O2016_016 1 Entscheid i.S. A AG gegen B vom 16. Mai 2017 Regeste: Art. 64 ZPO; Fixierung der Prozessparteien. Mit der Rechtshängigkeit geht eine Fixierung der Prozessparteien einher. Weitere Parteien können im Rahmen des hängigen Prozesses – vorbehältlich eines zulässigen Parteiwechsels (Art. 83 ZPO) oder aus anderen gesetzlichen Gründen – nicht zusätzlich einbezogen werden. Art. 64 CPC ; Fixation des parties au procès. La litispendance s’accompagne de la fixation des parties au procès. Sous réserve d’une substi- tution de partie admissible (art. 83 CPC) ou d’un autre motif légal, d’autres parties ne peuvent être incluses dans un procès pendant. Art. 64 CPC; Definizione delle parti processuali. La litispendenza comporta la definizione delle parti processuali. Nel quadro del processo pen- dente non possono venire incluse parti ulteriori, salvo nel caso di una sostituzione di parte am- missibile (Art. 83 CPC) o per altri motivi legali. Art. 64 CPC; Fixation of the parties to the proceedings. Litispendence results in a fixation of the parties to the proceedings. Further parties cannot be included into pending proceedings – except for an admissible substitution of a party (Art. 83 CPC) or for other reasons provided by law. B u n d e s p a t e n t g e r i c h t T r i b u n a l f é d é r al d e s b r ev e t s T r i b u n a l e f e d e r al e d ei b r e v e t t i T r i b u n a l f e d e r al d a p a t en t a s F e d e r a l P a t e n t C o u r t O2016_016 U r t e i l v o m 1 6 . M a i 2 0 1 7 Besetzung Präsident Dr. iur. Dieter Brändle, Gerichtsschreiberin lic. iur. Esther Scheitlin Verfahrensbeteiligte A AG, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Andrea Mondini, pa- tentanwaltlich beraten durch Dr. Cornelia Hoffmann, Nichtigkeitsklägerin und Verletzungswiderbeklagte sowie X AG Verletzungsbeklagte und Y GmbH Verletzungsbeklagte gegen B, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Simon Holzer und Rechtsanwalt Dr. iur. Mark Schweizer, patentanwaltlich bera- ten durch Dr. Dirk Bühler und Dr. Andreas Ledl, Nichtigkeitsbeklagte, Verletzungswiderklägerin und Verlet- zungsklägerin Gegenstand Patentnichtigkeit, Verletzung O2016_016 Seite 3 Der Präsident zieht in Erwägung, 1. Am 13. Februar 2017 war der Beklagten B Frist anges etzt worden, um eine Patentnichtigkeitsklage der Klägerin A AG zu beantworten. 2. Mit Eingabe vom 26. April 2017 reichte die Beklagte innert erstreckter Frist ihre Nichtigkeitsklageantwort ein, verbunden mit einer Verletzungs- widerklage gegen die Klägerin A AG. Das gibt zu kei nen Bemerkungen Anlass. 3. Gleichzeitig erhob die Beklagte eine Verletzungskla ge gegen die X AG und die Y GmbH. Die Zulässigkeit ihres Vorgehens be gründete die Be- klagte damit, dass gemäss Art. 71 ZPO ein Kläger m ehrere Personen gemeinsam beklagen könne, wenn Rechte und Pflichten beurteilt werden sollen, die auf gleichartigen Tatsachen oder Rechts gründen beruhten. Dies sei hier der Fall für die Widerklage gegen die A AG und die Verlet- zungsklagen gegen die X AG und die Y GmbH, die alle auf der Verletzung des Streitpatentes beruhten, bei der die genannten drei Firmen eng zu- sammenarbeiteten. Deshalb könnten sie mit der Wider klage und den zu- sätzlichen Verletzungsklagen miteinander beklagt we rden. Die Tatsache, dass eine Partei mit einer Widerklage und die ander en beiden mit einer Hauptklage belangt würden, ändere daran nichts. 4. Mit der Einreichung der Nichtigkeitsklage der A AG gegen die B wurde die Rechtshängigkeit dieser Klage begründet (Art. 6 2 Abs. 1 ZPO). Die Rechtshängigkeit hat die Folgen gemäss Art. 64 ZPO, aber dazu gehört auch eine Fixierung der Parteien – unter Vorbehalt eines zulässigen Par- teiwechsels (Art. 83 ZPO) oder aus anderen gesetzli chen Gründen 1, wel- che hier nicht spielen. D.h. mit der Rechtshängigke it stehen die Parteien eines Verfahrens, hier A AG und B, grundsätzlich fe st und es steht des- halb einer Partei nicht frei, weitere Parteien ins Verfahren einzubeziehen. Daran ändert auch der von der Beklagten angesproche ne Art. 71 Abs. 1 ZPO nichts. Dieser hätte zwar der Beklagten erlaubt , die drei Verlet- zungsbeklagten miteinander einzuklagen, aber nicht im vorliegenden Ver- fahren, sondern nur über eine neue Klage. Die Verle tzungsklage gegen die X AG und die Y GmbH erweist sich deshalb als offensichtlich unzuläs- siger Einbezug weiterer Parteien, was – wie ein unz ulässiger Parteiwech- sel – als fehlende Prozessvoraussetzung zu betracht en ist2, weshalb auf diese Klagen nicht einzutreten ist (Art. 59 Abs. 1 ZPO, Art. 23 Abs. 1 Bst. 1 Roger Morf, OFK-ZPO, ZPO 64 N 1 2 vergl. Zürcher in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenbe rger, ZPO Kommm., 3. A. Art. 59 N 70 O2016_016 Seite 4 a PatGG). Zur selben Rechtsfolge führt die Überlegu ng, dass sich die Verletzungsklagen gegen die X AG und die Y GmbH au ch als – falsch bezeichnete – Verletzungswiderklagen betrachten lie ssen, welche an der Prozessvoraussetzung der dafür nötigen Parteiidenti tät (zwischen ur- sprünglichem Kläger und der widerbeklagten Partei) scheitern würden3. 5. Ausgangsgemäss wird die Beklagte kostenpflichtig (Art. 106 Abs. 1 ZPO). Parteientschädigungen sind nicht zuzusprechen , da keine Gegen- partei begrüsst werden musste. Der Streitwert beträgt CHF 1 Mio. Der Präsident erkennt: 1. Auf die Klagen der Beklagten B gegen die X AG un d die Y GmbH wird nicht eingetreten. 2. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf CHF 10‘0 00.00. Die Gerichts- gebühr wird der Beklagten auferlegt und aus dem von ihr geleisteten Vor- schuss bezogen. 3. Parteientschädigungen werden nicht zugesprochen. Dieses Urteil geht an: – Rechtsanwalt lic. iur. Andrea Mondini (mit Gerich tsurkunde) unter Bei- lage von act. 11 – Rechtsanwalt Dr. iur. Simon Holzer (mit Gerichtsu rkunde) – X AG (mit Gerichtsurkunde) unter Beilage von act. 11 – Y GmbH (auf dem Rechtshilfeweg) unter Beilage von act. 11 – das Eidgenössische Institut für Geistiges Eigentu m (nach Eintritt der Rechtskraft, mit Gerichtsurkunde) Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun- desgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in Zivilsa chen geführt wer- 3 Zürcher, loc. cit., Art. 59 N 81) O2016_016 Seite 5 den (Art. 72 ff., 90 ff. und 100 des Bundesgerichts gesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Die Rechtsschrift ist in e iner Amtssprache ab- zufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Be- weismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der a ngefochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie die beschwerd eführende Partei in Händen hat, beizulegen (vgl. Art. 42 BGG). St. Gallen, 16. Mai 2017 Im Namen des Bundespatentgerichts Präsident Gerichtsschreiberin Dr. iur. Dieter Brändle lic. iur. Esther Scheitlin Versand: 17.05.2017