<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 29 S.91</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">91</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Strafprozessrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>29</b></span> <span class="ft2"><b>§§ 100 Abs. 1, 103 Abs. 1 und 2 sowie 105 Abs. 2 StPO</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Zeugnisverweigerungsrecht. Die Bestimmung, wonach ein Zeuge über die</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Zeugnisverweigerungsgründe aufzuklären ist, ist sinngemäss auch bei</b></span><br/> <span class="ft2"><b>polizeilichen Einvernahmen zu beachten, und deren Missachtung führt</b></span><br/> <span class="ft2"><b>grundsätzlich zur Ungültigkeit bzw. Unverwertbarkeit der betreffenden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Aussagen. Möglichkeit der Beseitigung der Ungültigkeit dieser Aussagen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Strafkammer, vom 1. Juli 2002 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen Staatsanwaltschaft gegen S.B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">2. c) Die Ehefrau des Angeklagten wurde ein erstes Mal am</span><br/> <span class="ft5">21. Juli 2001 durch die Polizei befragt. Eine zweite Einvernahme</span><br/> <span class="ft5">erfolgte vor Vorinstanz. Der Angeklagte stellt sich in seiner Berufung</span><br/> <span class="ft5">u.a. auf den Standpunkt, dass seine Ehefrau anlässlich der Befragung</span><br/> <span class="ft5">durch die Polizei nicht auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht aufmerk-</span><br/> <span class="ft5">sam gemacht worden sei, weshalb deren damaligen Aussagen nicht</span><br/> <span class="ft5">verwertbar seien.</span><br/> <span class="ft5">aa) Gemäss § 100 Abs. 1 StPO ist der Zeuge über die Zeugnis-</span><br/> <span class="ft5">pflicht und die Zeugnisverweigerungsgründe aufzuklären. Die vorge-</span><br/> <span class="ft5">schriebene Belehrung ist Gültigkeitserfordernis, weshalb bei Unter-</span><br/> <span class="ft5">lassung die betreffende Erklärung formell keine Zeugenaussage ist</span><br/> <span class="ft5">(Beat Brühlmeier, Aargauische Strafprozessordnung, 2.A., Aarau</span><br/> <span class="ft5">1980, N. 2 zu § 100 Abs. 1 StPO; Robert Hauser/Erhard Schweri,</span><br/> <span class="ft5">Schweizerisches Strafprozessrecht, 4. A., Basel/Genf/München 1999,</span><br/> <span class="ft5">N 9 zu § 60). Gestützt auf § 103 Abs. 1 StPO ist das Versäumte</span><br/> <span class="ft5">nachzuholen und dem Zeugen Gelegenheit zur Verweigerung oder</span><br/> <span class="ft5">Änderung der Aussage zu geben, wenn der einvernehmende Beamte</span><br/> <span class="ft5">feststellt, dass der Zeuge über die Zeugnisverweigerungsgründe oder</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">92</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">die Wahrheitspflicht nicht belehrt worden ist. Ist die Nachholung</span><br/> <span class="ft5">nicht möglich oder ändert oder verweigert der Zeuge die Aussage, so</span><br/> <span class="ft5">ist die ursprüngliche Aussage wie diejenige einer Auskunftsperson zu</span><br/> <span class="ft5">behandeln (§ 103 Abs. 2 StPO).</span><br/> <span class="ft5">Zwar kann nach der Aargauischen Strafprozessordnung eine</span><br/> <span class="ft5">Person, der ein Zeugnisverweigerungsrecht zusteht, von der Polizei</span><br/> <span class="ft5">als Auskunftsperson befragt werden, ohne dass sie darauf hingewie-</span><br/> <span class="ft5">sen werden müsste, dass sie die Aussage verweigern könne, da ge-</span><br/> <span class="ft5">mäss § 105 Abs. 2 StPO auf die Einvernahme von Auskunftsperso-</span><br/> <span class="ft5">nen die Bestimmungen über die Vernehmung des Beschuldigten</span><br/> <span class="ft5">sinngemäss anwendbar sind. Allerdings gehen Lehre und teilweise</span><br/> <span class="ft5">auch die Praxis davon aus, dass die Bestimmung betreffend das</span><br/> <span class="ft5">Zeugnisverweigerungsrecht - soll ihr Sinn und Zweck nicht ausge-</span><br/> <span class="ft5">höhlt werden - sinngemäss auch bei polizeilichen Einvernahmen zu</span><br/> <span class="ft5">beachten sei und deren Missachtung zur Ungültigkeit bzw. Unver-</span><br/> <span class="ft5">wertbarkeit der betreffenden Aussagen führe. Immerhin könne ein</span><br/> <span class="ft5">diesbezüglicher Mangel bzw. die Ungültigkeit der Aussagen dadurch</span><br/> <span class="ft5">beseitigt werden, dass die betreffende Befragung unter Nachholung</span><br/> <span class="ft5">des seinerzeit unterbliebenen Hinweises sowie unter der zusätzlichen</span><br/> <span class="ft5">Bedingung, dass der Betroffene bei dieser Gelegenheit auf die Aus-</span><br/> <span class="ft5">übung seines Aussageverweigerungsrechts verzichte, in ihrer Ge-</span><br/> <span class="ft5">samtheit wiederholt werde. Verweigere oder ändere der Zeuge dabei</span><br/> <span class="ft5">die Aussage, so sei das ursprüngliche Zeugnis insoweit als ungültig</span><br/> <span class="ft5">zu behandeln (vgl. zum Ganzen ZR 96 [1997] Nr. 45, S. 120 ff. mit</span><br/> <span class="ft5">Hinweisen).</span><br/> <span class="ft5">bb) Der in den Akten vorhandene Polizeirapport enthält keine</span><br/> <span class="ft5">Anhaltspunkte dafür, dass die Ehefrau des Angeklagten anlässlich</span><br/> <span class="ft5">der polizeilichen Befragungen auf das Aussageverweigerungsrecht</span><br/> <span class="ft5">hingewiesen worden wäre. Fest steht hingegen, dass sie anlässlich</span><br/> <span class="ft5">der vorinstanzlichen Verhandlung unter Hinweis auf ihr Zeugnisver-</span><br/> <span class="ft5">weigerungsrecht Aussagen gemacht hat, wobei die vor Vorinstanz</span><br/> <span class="ft5">gemachten Angaben teilweise anders ausgefallen sind als jene, wel-</span><br/> <span class="ft5">che sie noch vor der Polizei gemacht hat. Gestützt auf die oben dar-</span><br/> <span class="ft5">gelegte Meinung der Lehre und teilweise auch der Praxis sind die</span><br/> <span class="ft5">§§ 103 Abs. 2 und 105 Abs. 2 StPO auf den vorliegenden Fall nicht</span><br/> <span class="ft5">anwendbar und ist nach Meinung des Obergerichts - soll Sinn und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">93</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Zweck des Zeugnisverweigerungsrechts nicht umgangen werden -</span><br/> <span class="ft5">von der Unverwertbarkeit der Aussagen der Ehefrau des Angeklagten</span><br/> <span class="ft5">vor der Polizei auszugehen. Abzustellen ist demnach einzig auf ihre</span><br/> <span class="ft5">vor Gericht gemachten Angaben.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>