B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-5101/2020 U r t e i l v o m 2 1 . O k t o b e r 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richterin Daniela Brüschweiler; Gerichtsschreiber Daniel Grimm. Parteien A._______, geboren am (…), Tunesien vertreten durch MLaw Dimitri Witzig, Rechtsschutz für Asyl- suchende, Bundesasylzentrum Region Zürich, Förrlibuckstrasse 110, 8005 Zürich, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 6. Oktober 2020 / (…). F-5101/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reichte am 20. Juli 2020 im Bundesasylzentrum in Zürich ein Asylgesuch ein. Ihre Mutter und die minderjährigen Halbge- schwister ersuchten gleichentags ebenfalls um Asyl (Ref-Nr. […]). Die Ver- fahren wurden in der Folge getrennt geführt. Anlässlich der Personalien- aufnahme vom 24. Juli 2020 gab sie nebst drei tunesischen Reisepapieren auch eine am 30. September 2017 abgelaufene französische Aufenthalts- bewilligung zu den Akten (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 10). B. Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 3. August 2020 gewährte das SEM der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Frank- reichs für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu ei- ner allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. In Bezug auf den abgelaufenen französischen Aufenthaltstitel gab sie an, dort ein Verlängerungsgesuch gestellt zu haben. Hierbei sei ihr eine Bescheini- gung ausgestellt worden, mit welcher sie sich habe ausweisen können. Diese sei mittlerweile abgelaufen. Wegen anderer Papiere, die sie hätte vorlegen müssen und der Corona -Pandemie sei der neue Aufenthaltstitel noch nicht ausgestellt worden, sie habe jedoch ein Recht darauf. Sie werde eine «Carte de séjour» erhalten, welche nicht nur für sie, sondern die ganze Familie gelte. Sodann führte die Beschwerdeführerin aus, in Frank- reich habe der Stiefvater oft ihre Mutter betrogen, geschlagen und sie spä- ter sogar mit dem Tod bedroht. Ferner habe er die minderjährigen Ge- schwister nach Tunesien entführen und sie selber wegen der Beziehung der Mutter zu einer anderen Frau entweder mit ihrem Cousin verheiraten oder umbringen wollen. Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, er- gänzte sie, an Asthma zu leiden und manchmal einen Asthmaspray zu be- nötigen. Zudem würden ihre Finger bei grosser Hitze anschwellen (SEM act. 12). C. Am 7. August 2020 richtete die Vorinstanz an die französischen Behörden ein Informationsersuchen im Sinne von Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o- der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). F-5101/2020 Seite 3 D. Die französischen Behörden bestätigten am 14. August 2020, dass die Be- schwerdeführerin vom 1. Oktober 2016 bis 30. September 2017 im Besitze einer temporären Aufenthaltsbewilligung gewesen sei. Ihr Gesuch um Ver- längerung sei am 15. Mai 2020 abgewiesen worden und für den 16. Okto- ber 2020 sei ein Interview vorgesehen gewesen (SEM act. 18). E. Am 17. August 2020 ersuchte das SEM die französischen Behörden um Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 12 Abs. 4 Dublin -III-VO (SEM act. 20). F. Mit Verfügung vom 24. August 2020 trat die Vorinstanz auf die Asylgesuche der Mutter der Beschwerdeführerin und ihrer Halbgeschwister nicht ein und wies sie nach Frankreich weg. Die Betroffenen habe n die ihnen zugewie- sene Unterkunft danach verlassen und gelten seit dem 1. September 2020 als unbekannten Aufenthalts. G. Vom 21. August 2020 bis 31. August 2020 befand sich die Beschwerdefüh- rerin im Rahmen einer Krisenintervention in der Integrierten Psychiatrie X._______ in stationärer Behandlung. Im Anschluss daran erschien sie am 8. September 2020 beim Stadtärztlichen Dienst der Stadt Zürich zu einem psychiatrischen Konsilium (SEM act. 23 und 24). Am 11. September 2020 reichte die zugewiesene Rechtsvertretung einen ärztlichen Bericht vom 9. September 2020 nach (SEM act. 25). H. Die französischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen vom 17. August 2020 am 5. Oktober 2020 gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-IIl- VO zu (SEM act. 26). I. Mit Verfügung vom 6. Oktober 2020 (eröffnet am 7. Oktober 2020) trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte ihre Überstel- lung nach Frankreich und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kanton Zürich mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte der Beschwer- deführerin die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und F-5101/2020 Seite 4 stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 29). J. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 14. Oktober 2020 beantragt die Beschwerdeführerin, die angefochtene Verfügung sei aufzu- heben und das SEM anzuweisen, auf ihr Asylgesuch einzutreten; eventu- aliter sei die Sache zur vollständigen Sachverhalt sabklärung an die Vor - instanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht sie um Erteilung der aufschiebenden Wirkung, Erlass vorsorglicher Massnahmen, Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses (BVGer act. 1). K. Am 15. Oktober 2020 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2). Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten der Vorin - stanz in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge- nommen, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufheb ung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). F-5101/2020 Seite 5 2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver- fahren einzelrichterl icher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch- führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1 Mit Beschwerde in Asyls achen kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.H.). 4. In formeller Hinsicht rügt der Parteivertreter , die angefochtene Verfügung sei unzureichend begründet, weil sich die Vorinstanz nur sehr knapp zur Thematik der drohenden Zwangsheirat geäussert habe. Was die Begrün- dungspflicht gemäss Art. 35 VwVG anbelangt, so soll sie den Betroffenen in die Lage versetzen, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Die Be- hörde hat kurz die wesentlichen Überlegungen zu nennen, von de nen sie sich leiten liess und auf die sie ihren Entscheid stützt. Dabei ist sie nicht gehalten, zu jedem Argument der Partei explizit Stellung zu nehmen. Es genügt, wenn aus der Gesamtheit der Begründung implizit hervorgeht, weshalb das Vorgebrachte als un richtig oder unwesentlich übergangen wird (vgl. BGE 137 II 266 E. 3.2 m.H.; BVGE 2012/24 E. 3.2). Das SEM hat die diesbezüglichen Befürchtungen der Beschwerdeführerin in der ange- fochtenen Verfügung wiedergegeben (S. 4 oben) und dazu inhaltlich – wenn auch kurz – Stellung genommen (S. 6 oben), womit es seiner Be- gründungspflicht hinreichend nachgekommen ist. Für eine Rückweisung an die Vorinstanz besteht daher kein Anlass. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des F-5101/2020 Seite 6 Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Du blin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung d ieses Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan- trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dub- lin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem die betref- fende Person erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat geste llt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnah- meverfahrens («take back») findet demgegenüber grundsätzlich keine (er- neute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.). 5.3 Besitzt ein Antragsteller einen gültigen Aufenthaltstitel, so ist gemäss Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO derjenige Mitgliedstaat für die Prüfung des An- trags auf internationalen Schutz zuständig, der den Aufenthaltstitel ausge- stellt hat. Falls der Aufenthaltstitel seit weniger als zwei Jahren abgelaufen ist, gelangt Art. 12 Abs. 1 Dublin -III-VO ebenfalls zur Anwendung, sofern der Antragsteller das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten nicht verlassen hat (Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO). Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchen- den kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 6. 6.1 Den vorinstanzlichen Akten ist zu entnehmen, dass die Beschwerde- führerin in Frankreich vom 1. Oktober 2016 bis 30. September 2017 im Be- sitze einer befristeten Aufenthaltsbewilligung war. Ihr Gesuch um Verlän- gerung der Aufenthaltsbewilligung wurde am 15. Mai 2020 abgewiesen. Ein Gespräch hierzu wäre für den 16. Oktober 2020 vorgesehen gewesen (SEM act. 15 und 18). Aktenkundig ist ferner, dass die Beschwerdeführerin nach Einreichung des Verlängerungsgesuches eine Bescheinigung erhielt, F-5101/2020 Seite 7 mit welcher sie sich jeweils ausweisen konnte . Die französischen Behör- den haben ihr die Anwesenheit auf ihrem Staatsgebiet während der Hän- gigkeit des Verlängerungsver fahrens bis zum 15. Mai 2020 mithin aus- drücklich erlaubt und dies in der Antwort auf das Informationsersuchen be- stätigt (SEM act. 18) , was als «gültiger Aufenthaltstitel» im Sinne von Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO ausreicht. Anders verhielte es sich, wenn die Betroffene sich nach Ablauf der erteilten Aufenthaltsbewilligung illegal im betreffenden Mitgliedstaat aufgehalten hätte, was hier nicht der Fall ist (zum Ganzen vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018, N. 16 – 18 zu Art. 12 Dublin-III-VO). Aufgrund der korrekt übermittelten Angaben haben sich die französischen Behörden am 5. Oktober 2020, gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin -III-VO, denn auch mit der Übernahme der Beschwerdeführerin einverstanden er- klärt (SEM act. 26). Die grundsätzliche Zuständigkeit Frankreich ist somit gegeben, weshalb dem Eventualbegehren um Rückweisung der Angele- genheit an die Vorinstanz zwecks Klärung des Aufenthaltsrechts nicht statt- zugeben ist. 6.2 Nachfolgend ist demnach im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO zu prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Frankreich würden systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch- lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU - Grundrechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist. 7. 7.1 Frankreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht linge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver- pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner- kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt- linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber- kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie) ergeben. F-5101/2020 Seite 8 7.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin - III-VO nicht gerechtfertigt. 8. 8.1 In der Rechtsmitteleingabe vom 14. Oktober 2020 führt die Beschwer- deführerin hierzu aus, eine Wegweisung nach Frankreich erweise sich auf- grund der ihr dort drohenden Zwangsheirat mit ihrem Cousin als unzulässig und verstosse gegen Art. 3 EMRK. Ebenso fürchte sie sich vor Gewalt sei- tens des Stiefvaters und ihres leiblichen Vaters sowie vor einer möglichen Verschleppung. Die Fachstelle für Zwangsheirat komme zum Schluss, dass für eine junge Frau aus Tunesien in Frankreich diesbezüglich ein un- genügender Schutz bestehe. Damit einher gehe eine Verschlechterung ih- res Gesundheitszustandes. Die Angst vor der drohenden Zwangsheirat sei ursächlich für den zehntägigen stationären Aufenthalt in der Integrierten Psychiatrie X._______ gewesen. Aufgrund ihrer Erlebnisse würde eine Überstellung nach Frankreich zu einer Re-Traumatisierung und einer mas- siven psychischen Destabilisierung führen, weshalb eine Wegweisung auch deshalb unzulässig sei und einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar- stellte. 8.2 Wie die Vorinstanz zutreffend festhält, steht es der Beschwerdeführerin nach erfolgter Überstellung nach Frankreich offen, dort um Asyl nachzusu- chen und damit Zugang zu den asylrechtlichen Aufnahmestrukturen zu er- halten bzw. den bisherigen Aufenthaltsstatus zu regeln oder zu klären. Die Betroffene hat in diesem Zusammenhang kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, die französischen Behörden würden sich weigern, sie wie- der aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Ein- haltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Frankreich werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non -Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Gr und nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu wer- den. Ausserdem hat die Beschwerdeführerin nicht dargetan, die sie bei ei- ner Rückführung erwartenden Bedingungen in Frankreich s eien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU -Grund- rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. 8.3 Des Weiteren gibt es auch keine Hinweise für die Annahme, Frankreich würde der Beschwerdeführerin dauerhaft di e ihr gemäss Aufnahmerichtli- nie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer F-5101/2020 Seite 9 allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte sie sich nötigenfalls an die französischen Behörden wenden und die ihr zustehenden Aufnahme- bedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtli- nie). Das Bundesverwaltungsgericht geht trotz der Kritik am französischen Asylsystem davon aus, dass Asylsuchende in Frankreich die von der Auf- nahmerichtlinie garantierten Grundleistungen erhalten und dort keine un- menschliche oder erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK zu befürchten haben (vgl. etwa Urteile des BVGer F -4121/2020 vom 25. Au- gust 2020 E. 5.2, E-3733/2020 vom 31. Juli 2020 E. 6.3 oder F-282/20202 vom 23. Januar 2020 E. 7.3). 8.4 Insoweit die Beschwerdeführerin Furcht vor Zwangsheirat, Verschlep- pung ins Heimatland und Übergriffen durch Familienangehörige geltend macht, kann sie sich diesbezüglich an die französische Polizei wenden und um Schutz ersuchen. Frankreich ist ein Rechtsstaat, welcher über ein funk- tionierendes Justiz- und Polizeisystem verfügt. Es liegen keine Hinweise vor, dass die Sicherheitsbehörden der Beschwerdeführerin einen allenfalls notwendigen Schutz gegen Übergriffe durch Familienangehörige oder Landsleute verwehren würden. Die mündlich wiedergegebene Einschät- zung der Fachstelle Zwangsheirat ändert, da die grundsätzliche Problema- tik betreffend und nicht auf den Einzelfall Bezug nehmend, nichts. Es wer- den somit keine Umstände vorgetragen, welche bei der vorliegenden Be- urteilung relevant wären. 8.5 Die Beschwerdeführerin beruft sich ferner darauf, ihr Gesundheitszu- stand stehe einer Überstellung entgegen. Was den medizinischen Sach- verhalt anbelangt, so kann eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemesse- ner medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko kon- frontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Ver- schlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar- tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. De- zember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 8.6 Eine solche Situation liegt nicht vor. Am 7. August 2020 stellte das Am- bulatorium Kanonengasse bei der Beschwerdeführerin Asthma bronchiale, Kurzsichtigkeit und Angststörungen fest, worauf ihr ein Antiasthmatikum verschrieben wurde (SEM act. 17). Vom 21. August 2020 bis 31. August F-5101/2020 Seite 10 2020 befand sie sich in stationärer psychiatrischer Behandlung. Der ent- sprechende Kurzaustrittsbericht der Integrierten Psychiatrie X._______ di- agnostizierte bei ihr Anpas sungsstörungen mit beginnender depressiver Störung, die durch verschiedene psychosoziale Belastungssituationen (vornehmlich im familiären Umfeld) ausgelöst worden seien. Es sei eine weitere Unterstützung durch die psychiatrische Spitex indiziert, um die Ent- wicklung einer depressiven Störung und die Notwendigkeit einer medika- mentösen antidepressiven Behandlung zu verhindern (SEM act. 23 und 24). Am 8. September 2020 fand sich die Beschwerdeführerin danach zu einem psychiatrischen Konsilium beim Stadtärztlichen Dienst der Stadt Zü- rich ein. Die behandelnde Ärztin bestätigte hierbei die bereits diagnosti- zierte Anpassungsstörung und stellte eine beginnende depressive Störung, differenzialdiagnostisch auch eine rezidivierende depressive Störung, fest. Ihr aktueller Zustand entspreche dem Bild einer mindestens leichtgradig depressiven Episode. Für das weitere Prozedere wurde der Beschwerde- führerin empfohlen, die bisherige Medikation (ein pflanzliches Arzneimittel gegen Verstimmungszustände, ein pflanzliches Sedativu m) fortzuführen. Bei Bedarf falle zudem die Einnahme eines Antidepressivums in Betracht. Sodann wurde ihr geraten, angenehmen Aktivitäten nachzugehen und bei Stabilisierung und Klärung der Aufenthaltssituation eine psychotherapeuti- sche Behandlung anzufangen (SEM act. 24). Der vom Parteivertreter nach- gereichte Arztbericht vom 9. September 2020 deckt sich weitgehend mit dem Befund zum psychiatrischen Konsilium (SEM act. 25). Seither sind keine medizinischen Unterlagen hinzugekommen. Aus den in den akten- kundigen Arztberichten figurierenden Diagnosen ergibt sich mithin, dass sich die Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht nicht zwingend in der Schweiz aufhalten muss, sondern eine adäquate Behandlung der festge- stellten Leiden in Frankreich möglich ist. Wie erwähnt, wird sie medikamen- tös versorgt und auch die sonstigen ärztlichen Anordnungen lassen erken- nen, dass keine akute bzw. schwere Erkrankung vorliegt, welche der Über- stellung entgegenstehen würde. Dementsprechend gelingt es de r Be- schwerdeführerin nicht nachzuweisen, dass sie nicht reisefähig sei oder eine Überstellung nach Frankreich ihre Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Ihr Gesundheitszustand vermag eine Unzulässigkeit im Sinne die- ser restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. Die in diesem Zu- sammenhang zitierten Urteile D -768/2018 und F -3457/2019 lassen sich nicht heranziehen, kann aufgrund der anlässlich des Dublin-Gesprächs ge- schilderten Vorgeschichte (siehe SEM act. 12) bei einer Wegweisung nach Frankreich doch nicht von einer Re-Traumatisierung ausgegangen werden. F-5101/2020 Seite 11 8.7 Im Übrigen verfügt Frankreich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe- ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigen- falls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine Hinweise vor, wonach Frank- reich der Beschwerdeführerin eine adäquate medizinische Behandlung (konkret Fortführung der Medik ation, allenfalls psychotherapeutische Be- treuung) verweigern würde. 8.8 Anzumerken gilt es darüber hinaus, dass die schweizerischen Behör- den, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modali- täten der Überstellung der Beschwerdeführenden Rechnung tragen und die französischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spe- zifischen medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin -III- VO). Dies ist vorliegend geschehen, sind die jeweiligen Diagnosen (Angst- störungen, «andere Angststörungen», Vitamin -D-Mangel, Asthma, Kurz- sichtigkeit) in den Überstellungsmodalitäten doch aufgelistet (SEM act. 30). 8.9 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der Anwendung von Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel- raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die- sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über - respektive Un- terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des- halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 8.10 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er- messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Frankreich der für die Behandlung des Asylgesuches der Beschwerdeführerin zuständige Mit- gliedstaat gemäss Dublin-III-VO. 9. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf d as Asylgesuch der Beschwerdeführe rin nicht eingetreten. Da F-5101/2020 Seite 12 sie nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilli- gung ist, wurde die Überstellung nach Frankreich in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 10. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen u nd die Verfügung des SEM zu bestätigen. 11. Der am 15 . Oktober 2020 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegen- dem Urteil dahin. 12. Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Rechtspflege und Verzicht auf die Erhebung eines Koste nvorschus- ses ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Er- wägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind, weshalb die Vor - aussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Die Verfahrens- kosten sind daher der Beschwerdeführerin a ufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des Regle- ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Dispositiv Seite 13 F-5101/2020 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Regula Schenker Senn Daniel Grimm Versand: F-5101/2020 Seite 14 Zustellung erfolgt an: – den Parteivertreter der Beschwerdeführerin (Einschreiben; Beilage: Einzahlungsschein) – das SEM, Bundesasylzentrum Zürich – Duttweiler – das Migrationsamt des Kantons Zürich (in Kopie)