<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 154 S.673</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">673</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>154</b></span> <span class="ft1"><b>Förderungsmassnahmen an der Volksschule.</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Es liegt im Ermessen der Schulbehörden, ob und welche Förderungs-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>massnahmen im Einzelfall getroffen werden.</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Die Begabungsförderung sollte in erster Linie innerhalb der beste-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>henden Schulorganisation und mit den zur Verfügung stehenden</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Mitteln vor Ort sichergestellt werden.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Erziehungsrates vom 22. August 2002 in Sachen M.L. gegen</span><br/> <span class="ft3">den Entscheid des Bezirksschulrates B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">II. Materielles</span><br/> <span class="ft5">1. Gemäss § 15 Abs. 4 SchulG können Schüler mit besonderen</span><br/> <span class="ft5">Begabungen, die durch den ordentlichen Unterricht nicht genügend</span><br/> <span class="ft5">gefördert werden können und für die das Überspringen von Klassen</span><br/> <span class="ft5">nicht angezeigt ist, in der Regelklasse mit geeigneter Unterstützung</span><br/> <span class="ft5">gefördert werden.</span><br/> <span class="ft5">In § 19 der Verordnung über die Förderung von Kindern und Ju-</span><br/> <span class="ft5">gendlichen mit besonderen schulischen Bedürfnissen vom 28. Juni</span><br/> <span class="ft5">2000 (V besondere schulische Bedürfnisse; SAR 421.331) wird als</span><br/> <span class="ft5">Zweck umschrieben, dass die Massnahmen zur Begabungsförderung</span><br/> <span class="ft5">helfen sollen, herausragende Fähigkeiten frühzeitig zu erkennen,</span><br/> <span class="ft5">überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft zu unterstützen, Sach-,</span><br/> <span class="ft5">Sozial- und Selbstkompetenz zu stärken und Fehlentwicklungen zu</span><br/> <span class="ft5">vermeiden.</span><br/> <span class="ft5">In § 20 der V besondere schulische Bedürfnisse werden die För-</span><br/> <span class="ft5">derangebote im Grundsatz genannt:</span><br/> <span class="ft5">Danach hat die Schulpflege dafür zu sorgen, dass die Bega-</span><br/> <span class="ft5">bungsförderung in erster Linie innerhalb der bestehenden Schulorga-</span><br/> <span class="ft5">nisation und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln vor Ort si-</span><br/> <span class="ft5">chergestellt ist (Abs. 1).</span><br/> <span class="ft5">Die Schulpflege kann Schülerinnen und Schülern mit besonde-</span><br/> <span class="ft5">ren Begabungen den Besuch von Lektionen in einer höheren Klasse</span><br/> <span class="ft5">oder in einem anderen Schultyp gestatten (Abs. 2).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">674</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Die Schulpflege kann in Ergänzung zur bestehenden Schulorga-</span><br/> <span class="ft5">nisation Gruppen- und Einzelangebote für Schülerinnen und Schüler</span><br/> <span class="ft5">mit besonderen Begabungen einrichten (Abs. 3).</span><br/> <span class="ft5">Die Begabungsförderung sollte mit anderen Worten in erster Li-</span><br/> <span class="ft5">nie in der bestehenden Schulorganisation im Unterricht und mit den</span><br/> <span class="ft5">zur Verfügung stehenden Mitteln sichergestellt werden. Sind die</span><br/> <span class="ft5">begabungsfördernden Massnahmen auf Klassenebene ausgeschöpft,</span><br/> <span class="ft5">so bieten sich auf Schulhausebene weitere Möglichkeiten im Bereich</span><br/> <span class="ft5">der Anreicherung (z.B. individuelle anspruchsvolle Aufgabenstel-</span><br/> <span class="ft5">lung, individuelle Projektaufträge, Gruppenangebote oder Pro-</span><br/> <span class="ft5">jektaufträge in Lerngruppen). Eine weitere Möglichkeit auf Schul-</span><br/> <span class="ft5">hausebene stellt die Beschleunigung dar (schnelleres Durcharbeiten,</span><br/> <span class="ft5">Teilunterricht in höheren Klassen oder das Überspringen von Klas-</span><br/> <span class="ft5">sen). Durch das sinnvolle Kombinieren dieser Massnahmen ist es</span><br/> <span class="ft5">möglich, Synergien zu schaffen und den Belastungen der einzelnen</span><br/> <span class="ft5">Beteiligten Rechnung zu tragen.</span><br/> <span class="ft5">Sind die innerhalb der bestehenden Schulorganisation mögli-</span><br/> <span class="ft5">chen Fördermassnahmen ausgeschöpft, kann das Departement Bil-</span><br/> <span class="ft5">dung, Kultur und Sport (BKS) auf Gesuch der Schulpflege die Kos-</span><br/> <span class="ft5">ten für Gruppenangebote gemäss § 21 der einschlägigen Verordnung</span><br/> <span class="ft5">übernehmen oder in besonderen Fällen in Ergänzung zu den bereits</span><br/> <span class="ft5">ergriffenen Fördermassnahmen ein Einzelangebot gemäss § 22 be-</span><br/> <span class="ft5">willigen.</span><br/> <span class="ft5">Im Übrigen handelt es sich sowohl bei § 15 Abs. 4 SchulG als</span><br/> <span class="ft5">auch bei den §§ 19ff. der hier angesprochenen Verordnung grössten-</span><br/> <span class="ft5">teils um ,,Kann-Bestimmungen". Es liegt somit im Ermessen der</span><br/> <span class="ft5">Schulbehörden, ob und welche Massnahmen im Einzelfall getroffen</span><br/> <span class="ft5">werden sollen.</span><br/> <span class="ft5">Es ist deshalb im Folgenden zu prüfen, ob die Schulpflege, bzw.</span><br/> <span class="ft5">der Schulrat des Bezirks B., ihr Ermessen pflichtgemäss ausgeübt</span><br/> <span class="ft5">haben.</span><br/> <span class="ft5">2. a) Die Mutter des Beschwerdeführers begründet den Antrag</span><br/> <span class="ft5">auf individuellen Förderunterricht unter Hinweis auf den Bericht des</span><br/> <span class="ft5">psychologischen Schuldienstes (PSD) des Vereins für Erziehungsbe-</span><br/> <span class="ft5">ratung in der Region X. vom 22. Februar 2002 damit, dass M. über</span><br/> <span class="ft5">überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten und ein gutes All-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">675</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">gemeinwissen verfüge, im Moment aber in der Schule keine über-</span><br/> <span class="ft5">durchschnittliche Leistungsbereitschaft zeige und unkonzentriert sei,</span><br/> <span class="ft5">da ihm die Schule keinen Spass mache und er unterfordert sei. Dies</span><br/> <span class="ft5">wirke sich auch auf sein Sozialverhalten aus; er komme oft aggressiv</span><br/> <span class="ft5">aus der Schule nach Hause. Insgesamt würden seine schulischen</span><br/> <span class="ft5">Leistungen nachlassen und sie als Mutter sei besorgt, dass es auf</span><br/> <span class="ft5">Grund der fehlenden Motivation der Schule gegenüber zu einer Fehl-</span><br/> <span class="ft5">entwicklung komme.</span><br/> <span class="ft5">b) Die Schulpflege und der Bezirksschulrat B. haben sich bei</span><br/> <span class="ft5">Ihrem Entscheid bezüglich des individuellen Förderunterrichts haupt-</span><br/> <span class="ft5">sächlich auf den Bericht der beiden Lehrerinnen gestützt. Aus dieser</span><br/> <span class="ft5">Stellungnahme geht hervor, dass M. von den beiden Lehrkräften als</span><br/> <span class="ft5">lernwilliger und gut arbeitender Schüler vor allem in Mathematik,</span><br/> <span class="ft5">Sport und Zeichnen empfunden werde. In der Sprache seien am Ende</span><br/> <span class="ft5">der ersten Klasse erste Schwierigkeiten bei der Umsetzung von der</span><br/> <span class="ft5">Lautsprache in die Schriftsprache aufgefallen, weshalb auch aus ihrer</span><br/> <span class="ft5">Sicht eine Legasthenietherapie angezeigt gewesen sei. Eine Verhal-</span><br/> <span class="ft5">tensänderung sei von ihnen nicht festgestellt worden. Auch sei ihres</span><br/> <span class="ft5">Erachtens ein Einzelangebot im Fall von M. nicht angebracht. Seine</span><br/> <span class="ft5">Leistungen in der Mathematik seien gut, in der Sprache unter dem</span><br/> <span class="ft5">Klassendurchschnitt. Er sei ein durchschnittlicher Schüler mit indivi-</span><br/> <span class="ft5">duellen Stärken und Schwächen wie jeder Schüler sie habe. Sie seien</span><br/> <span class="ft5">der Überzeugung, dass er in der mehrklassigen Abteilung optimal</span><br/> <span class="ft5">gefördert werden könne. Im Gespräch mit dem Inspektorat sowie der</span><br/> <span class="ft5">zuständigen Abteilung des Departements Bildung, Kultur und Sport</span><br/> <span class="ft5">(BKS) sei ihre Einschätzung insofern gestützt worden als ihnen mit-</span><br/> <span class="ft5">geteilt worden sei, dass Kinder mit besonderen Begabungen diese in</span><br/> <span class="ft5">einem entsprechenden ,,Portfolio", schulisch und ausserschulisch</span><br/> <span class="ft5">zeigen müssen. Bei M. lägen ihnen keine derartigen Leistungsnach-</span><br/> <span class="ft5">weise vor. Insbesondere nutze er auch das bestehende zusätzliche</span><br/> <span class="ft5">Angebot und den Spielraum, den die Projektarbeit biete, kaum.</span><br/> <span class="ft5">Die Schulpflege M. hat sich bei ihrem Entscheid ausserdem auf</span><br/> <span class="ft5">die Zeugnisse und Schulberichte des Beschwerdeführers, den Bericht</span><br/> <span class="ft5">der Schulpsychologin, das Dossier Begabungsförderung in der</span><br/> <span class="ft5">Volksschule sowie auf Abklärungen beim zuständigen Verantwortli-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">676</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">chen des BKS, der zuständigen Inspektorin und den Lehrerinnen</span><br/> <span class="ft5">gestützt.</span><br/> <span class="ft5">c) Wie bereits</span> <span class="ft5">ausgeführt</span> <span class="ft5">(vgl.</span> <span class="ft5">Erw.</span> <span class="ft5">II.</span> <span class="ft5">1.)</span> <span class="ft5">hat</span> <span class="ft5">die</span><br/> <span class="ft5">Begabungsförderung in erster Linie innerhalb der bestehenden</span><br/> <span class="ft5">Schulorganisation und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln vor</span><br/> <span class="ft5">Ort zu erfolgen.</span><br/> <span class="ft5">Im vorliegenden Verfahren geht aus den Akten hervor, dass die</span><br/> <span class="ft5">Kinder der 1. - 3. Klasse in M. in einer mehrklassigen Abteilung</span><br/> <span class="ft5">nach neusten Lehr- und Lernmethoden unterrichtet werden und die</span><br/> <span class="ft5">Lehrkräfte die Elemente des begabungsfördernden Unterrichts erfül-</span><br/> <span class="ft5">len. Es ist somit sichergestellt, dass die Begabungsförderung in M.</span><br/> <span class="ft5">auf Klassen- und Schulhausebene möglich ist.</span><br/> <span class="ft5">Für die begabungsfördernden Massnahmen ist von besonderer</span><br/> <span class="ft5">Bedeutung, dass die besondere Begabung im schulischen und ausser-</span><br/> <span class="ft5">schulischen Bereich festgestellt wird. Hierbei sind besonders die</span><br/> <span class="ft5">Lehrpersonen angesprochen. Wie sich aus der Stellungnahme der</span><br/> <span class="ft5">Lehrpersonen ergibt, liegen keine derartigen Beobachtungen vor. Die</span><br/> <span class="ft5">Lehrerinnen weisen sogar darauf hin, dass M. das bestehende Ange-</span><br/> <span class="ft5">bot, zusätzliche und anspruchsvollere Aufgaben zu lösen, kaum</span><br/> <span class="ft5">nutze.</span><br/> <span class="ft5">Aus dem Bericht der Schulpsychologin wird deutlich, dass eine</span><br/> <span class="ft5">Diskrepanz besteht bei der Bearbeitung von verbalen und nonverba-</span><br/> <span class="ft5">len Aufgaben, welche von der Schulpsychologin auf eine Schwäche</span><br/> <span class="ft5">im auditiven Wahrnehmungsbereich zurückgeführt wurde. Die bean-</span><br/> <span class="ft5">tragte Legasthenietherapie wurde von der Schulpflege M. in der</span><br/> <span class="ft5">Folge im Mai 2002 bewilligt. Andererseits attestiert die Schulpsy-</span><br/> <span class="ft5">chologin dem Beschwerdeführer intellektuelle Fähigkeiten, die weit</span><br/> <span class="ft5">über dem Durchschnitt seines Alters liegen. Das Untersuchungser-</span><br/> <span class="ft5">gebnis und die Gespräche mit M. weisen gemäss dem Bericht der</span><br/> <span class="ft5">Schulpsychologin darauf hin, dass er teilweise unterfordert ist und</span><br/> <span class="ft5">sich bei leichten Aufgabenstellungen langweilt. Dass die beantragten</span><br/> <span class="ft5">Einzelförderstunden für den Beschwerdeführer die richtige Lösung</span><br/> <span class="ft5">sind, wurde von der Schulpflege M. und dem Schulrat des Bezirks B.</span><br/> <span class="ft5">verneint.</span><br/> <span class="ft5">Für die Beurteilung, ob für den Beschwerdeführer aufgrund sei-</span><br/> <span class="ft5">ner geltend gemachten Unterforderung individueller Förderunterricht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">677</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">beim Departement Bildung, Kultur und Sport beantragt werden soll</span><br/> <span class="ft5">oder nicht, sind die aktenkundigen Berichte und Standpunkte grund-</span><br/> <span class="ft5">sätzlich umfassend zu würdigen. Der Erziehungsrat schreitet in der</span><br/> <span class="ft5">Regel nur dort ein, wo eine solche umfassende Würdigung unterblie-</span><br/> <span class="ft5">ben ist oder sachlich nicht gerechtfertigt erscheint. Sowohl die Schul-</span><br/> <span class="ft5">pflege M. als auch der Schulrat des Bezirks B. haben sich mit den</span><br/> <span class="ft5">vorhandenen Berichten und den verschiedenen Standpunkten ausei-</span><br/> <span class="ft5">nandergesetzt. Das Ergebnis dieser Würdigung ist sachlich nicht zu</span><br/> <span class="ft5">beanstanden; insbesondere kann die Entscheidung der Vorinstanzen,</span><br/> <span class="ft5">kein Einzelangebot beim BKS zu beantragen, aus dem Grund nach-</span><br/> <span class="ft5">vollzogen werden als im vorliegenden Fall die klassen- und schul-</span><br/> <span class="ft5">hausinternen Fördermassnahmen noch nicht ausgeschöpft sind<i>.</i></span><br/> <span class="ft5">Es kann somit festgestellt werden, dass die beiden Vorinstanzen</span><br/> <span class="ft5">ihre Entscheidungen in Ausübung pflichtgemässen Ermessens gefällt</span><br/> <span class="ft5">haben.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>