B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4773/2012 U r t e i l v o m 2 3 . O k t o b e r 2 0 1 2 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter François Badoud, Gerichtsschreiberin Sarah Straub. Parteien A._______, geboren (…), dessen Ehefrau B._______, geboren (…), und deren Sohn C._______, geboren (…), Sri Lanka, alle vertreten durch Barbara Frei-Koller, (…), Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 14. August 2012 / N (…). E-4773/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden, eine tamilische Familie mit letztem Wohnsitz in D._______ (Jaffna), verliessen ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu- folge am (…). A._______ (in der Folge: der Beschwerdeführer) gab an, zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in einem Van nach Colombo gefahren, von dort auf dem Luftweg mit einer Zwischenlandung in Doha (Katar) nach Rom ge reist und am 30. November 2009 m it einem Auto in die Schweiz gelangt zu sein. B._______ (in der Folge: die Beschwerd e- führerin) brachte vor, sie sei en mit dem Schiff nach Col ombo gefahren, danach auf dem Seeweg respektive auf dem Luftweg in die Schweiz r e- spektive nach Europa gelangt und s chliesslich in einem Van zum (…) ge- bracht worden. Am 3. Dezember 2009 wurden die Beschwerdeführenden zur Person, zu den Gesuchsgründen sowie zum Reiseweg summarisch befragt und am 21. Dezember 2009 einlässlich angehört. B. B.a Der Beschwerdeführer brachte zur Be gründung seines Asylgesuches vor, er sei (…) im Vanni-Gebiet gewesen . Dort habe er zusammen mit anderen jungen Männern Hilfsarbeiten für die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) ausgeführt und das sogenannte Verteidigungstraining a b- solvieren müssen. Danach sei er nach Jaffna gegangen, wo er bis zu se i- ner Ausreise in einem Gemüseladen gearbeitet habe. Von den Kollegen, mit welchen er im Vanni-Gebiet gewesen sei, sei einer (…) von militanten Gruppierungen umgebracht worden, zwei Jahre später ein weiteres Mit- glied dieser Familie. Im (…) sei erneut ein Kollege erschossen worden , schliesslich habe man (…) einen seiner Cousins getötet. Er selbst sei insgesamt drei Mal mitgenommen worden, dies in (…). Er sei jeweils während zwei bis drei Tagen festgehalten und geschlagen worden, einmal habe man ihm das Bein gebrochen und das Knie ausgekugelt, was ihm bis heute Beschwerden bereite. Danach seien immer wieder Leute zu ihm gekommen und hätten ihn gesucht, weshalb er nicht mehr zu Hause geblieben sei und bei Verwandten oder Nachbarn übernachtet habe. B.b Die Beschwerdeführerin brachte anlässlich der Kurzbefragung vor, ihr Mann sei von der Armee, der Polizei und den LTTE gesucht worden. Auch sie selbst sei von der Armee gesucht und drei Mal mitgenommen worden. Bei der Anhö rung gab sie zu Protokoll, ihr Mann sei mitgenommen wor- den, wobei man ihn am Bein schwer verletzt habe. Später habe das Mili-E-4773/2012 Seite 3 tär versucht, seiner habhaft zu werden, weshalb er ins Ausland gegangen sei. Persönlich habe sie keine Probleme gehabt, sie habe das Land ein- zig wegen de r Probleme ihres Mannes verlassen. Gemäss Anmerkung der Hilfswerkvertretung (vgl. Akten BFM A 14/7 S. 7) und Aktennotiz der Befragerin vom 21. Dezember 2009 ( vgl. A 15/1) habe die Beschwerde- führerin während der Anhörung einen verwirrte n Eindruck gemacht. Es sei deshalb darauf geachtet worden, kurze Fragen zu stellen, und da sie keine eigenen Asylgründe geltend gemacht habe, sei auf eine weiterfü h- rende Befragung zu den Vorbringen des Ehemannes verzichtet worden. B.c Mit Schreiben der Rechtsvertreterin vom 17. März 2010 reichte der Beschwerdeführer verschiedene Todesurkunden aus Sri Lanka inklusive englischer Übersetzungen zu den Akten. Am 19. Juli 2012 ersuchte das BFM die Beschwerdeführenden um nähere Auskünfte hierzu, welche mit Eingabe vom 8. August 2012 erfolgten. Gleichzeitig machten diese darauf aufmerksam, dass die Beschwerdeführerin im E._______, (…), in B e- handlung sei, und stellten einen Arztbericht in Aussicht. C. Das Bundesamt stellte mit Verfügung vom 14. August 2012 – eröffnet am 15. August 2012 – fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüch t- lingseigenschaft nicht, wies deren Asylgesuche ab, verfügte die Wegwe i- sung aus der Schweiz und beauftragte (…) mit dem Wegweisungsvollzug. D. Die Beschwerdeführenden liessen diesen Entscheid mit Eingabe vom 13. September 2012 anfechten. In materieller Hinsicht beantragen sie, die angefochtene Verfügung vom 14. August 2012 sei aufzuheben und es sei ihnen Asyl zu gewähren, subeventualiter (recte: eventualiter) sei die U n- zulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges festzustellen und die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren. In prozessualer Hinsicht beantragen sie, es sei ihnen die unentgeltliche Pro- zessführung zu gewähren, und auf die Erhebung eines Kostenvorsch us- ses sei zu verzichten, zudem sei festzustellen, dass die Beschwerde au f- schiebende Wirkung habe, und es sei ihnen zu allfälligen Stellungnahmen der Vorinstanz das Replikrecht zu gewähren. Zur Stützung ihrer Vorbringen reichten sie ein Schreiben von Friedens- richter F._______ vom (…), ein Schreiben von Rechtsanwalt G._______ vom (…), eine persönliche Stellungnahme von H._______ (freiwillige Betreuerin der Gemeinde […]) vom (…), ein ärztliches Zeugnis der E-4773/2012 Seite 4 E._______ vom (…), eine Eintrittsbestätigung de rselben vom (…), eine Einladung zur schulpsychologischen Beratung vom (…) und eine Fürsor- gebestätigung zu den Akten. E. Mit Verfügung vom 20. September 2012 hielt der Instruktionsrichter fest, die Beschwerdeführenden dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfen, verschob den Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung auf einen späteren Zei t- punkt und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. F. Das BFM hielt in seiner Vernehmlassung vom 25. September 2012 voll- umfänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Zu den einzelnen Vorbringen in der Beschwerde nahm es keine Stellung. Die Vernehmlassung wurde den Beschwerdeführenden am 28. September 2012 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) und entscheidet auf dem G e- biet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur B e- schwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 VwVG) ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). E-4773/2012 Seite 5 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtl ingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen e rnsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das BFM führte zur Begründung seines Entscheides aus, die Vo r- bringen des Beschwerdeführers seien vor dem Hintergrund der allgemein angespannten Situation, welche während des Bürgerkrieges in Sri Lanka geherrscht habe, zu betrachten. Im Sommer 2006 sei es zu einem Wi e- deraufflammen des innerstaatlichen bewaffneten Konfliktes zwischen der sri-lankischen Armee und den LTTE gekommen, worunter insbesondere die tamilische Zivilbevölkerung gelitten habe. Die Situation stelle sich j e- doch seit Beendigung des Krieges im Mai 2009 anders dar. Zwar sei die Sicherheitslage noch nicht in allen Teilen des Landes zufriedenstellend, aber die Anzahl von Gewaltereignissen sei erheblich zurückgegangen. Die LTTE würden über keine handlungsfähige Struktur mehr verfügen, und der Einfluss der