Zivilprozessrecht – Rechtsmittel – KGE (I. Zivilrechtliche Abteilung) vom 7. November 2011, X. u.a. c. Y. u.a. – TCV C3 11 125 Zivilprozessrecht: Anfechtbarkeit von erstinstanzlichen Entscheiden betreffend Beweismittel – Erstinstanzliche Beweismittelentscheide können nur dann selbständig mit Beschwerde angefochten werden, wenn durch sie ausnahmsweise ein nicht wie- der gutzumachender Nachteil droht; grundsätzlich sind sie mit dem Endurteil anzufechten. Ref. CH: Art. 319 ZPO, Art. 405 ZPO Ref. VS: – Procédure civile: recours contre les décisions de première instance en matière de preuve – Les décisions en matière de preuve rendues en première instance ne sont suscep- tibles de recours séparé que lorsqu’exceptionnellement elles peuvent causer un préjudice difficilement réparable; en principe, elles sont attaquables avec la déci- sion finale. Réf. CH: art. 319 CPC, art. 405 CPC Réf. VS: – Verfahren Mit Verfügungen vom 29. August 2011, 2. September 2011 und 6. September 2011 wies das Bezirksgericht Brig den Antrag von X. und weiterer Personen ab, bestimmte Unterlagen aus den Akten zu weisen und andere Unterlagen zu den Akten zu nehmen. Die Antragsteller foch- ten diese Verfügungen beim Kantonsgericht an. 138 RVJ / ZWR 2012RVJ / ZWR 2012 139 Aus den Erwägungen (für die Publikation formell angepasst) 1. Gemäss Art. 405 Abs. 1 der am 1. Januar 2011 in Kraft getretenen Schweizerischen Zivilprozessordnung gilt für die Rechtsmittel das Recht, das bei der Eröffnung des Entscheids in Kraft ist, und zwar auch für Rechtmittel gegen Zwischenentscheide, da gemäss Bundesge- richtsurteil 5A_320/2011 vom 8. August 2011 E. 2.3.2 der Wortlaut von Art. 405 Abs. 1 ZPO nicht nach der Art des Entscheids differenziert und den Anwendungsbereich der Norm insbesondere nicht auf Endent- scheide beschränkt. Die Anfechtbarkeit beurteilt sich demzufolge nach neuem Recht. 2. a) Laut Art. 319 ZPO ist die Beschwerde zulässig gegen nicht berufungsfähige erstinstanzliche Endentscheide, Zwischenentscheide und Entscheide über vorsorgliche Massnahmen (lit. a), andere erstin- stanzliche Entscheide und prozessleitende Verfügungen in den vom Gesetz bestimmten Fällen (lit. b Ziff. 1) oder wenn durch sie ein nicht leicht wieder gutzumachender Nachteil droht (lit. b Ziff. 2) sowie bei Rechtsverzögerung (lit. c). Im Gesetz nicht vorges ehen ist, dass Ent- scheide betreffend Beweismittel mit Beschwerde angefochten wer- den können, so dass Beweismittelentscheide nur angefochten wer- den können, wenn ein nicht leicht wieder gutzumachenden Nachteil droht (Art. 319 lit. b Ziff. 2 ZPO; Brunner, in : Oberhammer [Hrsg.] Kurz- kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, Basel 2010, N. 12 zu Art. 319 ZPO; Jeandin, Code de procédure civile commenté, Basel 2011, N. 14 zu Art. 319 ZPO). Mithin können die angefochtenen Entscheide nur Anfechtungsobjekt einer Beschwerde an das Kantonsgericht sein, wenn sie den Beschwerdeführern einen nicht leicht wieder gutzuma- chenden Nachteil verursachen. b) Der Nachteil ist nicht wieder gutzumachen, wenn er rechtlicher Natur ist, was der Fall ist, wenn er sich auch mit einem späteren gün- stigen Endentscheid nicht oder nicht gänzlich beseitigen lässt (BGE 137 III 380 E. 1.2.1 und 2.2 mit Hinweisen). Auch drohende Nachteile tat- sächlicher Natur können genügen (Meier, Schweizerisches Zivilpro- zessrecht, Zürich/Basel/Genf 2010, S. 470), insbesondere wenn die Lage der betroffenen Partei durch den angefochtenen Entscheid erheblich erschwert wird (Freiburghaus/Afheldt in : Sutter-Somm/Hasenböhler/ Leuenberger [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozess- ordnung, Zürich 2010, N. 14 zu Art. 319 ZPO). Der Begriff des nicht leicht wieder gutzumachenden Nachteils ist restriktiv auszulegen (Jeandin, a.a.O., N. 22 zu Art. 319 ZPO), da der Beschwerdeführer grundsätzlichimmer die Möglichkeit hat, die streitige Verfügung zusammen mit der Hauptsache anzufechten (Brunner, a.a.O., N. 13 zu Art. 319 ZPO). In die- sem Bereich ist die Unzulässigkeit der Beschwerde die Regel und die Zulässigkeit die Ausnahme (Donzallaz, La notion de «préjudice diffici- lement réparable» dans le CPC, in: Il Codice di diritto processuale civile svizzero, Lugano 2011, S.191). c) Es obliegt den Beschwerdeführern, den nicht leicht wieder gut- zumachenden Nachteil zu behaupten und nachzuweisen (Brunner, a.a.O., N. 12 zu Art. 319 ZPO). Diese begründen den nicht wieder gutzu- machenden Nachteil damit, dass sie auf Grund der Anwendbarkeit der neuen schweizerischen Zivilprozessordung im Rechtsmittelverfahren «mit dem Einwand der verspätet hinterlegten Beweismittel im Haupt- verfahren angesichts der Anwendbarkeit von Art. 154 ZPO gar nicht mehr durchdringen». Die Gefahr des «Nichtdurchdringens» besteht für jede Partei in jedem Verfahren; dies stellt aber keinen nicht wieder gut- zumachenden Nachteil dar. Der strittige Beweismittelentscheid kann alsdann mit dem Endurteil (Hauptsache) angefochten werden (Brun- ner, a.a.O., N. 13 zu Art. 319), weshalb den Beschwerdeführern keiner- lei nicht leicht wieder gutzumachender Nachteil entsteht. Auf die Beschwerde ist daher nicht einzutreten. 140 RVJ / ZWR 2012