<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">462</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>94 Zonenkonformität</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die Baubewilligung für ein nutzungsplankonformes Bauvorhaben darf</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nicht mit der Begründung verweigert werden, das Vorhaben widerspre-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>che dem kantonalen Richtplan. Immerhin entfaltet der Richtplan im Bau-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>bewilligungsverfahren seine Bindungskraft dort, wo das anwendbare</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Recht Ermessen einräumt, Interessenabwägungen vorsieht oder mit Hilfe</b></span><br/> <span class="ft3"><b>unbestimmter Gesetzesbegriffe Handlungsspielräume gewährt.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 4. September 2013 i.S. Stadtrat</span><br/> <span class="ft4">X. gegen den Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (Abtei-</span><br/> <span class="ft4">lung für Baubewilligungen)/Gemeinderats Y. (RRB Nr. 2013-001100).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">4.1</span><br/> <span class="ft1">In materieller Hinsicht bestreitet der Stadtrat X. die Zonenkon-</span><br/> <span class="ft1">formität des Bauvorhabens der A SA. Er macht geltend, dass der Ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">463</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">meinderat Y. in der angefochtenen Baubewilligung die Vorgaben des</span><br/> <span class="ft1">behördenverbindlichen Richtplans zu Standorten mit hohem Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsaufkommen nicht berücksichtigt habe; diese Vorgaben würden</span><br/> <span class="ft1">die Autonomie der Gemeinde bei der Anwendung der kommunalen</span><br/> <span class="ft1">Zonenvorschriften beschränken. Von den Auswirkungen her sei das</span><br/> <span class="ft1">Vorhaben mit einer herkömmlichen Verkaufsnutzung vergleichbar,</span><br/> <span class="ft1">die eine Nettoladenfläche von deutlich mehr als die im Richtplan ge-</span><br/> <span class="ft1">nannten Werte aufweise. Für derartige Verkaufsnutzungen ausserhalb</span><br/> <span class="ft1">von Kern- und Zentrumszonen verlange der Richtplan eine ausdrück-</span><br/> <span class="ft1">liche Bezeichnung in der Nutzungsplanung; weder der aktuell gelten-</span><br/> <span class="ft1">de noch der Entwurf des neuen Nutzungsplanes der Gemeinde Y.</span><br/> <span class="ft1">sähen dies für das fragliche Gebiet jedoch vor.</span><br/> <span class="ft1">In ähnlicher Weise argumentiert auch das BVU; obwohl es sel-</span><br/> <span class="ft1">ber die Zustimmung zum Bauvorhaben erteilt hat, beantragt es nun-</span><br/> <span class="ft1">mehr die Gutheissung der Beschwerde.</span><br/> <span class="ft1">4.2</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 8 BauG dient der Richtplan dazu, bei der räumlichen</span><br/> <span class="ft1">Entwicklung die übergeordneten kantonalen und regionalen Interes-</span><br/> <span class="ft1">sen zu wahren (Abs. 1 lit. a) und die Erfüllung raumwirksamer Auf-</span><br/> <span class="ft1">gaben durch die Gemeinwesen aufeinander abzustimmen (Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">lit. b); zu diesem Zwecke soll der Richtplan insbesondere Siedlungs-,</span><br/> <span class="ft1">Landwirtschafts-, Erholungs- und Schutzgebiete in den Grundzügen</span><br/> <span class="ft1">festlegen (Abs. 2 lit. a) und die wichtigsten Anlagen des Verkehrs so-</span><br/> <span class="ft1">wie der Ver- und Entsorgung bezeichnen (Abs. 2 lit. b). Nach Art. 9</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 RPG ist der kantonale Richtplan für die Behörden verbind-</span><br/> <span class="ft1">lich, d.h. kommunale und kantonale Stellen - und nach der bundes-</span><br/> <span class="ft1">rätlichen Genehmigung auch die Bundesstellen - haben sich an die</span><br/> <span class="ft1">im Richtplan gemachten Vorgaben zu halten. Der Richtplan zeigt auf,</span><br/> <span class="ft1">in welcher Weise die für raumrelevante Entscheide zuständigen Be-</span><br/> <span class="ft1">hörden von den von Gesetzes wegen bestehenden Handlungsspiel-</span><br/> <span class="ft1">räumen Gebrauch machen sollen. Umgekehrt bedeutet die Behörden-</span><br/> <span class="ft1">verbindlichkeit aber auch, dass der Richtplan für Grundeigentümer</span><br/> <span class="ft1">keine verbindlichen Festlegungen treffen kann. Ein nutzungsplan-</span><br/> <span class="ft1">konformes Bauvorhaben kann somit nicht mit der Begründung ver-</span><br/> <span class="ft1">weigert werden, es widerspreche einem behördenverbindlichen</span><br/> <span class="ft1">Richtplan. Dies käme einer unzulässigen Vorwirkung des Richtplans</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">464</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gleich und hätte im Ergebnis eine Änderung des geltenden Nutzungs-</span><br/> <span class="ft1">plans zur Folge. Ebenso wenig lässt sich daher einem Bauvorhaben</span><br/> <span class="ft1">allein gestützt auf einen kommunalen oder kantonalen Richtplan ein</span><br/> <span class="ft1">überwiegendes Interesse entgegenhalten. Immerhin entfaltet der</span><br/> <span class="ft1">Richtplan im Baubewilligungsverfahren seine Bindungskraft dort,</span><br/> <span class="ft1">wo das anwendbare Recht Ermessen einräumt, Interessenabwägun-</span><br/> <span class="ft1">gen vorsieht oder mithilfe unbestimmter Gesetzesbegriffe Hand-</span><br/> <span class="ft1">lungsspielräume gewährt (vgl. Urteile des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft1">1A.154/2002 vom 22. Januar 2003 und 1C_98/2012 vom 7. August</span><br/> <span class="ft1">2012).</span><br/> <span class="ft1">4.3</span><br/> <span class="ft1">Sowohl der Stadtrat X. als auch das Department Bau, Verkehr</span><br/> <span class="ft1">und Umwelt stützen sich bei ihrer Argumentation auf Ziff. 3 des Be-</span><br/> <span class="ft1">schlusses zu Kapitel S 3.1 "Standorte für Nutzungen mit hohem Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsaufkommen und für mittelgrosse Verkaufsnutzungen" des kan-</span><br/> <span class="ft1">tonalen Richtplans vom 20. September 2011 (Richtplan 2011): Da-</span><br/> <span class="ft1">nach gelten Standorte mit einer Nettoladenfläche zwischen 500 m</span><span class="ft2"><sup>2</sup></span><br/> <span class="ft1">und 3'000 m</span><span class="ft2"><sup>2</sup></span> <span class="ft1">als mittelgrosse Verkaufsnutzungen (Ziff. 3.1); solche</span><br/> <span class="ft1">neue Standorte oder entsprechende Erweiterungen von bestehenden</span><br/> <span class="ft1">Verkaufsnutzungen ausserhalb von Kern- und Zentrumsgebieten der</span><br/> <span class="ft1">urbanen Entwicklungsräume oder der ländlichen Zentren bedürfen</span><br/> <span class="ft1">einer ausdrücklichen Bezeichnung (Nutzung, Grösse usw.) in der</span><br/> <span class="ft1">Nutzungsplanung (Ziff. 3.2). Als Standortkriterien gelten dieselben</span><br/> <span class="ft1">Kriterien wie für Standorte mit hohem Verkehrsaufkommen, d.h. es</span><br/> <span class="ft1">bedarf einer angemessenen Erschliessung mit dem motorisierten In-</span><br/> <span class="ft1">dividualverkehr ohne übermässige Belastung von Wohngebieten,</span><br/> <span class="ft1">einer guten, dem Zweck entsprechenden Erschliessung mit dem</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Verkehr und dem Langsamverkehr sowie eines Bezuges</span><br/> <span class="ft1">zu gewachsenen Zentren oder Bahnhofsgebieten und einer städte-</span><br/> <span class="ft1">baulichen Einbindung. Zudem ist der Bedarf für Verkaufsnutzungen</span><br/> <span class="ft1">in die Interessenabwägung einzubeziehen; die Grundversorgung der</span><br/> <span class="ft1">Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen des täglichen und</span><br/> <span class="ft1">periodischen Bedarfs innerhalb der Ortszentren darf nicht gefährdet</span><br/> <span class="ft1">werden (Ziff. 3.3).</span><br/> <span class="ft1">Es gilt nun allerdings zu beachten, dass der Richtplan 2011 zeit-</span><br/> <span class="ft1">lich viel später als die heute noch gültige Bau- und Nutzungsordnung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">465</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">(BNO) der Gemeinde Y. (von der Gemeindeversammlung beschlos-</span><br/> <span class="ft1">sen am 8. Dezember 1993 und vom Grossen Rat genehmigt am</span><br/> <span class="ft1">12. September 1995) mit dem dazugehörigen Bauzonenplan (von der</span><br/> <span class="ft1">Gemeindeversammlung beschlossen am 26. Juni 1984, vom Grossen</span><br/> <span class="ft1">Rat genehmigt am 17. März 1987) datiert. Die erwähnten richtplanli-</span><br/> <span class="ft1">chen Vorgaben können daher von vornherein für diese grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">auf das Baugesuch der A. SA anzuwendenden Nutzungsvorschriften</span><br/> <span class="ft1">keine Lenkungsfunktion ausgeübt haben und dürfen daher der Bau-</span><br/> <span class="ft1">gesuchstellerin A. SA nicht direkt entgegengehalten werden. Immer-</span><br/> <span class="ft1">hin fragt sich, ob die Richtplanvorgaben nicht eine Konkretisierung</span><br/> <span class="ft1">der in § 13 Abs. 2 BauG statuierten Pflicht zur "Positivplanung" von</span><br/> <span class="ft1">grossen Bauvorhaben darstellen und insofern vorliegend - wenn</span><br/> <span class="ft1">auch nur mittelbar - gleichwohl verbindliche Voraussetzung für die</span><br/> <span class="ft1">Bejahung der Zonenkonformität bilden; gemäss der genannten</span><br/> <span class="ft1">(selbstverständlich grundeigentümerverbindlichen) Gesetzesbestim-</span><br/> <span class="ft1">mung bedürfen nämlich Vorhaben mit wesentlichen Auswirkungen</span><br/> <span class="ft1">auf die räumliche Ordnung und die Umwelt einer besonderen Grund-</span><br/> <span class="ft1">lage in einem Nutzungsplan. Letztlich kann dies aber offengelassen</span><br/> <span class="ft1">werden, nachdem das Vorhaben der A. SA entgegen der Auffassung</span><br/> <span class="ft1">des Stadtrats X. bzw. des BVU die vom Richtplan für eine Positiv-</span><br/> <span class="ft1">planung vorgegebenen Schwellenwerte nicht erreicht. Zwar ist dem</span><br/> <span class="ft1">Stadtrat X. und dem BVU darin beizupflichten, dass dieser Schluss</span><br/> <span class="ft1">allein aus dem Umstand, dass aufgrund des gewählten Verkaufskon-</span><br/> <span class="ft1">zepts eines Drive-In keine Nettoladenfläche vorhanden ist, noch</span><br/> <span class="ft1">nicht gezogen werden kann. Allerdings vermag die von ihnen propa-</span><br/> <span class="ft1">gierte Berechnungsart einer "theoretischen Verkaufsfläche" allein an-</span><br/> <span class="ft1">hand der Nebenflächen (Lager, Büros und Personalräume) bzw.</span><br/> <span class="ft1">anhand der von der Baugesuchsstellerin genannten Umsatzangaben</span><br/> <span class="ft1">auch nicht zu überzeugen, zumal sich - wie sowohl der Gemeinderat</span><br/> <span class="ft1">S. als auch die A. SA zu Recht geltend machen - Drive-In-Shops</span><br/> <span class="ft1">hinsichtlich angesprochenem Kundensegment (keine Laufkund-</span><br/> <span class="ft1">schaft) und Einkaufsverhalten der Kundschaft (Verweildauer, Waren-</span><br/> <span class="ft1">korbwert) wesentlich von herkömmlichen Verkaufsgeschäften unter-</span><br/> <span class="ft1">scheiden. Auf jeden Fall mitzuberücksichtigen ist der zu erwartende</span><br/> <span class="ft1">Verkehr. Der Richtplan selber stellt denn auch diese Korrelation her,</span><br/> <span class="ft1">indem er für mittelgrosse Verkaufsnutzungen dieselben Standortkri-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">466</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">terien als massgebend erklärt wie für Standorte mit hohem Verkehrs-</span><br/> <span class="ft1">aufkommen (vgl. Beschluss Ziff. 3.3 zu Kapitel S 3.1 des Richtplans</span><br/> <span class="ft1">2011). Dies macht auch Sinn, da letztlich die für die Positivplanungs-</span><br/> <span class="ft1">pflicht gemäss § 13 Abs. 2 BauG erforderlichen "wesentlichen Aus-</span><br/> <span class="ft1">wirkungen auf die räumliche Ordnung und die Umwelt" von Ver-</span><br/> <span class="ft1">kaufsgeschäften in erster Linie verkehrlicher Natur sind.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall hat die A. SA das zu erwartende Verkehrs-</span><br/> <span class="ft1">aufkommen mit rund 1'000 Personenwagenfahrten pro Werktag (d.h.</span><br/> <span class="ft1">je 500 Zu- und Wegfahrten) beziffert (vgl. hiezu Bericht "Technische</span><br/> <span class="ft1">Verkehrsdaten" des Ingenieurbüros Z.), während der Richtplan 2011</span><br/> <span class="ft1">als Schwellenwert für die Bejahung einer Planungspflicht eine Über-</span><br/> <span class="ft1">schreitung von 1'500 Personenwagenfahrten (d.h. je 750 Zu- und</span><br/> <span class="ft1">Wegfahrten) festlegt. Zwar handelt es sich bei den Angaben der Bau-</span><br/> <span class="ft1">herrschaft selbstverständlich nur um Prognosewerte, die mit einem</span><br/> <span class="ft1">erheblichen Unsicherheitsfaktor behaftet sind. Allerdings plausibili-</span><br/> <span class="ft1">sieren erste Erfahrungszahlen mit einem im Kanton Bern bestehen-</span><br/> <span class="ft1">den Drive-In-Shop dieses angenommene Verkehrsaufkommen. Hinzu</span><br/> <span class="ft1">kommt, dass der Gemeinderat Y. in der angefochtenen Baubewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung der genannten Prognosewert-Problematik in dem Sinne Rech-</span><br/> <span class="ft1">nung getragen hat, als er nicht nur die Anzahl der zulässigen Ab-</span><br/> <span class="ft1">holungen in den Abendspitzenstunden, sondern auch die Anzahl der</span><br/> <span class="ft1">täglich zulässigen Verkehrsbewegungen auf dem Areal begrenzt hat,</span><br/> <span class="ft1">und zwar auf maximal 1'500 Fahrten täglich (vgl. Ziff. IV.B.6. der</span><br/> <span class="ft1">Baubewilligung vom 11. Dezember 2012). Angesichts dessen ist aber</span><br/> <span class="ft1">tatsächlich davon auszugehen, dass die vom Richtplan 2011 definier-</span><br/> <span class="ft1">ten Schwellenwerte unterschritten, in jedem Falle aber nicht über-</span><br/> <span class="ft1">schritten werden, und eine aus § 13 Abs. 2 BauG in Verbindung mit</span><br/> <span class="ft1">den Richtplanvorgaben abgeleitete Planungspflicht ist zu verneinen.</span><br/> <span class="ft1">4.4</span><br/> <span class="ft1">Zu verneinen ist aber auch eine Geltung des Richtplans 2011 im</span><br/> <span class="ft1">Sinne einer Weisung für die Ausübung des behördlichen Ermessens</span><br/> <span class="ft1">bzw. der behördlichen Handlungsspielräume bei der Rechtsanwen-</span><br/> <span class="ft1">dung. Die für das Baugrundstück massgebende Zonenvorschrift</span><br/> <span class="ft1">(§ 56 Abs. 1 BNO) sieht bezüglich der vom Richtplan vorgesehenen</span><br/> <span class="ft1">Standortkriterien denn auch gar keine Ermessensspielräume vor; er-</span><br/> <span class="ft1">laubt sind nach dieser Bestimmung nämlich alle Gewerbebauten und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">467</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Industriebetriebe, die nicht übermässig stören, und eine Unterschei-</span><br/> <span class="ft1">dung, ob es sich um Verkaufsgeschäfte oder um andere Gewerbebe-</span><br/> <span class="ft1">triebe handelt, existiert nicht.</span><br/> <span class="ft1">4.5</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund des vorstehend Gesagten erweist sich auch die Argu-</span><br/> <span class="ft1">mentation der Abteilung für Baubewilligungen BVU, wonach der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat Y. aufgrund der Vorgaben des Richtplans gestützt auf</span><br/> <span class="ft1">§ 29 BauG zum Erlass einer Planungszone verpflichtet gewesen wä-</span><br/> <span class="ft1">re, als nicht stichhaltig. Immerhin liesse sich allenfalls fragen, ob</span><br/> <span class="ft1">eine Planungszone allenfalls aufgrund des Umstands angezeigt ge-</span><br/> <span class="ft1">wesen wäre, dass die Gemeindeversammlung Y. am 21. November</span><br/> <span class="ft1">2012 eine neue Bau- und Nutzungsordnung beschlossen hat und</span><br/> <span class="ft1">diese künftig für den hier interessierenden Bereich der Parzelle 533</span><br/> <span class="ft1">nur noch Verkaufsläden bis zu einer Nettoladenfläche von maximal</span><br/> <span class="ft1">500 m</span><span class="ft2"><sup>2</sup></span> <span class="ft1">zulässt (vgl. § 12 Abs. 4 nBNO). Diese Frage kann jedoch</span><br/> <span class="ft1">schon aus dem Grund offengelassen werden, als selbst deren Be-</span><br/> <span class="ft1">jahung dem Stadtrat X. nichts zu nützen vermöchte. Nach der bun-</span><br/> <span class="ft1">desgerichtlichen Rechtsprechung hat nämlich eine Planungszone, die</span><br/> <span class="ft1">erst nach Einreichung eines Baugesuchs bzw. erst im Rechtsmittel-</span><br/> <span class="ft1">verfahren erlassen wird, nur unter besonderen Umständen Geltung</span><br/> <span class="ft1">für das entsprechende Bauvorhaben; dies entscheidet sich nach einer</span><br/> <span class="ft1">Abwägung der privaten Interessen an einer Baurealisierung und den</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Interessen an der Planänderung. Dabei kommt den pri-</span><br/> <span class="ft1">vaten Interessen ein erhöhtes Gewicht zu. Auch wenn eine Bauherr-</span><br/> <span class="ft1">schaft keinen Anspruch darauf hat, dass ihre baulichen Nutzungs-</span><br/> <span class="ft1">möglichkeiten dauernd bestehen bleiben, muss sie doch bei Ausar-</span><br/> <span class="ft1">beitung eines Bauprojekts auf geltende und auf voraussehbare künfti-</span><br/> <span class="ft1">ge planungsrechtliche Vorschriften abstellen können. In dieser Si-</span><br/> <span class="ft1">tuation müssen deshalb besondere öffentliche Anliegen in Frage ste-</span><br/> <span class="ft1">hen (vgl. BGE 118 Ia 510; BGE 1P.539/2003).</span><br/> <span class="ft1">Solche besonderen öffentlichen Anliegen sind vorliegend zu</span><br/> <span class="ft1">verneinen. Bei der Interessenabwägung fällt insbesondere ins Ge-</span><br/> <span class="ft1">wicht, dass das am 21. November 2012 beschlossene neue kommu-</span><br/> <span class="ft1">nale Recht in einer Übergangsbestimmung festhält, die im Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">des Inkrafttretens der neuen Bau- und Nutzungsordnung hängigen</span><br/> <span class="ft1">Baugesuche seien nach bisherigem Recht zu beurteilen (§ 57 nBNO).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">468</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Der kommunale Gesetzgeber selbst hat somit eine Wertung vorge-</span><br/> <span class="ft1">nommen und den öffentlichen Interessen an einer sofortigen Planver-</span><br/> <span class="ft1">wirklichung weniger Gewicht beigemessen als den privaten Interes-</span><br/> <span class="ft1">sen an einer Baurealisierung nach Massgabe des bei der Bauge-</span><br/> <span class="ft1">suchseinreichung geltenden Rechts. Hinzu kommt im vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Fall, dass das BVU vom Stadtrat X. bereits im September 2012 als</span><br/> <span class="ft1">Aufsichtsbehörde angegangen und um Ergreifung aufsichtsrechtli-</span><br/> <span class="ft1">cher Massnahmen ersucht wurde; hierüber wurde auch die Bauherr-</span><br/> <span class="ft1">schaft sowie ihr Rechtsvertreter informiert (vgl. Gesuch des Stadtra-</span><br/> <span class="ft1">tes X. vom 5. September 2012). In Kenntnis des Umstands, dass der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat Y. den Erlass einer Planungszone ablehnte (vgl. den</span><br/> <span class="ft1">auch dem BVU zugestellten Protokollauszug vom 3. April 2012), hat</span><br/> <span class="ft1">das BVU in der Folge zwar versichert, dass es "die ihm notwendig</span><br/> <span class="ft1">erscheinenden Massnahmen ergreifen wird, um den Vorgaben des</span><br/> <span class="ft1">Richtplans zum Durchbruch zu verhelfen" (vgl. Schreiben vom</span><br/> <span class="ft1">18. Oktober 2012); es unterliess es jedoch, aufsichtsrechtlich einzu-</span><br/> <span class="ft1">schreiten und dem Regierungsrat gestützt auf § 29 Abs. 1 BauG den</span><br/> <span class="ft1">Erlass einer Planungszone zu beantragen. Angesichts dessen muss</span><br/> <span class="ft1">aber den Grundsätzen der Rechtssicherheit, des Vertrauensschutzes</span><br/> <span class="ft1">sowie von Treu und Glauben überragendes Gewicht beigemessen</span><br/> <span class="ft1">werden. Der Regierungsrat gelangt daher zum eindeutigen Schluss,</span><br/> <span class="ft1">dass sich die Bauherrschaft A. SA eine erst im heutigen Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">erlassene Planungszone nicht entgegenhalten lassen müsste, und eine</span><br/> <span class="ft1">über die Parzelle 533 gelegte Planungszone hätte für ihr Bauvorha-</span><br/> <span class="ft1">ben keine Geltung.</span><br/> <span class="ft1">4.6</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die Argumentation</span><br/> <span class="ft1">des Stadtrates X. zur Frage der Zonenkonformität des Bauvorhabens</span><br/> <span class="ft1">als nicht stichhaltig erweist; die Vorgaben des Richtplans 2011</span><br/> <span class="ft1">schränkten die Autonomie des Gemeinderats Y. bei der Anwendung</span><br/> <span class="ft1">des kommunalen Rechts nicht ein. Die Rechtsmittelbehörden haben</span><br/> <span class="ft1">daher das Ergebnis der gemeinderätlichen Rechtsauslegung grund-</span><br/> <span class="ft1">sätzlich zu respektieren und dürfen nicht ohne Not ihre eigene</span><br/> <span class="ft1">Rechtsauffassung an die Stelle der gemeinderätlichen setzen (vgl.</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2009 S. 177 f.). Zu prüfen ist immerhin, ob die vom Gemein-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">469</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">derat S. vorgenommene Rechtsauslegung tatsächlich rechtlich ver-</span><br/> <span class="ft1">tretbar erscheint.</span><br/> <span class="ft1">Wie erwähnt liegt die Parzelle 533 nach dem geltenden Zonen-</span><br/> <span class="ft1">plan der Gemeinde Y. in der Gewerbezone GE, welche für Bauten</span><br/> <span class="ft1">des Gewerbes und für Industriebetriebe bestimmt ist, die keine über-</span><br/> <span class="ft1">mässigen Störungen verursachen; es gilt die Empfindlichkeitsstufe</span><br/> <span class="ft1">III (vgl. § 56 Abs. 1 BNO). Der Gemeinderat Y. hat nun erwogen,</span><br/> <span class="ft1">dass § 56 BNO zwar Verkaufsnutzungen nicht explizit erwähne;</span><br/> <span class="ft1">allerdings entspreche es der ständigen kommunalen Praxis, dass der</span><br/> <span class="ft1">Detailhandel unter den Begriff "Gewerbe" zu subsumieren sei. In der</span><br/> <span class="ft1">Gewerbezone GE seien bis anhin zwei Betriebe bewilligt worden,</span><br/> <span class="ft1">welche auf ihrem Areal den Verkauf ihrer Produkte angeboten hätten;</span><br/> <span class="ft1">zudem gäbe es auch in der Dorfzone verschiedene Verkaufsgeschäf-</span><br/> <span class="ft1">te, obwohl die entsprechende Zonenvorschrift ebenfalls lediglich den</span><br/> <span class="ft1">Begriff des "Gewerbes" verwende. Übermässige Störungen seien</span><br/> <span class="ft1">durch die Verkaufsnutzung nicht zu erwarten, und angesichts des zu</span><br/> <span class="ft1">erwartenden Verkehrsaufkommens sei auch nicht mit übermässigen</span><br/> <span class="ft1">Belastungen von Wohngebieten zu rechnen (vgl. angefochtener Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid, S. 6 f.).</span><br/> <span class="ft1">Diese Ausführungen erscheinen vor dem Hintergrund, dass die</span><br/> <span class="ft1">Vorgaben des Richtplans vorliegend nicht massgebend sind, ohne</span><br/> <span class="ft1">weiteres nachvollziehbar und sind aus rechtlicher Sicht nicht zu be-</span><br/> <span class="ft1">anstanden. Soweit der Stadtrat X. daher die Aufhebung der erteilten</span><br/> <span class="ft1">Baubewilligung zufolge fehlender Zonenkonformität des Vorhabens</span><br/> <span class="ft1">verlangt, ist der Beschwerde keine Folge zu leisten.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>