B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4980/2019 U r t e i l v o m 3 0 . S e p t e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Simon Thurnheer, Richterin Esther Marti, Gerichtsschreiberin Susanne Bolz. Parteien A._______, geboren am (…), Iran, vertreten durch MLaw Olivia Eugster, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 28. August 2019 / N (…). E-4980/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführende ist iranische Staatsangehörige, persischer Eth- nie, islamischen Glaubens und stammt gemäss eigenen Angaben aus B._______. Bis zur Ausreise lebte sie mit den Eltern und Geschwistern in C._______, Teheran. Sie hat ein (…)studium absolviert und war Doktoran- din an der Universität. Neben dem Doktorat arbeitete sie als Projektleiterin. B. Am 8. Mai 2019 reichte die Beschwerdeführerin in der Schweiz ein Asylge- such ein und wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region (…) zuge- wiesen. Am 29. Mai 2019 fand eine Erstbefragung statt. Am 1. Juli 2019 wurde sie vom SEM vertieft zu Ihren Asylgründen angehört. Am 8. Juli 2019 wurde ihr Asylverfahren dem erweiterten Verfahren zugewiesen; am 30. Juli 2019 fand eine ergänzende Anhörung statt. C. Im Rahmen der Anhörungen erklärte die Beschwerdeführerin, es gebe im Wesentlichen drei Ereignisse, weshalb sie den Iran verlassen habe. Der erste Vorfall habe sich Ende November 2018 ereignet. Sie habe in der Universitätsbibliothek gearbeitet, dabei seien ihre Haare unter der Kopfbe- deckung sichtbar geworden. Ein e Mitarbeiterin des Herasat (Sicherheits- dienst des Geheimdienstes) habe dies bemerkt und ihr die Haare abge- schnitten, sie zum Herasat gebracht und sie eine Erklärung unterschreiben lassen, dass sie bei einer weiteren Verwarnung exmatrikuliert würde. Ende Dezember 2018 sei ein Bus mit Studierenden auf dem sehr steilen und abschüssigen Weg zur Universität verunglückt. Viele Freunde der Be- schwerdeführerin seien dabei ums Leben gekommen, was sie sehr wütend gemacht habe; sie habe sich bei der Universitätsleitung beschwert, wie auch schon vorher. Sie habe ihre Freunde zu Protesten an der Universität animiert. Am 29. Dezember 2019 habe eine Protestaktion gegen den Ver- waltungspräsidenten der Universität, Herr D._______, und gegen den Rek- tor Herr E._______, stattgefunden. Am folgenden Tag seien wieder die glei- chen defekten Busse zur Universität gefahren, deshalb hätten Studenten die Strasse mit einem Sitzstreik blockiert. Ein Auto, in welchem der Rektor gesessen habe, sei dann mitten in die Streikenden hineingefahren, es habe Verletzte gegeben. Sie habe die Kontrolle verloren und laut um sich ge- schrien und dabei die Universitätsleitung beleidigt. Eine Frau habe sie dann festgehalten; sie sei in ein Auto gezerrt und mitgenommen worden und von E-4980/2019 Seite 3 Sepah-Leuten befragt worden, dabei sei es zu sexuellen Übergriffen ge- kommen. Sie habe nach dem Verhör eine Erklärung unterzeichnen müssen und sei am selben Abend wieder entlassen worden. Nach der ersten Semesterprüfung sei sie zum Herasat gerufen worden, wo man sie nochmals befragt habe. Bei der Anmeldung für das neue Semester habe ihr die Studienadministration mitgeteilt, dass der Herasat ihr Login gesperrt habe. Die Basij hätten sie informiert, dass sie vom Studium aus- geschlossen worden sei und dass die Sepah ebenfalls der Sache nachge- hen werde und sie jetzt verfolgen würde, da ihr Aktionen gegen die natio- nale Sicherheit und die Verbreitung von Lügen vorgeworfen würden. Bei diesem Gespräch habe man ih r Fotos ausgehändigt, die sie bei den Pro- testen zeigten. Diese Fotos reichte die Beschwerdeführerin zu den Akten. Der dritte Vorfall habe sich ereignet, als sie während ihrer Arbeit als Pro- jektleiterin bei einem nationalen (…)projekt der Sepah das Kopftuch abge- nommen habe, da sie alleine und es im Raum sehr heiss und stickig ge- wesen sei. Am nächsten Arbeitstag, dem 6. April 2019, habe man ihr den Zutritt zum Gebäude verweigert , auf den Sicherheitskameras habe man gesehen, dass sie ihr Kopftuch unerlaubt ab genommen habe, was nicht habe toleriert werden können. Noch am selben Tag sei sie im Rahmen ei- ner Geschäftsreise legal ausgereist und am 7. April 2019 mit einem Visum in die Schweiz eingereist. Sie sei dann zunächst weiter nach Amsterdam und sodann nach Deutschland gereist. Während ihres Aufenthalts in Ams- terdam, v om 16. bis 17. April 2019 , habe sie von ihrer Mutter erfahren, dass ein Sicherheitsbeamter der Sepah in Zivil für sie zuhause eine Vorla- dung zum Revolutionsgericht übergeben habe. Sie sei aufgefor dert wor- den, sich beim Revolutionsgericht zu melden; wegen des Ablegens des Kopftuches sei bei Gericht ein neues Verfahren eröffnet worden. Die Eltern hätten die Vorladung unterschreiben müssen. Daraufhin habe sie sich ent- schieden, in der Schweiz um Asyl z u ersuchen. Die Beschwerdeführerin reichte nebst Unterlagen betreffend ihren Studienabschluss die Melli-Karte im Original zu den Akten, ausserdem Fotos, welche sie bei Studierenden- versammlungen und bei einem Sitzstreik zeigen. D. Am 14. August 2019 reichte d ie Rechtsvertretung die Studienbescheini- gung der Beschwerdeführerin für das Frühjahrssemester 2019 zu den Ak- ten. E-4980/2019 Seite 4 E. Am 28. August 2019 lehnte das SEM das Asylgesuch ab, verfügte die Weg- weisung und ordnete den Vollzug an. Es erachtete die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin teils als nicht glaubhaft gemacht, teils als nicht asylre- levant. Auf die Begründung wird im Rahmen der Erwägungen eingegan- gen. Der Entscheid wurde am 27. August 2019 eröffnet. F. Am 26. September 2019 erhob die Beschwerdeführerin mit Hilfe ihrer Rechtsvertreterin (Vollmacht vom 11. Juli 2019) Beschwerde und bean- tragte die Aufhebung der Verfügung des SEM. Ihre Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen und es sei ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und sie sei wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig als Flüchtling aufzunehmen. Subeven- tualiter sei der Vollzug der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit auszuset- zen und sie in der Schweiz als Ausländerin vorläufig aufzunehmen. In pro- zessualer Hinsicht beantragte die Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege sowie die Einsetzung ihrer Rechtsvertreterin als am tliche Beiständin und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Mit der Beschwerde reichte die Beschwerdeführerin einen Screenshot ih- res Logins für die Universitätshomepage ein, aus dem hervorgehe, dass ihr der Zugang verweigert werde. Mit der Beschwerde wurden eine Sozial- hilfebestätigung sowie eine Kostennote der Rechtsvertreterin eingereicht. Auf die Beschwerdevorbringen wird im Rahmen der Begründung einge- gangen. G. Mit Zwischenverfügung vom 30. September 2019 bestätigte die Instrukti- onsrichterin den Eingang der Beschwerde und stellte fest, die Beschwer- deführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses hiess si e gut. Sie setzte die Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. H. In seiner Stellungnahme vom 7. Oktober 2019 hielt das SEM an seinem Entscheid fest. I. Am 13. Mai 2020 legte die Beschwerdeführerin we itere Beweismittel ins E-4980/2019 Seite 5 Recht. Sie habe am 10. Dezember 2019 erfahren, dass ihre Mutter per SMS von Ettelaat bedroht werde. Als sie ihre Mutter bei einem Telefonat am 20. Dezember 2019 nochmals auf die Drohungen angesprochen habe, sei diese ausgewichen. Sie habe – aus Angst, dass die Mobiltelefone über- wacht würden und es zu nachteiligen Konsequenzen für die Familie kom- men könnte – einen Screenshot der Drohnachricht per Post von der Ad- resse der Eltern ihres Schwagers aus (vgl. Versandcouvert, Beilage 8) schicken lassen. Ihre Schwester habe die Drohnachricht auf dem Mobilte- lefon der Mutter fotografiert und ausgedruckt. Mitte Januar 2020 habe die Beschwerdeführerin erfahren, dass der Brief vom iranischen Zoll abgefan- gen worden sei. Gemäss eingereichter Sendungsv erfolgung sei der Brief bis Anfang April 2020 beim iranischen Zoll gelegen (vgl. Beilage 7). Erst Ende April 2020 habe sie den Screenshot (vgl. Beilage 10) der Rechtsver- treterin übergeben können. Das Sendungscouvert sei unbeschädigt, der Screenshot sei in einem Buch versteckt gewesen (vgl. Beilage 9). Die SMS enthalte die Drohung an die Beschwerdeführerin, dass jeder Telefonanruf und die Nutzung der sozialen Medien, um an den letzten Protesten teilzu- nehmen oder aktiv zu werden, vom lokalen Ettelaat überwacht und gesetz- lich verfolgt werde, dies gelte auch für die Familienmitglieder. Die Nummer, von der diese SMS zweimal an die Mutter verschickt worden sei, sei die offizielle Telefonnummer des Ettelaat oder der Regierung. Die Rechtsver- treterin reichte eine aktualisierte Kostennote zu den Akten. J. Mit Eingabe vom 31. Juli 2020 teilte die Beschwerdeführerin mit, sie sei in psychiatrischer Behandlung, und reichte den Arztbericht des sie behan- delnden Facharztes vom 24. Juli 2020 ein. Aus diesem geht hervor, dass sie unter Schlafstörungen leidet und unter Kieferschmerzen, welche ein Zahnarzt als psychisch bedingt bezeichnet habe. Seit Mitte Mai 2020 ver- spüre sie den Drang, sich zu schneiden. Sie sei verzweifelt, aber auch dis- zipliniert. Die Hinweise und Tipps zur Verbesserung ihrer psychischen Si- tuation nehme sie an; sie lerne auch zielstrebig Deutsch. Beim dritten Ter- min habe sie mitgeteilt, dass sie zu deren Schutz den Kontakt mit ihren Eltern abgebrochen habe. Sie fühle sich gesund. Sie tue das Richtige. Der Psychiater schätzt die Beschwerdeführerin als glaubwürdige Person ein. K. Am 21. August 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen Untersuchungs- bericht der Klinik für Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie des Kan- tonsspitals F._______ datierend vom 6. August 2020 zu den Akten. Der E-4980/2019 Seite 6 Bericht stellt das Vorliegen einer behandlungsbedürftigen posttraumati- schen Belastungsstörung fest. In der Anamnese werden im Wesentlichen die auch aus dem Asylverfahren bekannten Schilderungen genannt. Be- treffend die gesundheitlichen Beschwerden hält der Bericht fest, dass d ie Beschwerdeführerin eine ausgeprägte Angst vor Geschlechtsverkehr habe, die sich in Albträumen, Schamgefühlen und einer Daueranspannung im Körper äussere. Sie habe Probleme im Umgang mit Männern und fühle sich unwohl; sie weiche dem Kontakt aus. Sie befürchte deshalb, dass die Beziehung zu ihrem Partner gefährdet werde, weil sie körperliche Nähe nicht zulassen könne. Es falle ihr schwer, darüber zu sprechen, auch we- gen ihrer streng muslim ischen Erziehung. Eine Rückführung ohne stabili- sierende Psychotherapie könnte zu einer Verschlechterung des Zustands und zu einer Retraumatisierung führen. Es wird eine ambulante Psycho- therapie empfohlen. Die Beschwerdeführerin wies darauf hin, dass im Rah- men der Anamnese betreffend die sexuellen Übergriffe ein falsches Datum aufgenommen worden sei. Die Übergriffe hätten im Jahr 2018 und nicht – wie im Bericht geschrieben – im Jahr 2019 stattgefunden. L. Am 12. Oktober 2020 stellte das SEM den iranischen Per sonalausweis (Geburtsurkunde, Shenasnameh), eine iranische Bescheinigung über die Ehelosigkeit der Beschwerdeführerin, beides mit Übersetzung, sowie die Kopie des iranischen Reisepasses der Beschwerdeführerin sicher. Diese Dokumente waren durch die Zollver waltung Basel-Mulhouse abgefangen worden. M. Am 15 Oktober 2020 ersuchte das Zivilstandsamt G._______ um Akten- einsicht beim SEM zwecks Ehevorbereitungsverfahren. Die Akteneinsicht wurde am 26. Oktober 2020 gewährt. N. Am 10. November 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin das SEM, dem zuständigen Zivilstandsamt die sich in seinen Akten befindende Shenas- nameh zu senden. O. Am 11. November 2020 übermittelte das SEM die Shenasnameh der Be- schwerdeführerin an das Zivilstandsamt G._______. E-4980/2019 Seite 7 P. Am 12. November 2020 informierte die Beschwerdeführerin die Instrukti- onsrichterin, dass sie und ihr Lebenspartner, ein deutscher Staatsangehö- riger mit C -Bewilligung in der Schweiz, beim zuständigen Zivilstandsamt ein Ehevorbereitungsverfahren eingeleitet hätten. Q. Am 20. April 2021 ersuchte das Zivilstandsamt G._______ erneut um Ak- teneinsicht betreffend die Beschwerdeführerin; diese wurde am 27. April 2021 gewährt. R. Am 21. Mai 2021 informierte die Beschwerdeführerin die Instruktionsrich- terin über ihr exilpolitisches Engagement in der Schweiz. Sie sei ein aktives Mitglied der Vereinigung zur Verteidigung der Menschenrechte im Iran (VVMlran e. V.). Ihr Engagement bewirk e, dass ihr bei einer allfälligen Rückkehr massive Sanktionen und ein Verfahren drohen könnten, welches