178 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2019 gemeinschaft einzugehen, regelmässig nicht feststellen läs st, ist jene im Wesentlichen aufgrund äusserer Umstände zu erschliessen. V or- liegend sprechen die bescheideneren Verhältnisse wie auch die Lebensumstände beider Bewohner (materiell unterstützter neu aner - kannter Flüchtling und Auszubildender) für eine Zwec k-Wohnge- meinschaft. Unter den gegebenen Umständen erscheint plau sibel, dass die Wohngemeinschaft mit dem wesentlichen Zweck ein - gegangen wurde, eine Kostenersparnis zu erzielen. Insoweit ist nahe- liegend, dass sich der Be schwerdeführer und sein Mitbe wohner die Wohnnebenkosten aufteilen. 4.5. Insgesamt sind keine schlüssigen Anhaltspunkte ersichtlich, die auf eine familienähnliche Wohn - und Lebensgemeinschaft im Sinne von Kap. B.2.3 der SKOS -Richtlinien schliessen liessen. Demzufol - ge ist von einer Zwe ck-Wohngemeinschaft gemäss Kap. B.2.4 der SKOS-Richtlinien auszugehen, wofür auch die unter Erw. 4.4 aufge- führten Gründe sprechen. Ent sprechend ist dem Beschwerdeführer der um 10 % reduzierte Grundbedarf für eine Person in einem Ein - personenhaushalt zu gewähren. (…) 27 Bevorschussung von Kindesunterhaltsbeiträgen Aus § 33 SPG in der geltenden Fassung ergibt sich keine Pflicht, neben dem Barunterhalt auch den Betreuungsunterhalt zu bevorschussen. Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 19. Februar 2019, in Sachen A. gegen Sozialkommission B. und Departement Gesundheit und Soziales (WBE.2018.349). 2019 Sozialhilfe 179 Aus den Erwägungen 3. Gemäss Art. 293 Abs. 2 ZGB regelt das öffentliche Recht die Ausrichtung von V orschüssen für den Unterhalt des Kindes, wenn die Eltern ihrer Unterhaltspflicht nicht nachkommen. Der Erlass von Bestimmungen zur Alimentenbevorschussung und deren V ollzug fal- len in die Kompetenz d er Kantone. Auf eine Verfassungsgrundlage zur Harmonisierung der Be vorschussung von Kindesunterhaltsbei - trägen wurde vorerst verzichtet (vgl. Botschaft zu einer Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzb uches [Kindesunterhalt] vom 29. November 2013 [nachfo lgend Botschaft], 13.101, in: BBl 2014 545 f.). Die Alimentenbevorschussung für den Kindesunterhalt ge - hört nach allgemeiner Auffassung zu einem sachgerechten Sozialwe- sen, die Kantone sind indessen von Bundes rechts wegen nicht ver - pflichtet, dieses Insti tut einzuführen; dement sprechend sind sie grundsätzlich auch frei, wie sie das entsprechende System ausgestal - ten (vgl. BGE 137 III 193, Erw. 3.4; 112 Ia 251, Erw. 3; 106 II 283, Erw. 3). 4. Der Anspruch auf Bevorschussung von Kindesunterhaltsbeiträ - gen s etzt voraus, dass der unterhaltspflichtige Elternteil seiner Un - terhaltspflicht nicht oder nicht rechtzeitig nachkommt und ein voll - streckbarer Rechtstitel vorliegt (vgl. § 33 lit. a und b SPG). (…) 5. Das neue Unterhaltsrecht ist am 1. Januar 2017 in Kraf t getre- ten. Nach dessen Konzeption ist der Betreuungsunterhalt als Teil des Kindesunterhalts a usgestaltet (vgl. Art. 276 Abs. 2 ZGB): Der An - spruch steht dem Kind zu und beinhaltet die mit der Betreuung durch einen Elternteil entstehenden (indirekten) Kosten (vgl. Botschaft, in: BBl 2014 551 f.). Er ist an die V oraussetzung geknüpft, dass ein Elternteil ein Kind vollumfänglich oder zumindest teilweise selbst betreut (vgl. STEPHAN HARTMANN, Betreu ungsunterhalt – Überle- gungen zur Methode der Unterhaltsbe messung, in: ZBJV 153/2017, S. 101). Ob wohl der Betreuungsunterhalt formell als Anspruch des 180 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2019 Kindes ausgestaltet ist, soll er wirtschaftlich dem persönlich betreu - enden Elternteil zu kommen (Urteil des Bundesgerichts vom 21. September 2018 [5A_384/2018], Erw. 4.3). Insoweit stellt er eine Abgeltung für die Betreu ungszeit an den betreuenden Elternteil dar (vgl. SABINE AESCHLIMANN/JONAS SCHWEIGHAUSER, in: INGEBORG SCHWENZER/ROLAND FANKHAUSER [Hrsg.], FamKomm Scheidung, Band I: ZGB, 3. Auflage, Bern 2017, A llg. Bem. zu Art. 276-293 N 15). Im Gegensatz dazu berück sichtigen die Familiengerichte kostenpflichtige Drittbetreuungen im Rahmen des Barunterhalts (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 21 . September 2018 [5A_384/2018], Erw. 4.3; Empfehlungen für die Be messung von Unter haltsbeiträgen für Kinder [XKS. 2017.2] der Kammer für Kindes - und Er - wachsenenschutz des Obergerichts, S. 4; Botschaft, in: BBl 2014 551). Bezüglich der Bemessung des Betreuungsunterhalts empfiehlt das Bun desgericht die sog. "Lebenshalt ungskosten-Methode". Da - nach wird auf die Differenz zwischen dem Nettoverdienst aus der Erwerbstätigkeit und den Lebenshaltungskosten des betreuenden Elternteils abgestellt, wobei hierfür im Grundsatz das familienrecht - liche Existenzminimum massge bend ist (vgl. BGE 144 III 377, Erw. 7; Urteil des Bundesgerichts vom 21 . September 2018 [5A_384/2018], Erw. 4.4; Botschaft, in: BBl 2014 554, 576). Insgesamt wird bei Trennungen verheirateter Eltern und Schei - dungen zwar nicht mit einer Erhöhung der Unterhaltslei stungen ge- rechnet, aber von einer Verschiebung vom (nach -)ehelichen Unter - halt des betreuenden Elternteils zum Kindesunterhalt ausgegangen (vgl. Empfehlungen für die Bemessung von Unterhaltsbeiträgen für Kinder [XKS.2017.2] der Kammer für Kindes - und Erwachsenen- schutz des Obergerichts, S. 2; vgl. auch HARTMANN, a.a.O., S. 91). Bei unverheirateten Eltern ist tendenziell mit Erhöhungen der Kin - desunterhaltsbeiträge zu rechnen. 6. Die massgebliche Formulierung de r Anspruchsvoraussetzungen in § 33 SPG ist seit dem Inkrafttreten des Gesetzes am 1. Januar 2003 nicht geändert worden ("Anspruch auf Bevorschussung der Un- terhaltsbeiträge"; vgl. AGS 2002, S. 264). Aus den Materialien ergibt 2019 Sozialhilfe 181 sich ein klarer Wille des Gesetzgebers, dass sich die V orschüsse ent- sprechend Art. 293 Abs. 2 ZGB auf den Kindesunterhalt beschränken und auf eine Bevor schussung von Unterhaltsbei trägen an Ehegatten gemäss Art. 131 Abs. 2 ZGB (in der Fassung bis 31. Dezember 2016) verzichtet werden sollte (vgl. Botschaft des Regierungsrats des Kan- tons Aargau an den Grossen Rat vom 30. Juni 1999, SPG, Bericht und Entwurf zur 1. Beratung, 99.226, S. 31). Änderungen oder An - passungen der Bestimmungen über die Bevorschussung von Kindes - unterhaltsbeiträgen wurden vom aargaui schen Gesetzgeber im Zu- sammenhang mit dem Inkrafttreten des n euen Unterhaltsrechts am 1. Januar 2017 nicht vorgenommen oder in Betracht gezogen. 7. (…) 8. 8.1. Fraglich und zu beantworten ist, ob der behördlich bzw. gericht- lich fest gelegte oder genehmigte Betreuungsunterha lt aufgrund der Bestimmung von § 33 SPG zu bevorschussen ist. 8.2. Ausgangspunkt jeder Auslegung bildet der Wortlaut der Be - stimmung. Ist der Text nicht ganz klar und sind verschiedene Inter - pretationen möglich, so muss nach der wahren Tragweite der Be - stimmung gesucht werden, wobei alle Auslegungselemente zu be - rücksichtigen sind (Methodenpluralismus). Dabei kommt es nament - lich auf den Zweck der Regelung, die dem Text zugrundeliegenden Wertungen sowie auf den Sinnzusammen hang an, in dem die Norm steht. Die Gesetzesmaterialien sind zwar nicht unmittelbar entschei - dend, dienen aber als Hilfsmittel, den Sinn der Norm zu erkennen (BGE 136 II 149, Erw. 3; 131 II 562, Erw. 3.5; 129 II 114, Erw. 3.1). V om Wortlaut darf abgewichen werden, wenn triftige Gründe für die Annahme bestehen, dass dieser nicht den wahren Sinn der Regelung wiedergibt. Solche Gründe können sich aus der Entstehungsge - schichte, aus Sinn und Zweck der Norm oder aus ihrem Zusammen - hang mit ande ren Gesetzesbestimmungen ergeben. Sind mehrere Auslegungen möglich, ist jene zu wählen, die den verfassungsrecht - lichen V orgaben am besten entspricht (BGE 136 II 149, Erw. 3; 131 II 562, Erw. 3.5). 182 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2019 8.3. Der Bundesgesetzgeber hat per 1. Januar 2017 den Betreuungs- unterhalt als neues Element des Kindesunterhalts eingeführt (vgl. Art. 276 Abs. 2 und Art. 285 Abs. 2 ZGB), um die bestehende Be - nachteiligung von Kin dern unverheirateter gegenüber verheirateter Eltern zu beheben (bezüglich indirekter Kosten der Kinderbetreuung; vgl. HARTMANN, a.a.O., S. 86; Botschaft, in: BBl 2014 540; Empfeh- lungen für die Bemessung von Un terhaltsbeiträgen für Kinder [XKS.2017.2] der Kammer für Kindes - und Erwachsenenschutz des Obergerichts, S. 1 f.). Nach der Konzeption des neuen Unte rhalts- rechts ist der Betreuungsunterhalt als Bestandteil des Kindesunter - halts ausgestaltet, welcher sich aus dem Barunterhalt und dem Be - treuungsunterhalt zusammensetzt. Die Botschaft betont die Gleich - wertigkeit von Eigen- und Fremdbetreuung (vgl. BBl 2014 552). Die neue bundesrechtliche Regelung und der un veränderte Wortlaut von § 33 SPG ("Bevorschussung der Unterhaltsbeiträge") sprechen somit für eine Subsumtion des Betreuungsunterhalts unter die Bevorschus - sung der Kinderalimente. Dies gilt insbesondere, da Drittbetreuungs- kosten im Rahmen des Barunterhalts berücksichtigt werden. Die Funktion des Betreuungsunterhalts und die Entstehungsge - schichte von § 33 SPG relativieren allerdings eine entsprechende Schlussfolgerung: Wie ausgeführt, ist der Betreu ungsunterhalt zwar formell als An spruch des Kindes ausgestaltet, indessen kommt er wirtschaftlich dem persönlich betreuenden Elternteil zu (vgl. vorne Erw. 5). Dies zeigt sich insbesondere an der vom Bundesgericht empfohlenen Lebenshaltungs kosten-Methode zur Bemessung des Betreuungsunterhalts (vgl. vorne Erw. 5). Der Wille des kantonalen Gesetzgebers, auf die Bevorschussung von (nach -)ehelichen Unter - haltsbeiträgen im Sinne von Art. 131 Abs. 2 ZGB (in der Fassung bis 31. Dezember 2016) zu verzichten (vgl. vorne Erw. 6), darf nicht ausser Acht gelassen werden. In wirtschaftlicher Hin sicht erwog die V orinstanz zu Recht, dass mit der Revision des Unterhaltsrechts Bei- träge, welche vormals über den nachehelichen Unterhalt zugespro - chen wurden, nunmehr als Te il des Kindesunt erhalts gelten (vgl. vorne Erw. 5). Die mit der Revision des Unterhaltsrechts einherge - hende Verschiebung der Unterhaltsleistungen vom (nach -)ehelichen 2019 Sozialhilfe 183 Unterhalt des betreuenden Elternteils zum Kindesunterhalt würde erwartungsgemäss zu Meh raufwendungen im Rahmen der Alimen - tenbevorschussung führen. Solche sind auch für den Betreuungs - unterhalt von Kindern zu er warten, deren Eltern nicht verheiratet sind. Die Übernahme entsprechen der V orschüsse war vom histori- schen Gesetzgeber kaum gewollt. Gemäss § 78 Abs. 1 Satz 1 KV erlässt der Grosse Rat in der Form des Gesetzes alle wichtigen Bestimmungen, insbesondere die - jenigen, welche die Rechte und Pflichten der Bürger festlegen. Aus staatsrechtlicher Sicht erscheint es daher angezeigt, dass das Kan- tonsparlament eine Entschei dung über allfällige Auswirkungen des revidierten Unterhaltsrechts auf die Alimentenbevorschussung trifft. Einerseits zeitigt die Einführung des Bar- und Betreuungsunterhalts – entsprechend der Ausgestaltung der Bevor schussung – direkte Aus- wirkungen auf deren Umfang und damit den An spruch an sich. An - dererseits ist aufgrund erwarteter Verschiebungen vom (nach - )ehelichen Unterhalt des betreuenden Elternteils hin zum Kindes - unterhalt mit Mehrausausgaben bzw. mit bedeutenden finanziellen Auswirkungen zu rechnen (zu den Kriterien für die Wichtigkeit von Erlassbestimmungen vgl. KURT EICHENBERGER, Verfassung des Kantons Aargau, Textausga be mit Kommentar, Aarau 1986, § 78 N 11 ff., 16; ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Auflage, Zürich/St. Gallen 2016, Rz. 353 ff.). Zwar vergütet de r Kanton den Gemeinden gemäss § 47 Abs. 1 lit. d und Abs. 2 SPG die Kosten der Alimentenbevorschus - sung nicht mehr, weshalb allfällige Mehrkosten in erster Lini e die Gemeinden belasten. Unabhängig davon spricht das Feh len einer ge- setzgeberischen Entscheidung dagegen, Mehraufwen dungen des Be - treuungsunterhalts über die Kinderalimente zu bevor schussen. Nach der verfassungskonformen Auslegung erfasst § 33 SPG de n Be - treuungsunterhalt somit nicht. Zwar kann bei der Auslegung von § 33 SPG der Maxime des Kindeswohls grundsätzlich besser Rechnung getragen werden (vgl. dazu die Grund satzbestimmung von § 32 SPG, wonach die Bevor - schussung die nachtei ligen Folgen bei Säumnis des unterhaltsver - pflichteten Elternteils mindern soll); indessen würde die maximale 184 Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht 2019 Bevorschussung gemäss § 35 Abs. 1 SPG (d.h. Fr. 940.00 bzw. ab 1. Januar 2019 Fr. 948.00) mit bevor schusstem Betreuungsunterhalt vorliegend – und regelmässig auch in den übrigen Fällen – ausge- schöpft. Die Begrenzung der Bevorschussung entsprechend der maximalen einfachen Waisenrente nach der Bundes gesetzgebung über die Alters - und Hinterlassenenversicherung spricht – wie die Vorinstanz zu Recht erwog – gegen die Bevorschussung des Be - treuungsunterhalts. Insgesamt überwiegen bei der Auslegung der aktuellen Fassung von § 33 SPG diejenigen Argumente, welche gegen eine Ausdehnung der Bevorschussung auf den Betreuungsunterhalt sprechen. Diesem Ergebnis ste hen keine praktischen Gründe entgegen: Es dürfte in aller Regel unentbehrlich sein, für die Festlegung oder Genehmigung der Kindesunterhaltsbeiträge den Bar - und Betreuungsunterhalt aus - zuweisen (vgl. Empfehlungen für die Bemessung von Unterhaltsbei - trägen für Ki nder [XKS.2017.2] der Kammer für Kindes - und Er - wachsenenschutz des Obergerichts, S. 6). Schliesslich wird dem be - treuenden Elternteil bei So zialhilfeabhängigkeit der Betreuungsun - terhalt nur als eigene Mittel ange rechnet, wenn er vom Unterhalts - pflichtigen tatsächli ch bezahlt wird (vgl. § 11 Abs. 1 SPG; § 11 Abs. 1 SPV; Merkblatt "Auswirkungen des revidier ten Rechts zum Kindesunterhalt auf die Sozialhilfe" der SKOS, Kommission Rechts- fragen, vom 12 . Dezember 2016, S. 2). Insoweit wirkt sich die Be - vorschussung zumindest nicht auf die Existenzsicherung der Be - schwerdeführerin aus. 8.4. Die Auslegung von § 33 SPG ergibt somit, dass die Sozialbe - hörde aufgrund der geltenden Bestimmung nicht verpflichtet ist, der Beschwerdeführerin den Betreuungsunterhalt für ihren Sohn zu be - vorschussen. Der kantonale Gesetzgeber ist aber aufgefordert, im dafür vorgesehenen Verfahren eine ausdrückliche Entscheidung zu treffen, in welchem Um fang Kindesunterhaltsbeiträge nach neuem Unterhaltsrecht zu bevorschussen sind.