2017 VI/4 Familienasyl 20 VI BVGE / ATAF / DTAF 2017 VI/4 Auszug aus dem Urteil der Abteilung IV i.S. C. gegen Staatssekretariat für Migration D–3175/2016 vom 17. August 2017 Familienasyl. Anspruchsvoraussetzungen. Grundsatzurteil. Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG. 1. Befinden sich die Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minder - jährigen Kinder in der Schweiz, erhalten sie vorbehältlich beson - derer Umstände ebenfalls die Flüchtlingseigenschaft und Asyl, auch wenn die Familiengemeinschaft erst in der Schweiz begrün - det worden ist (E. 4.2–4.4, insb. 4.4.1). 2. Befinden sie sich demgegenüber im Ausland, ist ihnen die Einreise zwecks Gewährung von Familienasyl nur zu bewilligen, wenn eine Familiengemeinschaft bestanden hat, welche durch die Flucht getrennt wurde, und keine besonderen Umstände gegen das Fami- lienasyl sprechen (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 3.1 und E. 4.4, insb. 4.4.2). Asile accordé aux familles. Conditions d'octroi. Arrêt de principe. Art. 51 al. 1 et 4 LAsi. 1. Si le conjoint d'un réfugié et ses enfants mineurs se trouvent en Suisse, ils obtiennent également le statut de réfugié et l'asile sous réserve de circonstance s particulières, même si la communauté familiale n'a été fondée qu'en Suisse (consid. 4.2–4.4, en parti- culier 4.4.1). 2. En revanche, s'ils se trouvent à l'étranger, ils ne sont autorisés à entrer en Suisse pour y obtenir l'asile familial que si la commu - nauté familiale a été séparée par la fuite, et pour autant qu'aucune circonstance particulière ne s' oppose à l'octroi de l'asile familial (confirmation de la jurisprudence; consid. 3.1 et 4.4, en particulier 4.4.2). Asilo accordato alle famiglie. Presupposti di diritto. Sentenza di prin- cipio. Art. 51 cpv. 1 e 4 LAsi. Familienasyl 2017 VI/4 BVGE / ATAF / DTAF VI 21 1. Se i coniugi di rifugiati e i loro figli minorenni si trovano in Svizzera ottengono anch'essi la qualità di rifugiato e l 'asilo, anche se la comunità familiare sia stat a fondata solo in Svizzera , fatte salve circostanze particolari (consid. 4.2–4.4, in particolare 4.4.1). 2. Se, al contrario , si trovano all'estero, essi ottengono l'autorizza- zione d'entrata al fine di garantire l'asilo accordato alle famiglie soltanto se si tratta di ricostituire un nucleo familiare s eparato dalla fuga e in assenza di circostanze particolari che si oppongono alla concessione dell 'asilo familiare (conferma della giurispru - denza; consid. 3.1 e 4.4, in particolare 4.4.2). Die Beschwerdeführerin – eine somalische Staatsangehörige – reiste am 9. November 2007 in die Schweiz ein, wo sie noch am selben Tag um Asyl nachsuchte. Mit Verfügung vom 18. Mai 2009 stellte das Staatssekretariat für Migration (SEM, zuvor Bundesamt für Migration [BFM]) fest, die Beschwerdeführerin erfülle die F lüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz. Gleich - zeitig ordnete es ihre vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs an. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Im Jahr 2014 gebar die Beschwerdeführerin die Tochter B. und am 13. No- vember 2015 heiratete sie den Vater des Kindes, ihren Landsmann C., dem infolge eines am 20. September 2011 gestellten Asylantrags am 4. Dezem- ber 2012 Asyl gewährt worden war. Mit Eingabe vom 28. Januar 2016 stellte der Rechtsvertreter für die Ehe - frau und Beschwerdeführerin sowie die gemeinsame Tochter ein Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) mit dem Begehren, es seien die Begünstigten i n die Flücht - lingseigenschaft von C. einzubeziehen. Mit Verfügung vom 20. April 2016 wurde die Tochter B. vom SEM ge - stützt auf Art. 51 Abs. 3 AsylG als Flüchtling anerkannt und ihr in der Schweiz Asyl gewährt. Hingegen lehnte das SEM mit separater Verfügung gleichen Datums bezüglich der Beschwerdeführerin das Gesuch um Fami- lienasyl gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG ab und stellte fest, die vorläufige Aufnahme gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG (SR 142.20) bleibe bestehen. Mit Eingabe vom 20. Mai 2016 liess die Beschwerd eführerin durch ihren Rechtsvertreter Beschwerde erheben und beantragen, die V erfügung der V orinstanz sei aufzuheben und es sei gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG ihre 2017 VI/4 Familienasyl 22 VI BVGE / ATAF / DTAF Flüchtlingseigenschaft im Sinne des Einbezugs in die Flüchtlingseigen - schaft ihres Ehegatten festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. Das Bundesverwaltungsgericht heisst die Beschwerde gut. Aus den Erwägungen: 3. 3.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familien- asyl – Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, wenn keine besonderen Um - stände dagegen sprechen. Mit dem sogenannten « Familienasyl » erhalten die Angehörigen der Kernfamilie die gleiche Rechtsstellung und damit auch denselben flüchtlingsrechtlichen Schutz wie der n achziehende aner- kannte Flüchtling (vgl. SPESCHA et al., in: Migrationsrecht, Kommentar, 4. Aufl. 2015, N. 1 zu Art. 51 AsylG). Wurden die anspruchsberechtigten Personen durch die Flucht getrennt und befinden sie sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51 Abs. 4 AsylG). Die Bewilligung der Einreise zwecks Gewährung von Familienasyl dient der Wiederherstellung von Familiengemeinschaften, die durch die Flucht ge - trennt wurden, hingegen nicht der Aufnahme von neuen oder der Wi eder- aufnahme von beendeten Beziehungen (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.4.2). So- fern nicht schon besondere Umstände im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG gegen eine Familienvereinigung in der Schweiz sprechen (vgl. dazu bei- spielsweise BVGE 2012/32 E. 5.2–5.4), ist d ie Einreise in die Schweiz gestützt auf Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG nur zu bewilligen, wenn eine Fa - miliengemeinschaft bestanden hat, welche durch die Flucht getrennt wur - de; vorbehalten bleibt der Familiennachzug gemäss den V orschriften des AuG (vgl. BGE 139 I 330 E. 1.3.2–1.4.1). 3.2 Die Beschwerdeführerin ist im November 2007 in die Schweiz eingereist und seit dem 18. Mai 2009 vorläufig aufgenommen. Die Frage, ob ihr die Einreise in die Schweiz zu bewilligen ist, stellt sich somit nicht. Strittig ist lediglic h, ob die Anerkennung als Flüchtling und die Asylge - währung gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG ausgeschlossen bleibt, weil die Familiengemeinschaft der Beschwerdeführerin erst in der Schweiz be - gründet wurde und somit keine Familiengemeinschaft bestanden ha t, die durch die Flucht getrennt wurde. Wie von der Beschwerdeführerin und dem SEM unter Hinweis auf verschiedene Urteile des Bundesverwal - tungsgerichts zu Recht geltend gemacht wird ([…]), besteht diesbezüglich keine kohärente Rechtsprechung. Die Frage ist deshalb zu klären. Familienasyl 2017 VI/4 BVGE / ATAF / DTAF VI 23 4. 4.1 Das Gesetz ist aus sich selbst heraus, das heisst nach Wortlaut, Sinn und Zweck und den ihm zugrunde liegenden Wertungen auf der Basis einer teleologischen Verständnismethode, auszulegen. Auszurichten ist die Auslegung auf die ratio legis, die zu ermitteln dem Gericht allerdings nicht nach seinen eigenen, subjektiven Wertvorstellungen, sondern nach den V orgaben des Gesetzgebers aufgegeben ist. Die Auslegung des Gesetzes hat zwar nicht entscheidend historisch zu erfolgen, ist im Grundsa tz aber dennoch auf die Regelungsabsicht des Gesetzgebers und die damit erkenn- bar getroffenen Wertentscheidungen auszurichten, da sich die Zweckbe - zogenheit des rechtsstaatlichen Normenverständnisses nicht aus sich selbst begründen lässt, sondern aus den Absichten des Gesetzgebers abzuleiten ist, die es mit Hilfe der herkömmlichen Auslegungselemente zu ermitteln gilt. Die Gesetzesauslegung hat sich vom Gedanken leiten zu lassen, dass nicht schon der Wortlaut die Rechtsnorm darstellt, sondern erst das an Sachverhalten verstandene und konkretisierte Gesetz. Gefordert ist die sachlich richtige Entscheidung im normativen Gefüge, ausgerichtet auf ein befriedigendes Ergebnis aus der ratio legis (vgl. BVGE 2015/3 E. 5.2; 2012/2 E. 3.1; 2009/8 E. 7.1). 4.2 In der Fassung des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998, welches am 1. Oktober 1999 in Kraft getreten ist, lautete Art. 51 Abs. 1 AsylG wie folgt: Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder werden als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, sofern keine beso nderen Umstände dagegen sprechen. In der Folge wurde der Wortlaut der Bestim- mung zweimal neu formuliert. In der Fassung gemäss Anhang Ziffer 3 des Partnerschaftsgesetzes vom 18. Juni 2004 (SR 211.231), welches am 1. Januar 2007 in Kraft trat, lautete Art. 51 Abs. 1 AsylG: Ehegatten, eingetragene Partnerinnen oder Partner von Flüchtlingen und ihre min - derjährigen Kinder werden als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, wenn keine besonderen Umstände dagegen sprechen (AS 2005 5697). Eine weitere Anpassung erfolgte durch Ziffer I 2 des Bundesgesetzes vom 15. Juni 2012 über Massnahmen gegen Zwangsheiraten, welches am 1. Ju- li 2013 in Kraft trat ( AS 2013 1035). In dieser Revision wurde Art. 79a AsylG eingeführt, der besagt, dass die Bestimmungen des 3. und 4 . Kapi- tels über Ehegatten sinngemäss auch für die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare gelten. Aufgrund dieser neuen Bestimm ung wurde in Art. 51 Abs. 1 AsylG die Erwähnung der eingetragenen Partne - rinnen und Partner (wieder) gestrichen (vgl. Botschaft vom 23. Februar 2011 zum Bundesgesetz über Massnahmen gegen Zwangsheiraten , BBl 2017 VI/4 Familienasyl 24 VI BVGE / ATAF / DTAF 2011 2185, 2223). Mit der durch das Partnerschaftsgesetz erfolgten Revi- sion wurde der Kreis der anspruchsberechtigten Personen auf eingetragene Partnerinnen oder Partner von Flüchtlingen erweitert, ohne Art. 51 Abs. 1 AsylG darüber hinaus materiell zu ändern. Die durch das Bundesgesetz über Massnahmen gegen Zwangsheiraten erfolgte Revision von Art. 51 Abs. 1 AsylG hatte ausschliesslich redaktionellen Charakter. Die seit 1. Ju- li 2013 in Kraft stehende Fassung von Art. 51 Abs. 1 AsylG lautet nun - mehr: Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder werden als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, wenn keine besonderen Um- stände dagegen sprechen. Sie ist damit – vom Wörtchen « wenn » (anstelle von « sofern ») abgesehen – wieder identisch mit der ursprünglichen Fas- sung des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998. Inhaltliche Unterschiede zwi - schen der deutschen und der französischen beziehungsweise der italie - nischen Fassung von Art. 51 Abs. 1 AsylG, die für die Auslegung der Bestimmung relevant sein könnten, bestehen offensichtlich nicht. Der französische Text lautet: Le conjoint d'un réfugié et ses enfants mineurs sont reconnus comme réfugiés et obtiennent l'asile, pour autant qu'aucune circonstance particulière ne s'y oppose. Und im Italienischen lautet Art. 51 Abs. 1 AsylG: I coniugi di rifugiati e i loro figli minorenni sono ricono - sciuti come rifugiati e ottengono l'asilo, sempre che non vi si oppongano circostanze particolari. Bis auf die Streichung des Wortes « ebenfalls » und den Zusatz « und erhalten Asyl » ist Art. 51 Abs. 1 AsylG zudem wörtlich identisch mit Art. 3 Abs. 3 des Asylgesetzes vom 5. Oktober 1979 (aAsylG, AS 1980 1718), welches bis zur Totalrevision des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 in Kraft gewesen ist (vgl. Art. 120 Bst. a AsylG). Dieser lautete: Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder wer- den ebenfalls als Flüchtlinge anerkannt, sofern keine besonderen Umstän- de dagegen sprechen. 4.3 4.3.1 Aus dem Wortlaut von Art. 51 Abs. 1 AsylG ergibt sich nicht, dass die anspruchsberechtigten Personen durch die Flucht getrennt worden sein müssen, damit die Bestimmung zur Anwendung gelangt. Dass es nicht der ratio legis entspricht, die Anwendung dieser Bestimmung auf Fälle zu beschränken, in denen die Familiengemeinschaft durch die Flucht getrennt wurde, zeigt zudem die Entstehungsgeschichte von Art. 51 Abs. 1 AsylG. 4.3.2 Die V orgängerregelung von Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG findet sich in Art. 3 Abs. 3 und Art. 7 Abs. 1 des am 1. Oktober 1999 aufgeho- benen (AS 1999 22 97) Asylgesetzes vom 5. Oktober 1979. Die Bestim- mungen lauteten: Familienasyl 2017 VI/4 BVGE / ATAF / DTAF VI 25 Art. 3 Der Begriff « Flüchtling » 1 […] 2 […] 3 Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder werden ebenfalls als Flüchtlinge anerkannt, sofern keine besonderen Um - stände dagegen sprechen. Art. 7 Familienvereinigung 1 Ehegatten von Flüchtlingen und ihren minderjährigen Kindern wird Asyl gewährt, wenn die Familie durch die Flucht getrennt wurde und sich in der Schweiz vereinigen will. Artikel 6 ist nicht anwendbar. 2 […] Die ehemalige Schweizerische Asylrekurskommission (ARK) hat sich zur Tragweite von Art. 3 Abs. 3 aAsylG und zum Verhältnis von Art. 3 Abs. 3 aAsylG zu Art. 7 Abs. 1 aAsylG in zwei Grundsatzentscheiden vom 18. März 1994 und vom 28. Juni 1995 befasst. Sie hat in diesen Urteilen dargelegt, dass die Praxis es stets als vorrangig erachtet habe, für die Fami- lien einen einheitlichen Rechtsstatus zu erreichen; Ausfluss dieser Praxis sei insbesondere auch, dass selbst in der Schweiz geborene Kinder aner - kannter Flüchtlinge regelmässig deren Status gestützt auf Art. 3 Abs. 3 aAsylG erlangen. Diese Praxis sei zu bestätigen und demzufolge der Ehe- gatte eines in der Schweiz anerkannten Flüchtlings grundsätzlich (Rechts- missbrauch vorbehalten) in Anwendung von Art. 3 Abs. 3 aAsylG in des- sen Flüchtlingseigenschaft miteinzubeziehen. Dabei sei un erheblich, ob die Ehe erst in der Schweiz und erst nach dem originären Anerkennungs - und Asylgewährungsentscheid geschlossen worden sei. Dem Gesetz lasse sich nichts entnehmen, das eine unterschiedliche Behandlung der Ehegat - ten rechtfertigen würde, je nachdem, wann die Heirat stattfinde. Vielmehr trete der Grundsatz des einheitlichen Rechtsstatus für die ganze Familie in den V ordergrund, sodass es auf den Zeitpunkt der Eheschliessung nicht ankomme (vgl. dazu ausführlich Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [ EMARK] 1994 Nr. 11 E. 3; 1995 Nr. 15 E. 5b und c; vgl. auch 1996 Nr. 14 E. 6). 4.3.3 In seiner Botschaft vom 4. Dezember 1995 zur Totalrevision des Asylgesetzes sowie zur Änderung des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (BBl 1996 II 1) schlug der Bundesrat in Art. 48 AsylG unter dem Titel « Familienasyl » (vgl. BBl 1996 II 1, 157) eine Regelung vor, die wie folgt lautete: 2017 VI/4 Familienasyl 26 VI BVGE / ATAF / DTAF 1 Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder, die sel- ber keine Verfolgung geltend machen, werden als Flüchtlinge aner- kannt und erhalten Asyl, wenn: a) sie gemeinsam ein Asylgesuch gestellt haben und keine Asylaus- schlussgründe vorliegen; b) die Familie durch die Flucht getrennt wurde, sich in der Schweiz vereinigen will und keine besonderen Umstände dagegen spre - chen. 2 In der Schweiz geborene Kinder von Flüchtlingen werden auch als Flüchtlinge anerkannt. 3 Andere nahe Angehörige von in der Schweiz lebenden Flüchtlingen, die durch die Flucht getrennt wurden und sich in der Schweiz ver - einigen wollen, können in das Familienasyl eingeschlossen werden, wenn besondere Umstände für eine Zusammenführung in der Schweiz sprechen. 4 Befinden sich die anspruchsberechtigten Personen im Ausland, so ist ihre Einreise zu bewilligen. 5 Der Bundesrat regelt für Flüchtlinge, die vorläufig aufgenommen worden sind, die V oraussetzungen für eine Vereinigung der Familie in der Schweiz. Der Bundesrat hielt in seiner Botschaft zunächst hinsichtlich des in Art. 48 AsylG geregelten Familienasy ls allgemein fest, der besagte Artikel über - nehme und vereinheitliche im Wesentlichen den bisherigen Art. 3 Abs. 3 respektive Art. 7 AsylG. Wie bislang zählten zum begünstigten Personen- kreis Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder sowie unter bestimmten V oraussetzungen andere nahe Angehörige von in der Schweiz lebenden Flüchtlingen. Der Leitgedanke des Familienasyls bestehe darin, den Rechtsstatus der zum Zeitpunkt der Flucht bestehenden Kernfamilie eines Flüchtlings ein - heitlich zu regel n, sofern sie dieselbe Nationalität wie der Flüchtling be - sitze. Diese einheitliche Regelung rechtfertige sich, da davon ausgegangen werde, dass die engsten Familienangehörigen unter der Verfolgung des Ehegatten beziehungsweise der Ehegattin respektive ein es Elternteils im Heimatstaat mitgelitten hätten oder selbst der Gefahr der Verfolgung aus - gesetzt gewesen seien. Dabei sei es unerheblich, ob einzelne Familienmit- glieder tatsächlich verfolgt worden seien. Eine « conditio sine qua non » der Konzeption des Familienasyls sei daher die Tatsache, dass zum Zeit - punkt der Flucht eine Familiengemeinschaft bestanden haben müsse. Familienasyl 2017 VI/4 BVGE / ATAF / DTAF VI 27 Sodann hielt der Bundesrat unter Bezugnahme auf Art. 48 Abs. 1 AsylG seines Entwurfs weiter fest, ein automatischer Einbezug in die Flüchtlings- eigenschaft des Gatten oder der Gattin beziehungsweise der Eltern und die anschliessende Gewährung von Asyl sei demnach nur in den Fällen mög - lich, in denen die V oraussetzungen nach Absatz 1 vorliegen würden und eine Familiengemeinschaft vor der Flu cht bestanden habe […] Einge- schränkt werde diese Möglichkeit hingegen für Ehegatten, die diese V or- aussetzungen nicht erfüllen würden – insbesondere bei der nachträglichen Heirat eines anerkannten Flüchtlings mit einer Person aus seinem Heimat- staat. In diesen Fällen sei im Vergleich mit dem bisherigen Recht kein automatischer Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft mehr möglich (vgl. zum Ganzen BBl 1996 II 1, 68 f.). Aus diesen Ausführungen wird deutlich, dass der Bundesrat beabsichtigte, die bisherige Rechtslage zu ändern, und die Gewährung des Familienasyls nur in den Fällen ermöglichen wollte, in denen eine Familiengemeinschaft bereits vor der Flucht bestanden hat. Familiengemeinschaften, die nicht durch die Flucht getrennt oder die erst in de r Schweiz begründet wurden, hätten nach der Konzeption des Bundesrats nicht mehr in den Genuss des Familienasyls gelangen können. 4.3.4 Aus den Protokollen der vorberatenden Kommission des Na - tionalrates geht jedoch hervor, dass die in der Botschaft vorgesehene Kon- zeption des Bundesrates kritisiert und abgelehnt wurde. Mehrheitlich wur- de votiert, dass entsprechend der bisherigen Rechtslage am Grundsatz, dass der Status der Familie eines Flüchtlings einheitlich zu regeln ist, un - abhängig davon, wann die Ehe gesc hlossen wurde beziehungsweise die Kinder geboren wurden, festgehalten werden soll. Die Verwaltung hat der Kritik im weiteren Verlauf der Beratungen Rechnung getragen und der Kommission einen neuen V orschlag unterbreitet, in dem die in den Art. 3 Abs. 3 und Art. 7 aAsylG enthaltene bisherige Regelung inhaltlich unver - ändert übernommen wurde. Der neue V orschlag von Art. 48 Abs. 1 AsylG, welcher dem heute geltenden Art. 51 Abs. 1 AsylG entspricht, hat die Kommission schliesslich verabschiedet und dem Nationalr at zur Zustim - mung unterbreitet (vgl. AB 1997 N 1240). Im Nationalrat führte Rose - Marie Ducrot als Sprecherin der Kommission dazu aus, der in der Bot - schaft enthaltene Entwurf von Art. 48 entferne sich in erheblicher Weise vom geltenden Recht. Eine sehr gr osse Mehrheit der nationalrätlichen Kommission bevorzuge indessen die frühere Konzeption des Gesetzes, die für die Familieneinheit eine viel günstigere Regelung vorgesehen habe. 2017 VI/4 Familienasyl 28 VI BVGE / ATAF / DTAF Die Mehrheit der vorberatenden Kommission schlage deshalb dem Ple - num – mit 13 gegen 5 Stimmen, also deutlich – eine überarbeitete Fassung von Art. 48 vor, die in allen Punkten das aktuelle Gesetz beachte (vgl. AB 1997 N 1241). Dem Antrag der Kommission stimmte der Nationalrat am 16. Juni 1997 (vgl. AB 1997 N 1241) zu. Die ständerätliche Kommission beantragte ihrerseits Zustimmung zum Beschluss des Nationalrates. Der Ständerat stimmte diesem Antrag am 18. Dezember 1997 (vgl. AB 1997 S 1346) ohne weitere Diskussion zu. Schliesslich wurde das totalrevidierte Gesetz, in welchem die Rege lung zum Familienasyl zufolge einer Neu - nummerierung nunmehr in Art. 51 AsylG figuriert, in der V olksabstim- mung vom 13. Juni 1999 angenommen (vgl. Bundesratsbeschluss vom 19. August 1999 über das Ergebnis der V olksabstimmung vom 13. Juni 1999, BBl 1999 7293). 4.3.5 V or diesem Hintergrund wird klar, dass die eidgenössischen Räte an der bisherigen Rechtslage festhalten wollten, gemäss welcher der Status der Familie des Flüchtlings einheitlich zu regeln ist. Dieser Erkenntnis ent- sprechend hat die ARK in einem publizierten Urteil vom 21. März 2000 (vgl. EMARK 2000 Nr. 11) ausgeführt, dass sich aufgrund des revidierten Art. 51 AsylG keine Änderungen an der bisherigen Rechtslage gemäss Art. 3 Abs. 3 und Art. 7 aAsylG ergeben würden. Gleichzeitig hat sie be - stätigt, dass es für den Fall, in dem sich die nahen Angehörigen (anspruchs- berechtigten Personen), welche um Einschluss in das Familienasyl ersu - chen, bereits in der Schweiz befinden, nicht notwendig sei, dass sie durch Flucht von den sich in der Schweiz aufhalt enden Personen getrennt wur - den; diese V oraussetzung gelte hingegen weiterhin für Personen, welche sich noch im Ausland aufhalten würden. 4.4 4.4.1 Zusammenfassend ergibt sich, dass – besondere Umstände vorbe- halten – die sich in der Schweiz aufhaltenden anspruchsberechtigten Ange- hörigen des Flüchtlings gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG auch dann als Flüchtlinge anerkannt werden und Asyl erhalten, wenn vor deren Einreise in die Schweiz keine Familiengemeinschaft bestanden hat, die durch die Flucht des Flüchtlings getrennt worden ist. Die ratio legis gebietet mit an- deren Worten, den Status der Familie des Flüchtlings einheitlich zu regeln, ungeachtet dessen, ob die Familiengemeinschaft vorbestanden hat oder erst in der Schweiz begründet wurde. Ehegatten von Flüchtlingen sind des- halb als Flüchtlinge anzuerkennen und es ist ihnen Asyl zu gewähren, auch wenn die Ehe erst in der Schweiz geschlossen wurde, und auch in der Familienasyl 2017 VI/4 BVGE / ATAF / DTAF VI 29 Schweiz geborene Kinder von Flüchtlingen sind als Flüchtlinge anzuer - kennen (Art. 51 Abs. 3 AsylG). 4.4.2 Befinden sich die in Art. 51 Abs. 1 AsylG genannten Angehöri - gen des in der Schweiz anerkannten Flüchtlings hingegen im Ausland, so ist ihnen – besondere Umstände vorbehalten – gestützt auf Art. 51 Abs. 4 AsylG die Einreise auf Gesuch hin nur zu bewilligen, wenn eine Familien- gemeinschaft bestanden hat, welche durch die Flucht des Flüchtlings ge - trennt wurde (vgl. E. 3.1). 4.4.3 Das SEM vertritt in der angefochtenen Verfügung und in seiner Vernehmlassung zwar unter Hinweis auf die Botschaft zur Totalrev ision des Asylgesetzes (…) sowie auf dahingehend lautende Urteile des Bundes- verwaltungsgerichts die Ansicht, Art. 51 Abs. 1 AsylG gelange nur zur An- wendung, falls eine Familiengemeinschaft vorbestanden habe, die durch die Flucht getrennt worden sei. Es übersieht dabei freilich, dass eine solche Auslegung – wie die Entstehungsgeschichte zeigt (vgl. E. 4.3) – offen- sichtlich nicht der ratio legis entspricht.