Kantonsgericht von Graubünden Dretgira chantunala dal Grischun Tribunale cantonale dei Grigioni 1 / 13 Entscheid vom 15. August 2019 ReferenzZK1 19 127 InstanzI. Zivilkammer BesetzungBrunner, Vorsitzender Michael Dürst und Pritzi Mehli, Aktuarin ad hoc ParteienX._____, Beschwerdeführerin GegenstandFürsorgerische Unterbringung Anfechtungsobj.Ärztliche Einweisung Arzt/Ärztin (FU) vom 29.07.2019, mitgeteilt gleichentags Mitteilung21. August 20192 / 13 I. Sachverhalt A. Für X._____, geboren am _____ 1962, wurde mit Entscheid der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (nachfolgend: KESB) Prättigau/Davos vom 5. November 2018, mitgeteilt am 6. November 2018, eine Vertretungsbeistandschaft nach Erwachsenenschutzrecht (Art. 390 und Art. 394 ZGB) errichtet. Als Beistand wurde A._____ von der Berufsbeistandschaft Prättigau/Davos ernannt. B. Ebenfalls mit Entscheid vom 5. November 2018, mitgeteilt am 6. November 2016, ordnete die KESB Prättigau/Davos eine stationäre Begutachtung von X._____ durch Dr. med. B._____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, an. Dieser kam in seinem Gutachten vom 13. November 2018 zum Schluss, dass bei X._____ eine paranoide Schizophrenie (ICD-10 F20.0) bestehe und die Be- handlung zunächst ambulant erfolgen sollte. Die Explorandin sei nicht krankheits- einsichtig, es bestehe aber eine geringe Einsicht in die Notwendigkeit der Behand- lung. Weiter bestehe keine ernsthafte, also Handlungsbedarf begründende Selbst- oder Fremdgefährdung, ein Unterbleiben der notwendigen Behandlung würde aber zu zunehmender Verwahrlosung führen. C. Am 23. Juli 2019 ging bei der KESB Prättigau/Davos eine Gefährdungs- meldung von Dr. med. C._____, D._____, Klinik E._____ ein, in welcher ausge- führt wurde, dass sich X._____ seit dem 15. März 2019 in ihrer psychiatrischen tagesklinischen Behandlung befinde und zuvor vier stationäre Behandlungen zwi- schen November 2018 und März 2019 erfolgt seien. Der psychische Gesundheits- zustand der Patientin habe sich in den letzten Wochen zunehmend verschlechtert, die Patientin zeige sich aktuell agitiert, wahnhaft psychotisch und lasse sich nicht führen. Zudem sei ihr die Wohnung auf Ende September 2019 gekündigt worden. Die Patientin nehme weder ambulante noch medikamentöse Therapie in An- spruch. Aus psychiatrischer Sicht sei eine stationäre Behandlung dringend indi- ziert. D. Die KESB Prättigau/Davos informierte den behandelnden Psychiater Dr. med. B._____ über die Gefährdungsmeldung. Dieser kam bei seiner Untersu- chung von X._____ am 24. Juli 2019 zum Schluss, dass kein Grund für eine für- sorgerische Unterbringung gegeben sei. E. Am 29. Juli 2019 brachte die Polizei X._____ im Auftrag der KESB Prätti- gau/Davos in agitiertem und sehr erregten Zustand notfallmässig in das Spital O.1_____. Mit Verfügung vom 29. Juli 2019 ordnete Dr. med. E._____, Leitende Ärztin Innere Medizin, Spital O.1_____, eine fürsorgerische Unterbringung für 3 / 13 X._____ für sechs Wochen an und überwies X._____ in die Psychiatrische Klinik F._____ in O.2_____. Die Anordnung erfolgte gestützt auf Art. 429 ZGB infolge eines psychotischen Schubs mit agitiertem psychischen Ausnahmezustand. Eine Überweisung in die Klinik E._____ oder G._____ der D._____ verweigerte sie un- ter Suizidandrohung. F. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 31. Juli 2019 wurde Dr. med. H._____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, durch die KESB Prätti- gau/Davos gestützt auf Art. 446 Abs. 2 ZGB mit der Erstellung eines Kurzgutach- tens über X._____ betraut. Der Gutachter wurde ersucht darzulegen, ob bei X._____ zumindest der Verdacht einer psychischen Störung, geistigen Behinde- rung oder schweren Verwahrlosung vorliege und mit welcher konkreten Gefahr (Selbst- oder Drittgefährdung) zu rechnen sei, wenn die notwendige Behandlung und/oder Betreuung unterbleibe. Im Gutachten seien weiter die Fragen zu beant- worten, ob eine ambulante Behandlung des gutachterlich festgestellten Schwächezustandes möglich sei oder ob eine stationäre Behandlung als notwen- dig erachtet werde und welche Behandlung und/oder Betreuung hinsichtlich des Schwächezustandes aktuell als indiziert angesehen werde. Zudem sei darzulegen, ob aktuell eine Behandlung ohne Zustimmung nach Art. 434 ZGB angezeigt sei und ob X._____ bezüglich der Notwendigkeit der indizierten Behandlung und/oder Betreuung einsichtig und zur Kooperation fähig sei. Abschliessend sei zu beurtei- len, ob das Setting in der Psychiatrischen Klinik in O.2_____ aktuell geeignet sei und falls nicht, welche anderen Rahmenbedingungen aus welchen Gründen als geeigneter erachtet werden. G. In seinem Gutachten, datiert vom 2. August 2019, attestierte Dr. med. H._____, dass bei X._____ ein akuter psychotischer Schub bei anamnestisch pa- ranoider Schizophrenie (ICD-10 F20.0) vorliege, was einer (akuten) psychischen Störung entspreche. Im Zusammenhang damit sei es auch zu einer Verschlechte- rung des Allgemeinzustands und zur Verwahrlosung gekommen. Eine Selbstge- fährdung im Sinne von Selbstverletzung oder Aggression gegen sich selber sei nicht auszuschliessen, wenn die notwendige Behandlung unterbleibe, zumal die Explorandin mehrfach Suizidabsichten geäussert habe, die von ihr nicht kontrol- liert werden könnten. Zudem hätten ihre psychotischen Wahrnehmungen schon zu Abwehrreaktionen geführt, die von Dritten als bedrohlich empfunden worden sei- en. Da die Explorandin aktuell eine neuroleptische Behandlung von 100 mg Que- tiapin akzeptiere, solle eine Behandlung ohne Zustimmung nach Art. 434 ZGB wenn irgend möglich vermieden werden. Der Gutachter erachtet ein (ausserkan- tonales) stationäres Setting als indiziert. 4 / 13 H. Die KESB Prättigau/Davos hörte X._____ am 2. August 2019 betreffend die Verfügung zur fürsorgerischen Unterbringung an. I. Gegen die von Dr. med. E._____, Spital O.1_____, angeordnete fürsorgeri- sche Unterbringung erhob X._____ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) mit Einga- be vom 2. August 2019 Beschwerde beim Kantonsgericht von Graubünden. Be- gründend führte sie aus, dass sie weder selbst- noch fremdgefährdend sei und für sich selber sorgen könne. J. Mit Schreiben vom 8. August 2019 ersuchte der Vorsitzende der I. Zivil- kammer des Kantonsgerichts von Graubünden die Psychiatrische Klinik F._____ unter Fristansetzung bis zum 12. August 2019 um einen kurzen Bericht zum Ge- sundheitszustand der Beschwerdeführerin, zur Art der Behandlung und insbeson- dere zur Frage, inwiefern die Voraussetzungen für eine weitere fürsorgerische Un- terbringung aus ärztlicher Sicht gegeben seien. K. Im Bericht der I._____, Klinik F._____, vom 9. August 2019 wird unter an- derem ausgeführt, dass bei der Beschwerdeführerin seit mindestens drei Jahren eine (aktuell chronifizierte) paranoide Schizophrenie bestehe. Sie sei schon mehr- fach in dieser und in anderen Psychiatrien hospitalisiert gewesen. Bei den frühe- ren Aufenthalten in dieser Klinik habe sie eine adäquate antipsychotische Medika- tion jeweils strikt abgelehnt. Beim aktuellen Aufenthalt habe sie sich auf eine tief- dosierte (noch nicht adäquate) Medikation bislang einlassen können. Die Sym- ptomatik sei bisher unverändert anhaltend. Die Beschwerdeführerin zeige wieder- holt eine Symptomatik mit Beeinflussungserlebnissen, bizarrem Wahn (Internet- und Handystrahlung), Gedankensperre und Misstrauen bei durchwegs fehlender Krankheitseinsicht. In den Voraufenthalten wie auch beim jetzigen Aufenthalt sei jeweils eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung zu verneinen (gewesen) und deshalb habe bei fehlenden Rückhaltegründen dem Entlassungswunsch der Pati- entin bislang jeweils entsprochen werden müssen. Aus ihrer Sicht benötige die Patientin aktuell im Anschluss an eine adäquate antipsychotische Behandlung ei- ne professionelle Unterstützung bei der Organisation der sozialen Situation. Es sei anzumerken, dass die Patientin ausdrücklich eine Verlegung in eine Klinik in die Nordwestschweiz wünsche und dass sie erkläre, eine solche Behandlung und Un- terstützung könne nur auf freiwilliger Basis erfolgreich stattfinden. L. Am 15. August 2019 fand die mündliche Hauptverhandlung vor der I. Zivil- kammer des Kantonsgerichts von Graubünden statt, an welcher die Beschwerde- führerin persönlich teilnahm. Bezüglich der richterlichen Befragung wird auf das separat angefertigte Protokoll vom 15. August 2019 (nachfolgend: Protokoll 5 / 13 Hauptverhandlung) verwiesen. Nach durchgeführter Urteilsberatung wurde der Beschwerdeführerin sowie der ärztlichen Leitung der Klinik F._____, I._____, noch gleichentags das vorzeitige Entscheiddispositiv zugestellt. M. Auf die Aussagen der Beschwerdeführerin anlässlich der richterlichen Be- fragung sowie die weiteren Ausführungen in der Beschwerde, im Gutachten und in den beigezogenen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwä- gungen eingegangen. II. Erwägungen 1.1. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist eine fürsorgerische Unterbrin- gung gemäss Art. 426 ff. ZGB. Das Kantonsgericht von Graubünden ist hierfür einzige kantonale Beschwerdeinstanz (Art. 439 Abs. 1 Ziff. 1 und 4 ZGB i.V.m. Art. 60 Abs. 1 des Einführungsgesetzes zum Zivilgesetzbuch [EGzZGB; BR 210.100]) und dementsprechend zur Beurteilung der vorliegenden Beschwer- de zuständig. 1.2. Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine ärztlich angeordnete fürsorge- rische Unterbringung nach Art. 429 Abs. 1 ZGB. Dagegen kann die betroffene oder eine ihr nahestehende Person innert zehn Tagen schriftlich beim zuständigen Gericht Beschwerde erheben (Art. 439 Abs. 1 und 2 ZGB). Eine Begründung ist nicht notwendig (Art. 439 Abs. 3 ZGB i.V.m. Art. 450e Abs. 1 ZGB). Vorliegend richtet sich die Beschwerde gegen die am 29. Juli 2019 verfügte fürsorgerische Unterbringung. Die Beschwerdefrist wurde mit der Eingabe vom 2. August 2019 somit gewahrt. Daher ist auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten. 2.1. Das Verfahren vor der gerichtlichen Beschwerdeinstanz richtet sich nach Art. 450a ff. ZGB. Zu beachten sind sodann die allgemeinen Verfahrensgrundsät- ze des erstinstanzlichen Verfahrens (Art. 443 ff. ZGB), die auch im Verfahren vor der gerichtlichen Beschwerdeinstanz anwendbar sind, soweit das Gesetz in den Art. 450 ff. ZGB keine abweichenden Vorschriften enthält (vgl. Lorenz Droe- se/Daniel Steck, in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zivilgesetz- buch I, 6. Aufl., Basel 2018, N 13 zu Art. 450 ZGB). Dies gilt namentlich für die in Art. 446 ZGB verankerte uneingeschränkte Untersuchungs- und Offizialmaxime und das an gleicher Stelle festgeschriebene Prinzip der Rechtsanwendung von Amtes wegen. Der Anwendungsbereich dieser zentralen Verfahrensgrundsätze bezieht sich auf sämtliche Verfahren vor der Kindes- und Erwachsenenschutz- behörde und erstreckt sich – wenn auch teilweise in abgeschwächter Form – nach 6 / 13 dem Grundsatz der Einheit des Prozesses auch auf die Verfahren vor der gericht- lichen Beschwerdeinstanz (vgl. Luca Maranta/Christoph Auer/Michèle Marti, in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Aufl., Basel 2018, N 1 f. zu Art. 446 ZGB m.w.H.). Aus Art. 450a ZGB wie auch aus Art. 5 Ziff. 4 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101) ergibt sich schliesslich, dass das Gericht Tat- und Rechtsfragen wie auch die Angemessenheit frei überprüft und ihm von Bundesrechts wegen volle Kognition zukommt. 2.2. Das Gesetz schreibt ausdrücklich vor, dass das Gericht aufgrund eines Gutachtens entscheiden muss, wenn die betroffene Person an einer psychischen Störung leidet (Art. 439 Abs. 3 ZGB i.V.m. Art. 450e Abs. 3 ZGB). Das Gutachten muss von einer unabhängigen, im laufenden Verfahren noch nicht involvierten sachverständigen Person erstellt werden und in dem Sinne aktuell sein, dass es sich zu den sich im gerichtlichen Verfahren stellenden Fragen äussern muss (BGE 143 III 189 E. 3.2 f.; Thomas Geiser/Mario Etzensberger in: Gei- ser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommenta, Zivilgesetzbuch I, 6. Aufl., Basel 2018, N 48 ff. zu Art. 439 ZGB; Thomas Geiser, in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Aufl., Basel 2018, N 19 zu Art. 450e ZGB). Mit dem Kurzgutachten vom 2. August 2019 von Dr. med. H._____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, welcher die Beschwerdeführerin am 31. Juli 2019 persönlich untersucht hat, wurde dieser Vorschrift Genüge getan. 2.3. Gemäss Art. 450e Abs. 4 Satz 1 ZGB muss die gerichtliche Beschwerdein- stanz die betroffene Person in der Regel als Kollegium anhören, was faktisch zwingend zur Durchführung einer mündlichen Hauptverhandlung führt (vgl. Chri- stof Bernhart, Handbuch der fürsorgerischen Unterbringung, Basel 2011, N 848 f.). Mit der Durchführung der mündlichen Hauptverhandlung am 15. August 2019 wurde diese Vorgabe umgesetzt. 3. Neben der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde können gemäss Art. 429 Abs. 1 ZGB auch die von den Kantonen bezeichneten Ärztinnen und Ärz- te eine fürsorgerische Unterbringung, welche die Höchstdauer von sechs Wochen nicht überschreiten darf, anordnen. Dabei hat der einweisende Arzt die betroffene Person persönlich zu untersuchen, anzuhören (vgl. Art. 430 Abs. 1 ZGB) und ihr anschliessend den Unterbringungsentscheid mit den gesetzlich vorgeschriebenen Angaben auszuhändigen (vgl. Art. 430 Abs. 2 und 4 ZGB). Dies bedeutet, dass die Untersuchung dem Einweisungsentscheid unmittelbar vorauszugehen hat (vgl. Thomas Geiser/Mario Etzensberger, a.a.O., N 20 ff. zu Art. 429/430 ZGB). Der einweisende Arzt muss sich gestützt auf eine klinische Untersuchung und so-7 / 13 weit möglich nach einem Gespräch mit der betroffenen Person eine Meinung bil- den (vgl. Olivier Guillod, in: Büchler et al. [Hrsg.], Erwachsenenschutz, FamKom- mentar, Bern 2013, N 4 zu Art. 430 ZGB). Dr. med. E._____ ist Fachärztin für All- gemeine Innere Medizin und Praktische Ärztin. Als Leitende Ärztin Innere Medizin im Spital O.1_____ war sie gemäss Art. 51 Abs. 1 lit. c EGzZGB als behandelnde Ärztin der überweisenden Einrichtung zur Anordnung einer fürsorgerischen Unter- bringung legitimiert. Zudem enthält die Verfügung vom 29. Juli 2019 die gemäss Art. 430 Abs. 2 ZGB vorgeschriebenen Minimalangaben. Allerdings fehlt die unter- schriftliche Bestätigung der Beschwerdeführerin, ein Exemplar der Verfügung er- halten zu haben. Dieser Umstand ist jedoch letztlich unbeachtlich, da die Be- schwerdeführerin offensichtlich ungeachtet dessen in der Lage war, das gerichtli- che Verfahren zur Überprüfung ihrer Unterbringung in der Klinik F._____ einzulei- ten. 4.1. Gemäss Art. 426 Abs. 1 ZGB darf eine Person, welche an einer psychi- schen Störung oder an geistiger Behinderung leidet oder verwahrlost ist, in einer geeigneten Einrichtung untergebracht werden, wenn die nötige Behandlung oder Betreuung nicht anders erfolgen kann. Die Belastung und der Schutz von Angehö- rigen und Dritten sind zu berücksichtigen (Abs. 2). Die betroffene Person wird ent- lassen, sobald die Voraussetzungen der Unterbringung nicht mehr erfüllt sind (Abs. 3). Die Massnahme gelangt zur Anwendung, wenn eine Person der persön- lichen Fürsorge oder Pflege bedarf (vgl. Thomas Geiser/Mario Etzensberger, a.a.O., N 6 vor Art. 426-439 ZGB). Die fürsorgerische Unterbringung dient dem Schutz der betroffenen Person und nicht der Umgebung (vgl. dazu Botschaft zur Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches [Erwachsenenschutz, Perso- nenrecht und Kindesrecht] vom 28. Juni 2006, BBl 2006 7001, S. 7062 [zitiert: Botschaft]). Erste gesetzliche Voraussetzung für eine Anordnung der Massnahme ist einer der drei abschliessend genannten Schwächezustände: psychische Störung, geistige Behinderung oder schwere Verwahrlosung. Erforderlich ist so- dann eine sich aus dem Schwächezustand ergebende Notwendigkeit der Behand- lung beziehungsweise Betreuung. Weitere Voraussetzung ist, dass der Person die nötige Behandlung oder Betreuung nicht auf andere Weise als durch eine Einwei- sung beziehungsweise Zurückbehaltung in einer Einrichtung gewährt werden kann. Gesetzlich verlangt ist schliesslich eine geeignete Einrichtung (vgl. Urteil des Bundesgerichts 5A_228/2016 vom 11. Juli 2016, E. 3.1). Die genannten Vor- aussetzungen bedingen sich gegenseitig und sind nur in ihrem Zusammenhang verständlich. Der Schwächezustand allein vermag eine fürsorgerische Unterbrin- gung nie zu rechtfertigen, sondern immer nur zusammen mit der Notwendigkeit einer Behandlung oder Betreuung. Selbst bei Vorliegen einer solchen ist die frei-8 / 13 heitsbeschränkende Unterbringung aber nur gesetzeskonform, wenn der Zweck der Unterbringung nicht mit einer milderen Massnahme erreicht werden kann (Verhältnismässigkeitsprinzip) und die Unterbringung für den angestrebten Zweck auch tauglich ist (vgl. Thomas Geiser/Mario Etzensberger, a.a.O., N 7 zu Art. 426 ZGB). 4.2. Zunächst ist zu prüfen, ob bei der Beschwerdeführerin einer der im Gesetz genannten Schwächezustände vorliegt, welcher die persönliche Fürsorge notwen- dig macht. Die psychische Störung umfasst die anerkannten Krankheitsbilder der Psychiatrie, d.h. Psychosen und Psychopathien, seien sie körperlich begründbar oder nicht (vgl. Botschaft, a.a.O., S. 7062). Psychische Störung ist ein Begriff des Rechts, der sich aber auf die medizinische Terminologie abstützt. Der Begriff ist aus der modernen Medizin entnommen und entspricht der Klassifikation der WHO (ICD; International Classification of Disturbances [vgl. Thomas Geiser/Mario Et- zensberger, a.a.O., N 15 f. zu Art. 426 ZGB]). Dr. med. H._____ kam in seinem Kurzgutachten aufgrund der Vorakten und seiner eigenen Beobachtungen zum Schluss, dass bei der Beschwerdeführerin eine aku- te psychotische Störung bei vordiagnostizierter paranoider Schizophrenie (ICD-10 F20) vorliege, womit es sich um eine Geisteskrankheit im juristischen Sinne han- delt. Im Zusammenhang damit sei es auch zu einer Verschlechterung des Allge- meinzustandes und zur Verwahrlosung gekommen. Damit ist bei der Beschwerde- führerin ein gemäss Art. 426 Abs. 1 ZGB für die fürsorgerische Unterbringung er- forderlicher Schwächezustand grundsätzlich gegeben. 4.3. Eine weitere kumulative Voraussetzung für eine fürsorgerische Unterbrin- gung ist die sich aus diesem Schwächezustand ergebende Notwendigkeit einer Behandlung bzw. Betreuung. Dr. med. H._____ hält in seinem Kurzgutachten vom 2. August 2019 zusammenfassend fest, dass bei der Beschwerdeführerin eine stationäre Behandlung notwendig sei. Die Klinik F._____ führte in ihrer Stellung- nahme vom 9. August aus, dass ohne angemessene antipsychotische Behand- lung in ausreichender Dosierung ein Auftreten folgender Auswirkungen drohen würde: langfristiger Gesundheitsschaden mit chronifizierter psychischer Erkran- kung, Verminderung des Denkvermögens und Unvermögen soziale Kontakte zu haben und sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Auch Dr. med. C._____, Chefärztin ADPF/ATK Region Nord der D._____, erachtet gemäss ihrer Gefährdungsmeldung vom 23. Juli 2019 an die KESB Prättigau/Davos eine statio- näre Behandlung als dringend indiziert. Angesichts des Gutachtens, der Stellung- nahme der Klinik F._____ und der Gefährdungsmeldung der D._____, Klinik E._____, scheint die Behandlungsbedürftigkeit der Beschwerdeführerin ausgewie-9 / 13 sen und kann daher als gegeben erachtet werden. Dennoch stellt sich vorliegend die Frage, ob die fürsorgerische Unterbringung angesichts des schweren Eingriffs in die persönliche Freiheit des Betroffenen im konkreten Fall noch als verhältnis- mässig beurteilt werden kann. 4.4 Der Grundsatz der Verhältnismässigkeit verlangt, dass eine fürsorgerische Unterbringung nur verfügt bzw. nur solange aufrechterhalten werden darf, als mit einer konkreten Selbst- oder Fremdgefährdung von einem gewissen Ausmass zu rechnen ist. So hat das Bundesgericht festgehalten, dass es für die Beurteilung des Behandlungs- bzw. Betreuungsbedarfs wesentlich sei, mit welcher konkreten Gefahr für die Gesundheit oder das Leben der betroffenen Person bzw. von Drit- ten zu rechnen sei, wenn die Behandlung der gutachterlich festgestellten Krank- heit bzw. die Betreuung unterbleibe (vgl. BGE 140 III 101 E. 6.2.2 sowie BGE 140 III 105 E. 2.4 mit Verweisen auf die Bundesgerichtsurteile 5A_312/2007 vom 10. Juli 2007, E. 2.3 und 5A_288/2011 vom 19. Mai 2011,E. 5.3). Gemäss Art. 426 Abs. 3 ZGB wird eine Person entlassen, sobald die Voraussetzungen für eine Un- terbringung nicht mehr erfüllt sind. Mit dieser Umschreibung beabsichtigte der Ge- setzgeber eine im Vergleich zum bisherigen Recht restriktivere Regelung der Ent- lassungsvoraussetzungen, welche der sog. Drehtürpsychiatrie entgegen wirken sollte (vgl. Botschaft, a.a.O., S. 7063). Bei richtiger Auslegung galt indessen be- reits unter altem Recht, dass eine Entlassung zu unterbleiben hatte, solange die Voraussetzungen für eine Einweisung gegeben waren. Insofern hat sich die Rechtslage nicht verändert. Der Entscheid über die Entlassung ist stets anhand des Zustandes des Betroffenen im aktuellen Zeitpunkt zu bestimmen (vgl. Thomas Geiser/Mario Etzensberger, a.a.O., N 44 zu Art. 426 ZGB). Dabei ist eine Interes- senabwägung im Hinblick auf den Zweck der fürsorgerischen Unterbringung, näm- lich die Wiedererlangung der Selbständigkeit und der Eigenverantwortung im Ent- lassungszeitpunkt, vorzunehmen. Aus dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit ergibt sich des Weiteren, dass die nötige Behandlung oder Betreuung nicht anders erfolgen können darf als mit der Einweisung in eine Einrichtung. Mit anderen Wor- ten muss die Unterbringung in einer Einrichtung geeignet sein, den Zweck der be- absichtigten Behandlung zu erfüllen, ohne dass eine weniger einschneidende Massnahme genügen würde (vgl. dazu Thomas Geiser/Mario Etzensberger, a.a.O., N 22 ff. zu Art. 426 ZGB und Olivier Guillod, a.a.O., N 64 f. zu Art. 426 ZGB). Eine Unterbringung fällt gemäss der Botschaft zum neuen Erwachsenen- schutzrecht deshalb nur als ultima ratio in Betracht (a.a.O., S. 7062). Als leichtere Massnahme kommt den ambulanten Massnahmen und der Nachbetreuung sowie der freiwilligen Sozialhilfe entscheidende Bedeutung zu (Thomas Geiser/Mario Etzensberger, a.a.O., N 24 zu Art. 426 ZGB).10 / 13 4.4.1. Dr. med. H._____ stellte in seinem Gutachten vom 2. August 2010 fest, dass bei der Beschwerdeführerin ein akutes psychotisches Zustandsbild mit Be- einträchtigungs- und Beeinflussungsideen sowie starkem Misstrauen vorliege und diagnostizierte eine paranoide Schizophrenie. Ihr Zustand habe sich in den letzten fünf Jahren zunehmend verschlechtert, sodass mehrere Klinikeinweisungen (auch fürsorgerische Unterbringung) sowie eine umfassende Beistandschaft notwendig geworden seien. Die Beschwerdeführerin sei zwar grundsätzlich einsichtig, dass sie Hilfe benötige und sei zur Kooperation bereit. Die Kooperation sei aber durch ein ausgesprochen grosses Misstrauen gepaart mit wahnhaften Beeinträchti- gungs- und Beeinflussungsideen und einer grossen Skepsis gegenüber der medi- kamentösen Behandlung erschwert. In Überforderungs- und Angstsituationen könne die Beschwerdeführerin auch unkontrolliert und aggressiv reagieren, wobei sie selbst unsicher sei, ob sie die selbst- und fremdaggressiven Gefühle dauerhaft kontrollieren könne. Weiter gebe es auch Hinweise auf Ich-Störungen (Fremdbe- einflussungserleben). Diese Konstellation könne unter Druck zu unkontrollierten selbst- und fremdaggressiven Handlungen führen, weshalb es vorderhand einer geschützten Situation für die Beschwerdeführerin bedürfe. Die psychotische Wahrnehmung, dass andere Personen der Beschwerdeführerin gegenüber provo- zieren, habe bereits zu Abwehrreaktionen geführt, die von anderen als bedrohlich empfunden worden seien. Der Gutachter erachtete eine Selbstgefährdung im Sin- ne von Selbstverletzung oder Aggression gegen sich selber als möglich, wenn die notwendige Betreuung und Behandlung unterbleibe. Zudem habe die Beschwer- deführerin mehrfach Suizidabsichten geäussert, deren Durchführung von ihr nicht kontrolliert werden könne. In der Gefährdungsmeldung der D._____ vom 23. Juli 2019 ist von bedrohendem Verhalten gegenüber anderen Patienten sowie Beis- sen, Schlagen und Haare ausreissen gegenüber sich selber die Rede. Weiter wird ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin nach eigener Aussage zu diesem Zeit- punkt im Wald geschlafen habe. Eine adäquate Führbarkeit durch den Beistand sei nicht möglich. 4.4.2. Die Beschwerdeinstanz konnte sich anlässlich der Verhandlung vom 15. August 2019 ein Bild von der Beschwerdeführerin machen. Die Beschwerde- führerin war trotz Klinikaufenthalt seit dem 29. Juli 2019 – soweit die Beschwer- deinstanz das beurteilen kann – in einer relativ schlechten Verfassung und zeigte im Laufe der Verhandlung zunehmende Verwirrtheit. Die Beschwerdeführerin war zwar in Bezug auf ihre grundsätzliche Hilfsbedürftigkeit einsichtig, eine wirkliche Krankheitseinsicht in Bezug auf die paranoide Schizophrenie und vor allem eine 11 / 13 Behandlungseinsicht wurde jedoch nicht ersichtlich. Die Gegebenheiten, die zu ihrer Einweisung geführt haben, verkennt sie teilweise. Die Beschwerdeführerin äusserte auch anlässlich der Hauptverhandlung Kritik und Misstrauen gegenüber sämtlichen behandelnden Kliniken, den Ärzten, ihrem Beistand und der KESB und zeigte sich gegenüber medikamentöser Therapie negativ eingestellt. Sie hat zu- dem nach eigener Aussage infolge ihrer Erkrankung weder Kontakt zu ihren Töch- tern, noch ein soziales Umfeld, was sie stark zu belasten scheint. Grosse Angst äusserte sie vor einer erneuten Obdachlosigkeit. Angesprochen auf das Vorgehen nach einer allfälligen Entlassung aus der Klinik zeigte sich bei der Beschwerdefüh- rerin eine gewisse Hilflosigkeit und starke Angewiesenheit auf ihren Beistand. Wie sich aus den Verfahrensakten der KESB Prättigau/Davos ergibt, war ihr in der Praxis eine Zusammenarbeit mit dem Beistand in der Vergangenheit jedoch nicht möglich. Die Beschwerdeführerin erweckte anlässlich der Hauptverhandlung den Eindruck, dass sie ohne entsprechende therapeutische Behandlung aktuell nicht in der Lage wäre, sich zu pflegen und deshalb zu verwahrlosen drohen würde. Angesichts ihrer Schilderungen und unter Einbezug der Verfahrensakten erscheint eine Entlassung aus der Klinik zum aktuellen Zeitpunkt als verfrüht, da die Gefahr eines vollständigen Therapieabbruchs besteht, was vermutlich zu erneuter Selbst- aggression, Verwahrlosung und Vereinsamung führen würde. 4.4.3. Vor dem Hintergrund des Gutachtens von Dr. med. H._____ und der Ver- fahrensakten der KESB Prättigau/Davos besteht nach Auffassung des Gerichts zumindest in der aktuellen Situation eine hinreichend konkrete, unmittelbare und erhebliche Selbstgefährdung, wenn eine stationäre Massnahme unterbliebe. Die Beschwerdeführerin erscheint derzeit besonders schutzbedürftig. Im Ergebnis er- weist sich die Anordnung der fürsorgerischen Unterbringung damit als verhältnis- mässig. Eine weniger einschneidende Massnahme wäre nach Ansicht des Ge- richts vorliegend nicht ausreichend, um die Beschwerdeführerin sachgerecht be- handeln zu können. Die Klinik F._____ in O.2_____ stellt darüber hinaus objektiv gesehen eine geeignete Einrichtung dar, insbesondere auch um eine konkrete Selbstgefährdung (und eine Verwahrlosung) zu vermeiden, womit die fürsorgeri- sche Unterbringung auch unter diesem Aspekt den Grundsatz der Verhältnismäs- sigkeit wahrt. Angesichts des durch die Beschwerdeführerin konstant geäusserten Wunsches in eine andere, ihr unbekannte, Klinik verlegt zu werden, ist es aus Sicht des Ge- richts unter der Berücksichtigung der Aussagen in der Stellungnahme der Klinik F._____ vom 9. August 2019 und dem Kurzgutachten von Dr. med. H._____ drin- gend notwendig, dass die KESB Prättigau/Davos diesbezügliche Abklärungen 12 / 13 vornimmt und sobald möglich einen Übertritt in eine entsprechende (ausserkanto- nale) Klinik organisiert und dass (sobald verantwortbar) ein Übertritt in die offene Abteilung in Betracht gezogen wird. 5. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Voraussetzungen für eine fürsorgerische Unterbringung gemäss Art. 426 ZGB nach wie vor erfüllt sind. Das Gutachten wie auch die mündliche Hauptverhandlung haben aufgezeigt, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer psychischen Störung zum jetzigen Zeitpunkt und in ihrer momentanen Verfassung nicht in der Lage ist, ihren Alltag selbständig zu bewältigen. Vielmehr ist sie auf eine kontinuierliche (medikamentöse) Behand- lung und ärztliche Betreuung angewiesen, welche momentan nur in einem statio- nären Rahmen sichergestellt werden kann. Die angefochtene Anordnung der für- sorglichen Unterbringung ist damit rechtmässig erfolgt. Folglich ist die dagegen erhobene Beschwerde abzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (vgl. Art. 60 Abs. 2 EGzZGB i.V.m. Art. 106 Abs. 1 ZPO). Angesichts der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerin, welche lediglich über eine IV-Rente verfügt, rechtfertigt es sich vorliegend im Sin- ne von Art. 63 Abs. 3 EGzZGB auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu ver- zichten. Damit verbleiben die Kosten des Beschwerdeverfahrens von CHF 1'500.00 (Gerichtsgebühr) beim Kanton Graubünden. 13 / 13 III. Demnach wird erkannt: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Kosten des Beschwerdeverfahrens von CHF 1'500.00 gehen zu Lasten des Kantons Graubünden. 3. Gegen diese Entscheidung kann gemäss Art. 72 BGG Beschwerde in Zivil- sachen an das Schweizerische Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, geführt werden. Die Beschwerde ist dem Bundesgericht schriftlich, innert 30 Tagen seit Eröffnung der vollständigen Ausfertigung der Entscheidung in der gemäss Art. 42 f. BGG vorgeschriebenen Weise einzureichen. Für die Zulässigkeit, die Beschwerdelegitimation, die weiteren Voraussetzungen und das Verfahren der Beschwerde gelten die Art. 29 ff., 72 ff. und Art. 90 ff. BGG. 4. Mitteilung an: