B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-7674/2015 U r t e i l v o m 2 7 . M ä r z 2 0 1 8 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Thomas Wespi, Richterin Daniela Brüschweiler, Gerichtsschreiberin Susanne Bolz. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch Gabriel Püntener, Rechtsanwalt, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Wiedererwägung / Nichteintreten auf Asylgesuch und Weg- weisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 18. November 2015 / N (…). D-7674/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ist eine sri-lankische Staatsangehörige tamilischer Ethnie. Am 12. Januar 2015 hatte sie in der Schweiz Asyl beantragt. Das SEM war mit Entscheid vom 10. Juni 2015 auf das Gesuch nicht eingetre- ten und hatte im Rahmen eines Dublin -Verfahrens die Wegweisung und den Vollzug nach Italien angeordnet. Eine gegen diese Verfügung gerich- tete Beschwerde wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-4021/2015 vom 28. September 2015 abgewiesen , die Verfügung er- wuchs in Rechtskraft. B. Mit Eingabe vom 5. Oktober 2015 wandte sich der Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin (Vollmacht vom 8. Mai 2015) per Einschreiben an die Vorinstanz und legte einen vom 25. September 2015 datierende n Arztbe- richt der die Beschwerdeführerin behandelnden Psychiaterin vor, welcher ihm am 1. Oktober 2015 zugestellt worden sei. Aus diesem gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin hoch suizidal sei, so dass sie der permanen- ten ärztlichen Überwachung bedürfe. Deshalb sei anstelle der Überstellung nach Italien – aufgrund welcher ein Behandlungsunterbruch wahrschein- lich sei – ein Selbsteintritt angezeigt, es dürfe nicht zum Vollzug der Weg- weisung kommen. Es liege in der Verantwortung des SEM, den Suizid zu verhindern. C. Am 30. Oktober 2015 wandte sich der Rechtsvertreter erne ut an die Vor- instanz und beantragt nochmals die Einstellung aller Vollzugshandlungen. Er reichte der Vorinstanz einen Arztbericht vom 22. Oktober 2015 ein, wel- chen der zuständige Kanton bei der begutachtenden Ärztin, Dr. B._______, die auch die Hausärztin der Beschwerdeführerin ist, eingeholt hatte. Auch aus diesem Bericht gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin auf die in der Schweiz existierende Betreuung und vor allem ihre therapeutische Be- handlung angewiesen sei und keine Transportfähigkeit bestehe. Entgegen dieser ärztlichen Einschätzung wolle sich das zuständige Migrationsamt nun jedoch auf die Einschätzung der OSARA AG stützen, welche die zwangsweisen Rückführungen medizinisch begleite und dem Transport zu- gestimmt habe. D. In ihrer Entgegnung vom 5. November 2015 berief sich die Vorinstanz auf die Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts in seinem Urteil vom D-7674/2015 Seite 3 28. September 2015, wonach ein Selbsteintritt nicht gerechtfertigt sei, da die medizinische Versorgung in Italien als ausreichend erachtet werde. Die Eingaben enthielten keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismit- tel, welche nicht schon im Wesentlichen zum Zeitpunkt des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts bekannt gewesen seien. Das SEM werde dem Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin gemäss den Art. 31 und 32 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dublin-III-VO) Rechnung tragen, die Reise- fähigkeit werde im Vorfeld der Überstellung von Dritten geprüft und beurteilt werden. E. Mit Eingabe vom 9. November 2015 ersuchte der Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin um „formelle Prüfung des eingereichten Wiedererwä- gungsgesuchs“. Er brachte vor, der Arztbericht vom 25. September 2015 habe zum Ze itpunkt des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts am 28. September 2015 noch nicht vorgelegen, ebenso wenig wie der Bericht vom 5. Oktober 2015. Der sich aus diesen Berichten ergebende medizini- sche Sachverhalt sei in seiner konkreten Ausgestaltung noch nicht Gegen- stand des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts gewesen. Zulässigkeit und Zumutbarkeit der Überstellung der Beschwerdeführerin müssten an- gesichts dieser neuen Erkenntnisse über die medizinische Ausgangslage erneut überprüft werden. Er habe dem SEM bereits ein förmliches Wieder- erwägungsgesuch vorgelegt, welches auch entsprechend zu behandeln sei. Der Verweis auf die Argumentation im Urteil des Bundesverwaltungs- gerichts sei nicht zielführend. Es liege ein bisher noch nicht beurteilter neuer Sachverhalt vor, der durch neue Beweismittel auch belegt werde. F. Mit Eingabe vom 15. November 2015 wies der Rechtsvertreter darauf hin, dass auch nach seinem erneuten Schreiben vom 9. November 2015 der Vollzug weiter vorangetrieben worden sei. Er ersuchte um Anordnung der aufschiebenden Wirkung und um Aussetzung weiterer Vollzugshandlun- gen. G. Am 18. November 2015 lehnte das SEM das Wiedererwägungsgesuch D-7674/2015 Seite 4 kostenpflichtig ab und