<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 68 S.333</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">333</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Enteignungsrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>68 Zueignungsverfahren</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Institut der Zueignung (Erw. 2.2. - 3.4.)</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Angemessene Vergütung bei einer Zueignung (Erw. 3.5.2. - 3.6.4.)</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Verzinsung (Erw. 5.)</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Kostenregelung (Erw. 6.)</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom</span><br/> <span class="ft6">23. Mai 2006 in Sachen Einwohnergemeinde M. gegen F. und F.</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">2.2. Für die materielle Beurteilung der Zueignung enthält § 135</span><br/> <span class="ft8">BauG eine umfassende Regelung:</span><br/> <span class="ft9">"1 Restgrundstücke und für den Enteignungszweck nicht benötigte</span><br/> <span class="ft9">Teilflächen kann die Schätzungskommission den Eigentümern an-</span><br/> <span class="ft9">grenzender Grundstücke gegen angemessene Vergütung zuteilen, so-</span><br/> <span class="ft9">fern dadurch keine übermässige Belastung entsteht und eine selb-</span><br/> <span class="ft9">ständige Verwendung nicht möglich ist.</span><br/> <span class="ft9">2 Unter den gleichen Voraussetzungen kann die Schätzungskom-</span><br/> <span class="ft9">mission Flächen aufgehobener oder verlegter Strassen und Gewässer</span><br/> <span class="ft9">den Eigentümern angrenzender Grundstücke zuteilen."</span><br/> <span class="ft8">3. Eine Zueignung (Impropriation, Eigentumszuweisung) muss</span><br/> <span class="ft8">folgenden gesetzlichen Voraussetzungen genügen: a) zuzueignendes</span><br/> <span class="ft8">Objekt; b) Unmöglichkeit einer selbständigen Verwendung; c) un-</span><br/> <span class="ft8">mittelbar angrenzendes Grundstück; d) keine übermässige Belastung</span><br/> <span class="ft8">des Betroffenen und e) angemessene Vergütung durch den Zuzueig-</span><br/> <span class="ft8">nenden.</span><br/> <span class="ft8">3.1. Die Zueignung kann zwei Arten von zuzueignenden Objek-</span><br/> <span class="ft8">ten betreffen: zum einen Restgrundstücke und für den Enteignungs-</span><br/> <span class="ft8">zweck nicht benötigte Teilflächen (§ 135 Abs. 1 BauG), zum anderen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">334</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Flächen aufgehobener oder verlegter Strassen und Gewässer (§ 135</span><br/> <span class="ft8">Abs. 2 BauG). Im ersten Fall geht der Zueignung ein Expropriations-</span><br/> <span class="ft8">verfahren voraus, im zweiten wird ein Verfahren durchgeführt, des-</span><br/> <span class="ft8">sen einziger Zweck die Eigentumszuweisung ist (vgl. Erich Zimmer-</span><br/> <span class="ft8">lin, Das Enteignungs- und Entschädigungsrecht im aargauischen</span><br/> <span class="ft8">Baugesetz, ZBl 1972, S. 221). Wird der Antrag auf Zueignung zu-</span><br/> <span class="ft8">sammen mit dem Enteignungsbegehren gestellt, so sollten aus Grün-</span><br/> <span class="ft8">den der Verfahrensökonomie beide Begehren gemeinsam, im selben</span><br/> <span class="ft8">Verfahren und durch den gleichen Entscheid beurteilt werden. Zuläs-</span><br/> <span class="ft8">sig ist aber auch, dass die Zueignung zu einem anschliessenden</span><br/> <span class="ft8">zweiten, eben dem Zueignungsverfahren, führt, vor allem wenn das</span><br/> <span class="ft8">Begehren um Zueignung erst nach Abschluss des Enteignungsverfah-</span><br/> <span class="ft8">rens gestellt wird (Erich Zimmerlin, Baugesetz des Kantons Aargau,</span><br/> <span class="ft8">Kommentar, 2.