<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 75 S.379</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Gebäudeversicherungsrecht</span> <span class="page_no">379</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>75 Entschädigung:</b></span> <span class="ft3"><b>Sturmschaden</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Konstruktive Mängel eines Gebäudes, die adäquat kausal für die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Entstehung eines Schadens während eines Sturms waren, führen zum</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Ausschluss der Schadendeckung (Erw. 3.4. - 3.4.5.).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Nur wenn der Nachweis gelingt, dass auch eine normkonforme Kon-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>struktion den Wetterereignissen nicht standgehalten hätte, ist der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Schaden dennoch von der Gebäudeversicherung zu übernehmen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 3.4.6. - 3.4.8.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Aus einem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom</span><br/> <span class="ft6">16. September 2008 in Sachen R.V. et al. gegen AGV.</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">3.</span><br/> <span class="ft8">3.1. Gemäss § 2 lit. b Ziff. 5 des alten Gebäudeversicherungsge-</span><br/> <span class="ft8">setzes vom 15. Januar 1934 [aGebVG; AGS Bd. 2, S. 509 ff.]) ersetzt</span><br/> <span class="ft8">die Gebäudeversicherung Schäden, die an versicherten Gebäuden</span><br/> <span class="ft8">durch Sturm entstehen. Durch Sturm verursachte Schäden gelten ge-</span><br/> <span class="ft8">mäss §</span> <span class="ft8">2 Abs. 2 der alten Gebäudeversicherungsverordnung</span><br/> <span class="ft8">(aGebVV) vom 4. Dezember 1996 (AGS 1996, S. 413 ff.) als Ele-</span><br/> <span class="ft8">mentarschäden, wenn die Windgeschwindigkeit mindestens 75 km/h</span><br/> <span class="ft8">betrug und in der Umgebung des versicherten Gebäudes Bäume um-</span><br/> <span class="ft8">geworfen oder Gebäude abgedeckt wurden.</span><br/> <span class="ft8">Gemäss § 3 lit. c aGebVG werden Schäden, die nicht die di-</span><br/> <span class="ft8">rekte Folge einer der in § 2 lit. b Ziff. 5 aGebVG genannten Scha-</span><br/> <span class="ft8">densursachen sind, insbesondere Schäden infolge schlechten Bau-</span><br/> <span class="ft8">grundes, ungenügender Fundamente, fehlerhafter Arbeit oder Kon-</span><br/> <span class="ft8">struktion etc. nicht als Schäden im Sinne des aGebVG betrachtet und</span><br/> <span class="ft8">daher nicht vergütet (Ausschlussgründe).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">380</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">3.2. Auf Verlangen der Gebäudeversicherung hat die Gebäude-</span><br/> <span class="ft8">eigentümerin zu beweisen, dass der eingetretene Schaden die direkte</span><br/> <span class="ft8">Folge eines Naturereignisses ist (§ 41 Abs. 4 aGebVG). Der Gebäu-</span><br/> <span class="ft8">deversicherung obliegt es umgekehrt nachzuweisen, dass ein Kür-</span><br/> <span class="ft8">zungs- oder Ausschlussgrund vorliegt, will sie diesen geltend ma-</span><br/> <span class="ft8">chen. Denn gemäss Art. 8 ZGB hat derjenige die Beweislast, d.h. die</span><br/> <span class="ft8">Folgen der Beweislosigkeit, zu tragen, der aus der unbewiesen ge-</span><br/> <span class="ft8">bliebenen Tatsache hätte Rechte ableiten können. Die versicherte</span><br/> <span class="ft8">Person hat den Eintritt eines versicherten Ereignisses nachzuweisen.</span><br/> <span class="ft8">Der Versicherer, der seine Leistung verweigern oder herabsetzen</span><br/> <span class="ft8">will, muss eine die Leistungspflicht ausschliessende oder herabset-</span><br/> <span class="ft8">zende Tatsache beweisen (Alfred Maurer, Schweizerisches Privatver-</span><br/> <span class="ft8">sicherungsrecht, 3. Auflage, Bern 1995, S. 356). Art. 8 ZGB findet</span><br/> <span class="ft8">analog Anwendung im öffentlichen Prozess (vgl. § 22 VRPG; René</span><br/> <span class="ft8">Rhinow/Heinrich Koller/Christina Kiss, Öffentliches Prozessrecht</span><br/> <span class="ft8">und Justizverfassungsrecht des Bundes, Basel 1996, N 910; Hans</span><br/> <span class="ft8">Schmid in: Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, Art. 1-359 ZGB,</span><br/> <span class="ft8">3. Auflage, Basel 2006, Art. 8 N 27 mit Hinweisen; AGVE 2001,</span><br/> <span class="ft8">S. 451 f. mit Hinweisen; AGVE 2000, S. 514 und 516).</span><br/> <span class="ft8">Das Beweismass bestimmt, ob der Richter für das Vorhanden-</span><br/> <span class="ft8">sein einer bestimmten Tatsache einen strikten Beweis verlangt, oder</span><br/> <span class="ft8">ob er sich mit einem minderen Grad an Sicherheit begnügt. Das Be-</span><br/> <span class="ft8">weismass ergibt sich nicht aus Art. 8 ZGB, sondern aus der konkret</span><br/> <span class="ft8">zur Anwendung gelangenden materiellen Norm (Schmid, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft8">Art. 8 N 15 f.). In Versicherungsfällen kann oft nicht ein absoluter,</span><br/> <span class="ft8">strikter Beweis verlangt werden. Immer dann, wenn nach der Natur</span><br/> <span class="ft8">der Sache ein solcher nicht möglich ist, etwa beim Nachweis eines</span><br/> <span class="ft8">bestimmten Kausalzusammenhangs, darf der Richter seine Überzeu-</span><br/> <span class="ft8">gung mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit oder, wo</span><br/> <span class="ft8">auch dies objektiv nicht möglich ist, mit einer auf der Lebenser-</span><br/> <span class="ft8">fahrung beruhenden überwiegenden Wahrscheinlichkeit begründen</span><br/> <span class="ft8">(vgl. Maurer, a.a.O., S. 333 f.; Pierre Widmer, in: Peter Münch/Tho-</span><br/> <span class="ft8">mas Geiser [Hrsg.], Schaden - Haftung - Versicherung, Basel 1999,</span><br/> <span class="ft8">S. 60). Überwiegend wahrscheinlich ist eine Sachverhaltsdarstellung,</span><br/> <span class="ft8">wenn für die Verwirklichung anderer Sachverhaltsversionen kein</span><br/> <span class="ft8">ernst zu nehmender Raum verbleibt. Nach Isabelle Berger hat der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Gebäudeversicherungsrecht</span> <span class="page_no">381</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Beweisgrad der überwiegenden oder hohen Wahrscheinlichkeit in</span><br/> <span class="ft8">Zahlen ausgedrückt einen Schwellenwert von 75 % zu erreichen</span><br/> <span class="ft8">(Isabelle Berger-Steiner, Beweismass und Privatrecht, in: Zeitschrift</span><br/> <span class="ft8">des Bernischen Juristenvereins [ZBJV] 2008, S. 293 ff.).</span><br/> <span class="ft8">3.3. [Das Vorliegen eines Sturmschadens war unstreitig aner-</span><br/> <span class="ft8">kannt.]</span><br/> <span class="ft8">3.4. Unter den Parteien ist hingegen strittig, ob der Schaden auf</span><br/> <span class="ft8">eine fehlerhafte Konstruktion oder Arbeit zurückzuführen ist. Dies-</span><br/> <span class="ft8">falls wäre er gemäss § 3 lit. c aGebVG nicht als Schaden im Rechts-</span><br/> <span class="ft8">sinne zu betrachten und entsprechend nicht zu vergüten.</span><br/> <span class="ft8">3.4.1. - 3.4.3.2. [Untersuchung des vorliegend strittigen Kon-</span><br/> <span class="ft8">struktionsmangels]</span><br/> <span class="ft8">3.4.4. (...)</span><br/> <span class="ft8">Die Verankerung des Daches entsprach einer sachgerechten Be-</span><br/> <span class="ft8">festigung offensichtlich nicht, das steht für das Gericht zweifellos</span><br/> <span class="ft8">fest. Das gilt im Besonderen für das hier betroffene Gebäude mit</span><br/> <span class="ft8">Pultdach an exponierter Lage und mit der offenen Seite dem Tal zu-</span><br/> <span class="ft8">gewandt. Die Exponiertheit der Baute erfordert keine ausserordentli-</span><br/> <span class="ft8">che Betrachtungsweise bei Eintritt eines Schadens, sondern eine der</span><br/> <span class="ft8">besonderen Lage entsprechende Konstruktion. Das Vorliegen eines</span><br/> <span class="ft8">Konstruktionsmangels ist zu bejahen, was zum Ausschluss der Haf-</span><br/> <span class="ft8">tung durch die AGV führt, sofern der Fehler adäquat kausal für den</span><br/> <span class="ft8">Schaden war. Das ist im nächsten Schritt zu prüfen.</span><br/> <span class="ft8">3.4.5. Rechtserheblich, adäquat kausal ist eine Ursache, wenn</span><br/> <span class="ft8">sie nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Le-</span><br/> <span class="ft8">benserfahrung geeignet ist, den eingetretenen Erfolg zu bewirken,</span><br/> <span class="ft8">der Eintritt des Erfolgs durch die fragliche Ursache also als begün-</span><br/> <span class="ft8">stigt erscheint (Bundesgerichtsentscheid 1C.61/2004 Erw. 5.4;</span><br/> <span class="ft8">BGE 123 III 112; Widmer, a.a.O., S. 46).</span><br/> <span class="ft8">Die Kausalität zwischen ungenügender Verankerung des Daches</span><br/> <span class="ft8">und Schaden ist aufgrund des Schadenbildes offensichtlich. Ein</span><br/> <span class="ft8">sachgerecht befestigtes Dach wäre nicht am Stück abgehoben wor-</span><br/> <span class="ft8">den. Es hätten sich allenfalls einzelne Teile der Eindeckung gelöst,</span><br/> <span class="ft8">wie in zahlreichen anderen Schadenfällen in R. am selben Datum</span><br/> <span class="ft8">(...). Die ungenügende Befestigung war geeignet, den Erfolgseintritt</span><br/> <span class="ft8">herbeizuführen. Der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Kon-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">382</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">struktionsmangel und Schaden ist daher zu bejahen; der Schaden ist</span><br/> <span class="ft8">keine direkte Folge des Sturms (§ 3 lit. c aGebVG).</span><br/> <span class="ft8">3.4.6.</span><br/> <span class="ft8">3.4.6.1. - 3.4.7.4. [Untersuchung der Sturmstärke bzw. der</span><br/> <span class="ft8">Möglichkeit, ob die aufgetretenen Windkräfte auch eine normkon-</span><br/> <span class="ft8">forme Konstruktion geschädigt hätte.]</span><br/> <span class="ft8">3.4.7.5. Die wiedergegebenen Expertenaussagen geben einer-</span><br/> <span class="ft8">seits bloss Windgeschwindigkeiten an, die unter der "sinnbildlichen</span><br/> <span class="ft8">Normwindgeschwindigkeit" von 133 km/h bzw. der "Bemessungs-</span><br/> <span class="ft8">windgeschwindigkeit" vom 169 km/h liegen, welche das Dach scha-</span><br/> <span class="ft8">denfrei hätte überstehen müssen (...), andererseits sind sie aus-</span><br/> <span class="ft8">nahmslos vage ("es kann nicht ausgeschlossen werden"). Auf die</span><br/> <span class="ft8">bloss theoretische Möglichkeit des Auftretens höherer Windge-</span><br/> <span class="ft8">schwindigkeiten kann nicht abgestellt werden. Sichere Aussagen</span><br/> <span class="ft8">können nicht gemacht werden, weil es keine Messdaten gibt. Die</span><br/> <span class="ft8">vorhandenen Angaben sind kein rechtsgenügender Nachweis für das</span><br/> <span class="ft8">Auftreten von Windgeschwindigkeiten über dem Normwert der SIA</span><br/> <span class="ft8">(...).</span><br/> <span class="ft8">Aufgrund der Unsicherheit und Ungenauigkeit der erhältlichen</span><br/> <span class="ft8">Expertenauskünfte verzichtet das Gericht auf die Einholung eines</span><br/> <span class="ft8">weiteren Gutachtens zur Frage der Windgeschwindigkeit.</span><br/> <span class="ft8">3.4.8. Der Nachweis eines besonderen, kleinräumigen Wetter-</span><br/> <span class="ft8">ereignisses könnte auch indirekt erbracht werden (vgl. den Entscheid</span><br/> <span class="ft8">des Obergerichts Schaffhausen vom 19. November 2004 [ABSH</span><br/> <span class="ft8">2004, S. 150 f.]). Das versuchen die Beschwerdeführer, indem sie auf</span><br/> <span class="ft8">zahlreiche andere Gebäudeschäden in R. vom 18. August 2006 hin-</span><br/> <span class="ft8">weisen. An einem Nachbarhaus seien die Storen beschädigt worden</span><br/> <span class="ft8">(...).</span><br/> <span class="ft8">Die AGV hat gemäss eigenen Angaben nach dem Sturm vom</span><br/> <span class="ft8">18. August 2006 29 Schadenmeldungen erhalten bei insgesamt 2'692</span><br/> <span class="ft8">versicherten Gebäuden in der Gemeinde. Dabei soll es sich aber - mit</span><br/> <span class="ft8">Ausnahme des vorliegenden sowie eines weiteren Dachschadens, bei</span><br/> <span class="ft8">denen die Konstruktion betroffen ist - um Beschädigungen der Ein-</span><br/> <span class="ft8">deckung (Ziegel, Eternitplatten etc.) gehandelt haben (...). Der</span><br/> <span class="ft8">zweite Dachschadenfall passierte nicht in unmittelbarer Nachbar-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Gebäudeversicherungsrecht</span> <span class="page_no">383</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">schaft. Zudem macht die AGV dort ebenfalls Baumängel geltend.</span><br/> <span class="ft8">Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.</span><br/> <span class="ft8">Andere Indizien, die auf ein besonderes kleinräumiges Wet-</span><br/> <span class="ft8">terereignis hindeuten würden, liegen nicht vor. Auf die bloss theore-</span><br/> <span class="ft8">tische Möglichkeit eines solchen Ereignisses darf - wie gesagt - nicht</span><br/> <span class="ft8">abgestellt werden, sonst könnte dieser Einwand der Versicherung</span><br/> <span class="ft8">stets entgegen gehalten werden. Der Beweis, dass weit höhere als die</span><br/> <span class="ft8">gemessenen Windgeschwindigkeiten geherrscht haben, denen auch</span><br/> <span class="ft8">eine normgemässe Konstruktion nicht standgehalten hätte, wurde</span><br/> <span class="ft8">nicht erbracht.</span><br/> <span class="ft8">Somit bleibt es beim Ergebnis, dass der Konstruktionsfehler die</span><br/> <span class="ft8">adäquat kausale Ursache des Schadens am Garagendach ist. Der</span><br/> <span class="ft8">Sturm wird von Gesetzes wegen als Ursache ausgeschlossen (vgl. § 3</span><br/> <span class="ft8">aGebVG). Die Beschwerdeführer haben den Schaden selber zu tra-</span><br/> <span class="ft8">gen.</span><br/></div> </div> </body> </html>