<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 40 S.137</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">137</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>40</b></span> <span class="ft2"><b>Anspruch auf Schulgeld für den Besuch einer Privatschule.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Weder Verfassung noch Gesetz begründen einen Anspruch eines</b></span><br/> <span class="ft2"><b>hochbegabten Kindes auf Leistung von Schulgeldern für den Besuch</b></span><br/> <span class="ft2"><b>einer Privatschule.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 2. Juli 2002 in Sachen</span><br/> <span class="ft3">D. gegen Einwohnergemeinde N.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Gemäss Art. 13 Abs. 1 des Internationalen Paktes über</span><br/> <span class="ft1">wirtschaftliche,</span> <span class="ft1">soziale</span> <span class="ft1">und</span> <span class="ft1">kulturelle</span> <span class="ft1">Rechte</span> <span class="ft1">(UNO-Pakt I;</span><br/> <span class="ft1">SR 0.103.1) anerkennen die Vertragsstaaten das Recht eines jeden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">138</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">auf Bildung. Im Hinblick auf die volle Verwirklichung dieses Rechts</span><br/> <span class="ft1">muss der Grundschulunterricht für jedermann Pflicht und allen un-</span><br/> <span class="ft1">entgeltlich zugänglich sein (Abs. 2 lit. a UNO-Pakt I). Das interna-</span><br/> <span class="ft1">tionale</span> <span class="ft1">Übereinkommen</span> <span class="ft1">über</span> <span class="ft1">die</span> <span class="ft1">Rechte</span> <span class="ft1">des</span> <span class="ft1">Kindes</span> <span class="ft1">vom</span><br/> <span class="ft1">20. November 1989 (SR 0.107) anerkennt in Art. 28 Abs. 1 das Recht</span><br/> <span class="ft1">des Kindes auf Bildung und verpflichtet die Vertragsstaaten, zur</span><br/> <span class="ft1">Verwirklichung des Grundsatzes der Chancengleichheit den Besuch</span><br/> <span class="ft1">der Grundschule zur Pflicht und unentgeltlich zu machen (Art. 28</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. a des Abkommens). In der Bundesverfassung ist der</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulun-</span><br/> <span class="ft1">terricht in Art. 19 BV als Grundrecht gewährleistet. Dieses Grund-</span><br/> <span class="ft1">recht ist, wie sich aus dem Zusammenhang und der Entstehungsge-</span><br/> <span class="ft1">schichte ergibt, im Rahmen der bundesstaatlichen Kompetenzen ge-</span><br/> <span class="ft1">währleistet. Inhaltlich entspricht diese Bestimmung Art. 27 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">aBV und war im bundesrätlichen Verfassungsentwurf in die Bestim-</span><br/> <span class="ft1">mungen über das Schulwesen integriert. In den parlamentarischen</span><br/> <span class="ft1">Beratungen wurde der Anspruch auf Grundschulunterricht in den</span><br/> <span class="ft1">Grundrechtskatalog aufgenommen (vgl. Botschaft des Bundesrates</span><br/> <span class="ft1">über eine neue Bundesverfassung vom 20. November 1996 [Bot-</span><br/> <span class="ft1">schaft], S. 277). Die Bundesverfassung 1999 hat an der Schulhoheit</span><br/> <span class="ft1">der Kantone nichts geändert (Art. 62 Abs. 1 BV) und verpflichtet die</span><br/> <span class="ft1">Kantone, für einen ausreichenden Grundschulunterricht zu sorgen,</span><br/> <span class="ft1">der allen Kindern offen steht. Der (kantonale) Grundschulunterricht</span><br/> <span class="ft1">ist obligatorisch und untersteht staatlicher Leitung oder Aufsicht. An</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Schulen ist er unentgeltlich (Art. 62 Abs. 2 BV; Bot-</span><br/> <span class="ft1">schaft, S. 277 f.). Der nach der Verfassung und den erwähnten inter-</span><br/> <span class="ft1">nationalen Verträgen bestehende Anspruch der Kinder auf eine obli-</span><br/> <span class="ft1">gatorische, genügende und unentgeltliche Grundausbildung besteht</span><br/> <span class="ft1">daher gegenüber den Kantonen. Der Anspruch kann mit Inkrafttreten</span><br/> <span class="ft1">der neuen Bundesverfassung (1. Januar 2000) vor Bundesgericht</span><br/> <span class="ft1">geltend gemacht werden.</span><br/> <span class="ft1">b) Der Kanton Aargau schreibt in § 34 Abs. 1 KV vor, dass der</span><br/> <span class="ft1">Unterricht an öffentlichen Schulen und Bildungsanstalten für Kan-</span><br/> <span class="ft1">tonseinwohner unentgeltlich ist; dies gilt für alle öffentlichen Schu-</span><br/> <span class="ft1">len (AGVE 1991, S. 160). Gemäss § 3 Abs. 3 SchulG (in der Fas-</span><br/> <span class="ft1">sung vom 9. März 1998, in Kraft seit 1. August 1999), ist der Unter-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">139</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">richt an den öffentlichen Volks- und Mittelschulen für Kinder und</span><br/> <span class="ft1">Jugendliche mit Aufenthalt im Kanton unentgeltlich.</span><br/> <span class="ft1">Die Kantonsverfassung hat im Weiteren das allgemeine Staats-</span><br/> <span class="ft1">bzw. Sozialziel, jedem die Bildung und Weiterbildung nach seinen</span><br/> <span class="ft1">Fähigkeiten und Neigungen zu ermöglichen, in einer Gewährlei-</span><br/> <span class="ft1">stungsnorm für das Kind konkretisiert (§ 25 Abs. 2 lit. a KV). Ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss § 28 Abs. 1 KV hat jedes Kind Anspruch auf eine seinen Fähig-</span><br/> <span class="ft1">keiten angemessene Ausbildung. Der Anspruch richtet sich an den</span><br/> <span class="ft1">Gesetzgeber und die Vollzugsorgane und verschafft dem Kind keine</span><br/> <span class="ft1">klagbare Grundrechtsposition. (Kurt Eichenberger, Verfassung des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Aargau, Textausgabe mit Kommentar, Aarau/Frankfurt</span><br/> <span class="ft1">a.M./Salzburg 1986, § 28 N 1). In seinem Kerngehalt entspricht diese</span><br/> <span class="ft1">Bestimmung dem Sozialziel in Art. 41 lit. f BV: Bund und Kantone</span><br/> <span class="ft1">setzen sich dafür ein, dass sich Kinder und Jugendliche sowie Perso-</span><br/> <span class="ft1">nen im erwerbsfähigen Alter nach ihren Fähigkeiten bilden, aus- und</span><br/> <span class="ft1">weiterbilden können.</span><br/> <span class="ft1">c) Das Schulgesetz in der Fassung, welche im Zeitpunkt des</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Versetzungsentscheides der Schulpflege N. galt bzw.</span><br/> <span class="ft1">anwendbar war, enthielt noch keine Bestimmungen, welche die Be-</span><br/> <span class="ft1">sonderheiten der Schüler mit besonderen Begabungen ausdrücklich</span><br/> <span class="ft1">regelte. Die allgemeine Bestimmung in § 10 SchulG verpflichtet die</span><br/> <span class="ft1">Volksschule, alles zu unternehmen, damit ein Kind gesund heran-</span><br/> <span class="ft1">wachsen kann (Satz 1). Sie fördert jeden einzelnen Schüler und legt</span><br/> <span class="ft1">dabei gleiches Gewicht auf die Entwicklung seines Geistes, seines</span><br/> <span class="ft1">Gemütes und seiner körperlichen Fähigkeiten (Satz 2). Sie vermittelt</span><br/> <span class="ft1">dem Schüler die Grundausbildung (Satz 3). Daraus ergibt sich aller-</span><br/> <span class="ft1">dings kein Anspruch auf individuellen Unterricht, sondern § 10</span><br/> <span class="ft1">SchulG stellt einzig entsprechende Anforderungen an den Regelun-</span><br/> <span class="ft1">terricht, bzw. legt programmatisch fest, welchen Anforderungen die</span><br/> <span class="ft1">Volksschule zu genügen hat.</span><br/> <span class="ft1">d) Der ausreichende Grundschulunterricht in der Bundesverfas-</span><br/> <span class="ft1">sung ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, bei dessen Konkretisierung</span><br/> <span class="ft1">den Kantonen ein weites Ermessen zusteht (vgl. Marco Borghi,</span><br/> <span class="ft1">Kommentar zur Schweizerischen Bundesverfassung, Stand Juni</span><br/> <span class="ft1">1988, Zürich/Basel/Bern, Art. 27 N 31 ff.). Die Kantonsverfassung</span><br/> <span class="ft1">definiert den Volksschulunterricht und die elementare (Schul-)Bil-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">140</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">dung ebenfalls nicht, sondern überlässt die Festlegung und Um-</span><br/> <span class="ft1">schreibung dem Gesetzgeber (Eichenberger, a.a.O., § 28 N 6). Der</span><br/> <span class="ft1">kantonale Gesetzgeber muss die Ziele, die Organisation und Lern-</span><br/> <span class="ft1">methoden der Schule sowie die Ausbildung der Lehrer definieren.</span><br/> <span class="ft1">Verfassungsrechtlich hat er einen Mindeststandard einzuhalten, wel-</span><br/> <span class="ft1">cher die Kinder und Jugendlichen befähigt, die Anforderungen eines</span><br/> <span class="ft1">modernen Erwachsenen-Alltags selbständig zu meistern, einen Beruf</span><br/> <span class="ft1">zu erlernen und auszuüben sowie am demokratischen Gemeinwesen</span><br/> <span class="ft1">zu partizipieren (Borghi, a.a.O., Art. 27 N 33; Andreas Auer/Giorgio</span><br/> <span class="ft1">Malinveri/Michel Hottelier, Droit constitutionnel suisse, Vol. II: Les</span><br/> <span class="ft1">droits fondamentaux, Bern 2000, Rz. 1519; Regina Kiener, Bildung,</span><br/> <span class="ft1">Forschung und Kultur, in: Daniel Thürer/Jean-François Aubert/Jörg</span><br/> <span class="ft1">Paul Müller (Hrsg.), Verfassungsrecht der Schweiz, Zürich 2001,</span><br/> <span class="ft1">§ 57 Rz. 7a mit Hinweisen). Bei der Auslegung dieses unbestimmten</span><br/> <span class="ft1">Rechtsbegriffes sind - insbesondere im Hinblick auf die Hochbega-</span><br/> <span class="ft1">bung - ein Wandel der Anschauungen und die wirtschaftlichen und</span><br/> <span class="ft1">gesellschaftlichen Bedingungen zu berücksichtigen (Borghi, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Art. 27 N 31; VPB 59/1995 Nr. 58).</span><br/> <span class="ft1">In jüngster Zeit ist in der Öffentlichkeit das Bewusstsein ge-</span><br/> <span class="ft1">wachsen, dass hochbegabte Kinder der gezielten Förderung bedür-</span><br/> <span class="ft1">fen. Seitens der Schulbehörden wird zunehmend versucht, in diesem</span><br/> <span class="ft1">Zusammenhang gezielte pädagogische und organisatorische Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahmen zu treffen. Die per 1. Oktober 2000 in Kraft getretene neue</span><br/> <span class="ft1">Norm in § 15 Abs. 4 SchulG sieht ausdrücklich vor, dass Schüler mit</span><br/> <span class="ft1">besonderen Begabungen, die durch den ordentlichen Unterricht nicht</span><br/> <span class="ft1">genügend gefördert werden können und für die das Überspringen</span><br/> <span class="ft1">von Klassen nicht angezeigt ist, in der Regelklasse mit geeigneter</span><br/> <span class="ft1">Unterstützung gefördert werden können. Der Regierungsrat hat am</span><br/> <span class="ft1">28. Juni 2000 die Verordnung über die Förderung von Kindern und</span><br/> <span class="ft1">Jugendlichen</span> <span class="ft1">mit</span> <span class="ft1">besonderen</span> <span class="ft1">schulischen</span> <span class="ft1">Bedürfnissen</span><br/> <span class="ft1">(SAR 421.331) erlassen und darin auch Bestimmungen zur Förde-</span><br/> <span class="ft1">rung Hochbegabter eingeschlossen. Gemäss § 20 Abs. 1 dieser Ver-</span><br/> <span class="ft1">ordnung ist dafür zu sorgen, dass die Begabungsförderung in erster</span><br/> <span class="ft1">Linie innerhalb der bestehenden Schulorganisation und mit den zur</span><br/> <span class="ft1">Verfügung stehenden Mitteln vor Ort sichergestellt ist. Die Schul-</span><br/> <span class="ft1">pflege kann hochbegabten Schülern den Besuch von Lektionen in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">141</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">einer höheren Klasse, in einem andern Schultyp oder Gruppen- und</span><br/> <span class="ft1">Einzelangebote in Ergänzung zur bestehenden Schulorganisation</span><br/> <span class="ft1">einrichten. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass es sich</span><br/> <span class="ft1">beim Überspringen von Klassen nicht um eine Förderungsmass-</span><br/> <span class="ft1">nahme handelt, sondern dass dadurch vielmehr versucht wird, bei</span><br/> <span class="ft1">Schülerinnen und Schülern mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten</span><br/> <span class="ft1">psychische Beeinträchtigungen zu begrenzen oder zu verhindern, die</span><br/> <span class="ft1">durch anhaltende Unterforderung entstehen können. Der Anspruch</span><br/> <span class="ft1">auf ausreichenden Grundschulunterricht ist indessen auch nach den</span><br/> <span class="ft1">neuen Bestimmungen nicht gleichbedeutend mit dem Bedürfnis auf</span><br/> <span class="ft1">die optimalste bzw. geeignetste Schulung des einzelnen Kindes. Bis</span><br/> <span class="ft1">zu einem gewissen Grad müssen im Sinne der Organisation und des</span><br/> <span class="ft1">vernünftig Machbaren auch Defizite hingenommen werden, die sich</span><br/> <span class="ft1">zum Beispiel durch eine gewisse Klassengrösse, deren Zusammen-</span><br/> <span class="ft1">setzung oder durch andere Gründe ergeben (AGVE 1998, S. 604).</span><br/> <span class="ft1">Die Volksschule hat im Rahmen ihres Auftrags mit Hilfe von interes-</span><br/> <span class="ft1">sens- und begabungsgeleiteter Individualisierung und Differenzie-</span><br/> <span class="ft1">rung des Unterrichts und der schulischen Angebote den individuellen</span><br/> <span class="ft1">Lern- und Entwicklungsbedürfnissen der Kinder gebührend Rech-</span><br/> <span class="ft1">nung zu tragen und gegebenenfalls Sondermassnahmen zu treffen</span><br/> <span class="ft1">(§ 28 Abs. 1 KV). Sind solche erforderlich, bedeutet dies jedoch</span><br/> <span class="ft1">nicht, dass bei der Prüfung verschiedener Varianten nur eine gewählt</span><br/> <span class="ft1">werden darf, sofern mehrere der in Frage stehenden Möglichkeiten</span><br/> <span class="ft1">tauglich und für das betreffende Kind zumutbar sind. Insbesondere</span><br/> <span class="ft1">ist das Gemeinwesen daher auch nach diesen Bestimmungen nicht</span><br/> <span class="ft1">zur Kostenübernahme verpflichtet, wenn der Besuch einer Privat-</span><br/> <span class="ft1">schule nur eine von verschiedenen Möglichkeiten darstellt, welche</span><br/> <span class="ft1">den Begabungen im Einzelfall gerecht wird. Es können mit anderen</span><br/> <span class="ft1">Worten keine Kosten für den Besuch einer Privatschule übernommen</span><br/> <span class="ft1">werden, wenn sich die besonderen Bedürfnisse eines hochbegabten</span><br/> <span class="ft1">Kindes durch gezielte Massnahmen im Rahmen des Besuchs der</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Schule befriedigen lassen (vgl. auch Urteil der Schulre-</span><br/> <span class="ft1">kurskommission des Kantons Zürich vom 14. August 2000, in: ZBl,</span><br/> <span class="ft1">102/2001, S. 498 ff.; bestätigt durch das Verwaltungsgericht des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Zürich am 22. November 2000).</span><br/></div> </div> </body> </html>