<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 26" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 26</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">273</span> </div> <div class="page" id="S273"> <span class="text"><b>26 </b> <b>Ausstand</b></span><br/> <span class="text">Tragweite der Ausstandspflicht bei Sachgeschäften in einer Gemeindever-</span><br/> <span class="text">sammlung </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 14. Juni</span><br/> <span class="text">2018, in Sachen B. gegen Gemeinde X. und DVI (WBE.2018.52).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">5.</span><br/> <span class="text">5.1.</span><br/> <span class="text">Selbst wenn sich die Teilnahme von Gemeinderätin C. und</span><br/> <span class="text">ihren beiden Kindern an den fraglichen Abstimmungen auf deren Er-</span><br/> <span class="text">gebnisse tatsächlich ausgewirkt hätte oder möglicherweise hätte aus-</span><br/> <span class="text">wirken können, wäre der vorliegenden Beschwerde aus den nachfol-</span><br/> <span class="text">gend dargelegten Gründen kein Erfolg beschieden.</span><br/> <span class="text">5.2.</span><br/> <span class="text">Da Ausstandsvorschriften wie § 25 GG immer eine Einschrän-</span><br/> <span class="text">kung der demokratischen Mitwirkungsrechte der betroffenen</span><br/> <span class="text">Stimmberechtigten bedeuten, sind sie restriktiv auszulegen. Das</span><br/> <span class="text">heisst, dass nur die im Gesetzeswortlaut klar umschriebenen Perso-</span><br/> <span class="text">nen in den Ausstand zu treten haben. Die Ausstandspflicht bezieht</span><br/> <span class="text">sich sodann nur auf den Vorgang, vor der Abstimmung das Lokal</span><br/> <span class="text">verlassen zu müssen; während der Beratung und Diskussion des Ver-</span><br/> <span class="text">handlungsgegenstands bestehen die vollen Mitwirkungsrechte</span><br/> <span class="text">(AGVE 2013, S. 526; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom</span><br/> <span class="text">19. April 2018 [1C_596/2017]) Erw. 5.2).</span><br/> <span class="text">5.3.</span><br/> <span class="text">5.3.1.</span><br/> <span class="text">Wie bereits erwähnt, ging es an der Einwohnergemeindever-</span><br/> <span class="text">sammlung vom 22. Juni 2017 unter Traktandum 4 um einen Ver-</span><br/> <span class="text">pflichtungskredit von Fr. 281'000.00 für die Sanierung der A.Strasse</span><br/> <span class="text">yy-zz samt Werkleitungen und unter Traktandum 5 um einen Ver-</span><br/> <span class="text">pflichtungskredit von Fr. 372'000.00 für die Sanierung des ge-</span><br/> <span class="text">meindeeigenen Teilstücks der D.Strasse samt Werkleitungen. Gemäss</span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">274</span> </div> <div class="page" id="S274"> <div role="main"> <span class="text">den Ausführungen in der Einladung zur Einwohnergemeindever-</span><br/> <span class="text">sammlung vom 22. Juni 2017 dienen diese Projekte, welche auf der</span><br/> <span class="text">Strassenzustandserfassung, der Werterhaltungsplanung sowie der</span><br/> <span class="text">generellen Entwässerungsplanung basieren, der Instandstellung von</span><br/> <span class="text">Teilabschnitten bestehender Strassen und der darin liegenden</span><br/> <span class="text">Werkleitungen. Auf den fraglichen Abschnitten der A.Strasse und der</span><br/> <span class="text">D.Strasse befinden sich die Wasser- und Kanalisationsleitungen in</span><br/> <span class="text">einem schlechten Zustand, weshalb sie mitsamt den dazugehörigen</span><br/> <span class="text">Schiebern bzw. Schächten ersetzt werden müssen. Ausserdem</span><br/> <span class="text">müssen die gesamte Fundation, die Randabschlüsse und der Belag</span><br/> <span class="text">der Strassen zustandsbedingt erneuert werden. Im technischen</span><br/> <span class="text">Bericht betreffend die Erneuerung der A.Strasse yy-zz wurde</span><br/> <span class="text">festgehalten, dass die A.Strasse Unebenheiten, Absenkungen, Risse</span><br/> <span class="text">und Belagsschäden aufweist. Gleiches wurde im technischen Bericht</span><br/> <span class="text">betreffend die Erneuerung der D.Strasse ausgeführt. Damit geht es</span><br/> <span class="text">bei beiden Projekten lediglich um die Wiederherstellung des</span><br/> <span class="text">ursprünglichen Zustands der Erschliessung.</span><br/> <span class="text">5.3.2.</span><br/> <span class="text">§ 25 Abs. 1 GG führt nicht bei jedem Geschäft mit finanziellen</span><br/> <span class="text">Konsequenzen für einzelne Stimmberechtigte dazu, dass diese und</span><br/> <span class="text">ihre Ehegatten bzw. eingetragenen Partner, ihre Eltern und ihre Kin-</span><br/> <span class="text">der mit deren Ehegatten bzw. eingetragenen Partnern in den Ausstand</span><br/> <span class="text">treten müssen. Vielmehr gibt es in den Zuständigkeitsbereich der Ge-</span><br/> <span class="text">meindeversammlung fallende Gegenstände, bei denen § 25 GG nicht</span><br/> <span class="text">zur Anwendung kommt, obwohl sie in mannigfacher Weise private</span><br/> <span class="text">Interessen berühren (AGVE 1994, S. 546 f.). Nicht anwendbar ist</span><br/> <span class="text">§ 25 GG insbesondere bei Traktanden betreffend Erschliessungs-</span><br/> <span class="text">projekte der Gemeinde und deren Finanzierung (AGVE 1980,</span><br/> <span class="text">S. 500). Dasselbe hat für Geschäfte zu gelten, bei denen es - wie im</span><br/> <span class="text">vorliegenden Fall - nicht um die erstmalige Erschliessung von</span><br/> <span class="text">Grundstücken, sondern um die Erneuerung bestehender Erschlies-</span><br/> <span class="text">sungsanlagen, wie z.B. Strassen, Wasser- oder Abwasserleitungen,</span><br/> <span class="text">geht. Diese Praxis steht im Einklang mit dem Grundsatz, dass Aus-</span><br/> <span class="text">standsregeln bei Gemeindeversammlungen von der Natur der politi-</span><br/> <span class="text">schen Rechte her nur zurückhaltend anzuwenden sind (Urteil des</span><br/> <span class="text">Bundesgerichts vom 19. April 2018 [1C_596/2017]) Erw. 5.2).</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">275</span> </div> <div class="page" id="S275"> <div role="main"> <span class="text">Selbst wenn die unter den Traktanden 4 und 5 vorgelegten Ge-</span><br/> <span class="text">schäfte für Gemeinderätin C. direkte und genau bestimmte, insbeson-</span><br/> <span class="text">dere finanzielle Folgen hätten, hätten sie und ihre beiden Kinder des-</span><br/> <span class="text">halb nicht aufgrund von § 25 Abs. 1 GG in den Ausstand treten müs-</span><br/> <span class="text">sen. Daran ändert nichts, dass Gemeinderätin C., deren Liegenschaft</span><br/> <span class="text">A.Strasse yy (Parzelle yyy) auf der Ostseite an die D.Strasse grenzt,</span><br/> <span class="text">über einen über die D.Strasse erreichbaren Autoabstellplatz mit</span><br/> <span class="text">Rasengittersteinen verfügt und dort einen Autounterstand erstellen</span><br/> <span class="text">sowie zusätzliche Rasengittersteine legen will.</span><br/> <span class="text">5.4.</span><br/> <span class="text">Aus dem Umstand, dass in den Unterlagen zur Einwohner-</span><br/> <span class="text">gemeindeversammlung vom 7. Dezember 2017 unter dem Titel All-</span><br/> <span class="text">gemeine Rechte des Stimmbürgers auf die Ausstandspflicht gemäss</span><br/> <span class="text">§ 25 Abs. 1 GG hingewiesen wurde, kann entgegen der Auffassung</span><br/> <span class="text">des Beschwerdeführers nicht geschlossen werden, dass Gemeinde-</span><br/> <span class="text">rätin C. und ihre beiden Kinder an der Einwohnergemeindeversamm-</span><br/> <span class="text">lung vom 22. Juni 2017 das Versammlungslokal vor den Abstimmun-</span><br/> <span class="text">gen unter den Traktanden 4 und 5 jeweils hätten verlassen müssen.</span><br/> <span class="text">Der Beschwerdeführer kann daraus nichts für sich ableiten. Die Ge-</span><br/> <span class="text">meinden sind nicht verpflichtet, vor jeder Gemeindeversammlung in</span><br/> <span class="text">allgemeiner Weise auf die Ausstandspflicht von § 25 GG hinzuwei-</span><br/> <span class="text">sen. Es genügt, wenn dies vor den Abstimmungen geschieht, bei de-</span><br/> <span class="text">nen die Ausstandspflicht in Frage steht.</span><br/> <span class="text">5.5.</span><br/> <span class="text">Demnach ist festzuhalten, dass Gemeinderätin C. und ihre bei-</span><br/> <span class="text">den Kinder nicht verpflichtet waren, vor den Abstimmungen unter</span><br/> <span class="text">den Traktanden 4 und 5 in den Ausstand zu treten. Die Beschwerde</span><br/> <span class="text">wäre daher auch aus diesem Grund abzuweisen.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>