entzog einer allfälligen Beschwerde die aufschie- bende Wirkung. Es lägen keine neuen erheblichen Tatsachen vor, welche gegen den Vollzug der Wegweisung sprechen könnten. Die gesundheitli- che Problematik sei bekannt und bereits gewürdigt worden. Die Beschwer- deführerin könne in Italien Asyl beantragen und werde dann auch Zugang zu den nötigen medizinischen Leistungen erhalten. Als vulnerable Person werde sie bevorzugt behandelt werden. Die italienischen Behörden würden die ihr zustehende medizinische Versorgung nicht verweigern. Die Dublin- III-Verordnung regle zudem, wie die italienischen Behörden zu informieren seien. Die zuständige Institution habe zudem auch die Reisefähigkeit der Beschwerdeführerin festgestellt, dem Gesundheitszustand werde in jedem Fall Rechnung getragen. Diese Verfügung wurde am 26. November 2015 eröffnet. H. Ebenfalls am 18. November 2015 wandte sich der Rechtsvertreter an das SEM und beantragte nochmals die Aussetzung des Vollzugs. Er reichte ei- nen Artikel der Fachzeitschrift ASYL zu den Akten betreffend einen Ent- scheid des UNO-Menschenrechtsausschusses vom 22. Juli 2015 zur Situ- ation in Italien . Das SEM sei gehalten, den in der EMRK geschützten Grundrechten der Beschwerdeführerin Rechnung zu tragen und auf den Vollzug ihrer Wegweisung zu verzichten. I. Am 27. November 2015 ersuchte der Rechtsvertreter die Vorinstanz um Akteneinsicht, die ihm am 10. Dezember 2015 gewährt wurde. J. Am 27. November 2015 erhob der Rechtsvertreter Beschwerde gegen die Abweisung des Wiedererwägungsgesuchs und beantragte vorsorgliche Massnahmen. Die Verfügung vom 18. November 2015 sei aufzuheben, die Vorinstanz habe sich als zuständig für die Durchführung des Asylverfah- rens zu erklären. Eventualiter sei die Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. Das SEM habe seine Begrün- dungspflicht verletzt und den Sachverhalt weder vollständ ig noch richtig abgeklärt. Auch sei der Beschwerdeführerin nicht ausreichend Aktenein- sicht gewährt worden, insbesondere nicht in den Bericht der OSEARA-AG. Es wurde um Ansetzung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeer- gänzung ersucht, sofern die Akte neinsicht nicht innerhalb der 30 -tägigen Beschwerdefrist gewährt worden sein sollte. D-7674/2015 Seite 5 K. Mit Zwischenverfügung vom 1. Dezember 2015 ordnete die Instruktions- richterin die aufschiebende Wirkung an und setzte Frist zur Bezahlung ei- nes Kostenvorschusses. Dieser wurde fristgerecht bezahlt. L. Mit Eingabe vom 16. Dezember 2015 ersuchte der Rechtsvertreter um Ak- teneinsicht in den ärztlichen Bericht der OSEARA AG betreffend die Reise- fähigkeit. In den Akten sei nur ein Formular abgelegt, sicher müsse dazu noch ein Berich t vorhanden sein. Am 18. Dezember 2015 verneinte das SEM das Vorliegen weiterer Arztberichte von Seiten der OSEARA AG. M. In der ergänzenden Eingabe vom 28. Dezember 2015 präzisierte der Rechtsvertreter, er habe das Wiedererwägungsgesuch bereits am 5. Okto- ber 2015 bei der Vorinstanz eingereicht. Es sei bei der Gesundheitsbetreu- ung der Beschwerdeführerin zu einem Unterbruch gekommen, weshalb ihre ärztliche Versorgung während des noch laufenden Beschwerdeverfah- rens neu habe organisiert werden müssen. Erst danach habe ihr Gesund- heitszustand umfassend erfasst werden können. Der bereits im vorherigen Beschwerdeverfahren angekündigte Arztbericht habe deshalb auch erst nach dem Urteilszeitpunkt vorgelegen. Wie diesem Arztbericht sowie auch der Einschätzung von Dr. B._______ vom 22. Oktober 2015 zu Handen des Migrationsamtes zu entnehmen sei , habe sich die Situation der Be- schwerdeführerin als viel dramatischer erwiesen als zunächst angenom- men. Es sei deshalb von einer neuen Sachlage auszugehen. Die lebens- bedrohende gesundheitliche Entwicklung bis hin zum Suizid könne nur durch eine engmaschige ärztliche Überwachung und die in der Schweiz bestehenden verwandtschaftlichen Beziehungen aufgefangen werden. Das SEM habe diese Berichte allerdings nicht gewürdigt, sondern einzig auf die Einschätzung der OSEARA AG abgestellt, deren Mitarbeitende ohne weitere Begründung zum Schluss gelangt seien, es liege keine Kont- raindikation für eine zwangsweise Rückführung auf dem Luftweg vor. Das SEM wäre jedoch verpflichtet gewesen, die Einschätzung der sachverstän- digen Ärzte zu berücksichtigen, was es ohne wei tere Begründung unter- lassen und somit seine Begründungspflicht verletzt habe. Das SEM habe zudem keine Einzelfallprüfung vorgenommen, sondern pauschal erklärt, der Vollzug nach Italien sei zumutbar und zulässig, was angesichts der be- kannten Mängel des italienischen Asylsystems nicht sachgerecht sei. Sollte auch das Bundesverwaltungsgericht diese Auffassung teilen, so D-7674/2015 Seite 6 werde vorsorglich die Einholung eines Fachgutachtens betreffend die Situ- ation in Italien beantragt. N. Mit Verfügung vom 6. Januar 2016 lud die Instruktionsrichterin das SEM zur Vernehmlassung ein. O. Am 11. Januar 2016 reichte der Rechtsvertreter einen weiteren, an das zuständige Migrationsamt gerichteten Arztbericht vom 2. September 2015 (recte: 2. Dezember 2015) zu den Akten. P. In seiner Stellungnahme vom 20. Januar 2016 hielt das SEM an der Ab- weisung des Gesuchs und seinen Erwägungen diesbezüglich fest. Es er- läuterte Funktion und Aufgabe der OSEARA AG und betonte nochmals die Anstrengungen, welche im Rahmen des Vollzugs unternommen würden, um eine Weiterbehandlung der Beschwerdeführerin in Italien sicherzustel- len. Eine drohende Verletzung von Art. 3 EMRK sei nicht ersichtlich, da sich die Beschwerdeführerin nicht in Todesnähe befinde. Q. In der Replik vom 8. Februar 2016 brachte der Rechtsvertreter vor, es könne nicht angehen, dass eine Schweizer Behörde den Entscheid über eine Massnahme, welche eine Grundrechtsverletzung nach sich ziehen könnte, in die Hände einer privatrechtlichen Organisation wie der OSEARA AG lege. Dies stehe nicht im Einklang mit der Rechtsordnung, insbeson- dere verletze das SEM seine Verpflichtungen wonach Behörden oder Ge- richte im Rahmen der Sachverhaltsabklärung gehalten seien, qualifizierte Sachverständige beizuziehen, sofern für die Klärung des Sac hverhaltes Fachwissen notwendig sei. Vorliegend sei der Gesundheitszustand der Be- schwerdeführerin von zwei behandelnden Ärztinnen in zwei Arztberichten vom 25. September 2015 als auch vom 22. Oktober 2015 dargestellt wor- den. Das Abweichen von den ärztlichen Einschätzungen betreffend die Transportfähigkeit könne sicher nicht durch das blosse Ankreuzen eines Formulars genügend gerechtfertigt werden. Der Einschätzung der OSE- ARA AG fehle jegliche Begründung. Nach wie vor sei offensichtlich, dass die Überstellung nach Italien für die Beschwerdeführerin mit überwiegen- der Wahrscheinlichkeit eine Verletzung ihrer durch Art. 3 EMRK geschütz- ten Rechte bedeuten würde. D-7674/2015 Seite 7 R. Mit Zwischenverfügung vom 3. November 201 7 forderte die Instruktions- richterin die Beschwerdeführerin auf, das Bundesverwaltungsgericht innert Frist über ihren aktuellen Gesundheitszustand und ihre medizinische Be- handlungssituation zu informieren. S. In seiner Eingabe vom 20. November 2017 brachte der Rechtsvertreter be- zugnehmend auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vor, dass das Dublin-Verfahren der Beschwerdeführerin nunmehr mehr als zwei Jahre andauere, weshalb die Schweiz ihre Verantwortlichkeit für die Durchführung des As ylverfahrens anzuerkennen habe. Gemäss Rechtsprechung liege die maximale Frist für die Zuständigkeitsprüfung bei zwei Jahren. Zudem reichte er einen aktu ellen Bericht der behandelnden Hausärztin, Dr. B._______, vom 16. November 2017 ein. Diesem ist zu entnehmen, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin nach fortlaufender intensiver Psycho-Therapie und aufgrund stabiler Wohn- und Beschäftigungsverhältnisse stabilisieren konnte. Unter der The- rapie habe sich auch [Krankheit] Ein negativer Entscheid könnte schwer- wiegende gesundheitliche Folgen und eine Zunahme der depressiven Symptome nach sich ziehen. T. Am 17. November 2017 ging bei der Vorinstanz ein Schreiben der Mutter der Beschwerdeführerin ein, in welchem sie mitteilte, es habe sich seit ei- nem Jahr niemand nach ihrer Tochter erkundigt. Sie fühle sich einsam ohne sie und bitte darum, sie zu ihr zurück nach Sri Lanka zu schicken. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungs gericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet be treffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). D-7674/2015 Seite 8 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge- regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66 -68 VwVG (Art. 111 b Abs. 1 AsylG). 3.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä- gungsgesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträgl ich eingetretene erhe bliche Veränderung der Sachlage (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung un- angefochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch R evisi- onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (vgl. zum sog. „qualifizierten Wiedererwägungsgesuch“ BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.). 3.3 Nachdem die Vorinstanz d en Anspruch der Beschwerdeführerin auf Behandlung ihres Wiedererwägungsgesuchs nicht in A brede stellte und darauf eintrat, hat das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen, ob das SEM das Gesuch zu Recht abwies. 4. 4.1 Prozessgegenstand bei einem Wiedererwägungsgesuch hinsichtlich eines gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ergehenden Nichteintreten- sentscheids (Dublin-Verfahren) kann lediglich die Frage bilden, ob sich seit D-7674/2015 Seite 9 Abschluss des ordentlichen Verfahrens eine nachträglich veränderte Sach- lage respektive Gründe nach Art. 66 Abs. 2 VwVG im Hinblick auf die staatsvertragliche Zuständigkeit des fraglichen Mitgliedstaates (vorliegend Italien) oder hinsichtlich Völkerrechtskonformität einer Wegweisung dorthin ergeben haben, oder ob seither humanitäre Gründe im Sinne von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) eingetreten sind. 4.2 Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens wurde im Wiedererwägungs- verfahren nicht in Frage gestellt. Es bleibt daher zu prüfen, ob sich die Sachlage seit Abschluss des ordentlichen Verfahrens wesentlich verändert hat, so dass eine Überstellu ng der Beschwerdeführerin nach Italien nun- mehr eine Verletzung der EMRK darstellen könnte, was gestützt auf Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO einen zwingenden Selbsteintritt der Schweiz zur Folge hätte (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III -Verordnung, Wien 2014, K2 zu Artikel 17), oder ob seither das Vorliegen humanitärer Gründe ersichtlich ist. 5. 5.1 Die Beschwerdeführerin bringt zur Begründung ihres Wiedererwä- gungsgesuches im Wesentlichen vor, die Vorinstanz und auch das Bun- desverwaltungsgericht hätten ihrem Gesundheitszustand im Zeitpunkt der Verfügung beziehungsweise des Urteils vom 28. September 2015 nicht ge- nügend Rechnung tragen können, da die entsprechenden ärztlichen Be- richte zwar beantragt worden seien, jedoch noch nicht vorgelegen hätten. Diesen Umstand habe sie nicht beeinflussen können. Ihre gesundheitliche Situation präsentiere sich auf Grundlage dieser Berichte jedoch als viel kri- tischer, als die Vorinstanz und das Gericht es zunächst hätten annehmen dürfen. Aus diesem Grund sei von der Rückschiebung nach Italien Abstand zu nehmen, da eine lückenlose medizinische Betreuung nicht gewährleis- tet sei und es absehbar zu einem Unterbruch in der Versorgung kommen werde. Angesichts ihrer schwerwiegenden Essstörung und ihres höchst in- stabilen p sychische Zustands könnte die Überstellung für sie lebensbe- drohliche Folgen zeitigen. Deshalb wäre das SEM veranlasst gewesen, bei den italienischen Behörden entsprechende Garantien einzuholen, um eine Unterbrechung der ärztlichen Versorgung und damit eine drohende Verlet- zung von Art. 3 EMRK zu verhindern. Dies sei nicht erfolgt. Zum Beleg reichte sie zwei Arztzeugnisse zu den Akten. D-7674/2015 Seite 10 5.2 Die Vorinstanz wies das Wiedererwägungsgesuch mit der Begründung ab, es enthalte keine Neuigkeiten. Der Gesundheitszustand der Beschwer- deführerin sei bekannt und bereits in der ursprünglichen Verfügung sei the- matisiert worden, dass die Beschwerdeführerin als verletzliche Person in Italien nach Einreichung eines Asylgesuchs Zugang zu den nötigen Leis- tungen des dortigen Gesundhe itssystems haben werde. Das Bundesver- waltungsgericht habe diesen Entscheid in seinem Urteil ausdrücklich ge- schützt. Betreffend die Situation in Italien wurde auf das Urteil des Europä- ischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) vom 30. Juni 2015 in Sa- chen A.S. gegen Schweiz (Nr. 39350/13) verwiesen. Das SEM werde ge- mäss den Vorgaben der Dublin -III-VO in Art. 31 und 32 die italienischen Behörden vor der Überstellung orientieren, die Reisefähigkeit der Be- schwerdeführerin sei von der dafür zuständigen OSEARA -AG festgestellt worden. 6. 6.1 Vorab ist f estzustellen, dass die gesundheitliche Problematik von der Vorinstanz sowie dem Bundesverwaltungsgericht im Beschwerdeverfah- ren D-4021/2015 auf Grundlage der ärztlichen Berichte vom 20. April 2015 sowie vom 29. Mai 2015 (vgl. Akten der Vorinstanz, Beilagen zu A32/5) beurteilt wurde, wobei letzterem nur zu entnehmen war, dass die Be- schwerdeführerin in psychiatrischer Behandlung stand und bis Mitte Juni 2015 zu 100 Prozent arbeits - und transportunfähig war. Aus dem Bericht vom 20. April 2015 ging hervor, dass bei der Beschwerdeführerin seit Ja- nuar 2015 ein Gewichtsverlust von 12. 5 kg zu verzeichnen war und sie unter gedrückter Stimmung, Ängstlichkeit, Schlafstörungen und Appetit- minderung litt. Sie wurde jedoch nicht als suizidal eingeschätzt, eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung wurde ausgeschlossen (vgl. Arztzeugnis vom 20. April 2015). Das nächst folgende Arztzeugnis der [Arztpraxis] in C._______ datiert vom 25. September 2015, gemäss Auskunft ging es dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin am 1. Oktober 2015 zu. Das Urteil D-4021/2015 erging am 28. September 2015. Der Rechtsvertreter r eichte den neuen Bericht als Beilage zu einem Wiedererwägungsgesuch am 5. Oktober 2015 bei der Vorinstanz ein (vgl. Bst. B). Aus diesem Bericht ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin seit 19. August 2015 in wöchent- licher Psychotherapie in ihrer Muttersprache stand. Die behandelnde Ärztin attestierte eine massive Störung der Vitalgefühle, sie beschrieb die Be- schwerdeführerin als „deprimiert, an innerer Unruhe leidend, in der Stim- mung gedrückt, freudlos und an Ein - und Durchschlafstörungen leidend und im Antrieb deut lich gestört“. Sie neige zu Alpträumen und es lägen Hinweise auf intrusive Gedanken vor. Ihr Appetit sei deutlich vermindert D-7674/2015 Seite 11 und es sei eine deutliche Gewichtsabnahme feststellbar. Sie dist anziere sich nicht klar vom Sui zid. Da konkrete Pläne für einen Sui zid vorlägen, müsse ihre Medikamenteneinnahme durch die Apotheke kontrolliert erfol- gen. Die Ärztin diagnostizierte eine Anpassungsstörung mit Angst und de- pressiver Reaktion. Es bestehe der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung. Zudem liege eine [Krankheit] vor. Durch die therapeu- tischen Massnahmen und das gute Umfeld sei eine gewisse Stabilisierung erreicht worden, die Beschwerdeführerin könne ihren Alltag einigermassen bewältigen, „im Sinne eines automatisierte n, quasi zombiehaf ten Ablau- fes“, ohne innere Affekte (vgl. Arztbericht in den Vorakten A41/13, S. 2). Aus der Anamnese gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin extremen Traumata ausgesetzt gewesen sein müsse, was das Vorliegen einer post- traumatischen Belastungsstörung sehr wahrscheinlich mache. Das Risiko eines weiteren Suizidversuchs könne durch eine andauernde sichere So- zialsituation und Therapie gesenkt werden, sei jedoch immer noch deutlich erhöht. Eine weitere Behandlung erweise sich als dringend notwendig. In einem weiteren Bericht der Hausärztin an das zuständige Migrationsamt vom 22. Oktober 2015 (vgl. act. A45/6) wird der Beschwerdeführerin neben der Bestätigung der psychischen Leiden ein e [Krankheit]. Die Ärztin be- fürchtete durch die Überstellung nach Italien eine erneute Dekompensation (…) und eine mögliche Umsetzung der aktuell vorhandenen Suizidgedan- ken. Deshalb hielt sie die Beschwerdeführerin für nicht transportfähig. 6.2 6.2.1 Die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin präsentierte sich im Zeitpunkt des Wiedererwägungsgesuchs am 5. Oktober 2015 dra- matischer als zum Zeitpunkt der erstinstanzlichen Verfügung und auch des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts D-4021/2015 vom 28. September 2015, beziehungsweise erhielten die Vorbringen der Beschwerdeführerin durch die beiden Arztberichte vom 25. September 2015 und vom 22. Ok- tober 2015 eine deutlich fundiertere und differenziertere Grundlage, die Er- gebnis einer mehrmonatigen Therapiebeziehung war. Neu war auch, dass der Beschwerdeführerin – entgegen der ersten Einschätzung im April 2015 – im September 2015 akute Suizidgedanken attestiert wu rden, entweder direkt oder durch eine zunehmende [Krankheit]. Im Bericht vom 25. Sep- tember 2015 wurde die Beschwerdeführerin als [Ausführungen zur schwe- ren Erkrankung] Im Rahmen einer zweiten Vernehmlassung reichte der Rechtsvertreter ein Arztzeugnis vom 16. November 2017 ein, in dem die behandelnde Ärztin ausführte, die Situation der unter einen posttraumati- schen Belastungsstörung mit (…) leidende Beschwerdeführerin habe sich D-7674/2015 Seite 12 nach einer durchgehenden psychotherapeutischen Behandlung verbes- sert. Der Verlauf sei langwierig gewesen, letzten Endes habe aber dank stabiler Wohn- und Beschäftigungsverhältnisse eine Stabilisierung erreicht werden können. Die Psychotherapie sei vor einem Monat abgeschlossen worden. Noch immer erhalte die Be schwerdeführerin Psychopharmaka. [gekürzt]. 6.2.2 Die so präzisierten Diagnosen und der Hinweis auf das akute und erhöhte Suizidrisiko der Beschwerdeführerin in den eingereichten Arztbe- richten legen nahe, dass sich die Sachlage seit dem am 29. September 2015 ergangenen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts verändert hat. Da- her sind die von der Beschwerdeführerin nun wiedererwägungshalber vor- gelegten Arztzeugnisse – entgegen der Einschätzung der Vorinstanz in ih- rer Verfügung vom 18. November 2015 – auch als erheblich zu bezeich- nen. 6.3 Die Beibringung der Arztberichte war der Beschwerdeführerin auch nicht schon im ordentlichen Rechtmittelverfahren möglich. Zwar datiert der erste Bericht vom 25. September 2015 noch vor dem Urteilszeitpunkt am 29. September 2015, jedoch konnte der Rechtsvertreter glaubhaft darle- gen, dass er diesen erst am 1. Oktober 2015 und damit nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts erhalten hatte. Aus den Vorakten wird er- sichtlich, dass der Rechtsvertreter sich durchaus um den Erhalt der ärztli- chen Einschätzung noch vor Ergehen des Urteils D-4021/2015 bemühte, was aus seiner Korrespondenz mit den (…) D._______, dem (…) und der dort zuständigen Ärztin sowie dem Schriftenwechsel mit der zuständigen Sozialarbeiterin ersichtlich wird (vgl. Beschwerdeakten D- 4021/2015, Ein- gabe 6, Beilage 5). Bemerkenswert ist dabei, dass auch die Sozialarbeite- rin in ihrem Schreiben vom 21. Juli 2015 bereits darauf hin wies, dass die behandelnde Ärztin di e nötigen Berichte häufig erst sehr verspätet ve r- fasse (vgl. Beschwerdeakten D -4021/2015, Eingabe 6, Beilage 6). Es ist daher davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin die neuen Arztbe- richte tatsächlich nicht früher erhalten konnte. Der Rechtsvertreter ist nach Erhalt des Berichts umgehend bei der Vorinstanz vorstellig geworden. Schliesslich ist zu klären, ob die neue Situation – der nun gut dokumen- tierte prekäre Gesundheitszustand sowie das erhöhte Suizidrisiko bezie- hungsweise die dahingehend geäusserten Absichten der Beschwerdefüh- rerin – zu einer veränderte Einschätzung des Sachverhalts betreffend die Zulässigkeit und Zumutbarkeit ihrer Überstellung im Rahmen eines Dublin- Verfahrens nach Italien führen müssen. D-7674/2015 Seite 13 6.4 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltu ngsgerichtes führt eine Überstellung in einen Dublin -Mitgliedstaat unter dem Aspekt der gesund- heitlichen Situation einer schutzsuchenden Person nur unter ganz ausser- gewöhnlichen Umständen zur Annahme eines Verstosses gegen Art. 3 EMRK, nämlich dann, wenn gewichtige Gründe dafür sprechen, dass eine tatsächliche Gefahr ( „real risk “) einer solchen Verletzung besteht (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H.; EGMR, A.M. gegen Schweiz, Urteil vom 3. November 2015, Beschwerde-Nr. 37466/13, § 17; A.S. gegen Schweiz, Urteil vom 30. Juni 2015, Beschwerde-Nr. 39350/13, § 25 ff.). Ausgehend von seiner bisherigen Rechtsprechung hat der EGMR hinsichtlich der An- forderungen an die Abschiebung schwerkranker Personen im Urteil Papos- hvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016 ( Beschwerde-Nr. 41738/10) präzisierend festgehalten, eine Abschiebung sei nicht nur unzulässig, wenn der Tod des abzuschiebenden Ausländers unmittelbar bevorstehe. Beson- dere Ausnahmefälle, die einer Abschiebung entgegenstehen könnten, seien auch dann anzunehmen, wenn schwerkranken Personen im Falle einer Abschiebung eine baldige und wesentliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes drohe (§ 183 ff.). Im Hinblick auf die anerkannter- massen geforderte Schwere der Beeinträchtigung, die der EGMR für die Anwendbarkeit von Art. 3 EMRK unter dem Aspekt gesundheitlicher Gründe voraussetzt, verweist der EGMR explizit auf die Umstände des je- weiligen Einzelfalles (u.a. A.M.E. gegen Niederlande vom 13. Januar 2015 [Nr. 51428/10] § 28 und A.S., a.a.O. § 26). 6.5 Aktenkundig ist der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin äus- serst prekär und sie befindet sich seit nunmehr fast drei Jahren in der Schweiz in ärztlicher und therapeutischer Betreuung. A ttestiert wurde ihr eine posttraumatische Belastungsstörung und eine daraus resultie rende hochgradige krankhafte Essstörung n ach erlittener sexueller Belästigung und traumatischen Erlebnissen nach dem Suizid ihres Vaters im Jahr 2004 und der angeblichen Ermordung ihres Onkels im Jahr 2014 durch sri -lan- kische Paramilitärs. Ihre behandelnde Ärztin ging nicht nur von einer ein- maligen, akuten und intensiven Traumatisierung aus, sondern von einer über die Jahre bestehenden Dauerandrohung durchsetzt mit traumati- schen Episoden, welche auf die noch junge Beschwerdeführerin schwer- wiegende Auswirkung entfaltete und nach Ansicht der Ärztin bereits zu ei- ner dauerhaften Persönlichkeitsveränderung geführt haben könnte (vgl. act. A41/3, Arztbericht vom 25. September 2015). Im Verlaufe des Ver- fahrens konnte sich der gesundheitliche Zustand der Beschwerdef ührerin etwas stabilisieren [gekürzt] (vgl. Beschwerdeakten Ziff. 12, Arztbericht vom 16. November 2017). Gemäss Ausführungen der behandelnden Ärztin D-7674/2015 Seite 14 könnte die Befundverschlechterung der Beschwerdeführerin in Zusam- menhang mit der Angst stehen, aus dem rel ativ stabilen Setting in der Schweiz wieder herausgerissen zu werden. Die Stabilisierung des Zustan- des der Beschwerdeführerin bezeichnete die behandelnde Ärztin als „lang- wierig“. Noch immer ist der Zustand fragil, da die Beschwerdeführerin an- scheinend auf jede befürchtete Situationsänderungen mit einer erneuten Verschlimmerung ihrer [Krankheit] reagiert. Es ist nicht auszuschliessen, dass sie sich – wie in den Arztberichten dargelegt – [umbringen] wird, falls sie aus dem derzeit für sie günstigen Umfeld herausgerissen werden sollte. 6.6 Es gibt aus Sicht des Gerichts keinen Grund, die fachärztlichen Be- richte und Diagnosen in Frage zu stellen, wonach die Beschwerdeführerin schwerste gesundheitliche Beeinträchtigungen hat, traumatisiert ist und – traumabedingt – unter [Krankheit] leidet. Sie ist eine komplex traumatisierte Person, die unter einer PTBS und damit verbundener [Krankheit] leidet und stark suizidgefährdet ist. Die behandelnde Ärztin führte aus, dass die Be- schwerdeführerin sich (…) umbringen könnte. Bereits im sicheren Umfeld in der Schweiz zeigten sich enorme Herausforderungen, um den gesund- heitlichen Zustand der Beschwerdeführerin einigermassen stabil zu halten und zu verbessern. Sie ist auf eine engmaschige ärztliche Betreuung und stabile Strukturen dringend angewiesen. Es wurde dokumentiert, dass ihr fragiler psychischer und physischer Gesundheitszustand der permanenten ärztlichen Betreuung und Kontrolle bedarf und sich nach wiederholter Ein- schätzung der behandelnden Ärztin dramatisch verschlechtern könnte, so- bald der Zugang zu einer ständigen ärztlichen Behandlung und zu einem sie stützenden sozialen Umfeld nicht gegeben ist. Bei dieser Ausgangs- lage, die sich bereits in der Schweiz ergibt, wo die Beschwerdeführerin nur durch die Unterstützung ihrer Tante und die engmaschige medizinische und soziale Betreuung einigermassen stabilisiert wird, ist umso klarer, dass die Beschwerdeführerin auf die Kontinuität der Betreuung und des günsti- gen Settings angewiesen ist, ansonsten sie sich durch Nahrungsverweige- rung oder auf andere Art umbringen könnte. 7. 7.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht auch im heutigen Zeitpunkt, so- wenig wie der EGMR, davon aus, in Italien lägen in den Aufnahmebedin- gungen systemische Mängel begründet, obwohl ernsthafte Zweifel an den ausreichenden Kapazitäten des italienischen Systems nicht von der Hand zu weisen sind (vgl. BVGE 2015/4 E. 4.1, sowie die Urteile des EGMR Ta- rakhel gegen die Schweiz vom 4. November 2014 [Grosse Kammer D-7674/2015 Seite 15 29217/12] §§ 114 f. und 120; A.S. gegen die Schweiz, a.a.O., § 36; T. ge- gen die Schweiz vom 4. November 2014 [Nr. 29217/12] §§ 114 f. und 120). 7.2 Ob für die offenkundig in ihrer physischen wie psychischen Gesundheit schwer beeinträchtigte Beschwerdeführerin im Fall einer Überstellung nach Italien zum heutigen Zeitpunkt ein „real risk“ besteht, in ihren durch Art. 3 EMRK geschützten Rechtspositionen verletzt zu werden, kann vor- liegend offen bleiben, da die angefochtene Verfügung , wie im Folgenden ausgeführt wird, bereits aus anderen Gründen aufzuheben ist. 8. 8.1 Die Vorinstanz hat die Eingabe der Beschwerdeführerin richtigerweise als Wiedererwägungsgesuch entgegengenommen und ist auf eine materi- elle Prüfung eingetreten. Da sich – wie unter E. 6.2 festgestellt – der Sach- verhalt verändert präsentierte, wäre sie auch verpflichtet gewesen, eine erneute Ermessensprüfung vorzunehmen in Hinblick auf das Vorliegen von humanitären Gründen gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV1 in Verbindung mit Art. 17 Abs.1 Dublin-III-VO. 8.1.1 Die Vorinstanz hätte eine Gesamtabwägung aller für diesen Einzelfall relevanten Faktoren vornehmen müssen, darunter die gesundheitlichen Vorbringen der Beschwerdeführerin, die sich als deutlich gravierender prä- sentierten als zunächst angenommen werden konnte, den Therapieverlauf und -bedarf sowie ihre psycho-soziale Situation. Eine solche Ermessens- prüfung ist dem ablehnenden Entscheid der Vorinstanz vom 18. November 2015 nicht zu entnehmen, dort wird lediglich in standardisierter Form auf die Behandlungsmöglichkeiten in Italien verwiesen, welche der Beschwer- deführerin offen stünden. Wie der Rechtsvertreter richtig festgestellt hat, wurde nicht thematisiert, ob die Beschwerdeführerin in ihrem äusserst fra- gilen Zustand faktisch überhaupt in der Lage sein könnte, sich in Italien durchzuschlagen und die für sie nötigen ärztlichen und sozialen Unterstüt- zungsmassnahmen bei den zuständigen Behörden einzufordern. Zu die- sem Punkt liefern die vorliegenden Arztberichte wichtige Informationen. Es ist ihnen zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin ihren Alltag in der Schweiz selbst mit Hilfe des engmaschig um sie herum aufgebauten the- rapeutischen und sozialen Netzes nur mit Mühe bewältigen kann und ihre Heilungsprognose unter günstigen Umständen nur bedingt günstig ausfällt (vgl. Arztbericht vom 22. Oktober 2015, a.a.O., Ziff. 4 „Behandlungsprog- nose“, act. A41/3, Arztbericht vom 25. September 2015, S. 2 f.). D-7674/2015 Seite 16 8.1.2 In den eingereichten Arztberichten wurde auch ausdrücklich erwähnt, dass die Beschwerdeführerin in der Schweiz von ihrer Tante unterstützt wird („schützende Umgebung“, vgl. A rztbericht vom 22. Oktober 2015, a.a.O.). Zwar fällt diese Verwandtschafts-Konstellation nicht unter die von Art. 16 Dublin-III-VO genannten zu berücksichtigenden verwandtschaftli- chen Abhängigkeitsverhältnisse. Filzwieser und Sprung stellen jedoch klar, dass Art. 16 Dublin-III-VO in seinem Wortlaut familiäre Konstellationen be- schreibt, in denen „regelmässig eine Zusammenführung beziehungsweise Nicht-Trennung aus menschenrechtlichen Erwägungen erfolgen soll“ (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K3 zu Art.16, S. 152). Andere Konstellationen von Abhängigkeiten zwischen Verwandten könnten dagegen im Rahmen von Art. 17 Dublin-III-VO berücksichtig wer- den (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, a.a.O., K1 zu Art. 16, S. 151). Da auch nach Schweizer Dublin-Praxis allfällige humanitäre Gründe im Rahmen von Art. 29a Abs. 3 AsylV1 (in Verbindung mit Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO) zu prüfen sind, hätte das Verhältnis der Beschwerdeführerin zu ihrer Tante Gegenstand der erneuten Ermessensprüfung im Rahmen der Prüfung des Wiedererwägungsgesuchs sein müssen. 8.1.3 Aufgrund der mit der Streichung des ehemaligen Art. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG einhergehenden Kognitionsbeschränkung muss das Bundes- verwaltungsgericht den dem SEM zustehenden Handlungsspielraum res- pektieren und kann lediglich prüfen, ob das SEM sein Ermessen gesetzes- konform ausgeübt hat (BVGE 2015/9 E. 8). Vorliegend ist festzu halten, dass das SEM aus den unter E. 8.1.2 dargelegten Gründen keine genü- gende Ermessensabwägung aller beachtlichen Faktoren betreffend die hu- manitäre Situation der Beschwerdeführerin vorgenommen hat, jedenfalls ist eine solche aus der angefochtenen Verfügung nicht ersichtlich. Die Vor- instanz wies in standardisierter Weise darauf hin, dass der Beschwerde- führerin in Italien der Zugang zu medizinischer Versorgung offen stehe und sie dort neben den Behörden auch caritative Hilfsorganisationen unterstüt- zen könnten. Den italienischen Behörden würden die nötigen medizini- schen Informationen gemäss Dublin-Prozedere rechtzeitig mitgeteilt, wei- tere Verpflichtungen würden die Schweizer Behörden nicht treffen. Aus- schlaggebend sei schliesslich die von der OSEARA -AG zu beurteilende Reisefähigkeit der Beschwerdeführerin. Das SEM hat vorliegend vo n sei- nem in Art. 29a Abs. 3 AsylV1 eingeräumten Ermessensspielraum (siehe dazu auch BVGE 2015/9 E. 7) nicht in rechtsgenüglicher Weise Gebrauch gemacht und das ihm eingeräumte Ermessen damit nicht gesetzeskonform ausgeübt. Die angefochtene Verfügung ist deshalb zu kassieren und an die D-7674/2015 Seite 17 Vorinstanz zurückzuweisen, unter der Auflage, eine Ermessensprüfung im Einzelfall durchzuführen. 8.2 8.2.1 Darüber hinaus ist zu bemerken, dass der Europäische Gerichthof (EuGH) in mehreren Urteilen feststellte, dass ein „unangemessen langes“ Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats dazu führen kann, dass der Mitgliedstaat, in dem sich die asylsuchende Person aufhält, den Antrag auf internationalen Schutz nach den Modalitäten von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO selbst prüfen muss (vgl. EuGH, Rechtssache N.S. u.a., C -411/10 und C - 93/10, Entscheid vom 21.12.2011, Rn 98; EuGH, C-4/11 i.S. Puid, Entscheid vom 14.11.2013, Rn 35, EuGH, C 578/16 i.S. C. K., H. F., A. S., Entscheid vom 16 Februar, Rn 57, 58) . Das Verfahren zur Bestimmung des für das Asylgesuch der Beschwerdeführerin zustän- digen Mitgliedstaats dauert inzwischen mehr als drei Jahre an, ohne dass sie dies zu verschulden hätte. 8.2.2 Die Dauer des Verfahrens (beziehungsweise der Anwesenheit in der Schweiz) – soweit sie nicht von den betroffenen Personen selbst verur- sacht oder verschuldet worden ist – ist einer der Faktoren, die in der Prü- fung des humanitären Selbsteintritts in Betracht zu ziehen sind (vgl. JEAN- PIERRE MONNET, La jurisprudence du Tribunal administratif fédéral en ma- tière de transferts Dublin, in Breitenmoser/Gless/Lagodny, [Hrsg.], Schen- gen und Dublin in der Praxis, Aktuelle Fragen, 2015; S. 427 f.). Vorliegend ist die lange Dauer des Beschwerdeverfahrens allein dem Umstand ge- schuldet, dass der Einzelfall Fragen aufwarf, zu deren Klärung beim Bun- desverwaltungsgericht ein Grundsatzurteil in Erarbeitung war, das den Ein- bezug von drei Abteilunge n des Bundesverwaltungsgerichts erforderte (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2177/2015 vom 11. Dezem- ber 2017). Die Vorinstanz ist gehalten, die Gründe für einen Selbsteintritt vertieft zu prüfen. 8.3 In einer Gesamtwürdigung all dieser Faktoren – fehlende Ermessens- prüfung und überlange, von der Beschwerdeführerin nicht zu vertretende Verfahrensdauer – erachtet das Bundesverwaltungsgericht es für ange- zeigt, den Entscheid der Vorinstanz vom 18. November 2015 aufzuheben und die Sache in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG zur pflichtgemässen Ermessensabwägung und zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. D-7674/2015 Seite 18 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben. Der bereits erhobene Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 600.– ist vom Bundes- verwaltungsgericht zurückzuerstatten. 10. Der seit dem 8. Mai 2015 von Rechtsanwalt Gabriel Püntener vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 20 08 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote ein- gereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu be- stimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist der Beschwerdefüh- rerin zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 5170.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-7674/2015 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Der Entscheid der Vorinstanz vom 18. November 2015 wird aufgehoben und die Sache zur pflichtge mässen Ermessensabwägung und zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der bereits erhobene Kosten- vorschuss in Höhe von Fr. 600. – wird der Beschwerdeführe rin zurücker- stattet. 3. Der Beschwerdeführerin wird zulasten der Vorinstanz eine Parteientschä- digung von insgesamt Fr. 5170.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Susanne Bolz Versand: