B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-772/2016 U r t e i l v o m 3 0 . M ä r z 2 0 1 6 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting-Schalch, Richter David R. Wenger, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan, vertreten durch Esther Potztal, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 27. Januar 2016 / N (…). E-772/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat- staat zusammen mit seinen Familienangehörigen im Kleinkindalter und lebte in der Folge im Iran. Im (…) Monat 1394 ([…] 2015) habe er den Iran verlassen und sei über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich in die Schweiz gereist, wobei er in Kroa- tien kontrolliert und daktyloskopiert worden sei. Der Beschwerdeführer suchte am 26. September 2015 in der Schweiz um Asyl nach. B. Am 30. September 2015 wurde eine radiologische Handknochenanalyse durchgeführt, welche ein Knochenalter des Beschwerdeführers von "19 Jahren und mehr" ergab. C. Am 7. Oktober 2015 fand die Befragung zur Person (BzP) des Beschwer- deführers statt. D. Am 9. Oktober 2015 richtete das SE M ein Informationsbegehren gemäss Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge- stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung; ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dublin -III-VO) an die kroati- schen Dublin-Behörden und ersuchte am 25. November 2015 um Über- nahme des Beschwerdeführers. Mit Schreiben vom 4. November 2015 beantwortete die kroatische Dublin Unit das Ersuchen des SEM um Bekanntgabe von Informationen zum Ver- fahrensstand. Das Gesuch um Übernahme des Beschwerdeführers blieb innert der in Art. 22 Abs. 1 und 6 und Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet. E. Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 25. Novem-E-772/2016 Seite 3 ber 2015 das rechtliche Gehö r zu einem allfälligen Nichteintretensent- scheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Kroatien, welches ge- mäss den Regeln der Dublin-III-VO mutmasslich für die Behandlung seines Asylgesuchs zuständig sei. F. Mit Schreiben vom 4. Dezember 2015 zeigte die Rechtsvertretung des Be- schwerdeführers unter Einreichung einer entsprechenden Vollmacht d ie die Übernahme des Vertretungsmandats an und ersuchte um nochmalige Eröffnung der Verfügung vom 25. November 2015 sowie um Einräumung einer neuen Frist zur Stellungnahme. G. Mit Verfügung vom 7. Dezember 2015 stellte das S EM der Rechtsvertre- tung des Beschwerdeführers eine Kopie seiner Verfügung vom 25. Novem- ber 2015 zu und erstreckte antragsgemäss die Frist zur Stellungnahme. H. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 1 8. Dezember 2015 stellte der Beschwerdeführer sich auf den Standpunkt, die kroatischen Behörden seien ihren sich aus de r Dublin-Verordnung ergebenden Pflichten nicht nachgekommen, indem sie ihn einfach in das nächste Land auf der so- genannten Balkan-Route weitergeschoben hätten. Er könne daher im Falle einer Rücküberstellung nicht mit einer rechtmässigen Behandlung und der Durchführung eines fairen Verfahrens rechnen. Im Weiteren wurde die Ein- reichung eines Schuldokuments zum Beleg seiner Minderjährigkeit in Aus- sicht gestellt. I. Mit Eingabe vom 8. Januar 2016 reichte der Beschwerdeführer mehrere Schuldokumente in Kopie ein. Mit Eingabe des Zentrums für Asylsuchende B._______ vom 14. Januar 2016 wurden der Vorinstanz die genannten Dokumente im Original zuge- stellt. J. J.a Mit Verfügung vom 27. Januar 2016 (eröffnet am 1. Februar 2016) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Überstel- lung nach Kroatien, welches gemäss Dublin -III-VO für die Behandlung E-772/2016 Seite 4 seines Asylgesuche zuständig sei, und stellte fest, einer allfälligen Be- schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. J.b Zur Begründung führte das Staatssekretariat namentlich aus, es sei davon auszugehen, der Beschwerdeführer habe die von ihm geltend ge- machte Minderjährigkeit nicht glaubhaft machen können, und er sei daher als volljährig zu erachten. Er habe keine Identitätsdokumente zum Beleg seiner Altersangabe eingereicht. Die eingereichten Schuldokumente seien nicht geeignet, sein Alter zu belegen. Zudem stimme das darin angege- bene Alter des Be schwerdeführers nicht mit seinen eigenen diesbezügli- chen Angaben überein. Es sei nicht nachvollziehbar, dass er angegeben habe, er würde sein genaues Geburtsdatum nicht kennen, in den Schuldo- kumenten aber ein präzises Geburtsdatum stehe. Die zur Alter sbestim- mung durchgefüh rte Handknochenanalyse habe ein Knochenalter von 19 Jahren oder mehr ergeben. Schliesslich habe er auch widersprüchliche und unplausible Angaben in Bezug auf das Alter seiner Eltern gemacht. J.c Im Weiteren hätten die kroatischen Behörden innerhalb der festgeleg- ten Frist zum Übernahmeersuchen keine Stellung genommen, womit die Zuständigkeit für das Asyl- und Wegweisungsverfahren des Beschwerde- führers auf Kroatien übergegangen sei. Er habe die Möglichkeit, nach sei- ner Rückkehr dorthin ein Asylgesuch zu stellen, und es obliege den kroati- schen Behörden, dieses zu prüfen und seinen Aufenthaltsstatus zu regeln oder allenfalls die W egweisung in den Heimatstaat anzuordnen. Es sei nicht nachvollziehbar, welchen Pflichte n Kroatien dem Beschwerdeführer gegenüber nicht nachgekommen sein soll. Die Ausführungen des Be- schwerdeführers vermöchten di e Zuständigkeit Kroatiens zur Durchfüh- rung seines Asyl- und Wegweisungsverfahrens nicht zu widerlegen. Kroa- tien sei Signatarstaat der des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie der EMRK und es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass dieses Land sich nicht an seine völ- kerrechtlichen Verpflichtungen halten und das Asylverfahren nicht korrekt durchführen werde. Andernfalls könne er sich mit einer Beschwerde an die zuständige Stelle wenden. Im Weiteren sei nicht davon auszugehen, dass er im Falle der Überstellung na ch Kroatien im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK gravierenden Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt wäre, und das Asyl - und Aufnahmesystem Kroatiens weise keine systemischen Mängel auf. Es würden auch keine Gründe gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vorliegen, die die Schweiz verpflichten würden, sein Asylgesuch zu prüfen. Es würden schliesslich auch keine Gründe vor- liegen, die eine Anwendung der Souveränitätsklausel gemäss Art. 29 a E-772/2016 Seite 5 Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) rechtfertigen würden. K. K.a Mit Beschwerde vom 8. Februar 2016 – vorab per Telefax ‒ an das Bundesverwaltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer , die Verfü- gung vom 27. Januar 2016 sei aufzuheben und es sei die Zuständigkeit der Schweiz für die Behandlung seines Asylgesuchs festzustellen. In ver- fahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er darum, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren und die Vollzugsbehörden seien an- zuweisen, bis zum Entscheid über den Suspensiveffekt der Beschwerde von Vollzugshandlungen abzusehen. Ferner sei ihm die unentgeltliche Pro- zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. K.b Zur Begründung wies der Beschwerdeführer darauf hin, bei der Beur- teilung der Gl aubhaftigkeit von Altersangaben von Asylsuchenden sei im Rahmen einer Gesamtwürdigung eine Abwägung sämtliche r für oder ge- gen die Richtigkeit der betreffenden Angaben sprechender Anhaltspunkte vorzunehmen. Er verfüge über keine Tazkira, weil er bereits im Kleinkind- alter mit seiner Familie in den Iran ausgewandert sei. Die Schuldokumente, auf welchen sein korrektes Geburtsdatum vermerkt sei, seien ein Indiz für die Glaubhaftigkeit seiner Minderjährigkeit. Die Vorinstanz habe diese zu Unrecht nicht gewürdigt und damit den Sachverhalt ungenü gend festge- stellt. Es sei nicht ersichtlich, inwiefern das Geburtsdatum auf den Schul- dokumenten nicht mit seinen Angaben zu seinem Alter übereinstimme. Er habe im Rahmen der Befragung sein Alter so angegeben , wie er es von seinen Eltern erfahren habe, und es sei ihm zu diesem Zeitpunkt nicht be- kannt gewesen, dass das genaue G eburtsdatum auf den Schuldokumen- ten vermerkt sei. Im Übrigen entspreche das im Anhörungsprotokoll ange- gebene Geburtsdatum (1. Januar […]) nicht seinen Aussagen, sondern sei von der Vorinstanz so aufgenommen worden, bevor er dazu angehört wor- den sei; dieses Vorgehen stelle einen Verstoss gegen das rechtliche Gehör dar und lasse eine gewisse Voreingenommenheit vermuten. Im Weiteren sei der Vorwurf widersprüchlicher und unplausibler Angaben zum Alter sei- ner Eltern unklar. Er habe sich zwar betreffend ihrem Alter zuerst verrech- net, seine Angaben jedoch sogleich wieder korrigiert. Seine weiteren Aus- sagen bezüglich seines Alters, welche sich mit den Informationen auf den Schuldokumenten decken würden, habe die Vori nstanz nicht gewürdigt. Seine Aussagen würden überwiegend für die Glaubhaftigkeit seiner Min-E-772/2016 Seite 6 derjährigkeit sprechen. Es könne ihm nicht angelastet werden, dass er ge- wisse Jahreszahlen nur ungefähr angegeben habe. Er sei damit seiner Mit- wirkungspflicht nachgekommen. Ein Augenschein lasse nur eine sehr grobe Einschätzung des Alters zu. Insbesondere sei eine einigermassen zuverlässige Alterseinschätzung bei der Alterskategorie der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mög- lich. Der Augenschein gelte gemäss Praxis des Bun desverwaltungsge- richts als sehr schwaches Indiz. Ferner könne dem Befund der Handkno- chenanalyse nicht entnommen werden, ob das von ihm angegebene Alter mit dem Resultat der Knochenanalyse vereinbar sei. Nach ständiger Praxis des Bundesverwalt ungsgerichts würden Ergebnisse radiologischer Kno- chenaltersbestimmungen keine sicheren Schlüsse auf die Voll - oder Min- derjährigkeit zulassen und hätten generell nur einen beschränkten Aussa- gewert hinsichtlich der Bestimmung des tatsächlichen Alters . Die Hand- knochenanalyse gelte nur bei einem Unterschied von mehr als drei Jahren zwischen dem angegebenen Alter und dem festgestellten Knochenalter als Indiz für die Unglaubhaftigkeit einer behaupteten Minderjährigkeit. Vorlie- gend betrage die Differenz zwischen festgestelltem und angegebenem Al- ter aber weniger als drei Jahre. Die Argumentation des SEM, das Resultat der Knochenaltersbestimmung spreche gegen seine Minderjährigkeit sei demnach nicht beachtlich. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung sämtlicher Anhaltspunkt könne nicht von seiner Volljährigkeit ausgegangen werden , und demnach sei die Schweiz in Anwendung von Art. 8 Dublin -III-VO für sein Asylverfahren zuständig. L. Der Instruktionsrichter setzte mit Telefax-Verfügung vom 9. Februar 2016 den Vollzug der Überste llung gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einst- weilen aus. M. Mit Zwischenverfügung vom 11. Februar 2016 erteilte der Instruktionsrich- ter der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und stellte fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab- warten. Ferner wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, innert Frist seine Bedürftigkeit zu belegen. Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde ‒ unter Vorbehalt des Nachweises der Bedürftigkeit ‒ gutgeheissen, und auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses wurde vorderhand verzichtet. Schliesslich wurde der Vorinstanz Frist zur Einreichung einer Vernehmlassung gesetzt. E-772/2016 Seite 7 N. Mit Eingabe vom 11. Februar 2016 reichte der Beschwerdeführer eine Für- sorgebestätigung des Zentrums für Asylsuchende B._______ vom 11. Feb- ruar 2016 ein. O. Mit Vernehmlassung vom 24. Februar 2016 hielt das Staatssekretariat an seiner Verfügung vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer mit Zuschrift vom 26. Februar 2016 zur Kenntnis gebracht. P. Der Instruktionsrichter liess in der Folge die vom Beschwerdeführer einge- reichten Schulunterlagen durch den Übersetzungsdienst des Gerichts in die deutsche Sprache übersetzen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungs gericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet be treffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwal tungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. E-772/2016 Seite 8 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nic ht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2 m.w.H.). 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asyl - suchende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zu- ständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mit- gliedstaat für die Prüfung des Asylgesuc hs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküber- stellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein. 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO; vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2; FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K4 zu Art. 7). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2.1 m.w.H.). E-772/2016 Seite 9 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän- digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An- nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An- tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine G efahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu- ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän- dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 3.3 Der nach dieser Verordnung zustä ndige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge- stellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin -III-VO aufzuneh- men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO). Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten An- trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig i st (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). 4. 4.1 Vorab ist durch das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen, ob das SEM aufgrund der Aktenlage berechtigterweise davon ausgehen durfte, dem Beschwerdeführer sei es nicht gelungen, die von ih m geltend gemachte Minderjährigkeit glaubhaft zu machen. 4.2 Grundsätzlich trägt nach Lehre und Praxis die asylsuchende Person die Beweislast für die von ihr behauptete Minderjährigkeit (vgl. bereits Ent- scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.2). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, welche für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen (vgl. a.a.O. E. 5.3.4). 4.3 4.3.1 Der Beschwerdeführer hat keine beweistauglichen Identitätspapiere zum Beleg des von ihm angegebenen Alters eingereicht. Seine Behaup- tungen, er wisse nicht, ob er je eine persönliche Identitätskarte besessen E-772/2016 Seite 10 habe und er sei ohne Identitätspapiere auf dem Landweg in die Schweiz gereist, wobei er zahlreiche Landesgrenzen überquert habe, aber nur in Kroatien kontrolliert und daktyloskopisch erfasst worden sei, muss als we- nig plausibel qualifiziert werden. Dies reicht jedoch offensichtlich nicht aus, um auf seine Volljährigkeit zu schliessen. 4.3.2 Auf dem Personalienblatt gab der Beschwerdeführer als Geburtsda- tum "1.1.(…)" beziehungswiese "(…)" ([…]) an und er sagte anlässlich der Befragung zur Person aus, er kenne sein genaues Geburtsdatum nicht, wisse aber, dass er (…) Jahre alt sei (vgl. Akten SEM A6 S. 3). Diese vagen Angaben erstaunen zwar angesichts des auf den von ihm eingereichten Schuldokumenten verzeichneten, präzisen Geburtsdatums ([…] […]). Im- merhin ist aber festzustellen, dass dieses Datum mit den Altersangaben des Beschwerdeführers vereinbar ist. Ebenso stimmen die sich aus den Schulunterlagen ergebenden Angaben zur Dauer und dem Zeitraum sei- nes Schulbesuchs mit den entsprechenden Angaben des Beschwerdefüh- rers anlässlich der BzP sowie dem von ihm behaupteten Alter überein. Demnach sind die Schulddokumente – auch wenn sie keine Identitätsdo- kumente im Sinne von Art. 1a Bst. c AsylV 1 sind – als Indiz für die Glaub- haftigkeit seiner Minderjährigkeit zu werten. 4.4 4.4.1 Das SEM zweifelte die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers of- fensichtlich bereits vor der Durchführung der BzP (am 7. Oktober 2015) an, indem es am 28. September 2015 den Auftrag zur Durchführung einer Handknochenaltersanalyse erteilte, welche am 30. September 2015 durch- geführt wurde (vgl. Akten A4, und A6). Die Analyse ergab ein Knochenalter von "19 Jahren und (recte: oder) mehr". Im Rahmen der BzP teilte die Vo- rinstanz dem Beschwerdeführer mit, er werde gestützt auf dieses Ergebnis, aufgrund seiner ungena uen Herkunftsangaben sowie seines Erschei- nungsbildes und weil er ohne plausible Gründe keine Identitätspapiere ein- gereicht habe, als volljährig erachtet, und er werde mit dem Geburtsdatum 01.01.(…) erfasst. Der Beschwerdeführer hielt an seinen Altersangabe n fest. 4.4.2 Gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts lässt eine Knochenaltersanalyse keine wissenschaftlich zuverlässigen Aussagen zur Frage zu, ob eine Person das 18. Altersjahr bereits erreicht hat (vgl. bereits EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.2). Eine solche Analyse gilt – falls gewisse formale und inhaltliche Erfordernisse erfüllt sind (vgl. Urteil des Bundes - verwaltungsgerichts E -5860/2013 vom 6. Januar 2014 E. 5.2 m.w.H., E-772/2016 Seite 11 EMARK 2004 Nr. 31) – nur unter bestimmten Voraussetzungen, nämlich ausschliesslich dann, wenn der Unterschied zwischen dem angegebenen Alter und dem festgestellten Knochenalter mehr als drei Jahre beträgt, als Beweismittel für die Unrichtigkeit einer Altersangabe. Nur in einem solchen Fall kann die festgestellte Unrichtigkeit der Altersangabe ein (blosses) Indiz für die Annahme der Unglaubhaftigkeit einer behaupteten Minderjährigkeit darstellen. 4.4.3 Vorliegend beträgt die Differenz zwischen dem angegebenen Alter des Beschwerdeführers und dem Knochenalter gemäss Analyse ungefähr zweieinhalb ([…]) bis drei Jahre ([…]). Dieses Ergebnis liegt am Rand des Ungenauigkeitsbereichs der radiologischen Knochenaltersanalyse, wes- halb diese ein untaugliches Beweismittel mit Bezug auf die Frage der Voll- jährigkeit des Beschwerdeführers ist und seine Altersangaben nicht zu ent- kräften vermag. 4.4.4 Bei dieser Sachlage kann die Frage offenbleiben, ob die Knochen - altersanalyse vom 30. September 2015 den formalen Anforderungen an solche Gutachten (vgl. etwa EMARK 2004 Nr. 31) entsprochen hätte. 4.5 Auch das von der Vorinstanz erwähnte ältere Erscheinungsbild des Be- schwerdeführers muss höchstens als sehr schwaches Indiz bezeich net werden. Die sich in den Akten befindende Fotografie zeigt einen sehr jun- gen Mann und lässt nicht darauf schliessen, dass er offensichtlich älter aussieht als von ihm behauptet. 4.6 Im Übrigen hat der Beschwerdeführer, wie in der angefochtenen Verfü- gung zu Recht festges tellt wurde, anlässlich der BzP zunächst Angaben zum Alter seiner Eltern gemacht, die mit dem von ihm behaupteten eigenen Alter nicht vereinbar sind, sich aber noch viel weniger mit einer allfälligen Volljährigkeit in Einklang bringen liessen. Auf Vorhalt dieses Widerspruchs hin korrigierte er das Alter seiner Eltern um zehn Jahre nach oben (vgl. Akten SEM A6 S. 6) . Diese ungereimten Aussagen geben zwar Anlass, auch an seinen eigenen Altersangaben zu zweifeln. Immerhin ist aber fest- zustellen, dass das von ihm behauptete Alter ([…] Jahre) in Anbetracht der (korrigierten) Angaben zum Alter seiner Eltern ( […] respektive […] Jahre) und seiner Geschwister ( […],[…] beziehungsweise […] Jahre) nicht un- plausibel ist. 4.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die weitgehend konsistenten Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter und die eingereichten E-772/2016 Seite 12 Schuldokumente Indizien sind, die für seine Minderjährigkeit sprechen und das Ergebnis der Knochenaltersanalyse sowie die weiteren Einwände des SEM lediglich schwache Gegenargumente darstellen. Das Bundesverwal- tungsgericht gelangt aufgrund der gesamten Aktenlage zum Schluss, dass im Rahmen einer Gesamtwürdigung aller Umstände (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 5.3.4 S. 210) überwiegende Hinwe ise auf die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers bestehen. 5. 5.1 Nachdem bei dieser Aktenlage von der Minderjährigkeit des Beschwer- deführers auszugehen ist, ergibt sich, dass das SEM die Prüfung der Zu- ständigkeit für das von ihm anhängig gemachte Asylverfahren gestützt auf eine unrichtige Feststellung des rechtserheblic hen Sachverhalts vorge- nommen hat. 5.2 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Auf- hebung der vorinstanzlichen Verfügung vom 27. Januar 2016 beantragt wird. Die Akten sind zu Weiterführung des Verfahrens an das SEM zurück- zuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten aufzuer- legen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist sodann angesichts seines Obsie- gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wur- de keine Kostennote eingereicht, weshalb die Parteientschädigung auf- grund der Akten zu bestimmen ist (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist die vom SEM zu vergütende Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 800.– (inkl. Auslagen und Nebenkosten) festzulegen. (Dispositiv nächste Seite) E-772/2016 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der vorinstanz- lichen Verfügung vom 27. Januar 2016 beantragt worden ist. 2. Die Verfügung des SEM vom 27. Januar 2016 wird aufgehoben und das Verfahren wird zur Weiterführung des Verfahrens an die Vor instanz über- wiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 800.– zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain Versand: