B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung I A-852/2012 U r t e i l v o m 2 7 . S e p t e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Richter Michael Beusch (Vorsitz), Richterin Salome Zimmermann, Richter Pascal Mollard, Gerichtsschreiber Stefano Bernasconi. Parteien A._______ GmbH, …, vertreten durch …, Beschwerdeführerin, gegen Eidgenössische Steuerverwaltung ESTV, Hauptabteilung Mehrwertsteuer, Schwarztorstrasse 50, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Mehrwertsteuer (1. Semester 2007 - 2. Semester 2009; Er- messenseinschätzung). A-852/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Die A._______ GmbH (Steuerpflichtige) bezweckt gemäss Handelsregis- tereintrag den Betrieb von […]. Sie ist seit dem 1. Oktober 2005 bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) im Registe r der Meh r- wertsteuerpflichtigen eingetragen. Auf Beginn der Steuerpflicht wurde ihr die Anwendung der Saldosteuersatzmethode bewilligt. B. Die Steuerpflichtige betreibt in […] ein Unterhaltungslokal bzw. eine "Kon- taktbar" mit dem Namen […]. Am 26. und 27. September 2011 führte die ESTV eine Mehrwertsteuerkontrolle durch. Sie überprüfte die Steuerper i- oden 1. Semester 2007 bis 2. Semester 2010 (Zeit vom 1. Januar 2007 bis 31. Dezember 2010) . Dabei stellte sie im Kontrollbericht u.a. fest, dass die Umsätze aus den erotischen Dienstleistungen nicht in der Buc h- haltung enthalten seien, was eine Umsatzschätzung nach pflichtgemäs- sem Ermessen notwendig machen würde. Durch Einbezug dieser Umsät- ze werde zudem die Grenze für die Anwendung der Saldosteuer satzme- thode überschritten, wodurch für die Jahre 2009 und 2010 eine Vorste u- erkorrektur vorgenommen werden müsse. M it der "Einschätzungsmitte i- lung (EM) Nr. […] / Verfügung" vom 18. Oktober 2011 forderte die ESTV von der Steuerpflichtigen für die Periode vom 1. Januar 2007 bis 31. De- zember 2009 Mehrwertsteuern im Betrag von Fr. […] zuzüglich Verzugs- zins (Steuerkorrektur zugunsten der ESTV) nach. C. Mit Eingabe vom 16. November 2011 erhob die Steuerpflichtige bei der ESTV Einsprache gegen die vorerwähnte EM und beantragte, diese auf- zuheben und die Steuerkorrektur auf Fr. […] zugunsten der ESTV zu re- duzieren. D. Mit Einspracheentscheid vom 13. Januar 2012 wies die ESTV die Ei n- sprache vollumfänglich ab und bestätigte die Höhe der Steuerkorrektur gemäss EM. Zur Begründung brachte die ESTV im Wesentlichen vor, die Umsätze aus den erotischen Dienstleistungen seien der Steuerpflichtigen zuzurechnen. Da diese die betreffenden Umsätze nicht verbucht habe, habe die ESTV eine Schätzung nach pflichtgemässem Ermesse n vo r- nehmen müssen. Diese Ermessenseinschätzung sei anhand der verkauf- ten "Cüpli Hausmarke à Fr. 25.--" (nachfolgend: Cüpli) berechnet worden, da ein Kunde einer Dame ein solches offerieren müsse, um ihr das Int e-A-852/2012 Seite 3 resse an einer erotischen Dienstleisung anzuzeigen. Man gehe daher da- von aus, dass zwei Drittel der Cüpli von den Damen konsumiert worden seien und es danach jeweils zu erotischen Dienstleistungen gekommen sei. Demnach hätten die Damen im Jahr 2007 19 Cüpli, im Jahr 2008 28 Cüpli und im Jahr 2009 33 Cüpli pro Tag konsumiert resp. erotische Dienstleistungen erbracht . Die Kunden hätten dabei im Durchschnitt Fr. 180.-- pro Dienstleistung bezahlt. E. Am 10. Februar 2012 gelangte die Steuerpflichtige (nachfolgend auch: Beschwerdeführerin) mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht und beantragt, der Einspracheentscheid der Vorinstanz sei aufzuheben und die Ermessenseinschätzung entsprechend ihrer eigenen Zusammen- stellung vorzuneh men. D ie Aufrechnungen im Zusammenhang mit der Umsatzabstimmung und den Privatanteilen Fahrzeuge würden hingegen akzeptiert werden. Die Steuerforderung sei insgesamt auf Fr. […] festzu- setzen, womit die Steuerkorrektur neu Fr. […] (anstatt Fr. […]) zugunsten der ESTV betrage. Des Weiteren sei auf dem ermessensweise ermittelten Umsatz ein Vorsteuerabzugsrecht zu gewähren; alles unter Koste n- und Entschädigungsfolgen zulasten der ESTV. Zur Begründung bringt die Be- schwerdeführerin vor, die von der Vorinstanz vorgenommene Erme s- senseinschätzung gehe von einer falschen Beme ssungsbasis aus. B e- triebsinterne Beobachtungen hätten gezeigt, dass nur bei jedem zwei ten Cüpli, welches ein Kunde einer Dame offeriere, anschliessend auch eine erotische Dienstleistung bezogen werde. Die angewandte Schätzmeth o- de der ESTV sei methodisch nicht vertretbar, da sie wissenschaftlich nicht fundiert und nur bei diesem Fall angewendet worden sei. Es sei auch nicht begründet worden, warum das statistische Zahlenmaterial der Bra n- che nicht herangezogen werden könne . Zudem s ei der Versuch einer Plausibilisierung des ermittelten Umsatzes anhand der eingekauften Kondome ungenügend. F. Die Vorinstanz beantragt mit Vernehmlassung vom 4. April 2012, die B e- schwerde sei vollumfänglich abzuweisen. Es werde auf eine umfassende Vernehmlassung verzichtet und stattdessen auf die Verfügung vom 18. Oktober 2011 sowie auf den Einspracheentscheid vom 13. Januar 2012 verwiesen. Ergänzend könne festgehalten werden, dass die B e- schwerdeführerin im Einsprache- wie auch im vorliegenden Verfahren l e- diglich die Höhe der von der ESTV vorgenommenen Schätzung bestreite. Dass aufgrund fehlender Unterlagen sowie mangels Verbuchung und De-A-852/2012 Seite 4 klaration der von ihr erbrachten erotischen Dienstleistungen überhaupt eine Schätzung erforderlich gewesen sei, werde hingegen nicht mehr bestritten. Da in der Erotikbranche sehr grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Betrieben bestehen würden , habe man auf die Verwe n- dung von statistischem Zahlenmaterial verzichtet. Die Vorbringen der Be- schwerdeführerin betreffend das Verhältnis zwischen der Anzahl der kon- sumierten Cüpli und den erbrachten erotischen Dienstleistungen sowie betreffend den Kondomverbrauch seien zudem in keiner Weise belegt. G. Betreffend die Steuerperiode 1. und 2. Semester 2010 der Beschwerde- führerin wurde ebenfalls eine EM erlass en. Auch diese wurde von der Beschwerdeführerin mit den entsprechenden Rechtsmitteln angefochten. Sie bildet Gegenstand des Verfahrens A -849/2012 vor Bundesverwa l- tungsgericht (vgl. Urteil A-849/2012 vom 27. September 2012). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gemäss Art. 31 des Bun - desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesverwaltungsgericht (Verwaltungsgerichtsgesetz, VGG, SR 173.32) Beschwerden gegen V e- fügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021), sofern keine Ausnahme nach Art. 32 VGG gegeben ist. Eine solche liegt hier nicht vor, und die Vorinstanz ist eine Behörde im Sinn von Art. 33 VGG. Das Bundesverwal- tungsgericht ist demnach für die Beurteilung der vorliegenden Beschwe r- de sachlich zuständig. 1.2 Im vorliegenden Fall wurde eine als "Einspracheentscheid" bezeic h- nete Verfügung der Vorinstanz angefochten. Hinsichtlich der funktionalen Zuständigkeit ist daher das Folgende zu bemerken. 1.2.1 1.2.1.1 Die Einsprache ist das vom Gesetz besonders vorgesehene förm- liche Rechtsmittel, mit dem eine Verfügung bei der verfügenden Verwa l- tungsbehörde zwecks Neuüberprüfung angefochten wird. Die Einsprache ist kein devolutives Rechtsmittel, welches die Entscheidungszuständigkeit an eine Rechtsmittelinstanz übergehen lässt (vgl. BGE 132 V 368 E. 6.1, 131 V 407 E. 2.1.2.1; ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, A-852/2012 Seite 5 Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl., Zürich/St. Gallen 2010, N. 1815). Das Einspracheverfahren ermöglicht eine Abklärung komplexer tatsächl i- cher oder rechtlicher Verhältnisse und eine umfassende Abwägung der verschiedenen von einer Verfügung berührten Interessen ( HÄFE- LIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., N. 1816). 1.2.1.2 Im Bereich der Mehrwertsteuer ist das Einspracheverfahren in Art. 83 des Bundesgesetzes vom 12. Juni 2009 über die Mehrwertsteuer (MWSTG, SR 641.20) gesetzlich vorgesehen. Eine Ausnahme hierzu bi l- det die sog. "Sprungbeschwerde": Richtet sich die Einsprache gegen eine einlässlich begründete Verfügung der ESTV, so ist sie auf Antrag oder mit Zustimmung des Einsprechers oder der Einsprecherin als Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht weiterzuleiten (Art. 83 Abs. 4 MWSTG ; vgl. zur Sprungbeschwerde Urteil des Bundesverwa ltungsgerichts A-1184/2012 vom 31. Mai 2012 E. 2 ff. auch zum Folgenden). 1.2.2 Der E rlass eines Einspracheentscheid s setzt ausführungsgemäss voraus, dass vorgängig eine Verfügung ergangen ist, welche überhaupt Gegenstand eines Einspracheverfahrens bilden kann. Die Vorinstanz sieht diese Verfügung in der EM vom 18. Oktober 2011. Das Gesetz selbst gebraucht den Begriff der EM im Zusammenhang mit der Recht s- kraft der Steuerforderung (Art. 43 Abs. 1 Bst. b MWSTG), dem Abschluss von Kontrollen durch die ESTV bei der s teuerpflichtigen Person (Art. 78 Abs. 5 MWSTG), der Ermessenseinschätzung (Art. 79 Abs. 2 MWSTG) und der Revision (Art. 85 MWSTG), nicht aber in Art. 82 MWSTG, der das Marginale "Verfügungen der ESTV" trägt. Bei Art. 85 MWSTG fällt sodann auf, dass der Beg riff der EM als erster in einer Aufzählung erscheint, an deren zweiter Stelle sich der Begriff "Verfügung" und an deren dritter Stel- le sich der Begriff "Einspracheentscheid" (sämtliche Begriffe sind im G e- setz im Plural gesetzt) findet. In der Lehre wird di e Auffassung, die EM stelle eine Verfügung dar, wiederholt als unzutreffend kritisiert (vgl. IVO P. BAUMGARTNER/DIEGO CLAVADETSCHER/MARTIN KOCHER, Vom alten zum neuen Mehrwertsteuergesetz, Einführung in die neue Mehrwertsteue r- ordnung, Langenthal 2010, § 8 N. 39, § 10 N. 83 ff., die Autoren bezeich- nen die EM als "Verfügungssurrogat"; MICHAEL BEUSCH, in: MWSTG Kommentar, Schweizerisches Mehrwertsteuergesetz mit den Ausfü h- rungserlassen sowie Erlasse zum Zollwesen, Regine Schluckebier/Felix Geiger [Hrsg.], Zürich 2012 [nachfolgend: MWSTG Kommentar], N. 18 zu Art. 42; BEATRICE BLUM, Auswirkungen des neuen Verfahrensrechts für die steuerpflichtigen Personen, in: Schweizer Treuhänder [ST] 2010, S. 289, 291 f.; DIESELBE, in: zsis) 2010 Best Case Nr. 7, Ziff. 3.3; DIESELBE, A-852/2012 Seite 6 in: MWSTG Kommentar, N. 35 zu Art. 78; FELIX GEIGER, in: MWSTG Kommentar, N. 5 zu Art. 82). 1.2.3 Ob es sich bei der EM um eine Verfügung im Sinn von Art. 5 VwVG handelt oder nicht, braucht vorliegend nicht abschliessend beurteilt zu werden (so auch sch on Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-1184/2012 vom 31. Mai 2012 E. 3.2, A-5798/2011 vom 29. Mai 2012 E. 1.3 und A-4506/2011 vom 30. April 2012 E. 1.2.3 ). Unbestrittenermassen handelt es sich beim "Einspracheentscheid" um eine Verfü gung gemäss Art. 5 VwVG. Indem die Beschwerdeführerin gegen den "Einspracheen t- scheid" beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob, hat sie einen allfälligen Verlust des Einspracheverfahrens (E. 1.2.1) zumindest in Kauf genommen. Ihre vorbehaltlose Beschwerdeführung direkt beim Bundes- verwaltungsgericht ist unter diesen Umständen – in analoger Anwendung von Art. 83 Abs. 4 MWSTG – als "Zustimmung" zur Durchführung des Verfahrens der Sprungbeschwerde (E. 1.2.1.2) zu werten, zumal der "Einspracheentscheid" einlässlich begründet ist. 1.2.4 Das Bundesverwaltungsgericht ist demnach für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde auch funktional zuständig. Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 1.3 Das Bundesverwaltungsgericht kan n den angefochtene n Einspra - cheentscheid grundsätzlich in vollem U mfang überprüfen. Die Be - schwerdeführerin kann neben der Verletzung von Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG) und der unrichtigen oder unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes (A rt. 49 Bst . b VwVG) auch die Rüge der Unangemessenheit erheben (Art. 49 Bst. c VwVG; ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER , Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, Basel 2008, Rz. 2.149 ff.; HÄFELIN/MÜL- LER/UHLMANN, a.a.O, Rz. 1758 ff.). 1.4 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet die Beschwerdeinstanz in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Wei- sungen an die Vorinstanz z urück. Ein solcher Rückweisungs entscheid rechtfertigt sich vor allem dann, wenn weitere Tatsachen festgestellt wer- den müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A -3075/2011 vom 30. Mai 2012 E. 1.4; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren und Verwal- tungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, R z. 694; MO- SER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 3.194). Auch wenn der Rechtsmi t-A-852/2012 Seite 7 telinstanz die Befugni s zusteht, weitere Sachverhalts abklärungen vorzu- nehmen, soll in diesem Fall die mit den örtlichen Verhältnissen besser vertraute oder der Sache nähere Behörde über die Angelegenheit des Beschwerdeführers entscheiden. Diese Methode wahrt das Prinzip der Garantie des Instanzenzuges, da der Beschwerdeführer den aufgrund der Rückweisung getroffenen neuen Entscheid der Vorinstanz wiederum mit allen zulässigen Rechtsmitteln anfechten kann (zum Ganzen: Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A -4360/2007 vom 3. Juli 2009 E. 1.3, A- 1363/2006 vom 30. Mai 2007 E. 1.3). 1.5 Am 1. Januar 2010 ist das MWSTG in Kraft getreten. Der zu beurte i- lende Sachverhalt hat sich in den Jahren 2 007 bis 2009 zugetragen, also vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes. Gemäss Art. 112 Abs. 1 MWSTG bleiben die bisherigen gesetzl ichen Bestimmungen sowie die gestützt da rauf erlassenen Vorschriften grund sätzlich weiterhin auf alle während ihrer Geltungsdauer eingetretenen Tatsachen und entstandenen Rechtsverhältnisse anwendbar. Das vorliegende Verfahren unter steht deshalb in materieller Hinsicht dem Bundesgesetz vom 2. September 1999 über die Mehrwertsteuer (aMWSTG, AS 2000 1300) sowie der d a- zugehörigen V erordnung vom 29. März 2009 (aMWSTGV, AS 2000 1347). Demgegenüber ist das neue mehrwertsteuerliche Verfahrensrecht im Sinn von Art. 113 Abs. 3 MWSTG auf sämtliche im Zeitpunkt des Inkraft - tretens hängige Verfahren anwendbar. Allerdings ist Art. 113 Abs. 3 MWSTG insofern restriktiv zu handhaben, als gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung nur eigentliche Verfahrensnormen – wie beispielsweise der oben unter E. 1.2 behandelte Art. 83 MWSTG – sofort auf hängige Verfahren anzuwenden sind, und es dabei nicht zu einer Anwendung von neuem materiellen Recht auf altrechtliche Sachverhalte kommen darf (ausführlich: Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A -1113/2009 vom 23. Februar 2010 E. 1.3, vgl. auch Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-4506/2011 vom 30. April 20 12 E. 1.3, A-6299/2009 vom 21. April 2011 E. 2.2 und E. 5.7, A-7652/2009 vom 8. Juni 2010 E. 1.3 mit Hinweisen). Kein Verfahrensrecht in diesem engen Sinn stellen im vorliegenden Ve r- fahren etwa die nachfolgend abgehandelten Themen wie die Buchfü h- rungspflicht, das Selbstveranlagungsprinzip oder die Ermessensveranl a- gung dar, so dass vorliegend diesbezüglich noch altes Recht anwendbar ist. Keine Anwendung finden deshalb beispielsweise Art. 70, 71, 72 oder 79 MWSTG, obwohl sie unter dem Titel "Verfahrensrecht f ür die Inland - und die Bezugsteuer" stehen (statt vieler: Urteil e des Bundes -A-852/2012 Seite 8 verwaltungsgerichts A-4506/2011 vom 30. April 2012 E. 1.3, A-2998/2009 vom 11. November 2010 E. 1.2). 2. 2.1 Der Mehrwertsteuer unterliegen die im Inland gegen Entgelt erbrachten Lieferungen von Gegenständen und Dienstleistungen (Art. 5 Bst. a und b aMWSTG). Als Dienstleistung gilt jede Leistung, die keine Lieferung eines Gegen standes ist (Art. 7 Abs. 1 aMWSTG). 2.2 Mehrwertsteuerpflichtig ist, wer eine mit der Erzielung von Ein - nahmen verbundene gewerbliche oder berufl iche Tätigkeit selb ständig ausübt, auch wenn die Gewinnabsicht fehlt, sofern seine Leistungen im Inland jährlich gesamthaft Fr. 75'000. -- übersteigen (Art. 21 Abs. 1 aMWSTG). Mehrwertsteue rpflichtig sind insbesondere natürliche Per - sonen, Personengesellschaften, juristische Personen des privaten und öffentlichen Rechts, unselb ständige öffentliche Anstalten sowie Personengesamtheiten ohne Rechtsfähigkeit, die unter gemeinsamer Firma Umsätze tätigen (Art. 21 Abs. 2 aMWSTG). 2.3 2.3.1 Die Veranlagung und Entrichtung der Mehrwertsteuer erfolgt nach dem Selbstveranlagungsprinzip (Art. 46 f. aMWSTG; ERNST BLUMENSTEIN /PETER LOCHER, System des schweizer ischen Steuerrechts, 6. Aufl., Zürich 2002, S. 421 ff.). Der Steuerpflichtige hat selbst und unaufgefordert über seine Umsätze und Vorsteuern abzurechnen und innerhalb von 60 Tagen nach Ablauf der Abrechnungsperiode den geschuldeten Mehrwertsteuerbetrag an die ESTV abzuliefern. Das Selbstveranlagungsprinzip bedeutet auch, dass der Leistung serbringer für die Feststellung der Mehrwertsteuerpflicht bzw. -forderung selbst verantwortlich ist (vgl. Urteile des Bundes - gerichts 2C_356/2008 vom 21. November 2008 E. 3.2, 2A.109/2005 vom 10. März 2006 E. 2.1; Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-1344/2011 und A -3285/2011 vom 26. September 2011 E. 3.1, A-5460/2008 vom 12. Mai 2010 E. 2.5.1). 2.3.2 Zu den Obliegenheiten der mehrwertsteuerpflichtigen Person gehört insbesondere auch die Buchführungspflicht. Der Mehrwertsteuerpflichtige hat seine Geschäftsbüch er ordnungsgemäss zu führen und so einzurichten, dass sich aus ihnen die für die Feststellung der Mehrwertsteuerpflicht sowie für die Berechnung der Steuer und der ab - ziehbaren Vorsteuern massgebenden Tatsachen leicht und zuverlässig A-852/2012 Seite 9 ermitteln lassen (Art. 58 Abs. 1 aMWSTG). Die ESTV kann hierüber nähere Bestimmungen aufstellen. Von dieser Befugnis hat sie im Rahmen des Erlasses der Wegleitung für Mehrwertsteuerpflichtige (in erster Auflage erschienen im Herbst 1994 [neu herausgegeben im Frühling 1997]; als Wegleitung 2001 zur Mehrwertsteuer [Wegleitung 2001] neu herausgegeben per 1. Januar 2001 [und per 1. Januar 2008 als Wegleitung 2008 zur Mehrwertsteuer]) Gebrauch gemacht. Darin sind genauere Angaben enthalten, wie eine derartige Buchhaltung auszugestalten ist. Insbesondere müssen alle Geschäftsfälle fortlaufend, chronologisch und lückenlos aufgezeichnet werden (vgl. Wegleitung 2008 Rz. 878 ff.). 2.3.3 Liegen keine oder nur unvollständige Aufzeichnungen vor, oder stimmen die ausgewiesenen Ergebnisse mit dem wir klichen Sach - verhalt offensichtlich nicht überein, so nimmt die ESTV eine Schätzung nach pflichtgemässem Ermessen vor (Art. 60 aMWSTG). Die Ermessensveranlagung wird unabhängig von den Ursachen vorgenom - men und hat keinen Strafcharakter, sondern ist ledigl ich ein Mittel zur Erreichung einer vollständigen und richtigen Veranlagung (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A -5460/2008 vom 12. Mai 2010 E. 2.5.3). Eine Ermessenstaxation ist somit immer dann nötig, wenn eine steuerpflichtige Person ihrer Aufzeichnun gs- und Abrechnungspflicht nicht nachgekommen ist bzw. sie nicht einmal rudimentäre geschäftliche Aufzeichnungen vorweisen kann oder ihre Abrechnung nicht eingereicht hat (Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-4011/2010 vom 18. Januar 2011 E. 2.5.3, A -5460/2008 vom 12. Mai 2010 E. 2.5.3, A -4417/2007 vom 10. März 2010 E. 3.1.3). Die ESTV hat die Schätzung nach pflichtgemässem Ermessen vorzunehmen, d.h. diejenige Schätzungsmethode zu wählen, die den individuellen Verhältnissen im Betrieb der Steuerpflichtig en soweit als möglich Rechnung trägt, auf plausiblen Angaben beruht und deren Ergebnis der wirklichen Situation möglichst nahe kommt (Urteile des Bundesgerichts 2C_426/2007 vom 22. November 2007 E. 3.2, 2A.253/2005 vom 3. Februar 2006 E. 4.1; Urteile des B undesver- waltungsgerichts A -1447/2010 vom 11. November 2011 E. 2.6.2, A-4080/2010 vom 9. September 2011 E. 1.6, A-5460/2008 vom 12. Mai 2010 E. 2.5.3). Das Ziel der Ermessensveranlagung ist es, den tat - sächlichen Gegebenheiten möglichst gerecht zu werden. Es haftet ihr deshalb eine gewisse Unsicherheit an, welche die steuerpflichtige Person aufgrund ihrer Pflichtverletzung jedoch selber zu vertreten hat (Urteile des Bundesgerichts 2C_309/2009 und 2C_310/2009 vom A-852/2012 Seite 10 1. Februar 2010 E. 2.2, 2A.437/2005 vom 3. Ma i 2006 E. 3.2 mit Hinweisen; statt vieler: Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-6299/2009 vom 21. April 2011 E. 5.4). 2.3.4 In Betracht fallen einerseits Schätzungsmethoden, die auf eine Er - gänzung oder Rekonstruktion der ungenügenden Buchhaltung hinaus - laufen, andererseits Umsatzschätzungen aufgrund unbestrittener Teil - Rechnungsergebnisse in Verbindung mit Erfahrungssätzen (Urteile des Bundesverwaltungsgericht A-689/2012 vom 31. Mai 2012 E. 2.6.2, A-1398/2006 vom 19. Juli 2007 E. 2.4 mit Hinweisen; vgl. auch PASCAL MOLLARD, TVA et taxation par estimation , in: Archiv für Schweizerisches Abgaberecht [ASA] 69 S. 526 ff.). Die brauchbaren Teile der Buchhaltung und allenfalls vorhandene Belege sind soweit als möglich bei der Schä t- zung mit zu berücksichtigen. Sie können durchaus als Basiswerte der Ermessenstaxation fungieren (Urteile des Bun desverwaltungsgerichts A-4360/2008 und A-4415/2008 vom 4. März 2010 E. 2.5.2, A-1634/2006 vom 31. März 2009 E. 3.7, A-1527/2006 vom 6. März 2008 E. 2.3; HANS GERBER, Die Steuerschätzung [Veranlagung nach Ermessen], in: Steuer Revue [StR] 1980, S. 307). Im Rahmen einer Ermessenstaxation ist es nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts auch zulässig, dass die ESTV eine Prüfung der Verhältnisse während eines Teils der Kontrollperio de vornimmt und in der Folge das Ergebnis auf den gesamten kontrollierten Zeitraum umlegt bzw. hochrechnet (sog. Umlageverfahren), vorausgesetzt die massgebenden Verhältnisse im eingehend kontrollierten Zeitabschnitt seien ähnlich wie in der gesamten Kontr ollperiode (Urteile des Bundesgerichts 2C_309/2009 vom 1. Februar 2010 E. 2.2 und 2A.437/2005 vom 3. Mai 2006 E . 4.3.2; Urteile des Bundes - verwaltungsgerichts A-689/2012 vom 31. Mai 2012 E. 2.6.3, A-2950/2011 vom 8. Februar 2012 E. 2.5.3, A-1447/2010 v om 1 1. November 2011 E. 2.6.3, A-705/2008 vom 12. April 2010 E. 2.6.2). In jedem Fall muss die Ermessenseinschätzung pflichtgemäss sein. Dies bedingt die Berücksichtigung der Besonderheiten des Einzelfalls und den Einbezug von ausreichend abgestützte n Schätzungshilfen und vernünftige n und zweckmässige n Schätzmethoden. Ein pflichtgemässes Ermessen schliesst auch ein, dass die ESTV in zumutbarem Rahmen Auskünfte, Nachweise und Belege bei Dritten einholt (vgl. DIETER METZGER , Kurzkommentar zum Mehrwertsteuergesetz, Bern 2000, S. 190 Rz. 1 ff.). Die ESTV ist A-852/2012 Seite 11 gehalten, eine wirklichkeitsnahe Lösung zu treffen , bei welcher schlüssige Anhaltspunkte für das Vorhandensein der von der ESTV angenommenen Faktoren vorliegen und die Erm essenseinschätzung somit einen hohen Grad an Wahrscheinlichkeit für sich hat (vgl. GERBER, a.a.O., S. 308 ff. insb. S. 316 f. mit weiteren Hinweisen ). 2.3.5 Sind die Voraussetzungen für eine Ermessenstaxation erfüllt, ist die ESTV nicht nur berechtigt, sondern v erpflichtet, eine solche nach pflich t- gemässem Ermessen vorzunehmen. D ie Fälle, in denen die Meh r- wertsteuerpflichtigen ihre Mitwirkungspflichten nicht wahrnehmen bzw. keine, unvollständige oder ungenügende Aufzeichnungen über ihre U m- sätze füh ren, dürfen kei ne Steuerausfälle zur Folge haben (statt vieler: Urteile des Bundesgerichts 2A.693/2006 vom 26. Juli 2007 E . 3.2, 2A.552/2006 vom 1. Februar 2007 E. 3.2; Urteile des Bundesverwa l- tungsgerichts A -2690/2011 vom 24. Januar 2012 E. 2.7, A -2998/2009 vom 11. November 2010 E. 2.7.1). 2.4 Ob die Voraussetzungen für die Vornahme einer Ermessens - veranlagung gegeben sind, überprüft das Bundesverwaltungsgericht uneingeschränkt; es auferlegt sich allerdings bei der Überprüfung von zulässigerweise erfolgten Ermessensveranlag ungen eine gewisse Zurückhaltung (Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A -6299/2009 vom 21. April 2011 E. 5.6, A -4360/2008 vom 4. März 2010 E. 2.6.1). Die Rechtmässigkeit dieser Praxis wurde höchstrichterlich bestätigt (Urteil des Bundesgerichts 2C_426/200 7 vom 22. November 2007 E. 4.3). Sind die Voraussetzungen einer Ermessenstaxation erfüllt und wurde diese mithin pflichtgemäss vorgenommen , obliegt es – in Umkehr der allgemeinen Beweislastregel – dem Steuerpflichtigen, den Beweis für die Unrichtigkeit der Schätzung zu erbringen. Er darf sich nicht darau f beschränken, die Kalkulations grundlagen der Ermessensveranlagung allgemein zu kritisiere n; er hat vielmehr darzulegen, dass die von der ESTV vorgenommene Schät zung offensichtlich falsch ist bzw. dass ihr dabei erhebliche Ermes sensfehler unterlaufen sind, und er hat auch den Nachweis für seine vorgebrachten Behauptungen zu erbringen (Urteile d es Bundes - gerichts 2C_309/2009 und 2C_310/2009 vom 1. Februar 2010 E. 2.2, 2C_430/2008 vom 18. Februar 2009 E. 5.2, 2C_171/2008 vom 30. Juli 2008 E. 4.2; BVGE 2009/60 E. 2.9.3; Urteile des Bundesverwaltungs - gerichts A -1989/2011 vom 4. Januar 2012 E. 2.5.4, A-1447/2010 vom 11. November 2011 E. 2.8.2, A -7809/2010 vom 5. September 2011 E. 2.8.2, A -4011/2010 vom 18. Januar 2011 E. 2.5.4). Diese Umkehr A-852/2012 Seite 12 der Beweislast darf aber nicht zur Folge haben, dass die ESTV beliebig v on ungestützten Annahmen ausgehen und d em Steuerpflichtigen alsdann zumuten darf , die Unrichtigkeit ihrer Ermessenseinschätzung zu beweisen (vgl. GERBER, a.a.O, S. 316). Sie erfolgt daher nur, wenn die Ermessenseinschätzung pflichtgemäss vorgenommen wurde. 3. Im vorliegenden Fall betrieb die Besc hwerdeführerin in der verfahrensre- levanten Zeit ein Unterhaltungslokal mit einer "Kontaktbar". Neben einem Unterhaltungsprogramm mit verschiedenen Shows (beispielsweise […]), standen […] Zimmer zur Verfügung, in welchen von den im Lokal arbei- tenden Damen erotische Dienstleistungen angeboten wurden. Die Preise für diese Dienstleistungen lagen bei Fr. 150.-- für eine halbe und Fr. 300.- - für eine volle Stunde (Angaben gemäss Internetauftritt der Beschwerde- führerin, vgl. […]). Die Zimmer wurden den Damen von der Beschwerde- führerin zur Verfügung gestellt und als Gegenleistung m ussten diese bei den verschiedenen Shows mitwirken. Die Umsätze aus den erotischen Dienstleistungen der Damen hat die Beschwerdeführerin unbestrittener- massen nicht in ihrer Buchhaltung verbucht. 3.1 Aufgrund der klaren gesetzlichen Grundlage und der gefestigten Rechtsprechung (vgl. anstatt vieler : Urteil des Bundesgerichts 2C_261/2012 vom 23. Juni 2012 E. 4; Urteil des Bundesverwaltungsg e- richts A-2950/2011 vom 8. Februar 2012 E. 2 ff.) bestreitet die Beschwer- deführerin vor Bundesverwaltungsgericht zu Recht nicht mehr, dass die im Lokal arbeitenden Damen für die Zwecke der Mehrwertsteuer nicht als selbständig erwerbend betrachtet werden können. Die von den Damen erbrachten erotischen Dienstleistungen stellen aufgrund des nach aussen sichtbaren Erscheinungsbildes einen in die Gesamtorganisation des B e- triebs integ rierten Zweig des Unterhaltungslokals bzw. der "Kontaktbar" dar. Das Lokal und die Frauen erscheinen als unternehmerische Einheit, wobei massgebend ist, dass die Beschwerdeführerin mit dem Lokal nach aussen in eigenem Namen ([…]) auftrat. Die Umsätze der Damen aus den erotischen Dienstleistungen sind der Beschwerdeführerin meh r- wertsteuerrechtlich zuzurechnen. 3.2 Die Beschwerdeführerin h at unbestrittenermassen die von den Da- men vereinnahmten Umsätze nicht in ihrer Buchhaltung erfasst, obwohl sie diese als Ertrag hätte verbuchen müssen. Die Buchhaltungsunterla- gen sind dergestalt nicht vollständig und entsprechen demzufolge nicht A-852/2012 Seite 13 den gesetzlichen Anforderungen (E. 2.3.2). Unter diesen Umständen war die ESTV berechtigt und verpflichtet, den fraglichen Umsatz durch eine pflichtgemässe Ermessenseinschätzung zu ermitteln (E. 2.3.3). 3.3 Die ESTV stützt ihre Schätzung des Umsatzes aus den erotischen Dienstleistungen auf die Anzahl der verkauften Cüpli. Sie führt dazu aus, dass ein Gast einer Dame das Interesse an einer erotischen Dienstleis- tung anzeige, indem er ihr ein solches Cüpli offerier e. So werde dieses Cüpli denn auch als der sog. "Damen-Penalty" bezeichnet. Aus den T a- gesabrechnungen könne man die Anzahl der verkauften Cüpli entneh- men. Die ESTV geht weiter da von aus, dass ein Drittel der verkauften Cüpli von den Gästen und die anderen zwei Drittel von den Damen kon- sumiert word en seien. Die Anzahl der von den Damen konsu mierten Cüpli könne somit mit der Anzahl der erotischen Dienstleistungen gleich- gesetzt werden. Die ESTV multipliziert diese Zahl mit einem durchschnitt- lichen Satz von Fr. 180.-- für jede bezogene Dienstleistung. Dabei geht sie davon aus, dass 80% der Kunden eine halbe Stunde (Fr. 150.--) und 20% eine ganze Stunde (Fr. 300.--) in Anspruch genommen haben. Die ESTV hat versucht , diese Umsatzschätzung mittels einer Hilfsrechnung zu plausibilisieren. So führt sie aus, dass gemäss Buchhaltung im Jahr 2009 21'000 Kondome eingekauft worden seien. Verglichen mit den g e- schätzt ermittelten 12'045 erotischen Dienstleistungen im Jahr 2009 (33 pro Tag), sei dieses Verhältnis "ohne Weiteres vertretbar". Im Jahr 20 10 seien 2 2'200 Kondome eingekauft und 37 Dienstleistungen pro Tag (13'505 pro Jahr) erbracht worden . Des Weiteren führt die ESTV aus, dass im vorliegenden Fall nicht auf Erfahrungszahlen zurückgegriffen werden kann, da in der Erotikbranche sehr grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Betrieben bestehen würden. 3.4 3.4.1 Die ESTV muss eine pflichtgemässe Ermessenseinschätzung vo r- nehmen. Dies bedeutet, dass nebst ausreichend abgestützten und plau- siblen Schätzungshilfen und einer vernünftigen und zweckmässigen Schätzungsmethode auf die Besonderheiten des Einzelfalles Rücksicht zu nehmen ist ( E. 2.3.4). Dazu gehört implizit auch, dass die vorgeno m- mene Ermessenseinsc hätzung genügend begründet wird, denn n ur so kann überhaupt nachvoll zogen und geprüft werden, ob die Schätzung pflichtgemäss erfolgt ist. Die ESTV entnahm für die vorliegende Umsa tzschätzung die Anzahl der verkauften Cüpli aus den Tagesabrechnungen der Beschwerdeführerin. A-852/2012 Seite 14 Diese Zahl ist somit zuverlässig bestimmbar. Die B eschwerdeführerin be- hauptet denn auch nichts Gegenteiliges. Die anschliessende Berechnung der ESTV basiert aber auf verschiedenen Annahmen: (i) genau zwei Drit- tel der verkauften Cüpli seien von den arbeitenden Damen konsumiert worden ("zwei-Drittels-Quote"), (ii) nach jedem von einer Dame getrunke- nen Cüpli sei eine erotische Dienstleistung erbracht worden, (iii) nie sei es zu erotischen Dienstleistung ohne vorausgehende Konsumation eines solchen Cüpli oder zu einer Konsumation eines C üpli ohne nachfolgende Dienstleistung gekommen und (iv) der durchschnittliche Ansatz pro Dienstleistung habe Fr. 180.-- betragen. Eine Begründung oder gar Bele- ge für diese – denkbaren oder sogar zugunsten der Beschwerdeführerin ausgefallenen – Annahmen sind weder im Einspracheentscheid noch in der Vernehmlassung der Vorinstanz zu finden. Wie die ESTV denn auch selbst ausführt, handelt es sich bei den Berechnungsgrundlagen um reine Schätzungen (vgl. […]). Trotz der sich im vorliegenden Fall offensichtlich stellenden Probleme bei der Ermessenseinschätzung vermag dieses Vorgehen der ESTV den gesetzlichen Anforderungen nicht zu genügen. Gerade bei der zwei -Drittels-Quote und beim durchschnittlichen Ansatz von Fr. 180.-- pro Dienstleistung kann eine ungenaue S chätzung Schwankungen des zu ermittelnden Umsatzes von mehrere n hunderttau- send Franken zur Folge haben. Dies zeigt die grosse Differenz zwischen der Berechnung der Vorinstanz und jener der Beschwerdeführerin deu t- lich. Diesen beiden Parametern kommt – bei der von der ESTV gewäh l- ten Berechnungsmethode – entscheidende Bedeutung für die Um satzer- mittlung zu. Sie müssen darum – wie vom Gesetz verlangt – der wirkli- chen Situation ausreichen nahe kommen (E. 2.3.3), was zwangsläufig de- ren – zumindest ansatzweise – Validierbarkeit voraussetzt. Es kann hier daher bereits deshalb nicht von einer pflichtgemässen Ermessensei n- schätzung gesprochen werden, weil diese beiden Berechnungsgrundla- gen in keiner Weise belegt wurden bzw. – zumindest ansatzweise – vali- dierbar sind. De r Umstand, dass die Beschwerdeführerin den durc h- schnittlichen Stundenansatz von Fr. 180.-- pro erotischer Dienstleistung in ihrer Beschwerde nicht rügt, lässt nicht automatisch den Schluss zu, dass er auch den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht und ent bindet des- halb die ESTV nicht von einem pflichtgemässen Vorgehen, insbesondere von einer entsprechenden Begründung der ermittelten Berechnung s- grundlagen. Bei einer Ermessenseinschätzung muss der richtige Umsatz so gut wie möglich ermittelt werden. Ein Steuerpflichtiger darf nicht be- günstigt werden und es darf zu keinen Steuerausfällen kommen (E. 2.3.5). A-852/2012 Seite 15 Gleiches wie für die zwei -Drittels-Quote gilt für die darauf aufbauen den Annahmen. Der Zweck des Konsums des Cüpli war es wohl, der B e- schwerdeführerin einen Mindestumsatz pro Gast zu sichern, da die Ei n- nahmen aus den erotischen Dienstleistungen anscheinend ausschlies s- lich den Damen zukamen. Es ist daher durchaus anzunehmen, dass es mit einiger Regelmässigkeit vor der Erbringung einer erotischen Dienst- leistung zum Konsum eines Cüpli kam. Dies bestätigt auch die B e- schwerdeführerin. Eine zuverlässige Bestimmung eines bestimmten Ver- hältnisses zwischen den von den Damen getrunkenen Cüpli und den ta t- sächlich erbrachten erotischen Dienstleistungen (die Vorinstanz geht von einem eins zu eins Verhältnis aus) lässt sich jedoch aus diesem Umstand und mit den zur Verfügung stehenden Informationen (noch) nicht machen. Zu viele Möglichkeiten sind denkbar, bei welchen ein Cüpli bestellt wurde und es nachfolgend trotzdem zu keine r erotischen Dienstleistung kam, oder es zu einer solchen ohne vorherigen Kauf eines Cüpli kam. So wur- de beispielsweise der Champagner, welcher in Flaschen verkauft wurde, nicht in die Berechnung mit einbezogen (vgl. […]). Dies obwohl nicht an- zunehmen ist, dass die Kunden, nach Konsumation einer (teuren) Fl a- sche – sei es alleine, in einer Gruppe oder zusammen mit den im Lokal arbeitenden Damen – nie erotische Dienstleistungen in Anspruch ge- nommen haben oder gar zusätzlich nochmals ein Cüpli (für jede Dame) kaufen mussten. Weiter erscheint die – wiederum nicht einmal ansatzwei- se begründete – Behauptung der ESTV, es sei nach jeder Konsumation eines Cüpli durch eine Dame auch zu einer erotischen Dienstleistung ge- kommen, als wenig glaubhaft. Wie die ESTV sogar selber ausführt, dien t das Cüpli einem Kunden dazu, "das Interesse an einer Dienstleistung a n- zuzeigen". Der definitive Entschluss erfolgt e wohl bei einigen Kunden zu einem späteren Zeitpunkt , nachdem "das Interesse" bereits angezeigt worden war oder gar erst nach Konsumation eines weiteren Cüpli. Nicht auszuschliessen ist überdies, dass einige Kunden nie beabsichtigten, ei- ne erotische Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. 3.4.2 Die ESTV versucht in der Folge ihre Schätzung der Anzahl der ero- tischen Dienstleistungen anhand der eingekauften Kondome zu plausibili- sieren, wobei sie selbst bereits im Kontrollbericht festgehalten hat, "die Schätzung zu plausibilisieren ist ein Ding der Sterne" (vgl. […]). So führt die Vorinstanz denn auch lediglich aus, dass ein Einkauf von 21'000 Kon- domen bei 12'045 Dienstleistungen im Jahr 2009 (33 pro Tag) "ohne Wei- teres vertretbar" sei. Zahlen für die Jahre 2007 und 2008 werden nicht aufgeführt. Im Jahr 2010 wurden 22'200 Kondome eingekauft bei 13'505 Dienstleistungen (37 pro Tag), was ebenfalls "ohne Weiteres vertretbar" A-852/2012 Seite 16 sei (vgl. zur Steuerperiode 2010 Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A- 849/2012 vom 27. September 2012 E. 3.4.2). Obwohl die von der ESTV errechnete Zahl der täglichen Dienstleistungen zwischen 2009 und 2010 um 12% zugenommen haben soll (von 33 auf 37), hat sich die eingekauf- te Menge der Kondome um nur knapp die Hälfte (5.7%) erhöht. Mit ande- ren Worten wären pro Dienstleistung im Jahr 2010 ohne ersichtlichen Grund und bei gleichem Angebot durchschnittlich weniger Kondome ve r- braucht worden. Zudem bleibt im Dunkeln , warum gerade ein Kondom- verbrauch von 1.74 pro Dienstleistung (im Jahr 2009) plausibel sein soll – oder mindestens plausibler als beispielsweise ei ne Quote von 1.2, 1.5 oder gar 2.0 . Es zeigt sich vielmehr, dass alleine die Anzahl der eing e- kauften Kondome nicht geeignet ist, um auf die Zahl der erbrachten eroti- schen Dienstleistungen zu schliessen respektive eine solche Schätzung zu plausibilisieren. Es spricht nicht einmal eine erhöhte Wahrscheinlich- keit dafür, dass gerade die von der ESTV berechnete Zahl der Wahrheit ausreichend nahe kommt. Eine Plausibilisierung der berechneten Umsä t- ze aus den erotischen Dienstleistungen ist damit jedenfalls nicht möglich. 3.5 3.5.1 Die ESTV hat keine der zwei möglichen Schätzungsmethoden a n- gewandt. Sie ermittelte den fraglichen Umsatz weder mittels einer Ergä n- zung bzw. Rekonstruktion der ungenügenden Buchhaltung noch nahm sie eine Schätzung aufgrund unbestrittener Teil -Rechnungsergebnisse in Verbindung mit Erfahrungssätzen vor (E. 2.3.4). Einzig die Zahl der ve r- kauften Cüpli entnahm sie den Buchhaltungsunterlagen. Mit ihrer B e- rechnung hat die ESTV eine Annahme getroffen, bei welcher mit den zur Verfügung stehenden Unterlagen nicht überprüfbar ist, ob si e der Wah r- heit auch nur ansatzweise nahe kommt. Ein Schluss auf (gerade) 19 Dienstleistungen pro Tag im Jahr 2007 (28 pro Tag 2008 bzw. 33 pro Tag 2009) sowie auf einen durchschnittlichen Ansatz von Fr. 180.-- pro eroti- scher Dienstleistung ist nicht möglich. Der vorliegenden Schätzung ma n- gelt es an einer plausiblen Berechnungsgrundlage und deshalb bereits an einer zulässigen Basis. Als solche ist die Umsatz schätzung ungenügend und muss als Behauptung qualifiziert werden. Die Einwände der ESTV, dass die Anwendung von Erfahrungszahlen in der Erotikbranche aufgrund grosser Unterschiede zwischen den ve r- schiedenen Betrieben nicht möglich sei und dass die Beschwerdeführerin die Beweislast für die Unangemessenheit der vorgenommenen Ermes- senseinschätzung trägt , vermögen an obiger Beurteilung nichts zu ä n- dern. Die ESTV hat eine Schätzung nach pflichtgemässem Ermessen A-852/2012 Seite 17 vorzunehmen. Nur dann findet eine Umkehr der Beweislast statt (E. 2.4). Falls ein Rückgriff auf Erfahrungszahlen tatsächlich nicht möglich ist, muss mit weiteren Abklärungen versucht werden, die Verhältnisse des Einzelfalls zu eruieren. Dies schliesst – was im vorliegenden Fall nicht er- folgt ist – auch ein, dass in zumutbarem Rahmen Auskünfte, Nachweise und Belege bei Dritten eingeholt werden (E. 2.3.4 in fine). Aufgrund der einfachen Struktur und der übersichtlichen Preisgestaltung des vorliege n- den Lokals (keine Sonderprogramme, spezielle n "Parties", Massage n, Poolbenützung o.Ä.) ist es überdies – zumindest mit der vorliegenden Begründung der ESTV – nicht verständlich, warum keine Erfahrungszah- len aus vergleichbar strukturier ten B etrieben (von welchen es sicherlich einige geben wird) ermittelt werden können . Des Weiteren bleibt unklar , warum die – gemäss Kontrollbericht – vorhandenen Kreditkartenabrech- nungen, welche "immer die typischen Totalbeträge CHF 150.00 und CHF 300.00" ( […]) ausweisen würden – was im Übrigen ebenfalls dagegen sprechen könnte, dass mit jeder Dienstleistung ein Cüpli konsumiert wu r- de –, nicht in die Ermessenseinschätzung einbezogen wurden. Sie könn- ten zumindest Anhaltspunkte über das Verhältnis von halb - zu stündigen Dienstleistungen (Fr. 150.-- bzw. Fr. 300.--) und somit über den durc h- schnittlichen Ansatz pro Dienstleistung sowie über die Anzahl der Dienst- leistungen insgesamt geben. Auskünfte Dritter könnten dann weitere Auf- schlüsse geben ; seien d ies die im Lokal arbeitenden Damen, allfällige weitere Angestellte wie beispielsweise das Reinigungspersonal – welches sicherlich nach jedem Gebrauch das entsprechende Zimmer wieder au f- bereitet und die Wäsche wäscht oder aber auch Betreiber und Angestellte anderer Betriebe mit einer ähnlichen Struktur. In der Folge kann die ESTV auf der Basis der ermittelten Informationen eine rechtmässige und pflicht- gemässe Schätzung vornehmen. 3.5.2 Im vorliegenden Fall hat die ESTV durch die – ohne hinreichende Begründung vorgenommene und somit nicht validierbare – Gleichsetzung von zwei Drittel der verkauften Cüpli mit der Zahl der bezogenen eroti- schen Dienstleistungen und dem ebenfalls unbegründeten Ansatz von Fr. 180.-- pro Dienstleistung ihr Ermessen überschritten. Sie hat deshalb eine neue Schätzung nach pflichtgemässem Ermessen im Sinn der ob i- gen Erwägungen durchzuführen und ausreichend zu begründen. Bei die- sem Ergebnis erübrigt es sich, auf die weitere n Argumente der B e- schwerdeführerin einzugehen. Es kann hier auch offen gelassen werden, ob die allgemein gehaltenen und nicht belegten Vorbringen der B e- schwerdeführerin genügen würden, um eine nach pflichtgemässem E r- messen vorgenommene Umsatzschätzung zu erschüttern. A-852/2012 Seite 18 4. Die Beschwerde ist im Sinn der Erwägungen gutzuheissen, der Einspr a- cheentscheid vom 13. Januar 2012 aufzuheben und die Sache an die ESTV zur Durchführung einer neuen Schätzung der Einnahmen aus den erotischen Dienstleistungen nach pflichtgemässem Ermessen zurückzu- weisen. 5. 5.1 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks ergänzender Abklärungen als volles Obsiegen der beschwerdeführenden Partei (BGE 132 V 215 E. 6.1). D a- her wird vorliegend ausgan gsgemäss auf die Erhebung von Gerichtsko s- ten bei der Beschwerdeführerin verzichtet (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und der bereits geleistete Kostenvorschuss zurückerstattet. Der ESTV können keine Kosten auferlegt werden (Art. 63 Abs. 2 VwVG.) 5.2 Die Beschwerdeinstanz spricht der obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwachsene no t- wendige und verhältnismässig hohe Kosten zu (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Parteientschädigung umfasst die Kosten der Vertretung sowie allfällige weitere notwendige Auslagen der Partei (Art. 8 VGKE). Unter Berücksichtigung der Komplexität des Falles, der eingereicht en Rechtsschriften, des notwendigen Aufwandes sowie eines durch - schnittlichen Stundenansatzes ist die Entschädigung ermessensweise auf Fr. 6'000.-- festzusetzen. Die Vorinstanz hat die Parteientschädigung zu bezahlen (Art. 64 Abs. 2 VwVG). Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2. Der Einspracheentscheid der ESTV vom 13. Januar 2012 wird aufgeh o- ben und die Sache zur Fällung eines neuen Entscheids im Sinne der E r- wägungen an die ESTV zurückgewiesen. A-852/2012 Seite 19 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der von der Beschwerdefüh- rerin einbezahlte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 8'000. -- wird die- ser nach Rechtskraft des vorliegenden Urteils zurückerstattet. 4. Die Vorinstanz wird verpflichtet, der Beschwerdeführerin eine Parteien t- schädigung in der Höhe von Fr. 6'000.-- zu bezahlen. 5. Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde) – die Vorinstanz (Ref-Nr. […]; Gerichtsurkunde) Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Michael Beusch Stefano Bernasconi Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun- desgericht, 1000 Lausanne 14 , Beschwerde in öffentlich -rechtlichen An- gelegenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Die Rechtsschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren B e- gründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie der Beschwerdeführer in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG). Versand: