Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 17. September 2015 (730 15 217) ____________________________________________________________________ Krankenversicherung Anspruch auf Kostenübernahme für eine Mammareduktionsplastik im Rahmen der obli- gatorischen Krankenpflegeversicherung im konkreten Einzelfall bejaht Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Jgn az Jermann, Kantonsrichte- rin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiberin Margit Campell Parteien A.____, Beschwerdeführerin gegen SWICA Gesundheitsorganisation , Rechtsdienst , Römerstrasse 38 , 8401 Winterthur, Beschwerdegegnerin, vertreten durch SWICA Regi- onaldirektion Bern, z.Hd. Frau K. Wolfensberger, Monbijoustrasse 16, 3001 Bern Betreff Leistungen A. A.____ ist bei der SWICA Krankenversicherung AG (SWICA) obligatorisch kranken- pflegeversichert. Am 1. Juli 2014 ersuchte Dr. med. B.____, FMH Gynäkologie und Geburtshil- fe, die SWICA um Kostengutsprache für eine Mammared uktionsplastik bei symptomatischer Mammahypertrophie beidseits. Dieses Gesuch lehnte d ie SWICA mit Schreiben vom 18. Juli 2014 nach Rücksprache mit ihrem Vertrauensarzt ab. Am 5. August 2014 stellte Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Dr. med. C.____, FMH Plastische, Rekonstruktive und Äst hetische Chirurgie, ein Wiedererwä- gungsgesuch. Nachdem die SWICA diesen Bericht ihrem Vertrauensarzt vorgelegt hatte, lehnte sie die Kostenübernahme wiederum ab. In der Folge re ichte die Versicherte einen Bericht von Dr. med. D.____, FMH Rheumatologie, vom 20. Oktober 2014 ein. Unter Hinweis auf ein akutes chronisches Zervikovertebralsyndrom bei Fehlform der Wir belsäule und Fehlbelastung durch übergrosse Mammae empfahl dieser neben der Weiterführ ung der Physiotherapie eine Mammareduktionsplastik. Gleichzeitig wurde auch ein ern eutes Kostengutsprachegesuch von Dr. med. E.____, FMH Innere Medizin, eingereicht. Mit Verfügung vom 21. Oktober 2014 lehnte die SWICA die Leistungen im Zusammenhang mit der beantragten Mammareduktionsplastik ab. An diesem Ergebnis hielt sie auch in ihrem Einspracheentscheid vom 28. Mai 2015 fest. B. Dagegen richtet sich die Beschwerde, welche A.____ am 17. Juni 2015 beim Kantons- gericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgerich t), erhob. Sie beantragte sinnge- mäss, es sei der Einspracheentscheid vom 28. Mai 2015 au fzuheben und es sei die SWICA zu verpflichten, die gesetzlichen Leistungen, insbesondere d ie Kosten für die Mammareduktions- plastik, zu übernehmen. Zur Begründung brachte die Besch werdeführerin im Wesentlichen vor, dass sie sämtliche Voraussetzungen für die Kostenübernahme einer Mammareduktionsplastik erfülle. C. Die SWICA liess sich am 4. August 2015 zur Beschwerde vernehmen und beantragte unter Hinweis auf die Ausführungen im Einspracheentscheid deren Abweisung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Die Sachurteilsvoraussetzungen sind vorliegend erfüll t, sodass auf die Beschwerde einzutreten ist. 2. Zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführerin für den be absichtigten operativen Eingriff Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung zustehen. 3.1 Nach Art. 3 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist Krankheit jede Be einträchtigung der körperlichen, geis- tigen und psychischen Gesundheit, die nicht Folge eines Unfalls ist und die eine medizinische Untersuchung oder Behandlung erfordert oder eine Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat. 3.2 Obwohl die Mammareduktionsplastik im Anhang 1 zur V erordnung des Eidgenössi- schen Departements des Innern (EDI) über Leistungen in der obligatorischen Krankenpflege- versicherung (KVL) vom 29. September 1995 nicht explizit aufgeführt ist, ist ein solcher Eingriff unter bestimmten Bedingungen eine medizinische Leistung, die im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung zu vergüten ist. So hat das Eid genössische Versicherungsgericht (EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteilunge n) entschieden, dass sich die Kosten- übernahme für operative Eingriffe an der Brust, insbeso ndere Reduktionsplastiken bei Mammahypertrophie, Mammadysplasie oder Asymmetrie der M ammae nach der unter dem Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht alten Krankenversicherungsgesetz (KUVG) gültig gewesenen Gerichts- und Verwaltungspraxis richtet (vgl. Urteil des EVG vom 29. Januar 2001, K 17 1/00, E. 2b mit weiteren Hinweisen). Hierbei sind jedoch die weiteren in Art. 32 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversi- cherung (KVG) vom 18. März 1994 statuierten Kriterien d er Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Leistung zu beachten. Danach besteht eine Vergütungspflicht für die Kos- ten einer operativen Brustreduktion, wenn die Hypertr ophie oder Dysplasie körperliche oder psychische Beschwerden mit Krankheitswert verursacht und der en Behebung das eigentliche Ziel des Eingriffs ist. Entscheidend ist nicht das Vorlie gen eines bestimmten Beschwerdebildes, sondern vielmehr, ob die Beschwerden erheblich sind und andere, vor allem ästhetische Moti- ve, genügend zurückdrängen. Dabei genügt es, wenn sowohl die Beschwerden wie auch deren Kausalzusammenhang mit der Mammahypertrophie oder Mamma hyperplasie nach dem im So- zialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegend en Wahrscheinlichkeit erstellt sind. Die blosse Möglichkeit, dass ein bestimmtes Beschwerdebi ld vorliegt, ist sodann nicht ausreichend, ein Zusammenhang im streng wissenschaftlich en Sinn ist aber auch nicht erfor- derlich (vgl. dazu RKUV 2000 KV Nr. 138 S. 359 E. 3a mit Hinweisen; Urteile des EVG vom 24. März 2005, K 123/04, E. 2.2.1 und vom 29. Januar 2001, K 171/00, E. 2b; vgl. zudem auch BGE 130 V 301 ff. E. 4 und 5). 3.3 Ebenfalls bereits unter altem Recht hat sich die Pra xis herausgebildet, wonach eine Mammareduktionsplastik medizinisch indiziert ist und dem E rfordernis der Zweckmässigkeit genügt, sofern eine Gewebereduktion von gegen 500 g od er mehr beidseits vorgesehen ist bzw. durchgeführt wurde und wenn gleichzeitig Beschwerde n geltend gemacht werden, die auf die Hypertrophie zurückgeführt werden können (könnten ) und keine Adipositas vorliegt. Dabei gilt eine Person als übergewichtig (adipös), wenn der Body Mass Index (BMI), also der Quotient von Körpergewicht (kg) und Körperlänge im Quadrat (m2 ), grösser als 25 ist (RKUV 1996 Nr. K 972 S. 3 ff. E. 5a-c mit Hinweisen). 3.4 Schliesslich ist für die Vergütung der Mammareduktio nsplastik durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung von Bedeutung, ob konservative Massnahmen eine wirksame alter- native Behandlungsmöglichkeit darstellen oder dargestel lt hätten. Dabei ist unter dem Ge- sichtspunkt der Wirksamkeit einer Leistung nicht in erster Linie die möglichst vollständige Besei- tigung der körperlichen oder psychischen Beschwerden entschei dend. Vielmehr ist danach zu fragen, ob das Ziel der Behandlung, mithin Beschwerd efreiheit und/oder Wiederherstellung der körperlichen und psychischen Funktionalität, objektiv erreich bar ist. Ist die Wirksamkeit einer alternativen Behandlungsmöglichkeit zu bejahen, stellt sich schliesslich die Frage, welche der beiden Leistungen die zweckmässigere ist, was je nachdem d azu führen kann, dass die Kos- tenübernahmepflicht für eine grundsätzlich wirksame Reduktionsplastik entfällt (vgl. BGE 130 V 304 f. E. 6.1 und 6.2.1.1). 4.1 Gemäss dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Unter suchungsgrundsatz (vgl. Art. 43 ATSG) hat die verfügende Behörde bzw. d as Gericht die Abklärung des Sachver- halts von Amtes wegen vorzunehmen. Danach haben sowohl der Sozialversicherungsträger als auch das Sozialversicherungsgericht von sich aus, ohne Bindung an die Parteibegehren, für die richtige und vollständige Feststellung des Sachverhaltes z u sorgen. Um die sich im Zusam- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht menhang mit der Vergütung der Kosten einer Mammaredu ktionsplastik durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung stellenden Fragen beantworten zu können, ist die Krankenversiche- rung beispielsweise auf Unterlagen angewiesen, die vora b von Ärztinnen und Ärzten zur Verfü- gung zu stellen sind. Dabei ist es deren Aufgabe, aufgr und von Anamnese, Befund und Diag- nose die Notwendigkeit der Behandlung an sich sowie die in Betracht fallenden therapeutischen Möglichkeiten zu bezeichnen (vgl. Urteil des EVG vom 5. Juni 2003, K 46/02, E. 4.3.2). 