B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3899/2024 U r t e i l v o m 2 . O k t o b e r 2 0 2 4 Besetzung Richterin Roswitha Petry (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting-Schalch, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiberin Mara Urbani. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Rashmiy Srirangarajah, Rechtsschutz für Asylsuchende, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 10. Juni 2024 / N (…). E-3899/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 10. April 2024 in der Schweiz um Asyl nach. Auf dem Personalienblatt gab er als Geburtsdatum (…) an. Ein Ab- gleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck -Daten- bank (Eurodac) ergab, dass er am (…) September 2021 in Bulgarien, am 9. November 2021 in Rumänien, am 1. Dezember 2021 in Deutschland und am 9. Dezember 2021 in Belgien um Asyl nachgesucht hatte. B. Am 12. April 2024 wandte sich das SEM mit einem Informationsersuchen an die belgischen Behörden. Es bat ins besondere um Auskunft darüber, mit welchen persönlichen Daten der Beschwerdeführer in Belgien regis- triert und ob eine Altersabklärung durchgeführt worden sei. C. Die belgischen Behörden informierten das SEM mit Schreiben vom 17. Ap- ril 2024, dass der Beschwerdeführer am 9. Dezember 2021 in Belgien ein Asylgesuch gestellt und dabei angegeben habe, am (…) geboren und so- mit (zum damaligen Zeitpunkt) minderjährig zu sein. Eine Altersabklärung habe seine Minderjährigkeit bestätigt, weshalb sein angegebenes Geburts- datum belassen worden sei. Sein Asylgesuch sei am 26. April 2023 abge- lehnt und eine dagegen erhobene Beschwerde am 30. Januar 2024 abge- wiesen worden. Seit dem 12. März 2024 sei er unbekannten Aufenthalts. D. Anlässlich der Erstbefragung UMA (unbegleitete min derjährige Asylsu- chende) vom 22. April 2024 (Rückübersetzung: 24. April 2024) gab der Be- schwerdeführer erneut an, am (…) geboren zu sein. Er kenne sein Ge- burtsdatum von seiner afghanischen Tazkira. Diese befinde sich bei sei- nem Bruder, den er seit drei Tag en nicht erreichen könne. Sobald er ihn wieder erreiche, werde er ihn darum bitten, ihm ein Foto seiner Tazkira zu- kommen zu lassen. In Bezug auf seinen Bildungsweg gab er an, im Jahr (…) im Alter von ungefähr sechs Jahren eingeschult worden zu sein. Er habe die Schule (…) Jahre lang besucht und sie im Jahr (…) im Alter von (…) Jahren beendet. Auf die Frage, welche Personalien er in Belgien an- gegeben habe, gab er an, er habe dort seinen «eigenen Namen» und sein «eigenes Geburtsdatum» angegeben. Ihm sei gesagt worden, dass er älter aussehe, weshalb er «zu der Maschine geschickt» worden sei. Nach dieser Untersuchung sei sein Geburtsdatum – auf Nachfrage der (…) – bestätigt worden. Zum Einwand des SEM, gemäss diesem Geburtsdatum wäre er E-3899/2024 Seite 3 nun volljährig, machte er geltend, er habe dort «(…)» gesagt, und nach der Untersuchung sei dann der (…) als Geburtsdatum erfasst worden. In der gleichen Befragung wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentsche id und möglichen Über- stellungshindernissen nach Belgien (respektive Bulgarien, Rumänien oder Deutschland) gewährt, welches gemäss der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest- legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu- ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), für die Behandlung seines Asylge- suchs in Frage komme. Dazu hielt er fest, in Belgien dreimal einen negati- ven Asylentscheid erhalten zu haben. Wenn er dorthin zurückgehe, habe er keine Aussicht auf einen positiven Entscheid. Im Rahmen des Gesprächs führte das SEM aus, es lägen Hinweise dafür vor, dass er das Mündigkeitsalter bereits erreicht habe, weshalb er mög- licherweise zu einer medizinischen Altersabklärung ans B._______ ge- schickt werde. Es stellte ihm medizinische Zusatzfragen zur Altersabklä- rung. E. Ein vom SEM am 25. April 2024 in Auftrag gegebenes rechtsmedizinisches Gutachten des B._______ vom 7. Mai 2024 ergab, dass beim