<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 15 S.61</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">61</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>15</b></span> <span class="ft2"><b>Entzug des Führerausweises; Sicherungsentzug.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Keine Ausnahmebewilligung bei Visusmangel aufgrund Unfallfrei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>heit, wenn nicht eine kompensierende Fähigkeit nachgewiesen ist</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2.5 und Erw. 2.6).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 9. Juli 2008 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">L.G. gegen den Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inneres</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2008.145).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">62</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises</span><br/> <span class="ft1">ist die sogenannte Fahreignung. Diese umfasst die körperlichen und</span><br/> <span class="ft1">geistigen Voraussetzungen des Individuums zum sicheren Lenken ei-</span><br/> <span class="ft1">nes Motorfahrzeugs im Strassenverkehr (vgl. BGE 133 II 384</span><br/> <span class="ft1">Erw. 3.1 mit weiteren Hinweisen). Ausweise und Bewilligungen sind</span><br/> <span class="ft1">zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen Vorausset-</span><br/> <span class="ft1">zungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">SVG). Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG sieht die Entziehung des Führer-</span><br/> <span class="ft1">ausweis einer Person auf unbestimmte Zeit vor, wenn ihre körperli-</span><br/> <span class="ft1">che und geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht,</span><br/> <span class="ft1">ein Motorfahrzeug sicher zu führen.</span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 25 Abs. 3 lit. a SVG stellt der Bundesrat nach An-</span><br/> <span class="ft1">hörung der Kantone Vorschriften auf über die Mindestanforderungen,</span><br/> <span class="ft1">denen der Motorfahrzeugführer in körperlicher und psychischer Hin-</span><br/> <span class="ft1">sicht genügen muss. Nach Art. 7 Abs. 1 VZV muss, wer einen Füh-</span><br/> <span class="ft1">rerausweis erwerben will, die medizinischen Mindestanforderungen</span><br/> <span class="ft1">nach Anhang 1 VZV erfüllen. Für die Ausweiskategorie der dritten</span><br/> <span class="ft1">Gruppe (unter anderem Führerausweis-Kategorien A und B) muss die</span><br/> <span class="ft1">Sehschärfe des einen Auges korrigiert minimal 0.6 und die des</span><br/> <span class="ft1">anderen korrigiert minimal 0.1 betragen. Weiter darf das Gesichtsfeld</span><br/> <span class="ft1">horizontal nicht weniger als 140° erfassen und kein Doppelsehen</span><br/> <span class="ft1">vorhanden sein.</span><br/> <span class="ft1">1.3.</span><br/> <span class="ft1">Die am 18. Dezember 2007 beim Strassenverkehrsamt einge-</span><br/> <span class="ft1">gangene ärztliche Begutachtung des Beschwerdeführers durch</span><br/> <span class="ft1">Dr. med. X. hielt fest, die Sehschärfe des Beschwerdeführers betrage</span><br/> <span class="ft1">korrigiert 0.4 (rechtes Auge) und 0.3 (linkes Auge). Dr. med. Y. kon-</span><br/> <span class="ft1">statierte am 4. Dezember 2007 eine bestkorrigierte Sehschärfe von</span><br/> <span class="ft1">0.5 (rechtes Auge) und 0.2 (linkes Auge).</span><br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">63</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">1.4.</span><br/> <span class="ft1">Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer die medizini-</span><br/> <span class="ft1">schen Mindestanforderungen bezüglich Sehschärfe von Anhang 1</span><br/> <span class="ft1">VZV nicht erreicht, weshalb gemäss Art. 16 Abs. 1 in Verbindung</span><br/> <span class="ft1">mit Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG der Führerausweis grundsätzlich zu</span><br/> <span class="ft1">entziehen ist.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 7 Abs. 3 VZV kann die kantonale Behörde von den</span><br/> <span class="ft1">medizinischen Mindestanforderungen abweichen, wenn eine mit</span><br/> <span class="ft1">Spezialuntersuchungen betraute Stelle dies beantragt und soweit</span><br/> <span class="ft1">nicht ein Ausschlussgrund nach Art. 14 SVG vorliegt. Nur wenn da-</span><br/> <span class="ft1">von ausgegangen werden kann, dass ein Motorfahrzeugführer trotz</span><br/> <span class="ft1">seines Gebrechens fähig ist, ein Motorfahrzeug sicher zu führen,</span><br/> <span class="ft1">kommt ein Abweichen von den medizinischen Mindestanforderun-</span><br/> <span class="ft1">gen in Frage. Gemäss Bundesgericht ist dies nur dann der Fall, wenn</span><br/> <span class="ft1">die Verkehrssicherheit trotz der mangelnden Sehschärfe gewähr-</span><br/> <span class="ft1">leistet ist bzw. ein Mangel im Visus durch eine besondere Fähigkeit</span><br/> <span class="ft1">in einem anderen Bereich ausgeglichen werden kann (BGE vom</span><br/> <span class="ft1">31. Juli 2000 [6A.16/2000], Erw. 3 und 4b). Da die Bestimmungen</span><br/> <span class="ft1">über die medizinischen Mindestanforderungen an Motorfahrzeugfüh-</span><br/> <span class="ft1">rer im Hinblick auf eine erhöhte Sicherheit im Strassenverkehr ver-</span><br/> <span class="ft1">schärft worden sind, darf von diesen Anforderungen nicht leichtfertig</span><br/> <span class="ft1">abgewichen werden (erwähnter BGE vom 31. Juli 2000, Erw. 3). Ist</span><br/> <span class="ft1">trotz entsprechender Auflagen und Beschränkungen keine Gewähr</span><br/> <span class="ft1">gegeben, dass ein Fahrzeuglenker sein Motorfahrzeug im Sinne von</span><br/> <span class="ft1">Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG sicher zu führen vermag, muss ihm der</span><br/> <span class="ft1">Führerausweis aus Sicherheitsgründen zwingend entzogen werden</span><br/> <span class="ft1">(erwähnter BGE vom 31. Juli 2000, Erw. 3; 103 Ib 29 Erw. 1a).</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer führt an, vorliegend sei in Anwendung</span><br/> <span class="ft1">von Art. 7 Abs. 3 VZV eine Abweichung der medizinischen Min-</span><br/> <span class="ft1">destanforderungen nach Anhang 1 VZV angebracht. Sowohl der</span><br/> <span class="ft1">ärztliche Bericht von Dr. med. Y. als auch derjenige von Dr. med. X.</span><br/> <span class="ft1">würden dem Beschwerdeführer Fahrtauglichkeit mit der Auflage des</span><br/> <span class="ft1">Tagfahrens und einer halbjährlichen ärztlichen Kontrolle bescheini-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">64</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gen. Diese ärztlichen Aussagen seien verbindlich und eine Abwei-</span><br/> <span class="ft1">chung dürfe nicht ohne Not und nur unter qualifizierter Begrün-</span><br/> <span class="ft1">dungspflicht erfolgen. Der eigens vom Strassenverkehrsamt für die</span><br/> <span class="ft1">Untersuchung des Beschwerdeführers eingesetzte Gutachter Dr. med.</span><br/> <span class="ft1">X. habe im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung unter Er-</span><br/> <span class="ft1">wähnung der vom Beschwerdeführer erfüllten jahrelangen unfall-</span><br/> <span class="ft1">freien Fahrpraxis einen Antrag auf Sonderbewilligung im Sinne von</span><br/> <span class="ft1">Art. 7 Abs. 3 VZV gestellt. Es sei willkürlich zu behaupten, ein An-</span><br/> <span class="ft1">trag im Sinne von Art. 7 Abs. 3 VZV liege nicht vor, zumal das Stra-</span><br/> <span class="ft1">ssenverkehrsamt Dr. med. X. zu dieser Thematik gar nicht befragt</span><br/> <span class="ft1">habe.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Das DVI führt mit Verweis auf die bundesgerichtliche Recht-</span><br/> <span class="ft1">sprechung an, ein Abweichen von den medizinischen Mindestanfor-</span><br/> <span class="ft1">derungen sei nur möglich, wenn ein Mangel im Visus durch eine be-</span><br/> <span class="ft1">sondere Fähigkeit in einem anderen Bereich ausgeglichen werden</span><br/> <span class="ft1">könne. Weder Dr. med. X. noch Dr. med. Y. hätten eine ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechende Fähigkeit des Beschwerdeführers dargelegt. Die von</span><br/> <span class="ft1">Dr. med. X. erwähnte jahrelange unfallfreie Fahrpraxis rechtfertige</span><br/> <span class="ft1">ein Abweichen von den medizinischen Mindestanforderungen nicht.</span><br/> <span class="ft1">Weiter äussere Dr. med. X. in seinem Bericht an das Strassenver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsamt lediglich die Bitte, praktisch zu prüfen, inwiefern eine</span><br/> <span class="ft1">Sonderregelung möglich wäre; daher überlasse er die Beurteilung, ob</span><br/> <span class="ft1">ein Abweichen von den medizinischen Mindestanforderungen ge-</span><br/> <span class="ft1">rechtfertigt sei, letztlich dem Strassenverkehrsamt, weshalb kein</span><br/> <span class="ft1">Antrag im Sinne von Art. 7 Abs. 3 VZV vorliege.</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">Dr. med. X. beurteilt den Beschwerdeführer am 18. Dezember</span><br/> <span class="ft1">2007 als nicht tauglich als Motorfahrzeugführer der Gruppe 3. Mit</span><br/> <span class="ft1">Blick auf den die Fahrtauglichkeit eindeutig verneinenden ärztlichen</span><br/> <span class="ft1">Bericht ist die Aussage des Beschwerdeführers, Dr. med. X. beschei-</span><br/> <span class="ft1">nige ihm Fahrtauglichkeit, nicht nachvollziehbar. Dr. med. X. emp-</span><br/> <span class="ft1">fiehlt lediglich eine praktische Prüfung durch das Strassenverkehrs-</span><br/> <span class="ft1">amt. Diese kann aber einen eindeutigen Antrag einer mit Spezialun-</span><br/> <span class="ft1">tersuchungen betrauten Stelle im Sinne von Art. 7 Abs. 3 VZV nicht</span><br/> <span class="ft1">ersetzen. Dr. med. Y. führt in seiner Begutachtung vom 4. Dezember</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">65</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2007 aus, der Beschwerdeführer erfülle die medizinischen Mindest-</span><br/> <span class="ft1">anforderungen knapp nicht; er sei aus augenärztlicher Sicht fahr-</span><br/> <span class="ft1">tauglich (mit Ausnahme in der Nacht). Es ist nicht ersichtlich, worauf</span><br/> <span class="ft1">Dr. med. Y. die Festestellung der Fahrtauglichkeit stützt, nachdem er</span><br/> <span class="ft1">gerade selber konstatiert hat, die medizinischen Mindestanforderun-</span><br/> <span class="ft1">gen seien nicht erfüllt. Sicherlich kann in dieser unbegründeten Fest-</span><br/> <span class="ft1">stellung kein Antrag auf eine Ausnahmebewilligung gesehen werden,</span><br/> <span class="ft1">zumal im Kanton Aargau grundsätzlich ausschliesslich die Kliniken</span><br/> <span class="ft1">der Kantonsspitäler und die Psychiatrische Klinik Königsfelden für</span><br/> <span class="ft1">verkehrsmedizinische Spezialabklärungen zuständig sind (vgl. § 19</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. c SVV). Ein Antrag auf Abweichung von den medizini-</span><br/> <span class="ft1">schen Mindestanforderungen im Sinne von Art. 7 Abs. 3 VZV liegt</span><br/> <span class="ft1">somit eindeutig nicht vor. Deshalb geht auch die Rüge des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers, es liege Rechtsverweigerung vor, weil das Gutach-</span><br/> <span class="ft1">ten von Dr. med. X. einen Antrag im Sinne von Art. 7 Abs. 3 VZV</span><br/> <span class="ft1">darstelle und nicht behandelt worden sei, ins Leere.</span><br/> <span class="ft1">2.5.</span><br/> <span class="ft1">Dr. med. X. schreibt in seinem Bericht vom 18. Dezember</span><br/> <span class="ft1">2007, da der Beschwerdeführer offenbar jahrelang unfallfrei gefah-</span><br/> <span class="ft1">ren sei, bitte er, praktisch zu prüfen, inwiefern eine Sonderregelung</span><br/> <span class="ft1">(Fahren tagsüber mit Brille) möglich wäre. Wie das DVI richtig dar-</span><br/> <span class="ft1">legt, kann die mangelnde Sehschärfe des Beschwerdeführers nicht</span><br/> <span class="ft1">durch eine jahrelange unfallfreie Fahrpraxis wettgemacht werden. Ist</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer in der Vergangenheit unfallfrei gefahren, lässt</span><br/> <span class="ft1">sich dadurch nicht auf eine künftige Gewährleistung der Verkehrs-</span><br/> <span class="ft1">sicherheit schliessen. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer be-</span><br/> <span class="ft1">reits vor einem Jahr ungenügende Visuswerte aufwies und seither</span><br/> <span class="ft1">keinen verkehrssicherheitsrelevanten Vorfall verursachte, vermag da-</span><br/> <span class="ft1">ran nichts zu ändern. Vielmehr wäre gemäss bundesgerichtlicher</span><br/> <span class="ft1">Rechtsprechung eine besondere, den Visusmangel ausgleichende</span><br/> <span class="ft1">Fähigkeit in einem anderen Bereich gefordert. Eine solche wird von</span><br/> <span class="ft1">keinem ärztlichen Gutachten dargelegt und wird vom Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer weder behauptet noch bewiesen.</span><br/> <span class="ft1">2.6.</span><br/> <span class="ft1">Ein Antrag auf eine Ausnahmebewilligung liegt somit nicht vor</span><br/> <span class="ft1">und es ist auch nicht bewiesen, dass der Mangel im Visus durch eine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">66</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">besondere Fähigkeit des Beschwerdeführers in einem anderen Be-</span><br/> <span class="ft1">reich ausgeglichen wird. Unfallfreiheit genügt zweifellos nicht, um</span><br/> <span class="ft1">einen Ausnahmetatbestand zu begründen. Unter diesen Umständen</span><br/> <span class="ft1">besteht keine Gewähr, dass der Beschwerdeführer sein Motorfahr-</span><br/> <span class="ft1">zeug sicher zu führen vermag. Eine Ausnahmebewilligung im Sinne</span><br/> <span class="ft1">von Art. 7 Abs. 3 VZV ist bei dieser Sachlage nicht angebracht.</span><br/></div> </div> </body> </html>