B. Gerichtsentscheide 3524 102 2.4 Schuldbetreibung und Konkurs 3524 Betreibungsort ( Art. 53 SchKG) und Pfändungsanschluss (Art. 110 SchKG) bei Wohnsitzwechsel des Schuldners. Verhältnis der beiden Bestimmungen zueinander. Aus den Erwägungen: Das Prinzip des gesetzmässigen Betreibungsortes gil t für die ganze Betreibung: Alle Stadien des Verfahrens müsse n grundsätzlich am richtigen Ort durchgeführt werden. Das kann unte r Umständen dazu führen, dass im Verlauf des Verfahrens das For um ändert, beispielsweise bei einem Wohnsitzwechsel. Dann muss die Be - treibung am neuen Ort fortgeführt werden (es gibt h ier also keine perpetuatio fori wie im Zivilprozess). Praktische E rwägungen gebieten jedoch eine vernünftige Einschränkung dieser betrei bungsrechtlichen Regel. Darum bestimmt das Gesetz für die verschiede nen Betreibungsarten je einen Zeitpunkt, von dem an der Betreibungsort unverrückbar bleibt. In der Pfändungsbetreibung ist ein Domizil - wechsel des Schuldners nach der Pfändungsankündigu ng unbeacht- lich (Art. 53 SchKG; Amonn/Walther, Grundriss des Schuldbetrei - bungs- und Konkursrechts, 8. Auflage, Bern 2008, § 10 N 3 9 f.). Alle Gläubiger, die innert 30 Tagen nach dem Vollzu g einer Pfändung ihrerseits das Fortsetzungsbegehren stelle n, nehmen an derselben teil (Art. 110 Abs. 1 SchKG). Der Pfändungsanschluss setzt im Einzelnen also den Vollzug einer Hauptpfändung v oraus, an die sich weitere Gläubiger überhaupt anschliessen könne n. Sodann müssen gegen den Schuldner – aus anderen Betreibungen – weitere Fortsetzungsbegehren vorliegen (Amonn/Walther, a.a.O., § 25 N 7 ff.). Im Folgenden gilt es das Verhältnis dieser beiden B estimmungen zueinander zu prüfen. Der Beschwerdeführer geht davon aus, dass ein Domiz ilwechsel des Schuldners während der 30 -tägigen Anschlussfrist nach Art. 110 Abs. 1 SchKG für weitere Gläubiger keine Auswirkungen zu r Folge hat und das Betreibungsverfahren an dem Ort durchzu führen ist, an dem der Pfändungsvollzug erfolgt ist, der die Ansch lussfrist ausgelöst 102B. Gerichtsentscheide 3524 103 hat. Nach Auffassung des beschwerdebeklagten Betrei bungsamtes verhindert ein Domizilwechsel des Schuldners zwar n icht, dass ein Gläubiger Anschluss an eine bestimmte Gläubigergrup pe erlangen kann, das Fortsetzungsbegehren jedoch beim Betreibu ngsamt am neuen Wohnsitz des Schuldners zu stellen ist. Eine trotz Wohnsitzwechsels am alten Wohnsitz erlas sene Pfändungsankündigung ist nichtig ( Ernst F. Schmi d, Basler Kommentar, SchKG I, Basel/Genf/München 1998, N 5 zu Art. 53 SchKG). Gläubiger, die innerhalb der von der Pfändu ng am früheren Wohnsitz an laufenden Teilnahmefrist am neuen Wohno rt das Pfändungsbegehren stellen, können sich jener Pfändu ng am alten Wohnort anschliessen, auch Nach - und Ergänzungspfändungen können am früheren Orte verlangt werden ( Ernst F. Schmid , a.a.O., N 9 z u A r t . 53 SchKG; Carl Jaeger , Bundesgesetz über Schuldbe - treibung und Konkurs, 4. A., Zürich 1997, N 14 zu A rt. 110 SchKG). Bei Wohnsitzwechsel des Schuldners (Art. 53 SchKG) ist davon auszugehen, dass die Regeln über die Gruppenbildung anwendbar bleiben, auch wenn die Fortsetzungsbegehren teilwei se am alten und teilweise am neuen Wohnsitz gestellt werden. Nach B GE 27 I 593 eröffnet Art. 110 SchKG allen Gläubigern die Möglichkeit zum Anschluss, sofern sie in der Lage sind, fristgerech t ein Fort - setzungsbegehren zu stellen; es gibt ein räumlich a llgemeines Recht zum Anschluss, das nicht auf einen Betreibungskreis beschränkt ist. Der Pfändungsanschluss ist durch Requisitionsbegehren des Betrei - bungsamtes, das für die Betreibungen der betreffend en Gläubiger zuständig ist, namens derselben zu verlangen ( Ingrid Jent Sorensen , Basler Kommentar, SchKG II, Basel/Genf/München 1998, N 27 zu Art. 110 SchKG). Das Weiterbestehen des Betreibungsortes gilt somit nur für diejenigen Gläubiger, die mit ihrer Betreib ung das in Art. 53 SchKG genannte Verfahrensstadium erreicht haben ( Carl Jaeger , a.a.O., N 5 zu Art. 53 SchKG). Aus den Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführe r im Zeit - punkt des Domizilwechsels des Schuldners das in Art . 53 SchKG erwähnte Verfahrensstadium, das heisst die Ankündig ung der Pfän - dung, noch nicht erreicht hatte. Demzufolge ist die Betreibung des Beschwerdeführers von dem am neuen Wohnort des Schu ldners zuständigen Betreibungsamt Appenzeller Vorderland w eiterzuführen und das Betreibungsamt Appenzeller Mittelland hat s ich für das Fort - setzungsbegehren des Beschwerdeführers grundsätzlic h zu recht als 103B. Gerichtsentscheide 3525 104 örtlich unzuständig erklärt. Im Übrigen ist der Ver fahrensablauf, wie ihn das Betreibungsamt Appenzeller Mittelland skizz iert hat, korrekt. AB SchK, 27.08.2008 3525 Rechtsstillstand wegen schwerer Erkrankung ( Art. 61 SchKG). Entgegen dem Wortlaut der Bestimmung reicht eine sc hwere Krank - heit allein nicht aus, um einen Rechtsstillstand zu begründen. Der Rechtsstillstand muss vielmehr aufgrund der gesamte n Umstände als gerechtfertigt erscheinen. Aus den Erwägungen: Das Betreibungsamt kann einem schwerkranken Schuldn er für eine bestimmte Zeit Rechtsstillstand gewähren (Art. 61 SchKG). Die Gewährung des Rechtsstillstands setzt eine schw ere Krankheit voraus. Keine schwere Krankheit sind Schwangerschaf t und Nieder - kunft, auch nicht eine depressive Verstimmung des S chuldners zufolge seiner finanziellen Bedrängnisse. Immerhin kann auch in diesen Fällen bei schwerwiegenden Komplikationen da s Tatbestands- merkmal der schweren Krankheit erfüllt sein ( Thomas Bauer , Basler Kommentar, SchKG I, Basel 1998, N 4 zu Art. 61 SchKG mit Ver - weisen). Ob der Beschwerdeführer hier schwer krank im Sinne des Ge - setzes ist, ist für die Aufsichtsbehörde zumindest fraglich. Denn gemäss dem ärztlichen Zeugnis trat bezüglich der ak uten psychischen Dekompensation, welche im letzten Jahr zu einer sta tionären Behandlung führte, im Verlaufe der anschliessenden Beh andlung eine Besserung des psychischen Zustandes ein. Mit Blick auf die nachfolgenden Ausführungen braucht diese Frage inde ssen nicht abschliessend behandelt zu werden. Entgegen dem Wortlaut der Bestimmung reicht eine sc hwere Krankheit allein nämlich nicht aus, um einen Rechts stillstand zu begründen. Vielmehr muss der Rechtsstillstand aufgr und der gesam - ten Umstände als gerechtfertigt erscheinen. Mit die sem zusätzlichen Erfordernis wird entweder die Auswirkung der schwer en Krankheit auf den Schuldner, oder aber die erhoffte Wirkung des R echtsstillstands 104