Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht Vom 18. Dezember 2015 (720 15 111) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Rentenrevision aufgrund erwerblicher Veränderung; gemäss Art. 31 IVG in der seit 1. Januar 2012 anwendbaren Fassung ist die revisionsweise Berechnung des IV-Grads unter Anrechnung des vollen, tatsächlich erzielten Einkommens vorzunehmen. Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter in Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Markus Mattle, Gerichtsschreiber Stephan Paukner Parteien A.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Daniel Altermatt , Rechtsanwalt, Neuarlesheimerstrasse 15, 4143 Dornach gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Gestützt auf die Verfügung der IV-Stelle Basel-L andschaft vom 9. Mai 2011 bezog die 1959 geborene A.____ mit Wirkung ab 1. Juni 2008 ei ne halbe und ab 1. August 2010 eine Dreiviertelrente der Invalidenversicherung (IV). Im Rahmen einer im März 2014 von Amtes we- gen eingeleiteten Revision stellte die IV-Stelle fe st, dass sich der Gesundheitszustand der Ver- sicherten nicht verändert habe, die Versicherte jedoch ein höheres Einkommen als ursprünglich erziele. Mit Verfügung vom 19. Februar 2015 setzte sie die bisherige Dreiviertelrente deshalb mit Wirkung ab 1. April 2015 auf eine halbe IV-Rente herab. B. Hiergegen erhob die Versicherte, vertreten durch Daniel Altermatt, Rechtsanwalt, am 16. März 2015 bzw. 8. April 2015 Beschwerde beim Ka ntonsgericht des Kantons Basel- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsger icht). Sie liess beantragen, dass die angefochtene Verfügung aufzuheben und festzustellen sei, dass sie weiterhin Anspruch auf eine Dreiviertelrente habe. Zur Begründung liess sie vo rbringen, dass aus einer einmaligen, geringfügigen Lohnänderung nicht auf einen Revisionsgrund geschlossen werden dürfe. C. Die IV-Stelle schloss mit Vernehmlassung vom 11. Mai 2015 auf Abweisung der Be- schwerde. Es sei unbestritten, dass in medizinischer Hinsicht keine Veränderung eingetreten sei. Aufgrund der Akten stehe jedoch fest, dass die Besch werdeführerin im Jahr 2014 einen für das Invalideneinkommen massgebenden Jahresverdienst in de r Höhe von CHF 25‘930.20 er- zielt habe. Darin sei ein Soziallohn im Umfang von mo natlich CHF 166.15 enthalten. Auszuge- hen sei somit von einem jährlichen Invalideneinkommen v on CHF 23‘936.—. Nach Anpassung des im Übrigen unbestritten gebliebenen Valideneinkommens an die Teuerung resultiere ein IV- Grad von 59%, weshalb die bisherige Dreiviertelrente zu Recht auf eine halbe Rente der IV re- duziert worden sei. D. Nachdem der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 27 . Mai 2015 für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt wo rden war, reichte die IV-Stelle mit Einga- be vom 24. August einen ihr übermittelten Arztbericht von Dr. B.____ vom 31. Juli 2015 ein. E. Die Beschwerdeführerin hielt mit Replik vom 26. Aug ust 2015 an ihren Rechtsbegehren fest. Zur Begründung liess sie im Wesentlichen vorbringen, dass die IV-Stelle im Begrün- dungsteil der angefochtenen Verfügung das Valideneinko mmen auf CHF 56‘723.— festgelegt, in der Tabelle des Einkommensvergleichs aber den Betrag von CHF 58‘084.— eingesetzt habe. Die Verfügung erweise sich deshalb als widersprüchlich und sei bereits deshalb aufzuheben. Bei der Bemessung des Invalideneinkommens habe die IV-S telle sodann zu Unrecht keinen Freibetrag von CHF 1‘500.— abgezogen. Das massgebende Invalideneinkommen betrage vielmehr CHF 22‘436.—. Unter Berücksichtigung des von der IV-Stelle in der Tabelle der ange- fochtenen Verfügung eingesetzten Valideneinkommens res ultiere ein IV-Grad von 61%. Ziehe man das im Textteil der angefochtenen Verfügung genan nte Valideneinkommen heran, ergebe sich ein IV-Grad von 60%. F. Die IV-Stelle hielt mit Duplik vom 10. September 2 015 an der Abweisung der Beschwer- de fest. Die korrekte Höhe des Valideneinkommens betrage wie in der Tabelle der angefochte- nen Verfügung aufgeführt CHF 58‘084.—. Dies habe jedo ch keinen Einfluss auf die Reduktion der Rente, da selbst bei einem Valideneinkommen von C HF 56‘723.— und einem Invalidenein- kommen von CHF 23‘936.— ein IV-Grad von 57,8% resultiere . Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin sein kein Abzug vom Invalideneinkommen in der Höhe von CHF 1‘500.— vorzunehmen. G. Mit Eingabe vom 2. Dezember 2015 reichte die IV-Ste lle zwei ihr übermittelte Arztberich- te von Dr. B.____ vom 26. November 2015 und des Spita ls C.____ vom 18. November 2015 ein. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über di e Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die - im Übrigen frist- und formgerecht erhobene - Beschwerde ist demnach einzutreten. 1.2 Am 1. Januar 2012 sind die Änderungen des IVG zur 6. IV-Revision in Kraft getreten. Bei der Prüfung eines schon zuvor entstandenen Anspruchs a uf eine Rente der IV sind die all- gemeinen intertemporalrechtlichen Regeln heranzuziehen, wonach in zeitlicher Hinsicht diejeni- gen Rechtssätze massgebend sind, die bei Verwirklichung d es zu Rechtsfolgen führenden Sachverhalts galten. Nachdem die Versicherte seit April 2014 neu als Mitarbeiterin im Zentrum des D.____ angestellt ist, ist der vorliegend zu beurte ilende Rentenanspruch für die Zeit ab März 2014 gemäss der rentenherabsetzenden Revisionsverfügu ng vom 19. Februar 2015, wel- che rechtssprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlich en Überprüfungsbefugnis bil- det (BGE 132 V 215 E. 3.1.1), demzufolge nach den neu en Normen zu prüfen (BGE 130 V 445 E. 1). Dies fällt materiell-rechtlich insoweit ins Gewicht, als im Zuge der 6. IV-Revision durch die Streichung von Art. 31 Abs. 2 IVG veränderte Modalitä ten hinsichtlich der Herabsetzung einer IV-Rente Eingang ins Gesetz gefunden haben. Betreffen d die Invaliditätsbemessung hat hinge- gen weder die 5. noch die 6. IV-Revision eine substanzie lle Änderung gegenüber der zuvor noch bis 31. Dezember 2007 gültigen Rechtslage gebrac ht, so dass diese zur diesbezüglichen altrechtlichen Regelung ergangene Rechtsprechung auch w eiterhin massgebend ist (Urteil des Bundesgerichts vom 19. Mai 2009, 8C_76/2009, E. 2). 2.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 2.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussicht lich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie k ann im IV-Bereich Folge von Geburts- gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IV G). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommende n allgemeinen Arbeitsmarkt zu ver- stehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des V orliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach dem im Rahmen der 5. IV-Revision am 1. Januar 200 8 in Kraft gesetzten Art. 7 Abs. 2 Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein trächtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht über- windbar ist (Satz 2). 2.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach de m Grad der Invalidität wie folgt ab- gestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 2.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Der Einkomm ensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werde n. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgrad bestimmen (BGE 128 V 30 E. 1). 3.1 Nach Art. 17 Abs. 1 ATSG sind laufende IV-Renten vo n Amtes wegen für die Zukunft zu erhöhen, herabzusetzen oder aufzuheben, wenn sich der Invaliditätsgrad in einer für den Anspruch erheblichen Weise ändert. Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, d en Invaliditätsgrad und damit den Renten- anspruch zu beeinflussen. Zu denken ist dabei in erster Linie an eine wesentliche Änderung des Gesundheitszustandes der versicherten Person. Darüber hinau s ist die Rente aber auch revi- dierbar, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen eines an sich gleich gebliebenen Gesund- heitszustandes erheblich verändert haben (BGE 130 V 349 E. 3.5 mit Hinweisen). 3.2 Die abweichende medizinische oder rechtliche Einschätz ung von im Wesentlichen un- veränderten tatsächlichen Verhältnissen führt dagegen n icht zu einer materiellen Revision. Bloss auf einer anderen Wertung beruhende, revisionsrech tlich unerhebliche Differenzen sind daher von revisionsbegründenden tatsächlichen Veränderun gen abzugrenzen. Kann eine ren- tenberechtigte Person neu ein Erwerbseinkommen erzielen oder ein bestehendes Erwerbsein- kommen erhöhen, so wird die Rente gemäss Art. 31 Abs. 1 IVG nur dann im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG revidiert, wenn die Einkommensverbesserung j ährlich mehr als CHF 1‘500.— be- trägt. Art. 31 IVG findet dabei nur auf Revisionsfäll e Anwendung, in denen die betroffene Per- son ihre Restarbeitsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt tatsä chlich verwertet und dadurch ein ent- sprechendes Pensum erwirtschaftet. Nicht heranzuziehen ist di e Bestimmung von Art. 31 IVG demgegenüber in Fällen, in welchen der Rentenbezügeri n im Rahmen des Einkommensver- gleichs lediglich ein hypothetisches, auf der Basis von Tabe llenlöhnen ermitteltes (höheres) Invalideneinkommen angerechnet wird (BGE 136 V 216 E. 5.6.1). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3 Zeitliche Vergleichsbasis für die Prüfung einer ans pruchserheblichen Änderung des Invaliditätsgrades bildet die letzte (der versicherten Person eröffnete) rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspru chs mit rechtskonformer Sachverhalts- abklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunk- ten für eine Änderung in den erwerblichen Auswirkunge n des Gesundheitszustandes) beruht (BGE 130 V 75 ff. E. 3.2.3). Die Frage, ob eine mit Bezug auf den Invaliditätsgrad rentenwirk- same Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen einget reten ist, ist mithin durch Vergleich des Sachverhalts, wie er jenem Zeitpunkt vorgelegen hatte, mit demjenigen anlässlich der strei- tigen Revisionsverfügung zu beurteilen (BGE 133 V 110 E. 5). Vorliegend ist demnach der Sachverhalt zur Zeit der ursprünglichen Rentenverfügung vom 9. Mai 2011 mit dessen Entwick- lung bis zur angefochtenen Revisionsverfügung vom 19. Februar 2015 zu vergleichen. Damit ist bereits an dieser Stelle festzuhalten, dass eine allfäl lige Verschlechterung des Gesundheitszu- standes der Versicherten und die allenfalls daraus resul tierenden Auswirkungen auf ihre Ar- beitsfähigkeit nach dem MS-Schub im Juli 2015 keinen Ein fluss auf den Ausgang des vorlie- genden Beschwerdeverfahrens haben. So ist dem im Rahme n des Beschwerdeverfahrens nachträglich eingereichten Bericht von Dr. B.____ vom 3 1. Juli 2015 zu entnehmen, dass bei der Versicherten im April 2014 noch eine stabile und m ithin unveränderte Situation bezüglich der Multiplen Sklerose festgestellt worden war. Nichts a nderes ergibt sich aus den ebenfalls nachträglich eingereichten Berichten von Dr. B.____ vom 26. November 2015 und des Spi- tals C.____ vom 18. November 2015. Der anlässlich der U ntersuchung vom 24. Juli 2015 fest- gestellte MS-Schub und die einhergehende Verschlechte rung der gesundheitlichen Verhältnis- se verglichen zur Untersuchung der Versicherten noch im Mai 2014 sind deshalb im Rahmen eines allfälligen neuen Revisionsverfahrens zu beurteilen. 4. Strittig und zu prüfen ist hingegen, ob eine ren tenrelevante Veränderung in Bezug auf die erwerblichen Verhältnisse der Versicherten eingetreten ist. 4.1 In der ursprünglichen Rentenverfügung vom 9. Mai 2011 ist dem Valideneinkommen nach der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs di e Tätigkeit der Versicherten als Verkäuferin in einem vollzeitlichen Pensum zu Grunde ge legt worden. Die IV-Stelle hat dabei auf die lohnstatistischen Angaben der Lohnstrukturerheb ung (LSE) 2008, Tabelle A1, Detail- handel und Reparatur, Anforderungsniveau 3, Spalte Fr auen, abgestellt und bei einer betriebs- üblichen Wochenarbeitszeit von 41,9 Stunden einen hypoth etischen Jahreslohn als Gesunde von CHF 53‘498.— ermittelt. Für das Invalideneinkommen h at sie ebenfalls auf die LSE 2008 zurückgegriffen und im Rahmen der Tabelle A1 den Tota lwert im Anforderungsniveau 4 für Frauen herangezogen. Bezogen auf das behinderungsange passte Pensum in der Zeit bis April 2010 im Umfang von 50% hat sie demnach in zutreffender Weise ein Invalideneinkommen in der Höhe von CHF 25‘684.— festgelegt, was verglichen m it dem Valideneinkommen zu einem 52%-igen IV-Grad geführt hat. Nachdem ab 20. Mai 20 10 eine nur noch reduzierte Restarbeits- fähigkeit von 40% bestanden hatte, hat sich das entsprec hende Invalideneinkommen auf der- selben Basis auf CHF 20‘979.— reduziert, und es hat sich ve rglichen mit dem Valideneinkom- men als Verkäuferin ein IV-Grad von 62% ergeben. Gestü tzt auf diese Bemessung der beiden Vergleichseinkommen ist der Versicherten in der Folge eine Dreiviertelrente der IV ausgerichtet worden. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 In der nunmehr vorliegend angefochtenen Verfügun g vom 19. Februar 2015 ist das Invalideneinkommen anhand des tatsächlich erzielten Eink ommens im Jahr 2014 mit CHF 23‘936.— beziffert worden. Übt die versicherte Perso n nach Eintritt der gesundheitlichen Beeinträchtigung eine Erwerbstätigkeit aus, gilt grun dsätzlich der damit erzielte Verdienst als Invalideneinkommen. Vorausgesetzt ist jedoch, dass beson ders stabile Arbeitsverhältnisse ge- geben sind und dass das Einkommen aus der Arbeitsleistu ng als angemessen und nicht als Soziallohn erscheint (BGE 129 V 472 E. 4.2.1). Vorlie gend hat die IV-Stelle demnach zu Recht auf die Angaben des Arbeitgebers abgestellt, wonach die Versicherte seit 1. September 2011 – mithin nach der ursprünglichen Rentenverfügung vom 9. Mai 2011 – zunächst als Mitarbeiterin beim Empfang und seit 1. April 2014 als Mitarbeiterin des D.____ in E.____ tätig ist (vgl. Frage- bogen Arbeitgeber vom 3. November 2014, IV-Dok 115). Dort erzielt sie in einem 40%-Pensum seit 1. Januar 2014 einen jährlichen Verdienst von CHF 25‘930.20. Der Arbeitgeber bezahlt da- bei seit 1. Januar 2014 eine Soziallohnkomponente von CHF 1‘993.80 pro Jahr. Ohne Sozial- lohn hat die Versicherte im Jahr 2012 einen Verdienst von CHF 23‘836.80 und in den Jahren 2013 sowie 2014 einen solchen von je CHF 23‘936.40 er zielt. Das der ursprünglichen Renten- verfügung vom 9. Mai 2011 zu Grunde gelegte statistisch e Invalideneinkommen von CHF 20‘979.— ergibt hingegen ein der Nominallohnentw icklung seit 2010 bis 2014 (Zeitpunkt der vorliegend angefochtenen Verfügung) um +3,5% ang epasstes Invalideneinkommen von lediglich CHF 21‘713.25.— (CHF 20‘979.— x 1,035; vgl. Sc hweizerischer Lohnindex nach Branche, Bundesamt für Statistik, Tabelle 1.2.10 Nominallohnindex Frauen 2011 - 2015, Sektor Dienstleistungen). Verglichen mit dem von der Versicher ten beim D.____ ohne Soziallohnkom- ponente effektiv erzielten Invalideneinkommen von CHF 23‘936.40 resultiert eine Differenz von CHF 2‘223.15. Nachdem die Versicherte seit September 2 011 stets für denselben Arbeitgeber tätig gewesen ist, kann zudem von einem offensichtlich sta bilen Arbeitsverhältnis ausgegangen werden. Indem das Invalideneinkommen neuerdings unbestr ittenermassen auf der Basis des von der Beschwerdeführerin effektiv beim D.____ seit Janu ar 2014 erzielten Verdienstes zu ermitteln ist, liegt zweifelsohne eine tatsächliche Än derung in den erwerblichen Verhältnissen und damit ein Revisionsgrund gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG i n Verbindung mit Art. 31 Abs. 1 IVG vor. 4.3 Die Beschwerdeführerin stellt sich in ihrer Beschwe rde auf den Standpunkt, dass im Falle einer Einkommenserhöhung gemäss Art. 31 Abs. 1 IV G nur jene Einkommensverbesse- rung zu berücksichtigen sei, die den Betrag von CHF 1‘500 .— übersteige. Dies trifft zu mit Be- zug auf die Prüfung der Frage, ob ein Revisionsgrund vo rliegt. So kann die Rente gemäss Art. 31 Abs. 1 IVG nur dann herabgesetzt werden, wenn die Einkommensverbesserung jährlich mehr als CHF 1‘500.— beträgt (sog. Einkommensfreigren ze). Diese Voraussetzung ist vorlie- gend erfüllt, beläuft sich die Differenz zwischen den d er ursprünglichen Verfügung einerseits und der nunmehr angefochtenen Verfügung andererseits zu Grunde gelegten Invalidenein- kommen auf CHF 2‘223.15 (vgl. oben, Erwägung 4.2 hiervor). Mit Blick auf den Sinn und Zweck der Bestimmung ergibt sich jedoch, dass die Berechnung d es IV-Grads unter Anrechnung des vollen, tatsächlich erzielten Einkommens zu erfolgen hat. Mit der Antwort auf die Frage, ob eine Revision durchzuführen ist, wird über die Art und Weise der Revision nichts ausgesagt. Der bis Ende 2011 in Kraft gestandene Art. 31 Abs. 2 IVG sah d iesbezüglich noch vor, dass in einem Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht zweiten Schritt – d.h. nach Überschreiten der Revisionssch welle von CHF 1‘500.— lediglich zwei Drittel der Einkommensverbesserung für die Neufest setzung des IV-Grads berücksichtigt werden können. Dieser Absatz wurde auf Ende Dezember 2011 hin ersatzlos aufgehoben, weil er die Gefahr von Ungleichbehandlungen in sich barg und der bisher gemäss Art. 31 Abs. 2 IVG ermittelte IV-Grad nicht dem effektiven Invaliditätsgrad entsprochen hat (Botschaft des Bundes- rates zur Änderung des Bundesgesetzes über die Invalidenve rsicherung [6. IV-Revision] vom 24. Februar 2010, BBl 2010 1817 ff.). Dagegen blieb Art. 31 Abs. 1 IVG unverändert, weil mit der Revisionsschwelle von CHF 1‘500.— als spezielle Vorausse tzung der Rentenrevision ein minimaler finanzieller Anreiz bestehen bleiben sollte (vgl. BBl 2010 1896 ff., 1946). Die Rege- lung des Art. 31 IVG enthält damit seit Januar 2012 nur noch eine Voraussetzung zur Durchfüh- rung der Rentenrevision, stellt jedoch selbst keine gesetzl iche Grundlage dar, um vom effekti- ven Einkommen einen Abzug zu machen. Diese früher besteh ende Abzugsmöglichkeit wurde vom Gesetzgeber ersatzlos gestrichen, weil der IV-Grad ni cht der Vorgabe der tatsächlichen Erwerbsunfähigkeit gemäss Art. 7 ATSG entsprochen hatte. Entgegen der von der Beschwer- deführerin vertretenen Auffassung würde es deshalb dem Sinn und Zweck von Art. 31 Abs. 1 IVG zuwiderlaufen (BBl 2010 1817 ff., 1896 ff., 1946), wenn nunmehr weiterhin ein Freibetrag in der Höhe von CHF 1‘500.— abgezogen werden könnte, wie dies vorliegend insbesondere in der Replik vom 26. August 2015 postuliert wird. Das jährlich massgebende Invalideneinkommen beträgt im vorliegenden Fall somit CHF 23‘936.— (vgl. oben, Erwägung 4.2). 5. Das der ursprünglichen Rentenverfügung vom 9. Mai 201 1 zu Grunde gelegte statisti- sche Invalideneinkommen von CHF 20‘979.— beläuft sich ange passt an die Nominallohnent- wicklung per 2014 auf CHF 21‘713.25. Verglichen mit de m im Jahr 2014 konkret erzielten Inva- lideneinkommen beruht die für eine Revision massgebende Einkommensverbesserung von CHF 2‘223.15 somit auf einer zeitidentischen Grundlage (vgl. Erwägung 4.2 hiervor). Wenn die Beschwerdeführerin in ihrer Replik vorbringen lässt, da ss gemäss Art. 86 IVV (recte: Art. 86 ter IVV) vom Invalideneinkommen die teuerungsbedingte Lohn erhöhung abzuziehen sei, kann ihr deshalb nicht gefolgt werden. Weil die Lohndifferen z in casu verglichen mit dem Invalidenlohn in der ursprünglichen Rentenverfügung angepasst an die Nominallohnentwicklung im Jahr 2014 den Schwellenwert von CHF 1‘500.— übersteigt, liegt mi t Blick auf Art. 31 Abs. 1 IVG ein Revi- sionsgrund vor (vgl. oben, Erwägung 4.2 a. E.). Vergl ichen mit dem Invalideneinkommen, wel- ches der ursprünglichen Verfügung vom 9. Mai 2011 zu Grunde gelegt worden war, verdient die Versicherte dabei seit 2012 einen CHF 1‘500.— anhaltend übersteigenden Mehrverdienst. Das per 2014 ebenfalls der Nominallohnentwicklung angepass te jährliche Valideneinkommen be- läuft sich – gestützt auf die LSE 2010, TA 1, Sektor De tailhandel, Anforderungsniveau 3, Frau- en – auf CHF 56‘723.— (12 x CHF 4‘360.— : 40 x 41,9 d urchschnittliche Wochenarbeitszeit x 1,035 Teuerung, vgl. ebenso Erwägung 4.2 hiervor). D ie Gegenüberstellung der beiden Ver- gleichseinkommen ergibt eine Erwerbseinbusse von CHF 32‘ 787.— und damit einen IV-Grad von aufgerundet 58%. Dies führt mit Wirkung ab dem erst en Tag des zweiten Monats nach Zu- stellung der angefochtenen Verfügung (vgl. Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV) zur Ausrichtung einer halben IV-Rente. Die Beschwerde ist bei diesem Ergebnis somit abzuweisen. 6.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um di e Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von 200-1000 Franken festgelegt. Bei F ällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskos- ten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf 600 Franken fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die Beschw erdeführerin unterliegende Par- tei, weshalb die Verfahrenskosten ihr zu auferlegen sin d. Der Beschwerdeführerin ist nun aller- dings mit Verfügung vom 27. Mai 2015 die unentgeltli che Prozessführung bewilligt worden. Aus diesem Grund werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 6.2 Die ausserordentlichen Kosten sind dem Prozessausgan g entsprechend wettzuschla- gen. Da der Beschwerdeführerin in der Verfügung des K antonsgerichts vom 27. Mai 2015 die unentgeltliche Verbeiständung mit ihrem Rechtsvertreter bewilligt worden ist, ist dieser für seine Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Gemäss § 3 Abs. 2 der Tarifordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003 (i n der seit 1. Januar 2014 geltenden Fassung) beträgt das Honorar bei unentgeltlicher Verbei ständung Fr. 200.-- pro Stunde. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat in seiner Hon orarnote vom 9. November 2015 für das vorliegende Verfahren einen Zeitaufwand von acht Stunden geltend gemacht, was sich um- fangmässig in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts - und Rechtsfragen als angemessen erweist. Ebenfalls nicht zu beanstanden sind die ausgewie senen Auslagen in der Höhe von insgesamt CHF 74.—. Dem Rechtsvertreter ist deshalb ein H onorar in der Höhe von CHF 1‘807.90 (8 Stunden à Fr. 200.-- + Auslagen von C HF 74.— zuzüglich 8 % Mehrwertsteu- er) aus der Gerichtskasse auszurichten. 6.3 Die Beschwerdeführerin wird ausdrücklich auf § 53a A bs. 1 des Gesetzes über die Organisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 a ufmerksam gemacht, wonach eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 600.-- wer den der Be- schwerdeführerin auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführun g werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständun g wird dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ein Honorar in d er Höhe von Fr. 1‘807.90 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) a us der Ge- richtskasse ausgerichtet. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht