<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 32" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 32</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwalts- und Notariatsrecht</span> <span class="page_no">215</span> </div> <div class="page" id="S215"> <div role="main"> <span class="text"><b>XII. Anwalts- und Notariatsrecht </b></span><br/> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>32 </b> <b>Zulassungsvoraussetzungen Anwaltsprüfung</b></span><br/> <span class="text">Die Tätigkeit bei einer Rechtsberatungsstelle gilt nicht als hinreichende</span><br/> <span class="text">rechtspraktische Tätigkeit im Sinne von § 2 Abs. 1 Satz 2 AnwV, selbst</span><br/> <span class="text">wenn die stelleninterne Betreuung durch eine im Kanton registrierte An-</span><br/> <span class="text">wältin erfolgt. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 24. Januar</span><br/> <span class="text">2019, in Sachen A. gegen Anwaltskommission (WBE.2018.367).</span><br/> <span class="text"></span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.</span><br/> <span class="text">Strittig ist im Wesentlichen, ob die Tätigkeit des Beschwerde-</span><br/> <span class="text">führers bei den Rechtsberatungsstellen B. als hinreichende rechts-</span><br/> <span class="text">praktische Tätigkeit im Sinne von § 2 Abs. 1 Satz 2 AnwV zu quali-</span><br/> <span class="text">fizieren ist.</span><br/> <span class="text">3.</span><br/> <span class="text">Die Vorinstanz verneinte dies. Die Anstellung des Beschwerde-</span><br/> <span class="text">führers sei durch die B.-Rechtsberatungsstellen und nicht durch die</span><br/> <span class="text">im Register eingetragene Advokatin C. erfolgt. Gemäss § 2 Abs. 1</span><br/> <span class="text">AnwV würden jedoch (u.a.) nur rechtspraktische Tätigkeiten bei</span><br/> <span class="text">einem im Kanton registrierten Anwalt bzw. bei einer registrierten</span><br/> <span class="text">Anwältin angerechnet. Die blosse Betreuung durch eine im Register</span><br/> <span class="text">eingetragene Anwältin genüge nicht.</span><br/> <span class="text">4.</span><br/> <span class="text">Gemäss Beschwerdeführer entspricht die Auslegung der An-</span><br/> <span class="text">waltskommission weder dem Wortlaut noch dem Sinn der Gesetzes-</span><br/> <span class="text">bestimmung. Einzige Bedingung sei, dass der Anwalt oder die An-</span><br/> <span class="text">wältin im Anwaltsregister verzeichnet sei. Es werde weder eine Un-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">216</span> </div> <div class="page" id="S216"> <div role="main"> <span class="text">terscheidung zwischen den Eintragungsgründen vorgenommen</span><br/> <span class="text">(Art. 8 Abs. 1 und 2 BGFA) noch sei eine Anstellung durch den re-</span><br/> <span class="text">gistrierten Anwalt oder die registrierte Anwältin erwähnt. Folge man</span><br/> <span class="text">der teleologischen Auslegung, so werde die Voraussetzung einer</span><br/> <span class="text">rechtspraktischen Tätigkeit bei einem Registeranwalt u.a. mit der</span><br/> <span class="text">Vermittlung des aargauischen Prozessrechts begründet. Die Tätigkeit</span><br/> <span class="text">als Jurist bei den B.-Rechtsberatungsstellen unter der Leitung einer</span><br/> <span class="text">Registeranwältin entspreche voll und ganz dieser Voraussetzung.</span><br/> <span class="text">5.</span><br/> <span class="text">5.1.</span><br/> <span class="text">Gemäss § 2 Abs. 1 Satz 2 AnwV liegt eine hinreichende rechts-</span><br/> <span class="text">praktische Tätigkeit vor, wenn sie mindestens sechs Monate bei einer</span><br/> <span class="text">oder einem im Kanton registrierten Anwältin oder Anwalt, bei einem</span><br/> <span class="text">aargauischen Bezirksgericht, beim Spezialverwaltungsgericht oder</span><br/> <span class="text">beim Obergericht absolviert wird. Diese Bestimmung gilt es</span><br/> <span class="text">auszulegen.</span><br/> <span class="text">5.2.</span><br/> <span class="text">Ausgangspunkt jeder Auslegung bildet der Wortlaut der Be-</span><br/> <span class="text">stimmung. Ist der Text nicht ganz klar und sind verschiedene Ausle-</span><br/> <span class="text">gungen möglich, so muss nach seiner wahren Tragweite gesucht</span><br/> <span class="text">werden unter Berücksichtigung aller Auslegungselemente, nament-</span><br/> <span class="text">lich von Sinn und Zweck sowie der dem Text zugrundeliegenden</span><br/> <span class="text">Wertung. Wichtig ist ebenfalls der Sinn, der einer Norm im Kontext</span><br/> <span class="text">zukommt. Vom klaren, d.h. eindeutigen und unmissverständlichen</span><br/> <span class="text">Wortlaut darf nur ausnahmsweise abgewichen werden, wenn triftige</span><br/> <span class="text">Gründe dafür vorliegen, dass der Wortlaut nicht den wahren Sinn der</span><br/> <span class="text">Bestimmung wiedergibt. Solche Gründe können sich aus der Ent-</span><br/> <span class="text">stehungsgeschichte der Bestimmung, aus ihrem Sinn und Zweck</span><br/> <span class="text">oder aus dem Zusammenhang mit andern Vorschriften ergeben (BGE</span><br/> <span class="text">140 II 421 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="text">5.3.</span><br/> <span class="text">5.3.1.</span><br/> <span class="text">Der Wortlaut der Bestimmung ist nicht eindeutig. Die rechts-</span><br/> <span class="text">praktische Tätigkeit soll bei einem im Kanton registrierten Anwalt</span><br/> <span class="text">erfolgen. Eine wörtliche Auslegung führt zwar eher zum Ergebnis,</span><br/> <span class="text">dass eine Anstellung durch einen Registeranwalt erforderlich ist.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwalts- und Notariatsrecht</span> <span class="page_no">217</span> </div> <div class="page" id="S217"> <div role="main"> <span class="text">Dies stellt jedoch nicht die einzig mögliche Interpretation dar. Die</span><br/> <span class="text">Auslegung des Beschwerdeführers, wonach die Betreuung durch eine</span><br/> <span class="text">registrierte Anwältin den Anforderungen genüge, verstösst jedenfalls</span><br/> <span class="text">nicht von vornherein gegen den Wortlaut der Bestimmung.</span><br/> <span class="text">5.3.2.</span><br/> <span class="text">Auch eine systematische Auslegung vermittelt im konkreten</span><br/> <span class="text">Fall keine eindeutigen Hinweise, die auf die Bedeutung des umstrit-</span><br/> <span class="text">tenen Rechtssatzes schliessen lassen. Die Sonderregelung, wonach</span><br/> <span class="text">Anwälte einer nach Art. 8 Abs. 2 BGFA anerkannten gemeinnützigen</span><br/> <span class="text">Organisation sich im Anwaltsregister eintragen können, bedeutet</span><br/> <span class="text">nicht zwingend, dass sie im Hinblick auf die Ausbildung von</span><br/> <span class="text">Rechtspraktikanten den übrigen Registeranwälten im Sinne von § 2</span><br/> <span class="text">Abs. 1 Satz 2 AnwV gleichgestellt sind.</span><br/> <span class="text">5.3.3</span><br/> <span class="text">Unter altem Recht wurde bezüglich der rechtspraktischen Tä-</span><br/> <span class="text">tigkeit verlangt, dass der Kandidat mindestens ein halbes Jahr bei</span><br/> <span class="text">einem im Kanton Aargau praktizierenden Anwalt (oder bei einem</span><br/> <span class="text">aargauischen Bezirksgericht oder beim Obergericht) gearbeitet hat</span><br/> <span class="text">(§ 3 Abs. 1 aAnwD [AGS Bd. 12 S. 457]). Mit dem Inkrafttreten der</span><br/> <span class="text">AnwV wurde diese Voraussetzung neu umschrieben; nunmehr wird</span><br/> <span class="text">verlangt, dass der Anwalt im - mit dem BGFA eingeführten - kanto-</span><br/> <span class="text">nalen Anwaltsregister eingetragen ist.</span><br/> <span class="text">Es gibt indessen keinen Hinweis darauf, dass der Verordnungs-</span><br/> <span class="text">geber mit dieser neuen Formulierung das Kriterium, dass der betref-</span><br/> <span class="text">fende Anwalt praktizieren bzw. unabhängig forensisch tätig sein</span><br/> <span class="text">muss, hätte aufgeben wollen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass</span><br/> <span class="text">der Verordnungsgeber, als er die Anforderungen an eine hinreichende</span><br/> <span class="text">rechtspraktische Tätigkeit in § 2 Abs. 1 Satz 2 AnwV umschrieb bzw.</span><br/> <span class="text">einen Registereintrag des ausbildenden Anwaltes verlangte, nicht be-</span><br/> <span class="text">dachte, dass sich ausnahmsweise auch Anwälte, welche bei einer</span><br/> <span class="text">gemeinnützigen Organisation angestellt und damit nicht unabhängig</span><br/> <span class="text">sind, in das Register eintragen lassen können (Art. 8 Abs. 2 BGFA).</span><br/> <span class="text">Die Sonderregelung geht auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung</span><br/> <span class="text">vor Erlass des BGFA zurück. Leitgedanke dieser Regelung war das</span><br/> <span class="text">öffentliche Interesse an einer unentgeltlichen Rechtsberatung und</span><br/> <span class="text">Ergänzung der unentgeltlichen Rechtsvertretung für Personen, denen</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">218</span> </div> <div class="page" id="S218"> <div role="main"> <span class="text">der Zugang zur Verbeiständung aus sozialen Gründen erschwert ist.</span><br/> <span class="text">Es handelt sich mit anderen Worten um eine politisch motivierte</span><br/> <span class="text">Ausnahme vom Anwaltsmonopol, welche der Gesetzgeber im In-</span><br/> <span class="text">teresse des Zugangs zur Rechtsvertretung für sozial Benachteiligte</span><br/> <span class="text">bewusst in Kauf nahm (vgl. zum Ganzen VGE vom 30. Mai 2013</span><br/> <span class="text">[WBE.2012.468], S. 8 f. mit Hinweisen).</span><br/> <span class="text">5.3.4.</span><br/> <span class="text">Von Bedeutung ist sodann eine teleologische Betrachtung: Sinn</span><br/> <span class="text">und Zweck der Voraussetzung der rechtspraktischen Tätigkeit bei</span><br/> <span class="text">einem im Kanton Aargau registrierten Anwalt oder bei einem aar-</span><br/> <span class="text">gauischen Bezirksgericht, beim Spezialverwaltungsgericht oder beim</span><br/> <span class="text">Obergericht ist, neben der praktischen Anwendung des im Studium</span><br/> <span class="text">erlernten theoretischen Wissens, angehende Anwältinnen und</span><br/> <span class="text">Anwälte vor dem Erwerb des Anwaltspatents mit dem (aargauischen)</span><br/> <span class="text">Prozessrecht und mit der täglichen Arbeit des forensisch tätigen An-</span><br/> <span class="text">waltes vertraut zu machen. Um dies sicherzustellen, wird ein mindes-</span><br/> <span class="text">tens sechsmonatiges Praktikum bei einem aargauischen Gericht (ge-</span><br/> <span class="text">wissermassen als Gegenseite des Anwalts) oder bei einem Anwalt,</span><br/> <span class="text">welcher vor aargauischen Gerichten und Verwaltungsjustizbehörden</span><br/> <span class="text">tätig ist, verlangt (vgl. AGVE 2006, S. 53 f.). Der Registereintrag des</span><br/> <span class="text">ausbildenden Anwaltes hat somit im Hinblick auf die Berufsvorberei-</span><br/> <span class="text">tung des Praktikanten zwei Funktionen: Es soll gewährleistet wer-</span><br/> <span class="text">den, dass der angehende Anwalt zum einen Einblicke ins (aar-</span><br/> <span class="text">gauische) Prozessrecht und zum anderen in die forensische Tätigkeit</span><br/> <span class="text">eines selbständigen und unabhängigen Anwaltes erhält. Nicht als hin-</span><br/> <span class="text">reichende rechtspraktische Tätigkeit im Sinne von § 2 Abs. 1 Satz 2</span><br/> <span class="text">AnwV gilt die Beschäftigung bei einem nicht im Register eingetra-</span><br/> <span class="text">genen Anwalt. Beispielsweise bei einem Anwalt, der nur beratend tä-</span><br/> <span class="text">tig ist, oder insbesondere auch bei einem angestellten und daher nicht</span><br/> <span class="text">unabhängigen Rechtsanwalt bei einer Rechtsschutzversicherung oder</span><br/> <span class="text">einem anderen privaten Unternehmen.</span><br/> <span class="text">Der Beschwerdeführer arbeitet für die B. unter der Leitung von</span><br/> <span class="text">C. C. ist Angestellte der B. und ist als Mitarbeiterin einer nach Art. 8</span><br/> <span class="text">Abs. 2 BGFA anerkannten gemeinnützigen Organisation im Anwalts-</span><br/> <span class="text">register eingetragen. Als Mitarbeiterin einer Stiftung, welche aus-</span><br/> <span class="text">schliesslich gemeinnützigen Charakter hat und keinerlei Erwerbs-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Anwalts- und Notariatsrecht</span> <span class="page_no">219</span> </div> <div class="page" id="S219"> <div role="main"> <span class="text">zweck verfolgt (vgl. Art. 2 Abs. 2 des Stiftungsstatuts; [...]), ist sie</span><br/> <span class="text">nicht den gleichen Vorschriften zur unabhängigen Ausübung des</span><br/> <span class="text">Anwaltsberufs unterworfen wie die übrigen Registeranwälte. Die</span><br/> <span class="text">Ausübung der Parteivertretung hat sich zudem strikt auf den gemein-</span><br/> <span class="text">nützigen Bereich entsprechend dem Zweck der betreffenden gemein-</span><br/> <span class="text">nützigen Organisation zu beschränken.</span><br/> <span class="text">Die rechtspraktische Tätigkeit bei einem angestellten Anwalt</span><br/> <span class="text">genügt den Anforderungen gemäss § 2 Abs. 1 AnwV nicht. Dass die</span><br/> <span class="text">angestellte Anwältin C. aufgrund eines politisch motivierten Sonder-</span><br/> <span class="text">falls zum Registereintrag berechtigt ist, vermag daran nichts zu</span><br/> <span class="text">ändern. Der Einblick in die forensische Tätigkeit eines selbständigen</span><br/> <span class="text">und unabhängigen Anwalts ist durch die Tätigkeit des Beschwerde-</span><br/> <span class="text">führers für die B.-Rechtsberatungsstellen nicht sichergestellt, eben-</span><br/> <span class="text">sowenig die Vermittlung des (aargauischen) Prozessrechts. Gemäss</span><br/> <span class="text">Arbeitsbestätigung vom 9. Mai 2018 ist der Beschwerdeführer bei</span><br/> <span class="text">den B.-Rechtsberatungsstellen hauptsächlich in den Bereichen Asyl-</span><br/> <span class="text">und Ausländerrecht tätig. Dieses Betätigungsfeld schränkt die</span><br/> <span class="text">Möglichkeit weiter ein, das (aargauische) Prozessrecht und die An-</span><br/> <span class="text">forderungen an die Tätigkeit eines klassischen Anwaltes kennenzu-</span><br/> <span class="text">lernen. Die Anerkennung der Tätigkeit des Beschwerdeführers als</span><br/> <span class="text">hinreichende rechtspraktische Tätigkeit ist mit der Zielsetzung von</span><br/> <span class="text">§ 2 Abs. 1 Satz 2 AnwV nicht vereinbar.</span><br/> <span class="text">5.4</span><br/> <span class="text">Für die Auffassung der Vorinstanz, wonach die juristische Tä-</span><br/> <span class="text">tigkeit des Beschwerdeführers für die B.-Rechtsberatungsstellen für</span><br/> <span class="text">Asylsuchende und sozial Benachteiligte nicht als hinreichende recht-</span><br/> <span class="text">praktische Tätigkeit i.S.v. § 2 Abs. 1 AnwV gilt, spricht somit vor</span><br/> <span class="text">allem das teleologische und das historische Element. Mit dem Wort-</span><br/> <span class="text">laut lässt sich das Auslegungsergebnis zudem vereinbaren und auch</span><br/> <span class="text">die Gesetzessystematik steht dem Ergebnis nicht entgegen. Der Ent-</span><br/> <span class="text">scheid der Anwaltskommission entspricht somit im Ergebnis einer</span><br/> <span class="text">korrekten Auslegung von § 2 Abs. 1 Satz 2 AnwV, weshalb kein An-</span><br/> <span class="text">lass besteht, korrigierend einzugreifen. Die Beschwerde ist insoweit</span><br/> <span class="text">abzuweisen.</span><br/> </div> </div> </body> </html>