Beschwer- deführer von einem durchschnittlichen Alter von 19.5 – 20.5 Jahren und von einem Mindestalter von 16.4 Jahren ausgegangen werden könne. Das von ihm angegebene Alter von 17 Jahren und (…) Monaten erscheine da- her möglich. F. Am 10. Mai 2024 ersuchte das SEM die belgischen Behörden um Rück- übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin- III-VO. G. Mit E-Mail vom 10. Mai 2024 wurde das Gutachten der zugewiesenen Rechtsvertretung zur Kenntnis gebracht. Gleichzeitig teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, dass es seine Minderjährigkeit für nicht glaubhaft befinde und beabsichtige, sein Geburtsdatum im Zentralen Migrationsin- formationssystem ZEMIS auf den (…) anzupassen. Es gewährte ihm dabei E-3899/2024 Seite 4 das rechtliche Gehör. Mit schriftlicher Stellungnahme vom 15. Mai 2024 hielt der Beschwerdeführer fest, er sei mit der beabsichtigten Altersanpas- sung nicht einverstanden. H. Die belgischen Behörden lehnten das Gesuch um Rückübernahme am 24. Mai 2024 mit der Begründung ab, dass d er Beschwerdeführer in der Schweiz a ngegeben habe, am (…) geboren und somit minderjährig zu sein, was gemäss den in Belgien und in der Schweiz erstellten Altersgut- achten möglich sei. Mit Remonstrationsgesuch vom 27. Mai 2024 ersuchte die Vorinstanz Belgien erneut um Rückübernahme des Beschwerdeführers und hielt insbesondere fest, er habe in Belgien und in der Schweiz zwei verschiedene Geburtsdaten angegeben . Daraufhin stimmten die belgi- schen Behörden dem Rückübernahmegesuch am 5. Juni 2024 zu. I. Mit Verfügung vom 10. Juni 2024 (eröffnet am 12. Juni 2024) trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz nach Belgien an, forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, beauf- tragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und hän- digte die editionspflichtigen Akten aus. Gleichzeitig stellte es fest, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (…) (mit Bestreitungsvermerk) laute und einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme. J. Mit Beschwerde vom 19. Juni 2024 an das Bundesverwaltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei aufzu- heben und die Vor instanz anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Das im ZEMIS geführte Geburtsdatum vom (…) sei zu berichtigen und auf den (…) anzupassen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen. Die Vorinstanz sowie die Vollzugsbehörden seien im Rahmen von vorsorglichen Massnah- men unverzüglich anzuweisen, bis zum Entscheid über das Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Insbesondere sei der Be - schwerdeführer sofort wieder in eine Struktur für unbegleitete minderjäh- rige Asylsuchende zu verlegen. E-3899/2024 Seite 5 K. Am 21. Juni 2024 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstel- lung per sofort einstweilen aus. L. Mit Zwischenverfügung vom 27. Juni 2024 erteilte die Instruktionsrichterin der Beschwerde betreffend das Dublin-Verfahren die aufschiebende Wir- kung und stellte fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Ver- fahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig wies sie das Gesuch um den Erlass vorsorglicher Massnahmen betreffend das ZEMIS -Verfahren ab. Ferner wurde ihm die unentgeltliche Prozessführung gewährt und der Vor- instanz Frist zur Einreichung einer Vernehmlassung gesetzt. M. Mit Vernehmlassung vom 4. Juli 2024 hielt das SEM an seiner Verfügung vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. N. Am 8. Juli 2024 wurde dem Beschwerdeführer die Gelegenheit zur Replik gewährt. Mit Replik vom 19. Juli 2024 hielt er an seinen Anträgen fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht für Beschwer- den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerde- führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2. E-3899/2024 Seite 6 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Die vorliegende Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichtein- tretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG betreffend das Asyl- gesuch des Beschwerdeführers (Ziffern 1 – 4 des Dispositivs der angefoch- tenen Verfügung) als auch gegen die ZEMIS-Eintragung betreffend dessen Geburtsdatum (Ziffer 6 des Verfügungsdispositivs). Über das Begehren auf Änderung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums ist nicht im vorliegen- den Dublin-Verfahren zu entscheiden, weshalb im Nachgang ein separates Verfahren unter der Geschäfts-Nr. E-3949/2024 bezüglich der beantragten Datenänderung zu führen ist (vgl. auch Urteil des BVGer E-5259/2023 vom 17. Oktober 2023 E. 2.3 m.w.H.). Eine Koordination erfolgt insofern, als in beiden Verfahren derselbe Spruchkörper eingesetzt ist. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asyl - suchende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordne t den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaats wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 3.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist v erpflichtet, einen Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen, dessen Antrag abgelehnt wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufent- haltstitel aufhält, nach Mass gabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 Dublin -III- VO wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO). 3.4 Gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin -III-VO ist im Falle eines unbegleiteten Minderjährigen ohne familiäre Anknüpfungspunkte (zu einem anderen Mit- gliedstaat) der Staat zuständig, in welchem er seinen Antrag gestellt hat. E-3899/2024 Seite 7 Diese Bestimmung würde eine vorrangige Zuständigkeit der Schweiz be- gründen (Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO), da nach der genannten Bestimmung von Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO unbegleitete Minderjährige von Wiederauf- nahmeverfahren ausgenommen sind (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskom- mentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018, N. 33 zu Artikel 8), sofern es ihrem Wohl dient. 3.5 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegt en Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn da- für gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Ent- scheidung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgericht darf sein eigenes Ermessen nicht an dessen Stelle setzen (vgl. BVGE 2015/9 E. 7.6 und E. 8.1 in fine). 4. 4.1 Das SEM hält in der angefochtenen Verfügung fest, dass der Be- schwerdeführer insbesondere aufgrund seiner unterschiedlichen Angaben zu seinem Geburtsdatum in Belgien und des Resultats der forensischen Altersabklärung seine angebliche Minderjährigkeit nicht h abe glaubhaft machen können. Das Altersgutachten schliesse zwar eine Minderjährigkeit nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus . Aufgrund des festgestellten höchstmöglichen Mineralisationsstadiums «H» bei allen vier für die Untersuchung hin zugezogenen dritten Molaren sei aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einer Volljährigkeit auszugehen. Das in Bel- gien registrierte Geburtsdatum beruhe auf seinen eigenen Angaben und sei nicht durch die belgischen Behörden angepasst worden. Die belgischen Behörden hätten sich schliesslich mit dem Vorgehen des SEM einverstan- den erklärt und dem Übernahmegesuch zugestimmt. In einer Gesamtwür- digung sei von seiner Volljährigkeit auszugehen. Belgien sei sowohl Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) als auch der EMRK E-3899/2024 Seite 8 und es lägen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass dieses Land sich nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halten würde und sein Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchgeführt hätte. Insbe- sondere wiesen die Asylverfahren und Au fnahmebedingungen in Belgien keine systemischen Schwachstellen auf. 4.2 Dem entgegnet der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde, er habe schlüssige und widerspruchsfreie Angaben zu seinem Alter, zu seiner schulischen Laufbahn sowie zum Reiseweg gemacht. Er habe in der Zwi- schenzeit die Kopie seiner Tazkira beschaffen können, auf welcher das Ge- burtsdatum «(…)» (im gregorianischen Kalender: […]) vermerkt sei. Die In- terpretation, das Vorliegen des Mineralisationsstadiums «H» als sehr hohe Wahrscheinlichkeit für eine Volljährigkeit anzunehmen und sich dabei le- diglich auf die im Altersgutachten referenzierte Literatur zu beziehen, stelle eine Kompetenzüberschreitung seitens der Vorinstanz dar. Sowohl das Al- tersgutachten aus der Schweiz als auch dasjenige aus Belgien – und auch die dort registrierten Personalien – sprächen für die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers. Der Beschwerdeführer habe von den belgischen Behörden einen Wegwei- sungsentscheid nach Afghanistan erhalten, welcher in Rechtskraft erwach- sen sei. In der Schweiz werde der Wegweisungsvollzug nach Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 als grundsätzlich un- zumutbar angesehen. In Belgien stehe ihm der Rechtsweg nicht mehr offen und es sei davon auszugehen, dass er von dort nach Afgha nistan ausge- schafft werde. Es beständen somit – in Kombination mit seiner Verletzlich- keit – konkrete Hinweise dafür, dass er bei einer Überstellung nach Belgien eine Kettenabschiebung und somit eine Verletzung von Art. 3 EMRK zu er- dulden habe. Ausserdem werde dadurch sein Kindeswohl tangiert. 4.3 In der Vernehmlassung stellt sich die Vorinstanz auf den Standpunkt, die Ausführungen des Beschwerdeführers anlässlich der Erstbefragung UMA seien nicht widerspruchsfrei ausgefallen. Die Behauptung des Be- schwerdeführers, dass er in Belgien aufgrund seines äusseren Erschei- nungsbildes älter eingeschätzt worden sei und ihm im Nachgang eines Al- tersgutachtens der (…) als Geburtsdatum gegeben worden sei, sei un- glaubhaft. Gemäss der Auskunft der belgischen Behörden habe nämlich er selbst den (…) als sein Geburtsdatum genannt. Die auf Beschwerdeebene eingereichte Tazkira verfüge weder über Sicher heitsmerkmale noch liege sie im Original vor. Der Beschwerdeführer habe an der Erstbefragung UMA angegeben, sein Geburtsdatum seit E rhalt der Tazkira im Alter von (…) E-3899/2024 Seite 9 Jahren zu kennen. Er kenne es ausschliesslich im europäischen Kalender. Daher erstaune es, dass auf der Tazk ira das Geburtsdatum lediglich im afghanischen Kalender vermerkt sei. Die beiden Altersgutachten seien quasi identisch ausgefallen. Mit dem Unterschied, dass das belgische Gut- achten am 1. Februar 2022, das in der Schweiz am 1. Mai 2024 – also mehr als zwei Jahre später – angefertigt worden sei. Dem SEM lägen zu- dem behördliche Informationen vor, wonach er in Deutschland mit Geburts- datum vom (…) bekannt sei. 4.4 Der Beschwerdeführer hält in seiner Replik erneut fest, dass er bei der Registrierung in Belgien den (…) aIs Geburtsdatum angegeben habe. Aus- serdem habe er auch dort eine Kopie seiner Tazk ira abgegeben. Danach hätten die belgischen Behörden ihn zur Altersabklärung angemeldet und erst danach hätten sie sein Geburtsdatum geändert auf den (…). Die Tat- sache, dass Personen afghanischer Herkunft kaum je über rechtsgenügli- che Identitätsdokumente verfügten und es in Afghanistan kein Geburtenre- gister gebe, könne ihm, dem Beschwerdeführer nicht zum Nachteil gereicht werden. Er kenne sein Geburtsdatum auch im afghanischen Kalender, je- doch sei er sich nicht mehr ganz sicher gewesen. Aus Angst, einen Fehler zu machen, habe er das Datum nicht genannt. Stattdessen habe er von Anfang an das Geburtsdatum im gregorianischen Kalender angegeben, weil er sich diesbezüglich sicher gewesen sei. Er habe in Deutschland nie- mals das Geburtsdatum « (…)» angegeben. Wie es zu dieser Erfa ssung gekommen sei, sei ihm unklar. 5. 5.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu- rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 9. Dezember 2021 in Belgien ein Asylgesuch eingereicht hatte. Im Rahmen eines Remonstrationsverfah- rens stimmten die belgischen Behörden dem Gesuch um Rückübernahme am 5. Juni 2024 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO zu. 5.2 Unbestritten ist vorliegend, dass der Beschwerdeführer in Belgien ein Asylgesuch gestellt hat und dass die belgischen Behörden ihre Zuständig- keit bestätigt en, weshalb dieser Dublin -Mitgliedstaat grundsätzlich ver- pflichtet ist, den Beschwerdeführer wieder aufzunehmen. Aufgrund der nachfolgenden Erwägungen vermögen die Ausführungen des Beschwer- deführers nichts an der Zuständigkeit Belgiens zu ändern. 6. E-3899/2024 Seite 10 6.1 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, aufgrund seiner Minder- jährigkeit sei gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO von der Zuständigkeit der schweizerischen Asylbehörden für sein Asylgesuch auszugehen, ist zu- nächst auf die Beweislastverteilung für das Vorbringen der Minderjährigkeit hinzuweisen. 6.2 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Per- son zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we- nigstens glaubhaft zu machen, da sie die Beweislast dafür trägt, auch wenn das SEM die entscheidrelevanten Sachverhaltsmomente von Amtes we- gen festzustellen hat (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.3 m.w.H., EMARK 2004 Nr. 30 E. 5.3.3). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung aller Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Al- tersangabe sprechen, vorzunehmen (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1). Wurde der Sachverhalt abschliessend festgestellt und ist es der betroffenen Per- son nicht gelungen, die behauptete Minderjährigkeit glaubhaft zu machen, hat sie die Folgen zu tr agen und wird als volljährig betrachtet (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 5.4). 6.3 Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine Identitäts- papiere im Sinne von Art. 1a Bst. c AsylV1 oder andere Dokumente zu den Akten gereicht hat, mit welchen er sein Gebur tsdatum beweisen oder zu- mindest glaubhaft machen kann. Das eingereichte Foto seiner Tazkira, wel- che als Geburtsdatum den «(…)» (im gregorianischen Kalender: […]) fest- hält, ist wenig geeignet, sein Alter zu beweisen oder glaubhaft zu machen, zumal es sich bei der Tazkira an sich schon nicht um ein fälschungssiche- res Dokument handelt. Hinsichtlich der Frage der Identität von Inhabern eines solchen Dokuments ist daher praxisgemäss von einem reduzierten Beweiswert eingereichter Tazkiras auszugehen (vgl. BVGE 20 13/30 E. 4.2.2; bestätigt u.a. im Urteil des BVGer E-3096/2022 vom 29. März 2023 E. 6.2). Dieser wird vorliegend weiter dadurch geschmälert, dass sie nur in Form einer Fotografie vorliegt. Vor dem Hintergrund, dass sein Bruder ihm eine Fotografie seiner Tazkira zustellen konnte, ist im Übrigen nicht nach- vollziehbar, weshalb er keine weiteren Dokumente einreichen konnte, die Aufschluss über sein Alter geben könnten. 6.4 Im Folgenden ist auf das Altersgutachten näher einzugehen. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts stellen medizinische Al- tersabklärungen je nach Ergebnis unterschiedlich zu gewichtende Indizien für das Alter einer Person dar. Die Schlüsselbein- respektive Skelettalters- analyse und die zahnärztliche Untersuchung sind dabei grundsätz lich, E-3899/2024 Seite 11 anders als die Handknochenanalyse und die ärztliche Untersuchung, zum Beweis geeignet. Das Bundesverwaltungsgericht hat in dieser Hinsicht Grundsätze zur Gewichtung der Resultate der Untersuchungen definiert (eingehend hierzu: BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1 f.; vgl. Urteile des BVGer E-1250/2022 vom 27. April 2022 E. 7.3.1 und A-4775/2020 vom 31. März 2021 E. 6.2.4). Darüber hinaus sind die üblichen verfahrensrechtlichen Re- geln der Beweiswürdigung zu beachten, wobei es umso mehr auf eine Ge- samtwürdigung der Beweise ankommt, je weniger die medizinischen Ab- klärungen ein Indiz für das Vorliegen des streitigen Alters darstellen (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2 f., 2019 I/6 E. 6.1 ff.). Im Gutachten des B._______ vom 7. Mai 2024 wird unter anderem ausge- führt, dass die Wachstumsfugen der inneren Schlüsselbeinanteile in der computertomographischen Untersuchung rechtsseitig ein Stadium 3a nach KELLINGHAUS und SCHMELING aufweisen würden. Links bestehe eine nicht- klassifizierbare Normvariante. Daraus ergebe sich vorliegend nach WITT- SCHIEBER ein Mindestalter von 16.4 Jahren (Median 19.5 Jahre, Maximum 22.3 Jahre). Nach den Ergebnissen der zahnärztlichen Untersuchung hätten alle Zähne des Beschwerdeführers die Entwicklung abgeschlossen. Die apikalen En- den der Zahnwurzeln i n Regio 18, 28, 38 und 48 (Weisheitszähne) seien komplett verschlossen und die Wurzelhaut habe eine gleichmässige Dicke um die Zahnwurzeln. Dies entspreche einem Stadium «H» nach DE- MIRJIAN. Aufgrund limitierter Studienlage lasse sich anhand der Zahndaten kein Mindestalter bestimmen. Das Durchschnittsalter betrage gemäss der zahnärztlichen Untersuchung ungefähr 20.5 Jahre. Im Rahmen einer zusammenfassenden Beurteilung ergebe sich, dass der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Un tersuchung am 1. Mai 2024 ein durchschnittliches Lebensalter von 19.5 bis 20.5 Jahren aufweise. Das zu berücksichtigende Mindestalter sei mit 16.4 Jahren zu benennen. Damit sei eine Minderjährigkeit nicht ausgeschlossen und das angegebene Alter von ungefähr 17 Jahren und (…) Monaten erscheine möglich (vgl. zum Ganzen SEM act. […] -[nachfolgend: SEM act. ]23/6). 6.5 Was den Beweiswert des Gutachtens betrifft, ist festzuhalten, dass sich gemäss BVGE 2018 V I/3 E. 4.2.2 keine Aussage zur Minder - respektive Volljährigkeit machen lässt, wenn das Mindestalter bei der Schlüsselbein - respektive Skelettaltersanalyse und der zahnärztlichen Untersuchung un- ter 18 Jahren liegt. Beim Beschwerdeführer konnte gemäss der E-3899/2024 Seite 12 Schlüsselbeinanalyse ein Mindestalter von 16.4 Jahren festgestellt wer- den. Aus dem Resultat der zahnärztlichen Untersuchung lasse sich kein Mindestalter ableiten. Vor diesem Hintergrund greift die Schlussfolgerung in der Verfügung, aufgrund des festgestellten Mineralisationsstadiums «H» der Weisheitszähne sei mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einer Voll- jährigkeit auszugehen, zu kurz. Angesichts der beschränkten Aussagekraft des Altersgutachtens erübrigen sich indessen weitere Ausführungen dazu, zumal, wie in den nachfolgenden Erwägungen aufgezeigt wird, die weite- ren Indizien gegen die geltend gemachte Minderjährigkeit sprechen. 6.6 Aus den Akten ergeben sich – abgesehen von dem vom SEM einge- tragenen Geburtsdatum – vier verschiedene mögliche Geburtsdaten. Auf dem Personalienblatt hat der Beschwerdeführer den (…) eingetragen, wel- cher auch auf der eingereichten Tazk ira (im afghanischen Kalender: […]) ersichtlich ist (vgl. SEM act. 3/2). Anlässlich der Erstbefragung UMA beant- wortete er die Frage, welche Personalien er in Belgien angegeben habe, wie folgt: «Ich habe meinen eigenen Namen und eigenes Geburtsdatum angegeben. Aber sie haben gesagt, dass ich älter aussehe, deshalb haben sie mich zu der Maschine geschickt. Dann wurde mein eigenes Geburts- datum bestätigt nach dieser Untersuchung» (vgl. SEM act. 21/11 Ziffer 2.06). Auf die Frage, welches Geburtsdatum das sei, antwortete er: «(…)» (vgl. a.a.O.). Dies widerspricht dem in der Schweiz von ihm angegebenen Geburtsdatum ([…]). Darauf angesprochen, dass er nach dem von ihm in Belgien angegebenen Geburtsdatum bereits volljährig wäre, gab er sodann zu Protokoll, er habe « (…)» gesagt und nach der Altersabkl ärung hätten die belgischen Behörden dann das Geburtsdatum «(…)» registriert (vgl. a.a.O.). Dies ist als Schutzbehauptung zu werten, ergibt sich doch aus der Antwort der belgischen Behörden auf das Informationsersuchen des SEM, dass sich alles so zugetragen hat, wie der Beschwerdeführer es zunächst schilderte: Das Altersgutachten habe seine Minderjährigkeit bestätigt, wes- halb dasjenige Geburtsdatum erfasst worden sei, welches der Beschwer- deführer bei seiner Registrierung angegeben habe: der (…) (vgl. SEM act. 13/4). Die Angabe in der Replik, er habe in Belgien ebenfalls eine Kopie seiner Tazkira (mit Geburtsdatum vom […]) eingereicht, erweist sich eben- falls als aktenwidrig. Aus dem obengenannten Informationsschreiben der belgischen Behörden ans SEM geht nämlich hervor, dass er dort keine Identitätspapiere abgegeben habe, weshalb die Identität gemäss seinen Angaben erfasst worden sei (vgl. a.a.O.). Die belgischen Behörden haben das Altersgutachten vom 1. Februar 2022 ihrer Antwort beigelegt . Dieses erscheint rechtsgenüglich erstellt und auch sonst sind den Akten keine Hin- weise darauf zu entnehmen , dass die von Belgien übermittelten E-3899/2024 Seite 13 Informationen nicht stimmen könnten. Ohnehin wäre es nicht nachvollzieh- bar, dass die belgischen Behörden nach einer Altersabklärung, welche die behauptete Minderjährigkeit zwar bestätigt, aber nicht die Bestimmung ei- nes exakten Geburtsdatums ermöglicht, da s von ihm angegebene Ge- burtsdatum nicht übernehmen, sondern von sich aus den «(…)» festlegen würden. Ein drittes mögliches Geburtsdatum ergibt sich aus der eingereichten Voll- macht des Beschwerdeführers vom 17. April 2024, wo als Geburtsdatum der (…) festgehalten ist. Sodann hat das SEM in der Vernehmlassung vom 4. Juli 2024 zutreffend festgehalten, dass er in Deutschland mit dem Ge- burtsdatum (…) erfasst worden sei. Dem Beschwerdeführer gelingt es auch auf Beschwerdeebene nicht, diese Ungereimtheiten zu kl ären. Stattdessen wiederholt er im Wesentlichen seine Aussagen und behauptet weiterhin, in Belgien habe er ebenfalls den (…) als Geburtsdatum angegeben. Sowohl in der Beschwerde als auch in der Replik beharrt er auf dem Standpunkt , aus seinen Aussagen ergebe sich kein Widerspruch. Schliesslich macht er in der Beschwerde geltend, die in Belgien registrier- ten Personalien sowie das dort erstellte Altersgutachten seien Indizien, welche für seine Minderjährigkeit sprechen würden. Dem ist zu widerspre- chen. Gemäss den Akten und den obigen Ausführungen hat der Beschwer- deführer in Belgien ein anderes Geburtsdatum als in der Schweiz angege- ben, was gegen die Glaubhaftigkeit des von ihm geltend gemachten Ge- burtsdatums spricht. Der Umstand, dass sein Alter in Belgien nach einer medizinischen Untersuchung vom 23. Dezember 2021 auf 16.2 Jahre ge- schätzt wurde, ist (trotz der Standar dabweichung von 1.49 Jahren) viel- mehr als Indiz dafür anzusehen, dass er zum Zeitpunkt seiner Asylgesuch- stellung in der Schweiz am 10. April 2024 und somit über zwei Jahre nach dieser Untersuchung die Volljährigkeit erreicht hat. 6.7 Der Beschwerdeführer hat zwar in Bezug auf seine Familienmitglieder, seine Biographie und die Ausreise teilweise detaillierte Angaben gemacht (vgl. SEM act. 21/11 Ziffern 1.17.04, 3.01, 5.01). Diese vermögen aber die obengenannten Elemente, welche klar gegen die Glaubhaftigkeit der Min- derjährigkeit sprechen, nicht aufzuwiegen. 6.8 Das Gericht kommt im Rahmen einer Gesamtwürdigung aller Um- stände (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 5.3.4 S. 210) in Übereinstimmung mit E-3899/2024 Seite 14 der Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelun- gen ist, die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit zum Zeitpunkt sei- ner Gesuchseinreichung in der Schweiz glaubhaft zu machen. Um weitere Wiederholungen zu vermeiden, ist auf die Erwägungen in der vorinstanzli- chen Verfügung zu verweisen (vgl. dort Ziffer II); diese sind nicht zu bean- standen. Angesichts des Umstands, dass der Beschwerdeführer mit gros- ser Wahrscheinlichkeit bereits zum Zeitpunkt seiner Einreise in die Schweiz am 10. April 2024 volljährig war, erweist sich der Einwand, eine Überstellung nach Belgien tangiere das Rechtsgut des Kindeswo hls, als unbegründet. 7. 7.1 Belgien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der FK sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parla- ments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati- onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. 7.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar- getan, dass die belgischen Behörden in seinem Fall den erwähnten völker- rechtlichen Verpflichtungen nicht nach kommen würden. Die diesbezügli- che Argumentation in der Beschwerde erschöpft sich im pauschalen Hin- weis, dass sein Asylgesuch in Belgien abgewiesen worden sei, und dass er womöglich nach Afghanistan ausgeschafft werde. Es gibt keine Anhalts- punkte für die An nahme, dass die Behandlung seines Asylgesuchs man- gelhaft gewesen und seine Wegweisung in Verletzung des Non -Refoule- ment-Verbots verfügt worden sein könnte. Der Beschwerdeführer behaup- tet in seiner Beschwerde, ihm drohe eine Kettenabschiebung und somit eine Verletzung von Art. 3 EMRK, ohne dies jedoch weiter zu begründen. Da keine Hinweise darauf vorliegen, dass das Asylverfahren und die Auf- nahmebedingungen in Belgien systemische Schwachstellen aufweisen, er- übrigen sich weitere Ausführungen dazu (vgl. hierzu Urteil des EuGH in den verbundenen Rechtssachen C‑228/21, C‑254/21, C‑297/21, C‑315/21 E-3899/2024 Seite 15 und C‑328/21 vom 30. November 2023 Ziff. 142) Der Vollständigkeit halber ist festzustellen, dass ein definitiver Entscheid über ein Asylgesuch und die Wegweisung in das Heimatland nicht per se eine Verletzung des Non-Re- foulement-Prinzips darstellen. Das Prinzip der Überprüfung eines Asylge- suchs durch einen einzigen Mitgliedstaat («one chance only») dient im Ge- genteil der Vermeidung von multiplen Asylgesuchen in verschi edenen Staaten (sogenanntes «asylum shopping»; vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Ein zwingender Selbsteintritt im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dub- lin-III-VO ist bei dieser Ausgangslage nicht angezeigt. Dem Beschwerde- führer steht es überdies frei, den belgischen Behörden allfällige Wiederauf- nahme- oder Wiedererwägungsgründe im Rahmen eines Folgeantrags nach Art. 40 Verfahrensrichtlinie zu unterbreiten (vgl. dazu auch Urteil des BVGer F-2118/2024 vom 12. April 2024 E. 6.4.2 m.w.H.). 7.3 Die angefochtene Verfügung ist schliesslich auch hinsichtlich der Prü- fung der humanitären Gründe nicht zu beanstanden. Das SEM verfügt pra- xisgemäss bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Er- messensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Das Gericht beschränkt seine Beurteilung im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umstän- den Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung im gebotenen Umfang dargelegt, aufgrund welcher Überlegun- gen von einem Selbsteintritt aus humanitären Gründen abgesehen wurde. Der Einwand in der Beschwerde, mit der Überstellung nach Belgien drohe dem Beschwerdeführer die Wegweisung in ein Land, in welchem der Weg- weisungsvollzug nach schweizerischem Recht als unzumutbar gelte, än- dert daran nichts. Die Frage, ob die Schweiz aufgrund ihrer im Vergleich zu einem anderen Mitgliedstaat grosszügigeren, auf innerstaatlichem Recht basierenden Aufnahmepraxis im Einzelfall aus humanitären Grün- den vom Selbsteintrittsrecht Gebrauch machen will, liegt im Ermessen der Vorinstanz (vgl. Urteil des BVGer E -1795/2024 vom 9. April 2024 E. 8.6). Dass sie davon im Falle des Beschwerdeführers keinen Gebrauch macht, ist nicht zu beanstanden. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren An- trag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). 7.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Recht ge- stützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwer- deführers nicht eingetreten ist und die Überstellung nach Belgien angeord- net hat. E-3899/2024 Seite 16 8. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die ange fochtene Verfügung – in den hier angefochtenen und geprüften Dispositivziffern 1–4 – Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem aber mit Zwischenverfügung vom 27. Juni 2024 die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) E-3899/2024 Seite 17 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Roswitha Petry Mara Urbani Versand: