200 22 774 ALV SCP/GET/WSI Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 23. Mai 2023 Verwaltungsrichter Schütz, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Schwegler, Verwaltungsrichter Ackermann Gerichtsschreiber Germann A.________ vertreten durch Rechtsanwalt und Notar B.________ Beschwerdeführer gegen Amt für Arbeitslosenversicherung des Kantons Bern Rechtsdienst, Lagerhausweg 10, 3018 Bern Beschwerdegegner betreffend Einspracheentscheid vom 24. November 2022 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 2 Sachverhalt: A. Der … geborene A.________ (nachfolgend Versicherter bzw. Beschwerde- führer) war vom 1. Mai 2017 bis 25. Juli 2021 (letzter Arbeitstag) für die C.________ GmbH als ... tätig (Akten des Amts für Arbeitslosenversiche- rung [nachfolgend AVA bzw. Beschwerdegegner], [act. II], 84-88). Am 25. Januar 2022 wurde der Konkurs über die C.________ GmbH eröff- net (act. II 46; Internetinformation aus dem Handelsregister des Kantons Bern [in den Gerichtsakten]). Am 4. März 2022 beantragte der Versicherte bei der öffentlichen Arbeitslosenkasse des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Aargau Insolvenzentschädigung für Lohnausstände in der Höhe von Fr. 23'954.-- für die Monate Januar bis Juli 2021 (act. II 81 f.; 88 f.). Dieses leitete das Gesuch zuständigkeitshalber an das AVA (Arbeitslo- senkasse) weiter (act. II 92). Mit Verfügung vom 19. September 2022 (act. II 53-55) verneinte das AVA (Arbeitslosenkasse) einen Anspruch auf Insolvenzentschädigung mit der Begründung, der Versicherte habe seine Schadenminderungspflicht nicht erfüllt, indem er die vor dem Konkurs offenen Lohnguthaben nicht rechts- genüglich eingefordert habe. Die dagegen erhobene Einsprache (act. II 34- 40) wies das AVA (Rechtsdienst) mit Entscheid vom 24. November 2022 (act. II 22-28) ab. B. Dagegen liess der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt und Notar B.________, mit Eingabe vom 19. Dezember 2022 Beschwerde erheben. Er stellt die folgenden Anträge: 1. Der Einspracheentscheid der Vorinstanz vom 24. November 2022 sei auf- zuheben und zur Neuverfügung der Insolvenzentschädigung an die Vorin- stanz zurückzuweisen. 2. Eventualiter sei dem Beschwerdeführer eine angemessene Insolvenzent- schädigung zuzusprechen. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 3 3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Vorinstanz. Mit Beschwerdeantwort vom 11. Januar 2023 beantragt der Beschwerde- gegner die Abweisung der Beschwerde. Mit prozessleitender Verfügung vom 18. Januar 2023 erwog der Instrukti- onsrichter, dem vom Beschwerdeführer im Verwaltungsverfahren einge- reichten Kontoauszug der D.________ (act. II 78-80) lasse sich entnehmen, dass entgegen den Annahmen der Parteien die letzte Lohn- zahlung nicht im Dezember 2020, sondern im Juni 2021 erfolgt sei. Ge- stützt darauf forderte er den Beschwerdeführer auf, dem Verwaltungsgericht die Lohnabrechnungen für die Monate März bis Juli 2021 einzureichen und offenzulegen, aus welchem Rechtsgrund die Zah- lung (im Betrag von Fr. 1’000.--) vom 24. März 2021 an ihn erfolgt sei. Mit Eingabe vom 31. Januar 2023 liess der Beschwerdeführer einen Lohnausweis vom 11. Januar 2021 sowie Lohnabrechnungen vom Januar, Februar und März 2021 einreichen (Akten des Beschwerdeführers [act. I] 4 f.). Mit Eingaben vom 16. Februar, 20. März (Replik) und 14. April 2023 (Du- plik) hielten die Parteien an ihren jeweiligen Anträgen fest. C. Am 23. Mai 2023 fand eine nichtöffentliche Urteilsberatung gemäss Art. 56 Abs. 5 bzw. 6 des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Orga- nisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) i.V.m. Art. 37 Abs. 1 lit. b des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) statt.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 4 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a GSOG Beschwerden gegen solche Entscheide. Der Beschwerdeführer ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträgen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Ent- scheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zustän- digkeit ist gegeben (Art. 53 Abs. 1 i.V.m. Art. 100 Abs. 3 des Bundesgeset- zes vom 25. Juni 1982 über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0] und Art. 128 Abs. 1 i.V.m. Art. 119 der Verordnung vom 31. August 1983 über die obligatori- sche Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 VRPG eingehalten sind, ist auf die Beschwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet der die Verfügung vom 19. September 2022 (act. II 53-55) bestätigende Einspracheentscheid vom 24. November 2022 (act. II 22-28). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwer- deführers auf eine Insolvenzentschädigung. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 5 2. 2.1Beitragspflichtige Arbeitnehmer von Arbeitgebern, die in der Schweiz der Zwangsvollstreckung unterliegen oder in der Schweiz Arbeit- nehmer beschäftigen, haben nach Art. 51 Abs. 1 lit. a AVIG Anspruch auf Insolvenzentschädigung, wenn gegen ihren Arbeitgeber der Konkurs eröff- net wird und ihnen in diesem Zeitpunkt Lohnforderungen zustehen. Die Insolvenzentschädigung ist eine Lohnausfallversicherung bei Zahlungsun- fähigkeit des Arbeitgebers. Sie bezweckt für eine beschränkte Zeit den Schutz der Lohnguthaben sowie die Sicherung des Lebensunterhaltes des Arbeitnehmers und damit die Vermeidung sozialer Härten (BGE 144 V 427 E. 3.1 S. 429). Gemäss Art. 52 Abs. 1 AVIG deckt die Insolvenzentschädi- gung für das gleiche Arbeitsverhältnis Lohnforderungen für höchstens die letzten vier Monate des Arbeitsverhältnisses, für jeden Monat jedoch nur bis zum Höchstbetrag nach Art. 3 Abs. 2 AVIG. Als Lohn gelten auch die geschuldeten Zulagen. 2.2Wird über den Arbeitgeber der Konkurs eröffnet, so muss der Ar- beitnehmer seinen Entschädigungsanspruch spätestens 60 Tage nach der Veröffentlichung des Konkurses im Schweizerischen Handelsamtsblatt bei der öffentlichen Kasse stellen, die am Ort des Betreibungs- und Konkur- samtes zuständig ist (Art. 53 Abs. 1 AVIG). Zur Auszahlung der Insolven- zentschädigung genügt es nach Art. 74 AVIV, dass der Arbeitnehmer seine Lohnforderung glaubhaft macht (vgl. BGE 144 V 427). 2.3 2.3.1Machen Arbeitnehmende gegenüber dem Arbeitgeber oder der Arbeitgeberin während längerer Zeit keine Anstalten, ihrer Lohnforderung mit hinreichender Deutlichkeit Ausdruck zu verleihen, signalisieren sie mangelndes Interesse. Dadurch verlieren sie auch gegenüber der Arbeits- losenversicherung ihre Schutzbedürftigkeit und Schutzwürdigkeit. Die Be- stimmung von Art. 55 Abs. 1 AVIG, wonach der Arbeitnehmer im Konkurs- oder Pfändungsverfahren alles unternehmen muss, um seine Ansprüche gegenüber dem Arbeitgeber zu wahren, bezieht sich dem Wortlaut nach auf das Konkurs- und Pfändungsverfahren. Sie bildet jedoch Ausdruck der allgemeinen Schadenminderungspflicht, welche auch dann Platz