<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">411</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>84</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 12 lit. a BGFA</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Zu den allgemeinen und vom Gebot einer sorgfältigen und gewissenhaf-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>ten Berufsausübung erfassten Pflichten gehört auch die Pflicht zur Füh-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>rung einer Kanzlei. Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sind nament-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>lich verpflichtet, die für die Berufsausübung erforderlichen sachlichen,</b></span><br/> <span class="ft4"><b>personellen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen. Rechts-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>anwältinnen und Rechtsanwälte haben jedenfalls die Erreichbarkeit für</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Klientschaft, Gerichte und Behörden sicherzustellen. Sie müssen sich so</b></span><br/> <span class="ft4"><b>organisieren, dass Telefonanrufe und sonstige Mitteilungen innert an-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>gemessener Frist beantwortet werden können.</b></span><br/> <span class="ft6">Entscheid der Anwaltskommission vom 16. Oktober 2014 (AVV.2014.22).</span><br/> <span class="ft7"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">[...] Mit Mitteilung vom 5. März 2014 teilte die beanzeigte An-</span><br/> <span class="ft1">wältin dem Bezirksgericht die Vertretung einer Prozesspartei mit. Im</span><br/> <span class="ft1">Anschluss habe das Bezirksgericht zwei Schreiben an die beanzeigte</span><br/> <span class="ft1">Anwältin geschickt. Diese seien mit dem Vermerk "Empfänger</span><br/> <span class="ft1">konnte unter angegebener Adresse nicht ermittelt werden" von der</span><br/> <span class="ft1">Post zurückgeschickt worden. Bei ihren Briefen hätten sie die von</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">412</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der beanzeigten Anwältin in ihrer Rechtsschrift angegebene Adresse</span><br/> <span class="ft1">verwendet. Telefonisch sei die beanzeigte Anwältin nicht zu errei-</span><br/> <span class="ft1">chen gewesen. Eine Reaktion auf die E-Mail-Nachricht des Anzei-</span><br/> <span class="ft1">gers sei nicht erfolgt. [...]</span><br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss der Generalklausel in Art. 12 lit. a BGFA haben Anwäl-</span><br/> <span class="ft1">tinnen und Anwälte "ihren Beruf sorgfältig und gewissenhaft" auszu-</span><br/> <span class="ft1">üben. Dieses Gebot der sorgfältigen und gewissenhaften Berufsaus-</span><br/> <span class="ft1">übung erstreckt sich auf die gesamte Berufstätigkeit (BGE 130 II 270</span><br/> <span class="ft1">E. 3.2). Die Berufsregel von Art. 12 lit. a BGFA will letztlich im</span><br/> <span class="ft1">Interesse des rechtsuchenden Publikums und des Rechtsstaates die</span><br/> <span class="ft1">getreue und sorgfältige Ausführung von Anwaltsmandaten sicherstel-</span><br/> <span class="ft1">len (Walter Fellmann in: Walter Fellmann / Gaudenz G. Zindel</span><br/> <span class="ft1">[Hrsg.], Kommentar zum Anwaltsgesetz, 2. Auflage, Zürich 2011,</span><br/> <span class="ft1">N 9 zu Art. 12 [zit. Name, BGFA-Kommentar]). Die in Art. 12 lit. a</span><br/> <span class="ft1">BGFA statuierte Pflicht zur sorgfältigen und gewissenhaften Berufs-</span><br/> <span class="ft1">ausübung ist weit auszulegen. Sie bezieht sich nicht nur auf die</span><br/> <span class="ft1">Beziehung zwischen Anwalt und Klient, sondern auch auf das Ver-</span><br/> <span class="ft1">halten des Anwalts gegenüber den Behörden, der Gegenpartei und</span><br/> <span class="ft1">der Öffentlichkeit (BGE 2A.499/2006 vom 11. Juni 2007, E. 2.1).</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Zu den allgemeinen und vom Gebot einer sorgfältigen und ge-</span><br/> <span class="ft1">wissenhaften Berufsausübung erfassten Pflichten gehört auch die</span><br/> <span class="ft1">Pflicht zur Führung einer Kanzlei. Der Rechtsanwalt ist namentlich</span><br/> <span class="ft1">verpflichtet, die für seine Berufsausübung erforderlichen sachlichen,</span><br/> <span class="ft1">personellen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen.</span><br/> <span class="ft1">Auch wenn der Anwalt grundsätzlich selbst bestimmt, welche Mittel</span><br/> <span class="ft1">für seine individuelle Art der Berufsausübung erforderlich sind, so</span><br/> <span class="ft1">hat er jedenfalls die Erreichbarkeit für Klientschaft, Gerichte und Be-</span><br/> <span class="ft1">hörden sicherzustellen. Er muss sich so organisieren, dass er Telefon-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">413</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">anrufe und sonstige Mitteilungen innert angemessener Frist</span><br/> <span class="ft1">beantworten kann (vgl. Fellmann, BGFA-Kommentar, a.a.O., N 17</span><br/> <span class="ft1">ff. zu Art. 12).</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">3.3</span><br/> <span class="ft1">Die Korrespondenz des Bezirksgerichts und allfälliger anderer</span><br/> <span class="ft1">Behörden, konnte der beanzeigten Anwältin während drei Wochen</span><br/> <span class="ft1">nicht zugestellt werden. Weiter war sie auch telefonisch und per E-</span><br/> <span class="ft1">Mail nicht erreichbar. Die beanzeigte Anwältin bringt vor, dass sie an</span><br/> <span class="ft1">einer Krankheit litt. Wenn dem so war, und davon ist auszugehen</span><br/> <span class="ft1">[...], so hätte sie das Bezirksgericht und andere Gerichte sowie</span><br/> <span class="ft1">Behörden zwingend darüber in Kenntnis setzen müssen. Allenfalls</span><br/> <span class="ft1">hätte sie sich um eine Vertretung bemühen müssen. [...] Der Um-</span><br/> <span class="ft1">stand, dass die Post angeblich hätte umgeleitet werden müssen, dies</span><br/> <span class="ft1">aber offenbar nicht funktioniert habe, vermag sie im Hinblick auf</span><br/> <span class="ft1">den Klientenschutz und Gewährleistung eines ordnungsgemäss funk-</span><br/> <span class="ft1">tionierenden Rechtsstaates nicht zu entlasten. Denn sie war nicht nur</span><br/> <span class="ft1">nichtper Post, sondern auch nicht per Telefon und E-Mail erreichbar.</span><br/> <span class="ft1">Ein solches Verhalten gefährdet das Vertrauen in die Person des An-</span><br/> <span class="ft1">waltes oder in die Anwaltschaft massiv, weshalb die Pflicht zur sorg-</span><br/> <span class="ft1">fältigen und gewissenhaften Berufsausübung gemäss Art. 12 lit. a</span><br/> <span class="ft1">BGFA verletzt wurde.</span><br/></div> </div> </body> </html>