B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2003/2021 U r t e i l v o m 6 . M a i 2 0 2 1 Besetzung Einzelrichterin Esther Marti, mit Zustimmung von Richter Fulvio Haefeli; Gerichtsschreiber Peter Jaggi. Parteien A._______, geboren angeblich am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Anja Kläusli, HEKS Rechtsschutz (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 20. April 2021 / N (…). E-2003/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 27. Februar 2021 in der Schweiz um Asyl. Auf dem Personalienblatt (act. 1089540-1/2 [nachfolgend: A1/2]) gab er den (…) als sein Geburtsdatum an. Ein am 3. März 2021 durchgeführter Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass er am (…) Februar 2021 in Österreich um Asyl nach- gesucht hatte. Am 10. März 2021 fand die Erstbefragung UMA statt (EB; Protokoll in den SEM-Akten 1089540-12/13 [nachfolgend: A12/13]). Dabei bestätigte der Beschwerdeführer seinen vorgängigen Aufenthalt in Öster- reich und machte unter Verweis auf ein Foto einer am (…) 2021 ausgestell- ten Tazkira geltend, er sei (…) Jahre alt und somit noch minderjährig. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur allfälligen Zuständigkeit Österreichs für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens, zu einem Nichteintretensentscheid des SEM auf das Asylgesuch und zu einer Weg- weisung in diesen Signatarstaat führte er aus, er wolle ni cht nach Öster- reich zurück, er habe nie beabsichtigt, dort zu bleiben. Er habe von Anfang an in die Schweiz kommen wollen. In Österreich habe die Polizei seine Fingerabdrücke abgenommen. Er sei mehrmals gefragt worden, ob er Asyl wolle, was er verneint hab e. Er habe zwei Nächte nicht geschlafen und gegessen; er sei erschöpft gewesen, als die Polizei ihn auf das Revier mit- genommen habe. Zu seinem Gesundheitszustand gab er an, (…) Schmer- zen (…) zu haben, weil die B._______ Polizei ihn (…) habe. Im Anschluss an die EB wurden dem Beschwerdeführer Zusatzfragen zur Altersabklä- rung gestellt. B. Das vom SEM am 17. März 2021 in Auftrag gegebene rechtsmedizinische Gutachten des C._______ vom 24. März 2021 über die Ergebnisse der fo- rensischen Altersdiagnostik vom (…) März 2021 ergab, dass der Be- schwerdeführer das neunzehnte Lebensjahr (Mindestalter) sicher vollendet habe und sein von ihm angegebenes Geburtsdatum ([…]) respektive chro- nologisches Lebensalter von (…) Jahren nicht zutreffen könne. C. C.a Mit Schreiben vom 29. März 2021 teilte das SEM der Rechtsvertretung mit, der Beschwerdeführer habe bei der EB aufgrund seines äusseren Er- scheinungsbildes ( […]) den Eindruck einer volljährigen Person erweckt. Bei den Fragen nach seinem Geburtsdatum habe er stark widersprüchliche Angaben gemacht. Zuerst habe er den dritten oder vierten Tag des vierten E-2003/2021 Seite 3 Monats (…) als sein Geburtsdatum genannt. Seine Mutter habe ihm dies telefonisch mitgeteilt. Auf Vorhalt seiner Angabe auf dem Personalienblatt ([…]) hin habe er erklärt, ein anderer Afghane habe für ihn ein falsches Geburtsdatum eingetragen. Auf Vorhalt hin, seine Mutter habe ihm wohl kaum ein Geburtsjahr nach europäischem Kalender genannt, habe er zu- gegeben, gelogen zu haben. Er sei (…) Jahre alt, indessen kenne er sein genaues Geburtsdatum nicht. Daraufhin habe er dies mit einem Foto res- pektive Kopie einer Tazkira belegen wollen, die er persönlich vor seiner Ausreise aus Afghanistan vor ungefähr (…) Monaten habe ausstellen las- sen. Gemäss Ausstellungsdatum sei die Tazkira jedoch erst (…) Wochen zuvor, nämlich am (…) 2021, ausgestellt worden. Anzumerken bleibe, dass einer Tazkira nur ein geringer Beweiswert zukomme, weil solche Doku- mente grundsätzlich käuflich erwerbbar seien und leicht gefälscht werden könnten. Des Weiteren gewährte das SEM das rechtliche Gehör zum Er- gebnis des rechtsmedizinischen Gutachtens vom 24. März 2021 und führte aus, das Resultat bestätige die Zweifel an der vom Beschwerdeführer gel- tend gemachten Minderjährigkeit. Aufgrund dieser Zweifel werde beabsich- tigt, sein Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den 1. Januar 2002 anzupassen. Der Eintrag werde mit einem Bestreitungsvermerk versehen, sofern er mit der Anpassung seiner Daten nicht einverstanden sei. Die bisher genannten Identitätsangaben würden als Zweitidentität aufgeführt. C.b In ihrer Stellungnahme vom 31. März 2021 führte die Rechtsvertretung aus, der Beschwerdeführer habe ihr gesagt, sein von ihm nach der EB te- lefonisch kontaktierter Bruder habe ihm mitgeteilt, er habe für ihn eine neue Tazkira ausstellen lassen. Er sei bei der Befragung davon ausgegangen, dass es sich um die alte Tazkira handle, die er ungefähr (…) Monate vor seiner Ausreise habe ausstellen lassen. Diese habe seine Mutter verloren, weshalb sein Bruder eine neue Tazkira habe ausstellen lassen. Der aufge- führte Widerspruch sei somit geklärt. Er habe das Original der alten Tazkira wegen seiner illegalen Reise und aufgrund von Erfahrungen in der Türkei nicht mitgenommen. Der Beschwerdeführer habe seine unstimmigen An- gaben zum Geburtsdatum bereits bei der EB erklärt. Sein ehrliches Verhal- ten spreche für seine Glaubwürdigkeit und es sei nicht ersichtlich, weshalb dies im Schreiben noch immer als Widerspruch aufgeführt werde. Er wie- derhole, dass er sein genaues Geburtsdatum nicht kenne. Ihr Mandant habe gemeint, dass er (…) habe. Die Bemerkung bei der EB, der Be- schwerdeführer sehe wie (…) aus, sei masslos übertrieben, sie erscheine willkürlich und stossend. Ihr Mandant habe noch bemerkt, er habe sich bei der EB geschämt und sei unsicher gewesen, weil eine Frau übersetzt habe. E-2003/2021 Seite 4 Die ganze Situation sei für ihn schwierig, es gehe ihm psychisch nicht gut, und auch in der Unterkunft fühle er sich nicht wohl, weil es immer wieder Streit gebe. Er sei mit der Änderung seines Geburtsdatums auf den 1. Ja- nuar 2002 nicht einverstanden, weshalb ein Bestreitungsvermerk im ZEMIS anzubringen sei. Des Weiteren werde der Erlass einer anfechtba- ren Zwischenverfügung zur Datenänderung beantragt, weil die Änderung für den Beschwerdeführer einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil be- deute. Beantragt werde ebenfalls, dass er weiterhin im UMA-Trakt wohnen dürfe und dort die UMA-Betreuung beanspruchen könne. Ein Unterkunfts- wechsel sei wegen der vulnerablen Situation des Beschwerdeführers auch aus Sicht des Kindeswohls nicht vertretbar. C.c Am 31. März 2021 wurde das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS mit einem Bestreitungsvermerk auf den 1. Januar 2002 ange- passt. D. Am 1. April 2021 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden ge- stützt auf Eurodac-Daten um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei- nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit- gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die österreichischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen am 8. April 2021 zu. E. Ebenfalls am 1. April 2021 wurde der Beschwerdeführer wegen Schmerzen (…) und Problemen mit (…) zur medizinischen Abklärung zugewiesen und ambulant behandelt. Der behandelnde Arzt (D._______) diagnostizierte bei ihm (…). Da er sich nicht vollständig untersuchen liess, konnte (…) nicht ausgeschlossen werden. Als Medikament wurde das Schmerzmittel (…) verschrieben. Gemäss Rückmeldung der E._______ vom 19. Apri l 2021 standen zu diesem Zeitpunkt keine weiteren medizinischen Arzttermine mehr aus. F. Mit Eingabe vom 20. April 2021 (eingegangen beim SEM am 21. April 2021) reichte die Rechtsvertretung eine Kopie der älteren Tazkira ihres Mandan-E-2003/2021 Seite 5 ten ein. Sie sei am (…) 2020 ausgestellt worden, als er (…) Jahre alt ge- wesen sei. Sein Geburtsdatum liege gemäss der älteren Tazkira zwischen dem (…) und dem (…), gemäss der neueren zwischen dem (…) und dem (…). Seine Mutter habe die ältere Tazkira wiedergefunden, weshalb sie nun in Kopie als Beweismittel eingereicht werde. Der Beschwerdeführer habe als (…) nicht feststellen können, dass es sich bei der ersten eingereichten Kopie nicht um diejenige der älteren Tazkira handle, die er selber habe ausstellen lassen. Sein Geburtsdatum liege somit irgendwo zwischen dem (…) und dem (…). Die rechtsmedizinische Untersuchung vom (…) März 2021 habe auf Basis der Handknochenentwicklung ein Mindestalter von rund (…) Jahren, auf Basis der Weisheitszähne eines von (…) Jahren er- geben. Angenommen, er sei am (…) März 2021 auf Basis der Weisheits- zähne mindestens (…) Jahre alt gewesen, wäre sein spätest mögliches Geburtsdatum der (…). Dieses Datum liege innerhalb der möglichen Ge- burtsdaten zwischen dem (…) und dem (…). Zwei der drei Mindestalters- angaben im Altersgutachten vom 24. März 2021 würden den Altersanga- ben in den zwei eingereichten Tazkira-Kopien somit nicht widersprechen. Dies spreche für die geltend gemachte Minderjährigkeit des Beschwerde- führers. Sein Geburtsdatum müsse zwischen dem (…) und dem (…) liegen. In Berücksichtigung seiner Angabe bei der EB könnte er frühestens am (…) (…) Jahre alt geworden sein, weshalb sein Geburtsdatum rein rechnerisch zwischen dem (…) und (…) liege. Es werde deshalb beantragt, das Ge- burtsdatum im ZEMIS auf den (…) anzupassen. Eventualiter sei der Be- streitungsvermerk weiterhin zu führen. Des Weiteren sei im Berichtigungs- verfahren zur Änderung des Geburtsdatums eine anfechtbare ZEMIS-Ver- fügung zu erlassen. Alternativ dazu sei die Änderung der Personendaten des Beschwerdeführers im ZEMIS spätestens im Endentscheid mit einer eigenen Dispositivziffer zu verfügen. Zudem werde Akteneinsicht in das Protokoll der EB beantragt, weil es sich um eine verfahrensrelevante Akte handle. Es werde um Beantwortung sämtlicher gestellter Anträge bis zum 28. April 2021 ersucht. G. Mit am 22. April 2021 eröffneter Verfügung vom 20. April 2021 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl- gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz nach Österreich an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es die zuständige kantonale Behörde mit dem Vollzug der Wegweisung und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. E-2003/2021 Seite 6 Für die Begründung wird auf die Akten und, soweit für den Entscheid rele- vant, auf die nachfolgenden Erwägungen verwiesen. H. Mit Schreiben vom 22. April 2021 teilte das SEM der Rechtsvertretung un- ter Bezugnahme auf die Eingabe vom 20. April 2021 mit, es habe am 20. April 2021 einen Nichteintretensentscheid gefällt, der ihr am 22. April 2021 eröffnet worden sei. Ein Bestreitungsvermerk sei im ZEMIS gesetzt wor- den. Auf die übrigen Anträge werde anlässlich des Nichteintretensentschei- des Dublin vertieft eingegangen. Gegen den Entscheid könne innerhalb von fünf Arbeitstagen beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erho- ben werden. I. Mit Beschwerde vom 29. April 2021 an das Bundesverwaltungsgericht be- antragt der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin unter Aufhe- bung der Verfügung vom 20. April 2021 die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Sachverhaltsfeststellung sowie zur rechtsgenüglichen Begründung. Eventualiter sei die Verfügung aufzu- heben und das SEM anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen. Des Weiteren sei festzustellen, dass betreffend Änderung der Personendaten im ZEMIS eine Rechtsverweigerung vorliege, und das SEM sei anzuweisen, eine be- schwerdefähige Verfügung in dieser Sache zu erlassen. Alternativ sei die Verfügung vom 20. April 2021 vollständig aufzuheben und das SEM anzu- weisen, die Änderung der Personendaten im ZEMIS mit einer eigenständi- gen Dispositivziffer zu verfügen. In prozessualer Hinsicht ersucht er um Erteilung der aufschiebenden Wir- kung der Beschwerde, um Erlass einer superprovisorischen vorsorglichen Massnahme (Vollzugsstopp) bis zum Entscheid über die Erteilung der auf- schiebenden Wirkung und unter Verzicht auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Der Be- schwerdeführer reichte die auf Seite 16 f. aufgeführten Beilagen zu den Akten. Auf die Begründung der Rechtsbegehren und die eingereichten Beilagen wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. E-2003/2021 Seite 7 J. J.a Mit superprovisorischer Massnahme vom 30. April 2021 setzte die In- struktionsrichterin den Vollzug der Überstellung des Beschwerdeführers nach Österreich gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus. J.b Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die vorinstanzli- chen Akten in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be- schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111 a Abs. 2 AsylG). E-2003/2021 Seite 8 2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrech t (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 4. 4.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es da s SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 4.2 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5. 5.1 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26–33 VwVG kon- kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst das Recht, mit eige- nen Begehren angehört zu werden, Einblick in die Akten zu erhalten und zu den für die Entscheidung wesentlichen Punkten Stellung nehmen zu können. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachauf- klärung und stellt anderseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs- recht der Parteien dar. Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs beinhaltet, dass die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffe- nen sorgfältig sowie ernsthaft geprüft und in der Entscheidfindung berück- sichtigt werden (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Zudem müssen die angebotenen Beweismittel abgenommen werden, wenn sie zur Abklärung des Sachver- halts tauglich erscheinen (Art. 33 Abs. 1 VwVG). Daraus folgt die grund- sätzliche Pflicht der Behörden, sich mit den wesentlichen Vorbringen des E-2003/2021 Seite 9 Rechtssuchenden zu befassen und Entscheide zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Die Begründung eines Entscheides muss so abgefasst sein, dass der Betroffene ihn sachgerecht anfechten kann. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, die für den Entscheid bedeutsam sind (vgl. BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.). Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes we- gen fest und bedient sich nötigenfalls der unter dieser Norm aufgelisteten Beweismittel. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtser- heblichen Sachverhalts in Verletzung der Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver- haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach- verhalt zugrunde gelegt wird; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs- rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). 5.2 Vorliegend ergibt sich, dass die Rechtsvertretung in ihrer Eingabe vom 20. April 2021 an das SEM als Beweismittel eine Kopie der älteren Tazkira ihres Mandanten mit Ausstellungsdatum vom (…) 2020 einreichte und Aus- führungen zur geltend gemachten Minderjährigkeit machte. Sie beantragte, das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS sei auf den (…) an- zupassen. Eventualiter sei der Bestreitungsvermerk weiterhin zu führen. Des Weiteren sei im Berichtigungsverfahren zur Änderung des Geburtsda- tums eine anfechtbare ZEMIS -Verfügung zu erlassen. Alternativ dazu sei die Änderung der Personendaten des Beschwerdeführers im ZEMIS spä- testens im Endentscheid mit einer eigenen Dispositivziffer zu verfügen. Zu- dem werde Akteneinsicht in das Protokoll der EB beantragt, weil es sich um eine verfahrensrelevante Akte handle. Gleichzeitig ersuchte sie um Be- antwortung sämtlicher gestellter Anträge bis zum 28. April 2021. Im Ant- wortschreiben vom 22. April 2021 teilte das SEM der Rechtsvertretung mit, am 20. April 2021 sei ein Nichteintretensentscheid gefällt worden, der ihr am 22. April 2021 eröffnet worden sei. Ein Bestreitungsvermerk sei im ZEMIS gesetzt worden. Auf die übrigen Anträge werde anl ässlich des Nichteintretensentscheides Dublin vertieft eingegangen. Gegen den Ent- scheid könne innerhalb von fünf Arbeitstagen beim Bundesverwaltungsge- richt Beschwerde erhoben werden. Eine Durchsicht des Nichteintretens- entscheides vom 20. April 2021 ergibt indessen, dass dort weder eine Aus- einandersetzung mit dem neu eingereichten Beweismittel (Kopie der älte- ren Tazkira) noch mit den Anträgen in der Eingabe vom 20. April 2021 statt- gefunden hat. Damit hat das SEM ein zur Abklärung des Sachverhalts E-2003/2021 Seite 10 tauglich er scheinendes Beweismittel nicht abgenommen und durch die Nichtberücksichtigung der Anträge das rechtliche Gehör des Beschwerde- führers verletzt. Hinzu kommt , dass in der Verfügung vom 20. April 2021 eine Dispositivziffer betreffend erfolgter Änderung der Personendaten des Beschwerdeführers im ZEMIS fehlt, die mittels Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht angefochten werden könnte. Im Nichteintretensent- scheid wird zum Antrag auf Erlass einer anfechtbaren Zwischenverfügung in der Stellungnahme der Rechtsvert retung vom 31. März 2021 lediglich ausgeführt, es sei keine solche erlassen worden, weil die Glaubhaftigkeit der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers Gegenstand der Prüfung im Endentscheid sei und mit diesem zusammen anfechtbar sei. Somit hat die Vorinstanz dadurch, dass sie es unterlassen hat, im Nichteintretensent- scheid vom 20. April 2021 eine anfechtbare Dispositivziffer betreffend Än- derung der Personendaten im ZEMIS zu erlassen, eine Rechtsverweige- rung begangen. 5.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Sachver- halt unvollständig respektive unrichtig festgestellt hat. Gleichzeitig hat sie auch das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt und eine Rechtsverweigerung begangen. 6. 6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge- stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh- ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz- lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er- scheint; sie muss dies aber nicht. Einer Kassation und Rückweisung kommt unter Umständen auch die Funktion zu, die Vorinstanz auf ihre ver- fahrensrechtlichen Pflichten aufmerksam zu machen (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). 6.2 Es kann nicht Aufgabe des Gerichts sein, vom SEM ni cht abgenom- mene Beweismittel zu prüfen und solch grundlegende Fragen zum Sach- verhalt als erste Instanz zu klären. Darüber hinaus fällt ins Gewicht, dass die Partei eine Instanz verlöre, wenn das Gericht die Grundlagen des rechtserheblichen Sachverhalts nic ht nur ergänzen, sondern gleichsam wie eine erste Instanz erheben würde. Das Bundesverwaltungsgericht hat E-2003/2021 Seite 11 demnach von eigenen Sachverhaltsfeststellungen, die über eine blosse Er- gänzung und Erwahrung des rechtserheblichen Sachverhalts hinausrei- chen, abzusehen (BVGE 2012/21 E. 5; ferner Urteile des Bundesverwal- tungsgerichts E -1511/2018 vom 1. Mai 2018 E. 4.2, E -4220/2015 vom 7. Dezember 2017 E. 6.2 und E-1254/2015 E. 5.2 vom 9. November 2017). Zudem hat die Vorinstanz dadurch, dass sie die Anträge in der Eing abe vom 20. April 2021 unberücksichtigt gelassen hat, das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt und mangels beantragter anfechtbarer Dispositivziffer in der angefochtenen Verfügung zur Änderung der Perso- nendaten im ZEMIS eine Rechtsverweigerung begangen. 7. 7.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die Verfügung vom 20. April 2021 ist aufzuheben. Die Sache ist zur vollständigen sowie richtigen Feststellung des Sachverhaltes, zur Gewährung des rechtlichen Gehörs und zu neuem Entscheid betreffend Überstellung im Rahmen der Dublin-III-Verordnung sowie zu neuem separaten Entscheid betreffend Än- derung der Personendaten im ZEMIS an das SEM zurückzuweisen. 7.2 Angesichts der Rückweisung der Sache an die Vorinstanz erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit den Ausführungen in der Beschwerde und den eingereichten Beilagen (unter anderem Arztbericht vom 28. Ap- ril 2021), zumal sie ebenfalls Gegenstand des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahrens sein werden und die Vorinstanz sich damit zu befassen haben wird. 8. Mit vorliegendem Urteil wird der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses hinfällig. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), womit der Antrag auf Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gegenstands- los wird. 9.2 Es ist keine Parteientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111aterAsylG). (Dispositiv nächste Seite) E-2003/2021 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung vom 20. April 2021 wird aufgehoben. Die Sache wird zur vollständigen sowie richtigen Feststellung des Sachverhaltes, zur Gewäh- rung des rechtlichen Gehörs und zu neuem Entscheid betreffend Überstel- lung im Rahmen der Dublin-III-Verordnung sowie zu neuem separaten Ent- scheid betreffend Änderung der Personendaten im ZEMIS an das SEM zu- rückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Esther Marti Peter Jaggi Versand: