200 16 814 IV KOJ/COC/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 6. Januar 2017 Verwaltungsrichter Kölliker, Kammerpräsident Verwaltungsrichterin Fuhrer, Verwaltungsrichter Scheidegger Gerichtsschreiberin Collatz A.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 9. August 2016 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1979 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) meldete sich im November 1999 unter Hinweis auf ein therapieresistentes lumbosakrales/gluteales Schmerzsyndrom bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (Akten der IV, Antwortbeilage [AB] 1). Darauf- hin führte die IV-Stelle Bern (IVB bzw. Beschwerdegegnerin) medizinische und erwerbliche Erhebungen durch und erteilte insbesondere Kostengut- sprache für eine erstmalige berufliche Ausbildung (AB 15). Nachdem die Versicherte ihre Ausbildung zur ... erfolgreich absolviert hatte (AB 30), ver- neinte die IVB mit Verfügung vom 25. September 2003 (AB 31) bei einem ermittelten Invaliditätsgrad (IV-Grad) von 15% einen Anspruch auf eine IV- Rente. Diese Verfügung blieb unangefochten. B. Am 14. November 2014 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf eine seit der Verfügung vom 25. September 2003 eingetretene Verschlech- terung des Gesundheitszustandes erneut bei der IV zum Leistungsbezug an (AB 36). Daraufhin führte die IVB medizinische und erwerbliche Erhe- bungen durch. Ferner liess sie einen Abklärungsbericht Haushalt erstellen (AB 69). Mit Vorbescheid vom 23. Mai 2016 (AB 70) stellte die IVB bei ei- nem ermittelten IV-Grad von 27% die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Damit zeigte sich die Versicherte nicht einverstanden (AB 71). Nach Einholung einer Stellungnahme des Abklärungsdienstes (AB 75) ver- fügte die IVB am 9. August 2016 wie im Vorbescheid angekündigt und wies das Rentenbegehren ab (AB 76). C. Hiergegen erhebt die Versicherte am 12. September 2016 Beschwerde und beantragt die Zusprache einer IV-Rente. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 3 Mit Beschwerdeantwort vom 13. Oktober 2016 schliesst die Beschwerde- gegnerin auf Abweisung der Beschwerde. Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft vom 11. Juni 2009 (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversi- cherung vom 19. Juni 1959 [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom 23. Mai 1989 [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 9. August 2016 (AB 76). Streitig und zu prüfen ist der Rentenanspruch der Beschwerdefüh- rerin. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 4 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 2.2Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60% invalid ist. Bei einem IV-Grad von mindestens 50% besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad von mindestens 40% ein solcher auf eine Viertelsrente. 2.3Für die Bestimmung des IV-Grades wird bei einer erwerbstätigen versicherten Person das Erwerbseinkommen, das sie nach Eintritt der Inva- lidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausge- glichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Er- werbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). 2.4Um den IV-Grad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu be- urteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 5 welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99). 2.5Wurde eine Rente wegen eines fehlenden oder zu geringen IV-Grades bereits einmal verweigert, so wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die versicherte Person glaubhaft macht, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (Art. 87 Abs. 2 und 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung vom 17. Januar 1961 [IVV; SR 831.201]). Tritt die Verwaltung auf die Neuan- meldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu verge- wissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Verände- rung des IV-Grades auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vor- zugehen (SVR 2011 IV Nr. 2 S. 8 E. 3.2). Stellt sie fest, dass der IV-Grad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung er- fahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zusätzlich noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine rentenbegründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a S. 198; SVR 2008 IV Nr. 35 S. 117 E. 2.1). Ob eine anspruchsbegründende Änderung in den für den IV-Grad erhebli- chen Tatsachen eingetreten ist, beurteilt sich im Neuanmeldungsverfahren – analog zur Rentenrevision nach Art. 17 Abs. 1 ATSG – durch Vergleich des Sachverhaltes, wie er im Zeitpunkt der letzten materiellen Beurteilung und rechtskräftigen Ablehnung bestanden hat, mit demjenigen zur Zeit der streitigen neuen Verfügung (BGE 133 V 108 E. 5.3 S. 112; 130 V 71 E. 3.2.3 S. 77; AHI 1999 S. 84 E. 1b). 3. 3.1Die Beschwerdegegnerin ist auf die Neuanmeldung vom 14. No- vember 2014 (AB 36) eingetreten. Folglich ist die Eintretensfrage vom Ge- richt nicht zu überprüfen (BGE 109 V 108 E. 2b S. 114). Zu prüfen ist, ob zwischen der leistungsabweisenden Verfügung vom 25. September 2003 (AB 31) und der hier angefochtenen Verfügung vom 9. August 2016 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 6 (AB 76) eine anspruchsbegründende Veränderung der erheblichen Tatsa- chen eingetreten ist. 3.2In medizinischer Hinsicht stützte sich die Verfügung vom 25. Sep- tember 2003 (AB 31) massgeblich auf das Gutachten des Spitals B.________ vom 4. Mai 2000 (AB 11). In diesem wurde ein chronisches Lumbovertebralsyndrom diagnostiziert (S. 4 Ziff. V). Die Arbeit als ... sei aufgrund der zu starken Belastung der Wirbelsäule nicht zumutbar. Eine angepasste Tätigkeit, d.h. eine leichte bis mittelschwere abwechslungsrei- che Arbeit mit häufigen Positionswechseln ohne Heben von Lasten über 20 kg oder repetitives Heben von Lasten von über 10 kg und ohne längeres Stehen, sei zu 100% zumutbar. Eine berufliche Umschulung in einen ge- eigneten Tätigkeitsbereich sei sehr wichtig, da bei den für das junge Alter der Beschwerdeführerin schon ausgeprägten degenerativen Veränderun- gen prognostisch mit einem Weiterfortschreiten zu rechnen sei (S. 5 Ziff. 2 f.). 3.3Der angefochtenen Verfügung vom 9. August 2016 (AB 76) liegen insbesondere folgende Berichte zugrunde: 3.3.1Im Bericht des Spitals B.________ vom 10. September 2014 (AB 50 S. 12 f.) wurde ein lumboradikuläres Schmerz-, Reiz- und leichtes Ausfalls- yndrom L5 rechts, eine Hyperthyreose, eine essentielle Thrombozythämie (ET) sowie ein chronisches lumbosakrales/gluteales Schmerzsyndrom dia- gnostiziert (S. 12). Unter der begonnenen konservativen Therapie inkl. Physiotherapie zeigten sich die Schmerzen regredient. Die Beschwerdefüh- rerin leide nur noch ab und zu an einschiessenden, kurz dauernden Schmerzen lumbal. Es bestehe eine stationäre Ermüdbarkeit des rechten Fusses nach 15 Minuten laufen (S. 13). 3.3.2PD Dr. med. C.________, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, diagnostizierte im Bericht vom 20. März 2015 (AB 50 S. 1 ff.) mit Auswir- kungen auf die Arbeitsfähigkeit eine ET und ein lumbo-sakro-gluteales Schmerzsyndrom (S. 1 Ziff. 1.1). Die ET sei nicht heilbar und vermutlich lebenslang therapiebedürftig (S. 2 Ziff. 1.4). Die Beschwerdeführerin leide krankheits- und therapiebedingt laufend an einer Müdigkeits- und Erschöp- fungsneigung sowie an grippeähnlichen Symptomen wechselnder Ausprä-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 7 gung mit Fieber, Gelenk- und Gliederschmerzen. Dies wirke sich insofern auf die Arbeitsfähigkeit aus, als ein Konzentrationsverlust, eine Erschöp- fung und eine Akzentuierung der Schmerzproblematik bestehe sowie eine verlängerte Erholungsphase erforderlich sei. Die bisherige Tätigkeit sei im Rahmen von 50% bis 60% zumutbar (S. 4). Im Verlaufsbericht vom 13. September 2015 (AB 62) wiederholte PD Dr. med. C.________ die zuvor gestellten Diagnosen. Der Gesund- heitszustand sei stationär. Die Beschwerdeführerin leide unverändert unter Müdigkeit, rascher Erschöpfung und grippeähnlichem Symptomenkomplex mit wechselnder Ausprägung (S. 2). Die bisherige Tätigkeit als ... sei nur noch zu 60% zumutbar. Die Beschwerdeführerin sei aktuell optimal einge- gliedert und das Arbeitsvolumen von 60% sei der Leistungsfähigkeit ange- passt (S. 3). 3.3.3Die RAD-Ärztin med. pract. D.________, Praktische Ärztin, diagnos- tizierte im Bericht vom 8. Dezember 2015 (AB 66) mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eine ET sowie ein lumbo-sakro-gluteales Schmerzsyndrom und leichtes Ausfallsyndrom L5 rechts (S. 3). In der bisherigen Tätigkeit als ... sei die Arbeitsfähigkeit aufgrund der (vom behandelnden Arzt) beschrie- benen Behandlungsnebenwirkungen durch erhöhte Krankheitsanfälligkeit, vermehrte Pausen und therapiebedingte Ausfälle reduziert. Es sei davon auszugehen, dass diese Einschränkungen auf Dauer bestehen bleiben. Die Einschätzung des behandelnden Arztes einer 60%-igen Leistungsfähigkeit sei medizinisch nachvollziehbar und überzeugend (S. 4). 3.4Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge- ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (SVR 2010 IV Nr. 58 S. 178 E. 3.1; AHI 2001 S. 113 E. 3a). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 8 Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi- nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag- gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei- nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 137 V 210 E. 6.2.2 S. 269, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). 3.5Vorliegend erfüllen die beiden Berichte des PD Dr. med. C.________ vom 20. März und 13. September 2015 (AB 50 S. 1 ff. und 62) in ihrer Gesamtheit die von der höchstrichterlichen Rechtsprechung an den Beweiswert eines medizinischen Berichts gestellten Anforderungen (vgl. E. 3.4 hiervor). Der behandelnde Arzt legt gestützt auf seine Behandlung in schlüssiger und nachvollziehbarer Weise dar, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der bestehenden ET resp. aufgrund der Nebenwirkungen der durchgeführten Therapie in ihrer Arbeits- und Leistungsfähigkeit in der ak- tuell ausgeübten Tätigkeit als ... zu 40% eingeschränkt ist. Ferner legt der Arzt dar, dass die Beschwerdeführerin in dieser Tätigkeit (aus medizini- scher Sicht) optimal eingegliedert ist (AB 62 S. 3). Diese Einschätzung ist überzeugend und steht im Einklang mit den vorliegenden medizinischen Akten und dabei insbesondere mit dem Bericht der RAD-Ärztin med. pract. D.________ vom 8. Dezember 2015 (AB 66). Sie wird von den Parteien nicht bestritten. Darauf ist abzustellen. Ferner geht aus dem Bericht des Spitals B.________ vom 10. September 2014 (AB 50 S. 12 f.) hervor, dass die Beschwerdeführerin – neben der ET – insbesondere an einem lumboradikulären Schmerz-, Reiz- und leich- ten Ausfallsyndrom L5 rechts und einem chronischen lumbosakra- len/glutealen Schmerzsyndrom leidet und diesbezüglich in Therapie ist. Gestützt darauf ist davon auszugehen, dass bezüglich der bestehenden Rückenproblematik seit dem Gutachten des Spitals B.________ vom Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 9 4. Mai 2000 (AB 11) keine wesentliche Änderung eingetreten ist und dass die angestammte Tätigkeit als ... (weiterhin) nicht mehr zumutbar ist. 3.6Damit ist erstellt, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwer- deführerin seit der rentenabweisenden Verfügung vom 25. September 2003 (AB 31) wesentlich verändert hat: Wurde im Gutachten des Spitals B.________ vom 4. Mai 2000 (AB 11) einzig ein chronisches Lumboverte- bralsyndrom festgestellt und in einer angepassten Tätigkeit eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit attestiert (vgl. E. 3.2 hiervor), ist nunmehr zudem eine ET ausgewiesen, aufgrund welcher eine 60%-ige Arbeits- und Leistungsfähig- keit besteht. Folglich ist das Vorliegen eines Revisions- resp. Neuanmel- dungsgrundes zu bejahen und eine umfassende Prüfung des Rentenan- spruchs vorzunehmen. 4. 4.1Die Beschwerdegegnerin resp. deren Abklärungsdienst hat die Be- schwerdeführerin als vollzeitig erwerbstätig eingestuft (AB 69 S. 4 Ziff. 3.4). Dies ist gestützt auf die vorliegenden Akten nicht zu beanstanden und wird auch nicht bestritten. Damit ist nachfolgend zur Invaliditätsbemessung ein Einkommensvergleich durchzuführen. 4.1.1Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung ange- passten Verdienst angeknüpft (BGE 139 V 28 E. 3.3.2 S. 30, 134 V 322 E. 4.1 S. 325). Für die Berücksichtigung einer beruflichen Weiterentwicklung müssen praxisgemäss konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person einen beruflichen Aufstieg und ein entsprechend höhe- res Einkommen tatsächlich realisiert hätte, wenn sie nicht invalid geworden wäre. Sodann genügen blosse Absichtserklärungen der versicherten Per- son nicht. Vielmehr muss die Absicht, beruflich weiterzukommen, durch konkrete Schritte wie Kursbesuche, Aufnahme eines Studiums, Ablegung von Prüfungen usw. kundgetan worden sein. Bei der Prüfung der mutmass-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 10 lichen beruflichen Entwicklung können unter Umständen aus einer beson- deren beruflichen Qualifizierung im Invaliditätsfall Rückschlüsse auf die hypothetische Entwicklung gezogen werden, zu der es ohne Eintritt des Gesundheitsschadens gekommen wäre. Nach der Rechtsprechung ist eine solche Annahme unter anderem dann zulässig, wenn die angestammte Tätigkeit weitergeführt werden kann. Indessen darf aus einer erfolgreichen Invalidenkarriere in einem neuen Tätigkeitsbereich nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, die versicherte Person hätte ohne Invalidität eine ver- gleichbare Position auch im angestammten Tätigkeitsgebiet erreicht (SVR 2010 UV Nr. 13 S. 52 E. 4.1). 4.1.2Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht (BGE 139 V 592 E. 2.3 S. 593; SVR 2014 IV Nr. 37 S. 133 E. 7.1). 4.2Für den Einkommensvergleich sind die Verhältnisse im Zeitpunkt des (hypothetischen) Beginns des Rentenanspruchs massgebend, wobei Validen- und Invalideneinkommen auf zeitidentischer Grundlage zu erhe- ben und allfällige rentenwirksame Änderungen der Vergleichseinkommen bis zum Verfügungserlass zu berücksichtigen sind (BGE 129 V 222). Unter Berücksichtigung des im September 2014 begonnenen Wartejahres (vgl. AB 50 S. 7, 56.2 S. 1) und der (Neu-)Anmeldung im November 2014 (AB 36) ist der frühest mögliche Rentenbeginn hier in Anwendung von Art. 28 Abs. 1 i.V.m. Art. 29 Abs. 1 IVG auf 1. September 2015 festzuset- zen. Auf diesen Zeitpunkt hin ist der Einkommensvergleich durchzuführen. 4.2.1Bezüglich der Festlegung des Valideneinkommens ist vorab zu Recht unbestritten, dass die Beschwerdeführerin ihre Ausbildung zur ... (AB 1 S. 4 Ziff. 6.2) behinderungsbedingt abbrechen musste (vgl. u.a. AB 11 S. 5 Ziff. 3) und dass sie ohne Gesundheitsschaden ihre Ausbildung beendet und anschliessend als ... gearbeitet hätte. Ferner ist die Einschät- zung der Abklärungsperson, die Beschwerdeführerin hätte (wie viele ande- re Berufskolleginnen auch) nach Abschluss ihrer Ausbildung zur ... die Ge- legenheit wahrgenommen, die Weiterbildung zur ... zu absolvieren (AB 69 S. 5 f. Ziff. 3.8), nachvollziehbar und überzeugend. Die beschriebene beruf- liche Weiterentwicklung (vgl. E. 4.1.1 hiervor) erscheint insbesondere mit Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 11 Blick auf die aktenkundige Tätigkeit der Beschwerdeführerin nach Eintritt des Gesundheitsschadens (Umschulung als ..., anschliessend Weiterbil- dungskurse und Anstellung als stellvertretende ...; AB 30, 47 S. 3 Ziff. 2.7, 69 S. 3 Ziff. 3.1) als überwiegend wahrscheinlich. Darauf ist vorliegend ab- zustellen. Umstritten ist jedoch die Höhe resp. die Bemessungsgrundlage des Vali- deneinkommens. Die Beschwerdegegnerin hat dieses gestützt auf die Ta- bellenlöhne ermittelt (LSE 2012, TA1, Ziff. 86-88 [Gesundheits- und Sozi- alwesen]; AB 69 S. 5 Ziff. 3.8). Dies ist grundsätzlich nicht zu beanstanden. Soweit sie jedoch auf das Kompetenzniveau 2 (praktische Tätigkeiten wie Verkauf/Pflege/Datenverarbeitung und Administration/Bedienen von Ma- schinen und elektronischen Geräten/Sicherheitsdienst/Fahrdienst) der LSE 2012 abgestellt hat, kann ihr nicht gefolgt werden. Denn angesichts des im Gesundheitsfall unbestrittenen Ausbildungsstands als ... ist vorlie- gend das Kompetenzniveau 3 (komplexe praktische Tätigkeiten, welche ein grosses Wissen in einem Spezialgebiet voraussetzen) massgebend. Dies entspricht denn auch der Einschätzung des Bundesamtes für Statistik (BFS), welches ... ebenfalls im Kompetenzniveau 3 einreiht (vgl. Email vom 2. September 2016; Beschwerdebeilage [BB] 6). Ausgehend von den Ta- bellenlöhnen (LSE 2012, TA1, Ziff. 86-88, Kompetenzniveau 3, Frauen) ergibt dies auf die betriebsübliche Wochenarbeitszeit von 41.5 Stunden (BFS, Betriebsübliche Wochenarbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen, Ziff. 86-88) und auf das Jahr 2015 aufgerechnet ein jährliches Validenein- kommen von Fr. 78‘843.-- (Fr. 6‘283.-- : 40 x 41.5 x 12 : 101 x 101.8; vgl. BFS, Nominallöhne Frauen 2011 – 2015, Tabelle T1.2.10, lit. Q). Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, dass das Valideneinkom- men gestützt auf das von ihrem aktuellen Arbeitgeber, dem E.________, angegebenen Einkommen von Fr. 83‘929.-- (AB 71 S. 2) bei einem Ab- schluss als ... und 14 Jahren Berufserfahrung festzulegen sei, da davon auszugehen sei, dass sie nach Abschluss ihrer Ausbildung zur ... an der Berufsschule für ... weiterhin am E.________ tätig gewesen wäre (Be- schwerde S. 2), erscheint dies zwar durchaus als möglich, aber kaum als überwiegend wahrscheinlich. Diese Frage kann letztlich offen bleiben. Denn es hat – wie nachfolgend dargelegt wird – auf den Rentenanspruch Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 12 keine Auswirkungen, ob das Valideneinkommen gestützt auf die Lohnan- gaben des E.________ (Fr. 83‘929.--), auf diejenigen des schweizerischen Berufsverbands der ... (…; Fr. 82‘997.--; BB 4) oder gestützt auf die Tabel- lenlöhne (Fr. 78‘843.--) festgelegt wird. 4.2.2Das Invalideneinkommen ist unbestrittenermassen auf der Basis des von der Beschwerdeführerin effektiv erzielten Einkommens zu ermitteln (vgl. E. 4.1.2 hiervor). Damit ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwer- degegnerin dieses auf Fr. 47‘145.-- festgelegt hat (AB 76 S. 2). Dies ent- spricht den Angaben der Arbeitgeberin über die Höhe des Einkommens der Beschwerdeführerin ab April 2015 bei einem – trotz der bestehenden ge- sundheitlichen Einschränkungen zumutbaren (vgl. E. 3.5 hiervor) – Be- schäftigungsgrad von 60% (vgl. Protokolleintrag vom 9. März 2016; in den Gerichtsakten). 4.3Bei einem Valideneinkommen von Fr. 83‘929.-- resp. Fr. 82‘997.-- resp. Fr. 78‘843.-- und einem Invalideneinkommen von Fr. 47‘145.-- resul- tiert ein IV-Grad von gerundet 44% resp. 43% resp. 40% (zur Rundung: BGE 130 V 121 E. 3.2 und 3.3 S. 123), was so oder anders einen Anspruch auf eine Viertelsrente ergibt (vgl. E. 2.2 hiervor). 4.4Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde gegen die Verfügung vom 9. August 2016 (AB 76) gutzuheissen, die angefochtene Verfügung aufzuheben und der Beschwerdeführerin ab 1. September 2015 eine Vier- telsrente zuzusprechen. 5. 5.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festzulegen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, hat bei diesem Ausgang des Verfahrens die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 13 (Art. 108 Abs. 1 VRPG; BVR 2009 S. 186 E. 4). Der geleistete Kostenvor- schuss von Fr. 800.-- ist der Beschwerdeführerin nach Eintritt der Rechts- kraft des Urteils zurückzuerstatten. 5.2Da der Aufwand für die Beschwerdeführung nicht das Mass dessen überstieg, was dem Einzelnen zur Besorgung eigener Angelegenheiten zugemutet werden darf, hat die anwaltlich nicht vertretene Beschwerdefüh- rerin trotz ihres Obsiegens keinen Anspruch auf Ausrichtung einer Partei- entschädigung (BGE 127 V 205 E. 4b S. 207). Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Bern vom 9. August 2016 aufgehoben und der Beschwerde- führerin ab 1. September 2015 eine Viertelsrente zugesprochen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt. Der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss von Fr. 800.-- wird nach Rechtskraft des Urteils zurückerstattet. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6. Jan. 2017, IV/16/814, Seite 14 4. Zu eröffnen (R): - A.________ - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.