B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5938/2016 U r t e i l v o m 2 2 . M ä r z 2 0 1 8 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner, David R. Wenger; Gerichtsschreiber Urs David. Parteien A._______, geboren am (…), Beschwerdeführerin 1, und deren Tochter B._______, geboren am (…), Beschwerdeführerin 2, Eritrea, beide vertreten durch MLaw Gian Ege, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 31. August 2016 / N (…). E-5938/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerinnen verliessen gemäss eigenen Angaben ihr Heimatland Eritrea illegal am 8. Juli 2014 Richtung Äthiopien, gelangte n über den Sudan nach Libyen, von dort nach Italien und am 21. April 2015 in die Schweiz, wo sie tags darauf um Asyl nachsuchten. A.b Am 11. Mai 2015 wurde die Beschwerdeführerin 1 zur Person befragt (BzP). Dabei gab sie zu Protokoll , sie und ihre Tochter stammten aus C._______, Zoba D._______. Zirka im Jahre 2008 habe ihr Ehemann von seinem militärischen Ausbildungsort aus zu fliehen versucht. Allerdings sei er dabei erwischt und in der Folge inhaftiert worden. Als ihm nach vierjäh- riger Haft die Flucht aus dem Gefängnis gelungen sei, habe er Ende 2012 für zwei Wochen bei ihr gewohnt. In dieser Zeit sei sie von ihm schwanger geworden, bevor er unangekündigt ausgereist sei. Nach der Geburt ihrer Tochter habe sie im August 20(…) eine Vorladung der Verwaltung erhalten, die sie jedoch ignoriert habe. Ungefähr drei Tage später sei sie mit ihrem Kind in Haft gesetzt worden, wobei die Behörden von ihr die Auslieferung ihres Ehemannes verlangt hätten. Nach zwei Monaten seien sie aufgrund einer Bürgschaft aus dem Gefängnis entlassen worden. Als sie im April 2014 erneut eine Vorladung der Verwaltung erhalten habe, habe sie sich zur Ausreise aus Eritrea entschieden. A.c Anlässlich der Anhörung vom 11. Juli 2016 zu den Asylgründen machte die Beschwerdeführerin 1 im Wesentlichen geltend, ihr Ehemann sei we- gen versuchter illegaler Ausreise zu einer vierjährigen Haft verurteilt wor- den. Nach deren Verbüssung habe er etwa im Juni/Juli 2012 während zwei Wochen bei ihr zuhause gelebt. Er sei dann ohne jegliche Angaben ver- schwunden; sie könne nicht sagen, ob er das Land verlassen habe . Zwei oder drei Monate später – sie sei schwanger gewesen – habe sie im Ab- stand von zwei Monaten zwei behördliche Schreiben erhalten, gemäss wel- chen sie den Aufenthaltsort ihres Mannes bekanntgeben müsse. Da sie diesen nicht gekannt habe, habe sie keine Angaben gemacht. Schliesslich hätten die Behörden ungefähr im (…) 20(…) sie und ihre damals (…) Toch- ter festgenommen und für zwei Monate inhaftiert. Als ihre Tochter während der Haft ernsthaft erkrankt sei, habe sie das Gefängnis unter Ausrichtung einer Bürgschaft zusammen mit ihrem Kind für dessen Genesung vorüber- gehend verlassen dürfen. Sie habe dieses in ein Spital gebracht, wo es während sieben oder acht Monaten in medizinischer Behandlung gewesen E-5938/2016 Seite 3 sei. Schliesslich habe sie sich zur illegalen Ausreise entschieden, da sie nicht ins Gefängnis habe zurückkehren wollen. B. Mit Verfügung vom 31. August 2016 – eröffnet am 2. September 2016 – verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführe- rinnen, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob deren Vollzug jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. C. Mit Beschwerde vom 28. September 2016 an das Bundesverwaltungsge- richt beantragen die Beschwerdeführer innen die Aufhebung der vorin - stanzlichen Verfügung, die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter in Aufhebung der Ziffern 1 und 4 der Verfügung unter Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung der vorläufigen Aufnahme als Flüchtling. Subeventualiter ersuchen sie um Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz . In verfah- rensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um amtliche Rechtsverbeiständung. D. Mit Verfügung vom 21. Oktober 2016 hiess das Bundesverwaltungsgericht die Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege sowie um amtliche Rechts- verbeiständung durch ihren Rechtsvertreter gut und verzichtete auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses. E. Nach Feststellung des Bundesverwaltungsgerichts, dass die Vorinstanz anlässlich der Gewährung der Akteneinsicht die Rückseite des Unterschrif- tenblatts der Hilfswerkvertretung (Anhang Anhörungsprotokoll) nicht über- mittelt hatte, stellte es am 27. November 2017 die besagte Rückseite in Kopie den Beschwerdeführerinnen zu und setzte ihnen Frist zur Stellung- nahme. Nach deren Ablauf teilte ihr Rechtsvertreter mit, dass auf eine Stel- lungnahme verzichtet werde. E-5938/2016 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist, mit Ausnahme der nachfolgenden Ausführungen, einzu- treten. Hinsichtlich des Eventualantrages um Gewährung der vorläufigen Auf- nahme sind die Beschwerdeführerinnen nicht beschwert, da die Vorinstanz bereits zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme angeordnet hat. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im E-5938/2016 Seite 5 Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids qualifizierte die Vor- instanz die geltend gemachte Reflexverfolgung der Beschwerdeführerin 1 im Zusammenhang mit dem Verschwinden ihres Ehemannes als den An- forderungen von Art. 7 AsylG an die Glaubhaftigkeit nicht genügend. So habe sie den Sachvortrag in elementaren Punkten wie den Gründen für ihre Haftentlassung respektive den Hafturlaub oder den unmittelbar vor der Ausreise drohenden Problemen widersprüchlich geschildert. Auf Vorhalt dieser Widersprüche habe sie lediglich ihre früheren Aussagen korrigiert oder negiert, womit sie die entsprechenden Ungereimtheiten nicht über- zeugend erklärt habe . Es könne daher darauf verzichtet werden, weitere Unglaubhaftigkeitselemente zu erörtern. Hinsichtlich der geltend gemachten illegalen Ausreise legte das SEM dar, diese Tatsache für sich genüge den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die Asylrelevanz nicht. Für Personen, welche freiwillig nach Eritrea zurück- kehrten, würden die eritreischen Straftatbestände für die illegale Ausreise nicht zur Anwendung gelangen. Illegal Ausgereiste könnten straffrei zu- rückkehren, sofern sie bei Nichterfüllung ihrer nationalen Dienstpflicht die sogenannte Diasporasteuer bezahlen und ein Reueformular unterzeichnen würden. Bei zwangsweisen Rückführungen müsse davon ausgegangen werden, dass der Nationaldienst -Status das wichtigste Kriterium für den Umgang der eritreischen Behörden mit Rückkehrern darstelle. Die illegale E-5938/2016 Seite 6 Ausreise spiele eine untergeordnete Rolle. Gemäss Akten habe die Be- schwerdeführerin 1 weder den Nationaldienst verweigert noch sei sie aus diesem desertiert. Somit habe sie nicht gegen die Proclamation on National Service von 1995 verstossen. In Anbetracht der als unglaubhaft zu qualifi- zierenden Ausreisegründe sei en den Akten auch sonst keine Anh alts- punkte für drohende ernsthafte Nachteile bei einer Rückkehr zu entneh- men. Damit seien die Anforderungen an die Feststellung einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung nicht erfüllt. 5.2 Die Beschwerdeführerin 1 wendet in der Rechtsmittelschrift ein, die Dif- ferenzen in ihren Aussagen seien auf die unterschiedlichen Befragungstie- fen anlässlich der BzP und der Anhörung zurückzuführen, wobei den Schil- derungen in der Anhörung lediglich zusätzliche Details, aber keine Wider- sprüche zu entnehmen seien. Sie macht in ihrer Rechtsmitteleingabe einen Sachverhalt geltend, der behauptungsgemäss die in den beiden Befragun- gen gemachten Aussagen zu einem widerspruchsfreien Geschehen zu- sammenfügen würde. Es gehe aus den Ausführungen bei der Vorinstanz eindeutig hervor, dass sie das Land aus Angst vor einer erneuten Inhaftie- rung verlassen habe. Im Übrigen habe das SEM verschiedene Realkenn- zeichen nicht gewürdigt (insbesondere Nennung von konkreten Namen , detailreiche Schilderung der Festnahme und des Haftaufenthalts , Be- schreibung der medizinischen Behandlung der Tochter). Ferner sei zu be- rücksichtigen, dass sie bei einer ausführlicheren Befragung zu ihren Asyl- gründen – an der Anhörung seien diesbezüglich lediglich rund 50 Fragen gestellt worden – noch detaillierter hätte berichten können. So habe sie auch in der persönlichen Fallbesprechung mit der Rechtsvertretung wei- tere Details zur Haft ( bezüglich Mahlzeiten, Hof- und Toilettengang) und zum Spitalaufenthalt ( hinsichtlich Zimmerbelegung, befürchtete Anste- ckung der Tochter durch andere Patienten, Pflege, ärztliche Fehldiagnose) genannt. Aufgrund des Gesagten seien ihre Vorbringen als überwiegend wahrscheinlich und damit als glaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG zu erach- ten. Ferner habe das SEM mit der Verneinung der Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerinnen trotz illegalem Verlassen des Heimatlandes eine Praxisänderung angestrebt, dabei jedoch die vom Bundesverwaltungsge- richt im Grundsatzentscheid BVGE 2010/54 definierten Anforderungen für das Vorgehen bei solchen Anpassungen nicht beachtet. Indem es sich un- genügend zur vorgenommenen Praxisänderung geäussert und sich nicht einlässlich mit den Anforderungen an diese auseinandergesetzt habe, E-5938/2016 Seite 7 habe es seine Begründungspflicht sowie den Anspruch auf rechtliches Ge- hör verletzt. Im Übrigen seien d ie Informationsgrundlagen nicht ausrei- chend, um die beabsichtigte Praxisänderung zu begründen. Daher stelle ihre glaubhaft dargelegte illegale Ausreise aus Eritrea weiterhin einen sub- jektiven Nachfluchtgrund dar, was vom Bundesverwaltungsgericht auch in jüngster Rechtsprechung bestätigt worden sei. Zur Stützung ihrer Vorbringen wurden auf Beschwerdeebene zwei Schnell- recherchen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 3. und 15. August 2016, ein Interview mit dem Staatssekretär für Migration, Mario Gattiker, vom 9. Mai 2016, sowie zwei Auszüge aus der Homepage des SEM (aus- gedruckt am 20. September 2016) eingereicht. 6. Das Bundesverwaltungsgericht hat i m bereits erwähnten Referenzurteil vom 30. Januar 2017 (D-7898/2015) die Zuläss igkeit der durch die Vor - instanz vorgenommenen Praxisänderung bestätigt. Damit hat es auch im- plizit dem Vorgehen der Vorinstanz zugestimmt, weshalb die Beschwerde- führerinnen aus BVGE 2010/54 nichts zu ihren Gunsten ableiten können. Überdies ist darauf hinzuweisen, dass die langjährige bisherige Praxis der Vorinstanz nicht auf einem publizierten Koordinationsentscheid des Ge- richts beruhte. Schliesslich hat die Vorinstanz die Praxisänderung dem Ge- richt vorgängig kommuniziert und die Öffentlichkeit durch d ie Medienkon- ferenz vom 23. Juni 2016 informiert. Die Vorgehensweise der Vorinstanz ist somit nicht zu beanstanden und der Eventualantrag der Beschwerde- führerinnen auf Kassation der Verfügung sowie Rückweisung des Verfah- rens an die Vorinstanz ist somit abzuweisen. 7. 7.1 Hinsichtlich der Ablehnung des Asyls gelangt das Bundesverwaltungs- gericht übereinstimmend mit der Vorinstanz zur Erkenntnis, dass die Aus- reisegründe der Beschwerdeführerin 1 den Anforderungen von Art. 7 AsylG an die Glaubhaftigkeit nicht genügen. Zur Vermeidung von Wiederholun- gen kann vollumfänglich auf die überzeugenden Erwägungen gemäss an- gefochtener Verfügung (dort E. II Ziff. 1) und obiger Zusammenfassung in E. 5.1 verwiesen werden. Der Inhalt der Beschwerde führt zu keiner ande- ren Betrachtungsweise. Insbesondere ist in Stützung der vorinstanzlichen Ausführungen hervorzuheben, dass die Asylvorbringen in wesentlichen Punkten erhebliche Widersprüche aufweisen. Weder die Erklärungsversu- che der Beschwerdeführerin 1 in der Anhörung noch die diesbezüglichen Einwände in der Beschwerde vermögen die betreffenden Ungereimtheiten E-5938/2016 Seite 8 aufzulösen. Ferner lassen sich ihren Schilderungen zu den Fluchtgründen – entgegen der Beschwerdeschrift – nicht hinreichend bedeutsame Real- kennzeichen entnehmen. I hre Ausführungen in der Anhörung sind nicht derart, dass davon auszugehen wäre, sie hätte das Geschildert e tatsäch- lich persönlich erlebt. Im Übrigen ist klarzustellen, dass ihr an der Anhörung hinreichend Raum zur freien und substantii erten Schilderung der Asyl- gründe gewährt wurde und die Anhörung genügend ausführlich war. Vor diesem Hintergrund muss ihr Beschwerdevorbringen, sie hätte bei einer ausführlicheren Befragung detaillierter erzählen können und dies bei der Fallbesprechung mit dem Rechtsvertreter aufgezeigt, als blosse Behaup- tung ohne Durchschlagskraft erachtet werden. 7.2 7.2.1 Zu prüfen ist weiter, ob die Beschwerdeführerin 1 aufgrund des Um- standes, dass sie Eritrea – wie behauptet – illegal verlassen ha be, zum Flüchtling geworden ist, weil sie sich nunmehr im Falle der Rückkehr auf- grund der unerlaubten Ausreise mit Sanktionen konfrontiert sieht, die be- züglich ihrer Art, ihres Ausmasses und der politischen Motivation des Staa- tes ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen (vgl. CA- RONI/GRASDORF-MEYER/OTT/SCHEIBER, Migrationsrecht, 3. Aufl. 2014, S. 239, 241). Wer sich darauf beruft, dass erst durch das illegale Verlassen des Heimat- oder Herkunftsstaats eine Gefährdungssituation geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nac hfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhal- ten zwar gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 7.2.2 Die Frage der flüchtlingsrechtlichen Bedeutung der illegalen Ausreise aus Eritrea wurde im vorstehend zitierten Koordinationsurteil D-7898/2015 geklärt. Darin wurde die bisherige Rechtsprechung aufgegeben, wonach eine illegale Ausreise aus Eritrea als subjektiver Nachfluchtgrund anzuse- hen sei, weil illegal Ausgereiste bei einer Rückkehr nach Eritrea mit erheb- lichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG rechnen müssten. Das Bundesverwaltungsgericht kam im erwähnten Urteil nach einer einge- henden Lageanalyse (E. 4.6–4.11) zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise aus Eritrea per se zur Flüchtlingseigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden könne (E. 5.1). Es sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Ver- folgung drohe. Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit, dass jemand E-5938/2016 Seite 9 nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werde; ob eine dro- hende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinke l von Art. 3 und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Für die Be- gründung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext bedürfe es neben der illegalen Ausreise zusät zlicher Anknüpfungspunkte, welche zu einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich re- levanten Verfolgungsgefahr führen könnten (E. 5.2). 7.2.3 Solche Anknüpfungspunkte sind im Falle der Beschwerdeführerin 1 – ihre geltend gemachten behördlichen Probleme sind als unglaubhaft zu qualifizieren (vgl. E. 7.1 oben) – nicht vorhanden. Somit ist mangels kon- kreter Anhaltspunkte nicht ersichtlich, weshalb sie für die heimatlichen Be- hörden aus anderen Gründen als ihrer Flucht eine missliebige Person sein könnte. Ihre illegal erfolgte Ausreise vermag daher, ungeachtet der Frage nach deren Glaubhaftigkeit, keine Furcht vor einer zukünftigen flüchtlings- rechtlich relevanten Verfolgung zu begründen. 7.3 Aufgrund des Gesagten ist festzuhalten, dass das SEM die Flüchtlings- eigenschaft der Beschwerdeführerinnen zutreffend verneint und das Asyl- gesuch der Beschwerdeführerin 1 und ihrer Tochter zu Recht abgelehnt hat. 7.4 Die vom SEM in der angefochtenen Verfügung gewährte vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerinnen infolge Unzumutbarkeit des Weg- weisungsvollzuges hat mit der Abweisung der vorliegenden Beschwerde weiterhin Bestand. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht kein Anlass. Es erübrigt sich, auf den Inhalt der Be- schwerde und deren Beilagen noch weiter einzugehen. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer- deführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf deren Erhebung ist E-5938/2016 Seite 10 indes angesichts des mit Verfügung vom 21. Oktober 2016 gutgeheissenen Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege zu verzichten. 9.2 Mit der gleichen Verfügung wurde den Beschwerdeführerinnen eben- falls die unentgeltliche Rechtsverbeiständung gewährt und ihr Rechtsver- treter als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Die notwendigerweise er- wachsenen Parteikosten sind durch das Bundesverwaltungsgericht zu übernehmen (vgl. Art. 110a Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter macht in der Kostennote vom 28. September 2016 einen zeitlichen Aufwand von 8.5 Stunden zu Fr. 150.– zuzüglich Honorar für den Übersetzer und Ausla- gen geltend. Der angegebene zeitliche Aufwand erscheint überhöht, da der Rechtsvertreter bereits in ähnlichen Verfahren vergleichbare Rechtsschrif- ten eingereicht hat. Es ist vorliegend von einem Aufwand von vier Stunden auszugehen und die amtliche Entschädigung auf total Fr. 678.– (inkl. alle Auslagen) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) E-5938/2016 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird durch das Bundesverwaltungsgericht ein Honorar von Fr. 678.– ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Regula Schenker Senn Urs David Versand: