<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">35</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>4</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 416 ff. StPO</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Kosten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wird ein Gesuch um Bewilligung der amtlichen Verteidigung von der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Staatsanwaltschaft vor Abschluss der Strafuntersuchung abgewiesen, be-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>steht für die Auferlegung von Verfahrenskosten an die beschuldigte Per-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>son in diesem prozessualen Entscheid keine gesetzliche Grundlage.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft3">vom 17. September 2013 i.S. T.D. gegen Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten</span><br/> <span class="ft3">(SBK.2013.180).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">T.D., beschuldigte Person, stellte durch ihren Rechtsvertreter</span><br/> <span class="ft1">bei der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten gestützt auf Art. 132</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. b StPO ein Gesuch um Bewilligung der amtlichen Ver-</span><br/> <span class="ft1">teidigung. Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten verfügte die Ab-</span><br/> <span class="ft1">weisung des Gesuchs und auferlegte der Gesuchstellerin Kosten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">36</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">(Staatsgebühr und Kanzleigebühr) für diese Verfügung. Die Gesuch-</span><br/> <span class="ft1">stellerin erhebt u.a. dagegen Beschwerde.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">5.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin rügt, die Kosten seien grundsätzlich im</span><br/> <span class="ft1">Endentscheid zu verteilen (Art. 421 Abs. 1 StPO). Die Ausnahmebe-</span><br/> <span class="ft1">stimmung in Art. 421 Abs. 2 StPO, dass die Festlegung der Kosten</span><br/> <span class="ft1">auch in Zwischenentscheiden vorgenommen werden könne, dürfe</span><br/> <span class="ft1">nicht missbräuchlich verwendet werden. Könne die Kostenauflage</span><br/> <span class="ft1">ohne Weiteres auch im Endentscheid erfolgen, spreche nichts dafür,</span><br/> <span class="ft1">die Ausnahmebestimmung anzuwenden. Denn die Ausnahmen soll-</span><br/> <span class="ft1">ten nur zur Anwendung gelangen, wenn sie ungeachtet des Ausgangs</span><br/> <span class="ft1">des Hauptverfahrens festgesetzt werden können, denn die Kostenauf-</span><br/> <span class="ft1">lage für die Ablehnung der amtlichen Verteidigung würde wohl end-</span><br/> <span class="ft1">gültig. Die Beschwerdeführerin bringt weiter vor, es sei in der Straf-</span><br/> <span class="ft1">prozessordnung keine gesetzliche Grundlage vorhanden, die der</span><br/> <span class="ft1">Staatsanwaltschaft vorliegend eine Kostenauflage erlauben würde.</span><br/> <span class="ft1">Es stelle sich grundsätzlich die Frage, ob für den Entscheid der</span><br/> <span class="ft1">Ablehnung der amtlichen Verteidigung überhaupt Kosten auferlegt</span><br/> <span class="ft1">werden dürften, denn öffentliche Abgaben müssten in einer generell-</span><br/> <span class="ft1">abstrakten Rechtsnorm vorgesehen sein, die genügend bestimmt sei.</span><br/> <span class="ft1">5.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Verfahrenskosten des Strafprozesses werden vom Bund</span><br/> <span class="ft1">oder dem Kanton getragen, der das Verfahren geführt hat; abwei-</span><br/> <span class="ft1">chende Bestimmungen der StPO bleiben vorbehalten (Art. 423</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 StPO). Bund und Kantone regeln die Berechnung der Verfah-</span><br/> <span class="ft1">renskosten und legen die Gebühren fest (Art. 424 Abs. 1 StPO). Die</span><br/> <span class="ft1">Bestimmungen des 10. Titels der StPO über die Verfahrenskosten</span><br/> <span class="ft1">(sowie über Entschädigung und Genugtuung) gelten für alle Verfah-</span><br/> <span class="ft1">ren nach StPO, insbesondere für in selbständigen strafprozessualen</span><br/> <span class="ft1">Zwischenentscheiden auferlegte Gerichtsgebühren (Art. 416 i.V.m.</span><br/> <span class="ft1">Art. 421 Abs. 2 lit. a StPO). Die beschuldigte Person trägt grundsätz-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">37</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">lich die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird (Art. 426 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">StPO). Wird das Verfahren eingestellt oder die beschuldigte Person</span><br/> <span class="ft1">freigesprochen, so können ihr die Verfahrenskosten ganz oder teil-</span><br/> <span class="ft1">weise auferlegt werden, wenn sie rechtswidrig oder schuldhaft die</span><br/> <span class="ft1">Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen Durchführung er-</span><br/> <span class="ft1">schwert hat (Art. 426 Abs. 2 StPO; vgl. BGE 138 IV 225 E. 8.1</span><br/> <span class="ft1">S. 230 f.).</span><br/> <span class="ft1">5.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend wurde von der Staatsanwaltschaft das Gesuch der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin um Einsetzung eines amtlichen Verteidigers ab-</span><br/> <span class="ft1">gewiesen. Entscheide über die Bestellung, den Widerruf und den</span><br/> <span class="ft1">Wechsel der amtlichen Verteidigung klären lediglich eine prozessuale</span><br/> <span class="ft1">Frage, die das Verfahren nicht abschliesst. Die Bestimmungen von</span><br/> <span class="ft1">Art. 423 Abs. 1 i.V.m. Art. 426 bzw. Art. 428 StPO gelten auch für</span><br/> <span class="ft1">dieses Verfahren (Art. 416 i.V.m. Art. 421 Abs. 2 lit. a StPO).</span><br/> <span class="ft1">Art. 428 StPO, welcher die Kostentragung im StPO-Rechtsmittelver-</span><br/> <span class="ft1">fahren regelt, ist auf erstinstanzliche Entscheide nicht anwendbar. In</span><br/> <span class="ft1">der vorliegenden Konstellation besteht folglich keine gesetzliche</span><br/> <span class="ft1">Grundlage im Sinne von Art. 423 Abs. 1 StPO für die Auferlegung</span><br/> <span class="ft1">von Verfahrenskosten an die Beschwerdeführerin als beschuldigte</span><br/> <span class="ft1">Person. Eine Auferlegung von Verfahrenskosten an sie kommt erst</span><br/> <span class="ft1">nach Abschluss der Strafuntersuchung nach Massgabe von Art. 426</span><br/> <span class="ft1">StPO in Frage. Bis dahin hat gemäss Art. 423 Abs. 1 StPO der Kan-</span><br/> <span class="ft1">ton die angefallenen Verfahrenskosten zu tragen (vgl. BGE 138 IV</span><br/> <span class="ft1">225 E. 8.2 S. 231). Nach dem Gesagten ist Ziff. 2 der angefochtenen</span><br/> <span class="ft1">Verfügung aufzuheben und die Beschwerde in diesem Punkt gutzu-</span><br/> <span class="ft1">heissen.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/></div> </div> </body> </html>