B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4517/2023 U r t e i l v o m 2 8 . A u g u s t 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Nina Spälti Giannakitsas, mit Zustimmung von Richter Daniele Cattaneo; Gerichtsschreiber Lorenz Mauerhofer. Parteien A._______, geboren am (…), Iran, vertreten durch Esther Potztal, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 10. August 2023. D-4517/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger des Iran – ersuchte am 2. Juli 2023 um die Gewährung von Asyl in der Schweiz. Dabei trat er ge- genüber dem SEM unter der rubrizierten Identität auf. Gleichzeitig gab er an, er habe seine Heimat am (…) 2023 verlassen und er sei am 1. Juli 2023 in den Schengen-Raum eingereist. Das SEM nahm die Behandlung seines Gesuches im Bundesasylzentrum (BAZ) B._______ an die Hand. Während des Verfahrens verfügte er über den Beistand der ihm zugewiesenen Rechtsvertretung. Am 4. Juli 2023 ergab ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac- Datenbank und dem Schengener Visa-Informationssystem (VIS), dass er am 16. Juni 2023 von Deutschland als Asylantragsteller registriert worden war, und weiter, dass er zu einem früheren Zeitpunkt unter einer anderen Identität die italienischen Behörden um Erteilung eines Visums ersucht hatte, welches ihm aber nicht erteilt worden war. Am 5. Juli 2023 ersuchte das SEM die zuständige deutsche Behörde um eine Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge- stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Diesem Ersuchen wurde von Deutschland mit Erklärung vom 10. Juli 2023 entsprochen. B. Der Beschwerd eführer berichtete im Rahmen der Personalienaufnahme (PA) vom 7. Juli 2023 über seine Herkunft aus einer Ortschaft in der irani- schen Provinz (…), seinen ethnischen Hintergrund und seinen Familien- stand (verheiratet seit […]), wie auch davon, dass neben eine r Tante und einem Cousin auch sein Bruder C._______ (N […]) in der Schweiz lebe. Daneben gab er an, er habe seine Heimat mit einem gefälschten Pass ver- lassen, und er bekräftigte, dass er am (…) 2023 aus seiner Heimat ausge- reist sei. Im Nachgang zur PA reic hte er Fotos seiner Melli -Karte und Shenasnameh zu den Akten. D-4517/2023 Seite 3 Am 13. Juli 2023 fand im Beisein seiner Rechtsvertretung das sogenannte Dublin-Gespräch respektive das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 Dub- lin-III-VO statt. Dabei gab er auf die Frage nach se iner Verzeichnung im VIS unter einer anderen Identität an, dass er vor seiner Ausreise unter Ver- wendung eines Passes, welcher auf die Identität eines Freundes gelautet habe, zweimal erfolglos um die Ausstellung eines Visums ersucht habe. Zum Reiseweg brachte er vor, er sei schon (…) 2022 vom Iran in den Irak ausgereist, von wo er über Dubai, Russland, Weissrussland und Polen die Schweiz erreicht habe. Auf Vorhalt seiner Verzeichnung in der Eurodac - Datenbank bestritt er, in Deutschland ein Asylgesuch eingereicht zu haben, respektive machte er geltend, er sei dort wegen einer fehlerhaften Über- setzung als Antragsteller registriert worden. Dort habe er kein Gesuch ein- reichen wollen. Er sprach sich gleichzeitig gegen eine Wegweisung nach Deutschland aus, da von Anfang an die Schweiz sein Ziel gewesen sei, weil sein Bruder, seine Tante und sein Cousin hier leb ten. Er sei in Deutschland auch schlecht behandelt worden und er würde sich dort nicht sicher fühlen, zumal er eine Abschiebung in seine Hei mat befürchte. Er habe zudem psychische Probleme , wegen welcher er viele Tabletten nehme, und er würde im Falle einer Überstellung psychisch zerbrechen. Im Anschluss daran machte er auf diesbezügliche Nachfrage seiner Rechtsvertretung geltend, er stehe wegen seines Zustandes in einem Ab- hängigkeitsverhältnis zu seinem hier lebenden Bruder. Aus dem Protokoll geht hervor, dass er an dieser Stelle des Gesprächs weinte und zitterte . Auf Nachfrage des SEM brachte er schliesslich vor, es gehe ihm körperlich bis auf ein Augenleiden gut, wegen seiner psychischen Probleme sei er aber schon viermal beim BAZ-Gesundheitsdienst gewesen. Einen Psycho- logen habe er aber nicht gesehen, er habe nur Tabletten bekommen. Von der Rechtsvertretung wurde daraufhin eine rasche medizinische Abklärung des Gesundheitszustandes und Erstellung eines Gutachtens durch eine Fachperson unter Bezug eines Dolmetschers beantragt. C. Am 17. Juli 2023 liess der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertretung beantragen, dass zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung eine psycho- therapeutischen Behandlung bei einem Psychologen/Psychiater aufzuglei- sen sei, unter Beizug eines Dolmetschers respektive einer Dolmetscherin, und insbesondere auch ein psychotherapeutisches Gutachten eines Spe- zialisten einzuholen sei, weil nur gestützt auf ein solches beurteilt werden könne, ob im zuständigen Staat die von ihm benötigte Behandlung zur Ver- fügung stehe. Insbesondere könne auch sein Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Bruder nur auf entsprechender Grundlage beurteilt werden. D-4517/2023 Seite 4 D. Am 3. August 2023 ersuchte das SEM den BAZ-Gesundheitsdienst um Zu- stellung der medizinischen Akten des Beschwerdeführers. Dieser stellte dem SEM am gleichen Tag das Verlaufsblatt zu den vom Beschwerdefüh- rer ersuchten und erhaltenen Behandlung zu. Das Verlaufsblatt wurde vom SEM noch am gleichen Tag an die Rechtsvertretung weitergeleitet. E. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 4. August 2023 bekräftigte der Beschwerdeführer den Antrag auf Zuweisung in eine psychotherapeuti- sche Behandlung und Einholung eines fachärztlichen Gutachtens. Mit Ein- gabe seiner Rechtsvertretung vom 8. August 2023 beantragte er zudem die Eröffnung des nationalen Verfahrens in Anwendung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO. Dabei legte er neben der Kopie eines persönlichen Schrei- bens seines Bruders (ohne Datum; bei der Rechtsvertretung eingegangen laut Stempel am 8. August 2023) auch eine aktualisierte Fassung des Ver- laufsblatts zu den im BAZ ersuchten und erfolgten Behandlungen ein. F. Am 10. August 2023 teilte der BAZ-Gesundheitsdienst dem SEM auf des- sen Nachfrage hin mit, dass betreffend den Beschwerdeführer keine Arzt- berichte vorliegen und derzeit auch keine Termine offen seien. G. Das SEM trat mit Verfügung vom 10. August 2023 – eröffnet am 14. August 2023 – gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl- gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete dessen Wegweisung nach Deutschland an, welches der für sein Asylgesuch zuständige Dublin- Mitgliedstaat sei. Die An ordnung erging verbunden mit der Aufforderung an den Beschwerdeführer, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwer- defrist zu verlassen. Vom SEM wurde der Kanton D._______ mit dem Voll- zug der Wegweisung beauftragt. Abschliessend hielt es fest, dass dem Be- schwerdeführer mit der Verfügung, die gemäss Verzeichnis zur Einsicht freien Akten ausgehändigt würden und einer allfälligen Beschwerde gegen diese Verfügung keine aufschiebende Wirkung zukomme. H. Am 15. August 2023 stellte das SEM der Rechtsvertretung des Beschwer- deführers auf deren Ersuchen eine Kopie des Wiederaufnahmeersuchens vom 5. Juli 2023 zu. Diese brachte dem SEM am gleichen Tag per Mail zur Kenntnis, dass der Beschwerdeführer beim heutigen Termin mit der D-4517/2023 Seite 5 Rechtsvertretung mehrmals Suizidabsichten geäussert habe. Es sei ihm sichtlich schlecht gegangen. Da er bis dahin vom BAZ -Gesundheitsdienst keinen Arzttermin erhalten habe, werde darum ersucht, seine medizinische Grundversorgung sicherzustellen und die notwendigen medizinischen Schritte aufzugleisen. I. Gegen den vorgenannten Nichteintretens- und Wegweisungsentscheid er- hob der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 21. August 2023 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. In seiner Eingabe beantragt er die Aufhebung der angefochte nen Verfügung, und zwar verbunden mit der Anweisung an die Vorinstanz, auf sein Asylgesuch einzutreten, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vor ins- tanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht er um Er- teilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und vorsorgliche An- ordnung vollzugshemmender Massnahmen, wie auch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Befreiung von der Kostenvorschuss- pflicht. Mit der Beschwerde reichte er neben Kopien von bereits bekannten Aktenstücken als Beweismittel ein zweites Unterstützungsschreiben sei- nes Bruders ein (bei der Rechtsvertretung eingegangen laut Stempel be- reits am 4. August 2023), zusammen mit einer Kopie der Antwort des SEM auf vor stehend genannte Mail-Eingabe seiner Rechtsvertretung . Am 22. August 2023 reichte er zudem eine vom gleichen Tag datierende un d an seine Rechtsvertreterin gerichtete Bestätigung des SEM betreffend ei- nen auf den nächsten Tag angesetzte Arztvisite zu den Akten. J. Dem Bundesverwaltungsgericht liegen die vorinstanzlichen Akten seit dem 22. August 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). K. Auf die vorsorgliche Anordnung vollzugshemmender Massnahmen ge- mäss Art. 56 VwVG wurde verzichtet. D-4517/2023 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be- handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM; dabei entschei- det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vor- liegend – endgültig (vgl. dazu Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG) 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs.1 VwVG) und die Be- schwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 52 Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerde einzutreten ist. 1.4 Die Beschwerde erweist sich indes – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensichtlich unbegründet, weshalb über diese im Verfahren einzelrichter- licher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin und mit summarischer Begründung zu entscheiden ist (vgl. Art. 111 Bst. e und Art. 111a Abs. 2 AsylG). Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wird verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG). 2. 2.1 Die Kognition des Gerichts und die z ulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu prüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz des Bundesver- waltungsgerichts grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob das SEM zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2011/30 E. 3 und 2011/9 E. 5; BVGE 2017 VI/5 E. 3.1 m.w.H.). 3. Vom Beschwerdeführer wird im Sinne eines Eventualbegehrens die Rück- weisung der Sache an die Vorinstanz beantragt, weil das SEM seinen An- spruch auf das rechtliche Gehör verletzt habe, indem es sich in seinem Entscheid lediglich auf Annahmen gestützt habe, statt auf eine richtige und insbesondere vollständige Sachverhaltsfeststellung. So habe das SEM ohne weitere Abklärungen gegen das Vorliegen eines Abhängigkeitsver- hältnisses zu seinem Bruder geschlossen. Aufgrund seiner aus den Akten D-4517/2023 Seite 7 ersichtlichen Erkrankungslage müsse jedoch das Ausmass der von ihm persönlich benötigen respektive von seinem Bruder geleisteten Unterstüt- zung noch abgeklärt werden. Dieses Vorbringen überzeugt allerdings nicht, da in der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Hinsicht – wie nach- folgend aufgezeigt (vgl. E. 5.2 f.) – auch für das Bundesverwaltungsgericht kein weiterer Abklärungsbedarf ersichtlich ist. Der Sachverhalt erweist sich dabei auch hinsichtlich der Frage seiner gesundheitlichen Verfassung als genügend erstellt. Die beantragte Rückweisung fällt daher ausser Betracht, womit das Gericht in der Hauptsache zu entscheiden hat (Art. 61 Abs. 1 VwVG). 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO wird je der Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (nach Art. 23–25 Dublin-III-VO) – und damit in der Konstellation wie vorliegend – findet grundsätzlich keine (neue) Zu- ständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin -III-VO statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). 4.3 Eine von den genannten Regeln abweichende Bestimmung des zu- ständigen Staates kann sich ergeben, wenn das Asylverfahren und die Auf- nahmebedingungen für Antragsteller im an sich zuständigen Staat syste- mische Schwachstellen aufweisen (vgl. Art. 3 Abs. 2 Satz 2 und 3 Dublin - III-VO). Auf weitere Erwägungen zu diesem Aspekt kann jedoch verzichtet werden, da vorliegend eine Überstellu ng nach Deutschland zu prüfen ist und das deutsche Asyl- und Aufnahmesystem praxisgemäss keine solchen Schwachstellen aufweist und entsprechendes auch an keiner Stelle gel- tend gemacht wird. 4.4 Eine Durchbrechung der genannten Regeln kann sich zudem aus der Bestimmung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ergeben; dies unter anderem D-4517/2023 Seite 8 dann, wenn eine asylsuchende Person wegen schwerer Krankheit konkret auf den persönlichen Beistand eines Angehörigen angewiesen ist, worauf – soweit wesentlich – nachfolgend eingegangen wird. 4.5 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung fes tgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29 a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Be- stimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin -III-VO ein anderer Staat zu- ständig wäre. Nach der Konzeption des Gesetzes kommt dem SEM bei der Frage der Anwendung von Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 ein Er messensspiel- raum zu (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.2). Liegen hingegen individuelle völker- rechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1 und 2011/9 E. 4.1 m.w.H.). 5. 5.1 Aufgrund der Verzeichnung des Beschwerdeführers in der Eurodac- Datenbank als Antragsteller hat das SEM ein Ersuchen um Wiederauf- nahme seiner Person an Deutschland gesandt und dabei zu Recht auf die Bestimmung von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO verwiesen (vgl. dazu auch Art. 23 Abs. 1 und 3 Dublin-III-VO). Deutschland hat sich am 10. Juli 2023 zur Wiederaufnahme nach dieser Bestimmung – und damit zur Fort- setzung der Prüfung des Asylantrages – bereit erklärt. Damit ist die Grund- lage für einen Nichteintretensentscheid in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG und die Anordnung der Wegweisung grundsätzlich gegeben. 5.2 Der Beschwerdeführer beruft sich indes auf eine direkte Zuständigkeit der Schweiz, weil in seinem Fall vom Vorliegen eines besonderen Abhän- gigkeitsverhältnisses im Sinne der Bestimmung von Art. 16 Abs. 1 Dublin- III-VO auszugehen sei, respektive es diesbezüglich zumindest noch weite- rer Abklärungen bedürfe. Dabei macht er geltend, dass er wegen seiner psychischen Erkrankungslage auf den Beistand seines Bruders angewie- sen sei. Das Vorbringen kann allerdings nur schon deshalb nicht überzeu- gen, weil es sich beim Beschwerdeführer um einen bereits 38-jährigen Mann handelt, welcher offenkundig während der letzten Jahre nie auf den Beistand seines seit 2017 in der Schweiz lebenden Bruders angewiesen war. Von einem rechtlich relevanten Abhängigkeitsverhältnis, das auch in D-4517/2023 Seite 9 einem Wiederaufnahmeverfahren zu beachten wäre (BVGE 2017 VI/5 E. 8.3.2), ist nicht auszugehen, da insgesamt nichts dafür spricht, dass der Beschwerdeführer einer unmittelbaren und wichtigen Unterstützung bedür- fen würde, welche nur von seinem hier lebenden Bruder geleistet werden kann (BVGE 2017 VI/5 E. 8.3.5). Aus den beiden Schreiben seines Bruders geht denn auch im Wesentlichen hervor, dass sich dieser einen weiteren Verbleib des Beschwerdeführers in der Schweiz deshalb wünscht, weil er ihn im direkten persönlichen Kontakt emotional besser unterstützen könne, als bei bloss telefonischem Kontakt. Auf ein Abhängigkeitsverhältnis ist je- doch alleine von daher nicht zu schliessen. Daran vermögen auch die Be- schwerdevorbringen über die aktuelle psychische Erkrankungslage des Beschwerdeführers nichts zu ändern, welcher es im Übrigen – wie nach- folgend aufgezeigt – auch an der für die Anwendbarkeit von Art. 16 Dublin- III-VO notwendigen Schwere der Erkrankung fehlt. 5.3 Aus der Aufzeichnung des Dublin-Gesprächs und der Mitteilung seiner Rechtsvertretung ans SEM vom 15. August 2023 geht hervor, dass der Be- schwerdeführer jeweils sehr stark und emotional re agierte, wenn er mit dem Thema seiner Überstellung nach Deutschland konfrontiert wurde. Während seines Aufenthalts zunächst im BAZ B._______ und dann im BAZ E._______ hat er mehrfach den dort zuständigen Gesundheitsdienst aufgesucht. Dies wegen verschiedenen allgemeinen Beschwerden (Sport- verletzung, andauernder Husten, Pro bleme mit den Augen und einem Zahn), im Weiteren aber auch wegen Anspannung, Stress, Schlafprobleme und Kopfschmerzen. Zur Linderung dieser Beschwerden wurden ihm vom BAZ-Gesundheitsdienst ein Beruhigungsmittel auf pflanzlicher Basis ([…]) und ein rezeptfreies Schmerzmittel ([…]) abgegeben. Aufgrund der im Ver- laufsblatt enthaltenen Vermerke erscheint als durchaus nachvollziehbar, dass für den Gesundheitsdienst kein weitergehender Behandlungsbedarf respektive Bedarf an einer Überweisung in eine Arztvisite ersichtlich war. Anlass zur Annahme, dem Beschwerdeführer wäre damit im BAZ eine kon- kret benötigte Behandlung verweigert worden, besteht entgegen seinen Vorbringen nicht. Alleine der Umstand, dass von ihm gegenüber dem SEM ein angeblich viel weitergehender Behandlungsbedarf moniert wurde, än- dert an dieser Einschätzung nichts. In entscheidrelevanter Hinsicht ist mit dem SEM darin einig zu gehen, dass im Falle des Beschwerdeführers ins- gesamt keine Erkrankungslage ersichtlich ist, welche nicht auch in Deutschland behandelt werden könnte, da dort jedenfalls ein sehr breites Behandlungsangebot für alle psychische Beschwerden vorhanden ist , zu welchem auch der Beschwerdeführer als Asylantragsteller Zugang hat. Da- ran vermag auch die von der Rechtsvertretung beschriebene starke D-4517/2023 Seite 10 Reaktion auf den abweisenden Entscheid nichts zu ändern. Schliesslich gibt es auch keine Bedenken hinsichtlich seiner Reisefähigkeit, welche zu- dem im Zeitpunkt der Überstellung von der zuständigen Behörde von Am- tes wegen geprüft wird. Es muss daher – im Sinne einer antizipierten Be- weiswürdigung (Art. 33 Abs. 1 VwVG) – auch nicht der Bericht zu der am 23. August 2023 erfolgten Arztvisite abgewartet werden. 5.4 Nach dem Gesagten ist kein Abhängigkeitsverhältnis gegeben und ist auch kein anderweitiges Kriterium erfüllt, welches eine Zuständigkeit der Schweiz begründen würde. Es sind gleichzeitig keine Gründe ersichtlich, welche für eine zwingende Anwendung der Ermessensklausel nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO sprechen würden, da die vom Beschwerdefüh- rer vorgebrachten Leiden jedenfalls auch in Deutschland behandelt werden können. Das SEM hat schliesslich die Vorbringen des Beschwerdeführers auch umfassend unter dem Aspekt der humanitären Gründe nach Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 gewürdigt. Da die diesbezügliche Auseinandersetzung der Vorinstanz als hinreichend erscheint , hält die angefochtene Verfügung auch unter dieser Optik einer Prüfung stand (vgl. dazu BVGE 2015/9) 6. Nach diesen Erwägungen ist die angefochtene Verfügung zu bestätigen und die Beschwerde als offensichtlich unbegründet abzuweisen. 7. Mit vorliegendem Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Gewäh- rung der aufschiebenden Wirkung (nach Art. 107 a Abs. 2 AsylG) und um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht (gemäss Art. 63 Abs. 4 VwVG) gegenstandslos geworden. 8. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist abzuw eisen, da sich die Beschwerde nach dem Gesagten als von Anfang an aussichtslos erwiesen hat. Dem Beschwerdeführer sind demnach die Kosten des Verfahrens, welche auf Fr. 750. – zu bestimmen sind, aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-4517/2023 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentge ltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Lorenz Mauerhofer Versand: