<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 10 S.47</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">47</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Zivilprozessrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>A. Zivilprozessordnung</b></span><br/> <br/> <span class="ft3"><b>10</b></span> <span class="ft3"><b>§§ 75 Abs. 1, 167 Abs. 2 lit. b, 184, 196 Abs. 1, 236 und 335 lit. b ZPO.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Gegen eine Beweisanordnung eines Gerichtspräsidenten, mit welcher</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nach Abschluss des Rechtsschriftenwechsels vom Kläger die Edition der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sich in seinem Besitz befindlichen, aber von diesem in Klage und Replik</b></span><br/> <span class="ft3"><b>lediglich zur Edition anerbotenen Beweisstücke verlangt wird, ist die Be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schwerde gemäss § 335 lit. b ZPO zulässig, da eine solche Anordnung eine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Verletzung der Verhandlungsmaxime und damit einer grundlegenden ge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>setzlichen Bestimmung darstellt und ein Sachentscheid wegen dieses Ver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>fahrensmangels aufgehoben werden müsste, dadurch das Verfahren er-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>heblich verlängert würde und deshalb der Gegenpartei ein nicht leicht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>wieder gutzumachender Nachteil entstünde.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 4. Zivilkammer, vom 27. Juni 2000 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen D. und P. B. gegen E. R. AG.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2. Das Rechtsmittel der Beschwerde ist gemäss § 335 ZPO nur</span><br/> <span class="ft6">gegen Endentscheide im summarischen Verfahren (lit. a) sowie ge-</span><br/> <span class="ft6">gen prozessleitende Entscheide zulässig, wenn diese nach dem Ge-</span><br/> <span class="ft6">setz selbständig weiterziehbar sind oder gegen grundlegende gesetz-</span><br/> <span class="ft6">liche Bestimmungen verstossen und daraus der Partei ein schwer</span><br/> <span class="ft6">wieder gutzumachender Nachteil entsteht (lit. b).</span><br/> <span class="ft6">a) Die vorliegende Beschwerde richtet sich nicht gegen einen</span><br/> <span class="ft6">Endentscheid im summarischen Verfahren, sondern gegen die im or-</span><br/> <span class="ft6">dentlichen Verfahren von der Vizepräsidentin des Bezirksgerichts B.</span><br/> <span class="ft6">erlassene Beweisanordnung vom 18. April 2000. Eine solche Be-</span><br/> <span class="ft6">weisanordnung nach Massgabe von § 196 Abs. 1 ZPO ist nicht ge-</span><br/> <span class="ft6">sondert mit Beschwerde anfechtbar und kann daher grundsätzlich</span><br/> <span class="ft6">nicht mit Beschwerde angefochten werden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">48</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">b) Das Rechtsmittel der Beschwerde ist gegen solche prozess-</span><br/> <span class="ft6">leitenden Verfügungen nur dann zuzulassen, wenn sie "gegen grund-</span><br/> <span class="ft6">legende gesetzliche Bestimmungen verstossen und daraus der Partei</span><br/> <span class="ft6">ein schwer wieder gutzumachender Nachteil entsteht" (§ 335 lit. b</span><br/> <span class="ft6">ZPO). Diese Voraussetzungen für die Zulässigkeit der Beschwerde</span><br/> <span class="ft6">sind hier erfüllt:</span><br/> <span class="ft6">Die Vizepräsidentin der Vorinstanz hat im Rahmen der strittigen</span><br/> <span class="ft6">Beweisanordnung vom 18. April 2000 in Ziffer 3 verfügt, die Kläge-</span><br/> <span class="ft6">rin habe innert zehn Tagen seit Zustellung sämtliche von ihr zur Edi-</span><br/> <span class="ft6">tion offerierten Unterlagen betreffend das Bauprojekt (Lösungsvor-</span><br/> <span class="ft6">schläge, Pläne, Submissionsunterlagen, Aktennotizen, Protokolle,</span><br/> <span class="ft6">Baubewilligung mit Plänen, Stundenlisten usw.) einzureichen. Ge-</span><br/> <span class="ft6">mäss § 167 Abs. 2 lit. b ZPO sind der Klage die von der Klagepartei</span><br/> <span class="ft6">angerufenen Urkunden, welche sich in ihrem Besitz befinden, beizu-</span><br/> <span class="ft6">legen. § 236 ZPO wiederholt der Vollständigkeit halber die Pflicht</span><br/> <span class="ft6">der Parteien zur Vorlegung der in ihrem Besitze befindlichen Urkun-</span><br/> <span class="ft6">den bereits im Rahmen des Behauptungsverfahrens (Bühler/Edel-</span><br/> <span class="ft6">mann/Killer, Kommentar zur aargauischen Zivilprozessordnung,</span><br/> <span class="ft6">Aarau/Frankfurt am Main/Salzburg 1998, N. 1 zu § 236 ZPO). Die</span><br/> <span class="ft6">im Besitze einer Klagepartei befindlichen Urkunden nehmen inso-</span><br/> <span class="ft6">fern eine besondere Stellung ein, als hier der Beweisantritt durch</span><br/> <span class="ft6">blosse Bezeichnung nicht genügt, sondern die Urkunden gleichzeitig</span><br/> <span class="ft6">vorzulegen sind, damit der Gegner schon im Rahmen des Behaup-</span><br/> <span class="ft6">tungsverfahrens dazu Stellung nehmen kann und die richterliche Be-</span><br/> <span class="ft6">weiswürdigung bereits in diesem Verfahrensstadium möglich ist, be-</span><br/> <span class="ft6">vor eine allfällige Beweisanordnung ergeht (welche unter Umständen</span><br/> <span class="ft6">gestützt auf die eingelegten Urkunden gar nicht mehr nötig ist). Da</span><br/> <span class="ft6">folglich nur dann ein gültiger Beweisantritt vorliegt, wenn die Ur-</span><br/> <span class="ft6">kunde ins Recht gelegt wird, können Urkunden, die der Beweisführer</span><br/> <span class="ft6">in Händen hat, nur so lange vorgelegt werden, als ein Beweisantritt</span><br/> <span class="ft6">nach den allgemeinen Regeln zulässig ist, also durch die Klagepartei</span><br/> <span class="ft6">spätestens mit der Replik. Eine spätere Vorlegung ist nur dann mög-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">49</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">lich, soweit nachträgliche Vorbringen zulässig sind (Bühler/Edel-</span><br/> <span class="ft6">mann/Killer, a.a.O., N. 10 zu § 167 ZPO mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">Die Klägerin hat in ihrer Klage vom 16. Juli 1999 bzw. Replik</span><br/> <span class="ft6">vom 17. Dezember 1999 verschiedene Beweismittel offeriert und in</span><br/> <span class="ft6">diesem Rahmen auch Urkunden als Beweismittel angerufen; dabei</span><br/> <span class="ft6">hat sie sogenannte "Lösungsvorschläge" bzw. einen "Lösungsvor-</span><br/> <span class="ft6">schlag Variante 1 mit Anmerkungen der Beklagten" zur Edition offe-</span><br/> <span class="ft6">riert (Klage S. 4). Schliesslich hat die Klägerin Pläne, Aktennotizen</span><br/> <span class="ft6">und Protokolle, die Baubewilligung mit den bewilligten Plänen (Kla-</span><br/> <span class="ft6">ge S. 5), die gesamten von der Klägerin angefertigten Plan- und Sub-</span><br/> <span class="ft6">missionsunterlagen (Klage S. 8 und 9), Nebenkostenaufzeichnungen</span><br/> <span class="ft6">(Klage S. 10) sowie Stundenlisten (Klage S. 11) und letztlich erneut</span><br/> <span class="ft6">die Baubewilligung (Klage S. 12) zur Edition offeriert. Auch in der</span><br/> <span class="ft6">Replik vom 17. Dezember 1999 werden diese zur Edition offerierten</span><br/> <span class="ft6">Urkunden erneut angerufen; teilweise werden zusätzliche Urkunden</span><br/> <span class="ft6">zum Beweis unterstellt, indessen, und das ist von Belang, erneut zur</span><br/> <span class="ft6">Edition offeriert (Replik S. 11).</span><br/> <span class="ft6">Mit der in § 75 Abs. 1 ZPO statuierten Verhandlungsmaxime</span><br/> <span class="ft6">wird den Parteien die Behauptungs- und Substanziierungslast aufer-</span><br/> <span class="ft6">legt. Die Verhandlungsmaxime ist verletzt, wenn nicht oder nicht</span><br/> <span class="ft6">rechtzeitig behauptete Tatsachen oder Beweismittel berücksichtigt</span><br/> <span class="ft6">werden (Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N. 6 zu § 75 ZPO mit Hin-</span><br/> <span class="ft6">weisen). Bei der Verhandlungsmaxime nach Massgabe von § 75 ZPO</span><br/> <span class="ft6">handelt es sich um eine Bestimmung grundlegender Bedeutung</span><br/> <span class="ft6">(Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N. 8 zu § 335 ZPO), und von daher</span><br/> <span class="ft6">ist auf die Beschwerde einzutreten.</span><br/> <span class="ft6">Indem die Klägerin in ihrer Klage bzw. Replik die angeführten</span><br/> <span class="ft6">Urkunden als Beweismittel angerufen hat, hat sie zu erkennen gege-</span><br/> <span class="ft6">ben, dass sich diese in ihrem Besitz befinden; hingegen hat die Klä-</span><br/> <span class="ft6">gerin unterlassen, diese Urkunden, wie § 167 Abs. 2 lit. b ZPO gebie-</span><br/> <span class="ft6">tet (ebenso § 236 ZPO), dem Gericht einzureichen; vielmehr hat sie</span><br/> <span class="ft6">diese Urkunden bloss zur Edition offeriert, was den erwähnten Be-</span><br/> <span class="ft6">stimmungen zuwiderläuft. Es ist festzustellen, dass die Klägerin kei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">50</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ne Gründe namhaft machte, dass ihr die Vorlegung bzw. Einreichung</span><br/> <span class="ft6">der von ihr angerufenen Urkunden nicht hätte möglich sein sollen;</span><br/> <span class="ft6">damit ist festzustellen, dass auch der Tatbestand von § 184 ZPO nicht</span><br/> <span class="ft6">gegeben ist, nach welchem nach Abschluss des Behauptungs-</span><br/> <span class="ft6">verfahrens neue Beweismittel eingereicht werden können, wenn die</span><br/> <span class="ft6">Verspätung als entschuldbar erscheint. Die Klägerin wäre demnach</span><br/> <span class="ft6">gehalten gewesen, diese bloss zur Edition offerierten Urkunden mit</span><br/> <span class="ft6">der Klage bzw. spätestens mit der Replik einzureichen, was sie in-</span><br/> <span class="ft6">dessen nicht getan hat.</span><br/> <span class="ft6">Damit ist festzustellen, dass die erste in § 335 lit. b ZPO vorge-</span><br/> <span class="ft6">sehene Voraussetzung, nämlich ein Verstoss gegen eine grundlegende</span><br/> <span class="ft6">gesetzliche Bestimmung, erfüllt ist, indem die Vorderrichterin in Zif-</span><br/> <span class="ft6">fer 3 der Beweisanordnung verfügte, die Klägerin habe die von ihr</span><br/> <span class="ft6">bloss zur Edition offerierten Beweismittel einzureichen.</span><br/> <span class="ft6">Zu prüfen bleibt, ob der Klägerin gestützt auf diese Anordnung</span><br/> <span class="ft6">ein schwer wieder gutzumachender Nachteil entsteht. Im Schrifttum</span><br/> <span class="ft6">wird die Auffassung vertreten, darunter falle nicht vorab ein finan-</span><br/> <span class="ft6">zieller Schaden, sondern vielmehr eine Beeinträchtigung der gesam-</span><br/> <span class="ft6">ten Stellung der beschwerdeführenden Partei im Zusammenhang mit</span><br/> <span class="ft6">dem Prozess, z.B. weil das Verfahren erheblich verlängert werde,</span><br/> <span class="ft6">wenn es im Endurteil wegen Verfahrensmangels aufgehoben werden</span><br/> <span class="ft6">müsse (Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N. 9 zu § 335 ZPO).</span><br/> <span class="ft6">Auch diese Voraussetzung ist erfüllt; wird von den Beklagten</span><br/> <span class="ft6">gegen das erst noch zu erlassende Sachurteil des Bezirksgerichts Ap-</span><br/> <span class="ft6">pellation eingereicht, so müsste dieser Entscheid wegen der erwähn-</span><br/> <span class="ft6">ten Verfahrensmängel aufgehoben werden und das Bezirksgericht</span><br/> <span class="ft6">müsste erneut, unter Ausschluss der bloss zur Edition offerierten Ur-</span><br/> <span class="ft6">kunden, einen Entscheid fällen; damit würde das Verfahren in der Tat</span><br/> <span class="ft6">erheblich verlängert, was nicht hingenommen werden kann.</span><br/> <span class="ft6">Unter diesen Umständen ist Dispositiv Ziffer 3 der Beweisan-</span><br/> <span class="ft6">ordnung vom 18. April 2000 in Gutheissung der Beschwerde der Be-</span><br/> <span class="ft6">klagten ersatzlos zu streichen.</span><br/></div> </div> </body> </html>