Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 18. Juni 2020 (720 19 227 / 135) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Würdigung des medizinischen Sachverhalts; es ist nicht zu beanstanden, dass die IV- Stelle bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit auf den RAD abgestellt hat Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Jürg Pulver, Kantons- richter Daniel Noll, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Ana Dettwiler, Advoka- tin, Fischmarkt 12, 4410 Liestal gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.1 Die 1971 geborene A.____ war zuletzt vom 14. Apri l 2014 bis 31. Dezember 2016 im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses mit der im Personalverl eih tätigen Firma B.___AG bei der C.____AG in X.____ als Betriebsmitarbeiterin eingesetz t. Am 2. Dezember 2014, 16. Januar 2017 und 20. August 2017 verunfallte sie, wobei sie sich zunächst das rechte Knie, hernach das linke Handgelenk und schliesslich das rechte obere Spr unggelenk (OSG) verletzte. Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Tag- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht geld/Heilbehandlung). Gestützt auf eine kreisärztliche Be urteilung von Dr. med. D.____, Fach- arzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie de s Bewegungsapparates, vom 30. Januar 2018 ging sie davon aus, dass der Versicherten angepasste Verweistätigkeiten zumutbar seien, worauf sie die Taggeldleistungen per 1. Mai 2018 einstellte (Mitteilung vom 6. April 2018). A.2 Am 29. Januar 2018 meldete sich A.____ bei der Eid genössischen Invalidenversiche- rung (IV) zum Leistungsbezug an. Nachdem die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) die er- werblichen und die gesundheitlichen Verhältnisse abgekl ärt hatte, ermittelte sie bei der Versi- cherten einen Invaliditätsgrad von 0 %. Gestützt auf di eses Ergebnis verneinte sie nach Durch- führung des Vorbescheidverfahrens mit Verfügung vom 25. Mai 2019 einen Anspruch von A.____ auf eine Rente. B. Hiergegen erhob A.____ am 24. Juni 2019 Einwand ( recte: Beschwerde) bei der IV- Stelle, wobei sie sinngemäss die Aufhebung der Verfügun g vom 29. Mai 2019 sowie die Zu- sprache einer Rente beantragte. Am 27. Juni 2019 überw ies die IV-Stelle die Beschwerde zu- ständigkeitshalber an das Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). C. Am 5. August 2019 bewilligte das Kantonsgericht der Beschwerdeführerin für das vorlie- gende Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Prozessführung. D. Mit Verfügung vom 13. August 2019 wies die instrui erende Präsidentin des Kantonsge- richts den Antrag von A.____, nunmehr vertreten durch Advokatin Ana Dettwiler, vom 8. August 2019 auf Fristerstreckung zur Einrichtung einer ergänzen den Beschwerdebegründung ab. Gleichzeitig bewilligte sie ihr für das vorliegende V erfahren die unentgeltliche Verbeiständung mit Advokatin Dettwiler als Rechtsvertreterin. E. In ihrer Vernehmlassung vom 28. August 2019 schloss di e IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde. F. In ihrer Replik vom 13. November 2019 beantragte die Beschwerdeführerin, es sei die Verfügung vom 29. Mai 2019 aufzuheben und ihr mit Wirkung ab 1. Juli 2018 eine ganze Rente zuzusprechen. Eventualiter sei eine polydisziplinäre Beg utachtung anzuordnen und hernach über ihren Rentenanspruch zu entscheiden; unter o/e-K ostenfolge. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass der angefochtene Entscheid auf un zureichenden medizinischen Un- terlagen beruhe. G. Mit Duplik vom 13. Januar 2020 hielt die Beschwerde gegnerin unter Hinweis auf eine Stellungnahme von Dr. med. E.____, FMH Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), vom 25. November 2019 an ihrer Auffassung fest. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes üb er die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf d ie im Übrigen frist- und formgerecht erhobene Laienbeschwerde der Versicherten vom 24. Juni 2019 ist demnach einzutreten. 2. Streitig ist der Rentenanspruch der Beschwerdeführ erin. Massgebend ist der Sachver- halt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verf ügung vom 29. Mai 2019 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemäss die zeitli che Grenze der richterlichen Überprü- fungsbefugnis (vgl. BGE 129 V 4 E. 1.2 mit Hinweis). Sp ätere Arztberichte (und andere ein- schlägige Dokumente) sind allerdings in die Beurteilung mit einzubeziehen, soweit sie Rück- schlüsse auf die im Zeitpunkt des Abschlusses des Verwaltung sverfahrens gegebene Situation erlauben (Urteil des Bundesgerichts vom 10. August 2009 , 9C_136/2009, E. 2.5; BGE 131 V 242 E. 2.1). 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti- ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach d em Grad der Invalidität wie folgt ab- gestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 3.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs (BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Untervar ianten des Schätzungs- oder Prozent- vergleichs (BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausserordentlichen Methode (BGE 128 V 29). 4.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrade s bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. 4.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und insbe sondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ist di e Verwaltung – und im Beschwerdefall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fach- leute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arzte s oder der Ärztin ist es, den Gesund- heitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 99 E. 4 f. mit weiteren Hinweisen). 4.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung ( vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Be- lange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen ber uht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgeg eben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilun g der medizinischen Situation ein- leuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin ode r des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.4 Ständiger und damit wichtigster medizinischer Ansp rechpartner in der täglichen Arbeit ist für die IV-Stelle der RAD, welcher ihr nach Art. 59 Abs. 2 bis IVG zur Beurteilung der medizini- schen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung steht (Satz 1). Der RAD setzt die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massg ebende funktionelle Leistungsfähig- keit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigk eit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben (Satz 2). Der Beweiswert von RAD-Berichten na ch Art. 49 Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1 961 ist mit jenem von externen medizini- schen Sachverständigengutachten (BGE 125 V 351 E. 3b/bb) vergleichbar, sofern sie den von der Rechtsprechung umschriebenen Anforderungen an ein ä rztliches Gutachten genügen (Ur- teil des Bundesgerichts vom 14. Juli 2009, 9C_323/2009 , E. 4.3.2). Die IV-Stellen werden aber stets externe (meist polydisziplinäre) Gutachten einholen, wenn der ausgeprägt interdisziplinäre Charakter einer medizinischen Problemlage dies gebietet , wenn der RAD nicht über die fachli- chen Ressourcen verfügt, um eine sich stellende Frage b eantworten zu können, sowie wenn zwischen RAD-Bericht und allgemeinem Tenor im medizinisch en Dossier eine Differenz be- steht, welche nicht offensichtlich auf unterschiedlichen versicherungsmedizinischen Prämissen (vgl. SVR 2007 IV Nr. 33 S. 117, I 738/05 E. 5.2) beruht. 5. Das Administrativverfahren vor der IV-Stelle wie auch der kantonale Sozialversiche- rungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben IV-Stelle und Sozialversicherungsgericht vo n Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungs- pflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteil ung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (Urteil des Bun desgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. 