B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1716/2020 U r t e i l v o m 2 2 . A p r i l 2 0 2 0 Besetzung Richter Lorenz Noli (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richterin Barbara Balmelli, Gerichtsschreiber Kevin Schori. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, BAZ (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (verkürzte Beschwerdefrist); Verfügung des SEM vom 18. März 2020. E-1716/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer suchte am 26. November 2019 in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Personalienaufnahme (PA) vom 29. Novem- ber 2019, der Erstbefragung (EB) vom 14. Februar 2020 und der Anhörung vom 6. März 2020 machte er im Wesentlichen Folgendes geltend: Er sei kurdischer Ethnie, gehöre den (…) an und stamme aus dem Dorf B._______ in C._______. In den Neunzigerjahren habe er während zwei Jahren an der Universität, wo er (…) studiert habe, dem Jugendaufbau der PKK (Partiya Karkarên Kurdistanê, Arbeiterpartei Kurdistans) angehört und diesen geleitet; danach habe er es vorgezogen, sich für die legalen Par- teien einzusetzen. Von seiner zweiten Frau, D._______, sei er seit (…) ge- schieden, habe aber bis (…) weiterhin mit ihr zusammen in E._______ ge- wohnt. D._______ sei von (…) bis (…) Co-Präsidentin der lokalen HDP (Halklarin Demokratik Partisi)-Sektion gewesen, sei aber inzwischen poli- tisch nicht mehr aktiv. Er selber sei in der (…) und zuletzt für eine (…)firma in Istanbul tätig gewesen. Im Weiteren habe er sich als Präsident eines regionalen Vereins für (…) in E._______ und ab 2017 als Mitglied der HDP engagiert. Er habe an Parteiveranstaltungen der HDP teilgenommen und sei (…) sowie (…) für die Partei als (…) tätig gewesen. 2015 habe er zudem für einen Abgeordneten der HDP Wahlpropaganda betrieben. Überdies habe er auf regionaler Ebene Kaderpersonen der HDP ausgebildet und diesen dabei Wirtschafts- beziehungsweise ökologische Gesellschaftsmo- delle aufgezeigt. Gemeinsam mit einer weiteren Person sei er Autor dreier Schriften. Darin hätten sie sich mit den (…) befasst und ein (…) aufgezeigt. Die dritte Schrift enthalte ein Wahlprogramm betreffend die Wahlen von 2015. Er sei insgesamt viermal festgenommen worden. Im Jahr (…) sei er zu- sammen mit (…) weiteren Personen aufgrund der Teilnahme an einer Newroz-Feier von der Polizei für (…) Tage festgehalten und unmenschlich behandelt worden. Im Jahr (…) sei er vom Gendarmerie-Geheimdienst für (…) Tage wegen Opposition g egen Umweltzerstörung beziehungsweise Unterstützung eines Umweltpolitikers inhaftiert und bedroht worden. Er sei einer der Wortführer sowie Mitbegründer einer Bewegung gewesen, wel- che sich gegen (…) eingesetzt habe. Im Jahr (…) sei er zusammen mit (...) aufgrund einer Anzeige gegen (…) erneut (…) vom Gendarmerie-Geheim- dienst inhaftiert worden. Dabei sei er verhört und misshandelt worden. Als einer der Beamten hinter ihm in die Luft geschossen habe, habe er einen E-1716/2020 Seite 3 Zusammenbruch erlitten. Man habe ihn in ein Spital gebracht, wo er einen Herzstillstand erlitten und habe reanimiert werden müssen, worauf er ent- lassen worden sei . Am (…) und (…) 2017 sei sein Haus in E._______ durchsucht worden, wobei er und D._______ am (…) 2017 von der ge- wöhnlichen Gendarmerie festgenommen worden seien. Er sei am selben Tag wieder freigelassen worden, während gegen D._______ wegen Unter- stützung und Unterkunftsgewährung für die PKK ein Verfahren eröffnet worden sei, welches wohl weiterhin hängig sei. Des Weiteren sei er vom Gendarmerie-Geheimdienst in den Jahren 2009 bis 2013 regelmässig be- schattet, beleidigt und bedroht worden. Im Jahr 2016 bis zur Verhaftung seiner Ex-Frau seien die Beschattungen fortgeführt worden. Ab 2017 habe er sich an anderen Adressen aufgehalten. Nach den Wahlen Ende Juni 2018 sei er wiederum beobachtet und bedroht worden, woraufhin er nach Istanbul gezogen sei und dort für eine (...)firma gearbeitet habe. Der Inha- ber der (...)firma sei in der Folge vom Gendarmerie-Geheimdienst ebenfalls bedroht worden, weshalb sein Arbeitgeber ihm im (…) 2019 offiziell gekün- digt habe. Er habe aber in der Folge weiter für denselben Arbeitgeber un- angemeldet weitergearbeitet. Im Rahmen einer breit angelegten Operation gegen HDP-Unterstützer habe der Gendarmerie-Geheimdienst bei ihm Zu- hause in E._______ am (…) 2019 eine Razzia durchgeführt und dabei ver- schiedene Gegenstände beschlagnahmt. Aufgrund dieser Razzia nehme er an, dass man ihn wegen seiner politischen Aktivitäten verhaften sowie verhören wolle und ihn der PKK-Mitgliedschaft respektive deren Unterstüt- zung beschuldige. Am (…) 2019 habe er die Türkei illegal auf dem Land- weg verlassen und sei in die Schweiz gereist. Nach seiner Ausreise sei sein Sohn mehrfach vom Gendarmerie-Geheim- dienst nach seinem Verbleib und dem Grund für das Nichtabholen der per- sönlichen Gegenstände gefragt worden. Auch sein Bruder sei nach ihm gefragt worden. Sein Sohn und seine jüngere Tochter seien mit D._______ inzwischen nach Deutschland ausgereist. Bisher sei noch kein strafrechtli- ches Verfahren gegen ihn eingeleitet worden; er wisse nicht, ob ein Haft- befehl bestehe oder ob er offiziell gesucht werde. A.b Mit Schreiben vom 21 . Februar 2020 forderte die Vorinstanz den Be- schwerdeführer auf, offizielle Dokumente, welche die Razzia vom (…) 2019 bestätigen könnten, nachzureichen. Dazu nah m er respekti ve seine Rechtsvertretung am 4. März 2020 Stellung, entsprechende Dokumente wurden keine eingereicht. A.c Der Beschwerdeführer reichte folgende Beweismittel zu den Akten: E-1716/2020 Seite 4 – eine Kopie eines Antragsformulars für seine Mitgliedschaft bei der HDP sowie eine entsprechende Empfangsbestätigung im Original; – Screenshots von Medienberichten betreffend die Festnahme seiner Ex- Frau vom (…) 2017 sowie die Operation vom (…) 2019; – drei Schriften in elektronischer Form, welche er als Mitautor verfasst habe; – eine Bestätigung der Wahlkommission F._______ für seine Tätigkeit als (…) im Jahr (…) im Original; – ein Dokument im Original der Versammlung des regionalen Vereins, deren Vorsitzender er sei sowie eine Busse im Original, die gegen die- sen Verein ergangen sei; – diverse Dokumente betreffend die Arbeit in Istanbul sowie Dokumente betreffend seine Arbeit in der (…); – Ausdrucke dreier Fotos von Kundgebungen in der Schweiz; – Ausdrucke von Fotos eines Protokolls betreffend die Hausdurchsu- chung, Beschlagnahmung und Festnah me seiner Ex -Frau im Jahr 2017; – Ausdruck des Fotos eines Schreibens seines Bruders und des Vizeprä- sidenten seines Vereins. B. Am 13. März 2020 gab das SEM dem Beschwerdeführer Gelegenheit, sich zum Entscheidentwurf zu äussern. Die Stellungnahme erfolgte mit Schrei- ben vom 17. März 2020. C. Mit Verfügung vom 18. März 2020 – eröffnet gleichentags – verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie seine Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an und händigte ihm die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus. Auf die Begründung wird – soweit wesent- lich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. D. Mit Beschwerde vom 25. März 2020 an das Bundesverwaltungsgericht be- antrage der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfü- gung, die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl, eventualiter die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit oder Un- zumutbarkeit der Wegweisung (recte: des Wegweisungsvollzugs) sowie subeventualiter die Aufhebung der angefochtenen Verfügung unter Rück-E-1716/2020 Seite 5 weisung der Sache an die Vorinstanz zwecks Neubeurteilung. In prozessu- aler Hinsicht beantragte er die Gewährung einer angemessenen Nachfrist zwecks Beschwerdeergänzung sowie der unentgeltlichen Rechtspflege in- klusive Kostenvorschussverzicht. E. Mit Zwischenverfügung vom 31. März 2020 gewährte der Instruktionsrich- ter dem Beschwerdeführer eine Frist zur Einreichung einer Beschwerdeer- gänzung. Am 3. April 2020 reichte der Beschwerdeführe r eine Beschwerdeergän- zung ein. Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in den nachfol- genden Erwägungen eingegangen. F. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 26. März 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR 142.31]). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül- tig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 E-1716/2020 Seite 6 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die S chweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massna hmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz befand in ihrem Asylentscheid, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers weder den Anforderungen an die Flüchtlingseigen- schaft gemäss Art. 3 AsylG, noch denjenigen an die Glaubhaftigkeit ge- mäss Art. 7 AsylG standhielten. Seine Ausführungen zur Beschattung und Bedrohung durch den Gendar- merie-Geheimdienst seien vage, wenig substanziiert und teilweise wider- sprüchlich ausgefallen. Beispielsweise habe er anlässlich der EB – dazu befragt, woran er bemerkt hätte, dass es sich bei einer Beschattung (…) 2018 um den Gendarmerie-Geheimdienst handle – ausgeführt, die Person am Steuer des Fahrzeugs vom Verhör im Jahr (…) an deren Aussehen wiedererkannt und keine weiteren Informationen über sie zu haben. Dem- gegenüber habe er an der Anhörung geschildert, ins Fahrzeug genommen E-1716/2020 Seite 7 worden zu sein. Dort seien drei Personen gewesen, wobei eine Person sich als Leutnant G._______ vom Gendarmerie-Geheimdienst vorgestellt habe. Dieser Leutnant sei bei seinem Verhör im Jahr (…) sowie bei vielen Aktivitäten – beispielsweise an Veranstaltungen und Kundgebungen – da- bei gewesen und bei Angehörigen seiner Partei bekannt. Er habe sich nur an seine Stimme erinnern können, sonst an nichts, da seine Augen wäh- rend den Folterungen verbunden gewesen seien und er überhaupt nichts habe sehen können. Diese unterschiedliche Schilderung habe er auf Nach- frage nicht erklären können und es sei ihm nicht gelungen, dieses Vorbrin- gen glaubhaft zu machen. Vor diesem Hintergrund sei auch nicht nachvoll- ziehbar, weshalb der Gendarmerie-Geheimdienst (…) 2019 seinen Arbeit- geber in Istanbul seinetwegen hätte bedrohen sollen. Es sei unklar, wes- halb sein Arbeitgeber und nicht er persönlich bedroht worden sei – diese Vorgehensweise widerspreche der Logik des Handelns. Somit erweise sich auch dieses Vorbringen als unglaubhaft. Seine Übrigen Vorbringen seien nicht asylrelevant. Die von ihm geltend gemachten Tätigkeiten für die (legale) HDP , sein politisches Engagement und ein darauf beruhendes behördliches Interesse an seiner Person ge- nüge nicht, um eine begründete Furcht vor zukünftiger asylrelevanter Ver- folgung anzunehmen. Aus seinen Aussagen gehe nicht hervor, dass er in einer besonders exponierten Stellung für die H DP tätig gewesen sei. Zu- dem mangle es den von ihm geltend gemachten Festnahmen in den Jah- ren (…), (…) und (…) an einem in zeitlicher und sachlicher Hinsicht genü- gend engen Kausalzusammenhang mit seiner Ausreise. Bezüglich der Festnahme im Jahr 2017 habe er ausgeführt, dass diese ausschliesslich auf die politischen Aktivitäten seiner Ex-Frau zurückzuführen sei und man ihn selber noch am gleichen Tag wieder habe gehen lassen. Entsprechend werde er in den von ihm eingereichten Beweismitteln im Zusammenhang mit diesem Ereignis auch gar nicht genannt, und ihm seien in diesem Zu- sammenhang auch keinerlei Dokumente betreffend seine Person bekannt, während gegen seine Ex-Frau ein Strafverfahren eröffnet worden sei. Betreffend die Razzia am (…) 2019 führte die Vorinstanz aus, dass diese gemäss dem Beschwerdeführer im Rahmen einer breitangelegten Opera- tion gegen Aktivisten der HDP stattgefunden habe, womit den Akten keine Hinweise zu entnehmen seien, dass diese Operation ihm im Speziellen ge- golten habe. Vor diesem Hintergrund sowie unter Berücksichtigung seines politischen Profils sei nicht nachvollziehbar, dass die heimatlichen Behör- den ein gesteigertes Interesse an seiner Person gehabt hätten, zumal ge- gen ihn bis dato auch kein Strafverfahren eröffnet worden sei. Er ha be E-1716/2020 Seite 8 überdies selber angegeben, weder Kenntnis noch konkreten Grund zur An- nahme zu haben, in der Türkei offiziell gesucht zu werden oder dass gegen ihn ein Haftbefehl erlassen worden sei, zumal es nicht möglich sei, auf of- fiziellem Weg an solche Informatione n zu kommen. Seine Erläuterungen hätten jedoch nicht zu erklären vermocht, weshalb er nicht versucht habe in Erfahrung zu bringen, was seitens der heimatlichen Behörden gegen ihn vorliege. Es sei auch nicht davon auszugehen, dass die heimatlichen Be- hörden bei konkreten Anhaltspunkten für ein illegales Verhalten seinerseits gezögert hätten, ebenfalls ein Strafverfahren gegen ihn zu eröffnen und ihn darüber in Kenntnis zu setzen. Ohnehin sei hinsichtlich der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens ein ausdrücklicher Vorbehalt anzubringen. Es bestehe somit keine beachtliche Wahrscheinlichkeit, dass sich seine Befürchtun- gen, inhaftiert und verhört zu werden, in absehbarer Zukunft verwirklichen würden. Im Übrigen sei unklar, inwiefern seine (…) sowie die geschilderten Ereig- nisse in den Jahren (…) und (…) ursächlich zusammenhingen. Es sei ihm trotz seiner psychischen Probleme nach den beschriebenen Ereignissen möglich gewesen, weiterhin in der Türkei zu leben und einer Erwerbstätig- keit nachzugehen. Zudem fehle es diesen Ereignissen am erforderlichen zeitlichen und sachlichen Kausalzusammenhang mit seiner Ausreise. Folg- lich sei das Vorliegen von «triftigen Gründen» für die Aner kennung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund einer Langzeittraumatisierung zu vernei- nen. 4.2 Zur Begründung seiner Beschwerde machte der Beschwerdeführer zu- nächst geltend, dass seine Langzeittraumatisierung und Depression die Qualität seiner Aussagen beeinträchtigt hätten und bei der Prüfung der Glaubhaftigkeit zu berücksichtigen seien. Sein Aussagestil sei in Bezug auf alle geltend gemachten Ereignisse konsistent gewesen , und er habe be- reits an den Anhörungen auf gesundheitliche sowie psychische Probleme hingewiesen. Angesichts dessen seien seine Aussagen zu den Beobach- tungen und Beschattungen detailliert, lebensnah sowie mit Nebensächlich- keiten ausgestattet und stimmten mit der bekannten Vorgehensweise der Behörden überein. Zur Wiedererkennung der beschattenden Personen im Jahr 2018 führte er ergänzend aus, dass er diese eine Person bereits vor seiner Festnahme (…) vom Sehen her gekannt und anlässlich der Fest- nahme auch gesehen habe. Während des Verhörs seien seine Augen je- doch verbunden gewesen, weshalb er sich an die Stimme sehr gut habe erinnern können. Auch stelle die Tatsache, dass er an der EB im Gegensatz E-1716/2020 Seite 9 zur Anhörung nicht spezifisch erwähnt habe, in ein Fahrzeug gebracht wor- den zu sein, keinen Widerspruch dar. Zur Bedrohung seines Arbeitgebers führte er aus, dass die türkischen Behörden nicht immer logisch handeln würden. Es sei Zufall gewesen, dass der Gendarmerie -Geheimdienst mit seinem Arbeitgeber geredet habe, da er ebenfalls das Telefon des Arbeit- gebers benutzt habe. Es sei zudem eine gängige Taktik, Personen im Um- feld der verfolgten Person einzuschüchtern, weshalb das Vorgehen der tür- kischen Behörden nicht zwingend der Logik des Handelns widerspreche. Die Razzia im (…) 2019 habe er übereinstimmend und detailreich geschil- dert. Aus der Tatsache, dass er selber die Razzia nicht miterlebt habe, könne kein nachteiliger Schluss in Bezug auf die Glaubhaftigkeit gezogen werden. Zur Verfügbarkeit von Dokumenten sei der vom SEM selbst zitier- ten Schnellrecherche der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) zu ent- nehmen, dass der Hausdurchsuchungsbefehl nicht ohne weiteres erhält- lich sei. Auch sei seinem Bruder gesagt worden, dass der Hausdurchsu- chungsbefehl nur der betroffenen Person ausgehändigt werde. Er habe auch keinen Anwalt engagieren können, der den Entsche id angefochten hätte. Die Asylrelevanz seiner Vorbringen ergebe sich aus den während Jahren erfolgten Schikanen und Repressalien seitens der türkischen Behörden. Diese beruhten auf seiner pro-kurdischen Ausrichtung und damit auf einem asylrelevanten Motiv. Die erlittenen Nachteile in den Jahren (…) und (…) erreichten in ihrer Intensität ohne Weiteres die Schwelle von Art. 3 AsylG. Zusammengenommen hätten diese Ereignisse zu einem nicht länger aus- haltbaren psychischen Druck geführt, weswegen er unter einem Langzeit- trauma und bis heute andauernden gesundheitlichen Problemen leide. Das Bundesverwaltungsgericht anerkenne schliesslich auch, dass bereits ein- fache Sympathisanten der pro-kurdischen Parteien begründete Furcht vor Verfolgung hätten. 5. 5.