200 22 62 IV ACT/FRN/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 6. Mai 2022 Verwaltungsrichter Ackermann, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Schwegler, Verwaltungsrichter Schütz Gerichtsschreiberin Franzen A.________ vertreten durch B.________, Rechtsanwältin C.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 22. Dezember 2022 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1962 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) meldete sich im März 2018 unter Hinweis auf eine Burnout- Erschöpfungsdepression bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (Antwortbeilage [AB] 1). Die IV-Stelle Bern (IVB bzw. Beschwerdegegnerin) führte medizinische und erwerbliche Ab- klärungen durch und gewährte Arbeitsvermittlung (AB 33) sowie ein Be- lastbarkeitstraining mit anschliessendem Aufbautraining (AB 45, 47, 49) und beauftragte das D.________ (MEDAS) mit einer Begutachtung im Fachbereich Psychiatrie sowie einer neuropsychologischen Untersuchung mit Beschwerdevalidierung (Expertisen vom 25. November 2020 und 4. Ja- nuar 2021 [AB 103.3 und 103.1]). Mit Vorbescheid vom 1. Juni 2021 (AB 113) stellte die IVB die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Nach erhobenem Einwand der Versicherten, vertreten durch den B.________, Rechtsanwältin C.________ (AB 117, 124), stellte die IVB den Gutachtern Rückfragen (AB 128.1). Nach erneutem Vorbescheidverfahren (AB 129, 132) wies sie das Rentenbegehren mit Verfügung vom 22. Dezember 2021 (AB 134) in Anwendung der gemischten Methode (Status: Erwerb 90 % / Aufgabenbereich 10 %) bei einem IV-Grad von 21 % ab. B. Hiergegen erhob die Versicherte, nach wie vor vertreten durch Rechtsan- wältin C.________, mit Eingabe vom 24. Januar 2022 Beschwerde mit fol- genden Anträgen: 1. Die Verfügung vom 22. Dezember 2021 sei aufzuheben und es sei ei- ne Invalidenrente zuzusprechen. 2. Eventualiter: Es sei der medizinische Sachverhalt angemessen abzu- klären und auf dessen Grundlage der Rentenanspruch neu zu prüfen. -unter Kosten- und Entschädigungsfolge-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 3 Mit separater Eingabe vom gleichen Tag stellte sie ein Gesuch um unent- geltliche Rechtspflege unter Beiordnung von Rechtsanwältin C.________ als amtliche Anwältin. Mit Beschwerdeantwort vom 22. Februar 2022 schloss die Beschwerde- gegnerin auf Abweisung der Beschwerde. Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsgegenstand bildet die Verfügung vom 22. Dezember 2021 (AB 134). Streitig und zu prüfen ist der Rentenanspruch. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 4 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Am 1. Januar 2022 sind die Änderungen vom 19. Juni 2020 des IVG (Weiterentwicklung der IV) und weiterer Erlasse (insbesondere des ATSG) in Kraft getreten (AS 2021 705). Weil in zeitlicher Hinsicht - vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen - grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgeblich sind, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ord- nenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1 S. 370, 144 V 210 E. 4.3.1 S. 213) und die ange- fochtene Verfügung vor dem Inkrafttreten der Gesetzesänderungen vom 19. Juni 2020 datiert, ist der Rentenanspruch nach den bis 31. Dezember 2021 geltenden Normen (fortan aArt.) zu prüfen. 2.2Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 2.3Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben Versicherte Anspruch auf eine Ren- te, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbe- reich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. c). Gemäss aArt. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versi- cherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem IV-Grad von mindestens 50 % Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 5 besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad von mindes- tens 40 % ein solcher auf eine Viertelsrente. 2.4 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird bei einer erwerbs- tätigen versicherten Person das Erwerbseinkommen, das sie nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). Nach aArt. 28a Abs. 3 IVG (in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewese- nen Fassung) wird bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig sind oder die unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin mitar- beiten, für diesen Teil die Invalidität nach Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich tätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit gestützt auf einen Betätigungsvergleich ermittelt (aArt. 28a Abs. 2 IVG in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung). In diesem Falle sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der unentgeltlichen Mitarbeit im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu bemessen (sog. gemischte Methode; BGE 145 V 370 E. 4.1 S. 373, 144 I 21 E. 2.1 S. 23). Bei Teilerwerbstätigen, die sich zusätzlich im Aufgabenbereich nach Art. 7 Abs. 2 IVG betätigen, werden für die Bestimmung des Invaliditätsgrads der Invaliditätsgrad in Bezug auf die Erwerbstätigkeit und der Invaliditätsgrad in Bezug auf die Betätigung im Aufgabenbereich summiert (aArt. 27 bis Abs. 2 IVV in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung). Die Be- rechnung des Invaliditätsgrades in Bezug auf die Erwerbstätigkeit richtet sich nach Art. 16 ATSG. Dabei sind Validen- und Invalideneinkommen auf der Grundlage einer hypothetischen Vollzeittätigkeit zu ermitteln (BGE 145 V 370). Die prozentuale Erwerbseinbusse wird schliesslich anhand des Beschäftigungsgrads, den die Person hätte, wenn sie nicht invalid gewor- den wäre, gewichtet (aArt. 27 bis Abs. 3 IVV in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung). Für die Berechnung des Invaliditätsgrads in Bezug auf die Betätigung im Aufgabenbereich wird der prozentuale Anteil Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 6 der Einschränkungen bei der Betätigung im Aufgabenbereich im Vergleich zur Situation, wenn die versicherte Person nicht invalid geworden wäre, ermittelt. Er wird anhand des Anteils des Aufgabenbereichs gewichtet (Art. 27bis Abs. 4 IVV). 2.5Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüg- lich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99; SVR 2021 IV Nr. 54 S. 181 E. 2.3). 3. 3.1Bezüglich des Gesundheitszustandes sowie der Arbeits- und Leis- tungsfähigkeit ist den medizinischen Akten im Wesentlichen das Folgende zu entnehmen: 3.1.1Die Gutachten der MEDAS vom 25. November 2020 und 4. Januar 2021 (AB 103.1 und 103.3) basieren auf Untersuchungen im Fachbereich Psychiatrie sowie auf einer neuropsychologischen Untersuchung mit Be- schwerdevalidierung. Im neuropsychologischen Gutachten vom 25. November 2020 (AB 103.3) diagnostizierte lic. phil. E.________, Fachpsychologe für Neuropsychologie FSP, eine “leichte“ bis maximal “leichte bis mittelgradige“ neuropsychologi- sche Funktionsstörung (S. 13). Subjektiv berichte die Beschwerdeführerin über ein seit mehr als 20 Jahren bestehendes psychisches Leiden mit Symptomen von Angst, erhöhter Anspannung, Schlaf- und Antriebsminde- rungen. Das Konzentrieren strenge sie sehr an, sie sei sehr leistungsorien- tiert und setze sich selber unter Druck, erwarte viel von sich (S. 11). Die Untersuchung habe in der Verhaltensbeobachtung eine starke Unsicherheit Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 7 und ein vermindertes Selbstbewusstsein ergeben. Die Beschwerdeführerin habe sich leistungsorientiert gezeigt, bei Fehlern oder beim Stossen an Leistungsgrenzen habe sie im Ansatz fast panisch reagiert, habe dazu ten- diert, zu blockieren. In den Leistungsaspekten selektive Aufmerksamkeit, verbaler Gedächtnisabruf nach Zeit, leichter konzentrativer Ermüdungsef- fekt sowie reduzierte Handlungsplanung und -ausführung hätten sich eher leichtgradige Einschränkungen gezeigt (S. 11 f). Der Antrieb sei klinisch weitgehend unauffällig, testpsychologisch leicht vermindert gewesen. Dies sei mit einer chronifizierten mittelgradigen depressiven Episode nicht zu vereinen, bei einer solchen müssten die kognitiven Auffälligkeiten gravier- ender sein. Die Tatsache, dass im Verlauf der Untersuchung keine sub- stantiellen Ermüdungserscheinungen festgestellt worden seien, stütze die- se Diagnose ebenfalls nicht (S. 12). Im psychiatrischen Gutachten vom 4. Januar 2021 (AB 103.1) diagnosti- zierte Dr. med. F.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Dysthymie (ICD-10: F34.1) mit additiven kognitiven Defiziten entsprechend einer leichten bis maximal leichten bis mittelgradigen neuropsychologischen Funktionsstörung. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierte er Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung (ICD-10: Z73) im Sinne einer Akzentuierung von Persönlichkeitszügen mit ängstlich (vermeiden- der), anankastischer sowie partiell histrionischer Komponente (S. 13). Zum Befund hielt der Gutachter unter anderem fest, die Auffassung sei nicht erschwert gewesen, die Konzentration während einzelner Phasen leicht beeinträchtigt. Die Willenskräfte seien ausreichend strukturiert und regel- recht gewesen. Ambivalenz oder Ambitendenz hätten nicht bestanden. Der Antrieb sei adäquat gewesen (S. 9). Die affektive Schwingungsfähigkeit habe sich als leicht eingeengt erwiesen. Es habe sich keine Affektlabilität oder -inkontinenz ergeben. Die Grundstimmung habe in ihren basalen Strukturen geprägt von einer hintergründig diskreten depressiven Kompo- nente gewirkt. Testpsychologisch hätten sich während der neuropsycholo- gischen Erhebung eher leichtgradige Einschränkungen gezeigt (S. 10). Die Beschwerdeführerin sei zum Untersuchungszeitpunkt 58 Jahre alt und im- merhin bis November 2017 uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen. Die bei ihr im Wesentlichen zugrunde gelegten traumatisierenden Ereignisse gin-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 8 gen auf die Kindheit zurück und entsprächen aus gutachterlicher Beurtei- lungsperspektive nicht ausreichend den definierten Vorgaben. Unabhängig davon umfasse die durchschnittliche Dauer einer unbehandelten posttrau- matischen Belastungsstörung (PTBS) gemäss der internationalen Literatur einen Zeitraum von etwa 64 Monaten. Nur selten erfolge der Übergang in eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10: F62.0), für die es im hier vorliegenden Fall gleichfalls keine richtungswei- senden Anzeichen gebe. Zusammenfassend sei es vor dem Hintergrund als traumatisch erlebter Kindheitserfahrungen sowie weiterer psychosozia- ler Belastungen im folgenden biografischen Verlauf (Scheidung, Probleme mit dem Sohn, familiäre Todesfälle, Überlastung und Schwierigkeiten am Arbeitsplatz mit Verlust desselben) bei insgesamt vulnerabler Persönlich- keitsstruktur letztendlich zur Ausbildung einer affektiven Beschwerdesym- ptomatik, die von nicht unerheblichen neurotischen Einflüssen überlagert werde, gekommen. In jenem Kontext wären sodann auch die aktenana- mnestisch erwähnten demonstrativen “Weinkrämpfe“ respektive die öffent- lichen autoaggressiven Handlungen und “Selbstgespräche mit der toten Mutter“ einzuordnen. Es sei weder vorwerfbar noch überraschend, dass sich angesichts dieses komplexen Sachverhalts selbst erfahrene Fachspe- zialisten anteilig hätten täuschen lassen (S. 12). Die Angaben der Be- schwerdeführerin hätten insgesamt authentisch und plausibel gewirkt. Es habe sich kein Anhalt für etwaig vorliegende Inkonsistenzen oder ein be- wusstes Aggravationsbestreben ergeben (S. 15). Zur Arbeitsfähigkeit hielt der Gutachter fest, in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit bestehe seit der De- stabilisierung bzw. seit etwa Anfang August 2016 eine 70%ige Arbeits- fähigkeit (S. 17). In einer angepassten Tätigkeit (allgemein wohlwollendes Arbeitsumfeld, Möglichkeit für regelmässige Selbstkontrollen und zur Einle- gung kurzer Pausen, geringe Anforderungen an die eigenständige Planung und Organisation) bestehe seit Anfang August 2016 eine 80%ige Arbeits- fähigkeit; die Beschwerdeführerin könne unter Berücksichtigung einer Leis- tungseinschränkung von 15 % aufgrund einer erhöhten Fehleranfälligkeit sowie eines vermehrten Pausenbedarfs acht Stunden pro Tag arbeiten (S. 17). 3.1.2Die behandelnde M. Sc. G.________, Fachpsychologin für Psycho- therapie FSP, nahm im Bericht vom 5. August 2021 (AB 124 S. 3 ff.) Stel-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 9 lung zu den Gutachten der MEDAS. Sie führte aus, berücksichtige man neben den Beobachtungen des Interviewers auch die Beschreibung der Symptome der Beschwerdeführerin im Untersuchungsbefund, so seien die ICD-Kriterien einer mittelgradigen depressiven Episode erfüllt. Ferner sei aus dem Gutachten keine detaillierte Annahme des Verlaufs der depressi- ven Symptomatik ersichtlich (S. 4). Überdies seien die Kriterien einer kom- plexen Traumafolgestörung erfüllt. Diesbezüglich stelle sich die Frage, ob im Rahmen des Gutachtens überhaupt das eigene Erleben sowie die Be- obachtung von Dissoziationen und Flashbacks in der Beschäftigungsstätte erhoben worden seien. Die diagnostische Bezeichnung “neurotisch“ sei veraltet. Es sei nicht nachvollziehbar, auf welche ICD-10-Diagnose dabei verwiesen werden möchte (S. 5). Zur Arbeitsfähigkeit legte M. Sc. G.________ dar, eine Stabilität hinsichtlich Arbeit / Beschäftigung habe sich jeweils nur bei einem Pensum von max. 50 % im geschützten Rahmen eingestellt (S. 6). 3.1.3Am 18. Oktober 2021 beantwortete der psychiatrische Gutachter Rückfragen zu den Gutachten der MEDAS (AB 128.1). Er führte aus, bei der rezidivierenden depressiven Störung handle es sich um ein Krankheits- bild, das durch wiederholte depressive Episoden mit zwischenzeitlich weit- gehend symptomfreien Intervallen von mindestens zwei Monaten Dauer charakterisiert sei. Dieses Kriterium sei nicht erfüllt (S. 2). Im Abschnitt 4.3 des Gutachtens der MEDAS vom 4. Januar 2021 fänden sich die auf Basis der gutachterlichen Expertise objektiv erhobenen Befunde, welche in ihrer Diktion die inhaltlichen Aussagen der Beschwerdeführerin keineswegs ʺne- gierenʺ, sondern aus fachspezifischer Sicht vielmehr sachlich differenziert beurteilten (S. 3). Eine ʺmittelgradige depressive Episodeʺ habe ausge- schlossen werden können (S. 4). Die bislang erfolglosen Wiedereingliede- rungsversuche begründeten sich im Rahmen einer prinzipiell aversiven Grundeinstellung seitens der Beschwerdeführerin bezüglich eines Wieder- eintritts in das reguläre Arbeitsgeschehen bei parallel deutlich subjektiv determinierter Fehlinterpretation des realen Umfangs unbeschadet fortbe- stehender individueller Kompetenzen vor dem Hintergrund der ʺim Gutach- ten gestellten Diagnosenʺ (S. 8). Aus den getätigten Einwänden ergäben sich keinerlei neue inhaltliche Aspekte, welche Änderungen am realen Be- stand der medizinischen Sachverhalte bedingen würden (S. 9). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 10 3.1.4Am 1. Dezember 2021 nahm M. Sc. G.________ wiederum Stellung (AB 132 S. 3 ff.). Sie legte dar, im August 2016 habe sich erstmals eine psychische Dekompensation in Form einer mittelgradigen depressiven Epi- sode entwickelt. Durch die Behandlung habe eine Besserung und Stabili- sierung des psychischen Zustandes sowie schrittweise die Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt werden können. Erst im Dezember 2017 habe sich erneut eine mittelgradige depressive Episode entwickelt. Rückblickend könne da- mit eine rezidivierende depressive Störung diagnostiziert werden (S. 3 zu Punkt 1). Aus der Stellungnahme der MEDAS gehe nicht hervor, inwiefern die inhaltlichen Aussagen der Beschwerdeführerin ʺsachlich differenziertʺ beurteilt worden seien. Es bleibe weiterhin offen, welche konkreten fach- spezifischen Überlegungen seitens der Gutachter erfolgt seien, um von der Befunderhebung und Anamnese zu den Diagnosen zu gelangen (S. 4 zu Punkt 2 und 4). Die Gutachter hätten nicht Stellung zur Diagnose ʺkomple- xe Traumafolgestörungʺ bezogen. Es bleibe weiterhin offen, ob die Gutach- ter überhaupt die Symptome ʺDissoziationenʺ und ʺFlashbacksʺ bei der Beschwerdeführerin selber sowie der Beschäftigungsstätte zum Zeitpunkt der Begutachtung bewusst erhoben hätten (S. 5 zu Punkt 6 und 8). 3.2Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge- ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 125 V 351 E. 3a S. 352). Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi- nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag- gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 11 nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 126, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch täti- gen (Fach-)Arztes einerseits und Begutachtungsauftrag des amtlich bestell- ten fachmedizinischen Experten anderseits lässt es nicht zu, ein medizini- sches Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die be- handelnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpreta- tion entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (SVR 2021 IV Nr. 10 S. 29 E. 5.7, 2019 UV Nr. 31 S. 117 E. 3). 3.3Die beiden Gutachten der MEDAS vom 25. November 2020 und 4. Januar 2021 (AB 103.3 und 103.1) erfüllen – ebenso wie die Stellung- nahme des psychiatrischen Gutachters vom 18. Oktober 2021 (AB 128.1) – die von der höchstrichterlichen Rechtsprechung an den Beweiswert einer Expertise gestellten Anforderungen (vgl. E. 3.2 hiervor) und überzeugen. Insbesondere basieren die Beurteilungen auf umfassenden Untersuchun- gen, berücksichtigen die geklagten Beschwerden und wurden in Kenntnis und nach Auseinandersetzung mit den Vorakten erstattet. Sie leuchten in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Folglich kommt den Gutachten sowie der Stellungnahme voller Beweiswert zu (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/bb S. 353). Während sich der psychiatrische Gutachter in der Stellungnahme vom 18. Oktober 2021 (AB 128.1) überzeugend zur Eingabe der behandelnden Psychologin M.Sc. G.________ vom 5. August 2021 (AB 124 S. 3 ff.; mit- unterzeichnet durch den delegierenden med. pract. H.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie) äussert, enthält auch der Bericht der M.Sc. G.________ vom 1. Dezember 2021 (AB 132 S. 3 ff., wiederum mit- unterzeichnet durch med. pract. H.________) kein Element, das gegen die Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 12 Zuverlässigkeit der Einschätzung der Gutachter spricht, was nachfolgend zu erläutern ist. 3.3.1Die Gutachter begründen – entgegen der Auffassung der behan- delnden Psychologin (AB 132 S. 4 zu Punkt 4; vgl. Beschwerde, S. 6 Ziff. 20 f.) – unter Bezugnahme auf die ICD-10-Klassifikation überzeugend, dass eine Dysthymie (ICD-10: F34.1) besteht (AB 103.1 S. 11 f.), so dass der Kritik der M.Sc. G.________, es liege eine rezidivierende depressive Störung vor (AB 124 S. 3 f., 132 S. 3, ebenso Beschwerde, S. 5 Ziff. 16 f.) mangels genügender Schwere der Befunde von vornherein der Boden ent- zogen ist. Wenn die behandelnde Psychologin den Experten vorwirft, es gehe nicht hervor, ʺinwiefern die inhaltlichen Aussagen der Versicherten ‘sachlich differenziert’ beurteilt wordenʺ seien (AB 132 S. 4 zu Punkt 2), trifft dies auf ihre eigenen Aussagen ebenso zu. In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass Befunde erhoben und nicht – wie in der Beschwerde, S. 6 oben, vorgebracht – begründet werden. Die Experten haben sich überzeugend auf ihre Befunde und Erhebungen gestützt und in der Folge ihre Schlussfolgerungen gezogen (AB 103.1 S. 11 f.). Eine ab- weichende Meinung der Behandler (AB 132 S. 4 zu Punkt 3, S. 5 f. zu Punkt 9, 10 und 11) genügt nicht, um die gutachterliche Einschätzung als falsch erscheinen zu lassen (vgl. E. 3.2 hiervor). Es ist auch nicht klar resp. nicht nachvollziehbar, inwiefern die Gutachter die Anamnese falsch oder unsorgfältig erhoben haben sollten (vgl. AB 132 S. 4 zu Punkt 5 sowie Be- schwerde, S. 4 f. Ziff. 15 und S. 7 Ziff. 22 f.). Ob die Gutachter den veralte- ten Begriff der Neurose verwenden oder nicht (Beschwerde, S. 9 f. Ziff. 28 f.), ändert ebenfalls nichts an der Überzeugungskraft der Expertise, da nicht ersichtlich ist, inwiefern dieser Begriff die Meinung der Gutachter als falsch erscheinen liesse. Im Übrigen ist festzuhalten, dass für die Bestim- mung des Leistungsanspruchs grundsätzlich unbesehen der Diagnose und der Ätiologie massgebend ist, ob und in welchem Ausmass eine Beein- trächtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit vorliegt (Entscheid des Bun- desgerichts [BGer] vom 29. April 2021, 8C_761/2020, E. 5.3) bzw. ent- scheidend ist nicht die Diagnose – resp. hier deren Herleitung (AB 103.1 S. 12 Mitte) –, sondern der psychopathologische Befund und der Schwere- grad der Symptomatik sowie die damit verbundenen bzw. daraus ableitba-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 13 ren Funktionseinschränkungen (Entscheid des BGer vom 4. März 2019, 9C_732/2018, E. 7). Des Weiteren begründet M.Sc. G.________ nicht im Ansatz, weshalb die von ihr postulierte komplexe Traumafolgestörung eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit haben sollte (AB 132 S. 5 zu Punkt 6, 124 S. 4), nachdem die Beschwerdeführerin während Jahren ohne Probleme arbeiten konnte (vgl. AB 17, 19 S. 2). Zu den Auswirkungen der geltend gemachten trauma- tisierenden Erlebnisse äussern sich die Gutachter denn auch überzeugend (AB 103.1 S. 12). Es ist kein Anhaltspunkt ersichtlich, dass der psychiatri- sche Gutachter nicht befähigt sein sollte, die Situation der Beschwerdefüh- rerin medizinisch korrekt zu erfassen (vgl. AB 132 S. 5 zu Punkt 7; Be- schwerde, S. 8 Ziff. 25). Überdies ist unklar, was die behandelnde Psycho- login darunter versteht, ein Gutachter habe Symptome ʺbewusst erhobenʺ (AB 132 S. 5 zu Punkt 8). Schliesslich wird der Beschwerdeführerin weder von den Gutachtern noch von den rechtsanwendenden Behörden auch nur im Ansatz unterstellt, ihre Behandler zu täuschen oder zu manipulieren, wie im Bericht der M.Sc. G.________ suggeriert wird (AB 124 S. 5, 132 S. 5 zu Punkt 9, 10 und 11, Beschwerde, S. 10 f. Ziff. 31; vgl. denn auch in der Folge die Stellungnah- me der Beschwerdeführerin vom 26. Januar 2022 [Beschwerdebeilage {BB} 6], welcher Entsprechendes offenbar eingeredet worden ist). Gegen- teiliges trifft zu: Der psychiatrische Experte führte explizit aus, es ergäbe sich kein Anhalt für Inkonsistenzen oder bewusste Aggravation (AB 103.1 S. 15 oben). Im Gutachten vom 4. Januar 2021 ist denn auch offensichtlich die Rede davon, dass sich die behandelnden Fachleute getäuscht hätten, nicht, dass sie getäuscht worden seien (AB 103.1 S. 12 unten). 3.3.2Damit ist erstellt, dass in einer leidensangepassten Tätigkeit (allge- mein wohlwollendes Arbeitsumfeld, Möglichkeit für regelmässige Selbst- kontrollen und zur Einlegung kurzer Pausen, geringe Anforderungen an die eigenständige Planung und Organisation) seit Anfang August 2016 eine 80%ige Arbeitsfähigkeit besteht (AB 103.1 S. 17). Angesichts des Verfahrensausgangs (vgl. E. 4 ff. hiernach) ist eine Indika- torenprüfung (BGE 141 V 281) entbehrlich und es kann offen bleiben, ob Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 14 diese psychiatrisch begründete Einschränkung auch rechtlich zu beachten ist. Ebenso wenig braucht der Frage nachgegangen zu werden, ob der Dysthymie als solche für sich allein hier invalidisierende Wirkung zukommt oder nicht (vgl. BGE 143 V 418 E. 8.1 S. 430) 4. Was den Status betrifft (Ausmass der Erwerbstätigkeit im Gesundheitsfall) ging die Beschwerdegegnerin gestützt auf den Umstand, dass die Be- schwerdeführerin bei guter Gesundheit in einem 90%-Pensum als … gear- beitet hatte (AB 19 S. 3), davon aus, diese wäre im hypothetischen Ge- sundheitsfall zu 90 % im Erwerb und zu 10 % im Aufgabenbereich tätig (AB 134 S. 2), was zu Recht nicht beanstandet wird. Infolge dessen ist der Inva- liditätsgrad anhand der gemischten Methode (vgl. E. 2.4 hiervor) zu be- stimmen (vgl. E. 5. f. hiernach). 5. 5.1Zu prüfen ist zunächst, wie es sich mit der Invalidität im Erwerbsbe- reich verhält. Dabei sind die Einschränkungen nach der allgemeinen Me- thode des Einkommensvergleichs zu bestimmen. 5.1.1Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung ange- passten Verdienst angeknüpft. Die Ermittlung des Valideneinkommens hat so konkret wie möglich zu erfolgen (BGE 144 I 103 E. 5.3 S. 110, 134 V 322 E. 4.1 S. 325; SVR 2021 UV Nr. 26 S. 125 E. 6.1). 5.1.2Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht (BGE 143 V 295 E. 2.2 S. 296). Hat die versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 15 ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen, so können nach der Rechtsprechung Tabellenlöhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik (BFS) herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE) herange- zogen werden (BGE 143 V 295 E. 2.2 S. 297; SVR 2021 Nr. 51 S. 168 E. 3.2). Es gilt zu berücksichtigen, dass gesundheitlich beeinträchtigte Perso- nen, die selbst bei leichten Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind, im Ver- gleich zu voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren Arbeitneh- mern lohnmässig benachteiligt sind und deshalb in der Regel mit unter- durchschnittlichen Lohnansätzen rechnen müssen. Diesem Umstand ist mit einem Abzug vom Tabellenlohn Rechnung zu tragen (BGE 134 V 322 E. 5.2 S. 327, 129 V 472 E. 4.2.3 S. 481). Die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, hängt von sämtlichen persön- lichen und beruflichen Umständen des konkreten Einzelfalles ab (leidens- bedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität / Aufenthaltskate- gorie und Beschäftigungsgrad). Der Einfluss sämtlicher Merkmale auf das Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen, wobei der Abzug auf insgesamt höchstens 25 % zu begrenzen ist (BGE 135 V 297 E. 5.2 S. 301, 134 V 322 E. 5.2 S. 327; SVR 2018 IV Nr. 46 S. 148 E. 3.3). Zu beachten ist, dass allfällige bereits in der Beurtei- lung der medizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche Ein- schränkungen nicht zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten Abzugs einfliessen und so zu einer doppelten Anrechnung desselben Ge- sichtspunkts führen dürfen (BGE 146 V 16 E. 4.1 S. 20). Mit Entscheid vom 9. März 2022, 8C_256/2021, E. 9, hat das Bundesge- richt eine Änderung seiner bisherigen Rechtsprechung zur Ermittlung des Invaliditätsgrades anhand der Tabellenlöhne der LSE abgelehnt (vgl. auch Medienmitteilung vom 9. März 2022 auf www.bger.ch). 5.2Für den Einkommensvergleich sind die Verhältnisse im Zeitpunkt des (hypothetischen) Beginns des Rentenanspruchs massgebend, wobei Validen- und Invalideneinkommen auf zeitidentischer Grundlage zu erhe- ben und allfällige rentenwirksame Änderungen der Vergleichseinkommen bis zum Verfügungserlass zu berücksichtigen sind (BGE 143 V 295 E. 4.1.3 S. 300, 129 V 222). Unter Berücksichtigung der Anmeldung im März 2018 (AB 1) ist der frühest mögliche Rentenbeginn in Anwendung von Art. 29 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 16 Abs. 1 IVG auf September 2018 festzusetzen. Auf diesen Zeitpunkt hin ist der Einkommensvergleich durchzuführen. 5.3 5.3.1Das Valideneinkommen ist entsprechend dem Vorgehen der Be- schwerdegegnerin gestützt auf den zuletzt erzielten Lohn als … bei der I.________ festzulegen (AB 134 S. 2), da die Beschwerdeführerin im hypo- thetischen Gesundheitsfall immer noch an ihrem angestammten Arbeits- platz tätig wäre. Im Jahr 2018 betrug dieses Einkommen Fr. 51'038.- bei einem 90 %-Pensum (AB 19 S. 3 Ziff. 2.9 f.), was aufgerechnet auf ein 100 %-Pensum (vgl. E. 2.4 hiervor) Fr. 56'708.90 ergibt. 5.3.2Weil die Beschwerdeführerin ihre Restarbeitsfähigkeit nicht verwer- tet, legte die Beschwerdegegnerin das Invalideneinkommen gestützt auf die statistischen Lohnangaben der LSE 2018, Total, Frauen, Kompetenzni- veau 1, fest, was nicht zu beanstanden ist. Dies ergibt an die betriebsübli- che Wochenarbeitszeit von 41.7 Stunden (BFS, Betriebsübliche Wochen- arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen, Total) angepasst und unter Berücksichtigung der 80%igen Arbeitsfähigkeit ein Invalideneinkommen von Fr. 43'744.95 (Fr. 4'371.-- / 40 x 41.7 x 12 x 0.8). Anlass für einen Ab- zug vom Tabellenlohn (vgl. E. 5.1.2 hiervor) besteht nicht; den Einschrän- kungen wird mit dem reduzierten Pensum genügend Rechnung getragen. 5.3.3Bei einem Valideneinkommen von Fr. 56'708.90 und einem Invali- deneinkommen von Fr. 43'744.95 resultiert eine Einschränkung im Bereich der Erwerbstätigkeit von 22.86 % resp. gewichtet 20.57 % (22.85 % x 0.90 [Status]). 6. Eine Einschränkung im Aufgabenbereich wurde von der Beschwerdegeg- nerin nachvollziehbar verneint. Selbst bei einer – nicht ausgewiesenen – Einschränkung von 100 % in diesem Bereich würde maximal eine Ein- schränkung von gewichtet 10 % [100 % x 0.1 [Status]) resultieren. Auch dies hätte einen rentenausschliessenden Gesamtinvaliditätsgrad von Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 17 höchstens 31 % (20.57 % [Einschränkung im erwerblichen Bereich + 10 % [Einschränkung im Aufgabenbereich]) zur Folge. Es besteht folglich kein Anspruch auf eine IV-Rente (vgl. E. 2.3 hiervor). Dementsprechend ist die angefochtene Verfügung vom 22. Dezember 2021 (AB 134) nicht zu beanstanden und die dagegen erhobene Be- schwerde abzuweisen. 7. 7.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unab- hängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festzule- gen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.-- werden entspre- chend dem Ausgang des Verfahrens der Beschwerdeführerin - vorbehält- lich der Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege - zur Bezahlung auf- erlegt (Art. 108 Abs. 1 VRPG). 7.2Bei diesem Verfahrensausgang besteht kein Anspruch auf eine Par- teientschädigung (Umkehrschluss aus Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG). 7.3Zu prüfen bleibt das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege. 7.3.1Auf Gesuch hin befreit die Verwaltungsjustizbehörde eine Partei von den Kosten- und allfälligen Vorschuss- sowie Sicherstellungspflichten, wenn die Partei nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und ihr Rechts- begehren nicht aussichtslos erscheint. Unter den gleichen Voraussetzun- gen kann überdies einer Partei eine Anwältin oder ein Anwalt beigeordnet werden, wenn die tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse es rechtferti- gen (Art. 61 lit. f ATSG sowie Art. 111 Abs. 1 und 2 VRPG; SVR 2011 IV Nr. 22 S. 61 E. 2, 2011 UV Nr. 6 S. 22 E. 6.1).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 18 7.3.2Da die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin erstellt ist (vgl. BB 4 f.), das Verfahren nicht zum vornherein als aussichtslos erschient und die an- waltliche Verbeiständung geboten ist, sind die Voraussetzungen für die Erteilung des Rechts auf unentgeltliche Rechtspflege erfüllt. Das entspre- chende Gesuch der Beschwerdeführerin ist somit gutzuheissen und es ist der Beschwerdeführerin Rechtsanwältin C.________ als amtliche Anwältin beizuordnen. 7.3.3Gemäss der Praxis des Verwaltungsgerichts wird der Stundenan- satz amtlicher Anwältinnen und Anwälte gemeinnützig tätiger Rechtsbera- tungsstellen unter Beachtung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 135 I 1 E. 7.3 S. 3; SVR 2010 IV Nr. 3 S. 6 E. 5.4) auf Fr. 130.-- fest- gesetzt. Dieser allgemeingültige pauschalisierte Stundenansatz wird im konkreten Fall mit dem gebotenen Aufwand multipliziert (vgl. Rundschrei- ben der Sozialversicherungsrechtlichen Abteilung und der Abteilung für französischsprachige Geschäfte des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 16. Dezember 2009, abrufbar unter www.justice.be.ch). Die Kostennote von Rechtsanwältin C.________ vom 28. Februar 2022 ist nicht zu beanstanden. Entsprechend dem geltend gemachten Aufwand von 9.75 Stunden wird das amtliche Honorar von Rechtsanwältin C.________ auf Fr. 1'267.50 (9.75 h x Fr. 130.--), zuzüglich Fr. 85.-- Auslagen und Fr. 104.10 Mehrwertsteuer, somit auf total Fr. 1'456.60, festgesetzt. Vorbe- halten bleibt die Nachzahlungspflicht nach Art. 123 der Schweizerischen Zivilprozessordnung vom 19. Dezember 2008 (ZPO; SR 272). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Mai 2022, IV/22/62, Seite 19 Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Beiordnung von Rechtsanwältin C.________ als amtliche Anwältin wird gutgeheissen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt. Aufgrund der gewährten unentgeltlichen Rechtspflege wird die Beschwerdeführerin - unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht gemäss Art. 123 ZPO - jedoch von der Zahlungspflicht befreit. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Rechtsanwältin C.________ wird nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils aus der Gerichtskasse eine auf Fr. 1'456.60 festgesetzte Ent- schädigung (inkl. Auslagen und MWST) vergütet. Vorbehalten bleibt die Nachzahlungspflicht nach Art. 123 ZPO. 6. Zu eröffnen (R): - B.________, Rechtsanwältin C.________ z.H. der Beschwerdeführe- rin - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen - Steuerverwaltung des Kantons Bern, Bereich Inkasso, Postfach 8334, 3001 Bern Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.