<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Disziplinarmassnahme</span> <span class="page_no">423</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Disziplinarmassnahme</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>86</b></span> <span class="ft2"><b>Anstellungsverhältnis Kantonspolizei. Strafversetzung.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Während der Dauer des Schlichtungsverfahrens ist die Anstellungs-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>behörde zuständig für den Erlass vorsorglicher Massnahmen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. I/3.1 - 3.3).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Gegen die Mitarbeiterbeurteilung besteht kein förmliches Rechtsmit-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tel, jedoch kann im Rahmen einer Beschwerde gegen die Lohnverfü-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gung geltend gemacht werden, dass ihr eine nicht korrekte Mitar-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>beiterbeurteilung zugrunde liegt (Erw. I/4).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Der anordnenden Behörde kommt bei der Festlegung der konkreten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Disziplinarmassnahme ein grosses Ermessen zu; konkrete Würdi-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gung der Rechtmässigkeit einer Strafversetzung (Erw. II/6).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Personalrekursgerichts vom 31. August 2010 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen S. gegen Kommando Kantonspolizei (2-BE.2010.2).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">I.</span><br/> <span class="ft7">3.</span><br/> <span class="ft7">3.1.</span><br/> <span class="ft7">Mit Schreiben vom 20. Juli 2009 wurde der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft7">ab Montag, 27. Juli 2009, bis auf weiteres in die Abteilung S. der</span><br/> <span class="ft7">Kantonspolizei als Sachbearbeiter im Dienst T. kommandiert. Be-</span><br/> <span class="ft7">gründend wurde ausgeführt, aufgrund der betrieblichen Verantwor-</span><br/> <span class="ft7">tung könne nicht bis zum definitiven Ausgang des Rechtsmittelver-</span><br/> <span class="ft7">fahrens gewartet werden, "um eine Antwort auf das gestörte Ver-</span><br/> <span class="ft7">trauensverhältnis im Dienst K. zu geben." Die Kommandierung sei</span><br/> <span class="ft7">eine provisorische Massnahme, welche den allfälligen Ausgang des</span><br/> <span class="ft7">Rechtsmittelverfahrens bezüglich Strafversetzung nicht vorwegneh-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">424</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">me. Sobald das Rechtsmittelverfahren abgeschlossen sei, könne die</span><br/> <span class="ft7">"Dienstverwendung" wieder definitiv festgelegt werden.</span><br/> <span class="ft7">3.2.</span><br/> <span class="ft7">Gemäss § 20 Abs. 1 VRPG trifft die Behörde, welche auch in</span><br/> <span class="ft7">der Sache zuständig ist, von Amtes wegen oder auf Antrag Anord-</span><br/> <span class="ft7">nungen vorsorglichen Charakters, wenn dies zur Abwehr eines dro-</span><br/> <span class="ft7">henden, nicht wiedergutzumachenden Nachteils notwendig ist. Es</span><br/> <span class="ft7">handelt sich um Anordnungen, welche während der Dauer des erstin-</span><br/> <span class="ft7">stanzlichen Verfahrens gelten und mit dem Entscheid in der Haupt-</span><br/> <span class="ft7">sache dahinfallen. Davon zu unterscheiden sind die aufschiebende</span><br/> <span class="ft7">Wirkung und andere vorsorgliche Massnahmen gemäss § 46 VRPG.</span><br/> <span class="ft7">Diese stellen Anordnungen dar, die von der verfügenden Behörde im</span><br/> <span class="ft7">instanzabschliessenden Entscheid (also nicht während der Dauer des</span><br/> <span class="ft7">erstinstanzlichen Verfahrens) oder von der Rechtsmittelinstanz (bzw.</span><br/> <span class="ft7">deren vorsitzendem Mitglied) für die Dauer des Beschwerdever-</span><br/> <span class="ft7">fahrens getroffen werden (vgl. Michael Merker, Rechtsmittel, Klage</span><br/> <span class="ft7">und Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über</span><br/> <span class="ft7">die Verwaltungsrechtspflege, Kommentar zu den §§ 38-72 VRPG,</span><br/> <span class="ft7">Zürich 1998, § 44 N 2 f. mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft7">3.3.</span><br/> <span class="ft7">3.3.1.</span><br/> <span class="ft7">Aus der Begründung der Kommandierung ergibt sich unmittel-</span><br/> <span class="ft7">bar, dass sie für die Dauer des Schlichtungs- sowie des allenfalls an-</span><br/> <span class="ft7">schliessenden Rechtsmittelverfahrens Geltung haben soll. Vorab der</span><br/> <span class="ft7">zweite Aspekt spricht für das Vorliegen einer vorsorglichen Mass-</span><br/> <span class="ft7">nahme. Prima vista mag es indessen unzulässig erscheinen, dass die</span><br/> <span class="ft7">Vorinstanz als erstinstanzliche Behörde die Massnahme am 20. Juli</span><br/> <span class="ft7">2009 und damit erst nach ihrem Entscheid vom 6. April 2009 sowie</span><br/> <span class="ft7">nach Einreichung des Schlichtungsgesuches anordnete. Wird gegen</span><br/> <span class="ft7">eine Verfügung eine eigentliche Beschwerde eingereicht, so ist eine</span><br/> <span class="ft7">allfällige vorsorgliche Massnahme von der Rechtsmittelinstanz (bzw.</span><br/> <span class="ft7">deren vorsitzendem Mitglied) zu treffen (vgl. Erw. I/3.2). In concreto</span><br/> <span class="ft7">war jedoch kein Beschwerde-, sondern ein Schlichtungsverfahren</span><br/> <span class="ft7">hängig. Anhand dessen Charakteristika ist zu prüfen, wer während</span><br/> <span class="ft7">der Dauer dieses Verfahrens für den Erlass einer vorsorglichen</span><br/> <span class="ft7">Massnahme zuständig war.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Disziplinarmassnahme</span> <span class="page_no">425</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">3.3.2.</span><br/> <span class="ft7">Gemäss dem Wortlaut von § 37 Abs. 2 Satz 1 PersG endet das</span><br/> <span class="ft7">Schlichtungsverfahren nicht mit einem Entscheid, sondern mit einer</span><br/> <span class="ft7">Empfehlung der Schlichtungskommission. Dieser kommt grundsätz-</span><br/> <span class="ft7">lich keine Entscheidkompetenz zu. Daraus lässt sich folgern, dass die</span><br/> <span class="ft7">Schlichtungskommission auch nicht zuständig ist, einen Entscheid</span><br/> <span class="ft7">betreffend den Erlass vorsorglicher Massnahmen zu treffen. Es er-</span><br/> <span class="ft7">weist sich daher als naheliegend, dass die entsprechende Kompetenz</span><br/> <span class="ft7">während der Dauer des Schlichtungsverfahrens bei der erstinstanz-</span><br/> <span class="ft7">lich zuständigen Behörde verbleibt.</span><br/> <span class="ft7">Die dargestellte Lösung drängt sich umso mehr auf, als die erst-</span><br/> <span class="ft7">instanzliche Behörde nach Abschluss des Schlichtungsverfahrens</span><br/> <span class="ft7">wiederum eine Verfügung erlässt (§ 37 Abs. 2 Satz 2 PersG). Der</span><br/> <span class="ft7">Erlass dieser zweiten Verfügung bildet den Abschluss des erstin-</span><br/> <span class="ft7">stanzlichen Verfahrens. Die Kompetenz zum Erlass vorsorglicher</span><br/> <span class="ft7">Massnahmen geht erst von der Anstellungsbehörde an das Perso-</span><br/> <span class="ft7">nalrekursgericht über, sofern und sobald in der Hauptsache eine Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerde (§ 40 PersG) erhoben wird.</span><br/> <span class="ft7">Die Praxis des Personalrekursgerichts, wonach der Schlich-</span><br/> <span class="ft7">tungskommission über den Wortlaut von § 37 Abs. 2 Satz 1 PersG</span><br/> <span class="ft7">hinaus in gewissen Fällen eine Verfügungskompetenz zukommt</span><br/> <span class="ft7">(AGVE 2008, S. 465 ff., Erw. I/4), vermag an den vorstehenden Er-</span><br/> <span class="ft7">örterungen nichts zu ändern. Die erwähnte Rechtsprechung ist aus-</span><br/> <span class="ft7">drücklich beschränkt auf formelle Anordnungen im Zusammenhang</span><br/> <span class="ft7">mit der Verfahrensleitung wie beispielsweise die Fristansetzung zu</span><br/> <span class="ft7">einer Stellungnahme, die Einforderung von Aktenstücken oder die</span><br/> <span class="ft7">Vorladung zur Verhandlung. Der entsprechende Rahmen würde</span><br/> <span class="ft7">durch die Anordnung vorsorglicher Massnahmen, welche eine (wenn</span><br/> <span class="ft7">auch nur summarische und vorläufige) materielle Würdigung mitent-</span><br/> <span class="ft7">hält, gesprengt.</span><br/> <span class="ft7">3.3.3.</span><br/> <span class="ft7">Somit ergibt sich, dass die Vorinstanz zuständig war, die um-</span><br/> <span class="ft7">strittene Kommandierung vom 20. Juli 2009, welche die Anordnung</span><br/> <span class="ft7">einer vorsorglichen Massnahme darstellt, vorzunehmen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">426</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">4.</span><br/> <span class="ft7">Der Beschwerdeführer weist in der Beschwerdeschrift darauf</span><br/> <span class="ft7">hin, er habe insofern eine "Zusatzstrafe" erlitten, als er im Rahmen</span><br/> <span class="ft7">der Mitarbeiterbeurteilung DIALOG 2009 mit der Note "B2" beur-</span><br/> <span class="ft7">teilt worden sei; 2008 sei ihm demgegenüber die Note "B1" gewährt</span><br/> <span class="ft7">worden (Skala 2008: A [= beste Note], B1, B2, C, D; Skala 2009: A1</span><br/> <span class="ft7">[= beste Note], A2, B1, B2, C1, C2). Gegen die Mitarbeiterbeurtei-</span><br/> <span class="ft7">lung besteht kein förmliches Rechtsmittel; es wäre einzig möglich,</span><br/> <span class="ft7">im Rahmen einer Beschwerde gegen die Lohnverfügung geltend zu</span><br/> <span class="ft7">machen, dass letzterer eine nicht korrekte Mitarbeiterbeurteilung</span><br/> <span class="ft7">zugrunde liege. Tatsächlich wurde jedoch die Lohnverfügung 2010</span><br/> <span class="ft7">nicht angefochten. Im Rahmen des vorliegenden Verfahrens besteht</span><br/> <span class="ft7">keine Möglichkeit, die Mitarbeiterbeurteilung in Frage zu stellen.</span><br/> <span class="ft7">Immerhin ist im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung</span><br/> <span class="ft7">(vgl. Erw. II/6.4) unter anderem auch zu berücksichtigen, ob trotz der</span><br/> <span class="ft7">(leicht) ungünstigeren Mitarbeiterbeurteilung und den möglicher-</span><br/> <span class="ft7">weise damit verbundenen Konsequenzen betreffend Lohn die Straf-</span><br/> <span class="ft7">versetzung gerechtfertigt ist oder nicht.</span><br/> <span class="ft7">II.</span><br/> <span class="ft7">6.</span><br/> <span class="ft7">6.1.</span><br/> <span class="ft7">§ 3 Dienstreglement legt für die Polizeiangehörigen folgende</span><br/> <span class="ft7">Verhaltenspflichten im Dienst fest:</span><br/> <span class="ft8"><sup>"1</sup></span><span class="ft5">Der Angehörige des Polizeikorps hat seine Aufgabe unter Einsatz</span><br/> <span class="ft5">aller seiner Kräfte zu erfüllen.</span><br/> <span class="ft8"><sup>2</sup></span><span class="ft5">Bei der Ausübung seiner Dienstpflichten hat der Angehörige des</span><br/> <span class="ft5">Polizeikorps ohne Ansehen der Person vorzugehen und ist zu</span><br/> <span class="ft5">strengster Sachlichkeit verpflichtet.</span><br/> <span class="ft8"><sup>3</sup></span><span class="ft5">Im Verkehr mit dem Publikum hat sich der Angehörige des Polizei-</span><br/> <span class="ft5">korps durch Höflichkeit und Zuvorkommenheit das Vertrauen zu er-</span><br/> <span class="ft5">werben, dessen er zur Erfüllung seiner Aufgaben bedarf.</span><br/> <span class="ft8"><sup>4</sup></span><span class="ft5">Sein Verhalten soll dem Korps und seinem Beruf Ehre machen."</span><br/> <span class="ft7">6.2.</span><br/> <span class="ft7">Folgender Sachverhalt ist erstellt:</span><br/> <span class="ft7">Im Oktober/November 2008 hat der Beschwerdeführer die un-</span><br/> <span class="ft7">terste Schublade des Pults seines Kollegen X. geöffnet, ohne über</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Disziplinarmassnahme</span> <span class="page_no">427</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">dessen Einwilligung verfügt zu haben und ohne vorgängig versucht</span><br/> <span class="ft7">zu haben, sein Einverständnis einzuholen. Angeblich suchte er nach</span><br/> <span class="ft7">einem bestimmten Ordner betreffend eine Polizeiaktion. Er erachtete</span><br/> <span class="ft7">die Kenntnisnahme des Ordners als derart wichtig, dass er nicht wei-</span><br/> <span class="ft7">ter zuwarten wollte; eine objektive zeitliche Dringlichkeit wird nicht</span><br/> <span class="ft7">behauptet und ist nicht erkennbar.</span><br/> <span class="ft7">Aus der Pultschublade behändigte der Beschwerdeführer einen</span><br/> <span class="ft7">Ordner, den er - obwohl in Farbe und Format von den sogenannten</span><br/> <span class="ft7">"Aktionsordnern" verschieden - nicht als privaten Ordner erkannt</span><br/> <span class="ft7">haben will. Dessen wurde er sich offenbar erst beim oberflächlichen,</span><br/> <span class="ft7">raschen Durchblättern bewusst. Dabei stiess er auf das ausgefüllte</span><br/> <span class="ft7">Formular des Mitarbeitergesprächs DIALOG, das 2008 mit X. ge-</span><br/> <span class="ft7">führt worden war. Auf der ersten Seite erkannte er den Buchstaben A,</span><br/> <span class="ft7">mit welchem die Gesamtbewertung ausgedrückt wurde, und las bzw.</span><br/> <span class="ft7">überflog den dazugehörigen Text.</span><br/> <span class="ft7">Im Januar/Februar 2009 unterhielt sich der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft7">mit seinem Dienstkollegen Y. über verschieden Punkte innerhalb des</span><br/> <span class="ft7">Dienstes K., insbesondere auch über diverse Unzulänglichkeiten und</span><br/> <span class="ft7">Fehler. Bei dieser Gelegenheit teilte der Beschwerdeführer Y. mit,</span><br/> <span class="ft7">dass er im Pult von X. auf einen Ordner mit der DIALOG-Beurtei-</span><br/> <span class="ft7">lung gestossen sei. Er informierte Y. über die Gesamtbewertung A</span><br/> <span class="ft7">und darüber, dass er einige Sätze der Beurteilung gelesen habe.</span><br/> <span class="ft7">Y. forderte den Beschwerdeführer rund zwei Wochen später auf,</span><br/> <span class="ft7">mit X. über die Angelegenheit zu sprechen. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft7">unterliess es jedoch, von sich aus mit X. in Kontakt zu treten. In der</span><br/> <span class="ft7">Folge sprach dieser, nachdem er von Y. über die Angelegenheit ins</span><br/> <span class="ft7">Bild gesetzt worden war, den Beschwerdeführer selber darauf an. Da</span><br/> <span class="ft7">diese Aussprache offenbar nichts fruchtete, beschloss der Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdeführer, sich an den Dienstchef zu wenden.</span><br/> <span class="ft7">Eine Entschuldigung des Beschwerdeführers gegenüber X. und</span><br/> <span class="ft7">Y. erfolgte erst im Rahmen des Disziplinarverfahrens, nachdem der</span><br/> <span class="ft7">Leiter des Disziplinarverfahrens ihn offenbar darauf hingewiesen</span><br/> <span class="ft7">hatte, dass dies seine Chancen auf eine Weiterbeschäftigung im</span><br/> <span class="ft7">Dienst K. steigern würde.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">428</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">6.3.</span><br/> <span class="ft7">Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer ohne entsprechen-</span><br/> <span class="ft7">de Erlaubnis und ohne objektiv erkennbaren Rechtfertigungsgrund</span><br/> <span class="ft7">die Pultschublade von X. geöffnet, einen Ordner behändigt, Teile der</span><br/> <span class="ft7">Mitarbeiterbeurteilung DIALOG eingesehen und die entsprechenden</span><br/> <span class="ft7">Informationen an Y. weitergegeben. Diese Handlungen bilden offen-</span><br/> <span class="ft7">sichtlich ein inakzeptables Verhalten im Dienst und sind demzufolge</span><br/> <span class="ft7">disziplinarisch zu bestrafen. Dies wird letztlich vom Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft7">rer anerkannt, ist doch der Verweis unbestritten.</span><br/> <span class="ft7">6.4.</span><br/> <span class="ft7">6.4.1.</span><br/> <span class="ft7">Somit bleibt zu prüfen, welche Disziplinarmassnahme in con-</span><br/> <span class="ft7">creto angezeigt ist. § 18 Dienstreglement sieht folgende Disziplinar-</span><br/> <span class="ft7">strafen vor: Verweis, Busse bis Fr. 100.--, Strafversetzung sowie</span><br/> <span class="ft7">Strafversetzung auf eigene Kosten oder mit Kostenbeteiligung. Meh-</span><br/> <span class="ft7">rere Strafen können verbunden werden. Die Strafen können ausser-</span><br/> <span class="ft7">dem mit Auflagen verknüpft werden, die im Interesse des Angehöri-</span><br/> <span class="ft7">gen des Polizeikorps oder des Dienstes liegen.</span><br/> <span class="ft7">6.4.2.</span><br/> <span class="ft7">Die disziplinarische Massnahme muss geeignet sein, die Erfül-</span><br/> <span class="ft7">lung der Dienstpflicht sowie das gute Funktionieren und die Ver-</span><br/> <span class="ft7">trauenswürdigkeit der Verwaltungsbehörden sicherzustellen (Ulrich</span><br/> <span class="ft7">Häfelin/Georg Müller/Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft7">recht, 5. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2006, Rz. 1205). Eine Strafver-</span><br/> <span class="ft7">setzung erscheint insbesondere dann angebracht, wenn der begange-</span><br/> <span class="ft7">ne Disziplinarfehler die Belassung des Mitarbeiters an seiner bisheri-</span><br/> <span class="ft7">gen Stelle als unzuträglich oder für seinen Dienstort und das Personal</span><br/> <span class="ft7">unzumutbar erscheinen lässt. In erster Linie aber muss die Massnah-</span><br/> <span class="ft7">me verhältnismässig sein zum begangenen Fehler, zum Motiv, zum</span><br/> <span class="ft7">bisherigen Verhalten, zur Position und zur Verantwortung des Betrof-</span><br/> <span class="ft7">fenen sowie zum Umfang und zur Bedeutung der verletzten oder</span><br/> <span class="ft7">gefährdeten Dienstinteressen (VPB 61.25, Erw. 3 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft7">Der anordnenden Behörde kommt bei der Festlegung der Dis-</span><br/> <span class="ft7">ziplinarmassnahme ein grosses Ermessen zu. Im Dienstreglement ist</span><br/> <span class="ft7">dies zwar nicht ausdrücklich vorgesehen. Es ergibt sich aber daraus,</span><br/> <span class="ft7">dass der Gesetzgeber darauf verzichtet hat, einzelne Pflichtverletzun-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Disziplinarmassnahme</span> <span class="page_no">429</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">gen zu unterscheiden und diesen je eine bestimmte Massnahme oder</span><br/> <span class="ft7">einen beschränkten Kreis von Massnahmen zuzuordnen. Der Rah-</span><br/> <span class="ft7">men reicht vielmehr für jeden Disziplinarfehler grundsätzlich von der</span><br/> <span class="ft7">leichtesten bis zur schwersten Sanktion, und es ist den Disziplinarbe-</span><br/> <span class="ft7">hörden überlassen, im Einzelfall aus dem Katalog der zulässigen</span><br/> <span class="ft7">Massnahmen die zweckmässige und angemessene Sanktion auszu-</span><br/> <span class="ft7">wählen (vgl. Walter Hinterberger, Disziplinarfehler und Disziplinar-</span><br/> <span class="ft7">massnahmen im Recht des öffentlichen Dienstes, St. Gallen 1986,</span><br/> <span class="ft7">S.</span> <span class="ft7">360; VPB 61.25, Erw. 5; Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft7">Rz. 1205).</span><br/> <span class="ft7">6.4.3.</span><br/> <span class="ft7">6.4.3.1.</span><br/> <span class="ft7">Der Beschwerdeführer weist zu Recht darauf hin, dass er keine</span><br/> <span class="ft7">Straftat begangen hat. Der begangene Fehler wiegt dennoch schwer,</span><br/> <span class="ft7">zumal die Privatsphäre des Dienstkollegen X. gleich mehrfach ver-</span><br/> <span class="ft7">letzt wurde. Die Beeinträchtigung der Privatsphäre ist offensichtlich</span><br/> <span class="ft7">unabhängig davon gegeben, ob die Mitarbeiterbeurteilung von X.</span><br/> <span class="ft7">positiv oder negativ war. Nicht unwesentlich in Bezug auf das Ver-</span><br/> <span class="ft7">schulden erscheint der Umstand, dass nach Auffassung des Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdeführers zwischen ihm und X. "die Chemie nicht stimmt";</span><br/> <span class="ft7">dies hätte den Beschwerdeführer erst recht zur Zurückhaltung ver-</span><br/> <span class="ft7">anlassen müssen.</span><br/> <span class="ft7">Im Weiteren gilt es in Bezug auf das Verschulden zu berück-</span><br/> <span class="ft7">sichtigen, dass für den Beschwerdeführer seinerzeit kein objektiver</span><br/> <span class="ft7">Grund bestand, möglichst schnell über den angeblich gesuchten Ord-</span><br/> <span class="ft7">ner verfügen zu können. Es mag zutreffen, dass er sich über ein lau-</span><br/> <span class="ft7">fendes Verfahren jour halten wollte; dies allein rechtfertigt es aber</span><br/> <span class="ft7">nicht, ohne entsprechende Einwilligung das Pult eines Arbeitskolle-</span><br/> <span class="ft7">gen zu öffnen.</span><br/> <span class="ft7">Die Weitergabe von den zu Unrecht erlangten Informationen an</span><br/> <span class="ft7">Y. wiegt bereits für sich allein genommen schwer. Zusätzlich dazu</span><br/> <span class="ft7">fällt ins Gewicht, dass dies im Rahmen eines Gesprächs erfolgte,</span><br/> <span class="ft7">anlässlich dessen die "Unzulänglichkeiten" bzw. "Fehler" von X.</span><br/> <span class="ft7">diskutiert wurden und der Beschwerdeführer und Y. "gemeinsame</span><br/> <span class="ft7">Übereinstimmungen über verschiedene Unzulänglichkeiten" von X.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">430</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">fanden. Die aus dem DIALOG-Formular gewonnenen Erkenntnisse</span><br/> <span class="ft7">wurden somit zumindest indirekt gegen X. verwendet.</span><br/> <span class="ft7">6.4.3.2.</span><br/> <span class="ft7">Das bisherige Verhalten des Beschwerdeführers war offenbar</span><br/> <span class="ft7">einwandfrei. Nur sehr schwer nachvollziehbar ist indessen das Ver-</span><br/> <span class="ft7">halten des Beschwerdeführers im Anschluss an die ihm zur Last ge-</span><br/> <span class="ft7">legten Vorfälle. Selbst nach der entsprechenden Aufforderung durch</span><br/> <span class="ft7">Y. hat er es unterlassen, von sich aus X. zu informieren. Mit einer</span><br/> <span class="ft7">Entschuldigung bei X. und Y. wartete er gar zu, bis ihm durch den</span><br/> <span class="ft7">Leiter des Disziplinarverfahrens nahegelegt wurde, dass dadurch</span><br/> <span class="ft7">seine Chancen im Disziplinarverfahren erhöht werden könnten. Die-</span><br/> <span class="ft7">ses Verhalten zeigt deutlich, dass dem Beschwerdeführer die Einsicht</span><br/> <span class="ft7">in das von ihm begangene Unrecht sowie in den Vertrauensschwund,</span><br/> <span class="ft7">den er dadurch ausgelöst hat, weitgehend fehlt.</span><br/> <span class="ft7">6.4.3.3</span><br/> <span class="ft7">In Bezug auf die Position und die Verantwortung ist wesentlich,</span><br/> <span class="ft7">dass unabhängig vom konkreten Dienstgrad von sämtlichen Poli-</span><br/> <span class="ft7">zeiangehörigen eine hohe Sozialkompetenz und Integrität verlangt</span><br/> <span class="ft7">wird. Diese Einschätzung trifft selbstverständlich auch auf den Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdeführer zu, umso mehr als er immerhin den Dienstgrad eines</span><br/> <span class="ft7">Wachtmeisters innehat.</span><br/> <span class="ft7">6.4.3.4.</span><br/> <span class="ft7">Es liegt auf der Hand, dass innerhalb der einzelnen Dienste der</span><br/> <span class="ft7">Kantonspolizei ein sehr hohes Mass an gegenseitigem Vertrauen er-</span><br/> <span class="ft7">forderlich ist. Dies gilt namentlich auch für den Dienst K., wo in der</span><br/> <span class="ft7">Regel das ganze Team am jeweiligen Einsatz beteiligt ist und somit</span><br/> <span class="ft7">eine sehr enge Zusammenarbeit erfolgt. Die Möglichkeit, im Rahmen</span><br/> <span class="ft7">der Einsatzplanung auf zwischenmenschliche Unstimmigkeiten</span><br/> <span class="ft7">Rücksicht zu nehmen, besteht daher - wenn überhaupt - nur in einem</span><br/> <span class="ft7">sehr eingeschränkten Masse. Das verletzte Dienstinteresse, nämlich</span><br/> <span class="ft7">die Schaffung und Erhaltung einer tragfähigen Vertrauensbasis zwi-</span><br/> <span class="ft7">schen den Angehörigen der Kantonspolizei, wiegt dementsprechend</span><br/> <span class="ft7">im Dienst K. besonders schwer. Die Schlussfolgerung, dass im</span><br/> <span class="ft7">Dienst K. bei einem Vertrauensschwund rascher eine Strafversetzung</span><br/> <span class="ft7">in Betracht gezogen werden muss als bei anderen Diensten, erscheint</span><br/> <span class="ft7">daher nachvollziehbar. Vor diesem Hintergrund wäre die vom Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Disziplinarmassnahme</span> <span class="page_no">431</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">schwerdeführer behauptete Äusserung des P., dass es bei einer</span><br/> <span class="ft7">anderen Dienstabteilung unter Umständen zu keiner Strafversetzung</span><br/> <span class="ft7">gekommen wäre, verständlich.</span><br/> <span class="ft7">6.4.4.</span><br/> <span class="ft7">Insbesondere in Anbetracht dessen, dass der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft7">die Privatsphäre von X. mehrfach verletzt hat, das entsprechende</span><br/> <span class="ft7">Dienstinteresse schwer wiegt und mit einer Entschuldigung sehr</span><br/> <span class="ft7">lange zugewartet wurde, erweist sich die angefochtene Strafverset-</span><br/> <span class="ft7">zung als gerechtfertigt. Die Einschätzung, dass eine Zusammenarbeit</span><br/> <span class="ft7">mit den übrigen Angehörigen des Dienstes K. schwerwiegend beein-</span><br/> <span class="ft7">trächtigt wäre, ist ohne weiteres nachvollziehbar. Die Strafversetzung</span><br/> <span class="ft7">lässt sich umso weniger beanstanden, als der Disziplinarbehörde, wie</span><br/> <span class="ft7">gesehen (vgl. Erw. II/6.4.2), ein weiter Ermessensspielraum zusteht.</span><br/> <span class="ft7">Auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer eine gegenüber dem</span><br/> <span class="ft7">Vorjahr schlechtere DIALOG-Beurteilung erhielt, lässt die umstritte-</span><br/> <span class="ft7">ne Disziplinarmassnahme nicht unverhältnismässig erscheinen; es ist</span><br/> <span class="ft7">gerichtsnotorisch, dass die finanziellen Auswirkungen einer leicht</span><br/> <span class="ft7">tieferen Qualifikation sehr gering sind.</span><br/> <span class="ft7">6.4.</span><br/> <span class="ft7">Insgesamt ergibt sich, dass die Strafversetzung des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft7">führers - namentlich auch unter dem Aspekt der Verhältnismässigkeit</span><br/> <span class="ft7">- zulässig war.</span><br/></div> </div> </body> </html>