<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">29</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Strafrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>1</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 66a StGB</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Aus dem Wortlaut und aus der Entstehungsgeschichte der Bestimmungen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zur Landesverweisung ergibt sich, dass die Landesverweisung auch bei</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einer im Versuchsstadium gebliebenen Anlasstatat obligatorisch anzu-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ordnen ist. Dass es beim Versuch blieb, kann allenfalls im Rahmen der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Härtefallprüfung nach Art. 66a Abs. 2 StGB berücksichtigt werden.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Urteil der 1. Strafkammer des Obergerichts vom 17. Oktober 2017</span><br/> <span class="ft4">i.S. Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg gegen T.L. (SST.2017.92).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">3.1.</span><br/> <span class="ft6">Die Vorinstanz hat den Beschuldigten für fünf Jahre des Landes</span><br/> <span class="ft6">verwiesen.</span><br/> <span class="ft6">Bei den durch den Beschuldigten begangenen Delikten handelt</span><br/> <span class="ft6">es sich grundsätzlich um Anlasstaten für eine obligatorische Landes-</span><br/> <span class="ft6">verweisung (vgl. Art. 66a Abs. 1 lit. d StGB). Dies bestreitet auch der</span><br/> <span class="ft6">Beschuldigte nicht. Er macht jedoch geltend, es sei von einer</span><br/> <span class="ft6">Landesverweisung abzusehen, weil es beim Versuch des Diebstahls</span><br/> <span class="ft6">und des Hausfriedensbruchs geblieben sei.</span><br/> <span class="ft6">3.2.</span><br/> <span class="ft6">Das Gesetz äussert sich nicht ausdrücklich dazu, ob eine</span><br/> <span class="ft6">obligatorische Landesverweisung i.S.v. Art. 66a Abs. 1 StGB auch</span><br/> <span class="ft6">angeordnet werden muss, wenn die Anlasstaten im Versuchsstadium</span><br/> <span class="ft6">bleiben. Es sieht die Möglichkeit, ausnahmsweise von einer Landes-</span><br/> <span class="ft6">verweisung abzusehen, einzig bei Härtefällen sowie bei Delikten vor,</span><br/> <span class="ft6">die in entschuldbarer Notwehr oder entschuldbarem Notstand</span><br/> <span class="ft6">begangen wurden (vgl. Art. 66a Abs. 2 und 3 StGB). Andere Gründe</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">30</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">für ein Absehen von einer Landesverweisung sind im Gesetzestext</span><br/> <span class="ft6">hingegen nicht erwähnt. Grundsätzlich ist deshalb bereits aufgrund</span><br/> <span class="ft6">des Gesetzeswortlauts davon auszugehen, dass die Landesverwei-</span><br/> <span class="ft6">sung auch beim blossen Versuch einer oder mehrerer Katalogtaten</span><br/> <span class="ft6">zwingend auszusprechen ist (vgl. A</span><span class="ft4">DRIAN</span> <span class="ft6">B</span><span class="ft4">ERGER</span><span class="ft6">, Umsetzungsge-</span><br/> <span class="ft6">setzgebung zur Ausschaffungsinitiative, Jusletter 7. August 2017,</span><br/> <span class="ft6">Rz. 35 ff., 50; je mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">Gemäss einer in der Lehre teilweise vertretenen Ansicht (vgl.</span><br/> <span class="ft6">G</span><span class="ft4">ERHARD</span> <span class="ft6">F</span><span class="ft4">IOLKA</span><span class="ft6">/L</span><span class="ft4">UZIA</span> <span class="ft6">V</span><span class="ft4">ETTERLI</span><span class="ft6">, Die Landesverweisung nach</span><br/> <span class="ft6">Art. 66aStGB als strafrechtliche Sanktion, Plädoyer 5/16, S. 95), die</span><br/> <span class="ft6">auch der Beschuldigte vertritt (vgl. Berufungsbegründung S. 9 f.), ist</span><br/> <span class="ft6">Art. 66a Abs. 3 StGB auf alle Fälle von Strafmilderungen, insbe-</span><br/> <span class="ft6">sondere auch auf den Versuch, anwendbar. Aufgrund der Gesetzes-</span><br/> <span class="ft6">materialien lässt sich diese Ansicht jedoch nicht aufrechterhalten:</span><br/> <span class="ft6">Bereits die Botschaft hält klar fest, dass ein versuchter Diebstahl im</span><br/> <span class="ft6">Zusammenhang mit einer Sachbeschädigung als Anlasstat in</span><br/> <span class="ft6">Betracht kommt (vgl. Botschaft des Bundesrats zur Änderung des</span><br/> <span class="ft6">Strafgesetzbuchs und des Militärstrafgesetzes vom 26. Juni 2013,</span><br/> <span class="ft6">BBl 2013 5975, S. 6022 f.). Diese Frage wurde sodann in den</span><br/> <span class="ft6">parlamentarischen Beratungen nie thematisiert, weshalb keine</span><br/> <span class="ft6">Hinweise darauf bestehen, dass der Gesetzgeber die Ansicht des</span><br/> <span class="ft6">Bundesrats nicht geteilt hätte.</span><br/> <span class="ft6">Ebenfalls nichts zu seinen Gunsten ableiten kann der Be-</span><br/> <span class="ft6">schuldigte aus der Ergänzung des Gesetzestextes von Art. 66a Abs. 3</span><br/> <span class="ft6">StGB um das Wort "ferner" (vgl. Berufungsbegründung S. 10 f.).</span><br/> <span class="ft6">Zwar trifft zu, dass die fragliche Bestimmung im Rahmen der parla-</span><br/> <span class="ft6">mentarischen Beratungen aus der durch Volk und Stände abgelehnten</span><br/> <span class="ft6">"Durchsetzungsinitiative" übernommen wurde, die das Wort "ferner"</span><br/> <span class="ft6">noch nicht enthielt (vgl. hierzu Botschaft des Bundesrats zur</span><br/> <span class="ft6">Volksinitiative Zur Durchsetzung der Ausschaffung krimineller</span><br/> <span class="ft6">Ausländer (Durchsetzungsinitiative), BBl 2013 9459, S. 9487).</span><br/> <span class="ft6">Entgegen der Ansicht des Beschuldigten deutet diese Änderung am</span><br/> <span class="ft6">Gesetzeswortlaut aber keinesfalls darauf hin, dass sich der</span><br/> <span class="ft6">Anwendungsbereich der genannten Bestimmung auch auf alle</span><br/> <span class="ft6">übrigen, nicht explizit genannten Strafmilderungsgründe erstreckt.</span><br/> <span class="ft6">Vielmehr lässt sich diese Änderung ohne weiteres mit dem -</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">31</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ebenfalls erst im Rahmen der parlamentarischen Beratung erfolgten -</span><br/> <span class="ft6">Einfügen der so genannten Härtefallklausel (Art. 66a Abs. 2 StGB)</span><br/> <span class="ft6">erklären, bei welcher in Ausnahmefällen von einer Landesver-</span><br/> <span class="ft6">weisung abgesehen werden kann. Das Wort "ferner" stellt in diesem</span><br/> <span class="ft6">Zusammenhang einzig klar, dass auch in anderen Fällen als in</span><br/> <span class="ft6">"Härtefällen", nämlich in den im Gesetzestext von Art. 66a Abs. 3</span><br/> <span class="ft6">StGB explizit genannten, ein Absehen von einer Landesverweisung</span><br/> <span class="ft6">möglich ist. Die übrigen Strafmilderungsgründe sind somit von der</span><br/> <span class="ft6">gesetzlichen Regelung nicht erfasst, womit es dabei bleibt, dass die</span><br/> <span class="ft6">Landesverweisung bei Vorliegen einer (auch versuchten) Anlasstat</span><br/> <span class="ft6">zwingend ausgesprochen werden muss.</span><br/> <span class="ft6">Sodann kann der Beschuldigte auch daraus, dass eine</span><br/> <span class="ft6">Landesverweisung gemäss dem Entwurf des Bundesrats bei einer</span><br/> <span class="ft6">Freiheitsstrafe von sechs Monaten bzw. einer Geldstrafe von 180</span><br/> <span class="ft6">Tagessätzen aufgrund der Mindeststrafgrenze ausgeschlossen</span><br/> <span class="ft6">gewesen wäre (vgl. Berufungsbegründung S. 11), nichts zu seinen</span><br/> <span class="ft6">Gunsten ableiten, fand die Mindeststrafgrenze doch keinen Eingang</span><br/> <span class="ft6">in das Gesetz. Sie ist somit für den vorliegenden Fall nicht</span><br/> <span class="ft6">beachtlich.