig weniger eingeschränkt</span><br/> <span class="ft4">wird als durch andere erforderliche Ersatzmassnahmen. So hat auch</span><br/> <span class="ft4">das Bundesgericht ausgeführt, eine Zwangsmedikation berühre den</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">219</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Kerngehalt des Grundrechtes der persönlichen Freiheit, weshalb von</span><br/> <span class="ft4">einer derart weitgehenden Massnahme nur mit der gebotenen Zu-</span><br/> <span class="ft4">rückhaltung Gebrauch gemacht werden dürfe. Damit der Richter in</span><br/> <span class="ft4">der Lage sei, die Verhältnismässigkeit solcher Eingriffe zu beurtei-</span><br/> <span class="ft4">len, seien an die Aussagekraft einer Krankengeschichte hohe Anfor-</span><br/> <span class="ft4">derungen zu stellen. Je schwerer ein Eingriff wiege, desto sorgfälti-</span><br/> <span class="ft4">ger sei er folglich zu begründen (BGE 124 I 304). In der Lehre wird</span><br/> <span class="ft4">überdies die Meinung vertreten, dass das Verhältnismässigkeitsprin-</span><br/> <span class="ft4">zip für eine Zwangsbehandlung voraussetzt, dass die Vorteile der</span><br/> <span class="ft4">Massnahme die Nachteile <i>eindeutig</i> überwiegen (Thomas Geiser, Die</span><br/> <span class="ft4">fürsorgerische Freiheitsentziehung als Rechtsgrundlage für eine</span><br/> <span class="ft4">Zwangsbehandlung?, in: Familie und Recht, Festgabe der Rechtswis-</span><br/> <span class="ft4">senschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg für Bernhard</span><br/> <span class="ft4">Schnyder, Freiburg 1995, S. 311).</span><br/> <span class="ft4">d) aa) Es steht fest, dass der Beschwerdeführer an einer para-</span><br/> <span class="ft4">noiden Psychose leidet und dass bei ihm das Vorliegen zumindest</span><br/> <span class="ft4">einer Geistesschwäche im juristischen Sinn zu bejahen ist. Die Er-</span><br/> <span class="ft4">krankung brach vor ungefähr einem Jahr aus und befand sich im</span><br/> <span class="ft4">Zeitpunkt der Einweisung in einem akuten Stadium. Der Beschwer-</span><br/> <span class="ft4">deführer ist deshalb als dringend behandlungsbedürftig anzusehen.</span><br/> <span class="ft4">Da bei Psychosen relativ gute Heilungs- oder zumindest Besse-</span><br/> <span class="ft4">rungschancen bestehen, wenn möglichst schnell eine adäquate neu-</span><br/> <span class="ft4">roleptische Behandlung stattfindet, ist auch die Behandlungsfähigkeit</span><br/> <span class="ft4">des Beschwerdeführers zu bejahen.</span><br/> <span class="ft4">bb) Weil eine Zwangsmedikation einen sehr schweren Eingriff</span><br/> <span class="ft4">in die persönliche Freiheit darstellt, sind jedoch hohe Anforderungen</span><br/> <span class="ft4">an die Verhältnismässigkeit zu stellen. Der Beschwerdeführer hat</span><br/> <span class="ft4">sich in der Klinik ruhig, freundlich und im Umgang korrekt verhal-</span><br/> <span class="ft4">ten. Er erklärte, er habe Zeit, um den Entscheid des Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft4">richts über seine Beschwerden abzuwarten. Den Klinikaufenthalt</span><br/> <span class="ft4">erlebte er offenbar als nicht allzu schweren Eingriff in seine Frei-</span><br/> <span class="ft4">heitsrechte. Der Beschwerdeführer wehrt sich dagegen vehement</span><br/> <span class="ft4">gegen eine medikamentöse Behandlung. Diese nun gegen seinen</span><br/> <span class="ft4">Willen mit Zwang durchzuführen, wäre nur verhältnismässig, wenn</span><br/> <span class="ft4">ohne Behandlung eine akute Fremd- oder Selbstgefährdung vorlie-</span><br/> <span class="ft4">gen würde. Dies ist jedoch nach Aussagen des Klinikarztes und des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">220</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Sachverständigen nicht der Fall. Auch eine schwere Verwahrlosung</span><br/> <span class="ft4">liegt nicht vor; der Beschwerdeführer lebte bis zum Klinikeintritt in</span><br/> <span class="ft4">geregelten Verhältnissen. Es muss zudem in Betracht gezogen wer-</span><br/> <span class="ft4">den, dass eine Zwangsmedikation mit Gewalt und gegen den aus-</span><br/> <span class="ft4">drücklichen Willen des Beschwerdeführers eine Verstärkung von</span><br/> <span class="ft4">dessen Gefühl, einer bösen Macht ausgeliefert zu sein, zur Folge</span><br/> <span class="ft4">haben und sich so kontraproduktiv auswirken könnte.</span><br/> <span class="ft4">Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass zur Zeit die</span><br/> <span class="ft4">Schwelle für eine Zwangsbehandlung nicht erreicht ist, denn auch im</span><br/> <span class="ft4">Falle einer Entlassung des Beschwerdeführers ohne medikamentöse</span><br/> <span class="ft4">Behandlung ist nicht mit einem sofortigen Unglück zu rechnen. Der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer hat denn auch nachgewiesen, dass er nach dem</span><br/> <span class="ft4">Klinikaustritt bei Kollegen wohnen kann. Mittelfristig sind allerdings</span><br/> <span class="ft4">Selbstgefährdung und Verwahrlosung nicht auszuschliessen, weil der</span><br/> <span class="ft4">Verlauf der paranoiden Psychose ohne medikamentöse Behandlung</span><br/> <span class="ft4">eine schlechte Prognose hat. Aufgrund seiner Selbstbestimmungs-</span><br/> <span class="ft4">rechte kann dem Beschwerdeführer die notwendige medizinische</span><br/> <span class="ft4">Hilfe zur Zeit nicht erwiesen werden. Trotz dieser rechtlichen Situa-</span><br/> <span class="ft4">tion wird ihm dringend empfohlen, sich in ambulante psychiatrische</span><br/> <span class="ft4">Behandlung zu begeben, insbesondere wenn er weiterhin selbstschä-</span><br/> <span class="ft4">digende Anweisungen durch Stimmen einer fremden Macht be-</span><br/> <span class="ft4">kommt.</span><br/> <span class="ft4">cc) Eine zwangsmässige medikamentöse Behandlung ist somit</span><br/> <span class="ft4">nicht verhältnismässig; eine medizinische Indikation für eine andere</span><br/> <span class="ft4">Behandlung besteht nicht. Deshalb hat ein weiterer Klinikaufenthalt</span><br/> <span class="ft4">keinen Sinn und der Beschwerdeführer ist antragsgemäss aus der</span><br/> <span class="ft4">fürsorgerischen Freiheitsentziehung zu entlassen.</span><br/></div> </div> </body> </html>