B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5957/2018 U r t e i l v o m 2 1 . J u l i 2 0 2 0 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter William Waeber, Richter Jürg Marcel Tiefenthal, Gerichtsschreiberin Nira Schidlow. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Derya Özgül, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 18. September 2018 / N (…). D-5957/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine Kurdin mit letztem Wohnsitz in B._______ (Provinz B._______) reichte am 16. Juli 2 018 ein Asylgesuch in der Schweiz ein. Am 26. Juli 2018 fand die Befragung zur Person (BzP) statt und am 9. August 2018 wurde sie vom SEM einlässlich zu ihren Asylgrün- den angehört. B. B.a Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, ihr Vater habe sie 2001, im Alter von (…) Jahren, in den Irak geschickt, um bei der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê, deutsch: Arbeiterpartei Kurdistans) zur Guerilla -Kämpferin ausgebildet zu werden. Da es eine Friedenszeit gewesen sei, sei s ie nie in einen bewaffneten Kampf involviert gewesen. Sie habe jedoch die Ausbildung dazu erhalten und habe gelernt, Gräben zu bauen oder Lebensmittel in umkämpfte Ge- biete zu transportieren. Im Jahr 2005 sei sie von C._______ (Irak), wo sie ausgebildet worden sei, geflohen und habe sich im Irak der KPD (Kurdistan Democratic Party, Demokratische Partei Kurdistans) gestellt. Sie sei zu ih- ren Tätigkeiten bei der PKK befragt worden, wobei sie sich von der PKK distanziert habe. Danach sei sie im Irak Asylgesuchstellende gewesen und habe von den irakischen Behörden auch eine Unterkunft zur Verfügung ge- stellt erhalten. In dieser Zeit habe sie ihren Ehemann kennengelernt, wel- cher ebenfalls ehemaliger Guerilla-Kämpfer für die PKK gewesen und von der Organisation geflohen sei. In der Folge hätten sie zusammen im Irak gelebt, wobei ihr Mann gearbeitet habe und sie (…) 2005 ihr erstes Kind erhalten habe. Bis 2009 habe sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Irak gelebt. Da sie jedoch als Asylsuchende keine Rechte gehabt hätten und in ihrem Lebens- alltag eingeschränkt gewesen seien, hätten sie sich entschieden , in die Türkei zurückzukehren, sich den Behörden zu stellen und von einem Reue- gesetz Gebrauch zu machen. Nach der gemeinsamen Rückkehr in die Tür- kei sei zunächst ihr Mann verhaftet, jedoch nach einer Woche wieder frei- gelassen worden. Danach sei sie für (…) Tage in Untersuchungshaft ge- kommen und verhört worden, nachfolgend sei sie in Istanbul vom Gericht freigesprochen worden. Da sie (und ihr Mann) sowohl vom Staat als auch der PKK wiederholt unter Druck gesetzt worden seien, hätten sie zunächst zwei Mal den Wohnort gewechselt und seien schliesslich 2011 – als ihre zweite Tochter zur Welt gekommen sei – nach Istanbul zurückgekehrt. D-5957/2018 Seite 3 2009 sei es zu ersten Konflikten zwischen ihr und ihrem Ehemann gekom- men, welche angehalten hätten. In Istanbul habe sie zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern im Haus ihrer Eltern gelebt. Diese seien allerdings immer noch für die PKK tätig gewesen und hätten in ihrem Haus auch Leute der Organisation empfangen. Obwohl sie selber nach 2005 nie mehr für die PKK tätig gewesen sei und sich von dieser distanziert habe, sei sie immer wieder von ihr kontaktiert worden, da diese gewollt habe, dass sie wieder tätig werde. Da sie dies nicht gewollt habe, sei sie sozial isoliert worden. Zudem hätten die persönlichen Probleme mit ihrem Mann weiter zugenommen. Sie hätten viel gestritten und zwei Mal habe er sie auch ge- schlagen, was sie bei der Polizei gemeldet habe. D a ihr die Polizei nicht geholfen habe, habe sie sich dazu entschlossen, sich von Ihrem Mann zu trennen. Ihre Eltern hätten die Trennung von ihrem Mann jedoch nicht ak- zeptiert, weshalb sich auch die Probleme mit diesen zugespitzt hätten. In- dem ihr Mann bei der Scheidung vor Gericht behauptet habe, dass sie psy- chische Probleme habe und sich nicht gut um die Kinder habe kümmern können, habe er bewirkt, dass die Töchter bei der Scheidung 2015 ihm zugesprochen worden seien. Nach der Scheidung habe sie weder familiäre Unterstützung noch finanzielle Mittel gehabt. Nach dem Verstoss durch die Familie und der Trennung von ihrem Ehe- mann habe sie sich entschlossen, auf eigenen Beinen zu stehen und habe eine Ausbildung zur Köchin gemacht. Danach habe sie sich in B._______ niedergelassen. Dort habe sie die letzten vier Jahre bis zu ihrer Ausreise gelebt und in Restaurants und Cafés gearbeitet. Da sie jedoch im Strafre- gister registriert sei, habe sie niemand für längere Zeit angestellt oder we- nigstens versichert. Des Weiteren sei sie auch in B._______ zwei Mal von den Behörden mitgenommen und befragt worden, was dazu geführt habe, dass sie ihre Arbeitsstellen jeweils wieder verloren habe. Die letzten vier Monate vor der Ausreise sei sie arbeitslos gewesen, weshalb sie sich ent- schlossen habe, mit Hilfe eines Schleppers auszureisen. Am (…) 2018 sei sie illegal aus der Türkei aus- und am 14. Juli 2018 in die Schweiz einge- reist. In der Heimat habe sie nur noch Kontak t zu Ihren Schwestern B. und S. Ihre Eltern seien mittlerweile im Gefängnis wegen ihrer Tätigkeiten für die PKK. Seitdem diese sie verstossen hätten, habe sie keinen Kontakt mehr zu ihnen. B.b Als Beweismittel reichte sie einzig ihre türkische Identitätskarte in Ori- ginal zu den Akten. D-5957/2018 Seite 4 C. Mit Verfügung vom 18. September 2018 stellte das SEM fest, die Be- schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylge- such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. D. Mit Eingabe vom 18. Oktober 2018 liess die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsvertretung gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei in Bezug auf die Asylgewährung aufzuheben, es sei i hr Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache zur weiteren Abklärung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen sowie subeventualiter sei die vorläufige Auf- nahme infolge fehlender Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs a nzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er- suchte sie um Gewährung der aufschiebenden Wirkung, um Sistierung des Wegweisungsvollzugs, um Anordnung der Vollzugsbehörden, bis zum Ent- scheid über die Beschwerde von jeglichen Vollzugshandlungen abzuse- hen, um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Einschluss des Verzichts auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Beiord- nung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes in der Person der rubrizier- ten Rechtsbeiständin. E. Der Instruktionsrichter stellte mit Verfügung vom 23. Oktober 2018 fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab- warten. Gleichzeitig hiess er die Gesuche um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung und Rechtsverbeiständung – unter Voraussetzung des fristgerechten Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – gut und ver- zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter wurde festge- stellt, dass allfällige gesundheitliche Beschwerden mittels Arztbericht zu belegen seien und die Gesuche um Verhinderung der Weitergabe von Da- ten an den Heimatsaat und um Kontaktaufnahme mit diesem abgewiesen würden. Gleichzeitig wurde das SEM zur Vernehmlassung eingeladen. F. Mit Eingabe vom 30. Oktober 2018 reichte die Beschwerdeführerin fristge- mäss eine Fürsorgebestätigung des Kanton D._______ nach. G. Mit Eingabe vom 6. November 2018 liess sich die Vorinstanz vernehmen, D-5957/2018 Seite 5 indem sie vollumfänglich auf ihre Erwägungen im angefochtenen Ent- scheid verwies. Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin zur Kenntnisnahme zugestellt. H. Das Migrationsamt des Kanton D._______ teilte dem Bundesverwaltungs- gericht am 24. Februar 2020 mit, die Beschwerdeführerin sei seit dem 22. Januar 2020 unbekannten Aufenthaltes. Vor diesem Hintergrund wurde die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin mit Zwischenverfügung vom 3. März 2020 aufgefordert, sich innert Frist zur Frage des aktuellen Recht- schutzinteresses der Beschwerdeführerin zu äussern, andernfalls von ei- nem Wegfall des Interesses ausgegangen und das Verfahren als gegen- standslos geworden abgeschrieben werde. I. Mit Eingabe vom 9. März 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine Erklä- rung ein, in welcher sie betonte, weiterhin Interesse an der Weiterführung ihres Verfahrens zu haben. Sie sei verlobt und habe das Ehevorbereitungs- verfahren im Kanton Zürich, Gemeinde E._______, eingeleitet. Weil meh- rere Dokumente aus der Heimat besorgt werden müssten, habe sich das Verfahren jedoch verzögert. Um nicht jedes Mal hin- und herreisen zu müs- sen ([…] mit dem Zug), habe sie im Asylzentrum um Erlaubn is gebeten, während des Verfahrens bei ihrem Freund zu bleiben, um dieses so rasch wie möglich abschliessen zu können. Ihr sei mitgeteilt worden, sie solle eine Bestätigung der Ehevorbereitungen einreichen. Diese Bestätigung habe sie am 23. Januar 2020 abgeholt und umgehend im Asylzentrum ein- gereicht. Das Zentrum habe sie allerdings erst weitere zwei Wochen später – am 5. Februar 2020 – verlassen, weshalb für sie nicht nachvollziehbar sei, weshalb sie angeblich bereits per 22. Januar 2020 als vermisst gegol- ten habe. Ende Februar 2020 sei sie durch ihre Zimmergenossin vom Zent- rum gewarnt worden, dass sie als vermisst gemeldet worden sei, worauf sie und ihr Freund am 2. März 2020 persönlich beim Asylzentrum vorge- sprochen und um ihre Wiederaufnahme in die Asyls trukturen ersucht hät- ten. Dies sei ihr aber verweigert worden. Sie sei weiterhin am Erhalt des Asylstatus interessiert, auch nach der Heirat. D-5957/2018 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltun gsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG). 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereic ht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rüge n richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Zunächst ist auf die in der Beschwerdeschrift erhobene Rüge einzuge- hen, wonach die Vorinstanz den Sachverhalt nicht richtig festgestellt habe, weil es anlässlich der Anhörung der Beschwerdeführerin unter Umständen Übersetzungsfehler gegeben habe. Diese formelle Rüge ist vorab zu prü- fen, da sie geeignet sein könnte, die Kassation der vorinstanzlichen Verfü- gung zu bewirken. 3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt D-5957/2018 Seite 7 wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E . 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). 3.3 Die Einwände der Beschwerdeführerin bezüglich der Anhörung erwei- sen sich nach Prüfung der Akten als unberechtigt. Einerseits basiert der Vorwurf von Übersetzungsfehlern auf einer reinen Vermutung, für die keine Anhaltspunkte vorhanden sind. Entgegen der Argumentation der Be- schwerdeführerin, wonach ihr allfällige Übersetzungsfehler bei der Rück- übersetzung nicht hätten auffallen können, ist darauf hinzuweisen, dass diese Erklärung gesucht wirkt. Zu Beginn der Anhörung bejahte s ie die Frage, ob sie die dolmetschende Person gut verstehe. Ferner hat sie ihre Aussagen nach der Rückübersetzung mit ihrer Unterschrift als korrekt be- stätigt. Überdies hat die anwesende Hilfswerksvertreterin auch keine Ein- wände zur Befragung angebracht. Insgesamt durfte sich die Vorinstanz da- her für ihren Entscheid bei der Beurteilung des Asylgesuchs auf die BzP und das Anhörungsprotokoll stützen. Weiter vermengt die Beschwerdefüh- rerin mit dem pauschalen Vorwurf, dass in der angefochtenen Verfügung ihre glaubhaften Vorbringen nicht genügend berücksichtigt worden seien, die Frage der Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen Würdigung. Soweit deren rechtliche Würdigung in Frage steht, ist nachfolgend darauf einzugehen. Inwiefern eine Gehörsver- letzung vorliegen soll, wird weder aus der Aktenlage ersichtlich noch in der Beschwerde dargelegt. 3.4 Das Bundesverwaltungsgericht kann vorliegend weder eine Verletzung des rechtlichen Gehörs noch eine Verletzung des Untersuchungsgrundsat- zes feststellen. Da sich die prozessualen Rügen der Beschwerdeführerin auch unter keinem anderen Aspekt als stichhaltig erweisen, fällt die bean- tragte Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ausser Betracht, womit das Gericht in der Sache zu entscheiden hat (Art. 61 Abs. 1 VwVG). 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen D-5957/2018 Seite 8 unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe geltend. Subjektive Nachflucht- gründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, un- abhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 5. 5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin seien nicht asylrelevant. 5.1.1 Die Beschwerdeführerin habe geltend gemacht, von 2001 bis 2005 für die PKK im Irak gewesen zu sein. Nachdem sie von einem Reuegesetz Gebrauch gemacht habe, sei sie 2009 in die Türkei zurückgekehrt. Nach ihrer Rückkehr sei sie zunächst verhaftet und befragt worden und danach sei das Strafverfahren wegen ihre r Tätigkeiten für die PKK ordentlich ab- geschlossen und sie vor Gericht freigesprochen worden. Nach dem Frei- spruch im Jahr 2009 bis zu ihrer Ausreise 2018 sei sie von den Behörden insgesamt vier bis fünf Mal mitgenommen, befragt und dabei unter Druck gesetzt worden. Die Beschwerdeführerin habe insbesondere eine Verhaf- tung nach dem Putschversuch im Juli 2015 angesprochen, im Rahmen welcher sie auch geohrfeigt worden sei (A9 S.5 -7 und 10 -12). Allerdings habe diese Festnahme nicht nur sie, sondern viele andere Personen auch betroffen. Da sie zudem bereits nach einer Nacht wieder freigelassen wor- den sei, werde deutlich, dass die Verhaftung keine weiteren Konsequenzen für sie gehabt hätte. Staatliche Untersuchungen wie Befragungen und Mit- nahmen seien durchaus als l egitime Massnahmen zu werten, welche rechtsstaatlich legitimen Zwecken dienen. Diese Verhaftung übersteige die D-5957/2018 Seite 9 Bedingungen rechtsstaatlich legitimer Massnahmen nicht, so dass dieses Ereignis nicht als asylrelevant einzustufen sei. Auch danach sei sie im Rah- men legitimer Kontrollen befragt und mitgenommen worden. So sei sie ge- rade bei der letzten von ihr erwähnten Mitnahme – im (…) 2018 – deshalb mitgenommen worden, weil im Café, in welchem sie gearbeitet habe, Alko- hol ausgeschenkt worden sei und die Behörde n alle Angestellten kontrol- liert hätten. Sie persönlich sei im Rahmen dieser staatlich durchaus legiti- men Massnahme aufgrund ihres Strafregistereintrages mitgenommen und überprüft worden. Auch wenn klar sei, dass behördliche Massnahmen, wie Befragungen und Mitnahmen belastend seien, seien diese Massnahmen somit nicht rechtswidrig gewesen, sondern hätten sich durchaus im Rah- men einer legitimen staatlichen Untersuchungspflicht befunden. Infolge- dessen handle es sich bei den geltend gemachten Mitnahmen und Befr a- gungen um keine staatliche Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG. Der Grund dafür, dass sie bei regulären polizeilichen Kontrollen immer wie- der mitgenommen worden sei, sei ihr Eintrag im Strafregister gewesen. Es gelte festzustellen, dass es ihr möglich gewesen wäre, ihre Registrierung im Strafregister löschen zu lassen. Danach gefragt, ob sie diesbezüglich etwas unternommen habe, habe sie geantwortet, einmal einen Brief ge- schrieben, jedoch nie eine Antwort bekommen zu haben (A9 S.11). Auf Nachfrage habe sie ausdrücklich verneint, weitere Anstrengungen unter- nommen zu haben. Es sei nicht nachvollziehbar, dass sie sich in Anbe- tracht ihrer nur einmaligen Bemühung entschieden habe, das Land zu ver- lassen, statt wiederholt und je nachdem auch mit Unterstützung eines An- waltes die Löschung des Eintrages zu veranlassen. Insgesamt sei sie seit ihrer Rückkehr in die Türkei 2009 bis zu ihrer Aus- reise 2018 lediglich vier oder fünf Mal in Untersuchungshaft gekommen. Die letzten beiden Mitnahmen seien im (…) 2017 und im (…) 2018 gewe- sen. In Anbetracht der zeitlich weit auseinanderliegenden Ereignisse und insbesondere in Anbetracht der durchaus legitimen staatlichen Mitnahmen sei von keinem unerträglichen psychischen Druck aufgrund dieser Ereig- nisse auszugehen, welcher ein Leben in der Türkei für sie unmöglich ge- macht hätte. Auch wenn es durchaus nachvollziehbar und verständlich sei, dass solche Ereignisse belastend sein könnten. Damit seien weder die Kontrollen ihrer Person noch die von den Behörden durchgeführten Befragungen und Mitnahmen asylrechtlich relevant. D-5957/2018 Seite 10 5.1.2 Die Beschwerdeführerin habe weiter geltend gemacht, sie sei auch von der PKK unter Druck gesetzt worden. Die PKK habe gewollt, dass sie wieder für sie tätig werde. Sie habe jedoch abgelehnt und entgegnet, dass sie bereits mit (…) Jahren zu kämpfen begonnen und mittlerweile einen Schlussstrich gezogen habe. Sie habe sich damit klar von der Organisation distanziert und dieser auch deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht mehr für sie tätig sei. Als Konsequenz s ei die Beschwerdeführerin sozial isoliert worden. Ihre Beschreibungen würden zwar aufzeigen, dass sie un- ter der Isolation gelitten habe, allerdings wäre es ihr prinzipiell möglich ge- wesen, gegen diese vorzugehen. Es gelte hinzuzufügen, dass ihr Vater sie nach ihrer Rückkehr aus dem Irak zwar verstossen und nicht mehr mit ihr gesprochen habe. Dennoch habe sie bis zu ihrer Trennung von ihrem Ehe- mann zusammen mit diesem bei ihren Eltern in Istanbul leben können. Auch die emotionale Trennung von ihrem Vater sei sicherlich schwierig ge- wesen, dennoch seien auch diese Vorbringen asylrechtlich nicht relevant. 5.1.3 Sie habe zudem geltend gemacht, auch von ihrem damaligen Ehe- mann unter Druck gesetzt worden zu sein und zudem unter Gewalt durch ihn gelitten zu haben. Nachde m sie sich von ihm getrennt habe, habe er ihr die Kinder genommen und sei mit diesen nach F._______ gegangen. Dadurch habe er sie dazu bringen wollen, wieder zu ihm zurückzukehren. Sie habe sich aber dennoch von ihm getrennt und dem Druck standgehal- ten. Ihre Familie habe sie in der Trennung jedoch nicht unterstützt. Zum Schluss habe ihr ihr Ex-Mann nicht einmal mehr die Möglichkeit gegeben, die Kinder zu besuchen, weshalb sie diese 2016 das letzte Mal gesehen habe. Allerdings sei auch dieses Vorbringen nicht asylrechtlich relevant. Sie habe zwar vorgebracht, dass ihr die Polizei aufgrund ihrer politischen Vergangenheit gegen ihren damaligen Ehemann nicht geholfen habe (A9 S.5-6). Es wäre ihr jedoch durchaus zuzumuten gewesen, mit Nachdruck und wiederholt die Polizei und den Staat um Unterstützung zu bitten, oder mit Hilfe eines Anwaltes rechtlich gegen ihren damaligen Ehemann vorzu- gehen. Sie habe sich jedoch bewusst dazu entschieden, von Ihrem dama- ligen Mann getrennt zu leben, auch wenn Sie dadurch die Kinder nicht mehr bei sich hätte haben können (A9 S.6). Es sei in Anbetracht der Er- zählungen und Schilderungen der innerlichen Prozesse der Beschwerde- führerin klar, dass sie reflektiert und überlegt gehandelt habe. Sie habe sich bewusst für ein möglichst unabhängiges Leben entschieden und habe auf eigenen Beinen stehen wollen (A9 S.7). Danach gefragt, ob sie jemals et- was unternommen habe, um an der Situation mit ihren Kindern und ihrem damaligen Ehemann etwas zu ändern, habe sie angegeben, bei der Polizei gewesen zu sein. Jedoch habe das nicht viel genützt, da sie in B._______ D-5957/2018 Seite 11 bei der Polizei gewesen sei. Um etwas bewirken zu können, hätte sie indes nach F._______ fahren müssen, was jedoch schwierig gewesen wäre. Ins- gesamt seien die juristischen Anforderungen diesbezüglich sehr hoch ge- wesen (A9 S.16). Es werde deutlich, dass sie sehr wohl Wege gewusst hätte, um an der Situation etwas zu ändern. Auch wenn es schwierig sei, solche hohen Anforderungen zu erfüllen und in die Tat umzusetzen, wäre es der Beschwerdeführerin durchaus möglich und zuzumuten gewesen, eine solche Herausforderung anzunehmen und beispielsweise mit Hilfe ei- nes Anwalts aktiver zu werden (A9 S.16). Insgesamt seien damit die Konflikte und die Gewalt gegen die Beschwer- deführerin durch ihren damaligen Ehemann, die Trennung von ihm und ih- ren Kindern im asylrechtlichen Sinne nicht relevant. 5.1.4 Die Beschwerdeführerin habe weiter geltend gemacht, in der Türkei als Angehörige der kurdischen Bevölkerung von den türkischen Behörden schikaniert und benachteiligt zu werden. Sie sei aufgrund ihres Aussehens immer sofort als Kurdin erkannt und deshalb wiederholt benachteiligt wor- den. Zwar habe sie sich vom Kurdentum und den Einstellungen der PKK distanziert, jedoch hätten andere sie weiterhin als Kurdin betrachtet (A9 S.15). Die Vorinstanz führte diesbezüglich aus, es sei allgemein bekannt, dass Angehörige der kurdischen Bevölkerung in der Türkei Schikanen und Benachteiligungen verschiedenster Art ausgesetzt sein könnten. Dabei handle es sich jedoch nicht um ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylge- setzes. Aus diesem Grund führe die allgemeine Situation, in der sich die kurdische Bevölkerung befinde, gemäss gefestigter Praxis für sich allein nicht zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Auch die im vorliegen- den Fall geltend gemachten Schikanen und Benachteiligungen würden in ihrer Intensität nicht über d ie Nachteile hinausgehen, welche weite Teile der kurdischen Bevölkerung in der Türkei in ähnlicher Weise treffen könn- ten. Sie seien somit im Sinne der obigen Erwägungen nicht als ernsthaft zu qualifizieren und damit asylrechtlich nicht relevant. 5.1.5 Die Beschwerdeführerin mache weiter geltend, dass s ie aus einer politisch oppositionell gesinnten Familie stamme, weshalb sie befürchte in Zukunft durch die Behörden weiter in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Ihr Vater sei Mitglied bei der PKK und Leiter der Region G._______ gewe- sen. Ihre Eltern seien mittlerweile aufgrund ihrer Tätigkeiten für die PKK verhaftet worden. Ihre Schwester B. sei zudem in H._______ gewesen und habe dort für die PKK gekämpft. Vor diesem Hintergrund hätten die Behör-D-5957/2018 Seite 12 den B. verhaftet. B. sei erst seit Kurzem wieder frei. Die Beschwerdeführe- rin befürchte deshalb Reflexverfolgung. Diesbezüglich gelte es festzuhal- ten, dass sich in der Türkei eine schrittweise Annäherung an europäische Standards vollziehe. Seit der Einführung von zusätzlichen Strafverfahrens- garantien im Juni 2005 habe sich insbesondere die Rechtssicherheit ver- bessert, wodurch die früher verbreitete behördliche Willkür weitgehend ver- drängt worden sei. Zwar könnten in der Türkei Angehörige von verfolgten Personen auch heute noch Re flexverfolgungsmassnahmen erleiden. Die Gefahr derartiger Übergriffe bestehe jedoch bei Angehörigen von bereits inhaftierten oder ehemals verfolgten Pe rsonen in aller Regel nicht mehr . Zudem gelte es zu beachten, dass behördliche Nachforschungen gegen- über Familienangehörigen von politisch missliebigen Personen in der Re- gel kein asylbeachtliches Ausmass annehmen würden und betroffene Per- sonen sich heute ausserdem zur Wehr setzen könnten, beispielsweise mit Hilfe eines Anwalts. Somit seien vorliegend keine Hi nweise aktenkundig, dass sie wegen ihres familiären Umfeldes mit beachtlicher Wahrscheinlich- keit und in absehbarer Zukunft von Reflexverfolgungsmassnahmen ernst- haften Ausmasses betroffen werden könnte. Diesen Vorbringen komme demnach ebenfalls keine asylrelevante Bedeutung zu. 5.1.6 Die Vorbringen der Beschwerdeführerin würden insgesamt den An- forderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsyIG nicht standhalten. Demzufolge erfülle sie die Flüchtlingseigenschaft nicht, so dass ihr Asylgesuch abzulehnen sei. 5.2 Dem entgegnete die Beschwerdeführerin nach ausführlicher Wieder- holung des Sachverhalts, dass ihre Vorbringen sehr wohl asylrelevant seien. 5.2.1 Es sei zwar korrekt, dass sie vom Gericht freigesprochen worden sei, dennoch sei sie in den neun Jahren nach ihrer Rückkehr in die Türkei be- ziehungsweise ihrem Freispruch bis zu ihrer Flucht immer wieder von den Behörden befragt, mitgenommen, unter Druck gesetzt und misshandelt worden. Vor allem bei den Befragungen nach ihrer Einreise in die Türkei im Jahr 2009 sei sie mit ihren Kindern bedroht und mehrfach nach beiden Elternteilen gefragt worden. Desgleichen sei sie auch bei den anderen Be- fragungen nach ihrem Mann und ihren Eltern gefragt und jeweils mit ihren Kindern bedroht worden. Sie hätten sie auch gefragt, ob sie noch im Kon- takt sei mit der PKK. Bei der Verhaftung nach dem gescheiterten Putsch- versuch im Juli 2016 sei sie zudem nicht nur befr agt, sondern auch be- schimpft („dein Kind ist ein Bastard von Abdullah Öcalan“) und misshandelt D-5957/2018 Seite 13 worden. Im Anhörungsprotokoll stehe fälschlicherweise „Ohrfeige“, obwohl sie auf Türkisch „tartaklama“ gesagt habe, was „verprügelt“ heisse. Die Übersetzung sei somit unter Umständen unvollständig und fehlerhaft aus- gefallen. Sie hätte einen Übersetzungsfehler jedoc h nicht bemerken kön- nen, da dieser auch bei der Rückübersetzung wieder vorgekommen wäre. Die Vorinstanz stufe die Mitnahmen und Befragungen zu Unrecht als rechtsstaatlich legitim und nicht asylrelevant ein. Sie missachte dabei, dass sie wegen ihrer PKK-Vergangenheit bei jeder Personenkontrolle nach Lust und Laune mitgenommen werden könne, was auch passiert sei. Dass sie dabei jedes Mal nach ihren Kontakten bei der Organisation, ihrem Mann und ihren Eltern gefragt und bedroht worden sei, habe einen enormen psy- chischen Druck erzeugt. Somit sei sie zwar aufgrund eines Reuegesetzes freigesprochen worden, sei aber deshalb keineswegs in Sicherheit gewe- sen. Der staatliche Druck habe sie bewegt, schliesslich in der Schweiz Asyl zu beantragen. Sie habe sich während mehr als 13 Jahren offiziell von der PKK distanziert, sei aber dennoch bis zu ihrer Ausreise aus der Türkei im Jahr 2018 immer wieder damit konfrontiert worden. 5.2.2 Da sie und ihr Ex-Mann von der PKK ausgeschieden seien und vom Reuegesetz Gebrauch gemach t hätten, seien sie sowohl vom Staat als auch von der PKK unter Druck gesetzt worden. Für die eine Seite seien sie Verräter gewesen und für die andere Terroristen. Des Weiteren sei ihr da- maliger Mann gewalttätig geworden. Obwohl sie dies beide Male bei der Polizei gemeldet habe, sei ihr aufgrund ihrer PKK-Vergangenheit nicht ge- holfen worden. Deshalb habe sie sich von ihm getrennt, was jedoch auf- grund des traditionellen Rollenbildes in der Türkei nicht von ihrer Familie akzeptiert worden sei, weshalb sie auch von dieser Seite keine Unterstüt- zung mehr bekommen habe. Weil ihr Ehemann ihr vor Gericht zudem psy- chische Probleme unterstellt habe, habe das Gericht ihm das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen. Eine alleinstehende kurdische Frau mit einer PKK-Vergangenheit sei in der Türkei sicherlich benachteiligt und würde nicht schnell Unterstützung erhalten, was in ihrem Fall auch passiert sei. Vor diesem Hintergrund habe sie keine andere Möglichkeit gehabt, als zu versuchen, irgendwie auf eigenen Beinen zu stehen. Fü r sie, als „ehema- lige“ Terroristin und geschiedene Frau, sei dies nicht einfach gewesen. Aber sie habe es trotzdem geschafft, eine Ausbildung zur Köchin zu ma- chen und sich in B._______ niederzulassen. Vier Jahre lang habe sie ver- sucht, auf eigenen Beinen z u stehen, aber schliesslich sei es für sie un- möglich geworden. So habe der Eintrag im Strafregister dazu geführt, dass sie Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche gehabt habe. Sie sei entweder D-5957/2018 Seite 14 nicht angenommen, unterbezahlt oder kurz nach Antreten der Stelle wieder entlassen worden. Ebenfalls wegen des Strafregistereintrages sei sie nicht versichert worden und habe nicht von Sozialleistungen profitieren können. Schliesslich sei das Leben in der Türkei für sie unerträglich geworden, wes- halb sie keine andere Wahl gehabt habe, als zu fliehen. Es dürfe ihr nicht vorgeworfen worden, dass es ihr gelungen sei, das Geld für die Flucht zu- sammenzusparen. Sie habe dafür zwölf Stunden täglich arbeiten müssen. Aber nur so habe sie sich dem behördlichen Druck entziehen können. 5.2.3 Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz wäre es ihr nicht möglich gewesen, den Eintrag im Strafregister zu löschen. Dies sei bei politischen Verfahren nicht möglich, auch nicht mit Hilfe eines Anwaltes. Der Eintrag sei auch für ihre Kinder sehr belastend. So müssten Studenten, welche in der Türkei an der Universität studieren möchten, beispielsweise auch einen Strafregisterauszug der Eltern abgeben. Es wäre ihnen zudem nicht mög- lich, Staatsbeamte zu werden. 5.2.4 Die Vorinstanz stütze sich ebenfalls zu Unrech t auf die Annahme, dass sie mehr hätte unternehmen sollen, um den Kontakt zu ihren Töchtern wiederherzustellen, oder gegen die Gewalt ihres damaligen Ehemannes vorzugehen. Sie missachte dabei die Situation als Ganzes. Für eine allein- stehende Frau mit PKK-Vergangenheit sei es in der Türkei nicht einfach, juristische Schritte vorzunehmen. Die Vorinstanz schreibe diesbezüglich: zumal sie es geschafft habe, „unabhängig zu sein, für sich zu sorgen und auch immer wieder eine Unterkun ft und Arbeit für sich ge funden“ habe, wäre es ihr zuzumuten gewesen, mehr zu unternehmen (mit Verweis auf S.7 des Asylentscheides). Allerdings sei es nicht so rosig gewesen, wie von der Vorinstanz beschrieben. So habe sie keine dauernde Anstellung gefun- den und sei auch nicht versichert worden. Sie habe zudem mehrere Male die Stelle verloren, weil sie von der Polizei zu einer Befragung mitgenom- men worden sei. Im Lichte dieser Situation sei es unrechtmässig von der Vorinstanz, ein positives Bild vorzutäuschen. Ihr müsse als besonder s schutzbedürftige Person erhöhter Schutz gewährt werden. Dies habe der türkische Staat jedoch willentlich unterlassen. 5.2.5 Schliesslich sei eine Wegweisung nicht zumutbar. Einerseits wäre sie wieder mit den gleichen Problemen bei der Arbeitssuche konfrontier t, wie bereits vor der Ausreise. Aufgrund ihrer illegalen Ausreise wäre sie zudem bei einer Wegweisung in die Türkei zusätzlich bedroht. Die türkischen Be- hörden würden bei ihrer Rückkehr in die Türkei sicherlich fragen, wo sie sich in der Zwischenzeit aufgehalten habe. Sie würden sehr schnell auf ihre D-5957/2018 Seite 15 PKK-Vergangenheit kommen. Zudem habe sie sich mit dem Asylgesuch in der Schweiz gegen die türkische Regierung positioniert. Deshalb sei die Möglichkeit nicht auszuschliessen, dass sie nach der Einreise verhaft et, von der politischen Polizei verhört und dabei gefoltert würde. Dies vor allem seit dem Putschversuch. Der türkische Präsident Erdogan habe bekannt- lich den Kampf gegen die Kurden wieder aufgenommen. Auch sei die be- hördliche Willkür wieder zu spüren. Der Grundsatzentscheid des Bundes- verwaltungsgerichts E-7803/2007 vom 10. März 2010 besage, dass Per- sonen und Familienmitglieder, die in der Türkei ein Verfahren wegen Mit- gliedschaft oder Zusammenarbeit mit der PKK hängig hätten oder gehabt hätten, mit grösser Wahrscheinlichkeit fichiert seien und bei einer Rück- schaffung damit politischer, gemäss EMRK unzulässiger Verfolgung aus- gesetzt wären. Es sei somit aufgrund ihrer PKK-Vergangenheit in Zusam- menhang mit der illegalen Ausreise und ihrem Asylgesuch in der Schweiz davon auszugehen, dass gegen sie ein Strafverfahren eröffnet werden würde, sobald sie in die Türkei einreisen würde, weshalb ihre Wegweisung unzumutbar sei. 5.2.6 Schliesslich gelte es festzustellen, dass auch ihr Gesundheitszu- stand gegen eine Wegweisung s preche. Obwohl sie während der Anhö- rung gesagt habe, es gehe ihr gut, sei sie psychisch sehr angeschlagen. Sie werde baldmöglichst einen Arzt aufsuchen, um dies zu belegen und die Ergebnisse beim Gericht nachreichen. 6. 6.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Ar t. 3 AsylG erfüllt eine asylsu - chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei- matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie- hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1, 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5). Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk- lichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be- drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufe n würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten D-5957/2018 Seite 16 Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der be- troffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver- gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass- nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub- jektive) Furcht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2). 6.2 Vorliegend hat die Vorinstanz zu Recht und mit zutreffender Begrün- dung festgestellt, dass s ich aus den geschilderten Vorbringen der Be- schwerdeführerin, die zu ihrer Ausreise aus ihrem Heimatstaat geführt ha- ben sollen, zu jenem Zeitpunkt nicht auf eine begründete Furcht vor Verfol- gung im Sinne von Art. 3 AsylG schliessen lässt. Auf die Erwägungen der vorinstanzlichen Verfügung kann zur Vermeidung von Wiederholungen ver- wiesen werden. Insbesondere ist den von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Schikanen, den vier bis fünf Festnahmen nach ihrem Frei- spruch – bei welchen sie jeweils mitgenommen, befragt und bei einer auch geohrfeigt worden sei – unabhängig von deren Glaubhaftigkeit, die für die Gewährung von Asyl erforderliche Intensität abzusprechen. Es ist zwar unbestritten, dass die Beschwerdeführerin bei den türkischen Behörden bekannt ist un d möglicherweise landesweit als „politisch unbe- queme Person“ registriert ist und ein entsprechendes politisches Daten- blatt aufweist (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.3). Aufgrund dieser Umstände steht die Beschwerdeführerin möglicherweise unter Beobachtung der türkischen Behörden und ist grundsätzlich einer erhöhten Gefährdung ausgesetzt, nach politischen Aktionen als potenz ielle Tatverdächtige angesehen zu werden. Zudem ist im Rahmen der Beurteilung der Begründetheit der Ver- folgungsfurcht der Beschwerdeführerin deren Vorverfolgung zu berück- sichtigen. Entsprechend ist dabei nicht allein auf eine rein objektive Be- trachtungsweise abzustellen, sondern es ist auch das von der Beschwer- deführerin bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleich- baren Fällen in Betracht zu ziehen (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2). Die Be- schwerdeführerin machte geltend, sie habe sich 2009 den türkischen Be- hörden gestellt und dabei von einem Reuegesetz Gebrauch gemacht. Nach der Einreise in die Türkei sei sie etwa für (…) Tage in Untersuchungs- haft gekommen. Danach sei sie in einem ordentlichen Gerichtsverfahren freigesprochen worden. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz kann fest- gestellt werden, dass die Beschwerdeführerin zwar nach dem Freispruch jeweils von der Polizei mitgenommen wurde, wenn diese im Rahmen ihrer Untersuchungen zufälligerweise auf sie aufmerksam wurden, allerdings je- weils auch nach kurzer Zeit wieder – ohne weitere Konsequenzen – auf D-5957/2018 Seite 17 freien Fuss gesetzt wurde. So führte sie auch in Bezug auf die letzte Ver- haftung vor ihrer Flucht aus, dass die Polizei sie im (…) 2018 deshalb mit- genommen habe, weil im Café, in welchem sie gearbeitet habe, Alkohol ausgeschenkt worden sei und die Behörden alle Angestellten kontrolliert hätten (A9 F50-53). Sie persönlich sei im Rahmen dieser Massnahme auf- grund ihres Strafregistereintrages mitgenommen , überprüft und danach ohne weitere Konsequenzen wieder freigelassen worden. Dies ist zwar un- angenehm, aber aufgrund der fehlenden Intensität nicht asylrelevant (vgl. dazu auch Urteil des BVGer E-6993/2017 vom 21. April 2020). Es existie- ren demnach keine Anhaltspunkte, wonach die türkische Regierung die Be- schwerdeführerin als Staatsfeind betrachten würde. Die Beschwerdeführe- rin hat sich 2009 freiwillig gestellt und wurde aufgrund eines Reuegesetzes freigesprochen. Danach wurde sie zwar im Rahmen ordentlicher rechts- staatlicher Untersuchungen jeweils genauer überprüft, als wenn sie keine Vergangenheit bei der PKK gehabt hätte, allerdings wurde sie danach je- des Mal wieder entlassen, ohne dass ein Strafverfahren gegen sie eröffnet worden wäre. Damit liegen keine Hinweise dafür vor, dass der Beschwer- deführerin nachträglich eine Haftstrafe wegen ihrer Ausbildung zur Gue- rilla-Kämpferin drohen würde. In Übereinstimmung damit wurde der Be- schwerdeführerin auch ihre Identitätskarte regulär ohne Probleme ausge- stellt (A6 Ziff. 4.03 und S. 8). Auch aus der zweifellos nicht einfachen Arbeitssituation der Beschwerde- führerin in der Türkei und dem Vorbringen, der Strafregistereintrag habe ihre Karrierechancen ruiniert, lässt sich keine Asylrelevanz ableiten. Die Beschwerdeführerin moniert, sie habe ihre Arbeitsstellen aufgrund ihres Strafregistereintrages beziehungsweise den daraus folgenden Mitnahmen jeweils wieder verloren. Dies ist aber zunächst keine Verfolgung durch den Staat und zudem in Widerspruch zu ihren eigenen Ausführungen. So ist in Bezug auf die angeblichen Entlassungen aufgrund der PKK-Vergangenheit festzustellen, dass sie beispielsweise selber erzählte, dass sie im (…) 2017 nach zwei Tagen beziehungsweise einer Nacht in Untersuchungshaft nicht umgehend wieder arbeiten gegangen sei, sondern zunächst noch eine wei- tere Woche zu Hause geblieben sei. Danach sei sie zu ihrem Vorgesetzten und habe ihm dies offen erzählt, worauf er sie entlassen habe (A9 S.7). Es ist nachvollziehbar, dass ihr Arbeitgeber sie aufgrund dieses Verhaltens fristlos entliess. Es ist hingegen kein Zusammenhang zwischen ihrer PKK- Vergangenheit und der Entlassung sichtbar. Zudem erzählte sie, dass sie danach eine Stelle im (…) erhalten habe. Nachdem sie dem Chef von ihrer Vergangenheit erzählt habe , habe er gesagt, dass er ihr behilflich sein werde und habe sie eingestellt (A9 S.7). Dies sei ihr letzter Arbeitgeber D-5957/2018 Seite 18 gewesen, bevor sie in die Schweiz gekommen sei. Sie sei gut über die Runden gekommen und habe keine finanziellen Schwierigkeiten gehabt. Somit wusste dieser Chef von Anfang an von ihrer Vergangenheit und stellte sie trotzdem ein. 6.3 Auch die geltend gemachten familiären Probleme der Beschwerdefüh- rerin sind nicht asylrechtlich relevant. So fehlt bei diesen bereits das asyl- rechtliche Verfolgungsmotiv. Die Beschwerdeführerin macht zudem gel- tend, sie habe aufgrund der Gewalttätigkeit ihres damaligen Ehemannes zwei Mal Hilfe bei der Polizei gesucht. Diese habe ihr aufgrund ihrer PKK- Vergangenheit nicht geholfen. Zusätzlich zur überzeugenden Argumenta- tion der Vorinstanz, dass die Beschwerdeführerin sich professionelle Hilfe bei einem Anwalt hätte holen können (vgl. dazu auch im Detail Urteil des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018) , macht ihre Erklärung auch des- halb keinen Sinn, da sowohl die Beschwerdeführerin als auch ihr Ex-Mann über die gleiche Vergangenheit bei der PKK in Zusammenhang mit dem Reuegesuch verfügen. Zudem ist festzustellen, dass die Beschwerdefüh- rerin diesbezüglich selber anerkannte, dass ihr rechtliche Mittel offen ge- standen hätten, diese zu ergreifen, ihr jedoch zu mühselig gewesen seien: „in der Türkei, als alleinstehende Frau ist es nicht einfach juristische Schritte zu setzen“ (vgl. Beschwerdeschrift S. 6). Es kann nicht dem Staat vorgeworfen werden, wenn die Beschwerdeführerin die vorhandenen Mittel nicht ausschöpft. Ein – auch tiefgreifendes – subjektives Leiden aufgrund einer schwierigen Situation im Heim atland in Bezug auf die Arbeitssitua- tion, die Familie und Freunde allein genügt nicht, um von einem relevanten unerträglichen psychischen Druck auszugehen; der subjektive Geisteszu- stand muss vielmehr auch auf objektiven asylrelevanten Gründen basie- ren. Dies ist vorliegend zu verneinen. 6.4 In Bezug auf die geltend gemachte drohende Reflexverfolgung ist fest- zustellen, dass keine Gründe sichtbar sind, wieso die Beschwerdeführerin nun plötzlich unter asylrelevanter Reflexverfolgung leiden sollte. So berich- tete sie selber, dass mittlerweile sogar ihre Schwester B., welche im Ge- gensatz zu ihr, aktiv für die PKK gekämpft habe und deshalb zu einer Haft- strafe verurteilt worden sei, mittlerweile wieder frei sei und weiterhin in der Türkei lebe. Es ist kein Grund ersichtl ich, wieso die Beschwerdeführerin, die 2009 von einem Reuegesetz Gebrauch gemacht hatte , daraufhin frei- gesprochen wurde und seitdem keinen Kontakt mehr mit der Organisation hatte, deshalb plötzlich asylrelevant verfolgt werden sollte. So wurde die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Vergangenheit zwar von der Polizei je- weils genauer untersucht als jemand ohne Vergangenheit, was natürlich D-5957/2018 Seite 19 ist, aber gerade weil sie sich von der PKK distanziert hatte, wurde sie jedes Mal auch wieder relativ schnell und ohne weitere Konsequenzen freigelas- sen. Deshalb kann der Schluss gezogen werden, dass die türkischen Be- hörden kein besonderes Interesse an ih r haben. Im Weiteren kann auch aus den allgemeinen Ausführungen in der Beschwerdeschrift zu möglichen Nachstellungen, denen Personen, die sich für die kurdische Sache enga- gieren, seitens der türkischen Behörden ausgesetzt sein könnten, nichts zu Gunsten einer konkreten Verfolgungssituation der Beschwerdeführerin abgeleitet werden. Zwar hat sich der Kurdenkonflikt in der Türkei zuge- spitzt, jedoch richten sich die Massnahmen vor allem gegen Anhänger pro- kurdischer Parteien, die eine höhere Funktion innerhalb ihrer Pa rtei oder ein politisches Amt innehaben (vgl. etwa Urteil des BVGer E -3814/2019 vom 9. August 2019 E. 5.5 m.w.H.). Die Beschwerdeführerin verfügt indes nicht über ein entsprechendes politisches Profil. Auch unter Berücksichti- gung der aktuellen Lage in der Türkei ist nicht anzunehmen, dass ihr Profil für die Behörden von Interesse ist. 6.5 Zusammenfassend gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass es der Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine ihr zum Zeitpunkt des Verlassens des Heimatlandes drohende asylrechtlich rele- vante Verfolgung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat demnach zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). D-5957/2018 Seite 20 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge- fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver- fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in die Türkei ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei- sen oder glaubhaft mac hen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter D-5957/2018 Seite 21 oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124– 127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Auslände rinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.4.1 Seit Juli 2015 sind der türkisch-kurdische Konflikt und die bewaffne- ten Auseinandersetzungen zwischen der PKK und staatlichen Sicherheits- kräften im Südosten des Landes wieder aufgeflammt (vgl. Urteil des BVGer E-6993/2017 vom 21. April 2020 m.w.H.). Von den gewaltsamen Auseinan- dersetzungen betroffen waren von Juli 2015 bis Ende 2016 neben den Pro- vinzen Hakkari und Sirnak – bei denen das Bundesverwaltungsgericht seit längerer Zeit von der ge nerellen Unzumutbarkeit des Vollzugs von Weg- weisungen ausgeht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6) – weitere Gebiete im Süd- osten der Türkei. Es ist aber nicht von einer landesweiten Situation allgemeiner Gewalt oder von bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen auf dem ge samten Staatsgebiet der Türkei auszugehen (vgl. auch das Referenzurteil des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018, E. 7.3). Die Beschwerdeführerin wuchs in der Provinz I._______ auf und hatte ih- ren letzten Wohnsitz in B._______, mithin nicht in einer der so eben ge- nannten Provinzen im Südosten der Türkei, sondern im Nordwesten. 8.4.2 Aus den Akten ergeben sich auch keine Hinweise darauf, dass die Beschwerdeführerin im Falle ihrer Rückkehr in die Türkei aus individuellen Gründen in eine existenzbedrohende Situation geraten würde. Die Be- schwerdeführerin verfügt eigenen Angaben zufolge über eine Ausbildung als Köchin sowie mehrjährige Arbeitserfahrungen. Entgegen ihrer Darstel- lung ist nicht davon auszugehen, dass sie von der ganzen Familie verstos- sen worden ist. So ga b sie zu Protokoll, dass sie nicht mehr nur zu ihrer Schwester S., welche dazumal noch das Gymnasium besuchte, sondern D-5957/2018 Seite 22 auch zu ihrer Schwester B., welche (…) aus der Haft entlassen worden sei, Kontakt habe (A9 S.3). Damit verfügt sie über familiäre Kontakte zu einzel- nen Familienmitgliedern. Nach der Trennung von ihrem Mann hat sie zu- dem eine Ausbildung zur Köchin gemacht und immer wieder eine Arbeit als Köchin gefunden, weshalb sie auch über einige Jahre Arbeitserfahrung verfügt (A9 S.6). Auch wenn ihr Arbeits- und Lebensalltag in Übereinstim- mung mit den Ausführungen der Vorinstanz sicherlich herausfordernd war, ist davon auszugehen, dass sie sich in der Türkei wieder eine Existenz wird aufbauen können, unabhängig davon ob sie sich mit ihrer restlichen Fami- lie versöhnt oder nicht. Obwohl sie angeblich die letzten vier Monat e vor der Ausreise über keine Arbeit verfügt habe, konnte sie mit ihrer Arbeit so- gar 5'000.– Euro sparen, um sich i hre Ausreise zu finanzieren (A9 S. 14). Nachdem sie vor ihrer Flucht somit nicht nur ihren täglichen Unterhalt fi- nanzieren konnte, sondern sogar noch Geld sparen konnte, sind keine Gründe ersichtlich, wieso sie nicht wieder eine Existenz aufbauen könnte. Zudem leben auch ihre beiden Töchter weiterhin in der Türkei, weshalb es ihr möglich wäre, zu diesen den Kontakt wieder aufzunehmen , allenfalls mit Hilfe eines Rechtsanwalts. 8.4.2.1 Auch ihre gesundheitliche Situation spricht nicht gegen eine Weg- weisung. Auch wenn sie in der Beschwerde behauptete, psychisch sehr angeschlagen zu sein, hat sie – trotz deren Ankündigung – keinerlei dies- bezüglichen Beweismittel eingereicht. Zudem führte sie anlässlich der Be- fragungen aus, gesund zu sein (A6 Ziff. 8.02 und A9 F104f.). Schliesslich ist ohnehin festzustellen, dass die Behandlung psychischer Prob leme in der Türkei sowohl stationär als auch ambulant möglich ist. Es existieren landesweit psychiatrische Einrichtungen und es stehen moderne Psycho- pharmaka zur Verfügung (vgl. hierzu etwa Urteile des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018, D -3305/2015 vom 4 . Januar 2016 und E -3040/2017 vom 28. Juli 2017). Es ist mithin davon auszugehen, dass die Beschwer- deführerin, sollte sie psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, auch in der Türkei eine adäquate Behandlung erhalten würde. 8.4.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 8.5 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). D-5957/2018 Seite 23 8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit Verfügung vom 23. Oktober 2018 das Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung gutgeheissen, womit auf die Erhebung von Ver- fahrenskosten zu verzichten ist. 10.2 Mit derselben Verfügung wurde ausserdem das Gesuch um amtliche Verbeiständung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und der Beschwer- deführerin ihre Rechtsvertreterin als Rechtsbeiständin bestellt. Demnach ist dieser ein amtliches Honorar für ihre notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Es wurde eine Honorarnote vom 18. Oktober 2018 ins Recht gelegt, in der Bemühungen der Rechtsvertre- tung von insgesamt 11,30 Stunden bei einem Stundenansatz von Fr. 185.– sowie Auslagen in der Höhe von einer Pauschale von Fr. 50.– und Porto- kosten von Fr. 7.30 ausgewiesen sind, womit sich ein Gesamtbetrag von Fr. 2'177.50 (inkl. Auslagen) ergibt. Dieser Betrag ist indes nicht angemes- sen. Unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 9 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und der Praxis in Vergleichsfällen sind die zu entschädigenden Stunden auf acht zu reduzieren. Zudem ist bei nicht-anwaltlicher Vertreterin für das amtliche Honorar von einem maximalen Stundenansatz von Fr. 150.– aus- zugehen. Nicht zu entschädigen ist die geltend gemachte Pauschale, dies mangels Konkretisierung des damit verbundenen Aufwands. Der Rechts- beiständin ist demnach durch das Bundesverwaltungsgericht ein Hono rar von insgesamt Fr. 1'210.– auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-5957/2018 Seite 24 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Der amtlichen Rechtsbeiständin wird zulasten der Gerichtsk asse ein Ho- norar von Fr. 1'210.– ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Nira Schidlow Versand: