Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 24. August 2022 (720 21 175 / 198) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Weder auf der Basis des verwaltungsexternen Gutacht ens noch auf der Basis der Ein- schätzung des RAD ergibt sich ein hinreichend nachvollziehbares Bild über den Gesund- heitszustand und dessen Auswirkungen auf die Arbeits fähigkeit des Versicherten. Rück- weisung der Angelegenheit zur ergänzenden Abklärung. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Christof Enderle, Kan- tonsrichter Daniel Noll, Gerichtsschreiber Stephan Paukner Parteien A.____ , Beschwerdeführer, vertreten durch Stephan Müller, Advokat, Leimenstrasse 4, 4051 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der 1972 geborene A.____ erlitt im Januar 2014 e inen Unfall, als er in eine Glastüre stürzte und sich dabei schwerwiegende Gesichtsverletzungen und eine Zahnverletzung zuzog. Nebst somatischen Beschwerden stellten sich in der Folge a uch psychische Beschwerden ein. Die von der Unfallversicherung erbrachten Taggeld- und Heilbehandlungsleistungen wurden mit Verfügung der schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (su va) vom 4. Dezember 2018 per Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Ende Dezember 2018 eingestellt, ein Anspruch auf eine Rente der Unfallversicherung verneint und eine Integritätsentschädigung basierend auf einer Integritätseinbusse von 12,5% ausgerich- tet. B. Am 20. März 2015 meldete sich A.____ bei der IV-Ste lle Basel-Landschaft (IV-Stelle) unter Hinweis auf seine Beschwerden zum Bezug von Leistu ngen der Eidgenössischen Invali- denversicherung (IV) an. Nach Abklärung seiner gesundheitlichen und erwerblichen Verhältnisse, namentlich nach Einholung eines psychiatrischen Verwaltungsg utachtens bei Dr. med. B.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 22. Mai 2020, und diverser Einschätzungen ihres re- gional-ärztlichen Dienstes (RAD) sprach die IV-Stelle dem Versicherten nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren am 29. April 2021 mit Wirkung ab 1. September 2015 bis Ende Februar 2016 eine halbe IV-Rente und ab 1. März 2016 bis Ende Juni 2017 eine befristete ganze IV-Rente zu. C. Hiergegen erhob der Versicherte, vertreten durch Ad vokat Stephan Müller, am 3. Juni 2021 Beschwerde beim Kantonsgericht des Kantons Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht (Kantonsgericht), und beantragte, in teilweiser Aufhebung der angefochtenen Verfü- gung ab 1. Juli 2017 die Zusprache einer ganzen und unbefristeten IV-Rente. Zur Begründung liess er im Wesentlichen vorbringen, dass für die Beurteilung der medizinischen Verhältnisse we- der auf das Gutachten von Dr. B.____ noch auf die im Nachgang ergangene Beurteilung des RAD abgestellt werden könne. Nachdem sich Dr. B.____ aufgrund der vom Versicherten anläss- lich der Exploration ausgesprochenen Drohungen auf eine Berichterstattung über die Untersu- chung und die Darstellung der erhobenen Befunde beschränkt und sich als befangen bezeichnet habe, sei dessen Gutachten weder vollständig noch verwertba r. Aufgrund der fehlenden Diag- nostik sowie der fehlenden Beurteilung des Gesundheitsschadens und der Arbeitsfähigkeit sei es mangelhaft und nicht beweiskräftig. Auch die nachfolgende RAD-Beurteilung sei weder vollstän- dig noch nachvollziehbar. Vielmehr sei auf die umfassende Beurteilung des behandelnden Psy- chiaters Dr. med. C.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 26. Oktober 2020 abzustel- len. D. Die IV-Stelle schloss mit Vernehmlassung vom 8. Juli 2021 unter Hinweis auf eine wei- tere Stellungnahme ihres RAD vom 22. Juni 2021 auf A bweisung der Beschwerde. Die von Dr. B.____ in dessen Gutachten deklarierte Befangenheit beschlage nur jene Aspekte, welche eine Wertung der von ihm objektiv erhobenen Tatsachen voraussetzen würden. Folglich bestehe nur hinsichtlich Diagnostik und Einschätzung der Arbeits fähigkeit ein Ausstandsgrund. Dieser Mangel aber habe kaum Einfluss auf den Inhalt des Gutach tens und könne als geheilt gelten. Das fragliche Gutachten sei im Rahmen der freien Bewe iswürdigung eine taugliche Grundlage für die weitere Beurteilung durch den RAD gewesen. D ie Einschätzung des RAD wiederum be- ruhe auf einer umfassenden Beurteilung. E. Nachdem die Angelegenheit mit verfahrensleitender Verfügung vom 10. August 2021 dem Gericht zur Beurteilung überwiesen worden war, hat der Beschwerdeführer am 17. Novem- ber 2021 weitere medizinische Unterlagen einreichen lassen. Die IV-Stelle hielt in ihrer anschlies- senden Eingabe vom 8. Dezember 2021 mit Hinweis auf eine erneute RAD-Stellungnahme vom Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8. Dezember 2021 an der Abweisung der Beschwerde fest. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 21. Dezember 2021 wurde der Fall dem Gericht schliesslich erneut zur Beurteilung überwie- sen. F. Mit Beschluss des Kantonsgerichts vom 9. Juni 2022 wurde die Angelegenheit ausge- stellt, und es wurde dem Beschwerdeführer im Hinblick auf eine allfällige Rückweisung der An- gelegenheit an die Vorinstanz zur erneuten Abklärung und Entscheidung die Möglichkeit gewährt, seine Beschwerde allenfalls zurückzuziehen. Mit Eingabe vom 21. Juni 2022 hielt der Beschwer- deführer an seiner Beschwerde fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 in der nach dem 1. Juli 2006 gültigen F assung kann gegen Verfügungen der kan- tonalen IV-Stellen bei dem vom Kanton bezeichneten Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle innerhalb von 30 Tagen Beschwerde erhoben werden. Das Kantonsgericht des Kantons Basel- Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht, ist deshalb gemäss § 54 Abs. 1 lit. d des Geset- zes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ört- lich und sachlich zuständig. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde vom 3. Juni 2021 ist demnach einzutreten. 1.2 Am 1. Januar 2022 ist die vom Gesetzgeber am 19. Juni 2020 beschlossene Änderung des IVG ("Weiterentwicklung der IV", WEIV) in Kraft ge treten. Weil in zeitlicher Hinsicht grund- sätzlich diejenigen materiellen Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V 466 E. 1), und weil ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Fal les grundsätzlich lediglich auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung (hier: 25. Januar 2021) eingetretenen Sach- verhalt abstellt (BGE 130 V 138 E. 2.1, 121 V 362 E. 1b), sind im vorliegenden Fall die Bestim- mungen des IVG in der bis Ende 2021 geltenden Fassung anwendbar (vgl. BGE 132 V 215 E. 3.1.1 mit Hinweis). Sie werden im Folgenden jeweils in dieser Version wiedergegeben und ange- wendet. 2. Zu prüfen ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführe rs. Massgebend ist dabei der Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung der IV-Stelle vom 29. April 2021 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprech ungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 129 V 1 E. 1.2). 2.1 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70%, auf eine Dreiviertelrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine V iertelrente, wenn sie zu mindestens 40% invalid ist. Invalidität im Sinne dieser Bestimmung ist die durch einen körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsschaden als Folge von Geburtsgeb rechen, Krankheit oder Unfall Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht verursachte, voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbs- unfähigkeit (Art. 4 IVG in Verbindung mit Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG] vom 6. Oktober 2000). 2.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussich tlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebre- chen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). U nter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be- einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorlie gens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück- sichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 2.3 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumut- bare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Be- ziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid gewor- den wäre (Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfol- gen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditäts- grad bestimmen (allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 128 V 30 E. 1). 3.1 Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die d urch eine Beeinträchtigung der körper- lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bis- herigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). 3.2 Zur Feststellung der medizinischen Verhältnisse hat das Gericht die ihm von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellenden Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungspro- zess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle anderen Be- weismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Bew eisregeln, sowie umfassend und pflichtge- mäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unab- hängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung de s streitigen Rechtsanspruches gestat- ten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück- sichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der me- dizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeich- nung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen St ellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c mit Hinweisen). 3.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche au fgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Beri cht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Nur wenn ein Versicherungsfall ohne die Ein- holung eines externen Gutachtens entschieden werden soll, sind an die Beweiswürdigung stren- gere Anforderungen zu stellen (BGE 135 V 470 E. 4.4 am Ende, mit Hinweis; Urteil des Bundes- gerichts vom 26. März 2015, 8C_879/2014, E. 5.3). Best ehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ä rztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 470 E. 4 .4 a. E., mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts vom 26. März 2015, 8C_879/2014, E. 5.3). 3.4 Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Ent scheid, sofern das Gesetz nichts Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhaltes genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BG E 138 V 218 E. 6 mit diversen Hin- weisen). Der Untersuchungsmaxime entsprechend hat das Geri cht von Amtes wegen die not- wendigen Beweise zu erheben. Eine Beweislast besteht nu r in dem Sinne, dass im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen ge- bliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Be weisregel greift allerdings erst, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgru ndsatzes aufgrund einer Beweis- würdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumind est die hohe Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 263 E. 3b). Das schweizerische Sozialversiche- rungsrecht kennt demnach keinen Grundsatz, wonach die Versicherungsorgane im Zweifel zu Gunsten der Versicherten zu entscheiden haben. Ein Anspruch auf Leistungen besteht nur, wenn die Voraussetzungen dafür mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erfüllt sind (ZAK 1983 S. 259). 4.1 Zu prüfen ist, in welchem Umfang der Beschwerdefüh rer Anspruch auf eine IV-Rente besitzt. Strittig ist in diesem Zusammenhang namentlich die dem Versicherten noch verbleibende Restarbeitsfähigkeit in psychiatrischer Hinsicht. Die IV-S telle stützte sich bei deren Beurteilung Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht einerseits auf das von ihr in Auftrag gegebene monodi sziplinäre Verwaltungsgutachten von Dr. B.____ vom 22. Mai 2020 und andererseits auf die in der Folge von ihr eingeholten, versiche- rungsinternen Stellungnahmen des RAD. 4.1.1 Dr. B.____ hält in seinem Gutachten vom 22. Ma i 2020 einleitend fest, dass der Versi- cherte anlässlich der zweiten Exploration am 18. März 2020 ein sehr bedrohliches Auftreten ge- zeigt und gedroht habe, den Gutachter umbringen zu wollen, falls seiner Mutter etwas zustosse, weil er länger als geplant in der Praxis habe bleiben müssen. Dr. B.____ sei es in der Folge nicht mehr möglich gewesen, sein Gutachten ohne Befangenheit weiter zu führen. Aufgrund der durch die massive Drohung aufgetretenen Befangenheit sei eine neutrale und unabhängige Stellung- nahme nicht mehr möglich gewesen, weshalb lediglich di e Untersuchung und die Befunde dar- gestellt worden seien. Dem soweit nur beschränkt vorliegenden Gutachten ist grundsätzlich eine umfassende Anamneseerhebung zu entnehmen. Demnach habe der Versicherte Angst und sei seit seinem im Jahr 2014 erlittenen Unfall sehr schnell reizbar. Er habe Angst, dass seiner Mutter oder seinen Kindern etwas passiere. Er leide an Albträumen in Bezug auf die Arbeit. An seinem Arbeitsplatz sei er gemobbt geworden. Täglich leide er unter Ein- und Durchschlafstörungen und habe Magen- sowie Darmprobleme sowie Krämpfe im Unterbauch. Weiter leide er unter Verstop- fung und an Schmerzen in der rechten Gesichtshälfte so wie in der gesamten rechten Körper- hälfte. Im Haushalt könne er nicht viel unternehmen. E r wasche das Geschirr, staube etwas ab und ziehe das Bett ab. Er lege die Wäsche in die Waschmaschine, die Mutter hänge die grösseren Wäschestücke auf; er selbst könne nur kleinere Dinge erledigen. Hobbies habe er keine, er lese während rund 45 Minuten täglich den Koran und bete d en ganzen Tag, auch während er Dinge unternehme. Er besitze keine Tagesstruktur. Ab und zu geh e er mit dem Sohn spazieren oder auswärts zum Essen. Er sei bereits in den Jahren 2009 und 2019 in psychiatrischer Behandlung gestanden. Ansonsten habe er keine psychischen Schwierigkeiten aufgewiesen. Im gutachterlich von Dr. B.____ erhobenen Befund zeigte sich der Versich erte sehr leidend, sprach jedoch mit klarer Stimme. Ein Schmerzverhalten sei jeweils sichtbar gewesen, wenn er mit etwas konfrontiert worden sei, beispielsweise einem näheren Nachfragen des Gutachters. Es sei häufiges Nachfra- gen notwendig gewesen. Der Versicherte habe sehr angespannt und nervös und wenig freundlich gewirkt, habe aber ein ordentliches äusseres Erscheinungsb ild aufgewiesen. Im Kontakt sei er reserviert gewesen. Konzentrationsstörungen seien keine ersichtlich gewesen. Beim zweiten Un- tersuchungstermin habe er massiv bedrohlich gewirkt, so dass mehrere Praxiskollegen hinzuge- kommen seien. Der Explorand habe Drohungen gegenüber dem Gutachter geäussert. Grob ge- prüft habe die Konzentrationsfähigkeit vermindert erschienen, die Merkfähigkeit habe massiv be- einträchtigt erschienen. Auch die Auffassung sei vermind ert gewesen. Der Explorand sei auf seine Beschwerde massiv eingeengt gewesen. Es sei eine deu tliche Beschwerdeüberzeugung und eine Verdeutlichungstendenz sichtbar geworden. In der Grundstimmung habe er gedrückt gewirkt und habe Insuffizienz und Schuldgefühle bejaht sowie von regelmässigen Einschlaf- und Durchschlafstörungen berichtet. Er sei psychomotorisch angesp annt gewesen, auch Panikatta- cken seien bejaht worden. Auf Nachfrage hin habe sich e rgeben, dass es sich um Angst ohne körperliche Symptome handeln würde. Antrieb und Schwingungsfähigkeit seien nicht beeinträch- tigt gewesen. Die Hamilton-Depressionsskala habe keine Hinweise auf ein depressives Syndrom ergeben. Bei der Beschwerdevalidierung hätten sich deutliche Hinweise auf eine Antworttendenz gezeigt. Eine Symptomvalidierung habe nicht durchgeführt werden können. Der Explorand habe Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Beantwortung der Fragen mit dem Hinweis verweige rt, er verstehe diese nicht. Auffällig sei seine subjektive Einschätzung der geistigen Leistungsfähi gkeit in der kognitiven Belastung ge- wesen, die nahe an einem Totalausfall liege, indessen nicht mit dem von ihm geschilderten kog- nitiven Alltagsfunktionsniveau vereinbar gewesen sei. In seiner Beurteilung hielt Dr. B.____ ab- schliessend noch einmal fest, dass der Explorand anlässlic h des zweiten Explorationstermins deutlich bedrohlich gewesen sei und massive Drohungen geäussert habe. Als Gutachter sehe er sich infolge der daraus resultierenden Befangenheit nicht in der Lage, ein unabhängiges Gutach- ten fertig zu stellen. In Absprache mit der IV-Stel le erlaube er sich daher, nur die Untersuchung und die Befunde darzustellen (IV-Dok 132). 4.1.2 In seiner Stellungnahme vom 30. Juli 2020 hat d er RAD das psychiatrische Gutachten von Dr. B.____ gewürdigt und festgehalten, dass testpsycho logisch keine relevante depressive Störung vorliege. Die ambulante Behandlungsfrequenz sei gering. Die in den Vordiagnosen ge- nannte Schmerzstörung habe sich anlässlich der Begutachtung nicht validieren lassen. Die Diag- nosen einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung erwiesen sich mangels eines qualifizieren den Ereignisses als nicht nachvoll- ziehbar. Die Angaben des Versicherten in den Testungen seien bei auffälliger Beschwerdevali- dierung nicht verwertbar gewesen. Trotz objektiv nach gewiesener Wirksamkeit im stationären Rahmen seien keine Spiegel der verordneten Psychopharma ka nachweisbar. Es würden zwar kognitive Störungen beklagt, zwischen dem dargebotenen Ve rhalten und dem Funktionsniveau im privaten Umfeld bestünden jedoch erhebliche Diskrepanzen. Es sei eine mangelhafte Affekt- steuerung präsentiert worden, die mit dem Funktionsn iveau im privaten Umfeld ebenfalls nicht vereinbar sei. Psychiatrisch würde sich keine Einschränkung d er Arbeitsfähigkeit rechtfertigen lassen. Deutlich sei jedoch der Einfluss sozialer Faktoren, wie namentlich die Sorge um die ei- gene Familie und das fehlende Einkommen, was den Versicherten unter Druck setzen und zum präsentierten Verhalten geführt haben dürfte. Funktionelle Einschränkungen liessen sich bei dem zielgerichtet agierenden Versicherten aber keine nachweisen (IV-Dok 138). 4.2 In psychiatrischer Hinsicht liegen der Angelegenheit weitere Berichte von Relevanz zu Grunde: 4.2.1 Dem kreisärztlich-psychiatrischen Untersuchungsbericht der suva vom 8. Januar 2016 zufolge seien die psychischen Grundfunktionen intakt. Trotz der glaubhaften psychischen Beein- trächtigungen im Alltag könnten aktuell keine psychopa thologischen Befunde erhoben werden. Die Affektivität imponiere nicht depressiv. Fraglich sei die Affektivität aber labil reizbar. So könne den Verhaltensbeobachtungen anlässlich der Untersuchung entnommen werden, dass der Ver- sicherte im Rahmen konfrontierenden Nachfragen aufsteigenden Ärger manifestiert und sich na- mentlich in einem rund fünf Minuten anhaltenden, schäumenden Wutanfall befunden habe. Laut aufschreiend und mit beiden Fäusten heftigst auf den Bürotisch hämmernd habe er dem Kreisarzt entgegnet, kein Lieber zu sein und sich von ihm überhaupt nicht verstanden und ernst genommen zu fühlen. Zornentbrannt habe er sich den Pullover vo m Leib gerissen und den Untersuchungs- raum ohne Verabschiedung mit Gebetssprüchen verlassen. Der entstandene Lärm habe einen Kreisarztkollegen und weitere Mitarbeitende besorgt a us den Büros gelockt. Trotz des drama- tisch-bedrohlichen Eindrucks dieses Affektausbruchs habe sich der Kreisarzt selbst nicht wirklich Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht in Gefahr gefühlt. Aus der Exploration ergebe sich, d ass der Versicherte zwar immer noch von posttraumatischen Unfallerinnerungen heimgesucht werde, seine Beschwerden und der noch im- mer vorhandene Leidensdruck jedoch nicht vom Unfallerleben als solchem, sondern von den äs- thetisch beeinträchtigenden und schmerzhaften Unfallfolgen herrühren würden. Zu diagnostizie- ren sei ein dringender Verdacht auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit wahrscheinlich auch histrionischen Zügen bei unter anderem labilem psychischem Gleichgewicht durch die erlit- tenen Gesichtsverletzungen und die damit einhergegangene psychische Traumatisierung und ei- nem Status nach depressiven Episoden. Ohne Zweifel läge n einschlägige Persönlichkeitszüge vor. Ob diese den Grad einer Persönlichkeitsstörung erreichten, bleibe mangels fremdanamnes- tischer Angaben zurzeit ein Verdacht. Es passe zum Störun gsbild, wie es bei der aktuellen Un- tersuchung fassbar war, wonach es im Verlauf zu depressiven Episoden gekommen sei und dies auch künftig der Fall sein könne. Die Art, wie der V ersicherte schablonenhaft und mit Erinne- rungslücken vom erlittenen Unfallgeschehen spreche, mache die Diagnose einer sich noch heute nachteilig auswirkenden posttraumatischen Belastungsstöru ng unwahrscheinlich. Im Übrigen dürften ähnlich wie in der Untersuchungssituation auch schon in der Vergangenheit überschies- sende Reaktionen voll Ärger verhaltensprägend gewesen sein. Zusammengefasst habe sich der Versicherte bereits vor dem Unfall in einem prekären Gleichgewicht befunden, so dass mit hoher Wahrscheinlichkeit ein psychischer Vorzustand von gewissem Krankheitswert vorliege. Durch die erlittenen spezifischen Unfallfolgen habe sich dieser richt unggebend verschlimmert. Ein robust- stabiles psychisches Gleichgewicht sei nicht zu erwarten, werde jedoch die Ausübung eines hälf- tigen Arbeitspensums erlauben, wie es der Versicherte bereits im Jahre 2014 geleistet habe. Vor dem somatischen Behandlungsabschluss sei eine Steigerung d er Arbeitsfähigkeit über 50% kaum zumutbar (IV-Dok 99.66). 4.2.2 Im Bericht der D.____ vom 23. April 2019 wurde eine rezidivierende depressive Störung gegenwärtig schwere Episode, eine chronische Schmerzstörung sowie eine andauernde Persön- lichkeitsänderung nach Extrembelastung diagnostiziert. Der Patient sei aufgrund einer mittel- bis schwergradigen depressiven Symptomatik und einer im ambulanten Setting nur unzureichenden Stabilisierung bei bestehenden interpersonellen Problemen, einer reduzierten Stresstoleranz und zusätzlich bestehenden psychosozialen Belastungsfaktoren erne ut stationär zugewiesen wor- den. Er habe über eine kontinuierliche Verschlechteru ng seiner depressiven Befindlichkeit be- richtet. Die im Abklärungsgespräch benannten Stressoren w ürden persistieren und der Patient fühle sich vermehrt in einer hoffnungslosen Lage. Er ha be Angst davor, an den Briefkasten zu gehen, weil dort etwas Neues auftauchen könnte, das ihn wieder aus der Bahn werfe. Er äussere generelle Zukunfts- und Existenzängste, sei ungeduldig, nervös und nehme stets alles persönlich. Zusätzlich würden immer wieder Schmerzen in der rechten Körperhälfte sowie eine ausgeprägte und blockierende Tagesmüdigkeit auftreten. Er habe kein e Kraft mehr, administrative Dinge zu erledigen, und benötige entsprechende Hilfe. Im Befu nd sei er bewusstseinsklar und zu allen Qualitäten hin orientiert gewesen. Er sei sehr klagsam und in den Schilderungen nur schwer zu begrenzen. Im formalen Denken sei er kohärent, wenn auch eingeengt auf aktuelle Belastungen und auf die Folgen seines Unfalls und des Arbeitsverluste s. Anamnestisch sei der Antrieb mor- gens stark vermindert, im Gespräch um 10 Uhr indes deutlich gesteigert, motorisch unruhig und logorrhöisch. Im Verlauf habe der Patient mithilfe de s sozialpädagogischen Dienstes die admi- nistrativen Angelegenheiten angehen können und habe sich durch die Unterstützung deutlich Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht entlastet bezeigt. Als strukturgebender Rahmen nach dem Austritt habe eine psychiatrische Spi- texhilfe realisiert werden können. Der Patient habe den langfristig geplanten Austritt am 10. April 2019 in deutlich gebessertem Zustand und in aufgehellte r Stimmungslage vollzogen (IV-Dok 101). 4.2.3 Der psychiatrischen Beurteilung durch die Kreisärzti n der suva vom 18. Februar 2020 lässt sich entnehmen, dass bereits anlässlich der ausführ lichen versicherungspsychiatrischen Untersuchung vom 17. Dezember 2015 der dringende Ver dacht auf eine narzisstische Persön- lichkeitsstörung mit wahrscheinlich auch histrionischen Zügen geäussert worden sei. In den ver- sicherungspsychiatrischen Beurteilungen vom 2. Juli 2017 und vom 30. August 2018 sei die na- türliche Kausalität zwischen dem Unfallereignis und den psychischen Beschwerden sodann er- neut mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bejaht worden. Die geltend gemachten psychischen Beschwerden seien zumindest teilkausal im Sinne einer richtunggebenden Verschlimmerung ei- nes angenommenen Vorzustands bei narzisstischer Persönlichke itsstörung mit wahrscheinlich auch histrionischen Zügen und seien daher auch weiterhin auf das Unfallereignis vom 25. Januar 2014 zurückzuführen (IV-Dok 140). 4.2.4 Der behandelnde Psychiater Dr. med. C.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, hält in seiner Stellungnahme vom 26. Oktober 2020 zum Gutachten von Dr. B.____ vom 22. Mai 2020 und zur regional-ärztlichen Beurteilung vom 30. Juli 2020 (oben, Erwägungen 4.1.1 f.) fest, dass Inkongruenzen zwischen dem psychiatrischen Befund und der Diagnose bestünden. Im Be- fund würden zahlreiche Beeinträchtigungen festgehalt en, wobei im engeren Sinne nicht auf die Befürchtungen und die Zwänge des Versicherten eingegangen worden sei. Es werde jedoch von wiederholtem Kontrollieren berichtet und an anderer Stelle von ritualisiertem Beten. Aufgrund dieser Befunde sei nicht nachvollziehbar, weshalb in der Hamilton-Depressionsskala kein depres- sives Syndrom diagnostiziert worden sei. Die Zusammenfassung des RAD stütze sich trotz klarer und zum Teil ausgeprägter Symptome im Befund des Gutachters, die für eine Depression typisch seien, auf das negative Ergebnis gemäss Hamilton-Depressionsskala. Weiter bestünde eine In- kongruenz zwischen dem Ergebnis der Persönlichkeitsdiagnostik und der Diagnose. Sämtliche fünf erfasste Persönlichkeitsbereiche hätten Werte ergebe n, welche klar im unterdurchschnittli- chen Bereich liegen und auf eine auffällige Persönlich keit hinweisen würden. Dieses Ergebnis werde in der Diagnose durch den RAD nicht gewürdigt. Das Beschwerdebild hinsichtlich Depres- sion und Persönlichkeitsdiagnostik, die bisherigen psychiatrischen Berichte über erfolgte Hospi- talisationen, die sehr deutlichen Untersuchungsergebnisse sowie die Eskalation gegenüber dem Gutachter entsprächen den Diagnose-Kriterien für eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung. Schliesslich entsprächen die gutach terlichen Ergebnisse der kognitiven Basistestung einem Totalausfall, der mit dem Alltagsfunktionsniveau nicht vereinbar sei. Die Ver- änderungen und die Eskalation im Bereich der eigenen P ersönlichkeit seien dem Patienten be- wusst. Dieser erlebe sich als sehr leicht reizbar, unbeherrscht, besonders angespannt und nervös sowie unkontrolliert. Sein auffälliges Verhalten anlä sslich der Begutachtung durch Dr. B.____, namentlich das impulsive, gereizte und unbeherrschte Verha lten samt massiver Drohungen, könne durch die Erkrankung des Patienten erklärt werden. Es decke sich mit der Diagnose in den psychiatrischen Berichten betreffend die bisherigen Hospita lisationen und auch mit den Ergeb- nissen der diagnostischen Instrumente während der Exploration durch Dr. B.____ (IV-Dok 146). Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2.5 Am 26. Januar 2021 hat der RAD sodann zu den im Rahmen des Vorbescheids erhobe- nen Einwänden Stellung bezogen und festgehalten, dass aufgrund mangelnder Kooperation und der Drohungen gegenüber Dr. B.____ eine reguläre Exploration nicht möglich gewesen sei. Da- her seien keine Diagnosen vergeben worden. Dieses Vorgehen sei schlüssig. Bei der Würdigung der erhobenen Befunde durch den RAD sei das Gesamtbild zu berücksichtigen. Darin zeigten sich verschiedene Inkonsistenzen, und es lägen Hinweise auf zielgerichtete Antwortverzerrungen vor. Läge die behauptete depressive Störung in einem re levanten Ausmass vor, wäre dieses zielgerichtete Verhalten nicht zu erwarten gewesen. Zutr effend sei allerdings, dass bei den gut- achterlichen Befunden Symptome erhoben worden seien, d ie für eine depressive Störung sprä- chen. Weshalb die Angabe solcher Befunde jedoch validere Schlussfolgerungen zulassen sollte als die verzerrten Testergebnisse, ergründe sich nicht. Di e Ergebnisse der Persönlichkeitsdiag- nostik zeige dieselben grotesken Antwortverzerrungen. Die einzige Schlussfolgerung bestehe in einer gezielten Antwortverzerrung. Dass sich der Explorand hochgradig auffällig und situativ un- angemessen verhalten habe, sei unstrittig. Weshalb sich daraus jedoch eine Persönlichkeitsstö- rung ableiten lasse, könne nicht nachvollzogen werden. Ei ne Antwortvalidierung habe aufgrund der Verweigerung des Versicherten nicht durchgeführt wer den können. Es bestehe ein zielge- richtetes Handeln, dem eine Leistungsfähigkeit zu Grunde liege, welche eine höhere funktionale, namentlich auch kognitive Einschränkung ausschliessen würde. Es sei dem behandelnden Psy- chiater zuzustimmen, dass sich in mehreren Berichten die Besc hreibung eines auffälligen Ver- haltens finden lasse. Hingegen bestünden keine sachliche n Gründe, aufgrund derer auf die be- hauptete Krankheitsimmanenz bezüglich des Verhaltens des Versicherten geschlossen werden könne. Es werde empfohlen, an der bisherigen Einschätzung des RAD festzuhalten (IV-Dok 151). 4.2.6 Gemäss dem im Rahmen des Beschwerdeverfahrens am 1 7. November 2021 einge- reichten Bericht der E.____ vom 20. November 2020 seien in psychiatrischer Hinsicht eine schi- zotype Störung, eine rezidivierende depressive Störung gegenwärtig mittelgradigen Ausmasses, eine posttraumatische Belastungsstörung und eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren zu diagnostizieren. Der Versicherte habe sich vom 16. Oktober 2020 bis 13. November 2020 in stationärer psychiatrisch-psycho therapeutischer Behandlung befun- den. Die Zuweisungsdiagnosen der rezidivierenden depressiven Störung sowie der chronischen Schmerzstörung hätten bestätigt werden können. Trotz fehlenden Wiedererlebens des erlittenen Traumas in Form von Intrusionen, Flashbacks oder Albträ umen erscheine auch die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung dem klinischen Eindruck nach gerechtfertigt, weil der Patient beispielsweise bei subjektiv wahrgenommener Stur zgefahr mit Panikgefühlen und Ge- sichtsschmerzen begleitet von vegetativen Zeichen reagiere . Die Zuweisungsdiagnose der an- dauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung habe hingegen nicht vergeben wer- den können. Der Unfall und die daraus resultierenden Probleme stellten zwar zweifellos eine massive Belastung dar und stünden auch mit einer Persönlichkeitsänderung im Zusammenhang. Da das strenge Kriterium einer Extrembelastung aber nicht erfüllt sei, sei von einer bereits zuvor bestehenden Vulnerabilität im Sinne von strukturellen D efiziten auszugehen. Die klinisch impo- nierenden Persönlichkeitsauffälligkeiten würden neu durch die Diagnose einer schizotypen Stö- rung erfasst. Man stütze sich bei dieser Beurteilung auf den klinisch eindrücklich unangepassten Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht sowie eingeengten Affekt, das eigentümliche Verhalten, den sozialen Rückzug, die paranoid an- mutenden Vorstellungen, das Grübeln mit dysmorphophobe n Inhalten sowie das umständliche und metaphorische Denken des Patienten. Auffällig sei die mangelnde Fähigkeit zur Affekttole- ranz. Der Patient habe allerdings seine aggressiven Impulse insofern kanalisieren können, als er sich bei hoher Anspannung zurückgezogen habe. Aufgrund sei nes auffälligen Verhaltens sei er auch von anderen Patienten als sehr eigentümlich und Fu rcht einflössend erlebt worden. Der Patient habe selbst erkannt, dass er soziale Situation häufig fehlinterpretiere. Das in der Therapie Erlernte sei situativ jedoch nicht abrufbar gewesen. Insgesamt habe sich die Persönlichkeitsstö- rung als derart ausgeprägt erwiesen, dass im stationären Setting kaum Fortschritte erzielt worden seien. Insbesondere die fehlende Gruppenfähigkeit habe ein Hindernis für einen Therapieerfolg dargestellt. 4.2.7 Gemäss der von der IV-Stelle im Rahmen des Beschwe rdeverfahrens am 8. Dezember 2021 eingereichten Stellungnahme des RAD vom 8. Dezem ber 2021 zum Bericht der E.____ vom 20. November 2020 liessen sich abermals Beschreibungen eines aggressiven und nicht si- tuationsgerechten Verhaltens ähnlich wie bereits anlässl ich der versuchten Exploration im Mai 2020 finden. Es würden ohne Erklärungen oder beschreibende Funktionseinschränkungen neue Diagnosen eingeführt und die beobachteten Verhaltensweisen entsprechend neu gedeutet. Ge- samthaft würden jedoch keine neuen psychiatrischen Sachverhalte eingebracht. Damit ergäben sich keine sachlichen Hinweise, die eine veränderten Einschätzung zur Folge hätten. 4.3.1 In somatischer Hinsicht lässt sich den Akten in chro nologischer Reihenfolge zunächst entnehmen, dass am 5. Februar 2015 eine weitere Operation zwecks Insertion eines Implantates erfolgt war, dieses Implantat in der Folge jedoch nicht integriert und am 4. März 2015 wieder habe entfernt werden müssen. Aktuell werde die Knochenheilung beobachtet. In acht Wochen erfolge eine erneute Evaluation, gegebenenfalls sei anschliessend ein erneuter Knochenaufbau und eine spätere Implantation indiziert (IV-Dok 99.7). 4.3.2 Gemäss den Taggeldabrechnungen des Unfallversichere rs vom 1. September 2015 war der Versicherte in der Zeit vom 1. März bis 31. August 20 15 durchgehend vollständig arbeitsun- fähig (IV-Dok 99.40). 4.3.3 Gemäss kreisärztlichem Untersuchungsbericht vom 17. Dezember 2015 bleibe bis auf Weiteres eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestehen (suva-Akt 158). 4.3.4 Der kreisärztlichen Kurzbeurteilung vom 12. Januar 2017 zufolge sei die Aufnahme der Arbeit im Umfang von 50% ab 1. Februar 2017 wieder möglich. Im weiteren Verlauf sei eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit zu erwarten (suva-Akt 236). 4.3.5 Aus der kreisärztlichen Kurzbeurteilung vom 29. Mär z 2017 geht hervor, dass unter Be- rücksichtigung des Verletzungsmusters eine vollständige Arbeitsfähigkeit gegeben sei. Es werde lediglich noch eine definitive Zahnkrone eingesetzt wer den müssen. Dem Versicherten seien in Anbetracht der Unfallfolgen alle Tätigkeiten wieder o hne zeitliche oder leistungsbezogene Ein- schränkungen zumutbar (suva-Akt 269). Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.3.6 In seiner versicherungsmedizinischen Beurteilung vom 21. Juli 2020 hat der RAD fest- gehalten, dass auf die Beurteilung der suva abzustellen sei. Bezüglich des somatischen Gesund- heitsschadens lägen seit Ende des Jahres 2018 keine valide n Angaben mehr vor. Diese seien bedarfsweise zu aktualisieren. Gemäss kreisärztlicher Beurteilung der suva vom 12. Januar 2017 sei aufgrund des vorliegenden Verletzungsmusters die Aufnahme einer Arbeit ab 1. Februar 2017 im Umfang von 50% und im weiteren Verlauf eine weitere Steigerung der Arbeitsfähigkeit möglich (IV-Dok 137). 4.3.7 Der Stellungnahme des RAD vom 30. Juli 2020 ist zu entnehmen, dass in somatischer Hinsicht für die Zeit ab 21. Juli 2014 von einer 50%-igen Arbeitsfähigkeit, ab 17. Dezember 2015 von einer vollen Arbeitsunfähigkeit, ab 1. Februar 2017 wieder von einer hälftigen Arbeitsfähigkeit und ab 4. Oktober 2018 schliesslich von einer vollständig erlangten Arbeitsfähigkeit auszugehen sei. In Bezug auf eine leidensangepasste Verweistätigkeit bestünden ab Oktober 2018 keine Ein- schränkungen mehr. Eine retrospektive Formulierung für an gepasste Verweistätigkeiten für die Zeit zuvor sei in somatischer Hinsicht nicht möglich (IV-Dok 138). 4.3.8 Am 11. September 2020 hat der RAD auf Nachfrag e der Beschwerdegegnerin schliess- lich bestätigt, dass bereits im Zeitpunkt der kreisärztlich en Untersuchung vom 29. März 2017 keine somatisch bedingten Einschränkungen mehr bestanden hätten (IV-Dok 142). 5.1 Wie bereits ausgeführt (oben, Erwägung 3.3), ist den im Rahmen des Verwaltungsver- fahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen ge langen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit ihrer Expertise sprechen. Solche Indizien liegen hier in Bezug auf das Gutachten von Dr. B.____ vor. Dessen Gutachten vom 22. Mai 2020 beruht zwar auf eigenen Untersuchungen und ist in Kennt- nis der relevanten Vorakten abgegeben worden. Jedoch beinhaltet es keine Diagnosen und äus- sert sich weder zu den dem Versicherten noch verbleibende n Ressourcen noch zu dessen Ar- beitsfähigkeit. Hintergrund bildet der Umstand, dass sich der Gutachter aufgrund der gegen ihn erhobenen Drohungen des Versicherten nicht in der Lage gesehen hat, sein Gutachten fertigzu- stellen. Unbesehen von der Frage des Vorliegens einer a llfälligen Befangenheit von Dr. B.____ liegt damit weder eine reguläre Exploration noch ein vollständiges Gutachten vor, wie es recht- sprechungsgemäss aber vorausgesetzt wäre. Diese Auffassung hat auch der RAD selbst vertre- ten (oben, Erwägung 4.2.5, ebenso IV-Dok 138). Das Gutachten von Dr. B.____ widerspricht so- mit bereits aus grundsätzlichen Überlegungen den rechtsprechungsgemässen Anforderungen an ein schlüssiges Verwaltungsgutachten. Hinzu treten Widersprü che im von ihm erhobenen Be- fund: So hält Dr. B.____ einerseits fest, dass keine Konzentrationsstörungen ersichtlich gewesen seien; an anderer Stelle stellt er in Bezug auf die Zweitexploration fest, dass die Konzentrations- fähigkeit jedoch vermindert und die Merkfähigkeit mass iv beeinträchtigt gewesen sei. Entgegen der von der IV-Stelle und ihrem RAD vertretenen Auffassung kann bei dieser Ausgangslage nicht gesagt werden, das Vorgehen des Gutachters erweise sich als schlüssig, soweit er infolge seiner Befangenheit lediglich die Befunde dargestellt habe. Bereits der Umstand, dass es dem fraglichen Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gutachten an einer Diagnosestellung fehlt, schliesst das V orhandensein einer beweiskräftigen Expertise nämlich aus. Es mag zwar nachvollziehbar sein, dass der Gutachter keine Diagnosen vergeben wollte, weil die Begutachtung abgebrochen we rden musste. Dies ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass dem fraglichen Gutachten k ein Beweiswert zukommen kann. Ge- rade weil die gutachterliche Exploration aufgrund des Verhaltens des Versicherten abgebrochen werden musste, steht vielmehr die Frage im Raum, ob die IV-Stelle nicht ein Mahn- und Bedenk- zeitverfahren mit dem Ziel hätte durchführen müssen, eine neuerliche Begutachtung lege artis zu erwirken. Dies gilt umso mehr, als sie das Vorliegen ein es Gesundheitsschadens aufgrund des Funktionsniveaus des Versicherten im Alltag negiert. Auf ein solches Vorgehen hat sie jedoch verzichtet und hat stattdessen auf eine selbständige Würd igung der erhobenen Befunde durch ihren RAD abgestellt. Dabei handelt es sich um eine versicherungsinterne Einschätzung der ge- sundheitlichen Verhältnisse, bei welcher an die Beweiswü rdigung strengere Anforderungen zu stellen sind. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der Feststellungen des RAD, so sind mithin ergänzende Abklärungen vorzunehmen (oben, Erwägung 3.3. a.E.). 5.2 Solche Zweifel liegen hier in Bezug auf die Einschä tzung des RAD vor. Wenn der RAD in seiner Würdigung vom 26. Januar 2021 zunächst davon spricht, das «Gesamtbild» zu berück- sichtigen, ist ihm entgegen zu halten, dass ohne Diagnostik und ohne Beurteilung eines Gesund- heitsschadens schlicht keine verlässliche Grundlage vorliegen kann, aufgrund welcher der RAD seinerseits eine überzeugende Einschätzung abzugeben in der Lage wäre. Fehlt es mit anderen Worten bereits an einer genügenden Basis auf der Ebene des medizinischen Sachverhalts in Form einer lege artis erhobenen oder verworfenen Dia gnose, vermag eine nachträgliche Ein- schätzung des RAD die Defizite bei der ursprünglichen Abkl ärung des medizinischen Sachver- halts nicht wettzumachen. Dies gilt umso mehr, weil der V ersicherte durch den RAD persönlich nie untersucht worden ist. 5.3.1 Entgegen der Einschätzung des RAD, wonach die von den behandelnden medizinischen Experten vorgenommenen Einschätzungen weder nachvollziehb ar noch allfällige funktionelle Einschränkungen nachweisbar seien (IV-Dok 138, S. 4), liegen den medizinischen Akten diverse medizinische Berichte über stationäre Aufenthalte zu Grunde, welche dem Versicherten im Nach- gang zu seinem Unfall im Januar 2014 entweder eine Persönlichkeitsänderung nach posttrauma- tischer Belastungsstörung oder eine andauernde Persönli chkeitsänderung nach Extrembelas- tung attestieren. Namentlich ist festzustellen, dass der Versicherte anlässlich seiner Exploration durch den kreisärztlichen Dienst der suva bereits zu Beginn des Jahres 2016 einen dramatisch- bedrohlichen Affektausbruch gezeigt und damit schon früh genau jenes inadäquate Fehlverhalten an den Tag gelegt hat (oben, Erwägung 4.2.1), welches in der Folge im Frühjahr 2019 anlässlich des stationären Aufenthalts in der D.____ in Form einer reduzierten Stresstoleranz und schliess- lich auch anlässlich der kreisärztlichen Untersuchung noch im Februar 2020 in Form eines drin- genden Verdachts auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörun g mit wahrscheinlich histrioni- schen Zügen auch diagnostisch bestätigt worden war (oben, Erwägungen 4.2.2 f.). Dass mit ho- her Wahrscheinlichkeit mithin von einem pathologischen Vo rzustand auszugehen ist, der durch den erlittenen Unfall offenbar richtunggebend verschlimmert worden ist (IV-Dok 99.66), deckt sich Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht schliesslich auch mit der Einschätzung der E.____, der zufolge von einer vorbestehenden Vulne- rabilität im Sinne struktureller Defizite auszugehen se i (oben, Erwägung 4.2.6). Mit all diesen medizinischen Unterlagen hat sich der RAD in seinen Stel lungnahmen aber nicht auseinander- gesetzt, obschon das in diesen Berichten erhobene Verhal ten des Versicherten durchaus mit dessen auffälligen Verhalten anlässlich der eskalierten Exploration durch Dr. B.____ in Einklang gebracht werden kann (oben, Erwägung 4.2.6). 5.3.2 In Anbetracht der wiederholten Hospitalisationen des Versicherten kann entgegen der vom RAD vertretenen Auffassung auch nicht postuliert werden, die Indikation zu stationären Mas- snahmen sei unklar geblieben. Zumal es sich mit der Diagn ose in den übrigen psychiatrischen Berichten deckt, bleibt mithin klärungsbedürftig, ob das anlässlich der Exploration gegenüber Dr. B.____ manifestierte Fehlverhalten nicht allenfalls eben doch durch eine psychiatrische Erkran- kung des Beschwerdeführers zu erklären ist. Hierfür spricht jedenfalls auch die Einschätzung des behandelnden Psychiaters, wonach namentlich das impulsive und unbeherrschte Verhalten des Versicherten durch die Erkrankung des Versicherten zu erklären sei (oben, Erwägung 4.2.4). Die in diesem Zusammenhang vorgebrachte Argumentation des RAD, wonach die vom Versicherten gegenüber Dr. B.____ präsentierten Einschränkungen vor dem Hintergrund bestehender Wider- sprüche in verschiedenen Funktionsniveaus nicht nachvollzogen werden könnten, überzeugt bei dieser Sachlage deshalb nicht. Gegen die vom RAD vertretene Auffassung spricht namentlich die Tatsache, dass dem Versicherten ebenfalls anlässlich seines erneuten, einmonatigen stationären Aufenthalts vom 16. Oktober 2020 bis 13. November 2020 in der E.____ wegen fehlender Affekt- toleranz eine derart ausgeprägte Persönlichkeitsstörun g attestiert worden war, dass selbst im stationären Setting keine Therapieerfolge verzeichnet werden konnten (oben, Erwägung 4.2.6). Dass im entsprechenden Bericht der E.____ ohne weiter e Erklärung oder ohne beschreibende Funktionseinschränkungen einfach neue Diagnosen eingeführt und beobachtete Verhaltenswei- sen letztlich falsch gedeutet würden, wie es der RAD in seiner abschliessenden Stellungnahme vom 8. Dezember 2021 postuliert, kann dabei nicht ges agt werden. Auch wenn die E.____ die Diagnose einer andauernden Persönlichkeitsänderung mangels Extrembelastung als nicht erfüllt sieht, deckt sich ihre Beobachtung einer vorbestehenden Vulnerabilität nämlich zweifellos mit der schon früh erfolgten Einschätzung der Kreisärztin des Un fallversicherers vom 8. Januar 2016. Diese beinahe schon wie ein roter Faden die Krankenge schichte des Versicherten prägenden Indizien für eine tiefergreifende psychische Erkrankung e infach mit dem Argument neuerlicher Deutungen zu ignorieren, greift deutlich zu kurz und vermag nicht zu überzeugen. Der medizini- sche Sachverhalt ist bei dieser Ausgangslage vielmehr erneut und umfassend zu explorieren. 5.4 Hinzu tritt, dass auch in somatischer Hinsicht Unklarhe iten bestehen. Hinsichtlich des Anspruchs auf eine halbe IV-Rente ab 1. September 2015 ist der RAD auf der Basis der Aussen- diensterhebung durch die suva per 28. August 2014 soma tisch von einer hälftigen und ab 17. Dezember 2015 von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen (IV-Dok 138, oben, Er- wägung 4.3.7). Aus dem kreisärztlichen Untersuchungsbericht der suva vom 17. Dezember 2015 geht indessen hervor, dass eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bis auf Weiteres bestehen bleibe (oben, Erwägung 4.3.3). Diese Formulierung spricht klarerweise dafür, dass der Versicherte aus somatischen Gründen bereits vor dem 17. Dezember 2015 vol lständig arbeitsunfähig war. Be- rücksichtigt man die noch weiter zurückliegenden Akten, ist f estzustellen, dass am 5. Februar Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2015 zwecks Insertion eines Implantates eine weitere Ope ration erfolgt ist, das Implantat in der Folge aber am 4. März 2014 wieder entfernt werden musste und rund zwei Monate später – mithin erst im Frühling 2015 – zunächst über das weitere Vorge hen und schliesslich über eine erneute Implantation entschieden werden sollte (oben, Erwägung 4.3.2). Auch dieser Umstand bekräftigt die Annahme, dass der Versicherte schon vor Mitte Dezember 2015 mehr als nur zu 50% arbeits- unfähig gewesen ist. Berücksichtigt man sodann die Tatsac he, dass der Versicherte in der Zeit vom 1. März bis 31. August 2015 Taggeldleistungen auf der Basis einer vollständigen Arbeitsun- fähigkeit erhalten hat (IV-Dok 99.40), erweist sich die Annahme durch den RAD einer vollständi- gen Arbeitsunfähigkeit erst ab 17. Dezember 2015 als fraglich. Mit Blick auf den frühstmöglichen Rentenbeginn sechs Monate seit Geltendmachung des Lei stungsanspruchs (IV-Dok 1) per 19. September 2015 ist mithin auch klärungsbedürftig, ob d er Versicherte bereits im Zeitpunkt des Ablaufes des Wartejahres vollständig arbeitsunfähig war und demnach aus rein somatischen Gründen allenfalls bereits seither Anspruch auf eine ganze statt nur eine halbe IV-Rente besitzt. 6. Nach pflichtgemässer Würdigung der vorhandenen ärztlich en Unterlagen ergibt sich zu- sammenfassend weder auf der Basis der gutachterlichen Expl oration von Dr. B.____ noch auf der Basis der Einschätzung des RAD ein hinreichend nachvo llziehbares Bild über den Gesund- heitszustand und dessen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit des Versicherten. Damit präsen- tiert sich der massgebende medizinische Sachverhalt im Sinne von Art. 43 Abs. 1 ATSG als un- genügend abgeklärt. Dies führt in Gutheissung der Beschwerde zur Aufhebung der angefochte- nen Verfügung und zur Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zur ergänzenden Ab- klärung des medizinischen Sachverhalts im Sinne der Erwägungen. 7. Es bleibt über die Kosten des Beschwerdeverfahrens zu befinden. 7.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens - und der Parteikosten ist grundsätz- lich auf den Prozessausgang abzustellen. Hebt das Kanto nsgericht eine bei ihm angefochtene Verfügung auf und weist es die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessualer Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (vollständig) obsiegende und die IV-Stelle als unterliegende Partei (BGE 137 V 57 E. 2.1 und 2.2, BGE 132 V 215 E. 6.2, je mit Hinweisen). 7.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.— bis Fr. 1000.— festgelegt. Be i Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.— fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Reg el der unterliegenden Partei in ange- messenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, weshalb die Ver- fahrenskosten ihr zu auferlegen sind. Der geleistete Kostenvorschuss im Umfang von Fr. 800.— ist dem Beschwerdeführer entsprechend zurückzuerstatten. Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da der Beschwerdeführer obsiegende Partei ist, ist ihm eine Parteient- schädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Der Rech tsvertreter des Beschwerdeführers hat in seiner Kostennote vom 10. Januar 2022 für das vorliegende Beschwerdeverfahren ein Ho- norar von insgesamt Fr. 3'618.70 geltend gemacht, d as sich aus der Entschädigung für den er- brachten Aufwand von 12.8 Stunden zu einem Ansatz von Fr . 250.—, aus Auslagen von Fr. 160.— und aus der Mehrwertsteuer von 7,7 % im Betra g von Fr. 258.70 zusammensetzt. Diese Kostennote ist in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen nicht zu beanstanden. Dem Beschwerdeführer ist deshalb eine Part eientschädigung in der Höhe von Fr. 3'618.70 zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. 8.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesg ericht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht zulässig ge- gen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbständig eröffnete Zwischenentscheide sind - mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständig keit und über Ausstandsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) - nur mit Beschwerde in öffentlich- rechtlichen Angelegenheiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil bewir ken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort e inen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren er- sparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid , sondern um einen Zwischenent- scheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rückweisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvorausset- zungen) beantwortet wird (BGE 133 V 477 E. 4.2). 8.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es si ch somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Voraus- setzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bundesgericht. Die nachstehende Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 29. April 2021 aufgeho- ben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwä- gungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die Vor instanz zu- rückgewiesen wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.— werd en der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. Dem Beschwerdeführer wird der geleistete Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 800.— zurückerstattet. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat dem Beschwerdefü hrer eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 3'618.70 (inkl. Ausla gen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen.