B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6381/2018 U r t e i l v o m 1 6 . S e p t e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richterin Barbara Balmelli, Gerichtsschreiberin Alexandra Püntener. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch Rechtsanwalt Michael Adamczyk, Caritas Schweiz, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 10. Oktober 2018 / N (…). E-6381/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein irakischer Staatsangehöriger arabischer Eth- nie sunnitischen Glaubens aus Bagdad, B._______, C._______ – verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 14. Oktober 2015 und gelangte am 31. Oktober 2015 in die Schweiz, wo er am gleichen Tag um Asyl nachsuchte. Am 16. November 2015 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Am 28. November 2016 wurde er ausführlich zu seinen Asyl- gründen angehört. Der Beschwerdeführer begründete sein Asyl gesuch im Wesentlichen da- mit, sein Vater habe bis 2007 oder 2008 als (…) oder als (…) für die Ame- rikaner gearbeitet. Während dieser Zeit sei er von der Miliz Jaysh al-Mahdi brieflich bedroht und zur Aufgabe seiner Tätigkeit aufgefordert worden. Sein Vater sei dieser Aufforderung jedoch nicht nachgekommen. Auch sein Onkel – der Bruder seines Vaters – habe für die Amerikaner gearbeitet. Schliesslich seien er (der Beschwer deführer) und seine Familie nach D._______ gezogen. Nachdem die amerikanische Firma E._______ den Irak verlassen habe, habe auch sein Vater seine Arbeit bei den Amerika- nern beendet. Nach vier oder fünf Monaten seien sie zurück nach C._______ gegangen. Eines Tages habe sein Onkel einen Brief erhalten, in dem man ihm mit dem Tod eines Familienmitglieds gedroht habe, sollte er seine Arbeit für die Amerikaner nicht beenden. Sein Onkel habe dies nicht befolgt, worauf e in bis zwei Wochen später sei n Sohn umgebracht worden sei. Der Onkel habe daraufhin seine Arbeit aufgegeben und sei nach D._______ umgezogen. Im Jahre 2015 habe die Miliz Asaib Ahl A - Haq wieder die Kontrolle über C._______ übernommen. Der Beschwerde- führer sei in der Schule zweimal darauf angesprochen worden, weshalb er sich als Sunnit nicht der Miliz anschliessen und kämpfen würde. Eines Mor- gens habe er zudem zu Hause einen Brief aufgefunden. Statt ihn zu öffnen habe er den Brief seinem Vater übergeben. Dieser habe ihm nach dem Öffnen des Briefs mitgeteilt, dass er seine Sachen packen solle. Sie seien zusammen mit den Geschwistern zu seiner Schwester gefahren. Auf der Fahrt dorthin habe er bemerkt, dass seine Eltern nervös gewesen seien und Angst gehabt hätten. Im Hause seiner Schwester seien sie auf zwei weitere Brüder gestossen. Der Vater habe erklärt, dass sich alle für ein paar Tage bei weiteren Familienangehörigen aufzuteilen hätten. Drei oder vier Tage später habe der Beschwerdeführer von seinem Vater erfahren, dass er (der Beschwe rdeführer) gesucht werde und deshalb ausreisen müsse, da man nicht den gleichen Fehler wie sein Onkel machen wolle. E-6381/2018 Seite 3 Da er noch minderjährig gewesen sei und nicht alleine habe ausreisen kön- nen, habe sein Vater einen Offizier bestochen, der ihn mit einer Fam ilie zusammengebracht habe, mit der er in die Türkei geflogen sei. Später habe er von seinem Cousin erfahren, dass Personen ein rotes Kreuz an das Haus seiner Familie gemalt hätten. Dieselben Personen hätten sich bei seiner Tante nach seinem Verbleib und dem seiner Familie erkundigt. Er vermute, dass es sich dabei um dieselben Personen wie die Absender des Drohbriefs handle. Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen. Der Beschwerdeführer reichte im Laufe des vorinstanzlichen Verfahr ens die folgenden Unterlagen als Beweismittel ein: – Identitätskarte und Nationalitätenausweis, – diverse Kopien von Identitätskarten von Verwandten, – Kopie eines Briefes (Drohbrief), – Kopie eines Todesscheins (Onkel), – Kopie von diversen Ausweisen der Familie (des Department of Defense sowie von Waffenscheinen). Zudem teilte er mit Schreiben seiner Rechtsvertretung vom 10. Mai 2018 mit, seine Eltern seien in die Türkei und zwei seiner Brüder in den Nordirak geflüchtet. Drei weitere Geschwister seien in einen anderen Stadtteil Bag- dads umgezogen. B. Mit Verfügung vom 10. Oktober 2018 stellte das SEM fest, der Beschwer- deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzeitig ordnete es wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Auf- nahme des Beschwerdeführers in der Schweiz an. Es begründete seine Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit noch denjenigen an die Asylrelevanz standhalten. C. Mit Beschwerde vom 8. November 2018 beantragte der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhe- bung der Ziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Rück- weisung an die Vorinstanz zwecks Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft. E-6381/2018 Seite 4 In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Beiordnung des unterzeichnenden Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand ersucht. D. Am 12. November 2018 wurde dem Beschwerdeführer der Eingang seiner Beschwerde bestätigt. E. Mit Verfügung vom 19. November 2018 wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführu ng gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Weiter wurde das Gesuch um amtli- che Rechtsverbeiständung gutgeheissen und Urs Jehle als amtlicher Rechtsbeistand des Beschwerdeführers eingesetzt. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz um Einreichung einer Vernehmlassung ersucht. F. Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 22. November 2018 die Abweisung der Beschwerde. Diese wurde dem Beschwerdeführer am 23. November 2018 zur Kenntnis gebracht. G. Mit Eingabe vom 7. März 2019 teilte Urs Jehle die Beendigung seines Ar- beitsverhältnisses bei der Caritas Schweiz mit und ersuchte um Entbin- dung von seinem Mandat als amtlicher R echtsbeistand sowie um Einset- zung von MLaw Sonia Lopez als amtliche Rechtsbeiständin per 11. März 2019. H. Mit Zwischenverfügung vom 13. März 2019 wurde Urs Jehle per 12. März 2019 aus seinen Verpflichtungen als amtlicher Rechtsbeistand entlassen und der Beschwerdeführer angefragt, ob er mit der Beiordnung von Dr. iur. Sonia Lopez als amtliche Rechtsbeiständin einverstanden sei. Zudem sei eine Vollmacht zu ihren Gunsten einzureichen. Dieser Aufforderung wurde am 1. April 2019 nachgekommen. I. Mit Eingabe vom 7. November 2019 ersuchte die amtliche Rechtsvertrete- rin Dr. iur. Sonia Lopez um Entlassung aus dem amtlichen Mandat, da sie ihr Arbeitsverhältnis bei Caritas Schweiz per Ende November 2019 been- den werde, sowie um Einsetzung von Michael Adamczyk, Rechtsanwalt, als neuen amtlichen Rechtsbeistand. E-6381/2018 Seite 5 J. Mit Zwischenverfügung vom 27. November 2019 wurde Sonia Lopez als amtliche Rechtsbeiständin entlassen und dem Beschwerdeführer Michael Adamczyk, Rechtsanwalt, als neuer amtlicher Rechtsbeistand bestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerd e ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesve rwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). E-6381/2018 Seite 6 3. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei- sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Be- schwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläu- fig aufgenommen hat. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub- haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen). 5. 5.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid damit, es seien an den Vor- bringen des Beschwerdeführers – die von ihm angegebene Konfession und die unter anderem daraus resultierenden Schwierigkeiten seitens der schiitischen Miliz Asaib Ahl Al Haq – wegen seiner oberflächlichen Schilde- rungen sowie einiger Ungereimtheiten und der fehlenden Handlungslogik erhebliche Zweifel anzubringen. Einige Indizien würden darauf hindeuten, dass er der schiitischen Konfession angehöre. Der Familienname F._______ könne keinem der eingereichten Ausweise entnommen werden. Er habe auch auf Vorhalt weiterer Anhaltspunkte – die Ausstellung seiner E-6381/2018 Seite 7 Identitätskarte in G._______, eine vorwiegend von Schiiten besiedelte Stadt, oder seine Reise in den Iran, wo er in einem schiitischen Viertel ge- wohnt habe – keine stimmige Erläuterung abgeben können. Die Zweifel würden sich durch seine oberflächlich, pauschal und wenig substanziiert gehaltenen Aussagen – Schilderung blosser Handlungsabfolgen betref- fend Erhalt des Drohbriefs und Verhalten nach Erhalt des Briefs – erhärten. Durch seine insgesamt erlebnisarme Darstellung, der lediglich eine Anei- nanderreihung von einzelnen Handlungen und pauschale Emotionsbe- zeichnungen zu entnehmen seien, vermöge er keinen subjektiven Eindruck zu vermitteln. Da es sich beim Erhalt des Drohbriefs um ein einschneiden- des Ereignis handle, hätte erwartet werden dürfen, dass er über seine Ge- fühlslage und Gedankenvorgänge von damals zu berichten gewusst hätte. Seine stattdessen oberflächliche Erzählweise ohne jegliche Realkennzei- chen erwecke den Eindruck eines Konstrukts. Dasselbe gelte für die Um- stände des Erhalts eines Drohbriefs. Gegen die Glaubhaftigkeit spreche auch der Umstand, dass er zum Inhalt des Drohbriefs nichts gewusst habe. Weiter soll er gemäss BzP erstmals im Jahre 2014 in der Schule von der Asaib Ahl Al-Haq belästigt worden sein, währenddem er in der Bundesan- hörung lediglich vom Erhalt eines Drohbriefs im Jahre 2015 erzählt habe. Auf Vorhalt habe er beide Ereignisse bestätigt. Der Umstand, dass er die Vorfälle an der Schule in der Anhörung nicht erwähnt habe, trage zur Un- glaubhaftigkeit seiner Vorbringen bei. Die Unsubstanziiertheit und fehlende Nachvollziehbarkeit überwiege auch bei den weiteren Schilderungen be- treffend die Umstände in der Schule, wo er auf seine Weigerung, als Sun- nite nicht in den Kampf gegen Daesh zu ziehen und zur Arbeit seines Va- ters mit den Amerikanern angesprochen worden sei. Auch seine Angaben zu einem Mitschüler, dessen Vater möglicherweise Mitglied der Asaib Ahl Al-Haq gewesen sei, seien pauschal ausgefallen. Diese würden weder eine allfällige asylrelevante Verfolgung noch einen tatsächlichen Zusam- menhang mit dem vorgebrachten Drohbrief aufzeigen. Bei diesen Äusse- rungen handle es sich zudem grösstenteils um persönliche Vermutungen, weshalb deren Wahrheitsgehalt in Frage zu stellen sei. Ähnlich unsubstan- ziiert seien seine Aussagen hinsichtlich der Suche nach ihm nach seiner Ausreise ausgefallen. Es genüge nicht, eine Furcht lediglich mit Vermutun- gen zu begründen. Vielmehr müssten hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die auf einer objektiven Betrach- tungsweise und nicht auf dem subj ektiven Empfinden der Betroffen en fussen würden. Es sei ihm damit nicht gelungen, eine konkret begründete Bedrohungslage aufzuzeigen. Im Weiteren würde n die eingereichten Be- weismittel an der Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen nichts ändern. Einer-E-6381/2018 Seite 8 seits handle es sich beim Drohbrief um eine Kopie ohne Sicherheitsmerk- male. Zudem würden die Waffenscheine, die Department of Defense Aus- weise seiner Familie un d der Todesschein betreffend seinen Onkel seine Vorbringen nicht belegen. Ausserdem würden sich aus den geltend ge- machten Schwierigkeiten in der Türkei keine Hinweise auf eine asylrele- vante Verfolgung im Heimatstaat ergeben. 5.2 In der Beschwerdeschrift wird dazu eingewendet, der Beschwerdefüh- rer sei im Zeitpunkt der BzP noch minderjährig gewesen. Dort sei er von keiner Vertrauensperson begleitet worden. Deshalb dürfe die summarische Befragung nicht als entscheidrelevanter Verfahr ensschritt qualifiziert wer- den. Diesem Umstand sei in der angefochtenen Verfügung nicht Rechnung getragen worden. Anlässlich der Anhörung habe er seine Asylgründe – die Einbettung seiner Verfolgung in die Geschichte seiner Familie und die Gründe, weshalb d iese den Drohbrief derart ernst nahm – entgegen der Argumentation der Vorinstanz umfassend, detailliert und nachvollziehbar schildern können. Seine Familie habe die Entscheidung seiner Flucht ge- troffen, was er zu akzeptieren habe. Deshalb habe er zum Inhalt des Droh- briefs keine Angaben machen können. Die bei der Anhörung anwesende Hilfswerksvertretung habe auch festgestellt, dass der Beschwerdeführer zeitweise aufgewühlt gewesen sei und Tränen in den Augen gehabt habe. Seine Angaben enthielten auch Realkennzeichen. Im Übrigen hätte die Vorinstanz die sunnitische Religionszugehörigkeit durch Sachfragen leicht ermitteln können, was sie aber abgelehnt habe (Aufsagen des sunnitischen Rufs). Der Stamm des Beschwerdeführers "F._______" sei im ganzen Irak als sunnitischer Stamm bekannt. Das SEM bezweifle zu Unrecht seine diesbezügliche Zugehörigkeit, hätte dies je- doch überprüfen können, zumal diese nicht im Pass aufgeführt sei und der Beschwerdeführer diese nicht anders beweisen könne. Die Identitätskarten würden einzig in G._______ ausgestellt. Eine Reise in den Iran und der Aufenthalt in einem bestimmten Quartier seien auch für Sunniten möglich. Was ferner den in Kopie vorgelegten Drohbrief betreffe, hätten Vergleichs- möglichkeiten bestanden, um zu prüfen, ob diese r von der Mahdi Miliz in Bagdad verfasst worden sei. Ob der Drohbrief mit der Bedrohung in der Schule zusammenhänge, sei ihm nicht bekannt, weshalb er dies letztlich nur vermuten könne. Überdies dürfe das Kriterium der Plausibilität nur zu- rückhaltend angewendet werden. Schliesslich wird auf die Hintergründe der Bedrohungen durch die Mahdi Miliz gegenüber politischen Gegnern hingewiesen. E-6381/2018 Seite 9 Ferner habe die Vorinstanz die Asylrelevanz seiner Vorbringen nicht ge- prüft. Die Drohungen seitens der Mahdi Miliz respek tive derer Splitter- gruppe seien gezielt gegen den Beschwerdeführer und seine Familie er- folgt. Diesen würde ein asylrelevantes Motiv – die Tätigkeit seines Vaters für die US-Armee – zugrunde liegen, welche ihn aus Sicht der schiitischen Milizen zu einem Abtrünnigen und – aufgrund seiner Zugehörigkeit zur sun- nitischen Glaubensgemeinschaft – zu einem Ungläubigen gemacht hätten. Aus diesen Gründen habe seine Familie ihren Heimatstaat verlassen und seien seine Brüder in den Nordirak geflüchtet. Insgesamt sei nebst seiner asylbeachtlichen Vorverfolgung auch seine subjektive Furcht, zur Zielscheibe schiitischer Milizen zu werden, objektiv begründet. 6. 6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des B eschwerdeführers zu Recht abgelehnt hat. Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffen- den Erkenntnis gelangt, dass die Verfolgungsvorbringen des Beschwerde- führers den Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG nicht genügen, wenn auch nicht allen von ihr angeführten Argumen- ten vorbehaltlos gefolgt werden kann. Die Ausführungen in der Beschwer- deschrift und die dort gemachten Hinweise auf die Rechtsprechung, ver- schiedene Berichte respektive die Berichterstattung in Medien sind nich t geeignet, zu einer anderen Beurteilung zu führen. 6.2 Was die vom Beschwerdeführer geltend gemachte sunnitische Konfes- sionszugehörigkeit und sein Familienname F._______ betrifft, sprechen zwar nicht alle von der Vorinstanz als Indizien aufgeführten Elemente ge- gen diese. Beispielsweise kann der Umstand, dass der vom Beschwerde- führer angegebene Familienname F._______ auf seinen zu den Akten ge- gebenen Ausweisen nicht aufgeführt ist, nicht zu seinen Ungunsten bewer- tet werden, zumal der Familienname nicht unbedingt auf offiziellen Doku- menten (Reisepass, Identitätskarte) ersichtlich ist (Immigration and Refu- gee Board of Canada [IRB], The meaning of Iraqi names; how names are inherited; the meaning of laqab; transliteration of Arabic names into Latin letters [IRQ3703 9.E], 20. April 2001, https://www.ecoi.net/de/dokument/ 1034025.html, abgerufen am 3. Juni 2020). Weiter ist festzustellen, dass es in Bagdad Stadtteile gibt, welche vorwiegend von Schiiten oder von Sunniten bewohnt sind, was jedoch nicht dagegen spricht, dass dort auch E-6381/2018 Seite 10 eine Minderheit der anderen Konfession lebt. Damit kann alleine der Auf- enthalt des Beschwerdeführers in vorwiegend schiitischen Quartieren nicht ohne weiteres auf eine nicht sunnitische Konfessionszugehörigkeit ge- schlossen werden. 6.3 Die von der Vorinstanz erwähnten Ungereimtheiten zwischen den Ver- folgungsvorbringen des Beschwerdeführers in der BzP und anlässlich der Anhörung können nicht mit dem Hinweis in der Beschwerdeschrift, wonach dieser im Zeitpunkt der BzP noch minderjährig gewesen und von keiner Vertrauensperson begleitet worden sei, erklärt werden, handelt es sich doch bei den diesbezüglichen Aussagen (betreffend die Behelligungen in der Schule) um solche, die er in der BzP bereits vorgetragen und die er anlässlich der Anhörung erst auf Vorhalt seiner Vorbringen der BzP bestä- tigt hat (vgl. A26 F144 und F145). Überdies erklärte er in der Beschwerde- schrift, er sei in der BzP und in der Anhörung "sehr wohl und gut in der Lage" gewesen, seine Asylvorbringen darzulegen. Schliesslich hat er in der Anhörung auch keine Mängel betreffend die Befragung angeführt . Daher vermag er aus dem Umstand, dass er in der BzP noch minderjährig gewe- sen sei, nichts für sich ab zuleiten. Im Übrigen wird die Vertrauensperson praxisgemäss in Verfahren wie dem vorliegenden erst nach der BzP und vor der Anhörung zugeordnet. Die Behelligungen an der Schule aufgrund seiner Konfessionszugehörig- keit sind mangels Intensität als nicht asylrelevant zu bezeichnen. Im Wei- teren kann der Beschwerdeführer mit der vorgebrachten Zustellung eines Drohbriefs an die Adresse seiner Familie keine Gefährdungssituation sei- tens der Miliz Asaib Ahl Al Haq glaubhaft machen. Es bestehen aufgrund der oberflächlichen un d wenig substanziierten Schilderungen zum Erhalt und Inhalt dieses Briefs sowie zur danach erfolgte n Handlungsabfolge (Aufforderung des Vaters zu packen, Angst und Nervosität der Eltern, an- gespannte Situation im Haus der Schwester, Verteilung der Familie a uf Häuser von Bekannten, Organisation seiner Ausreise) wie von der Vor - instanz zutreffend ausgeführt, erhebliche Zweifel. Es ist nämlich nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer nach dem Entdecken dieses Briefs bei keiner Gelegenheit zumindest versucht hätte, den genauen In- halt in Erfahrung zu bringen, nicht einmal als er eine Kopie davon erhielt, die er dem SEM mit Eingabe vom 29. Dezember 2015 eingereicht hatte (A26 F113ff.). Übrigens hat er sich diesbezüglich widerspr ochen, gab er doch zuerst an, ihn gelesen zu haben (A26 F110). Ein solches Verhalten und Desinteresse entspricht nicht demjenigen einer Person, die von einer derartigen Bedrohungslage ausgeht. Auch erstaunt, dass nur er von den E-6381/2018 Seite 11 Verfolgern bedroht gewesen sein soll und deshalb nur er vom Vater zum Verlassen des Landes animiert worden sei (A26 F83) . Immerhin sollen auch zwei seiner Brüder und seine Schwester – alle älter als er (vgl. A26 F68) – auf Geheiss der Eltern im Hause seiner Schwester rasch zusam- mengekommen sein, von wo aus sie auf die Häuser von verschiedenen Bekannten verteilt worden seien. Einige von ihnen sollen noch in Bagdad leben (vgl. Akten A26 F109 ff. und A29). Das Bundesverwaltungsgericht liess das in Kopie eingereichte, in arabi- scher Sprache abgefasste, undatierte Schreiben von Amtes wegen in die deutsche Sprache übersetzen. In diesem an "den verräterischen, schiiten- feindlichen Apostaten (H._______ [Anmerkung des Gerichts: Name ohne Sonderzeichen übernommen])" gerichteten Brief, der von der Miliz Asai b Ahl Al Haq stammen soll, steht unter anderem, der Absender habe erfah- ren, dass der Empfänger der sunnitischen Glaubensgemeinschaft ange- höre und mit den Amerikanern zusammenarbeite. Gleichzeitig wird im Brief der Empfänger aufgefordert, die Arbeit mit den Amerikanern zu beenden, sonst würden er und seine Familie getötet. Diese Angaben erscheinen je- doch aufgrund der Tatsache, dass der Vater des Beschwerdeführers, an den der Brief – entgegen der Angabe in der Beschwerdeschrift (Ziff. 4.2.6) – offensichtlich gerichtet ist (A6 Ziff. 1.16.02 betreffend den Vornamen I._______ des Vaters), bereits im Jahre 2008 aufgehört haben soll, für die Amerikaner zu arbeiten, nicht nachvollziehbar, zumal das Schreiben ge- mäss Angaben des Beschwerdeführers erst kurz vor dessen Ausreise im Oktober 2015 an ihn gelangt sein soll (A26 F83). Schliesslich ist festzustel- len, dass aufgrund der Beschaffenheit und Fälschungsanfälligkeit der ein- gereichten Kopie ohnehin nur ein beschränkter Beweiswert zukommt. Im Weiteren basieren auch die Vorbringen des Beschwerdeführers, wo- nach ihm sein Cousin nach seiner Ausreise mitgeteilt habe, dass Personen ein rotes Kreuz an das Haus seiner Familie gemalt und sich "dieselben Personen" bei seiner Tante nach dem Verbleib des Beschwerdeführers und seiner Familie erkundigt hätten, auf den Aussagen Dritter, welche die hie- vor als unglaubhaft qualifizierten Angaben nicht zu beseitigen vermögen. Der Beschwerdeführer vermag auch aus seiner Vermutung, dass es sich dabei um dieselben Personen wie die Absender de s Drohbriefs handle , nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Schliesslich trägt der Totenschein be- treffend seinen Onkel ebenfalls nichts zur Glaubhaftigkeit der Schilderun- gen bei, gab der Beschwerdeführer doch nicht an, wegen dessen Tod be- droht worden zu sein beziehungsweise Behelligungen zu befürchten. E-6381/2018 Seite 12 6.4 Nachdem sich die Vorbringen des Beschwerdeführers zur Verfolgungs- situation in seinem Heimatstaat als unglaubhaft erwiesen haben, konnte die Vorinstanz darauf verzichten, diese auf ihre Asylrelevanz zu prüfen. Im Übrigen hat die Vorinstanz zu Recht festgestellt, dass die in der Türkei er- littenen Übergriffe asylrechtlich nicht relevant sind. Den diesbezüglichen Erwägungen ist nichts beizufügen. 6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine Verfolgung oder begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konnte und deshalb nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. Das SEM hat sein Asylgesuch somit zu Recht abgelehnt. Bei dieser Sachlage besteht keine Veranlas- sung, das Verfahren an die Vorinstanz zurückzuweisen. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus de r Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Indessen wurde mit Verfügung vom 19. November 2018 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und ist den Akten nicht zu entnehmen, dass sich die finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführ ers seither verbes- sert hätten, womit auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten ist. E-6381/2018 Seite 13 9.2 Mit derselben Verfügung wurde das Gesuch um amtliche Verbeistän- dung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und dem Beschwerdeführer Urs Jehle von der Caritas Schw eiz als amtlichen Rechtsbeistand bestellt. Mit Schreiben vom 7. März 2019 ersuchte dieser um Entlassung aus dem amtlichen Mandat sowie Einsetzung von Dr. iur. Sonia Lopez, Caritas Schweiz, als neue Rechtsbeiständin und übertrug seinen Honoraranspruch an Caritas Schweiz. Am 1. April 2019 reichte die neu eingesetzte Rechts- beiständin eine vom gleichen Tag datierende Kostennote ein, in welcher ein Aufwand von 8 Stunden 35 Minuten ausgewiesen wird. Am 27. Novem- ber 2019 wurde Dr. iur. Sonia Lopez auf Antrag aus dem amtlichen Mandat entlassen und Michael Adamczyl neu eingesetzt. Aufgrund der Aktenlage und mangels anderweitiger Indizien ist davon auszugehen, dass Dr. iur. Sonia Lopez ihren Honoraranspruch, wie bereits ihr Vorgänger, an Caritas Schweiz abgetreten hat. Der aktuell mandatierte Rechtsbeistand wurde im vorliegenden Verfahren nicht aktiv. Der in der Kostennote vom 1. April 2019 ausgewiesene Aufwand ist nicht vollumfänglich zu entschädigen. Dies betrifft insbesondere den Aufwand für das vorinstanzliche Verfahren vom 2. Mai 2018 und 10. Mai 2018 sowie die Eingaben der Rechtsvertretung vom 1. April 2019 und 23. März 2019 (Einreichen von Vollmachten und Fristerstreckungsgesuch). Vorliegend wird der Aufwand für die Beschwerdeerhebung (360 Minuten) sowie für die Eingaben vom 7. März 2019 und 7. November 2019 entschädigt. Unter Be- rücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 9 ff. VGKE) und der Praxis in Vergleichsfällen, sind die zu entschädigenden Stunden auf sieben zu reduzieren, wobei für die nicht -anwaltliche Vertretung von einem Stundenansatz von Fr. 150. – (vgl. Verfügung vom 19. November 2018) auszugehen ist. Es ist demnach ein amtliches Honorar von Fr. 1'050.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-6381/2018 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird zu Lasten der Gerichtskasse ein Ho- norar von Fr. 1'050.– entrichtet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Alexandra Püntener Versand: