JAAC68.148 Auszug aus dem Urteil der Schweizerischen Asylrekurskommission vom 11. Februar 2004 i.S. Y.A., Türkei, auch erschienen in Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 16 Art. 32 al. 2 et art. 57 al. 1 PA. Art. 106 al. 1 let. b LAsi. Détermination tardive de l’autorité de première instance. Établissement incomplet de l’état de fait pertinent. 1. Une réponse au recours déposée par l’autorité de première instance, après le délai qui lui a été imparti pour ce faire, doit néanmoins être prise en considération lorsque son contenu apparaît décisif (consid. 6). 2. Annulation de la décision de l’autorité de première instance pour constatation incomplète des faits pertinents. In casu, l’Office fédéral des réfugiés a omis de prendre en considération un mandat d’arrêt pour soutien à une organisation illégale, figurant parmi les pièces du dossier (consid. 7). Art. 32 Abs. 2 und Art. 57 Abs. 1 VwVG. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG: Verspätete Vernehmlassung der Vorinstanz. Unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts. 1. Eine nach Ablauf der angesetzten Vernehmlassungsfrist eingereichte Stellungnahme der Vorinstanz zur Beschwerde ist trotz der Verspätung zu berücksichtigen, wenn ihr Inhalt als ausschlaggebend erscheint (E. 6). 2. Aufhebung der vorinstanzlichen Asylverfügung infolge unvollständiger Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts: Übersehen eines bei den Akten liegenden Haftbefehls wegen Unterstützung illegaler Organisationen (E. 7). 1Art. 32 cpv. 2 nonché art. 57 cpv. 1 PA. Art. 106 cpv. 1 lett. b LAsi. Inoltro tardivo della risposta al ricorso da parte dell’Ufficio federale dei rifugiati (UFR). Accertamento incompleto dei fatti giuridicamente rilevanti. 1. È tenuto conto di una risposta al ricorso inoltrata tardivamente dall’UFR allorquando il contenuto della stessa è decisivo (consid. 6). 2. Annullamento della decisione di prima istanza a causa dell’accertamento incompleto dei fatti giuridicamente rilevanti. In casu, l’UFR ha ignorato il mandato d’arresto esibito dalla parte concernente il sostegno ad un’organizzazione illegale (consid. 7). ZusammenfassungdesSachverhalts: DerBeschwerdeführermachtezurBegründungdesam16.August2000in derEmpfangsstelleGenfgestelltenAsylgesuchsgeltend,seinLebenseiin derTürkeibedrohtgewesen. ErseimehrereMale,letztmalsanfangs1999, aufdieTerrorbekämpfungsabteilungderGendarmeriemitgenommenund unterTodesdrohungdazuaufgefordertworden,alsSpitzelfürdieBehörden tätigzusein. DerBeschwerdeführergabzuProtokoll,erseiKurdeund MitgliedderKurdenparteiHADEP(«HalkinDemokrasiPartisi»,prokurdische DemokratieparteidesVolkes)undfürdiesebeidenParlamentswahlenim Jahre1999alsWahlbeobachtertätiggewesen. ImDezember1999seierzu HausevonPolizeibeamtengesuchtworden. AnlässlichseinerTeilnahme anderMaifeierimJahre2000seierfestgenommen,geschlagenundmit Elektroschocksgefoltertworden. DasBundesamtfürFlüchtlinge(BFF)stelltemitVerfügungvom11.September 2002fest,derBeschwerdeführererfülledieFlüchtlingseigenschaftnicht, undlehntedasAsylgesuchab. GleichzeitigverfügteesdieWegweisungdes BeschwerdeführersausderSchweizundordnetedenWegweisungsvollzugan. MitBeschwerdevom16.Oktober2002beantragtederBeschwerdeführer,die vorinstanzlicheVerfügungseivollständigaufzuheben. Esseifestzustellen, dasserdieFlüchtlingseigenschafterfülleundihmseiAsylzugewähren. Eventuellseifestzustellen,dassderWegweisungsvollzugunzulässigrespektive unzumutbarseiundesseidievorläufigeAufnahmeanzuordnen. Inder Beschwerdewurdeunteranderemgerügt,dieVorinstanzhabeinder angefochtenenVerfügungeinenvomBeschwerdeführerzudenAkten gereichtentürkischenHaftbefehlmitkeinemWortgewürdigt. DieVorinstanzhieltineinernachAblaufdervomInstruktionsrichter angesetztenFristeingereichtenVernehmlassungvom3.Februar2003an ihrerVerfügungfestundbeantragtedieAbweisungderBeschwerde. 2DieSchweizerischeAsylrekurskommission(ARK)hebtdieVerfügungdesBFF aufundweistdieAktenzumneuenEntscheidandieVorinstanzzurück. AusdenErwägungen: 6.a. DieVorinstanzhatimvorliegendenBeschwerdeverfahrenauchnach wiederholterAufforderungdurchdenInstruktionsrichterderARKkeine VernehmlassungzurBeschwerdeabgegeben. EinenMonatnachAblauf derletztendiesbezüglichangesetztenFristhatsieam3.Februar2003eine StellungnahmezudenAktengereicht,dieimLichtevonArt.32Abs.2des Bundesgesetzesvom20.Dezember1968überdasVerwaltungsverfahren (VwVG,SR172.021)zuprüfenist. GemässdieserBestimmungkanndieARK verspäteteParteivorbringen,dieausschlaggebenderscheinen,trotzder Verspätungberücksichtigen. b. InihrerVernehmlassungvom3.Februar2003hältdieVorinstanz fest,nachderamtsinternenAnalysedesHaftbefehlshabezwarkeine formelleFälschungfestgestelltwerdenkönnen;eshättensichjedocheine AnzahlUngereimtheitenergeben,welcheaufeineFälschunghinweisen würden. MangelsVergleichsdokumentenwerdedasDokumentvomBFF «nichtalsformelleFälschungi.e.S.»qualifiziert. Hingegenkönnedas BeweismittelaufgrunddererkanntenUngereimtheiten«keinematerielle Überzeugungskraft»entfalten. IndiesemZusammenhangist vorabfestzuhalten, dassUrkundengrundsätzlich entwederauthentischodergefälscht-allenfallsverfälscht-sind;alseinzige diesbezügliche«Zwischenform»warbisherdieKonstellationdervon UnberechtigtenmissbräuchlicherweiseverwendetenechtenDokumente bekannt(vgl. Art.10Abs.4desAsylgesetzesvom26.Juni1998[AsylG], SR142.31). DievomBFFgetroffeneUnterscheidungzwischenformellen FälschungenimengerenundimweiterenSinnistunverständlich. ImErgebnis gehtdieVorinstanzoffenbardavonaus,dieFragederAuthentizitätdesvom BeschwerdeführereingereichtenDokumentsoffenlassenzukönnen. Ein solchesVorgehenwäredannzulässig(undregelmässigsachgerecht,weil damitaufwändigeAbklärungenvermiedenwerdenkönnen),wennmit dembetreffendenBeweismitteleinflüchtlings-oderwegweisungsrechtlich offensichtlichirrelevantesVorbringenbelegtwerdensoll. Imvorliegenden VerfahrenhatderBeschwerdeführerBelegefürseineMitgliedschaftbeider mittlerweileverbotenenKurdenparteiHADEPzudenAktengereicht,welches Vorbringen,soweitfeststellbar,vonderVorinstanznichtbestrittenwird. DieFlüchtlingseigenschaftseinesBrudersA.,dergemässBegründungder diesbezüglichenVerfügungalsregionalverantwortlichesKadermitgliedder «Partiyakarkerenkurdistan»(PKK,ArbeiterparteiKurdistans)tätiggewesen sei,wurdevomBFFam1.März2000anerkannt. BeidemvomBeschwerdeführereingereichtenDokumenthandeltessichum einenHaftbefehl(FormularÖrnekNr.5)ausdemJahre1999,indemihm eineVerletzungvon«Art.169»zurLastgelegtwird. Gemeintistoffenkundig derberüchtigteArt.169destürkischenStrafgesetzbuches,der-alsfaktischer Terror-Generalstraftatbestand(vgl. etwaamnestyinternational,Jahresbericht 2003/Türkei,S.583)-die«UnterstützungundBeihilfebeiStraftateneiner illegalenOrganisation»unterStrafestellt. Diepotenzielleasylrechtliche RelevanzeinessolchenAsylvorbringensliegtaufderHand. Angesichtsder geschildertenpersönlichenundfamiliärenUmständedesBeschwerdeführers 3müsstedieAuffassung,einsolchesBeweismittelvermöchteblosseinen asylrechtlichirrelevantenUmstandzubelegen,alsvölligunhaltbarbezeichnet werden. c. DieVorbringenderVorinstanzinihrerStellungnahmevom3.Februar2003 sindnachdemGesagtenoffensichtlichnichtausschlaggebend. Dieverspätet eingereichteVernehmlassungdesBFFistdemnachnichtweiterzubeachten. 7.a. DieAsylbehördehatdenrechtserheblichenSachverhaltvorihrem EntscheidvonAmteswegenvollständigundrichtigabzuklären(vgl. Art.6 AsylGinVerbindungmitArt.12VwVG;Art.32undArt.49VwVG).Dabei musssiediefürdasVerfahrenerforderlichenSachverhaltsunterlagen beschaffenunddierechtlichrelevantenUmständeabklärenunddarüber ordnungsgemässBeweisführen(vgl. A. Kölz/I. Häner,Verwaltungsverfahren undVerwaltungsrechtspflegedesBundes,2.Auflage,Zürich1998,S.97). GemässArt.8AsylGhatdieasylsuchendePersonindessendiePflichtund -unterdemBlickwinkeldesrechtlichenGehörs-dasRecht,anderFeststellung desSachverhaltsmitzuwirken. AusArt.8Abs.1Bst.dAsylGergibtsich insbesonderedieBerechtigung,Beweiseanzubietenrespektiveeinzureichen, welchedieVerwaltungsbehördegrundsätzlichimRahmenderGewährungdes rechtlichenGehörszuwürdigenhat,bevorsieverfügt(vgl. auchKölz/Häner, a.a.O.,S.98,zurGeneralbestimmungvonArt.33Abs.1VwVG). b. InderBeschwerdewirdgerügt,dieVorinstanzhabedenanlässlichder kantonalenBefragungeingereichtenHaftbefehlinihremEntscheidnicht berücksichtigt. DieseRügeistberechtigt,werdendochinderangefochtenenVerfügung mehrereBeweismittel,nichtaberdiesesDokumenterwähnt,dessen potenzielleAsylrelevanzbereitsobenfestgestelltwordenist(vgl. E.6.b). ImRahmenderE-Mail-KorrespondenzzwischenderARKunddemBFF imZusammenhangmitdemNichteinreicheneinerVernehmlassungder VorinstanzhattederzuständigeSachbearbeiterfestgehalten,derinder BeschwerdeeingereichteHaftbefehlsei«nichtindenAkten»gewesen. DiesbezüglichistaufdaskantonaleBefragungsprotokollzuverweisen,in demfolgendeAussageerwähntist: «Heuteabgegeben: Dokument,dass ichgesuchtwerdevonderGend.kommandaturA.vom10.12.99,gemäss Art.169werdeichgesucht». ImBeilagenverzeichnisdesBegleitschreibensder zuständigenBehördedesKantonsX.vom25.Oktober2000andasBFFwird nichtnurdasBefragungsprotokollvomgleichenTag,sondern,nebstanderen Beweismitteln,auchein«Dokument,dassGSgesuchtwerde»erwähnt. Das DokumentbefindetsichsamtdemeingereichtenBriefumschlagimOriginalim BeweismittelcouvertdesBFF. NachdiesenAusführungenistfestzustellen,dassdieVorinstanzdaszuden AktengereichteBeweismittelübersehenunddamitdenrechtserheblichen Sachverhaltungenügenderstellthat. AndieserEinschätzungvermagauch dievonderVorinstanznachBeendigungdesVernehmlassungsverfahrens vorgenommeneAnalysederEchtheitdesHaftbefehls(Prüfungsergebnis: 4Authentizitätunbestimmt)nichtszuändern,zumaldieverfügendeBehörde -wieerwähnt-gehaltenist,denSachverhaltvorihrerVerfügungvollständig abzuklären. c. NachdemGesagtenistdieBeschwerdegutzuheissen,soweitdieAufhebung derangefochtenenVerfügungbeantragtwird. DieSacheist-vorab zurvollständigenundrichtigenSachverhaltsermittlung-andasBFF zurückzuweisen. DieVorinstanzwirdsichabschliessendzuFragederAuthentizitätdes eingereichtenHaftbefehlsäussernmüssen. VorseinemerneutenEntscheid wirddasBFFzudemeinerseitsdieAktendesBrudersdesBeschwerdeführers -sowieseinesCousinsA.,derHADEP-ParteipräsidentderProvinzX gewesenundvomBFFebenfallsalsFlüchtlinganerkanntwordensei- sorgfältigzukonsultierenhaben. AndererseitsistindiesemZusammenhang zusammenfassendfestzuhalten,dassdievorliegendfürdieGlaubhaftigkeitder VorbringendesBeschwerdeführerssprechendenUmstände(namentlich dieoffenkundigeHerkunftauseinerFamiliemitengenBeziehungenzu PKKundHADEP,dieeingereichtenBeweismittel,diebeiDurchsichtder BefragungsprotokolleinsAugestechendenRealitätskennzeichenoderdie sichausdenAktendesBrudersergebendenHinweise)nurungenügend gewürdigtwordensind;einesorgfältigeAbwägungderfürunddergegen dieGlaubhaftigkeitsprechendenArgumente(vgl. etwaEntscheidungenund MitteilungenderSchweizerischenAsylrekurskommission[EMARK]1993 Nr.21,S.137f. = VPB58.26)istderaufzuhebendenVerfügungjedenfalls ebensowenigzuentnehmen,wieeinepraxiskonformePrüfungderFrage,ob derBeschwerdeführer[…]einesogenannteReflexverfolgungzubefürchten hätte. 5Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali JAAC 68.148 - Auszug aus dem Urteil der Schweizerischen Asylrekurskommission vom 11. Februar 2004 i.S. Y.A., Türkei, auch erschienen in Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 16 In Verwaltungspraxis der Bundesbehörden Dans Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération In Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione Jahr 2004 Année Anno Band 68 Volume Volume Seite --- Page Pagina Ref. No 150 006 347 Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv und die Bundeskanzlei konvertiert. Le document a été digitalisé par les Archives Fédérales Suisses et la Chancellerie fédérale. Il documento è stato convertito dall'Archivio federale svizzero e della Cancelleria federale.