B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-657/2021 U r t e i l v o m 2 5 . F e b r u a r 2 0 2 1 Besetzung Einzelrichterin Daniela Brüschweiler, mit Zustimmung von Richterin Mia Fuchs; Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr. Parteien A._______, geboren am (…), Kongo (Kinshasa), vertreten durch MLaw Meret Adam, Rechtsanwältin, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 15. Januar 2021 / N (…). D-657/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am 14. Juli 2020 in der Schweiz um A syl nach. Sie wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) B._______ zugewiesen. Am 20. Juli 2020 nahm das SEM die Personalien der Beschwerdeführerin auf und am 21. Juli 2020 mandatierte die Beschwerdeführerin die ihr zuge- wiesene Rechtsvertretung mit der Wahrung ihrer Interessen im Asylverfah- ren. B. Mit Eingabe vom 24. Juli 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin Meret Adam im Hinblick auf die Durchführung eines Dub- lin-Gesprächs – unter Verweis auf ein in Griechenland durch die Organisa- tion (…) ausgestelltes Dokument ([…] vom […] 2020) – um Befragung durch eine Person gleichen Geschlechts. Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 27. Juli 2020 bestätigte die Be- schwerdeführerin auf Vorhalt des Ergebnisses eines Abgleichs mit der Fin- gerabdruck-Datenbank Eurodac (Einreise in Griechenland am […] 2019) den besagten Aufenthalt in Griechenland. Am 10. Juli 2020 habe sie Grie- chenland verlassen und sei in die Schweiz gereist. C. Mit Eingabe vom 30. Juli 2020 beantragte die Beschwerdeführerin für das gesamte Asylverfahren die Durchführung von Befragungen in einem Frau- enteam; sie sei sowohl im Heimatland als auch in Griechenland Opfer von sexueller Gewalt geworden. D. Am 16. Oktober 2020 hörte das SEM die Beschwerdeführerin im Beisein ihrer Rechtsvertreterin in einem Frauenteam zu ihren Asylgründen an (Be- ginn um 8:45 Uhr). Sie brachte im Wesentlichen vor, sie sei Staatsangehö- rige der Demokratischen Republik Kongo und habe in C._______ gelebt. Sie sei lesbisch und h abe die letzten zwei Jahre mit ihrer Freundin D._______ zusammengewohnt. Sie seien nicht als Paar akzeptie rt, son- dern ständig kritisiert und beschimpft worden. Am (…) 2019 seien Männer nachts bei i hnen zu Hause eingedrungen und hätten sie und D._______ vergewaltigt. Sie hätten deswegen die Polizei aufgesucht. Diese habe je- doch gesagt , nichts für s ie tun zu können . Am (…) 2019 seien sie und D._______ von unbekannten Personen, die eine Vereinigung für die Rechte von Homosexuellen hätten gründen wollen, besucht worden. Sie D-657/2021 Seite 3 hätten über Projektideen gesprochen und Telefonnummern ausgetauscht. Tags darauf seien sie und D._______ von Soldaten zu Hause abgeholt und zur Polizeistation gebracht worden. Dort seien sie zu ihrer Homosexualität befragt und mit der Begründung, sie würden die Jugend verderben, inhaf- tiert worden. In der Haft sei sie vergewaltigt worden. Nach fünf Tagen habe D._______ ihren Onkel anruf en können und nachdem er Geld bezahlt habe, seien sie am (…) 2019 freigelassen worden. Am (…) 2019 hätten sie und D._______ mit vom Onkel von D._______ beschafften (…) Visa die Demokratische Republik Kongo verlassen. Sie seien über die E._______ in die F._______ und von dort nach Griechenland gelangt. Als sie in Grie- chenland krank geworden sei, habe D._______ sich von ihr distanziert und seither nichts mehr von sich hören lassen. Im Flüchtlingscamp in Griechen- land sei sie Opfer sexueller Gewalt geworden. Gegen Mittag informierte die Befragerin die Beschwerdeführerin, dass die Anhörung infolge Zeitmangels abgebrochen werden müsse; sie werde zu einem späteren Zeitpunkt zu einer weiteren Befragung zu ihren Asylgrün- den eingeladen (vgl. vorinstanzliche Akte 1069710/47 S. 15 F100). E. Am 19. Oktober 2020 verwies das SEM das Asylgesuch, das weiterer Ab- klärungen bedürfe, in das erweiterte Verfahren gemäss Art. 26d AsylG (SR 142.31), und es teilte die Beschwerdeführerin mittels separater Verfü- gung vom 20. Oktober 2020 dem Kanton G._______ zu (Art. 27 AsylG). F. Mit Vollmacht vom 20. Oktober 2020 mandatierte die Beschwerdeführerin die bisherige Rechtsvertreterin auch mit ihrer Rechtsvertretung im Rahmen des erweiterten Asylverfahrens. G. Am 12. November 2020 lud das SEM die Beschwerdeführerin und ihre Rechtsvertreterin zu einer weiteren Anhörung zu den Asylgründen auf den 18. Dezember 2020 um 8:30 Uhr vor. Am 18. Dezember 2020 teilte das (…) dem SEM per E-Mail von 8:12 Uhr mit, dass die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin erkrankt sei, wes- halb sie die Anhörung absagen müsse. Das SEM führte in der Folge die Anhörung der Beschwerdeführerin ohne Beisein der Rechtsvertreterin Meret Adam durch. Nebst weiterer A usfüh- rungen zu den am (…) 2019 und in der Haft vom (…) 2019 bis (…) 2019 D-657/2021 Seite 4 erlittenen Vergewaltigungen brachte die Beschwerdeführerin vor, im Alter von (…) Jahren von ihrem (…) sexuell missbraucht worden zu sein (vgl. A63). H. Mit Schreiben vom 24. Dezember 2020 protestierte das (…) beim SEM ge- gen die Durchführung der Anhörung der Beschwerdeführerin vom 18. De- zember 2020 in Abwesenheit der Rechtsvertreterin. Die Rechtsvertretung beantragte Einsicht in das Befragungsprotokoll, eine Begründung für die Durchführung ohne Rechtsvertretung und die Wiederholung der Befragung in ihrem Beisein. I. Mit Zwischenverfügung vom 6. Januar 2021 wies das SEM den Antrag um Wiederholung der Anhörung ab. Gleichzeitig gewährte es der Rechtsver- tretung Einsicht in das Anhörungsprotokoll vom 18. Dezember 2020 und setzte ihr Frist bis zum 12. Januar 2021 zur Einreichung von Anmerkungen oder Ergänzungen zum Protokoll. J. Mit Eingabe vom 12. Januar 2021 monierte die Rechtsvertretung, es könne nicht von einem rechtswirksamen Verzicht der Beschwerdeführerin auf An- wesenheit ihrer Rechtsvertreterin bei der Anhörung vom 18. Dezember 2020 ausgegangen werden. Die Anhörung sei daher nicht verwertbar und es werde um Durchführung einer weiteren Befragung der Beschwerdefüh- rerin in Anwesenheit der Rechtsvertreterin ersucht. Es sei der Rechtsver- treterin noch nicht möglich, weitere Anmerkungen zum Anhörungsprotokoll vorzubringen, da sie ihre Klientin aufgrund ihrer krankheitsbedingten Ab- wesenheit und der Unterbringung der Beschwerdeführerin im Kanton noch nicht persönlich habe treffen können. Sie behalte sich eine ergänzende Eingabe vor, sobald das Gespräch habe stattfinden können. K. Mit Verfügung vom 15. Januar 2021 – gleichentags eröffnet – stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht er- fülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Zudem verfügte es die Aus- händigung der editionspflichtigen Akten an die Beschwerdeführerin. D-657/2021 Seite 5 Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, die Asylvorbringen der Be- schwerdeführerin vermöchten weder den Anforderungen an die Glaubhaf- tigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch jenen an die Flüchtlingseigenschaft ge- mäss Art. 3 AsylG zu genügen. Der Vollzug der Wegweisung sei als durch- führbar zu erachten. Für die detaillierten Ausführungen der Vorinstanz wird auf die angefoch- tene Verfügung verwiesen. L. Mit Eingabe vom 15. Februar 2021 erhob die Beschwer deführerin durch ihre Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie ersuchte um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und um Rückwei- sung der Sache zur Neubeurteilung an das SEM, eventualiter um Feststel- lung der Flüchtlingseigenschaft und um Gewährung des Asyls und sube- ventualiter um Anordnung der vorläufigen Aufnahme. In verfahrensrechtli- cher Hinsicht ersuchte sie zudem um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung und Rechtsverbeistä ndung sowie um Verzicht auf die E rhe- bung eines Kostenvorschusses. Auf die Beschwerdebegründung wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. M. Das Bundesverwaltungsgericht bestätig te am 16. Februar 2021 den Ein- gang der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche D-657/2021 Seite 6 Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung ; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde le gitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu- ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be- schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die D-657/2021 Seite 7 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Die Beschwerdeführerin beantragte zur Hauptsache, die vorinstanzli- che Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur erneuten Beurteilung an das SEM zurückzuweisen. 5.2 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26 - 33 VwVG kon- kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu äussern. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachauf- klärung und stellt andererseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs- recht der Partei dar. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be- hörden, die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Be- troffenen tatsächlich zu hören, sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollstän- dige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wurden, unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird, so dass diese nicht zum Gegenstand eines Beweisverfah- rens gemacht wird, oder weil Beweise falsch gewürdigt worden sind. 5.3 Die Beschwerdeführerin rügte die Durchführung der Anhörung vom 18. Dezember 2020 trotz krankheitsbedingter Abwesenheit ihrer Rechts- vertreterin; dadurch habe der Sachverhalt nicht umfassend erstellt werden können und ihr rechtliches Gehör sei verletzt worden. D-657/2021 Seite 8 5.3.1 Das SEM stellte sich in seinem Entscheid vom 15. Januar 2021 auf den Standpunkt, die Anhörung vom 18. Dezember 2020 sei mit dem Ein- verständnis der Beschwerdeführerin ohne Rechtsvertretung durchgeführt worden. Es verwies auf seine Ausführungen in d er Zwischenverfügung vom 6. Januar 2021. Demnach könne nicht abschliessend beurteilt wer- den, ob es der Rechtsvertreterin unmöglich gewesen sei, für einen Ersatz zu sorgen. Da mit der Vollmacht vom 20. Oktober 2020 neben der erkrank- ten Rechtsvertreterin dreizehn weitere Personen mandatiert worden seien, dürften Möglichkeiten für einen Ersatz offen gestanden haben. Dafür spre- che auch, dass schliesslich eine Stellvertretung an einem Teil der Anhörung habe teilnehmen können. Ob es unmöglich gewesen sei, für Ersatz wäh- rend der ganzen Anhörung zu sorgen, könne offengelassen werden, da Asylsuchende für das gesamte Asylverfa hren auf eine Rechtsvertretung verzichten könnten (Art. 102h Abs. 1 AsyIG), womit auch nur für einzelne Verfahrenshandlungen auf die Teilnahme einer Rechtsvertretung verzichtet werden könne. Die Beschwerdeführerin habe rechtswirksam auf die Anwe- senheit ihrer Rechtsvertretung bei der besagten Anhörung verzichtet. Ihr sei eingangs der Anhörung erklärt worden, dass es ihr Entscheid sei , ob sie die Anhörung trotz Fehlens der Rechtsvertretung durchführen möchte, und dass die Rechtsvertretung Einsicht in das Protokoll erhalten werde und Anmerkungen werde anbringen können. Die Beschwerdeführerin habe da- raufhin bejaht, die Befragung durchführen zu wollen. Zum Schluss sei sie erneut gefragt worden, ob sie trotz Abwesenheit der Rechtsvertretung alles für das Asylgesuch Wesentliche habe erzählen können, was sie wiederum bejaht habe. Es bestehe kein Grund zur Annahme, die Beschwerdeführerin sei sich der Tragweite dieser Fragen nicht bewusst gewesen respektive ihr wäre nicht gewahr gewesen, dass sie diese auch hätte verneinen können. 5.3.2 Die Beschwerdeführerin entgegnete in der Rechtsmitteleingabe, es könne nicht von einem rechtswirksamen Verzicht ihrerseits auf die Teil- nahme ihrer Rechtsvertreterin bei der Anhörung vom 18. Dezember 2020 gesprochen werden. Sie habe mit der Vollmachtausstellung vom 20. Okto- ber 2020 klar zum Ausdruck gebracht, dass sie auch im erweiterten Ver- fahren in sämtlichen Verfahrensschritten durch ihre Rechtsvertreterin ver- treten sein wolle. In der Nacht vor der Anhörung sei ihre Rechtsvertreterin erkrankt. Dies sei dem SEM vorgängig zur Anhörung mitgeteilt und es sei um Verschiebung der Anhörung ersucht worden. Das SEM wisse, dass es organisatorisch kaum je möglich sei, Ersatz für eine kurzfristig ausgefallene Rechtsvertretung zu finden. Das (…) habe denn auch ausdrücklich auf die Unmöglichkeit eines Ersatzes hingewiesen. Neun Rechtsv ertreter seien damals in anderen Verfahrenshandlungen und die übrig en anwesenden D-657/2021 Seite 9 Rechtsvertreter für die Eröffnung angekündigter Dublin-Entscheide und für Gespräche in beschleunigten Verfahren eingeteilt gewesen. Es sei dem (…) daher nicht möglich gewesen, einen Ersatz zu stellen. Dass eine Mit- arbeiterin während eines Teils der Anhörung teilgenommen habe, ändere daran nichts. Diese habe nicht durchgängig anwesend sein können und sie mangels K enntnis des Falls nicht unterstützen oder Ergänzungsfragen stellen können. Sie habe einzig protokollieren lassen können, dass das (…) mit der Durchführung der Anhörung trotz krankheitsbedingter Abwesenheit der Rechtsvertreterin nicht einverstanden sei. Das SEM habe nicht beach- tet, dass die Beschwerdeführerin als Opfer von sexueller Gewalt und von Diskriminierung aus Gründen der sexuellen Orientierung eine verletzliche Person sei und auf Unterstützung einer ihr bekannten und vertrau ten Rechtsvertretung angewiesen sei. Ihre Rechtsvertreterin habe sie seit Be- ginn des Asylverfahrens begleitet, Gespräche mit ihr und ihren Bezugsper- sonen geführt und sie auf die Anhörungssituation vorbereitet. Dieses Ver- trauensverhältnis sei von der Vorinstanz nicht anerkannt worden. Das SEM sei offenbar der Ansicht, dass die Rechtsvertretung kurzfristig und beliebig ausgetauscht werden könne. Aufgrund ihrer Fallkonstellation sei dies je- doch nicht zumutbar. Zudem handle es sich bei dem betreffenden Verfah- rensschritt um den wichtigsten und für eine verl etzliche Person auch an- spruchsvollsten im gesamten Verfahren. Ein rechtswirksamer Verzicht auf die Teilnahme ihrer Rechtsvertreterin bei der Anhörung könnte zudem nur angenommen werden, wenn sie über die Konsequenzen des Verzichts auf- geklärt worden wäre und ihr allfällige Alternativen aufgezeigt worden wä- ren. Dies sei nicht der Fall. Ihr sei zu Beginn der Anhörung mitgeteilt wor- den, dass ihre Rechtsvertreterin krankheitsbedingt abwesen d sei, und im gleichen Satz sei sie gefragt worden, ob sie trotzdem mit der Durchführung der Anhörung einverstanden sei. Eine vorgängige Aufklärung über die Kon- sequenzen, namentlich dass die Rechtsvertretung nicht unterstützend mit- wirken, keine Ergänzungsfragen stellen und nicht intervenieren könne, habe nicht stattgefunden. Auch sei ihr nicht erklärt worden, dass die Anhö- rung ohne Weiteres verschoben werden könne und dies auf den Ausgang des Asylverfahrens keinen Einfluss haben würde. Diese Information wäre für ihre Entscheidfindung elementar gewesen. Ihre Antwort bringe klar zum Ausdruck, dass sie die Frage und die Konsequenzen der Abwesenheit ihrer Rechtsvertreterin nicht habe einordnen können und unsicher gewesen sei, habe sie doch gefragt, ob e s nicht schlecht sei, wenn man das Interview ohne Rechtsvertretung durchführe. Ihre Frage sei nicht beantwortet wor- den, sondern es sei ihr lediglich gesagt worden, dass es ihr Entscheid sei. Sie sei dadurch innert weniger Sekunden in der Situation gestanden, einen Entscheid treffen zu müssen. Sie habe eingewilligt, weil sie den Eindruck D-657/2021 Seite 10 gehabt habe, sie dürfe die Frage nicht verneinen. Von einer ausreichenden Aufklärung und damit einem rechtswirksamen Verzicht könne indes nicht gesprochen werden. Schliesslich sei der Rechtsvertretung – entgegen der Ankündigung in der Anhörung – auch keine Gelegenheit gegeben worden, sich nachträglich zur Anhörung zu äussern. Ihre Rechtsvertreterin sei bis zum 11. Januar 2021 krankgeschrieben gewesen und habe dem SEM mit Schreiben vom 12. Januar 2021 mitgeteilt, dass noch kein Klienteng e- spräch habe stattfinden können. Ohne die angekündigte ergänzende Ein- gabe abzuwarten, habe das SEM drei Tage später über das Asylgesuch entschieden. Im nach dem Entscheid erfolgten Gespräch habe sie gegen- über ihrer Rechtsvertreterin kIar geäussert, dass sie bei der Anhörung stark verunsichert gewesen sei. Sie habe das Gefühl gehabt, dass das Nichter- scheinen der Rechtsvertreterin für sie Nachteile habe, und sie hätte sich Unterstützung gewünscht. Sie habe Angst gehabt, sich falsch entschieden zu haben, und sei deshalb unkonzentriert gewesen und es habe Missver- ständnisse gegeben. Sie habe auch gesagt, dass sie sich unwohl fühle und Schwindelgefühle habe, darauf sei aber nicht Rücksicht genommen wor- den. Da die Anhörung vom 18. Dezember 2020 nicht ohne Rechtsvertre- tung hätte durchgeführt werden dürfen, hätte sich das SEM auch nicht auf den darin erhobenen Sachverhalt abstützen dürfen. Z umindest hätte es eine ergänzende Anhörung durchführen müssen. Da es dies unterlassen habe, sei der Sachverhalt als nicht vollständig erstellt zu erachten. 5.3.3 Vorliegend ergibt eine Überprüfung der Akten, dass die Beschwerde- führerin zu Recht eine Verletzung des rechtlichen Gehörs rügt. Die Bestim- mungen von Art. 102f - 102k AsylG beziehen sich in erster Linie auf das beschleunigte Asylverfahren. Vorliegend geht es um die Beurteilung einer Anhörung, die im erweiterten Verfahren nach der Zuweisung der Be- schwerdeführerin in den Kanton durchgeführt wurde. Gemäss Art. 102l Abs. 1 AsylG können sich Asylsuchende nach Zuweisung auf den Kanton bei entscheidrelevanten Schritten im erstinstanzlichen Verfahren, insbe- sondere wenn eine zusätzliche Anhörung zu den Asylgründen durchgeführt wird, kostenlos an eine Rechtsberatungsstelle oder an die zugewiesene Rechtsvertretung wenden. Die Beschwerdeführerin hat die rubrizierte Rechtsvertreterin am 20. Oktober 2020 mit ihrer Rechtsvertretung im Rah- men des erweiterten Asylverfahrens mandatiert (vgl. A57) und damit zum Ausdruck gebracht, dass sie bei Verfahrenshandlungen, wie der am Ende der Anhörung vom 16. Oktober 2020 angekündigten Durchführung einer zusätzlichen Anhörung zu ihren Asylgründen, vertreten sein will. Den Akten lässt sich entnehmen, dass das (…) das SEM am 18. Dezember 2020 um D-657/2021 Seite 11 8:12 Uhr per E-Mail über die krankheitsbedingte Absage der Rechtsvertre- terin für die auf 8:30 Uhr angesetzte Anhörung informiert hat. Es handelt sich somit um eine entschuldigte Absen z der Rechtsvertreterin. Um 8:36 Uhr teilte das SEM dem (…) per E-Mail mit, dass die Anhörung bei Einverständnis der Beschwerdeführerin ohne die Rechtsvertreterin durch- geführt werde; es stehe dem (…) frei, eine Stellvertreterin für Frau Adam zu ernennen. Bereits vier Minuten später – um 8:40 Uhr – begann das SEM mit der Anhörung der Beschwerdeführerin (vgl. A63 S. 1). Das (…) protes- tierte dagegen per E-Mail von 8:46 Uhr und erklärte, dass es angesichts starker Auslastung so kurzfristig keine Stellvertretung organisieren könne. Dass es dem (…) nicht möglich war, innerhalb dieser wenigen Minuten eine Stellvertretung für die kurzfristig verhinderte Rechtsvertreterin zu organi- sieren, ist nachvollziehbar, zumal der Personenkreis, der für eine Stellver- tretung überhaupt hätte in Frage kommen können, aufgrund der Fallkons- tellation (geschlechtsspezifische Verfolgung und daher Anhörung in einem Frauenteam) von vornherein erheblich eingeschränkt war. Der Umstand, dass eine (…)-Mitarbeiterin eineinhalb Stunden nach Beginn zur Anhörung stiess und dieser zeitweilig beiwohnte, vermag nicht zur Annahme zu füh- ren, die Beschwerdeführerin wäre an der Anhörung rechtsgenüglich vertre- ten gewesen. Die (…)-Mitarbeiterin gab denn auch zu Protokoll, dass sie der Befragung nur kurzzeitig beisitzen und die fallführende Rechtsvertrete- rin nicht ersetzen könne (vgl. A63 S. 12 F87). Das Anhörungsprotokoll trägt dementsprechend auch keine Unterschrift einer Rechtsvertretung (vgl. A63 S. 21). Zwar können Asylsuchende durchaus auf die Teilnahme der Rechtsvertretung an einzelnen Verfahrenshandlungen verzichten, jedoch kann ein solcher Verzicht auf Rechtsvertretung nur dann rechtswirksam angenommen werden, wenn die betro ffene Person vorgängig über die Konsequenzen ihres Verzichts informiert wurde und ihr allfällige Alternati- ven bekannt sind, sie sich mithin der Tragweite ihres Verzichts bewusst ist, und den Verzicht im Wissen darum ausdrücklich erklärt. So ist es beispiels- weise denkbar, dass eine asylsuchende Person und ihre Rechtsvertretung in einem vorberatenden Gespräch zur Auffassung gelangen, dass die An- wesenheit der R echtsvertretung an einer Verfahrenshandlung wie einem Dublin-Gespräch nicht notwendig sei, und die Rechtsvertretung dies dem SEM entsprechend vorgängig mitteilt. Vorliegend kann indes nicht von ei- nem eindeutigen Einverständnis der Beschwerdeführerin zur Durchführung der Anhörung vom 18. Dezember 2020 ohne Beisein ihrer Rechtsvertrete- rin respektive von einem rechtswirksamen Verzicht auf die Anwesenheit ihrer Rechtsvertreterin ausgegangen werden. D-657/2021 Seite 12 Die Beschwerdeführerin hat zu Beginn der Anhörung, als sie von der Be- fragerin über die krankheitsbedingte Abwesenheit der Rechtsvertreterin in- formiert und g efragt wurde, ob es für sie in Ordnung sei, die Befragung ohne die Rechtsvertreterin durchzuführen, nicht ihr Einverständnis erklärt, sondern klare Zweifel bekundet (vgl. A63 S. 1 F1: "Ist es nicht schlecht, wenn man ohne Rechtsvertretung das Interview dur chführt?"). Daraufhin wurde ihr von der Befragerin nur beschieden, dass es ihre Entscheidung sei, ob sie die Anhörung durchführen möchte oder nicht (vgl. A63 S. 1 F2). Aus den Akten ergeben sich keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass die Beschwerdeführerin auf ein solches Szenario vorbereitet gewesen wäre. Ihr Einwand in der Rechts mitteleingabe, dass sie mit d er Situation respektive der ihr von der Befragerin auferlegten Entscheidung, die sie in- nert Sekundenfrist habe treffen müssen, überf ordert gewesen sei, ist be- gründet. Sie hat erst zu Beginn der Anhörung von der Verhinderung der Rechtsvertreterin erfahren und keine Möglichkeit gehabt, sich vor dem von ihr verlangten Entscheid über die Durchführung der Anhörung beraten zu lassen. Zumindest wäre ihr im Hinblick auf die Einschätzung der Tragweite eines Verzichts auf die Anwesenheit ihrer Rechtsvertreterin eine kurze Be- sprechung mit dem (…) zu ermöglichen gewesen. Ihre unter Zeitdruck er- folgte Zusage zur Durchführung der Anhörung (vgl. A63 S. 1 F2) kann da- mit unter den konkreten Umständen nicht als rechtswirksamer Verzicht auf die Anwesenheit ihrer Rechtsvertreterin bei der Anhörung vom 18. Dezem- ber 2020 angesehen werden. Die Anhörung hätte daher nicht durchgeführt werden dürfen. Darüber hinaus hat das SEM der Rechtsvertretung das An- hörungsprotokoll erst auf ihr Verlangen vom 24. Dezember 2020 hin am 6. Januar 2021 zugestellt. Auf das (sinngemässe) Gesuch vom 12. Januar 2021 um Fristerstreckung zur Einreichung von ergänzenden Ausführungen zum Anhörungsprotokoll hat das SEM gar nicht reagiert respektive die an- gekündigte ergänzende Eingabe nicht abgewartet, sondern drei Tage spä- ter über das Asylgesuch entschieden. Das SEM hat somit den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig fest- gestellt und damit seine U ntersuchungspflicht respektive das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin verletzt. Angesichts der formellen Natur des Anspruchs auf rechtliches Gehör ist es unerheblich , ob die Missach- tung des Vertretungsrechts der Beschwerdeführerin auch Einfluss auf das Ergebnis hatte. Das SEM ist daher aufzufordern, die notwendigen Verfah- renshandlungen nachzuholen und das Asylgesuch neu zu beurteilen. 5.4 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen D-657/2021 Seite 13 Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müs- sen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Im vorliegenden Fall ist unter Verweis auf die vor- stehenden Erwägungen eine Kassation angezeigt. 6. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die Auf- hebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Rückweisung der Sache beantragt wird. Die Verfügung vom 15. Januar 2021 ist aufzuheben und die Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. Angesichts des Verfahrensausgangs erübrigt es sich, auf die weiteren Be- schwerdevorbringen näher einzugehen. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die Gesuche der Beschwerdeführerin um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses werden damit gegenstandslos. 8. Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in An- wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr im Zusammenhang mit dem Beschwerdeverfahren notwendigerweise er- wachsenen Parteikosten zuzusprechen, womit auch der Antrag auf Ge- währung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gegenstandslos wird. Seitens der Rechtsvertretung wurde keine Kostennote eingereicht , wes- halb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist der Beschwerdeführerin zulas- ten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1900.– zu- zusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-657/2021 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der vorinstanz- lichen Verfügung beantragt wird. 2. Die Verfügung des SEM vom 15. Januar 2021 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur vollständigen Sachverhaltsfeststel- lung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1900.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Susanne Burgherr Versand: