<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">54</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>6</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 3 Abs. 1 und Art. 4 Abs. 1 AHVG</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Zufolge fehlender objektiver Erwerbsabsicht stellt eine Weinbautätigkeit</b></span><br/> <span class="ft4"><b>reine Liebhaberei (und keine selbständige Erwerbstätigkeit) dar, weshalb</b></span><br/> <span class="ft4"><b>die betreffenden Einkünfte nicht AHV/IV/EO-beitragspflichtig sind.</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 1. Kammer, vom 11. August</span><br/> <span class="ft6">2015 i.S. A.V.H. gegen Ausgleichskasse A. (VBE.2015.256).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Versicherte sind beitragspflichtig, solange sie eine Erwerbstätig-</span><br/> <span class="ft1">keit ausüben (Art. 3 Abs. 1 Satz 1 AHVG). Die Beiträge der erwerbs-</span><br/> <span class="ft1">tätigen Versicherten werden in Prozenten des Einkommens aus un-</span><br/> <span class="ft1">selbstständiger oder selbstständiger Erwerbstätigkeit festgesetzt</span><br/> <span class="ft1">(Art. 4 Abs. 1 AHVG). (...)</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Selbstständige Erwerbstätigkeit liegt im Regelfall vor, wenn die</span><br/> <span class="ft1">betroffene Person durch Einsatz von Arbeit und Kapital in frei be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">55</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">stimmter Selbstorganisation und nach aussen sichtbar am wirtschaft-</span><br/> <span class="ft1">lichen Verkehr teilnimmt mit dem Ziel, Dienstleistungen zu er-</span><br/> <span class="ft1">bringen oder Produkte zu schaffen, deren Inanspruchnahme oder Er-</span><br/> <span class="ft1">werb durch finanzielle oder geldwerte Gegenleistungen abgegolten</span><br/> <span class="ft1">wird (vgl. BGE 115 V 161 E. 9a S. 170 f. und Urteil des Eidgenössi-</span><br/> <span class="ft1">schen Versicherungsgerichts H 158/01 vom 28. Mai 2002 E. 2bb).</span><br/> <span class="ft1">Nicht auf selbstständige Erwerbstätigkeit kann erkannt werden, wenn</span><br/> <span class="ft1">eine solche nur zum Schein besteht oder sonst wie keinen erwerbli-</span><br/> <span class="ft1">chen Charakter aufweist, wie das für die blosse Liebhaberei zutrifft,</span><br/> <span class="ft1">die von rein persönlichen Neigungen beherrscht wird (AHI 2003</span><br/> <span class="ft1">S. 418, ZAK 1987 S. 417 f.). Für die Abgrenzung solcher Tätigkeits-</span><br/> <span class="ft1">formen von selbstständiger Erwerbstätigkeit kommt der Erwerbsab-</span><br/> <span class="ft1">sicht im Sinne der oben genannten Zielsetzung entscheidende Bedeu-</span><br/> <span class="ft1">tung zu.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">2.3. - 2.4</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">3.1.1.</span><br/> <span class="ft1">Hinsichtlich der hier in Frage stehenden Tätigkeit ist den Akten</span><br/> <span class="ft1">zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer Genossenschafter der seit</span><br/> <span class="ft1">19... bestehenden Weinbaugenossenschaft Z. mit Sitz in Z. ist. Diese</span><br/> <span class="ft1">Genossenschaft nach Art. 828 ff. OR bezweckt die Erhaltung und</span><br/> <span class="ft1">Förderung des Weinbaus in den Gemeinden Z. und Y. Sie sucht die-</span><br/> <span class="ft1">sen Zweck unter anderem durch Übernahme der Traubenernten der</span><br/> <span class="ft1">Mitglieder sowie die fachgemässe Behandlung und den Verkauf ge-</span><br/> <span class="ft1">wonnener Erzeugnisse zu erreichen. (...)</span><br/> <span class="ft1">Als Genossenschafter hat der Beschwerdeführer seine den</span><br/> <span class="ft1">Eigenbedarf übersteigende Ernte gewisser Traubensorten zwingend</span><br/> <span class="ft1">der Genossenschaft abzuliefern, wobei die Genossenschaft wiederum</span><br/> <span class="ft1">zu deren Abnahme im Rahmen von durch die Generalsversammlung</span><br/> <span class="ft1">festgelegten Qualitäts- und Preisbedingungen verpflichtet ist. Der</span><br/> <span class="ft1">Reinertrag aus dem Betrieb der Genossenschaft fällt in das Ge-</span><br/> <span class="ft1">nossenschaftsvermögen (...).</span><br/> <span class="ft1">3.1.2.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">56</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer bewirtschaftet 10 a Land, auf denen er</span><br/> <span class="ft1">Blauburgunder zieht. Im fraglichen Jahr 2008 produzierte er so</span><br/> <span class="ft1">945 kg Trauben, die er der Genossenschaft abgab. Unter Berücksich-</span><br/> <span class="ft1">tigung verschiedener Abzüge von gesamthaft Fr. 707.12 (Anteil</span><br/> <span class="ft1">"Verwirrungstechnik", Abzug wegen Übermenge von 45 kg und</span><br/> <span class="ft1">Weinrücknahme) wurden ihm von der Genossenschaft nach Reduk-</span><br/> <span class="ft1">tion um die Rundungsdifferenz von Fr. 0.02 für das Jahr 2008</span><br/> <span class="ft1">Fr. 3'580.10 ausbezahlt. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.1.3.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">3.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Auf Grund der vorerwähnten Umstände ergibt sich, dass der be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerischen Weinbautätigkeit das Merkmal der Gewinn-</span><br/> <span class="ft1">strebigkeit fehlt. Bereits der geringe Mitteleinsatz ist zur Gewinn-</span><br/> <span class="ft1">erzielung ungeeignet. Auch werden die eingesetzten Mittel nicht</span><br/> <span class="ft1">nach kaufmännischen Grundsätzen bewirtschaftet. Es fehlt nament-</span><br/> <span class="ft1">lich an einer nach betriebswirtschaftlichen Aspekten erstellten Buch-</span><br/> <span class="ft1">haltung (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts H 122/01</span><br/> <span class="ft1">vom 27. Mai 2002 E. 2b). Weiter tritt der Beschwerdeführer nicht</span><br/> <span class="ft1">selber am Markt auf. Er stellt weder eigene Rechnungen noch ver-</span><br/> <span class="ft1">fügt er über einen Kundenstamm oder nimmt sonst wie am wirt-</span><br/> <span class="ft1">schaftlichen Verkehr teil. Vielmehr ist die Weinbaugenossenschaft</span><br/> <span class="ft1">einziger Abnehmer seiner Erzeugnisse.</span><br/> <span class="ft1">3.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die jährlichen Einnahmen des Beschwerdeführers aus der</span><br/> <span class="ft1">Weinbautätigkeit bewegen sich seit über zehn Jahren zwischen</span><br/> <span class="ft1">Fr. 1'305.75 und Fr. 4'650.45. Das auf Grund durchschnittlicher Ein-</span><br/> <span class="ft1">nahmen von Fr. 3'124.30 fehlende Vorliegen eines massgeblichen</span><br/> <span class="ft1">Gewinns bei überdies geringem Umsatz spricht ebenfalls nicht für</span><br/> <span class="ft1">eine Erwerbstätigkeit (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versiche-</span><br/> <span class="ft1">rungsgerichts H 158/01 vom 28. Mai 2002 E. 3b und 4). (...) Fehlt es</span><br/> <span class="ft1">aber auf Dauer am massgeblichen Gewinn, so lässt das Ausbleiben</span><br/> <span class="ft1">des finanziellen Erfolgs einer Tätigkeit regelmässig auf das Fehlen</span><br/> <span class="ft1">erwerblicher Zielsetzung schliessen, weil der längere berufliche</span><br/> <span class="ft1">Misserfolg die betroffene Person in der Regel von der Zwecklosig-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">keit ihres Unterfangens überzeugt und sie die betreffende Tätigkeit</span><br/> <span class="ft1">aufgeben lässt (BGE 115 V 161 E. 9c S. 172 mit Hinweis auf ZAK</span><br/> <span class="ft1">1987 S. 418 und ZAK 1986 S. 514). Schliesslich ist die Tätigkeit als</span><br/> <span class="ft1">solche respektive deren konkrete Ausgestaltung bereits ungeeignet,</span><br/> <span class="ft1">zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu führen. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">bewirtschaftet eine zu kleine Fläche, als dass deren Ertrag je zu</span><br/> <span class="ft1">substantiellen Einkünften führen könnte. Die Erzeugnisse muss er</span><br/> <span class="ft1">zwingend zu einem nicht am Markt bestimmten Preis an die Ge-</span><br/> <span class="ft1">nossenschaft abgeben (vgl. vorne E. 3.1.1. und 3.1.2.). Bereits diese</span><br/> <span class="ft1">beiden Faktoren lassen klar erkennen, dass eine Gewinnstrebigkeit</span><br/> <span class="ft1">nicht Antrieb für die Weinbautätigkeit ist. Anzumerken bleibt noch,</span><br/> <span class="ft1">dass der Beschwerdeführer durch seine anderen beruflichen Tätig-</span><br/> <span class="ft1">keiten wirtschaftlich abgesichert ist und zusammen mit seiner</span><br/> <span class="ft1">Ehegattin im fraglichen Jahr 2008 inkl. der Einnahmen durch die</span><br/> <span class="ft1">Weinbautätigkeit Einkünfte aus Erwerbstätigkeit von Fr. 183'417.00</span><br/> <span class="ft1">versteuerte. Die Einnahmen aus der Weinbautätigkeit betragen folg-</span><br/> <span class="ft1">lich weniger als 1.5 % der gesamten Einkünfte aus Erwerbs- und</span><br/> <span class="ft1">Weinbautätigkeit zusammen. Auch dies spricht gegen den Erwerbs-</span><br/> <span class="ft1">charakter der fraglichen Tätigkeit (vgl. hierzu M</span><span class="ft6">ARKUS</span> <span class="ft1">R</span><span class="ft6">EICH</span><span class="ft1">, Steu-</span><br/> <span class="ft1">errecht, 2. Aufl. 2012, § 15 N. 17).</span><br/></div> </div> </body> </html>