6.1 Zur Beurteilung des vorliegenden Falls liegen zahl reiche medizinische Unterlagen vor, die vom Gericht gesamthaft gewürdigt wurden. Im Folge nden sollen indessen lediglich diejeni- gen Gutachten und Berichte wiedergegeben werden, welch e sich für den Entscheid als zentral erweisen. 6.2 Am 25. Januar 2018 diagnostizierte Dr. med. F.__ __, Facharzt für Chirurgie und Hand- chirurgie, einen Status nach Nachresektion PIN am 15. A ugust 2017 sowie Tenolyse EPL links bei Verdacht auf Nerven-Entrapment/Neurom des Nervus in terosseus posterior am linken Handgelenk, nach Osteosynthesematerial-Entfernung am 6. Juni 2017 und nach distaler, intra- artikulärer, nach dorsal abgekippter Radiusfraktur (AO 2 3-C3) links am 16. Januar 2017 mit offener Reposition und dorsaler Plattenosteosynthese. Kl inisch würden nach wie vor nicht klar fassbare Beschwerden bestehen. Ein Nervenproblem sei ehe r auszuschliessen. Die Klopfdo- lenz bestünde ubiquitär und sei nicht auf einen kutanen Nervenast beschränkt. Bei unauffälliger Trophik der Haut sowie fehlenden radiologischen Verände rungen sei auch ein postentzündli- cher Zustand im Sinne eines komplexen regionalen Schme rzsyndroms (CRPS) unwahrschein- lich. Zur weiteren Diagnostik werde ein SPECT-CT des li nken Handgelenks veranlasst. Es be- stünde weiterhin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.3 Im SPECT-CT des linken Handgelenks vom 30. Januar 2 018 wurde eine erhöhte Tracer Uptake im ehemaligen Frakturbereich festgestellt. Mögl icherweise bestünde eine beginnende posttraumatische Arthrose radiocarpal. Hinweise für ein e ulnolunäre Impaktion seien nicht er- sichtlich. 6.4 Die Suva liess die Versicherte am 29. Januar 2018 kre isärztlich untersuchen. Im Bericht vom 30. Januar 2018 führte Dr. D.____ aus, dass die Versicherte bezüglich des linken Handge- lenks persistierende Schmerzzustände zeige. Es bestünden ei ne Bewegungseinschränkung und eine Druckschmerzhaftigkeit ulnar- und dorsalseitig. De r Endzustand sei noch nicht er- reicht. Hinsichtlich des rechten Kniegelenks zeige sich ei ne gut konsolidierte Situation und der medizinische Endzustand sei erreicht. Die Beweglichkeit se i unauffällig. Dasselbe gelte für das OSG. Leichte bis mittelschwere, wechselbelastende sowie feinmotorische Tätigkeiten seien der Versicherten ganztags zumutbar, wobei repetitive Tätigke iten mit dem linken Handgelenk, das Besteigen von Leitern und Gerüsten sowie kniende und kauernde Arbeiten zu vermeiden seien. 6.5 Am 15. Februar 2018 stellte Dr. F.____ eine mögl iche beginnende posttraumatische Arthrose fest. Er verwies auf die von Dr. D.____ attest ierte Arbeitsfähigkeit und auf den bei der IV-Stelle vorgesehenen Termin zur Besprechung der Arbeitsaufnahme für eine leichte Tätigkeit. Eine Arbeitsunfähigkeit bescheinigte er nicht mehr. 6.6 Am 15. November 2018 bestätigte Dr. med. G.____, Facharzt für Neurologie, dass die Versicherte wegen eines Verdachts auf neuropathische Schme rzen im Bereich des linken Un- terarms einmalig mit dem Präparat Qutenza behandelt worden sei. Eine Besserung der Be- schwerden sei nicht erreicht worden. Aus neurologischer Si cht seien keine weiteren therapeuti- schen Massnahmen geplant. 6.7 Am 10. Dezember 2018 diagnostizierte Dr. med. H._ ___, FMH Anästhesiologie, ein chronisches posttraumatisches Schmerzsyndrom. Die bisheri gen Behandlungen hätten keine nachhaltige Schmerzreduktion gebracht. Anlässlich der U ntersuchung am 11. Oktober 2018 habe sich weiterhin eine deutlich gesteigerte Schmerzemp findlichkeit im Bereich der Narben und des linken Unterarms gezeigt, begleitet von myofaszi alen Triggerpunkten am linken Unter- und Oberarm und im Schulterbereich. Es handle sich um e ine Schmerzausweitung, vermutlich ausgehend von der ursprünglichen, osteosynthetisch-versorgten Radiusfraktur links. Bei zu- nehmenden Schulter-Nackenschmerzen in den letzten Mona ten sei am 4. Mai 2018 ein MRT der Halswirbelsäule (HWS) veranlasst worden. Dieses zeige keine Neurokompressionen der zervikalen Nervenwurzeln. Eine Pathologie der HWS sei d aher als Ursache für die Arm- und Schulterschmerzen ausgeschlossen. 6.8 Am 11. Januar 2019 hielt der RAD-Arzt Dr. E.____ fest, aus invalidenversicherungs- rechtlicher Sicht könne auf die Beurteilung des Kreisarzte s Dr. D.____ vom 30. Januar 2018 abgestellt werden. Unfallfallfremde Einschränkungen b estünden nicht. Die Versicherte sei seit dem Unfall vom 16. Januar 2017 in der bisherigen Täti gkeit vollständig arbeitsunfähig. Eine an- gepasste Verweistätigkeit sei ihr aber seit der Kreisarztu ntersuchung am 29. Januar 2018 zu 100 % zumutbar. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.9 Am 3. Oktober 2019 diagnostizierte Prof. Dr. med. I.____, FMH Neurologie, einen hohen Verdacht auf ein CRPS Typ I ohne Nervenverletzung. Ins pektorisch bestünden keine sicheren Muskelartropien der oberen Extremitäten. Die Operation snarbe sei gut verheilt. Am linken Handrücken sei eine leichte subkutane Schwellung festzustell en. Bei geringsten Berührungen an der gesamten linken oberen Extremität sowie am re chten Thorax, Rücken und Hals komme es zu heftigen Schmerzäusserungen der Versicherten, weshal b sie kaum habe untersucht wer- den können. Es liessen sich aber keine objektivierbaren neu rologischen Ausfälle finden. Der Reflexstatus sei symmetrisch, die Sensibilität an der linke n oberen Extremität sei erhalten und es bestünden mit hoher Wahrscheinlichkeit keine signifikanten Paresen. Hinweise auf eine neu- rogene Verursachung des massiven Schmerzsyndroms seien nic ht ersichtlich. Die Versicherte erfülle aber die Budapest-Kriterien für ein CRPS Typ I. 6.10 Am 8. Oktober 2019 diagnostizierte Dr. H.____ ein chronisches posttraumatisches Schmerzsyndrom an Arm und Schulter links bei Status nach R adiusfraktur links mit osteosyn- thetischer Versorgung, Osteosynthesematerial-Entfernung u nd Revisionsoperation sowie eine muskuläre Dysbalance an Schultergürtel und Rumpf mit Myog elosen und Triggerpunkten. Die bisher durchgeführten Behandlungen hätten keine Besser ung gebracht. Die Versicherte leide weiterhin unter deutlichen Schmerzen und einer Bewegu ngseinschränkung im Bereich des lin- ken Handgelenks sowie der gesamten linken oberen Extremit ät. Diagnostisch könne keine Er- klärung für die persistierenden Schmerzen gefunden werden. Auch aus handchirurgischer Sicht könne das chronische Schmerzsyndrom des linken Arms nicht erklärt werden. Eine psychiatri- sche Diagnose könne nicht erhoben werden. Die Versichert e sei in ihrer angestammten Tätig- keit weiterhin arbeitsunfähig. Empfohlen werde eine körperlich nicht belastende, aber abwechs- lungsreiche berufliche Tätigkeit z.B. im sozialen Berufsumfeld. 6.11 Am 25. November 2019 hielt der RAD-Arzt Dr. E.__ __ fest, dass diagnostisch keine Er- klärung für die persistierenden Schmerzen hätte gefunde n werden können. Der von Prof. Dr. I.____ im Bericht vom 3. Oktober 2019 erhob ene Verdacht auf eine CRPS sei nicht gesichert. Aufgrund der objektiven Befunde könnten die Beschwerden weder einem plausiblen organischen Korrelat noch einer psychischen Pathologie zugeordnet werden. 7.1 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ver fügung vom 29. Mai 2019 bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Versicherten voll umfänglich auf die Einschätzung ihres RAD-Arztes Dr. E.____ vom 11. Januar 2019. Sie ging d emgemäss davon aus, dass die Versi- cherte ab dem Datum der kreisärztlichen Untersuchung vom 29. Januar 2018 in einer ange- passten Verweistätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei. Diese vorinstanzliche Würdigung des medi- zinischen Sachverhalts ist nicht zu beanstanden. Zwar komm t, wie oben ausgeführt (vgl. E. 4.4 hiervor), den Berichten beratender Ärzte der Versicheru ngsträger – und um einen solchen han- delt es sich beim RAD-Arzt Dr. E.____ – rechtsprechungs gemäss nicht derselbe Beweiswert zu, wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol ten Gutachten externer Fachpersonen. Ein solcher Bericht ist aber soweit zu berücksichtigen, als keine – auch nur geringe – Zweifel an der Richtigkeit seiner Schlussfolgerungen bestehen (vgl. BGE 135 V 471 E. 4.7). Vorliegend besteht kein Anlass, an der Richtigkeit der Zumutbarkeits beurteilung von Dr. E.____ zu zwei- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht feln. Dessen Einschätzung leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der medizinischen Situation ein und sie ist in den Schlussfolgerungen nachvoll- ziehbar und schlüssig. 7.2 Was die Beschwerdeführerin dagegen vorbringt, verf ängt nicht. Wenn sie rügt, eine nachvollziehbare und schlüssige Beurteilung der Arbeitsf ähigkeit sei aufgrund der divergieren- den Diagnosen der behandelnden Ärzte nicht möglich, w eshalb sich eine Aktenbeurteilung durch den RAD verbiete, kann ihr nicht gefolgt werden. Zunächst ist in Erinnerung zu rufen, dass für die Belange der Invalidenversicherung nicht die Diagnosen und deren Anzahl, sondern die Auswirkungen der gesundheitlichen Beeinträchtigunge n auf die Arbeitsfähigkeit entschei- dend sind (Urteil des Bundesgerichts vom 23. April 2019, 9C_184/2019, E. 2). Auch wenn die Beschwerden der Versicherten diagnostisch nicht eindeut ig zuordenbar resp. die Ursachen nicht abschliessend geklärt werden konnten, wird aufgrun d der vorliegenden medizinischen Unterlagen dennoch deutlich, dass die erhobenen Befun de keine massgebliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit in einer körperlich angepassten Tätigkeit bewirken. Eine vom Kreisarzt Dr. D.____ vom 30. Januar 2018 abweichende Zumutbarkeit sbeurteilung oder gesicherte Hin- weise für eine zwischenzeitlich massgebliche Verschlechterung des Gesundheitszustands bzw. der Arbeitsfähigkeit liegen jedenfalls nicht vor. Sow eit die Beschwerdeführerin geltend macht, der RAD-Arzt Dr. E.____ habe bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vom 11. Januar 2019 die Rücken- und Kniebeschwerden und zudem die nach der kreisärztlichen Untersuchung aufgetre- tene Schmerzausweitung nicht berücksichtigt, mag dies zwar insofern zutreffen, als er hierzu nicht explizit Stellung nahm. Dies ändert indes nichts an der Tatsache, dass fachärztlich keine Erklärung für die persistierenden Schmerzen gefunden wer den konnte. Dazu kommt, dass Dr. F.____ im Bericht vom 15. Februar 2018 keine Arbe itsunfähigkeit mehr bescheinigte und Dr. H.____ am 8. Oktober 2019 eine körperlich nicht be lastende abwechslungsreiche berufliche Tätigkeit empfahl, was mit der Zumutbarkeitsbeurteilu ng des RAD-Arztes Dr. E.____ im Ein- klang steht. Auch wenn es für die Versicherte – wie sie g eltend macht – schwer vorstellbar ist, unter den gegebenen Umständen und Einschränkungen einer Verweistätigkeit nachzugehen, ist sie aus ärztlicher Sicht offenbar in der Lage, trotz ihre r subjektiv erlebten Schmerzen eine an- gepasste Arbeit zu 100 % auszuüben. Die Tatsache, dass die Suva der Versicherten aufgrund einer unfallbedingten Handgelenksarthrose mit Verfügung vom 19. September 2019 eine Integ- ritätsentschädigung von 10 % zusprach, vermag daran nicht s zu ändern, da eine Integritätsein- busse nicht zwingend eine Beeinträchtigung der Arbeits fähigkeit bewirkt. Jedenfalls hat die Be- schwerdeführerin auch in diesem Verfahren keine medizini schen Berichte beigebracht, die Zweifel an der Zumutbarkeitsbeurteilung von Dr. E.___ _ begründen könnten. Soweit sie weiter geltend macht, aufgrund der nicht lokalisierbaren und therapieresistenten Schmerzsymptomatik liege eine abklärungsbedürftige psychische Überlagerung vor, ist ihr entgegenzuhalten, dass sich aus den vorliegenden medizinischen Akten keine Anzeich en für eine invalidenversiche- rungsrechtlich relevante psychische Erkrankung der Beschwerdeführerin ergeben. Im Gegenteil hielt Dr. H.____ am 8. Oktober 2019 fest, dass keine p sychiatrische Diagnose erhoben werden könne. Hinzu kommt, dass die Versicherte nie in psychiatrische r Behandlung stand. Nachdem das Erfordernis einer neurologischen oder psychiatrischen Abklärung weder ersichtlich noch seitens der Beschwerdeführerin substantiiert dargetan ist, ist schliesslich nicht ersichtlich, wes- halb Dr. E.____ als Facharzt für Orthopädische Chirurgi e und Traumatologie des Bewegungs- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht apparates nicht in der Lage gewesen sein soll, die fun ktionellen Beeinträchtigungen des Bewe- gungsapparats und die damit einhergehende Arbeitsfäh igkeit der Versicherten kompetent zu beurteilen. Insgesamt liegt nichts vor, was Zweifel an d essen Beurteilung erwecken könnte. Bei dieser Sachlage durfte die Vorinstanz in antizipierter Beweiswürdigung (BGE 137 V 64 E. 5.2; 136 I 229 E. 5.3) – ohne gegen den Untersuchungsgrund satz (Art. 43 Abs. 1 ATSG) zu verstos- sen – auf die Beurteilung des RAD-Arztes Dr. E.____ ab stellen und auf weitere medizinische Abklärungen verzichten. 8. Nach dem Gesagten ist im Ergebnis nicht zu beanstan den, dass die IV-Stelle bei der Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin gestützt auf die Beurteilung des RAD-Arztes Dr. E.____ vom 11. Januar 2019 davon ausgegangen ist, dass dieser angepasste Tätigkeiten zu 100 % zumutbar sind. Nachdem sich aus den Akten kei- ne Hinweise ergeben, dass im Rahmen der Rechtsanwendung von Amtes wegen durch das Gericht eine andere Einschätzung der Vergleichseinkomme n vorzunehmen wäre und die Be- rechnung auch von Versicherten nicht beanstandet wurde, erübrigt sich eine detaillierte Ausei- nandersetzung mit dem durch die IV-Stelle angestellten Einkommensvergleich. Es ist mit der IV-Stelle davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin ein rentenausschliessendes Er- werbseinkommen erzielen könnte. Die angefochtene Verfüg ung vom 29. Mai 2019, mit welcher ein Rentenanspruch der Beschwerdeführerin abgewiesen wurde, ist im Ergebnis nicht zu bean- standen. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen. 9.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um d ie Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1‘000.-- festge legt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstan den ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist di e Beschwerdeführerin unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten ihr zu auferlegen si nd. Der Beschwerdeführerin ist nun allerdings mit Verfügung vom 5. August 2019 die unentg eltliche Prozessführung bewilligt wor- den, weshalb die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen werden. 9.2 Die ausserordentlichen Kosten sind dem Prozessausgan g entsprechend wettzuschla- gen. Da der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 13. August 2019 die unentgeltliche Verbei- ständung mit ihrer Rechtsvertreterin bewilligt worden i st, ist diese für ihre Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat in ihrer Ho- norarnote vom 27. Januar 2020 für das vorliegende Verf ahren einen Zeitaufwand von 10 Stun- den und 35 Minuten à Fr. 200.-- (vgl. § 3 Abs. 2 der Tarifordnung für die Anwältinnen und An- wälte vom 17. November 2003) für ihre eigenen anwalt lichen Bemühungen sowie 6 Stunden und 32 Minuten für die Bemühungen ihres Volontärs gel tend gemacht, was sich umfangmässig in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen gerade noch als angemessen erweist. Nicht zu beanstanden sind sodann die geltend gemachten Auslagen von Fr. 175.40. Der Rechtsvertreterin ist deshalb ein Honorar in der Hö he von Fr. 3‘101.80 (10,58 Stunden à Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Fr. 200.--, 6,53 Stunden à Fr. 90.--, Auslagen von Fr . 175.40, zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse auszurichten. 9.3 Die Beschwerdeführerin wird ausdrücklich auf § 53a A bs. 1 des Gesetzes über die Organisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 a ufmerksam gemacht, wonach eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der Be- schwerdeführerin auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführun g werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständu ng wird der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin ein Honorar in der Höhe von Fr. 3‘101.80 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) aus d er Gerichtskas- se ausgerichtet. http://www.bl.ch/kantonsgericht