B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-5061/2022 U r t e i l v o m 1 5 . M ä r z 2 0 2 3 Besetzung Richterin Jenny de Coulon Scuntaro (Vorsitz), Richter David R. Wenger, Richter Yannick Antoniazza-Hafner, Gerichtsschreiberin Rahel Affolter. Parteien A._______, Afghanistan, vertreten durch Lea Hungerbühler, Rechtsanwältin, substituiert durch MLaw Nathalie Vainio, AsyLex, Gotthardstrasse 52, 8002 Zürich, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 18. Oktober 2022 / N … …. F-5061/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger – suchte am 12. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl nach. B. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentralein- heit Eurodac) ergab, dass er am 3. Juni 2022 in Italien aufgegriffen und daktyloskopiert worden war. C. Gestützt auf den Eurodac-Treffer ersuchte die Vorinstanz am 20. Juni 2022 die italienischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in e inem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin -III-VO). Die italienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert der festgelegten Frist unbeantwortet. D. D.a Beim Dublin-Gespräch vom 23. Juni 2022 (Akten der Vorinstanz [SEM- act.] 18/2) machte der Beschwerdeführer geltend, er habe Afghanistan im November 2021 verlassen und sei über den Iran und die Türkei auf dem Seeweg nach Italien gelangt, wo er bei der Ankunft Anfang Juni 2022 auf- gegriffen worden sei. Anderthalb Wochen später sei er in der Schweiz ein- getroffen. Die Schweiz sei sein Zielland gewesen, zumal er hier einen Bru- der habe. In Italien habe er eine Wegweisungsverfügung erhalten, mit der Aufforderung, das Land binnen sieben Tagen zu verlassen, was er ge- macht habe. Ein Asylgesuch habe er dort nicht gestellt. D.b Im Rahmen des ihm von der Vorinstanz gleichzeitig gewährten rechtli- chen Gehörs zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zu einem Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) führte der Beschwerdeführer aus, er wolle unter keinen Um- ständen nach Italien zurückkehren. Dort sei der Umgang mit den Flüchtlin- gen sehr schlecht; ihnen werde nicht geholfen. Er selbst habe keinen Zu- gang zur Gesundheitsver sorgung gehabt. Mit seinem Lebens -Rucksack F-5061/2022 Seite 3 werde er in Italien nie Frieden finden. Ausserdem lebe sein Bruder in der Schweiz. In Italien habe er niemanden. Auch wegen seiner psychischen Erkrankung komme eine Rückkehr dorthin nicht in Frage. Sein psychischer Zustand würde sich bis zur Verrücktheit verschlimmern, sollte er dort keine Hilfe beziehungsweise Gesundheitsversorgung erhalten. Ein weiterer Grund bestehe darin, dass in den Ländern Frankreich, Italien und Grie- chenland viele islamische Gruppierungen existierten, welche eine Taliban- Gesinnung hätten und die Werte der Taliban teilen würden. Er habe konkret Angst, dass man ihm bei einer R ückkehr etwas antun würde, sollte man über seine Vergangenheit als Berufspilot Bescheid wisse n. Er habe viele Taliban getötet. Er wünsche hervorzuheben, dass sich sein Fall von den anderen Landsleuten unterscheide, da er als Berufspilot gegen die Taliban und für die Regierung gearbeitet habe. Die Schweiz sei der sicherste Staat in Europa, weshalb er dieses Land ausgesucht h abe. Er möchte seinen Beruf als Pilot fortsetzen, z. B. bei einer gemeinnützigen Organisation. Nur in der Schweiz könne er dies umsetzen. Er habe dem SEM ein Empfeh- lungsschreiben abgegeben. Zudem existiere ein Video zu seiner Berufstä- tigkeit. Mit Schreibe n vom 3. August 2022 reichte die damals zugewiesene Rechtsvertretung der Vorinstanz ein medizinisches Datenblatt für interne Arztbesuche im B undesasylzentrum mit den Behandlungseinträgen vom 16. Juni 2022 und 12. Juli 2022 sowie einen Arztbericht der Un iversitären Psychiatrischen Kliniken (UPK), Basel, vom 17. Juni 2022 zu den Akten. F. Mit Schreiben vom 9. September 2022 verwies die damalige Rechtsvertre- tung die Vorinstanz auf den Arztbericht vom 17. Juni 2022, wonach der Beschwerdeführer an Schlafstörungen und depressiven Symptomen leide. Beim Folgetermin vom 4. Juli 2022 sei festgestellt worden, dass die Situa- tion unverändert sei beziehungsweise die Schlafstörungen sogar zuge- nommen hätten. Der Beschwerdeführer habe schreckliche Albträume, denn er habe schlimme Dinge gesehen, beispielsweise wie sich Menschen an amerikanischen Flugzeugen festgehalten hätten und aus der Höhe her- untergestürzt seien. Zudem streite er sich fast täglich mit seiner Frau, die mit den gemeinsamen Kindern im Iran zurückgeblieben sei. Er breche so- fort in Tränen aus, wenn er über seine Familie spreche, und mache sich Vorwürfe, dass er ein schlechter Vater sei. Die Tatsache, dass sein Bruder, zu dem er ein sehr inniges Verhältnis habe, im Kanton Zürich lebe, biete dabei einen gewissen Trost. Da es dem Beschwerdeführer psychisch sehr schlecht gehe, werde ein F-5061/2022 Seite 4 Selbsteintritt, die Eröffnung des nationalen Verfahrens und eine psycholo- gische Abklärung beantragt. G. Mit Verfügung vom 18. Oktober 2022 – eröffnet am 28. Oktober 2022 (vgl. Empfangsbestätigung [SEM-act. 35/1]) – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 12. Juni 2022 nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Italien, forderte ihn – unter Androhung von Zwangsmitteln im Unt erlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, beauf- tragte den Kanton Solothurn mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver- zeichnis aus und stellte fest , eine allfällige Beschwerde gegen die Verfü- gung habe keine aufschiebende Wirkung. H. Am 1. November 2022 legte die zugewiesene Rechtsvertretung ihr Mandat nieder. I. Mit Eingabe vom 4. November 2022 gelangte die neu mandatierte Rechts- vertreterin auf elektroni schem Weg über die Zustellplattform «Priva - Sphere» an das Bundesverwaltungsgericht und reichte dabei diverse Bei- lagen ein. J. Die Instruktionsrichterin setzte am 7. November 2022 gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus. K. Mit Zwischenverfügung vom 9. November 2022 forderte sie den Beschwer- deführer auf, innert drei Tagen ab Erhalt der Verfügung eine Beschwerde mit Rechtsbegehren, Begründung und Unterschrift nachzureichen. L. Mit elektronischer Eingabe vom 10. N ovember 2022 wurde die Be- schwerde vom 4. November 2022 nachgereicht und beantragt, es sei die angefochtene Verfügung der Vorinstanz vom 18. Oktober 2022 vollumfäng- lich aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutreten. Eventualiter sei die angefochtene Verfü- gung der Vorinstanz vom 18. Oktober 2022 vollumfänglich aufzuheben und die Sache zur N eubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sub -F-5061/2022 Seite 5 eventualiter sei diese anzuweisen, von den zuständigen italienischen Be- hörden Zusicherungen einzuholen, dass der Beschwerdeführer ab dem Zeitpunkt der Ankunft in Italien umgehend Obdach, Nahrung, eine naht- lose, adäquate und regelmässige psychologische Behandlung erhalte. Es sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und zufolge Mittello- sigkeit auf die Erhebung von Verfahrenskosten, insbesondere eines Kos- tenvorschusses, zu verzichten. Es seien die Akten der Vorinstanz (N 779 581) zu editieren. Dem Beschwerdeführer sei zu erlauben, die Be- schwerde, insbesondere hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts, in- nert angemessener Frist zu ergänzen und gegebenenfalls noch weitere Beweismittel hierzu ins Recht zu legen. Der Beschwerde sei die aufschie- bende Wirkung zu gewähren und die kantonalen Behörden seien entspre- chend anzuweisen. Die Aussetzung des Wegweisungsvollzugs sei super- provisorisch zu verfügen. M. Am 21. November 2022 liess der Beschwerdeführer dem Gericht einen Arztbericht der Psychiatrischen Dienste, Solothurn, vom 18. November 2022 nachreichen. N. Mit Zwischenverfügung vom 25. November 2022 gewährte die Instruktions- richterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und räumte der Vor- instanz gestützt auf Art. 57 Abs. 1 VwVG Gelegenheit ein, zur Rechtsmit- teleingabe Stellung zu nehmen und sich vor dem Hintergrund der beson- deren Vulnerabilität des Beschwerdeführers zur Zulässigkeit einer Über- stellung nach Italien zu äussern. Weiter hiess sie das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gut und teilte mit, d ass über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege zu einem späteren Zeitpunkt befunden werde. O. Nach gewährter Fristerstreckung liess sich die Vorinstanz am 20. Dezem- ber 2022 vernehmen. Der Beschwerdeführer verzichtete auf sein Replik- recht. P. Mit Zwischenverfügung vom 8. Februar 2023 wurde die Vorinstanz ersucht, eine ergänzende Vernehmlassung einzureichen. Das SEM kam dieser A ufforderung mit Schreiben vom 20. Februar 2023 nach. F-5061/2022 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 31 V GG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung besonder s berührt, hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form- gerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. 3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die F-5061/2022 Seite 7 Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rüc küberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) w ie das vorliegende eines ist, sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierar- chie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwen- den, und es ist von der Sit uation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). 3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Staat als zuständig bestimmt wer den, wird der die Zu- ständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 3.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani- tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin -III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Stehen völkerrechtliche Vollzugshinder- nisse einer Überstellung entgegen, ist ein Selbsteintritt zwingend. F-5061/2022 Seite 8 4. 4.1. In der Rechtsmitteleingabe wird zunächst unter Bezugnahme auf den Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 10. Juni 2021 gel- tend gemacht, dass die Aufnahmebedingungen in Italien selbst für Schutz- berechtigte bekannterweise unzureichend seien, was sich trotz der neuen Gesetze (insb. Lamorgese-Dekret und Gesetz 173/2020) de facto nicht ge- ändert habe. Eine Änderung sei nur auf dem Papier erfolgt. Asylsuchende hätten zwar theoretisch wieder Zugang zum Aufnahmesystem der zweiten Stufe SAI. Abgesehen von der Änderung auf dem Papier seien jedoch bis zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Verbesserungen spürbar. Rückkehrer wür- den mangels verfügbarer Plätze auch in Zukunft mit an Sicherheit grenzen- der Wahrscheinlichkeit – wenn überhaupt, dann – in einem CAS und damit in einer Notunterkunft untergebracht werden. Dort werde es – trotz der Ga- rantien im Gesetz – nach wie vor an adäquater medizinischer und psycho- logischer Versorgung fehlen. In ihrem neuen Bericht vom 17. Februar 2022 rate die SFH daher explizit von einer Überstellung psychisch Erkrankter nach Italien ab. Unter anderem sei eine Rückführung nach Italien für viele Dublin-Rückkehrer aufgrund der Überlastung des italienischen Aufnahme- systems mit der Obdachlosigkeit verbunden. Ohne eine Wohnadresse sei der Zugang zu ärztlicher Behandlung in Italien gänzlich ausgeschlossen. Im Weiteren wird ausgeführt, dass die Feststellung der Vorinstanz, wonach keine Hinweise auf ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und seinem Bruder in der Schweiz bestünden, unzutref- fend sei. Bereits das Erfordernis eines «besonderen» Abhängigkeitsver- hältnisses, welches die Vorinstanz in ihrem Entscheid erwähne, sei zu be- anstanden. Gemäss dem Wortlaut von Art. 16 Dublin -III-VO sei lediglich ein Abhängigkeitsverhältnis, nicht aber ein «besonderes» oder ein «inten- sives» Abhängigkeitsverhältnis erforderlich, um die Zuständigkeit des be- troffenen Mitgliedstaates zu begründen. Die Auflistung der Gründe für das Bestehen eines Abhängigkeitsverhältnisses in Art. 16 Dublin -III-VO – na- mentlich Schwangerschaft, neugeborenes Kind, schwere Krankheit, ernst- hafte Behinderung und hohes Alter – sei nicht abschliessend. Vielmehr handle es sich um «die wesentlichsten Lebenssachverhalte […] die eine Person in einer solchen Weise verletzlich machen könn ten, dass die Zu- sammenführung mit bestimmten Bezugspersonen zur humanitären Pflicht werde» (BVGE E -7488/2014, E. 6.2.1). Die schweren psychischen Be- schwerden des Beschwerdeführers machten ihn, sollten diese nicht bereits unter den Begriff der schweren Krankheit subsumiert werden, ähnlich wie die aufgelisteten Gründe in einer solchen Weise verletzlich. Er sei aufgrund seiner schweren psychischen Beeinträchtigungen und der traumatischen F-5061/2022 Seite 9 Erfahrungen, welche er in seinem Heimatland (Verfolgung durch die Tali- ban) sowie auf seiner Flucht gemacht habe, auf die Unterstützung seines Bruders angewiesen. Er pflege ein e enge Beziehung zu seinem Bruder. Die familiäre Bindung zwischen den Geschwistern habe bereits im Her- kunftsland bestanden, wo sie zusammen aufgewachsen seien. Auch der Umstand, dass die Brüder während rund sieben Jahren getrennt gewesen seien, spiele vorliegend keine Rolle. Ausserdem sei der Bruder in der Lage, den Beschwerdeführer zu unterstützen, und beide Brüder hätten ihren Wunsch, zusammengeführt zu werden, schriftlich kundgetan. Da sämtliche Erfordernisse von Art. 16 Abs. 1 Dublin -III-VO erfüllt seien, sei es die hu- manitäre Pflicht der Schweiz, den Beschwerdeführer mit seinem Bruder zusammenzuführen und auf sein Asylgesuch einzutreten. Der Bruder verfüge über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht. Der Beschwer- deführer befinde sich seit seiner Ankunft in der Schweiz aufgrund seines äusserst labilen psychischen Zustands in psychiatrischer Behandlung. Un- terdessen sei er in Solothurn in ambulanter psychiatrischer Behandlung bei Dr. med. Keller, der am 4. November 2022 die stationäre Einweisung emp- fohlen habe. Die Beziehung zwischen den Brüdern sei real, effektiv und durch zusätzliche Abhängigkeitselemente gekennzeichnet, resultierend aus dem gravierenden psychischen Zustand des Beschwerdeführers. Da die Beziehung somit unter den Schutzbereich von Ar t. 8 EMRK falle, er- weise sich die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz nach Italien als unzulässig. Auf sein Asylgesuch sei somit einzutreten. Die Behauptung der Vorinstanz, wonach keine wesentlichen Gründe für die Annahme vorliegen würden, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Italien Schwachstellen aufwiesen, gehe fehl. Das Inkrafttreten eines neuen Gesetzes allein, ohne dass gleichzeitig mehr finanzielle und personelle Ressourcen zur Umsetzung des Gesetzes zur Verfügung gestellt würden, vermöge keine angemessene medizinische sowie psychologische Versorgung zu gewährleisten. Das Referenzurteil des BVGer vom 17. Dezember 2019 (E-962/2019) habe somit nach wie vor Geltung. Eine Wegweisung des Beschwerdeführers n ach Italien würde auch Art. 3 EMRK und Art. 3 UN -Antifolterkonvention verletzen. Ohne eine Wohnad- resse sei der Zugang zu ärztlicher Behandlung in Italien gänzlich ausge- schlossen. Die Weiterführung der benötigten psychiatrischen Behandlung sei in Italien er wiesenermassen nicht möglich. Im Weiteren sei das zwin- gend notwendige Unterstützungsnetz durch den Bruder in Italien nicht vor- handen. Der zu erwartende Behandlungsunterbruch und die psychische F-5061/2022 Seite 10 Belastung einer Zwangsrückführung würden mit einem deutlich erh öhten Risiko der Selbstgefährd ung einhergehen, wofür konkrete Hinweise be- stünden. Die ernsthafte Gefahr, wegen fehlender angemessener Behand- lungsmöglichkeiten einer ernsthaften Verschlechterung des Gesundheits- zustands ausgesetzt zu sein, sei hinreichend ko nkretisiert ( «real risk »). Auch vor diesem Hintergrund sei auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh- rers einzutreten. Die Vorinstanz habe im angefochtenen Entscheid dem Verhältnismässig- keitsprinzip im Sinne von Art. 5 BV nicht genügend Rechnung getragen. Das Interesse an einer restriktiven Einwanderungspolitik vermöge vorlie- gend das private Interesse des Beschwerdeführers am Verbleib in der Schweiz und bei seinem Bruder nicht zu überwiegen. Er sei besonders vul- nerabel und schutzbedürftig. Die Rückführung nach Italien würde seinen Gesundheitszustand massiv verschlechtern und es bestehe die akute Ge- fahr, dass er in einer psychischen und medizinischen Notlage enden würde. Es sei auch unklar, wohin er in Italien genau gebracht würde, wie er dort untergebracht, psyc hologisch betreut und medizinisch versorgt würde. Den Umständen des Einzelfalls sei vorliegend nicht genügend Rechnung getragen und die humanitäre Situation des Beschwerdeführers ungenügend berücksichtigt worden. Die Vorinstanz hätte von Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 beziehungsweise Art. 17 Dublin-III-VO (Ermessensklausel) Gebrauch machen müssen. Der Entscheid der Vorinstanz weise in verschiedener Hinsicht Mängel auf. So habe die Vorinstanz insbesondere den Untersuchungsgrundsatz ver- letzt, indem sie den medizinischen Sachverhalt trotz klarer Hinweise, dass der Beschwerdeführer psychisch schwer angeschlagen sei, nicht umfas- send abgeklärt habe. Von der Pflege im Bundesasylzentrum sei ihr mitge- teilt worden, dass der Beschwerdeführer in ambulanter psychiatrischer Be- handlung in Solothurn sei, diesbezüglich jedoch keine Arztberichte vorlie- gen würden. Dies entbinde die Vorinstanz jedoch nicht von ihrer Pflicht, den Sachverhalt abzuklären. Sie hätte die nicht vorliegenden Arztberichte einholen und prüfen müssen, ob eine Rückführung zulässig sei oder ob sich nicht ein Selbsteintritt aufdränge, um den Beschwerdeführer vor einer drohenden Notlage zu schützen. Dementsprechend sei die Sache eventu- aliter zur Vornahme weiterer Abklärungen an die Vorinstanz zurückzuwei- sen. Zumindest sei die Vorinstanz aber anzuweisen, von den italienische n Be- hörden eine konkrete, schriftliche Zusicherung einzuholen, dass der Be- schwerdeführer ab dem Zeitpunkt der Ankunft in Italien umgehend Obdach, F-5061/2022 Seite 11 Nahrung, eine nahtlose, adäquate und regelmässige medizinische sowie psychologische Behandlung erhalte. Ohne Zusicherung könne eine Über- stellung keineswegs verantwortet werden. 4.2. In ihren Vernehmlassungen entgegnet die Vorinstanz, dass weder die Beschwerde, der nachgereichte Arztbericht vom 18. November 2022 noch die beiden Schreiben des Bruders des Beschwerdeführers etwas an ihrem Standpunkt ändern könnten. Der Arztbericht zeige, dass zwar eine Ver- schlechterung des psychischen Gesundheitszustands des Beschwer de- führers eingetreten sei, dies aber kurz nach der Eröffnung des Nichteintre- tensentscheids vom 18. Oktober 2022 (eröffnet am 28. Oktober 2022), wel- cher die Wegweisung nach Italien anordne. Die Gesundheitsverschlechte- rung sei somit in Bezug zu setzen zum Ni chteintretensentscheid und der drohenden Wegweisung. Der Beschwerdeführer habe zweifelsohne psy- chische Probleme, die er erwähnte habe und die im Entscheid thematisiert worden seien. Er leide aber nicht gemäss Referenzurteil E-962/2019 des Bundesverwaltungsgerichts vom 17. Dezember 2019 an akuten schwer- wiegenden medizinischen Problemen. So sei er weder schwerstkrank noch leide er an einer derartigen physischen oder psychischen gesundheitlichen Beeinträchtigung, welche eine Überstellung nach Italien verunmögl ichen würde, d.h. die sich bei kurzzeitiger medizinischer Unterbrechung einer Be- handlung ernsthaft verschlimmern würde. Der Beschwerdeführer, der vor der Eröffnung des N ichteintretensentscheids dauernd die Möglichkeit er- griffen habe, in den Ausgang zu gehe n, mithin praktisch jedes W ochen- ende, sei kaum schwerkrank, wie der beiliegenden Ausgangshistorie von Mitte Juni bis Mitte November 2022 zu entnehmen sei. Zudem hätte er sich bei psychischen Problemen, welche sich auf Erlebnisse in Afghanistan be- ziehen würden, bereits in Italien in ärztliche Behandlung begeben können. Psychische Probleme, nun eine Posttraumatische Belastun gsstörung, seien auch dort behandelbar. Aus Italien gebe es keine Arztberichte. Der Beschwerdeführer habe es stattdessen vorgezogen, nach der Ankunft in Italien sofort in die Schweiz – als sein Zielland – weiterzureisen. Schliess- lich sei anzumerken, dass für das weitere Dublin -Verfahren, d.h. für das Verfahren nach Eröffnung des Nichteintretensentscheids, einzig die Reise- fähigkeit ausschlaggebend sei, welche kurz vor der Überstellung nach Ita- lien definitiv beurteilt werde, und nicht kurz nach der Entscheideröffnung. Nicht unerwähnt bleiben solle auch der Hinweis, dass die Schweiz und Ita- lien Nachbarländer seien. Da der Bruder des Beschwerdeführers über eine B-Bewilligung verfüge, sollte es für ihn möglich sein, seinen Bruder regel- mässig in Italien zu besuchen. Was Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO, dem eine weitergehende Bedeutung als F-5061/2022 Seite 12 Art. 8 EMRK zukomme, angehe, so sei sein Wortlaut präzis und eindeutig. Einen Interpretationsspielraum gebe es nicht. Nirgends im Text seien Be- griffe wie «namentlich» oder «insbesondere» ersichtlich, sodass die Auflis- tung der Gründe für das Bestehen eines Abhängigkeitsverhältnisses ab- schliessend sei. Ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis sei selbstver- ständlich nicht erforderlich, wie der B eschwerdeführer moniere und der Nichteintretensentscheid fälschlicherweise erwähne. Die abschliessenden Gründe, die auf diese Weise hervorgehoben würden, seien allerdings et- was «besonderes» im Verhältnis zu den vielen Abhängigkeitsformen, wel- che es im realen Leben gebe (soziale, finanzielle, körperliche, materielle, seelische, familiäre, moralische etc.). Aus den psychischen Problemen des Beschwerdeführers ergäbe sich kein Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihm und seinem Bruder wegen schwerer Krankheit, ernsthafter Behinderung oder hohen A lters. Auch der vor der Redaktion des Nichteintretensentscheids erfolgte Beizug des Dossiers des Bruders habe nichts ergeben, was auf das Vorhandensein einer Abhängig- keitsbeziehung zwischen den beiden hingedeutet hätte. Da der Argumen- tation in der Beschwerde betreffend A bhängigkeitsverhältnis und Krank- heitsschweregrad nicht gefolgt werden könne, würden aus Sicht des SEM auch keine humanitären Gründe vorliegen, welche die Anwendung der Souveränitätsklausel in irgendeiner Form rechtfertigen könnten. Dies gelte auch betreffend die Suizidgedanken, die sich sofort nach der Eröffnung des Nichteintretensentscheids beim Beschwerdeführer bemerkbar gemacht hätten und in Verbindung mit einer Rückkehr nach Italien stünden. Dazu sei anzumerken, dass es stossend wäre, wenn jemand durch Berufung auf eine tatsächliche oder vermeintliche S elbstmordgefahr, oder willentliche Herbeiführung einer Verschlechterung des psychischen G esundheitszu- stands die Behörden zum Einlenken zwingen könnte, insbesondere – wie vorliegend – kurz nach der Eröffnun g des Nichteintretensentscheids, der die Wegweisung nach Italien anordne. In Italiens Asyl- und Aufnahmesys- tem würden keine systemischen Mängel vorliegen. Diesbezüglich werde auf die Erwägungen im Nichteintretensentscheid und auf das Referenzur- teil D-4235/2021 des Bundesverwaltungsgerichts vom 19. April 2022 ver- wiesen. 5. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentralein- heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 3. Juni 2022 in Italien aufgegriffen und daktyloskopiert worden war. Da s SEM ersuchte deshalb die italienischen Behörden am 20. Juni 2022 um dessen Übernahme im Sinne von Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO. Die italienischen Behörden liessen F-5061/2022 Seite 13 das Ersuchen innert der festgelegten Frist unbeantwortet, womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin -III-VO). Vor diesem Hintergrund ist das SEM zu Recht von der Zuständigkeit Itali- ens für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens des Be- schwerdeführers ausgegangen. Dass er bisher in Italien kein A sylgesuch eingereicht hat, ist damit nicht von Belang. Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind die dargelegten Vorbrin- gen nicht geeignet, an der Zuständigkeit Italiens etwas zu ändern. Sie be- gründen auch keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintritts rechts der Schweiz (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO, Art. 29a Abs. 3 AsylV 1). 6. 6.1. Italien ist Vertragsstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver- pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner- kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt- linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber- kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie) ergeben. Das italienische Asylverfahren und Auf nahmesys- tem weisen demnach keine systemischen Mängel auf (vgl. Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9.1 mit Hinweis auf Re- ferenzurteil des BVGer E -962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3 und Urteil des BVGer E-685/2021 vom 23. Februar 2021 E. 6). 6.2. Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar- getan, die italienischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen und in der Folge seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien würde in seinem Fall den Grundsatz des Non -Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Die Ver- mutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein, kann im F-5061/2022 Seite 14 Einzelfall widerlegt werden. Wie soeben erwähnt, bedarf e s hierfür aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffenen glaubhaft darzutun sind (vgl. Urteil des BVGer E-937/2020 vom 24. Februar 2020 E. 5.4 m.H.). 6.3. Der Beschwerdeführer hat nicht geltend gemacht, die ihn bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Italien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könn- ten. Im Weiteren gibt es auch keine konkreten Hinweise für die Annahme, Italien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehen- den minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung steht es ihm offen, sich an die zuständi- gen italienischen Behörden zu wenden und die ihm zustehenden Aufnah- mebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahme- richtlinie). Das italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende und Perso- nen mit Schutzstatus steht zwar in der Kritik. Das Bundesverwaltungsge- richt ist aber im Referenzurteil E -962/2019 zum Schluss gelangt, selbst nach Erlass und Umsetzung des «Salvini-Dekrets» sei das Vorliegen sys- temischer Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO, welche die staatliche Unterstützung Italiens und dessen Einrichtungen für Asylsuchende betreffen, zu verneinen (vgl. ausführlich E. 6.1 – 6.4 des er- wähnten Referenzurteils sowie etwa Urteile des BVGer F -444/2021 vom 8. Februar 2021 E. 5; F -5083/2020 vom 22. Oktober 2020 E. 4; F-5058/2020 vom 20. Oktober 2020 E. 4; F-4584/2020 vom 17. September 2020 E. 5.2 und D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.1). Am 20. Dezember 2020 ist zudem das Umwandlungsgesetz Nr. 173/2020 zum Gesetzesdek- ret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2020 in Kraft getreten. Letzteres sieht eine umfassende Reform des Aufnahmesystems für Asylsuchende in Ita- lien vor, inde m zentrale Bestimmungen des «Salvini -Dekrets» geändert und ein engverflochtenes Aufnahme - und Integrationssystem implemen- tiert wurden. Das neue Aufnahmesystem ist vergleichbar mit jenem, das vor Erlass des «Salvini-Dekrets» bestanden hat. Die Asylsuchenden wer- den für den Identifikationsprozess und die Gesundheitsuntersuchungen zur Feststellung allfälliger Schutzbedürftigkeit in Erstaufnahmezentren oder CAS untergebracht. Für das weitere Asylverfahren werden sie in das Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integra- zione) überführt. Das Zweitaufnahmesystem SAI, welches das SIPROIMI (Sistema di protezione per titolari di protezione internazionale e minori stra- nieri non accompagnati) ablöst, bedeutet eine Rückkehr von einem zentra- lisierten und sicherheitsorientierten Ansatz der öffentlichen Aufnahmezen- tren hin zu einem von lokalen Behörden verwalteten, dezentralisierten und F-5061/2022 Seite 15 flächendeckenden Aufnahmesystem, ähnlich dem einstigen SPRAR (Sis- tema di protezione per richiedenti asilo e rifugiati ). Das SAI steht wieder allen Asylsuchenden, also auch den im Rahmen des Dublin -Verfahrens nach Italien überstellten Personen, offen. Ziel des SAI ist es, die Asylsu- chenden zu betreuen und den schutzbedürftigen Asylsuchenden, insbe- sondere Familien, Dienstl eistungen anzubieten, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Des Weiteren ermöglicht das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 den Asylsuchenden wieder, sich im kommunalen Einwohner- register eintragen zu lassen (Art. 3). Mit der Registrierung erhalten sie ei- nen Ausländerausweis, der ihnen den Zugang zu den regionalen Dienst- leistungen, wie beispielsweise der medizinischen Versorgung, erleichtert (vgl. ausführlich Referenzurteil F-6330/2020 E. 10.5). Im Januar 2021 um- fasste das SAI 30'049 Unterbringungsplätze und 760 Projekte (vgl. a.a.O., E. 11.1). Angesichts dieser Umstände kann der Beschwerdeführer aus den in der Beschwerde zitierten Quellen und den Ausführungen zur Situation Asylsuchender in Italien nichts zu seinen Gunsten ableiten. Da das Zweit- aufnahmesystem SAI auch ihm offensteht, erweist sich seine Befürchtung, bei einer Wegweisung nach Italien keinen Zugang zu einer angemessenen Unterbringung zu haben, als unbegründet. In Anbetracht dessen, dass er sich im kommunalen Einwohnerregister eintragen lassen kann und damit unter anderem Zugang zu medizinischer Versorgung erhält, vermag er auch aus seinem Vorbringen, mangels einer Wohnadresse sei der Zugang zu ärztlicher Behandlung ausgeschlossen, nichts für sich abzuleiten. Aus- serdem verfügt Italien über eine funktionierende Polizeibehörde, die so- wohl als schutzwillig wie auch als schutzfähig gilt. Sollte der Beschwerde- führer sich in Italien vor Übergriffen durch Angehörige der beim rechtlichen Gehör erwähnten islamischen Gr uppierungen fürchten oder sogar solche erleiden, so steht es ihm frei, sich an die zuständigen staatlichen Stellen zu wenden. Ebenso wird er die Möglichkeit haben, bei allfälligen weiteren Schwierigkeiten die dafür zuständigen Behörden beziehungsweise die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. Seine Sorge, bei ei- ner Zwangsrückführung einem deutlich erhöhten Risiko der Selbstgefähr- dung ausgesetzt zu sein, ist vor diesem Hintergrund zu relativieren. Was seine Asylgründe anbelangt, so kann er diese bei den für sein Asyl - und Wegweisungsverfahren zuständigen italienischen Behörden vorbringen. 6.4. Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. Es sind ferner auch keine individuellen völkerrechtli- chen Überstellungshindernisse gegeben. F-5061/2022 Seite 16 7. Aus den vorliegenden Akten ergibt sich der folgende medizinische Sach- verhalt: 7.1. Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 23. Juni 2022 erklärte der Be- schwerdeführer, körperlich sei alles in Ordnung, aber psychisch gehe es ihm nicht gut. Er habe Schlafstörungen, mache sich viele Sorgen und Ge- danken, habe Angstzustände und sei wegen der Ereignisse in der Heimat, seiner Tätigkeit als Kampfpilot, traumatisiert. Er habe viele Taliban getötet. Wegen seiner psychischen Erkrankung sei er be reits in Behandlung, der nächste Termin finde am 4. Juli 2022 statt. Er mache sich auch Sorgen wegen seiner Familie, die in Afghanistan unter sehr schwierigen Verhält- nissen zu leben habe. Dasselbe gelte für seine Frau und seine Tochter, welche im Iran seien. Er habe in seinem Leben viele Probleme gehabt und habe nun alles verloren. 7.2. Dem medizinischen Datenblatt für interne Arztbesuche im Bundesasyl- zentrum, welches die Behandlungseinträge vom 16. Juni 2022 und 12. Juli 2022 enthält, ist zu entnehmen, dass beim Beschwerdeführer eine Anpas- sungsstörung mit zunehmenden Angstattacken, eine Schlafstörung sowie ein depressives Syndrom festgestellt wurden. Suizidgedanken wurden ver- neint. Der Beschwerdeführer erhielt entsprechende Medikamente und wurde an die UPK Basel verwiesen. Ausserdem wurde er wegen Schulter- Nacken-Schmerzen und Skabies behandelt. 7.3. Im Arztbericht der UPK Basel vom 17. Juni 2022 wird auf die erwähn- ten Schlafstörungen und depressiven Symptome hingewiesen und im Wei- teren festgehalten, dass der Beschwerdeführer freud- und antriebslos sei, aber keine Hinweise auf Gefährdungsaspekte bestünden. Es wurde ein weiteres Medikament (Surmontil) verschrieben und ein Folgetermin verein- bart. 7.4. Gemäss dem Arztbericht der UPK Basel vom 4. Juli 2022 sei die Situ- ation seit dem Termin vom 17. Juni 2022 unverändert geblieben. Die Schlafstörungen hätten zugenommen. Hinweise auf eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung gebe es aktuell nicht. Es wurde ein Rezept ausgestellt, ein weiterer Termin vereinbart und das Konzept "Sorgenstuhl" gegen Grü- belgedanken vorgesehen. 7.5. Hinsichtlich des Termins vom 20. Juli 2022 bei der UPK Basel wurde unter anderem festgehalten, dass die Beschwerden (Freud- und Antriebs- losigkeit, Interessensverlust) gleichgeblieben seien, der Schl af sich aber F-5061/2022 Seite 17 unter Surmontil verbessert habe. Die depressiven Symptome hätten weiter zugenommen. Der Beschwerdeführer habe sich von akuter Suizidalität klar und glaubhaft abgegrenzt, es bestünden keine Hinweise auf eine akute Ei- gen- oder Fremdgefährdung. Als weiteres Prozedere wurden ein supporti- ves Gespräch, eine Aufdosierung von Surmontil, die Fortführung des "Sor- genstuhls" bei starkem Grübeln sowie ein Folgetermin vorgesehen. 7.6. Laut einem weiteren medizinischen Datenblatt war der Beschwerde- führer am 27. Se ptember 2022 erneut wegen Schulterschmerzen bezie- hungsweise muskoloskelettaler Beschwerden in Behandlung. 7.7. Abklärungen des SEM bei den internen Pflegefachkräften des Bun - desasylzentrums vom Oktober 2022 haben ergeben, dass der Beschwer- deführer in ambulanter psychiatrischer Behandlung in Solothurn sei, aller- dings würden von dort keine Berichte vorliegen. Die medikamentöse The- rapie (Psychopharmaka) befolge der Beschwerdeführer zuverlässig. 7.8. In der Beschwerde wird darauf hingewiesen, dass Dr. med. Keller, bei dem der Beschwerdeführer in Solothurn in ambulanter psychiatrischer Be- handlung sei, am 4. November 2022 die stationäre Einweisung empfohlen habe. Der Beschwerdeführer habe jedoch bei seinem Bruder sein wollen und sei anschliessend zu diesem gegangen. 7.9. Wie d em Arztbericht der Psychiatrischen Dienste, Solothurn, vom 18. November 2022 zu entnehmen ist, wurden beim Beschwerdeführer eine Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) und Anpassungsstörun- gen (F43.2) diagnostiziert. Es wird ausgeführt, dass er beim Erstgespräch vom 19. August 2022 Symptome passend zu einer Posttraumatischen Be- lastungsstörung gemäss ICD-10 Kriterien gezeigt habe. Während der Ex- ploration habe keine Selbst - oder Fremdgefährdung bestanden. In allen Kontrollterminen bis zum 4. N ovember 2022 sei der psychische Verlauf stabil gewesen. Am 4. November 2022 sei jedoch aufgrund von Fremdag- gressivität und suizidaler Äusserungen eine Anmeldung in die Notfall- und Krisenambulanz der Psychiatrischen Dienste erfolgt. Der Beschwerdefüh- rer habe psychomotorisch aufgeregt und sehr ängstlich gewirkt. Im Rah- men des durchgeführten Gesprächs habe er sich von Suizidgedanken dis- tanzieren können. Der Grund für die suizidalen Äusserungen sei der nega- tive Asylentscheid gewesen. Er habe sodann das Wochenende bei seinem Bruder verbracht, welcher vorbereitet gewesen sei, die Verantwortung zu übernehmen. Am 7. November 2022 sei es aber zur erneuten psychischen Dekompensation gekommen, woraufhin der Beschwerdeführer in das offen F-5061/2022 Seite 18 geführte Diagnostik- und Krisenzentrum der Psychiatrischen Dienste hos- pitalisiert worden sei. Nach der kurzen Krisenintervention sei er am 9. No- vember 2022 bei fehlender Selbst - und Fremdgefährdung entlassen wor- den. Am 11. November 2022 habe ein ambulanter Kontrolltermin stattge- funden, bei dem er sich in einem stabilen psychischen Zustand gezeigt habe. Während der Exploration hätten keine Anzeichen auf eine Selbst - oder Fremdgefährdung bestanden. Es wurden verschiedene Medikamente verschrieben. Ausserdem wird weiterhin eine ambulante psychiatrisch-psy- chotherapeutische Behandlung empfohlen und eine spezialisierte Trauma- therapie als indiziert erachtet. 8. 8.1. Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche- ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar- ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei- tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra- schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu- stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb- lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kam- mer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 8.2. In Anbetracht der psychischen Probleme, welche auf die geschilderten traumatisierenden Erlebnisse in Afghanistan zurückzuführen sein dürften, ist zwar davon auszugehen, dass es sich beim Beschwerdeführer um eine besonders vulnerable Person handelt. Seine gesundheitlichen Beeinträch- tigungen stellen jedoch kein völkerrechtliches Vollzugshindernis im Sinne von Art. 3 EMRK dar, welches zwingend zu einem Selbsteintritt führen müsste. Italien verfügt grundsätzlich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur (vgl. etwa Urteil des BVGer F -2715/2021 vom 11. März 2022 E. 9 m.H.) und ist gemäss Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumin- dest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu F-5061/2022 Seite 19 machen; den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erforder- liche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer ge- eigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnah- merichtlinie). Es liegen keine Anhaltspunkte vor, wonach dem Beschwer- deführer in Italien eine adäquate Behandlung seiner gesundheitlichen Be- schwerden verweigert würde. Dass er nicht bereits in Italien ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hat, kann ihm nicht vorgeworfen werden, zumal er angab, sein Zielland sei die Schweiz gewesen, weil sein Bruder hier lebe. Für die im Arztbericht vom 18. November 2022 empfohlene ambulante psy- chiatrisch-psychotherapeutische Behandlung und spezialisierte Trauma- therapie wie auch für anderweitig e medizinische Betreuung kann er sich an das dafür zuständige Fachpersonal in Italien wenden. Es sind keine Hinweise ersichtlich, dass Italien seinen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin -III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde. Für das weitere Dublin-Verfahren ist einzig die Reisefähigkeit aus- schlaggebend, welche erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt wird. Eine allenfalls fehlende Reisefähigkeit stellt lediglich ein temporäres Voll- zugshindernis dar. Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die mit der Überstellung beauftragten Behörden die besonderen Bedürfnisse des Be- schwerdeführers – einschliesslich die der notwendigen medizinischen Ver- sorgung – berücksichtigen würden, sollte dies erforderlich sein (vgl. Art. 31 Abs. 2 Dublin -III-VO). Ebenso hat die Vorinstanz dem aktuellen Gesund- heitszustand des Beschwerdeführers bei der Organisation der Überstel- lung nach Italien Rechnung zu tragen, indem sie die italienischen Behör- den im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig über den Ge- sundheitszustand zu informieren hat. Wie in der angefochtenen Verfügung festgehalten wurde, werden die italienischen Behörden entsprechend in- formiert. Des Weiteren hat die Vorinstanz erklärt, dass dem Beschwerde- führer anlässlich der Überstellung die ärztlich verordnete Medikation in an- gemessener Menge mitgegeben werden könne, bis er in Italien den ent- sprechenden medizinischen Ei nrichtungen übergeben und dort versorgt werde. Für den Fall, dass erneut Suizidgedanken auftreten sollten, gilt es auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung hinzuweisen, wonach Suizida- lität für sich allein kein Vollzugshindernis darstellt (vgl. Urteil des BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2), was auch der Praxis des Bundes- verwaltungsgerichts entspricht (vgl. etwa Urteile des BVGer F -27/2021 vom 25. Februar 2021; F-3496/2020 vom 14. Juli 2020). Die Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien erweist sich insge- samt als zulässig. F-5061/2022 Seite 20 8.3. Da sich bereits aufgrund der medizinischen Unterlagen, welche der Vorinstanz im Zeitpunkt des Verfügungserlasses vorlagen, ein zuverlässi- ges Bild vom Gesundheitszustand des B eschwerdeführers machen liess, durfte sie zu Recht von zusätzlichen Abklärungen absehen. Die Rüge der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes erweist sich demnach als un- begründet. Vor dem Hintergrund, dass der in der Beschwerde in Aussicht gestellte Arztbericht der Psychiatrischen Dienste, Solothu rn, inzwischen nachgereicht wurde, bestand seitens des Gerichts für die beantragte An- setzung einer Nachfrist zwecks Ergänzung der Beschwerde und (gegebe- nenfalls) Einreichung weiterer Beweismittel kein Anlass. In Anbetracht des vollständig erstellten Sachve rhalts erübrigt es sich, die Sache zur Vor- nahme weiterer Abklärungen an die V orinstanz zurückzuweisen. Der ent- sprechende Eventualantrag ist abzuweisen. 8.4. Im Referenzurteil D-4235/2021 vom 19. April 2022 ist das Bundesver- waltungsgericht zum Schlus s gelangt, dass das SEM nicht gehalten sei, systematisch bei allen Personen mit gravierenden Gesundheitsproblemen individuelle Garantien bei den italienischen Behörden einzuholen, bevor im Rahmen des Dublin-Abkommens Überstellungen nach Italien verfügt wür- den. Die betroffenen Personen, die noch kein Asylgesuch in Italien gestellt hätten (sog. «take charge»), könnten nach Italien überstellt werden, ohne dass vorgängig individuelle Garantien einzuholen seien. Es könne davon ausgegangen werden, dass Italien diesen Personen den Zugang zu einer angemessenen medizinischen Versorgung und einer adäquaten U nter- kunft gewähre (vgl. a.a.O., E. 10.4.3.3 und 10.4.4). Nach dem Gesagten kann vorliegend darauf verzichtet werden , von den italienischen Behörden Garanti en einzuhol en. Der diesbezügliche Sub- eventualantrag ist abzuweisen. 9. Gestützt auf die Ausführungen, wonach der Bruder des Beschwerdeführers in der Schweiz lebe, ist sodann zu prüfen, ob die Anwesenheit dieses Bru- ders (B._______,) einer Überstellung im Rahmen des vorliegenden Dublin- Verfahrens entgegensteht. Vorab gilt es festzustellen, dass es sich bei Geschwistern nicht um Fami- lienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO handelt. Im Weite- ren sind vorliegend die in Art. 16 Abs. 1 Dublin -III-VO erwähnten Ermes- sensdeterminanten (Schwangerschaft, neugeborenes Kind, schwere Krankheit, ernsthafte Behinderung, hohes Alter), welche ei ne Unterstüt-F-5061/2022 Seite 21 zung des Bruders erfordern würden, nicht erfüllt. Aufgrund der Vergangen- heit des Beschwerdeführers in Afghanistan ist es zwar durchaus nachvoll- ziehbar, dass er sich in die Schweiz zu seinem Bruder begeben hat und dieser ihn unterstützen möchte (vgl. Schreiben des Bruders vom 26. Okto- ber 2022 und dessen Stellungnahme vom 4. November 2022 in den Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act. 1, Beschwerdebeilagen 5 und 6]). Es ist denn auch nicht auszuschliessen, dass die Brüder an den in der Ausgangshistorie hervorgehobenen Daten Zeit miteinander verbracht ha- ben. Allerdings ist für eine Unterstützung durch den Bruder die Anwesen- heit des Beschwerdeführers in der Schweiz nicht zwingend. Da der Bruder hierzulande über eine B-Bewilligung verfügt (vgl. SEM-act. 3/1) und es sich bei der Schweiz und Italien um Nachbarländer handelt, dürfte es ihm mög- lich sein, den Beschwerdeführer in Italien zu besuchen. Abgesehen davon steht es den beiden offen, den Kontakt mittels Telefon oder via moderne Kommunikationsmittel (SMS, E -Mail, WhatsApp, Skype, Facebook usw.) zu pflegen. Der Vollständigkeit halber ist feststellen, dass auch die in Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO genannte familiäre Bindung – ungeachtet des- sen, dass eine solche gemäss den Angaben des Beschwerdef ührers be- reits im Herkunftsland bestanden hat – verneint werden muss, zumal er erst am 12. Juni 2022 in die Schweiz einreiste, während sein Bruder ge- mäss einem Eintrag im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) bereits am 17. Juli 2016 hierher gelangte. Dass der Bruder sich zufolge Gutheissung seines Härtefallgesuchs am 26. Oktober 2021 rechtmässig in der Schweiz aufhält (vgl. Eintrag im ZEMIS) und den Beschwerdeführer unterstützen möchte, vermag zu keiner ander en Einschätzung zu führen. Vor diesem Hintergrund ergibt sich auch aus dem Schreiben des Bruders vom 26. Oktober 2022 und dessen Stellungnahme vom 4. November 2022 nichts zugunsten des Beschwerdeführers. Für die Frage, ob es sich bei den in Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO erwähnten Ermessensdeterminanten um eine abschliessende Auflistung handelt oder nicht, kann auf die zutreffen- den Ausführungen der Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung verwiesen wer- den. 10. Entgegen anderslautender Einschätzung sind im vorliegenden Fall auch die Voraussetzungen von Art. 8 EMRK nicht erfüllt. 10.1. Der Familienbegriff gemäss Art. 8 EMRK erfasst zwar über die Kern- familie hinausgehend unter gewissen Voraussetzungen auch die Bezie- hungen zwischen nahen Verwandten. Allerdings setzt die Berufung auf den Grundsatz der Familieneinheit unter nahen Verwandten gemäss der Recht- sprechung des Bundesverwaltungsgerichts – nebst einer nahen, echten F-5061/2022 Seite 22 und tatsächlich gelebten Beziehung – grundsätzlich ein besonderes Ab- hängigkeitsverhältnis voraus (BVGE 2008/47 E. 4.1.1 S. 677 f.). 10.2. Vorliegend fehlt es indessen schon an einer gelebten Beziehung im Sinne der Rechtsprechung, da sich der Bruder – wie erwähnt – bereits seit mehreren Jahren in der Schweiz aufhält, während der Beschwerdeführer erst am 12. Juni 2022 ein reiste. Ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der Rechtsprechung zwischen den Geschwistern ist demnach zu verneinen, weshalb eine Überstellung nach Italien keine Verletzung von Art. 8 EMRK darstellt. 11. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden k ein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen. An dieser Einschätzung kann der Wunsch des Beschwerdeführers, in der Schweiz bei seinem Bruder zu bleiben und hier als Berufspilot tätig zu sein, nichts ändern. In seinem Fall sind überdies keine Gründe ersichtlich, welche die Vorinstanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 hätten verpflichten können (vgl. BVGE 2015/9 E. 8). 12. Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht auf das Asylge such des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat seine Überstellung nach Ita- lien verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. 13. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem aber die Beschwerde nicht als aussichtslos zu bezeichnen war und im Übrigen von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers auszugehen ist, ist das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheis- sen und es sind keine Verfahrenskosten zu erheben. F-5061/2022 Seite 23 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird gutge- heissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Jenny de Coulon Scuntaro Rahel Affolter Versand: F-5061/2022 Seite 24 Zustellung erfolgt an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben) – die Vorinstanz (Ref-Nr. N … …) – das Migrationsamt des Kantons Solothurn, ad SO … … (in Kopie)