Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 14. Juli 2022 (720 20 351 / 161) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Keine zwingenden Gründe, um von den Schlussfolgerungen des Gerichtsgutachtens und dessen Ergänzung abzuweichen. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Jürg Pulver, Kantons- richter Beat Hersberger, Gerichtsschreiberin Katja Wagner Parteien A.____, Beschwerdeführer gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.a Der 1978 geborene A.____ meldete sich erstmals am 16. Juli 2005 bei der Eidgenössi- schen Invalidenversicherung (IV) unter Hinweis auf Depr essionen, Suizidalität und andauernde psychotische Zustände zum Leistungsbezug an. Nachdem die IV -Stelle Basel-Landschaft (IV- Stelle) die gesundheitlichen und erwerblichen Verhältnisse, namentlich mit Einholung eines psy- chiatrischen Gutachtens von Dr. med. B.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 14. Au- gust 2006 abgeklärt hatte, sprach sie A.____ mit Verfügung vom 10. Oktober 2007 eine befristete Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht ganze Rente vom 1. Mai 2005 bis 30. November 2005 und eine befristete halbe Rente vom 1. De- zember 2005 bis 31. März 2006 zu. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. A.b Am 14. Juni 2017 meldete sich A.____ unter Hinwei s auf eine psychische Beeinträchti- gung, wiederkehrende Erschöpfungsdepressionen, eine wiederkehrende psychotische Sympto- matik, zwanghafte Suizidgedanken, Suchtprobleme, die Unmöglichkeit, beruflich Fuss zu fassen, Schlafstörungen, sekundär somatische Beschwerden, ein so ziales Stigma und Mobbing erneut zum Leistungsbezug an. Mit Verfügung vom 4. Juni 2018 trat die IV-Stelle auf das Leistungsbe- gehren nicht ein. Zur Begründung machte sie geltend, der Versicherte habe nicht glaubhaft dar- gelegt, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse seit der letzten Verfügung vom 10. Oktober 2007 wesentlich verändert hätten. A.c Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte Beschwe rde beim Kantonsgericht Basel- Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsg ericht), welches die Beschwerde mit Urteil vom 1. November 2018 (Verfahren-Nr. 720 18 22 4 / 302) guthiess und die Beschwerde- gegnerin in Aufhebung der angefochtenen Verfügung an wies, auf das Leistungsbegehren des Versicherten vom 14. Juni 2017 einzutreten. Es erwog, dass die Erstanmeldung des Versicherten mittlerweile knapp dreizehn Jahre zurückliege, weshalb di e Schwelle zur Glaubhaftmachung ei- nes veränderten Gesundheitszustands sehr niedrig anzusetze n sei. Indem sich der Versicherte bei med. pract. C.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, in Behandlung begeben habe, sei er der Aufforderung nachgekommen, sich eine niedergelassene Therapeutin zu suchen. Gestützt auf die Berichte dieser Behandlerin bestünden Hinweise darauf, dass sich der Gesundheitszu- stand des Versicherten verschlechtert haben könnte, womit sich eine spezialärztliche Begutach- tung zur genaueren Abklärung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des Beschwer- deführers aufdränge. A.d In Nachachtung des Kantonsgerichtsurteils veranlasste die IV-Stelle ein Gutachten bei Dr. med. D.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie. Gestützt auf diese weiteren Abklärungen verneinte sie mit Verfügung vom 20. Juli 2020 einen Rentenanspruch mit der Begründung, dass mit Ausnahme einer vorübergehenden, kurzzeitigen Verschlechterung des Gesundheitszustands vom 22. Mai 2017 bis 27. Juni 2017 keine rentenbegründende Verschlechterung der gesundheit- lichen Verhältnisse ausgewiesen sei. B. Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte mit Ein gabe vom 14. September 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht. Darin beantragte er sinngemäss die Aufhebung der angefoch- tenen Verfügung sowie die Zusprache von Rentenleistungen. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, dass das Gutachten von Dr. D.____ aus verschiedenen Gründen nicht über den erfor- derlichen Beweiswert verfüge. C. In ihrer Vernehmlassung vom 15. Oktober 2020 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht D. Anlässlich der Urteilsberatung vom 18. Februar 2021 gelangte das Kantonsgericht zur Auffassung, dass eine abschliessende Beurteilung der Angelegenheit gestützt auf die vorhande- nen medizinischen Akten nicht möglich sei. Das Gericht beschloss deshalb, den Fall auszustellen und zur Klärung des medizinischen Sachverhalts ein Gerichtsgutachten einzuholen. E. Mit Schreiben vom 4. Mai 2021 beauftragte das Kan tonsgericht Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, mit der Erstellung eines p sychiatrischen Gutachtens, welches am 10. Oktober 2021 erstattet wurde. Die Parteien erhielten in der Folge Gelegenheit, sich zum Inhalt des Gutachtens und zur Frage zu äussern, wie sich dessen Ergebnisse auf den Leistungs- anspruch des Versicherten auswirken würden. Mit Eingabe vom 11. November 2021 hielt die IV- Stelle unter Hinweis auf eine Stellungnahme ihres reg ionalen ärztlichen Dienstes (RAD) fest, dass die veranschlagte Arbeitsfähigkeit von 30% akzepti ert werde, womit der Versicherte An- spruch auf eine ganze Rente habe. Die Gutachterin äusse re sich jedoch nicht zum Beginn der Arbeitsunfähigkeit, weshalb diesbezüglich eine Rückfrage an dieselbe erfolgen müsse. Der Be- schwerdeführer verzichtete auf eine entsprechende Stellungnahme. F. Nach sorgfältiger Würdigung des Gutachtens gelangt e der Instruktionsrichter zur Auffas- sung, dass eine Beurteilung der Angelegenheit auf dieser Grundlage nicht möglich sei, weil das Gutachten sich nicht zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit b zw. zum Beginn der attestierten Restar- beitsfähigkeit im Sinne von Ziffer 7 des Fragenkatalogs äussere. Am 1. Dezember 2021 wurde Dr. E.____ daher beauftragt, ergänzend zum retrospektiven Verlauf der Arbeitsfähigkeit Stellung zu nehmen. In ihrer Stellungnahme vom 4. Februar 2022 gelangte Dr. E.____ zum Schluss, dass die attestierte Restarbeitsfähigkeit von 30% seit Febr uar 2019 bestehe. Als Grund nannte sie hierfür zum einen die Tatsache, dass der Versicherte seit diesem Zeitpunkt in diesem Umfang in der für ihn optimal angepassten Tätigkeit im Obdachlosen heim in X.____ arbeitet. Zuvor unter- nommene Versuche, das Arbeitspensum über 30% zu steigern hatten zu einer gesundheitlichen Zustandsverschlechterung geführt. Zum anderen bezifferte die behandelnde Psychiaterin, med. pract. C.____, die Arbeitsfähigkeit des Versicherten im März 2019 mit maximal 50% in geschütz- tem Rahmen. Für den Zeitraum davor mangelte es insbesondere an einer medizinisch echtzeit- lich belegten, dauerhaften, anspruchsrelevanten Arbeitsunfähigkeit. G. Mit Eingabe vom 6. Februar 2022 erklärte sich der V ersicherte mit dem von der Gutach- terin festgelegten Beginn der anspruchsbegründen Arbeitsunfähigkeit als einverstanden. Die Be- schwerdegegnerin machte mit Schreiben vom 3. März 2022 unter Hinweis auf eine weitere Stel- lungnahme ihres RAD vom 21. Januar 2022 geltend, dass n ach wie vor eine herbe Diskrepanz zwischen dem Gesundheitsschaden und der attestierten Arbeitsunfähigkeit bestehe. Auf die Vorbringen der Parteien ist − soweit notwend ig − in den nachfolgenden Erwägungen ein- zugehen. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Auf die beim örtlich und sachlich zuständigen Gerich t und im Weiteren form- und fristge- recht eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 1.2 Am 1. Januar 2022 trat die vom Gesetzgeber am 19. Juni 2020 beschlossene Änderung des IVG ("Weiterentwicklung der IV", WEIV) in Kraft. D ie vorliegend angefochtene Verfügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts (statt vieler : BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 129 V 354 E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 sowi e des Bundesgesetzes über den All- gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 in der bis 31. De- zember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendbar (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Februar 2022, 8C_455/2021, E. 2). Sie werden im Folgenden j eweils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet. 2. Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf eine I nvalidenrente. 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während ei- nes Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig ge- wesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid sind (lit. c). 3.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussich tlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebre- chen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). U nter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be- einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 3.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Gr ad der Invalidität wie folgt abgestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ganze Rente , wenn sie zu mindestens 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60%, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindes- tens 50% und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40% invalid ist. 3.4 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 49 E. 1.2 , 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltend en psychischen Leiden belastenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen ke in Krankheitswert zukommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat voraus, das die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht wesentlich beeinträchtigt. In BGE 143 V 409 und 143 V 418 hat das Bundesgericht entschieden, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem st rukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind. Dieses für somatoforme Leiden entwickelte Vorgehen definiert systematisierte Indikatoren, die – unter Berücksi chtigung von leistungshindernden äusseren Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) ander- seits – erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4 bis 3.6 und 4.1). Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diagnostischen Einord- nung des Leidens, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer recht- lich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbr ingen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen hat (BGE 143 V 409 E . 4.5.2 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2). 3.5 Zu ergänzen ist, dass das Bundesgericht mit BGE 145 V 215 vor dem Hintergrund der Rechtsprechung zur Ausdehnung des strukturierten Beweisve rfahrens gemäss BGE 141 V 281 auf sämtliche psychischen Störungen (BGE 1 43 V 409 und 418) und nach ver- tiefter Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der M edizin die bisherige Rechtsprechung, wonach primäre Abhängigkeitssyndrome bzw. Substanzkonsumstörungen zum vornherein keine invalidenversicherungsrechtlich relevanten Gesundheitsschä den darstellen können und ihre funktionellen Auswirkungen deshalb keiner näheren Abkl ärung bedürfen (BGE 124 V 265 E. 3c, 99 V 28 E. 2; Urteile des Bunde sgerichts vom 11. Februar 2019, 8C_608/2018, E. 3.2.1, und vom 10. April 2018, 9C_6 20/2017, E. 2.2), fallen gelassen hat (E. 5.3.3). Es hat entschieden, dass fortan – gleich wie bei allen anderen psychischen Erkran- kungen – nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermi tteln sei, ob und gegebenenfalls in- wieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyndrom im Einzelfall auf die Arbeits- fähigkeit der versicherten Person auswirke. Dabei könne und müsse im Rahmen des strukturier- ten Beweisverfahrens insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden (E. 6.3). Diesem komme nicht zuletzt deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängigkeitserkrankungen – wie auch bei anderen psychisc hen Störungen – oft eine Gemen- gelage aus krankheitswertiger Störung sowie psychosozialen und soziokulturellen Faktoren vor- liege. Letztere seien auch bei Abhängigkeitserkrankungen auszuklammern, wenn sie direkt ne- gative funktionelle Folgen zeitigen würden (E. 5.3.1). 4. Die vorliegende Angelegenheit betrifft eine Neuan meldung nach rechtskräftiger Zuspra- che einer befristeten Invalidenrente. Im Falle eines Ei ntretens auf eine Neuanmeldung ist nach Art. 87 Abs. 2 und 3 IVV in Verbindung mit Art. 17 A bs. 1 ATSG analog zu einer Rentenrevision zu prüfen, ob sich die tatsächlichen Verhältnisse seit de m Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung in einer für den Anspruch erheblichen Weis e geändert haben (SVR 2011 IV Nr. 2 E. 3.2; BGE 117 V 198 E. 4b). 5.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versi- cherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grund- lage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zuge- mutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 5.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) − wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, s owie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Pro- zess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizin ische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück- sichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der me- dizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c). 5.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). So führte das Bundesgericht zu den Gerichtsgutachten aus, dass das Gericht "nicht ohne zwingende Gründe" von den Einschätzungen des medizinischen Exper- ten abweicht, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu er fassen (BGE 125 V 351 E. 3b/aa). Gleichwohl wie bei Gutachten externer Spezialärzte, welch e von Versicherungsträgern im Ver- fahren nach Art. 44 ATSG eingeholt wurden und den A nforderungen der Rechtsprechung ent- sprechen, darf das Gericht insbesondere einem von ihm ein geholten Gerichtsgutachten vollen Beweiswert zuerkennen, solange "nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit" der Exper- tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4). Schliesslich lässt es die Natur des Begutachtungsauftrags eines amtlich bestellten fachmedizinischen Experten nicht zu (BGE 124 I 170 E. 4 S. 175; Urteil des EVG vom 13. Juni 2001, I 506/00, E. 2b), ein Admi nistrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn andere Ärzte zu an- derslautenden Einschätzungen gelangen (Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil beispielsweise die behandelnden Ärzte wichtige − und nicht rein subjektiver ärzt- licher Interpretation entspringende − Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung uner- kannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteil des Bun desgerichts vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.1 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ver fügung vom 20. Juli 2020 bei der Be- urteilung des medizinischen Sachverhalts und der Frage, ob seit der Verfügung vom 10. Oktober 2007 eine anspruchserhebliche Änderung in den gesundheitlichen Verhältnissen eingetreten ist, im Wesentlichen auf das psychiatrische Gutachten von Dr. D._ ___ vom 3. Juli 2019, wonach mangels Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine vollständige Arbeitsfähigkeit be- stehe. Demzufolge verneinte sie einen Rentenanspruch. Den im Rahmen des Verwaltungsver- fahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehen- der Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Er örterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweiswürdi- gung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl. E. 5.3 hiervor). Anlässlich der in dieser Angelegenheit erfolgten Ur- teilsberatung vom 18. Februar 2021 gelangte das Kantonsgericht nun allerdings zur Auffassung, dass diesem Gutachten keine ausschlaggebende Beweiskraft zukomme. Anlass, an den entspre- chenden Schlussfolgerungen des Gutachtens zu zweifeln, gab insbesondere der Umstand, dass dieses eine dürftige Diskussion bezüglich des Vorliegens der Diagnose einer Persönlichkeitsstö- rung enthielt, wobei es dem Gutachten hierbei namentlich an einer vertieften Auseinandersetzung mit den involvierten Fachpersonen mangelte. Ins Gewicht fiel dabei, dass erstmals im Austritts- bericht der Klinik F.____ vom 13. September 2004 der Verdacht auf eine Persönlichkeit mit selbst- unsicheren und schizotypen Zügen (ICD-10 F21.0) gestellt worden war. Ferner hatte auch der Austrittsbericht der Klinik G.____ vom 6. April 2005 als Austrittsdiagnose den Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung mit selbstunsicheren und schizoiden A nteilen festgehalten. Die gleiche Diagnose hatte sich im Verlaufs- respektive Austrittsber icht der Klinik G.____ vom 28. Oktober 2005 sowie vom 7. Februar 2006 gefunden. Auch die Klinik H.____ hatte mit Austrittsbericht vom 17. Juni 2013 die Diagnose einer "Persönlichkeitsstörung, nicht näher bezeichnet" (ICD-10 F60.9) gestellt, und im Austrittsbericht derselben Institution vom 28. Juni 2017 war erneut von einer "Per- sönlichkeitsstörung, nicht näher bezeichnet", die Rede. S chliesslich hatte auch med. pract. C.____ im Arztbericht vom 4. Dezember 2017 u.a. eine kom binierte Persönlichkeitsstörung mit schizoiden und selbstunsicheren Anteilen (ICD-10 F61) und im Verlaufsbericht vom 27. März 2019 eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emoti onal-instabilen (Borderline) und narziss- tischen Anteilen diagnostiziert. Vor diesem medizinischen Hintergrund vermochten die rudimen- täre Feststellung des Gutachters nicht zu überzeugen, wonach keine Persönlichkeitsstörung vor- liege, weil der Explorand in der Lage gewesen sei, das Gymnasium erfolgreich und – mit Schwie- rigkeiten – ein Studium in Psychologie abzuschliessen. De r Gutachter liess dabei eine umfas- sende berufliche, private und soziale Anamnese vermissen, welche indessen für die Beantwor- tung der Frage nach dem Vorliegen einer Persönlichkeitsst örung unabdingbare Voraussetzung bildet. In diesem Zusammenhang fehlte es dem Gutachte n insbesondere auch an einer rechts- genüglichen Auseinandersetzung mit dem Beziehungsverha lten des Versicherten. Schliesslich gab das Gutachten auch bezüglich der Auseinandersetzung mit einer allenfalls vorliegenden Auf- merksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) Anlass zu konkreten Zweifeln. Dem Gutach- ten mangelte es auch in diesem Kontext an einer Auseina ndersetzung mit den fachärztlichen Feststellungen sowie den erhobenen Testergebnissen. Unte r diesen Umständen war der gut- achterliche Schluss auf eine vollständige Arbeitsfähigkeit nicht nachvollziehbar und in Zweifel zu ziehen. Nach Auffassung des Gerichts vermochten indessen auch die versicherungsinternen Be- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht urteilungen keine verlässliche Entscheidungsgrundlage zu bilden. Nachdem sich dementspre- chend mit Beschluss des Kantonsgerichts vom 18. Februar 20 21 die Einholung eines gerichtli- chen Gutachtens als unerlässlich erwiesen hatte, steht nunmehr das gerichtliche Gutachten von Dr. E.____ vom 10. Oktober 2021 im Zentrum der medizinischen Beurteilung. 6.2 In diesem Gutachten werden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit selbstunsicheren, zwanghaften und emotional-instabilen (vom Border- line Typ) Zügen (ICD-10 F61.0), "psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol, schädlicher Gebrauch" (ICD-10 F10.1), "psychische und Verhaltensstörungen durch andere Stimulantien ein- schliesslich Koffein, schädlicher Gebrauch" (ICD-10 F15.1) sowie eine einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0) diagnostiziert. Hierzu hielt die Gutachterin zusammen- fassend fest, der Versicherte sei unter äusserlich versorgenden und zugewandten Verhältnissen aufgewachsen. Der Versicherte beschreibe seine Kindheit jedoch trotzdem unter dem Einfluss von impulsiven Handlungen beider Eltern gegenüber den Kindern. Hereditär sei er deutlich durch psychische Erkrankungen belastet. Für sein Psychologiestudium habe er übermässig lange Zeit benötigt, er habe es jedoch nach zehn Jahren mit ei nem Bachelor-Titel abschliessen können. Bereits während des Studiums, also im frühen Erwachsen enalter, sei der Versicherte in psychi- atrischer Behandlung gewesen, mehrfach auch krisenmässig au fgrund akuter Suizidalität bzw. durchgeführter Suizidversuche. Eine dauerhafte Beziehung habe der Versicherte nie geführt. Nach zwei Klinikaufenthalten im Jahr 2005 sei der Versicherte in ein betreutes Wohnen eingetre- ten. Er sei wiederholt in ambulanter psychiatrischer Behandlung gewesen. Den Akten sei zu ent- nehmen, dass es sich um mindestens vier verschiedene psychia trisch-psychotherapeutische Therapien gehandelt habe. Im Vordergrund habe dabei stets der Verdacht auf eine Persönlich- keitsstörung bzw. eine ADHS gestanden. Zur Differenzialdi agnose einer ADHS sei zu sagen, dass sich viele Symptome der beiden Störungen überschneid en würden. Aufgrund der ausge- prägten sozialen Defizite des Versicherten sei jedoch die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung als Hauptdiagnose zu stellen, ohne dass die Diagnose einer ADHS gänzlich als weitere Diagnose auszuschliessen sei. Die Diagnose einer ADHS sei zuminde st lege artis in der Klinik H.____ im Jahr 2017 gestellt worden. Trotz des Studienabschlusses in Psychologie sei es dem Versicherten nicht gelungen, im Berufsleben Fuss zu fassen. Selbst te mporäre Arbeiten seien immer wieder nach kurzer Zeit abgebrochen worden. Gemäss Abschlussberi cht zu den Eingliederungsmass- nahmen hätten beim Versicherten immer wieder verschieden e berufliche Pläne bestanden, die er jedoch nicht dauerhaft habe verfolgen und umsetzen können. Dem Versicherten falle nament- lich auch die Selbststrukturierung schwer, eine Fähigke it, die an jedem Arbeitsplatz im ersten Arbeitsmarkt verlangt werde. Im Rahmen der durchgeführt en psychiatrischen und psychothera- peutischen Behandlungen seien verschiedene Therapiemetho den angewandt worden, welche zwar zu einer gewissen Stabilisierung, namentlich der affektiven Situation, geführt, jedoch an der grundsätzlichen Strukturproblematik des Versicherten nichts geändert hätten. Beim Versicherten bestehe eine mittelgradige bis schwere strukturelle Stö rung. Es fände sich beim Versicherten eine mässig integrierte Selbstreflexion. Der Versicherte sei intelligent, es existiere indessen noch immer kein kohärentes Bild von sich selbst und seiner inneren Situation. Affekte würden wahrge- nommen, könnten aber nicht differenziert geschildert w erden. Symptome von Entfremdung, Af- fektleere und Depression würden geschildert. Das Gefühl einer konstanten psychosexuellen Aus- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht richtung im Sinne einer Identität sei für den Versicherten nicht verfügbar. Andere Personen wür- den in Extremen erlebt, besonders gut oder besonders schlecht. Impulse seien schlecht integriert, könnten nicht aufgeschoben oder durch ein differenziertes handlungsleitendes Wertesystem auf- gefangen werden. Aggressive Tendenzen würden in selbst- u nd fremddestruktiven Handlungen münden. Die Beziehungslosigkeit werde in übermässigem Ma sse sexualisiert. Negative Affekte hätten überflutenden Charakter und würden ungesteuert es impulsives Verhalten auslösen. Das Selbstwertgefühl sei fragil, was sich in grosser Kränkbarkeit äussere. Es bestünden Entwertung, Gereiztheit, Beziehungsabbruch und die Unfähigkeit, eigene Grenzen zu akzeptieren. Insgesamt bestehe beim Versicherten ein gering integriertes Persönlichkeitsniveau, was das Vorliegen der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sichere. Zur Frage der Arbeitsfähigkeit führte die Gutachteri n aus, dass beim Versicherten keine ange- stammte Tätigkeit im engeren Sinne bestehe. Er habe zw ar ein Psychologiestudium absolviert, jedoch in diesem Beruf nie wirklich gearbeitet. Die letzte längere Tätigkeit sei diejenige als Prak- tikant im sozialpädagogischen Bereich gewesen. Angesichts seiner fehlenden Impulskontrolle er- fülle er die Anforderungen an eine solche Tätigkeit nicht. Beim Versicherten würden sich hochak- tive Phasen, in denen er eher überschiessende Energie ha be, mit Phasen von innerer Leere abwechseln. Letztere seien in den Berichten als depressi ve Phasen bezeichnet worden. Ihres Erachtens seien diese jedoch Ausdruck der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung. Im Rah- men der hochaktiven Phasen sei der Versicherte noch weniger in der Lage, seine Triebe zu steu- ern und zu kontrollieren. Diese Phasen hätten auch star ke Auswirkungen auf sein Sozialverhal- ten. Somit seien auch die Umstellungsfähigkeit und die Flexibilität beim Versicherten mittelgradig bis schwer beeinträchtigt. Auch die Durchhaltefähigkeit sei wechselhaft. Tage, an denen der Ver- sicherte in der Lage sei, auch längerfristig an einer Aufgabe zu sitzen, würden sich mit Tagen abwechseln, in denen er nicht fähig sei, das von ihm V erlangte zutun. Aktuell arbeite der Versi- cherte als Küchenhilfe in einer Einrichtung für Obdachlose in X.____. Er erledige dort immer die- selben Arbeiten (Salat rüsten und anrichten sowie Kaffeemaschine bedienen). Medizinisch-theo- retisch sei beim Versicherten von einer Arbeitsfähigkeit in der angepassten Tätigkeit als Hilfsar- beiter in einer sozialen Institution ohne inhaltlichen und sozialen Druck von 30% auszugehen. Diese Arbeitsfähigkeit sei ein Produkt von Anwesenheit und Leistung. Für die Reduktion der Ar- beitsfähigkeit besonders bedeutsam sei die Inkonstanz d er Leistungen aufgrund der emotional wechselhaften Situation, in der der Versicherte nicht in der Lage sei, sich anzupassen, und in keiner Weise flexibel sei. Die Arbeitsfähigkeit in der angestammten und in einer angepassten Tätigkeit würde sich nicht unterscheiden. Die Tätigkeit als Küchenhelfer sei als ideal zu betrach- ten. 6.3 Nach sorgfältiger Würdigung des Gutachtens ist der I nstruktionsrichter zur Auffassung gelangt, dass eine Beurteilung der Angelegenheit auf dieser Grundlage nicht möglich sei, weil das Gutachten sich nicht zum retrospektiven Verlauf der Arbeitsfähigkeit äussere. Am 1. Dezem- ber 2021 ist Dr. E.____ daher um eine ergänzende Stellungnahme gebeten worden. Mit Schrei- ben vom 4. Januar 2022 hielt Dr. E.____ hierzu fest, d ass sie sich bei ihrer Aussage auf die ihr vorliegenden Akten bis 2019, die Anamnese und die Aussagen des Versicherten stütze, nachdem der Versicherte im Verlauf keine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung mehr in Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Anspruch genommen habe. Im April 2018 sei eine Stando rtbestimmung durch das KIGA Basel- land bezüglich Vermittelbarkeit und Arbeitsfähigkeit vorgenommen worden. Dort sei erwähnt wor- den, dass der Versicherte Mühe habe, sich an Regeln und Routinen zu halten. Ein Bürofachkurs in geschütztem Rahmen sei empfohlen worden. Die Arbeitsfähigkeit sei nicht quantifiziert worden. Im März 2019 habe die behandelnde Psychiaterin, med. pr act. C.____, die Arbeitsfähigkeit des Versicherten mit maximal 50% in geschütztem Rahmen beurte ilt. Der Versicherte habe ab Feb- ruar 2019 im Obdachlosenheim in X.____ gearbeitet. Zuvor (2018) habe er eine berufliche Wie- dereingliederung im Bürofachbereich bei der Stiftung I.____ und in der Arbeitsintegration J.____ absolviert. Arbeitspensen von über 30%, die der Versicherte einige Male versucht habe (Mitte Juli 2019 bis März 2020, 40% Arbeitspensum in ungelernter K üchenarbeit, ehrenamtlich), hätten je- weils wieder zu einer gesundheitlichen Zustandsverschlechterung geführt. Im Rahmen der Ver- schlechterung sei es jeweils wieder zu mehr Fehlzeiten und krankheitsbedingten Absenzen sowie zu einer qualitativen Verschlechterung bei der Arbeit gekommen. Aus diesem Grund sei als Be- ginn dieser Einschätzung Februar 2019 (Beginn der Arb eit im Obdachlosenheim) zu nennen. Diese Arbeit könne der Versicherte nun über einen längeren Zeitraum zuverlässig ausführen. 6.4 Das zitierte Gerichtsgutachten von Dr. E.____ vom 10. Oktober 2021 erfüllt mit dessen Ergänzung vom 4. Januar 2022 alle rechtsprechungsgemäss en Anforderungen an ein beweis- kräftiges Gerichtsgutachten. Nachdem sich die begutachten de Psychiaterin im Rahmen ihrer Stellungnahme vom 4. Januar 2022 nunmehr eingehend zum retrospektiven Verlauf der Arbeits- fähigkeit geäussert hat, weist die gerichtliche Begutachtung weder formale noch inhaltliche Män- gel auf und ist – wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 5.2 hiervor) – für die streitigen Belange umfassend. Die darin dargelegten medizinischen Zusammenhänge sowie die jeweils vorgenommenen Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar un d überzeugend. Die Gutachterin hat den Versicherten persönlich untersucht, eine umfassende Anamnese erhoben und geht ein- lässlich auf seine Angaben und Beschwerden ein. Sie setzt sich zudem fundiert mit den bei den Akten liegenden medizinischen Berichten auseinander und begründet abweichende Einschätzun- gen in überzeugender Weise. Die Gerichtsgutachterin vermag dabei namentlich anhand einer ausführlichen Diskussion der in- nerpsychischen Struktur des Versicherten und einer eingehenden Würdigung der Berufs-, Sozial- und Familienanamnese schlüssig zu begründen, dass die für eine Persönlichkeitsstörung zentra- len Kriterien anhand der zur Verfügung stehenden Akten und Informationen als erfüllt betrachtet werden können. In Bezug auf die Differenzialdiagnose ADHS legt sie ferner nachvollziehbar dar, dass sich die Symptome der beiden Störungen überschneiden würden, der Persönlichkeitsstö- rung indessen als Hauptdiagnose der Vorrang zu geben sei, wenngleich eine ADHS als weitere Diagnose nicht vollständig auszuschliessen sei. Hierbei ist daran zu erinnern, dass für die Be- lange der Invalidenversicherung nicht die Diagnose, sondern insbesondere die sozial-praktische Auswirkung der Erkrankung, mithin die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit, mass- gebend ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. April 2019, 9C_184 /2019, E. 4.2 und vom 27. September 2017, 8C_820/2016, E. 5.4). Aufgrund einer sorgfältigen Diskussion der das Leistungsvermögen abbildenden ICF-Kriterien schliesst die Gutachterin di esbezüglich auf eine mittelschwere bis schwere Beeinträchtigung des Funktionsniveaus in allen Lebensbelangen. Unter Hinweis auf die divergierenden Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit, insbesondere das Gutachten von Dr. D.____ Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht vom 3. Juli 2019, legt sie sodann plausibel dar, weshalb eine geringere Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit nicht begründet werden könne. Dabei hebt sie die zahlreichen psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungen hervor und weist darauf hin, dass diese, mit Aus- nahme einer gewissen Stabilisierung der affektiven Sit uation, an der grundsätzlichen Struktur- problematik des Versicherten nichts geändert hätten. Anhand einer eingehenden Diskussion der Standardindikatoren, welche eine umfassende Würdigung der psychosozialen Belastungsfakto- ren und Ressourcen des Versicherten umfasst (vgl. hierzu ausführlich Gutachten S. 29 ff.), ge- langt sie schliesslich überzeugend zum Schluss, dass beim Versicherten nur noch eine Arbeits- fähigkeit von 30% besteht. Insgesamt sind die medizinisch-diagnostischen Feststellungen im Gut- achten bzw. namentlich die daraus resultierenden Schlussfolgerungen betreffend die funktionelle Leistungsfähigkeit umfassend und plausibel begründet worden, und es ergibt sich ein lückenloses Bild der Gesundheitsschädigung und der Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit des Versicherten. In ihrer ergänzenden Stellungnahme vom 4. Januar 2022 legt die Gutachterin ebenso überzeu- gend dar, dass diese Arbeitsfähigkeit seit der Aufnahm e der Tätigkeit im Obdachlosenheim an- genommen werden könne. Diese Beurteilung steht im Ein klang mit der Aktenlage. Wenngleich sich die gesundheitlichen Beeinträchtigungen zweifellos bereits zu einem früheren Zeitpunkt ma- nifestiert haben dürften, fehlt es − namentlich mange ls erneut in Anspruch genommener psychi- atrischer oder psychotherapeutischer Behandlungen − für d en Zeitraum davor an einer medizi- nisch echtzeitlich belegten, dauerhaften, anspruchsrelevanten Arbeitsunfähigkeit. 6.5 In ihrer Stellungnahme zum Gerichtsgutachten vom 11. November 2021 anerkannte die Beschwerdegegnerin die im Gutachten ermittelte Arbeitsfähigkeit von 30% und vertrat unter Vor- nahme eines Einkommensvergleichs den Standpunkt, dass der Versicherte Anspruch auf eine ganze Rente habe. Nachdem Dr. E.____ sich mit ergänzend er Stellungnahme vom 4. Januar 2022 zum anspruchsrelevanten Beginn der Arbeitsunfähig keit geäussert hatte, verwies die Be- schwerdegegnerin mit Schreiben vom 3. März 2022 auf ei ne Stellungnahme ihres RAD vom 21. Januar 2022, wonach nach wie vor eine herbe Diskre panz zwischen Gesundheitsschaden und attestierter fast voller Arbeitsunfähigkeit bestehe. Sofern das Gericht jedoch der Auffassung sei, dass der Versicherte Anspruch auf eine ganze Rente (im Sinne der von ihr im Schreiben vom 11. November 2021 vorgenommenen Berechnungen) habe, so könne der Beginn der Arbeitsun- fähigkeit gemäss den Ausführungen von Dr. E.____ auf Februar 2019 festgelegt werden. Unter Berücksichtigung des vorstehend Dargelegten zielt de r Hinweis der Beschwerdegegnerin in ihrer Stellungnahme vom 3. März 2022, demzufolge e ine herbe Diskrepanz zwischen dem Gesundheitsschaden und der attestierten Arbeitsunfähigkeit bestehe, ins Leere. Dies umso mehr, als sie bzw. ihr RAD anhand dieses pauschalen Hinweises nicht näher darlegt, worin diese Dis- krepanz bestehen soll. Eine normale oder überdurchschnit tliche Intelligenz steht der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung jedenfalls nicht entgegen. Gleichermassen verhält es sich für die tadellose Kooperation bzw. das gezeigte Verhalten in d er Untersuchung, zumal Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung sich in der Untersuchungssitua tion bekanntermassen oft nicht zu ihren − vielleicht gar nicht ohne weiteres bewussten − De fiziten bekennen können. Die Kritik des RAD erschöpft sich schliesslich in einer isolierten Hervorhebu ng einzelner Befunde, ohne sich dabei mit den im Gesamtkontext getätigten gutachterlichen Ausführungen auseinanderzusetzen Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht oder Aspekte zu benennen, die bei der gutachterlichen U ntersuchung unerkannt oder ungewür- digt geblieben wären. 7. Wie oben ausgeführt (vgl. E. 5.3 hiervor), weicht das Gericht bei einem Gerichtsgutach- ten nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Experten ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit z ur Verfügung zu stellen, um einen be- stimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Solche zwingenden Gründe liegen im vorliegen- den Fall keine vor, weshalb kein Anlass besteht, von den Ergebnissen des zitierten Gerichtsgut- achtens und dessen Ergänzung abzuweichen. Für die Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des Versicherten kann demnach auf das überzeugende Gutachten von Dr. E.____ vom 10. Oktober 2021 einschliesslich der Ergänzung vom 4. Januar 2022 abgestellt wer- den, in welchem die Gutachterin zum nachvollziehbaren E rgebnis gelangt ist, dass beim Versi- cherten seit Februar 2019 nur noch eine Arbeitsfähigkeit von 30% besteht. 8.1 Zu prüfen bleiben die erwerblichen Auswirkungen de r gesundheitlichen Beeinträchti- gung. Gemäss Art. 16 ATSG hat die Invaliditätsbemessung bei erwerbstätigen Versicherten auf- grund eines Einkommensvergleichs zu erfolgen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die ver- sicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behand- lung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgegli- chener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkomme n), in Beziehung gesetzt zum Er- werbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in valid geworden wäre (Validenein- kommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegen- übergestellt werden. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgrad bestimmen (all- gemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 128 V 30 E. 1). Dabei ist in zeitlicher Hin- sicht grundsätzlich auf die Gegebenheiten im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns ab- zustellen (BGE 129 V 222, 128 V 174). Dem Gutachten von Dr. E.____ zufolge besteht die Be- einträchtigung der Arbeitsfähigkeit im attestierten Umfang seit Februar 2019. Damit kommt der Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG unter Berück- sichtigung des auf den besagten Monat festgelegten Beginns des Wartejahres auf den 1. Februar 2020 zu liegen. 8.2 Nachdem die Beschwerdegegnerin von einer fehlende n rechtserheblichen Verschlech- terung des Gesundheitszustands ausgegangen war, hat sie in ihrer Verfügung vom 20. Juli 2020 auf die Durchführung eines Einkommensvergleichs verzichtet. In ihrer Stellungnahme vom 11. November 2021, mit der sie die gutachterlich festgestellte Arbeitsunfähigkeit zunächst explizit anerkannt hatte (vgl. E. 6.5 hiervor), ermittelte sie das Valideneinkommen anhand der gutachter- lichen Ausführungen, wonach der Versicherte als letzte l ängere Tätigkeit ein Praktikum im sozi- alpädagogischen Bereich absolviert habe. Gestützt auf die Tabelle TA1, Sektor Gesundheits- und Sozialwesen, Kompetenzniveau 1, Spalte Männer, der Schw eizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) 2018 errechnete sie unter Berücksichtigung der wöchentlichen Arbeitszeit von 41,6 Stun- den ein Valideneinkommen in der Höhe von Fr. 67'242.--. Ausgehend von einer Arbeitsfähigkeit von 30% als Hilfsarbeiter hat die Beschwerdegegnerin gestützt auf die Tabelle TA1, Privater Sek- tor Total, Kompetenzniveau 1, Spalte Männer, der LSE 2018, ein Invalideneinkommen von Fr. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht 19'314.-- ermittelt. Hierbei berücksichtigte sie zusätzlich einen Teilzeitabzug von 5%. Anhand der Gegenüberstellung der Vergleichseinkommen resultierte ein Invaliditätsgrad von 71% und damit ein Anspruch auf eine ganze Rente. Das Valideneinkom men wie auch die massgebenden Be- rechnungsgrundlagen des Invalideneinkommens sind nicht zu beanstanden, weshalb vorliegend darauf abgestellt werden kann. Auch der Beschwerdeführ er hat diesbezüglich keine Einwände vorgebracht. Anzumerken bleibt lediglich, dass die Beschwe rdegegnerin die Nominallohnent- wicklung ausser Acht gelassen hat. Nach Anpassung der Beträge an die Nominallohnentwicklung resultiert im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns (Februar 2020) ein Valideneinkomm- men in der Höhe von Fr. 69’181.-- (Tabellen BFS T1.15, jeweils Nominallohnindex Gesundheits- und Sozialwesen, Männer, 2016-2020, Jahr 2019 [-0,5% ], Jahr 2020 [3,4%]) und ein Invaliden- einkommen von Fr. 19'643.-- (Tabellen BFS T1.1.15, je weils Nominallohnindex Männer, 2016- 2020, Jahr 2019 [0.9%], Jahr 2020 [0,8%]), womit es jedoch bei einem Invaliditätsgrad von 71% und damit bei einem Anspruch auf eine ganze Rente b leibt. Gleichermassen verhält es sich im Übrigen auch ohne Berücksichtigung eines Teilzeitabzugs von 5%. 9. Im Ergebnis ist die Beschwerde vom 14. September 202 0 demnach gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung der IV-Stelle vom 20. Juli 2020 ist aufzuheben und es ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer ab 1. Februar 2020 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat. 10.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Die Ver- fahrenskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 VPO in de r Regel in angemessenem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. In casu hat deshalb die IV-Stelle als unterliegende Partei die Verfahrenskosten zu tragen. Die Verfahrenskosten in der H öhe von Fr. 800.-sind somit der IV- Stelle aufzuerlegen. 10.2 Im Zusammenhang mit den Kosten für die gerichtlich e Begutachtung ist Art. 45 Abs. 1 ATSG zu beachten. Dieser Bestimmung zufolge hat der Versicherungsträger die Kosten der Ab- klärung zu übernehmen, soweit er die Massnahmen angeordnet hat. Hat er keine Massnahmen angeordnet, so hat er deren Kosten dennoch zu überne hmen, wenn die Massnahmen für die Beurteilung des Anspruchs unerlässlich waren oder Bestand teil nachträglich zugesprochener Leistungen bildeten. Wie das Bundesgericht in BGE 137 V 210 entschieden hat, sind in jenen Fällen, in denen zur Durchführung der vom Gericht al s notwendig erachteten Beweismassnah- men an sich eine Rückweisung in Frage käme, eine solche indessen mit Blick auf die Wahrung der Verfahrensfairness entfällt, die Kosten der durch das Gericht in Auftrag gegebenen MEDAS- Begutachtung den IV-Stellen aufzuerlegen (das soeben zi tierte Urteil E. 4.4.2). Vorliegend war das Kantonsgericht anlässlich seiner Urteilsberatung vom 1 8. Februar 2021 zum Ergebnis ge- langt, dass ein Sachentscheid gestützt auf die damals vorhandene Aktenlage nicht möglich war. Es kann in dieser Hinsicht vollumfänglich auf die Erwägungen im Beschluss des Kantonsgerichts Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht vom 18. Februar 2021 verwiesen werden (vgl. auch E. 6.1 hiervor). In Anbetracht der dort erwo- genen Umstände war die gerichtliche Begutachtung durch Dr. E.____ nicht nur angezeigt, son- dern unerlässlich. Es tritt hinzu, dass das Gerichtsgutach ten und dessen Ergänzung vom 4. Ja- nuar 2022 nunmehr zweifellos die Grundlage für die d em Beschwerdeführer zuzusprechende Invalidenrente bildet. Im Lichte der geschilderten Rechtsprechung sind die daraus resultierenden Kosten, welche sich gemäss Honorarrechnung vom 12. Oktober 2021 insgesamt auf Fr. 4'200.-- belaufen, demnach der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die angefoch tene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 20. Juli 2020 wird auf gehoben und es wird festgestellt, dass der Beschwerdeführer ab 1. Febru ar 2020 An- spruch auf eine ganze Invalidenrente hat. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung in de r Höhe von Fr. 4’200.- - werden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. http://www.bl.ch/kantonsgericht