Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 26. August 2021 (810 21 85) ____________________________________________________________________ Kindes- und Erwachsenenschutzrecht Antrag auf Alleinzuteilung der elterlichen Sorge wegen Religionswechsels eines Eltern- teils Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, Kantonsrichter Daniel Ivanov , Peter Brodbeck, Daniel Häring, Daniel Noll, Gerichtsschreiber Sandro Jaisli Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Claudia Rohrer, Rechts- anwältin gegen Kindes - und Erwachsenenschutzbehörde B. ____, Vorinstanz C.____ , Beschwerdegegner, vertreten durch Olivier Huber, Advokat Betreff Regelung der elterlichen Sorge (Entscheid der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde B.____ vom 12. März 2021) A. Der im Jahr 2013 geborene D.____ ist das Kind der g etrenntlebenden Eltern A.____, geboren am XX. XX. 1985, und C.____, geboren am XX. XX. 1977. Nachdem C.____ eigenen Angaben zufolge im April 2017 der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas beitrat, entfern- ten sich die Lebenswelten und Lebensweisen der Eltern sow ie deren Ansichten in grundsätzli- chen Erziehungsfragen immer mehr. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Mit Mail vom 5. Juli 2019 machte A.____ eine Gefä hrdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde B.____ (KESB), welche dara ufhin den Kindseltern mit Schrei- ben vom 9. Juli 2019 die Eröffnung eines Verfahrens be treffend Prüfung von Kindesschutz- massnahmen mitteilte. Gleichzeitig beauftragte sie den Sozialarbeiter E.____ damit, den Sach- verhalt abzuklären, bei Bedarf Lösungen zu entwickeln sowie umzusetzen und, soweit nötig, geeignete Massnahmen vorzuschlagen. Nachdem die KESB den aktuellen Abklärungsbericht von E.____ datiert vom 6. November 2020 erhalten hatt e, ernannte sie mit Entscheid vom 29. Januar 2021 F.____ vom Sozialdienst G.____ als Erzieh ungsbeiständin für D.____. Zudem regelte sie den persönlichen Verkehr zwischen D.____ und seinem Vater und behaftete die El- tern bei ihrer Bereitschaft, Unterstützung und Rat bei der Familienberatung in Anspruch zu nehmen. C.____ wurde zusätzlich angewiesen, die Familie nberatung in Anspruch zu nehmen, um zu lernen, wie er im Einklang des Kindeswohls mit D. ____ über seine Religion reden solle. Zudem wurde C.____ angewiesen, bezüglich seiner Religion beziehungsweise deren Ausübung im Kontakt mit D.____ äusserst zurückhaltend zu sein und di e Religion seines Sohnes auf kei- nen Fall mit Handlungen zu tangieren. Die Erziehungs beiständin erhielt die Aufgaben, D.____ und den Eltern beratend zur Seite zu stehen, die Umset zung der persönlichen Kontakte zwi- schen D.____ und seinem Vater zu überwachen und die Entw icklung von D.____ zu beobach- ten. Dieser Entscheid wurde von keiner Partei angefochten. C. Mit Schreiben vom 12. Januar 2021, und damit noch vor Abschluss des vorerwähnten Verfahrens um Prüfung von Kindesschutzmassnahmen, beantr agte A.____, vertreten durch Claudia Rohrer, Advokatin, in einem separaten Gesuch a n die KESB die Zuteilung der alleini- gen elterlichen Sorge über D.____ an sich selbst. Anlass für diesen Antrag waren die Umstände im Zusammenhang mit einem Schlittel-Unfall, den D.__ __ zusammen mit seinem Vater erlitten hatte. D. Mit Entscheid vom 12. März 2021 lehnte die KESB den Antrag von A.____ auf Allein- zuteilung der elterlichen Sorge ab. Zur Begründung fü hrte sie im Wesentlichen aus, dass der Entzug des Sorgerechts einen grossen Eingriff in die Pe rsönlichkeitsrechte des betroffenen El- ternteils darstelle. Deshalb habe die Alleinzuteilung der elterlichen Sorge nach dem Willen des Gesetzgebers eine eng begrenzte Ausnahme zu bleiben. Diese Voraussetzungen seien vorlie- gend nicht erfüllt. E. Gegen den Entscheid der KESB vom 12. März 2021 erhob A.____, nach wie vor ver- treten durch Claudia Rohrer, mit Eingabe vom 31. Mär z 2021 beim Kantonsgericht, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht), Beschw erde mit den unter o/e- Kostenfolge gestellten Anträgen: (1) Der Beschwerdeführ erin sei die alleinige elterliche Sorge zuzuteilen. (2) Eventualiter sei der Beschwerdeführerin die alleinige elterliche Sorge bezüglich der medizinischen Belange zuzuweisen. (3) Subeventualiter sei der Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zur Begründung machte die Beschwerdeführe rin eine Gefährdung des Kin- deswohls von D.____ geltend, welche ihren Ursprung im Wesentlichen in den religiösen Ansich- ten und Praktiken des Kindsvaters sowie im elterlichen Dau erkonflikt beziehungsweise in der anhaltenden Kommunikationsunfähigkeit der Eltern habe. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Zudem machte die Beschwerdeführerin eine Verletzung de s rechtlichen Gehörs geltend, weil die KESB weder die Parteien persönlich angehört noch d ie Beiständin von D.____ oder die Fa- milienberaterin befragt habe. F. Mit Eingabe vom 11. Mai 2021 liess sich C.____, vertre ten durch Oliver Huber, Advo- kat, vernehmen und beantragte unter o/e-Kostenfolge di e vollumfängliche Abweisung der Be- schwerde. Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, dass von ihm keine Gefährdung des Wohles seines Sohnes ausgehe. Das Kindeswohl von D.____ s ei für ihn das Wichtigste und er wolle dieses auf keinen Fall gefährden. Die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, welche eine Gefährdung des Kindeswohls von D.____ darstellen sollen, wies er allesamt als unberech- tigt zurück, da diese von der Kindsmutter weder konkret benannt noch nachvollziehbar belegt seien. Der Entzug seiner elterlichen Sorge über D.____ sei daher unverhältnismässig. G. Mit Stellungnahme vom 11. Mai 2021 liess sich die K ESB vernehmen und beantragte unter Verweisung auf ihren Entscheid vom 12. März 2021 die kostenfällige Abweisung der Be- schwerde. H. Mit Schreiben vom 22. Juni 2021 liess sich die Erziehu ngsbeiständin vernehmen. Da sie erst seit dem 29. Januar 2021 als Erziehungsbeiständ in ernannt sei und D.____ erst einmal persönlich getroffen habe, falle ihr eine Beurteilung der Situation sehr schwer. Sie stehe den Eltern zurzeit mehr beratend zur Seite. Diesbezüglich führte sie aus, dass ihr beide Eltern versi- chert hätten, dass das Besuchsrecht in letzter Zeit regelmässig und ohne negative Vorfälle aus- geübt worden sei. Die Kindsmutter habe ihr zudem mit geteilt, dass abgesehen von den religiö- sen Ansichten aktuell zwischen den Eltern keine weiteren Probleme oder Streitigkeiten beste- hen würden. I. Mit Schreiben vom 1. Juli 2021 (Kindsvater) und 19. Juli 2021 (Kindsmutter) reichten die Rechtsvertreter der Parteien ihre Honorarnoten ein. J. Mit Verfügung des Kantonsgerichts vom 16. Juli 2021 wu rde die persönliche Anhörung von D.____ am 19. August 2021 angesetzt und die Partei en zur Parteiverhandlung am 26. August 2021 vorgeladen. K. Am 19. August 2021 wurde D.____ vom Gerichtspräsidi um persönlich angehört. L. An der heutigen Parteiverhandlung hielten die Pa rteien an ihren Anträgen fest. Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in den Eingaben und anlässlich der heutigen Parteiver- handlung wird, soweit erforderlich, in den Urteilserwägungen eingegangen. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 450 Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgesetzbu ches (ZGB) vom 10. Dezember 1907 in Verbindung mit Art. 314 Abs. 1 ZGB kann gegen Entscheide einer Kin- desschutzbehörde Beschwerde beim zuständigen Gericht erho ben werden. § 66 Abs. 1 des kantonalen Gesetzes über die Einführung des Zivilgese tzbuches (EG ZGB) vom 16. November 2006 erklärt für die Beurteilung von Beschwerden nach A rt. 450 Abs. 1 ZGB die Abteilung Ver- fassungs- und Verwaltungsrecht des Kantonsgerichts für zustä ndig. Das Verfahren richtet sich nach den Art. 450 ZGB bis Art. 450e ZGB. Im Übrigen sind die Bestimmungen des kantonalen Verwaltungsprozessrechts anwendbar (§ 66 Abs. 2 EG ZGB; §§ 43 ff. des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung [VPO] vom 16. Dezember 1993). Nach Art. 450 Abs. 2 ZGB sind Personen zur Beschwerde befugt, die am V erfahren beteiligt sind (Ziff. 1), die der betroffenen Person nahestehen (Ziff. 2) oder die ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entscheids h aben (Ziff. 3). Die Beschwerdefüh- rerin ist als direkte Verfahrensbeteiligte zur Beschwerd eerhebung legitimiert. Da auch die übri- gen formellen Voraussetzungen gegeben sind, ist auf die Beschwerde einzutreten. 2. Mit der Beschwerde können Rechtsverletzungen (Ziff. 1), die unrichtige oder unvoll- ständige Feststellung des Sachverhalts (Ziff. 2) sowie di e Unangemessenheit (Ziff. 3) gerügt werden (Art. 450a Abs. 1 ZGB). Dem Kantonsgericht komm t bei der Beurteilung der vorliegen- den Beschwerde somit volle Kognition zu. 3. Streitgegenstand bildet vorliegend die Frage, ob die KESB den Antrag der Kindsmutter auf Alleinzuteilung der elterlichen Sorge zu Recht abgewiesen hatte. 4.1 Die Beschwerdeführerin rügte in formeller Hinsich t die Verletzung des rechtlichen Ge- hörs, indem die Vorinstanz die Eltern nicht persönlich angehört habe. 4.2 Das rechtliche Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bunde sverfassung der Schweizeri- schen Eidgenossenschaft (BV) vom 18. April 1999 dient e inerseits der Sachaufklärung, ande- rerseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsre cht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen eingre ift. Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umf asst als Mitwirkungsrecht all jene Be- fugnisse, welche einer Partei einzuräumen sind, damit diese ihren Standpunkt wirksam und sachbezogen zur Geltung bringen kann. Das kantonale Re cht enthält keine weitergehenden Garantien (vgl. § 9 Abs. 3 der Verfassung des Kantons Ba sel-Landschaft [KV] vom 17. Mai 1984 und § 13 des Verwaltungsverfahrensgesetzes Basel-Lan dschaft [VwVG BL] vom 13. Juni 1988). 4.3 Die Verletzung des rechtlichen Gehörs führt nach der bundesgerichtlichen Rechtspre- chung ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde i n der Sache selbst zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids. Es kommt mit anderen Worte n nicht darauf an, ob die Gewäh- rung des rechtlichen Gehörs im konkreten Fall für den A usgang der materiellen Streitentschei- dung von Bedeutung ist bzw. ob die Behörde zu einer Än derung ihres Entscheides veranlasst Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht wird oder nicht (vgl. BGE 126 V 130 E. 2b mit Hinwe isen). Eine nicht besonders schwerwiegen- de Verletzung des rechtlichen Gehörs kann ausnahmsweise al s geheilt gelten, wenn die be- troffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Rechtsmittelinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt als auch die Rechtslage frei überprüf en kann. Unter dieser Voraussetzung ist darüber hinaus – im Sinne einer Heilung des Mangels – selbst bei einer schwerwiegenden Ver- letzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör von einer Rü ckweisung der Sache an die Vo- rinstanz abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu ein em formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten) Interesse der betroffenen Partei an einer beförderli chen Beurteilung der Sache nicht zu verein- baren wären (BGE 142 II 218 E. 2.8.1; BGE 137 I 195 E. 2.3.2; BGE 133 I 201 E. 2.2 jeweils mit Hinweisen; vgl. zum Ganzen Urteil des Kantonsgerichts, A bteilung Verfassungs- und Verwal- tungsrecht [KGE VV], vom 19. Februar 2020 [810 19 237] E. 3.3.1). Demgegenüber besteht der Sinn einer Heilung allfälliger Gehörsverletzungen nicht darin, die Aufgaben der erstinstanzlichen Behörde auf die Beschwerdeinstanz zu verlagern und die Vorinstanz gleichsam von einer sorg- fältigen Verfahrensführung zu entbinden. 4.4 Vorliegend wurden die Eltern von der KESB zum An trag der Beschwerdeführerin auf Alleinzuteilung der elterlichen Sorge mit Schreiben v om 13. Januar 2021 zur schriftlichen Stel- lungnahme aufgefordert und ihr rechtliches Gehör dami t gewahrt. Der verfassungsrechtliche Anspruch auf rechtliches Gehör im Kindesschutzverfahren u mfasst nämlich keinen Anspruch der Kindseltern auf eine persönliche Anhörung (A NNA MURPHY /D ANIEL STECK /S TEFAN BLUM , in: Fountoulakis/Affolter-Fringeli/Biderbost/Steck [Hrsg.], Fachhandbuch Kindes- und Erwachse- nenschutzrecht, Zürich/Basel/Genf 2016, S. 747 N 18.102 ). Auch im ZGB findet sich keine An- spruchsgrundlage, welche die Behörde verpflichtet, die Kindseltern im Kindesschutzverfahren persönlich anzuhören. 4.5 Dagegen bestimmt Art. 314a Abs. 1 ZGB, dass das Kin d durch die Kindesschutzbe- hörde oder durch eine beauftragte Drittperson in gee igneter Weise angehört wird, soweit nicht sein Alter oder andere wichtige Gründe dagegensprechen (C HRISTOPH HÄFELI , in: Kostkie- wicz/Wolf/Amstutz/Fankhauser [Hrsg.], Kommentar Schweizer isches Zivilgesetzbuch, 3. Auflage, Zürich 2016, N 2 zu Art. 314a). Weil vorl iegend weder das Alter noch andere wichti- ge Gründe dagegensprechen, hätte die Vorinstanz den achtjährigen D.____ persönlich anhören müssen. Am 19. August 2021 wurde D.____ vom Gerichtsprä sidium des Kantonsgerichts per- sönlich angehört. Das Kantonsgericht entscheidet in der v orliegenden Angelegenheit mit voller Kognition (vgl. E. 2 hiervor). Schliesslich ist zu berücksichti gen, dass die Vorinstanz aus dem damals parallel laufenden Verfahren betreffend Prüfu ng von Kindesschutzmassnahmen und den in diesem Zusammenhang getroffenen Abklärungen, Anhörungen und geführten persönli- chen Gesprächen mit den Standpunkten der Betroffenen be stens vertraut war, weshalb eine Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit z u unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem Interesse von D.____ an einer beför derlichen Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären. Damit sind die zuvor beschriebene n Voraussetzungen für eine Heilung der Verletzung des rechtlichen Gehörs erfüllt (vgl. E. 4 .3 hiervor). Nach dem Gesagten braucht daher nicht abschliessend über die Frage einer Gehörsverl etzung durch die Nichtanhörung von D.____ durch die KESB entschieden zu werden, da eine solche in jedem Fall geheilt wäre. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.1 Gemäss Art. 307 Abs. 1 ZGB trifft die Kindesschutzbe hörde die geeigneten Massnah- men zum Schutz des Kindes, wenn das Wohl des Kindes gef ährdet ist und die Eltern nicht von sich aus für Abhilfe sorgen oder sie dazu ausserstande sind . Das Kindeswohl gilt als oberste Maxime des Kindesrechts (BGE 142 III 612 E. 4.2 und 141 III 328 E. 5.4 mit Hinweisen). Im Sinne einer positiven und nicht abschliessenden Beschreib ung gehören zum Kindeswohl die Förderung und Entwicklung in geistiger, körperlicher und seelischer Hinsicht, ein Umfeld von Kontinuität und Stabilität, die Möglichkeit einer inneren Bindung des Kindes an die Beziehungs- personen sowie die Achtung des Willens des Kindes und sein es Selbstbestimmungsrechts (BGE 146 III 313 E. 6.2.2; Urteil des Bundesgerichts 5P.83/2006 vom 3. Mai 2006 E. 4.1 jeweils mit Hinweisen). Entsprechend ist das Wohl eines Kinde s gefährdet, sobald nach den Umstän- den die ernstliche Möglichkeit einer Beeinträchtigung d es körperlichen, seelischen oder geisti- gen Wohls des Kindes vorauszusehen ist (C YRIL HEGNAUER , Grundriss des Kindesrechts, 5. Auflage, Bern 1999, N 26.04a ff. und 27.09). Die Gefährdung kann dabei nur in jedem einzel- nen Fall unter Berücksichtigung der Gesamtheit aller Um stände bestimmt werden. Die objektiv fassbare Gefahr einer Beeinträchtigung muss einigermassen konkret sein, auch wenn regel- mässig prognostische Elemente miteinzubeziehen sind (BGE 146 III 313 E. 6.2.2; Y VO BIDERBOST , in: Breitschmid/Jungo [Hrsg.], Handkommentar zum Sch weizer Privatrecht, Perso- nen- und Familienrecht inkl. Partnerschaftsgesetz, 3. A uflage, Zürich 2016, N 9 zu Art. 307 ZGB; vgl. PETER BREITSCHMID , in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar zu m Zivilge- setzbuch, 6. Auflage, Basel 2018, N 18 zu Art. 307 ZGB). 5.2. Das Verhältnismässigkeitsprinzip als Verfassungsgrundsat z (Art. 5 Abs. 2 BV) gilt selbstverständlich im ganzen Kindesschutz (R UTH REUSSER , in: Fountoulakis/Affolter- Fringeli/Biderbost/Steck [Hrsg.], Fachhandbuch Kindes- u nd Erwachsenenschutzrecht, Zü- rich/Basel/Genf 2016, S. 28 N 2.16). Alle Kindesschutzm assnahmen müssen daher verhältnis- mässig, das heisst geeignet, erforderlich und zumutbar sei n. Der Grundsatz der ʺEignung einer Massnahme ʺ (als erster Teilgehalt des allgemeinen Verhältnismässi gkeitsgrundsatzes) bedeu- tet, dass die Massnahme geeignet sein muss, das im öffentl ichen Interesse angestrebte Ziel zu erreichen. Ungeeignet ist eine Massnahme dann, wenn sie am Ziel vorbeischiesst, das heisst keinerlei Wirkung im Hinblick auf den angestrebten Zweck e ntfaltet oder die Erreichung dieses Zweckes sogar erschwert oder verhindert (U LRICH HÄFELIN /G EORG MÜLLER /F ELIX UHLMANN , Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Auflage, Zürich/St. Gallen 2020, Rz. 522). Verlangt wird so- mit, dass die Massnahmen mit Blick auf den angestrebten Zw eck Wirkungen zu entfalten ver- mögen und nicht gänzlich daran vorbei zielen (BGE 144 I 126 E. 8.1). Art. 307 Abs. 1 ZGB hält diesen Grundsatz explizit fest: ʺIst das Wohl des Kindes gefährdet und sorgen die Elter n nicht von sich aus für Abhilfe oder sind sie dazu ausserstande, so trifft die Kindesschutzbehörde die geeigneten Massnahmen zum Schutz des Kindes. ʺ 5.3.1 Im Bereich des Kindesschutzes wird der allgemeine V erhältnismässigkeitsgrundsatz durch die Prinzipien der Proportionalität, Subsidiarit ät und Komplementarität konkretisiert (BREITSCHMID , a.a.O., N 4 zu Art. 307). Diese bedeuten, dass alle Kindesschutzmassnahmen verhältnismässig sein müssen, das heisst sie müssen erforderl ich sein und es ist immer die mildeste, erfolgversprechendste Massnahme anzuordnen (Prop ortionalität und Subsidiarität). Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Die Kindesschutzmassnahmen sollen die elterlichen Bemühunge n zudem nicht ersetzen, son- dern ergänzen (Komplementarität). 5.3.2 Das Erfordernis der Proportionalität bildet im Rahmen des Kindesschutzverfahrens ne- ben der Kindeswohlgefährdung eine eigenständige Eingr iffsvoraussetzung. Die anvisierte Mas- snahme muss geeignet, also tauglich zur Behebung oder E indämmung der festgestellten Kin- deswohlgefährdung, und zumutbar sein, also dem Grad der Bedrohung für das Kindeswohl ent- sprechen sowie den erstrebten Nutzen und die möglichen Nachteile vernünftig abwägen (LINUS CANTIENI /S TEFAN BLUM , in: Fountoulakis/Affolter-Fringeli/Biderbost/Steck [Hrsg.], Fachhandbuch Kindes- und Erwachsenenschutzrecht, Zürich/Basel/Genf 2016, S. 571 f. N 15.24). Das Kin- deswohl gebietet somit, dass nur Massnahmen ergriffen we rden, die (soweit prognostizierbar) Erfolg versprechend sind. Langfristig Erfolg versprechen d sind nur Massnahmen, welche der elterlichen Verantwortung Raum belassen, auf deren sel bständige Ausübung die Massnahmen im Idealfall hinwirken müssten. Die Massnahmen sollen mi t anderen Worten ʺso schwach als möglich, aber auch so stark als nötig ʺ sein (BREITSCHMID , a.a.O., N 8 zu Art. 307). 5.3.3 Im Übrigen wird das Verhältnismässigkeitsprinzip i m Kindesschutz durch den Grundsatz der ʺStufenfolge von Massnahmen ʺ konkretisiert. Die mildesten Kindesschutzmassnahmen in Form der geeigneten Massnahme nach Art. 307 Abs. 3 ZGB sind die Ermahnung, Weisung und Kontrolle. Die schärfste Massnahme ist der Entzug der elt erlichen Sorge nach Art. 311 f. ZGB. Dazwischen liegen die Beistandschaft und der Entzug des Au fenthaltsbestimmungsrechts. Die- se Abstufung erlaubt es der Kindes- und Erwachsenenschut zbehörde, bei einer Kindeswohlge- fährdung mit möglichst milden Massnahmen einzugreifen, die verschärft werden können, wenn das gewünschte Ziel nicht erreicht wird (REUSSER , a.a.O., S 29 f. N 2.19). 6.1 Mit der ZGB-Revision von 2013 (in Kraft seit dem 1. Juli 2014) ist die gemeinsame elter- liche Sorge für geschiedene und nicht verheiratete Paa re als gesetzlicher Regelfall eingeführt worden (Art. 296 Abs. 2 ZGB; Botschaft zu einer Änderu ng des Schweizerischen Zivilgesetzbu- ches [Elterliche Sorge] vom 16. November 2011 [Botschaft Elterliche Sorge], Bundesblatt [BBl] 2011 S. 9092). Durch den mit der erwähnten Revision vol lzogenen Paradigmenwechsel soll die alleinige elterliche Sorge nach Absicht des Gesetzgebers die Ausnahme darstellen (BGE 141 III 472 E. 4.7). Die elterliche Sorge beinhaltet sämtlich e elterlichen Pflichten und Rechte, Verant- wortlichkeiten und Befugnisse gegenüber dem nicht volljäh rigen Kind (U RS GLOOR /B ARBARA UMBRICHT LUKAS , in: Fountoulakis/Affolter-Fringeli/Biderbost/Steck [Hr sg.], Fachhandbuch Kin- des- und Erwachsenenschutzrecht, Zürich/Basel/Genf 2016, S. 513 N 13.1 und S. 517 N 13.10). Sind sich die Eltern uneinig, sind sie gehalten , mit allen Mitteln (Vermittlung, Mediation, Beratung etc.) eine Einigung zu erzielen. Kein Elternt eil hat den Stichentscheid. Wird hingegen durch die anhaltende Uneinigkeit das Kindeswohl beeint rächtigt (z.B. blockierte Schul- oder Berufswahl, gesundheitliche Gefährdung des Kindes durch verzögerte oder unmögliche medizi- nische Massnahmen), sind Kindesschutzmassnahmen angezeigt (G LOOR /U MBRICHT LUKAS , a.a.O., S. 516 N 13.9). 6.2 Gemäss Art. 298d Abs. 1 ZGB regelt die Kindesschutz behörde die Zuteilung der elterli- chen Sorge auf Begehren eines Elternteils, des Kindes oder von Amtes wegen neu, wenn dies Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht wegen wesentlicher Änderungen der Verhältnisse zur Wahr ung des Kindeswohls nötig ist. Sie kann sich auf die Regelung der Obhut, des persönlichen Verkehrs oder der Betreuungsanteile beschränken (Art. 298d Abs. 2 ZGB). Ob eine wesentliche Veränderung vorliegt, beurteilt sich aufgrund sämtlicher Umstände des konkreten Einzelfalls. Notwendig aber auch ausreichend ist, dass die wesentlichen Grundlagen für eine gemeinsame El ternverantwortung nicht mehr vor- handen sind, sodass das Kindeswohl eine Zuweisung des Sorgerechts an einen Elternteil erfor- dert (I NGEBORG SCHWENZER /M ICHELLE COTTIER , in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kom- mentar zum Zivilgesetzbuch, 6. Auflage, Basel 2018, N2 zu Art. 298d; Urteil des Bundesge- richts 5C.34/2006 vom 27. Juni 2006 E. 1.1). Die Alleinzuteilung der elterlichen Sorge nach Art. 298 ff. ZGB ist vom Entzug der elterlichen Sorge nach Art. 311/312 ZGB, welche e ine Kin- desschutzmassnahme darstellt, zu unterscheiden. Gemäss Bund esgericht sind an die Voraus- setzungen für einen Entzug der elterlichen Sorge, welch e es vorliegend zu prüfen gilt, denn auch verschärfte Anforderungen zu stellen (BGE 141 III 472 E. 4.6). 6.3 Der Entzug der elterlichen Sorge ist eine äusserst se lten ergriffene Kindesschutzmass- nahme. Sie gilt als tiefster Eingriff in die Autonomi e der Eltern beziehungsweise einschneidens- ter Eingriff in die Elternrechte, der dem Verlust ein es elementaren Persönlichkeitsrechts gleich- kommt (CANTIENI /B LUM , a.a.O., S. 598 N 15.115; M ICHELLE COTTIER , in; Büchler/Jakob [Hrsg.], Kurzkommentar Schweizerisches Zivilgesetzbuch, 2. Auflage, Basel 2018, N2 zu Art. 311/312). Mit der Entziehung der elterlichen Sorge fallen sämtl iche daraus fliessenden Bestimmungsbe- fugnisse des betroffenen Elternteils dahin (B REITSCHMID , a.a.O., N1 zu Art. 311/312). Bei der Entziehung der elterlichen Sorge nach Art. 311 Abs. 1 ZGB handelt es sich gemäss Bundesge- richt und herrschender Lehre um eine ʺultima ratio-Massnahme ʺ, welche nur Platz greift, wenn alle anderen Massnahmen keinen Erfolg versprechen (BGE 1 41 III 472 E. 4.5). Die Kindes- schutzbehörde hat dazu einen sehr strengen Massstab anzuse tzen (Y VO BIDERBOST /M ARCO ZINGARO , in: Konferenz für Kindes-und Erwachsenenschutz [Hrsg.] , Praxisanleitung Kindes- schutzrecht (mit Mustern), Zürich/St. Gallen 2017, S. 65 N 2.98; es wird auch die Formulierung ʺbesonders strenger Massstab ʺ verwendet, vgl. C ANTIENI /B LUM , a.a.O., S. 598 N 15.115). Dies bedeutet, dass dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit in Bezug auf die Eignung und Erforder- lichkeit eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden m uss, indem ein Entzug der elterli- chen Sorge nur zulässig ist, wenn das gewünschte Ziel mi t keiner anderen Kindesschutzmass- nahme erreicht werden kann (vgl. bereits Ingress zu Art . 311 ZGB: ʺSind andere Kindesschutz- massnahmen erfolglos geblieben oder erscheinen sie zum vor nherein als ungenügend [...] ʺ; COTTIER , a.a.O., N2 zu Art. 311/312; CANTIENI /B LUM , a.a.O., S. 598 f. N 15.115). 7.1 Die KESB führte aus, dass die Kindseltern grundsätzli ch miteinander reden können. Zudem gebe es bis auf den Konfliktpunkt im medizinischen Einzelfall keine Hinweise, dass sich die Eltern in unüberwindbarer Weise über die Belange von D.____ gestritten hätten. Es sei zu- dem zu berücksichtigen, dass sich die Eltern weiterhin be i einer Familienberaterin treffen und dort in einem geschützten Rahmen Konfliktpunkte besprechen können. In Bezug auf den Schlit- tel-Unfall und die darauffolgende Behandlung im Spital H.____ führte die Vorinstanz weiter aus, dass ein einmaliges schlimmes Ereignis nicht als Massstab die nen könne, um die zukünftigen elterlichen Pflichten neu zu definieren. In einer akute n Unfallsituation seien alle Beteiligten in einem von Ängsten, Schuldgefühlen, Ärger und Ungewissh eit geprägten Ausnahmemodus. Mit Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht etwas Distanz betrachtet, sei es aber nicht nachvollziehb ar, dass die Mutter die alleinige elterli- che Sorge damit begründe, dass sie danach alleine entsc heiden könne, was für D.____ zu Klarheit und Ruhe im Alltag führen werde. Die KESB ist vorliegend vielmehr der Ansicht, dass die alleinige Zuteilung der elterlichen Sorge an die Mutter nicht dem Kindswohl entspreche, denn D.____ habe regelmässigen Kontakt zum Vater und e r sei bis jetzt damit aufgewachsen, dass sich seine Eltern über einiges kontrovers unterhielt en. Die Tatsache, dass sein Vater nun plötzlich nichts mehr zu sagen hätte, wäre für D.____ un verständlich und würde den Vater in seiner Rolle schwächen. Es sei für die Entwicklung von D.__ __ zum Erwachsenen nicht gut, wenn er einen Vater als Vorbild hätte, der plötzlich nichts mehr zu sagen hätte. Ein solches Rol- lenbild würde mit den gesellschaftlichen Aktualitäten k ollidieren, da es heute allgemein aner- kannt sei, dass die Eltern in Bezug auf die Kinderbelan ge gleichberechtigt agieren sollen. Schliesslich führte die KESB aus, dass auch getrenntlebe nde Eltern, welche trotz Trennung weiterhin Vorbilder für ihre Kinder sind/sein müssen, Uneinigkeiten und auseinanderdriftende Ansichten auf eine respektvolle Art und Weise gemeinsam zu klären und Kompromisse zu fin- den haben. 7.2 Die Beschwerdeführerin begründete ihre Beschwerde im Wesentlichen damit, dass die Glaubensentwicklung des Kindsvaters und der Einbezug des Sohnes in gewisse religiöse Ritua- le bei D.____ zu einer grossen Verunsicherung führen wü rden. Aufgrund der religiösen Prakti- ken und Ansichten des Vaters könne D.____ seinen Alltag nicht mit ihm teilen. Der Vater habe eine Glaubensschwester geheiratet und lebe heute mit d ieser und zwei Hunden in I.____, was die Vorinstanz nicht einmal wisse, da der Vater weder sie noch die Behörden aktiv über seine neuen Lebensumstände informiere. D.____ könne mit den total unterschiedlichen Lebenswelten seiner Eltern nicht umgehen. Die Eltern seien sich in praktisch allen Belangen von D.____ unei- nig und könnten nicht miteinander reden. D.____ sei aktuell in kinderpsychiatrischer Behand- lung. Die Beschwerdeführerin begründete ihre Anträge weiter mit dem Schlittel-Unfall, den D.____ zusammen mit seinem Vater erlitten hatte. Sie führte in diesem Zusammenhang insbe- sondere aus, dass sie vom Kindsvater erst drei Stunden nach dem Unfall informiert worden sei, dass dieser während des Spitalaufenthalts sowohl D.____ als auch ihr gegenüber ein nicht adäquates Verhalten gezeigt habe und dass sein Fokus auss chliesslich auf seinen eigenen Bedürfnissen liege, welche von den Regeln seiner Religi on geprägt seien. Zudem habe der Kindsvater das Spital darüber informiert, dass er Bluttransfusionen für seinen Sohn ablehne und dass es Alternativen gäbe. 7.3 Der Beschwerdegegner stellte sich dagegen auf den Standpunkt, dass er weder seinen Sohn noch die Kindsmutter als ʺAusgeschlossene ʺ oder ʺVerdammte ʺ sehe und auch deren Alltag akzeptiere. Die diesbezüglichen Vorwürfe an i hn, welche auf seine Religion Bezug neh- men würden, seien unhaltbar und entbehren jeglicher G rundlage. Das Kindeswohl von D.____ sei für ihn das höchste Gut und er möchte dieses auf keinen Fall gefährden. Zudem seien die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Probleme von D.____ aufgrund der inkompa- tiblen Lebensweisen und Ansichten der Eltern weder konkre t bezeichnet noch nachvollziehbar bewiesen. Damit sei eine konkrete Gefährdung des Kind eswohls von D.____ weder benannt, belegt noch fachlich anerkannt und es seien auch sonst keine objektiven Gründe ersichtlich, welche die Alleinzuteilung der elterlichen Sorge an di e Beschwerdeführerin rechtfertigen wür- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht den. Der Beschwerdegegner bekräftigte weiter, dass er zw ar für sich eine Bluttransfusion ab- lehne, nicht aber für seinen Sohn. Im Rahmen des Schl ittel-Unfalles habe er lediglich mit den Ärzten über mögliche Alternativen zu einer Bluttransf usion gesprochen, ohne diese konkret ab- gelehnt zu haben. Unter Verweis auf die von der KES B am 29. Januar 2021 verfügten Kindes- schutzmassnahmen hielt der Beschwerdegegner schliesslich fest, dass er sämtliche Termine bei der Familienberatung wahrnehme und sich auch minut iös an die von der KESB verfügten Auflagen halte. 7.4 Im Rahmen der Kindsanhörung vom 19. August 2021 f ührte D.____ aus, dass es ihm gut gehe. Er gehe gerne zu seinem Vater nach I.____. S ein Vater lebe dort in einer kleinen Wohnung zusammen mit seiner neuen Ehefrau. Wenn er bei ihnen sei, habe er ein eigenes Bett. Sein Vater bete am Morgen und vor dem Essen. Er müsse nie an den Gebeten teilneh- men. Einzig den langen Weg nach I.____ möge er nicht so. Am liebsten wäre es ihm, wenn seine Eltern wieder zusammenleben würden. Er habe beid e Eltern gerne und habe mit beiden keine weiteren Probleme. Es gebe auch sonst nichts Weiteres, das ihn störe. 8.1 An der heutigen Parteiverhandlung wurde deutlic h, dass das mit Entscheid der KESB vom 29. Januar 2021 installierte Setting und insbesond ere die Besuchskontakte zwischen D.____ und seinem Vater grundsätzlich gut funktioniere n. Die Beschwerdeführerin berichtete weiter, dass es im Moment ʺnichts Grosses ʺ gebe, das nicht gut funktioniere. Es seien mehr gewisse kleine Sachen im Alltag, bei denen die Kommuni kation und die Zusammenarbeit nicht funktionieren würden und sich die Eltern uneinig seie n. Für diese ausserordentlichen Momente wünsche sich die Beschwerdeführerin durch klare Verhältni sse als Inhaberin der alleinigen el- terlichen Sorge mehr Ruhe für D.____. Zudem ging aus den Aussagen der Parteien mehrfach hervor, dass D.____ seinen Vater über alles liebe und i hm die Kontakte zu seinem Vater sehr wichtig seien. Die Kindsmutter bekräftigte mehrmals, da ss sie wisse, wie wichtig sein Vater für D.____ sei und dass sie die Kontakte zwischen Vater und So hn auf keinen Fall in Frage stellen wolle. Die KESB, vertreten durch J.____, hielt an der heutigen Parteiverhandlung fest, dass sich die Eltern auch bewusst sein müssten, dass sie viel erreic ht hätten. D.____ habe bei verschie- denen Gelegenheiten gesagt, dass er beide Eltern lieb e und am liebsten (gleichzeitig) bei bei- den sein würde. Damit hätten die Eltern für D.____ b ereits bis heute grundsätzlich eine gute Ausgangslage geschaffen. Weiter führte die KESB aus, dass die Probleme der Eltern inhaltlich nichts mit der Frage nach der elterlichen Sorge zu tun hätten und diese mit einem allfälligen Entzug derjenigen nicht gelöst würden. Es sei den Elt ern, welche in grundsätzlicher Hinsicht zusammenarbeiten könnten, ohne Weiteres zuzumuten, mit einer externen Unterstützung auch über schwierige Themen respektive Konflikte zu sprechen und gemeinsam Lösungen im Sinne von D.____ zu finden. Aufgrund der genannten Schilderungen der Verfahrensbeteiligten konnte sich das Gericht an der heutigen Parteiverhandlung erneu t davon überzeugen, dass beide Kindseltern ihre elterlichen Pflichten sehr ernst nehme n, beide nur das Beste für ihren Sohn wollen und grundsätzlich durchaus in der Lage und gewil lt sind, in Kinderbelangen weitgehend zu kommunizieren und zu kooperieren. 8.2.1 Differenzen zwischen den Eltern bestehen dagegen , wenn es um die (neue) Religion des Kindsvaters geht. Die Kindsmutter berichtete von ängst lichen Äusserungen, die D.____ Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht nach Besuchen bei seinem Vater gemacht hatte. Sie bef ürchtet, dass der Vater im Rahmen seiner Besuchskontakte D.____ mit seinen religiösen Ansi chten und Praktiken negativ beein- flusst und überfordert. Weil D.____ unter der Inkompa tibilität der beiden Lebenswelten der El- tern leide, sei er zurzeit auch wöchentlich in einer psychiatrischen Behandlung. 8.2.2 Die vorliegend von der Mutter geltend gemachten Probleme beziehungsweise elterli- chen Konflikte betreffend die religiösen Anschauungen des Kindsvaters und betreffend die me- dizinische Behandlung von D.____ insbesondere in Notsitu ationen sind aus ihrer Sicht nach- vollziehbar, jedoch nicht mit dem Entzug der elterlichen Sorge des Kindsvaters zu lösen. Weil das Besuchsrecht zwischen Vater und Sohn von allen Betei ligten unbestritten ist und sogar ge- fördert wird, ändert der Antrag der Beschwerdeführeri n nichts daran, dass der Vater auch zu- künftig mit D.____ im gleichen Umfang wie bereits heut e Zeit verbringen und ihn dabei negativ beeinflussen oder medizinisch nicht korrekt betreuen könnte . Um den Bedenken der Mutter mit letzter Konsequenz entsprechen zu können, müsste vielmehr d as Besuchsrecht als solches verweigert beziehungsweise modifiziert werden, was vorlie gend nie zur Diskussion stand und unbestrittenermassen auch nicht im Interesse von D.____ wäre. 8.2.3 In der vorliegenden Konstellation kann das Kindes wohl von D.____ auch durch andere, weniger einschneidende Kindesschutzmassnahmen gewahrt we rden, und zwar genau so, wie dies die KESB mit Entscheid vom 29. Januar 2021 nach au sführlicher Abklärung der Gesamtsi- tuation auch getan hatte (vgl. E. B. hiervor). Sowohl die beschriebene Erziehungsbeistandschaft als auch die Anweisungen an den Kindsvater stellen stufe ngerechte und wirksame Kindes- schutzmassnahmen dar. Mit diesem rechtskräftigen Entscheid wurde ein professionelles, stu- fengerechtes, ausgewogenes und optimal auf die Bedürfni sse von D.____ ausgerichtetes Set- ting installiert, das auch den Bedenken der Kindsmutt er mit geeigneten und wirksamen Kindes- schutzmassnahmen angemessen Rechnung trägt. 8.3 Das Bundesgericht hielt in einem Leitentscheid ausdr ücklich fest, dass nach der ein- schneidensten Kindesschutzmassnahme des Entzuges der elterlichen Sorge nach Art. 311 Abs. 1 ZGB in der Regel auch kein persönlicher Verkehr zwi schen Eltern und Kind mehr stattfindet (so auch BREITSCHMID , a.a.O., N 6 zu Art. 311/312). Es begründete dies wie folgt: ʺIn der Regel findet in diesen Fällen nach dem Entzug auch gar kein persönlicher Verkehr zwischen Eltern und Kindern statt, während bei der Alleinzuteilung d es Sorgerechtes nach Art. 298 ff. ZGB dem nicht (mehr) sorgeberechtigten Elternteil grundsätzlich (weiterhin) die normalen Besuchsrechte zustehen, so dass das Kind von der rechtlichen Änderung fa ktisch kaum etwas spüren wird, ausser dass die Eltern nicht mehr über die Entscheidunge n streiten können, welche sie vorher gemeinsam zu fällen hatten. Nebst der systematischen Stellu ng und dem unterschiedlichen Regelungsinhalt ist für die Abgrenzung zwischen der Sor gerechtszuteilung nach Art. 298 ff. ZGB und dem Sorgerechtsentzug gemäss Art. 311 ZGB weit er zu beachten, dass das Gesetz bei den Kindesschutzmassnahmen durchwegs "die Eltern" auff ührt (Art. 307 Abs. 1, Art. 308 Abs. 1, Art. 310 Abs. 1 und Art. 311 Abs. 1 Ziff. 1 un d 2 ZGB). Zwar ist theoretisch auch der Sorgerechtsentzug gegenüber einem Elternteil möglich, was indirekt aus Art. 311 Abs. 2 ZGB hervorgeht; das Gesetz hat aber als Hauptanwendungsfall das Unvermögen des Elternpaares und mithin den Fall vor Augen, dass die Elternteile mö gliche Defizite des anderen nicht gegen- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht seitig auszugleichen vermögen, so dass das Kind insgesamt gefährdet ist ʺ (BGE 141 III 472 E. 4.5). 8.4 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass gemäss Bunde sgericht der Entzug der elter- lichen Sorge gegenüber einem Elternteil, zu welchem gleichzeitig der persönliche Verkehr auf- rechterhalten werden soll, grundsätzlich nicht in Betr acht kommt. Es sind vorliegend keine Um- stände ersichtlich, die eine Ausnahme von diesem Grundsatz rechtfertigen würden. Der von der Beschwerdeführerin beantragte Entzug der elterlichen Sorge erweist sich vielmehr als ungeeig- net, die angestrebten Ziele – nämlich insbesondere, da ss der Kindsvater D.____ mit seiner Re- ligion nicht mehr beeinflussen respektive seine medizini sche Behandlung nicht mehr gefährden kann – zu erreichen. Der Entzug der elterlichen Sorge kann vorliegend im Hinblick auf den ge- schilderten Zweck keinerlei Wirkung entfalten und schiesst damit am Ziel vorbei. Damit erweist sich die beantragte Kindesschutzmassnahme mangels Eignung zur Zweckerreichung als un- verhältnismässig. Weil das Erfordernis der Proportionali tät eine eigenständige Eingriffsvoraus- setzung bildet (vgl. E. 5.3.2 hiervor), ist die Beschwerde bereits aus diesem Grund abzuweisen, und zwar sowohl im Haupt- als auch im Eventualantrag (vgl. zu letzterem auch E. 9.5 hiernach). 8.5 Bei diesem Ausgang des Verfahrens müsste die Frag e nach einer konkreten Kindes- wohlgefährdung nicht weiter geprüft werden. Zwischen d en Kindseltern sind dagegen einige grundsätzliche Fragen im Hinblick auf das Kindeswohl von D .____ streitig, was sich auch an der heutigen Parteiverhandlung gezeigt hatte. Das Gericht erachtet es daher als sinnvoll und im Interesse des Kindeswohls von D.____ liegend, zusätzlich di e Frage einer konkreten Kindes- wohlgefährdung zu prüfen. Diese Prüfung ermöglicht die gerichtliche Klärung der Differenzen zwischen den Kindseltern und soll diesen dadurch im Hinbli ck auf eine nachhaltige und res- pektvolle Zusammenarbeit helfen. Denn mit einer rücksicht svollen und konstruktiven elterlichen Zusammenarbeit tragen die Kindseltern dem Kindewohl von D.____, welches für die Regelung der Eltern-Kind-Verhältnisse der entscheidende Faktor ist (BGE 142 III 612 E. 4.2), am besten Rechnung. 9.1 Ordentliche Gründe für den Entzug der elterlichen Sorge sind nach Art. 311 Abs. 1 Ziff. 1 ZGB ungenügende erzieherische Fähigkeiten (objektive Unmöglichkeit der Wahrnehmung der erzieherischen Verantwortung durch die Eltern) und nach Art. 311 Abs. 1 Ziff. 2 ZGB grobe (qualifizierte) Pflichtverletzungen, wobei sich die be iden Tatbestände oft überschneiden (BREITSCHMID , a.a.O., N 6 zu Art. 311/312). Objektive Gründe für ein Ungenügen der Eltern sind namentlich lange dauernde Ortsabwesenheit ohne Kontak tmöglichkeit mit dem Kind, schwere psychische Krankheit unter Einschluss von schwerer Suchtkrankheit, schwere geistige Behinde- rung und Unerfahrenheit (vgl. auch die Aufzählung in Art. 311 Abs. 1 Ziff. 1 ZGB). Das ʺAusserstandesein ʺ muss dabei umfassend und dauerhaft sein (B IDERBOST /ZINGARO , a.a.O., S. 66 N 2.101). Zur Unfähigkeit, die Kinder selber erziehen und betreuen zu können, müssen zusätzlich die Anordnung und Überwachung einer Fremderzi ehung und die Ausübung der ver- bleibenden Aufgaben ausgeschlossen sein (H ÄFELI , a.a.O., N 6 f. zu Art. 311/312; C OTTIER , a.a.O., N 2 zu Art. 311/312; CANTIENI /B LUM , a.a.O., S. 598 N 15.115). Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9.2 Die Beschwerdeführerin begründete eine Kindeswohlg efährdung von D.____ insbe- sondere mit der (neuen) Religion des Vaters und deren Ausübung in Anwesenheit des Sohnes. Da der Vater aus religiösen Gründen beispielsweise eine Bluttransfusion ablehne, liege auch in der mangelnden medizinischen Fürsorge durch den Vater e ine Gefährdung des Kindeswohls. Erzieherische Fragen im Rahmen der elterlichen Sorge ste llen sich auch in Bezug auf die Reli- gion. Bei einem Kind prägt der Inhaber der elterlichen Sorge die Frage der Religion des Kindes. Die Eltern bestimmen, ob das Kind religiös und allenfa lls in welcher Konfession es erzogen wird. Die Grenze der religiösen Erziehung der Eltern w ird ebenfalls durch das Kindeswohl be- stimmt. Die religiöse Erziehung endet nicht erst mit de r Volljährigkeit des Kindes, sondern mit der Vollendung des 16. Altersjahres (Art. 303 Abs. 1 un d 3 ZGB, G LOOR /U MBRICHT LUKAS , a.a.O., S. 538 f. N 13.49). Es ist vorab festzuhalten, dass die Kindseltern D.____ damals mit übereinstimmendem Willen evangelisch-reformiert getauf t hatten, was demnach heute D.____ Religion ist. Daran ändert die neue Glaubensgemeinschaf t des Vaters nichts. Vielmehr ist es die Aufgabe und die Pflicht des Kindsvaters, diese Tatsa che zu akzeptieren und seinen Sohn weder in religiösen Themen zu beeinflussen, noch die R eligion seines Sohnes mit eigenen Handlungen zu tangieren. Dies zu überwachen und die allgemeine Entwicklung von D.____ zu beobachten ist und wird auch in Zukunft Aufgabe der Erziehungsbeiständin sein. 9.3 Im Hinblick auf die elterliche Sorge gilt der Grun dsatz, dass den Eltern ihre Erziehungs- fähigkeit, d.h. die Fähigkeit, ihr Kind im Hinblick au f sein körperliches, geistiges und seelisches Wohl erziehen zu können, nicht allein aufgrund von best immten weltanschaulichen, philosophi- schen oder religiösen Überzeugungen aberkannt werden da rf. Es sind denn auch keine jünge- ren Entscheide aus der Schweiz bekannt, bei denen den E ltern zufolge Zugehörigkeit selbst zu extremen Organisationen die elterliche Sorge entzogen worden wäre (Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich, Abteilung I. Zivilkammer, vom 5. Mär z 2020 [LZ190015-O/U] E. III. 4.1.1). Alleine die Mitgliedschaft des Kindsvaters bei der Glaub ensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, welche ihm persönlich gestützt auf seine eigene Religions freiheit in keiner Art und Weise zur Last gelegt werden darf, begründet für sich alleine au ch keine Gefährdung des Kindeswohls, die einen Entzug der elterlichen Sorge rechtfertigen würde. Vielmehr ist zur Aberkennung bzw. Einschränkung der Erziehungsfähigkeit notwendig, dass ein e konkrete Gefährdung der seeli- schen, geistigen oder körperlichen Entwicklung des Kindes vo rliegt, zum Beispiel etwa, wenn das Kind tatsächlich eine lebensnotwendige Bluttransfu sion benötigt und die Eltern ihre Zu- stimmung zur Behandlung verweigern (Urteil des Oberger ichts des Kantons Zürich, Abteilung I. Zivilkammer, vom 5. März 2020 [LZ190015-O/U] E. III. 4. 1.3, welches mit Urteil des Bundesge- richts 5A_379/2020 vom 17. September 2020 bestätigt wu rde). Auch die Art und Weise wie der Vater seine Religion im Zusammensein mit D.____ ausübt, stellt keine konkrete Gefährdung der seelischen, geistigen oder körperlichen Entwicklung von D._ ___ im zuvor beschriebenen Sinne dar, da er es jeweils seinem Sohn überlässt, ob er bei d en kurzen Gebeten am Morgen und vor dem Essen dabei sein möchte oder nicht. Dies wurde von D. ____ bei seiner Anhörung auch entsprechend bestätigt. Den von der Beschwerdeführerin hervorgebrachten Bedenken (insb. auch hinsichtlich der ängstlichen und verunsicherten Äusseru ngen von D.____) wird durch die Kindesschutzmassnahmen des KESB-Entscheides vom 29. Januar 20 21, welche eine perma- nente Überprüfung der gegen den Kindsvater verfügten Auflagen ermöglichen, hinreichend Rechnung getragen. Sollte die Überwachung dieser Massna hmen zeigen, dass sich der Kinds- Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht vater nicht oder nicht hinreichend daran hält, können diese jederzeit angepasst und wenn nötig auch verschärft werden. 9.4 Sofern die Beschwerdeführerin sowohl in grundsätzl icher Hinsicht als auch konkret im Zusammenhang mit dem erwähnten Schlittel-Unfall wege n Verweigerung beziehungsweise nicht Beachtens der notwendigen medizinischen Behandlun g für D.____ durch den Kindsvater eine Kindswohlgefährdung sieht, kann ihr nicht gefolgt werden. Es ist nicht ersichtlich aufgrund welcher Handlungen respektive Unterlassungen des Kindsv aters im Zusammenhang mit der medizinischen Betreuung von D.____ nach seinem Schlitt el-Unfall der Vater das Wohl seines Sohnes gefährdet hat. Auch kann keine Rede davon sein, d ass der Kindsvater seine Einwilli- gung in Bezug auf eine konkrete medizinische Behandlun g von D.____ verweigerte. Vielmehr hat er die Rettungskräfte korrekt und rechtzeitig alar miert sowie anschliessend die erforderliche ärztliche Behandlung von D.____ unverzüglich eingeleite t und auch zugelassen. Im Übrigen kann ein einmaliges schlimmes Ereignis wie es sich vorliegen d zugetragen hatte, nicht dazu führen, dem verantwortlichen Elternteil die elterlich en Fähigkeiten in grundsätzlicher Weise ab- zusprechen. 9.5 Auch die Befürchtung, dass der Kindsvater D.____ für zukünftige Vorfälle die notwen- dige medizinische Versorgung aus ideologischen Gründen ver weigern könnte, stellt aus den nachfolgenden Gründen keine konkrete Kindeswohlgefährdu ng dar. Bei der gemeinsamen el- terlichen Sorge akzentuiert sich diese Frage nur in Notfallsituationen, in welchen der Kindsvater ohne vorherige Rücksprache mit der Mutter alleine über e ine medizinische Behandlung für D.____ entscheiden muss. In Notfallsituationen ist die Ä rzteschaft dagegen verpflichtet, bei ur- teilunfähigen Patienten eine Heilbehandlung (v.a. lebensrettende Eingriffe) vorzunehmen, selbst wenn die Eltern (beziehungsweise ein Elternteil) den E ingriff entgegen dem Wohl des Kindes ablehnen. Eine entsprechende Verweigerung, in die Heilbehandlung einzuwilligen, ist unbeacht- lich beziehungsweise ein Missbrauch des Sorgerechts, und nich t mehr durch die elterliche Sor- ge gedeckt. Die Handlungen des Arztes dagegen sind durch die hypothetische Einwilligung des Kindes gerechtfertigt. Nach Art. 379 ZGB steht der Ärzte schaft denn auch die Befugnis zu, in dringenden Fällen zum gesundheitlichen Wohl der urtei lsunfähigen Person notwendige medizi- nische Massnahmen nach dem mutmasslichen Willen und den ob jektiven Interessen des Pati- enten von sich aus zu ergreifen (P ATRICK FASSBIND , in: Kostkiewicz/Wolf/Amstutz/Fankhauser [Hrsg.], Kommentar Schweizerisches Zivilgesetzbuch, 3. Auflage, Zürich 2016, N 1 zu Art. 379). In solchen Notfall-Situationen gibt es auch keinen Konf likt zwischen dem Selbstbestimmungs- recht der Eltern oder beispielsweise deren Religionsfre iheit und dem Kindeswohl, da Letzteres Vorrang hat (MIRJAM WERLEN , Persönlichkeitsschutz des Kindes, höchstpersönliche Rechte und Grenzen elterlicher Sorge im Rahmen medizinischer Praxi s, Diss. Bern 2014, S. 319). Wie be- reits unter der Erwägung 8.4 hiervor festgestellt, erw eist sich deshalb auch der Eventualantrag, es sei der Beschwerdeführerin die alleinige elterliche Sorge bezüglich der medizinischen Be- lange zuzuweisen, als ungeeignet und damit nicht verhältnismässig. 9.6.1 Schliesslich sieht die Beschwerdeführerin das Kindesw ohl von D.____ aufgrund der elterlichen Dauerkonflikte und deren anhaltender Kommunikationsunfähigkeit als gefährdet. Die Alleinzuteilung der elterlichen Sorge nach Art. 298 ff. ZGB, für we lche andere Voraussetzungen Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht als für deren Entzug nach Art. 311 ZGB gelten (vgl. d azu E. 6.2 hiervor), kann nach Bundesge- richt auch durch einen schwerwiegenden elterlichen Dauerkonflikt oder die anhaltende Kommu- nikationsunfähigkeit geboten sein, wenn sich der Mangel negativ auf das Kindeswohl auswirkt und von einer Alleinzuteilung eine Verbesserung erwar tet werden kann (BGE 141 III 472 E. 4.6). Bei der Bejahung eines schweren Elternkonfliktes ergibt sich die Kindeswohlgefährdung aus der dysfunktionalen Beziehungsdynamik der Eltern, die durch die Alleinzuteilung der elterli- chen Sorge an einen Elternteil entschärft werden soll ( SCHWENZER /COTTIER , a.a.O., N 14 zu Art. 298). Ob, und wenn ja unter welchen Voraussetzun gen, ein schwerer elterlicher Dauerkon- flikt beziehungsweise eine anhaltende Kommunikationsunfäh igkeit auch zu einem Entzug der elterlichen Sorge nur bei einem Elternteil führen kann, kann an dieser Stelle offengelassen wer- den, weil vorliegend bereits die allgemeinen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, und zwar weder bezüglich der Erheblichkeit noch der Chronizität des Konf liktes. Aus den Akten ergibt sich viel- mehr das Bild, dass die Eltern beide in der Lage und w illens sind, in Kinderbelangen weitge- hend zu kommunizieren beziehungsweise zu kooperieren und dadurch das durch die KESB installierte Setting umzusetzen. Dasselbe geht auch aus dem Schreiben der Beiständin vom 22. Juni 2021 hervor, in welchem diese festhielt, dass gemäss Aussagen der Beschwerdeführe- rin abgesehen von den religiösen Ansichten aktuell kein e Probleme oder Streitigkeiten zwi- schen den Kindseltern bestünden. Schliesslich hat sich diese Einschätzung sowohl an der heu- tigen Parteiverhandlung als auch an der Anhörung von D.____ vom 19. August 2021 bestätigt. 9.6.2 Auch in anderen wichtigen Fragen können die Elt ern gemeinsam Lösungen finden, was sich beispielsweise an der Wahl für D.____ Privatschule zeigt, welche die Eltern eigenen Aussagen zufolge gemeinsam getroffen haben und nach wi e vor unterstützen. Für die beste- henden punktuellen Konflikte und Meinungsverschiedenheit en ist es den Eltern ohne Weiteres zuzumuten, mit der externen Unterstützung durch die KESB, durch die Beiständin und durch die Familienberatung auch über schwierige und unangenehme Themen respektive Konflikte zu sprechen und gemeinsam Lösungen im Sinne von D.____ zu finden. Allein das Vorhandensein von punktuellen Auseinandersetzungen und Meinungsverschie denheiten kann gemäss Ansicht des Bundesgerichts grundsätzlich nicht Anlass für eine A lleinzuteilung des elterlichen Sorge- rechts sein (BGE 142 III 56 E. 3). 9.7 Die Beschwerdeführerin macht im Übrigen keine zusä tzlichen Gründe substantiiert gel- tend, die objektive Entzugsgründe respektive eine konkret e Gefährdung des Kindeswohls im Sinne von Art. 311 ZGB darstellen würden. Der Sachver halt ist zudem hinreichend erstellt und ermöglicht dem Kantonsgericht basierend auf seiner Ko gnition (vgl. E. 2 hiervor) eine Prüfung aller relevanter Fragen. Damit ist schliesslich kein Grund ersichtlich, der eine Rückweisung der Beschwerde an die KESB im Sinne des Subeventualantra ges der Beschwerdeführerin notwen- dig machen würde. 9.8.1 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die von der B eschwerdeführerin geltend ge- machten Ängste, Sorgen und Befürchtungen in Bezug auf das Kindeswohl von D.____ nach Durchsicht der Verfahrensakten sowie der heutigen Aussage n der Parteien an der Parteiver- handlung aus ihrer Sicht zwar nachvollziehbar und teilwei se auch aus objektiver Sicht nicht von der Hand zu weisen sind. Eine konkrete Kindeswohlgefäh rdung, die einen Entzug der elterli- Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht chen Sorge des Kindsvaters rechtfertigen würde, stellen diese dagegen nicht dar. Vielmehr sind diese Ängste, Sorgen und Befürchtungen im Rahmen des d urch die KESB mit Entscheid vom 29. Januar 2021 installierten Settings laufend neu zu beurteilen, womit dem Kindeswohl von D.____ angemessen Rechnung getragen wird. Es liegt im Interesse von D.____, dass weiterhin beide Eltern im Rahmen ihrer elterlichen Rechte und P flichten in gegenseitiger Absprache über seine Kinderbelange entscheiden können. Die Beschwerde ist demzufolge im Haupt-, Eventual- und Subeventualantrag vollumfänglich abzuweisen. 10.1 Es bleibt über die Kosten des vorliegenden Verfah rens zu entscheiden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht koste npflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren sowie die Beweiskosten und werden in der Regel der unterlie- genden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt (§ 20 Ab s. 3 VPO). Entsprechend dem Verfahrensausgang werden die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 2'000.-- der Beschwerde- führerin auferlegt und mit dem geleisteten Kostenvorsc huss in der Höhe von Fr. 1'500.-- ver- rechnet. Die Beschwerdeführerin hat somit zusätzliche Ver fahrenskosten in der Höhe von Fr. 500.-- zu bezahlen. 10.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann g estützt auf § 21 Abs. 1 VPO für den Beizug einer Anwältin bzw. eines Anwalts eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Entsprechend dem Ausg ang des vorliegenden Verfahrens ist dem Beschwerdegegner eine Parteientschädigung zulas ten der Beschwerdeführerin zuzu- sprechen. Mit Honorarnote vom 1. Juli 2021 machte der R echtsvertreter des Beschwerdegeg- ners einen Aufwand von 15.5833 Stunden à Fr. 200.-- geltend. Der in Bezug auf die Vernehm- lassung geltend gemachte Aufwand erscheint im Vergleich zu den Aufwendungen der Rechts- vertreterin der Beschwerdeführerin als unangemessen. Im R ahmen des vorliegenden Be- schwerdeverfahrens ging es einzig und ausschliesslich um die Frage des Entzuges der elterli- chen Sorge nach Art. 311 ZGB. Die Ausführungen des Besc hwerdegegners zur Frage, ob er den Entscheid der KESB vom 29. Januar 2021 hätte anfe chten sollen oder nicht, sind vorlie- gend nicht von Bedeutung. Dasselbe gilt für die Ausf ührungen des Beschwerdegegners in Be- zug auf die Ziffern 4 und 5 des KESB Entscheides vom 29. Januar 2021, welche nicht Anfech- tungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildeten. Schli esslich sind die allgemeinen Ausfüh- rungen des Beschwerdegegners über die Religionsfreihei t, die Toleranz hinsichtlich der An- dersdenkenden sowie die Darstellung der Ziele und des Gedankengutes seiner eigenen Religi- on nicht im dargelegten Ausmass notwendig, um seine An träge darzulegen und zu begründen. Da die unterliegende Beschwerdeführerin nur die notwe ndigen Parteikosten zu tragen hat, rechtfertigt es sich, den vom Rechtsvertreter des Beschwe rdegegners geltend gemachten Auf- wand um 3 Stunden zu kürzen. Demgegenüber wird dem A nwalt des Beschwerdegegners für die Vorbereitung und Durchführung der heutigen Parte iverhandlung antragsgemäss ein zusätz- licher Aufwand von 3 Stunden angerechnet. Folglich hat die Beschwerdeführerin dem Be- schwerdegegner eine reduzierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'369.57 (inkl. Ausla- gen und 7.7% MWST) zu bezahlen. Die übrigen Parteikosten werden wettgeschlagen. Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 2'000.-- werden der Be- schwerdeführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kost envorschuss in der Höhe von Fr. 1'500.-- verrechnet. Die Beschwerdefüh rerin hat somit zusätzliche Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 500.-- zu bezahlen. 3. Die Beschwerdeführerin hat dem Beschwerdegegner e ine reduzierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'369.57 (inkl. Auslagen und 7.7% MWST) auszurichten. Die übrigen Parteikosten werde n wettge- schlagen. Präsidentin Gerichtsschreiber