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu- chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von best immter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-E-1716/2020 Seite 10 matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zug efügt worden sind, be- ziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1, 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5). Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk- lichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be- drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der be- troffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver- gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass- nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub- jektive) Furcht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2). 5.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass die Verfügung der Vorinstanz im Resultat zu stützen ist. Zu- nächst sind an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen bezüglich der Beschat- tungen und Bedrohungen durch den Gendarmerie -Geheimdienst erhebli- che Zweifel zu äussern. Das Gericht schliesst sich diesbezüglich den ent- sprechenden Erwägungen der Vorinstanz an (vgl. anfochtene Verfügung, E. II Ziff. 1). Die hierzu getätigten Erklärungsversuche des Beschwerdefüh- rers in seiner Beschwerdeergänzung vermögen nicht zu überzeugen. Auf- grund der nachfolgend aufgezeigten ohnehin fehlenden Asylrelevanz die- ser Vorbringen kann jedoch auf eine ausführliche Glaubhaftigkeitsprüfung verzichtet w erden. Die Argumentation des Beschwerdeführers in seiner Rechtsmitteleingabe vermag insgesamt nicht zu überzeugen. 5.2.1 Zunächst ist betreffend die geltend gemachten Verhaftungen in den Jahren (…), (…), (…) und 2017 festzustellen, dass es diesen offensichtlich an einem zeitlichen und sachlichen genügend engen Kausalzusammen- hang mit der Ausreise des Beschwerdeführers im (…) 2019 fehlt. Seiner Argumentation, dass der Kausalzusammenhang dieser Ereignisse im Ge- samtkontext und unter Berücksichtigung seines Langzeittraumas gegeben sei, ist nicht zu folgen. Bei Wahrunterstellung wäre allenfalls von einer ho- hen Intensität der erlittenen Nachteile (Misshandlung, Nervenzusammen- bruch nach überraschender Schussabgabe in unmittelbarer Nähe und an- schliessendem Herzstillstand im Spital) anlässlich der Verhaftung und des Verhörs im Jahr (…) gemäss Art. 3 AsylG auszugehen. Dennoch bewegte E-1716/2020 Seite 11 ihn dieses Ereignis damals nicht zur Flucht und er blieb noch insgesamt (…) Jahre lang in der Türkei. B is zu seiner Ausreise im (…) 2019 kam es zu keinen weiteren derartigen Vorfällen. Die kurze eintägige Festnahme im (…) 2017 – wobei nicht er, sondern ausschliesslich seine Ex-Frau die ei- gentliche Zielperson gewesen sei und er abgesehen von der Konfiszierung seines Computers keine weiteren Nachteile zu gewärtigen gehabt habe (vgl. Akte 27, F179, F227 ff., F278 ff.) – ist als niederschwellig zu betrach- ten. Dies vermag nicht zu einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfol- gung zu führen und ist somit nicht asylrelevant . Er machte zwar geltend, zwischen 2009 und 2013, sowie von 2016 bis zur Verhaftung seiner Ex - Frau und danach wiederum ab Juni 2018 vom Gendarmerie-Geheimdienst beschattet und eingeschüchtert worden zu sein (vgl. Akte 27, F245 ff.). Von einem konkreten und ausgeprägten Interesse der Behörden an seiner Per- son zum damaligen Zeitpunkt ist jedoch nicht auszugehen. Dies zumal ge- gen ihn weder im Anschluss an die Razzia noch im (…) 2018, als er sich auf dem Polizeiposten nach seinem beschlagnahmten Computer erkundigt habe (vgl. A27, F280 f.), irgendwelche behördliche Massnahmen ergriffen wurden und er keine weiteren Massnahmen zu gewärtigen hatte . Weiter wurde – im Unterschied zu seiner Ex-Ehefrau – kein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Auch die vom Beschwerdeführer angesprochene, angeblich grundlos ausgesprochene Busse gegen seinen Verein vom (…) 2017 ist bestenfalls als behördliche Schikane zu bezeichnen (vgl. A27, F348); Asyl- relevanz käme dieser aber nicht zu. Es ist mit Blick auf die Argumentation des Beschwerdeführers auch nicht ersichtlich, weshalb erst die Razzia im Jahr 2019 – an welcher er nicht einmal zugegen gewesen sei – und nicht bereits seine Festnahme im Jahr 2017 zur Flucht führte. Auch in objektiver Hinsicht ist in der bloss eintägigen Verhaftung im Jahr 2017 kein Zusammenhang mit der geltend gemachten – und schliesslich fluchtauslösenden – Razzia im Jahr 2019 ersichtlich, zu- mal diese im Rahmen einer ausschliesslich gegen die Aktivitäten seiner Ex-Frau gerichteten Operation erfolgte, in deren Rahmen er sich g egen ihre Verhaftung gewehrt habe und es in der Folge zu einer offiziellen Stra- funtersuchung gegen seine Ex -Frau gekommen sei (vgl. A27, F229). Da diese Verhaftung weder auf einem asylrelevanten Motiv beruhte noch ir- gendwelche asylrelevanten Nachteile für ihn zur Folge hatte, ist dieses Er- eignis als mögliches Glied in der Kausalkette untauglich. Gegen das Vorhandensein eines effektiven Verfolgungsinteresses der tür- kischen Behörden (noch Anfang 2019) spricht ausserdem, dass der Be- schwerdeführer im Rahmen se iner Tätigkeit für die in Istanbul ansässige E-1716/2020 Seite 12 (...)firma noch im (…) 2019 – also damit zeitlich bereits nach der angeblich gegenüber seinem Arbeitgeber ausgesprochenen Drohung des Gendar- merie-Geheimdienstes – legal per Flugzeug nach H._______ aus- und in der Folge auch komplikationslos wieder eingereist sei (vgl. Akte 32, F355). Zusätzlich spricht dieses Verhalten auch aus subjektiver Sicht klar gegen das Vorhandensein einer begründeten Furcht vor Verfolgung. Seine dies- bezügliche Erklärung, dass der Gendarmerie -Geheimdienst wohl einfach nicht mit den offiziellen Behörden zusammenarbeite und die Behörden nicht gleich arbeiteten wie in Europa, überz eugt nicht ansatzweise (vgl. Akte 32, F357). Dies ist eine reine Vermutung. Hinzu kommt, dass für ihn in diesem Fall gleichwohl ein erhebliches Risiko bestanden hätte, bei der Aus- oder Einreise am Flughafen aufgegriffen zu werden; ein Risiko, dem sich der Beschwerdeführer kaum willentlich und wissentlich selber freiwillig ausgesetzt hätte. Nach dem Ausgeführten ergeben sich aus den Akten keine Anzeichen für ein asylrelevantes Verfolgungsinteresse der Behörden an der Person des Beschwerdeführers im Zeitpunkt vor der Razzia im (…) 2019. Dieses Er- eignis ist daher nachfolgend gesondert zu betrachten. 5.3 Wie der Beschwerdeführer ausführte, fand am (…) 2019 in der Region eine grossangelegte Operation gegen Mitglieder und Unterstützer der HDP statt, in deren Rahmen auch bei ihm zuhause in seiner Abwesenheit eine Razzia durchgeführt worden sei, wobei die (reguläre) Gendarmerie seinen Reisepass, sein altes Telefon sowie Bücher und Notizen beschlagnahmt habe. Dabei sei seitens der Polizei gegenüber seinen anwesenden Kindern Gewalt angewendet worden (die Tochter sei geschlagen und an den Haa- ren gezogen und zusammen mit dem Sohn im Schlafzimmer bäuchlings zu Boden gelegt worden ), und man habe ihnen gesagt, er solle vorbeikom- men, um seine Sachen abzuholen (vgl. Akte 27, F278; Akte 33, F43). Aus den Akten sind jedoch keine objektiven Anzeichen ersichtlich, dass dem Beschwerdeführer aufgrund dieser Razzia asylrelevante Nachteile gedroht hätten respektive drohen würden. Zum einen hätte es – unbesehen der Frage nach der Glaubhaftigkeit die- ses Vorbringens – dem Beschwerdeführer möglich sein müssen, entspre- chende Dokumente wie etwa einen Hausdurchsuchungsbefehl zu beschaf- fen. Diesbezüglich widerspricht sich der Beschwerdeführer gleich selbst, wenn er in seiner Beschwerdeeingabe auf der einen Seite unter Berufung auf eine SFH-Schnellrecherche ausführt, dass ein Hausdurchsuchungsbe-E-1716/2020 Seite 13 fehl nicht ohne weiteres erhältlich sei und ein solcher wahrscheinlich ohne- hin nur für den Co -Präsidenten der Provinzsektion der HDP bestanden habe, sowie, dass die Razzia in einer «Geheimoperation» erfolgt sei (vgl. Akte 27, F318 ; Akte 32, S. 1 und Beschwerdeergänzung Bst. s ), auf der anderen Seite seinem Bruder und einem Freund auf dem Polizeiposten aber völlig offen und transparent gesagt worden sei, dass die Dokumente betreffend die fragliche Hausdurchsuchung nur an die betroffene Person ausgehändigt werden könnten (vgl. Beschwerdeergänzung Bst. s und Akte 33, F15). Es ist kaum anzunehmen, dass Polizeikräfte gegenüber Dritten Einsätze einer angeblichen Geheimoperation offen und transparent bere- den würden. Weiter ist auch nicht nachvollziehbar, weshalb die türkischen Behörden angeblich zwar gegen seine Ex-Ehefrau im Nachgang der Raz- zia transparent ein offizielles Strafverfahren einleiten, jedoch gegen den Beschwerdeführer selbst, der überhaupt nicht Zielperson der behaupteten Razzia war, bloss im Verborgenen «im Rahmen einer Geheimoperat ion» tätig sein sollten, für welche keinerlei Beweismittel erbringbar sein sollten. Ein entsprechendes behördliches Vorgehen wäre gänzlich widersprüchlich und logisch nicht nachvollziehbar. Vor diesem Hintergrund hätte es dem Beschwerdeführer folglich ohne weitere möglich sein müssen , und hätte von ihm auch erwartet werden können, vor Ort zumindest einen Anwalt zwecks Beschaffung einschlägiger Dokumente (Hausdurchsuchungsbe- fehl, sonstige sachdienliche Beweismittel) zu bevollmächtigen und diese im Asylverfahren einzureichen. In diesem Zusammenhang ist seine anläss- lich der Anhörung getätigte Aussage, dass es in der Türkei keine Lösung sei, einen Anwalt zu engagieren, da diese ohnehin nichts unternehmen könnten, nicht nachvollziehbar und als reine Schutzbehauptung zu qualifi- zieren (vgl. Akte 33, F62 f.). Das gleiche gilt für seine Behauptungen in der Stellungnahme vom 4. März 2020, wonach seine Eltern und Geschwister nicht in der durchsuchten Wohnung gelebt hätten und sich die Ex-Frau und der Sohn heute in Deutschland befänden, weshalb diese ebenfalls keine Beweismittel für ihn besorgen könnten (vgl. Akte 32, S. 2). Da der Be- schwerdeführer über den Verbleib seiner Ex-Ehefrau anscheinend gut un- terrichtet ist, ist auch davon auszugehen, dass er zu ihr weiterhin Kontakte pflegt beziehungsweise entsprechende Kontakte aufnehmen könnte. Auch auf diesem Weg wäre es ihm möglich gewesen, Beweismittel und Unterla- gen hinsichtlich der behaupteten Razzia zu besorgen. Weiter führte der Beschwerdeführer aus, dass seine Freunde , welche bei dieser Operation festgenommen worden seien, entweder verhaftet, unter Hausarrest gestellt oder mit einem Ausreiseverbot belegt worden seien . Hierin ist aber noch keine asylrelevante Verfolgung zu erkennen. Er selber E-1716/2020 Seite 14 verneinte explizit, persönlich überhaupt konkreten Anlass zu haben, davon auszugehen, offiziell gesucht zu werden oder dass ein Haftbefehl gegen ihn bestehe (vgl. Akte 27, F189). Auch gegen seinen Freund in der Türkei, mit welchem er gemeinsam die ins Recht gelegten Schriften verfasst habe, wurde bisher keine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet (vgl. Akte 27, F308 ff.). Aus den Akten ergehen auch keine Hinweise, dass dieser ernst- hafte Nachteile erlitten hätte. Insgesamt ergibt sich aus den Akten nichts, was auf eine Einleitung ent- sprechender Massnahmen seitens der Behörden gegen den Beschwerde- führer und / oder eine asylrelevante Gefährdung im Zeitpunkt seiner Aus- reise hindeuten würde . An dieser Schlussfolgerung vermögen auch die vom Beschwerdeführer geltend gemachten psychischen Probleme nichts zu ändern, die ihn behauptungsweise an einer sachgemässen Schilderung seiner Asylvorbringen gehindert hätten. Hierzu kann zum einen auf die zu- treffenden Ausführungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. II / Ziffer 3). Zum anderen ist festzuhalten, dass den Schilderungen des Beschwerdeführers selbst bei Wahrunterstellung – wie dargestellt – keine Asylrelevanz zukommt. 5.4 Eine erlittene Vorverfolgung ist ausnahmsweise auch nach Wegfall ei- ner drohenden Verfolgungsgefahr (weiterhin) als asylrechtlich relevant zu betrachten, wenn eine Rückkehr in den früheren Verfolgerstaat aus zwin- genden, auf diese Verfolgung zurückgehenden Gründen nicht zumutbar ist. Bei dieser Auslegung von Art. 3 AsylG stützt sich das Bundesverwaltungs- gericht auf die entsprechende Formulierung der Ausnahmebestimmung von Art. 1C Ziff. 5 Abs. 2 des Abkommens über die Rechtstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 (FK, SR 0.142.30). Als zwingende Gründe in diesem Zusammenhang sind vorab traumatisierende Erlebnisse zu be- trachten, die es der betroffenen Person angesichts erlebter schwerwiegen- der Verfolgungen, insbesondere Folterungen, im Sinne einer Langzeittrau- matisierung psychologisch verunmöglichen, ins Heimatland zurückzukeh- ren (vgl. Urteil des BVGer E- 3842/2006 vom 20. Dezember 2010 E. 5.2.2. unter Hinweis auf BVGE 2007/31 E. 5.4). Eine solche Konstellation ist vorliegend offenkundig nicht gegeben. Zwar seien gemäss psychiatrischem Konsilium vom (…) 2020 die «psychopa- thologischen Auffälligkeiten mit Angstsymptomen und depressiver Sympto- matik […] im Rahmen einer Reaktion auf schwere Belastung nicht näher bezeichnet ([…]) DD PTSD ([…]) zu deuten» (sic!; vgl. Akte 28, S. 2). Dem E-1716/2020 Seite 15 Beschwerdeführer war es aber nach den behaupteten Vorfällen (…) wäh- rend (…) problemlos möglich, in der Türkei ein normales Leben zu führen, einer geregelten Arbeit nachzugehen und sich sogar politisch zu engagie- ren. Es besteht daher in casu kein Grund zu r Annahme, dass es ihm im Sinne einer Langzeittraumatisierung psychologisch unmöglich wäre, in die Türkei zurückzukehren. Der Beschwerdeführer erfüllt auch unter diesem Aspekt die Flüchtlingseigenschaft nicht. 5.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer zwar über ein gewisses (niederschwelliges) politisches Profil verfügte und er in der Vergangenheit deswegen wohl vereinzelte Nachteile zu gewärtigen hatte, es diesen aber an einem genügenden sachlichen und zeitlichen Kau- salzusammenhang mit seiner Ausreise fehlt und es ihm nicht gelungen ist, asylrelevante Vorfluchtgründe nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat folglich zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. 6. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent- haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet ( vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den E-1716/2020 Seite 16 Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrücksc hiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie je ner des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei- sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124– 127 m.w.H.). Dies gelingt ihm nicht. Auch die allgemeine Menschenrechts- situation in der Türkei lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit- punkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. E-1716/2020 Seite 17 7.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.4.1 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch - kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi- schen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in ver- schiedenen Provinzen im Südosten des Landes (im Einzeln en: Batman, Diyarbakir, Mardin, Siirt, Urfa und Van, anders als die Provinzen Hakkari und Sirnak, zu den Letzteren BVGE 2013/2 E. 9.6) sowie der Entwicklun- gen nach dem Militärputschversuch vom 15./16. Juli 2016 ist gemäss kon- stanter Praxis nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt oder bürger- kriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch nicht für Angehörige der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. statt vieler Urteile des BVGer E - 2377/2018 vom 27. August 2019, E. 8.4.1., D-8410/2015 vom 27. Juni 2019 E. 7.4 und E-6717/2019 vom 12. Dezember 2018 E. 7.3.2). 7.4.2 In individueller Hinsicht spricht ebenfalls nichts gegen die Zumutbar- keit des Wegweisungsvollzugs. Diesbezüglich kann vollumfänglich auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung (dort E. III Ziff. 2) verwiesen werden. Insbesondere ist hinsichtlich der psy- chischen Beschwerden unter Berücksichtigung des oben in Erwägung 5.5 Ausgeführten auch nicht von einer massgeblichen Verschlechterung bei ei- ner Rückkehr auszugehen, zumal in der Türkei entsprechende Behand- lungsmöglichkeiten vorhanden sind. 7.4.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 7.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). E-1716/2020 Seite 18 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz erübrigt sich. 9. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend wären die Kosten dem mit seinen Begehren unterlegenen Beschwerdeführer zu überbinden (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da sich die Beschwerde zum Zeitpunkt der Einreichung nicht als aussichtslos präsentierte und von der Bedürftigkeit des Beschwer- deführers auszugehen ist, ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen und auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) E-1716/2020 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Kevin Schori Versand: