B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-2682/2021 U r t e i l v o m 2 3 . J u n i 2 0 2 1 Besetzung Einzelrichter Fulvio Haefeli, mit Zustimmung von Richter David R. Wenger; Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren am (…), alias B._______, alias C._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Sophie Frühauf, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 31. Mai 2021 / N (…). F-2682/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger – suchte am 30. Dezember 2020 in der Schweiz um Asyl nach. B. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentralein- heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 25. Januar 2020 in Griechenland illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist war und dort am 13. Februar 2020 ein Asylgesuch eingereicht hatte. C. Abklärungen des SEM mit den griechischen Behörden ergaben, dass die Zuständigkeit für die Prüfung des Asylgesuchs auf Frankreich übergegan- gen war, da die französischen Behörden dem griechischen Übernahmeer- suchen gemäss Art. 8 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin -III-VO) zugestimmt hätten. Der Beschw erdeführer sei unter den Personalien D._______, geb. (…), Afghanistan von Griechenland nach Frankreich überstellt worden. D. Vor dem Hintergrund, dass der Beschwerdeführer bei der Einreichung des Asylgesuchs angab, er sei am (…) geboren, führte das SEM mit i hm am 21. Januar 2021 eine Erstbefragung für unbegleitete minderjährige Asylsu- chende (EB UMA) durch. E. E.a. Mit Schreiben vom 1. Februar 2021 gewährte das SEM dem Be- schwerdeführer respektive seiner Rechtsvertretung das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Frankreichs für die Durchführung des Asyl- und Wegwei- sungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zu einem Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31). Es wies darauf hin, der minderjährige Asylsuchende sei mit unbekannt en Personen bis in die Schweiz gereist. Gemäss eigenen Angaben habe ihm sein volljähriger Bruder die Reise von Griechenland nach Frankreich und F-2682/2021 Seite 3 anschliessend in die Schweiz ermöglicht. Abklärungen des SEM hätten er- geben, dass Frankreich gestützt auf die Dublin-III-VO für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens zuständig sei. Laut Aktenlage wisse der Beschwerdeführer nicht, ob er in der Schweiz Verwandte habe. Da sein Bruder gemäss eigenen Angaben in Frankreich lebe, gehe das SEM davon aus, dass es in seinem Interesse sei, zu seinem Bruder nach Frankreich zu gehen, anstatt alleine in der Schweiz zu verbleiben. E.b. In ihrer Stellungnahme vom 5. Februar 2021 hielt die Rechtsvertrete- rin im Wesentlichen fest, dass das Verhältnis zwischen dem Beschwerde- führer und seinem in Frankreich lebenden Bruder weitgehend unklar sei. Es sei nicht gewährleistet, dass der Bruder den Beschwerdeführer ange- messen unterstützen könne und wolle. Die Verhältnisse, in denen der Bru- der in Frankreich lebe, seien nicht abgeklärt worden. Der Beschwerdefüh- rer möchte nicht bei seinem Bruder leben. Dieser würde viel arbeiten und hätte keine Zeit für ihn. Ihr Verhältnis sei nicht sehr eng. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer in Frankreich auf sich alleingestellt und auf staatliche Unterstützung angewiesen wäre. Bei der Wegweisung von Minderjährigen sei nicht nur eine allfällige Gefähr- dungssituation abzuklären, sondern auch, ob dadurch das Kindeswohl im Sinne von Art. 3 Abs. 1 KRK gefährdet werde. Auch bei den Zuständig- keitskriterien gemäss Art. 8 Dublin-III-VO sei zu prüfen, ob die gefundene Lösung dem Kindeswohl entspreche. Dem Schreiben des SEM sei nicht zu entnehmen, dass eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik stattgefun- den habe. Auch die Gründe, weshalb Griechenland den Beschwerdeführer, trotz der Zustimmung Frankreichs, nicht dorthin überstellt habe, seien un- klar und könnten einen Hinweis liefern, dass es nicht im Interesse des Be- schwerdeführers sei, dort zu leben. Aus diesen Gründen sei es angezeigt , das Asylverfahren des Beschwer- deführers in der Schweiz weiterzuführen und von einer Überstellung nach Frankreich abzusehen. F. Abklärungen des SEM mit den französischen Behörden ergaben, dass der Beschwerdeführer am 16. Dezember 2020 zwecks Familienzusammenfüh- rung mit seinem Bruder von Griechenland nach Frankreich überstellt wurde. Die französischen Behörden teilten mit, sie hätten weder Informati- onen über den Kontakt mit dem Bruder und dessen Unterkunft, noch könn- ten sie die Beziehung zwischen den Geschwistern beurteilen. F-2682/2021 Seite 4 G. Mit Schreiben vom 23. März 2021 teilte die Rechtsvertreterin dem SEM mit, dass es dem Beschwerdeführer psychisch sehr schlecht gehe. Er gebe an, an dissoziativen Störungen und Schlafstörungen zu leiden. Zudem ver- spüre er vermehrt suizidale Gedanken. Die Pflege sei darüber informiert worden, damit die nötigen medizinischen Massnahmen in die Wege gelei- tet werden könnten. Es werde hiermit im Interesse des Kindeswohls und um eine weitere Verschlechterung des psychischen Z ustands zu verhin- dern, beantragt, auf das Asylgesuch einzutreten und so rasch wie möglich eine Anhörung anzusetzen. H. Am 26. März 2021 ersuchte die Vorinstanz die französischen Behörden um Aufnahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 8 Dublin-III-VO. I. Mit Schreiben vom 1. April 2021 wurde das SEM von der Rechtsvertreterin darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer anlässlich eines gleichen- tags geführten Gesprächs einen sehr niedergeschlagenen Eindruck ge- macht und berichtet habe, die Ungewissheit über den Ausgang seines Ver- fahrens belaste ihn stark. Zudem gehe es ihm trotz der ärztlichen Behand- lung schlecht und er leide nach wie vor unter massiven Schlafstörungen und benötige Hilfe durch einen Psychiater/Psychologen. Die Rechtsvertre- terin beantrage desh alb eine psychologisch /- psychiatrische Abklärung. Zudem bitte sie um Mitteilung des aktuellen Verfahrensstands. J. Mit E-Mail vom 6. April 2021 teilte die Vorinstanz der Rechtsvertreterin mit, eine Antwort der französischen Behörden stehe noch aus. Es sei überdies zu beachten, dass der Beschwerdeführer dem SEM verschwiegen ha be, dass er am 16. Dezember 2020 im Rahmen einer Familienzusammenfüh- rung von Griechenland nach E._______ habe fliegen dürfen. Er habe diese Reise unter denselben Personalien und mit Geburtsdatum (…) gemacht. Demnach wäre er heute 17 Jahre alt. Der Eurodac -Fingerabdruckbogen habe auch keinen Treffer in Frankreich ergeben. Der Beschwerdeführer habe sich somit nach der Ankunft in Frankrei ch nicht in der Präfektur F._______ registrieren lassen, wie geplant, sondern habe zwei Wochen später ein Asylgesuch in der Schweiz gestellt. Da auf die Antwort der fran- zösischen Behörden gewartet werden müsse, werde noch um etwas Ge- duld gebeten. Benötige der Beschwerdeführer medizinische Hilfe, könn e er sich an die Pflege wenden. F-2682/2021 Seite 5 K. Mit Eingabe vom 9. April 2021 machte die Rechtsvertreterin die Vorinstanz darauf aufmerksam, dass der Beschwerdeführer die Tatsache, im Rahmen einer Familienzusammenführung von Griechenland nach Frankreich geflo- gen zu sein, aus Angst vor einer sofortigen Wegweisung nach Frankreich nicht erwähnt habe. Zudem habe ihm ein anderer Gesuchsteller bei der Ankunft davon abgeraten, über diesen Umstand zu berichten. Der B e- schwerdeführer möchte nochmals betonen, dass er auf gar keinen Fall nach Frankreich zurückkehren möchte, da die Verhältnisse für minderjäh- rige Asylsuchende dort sehr schlecht seien. Auch sein Bruder könne und wolle sich nicht um ihn kümmern; weitere Familienangehörige habe er in Frankreich nicht. Er sei seit langer Zeit auf der Flucht und habe insbeson- dere in Griechenland schlimme Dinge erlebt (u.a. einen Messerangriff) , weshalb es nachvollziehbar sei, dass er die Möglichkeit, nach Frankreich zu reisen, ergriffen habe, auch wenn er dort kein Asylgesuch habe einrei- chen wollen. Die Rechtsvertreterin ersuche deshalb darum, auf das Asyl- gesuch einzutreten und zeitnah eine Anhörung anzusetzen. Ausserdem werde erneut beantragt, eine psychologisch/ - psychiatrische Abklärung aufzugleisen, da es dem Beschwerdeführer psychisch s ehr schlecht gehe. Er habe im Gespräch des vorangehenden Tages von Schlafstörungen, starken Konzentrationsschwierigkeiten und grosser Be- lastung durch die ungewisse Situation berichtet. Obwohl der Beschwerde- führer seine psychischen Probleme in der Unterkunft bereits mehrfach er- wähnt habe, sei bisher keine Überweisung an einen Psychologen/Psychi- ater erfolgt. L. Am 12. April 2021 hiessen die französischen Behörden das Aufnahmeer- suchen des SEM gut. M. M.a. Mit Schreiben vom 26. April 2021 gewährte das SEM dem Beschwer- deführer respektive seiner Rechtsvertretung erneut das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Frankreichs für die Durchführung des Asyl- und Wegwei- sungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zu einem Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG, unter Hin- weis darauf, dass er den Ak ten zufolge am 16. Dezember 2020 , im Rah- men einer Familienzusammenführung und dank einer Zuständigkeit Frank- reichs, von Griechenland nach E._______ habe fliegen dürfen, und die Zu- stimmung Frankreichs vorliege. F-2682/2021 Seite 6 M.b. In ihrer Stellungnahme vom 4. Mai 2021 verwies die Rechtsvertreterin zunächst auf ihre Ausführungen zur beabsichtigten Wegweisung im Schrei- ben vom 5. Februar 2021, woran sie festhalte. Sodann machte sie im We- sentlichen geltend, der Beschwerdeführer habe von Anfang an zu verste- hen gegeben, dass er auf keinen Fall zu seinem Bruder nach Frankreich zurückkehren möchte. Zu den genauen Gründen habe er bisher keine de- taillierten Angaben machen können, weil er Schwierigkeiten habe zu ver- trauen und befürchtet habe, sein Bruder würde davon erfahren. In einem persönlichen Gespräch habe er der Rechtsvert reterin nun mitgeteilt, aus den folgenden Gründen nicht nach Frankreich zurückkehren zu können: Sein in Frankreich lebender Bruder sei streng muslimisch und praktiziere die Religion. Er selbst aber habe schon früh eine ablehnende Haltung ge- genüber dem Islam entwickelt, sich schliesslich komplett davon abgewandt und den christlichen G lauben angenommen, der ihm auf der schwierigen Flucht geholfen habe. Bei einer Rückkehr zu seinem Bruder nach Frank- reich müsste er seinen wirklichen Glauben verstecken und die muslimische Religion zum Schein praktizieren. Sollte sein Bruder von der Abkehr vom Islam erfahren, würde er von diesem und der gesamten Familie verstossen werden. Das religionskonforme Verhalten, welches er wegen seines Bru- ders praktizieren müsste, würde für ihn einen grossen psychischen Druck bedeuten, der in keiner Weise mit dem Kindeswohl vereinbar sei. Der Beschwerdeführer habe die Familie nzusammenführung mit seinem Bruder in Frankreich als einzige Möglichkeit gesehen, aus Griechenland wegzukommen und in Europa eine bessere Zukunft zu haben. Dieses Vor- gehen sei unter den gegebenen Umständen nachvollziehbar und sollte dem Beschwerdeführer nicht zum Nachteil gereichen. Wie die bisher eingereichten medizinischen Berichte belegten, sei der Be- schwerdeführer psychisch stark belastet, weshalb nun für den 10. Mai 2021 ein Termin bei einem Psychiater vereinbart worden sei. Eine Wegweisung nach Frankreich würde die nun aufgegleiste psychologisch/- psychiatrische Behandlung unterbrechen und voraussichtlich zu einer Verschlechterung des psychischen Zustands beitragen. Eine Rückkehr nach Frankreich würde klar nicht dem Wohle des minder- jährigen Beschwerdeführers entsprechen, weshalb ein Selbsteintritt bean- tragt werde. N. Im Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers reichte die Rechtsvertreterin dem SEM diverse Berichte des Hausarztes F-2682/2021 Seite 7 des Bundesasylzentrums sowie einen ärztlichen Kurzbe richt einer Zahn- ärztin zu den Akten. O. Mit Verfügung vom 31. Mai 2021 – eröffnet gleichentags (vgl. Empfangs- bestätigung in den Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 66/1) – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Be- schwerdeführers vom 30. Dezember 2020 nicht ein, verfügte die Wegwei- sung nach Frankreich, forderte den Beschwerdeführer – unter Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen , beauftr agte den Kanton G._______ mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Beschwerde- führer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine allfällige Beschwerde gegen die Verfügung habe keine auf- schiebende Wirkung. P. Mit Eingabe vom 7. Juni 2021 liess der Beschwerdeführer beim Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei die Ver- fügung des SEM vom 31. Mai 2021 vollumfänglich aufzuheben und die Vor- instanz anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Eventualiter s ei die Verfügung des SEM vom 21. (recte: 31.) Mai 2021 zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei im Sinne einer superprovisorischen Massnahme der vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzu- weisen, von einer Überstellung nach Frankreich abzusehen, bis das Bun- desverwaltungsgericht über den Suspensiveffekt der Beschwerde ent- schieden habe. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und insbesondere von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen. Auf die Begründung der Beschwerde wird – soweit entscheidrelevant – in den Erwägungen eingegangen. Q. Der zuständige Instruktionsrichter setzte am 8. Juni 2021 gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus. R. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 8. Juni 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). F-2682/2021 Seite 8 S. Mit Verfügung des SEM vom 8. Juni 2021 wurde der Beschwerdefü hrer dem Kanton G._______ zugewiesen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form- gerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). F-2682/2021 Seite 9 2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli- cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs- weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie- gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften- wechsel verzichtet. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take cha rge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah- men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge- genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 3.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser F-2682/2021 Seite 10 Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum z uständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be- schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten- losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin -III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani- tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin -III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Stehen völkerrechtliche Vollzugshinder- nisse einer Überstellung entgegen, ist ein Selbsteintritt zwingend. 3.4 Gemäss Art. 8 Abs. 1 Dublin -III-VO ist im Falle eines unbegleiteten Minderjährigen der Mitgliedstaat zuständiger Staat, in dem sich ein Fami- lienangehöriger oder eines der Geschwister des unbegleiteten Minderjäh- rigen rechtmässig aufhält, sofern es dem Wohl des Minderjährigen dient. 4. Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen geltend gemacht, die Polemik und Haltung der Vorinstanz, wonach die vorrangige Berücksichtigung des Kindeswohls nicht als «Trumpfkarte» («trump card») ausgespielt werden dürfe, die alle anderen Interessen aussteche , und der Beschwerdeführer von den besseren Lebensbedingungen und Entwicklungschancen in der Schweiz profitieren wolle, sei sehr irritierend und stehe in keinem Zusam- menhang zum Fall und zu einer eigentlichen Beurteilung des Kindeswohls. Vielmehr wäre es Aufgabe der Vorinstanz, das Kindeswohl umfassend ab- zuklären, im Verfahren zu würdigen und als zusätzliches Sachverhaltsele- ment anzuerkennen. Die Vorinstanz habe ihre Begründungspflicht verletzt, indem sie es unter- lassen habe, die Frage, ob eine Wegweisung im vorliegenden Fall dem Kindeswohl entspreche, abzuklären und eine Interessenabwägung unter Berücksichtigung sämtlicher Faktoren vorzunehmen und dies in ihrem Ent- scheid nachvollziehbar darzulegen. Es werde lediglich fes tgestellt, dass insgesamt gewichtigere öffentliche Interessen an der Überstellung des Be- schwerdeführers nach Frankreich bestünden, welche dessen private Inte- ressen am Verbleib in der Schweiz zur Durchführung des Asylverfahrens F-2682/2021 Seite 11 überwiegen würden, ohne die sich gegenüberstehenden Interessen näher auszuführen oder diese gegeneinander abzuwägen. Die Vorinstanz habe nicht vertieft begründet, weshalb die Vereinigung mit dem Bruder – entge- gen der Meinung des urteilsfähigen Beschwerdeführers – am besten sei- nem Kindeswohl entspreche. Sie habe es unterlassen, das Kin deswohl überhaupt zu ermitteln und damit Art. 3 KRK verletzt. Der Beschwerdeführer habe unter Berücksichtigung des Kindeswohls ge- wichtige Interessen am Verbleib in der Schweiz, um hier das Asylverfahren zu durchlaufen. Der 15-jährige Asylsuchende stehe psychisch stark unter Druck und sei damit eine vulnerable Person. Er habe eine sehr lange Flucht hinter sich und wünsche sich anzukommen, in die Schule zu gehen und eine bessere Zukunft zu haben. Dass er die genauen Gründe, weshalb er nicht zu seinem Bruder nach Frankreich zurückkehren wolle, erst später im Verfahren mitgeteilt habe, könne ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden. Er habe sich dem Christentum zugewandt und befürchte, von seiner Fami- lie verstossen zu werden, wenn diese davon erfahre. Diese wahren Gründe, welche gegen eine Rückkehr nach Frankreich sprechen würden, habe er aufgrund von Vertrauensmissbrauch in der Vergangenheit erst nach einiger Zeit seiner Rechtsvertretung offenbaren können. Unter Be- rücksichtigung sämtlicher Faktoren, wie sein junges Alter, die lange und schwierige Flucht sowie die Angst, von der Familie verstossen zu werden, sei dies durchaus nachvollziehbar. Dass die Vorinstanz die Vorbringen als unglaubhaft qualifiziere, zeige, dass sie sich mit den Gründen nicht ausei- nandersetzen wolle. Die Vorinstanz habe sich anlässlich der EB UMA nicht veranlasst gesehen, dem Beschwerdeführer Rückfragen zum Reiseweg oder etwa dem Aufent- halt in Frankreich zu stellen und ihm damit Gelegenheit zu geben, über seine Zeit in Frankreich zu berichten. Dieses Versäumnis könne dem Be- schwerdeführer nun nicht zum Vorwurf gemacht werden, indem die Vor- instanz vorbringe, er hätte seine Einreise beziehungsweise seinen Aufent- halt in Frankreich vorsätzlich verschwiegen. Seine Angaben seien dem- nach als glaubhaft zu qualifizieren. Des Weiteren habe die Vorinstanz den Untersuchungsgrundsatz verletzt , indem sie es unterlassen habe, die genauen Umstände der Familienzu- sammenführung von Griechenland nach Frankreich abzuklären. Es seien auch keine Akten zur Dublin-Familienzusammenführung der griechischen Behörden beigezogen worden beziehungsweise sei dies jedenfalls nicht ersichtlich. Somit habe die Vorinstanz gar nicht abklären können, ob die F-2682/2021 Seite 12 Zusammenführung der Brüder damals überhaupt dem Kindeswohl ent- sprochen habe. Die französischen Behörden hätten in ihrem Antwortschrei- ben auf das «Information request» der Vorinstanz mitgeteilt, keine weiter- gehenden Informationen zum Kontakt, den Wohnverhältnissen oder der Beziehung zum Bruder des Beschwerdeführers zu haben. Der Beschwer- deführer habe aber nach kurzer Zeit bei seinem Bruder in Frankreich fest- gestellt, dass es für ihn keine geeignete Unterbringung sei. Dazu sei zu sagen, dass er sich mit seinem Bruder wegen seiner Konversion überwor- fen habe. Er habe gemerkt, dass der Bruder ein völlig anderes Leben als er führe und er darin keinen Platz habe. Schon aufgrund dessen, dass die Wegweisung nach Frankreich mit dem Kindeswohl nicht vereinbar sei, wäre die Vorinstanz verpflichtet gewesen, ihr Selbsteintrittsrecht gemäss Art. 17 Abs. 2 Dublin-III-VO i.V.m. Art. 3 KRK auszuüben (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2) . Zudem ha be sie den medizini- schen Sachverhalt nicht angemessen gewürdigt und die gesundheitlichen Vorbringen gar als nachgeschoben und vorgetäuscht qualifiziert. Letzterer Vorwurf, ohne von fachärztlicher Seite Grundlagen dafür zu haben, er- staune sehr, verkenne die fragile Situation eines jeden 15-jährigen Jugend- lichen in jeder Hinsicht und stelle auch keine sachliche Abklärung des me- dizinischen Sachverhalts dar. Des Weiteren habe die Vorinstanz weder die Lebensverhältnisse des Bru- ders näher beleuchtet noch Garantien eingeholt, welche eine kindgerechte Unterkunft nach der Überstellung des Beschwerdeführers nach Frankreich zusicherten. Mit der rechtlichen Würdigung in der angefochtenen Verfügung sei de r Sachverhalt nicht vollständig erhoben worden. Die angefochtene Verfü- gung sei deshalb zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese ihren Ermessensspielraum in korrekter Weise ausüben und umfassend auf die Situation des Beschwerdeführers eingehen könne. 5. Gestützt auf das Resultat, welches sich aus den Abklärungen mit den grie- chischen und französischen Behörden ergab (vgl. Sachverhalt, Bst. C und F), ersuchte die Vorinstanz am 26. März 2021 die französischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 8 Dublin-III-VO. Die französischen Behörden hiessen dieses Ersuchen am 12. April 2021 gut. Vor diesem Hintergrund ist die grundsätzliche Zuständigkeit Frank- reichs für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gege- ben. F-2682/2021 Seite 13 Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind die dargelegten Vorbrin- gen nicht geeignet, an dieser Zuständigkeit etwas zu ändern. Sie begrün- den auch keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der Schweiz (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO, Art. 29a Abs. 3 AsylV 1). 6. Bei der Erstbefragung vom 21. Januar 2021 führte der Beschwerdeführer hinsichtlich seiner Reiseroute aus, sein Bruder, der in Frankreich lebe, habe die Reisekosten ab Griechenland für ihn überwiesen und der Schlep- per habe ihn nach H._______ gebracht, von wo er zuerst nach Frankreich gegangen und schliesslich in die Schweiz weitergereist sei (vgl. SEM -act. 16/19, S. 12 Ziff. 5.02). Dass er am 16. Dezember 2020 zwecks Familien- zusammenführung mit seinem Bruder von Griechenland nach Frankreich überstellt wurde, erwähnte er mit keinem Wort. Seine Argumentation, wo- nach er diese Tatsache aus Angst vor einer sofortigen Wegweisung nach Frankreich nicht erwähnt habe und ihm ein anderer Gesuchsteller bei der Ankunft davon abgeraten habe, darüber zu berichten (vgl. Eingabe vom 9. April 2021 [SEM-act. 49/2]), vermag nicht zu überzeugen. Vielmehr ent- stand durch sein Aussageverhalten der Eindruck, er habe diesen Umstand bewusst verschwiegen, um in der Schweiz verbleiben zu k önnen. Anläss- lich der Erstbefragung gab er denn auch an, er habe sein ganzes Leben riskiert hierher zu kommen, damit er aus sich etwas machen und ein neues Leben beginnen könne (vgl. SEM-act. 16/19, S. 13 Ziff. 7.02). Vor diesem Hintergrund war das SEM – entgegen anderslautender Einschätzung in der Beschwerde – nicht gehalten, dem Beschwerdeführer entsprechende Rückfragen zu stellen. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz vermögen sodann auch die Aus- führungen betreffend die angebliche Konversion vom Islam zum Christen- tum, derentwegen der Beschwerdeführer bei einer Ü berstellung familiäre Probleme befürchtet, nicht zu überzeugen. Dies umso weniger, als er bei der Erstbefragung noch angab, dem Islam anzugehören und Sunnite zu sein (vgl. SEM -act. 16/19, S. 6 Zi ff. 1.13). Anlässlich des ersten ihm ge- währten rechtlichen Gehörs zu einer Wegweisung nach Frankreich (Stel- lungnahme vom 5. Februar 2021 [SEM-act. 32/2]) liess der Beschwerde- führer die angebliche Konversion gänzlich unerwähnt. Stattdessen erklärte er unter anderem, dass sein Bruder viel arbeiten würde und keine Zeit für ihn hätte; ihr Verhältnis sei nicht sehr eng. Die erst beim zweiten rechtlichen Gehör (Stellungnahme vom 4. Mai 2021 [SEM-act. 56/2 ]) geltend ge- machte Konversion und die damit im Zusammenhan g stehenden Vorbrin- gen erweisen sich nach dem Gesagten als nachgeschoben, mithin un- glaubhaft. Der Rechtfertigungsversuch, der Beschwerdeführer habe die F-2682/2021 Seite 14 wahren Gründe, welche gegen eine Rückkehr nach Frankreich sprechen würden, aufgrund seines jungen Alters, der langen und schwierigen Flucht und aus Angst, von seiner Familie verstossen zu werden, erst nach einiger Zeit offenbaren können , muss vor diesem Hintergrund als unbehelfliche Schutzbehauptung zurückgewiesen werden. In Anbetracht der Umstände ist nicht ersichtlich, inwiefern durch die Überstellung des Beschwerdefüh- rers nach Frankreich das Kindeswohl tangiert beziehungsweise Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rec hte des Kindes (KRK, SR 0.107) verletzt sein sollte. Die entsprechende Rüge erweist sich als unbegründet. Angesichts dessen, dass eine Verletzung des Kindes- wohls ausser Betracht fällt, war die Vorinstanz nicht gehalten, nähere Ab- klärungen zu den genauen Umständen der Familienzusammenführung von Griechenland nach Frankreich zu treffen. Die Rüge einer Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes ist damit ebenso wenig zu hören. Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung eine Interessenabwä- gung vorgenommen und dargelegt, weshalb die privaten Interess en des Beschwerdeführers am Verbleib in der Schweiz zur Durchführung des Asyl- verfahrens hinter die öffentlichen Interessen an seiner Überstellung in den zuständigen Mitgliedstaat Frankreich zurückzutreten haben (vgl. Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1, Beschwerdebeilage 2, S. 4-5). Der Vorhalt, die Vorinstanz sei ihrer Begründungspflicht nicht nachgekom- men und habe es unterlassen, das Kindeswohl zu ermitteln, läuft damit ins Leere. Die Begründung der angefochtenen Verfügung ermöglichte dem Beschwerdeführer denn auch eine sachgerechte Anfechtung, wie die vor- liegende Beschwerde zeigt. 7. Es gibt keine wesentlichen Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Frankreich würden sys- temische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin- III-VO aufweisen. 7.1 So ist Frankreich Vertragsstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Ausserdem darf davon ausgegangen werden, dies er Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom F-2682/2021 Seite 15 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber- kennung des internationalen Schutzes (sog . Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie) ergeben. 7.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht trotz des vor der Vorinstanz erho- benen Einwands, in Frankreich seien die Verhältnisse für minderjährige Asylsuchende sehr schlecht (vgl. SEM-act. 49/2), gemäss seiner konstan- ten Rechtsprechung davon aus, Asylsuchende in Frankreich erhielten die von der Aufnahmerichtlinie garantierten Grun dleistungen und hätten dort somit auch keine unmenschliche und erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK zu befürchten (vgl. Urteile des BVGer F-2568/2021 vom 8. Juni 2021 E . 6.2 ; D -1801/2021 vom 22. April 2021 S. 6/7; D-1741/2021 vom 22. April 202 1 S. 8; D -6107/2020 vom 31. März 2021 E. 4.2.1; F-2511/2020 vom 20. Mai 2020 E. 5.2; F-1929/2020 vom 16. April 2020 E. 7.3; F -1342/2020 vom 12. März 2020 E. 4.2; F-612/2020 vom 11. Februar 2020 E. 5.2; F-5826/2019 vom 12. November 2019 E. 5.2; F-5296/2019 vom 16. Oktober 2019 E. 5.2; F-3626/2019 vom 22. Juli 2019 E. 5.2; F -2835/2019 vom 13. Juni 2019 S. 5; F-2772/2019 vom 12. Juni 2019 E. 7; D-1962/2019 vom 3. Mai 2019 E. 6). Das Gericht geht demnach nicht davon aus, in Frankreich würden systemische Mängel betreffend die Asyl- und Aufnahmesituation vorliegen. 7.3 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar- getan, die französischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung des Betreuungsangebots stünde es ihm offen, sich an die zuständigen französischen Behörden zu wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Auf- nahmerichtlinie). Ausserdem hat er die Möglichkeit, bei allfälligen Schwie- rigkeiten die dafür zuständigen Behörden beziehungsweise die vor Ort tä- tigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. Sodann deutet auch nichts darauf hin, Frankreich werde im Fall des Beschwerdeführers den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zwingen, in ein Land auszureisen, in welchem er einer Gefahr im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG ausgesetzt wäre, oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Nach dem Gesagten ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Wegweisung nach Frankreich in eine existenzielle Notlage geraten könnte. F-2682/2021 Seite 16 7.4 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist unter den genannten Umständen nicht gerechtfertigt. 8. 8.1 8.1.1. Hinsichtlich des Gesundheitszustands ist den Akten folgender Sach- verhalt zu entnehmen: Anlässlich der Erstbefragung vom 21. Januar 2021 machte der Beschwer- deführer geltend, er habe seit eineinhalb Monaten Lungenprobleme und sei zurzeit in ärztlicher Behandlung. Er habe eine starke Erkältung gehabt. Sowohl der COVID -19-Test als auch der Tuberkulose-Test seien negativ ausgefallen. Als Medikamente bekomme er Tabletten, einen Sirup und Na- sentropfen. In Griechenland habe man ihn mit dem Messer attackiert. Er sei dann zum Arzt gegangen, der gemeint habe, dass die Knochen seines rechten Handgelenks gebrochen seien. Seit diesem Vorfall schmerze das Gelenk beim Sportmachen oder bei anderen Sachen. Das sei die einzige Beeinträchtigung neben seinen Lungenproblemen. Ansonsten fühle er sich wohl. Wegen des Handgelenks habe die Betreuung des Bundesasylzent- rums ihn schon angemeldet; es sei ein Röntgenbild gemacht worden (vgl. SEM-act. 16/19, S. 2 Bst. b, S. 14 Ziff. 8.02). Im Zusammenhang mit den Handgelenks-Schmerzen und den Lungen- problemen ist ein Bericht des Hausarztes des Bundesasylzentrums vom 20. Januar 2021 (SEM-act. 21/1) aktenkundig. Gemäss einem ärztlichen Kurzbericht vom 1. Februar 2021 wurde der Beschwerdeführer wegen Zahnschmerzen am linken Unterkiefer der Zahnärztin zugewiesen. Diese erstellte ein Einzelröntgen und diagnostizierte Karies 36 (SEM -act. 31/4). Weiteren Berichten des Hausarztes zufolge ist der Beschwerdeführer psy- chisch beeinträchtigt und leidet an Schlafproblemen, Albträumen, Panikat- tacken und Flashbacks (Berichte vom 23. März 2021 [SEM-act. 41/1], vom 29. März 2021 [SEM -act. 45/2], vom 20. April 2021 [SEM-act. 53/2], vom 27. April 2021 [SEM-act. 63/2]). Wie sich aus dem Bericht vom 4. Mai 2021 ergibt, diagnostizierte der Hausarzt ausserdem (…) (SEM-act. 58/1). Dem Beschwerdeführer wurden verschiedene M edikamente verordnet. Zudem wurde er bei den I._______ , Klinik für (…), angemeldet und es wurde ein Termin für eine MRT vereinbart. Der Bericht vom 28. Mai 2021 der I._______ (SEM-act. 61/4) hält fest, dass anlässlich des Termins vom 26. Mai 2021 mit dem Beschwerdeführer die Einnahme und Wirkung des Medikaments J._______ besprochen worden sei. Er habe gemeint, dass er J._______ für seine Herzprobleme nehme, F-2682/2021 Seite 17 es ihm aber weder zur Beruhigung noch für den Schlaf helfe. Man habe mit ihm nun abgemacht, dass er das Medikament für zwei Wochen absetzen werde und dann allenfalls mit einer neuen Schlafmedikation (Neurolepti- kum) begonnen werde, bei einer aktuellen Einschlaflatenz von 2 -6 Stun- den. Bis dahin werde der Beschwerdeführer an seiner Schlafhygiene ar- beiten. Der nächste Termin finde am 8. Juni 2021 statt. Aus den Akten ergibt s ich schliesslich auch, dass der Beschwerdeführer der Rechtsvertreterin gegenüber angegeben hat, vermehrt suizidale G e- danken zu verspüren (vgl. Schreiben vom 23. März 2021 [SEM-act. 39/1]). 8.1.2. Was die psychischen Probleme anbelangt, gilt es vorab festzustel- len, dass deren Existenz von vornherein zu bezweifeln sein dürfte. So fällt übereinstimmend mit der Vorinstanz auf, dass der Beschwerdeführer diese Probleme, welche auf die Flucht aus Afghanistan und die Gewalterfahrung in Griechenland zurückzuführen sein sol len (vgl. SEM -act. 41/1), erst im späteren Verlauf des Verfahrens, nicht jedoch bei der ersten, sich im bi e- tenden Gelegenheit erwähnte. Weder bei der Erstbefragung noch beim rechtlichen Gehör vom 5. Februar 2021 machte er dergleichen geltend. Vielmehr erklärte er anlässlich der Erstbefragung, nebst seinen Lungen- problemen seien die Handgelenks -Schmerzen das einzige Problem; an- sonsten fühle er sich wohl (vgl. SEM -act. 16/19, S. 14 Ziff. 8.02). Unter diesen Umständen ist – entgegen der in der Beschwerde vertre tenen An- sicht – nicht ersichtlich, inwiefern die Vorinstanz die fragile Situation des Beschwerdeführers verkannt beziehungsweise den medizinischen Sach- verhalt nicht sachlich genug abgeklärt haben sollte. 