B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3176/2017 U r t e i l v o m 2 1 . O k t o b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richterin Barbara Balmelli, Richter Grégory Sauder, Gerichtsschreiberin Simona Risi. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), Afghanistan, beide vertreten durch Ass. iur. Christian Hoffs, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 4. Mai 2017 / N (…). E-3176/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden, beide tadschikischer Ethnie mit letztem Wohn- sitz in Herat, verliessen ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im Februar oder März 2016 auf illegal und gelangten am 4. September 2016 in die Schweiz. Am Tag darauf suchten sie im damaligen Empfangs - und Verfahrenszentrum C._______ um Asyl nach. Sie wurden am 21. Septem- ber 2016 summarisch zur Person befragt (BzP; Protokoll e in den vo- rinstanzlichen Akten A13/12 [Beschwerdeführerin] und A14/12 [Beschwer- deführer]). Der Beschwerdeführer wurde am 3. April 2017 zu den Asylgrün- den angehört (Anhörung; A28/22) und die Beschwerdeführerin am 12. April 2017 (Anhörung; A29/16). B. B.a Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer geltend, Afghanistan aus drei Gründen verlassen zu haben: Erstens, und dies sei der Hauptausreisegrund, sei es im Zusammenhang mit der Vermietung eines Ladenlokals z u Auseinandersetzungen mit dem Vermieter A., einer sehr bekannten und einflussreichen Person, gekom- men. Dieser habe seinen Laden ihm und gleichzeitig vier anderen Perso- nen angeboten, die alle hohe Kautionssummen dafür be zahlt hätten. Ihm habe er schliesslich USD 7'000.– geschuldet. Es habe sich ein Rechtsstreit mit A. entwickelt. Zunächst habe er einen Haftbefehl erwirken können und in der Folge sei es zu einem Gerichtsverfahren gekommen, durch das A. zu einer unbedingten zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden sei. Zudem sei dieser verpflichtet worden, sein Eigentum zu verkaufen, um die Gläubi- ger zu entschädigen. Im Laufe des Prozesses habe A. ihn mit dem Tod bedroht und auch dessen Bruder habe geäussert, dass A. ihn nicht am Le- ben lassen werde. Er habe befürchtet, dass sich A. an ihm rächen würde, sobald dieser aus dem Gefängnis entlassen werde. Deswegen sei er kurz vor der Freilassung von A. aus Afghanistan ausgereist. Zweitens habe er als (…) an einer (…) gearbeitet, an der die überwiegende Mehrheit der Schüler (…) gewesen sei. Im Rahmen seiner Tätigkeit sei es zu Meinungsverschiedenheiten mit seinen Schülern gekommen. Zudem sei er Mitglied der afghanischen Jugendbewegung und für diese als Mode- rator tätig gewesen. Aufgrund seiner Aktivitäten sei er im achten Monat 1394 (Oktober/November 2015) von den Taliban schriftlich aufgefordert worden, seine diesbezüglichen Tätigkeiten aufzugeben, andernfalls er vom Islamischen Emirat mit dem Tod bestraft würde . Daraufhin habe er noch E-3176/2017 Seite 3 einen Monat bis zum Beginn der Ferien weiter unterrichtet. Nach den Fe- rien seien seine Ehefrau und er aus Afghanistan ausgereist. Drittens seien seine Frau und er in Afghanistan einsam gewesen, da sein Vater verstorben sei, seine übrige Familie im Iran und die Familie seiner Frau in der Schweiz lebe. B.b Die Beschwerdeführerin machte keine eigenen Asylgründe geltend, sondern bezog sich auf jene ihres Ehemannes. B.c Zum Beweis ihrer Identität und ihrer Vorbringen gaben die Beschwer- deführenden ihre beiden Tazkera, den Eheschein und verschiedene Bestä- tigungen betreffend die A usbildung, die berufliche Tätigkeit und die Mit- gliedschaft des Beschwerdeführers bei der (…) im Original sowie Akten betreffend den Gerichtsprozess in Herat, den Drohbrief der Taliban und Be- stätigungen betreffend Wohneigentum des Beschwerdeführers in Herat in Kopie zu den Akten. C. Mit Verfügung vom 4. Mai 2017 – eröffnet am 8. Mai 2017 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft man- gels Asylrelevanz ihrer Fluchtgründe nicht, lehnte die Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Wegwei- sung an. D. Mit Beschwerde ihres Rechtsvertreters vom 6. Juni 2017 gelangten die Be- schwerdeführenden an das Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragten, die Verfügung des SEM sei aufzuheben, es sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihnen Asyl zu gewähren, eventualiter seien sie zufolge Unzulässigkeit und/oder Unzumutbarkeit d es Wegweisungsvollzugs vor- läufig in der Schweiz aufzunehmen, subeventualiter sei die Sache zur Neu- beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht er- suchten die Beschwerdeführenden um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Beiordnung ihres Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand. E. Mit Zwischenverfügung vom 6. Juli 2017 hiess die Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechts-E-3176/2017 Seite 4 verbeiständung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. Ferner lud sie die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde verneh- men zu lassen. F. Das SEM führte in der Vernehmlassung vom 10. Juli 2017 im Wesentlichen aus, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen o- der Beweismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. G. Am 26. Juli 2017 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein. H. Mit Eingaben vom 13. September 2018, 25. April 2019, 6. September 2019 und 30. Juni 2020 wurden Arztberichte betreffend die Beschwerdeführerin zu den Akten gereicht. I. Mit Zwischenverfügung vom 29. Juni 2021 lud die Instruktionsrichterin das SEM unter Hinweis auf das die aktuelle Lage in der Stadt Herat beleuch- tende Urteil D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 (als Referenzurteil publiziert) ein, eine ergänzende Vernehmlassung einzureichen. J. Am 8. Juli 2021 zog das SEM die angefochtene Verfügung vom 4. Mai 2017 hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs in Wiedererwägung, hob die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs auf und nahm die Beschwerdeführenden mangels Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz auf. K. Mit Zwischenverfügung vom 3. August 2021 forderte die Instruktionsrichte- rin die Beschwerdeführenden auf, innert Frist mitzuteilen, ob sie an denje- nigen Beschwerdeanträgen, welche infolge der Wiedererwägung durch die Vorinstanz nicht gegenstandslos geworden seien, festhalten oder die Be- schwerde zurückziehen möchten. L. Die Beschwerdeführenden teilten mit Eingabe vom 17. August 2021 mit, sie hielten an ihrer Beschwerde fest. E-3176/2017 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end- gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das alte Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich vorliegend nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia len Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, d es Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen E-3176/2017 Seite 6 unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen. 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM stuft die Ausreisegründe der Beschwerdeführenden – ohne Beurteilung der Glaubhaftigkeit – als asylrechtlich nicht relevant ein. Dazu führt es aus, bei den geltend gemachten direkten und indirekten Drohun- gen durch den verurteilten A. und dessen Bruder handle es sich um Über- griffe privater Drittpersonen. Sie stellten Straftaten dar, die von den heimat- lichen Behörden in Herat im Rahmen ihrer Möglichkeiten verfolgt würden. Der Beschwerdeführer habe es jedoch unterlassen, sich deswegen an die lokalen Behörden zu wenden, sondern nur mit seinem Anwalt darüber ge- sprochen. Den Behörden in Herat sei deswegen weder mangelnder Schutzwille noch mangelnde Schutzfähigkeit zu unterstellen . Dies gelte umso mehr, als A. durch ein afghanisches Gericht rech tmässig verurteilt worden sei. Obwohl das SEM die rec htsstaatlich problematische Lage in weiten Teilen Afghanistans nicht verkenne, sei speziell in Herat vo m Vor- handensein adäquater rechtsstaatlicher (Schutz-)Strukturen auszugehen (vgl. BVGE 2011/7). Hinsichtlich des Drohbriefs sei festzuhalten, dass dem Beschwerdeführer nach dem Erhalt des Schreibens bis zur Ausreise sei- tens der Taliban nichts widerfahren und er weder davor noch danach mit den Taliban in Berührung gekommen sei; bis einen Monat nach dem Erhalt des Schreibens sei er noch als Lehrer tätig gewesen. Der Brief sei überdies augenscheinlich kein erheblicher Grund für die Ausreise gewesen. Ausser- dem sei die Echtheit des Briefes mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht erwiesen. Ihm komme somit nur geringer Beweiswert zu, da ein Schreiben solcher oder ähnlicher Beschaffenheit leicht selbst verfasst oder gefälscht werden könne. Die Asylgewährung setze sodann voraus, dass Personen auch im Zeit- punkt des Asylentscheides noch von asylrelevanter Verfolgung bedroht seien. Den mündlich ausgestossenen Drohungen seitens A. und dessen Bruder könne in keiner Weise entnommen werden, dass ihren Worten auch Taten gefolgt wären. Dies gelte umso mehr, als seit der Inhaftierung von A. diesbezüglich nichts weiter vorgefallen sei. Auch dessen wohl kurz nach der Ausreise der Beschwerdeführenden erfolgte Entlassung aus der Haft E-3176/2017 Seite 7 vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern . Dasselbe lasse sich über das Drohschreiben der Taliban sagen. In den rund vier Monaten, die zwischen dem Erhalt des Drohbriefes und der Ausreise vergangen seien, hätten die schriftlichen Drohungen keine Folgen gezeitigt. Überdies sei seit der Ausreise beziehungsweise dem Ende der Lehrtätigkeit bereits einige Zeit vergangen. Dieser Umstand trage dazu bei, dass sich der Inhalt des Drohbriefes – sollte es sich dabei tatsächlich um ein authentisches Schrift- gut handeln – wohl kaum verwirklichen werde, sei doch gefordert worden, dass er seine Tätigkeit im Rahmen der (…) und der (…) beenden solle. Dies sei durch den Abgang von der Schule Ende 2015 respektive die Aus- reise im Februar oder März 2016 offensichtlich geschehen. Demnach seien den Schilderungen des Beschwerdeführers keine Hinweise zu entnehmen, wonach sich in absehbarer Zukunft und mit beachtlicher Wahrscheinlich- keit eine Verfolgung verwirklicht hätte respektive verwirklichen würde. Nachteile, welche auf die allgemeinen politischen, wirtschaftlichen oder so- zialen Lebensbedingungen in einem Staat zurückzuführen seien stellten schliesslich ebenfalls keine asylbeachtliche Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG dar. 4.2 Die Beschwerdeführenden wenden ein, das European Asylum Support Office habe zwischen Januar und Oktober 2014 in der Provinz Herat 756 sicherheitsrelevante Vorfälle festgestellt. Allein in der Stadt Herat sei es zu 104 Vorfällen gekomme n. Gemäss der Länderanalyse der Schweizeri- schen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 25. August 2015 («Afghanistan: Sicher- heitssituation in Herat») habe sich die Sicherheitslage in Afghanistan seit dem Ende der NATO-Kampfeinsätze in Afghanistan Ende 2014 (nochmals) deutlich verschlechtert. Im ersten Halbjahr 2015 habe die United Nations Assistance Mission in Afghanistan 4’921 zivile Opfer dokumentiert. Davon seien 14% Opfer gezielter Tötungen geworden. Herat sei gemäss dem US Departement of State neben sechs anderen Provinzen die Provinz mit der höchsten Anzahl gewalttätiger Übergriffe gegen Zivilisten gewesen. Diese Berichte zeigten auf, dass die afghanischen Behörden nicht in der Lage seien, Zivilpersonen zu schützen. Der Beschwerdeführer habe befürchtet, im Fall eines weiteren Verbleibs in Afghanistan Opfer einer gezielten Tö- tung zu werden. Diese subjektive Furcht bestehe für den Fall einer Rück- kehr nach Afghanistan fort, was gemäss den Informationen des SFH -Be- richts auch objektiv begründet sei. E-3176/2017 Seite 8 Die geltend gemachte Drohung durch die Taliban müsse ebenfalls als asyl- relevant eingestuft werden. Soweit das SEM davon ausgehe, der Be- schwerdeführer sei noch einen Monat nach Erhalt des Schreibens als Leh- rer tätig gewesen, sei zu präzisieren, dass er während des Monats nach Erhalt des Drohbriefes lediglich an 15 Tagen während je einer Stunde Prü- fungen abgenommen habe. Die restliche Zeit habe er sich nicht an der Schule aufgehalten. Möglicherweise seien die Taliban davon aus gegan- gen, er sei aufgrund ihrer Drohung nicht mehr als Lehrer tätig, da er nicht mehr wie gewohnt in der Schule erschienen sei. Es sei jedoch naheliegend, dass er als (…), Mitglied einer (…)bewegung und wohlhabender Mann im Fokus der Taliban geblieben wäre und im Fall einer Rückkehr nach Afgha- nistan erneut gesucht würde. Nach dem Gesagten ergebe sich, dass der Beschwerdeführer auch für den Fall einer Rückkehr begründete Furcht habe, ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG ausgesetzt zu werden. Hinzu komme, dass die Drohungen gegen ihn vonseiten der Taliban sowie von A. und dessen Familie bei ihm zu einem unerträglichen psychischen Druck geführt hätten, der gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG ebenfalls zur Gewährung der Flüchtlings- eigenschaft führe. Der Beschwerdeführerin sei gestützt auf Art . 51 Abs. 1 AsylG Asyl zu erteilen. 5. Übergriffe durch Dritte mit einem Motiv nach Art. 3 Abs. 1 AsylG oder Be- fürchtungen, künftig solchen ausgesetzt zu sein, s ind dann asylrelevant, wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkommt oder nicht in der Lage ist, Schutz zu gewähren. Erforderlich für die Bejahung der Schutzfähigkeit ist eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur, das heisst ein Rechts- und Justizsystem, das der betroffenen Person einerseits objektiv zugänglich ist und deren Inanspruchnahme andererseits für die schutzbe- dürftige Person auch individuell zumutbar ist (BVGE 2008/12 E. 6.8). Die Angst vor künftiger Verfolgung ist begründet, wenn die subjektive Furcht einer Person auf konkreten Anhaltspunkten beruht und somit objektiv nach- vollziehbar ist und wenn davon auszugehen ist, die Furcht werde sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft verwirklichen (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.1; 2010/57 E. 2.5). 5.1 Anlässlich der Anhörung brachte der Beschwerdeführer vor, A. habe ihn nach Verkündung des Gerichtsurteils im Korridor damit bedroht, dass er ihn «nicht einfach so am Leben» lasse. Auch seinem Bruder gegenüber E-3176/2017 Seite 9 habe A. während dem Gerichtsverfahren Drohungen gegen den Beschwer- deführer geäussert (A28 F100, 101 106). Er habe daher gewusst, dass A. sich an ihm rächen und ihm etwas Schlimmes antun beziehungsweise ihn allenfalls töten werde (A28 F90, 110). Die Drohungen habe er den Behör- den nicht gemeldet, sein Rechtsvertreter habe ihm aber gesagt, er solle sich keine Sorgen machen, da A. nun im Gefängnis sei (ebd. F110). Nach- dem der Beschwerdeführer bereits erfolgreich einen Strafprozess wegen der Geschäftsgebaren von A. anstrengen konnte, wär e es ihm zumutbar gewesen, auch die Drohung ihm gegenüber anzuzeigen, zumal diese vor Zeugen gemacht worden sein soll ( ebd. F109). Im Übrigen bestehen für den Zeitpunkt der Ausreise keine konkreten Anhaltspunkte wie fortlaufende Bedrohungen – etwa via den Bruder von A. oder durch Dritte –, die darauf hindeuten würden, dass dem Beschwerdeführer in naher Zukunft mit über- wiegender Wahrscheinlichkeit Gefahr durch A. drohte; für die gesamte Haftzeit von A. nach der Verurteilung schildert der Beschwerdeführer keine weiteren Drohungen. Alleine der Umstand der bevorstehenden Entlassung von A. aus dem Gefängnis reicht nicht aus, um eine drohende Tötung des Beschwerdeführers anzunehmen. Überdies mangelt es an der flüchtlings- rechtlich relevanten Verfolgungsmotivation, da die angeblich seitens A. an- gedrohte Tat nicht auf einem in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezählten Grund (vorne E. 3.1), sondern auf einem asylfremden Motiv (Rache aufgrund der Einleitung des Gerichtsverfahrens) gründet. Wie die Vorinstanz zu Recht feststellt, kam der Beschwerdeführer der For- derung der Taliban mit der Aufgabe seiner Arbeitsstelle sodann nach und wurde in den rund vier Monaten bis zur Ausreise von diesen nicht mehr kontaktiert. Dass er eine erneute Suche durch die Taliban für den Fall des Verbleibs in Afghanistan als naheliegend einstuft, reicht mangels konkreter Anzeichen nicht aus, um eine mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in ab- sehbarer Zeit drohende Verfolgung anzunehmen. 5.2 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situ- ation im Zeitpunkt des Entscheides. Veränderungen der Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsu- chenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2010/9 E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.). Seit der Ausreise der Beschwerdeführenden sind über fünfeinhalb Jahre vergangen. Die Sicherheitslage in der Stadt Herat hat sich seit der letzten Beurteilung durch das Gericht im Jahr 2011 (vgl. BVGE 2011/38) noch vor der erneuten Machtergreifung der Taliban deutlich verschlechtert (vgl. das E-3176/2017 Seite 10 Urteil des BVGer D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 E. 10 [als Referenzurteil publiziert]). Wie sich die aktuelle Lage in Herat präsentiert, muss jedoch vorliegend nicht beurteilt werden. Denn nachdem keine Vorverfolgung res- pektive eine bei der Ausreise drohende Verfolgung anzunehmen ist, sind auch keine Gründe für eine in naher Zukunft drohende Verfolgung durch A. im Falle einer (hypothetischen) Rückkehr nach Afghanistan ersichtlich, zu- mal es nach wie vor an der asylrechtlichen Motivation fehlt. Da der Be- schwerdeführer der Drohung seitens der Taliban vollumfänglich nachge- kommen ist und bis zur Ausreise kein weiterer Kontakt mehr erfolgte , er- scheint auch unwahrscheinlich, dass ihm aufgrund seiner ehemaligen Leh- rer- und Moderationstätigkeit im aktuellen Zeitpunkt asylrelevante Verfol- gung durch die Taliban drohen würde. Die subjektive Furcht des Beschwer- deführers vor künftiger asylrelevanter Verfolgung erweist sich daher nicht als objektiv begründet. 5.3 Der Beschwerdeführer macht schlie sslich geltend, das Erlebte habe bei ihm einen unerträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgelöst. Ein solcher Druck wird anerkannt, wenn einzelne Perso- nen oder Teile einer Bevölkerung systematisch schweren oder wiederhol- ten Eingriffen in ihre Menschenrechte ausgesetzt sind und diese Eingriffe eine derartige Intensität erreichen, dass ein menschenwürdiges Leben nicht mehr möglich erscheint (vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2; 2013/11 E. 5.4.2; 2010/28 E. 3.3.1.1 m.w.H. sowie bereits Entscheidungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1996 Nr. 30 E. 4d; 1993 Nr. 10 E. 5e) Ausgangspunkt, um einen unerträglichen psy- chischen Druck bejahen zu können, stellen konkrete (staatliche) Eingriffe dar, die effektiv stattgefunden haben (EMARK 1996 Nr. 30 E. 4d). Drohun- gen erreichen diese Intensität in der Regel nicht (EMARK 1993 Nr. 10 E. 5e). Davon ist auch vorliegend nicht abzuweichen, zumal höchstens be- treffend den Drohbrief durch die Taliban überhaupt von einem asylbeacht- lichen Verfolgungsmotiv auszugehen wäre; diesen Vorfall betrachtete der Beschwerdeführer hingegen selbst nicht als den Grund, der ihn z ur Aus- reise bewogen hat (A28 F127). Die Vorbringen des Beschwerdeführers sind daher nicht geeignet, einen unerträglichen psychischen Druck darzu- tun. 5.4 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Be- schwerdeführenden weder im Zeitpunkt der Ausreise noch heut e oder in absehbarer Zukunft in begründeter Weise befürchten mü ssen, in ihrem Heimatland in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt zu werden. Die E-3176/2017 Seite 11 Vorinstanz hat demnach zu Recht und mit zutreffender Begründung die Flüchtlingseigenschaft verneint und die Asylgesuche abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch au f Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 6.3 Über den Vollzug der Wegweisung und die in diesem Zusammenhang von den Beschwerdeführenden erhobene Rüge der Verletzung des recht- lichen Gehörs hat das Bundesverwaltungsgericht nicht mehr zu befinden. Diese Beurteilung erübrigt sich aufgrund des Wiedererwägungsentscheids des SEM vom 8. Juli 2021. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung hin- sichtlich der Dispositivziffern 1–3 Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist insofern abzuweisen. In Bezug auf die übrigen Dispositivziffern der angefochtenen Verfügung ist die Beschwerde mit der Gewährung der vorläufigen Aufnahme durch die Vorinstanz gegen- standslos geworden. 8. 8.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädi gung sind den Beschwerdeführenden grundsätzlich nach dem Verhältnis vo n Obsiegen und Unterliegen aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführenden sind bezüglich ihrer Anträge auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Asyl- gewährung und Aufhebung der Wegweisung unterlegen. Bezüglich der An- ordnung des Wegweisungsvollzugs haben sie durch die teilweise Wieder- erwägung der Verfügung durch das SEM hingegen obsiegt. Praxisgemäss bedeutet dies ein hälftiges Obsiegen. 8.2 Nach dem Gesagten wären die Verfahrenskosten zur Hälfte de n Be- schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen jedoch E-3176/2017 Seite 12 mit Zwischenverfügung vom 6. Juli 2017 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde und nicht von einer Änderung in den finanziellen Verhält- nissen der Beschwerdeführenden auszugehen ist, haben sie keine Verfah- renskosten zu tragen. 8.3 Die Beschwerdeführenden sind im Umfang ihres Obsiegens – hier also hälftig – für die ihnen erwachsenen notwendigen Kosten zu entschädigen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 20 08 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Am 13. Juni 2017 wurde eine Kostennote ein ge- reicht, in welcher ein Aufwand von 5.25 Stunden à Fr. 200.–/Stunde und Auslagen von Fr. 132.50 (Porti und Dolmetscherkosten), mithin Kosten in der Höhe von Fr. 1'182.50 geltend gemacht w erden. Dieser Aufwand er- scheint angemessen. Hinzu kamen die Replik vom 26. Juli 2017 und Ein- gaben vom 13. September 2018, 25. April 2019, 6. September 2019 und 30. Juni 2020 (jeweils mit Arztberichten resp. ärztlichen Bescheinigungen betreffend die Beschwerdeführerin). Insgesamt ist von 7.75 aufgewende- ten Stunden zuzüglich Auslagen auszugehen. Das SEM ist demnach an- zuweisen, den Beschwerdeführenden eine hälftige Parteientschädigung in der Höhe von gerundet Fr. 850.– (inkl. Auslagen) auszurichten. 8.4 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter den Beschwerdeführenden mit Zwischenverfügung vom 6. Juli 2017 als amtlicher Rechtsbeistand bei- geordnet worden ist, ist er im Weiteren unbesehen des Ausgangs des Ver- fahrens für seinen Aufwand zu entschädigen, soweit dieser sachlich not- wendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Das Bundesverwal- tungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stun- denansatz zwischen Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nichtanwaltliche Vertreterin- nen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der in der eingereichten Kostennote ausgewiesene Stundenansatz von Fr. 200.– ist für die amtliche Rechtsver beiständung somit auf Fr. 150.– zu reduzieren. In Berücksichtigung des zeitlichen Aufwands von 7.75 Stunden ergibt dies ein Gesamttotal von Fr. 1‘295.– (inkl. Auslagen). Dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden ist somit ein hälftiges Honorar von gerundet Fr. 650.– (inkl. Auslagen) zulasten des Bundesverwaltungsgerichts auszu- richten. (Dispositiv nächste Seite) E-3176/2017 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit sie nicht gegenstandslos gewor- den ist. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 850.– auszurichten. 4. Dem rubrizierten Rechtsvertreter wird für seinen Aufwand als amtlicher Rechtsbeistand ein Honorar von Fr. 650.– zulasten der Gerichtskasse aus- gerichtet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Simona Risi Versand: