Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 13. Dezember 2012 (731 12 187) ____________________________________________________________________ Zusatzversicherung Anspruchsvoraussetzungen Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Yves Thom men, Kantonsrich- terin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiberin Christina Markiewicz Parteien A.____, Klägerin, vertreten durch Stephanie Trüeb, Advokatin, Haus Thurgauerhof, Büchelistrasse/Lindenstrasse 2, Postfach 552, 4410 Liestal gegen CSS Versicherung AG , Recht & Compliance, Tribschenstrasse 21, 6002 Luzern, Beklagte Betreff Forderung A. A.____, geb. 1969, arbeitete seit 2004 bei der B. ____. Seit Ende Januar 2010 litt sie an Rückenschmerzen. Ihre Arbeitgeberin meldete der CSS Versi cherung AG (CSS) eine krank- heitsbedingte Arbeitsunfähigkeit ab 9. Februar 2010. Mit Schreiben vom 29. April 2010 lehnte die CSS ihre Leistungspflicht ab mit der Begründung, eine krankheitsbedingte Arbeitsunfähig- keit sei nicht ausgewiesen. B. Mit Klage vom 11. Juni 2012 forderte A.____, vertre ten durch Advokatin Stephanie Trü- eb, von der CSS Fr. 16'305.40 nebst Zins zu 5% seit dem 31. Oktober 2010. Aufgrund der Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Lohnfortzahlungspflicht habe die Arbeitgeberin der Klägerin während drei Monaten (bis 30. April 2010) den vollen Lohn weiterbezahlt. Da die Klägeri n bis zum 25. Mai 2010 100% und danach 50% arbeitsunfähig gewesen sei, habe sie Anspruch auf K rankentaggelder vom 1. Mai bis am 24. Mai 2010 im Rahmen von 80% und vom 25. Mai bis am 26. Juni 2010 im Umfang von 40% des versicherten Lohnes. Somit sei ein Betrag von Fr. 3 '875.20 geschuldet. Vom 28. Juni bis 31. Oktober 2010 sei die Versicherte infolge einer ausgeprägten reaktiven Depression zu 100% arbeitsunfähig gewesen. Für diese Zeit habe sie Anspr uch auf Krankentaggelder in der Höhe von Fr. 12'430.20. C. Mit Klagantwort vom 12. Juli 2012 beantragte die CSS die Abweisung der Klage. Der behandelnde Arzt Dr. med. C.____, FMH Allgemeinmedizi n, habe die Arbeitsunfähigkeit der Versicherten ab 9. Februar 2010 einzig mit den Diagnosen "akutes Lumbovertebralsyndrom und Thoracovertebralsyndrom" begründet. Diese Diagnosen füh rten gemäss Auskunft ihrer Gesell- schaftsärztin Dr. med. D.____, FMH Allgemeinmedizin, vom 26. April 2010 jedoch lediglich zu einer kurzen, einwöchigen Arbeitsunfähigkeit. Demnach stünden der Klägerin für die Zeit vom 1. Mai bis zum 26. Juni 2010 auch keine Taggeldleistungen zu. Die geltend gemachte Arbeitsun- fähigkeit vom 28. Juni bis 31. Oktober 2010 infolge eine r reaktiven Depression sei erst mit Schreiben vom 29. Juni 2011 gemeldet worden und damit zweifellos verspätet. Eine diesbezüg- liche Leistungspflicht der CSS bestehe nicht. D. Die Klägerin hielt mit Replik vom 13. September 20 12 an ihrer Forderung fest. Zwar sei die Ursache für die Erkrankung ab 28. Juni 2010 anfän glich unerwähnt geblieben, die Meldung über die Arbeitsunfähigkeit sei aber rechtzeitig erfolgt. E. Mit Duplik vom 17. Oktober 2012 beantragte die CSS erneut die Abweisung der Klage. F. An der heutigen Parteiverhandlung halten die Part eien an ihren Anträgen und Begrün- dungen fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung un terstehen gemäss Art. 12 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KV G) vom 18. März 1994 dem Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag (VVG) vom 2. Apr il 1908. Streitigkeiten im Be- reich dieser Zusatzversicherungen sind privatrechtlicher Natu r, weshalb strittige Ansprüche darüber in einem zivilprozessualen Verfahren geltend zu machen sind. Das Verfahren im Zivil- prozess regelt die Schweizerische Zivilprozessordnung (ZPO) vom 19. Dezember 2008. 1.2 Die sachliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts, Abte ilung Sozialversicherungsrecht, ergibt sich aus Art. 7 ZPO i.V.m. § 54 Abs. 1 lit. d d es Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993. W ie das Kantonsgericht mit Grundsatzentscheid vom 1. Dezember 2011 festhielt, ist bei Klagen betreffend Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung ke ine vorgängige Schlichtung Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht durchzuführen, womit sie direkt am Kantonsgericht, Abt eilung Sozialversicherungsrecht, einzu- reichen sind (Beschluss des Kantonsgerichts vom 1. Dezember 2011, 731 11 262). 1.3 Die örtliche Zuständigkeit richtet sich grundsätzlich nach Art. 9 ff. ZPO. Der dem vorlie- genden Fall zu Grunde liegende Versicherungsvertrag ist als Konsumentenvertrag im Sinne von Art. 32 ZPO zu qualifizieren, weshalb die Klage am Woh nsitz der Versicherten eingereicht wer- den kann (Art. 32 Abs. 1 lit. a ZPO; vgl. U RS FELLER / JÜRG BLOCH , in: Sutter- Somm/Hasenböhler/Leuenberger, ZPO-Kommentar, Art. 32 N 45 ff.). Nichts anderes ergibt sich im vorliegenden Fall aus Art. 24 der Allgemeinen Versi cherungsbedingungen (AVB), wonach ein Wahlgerichtsstand am Wohnsitz der Versicherten besteht. Da die Klägerin Wohnsitz in Lau- sen hat, ist das angerufene Gericht auch örtlich zuständig . Auf die formgerecht beim örtlich und sachlich zuständigen Gericht erhobene Klage ist damit einzutreten. 2.1 Nach Art. 247 Abs. 2 lit. a i.V.m. Art. 243 Abs. 2 lit. f ZPO ist der vorliegende Prozess vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Die Untersuchungsmaxi me gebietet es dem Gericht zwar, den Sachverhalt mit eigenen Mitteln abzuklären un d mit vertretbarem Aufwand zu einem hinreichend sicheren Beweisergebnis zu gelangen; es ist dabei aber nicht an Beweisanträge gebunden und kann auch von sich aus Beweis erheben. Die Parteien werden dadurch jedoch nicht von der Mitwirkung an der Erhebung der Beweise un d der Erstellung des Sachverhaltes entbunden. Sie sind es, die primär die Verantwortung für die Ermittlung des Sachverhaltes tra- gen. Das Bundesgericht hat die in den Vorgängernormen zu Abs. 2 enthaltene Untersu- chungsmaxime daher bisweilen auch als gemilderte Verhand lungsmaxime bezeichnet. Nur wenn an der Vollständigkeit der Behauptungen oder Be weise ernsthafte Zweifel bestehen, muss das Gericht nachforschen. Diese Nachforschung besteht aber allein darin, die Parteien auf ihre Mitwirkungspflicht sowie auf die Pflicht zum Be ibringen von Beweisen hinzuweisen. Die Untersuchungsmaxime zwingt das Gericht nicht dazu, das Bew eisverfahren beliebig auszudeh- nen oder alle möglichen Beweise abzunehmen. Ebenso wen ig verleiht die Untersuchungsma- xime den Parteien Anspruch auf ein bestimmtes Beweismit tel. Das Gericht muss die betroffene Partei nur einmal auf etwaige Unzulänglichkeiten in i hren Tatsachenbehauptungen und Be- weismitteln hinweisen. Bei anwaltlicher Vertretung ist das Mass der gerichtlichen Mitwirkung auf "krasse Fälle" beschränkt. Indessen verpflichtet die Unter suchungsmaxime das Gericht, ord- nungsgemäss eingebrachte und taugliche Beweismittel zu b erücksichtigen, wenn es von der Nichterweislichkeit einer bestimmten Tatsache ausgehen wi ll. Die Untersuchungsmaxime än- dert nichts an der formellen Beweislast. Kann etwa das Bestehen einer entscheidungserhebli- chen Tatsache durch das Gericht weder bejaht noch verneint werden, so entscheidet das Ge- richt trotz Untersuchungsmaxime gemäss Art. 8 des Schweizer ischen Zivilgesetzbuches (ZGB) vom 10. Dezember 1907 nach Beweislastgesichtspunkten (vgl. B ERND HAUCK , in: Sutter- Somm/Hasenböhler/Leuenberger, ZPO-Kommentar, Art. 247 Abs. 2 ZPO N 33 ff.) 2.2 Wo das Gesetz es nicht anders bestimmt, hat gemäss Ar t. 8 ZGB derjenige das Vor- handensein einer behaupteten Tatsache zu beweisen, de r aus ihr Rechte ableitet. Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung müssen im Privatversicherungsrecht die anspruchsbegrün- denen Tatsachen lediglich mit dem Beweisgrad der über wiegenden Wahrscheinlichkeit erwie- sen sein (BGE 130 III 327 E. 3.5). Das gilt auch für den Beweis von anspruchshindernden Tat- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht sachen, für welche die Beweislast aufgrund von Art. 8 Z GB beim Versicherer liegt (Praxis 80/1991, Nr. 230, S. 964 f. E. 3b [Urteil des Schwei zerischen Bundesgerichts vom 22. Novem- ber 1990]). 2.3 Gelangt das Gericht in Würdigung von Beweisen zur Ü berzeugung, eine Tatsachenbe- hauptung sei bewiesen oder widerlegt, ist die Beweisla stverteilung gegenstandslos (BGE 109 II 251 E. 3.5). Diesfalls liegt freie Beweiswürdigung vor , die bundesrechtlich nicht geregelt ist, auch nicht durch Art. 8 ZGB. Diese Bestimmung schreibt dem Gericht nicht vor, mit welchen Mitteln der Sachverhalt abzuklären und wie das Ergebni s davon zu würdigen ist (BGE 112 II 179); sie schliesst selbst vorweggenommene Beweiswürdigung und Indizienbeweise nicht aus (BGE 109 II 31 E. 3b und 344/45). Eine beschränkte Be weisabnahme verletzt Art. 8 ZGB daher nicht, wenn das Gericht schon nach deren Ergebnis von der S achdarstellung einer Partei über- zeugt ist, gegenteilige Behauptungen also für unbewies en hält (BGE 114 II 290 E. 2). Ebenso schliesst der im Verfahren zur Beurteilung von Streitigke iten aus einer Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicherung herrschende Untersuchungsgrunds atz die antizipierte Beweis- würdigung nicht aus (Urteil des Bundesgerichts vom 9. November 2006, 5C.206, E. 2.1). 2.4 Dem Versicherer steht ein - aus Art. 8 ZGB abgeleit etes - Recht auf Gegenbeweis zu. Für das Gelingen des Gegenbeweises ist mithin bloss erford erlich, dass der Hauptbeweis er- schüttert wird (BGE 120 II 393 E. 4b) und damit die S achbehauptungen nicht mehr als überwie- gend wahrscheinlich erscheinen. Gelingt der Gegenbeweis, an der Sachdarstellung des An- spruchsberechtigten erhebliche Zweifel zu wecken, so ist der Hauptbeweis des Anspruchsbe- rechtigten gescheitert. 2.5 Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitig en Untersuchungen beruht, auch die ge- klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakt en (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizini- schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerung en der Expertin oder des Experten be- gründet sind (vgl. BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die He rkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebe nen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern ausschliesslich dessen Inhalt (vgl. BGE 125 V 352 f. E. 3, 122 V 160 E. 1c; AHI-Praxis 2001 S. 113 E. 3a). Das Gericht darf dabei e ine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt ist (vg l. MAX KUMMER , Grundriss des Zivil- prozessrechts, 4. Auflage, Bern 1984, S. 136). 3. Strittig zwischen den Parteien ist zunächst die Ausri chtung von Krankentaggeldleistun- gen vom 1. Mai bis 26. Juni 2010 wegen Rückenbeschwerden. 3.1 Da das VVG ausser in Art. 87 keine spezifischen Bes timmungen zum Krankentaggeld enthält, sind die vertraglichen Vereinbarungen der P arteien, das heisst in erster Linie die AVB von Januar 2008 massgebend. Gemäss Art. 15.6 AVB berecht igt eine ärztlich bestätigte Ar- beitsunfähigkeit ab 25% zum Taggeldbezug. Als Arbeit sunfähigkeit gilt die durch eine Beein- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge sundheit bedingte, volle oder teil- weise Unfähigkeit, eine im bisherigen Beruf oder Aufg abenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbe- reich berücksichtigt (Art. 13.3 AVB). Der Versicherungsne hmer hat nach Art. 20.2 AVB 5 Tage nach Ablauf der vereinbarten Wartefrist, spätestens jedo ch nach 30 Tagen ununterbrochener Arbeitsunfähigkeit diese der CSS mit dem entsprechend en Formular zu melden. Der Meldung ist ein Arztzeugnis des behandelnden Arztes beizulegen. 3.2 Die Arbeitgeberin meldete der CSS eine Arbeitsu nfähigkeit der Klägerin ab 9. Februar 2010. Gemäss Arztbericht von Dr. C.____ vom 13. April 20 10 litt die Versicherte an einem aku- ten Lumbovertebralsyndrom sowie einem Thoracovertebral syndrom. Die ersten Symptome sei- en am 29. Januar 2010 aufgetreten. Nach einer Verri chtung auf der Leiter sei es zu einer aku- ten Blockade/Lumbago der LWS und einer Dolenz der BWS gekommen. Er ordnete eine The- rapie beim Chiropraktor an. Bis auf weiteres attestie rte er der Versicherten eine Arbeitsunfähig- keit von 100%. Weil sich die Rückenbeschwerden trotz Medika menten und Therapie nicht bes- serten, überwies Dr. C.____ die Versicherte am 15. Apri l 2010 mit der Diagnose "protrahierte Lumbago mit eindeutiger, objektivierbarer, vertebromusku lärer Blockade bei Inklination der LWS" an den Rheumatologen Dr. med. E.____. 3.3 Vom 27. April bis 20. Mai 2010 war die Versichert e in Behandlung bei Dr. E.____. Mit Bericht vom 25. Mai 2011 diagnostizierte er ein untere s Lumbovertebralsyndrom mit spondylo- gener Beteiligung beidseits bei Ostechondrose L5/S1, leichten bis mässigen Grades mit diskre- ter Diskusprotrusion, eine leichtgradige Spondylarthrose L4/5 und L5/S1 sowie einen Verdacht auf Spondylitis anterior Th 11/12 (MRT 5. Mai 2010) b ei/mit HLA-B27 Negativität, blandem la- boranalytischem Befund sowie fehlenden anamnestischen und klinischen Anhaltspunkten für eine entzündliche Spondarthropathie. Klinisch im Vordergrund ständen lumbosakrale, zeitweise beidseits in die Oberschenkel ausstrahlende Kreuzschmerzen, welche vom Charakter her am ehesten auf eine mechanische Verursachung schliessen liessen . Klinisch zeige sich als Haupt- befund eine Irritation in den beiden untersten Beweg ungssegmenten bei sonst unauffälligem Befund inklusive neurologischem Status. Wegen der schon s eit dem 9. Februar 2010 anhalten- den Arbeitsunfähigkeit habe er sich zu einer vertieft en bildgebenden Diagnostik entschlossen und eine MRT veranlasst. Die Bilder bestätigten einerse its die in den konventionellen Röntgen- aufnahmen sichtbaren degenerativen Veränderungen an d er unteren LWS, insbesondere eine Osteochondrose der lumbosakralen Bandscheibe. Sie vermöch ten im Weiteren eine relevante intraspinale Schmerzursache wie Diskushernie oder ossäre Rezessus/Foraminalveränderungen auszuschliessen. Andererseits lasse sich als etwas überraschender Befund eine Ödemzone auf Höhe Th 11/12 ventral und deutlich weniger ausgeprägt auf Höhe L3 dokumentieren, welche einer Spondylitits anterior im Rahmen einer entzündlic hen Spondarthropathie entsprechen könnte. Hierfür fehlten sowohl anamnestische und klinisc he als auch laboranalytische Anzei- chen. Diesem Befund sei - solange sich keine typischen Sympt ome oder eine entzündliche Spondarthropathie bemerkbar machten - keine Beachtung zu schenken. Wegen des therapiere- fraktären Schmerzverhaltens habe er der Versicherten eine Infiltration der lumbosakralen Fazet- tengelenke empfohlen. Die am 12. Mai 2010 eingeleitete antiphlogistisch-analgetische, perorale Behandlung mit Apranax sei weiterzuführen. Die Versiche rte könne ihre angestammte Tätigkeit Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht zunächst im Rahmen von 50% während einer Woche aufnehm en, danach zu 100%. Diese Massnahme sei in Anbetracht der objektivierbaren Befunde zumutbar. 3.4 Die CSS lehnte die Ausrichtung von Krankentaggeld ern ab mit der Begründung, dass die Versicherte nach Auffassung ihrer Gesellschaftsärztin D r. D.____ lediglich an Rücken- schmerzen leide, welche keine längere Arbeitsunfähigkei t verursachen würden. Dieser Argu- mentation kann aus verschiedenen Gründen nicht gefolgt werden. Gemäss Art. 15.6 AVB gilt als Leistungsvoraussetzung eine ärztlich attestierte Arbeit sunfähigkeit von 25%. Diese Grund- voraussetzung ist mit dem Arztzeugnis des Hausarztes Dr. C.____ erfüllt (vgl. auch Art. 18.1 AVB). Da die von Dr. C.____ eingeleitete Therapie ke ine Besserung brachte, überwies er seine Patientin an Dr. E.____ zur fachärztlichen Abklärung. Dr. E.____ behandelte die Versicherte vom 27. April bis 20. Mai 2010 und erachtete eine verti efte Abklärung als angezeigt. Er attes- tierte der Versicherten deshalb am 27. April 2010 und am 11. Mai 2010 eine 100%ige Arbeits- unfähigkeit. Erst nach Abschluss aller Untersuchungen erklär te Dr. E.____ die Versicherte ge- mäss Bericht vom 25. Mai 2010 für eine Woche 50% und an schliessend 100% arbeitsfähig. Die Beurteilung von Dr. D.____ vom 26. April 2010, wonach die Versicherte bereits eine Woche nach Meldung des Krankheitsfalls wieder voll arbeitsfä hig gewesen sein müsse, vermag mit Blick auf die dokumentierte Krankengeschichte von Dr. E .____ nicht zu überzeugen. Insbeson- dere hat Dr. D.____ die Versicherte nicht persönlich un tersucht, sondern lediglich auf Anfrage der CSS eine telefonische Auskunft erteilt. Auch das erst ein Jahr nach der Krankmeldung ver- fasste Aktengutachten von Dr. D.____ vom 17. Februar 20 12 vermag im vorliegenden Fall den Beweiswert der echtzeitlichen ärztlichen Berichte von Dr . C.____ und Dr. E.____ nicht zu schmälern. 3.5 Es ist zu betonen, dass es sich bei den vorliegenden strittigen Krankentaggeldern um vorübergehende Leistungen handelt und nicht um Dauerle istungen wie beispielsweise eine In- validenrente. Dauerleistungen sind geschuldet, wenn eine voraussichtlich bleibende oder länge- re Zeit dauernde Erwerbsunfähigkeit anzunehmen ist. Ta ggeldleistungen werden gemäss den AVB ausgerichtet, wenn eine ärztlich attestierte Arbeit sunfähigkeit von 25% vorliegt. Hier geht es in einer ersten Phase um die unmittelbare Sicherung des Einkommens im Krankheitsfall. Die Anforderungen an den Nachweis krankheitsbedingter Arbeit sunfähigkeit sind deshalb für die Begründung des Anspruchs auf Krankentaggelder nicht zuletzt auch aus Gründen der Praktika- bilität tiefer als für den Nachweis der Invalidität. Sofern der Hausarzt wie hier die versicherte Person weg en Rückenbeschwerden - welche viel- fältiger Ursache sein können - krank schreibt und eine Arb eitsunfähigkeit attestiert, muss dies anfänglich für die Leistungspflicht genügen (vgl. auch Art. 15.6 AVB). Selbstverständlich steht es dem Versicherer frei, Rückfragen zu stellen und die me dizinische Diagnose zu überprüfen, insbesondere wenn die Arbeitsunfähigkeit längere Zeit andauert, da das Arztzeugnis manchmal zu wenig ausführlich ist. Für eine solche Überprüfung mi t einer Leistungsverweigerung als Fol- ge genügt eine telefonische Nachfrage bei der Vertraue nsärztin jedoch nicht. Ein solches Ge- spräch kann lediglich Anlass bieten, den Sachverhalt ge nauer zu untersuchen. Dem Versiche- rer steht dafür gemäss Art. 20.8 AVB die vertrauensärztli che Untersuchung zur Verfügung, wel- che unverzüglich vorzunehmen ist. Das nachträgliche Aktengutachten kann hier die persönliche Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht und zeitnahe Untersuchung nicht ersetzen. In diesem Sinne ist auf die Atteste von Dr. C.___ und Dr. E.____ abzustellen und von einer 100%igen Ar beitsunfähigkeit bis 24. Mai 2010 und von einer 50%igen vom 25. bis 31. Mai 2010 auszugehen. Demgemäss hat die Klägerin für die- se Zeit Anspruch auf Krankentaggelder. Da ab 1. Juni 2010 eine volle Arbeitsfähigkeit bestand, ist die Forderung nach Ausrichtung von Krankentaggeldern bis 26. Juni 2010 abzuweisen. 4.1 Die Klägerin macht weiter geltend, dass sie vom 28. Juni bis 31. Oktober 2010 wegen einer ausgeprägten reaktiven Depression zu 100% arbeitsu nfähig gewesen sei und für diese Krankheitsphase Anspruch auf Taggelder habe. Es sei zwar richtig, dass die Depression als Krankheitsursache anfänglich nicht explizit erwähnt wo rden sei, die Beklagte sei aber darüber informiert worden, dass sie ab 28. Juni 2010 100% arbeitsunfähig gewesen sei. 4.2 Erfolgt die Krankmeldung nicht nach den in Art. 20.2 AVB genannten Fristen und somit verspätet, besteht frühestens ab Eingang der Krankmeldu ng Anspruch auf die versicherten Leistungen (Art. 20.3 AVB) 4.3 Die CSS führt zu Recht an, dass sie erst mit Schreiben vom 29. Juni 2011 mit Verweis auf das Arztzeugnis von Dr. C.____ vom 7. Januar 2011 übe r die bereits ein Jahr früher einge- tretene depressive Erkrankung der Versicherten informiert worden sei. Zwar ist auf dem Melde- formular eine volle Arbeitsunfähigkeit ab 28. Juni 2010 vermerkt, ein entsprechender Arztbericht mit der neuen Erkrankung der Depression fehlt hingegen. Die CSS musste deshalb davon aus- gehen, dass Dr. C.____ die Arbeitsunfähigkeiten weiter hin wegen Rückenbeschwerden attes- tierte, welche jedoch gemäss Dr. E.____ ab 1. Juni 201 0 keinen Einfluss mehr auf die Arbeits- fähigkeit hatten. Nach der Krankmeldung vom 29. Juni 201 1 mit Arztzeugnis hätte die Klägerin frühestens ab 30. Juni 2011 Anspruch auf Taggeldleistun gen gehabt. Zu diesem Zeitpunkt war sie aber schon längstens wieder arbeitsfähig. Ein Anspruch auf Ausrichtung von Taggeldern für den Zeitraum 28. Juni bis 31. Oktober 2010 besteht folglich nicht. 5. Die Taggeldleistungen bemessen sich nach dem letzten vor Krankheitsbeginn bezoge- nen AHV-pflichtigen Lohn. Dieser wird auf ein ganzes Ja hr umgerechnet und durch 365 geteilt (Art. 15.4 AVB). Gemäss letzter Lohnabrechnung vor Krankheitsbeginn verdiente die Versicher- te ein Einkommen von Fr. 3'073.60 (vgl. Lohnabrechnung von August 2009). Auf ein Jahr um- gerechnet resultiert ein Jahreseinkommen von Fr. 36 '883.20 und geteilt durch 365 ein Betrag von Fr. 101.05. Die CSS erbringt das versicherte Taggel d entsprechend dem Grad der Arbeits- unfähigkeit. Ab 70% Arbeitsunfähigkeit ist das ganze T aggeld geschuldet (Art. 15.6 AVB). Ge- mäss Police für die Krankentaggeldversicherung zwischen der A rbeitgeberin und der CSS be- trägt das Krankentaggeld 80% der AHV-Lohnsumme. Demn ach ist das ganze Taggeld Fr. 80.84 (80% von Fr. 101.05) und das halbe Fr. 40.42 (50% von Fr. 80.84). Folglich hat die Versi- cherte Anspruch auf Krankentaggeldleistungen von Fr. 2'2 23.10 (24 x Fr. 80.84 [1. Mai bis 24. Mai 2010] und 7 x Fr. 40.42 [25. Mai bis 31. Mai 201 0]). In diesem Umfang ist die Klage teilwei- se gutzuheissen. 6. Gemäss Art. 100 Abs. 1 VVG finden auf den Versicherun gsvertrag die Bestimmungen des Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des Schweizer ischen Zivilgesetzbuches (OR) Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht vom 30. März 1911 Anwendung. Die Klägerin beantragt e ine Verzinsung der Forderung zu 5% seit dem 31. Oktober 2010. Ob dieses Datum mit der zweit en Krankmeldung bis 31. Oktober 2010 zusammenhängt, kann nur vermutet werden, da ei ne Begründung für die Zinszahlung ab genanntem Datum in der Rechtsschrift fehlt. Da vorliegend keine Mahnung aktenkundig ist, eine solche seitens der Klägerin auch nicht behauptet wird, erfolgt die Verzugszinspflicht nach Art. 105 Abs. 1 OR und somit ab Anhebung der gerichtlichen Klage am 11. Juni 2012. 7. Das Verfahren vor dem Versicherungsgericht ist gemä ss Art. 114 Abs. 2 lit. f ZPO kos- tenlos. Dem obsiegenden Kläger ist gestützt auf Art. 10 6 Abs. 1 ZPO eine Parteientschädigung zu Lasten der Beklagten zuzusprechen. Da die Klägerin rund zu einem Siebtel durchgedrungen ist, erachtet das Gericht eine pauschale Entschädigung vo n Fr. 2'000.-- zulasten der Beklagten als angemessen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Klage wird teilweise gutgeheissen und die Beklagte verpflichtet, der Klägerin Fr. 2'223.10 nebst Zins von 5% seit dem 11 . Juni 2012 zu bezahlen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beklagte hat der Klägerin eine reduzierte Par teientschädigung von pauschal Fr. 2'000.-- (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwerts teuer) zu be- zahlen. Mitteilung an Parteien Eidgenössische Finanzmarktaufsicht - FINMA Präsidentin Gerichtsschreiberin