</span><br/> <span class="ft6">Nach dem Gesagten ergibt sich aus dem Wortlaut und aus der</span><br/> <span class="ft6">Entstehungsgeschichte der Bestimmungen zur Landesverweisung,</span><br/> <span class="ft6">dass die Landesverweisung auch bei einer versuchten Tat</span><br/> <span class="ft6">obligatorisch anzuordnen ist.</span><br/> <span class="ft6">3.3.</span><br/> <span class="ft6">Selbst wenn aber Art. 66a Abs. 3 StGB sämtliche Strafmil-</span><br/> <span class="ft6">derungsgründe umfassen würde, käme ein Absehen von einer</span><br/> <span class="ft6">Landesverweisung im vorliegenden Fall nicht in Betracht: Wie die</span><br/> <span class="ft6">Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, liegt der Landesverweisung</span><br/> <span class="ft6">von straffälligen Ausländern der Gedanke zugrunde, dass Personen,</span><br/> <span class="ft6">welche ihr Potential an krimineller Energie bereits unter Beweis</span><br/> <span class="ft6">gestellt haben, die Schweiz verlassen sollen. Angesichts dessen, dass</span><br/> <span class="ft6">der Beschuldigte bzw. dessen Mittäter nicht aus eigenem Antrieb von</span><br/> <span class="ft6">ihrem Einbruchsvorhaben abliessen, sondern nur deshalb, weil sie</span><br/> <span class="ft6">durch die Geschädigte gestört wurden, manifestiert sich die</span><br/> <span class="ft6">kriminelle Energie, die von ihnen und ihrem Deliktsversuch ausging.</span><br/> <span class="ft6">Diese unterschied sich nicht wesentlich von derjenigen des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">32</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">hypothetisch vollendeten Delikts. Bereits aus diesem Grund</span><br/> <span class="ft6">rechtfertigt es sich vorliegend nicht, den Versuch in Bezug auf die</span><br/> <span class="ft6">Rechtsfolge der Landesverweisung anders zu behandeln als das</span><br/> <span class="ft6">vollendete Delikt. Denkbar wäre allenfalls eine Berücksichtigung im</span><br/> <span class="ft6">Rahmen einer Härtefallprüfung nach Art. 66a Abs. 2 StGB (vgl.</span><br/> <span class="ft6">B</span><span class="ft4">ERGER</span><span class="ft6">, a.a.O., Rz. 50). Wie noch zu zeigen sein wird, kommt diese</span><br/> <span class="ft6">vorliegend jedoch nicht zur Anwendung.</span><br/> <span class="ft6">3.4.</span><br/> <span class="ft6">Nach dem Gesagten ist kein Grund ersichtlich, beim blossen</span><br/> <span class="ft6">Versuch eines Anlassdelikts von einer Landesverweisung abzusehen.</span><br/> <span class="ft6">Folglich ist im vorliegenden Fall in Anwendung von Art. 66a Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">lit. d StGB eine Landesverweisung auszusprechen. Ein Härtefall</span><br/> <span class="ft6">i.S.v. Art. 66a Abs. 2 StGB liegt klarerweise nicht vor: Der</span><br/> <span class="ft6">Beschuldigte verfügt in der Schweiz weder über ein Aufenthaltsrecht</span><br/> <span class="ft6">noch über anderweitige persönliche Verbindungen. Eine weiter-</span><br/> <span class="ft6">gehende Prüfung erübrigt sich deshalb.</span><br/> <span class="ft6">Unter Berücksichtigung, dass es vorliegend beim Versuch der</span><br/> <span class="ft6">Anlasstaten blieb, gegen den Beschuldigten erstmals eine Landes-</span><br/> <span class="ft6">verweisung ausgesprochen wird und es sich nur um einen einzigen</span><br/> <span class="ft6">Tatkomplex handelte, rechtfertigt es sich jedoch, die Landes-</span><br/> <span class="ft6">verweisung auf die gesetzliche Mindestdauer von fünf Jahren zu</span><br/> <span class="ft6">beschränken.</span><br/></div> </div> </body> </html>