<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 42 S.159</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Kantonales Steuerrecht</span> <span class="page_no">159</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>42</b></span> <span class="ft1"><b>Nichtigkeit einer fehlerhaften Verfügung? Rechtliches Gehör.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Nichtigkeit beim Zusammentreffen mehrerer inhaltlicher und ver-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>fahrensmässiger Fehler, zumal wenn zweifelhaft ist, ob die Behörde</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gutgläubig gehandelt hat (Erw. 2, 3).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Handlungen des Gemeindesteueramts sind der Gemeindesteuerkom-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>mission zuzurechnen; Fehler im Veranlagungsverfahren sind gesamt-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>haft zu bewerten (Erw. 3/a).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Die beabsichtigte Veranlagung aufgrund einer Vermögensvergleichs-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>rechnung ist dem Steuerpflichtigen zuvor bekannt zu geben</b></span><br/> <span class="ft1"><b>(Erw. 3/b).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 18. Oktober 2000 in</span><br/> <span class="ft2">Sachen R.H. gegen Entscheid des Steuerrekursgerichts.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2. Zu entscheiden ist, ob die Veranlagungsverfügung vom</span><br/> <span class="ft4">11. Dezember 1997 nichtig ist. Nach der Rechtsprechung des Bun-</span><br/> <span class="ft4">desgerichts und des Verwaltungsgerichts ist die normale Folge der</span><br/> <span class="ft4">Fehlerhaftigkeit von Verfügungen ihre <i>Anfechtbarkeit</i>. Nur aus-</span><br/> <span class="ft4">nahmsweise ist auf Nichtigkeit zu schliessen, so, wenn der Mangel</span><br/> <span class="ft4">besonders schwer wiegt, wenn er offensichtlich oder zumindest</span><br/> <span class="ft4">leicht erkennbar ist und wenn die Rechtssicherheit durch die An-</span><br/> <span class="ft4">nahme der Nichtigkeit nicht ernsthaft gefährdet wird. Als Nichtig-</span><br/> <span class="ft4">keitsgründe fallen hauptsächlich schwere Verfahrensmängel sowie</span><br/> <span class="ft4">die Unzuständigkeit der verfügenden Behörde in Betracht; dagegen</span><br/> <span class="ft4">haben inhaltliche Mängel nur in seltenen Ausnahmefällen die Nich-</span><br/> <span class="ft4">tigkeit einer Verfügung zur Folge (vgl. BGE 122 I 98 f.; 118 Ia 340;</span><br/> <span class="ft4">116 Ia 219; AGVE 1994, S. 217 mit Hinweisen; vgl. auch Max Im-</span><br/> <span class="ft4">boden/René A. Rhinow, Schweizerische Verwaltungsrechtsprechung,</span><br/> <span class="ft4">6. Aufl., Basel/Stuttgart 1986, und René A. Rhinow/Beat Krähen-</span><br/> <span class="ft4">mann, Schweizerische Verwaltungsrechtsprechung, Ergänzungsband,</span><br/> <span class="ft4">Basel/Frankfurt a.M. 1990, je Nr. 40 B IV/V; Ulrich Häfelin/Georg</span><br/> <span class="ft4">Müller, Grundriss des Allgemeinen Verwaltungsrechts, 3. Aufl.,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">160</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Zürich 1998, Rz. 769). Die Grenzziehung zwischen Nichtigkeit und</span><br/> <span class="ft4">Anfechtbarkeit ist nach Massgabe einer teleologischen</span><br/> <span class="ft4">Rechtsauslegung und einer Interessenabwägung vorzunehmen.</span><br/> <span class="ft4">Nichtigkeit tritt erst dann ein, wenn die Verletzung der in Frage</span><br/> <span class="ft4">stehenden Vorschrift schwerer wiegt als die sich aus der</span><br/> <span class="ft4">Unwirksamkeit der Anordnung ergebende Beeinträchtigung der</span><br/> <span class="ft4">Rechtssicherheit und des verfahrensökonomischen staatlichen Inte-</span><br/> <span class="ft4">resses (Imboden/Rhinow und Rhinow/Krähenmann, a.a.O., je Nr. 40</span><br/> <span class="ft4">B IV; vgl. auch AGVE 1978, S. 138 f.; 1975, S. 165). Demgemäss</span><br/> <span class="ft4">hat das Verwaltungsgericht auch schon aufgrund zusätzlicher Argu-</span><br/> <span class="ft4">mente auf Nichtigkeit erkannt, so bei einer Häufung von erheblichen</span><br/> <span class="ft4">formellen und materiellen Mängeln (AGVE 1981, S. 274 f.) und wo</span><br/> <span class="ft4">die verfügende Behörde bewusst und für den Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft4">erkennbar eine rechtswidrige Bewilligung erteilte (VGE III/95 vom</span><br/> <span class="ft4">26. Juni 2000 in Sachen M.F. AG und P.W., S. 16 f.).</span><br/> <span class="ft4">3. a) Die Gemeindesteuer<i>kommission</i> ist zuständig zur Beurtei-</span><br/> <span class="ft4">lung der Steuerpflicht und zur Veranlagung der Einkommens-, Ver-</span><br/> <span class="ft4">mögens- und der Grundstückgewinnsteuer (§ 116 StG); ihr gehört ein</span><br/> <span class="ft4">kantonaler Steuerkommissär von Amtes wegen an (§ 117 Abs. 2</span><br/> <span class="ft4">StG). Daneben besteht in jeder Gemeinde ein Gemeindesteuer<i>amt</i>,</span><br/> <span class="ft4">das u.a. die Veranlagung vorbereitet, zuhanden der Steuerkommis-</span><br/> <span class="ft4">sion eine Voreinschätzung erstellt, im Anschluss an die Veranlagung</span><br/> <span class="ft4">die Steuerbeträge errechnet und die Veranlagungsverfügungen und</span><br/> <span class="ft4">Einspracheentscheide zustellt (§ 119 StG). Das Veranlagungsverfah-</span><br/> <span class="ft4">ren wird in enger Zusammenarbeit zwischen Gemeindesteuerkom-</span><br/> <span class="ft4">mission und -steueramt (das funktionell als zudienendes und ausfüh-</span><br/> <span class="ft4">rendes Organ der Kommission bezeichnet werden kann) durchge-</span><br/> <span class="ft4">führt, das von aussen, speziell aus Sicht der Steuerpflichtigen, als</span><br/> <span class="ft4">einheitliches Handeln erscheint. Diese Sichtweise drängt sich auf,</span><br/> <span class="ft4">wenn es um die Beurteilung von Verfahrensmängeln geht; für die</span><br/> <span class="ft4">veranlagten Steuerpflichtigen sind alle genannten Vorgänge Hand-</span><br/> <span class="ft4">lungen der Steuerbehörde, eine Unterscheidung je nach handelndem</span><br/> <span class="ft4">Organ wäre künstlich und nicht sachgerecht.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Kantonales Steuerrecht</span> <span class="page_no">161</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">b) (Die Steuererklärung des Beschwerdeführers basierte auf</span><br/> <span class="ft4">dem beigelegten, formell ordnungsgemässen Buchhaltungsab-</span><br/> <span class="ft4">schluss.) Der kantonale Steuerkommissär erstellte eine Vermögens-</span><br/> <span class="ft4">vergleichsrechnung, die offensichtliche Fehler und Auslassungen</span><br/> <span class="ft4">enthält. Insbesondere wurde beim Privataufwand der Eigenmietwert</span><br/> <span class="ft4">eingesetzt, obwohl ein grosser Anteil davon schon im Posten "private</span><br/> <span class="ft4">Lebenshaltungskosten gemäss Selbstdeklaration" enthalten war, und</span><br/> <span class="ft4">die Möglichkeit steuerfreier Kapitalgewinne wurde kurzerhand</span><br/> <span class="ft4">verneint, obwohl aus dem Wertschriftenverzeichnis ersichtlich war,</span><br/> <span class="ft4">dass der Beschwerdeführer in den Bemessungsjahren Aktien der</span><br/> <span class="ft4">SBG verkauft hatte, und nicht auszuschliessen, sondern im Gegenteil</span><br/> <span class="ft4">wahrscheinlich war, dass er dabei einen Gewinn erzielt hatte.</span><br/> <span class="ft4">Beabsichtigt die Steuerkommission, die Veranlagung aufgrund</span><br/> <span class="ft4">einer Vermögensvergleichsrechnung vorzunehmen, ist diese dem</span><br/> <span class="ft4">Steuerpflichtigen vorher zur Kenntnis zu bringen und ihm eine Stel-</span><br/> <span class="ft4">lungnahme zu ermöglichen, da der Steuerkommission vollständige</span><br/> <span class="ft4">und gesicherte Erkenntnisse regelmässig abgehen (z.B. hinsichtlich</span><br/> <span class="ft4">steuerfreier Einkünfte). Dieses allgemein übliche Vorgehen wurde</span><br/> <span class="ft4">hier nicht eingehalten.</span><br/> <span class="ft4">Entgegen der Behauptung im Bericht KStA ist es offenkundig,</span><br/> <span class="ft4">dass die Vermögensvergleichsrechnung der Veranlagung nicht bei-</span><br/> <span class="ft4">gelegt wurde. ... Mit den "Details zur Steuerveranlagung" wurde die</span><br/> <span class="ft4">Abweichung von der Steuererklärung wie folgt bekannt gegeben:</span><br/> <br/> <table> <tr> <th><span class="ft2">Bemessungsgrundlage</span></th> <th><span class="ft2">01.01.1993</span></th> <th><span class="ft2">bis</span></th> <th><span class="ft2">31.12.1994</span></th> <th><span class="ft2">Durchschn.</span></th> </tr> <tr> <td><span class="ft2">1 Einkünfte selb. Tätigkeit</span></td> <td><span class="ft2">122'427</span></td> <td></td> <td><span class="ft2">120'152</span></td> <td><span class="ft2">121'289</span></td> </tr> <tr> <td><span class="ft2">Reingewinn/Reinverlust</span></td> <td><span class="ft2">72'427</span></td> <td></td> <td><span class="ft2">70'152</span></td> <td><span class="ft2">71'289</span></td> </tr> <tr> <td><span class="ft2">Div. Aufrechnungen</span></td> <td><span class="ft2">50'000</span></td> <td></td> <td><span class="ft2">50'000</span></td> <td><span class="ft2">50'000</span></td> </tr> </table> <br/> <span class="ft4">Es fehlte mithin jeglicher Hinweis auf die Veranlagung gestützt</span><br/> <span class="ft4">auf eine Vermögensvergleichsrechnung. Vielmehr deutete der auf-</span><br/> <span class="ft4">grund seiner Platzierung im unmittelbaren Anschluss an die Buch-</span><br/> <span class="ft4">haltungsergebnisse aufgeführte Hinweis auf Aufrechnungen darauf</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">162</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">hin, dass bei einzelnen Positionen der <i>Buchhaltung</i> Aufrechnungen</span><br/> <span class="ft4">erfolgt seien.</span><br/> <span class="ft4">Wenn man die erwähnten Verfahrensmängel (insbesondere die</span><br/> <span class="ft4">Bekanntgabe bei der Veranlagung, die geradezu als Verschleierung</span><br/> <span class="ft4">des vorgenommenen Vermögensvergleichs zu bezeichnen ist) in</span><br/> <span class="ft4">Zusammenhang mit den <i>offenkundigen</i> Fehlern bei der Vermögens-</span><br/> <span class="ft4">vergleichsrechnung bringt, kommt der Verdacht auf, die Steuerbe-</span><br/> <span class="ft4">hörde sei sich bewusst gewesen, dass jeder Hinweis an den Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerdeführer, es handle sich um eine Vermögensvergleichsrech-</span><br/> <span class="ft4">nung, diese Fehler auffliegen lassen würde; dies gilt umso mehr, als</span><br/> <span class="ft4">nach den unbestrittenen Ausführungen des Beschwerdeführers schon</span><br/> <span class="ft4">in den Vorperioden der Privataufwand Gegenstand von Abklärungen</span><br/> <span class="ft4">gewesen war, die jeweils mittels Rückfrage beim Treuhänder des</span><br/> <span class="ft4">Steuerpflichtigen vorgenommen wurden. Ein strikter Nachweis ist</span><br/> <span class="ft4">natürlich nicht möglich, und wer das Vorgehen bestimmte, wird sich</span><br/> <span class="ft4">nicht mehr ermitteln lassen, ist aber auch nicht entscheidend (vgl.</span><br/> <span class="ft4">vorne Erw. 3/a).</span><br/> <span class="ft4">c) Die der Steuerbehörde anzulastenden Fehler (grobe Fehler</span><br/> <span class="ft4">bei der Vermögensvergleichsrechnung; Verletzung des Anspruchs auf</span><br/> <span class="ft4">rechtliches Gehör, indem der Beschwerdeführer keine Gelegenheit</span><br/> <span class="ft4">erhielt, zur Vermögensvergleichsrechnung Stellung zu nehmen;</span><br/> <span class="ft4">Eröffnung der Veranlagungsverfügung unter Verschleierung des Um-</span><br/> <span class="ft4">stands, dass diese auf einer Vermögensvergleichsrechnung basierte)</span><br/> <span class="ft4">mögen, je einzeln betrachtet, nicht zur Annahme der Nichtigkeit</span><br/> <span class="ft4">ausreichen. Jeder von ihnen ist allerdings erheblich, und das Zusam-</span><br/> <span class="ft4">mentreffen macht sie besonders gravierend. Dazu tritt der Umstand,</span><br/> <span class="ft4">dass der Beeinträchtigung der Rechtssicherheit und des verfahrens-</span><br/> <span class="ft4">ökonomischen staatlichen Interesses geringeres Gewicht zukommt,</span><br/> <span class="ft4">wenn zweifelhaft ist, ob die Behörde gutgläubig verfügt hat, da be-</span><br/> <span class="ft4">wusstes Fehlverhalten ihr keine Vorteile verschaffen soll; im Übrigen</span><br/> <span class="ft4">sind ausser der Steuerbehörde und dem Beschwerdeführer keine</span><br/> <span class="ft4">Dritten beteiligt, deren Interessen zu berücksichtigen wären.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Kantonales Steuerrecht</span> <span class="page_no">163</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Zusammenfassend erachtet das Verwaltungsgericht die darge-</span><br/> <span class="ft4">stellten Mängel insgesamt für derart gewichtig, dass die Veranla-</span><br/> <span class="ft4">gungsverfügung auf Grundlage der bisherigen Rechtsprechung als</span><br/> <span class="ft4">nichtig zu bezeichnen ist.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>