<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 27" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 27</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Einbürgerung</span> <span class="page_no">277</span> </div> <div class="page" id="S277"> <span class="text"><b>VIII. Einbürgerung </b></span><br/> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>27 </b> <b>Einbürgerung</b></span><br/> <span class="text">Frage, wann eine straffällig gewordene Bürgerrechtsbewerberin ein Ein-</span><br/> <span class="text">bürgerungsgesuch stellen kann </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 28. März</span><br/> <span class="text">2018, in Sachen B. gegen Einbürgerungskommission des Grossen Rats</span><br/> <span class="text">(WBE.2017.437).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">3.</span><br/> <span class="text">3.1.</span><br/> <span class="text">Vorliegend ist nicht streitig, dass die Beschwerdeführerin nach</span><br/> <span class="text">den Vorschriften des KBüG in Verbindung mit jenen des Bundes-</span><br/> <span class="text">gesetzes über Erwerb und Verlust des Schweizer Bürgerrechts vom</span><br/> <span class="text">29. September 1952 (aBüG) die Wohnsitzerfordernisse erfüllt und</span><br/> <span class="text">mit den Lebensverhältnissen in der Schweiz, im Kanton Aargau und</span><br/> <span class="text">in ihrer Wohnsitzgemeinde vertraut ist, über ausreichende sprach-</span><br/> <span class="text">liche sowie staatsbürgerliche Kenntnisse verfügt und am Wirtschafts-</span><br/> <span class="text">leben teilnimmt (vgl. § 5 Abs. 1 lit. a, b und e KBüG; Art. 14 lit. a</span><br/> <span class="text">und b aBüG). Materiell-rechtlicher Gegenstand der Beschwerde ist</span><br/> <span class="text">allein, ob und für wie lange das Kriterium der Beachtung der</span><br/> <span class="text">öffentlichen Sicherheit und Ordnung (§ 5 Abs. 1 lit. d und § 8 KBüG;</span><br/> <span class="text">Art. 14 lit. c aBüG; vgl. auch Art. 12 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes</span><br/> <span class="text">über das Schweizer Bürgerrecht [BüG] vom 20. Juni 2014) der</span><br/> <span class="text">Einbürgerung der Beschwerdeführerin im Weg steht, nachdem sie</span><br/> <span class="text">mit Strafbefehl vom 9. März 2017 wegen grober Verletzung der</span><br/> <span class="text">Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt wurde.</span><br/> <span class="text">In einem ersten Schritt ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="text">- zum jetzigen Zeitpunkt - das Kantonsbürgerrecht zuzusichern ist,</span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">278</span> </div> <div class="page" id="S278"> <div role="main"> <span class="text">obwohl ihr Strafregisterauszug eine bedingte Geldstrafe wegen eines</span><br/> <span class="text">Vergehens aufweist und die Probezeit für diese Strafe noch nicht ab-</span><br/> <span class="text">gelaufen ist (Hauptantrag). Sollte dies zu verneinen sein, wäre in</span><br/> <span class="text">einem zweiten Schritt zu prüfen, ob das Einbürgerungsverfahren zu</span><br/> <span class="text">sistieren ist, bis die genannte Verurteilung der Einbürgerung der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführerin nicht länger im Weg steht (Eventualantrag).</span><br/> <span class="text">3.2.</span><br/> <span class="text">Die Vorinstanz hält im angefochtenen Entscheid respektive in</span><br/> <span class="text">ihrer Beschwerdeantwort fest, die Beschwerdeführerin erfülle die</span><br/> <span class="text">Einbürgerungsvoraussetzung der Beachtung der öffentlichen Sicher-</span><br/> <span class="text">heit und Ordnung klar nicht. Dies zumal ihr Strafregisterauszug eine</span><br/> <span class="text">bedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen wegen einer groben Ver-</span><br/> <span class="text">kehrsregelverletzung (Art. 90 Abs. 2 SVG), mithin wegen eines</span><br/> <span class="text">Vergehens, aufweise und die damit verbundene Probezeit noch nicht</span><br/> <span class="text">abgelaufen sei. Gemäss § 8 Abs. 5 KBüG sei eine Einbürgerung un-</span><br/> <span class="text">ter diesen Umständen frühestens nach Ablauf der strafrechtlichen</span><br/> <span class="text">Probezeit sowie einer zusätzlichen Wartefrist von zwei Jahren mög-</span><br/> <span class="text">lich. Vorliegend dauere die strafrechtliche Probezeit noch bis 9. März</span><br/> <span class="text">2019 an. Dementsprechend gelte für die Beschwerdeführerin insge-</span><br/> <span class="text">samt eine Wartefrist bis 9. März 2021. Zu diesem Zeitpunkt könne</span><br/> <span class="text">sie bei ihrer Gemeinde ein neues Gesuch einreichen und das</span><br/> <span class="text">Einbürgerungsverfahren von vorne beginnen. Bei der zusätzlichen</span><br/> <span class="text">zweijährigen Wartefrist nach Ablauf der strafrechtlichen Probezeit</span><br/> <span class="text">handle es sich um eine absolut geltende Voraussetzung; für eine Ein-</span><br/> <span class="text">bürgerung gestützt auf § 8 Abs. 5 KBüG bestehe vor Ablauf dieser</span><br/> <span class="text">Frist kein Spielraum. Das Einbürgerungsverfahren zu sistieren, bis</span><br/> <span class="text">die Beschwerdeführerin die Einbürgerungsvoraussetzungen (wieder)</span><br/> <span class="text">erfülle, sei aufgrund der langen Gesamtrestdauer der strafrechtlichen</span><br/> <span class="text">Probezeit und der zusätzlichen Wartefrist im Sinn von § 8 Abs. 5</span><br/> <span class="text">KBüG nicht angezeigt.</span><br/> <span class="text">3.3.</span><br/> <span class="text">Die Beschwerdeführerin bringt dagegen sinngemäss vor, in</span><br/> <span class="text">ihrem Fall seien besondere Umstände gegeben, welche es rechtfertig-</span><br/> <span class="text">ten, ihr trotz der Verurteilung mit Strafbefehl vom 9. März 2017 be-</span><br/> <span class="text">reits zum jetzigen Zeitpunkt das Kantonsbürgerrecht zu erteilen bzw.</span><br/> <span class="text">zuzusichern. Zumindest sei aber das Einbürgerungsverfahren zu</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Einbürgerung</span> <span class="page_no">279</span> </div> <div class="page" id="S279"> <div role="main"> <span class="text">sistieren, bis die genannte Verurteilung ihrer Einbürgerung nicht</span><br/> <span class="text">mehr entgegenstehe. Dies, damit sie nicht das gesamte Verfahren er-</span><br/> <span class="text">neut durchlaufen müsse, obwohl sie alle übrigen Einbürgerungs-</span><br/> <span class="text">voraussetzungen zweifelsfrei erfülle.</span><br/> <span class="text">4.</span><br/> <span class="text">4.1.</span><br/> <span class="text">Für Bürgerrechtsbewerber, die zu einer bedingten Strafe wegen</span><br/> <span class="text">eines Vergehens verurteilt worden sind, beurteilt sich das Einbürge-</span><br/> <span class="text">rungskriterium der Beachtung der öffentlichen Sicherheit und Ord-</span><br/> <span class="text">nung nicht wie bei unbedingten Strafen nach § 8 Abs. 2 und 3 KBüG,</span><br/> <span class="text">sondern nach der Sondernorm des § 8 Abs. 5 KBüG. Diese Be-</span><br/> <span class="text">stimmung regelt - positiv - die Voraussetzungen, unter denen das</span><br/> <span class="text">Erfordernis der Beachtung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung</span><br/> <span class="text">nach der Verurteilung zu einer bedingten Strafe wegen eines Ver-</span><br/> <span class="text">gehens (wieder) als eingehalten gilt; nämlich wenn erstens der</span><br/> <span class="text">Strafregisterauszug für Privatpersonen keinen Eintrag (mehr) enthält,</span><br/> <span class="text">was nach beanstandungslosem Ablauf der strafrechtlichen Probezeit</span><br/> <span class="text">der Fall ist (Art. 371 Abs. 3bis StGB), und zweitens die strafrechtliche</span><br/> <span class="text">Probezeit zwei Jahre vor Einreichung des Einbürgerungsgesuchs ab-</span><br/> <span class="text">gelaufen ist.</span><br/> <span class="text">4.2.</span><br/> <span class="text">Vorliegend fällt die Erteilung bzw. die Zusicherung des</span><br/> <span class="text">Kantonsbürgerrechts an die Beschwerdeführerin gestützt auf § 8</span><br/> <span class="text">Abs. 5 KBüG zum jetzigen Zeitpunkt ausser Betracht. Dies zumal</span><br/> <span class="text">die strafrechtliche Probezeit für die bedingte Geldstrafe, zu welcher</span><br/> <span class="text">sie wegen eines Vergehens verurteilt wurde, noch nicht abgelaufen</span><br/> <span class="text">ist. Damit steht fest, dass die Beschwerdeführerin das Einbür-</span><br/> <span class="text">gerungserfordernis der Beachtung der öffentlichen Sicherheit und</span><br/> <span class="text">Ordnung (§ 5 Abs. 1 lit. d i.V.m. § 8 KBüG; Art. 14 lit. c aBüG) zum</span><br/> <span class="text">jetzigen Zeitpunkt nicht erfüllt.</span><br/> <span class="text">4.3.</span><br/> <span class="text">Anzumerken bleibt, dass die Vorinstanz fehlgeht, wenn sie an-</span><br/> <span class="text">nimmt, § 8 Abs. 5 KBüG belasse ihr keinen Spielraum in der Frage,</span><br/> <span class="text">wie lange die Beschwerdeführerin von der Möglichkeit der Ein-</span><br/> <span class="text">bürgerung ausgeschlossen sei. Eine solche Auslegung von § 8 Abs. 5</span><br/> <span class="text">KBüG könnte im Einzelfall zu Ergebnissen führen, die den bundes-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">280</span> </div> <div class="page" id="S280"> <div role="main"> <span class="text">rechtlich gezogenen Rahmen sprengen und die Einbürgerung über-</span><br/> <span class="text">mässig erschweren würden (Art. 38 Abs. 2 BV, Art. 14 aBüG; siehe</span><br/> <span class="text">vorne Erw. 2.2; vgl. so auch schon Urteil des Verwaltungsgerichts</span><br/> <span class="text">vom 12. Mai 2015 [WBE.2015.25] Erw. II/5.1). Auch mit Blick auf</span><br/> <span class="text">das Gebot der Verhältnismässigkeit (Art. 5 Abs. 2 BV) verbietet es</span><br/> <span class="text">sich, die Erfordernisse von § 8 Abs. 5 KBüG als absolute Be-</span><br/> <span class="text">dingungen auszulegen.</span><br/> <span class="text">Entsprechend dem Bewährungsgedanken der kantonalen Norm</span><br/> <span class="text">steht Personen, die zu einer bedingten Strafe wegen eines Vergehens</span><br/> <span class="text">verurteilt wurden, die Einbürgerung gestützt auf § 8 Abs. 5 KBüG in</span><br/> <span class="text">jedem Fall erst nach Ablauf der strafrechtlichen Probezeit sowie</span><br/> <span class="text">einer zusätzlichen Wartefrist offen.</span><br/> <span class="text">Bei der Bemessung der konkreten Dauer der zusätzlichen</span><br/> <span class="text">Wartefrist von bis zu zwei Jahren sind die Behörden nach ver-</span><br/> <span class="text">fassungskonformer Auslegung von § 8 Abs. 5 KBüG jedoch ver-</span><br/> <span class="text">pflichtet, die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen (vgl. Ur-</span><br/> <span class="text">teile des Verwaltungsgerichts vom 25. April 2014 [WBE.2014.20]</span><br/> <span class="text">Erw. II/5 und vom 12. Mai 2015 [WBE.2015.25] Erw. II/4.4 und</span><br/> <span class="text">4.5). Die zulässige Länge der zusätzlichen Wartefrist muss sich</span><br/> <span class="text">insbesondere nach der Schwere des Delikts und dem konkreten Ver-</span><br/> <span class="text">schulden der Bürgerrechtsbewerberin bzw. des Bürgerrechtsbewer-</span><br/> <span class="text">bers richten und nicht nach fixen Fristen. Dementsprechend ist - ge-</span><br/> <span class="text">rade bei Massendelikten wie Vergehen im Strassenverkehr, bei denen</span><br/> <span class="text">häufig das Verschulden nicht besonders schwer wiegt, und die regel-</span><br/> <span class="text">mässig im Strafbefehlsverfahren erledigt werden - vorstellbar, dass</span><br/> <span class="text">die genannte Frist von zwei Jahren in § 8 Abs. 5 KBüG im Einzelfall</span><br/> <span class="text">nicht mehr verhältnismässig ist (vgl. auch die [neurechtliche] Rege-</span><br/> <span class="text">lung in Art. 4 Abs. 3 der Verordnung über das Schweizer Bürgerrecht</span><br/> <span class="text">(BüV) vom 17. Juni 2016 betr. Erteilung der eidgenössischen Einbür-</span><br/> <span class="text">gerungsbewilligung an Bewerber, die zu einer bedingten Strafe</span><br/> <span class="text">verurteilt wurden. Diese Norm ist bewusst offen formuliert und lässt</span><br/> <span class="text">Raum für eine verhältnismässige Handhabung. Der erläuternde</span><br/> <span class="text">Bericht, Entwurf zur Verordnung zum Bürgerrechtsgesetz, April</span><br/> <span class="text">2016, S. 13 und das vom SEM herausgegebene Handbuch Bür-</span><br/> <span class="text">gerrecht für Gesuche ab 1.1.2018, Kapitel 3, S. 35 gehen zwar für</span><br/> <span class="text">bedingte oder teilbedingte Geldstrafen von mehr als 30 und weniger</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Einbürgerung</span> <span class="page_no">281</span> </div> <div class="page" id="S281"> <div role="main"> <span class="text">als 90 Tagessätzen von einer generellen Wartefrist von drei Jahren</span><br/> <span class="text">aus. Eine solche generelle Wartefrist dürfte kaum den verfassungs-</span><br/> <span class="text">rechtlichen Vorgaben insbesondere des Verhältnismässigkeitsprinzips</span><br/> <span class="text">genügen).</span><br/> <span class="text">Vorliegend erübrigt es sich derweil zu prüfen, nach welcher</span><br/> <span class="text">konkreten zusätzlichen Wartefrist die Beschwerdeführerin bei verfas-</span><br/> <span class="text">sungskonformer Auslegung von § 8 Abs. 5 KBüG eingebürgert wer-</span><br/> <span class="text">den könnte. Da die strafrechtliche Probezeit gemäss Strafbefehl vom</span><br/> <span class="text">9. März 2017 noch nicht abgelaufen ist, verweigert ihr der angefoch-</span><br/> <span class="text">tene Entscheid zu Recht die Erteilung bzw. Zusicherung des</span><br/> <span class="text">Kantonsbürgerrechts - unabhängig davon, wie eine angemessene zu-</span><br/> <span class="text">sätzliche Wartefrist ausfiele.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>