Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 28. Oktober 2021 (720 21 133 / 286) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente: Würdigung des polidisziplinären Gutachtens, insbesondere der neuropsycho- logischen Disziplin, im Hinblick auf die Frage des Verlaufs der Arbeitsfähigkeit Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter in Susanne Afheldt, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin i.V. Céline Chris- ten Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Deborah Büttel, Rechtsanwältin, Lange Gasse 90, 4052 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1986 geborene A.____ meldete sich am 15. Juli 2016 unter Hinweis auf ein chroni- sches Panvertrebralsyndrom sowie auf tägliche Kopf- und Rückenschmerzen bei der Eidgenös- sischen Invalidenversicherung (IV) zum Bezug von Leistungen an. Nachdem sie die gesund- heitlichen und erwerblichen Verhältnisse abgeklärt hatt e, wies die IV-Stelle Basel-Landschaft das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 13. September 2018 ab. Gegen diese Verfügung Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht erhob die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin Deborah Büttel, Beschwerde beim Kan- tonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kanton sgericht). Mit Urteil vom 22. August 2019 (Verfahrens-Nr. 720 18 343 / 203) wies das Kantonsgericht die Sache zur Einholung eines polydisziplinären Gutachtens an die IV-Stelle zurück. B. In der Folge wurde ein Gutachten bei der SMAB AG Bern eingeholt. Gestützt auf dieses Gutachten sprach die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 1. Dez ember 2020 und Verfügung vom 12. März 2021 A.____ ab 1. Oktober 2019 eine ganze IV-Rente zu. C. Am 27. April 2021 erhob A.____, vertreten durch Re chtsanwältin Deborah Büttel, wiede- rum Beschwerde beim Kantonsgericht und beantragte, die Verfügung vom 12. März 2021 auf- zuheben und ab dem 1. Januar 2017 basierend auf einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% eine halbe IV-Rente und spätestens ab 1. Oktober 2019 basierend auf einem Invaliditätsgrad von 100% eine ganze IV-Rente zuzusprechen. Eventualite r sei die Verfügung vom 12. März 2021 aufzuheben und zur Beurteilung des Leistu ngsanspruches weitere medizinische Abklärungen im Sinne von Rückfragen an den neuropsychol ogischen Gutachter, lic. phil. B.____, zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit zu veranla ssen und nach Vorliegen dessen Beurtei- lung neu über den Leistungsanspruch für den Zeitraum von 1. Januar 2017 bis 30. September 2019 zu entscheiden. Subeventualiter sei die Verfügung vom 12. März 2021 aufzuheben und die Streitsache an die Beschwerdegegnerin mit der Ver pflichtung zurückzuweisen, weitere Ab- klärungen im Sinne von Rückfragen an den neuropsychologi schen Gutachter, lic. phil. B.____, zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit zu veranlassen und na ch Vorliegen dessen Beurteilung neu über den Leistungsanspruch für den Zeitraum von 1. Januar 2017 bis 30. September 2019 zu entscheiden. Dies unter o/e-Kostenfolge und mit Gewähr ung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung und Verbeiständung. D. Mit Verfügung vom 29. April 2021 wurde der Beschw erdeführerin A.____ für das vorlie- gende Verfahren die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Rechtsanwältin Deborah Büttel als Rechtsvertreterin bewilligt. E. In der Vernehmlassung vom 10. Juni 2021 schloss die IV- Stelle auf Abweisung der Be- schwerde. Es wird darauf hingewiesen, dass keine konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit des polydisziplinären Gutachtens sprechen würden und sich die Gutachter ausführlich mit den medizinischen Unterlagen und den Beschwerden auseinand ergesetzt hätten. Es sei daher auf die Gesamtbeurteilung abzustellen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel -Landschaft, so dass die örtliche Zustän- digkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen i st. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Geset- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht zes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung ( VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht a ls einzige gerichtliche Instanz des Kan- tons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-S telle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die frist- und formgerecht erhobene Beschwerde vom 27. April 2021 ist demnach einzutreten. 2. Mit Verfügung vom 12. März 2021 sprach die IV-Stell e der Versicherten eine ganze Rente ab 1. Oktober 2019 zu, was von der Beschwerdefüh rerin nicht beanstandet wird. Streitig und zu prüfen ist hingegen der Beginn der invalidisier enden Arbeitsunfähigkeit und der damit verbundene Beginn des Leistungsanspruchs der Beschwerdef ührerin im Zeitraum vom 1. Januar 2017 bis 30. September 2019. Massgebend ist dabei der Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 12. März 202 1 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 129 V 4 E. 1.2 mit Hinweis). 2.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid sind (lit. c). 2.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person A nspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60%, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50% und auf eine Vi ertelsrente, wenn sie zu mindestens 40% invalid ist. Invalidität im Sinne dieser Bestimmun g ist die durch einen körperlichen, geisti- gen oder psychischen Gesundheitsschaden als Folge von Gebur tsgebrechen, Krankheit oder Unfall verursachte, voraussichtlich bleibende oder länge re Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 4 IVG in Verbindung mit Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allge- meinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG] vom 6. Oktober 2000). 2.3 Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die du rch eine Beeinträchtigung der körper- lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, vo lle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbei t zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Ber uf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die vo raussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie k ann im IV-Bereich Folge von Geburts- gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IV G). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommende n allgemeinen Arbeitsmarkt zu ver- stehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der g esundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Prozessthema bildet in erster Linie die Frage, in w elchem Ausmass die Beschwerde- führerin aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchti gungen im Zeitraum vom 1. Januar 2017 bis 30. September 2019 arbeitsfähig bzw. arbeitsunfähig war. 3.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und bei der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls a uch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (vgl. BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 3.2 Gemäss Art. 43 Abs. 1 ATSG und Art. 61 lit. c ATS G sind das Administrativverfahren und der kantonale Sozialversicherungsprozess sind vom Unte rsuchungsgrundsatz beherrscht. Danach haben die Verwaltung und das Sozialversicherungsge richt von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblich en Sachverhalts zu sorgen. Diese Un- tersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für di e Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweise n ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist de r Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zumindest mit dem Bewe isgrad der überwiegenden Wahr- scheinlichkeit entschieden werden kann (vgl. Urteil des Bund esgerichts vom 7. März 2019, 9C_57/2019, E. 3.2). 4.1 Das polydisziplinäre Gutachten der SMAB AG Bern erf olgte in den Fachbereichen Rheumatologie, Neurologie, Allgemeine innere Medizin , Psychiatrie und Neuropsychologie. Mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit wurde eine mittelsch were bis schwere depressive Episode und psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoi de, in casu eine Marihuana- Abhängigkeit, diagnostiziert. Gemäss der interdisziplinär en Gesamtbeurteilung lasse sich eine psychiatrisch begründete Arbeitsunfähigkeit von 100% seit Oktober 2018, nämlich mit der Auf- nahme der psychiatrischen Fachbehandlung, begründen. Aus rein neuropsychologischer Sicht ergebe sich eine Rest-Arbeitsfähigkeit von 30% für di e bisherige und von 60% für eine ange- passte Arbeit (ohne Zeitdruck, reizarme Umgebung). Aus rheumatologischer und internistischer Sicht seien keine Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit ersichtlich. 4.2 Die Beschwerdeführerin bringt zum medizinischen Sach verhalt vor, dass die Be- schwerdeführerin seit ihrem 16. Altersjahr an konstanten Verspannungen im Schulter- und Na- ckenbereich mit zervikalen Kopfschmerzen leide. Jedoch hätte n sämtliche konservative Thera- pien sowie eine Brustverkleinerung im Jahr 2015 keine nachhaltige Linderung der Beschwerden gebracht. Die Beschwerden hätten zugenommen und spätest ens seit Dezember 2015 leide die Beschwerdeführerin an einem alltags- und funktionsrele vanten Dauerschmerz mit intermittie- renden Schmerzexazerbationen. Zudem hätten die Kopfschm erzen, welche Konzentrationsstö- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht rungen auslösten, bereits im Jahr 2004 bestanden. Auch R ückenschmerzen hätten der Be- schwerdeführerin gemäss Arztzeugnis vom 3. Mai 2005 den Tu rn- und Sportunterricht teilweise verunmöglicht. Diese Schmerzen hätten sich längst chronifizi ert. Aus der polydisziplinären Be- gutachtung von der SMAB AG in Bern vom 4. Oktober 202 0 gehe hervor, dass sich die Ge- samtarbeitsunfähigkeit aus der psychiatrischen Beurteilung ergebe, während sich aus rein neu- ropsychologischer Sicht noch eine Restarbeitsfähigkeit vo n 60% in einer angepassten Tätigkeit zeige. Im neuropsychologischen Teilgutachten halte lic. phil. B.____ fest, dass die objektivierten kognitiven Defizite sowohl auf die depressive Symptomatik als auch auf die chronischen Schmerzen zurückzuführen seien. Ein zusätzlicher Einfluss der Medikation und des Cannabis- Konsums sei dabei nicht auszuschliessen. Zusammenfassend sei auf das psychiatrische Teil- gutachten abgestellt worden, in welchem ab dem Beginn der psychiatrischen ambulanten Be- handlung bei Dr. med. C.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, bzw. ab Oktober 2018 eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit beurteilt wurd e. Obschon auch aus rein neuropsycholo- gischer Sicht eine invalidisierende Arbeitsunfähigkeit vorliege, würden sich im neuropsychologi- schen Teilgutachten keine Ausführungen zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit finden. Hinsichtlich der Frage betreffend der Arbeitsunfähigkeit aus neur opsychologischer Sicht sei der Untersu- chungsgrundsatz verletzt worden. 4.3 Im RAD-Bericht vom 21. Januar 2021 erachtete Dr. m ed. D.____, Fachärztin für Physi- kalische und Rehabilitative Medizin, eine weitere Prüfung für nicht notwendig. Dies insbesonde- re mit der Begründung, dass das Ergebnis einer neuropsy chologischen Untersuchung für sich alleine keine Arbeitsunfähigkeit begründen könne. Ei ne neuropsychologische Untersuchung könne immer nur die Funktion im Zeitpunkt der Untersu chung wiederspiegeln. Daher sei eine rückwirkende Beurteilung bzw. eine Verlaufsbeurteilung nicht möglich. Für eine solche würden entsprechende neuropsychologische Vorbefunde oder Vergle ichswerte fehlen. Es sei korrekt, dass lic. phil. B.____ zum retrospektiven Verlauf keine Stellung nehmen und damit zur Ein- schränkung der Arbeitsfähigkeit keine Aussagen getroffen werden könne. Somit erübrige sich eine entsprechende Rückfrage an lic. phil. B.____. Ge mäss RAD-Aktennotiz von Dr. med. E.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 21. Januar 2021 erschliesse es sich aus sachlichen Gründen nicht, wie der Bericht der neurop sychologischen Untersuchung Aus- kunft über den Verlauf der Arbeitsfähigkeit geben könn te. Beim Vorliegen einer depressiven Störung sei erwartungsgemäss von einer verminderten kog nitiven Leistungsfähigkeit auszuge- hen, dies sei ein Kernsymptom der Depression und ihr zugeh örig. Der Verlauf einer depressi- ven Erkrankung sei fluktuierend und sofern es sich um eine depressive Episode handle zeitlich begrenzt. Eine neuropsychologische Untersuchung stelle ste ts eine Momentaufnahme dar und vermöge keinen Verlauf abzubilden. Zudem könne weder ei ne depressive Störung, noch das Ergebnis einer neuropsychologischen Untersuchung für sich eine Arbeitsunfähigkeit begründen. Aus der neuropsychologischen Beurteilung könne lediglich der Schluss gezogen werden, dass zum Zeitpunkt der Untersuchung eine leichte bis mittelg radige Störung bestanden habe. In ei- ner weiteren RAD-Stellungnahme vom 11. Februar 2021 vertrat Dr. D.____ unter Berücksichti- gung eines von der Beschwerdeführerin nachgereichten Kon sultationsberichtes vom 15. April 2005 die Auffassung, dass am Gutachten und den abschliess enden RAD-Stellungnahmen fest- gehalten werden könne. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.4 In der Vernehmlassung vom 10. Juni 2021 stellt sich die Beschwerdegegnerin auf den Standpunkt des RAD und hält somit am Gutachten fest. 5.1 Die Disziplin der Neuropsychologie kann helfen, kogni tive Störungen und deren Aus- mass zu eruieren. Die Ursachen derartiger kognitiver Stör ungen können somatisch (z.B. bei Hirnverletzungen) oder psychisch (z.B. bei psychischen Störun gen) bedingt sein. Bei einer Be- urteilung der Arbeitsfähigkeit wird eine Gesamtbeurt eilung verlangt, bei welcher die neu- ropsychologische Beurteilung wesentliche Informationen geben kann. In casu sind das Vorlie- gen von kognitiven Störungen und die psychischen Einschrän kungen aufgrund entsprechend diagnostizierter Störungen unbestritten. Fraglich ist nun, ob die neuropsychologisch festgestell- ten Störungen und die damit verbundene Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 40% nur auf der psychiatrischen Beurteilung basiert oder ob allenfal ls unabhängig von der psychiatrischen Beurteilung kognitive Einschränkungen aufgrund der chr onischen Schmerzen oder des Canna- bis-Konsums vorliegen. Falls von einer von der psychiatrisc hen Beurteilung unabhängigen Ein- schränkung ausgegangen wird, stellt sich weiter die Frage, ob diese bereits in invalidisierendem Ausmass vor dem 1. Oktober 2018 – also vor Beginn der a mbulanten psychiatrischen Behand- lung – vorlag. Der Beizug einer neuropsychologischen Fach person ist bei gewissen Be- gutachtungen empfohlen. Vorliegend erachteten die Gutachter aufgrund der geltend gemachten Konzentrationsstörungen bei chronischen Kopfschmerzen ein e neuropsychologische Testung zur Beschwerdevalidierung als nötig (vgl. Gutachten S. 4). Sie diente somit der Kontrolle der geltend gemachten Beschwerden. Das Ergebnis dieser Tes tung wurde in der Folge von den Gutachtern bei ihrer Beurteilung berücksichtigt. So hat der psychiatrische Gutachter die neu- ropsychologische Untersuchung in sein Gutachten integriert und eingehend gewürdigt. Er leitete daraus ab, dass es keine Hinweise auf Verdeutlichung oder Aggravation gebe und die objekti- vierten Befunde mit den Angaben der Versicherten übere instimmen würden, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme zu haben. Auch seien keine ande ren Diskrepanzen oder Inkonsis- tenzen ersichtlich (vgl. Gutachten S. 65 f.). Es wurde ü berdies festgehalten, dass sowohl die depressive Störung als auch die chronischen Schmerzen sowi e allenfalls die Medikamenten- einnahme und der Cannabiskonsum zu den festgestellten kognitiven Defiziten führen können. Zuletzt wurde das Ausmass der Einschränkung der Arbeitsfä higkeit aus neuropsychologischer Sicht als leicht bis mittelgradig beurteilt und aufgru nd der aktuellen Testung von einer 40% Ar- beitsunfähigkeit in angepasster und von 70% in angesta mmter Tätigkeit ausgegangen. Der psychiatrische Gutachter gelangte in Kenntnis und Würdigu ng der neuropsychologischen Beur- teilung und des dort festgehaltenen Ausmasses der für d ie Arbeitsfähigkeit relevanten kogniti- ven Störung zur Diagnose einer mittelschweren bis schwere n depressiven Episode und einer psychischen und Verhaltensstörung durch Cannabinoide, Mar ihuana-Abhängigkeit und schloss auf eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit. Es kann festgehalt en werden, dass es nie die Idee war, mittels der neuropsychologischen Testung den Verlauf ei ner neuropsychologischen Einschrän- kung der Arbeitsfähigkeit zu eruieren, sondern damit e in zusätzliches Test- bzw. Validierungs- instrument in die Gesamtbeurteilung miteinfliessen zu lassen. Es bestehen somit keine Zweifel an der gutachterlichen Beurteilung, zumal die neuropsy chologische Beurteilung meist nur Hin- weise auf funktionale Schäden ergibt und diese zweifellos mit der psychiatrischen Diagnose der Depression zusammenhängen, da vorliegend physische Hirnstöru ngen wie z.B. nach einem Unfall ausgeschlossen werden können. Es bleibt die Fra ge, ob die chronischen Schmerzen o- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht der die Cannabis-Abhängigkeit neben der Depression zu einer entsprechenden relevanten funktionellen kognitiven Störung geführt haben. Diese Ursächlichkeit der kognitiven Störungen lässt sich jedoch neuropsychologisch nicht abklären. Es besteh en auch keine Hinweise, dass eine allfällige Mitursache – neben der Depression – so schwerwiegend wäre, dass allein des- halb eine rentenbegründende Arbeitsunfähigkeit anzun ehmen wäre. Auch steht fest, dass in den Akten keine neuropsychologischen Vergleichswerte beste hen, mit welchen eine Verlaufs- beurteilung gemacht werden könnte. 5.2 Alles in allem bestehen keine Hinweise auf eine – neben der Einschränkung aufgrund der psychiatrischen Diagnose – zusätzliche funktionelle Einsch ränkung in relevantem Ausmass, welche noch weiter abzuklären wäre bzw. überhaupt abgeklärt werden könnte. Es ist somit, was der Beginn der Arbeitsunfähigkeit angelangt, allein a uf die psychiatrische Beurteilung und den Beginn der entsprechenden ambulanten Behandlung bei Dr. C.____ im Oktober 2018 abzustel- len. Zudem wird im Arztbericht vom 13. Juli 2017 – wa s in der fraglichen Zeitperiode liegt – von Dr. med. F.____, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, festgehalten, dass aus psychi- atrischer Sicht aktuelle keine grundlegende Arbeitsunfäh igkeit begründbar ist. Es ist somit in dieser Hinsicht auf eine weitere Sachverhaltsabklärung zu verzichten. 5.3 Dem Vorbringen der Beschwerdeführerin, dass beim Z eitpunkt der Annahme der Ar- beitsunfähigkeit und dem damit verbundenen Beginn des Wartejahres nicht auf den Beginn der psychiatrischen Behandlung im Oktober 2018, sondern auf den stationären Aufenthalt in der Reha X.____ vom 28. Mai 2018 bis 23. Juni 2018 abzustel len sei, ist entgegen zu halten, dass bei diesem Aufenthalt eine psychosomatische Behandlung a ufgrund der chronischen Schmer- zen in der Schulterregion und Kaumuskulatur und nicht v ordergründig eine psychiatrische Be- handlung erfolgte. Aus somatischer Sicht bestehe jedo ch nach Ansicht der Gutachter kein Grund für eine Arbeitsunfähigkeit. Die erste psychiatri sche Behandlung begann im Oktober 2018, wie es auch die Gutachter festgehalten haben. So mit bestehen weder Gründe für eine ergänzende Sachverhaltsabklärung noch die Annahme eine s früheren Zeitpunktes als der 1. Oktober 2018 für den Beginn des Wartejahres. Die Beschwerde ist somit abzuweisen und die angefochtene Verfügung zu bestätigen. 6.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um d ie Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festge legt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstan den ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist di e Beschwerdeführerin unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten ihr aufzuerlegen si nd. Der Beschwerdeführerin ist nun allerdings mit Verfügung vom 29. April 2021 die unentgeltliche Prozessführung bewilligt worden. Aus diesem Grund werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2 Eine Parteientschädigung wird bei diesem Ausgang des Verfahrens nicht zugespro- chen. Da der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 29. April 2021 auch die unentgeltliche Verbeiständung mit ihrer Rechtsvertreterin bewilligt worden ist, ist diese für ihre Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Die Rechtsvertreteri n der Beschwerdeführerin hat in ihrer Honorarnote vom 26. Juni 2021 für das vorliegen de Verfahren einen Zeitaufwand von 14 Stunden 75 Minuten geltend gemacht, was umfangmässi g in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen angemessen ist. Nicht zu b eanstanden sind die geltend ge- machten Auslagen in der Höhe von Fr. 45.60. Der Rechtsvertreterin ist demnach ein Honorar in der Höhe von Fr. 3'226.25 (14.75 Stunden à Fr. 200. -- [vgl. § 3 Abs. 2 der Tarifordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003] und A uslagen von Fr. 45.60 zzgl. 7.7% Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse auszurichten. 6.3 Die Beschwerdeführerin wird ausdrücklich auf § 53a A bs. 1 des Gesetzes über die Organisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 a ufmerksam gemacht, wonach eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der Be- schwerdeführerin auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführun g werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständu ng wird der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin ein Honorar in der Höhe von Fr. 3'226.25 (inkl. Auslagen und 7.7% MwSt.) aus der G erichtskasse ausgerichtet. Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin am 17. Januar 2022 Beschwerde beim Bundesgericht (siehe nach Vorliegen des Urteils: Verfahren-Nr. 8C_37/2022 ). http://www.bl.ch/kantonsgericht