4.2 Solche ärztlichen Stellungnahmen sind, wie alle Be weise im Sozialversicherungspro- zess, von der rechtsanwendenden Behörde frei sowie umfasse nd und pflichtgemäss zu würdi- gen (F RITZ GYGI , Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Auflage, S. 278). D abei ist für den Be- weiswert grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismi ttels, noch die Bezeichnung der ein- gereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern des- sen Inhalt ausschlaggebend. Gerade die Krankenversicherung en oder ihre Verbände sind ge- mäss Art. 57 Abs. 1 KVG sogar verpflichtet, nach Rücksprache mit den kantonalen Ärztegesell- schaften Vertrauensärzte bzw. Vertrauensärztinnen zu beste llen. Diese wiederum haben die Krankenversicherungen gemäss Art. 57 Abs. 4 und 5 KVG in medizinischen Fachfragen zu be- raten und insbesondere die Voraussetzungen der Leistun gspflichten zu überprüfen. Sie sind in ihrem Urteil unabhängig und weder die Krankenversiche rung noch die Leistungserbringer kön- nen ihnen Weisungen erteilen. Die Berichte und Gutacht en ständiger Vertrauensärzte haben in beweisrechtlicher Hinsicht denn auch grundsätzlich den gl eichen Stellenwert wie die verwal- tungsinternen Arztberichte und Gutachten der UVG-Versich erer (vgl. G EBHARD EUGSTER , Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht [SBVR], Basel/Genf/M ünchen 2007, Krankenversi- cherung, N 209 ff.). Hinsichtlich des Beweiswertes eines A rztberichtes ist letztendlich aber ent- scheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist , auf allseitigen Untersuchungen be- ruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Ke nntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammen hänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussf olgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a und 122 V 160 E. 1c mit wei teren Hinweisen; ALFRED BÜHLER , Ver- sicherungsinterne Gutachten und Privatgutachten in: Rech tsfragen der medizinischen Begut- achtung in der Sozialversicherung, St. Gallen 1997, S. 179 ff.). 5. Im vorliegenden Fall steht unbestritten fest, dass be i der Beschwerdeführerin Drüsen- gewebe von mindestens 500 g pro Brust zu entfernen wär e (vgl. Bericht von Dr. C.____ vom 18. Juni 2014). Damit wäre die Leistungspflicht in Be zug auf das Kriterium "Mindestgewicht des entnommenen Gewebes" zu bejahen, was ein Indiz für die medizinische Indikation und die Zweckmässigkeit der vorgesehenen Mammareduktionsplastik bildet . Zudem erfüllt die Be- schwerdeführerin das Kriterium "fehlende Adipositas", da das Körpergewicht im Zeitpunkt der Abklärung 62 kg betrug, was bei einer Körpergrösse von 162.5 cm einem BMI von 24.5 kg/m 2 entspricht. Vor diesem Hintergrund ist mit dem im Sozia lversicherungsrecht üblichen Beweis- grad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon auszuge hen, dass die Leistungspflicht in Bezug auf die Kriterien "Mindestgewicht des entnommenen Gewebes" sowie "fehlende Adiposi- tas" erfüllt und damit die Zweckmässigkeit des Eingriffs zu bejahen ist. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.1 Strittig ist jedoch, ob vorliegend die im Rahmen d er Wirksamkeit zu prüfenden konser- vativen Massnahmen ausgeschöpft wurden. Für die Beurteil ung dieser Frage sind im Wesentli- chen nachfolgende Berichte zu berücksichtigen: 6.2.1 Dr. C.____ diagnostizierte am 5. August 2014 e ine symptomatische Mammahypertro- phie. Die Beschwerdeführerin leide seit Jahren unter ihren grossen Brüsten. Ständig stosse sie damit bei ihrer Arbeit am Bürotisch an und sie habe abends deshalb Schmerzen. Die BH-Träger würden bei den Schultern einschneiden und zusätzliche B eschwerden verursachen. Die Be- schwerdeführerin sei normgewichtig (160 cm/62 kg) mit ein er BH-Grösse von 85 E/F, einem schweren prallen Drüsenkörper, einem Jugulum-Mamillenabstand von 30 cm rechts und 29 cm links und deutlichen Kerben in beiden Schultern durch d ie BH-Träger. Dr. C.____ führte aus, dass konservative Massnahmen keine Abhilfe bringen würden. Die Beschwerden könnten je- doch eindeutig durch eine Mammareduktion verbessert werden. 6.2.2 Am 20. Oktober 2014 nannte Dr. D.____ als Diag nosen ein akutes chronisches Zervi- kothorakovertebralsyndrom bei Fehlform der Wirbelsäule u nd eine Fehlbelastung durch über- grosse Mammae. Die Beschwerdeführerin leide seit drei Ja hren an Schmerzen im Nacken- /Schulterbereich beidseits, die sie zuerst durch Massagen habe behandeln lassen. Bei zuneh- menden Beschwerden habe sie Physiotherapie mit Massage u nd stabilisierender Wirbelsäu- lengymnastik verordnet bekommen. Sie habe keine Medikame nte genommen. Die Schmerzen seien ziehend, manchmal brennend. Sie würden in die Schultern (vor allem rechts), den Nacken und die Brustwirbel ausstrahlen und seien von einer Schm erzintensität von 6 - 7 auf der visuel- len Analogskala. Durch das Tragen eines BHs würden die S chmerzen verstärkt. Der Befund lautete dahingehend, dass die Beschwerdeführerin in g utem Allgemeinzustand und unauffälli- gem Ernährungszustand sei. Die Wirbelsäule sei im Lot, aber es bestünden eine ausgeprägte S-förmige Skoliose, eine Abflachung der thorakalen Kyp hosierung, eine vermehrte Lordosie- rung lumbal, ein starker muskulärer Hartspann vor all em im Muskulus trapezius im Pars hori- zontalis und im Bereich der Brustwirbelsäule (BWS) beid seits sowie im Übergangsbereich der BWS zur Lendenwirbelsäule (LWS). In seiner Beurteilun g führte Dr. D.____ aus, dass das zer- vikothorakovertebrale Syndrom bei Fehlform der Wirbels äule und die degenerativen Verände- rungen an den Vorderkanten der Brustwirbelkörper auf allen Etagen durch die übergrossen Mammae verstärkt würden. Die Beschwerdeführerin habe abe r sonst eine gute Haltung. Er empfahl, die Massagetherapie weiterzuführen und diese mit stabilisierender Gymnastik zu er- gänzen. Zur Entlastung dieser Problematik und zur Verh inderung von andauernden zunehmen- den Beschwerden im Wirbelsäulenbereich wäre eine Redukt ionsoperation der Mammae emp- fehlenswert. 6.2.3 Dr. E.____ erachtete in seinem Schreiben an den Vertrauensarzt der SWICA vom 27. Oktober 2014 als Indikation für eine Mammareduktio nsplastik die zunehmende Belastung der Wirbelsäule in den letzten Jahren. Es bestehe ein chronisches zervikothorakales Wirbelsäu- lensyndrom mit nun ausgeprägter S-förmiger Skoliose, di e thorakale Kyphosierung sei vermin- dert und die Lordosierung lumbal vermehrt. Auch radiologisch seien nun erhebliche Läsionen im Sinne der Spondylose festzustellen und die BWS sowie die LWS seien deutlich um 1/3 eingeschränkt. Die Schmerzen bestünden beidseits zerviko thorakal, insbesondere im Be- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht reich der oberen und mittleren Partie. Trotz adäquate r Behandlung (lokal Analgesie mit Salben und Pflaster, systematischen Analgetika, Massagen, Physiother apie) habe die Beschwerdefüh- rerin zunehmend Schmerzen. Es handle sich aus seiner Sicht auch nicht um eine ästhetische Korrektur, sondern - bei diesem Leidensdruck - um eine medizinische Indikation. 6.2.4 Im Rahmen des Einspracheverfahrens fand am 21. April 2015 eine persönliche Explo- ration der Beschwerdeführerin durch den Vertrauensarzt Dr. med. F.____, FMH Allgemeine Medizin, statt. Als Diagnosen nannte er eine Mammahyper trophie beidseits und chronische Rückenbeschwerden bei statischen und degenerativen Störun gen. Weiter führte er aus, dass die Beschwerdeführerin 160 cm gross sei und 62.9 kg wieg e; es bestehe ein BMI von 24,5. Somit gelte das Kriterium eines Normwerts von BMI <25 als erfüllt. In Bezug auf die Frage, ob bei der Beschwerdeführerin eine Mammahypertrophie vorl iege, hielt Dr. F.____ fest, dass bei der klinischen Untersuchung die Mammae doch grösser imponi eren würden als es auf der Fo- todokumentation den Eindruck erwecke. Das Vorliegen einer Mammahypertrophie mit allerdings deutlicher Ptose könne bestätigt werden. Weiter sei au ch die veranschlagte Resektion von 500 g pro Seite bei deutlich kompaktem Drüsengewebe nach vollziehbar. Betreffend die Ausschöp- fung der konservativen Massnahmen führte Dr. F.____ aus, dass im Zeitpunkt der Untersu- chung 2,5 Serien Physiotherapie durchgeführt worden sei en. Offenbar beruhe die Behandlung hauptsächlich auf passiven Massnahmen. Ein Heimprogramm s ei angeblich verordnet worden, eine medizinische Trainingstherapie führe die Versicherte aber nicht durch. Von therapeutischer Seite habe sie somit noch nicht genügend professionelle Physiotherapie erhalten. Sie berichte, dass sie vor circa 1,5 Jahren von einem lernenden Physiothe rapeuten Massagen erhalten ha- be. Im Verlauf der bisherigen Therapie beschreibe die Patientin aber auch eine Besserung der Rückenbeschwerden. Die Muskelverspannungen hätten sich etwa s gelöst und sie könne die Arme besser heben. Wichtig wäre insbesondere die eigenst ändige und konsequente Durchfüh- rung einer medizinischen Trainingstherapie zur Dehnung und Kräftigung der Rückenmuskulatur. Betreffend die Frage, ob die Beschwerden auf die Hype rtrophie zurückgeführt werden können oder ob andere Ursachen für die Beschwerden verantwort lich seien, hielt Dr. F.____ fest, dass die grossen Mammae möglicherweise einen ungünstigen Fakt or darstellen und die Beschwer- den unterhalten würden. Alleinige Ursache seien sie jed och nicht. So seien aus rheumatologi- scher Sicht sowohl eine statische wie auch eine degenera tive Störung bestätigt worden. Zu- sammenfassend wurde festgehalten, dass eine Reduktion der Brustmasse den Rücken entlaste und die Trainingsmöglichkeiten verbessere. Gesamthaft sei aber nicht anzunehmen, dass allei- ne aufgrund der Mammareduktionsplastik die angegebenen Beschwerden beseitigt würden. 6.2.5 In den Akten finden sich auch die beiden Verordnu ngen zur Physiotherapie von Dr. E.____ vom 2. September 2014 und vom 5. November 2014. In der ersten Verordnung wird als Diagnose ein BWS-Syndrom (Hohlrundrücken) und eine schwer akzentuierte Mammahyper- trophie, in der zweiten ein BWS-HWS-Syndrom genannt. 7.1 Entgegen der Auffassung des Vertrauensarztes der SW ICA erachtet die Beschwerde- führerin die Ausschöpfung der konservativen Massnahmen sinngemäss als erfüllt. Sie leide seit Jahren an Nacken- und Schulterbeschwerden. Diese habe sie zunächst durch selbstfinanzierte Massagen und später durch Verordnung des Hausarztes physioth erapeutisch behandeln las- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht sen. Da sie zudem nicht adipös sei und von einem Resektions gewicht von 500 g pro Brust aus- gegangen werde, erfülle sie die Voraussetzungen für d ie Kostenübernahme der geplanten Mammareduktionsplastik. Dieser Ansicht ist zu folgen: 7.2.1 Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts muss bei der Vergütung einer Mamma- reduktionsplastik durch die obligatorische Krankenpfleg eversicherung die Frage beantwortet werden, ob konservative Massnahmen, insbesondere Physiothe rapie bei Rückenbeschwerden, eine wirksame alternative Behandlungsmöglichkeit darstellen oder dargestellt hätten. Sei das zu bejahen, bleibe weiter zu prüfen, welche der beiden L eistungen die zweckmässigere sei (vgl. oben E. 3.3 mit Hinweis auf BGE 130 V 299 E. 6.1). 7.2.2 Im vorliegenden Fall steht gestützt auf die vorste hend zitierten Berichte unbestritten fest, dass die Beschwerdeführerin bis zum Zeitpunkt des Ver fügungserlasses, welcher recht- sprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Üb erprüfungsbefugnis bildet (BGE 129 V 4 E. 1.2), bereits verschiedene konservative Massnahmen in Anspruch genommen hat. So hat sie neben einer medikamentösen Behandlung mit Analgetika Massagen und min- destens 2,5 Serien Physiotherapie durchgeführt. Ob sie d amit die konservativen Massnahmen ausgeschöpft hat, kann letztlich aber offenbleiben. Zwar wirkten sich die bereits durchgeführten Therapien positiv auf die Rückenbeschwerden aus, konnten d ieselben aber nicht dauerhaft be- einflussen. Trotzdem empfahlen sowohl Dr. D.____ in seinem Bericht vom 20. Oktober 2014 als auch Dr. F.____ aufgrund seiner Ausführungen vom 20. April 2015 wohl zu Recht zur Linderung der Nacken- und Schulterbeschwerden die Massagetherapie weiterzuführen und diese mit der stabilisierenden Gymnastik zu ergänzen. Wenn Dr. F.____ in der Folge aber zum Schluss kommt, dass die Beschwerden in erster Linie durch Weiterf ührung dieser konservativen Mass- nahmen erfolgreich behandelt werden können, da die R eduktion der Brustmasse den Rücken entlasten, die Beschwerden aber nicht beseitigen würde, kann ihm aufgrund der einleuchtenden Beurteilung des Rheumatologen Dr. D.____ nicht gefolg t werden. Dieser erachtet in Bezug auf den konkreten Einzelfall sowohl den operativen Eingriff als auch die physiotherapeutischen Massnahmen für den angestrebten Heilerfolg und die möglichst vollständi gen Beseitigung der gesundheitlichen Beeinträchtigung als notwendig. Dies i st nachvollziehbar, haben die Nacken- und Schulterbeschwerden der Beschwerdeführerin doch nach gewiesenermassen nicht nur ei- ne, sondern verschiedene Ursachen. Durch die Reduktionsp lastik würden circa 1 kg Fett- und Drüsengewebe reseziert, womit eine der Ursachen der im Vordergrund stehenden Rückenbe- schwerden angegangen und behoben würde. Dies wird im Ü brigen sinngemäss auch von Dr. F.____ bestätigt, der in diesem Zusammenhang auch von einer Entlastung des Rückens spricht. Zwar würden dadurch nicht alle körperlichen Leiden beseitigt. Dies ist aber für d ie An- nahme der Wirksamkeit einer durch die obligatorische Kran kenpflegeversicherung zu überneh- menden Leistung nicht alleine entscheidend. Gemäss Rechtsprechung ist danach zu fragen, ob das Ziel der Behandlung wie zum Beispiel Beschwerdefr eiheit und/oder Wiederherstellung der körperlichen, geistigen und psychischen Funktionalität nam entlich im Hinblick auf die Arbeitsfä- higkeit - objektiv erreichbar ist (vgl. BGE 130 V 299 E. 6.2.1 mit Hinweisen). Dieses Behand- lungsziel ist vorliegend aber mit überwiegender Wahrsch einlichkeit nur realisierbar, wenn - wie Dr. D.____ überzeugend ausführt - bei der Beschwerdef ührerin neben den konservativen Mas- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht snahmen in Form von Physiotherapie und Gymnastik auch eine Mammareduktionsplastik durchgeführt wird. 7.3 Im Lichte dieser Erwägungen steht fest, dass der (T eil-)Kausalzusammenhang zwi- schen der Mammahypertrophie und den Schmerzen im Nacke n-Schultergürtel mit überwiegen- der Wahrscheinlichkeit zu bejahen ist. Da den Akten keine triftigen Hinweise zu entnehmen sind, wonach vorliegend ästhetische Gründe für den nach gesuchten operativen Eingriff im Vor- dergrund stehen, ist die Beschwerdegegnerin unter den konkreten Umständen in Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids zu verpflichten, di e Kosten für die Mammaredukti- onsplastik im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung zu übernehmen. Die Be- schwerde ist daher gutzuheissen. 8. Art. 61 lit. g ATSG bestimmt, dass das Verfahren vor dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb vorliegen d keine Kosten zu erheben. Die aus- serordentlichen Kosten sind wettzuschlagen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der angefoch tene Einsprache- entscheid vom 28. Mai 2015 aufgehoben und die SWICA verpflichtet, die Kosten für die beidseitige Mammareduktionsplastik zu ü berneh- men. 2. Es werden keine Verfahrenskosten übernommen. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht