B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3402/2017 mel U r t e i l v o m 1 4 . D e z e m b e r 2 0 1 7 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richterin Mia Fuchs, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Monika Böckle, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 12. Mai 2017 / N (…). D-3402/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reiste gemäss eigenen Angaben Ende April 2015 legal aus seinem Heimatstaat nach Teheran aus. Ungefähr Anfang Dezem- ber 2015 verliess er den Iran, gelangte über die Türkei nach Europa und reiste schliesslich am 30. Dezember 2015 in die Schweiz ein. Er stellte gleichentags ein Asylgesuch und wurde i m Empfangs - und Verfahrens- zentrum (EVZ) B._______ am 19. Januar 2016 im Rahmen einer Befra- gung zur Person (BzP) summarisch zu seinen Asylgründen angehört. Die ausführliche Anhörung durch das SEM erfolgte am 16. August 2016. B. B.a Der Beschwerdeführer erklärte, er gehöre der Ethnie der Hazara an und stamme aus dem Dorf C._______ im Distrikt D._______, Provinz E._______. Er sei dort aufgewachsen und habe 12 Jahre eine private Schule besucht. Einige Monate nach seiner Heirat sei er 1989 in den Iran gegangen und habe dort illegal als Gastarbeiter gearbeitet. Im Jahr 2005 sei er dan n nach F._______ (G._______) im Distrikt H._______, Provinz I._______, gezogen, wo er bis 2014 zusammen mit seiner Familie gelebt habe. F._______ sei ein neu entstandenes Dorf, welches vor allem von Flüchtlingen aus dem Ausland bewohnt werde und unter der Schirmherr- schaft des UNHCR stehe. Er sei für verschiedene Organisationen – (…) sowie eine Naturschutzorganisation – als Beobachter und Controller tätig gewesen und ha be einen Lebensmittelladen geführt. Zu dem sei er als Hauptverantwortlicher und Anwalt des Dorfes F._______ gewählt worden. In dieser Funktion habe er mit dem UNCHR zusammengearbeitet und aus- ländische Delegationen, welche das Projekt begutachtet hätten, betreut. Er habe auch eine eigene Hilfsorganisation mit dem Namen „(…)“ gegründet, die sich aber noch im Aufbau befunden habe. Weil er Hazara gewesen sei und sich im Rahmen seiner Tätigkeit für diese Organisationen einen Na- men gemacht habe, seien die Taliban ungefähr im Jahr 2012 auf ihn auf- merksam geworden. Sie hätten begonnen, ihn telefonisch zu kontaktieren und aufzufordern, mit ihnen zusammen zuarbeiten. Sie hätten ihm vorge- worfen, er bringe muslimische Frauen zu ungläubigen und christlichen Sit- zungen. Er könne dies jedoch wiedergutmachen, w enn er ihnen mitteilen würde, wann die Delegationen vorbeikämen. Er habe ihnen mehrmals ge- sagt, er könne das nicht machen, weil er nicht genau wisse, wann die De- legationen jeweils kämen. Sie hätten ihn bedroht und manchmal auch auf- gefordert, mit seiner Tätigkeit aufzuhören. Er habe diese Tel efonanrufe D-3402/2017 Seite 3 zwar den Sicherheitsbehörden gemeldet, diese hätten aber nichts unter- nommen. Er sei sehr häufig, aber in unregelmässigen Abständen, angeru- fen worden, manchmal zwei- bis dreimal pro Woche, dann wiederum nur einmal im Monat. Als die Taliban bemerkt hätten, dass er ihnen nicht helfe, hätten sie ihn telefonisch stark bedroht und sowohl ihn als auch seine Frau beschimpft. Daraufhin sei er wütend geworden und hätte begonnen, sie ebenfalls zu beschimpfen. Sie hätten ihm dann gesagt, er sei zu weit ge- gangen und man werde sehen, was geschehe. Einige Tage später – er habe nicht zu Hause übernachtet – habe er einen Anruf erhalten und eine Person habe ihm gesagt, er solle heimgehen und seine Tochter beerdigen. Er habe sofort seine Frau angerufen, die ihm gesagt habe, dass bei ihnen alles in Ordnung sei. Seine Tochter sei nach draussen gegangen und habe bemerkt, dass bei den Nachbarn ein Aufruhr herrsche. Es habe sich her- ausgestellt, dass die Nachbarstochter erhängt worden sei, weil man deren Haus mit seinem verwechselt habe. Noch am gleichen Tag sei er mit seiner Familie in ein Haus J._______-Quartier in I._______ gezogen und sei nicht mehr nach draussen gegangen. Das Haus habe er bereits vorher auf Ra- tenzahlung erworben, es sei aber noch nicht abbezahlt gewesen. Er habe mit allen seinen Tätigkeiten für die verschiedenen Organisationen, auch jene für den UNHCR, aufgehört. Sein etwa neunjähriger Sohn habe ihm dann eines Tages gesagt, er solle versuchen, irgendwohin auszureisen, da er es nicht aushalten könnte, wenn er (der Beschwerdeführer) getötet oder ihm sonst etwas geschehen würde. Daraufhin habe er sich entschieden auszureisen. Er sei zuerst nach Kabul g egangen, habe sich ein en Pass und ein Visum für den Iran ausstellen lassen und sei dann dorthin ausge- reist. Die Taliban hätten ihm auch zwei Drohbriefe zukommen lassen. Im ersten Brief sei er aufgefordert worden, seine Tätigkeiten einzustellen. Als der zweite Brief kam, sei er bereits im Iran gewesen . Nach Ablauf seines Visums für den Iran sei er nach I._______ zurückgekehrt. Als er dort diesen zweiten Drohbrief gesehen habe, habe er die Hoffnung verloren, dass in Afghanistan ein sicheres Leben möglich sei. In der Folge habe er den Ent- schluss gefasst, das Land definitiv zu verlassen. Etwa 15 Tage später sei er erneut nach Kabul g ereist, habe sich wiederum ein Visum für den Iran ausstellen lassen und sei im März 2015 ausgereist. Er habe gehofft, er könne sich im Iran beim UNHCR melden, erhalte dann ein längeres Visum und könne mit seiner Familie ein paar Jahre dort leben. Nachdem sich her- ausgestellt habe, dass dies nicht möglich sei, sei er weiter nach Europa gereist. B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer zwei handgeschrie - bene Briefe ein, von denen einer in der Sprache Paschtu und der andere D-3402/2017 Seite 4 in D ari verfasst war ( die Taliban-Drohungen). Zudem reichte er seine Tazkara sowie mehrere Dokumente ein, um seine Tätigkeit bei verschiede- nen Organisationen zu belegen: einen Ausweis des nationalen Natur- schutzbüros, einen Ausweis der (…), ein Ausweis als Gemeindevorsteher von F._______, Bestätigungen für die Teilnahme an einem Workshop der (…) sowie an einem Workshop der (…); verschiedene Dokumente im Zu- sammenhang mit seiner eigenen Organisation (…) (Registrierungszertifi- kat; Bewilligung, eine NGO zu eröffnen, Aufstellung von Budget und Per- sonal) sowie fünf Fotos betreffend die Tätigkeit für den UNHCR. C. Mit Verfügung vom 12. Mai 2017 – eröffnet am 16. Mai 2017 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus de r Schweiz sowie den Vollzug an. D. Mit Eingabe vom 15. Juni 2017 liess der Beschwerdeführer beim Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei die ange- fochtene Verfügung aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei er als Flüchtling anzuerkennen und vorläufig aufzunehmen; subeventualiter sei der Vollzug der Wegwei- sung wegen Unzumutbarkeit auszusetzen und der Beschwerdeführer vor- läufig aufzunehmen, subsubeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht liess der Beschwerdeführer um unentgeltliche Rechtspflege und Einsetzung sei- ner Rechtsvertreterin als amtlich e Rechtsbeiständin ersuchen sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E. Mit Verfügung vom 21. Juni 2017 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte Monika Böckle als amtliche Rechtsbeiständin ein. Gleichzeitig forderte er das SEM zur Vernehmlas- sung auf. Dieses teilte dem Gericht mit Schreiben vom 4. Juli 2017 mit, es halte an seiner Verfügung fest, und verwies auf die dortigen Erwägungen. Die Vernehmlassung w urde dem Beschwerdeführer am 5. Juli 2017 zur Kenntnisnahme zugestellt. D-3402/2017 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freihei t sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft, wenn sie derartige D-3402/2017 Seite 6 Nachteile, die überdies von bestimmter Intensität sein müssen, bereits er- litten hat oder solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehba- rer Zukunft befürchten muss, sofern ihr die Nachteile gezielt und aufgrund von in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Verfolgungsmotiven zugefügt worden sind respektive zugefügt zu werden drohen. D ie Subsidiarität des flücht- lingsrechtlichen Schutzes setzt ausserdem voraus, dass für die betroffene Person im Heimatland kein adäquater Schutz gefunden werden kann (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlings- eigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Im Rahmen der Prüfung der Aktualität der Verfolgung ist jedoch auch die Situation im Zeit- punkt des Asylentscheids wesentlich. Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künf- tiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, wel- che den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufge- zählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und dem- entsprechend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar erschei- nen lassen. Die erlittene Verfolgung (bzw. die begründete Furcht vor zu- künftiger Verfolgung) muss zudem sachlich und zeitlich kausal sein für die Ausreise (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6 m.w.H.). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälsc hte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM begründete seine ablehnende Verfügung im Wesentlichen damit, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers keine Asylrelevanz auf- wiesen und den Anforderungen an die Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht genügten. Es könne zwar davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer während seiner Zeit in F._______ auf- grund seiner Zusammenarbeit mit dem UNHCR über ein entsprechend ho- hes Risikoprofil verfügt habe, um ins Visier der Taliban zu geraten. Letztere D-3402/2017 Seite 7 hätten sich aber primär an der Zusammenarbeit an sich sowie dem Einbe- zug von muslimischen Frauen gestört. Dies lasse sich auch am Drohschrei- ben erkennen, welches den Beschwerdeführer zum Tode verurteile, sofern er weiterhin mit Ausländern zusammenarbeite. Nachdem der Beschwerde- führer aber im Anschluss an den Anschlag auf die Nachbarstochter seine Tätigkeiten eingestellt habe und nach I._______ gezogen sei, könne nicht von einer weiterhin bestehenden Verfolgungsa bsicht seitens der Taliban ausgegangen werden. Ausserdem sei weder ihm noch seiner Familie wäh- rend seines Aufenthalts in I._______ etwas zugestossen und die Familie sei nach seiner Ausreise sogar nach F._______ zurückgekehrt, ohne dass ihnen seither etwas geschehen sei. Aus diesen Umständen folge, dass die Befürchtung, im Falle einer Rückkehr ernsthafte Nachteile durch die Tali- ban zu erleiden, nicht als begründet erachtet werden könne. Das Bundes- verwaltungsgericht habe sodann in einem Grundsatzurteil festge halten, dass der Wegweisungsvollzug nach I._______ nicht generell unzumutbar sei, sofern begünstigende Umstände vorlägen. Der Beschwerdeführer sei gesund und im erwerbsfähigen Alter, er habe eine zwölfjährige Schulbil- dung absolviert und verfüge über langjä hrige Arbeitserfahrungen. Seine wirtschaftliche Situation sei vergleichsweise gut, da er Wohneigentum be- sitze und finanzielle Reserven habe. Zudem seien mehrere Familienmit- glieder in der Umgebung von I._______ wohnhaft, womit er auch über ein tragfähiges soziales Netz verfüge. 4.2 In der Beschwerdeschrift wird dem entgegengehalten, dass der Be- schwerdeführer durch seine Tätigkeiten für verschiedene Organisationen eine sehr exponierte Position innegehabt habe und deshalb zu einer Risi- kogruppe gehöre. Dies werde von der Vorinstanz auch so festgehalten. Über die Frage, ob sich das Risiko einer Verfolgung durch die Taliban schliesslich tatsächlich verwirkliche, könnten n ur Hypothesen angestellt werden. Die Behörden hätten aber zu schützende Risikogruppen definiert und damit die Ungewissheit in Kauf genommen, dass sich das Verfolgungs- risiko allenfalls nicht verwirkliche, die Betroffenen aber dennoch geschützt werden sollten. Es gehe deshalb nicht an, einer Person diesen Schutz zu verweigern mit dem Argument, dass sie aufgrund von fehlenden konkreten Anzeichen für eine Verfolgung gerade wieder nicht zur Risikogruppe ge- höre. Das Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil E-3520/2014 vom 3. November 2015 entschieden, dass eine begründete Furcht vor Verfol- gung im Sinne von Art. 3 AsylG durch die Taliban im Zeitpunkt der Ausreise zu bejahen sei, obwohl die dortigen Beschwerdeführer ihre jeweiligen Tä- tigkeiten für die internationalen Organisationen ebenfalls aufgegeben hät-D-3402/2017 Seite 8 ten. Das Gericht habe in jenem Entscheid auch innerstaatliche Fluchtalter- nativen geprüft und sei zum Schluss gekommen , dass es selbst in Kabul für Angehörige einer Risikogruppe an der Schutzfähigkeit des Staates fehle. Vorliegend stütze sich die Vorinstanz in ihrer Argumentation zudem auf eine Formulierung in den Drohungen der Taliban. Es sei aber nicht zu- lässig, daraus zu schliessen, dass sich diese tatsächlich an den exakten Wortlaut ihrer Drohungen halten und von einer Verfolgung absehen wür- den, weil der Beschwerdeführer nun nicht mehr für die internationalen Or- ganisationen tätig sei. Sodann sei darauf hinzuweisen, dass es auf den ersten Blick möglicherweise wenig plausibel erscheine, dass die Taliban das Haus ihres Opfers verfehlen würden. Dies lasse sich aber damit erklä- ren, dass das eher bescheidene Haus des Beschwerdeführers neben ei- nem stattlichen Anwesen stehe, weshalb es zur Verwechslung gekommen sei. Weiter sei der Wegweisungsvollzug unzulässig, da der Beschwerde- führer bei einer Rückkehr einer reellen Gefahr für Leib und Leben ausge- setzt wäre. Der Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan sei nach bun- desgerichtlicher Praxis generell unzumutbar, sofern nicht besondere Um- stände vorlägen. Der Beschwerdeführer besitze entgegen der Ansicht der Vorinstanz in I._______ kein Wohnhaus mehr, weshalb keine solchen Um- stände vorlägen. Eventualiter werde deshalb die vorläufige Aufnahme be- antragt. Subeventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, welche den Sachverhalt in Bezug auf die konkrete Gefährdungssituation des Beschwerdeführers aufgrund seiner Tätigkeiten abzuklären habe. 5. 5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge- nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sei n, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss der Gesuchsteller persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn er wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwirkung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweism ass und lässt durchaus Raum für ge- wisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Ent- scheidend ist, ob die Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachverhalts - darstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objekti- vierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3). D-3402/2017 Seite 9 5.2 Der Beschwerdeführer macht sehr ausführliche Angaben zu seinen Tä- tigkeiten für mehrere Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen in Afghanistan, darunter auch für den UNHCR. Er belegt diese durch ver- schiedene Unterlagen wie Ausweise und Workshop-Bestätigungen. Die berufliche Tätigkeit als Mitarbeiter diverser Organisationen erscheint des- halb glaubhaft. Auch die Vorinstanz bringt in der angefochtenen Verfügung keine Zweifel an den diesbezüglichen Vorbringen des Beschwerdeführers an. Sodann erzählt der Beschwerdeführer auch sehr anschaulich, wie die Aufforderungen zur Zusammenarbeit mit den Taliban anfangs eher harmlos erschienen, später aber immer drohender wurden und sch liesslich in Be- schimpfungen von beiden Seiten mündeten. Auch die Schilderung des Vor- falls mit der Nachbar stochter respektive des versuchten Anschlags auf seine eigene Tochter erscheint glaubhaft. Hierzu erklärte der Beschwerde- führer, dass er zuerst einen Anruf der Taliban erhalten habe, in welchem er aufgefordert worden sei, seine Tochter zu beerdigen. Daraufhin habe er umgehend seine Frau a ngerufen. Er schildert e das Gespräch mit seiner Frau, dass er nach seiner Tochter gefragt und unbedingt mit ihr habe spre- chen wollen. Auch die darauffolgende Szene, wie die Tochter nach draussen gegangen sei und vom Nachbarhaus her Schreie gehört habe, woraufhin er seine Familie angewiesen habe, sich im Haus zu verbarrika- dieren, ist detailliert und realitätsnah beschriebe n (vgl. A15, S. 9 f.). Die Angaben des Beschwerdeführers sind sowohl in sich schlüssig als auch in den zentralen Punkten widerspruchsfrei. Angesichts der von Realkennzei- chen geprägten Schilderungen sind seine Vorbringen insgesamt als glaub- haft gemacht zu qualifizieren. 5.3 Es kann vorliegend von folgendem Sachverhalt ausgegangen werden: Der Beschwerdeführer war nach seiner Rückkehr aus dem Iran im Jahr 2005 in F._______ für verschiedene afghanische Organisationen sowie als Dorfvorsteher und Ansprechperson für den UNHCR tätig. Im Zusammen- hang mit dieser Tätigkeit wurde er von den Taliban erst zur Zusammenar- beit aufgefordert und später ernsthaft bedroht. Nach einem fehlgeschlage- nen Anschlag auf seine Tochter zog er mit seiner Familie nach I._______. Anschliessend ging er in den Iran, wo er aber entgegen seinen Erwartun- gen keine Aufenthaltserlaubnis erhielt. Darum reiste er nach I._______ zu- rück, wo er feststellte, dass ihm die Taliban erneut ein Drohschreiben zu- kommen lassen hatten. In der Folge entschied er sich, Afghanistan definitiv zu verlassen. 6. D-3402/2017 Seite 10 6.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer aufgrund dieses Sachverhalts eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gedroht hat und ob diese Bedrohung noch immer besteht. Von entscheidender Bedeutung ist dabei d ie Frage, ob der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ausreise noch eine begründete Furcht vor einer Verfolgung durch die Taliban i m Sinne von Art. 3 AsylG hatte – was die Vorinstanz verneinte. Da die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Verfolgung nicht von staatlichen Or- ganen, sondern von Dritten ausging, ist insbesondere auch zu prüfen, ob er in seinem Heimatland hätte Schutz vor Verfolgung finden könne n. Ein absoluter Schutz vor Verfolgung, welche von Privatpersonen ausgeht, ist in asylrechtlicher Hinsicht nicht erforderlich. Vielmehr ist massgebend, ob eine betroffene Person effektiven Zugang zu einer vorhandenen Schutzinf- rastruktur hat und ihr zugemutet werden darf, diese in Anspruch zu nehmen (vgl. Urteil des BVGer E-3520/2014 vom 3. November 2015 E. 7.1). 6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Grundsatzurteil BVGE 2011/7 eine umfassende Analyse der Sicherheitslage in Afghanistan vorgenom- men, welche es über sämtliche Landesteile hinweg als äusserst prekär be- zeichnete. Die Hauptstadt Kabul hat es jedoch im Vergleich zu den übrigen Landesteilen trotz vereinzelter Anschläge als relativ stabil eingestuft, nach- dem die afghanischen Sicherheitskräfte dort besser imstande seien, ein vergleichsweise sicheres Umfeld zu schaffen. Die Lage in den Städten He- rat und Mazar-i-Sharif wurde in den Urteilen BVGE 2011/38 und 2011/49 als mit Kabul vergleichbar qualifiziert. Da sich die Sicherheitslage in Afgha- nistan seit diesen Entscheiden aber erheblich verändert hat, hat das Bun- desverwaltungsgericht im Urteil D -5800/2016 vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert) eine neue Lageanalyse vorgenommen. Dabei wurde festgestellt, dass sich die Sicherheitslage über alle Regionen hin- weg deutlich verschlechtert habe. In weiten Teilen Afghanistans bestünden unverändert eine derart schlechte Sicherheitslage sowie derart schwierige humanitäre Bedingungen, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren und der Wegweisungsvollzug als unzumutbar zu beurteilen sei. In Bezug auf die Stadt Kabul wurde fest- gestellt, dass nur bei Vorliegen besonders günstiger Voraussetzungen von der Zumutbarkeit der Wegw eisung auszugehen sei . Die Frage, ob dies auch für die Städte Mazar-i-Sharif und Herat gelte, wurde ausdrücklich of- fen gelassen (vgl. Urteil D-5800/2016 E. 7.6, 8.4.2 und 9). 6.3 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage in Afghanistan lassen sich Gruppen von Personen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören auch Personen, D-3402/2017 Seite 11 die der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft na- hestehen oder als Unterstützer derselben wahrgenommen werden. Betrof- fen sind insbesondere afghanische wie ausländische Mitarbeitende von in- ternationalen Organisationen, Unternehmen oder NGOs. So kam es g e- mäss Angaben vom UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) im Jahr 2016 zu rund 200 Vorfällen gegen solche Personen (ge- genüber 255 im Jahr 2015) , worunter namentlich Entführungen und An- griffe fallen, bei denen Betroffene verletzt oder gar getötet worden waren (UN OCHA, Humanitarian Bulletin Afghanistan, Issue 59 – 01-31 Decem- ber 2016 , https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/afghanis- tan_monthly_hb_dec_2016.pdf, abgerufen am 15.11.2017). Auch andere Quellen berichten von gezielten Angriffen auf Mitarbeiter der afghanischen Regierung oder internationaler Organisationen und einem erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – insbesondere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Australian Department of Foreign Af- fairs and Trade [DFAT], Country Information Report Afghanistan, vom 18.09.2017, Ziff. 3.19 und 3.23; US Department of State, Country Report on Human Rights Practices for 2016, 03.03.2017, Abschnitt 1g). 6.4 Aufgrund seiner exponierten beruflichen Tätigkeiten für verschiedene Organisationen entspricht der Beschwerdeführer diesem Risikoprofil. Ins- besondere durch seine Arbeit für den UNHCR und die Betreuung von aus- ländischen Delegationen ist er ins Visier der Taliban geraten. Zu diesem Schluss kommt auch die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung, unter Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. A17, S.3). Zwar kann nicht von einem generellen Risikoprofil für Mitarbeitende internationaler Organisationen ausgegangen werden. Die Taliban konzent- rieren sich bei ihrem Angriffen eher auf Personen mit hohem Profil, weshalb niedrigrangige Angestellte von ausländischen Organisationen keine pri- mären Angriffsziele darstellen (vgl. Urteil des BVGer D -416/2015 vom 25. August 2017 E. 6.5.1 m.H.). Der Beschwerdeführer war jedoch Dorf- vorsteher eines unter der Schirmherrschaft des UNHCR neu aufgebauten Dorfes zur Wiederansiedlung von Flüchtlingen. In dieser Funktion hatte er direkt mit ausländischen Delegationen zu tun und zog so die Aufmerksam- keit der Taliban auf sich. Ausserdem äusserte er die Vermutung, dass es den Taliban ein Dorn im Auge gewesen sei, dass er als Hazara sich einen Namen gemacht habe und ihm durch seine Arbeit mit verschiedenen Or- ganisationen alle Türen offen gestanden hätten (vgl. A15, F53 und F63). Dies erscheint angesichts der ethnischen Konflikte in Afghanistan und des Umstandes, dass die Taliban mehrheitlich Paschtunen sind, durchaus plau- sibel. Es ist deshalb beim Beschwerdeführer von einer erhöhten Gefahr D-3402/2017 Seite 12 der Verfolgung durch die Taliban auszugehen. Diese wurde aber klar durch die berufliche Tätigkeit des Beschwerdeführers ausgelöst, weshalb sich die Frage stellt, ob auch nach deren Beendigung weiterhin von einer Verfol- gungsgefahr ausgegangen werden mus s beziehungsweise im Zeitpunkt der Ausreise ausgegangen werden musste. 6.5 Der erste Drohbrief der Taliban datiert vom 19. Mai 2014 und wurde in der Sprache Paschtu verfasst. Gemäss Angaben des Beschwerdeführers sei er an ihn und einen anderen Mitarbeiter gerichtet gewesen. Darin sei hauptsächlich beanstandet worden, dass sie muslimische Frauen an Sit- zungen mit ausländischen Firmen mitnähmen, was eine grosse Sünde sei, weshalb sie damit aufhören sollten (vgl. A15, F6, F11 und F98 ). Der Be- schwerdeführer gab an, er sei zu Hause gewesen, als er den Brief bekom- men habe; jemand habe ihn abends in den Hof geworfen. Zu diesem Zeit- punkt muss er also noch in F._______ gewohnt haben. Später – nach dem Anschlag auf die Nachbarstochter – zog der Beschwerdeführer zusammen mit seiner Familie ins J._______-Quartier in I._______ und stellte seine beruflichen Tätigkeiten ein. Nach dem U mzug sei „eine Zeit lang Ruhe“ gewesen (vgl. A5, Ziff. 7.01). Da er sich aber in I._______ nur sehr einge- schränkt habe bewegen können beziehungswei se nicht habe nach draussen gehen können und sich seine Familie, namentlich sein neunjäh- riger Sohn, um seine Sicherheit gesorgt hätten, habe er sich zur Ausreise in den Iran entschlossen (vgl. A15, S. 10). Wie lange er sich in I._______ aufgehalten hat, kann mangels Angaben zum genauen Umzugszeitpunkt nicht festgestellt werden . Jedenfalls kann davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer sich am 23. September 2014 einen Pass aus- stellen liess, da seine Tazkara diesbezüglich einen Stempel mit Datumsan- gabe trägt. Etwa einen Monat später sei er dann in den Iran ausgereist (vgl. A15, F57). Der zweite Drohbrief sei ebenfalls in den Hof des Beschwerde- führers geworfen worden, und zwar während seines Aufenthalts im Iran. Ein Bekannter habe ihn der noch in I._______ lebenden Familie zur Kennt- nis gebracht. Der Brief trägt das Datum vom 25. November 2014, was ei- nem Zeitpunkt entspricht, zu dem sich der Beschwerdeführer – jedenfalls eigenen Angaben zufolge – im Iran aufhielt. Er dürfte damals bereits seit einiger Zeit seine beruflichen Tätigkeiten eingestellt haben, nachdem er sich zwischenzeitlich zuerst in I._______, dann in Kabul und erst anschlies- send im Iran aufgehalten hatte. Der zweite Drohbrief richtet sich direkt und namentlich an den Beschwerdeführer. Es wird darin festgehalten, dass Leute, die mit Ausländern und ausländischen Firmen arbeiten, zum Tode verurteilt seien. Der Beschwerdeführer habe genau dies gemacht und auch D-3402/2017 Seite 13 Frauen in Versammlungen der ausländischen Firmen mitgenommen, ob- wohl er deswegen mehrmals bedroht worden sei, weshalb dieses Urteil auf ihn „zustimme“. Abschliessend wird erwähnt, dass er, falls er seine Mitar- beit nicht abbreche, zum Tode verurteilt sei und dieses Urte il geschehen werde (vgl. Übersetzung des Drohbriefs in A15, F6). Die Vorinstanz stellte sich auf den Standpunkt, dass der Beschwerdeführer, indem er seine Tä- tigkeiten eingestellt habe, der im Brief erwähnten Aufforderung zum Ab- bruch der Mitarbeit nachgekommen sei. Es könne somit nicht mehr von einer Verfolgungsabsicht von Seiten der Taliban ausgegangen werden. Es erscheint jedoch fragwürdig, für die Beurteilung einer Verfolgungssituation auf den Wortlaut dieses Drohschreibens abzustellen, zumal es nicht klar und eindeutig formuliert (beziehungsweise übersetzt) ist. Ausserdem ist zu beachten, dass der Beschwerdeführer seine Tätigkeit bereits eingestellt hatte und in den Iran ausgereist war, als er diesen zweiten Drohbrief von den Taliban erhielt. Dies stellt ebenfalls einen Hinweis darauf dar, dass die Taliban wahrscheinlich nicht überprüften, ob überhaupt weiterhin eine Mit- arbeit bei „ausländischen Firmen“ vorliegt. Es kann somit trotz Beendigung der beruflichen Tätigkeiten des Beschwerdeführers nicht davon ausgegan- gen werden, dass die Bedrohungssituation nicht mehr bestanden hatte. 6.6 Weiter argumentiert das SEM, dem Beschwerdeführer und seiner Fa- milie sei nach dem Umzug nach I._______ nichts zugestossen. Die Erklä- rung des Beschwerdeführers, dass sie nicht nach draussen gegangen seien und auch nicht wirklich etwas hätten machen kön nen, erscheint je- doch plausibel. Ausserdem handelt es sich bei I._______ um eine grössere Stadt, was das Aufspüren von einzelnen Personen zusätzlich erschweren dürfte. Sodann führte die Vorinstanz aus, der Beschwerdeführer sei nach seiner ersten Ausreise in den Iran nochmals zurückgekehrt, ohne dass ihm etwas geschehen sei. Diese Rückkehr ist jedoch nicht als Hinweis auf eine nicht (mehr) bestehende Verfolgungssituation zu werten. Der Beschwerde- führer gibt an, er habe sich lediglich 15 oder 16 Tage dort aufgehalten und sei per Taxi von der Grenze her gekommen, weshalb niemand gewusst habe, dass er zurück sei (A15, F100). Dass diese relativ kurze Zeitspanne ereignislos verlaufen ist, dürfte kaum einen ausreichenden Beleg dafür dar- stellen, dass der Beschwerdeführer keine Verfolgung durch die Taliban mehr zu befürchten hätte. 6.7 Des Weiteren erwähnte die Vorinstanz, dass auch die Familie des Be- schwerdeführers, die in der Zwischenzeit wieder am ursprünglichen Woh- nort lebe, unbehelligt geblieben sei. Zwar ist anzumerken, dass die Familie durchaus auch ein Angriffsziel für die Taliban darstellt e. Dennoch gilt es D-3402/2017 Seite 14 festzuhalten, dass deren Verfolgung zumindest ihren Ursprung eindeutig in den beruflichen Aktivitäten des Beschwerdeführers hatte. Nachdem dieser aber durch die Flucht – aus Sicht der Taliban – von der Bildfläche ver- schwunden ist, dürfte seine Familie kein primäres Ziel mehr darstellen und es ist naheliegend, dass eine aktive Suche nach ihr unterblieben ist. Dies bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach F._______ ebenfalls keine Gefahr mehr drohen würde. Vielmehr könnte sein neuerliches Erscheinen in der Region das In- teresse der Taliban erneut wecken, und zwar unabhängig von der Tätigkeit, die er zukünftig ausüben würde. Es ist auch nicht auszuschliessen, dass die Taliban – wie in der Beschwerde geltend gemacht wird – davon ausge- hen würden, der Beschwerdeführer wolle seine frühe re Tätigkeit wieder aufnehmen, was ihn wiederum zu deren Ziel machen könnte. 6.8 Nach dem Gesagten gelangt das Gericht zum Schluss, dass eine be- gründete Furcht des Beschwerdeführers vor Verfolgung durch die Taliban im Sinne von Art. 3 AsylG zu bejahen ist. Nachdem sich die Sicherheits- und Verfolgungslage in Afghanistan seit der Ausreise keineswegs verbes- sert, sondern vielmehr noch verschlechtert hat , ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer begründeterweise auch künftige Verfolgung zu befürchten hat (vgl. zur Regelvermutung, dass von er littener, mit der Aus- reise in Kausalzusammenhang stehender Vorverfolgung ohne weiteres auf das Bestehen einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung zu schliessen ist BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.). 7. Da die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Verf olgung nicht von staatlichen Organen, sondern von Dritten ausgeht, stellt sich die Frage, ob ihm eine innerstaatliche Flucht- respektive Schutzalternative offenstehen würde. Zu denken wäre hier insbesondere an I._______, nachdem der Be- schwerdeführer dort ü ber ein Haus verfügte, verschiedene Verwandte in der Umgebung wohnen und er mehrere Jahre unweit dieser Stadt gelebt hat. 7.1 Die Annahme einer innerstaatlichen Schutzalternative bedingt im Lichte der Schutztheorie, dass am Zufluchtsort eine funktionierende u nd effiziente Schutzinfrastruktur besteht und der Staat gewillt ist, der in einem anderen Landesteil von Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren (vgl. BVGE 2013/5 E. 5.4.3, BVGE 2011/51 E. 8.5.1 und 8.6). Praxisgemäss sind an die Effektivität des Schutzes am Zufluchts-D-3402/2017 Seite 15 ort hohe Anforderungen zu stellen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Auslän- derrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.20, mit weiteren Hinweisen). Namentlich ge- nügt es nicht, dass der Verfolger am Fluchtort nicht präsent ist, sondern es muss auch die Möglichkeit ausgeschlossen werden können, dass er sei- nen Einfluss auf diesen Ort ausdehnen kann (vgl. Urteil des Bunde sver- waltungsgerichts D-2661/2011 vom 24. Januar 2013 E. 3.5 mit Hinweis auf HATHAWAY JAMES C. / FOSTER MICHELLE, La possibilité de protection interne / réinstallation interne / fuite interne comme aspect de la procédure de dé- termination du statut de réfugié in : FELLER ERIKA / VOLKER TÜRK / NICHOL- SON FRANCES, La protection des réfugiés en droit international, UNHCR, 2008, p. 441). 7.2 Die Sicherheitslage in der Stadt I._______ hat sich in letzter Zeit eben- falls verschlechtert. Gemäss dem Afghan Analysts Network (AAN) haben die Taliban in den meisten Distrikten der Provinz I._______ an Stärke ge- wonnen und ihren Einflussbereich ausgeweitet. In einzelnen Distrikten kon- trollierten sie sogar einen Grossteil der Dörfer. Ausserdem führten Kämpfe zwischen verschiedenen Fraktionen innerhalb der Taliban zu einer allge- mein instabilen Lage. Innerhalb der Stadt sei die zunehmende Kriminalität ein grosses Problem, da es viele gezielte Tötungen, Entführungen und Diebstähle gebe (AAN, […], abgerufen am 21.11.2017). Auch das Euro- pean Asylum Support Office (EASO) berichtet von einer sich verschlech- ternden Sicherheitslage in I._______, wobei die Präsenz von Anti -Regie- rungs-Elementen (meist die Taliban) in den umliegenden Provinzen und die von diesen kontrollierten Gebiete zur Bedro hung für die Stadt I._______ würden (EASO, Country of Origin Information [COI] Report – Afghanistan: Security Situation, November 2016 ). Zwar ist die Polizeipräsenz in der Stadt I._______ deutlich höher als in ländlicheren Gegenden, ebenso sind die Polizeibeamten besser ausgebildet und verfügen über einen besseren Ruf. Trotzdem vermögen sie die Sicherheit der Bevölkerung offenbar nicht zu garantieren, da sie die Zunahme von Entführungen, aber auch von Tö- tungen und Diebstählen nicht zu verhindern vermögen (vgl. EASO, COI Report – Afghanistan: Key socio-economic indicators, state protection, and mobility in Kabul City, Mazar -e Sharif, and Herat City, August 2017). Vor diesem Hintergrund ist zu bezweifeln, dass die Sicherheitskräfte in I._______ in der Lage s ind, Personen mit einem spezifischen, erhöhten Risikoprofil effektiven Schutz gegen die Taliban gewährleisten zu können. Es ist auch zu berücksichtigen, dass die Taliban landesweit aktiv sind und in den letzten Jahren eine Entwicklung hin zu einer gut orga nisierten Be- wegung durchlaufen haben, wodurch sie in verschiedenen Provinzen an Einfluss, Macht und Stärke gewonnen haben (vgl. Urteil des BVGer D -D-3402/2017 Seite 16 5800/2016, E. 7.3.1 m. H.). Die Verfolgungsgefahr dürfte somit nicht nur auf die Provinz I._______ beschränkt sein. Ausserdem sind auch keine An- knüpfungspunkte ersichtlich, welche eine andere landesinterne Schutzal- ternative als zumutbare Möglichkeit erscheinen liesse n. Zusammenfas- send ist festzuhalten, dass unter den vorliegenden Umständen die hohen Anforderungen an den Nachweis einer sicheren und zumutbaren Schutz- alternative nicht erfüllt sind. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass d er Beschwerdeführer die Vo- raussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt. Den Akten lassen sich keine Anhaltspunkte für das Vor- liegen von Asylausschlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG entnehmen. Die Beschwerde ist somit gutzuheissen und es ist dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 10. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens eine Parteientschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Kosten zuzusprechen (Art. 64 VwVG, Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE]). Die Rechtsvertreterin hat mit der Beschwerdeein- gabe eine Kostennote zu den Akten gereicht, in welcher sie einen Aufwand von vier Stunden à Fr. 200. – sowie Barausla gen von Fr. 70. – geltend macht. Der Stundenansatz bewegt sich im Rahmen von Art. 10 Abs. 2 VGKE und der Aufwand erscheint angemessen. Somit ist die Parteien- schädigung auf Fr. 870.– (inklusive Auslagen) festzusetzen und das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer diesen Betrag auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-3402/2017 Seite 17 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung v om 12. Mai 2017 wird aufgehoben. Es wird festgestellt, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft erfüllt und das SEM wird angewiesen, ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 870.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Regula Aeschimann Versand: