B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6431/2016 U r t e i l v o m 2 2 . F e b r u a r 2 0 1 7 Besetzung Einzelrichter Daniel Willisegger, mit Zustimmung von Richter Yanick Felley; Gerichtsschreiber Michal Koebel. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch Alan Sangines, Amt für Jugend und Berufsberatung Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 19. September 2016 / N (…). E-6431/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Die minderjährige Beschwerdeführerin suchte am 31. August 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Am 8. September 2015 fand die Befragung zur Per- son (nachfolgend Erstbefragung) und am 9. Juni 2016 die Anhörung (nach- folgend Zweitbefragung) statt. B. Mit Verfügung vom 19. September 2016 stellte das SEM fest, die Be- schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht (Dispositiv Ziff. 1), lehnte das Asylgesuch ab (Dispositiv Ziff. 2), verfügte die Wegweisung aus der Schweiz (Dispositiv Ziff. 3) und ordnete aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme an (Dispositiv Ziff. 4–7). C. Mit Eingabe vom 19. Oktober 2016 reichte d er Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin unter Beilage dreier Berichte (Fokus Eritrea, Update Na- tionaldienst und illegale Ausreise, SEM 2016, Schnellrecherche der SFH - Länderanalyse vom 3. August 2016 zu Eritrea: Bestrafung Minderjähriger für illegale Ausreise und Schnellrecherche der SFH -Länderanalyse vom 22. September 2016 zu Eritrea: Bestrafung von i llegaler Ausreise) beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, es sei die an- gefochtene Verfügung aufzuheben , die Erfüllung der Flüchtlingseigen- schaft festzustellen und die Beschwerdeführerin als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Eventualit er sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren. D. Mit Schreiben vom 21. Oktober 2016 reichte der Rechtsvertreter die Voll- macht der Beschwerdeführerin im Original nach. E. Mit Instruktionsverfügung vom 25. Oktober 2016 hiess der zuständige In- struktionsrichter das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E-6431/2016 Seite 3 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung in Asylsachen auf Verletzung von Bundesrecht sowie unrichtige oder un- vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts hin (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Der Wegweisungsvollzug wurde zugunsten eine r vorläufigen Auf- nahme aufgeschoben und bildet deshalb nicht mehr Gegenstand des Be- schwerdeverfahrens. 2.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachtei len ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. 3.2 Flüchtlingen wird nach Art. 54 AsylG kein Asyl gewählt, wenn sie erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ih- res Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG wurden (subjektive Nachfluchtgründe). E-6431/2016 Seite 4 3.3 Die Flüchtlingseigenschaft muss nachweisen oder zumindest glaubhaft machen, wer um Asyl nachsucht (Art. 7 AsylG). Gleiches gilt für die Person, die subjektive Nachfluchtgründe behauptet. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwie- gender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbeson- dere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massge- blich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in einem publizierten Entscheid dar- gelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3). 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin macht im Wesentlichen geltend, sie sei illegal aus Eritrea ausgereist , weil sie nach Abbruch der neunten Klasse ein Schreiben der Verwaltung erhalten habe und weil sie befürchte bei einer Razzia aufgegriffen zu werden. 4.2 Nach der bisherigen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts galt eine illegale Ausreise aus Eritrea als subjektiver Nachfluchtgrund (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D -3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.3). Diese Rechtsprechung wurde jüngst aufgegeben. Das Bundesve rwal- tungsgericht kam im Urteil D -7898/2015 vom 30. Januar 2017 (zur Publi- kation als Referenzurteil vorgesehen) nach einer eingehenden Lageana- lyse zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft führe, nicht aufrechterhalten werden könne (insb. E. 5.1). Nach der neuen Rechtsprechung ist nicht mehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person – ob minderjährig oder nicht – einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Verfolgung drohe. Nicht asylrelevant ist ferner die Möglichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den Nationaldienst ein- gezogen wird. Für die Begründung der Flüchtlingseigenschaft im eritrei- schen Kontext bedarf es nun neben der illegalen Ausreise zusätzlicher An- knüpfungspunkte, welche zu einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen (E. 5.2). Eine asylsuchende Person muss diese zusätzlichen Anknüpfungspunkte nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). 4.3 Was die Vorfluchtgründe der Beschwerdeführerin anbelangt, so halten diese ( Erhalt eines Briefes ohne weitere Behördenkontakte, Furcht vor E-6431/2016 Seite 5 Razzia bzw. Militärdienst) den Anforderungen an Art. 3 AsylG nicht stand. Hinzu kommt, dass die Ausführungen offensichtlich unglaubhaft sind. So steht der Brief im Zentrum der Fluchtgeschichte. Trotzdem vermögen die Ausführungen zu dessen Inhalt und Verbleib nicht zu überzeugen (SEM- Akten, A7, S. 9 und A18, insb. S. 7 ff., F62 ff.). Zudem fehlt es bereits an einem zeitlichen Kausalzusammenhang zwischen dem angeblichen Erhalt des Briefes und der Flucht erst Monate später. Im Übrigen erschöpfen sich die Schilderungen in Eindimensionalität und sind mithin zu oberflächlich ausgefallen, um den Anforderungen gerecht zu werden, die an das Vorlie- gen eines zusätzlichen Ank nüpfungspunkts gestellt werden . Die Be- schwerde stellt der bereits von der Vorinstanz zutreffend festgestellten Un- glaubhaftigkeit der Vorfluchtgründe nichts Stichhaltiges entgegen. Nachdem die Beschwerdeführerin neben der illegalen Ausreise keine zu- sätzlichen Anknüpfungspunkte für eine Verschärfung ihres Profils zu bele- gen oder mindestens glaubhaft zu machen vermag, lässt sich keine asyl- rechtlich beachtliche Verfolgung annehmen. Aufgrund der Bestätigung der Praxisänderung der Vorinstanz im oben genannten Urteil, ist auf die Be- schwerdeausführungen zu BVGE 2010/54, auf die anderen Urteile zur ille- galen Ausreise sowie auf die drei Beschwerdebeilagen nicht weiter einzu- gehen. Nach dem Gesagten vermögen auch die weiteren Beschwerdeaus- führungen nichts am Beweisergebnis zu ändern. Indem die Vorinstanz eine vorläufige Aufnahme anordnete, hat sie den Umständen des Einzelfalls (minderjährige Beschwerdeführerin und Lage vor Ort) ausreichend Rech- nung getragen. Um Wiederholungen zu vermeiden, ist auf das erwähnte Koordinationsurteil des Bundesverwaltungsgerichts sowie die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz zu verweisen, die zu Recht die Flüchtlingsei- genschaft verneint und das Asylgesuch der Beschwerdeführerin abgelehnt hat. Nach dem Gesagten gibt es auch keinen Anlass, die Sache zur Neu- beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen; der Eventualantrag ist ab- zuweisen. 5. Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent- haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet. E-6431/2016 Seite 6 6. Insoweit beantragt wird, die Beschwerdeführerin sei als Flüchtling vorläufig aufzunehmen, ist die Beschwerde – nach Bestätigung der Dispositivziffer 1 der vorinstanzlichen Verfügung (E. 4) – gegenstandslos geworden. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, das s die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit sie nicht gegen- standslos geworden ist. 8. Es sind keine Verfahrenskosten zu erheben. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wurde bereits mit Instruktionsverfü- gung vom 25. Oktober 2016 gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. (Dispositiv nächste Seite) E-6431/2016 Seite 7 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit sie nicht gegenstandslos gewor- den ist. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Daniel Willisegger Michal Koebel Versand: