B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3092/2024 U r t e i l v o m 1 9 . A u g u s t 2 0 2 4 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richter Lorenz Noli; Gerichtsschreiberin Nina Ermanni. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Claudio Ludwig, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 7. Mai 2024 / N (…). E-3092/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reiste am 30. Januar 2024 illegal in die Schweiz ein und suchte gleichentags um Asyl nach. Auf dem eigenhändig ausge- füllten Personalienblatt gab sie den (…) als Geburtsdatum an. B. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass die Beschwerdeführerin bereits am (…) Januar 2024 in Kroatien daktylo- skopisch erfasst worden war und um Asyl nachgesucht hatte. C. C.a Am 2. Februar 2024 wurden die Personalien der Beschwerdeführerin in das Protokoll der Personalienaufnahme (PA) aufgenommen. Die Auf- nahme fand ohne die Beschwerdeführerin statt; das Protokoll wurde an- hand der vorhandenen Akten ausgefüllt. C.b Ebenfalls am 2. Februar 2024 ersuchte die Vorinstanz die kroatischen Behörden um Wiederaufnahme de r Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei- nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit- gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). D. Die Beschwerdeführerin bevollmächtigte am 5. Februar 2024 ihr e dama- lige Rechtsvertretung. E. Am 9. Februar 2024 gewährte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin – im Rahmen des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 Dublin-III-VO und im Beisein ihrer Rechtsvertretung – das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. Dabei machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie habe zwei Mal versucht, durch Kroatien zu reisen. Beim ersten Versuch sei sie von den kroatischen Behörden nach B._______ zurückgebracht worden. Beim zweiten Versuch hätten die kroatischen Behörden sie in ein E-3092/2024 Seite 3 Gefängnis gebracht, wo sie drei Tage habe bleiben müsse n, da ihr eine Rückkehr nach B._______ nicht erlaubt worden sei. Nach diesen drei Ta- gen habe man sie zur Abgabe ihrer Fingerabdrücke gezwungen. Anschlies- send sei sie zu einem Camp gebracht worden. Am nächsten Morgen sei sie mit dem Zug nach C._______ gereist, wo sie einen Tag lang auf eine andere afghanische Familie gewartet habe. In C._______ sei es sehr kalt gewesen. Trotzdem sei sie dort nicht in ein Camp, weil ihr andere Flücht- linge erzählt hätten, dass sie nicht aufgenommen werde, weil sie von den kroatischen Behörden bereits einem anderen Camp zugeteilt worden sei. Schliesslich sei sie von C._______ aus mit Hilfe eines Schleppers in die Schweiz gereist. Die Schweiz sei von Anfang an ihr Ziel gewesen, weil ihre Familie hier sei. Nach Kroatien könne sie nicht zurück, weil sie dort kein Asylgesuch eingereicht habe. Ihre Fingerabdrücke seien ihr zwangsweise abgenommen worden. Zudem befinde sich ihre Familie in der Schweiz. Betreffend ihre gesundheitliche Situation führte sie aus, sie habe sich wäh- rend ihrer Reise am Auge verletzt, weswegen ein Behandlungstermin ver- einbart worden sei. Ein weiterer Termin sei bei einer Gynäkologin verein- bart worden, weil ihre Periode seit zehn Monaten ausgeblieben sei. Ihre Füsse hätten sich von der Reise erholt. Psychisch ge he es ihr hingegen nicht so gut. Sie sei deswegen aber noch nicht vorstellig geworden. F. F.a Mit Schreiben vom 14. Februar 2024 reichte die damalige Rechtsver- tretung der Beschwerdeführerin Kopien der Ausweisdokumente ihrer Fa- milie in der Schweiz zu den Akten. F.b Ebenfalls am 14. Februar 2024 informierte die Vorinstanz die kroati- schen Behörden in Ergänzung zu ihrem Ersuchen um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin vom 2. Februar 2024 darüber, dass der von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Umstand, ihre Mutter, ihr Stiefvater und ihre Halbgeschwister würden in der Schweiz leben, nichts an der Zu- ständigkeit Kroatiens ändere, da es sich bei diesen Familienmitgliedern nicht um solche gemäss Art. 2 Bst. g Dublin -III-VO handle und die Be- schwerdeführerin gemäss ihren Angaben respektive der Angaben der Mut- ter bereits (…)jährig respektive (…)jährig sei. Hinzu komme, dass es keine Hinweise dafür gebe, dass die Beschwerdeführerin von ihren Familienmit- gliedern abhängig im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO sei. Kroatien bleibe dementsprechend der zuständige Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin. E-3092/2024 Seite 4 G. Am 16. Februar 2024 stimmten die kroatischen Behörden dem Übernah- meersuchen gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO nicht zu. Zur Begrün- dung führten sie aus, die Beschwerdeführerin sei in Kroatien mit dem Ge- burtsdatum, (…), mithin als Minderjährige, registriert worden und sei noch vor ihrem Interview verschwunden . Sie habe den kroatischen Behörden keine persönlichen Dokumente abgegeben und auch von Familienmitglie- dern sei nichts bekannt. H. Mit E-Mail vom 22. Februar 2024 informierte die Vorinstanz die vormalige Rechtsvertretung darüber, dass aufgrund des in Kroatien registrierten min- derjährigen Alias der Beschwerdeführerin ein Altersgutachte n in Auftrag gegeben werde. Sofern die Beschwerdeführerin nicht innert Frist ein rechtsgenügliches Identitätspapier im Original einreiche, welches ihre Voll- jährigkeit belege. I. Mit Schreiben vom 27. Februar 2024 reichte die vormalige Rechtsvertre- tung einen ärztlichen Bericht vom 21. Februar 2024 zu den Akten. J. Am 28. Februar 2024 führte das Institut für Rechtsmedizin des (…) eine Altersabklärung bei der Beschwerdeführerin durch. Im Gutachten vom 5. März 2024 kamen die Ärzte zum Schluss, dass die erhobenen Befunde ein durchschnittliches Lebensalter von 17 bis 27 Jahren ergeben würden. In Zusammenschau aller Untersuchungsbefunde ergebe sich zum Zeit- punkt der Untersuchung ein Mindestalter von (…) Jahren. Sowohl das im Auftrag angegebene Geburtsdatum (chronologisches Lebensalter 1 9 Jahre und acht Monate) als auch das alternative Geburtsdatum (chronolo- gisches Lebensalter 16 Jahre und zehn Monate) könne gemäss der refe- renzierten Standardliteratur nicht zutreffen. K. Mit Schreiben vom 7. März 2024 ersuchte das SEM die kroatischen Behör- den im Rahmen eines sogenannten Remonstrationsverfahrens (Art. 5 Durchführungsverordnung [EU] Nr. 118/2014 der Kommission vom 30. Ja- nuar 2014 zur Änderung der Verordnung [EG] Nr. 1560/2003 mit Durchfüh- rungsbestimmungen zur Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitglied- staats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatangehörigen in einem E-3092/2024 Seite 5 Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist [nachfolgend: Durchfüh- rungsverordnung, DVO]) um erneute Prüfung des Wiederaufnahmeersu- chens. Zur Begründung verwies die Vorinstanz auf das Gutachten der durchgeführten Altersabklärung, wonach die Beschwerdeführerin ein Min- destalter von (…) Jahren aufweise und somit zweifellos volljährig sei. L. L.a Am 19. März 2024 reichte d ie damalige Rechtsvertretung der Be- schwerdeführerin einen weiteren Arztbericht zu den Akten. L.b Gleichentags stimmten die kroatischen Behörden dem Ersuchen der Vorinstanz um Übernah me der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO explizit zu. M. Mit Schreiben vom 20. März 2024 gewährte die Vorinstanz der Beschwer- deführerin das rechtliche Gehör zum Ergebnis der Altersabklärung, zu den Zweifeln an ihrer vorgebrachten I dentität in Zusammenhang mit ihrem früheren Verfahren um Erteilung eines Einreisevisums aus humanitären Gründen aus dem Jahr 20 (…) sowie der dortigen eingereichten Reise- passkopie und der damit einhergehenden Täuschung ihrer Personalien be- ziehungsweise Nich toffenlegung ihrer Identität sowie zur beabsichtigten Änderung ihrer Personendaten im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) von Amtes wegen. Die Beschwerdeführerin nahm dazu am 22. März 2024 Stellung und führte dabei aus, sie sei mit der geplanten Altersanpassung nicht einverstanden. Das von ihr bei der Asylgesuchstellung angegebene Geburtsdatum, (…), sei das Geburtsdatum, das ihre Eltern bei ihrer Geburt notiert hätten. Der dem SEM vorliegende Pass enthalte nicht ihr korrektes Geburtsdatum. Da sie 20(…) (fünfzehnjährig) für ihr Visumsgesuch alleine nach D._______ habe reisen müssen, was ihr als damals Minderjährige verboten gewesen sei, habe sie sich einen Pass ausstellen lassen und dabei angegeben, be- reits achtzehnjährig und somit volljährig zu sein . Weiter hielt sie fest, sie habe sehr unter ihrer schweren Kindh eit und Jugend sowie der Trennung von ihrer Mutter gelitten. Es gehe ihr seit Jahren psychisch sehr schlecht, wobei sich ihr Zustand in letzter Zeit noch verschlechtert habe. Aufgrund des ganzen Stresses, den sie auf ihrer Reise erlebt habe, bleibe denn auch ihre Periode seit mehr als neun Monaten aus. Einzig ihre Mutter könne ihr die nötige mentale und physische Unterstützung geben, die sie benötige. E-3092/2024 Seite 6 Aus den genannten Gründen stehe sie zu ihrer Mutter in einem Abhängig- keitsverhältnis im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO. N. N.a Mit Abschreibungsbeschluss vom 27. März 2024 schrieb die Vor - instanz das Asylgesuch der Beschwerdeführerin vom 30. Januar 2024 auf- grund grober Mitwirkungspflichtverletzung gestützt auf Art. 8 Abs. 3bis AsylG (SR 142.31) als gegenstandslos geworden ab. N.b Ebenfalls am 27. März 2024 änderte die Vorinstanz das Geburtsdatum der Beschwerdeführerin im ZEMIS auf den (…) und brachte einen Bestrei- tungsvermerk an. O. Mit Schreiben vom 28. März 2024 teilte die damalige Rechtsvertretung dem SEM die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit. P. Mit Wegweisungsverfügung vom 3. April 2024 (eröffnet am 6. April 2024) verfügte das SEM die Wegweisung der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 64a AIG (SR 142.20) in den für sie zuständigen Dublin -Mitgliedstaat (Kroatien), beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Weg- weisung und händigte ihr die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver- zeichnis aus. Gleichzeitig stellte es fest, dass ih re Personendaten im ZEMIS A._______, geb. (…), Afghanistan, lauten würden und einer allfälli- gen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zu- komme. Q. Mit Schreiben vom 5. April 2024 ersuchte ein Mitarbeiter derselben Rechts- vertretung wie der rubrizierte Rechtsvertreter bei der Vorinstanz um Wie- deraufnahme des Asylverfahrens der Beschwerdeführerin. Gleichzeitig wurde beantragt, dass die Vollzugsbehörden vorsorglich anzuweisen seien, von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. R. Am 2. Mai 2024 t eilte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin mit, ihrem Gesuch um Wiederaufnahme vom 5. April 2024 werde stattgegeben und ihr Asylverfahren wiederaufgenommen. S. Die Vorinstanz erkundigte sich am 7. Mai 2024 mittels telefonischer E-3092/2024 Seite 7 Abklärung beim zuständigen Gesundheitsdienst des zuständigen Bundes- asylzentrums (BAZ) nach dem aktuellen Gesundheitszustand der Be- schwerdeführerin. T. Mit Verfügung vom 7. Mai 202 4 (eröffnet am 8. Mai 2024) trat die Vor - instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein. Gleichzeitig hielt sie fest, die Wegwei- sungsverfügung vom 3. April 2024 sei rechtskräftig und vollstreckbar, be- auftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung, hän- digte ihr die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme. Zur Begründung führte die Vorinstanz aus, sie trete gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf ein Asylgesuch nicht ein, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen könnten, der für die Durchführung des Asyl- und Weg- weisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig sei. Die Schweiz habe sich mit der Umsetzung des Dublin-Assoziierungsabkommens dazu verpflich- tet, die Dublin-III-VO anzuwenden. Da die Beschwerdeführerin mit Verfü- gung vom 3. April 2024 aus der Schweiz in den für sie zuständigen Dublin- Staat (Kroatien) weggewiesen worden se i und diese r Wegweisungsent- scheid mittlerweile rechtskräftig sowie vollstreckbar sei, trete es basierend auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf ihr Asylgesuch nicht ein. U. Mit Eingabe des rubrizierten Rechtsvertreters vom 16. Mai 2024 liess die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhe- ben und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache sei an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese neu über das Eintreten auf ihr Asylgesuch sowie allenfalls die Wegweisung und deren Vollzug entscheide. Weiter sei festzustellen, dass die vorinstanzliche Ver- fügung vom 3. April 2024 hinsichtlich der verfügten Wegweisung und deren Vollzugs nicht in Rechtskraft erwachsen sei. In prozessualer Hinsicht beantragte sie, der vorliegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde sei anzu- weisen, auf Vollzugshandlungen hinsichtlich der von der Vorinstanz am 3. April 2024 verfügten Wegweisung nach Kroatien bis zu einem gerichtli- chen Entscheid im vorliegenden Besc hwerdeverfahren abzusehen. Des E-3092/2024 Seite 8 Weiteren beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung inklusive Verzicht auf die Kostenvorschusserhebung. V. Am 17. Mai 2024 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori- schen Vollzugsstopp an. W. Mit Zwischenverfügung vom 23. Mai 2024 wurden die Gesuche um Ertei- lung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde sowie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung ei- nes Kostenvorschusses gutgeheissen und die Vorinstanz wurde zur Ver- nehmlassung eingeladen. X. Am 12. Juni 2024 reichte die Vorinstanz ihre Vernehmlassung ein, welche der Beschwerdeführerin am 17. Juni 2024 zur Replik zugestellt wurde. Y. Am 25. Juni 2024 reichte die Beschwerdeführerin ihre Replik ein. Z. Mit Schreiben vom 25. Juli 2024 informierte der Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin das Bundesverwaltungsgericht über die in nerfamiliären Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin sowie die daraus resultierende , gegen sie gerichtete Gewalt ihres Stiefvaters. Zur Stützung dieser Vorbringen liess die Beschwerdeführerin mit Schrei- ben vom 30. Juli 2024 eine Beratungsbestätigung der Opferberatung E._______ vom 26. Juli 2024 und einen ambulanten Bericht des (…) vom 3. Juli 2024 zu den Akten reichen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). E-3092/2024 Seite 9 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. 3.1 Die Beschwerdeführerin monierte in ihrer Beschwerde, im Zuständig- keitsprüfungsverfahren seien das Nichteintreten auf das Asylgesuch und die Wegweisung beziehungsweise deren Vollzug reziprok voneinander ab- hängig. Vorliegend habe die Vorinstanz ihre Wegweisung in den für sie zu- ständigen Dublin-Staat zu einem Zeitpunkt verfügt, in welchem ihr Asylge- such infolge der Abschreibung durch die Vorinstanz nicht mehr bei dieser hängig gewesen sei. Anschliessend habe die Vorinstanz das Asylverfahren wieder aufgenommen und weiterbehandelt, womit die Vorinstanz zu erken- nen gegeben habe, dass die Frage der Wegweisung und des Wegwei- sungsvollzugs in einen Dublin -Staat entgegen der vorgängig erlassenen Verfügung nicht als entschieden betrachtet, sondern die diesbezügliche Prüfung fortgesetzt werde. Aus diesem Grund sei es nicht zulässig, dass sich die Vorinstanz nach der Wiederaufnahme ihres Asylgesuchs auf die vorgängig erlassene Wegweisungsverfügung berufe, um den vorliegend angefochtenen Nichteintretensentscheid zu begründen. Richtigerweise hätte die Vorinstanz über beide Punkte im wiederaufgenommen E-3092/2024 Seite 10 Asylverfahren neu zu entscheiden gehabt. Weiter hielt die Beschwerdefüh- rerin fest, mit ihrem Ersuchen um Wiederaufnahme ihres Asylverfahrens vom 5. April 2024 habe sie gegenüber der Vorinstanz zum Ausdruck ge- bracht, dass sie weiterhin Schutz in der Schweiz beantrage und eine Fort- setzung des entsprechenden Verfahrens wünsche. Damit habe sie zumin- dest implizit zum Ausdruck gebracht, mit einer verfügten Wegweisung aus der Schweiz beziehungsweise deren Vollzug nicht einverstanden zu sein und sich dagegen zur Wehr zu setzen. Dementsprechend hätte die Vor - instanz ihr Ersuchen um Wiederaufnahme des Asylverfahrens als Rechts- mittel gegen die verfügte Wegweisung zu behandeln gehabt respektive hätte sie die Eingabe gemäss Art. 8 Abs. 1 VwVG an das Bundesverwal- tungsgericht als zuständige Beschwerdeinstanz weiterleiten müssen, da sie offenbar ni cht beabsichtigt habe, die Wegweisungsverfügung vom 3. April 2024 in Wiedererwägung zu ziehen. Unter den vorliegenden Um- ständen habe die Wegweisungsverfügung jedenfalls gemäss Art. 21 Abs. 2 VwVG nicht in Rechtskraft erwachsen können. 3.2 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz im Wesentlichen fest, das SEM erlasse auch im ausländerrechtlichen Verfahren gestützt auf Art. 64a AIG Wegweisungen gegen Personen, die sich illegal in der Schweiz auf- hielten und für deren Asyl - und Wegweisungsverfahren gestützt auf die Dublin-III-VO ein anderer Dublin-Staat zuständig sei. Die Beschwerdefüh- rerin habe sich infolge des Abschreibungsbeschlusses vom 27. März 2024 illegal in der Schweiz aufgehalten. Aufgrund dessen habe das SEM am 3. April 2024 gestützt auf Art. 64a AIG eine Wegweisungsverfügung erlas- sen, worin es die Beschwerdeführerin in den für sie zuständigen Dublin - Mitgliedstaat Kroatien weg gewiesen habe . Die Wegweisungsverfügung habe eine Rechtsmittelbelehrung enthalten, womit die Beschwerdeführerin über ihre Beschwerdemöglichkeit informiert gewesen sei und es ihr offen gestanden habe, gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde zu erheben. Das Gesuch um Wiederaufnahme des Asylver- fahrens der Beschwerdeführerin sei vor Eröffnung der Wegweisungsverfü- gung beim SEM eingetroffen, entsprechend habe es das Schreiben der Beschwerdeführerin nicht als Einspruch gegen die Wegweisungsverfü- gung verstehen können, da zum damaligen Zeitpunkt der Verfügungsinhalt der Beschwerdeführerin noch nicht eröffnet und die Rechtsmittelfrist noch nicht laufend gewesen sei. Da die Beschwerdeführerin mit Entscheideröff- nung am 6. April 2024 über die ihr zur Verfügung stehen den Rechtsmittel informiert worden sei, hätte es in ihrer Verantwortung gelegen, innert Frist bei der zuständigen Beschwerdeinstanz vorstellig zu werden beziehungs- weise sich bei diesbezüglichem Unterstützungsbedarf an ihre Rechts -E-3092/2024 Seite 11 vertretung zu wenden. Da g egen die Wegweisungsverfügung keine Be- schwerde erhoben worden sei, sei diese am 15. April 2024 in Rechtskraft erwachsen. Weiter hielt die Vorinstanz fest, ein Nichteintreten könne von der Wegwei- sung getrennt behandelt werden. Insbesondere in Kategorie III -Konstella- tionen mit anschliessendem Asylgesuch sei es üblich Nichteintreten und Wegweisung getrennt voneinander zu behandeln. Vorliegend sei eine neu- erliche eingehende Prüfung der Wegweisungsvollzugshindernisse und der damit einhergehenden Aufhebung der b estehenden rechtskräftigen Weg- weisung aufgrund der zeitlichen Nähe der Wegweisungsverfügung zur Wiederaufnahme des Asylverfahrens nicht zwingend notwendig, zumal die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde nicht geltend gemacht habe, es würden nun Vollzugsh indernisse beziehungsweise zum Zeitpunkt der Wegweisung noch nicht bekannte Vollzugshindernisse vorliegen. Im Rah- men des vorliegend angefochtenen Nichteintretensentscheids vom 7. Mai 2024 seien die Überlegungen betreffend Wegweisung der Beschwerdefüh- rerin nach Kroatien und deren Zulässig - sowie Zumutbarkeit nicht mehr aufgeführt worden, da die Wegweisungsverfügung ohne Widerspruch in Rechtskraft erwachsen sei und das SEM folglich nicht davon habe ausge- hen müssen, dass seine diesbezügliche Argumentation best ritten sein könnte. Für den Fall, dass das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss ge- langen sollte, dass das SEM im angefochtenen Nichteintretensentscheid in Folge der nicht explizit ausgeführten Erwägungen in Bezug auf Art. 3 Abs. 2, Art. 16 Abs. 1 und Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) seiner Begründungspflicht nicht nachgekommen sei respektive eine Ermessen- unterschreitung begangen habe, ersuche es aus verfahrensökonomischen Gründen und unter Verweis auf die Ausführungen zur Zulässigkeit und Zu- mutbarkeit der Überstellung in dieser Vernehmlassung, die genannten Ver- fahrensfehler als geheilt zu betrachten. 3.3 Die Beschwerdeführerin replizierte dazu im Wesentlichen, sie habe mit dem Festhalten an ihrem Asylgesuch gegenüber der Vorinstanz ihr fortbe- stehendes Interesse an einem Verbleib in der Schweiz beziehungsweise an der Weiterbehandlung ihres Asylgesuchs bekundet. Mit der Wiederauf- nahme des Asylverfahrens habe auch die Vorinstanz ihr ein fortbestehen- des Interesse auf Fortführung ihres Asylverfahrens zuerkannt. Gemäss dem «Handbuch Asyl und Rückkehr» der Vorinstanz werde im Falle der Wiederaufnahme des Asylverfahrens das Asylverfahren in demjenigen Ver- fahrensstadium fortgeführt, in dem es sich zum Zeitpunkt der Abschreibung E-3092/2024 Seite 12 befunden habe. Dementsprechend sei ab der Wiederaufnahme ihres Asyl- verfahrens rückwirkend von einer fortdauernden Hängigkeit des Asylver- fahrens auszugehen, womit sie sich zum Zeitpunkt der vorinstanzlichen Wegweisungsverfügung nicht illegal in der Schweiz aufgehalten habe, son- dern im Rahmen ihres Asylverfahrens. Folglich hätte die Vorinstanz nach der Wiederaufnahme ihres Asylgesuchs neu und gesamthaft über das Ein- treten auf das Asylgesuch und allenfalls ihre Wegweisung aus der Schweiz und deren Vollzug zu entscheiden gehabt. 4. Nach Durchsicht der Akten hält das Bundesverwaltungsgericht folgendes fest: Die Vorinstanz schrieb mit Abschreibungsbeschluss vom 27. März 2024 das Asylgesuch der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 8 Abs. 3bis AsylG als gegenstandlos geworden ab (vgl. SEM-Akte […]-38/4). Zu jenem Zeitpunkt hatte die Vorinstanz weder über den zuständigen Mitgliedstaat gemäss Dublin -III-VO noch über die Wegweisung sowie den Wegwei- sungsvollzug dorthin entschieden. Die Zustimmung der kroatischen Behör- den zu einer möglichen Überstellung der Beschwerdeführerin hatte die Vo- rinstanz hingegen im Rahmen des Remonst rationsverfahrens bereits ein- geholt (vgl. SEM-Akte […]-29/2). Am 5. April 2024 ersuchte die Beschwer- deführerin um Wiederaufnahme ihres Asylgesuchs und nahm gleichzeitig Stellung zu den von der Vorinstanz in ihrem Abschreibungsbeschluss an- geführten Gründen (vgl. SEM-Akte […]-45/7). Diese Ausführungen der Be- schwerdeführerin haben die Vorinstanz gemäss vorliegender Aktenlage dazu veranlasst, das Verfahren zur Prüfung ihres Asylgesuchs am 2. Mai 2024 wiederaufzunehmen (SEM-Akte […]-50/4). Beim Verfahren um Wie- deraufnahme eines zuvor abgeschriebenen Asylgesuchs handelt es sich um ein eigenes Verfahren (sui generis), welches im Asylgesetz nicht gere- gelt wird und vom abgeschriebenen und allenfalls wiederaufzunehmenden Asylverfahren zu unterscheiden ist (analog dem Ersuchen um Wiederauf- nahme eines Beschwerdeverfahrens vor Bundesverwaltungsgericht, vgl. dazu statt vieler Urteil des BVGer E-4396/2020 vom 22. September 2020 E. 1.2 m.w.H.). Bei Gutheissung des Gesuchs um Wiederaufnahme des Asylverfahrens – wie vorliegend – wird das Asylverfahren anschliessend in demjenigen Verfahrensstadium fortgeführt, in welchem es sich zum Zeit- punkt der Abschreibung (ex tunc) befunden hat (vgl. SEM, Handbuch Asyl und Rückkehr, Artikel E5, Der Abschreibungsbeschluss, Ziff. 2.5.2.2). Folglich wäre die Vorinstanz nach der Wiederaufnahme des Asylverfahrens der Beschwerdeführerin gehalten gewesen, die Prüfung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt des Abschreibungsbeschlusses, E-3092/2024 Seite 13 mithin am 27. März 2024, wieder aufzunehmen beziehungsweise die Prü- fung in demjenigen Verfahrensstand fortzuführen, in welchem sich das Ver- fahren zum Zeitpunkt des 27. März 2024 befand. Dementsprechend hätte die Vorinstanz sich in der angefochtenen Verfügung vom 7. Mai 2024 zur Begründung der Zuständigkeit Kroatiens, der Wegweisung sowie des Weg- weisungsvollzugs nicht auf die Verfügung vom 3. April 2024 stützen dürfen, sondern hätte diese Umstände vollumfänglich im Rahmen des Nichteintre- tensentscheids vom 7. Mai 2024 abhandeln müssen. Dadurch, dass die Vorinstanz sich in der angefochtenen Verfügung jedoch weder zur Zustän- digkeit Kroatiens noch zur Wegweisung sowie zum Wegweisungsvollzug geäussert hat, kam sie ihrer Begründungspflicht nicht nach (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1). Zwar könnte die sich daraus ergebende Verletzung des An- spruchs auf rechtliches Gehör infolge der Einl adung zur Vernehmlassung der Vorinstanz, in welcher diese sich vollumfänglich zur Wegweisung und dem Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführerin nach Kroatien geäus- sert hat, sowie der anschliessenden Gewährung des rechtlichen Gehörs der Beschwerdeführerin im Rahmen der Replik, in diesem Punkt als geheilt betrachtet werden, was aber nichts daran ändert, dass es bezüglich der Frage der Zuständigkeit Kroatiens nach wie vor an einer Begründung durch die Vorinstanz fehlt. Ihr erneuter Verweis auf die Wegweisungsverfügung vom 3. April 2024 (vgl. Vernehmlassung des SEM vom 12. Juni 2024, S. 3) ist aus den soeben dargelegten Gründen unzulässig, zumal die Wegwei- sungsverfügung vom 3. April 2024 vor diesem Hintergrund keinen Bestand haben kann. Letztlich vermag die Vorinstanz ihre begangenen Verfahrens- fehler im Rahmen der Vernehmlassung nachträglich nicht in vollem Um- fang zu heilen. Das Bundesverwaltungsgericht kommt demnach zum Schluss, dass die Vorinstanz ihrer Begründungspflicht nicht nachgeko mmen ist und damit den Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliche s Gehör verletzt hat. Somit erscheint es ohne weiteres als angezeigt, die von der Beschwerde- führerin angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur vollstän- digen Feststellung des Sachverhalts sowie zur rechtsgenüglichen und um- fassenden Prüfung, Begründung und Entscheidung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. 5. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde im Hauptbegehren gutzuheissen. Die Verfügung des SEM vom 7. Mai 2024 ist aufzuheben und die Sache ist in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständigen E-3092/2024 Seite 14 Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. 6. Bei dieser Verfahrenskonstellation ist nicht auf die weiteren Beschwerde- vorbringen einzugehen. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfü- gung vom 23. Mai 2024 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträg- lich gegenstandslos. 7.2 Der vertretenen Bes chwerdeführerin ist keine Parteientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG). (Dispositiv nächste Seite) E-3092/2024 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung vom 7. Mai 2024 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen sowie zur Neubeurteilung an die Vor - instanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Nina Ermanni Versand: