Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 2. März 2016 (810 14 114) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung/Rückweisung Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, K antonsrichter Christian Haidlauf, Markus Clausen, Jgnaz Jermann, Niklaus Ruckstuhl, Gerichtsschreiberin Stephanie Schlecht Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Dr. Tanja Soland , Adv o- katin gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal , Beschwerdegegner Betreff Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligun g/Rückweisung (Urteil des Schweizerischen Bundesgerichts vom 3. April 2014) A. Die türkische Staatsangehörige A.____, geboren a m 10. März 1956, reiste am 4. Januar 1993 erstmals in die Schweiz ein und stel lte einen Asylantrag, welcher zufolge Rück- zugs abgeschrieben wurde. Am 27. März 1998 reiste A .____ erneut in die Schweiz ein und stellte wieder ein Asylgesuch, welches wiederum einem Rückzug zufolge abgeschrieben wurde. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Am 8. Dezember 2001 reiste A.____ ein weiteres Mal in die Schweiz ein und stellte einen drit- ten Asylantrag, welcher mit Verfügung vom 30. April 20 03 abgelehnt wurde. Gegen ihre ange- ordnete Wegweisung aus der Schweiz erhob A.____ Besch werde. Während des Beschwerde- verfahrens heiratete sie am 17. Februar 2006 den Schwei zer Bürger, B.____, und erhielt am 5. Oktober 2006 eine Aufenthaltsbewilligung im Rahme n des Familiennachzugs. Die Aufent- haltsbewilligung wurde letztmals bis zum 17. Februar 2011 verlängert. B. Am 26. November 2008 reichte der Ehemann beim Bezir ksgericht C.____ eine Schei- dungsklage ein. Am 5. Januar 2009 zog er die Scheidun gsklage zurück und reichte gleichzeitig ein Gesuch um Bewilligung des Getrenntlebens ein. Mit Verfügung vom 23. März 2009 wurde den Ehegatten das Getrenntleben bewilligt und festges tellt, dass dieses durch den Auszug des Ehemannes aus der ehelichen Wohnung per 1. September 2 009 aufgenommen werde. Der Ehemann ist offenbar im Februar 2011 für unbestimmte Zeit in die Türkei ausgereist. C. Am 17. Februar 2011 stellte A.____ beim Amt für M igration des Kantons Basel- Landschaft (AfM) ein Gesuch um Erteilung der Niederla ssungsbewilligung, welches wegen So- zialhilfeabhängigkeit vom AfM mit Verfügung vom 24. Februar 2011 abgelehnt wurde. D. Mit Schreiben vom 9. Mai 2011 gewährte das AfM A._ ___ das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewi lligung und Wegweisung. Mit Schreiben vom 17. Juni 2011 liess sich A.____, vertreten durch lic. iur. Johan Göttl, Anlaufstelle Baselland, diesbezüglich vernehmen. Das AfM bat mit Schreiben vom 1 4. Juli 2011 auch den Ehemann um eine Stellungnahme, insbesondere hinsichtlich der von A.____ geltend gemachten häusli- chen Gewalt. Das Schreiben konnte jedoch aufgrund unbekannten Aufenthalts des Ehemannes nicht zugestellt werden. E. Mit Verfügung vom 30. August 2011 ordnete das AfM die Nichtverlängerung der Auf- enthaltsbewilligung und Wegweisung von A.____ sowie d ie Ausreise bis spätestens am 30. September 2011 an. Zur Begründung wurde im Wesen tlichen ausgeführt, dass die Ehege- meinschaft weniger als drei Jahre gedauert habe, weshalb A.____ keinen Anspruch auf Verlän- gerung der Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 5 0 lit. a des Bundesgesetzes über die Aus- länderinnen und Ausländer (Ausländergesetz, AuG) vom 16 . Dezember 2005 habe. Zudem be- stehe kein Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltsbe willigung aus wichtigen persönlichen Gründen gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG. Die Aufentha ltsbewilligung könne schliesslich auch nicht ermessensweise oder unter dem Aspekt der Verhältnismässigkeit verlängert werden. F. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch lic. iur. Johan Göttl, mit Eingabe vom 19. August 2011 (Posteingang am 12. September 201 1) Beschwerde beim Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft (Regierungsrat). Sie beant ragte, die Verfügung des AfM vom 30. August 2011 sei aufzuheben, die Aufenthaltsbewilligung zu verlängern und auf die Wegwei- sung zu verzichten. Zudem sei auf die Erhebung von Verfahrenskosten, inklusive eines Kosten- vorschusses zu verzichten und die ordentlichen Kosten seien de r Staatskasse aufzuerlegen. Der Regierungsrat wies die Beschwerde mit Entscheid vom 1 3. März 2012 ab und verfügte, Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht dass A.____ die Schweiz bis spätestens 30 Tage nach Rechtskraft des regierungsrätlichen Entscheids zu verlassen habe. G. Mit Eingabe vom 26. März 2012 erhob A.____, vertret en durch lic. iur. Johan Göttl, beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Verfassun gs- und Verwaltungsrecht (Kan- tonsgericht), Beschwerde gegen den Entscheid des Regierungsrats vom 13. März 2012 mit den Rechtsbegehren, es sei der Entscheid des Regierungsrats aufzuheben, die Aufenthaltsbewilli- gung der Beschwerdeführerin zu verlängern und auf die Wegweisung aus der Schweiz zu ver- zichten. Zudem sei zufolge Mittellosigkeit auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten und die ordentlichen Kosten seien der Staatskasse aufzuerlegen. H. Mit Präsidialverfügung vom 13. April 2012 wurde der Beschwerdeführerin die unent- geltliche Prozessführung und Verbeiständung bewilligt. Das Kantonsgericht wies die Beschwer- de mit Urteil vom 26. September 2012 (Urteil des Ka ntonsgerichts, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht [KGE VV], vom 26. September 2012 [810 12 88 / 178]) ab. I. Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin , nachfolgend vertreten durch Dr. Tanja Soland, Advokatin in Basel, mit Eingabe vom 21. Januar 2013 Beschwerde beim Schweizerischen Bundesgericht, welches die Beschwerde mit Urteil 2C_73/2013 vom 3. April 2014 guthiess. Das Urteil des Kantons Basel-Landschaft (K GE VV vom 26. September 2012 [810 12 88 / 178]) wurde aufgehoben und die Sache zu r Abklärung des Sachverhalts bezüglich der Intensität der Beziehung zwischen der Beschwerdeführe rin und ihren Söhnen und Enkeln sowie allenfalls betreffend Vorliegen eines Widerrufsgr unds zu neuem Entscheid ans Kantons- gericht zurückgewiesen. J. Mit Präsidialverfügung vom 26. Juni 2014 wurde zwecks Ab klärung des psychischen Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin im Zusammenhan g mit ihrem sozialen Umfeld ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben. K. Gemäss Eingabe der Beschwerdeführerin vom 28. Juni 2014 werde sie ab dem 30. Juni 2014 nicht mehr von der Sozialhilfebehörde der Gemeinde D.____. unterstützt. L. Mit Präsidialverfügung vom 19. Mai 2014 wurde zwecks K lärung des Sachverhalts hin- sichtlich der Intensität der Beziehung zu den Söhnen und Enkeln ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben. Das Gutachten von E.____, Psychiatrie Baselland, Ambulatorien und Ta- geskliniken (AUT), Ambulatorium F.____, datiert vom 9. Februar 2015. M. Am 11. März 2015 liess sich der Regierungsrat vernehmen . N. Mit Eingabe vom 13. März 2015 replizierte die Beschwe rdeführerin und am 25. März 2015 reichte sie das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ein. O. Mit Verfügung vom 15. April 2015 wurde der Fall d er Kammer zur Beurteilung überwie- sen. Gleichzeitig wurden die beiden Söhne, G.____ und H.____, als Auskunftspersonen gela- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht den. Ferner wurden der Beschwerdeführerin die unentge ltliche Prozessführung und Verbei- ständung für das vorliegende Verfahren bewilligt. P. Anlässlich der Parteiverhandlung vom 2. September 2015 entschied das Kantonsge- richt, dass sowohl der Gutachter E.____ als auch die be handelnde Psychologin I.____, Psychi- atrie Baselland, Ambulatorien und Tageskliniken (AUT), Ambulatorium F.____, persönlich zu befragen seien. Darüber hinaus seien der Verlaufsbericht der behandelnden Psychologin sowie die vollständigen Akten der IV-Stelle Basel-Landschaft e inzuholen (vgl. Präsidialverfügung vom 4. September 2015). Q. Die IV-Stelle Basel-Landschaft reichte die entsprech enden Akten mit Schreiben vom 8. September 2015 ein. Der Verlaufsbericht von I.____ datiert vom 1. Oktober 2015. Der Gut- achter reichte dem Gericht am 16. Oktober 2015 einen kurzen ergänzenden Bericht über den aktuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ein. R. Mit Schreiben vom 26. November 2015 nahm die Beschwer deführerin Stellung zu den beiden ärztlichen Berichten. S. Mit Präsidialverfügung vom 8. Januar 2016 wurde der Fall nunmehr der Kammer zur Beurteilung überwiesen und als Auskunftspersonen wurden E.____ und die behandelnde Psy- chologin I.____ vorgeladen. T. An der heutigen Parteiverhandlung halten die Part eien an ihren Anträgen und Begrün- dungen fest. Als Auskunftspersonen werden E.____ und I.____ befragt. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g: 1. Das Bundesgericht hat das Urteil des Kantonsgerichts vom 26. September 2012 auf- gehoben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung hinsichtlich der Intensität der Bezie- hung zwischen der Beschwerdeführerin und ihren Enkelkind ern und Söhnen zurückgewiesen. In seiner Begründung erwog das Bundesgericht, das Kanton sgericht habe diese Beziehung für die Härtefallprüfung als nicht relevant erachtet und daher entsprechende Abklärungen unterlas- sen. Falls aber tatsächlich eine besonders enge, die psychisc h kranke Beschwerdeführerin in entscheidendem Ausmass stützende Beziehung (nicht bloss gel egentliche, allgemein übliche gegenseitige Besuche) bestehe, wäre aufgrund einer Ges amtbeurteilung der spezifischen Situ- ation der Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung der Hinweise auf erlittene eheliche Ge- walt, die dadurch erfolgte massive Verschlechterung ihres Zustands und der besonders intensi- ven Beziehung zu den Söhnen und Enkelkindern ein Aufenth altsanspruch gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AuG zu bejahen. Be i dieser Sachlage wäre weiter zu prüfen, ob ein Widerrufsgrund nach Art. 62 AuG bestehe, der diesen Aufenthaltsanspruch allenfalls erlöschen liesse. Gemäss Art. 62 lit. e AuG sei dies unter anderem der Fall, wenn die Person auf Sozialhilfe angewiesen sei, wobei das Verhältnismässi gkeitsprinzip zu beachten sei. Die Beschwerdeführerin beziehe eine halbe IV-Rente sowie E rgänzungsleistungen und beanspru- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht che zusätzlich auch Sozialhilfe. Von Bedeutung seien in d iesem Zusammenhang die Höhe der allfällig heute noch bezogenen Sozialhilfe sowie die Frage, ob in absehbarer Zeit mit einer posi- tiven Entwicklung gerechnet werden könne. Sollte die we iterhin erforderliche finanzielle Unter- stützung relativ gering sein, wäre zudem zu prüfen, ob a llenfalls die Söhne in der Lage und be- reit wären, der Beschwerdeführerin konkret zu helfen, vo n der Sozialhilfeabhängigkeit wegzu- kommen. Zu klären werde zusammenfassend also die Intensit ät der Beziehung zu den Söhnen und Enkeln sowie allenfalls das Vorliegen eines Widerr ufgrundes sein. Die Sache werde daher an das Kantonsgericht zur Ergänzung des Sachverhalts in diesen zwei Punkten und zum neuen Entscheid zurückgewiesen. 2. Beim Kantonsgericht wurde nach Eingang des Bundesge richtsurteils vom 3. April 2014 das vorliegende Verfahren (810 14 114) angelegt und d ie vom Bundesgericht zurückerhaltenen Akten des Verfahrens 810 12 88 beigezogen. Das Verfahren 810 12 88 wird als Verfahren 810 14 114 in Bezug auf die Intensität der Beziehung zu den Enkeln und Söhnen sowie auf das Vor- liegen eines allfälligen Widerrufsgrundes wiederaufgenommen. 3. Vorliegend steht einzig ein Aufenthaltsanspruch ge stützt auf einen nachehelichen Här- tefall gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG im Raum (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_73/2013 vom 3. April 2014 E. 2). Nach Auflösung der Ehe oder d er Familiengemeinschaft besteht der Anspruch des Ehegatten und der Kinder auf Erteilung u nd Verlängerung der Aufenthaltsbewilli- gung nach den Artikeln 42 und 43 weiter, wenn wichti ge persönliche Gründe einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen (Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG). Wichtige persönliche Gründe nach Absatz 1 Buchstabe b können namentlich vorli egen, wenn die Ehegattin oder der Ehegatte Opfer ehelicher Gewalt wurde oder die Ehe nicht aus freien Willen geschlossen hat oder die soziale Wiedereingliederung im Herkunftsland stark gefährdet erscheint (Art. 50 Abs. 2 AuG). Die Aufzählung ist nicht abschliessend. Bei der Beschwerdeführerin könnte dieser wichti- ge persönliche Grund – wie das Bundesgericht im genannte n Entscheid ausführt − in der gel- tend gemachten Beziehung zu ihren Söhnen und Enkelkin dern im Rahmen der Prüfung, ob ein nachehelicher Härtefall vorliegt, gegeben sein. 4.1 Mit der Regelung von Art. 50 AuG sollen schwerwiege nde Härtefälle bei der Auflösung der ehelichen Gemeinschaft vermieden werden. Der Gese tzgeber hatte beim Erlass der ge- nannten Härtefallregelung nach Abs. 1 lit. b i.V.m. Abs. 2 AuG namentlich gewaltbetroffene Mig- rantinnen im Auge (vgl. A NGELA BRYNER , in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg], Auslän- derrecht, 2. Auflage, Basel 2009, N 27.39). Das Schutzziel von Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AuG sind Opfer von familiärer Gewalt. Nach der Rechtsprechung fällt darunter jede Form ehelicher bzw. häuslicher Gewalt, sei sie körperlicher od er psychischer Natur (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_1072/2014 vom 9. Juli 2015 E. 2.2). Ein persönlicher, nachehelicher Härte- fall setzt aufgrund der gesamten Umstände eine erhebli che Intensität der Konsequenzen für das Privat- und Familienleben voraus, die mit der Lebe nssituation nach dem Dahinfallen der gestützt auf Art. 42 Abs. 1 AuG abgeleiteten Anwesenh eitsberechtigung verbunden sein muss (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_1141/2014 vom 10. September 2015 E. 2.3). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 Wie das Bundesgericht in seinem Entscheid bereits fest gehalten hat, sind bei einer Gesamtbetrachtung der Situation der Beschwerdeführeri n zahlreiche Indizien zu erkennen, die durchaus glaubhaft erscheinen lassen, dass die Beschwerd eführerin eheliche Gewalt erlitten hat und sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführeri n aufgrund der ehelichen Gewalt massiv verschlechtert hat (zum Ganzen: Urteil des Bundesgeri chts 2C_73/2013 vom 3. April 2014 E. 3.2 und 4.1 ff.). Die nachfolgenden Erwägung en beschränken sich folglich darauf zu eruieren, ob die Beziehung zu den Söhnen und Enkelkinde rn der Beschwerdeführerin den ent- scheidenden Rückhalt gibt, um sich von Suizidalität zu distanzieren bzw. diese Beziehung einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich macht. 4.3 Im Rahmen der Begutachtung bei E.____ sei die Be ziehung der Beschwerdeführerin zu ihren Söhnen und Enkelkindern weitgehend unklar geblieben, wobei die Beschwerdeführerin teilweise betont habe, dass die Enkelkinder und ihre S öhne sie am Leben halten würden (Gut- achten von E.____ vom 9. Februar 2015 [Gutachten], S. 39). Teil der Begutachtung bildete auch ein Gespräch mit dem älteren Sohn H.____. Er fü hrte gegenüber dem Gutachter aus, sei- ne Ehefrau suche die Beschwerdeführerin an zwei Tagen in der Woche auf, er selber unterstüt- ze die Mutter bei bestimmten Fragen, da diese weder lesen noch schreiben könne. Er sei der Auffassung, die Kontakte zu den Enkeln würden der Be schwerdeführerin gut tun (Gutachten, S. 39). Der Gutachter hielt zusammenfassend fest, der Kontakt zu Angehörigen habe ganz all- gemein einen positiven Einfluss auf die Beschwerdeführer in. Die Qualität der Beziehungen und deren Bedeutung für die Beschwerdeführerin habe sich jedoch im Rahmen der Begutachtung nicht weiter erhellen lassen (vgl. Gutachten, S. 39). Fe rner geht aus dem Gutachten hervor, dass die Beschwerdeführerin an einer leichten depressiven Episode sowie einer Akzentuierung von Persönlichkeitszügen leide (vgl. Gutachten, S. 38). Der Gutachter führt aus, eine Prognose erscheine mittelfristig als ungünstig, wobei keine aktuel l bestehende akute Suizidalität bestehe. Die Beschwerdeführerin habe im Rahmen der Begutachtu ng ihren Suizid für den Fall ange- droht, dass sie ausgeschafft werde. Neben der drohenden Ausschaffung seien keine weiteren Umstände ersichtlich, welche gegebenenfalls zu einer Selb stgefährdung führen könnten. Aus gutachterlicher Sicht wäre es jedoch naheliegend, dass es zu einer Zunahme der depressiven Symptomatik im Falle einer Wegweisung und allenfalls au ch zu suizidalen Handlungen der Be- schwerdeführerin, wie von ihr angekündigt worden sei, käme (vgl. Gutachten, S. 40). 4.4 Den Verfahrensakten kann weiter entnommen werden, dass gemäss einem Schreiben des behandelnden Psychiaters des älteren Sohnes H.____ vom 25. Februar 2015 dieser glaub- haft berichtet habe, dass die Beschwerdeführerin sich zwei- bis dreimal wöchentlich bei ihm und seiner Familie aufhalte. Die Beschwerdeführerin unterst ütze die Familie im Haushalt und in der Kinderbetreuung. Er und seine Familie würden die Besc hwerdeführerin an den Wochenenden, sofern sie ihrerseits daran verhindert sei, besuchen. D emnach bestehe aus seiner Sicht ein enger Kontakt zwischen H.____, seiner Familie und der B eschwerdeführerin. Ferner wurde festgehalten, dass H.____s Familie und die Beschwerdefüh rerin beabsichtigen würden, in na- her Zukunft zusammen zu leben (vgl. Schreiben von J.____ , Psychologe FSP, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zentrum für Soziale Psychiatrie, A mbulatorium K.____, vom 25. Februar 2015). Auch der jüngere Sohn F.____ bestä tigt, seine Mutter mindestens zweimal wöchentlich zu treffen. Die Beschwerdeführerin würde beim älteren Sohn übernachten und sich Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht um die Enkelkinder kümmern. Falls die Beschwerdeführe rin nicht zu Besuch kommen könne, würden sie sie besuchen. Ferner würde er sich freuen, we nn die Beschwerdeführerin entweder bei ihm oder beim Bruder wohnen könnte (vgl. Schreiben von G.____ vom 10. März 2015). 4.5 Anlässlich der Parteiverhandlung vom 2. September 2015 führte die Beschwerdeführe- rin aus, einmal wöchentlich die Therapie bei I.____ wa hrzunehmen. Zudem gehe sie freitags in die nicht wöchentlich stattfindenden Physiotherapiestu nden. Entsprechend besuche sie ihre Söhne entweder von Donnerstag oder Freitag bis Montag. Sie fahre in der Regel zu H.____, treffe sich während ihres Aufenthalts aber auch regelm ässig mit G.____. Sofern sie am Wo- chenende nicht nach L.____ fahren könne, kämen die Söh ne sie besuchen. Mit den Enkelkin- dern würde sie zweimal täglich per Videoanruf telefon ieren. Ferner rufe sie dreimal täglich G.____ an. Aufgrund ihres psychisch beeinträchtigten Gesu ndheitszustands sowie fehlender Arbeitsbewilligung sei es ihr verunmöglicht, arbeiten z u gehen. Sie sei aber nach wie vor nicht sozialhilfeabhängig. Die Ablösung davon sei insbesondere aufgrund der finanziellen Unterstüt- zung von G.____ möglich gewesen. Sie erhalte von ihm m onatlich ca. Fr. 500.-- bis Fr. 600.--. H.____ bezahle ihr in der Regel die Zugtickets nach L. ____. Auch der dritte Sohn, welcher in M.____ lebe, überreiche ihr bei seinen zirka halbjährli ch in der Schweiz stattfindenden Aufent- halten Bargeld. Die Söhne haben anlässlich ihrer Befragungen am 2. September 2015 bestätigt, die Mutter zwei- bis dreimal wöchentlich zu sehen, me hrmals täglich mit ihr zu telefonieren und sie finanziell zu unterstützen. Hinsichtlich der bestehenden finanziellen Unterstützung vermoch- ten die Söhne zunächst keine genauen Beträge zu nennen , kamen dann aber im Ergebnis mit den Aussagen der Beschwerdeführerin überein. H.____ wi es ferner darauf hin, dass er auf der Suche nach einer grösseren Wohnung sei, damit die Beschw erdeführerin bei ihm einziehen könne. 4.6 Gemäss Verlaufsbericht der behandelnden Psychologin vom 1. Oktober 2015 habe die Beschwerdeführerin konsistent und fortlaufend geäusser t, dass ihre Familie der Grund sei, weshalb sie sich von suizidalen Handlungen distanzieren könne. Sie berichte bei nahezu jedem Termin von den Besuchen bei der Familie und dem inten siven Kontakt zu den Söhnen und ins- besondere auch zu den Enkelkindern (vgl. Verlaufsberic ht von I.____ vom 1. Oktober 2015, S. 2). Vor diesem Hintergrund sei nach Auffassung der behandelnden Psychologin im Falle ei- ner räumlichen Trennung, aber auch mit einer Veränder ung des Lebensumfeldes bei fehlenden Anpassungsfähigkeiten, mit einer Zunahme der Verzweif lung der Beschwerdeführerin im Sinne einer weiteren Kontrollverlusterfahrung und damit auch von Suizidalität zu rechnen (vgl. Ver- laufsbericht von I.____ vom 1. Oktober 2015, S. 2 f.). Anlässlich der erneuten Untersuchung der Beschwerdeführerin durch E.____ am 1. Oktober 2015 h ätten sich keine wegweisenden ande- ren Untersuchungsbefunde als anlässlich der Untersuchung en im Rahmen der Begutachtung aus dem Jahr 2014 ergeben. Insgesamt scheine sich die Besch werdeführerin eher stabilisiert zu haben (vgl. Bericht von E.____ vom 16. Oktober 2015, S. 2 und 3). Die Beschwerdeführerin habe erzählt, zwei bis drei Tage wöchentlich in L.____ beim älteren Sohn zu verbringen. Sie sei grundsätzlich jedes Wochenende bei ihrer Familie oder di e Familie komme zu ihr, wenn sie verhindert sei. Die Beschwerdeführerin lächle bei Angaben zu ihrer Familie bzw. blühe bei dies- bezüglichen Ausführungen richtiggehend auf (vgl. Berich t von E.____ vom 16. Oktober 2015, S. 2). Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.7 An der Parteiverhandlung vom 2. März 2016 bestätig te die Beschwerdeführerin, wei- terhin unabhängig von der Sozialhilfe zu leben. Darü ber hinaus ergab sich, dass der ältere Sohn zwischenzeitlich eine grössere Wohnung (4.5-Zimmerw ohnung) gefunden habe und die Beschwerdeführerin im Falle ihres Verbleibs in der Schw eiz weiterhin beabsichtige, zu ihrem Sohn nach L.____ zu ziehen (vgl. Protokoll der Parteive rhandlung vom 2. März 2016). Gemäss den Aussagen des Gutachters an der Verhandlung vor Kanto nsgericht sei der Ablauf des All- tags der Beschwerdeführerin weitgehend unklar geblieben, was für die Einordnung der Schwere der depressiven Episode massgeblich wäre. Die Beschwerdefü hrerin habe anlässlich der letz- ten Untersuchung deutlich aufgestellter und selbständig er gewirkt. Ob die Beziehung zu den Söhnen und Enkelkindern über das übliche Mass hinausgeh e, könne er nach wie vor nicht be- urteilen. Aber er habe festgestellt, dass das Familienle ben für die Beschwerdeführerin sehr wichtig sei. Ferner würden sich der ältere Sohn H.____ , welcher auch psychisch beeinträchtigt sei, und die Beschwerdeführerin gegenseitig stützen. Auf fällig sei, wie die Beschwerdeführerin aufblühe, wenn sie von ihren Enkelkindern spreche (vgl . Protokoll der Parteiverhandlung vom 2. März 2016, S. 4). Die behandelnde Psychologin führt e aus, die Therapiesitzungen mit der Beschwerdeführerin einmal wöchentlich abzuhalten. Sie beurteile die Beziehung zu den Söh- nen und Enkelkindern als wesentliche Faktoren, welche die Beschwerdeführerin vom Suizid abhielten. Die Familie sei das einzige, was die Beschwer deführerin in ihrem Leben habe und darauf sei sie stolz. Aus ihrer Sicht habe sich die Bezieh ung zu ihren Söhnen und Enkelkindern aufgrund des verbesserten Gesundheitszustands sowohl quan titativ als auch qualitativ intensi- viert (vgl. Protokoll der Parteiverhandlung vom 2. März 2016, S. 5). 4.8 Zusammenfassend erhellt aus den weiteren Sachverhalts abklärungen, dass die Be- schwerdeführerin ihre Söhne und Enkelkinder mehrmals wöch entlich inkl. Übernachtungen be- sucht und sie mehrmals täglich miteinander telefonieren. Die Absicht, in naher Zukunft zusam- men ziehen zu wollen, erscheint ebenfalls glaubhaft und der ältere Sohn hat, wie bereits ausge- führt, zwischenzeitlich auch eine grössere Wohnung gefunden. Sowohl der Psychiater wie auch die behandelnde Psychologin sind der Auffassung, die Bezi ehung zu den Söhnen und Enkel- kindern sei für die Beschwerdeführerin sehr wichtig. Fer ner haben beide übereinstimmend dar- gelegt, dass eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustand s bei einer räumlichen Trennung von ihren Kindern und Enkelkindern naheliege, und im weiteren Verlauf mit ernstzunehmender Suizidalität zu rechnen sei. Die Psychologin erachtet di e Beziehungen zwischen der Beschwer- deführerin und ihren Söhnen und Enkeln als wesentlich e Faktoren, welche die Beschwerdefüh- rerin von suizidalen Handlungen abhalten würden. Vor d iesem Hintergrund verleiht die Bezie- hung zu den Söhnen und Enkelkindern der Beschwerdeführe rin einen massgeblichen Rückhalt in ihrer schwierigen Lebenssituation. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass ein sehr enges Verhältnis zwischen ihnen besteht, welches die psychi sch kranke Beschwerdeführerin wohl in entscheidendem Ausmass stützt und unerlässlich ist. D amit ist unter Berücksichtigung der Gesamtumstände ein Aufenthaltsanspruch der Beschwerd eführerin gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AuG zu bejahen. 5.1 Gemäss Art. 51 Abs. 2 lit. b AuG erlöschen die Anspr üche nach Art. 50 AuG, wenn Widerrufsgründe im Sinne von Artikel 62 AuG vorliegen. Gemäss Art. 62 lit. e AuG kann eine Aufenthaltsbewilligung widerrufen werden, wenn die A usländerin oder der Ausländer oder eine Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Person, für die sie oder er zu sorgen hat, auf Sozialhilfe angewiesen ist. Trotz dem Wortlaut der Bestimmung ist der Widerruf nicht bei jedem Sozialhilfebezug erfüllt. Ferner gilt zu berücksichti- gen, dass der Bezug von Sozialversicherungsleistungen, zu d enen auch die Ergänzungsleis- tungen gehören, keinen Bezug von Sozialhilfe darstellt (vgl. M ARC SPESCHA , in: Spe- scha/Thür/Zünd/Bolzli/Hruschka [Hrsg.], Kommentar Migrat ionsrecht, 4. Auflage, Zürich 2015, N 10 zu Art. 62). Bei der Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung eines Ausländers wegen Bedürftigkeit geht es in erster Linie darum, eine zusätzl iche und damit künftige Belastung der öffentlichen Wohlfahrt zu vermeiden. Nach der Rechtsp rechung ist für die Bejahung dieses Wi- derrufsgrundes eine konkrete Gefahr der Sozialhilfeabh ängigkeit erforderlich. Ob eine solche vorliegt, ist allerdings kaum je mit Sicherheit feststellbar. Es muss daher auf die wahrscheinliche finanzielle Entwicklung bei der ausländischen Person abgest ellt werden. Die Gefahr einer Sozi- alhilfeabhängigkeit fällt in Betracht, wenn eine Per son bisher hohe finanzielle Unterstützungs- leistungen erhalten hat und nicht damit gerechnet werd en kann, dass sie in Zukunft für ihren Lebensunterhalt sorgen wird (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2D_12/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.4). 5.2 Aus den Verfahrensakten ergibt sich, dass die Beschwer deführerin eine halbe IV- Rente, Ergänzungsleistungen (vgl. Verfügung der Eidgenö ssischen Invalidenversicherung [IV] vom 16. Oktober 2014, Verfügung der Sozialversicherungsan stalt [SVA] Basel-Landschaft vom 1. Oktober 2013) sowie Sozialhilfe bezieht. Seit Dezemb er 2008 wurde die Beschwerdeführerin von der Sozialhilfebehörde N.____ mit insgesamt Fr. 5 7‘418.-- unterstützt, vom 1. Mai 2012 bis zum 30. Juni 2014 beanspruchte sie von der Gemeinde D.____ Unterstützungsleistungen in der Höhe von Fr. 17‘909.65 (vgl. Schlussverfügung Gemeinde D .____ vom 11. Juni 2014). Ge- samthaft hat sie somit rund Fr. 75‘000.-- an Sozialhilfeleistungen bezogen. Die Beschwerdefüh- rerin meldete sich am 13. Mai 2014 auf eigenen Wunsch v on der Sozialhilfebehörde D.____ ab und bezieht seit dem 30. Juni 2014 keine Sozialhilfele istungen mehr (vgl. Schlussverfügung Gemeinde D.____ vom 11. Juni 2014, Protokoll der Par teiverhandlung vom 2. März 2016). An- lässlich der gerichtlichen Befragungen vom 2. September 2 015 resp. 2. März 2016 führte die Beschwerdeführerin aus, dass sie von der IV-Rente sowie E rgänzungsleistungen lebe und ihr nach den monatlichen Ausgaben wie Krankenkasse und Miete Fr. 400.-- zum Leben verblieben. Im Übrigen würde sie nach ihren eigenen Angaben von ihren Söhnen finanziell unterstützt. 5.3 Vorliegend hat die Beschwerdeführerin zwar Sozialhi lfeleistungen in nicht unerhebli- cher Höhe bezogen, doch hat sie sich seit Juni 2014 von der Sozialhilfebehörde abgelöst und wird seither (neben ihren Ersatzeinkommen) von ihren S öhnen finanziell unterstützt, was diese anlässlich der Befragung durch das Kantonsgericht am 2. S eptember 2015 bestätigten (vgl. E. 4.5). Zudem haben die Söhne anlässlich dieser Befra gung explizit ihre Bereitschaft erklärt, die Mutter auch weiterhin finanziell zu unterstützen ( vgl. Protokoll der Parteiverhandlung vom 2. September 2015, S. 9). Angesichts der Tatsache, dass e ine erneute Sozialhilfeabhängigkeit einen möglichen Widerrufsgrund der Aufenthaltsbewilli gung darstellen würde, kann davon aus- gegangen werden, dass dies zutreffen wird. Damit liegt aktuell keine konkrete Gefahr der Sozi- alhilfeabhängigkeit und folglich kein Widerrufsgrund vo r, was zur Gutheissung der Beschwerde führt. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.1 Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das verwaltungsgerichtliche Verfahren vor dem Kantons- gericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen di e Gerichtsgebühren sowie die Be- weiskosten und werden nach § 20 Abs. 3 VPO in der Regel der unterliegenden Partei in ange- messenem Ausmass auferlegt. Der Vorinstanz werden – abges ehen von hier nicht interessie- renden Fällen – keine Verfahrenskosten auferlegt (§ 2 0 Abs. 3 und 4 VPO). Dementsprechend sind im vorliegenden Verfahren keine Verfahrenskosten zu erheben. 6.2 Nach § 21 Abs. 1 VPO kann der obsiegenden Partei fü r den Beizug eines Anwalts eine angemessene Parteientschädigung zugesprochen werde n. Entsprechend dem Ausgang des vorliegenden Verfahrens ist der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung zulasten der Vorinstanz zuzusprechen. Der in der Honorarnote vom 5. Fe bruar 2016 geltend gemachte Auf- wand von 19.75 Stunden à Fr. 200.-- ist nicht zu beansta nden; hinzuzurechnen sind 3 Stunden für die Parteiverhandlung vom 2. März 2016. Demnach h at die Vorinstanz der Beschwerdefüh- rerin eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 4‘972. 55 (inkl. Auslagen in der Höhe von Fr. 54.20 und 8 % MWSt) zu bezahlen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und das Amt f ür Migration des Kan- tons Basel-Landschaft angewiesen, die Aufenthaltsbewill igung der Be- schwerdeführerin zu verlängern. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat de r Beschwerde- führerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 4‘972.55 (inkl. Auslagen und 8 % MWSt) auszurichten. Präsidentin Gerichtsschreiberin