Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Zivilrecht vom 13. August 2021 (430 21 130) ____________________________________________________________________ Internationales Privatrecht Kindsentführung: Verweigerung der Rückführung eines Kindes nach Ablauf der Jahres- frist gemäss Art. 12 Abs. 2 HKÜ; Kein Einfluss der Coronapandemie auf die Jahresfrist (E. 6). Besetzung Präsident Roland Hofmann; Gerichtsschreiberin Karin Wiesner Parteien A.____, vertreten durch Rechtsanwalt Vital Burger, Gerliswilstrasse 69, 6020 Emmenbrücke, Gesuchstellerin gegen B.____, vertreten durch Advokatin Dominique Anwander, Advokaturbüro Alb- recht & Riedo, Hauptstrasse 54, 4132 Muttenz, Gesuchsgegner Kindsvertreter Prof. Dr. Jonas Schweighauser, Hauptstrasse 104, Postf ach, 4102 Bin- ningen Gegenstand Internationale Kindesentführung Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Der Schweizer Staatsbürger B.____ und die russische Staatsbürgerin A.____ sind die un- verheirateten Eltern der Tochter C.____, geboren TT.MM.JJJJ in Koh Samui, Thailand. Die elter- liche Sorge für die Tochter C.____ obliegt der Kindsm utter. Die Kindsmutter kehrte ungefähr im Frühling 2019 mit C.____ in ihre Heimat nach Moskau zurück. Im Herbst 2019 holte der Kindsva- ter mit Erlaubnis der Kindsmutter C.____ erneut nach Thailand. Aufgrund des Ausbruchs der Covid-19-Pandemie wurden Schweizer Staatsbürger/innen aufgefordert, in ihr Heimatland zu- rückzukehren. Deshalb flog der Kindsvater im April 2020 mit C.____ in die Schweiz, wo sie seither zusammen leben. Die Kindsmutter erteilte explizit ihre Z ustimmung für die Einreise von C.____ in die Schweiz und unterzeichnete am 3. April 2020 die «Minor (child) Travel Consent». B. Mit Schreiben vom 12. April 2021 beantragte der Kin dsvater bei der KESB Kreis Liestal, es sei ihm das gemeinsame Sorgerecht für die Tochter C.__ __ zu erteilen und C.____ unter seine Obhut zu stellen. In ihrer Verfügung vom 7. Juni 2021 trat die KESB Kreis Liestal auf den Antrag des Kindsvaters betreffend Zuteilung der gemeinsamen elterlichen Sorge und Zuteilung der Ob- hut gestützt auf Art. 5 des Übereinkommens über die Zu ständigkeit, das anzuwendende Recht, die Anerkennung, Vollstreckung und Zusammenarbeit auf dem Gebiet der elterlichen Verantwor- tung und der Massnahmen zum Schutz von Kindern (Haager K indesschutzübereinkommen, HKsÜ, SR 0.211.231.011) ein und eröffnete ein diesbezügliches Verfahren. Gegen diese Verfü- gung erhob die Kindsmutter (fortan: Gesuchstellerin), vertreten durch Rechtsanwalt Vital Burger, mit Eingabe vom 15. Juni 2021 Beschwerde beim Kantonsg ericht Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht, mit folgenden Rechtsbegehren: 1. Da es sich hier um eine widerrechtliche Kindesentführung handelt, sei die örtliche und sachliche Zu- ständigkeit bei den zuständigen Behörden in Moskau; 2. Ev. sei die Kindesentführung von C.____ zu stoppen und das Kind ohne Verzögerung wieder der el- terlichen Sorge und Obhut der Mutter mit Besuchsrecht für den Vater zu übergeben; 3. Dieser Fall soll im Eilverfahren behandelt werden, da die Mutter A.____ noch diese Woche in die Schweiz kommt, um ihr Kind zu besuchen, ihr Vater aber offenbar plant, mit ihr kurzfristig zu verrei- sen; 4. Es sei vordringlich gemäss Haager Übereinkommen für Kindesentführung dafür zu sorgen, dass C.____ vom Kindsvater keine Gewalt angetan werden kann und er das Kind ab Ende KW 24 für die Mutter zur Verfügung zu halten habe; 5. Die Beschwerdeführerin sei von Prozess- und Anwaltskosten sowie von Prozessvorschüssen zu be- freien. In ihrer Eingabe vom 15. Juni 2021 machte die Kindsmu tter unter anderem eine internationale Kindesentführung geltend und beantragte die Rückführun g von C.____ nach Russland. Da für die Beurteilung dieses Begehrens die Abteilung Zivilrecht des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zuständig ist, wurde die Eingabe von Amtes zur Beurtei lung der Rechtsbegehren 2 bis 4 an die zuständige Abteilung überwiesen. C. Mit Verfügung vom 17. Juni 2021 stellte das zuständi ge Präsidium des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Zivilrecht (fortan: Kantonsgericht), die Eingabe der Gesuchstellerin dem Kindsvater zur Stellungnahme zu. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht D. In seiner Stellungnahme vom 29. Juni 2021 beantragte der Kindsvater (fortan: Gesuchs- gegner), vertreten durch Advokatin Dominique Anwander, die Abweisung der Beschwerde unter o/e-Kostenfolge, wobei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen sei. Auf die Ausführun- gen der Parteien in ihren schriftlichen Eingaben wird in den nachstehenden Erwägungen einge- gangen. E. Mit Verfügung vom 1. Juli 2021 wurde für das Kind C .____ eine Vertretung angeordnet und Prof. Dr. Jonas Schweighauser als Vertreter eingesetzt. Sämtliche bisherigen Akten wurden dem Kindsvertreter zur Kenntnisnahme zugestellt. Gleichzeitig wurde ihm Frist zur Einreichung einer Stellungnahme angesetzt. Dem Gesuchsgegner wurde die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt. Die Parteien wurden auf den 13. August 2021 zur Gerichtsverhandlung geladen, wobei zunächst eine Vermittlungsverhandlung durchgeführt werde. Sollte anlässlich dieser Vermittlungsverhand- lung keine Einigung unter den Parteien erzielt werden, wurde im Anschluss daran eine gerichtli- che Hauptverhandlung in Aussicht gestellt. F. Der Kindsvertreter beantragte in seiner Stellungnah me vom 27. Juli 2021, aus Kindeswohl- überlegungen von der Rückführung nach Russland abzusehen, d. h. das Gesuch abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Auf die weiteren Ausführungen des Kindsvertreters in seiner Stel- lungnahme wird in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. G. Anlässlich der Verhandlung vom 13. August 2021 erschien en die Gesuchstellerin mit ih- rem Rechtsvertreter Vital Burger, der Gesuchsgegner, ve rtreten durch Dominique Anwander, Prof. Dr. Jonas Schweighauser als Vertreter für das Kind C.____ sowie eine Russisch-Dolmet- scherin für die Gesuchstellerin. Nach der Parteibefragu ng orientierte der Kindsvertreter die An- wesenden über sein Treffen mit C.____ vom 30. Juli 202 1. Anschliessend wurde ein Vermitt- lungsversuch unternommen, welcher jedoch erfolglos blieb. In der Folge wurde das Erkenntnis- verfahren durchgeführt. Die Parteien hielten an ihren Rechtsbegehren fest und verwiesen in ihren Plädoyers hauptsächlich auf die bereits eingereichten Rechtsschriften. Auf die weiteren Ausfüh- rungen der Parteien wird in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Erwägungen 1.1 Die Gesuchstellerin stützt ihr Begehren auf das Überein kommen über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindsentführung vom 25. Oktober 1980 (HKÜ, SR 0.211.230.02). Ziel des Abkommens ist es, die sofortige Rückgabe widerrechtlich in einen Vertragsstaat verbrachter oder dort zurückgehaltener Kinder sicherzustellen und zu gewährleisten, dass das in einem Vertrags- staat bestehend Sorge- und Besuchsrecht in den anderen Vertragsstaaten tatsächlich beachtet wird. Sowohl Russland als auch die Schweiz sind Vertragsstaaten dieses Übereinkommens, wes- halb es zur Beurteilung des Antrags auf Rückführung zur Anwendung gelangt. Zuständiges Ge- richt für die Beurteilung von Rückführungsgesuchen ist gemäss Art. 7 Abs. 1 des Bundesgeset- zes über internationale Kindesentführung und die Haager Übereinkommen zum Schutz von Kin- dern und Erwachsenen (BG-KKE, SR 211.222.32) als einzi ge Instanz das obere Gericht des Kantons, in dem sich das Kind zum Zeitpunkt der Gesuchseinreichung aufhält. Das Kind C.____ hält sich zum Zeitpunkt der Gesuchseinreichung beim Gesuchsgegner in xxxxx auf, so dass das Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Zivilrecht, ört lich zuständig ist. Gemäss § 5 Abs. 1 lit. c des Einführungsgesetzes zur Schweizerischen Zivilprozessordnung (EG ZPO, SGS 221) ist das Präsidium der Abteilung Zivilrecht des Kantonsgericht s sachlich zuständig. Das Rückfüh- rungsverfahren ist im summarischen Verfahren durchzuführen (Art. 8 Abs. 2 BG-KKE, Art. 248 lit. a i.V.m. Art. 302 Abs. 1 lit. a ZPO). In familienrech tlichen Verfahren betreffend Kinderbelange erforscht das Gericht den Sachverhalt von Amtes wegen u nd ist nicht an die Parteianträge ge- bunden (Art. 296 Abs. 1 und 3 ZPO). 1.2 Der Gesuchsgegner sowie der Kindesvertreter plädiere n auf Nichteintreten auf das Rück- führungsgesuch, da fraglich sei, ob die Eintretensvorausse tzungen erfüllt seien. Insbesondere sei unklar, ob die Gesuchstellerin vor Verbringen von C.____ in die Schweiz die Obhut resp. das Sorgerecht ausgeübt habe. Die Ausübung des Sorgerecht s bilde jedoch Voraussetzung für die Erhebung eines Rückführungsgesuchs. Gemäss Art. 3 Abs. 1 lit. a HKÜ gilt das Verbringen od er Zurückhalten eines Kindes als wider- rechtlich, wenn dadurch das Sorgerecht verletzt wird, d as einer Person allein oder gemeinsam nach dem Recht des Staates zusteht, indem das Kind unmit telbar vor dem Verbringen oder Zu- rückhalten seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Voraussetzung für die Anwendbarkeit des HKÜ bildet stets das Verbringen oder Zurückhalten eines Kin des in einen anderen Staat durch einen Elternteil sowie das daraus resultierende Vorenthalten der Ausübung des Sorgerechts des ande- ren Elternteils. Die Frage nach der Widerrechtlichkeit des Verbringens resp. Zurückhaltens des Kindes ist jedoch eine Rechtsfrage, die materiellrechtlich und nicht im Rahmen der formellrecht- lichen Eintretensvoraussetzungen zu prüfen ist. Auf das Rückführungsgesuch ist somit einzutre- ten. 2. Vorliegend ist unbestritten, dass die Gesuchstellerin d as alleinige Sorgerecht für C.____ hat. Ebenfalls unbestritten ist aufgrund des Minor (child) Travel Consent die Einwilligung der Ge- suchstellerin zur Einreise des Gesuchgegners mit C.____ in die Schweiz. Die Gesuchstellerin macht jedoch geltend, der Gesuchsgegner weigere sich, C.____ zu ihr nach Russland zurückzu- schicken resp. sie ihr zu übergeben und halte sie somit wid errechtlich in der Schweiz zurück. Deshalb habe sie das vorliegende Rückführungsverfahren iniziiert. Sie habe die alleinige elterli- che Sorge und Obhut über C.____. Im August 2019 habe sie C.____ dem Kindsvater für ein paar Monate zur Betreuung in Thailand überlassen. Im Oktober 2019 habe sie die beiden in Thailand besucht. Es sei vereinbart worden, dass der Kindsvater üb er Weihnachten mit C.____ in die Schweiz reise und sie C.____ dort wieder abhole. Aus f adenscheinigen Gründen sei C.____s Nachname in der Geburtsurkunde von D.____ auf E.____ geändert und ihr auf den Namen E.____ ein Schweizerpass ausgestellt worden. Damit sei sie zusammen mit dem Kindsvater in die Schweiz gereist. Obwohl sie mehrmals versucht habe, C.____ in der Schweiz abzuholen, habe der Kindsvater die Rückgabe von C.____ verweigert. C.____ befände sich daher seit Weih- nachten 2019 widerrechtlich beim Kindsvater. Aufgrund der Coronapandemie habe C.____ bis August 2020 nicht nach Russland zurückgeführt werden können. Ab diesem Zeitpunkt wäre dies möglich gewesen, sei jedoch vom Kindsvater jeweils unterbunden worden. Die Kindsmutter habe dem Aufenthalt der Tochter C.____ in der Schweiz nicht zugestimmt und seit Weihnachten 2019 eine Rückführung nach Russland beantragt. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Der Gesuchsgegner bestreitet die Schilderung der Ges uchstellerin. Bei der Geburt von C.____ sei mit Einverständnis der Gesuchstellerin der Nachname E.____ in die offizielle, amtlich bestätige Geburtsurkunde eingetragen worden. Auch habe die Gesuchstellerin ihre Einwilligung zur Erstellung des Schweizer Passes für C.____ erteilt und die entsprechenden Dokumente aus- gehändigt. Von einem russischen Pass für C.____ habe er keine Kenntnis gehabt und demnach auch nie sein diesbezügliches Einverständnis erteilt. Im Jul i 2019 habe die Gesuchstellerin ihn gebeten, C.____ zu sich nach Koh Samui zu nehmen. Im Au gust 2019 habe er C.____ bei der Mutter abgeholt und zu sich nach Thailand genommen. Die Gesuchstellerin habe sie dort im Ok- tober 2019 besucht. Infolge Ausbruchs der Covid-19-Pand emie habe er sich zum Wohl und zur Sicherheit von C.____ entschlossen, in die Schweiz zurückzukeh ren. Zu diesem Zweck sei von der Schweizerischen Botschaft in Bangkok ein «Laissez Passer» auf den Namen D.____ ausge- stellt worden. Die Gesuchstellerin habe sich mit diesem Vorgehen explizit einverstanden erklärt, habe sie dafür doch eigens das «Minor (child) Travel Con sent» unterzeichnet, welches ihn be- rechtigte, mit C.____ in die Schweiz zu reisen. Die behauptete Abmachung, wonach C.____ nach Rückkehr in die Schweiz zurück nach Russland hätte gebracht werden müssen, sei nicht getrof- fen worden. Seither hätten ein- bis zweimal wöchentli ch Videotelefonate zwischen Mutter und Tochter stattgefunden. Erst gegen Anfang des Jahres 202 1 habe die Gesuchstellerin einen Be- such in der Schweiz angesprochen. Sie sei jedoch nicht in die Schweiz gereist, sondern habe angeblich Freunde, die er nicht kenne, beauftragt, C. ____ aus der Schweiz nach Russland zu- rückzubringen. Mit diesem Vorgehen habe er sich selbstverständlich nicht einverstanden erklären können, zumal C.____ diese Leute nicht kenne und erst zwei Jahre alt gewesen sei. Es sei somit erstellt, dass C.____ von September 2019 bis März 2020 m it Einwilligung der Gesuchstellerin beim Gesuchsgegner in Thailand gelebt habe. Danach habe die Gesuchstellerin der Einreise von C.____ zusammen mit dem Gesuchsgegner in die Schweiz zu gestimmt. C.____ halte sich nun seit über einem Jahr in der Schweiz auf und habe sich hier eingelebt. Ihr Lebensmittelpunkt sei in der Schweiz beim Vater und nicht in Russland. Sie sp reche auch ausschliesslich Schweizer- deutsch und weder Russisch noch Englisch. Aufgrund der ges uchstellerischen Zustimmung sei erstellt, dass das Verbringen von C.____ in die Schweiz nicht widerrechtlich erfolgt sei. Auch von einer angeblich widerrechtlichen Zurückhaltung von C.____ könne keine Rede sein. Das Gesuch um Rückführung von C.____ nach Russland sei deswegen abzuweisen. 4. Der Kindsvertreter stellte in seiner Stellungnahme vom 27. Juli 2021 zunächst fest, dass folgende Punkte umstritten seien: Widerrechtlichkeit de s Umzugs von Thailand in die Schweiz, Sorgerechtsausübung durch die Mutter vor Einreise in d ie Schweiz sowie Auswirkung des Um- stands, dass C.____ seit April 2020 in der Schweiz lebe. Aus den Unterlagen gehe hervor, dass die Gesuchstellerin ihre Zustimmung zur Einreise in die Schweiz erteilt habe, deshalb sei im Ver- bringen von C.____ in die Schweiz keine Widerrechtlichkeit gegeben. Ferner sei die Gesuchstel- lerin erst aktiv geworden, nachdem der Gesuchsgegner b ei der KESB das gemeinsame Sorge- recht und die Obhut über C.____ beantragt habe. Folglich sei die Situation bezüglich «widerrecht- lichem Zurückhalten» unklar bzw. sei ein klarer Antrag au f Rückführung erst erfolgt, nachdem vom Gesuchsgegner ein Sorgerechtsverfahren in der Schweiz anhängig gemacht worden sei. Es deute einiges darauf hin, dass C.____ inzwischen rechtsg ültigen Aufenthalt in der Schweiz be- gründet habe. Überdies sei auch unbestritten, dass sich C .____ seit Juli 2019 in der faktischen Obhut des Gesuchgegners befunden habe. Insofern sei es f raglich, ob die Gesuchstellerin das Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Sorgerecht gemäss Art. 3 Abs. 1 lit. b HKÜ ausgeübt habe, was Voraussetzung für den Rückfüh- rungsanspruch sei. Es entspreche sicherlich nicht dem Sinn des Übereinkommens, C.____ seiner Hauptbezugsperson zu entreissen, um es zur derzeit juristischen Alleinsorgeberechtigten zurück- zuführen, die dieses Sorgerecht über zwei Jahre nicht au sgeübt habe. Letztendlich sei auf Art. 12 HKÜ hinzuweisen, wonach selbst bei einem widerrechtlichen Verbringen des Kindes bzw. ei- nem Zurückhalten eine Rückführung nur dann zu erfolgen habe, wenn sich das Kind weniger als ein Jahr seit dem Verbringen in einem Vertragsstaat au fhalte. Diese Voraussetzung sei offen- sichtlich nicht erfüllt, befände sich C.____ doch seit Ap ril 2020 in der Schweiz, wohingegen der Rückführungsantrag erst am 15. Juni 2021 eingereicht worden sei. Aus Kindeswohlüberlegungen müsste daher von einer Rückführung abgesehen werden, sel bst wenn von einem widerrechtli- chen Verbringen oder Zurückhalten ausgegangen würde. 5. Rückführungsentscheide nach HKÜ betreffen die Regelun g der Rechtshilfe zwischen den Vertragsstaaten, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Respektierung der Durchsetzung ausländischen Zivilrechts steht (BGE 133 III 584 E. 1.2 S. 585). Das HKÜ bezweckt die sofortige Rückgabe widerrechtlich in einen Vertragsstaat verbracht er oder dort zurückgehaltener Kinder (Art. 1 lit. a HKÜ). Wann ein Kind als widerrechtlich in einen Vertragsstaat verbracht oder dort zurückgehalten zu erachten ist, regelt Art. 3 HKÜ. Im Einzelnen gilt ein Verbringen oder Zurück- halten eines Kindes als widerrechtlich, wenn dadurch das Sorgerecht verletzt wird, das einer Per- son, Behörde oder sonstigen Stellen allein oder gemeinsam nach dem Recht des Staates zusteht, in dem das Kind unmittelbar vor dem Verbringen oder Zurückhalten seinen gewöhnlichen Aufent- halt hatte (Art. 3 lit. a HKÜ) und dieses Recht im Zei tpunkt des Verbringens oder Zurückhaltens allein oder gemeinsam tatsächlich ausgeübt wurde oder ausgeübt worden wäre, sofern das Ver- bringen oder Zurückhalten nicht stattgefunden hätte (Art. 3 lit. b HKÜ). Gemäss Art. 5 HKÜ um- fasst das Sorgerecht «die Sorge für die Person des Kind es und insbesondere das Recht, den Aufenthalt des Kindes zu bestimmen». Massgeblich ist die Sorgerechtslage, wie sie beim Ver- bringen bestanden hat; dieser Status quo ante soll wiederhergestellt werden (BGer 5A_257/2011 vom 25. Mai 2011, E. 4.2). Der Nachweis der Voraussetz ungen, insbesondere auch der Verlet- zung des Sorgerechts im Sinne von Art. 3 Abs. 1 lit. a HK Ü, obliegt der Gesuchstellerin (BGer 5A_293/2010 vom 22. Juni 2010, E. 3). Alleiniges Them a des Rückführungsprozesses ist die Prüfung der Voraussetzungen für die Rückführung. Sind diese erfüllt, ist die Rückführung grund- sätzlich anzuordnen, soweit nicht einer der in Art. 12, A rt. 13 oder Art. 20 HKÜ genannten Aus- schlussgründe nachgewiesen ist. 6.1 Nach Art. 12 Abs. 1 HKÜ wird die Rückführung eines Kin des angeordnet, wenn es wider- rechtlich in einen Vertragsstaat verbracht oder dort zur ückgehalten worden ist und bei Eingang des Antrages beim zuständigen Gericht eine Frist von weniger als einem Jahr seit dem Verbrin- gen oder Zurückhalten verstrichen ist. Nach Ablauf diese r Jahresfrist erfolgt eine Rückführung, sofern nicht erwiesen ist, dass das Kind sich in seine neue Umgebung eingelebt hat (Art. 12 Abs. 2 HKÜ). In der Schweizerischen Praxis wird Art. 12 HKÜ sta rr ausgelegt: Soweit die Jahresfrist nicht erreicht ist, ist die Rückführung grundsätzlich anzuordnen (BGer 5A_576/2018 vom 31. Juli 2018, E. 4). Eine Prüfung, ob das Kind sich allfällig in der Schweiz eingelebt und Aufenthalt be- gründet hat, findet regelmässig nicht statt. Umgekehrt w ird die Rückführung grundsätzlich ver- weigert, wenn sich das Kind über ein Jahr in der Schweiz aufhält. Die Gerichte gehen davon aus, Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht dass sich das Kind dann eingelebt und Aufenthalt begründet hat, weshalb eine Rückführung ab- zulehnen sei ( JONAS SCHWEIGHAUSER , Rückführung trotz legalem Aufenthalt von über einem Jahr in der Schweiz, in: Jusletter vom 4. März 2019 Rz 30). 6.2 Das Kind C.____ ist anfangs April 2020 mit dem Gesuchsg egner in die Schweiz einge- reist. Das Rückführungsgesuch der Gesuchstellerin datiert vom 15. Juni 2021, mithin 14 Monate nach Einreise in die Schweiz. Die Gesuchstellerin macht zwar geltend, sie habe das Kind immer wieder vom Kindsvater zurückverlangt und sich diesbezüglich in Russland an die zuständige Be- hörde gewandt. Einen diesbezüglichen Nachweis erbrin gt die Gesuchstellerin jedoch nicht. Zu- dem ist für die Bemessung der Jahresfrist gemäss Art. 12 Abs. 1 HKÜ ein förmliches Gesuch an die gemäss HKÜ zuständige Behörde am Aufenthaltsort de s Kindes massgebend. Somit ist in zeitlicher Hinsicht vom Gesuch vom 15. Juni 2021 auszugehen, womit die Jahresfrist gemäss Art. 12 Abs. 1 HKÜ offensichtlich abgelaufen ist. Sowohl die Schweizerische Zentralbehörde als auch das angerufene Gericht haben ihren Betrieb während d er Coronapandemie durchgängig auf- rechterhalten. Somit stand einem Rückführungsgesuch sei t der Einreise von C.____ in die Schweiz behördenseitig nichts im Wege. Überdies benennt die Gesuchstellerin auch keinerlei konkrete Gründe, weshalb es ihr innert Jahresfrist nicht möglich gewesen sein soll, ein entspre- chendes Gesuch zu stellen. Demzufolge ist das Rückführungsgesuch abzuweisen. Zum selben Ergebnis gelangt man auch nach Überprüfung, ob sich C.____ in der Schweiz ein- gelebt und hier Aufenthalt begründet hat: C.____ le bt seit August 2019 beim Gesuchsgegner. Damals war sie 1.5 Jahre alt. Ob sich C.____ an die Zeit vor ihrem Zusammenleben mit dem Gesuchsgegner zu erinnern vermag, ist höchst fraglich. Ihre Bezugsperson ist zweifelsohne der Gesuchsgegner. Gemäss Bericht des Kindsvertreters spricht C. ____ altersgerecht Schweizer- deutsch, besucht zweimal pro Woche eine Kindertagesstätte und hat bereits zwei gute Freunde gefunden. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter sei vertraut und eng. C.____ scheint sich demzufolge gut in der Schweiz eingelebt zu haben und b efindet sich in einem stabilen sozialen Umfeld, das ihren Bedürfnissen und ihrem Wohl entsprechend ausgerichtet ist. Den eingereichten KESB-Akten ist zudem zu entnehmen, dass C.