B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1604/2023 U r t e i l v o m 1 9 . M a i 2 0 2 3 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Gerichtsschreiberin Sara Steiner. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), Burundi, alle vertreten durch MLaw Janany Kanapathipillai, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 15. März 2023 / N (…). D-1604/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Gemäss eigenen Angaben verliessen die Beschwerdeführenden Burundi am 26. September 2022 und gelangten am 5. November 2022 in die Schweiz, wo sie am gleichen Tag um Asyl nachsuchten. Die Abklärungen des SEM ergaben, dass die Beschwerdeführenden am 28. Oktober 2022 in Kroatien daktyloskopisch erfasst worden waren. B. Anlässlich persönlicher Gespräche vom 30. Dezember 2022 gewährte das SEM den Beschwerdeführenden das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Kro- atien, welches grundsätzlich für die Behandlung ihres Asylgesuchs zustän- dig sei, sowie zum medizinischen Sachverhalt. Dabei machten die Beschwerdeführenden geltend, sie seien in verschie- denen durchreisten Ländern gefangen genommen und kontrolliert worden. In Kroatien seien sie i m Wald gefangen genommen worden , mit einem Messer eingeschüchtert und mit Ästen geschlagen worden. Ausserdem hätten die Beamten Hunde auf sie gehetzt. Als die schwangere und stil- lende Beschwerdeführerin Blutungen erlitten habe und ohnmächtig gewor- den sei , sei sie in ein Spital gebracht und dort behandelt worden . Am nächsten Tag seien ihnen unter Zwang die Fingerabdrücke abgenommen worden und in der Folge seien sie aufgefordert worden, das Land zu ver- lassen. Sie sprachen sich gegen eine Rückkehr nach Kroatien aus, da sie dort keine Rechte gehabt hätten, unter Druck gesetzt und geschlagen wor- den seien. Die Beschwerdeführerin habe die erwähnten Blutungen bekom- men. Sie hätten in Kroatien auch kein Asyl beantragt und seien aufgefor- dert worden, das Land innert sieben Tagen zu verlassen. Bezüglich des Gesundheitszustands gab der Beschwerdeführer an, er sei noch nicht in Behandlung gewesen, aber seine Rippen würden schmerzen seit den Schlägen in Kroatien. Oft habe er starke Kopfschmerzen. Nachts könne er wegen der vielen Gedanken oft nicht schlafen. Die Beschwerde- führerin gab an, sie sei mit der medizinischen Hilfe hier zufrieden, aber sie sei immer noch sehr schwach, da sie viel Blut verloren habe. Ihrem Kind gehe es gut. Zur Stützung ihrer Angaben reichten die Beschwerdeführenden das Weg- weisungsschreiben der kroatischen Behörden und einen kroatischen D-1604/2023 Seite 3 Arztbericht bezüglich des Spitalaufenthaltes der Beschwerdeführerin zu den Akten. C. Am 30. Dezember 2022 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Rückübernahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 13 Abs. 1 der Ver- ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim- mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats- angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Am 28. Februar 2023 stimmten die kroatischen Behörden diesem Ersuchen gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO ausdrücklich zu. D. Am 23. Januar 2023 reichten die Bes chwerdeführenden einen Arztbericht vom 4. Januar 2023 bezüglich des Beschwerdeführers zu den Akten, wo- nach es sich bei den Schmerzen in der Rippengegend am ehesten um eine Fraktur gehandelt haben könnte. Es wurde ein Schmerzpräparat und Re- dormin zum Schlafen verschrieben. E. Mit Verfügung vom 15. März 2023 (eröffnet am 16. März 2023) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein und verfügte die Über- stellung nach Kroatien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung der Asylgesuche zuständig sei. F. Mit Beschwerde vom 22. März 2 023 an das Bundesverwaltungsgericht beantragten die Beschwerdeführenden, die Verfügung des SEM sei aufzu- heben und auf ihre Asylgesuche sei einzutreten. Eventualiter sei die ange- fochtene Verfügung aufzuheben und zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen und subeventualiter seien individuelle Zusicherungen einzufordern. In pro- zessualer Hinsicht beantragten sie, die Vorinstanz und die Vollzugsbehör- den seien im Rahmen von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzu- weisen, bis zum Entscheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Weiter ersuchten sie um Gewährung der aufschiebenden Wirkung und der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses. D-1604/2023 Seite 4 Mit der Beschwerde wurden zwei Arztberichte betreffend die Beschwerde- führerin und deren Tochter eingereicht. G. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundes verwaltungsgericht am 23. März 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG) und am gleichen Tag wurde der Vollzug im Sinne einer superprovisorischen Massnahme gestoppt. H. Mit Zwischenverfügung vom 24. März 2023 erteilte die Instruktionsrichterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und stellte fest, die Beschwerdeführenden könnten den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung ei- nes Kostenvorschusses. I. Mit Vernehmlassung vom 28. März 2023 hielt das SEM an seiner Verfü- gung vollumfänglich fest. J. Mit Verfügung vom 3. April 2023 wurde den Beschwerdeführenden Gele- genheit gegeben, zur Vernehm lassung des SEM Stellung zu nehmen. Diese Frist lief ungenutzt aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). D-1604/2023 Seite 5 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und (…) AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. 3.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, dass der medizinische Sach- verhalt nicht genügend erstellt sei. So werde insbesondere auf den Ge- sundheitszustand der schwangeren Beschwerdeführerin in der Verfügung mit keinem Wort eingegangen. Sie habe im Februar aufgrund eines Schwä- cheanfalls ins Spital eingeliefert werden müssen. Die Tochter leide an einer Gedeihstörung. Weiter werde auch auf den psychologischen Gesundheits- zustand des Beschwerdeführers nicht eingegangen. Auf die Rechtsvertre- tung hätten sie psychisch stark angeschlagen und traumatisiert durch die Erlebnisse in Kroatien gewirkt. Mit der Beschwerde wurden zwei Arztbe- richte betreffend die Beschwerdeführerin und deren Tochter eingereicht. Die Vorinstanz führt dazu in ihrer Vernehmlassung aus, die der Be- schwerde beigelegten Arztberichte seien dem SEM nicht eingereicht wor- den. Daraus sei zu folgern, dass sie von der Rechtsvertretung zum dama- ligen Zeitpunkt als nicht verfahrensrelevant eingestuft worden seien . Den Berichten sei bezüglich der Besc hwerdeführerin eine allgemeine Schwä- che aufgrund der vorbekannten eisensubstituierten Anämie und die man- gelnden Nahrungsaufnahmen während der Schwangerschaft festgestellt worden. Bei der Tochter sei eine Gedeihstörung bei Verdacht auf D-1604/2023 Seite 6 mangelnde Kalorienzufuhr festhalten worden, wobei der Gewichtsverlauf zunehmend sei und die Anämie sich gebessert habe. Seiter seien keine weiteren medizinischen Unterlagen eingereicht worden und das SEM gehe deshalb von einem weiterhin positiven Verlauf aus. Wie das SEM hält auch das Gericht den Sachverhalt bezüglich des Ge- sundheitszustands der Beschwerdeführenden für erstellt. Es wird auf die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen. Zur Schwanger- schaft der Beschwerdeführerin wurde darin festgehalten, bei der Organisa- tion der Überstellung würden die kroatischen Behörden darüber informiert. Der Spitalaufenthalt der Beschwerdeführerin aufgrund des Schwächean- falls war der Vorinstanz mangels Einreichung des entsprechenden Berich- tes nicht bekannt . Dass dieses Ereignis we itergehende gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich gezogen hat, wird nicht geltend gemacht, ebenso wenig bezüglich der Gedeihstörung der Tochter. In Bezug auf den Beschwerdeführer wird auf Beschwerdeebene ebenfalls nicht geltend ge- macht, inwiefern we itergehende nicht genügend abgeklärte psychische Probleme bestehen sollten. Der subjektive Eindruck der Rechtsvertretung vermag hierzu jedenfalls nicht zu genügen. Aufgrund der Akten ergeben sich jedenfalls keine Hinweise auf schwerwiegende psychische Probleme, welche einer unmittelbaren Abklärung und Behandlung bedürften. 3.2 Weiter wird geltend gemacht, das SEM habe die humanitären Gründe für einen Selbsteintritt nicht genügend geprüft. Eine vertiefte Ermessens- abwägung hätte sich aufgrund der erlittenen Misshandlungen und der gut dokumentierten Situation in Kroatien aufgedrängt. Die Vorinstanz hätte sich konkreter mit der Situation von Dublin-Rückkehrenden nach Kroatien auseinandersetzen müssen, welche kein Asylgesuch in Kroatien gestellt hätten, zumal es hierzu keine neuere Rechtsprechung gäbe. Die Vorinstanz hat in ihrer Verfügung die Erkenntnisse aus den Abklärun- gen in Kroatien zu den Push-Backs und der Situation von Dublin-Rückkeh- renden, auch solcher die noch kein Asylgesuch gestellt hatten, in zusam- mengefasster Form wiedergegeben und nachvollziehbar aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich hat leiten lassen. Auch bezüglich der me- dizinischen Versorgung in Kroatien hat es sich geäussert. Dabei hat sie die Vorbringen der Beschwerdeführenden in die Entscheidfindung einfliessen lassen und eine Einzelfallprüfung vorgenommen. Der pauschale Hinweis in der Beschwerde auf die erlittenen Misshandlungen und die gut doku- mentierte Situation in Kroatien vermag die Feststellung einer ungenügen- den Begründung jedenfalls nicht zu rechtfertigen; ebenso wenig, dass die D-1604/2023 Seite 7 Beschwerdeführenden bezüglich der Verhältnisse in Kroatien offenbar eine andere Meinung als die Vorinstanz vertreten. 3.3 Der Antrag auf Rückweisung der Sache ans SEM ist nach dem Gesag- ten abzuweisen. 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Besti mmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kri terien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines s ogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän- digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An- nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An- tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigen den Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu- ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän- dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). D-1604/2023 Seite 8 4.3 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell- ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin -III-VO) Dieses sogenannte Selbsteintritts- recht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Be- stimmung kann das SEM das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder- nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 5. 5.1 Zur Begründung ihres Nichteintretensentscheids führt die Vorinstanz aus, der Abgleich der Fingerabdrücke mit der Zentraleinheit Eurodac weise nach, dass die Beschwerdeführenden am 28. Oktober 2022 in Kroatien il- legal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist seien. Die kroati- schen Behörden hätten das Ersuchen um Wiederaufnahme gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO gutgeheissen, womit die Zuständigkeit bei Kro- atien liege, das weitere Ver fahren durchzuführen. Die Tatsache, dass sie in Kroatien bisher kein Asylgesuch eingereicht hätten, vermöge daran nichts zu ändern. Nach ihrer Rückführung nach Kroatien hätten sie die Möglichkeit, ein solches einzureichen. Bezüglich der unter Zwang abge- nommenen Fingerabdrücke sei darauf hinzuweisen, dass sämtliche Dub- lin-Staaten von Gesetzes wegen dazu verpflichtet seien, Drittstaatsange- hörige oder Staatenlose, die beim illegalen Überschreiten einer Aussen- grenze aufgegriffen würden, zu registrieren. Sollten sie sich durch die kro- atischen Behörden ungerecht oder rechtswidrig behandelt fühlen, sei es ihnen zumutbar, sich mit einer Beschwerde an die zuständigen Stellen zu wenden, auch wenn es subjektiv schwierig sei, sich an die Behörden jenes Staates zu wenden, dessen Beamte die geltend gemachten Misshandlun- gen verursacht hätten. Der Zugang zu wirksamen Rechtsmitteln sei ge- währleistet. Der geäusserte Wunsch nach einem weiteren Verbleib in der Schweiz habe keinen Einfluss auf die Zuständigkeit für das Asyl- und Weg- weisungsverfahren. Es sei grundsätzlich nicht Sache der betroffenen Per- son, den für ihr Asylverfahren zuständigen Staat selber zu wählen. Ferner gebe es keine wesentlichen Gründe für die Annahme gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingun- gen für Asylsuchende in Kroatien Schwachstellen aufwiesen, die eine Ge- fahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 der Konvention zum Schutze D-1604/2023 Seite 9 der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK; SR 0.101) mit sich bringen würden. Die Schweizer Botschaft in Kroatien habe mehrfach abgeklärt, ob und inwiefern Personen, die gestützt auf die Dublin-III-VO nach Kroatien zurückgeführt würden (sog. Dublin -Rückkeh- rende) von der bekannten Problematik im kroatischen Grenzgebiet (Push- backs) betroffen seien. Im Rahmen der umfangreichen Abklärungen durch die Botschaft seien keine Hinweise auf generelle systemische Schwach- stellen im kroatischen Asyl- und Aufnahmesystem festgestellt worden. Bei Personen, die gestützt auf die Dublin-III-VO von der Schweiz nach Kroatien überstellt würden, erfolge die Überstellung ausnahmslos in die Hauptstadt Zagreb. Dublin-Rückkehrende hätten in Kroatien Zugang zu einem rechts- staatlichen Asyl- und Wegweisungsverfahren, unabhängig davon, ob sie zuvor in Kroatien bereits um Asyl nachgesucht hätten. Es sei kaum denk- bar, dass ihnen unmittelbar nach ihrer Ankunft in Zagreb eine Kettenab- schiebung drohe. Es sei nicht davon auszugehen, dass die bei einer Über- stellung nach Kroatien gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK ausgesetzt würden, in eine existenzielle Notlage geraten oder ohne Prüfung ihres Asylgesuchs und unter Verletzung des Non-Refoulement-Gebots in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat überstellt würden. Es gebe auch keinen Grund, die Souve- ränitätsklausel im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 anzuwenden. Aufgrund der vorhandenen medizinischen Unterlagen des Beschwerdeführers und in Berücksichtigung der geschil- derten gesundheitlichen Beeinträchtigungen könne ausgeschlossen wer- den, dass im Fall der Beschwerdeführenden eine medizinische Notlage be- stehe und sich ihr Gesundheitszustand bei einer Rückkeh r nach Kroatien drastisch verschlechtern würde. Sodann verfüge Kroatien über eine aus- reichende medizinische Infrastruktur und wäre aufgrund der Aufnahme- richtlinie verpflichtet, den Beschwerdeführenden die erforderliche medizi- nische Versorgung zu gewähren. Die kroatischen Behörden würden vor der Überstellung über den Gesundheitszustand der Beschwerdeführenden und die bestehende Schwangerschaft informiert. 5.2 In der Rechtsmitteleingabe wird entgegnet, die Situation der Beschwer- deführenden sei anders gelagert, da sie in Kroatien kein Asylgesuch ge- stellt hätten. Die Push-Backs und angewendete Gewalt an den kroatischen Aussengrenzen seien hinlänglich bekannt. Die angeprangerten Verfehlun- gen beträfen nicht nur die Handhabe in den Grenzregionen, sondern das gesamte Asylverfahren. Die zahlreichen Berichte zum Vorgehen der kroa- tischen Behörden würden sich mit den von ihnen geltend gemachten Miss- handlungen decken. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie in D-1604/2023 Seite 10 Kroatien wiederum behördlicher Gewalt ausgesetzt wären. Es sei nachvoll- ziehbar, dass sie das Vertrauen in den kroatischen Staat verloren hätten . Untersuchungen zu den Fehlverhalten der kroatischen Polizei- und Grenz- beamten hätten bislang keine Resultate gebracht. Die Botschaftsabklärung verweise pauschal auf verschiedene Quellen, ohne anzugeben, wer sich wann wie geäussert habe. In einem Artikel der Wochenzeitung (WOZ) werde die angebliche Auskunft einer NGO in Frage gestellt. Es werde auf die Möglichkeit von Kettenabschiebungen auch aus dem Landesinnern hingewiesen. Auch andere Berichte würden auf diese Möglichkeit verwei- sen. Davon könnten insbesondere sie selber betroffen sein, da sie noch kein Asylgesuch eingereicht hätten und möglicherweise bereits rechtskräf- tig aus Kroatien weggewiesen worden seien. Im Jahr 2021 hätten zudem in Kroatien weniger als 42 Personen internationalen Schutz erhalten. An- gesichts dieser Zahlen könne nicht von einem fairen und funktionierenden Asylverfahren ausgegangen werden. Sie seien Opfer von massiver Gewalt der kroatischen Beamten ge worden und würden unter den Folgen leiden (Rippenbruch, Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit) . Die Vulnerabilität der Beschwerdeführerin aufgrund der Schwangerschaft werde von der Vo- rinstanz bewusst weggelassen. Sie sei aufgrund des Erlebten in Kroatien traumatisiert, fühle sich verängstigt und es falle ihr schwer, sich zu soziali- sieren. Zudem leide sie heute noch an Schwächezuständen. Es sei reines Glück gewesen, dass sie nach den Traktierungen durch die Polizeibeam- ten das Kind nicht verloren habe. Gemäss dem Notfallbericht des Spitals D._______ vom 9. Februar 2023 habe sie bei bestehender Schwanger- schaft (errechneter Ge burtstermin 30. Juni 2023) aufgrund eines Schwä- chezustands notfallmässig eingeliefert werden müssen. Bei der mittler- weile zweijährigen Tochter sei eine Gedeihstörung diagnostiziert worden, was bei Kindern, welche traumatisierende Erlebnisse erlebt hätten, häufig auftrete. Zudem leide sie unter Albträumen. Es verletze das Kindeswohl in gravierender Weise, die Familie nach Kroatien zurückzuschicken. Weiter sei auch auf den psychologischen Gesundheitszustand des Beschwerde- führers in der Verfügung nicht eingegangen worden. Auf die Rechtsvertre- tung hätten die Beschwerdeführenden psychisch stark angeschlagen und traumatisiert durch die Erlebnisse in Kroatien gewirkt. Die Vorinstanz habe die Vulnerabilität der Familie nicht thematisiert. Aus einem Urteil des Bun- desverwaltungsgerichts gehe hervor, dass es ernstzunehmende Hinweise auf nicht unerhebliche Mängel in der Gesundheitsversorgung insbeson- dere psychisch kranker Asylsuchender in Kroatien gäbe (vgl. F-4030/2019, E. 5.4 sowie weitere Quellen). Ihnen könne deshalb eine Rückkehr nach Kroatien nicht zugemutet werden, da gerade das Verhalten der kroatischen Beamten zumindest mitverantwortlich sei für ihre derzeitigen psychischen D-1604/2023 Seite 11 wie auch physischen Probleme. In diesem Zusammenhang sei die Gefahr einer Retraumatisierung zu berücksichtigen . Die Vorinstanz sei entspre- chend dem Eventualbegehren zumindest anzuweisen, individuelle Zusi- cherungen bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren, zu adäquater kind- gerechter Unterbringung und gegebenenfalls medizinischer Versorgung von den kroatischen Behörden einzuholen. 5.3 In der Vernehmlassung bekräftigt die Vorinstanz noch einmal ihre Ausführungen zur Push -Back-Problematik in der angefochtenen Verfügung. Der Vollständigkeit halber seien die entsprechenden Abklärungsergebnisse der Schweize r Botschaft in Kroatien dem Dossier beigelegt worden. Der Kritik der WOZ sei entgegen zu halten, dass die Botschaft die im Zeitungsartikel zitierte NGO kontaktiert habe. Diese habe bekräftigt, dass von keinen systematischen Menschenrechtsverletzungen betreffend Dublin-Rückkehrenden die Rede sein könne. Die in der Bot- schaftsabklärung enthaltenen Schlussfolgerungen seien eindeutig und die durchgeführten Abklärungen auch vom Bundesverwaltungsgericht als se- riös und qualitativ ein wandfrei eingestuft worden. In Bezug auf den Ge- sundheitszustand sei festzuhalten, dass bei der Beschwerdeführer in und ihrer Tochter von einem weiterhin positiven Verlauf auszugehen sei, zumal seit den mit der Beschwerde eingereichten Arztberichten (Schwächeanfall in der Schwangerschaft und Gedeihstörung) keine weiteren medizinischen Unterlagen eingereicht worden seien. Vor diesem Hintergrund erübrige es sich, bei den kroatischen Behörden Garantien einzuholen. 6. 6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführenden mit der "Eurodac"-Datenbank ergab, dass diese am 28. Oktober 2022 bereits in Kroatien daktyloskopisch erfasst worden waren. Das SEM ersuchte des- halb die kroatischen Behörden am 30. Dezember 2022 um Wiederauf- nahme der Beschwerdeführenden. Diesem Gesuch stimmten die kroati- schen Behörden am 28. Februar 2023 zu. Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie hätten in Kroatien kein Asylgesuch stellen können und ihre Fingerabdrücke seien gegen ihren Wil- len abgenommen worden. Diesbezüglich gilt es klarzustellen, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). Auch die Abnahme der Fingerabdrücke v on illegal einreisenden Ausländern und Asylsuchenden stützt sich wiederum auf die Eurodac -Verordnung und D-1604/2023 Seite 12 erweist sich somit als legitim (vgl. beispielsweise Urteil des BVGer D-3401/2022 vom 11. August 2022 E. 8.3 m.w.H.). Die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens ist somit gegeben. 7. 7.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische Schwachstel- len aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU -Grundrechtecharta mit sich bringen würden. 7.2 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unm enschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu geme insamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per- sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er- geben. 7.3 Im Referenzurteil E-1488/2020 vom 22. März 2023 wurde die seit dem Referenzurteil D -1611/2016 vom 22. März 2016 bestehende Praxis der grundsätzlichen Zulässigkeit von Dublin -Überstellungen nach Kroatien – unabhängig davon ob es sich dab ei um ein "Take -Charge-" (Aufnahme) oder ein "Take-Back-" (Wiederaufnahme) Verfahren handelt – bestätigt, da nicht davon auszugehen sei, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin- gungen in Kroatien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin -III-VO auf, die eine Überstellung von Gesuchstellenden generell als unzulässig erscheinen lassen würden (vgl. a.a.O. E. 9.5). Das Gericht hielt fest, der Verdacht eines – angesichts der Situation in Kro- atien auf den ersten Blick nicht unbegründeten – Gefährdungszusammen- D-1604/2023 Seite 13 hangs zwischen den sogenannten Push-backs und Dublin-Rückkehr lasse sich aufgrund der verfügbaren Informationen und Erkenntnisse nicht erhär- ten. Zum heutigen Zeitpunkt bestünden keine genügenden Anzeichen, die befürchten liessen, Dublin -Rückkehrende würden ohne Eröffnung und Durchführung eines Asylverfahrens aus Kroatien rechtswidrig ausge- schafft. Insbesondere sei aufgrund dieser Ausgangslage nicht davon aus- zugehen, dass dies systematisch geschehen würde. Aufgrund der verfüg- baren Informationen gebe es letztlich keine Anhaltspunkte, wonach Take- Charge-Konstellationen diesbezüglich anders zu beurteilen wären als Take-Back-Verfahren, beziehungsweise dass für die erste Kategorie eine erhöhte Gefährdung von Abschiebungen ohne Durchführung eines Asyl- verfahrens bestehen würde (vgl. a.a.O. E. 9.4.4). Im Ergebnis sei davon auszugehen, dass Gesuchstellende, welche gestützt auf die Dublin-III-VO nach Kroatien überstellt werden, Zugang zum dortigen Asylverfahren er- halten, unabhängig davon, ob die gesuchstellende Person im Rahmen ei- nes Take-Charge oder Take-Back Verfahrens überstellt werde. Insbeson- dere bestehe keine beachtliche Wahrscheinlichkeit, die Überstellten wür- den der Gefahr einer Verletzung ihrer aus dem Refoulement -Verbot flies- senden Rechte ausgesetzt werden (vgl. a.a.O. E. 9.5). Das SEM weist in seiner Verfügung richtig daraufhin, dass die Beschwerdeführenden bei ih- rer Ankunft in Kroatien ein Asylgesuch werden stellen können, wenn sie dies unterlassen, aber mit den Konsequenzen eines illegalen Aufenthaltes rechnen müssen. 7.4 Unter diesen Umständen ist vorliegend die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO nicht gerechtfertigt. Von einer Überstellung ist schliesslich nur in Ausnahmefällen abzusehen. Dafür bedarf es substanzi- ierter Vorbringen, die geeignet sind darzulegen, dass die generelle An- nahme – wie sie im Urteil E -1488/2020 dargestellt wurde – im Einzelfall nicht zutrifft. Dies gelingt den Beschwerdeführenden mit ihren allgemeinen Ausführungen zur Situation in Kroatien nicht. 8. 8.1 Im Übrigen sind den Akten keine Anhaltspunkte für die Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu entnehmen, gemäss welcher das SEM das Asyl- gesuch "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn da- für gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. D-1604/2023 Seite 14 8.2 Die Beschwerdeführenden haben kein konkretes und ernsthaftes Ri- siko dargetan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, sie wieder- aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser- dem haben die Beschwerdeführenden nicht dargetan, die sie bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Kroatien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU -Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Die Beschwerdeführenden haben auch keine konkreten Hinweise für die Annahme dargetan, Kroatien würde ihnen dauerhaft die ihnen gemäss Auf- nahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnten sie sich im Übrigen nötigenfalls an d ie kroatischen Behörden wenden und die ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). 8.3 Die Beschwerdeführenden haben keine persönlich erlebten "Push - Backs" geltend gemacht und wollten, gemäss ihren Aussagen in Kroatien kein Asylgesuch stellen. Es ist nachvollziehbar, dass die gegen sie ange- wendete Gewalt an der kroatischen Grenze sehr belastend war, insbeson- dere da die schwangere Beschwerdeführerin mit Blutungen ins Spital hat gebracht werden und Angst hat haben müssen, das Kind zu verlieren. Die Behandlung nach dem Grenzübertritt kann aber nicht auf die Behandlung nach einer Rücküberstellung im Rahmen eines Dublin-Verfahrens übertra- gen werden. Das SEM weist überdies richtig darauf hin, dass die Be- schwerdeführenden gegen das Fehlverhalten einzelner Beamten die kroa- tischen Behörden anrufen können. Kroatien ist ein Rechtsstaat mit funktio- nierendem Justizsystem, auch wenn solche Schritte in Kroatien allenfalls mit grösseren Hürden und Schwierigkeiten verbunden sind. Dass sie das Vertrauen in die kroatischen Behörden nach ihren Erlebnissen verloren hätten, vermag dies nicht grundsätzlich zu erschüttern. Überdies gilt es zu betonen, dass die Beschwerdeführerin, als sie Blutungen erlitt und ohn- mächtig wurde, immerhin mit der Ambulanz ins Spital gebracht und dort behandelt wurde. Die Beschwerdeführenden haben sich danach gemäss eigenen Angaben nur noch zwei Tage in Kroatien aufgehalten. Das Land D-1604/2023 Seite 15 stellte nur eine Transitstation auf ihrem Weg in die Schweiz dar, die sie so schnell als möglich verlassen wollten. In ein Empfangszentrum haben sie sich erst gar nicht begeben. Neben der Behandlung an der Grenze und der Abnahme der Fingerabdrücke machen sie denn auch keine weiteren Be- anstandungen geltend. 8.4 Die Beschwerdeführenden berufen sich darauf, ihr Gesundheitszu- stand stehe einer Übe rstellung entgegen. Damit machen sie geltend, die Überstellung nach Kroatien setze sie einer Gefahr für ihre Gesundheit aus und verletze damit Art. 3 EMRK. Gemäss ihren Aussagen würden die Beschwerdeführenden aufgrund des Erlebten an psychischen Problemen leiden und schlecht schlafen. Die Be- schwerdeführerin habe sich wegen ihrer Schlafstörungen bereits an Medic-Help gewendet, woraufhin jedoch keine psychologische Unterstüt- zung in die Wege geleitet worden sei. Sie hätten riesige Angst, nach Kroa- tien zurückzukehren und es sei mit einer massiven Verschlechterung ihres Gesundheitszustands zu rechnen. Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob- lemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und be- reits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Euro- päischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] ). Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab- schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung i m Ziel- staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Situation ist vorliegend angesichts der geltend gemachten ge- sundheitlichen Probleme nicht gegeben. Die Beschwerdeführenden konnten nicht nachweisen, dass sie nicht reisefähig seien oder eine Über- stellung ihre Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Ihr Gesundheitszu- stand vermag eine Unzulässigkeit im Sinne dieser restriktiven D-1604/2023 Seite 16 Rechtsprechung nic ht zu rechtfertigen. Die gesundheitlichen Probleme sind auch nicht von einer derartigen Schwere, dass aus humanitären Grün- den von einer Überstellung abgesehen werden müsste. Es ist nachvoll- ziehbar, dass der Fluchtweg der Beschwerdeführenden insbesondere schwanger und unter Begleitung ihrer kleinen Tochter psychisch belastend war. Jedoch kann aus diesem Vorbringen nicht die Zuständigkeit der Schweiz abgeleitet werden. Die Schwangerschaft der Beschwerdeführerin vermag dies ebenfalls nicht zu rechtfertigen. Zwar erlitt sie in der Schweiz einen diesbezüglichen Schwächeanfall . Mangels weiterer Unterlagen ist aber davon auszugehen, dass dieses Ereignis keine weitergehenden ge- sundheitlichen Beeinträchtigungen nach sich gezogen hat und die Schwangerschaft ansonsten komplikationslos verläuft. Die kroatischen Be- hörden haben überdies bereits bewiesen, dass sie in einem Notfall die Be- schwerdeführenden unterstützen, nachdem sie mit Blutungen ins Spital ge- bracht und dort adäquat behandelt wurde. Es wurde ihnen auch angebo- ten, sich wieder zu melden, wenn die Blutungen nicht aufhören sollten. Die allfällige Rippenfraktur des Beschwerdeführers konnte mit einem Schmerz- präparat behandelt werden, was ohne weiteres auch in Kroatien möglich wäre. Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden auch in Kroatien Unterstützung in Bezug auf allfällige psychische Beschwerden er- halten würden, welche vorliegend aber lediglich behauptet werden , ohne dass dies bis dato in der Schweiz eine Konsultation des Gesundheitsdiens- tes oder gar eine Behandlung nach sich gezogen hätte. Dass die Erleb- nisse in Kroatien für die Tochter belastend waren und sie deswegen Alb- träume hat, ist nachvollziehbar. Angesichts ihres Alters von nur zwei Jahren ist aber nicht davon auszugehen, dass sie deswegen an schwerwiegenden und anhaltenden psychischen Problemen leiden würde. Dies wird auch gar nicht geltend gemacht. Auch die Gedeihstörung ist nicht damit in Zusam- menhang zu bringen, sondern liegt an einer ungenügenden Kalorienzufuhr. Das SEM ist diesbezüglich zudem richtig von einem positiven Verlauf aus- gegangen. Insgesamt hat die Vorinstanz richtig geschlossen, dass im Fall der Beschwerdeführenden keine medizinische Notlage bestehe und nicht zu erwarten sei, dass sich ihr Gesundheitszustand bei einer Rückkehr nach Kroatien drastisch verschlechtern würde. Auch hat es in Aussicht gestellt, die kroatischen Behörden vor der Überstellung über den Gesundheitszu- stand der Beschwerdeführenden und die bestehende Schwangerschaft zu informieren. Diese Schlussfolgerungen können auch durch die Anrufung der Kinderrechtskonvention nicht umgestossen werden. Es ist allgemein bekannt, dass Kroatien über eine ausreichende medizini- sche Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den D-1604/2023 Seite 17 Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krank- heiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu ma- chen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonde- ren Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (ein- schliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie; vgl. auch das Referenzurteil des BVGer E-1488/2020 vom 22. März 2023 E. 10.2). Entgegen den allge- meinen Behauptungen in der Beschwerde bestehen keine konkreten An- haltspunkte, wonach den Beschwerdeführenden eine adäquate medizini- sche Behandlung in Kroatien verweigert würde. Dies gilt auch für allfällige psychische Probleme der Beschwerdeführenden. Auch wenn der Zugang zu psychiatrischen Kliniken in der Praxis eingeschränkt sein kann, ist da- von auszugehen, dass sie Zugang zur nötigen Unterstützung erhalten kön- nen. Es gilt noch einmal zu betonen, dass die Beschwerdeführenden bei ihrem Aufenthalt durch die kroatischen Behörden Unterstützung erhielten, als sich die Beschwerdeführerin in einer Notfallsituation befand und ins Spital hat eingeliefert werden müssen. Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochten Ver- fügung beauftragt sind, werden den medizinischen Umständen bei der Be- stimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung der Beschwerdeführenden Rechnung tragen und die kroatischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Um- stände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). 9. Schliesslich ist die an gefochtene Verfügung auch unter dem Blickwinkel der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 – hin- sichtlich derer das SEM über einen (durch das Bundesverwaltungsgericht lediglich eingeschränkt überprüfbaren) Ermessensspielraum verfügt – nicht zu beanstanden (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f. und Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Der Sachverhalt ist, wie erwähnt, hinreichend erstellt, und den Akten sind keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermes sens zu entnehmen. Das Ge- richt enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserun- gen. 10. Den Akten sind keine Anhaltspunkte zu entnehmen, welche es vorliegend offensichtlich als notwendig erscheinen liessen, von den kroatischen D-1604/2023 Seite 18 Behörden vorab ind ividuelle Zusicherungen im Zusammenhang mit der Überstellung einzuholen (vgl. auch das Referenzurteil des BVGer E-1488/2020 vom 22. März 2023 E. 12). In der angefochtenen Verfügung wurde festgehalten, die kroatischen Behörden würden vor der Überstellung über den Gesundheitszustand der Beschwerdeführenden und die beste- hende Schwangerschaft informiert. Der diesbezügliche Antrag ist demnach abzuweisen. 11. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten. Da die Beschwerdeführenden nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung sind, wurde die Überstellung nach Kroatien in Anwendung von Art. 44 AsylG eben falls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 12. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). 13. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. 14. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem aber mit Zwischenverfügung vom 24. März 2023 die unentgeltliche Pro- zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Ver- fahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-1604/2023 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Sara Steiner Versand: