<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">287</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>51 Eingrenzung;</b></span> <span class="ft2"><b>Verhältnismässigkeit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Eine angeordnete Gebietsbeschränkung muss im konkreten Fall geeignet</b></span><br/> <span class="ft2"><b>und erforderlich sein, den angestrebten Zweck zu erreichen (E. II./3.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">21. November 2012 in Sachen Amt für Migration und Integration Kanton Aar-</span><br/> <span class="ft3">gau gegen J.M. betreffend Eingrenzung (1-GB.2012.13).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 74 Abs. 1 lit. a AuG kann die zuständige kantonale</span><br/> <span class="ft1">Behörde einer Person die Auflage machen, ein ihr zugewiesenes</span><br/> <span class="ft1">Gebiet nicht zu verlassen oder ein bestimmtes Gebiet nicht zu</span><br/> <span class="ft1">betreten, wenn die Person keine Kurzaufenthalts-, Aufenthalts- oder</span><br/> <span class="ft1">Niederlassungsbewilligung besitzt und sie die öffentliche Sicherheit</span><br/> <span class="ft1">und Ordnung stört oder gefährdet; diese Massnahme dient insbeson-</span><br/> <span class="ft1">dere der Bekämpfung des widerrechtlichen Betäubungsmittelhandels.</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">288</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer verfügt nicht über eine der drei ge-</span><br/> <span class="ft1">nannten Bewilligungen. Mit Blick auf das Fehlen eines Aufenthaltsti-</span><br/> <span class="ft1">tels ist die Voraussetzung von Art. 74 Abs. 1 lit. a AuG somit erfüllt.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer wurde am 16. August 2012 durch die</span><br/> <span class="ft1">Staatsanwaltschaft M. wegen Hausfriedensbruchs zu einer unbe-</span><br/> <span class="ft1">dingten Freiheitsstrafe von 20 Tagen verurteilt.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund dieses Delikts steht fest, dass der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">die öffentliche Sicherheit und Ordnung gestört hat, weshalb auch</span><br/> <span class="ft1">diese Voraussetzung von Art. 74 Abs. 1 lit. a AuG erfüllt ist.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Wie jede Verfügung muss auch die Anordnung einer Ray-</span><br/> <span class="ft1">onauflage verhältnismässig sein. Nachdem Art. 74 AuG als "Kann-</span><br/> <span class="ft1">Bestimmung" normiert wurde, besteht seitens der anordnenden Be-</span><br/> <span class="ft1">hörde ein Ermessensspielraum sowohl im Hinblick auf die Frage, ob</span><br/> <span class="ft1">eine Rayonauflage überhaupt verfügt und falls ja, auf welches Gebiet</span><br/> <span class="ft1">eine betroffene Person eingegrenzt bzw. aus welchem Gebiet sie</span><br/> <span class="ft1">ausgegrenzt werden soll. Das ihr zustehende Ermessen hat die Be-</span><br/> <span class="ft1">hörde jedoch nicht nach Belieben wahrzunehmen, sondern pflichtge-</span><br/> <span class="ft1">mäss, insbesondere unter Beachtung des Willkürverbotes und des</span><br/> <span class="ft1">Grundsatzes der Verhältnismässigkeit, auszuüben. Im Folgenden ist</span><br/> <span class="ft1">zu klären, ob die Vorinstanz ihr Ermessen korrekt ausgeübt hat.</span><br/> <span class="ft1">Mit andern Worten ist zu prüfen,</span><br/> <span class="ft1">- ob die angeordnete Massnahme geeignet ist, den angestrebten</span><br/> <span class="ft1">Zweck zu erreichen,</span><br/> <span class="ft1">- ob sie erforderlich ist oder ob zur Erreichung des Zweckes</span><br/> <span class="ft1">auch eine mildere Massnahme genügen würde und</span><br/> <span class="ft1">- ob die Massnahme verhältnismässig im engeren Sinne ist, d.h.</span><br/> <span class="ft1">ein überwiegendes öffentliches Interesse an der Massnahme</span><br/> <span class="ft1">besteht.</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Ulrich Häfelin / Georg Müller / Felix Uhlmann, Allgemei-</span><br/> <span class="ft1">nes Verwaltungsrecht, 6.</span> <span class="ft1">Auflage, Zürich/St.</span> <span class="ft1">Gallen 2010,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 581 ff.).</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">289</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Das MIKA begründet die verfügte Eingrenzung auf den Kanton</span><br/> <span class="ft1">Aargau einzig damit, dass der Beschwerdeführer wegen Hausfrie-</span><br/> <span class="ft1">densbruchs zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden sei und führt in</span><br/> <span class="ft1">seiner äusserst knapp gehaltenen Verfügung lediglich pauschal aus,</span><br/> <span class="ft1">die angeordnete Massnahme diene der Erhöhung der öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Sicherheit und Ordnung. Unerwähnt bleibt, dass das Delikt in W.</span><br/> <span class="ft1">(Aargau) begangen wurde.</span><br/> <span class="ft1">Zwar ist grundsätzlich denkbar, dass die Anordnung einer Ein-</span><br/> <span class="ft1">grenzung geeignet sein kann, die öffentlichen Sicherheit und Ord-</span><br/> <span class="ft1">nung zu erhöhen, wenn ein Betroffener zuvor Hausfriedensbruch</span><br/> <span class="ft1">beging. Dies allerdings nur dann, wenn der Betroffene durch die</span><br/> <span class="ft1">Eingrenzung daran gehindert werden soll, sich potentiellen Delikts-</span><br/> <span class="ft1">orten zu nähern. Diese Voraussetzung ist im vorliegenden Fall nicht</span><br/> <span class="ft1">erfüllt. Weder wird der Beschwerdeführer durch die Eingrenzung auf</span><br/> <span class="ft1">das Gebiet des Kantons Aargau gehindert, erneut in W. (Aargau)</span><br/> <span class="ft1">Hausfriedensbruch zu begehen, noch wird in der dürftig begründeten</span><br/> <span class="ft1">Verfügung dargelegt, dass der Beschwerdeführer daran gehindert</span><br/> <span class="ft1">werden müsste, Hausfriedensbruch oder andere Delikte ausserhalb</span><br/> <span class="ft1">des Kantons Aargau zu begehen. Aus den vorliegenden Strafakten</span><br/> <span class="ft1">geht vielmehr hervor, dass es einzig deshalb zu einer Verurteilung</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers kam, weil sich dieser in der kantonalen Asyl-</span><br/> <span class="ft1">bewerberunterkunft in W. aufgehalten hatte, deshalb am 24. Juni</span><br/> <span class="ft1">2012 ein Hausverbot ausgesprochen wurde und der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer trotz Hausverbots am 29. Juli 2012, 19.45 Uhr, erneut in der</span><br/> <span class="ft1">Asylbewerberunterkunft in W. angetroffen wurde.</span><br/> <span class="ft1">Die angeordnete Eingrenzung auf den Kanton Aargau ist des-</span><br/> <span class="ft1">halb weder geeignet, den angestrebten Zweck, d.h. die Verhinderung</span><br/> <span class="ft1">erneuten Hausfriedensbruchs in W., zu erreichen noch erforderlich</span><br/> <span class="ft1">um die öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu erhöhen, da nicht</span><br/> <span class="ft1">ersichtlich ist, inwiefern vom Beschwerdeführer, abgesehen von</span><br/> <span class="ft1">allfälligen weiteren unerlaubten Aufenthalten in der Asylbewerberun-</span><br/> <span class="ft1">terkunft in W., eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ord-</span><br/> <span class="ft1">nung ausgehen würde.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">290</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem die angeordnete Eingrenzung auf das Gebiet des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Aargau weder geeignet noch erforderlich ist, steht fest, dass</span><br/> <span class="ft1">die Verfügung vom 15. Oktober 2012 unverhältnismässig und des-</span><br/> <span class="ft1">halb in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben ist.</span><br/></div> </div> </body> </html>