B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-7164/2010 law/joc/mel U r t e i l v o m 7 . J a n u a r 2 0 1 3 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richterin Claudia Cotting Schalch; Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren (…), Bosnien und Herzegowina, vertreten durch lic. iur. Rebecca Moses, Thurgauer Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 1. September 2010 / (…). D-7164/2010 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reiste eigenen Angaben zufolge am 13. Mai 2010 in die Schweiz ein, wo sie im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen am folgenden Tag um Asyl nachsuchte. Dort erhob das BFM anlässlich der Befragung vom 19. Mai 2010 ihre Personalien und befragte sie summarisch zum Reiseweg und zu den Gründen für das Verlassen des Heimatlandes. Am 27. Mai 2010 hörte das BFM die Beschwerdefü h- rerin zu ihren Ausreisegründen an. Dabei machte sie geltend , sie sei in B._______, C._______, (Provinz Tuzla) geboren und habe dort bis zu ihrer Ausreise zusammen mit ihrer Mutter gelebt. Im Alter von zehn Jahren sei sie von einem älteren Mann fast vergewaltigt worden. Seither habe sie grosse Angst vor Männern. Ihr Vater sei im Krieg gefallen. Sie sei homosexuell; e ine sexuelle Orienti e- rung, die in ihrem Land nicht akzeptiert werde. Ihr Vater habe für die Se r- ben gekämpft. Diese Umstände hätten in den letzten drei Jahren zu Prob- lemen geführt. Sie habe keine Arbeitsstelle finden können, sei überall als Lesbe beschimpft und nicht bedient wor den. Die Leute hätten erklärt , man solle sie als Hexe verbrennen. Sie wisse auch nicht, wie man von ih- rer sexuellen Orientierung und ihrem Vater erfahren habe . Sie habe vor vier Jahren eine Freundin ge habt, mit der sie ein Jahr liiert gewesen sei. Danach sei sie keine neue Beziehung eingegangen. Sie habe keine Freunde gehabt. Man habe eine Freundschaft mit ihr vermieden. Einmal sei sie an starkem Husten erkrankt und habe einen Arzt einer Gemei n- schaftspraxis in C._______ aufgesucht. Dieser habe sie wohl absichtlich falsch beraten, denn sie habe Atemprobleme bekommen. Als sie densel- ben Arzt erneut aufgesucht habe, habe er ihr erklärt, dass sie zum Teufel fahren und nach Serbien gehen solle, dort würde ihr geholfen. Ihre Mutter habe sie mit eigenen Hausmitteln kuriert. Überall habe man ihre "Cetnik" Mutter beschimpft. Im Februar 2010 hätten drei unbekannte Männer abends versucht, sie in einem Wohngebiet von C._______ zu vergewalti- gen. Dorthin sei sie zuvor mit dem Bus gefahren, um in einem Restaurant etwas zu trinken. Die Männer hätten sie von hinten überfallen und in e i- nen Park gezerrt. Mit einem Schal hätten sie ihr die Augen verbunden. Sie habe geschrien. Sie hätten ihr die Bluse zerrissen, sie ausgelacht und erklärt, sie würden überprüfen, ob sie noch Jungfrau sei. Sie hätten ihr die Hosen ausgezogen, ihr die Finger in die Vagina gesteckt, gelacht und seien danach weggegangen. Sie habe geweint. Ihre Jacke hätten die Tä- ter mitgenommen. Zwei, drei Person en seien an ihr vorbeigegangen, o h-D-7164/2010 Seite 3 ne sich um sie zu kümmern. Sie habe sich zum Polizeiposten in C._______ begeben. Der Polizist sei ins Vorzimmer gekommen und habe sie ausgelacht. Er habe ihr mitgeteilt, w enn sie nicht vergewaltigt worden sei, hätte sie nicht s anzuzeigen. Sich mit Männern einzulassen, sei doch keine schlechte Erfahrung für sie gewesen, denn es wäre keine schlechte Idee, einmal mit einem Mann zu schlafen. Sie benötige keine Hilfe und einer solchen sei sie auch nicht würdig. Ein Protokoll sei ni cht erstellt worden und sie habe ihren Namen nicht nennen müssen. Danach sei sie zur medizinischen Notfallstation respektive zur Gemeinschaftspraxis in C._______ gegangen. Nachdem sie dem diensthabenden Arzt erörtert habe, dass keine Vergewaltigung stattge funden habe , habe dieser g e- meint, sie hätten zu viel zu tun und keine Zeit für sie. Er habe sie gefragt, warum sie nicht versucht habe, einen Mann zu spü ren, sie hätte das z u- lassen sollen. Im Gegensatz zu anderen Angehörigen von Kriegsgefalle- nen hätten ihre Mutter und sie keine finanzielle Unterstützung erhalten. Ihre Mutter erhalte lediglich 150 Euro im Monat. Sie habe fünf oder sechs Mal versucht, zu arbeiten. Sie habe illegal als Raumpflegerin gearbeitet und sich sehr wenig leisten können. Man habe sie ausgelacht und sie be- handelt, als sei sie nichts wert. B. Mit mündlich eröffneter Verfügung vom 27. Mai 2010 trat das BFM in A n- wendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. a des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. C. Gegen diese Verfügung liess die Be schwerdeführerin mittels Eingabe ih- rer Rechtsvertreterin vom 3. Juni 2010 beim Bundesverwaltungsgerich t Beschwerde erheben. Der Eingabe lag eine Identitätskarte der B e- schwerdeführerin im Original bei. D. Das Bundesverwaltungsgericht hiess mit Urteil D-4004/2010 vom 30. Juni 2010 die Beschwerde gut und wies die Sache zur Neubeurteilung an das BFM zurück. E. In seiner neuen Verfügung vom 1. September 2010 stellte das BFM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehn-D-7164/2010 Seite 4 te das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. F. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 4. Oktober 2010 liess die B e- schwerdeführerin gegen die Verfügung des BFM vom 1. September 2010 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben. Darin wurde bean- tragt, die Verfügung des BFM sei in den Dispositivpunkten 3 bis 5 aufz u- heben und es sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unz u- mutbar und die vorläufige Aufnahme anzuordnen sei. In verfahrensrecht- licher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) sowie um Verzicht auf die E r- hebung eines Kostenvorschusses ersucht. Der Beschwerde lag en nebst einer Fürsorgebestätigung ein Bericht von Johanna Fuchs von der Schweizerischen Flü chtlingshilfe mit dem Titel: Bosnien-Herzegowina: Situation von homosexuellen Frauen, Auskunft der SFH-Länderanalyse, Bern, vom 2. September 2008 (nachfolgend: SFH - Länderanalyse vom 2. September 2008) , eine Arbeitslosenbestätigung (inkl. Übersetzung und Couvert) und eine Bestätigung über eine fehlende Krankenversicherung (inkl. Übersetzung) bei. G. Am 5. Oktober 2010 reichte die Rechtsvertreterin eine Vertretungsvol l- macht zu den Akten. H. Mit Verfügung vom 20. Oktober 2010 hiess der Instruktionsrichter des Bundesverwaltungsgerichts das Gesuch um Gewährung der unentgeltl i- chen Rechtspflege unter dem Vorbehalt einer nachträglichen Veränd e- rung der finanziellen Lage der Beschwerdeführerin gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud er das BFM zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. I. Mit Vernehmlassung vom 27. Oktober 2010 beantragte das BFM die A b- weisung der Beschwerde. J. Mit Verfügung vom 29. Oktober 2010 erte ilte der Instru ktionsrichter der D-7164/2010 Seite 5 Beschwerdeführerin Gelegenheit, innert Frist eine Replik zur Verneh m- lassung des BFM einzureichen. K. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 8. November 2010 reichte die Beschwerdeführerin eine Stellungnahme zur Vernehmlassung des BFM ein. L. Am 8. Februar 2011 wies die Rechtsvertreterin auf eine Hospitalisation der Beschwerdeführerin in der D._______ hin und stellte einen ärztlichen Bericht in Aussicht. M. Mit Begleitschreiben vom 3 0. Mai 2011 reichte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin einen medizinischen Bericht der D._______ vom 25. Mai 2011 ein. N. Mit Schreiben vom 6. Juni 2011 liess die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin einen weiteren Arztbericht der E._______ vom 31. Mai 2011 einreichen. O. Auf Anfrage vom 22. Februar 2012 teilte das Bundesverwaltungsgericht der Rechtsvertreterin am 2. März 2012 den Verfahrensstand mit. P. Auf Aufforderung des Bundesverwaltungsgerichts vom 12. Oktober 2012 liess die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 5. November 201 2 eine Erklärung über die Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht sowie zwei aktuelle ärztlic he Berichte des D._______ vom 11. Oktober 2012 und des F._______ vom 26. Oktober 2012 zu den Akten reichen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden D-7164/2010 Seite 6 nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Wie mit Instruktionsverfügung vom 20. Oktober 2010 festgestellt, ist die Verfügung des BFM, soweit sie die Fragen des Asyls und der Flüchtlings- eigenschaft betreffen (vgl. Dispositivziffern 1 und 2 der angefochtenen Verfügung), mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen. Die verfügte Wegweisung als solche (vgl. Ziffer 3 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung), welche die Regelfolge der Ablehnung eines Asylgesuches bildet (Art. 44 Abs. 1 AsylG), kann nur dann aufgehoben werden, wenn ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung besteht (vgl. En t- scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre kurskommissi- on [EMARK] 2001 Nr. 21). Aufgrund der Akten ergibt sich nach wie vor kein solcher Anspruch. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfah- rens bildet daher lediglich die Frage, ob das BFM den Vollzug der We g- weisung zu Recht angeordnet hat (vgl. A rt. 44 Abs. 2 AsylG) beziehungs- weise, ob entsprechend des Rechtsbegehrens infolge Unzumutbarkeit anstelle des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme anzuor d- nen ist (Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 und 4 des Bundesgeset- zes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). D-7164/2010 Seite 7 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Au fnahme von Aus- länderinnen und Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). 4.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt gemäss ständiger Praxis der gleiche Beweisstandard wie bei der Flücht - lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Be - weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 S. 502; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebe r- sax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). Glaubhaft sind Vorbringen grundsätzlich dann, wenn sie g e- nügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig e r- scheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vo r- bringen auf gefälschte oder verfälschte Bewe ismittel abstützt, aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch da r- stellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder u n- begründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürd i- gung die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Asylsuchenden sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine o b- jektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.3 S. 826 f., EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.). 5. 5.1 Art. 83 Abs. 4 AuG stellt eine Kodifizierung der bisherigen Praxis zur konkreten Gefährdung nach Art. 14a Abs. 4 des Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG, BS 1 121) dar (vgl. PETER BOLZLI, in: Marc Spescha/Hanspeter Thür/ Andreas Zünd/Peter Bolzli, Kommentar Migrationsrecht, Zürich 2008, Nr. 15 zu Art. 83 AuG; Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländ e- rinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818 ). Dieser Praxis zufolge wird aus humanit ären Gründen, nicht in Erfüllung völkerrechtl i-D-7164/2010 Seite 8 cher Pflichten der Schweiz, auf den Vollzug der Wegweisung verzichtet, wenn die Rückkehr in den Heimatstaat für die betroffene Person eine konkrete Gefährdung darstellt. Konkret gefährdet sind Personen, wenn sie im Heimat - oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt oder infolge persönlicher Gründe wir t- schaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notl a- ge geraten, beispielsweise weil sie dort die notwendige medizinische Ver- sorgung nicht erhalten könnten oder aus objektiver Sicht wegen der vo r- herrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit in völlige und andauernde Armut gestossen würden, dem Hunger und somit einer ernsthaften Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, der Invalidität oder sogar dem Tod ausgeliefert wären (vgl. BVGE 2011/24 E. 11.1 S. 504 f., BVGE 2009/52 E. 10.1 S. 756 f., BVGE 2009/51 E. 5.5 S. 748, BVGE 2009/28 E. 9.3.1 S. 367). Wird eine konkrete Gefährdung festg e- stellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Au f- nahme zu gewähren. 5.2 Das BFM vertritt in der angefochtenen Verfügung die Ansicht, weder die allgemeine politische Situation im Heimatstaat noch die wirtschaftliche Lage würden gegen die Z umutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nach Bosnien und Herzegowina sprechen. Bei der Beschwerdeführerin handle es sich um eine junge, gesunde Frau mit angemessener Schulbildung und familiärem Beziehungsnetz. Gelegentlich habe sie als Raumpflegerin gearbeitet und sie habe bei ihrer Mutter, die eine Rente beziehe, gelebt. Es sei davon auszugehen, dass sie bei ihrer Rückkehr nicht in eine exi s- tenzbedrohende Lage gerate. Individuelle Gründe, die gegen die Zumu t- barkeit des Wegweisungsvollzuges sprechen würden, lä gen somit keine vor. 5.3 Diese Erwägungen werden in der Beschwerde unter Verweis auf die SFH-Länderanalyse vom 2. September 2008 als unzutreffend bezeichnet. Primär wird geltend gemacht, obwohl die Gesetzgebung von Bosnien und Herzegowina Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung ve r- biete, komme die Stigmatisierung von homosexuellen, bisexuellen und Transgender-Personen immer noch häufig vor. Homosexuelle Menschen würden diskriminiert, aus der Gesellschaft ausgeschlossen und tätlich angegriffen. Die Mehrheit der Bevölkerung habe eine negative Einstellung gegenüber Homosexuellen und erachte Homosexualität als eine Kran k- heit oder Sünde, von der es Heilung gebe. Der Kampf gegen die Diskr i- minierung werde von der Regierung nicht als Priorität erachtet. P remier- minister Milorad Dodik habe gar öffentlich eine homophobe Aussage g e-D-7164/2010 Seite 9 macht, indem er gesagt habe, dass er keine "Schwuchtel" in sein Kabinett aufnehmen werde. Die Mehrheit der Medien zeichne ebenfalls ein negat i- ves Bild von homosexuellen Personen. Nur wenige homosexuelle Perso- nen würden sich deshalb öffentlich outen. Personen, die sich geoutet hät- ten, würden von Problemen bei der Stellensuche berichten. Einige seien nach ihrem Outing entlassen worden. Eine solche Ausgrenzung habe auch die Beschwerdefüh rerin erfahren. Als Beweis liege dazu eine B e- scheinigung ihrer Arbeitslosigkeit bei. Erwähnter Länderanalyse sei z u- dem zu entnehmen, dass die meisten homosexuellen Menschen in Bo s- nien und Herzegowina Opfer von Drohungen oder tätlichen Übergriffen seien. Nur selten werde aber bei der Polizei Anzeige erstattet. Würde ein Strafantrag durch die Opfer gestellt, so werde die Sache durch die B e- hörden oftmals ignoriert. Seit Erlass des "Gender -Equality-Law" im Jahre 2003 sei trotz dem Eingang mehrerer Klagen noch k ein Fall nach diesem Gesetz entschieden worden. Homosexuelle seien beispielsweise in einer Bar zusammengeschlagen worden, ohne dass die anwesende Polizei eingegriffen hätte. Als einzige Möglichkeit, ihre Sexualität auszuleben, würden daher homo-, bi- und transsexuelle Menschen die Auswanderung ins Ausland betrachten. Ein staatlicher Schutz gegen Diskriminierungen herrsche nicht. Die Städte würden keine Zufluchtsalternative bieten. Ein Verbleib im Land sei für die Beschwerdeführerin daher nicht zumutbar. Die Übergriffe, die sie erlitten habe, könnten nicht einfach als Übergriffe Dritter gewertet werden, da eine strafrechtliche Verfolgung durch die B e- hörden gar nicht vorgenommen worden sei. Auch die Arbeitslosigkeit hänge nicht, wie vom BFM behauptet, bloss mi t der wirtschaftlichen Lage zusammen, sondern mit der Homosexualität. Die Beschwerdeführerin verfüge daher über keine Möglichkeit, sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Die beiliegende Bestätigung belege, dass sie keine obligato- rische Krankenversicherung besitze. Sie befinde sich somit in einer No t- lage und eine Rückkehr wäre nicht zumutbar. 5.4 Das BFM stellt in seiner Vernehmlassung vom 27. Oktober 2010 in Abrede, dass die Arbeits losigkeit der Beschwerd eführerin mit ihrer sex u- ellen Orientierung zusam menhänge. Sie habe erklärt, sie habe keine Stelle finden können, da ihr Vater für die Serben gekämpft habe. Anderer- seits führe sie die Arbeitslosigkeit auf ihre fehlenden Verbindungen zurück und führe hierzu aus, dass man keine Stelle bekomme, wenn man kei ne Bekannte habe. Zudem habe sie keine tätlichen Übergriffe infolge ihrer sexuellen Orientierung geltend gemacht. Die von ihr dargelegte versuchte Vergewaltigung sei nicht aufgrund ihrer Homosexualität erfolgt. Es b e-D-7164/2010 Seite 10 stünde auch kein Anlass zur Annahme, das s sie wegen ihrer sexuellen Orientierung Massnahmen zu befürchten habe. 5.5 In der Replik vom 8. November 2010 wird demgegenüber geltend gemacht, aufgrund der Protokollaussagen sei erstellt, dass die B e- schwerdeführerin als Ursache für ihre Arbeitslosigkeit ihre Homosexualität genannt habe. Im Weiteren verkenne das BFM, dass sie sich nach erfolg- ter versuchter Vergewaltigung, von der sie nie behauptet habe, dass di e- se aufgrund ihrer Homosexualität erfolgt sei, an die Polizei gewandt habe. Diese sei allerdings in folge ihrer sexuellen Orientierung nicht bereit g e- wesen, ihre Anzeige entgegenzunehmen. Auch sei ihr die ärztliche Hilfe verweigert worden. 5.6 5.6.1 Vom BFM werden die sexuelle Orientierung der Beschwerdeführe- rin, der Umstand, dass ihr Vater für die Serben gekämpft habe und insbe- sondere die von ihr dargelegten sexuellen Übergriffe nicht explizit bestrit- ten. Aus dem medizinischem Austrittsbericht der D._______ vom 25. Mai 2011 geht unter anderem hervor, dass die Beschwerdeführerin den Ärzten g e- genüber erklärte, ihr Vater sei gezwungen gewesen, im Krieg auf Seiten der Serben gegen die eigenen Landsleute zu kämpfen. Dies sei für die Familie ausserordentlich belastend gewesen. Der Krieg sei ausgebr o- chen, als sie (…) Jahre alt gewesen sei. Kriegshandlungen seien dauernd präsent gewesen. Sie hätten nur wenige Kilometer von der Kriegsfront entfernt gewohnt. Während eines Jahres habe sie deswegen die Schule nicht besucht. In jener Zeit sei sie von einem unbekannten Mann verg e- waltigt worden. Aus Angst habe sie niemand em davon erzählt. Ihrer Mu t- ter habe sie davon erst nach der Flucht in die Schweiz be richtet. Als sie (...) Jahre alt gewesen sei, sei sie von mehreren Männern überfallen und vergewaltigt worden. Die se Angaben erweisen sich zwar nicht g änzlich deckungsgleich mit den von der Beschwerdeführerin im Rahmen der A n- hörungen gemachten Aussagen. Dem BFM gegenüber legte sie dar, sie sei mit (…) Jahren "fast" von einem äl teren Mann vergewaltigt worden. Gewisse Unstimmigkeiten ergeben sich auch hinsichtlich des Alters und der Art des von ihr geschilderten zweiten sexuellen Übergriffs. So spricht sie dem BFM gegenüber nicht vo n einer vollendeten Vergewaltigung, sondern davon, man habe versucht, sie zu vergewaltigen . Dieses Ereig- nis datiert sie zudem auf Februar 2010 (vgl. act. A1/11 S. 6), womit sie in jenem Zeitpunkt nicht (…), sondern bereits (…) Jahre alt gewesen wäre . D-7164/2010 Seite 11 Ihre weiteren Schilderungen erweisen sich hingegen als durchaus reali s- tisch, detailliert und nachvollziehbar. So erklärte sie, sie habe sich nach dem Übergriff im Alter von (…) Jahren niemandem anvertraut, da sie grosse Angst gehabt habe, der Täter würde dies erfahren. Es habe sich um einen Kriegsvertriebenen gehandelt. Sie habe ihn nicht gekannt. Sie habe nur gewusst, dass es Flüchtlinge gewe sen seien. Diese hätten in jener Zeit im selben Ort wie sie gelebt. Ihrer Mutter habe sie nichts e r- zählt. Sie habe Angst gehabt, dass ihre Mutter etwas unternehmen wü r- de. Sie hätten jedoch niemanden gehabt, der sie hätte beschützen kö n- nen. Ihrer Mutter habe sie einzig von ihren Alpträumen berichtet (vgl. act. A8/15 S. 3 f.). Auch der zweite sexuelle Übergriff beschreibt sie substa n- ziiert. Sie gibt zu Protokoll, sie sei in einem Wohngebiet von drei Männern überfallen worden. Diese hätten sie in einen nahen P ark gezerrt. Sie h a- be gehört, wie einer nach ihrem Schal gefragt habe. Sie hätten ihr die Augen verbunden. Sie habe geschrien. Sie hätten ihr Hemd zerrissen. Sie habe weiterhin geschrien. Sie hätten sie ausgelacht und gesagt, sie würden überprüfen, ob sie noch Jungfrau sei. Sie hätten ihr die Hosen ausgezogen und ihre Finger in ihre Vagina gesteckt und seien dann we g- gegangen. Sie habe geweint (vgl. act. A1/11 S. 6). In Anbetracht dessen, dass schwer traumatisierte Personen wie die Beschwerdeführerin (vgl. dazu E. 5.8.4) nicht immer in der Lage sind, durchwegs präzise, vollstä n- dige und widerspruchsfreie Angaben zu erlittenen Misshandlungen zu machen, erscheinen die geschilderten sexuellen Übergriffe trotz gewisser Unstimmigkeiten insgesamt glaubhaft. 5.6.2 Trotz des im Jahre 2003 in Bosnien und Herzegowina in Kraft getre- tenen "Gender Equality Law" entspricht es nach wie vor einer Tatsache, dass die Bevölkerung im Heimatland der Beschwerdeführerin Homose- xuellen gegenüber mehrheitlich negativ eingestellt ist. Für über die Hälfte der Bevölkerung ist es nicht akzeptabel, Personen einer sexuellen Mi n- derheit in ihrem persönlichen Umfeld, d.h. als Verwandte, Freunde, Nachbarn, etc. zu haben. In den bosnischen Medien und im Internet wird Stimmung gegen sexuelle Minderheit en ge macht. Drohungen und Schi- kanierungen sind weit verbreitet (vgl. European Commission, Commi s- sion Staff Working document, Bosnia and Herzegovina 2012 Progress Report, accompanying the document Communication From The Commi s- sion To The European Parliament And The Council, Enlargement Strategy and Main Challenges 2012 -2013, §§ 2.2, S. 19; Svetlana Durkovic: R e- port on Bosnia and Herzegovina 7 th Round of the Universal Periodic R e- view – February 2010, S. 1; COWI, The Danish Institute For Human Rights, Study on Homophobia, Transphobia and Discrimination on D-7164/2010 Seite 12 Grounds of Sexual Orientation and Gender Identity, Sociological Report: Bosnia-Herzegovina, 2010, S. 8; SFH-Länderanalyse vom 2. September 2008, S. 2). Die von der Beschwerdeführerin aufgrund ihrer sexuellen Orientierung geltend gemachten Beschimpfungen, die von ihr realitätsnah geschilderten Demütigungen durch einen Polizisten, der ihr nahe gelegt habe, doch mal mit einem Mann zu schlafen und ihre Anzeige nicht en t- gegengenommen habe sowie die herabsetzende Haltung des Arztes, der sie nach dem sexuellen Übergriff durch die drei Männer nicht habe b e- handeln wollen (vgl. act. A1/11 S. 5 ff., act. 8/5 S. 7 f.), erscheinen vor diesem Hintergrund plausibel . Für Personen, die sich offen zu ihr er ho- mosexuellen Orientierung bekennen, kann zudem der Zugang zum A r- beitsmarkt in Bosnien erschwert sein. Wie in der Replik zutreffend geltend gemacht wird, führt die Beschwerdefüh rerin solche Schwierigkeiten nicht nur auf den Umstand, dass ihr Vate r für d ie Serben gekämpft habe und auf ihre fehlenden Verbindungen, sondern auch auf ihre Homosexualität zurück, indem sie unter anderem erklärt, aus all "diesen Gründen" habe sie keine Arbeit gefunden (vgl. act. A1/11 S. 5 f., act. A8/15 S. 7). Die vom BFM lediglich in diesem Punkt angedeuteten Zweifel an den Äusseru n- gen der Beschwerdeführerin sind damit nicht angebracht. 5.6.3 Erstellt ist im Weiteren, dass die Beschwerdeführerin schwer tra u- matisiert ist. Gemäss dem Arztbericht vom 25. Mai 2011 wurde die B e- schwerdeführerin vom 18. Januar 2011 bis am 25. März 2011 in der D._______ stationär behandelt. Diagnostiziert wurde eine posttraumat i- sche Belastungsstörung (PTBS) nach Kriegserlebnissen und Vergewalt i- gung (ICD-10, f 43.1) und eine schwere depressiv e Störung mit psychoti- schen Symptomen (ICD-10, F33.2). Diese Diagnose wurde mit Schreiben der E._______ vom 31. Mai 2011 bestätigt und eine seit dem 29. November 2010 erfolgte ambulante Behandlung erwähnt, welche g e- mäss dem Bericht der D._______ vom 11. Oktober 2012 fortgesetzt wur- de. Dem Gutachten der F._______ vom 26. Oktober 2012 ist zu entne h- men, dass die posttraumatische Belastungsstörung nach Kriegserlebni s- sen (ICD-10: F43.1) nach wie vor aktuell ist und sich inzwischen chronif i- ziert hat. Ausserdem wi rd eine andauernde Persönlichkeitsveränderung nach PTBS diagnostiziert. Durchgeführt wird eine psychiatrisch - psychotherapeutische Behandlung mit medikamentöser antidepressiver Behandlung (Cipralex 20 mg, Seroquel 100 mg, Remeron 15 mg) sowie eine gesprächstherapeutische Behandlung mittels zweiwöchentlichen Sit- zungen. Dazu wird ausgeführt, die Beschwerdeführerin habe ihre zahlre i- chen Kriegstraumata bis anhin nicht verarbeiten können. Sie berichte von Albträumen, Flashbacks und Intrusionen sowie Vermeidung vo n Erinne-D-7164/2010 Seite 13 rung an die Traumatisierung. Sie schildere Schlafstörungen, erhöhte Schreckhaftigkeit, Nervosität, Antriebsminderung, andauerndes Besorg t- sein, pessimistische Zukunftsgedanken und fehlendes Selbstvertrauen. Obwohl die Symptome teils chronifiziert se ien, sei die Prognose nicht i n- faust (ungünstig), da sie derzeit in ihrer Muttersprache behandelt werden könne, was prognostisch einen günstigen Einfluss habe. Für eine sinnvol- le Weiterbehandlung wäre eine Voraussetzung, nicht wieder in die Heimat zurückzukehren, da eine Rückkehr in die Region der Traumatisierung zu einer erheblichen gesundheitlichen Verschlechterung und im Vorfeld oft auch zu suizidalen Krisen führe. 5.6.4 Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich nach dem Gesagten um eine junge, lesbische Frau, die infolge von Kriegserlebnissen und s e- xuellen Übergriffen psychisch erkrankt ist sowie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in ihrem Herkunftsort Beschimpfungen, Benachteiligungen und Demütigungen ausgesetzt war. Ob in ihrer sexuellen Orientierung al- lein – wie in der Beschwerde geltend gemacht – bereits ein Unzumutbar- keitskriterium zu erblicken oder sie allenfalls mittels Wegzug in eine m o- derne Grossstadt wie etwa Tuzla allfälligen Beschimpfungen und Benach- teiligungen entgehen könnte (vgl. dazu auch die SFH-Länderanalyse vom 2. September 2008, S. 5) kann offen gelassen werden. Eine Wohnsit z- nahme in dieser Stadt fällt schon deshalb nicht in Betracht, da die B e- schwerdeführerin dort mangels vorhandenem Beziehungsnetz auf sich al- lein gestellt wäre. Der Rückgriff auf ein solches wäre aber bei ihr als ps y- chisch erkrankten Person von Bedeutung. Erschwerend fällt zudem ins Gewicht, dass die Behandlung der ärztlich attestierten posttraumatischen Belastungsstörung im Heimatland der Beschwerdeführerin – insbesonde- re in finanzieller Hinsicht – nicht gesichert erscheint. 5.6.5 Die Behandlungsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen ist zwar in beiden Entitäten von Bosnien Herzegowina (Föderation Bosnien Her- zegowina und Republik Srpska) auf niedrigem Niveau vorhanden, jedoch relativ begrenzt. In den grösseren Städten wie Sarajevo, Banja Luka, Tuz- la, Zenica, Mostar und Bijeljina existieren zwar psychiatrische Kliniken mit qualifiziertem Personal, die Patienten stationär aufnehmen. D iese sind jedoch oft überbelegt. Wegen der hohen Arbeitsbelastung und dem enormen Bedarf an Therapie herrscht dauernd Notstand. Eine fortlaufen- de Therapie ist daher oftmals nicht möglich und die Behandlungen erfo l- gen meist nur medikamen tös. Nebst den Klini ken haben nur die Mental - Health-Center (MHC) in den grösseren Städten regelmässige Angebote. Es bestehen jedoch aufgrund der grossen Nachfrage lange Wartezeiten. D-7164/2010 Seite 14 In kleineren Städten sind Zentren im Aufbau. Diesen fehlt aber das nötige Fachpersonal (vgl. RAINER MATTERN, Bosnien-Herzegowina: Behandlung psychischer Erkrankung, Auskunft der SFH -Länderanalyse, Bern, 30. April 2009, S. 6; vgl. RAINER MATTERN: Bosnien (Republik Srpska ): Rückkehr einer muslimischen Familie, Auskunft der SFH -Länderanalyse, Bern, 12. Juli 2010, S. 2 f.). Um eine ambulante psychiatrische Behan d- lung zu erhalten, müsste sich die Beschwerdeführerin nach Tuzla, der i h- rem Herkunftsort B._______, nächstgelegenen Stadt, begeben. Aufgrund der langen Wartezeiten, der Überforderung des Personal s sowie dem Umstand, dass eine Therapie oftmals nur in Form von Medikamentena b- gabe erfolgt, erscheint allerdings fraglich, ob sie dort die für sie notwend i- ge regelmässige Gesprächstherapie in Anspruch nehmen kann. Gemäss den beiliegenden Bestätigungen zufolge war sie zudem in ihrer Heimat als Arbeitslose gemeldet und nicht krankenversi chert. Da sich nur Rück- kehrer und Rück kehrerinnen, die vor der Ausreise bereits krankenvers i- chert waren, innert 30 Tagen nach der Wiedereinreise beim Arbeitsamt registrieren und wieder krankenversichern lassen können (vgl. RAINER MATTERN, Bosnien-Herzegowina: Behandlung psychischer Erkrankung , a.a.O., S. 3; vgl. URS RYBI / RAINER MATTERN, Bosnien-Herzegowina: Be- handlung von PTBS, Gutachten der SFH -Länderanalyse, Bern, 11. Juni 2009, S. 5), ist auch ihre Aufnahme in die obligatorische Krankenversi- cherung nicht gesichert . Die Beschwerdeführerin müsste somit für die Behandlungskosten selber aufkommen. Eine Behandlung in Tuzla wäre zudem für sie mit einem Weg von ungefähr (…) km verbunden, was b e- deuten würde, dass sie nebst den medizini schen Kosten auch die Trans- portkosten tragen müsste. Dazu dürfte sie allerdings nicht in der Lage sein. Angesichts der in Bosnien insbesondere für junge Menschen herr- schenden hohen Arbeitslosenquote (vgl. European Commission, Bosnia and Herzegovina – 2011 Progress Report, §§ 3.1. und 4.1.8 ) dürfte die Beschwerdeführerin aufgrund ihres schwer angeschlagenen psychischen Zustandes, ihrer geringen Berufserfahrung (vgl. act. A1/11 S. 2 f.) sowie auch wegen ihrer sexuellen Orientierung kaum in der Lage sein, aus e i- gener Kraft ein Einkommen zu generieren um die anfallenden Kosten tr a- gen zu können. Ihren Angaben zufolge arbeitete sie lediglich ein Jahr vor ihrer Ausreise insgesamt ein paar Tage lang illegal als Raumpflegerin (vgl. act. A1/11 S. 3). Gemäss der eingereichten Bestätigung des Büros für Arbeitslose in C._______ war sie jahrelang arbeitslos. Einzahlungen ihrerseits mittels Lohnanteilen in die Arbeitslosenversicherung sind somit keine geflossen. Ungeachtet der Frage nach der Arbeitsfähigkeit und d a- mit der Vermittelbarkeit der Beschwerdeführerin ist somit auch der Bezug von Arbeitslosengeld ausgeschlossen. Die Auszahlung von Arbeitslosen-D-7164/2010 Seite 15 geld fällt damit nicht in Betracht (vgl. RAINER MATTERN, Bosnien- Herzegowina: Behandlung psychischer Erkrankung, a.a.O., S. 3). Unge- wiss ist darüber hinaus, ob die Beschwerdeführerin allenfalls Sozialhilfe in Anspruch nehmen und auf diesem Weg in den Genuss von Krankenver- sicherungsleistungen kommen könnte. Voraussetzungen dafür bilden ei- ne Arbeitsunfähigkeit und das Fehlen eines sozialen oder familiären Netzwerkes (vgl. RAINER MATTERN, Bosnien-Herzegowina: Behandlung psychischer Erkrankung, a.a.O., S. 3). Aufgrund der psychischen Erkran- kung dürfte die Arbeits fähigkeit der Beschwerdeführerin eingeschränkt sein. Ob eine vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit vorhanden ist, lässt sich anhand der Akten nicht beurteilen. Aus Sicht der bosnischen Behörden dürfte indes die im Heimatland lebende Mutter als familiäres Netz im Si n- ne der sozialrechtlichen Bestimmungen erachtet werden, womit eine der Bedingungen für die Vergabe von Sozialhilfe nicht erfüllt wäre. Selbst wenn sie aber um Sozialhilfe ersuchen könnte , wäre zu berücksichtigen, dass es mehrere Monate oder sogar Jahre dauern kann, bis eine en t- sprechende Bewilligung erteilt wird. Auch reichen die gespr ochenen So- zialhilfeleistungen in aller Regel zur Deckung des Grundbedarfs nicht aus (vgl. RAINER MATTERN, Bosnien-Herzegowina: Behandlung psychischer Erkrankung, a.a.O., S. 3; URS RYBI / RAINER MATTERN, a.a.O., S. 5). 5.6.6 Selbst für den Fall, dass sich die Beschwerdeführerin krankenversi- chern lassen könnte, ist zu berücksichtigen, dass in Bosnien und Herz e- gowina sogenannte "out-of-pocket" Zahlungen an das Krankenhauspe r- sonal nach wie vor üblich sind und die Patienten die Kosten für die Medi- kation selber zu tragen haben. Zwar müssten im Versicherungsfall die Medikamente theoretisch bezahlt werden, faktisch werden diese aber in- folge des bürokratischen Rückvergütungsverfahrens nicht zurückerstattet. Ohnehin müssen die Patienten s ämtliche Medikamente, die nicht auf der sogenannten "essential drug list" stehen oder importiert sind, sel ber be- rappen (vgl. RAINER MATTERN, Bosnien-Herzegowina: Behandlung ps y- chischer Erkrankung, a.a.O., S. 4, vgl. URS RYBI / RAINER MATTERN, a.a.O., S. 3 f.). Es ist somit nicht auszuschliessen, dass die Beschwerde- führerin selbst bei vorhandener Versicherung einen Teil oder gar die G e- samtheit der Medik ations- und Behandlungs kosten selbst übernehmen muss. Auf Unterstützungszahlungen ihrer Mutter kann sie dabei kaum zählen. Diese erhält lediglich eine monatli che Rente von 150 Euro (vgl. act. A1/11 S. 2 und 5) . Eine Summe, die kaum zur Deckung ihrer sowie der Lebenshaltungskosten ihrer Tochter ausreichen wird. D-7164/2010 Seite 16 5.6.7 Nebst der psychischen Erkrankung der Beschwerdeführerin und der damit verbundenen ungesicherten Behandlungs- und Finanzierungssitua- tion kommt erschwerend hinzu, dass sie nicht nur aufgrund ihrer sexue l- len Orientierung sondern auch aufgrund des Umstandes , dass sie als Muslimin bis zu ihrer Ausreise allein mit ihrer Mutter zusammen in einem Haushalt lebte, in ihrem Herku nftsort stigmatisiert war (vgl. act. A1/11 S. 5 f., act. A8/15 S. 6). Ausser ihrer Mutter, die sie im Heimatland unte r- stützte und über ihre sexuelle Orientierung und den erfolgten Missbrä u- chen im Bild ist, kann sie nicht auf ein weitergehendes Beziehungsnetz, welches ihr bei der Reintegration und bei einer psychiatrischen Behan d- lung zur Seite stehen könnte, zurückgreifen. Soziale Kontakte zu anderen Personen hatte sie in ihrem Herkunftsort nicht (vgl. act. A8/15 S. 6 f.) und es ist nicht davon auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr solche knü p- fen könnte. Als lesbische und sexuell missbrauchte und damit im musl i- mischen Kontext entehrte Frau dürfte sie ohnehin auf wenig Verständnis stossen. 5.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin in Anbetracht der erwähnten Umstände im Falle der Rückkehr nach Bosnien und Herzegowina mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in eine existenziell e Notlage geraten wird. D er Vollzug der Wegweisung erweist sich somit als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG . Nachdem sich aus den Akten keine Hinweise auf das Vorliegen von Ausschlussgründen im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG ergeben, sind die Voraussetzungen für die Anordnung der vorläufigen Aufnahme erfüllt. 6. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung vom 1. September 2010 sind aufzuheben und das BFM ist anzuweisen, den Aufenthalt der Beschwer- deführerin nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Au f- nahme zu regeln (vgl. Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 4 AuG). 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7.2 Der Beschwerdeführerin ist als obsiegende Partei zu Lasten der Vor- instanz eine Ent schädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 und 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Ko s-D-7164/2010 Seite 17 ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem die Rechtsvertreterin keine Kostennote eing e- reicht hat, ist die Parteientschädigung auf Grund der Akten festzulegen (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist die Parteientschädigung auf Fr. 1'100.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen. Gleichzeitig ist das BFM anzuweisen, der Beschwerdeführerin diesen Betrag als Pa r- teientschädigung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-7164/2010 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung des BFM vom 1. September 2010 werden aufgehoben und das Bundesamt wird angewiesen, die vo r- läufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz anzuordnen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM wird angewiesen, der Besc hwerdeführerin eine Parteientsch ä- digung von Fr. 1'100.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Claudia Jorns Morgenegg Versand: