<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">296</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>50</b></span> <span class="ft4"><b>Ordnungsbusse nach § 25 VRPG</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Der gegenüber mehreren Amtsstellen und Personen erhobene, ehren-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>rührige Vorwurf der strafbaren Handlung verletzt den prozessualen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Anstand (Erw. 6.1.-6.3.).</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Gewährung des rechtlichen Gehörs (Erw. 6.4.)</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Strafzumessung im konkreten Anwendungsfall; Entschuldigung/</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Rückzug der Vorwürfe durch den Rechtsvertreter wirkt sich straf-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>mindernd aus (Erw. 6.5.).</b></span><br/> <span class="ft8">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 21. August 2014 in Sa-</span><br/> <span class="ft8">chen A. gegen B. und Gemeinderat C. sowie Departement Bau, Verkehr und</span><br/> <span class="ft8">Umwelt (WBE.2013.503).</span><br/> <span class="ft10"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">6.1.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">297</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Wer im verwaltungsgerichtlichen Verfahren den prozessualen</span><br/> <span class="ft1">Anstand grob verletzt, kann nach § 25 VRPG mit einem Verweis</span><br/> <span class="ft1">oder mit einer Ordnungsbusse bis Fr. 1'000.00 bestraft werden. Ob</span><br/> <span class="ft1">sich die betreffende Handlung gegen das Gericht, eine Partei oder</span><br/> <span class="ft1">unbeteiligte Dritte richtet, ist belanglos (vgl. analog zum früheren</span><br/> <span class="ft1">Recht: AGVE 1992, S. 419 f.; VGE III/20 vom 30. Mai 2007</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2006.31], S. 18, je mit weiteren Hinweisen). Bei der Frage, ob</span><br/> <span class="ft1">ein Verhalten den Anstand verletzt und damit "ungebührlich" ist, geht</span><br/> <span class="ft1">es letztlich um eine Wertung. Dabei sind der Anspruch der Parteien,</span><br/> <span class="ft1">ihren Standpunkt auch pointiert vertreten zu können, und die Freiheit</span><br/> <span class="ft1">der Kritik, welche für eine wirksame Kontrolle der Rechtspflege not-</span><br/> <span class="ft1">wendig ist, gegen das ebenso berechtigte Interesse der Justiz abzuwä-</span><br/> <span class="ft1">gen, ein geordnetes Verfahren durchzuführen und, gerade zum</span><br/> <span class="ft1">Schutz von Verfahrensbeteiligten, unzumutbare Vorwürfe zu verhin-</span><br/> <span class="ft1">dern (VGE III/20 vom 30. Mai 2007 [WBE.2006.31], S. 18, mit Hin-</span><br/> <span class="ft1">weis). Die Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts zur Sanktionierung</span><br/> <span class="ft1">von Verstössen gegen den prozessualen Anstand folgt dabei unmittel-</span><br/> <span class="ft1">bar aus § 25 VRPG (vgl. VGE III/20 vom 30. Mai 2007</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2006.31], S. 18, mit Hinweis).</span><br/> <span class="ft1">6.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer äussert sich in seiner Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richtsbeschwerde vom 16. November 2013 in verunglimpfender und</span><br/> <span class="ft1">inhaltlich deplatzierter Weise über diverse Amtsstellen und Personen.</span><br/> <span class="ft1">So wirft er der (...) Bauverwaltung Urkundenfälschung und Betrug</span><br/> <span class="ft1">vor. Dem Gemeinderat wird mehrfach Korruption, Betrug und</span><br/> <span class="ft1">"Begünstigung" (effektiv dürfte damit Amtsmissbrauch gemeint sein)</span><br/> <span class="ft1">nachgesagt; zudem habe er "bösartig auf einen Volksentscheid</span><br/> <span class="ft1">getreten" und halte Gesetze nicht ein. Auch der zuständigen</span><br/> <span class="ft1">Sachbearbeiterin des Departements BVU wird "Begünstigung"</span><br/> <span class="ft1">vorgeworfen; weiter wird behauptet, sie hätte den Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">"absichtlich geschädigt, diskriminiert und rassistisch behandelt".</span><br/> <span class="ft1">Schliesslich wird ausgeführt, eine Person des Departements BVU</span><br/> <span class="ft1">habe Ende 2005 eine Lärmmessung gefälscht. Diese Zusammenstel-</span><br/> <span class="ft1">lung verunglimpfender Aussagen ist nicht abschliessend.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">298</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">6.3.</span><br/> <span class="ft1">Die genannten Vorwürfe sind strafrechtlicher Natur (vgl. insbe-</span><br/> <span class="ft1">sondere Art. 146 [Betrug], Art. 251 ff. [Urkundenfälschung], Art. 305</span><br/> <span class="ft1">[Begünstigung] und Art. 312 [Amtsmissbrauch] StGB) und wiegen</span><br/> <span class="ft1">schwer. Unbestrittenermassen besteht zwar ein erhebliches öffentli-</span><br/> <span class="ft1">ches Interesse daran, Missstände in der Rechtspflege aufzudecken;</span><br/> <span class="ft1">dies berechtigt aber nicht dazu, unbewiesene Verdächtigungen oder</span><br/> <span class="ft1">unqualifizierte Vorwürfe gegen Verfahrensbeteiligte zu richten (vgl.</span><br/> <span class="ft1">VGE III/20 vom 30. Mai 2007 [WBE.2006.31], S. 19, mit Hinwei-</span><br/> <span class="ft1">sen). Sodann vermag der Beschwerdeführer seine Anschuldigungen</span><br/> <span class="ft1">nicht konkret zu begründen; entsprechend zog er mit Eingabe vom</span><br/> <span class="ft1">8. April 2014 "die verschiedenen Behauptungen, Belastungen und</span><br/> <span class="ft1">verfehlten juristischen Qualifikationen" zurück. Tatsächlich müsste</span><br/> <span class="ft1">der Wahrheitsbeweis für die Aussage, jemand habe eine strafbare</span><br/> <span class="ft1">Handlung begangen, grundsätzlich durch ein rechtskräftiges Strafur-</span><br/> <span class="ft1">teil erbracht werden. Ist eine Verurteilung noch nicht erfolgt, so müs-</span><br/> <span class="ft1">sen entsprechende Äusserungen zurückhaltend erfolgen und deutlich</span><br/> <span class="ft1">werden lassen, dass einstweilen nur der Verdacht vorliegt (vgl.</span><br/> <span class="ft1">VGE III/20 vom 30. Mai 2007 [WBE.2006.31], S. 19, mit Hinweis).</span><br/> <span class="ft1">Eine solche Zurückhaltung hat der Beschwerdeführer vermissen las-</span><br/> <span class="ft1">sen. Der gegenüber mehreren Amtsstellen und Personen erhobene,</span><br/> <span class="ft1">ehrenrührige Vorwurf der strafbaren Handlung schiesst klar über das</span><br/> <span class="ft1">hinaus, was es zu einer sachlichen Begründung einer Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richtsbeschwerde bedarf. Irgendwelche Rechtfertigungsgründe wer-</span><br/> <span class="ft1">den vom Beschwerdeführer nicht geltend gemacht; solche sind auch</span><br/> <span class="ft1">nicht ersichtlich. Es ist deshalb nicht nur von einem</span><br/> <span class="ft1">tatbestandsmässigen, sondern auch von einem widerrechtlichen Ver-</span><br/> <span class="ft1">halten auszugehen. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer seine</span><br/> <span class="ft1">Äusserungen nachträglich zurücknahm, vermag an dieser Beurtei-</span><br/> <span class="ft1">lung nichts zu ändern.</span><br/> <span class="ft1">6.4.</span><br/> <span class="ft1">Bei der Ausfällung einer Sanktion nach § 25 VRPG ist dem Be-</span><br/> <span class="ft1">troffenen in der Regel vorgängig das rechtliche Gehör zu gewähren,</span><br/> <span class="ft1">da nachteilig in seine Rechtsstellung eingegriffen werden soll. Der</span><br/> <span class="ft1">Betroffene erhält durch die Möglichkeit der vorgängigen Äusserung</span><br/> <span class="ft1">die Gelegenheit, mit einer Entschuldigung die Anstandsverletzung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">299</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zwar nicht rückgängig zu machen, aber immerhin seine Bereitschaft</span><br/> <span class="ft1">zu dokumentieren, den durch § 25 VRPG geschützten Gerichtsfrie-</span><br/> <span class="ft1">den wiederherzustellen (vgl. VGE III/20 vom 30. Mai 2007</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2006.31], S. 19 f., mit Hinweis).</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer wurde mit Verfügung vom 14. Februar</span><br/> <span class="ft1">2014 auf § 25 VRPG hingewiesen. Gleichzeitig wurde ihm mitge-</span><br/> <span class="ft1">teilt, dass die Beschwerdeschrift auch nach Massgabe dieser Bestim-</span><br/> <span class="ft1">mung geprüft werde. In seiner Eingabe vom 8. April 2014 liess der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer festhalten, die Beschwerdeschrift enthalte tatsäch-</span><br/> <span class="ft1">lich Formulierungen, die so nicht hingenommen werden könnten. Er</span><br/> <span class="ft1">sei wegen den jahrelangen Auseinandersetzungen verbittert und ent-</span><br/> <span class="ft1">täuscht, dass Verwaltung und Gerichte nicht immer so entschieden</span><br/> <span class="ft1">hätten, wie er dies verlangt habe. Er ziehe die verschiedenen Behaup-</span><br/> <span class="ft1">tungen, Belastungen und verfehlten juristischen Qualifikationen mit</span><br/> <span class="ft1">dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Er ersuche höflich darum, von</span><br/> <span class="ft1">einer Disziplinierung abzusehen; dem Rechtsfrieden diene der Ver-</span><br/> <span class="ft1">zicht auf eine Disziplinierung mehr.</span><br/> <span class="ft1">6.5.</span><br/> <span class="ft1">Der vom Beschwerdeführer begangene Verstoss gegen den pro-</span><br/> <span class="ft1">zessualen Anstand wiegt schwer, griff er doch mehrere Amtsstellen</span><br/> <span class="ft1">und Personen in massiv ehrverletzender Weise an. Hinzu kommt,</span><br/> <span class="ft1">dass er bereits früher vom Verwaltungsgericht wegen einer Ver-</span><br/> <span class="ft1">letzung des prozessualen Anstands mit einer Busse von Fr. 250.00</span><br/> <span class="ft1">bestraft werden musste (VGE III/20 vom 30. Mai 2007</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2006.31]). Diese Gründe legen es nahe, von einem schweren</span><br/> <span class="ft1">Verschulden auszugehen und die Höhe der Busse im obersten Be-</span><br/> <span class="ft1">reich des vorgesehenen Strafrahmens (maximal Fr. 1'000.00)</span><br/> <span class="ft1">festzulegen. Die angebliche Verbitterung vermag daran nichts zu</span><br/> <span class="ft1">ändern; Niederlagen vor Verwaltungs- und/oder Gerichtsinstanzen</span><br/> <span class="ft1">vermögen derart schwere Anschuldigungen, wie sie der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer erhob, in keiner Art und Weise zu rechtfertigen. Der Verweis</span><br/> <span class="ft1">auf die angeblich früher erlittene Unbill ist umso unverständlicher,</span><br/> <span class="ft1">als die verwaltungsrechtlichen Verfahren betreffend die eigentliche</span><br/> <span class="ft1">Sitzplatzüberdachung schon 9 bzw. 11 Jahre zurückliegen. Immerhin</span><br/> <span class="ft1">ist dem Beschwerdeführer zugutezuhalten, dass er im Nachhinein</span><br/> <span class="ft1">(wenn auch erst nach der impliziten Androhung allfälliger Sanktio-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">300</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nen und offensichtlich unter erheblichem Zuspruch seines Rechtsver-</span><br/> <span class="ft1">treters) seine Vorwürfe "mit dem Ausdruck des Bedauerns" zurück-</span><br/> <span class="ft1">zog. Dies lässt auf eine gewisse Reue schliessen, welche strafmin-</span><br/> <span class="ft1">dernd zu berücksichtigen ist. Insgesamt rechtfertigt es sich, dem Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer eine Busse von Fr. 500.00 aufzuerlegen.</span><br/></div> </div> </body> </html>