B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2490/2015 U r t e i l v o m 2 . A u g u s t 2 0 1 8 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richterin Daniela Brüschweiler, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren am (...), B._______, geboren am (...), unbekannter Staatsangehörigkeit, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 25. März 2015 / N______. D-2490/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin verliess eigenen Angaben zufolge den Hei- matstaat am (...) Richtung Nepal und gelangte nach einem mehrmonati- gen dortigen Aufenthalt am 22. Dezember 2014 in die Schweiz, wo sie gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ um Asyl nachsuchte. Am 12. Januar 2015 fand die Befragung zur Person (BzP) und am 5. Februar 2015 die Anhörung gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) durch das SEM statt. A.b Zur Begründung des Asylgesuchs führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen an, sie sei chinesische Staatsangehörige tibetischer Ethnie und stamme aus dem Dorf E._______ in der Präfektur F._______, wo sie von ihrer Geburt bis zu ihrer Ausreise gelebt habe. Am (...) habe sie zu- sammen mit zwei Freundinnen und zwei deren Bekannten zum Geburts- tag des Dalai Lama auf einem Berg ein Räucherwerk -Ritual abgehalten. Dabei habe sie auch ein Bild des Dalai Lama mitgeführt, das sie von zu- hause mitgenommen habe. Während der nachfolgenden Teepause habe sie sich zusammen mit einer der Freundinn en von der Gruppe entfernt, um Wasser zu lösen. Als sie zur Gruppe zurückgekehrt seien, seien schon zwei chinesische Polizisten zur Stelle gewesen. Diese hätten mög- licherweise den Rauch bemerkt. Sie und ihre Freundin hätten gesehen, dass die Polizisten das Foto des Dalai Lama in der Hand gehabt, ihre üb- rigen Freundinnen festgehalten und abgeführt hätten. Nachdem sie sich während 30 Minuten versteckt hätten, seien sie und ihre Freundin nach Hause gegangen. Dort habe sie ihre Mutter über den Vorfall informier t. Auf Anraten ihrer Mutter habe sie sich zunächst in einer Höhle oberhalb ihres Dorfes versteckt. Um 18.00 Uhr des gleichen Tages sei ihr Vater er- schienen und habe berichtet, dass die Polizei zuhause nach ihr gesucht habe und er aufgefordert worden sei, s ie am nächsten Tag der Polizei zu übergeben. Die Polizisten hätten gewusst, dass sie das Foto an das Ritu- al mitgenommen und dazu verwendet habe. Noch am gleichen Abend habe sie mit Hilfe ihres Vaters die Flucht angetreten, da die Polizei sie schlagen und t öten könnte. Ferner wurden der Beschwerdeführerin im Rahmen der Anhörung diverse Fragen zu ihrer Herkunftsregion, ihrem All- tag und ihrer Ausreise aus Tibet gestellt. Am Schluss der Anhörung räum- te das SEM der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zu sein en Zweifeln an der vorgebrachten Staatsangehörigkeit und der Absicht, sie nicht als Staatsangehörige von China zu betrachten, sondern ihre Her-D-2490/2015 Seite 3 kunft auf „unbekannt“ zu setzen, ein. Die Beschwerdeführerin hielt im Rahmen ihrer Stellungnahme an ihrer geltend gemachten Herkunft fest. B. Das SEM stellte mit Verfügung vom 25. März 2015 – eröffnet am 26. März 2015 – fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es ihre Weg- weisung aus der S chweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug unter Ausschluss in die Volksrepublik China an. Zur Begründung führte die Vor- instanz an, die Vorbringen der Beschwerdeführerin genügten den Anfor- derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 Asyl nicht, weshalb di e Asylrelevanz ihrer Darlegungen nicht geprüft werden müsse. C. Mit Eingabe vom 16. April 2015 reichte die Beschwerdeführerin gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, es sei der angefochtene Entscheid der Vorinstanz aufzuhe- ben und es sei in der Sache neu zu urteilen. Es sei eine Herkunftsanalyse durch einen gerichtlichen Sachverständigen (unabhängigen Tibet -Exper- ten) anzuordnen, die Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei das V orliegen von subjektiven Nachflucht- gründen festzustellen und es sei ihr eine vorläufige Aufnahme infolge un- zulässiger Wegweisung als Flüchtling zu gewähren. Eventualiter sei die Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs festzustel- len und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu be - willigen, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gew ähren. Auf die Begründung der Beschwerde wird, soweit entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Der Beschwerde lagen (Auflistung Beweismittel) bei. D. Mit Zwischenverfügung vom 7. Mai 2015 wurde auf den Antrag auf Wie- derherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde nicht einge- treten und der Beschwerdeführerin mitgeteilt, sie dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Der Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen und auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses verzichtet. D-2490/2015 Seite 4 E. Mit Verfügung vom 26. Mai 2015 wurde die Vorinstanz gestützt auf Art. 57 VwVG eingeladen, bis zum 10. Juni 2015 eine Ver nehmlassung einzu- reichen. F. In ihrer Vernehmlassung vom 6. Juli 2015 hielt die Vorinstanz nach eini- gen ausführlichen Bemerkungen an ihren Erwägungen in der angefoch- tenen Verfügung vollumfänglich fest. G. Am 29. Juni 2015 reichte die Beschwerdeführerin bei der Vorinstanz ein Gesuch um Kantonswechsel zwecks Verbleib s bei ihrem im Kanton H._______ wohnhaften Lebenspartner ( G._______, geboren [...], [...]; N______), von dem sie ein Kind erwarte, ein. Auf Ersuchen der Be- schwerdeführerin vom 3. August 2015 sistierte das SEM das Verfahren um Kantonswechsel mit Entscheid vom 4. August 2015. H. Am (...) brachte die Beschwerdeführerin ihren Sohn B._______ zur Welt. I. Am (...) anerkannte in H._______ G._______ – der am (...) von der Vo- rinstanz als Flüchtling anerkannt und in der Schweiz vorläufig aufgenom- men worden war – seinen Sohn B._______. J. Mit Schreiben vom (...) ersuchte das (Nennung Behörde) der Wohnge- meinde der Beschwerdeführerin den (Nennung Behörde) , einen Kan- tonswechsel der Beschwerdeführerin wohlwollend zu prüfe n. Dieses Ge- such leitete der (Nennung Behörde) am (...) an das SEM weiter. In der Folge gewährte das SEM den betroffenen Kantonen Gelegenheit zu allfäl- ligen Bemerkungen. Am (...) teilte der (Nennung Behörde) mit, aufgrund allfälliger Schwierigkeiten beim Wegweisungsvollzug werde in Anbetracht des aktuellen Verfahrensstands ein Kantonswechsel abgelehnt; ein Ab- warten bis zum definitiven Entscheid sei zumutbar . Mit Entscheid vom 28. April 2016 anerkannte das SEM einen Anspruch auf Einheit der Fami- lie, hiess das Gesuch um Kantonswechsel gut und teilte die Beschwerde- führerin und ihren Sohn B._______ neu dem Kanton H._______ zu. K. Mit Entscheid des SEM vom 15. Juni 2016 wurde das am 23. Mai 2016 D-2490/2015 Seite 5 gestellte Gesuch von G._______ um Einbezug seines in der Schweiz ge- borenen Sohnes B._______ gutgeheissen und der Sohn gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG ebenfalls als Flüchtling anerkannt und vorläufig auf- genommen. L. Mit Eingabe vom 11. Juli 2016 reichte die Beschwerdeführerin weitere Beweismittel (Auflistung Beweismittel) nach. M. Mit Instruktionsverfügung vom 24. Mai 2018 erhielt die Beschwerdeführe- rin Gelegenheit, bis zum 8. Juni 2018 den Sachverhalt zu aktualisieren und abschliessende Bemerkungen anzubringen. N. Mit Eingabe vom 31. Mai 2018 reichte die Beschwerdeführerin ihre S tel- lungnahme inklusive diverser Beweismittel (Aufzählung Beweismittel) ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwer- deführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 1.4 Der erst nach dem angefochtenen Entscheid des SEM vom 25. März 2015 geborene Sohn B._______ wird in das vorliegende Beschwerdever- fahren miteinbezogen, soweit die Gewährung von Asyl und die Wegwei- sung als solche zu überprüfen sind. Weitergehend erweist es sich ihn be- treffend als gegenstandslos, nachdem ihm mit Entscheid des SEM vom D-2490/2015 Seite 6 15. Juni 2016 die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt und er vorläufig auf- genommen wurde. 2. 2.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge- fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifi- schen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 2.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nac hweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3. 3.1 Die Vorinstanz hielt zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids fest, die Ausführungen der Beschwerdeführerin seien insgesamt unglaub- haft ausgefallen. Aufgrund ihres mangelhaften Länder - und Alltags wis- sens, ihrer fehlenden Chinesisch -Kenntnisse, ihrer fehlenden Identitäts- papiere sowie der äusserst unsubstanziierten und jegliche Realkennzei- chen entbehrenden Schilderung des Reisewegs und der unglaubhaften Asylgründe sei nicht davon auszugehen, dass sie in der von ihr angege- benen Region sozialisiert worden sei. Auf Vorhalt habe sie keine plausib- len Argumente vorbringen können, sondern blosse Ausflü chte gemacht oder sich in weitere Widersprüche und Ungereimtheiten verstrickt. Ferner sei die sofortige Flucht ohne jegliche Abklärung einer tatsächlich beste- henden Gefahr im vorliegenden Kontext als realitätsfremd zu erachten. Allein die Tatsache, dass sie Tibetisch spreche und wahrscheinlich tibeti- scher Ethnie sei, stelle naturgemäss keinen hinreichenden Beweis dafür dar, dass sie chinesische Staatsbürgerin sei. Die im Rahmen des rechtli- chen Gehörs anlässlich der Anhörung abgegebene Stellungnahme ver- möge die Einschätzung des SEM nicht umzustossen. Folglich sei auszu-D-2490/2015 Seite 7 schliessen, dass die Beschwerdeführerin Flüchtling aus der Volksrepublik China sei. Da im Exil geborenen Tibetern die chinesische Staatsbürger- schaft nicht erteilt werde, sei ihre Staatsangehörig keit auf "unbekannt" gesetzt worden. 3.2 Demgegenüber wendete d ie Beschwerdeführerin in ihrer Rechtsmit - teleingabe ein, es sei nie ein Gutachten eines unabhängigen Tibet - Spezialisten erstellt worden, zumal es sich auch bei der jeweils einge- setzten Tibet-Dolmetscherin lediglich um eine neutrale und unparteiische Person gehandelt habe. Aus diesem Grund sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz ihre Aussagen zu werten vermöge. Es sei daher ein unabhängiger Sachverständiger zwecks Durchführung einer Sprach - und Herkunftsanalyse beizuziehen. Durch eine solche Begutachtung könne sowohl die Wahrheit ihrer Ausführungen als auch der Umstand, dass die Vorinstanz den Sachverhalt ursprünglich unrichtig erfasst habe, festgestellt werden. Sie habe im Weiteren den Entscheid ihres Vaters, sie nicht in die Schule zu schicken, da dort nur in Chinesisch unterrichtet werde, akzeptiert und nicht hinterfragt. Sie wisse, dass heutzutage der Schulbesuch obligatorisch sei, was jedoch in den ländlichen Gebieten von Tibet nicht st rikt umgesetzt werde. Somit sei erklärbar, dass sie kein Chinesisch gelernt habe und solche Kenntnisse in ihrem Umfeld schlicht nicht nötig gewesen seien. Daher habe sie lediglich ein paar wenige chi- nesische Wörter aufgeschnappt. Ferner habe sie die Eckpun kte ihres All- tagslebens beschrieben und diesbezüglich – wie auch zum Versamm- lungsraum – alles gesagt, was sie als nötig erachtet beziehungsweise was sie gewusst habe. Der Vorwurf, sie habe ihre geografischen Kennt- nisse gelernt, um den Anschein zu erwecken, aus dieser Gegend zu stammen, sei zurückzuweisen. Ihre Aussagen basierten alle auf ihren bisherigen Erfahrungen. Ausserdem könne ein Asylsuchender im Voraus gar nicht wissen, mit welchen Fragen er im Rahmen einer Anhörung kon- frontiert werde. Ob etwas „übe rzeuge“, sei sodann auch ein subjektives Gefühl und sie habe in diesem Sinne ausführlich und detailliert über ihren Alltag berichtet. Es treffe zu, dass sie nur geringe Kenntnisse über die Landwirtschaft besitze. Da sie vorwiegend Hausarbeiten verrichtet u nd keine Verantwortung für das Feld getragen, sondern dort nur ausgeholfen habe, seien diese rudimentären Kenntnisse erklärbar. Ihre Identitätskarte habe sie an der Grenze zu Nepal dem Schlepper abgeben müssen und das Familienbüchlein befinde sich bei ihre n Eltern zuhause. Seit ihrer Flucht habe sie, auch wegen der Überwachung von Telefon und Internet, keinen Kontakt mehr mit ihren Eltern gehabt, um diese nicht zu gefähr- den. Sodann verfüge sie über keine Kontaktdaten. Zudem besitze sie D-2490/2015 Seite 8 keine Kenntnis darübe r, wo und wie sie innert nützlicher Frist Ersatzpa- piere erhältlich machen könnte. Zudem habe sie im Exil erfahren, dass die Beschaffung von Papieren sehr schwierig und das Handeln der chine- sischen Behörden von Willkür geprägt sei. Überdies besitze sie die für die Ausstellung eines Reisepasses benötigten Dokumente (Identitätskarte und Familienbüchlein) gar nicht. Im Weiteren stelle der Besitz von Fotos des Dalai Lama in den Augen der chinesischen Behörden Hochverrat dar, weshalb sie bei einer Verhaftung mit Folter und sogar mit dem Tod rech- nen müsste. Da die Flucht eine traumatische Erfahrung für sie gewesen sei und sie sich in einem absoluten Ausnahmezustand befunden habe, habe sie andere Sorgen gehabt, als sich jedes einzelne Dorf oder jeden Grenzposten zu merken. Ausserdem habe sie nicht versucht, in ihrem Gedächtnis eine Karte des Fluchtwegs zu zeichnen. Sodann werde ihr der auf Indizien beruhende Verdacht vorgehalten, entweder in Indien oder Nepal sozialisiert worden zu sein. Im ablehnenden Asylentscheid werde jedoch kein einziger Hinweis auf die Herkunft aus Indien oder Nepal auf- geführt. Alleine das Fehlen von Reisepapieren lasse einen solchen Schluss nicht zu. Ferner habe sie nach ihrer Flucht aus Tibet zwar wäh- rend (...) Monaten in Nepal gelebt, sich dort aber nicht offiziell registrieren lassen und sei auch nicht im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung oder der Staatsbürgerschaft von Nepal. Der von ihr auf der Flucht verwendete Reisepass habe nicht ihr gehört und auf einen anderen Namen gelautet, weshalb sie das Dokument wieder retourniert habe. Eine Rückschiebung nach Nepal käme für sie keinesfalls in Frage und wäre auch zu gefährlich für sie, da sich die Lage der tibetischen Flüchtlinge in den letzten Jahren drastisch verschlechtert habe und die Gefahr einer Rückschiebung nach China drohe. Die Gefahr einer Kettenabschiebung sei vom Bundesver- waltungsgericht in seinem Urteil E -2426/2007 vom 19. Juli 2007 bestätigt worden. Sie besitze die chinesische Staatsangehörigkeit, weshalb ihre flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung in Bezug auf ihr Heimatland Ti- bet beziehungsweise China zu prüfen sei. Ein solches Vorgehen sei durch das Bundesverwaltungsgericht wiederholt bestätigt worden. Sodann erfülle sie infolge ihrer illegalen Ausreise die Flüchtlingseigen- schaft wegen subjektive r Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG (sog. Republikflucht) und sei daher im Sinne von Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission (EMARK) 2006 Nr. 1 E. 6.1 zum Flüchtling geworden. Nachdem diese Praxi s vom Bun- desverwaltungsgericht in BVGE 2009/29 bestätigt worden sei, habe die Vorinstanz ihre Flüchtlingseigenschaft zu Unrecht verneint. D-2490/2015 Seite 9 3.3 In ihrer Vernehmlassung brachte die Vorinstanz vor, das SEM verzich- te seit einiger Zeit zu Gunsten einer im Rahmen der Anhörung durchge- führten vertieften Befragung zu den Länderkenntnissen und zum Alltags- wissen auf die sogenannten Lingua -Gutachten. Im Grundsatzurteil E-2981/2012 vom 20. Mai 2014 (= BVGE 2014/12) habe das Bundesver- waltungsgericht festgehalten, dass bei ei ner asylsuchenden Person tibe- tischer Ethnie, welche unglaubhafte Angaben über ihren angeblichen So- zialisierungsraum in der Volksrepublik China mache, davon ausgegangen werden könne, dass sie eine Aufenthaltsbewilligung oder Duldung in ei- nem Drittstaat oder sogar eine andere Staatsangehörigkeit besitze. Im Urteil E -3361/2014 vom 6. Mai 2015 (= BVGE 2015/10) seien die Min- deststandards hinsichtlich des Untersuchungsgrundsatzes definiert wor- den, wenn anlässlich einer Anhörung länderspezifische Wissensfragen gestellt würden und in der Folge die geltend gemachte Herkunft vom SEM nicht geglaubt werde. Im Urteil werde das SEM verpflichtet, die ent- sprechenden Fragen und Antworten in einer transparenten Art und Weise in den Akten festzuhalten, wobei ersichtlich sein m üsse, welche Antwor- ten als falsch erachtet worden seien und welche richtig gewesen wären, sowie zu begründen, weshalb die asylsuchende Person die zutreffenden Antworten hätte kennen müssen. Diese Informationen seien beispielswei- se in einem separaten Aktens tück offenzulegen. Gleichzeitig sei in die- sem Urteil (mit Verweis auf das Urteil D -3623/2014 vom 9. Juli 2014) ex- plizit festgehalten worden, dass von diesem Vorgehen jene Fälle ausge- nommen seien, in denen die Vorbringen der asylsuchenden Person auf- grund gänzlicher Unplausibilität, Substanzarmut oder Widersprüchlichkeit offensichtlich unzulänglich und somit derart haltlos seien, dass deren Be- urteilung keiner weiteren fachlichen Abklärung mehr bedürfe. Vorliegend sei das SEM nicht aufgrund fehlenden Länderwis sens zum Schluss ge- kommen, dass die Beschwerdeführerin nicht aus der Volksrepublik China stamme, sondern habe sich bei seiner Einschätzung auf die ausgespro- chene Substanzarmut der Antworten der Beschwerdeführerin gestützt. Da in keiner Weise über richtig o der falsch beantwortete Wissensfragen ge- urteilt worden sei, habe sich eine solche zusätzliche Aktennotiz nicht auf- gedrängt. Im Asylentscheid sei ausschliesslich festgestellt worden, dass die Beschwerdeführerin nicht in der Lage gewesen sei, ihren Alltag un d ihre Umgebung derart substanziiert zu beschreiben, wie es von einer Person, die ihr ganzes Leben dort verbracht habe, hätte erwartet werden dürfen. Die Ausführungen in der Beschwerdeschrift seien in Ermangelung stichhaltiger Argumente nicht geeignet, diese Einschätzung zu entkräften. Schliesslich seien im besagten Entscheid von Seiten des SEM nicht nur die Herkunft und die Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin, son-D-2490/2015 Seite 10 dern ebenso die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zum Reiseweg in die Schweiz, zu den fehl enden Identitätspapieren und schliesslich zu den Asylgründen geprüft worden . Zwecks Vermeidung von Wiederholungen sei diesbezüglich auf die Ausführungen im Asylentscheid zu verweisen. Weiter habe die Beschwerdeführerin, welche unbestrittenermassen tibeti- scher Ethnie sei, unglaubhafte Angaben zu ihrer Sozialisierung, zu ihrer wahren Herkunft und zu ihren bisherigen Aufenthaltsorten vor der Einrei- se in die Schweiz gemacht, weshalb die Asylbehörden nicht in der Lage seien zu eruieren, welche der in BVGE 2014/1 2 aufgeführten Fallkonstel- lationen betreffend Staatsangehörigkeit/Aufenthaltsberechtigung in China, Nepal oder Indien auf sie zutreffe. Dadurch habe sie die ihr obliegende Mitwirkungspflicht verletzt und verunmögliche die Abklärung, welchen ef- fektiven Status sie in Nepal oder in Indien innehabe, beziehungsweise die Prüfung, welche Staatsangehörigkeit sie besitze. Durch dieses Verhalten verunmögliche sie ferner eine Prüfung der Drittstaatenregelung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG beziehungsweise eine Prüfung ihrer all- fälligen Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf Nepal oder Indien . Die Be- schwerdeführerin habe daher die Folgen ihrer fehlenden Mitwirkung inso- fern zu tragen, als seitens der Asylbehörden der Schluss gezogen werden müsse, es spreche nichts gegen eine Rückkehr an den bisherigen Auf- enthaltsort, da sie keine konkreten, glaubhaften Hinweise geliefert habe, die gegen eine Rückkehr sprechen würden. Folgerichtig sei ihre Staats- angehörigkeit auf „unbekannt“ gesetzt worden. Überdies sei bezüglich der vorgebrachten Schwangerschaft und de r Heiratsabsichten zu prüfen, ob sich die Beschwerdeführerin auf Art. 8 EMRK oder auf den Grundsatz der Einheit der Familie nach Art. 44 AsylG berufen könne. Die Besc hwerde- führerin und ihr Partner seien nicht verheiratet und eine Eheschliessung sei gemäss Auskunft des zuständigen Zivilstands amtes in naher Zukunft nicht absehbar. Da sie ihren Partner dem SEM gegenüber nie erwähnt, sondern sogar explizit gesagt habe, sie sei ledig und habe keine Ver- wandten in der Schweiz, könne nicht von einer eheähnlichen Gemein- schaft beziehungsweise von einer bereits über einen längeren Zeitraum andauernden gelebten Beziehung ausgegangen werden, weshalb sie sich nicht auf den Schutz von Art. 8 EMRK berufen könne. Obwohl dem Grundsatz der Einheit der Familie nach Art. 44 Abs. 1 AsylG eine weiter- gehende Bedeutung als Art. 8 EMRK zukomme, könne gemäss bundes- gerichtlicher Rechtsprechung davon in begründeten Fällen abgewichen werden, so beisp ielsweise dann, wenn die räumliche Trennung den bei- den Partnern zuzumuten sei. Da die Beschwerdeführerin dem SEM ge- genüber nie davon gesprochen habe, sich in einer Partnerschaft zu be-D-2490/2015 Seite 11 finden, und entsprechend davon ausgegangen werden müsse, dass sie und ihr Partner vor ihrer Einreise in die Schweiz nie zusammengelebt hät- ten, sei ihnen eine geografische Trennung weiterhin durchaus zumutbar. Art. 44 AsylG stehe ihrer Wegweisung deshalb ebenfalls nicht entgegen. Schliesslich erscheine eine Wegweisung auch aus g esundheitlichen Gründen als zumutbar. 4. In ständiger Rechtsprechung geht das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass illegal aus China ausgereiste Asylsuchende tibetischer Ethnie bei einer Rückkehr unabhängig von der zeitlichen Dauer ihres Ausland- aufenthaltes mit Verfolgung im flüchtlingsrelevanten Sinn (Art. 3 AsylG) zu rechnen haben (vgl. BVGE 2009/29 E. 6.5). Dies befreit Asylsuchende ti- betischer Ethnie jedoch nicht davon, ihre Sozialisierung im chinesischen Raum glaubhaft zu machen, existiert doch eine grosse Diaspora ethni- scher Tibeterinnen und Tibeter in Nepal und Indien . In diesem Zusam- menhang hat das Bundesverwaltungsgericht festgehalten, dass bei Per- sonen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder ver- heimlichen, vermutungsweise davon auszugehen sei, dass keine beacht- lichen Gründe gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort be- stünden (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10). 4.1 Vor diesem Hintergrund ist das SEM bei der Prüfung von Asylgesu- chen von Personen tibetischer Ethnie regelmässig gehalten, ihre Herkunft und ihren Sozialisierungsraum festzustellen. Das Bundesverwaltungsge- richt hat in einem publizierten Leiturteil festgehalten, dass das SEM hier- bei nicht zwingend eine Lingua -Analyse respektive Lingua -Alltagswis- sensevaluation durchzuführen braucht (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.2.1). Ver- zichtet es auf eine solche und beschränkt es sich auf eine amtsinterne Evaluation des Alltagswissens anhand eines dafür vorgesehenen Ge- sprächs, sind allerdings gewisse Mindestvorgaben einzuhalten, damit dem U ntersuchungsgrundsatz und dem Anspruch auf rechtliches Gehör entsprochen wird (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.2.2.1 bis 5.2.2.4). In einem als Referenzurteil publizierten Entscheid hat das Bundesverwaltungsgericht diese Vorgaben konkretisiert (vgl. Urteil des BVGe r E-5846/2015 vom 4. August 2015). 4.1.1 Als erste Vorgabe muss aus den Akten nicht nur hervorgehen, wel- che Fragen das SEM der asylsuchenden Person gestellt hat und wie die- se darauf geantwortet hat, sondern auch, wie diese Fragen hätten beant- wortet werden müssen und weshalb eine in der fraglichen Region soziali-D-2490/2015 Seite 12 sierte Person die zutreffenden Antworten hätte kennen müssen. Wegen des Verzichts auf den Beizug eines amtsexternen Sachverständigen sind die zutreffenden Antworten zudem mit Informationen zu belegen, bei d e- ren Beschaffung, Aufbereitung und Präsentation sich die Vorinstanz an den einschlägigen Standards für Informationen über Herkunftsländer (Country of Origin Information [COI]) zu orientieren hat (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.2.2.2). 4.1.2 Zweitens muss der asylsuchend en Person der wesentliche Inhalt der Herkunftsabklärung zur Kenntnis gebracht und ihr die Möglichkeit eingeräumt werden, sich insbesondere zu den als unzureichend einge- stuften Antworten zu äussern. Dabei sind ihr die als tatsachenwidrig, falsch oder unzure ichend beurteilten Antworten unter Angabe der dazu- gehörigen Fragen so detailliert aufzuzeigen, dass sie hierzu konkrete Einwände anbringen kann. Es genügt nicht, die Schlüsse aus der Her- kunftsabklärung in einer pauschalen Zusammenfassung darzulegen, oh- ne der betroffenen Person die ihr konkret vorgeworfenen Falschangaben in geeigneter Weise darzulegen (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.2.2.4). 4.2 Sind diese sich aus dem Untersuchungsgrundsatz und dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergebenden Vorgaben nicht erfüllt, ist de r vor - instanzliche Entscheid in der Regel aufzuheben und die Sache zur kor- rekten Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.2.3.1). Davon ausgenommen sind Fälle, in denen die Vorbringen der asylsuchenden Person aufgrund gänz- licher Unplausibilität, Substanzarmut oder Widersprüchlichkeit offensicht- lich unzulänglich und somit derart haltlos sind, dass deren Beurteilung keiner weiteren fachlichen Abklärung mehr bedarf (vgl. Urteil des BVGer D-3623/2014 vom 9. Juli 2014 E. 5). 5. 5.1 Es ist mithin zu prüfen, ob die Vorinstanz die erwähnten Mindeststan- dards eingehalten hat oder ob vorliegend eine Ausnahme von der Beach- tung dieser Mindestvorgaben gemäss BVGE 2015/10 infolge offensicht- lich unzulänglicher Vorbringen im oben erwähnten Sinne zu bejahen ist. Letzteres ist vorliegend offensichtlich der Fall. So bedürfen die Vorbringen der Beschwerdeführerin keiner weiteren fachlichen Abklärung mehr und die Vorinstanz durfte bei ihrer amtsinternen Evaluation des Alltagswissens der Beschwerdeführerin zu Recht auf die Einhaltung der durch das Bun- desverwaltungsgericht im oben erwähnten Urteil enthaltenen Mindest- standards verzichten. D-2490/2015 Seite 13 Den Erwägungen der Vorinstanz sind insofern zu bestätigen, als aufgrund der durchgeführten Befr agungen (BzP und Anhörung) der Beschwerde- führerin offensichtlich nicht glaubhaft erscheint, dass sie, wie von ihr gel- tend gemacht, seit ihrer Geburt und bis zu ihrer Flucht nach Nepal am (...) ununterbrochen als chinesische Staatsbürgerin tibetischer Ethni e im Dorf E._______ im zum tibetischen Kulturraum gehörenden Bezirk J._______ in der Präfektur F._______ im Autonomen Gebiet Tibet gelebt hat. Zu die- ser Einschätzung führt unter anderem, dass die Beschwerdeführerin kei- nerlei spezifische Angaben über die Re gion zu machen wusste, in wel- cher sie angeblich ihr gesamtes Leben verbracht haben will. Wie das SEM zutreffend feststellte, gab die Beschwerdeführerin in überwiegender Weise derart ausweichende und unsubstanziierte Antworten zu den ge- stellten Fragen, dass ihre Antworten hinsichtlich ihres angeblichen Her- kunftsgebiets respektive des dort gelebten Alltags kein konkretes Bild vermitteln konnten. Vielfach verwies sie darin auf ihren Vater, der alles entschieden und für sie erledigt habe, oder auf den Umstand, dass sie ihr Dorf kaum verlassen habe, nie in die Schule gegangen sei und sie – aus- ser ein paar wenigen Wörtern – kein Chinesisch verstehe oder spre che (vgl. act. A3/13 S. 4 f.; A7/23 S. 10 und 14 ff.). Die Beschwerdeführerin vermag letzteren Umstand denn auch angesichts der damals bereits be- stehenden obligatorischen Schulpflicht nicht glaubhaft zu erklären, auch wenn das Gericht anerkennt, dass viele Tibeterinnen und Tibeter kein oder nur schlecht Chinesisch sprechen (vgl. Urteil des BVGer E-907/2015 vom 17. Oktober 2016 E. 5.3 m.w.H.). Als ebenso unzulänglich sind die Umstände ihrer angeblichen Ausreise von China nach Nepal und ihr dortiger (...) Monate dauernder Aufenthalt zu qualifizieren, vermochte sie doch diesbezüglich keinerlei konkrete An- gaben zu machen. Ihre Ausführungen sind als überaus stereotyp sowie detailarm zu erachten und weisen insbesondere kaum Realkennzeichen auf (so insbesondere Detailreichtum der Schilderung, freies assoziatives Erzählen, Interaktionsschilderung sowie inhaltliche Bes onderheiten) und könnten in ihrer Schlichtheit auch von einer unbeteiligten Drittperson problemlos nacherzählt werden. Ihre Darstellungen wirken in ihrer Ge- samtheit – entgegen der in der Beschwerdeschrift geäusserten Ansicht – aufgrund der trivialen und in auffälliger Weise über weite Strecken frei von persönlichen Eindrücken oder Empfindungen geprägten Ausführungen aufgesetzt und konstruiert. Daran vermag auch die Nennung einiger we- niger Ortschaften, die sich in der Nähe ihres Dorfes befinden sollen, nichts zu ändern, fielen doch ihre Angaben – wie die Vorinstanz in zutref- fender Weise festhielt (vgl. act. A10/9 S. 4) – zum Dorfleben und zu ihren D-2490/2015 Seite 14 persönlichen Lebensumständen samt und sonders nicht überzeugend aus. Die Beschwerdeführerin vermag daher ihre Soz ialisierung im chine- sischen Raum nicht glaubhaft zu machen, existiert doch eine grosse Diaspora ethnischer Tibeterinnen und Tibeter in Nepal oder Indien. Die zum Beleg ihrer Herkunft mit Eingabe vom 11. Juli 2016 eingereichte (Nennung Beweismittel) vermag obige Einschätzung nicht umzustossen, da dieses Dokument insgesamt als nicht beweiskräftig zu erachten ist. Die handschriftlich auf einem vorgedruckten Formular festgehaltene Be- stätigung, welche in dieser Form keinerlei Sicherheitsmerkmale aufweist, bescheinigt zum einen das Geburtsdatum, den Geburtsort sowie den Zi- vilstand der Beschwerdeführerin und führt die Namen ihrer Eltern auf. Zum anderen wird festgehalten, dass sie im Dorf E._______ (nach wie vor) wohne. Diese Angabe ist jedoch klarerweise un zutreffend, weshalb ein solcher Vermerk kaum erklärbar ist, zumal diese Bestätigung auf Ver- langen der Eltern der Beschwerdeführerin und zu einem Zeitpunkt erstellt worden sein soll, als sie sich bereits über (...) Jahre nicht mehr im besag- ten Dorf aufgehalten haben will. Sodann sind auch an der Art und Weise der vorgebrachten Kontaktaufnahme mit ihren Eltern ernsthafte Zweifel anzubringen. So will sie über einen erwiesenermassen überwachten Chat-Dienst für Smartphones („WeChat“) mit ihren Eltern in Kontakt ge- treten sein, welche in der Folge diese Bestätigung organisiert hätten. Nachdem sie im Rahmen der Befragungen noch auf die Abgeschieden- heit ihres Dorfes hinwies und insbesondere festhielt, sie hätten zuhause nicht einmal einen Fernseher gehabt und ihr Vat er habe stets in der Landwirtschaft gearbeitet (vgl. act. A3/13 S. 4; A7/23 S. 16 f.), erscheint es überwiegend unglaubhaft, dass ihre Eltern nun plötzlich im Besitz ei- nes Smartphone sein sollen. Doch selbst wenn der Kontakt tatsächlich bestehen würde, ist logisch nicht nachvollziehbar, weshalb die Beschwer- deführerin ihre Eltern nicht aufgefordert hat, bei dieser Gelegenheit auch gleich das sich zuhause befindliche Familienbüchlein mitzuschicken (vgl. act. A7/23 S. 3). Dieses Verhalten kann unter diesen Ums tänden nur da- hingehend interpretiert werden, dass sie den schweizerischen Asylbehör- den weiterhin relevante Identitätsdokumente vorenthalten will. 5.2 Angesichts der offensichtlichen Unzulänglichkeit sämtlicher Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrer Herkunft b eziehungsweise zu ihrer an- geblichen letzten Aufenthaltsregion im Autonomen Gebiet Tibet kann mit genügender Sicherheit darauf geschlossen werden, dass sie ihre Aufent- haltsorte vor ihrer Einreise in die Schweiz zu verschleiern sucht, wozu auch ihre nicht nachvollziehbaren Angaben über den Reiseweg beitragen. D-2490/2015 Seite 15 Somit erweist sich die Rüge, das SEM habe zu Unrecht kein Gutachten durch einen unabhängigen Tibet -Spezialisten respektive kein LINGUA - Gutachten erstellen lassen und sei deshalb zu falschen Schlüssen bezüg- lich ihrer Herkunft gekommen, als unbegründet. 5.3 Aufgrund obiger Ausführungen ist sodann die Feststellung des SEM, wonach die Beschwerdeführerin mit ihrem Verhalten ihre Mitwirkungs- pflicht verletzt habe, zu bestätigen. Gemäss BVGE 2014/12 ist bei Perso- nen tibetischer Ethnie, die in Verletzung der Mitwirkungspflicht ihre wahre Herkunft verschleiern oder verheimlichen, v ermutungsweise davon aus- zugehen, dass keine flüchtlings - oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ihren bisherigen Aufentha ltsort bestehen (E. 5.8 ff.). Im vorliegenden Fall ist zwar die Beschwerdeführerin unbestrittener- massen der tibetischen Ethnie zuzurechnen. Indessen hat sie zur Frage, in welchem Staat sie tatsächlich ihre Sozialisierung erfahren und wo sie sich in den let zten Jahren und unmittelbar vor ihrer Einreise in die Schweiz aufgehalten hat, offensichtlich unglaubhafte Angaben gemacht. Insofern ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sie nicht in der Volksrepublik China – auch wenn eine allfällige frühe Erstsozialisation im tibetischen Kulturraum in China nicht gänzlich ausge- schlossen ist –, sondern in der exiltibetischen Diaspora, mutmasslich in Nepal oder Indien, gelebt hat. Indessen verunmöglicht die Beschwerde- führerin durch die Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht die Abklärung, wel- chen effektiven Status sie in Nepal oder in Indien innehat, beziehungs- weise die Prüfung, welche Staatsangehörigkeit sie besitzt. Durch dieses Verhalten der Beschwerdeführerin ist ferner eine Prüfung der Drittstaaten- regelung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG beziehungsweise eine Prüfung ihrer allfälligen Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf Nepal oder Indien verunmöglicht. 5.4 Als Folge ihrer fehlenden Mitwirkung muss sodann mangels konkreter anderweitiger Hinweise der Schluss gezogen werden, es spreche nichts gegen eine Rückkehr in ihren bisherigen Aufenthaltsstaat, sei dieser nun Nepal oder Indien. 5.5 Die Beschwerdeführerin gehört unbestrittenermassen der tibetischen Ethnie an. Die Möglichkeit, dass sie trotz der unglaubhaften Angaben in Bezug auf ihre Herkunft die chinesische Staatsangehörigkeit besitzt, ist nicht gänzlich auszuschliessen. Da sie deshalb gemäss BVGE 2009/29 E. 6.5 möglicherweise mit Verfolgung im flüchtlingsrelevanten Sinn (Art. 3 D-2490/2015 Seite 16 AsylG) zu rechnen hätte, ist festzustellen, dass der Wegweisungsvollzug nach China ausgeschlossen ist. 5.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin und ihr Kind keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder zu- mindest glaubhaft zu machen verm ögen und deshalb nicht originär als Flüchtlinge anerkannt werden k önnen. Die Vorinstanz hat demnach zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. Der Antrag auf Anordnung einer Herkunftsanalyse durch einen gerichtli- chen Sachvers tändigen ist nach dem Gesagten abzuweisen. Die Fest- stellung der Flüchtlingseigenschaft des Kindes gestützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG (vgl. oben Bst. K) wird von diesem Entscheid nicht betroffen. 6. 6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrecht- liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmung über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG, Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). 7.2 In seiner Begründung zum angeordneten Wegweisungsvollzug führte das SEM aus, die Beschwerdeführerin habe die Behörden über ihre Iden- tität getäuscht. Gemäss Lehre und Rechtsprechung könne eine grobe Verletzung der Mitwirkungspflicht den Vollzug der Wegweisung nicht ver- hindern, wenn die Beschwerdeführerin – wie vorliegend – eine sinnvolle Prüfung, ob ihr im Heimat - oder Herkunftsstaat Gefahr drohe, verunmög- liche. Die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungs- vollzugs sei zwar grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen. Diese Unter- suchungspflicht finde jedoch ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin. Es könne nach ständiger Rechtsprechung des Bun- desverwaltungsgerichts nicht Sache der Asylbehörden sein, bei fehlenden D-2490/2015 Seite 17 Hinweisen seitens einer Person nach etwaigen Wegweisungsvollzugshin- dernissen zu forsche n. Da sich vorliegend keine Hinweise auf eine Ver- folgung ergeben würden, könne auch der Grundsatz der Nichtrückschie- bung gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG nicht angewandt werden. Aus den Akten würden sich zudem keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass ihr im Falle einer Rückkehr in den Herkunfts - oder Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Be- handlung drohe. Ein Wegweisungsvollzug in die Volksrepublik China wer- de im Falle der Beschwerdeführerin jedoch ausgeschlos sen. Hinsichtlich der Frage nach der Möglichkeit eines allfälligen Wegweisungsvollzugs bei der Verheimlichung der wahren Identität könne zum heutigen Zeitpunkt nicht gesagt werden, dieser sei von vornherein nicht möglich oder tech- nisch nicht durchführbar. Es sei der Beschwerdeführerin zuzumuten, sich bei der zuständigen Vertretung die allenfalls benötigten Reisepapiere zu beschaffen. Auch das Bundesverwaltungsgericht erachte in seiner Recht- sprechung den Vollzug der Wegweisung grundsätzlich als möglich, selbst wenn ein Gesuchsteller seine wahre Identität oder Staatsangehörigkeit verheimliche. 7.3 Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvoll- zugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, aber die Untersuchungs- pflicht findet ihre Grenzen an der Mitwi rkungspflicht der Beschwerdefüh- rerin. Es ist in der Tat nicht Sache der Behörden, bei fehlenden Hinweisen – und vorliegend offensichtlich gezielt vorenthaltenen – nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Vermutungsweise ist davon auszugehen, einer Wegweisung stünden keine Vollzugshindernisse im gesetzlichen Sinne entgegen. 8. 8.1 Nachdem die Vorinstanz mit Entscheid vom 28. April 2016 das Ge- such der Beschwerdeführerin um Kantonswechsel vom (...) respektive vom (...) zwecks Verbleibs bei ihrem im Kanton H._______ wohnhaften Lebenspartner G._______ – der am (...) von der Vorinstanz als Flüchtling anerkannt und in der Schweiz vorläufig aufgenommen wurde – guthiess und sie seit dem (...) gemeinsam mit diesem und mit dem gemeinsamen Sohn zusammenlebt, stellt sich die Frage, ob Art. 8 EMRK und/oder der Grundsatz der Einheit der Familie nach Art. 44 Abs. 1 AsylG Anwendung finden. Das SEM verneinte diese Frage in seiner Vernehmlassung und hielt fest, dass sich die Beschw erdeführerin weder auf den Schutz von Art. 8 EMRK berufen könne noch Art. 44 AsylG einer Wegweisung entge- genstehe. D-2490/2015 Seite 18 8.2 Unter dem Begriff der „Einheit der Familie“ ist zu verstehen, dass Fa- milienmitglieder nicht voneinander getrennt werden, sondern tatsächlich zusammenleben können, und dass der Familie nach Möglichkeit ein ein- heitlicher Rechtsstatus eingeräumt wird. In diesem Sinn beinhaltet Art. 44 AsylG, dass die vorläufige Aufnahme des einen Familienmitglieds in der Regel zur vorläufigen Aufnahme der ganzen F amilie führt (vgl. EMARK 1995 Nr. 24 m.w.H.). Auf diesen Grundsatz kann sich allerdings nicht be- rufen, wer – wie die Beschwerdeführerin – in die Schweiz einreist, nach- dem seinem Familienmitglied die vorläufige Aufnahme erteilt wurde, an- sonsten die gesetzli chen Bestimmungen über den Familiennachzug mit- tels Asylgesuchstellung in der Schweiz umgangen werden könnten (vgl. Urteil des BVGer E -3006/2012 vom 30. August 2012 S. 8 f.). Nachdem die Beschwerdeführerin ihren Lebenspartner erst in der Schweiz kennen- gelernt hat, verstösst die angefochtene Verfügung demnach nicht gegen den Grundsatz der Einheit der Familie gemäss Art. 44 AsylG. 8.3 8.3.1 Gemäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann sich jemand nur dann auf den Schutz des Familienlebens nach Art. 8 EMRK berufen, wenn eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Bezie- hung vorliegt. Diesbezüglich sind als wesentliche Faktoren das gemein- same Wohnen respektive der gemeinsame Haushalt, die finanzielle Ver- flochtenheit, die Länge und Stabilität der Beziehu ng sowie das Interesse und die Bindung der Partner aneinander zu berücksichtigen (vgl. CHRIS- TOPH GRABENWARTER/KATHARINA PABEL, Europäische Menschenrechts- konvention, 6. Aufl., München/Basel/Wien 2016, S. 204; MARK E. VILLI- GER, Handbuch der Europäischen Mens chenrechtskonvention, 2. Aufl., Zürich 1999, S. 365). Weiter muss es sich beim in der Schweiz lebenden Familienmitglied um eine hier gefestigt anwesenheitsberechtigte Person handeln (vgl. BGE 139 I 330 E. 2.1). Von einem gefestigten Anwesen- heitsrecht ist ohne weiteres bei schweizerischer Staatsangehörigkeit aus- zugehen, ebenso bei einer Niederlassungs - oder Aufenthaltsbewilligung, auf deren Verlängerung ein Anspruch besteht (vgl. statt vieler BGE 135 I 143; 130 II 281, je m.w.H.). Auf den Schutz des Privat - und Familienle- bens können sich in Ausnahmesituationen nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) auch Personen berufen, deren Anwesenheit rechtlich nicht geregelt ist beziehungsweise die allenfalls über kein (gefestigt es) Anwesenheitsrecht verfügen, deren Anwesenheit aber faktisch als Realität hingenommen wird respektive aus objektiven Gründen hingenommen werden muss (vgl. BGE 138 I 246 E. 3.3.1 und 137 I 113 E. 6.1 m.w.H.; vgl. zur Rechtsprechung des EGMR D-2490/2015 Seite 19 die Urteile Jeunesse gegen Niederlande vom 3. Oktober 2014 , 12738/10, § 103 ff. m.w.H., Agraw gegen Schweiz vom 29. Juli 2010, 3295/06 , § 44 ff. und Mengesha Kimfe gegen Schweiz vom 29. Juli 2010 , 24404/05 , § 61 ff.). 8.3.2 Sodann kommt Art. 8 EMRK – im Sinne einer kumulativ en Voraus- setzung zu den in E. 8.3.1 genannten Bedingungen – nur dann zur An- wendung, wenn die privaten Interessen der betroffenen Person respektive ihrer Angehörigen an der Erteilung beziehungsweise am Erhalt des An- wesenheitsrechts dem öffentlichen Interess e an dessen Verweigerung vorgehen (vgl. BGE 139 I 330 E. 2.2 f. m.w.H.). 8.3.3 Vorliegend ist ein tatsächliches Eheleben ausgeschlossen, zumal die Beschwerdeführerin in ihrer Stellungnahme vom 31. Mai 2018 aus- führte, dass der Prozess der Ehevorbereitung noch nic ht habe abge- schlossen werden können. Angesichts der Aktenlage ist aber heute von einer dauerhaften Partnerschaft beziehungsweise einer nahen, echten und tatsächlich gelebten Beziehung auszugehen. Die Beschwerdeführe- rin wohnt seit (...) mit ihrem Lebenspartner und dem gemeinsamen Kind, welches von ihm am (...) anerkannt wurde, in einer gemeinsamen Woh- nung in H._______. Den Ausführungen in ihrer Stellungnahme vom 31. Mai 2018 zufolge trage sie mit den ihr ausgerichteten, geringen staat- lichen Unterstützungsleistungen an die Ausgaben des Haushalts bei und die restlichen Lebenshaltungskosten würden gesamthaft durch ihren Partner übernommen. Der eingereichten Beilage 5 (Nennung Beweismit- tel) zufolge ist der Partner der Beschwerdeführerin seit d em (...) finanziell selbstständig. Um das gemeinsame Kind dürfte sich zur Hauptsache die Beschwerdeführerin kümmern, zumal ihr Partner ihren Angaben in der Stellungnahme zufolge derzeit zu 80% erwerbstätig und bemüht sei, sein Arbeitspensum in Zukunft auf 100% erhöhen zu können . Sodann halte sich das Kind an einzelnen Tagen in der Krippe auf . In dieser Zeit besu- che die Beschwerdeführerin Sprachkurse, um sich in der Schweiz schnel- ler integrieren zu können. Angesichts der eingereichten Unterlagen be- steht keine Veranlassung, an diesen Ausführungen zu zweifeln. Im Weiteren verfügt der Lebenspartner der Beschwerdeführerin – wie auch der gemeinsame Sohn – über die vorläufige Aufnahme als Flücht- ling und damit gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung nicht über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz (vgl. BGE 126 II 335 E. 1). Es ist demnach zu prüfen, ob eine Ausnahmesituation im vorerwähnten Sinn vor liegt, aufgrund welcher auf die Voraussetzung des gefestigten D-2490/2015 Seite 20 Aufenthaltsrechts zu verzichten und das Vorli egen eines faktischen Auf- enthaltsrechts anzunehmen ist. In BVGE 2017 VII/4 E. 6.3 hat das Bun- desverwaltungsgericht festgehalten, dass es angesichts der zunehmen- den Aufweichung des Begriffs des faktischen Anwesenheitsrechts durch das Bundesgericht, der ständigen Rechtsprechung des Europäischen Ge- richtshofs für Menschenrechte sowie aufgrund einer Analyse des Bundes- rats angezeigt erscheine, bei Familiennachzugsgesuchen von (vorläufig aufgenommenen) Flüchtlingen betreffend deren Ehegatten und minder- jährigen Kindern ein faktisches Aufenthaltsrecht anzunehmen und die Dauer des Aufenthalts erst in der Güterabwägung zu berücksichtigen. Auch wenn vorliegend nicht über die Beschwerde im Rahmen eines Fa- miliennachzugsgesuchs zu befinden ist, sind keine sachlichen Gründe er- sichtlich, die einer analogen Anwendung des oben erwähnten Grundsat- zes auf den Lebenspartner der Beschwerdeführerin und auf das gemein- same Kind entgegenstehen würden. Aufgrund de ren Anerkennung als (vorläufig aufgenommene) Flüchtling e sowie angesicht s der Tatsache, dass eine Aufhebung de ren rechtlichen Status in absehbarer Zukunft nicht anzunehmen ist, kann sowohl im Fall des Lebenspartners als auch des Sohnes der Beschwerdeführerin jeweils ein faktisches Aufenthalts- recht angenommen werden. 8.3.4 Die Europä ische Menschenrechtskonvention verschafft keinen ab- soluten Anspruch auf Einreise und Aufenthalt, respektive auf Wahl des für das Familienleben am geeignetsten erscheinenden Orts, oder auf einen besonderen Aufenthaltstitel. Vielmehr erweist sich eine im Sch utz- und Anwendungsbereich von Art. 8 EMRK liegende Massnahme als zulässig, wenn sie gesetzlich vorgesehen ist, einem legitimen Zweck im Sinn von Art. 8 Ziff. 2 EMRK entspricht und zu dessen Realisierung in einer demo- kratischen Gesellschaft "notwendig" ers cheint (vgl. BGE 143 I 21 E. 5.1 und 135 I 153 E. 2.1). In Fällen, die sowohl das Familienleben als auch die Immigration betreffen, hängt der Umfang der Pflicht, ausländische Familienmitglieder auf dem Staatsgebiet zu dulden oder ihren Aufenthalt ermöglichen zu müssen, jeweils von den Umständen des Einzelfalls ab. Es wird eine Gesamtbetrachtung verlangt, bei welcher der Grad der kon- kreten Beeinträchtigung des Familienlebens, der Umstand, ob und wie- weit dieses in zumutbarer Weise im Heimatstaat oder allenfal ls in einem Drittstaat gelebt werden kann sowie die Natur der Bindungen zum und im Aufenthaltsstaat ins Gewicht fallen. Von wesentlicher Bedeutung ist zu- dem, ob Gründe der Migrationsregulierung (z.B. illegaler Aufenthalt), an- dere Motive zum Schutz der öffe ntlichen Ordnung (z.B. Kriminalität) oder solche des wirtschaftlichen Wohlergehens des Landes (z.B. Sozialhilfe-D-2490/2015 Seite 21 abhängigkeit) der Bewilligung entgegenstehen. Von besonderem Gewicht erscheint schliesslich, ob das Familienleben zu einer Zeit geschaffen wurde, zu der den beteiligten Personen bekannt war, dass dessen Fort- bestehen im Gaststaat wegen des Einwanderungsstatus einer von ihnen von Beginn an unsicher war. Ist dies der Fall, bedarf es besonderer be- ziehungsweise aussergewöhnlicher Umstände ("exceptional circum- stances"), damit Art. 8 EMRK den einzelnen Staat verpflichten kann, die Anwesenheit von Familienangehörigen zu dulden (vgl. zum Ganzen statt vieler BGE 139 I 330 E. 2.2 f. sowie bspw. Urteil des EGMR Jeunesse § 100 ff. m.w.H.). Soweit Kinder betroffe n sind, ist dem Kindeswohl im Sinne einer Leitmaxime eine gewichtige Bedeutung zuzumessen, wobei auch wiederum die einzelfallspezifischen Umstände, namentlich das Alter, die Situation im Heimatstaat und die Abhängigkeit zu den Eltern, mass- geblich sind. Der Umstand allein, dass das Kind in einem Staat eine bes- sere Ausganglage hat, reicht selbstredend nicht (vgl. Urteil des EGMR Jeunesse § 73 ff. und § 109). 8.3.5 Vorliegend ist das private Interesse der Beschwerdeführerin am Weiterbestand ihres Familienlebens höher zu werten als das öffentliche Interesse an der Migrationsregulierung. In Bezug auf die privaten Interes- sen der Beschwerdeführerin ist zunächst zu berücksichtigen, dass sie mittlerweile seit dem (...) zusammen mit ihrem Lebenspartner G._______ in der Schweiz lebt. Dieser reiste am (...) in die Schweiz , wurde am (...) von der Vorinstanz als Flüchtling anerkannt und vorläufig aufgenommen und hält sich hierzulande seit mittlerweile über (...) Jahren auf. Da vorlie- gend nicht von einer Aufhebung seines rechtlichen Status auszugehen ist, kann er sich – wie auch der gemeinsame Sohn, der am (...) in die Flüchtlingseigenschaft von G._______ eingeschlossen wurde – auf ein faktisches Aufenthaltsrecht berufen. Zwar könnten die Beschwerdeführe- rin und ihr Partner ihr Recht auf Familienleben grundsätzlich dadurch wahren, dass sie das für eine Familienzusammenführung vorgesehene Verfahren gemäss Art. 44 AuG einleiten (vgl. etwa Entscheid des BVGer E-6059/2017 vom 7. Nov ember 2017 E. 5.3.2). Zudem hält sich die Be- schwerdeführerin erst seit knapp (...) Jahren in der Schweiz auf, wobei ih- re Anwesenheit lediglich zum Zweck der Prüfung ihres Asylgesuchs er- laubt war. Sodann hat sie ihren Partner erst im Verlaufe ihres Asylverf ah- rens in der Schweiz kennengelernt . Es muss ihr und ihrem Partner daher von Anfang an bewusst gewesen sein, dass ein allfällig aufgenommenes Familienleben möglicherweise (einstweilen) nur von vorübergehender Dauer ist. Im Rahmen der Interessenabwägung ist aber auch die Inkauf- nahme der Trennung der Familie, allfällige Kontaktmöglichkeiten in einem D-2490/2015 Seite 22 Drittstaat sowie die Beurteilung des weiteren Verbleibs in der Schweiz angesichts der Situation im Heimatstaat mitzuberücksichtigen. Vorliegend ist festzuhalten, dass ein Wegweisungsvollzug nach China ausgeschlos- sen (vgl. E. 5.5 oben) und infolge der Verletzung der Mitwirkungspflicht vermutungsweise davon auszugehen ist, dass einer Wegweisung in den bisherigen Aufenthaltsstaat – sei es Nepal oder Indien – keine Vollzugs- hindernisse entgegenstehen. Im Falle einer Wegweisung der Beschwer- deführerin würde ihr dadurch ein persönlicher, nicht jedoch ein Kontakt mittels der elektronischen Medien verunmöglicht. Dabei ist aber einerseits zu beachten, dass es angesichts der we iten Entfernung zur Schweiz und des damit verbundenen erhöhten finanziellen und organisatorischen Auf- wandes unbillig erscheint, dass sie de n Ausgang eines allfälligen Famili- enzusammenführungsverfahrens gemäss Art. 85 Abs. 7 AuG in ihrem bisherigen Aufenthaltsstaat abwarten und danach – im Falle eines positi- ven Entscheids – wieder in die Schweiz zurückreisen müsste . Anderer- seits hätte die Wegweisung eine ernsthafte Gefährdung des Kindeswohls zur Folge, zumal den Akten zufolge hauptsächlich die Beschwerdeführ e- rin die Betreuung des gemeinsamen Kindes wahrnimmt und damit die wichtigste Bezugsperson für ihren Sohn darstellt. Ausserdem ist ein Fami- lienleben im bisherigen Aufenthaltsstaat der Beschwerdeführerin als nicht zumutbar einzuschätzen, nachdem ihr Partner vor über (...) Jahren in der Schweiz als Flüchtling anerkannt wurde, sich inzwischen seit knapp (...) Jahren im Land aufhält sowie wirtschaftliche Selbstständigkeit erlangt hat und daher für sich, die Beschwerdeführerin und das gemeinsame Kind aufkommen kann. Aus diesen Gründen kann sich die Beschwerdeführerin auf Art. 8 EMRK berufen beziehungsweise stellte der Vollzug der ange ordneten Wegwei- sung eine Verletzung von Art. 8 EMRK dar. 8.4 Sie ist somit in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, zumal sich aus den Akten keine Gründe für den Ausschluss von der vorläufigen Aufnah- me gemäss Art. 83 Abs. 7 AuG ergeben. Bei dieser Sachlage kann a uf die Prüfung weiterer Wegweisungsvollzugshindernisse verzichtet werden (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung, soweit sie die Frage der Anträge auf Zuerkenn ung der Flüchtlingseigen- schaft, auf Gewährung von Asyl und die Anordnung der Wegweisung als solche betrifft, Bundesrecht nicht verletzt sowie den rechtserheblichen D-2490/2015 Seite 23 Sachverhalt richtig und vollständig feststellt (Art. 106 AsylG). Die Be- schwerde ist daher in soweit abzuweisen. In Bezug auf die beantragte Gewährung der vorläufigen Aufnahme infolge Unzumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs ist sie gutzuheissen. Die Ziffern 4 und 6 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung vom 25. März 2015 sind aufzuheben und das SEM ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin vorläufig aufzunehmen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist von einem teilweisen Obsie- gen der Beschwerdeführenden auszugehen, wobei bei vorliegender Ver- fahrenskonstellation von einem hälftigen Durchdringen a usgegangen wird. Den Beschwerdeführenden wären somit für ihr hälftiges Unterliegen reduzierte Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG, Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG i.V.m. Art. 2, 3 und 5 des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu ndesverwaltungsgericht vom 21. Feb- ruar 2008 [VGKE, SR 173.310.2]). Mit Zwischenverfügung vom 7. Mai 2015 wurde der Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG auf einen spä- teren Zeitpunkt verwiesen. Auch wenn die Beschwerdeführerin keiner Er- werbstätigkeit nachgeht, können die Beschwerdeführenden vorliegend angesichts der ausgewiesenen wirtschaftlichen Selbstständigkeit ihres Lebenspartners und Vaters nicht als bedürftig bezeichnet werden. Nach- dem die Beschwerdeführerin in ihrer Stellungnahme ausführte, dass die- ser in ausreichender Weise und im Wesentlichen für sämtliche Lebens- haltungskosten aufkomme, erschiene es unbillig, wenn sie aus ihrer Be- ziehung zu diesem nur die Vorteile (Berufung auf Art. 8 EMRK) daraus ziehen könnte, aber keine Nachteile (wie beispielsweise die Kostenpflicht) tragen müsste. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess- führung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist demnach abzuweisen. Den Beschwerdeführenden sind die häl ftigen Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 375.– aufzuerlegen. 10.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zu sprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. VGKE). Da den Beschwerdeführenden aus der selbstständigen Führung der Beschwerde keine verhältnismässig hohen Kosten entstanden sind, ist ih nen keine Parteientschädigung aus- zurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-2490/2015 Seite 24 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs gutgeheis- sen. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2. Ziffern 4 und 6 des Dispositivs der Verfügung des SEM vom 25. März 2015 werden aufgehoben. D ie Vorinstanz wird angewiesen, die Be- schwerdeführerin vorläufig aufzunehmen. 3. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen. 4. Die hälftigen Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 375.– werden den Be- schwerdeführenden auferlegt. 5. Eine Parteientschädigung wird nicht entrichtet. 6. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand: