Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 13. November 2019 (810 19 97) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung EU/EFTA / Vereinbarkeit der Massnahme mit dem Freizügigkeitsabkommen Besetzung Vizepräsident Daniel Ivanov, Kantonsrichter Marku s Clausen, Hans Furer, Daniel Häring, Niklaus Ruckstuhl, Gerichtsschreiberin i.V. Noëmie Schär Beteiligte A. ____, Beschwerdeführer, vertreten durch Roger Wirz, Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal, Beschwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung und We gweisung (RRB Nr. 377 vom 26. März 2019) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Der deutsche Staatsangehörige A.____ (geb. 1972) r eiste am 30. Juli 2007 in die Schweiz ein und ist seither im Besitz der Niederlassungsbe willigung EU/EFTA. A.____ hat sechs Kinder aus zwei Beziehungen, wobei B.____ (geb. 200 3) aus der mittlerweile geschiede- nen Ehe mit C.____ hervorging. B. Mit Urteil vom 16. April 2015 wurde A.____ durch d as Kreisgericht Werdenberg- Sarganserland wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern, mehrfachen Inzests, mehrfacher Pornographie nach Art. 197 Abs. 5 Satz 1 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs (StGB) vom 21. Dezember 1937 und Pornographie nach Ar t. 197 Abs. 5 Satz 2 StGB zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten und einer Geldstrafe vo n 40 Tagessätzen à Fr. 200.-- verurteilt. Der Vollzug von 24 Monaten der Freiheitsstrafe und der jenige der gesamten Geldstrafe wurde mit einer Probezeit von zwei Jahren aufgeschoben. Opfer der Straftaten von A.____ war seine Tochter B.____. C. Gegen diesen Entscheid erhob A.____ Berufung an d as Kantonsgericht St. Gallen. Mit Entscheid vom 21. November 2016 reduzierte das Kantonsgericht St. Gallen den Tagessatz auf Fr. 140.-- und verlängerte die Probezeit auf drei Jahre. Ausserdem wurde A.____ vom Vorwurf der mehrfachen Pornographie (35 Abbildungen nicht tatsächlicher Handlungen mit Minderjährigen über 16 Jahren) freigesprochen. In den restlichen Punkten wurde er für schuldig erklärt. D. Die von A.____ gegen den Entscheid des Kantonsgericht s St. Gallen erhobene Be- schwerde wies das Bundesgericht mit Urteil vom 12. Februar 2018 (6B_244/2017) ab. E. Das Amt für Migration des Kantons Basel-Landschaft (A fM, heute: Amt für Migration und Bürgerrecht [AfMB]) gewährte A.____ am 12. März 2 018 das rechtliche Gehör zum allfälli- gen Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung und der damit einhergehenden Wegweisung. Mit Schreiben vom 18. März 2018 nahm A.____ dazu Stellung. F. Mit Verfügung vom 6. September 2018 bzw. Rektifika t vom 10. September 2018 wider- rief das AfM die Niederlassungsbewilligung von A.____ und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz an. G. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch Roger Wirz, Advokat, am 24. September 2018 Beschwerde beim Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft (Regie- rungsrat), welche dieser mit Beschluss Nr. 2019-377 vom 26. März 2019 abwies. H. Mit Eingabe vom 8. April 2019 erhob A.____, vertr eten durch Roger Wirz, Advokat, gegen den Entscheid des Regierungsrats vom 26. März 2019 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltung srecht (Kantonsgericht). Er stellt das Begehren, es sei der angefochtene Entscheid vom 26. März 2019 bzw. das Rektifikat des AfM vom 10. September 2018 betreffend Widerruf der Niede rlassungsbewilligung und Wegweisung aufzuheben. Zudem sei ihm die unentgeltliche Rechtspf lege zu gewähren. Alles unter o/e- Kostenfolge. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht I. Mit Präsidialverfügung vom 8. August 2019 wurde der Fall der Kammer zur Beurteilung überwiesen. Dem Beschwerdeführer wurde für das vorlieg ende Verfahren die unentgeltliche Prozessführung und Verbeiständung bewilligt. J. Mit Eingabe vom 9. September 2019 reichte der Recht svertreter des Beschwerdefüh- rers seine Honorarnote ein. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kan tonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand nach § 44 VPO noch ein spezialgesetzli cher Ausschlusstatbestand vor- liegt, ist die Zuständigkeit des Kantonsgerichts zur B eurteilung der vorliegenden Angelegenheit gegeben. Der Beschwerdeführer ist durch den angefochte nen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung. Auch die weiteren formellen Voraussetzungen sind erfüllt, sodass auf die Beschwerde einzutreten ist. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können g emäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Festste llung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit ist dem Kanton sgericht dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen – untersagt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO). 3. Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob der Widerruf der Niederlassungsbewilligung und die damit einhergehend e Wegweisung des Beschwerdeführers zu Recht erfolgten. 4.1 Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in der Schweiz nur berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitz t oder wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 und 11 des Bundesgesetzes über die Ausländer innen und Ausländer und über die In- tegration [AIG] vom 16. Dezember 2005 [bis 31. Dezembe r 2018 und soweit im Folgenden die altrechtliche Fassung massgeblich ist: AuG; vgl. auch Art. 2 AuG). Die zuständige kantonale Behörde entscheidet in den Fällen nach Art. 18 ff. und 27 ff. AuG – im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften und Verträge mit dem Ausland – nach freiem Ermessen über die Zulassung zu einem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbstätigkeit. Ein en Rechtsanspruch auf die Erteilung einer Niederlassungsbewilligung hat die ausländische Person so mit grundsätzlich nicht, es sei denn, das AuG oder völkerrechtliche Verpflichtungen sehen die s vor (vgl. BGE 135 II 1 E. 1.1; P ETER UEBERSAX , in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], Ausländer- recht, 2. Aufl., Basel 2009, N 7.84 ff.). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 Auf Staatsangehörige von Mitgliedstaaten der Europ äischen Union ist das AuG nur insofern anwendbar, als das Abkommen zwischen der Schweize rischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren M itgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (Freizügigkeitsabkommen, FZA) vom 21. Ju ni 1999 keine abweichenden Bestim- mungen enthält oder dieses Gesetz günstigere Bestimmun gen vorsieht (Art. 2 Abs. 2 AuG). Das FZA regelt den Entzug der Niederlassungsbewilligun g nicht, weshalb die Art. 62 f. AuG Anwendung finden. Da der Widerruf der Niederlassungsb ewilligung einer Beschränkung der aus dem FZA fliessenden Rechte gleichkommt, hat der Be willigungsentzug den Anforderungen des FZA zu genügen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_741/2013 vom 8. April 2014 E. 2.1). 4.3.1 Der Beschwerdeführer ist im Jahr 2007 in die Schw eiz eingereist; er lebt folglich seit mehr als 12 Jahren hier. Gemäss Art. 63 Abs. 2 AuG kan n die Niederlassungsbewilligung auch in solchen Fällen entzogen werden, wenn die betreffende Person entweder in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstos- sen hat, diese gefährdet oder die innere oder äussere Sicherheit gefährdet (Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG). Massgeblich ist, ob der Ausländer besonders hochwer tige Rechtsgüter verletzt oder in Gefahr gebracht hat. Auch weniger gravierende Pflichtve rletzungen können als "schwerwie- gend" im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG bezeichne t werden, wenn eine Gesamtbetrachtung zeigt, dass sich die betreffende Person von strafrechtlichen Massnahmen nicht beeindrucken lässt, und künftig weder gewillt noch fähig erscheint, sich an die Rechtsordnung zu halten (vgl. BGE 139 I 31 E. 2.1; 139 II 121 E. 5.5.1). 4.3.2 Widerrufen werden kann die Niederlassungsbewill igung ferner, wenn die betreffende Person zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe verurte ilt oder gegen sie eine strafrechtliche Massnahme im Sinne von Art. 64 oder 61 StGB angeordnet worden ist (Art. 63 Abs. 1 lit. a AuG i.V.m. Art. 62 lit. b AuG). Keine Rolle spielt, ob die Sanktion bedingt, teilbedingt oder unbedingt ausgesprochen worden ist (BGE 139 I 31 E. 2.1). Als l ängerfristig gilt eine Freiheitsstrafe, wenn sie mehr als ein Jahr beträgt, wobei mehrere unterjährige Strafen nicht kumuliert werden dürfen (vgl. BGE 139 I 131 E. 2.1). 5.1 Der Regierungsrat erwog, mit der Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten habe A.___ einen Widerrufsgrund gesetzt. Durch die m ehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind sowie den mehrfachen Inzest habe er in schwe rwiegender Weise die physische, psychische und sexuelle Integrität seiner Tochter B.____ verletzt. Aufgrund seiner fehlenden Einsicht und des stetigen Bestreitens der Taten müsse nach wie vor von einer bestehenden Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ausgegangen we rden. Auch könnten die deliktfreien Jahre die Rückfallgefahr nicht relativieren, da während dieser Zeit das Strafverfahren hängig gewesen sei und sich A.____ im Strafvollzug befunden ha be. A.____ könne ferner aus der Tat- sache, dass das Kantonsgericht St. Gallen ihm keine ungünstige Prognose gestellt habe, nichts zu seinen Gunsten ableiten. Vielmehr sei zu berücksichtigen, dass das Straf- und Ausländer- recht unterschiedliche Zielsetzungen verfolgten; so ste he beim Ausländerrecht die Gewährleis- tung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Vorde rgrund, während das Strafrecht auf die Sanktionierung gewisser Verhaltensweisen bedacht sei. De m Regierungsrat zufolge sei kein milderes Mittel verfügbar, insbesondere führe eine au sländerrechtliche Verwarnung nicht zum Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht gleichen Ziel. Der Entscheid des AfM, A.____ die Nieder lassungsbewilligung im Rahmen des Ermessens nicht zu belassen, sei weder als Über- oder Unt erschreitung noch als Missbrauch des Ermessens zu werten. Der Widerruf der Niederlassung sbewilligung werde A.____ zwar vor Herausforderungen stellen, doch könne daraus nicht auf das Vorliegen eines Härtefalls ge- schlossen werden. 5.2 Der Beschwerdeführer macht demgegenüber geltend, der angefochtene Entscheid werde insbesondere den Anforderungen des FZA nicht g erecht. Eine schwerwiegende Rechts- güterverletzung könne nicht als Argument für das Bestehen eines Rückfallrisikos herangezogen werden; vielmehr bilde sie den Ausgangspunkt einer ent sprechenden Prüfung. Die ganze Argumentation der Vorinstanz führe dazu, dass der Bes chwerdeführer das Bestehen einer Rückfallgefahr widerlegen müsse. Ferner könne das Bestre iten von Deliktsvorwürfen nicht mit einer fehlenden Einsicht in die Strafbarkeit des vorge worfenen Verhaltens gleichgesetzt wer- den; trotzdem könne nämlich eine innere Auseinandersetzung mit den Deliktsvorwürfen stattfin- den. Anders könne höchstens entschieden werden, wenn tats ächlich ein krankhaftes Verhalten mittels eines psychiatrischen Gutachtens nachgewiesen sei. E in solches liege aber nicht vor und sei von keiner Instanz je verlangt worden. So könne aus der Tatsache, dass sich die dem Beschwerdeführer vorgeworfenen sexuellen Handlungen ü ber einen längeren Zeitraum er- streckt hätten, auch nichts zum bestehenden Rückfallrisiko abgeleitet werden, denn auf eine "nicht kontrollierbare und fast zwangsläufige Begehung" liesse sich wiederum nur anhand eines psychiatrischen Gutachtens schliessen. Gesamthaft würden alle weiteren Umstände des vorlie- genden Falles gegen eine bestehende Gefährdung der ö ffentlichen Sicherheit sprechen. So weise der Beschwerdeführer trotz seines Alters von 46 Jahren keine Vorstrafen auf und verfüge über einen tadellosen Leumund. Zudem hätten sich die Taten, für welche er verurteilt worden sei, unter besonderen, geradezu singulären Umständen a bspielen müssen; solche Umstände würden sich in Zukunft weder beliebig häufig noch mit grosser Wahrscheinlichkeit je wieder ein- stellen. Auch sei zu berücksichtigen, dass sich der Beschwerde führer während mehr als 5 ½ Jahren auf freiem Fuss und während eines halben Jahr es in Halbgefangenschaft befunden habe. Während dieser Zeit habe er sich nicht das Geringste zu Schulden kommen lassen. 6.1 Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer mit sein er Verurteilung zu 36 Monaten Freiheitsstrafe den gesetzlichen Widerrufsgrund gemäss Ar t. 63 Abs. 1 lit. a AuG i.V.m. Art. 62 Abs. 1 lit. b AuG gesetzt hat. Zu beurteilen ist, ob d er Widerruf der Niederlassungsbewilligung und die Wegweisung des Beschwerdeführers mit Art. 5 Anhang I FZA vereinbar sind. 6.2.1 Der Beschwerdeführer ist deutscher Staatsangehöri ger und in der Schweiz arbeitstätig, womit er sich auf das FZA berufen kann (Art. 4 FZA in Verbindung mit Art. 6 ff. Anhang I FZA). Das aus dem FZA fliessende Recht des Beschwerdeführers auf Aufenthalt und Ausübung einer Berufstätigkeit in der Schweiz kann nur aus Gründen de r öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Gesundheit eingeschränkt werden (Art. 5 Anhang I FZA). Nach Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 64/ 221/EWG – auf welche Art. 5 Abs. 2 Anhang I FZA verwe ist – darf bei Massnahmen der öffent- lichen Ordnung oder Sicherheit ausschliesslich das persönli che Verhalten der betreffenden Person ausschlaggebend sein. Art. 5 Anhang I FZA steht so mit Massnahmen entgegen, die (allein) aus generalpräventiven Gründen verfügt werd en (vgl. Urteil des Bundesgerichts Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2C_784/2014 vom 24. April 2015 E. 3.1). Eine strafrech tliche Verurteilung erfüllt dieses Kriteri- um, wenn die betreffende Person mit der begangenen T at ein persönliches Verhalten zeigt, welches eine künftige Gefährdung der öffentlichen Ordnung als wahrscheinlich erscheinen lässt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_981/2015 vom 13. April 2016 E. 2.1). 6.2.2 Ob die betreffende Person mit hinreichender Wa hrscheinlichkeit künftige Rechtsverlet- zungen begehen wird und damit eine hinreichend schwere und gegenwärtige Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit vorliegt, ist im Einzelfall anhand einer Gesamtbetrachtung sämtlicher Aspekte zu beurteilen (vgl. Urteil des Bunde sgerichts 2C_741/2013 vom 8. April 2014 E. 2.3). Massgeblich für die Beurteilung der Rückf allgefahr ist grundsätzlich der Zeitpunkt der Verfügung der aufenthaltsbeendenden Massnahme, es sei denn, dass zwischen ihrem Er- lass und der Überprüfung ihrer Rechtmässigkeit in einem G erichtsverfahren ein längerer Zeit- raum liegt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_784/2014 v om 24. April 2015 E. 3.2). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung dürfen an die Wahrschein lichkeit im Hinblick auf den Grundsatz der Freizügigkeit keine zu geringen Anforderungen gestellt werden. Eine Rückfallge- fahr besteht daher nicht nur, wenn ein Straftäter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich- keit wieder delinquieren wird; umgekehrt ist nicht erf orderlich, dass überhaupt kein entspre- chendes Restrisiko mehr besteht (vgl. Urteile des Bundesge richts 2C_270/2015 vom 6. August 2015 E. 4.1 und 4.2; 2C_406/2014 vom 2. Juli 2015 E. 4.2). Die Anforderungen hängen viel- mehr von der Schwere der möglichen Rechtsgüterverletz ungen ab; je schwerer die möglichen Rechtsgüterverletzungen wiegen, desto niedriger sind di e Anforderungen, welche an die hinzu- nehmende Rückfallgefahr zu stellen sind (vgl. Urteil de s Bundesgerichts 2C_903/2010 vom 6. Juni 2011 E. 4.3, nicht publ. in: BGE 137 II 233; BGE 136 II 5 E. 4.2, je mit Hinweisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 2C_485/2014 vom 22. Januar 2015 E. 2.2). Als schwerwie- gende Rechtsgutverletzungen gelten Beeinträchtigung en der physischen, psychischen und sexuellen Integrität, organisierte Kriminalität und namentlich Terrorismus, Menschenhandel und Drogenhandel (BGE 139 II 121 E. 6.3), wobei insbesondere dem Schutz der sexuellen Integrität von Kindern und Jugendlichen ein hoher Stellenwert zu kommt (vgl. Urteile des Bundesgerichts 2C_787/2015 vom 29. März 2016 E. 4.3; 2C_516/2014 vo m 24. März 2014 E. 4.1; 2C_903/2010 vom 6. Juni 2011 E. 3.1). 6.3.1 Ausgangspunkt für die Abschätzung der Wahrscheinl ichkeit einer erneuten Rechtsgut- verletzung bilden das Motiv bzw. die Umstände der frühe ren Tat. Diesbezüglich ist festzustel- len, dass der Beschwerdeführer die in Frage stehenden Straftaten im Rahmen seines familiären Umfelds, welches heute nicht mehr besteht, begangen hat. Der Beschwerdeführer ist mittlerwei- le von der Kindsmutter geschieden und verfügt nicht über das Sorgerecht für seine Kinder. Er ist in G.____ (BL) wohnhaft und in E.____ (BL) arbei tstätig, während die Kindsmutter zusam- men mit den Kindern in räumlicher Entfernung vom Beschw erdeführer im Kanton Bern lebt. Am 30. August 2018 liessen sich die Kinder des Beschwerdefüh rers zum geplanten Widerruf der Niederlassungsbewilligung vom AfM vernehmen und brachten – vertreten durch ihre Beiständin – zum Ausdruck, ihren Vater nur noch in Begleitung vo n anderen Familienangehörigen, insbe- sondere den Geschwistern, sehen zu wollen. Damit steht fest, dass der Beschwerdeführer nicht mehr in gleicher Weise die Möglichkeit hat, mit seiner Tochter B.____ oder seinen anderen Kin- dern in Kontakt zu treten. Die geradezu singulären Umst ände, die zum Tatzeitpunkt herrschten, Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht sind damit nicht mehr gegeben und die Gefahr eines Rüc kfalls im familiären Umfeld ist insofern als gebannt anzusehen. 6.3.2 Zudem liegen keine Faktoren vor, welche darauf schliessen liessen, dass der Be- schwerdeführer weitere sexuell motivierte Handlungen mi t Kindern begehen oder pornographi- sches Material mit sexuell motivierten Handlungen mit Ki ndern oder Tieren besitzen würde. Vielmehr scheint es, als habe die Verurteilung wegen d ieser Straftaten das Verhalten des Be- schwerdeführers nachhaltig positiv verändert und als habe trotz der nach aussen hin fehlenden Einsicht und Reue eine innere Auseinandersetzung mit de n begangenen Delikten stattgefun- den. Dafür spricht insbesondere, dass der Beschwerdeführ er während rund sechs Jahren, d.h. seit der Tatbegehung im Zeitraum vom Mai 2011 bis zum Februar 2013, strafrechtlich nicht mehr in Erscheinung getreten ist. Wie sich aus den Akten ergibt, hat sich der Beschwerdeführer auch zuvor in strafrechtlicher Hinsicht wohl verhalten. Vor diesem Hintergrund erscheint es als nachvollziehbar, dass ihm das Kantonsgericht St. Gallen k eine ungünstige Prognose gestellt hat (vgl. Entscheid des Kantonsgerichts St. Gallen vom 21. November 2016 [ST.2012.39004] E. 3f/cc). Obschon namentlich Pädosexualität kaum heilbar ist (BGE 137 II 233 E. 5.2.4), so erscheint diese für den Beschwerdeführer mithin als kont rollierbar und nicht – wie die Vo- rinstanz ausführt – als regelrecht zwanghaft. 6.4 Nach dem Gesagten kommt das Kantonsgericht zum Schl uss, dass beim Beschwerde- führer nicht von einer hinreichend schweren und gegen wärtigen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ausgegangen werden kann. Ein W iderruf der Niederlassungsbewilli- gung des Beschwerdeführers ist demnach mit den Vorgaben von Art. 5 Anhang I FZA nicht ver- einbar, was zur Gutheissung der Beschwerde führt. 6.5 Der Beschwerdeführer ist wegen seines Verhaltens a usländerrechtlich zu verwarnen, und es droht ihm für den Fall, dass er erneut straffäl lig werden oder die öffentliche Sicherheit und Ordnung anderweitig gefährden sollte, der Widerr uf der Niederlassungsbewilligung (Art. 96 Abs. 2 AuG). 7.1 Es bleibt über die Kosten des vorliegenden Verfahre ns zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das verwaltungsgerichtliche Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren und werden in der Regel der unterlie- genden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt (§ 20 Ab s. 3 VPO). Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'400.-- vorliegen d dem unterliegenden Regierungsrat aufzuerlegen. 7.2 Nach § 21 Abs. 1 VPO kann der obsiegenden Partei fü r den Beizug eines Anwalts eine angemessene Entschädigung zugesprochen werden. Gestützt darauf hat der Regierungsrat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Kanton sgericht eine Parteientschädigung auszurichten. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers m acht in seiner Honorarnote vom 9. September 2019 8.0833 Stunden à Fr. 250.-- und Auslagen in der Höhe von Fr. 143.20 gel- tend, was nicht zu beanstanden ist. Der Regierungsrat hat dem Beschwerdeführer demzufolge Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'330.65 (inkl. Auslagen und 7.7% MWST) zu bezahlen. 7.3 Was die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens anbel angt, so ist die Angelegenheit zu deren Neuverlegung an den Regierungsrat zurückzuweisen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Entschei d des Regierungs- rats Nr. 377 vom 26. März 2019 betreffend Widerruf der Niederlas- sungsbewilligung aufgehoben. 2. Der Beschwerdeführer wird im Sinne der Erwägunge n ausländerrecht- lich verwarnt. 3. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Kosten des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat zurückgewiesen. 4. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'400.-- werden dem unter- liegenden Regierungsrat auferlegt. 5. Der Regierungsrat hat dem Beschwerdeführer eine P arteientschädi- gung in der Höhe von Fr. 2'330.65 (inkl. Auslagen und 7.7% MWST) zu bezahlen. Vizepräsident Gerichtsschreiberin i.V.