rechtsstaatlichen Anforderungen nicht genüge. Die Rechtsvertreterin reichte eine aktualisierte Kostennote zu den Akten. S. Aus den Akten geht hervor, dass es im Schriftenwechsel des SEM mit dem Zivilstandsamt zu einer Verwechslung der Dokumente kam: schliesslich wurden dem Zivilstandsamt am 10. Ju ni 2021 die richtigen Dokumente übermittelt und gleichentags die Rechtsvertreterin darüber informiert. T. Am 7. September 2021 informierte sich die Instruktionsrichterin über den Stand des Eheschliessungsverfahrens beim Zivilstandsamt G._______; es wurde bestätigt, dass das Eheverfahren hängig sei, bis anhin sei jedoch die Identität der Beschwerdeführerin nicht belegt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher E-4980/2019 Seite 8 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde le gitimiert (Art. 105 und Art 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen E-4980/2019 Seite 9 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder ma ssgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. Zunächst sind die von der Beschwerdeführerin angeführten Vorflucht- gründe auf ihre Glaubhaftigkeit und Asylrelevanz zu prüfen. 4.1 Das SEM erachtete die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin als nicht glaubhaft gemacht. Ihre Schilderungen zum Vorfall mit dem Kopftuch am Arbeitsplatz erachtete es als tatsachenwidrig. Die Nichtbeachtung der Kleidervorschriften gehöre nicht zu den Vergeh en, um die sich Revoluti- onsgerichte kümmerten. Diese befassten sich mit Fällen, welche die innere und äussere Sicherheit (inklusive politische Fälle) sowie Drogenschmuggel beträfen. Die ungenügende Beachtung von Kleidervorschriften falle in den Zuständigkeitsbereich der Moralpolizei (Gasht -e Ershad). Es sei daher nicht denkbar, dass ein Revolutionsgericht wegen der Verletzung von Klei- dervorschriften ein Verfahren gegen die Beschwerdeführerin eröffnet habe. Zudem habe die Beschwerdeführerin nur sehr ungenaue Angaben betref- fend den Inhalt der angeblich ihren Eltern ausgehändigten Vorladung des Revolutionsgerichts gemacht und diese mangelhaften Kenntnisse auch nicht überzeugend zu erklären vermocht. Des Weiteren gingen die Anga- ben zu den Besuchen der Sepah im Haus der Eltern und zur Gerichtsvor- ladung zeitlich nicht auf. So habe die Beschwerdeführerin zunächst erklärt, ihre Mutter habe sie am 17. oder 18. April 2019 über die Vorladung der Sepah zum Revolutionsgericht informiert; sie hätte sich rund fünf Wochen später, am 23. oder 24. Mai 2019 vor Gericht melden sollen (Akte A17, F98). Später habe sie jedoch erklärt, die Sepah sei ungefähr zwei Wochen nach dem Überbringen der Vorladung erneut zu den Eltern nach Hause gekommen und zu dieser Zeit sei der Gerichtsterm in bereits verstrichen gewesen (Akte A17, F124, F129). Diese Angaben gingen zeitlich nicht auf. Selbst wenn die Beschwerdeführerin erkläre, sie habe bloss ungefähre An- gaben gemacht, so erscheine die Differenz von drei Wochen auffällig gross. Des Weiteren seien die Ausführungen betreffend die Protestaktion vor der Universität und die darauffolgende Festhaltung und das Verhör durch die Sepah sehr unkonkret und vage geblieben. Die Beschwerdeführerin habe zwar die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Busunglück ausführlich geschildert, ihre Ausführungen zur konkreten Organisation der Proteste seien dagegen substanzlos ausgefallen. Auch auf mehrmalige Nachfrage E-4980/2019 Seite 10 nach der konkreten und praktischen Organisation der Proteste seien die Antworten ausweichend, unsubstant iiert und vage geblieben und hätten keine Angaben zum konkreten Vorgehen enthalten. Auffallend sei auch, dass die Ausführungen der Beschwerdeführerin zur Mitnahme durch die Sepah im Vergleich zu anderen Elementen ihrer Vor- bringen, wie beispielsweise dem Busunglück, dem Abschneiden der Haare oder dem Ablegen des Schleiers im Rahmen des Sepah-Projekts, auffällig kurz ausgefallen seien. So sei es ihr nicht gelungen, ein deutliches Bild der Festnahme zu vermitteln. Auch sei die Einschätzung zum zeitlichen Ablauf der Mitnahme und Befragung, welche an einem Sonntag stattgefunden habe, trotz mehrmaliger Nachfrage unbestimmt ausgefallen und die Be- schwerdeführerin habe Fragen dazu nur ausweichend beantwortet . Er- staunlich sei schliesslich, d ass die Beschwerdeführerin keine Informatio- nen über die Solidaritätsproteste an der Teheran -Universität am Folgetag des Sitzstreiks habe liefern können , bei denen es zu Zusammenstössen mit Sicherheitskräften und Festnahmen gekommen sei. Ihre Erklärung, sie wisse davon nichts und sei aufgrund der sexuellen Übergriffe mit sich selbst beschäftigt gewesen, überzeugten angesichts der Zeitspanne von noch vier Monaten bis zu ihrer Ausreise nicht. Auch ihre Vermutung, ihr Telefon sei schon vorher von der Sepah abgehört worden, überzeuge nicht; die Kapazitäten der Sicherheitsbehörden seien beschränkt und es sei ihren Aussagen kein vorgängiger Kontakt mit den Sicherheitsbehörden im Zu- sammenhang mit politischen Aktivitäten beziehungsweise den Studenten- protesten zu entnehmen. Es sei zwar nicht auszuschliessen, dass die Be- schwerdeführerin an den Protesten teilgenommen habe oder bei diesen anwesend gewesen sei, oder dass sie Behördenkontakt gehabt habe, je- doch erschienen zentrale Elemente ihrer Vorbringen als zweifelhaft. Auch die eingereichten Beweismittel vermöcht en die Vorbringen nicht zu bele- gen. Sie belegten lediglich ihr Studium und ihre Arbeit und die Anwesenheit am Tag der Proteste. Das Vorbringen, wonach die Beschwerdeführerin we- gen der Organisation von Demonstrationen und weil sie sich über die Re- gierungsführung beschwert habe, von der Sepah festgenommen worden sei, halte insgesamt den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, so das s dessen Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Das Vorbringen, wonach ihr von einer Mitarbeiterin des Herasat die Haare abgeschnitten worden seien, und sie vo m Herasat gemassregelt worden sei und eine Erklärung habe unterschreiben müssen, weil ihre Haare unter E-4980/2019 Seite 11 der Kopfbedeckung sichtbar geworden seien, ohne dass sie es gemerkt habe, sei eine bedauerliche Schikane, entfalte aber keine Asylrelevanz. 4.2 In der Beschwerde vom 26. September 2019 wird argumentiert, der Einschätzung der Vorinstanz, wonach die Schilderungen der Beschwerde- führerin den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht genügten, sei nicht zu folgen . Die Aussagen der Beschwerdeführerin zur Flüchtlingseigen- schaft seien im Rahmen einer Gesamtwürdigung als überwiegend wahr einzustufen, die Vorhaltungen des SEM betreffend ihre angeblich wider- sprüchlichen oder vagen Aussagen könnten allesamt widerlegt werden. Zum Vorhalt, Verstösse gegen Kleidervorschriften würden nicht von den Revolutionsgerichten behandelt, wird ausgeführt, dass es sich beim Ver- gehen der Beschwerdeführerin nicht um ein Vorkommnis im öffentlichen Raum gehandelt habe, weswegen die Moralpolizei nicht zuständig gewe- sen sei. Verstössen gegen die Kleidervorschriften – wie im Falle der Be- schwerdeführerin – am Arbeitsplatz fielen nicht in deren Zuständigkeit. Die Eröffnung des Verfahrens gegen die Beschwerdeführerin vor dem Revolu- tionsgericht beziehe sich ferner nicht nur auf das Ablegen des Kopftuches am Arbeitsplatz (A 17, F104), sondern auch auf die Vorkommnisse an der Universität (A 17, F108f.). Lageberichten zufolge würden Personen, die we- gen der Teilnahme an Protesten verhaftet worden seien, in der Regel von den Revolutionsgerichten verurteilt. Glaubwürdige Quellen bestätigten, dass Personen, die politischer Verbrechen verdächtigt würden, wie die Be- schwerdeführerin – der Beleidung des Führers, Lügenverbreitung und Ak- tionen gegen die nationale Sicherheit vorgeworfen würden (A 17, F20, 108) – höchstwahrscheinlich vor ein Revolutionsgericht gebracht würden. Betreffend die Einschätzung der Vorinstanz, wonach die Beschwerdefüh- rerin zum Inhalt der Vorladung und den konkreten Vorwürfen nur wenig An- gaben habe machen können, wird erwidert , sie habe in der Anhörung schlüssig erklärt, mit ihrer Familie am Telefon nicht völlig offen sprechen zu können; die Familie sei «beim Reden mit ihr sehr eingeschränkt. Sie haben Angst, dass die Telefone abhört werden, deswegen reden sie wieder so geheimnisvoll» (A 17, F125). Die Beschwerdeführerin habe jedoch ange- ben können, dass die Sepah einige Tag e vor ihrem Telefongespräch mit den Eltern vorbeigekommen seien (A 17, F101, 127) und es sich um eine Vorladung der 15. Abteilung des Revolutionsgerichtes gehandelt habe (A 17, F99). Aufgrund der Befürchtung, dass die Telefongespräche der Fa- milie abgehört würden, habe es die Beschwerdeführerin vermieden, sen-E-4980/2019 Seite 12 sible Informationen, wie beispielsweise den genauen Inhalt der Gerichts- vorladung, telefonisch auszutauschen (A 17, F128). Weil sie nicht auf die Gerichtsvorladung reagiert habe, sei die Sepah nochmals bei der Familie und am Arbeitsplatz der Schwester vorstellig geworden (A 17, F122 f.). Zum Vorhalt des SEM betreffend die unplausible zeitliche Einordnung der Besuche der Sepah bei ihren Eltern sowie der Datierung der Gerichtsvor- ladung, habe die Beschwerdeführerin selbst eingeräumt, sich bei der Da- tierung nicht sicher zu sein; sie habe ihre falschen Angaben in der Anhö- rung von sich aus korrigiert (A 17, F130). Auch bezüglich der von der Vorinstanz als unglaubhaft unterstellten Aus- führungen zur Organisation der Proteste vor der Universität seien die An- gaben der Beschwerdeführerin vor dem Hintergrund nachvollziehbar, dass sie wenig Erfahrung habe mit der Organisation politischer Proteste. Entge- gen der Ansicht der Vorinstanz habe sie an mehreren Stellen der Anhörun- gen ausführlich wiedergegeben, was sie ihren Freunden am Telefon gesagt habe (vgl. hierzu auch A 15, F88; A26, F57+61 f.). Die Proteste seien auch nicht von nur einer Person, sondern von mehreren gemeinsam organisiert worden, es habe keine klar definierte Organisation oder Vorbereitung ge- geben, es sei vielmehr eine spontane Unmutsaktion gewesen. Die Umstände ihrer Festhaltung an der Demonstration, ihre Verhaftung und das Verhör durch die Männer der Sepah habe die Beschwerdeführerin ent- gegen der Einschätzung des SEM konsistent, nachvollziehbar und mit Re- alkennzeichen versehen dargelegt. Zum Beweis werde die Studienbe- scheinigung mit Übersetzung vorgelegt (Beilage 3), aus der hervorgehe, dass die Beschwerdeführerin jewe ils sonntags einen Kurs besucht habe . Betreffend die erlittenen sexuellen Übergriffe anlässlich des Verhörs durch die Sepah sei es zutreffend, dass die Beschwerdeführerin erst in der er- gänzenden Anhörung vom 30. Juli 2019 das volle Ausmass der erlittenen Übergriffe habe schildern können; es falle auf, wie schwer es ihr gefallen sei, darüber zu sprechen (A 17, F7-14, F27-33). Nach dem Schock dieser Übergriffe sei nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin über die Fol- gen der Demonstration für andere Teilnehmende nicht sehr gut informiert gewesen sei; es sei ihr nach der Sepah-Befragung sehr schlecht gegangen (A26, F70), sie habe sich in einem Schockzustand befunden. Mit Blick auf die traumatischen Erlebnisse sei verständlich, dass sie sich sodann primär auf ihre Arbeit konzentriert und keine Kenntnis von den Ereignissen nach dem Sitzstreik erhalten habe. E-4980/2019 Seite 13 Sodann sei die Beschwerdeführerin vom Studium ausgeschlossen worden; der beigelegte Screenshot der Homepage der Teheran Universität (Beilage 4) belege, dass sie sich nicht mehr habe einloggen können. Aufgrund des Ausschlusses sei davon auszugehen, dass ihr Kontakt zu den andere n Studierenden nicht mehr so intensiv gewesen sei wie vorher (A26, F73) und sie auch deshalb nicht mehr zeitnah von allen Neuigkeiten erfahren habe. Der Einschätzung des SEM, es sei unrealistisch, wenn die Beschwerde- führerin vermute, dass die Sepah ihr Telefon schon vor den Protes ten an der Universität abgehört habe , weil es dazu gar keinen Anlass gegeben hätte, sei zu erwidern, dass der Beschwerdeführerin in der Sepah -Befra- gung klargeworden sei, dass der Geheimdienst darüber informiert gewe- sen sei, dass sie die Proteste mitorganisiert habe (A26, F72). Bei der Se- pah-Befragung habe man ihr vorgeworfen, die Versammlung organisiert und die anderen Studenten motiviert zu haben, dabei zu sein. Diese Infor- mationen habe die Sepah nur durch Auswertung des Mobiltelefons der Be- schwerdeführerin erhalten können, nur so hätten sie Zugriff auf die Ge- sprächs- und Nachrichteninhalte erhalten können (A 17, F20). Zum Beleg der weiterhin andauernden Bedrohungen ihrer Familie legte die Beschwerdeführerin am 13. Mai 2020 einen a bfotografierten Screenshot des Handys ihrer Mutter vor; aus diesem Beweismittel, das zudem noch lange beim iranischen Zoll festgehalten worden sei, gehe hervor, dass der Ettelaat sie beobachte und auch ihre Familie im Iran bedroht sei (vgl. Be- schwerdeakten Ziff. 5, Beilagen 7-10). Insgesamt habe die Beschwerdeführerin nachvollziehbar und glaubhaft von den Protesten, der Mitnahme durch die Sepah, der Befragung, den sexuellen Übergriffen und der Gerichts vorladung berichtet. Sie erfülle die Flüchtlingseigenschaft und es sei ihr Asyl zu gewähren, da sie frauenspe- zifische Verfolgung glaubhaft geltend gemacht habe. Sie sei als Frau be- troffen von einer Verfolgung, die auf ihr Frausein abziele und könne vor der Verfolgung durch die Sepah von den iranischen Behörden auch keinen Schutz erhalten. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts bestün- den für Frauen im Iran wenig Chancen, sich wegen sexuellen Übergriffen erfolgreich an ein iranisches Strafgericht zu wenden; statt Schutz zu erhal- ten, riskierten sie häufig , selber einer schweren Bestrafung zugeführt zu werden (BVGer-Urteil E-2108/2011 vom 1. Mai 2013, E. 6.5.3 ). Aufgrund der glaubhaften Aussagen der Beschwerdeführerin betreffend ihre Teil-E-4980/2019 Seite 14 nahme an Protesten und die an sie ergangene Vorladung des Revolutions- gerichts sei davon auszugehen, dass sie auch aus diesen Gründen bei ei- ner Rückkehr in den Iran asylrelevante Nachteile zu erwarten habe. 4.3 Im Rahmen der Vernehmlassung hielt das SEM an seinem ablehnen- den Entscheid fest. Die Beschwerdeschrift e nthalte keine neuen erhebli- chen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung des Standpunk- tes rechtfertigen könnten. Bezüglich der nachgereichten Beweismittel ver- wies die Vorinstanz auf die Erwägungen in der Verfügung vom 28. August 2019. Ergänzend hielt das SEM fest, dass es sich bei Beilage 4 «Screen - shot der Homepage der Teheran Universität» um einen Screenshot der all- gemeinen Login -Maske der lslamic Azad Universität handele, aus dem keine Angaben zur Beschwerdeführerin hervorgingen. 4.4 Mit Eingabe vom 21. Mai 2021 informierte die Beschwerdeführerin über ihr exilpolitisches Engagement in der Schweiz gegen das iranische Re- gime. Sie sei ein aktives Mitglied der Vereinigung zur Verteidigung der Menschenrechte im Iran (VVMlran e. V.); im Verein sei sie in den Bereichen (…) tätig und (…) für die Organisation. Wöchentlich finde ein Treffen der aktiven Mitglieder statt, welches live auf Youtube übertragen werde. (…). Sie betreibe auch einen persönlichen Webblog, auf welchem sie über die menschenrechtliche Situation in ihrem Heimatstaat berichte. Zum Beleg reichte die Beschwerdeführerin einen Screenshot der Homepage der VVMlran e. V. ins Recht (Beilage 12), ferner eine Übersicht über ihre Tätig- keitsbereiche bei der VVMlran (Beilage 13), einen Screenshot der Informa- tion des Treffens vom (…), wo auch ihr Name erwähnt sei (Beilage 14) und schliesslich Screenshots ihres Webblogs (Beilage 15). Ausserdem reichte sie eine Schnellrecherche der Schweizerischen Flüchtlingshilfe betreffend die Risiken im Iran im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von «kriti- schen» Informationen in sozialen Netzwerken vom 25. April 2019 ein. Vor diesem Hintergrund müssten ihre on- und offline Aktivitäten aIs Indizien dafür gewertet werden, dass ihr bei einer allfälligen Rückkehr massive Sanktionen und ein Verfahren drohen könnten , welches rechtsstaatlichen Anforderungen nicht genüge. Aus den ins Recht gelegten Arztberichten vom 24. Juli 2020 sowie vom 6. August 2020 geht im Wesentlichen hervor, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der erlittenen sexuellen Übergriffe an einer posttraumatischen Belastungsstörung leide, die sich in Schlafstörungen, Alpträumen, Kiefer- schmerzen und Anspannungsgefühlen äussert (vgl. Beschwerdeakten Ziff. 6, 7). E-4980/2019 Seite 15 4.5 Das Bundesverwaltungsgericht teilt die Einschätzung der Vor - instanz, wonach die Beschwerdeführerin mit ihren Vorbringen keine ihr im Fall der Rückkehr auch objektiv drohende asylbeachtliche Verfolgung glaubhaft machen kann. Neben den zutreffenden Erwägungen des SEM im angefochtenen Entscheid ist folgendes festzustellen: Insgesamt fällt auf, dass die Beschwerdeführerin die von ihr vorgebrachten Asylgründe in sehr unterschiedlicher Dichte schildert. So fallen ihre Aussa- gen zum Vorfall in der Bibliothek deutlich substanziierter aus als ihre Schil- derungen der Ereignisse rund um die Proteste nach dem Busunfall der Kommilitonen, und sie schilderte auch überzeugend, was der Vorfall (das Abschneiden ihrer Haare) emotional bei ihr ausgelöst habe (vgl. N […]15/18 [nachfolgend act. 15/18] F88). Wie schon die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat, vermögen ihre Aussa- gen zur Rolle, welche die sie bei der Organisation des Studierendenpro- tests eingenommen haben will, nicht zu überzeugen. Zwar konnte die Be- schwerdeführerin die äusseren Umstände nachvollziehbar und d etailliert schildern, was vermuten lässt , dass sie an den Protesten zugegen war – dies vermochte sie auch durch Fotos zu belegen (vgl. act. N […], 17/24 [nachfolgend act. 17/24] F16, F37-43 sowie Beweismittel Nr. 3) – und was auch die Vorinstanz nicht bestreitet . Weniger substanziiert und überzeu- gend sind aber ihre Aussagen, warum und wie sie zu der angeblich wichti- gen und tragenden Rolle bei der Organisation der Proteste gefunden habe und wie sie ihre Freunde mobilisiert habe (vgl. act. 15/18 F88, S. 11). Die- sen Aspekt betreffend fallen ihre Angaben stereotyp aus und die Schilde- rungen unpräzise. Ihre Beweggründe, warum gerade sie die Freunde mo- bilisiert habe, werden nicht klar, obwohl sie sehr wortreich schildert. Auch ihre Darstellung des Ablaufs ihrer Festnahme überzeugt nicht. Es ist nicht nachvollziehbar, warum gerade sie, nachdem sie ihr Handy kontrolliert hatte und auf die Gruppe zulief, von einer Sepah-Mitarbeiterin festgehalten worden sein sollte (vgl. act. 17/24 F16, F49-52,). Auch die Schilderungen des Verhörs nach ihrer Festnahme bleiben an der Oberfläche, die Be- schwerdeführerin nennt keine wirklich spezifischen Details (vgl. act. 15/18 F89, S. 11 f.; act. 17/24 F16). Schliesslich ist nicht nachvollziehbar, warum die Beschwerdeführerin nicht mehr über die Folgen der Proteste und mög- liche Verhaftungen zu berichten wusste (vgl. act. 17/24 F82-87). Die Beschwerdeführerin berichtete im Rahmen der ergänzenden Anhörung erstmals ausführlich über die erlittenen sexuellen Übergriffe. Das Bundes- verwaltungsgericht geht angesichts ihrer Ausführungen davon aus, dass E-4980/2019 Seite 16 sie tatsächlich Opfer sexueller Gewalt wurde. Allerdings ist das Gericht – wie auch das SEM – nicht davon überzeugt, dass die Beschwerdeführerin, wie von ihr vorgebracht, nach der Verhaftung anlässlich der Studierenden- proteste durch einen Sepah -Angehörigen vergewaltigt wurde (vgl. act. 17/24 F17; act. N […] 26/20 F5 ff.); das Gericht geht davon aus, dass die Beschwerdeführerin zwar sexuelle Übergriffe erlitten hat, jedoch in einem anderen Kontext und nicht anlässlich ihrer Festhaltung durch die Sepah nach den Studierendenprotesten im Dezember 2018. Wie in der Beschwer- deschrift richtig ausgeführt, hat sich das Bundesverwaltungsgericht im Ur- teil E-2108/2011 vom 1. Mai 2013 mit der Schutzwilligkeit der iranischen Behörden auseinandergesetzt und Mängel festgestellt. Allerdings ist das Gericht vorliegend – angesichts der Unglaubhaftigkeitselemente in den Ausführungen der Beschwerdeführerin – nicht in der L age, zu beurteilen, unter welchen Umständen die Beschwerdeführerin Opfer von sexuellen Übergriffen wurde. Es ist insbesondere nicht klar, ob sich der Übergriff noch im Iran oder erst nach der Ausreise ereignet hat. Daher kann dieser Aspekt im Rahmen der Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft vorliegend nicht be- rücksichtigt werden. Das Gericht erachtet es ferner nicht als glaubhaft gemacht, dass die Be- schwerdeführerin nach ihrer Teilnahme am Studierendenprotest auf dem Radar des Geheimdienstes gewesen sei. Für diese Einschätzung spricht der Umstand, dass die Beschwerdeführerin nach diesen Vorfällen ohne weiteres eine Dienstreise nach Europa hat antreten und legal hat ausreisen können. Auffällig ist dabei auch, dass sie auf wiederholte Nachfrage sehr wenig zum Inhalt der Vorwürfe und der Vorladung angeben konnte (vgl. act. 17/24 F63-67, 70, 74). Dies gilt auch für die Vorbringen im Zusammen- hang mit dem Sepah -Projekt. Wenn die Beschwerdeführerin sich schon derart im Fokus der Revolutionsgarden erachtet hat, ist wenig nachvoll- ziehbar, dass sie die Kleidervorschriften nochmals missachtet hätte. Abschliessend ist festzuhalten, dass auch die Vorbringen rund um die Be- kanntschaft mit einem Landsmann in Deutschland, der sie beraten habe und der i hren Pass vernichtet haben soll (vgl. act. 15/18 F65-84), nicht überzeugen und teils auch tatsachenwidrig sind, wurde doch durch den Schweizer Zoll eine Kopie ihres Reisepasses abgefangen, den die Be- schwerdeführerin im Rahmen des Ehe vorbereitungsverfahrens vorgelegt. hat (vgl. Bst. L). Es spricht einiges dafür , dass der Reisep ass der Be- schwerdeführerin noch existiert. Zudem muten ihre Erklärungen betreffend den Landsmann, den sie in Deutschland getroffen haben will, vor dem Hin- tergrund der erlebten sexuellen Gewalt wenig nachvollziehbar an, hat sie E-4980/2019 Seite 17 doch im Rahmen ihrer Therapie angegeben, den Kontakt zu Männern seit den Übergriffen zu meiden. Wes halb sie sich dann einem völlig fremden Mann anvertraut hätte und mit diesem gereist sei, erscheint wenig plausi- bel (vgl. K, Untersuchungsbericht der Klinik für Psychosomatik und Konsi- liarpsychiatrie des Kantonsspitals F._______ datierend vom 6. August 2020). In einer gesamthaften Würdigung der Vorbringen kommt das Bundesver- waltungsgericht zum Schluss, dass der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt ihrer Ausreise keine asylbeachtliche Verfolgung durch die iranischen Be- hörden drohte. Daran können auch die im Laufe des Beschwerdeverfah- rens vorgelegten Beweismittel (Foto des Screenshots des Handys der Mut- ter) nichts ändern, diese sind nicht geeignet, eine Verfolgung der Be- schwerdeführerin zu dokumentieren. 5. Ferner macht die Beschwerdeführerin ein exilpolitisches Engagement gel- tend. 5.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – insbesondere durch politische Exil- aktivitäten – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel- tend. Begründeter Anlass zur Furcht vor künftiger Verfolgung besteht dann, wenn der Heimat- oder Herkunftsstaat mit erheblicher Wahrscheinlichkeit von den Aktivitäten im Ausland erfah ren hat und die Person deshalb bei einer Rückkehr in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1). Dabei muss hinreichend Anlass zur Annahme be- stehen, die Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in a bsehbarer Zukunft verwirklichen – eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2). 5.2 Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 5.3 Die am 1. Februar 2014 in Kraft getretene Bestimmung von Art. 3 Abs. 4 AsylG hält zwar fest, dass Personen, die Gründe geltend machen, E-4980/2019 Seite 18 die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden und weder Aus- druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat be- stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, nicht als Flüchtlinge gelten können; diese einschränkende Feststellung wurde vom Gesetzgeber aller- dings durch den ausdrücklichen Hinweis auf den Vorbehalt der Geltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) relativiert (vgl. Art. 3 Abs. 4 in fine AsylG). 5.4 Es ist bekannt, dass die iranischen Behörden die politischen Aktivitäten ihrer Staatsbürger im Ausland überwachen und erfassen (vgl. dazu BVGer D-6006/2017 vom 12. März 2020 E. 5.3.2 m.w.H.). Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob diese Aktivitäten bei einer a llfälligen Rückkehr in den Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im asylrechtlichen Sinn nach sich ziehen. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist dabei davon auszugehen, dass sich die iranischen Geheimdienste auf die Erfassung von Personen konzentrieren, die über die massentypischen, niedrigprofilierten Erscheinungsformen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen ausgeübt und/oder Aktivitäten vorgenommen haben, welche die jeweilige Person aus der Masse der mit dem Regime U nzufriedenen herausstechen und als ernsthaften und gefährlichen Regimegegner er- scheinen lassen. Dabei darf davon ausgegangen werden, dass die irani- schen Sicherheitsbehörden zu unterscheiden vermögen zwischen tatsäch- lich politisch engagierten Regimekritiker n und Exilaktivisten, die mit ihren Aktionen in erster Linie die Chancen auf ein Aufenthaltsrecht zu erhöhen versuchen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3). 5.5 Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) geht eben- falls davon aus, dass eine möglicherweise drohende Verletzung von Art. 3 EMRK jeweils aufgrund der persönlichen Situation der beschwerdeführen- den Person zu beurteilen ist. Die Berichte über schwerwiegende Men- schenrechtsverletzungen im Iran begründen für sich allein noch keine Ge- fahr einer unmenschl ichen Behandlung (vgl. Urteil des EGMR S.F. et al. gegen Schweden vom 15. Mai 2012, 52077/10, §§ 63 f.; vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D -830/2016 vom 20. Juli 2016 [als Referenzurteil publiziert]). 5.6 Zunächst ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin keine schon im Heimatland bestandene Verfolgung glaubhaft machen konnte (vgl. E 4). Es ist nicht davon auszugehen, dass sie den iranischen Behörden im Zeit- punkt ihrer Ausreise als politische Aktivistin bekannt gewesen ist und ent- sprechend registriert wurde. E-4980/2019 Seite 19 5.7 Die gemäss oben skizzierter Rechtsprechung des Bundesverwaltungs- gerichts geforderte Exponiertheit ist im Fall der Beschwerdeführerin, ob- wohl sie in der VVMIran exilpolitisch aktiv ist und einen Blog betreibt, zu verneinen. Aus den von ihr eingereichten Beweismitteln kann nicht ge- schlossen werden, dass sie ein besonders herausragendes politisches Profil hat. Aufgrund der Besichtigung mehrerer sozialer Netzwerke der VVMIran (Facebook, Instagram, Twitter, Youtube) sowie einer Internetsu- che zur Organisation ist nicht von einem erhöhten Einfluss dieser Vereini- gung auf die iranische Oppositionsbewegung im Exil oder gar im Iran aus- zugehen (vgl. Urteil des BVGer E -2447/2021 vom 15. September 2021 E. 6.1, 7.4). Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens wurde in der Eingabe vom 21. Mai 2021 vorgebracht, die Beschwerdeführerin sei für die VVMIran in den Bereichen (…) tätig und sie (…) für die Organisation. Wöchentlich finde ein Treffen der aktiven Mitglieder statt. Die VVMlran habe zum Ziel, die Öffentlichkeit über die menschenrechtliche Situation im Iran zu infor- mieren. (…). Sie betreibe ausserdem auch einen persönlichen Webblog, auf welchem sie über die menschenrechtliche Situation in ihrem Heimat- staat berichte. Zum Beleg gab sie den Link des Webblogs an. Hierzu ist festzuhalten, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass die Be- schwerdeführerin mit ihrem Blog das Interesse der iranischen Behörden an ihrer Person zu begründen vermag. Derartige Beiträge und Kommentierun- gen werden von Iranerinnen und Iranern tagtäglich in ähnlicher Form mas- senhaft gepostet (vgl. in diesem Sinne auch die Urteile des BVGer D-5099/2019 vom 19. März 2021 E. 6.4; E-1252/2015 vom 3. Mai 2016 E. 6.4) . Zwar kann – wie die Besc hwerdeführerin in ihrer E ingabe vom 21. Mai 2021 zu Recht geltend macht – nicht gänzlich ausgeschlossen wer- den, dass im Zusammenhang mit Internetaktivitäten auch Personen mit ei- nem wenig herausragenden Profil ins Visier des iranischen Staates gera- ten. Von einer systematischen Verfolgung von im Internet aktiven opposi- tionellen Iranerinnen und Iranern durch die heimatlichen Behörden im Aus- land ist jedoch nicht auszugehen (vgl. Urteile des BVGer E-5508/2017 vom 26. Oktober 2017 E. 6.1.4; United Kingdom Upper Tribunal, AB and Others [internet activity - state of evidence] [2015] UKUT 257 [IAC], 30. April 2015 S. 70 ff.; letztmals abgerufen am 17.09.2021). Zu den von der Beschwerdeführerin angegebenen Tätigkeiten in der VVMI- ran ist festzuhalten, dass es sich nicht um höherrangige oder bedeutende Aktivitäten handelt, die ein ernst zu nehmendes Ansehen innerhalb dieser Organisation respektive ein gewisses Renommee innerhalb der iranisch -E-4980/2019 Seite 20 exilpolitischen Bewegung mit sich bringen würden. Ihre Vorbringen hin- sichtlich ihrer exilpolitischen Tätigkeiten sind daher nicht geeignet, um bei der Beschwerdeführerin das Profil einer exponierten Regierungsgegnerin bejahen zu können, welche für die iran ischen Machthaber als gefährliche Person beziehungsweise von diesen als Gefahr für ihr politisches Gefüge eingestuft werden müsste. Die Beschwerdeführerin gehört nach Einschätzung des Gerichts nicht zum «harten Kern» von aktiven oppositionellen Iranern im Ausland, die das In- teresse der iranischen Behörden auf sich ziehen würden. Zusammenfas- send ist festzuhalten, dass die geltend gemachten subjektiven Nachflucht- gründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungs- furcht zu begründen, weshalb die Beschwerdeführerin nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. An dieser Einschätzung vermögen weder die wei- teren Ausführungen in den Eingaben noch die eingereichten Beweismittel etwas zu ändern. Die Beschwerdeführerin hebt sich durch ihre Beitr äge noch nicht von der grossen Masse unzufriedener Exiliraner ab. Die Vorinstanz hat die Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint. 6. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7. Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine ausländer- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. 7.1 Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin gemäss Aktenlage mit ei- nem in der Schweiz niedergelassenen deutschen Staatsangehörigen ver- lobt ist und das Eheschliessungsverfahren vor dem zuständigen Zivil- standsamt eingeleitet wurde (vgl. Bst. P), ändert daran nichts. Bisher hat der Kanton keine Aufenthaltsbewilligung erteilt und die Be- schwerdeführerin hat au ch keinen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Das Bundesgericht setzt für die Anerkennung eines Anspruchs von Konkubinatspartnern ge- stützt auf Art. 8 EMRK das Bestehen einer nahen, echten und tatsächlich E-4980/2019 Seite 21 gelebten beziehungsweise bezüglich Art und Stabilität in ihrer Substanz ei- ner Ehe gleichkommenden Beziehung voraus, wobei während laufendem Asylverfahren erhöhte Anforderungen zu stellen seie n und der Bewilli- gungsanspruch «offensichtlich» erscheinen müsse (vgl. Urteil des Bundes- gerichts 2C_880/2017 vom 3. Mai 2018 E. 3.1 f. m.w.H.). Diese Vorausset- zungen sind im Falle der Beschwerdeführerin trotz des laufendem Ehevor- bereitungsverfahren nicht erfüllt. Es wurde nicht vorgetragen, dass die Be- schwerdeführerin mit ihrem Verlobten zusammenlebt . Vor diesem Hinter- grund kann die Beschwerdeführerin zumindest derzeit keinen potenziellen Anspruch auf dauerhaften Auf enthalt in der Schweiz gemäss Art. 8 EMRK geltend machen, weshalb die Wegweisung von der Vor - instanz zu Recht angeordnet wurde. 7.2 An dieser Einschätzung vermag auch der potenzielle Anspruch der Be- schwerdeführerin auf die Erteilung einer Kurzaufenthaltsbewilligung zwecks Vorbereitung des Eheschlusses nichts zu ändern, da es sich dabei um eine rein provisorische und zeitlich begrenzte Massnahme handelt. Den Entscheid, ob die Voraussetzungen für die Erteilung einer Kurzaufenthalts- bewilligung zwecks Vorbereitung des Eheschlusses vorliegen, trifft die kan- tonale Migrationsbehörde (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_880/2017 vom 3. Mai 2018 E. 4.2 f. m.w.H.), und es ist der Beschwer- deführerin unbenommen, ein entsprechendes Gesuch bei der zuständigen Migrationsbehörde zu stellen. 7.3 Die Wegweisung steht nach dem Gesagten im Einklang mit den ge- setzlichen Bestimmungen und wurde vom Staatssekretariat zu Recht an- geordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 8.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigs tens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). E-4980/2019 Seite 22 8.3 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz – namentlich das flüchtlingsrechtliche Refoulement -Verbot (Art. 5 Abs. 1 AsylG; Art. 33 Abs. 1 FK) und das mensch enrechtliche Re- foulement-Verbot (Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105], Art. 3 EMRK) – einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus- länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini- scher Notlage konkret gefährdet sind. 8.4 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Beschwerdeführerin nicht gelungen sei, eine asylrechtlich erhebliche Ge- fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, sei der Wegweisungs- vollzug in dieser Hinsicht zulässig. Die Beschwerdeführerin habe auch keine Anhaltspunkte für eine ihr drohende menschenrechtswidrige Be- handlung aufgezeigt. Weiter hielt die Vorinstanz fest, weder die im Iran herrschende politische Situation noch andere Gründe würden gegen die Zumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs sprechen. De Beschwerdeführerin sei eine ju nge und gesunde, sehr gut ausgebildete Frau; sie habe im Iran ein soziales Bezie- hungsnetz und ihre Familie befinde sich in guten finanziellen Verhältnissen. 8.5 Diese Erwägungen sind zutreffend. Auch wenn die Beschwerdeführerin in der Beschwerde darlegt, sie sei von ihren weiteren Studien ausgeschlos- sen worden (was nicht hinreichend belegt wurde), so ist dennoch festzu- halten, dass sie als (…) tätig war – dies sogar noch, nachdem sie bereits angeblich in Konflikt mit den Sicherheitsbehörden Irans geraten sei – und in ihrem Beruf auch ohne Doktortitel weiter tätig sein könnte. Die Beschwerdeführerin macht unter Vorlage zweier Arztberichte geltend, seit den sexuellen Übergriffen unter einer posttraumatischen Belastungs- störung zu leiden, die sich in Schlafstörungen, Alpträumen, diffusen Kiefer- schmerzen und Anspannungsgefühl äussere. Auch sei sie im Umgang mit Männern nicht mehr unbefangen. Sie habe eine ausgeprägte Angst vor E-4980/2019 Seite 23 Geschlechtsverkehr, die sich in Albträumen, Schamgefühlen und einer Daueranspannung im Körper äussere. In der Gegenwart von Männern fühle sie sich unwohl; sie weiche dem Kontakt aus . Es falle ihr schwer, darüber zu sprechen, auch wegen ihrer streng muslimischen Erziehung. Der Untersuchungsbericht der Klinik für Psychosomatik und Konsiliarpsy- chiatrie des Kantonsspitals F._______ datierend vom 6. August 2020 hält fest, dass eine Rückführung ohne stabilisierende Psychotherapie zu einer Verschlechterung des Zustands und zu einer Retraumatisierung führen könnte, und empfiehlt eine ambulante Psychotherapie. Zu diesem Befund ist festzuhalten, dass die psychischen Leiden der Beschwerdeführerin zum einen nicht den Schweregrad erreichen, gemäss dem der Vollzug der Weg- weisung als unzumutbar zu erachten wäre , und zum andern auch im Iran behandelbar sind. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung als zulässig und als zumutbar. 8.6 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) . Da mit Zwi- schenverfügung vom 30. September 2019 die unentgeltliche Prozessfüh- rung bewilligt wurde und die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin weiter- hin zu bejahen ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 10.2 Die Rechtsbeiständin hat Anspruch auf ein Honorar zulasten der Ge- richtskasse. Mit Zwischenverfügung vom 30. September 2019 wurde auch E-4980/2019 Seite 24 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gutgeheissen und die Rechtsvertreterin, wurde als amtliche Rechtsbei- ständin im Sinne des Art. 102m AsylG eingesetzt. Es wurde ihr bei dieser Gelegenheit mitgeteilt, dass das Bundesverwaltungsgericht bei amtlicher Vertretung praxisgemäss in der Regel von e inem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht -anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter ausgeht (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs- gericht [VGKE, SR 173.320.2]), wobei nur der notwendige Aufwand zu ent- schädigen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Die Rechtsbeiständin hat keine Einwände gegen diese Regelungen geltend gemacht. In ihrer letzten Honorarnote vom 21. Mai 2021 macht sie einen Vertretungs- aufwand in der Höhe von Fr. 2760.– (inkl. Auslagen) geltend , wobei sie einen Stundenansatz von Fr. 200.– ansetzt. Gemäss den obigen Ausfüh- rungen setzt das Gericht vorliegend den Stundenansatz auf Fr. 150.– herab. In der Honorarnote wird ein Aufwand von 1 3.5 Stunden ausgewie- sen, was angesichts der Komplexität der Beschwerdebegehren gerechtfer- tigt erscheint. Der Rechtsbeiständin ist demnach aus der Gerichtskasse ein amtliches Honorar in Höhe von Fr. 2'085.– (inkl. Auslagen) zu bezahlen. (Dispositiv nächste Seite) E-4980/2019 Seite 25 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Der amtlichen Rechtsbeiständin ist aus der Gerichtskasse ein Honorar in Höhe von Fr. 2'085.– zu bezahlen 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Susanne Bolz