<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">163</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>23 Richtplanverfahren;</b></span> <span class="ft2"><b>Gesamtrevision</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die Gemeinden haben mit Bezug auf Richtplanfestsetzungen ein um-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fassendes Mitwirkungsrecht (Erw. 3.3.1).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die Stellungnahme der Gemeinde zu Änderungen des (ersten) Richt-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>planentwurfs ist vor dem Entscheid des Grossen Rates einzuholen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 3.3.2).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 22. November 2012 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen Einwohnergemeinde A. gegen Grosser Rat (WBE.2011.373).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">164</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">3.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Gemeinden haben im Richtplanverfahren gemäss Art. 10</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 RPG einen Mitwirkungsanspruch. Der bundesrechtliche An-</span><br/> <span class="ft1">spruch geht weiter als die Mitwirkung der Bevölkerung nach Art. 4</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 RPG. Verlangt wird eine bevorzugte Beteiligung der betroffe-</span><br/> <span class="ft1">nen Gemeinden. Soweit Gemeinden mit raumwirksamen Aufgaben</span><br/> <span class="ft1">betraut sind, muss sichergestellt sein, dass sie ihre Interessen selber</span><br/> <span class="ft1">formulieren, in den Planungsprozess frühzeitig eingeben und vor den</span><br/> <span class="ft1">zuständigen kantonalen Behörden selber vertreten können (BGE 136</span><br/> <span class="ft1">I 265, Erw. 3.2; Pierre Tschannen, in: Kommentar zum Bundesgesetz</span><br/> <span class="ft1">über die Raumplanung, Zürich 2009, Art. 10 Rz. 7; Bernhard Wald-</span><br/> <span class="ft1">mann/Peter Hänni, Raumplanungsgesetz, Handkommentar, Bern</span><br/> <span class="ft1">2006, Art. 10 N 5).</span><br/> <span class="ft1">Nach § 9 Abs. 1 BauG erstellt der Regierungsrat die Entwürfe</span><br/> <span class="ft1">zu den kantonalen Richtplänen in Zusammenarbeit mit den regiona-</span><br/> <span class="ft1">len Planungsverbänden. Er unterbreitet sie den Gemeinden zur Ver-</span><br/> <span class="ft1">nehmlassung. Bis 31. Dezember 2009 regelten § 9 Absatz 2 und 3</span><br/> <span class="ft1">BauG in der Fassung vom 19. Januar 1993 das Verhältnis von Ver-</span><br/> <span class="ft1">nehmlassungs- und Mitwirkungsverfahren. Mit der Aufhebung dieser</span><br/> <span class="ft1">beiden Absätze lässt das Baugesetz offen, ob das (Behörden-) Ver-</span><br/> <span class="ft1">nehmlassungsverfahren und das Mitwirkungsverfahren zusammen-</span><br/> <span class="ft1">gelegt werden können, ob das Ergebnis der Behördenvernehm-</span><br/> <span class="ft1">lassung im Mitwirkungsverfahren zu publizieren ist und die Gemein-</span><br/> <span class="ft1">den im weiteren Verlauf der Richtplanung einzubeziehen sind. Die</span><br/> <span class="ft1">Teilrevision von § 9 BauG wurde damit begründet, dass das Mitwir-</span><br/> <span class="ft1">kungsverfahren in § 3 BauG geregelt sei (Botschaft des Regierungs-</span><br/> <span class="ft1">rats des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 5. Dezember 2007,</span><br/> <span class="ft1">07.314, S. 32 f.).</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 10 Abs. 2 RPG sollen die Gemeinden nach Mass-</span><br/> <span class="ft1">gabe ihrer Planungsaufgaben und entsprechend ihrer staatsrechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Stellung an der Richtplanung mitwirken können (Tschannen,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Art. 10 Rz. 7; Erläuterungen des EJDP zum RPG, Bern 1981,</span><br/> <span class="ft1">Art. 10 N 3 und 4). Die Gemeinde hat auch Anspruch auf das rechtli-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">165</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">che Gehör nach Art. 29 Abs. 2 BV. Er umfasst alle Befugnisse, die</span><br/> <span class="ft1">einer Partei einzuräumen sind, damit diese im Richtplanverfahren</span><br/> <span class="ft1">ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann. Gemäss § 4</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 BauG kommen die Verfahrensbestimmungen des Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsrechtspflegegesetzes zur Anwendung, soweit das Baugesetz</span><br/> <span class="ft1">keine besonderen Vorschriften enthält. In den Verwaltungsverfahren</span><br/> <span class="ft1">ist den Parteien das rechtliche Gehör vor dem Entscheid zu gewähren</span><br/> <span class="ft1">(§ 21 Abs. 1 VRPG). Das Mitwirkungsrecht ist den Gemeinden in</span><br/> <span class="ft1">Bezug auf Richtplanfestsetzungen, die auf eine Beschränkung ihrer</span><br/> <span class="ft1">Autonomie in der Raumplanung ausgerichtet sind, umfassend zu</span><br/> <span class="ft1">gewähren (BGE 136 I 265, Erw. 3.2).</span><br/> <span class="ft1">3.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Gemeinden und die Regionalplanungsverbände wurden von</span><br/> <span class="ft1">der Abteilung Raumentwicklung (ARE) über den Abschluss des</span><br/> <span class="ft1">Mitwirkungsverfahrens mit einem Schreiben orientiert. Explizit dar-</span><br/> <span class="ft1">auf hingewiesen wurde, dass Anträge zur Reduktion von Sied-</span><br/> <span class="ft1">lungstrenngürteln oder Landschaften von kantonaler Bedeutung</span><br/> <span class="ft1">(LkB) nur in Einzelverfahren entschieden werden können. Im Aus-</span><br/> <span class="ft1">wertungsbericht zur Vernehmlassung findet sich lediglich der Hin-</span><br/> <span class="ft1">weis, dass einigen Anpassungsanträgen "bei missverständlicher Dar-</span><br/> <span class="ft1">stellung entsprochen [und] die kartographische Darstellung angepasst</span><br/> <span class="ft1">wird" (Anhang 4 zur Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aar-</span><br/> <span class="ft1">gau an den Grossen Rat vom 4. Mai 2011, 11.174, S. 20).</span><br/> <span class="ft1">Auch im weiteren Verfahren unterblieben eine Information und</span><br/> <span class="ft1">ein Einbezug des Gemeinderates A. zur Frage der Ausdehnung der</span><br/> <span class="ft1">LkB "Südhang". Die Vertreter des Departements Bau, Verkehr und</span><br/> <span class="ft1">Umwelt (BVU) bestätigten an der Verhandlung zudem, dass im (ers-</span><br/> <span class="ft1">ten) Entwurf der Richtplanrevision generell keine Anpassungen der</span><br/> <span class="ft1">LkB vorgesehen waren und die örtliche Festlegung der LkB "Süd-</span><br/> <span class="ft1">hang" nicht geprüft wurde.</span><br/> <span class="ft1">Die Festsetzung der Erweiterung der LkB "Südhang" und die</span><br/> <span class="ft1">entsprechende Richtplananpassung erfolgten damit ohne jede Mit-</span><br/> <span class="ft1">wirkung der Gemeinde. Ein solches Verfahren genügt den Anfor-</span><br/> <span class="ft1">derungen an die Mitwirkung der Gemeinden im Richtplanverfahren</span><br/> <span class="ft1">nicht (vgl. vorne Erw.</span> <span class="ft1">3.3.1). Die Behördenverbindlichkeit des</span><br/> <span class="ft1">Richtplans und das Rechtsschutzverfahren für die Gemeinden ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">166</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mäss § 54 Abs. 2 lit. a VRPG verlangen, dass den Gemeinden im</span><br/> <span class="ft1">Richtplanverfahren die Möglichkeit zur Mitwirkung und das rechtli-</span><br/> <span class="ft1">che Gehör umfassend gewährt werden. Dies bedeutet insbesondere,</span><br/> <span class="ft1">dass der Regierungsrat Änderungen des (ersten) Entwurfs aus dem</span><br/> <span class="ft1">Mitwirkungsverfahren den Gemeinden zur Vernehmlassung vorlegt</span><br/> <span class="ft1">und die Gemeinden zum (zweiten) abschliessenden Entwurf einer</span><br/> <span class="ft1">Richtplananpassung Stellung nehmen können, sofern Abweichungen</span><br/> <span class="ft1">gegenüber dem ersten Entwurf bestehen. Erst ein solches Verfahren</span><br/> <span class="ft1">ermöglicht es dem Grossen Rat, den Richtplan mit den Aufgaben der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde abzustimmen (Art. 2 RPG; vgl. dazu Waldmann/Hänni,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Art. 10 N 5). In der Vorlage einer Richtplananpassung ist</span><br/> <span class="ft1">daher sicherzustellen, dass die Gemeinden ihre Interessen einbringen</span><br/> <span class="ft1">und vor dem Grossen Rat als Planungsträger vertreten können</span><br/> <span class="ft1">(BGE 136 I 265, Erw. 3.2 mit Hinweisen). Diese Anforderungen an</span><br/> <span class="ft1">die Mitwirkung der Gemeinden gelten auch bei einer Gesamtre-</span><br/> <span class="ft1">vision.</span><br/> <span class="ft1">Den Anforderungen an die (Behörden-) Mitwirkung bzw. Ver-</span><br/> <span class="ft1">nehmlassung gemäss § 9 Abs. 1 BauG genügt die Publikation der</span><br/> <span class="ft1">Mitwirkungseingaben und deren Beurteilung durch die ARE im In-</span><br/> <span class="ft1">ternet nicht. Ebenso wenig vermochte die Veröffentlichung des über-</span><br/> <span class="ft1">arbeiteten Richtplantextes und der Gesamtkarte im Internet die Ver-</span><br/> <span class="ft1">nehmlassung der Beschwerdeführerin zur geänderten LkB "Süd-</span><br/> <span class="ft1">hang" zu ersetzen. Nachdem der Beschwerdeführerin nach Abschluss</span><br/> <span class="ft1">des Mitwirkungsverfahrens mitgeteilt worden war, dass in der Ge-</span><br/> <span class="ft1">samtrevision (weiterhin) keine Anpassungen der LkB vorgesehen</span><br/> <span class="ft1">seien, und solche Anpassungen die Mitwirkung der Behörden erfor-</span><br/> <span class="ft1">derten, bestand für den Gemeinderat auch keine Veranlassung, sich</span><br/> <span class="ft1">nach allfälligen Änderungen der LkB "Südhang" zu erkundigen und</span><br/> <span class="ft1">selbst aktiv zu werden. Entgegen der Auffassung des BVU kann die</span><br/> <span class="ft1">Mitwirkung der Gemeinden auch nicht durch (politische) Interven-</span><br/> <span class="ft1">tionen im Grossen Rat oder über seine Mitglieder ersetzt werden.</span><br/> <span class="ft1">Die Rüge der Beschwerdeführerin, wonach die Richtplanan-</span><br/> <span class="ft1">passung mit der Festsetzung der erweiterten LkB "Südhang" den</span><br/> <span class="ft1">formellen Anforderungen an das Vernehmlassungsverfahren nicht</span><br/> <span class="ft1">genügt, ist daher begründet. Ihr Anspruch auf rechtliches Gehör und</span><br/> <span class="ft1">auf Mitwirkung im Richtplanverfahren wurde verletzt.</span><br/></div> </div> </body> </html>