</span> <span class="ft8">Auflage, Aarau</span> <span class="ft8">1985, N</span> <span class="ft8">6 zu §</span> <span class="ft8">189 des alten</span><br/> <span class="ft8">Baugesetzes des Kantons Aargau vom 2. Februar 1971).</span><br/> <span class="ft8">Der hier zu beurteilenden Zueignung ist keine formelle Enteig-</span><br/> <span class="ft8">nung im Sinne von § 151 ff. BauG vorangegangen. Vielmehr ist im</span><br/> <span class="ft8">Rahmen einer Baulandumlegung (...) die Strassenparzelle 1451 aus-</span><br/> <span class="ft8">geschieden worden, die nun nicht benötigt wird. Die Landumlegung</span><br/> <span class="ft8">wird auch als enteignungsähnlicher Tatbestand bezeichnet (BGE 96 I</span><br/> <span class="ft8">134; 95 I 372) und es ergeben sich gewisse Analogien zur Enteig-</span><br/> <span class="ft8">nung. Es erscheint daher sachgerecht, die vorliegende Zueignung</span><br/> <span class="ft8">nach Durchführung einer Baulandumlegung in Analogie zur formel-</span><br/> <span class="ft8">len Enteignung unter § 135 Abs. 1 BauG zu subsumieren. In beiden</span><br/> <span class="ft8">Fällen werden ausgeschiedene Teilflächen nicht für den Enteignungs-</span><br/> <span class="ft8">bzw. Landabzugszweck benötigt.</span><br/> <span class="ft8">Somit liegt ein zuzueignendes Objekt in Form eines Restgrund-</span><br/> <span class="ft8">stücks bzw. einer für den Enteignungszweck nicht benötigten Teilflä-</span><br/> <span class="ft8">che vor.</span><br/> <span class="ft8">3.2. Gemäss Zueignungsplan sind insgesamt 92 m</span><span class="ft10"><sup>2</sup></span> <span class="ft8">entlang der</span><br/> <span class="ft8">S.-strasse zuzueignen. Es ist offensichtlich, dass dieser Streifen nicht</span><br/> <span class="ft8">selbständig verwendet werden kann.</span><br/> <span class="ft8">3.3. Unstrittig grenzt die zuzueignende Fläche von 63 m</span><span class="ft10"><sup>2</sup></span> <span class="ft8">un-</span><br/> <span class="ft8">mittelbar an die Parzelle 1412 der Gesuchsgegner an, so dass auch</span><br/> <span class="ft8">diese Zueignungsvoraussetzung gegeben ist.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">335</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">3.4. Die Zueignung darf beim Betroffenen keine übermässige</span><br/> <span class="ft8">Belastung, z.B. durch Aufwendungen für Unterhalt oder für Aufräu-</span><br/> <span class="ft8">mungs- und Abbrucharbeiten, zur Folge haben. So könnte beispiels-</span><br/> <span class="ft8">weise die Zueignung eines schmalen Landstreifens hinter einer auf</span><br/> <span class="ft8">der Grundstücksgrenze liegenden hohen Gartenstützmauer einer</span><br/> <span class="ft8">überbauten Parzelle eine übermässige Belastung darstellen, weil der</span><br/> <span class="ft8">Grundeigentümer entweder keinen Nutzen (trotz Unterhaltspflicht)</span><br/> <span class="ft8">hat oder mit einem aufwändigen Eingriff die Stützmauer verschieben</span><br/> <span class="ft8">müsste.</span><br/> <span class="ft8">Im vorliegenden Fall wird ein unüberbauter Landstreifen einer</span><br/> <span class="ft8">unüberbauten Baulandparzelle zugeeignet. Dadurch verursachte</span><br/> <span class="ft8">übermässige Belastungen sind nicht ersichtlich. Auch die Gesuchs-</span><br/> <span class="ft8">gegner haben keine übermässigen Belastungen dargelegt (...). Im</span><br/> <span class="ft8">Übrigen gehen die noch ausstehenden Anpassungsarbeiten zu Lasten</span><br/> <span class="ft8">des Projekts (...).</span><br/> <span class="ft8">3.5.2. Die Formulierung "angemessene Vergütung" in § 135</span><br/> <span class="ft8">Abs. 2 BauG stellt einen sogenannten unbestimmten Rechtsbegriff</span><br/> <span class="ft8">dar. Ein solcher liegt vor, wenn der Rechtssatz die Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft8">der Rechtsfolge oder die Rechtsfolge selbst - so im hier interessie-</span><br/> <span class="ft8">renden § 135 BauG - in offener, unbestimmter Weise umschreibt.</span><br/> <span class="ft8">Unbestimmte Rechtsbegriffe gewinnen ihren Inhalt aus Sinn und</span><br/> <span class="ft8">Zweck der betreffenden Norm sowie aus deren Stellung im Gesetz</span><br/> <span class="ft8">und Rechtssystem (Erich Zimmerlin, Baugesetz des Kantons Aargau,</span><br/> <span class="ft8">Kommentar, 2. Auflage, Aarau 1985, Einleitung N 37 zum alten</span><br/> <span class="ft8">Baugesetz des Kantons Aargau vom 2. Februar 1971).</span><br/> <span class="ft8">Die Vorschrift über die Zueignung ist im Neunten Titel des Bau-</span><br/> <span class="ft8">gesetzes in das kantonale Enteignungsrecht eingebettet. Systematisch</span><br/> <span class="ft8">ist sie des Weiteren unter dem Titel "Formelle Enteignung" eingeord-</span><br/> <span class="ft8">net worden. Der Sachzusammenhang zur formellen Enteignung ist</span><br/> <span class="ft8">offensichtlich - in Absatz 1 von § 135 BauG wird ein vorangehendes</span><br/> <span class="ft8">Expropriationsverfahren sogar vorausgesetzt. Mit Rücksicht auf die</span><br/> <span class="ft8">Stellung im Gesetz und in Berücksichtigung des Zusammenspiels</span><br/> <span class="ft8">von Ent- und Zueignung ist der Begriff "angemessene Vergütung" im</span><br/> <span class="ft8">Grundsatz so auszulegen wie jener der "vollen Entschädigung" zu-</span><br/> <span class="ft8">gunsten des Enteigneten im Rahmen der formellen Enteignung (§ 21</span><br/> <span class="ft8">Abs. 4 der Verfassung des Kantons Aargau [SAR 110.000] vom</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">336</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">25. Juni 1980). Auch aus Gründen der Rechtsgleichheit ist Land, das</span><br/> <span class="ft8">zum Verkehrswert enteignet worden ist, wieder zum aktuellen Ver-</span><br/> <span class="ft8">kehrswert zuzueignen, wobei sich im Einzelfall Relativierungen des</span><br/> <span class="ft8">Verkehrswerts ergeben können. Gerade im vorliegenden Fall ist der</span><br/> <span class="ft8">Zueignung eine Landumlegung vorangegangen und die Vergütung</span><br/> <span class="ft8">für die zuzueignenden Flächen wird den anderen Grundeigentümern,</span><br/> <span class="ft8">denen gewissermassen ein zu hoher Landabzug auferlegt worden ist,</span><br/> <span class="ft8">als Geldersatz rückerstattet (...). Eine Vergütung zu einem Ansatz</span><br/> <span class="ft8">unter dem vollen Verkehrswert würde daher in rechtsungleicher</span><br/> <span class="ft8">Weise zu Lasten der übrigen Grundeigentümer der Baulandumlegung</span><br/> <span class="ft8">von 1997 gehen.</span><br/> <span class="ft8">3.5.3. Die angemessene Vergütung muss den vollen Ausgleich</span><br/> <span class="ft8">des wirklichen Wertes bewirken. Der volle Verkehrswert der zuzu-</span><br/> <span class="ft8">eignenden Fläche ist dann abzugelten, wenn er sich für den neuen</span><br/> <span class="ft8">Eigentümer objektiv ungeschmälert auswirkt, so durch Verbesserung</span><br/> <span class="ft8">der den Vorschriften entsprechenden baulichen oder sonstigen Nut-</span><br/> <span class="ft8">zung des durch die Zueignung vergrösserten Grundstücks (so Zim-</span><br/> <span class="ft8">merlin, a.a.O., N 5 zu § 189 aBauG). Wird dagegen durch die Zueig-</span><br/> <span class="ft8">nung die bauliche Nutzung des Empfängergrundstücks nicht verbes-</span><br/> <span class="ft8">sert, so handelt es sich um minderwertigen Boden, der entsprechend</span><br/> <span class="ft8">tiefer zu bewerten ist, mithin ist analog zur formellen Enteignung der</span><br/> <span class="ft8">relative Landwert zu vergüten (vgl. BGE 122 I 180; AGVE 1998,</span><br/> <span class="ft8">S. 503 f.).</span><br/> <span class="ft8">Da im vorliegenden Fall eine Zueignung zu Gunsten einer un-</span><br/> <span class="ft8">überbauten Baulandparzelle vorgesehen ist, wirkt sich die verbes-</span><br/> <span class="ft8">serte Nutzungsmöglichkeit ungeschmälert aus. Es ist deshalb vom</span><br/> <span class="ft8">absoluten, d.h. vollen Verkehrswert auszugehen.</span><br/> <span class="ft8">(...)</span><br/> <span class="ft8">3.5.5. Die Gesuchstellerin legt der zu leistenden Vergütung ei-</span><br/> <span class="ft8">nen Quadratmeterpreis von Fr. 200.- zugrunde. Sie hat somit den für</span><br/> <span class="ft8">den Geldausgleich in der Landumlegung 1997 massgebenden Land-</span><br/> <span class="ft8">preis übernommen (...).</span><br/> <span class="ft8">Analog zur formellen Enteignung ist die Höhe der Entschädi-</span><br/> <span class="ft8">gung nach den Verhältnissen im Zeitpunkt des Entscheides zu be-</span><br/> <span class="ft8">messen (§ 154 Abs. 2 BauG). Es ist allgemein bekannt, dass die</span><br/> <span class="ft8">Nachfrage nach Wohnraum im (...) in den letzten Jahren stetig zuge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">337</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">nommen hat. Unter diesen Umständen werden die Landpreise seit</span><br/> <span class="ft8">1997 tendenziell eher gestiegen sein. Anlässlich der Verhandlung hat</span><br/> <span class="ft8">sich dies bestätigt, werden heute doch zum Teil Baulandpreise von</span><br/> <span class="ft8">Fr. 300.-/m</span><span class="ft10"><sup>2</sup></span> <span class="ft8">bezahlt (...). Praxisgemäss ändert die Schätzungskom-</span><br/> <span class="ft8">mission bei formellen Enteignungen das Angebot des Enteigners</span><br/> <span class="ft8">nicht zu Lasten des Enteigneten. Analog verzichtet die Schätzungs-</span><br/> <span class="ft8">kommission auch bei Zueignungen auf eine Erhöhung der von der</span><br/> <span class="ft8">Gemeinde geforderten Vergütung zu Lasten des Zuzueignenden. Der</span><br/> <span class="ft8">Einwand, dass im Rahmen einer Bachabtretung ein Entschädigungs-</span><br/> <span class="ft8">satz von Fr. 100.-/m</span><span class="ft10"><sup>2</sup></span> <span class="ft8">zur Anwendung gekommen sei, wurde nicht</span><br/> <span class="ft8">weiter substantiiert (...). Die damaligen Gegebenheiten der Landab-</span><br/> <span class="ft8">tretung sind der Schätzungskommission nicht bekannt. Der behaup-</span><br/> <span class="ft8">tete Entschädigungssatz für eine Bachabtretung lässt unter diesen</span><br/> <span class="ft8">Umständen keine Rückschlüsse auf den heutigen Verkehrswert von</span><br/> <span class="ft8">Bauland zu.</span><br/> <span class="ft8">3.5.6. Als Zwischenergebnis kann festgehalten werden, dass die</span><br/> <span class="ft8">Voraussetzungen einer Zueignung erfüllt sind und die Vergütung von</span><br/> <span class="ft8">Fr. 200.-/m</span><span class="ft10"><sup>2</sup></span> <span class="ft8">für insgesamt 60 m</span><span class="ft10"><sup>2</sup></span><span class="ft8">, d.h. total Fr. 12'000.-, angemessen</span><br/> <span class="ft8">ist (...).</span><br/> <span class="ft8">3.6. 3.6.1. Sind die Tatbestandsvoraussetzungen erfüllt, so stellt</span><br/> <span class="ft8">sich in Bezug auf § 135 BauG die Frage, welche Bedeutung der</span><br/> <span class="ft8">Kann-Formulierung zukommt.</span><br/> <span class="ft8">3.6.2. Räumt ein Rechtssatz der rechtsanwendenden Behörde</span><br/> <span class="ft8">einen Spielraum ein beim Entscheid, ob eine Massnahme zu treffen</span><br/> <span class="ft8">sei oder nicht, so liegt Entschliessungsermessen vor. Vor allem Kann-</span><br/> <span class="ft8">Vorschriften räumen ein solches Ermessen ein. Behörden können</span><br/> <span class="ft8">hier von der Anordnung einer Massnahme absehen, weil das Gesetz</span><br/> <span class="ft8">den Eintritt der Rechtsfolge beim Vorliegen bestimmter Voraus-</span><br/> <span class="ft8">setzungen nicht zwingend vorschreibt (vgl. Ulrich Häfelin/Georg</span><br/> <span class="ft8">Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl., Zürich 2002, N 431;</span><br/> <span class="ft8">BGE 130 V 82; 125 II 308).</span><br/> <span class="ft8">Ermessen bedeutet nicht Entscheiden nach Belieben; um den</span><br/> <span class="ft8">rechtsstaatlichen Anforderungen Genüge zu tun, muss die Behörde</span><br/> <span class="ft8">pflichtgemäss vorgehen. Sie ist an die aus Sinn und Zweck der ge-</span><br/> <span class="ft8">setzlichen Ordnung sich ergebenden Kriterien, an die Grundrechte</span><br/> <span class="ft8">sowie an allgemeine Rechtsgrundsätze gebunden (AGVE 1997,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">338</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">S. 304; 1992, S. 384), also an das Willkürverbot, an das Gebot der</span><br/> <span class="ft8">Rechtsgleichheit, an Treu und Glauben sowie an das Verhältnis-</span><br/> <span class="ft8">mässigkeitsprinzip. Aus Sinn und Zweck gewisser Ermächtigungs-</span><br/> <span class="ft8">normen kann sich geradezu die Pflicht ergeben, sie anzuwenden (so</span><br/> <span class="ft8">Erich Zimmerlin, a.a.O., Einleitung N 33 zum alten Baugesetz des</span><br/> <span class="ft8">Kantons Aargau vom 2. Februar 1971).</span><br/> <span class="ft8">3.6.3. In Anlehnung an die formelle Enteignung ist auch die Er-</span><br/> <span class="ft8">messensausübung bei der Zueignung ("kann") einzuschränken. Stellt</span><br/> <span class="ft8">das Gemeinwesen ein Zueignungsgesuch und sind die Zueignungs-</span><br/> <span class="ft8">voraussetzungen (Erw. 3.) erfüllt, so ergibt sich für die Schätzungs-</span><br/> <span class="ft8">kommission die Pflicht, entsprechende Flächen zuzueignen. Es wäre</span><br/> <span class="ft8">geradezu pflichtwidrig, nach Bejahung aller Zueignungsvorausset-</span><br/> <span class="ft8">zungen die anbegehrte Zueignung zu verweigern. Im Weiteren wurde</span><br/> <span class="ft8">in Ziff. 3.5. ff. dargelegt, wieso bei der Zueignung in Übereinstim-</span><br/> <span class="ft8">mung mit der formellen Enteignung im Regelfall der volle Ver-</span><br/> <span class="ft8">kehrswert als Vergütung geschuldet ist. Gewisse Sonderfälle (z.B.</span><br/> <span class="ft8">Zahlungsunfähigkeit) vorbehalten, ist die Zueignung als Gegenstück</span><br/> <span class="ft8">zur Enteignung zum Verkehrswert zu vergüten, so dass auch diesbe-</span><br/> <span class="ft8">züglich selten ein echtes Entschliessungsermessen vorliegt. Es wi-</span><br/> <span class="ft8">derspräche dem Rechtsgleichheitsgebot und der gesetzlichen (Ent-</span><br/> <span class="ft8">eignungs-)Ordnung, wenn Land zuerst (entschädigungspflichtig) ent-</span><br/> <span class="ft8">eignet und dann ohne Vergütung - möglicherweise nach längerer Zeit</span><br/> <span class="ft8">mit einem höheren Verkehrswert - zugeeignet würde. Im vorlie-</span><br/> <span class="ft8">genden Fall wird das besonders deutlich, da ein Verzicht auf eine</span><br/> <span class="ft8">Abgeltung oder eine lediglich symbolische Vergütung nicht nur zu</span><br/> <span class="ft8">Lasten der Allgemeinheit, sondern direkt zu Lasten anderer Grundei-</span><br/> <span class="ft8">gentümer ginge.</span><br/> <span class="ft8">3.6.4. Es ist festzuhalten, dass das dem Wortlaut nach beste-</span><br/> <span class="ft8">hende Entschliessungsermessen im Zusammenhang mit der Zueig-</span><br/> <span class="ft8">nung stark eingeschränkt ist. Bei Vorliegen der Zueignungsvorausset-</span><br/> <span class="ft8">zungen ist der Zueignung stattzugeben. Nur in Sonderfällen ist im</span><br/> <span class="ft8">Rahmen pflichtgemässer Ermessensausübung ein Verzicht auf eine</span><br/> <span class="ft8">Vergütung denkbar. Im vorliegenden Fall sind keine Gründe darge-</span><br/> <span class="ft8">legt worden, die einen Verzicht zu rechtfertigen vermögen.</span><br/> <span class="ft8">(...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Enteignungsrecht</span> <span class="page_no">339</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">5. Analog zu den Enteignungsentschädigungen sind Zueig-</span><br/> <span class="ft8">nungsvergütungen zu verzinsen, wobei der vom Bundesgericht zu</span><br/> <span class="ft8">Art. 63 EntG festgesetzte Zinssatz gilt (§ 146 BauG i.V.m. § 19 der</span><br/> <span class="ft8">Verordnung über Landumlegung, Grenzbereinigung und Enteignung</span><br/> <span class="ft8">vom 23. Februar 1994 [SAR 713.112]). Gemäss Beschluss des Bun-</span><br/> <span class="ft8">desgerichts vom 4. April 2003 liegt dieser Zinssatz zur Zeit bei</span><br/> <span class="ft8">3.5 %.</span><br/> <span class="ft8">Spiegelbildlich zur vorzeitigen Besitzeinweisung bei der for-</span><br/> <span class="ft8">mellen Enteignung (Tag der Besitzergreifung) ist für den Eintritt des</span><br/> <span class="ft8">Zinsenlaufs der Zeitpunkt der Handänderung, d.h. der Tagebuchein-</span><br/> <span class="ft8">trag beim Grundbuchamt (...), massgebend. Mit Rücksicht auf § 146</span><br/> <span class="ft8">Abs. 1 BauG wird die Entschädigung folglich 20 Tage nach Ein-</span><br/> <span class="ft8">schreibung der Handänderung im Tagebuch zur Zahlung fällig. Sie</span><br/> <span class="ft8">ist von diesem Zeitpunkt an zu verzinsen.</span><br/> <span class="ft8">6.</span><br/> <span class="ft8">6.1. Die Bestimmung in § 135 BauG enthält keine Kostenrege-</span><br/> <span class="ft8">lung. § 149 Abs. 2 BauG schreibt vor, dass in Enteignungsverfahren,</span><br/> <span class="ft8">in denen Entschädigungen zugesprochen werden, die Kosten des</span><br/> <span class="ft8">Verfahrens in der Regel vom entschädigungspflichtigen Gemeinwe-</span><br/> <span class="ft8">sen zu tragen sind. Dieses "Kostenprivileg" zu Gunsten des Enteig-</span><br/> <span class="ft8">neten gilt nicht nur für formelle, sondern auch für materielle Enteig-</span><br/> <span class="ft8">nungen (grundsätzlich: AGVE 1985, S. 375 ff.) und die formelle</span><br/> <span class="ft8">Enteignung nachbarrechtlicher Abwehransprüche (AGVE</span> <span class="ft8">2000,</span><br/> <span class="ft8">S. 473). Im Gegensatz zur formellen Enteignung von Landflächen,</span><br/> <span class="ft8">wo ein entschädigungspflichtiger Eingriff regelmässig gegeben ist,</span><br/> <span class="ft8">muss bei der materiellen Enteignung und der Enteignung nachbar-</span><br/> <span class="ft8">rechtlicher Abwehransprüche in einem ersten Verfahrensschritt die</span><br/> <span class="ft8">Entschädigungspflicht geprüft werden. Die Verneinung des Vorlie-</span><br/> <span class="ft8">gens eines entschädigungspflichtigen Eingriffs führt unmittelbar zur</span><br/> <span class="ft8">Kostentragungspflicht des Antragstellers nach § 149 Abs. 1 BauG in</span><br/> <span class="ft8">Verbindung mit § 33 Abs. 2 des Gesetzes über die Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft8">rechtspflege (VRPG; SAR 271.100) vom 9. Juli 1968 (AGVE 2000,</span><br/> <span class="ft8">S. 474 f.).</span><br/> <span class="ft8">6.2. Das vorliegende Zueignungsverfahren untersteht mit den</span><br/> <span class="ft8">erforderlichen Anpassungen ebenfalls den Verfahrensvorschriften</span><br/> <span class="ft8">von § 149 BauG. Die Interessenlage ist insofern verschieden, als das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">340</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Gemeinwesen nicht Land enteignet und eine Entschädigung anbietet,</span><br/> <span class="ft8">sondern unter bestimmten Voraussetzungen (...) Land zueignet und</span><br/> <span class="ft8">eine Vergütung verlangt. Das Zueignungsverfahren vor der Schät-</span><br/> <span class="ft8">zungskommission gliedert sich somit ebenfalls in zwei Phasen: In</span><br/> <span class="ft8">der ersten wird über die Zulässigkeit der Zueignung befunden, in der</span><br/> <span class="ft8">zweiten über die angemessene Vergütung. Analog zu den Fällen der</span><br/> <span class="ft8">materiellen Enteignung und der formellen Enteignung von nachbar-</span><br/> <span class="ft8">rechtlichen Abwehransprüchen hat der Zueignungsgegner lediglich</span><br/> <span class="ft8">in der zweiten Phase, d.h. bei der Ermittlung der Vergütung, einen</span><br/> <span class="ft8">Anspruch auf kostenrisikofreies Prozessieren.</span><br/> <span class="ft8">6.3. Ist die Zueignung als solche strittig, so ist wäre es denkbar,</span><br/> <span class="ft8">darüber einen selbständig anfechtbaren Teilentscheid samt Kosten-</span><br/> <span class="ft8">verteilung zu fällen. Werden, wie vorliegend, in einem Zueignungs-</span><br/> <span class="ft8">verfahren aus prozessökonomischen Gründen beide Fragen (Zuläs-</span><br/> <span class="ft8">sigkeit der Zueignung und Vergütungshöhe) beantwortet, so sind die</span><br/> <span class="ft8">die Verfahrenskosten anteilsmässig zu verlegen (so für das Enteig-</span><br/> <span class="ft8">nungsverfahren: AGVE 1985, S. 383, Erw. 2.e).</span><br/> <span class="ft8">6.4. Die Gesuchsgegner haben sich mit ihren Anträgen gegen</span><br/> <span class="ft8">die Zueignung als solche gewehrt. Da diese für zulässig befunden</span><br/> <span class="ft8">worden ist, haben sie als Unterliegende die Verfahrenskosten gemäss</span><br/> <span class="ft8">§ 149 Abs. 1 BauG in Verbindung mit § 33 Abs. 2 VRPG zu tragen.</span><br/> <span class="ft8">Zugleich haben die Gesuchsgegner die Vergütungshöhe in Frage ge-</span><br/> <span class="ft8">stellt. Für diesen zweiten Schritt gilt das Kostenprivileg von § 149</span><br/> <span class="ft8">Abs. 2 BauG, d.h. die Kosten des Verfahrens gehen diesbezüglich zu</span><br/> <span class="ft8">Lasten des Gemeinwesens. Die Verfahrenskosten sind von den Par-</span><br/> <span class="ft8">teien je zur Hälfte zu tragen. Mangels anwaltlicher Vertretung haben</span><br/> <span class="ft8">die Gesuchsparteien keinen Anspruch auf eine Parteikostenentschädi-</span><br/> <span class="ft8">gung (§ 36 Abs. 1 VRPG). Die Gemeinde hat, obschon sie obsiegt,</span><br/> <span class="ft8">aufgrund langjähriger Praxis des Verwaltungsgerichts als Gemeinwe-</span><br/> <span class="ft8">sen kein Anrecht auf einen Parteikostenersatz (vgl. AGVE 2000,</span><br/> <span class="ft8">S. 379 ff.; ebenso Bundesgerichtsentscheid 1.P.207/2001 vom 21. Ju-</span><br/> <span class="ft8">ni 2001 in Sachen Einwohnergemeinde B. gegen A.-F., Erw. 3h).</span><br/> <br/> <br/> <br/> <br/></div> </div> </body> </html>