<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para"> </div> <div class="para">Bundesgericht </div> <div class="para">Tribunal fédéral </div> <div class="para">Tribunale federale </div> <div class="para">Tribunal federal </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <img height="74" src="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/displayimage.php?id=2024-03-25-6B_433-2023.1&amp;type=gif" width="95"/> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>6B_433/2023</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Urteil vom 25. März 2024</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>I. strafrechtliche Abteilung</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Besetzung </div> <div class="para">Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari, Präsidentin, </div> <div class="para">Bundesrichter Denys, </div> <div class="para">Bundesrichter Rüedi, </div> <div class="para">Bundesrichter Muschietti, </div> <div class="para">Bundesrichterin van de Graaf, </div> <div class="para">Gerichtsschreiber Matt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Verfahrensbeteiligte </div> <div class="para">A.________, </div> <div class="para">vertreten durch Advokat Alain Joset, </div> <div class="para">Beschwerdeführer, </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <i>gegen</i> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">1. Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern, Nordring 8, Postfach, 3001 Bern, </div> <div class="para">2. Bewährungs- und Vollzugsdienste des Kantons Bern, </div> <div class="para">Südbahnhofstrasse 14d, Postfach, 3001 Bern, </div> <div class="para">Beschwerdegegner. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Gegenstand </div> <div class="para">Haftentschädigung, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Beschwerde gegen den Beschluss des Obergerichts des Kantons Bern, Beschwerdekammer in Strafsachen, vom 10. Februar 2023 (BK 22 280). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Sachverhalt:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.a.</b> Das Kreisgericht VI Signau-Trachselwald verurteilte A.________ am 23. Januar 2009 wegen mehrfacher sexueller Nötigung, mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind und Pornografie zu einer Gefängnisstrafe von 14 Monaten und ordnete eine ambulante Massnahme während und nach dem Vollzug an. </div> <div class="para">Am 14. September 2010 ordnete das Kreisgericht VI auf Antrag von A.________ nachträglich eine stationäre therapeutische Massnahme nach <span class="artref">Art. 59 StGB</span> an. Die Strafe von 14 Monaten wurde aufgeschoben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.b.</b> In einem zweiten Strafverfahren verurteilte das Obergericht des Kantons Bern A.________ am 8. Dezember 2010 zweitinstanzlich wegen mehrfacher Vergewaltigung, mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern, mehrfachen Inzests, Pornografie, Drohung und mehrfacher einfacher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren, teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil des Kreisgerichts VI vom 23. Januar 2009. Es schob die Freiheitsstrafe auf und ordnete eine stationäre therapeutische Massnahme gemäss <span class="artref">Art. 59 StGB</span> an. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.c.</b> Mit Verfügung vom 22. Dezember 2010 legte die damalige Vollzugsbehörde den Vollzug der erwähnten stationären Massnahmen, die das Kreisgericht VI und das Obergericht angeordnet hatten, zusammen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.d.</b> Das Regionalgericht Emmental-Oberaargau verlängerte die stationäre therapeutische Massnahme am 10. Juni 2015 um 4 Jahre und am 19. August 2019 um weitere 2 Jahre. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.</b> </div> <div class="para">Mit Verfügung vom 28. Juli 2021 hob die Vollzugsbehörde die stationäre therapeutische Massnahme infolge Aussichtslosigkeit auf. Am 30. August 2021 beantragte sie die Verwahrung von A.________. </div> <div class="para">Mit Beschluss vom 27. April 2022 ordnete das Regionalgericht Emmental-Oberaargau in einem nachträglichen gerichtlichen Verfahren nach <span class="artref">Art. 363 ff. StPO</span> die Verwahrung an. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>C.</b> </div> <div class="para">Die dagegen gerichtete Beschwerde von A.________ hiess das Obergericht des Kantons Bern mit Beschluss vom 10. Februar 2023 teilweise gut und wies den Antrag auf Verwahrung ab. Es ordnete eine ambulante therapeutische Massnahme gemäss <span class="artref">Art. 63 StGB</span> samt Bewährungshilfe und Kontaktverbot zu Minderjährigen an. Schliesslich ordnete es Sicherheitshaft an bis zum effektiven Antritt der Massnahme, längstens aber bis zum 31. März 2023. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>D.</b> </div> <div class="para">A.________ beantragt mit Beschwerde in Strafsachen, der obergerichtliche Beschluss sei insofern abzuändern, als der Kanton Bern zu verpflichten sei, ihm für unrechtmässigen Freiheitsentzug mindestens Fr. 122'200.-- zu bezahlen. Eventualiter sei die Sache zur Festsetzung einer angemessenen Entschädigung an das Obergericht zurückzuweisen. Er ersucht um unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung. </div> <div class="para">Die Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern verzichtet auf eine Vernehmlassung, ebenso das Obergericht, das auf Abweisung der Beschwerde schliesst. Das Amt für Justizvollzug, Bewährungs- und Vollzugsdienste des Kantons Bern beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen. Die Vernehmlassungen wurden dem Beschwerdeführer zur Kenntnis gebracht. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Erwägungen:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Der Beschwerdeführer fordert gestützt auf <span class="artref">Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO</span> und <span class="artref">Art. 5 Ziff. 5 EMRK</span> eine Entschädigung für unrechtmässigen Freiheitsentzug für die Zeit nach Aufhebung der stationären therapeutischen Massnahme infolge Aussichtslosigkeit per 29. Juli 2021 bis zum Tag der vorinstanzlichen Hauptverhandlung am 8. Februar 2023. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.1.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.1.1.</b> Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird das Verfahren gegen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf Genugtuung für besonders schwere Verletzungen ihrer persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug (<span class="artref">Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO</span>). Sind gegenüber der beschuldigten Person rechtswidrig Zwangsmassnahmen angewandt worden, so spricht ihr die Strafbehörde eine angemessene Entschädigung und Genugtuung zu (<span class="artref">Art. 431 Abs. 1 StPO</span>). Im Fall von Untersuchungs- und Sicherheitshaft besteht ein Anspruch auf angemessene Entschädigung und Genugtuung, wenn die zulässige Haftdauer überschritten ist und der übermässige Freiheitsentzug nicht an die wegen anderer Straftaten ausgesprochenen Sanktionen angerechnet werden kann (<span class="artref">Art. 431 Abs. 2 StPO</span>). </div> <div class="para">Die Ansprüche aus <span class="artref">Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO</span> und <span class="artref">Art. 431 Abs. 2 StPO</span> setzen je voraus, dass die Haft unter Einhaltung der formellen und materiellen Vorgaben angeordnet wurde. Die beiden Bestimmungen grenzen sich jedoch nach ihrem klaren Wortlaut durch die Verfahrensfolgen ab. So kommt <span class="artref">Art. 431 Abs. 2 StPO</span> im Gegensatz zu <span class="artref">Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO</span> immer im Zusammenhang mit einer ausgesprochenen Sanktion zur Anwendung (Urteil 6B_375/2018 vom 12. August 2019 E. 2.4, nicht publ. in: <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=30&amp;from_date=21.03.2024&amp;to_date=09.04.2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-IV-359%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page359">BGE 145 IV 359</a>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.1.2.</b> Die Genugtuung nach <span class="artref">Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO</span> bezweckt einen Ausgleich für erlittene Unbill. Eine rechtswidrige Zwangsmassnahme ist nicht vorausgesetzt. Der Anspruch besteht allein aufgrund des späteren Freispruchs oder der Verfahrenseinstellung, auch wenn die Zwangsmassnahme zum Zeitpunkt ihrer Anordnung rechtmässig war. <span class="artref">Art. 429 StPO</span> kommt auch bei einem Teilfreispruch oder einer teilweisen Verfahrenseinstellung zur Anwendung und es ist zu prüfen, in welchem Umfang die beschuldigte Person zu entschädigen oder ihr eine Genugtuung zuzusprechen ist (WEHRENBERG/FRANK, Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2023, N. 5 ff. und N. 26 ff. zu <span class="artref">Art. 429 StPO</span>). </div> <div class="para"><span class="artref">Art. 431 Abs. 2 StPO</span> regelt den Fall der sogenannten Überhaft. Eine solche liegt vor, wenn die Haft zwar rechtmässig angeordnet wurde, aber länger dauerte als die ausgefällte Sanktion. Bei Überhaft nach <span class="artref">Art. 431 Abs. 2 StPO</span> ist also nicht die Haft per se, sondern nur ihre Länge ungerechtfertigt. Sie wird erst im Nachhinein übermässig, das heisst nach Fällung des Urteils (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=30&amp;from_date=21.03.2024&amp;to_date=09.04.2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-236%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page236">BGE 141 IV 236</a> E. 3.2; Urteile 6B_375/2018 vom 12. August 2019 E. 2.5, nicht publ. in: <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=30&amp;from_date=21.03.2024&amp;to_date=09.04.2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-IV-359%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page359">BGE 145 IV 359</a>; 6B_632/2017 vom 22. Februar 2018 E. 1.5; 6B_1076/2016 vom 12. Januar 2017 E. 3.2). <span class="artref">Art. 431 Abs. 2 StPO</span> stellt die Grundregel auf, dass Überhaft nur zu entschädigen ist, wenn sie nicht an die wegen anderer Straftaten ausgesprochenen Sanktionen angerechnet werden kann, was im Einklang mit der im Kern kongruenten Regel von <span class="artref">Art. 51 StGB</span> steht (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=30&amp;from_date=21.03.2024&amp;to_date=09.04.2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-236%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page236">BGE 141 IV 236</a> E. 3.3; Urteil 6B_375/2018 vom 12. August 2019 E. 2.5, nicht publ. in: <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=30&amp;from_date=21.03.2024&amp;to_date=09.04.2024&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-IV-359%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page359">BGE 145 IV 359</a>). Der Anspruch nach <span class="artref">Art. 431 Abs. 2 StPO</span> entfällt zudem, wenn die beschuldigte Person zu einer Geldstrafe, zu gemeinnütziger Arbeit oder zu einer Busse verurteilt wird, die umgewandelt eine Freiheitsstrafe ergäbe, die nicht wesentlich kürzer wäre als die ausgestandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft (<span class="artref">Art. 431 Abs. 3 lit. a StPO</span>), oder wenn die beschuldigte Person zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt wird, deren Dauer die ausgestandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft überschreitet (<span class="artref">Art. 431 Abs. 3 lit. b StPO</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.1.3.</b> Mit <span class="artref">Art. 364a ff. StPO</span> hat der Gesetzgeber per 1. März 2021 eine explizite gesetzliche Grundlage für die Anordnung von Sicherheitshaft im Verfahren auf Erlass eines selbstständigen nachträglichen Entscheids nach <span class="artref">Art. 363 ff. StPO</span>, sog. vollzugsrechtliche Sicherheitshaft, geschaffen. </div> <div class="para">Demnach kann die Behörde, die für die Einleitung des Verfahrens auf Erlass eines selbständigen nachträglichen Entscheids des Gerichts zuständig ist, die verurteilte Person festnehmen lassen, wenn ernsthaft zu erwarten ist, dass: gegen die Person der Vollzug einer freiheitsentziehenden Sanktion angeordnet wird; und die Person sich deren Vollzug entzieht, oder erneut ein Verbrechen oder ein schweres Vergehen begeht (<span class="artref">Art. 364a Abs. 1 StPO</span>). Das Verfahren richtet sich sinngemäss nach den Artikeln 222-228 StPO (<span class="artref">Art. 364a Abs. 2 StPO</span>). </div> <div class="para">Die Verfahrensleitung kann die verurteilte Person unter den Voraussetzungen von Artikel 364a Absatz 1 StPO festnehmen lassen (<span class="artref">Art. 364b Abs. 1 StPO</span>). Sie führt in sinngemässer Anwendung von Artikel 224 StPO ein Haftverfahren durch und beantragt dem Zwangsmassnahmengericht beziehungsweise der Verfahrensleitung des Berufungsgerichts die Anordnung der Sicherheitshaft. Das Verfahren richtet sich sinngemäss nach den Art. 225 und 226 (Abs. 2) StPO. Bei vorbestehender Sicherheitshaft richtet sich das Verfahren sinngemäss nach Artikel 227 StPO. Im Übrigen gelten die Artikel 222 und 230-233 StPO sinngemäss (<span class="artref">Art. 364b Abs. 3 und Abs. 4 StPO</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.2.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.2.1.</b> Im vorliegenden Fall wurde die stationäre therapeutische Massnahme infolge Aussichtslosigkeit am 28. Juli 2021 aufgehoben. Anschliessend befand sich der Beschwerdeführer vom 29. Juli 2021 bis zur vorinstanzlichen Verhandlung am 8. Februar 2023 während 559 Tagen in Sicherheitshaft. Dies zunächst auf Anordnung der Vollzugsbehörde nach <span class="artref">Art. 364a StPO</span> und später auf Antrag des Regionalgerichts Emmental-Oberaargau durch das zuständige Zwangsmassnahmengericht gestützt auf <span class="artref">Art. 364b StPO</span> bis 30. April 2022. Am 25. August 2022 ordnete die Vorinstanz Sicherheitshaft an, die sie im angefochtenen Beschluss längstens bis zum 31. März 2023 verlängerte, damit ein ambulanter Rahmen samt Überwachung geschaffen werden konnte. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.2.2.</b> Die Vorinstanz erwägt, die stationäre therapeutische Massnahme sei am 28. Juli 2021 aufgehoben worden. Danach sei für die Dauer des erstinstanzlichen Verfahrens Sicherheitshaft angeordnet worden. Im Beschluss vom 27. April 2022 ordnete die Erstinstanz die Verwahrung an. Die Vorinstanz nahm an, dass die Beschwerde keine aufschiebende Wirkung hatte und die erstinstanzlich angeordnete Verwahrung einen Hafttitel für den weiteren Freiheitsentzug darstellt. Dennoch beantragte der Präsident der Beschwerdekammer am 23. August 2022 vorsorglich Sicherheitshaft bei der Verfahrensleitung des Berufungsgerichts, die mit Verfügung vom 25. August 2022 bewilligt wurde. </div> <div class="para">Die Rüge des Beschwerdeführers ist begründet. Wie die I. öffentlich-rechtliche Abteilung des Bundesgerichts im Urteil 1B_375/2022 vom 4. August 2022 entschieden hat, kommt der Beschwerde im Verfahren bei selbständigen Entscheiden des Gerichts - der Entscheid über die Anordnung der Verwahrung stellt ein solches Verfahren dar - von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zu. Andernfalls würde die am 1. März 2021 in Kraft getretene Regelung von <span class="artref">Art. 364a StPO</span> ihres Sinnes entleert. Nachdem somit die Sicherheitshaft erstinstanzlich am 8. Dezember 2021 durch das Zwangsmassnahmengericht bis längstens am 30. April 2022 angeordnet wurde, und der Beschwerdeführer am 23. Juni 2022 gegen den Beschluss vom 27. April 2022, womit die Erstinstanz die Verwahrung angeordnet hatte, rekurrierte, bestand ab dem 1. Mai 2022 bis zur Anordnung von Sicherheitshaft durch die Vorinstanz am 25. August 2022 kein Hafttitel. Es besteht für die I. strafrechtliche Abteilung des Bundesgerichts kein Anlass, auf diese Rechtsprechung zurückzukommen bzw. davon abzuweichen. Die Inhaftierung des Beschwerdeführers ist damit für den vorerwähnten Zeitraum als formell rechtswidrig zu qualifizieren. Danach bestand hingegen ein gültiger Hafttitel in Form der Anordnung gemäss Verfügung der Vorinstanz vom 25. August 2022. </div> <div class="para">Nach dem Gesagten wird sich die Vorinstanz, an welche die Sache zu diesem Zweck zurückzuweisen ist, zum Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Haftentschädigung nach <span class="artref">Art. 431 Abs. 1 StPO</span> zu äussern bzw. diese festzusetzen haben. Auf ihre übrigen Erwägungen und die diesbezüglichen Vorbringen des Beschwerdeführers braucht nicht eingegangen zu werden. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen. Der angefochtene Beschluss vom 10. Februar 2023 ist aufzuheben und die Sache zu neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen. </div> <div class="para">Es sind keine Gerichtskosten zu erheben. Der Kantons Bern hat den Beschwerdeführer bzw. seinen amtlichen Verteidiger für das bundesgerichtliche Verfahren angemessen zu entschädigen. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ist als gegenstandslos abzuschreiben (<span class="artref">Art. 64 ff. BGG</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b> Demnach erkennt das Bundesgericht:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen. Der angefochtene Beschluss vom 10. Februar 2023 wird aufgehoben und die Sache zu neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückgewiesen. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Es werden keine Gerichtskosten erhoben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Der Kanton Bern entschädigt den Beschwerdeführer bzw. seinen amtlichen Verteidiger für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 2'500.--. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>4.</b> </div> <div class="para">Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Bern, Beschwerdekammer in Strafsachen, schriftlich mitgeteilt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Lausanne, 25. März 2024 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Im Namen der I. strafrechtlichen Abteilung </div> <div class="para">des Schweizerischen Bundesgerichts </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Die Präsidentin: Jacquemoud-Rossari </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Der Gerichtsschreiber: Matt </div> </div></body></html>