A bteilung IV D -3880/2006 {T 0/2} U rteil vom 2. M ai 2007 M itw irkung: R ichter H aefeli, R ichterin Schenker Senn, R ichter Bovier G erichtsschreiberin Freihofer A._______, Algerien, Beschw erdeführer gegen B undesam t für M igration (B FM ), Q uellenw eg 6, 3003 Bern, Vorinstanz betreffend Verfügung vom 18. A ugust 2004 i.S. N ichteintreten auf A sylgesuch und W egw eisung / N B u n d e s v e rw a ltu n g s g e ric h t T rib u n a l a d m in is tra tif fé d é ra l T rib u n a le a m m in is tra tiv o fe d e ra le T rib u n a l a d m in is tra tiv fe d e ra l2 Sachverhalt: A. Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschw erdeführer seinen H eim atstaat im August 2004 und gelangte am 5. August 2004 in die Schw eiz, w o er noch gleichentags um Asyl ersuchte. Am 9. August 2004 fand in Basel die Em pfangsstellenbefragung statt. D er Beschw erdeführer m achte dabei im W esentlichen geltend, er sei am 15. O ktober 1988 geboren, reichte indes keine Identitätspapiere zu den Akten. Zur Ausreisebegründung brachte er vor, sein Vater habe Problem e m it Terroristen gehabt, w eshalb dieser ihm zur Ausreise geraten habe. B. Im N achgang zur Erstbefragung beauftragte das BFF D r. m ed. B._______, Arzt für allem eine M edizin FM H , Basel m it einer radiologischen U ntersuchung des H andknochens des Beschw erdeführers zur Bestim m ung dessen Alters (sog. Knochenaltersanalyse). M it Schreiben vom 10. August 2004 teilte der Arzt dem BFF m it, das Knochenalter des Beschw erdeführers entspreche einem Alter von 19 Jahren und m ehr. Am 12. August 2004 gew ährte das BFF dem Beschw erde- führer das rechtliche G ehör zum Ergebnis der Knochenaltersanalyse. D abei hielt der Beschw erdeführer an seinen bisherigen Altersangaben fest. C . M it Verfügung vom 18. August 2004 trat das BFM gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht ein. G leichzeitig verfügte es die W egw eisung aus der Schw eiz und den Vollzug. D . M it Beschw erde vom 25. August 2004 beantragte der Beschw erdeführer, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, und es sei ihm in der Schw eiz Asyl zu gew ähren. Eventuell sei festzustellen, dass der Vollzug der W egw eisung unzum utbar sei, und es sei sein w eiterer Aufenthalt in der Schw eiz von Am tes w egen zu regeln. Es sei ihm für die Verfahrenskosten die unentgeltliche Prozessführung zu bew illigen. E. M it Zw ischenverfügung vom 30. August 2004 verzichtete der dam als zuständige Instruktionsrichter der Schw eizerischen Asylrekurskom m ission (AR K) auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und verw ies die Behandlung des G esuchs um G ew ährung der unentgeltlichen R echtspflege auf einen späteren Zeitpunkt. F. D as BFM schloss in seiner Vernehm lassung vom 17. N ovem ber 2004 auf Abw eisung der Beschw erde. G . M it Eingabe vom 4. D ezem ber 2004 replizierte der Beschw erdeführer. D as B undesverw altungsgericht zieht in Erw ägung: 1. 1.1 G em äss Art. 31 des Verw altungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VG G , SR 3 173.32) beurteilt das Bundesverw altungsgericht Beschw erden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. D ezem ber 1968 über das Verw altungsverfahren (Vw VG , SR 172.021), sofern keine Ausnahm e nach Art. 32 VG G vorliegt. Als Vorinstanzen gelten die in Art. 33 und 34 VG G genannten Behörden. D azu gehören Verfügungen des BFM gestützt auf das Asylgesetz vom 26. Juni 1998 (AsylG , SR 142.31); das Bundesverw altungsgericht entscheidet in diesem Bereich endgültig (Art. 105 AsylG , Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BG G , SR 173.110]). 1.2 D as Bundesverw altungsgericht übernim m t ab 1. Januar 2007 die Beurteilung der bei der ehem aligen AR K hängigen R echtsm ittel. D as neue Verfahrensrecht ist anw endbar (vgl. Art. 53 Abs. 2 VG G ). 1.3 M it Beschw erde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die U nangem essenheit gerügt w erden (Art. 106 Abs. 1 AsylG ). 2. 2.1 Vorab ist die Frage der Prozessfähigkeit als Sachurteilsvoraussetzung von Am tes w egen zu prüfen (vgl. F. G ygi, Bundesverw altungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern 1983, S. 73). Seinen Angaben zufolge ist der Beschw erdeführer am 15. O ktober 1988 geboren; bei Einreichung seiner Beschw erde am 25. August 2005 w äre er daher noch m inderjährig gew esen. Indessen darf aufgrund der Aktenlage für das vorliegende R ekursverfahren die U rteilsfähigkeit des zw ischenzeitlich auch eigenen Angaben zufolge volljährig gew ordenen Beschw erdeführers und dam it seine zivilrechtliche H andlungsfähigkeit (Art. 12 ff. des Schw eizerischen Zivilgesetzbuches vom 10. D ezem ber 1907, [ZG B; SR 210]) w ie auch seine verfahrensrechtliche Prozessfähigkeit bejaht w erden (zur Prozessfähigkeit des beschränkt handlungsfähigen U nm ündigen vgl. G ygi, a.a.O ., S. 180; P. Saladin, D as Verw altungsverfahrensrecht des Bundes, Bern 1979, S. 88 f.; A. Kölz /I. H äner, Verw altungsverfahren und Verw altungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, S. 94). D er Beschw erdeführer ist som it legitim iert; auf die frist- und form gerecht eingereichte Beschw erde ist - vorbehältlich der nachfolgenden Erw ägung - einzutreten (vgl. Art. 6 AsylG i.V.m . Art. 48 Abs. 1 und 50 ff. Vw VG ). 2.2 D ie Prüfung des Vorliegens der Flüchtlingseigenschaft und der Asylgew ährung bildeten nicht G egenstand der angefochtenen Verfügung. D as Bundesverw altungsgericht beschränkt sich bei der Beurteilung von Beschw erden gegen N ichteintretensentscheide auf die Ü berprüfung der Frage, ob die Vorinstanz zu R echt auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist. Allfällig geltend gem achte Asyl- gründe können deshalb in solchen Beschw erdeverfahren nicht geprüft w erden. D ie Beurteilungszuständigkeit der Beschw erdeinstanz ist darauf beschränkt, im Falle der Begründetheit des R echtsm ittels die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückgehen zu lassen (vgl. Entscheide und M itteilungen der AR K [EM AR K] 2004 N r. 34 E. 2.1. S. 240 f.). Lediglich hinsichtlich der angeordneten W egw eisung und deren Vollzugs kom m t dem Bundesverw altungsgericht als Beschw erdeinstanz volle Kognition zu, w eil 4 diese Punkte von der Vorinstanz bereits m ateriell geprüft w orden sind. Sow eit in der Beschw erde vom 25. August 2004 die Erteilung von Asyl beantragt w ird, ist darauf nicht einzutreten. 3. 3.1 G em äss Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG w ird auf Asylgesuche nicht eingetreten, w enn Asylsuchende die Behörden über ihre Identität täuschen und diese Täuschung aufgrund der Ergebnisse der erkennungsdienstlichen Behandlung oder anderer Bew eism ittel feststeht. D er Begriff der Identität beinhaltet unter anderem das G eburtsdatum (vgl. Art. 1 Bst. a AsylV 1). 3.2 Als „anderes Bew eism ittel“ gem äss Art. 32 Abs. 2 AsylG kann unter bestim m ten einschränkenden Voraussetzungen ein ärztlicher Bericht über die D urchführung einer radiologischen Knochenaltersbestim m ung zulässig sein (vgl. EM AR K 2004 N r. 31, m .w .H .). 4. 4.1 D as BFF ist vorliegend gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten. Zur Begründung führte es aus, die D ifferenz zw ischen der Altersangabe des Beschw erdeführers und derjenigen der durchgeführten Altersbestim m ung m ittels H andknochenanalyse m üsse gem äss Praxis der Asylbehörden m indestens drei Jahre betragen, w as vorliegend gegeben sei, w eshalb von einer Täuschungsabsicht ausgegangen w erden könne. 4.2 Auf Beschw erdeebene hält der Beschw erdeführer an dem von ihm angegebenen G eburtsdatum und dam it an seiner M inderjährigkeit fest. 5. G em äss Entscheide und M itteilungen der AR K (EM AR K) 2004 N r. 30 ist es zulässig, vor der einlässlichen Anhörung zu den Asylgründen und ohne Beiordnung einer Vertrauensperson vorfragew eise über die Frage der G laubhaftigkeit einer geltend gem achten M inderjährigkeit zu befinden, w enn Zw eifel an den Altersangaben des Asylgesuchstellers bestehen. D ie konkrete Vorgehensw eise des BFF ist im vorliegenden Fall in dieser H insicht som it nicht zu beanstanden. Auch zur G ew ährung des rechtlichen G ehörs zum Ergebnis der Knochenaltersanalyse bedurfte es keiner Beiordnung einer Vertrauensperson, da in der R egel bei Jugendlichen hinsichtlich Angaben zum tatsächlichen Alter keine G efahr einer altersbedingten Ü berforderung besteht. 6. D ie AR K hat sich in m ehreren publizierten U rteilen m it verschiedenen rechtlichen Aspekten der von der Vorinstanz in Auftrag gegebenen radiologischen Kno- chenaltersanalyse befasst, nam entlich m it deren Bew eisw ert (vgl. EM AR K 2000 N r. 19 E. 7 und N r. 28 E. 5a), den Folgen einer D ivergenz zw ischen dem festgestellten Knochenalter und dem behaupteten Alter (EM AR K 2001 N r. 23 E. 4c und 2004 N r. 30 E. 6.2) sow ie den grundsätzlichen form alen und inhaltlichen Anforderungen an eine solche Analyse (vgl. EM AR K 2004 N r. 31 E. 7). Im Sinne der genannten R echtsprechung hat die Bestim m ung des tatsächlichen Alters einer 5 Person m ittels radiographischer Knochenaltersbestim m ung generell nur einen beschränkten Aussagew ert, zum al das Knochenw achstum in einem je nach ethnischer Zugehörigkeit, G eschlecht, erlittenen Krankheiten und Lebensum ständen unterschiedlichen M ass individuell variieren kann (vgl. EM AR K 2000 N r. 19 E. 7a, EM AR K 2004 N r. 31 E. 7.3). Sodann stellen radiologische Knochenaltersbestim m ungen schriftliche Auskünfte im Sinne von Art. 49 des Bundesgesetzes über den Bundeszivilprozess vom 4. D ezem ber 1947 (BZP; SR 273) dar, w elche nicht nur form al, sondern auch inhaltlich gew issen M inim alanfor- derungen zu genügen haben, falls die Vorinstanz einzig gestützt darauf w egen Täuschung über die Identität (das Alter) nicht auf das Asylgesuch eintritt. N a- m entlich m üssen gem äss EM AR K 2004 N r. 31 hinsichtlich des Inhalts einer sol- chen Feststellung folgende Voraussetzungen zw ingend erfüllt sein: Angaben betreffend die fachliche Q ualifikation der Ärztin oder des Arztes, die Identität des Exploranden, von diesem allfällig geltend gem achte Krankheiten oder besondere Lebensum stände, die angew andte Analysem ethode, die U m schreibung des fest- gestellten Befunds und die daraus abgeleitete Schlussfolgerung. D er Bericht m uss datiert und vom Verfasser eigenhändig unterschrieben sein. In dieser Form ist er der asylsuchenden Person im R ahm en der G ew ährung des rechtlichen G ehörs offen zu legen. 7. Im radiologischen U ntersuchungsbericht vom 10. August 2004 w urde festgehalten, dass m it der Fusion der radialen Epiphyse m it dem Schaft das Knochenw achstum der H and respektive des H andgelenkes abgeschlossen sei. Aufgrund der vorliegenden Aufnahm e sei das Alter 19 Jahre oder m ehr. W eitergehende Angaben sind dem ärztlichen Schreiben nicht zu entnehm en. Insbesondere lässt sich aus der vorliegenden Auskunft nicht ersehen, dass vor der D urchführung der Knochenaltersbestim m ung eine Anam nese vorgenom m en w orden w äre, w elche vom Arzt, bei w elchem es sich im Ü brigen vorliegend nicht um einen ausgew iesenen Spezialarzt, sondern um einen Allgem einpraktiker handelt, erhoben w erden beziehungsw eise diesem zum indest vor Verfassen der schriftlichen Auskunft vorliegen m uss, dam it er entscheiden kann, ob er allenfalls w eitere Abklärungen zum W achstum s- und R eifungsprozess des H andskeletts vor- nehm en oder ergänzende Fragen stellen m uss. D es W eiteren lässt sich dem Arztbericht nicht entnehm en, bei w elcher H and des Beschw erdeführers der Stand des Knochenw achstum s geprüft w urde. Schliesslich fehlt es im Kurzbericht auch an der N ennung der angew andten w issenschaftlichen M ethode, auf w elche sich der Arzt bei seinem Befund stützte. D em nach genügt nach heutigem Stand der R echtsprechung der ärztliche Bericht betreffend Knochenaltersbestim m ung den erhöhten Anforderungen an den Bew eisw ert für einen N ichteintretensentscheid im Sinne von Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG nicht, m ithin steht die Identitätstäuschung nicht zw eifelsfrei fest. D em zufolge ist die Vorinstanz zu U nrecht gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschw erdeführers nicht eingetreten. 8. Aufgrund der vorstehenden Erw ägungen ist die Beschw erde gutzuheissen, sow eit darauf einzutreten ist, die Verfügung vom 18. August 2004 aufzuheben und die Sache zur W eiterführung des Verfahrens und zum neuen Entscheid an das BFM zurückzuw eisen. 6 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschw erdeführer keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Vw VG ), w eshalb das m it der Beschw erde gestellte G esuch um G ew ährung der unentgeltlichen R echtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 AsylG gegenstandslos gew orden ist. 9.2 O bsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteientschädigung für die ihnen erw achsenen notw endigen Kosten (Art. 16 Abs. 1 Bst. a VG G i.V.m . Art. 7 Abs. 1 des R eglem ents über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverw altungsgericht vom 20. April 2006 [VG KE; SR 173.320.2]). D em nicht vertretenen Beschw erdeführer sind aus dem vorliegenden Verfahren keine notw endigen Kosten erw achsen, w eshalb ihm auch keine Parteientschädigung auszurichten ist. (D ispositiv nächste Seite)7 D em nach erkennt das B undesverw altungsgericht: 1. D ie Beschw erde w ird im Sinne der Erw ägungen gutgeheissen, sow eit darauf eingetreten w ird. D ie Verfügung des BFF vom 18. August 2004 w ird aufgehoben. 2. D ie Sache w ird zur N eubeurteilung an das BFM zurückgew iesen. 3. Es w erden keine Verfahrenskosten gesprochen. 4. Es w ird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. D ieses U rteil w ird eröffnet: - dem Beschw erdeführer (eingeschrieben) - der Vorinstanz, Abteilung Aufenthalt und R ückkehrförderung, m it den Akten (R ef.-N r. N ) - dem Am t für M igration des Kantons C ._______ D er R ichter: D ie G erichtsschreiberin: Fulvio H aefeli G abriela Freihofer Versand am :