B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2664/2016 U r t e i l v o m 3 . F e b r u a r 2 0 1 7 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Bendicht Tellenbach, Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren (…), Äthiopien, vertreten durch MLaw Angela Stettler, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 29. März 2016 / N (…). D-2664/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Eigenen Angaben zufolge verliess die Beschwerdeführerin Äthiopien im Sommer 2014 und reiste nach B._______. Von dort aus gelangte sie auf dem Luftweg nach C._______ und danach in die Schweiz, wo sie am 28. August 2014 ein Asylgesuch stellte. Am 4. September 2014 führte das BFM (heute SEM) die Befragung zur Person (BzP) durch. A.b Die Beschwerdeführerin machte geltend, amharischer Ethnie zu sein, mit ihren beiden Brüdern bei den Eltern in D._______ gelebt und in dersel- ben Ortschaft auf einer medizinischen Station gearbeitet zu haben. Sie sei wegen erlittener Vergewaltigungen ausser Landes geflohen. E._______ – ein Verwaltungsbeamter der Region – habe ihr nachgestellt und sie heira- ten wollen. Sie habe ihn nicht ehelichen wollen und sei dabei von ihren Eltern unterstützt worden. In der Folge sei sie aber von E._______ und einem weiteren Mann mit einem Auto ins Haus von E._______ entführt worden. Dort sei eine Wache, welche sie in der Folge vergewaltigt habe, gestellt worden. Auch von E._______, welcher sie überdies geschlagen habe, und dessen Bruder sei sie vergewaltigt worden. Nachdem sich die Wache vorübergehend entfernt habe, sei ihr die Flucht aus dem Haus zu einer Freundin gelungen. Diese habe mit den Eltern (der Beschwerdefüh- rerin) telefoniert, welche ausgesagt hätten, dass sie von E._______ ge- sucht werde und nicht zurückkehren solle. In Anbetracht dieser Sachlage sei sie mit Hilfe von Angehörigen ins Ausland geflohen. Ihr Vater sei Anfang August 2014 polizeilich festgenommen worden. Im Falle der Rückkehr be- fürchte sie weitere Repressalien von E._______ Ferner leide sie an ge- sundheitlichen Beschwerden. A.c Die Beschwerdeführerin gab keine Identitätsdokumente zu den Akten. A.d Anlässlich der Anhörung vom 30. Juni 2015 brachte die Beschwerde- führerin vor, sich wegen eines Unterleibleidens und aus psychiatrischen Gründen in ärztliche Behandlung begeben zu haben, und reichte medizini- sche Unterlagen ein. Sie legte wiederum dar, das Land wegen der erlitte- nen Vergewaltigungen verlassen zu haben. E._______ habe sie nach der verweigerten Heirat während zweier Jahre immer wieder belästigt und ihr gedroht und sei auch gegen ihren Vater vorgegangen. Schliesslich sei sie entführt und in der geschilderten Art Opfer sexueller Gewalt geworden. Zu- dem habe man sie auch auf andere Weise misshandelt. Bei einer Rückkehr müsste sie damit rechnen, umgebracht zu werden. Zudem hätte sie wegen des Erlebten mit sozialen Demütigungen zu rechnen. D-2664/2016 Seite 3 B. B.a Mit Schreiben vom 15. Juli 2015 teilte das SEM der Beschwerdeführe- rin mit, sie habe anlässlich der Anhörung der Befragungsperson „durch wei- nen, schluchzen, Atemnot und stetigem verzweifelten Blick auf die für sie offen gelassene Türe“ signalisiert, dass sie an Klaustrophobie leide und es in Räumen kaum aushalten könne. Andererseits habe sie sich im An- schluss an die Anhörung am Bahnhof beim Warten auf den Zug im engen verglasten Warteraum auf dem Bahnsteig aufgehalten, was in Anbetracht ihres vorgängigen Verhaltens erstaune, und zwar umso mehr, als an die- sem Tag die Temperatur über 30 Grad betragen habe und der Warteraum nicht klimatisiert gewesen sei. Es müsse davon ausgegangen werde n, dass sie mit ihrem Verhalten anlässlich der Anhörung darauf abgezielt habe, eine vertiefte Befragung zu verunmöglichen oder zumindest zu er- schweren, und dass sie eine möglicherweise drohende Wegweisung aus der Schweiz so habe verhindern wollen. B.b In einem weiteren Schreiben forderte das SEM die Beschwerdeführe- rin auf, zur Beurteilung ihres Gesundheitszustandes innert Frist einen ärzt- lichen Bericht einzureichen. Der damalige neu mandatierte Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin bestritt mit Eingabe vom 28. Juli 2015 die seiner Mandantin gemachten Vorwürfe und ersuchte um Fristverlängerung zwecks Zusendung des Arztberichts. Einen solchen samt Begleitschreiben liess er dem SEM am 31. August 2015 zukommen. B.c Mit Schreiben vom 12. Januar 2016 forderte das SEM die Beschwer- deführerin erneut auf, zur Beurteilung ihres Gesundheitszustandes innert Frist einen aktuellen ärztlichen Bericht einzureichen. Nach gewährter Fris- terstreckung liess der Rechtsvertreter dem SEM einen Arztbericht vom 25. Februar 2016 zukommen. C. C.a Mit Verfügung vom 29. März 2016 – eröffnet am 7. April 2016 – stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingsei gen- schaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und den Wegweisungsvollzug. Das SEM er- wog, sie habe die angeblichen Ereignisse – so die zeitliche Dauer der Nachstellungen, den Zeitpunkt der Entführung, deren Umstände, die Flucht aus dem Haus von E._______ und den Ablauf des Geschehens vor der Ausreise – anlässlich der beiden Befragungen nicht übereinstimmend dar- gelegt. Auch das Alter von E._______ habe sie grob abweichend zu Proto- koll gegeben. Realitätsfremd mute sodann an, dass ihre Familie angelblich D-2664/2016 Seite 4 arm sei, da sie ja andererseits in der Lage gewesen sei, die Schule vor Ort während zehn Jahren und ein dreijähriges Studium in (…) zu absolvieren, und das Land innert kürzester Zeit in der geschilderten Art zu verlassen. Vor diesem Hintergrund sei nicht nachvollziehbar, weshalb ihre Familie mit den obgenannten Möglichkeiten nicht in der Lage gewesen sein sollte, in geeigneter Form gegen E._______ vorzugehen. Unstimmigkeiten ergäben sich ferner aus weiteren Protokollstellen der BzP. Dort habe sie nämlich einerseits angegeben, E._______ habe sie „nun auch ins Exil mitgenom- men“. Später habe sie aber geltend gemacht, von ihm nicht ins Exil mitge- nommen, sondern vergewaltigt worden zu sein. Die genannten Unglaubhaftigkeitselemente seien durch ihren Gesund- heitszustand nicht erklärbar, müsse doch auch eine Person mit psychi- schen Problemen in der Lage sein, sich an die wesentlichen Punkt e ein- schneidender Ereignisse übereinstimmend zu erinnern. Ihre Darlegungen hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht stand, weshalb de- ren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Den Vollzug der Wegweisung nach Äthiopien erachtete das SEM als zu- lässig, zumutbar und möglich. Es stehe fest, dass die Beschwerdeführerin bezüglich ihrer gesundheitliche r Vorbringen die Wahrheits - und Mitwir- kungspflicht verletzt habe. Der kritische Gesundheitszustand sei anzuzwei- feln. Sollte sie tatsächlich psychisch instabil sein, wäre dies auf andere als die angegebenen, nicht glaubhaften Gründe zurückzuführen. Im Übrigen wäre der Zugang zu einer allenfalls erforderlichen medizinischen Behand- lung grundsätzlich gewährleistet , zumal vor Ort ein tragfähiges soziales Netz bestehe. D. Mit Eingabe ihrer neu mandatierten Rechtsvertretung vom 29. April 2016 beantragte die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhebung der vor instanzlichen Verfügung, die Feststellung ihrer Flücht- lingseigenschaft und die Asylgewährung. Eventualiter sei sie wegen Unzu- lässigkeit und Unzumutbarkeit des Vollzugs vorläufig aufzunehmen. In for- meller Hinsicht ersuchte sie um Gewä hrung der unentgeltlichen Prozess- führung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG, um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses und um Verbeiständung (Art. 110 a Abs. 1 AsylG [SR 142.31]). D-2664/2016 Seite 5 Zur Begründung hielt sie fest, das SEM beurteile ihre Aussagen anlässlich der Befragung beziehungsweise Anhörung, ohne dabei die durch die Arzt- zeugnisse belegten Erkrankungen zu berücksichtigen. Diese seien durch die eingereichten Arztberichte belegt. Sie leide an Konzentrationsstörun- gen, Schlafstörungen, Derealisationserleben und Dissoziationen, was bei der Frage der Glaubhaftigkeit der Aussagen hätte beachtet werden müs- sen. Beeinflussungen des Aussageverhaltens durch eine posttraumatische Belastungsstörung seien wissenschaftlich belegt. Im Rahmen des Vermei- dungsverhaltens versuche die betroffene Person, Gespräche, Situationen und Orte, welche mit dem Trauma in Verbindung stünden oder in Verbin- dung gebracht werden könnten, nicht vorzubringen. Ausserdem komme es zu Erinnerungsbeeinträchtigungen in Bezug auf das traumatische Erlebnis. Bei der Beschwerdeführerin sei eine dissoziative Störung diagnostiziert worden. Eine solche Störung werde durch einen partiellen oder völligen Verlust der Erinnerung an die Vergangenheit beziehungsweise die Wahr- nehmung unmittelbarer Empfindungen charakterisiert. An die Entführung an sich sowie die einzelnen Misshandlungen könne sie sich nicht mehr ge- nau erinnern. Im Übrigen habe die Beschwerdeführerin nicht grundsätzlich Probleme mit geschlossenen Räumen. Vielmehr sei sie bei der Anhörung wegen der erwähnten gesundheitlichen Situation unter grossem Druck ge- standen. Der Aufenthalt in einem geschlossenen Wartebereich am Bahn- hof sei mithin irrelevant. Im Ergebnis lägen keine relevanten Widersprüche in ihren Aussagen vor. Die zeitliche Dauer der Nachstellungen, den Zeit- punkt der Entführung, deren Umstände, die Flucht aus dem Haus von E._______ und weitere Belange zu dieser Person sowie den Ablauf des Geschehens vor der Ausreise habe sie bei genauer und korrekter Analyse der entsprechenden Protokollstellen sowie in Berücksichtigung der er- wähnten, gesundheitlich bedingten Unfähigkeit, sich über alles zu äussern, nicht in einem Ausmass abweichend geschildert, welches gegen die Glaubhaftigkeit der Kernelemente sprechen würde. Zudem bestünden ge- wisse Zweifel an der Qualität der Übersetzung. Nach dem Gesagten würden die Anhaltspunkte für die Glaubhaftigkeit des Erlittenen überwiegen. Diese Ereignisse seien – auch in Berücksichtigung von Urteilen des Gerichts zur mangelhaften Schutzinfrastruktur für Frauen in solchen Situation in Äthiopien – als ernsthafter Nachteil im Sinne des Asylgesetzes zu qualifizieren. Ein allfälliger Vollzug der Wegweisung würde insbesondere auch in Anbetracht der gesundheitlichen Situation der Be- schwerdeführerin gegen die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen verstossen. D-2664/2016 Seite 6 Als Beweismittel gab die Beschwerdeführerin eine Geburtsurkunde zu den Akten. E. Mit Zwischenverfügung vom 4. Mai 2016 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch im Sinne von Art 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch gemäss Art. 110a AsylG wurde ebenfalls gutgeheissen und die Rechtsvertreterin zur amtlichen Rechtsbeiständin bestellt. F. Mit Vernehmlassung vom 26. Mai 2016 beantragte das SEM die Abwei- sung der Beschwerde. Personen mit PTBS seien erfahrungsgemäss sehr wohl in der Lage, das Kerngeschehen eines Sachverhalts widerspruchslos wiederzugeben. Der Gesundheitszustan d der Beschwerdeführerin sei nicht ausser Acht gelassen, sondern nicht geglaubt worden. Relevante Probleme im Übersetzungsbereich seien nicht aufgetreten. Vielmehr handle es sich bei den zahlreichen Widersprüchen um sachliche Diskre- panzen. G. Mit Replik vom 14. Juni 2016 hielt die Beschwerdeführerin an den bisheri- gen Vorbringen fest. Die Weigerung des SEM, die durch Arztbericht belegte PTBS zu glauben, sei nicht nachvollziehbar. Der Eingabe lag eine Hono- rarnote bei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. D-2664/2016 Seite 7 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solc hen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen oder den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren. Darüber hinaus muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig er- scheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbrin- gen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt (Art. 7 Abs. 3 AsylG), wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch dar stellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt oder unbegründet nach- schiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit wir- kung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten D-2664/2016 Seite 8 Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für ge- wisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der beschwerdeführenden Person. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Ge- richt von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftma- chung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As pekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sach verhaltsdar- stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamt würdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhalts darstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel- len. 4. 4.1 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des Asylverfahrens (Art. 12 VwVG). Er bedeutet, dass die Behörde gehal- ten ist, von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Unvollständig ist die Sachver- haltsfeststellung, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sa- chumstände berücksichtigt wurden, unrichtig, wenn der Verfügung ein fal- scher und aktenwidriger Sachverhalt zu grunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird, so dass diese nicht zum Gegenstand eines Beweisverfahrens gemacht wird, oder weil Beweise falsch gewürdigt worden sind. Gemäss Art. 106 Bst. b AsylG bildet denn auch die unrichtige oder un vollständige Feststellung des Sachv er- halts neben der Verletzung von Bun desrecht, einschliesslich der Über- schreitung oder Missbrauchs des Ermessens (Art. 106 Bst. a AsylG), einen Beschwerdegrund. 4.2 Wie vo m SEM zutreffend festgehalten, sind die Aussagen der Be- schwerdeführerin mit Unstimmigkeiten behaftet. Bei diesen muss sie sich unbesehen der Frage deren Relevanz grundsätzlich behaften lassen, da sie jeweils angab, die dolmetschende Person gut zu verstehen und unter- schriftlich die Korrektheit der ihr rückübersetzten Protokolle bestätigte. Im Weiteren wirken ihre Angaben zu den Reisemodalitäten stereotyp und we- nig kooperativ an, weshalb in diesem Punkt die vollumfänglich Befolgung der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht kaum zu bejahen sein dürfte (vgl. A 4/18 S. 9 f.). Zu beachten ist aber, dass in den eingereichten ärztlichen Unterlagen über- einstimmend eine Traumatisierung der Beschwerdeführerin diagnostiziert D-2664/2016 Seite 9 wurde. Dieser medizinische Befund wird vom Gericht nicht angezweifelt. Das SEM erwägt im angefochtenen Entscheid aber, es stehe fest, dass sie bezüglich ihrer gesundheitlicher Vorbringen die Wahrheits - und Mitwir- kungspflicht verletzt habe. Der kritische Gesundheitszustand sei anzuzwei- feln. Sollte sie tatsächlich psychisch instabil sein, wäre dies auf andere als die angegebenen, nicht glaubhaften Gründe zurückzuführen. In der Ver- nehmlassung wird angeführt, der Gesundheitszustand der Beschwerde- führerin sei nicht ausser Acht gelassen, sondern nicht geglaubt worden. Diese Sichtweise überzeugt in Anbetracht der ärztlichen Unterlagen nicht. Im fachärztlicher Bericht vom 15. November 2014 wird ein hochgradiger Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung mit Flashbacks di- agnostiziert. Die Behandlung in der Spezialsprechstunde eines Ambulato- riums für Folter und Kriegsopfer wird empfohlen. Im fachärztlichen Bericht vom 13. April 2015 wird eine sichtlich aufgewühlte und ängstliche Patientin mit einem „riesengrossen Wirrwarr im Kopf“ erwähnt. Sie leide vor allem unter den Intrusionen aufgrund der stattgehabten Traumatisierunge n (mehrfache Vergewaltigung, Verschleppung) im Heimatland. Es liege eine PTBS vor. Der fachärztliche Bericht vom 27. August 2015 bestätigt im We- sentlichen die Einschätzung en der beiden vorerwähnten Berichte. Auch wenn die von der Patientin geltend gemachte schwere Traumatisierung durch die Fachkräfte letztlich nicht überprüft werden könne, würde eine derartige Erfahrung doch den vorliegenden Symptomkomplex erwarten lassen. Die Angaben der Patientin seien somit aus medizinischer Sicht schlüssig und plausibel mit dem klinischen Bild vereinbar. Auch der Arztbe- richt vom 25. Februar 2016 bestätigt die bisherigen Schlussfolgerungen. Die Beschwerdeführerin hat sich wie erwähnt zur zeitlichen Dauer der Nachstellungen, zum Zeitpunkt der Entführung sowie zu deren Ums tän- den, zur Flucht aus dem Haus von E._______ und zu dessen Alter und zum Ablauf des Geschehens vor der Ausreise anlässlich der beiden Befra- gungen nicht übereinstimmend geäussert. In der Beschwerde wird aber – nebst einer Relativierung gewisser Unstimmigkeiten aufgrund nicht eindeu- tiger respektive anders zu interpretierender Protokollstellen – zurecht auf die Symptomatik der Beschwerdeführerin hingewiesen, welche bei der Frage der Glaubhaftigkeit der Aussagen hätte beachtet werden müssen. Unter anderem komme es zu Erinnerungsbeeinträchtigungen in Bezug auf das traumatische Erlebnis (vgl. vorstehend Bst. D.). Nach einer Durchsicht der Protokolle ist in der Tat davon auszugehen, dass ein traumatisches Er- lebnis das Aussageverhalten der Beschwerdeführerin im Sinne von Real- kennzeichen prägte und sie – nicht wie vom SEM angedeutet – mit asyl- taktischer Motivation ein Beschwerdebild suggerierte, sondern tatsächlich D-2664/2016 Seite 10 unfähig war, wie eine psychisch stabile Person die Ereignisse, welche zur Flucht führten, wiederzugeben. Ihre Ausbrüche erwecken den Eindruck tat- sächlicher Betroffenheit verbunden mit der Unfähigkeit, gewisse gestellte Fragen anlässlich der Anhörung wieder übereinstimmend zu beantworten und die erlittene Situation im Heimatland in allen Punkten adäquat wieder- zugeben. Dass sie sich nach der Anhörung trotz bekundeter Mühe, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten, bei Sommerhitze freiwillig in einem geschlossenen Warteraum aufhielt, ändert im Sinne der zutreffenden Be- schwerdevorbringen offensichtlich nichts am glaubhaften Krankheitsbild. Soweit anlässlich der Anhörung im Übrigen festgehalten wurde, sie mache nicht den Eindruck, sie käme aus einer Familie, „die sich so herumschub- sen lässt durch einen Verwaltungsangestellten“, vermag diese Spekulation ihre in Kernpunkten insgesamt übereinstimmenden Äusserungen, vor Ort durch eine Person mit öffentlichem Amt und dessen Umkreis vergewaltigt worden zu sein, unbesehen der verharmlosenden Wortwahl offensichtlich wiederum nicht hinreichend zu entkräften (vgl. A 16/18 Antwort 129). Nach dem Gesagten bestehen in den Aussagen der Beschwerdeführerin Ungereimtheiten, welche gemäss vorstehenden Erwägungen indes nicht ausreichen, um auf eine Prüfung der Asylrelevanz gänzlich zu verzichten. Die eingereichten Arztberichte weisen mit einer gewissen Schlüssigkeit da- rauf hin, dass sie wohl Opfer von sexueller Gewalt beziehungsweise mehr- fach vergewaltigt worden ist. Das SEM geht insbesondere aus den erwähn- ten unterschiedlichen Angaben d er Beschwerdeführerin gesamthaft von der Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen aus, ohne sich mit den geltend ge- machten Gewaltübergriffen als solchen hinreichend auseinanderzusetzen. Die Vorinstanz wäre gehalten gewesen, die Schilderungen der Beschwer- deführerin beziehungsweise die Vorkommnisse in Berücksichtigung ihrer gesundheitlichen Situation einer vertieften Abklärung zu unterziehen und – in Berücksichtigung der in der Beschwerde thematisierten Rechtsprechung der Beschwerdeinstanz – auf ihre Asylrelevanz hin zu überprüfen. 5. Zusammenfassend ergibt sich, dass der rechtserhebliche Sachverhalt im Zusammenhang mit frauenspezifischer Gewalt in Äthiopien und deren Asylrelevanz im vorliegenden Fall falsch beziehungsweise unvollständig festgestellt worden ist. Eine Heilung kommt offensichtlich nicht in Betracht. Angesichts dieses Umstandes ist die Beschwerde vom 29. April 2016 gut- zuheissen, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an das SEM zurückzuweisen. D-2664/2016 Seite 11 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 6.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann der obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten zugespro- chen werden (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädi- gung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über die Kosten und Entschädi- gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320 .2]). Seitens der Rechtsvertreterin de r Beschwerdeführerin wurde am 14. Juni 2016 eine Kostennote eingereicht. Darin wird ein Auf- wand von Fr. 2905.– ausgewiesen, was als angemessen erscheint. Dieser Betrag ist ihr durch das SEM zu entrichten. Der Anspruch auf amtliches Honorar der als unentgeltliche Rechtsbeiständin eingesetzten Rechtsver- treterin wird damit gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-2664/2016 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des SEM vom 29. März 2016 wird aufgehoben und die Sa- che zu neuer Entscheidfindung im Sinne der Erwägungen an die Vor in- stanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin eine Parteientschädi- gung von Fr. 2905.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand: