<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 116 S.442</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">442</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>116 Materialabbau.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Legitimation zur Einreichung eines (Ab)Baugesuchs; Notwendigkeit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>eines schutzwürdigen eigenen und aktuellen Interesses.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Sachentscheidsvoraussetzung für einen Vorentscheid; es muss eine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gewisse Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die gesuchstellende Per-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>son ein Bauvorhaben realisieren kann und wird.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Genügendes aktuelles Interesse verneint bei einem Abbaugesuch, mit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>welchem ein hängiges Enteignungsverfahren präjudiziert werden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sollte.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 28. Juni 2006 i.S. T. AG und</span><br/> <span class="ft3">S.</span> <span class="ft3">AG gegen den Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Um-</span><br/> <span class="ft3">welt/Gemeinderats S.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. a) Obwohl gesetzlich nicht explizit geregelt, wendet die</span><br/> <span class="ft1">Rechtssprechung die allgemeine Vorschrift über die Beschwerdele-</span><br/> <span class="ft1">gitimation (§ 38 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechts-</span><br/> <span class="ft1">pflege vom 9. Juli 1968 [VRPG]) analog auf das erstinstanzliche</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsverfahren an. Danach müssen die Behörden auf Antrag</span><br/> <span class="ft1">einer Partei generell nur dann tätig werden, wenn diese für den Erlass</span><br/> <span class="ft1">einer bestimmten Verfügung ein schutzwürdiges eigenes und aktuel-</span><br/> <span class="ft1">les Interesse geltend machen kann. Sinnlose Verfahren müssen und</span><br/> <span class="ft1">dürfen nicht durchgeführt werden. Dagegen spricht namentlich der</span><br/> <span class="ft1">Grundsatz der Verfahrensökonomie; Leerläufe vertragen sich nicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">443</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mit dem - sogar verfassungsrechtlich statuierten (vgl. §§ 68 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">und 90 Abs. 2 der Verfassung des Kantons Aargau vom 25. Juni</span><br/> <span class="ft1">1980) - Gebot einer effizienten Verwaltung. In diesem Sinne muss</span><br/> <span class="ft1">auch ein Baugesuchsteller oder eine Baugesuchstellerin glaubhaft</span><br/> <span class="ft1">machen können, dass er bzw. sie am Ausgang des Verfahrens, das mit</span><br/> <span class="ft1">dem Baugesuch in Gang gesetzt wurde, einen praktischen Nutzen hat</span><br/> <span class="ft1">(vgl. AGVE 2002 S. 230, mit zahlreichen Hinweisen auf weitere</span><br/> <span class="ft1">Entscheide; Michael Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkon-</span><br/> <span class="ft1">trollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über die Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">rechtspflege, Zürich 1998, N. 27 zu § 38 VRPG). Nicht nur Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeverfahren, sondern bereits erstinstanzliche Verfahren sind</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich nicht dazu da, rein theoretische Fragen, die sich in Tat</span><br/> <span class="ft1">und Wahrheit nicht stellen, abklären lassen. Vorbehalten bleibt der an</span><br/> <span class="ft1">bestimmte Voraussetzungen geknüpfte Erlass einer Festellungsverfü-</span><br/> <span class="ft1">gung (dazu sogleich b.).</span><br/> <span class="ft1">b) Den Beschwerdeführerinnen ist nun in der Tat beizupflichten,</span><br/> <span class="ft1">dass die Vorinstanzen dem Beschwerdegegner kein solches ge-</span><br/> <span class="ft1">nügendes, schützenswertes Interesse hätten zuerkennen dürfen. Zu</span><br/> <span class="ft1">Recht weisen sie darauf hin, dass das Baubewilligungsverfahren</span><br/> <span class="ft1">vorliegend zu einem sachfremden Zwecke eingesetzt wurde, nämlich</span><br/> <span class="ft1">einzig zur Präjudizierung der im hängigen Enteignungsverfahren zu</span><br/> <span class="ft1">entscheidenden Rechtsfragen betreffend Bemessung der Entschädi-</span><br/> <span class="ft1">gung. Als nicht stichhaltig erweist sich das Argument des Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">degegners, es handle sich vorliegend um eine von der Lehre und</span><br/> <span class="ft1">Rechtsprechung ohne Weiteres als zulässig anerkannte Feststellungs-</span><br/> <span class="ft1">verfügung im Sinne eines Vorentscheids, und Sinn und Zweck eines</span><br/> <span class="ft1">Vorentscheids sei gerade, als Vorstufe einer späteren Gestaltungsver-</span><br/> <span class="ft1">fügung eine Teilfrage im Voraus verbindlich beantworten zu lassen.</span><br/> <span class="ft1">Zwar trifft es zu, dass Ziel eines Vorentscheids u.a. ist, bei unsicherer</span><br/> <span class="ft1">Rechtslage vorweg (Teil-)Fragen in verbindlicher Weise zu entschei-</span><br/> <span class="ft1">den, deren Beantwortung den betroffenen Privaten erhebliche Kosten</span><br/> <span class="ft1">und den Behörden ein umfangreiches Rechtsmittelverfahren ersparen</span><br/> <span class="ft1">kann (vgl. hiezu Merker, a.a.O., N. 36 zu § 38 VRPG). Dies bedeutet</span><br/> <span class="ft1">indessen nicht, dass den Behörden im Rahmen eines solchen Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rens jegliche Rechtsfrage unabhängig eines schützenswerten aktuel-</span><br/> <span class="ft1">len Interesses unterbreitet werden könnte; vielmehr muss zumindest</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">444</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">als Sachentscheidvoraussetzung verlangt werden, dass eine gewisse</span><br/> <span class="ft1">Wahrscheinlichkeit besteht, dass die gesuchstellende Person ein</span><br/> <span class="ft1">Bauvorhaben tatsächlich realisieren kann und wird. Gerade dies trifft</span><br/> <span class="ft1">im vorliegenden Fall jedoch nicht zu. Es ist völlig offenkundig, dass</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdegegner von vornherein in absehbarer Zeit, d.h. so-</span><br/> <span class="ft1">lange die Gasleitungen vorhanden sind, und jedenfalls nicht inner-</span><br/> <span class="ft1">halb der beschränkten Gültigkeitsdauer einer Kiesabbaubewilligung</span><br/> <span class="ft1">keinen Kies im fraglichen Perimeter wird abbauen können; dies wird</span><br/> <span class="ft1">von ihm denn auch sogar selber zugestanden. Bei dieser Rechtslage</span><br/> <span class="ft1">kann offen bleiben, ob neben dem vom Gesetzgeber ausgestalteten,</span><br/> <span class="ft1">speziellen Instrument des Vorentscheids überhaupt noch Raum für</span><br/> <span class="ft1">eine Feststellungsverfügung im allgemeinen Sinn besteht.</span><br/> <span class="ft1">c) Als ebenso nicht stichhaltig erweist sich das weitere Argu-</span><br/> <span class="ft1">ment des Beschwerdegegners, die eidgenössische Schätzungskom-</span><br/> <span class="ft1">mission sei zur Beurteilung eines Abbaugesuches nicht kompetent,</span><br/> <span class="ft1">weshalb es richtig sei, die Frage der zusätzlichen Kiesabbaumöglich-</span><br/> <span class="ft1">keiten durch die Baubewilligungsbehörden klären zu lassen. Der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdegegner verkennt, dass die für die Hauptfrage (Festlegung</span><br/> <span class="ft1">der Enteignungsentschädigung) zuständige eidgenössische Schät-</span><br/> <span class="ft1">zungskommission einem allgemeinen Grundsatz zufolge befugt und</span><br/> <span class="ft1">auch verpflichtet ist, die Frage der Zulässigkeit des Kiesabbaus im</span><br/> <span class="ft1">fraglichen Bereich vorfrageweise zu beurteilen (vgl. Ulrich Häfe-</span><br/> <span class="ft1">lin/Georg Müller, Grundriss des Allgemeinen Verwaltungsrechts,</span><br/> <span class="ft1">4. Auflage, Zürich 2002, Rz 58 ff.). Dass ihr die erforderlichen</span><br/> <span class="ft1">Kenntnisse und Fähigkeiten abgehen würden, wie der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">gegner anzunehmen scheint, ist eine nicht zu schützende Behaup-</span><br/> <span class="ft1">tung; es ist denn gerade eine der zentralen Aufgaben einer Schät-</span><br/> <span class="ft1">zungskommission, bei der Festlegung der Entschädigung im Rahmen</span><br/> <span class="ft1">eines Enteignungsverfahrens festzustellen, welches Nutzungspoten-</span><br/> <span class="ft1">tial der enteigneten Person entgeht. Sie kann zudem nach eigenem</span><br/> <span class="ft1">Ermessen für die Beurteilung von Fachfragen die Stellungnahme der</span><br/> <span class="ft1">Fachinstanzen der Kantonalen Verwaltung einholen. Jedenfalls hat es</span><br/> <span class="ft1">die Rechtssprechung in derartigen Fällen stets abgelehnt, die Legiti-</span><br/> <span class="ft1">mation zu bejahen, ein eigenes Verfahren nur für die Klärung der</span><br/> <span class="ft1">Vorfrage einzuleiten (vgl. AGVE 1999, S. 353 f., mit Hinweisen auf</span><br/> <span class="ft1">weitere Entscheide). Nur am Rande sei in diesem Zusammenhang</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">445</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">darauf hingewiesen, dass die eidgenössische Schätzungskommission</span><br/> <span class="ft1">ohnehin nicht darum herum kommen wird, diejenigen Fragen vorfra-</span><br/> <span class="ft1">geweise zu prüfen, deren Beantwortung sich der Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft1">durch die Erwirkung des im vorliegenden Verfahren angefochtenen</span><br/> <span class="ft1">Entscheides erhoffte. Wie die Abteilung für Umwelt des Baudepar-</span><br/> <span class="ft1">tements in ihrer Stellungnahme vom 9. Mai 2005 nämlich zu Recht</span><br/> <span class="ft1">darauf hinweist, unterstände ein Kiesabbau im Umfang von</span><br/> <span class="ft1">371'300 m</span><span class="ft5"><sup>3</sup></span> <span class="ft1">der Umweltverträglichkeitsprüfung (vgl. Ziff. 80.4 des</span><br/> <span class="ft1">Anhangs der Verordnung über die Umweltverträglichkeitsprüfung</span><br/> <span class="ft1">[UVPV] vom 19. Oktober 1988). Ohne eine solche Prüfung kann</span><br/> <span class="ft1">daher von vornherein nicht gesagt werden, einem Kiesabbau stehe</span><br/> <span class="ft1">"einzig das Vorhandensein der Gasleitungen" entgegen und ohne</span><br/> <span class="ft1">diese Gasleitungen würde eine Kiesabbaubewilligung erteilt.</span><br/> <span class="ft1">Angesichts dessen beschränkt sich die Aussagekraft des</span><br/> <span class="ft1">angefochtenen Entscheids letztlich darauf, dass ein Kiesabbau in der</span><br/> <span class="ft1">Materialabbauzone zonenkonform ist, was im Grunde genommen</span><br/> <span class="ft1">eine Selbstverständlichkeit darstellt.</span><br/> <span class="ft1">4. Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Vorinstan-</span><br/> <span class="ft1">zen zu Unrecht das vom Beschwerdegegner eingereichte Abbauge-</span><br/> <span class="ft1">such anhand genommen und beurteilt haben. Der Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft1">reichte das Abbaugesuch zu einem sachfremden Zwecke ein; damit</span><br/> <span class="ft1">fehlte ihm aber ein schützenswertes aktuelles Interesse an der Beur-</span><br/> <span class="ft1">teilung dieses Gesuches. Die Vorinstanzen hätten daher aufgrund der</span><br/> <span class="ft1">fehlenden Sachentscheidvoraussetzung gar nicht auf das Gesuch</span><br/> <span class="ft1">eintreten dürfen. Die Beschwerde der T. AG und der S. AG ist daher</span><br/> <span class="ft1">gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>