8.1.3. Weder die physischen Beeinträchtigungen noch die psychischen Probleme, sollten letztere tatsächlich bestehen, stellen ein völkerrechtli- ches Vollzugshindernis im Sinne von Art. 3 EMRK dar, welches zwingend zu einem Selbsteintritt führen müsste. Frankreich verfügt über eine ausrei- chende medizinische Infrastruktur und ist gemäss Art. 19 Abs. 1 Aufnah- merichtlinie verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforder- liche Behandlung von Krankheiten und schweren psychische n Störungen umfasst, zugänglich zu machen. Es liegen keine Anhaltspunkte vor, wo- nach dem Beschwerdeführer dort eine adäquate Behandlung seiner ge- sundheitlichen Beeinträchtigungen verweigert würde. Sollte er auf medizi- nische Hilfe angewiesen sein, steht es ihm offen, sich an das hierfür zu- ständige Fachpersonal in Frankreich zu wenden. Hinsichtlich der geltend gemachten Suizidgedanken ist festzuhalten, dass gemäss bundesgericht- licher Rechtsprechung Suizidalität für sich allein kein Vollzugshindernis F-2682/2021 Seite 18 darstellt (vgl. Urteil des BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2), was auch der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. etwa Ur- teile des BVGer F -27/2021 vom 25. Februar 2021; F -3496/2020 vom 14. Juli 2020; F-4514/2018 vom 20. August 2018; F-693/2018 vom 9. Feb- ruar 2018). Die Überstellung des Beschwerdeführers nach Frankreich er- weist sich zusammenfassend als zulässig. Indes obliegt es den Behörden, im Rahmen von konkreten Vollzugsmass- nahmen alles ihnen Zumutbare vorzukehren, um medizinisch und betre u- ungsmässig sicherzustellen, dass das Leben und die Gesundheit der be- troffenen Person möglichst nicht beeinträchtigt wird (vgl. Urteile des BGer 2C_98/2018 vom 7. November 2018 E. 5.5.3; 2D_14/2018 vom 13. August 2018 E. 7.1). Es gilt somit sicherzustellen, dass die französischen Behör- den vor der Überstellung über die gesundheitlichen Probleme des Be- schwerdeführers und die notwendige medizinische Behandlung informiert sind sowie die nötige Betreuung bei der Überstellung gewährleistet ist. 8.2 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung aus, wenn man die vorangehenden Erwägungen betrachte, ergäben sich keine Gründe, die die Anwendung der Souveränitätsklausel anzeigen würden. Es hat den vom Beschwerdeführer geäusserten Umständen Rechnung getragen und sich mit seiner Situation, auch in medizinischer Hinsicht, hinreichend aus- einandergesetzt (vgl. BVGer-act. 1, Beschwerdebeilage 2, S. 6-8). Da mit einer Überstellung des Beschwerdeführers nach Frankreich keine Verlet- zung des Kindeswohls einhergeht (vgl. vorne E. 6) , war das SEM weder verpflichtet, die Lebensverhältnisse des Bruders näher zu beleuchten noch Garantien betreffend eine kindgerechte Unterkunft einzuholen. Die diesbe- züglichen Rügen sind damit als unbegründet zu erachten. 8.3 Der Beschwerdeführer möchte in der Schweiz bleiben. Mit seiner Be- gründung kann er insgesamt nicht das gewünschte Verfahrensziel – die Behandlung seines Asylgesuchs in der Schweiz – erreichen, zumal die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen. In seinem Fall sind ebenso keine Gründe ersichtlich, welche die Vorinstanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 hätten ver- pflichten können. 9. Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht und ohne Ermessensfeh- ler auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat seine Wegweisung verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). F-2682/2021 Seite 19 Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. Angesichts dessen fällt eine Rückweisung der angefochtenen Verfügung an die Vorinstanz zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung ausser Betracht, weshalb der entsprechende Eventualantrag abzuweisen ist. 10. Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Ertei- lung der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden. Der am 8. Juni 2021 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Ur- teil dahin und die Vorinstanz hat dem Beschwerdeführer eine neue Frist zur Ausreise anzusetzen. 11. 11.1 Die Begehren waren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG un- besehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist. 11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) F-2682/2021 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das SEM wird angewiesen, die französischen Behörden vor der Überstel- lung über die gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers und die notwendige medizinische Behandlung zu informieren sowie die nötige Be- treuung bei der Überstellung sicherzustellen. 3. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 4. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Fulvio Haefeli Karin Schnidrig Versand: