<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">44</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>6</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 21 Abs. 5 ATSG</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die IV-Rente wird trotz Massnahme in einer geschlossenen Einrichtung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nicht sistiert, wenn die Möglichkeit der Ausübung einer Erwerbstätigkeit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Lehre) tatsächlich gegeben ist.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 1. Kammer, vom 12. No-</span><br/> <span class="ft4">vember 2013 in Sachen A.B. gegen Ausgleichskasse S. (VBE.2013.201).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">Befindet sich die versicherte Person im Straf- oder Massnahme-</span><br/> <span class="ft1">vollzug, so kann während dieser Zeit die Auszahlung von Geldleis-</span><br/> <span class="ft1">tungen mit Erwerbsersatzcharakter ganz oder teilweise eingestellt</span><br/> <span class="ft1">werden (Art. 21 Abs. 5 ATSG).</span><br/> <span class="ft1">Sinn und Zweck des Art. 21 Abs. 5 ATSG ist rechtsprechungs-</span><br/> <span class="ft1">gemäss die Gleichbehandlung der invaliden mit der validen inhaftier-</span><br/> <span class="ft1">ten Person, welche durch einen Freiheitsentzug ihr Einkommen ver-</span><br/> <span class="ft1">liert. Entscheidend ist, dass eine verurteilte Person wegen der Ver-</span><br/> <span class="ft1">büssung einer Strafe oder Massnahme an einer Erwerbstätigkeit ge-</span><br/> <span class="ft1">hindert wird. Nur wenn die Vollzugsart der verurteilten versicherten</span><br/> <span class="ft1">Person die Möglichkeit bietet, eine Erwerbstätigkeit auszuüben und</span><br/> <span class="ft1">somit selber für die Lebensbedürfnisse aufzukommen, verbietet es</span><br/> <span class="ft1">sich, den Rentenanspruch zu sistieren. Massgebend für eine Sistie-</span><br/> <span class="ft1">rung der Rentenleistungen eines Invaliden ist somit, ob eine nicht in-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">45</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">valide Person in der gleichen Situation durch den Freiheitsentzug</span><br/> <span class="ft1">einen Erwerbsausfall erleiden würde (BGE 138 V 140 E. 2.2 S. 141</span><br/> <span class="ft1">f., 137 V 154 E. 5.1 S. 160 f.). Für die Rentensistierung gestützt auf</span><br/> <span class="ft1">Art. 21 Abs. 5 ATSG ist deshalb allein darauf abzustellen, ob der sta-</span><br/> <span class="ft1">tionäre Massnahmenvollzug gemäss Art. 59 StGB eine Erwerbstä-</span><br/> <span class="ft1">tigkeit zulässt oder nicht (BGE 137 V 154 E. 6 S. 161).</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">In einem ersten Schritt ist zu klären, ob der vorliegend angeord-</span><br/> <span class="ft1">nete stationäre Massnahmevollzug eine Erwerbstätigkeit zulässt oder</span><br/> <span class="ft1">nicht.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Aus den Akten ist ersichtlich, dass sich der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">seit dem 30. Juli 2009 in einer stationären Massnahme gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 59 StGB befindet. Im Verlaufsbericht der Psychiatrischen Klinik</span><br/> <span class="ft1">K. vom 10. Dezember 2010 wird von einem verbesserten Gesund-</span><br/> <span class="ft1">heitszustand des Beschwerdeführers berichtet, weshalb er ab dem</span><br/> <span class="ft1">12. Juli 2010 einen Arbeitsversuch an einem geschützten Arbeitsplatz</span><br/> <span class="ft1">(Stiftung W.) absolvieren konnte. Diesen konnte er erfolgreich ab-</span><br/> <span class="ft1">schliessen, woraufhin er ab dem 9. August 2010 seine zuvor abge-</span><br/> <span class="ft1">brochene Lehre als Maurer wieder aufnehmen konnte. Ab diesem</span><br/> <span class="ft1">Zeitpunkt hat sich der Beschwerdeführer an fünf Wochentagen tags-</span><br/> <span class="ft1">über nicht auf der Station befunden.</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer konnte demzufolge, trotz eines stationä-</span><br/> <span class="ft1">ren Massnahmevollzugs, ab dem 9. August 2010 seine Maurerlehre</span><br/> <span class="ft1">wiederaufnehmen. Der vorliegend angeordnete stationäre Massnah-</span><br/> <span class="ft1">mevollzug lässt eine Erwerbstätigkeit daher zu.</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">In einem zweiten Schritt ist zu prüfen, ob eine nicht invalide</span><br/> <span class="ft1">Person in der gleichen Situation durch den Massnahmevollzug einen</span><br/> <span class="ft1">Erwerbsausfall erleiden würde. Hierbei ist insbesondere darauf ein-</span><br/> <span class="ft1">zugehen, ob die Lehre aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Re-</span><br/> <span class="ft1">gelverstössen bzw. Sicherheitsaspekten abgebrochen werden musste.</span><br/> <span class="ft1">5.1. - 5-2.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">46</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">Nach der Aktenlage erscheint es als überwiegend wahrschein-</span><br/> <span class="ft1">lich, dass der (erneute) Abbruch der Lehre vorwiegend gesundheit-</span><br/> <span class="ft1">lich begründet war. Wie der Beschwerdeführer zu Recht vorbringt,</span><br/> <span class="ft1">führte letztlich die psychische Erkrankung bzw. deren Verschlechte-</span><br/> <span class="ft1">rung zum Abbruch der Lehre und es handelte sich dabei nicht etwa</span><br/> <span class="ft1">um eine disziplinarische Sanktion, die bei einer nichtinvaliden Per-</span><br/> <span class="ft1">son in einer solchen Situation angezeigt gewesen wäre.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss den vorstehenden Ausführungen liess - zusammenge-</span><br/> <span class="ft1">fasst - die beim Beschwerdeführer angeordnete stationäre Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahme nach Art. 59 StGB grundsätzlich eine Erwerbstätigkeit zu.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer war denn auch tatsächlich in der Lage, die</span><br/> <span class="ft1">Maurerlehre während der Dauer von über einem Jahr im ersten Ar-</span><br/> <span class="ft1">beitsmarkt fortzusetzen. Wie gesehen, ist sodann mit überwiegender</span><br/> <span class="ft1">Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Abbruch der Lehre</span><br/> <span class="ft1">im Oktober 2011 aus gesundheitlichen Gründen erfolgte. Als Folge</span><br/> <span class="ft1">davon ist in Nachachtung der dargelegten Rechtsprechung von einer</span><br/> <span class="ft1">Sistierung der Invalidenrente abzusehen und die Beschwerde gutzu-</span><br/> <span class="ft1">heissen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>