Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 17. März 2022 (720 21 290 / 56) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Gestützt auf die plausible ärztliche Einschätzung ist mit überwiegender Wahrscheinlich- keit von einer Vortäuschung von Leistungseinschränkungen auszugehen, weshalb keine Grundlage für eine Invalidenrente besteht Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Jürg Pulver, Kantons- richterin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiberin Barbara Vögtli Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Carole Held, Rechtsan- wältin, Rechtsdienst Behindertenforum, Bachlettenstrasse 12, 4054 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. A.____, geboren 1962, arbeitete vom 1. Februar 2 002 bis 28. Februar 2018 in einem 70 % Pensum als Reinigungsmitarbeiterin in einem Besch äftigungs- und Wohnheim. Nachdem ein externes Unternehmen mit der Reinigung des Heims beauftragt worden war, wurde ihr aus wirtschaftlichen Gründen vom Arbeitgeber gekündigt. Am 26. April 2018 meldete sie sich bei der Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) zum Bezug von Leistungen an. Mit Verfügung vom 12. Au- gust 2021 lehnte die IV-Stelle einen Rentenanspruch a b. Begründet wurde die Leistungsableh- nung mit dem Umstand, der psychiatrische Gutachter Dr. med. B.____, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie, sei im Gutachten vom 12. Oktober 2020 zum Schluss gekommen, dass eine valide Beurteilung insbesondere der Arbeitsfähigkeit aufgrund der mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit vorgetragenen Aggravation / Simulation n icht möglich sei. Beruhe die Leistungs- einschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Konstellation, liege regelmässig kein versi- cherter Gesundheitsschaden vor. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch Advokatin Carole Held, Behin- dertenforum, mit Eingabe vom 14. September 2021 Besc hwerde beim Kantonsgericht Basel- Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsge richt), und liess unter o/e-Kosten- folge beantragen, es sei die angefochtene Verfügung a ufzuheben und es sei ihr aufgrund ihrer Arbeitsfähigkeit von maximal 40 % eine entsprechende R ente auszurichten. Eventualiter sei durch das Kantonsgericht zur abschliessenden Klärung der Arbeitsfähigkeit ein Obergutachten in der Fachrichtung Psychiatrie einzuholen. C. In ihrer Vernehmlassung vom 29. September 2021 bea ntragte die IV-Stelle die Abwei- sung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Auf die frist- und formgerecht beim örtlich wie sac hlich zuständigen Kantonsgericht er- hobene Beschwerde vom 14. September 2021 ist einzutreten. 2. Zwischen den Parteien ist streitig, ob die Beschwerdeg egnerin zur Beurteilung des Ren- tenanspruchs der Beschwerdeführerin zu Recht auf das Gutachten von Dr. B.____ vom 12. Ok- tober 2020 abstellte. 3.1 Am 1. Januar 2022 trat die vom Gesetzgeber am 19. Juni 2020 beschlossene Änderung des IVG ("Weiterentwicklung der IV", WEIV) in Kraft. D ie vorliegend angefochtene Verfügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V 354 E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversiche- rung (IVG) vom 19. Juni 1959 und diejenigen der Vero rdnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 sowie des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialver- sicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendbar (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Feb ruar 2022, 8C_455/2021 E. 2). Sie werden im Folgenden jeweils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet. 3.2.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teil- weise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsun fähigkeit ist der durch Beeinträchti- gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglich- keiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge- sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgab en eines anerkannten Klassifikations- systems abgestützte Diagnose voraus (BGE 145 V 215 E. 5 .1 mit weiteren Hinweisen). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleich- bedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diag nose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein . Entscheidend ist dabei, ob es der leistungsbeanspruchenden, materiell beweisbelasteten versicherten Person gelingt, auf objekti- vierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer rechtlic h relevanten Arbeits- und Erwerbsunfä- higkeit zu erbringen (Art. 7 Abs. 2 ATSG; BGE 143 V 409 E. 4.5.2 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2). Medizinisch-psychiatrisch nicht begründbare Selbsteinschätzungen und -limitierun- gen sind nicht als invalidisierende Gesundheitsbeeintr ächtigungen anzuerkennen (BGE 141 V 281 E. 3.7.1). Der Rechtsanwender bzw. die Rechtsanwenderin prüft die medizinischen Angaben frei darauf hin, ob die Ärzte sich insbesondere an die massgebenden normativen Rahmenbedin- gungen gehalten haben und ob respektive in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen an- hand der rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (BGE 145 V 361 E. 3.2.2; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 7. Februar 2020, 8C_423/2019, E. 3.2.2). 3.2.2 Gemäss bundesgerichtlicher Praxis liegt keine versich erte Gesundheitsschädigung vor, soweit die Leistungseinschränkung auf Aggravation, Simul ation oder einer ähnlichen Erschei- nung beruht. Hinweise auf solche und andere Äusserungen eines sekundären Krankheitsgewinns ergeben sich namentlich, wenn eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilderten Schmer- zen und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese besteht, intensive Schmerzen angegeben werden, deren Charakterisierung jedoch vage bleibt, keine medizinische Behandlung und Thera- pie in Anspruch genommen wird, demonstrativ vorgetrag ene Klagen auf den Sachverständigen unglaubwürdig wirken, schwere Einschränkungen im Alltag behauptet werden, das psychosoziale Umfeld jedoch weitgehend intakt ist. Nicht per se auf Aggravation weist blosses verdeutlichendes Verhalten hin (Urteil des Bundesgerichts vom 18. Dezem ber 2019, 9C_462/2019, E. 4.2.1 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 2.2.1). Wann ein Verhalten (nur) verdeutlichend und unter welchen Voraussetzungen die Grenze zur Aggravation und vergleic hbaren leistungshindernden Konstel- lationen überschritten ist, bedarf einer einzelfallbe zogenen, sorgfältigen Prüfung auf einer mög- lichst breiten Beobachtungsbasis auch in zeitlicher Hinsicht (Urteil des Bundesgerichts vom 18. Dezember 2019, 9C_462/2019, E. 4.2.2). Besteht im Einzelfall Klarheit darüber, dass solche Aus- schlussgründe die Annahme einer Gesundheitsbeeinträchtigung verbieten, so besteht von vorn- herein keine Grundlage für eine Invalidenrente, selbst wenn die klassifikatorischen Merkmale ei- ner Störung gegeben sein sollten (vgl. Art. 7 Abs. 2 erster Satz ATSG). Soweit die betreffenden Anzeichen neben einer ausgewiesenen verselbständigten Ge sundheitsschädigung auftreten, sind deren Auswirkungen derweil im Umfang der Aggravation zu bereinigen (Urteil des Bundes- gerichts vom 18. Dezember 2019, 9C_462/2019, E. 4.2.3 mit Hinweisen). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3 Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG versicherte Personen, die: a. ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, er halten oder verbessern können; b. während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % ar- beits-unfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und c. nach A blauf dieses Jahres zu mindestens 40 % in-valid (Art. 8 ATSG) sind. Bei einem Invalidit ätsgrad von mindestens 40 % besteht An- spruch auf eine Viertelsrente, bei einem Invaliditätsgr ad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditäts-grad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG). Für die Bemes- sung der Invalidität von erwerbstätigen versicherten Personen ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). 4.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung – und im Beschwerdefall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche Fachleute zur Verfügung stellen. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen u nd dazu Stellung zu nehmen, in wel- chem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versiche rte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grun dlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 f.). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmli che Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das kantonal e Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange um- fassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksich- tigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizini- schen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizin ischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1). Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutach- ten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Un- tersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erst atten und bei der Erörterung der Be- funde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.3 Das Administrativverfahren vor der IV-Stelle und da s Verfahren vor dem kantonalen So- zialversicherungsgericht sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben IV-Stelle und Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinrei- chende Klarheit besteht (Urteil des Bundesgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Recht slage. Die Verwaltung als verfügende Instanz und im Beschwerdefall das Gericht dürfen eine Tatsache sodann nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. I m Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Be- weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimm- ten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sach- verhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen mögliche n Geschehensabläufen als die wahr- scheinlichste würdigt (BGE 126 V 353 E. 5b). 5.1 Die Beschwerdegegnerin stützt sich in der angefocht enen Verfügung auf das psychiat- rische Gutachten von Dr. B.____ vom 12. Oktober 2020. 5.2 Dr. B.____ gelangt in seinem Gutachten auf S. 34 zum Schluss, dass die kognitiven Beschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit vorgetäuscht worden seien, weshalb keine valide diagnostische Beurteilung erfolgen könne. Ab S. 35 ff. legt er dar, dass aufgrund der Be- schwerdenpräsentation und der Ergebnisse der Performan cevalidierungsverfahren, der Symp- tomvalidierungsverfahren sowie der Symptom-Checkliste eine valide Beurteilung der Persönlich- keit nicht gemacht werden könne. Es sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer Aggra- vation oder Simulation kognitiver Beschwerden auszugehen. Auch habe die Symptomvalidierung einen praktisch sicheren Nachweis einer ungültigen Beschwerdenangabe gezeigt. Es könne da- her nicht unterschieden werden, welche Symptome tatsächl ich vorhanden seien und welche nicht. Gleiches gelte für die Präsentation der Persönli chkeit. Da eine diagnostische Beurteilung nicht mit hinreichender Sicherheit möglich sei, könne a uch nicht zu möglichen therapeutischen Massnahmen Stellung genommen werden. Die von der Explorandin präsentierten Einschränkun- gen seien nicht in allen Lebenslagen vorhanden. In de r Performancevalidierung habe sich ein mnestischer Totalausfall gezeigt, das Antwortverhalten habe auch nach mehreren Lerndurchgän- gen im Zufallsbereich gelegen. Ein gleiches Ergebnis wär e von einem Zufallsgenerator erzielt worden. Mit einem solchen mnestischen Totalausfall wäre die Explorandin nicht in der Lage, ein Gespräch zu führen, einzukaufen oder zu kochen. Die beklagten Funktionseinbussen seien nicht konsistent, nicht plausibel, die Untersuchungsergebnisse nicht valide und nicht nachvollziehbar. Da sich in der Performancevalidierung im Alternativverfahren ein Antwortverhalten im Zufallsbe- reich gezeigt habe, sei gemäss den Kriterien nach Slick mi t überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer Aggravation oder Simulation bzw. einer Vortä uschung kognitiver Störungen auszuge- hen. Die von der Explorandin präsentierten Beschwerden könnten nicht in dieser Form vorhanden sein. Umgekehrt lasse sich jedoch auch nicht sagen, dass keine Beschwerden vorhanden seien. Es könne aber nicht beurteilt werden, welche Symptome tatsächlich vorhanden und welche nicht Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht vorhanden seien, weshalb eine valide Beurteilung nicht möglich sei. Auch könne keine Bewertung der Untersuchungsergebnisse in Bezug auf die Akteninformationen erfolgen. 5.3 Das Gutachten von Dr. B.____ genügt grundsätzlich de n Anforderungen, die rechtspre- chungsgemäss an den Beweiswert eines Arztberichts zur Beurteilung von Leistungsansprüchen im Sozialversicherungsrecht gestellt werden (vgl. dazu hiervo r Erwägung 4.2). Der Gutachter sichtete die vorhandenen Akten und listete sie im Gutac hten auf, untersuchte die Beschwerde- führerin persönlich und erhob in allen Bereichen eine vollständige Anamnese (Familie, Kindheit, Schule, Lehre und Beruf). Er berücksichtigte zudem die von der Beschwerdeführerin geltend ge- machten Beschwerden. Seine Beurteilung erweist sich bezüglich der Schlussfolgerung, wonach er aufgrund seiner Testungen keine Diagnose stellen könne, als differenziert und begründet. Da- mit kommt dem Gutachten grundsätzlich volle Beweiskraft zu und es ist darauf abzustellen, so- lange nicht konkrete Indizien Zweifel an der Zuverlässigkeit der Beurteilung hervorrufen. 5.4.1 Die Beschwerdeführerin wendet ein, es gehe aus dem Gutachten hervor, dass sie wäh- rend der Performancevalidierungstests schon sehr müde gewesen sei, über Kopfschmerzen ge- klagt habe bzw. darüber, dass die Aufgaben zu schwer für sie seien. Sie sei ganz offensichtlich gestresst und im Laufe der Begutachtung auch erschöpft gewesen, was durchaus ein Grund für die gemäss Dr. B.____ auffälligen Testergebnisse sein könne. 5.4.2 Dr. B.____ legt im Rahmen des von ihm erhobene n Befunds auf S. 28 dar, dass die Versicherte nach ca. 65 Minuten eine Pause verlangt habe. Es sei auffallend gewesen, dass sie bei der Durchführung der Performancevalidierung über starke Kopfschmerzen geklagt habe, und sie sich dahingehend geäussert habe, dass ihr die Aufgabe zu viel sei und sie nicht mehr könne. Ein Schmerzverhalten sei aber nicht sichtbar gewesen sei, auch hätten sich über das dreistündige Gespräch keine Konzentrationsschwierigkeiten gezeigt. Die Versicherte habe sehr auf die Be- schwerden eingeengt gewirkt. Aus dem psychiatrischen Befund ist keine offensichtliche Erschöp- fung der Beschwerdeführerin während der Untersuchung h erauszulesen. Die Schlussfolgerun- gen von Dr. B.____ stützen sich nicht nur auf die in den Validierungstests gezeigten Leistungen, sondern auch auf die übrigen Testungen und Beobachtunge n während der Untersuchung. Die Untersuchung wurde zudem nach 65 Minuten unterbrochen und gemäss Dr. B.____ handle es sich bei den Performancevalidierungsverfahren um sehr leichte Aufgaben. Darüber hinaus kann das bewusste Verzerren von Antworten als willentliche L eistung nicht mit einer Überforderung erklärt werden. In Anbetracht dieser Feststellungen ist die Beurteilung von Dr. B.____ auf S. 34 des Gutachtens, dass er die Beschwerdenpräsentation während der Untersuchung für überzogen halte und die vorgebrachte Überforderung für ihn nicht nachvollziehbar sei, schlüssig. 5.5.1 Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, D r. med. C.____, Psychiatrie und Psy- chotherapie FMH, kritisiere die Durchführung von Perform ancevalidierungstests durch Dr. B.____, obwohl valide klinische Symptome vorliegen würd en. Zudem weist sie darauf hin, dass alle vorbehandelnden bzw. begutachtenden Fachärzte kein e Hinweise für ein aggravatorisches Verhalten gefunden hätten. Weder im Gutachten von Dr. med. univ. D.____, Facharzt für Psychi- atrie und Psychotherapie FMH, vom 14. Mai 2018 noch im Gutachten von Dr. med. E.____, Fach- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 18. März 2019 sei auch nur der kleinste entspre- chende Hinweis zu finden. Auch Dr. C.____ habe im Verlauf seiner zwischenzeitlich mehrjährigen Behandlung nie auch nur den leisesten Verdacht bezüglich Aggravation geäussert. 5.5.2 Auf S. 23 des Gutachtens sind die Angaben der Besch werdeführerin aufgeführt, die sie gegenüber Dr. B.____ machte. Sie gab dabei auf die Frage nach ihren Beschwerden vor allem körperliche Schmerzen oder Beschwerden an. Zudem hielt si e fest, dass sie immer traurig sei, kein Selbstwertgefühl habe und sich nicht freuen könne. Wenn sie lache, denke sie, dass irgen- detwas passieren werde. Das sei schon seit der Kindheit so. Zudem sei es ihr nach Erhalt der Kündigung im November 2017 sehr schlecht gegangen und sie habe dann einen Psychiater auf- gesucht. Weiter gab sie an, dass sie schon als Kind psychische Schwierigkeiten gehabt habe und diese nach der Kündigung wieder zugenommen hätten. In Anbetracht dieser vagen Beschreibun- gen ist die Entscheidung von Dr. B.____, eine Beschwerdenvalidierung durchzuführen, nachvoll- ziehbar. Schwerwiegende psychiatrische klinische Symptome, die von Dr. B.____ nur ungenü- gend berücksichtigt worden wären und die allenfalls die Durchführung eines Performancevalidie- rungstests hätten erübrigen können, schilderte die Beschwerdeführerin nicht. Darüber hinaus un- terscheiden sich die von Dr. B.____ im Juli bzw. im September 2020 erhobenen Befunde doch in wesentlichen Punkten von denjenigen, die Dr. D.____ und Dr. E.____ erhoben hatten. Dr. E.____ hält fest, dass die Versicherte bewusstseinsklar und allseits orientiert sei. Gedächtnis und Merkfä- higkeit seien im Gespräch unauffällig. Aufmerksamkeit und Konzentration seien reduziert. Im for- malen Denken wirke sie verlangsamt, misstrauisch, gehemmt bis blockiert. Der Redefluss sei stockend und es bestünden Misstrauen und diffuse Ängste. Zwang, Wahn, Sinnestäuschung oder Ich-Störung seien nicht eruierbar. Der affektive Rapport sei schwer herstellbar, während des Ge- sprächs habe kein Augenkontakt stattgefunden. Die Schwing ungsfähigkeit sei deutlich einge- schränkt und zum depressiven Pol verschoben. Sie wirke affektarm, bedrückt, ratlos bis verzwei- felt, psychomotorisch verlangsamt, die Mimik sei kaum vorhan den, der Antrieb deutlich vermin- dert. Sie schildere eine rasche Energielosigkeit und Erschöpfung, Morgentief und Ein- und Durch- schlafstörungen. Es bestünden Suizidgedanken, aber keine akute Selbst- oder Fremdgefähr- dung. Dr. D.____ seinerseits hält unter anderem fest, dass die Versicherte deutlich affektlabil sei, der affektive Rapport knapp herstellbar sei, sie vermin dert schwingungsfähig und verunsichert sei. Im Antrieb sei sie reduziert, es bestünden Durchschlafstörungen und es seien mehrfach Su- izidgedanken aufgetreten. Demgegenüber sprach die Beschw erdeführerin gemäss psychiatri- schem Befund von Dr. B.____ mit klarer Stimme. Sie habe den Blickkontakt gut aufrechterhalten können. Über die gesamten drei Stunden des Gesprächs habe sie keine groben Konzentrations- störungen gezeigt, ein Schmerzverhalten sei nicht sichtbar gewesen. Denkstörungen wie Wahn- stimmung, Wahnwahrnehmung, Wahneinfall, Wahngedanken oder einen systematisierten Wahn habe sie genauso verneint wie Ich-Störungen. Verneint habe sie auch Symptome wie ein vermin- dertes Schlafbedürfnis, zum Einschlafe würde sie 15 - 30 Minuten benötigen, sie erwache früh- morgens, könne aber wieder einschlafen. Auch leide sie nach eigenen Angaben weder unter Wahrnehmungsstörungen noch unter Sinnestäuschungen. Auf Nachfrage nach Panikattacken habe sie ausgeführt, sie habe Herzklopfen, wenn sie die Polizei oder die Sanität höre, sie denke dann an etwas Schlechtes und bekomme auch Atemnot. Dies dauere einige Sekunden und trete seit ihrer Kindheit fast jeden Tag auf. Weiter falle n widersprüchliche Angaben gegenüber den früheren Begutachtungssituationen auf. So sagte die Be schwerdeführerin beispielsweise in der Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Begutachtung bei Dr. B.____ aus, es habe am Arbeitspla tz Probleme mit Mitarbeitern gegeben, diese hätten sie für Dinge beschuldigt, die sie nicht ge macht habe, was sie sehr verletzt habe. Dagegen erklärte sie gegenüber Dr. D.____ im Mai 2018 , sie habe die Arbeit immer gern ge- macht, sich bei der Arbeit mit Kollegen und Vorgesetzte n gut verstanden und sich dort "wie zu Hause gefühlt". 5.5.3 Zunächst ist festzustellen, dass sich die drei Beguta chtungssituation aufgrund des je- weils erhobenen psychiatrischen Befunds nicht vergleichen lassen. Die Entscheidungen von Dr. D.____ und Dr. E.____, keine Tests zur Validieru ng der geschilderten Beschwerden durch- zuführen, sondern lediglich auf die von der Beschwerdefü hrerin vorgebrachte Beschwerden- symptomatik abzustellen, sprechen damit nicht gegen die Beurteilung von Dr. B.____. Es liegt in der Verantwortung des Gutachters oder der Gutachterin, eine Beschwerdenvalidierung zu erbrin- gen, um dem Rechtsanwender eine zutreffende Entscheidungsgrundlage zu bieten und den me- dizinischen Qualitätskriterien gerecht zu werden (CAROLE KEPPLER / ANDREA MARIA PLOHMANN / MARLON PFLUEGER / KRISTIN RABOVSKY / WOLF LANGEWITZ / RAPLH MAGER , Beschwerdenvalidie- rung in der versicherungsmedizinischen Begutachtung, in: Fortschritte der Neurologie - Psychi- atrie, 2017, Bd. 85, S. 17 ff.). Hinzu kommt, dass es zur Symptomvalidierung auch keinen "An- fangsverdacht" braucht. Anders müsste wohl beurteilt wer den, wenn Dr. D.____ und Dr. E.____ Beschwerdenvalidierungstests d urchgeführt hätten und sich keine Antwortverzerrung gezeigt hätte. Weiter zeigt sich, dass si ch die Beschwerdeführerin in den früheren Beurteilungen deutlich anders präsentierte al s während der Begutachtung von Dr. B.____, was logischerweise auch zu Differenzen in der Herleitung resp. Nichtherleitung von Di- agnosen führen kann, ohne dass dies Dr. B.____ im Sinn e einer nicht nachvollziehbaren Beur- teilung anzulasten wäre. 5.6.1 Die Beschwerdeführerin weist sodann darauf hin, dass alle vorbehandelnden Fachärzte bzw. die vom Krankentaggeldversicherer aufgebotenen Psychiater psychiatrische Diagnosen ge- stellt hätten, denen Folge zu leisten seien. 5.6.2 Dr. C.____ stellt in seinen Berichten vom 11. Mai 2018 und vom 4. Juni 2018 die Diag- nose einer mittelgradigen bis intermittierend schwere n depressiven Episode mit somatischem Syndrom und mit emotional instabilen und asthenischen Persönlichkeitsanteilen. Die Beschwer- deführerin ist seit 4. Mai 2018 bei ihm in Behandlung. Dr. D.____ diagnostiziert mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ein depressives Zustandsbild mi t deutlich reaktiver Komponente, im Schweregrad einer mittelgradigen depressiven Episode na ch/bei Kündigung, drohende Arbeits- losigkeit, akzentuierte Persönlichkeitszüge. Dr. E.____ hält in seinem Bericht vom 18. März 2019 eine mittel- bis schwergradige depressive Episode sowie einen hochgradigen Verdacht auf eine selbstunsichere Persönlichkeitsstörung fest. Dr. C.____ stellte seine Diagnose nach zweimaliger Visite. Die Gutachter des Krankentaggeldversicherers stellten die Diagnosen nach einer einmali- gen Untersuchung. Es kann daher bezüglich der Diagnose d er mittel- bis schwergradigen de- pressiven Episode nicht von einer im Vergleich zum Gutach ten von Dr. B.____ verlässlicheren Längsschnittbeurteilung ausgegangen werden, wie in der Beschwerde behauptet. Bezüglich der abweichenden früheren Arztberichte stellt Dr. B.____ fest, dass aufgrund des Ergebnisses der Begutachtung, wonach eine valide Beurteilung der Symptome nicht möglich sei, keine Bewertung Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Untersuchungsergebnisse in Bezug auf die Akteninformationen erfolgen könne. Diese Folge- rung mag zwar etwas knapp erscheinen, ist aber nicht geei gnet, Zweifel am Gutachten zu we- cken. 5.7 Die Beschwerdeführerin macht zu ihren Gunsten gelte nd, sie stehe seit anfangs 2018 in ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung b ei Dr. C.____. Dies zeige ihren Leidensdruck klar auf. Aus diesem Umstand kann die Beschwerdeführerin jedoch ebenfalls nichts zu ihren Gunsten ableiten. Vielmehr sind bezüglich des Leidensdrucks erhebliche Zweifel anzu- bringen. Angesichts der von Dr. C.____ gestellten Di agnose einer mittelgradigen bis intermittie- rend schweren depressiven Episode mit somatischem Syndrom und mit emotional instabilen und asthenischen Persönlichkeitsanteilen erscheint der Rhythmus einer zweimal monatlichen Thera- pie erfahrungsgemäss sehr tief. Dies nicht zuletzt auch im Hinblick darauf, dass Dr. E.____ am 18. März 2019 festhielt, dass der Eintritt in eine sta tionäre Einrichtung zu diskutieren sei, sollte die depressive Symptomatik innerhalb von sechs Wochen nac h medikamentöser Umstellung nicht deutlich besser werden. Interessanterweise beurteilten sowohl Dr. D.____ im Jahr 2018 als auch Dr. E.____ im Jahr 2019 die Medikation von Dr. C .____ kritisch. Hinzukommt, dass Dr. C.____ in der Stellungnahme vom 2. April 2021 ausführt, dass er nach Erhalt der Beurteilung von Dr. E.____ dreimal versucht habe, die Patientin stati onär in eine psychiatrische Klinik einzuwei- sen. Sie habe aber alle drei Klinikeinweisungen mit d em Hinweis auf die Geschichte ihrer psy- chotischen Tante nicht annehmen können. Auch dies spricht letztlich gegen einen erheblichen Leidensdruck der Beschwerdeführerin. 5.8 Damit ist zum Schluss zu gelangen, dass keine konkreten Indizien vorliegen, die die Beweiskraft des Gutachtens von Dr. B.____ vom 12. Oktober 2020 in Zweifel ziehen würden. Die Beschwerdegegnerin stellte zu Recht auf das Gutachten ab. Anlass für weitere medizinische Ab- klärungen bestehen nicht. 6. Wie in Erwägung 3.2.2 hiervor dargelegt, liegt ke ine versicherte Gesundheitsschädigung vor, soweit die Leistungseinschränkung auf Aggravation o der einer ähnlichen Erscheinung be- ruht. Gestützt auf die plausible und klare ärztliche Einschätzung von Dr. B.____ ist mit überwie- gender Wahrscheinlichkeit von einer Vortäuschung von Leistungseinschränkungen durch die Be- schwerdeführerin auszugehen. Damit besteht keine Grundlage für eine Invalidenrente. Die ange- fochtene Verfügung vom 12. August 2021 ist nicht zu beanst anden und die dagegen erhobene Beschwerde ist abzuweisen. 7. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des Gesetzes übe r die Verfassungs- und Verwal- tungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 in der Regel in angemessenem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. Bei Entscheiden wie dem vorliegenden, in denen ein durch- schnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt da s Kantonsgericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Vorlie- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht gend ist die Beschwerdeführerin unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten ihr aufzuer- legen sind. Dem Prozessausgang entsprechend hat die Besch werdeführerin keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- w erden der Beschwer- deführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kostenvo rschuss in der Höhe von Fr. 800.-- verrechnet. 3. Eine Parteientschädigung wird nicht zugesprochen. http://www.bl.ch/kantonsgericht