____ in der Familie des Gesuchgegners integriert sei. Sie ist somit mit ihrem neuen Wohnort und dem Gesuchsgegner verbunden und verwachsen und mit dem neuen Freundes- und Familienkreis verwurzelt. Eine Rückführung in ein Land, des- sen Sprache sie nicht beherrscht, würde einer Entwurzelun g gleichkommen und wäre nicht zu- mutbar. Somit sind die Voraussetzungen von Art. 12 HKÜ g egeben, weshalb eine Rückführung ausgeschlossen ist. Insofern erübrigt sich eine Überprüfu ng des allenfalls widerrechtlichen Zu- rückhaltens von C.____ in der Schweiz sowie die Frage nach der Sorgerechtsausübung der Ge- suchstellerin vor Verbringen von C.____ in die Schweiz. Auch die Frage nach dem tatsächlichen Aufenthaltsort der Gesuchsgegnerin kann bei diesem Ausga ng des Verfahrens offengelassen werden. 7.1 In Rückführungsverfahren werden gestützt auf Art. 26 A bs. 2 HKÜ grundsätzlich keine Gerichtskosten erhoben und den Parteien keine gegenseit igen Parteikosten auferlegt. Jedoch hat Russland aber einen Vorbehalt im Sinne von Art. 26 Abs. 3 HKÜ angebracht und erklärt, nur insoweit gebunden zu sein, die sich aus der Beiordnung eines Rechtsanwalts oder aus einem Gerichtsverfahren ergebenden Kosten zu übernehmen, als diese Kosten durch sein System der unentgeltlichen Rechtshilfe und Rechtsberatung gedeckt sind. In einem solchen Fall wendet die Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Schweiz das Prinzip der Gegenseitigkeit an (Art. 21 Abs. 1 lit. b des Wiener Übereinkommens über das Recht der Verträge vom 23. Mai 1969, SR 0.111) und garantiert die Kostenlosigkeit nur im Rahmen der unentgeltlichen Rechtspflege nach dem innerstaatlichen Recht (BGer 5A_822/2013 vom 28. November 2013, E. 4.1). 7.2 Die Gesuchstellerin ersucht um Gewährung der unentgel tlichen Rechtspflege. Gemäss Art. 117 ff. ZPO hat eine Person Anspruch auf unentgel tliche Rechtspflege, wenn sie einerseits nicht über die erforderlichen Mittel verfügt (lit. a) und andererseits ihr Rechtsbegehren nicht aus- sichtslos erscheint (lit. b). Wer diese Bedingungen erf üllt, hat ausserdem Anspruch auf einen unentgeltlichen Rechtsbeistand, soweit dies zur Wahrung der Rechte notwendig ist (Art. 118 Abs. 1 lit. c ZPO). Die unentgeltliche Rechtspflege umfasst die Befreiung von Vorschuss- und Sicher- heitsleistungen sowie Gerichtskosten. Massgeblich sind die fi nanziellen Verhältnisse zum Zeit- punkt der Gesuchstellung (EMMEL , in: Sutter-Somm /Hasenböhler/Leuenberger, Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, Zürich/Basel/Genf 201 6, 3. Aufl., Art. 117 ZPO N 4 mit Hinweis auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung). Dem eingereichten Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege der Gesuchstellerin i st zu entnehmen, dass sie nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und somit mittellos ist. B ezüglich der fehlenden Aussichtslosigkeit kommt in familienrechtlichen Streitsachen und Statusprozessen dem Kriterium der materiellrecht- lichen Aussichtslosigkeit keine oder jedenfalls nur in exorbitanten Fällen eine gewisse Bedeutung zu. In Kinderbelangen wird gar vollständig auf das Kri terium der Aussichtslosigkeit verzichtet (ALFRED BÜHLER, in: Berner Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, Bd. I, Art. 117 N 268). Dementsprechend kann auf die Prüfung de r Aussichtslosigkeit verzichtet werden. Die vorliegend zu beurteilende Kindesrückführung greif t empfindlich in die Rechtsposition der rechtsunkundigen Gesuchstellerin ein. Überdies ist sie d er deutschen Sprache nicht mächtig, weshalb die Notwendigkeit der Vertretung fraglos zu bejahen ist. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege für die Gesuchstellerin ist folglich zu bewilligen. 8. Angesichts des Verfahrensausgangs hat die Gesuchstelleri n als unterliegende Partei für die Gerichtskosten aufzukommen und dem Gesuchsgegner eine Parteientschädigung zu entrich- ten (Art. 106 Abs. 1 ZPO). Die Gerichtskosten beinhalte n im vorliegenden Verfahren eine Ge- richtsgebühr, die Dolmetscherkosten von CHF 332.50 sowie die Kosten für den Kindsvertreter. Die Gerichtsgebühr wird in Anwendung von § 9 Abs. 1 i.V.m. § 8 Abs. 1 lit. g und § 14 Abs. 2 it. a der Verordnung über die Gebühren der Gerichte (SGS 170.31) auf CHF 2‘000.00 festgelegt. Der Vertreter des Kindes macht einen Aufwand von 3.66 Std. à CHF 200.00 ohne Hauptverhand- lung sowie Auslagen von CHF 54.30 zuzüglich Mehrwertst euer geltend bzw. einen Betrag von insgesamt CHF 848.25 inkl. MWST. Für die Hauptverhandlung sind 4 Std. à CHF 200.00 zuzüg- lich 7.7% MWST, total ausmachend CHF 861.60, hinzuzurechnen, so dass das Honorar für den Kindsvertreter insgesamt CHF 1'709.85 (inkl. Spesen v on CHF 54.30 und MWST von CHF 122.25) beträgt. Der unentgeltliche Rechtsbeistand der Gesuchstellerin ist nicht im Anwaltsregister eingetragen, so dass ihm keine Parteientschädigung aus der Gerichtskasse zu bezahlen ist. Die Gesuchstel- lerin hat dem Gesuchsgegner eine Parteientschädigung zu leisten. Dem obsiegenden Gesuchs- gegner wurde bereits in Ziffer 7 der Verfügung vom 1. Juli 2021 die unentgeltliche Rechtspflege Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht bewilligt. Zufolge voraussichtlicher Uneinbringlichkeit d er Parteientschädigung bei der Gesuch- stellerin wird die unentgeltliche Rechtsvertreterin des Gesuchgegners gestützt auf Art. 122 Abs. 2 ZPO vom Kanton angemessen entschädigt. Die Rechtsvertret erin des Gesuchgegners macht einen Aufwand von 13 Std. à CHF 200.00 ohne Auslagen geltend, was angemessen und in die- sem Umfang zu genehmigen ist. Für die Verhandlung werden 4 Stunden hinzugerechnet, so dass ein Aufwand von insgesamt 17 Std. à CHF 200.00 zuzüglich 7.7% Mehrwertsteuer resultiert. Der Rechtsvertreterin des Gesuchgegners wird somit ein Honorar von CHF 3'661.80 inkl. MWST von CHF 261.80 aus der Gerichtskasse entrichtet. Demnach wird erkannt : ://: 1. Das Gesuch um Rückführung der Tochter der Parteien, C.____, geboren am TT.MM.JJJJ, nach Russland wird abgewiesen. 2. Der Gesuchstellerin wird die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt. 3. Die Entscheidgebühr von CHF 2'000.00 zuzüglich Dolmetscherkosten von CHF 332.50 sowie die Kosten für die Entschädigung der Kindsvertre- tung von CHF 1'709.85 werden der Gesuchstellerin auferlegt. Zufolge be- willigter unentgeltlicher Rechtspflege an die Gesuchstellerin gehen diese Kosten zu Lasten des Staates. Demgemäss wird dem Kindsver treter, Prof. Dr. Jonas Schweighauser, eine Entschädigung von CH F 1'709.85 aus der Gerichtskasse entrichtet. Die Gesuchstellerin bleibt zur Nachzahlung der Gerichtskosten verpflich- tet, sobald sie dazu in der Lage ist. Der Anspruch des Kantons verjährt zehn Jahre nach Abschluss des Verfahrens (Art. 123 ZPO). 4. Die Gesuchstellerin hat dem Gesuchsgegner eine Parteien tschädigung von CHF 3'661.80 zu bezahlen. Zufolge Uneinbringlichkeit dieser Parteientschädigung bei der Gesuch- stellerin wird der Rechtsvertreterin des Gesuchgegners, Advokatin Domi- nique Anwander, ein Honorar von CHF 3'661.80 (inkl. MWST) aus der Gerichtskasse bezahlt. Mit der Zahlung geht der Anspruch in entspre- chender Höhe auf den Kanton Basel- Landschaft über (Art. 122 Abs. 2 ZPO). Präsident Roland Hofmann Gerichtsschreiberin Karin Wiesner