greift, Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 6 wenn das Arbeitsverhältnis vor der Konkurseröffnung aufgelöst wird. Eine ursprüngliche Leistungsverweigerung infolge Verletzung der Schadenmin- derungspflicht im Sinne der zu Art. 55 Abs. 1 AVIG ergangenen Rechtspre- chung setzt voraus, dass der versicherten Person ein schweres Verschulden, also vorsätzliches oder grobfahrlässiges Handeln oder Unter- lassen vorgeworfen werden kann. Dem Erfordernis der Verhältnismässig- keit ist mit dem Ausmass der von den Arbeitnehmenden zu erwartenden Vorkehrungen Rechnung zu tragen. Nach ständiger Rechtsprechung wird eine konsequente und kontinuierliche Weiterverfolgung der eingeleiteten Schritte gefordert, welche in einem der vom Gesetz geforderten zwangs- vollstreckungsrechtlichen Stadien münden müssen, damit Anspruch auf Insolvenzentschädigung besteht. Arbeitnehmende sollen sich gegenüber dem Arbeitgeber nämlich so verhalten, als ob es das Institut der Insolven- zentschädigung gar nicht gäbe. Dieses Erfordernis lässt ein längeres Un- tätigsein nicht zu (vgl. Entscheid des Bundesgerichts [BGer] vom 21. April 2022, 8C_814/2021, E. 2.2). 2.3.2Art. 55 Abs. 1 AVIG ist Ausdruck der allgemeinen Schadenminde- rungspflicht. Sie obliegt der versicherten Person in reduziertem Umfang schon vor der Auflösung des Arbeitsverhältnisses, wenn der Arbeitgeber der Lohnzahlungspflicht nicht oder nur teilweise nachkommt und mit einem Lohnverlust zu rechnen ist. Vom Arbeitnehmer wird in der Regel nicht ver- langt, dass er bereits während des bestehenden Arbeitsverhältnisses ge- gen den Arbeitgeber Betreibung einleitet oder eine Klage einreicht. Er hat jedoch seine Lohnforderung gegenüber dem Arbeitgeber in eindeutiger und unmissverständlicher Weise geltend zu machen. Zu weitergehenden Schrit- ten ist die versicherte Person dann gehalten, wenn es sich um erhebliche Lohnausstände handelt und sie konkret mit einem Lohnverlust rechnen muss. Denn es geht auch für die Zeit vor Auflösung des Arbeitsverhältnis- ses nicht an, dass die versicherte Person ohne hinreichenden Grund während längerer Zeit keine rechtlichen Schritte zur Realisierung erhebli- cher Lohnausstände unternimmt, obschon sie konkret mit dem Verlust der geschuldeten Gehälter rechnen muss (Entscheid des BGer vom 21. Mai 2019, 8C_79/2019 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen; vgl. auch Entscheid des BGer vom 19. Juni 2019, 8C_85/2019, E. 4.1).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 7 Nach der Rechtsprechung wird von der versicherten Person nicht verlangt, dass sie sich juristisch fehlerlos verhält; verlangt ist ein Verhalten, das ei- nem vernünftigen Menschen unter den gegebenen Umständen des Einzel- falls als selbstverständlich erscheint. Insbesondere anerkennt die Rechtsprechung auch WhatsApp-Nachrichten als Handlungen zur Erfüllung der Schadenminderungspflicht, zumal anders als bei telefonischen Nach- fragen der Inhalt der Kommunikation belegbar ist (vgl. ARV 2020 S. 396 E. 5.2). 3. 3.1Der Beschwerdegegner erwog im angefochtenen Einspracheent- scheid vom 24. November 2022 (act. II 22-28), unbestrittenermassen sei die letzte Lohnzahlung im Dezember 2020 erfolgt, danach seien bis zum Ende des Arbeitsverhältnisses am 25. Juli 2021 keine weiteren Lohnzah- lungen geleistet worden. Der Beschwerdeführer habe für über ein halbes Jahr bis zum 25. Juli 2021 ohne Lohnzahlungen weiter für die C.________ GmbH gearbeitet. Obwohl sich ein finanzieller Engpass des Arbeitgebers deutlich abgezeichnet habe, habe der Beschwerdeführer nur via Whats- App-Chat reagiert und auf eingeschriebene Briefe mit konkreten Lohnforde- rungen verzichtet und auch keine arbeitsrechtliche Unterstützung in Anspruch genommen (act. II 25 f.). Ab dem 15. Juli 2021 bis zum 12. Janu- ar 2022 seien zwar einige WhatsApp-Nachrichten erfolgt, in denen sich der Beschwerdeführer nach dem "Geld" erkundigt habe. Trotz Auflösung des Arbeitsverhältnisses per 25. Juli 2021 sei er bis zur Konkurseröffnung am 25. Januar 2022 nie konkret gegen die C.________ GmbH vorgegangen. Erst einen Tag nach der Konkurseröffnung, am 26. Januar 2022, habe er ein Betreibungsbegehren unterzeichnet eingereicht und somit seine Lohn- forderung konkret geltend gemacht. Durch dieses Zuwarten von mehr als drei Monaten sei der Beschwerdeführer seiner Schadenminderungspflicht nach Ende des Arbeitsverhältnisses nicht in genügendem Masse nachge- kommen. Dass er es trotz der kontinuierlich anwachsenden, erheblichen Lohnausstände bei WhatsApp-Nachrichten, telefonischen Versuchen und mündlichen Forderungen habe bewenden lassen, sei nicht nachvollziehbar und müsse als grobe Fahrlässigkeit bezeichnet werden (act. II 26).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 8 3.2Die Prüfung der Frage, ob dem Beschwerdeführer eine Verletzung seiner Schadenminderungspflicht vorzuwerfen ist, umfasst die Zeit vor Be- endigung des Arbeitsverhältnisses am 25. Juli 2021 einerseits und diejeni- ge von diesem Zeitpunkt bis zur Konkurseröffnung andererseits (vgl. Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute: BGer] vom 19. Oktober 2006, C 163/06, E. 4). 3.3Für die Zeit vor Beendigung des Arbeitsverhältnisses per 25. Juli 2021 ergibt sich folgendes Bild: 3.3.1Aus dem im Verwaltungsverfahren ins Recht gelegten und hin- sichtlich der darin enthaltenen Angaben von keiner Seite in Frage gestell- ten Postenauszug der D.________ vom 4. März 2022 (act. II 78-80) geht hervor, dass die C.________ GmbH dem Beschwerdeführer entgegen sei- nen eigenhändig unterschriftlich bestätigten Angaben im Antrag auf Insol- venzentschädigung (act. II 81; 88) und entgegen der darauf basierenden Annahmen des Beschwerdegegners im angefochtenen Einspracheent- scheid (vgl. E. 3.1 vorne) im Zeitraum zwischen Dezember 2020 und Juni 2021 diverse Zahlungen geleistet hat. Danach entsprechen die im Konto- auszug dokumentierten Vergütungen vom 14. und 24. Dezember 2020 je- weils den Lohnabrechnungen betreffend die Monate November und Dezember 2020 (act. II 77; 76). Die nächste von der C.________ GmbH an den Beschwerdeführer geleistete Zahlung datiert vom 5. Februar 2021, wobei der Betrag von Fr. 3'733.70 mit jenem der Vergütung vom 24. De- zember 2020, bei welcher es sich gemäss Lohnabrechnung um ein Unfall- taggeld handelte (act. II 76), identisch ist. Folglich wurde dem Beschwerdeführer auch für den Monat Januar 2021 ein volles Unfalltaggeld ausbezahlt, obwohl er gemäss Lohnabrechnung (act. I 5) bloss noch sechs Kalendertage unfallbedingt arbeitsunfähig war und sich der Lohnanspruch unter Berücksichtigung von Korrekturbuchungen auf Fr. 4'837.65 belief. Ferner entspricht die am 12. März 2021 erfolgte Vergütung von Fr. 4'638.85 der Lohnabrechnung für den Monat Februar 2021 (act. II 75 = act. I 5). Wei- tere Zahlungen der C.________ GmbH erfolgten am 24. März 2021 (Fr. 1'000.--) sowie am 20. April und 18. Juni 2021 (jeweils Fr. 4'100.--). Sodann folgt aus den Akten, dass der Beschwerdeführer am 15., 20. und 24. Juli 2021 die Arbeitgeberin bzw. deren Geschäftsführer (vgl. Schweize-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 9 risches Handelsamtsblatt [SHAB] vom TT. MM 2011, Nr. ..., Jahrgang ...) jeweils mittels WhatsApp-Nachrichten mahnte (act. II 57; 59) und das Ar- beitsverhältnis per 25. Juli 2021 fristlos auflöste (act. II 88). 3.3.2Demnach trifft es nach Lage der Akten und entgegen der Darstel- lung des Beschwerdeführers in seinem Antrag auf Insolvenzentschädigung (act. II 81; 88) bzw. der Annahme des Beschwerdegegners (vgl. auch Be- schwerdeantwort, S. 4, Ziff. 5) nicht zu, dass der Beschwerdeführer über ein halbes Jahr bis zum 25. Juli 2021 ohne Lohnzahlungen bzw. Vergütun- gen seitens der C.________ GmbH weitergearbeitet hat. Vielmehr ist auf- grund des von den Parteien im vorliegenden Verfahren inhaltlich nicht in Frage gestellten Postenauszugs der D.________ davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer im Zeitraum zwischen Dezember 2020 und Juni 2021 diverse Zahlungen von der C.________ GmbH erhielt. Damit sind während den letzten Monaten des Arbeitsverhältnisses Zahlungseinstellun- gen, -verzögerungen und schliesslich auch Zahlungsausfälle seitens der Arbeitgeberin aufgetreten, die jedoch durch die Bemühungen des Be- schwerdeführers, welche mit den Whatsapp-Nachrichten an den Ge- schäftsführer belegt sind, teilweise reduziert werden konnten. Unter diesen Umständen sowie in Anbetracht der Tatsache, dass der Beschwerdeführer den Geschäftsführer der damaligen Arbeitgeberin mittels diverser Whats- App-Nachrichten im Zeitraum vom 15. bis 24. Juli 2021 (act. II 57; 59) auf offene Forderungen hingewiesen und am 24. Juli 2021 eine "Frist bis Ende Monat" gesetzt hat (act. II 88), kann dem Beschwerdeführer in dieser Zeit keine Verletzung der Schadenminderungspflicht vorgeworfen werden, auch wenn er der C.________ GmbH keine betraglich und zeitlich klar definier- ten Mahnungen hinsichtlich ausstehender Lohnforderungen zukommen liess. Nach Erhalt der letzten Vergütung am 18. Juni 2021 und in der Folge erfolglos gebliebenen Mahnungen kündigte der Beschwerdeführer mittels WhatsApp das Arbeitsverhältnis per 25. Juli 2021 fristlos, was soweit er- sichtlich seitens der Arbeitgeberin unwidersprochen akzeptiert wurde (vgl. EVG, C 163/06, E. 3.2 und 4.1). 3.4Zu klären bleibt damit, ob der Beschwerdeführer auch in der Zeit nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses vom 25. Juli 2021 bis zur Kon- kurseröffnung über die Arbeitgeberin am 25. Januar 2022 seiner Schaden-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 10 minderungspflicht (weiterhin) hinreichend nachgekommen ist (vgl. E. 3.2 vorne). 3.4.1Der Beschwerdeführer machte im Einspracheverfahren geltend, dass er die ehemalige Arbeitgeberin bzw. deren Geschäftsführer im Zeit- raum zwischen dem 4. August 2021 und dem 12. Januar 2022 mittels di- verser WhatsApp-Nachrichten, SMS und Telefonaten wiederholt zur Zahlung offener Geldforderungen ermahnt habe (act. II 38 f.), womit er sei- ner Schadenminderungspflicht hinreichend nachgekommen sei. Der Be- schwerdegegner bestreitet diese Handlungen nicht, macht jedoch geltend, sie genügten den qualitativen Anforderungen nicht (Beschwerdeantwort, S. 4, Ziff. 5). 3.4.2In grundsätzlicher Hinsicht ist darauf hinzuweisen, dass die Anfor- derungen an die Schadenminderungspflicht nach Auflösung des Arbeits- verhältnisses strenger zu beurteilen sind als für die Zeit davor (vgl. E. 2.3.2 vorstehend; Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, AVIG-Praxis IE, Ziff. B38; zur Bedeutung von Verwaltungsweisungen: BGE 147 V 79 E. 7.3.2 S. 82, 146 V 224 E. 4.4.2 S. 228). Die Gründe, welche von einem Arbeitneh- mer bei der Geltendmachung seiner Ansprüche während eines bestehen- den Arbeitsverhältnisses eine gewisse Zurückhaltung beim Vorgehen gegen die Arbeitgeberin verlangen und auch rechtfertigen, bestehen nach der Kündigung nicht mehr. Gleichermassen fällt mit der Auflösung des Ar- beitsverhältnisses auch bei der Arbeitgeberin das Interesse, durch Beglei- chung offener Lohnforderungen die Arbeitskraft des Mitarbeiters zu erhalten, weg. Damit steigen die von der Schadenminderungspflicht gefor- derten Anstrengungen, um die Lohnzahlungen erhältlich zu machen. Je länger schliesslich eine Arbeitgeberin offene und gemahnte Lohnforderun- gen nicht begleicht, umso formeller müssen die Bemühungen werden. Die von der höchstrichterlichen Rechtsprechung geforderte konsequente und kontinuierliche Weiterverfolgung der eingeleiteten Schritte (vgl. E. 2.3.1 vorstehend) bedingt dementsprechend, dass auf wenig formeller Ebene eingeleitete erste Bemühungen mit fortdauerndem Ausbleiben der Befriedi- gung der Lohnforderungen auf zusehends formellere Ebene gehoben wer- den müssen. Ein Zuwarten mit solchen Bemühungen stellt eine Verletzung Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 11 der Schadenminderungspflicht dar. Dies hat denn auch vorliegend zu gel- ten: Aus den Akten geht hervor, dass es der Beschwerdeführer auch nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses per 25. Juli 2021 im Hinblick auf die geltend gemachten Lohnforderungen im Wesentlichen bei WhatsApp- Nachrichten bzw. SMS an die Adresse der Arbeitgeberin bzw. deren Ge- schäftsführers bewenden liess (act. II 39; 50). Dabei ist erstellt und der Beschwerdeführer bestreitet nicht, dass ab dem 19. Juni 2021 keine Ver- gütungen seitens der C.________ GmbH mehr erfolgten. Vor diesem Hin- tergrund musste ihm deshalb spätestens nach der Kündigung per 25. Juli 2021 bzw. den danach folgenden Wochen weiterer informeller Bemühun- gen zwingend bewusst werden, dass er die geltend gemachten Lohnforde- rungen allein mittels SMS, WhatsApp-Nachrichten und telefonischen Nachfragen nicht mehr realisieren kann. Zumal der Geschäftsführer auf Ansprache nicht bzw. nur mit Verzögerung reagierte und der Kontakt später auch vorübergehend blockiert wurde. Folglich kann das für die Zeit nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses dokumentierte Verhalten nicht mehr als konsequente und kontinuierliche Weiterverfolgung der eingeleiteten Schritte im Hinblick auf die Geltendmachung der Lohnforderung betrachtet werden: Auch wenn dem Beschwerdeführer zuzustimmen ist, dass infor- melle Nachfragen und Aufforderungen mittels WhatsApp hinreichende Handlungen zur Erfüllung der Schadenminderungspflicht sein können (vgl. E. 2.3.2 und 3.3.2 vorne), so gilt dies dann nicht mehr, wenn für den frühe- ren Arbeitnehmer im Laufe der Zeit aus den gesamten Umständen erkenn- bar wird bzw. er sich bewusst werden muss, dass die frühere Arbeitgeberin ohne formelle Bemühungen keine Zahlung mehr leisten wird. Dies war vor- liegend der Fall: Nachdem der Beschwerdeführer ab dem 19. Juni 2021 keine Vergütung mehr erhalten und in den Wochen nach der Kündigung vom Arbeitgeber hingehalten wurde, ihm zwar eine demnächst eintreffende Zahlung in Aussicht gestellt wurde, diese jedoch nicht eintraf, hätte der Beschwerdeführer seiner Lohnforderung deshalb mit den in solchen Fällen üblichen Mitteln – etwa zunächst mittels eingeschriebener Mahnung – Nachdruck verleihen müssen. Indem er dies unterliess, verletzte er seine Schadenminderungspflicht. Dies gilt umso mehr, als die für die Zeit nach der Kündigung per 25. Juli 2021 dokumentierten SMS und WhatsApp-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 12 Nachrichten inhaltlich weder in betraglicher noch zeitlicher Hinsicht spezifi- ziert waren, mithin keine klare Handlungsanweisung an die Adresse der Arbeitgeberin dergestalt enthielten, innert einer gesetzten Frist einer be- traglich definierten Lohnforderung nachzukommen. Schliesslich liess sich der Beschwerdeführer auch nicht etwa bei der hierfür zuständigen Schlich- tungsbehörde bzw. den für Beratungen ebenfalls zur Verfügung stehenden Behörden der Arbeitslosenversicherung (kostenlos) beraten. Am 26. Januar 2022 leitete der Beschwerdeführer mit der Anhebung einer Betreibung vollstreckungsrechtliche Massnahmen ein, wobei vorliegend die Bedeutung des Umstands, dass bereits am 25. Januar 2022 der Konkurs über die frühere Arbeitgeberin eröffnet worden war, nicht näher geklärt werden muss. Dass der Beschwerdeführer nach der von ihm selbst per 25. Juli 2021 ausgesprochenen Kündigung während eines halben Jahres keine seine Ansprüche konsequent einfordernden, hinreichenden Schritte unter- nahm, stellt eine Verletzung der Schadenminderungspflicht dar. In Würdigung aller Umstände stellt das nach der Auflösung des Arbeitsver- hältnisses dokumentierte Verhalten des Beschwerdeführers eine nicht hin- reichend konsequente Verfolgung der geltend gemachten Lohnansprüche unter dem hier massgeblichen Gesichtspunkt von Art. 55 Abs. 1 AVIG und somit eine massgebliche Säumnis im Sinne eines schweren Verschuldens dar (vgl. E. 2.3.1 vorne), womit von einer grobfahrlässigen Verletzung der Schadenminderungspflicht auszugehen ist. 3.5Zusammenfassend folgt aus dem Dargelegten, dass der Be- schwerdeführer seiner Schadenminderungspflicht im Hinblick auf die An- spruchswahrung seiner gegenüber der C.________ GmbH geltend gemachten Lohnforderungen für die Zeit vor, nicht jedoch für die Zeit nach der Auflösung hinreichend nachgekommen ist. Der angefochtene Einspra- cheentscheid vom 24. November 2022 ist somit im Ergebnis nicht zu bean- standen und die Beschwerde abzuweisen. 4.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 23. Mai 2023, ALV/22/774, Seite 13 4.1In Anwendung von Art. 1 Abs. 1 AVIG i.V.m. Art. 61 lit. f bis ATSG (Umkehrschluss, vgl. auch BBl 2018 1639) sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 4.2Bei diesem Ausgang des Verfahrens besteht kein Anspruch auf eine Parteientschädigung (Umkehrschluss aus Art. 1 Abs. 1 AVIG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG). Ebenso hat auch der Beschwerdegegner keinen An- spruch auf Parteikostenersatz (Art. 104 Abs. 3 VRPG). Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden weder Verfahrenskosten erhoben noch wird eine Parteien- tschädigung zugesprochen. 3. Zu eröffnen (R): - Rechtsanwalt B.________ z.H. des Beschwerdeführers - Amt für Arbeitslosenversicherung des Kantons Bern, Rechtsdienst - Staatssekretariat für Wirtschaft – SECO Der Kammerpräsident: Der Gerichtsschreiber: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) geführt werden.