<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 199</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Taxirecht</span> <span class="page_no">199</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VII. Taxirecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>50</b></span> <span class="ft2"><b>Taxiwesen; Voraussetzungen der Vergabe von Standplätzen</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Ein Taxireglement des Gemeinderates mit einer generellen Bewilli-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gungspflicht für das Anbieten von Taxifahrten ist verfassungswidrig.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Gestützt auf das Baugesetz kann der Gemeinderat die Benützung öf-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fentlicher Standplätze einer Bewilligungspflicht unterstellen.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Ein guter Leumund ist ein zulässiges Kriterium bei der Vergabe ei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nes Taxistandplatzes auf öffentlichem Grund.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 20. Mai 2011 in Sachen A.</span><br/> <span class="ft5">gegen Stadtrat B. und Departement Volkswirtschaft und Inneres</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2011.35).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">1.</span><br/> <span class="ft7">1.1.</span><br/> <span class="ft7">Art. 50 Abs. 1 BV gewährleistet die Gemeindeautonomie nach</span><br/> <span class="ft7">Massgabe des kantonalen Rechts. Gemäss § 106 Abs. 1 KV sind die</span><br/> <span class="ft7">Gemeinden im Rahmen von Verfassung und Gesetz befugt, sich</span><br/> <span class="ft7">selbst zu organisieren, ihre Behörden und Beamten zu wählen, ihre</span><br/> <span class="ft7">Aufgaben nach eigenem Ermessen zu erfüllen und ihre öffentlichen</span><br/> <span class="ft7">Sachen selbständig zu verwalten. Nach der Praxis des Bundesge-</span><br/> <span class="ft7">richts liegt Gemeindeautonomie dort vor, wo das kantonale Recht</span><br/> <span class="ft7">einen Sachbereich nicht abschliessend ordnet, sondern ihn ganz oder</span><br/> <span class="ft7">teilweise der Gemeinde zur Regelung überlässt und der Gemeinde</span><br/> <span class="ft7">dabei einen relativ erheblichen Entscheidungsspielraum einräumt</span><br/> <span class="ft7">(BGE 129 I 294, 320 und 413, je mit Hinweisen; 128 I 7 f. mit Hin-</span><br/> <span class="ft7">weisen; 126 I 136 mit Hinweisen; 124 I 226 f. mit Hinweisen; 122 I</span><br/> <span class="ft7">290 mit Hinweisen; AGVE 2003, S. 470 mit Hinweisen; Ulrich</span><br/> <span class="ft7">Häfelin / Georg Müller / Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungs-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">200</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">recht, 6. Auflage, Zürich / Basel / Genf 2010, Rz. 1392 mit Hinwei-</span><br/> <span class="ft7">sen). Ob und wieweit eine Gemeinde in einem gewissen Bereich au-</span><br/> <span class="ft7">tonom ist, bestimmt sich also nach dem kantonalen Verfassungs- und</span><br/> <span class="ft7">Gesetzesrecht (BGE 129 I 413 mit Hinweisen; AGVE 2003, S. 470;</span><br/> <span class="ft7">Ulrich Häfelin / Georg Müller / Felix Uhlmann, a.a.O., Rz. 1393 mit</span><br/> <span class="ft7">Hinweisen). Im Kanton Aargau enthält dieses über das Taxiwesen</span><br/> <span class="ft7">keine Vorschriften. Insofern fällt die Reglementierung des Taxiwe-</span><br/> <span class="ft7">sens in den Kompetenzbereich der Gemeinden (AGVE</span> <span class="ft7">2003,</span><br/> <span class="ft7">S. 470).</span><br/> <span class="ft7">1.2.</span><br/> <span class="ft7">In der Stadt B. ist das Taxiwesen im Reglement über das Taxi-</span><br/> <span class="ft7">wesen vom 1. Dezember 2005 (nachfolgend: Reglement über das</span><br/> <span class="ft7">Taxiwesen) geregelt. Die gewerbsmässige Personenbeförderung mit</span><br/> <span class="ft7">Taxifahrzeugen bedarf einer Betriebsbewilligung des Stadtrats; diese</span><br/> <span class="ft7">wird auf den Namen des Betriebsinhabers ausgestellt und ist nicht</span><br/> <span class="ft7">frei übertragbar (§ 1 Abs. 1 Reglement über das Taxiwesen). Die Be-</span><br/> <span class="ft7">willigungsvoraussetzungen, die Dauer sowie der Entzug der Be-</span><br/> <span class="ft7">triebsbewilligung sind in den §§ 3-7 des Reglements über das Taxi-</span><br/> <span class="ft7">wesen geregelt:</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">1.3.</span><br/> <span class="ft7">Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu Art. 27 BV</span><br/> <span class="ft7">stellt die Statuierung einer Bewilligungspflicht für die Ausübung</span><br/> <span class="ft7">eines Berufes einen schweren Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit dar</span><br/> <span class="ft7">und bedarf zumindest hinsichtlich ihrer Grundzüge stets einer ge-</span><br/> <span class="ft7">setzlichen Grundlage im formellen Sinn (Urteil des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft7">vom 26. Februar 2010 [2C_564/2009], Erw. 7.1).</span><br/> <span class="ft7">Die Vorinstanz hat festgehalten, dass das Taxireglement der</span><br/> <span class="ft7">Stadt B. vom Stadtrat und nicht vom Einwohnerrat erlassen worden</span><br/> <span class="ft7">sei. Daher sei festzustellen, dass diejenigen Bestimmungen im Regle-</span><br/> <span class="ft7">ment, welche an eine generelle Bewilligungspflicht für die gewerbs-</span><br/> <span class="ft7">mässige Personenbeförderung in der Stadt B. anknüpfen, verfas-</span><br/> <span class="ft7">sungswidrig seien. Dies betreffe insbesondere die Bestimmungen</span><br/> <span class="ft7">über die Betriebsbewilligung B, welche zum Anbieten von Taxifahr-</span><br/> <span class="ft7">ten ab privaten Standplätzen berechtige. Das Beschwerdeverfahren</span><br/> <span class="ft7">betreffe jedoch nicht die Erteilung der Bewilligung als solche, son-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Taxirecht</span> <span class="page_no">201</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">dern die Zuteilung von Standplätzen auf öffentlichem Grund bzw. die</span><br/> <span class="ft7">Betriebsbewilligung A, welche zum Anbieten von Taxifahrten ab</span><br/> <span class="ft7">zugeteilten öffentlichen Standplätzen berechtige.</span><br/> <span class="ft7">1.4.</span><br/> <span class="ft7">Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann sich auf die</span><br/> <span class="ft7">Wirtschaftsfreiheit berufen, wer zur Ausübung eines Gewerbes</span><br/> <span class="ft7">öffentliche Sachen zum gesteigerten Gemeingebrauch beansprucht.</span><br/> <span class="ft7">Bei der Gewährung von A-Taxi-Bewilligungen handelt es sich um</span><br/> <span class="ft7">die Bewilligung zur Ausübung eines gesteigerten Gemeingebrauchs,</span><br/> <span class="ft7">wobei den kommunalen und kantonalen Behörden ein weiter Ermes-</span><br/> <span class="ft7">sensspielraum zukommt. Eine Einschränkung der Wirtschaftsfreiheit</span><br/> <span class="ft7">ergibt sich bei A-Taxi-Bewilligungen aus der Tatsache, dass die Zahl</span><br/> <span class="ft7">der Standplätze nicht beliebig erhöht werden kann, was eine Be-</span><br/> <span class="ft7">schränkung der Bewilligungszahl pro Bewerber und nötigenfalls so-</span><br/> <span class="ft7">gar eine Auswahl unter den Bewerbern erfordert. Aufgrund der Be-</span><br/> <span class="ft7">nützung des öffentlichen Grundes, welche der kantonalen und kom-</span><br/> <span class="ft7">munalen Gesetzgebung unterliegt, sind die Gemeinden und Kantone</span><br/> <span class="ft7">somit befugt, durch Gesetze (im materiellen Sinne) die Wirtschafts-</span><br/> <span class="ft7">freiheit von Taxi-Haltern in verschiedener Hinsicht zu beschränken</span><br/> <span class="ft7">(vgl. BGE 108 Ia 135, Erw. 3). Nach Art. 36 BV müssen die Ein-</span><br/> <span class="ft7">griffe insbesondere im öffentlichen Interesse liegen und den Grund-</span><br/> <span class="ft7">satz der Verhältnismässigkeit wahren. Nach Art. 9 BV muss der</span><br/> <span class="ft7">Eingriff ferner auf sachlich vertretbaren Kriterien beruhen. Der in der</span><br/> <span class="ft7">Wirtschaftsfreiheit enthaltene Grundsatz der Gleichbehandlung von</span><br/> <span class="ft7">Gewerbegenossen, welcher sich auf das Verhältnis zwischen direkten</span><br/> <span class="ft7">Konkurrenten bezieht, ist ebenfalls zu beachten (Urteil des Bundes-</span><br/> <span class="ft7">gerichts vom 26. Februar 2010 [2C_564/2009]).</span><br/> <span class="ft7">1.5.</span><br/> <span class="ft7">Das vom Stadtrat B. erlassene Reglement über das Taxiwesen</span><br/> <span class="ft7">vom 1. Dezember 2005 wurde auf § 37 des Gesetzes über die Ein-</span><br/> <span class="ft7">wohnergemeinden vom 19. Dezember 1978 (Gemeindegesetz;</span><br/> <span class="ft7">SAR 171.100) und die §§ 103 und 104 BauG abgestützt. Das Bun-</span><br/> <span class="ft7">desgericht hat im Entscheid 2C_564/2009 vom 26. Februar 2010 be-</span><br/> <span class="ft7">treffend eine aargauische Gemeinde festgehalten, der Stadtrat könne</span><br/> <span class="ft7">als kommunale Exekutivbehörde gestützt auf das kantonale Bauge-</span><br/> <span class="ft7">setz die Benützung eines Standplatzes gestatten oder die Bewilligung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">202</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">hierzu verweigern und hierzu sachdienliche Kriterien entwickeln.</span><br/> <span class="ft7">Das Reglement über das Taxiwesen der Stadt B. setzt für die Bewilli-</span><br/> <span class="ft7">gungserteilung zur Benutzung von öffentlichen Standplätzen unter</span><br/> <span class="ft7">anderem Handlungsfähigkeit, einen guten Leumund sowie die per-</span><br/> <span class="ft7">sönliche Eignung des Bewerbers voraus. Aufgrund der beschränkt</span><br/> <span class="ft7">zur Verfügung stehenden Standplätze war der Stadtrat berechtigt, die</span><br/> <span class="ft7">Bewilligungsvoraussetzungen im Reglement zu umschreiben. Diese</span><br/> <span class="ft7">Bewilligungspflicht steht dem bedingten Anspruch der Bewerber auf</span><br/> <span class="ft7">Zuteilung eines Standplatzes und damit der Ausübung des gesteiger-</span><br/> <span class="ft7">ten Gemeingebrauchs an einer öffentlichen Sache nicht entgegen.</span><br/> <span class="ft7">Die rechtliche Grundlage im Reglement, welche sich auf das Bauge-</span><br/> <span class="ft7">setz abstützen kann, erweist sich aufgrund der darin enthaltenen</span><br/> <span class="ft7">Vorgaben zudem als genügend bestimmt und zur Einschränkung der</span><br/> <span class="ft7">Wirtschaftsfreiheit als ausreichend.</span><br/> <span class="ft7">2.</span><br/> <span class="ft7">2.1.-2.4. (...)</span><br/> <span class="ft7">2.5.</span><br/> <span class="ft7">2.5.1.</span><br/> <span class="ft7">Nach § 5 des Taxireglementes der Stadt B. setzt die Betriebs-</span><br/> <span class="ft7">bewilligung A unter anderem einen guten Leumund voraus. Hierbei</span><br/> <span class="ft7">handelt es sich um einen unbestimmten Rechtsbegriff (vgl. Ulrich</span><br/> <span class="ft7">Häfelin / Georg Müller / Felix Uhlmann, a.a.O., Rz. 445 ff.). Eine</span><br/> <span class="ft7">Einschränkung der richterlichen Überprüfung, wie sie etwa bei grös-</span><br/> <span class="ft7">serer Nähe und Vertrautheit der Verwaltungsbehörden mit den tat-</span><br/> <span class="ft7">sächlichen Verhältnissen erfolgt, rechtfertigt sich indessen nicht.</span><br/> <span class="ft7">2.5.2.</span><br/> <span class="ft7">Die Erlaubnis zur Benützung der städtischen Taxistandplätze</span><br/> <span class="ft7">stellt unter anderem wegen der bevorzugten Lage der Standplätze ein</span><br/> <span class="ft7">wirtschaftlich interessantes Sonderrecht für den Taxiunternehmer dar</span><br/> <span class="ft7">(Urteil des Bundesgerichts vom 26. Februar 2009 [2C_564/2009],</span><br/> <span class="ft7">Erw. 8.1). Die öffentlichen Gemeindestrassen sind im Eigentum der</span><br/> <span class="ft7">Gemeinden. Der Gemeinderat kann durch eine Bewilligung ("Er-</span><br/> <span class="ft7">laubnis" gemäss § 104 BauG) den gesteigerten Gemeingebrauch, wie</span><br/> <span class="ft7">dies Standplätze für Taxi darstellen, regeln. Aufgrund seiner Stras-</span><br/> <span class="ft7">senhoheit ist er frei, zu welchen Bedingungen er die Benützung re-</span><br/> <span class="ft7">gelt. Stehen, wie in der Stadt B., nur eine beschränkte Anzahl Stand-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Taxirecht</span> <span class="page_no">203</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">plätze zur Verfügung und übersteigt die Nachfrage das Angebot, ist</span><br/> <span class="ft7">eine Auswahl erforderlich. Die Auswahl muss nach sachlichen Kri-</span><br/> <span class="ft7">terien und rechtsgleich erfolgen.</span><br/> <span class="ft7">Nach der Rechtsprechung kann für die Bewilligung nicht nur</span><br/> <span class="ft7">ein guter automobilistischer Leumund, sondern ganz allgemein ein</span><br/> <span class="ft7">guter Leumund gefordert werden (vgl. BGE 99 Ia 392). Das Ver-</span><br/> <span class="ft7">waltungsgericht hat in einem Urteil vom 30. Juni 2009 erwogen, dass</span><br/> <span class="ft7">es sich bei der Ausübung des Berufes des Taxichauffeurs um eine</span><br/> <span class="ft7">Erwerbstätigkeit handle, bei der ein besonderes Interesse an einer</span><br/> <span class="ft7">seriösen Berufsausübung bestehe, weil der unerfahrene Kunde sonst</span><br/> <span class="ft7">beispielsweise leicht ausgebeutet werden könnte (VGE IV/43 vom</span><br/> <span class="ft7">30. Juni 2009 [WBE.2009.49], Erw. 2.2, mit Verweis auf: Beat</span><br/> <span class="ft7">Zürcher, Das Taxigewerbe aus verwaltungsrechtlicher Sicht, Diss.,</span><br/> <span class="ft7">Zürich 1978, S. 29). Allgemein lässt sich zum Auswahlsystem sagen,</span><br/> <span class="ft7">dass die Zuteilung der Plätze die Erwartungen der Taxikunden</span><br/> <span class="ft7">hinsichtlich Qualität und Zutrauenswürdigkeit einer Dienstleistung</span><br/> <span class="ft7">mit behördlicher Bewilligung erfüllen muss. Ein guter Leumund ist</span><br/> <span class="ft7">angesichts der Erwartungen des Publikums ein zulässiges Kriterium</span><br/> <span class="ft7">und dient auch dem Schutz des Publikums.</span><br/></div> </div> </body> </html>