<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">299</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>B. Sachenrecht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>50</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 741 ZGB</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Dient die Vorrichtung zur Ausübung einer Dienstbarkeit sowohl dem</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Dienstbarkeitsberechtigten als auch dem Dienstbarkeitsbelasteten, ist der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Dienstbarkeitsberechtigte zur Vornahme der gesamten Unterhalts- und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Erneuerungsarbeiten zu verpflichten unter gleichzeitiger Einräumung ei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nes Ersatzanspruchs für einen Teil der Kosten gegenüber dem Dienstbar-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>keitsbelasteten.</b></span><br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Zivilkammer, vom 24. Februar</span><br/> <span class="ft3">2015 i.S. Sch. gegen H. (ZOR.2014.81).</span><br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <span class="ft7">In einem Verfahren, in dem der Kläger auf Wiederherstellung</span><br/> <span class="ft7">des früheren Zustands auf seinem Grundstück durch die Beklagte ge-</span><br/> <span class="ft7">klagt hatte, erhob diese Widerklage mit dem Begehren, es sei der</span><br/> <span class="ft7">Kläger als Dienstbarkeitsberechtigter zu verpflichten, auf seine Kos-</span><br/> <span class="ft7">ten die auf ihrem Grundstück gelegene, dienstbarkeitsbelastete</span><br/> <span class="ft7">Strasse zu erneuern, bzw. sie sei berechtigt zu erklären, die Erneue-</span><br/> <span class="ft7">rung der Strasse auf Kosten des Klägers selber vorzunehmen, falls</span><br/> <span class="ft7">dieser die Erneuerung innert dreier Monate seit Rechtskraft des Ur-</span><br/> <span class="ft7">teils nicht vorgenommen habe. Das Obergericht gelangte zum</span><br/> <span class="ft7">Schluss, dass die Last des Unterhalts der Strasse vom Kläger als</span><br/> <span class="ft7">Dienstbarkeitsberechtigtem und von der Beklagten als Dienstbar-</span><br/> <span class="ft7">keitsbelasteter gemäss Art. 741 Abs. 2 ZGB je zur Hälfte zu tragen</span><br/> <span class="ft7">ist (Erw. 3.2.3. i.f.)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft7">3.2.4.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">300</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">"Unterhalt" im Sinne von Art. 741 ZGB meint nicht bloss Bei-</span><br/> <span class="ft7">tragspflicht an die Kosten des belasteten Grundeigentümers; dem</span><br/> <span class="ft7">Pflichtigen obliegt die notwendige Unterhaltstätigkeit auf eigene</span><br/> <span class="ft7">Kosten (Göksu, Handkommentar zum Schweizer Privatrecht,</span><br/> <span class="ft7">2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2012, N. 3 zu Art. 741 ZGB; Liver,</span><br/> <span class="ft7">Zürcher Kommentar, 2. Aufl., Zürich 1980, N. 14 zu Art. 741 ZGB).</span><br/> <span class="ft7">Die Verpflichtung besteht zu Gunsten des Eigentümers des belasteten</span><br/> <span class="ft7">Grundstücks (Liver, a.a.O., N. 23 zu Art. 741 ZGB). Die Folgen der</span><br/> <span class="ft7">Nicht- oder Schlechterfüllung der Pflicht richten sich nach Art. 97 ff.</span><br/> <span class="ft7">OR; insbesondere kann sich der Gläubiger zur Ersatzvornahme er-</span><br/> <span class="ft7">mächtigen lassen (Göksu, a.a.O., N. 3 zu Art. 741 ZGB; Liver,</span><br/> <span class="ft7">a.a.O., N. 40 zu Art. 741 ZGB; Petitpierre, Basler Kommentar,</span><br/> <span class="ft7">4. Aufl., Basel 2011, N. 17 zu Art. 741 ZGB). Nach herrschender</span><br/> <span class="ft7">Lehre setzt die richterliche Ermächtigung zur Ersatzvornahme ein</span><br/> <span class="ft7">vorgängig oder gleichzeitig erstrittenes Leistungsurteil gegen den</span><br/> <span class="ft7">Schuldner voraus (Wiegand, Basler Kommentar, 5. Aufl., Basel</span><br/> <span class="ft7">2011, N. 6 zu Art. 98 OR; Furrer/Wey, Handkommentar zum Schwei-</span><br/> <span class="ft7">zer Privatrecht, a.a.O., N. 160 und 163 zu Art. 97 - 98 OR). Die</span><br/> <span class="ft7">Beklagte verlangt denn auch beides.</span><br/> <span class="ft7">Weil der Kläger den Betrieb, Unterhalt und die Erneuerung</span><br/> <span class="ft7">(bloss) zur Hälfte zu tragen hat, kann der Antrag, er sei zu verpflich-</span><br/> <span class="ft7">ten, die Strasse auf Parzelle 889 <i>auf eigene Kosten</i> zu erneuern, so</span><br/> <span class="ft7">nicht gutgeheissen werden. Vielmehr trifft beide Parteien die Unter-</span><br/> <span class="ft7">haltspflicht in gleichem Ausmass. Beide Parteien haben gegenseitig</span><br/> <span class="ft7">einen Anspruch auf Leistung der Hälfte der notwendigen Unterhalts-</span><br/> <span class="ft7">und Erneuerungsarbeiten (vgl. Petitpierre, a.a.O., N. 7 zu Art. 741</span><br/> <span class="ft7">ZGB). Entsprechend der Regelung von Art. 70 Abs. 2 OR (vgl. Art. 7</span><br/> <span class="ft7">ZGB), wonach jeder Schuldner zu der ganzen Leistung verpflichtet</span><br/> <span class="ft7">ist, wenn eine unteilbare Leistung von mehreren Schuldnern zu ent-</span><br/> <span class="ft7">richten ist, ist auch vorliegend der Kläger zur Vornahme der Unter-</span><br/> <span class="ft7">halts- und Erneuerungsarbeiten zu verpflichten. Gemäss Art. 70 Abs.</span><br/> <span class="ft7">3 OR in Verbindung mit der vorliegend anwendbaren Regelung über</span><br/> <span class="ft7">die Tragung des Unterhalts hat er aber für die Hälfte des Aufwandes</span><br/> <span class="ft7">einen Ersatzanspruch gegenüber der Beklagten, was im Urteil festzu-</span><br/> <span class="ft7">halten ist. Zudem ist die Pflicht zur Beteiligung an den Kosten einer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">301</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Vornahme der Erneuerungsarbeiten im Sinne von Art. 98 Abs. 1 OR</span><br/> <span class="ft7">auf die Hälfte dieser Kosten zu beschränken.</span><br/> <span class="ft5"><i>(Demgemäss erkennt das Obergericht:)</i></span><br/> <span class="ft7">4.1.</span><br/> <span class="ft7">Der Kläger wird verpflichtet, die Strasse auf Parzelle 889 zu er-</span><br/> <span class="ft7">neuern. Die Beklagte hat dem Kläger die Hälfte der dafür nötigen</span><br/> <span class="ft7">Aufwendungen zu ersetzen.</span><br/> <span class="ft7">4.2.</span><br/> <span class="ft7">Die Beklagte wird berechtigt erklärt, die Erneuerung der Strasse</span><br/> <span class="ft7">selber vorzunehmen, falls der Kläger die Erneuerung innert drei Mo-</span><br/> <span class="ft7">naten seit Rechtskraft des Urteils nicht vorgenommen hat. Der Klä-</span><br/> <span class="ft7">ger hat der Beklagten die Hälfte der dafür nötigen Aufwendungen zu</span><br/> <span class="ft7">ersetzen.</span><br/></div> </div> </body> </html>