B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5258/2016 U r t e i l v o m 1 9 . A p r i l 2 0 1 7 Besetzung Einzelrichterin Barbara Balmelli, mit Zustimmung von Richter Gérard Scherrer; Gerichtsschreiberin Michelle Nathalie Nef. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw Anja Freienstein, Rechtsanwältin, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende - Testbetrieb VZ Zürich, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 25. August 2016 / N (…). E-5258/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess Eritrea gemäss eigenen Angaben im März 2016. Am 19. Juli 2016 suchte er in der Schweiz um Asyl nach. Mit Schrei- ben vom 20. Juli 2016 teilte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer mit, er sei per Zufallsprinzip der Testphase des Verfahrenszentrums Zürich zuge- wiesen worden. Am 29. Juli 2016 wurde er im Empfangs- und Verfahrens- zentrum Zürich zur Person befragt (BzP). B. Die Vorinstanz hörte den Beschwerdeführer am 11. August 2016 vertieft zu seinen Asylgründen an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei eritreischer Staatsangehöriger und stamme aus dem Dorf B._______, Sub Zoba C._______, Zoba D._______. Er habe bis zu seiner Ausreise dort gelebt. Sein Vater sei desertiert, als er in der vierten oder fünften Klasse gewesen sei. Soldaten seien zu ihnen nach Hause gekommen, um seinen Vater zu verhaften. Da er jedoch nicht dort gewesen sei, sei seine Mutter an seiner Stelle verhaftet worden. Als sein Vater von der Verhaftung erfah- ren habe, habe er sich der Polizei gestellt. In der Folge sei die Mutter ent- lassen worden. Drei Jahre später sei sein Vater im Winter 2015 für Ernte- arbeiten nach Hause zurückgekehrt. In dieser Zeit habe der Beschwe rde- führer keine Probleme mit Soldaten oder Behörden gehabt. Nach dem Ur- laub seines Vaters im Winter 2015 sei sein Vater wieder in den Militärdienst zurückgekehrt. Er selbst habe in dieser Zeit die Schule abgebrochen und in der Landwirtschaft gearbeitet, da die Erträge der Familie aus der Land- wirtschaft kleiner als jene der anderen Dorfbewohner gewesen seien . Da er sich vor einer möglichen Verhaftung wegen der Desertion seines Vaters oder einer Giffa-Razzia gefürchtet habe, sei er schliesslich aus Eritrea aus- gereist. C. Mit Verfügung vom 25. August 2016 stellte die Vorinstanz fest, der Be- schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge- such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete zufolge Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme an. D. Mit Eingabe vom 31. August 2016 reichte der Beschwerdeführer beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, die angefochtene E-5258/2016 Seite 3 Verfügung sei aufzuheben. Die Vorinstanz sei anzuweisen, ihn als Flücht- ling anzuerkennen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses zu verzichten und ihm die unentgeltliche Prozessführung zu ge- währen. Der Beschwerde beigelegt war eine Schnellrec herche der Schweizeri- schen Flüchtlingshilfe vom 3. August 2016 zu Eritrea („Bestrafung Minder- jähriger für illegale Ausreise“). E. Mit Zwischenverfügung vom 9. September 2016 hiess die Instruktionsrich- terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. F. Mit Eingabe vom 14. September 2016 liess sich die Vorinstanz vernehmen. Mit Zwischenverfügung vom 19. September 2016 gab die Instruktionsrich- terin dem Beschwerdeführer Gelegenheit zur Einreichung einer Stellung- nahme. Am 4. Oktober 2016 reichte der Beschwerdeführer die Replik ein. G. Mit Zwischenverfügung vom 10. März 2017 erkundigte sich die Instrukti- onsrichterin, ob der Beschwerdeführer mit Blick auf das ergangene Refe- renzurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 an seiner Beschwerde fest- halten möchte. Falls bis zum 27. März 2017 keine Rückmeldung eingehe, werde davon ausgegangen, er halte an der Beschwerde fest. In der Folge ging keine Rückmeldung ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG is t das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). De r Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le- gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde (Art. 112 Abs. 3 AsylG i.V.m. Art. 38 der Testphasenverordnung E-5258/2016 Seite 4 vom 4. September 2013 [TestV, SR 142.318.1] und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist unter Vorbehalt der nachstehenden Erwägung 3.2 einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet der Asyl- punkt, die Wegweisung und die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerde- führers. Der Wegweisungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz ihn wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung vor- läufig aufgenommen hat. 3.2 Da das Rechtsbegehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, auch die Aufhebung der zu seinen Gunsten ausfallenden Ziffern 4 und 5 des Dispositivs beinhaltet, mangelt es ihm diesbezüglich an einem schutz- würdigen Interesse, weshalb insoweit auf die Beschwerde nicht einzutreten ist. 4. 4.1 Die Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend ausgeführt – als offen- sichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Wei- terungen u nd mit summarischer Urteilsbegründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4.2 Dem Beschwerdeführer wurde mit Zwischenverfügung vom 9. Septem- ber 2016 die unentgeltliche Prozessführung gewährt, die Beschwerde also nicht als aussichtslos qualifiziert. Dies steht einer Behandlung der vorlie- genden Beschwerde im Verfahren nach Art. 111 Bst. e AsylG indes nicht entgegen (vgl. dazu ausführlich Urteil des BVGer E-4923/2016 vom 9. Feb- ruar 2017, E. 2.2). 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia len Gruppe oder wegen ihrer E-5258/2016 Seite 5 politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, d es Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. 5.2 Gemäss Art. 54 AsylG wird Flüchtlingen kein Asyl gewährt, wenn sie erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG wurden (subjektive Nachfluchtgründe). 6. 6.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. Er sei nicht von Armeeangehörigen belästigt worden und die Furcht vor einer möglichen Verhaftung sei nicht asylrelevant. Gleiches gelte hinsichtlich der illegalen Ausreise, welche aufgrund einer neuen Beurteilung nicht mehr als asylre- levant sei. Wirtschaftliche Umstände und fehlende Möglichkeiten zur wei- teren Schulausbildung seien Nachteile, die auf die allgemeine Lebensbe- dingungen im Heimatland zurückzuführen und sodann auch nicht asylrele- vant seien. 6.2 In der Rechtsmitteleingabe wird die Praxisänderung der Vorinstanz kri- tisiert und ausführlich dargelegt, weshalb die Vorgehensweise und die ver- änderte Praxis nicht zulässig seien. Dazu äussert sich die Vorinstanz wie- derum ausführlich in der Vernehmlassung. 6.3 Das Bundesverwaltungsgericht ging in seiner bisherigen Rechtspre- chung davon aus, dass eine illegale Ausreise aus Eritrea als subjektiver Nachfluchtgrund anzusehen war, weil illegal Ausgereiste bei einer Rück- kehr nach Eritrea mit erheblichen Nachteilen im S inne von Art. 3 AsylG rechnen mussten (vgl. Urteil des BVGer D -3892/2008 vom 6. April 2010, E. 5.3.3). Diese Rechtsprechung wurde jüngst aufgegeben. Das Bundesverwal- tungsgericht kam im Urteil D -7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Refe- renzurteil publiziert) nach einer eingehenden Lageanalyse (E. 4.6 -4.11) zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden könne (E. 5.1). Es sei nicht mit überwiegender Wahrscheinli chkeit davon E-5258/2016 Seite 6 auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Verfolgung drohe. Für die Begründung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext be- dürfe es neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlings- rechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten (Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5.2). Da allein aufgrund einer illegalen Ausreise aus Eritrea keine begründete Furcht vor asylrechtlich be- achtlicher Verfolgung angenommen werden könne (ausführlich dazu das vorgenannte Referenzurteil E. 4.6-5.1), kann vorliegend offen bleiben, ob der Beschwerdeführer sein Heimatland illegal verlassen hat. 6.4 Die Frage der Zulässigkeit der Praxisänderung der Vorinstanz bezüg- lich der flüchtlingsrechtlichen Beurteilung der illegalen Ausreise aus Eritrea ist vom Bundesverwaltungsgericht somit geklärt worden. Es kam zu Schluss, dass allein aufgrund einer illeg alen Ausreise keine begründete Furcht vor asylrechtlich beachtlicher Verfolgung angenommen werden könne (vgl. vorstehend E. 5.1). Beim Beschwerdeführer liegen überdies keine zusätzlichen Anknüpfungspunkte vor, welche zu einer Schärfung sei- nes Profils führen. Zum Zeitpunkt der Ausreise war er noch minderjährig und wurde noch nicht zum Militärdienst aufgeboten. Sodann hatte er ge- mäss eigenen Angaben nie Probleme mit den militärischen Behörden. Für eine drohende asylrelevante Verfolgung wegen Dienstverweigerung beste- hen somit keine Anhaltspunkte. 6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine Fluchtgründe glaubhaft machen oder nachweisen kann. Die Vorinstanz hat daher zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgewiesen. 7. Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylge- such ablehnt oder darauf nicht eintritt. Der Beschwerdeführer verfügt we- der über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9). Die Weg- weisung ist nicht zu beanstanden. E-5258/2016 Seite 7 8. Da der Beschwerdeführer vorläufig aufgenommen wurde und die Wegwei- sungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (BVGE 2009/1 E. 5.4), besteht kein schutzwürdiges Interesse an der Überprüfung, aus welchen Gründen die Vorinstanz den Vollzug aufgeschoben hat. 9. Aus diesen Erwägu ngen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu- weisen, soweit darauf einzutreten ist. 10. Mit Zwischenverfügung vom 9. September 2016 wurde das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen, weshalb vorliegend keine Verfahrenskosten zu erheben sind. (Dispositiv nächste Seite) E-5258/2016 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Barbara Balmelli Michelle Nathalie Nef Versand: