<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 87 S.356</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">356</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>87</b></span> <span class="ft1"><b>Beschwerdefrist (§ 40 Abs. 1 VRPG). Fristwiederherstellung (§ 98 ZPO).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Zustellungsfiktion in Fällen, wo der Empfänger einer Postsendung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nicht angetroffen wird; für die Frage der Fristeinhaltung ist unerheb-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>lich, ob der Postbeamte auf dem gelben Formular eine längere als die</b></span><br/> <span class="ft1"><b>siebentägige Abholungsfrist eingesetzt hat (Erw. 1/a).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Nichteinhaltung der Frist zur Stellung eines Wiederherstellungs-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gesuchs (Erw. 1/b/bb).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Zumindest der rechtskundige Vertreter kann keinen Wiederherstel-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>lungsgrund geltend machen, wenn er als Empfänger der Postsendung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>die Beschwerdefrist verpasst hat, weil er sich auf die Angabe des Post-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>beamten auf dem gelben Formular verlassen hat (Erw. 1/b/cc).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Die Feststellung, ob die Partei oder ihr Vertreter ohne Verschulden</b></span><br/> <span class="ft1"><b>verhindert war, eine Frist einzuhalten (§ 98 Abs. 1 ZPO), ist eine</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Rechts- und keine Ermessensfrage (Erw. 1/b/dd).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Korrektur von Amtes wegen, wenn die Vorinstanz das Vorliegen einer</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Sachurteilsvoraussetzung nicht richtig beurteilt hat (Erw. 1/c).</b></span><br/> <br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 2. März 2000 in</span><br/> <span class="ft2">Sachen K., I. AG und W. gegen Baudepartement.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1. a) Wenn nichts anderes bestimmt wird, sind Beschwerden</span><br/> <span class="ft4">innert 20 Tagen seit Zustellung der angefochtenen Verfügungen oder</span><br/> <span class="ft4">Entscheide einzureichen (§ 40 Abs. 1 VRPG). Für die Berechnung</span><br/> <span class="ft4">der Fristen, deren Unterbruch und die Wiederherstellung gegen die</span><br/> <span class="ft4">Folgen der Säumnis gelten sinngemäss die Vorschriften der Zivilpro-</span><br/> <span class="ft4">zessordnung (§ 31 Satz 1 VRPG).</span><br/> <span class="ft4">aa) Im vorliegenden Falle wurde der Baubewilligungsentscheid</span><br/> <span class="ft4">vom 9. Februar 1998 vom Gemeinderat am 12. Februar 1998,</span><br/> <span class="ft4">18 Uhr, als eingeschriebene Sendung Nr. 294 der Post U. übergeben.</span><br/> <span class="ft4">Am darauffolgenden Tag sollte die Sendung dem Empfänger,</span><br/> <span class="ft4">Rechtsanwalt X., übergeben werden. Da der Adressat nicht ange-</span><br/> <span class="ft4">troffen werden konnte, wurde ihm der Zustellversuch avisiert, indem</span><br/> <span class="ft4">ihm eine der üblichen gelben Bescheinigungen in den Briefkasten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">357</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">gelegt wurde, auf welcher er vom Zustellbeamten gebeten wurde, die</span><br/> <span class="ft4">Sendung in der Zeit vom 14. bis zum 23. Februar 1998 bei der Post-</span><br/> <span class="ft4">stelle B. abzuholen. Am 23. Februar 1998 wurde die Sendung dem</span><br/> <span class="ft4">Adressaten ausgehändigt.</span><br/> <span class="ft4">bb) Die Eröffnung des Baubewilligungsentscheids vom 9. Feb-</span><br/> <span class="ft4">ruar 1998 erfolgte wie erwähnt durch eine Zustellung auf dem</span><br/> <span class="ft4">postalischen Weg (vgl. § 92 Abs. 1 ZPO). Wenn nun bei dieser Zu-</span><br/> <span class="ft4">stellungsform der Adressat nicht angetroffen und deshalb eine Ab-</span><br/> <span class="ft4">holungseinladung in seinen Briefkasten oder sein Postfach gelegt</span><br/> <span class="ft4">wird, so gilt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung die Sen-</span><br/> <span class="ft4">dung in jenem Zeitpunkt als zugestellt, in welchem sie auf der Post</span><br/> <span class="ft4">abgeholt wird; geschieht dies nicht innerhalb der postalisch vorgese-</span><br/> <span class="ft4">henen Abholfrist von sieben Tagen, gilt die Sendung als am letzten</span><br/> <span class="ft4">Tag dieser Frist zugestellt, sofern der Adressat mit der Zustellung</span><br/> <span class="ft4">hatte rechnen müssen (BGE 123 III 493 mit Hinweisen). Das gleiche</span><br/> <span class="ft4">gilt nach kantonaler Rechtsprechung, jedenfalls soweit der Adressat</span><br/> <span class="ft4">für das Nichtabholen der Sendung keine zureichenden Gründe anfüh-</span><br/> <span class="ft4">ren kann (AGVE 1994, S. 464 mit Hinweisen). Diese Zustellungsfik-</span><br/> <span class="ft4">tion rechtfertigt sich, weil für die Verfahrensbeteiligten im Prozess</span><br/> <span class="ft4">die aus dem Grundsatz von Treu und Glauben abzuleitende Pflicht</span><br/> <span class="ft4">besteht, dafür zu sorgen, dass ihnen Gerichtsurkunden zugestellt wer-</span><br/> <span class="ft4">den können; die Empfangspflicht entsteht als prozessuale Pflicht mit</span><br/> <span class="ft4">der Begründung eines Prozessrechtsverhältnisses (BGE 116 Ia 92 mit</span><br/> <span class="ft4">Hinweis; AGVE 1994, S. 464).</span><br/> <span class="ft4">Die angeführte Praxis beruhte noch auf Art. 169 Abs. 1 lit. d</span><br/> <span class="ft4">und e der Verordnung (1) vom 1. September 1967 zum Postverkehrs-</span><br/> <span class="ft4">gesetz. Diese Verordnung ist am 1. Januar 1998 durch die Postver-</span><br/> <span class="ft4">ordnung (VPG) vom 29. Oktober 1997 abgelöst worden. Dies ändert</span><br/> <span class="ft4">aber nichts an der Weitergeltung der Praxis (vgl. VGE II/99 vom</span><br/> <span class="ft4">26. Oktober 1999 in Sachen S., S. 4 mit Hinweis auf die Urteile des</span><br/> <span class="ft4">Obergerichts, 4. Zivilkammer, vom 17. Dezember 1998 in Sachen</span><br/> <span class="ft4">K., S. 4, und auf AGVE 1999, S. 59, sowie auf das Urteil des</span><br/> <span class="ft4">Verwaltungsgerichts Bern vom 2. Dezember 1998 in Sachen X.,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">358</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">S. 5 ff.), zumal die frühere Regelung über die Zustellung einge-</span><br/> <span class="ft4">schriebener Briefe inhaltlich unverändert in die ,,Allgemeinen Ge-</span><br/> <span class="ft4">schäftsbedingungen der Post (,Postdienstleistungen`)" Eingang ge-</span><br/> <span class="ft4">funden hat (vgl. deren Ziff. 4.6).</span><br/> <span class="ft4">cc) Die Beschwerdeführer 2 berufen sich ausschliesslich darauf,</span><br/> <span class="ft4">dass der Abholungstermin auf dem gelben Formular vom Postbeam-</span><br/> <span class="ft4">ten selber mit dem 23. Februar 1998 angegeben worden ist, wogegen</span><br/> <span class="ft4">die siebentägige Abholungsfrist bereits am 21. Februar 1998 abge-</span><br/> <span class="ft4">laufen wäre; sie hätten darauf vertrauen dürfen, dass die Post die</span><br/> <span class="ft4">Abholungsfrist richtig berechne. Seitens der Postverwaltung wird</span><br/> <span class="ft4">eingeräumt, dass der Zustellbeamte aus heute nicht mehr feststellba-</span><br/> <span class="ft4">ren Gründen eine zehntägige Abholungsfrist angegeben habe; es</span><br/> <span class="ft4">müsse sich um ein Versehen bei der Fristberechnung handeln. Das</span><br/> <span class="ft4">Baudepartement hat die Beschwerdefrist als verpasst erachtet, sie</span><br/> <span class="ft4">dann allerdings wiederhergestellt.</span><br/> <span class="ft4">Der Kern der zitierten bundes- und verwaltungsgerichtlichen</span><br/> <span class="ft4">Praxis besteht wie erwähnt in einer <i>Zustellungsfiktion</i>; für den Fall,</span><br/> <span class="ft4">dass die Zustellung einer Postsendung nicht real möglich ist, weil der</span><br/> <span class="ft4">Empfänger nicht angetroffen wird, wird ein fiktiver Zustellungster-</span><br/> <span class="ft4">min bestimmt, ab welchem allfällige Rechtsmittelfristen zu laufen</span><br/> <span class="ft4">beginnen (Erw. bb hievor). Aus Gründen der Rechtssicherheit und</span><br/> <span class="ft4">der Rechtsgleichheit muss dies ein fixer, in allen Fällen einheitlich zu</span><br/> <span class="ft4">handhabender Termin sein, wie dies auch bei einem gesetzlich</span><br/> <span class="ft4">festgelegten Termin zutrifft. Es kann daher für die Frage der Frist-</span><br/> <span class="ft4">einhaltung keine Rolle spielen, ob die Abholungsfrist vom Post-</span><br/> <span class="ft4">beamten richtig berechnet und auf dem gelben Formular eingesetzt</span><br/> <span class="ft4">worden ist. Die vormals in Art. 169 Abs. 1 lit. d und e der Verord-</span><br/> <span class="ft4">nung 1 zum Postverkehrsgesetz festgelegte Frist von sieben Tagen,</span><br/> <span class="ft4">innert welchen der Inhaber einer Abholungseinladung zum Bezug der</span><br/> <span class="ft4">darauf vermerkten Sendungen berechtigt ist (vgl. Ziff. 4.6 lit. b der</span><br/> <span class="ft4">,,Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Post [,Postdienst-</span><br/> <span class="ft4">leistungen`]"), hat in diesem Zusammenhang einzig eine ,,entste-</span><br/> <span class="ft4">hungsgeschichtliche" Bedeutung, indem sie - naheliegenderweise -</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">359</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">zur Konkretisierung der Zustellungsfiktion herangezogen wurde.</span><br/> <span class="ft4">Diese besteht und entfaltet ihre Wirkungen aber unabhängig von</span><br/> <span class="ft4">einer fehlerhaften Berechnung der Abholfrist durch die Post. Ähnlich</span><br/> <span class="ft4">wird im Übrigen verfahren, wenn der Adressat der Post einen</span><br/> <span class="ft4">Zurückbehaltungsauftrag erteilt hat; in solchen Fällen wird argu-</span><br/> <span class="ft4">mentiert, der Beginn des Fristenlaufs dürfe vom Adressaten nicht</span><br/> <span class="ft4">beliebig hinausgezögert werden, und wer so handle, müsse in Kauf</span><br/> <span class="ft4">nehmen, dass die Frist nach den allgemeinen Grundsätzen zu laufen</span><br/> <span class="ft4">beginne, welche die Rechtsprechung herausgearbeitet habe, selbst</span><br/> <span class="ft4">wenn dieser Zeitpunkt vor der tatsächlichen Entgegennahme der</span><br/> <span class="ft4">zurückbehaltenen Postsendung liege (vgl. AGVE 1994, S. 465 mit</span><br/> <span class="ft4">Hinweisen). Auch in diesen Fällen ist die Zustellung spätestens am</span><br/> <span class="ft4">letzten Tag der siebentägigen Abholfrist als vollzogen zu erachten.</span><br/> <span class="ft4">b) aa) Galt die fragliche Postsendung somit als am 20. Februar</span><br/> <span class="ft4">1998 zugestellt, begann die zwanzigtägige Beschwerdefrist am</span><br/> <span class="ft4">nachfolgenden Tag zu laufen (§ 81 Abs. 1 ZPO in Verbindung mit</span><br/> <span class="ft4">§ 31 VRPG) und endete am 12. März 1998; die Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft4">schwerde vom 16. März 1998 ist am gleichen Tag zur Post gegeben</span><br/> <span class="ft4">und damit klar verspätet eingereicht worden. Für diesen Fall stellten</span><br/> <span class="ft4">die Beschwerdeführer 2 ein Wiederherstellungsgesuch. Das Baude-</span><br/> <span class="ft4">partement hat dieses gutgeheissen mit der Begründung, Fehler oder</span><br/> <span class="ft4">Irrtümer der Post dürften nicht dem Empfänger angelastet werden.</span><br/> <span class="ft4">Insbesondere dürfe sich dieser darauf verlassen, dass der auf der</span><br/> <span class="ft4">Abholungseinladung vermerkte Endtermin als Zustelldatum anzuse-</span><br/> <span class="ft4">hen sei und eine allfällige Rechtsmittelfrist am darauffolgenden Tag</span><br/> <span class="ft4">zu laufen beginne. Dies müsse vor allem dann gelten, wenn die Be-</span><br/> <span class="ft4">rechnung nicht offensichtlich falsch sei. Bei einer zwei- bis dreitägi-</span><br/> <span class="ft4">gen Abweichung könne davon nicht gesprochen werden. Dem Emp-</span><br/> <span class="ft4">fänger sei es grundsätzlich nicht zuzumuten, die Abholfrist zu über-</span><br/> <span class="ft4">prüfen. Dies gelte auch bei einer anwaltlich vertretenen Partei.</span><br/> <span class="ft4">Nichteintreten wegen Fristversäumnis käme überspitztem Forma-</span><br/> <span class="ft4">lismus gleich.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">360</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">bb) Vorab ist darauf hinzuweisen, dass ein Wiederherstellungs-</span><br/> <span class="ft4">begehren innert 10 Tagen nach dem Wegfall des Hindernisses zu</span><br/> <span class="ft4">stellen ist (§ 98 Abs. 3 ZPO). Für den Beginn der zehntägigen Frist</span><br/> <span class="ft4">ist massgebend, von welchem Zeitpunkt an der Gesuchsteller objek-</span><br/> <span class="ft4">tiv in der Lage war, zu handeln (Alfred Bühler / Andreas Edelmann /</span><br/> <span class="ft4">Albert Killer, Kommentar zur Aargauischen Zivilprozessordnung,</span><br/> <span class="ft4">Aarau 1998, § 98 N 16).</span><br/> <span class="ft4">Mit Schreiben vom 27. Mai 1998 wurden die Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft4">rer 2 durch das Baudepartement darauf aufmerksam gemacht, dass</span><br/> <span class="ft4">die Beschwerdeeinreichung zu spät erfolgt sei. Mit Schreiben vom</span><br/> <span class="ft4">29. Mai 1998 nahmen die Beschwerdeführer 2 alsdann zu diesem</span><br/> <span class="ft4">Vorhalt Stellung. Die zehntägige Frist für die Stellung eines Wieder-</span><br/> <span class="ft4">herstellungsbegehrens begann demnach spätestens am 29. Mai 1998</span><br/> <span class="ft4">zu laufen und endete am 8. Juni 1998. Einen sinngemässen Antrag</span><br/> <span class="ft4">auf Wiederherstellung der Frist haben die Beschwerdeführer 2 jedoch</span><br/> <span class="ft4">erstmals in ihrer Eingabe vom 9. Juli 1998 gestellt; auch diese</span><br/> <span class="ft4">Eingabe erfolgte somit klarerweise verspätet, weshalb auf das Wie-</span><br/> <span class="ft4">derherstellungsbegehren nicht hätte eingetreten werden dürfen.</span><br/> <span class="ft4">cc) Weiter würde eine Wiederherstellung voraussetzen, dass</span><br/> <span class="ft4">,,eine Partei oder ihr Vertreter ohne Verschulden verhindert war, eine</span><br/> <span class="ft4">Frist einzuhalten" (§ 98 Abs. 1 ZPO). Als Hinderungsgründe werden</span><br/> <span class="ft4">nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts etwa anerkannt:</span><br/> <span class="ft4">Ernstliche Erkrankung des Verfügungsadressaten, Unglücks- oder</span><br/> <span class="ft4">Todesfall in dessen Familie, Militärdienst und nicht voraussehbare</span><br/> <span class="ft4">Landesabwesenheit, aber auch weitere in der Regel subjektive</span><br/> <span class="ft4">Gründe, welche die objektiv nicht unausweichliche Fristversäumnis</span><br/> <span class="ft4">als entschuldbar erscheinen lassen. Daraus folgt, dass nicht jede Ver-</span><br/> <span class="ft4">hinderung im Laufe der zwanzigtägigen Beschwerdefrist eine Wie-</span><br/> <span class="ft4">derherstellung zu rechtfertigen vermag. Es muss entscheidend darauf</span><br/> <span class="ft4">ankommen, wie sich der geltend gemachte Hinderungsgrund im</span><br/> <span class="ft4">konkreten Fall ausgewirkt hat. Dabei können im Einzelfall ver-</span><br/> <span class="ft4">schiedene Kriterien eine Rolle spielen, so etwa die Voraussehbarkeit</span><br/> <span class="ft4">des Hinderungsgrundes, die vor dem Eintritt oder nach Wegfall des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">361</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Hinderungsgrundes verbleibende Zeitspanne zur Abfassung der Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerde, allenfalls die Komplexität des Falles wie auch der Um-</span><br/> <span class="ft4">stand, ob der säumige Beschwerdeführer anwaltlich vertreten ist oder</span><br/> <span class="ft4">nicht oder ob ihm zuzumuten ist, sonst eine Drittperson mit der</span><br/> <span class="ft4">Vornahme der Prozesshandlung zu betrauen. Das Gesetz stellt die</span><br/> <span class="ft4">Wiederherstellung unter die Voraussetzung der Schuldlosigkeit (§ 98</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 ZPO), verlangt also, dass der säumigen Partei kein Vorwurf</span><br/> <span class="ft4">gemacht werden kann; ein Verschulden ist nur zu verneinen, wenn</span><br/> <span class="ft4">die Säumnis auch bei der vom Säumigen zu erwartenden Sorgfalt</span><br/> <span class="ft4">und unter den gegebenen Umständen nicht abgewendet werden</span><br/> <span class="ft4">konnte (vgl. zum Ganzen: BGE 112 V 255 f. mit Hinweisen; AGVE</span><br/> <span class="ft4">1992, S. 385 ff.; 1991, S. 324; 1984, S. 82 f.; 1983, S. 150 ff.; Büh-</span><br/> <span class="ft4">ler/Edelmann/Killer, a.a.O., § 98 N 7 ff.).</span><br/> <span class="ft4">Der klassische Wiederherstellungstatbestand besteht nach dem</span><br/> <span class="ft4">Gesagten darin, dass die betreffende Partei oder ihr Vertreter aus in</span><br/> <span class="ft4">ihrer Person liegenden Gründen verhindert waren, eine Frist, die zu</span><br/> <span class="ft4">laufen begonnen hat, einzuhalten. Im vorliegenden Falle geht es um</span><br/> <span class="ft4">keine derartige Verhinderung, sondern darum, dass sich der Rechts-</span><br/> <span class="ft4">vertreter der Beschwerdeführer 2 wegen der irrtümlichen Berech-</span><br/> <span class="ft4">nung der Abholfrist durch den Postbeamten dazu verleiten liess, die</span><br/> <span class="ft4">Verwaltungsbeschwerde vom 16. März 1998 nicht rechtzeitig zur</span><br/> <span class="ft4">Post zu geben. Es kann dahingestellt bleiben, ob auch ein derartiger</span><br/> <span class="ft4">Fall unter § 98 Abs. 1 ZPO zu subsumieren ist, da ein ausreichender</span><br/> <span class="ft4">Wiederherstellungsgrund ohnehin nicht gegeben ist, wie sich im Fol-</span><br/> <span class="ft4">genden zeigt. Es gehört nämlich zu den Sorgfaltspflichten des Verfü-</span><br/> <span class="ft4">gungsadressaten, nach der fristauslösenden Zustellung eines Ver-</span><br/> <span class="ft4">waltungsakts den Ablauf der Rechtsmittelfrist zu berechnen und</span><br/> <span class="ft4">dafür zu sorgen, dass das Rechtsmittel rechtzeitig bei der Rechtsmit-</span><br/> <span class="ft4">telinstanz eingereicht wird. Dabei muss und darf verlangt werden,</span><br/> <span class="ft4">dass die einschlägigen gesetzlichen Vorschriften (namentlich die</span><br/> <span class="ft4">§§ 81 f. ZPO) bekannt sind und beachtet werden; Unkenntnis schützt</span><br/> <span class="ft4">vor den nachteiligen Folgen einer falschen Fristberechnung nicht.</span><br/> <span class="ft4">Dies gilt grundsätzlich auch in jenen Spezialfällen, in welchen für</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">362</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">den Zeitpunkt der Zustellung bzw. für den Beginn des Fristenlaufs</span><br/> <span class="ft4">die erwähnte Zustellungsfiktion massgebend ist. Zumindest einem</span><br/> <span class="ft4">rechtskundigen Vertreter muss die klare Praxis des Bundesgerichts,</span><br/> <span class="ft4">welche seit mindestens anfangs der Sechzigerjahre besteht (wobei</span><br/> <span class="ft4">seit mindestens 1971 auf die siebentägige Abholfrist zurückgegriffen</span><br/> <span class="ft4">wurde [vgl. BGE 97 III 10 mit Hinweisen]) und vom Verwal-</span><br/> <span class="ft4">tungsgericht übernommen wurde, bekannt sein; er muss auch wissen,</span><br/> <span class="ft4">dass sich die Bedeutung der vom Postbeamten auf dem gelben For-</span><br/> <span class="ft4">mular eingetragenen Abholfrist in der Berechtigung des Empfängers</span><br/> <span class="ft4">erschöpft, die Sendung innert dieser Frist am Postschalter abzuholen</span><br/> <span class="ft4">(vgl. Ziff. 4.6 lit. b der ,,Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Post</span><br/> <span class="ft4">[,Postdienstleistungen`]"), und dass eine längere als siebentägige Ab-</span><br/> <span class="ft4">holfrist nicht gleichzeitig auch eine Verlängerung der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft4">frist bedeutet. Von einem Anwalt darf zudem grössere Sorgfalt ver-</span><br/> <span class="ft4">langt werden als von einer in rechtlichen Dingen unerfahrenen Partei</span><br/> <span class="ft4">(vgl. Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., § 98 N 7). Den Grundsatz von</span><br/> <span class="ft4">Treu und Glauben können die Beschwerdeführer in diesem Zusam-</span><br/> <span class="ft4">menhang ebenfalls nicht anrufen, da es nicht um eine <i>behördliche</i></span><br/> <span class="ft4">Zusicherung oder um anderes, bestimmte Erwartungen begründendes</span><br/> <span class="ft4">Verhalten einer <i>Behörde</i> geht (BGE 118 Ia 254 mit Hinweis); anders</span><br/> <span class="ft4">liegt diesbezüglich etwa der Fall, dass Behördemitglieder selber dem</span><br/> <span class="ft4">Verfügungsadressaten die Erstreckung einer gesetzlich bestimmten</span><br/> <span class="ft4">Frist zusichern (vgl. Pra 78/1989, S. 261 ff.). Die gegenteilige Auf-</span><br/> <span class="ft4">fassung des Baudepartements erachtet das Verwaltungsgericht nicht</span><br/> <span class="ft4">als schlüssig. Unrichtig ist einmal die Annahme, nur die Post habe in</span><br/> <span class="ft4">Bezug auf die Abholfrist Kenntnis vom Beginn des Fristenlaufs;</span><br/> <span class="ft4">vielmehr kann der Adressat aus dem gelben Formular u. a. entneh-</span><br/> <span class="ft4">men, von wann an er die betreffende Postsendung am Postschalter</span><br/> <span class="ft4">abholen kann (im vorliegenden Falle war es der 14. Februar 1998),</span><br/> <span class="ft4">und davon ausgehend den letzten Tag der Abholfrist berechnen.</span><br/> <span class="ft4">Ebenso wenig trifft es zu, dass es überspitztem Formalismus gleich-</span><br/> <span class="ft4">kommt, wenn die Beschwerdefrist als versäumt erachtet wird. Das</span><br/> <span class="ft4">Bundesgericht betont stets wieder, dass prozessuale Formen uner-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">363</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">lässlich sind, um die ordnungsgemässe Abwicklung des Verfahrens</span><br/> <span class="ft4">sowie die Durchsetzung des materiellen Rechts zu gewährleisten; nur</span><br/> <span class="ft4">wenn prozessuale Formstrenge durch kein schutzwürdiges Interesse</span><br/> <span class="ft4">mehr gerechtfertigt ist und zum blossen Selbstzweck wird, kann von</span><br/> <span class="ft4">überspitztem Formalismus gesprochen werden (BGE 125 I 170 mit</span><br/> <span class="ft4">Hinweisen; AGVE 1996, S. 389 f.). Von überspannten Anforderun-</span><br/> <span class="ft4">gen kann nun sicherlich keine Rede sein, wenn vom rechtskundigen</span><br/> <span class="ft4">Verfügungsadressaten lediglich verlangt wird, dass er, nachdem er</span><br/> <span class="ft4">von einer postalischen Abholungseinladung Kenntnis erhalten hat, in</span><br/> <span class="ft4">eigener Verantwortung sorgfältig den Ablauf der Abholungsfrist</span><br/> <span class="ft4">eruiert. Schliesslich lässt sich der vorliegende Fall auch nicht mit</span><br/> <span class="ft4">dem vom Baudepartement zitierten BGE 121 II 77 ff. vergleichen;</span><br/> <span class="ft4">dort ging es um die Folgen einer unrichtigen Rechtsmittelbelehrung</span><br/> <span class="ft4">für den anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer, wobei - im offen-</span><br/> <span class="ft4">kundigen Unterschied zum vorliegenden Fall - von einer noch nicht</span><br/> <span class="ft4">bis ins letzte klaren Praxis auszugehen war. Ein ,,Verschulden" im</span><br/> <span class="ft4">Sinne von § 98 Abs. 1 ZPO ist somit zu bejahen, womit eine Wieder-</span><br/> <span class="ft4">herstellung der Beschwerdefrist selbst bei Beachtung der in Abs. 3</span><br/> <span class="ft4">derselben Bestimmung statuierten Frist ausser Betracht fallen würde.</span><br/> <span class="ft4">dd) Die Beschwerdeführer 2 sind der Meinung, die Wiederher-</span><br/> <span class="ft4">stellung einer Frist sei ,,eine ausgesprochene Ermessensfrage", die</span><br/> <span class="ft4">das Verwaltungsgericht von seiner eingeschränkten Kognition her</span><br/> <span class="ft4">nicht überprüfen dürfe. Richtig ist zwar, dass die Kognition des Ver-</span><br/> <span class="ft4">waltungsgerichts im vorliegenden Fall auf die Rechtskontrolle be-</span><br/> <span class="ft4">schränkt ist. Zutreffend ist auch, dass der als ,,Kann-Formel" ausge-</span><br/> <span class="ft4">staltete § 98 Abs. 1 ZPO der rechtsanwendenden Behörde ein sog.</span><br/> <span class="ft4">Entschliessungsermessen (Wahl der Rechtsfolge) einräumt (Michael</span><br/> <span class="ft4">Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren nach dem</span><br/> <span class="ft4">aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Kommentar</span><br/> <span class="ft4">zu den §§ 38 - 72 VRPG, Zürich 1998, § 49 N 21). Die Feststellung,</span><br/> <span class="ft4">ob die Tatbestandsvoraussetzungen erfüllt sind, d. h. eine Partei oder</span><br/> <span class="ft4">ihr Vertreter ohne Verschulden verhindert war, eine Frist einzuhalten,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">364</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">ist indessen eine reine Rechtsfrage, die das Verwaltungsgericht über-</span><br/> <span class="ft4">prüfen darf.</span><br/> <span class="ft4">c) Das Vorliegen der Sachurteilsvoraussetzungen - wozu auch</span><br/> <span class="ft4">die Einhaltung der Rechtsmittelfrist gehört - ist als Rechtsfrage von</span><br/> <span class="ft4">Amtes wegen zu prüfen (Merker, a.a.O., Vorbemerkungen zu § 38,</span><br/> <span class="ft4">N 3). Der Rüge eines der Verfahrensbeteiligten, mit welcher auf die</span><br/> <span class="ft4">fehlende Sachurteilsvoraussetzung hingewiesen wird, bedarf es dabei</span><br/> <span class="ft4">nicht (Fritz Gygi, Bundesverwaltungsrechtspflege, Bern 1983, S. 73).</span><br/> <span class="ft4">Hat die Vorinstanz übersehen, dass es an einer Sachurteils-</span><br/> <span class="ft4">voraussetzung fehlt, oder ist sie diesbezüglich zu einem falschen Er-</span><br/> <span class="ft4">gebnis gelangt, so ist dieser Fehler auch noch im Rechtsmittelver-</span><br/> <span class="ft4">fahren von Amtes wegen zu beachten. Unabhängig davon, von wem</span><br/> <span class="ft4">das Rechtsmittel stammt, ist der angefochtene Entscheid aufzuheben,</span><br/> <span class="ft4">und es ist unter Beachtung des Prozessmangels neu zu befinden</span><br/> <span class="ft4">(Merker, a.a.O., Vorbemerkungen zu § 38, N 4; Gygi, a.a.O., S. 73;</span><br/> <span class="ft4">René Rhinow / Heinrich Koller / Christina Kiss, Öffentliches Pro-</span><br/> <span class="ft4">zessrecht und Justizverfassungsrecht des Bundes, Basel und Frank-</span><br/> <span class="ft4">furt am Main 1996, Rz. 950; vgl. zum Ganzen auch: VGE III/138</span><br/> <span class="ft4">vom 13. Oktober 1998 in Sachen W. u. M., S. 10). In diesem Sinne</span><br/> <span class="ft4">ist der Entscheid des Baudepartements vom 19. März 1999 von Am-</span><br/> <span class="ft4">tes wegen zu korrigieren (vgl. auch AGVE 1993, S. 392 f.).</span><br/> <span class="ft4">(Redaktioneller Hinweis: Das Bundesgericht hat eine gegen den</span><br/> <span class="ft4">Verwaltungsgerichtsentscheid erhobene staatsrechtliche Beschwerde</span><br/> <span class="ft4">mit Urteil vom 30. August 2000 abgewiesen [1P.264/2000, zur Pu-</span><br/> <span class="ft4">blikation vorgesehen; siehe auch Schweizerische Juristenzeitung</span><br/> <span class="ft4">&lt;SJZ&gt; 96/2000, S. 474 f.])</span><br/></div> </div> </body> </html>