bewaffneten Gruppen habe stark abgenommen. Nach wie vor werde gegen ehemalige Kämpfer und Führungspersönlic h- keiten der LTTE vorgegangen. Der Beschwerdeführer mache jedoch nicht geltend, aktives oder gar führendes Mitglied der LTTE gewesen zu sein. Wenn er von den sri -lankischen Behörden ernsthaft verdächtigt worden wäre, so hätten diese ihn nicht jeweils nach kurzer Zeit freigelassen, so n- dern wären konsequent gegen ihn vorgegangen und hätte n strafrechtli- che Massnahmen eingeleitet. Dass verschiedene Personen aus seinem E-4773/2012 Seite 6 Umfeld den Tod gefunden hätten, dürfte auf die damalige Kriegssituation zurückzuführen sein. Der Tod seiner Kollegen (…) habe ihn offenbar nicht zur Flucht veranlasst, da er er st (…) später ausgereist sei. Damit würden Anhaltspunkte für eine Verfolgung im Zeitpunkt der Ausreise fehlen. In seinen Schilderungen fänden sich keine Hinweise dafür, dass die Behö r- den heute ein ernsthaftes Verfolgungsinteresse an ihm haben könnten. Es sei angesichts seines fehlenden politischen Profils nicht davon auszu- gehen, dass er mit erheblicher Wahrscheinlichkeit von asylrelevanten Schwierigkeiten bedroht sei. Seine Vorbringen seien deshalb asylrechtlich nicht beachtlich und würden den Anforderungen an Art. 3 AsylG nicht standhalten. 4.2 In der Beschwerde wird demgegenüber geltend gemacht, es treffe nicht zu, dass sich die staatliche Repression in Sri Lanka nur gegen ehe - malige Kämpfer und Führungspersönlichkeiten der LTTE richte, vielmehr seien auch ehe malige Helfer und Sympathisanten weiterhin von Verfo l- gung betroffen. Die Argumentation der Vorinstanz, wonach der B e- schwerdeführer über kein politisches Profil verfüge, lasse ausser Acht, dass er die LTTE während rund acht Jahren im Vanni-Gebiet und danach von Jaffna aus unterstützt habe. Aufgrund seiner langjährigen Verbindun- gen zu den LTTE sei er in aktueller Gefahr, Opfer staatliche r Verfolgung zu werden. Er sei von den Behörden nicht, wie vom BFM behauptet, sanft angefasst, sondern mehrmals geschlagen und misshandelt worden, wes- halb er bis heute Hörprobleme, chronische Kopfschmerzen und häufige Schwindelanfälle habe. Es spreche auch nicht gegen eine Verfolgungsge- fahr, dass er das Land erst (…) verlassen habe, vielmehr seien die ge l- tend gemachten Fluchtgründe angesichts des Umstandes , dass er die Heimat trotz stabilem Umfeld, sicherem Einkommen und guter wirtschaf t- licher Stellung verlassen habe , plausibel. Er habe die Gefahrenlage a n- fangs unterschätzt, nachdem er je doch wiederholt Ziel von Schikan en und Verfolgungsmassnahmen geworden und (…) sein Cousin ermordet worden sei, sei die Lage unerträglich und die Flucht unvermeidlich g e- worden. Hinzu komme der zweieinhalb Jahre dauernde Aufenthalt in der Schweiz, welcher bei einer Rückkehr eine genaue Übe rprüfung durch die Sicherheitsdienste, möglicherweise mit unbegrenzter Festhaltung, E r- pressung und Folter, nach sich ziehen und ihn somit zusätzlich gefährden würde. Er erfülle daher die Flüchtlingseigenschaft. Seine Ehefrau und das gemeinsame Kind seien in die Flüchtlingseigenschaft einzubeziehen. Die Beschwerdeführerin sei wegen einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion und mittelschwerer depressiver Episode infolge E-4773/2012 Seite 7 traumatischer Erlebnisse in Sri Lanka (…) in medizinischer Behandlung. Eine posttraumatische Belastungsstörung scheine wahrscheinlich, Ursa- che seien vermutlich schwere Kriegserlebnisse, Verfolgung und Vertre i- bung. Sie sei verängstigt und unselbständig, der Haushalt werde au s- schliesslich vom Beschwerdeführer erledigt, ebenso sorg e er für das Kind. Eine Totgeburt (…) habe zudem eine komplexe Traumafolgestörung ausgelöst. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen könne das Krankheitsbild nicht primär medikamentös behandelt werden, sondern bedürfe einer speziellen Psychotraumath erapie und der Gewährleistung von Sicherheit sowie Ruhe. Die medizinische Grundversorgung in Sri Lanka beschränke sich im Wesentlichen auf den Grossraum Colombo, psychische Erkrankungen würden hauptsächlich mit Medikamenten oder elektro-konvulsivischen The rapien behandelt, und die Therapiemöglich- keiten seien qualitati v schlechter als in der Schweiz. Bei einer Rückkehr dorthin sei eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes wah r- scheinlich, es müsse sogar mit einer suizidalen Krise gerechnet werden. Der Vollzug der Wegweisung sei deshalb nicht zumutbar. Schliesslich gebiete auch das Kindeswohl ein Verbleiben der Beschwe r- deführenden in der Schweiz. Der Sohn C._______ besuche (…), er sei hyperaktiv sowie verhaltensauffällig und befinde sich in schulpsycholog i- scher Beratung. Eine fortgesetzte Therapie der Mutter sei von besonderer Bedeutung, um frühkindliche Belastungsreaktionen zu vermeiden. Eine Rückkehr nach Sri Lanka könnte für seine Entwicklung fatale Folgen h a- ben. 5. Zu Recht stellte die Vorinstanz in der a ngefochtenen Verfügung fest, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien asylrechtlich unbeachtlich, da sich die politische Lage in Sri Lanka seit Beendigung des Bürgerkrieges im Mai 2009 entspannt ha be. In Übereinstimmung mit dem BFM ist fes t- zuhalten, dass sich keine Hinweise dafür finden, die sri -lankischen B e- hörden hätten heute – mehr als drei Jahre nach dem Ende des blutigen Konfliktes – ein ernsthaftes Interesse daran, ihn zu verfolgen. Zur Ve r- meidung von Wiederholungen kann diesbezüglich auf die ausfüh rlichen und zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Die Vorbringen in der Beschwerde und die eingereichten Schrei- ben aus Sri Lanka vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Dem Sch reiben von Friedensrichter F._______ vom (…) ist zu entne h- men, dass der Beschwerdeführer (…) Verbindungen zu hohen LTTE -E-4773/2012 Seite 8 Kadern gehabt habe, welche indirekt in Jaffna stationiert gewesen seien. Der Geheimdienst der Armee habe dies herausgefunden, worauf er von der Armee gesucht worden sei. Mit der Zeit seien einige seiner Kollegen verschwunden, weshalb der Beschwerdeführer sein Dorf verlassen habe und mit seiner Frau und seinem Sohn nach I._______ zu seiner Schwes- ter gezogen sei. Die Armee habe ihn jedoch auch dort aufgespürt, worauf er Sri Lanka (…) verlassen habe. Er werde immer noch von der Armee gesucht. Im Schreiben von Rechtsanwalt G._______ vom (…) wird ausgeführt, der Beschwerdeführer sei (…) von der Armee gesucht worden, weil er sich verdächtig verhalten habe. Später sei er verdächtigt worden, mit LTTE - Kadern in Verbindung zu stehen. In dieser Situation seien einige seiner Kollegen verschwunden, worauf er nach I._______ gezogen sei. Als er auch dort von der Armee aufgespürt worden sei, habe er das Land ve r- lassen. Da er immer noch gesucht werde, könne er sich in Sri Lanka nicht frei bewegen. Zu diesen beiden Schreiben ist anzumerken, dass sie hinsichtlich der zeitlichen Angaben nicht mit den Aussagen des Beschwerdeführers über- einstimmen, wonach seine Kollegen bereits (…) umgebracht worden sei- en und (…) sein Cousin getötet worden sei. Er hat anlässlich der Kurzbe- fragung und der Anhörung auch nicht angegeben, mit der Frau und dem Sohn im (…) nach I._______ zur Schwester gezogen zu sein, sondern ausgesagt, er habe nach der letzten Festnahme im (…) abwechslungs- weise bei Verwandten und Bekannten in J._______ und K._______ über- nachtet (vgl. A 13/11 S. 4 und 6). Der Wahrheitsgehalt der eingereichten Schreiben aus Sri Lanka ist somit zu bezweifeln. Weiter ist nicht ersich t- lich, aufgrund welcher Informationen die Absender in der Lage sein sol l- ten, eine allfällige Gefährdungssituation für den Beschwerdeführer erken- nen zu können. Schliesslich ist auch darauf hinzuwei sen, dass den als Gefälligkeitsschreiben zu bezeichnenden Briefen ohnehin nur ein sehr geringer Beweiswert zukommt. 5.1 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und folglich auch die Beschwerdefü h- rerin und das Kind nicht in diese einbezogen werden können. Die Vori n- stanz hat die Asylgesuche nach dem Gesagten zu Recht abgelehnt. E-4773/2012 Seite 9 6. Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen A n- spruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegwei sung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläu fige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 7.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AuG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völke r- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen. Da den Beschwerdeführenden keine Flüchtlingseigenschaft zukommt, ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des A b- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Voll- zugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs - und völ- kerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101]; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 de r Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten [EMRK, SR 0.101]). Im Lichte dieser Bestimmungen sind keine Anhaltspunkte d a- für auszumachen, dass die Beschwerdeführenden im Falle einer Au s- schaffung in den Heimatstaat do rt mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit e i- ner verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Der Wegwe i- sungsvollzug ist demnach zulässig. 7.3 7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt E-4773/2012 Seite 10 und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind . Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht nahm im Grundsatzurteil BVGE 2011/24 eine umfassende Analyse der Situation in Sri Lanka vor. Danach hat sich seit dem Ende des bewaffneten Konflikts die allgemeine Lage in diesem Land erheblich verbessert. Die Situat ion in der Ostprovinz hat sich weitgehend stabilisiert und normalisiert, so dass der Wegweisung s- vollzug in das gesamte Gebiet der Ostprovinz als grundsätzlich zumutbar zu erachten ist (vgl. a.a.O. E. 13.1). Die Lage in der Nordprovinz ist sehr unterschiedlich. So herrscht in den Gebieten, die bereits seit längerer Zeit unter Regierungskontrolle stehen, das heisst in den Distrikten Jaffna und in den südlichen Teilen der Distrikte Vavuniya und Mannar (mit anderen Worten: die Nordprovinz unter Ausschluss des s o genannten "Vanni - Gebietes") keine Situation allgemeiner Gewalt. Zudem ist die politische Lage nicht dermassen angespannt, dass eine Rückkehr dorthin als gen e- rell unzumutbar eingestuft werden müsste. Angesichts der im humanit ä- ren und wirtschaftlichen Bereich nach wie vor fragilen Lage drängt sich al- lerdings beim Wegweisungsvollzug in dieses Gebiet eine zurückhaltende Beurteilung der individuellen Zumutbarkeitskriterien auf. Nebst der allg e- meinen Zumutbarkeit ist dabei auch dem zeitlichen Element Rechnung zu tragen. Für Personen, die aus der Nordprovinz stammen und dieses Gebiet erst nach Beendigung des Bürgerkrieges im Mai 2009 verlassen haben, ist der Wegweisungsvollzug (zurück) in dieses Gebiet als grundsätzlich z u- mutbar zu beurteilen, wenn davon ausgegan gen werden kann, dass die- se auf die gleiche oder gleichwertige Lebens - und Wohnsituation zurück- greifen k önnen, die im Zeitpunkt der Ausreise geherrscht hat, und dem Wegweisungsvollzug zurück dorthin nichts im Wege steht. Liegt der letzte Aufenthalt in der Nordprovinz indessen längere Zeit zurück (vor Beend i- gung des Bürgerkrieges im Mai 2009) oder gehen konkrete Umstände aus den Verfahrensakten hervor, dass sich die Lebensumstände seit der Ausreise massgeblich verändert haben können, sind die aktuell vorli e- genden Lebens- und Wohnverhältnisse sorgfältig abzuklären und auf die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges hin zu überprüfen. In diesem Zusammenhang erscheinen namentlich die Existenz eines tragfähigen Beziehungsnetzes und die konkreten Möglichkeiten der S icherung des Existenzminimums und der Wohnsituation als massgebliche Faktoren. Falls solche begünstigenden Faktoren in der Nordprovinz nicht vorliegen, E-4773/2012 Seite 11 ist die Zumutbarkeit einer innerstaatlichen Aufenthaltsalternative im übr i- gen Staatsgebiet, namentlich i m Grossraum Colombo zu prüfen (vgl. a.a.O. E. 13.2.1). 7.3.3 In seiner angefochtenen Verfügung vom 14. August 2012 hielt das BFM fest, die aus Jaffna stammenden Beschwerdeführenden könnten bei der Rückkehr auf die gleiche oder eine gleichwertige Lebens - und Wohn- situation wie vor der Ausreise zurückgreifen, der Beschwerdeführer könne seine berufliche Tätigkeit wieder aufnehmen. Sie verfügten in der Heimat über Familienmitglieder, und es sei davon auszugehen, dass sie auch e i- nen Bekannten- und Freundeskreis hätten , so dass sie bei einer Rüc k- kehr nicht auf sich allein gestellt wären und demnach in eine Situation zu- rückkehren würden, welche zu bewältigen sei. In Sri Lanka würden B e- handlungs- und Therapiemöglichkeiten für die psychischen Probleme der Beschwerdeführerin bestehen. Es gebe mindestens drei Psychiatriezen t- ren und elf Spitäler mit psychiatrischen Abteilungen sowie diverse NGO s in Colombo und Jaffna, welche auf psychiatrische Behandlungen spezi a- lisiert seien. Ausserdem würden in Sri Lanka sowohl öffentliche me dizini- sche Behandlung als auch Medikamente kostenlos zur Verfügung g e- stellt. 7.4 7.4.1 In Übereinstimmung mit dem BFM ist festzustellen, dass der We g- weisungsvollzug vorliegend grundsätzlich zumutbar und ausserdem d a- von auszugehen ist, dass die Beschwerdefü hrenden in der Heimat über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz verfügen, auf eine angemessene Lebens- und Wohnsituation zurückgreifen können und in der Lage sein werden, sich wirtschaftlich wieder zu integrieren . Demnach bleibt zu pr ü- fen, ob sich der Vollzug der Wegweisung aufgrund der in der Beschwerde vorgebrachten psychischen Erkrankung der Beschwerdeführerin als u n- zumutbar erweist. 7.4.2 Die Betreuerin der Gemeinde (…) führt in ihrer persönlichen Ste l- lungnahme vom (…) aus, die Beschwerdeführerin wirke traumatisiert und verschlossen, der Besuch eines Deutschkurses habe kaum Fortschritte gezeigt, es sei aber als dringlich erachtet worden, ihr und dem Sohn s o- ziale Kontakte zu ermöglichen. Die Totgeburt (…) sei sehr einschneidend gewesen. Gemäss ärztlichem Zeugnis der E._______ vom (…) habe die Beschwerdeführerin unter dem Eindruck von Kriegserlebnissen eine schwere Depression erlitten. Aufgrund dieser Erlebnisse habe die Feh l- geburt (…) eine komplexe Traumafolgestörung ausgelöst. Das Kran k-E-4773/2012 Seite 12 heitsbild könne am ehesten als Anpassungsstörung mit längerer depre s- siver Reaktion und einer derzeitigen mittelschweren depressiven Episode beschrieben werden, eine posttraumatische Belastungsstörung erscheine sehr wahrscheinlich . Die Erkrankung könne primär nicht medikam entös behandelt werden und bedürfe einer speziellen Psycho traumatherapie. Die Fortführung der psychiatrisch -psychotherapeutischen Behandlung werde empfohlen und als dringend erforderlich und unabdingbar betrac h- tet. 7.4.3 Gründe ausschliesslich medizinischer Natur lassen den Wegwe i- sungsvollzug im Allgemeinen nicht als unzumutbar erscheinen, es sei denn, die erforderliche Behandlung sei wesentlich und im Heimatland nicht erhältlich. Der Umstand allein, dass die Behandlungsmöglichkeiten im Herkunftsland nicht dem medizinischen Standard in der Schweiz en t- sprechen, bewirkt noch nicht die Unzumutbarkeit des Vollzuges. Hiervon ist erst auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiterb e- handlung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesundheitszustandes nach sich zieht (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2). Wie die Vorinstanz zutreffend ausführt, verfügt Sri Lanka über zahlreiche psychiatrische Einrichtungen. Die Erkrankung der Beschwerdeführerin kann deshalb bei Bedarf auch im Heimatland behandelt werden. Auf die Einnahme von Medikamenten ist sie gemäss ärztlichem Zeugnis nicht angewiesen, und eine Behandlung in der Muttersprache dürfte mit dem Wegfall der Verständigungs- und Übersetzungsproblematik erfolgverspre- chend sein. Eine Rückkehr in die Heimat würde somit keine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesundheitszustandes nach sich ziehen, weshalb nicht vom Vorliegen einer medizinischen No t- lage im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG auszugehen ist. 7.4.4 Nach dem Gesagten ist auch nicht davon auszugehen, dass für den Sohn aufgrund einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin eine Gefährdung entstehen könnte. Der Umstand, dass er sich in schulpsychologischer Behandlung befindet und gemäss Angaben in der Beschwerde hyperaktiv und verhaltensauffällig ist, lässt den Vollzug der Wegweisung ebenfalls nicht als unzumutbar erscheinen. Aufgrund seines Alters stellt die Kernfamilie seinen wichtigsten Bezugs- punkt dar, weshalb davon auszugehen ist, dass eine Rückkehr nach Sri Lanka mit den Eltern keine grosse Veränderungen für ihn mit sich bringen wird. E-4773/2012 Seite 13 7.4.5 Nach dem Gesagten kann der Vollzug der Wegweisung – entgegen der in der Rechtsmitteleingabe vertretenen Auffassung – in genereller und individueller Hinsicht als zumutbar bezeichnet werden. 7.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden , sich bei der zu- ständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwend i- gen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG ; vgl. BVGE 2008/34 E. 12 S. 513- 515), weshalb der Vollzug der Wegw eisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be- schwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9. Bei diesem Verfahrensausgang wären den Beschwerdeführenden die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 600.– aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG; Art. 1 -3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da sich indessen die Rechtsbegehren nicht als au s- sichtslos erwiesen haben und das Gericht mit Zwischenverfügung vom 20. September 2012 auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzic h- tet und den Entscheid über das Gesuch um Ge währung der unentgeltl i- chen Prozessführung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben hat, ist auf die Auferlegung der Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) E-4773/2012 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Si n- ne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das BFM und (…). Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Bruno Huber Sarah Straub Versand: