B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6238/2020 U r t e i l v o m 2 1 . M a i 2 0 2 5 Besetzung Richterin Constance Leisinger (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richterin Regina Derrer, Gerichtsschreiberin Karin Parpan. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 30. Oktober 2020 / N (…). E-6238/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu- folge am 8. September 2018. Am 14. November 2018 sei sie in die Schweiz eingereist, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. B. B.a Am 27. November 2018 fand die Befragung der Beschwerdeführerin zur Person (BzP) statt. Am 18. August 2020 sowie am 14. September 2020 wurde sie – im Sinn einer Fortsetzung der Befragung vom 18. August 2020 – eingehend zu ihren Asylgründen angehört. Dabei machte sie im Wesent- lichen Folgendes geltend: B.b Sie sei Sunnitin und als solche seit dem Jahr 2004 bedroht, nachdem sich die Machtverhältnisse im Irak verschoben hätten. Ihr Ehemann gelte seit April 2009 als verschollen und mehrere ihrer Familienangehörigen seien zwischen 2005 und 2010 getötet worden. Im Jahr 2014 habe sie an- gefangen, sich freiwillig für eine gemeinnützige Organisation in B._______ zu engagieren, die sich unter anderem für Witwen und Waisen ei ngesetzt habe. Als Witwe seien ihr diverse Dinge verwehrt und administrative Ab- läufe erheblich erschwert worden. Sie habe sich deshalb 2018 an De- monstrationen beteiligt, um für ihre Rechte als Witwe und gegen Korruption zu protestieren. Bei einer dieser De monstrationen im Mai 2018 seien sie und ihre Tochter von Sicherheitskräften geschlagen und verletzt worden. In der Folge habe die schiitische Miliz Assaeb Ahel Al Haq einen Drohbrief mit zwei Patronenhülsen in ihrem Hof deponiert. Sie und ihre beiden Kinde r hätten sich deshalb entschlossen, das Haus zu verlassen und zu Verwand- ten zu ziehen. Die Polizei hätten sie nicht informiert, zumal diese von mili- tanten Gruppierungen unterwandert sei. Sie hätten in ständiger Angst ge- lebt, weshalb ihre Kinder sie kurze Zeit später dazu gedrängt hätten, den Irak ganz zu verlassen. Nach ihrer Ausreise habe sich ihre Tochter bei ei- nem Haushaltsunfall Verbrennungen zugezogen. Ihr Sohn habe sich da- rum im April 2019 nach B._______ begeben, um dort Medikamente für die Tochter zu besorgen. Bei seiner Rückreise sei er an einem Checkpoint an- gehalten worden und seither verschollen. B.c Als Nachweis ihrer Identität reichte sie ihre Identitätskarte sowie Ko- pien der Identitätskarten ihrer Kinder, Fotos ihrer Kinder, eine Kopie des Studentenausweises ihrer Tochter, zwei Dokumente ihre Ehe betreffend, eine Vermisstenanzeige in Bezug auf den Ehemann, einen Drohbrief, di- verse Fotos den Unfall und Demonstrationsteilnahmen der Tochter E-6238/2020 Seite 3 betreffend sowie zwei Kopien von Dokumenten aus ihrer Zeit in C._______ und eine Kopie des Todesscheins ihres Schwagers zu den Akten. C. Mit Verfügung vom 30. Oktober 2020 verneinte das SEM die Flüchtlingsei- genschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den Vollzug der Wegwei- sung zugunsten einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz aufschob. D. Die Beschwerdeführerin liess mit Eingabe ihres Rechtsvertreters an das Bundesverwaltungsgericht vom 9. Dezember 2020 Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung erheben. Darin wurde beantragt, die angefoch- tene Verfügung sei aufzuheben und die Sache ans SEM zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts sowie zur Neubeurteilung zurückzuweisen; eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin festzustellen und es sei ihr Asyl zu gewähren; subeventualiter sei sie als Flüchtling anzuerkennen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten, die Beschwerdeführerin sei von der Bezahlung von Verfahrenskosten zu befreien, eventualiter sei eine an- gemessene Frist zur Bezahlung eines Gerichtskostenvo rschusses anzu- setzen. E. Mit Eingabe vom 25. Januar 2021 reichte der Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin die Kopie eines sie betreffenden irakischen Haftbefehls vom 24. Februar 2020 ein. F. Mit Zwischenverfügung vom 2. Februar 2021 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Die Vorinstanz wurde überdies zur Vernehmlassung eingeladen. G. Die Vorinstanz liess sich am 16. Februar 2021 zur Beschwerde vernehmen und hielt dabei vollumfänglich an ihren Erwägungen in der angefochtenen Verfügung fest. E-6238/2020 Seite 4 H. Die Instruktionsrichterin übermittelte der Beschwerdeführerin am 23. Feb- ruar 2021 ein Doppel der Vernehmlassung zusammen mit einer Einladung zur Replik. I. Ihr Rechtsvertreter replizierte mit Eingabe vom 9. März 2021. J. Am 19. September 2024 reichte ihr Rechtsvertreter einen die Beschwerde- führerin betreffenden Arztbericht vom 12. August 2024 ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des A sylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bis zu diesem Zeit- punkt geltende Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Ände- rung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). E-6238/2020 Seite 5 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtli ngseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist sie, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz begründet den ablehnenden Asylentscheid mit der man- gelnden asylrechtlichen Relevanz der Vorbringen der Beschwerdeführerin. Die von ihr geschilderten Probleme stünden im Zusammenhang mit der im Zentral- und Südirak herrschenden Situation allgemeiner Gewalt. Es gebe keine Hinweise darauf, dass sie sich als Demonstrationsteilnehmerin öf- fentlich besonders exponiert hätte und sie dadurch in den Fokus der iraki- schen Behörden hätte geraten können. Der Erhalt eines Drohbriefs der Gruppierung Assaeb Ahel Al Haq sei nicht als zielgerichtete Verfolgung ih- rer Person z u verstehen. Ihre Ausführungen dazu, wie sie von dieser Gruppe identifiziert worden sei, seien nicht überzeugen d ausgefallen. In- sofern sei auch dieser Drohbrief der allgemeinen kriegerischen Situation geschuldet, zumal solche als Einschüchterungsinstrument flächendeckend von derartigen Gruppierungen eingesetzt würden. Der Umstand, dass zwi- schen 2005 und 2010 mehrere ihrer männlichen Familienangehörigen ge- tötet worden oder verschollen seien, sei ebenfalls nicht von asylrechtlicher Relevanz, zumal es diesbezüglich auch an einem zeitlichen und inhaltli- chen Kausalzusammenhang zu ihrer Flucht fehle. Bei dieser Sachlage könne auf eine Auseinandersetzung mit allfällig vorhandenen Unglaubhaf- tigkeitselementen verzichtet werden. E-6238/2020 Seite 6 4.2 4.2.1 In der Beschwerde wird dem zunächst im Wesentlichen entgegenge- halten, die vorinstanzliche Begründung beschränke sich auf eine Seite, wo- mit – angesichts der ausführlichen Schilderungen der Beschwerdeführerin – Grund zur Annahme bestehe, das SEM habe wesentliche Sachverhalts- elemente nicht gewürdigt oder verstanden. Das SEM verweise auf die an- geblich fehlende asylrechtliche Relevanz ihrer Vorbringen, stütze sich hin- sichtlich der angeblich mangelnden Gezieltheit der geltend gemachten Ver- folgung aber ausschliesslich auf Glaubhaftigkeitsaspekte. Die Argumenta- tion, dass es sich beim Drohbrief der schiitischen Miliz Assaeb Ahael Al Haq nicht um eine gezielte Verfolgung handle, sei haltlos, zumal sie im Drohbrief namentlich erwähnt werde. Die Tatsache, dass solche Drohbriefe unter Umständen flächendeckend eingesetzt würden, schliesse die asyl- rechtliche Relevanz dieser Verfolgungshandlung nicht aus. Es überzeuge ausserdem nicht, dass die Vorinstanz ihre jahrelange Verfolgung als Sun- nitin der im Irak herrschenden Situation allgemeiner Gewalt zuschreibe. Sodann habe das SEM ausser Acht gelassen, dass sie über längere Zeit hinweg politisch aktiv gewesen und deshalb auch von den Behörden als Verräterin betrachtet und bedroht worden sei. Anlässlich ihrer letzten De- monstrationsteilnahme sei sie denn auch angegriffen und verletzt worden. 4.2.2 Darüber hinaus werden verschiedene formelle Rügen erhoben: Das SEM habe seine Begründungspflicht und damit den Anspruch der Be- schwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt, indem es mehrere sach- verhaltsrelevante Aspekte in der angefochtenen Verfügung nicht bezie- hungsweise falsch gewürdigt habe , darunter etwa die offensichtliche Ge- zieltheit des Drohbriefs, ihre politischen Aktivitäten für die Rechte von Wit- wen und Waisen sowie die damit zusammenhängenden Bedrohungen und Misshandlungen. Ausserdem sei die Aktenführung mangelhaft, zumal ein im erstinstanzli- chen Verfahren eingereichter Arztbericht nicht auf dem Beweismittelum- schlag, sondern lediglich im Aktenverzeichnis erfasst worden sei. Die Vorinstanz habe sodann die Pflicht zur vollständigen und richtigen Ab- klärung des rechtserheblichen Sachverhalts verletzt. Einerseits habe das SEM missachtet, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt beider Anhö- rungstermine rechtlich vertreten gewesen sei. Ihre vormalige Rechtsvertre- terin sei nicht zur Anhörung eingeladen worden. Die anschliessende Zu- stellung der Anhörungsprotokolle sei nicht geeignet, dieses Versäumnis zu E-6238/2020 Seite 7 heilen. Andererseits habe das SEM in der angefochtenen Verfügung nicht berücksichtigt, dass die Durchführung der beiden Anhörungen mängelbe- haftet gewesen sei. Zunächst sei die erste Anhörung der Beschwerdefüh- rerin erst nach eineinhalb Jahren durchgeführt worden. Diese Anhörung habe zudem erst mit einer Verspätung von zwei Stunden begonnen. Die Anhörung vom 14. September 2020 habe zu lange gedauert. Ausserdem sei auch die Anhörungssituation an sich problematisch gewesen, zumal die Anwesenden aufgrund der Massnahmen im Zusammenhang mit der CO- VID-19-Pandemie auf zwei Räume aufgeteilt gewesen seien. Ein solches Setting begünstige Missverständnisse, zumal die protokollführende Person sich nicht im gleichen Raum aufgehalten habe wie die Beschwerdeführerin, die Befragerin und der Dolmetscher. 4.3 Mit Eingabe vom 25. Januar 2021 wurde eine Kopie eines Haftbefehls vom 24. Februar 2020 zu den Akten gereicht. Ein Verwandter der Be- schwerdeführerin, bei dem sie sich vor ihrer Ausreise zeitweilen aufgehal- ten habe, habe dieses Dokument am 16. Mai 2020 erhalten. 4.4 In ihrer Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, dass die Aktenfüh- rung in Bezug auf den von der Beschwerdeführerin eingereichten Arztbe- richt nicht zu beanstanden sei. Sodann könne sie sich nicht auf eine Miss- achtung des Vertretungsverhältnisses während des erstinstanzlichen Ver- fahrens berufen, zumal ihrer damaligen Rechtsvertreterin die Anhörungs- protokolle mit Gelegenheit zur Stellungnahme übermittelt worden seien. Die damalige Rechtsvertreterin habe den Empfang der Anhörungsproto- kolle unterschriftlich bestätigt und auf eine Stellungnahme verzichtet. Hin- sichtlich des auf Beschwerdeebene eingereichten Haftbefehls vom 24. Februar 2020 lasse sich festhalten, dass solchen lediglich in Kopie vor- liegenden Beweismitteln generell ein geringer Beweiswert zukomme, weil sie leicht zu manipulieren und käuflich zu erwerben seien. Die Beschwer- deführerin habe ausserdem nicht ausgeführt, wie ihr Verwandter diesen Haftbefehl erhalten haben soll. 4.5 In der Replik wird zunächst festgehalten, das SEM habe sich in seiner Vernehmlassung nicht mit den zentralen Ausführungen in der Beschwerde betreffend die gezielte Verfolgung der Beschwerdeführerin auseinanderge- setzt. Zudem werden im Wesentlichen die formellen Rügen betreffend die bemängelte Aktenführung und die Missachtung des Vertretungsverhältnis- ses während des erstinstanzlichen Verfahrens bekräftigt. E-6238/2020 Seite 8 5. 5.1 Nach Durchsicht der Akten ist zu den formellen Rügen und der zur Hauptsache beantragten Rückweisung der Sache an die Vorinstanz Fol- gendes festzuhalten: 5.2 5.2.1 Es trifft zu, dass die Vorinstanz das Asylgesuch der Beschwerdefüh- rerin zwar unter Verweis auf die angeblich mangelnde asylrechtliche Rele- vanz ihrer Vorbringen ablehnte, zur Begrü ndung wesentlicher Sachver- haltsaspekte aber ausschliesslich Glaubhaftigkeitselemente angeführt hat. Gleichzeitig hält die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung fest "bei dieser Sachlage kann darauf verzichtet werden, auf vorhandene Unglaub- haftigkeitselemente in Ihren Vorbringen einzugehen.". In ihrer Vernehmlas- sung hat die Vorinstanz die entsprechenden Einwände in der Beschwerde nicht thematisiert. 5.2.2 Die vorinstanzliche Begründung , die im Übrigen weniger als eine Seite umfasst, überzeugt nicht und verunmöglichte der Beschwerdeführe- rin respektive ihrem Rechtsvertreter letztlich eine sachgerechte Anfech- tung. Das SEM zieht in der angefochtenen Verfügung zur Begründung der angeblich fehlenden asylrechtlichen Relevanz Argumente heran, welche die Glaubhaftigkeit beschlagen. Dabei führt es an, dass "auf diese Art und Weise eine Identifizierung Ihrer Person nicht erfolgt sein kann" weshalb "der Erhalt des Drohbriefes (…) somit aufgrund Ihrer Darstellung nicht als zielgerichtete Verfolgung durch die Assaeb Ahel Al Haq qualifiziert werden [kann]". Dabei verkennt die Vorinstanz insbesondere, dass die Beschwer- deführerin im zum Beweis ihrer Vorbringen eingereichte n Drohbrief na- mentlich erwähnt wird. Im Übrigen entsteht aus der angefochtenen Verfü- gung tatsächlich nicht der Eindruck, die Vorinstanz habe die wesentlichen Vorbringen der Beschwerdeführerin ausreichend berücksichtigt. 5.2.3 Nachdem das SEM in seiner Vernehmlassung vom 16. Februar 2021 nicht auf die gerügte Begründungspflichtverletzung eingegangen ist, ist es nun gehalten, sämtliche relevanten Sachverhaltsaspekte eingehend zu würdigen und einer sachgerechten, kohärenten und rechtlich korrekten Be- gründung zuzuführen. Dabei wird sich die Vorinstanz entweder eindeutig und nachvollziehbar zu allf älligen Glaubhaftigkeitsaspekten äussern oder die angebliche fehlende Zielgerichtetheit der geltend gemachten Verfol- gung geeignet begründen müssen. E-6238/2020 Seite 9 5.3 Soweit darüber hinaus die Anhörungsdauer und deren Durchführung im Kontext der Massnahmen gegen die COVID -19-Pandemie bemängelt werden, ist nicht ersichtlich, inwieweit sich dies zu Ungunsten der Be- schwerdeführerin ausgewirkt haben könnte. Entsprechendes wird sodann in der Beschwerde auch nicht näher konkretisiert. Aus der Missachtung des Vertretungsverhältnisses während des erstinstanzlichen Verfahrens ver- mag die Beschwerdeführerin sodann nichts zu ihren Gunsten abzuleiten, zumal ihrer damaligen Rechtsvertreterin zur Heilung dieses Versäumnis- ses Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt wurde, diese indes aber auf eine solche verzichtete. Die Aktenführung ist ebenfalls nicht zu bean- standen, zumal aus dem Aktenverzeichnis mit genügender Klarheit hervor- geht, dass medizinische Unterlagen zu den Akten gereicht wurden. Aus der Behandlung des Akteneinsichtsgesuchs des R echtsvertreters der Be- schwerdeführerin geht ausserdem hervor, dass das entsprechende Akten- stück ( vgl. SEM-act. A23/4) diesem zugestellt worden ist (vgl. SEM -act. A33/2). 5.4 Nach dem Gesagten steht fest, dass die Vorinstanz gesamthaft be- trachtet ihre Begründungspflicht und damit den Anspruch der Beschwerde- führerin auf rechtliches Gehör verletzt hat. Eine Heilung derartiger Verfah- rensmängel im Rahmen des Beschwerdeverfahrens steht vorliegend trotz der langen Dauer des Beschwerdeverfahrens nicht zur Debatte. 6. 6.1 Die Beschwerde ist nach dem Gesagten im Hauptbegehren gutzuheis- sen. Die angefochtene Verfügung vom 30. Oktober 2020 ist aufzuheben und die Sache zur Weiterführung des Verfahrens im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das SEM hat die Asylgründe der Be- schwerdeführerin unter Berücksichtigung sämtlicher wesentlichen Tatsa- chen und Beweismittel neu zu prüfen respektive zu würdigen und nachvoll- ziehbar zu begründen. 6.2 Vor diesem Hintergrund erübrigt es sich, auf das im Rahmen des Be- schwerdeverfahrens eingereichte neue Beweismittel (Haftbefehl vom 24. Februar 2020) einzugehen, weil dieses ebenfalls Gegenstand des wie- deraufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahrens sein wird und demnach in die Beurteilungskompetenz der Vorinstanz fällt. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). E-6238/2020 Seite 10 7.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regleme nts vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendigen Partei- kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Die von der Vorinstanz zu entrichtende Parteientschädigung wird in Anwendung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessu ngsfaktoren (Art. 7 ff. VGKE) demnach von Amtes wegen auf Fr. 1800.– (inkl. Auslagen) festgelegt. (Dispositiv nächste Seite) E-6238/2020 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinn der Erwägungen gutgeheissen. 2. Die Verfügung vom 30. Oktober 2020 wird aufgehoben und die Sache zur neuen Entscheidung an das SEM zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädig ung von insgesamt Fr. 1800.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Karin Parpan Versand: