B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2803/2020 U r t e i l v o m 7 . J u l i 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichterin Christa Luterbacher mit Zustimmung von Richterin Mia Fuchs, Gerichtsschreiberin Susanne Bolz. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 24. April 2020 / N (…). E-2803/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ist Staatsangehörige Eritrea s und stammt aus B._______. Sie ersuchte am 13. Juni 2016 um Asyl in der Schweiz. B. Das SEM befragte die Beschwerdeführerin am 22. Juni 2016 im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) C._______ summarisch (Befra- gung zur Person, BzP ) und gewährte ihr das rechtliche Gehör zu einer möglichen Überstellung nach Frankreich im Rahmen des Dublin -Verfah- rens. Da die Beschwerdeführerin an Brustkrebs leidet, wurde sie bereits im EVZ hospitalisiert. C. Am 15. Juli 2016 wurde die Beschwerdeführerin für die Dauer des Asylver- fahrens dem Kanton D._______ zugeteilt, wo ihr Bruder wohnt, der sie un- terstützt. D. Zwar stimmte das französische Dublin -Office am 11. August 2016 dem Übernahmegesuch des SEM vom 12. Juli 2016 zu, auf die Überstellung wurde jedoch angesichts der Diagnose einer unheilbar en lebensbedrohli- chen Erkrankung verzichtet (vgl. act, A21/2). Am 14. November 2016 wurde das Dublin-Verfahren beendet. Seither wird das Krebsleiden der Be- schwerdeführerin palliativ behandelt. E. Am 15. September 2017 wurde die Beschwerdeführerin einlässlich zu ih- ren Asylgründen angehört. Sie erklärte, nach der Schule in der dritten Runde nach Sawa eingerückt zu sein. Dort sei es sehr schlimm gewesen. Nach dem Militärdienst habe sie ihren Nationaldienst im Bildungsminis te- rium als Lehrerin für Analphabeten geleistet. Obwohl sie zwei Kinder gebo- ren habe, sei sie aus dem Nationaldienst nicht entlassen worden; auch ihr Mann sei im Nationaldienst gewesen, ebenfalls im Bildungsministerium. Sie habe nicht richtig gearbeitet, se i aber alle zwei Wochen ins Bildungs- ministerium gegangen, um ihre Anwesenheit zu bestätigen, damit sie den Sold bekommen habe. Das Geld habe aber nie gereicht und das Leben sei sehr hart gewesen. Sie habe die Unterdrückung und den Zustand, dass sie immer h abe Dienst leisten müssen, nur schwer ertragen können (vgl. act. A25/12 F52-54). Im Jahr 2012 sei sie daher nach Äthiopien ausgereist. Sie habe sich nach E._______ begeben, um den Sold abzuholen. Weil E-2803/2020 Seite 3 man sie und andere Leute dort vertröstet habe, dass sie das Geld erst mor- gen erhalten könnten, seien viele Leute sehr wütend geworden und hätten das Land verlassen wollen. Sie habe sich einfach spontan und ohne Plan diesen Leuten angeschlossen (act. A25/12 F30). Von E._______ aus seien sie zu Fuss nach F._______ gelaufen. Mit einem Auto sei sie dann von Äthiopien aus weiter nach Uganda und dann nach Kenia gefahren. Dort habe man sie im Spital behandelt und eine Brust sei amputiert worden. Danach habe sie nach Äthiopien zurückkehren wollen, sei aber von ara- bisch aussehenden Leuten entführt worden. Diese hätten sie sehr gede- mütigt und drei Jahre lang festgehalten. Ihr Bruder, der in Saudi -Arabien lebe, habe sie schliesslich gegen Lösegeld freikaufen können. Er habe auch ihre Reise in die Schweiz organisiert (vgl. act. A5/11 F5.01). Die Beschwerdeführerin reichte ihre Identitätskarte zu den Akten. F. Mit Verfügung vom 24. April 2020 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwer- deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und wies sie aus der Schweiz weg. Da das SEM den Vollzug der Wegwei- sung jedoch als unzumutbar erachtet e, ordnete es eine vorläufige Auf- nahme an. Die Verfügung wurde gemäss Rückschein am 4. Mai 2020 er- öffnet. G. In der Beschwerdeeingabe vom 29. Mai 2020 (Datum Poststempel 30. Mai 2020) gegen die Verfügung der Vorinstanz, beantragt die Beschwerdefüh- rerin die Aufhebung der Verfügung. Es sei ihr Asyl zu gewähren oder je- denfalls sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen. Eventualiter sei die Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen. In prozessua- ler Hinsicht ersuchte sie um die unentgeltliche Proz essführung einherge- hend mit dem Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Am 25. Juni 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine Fürsorgebestäti- gung nach. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwa ltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den E-2803/2020 Seite 4 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Da s Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung be sonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – mit nachfolgender Einschränkung (E. 8.3) – einzutre- ten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die D urchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben. Diese sind vor den E-2803/2020 Seite 5 materiellen Beschwerdevorbringen zu behandeln, da sie die Aufhebung der Verfügung aus formellen Gründen nach sich ziehen könnten. 4.1 Die Beschwerdeführerin wirft dem SEM vor, es habe seine Pflicht zur Amtsermittlung verletzt und den relevanten Sachverhalt nur ungenügend abgeklärt. Es habe nur die gegen sie sprechenden Sachverhaltselemente aufgegriffen und damit auch keine Abwägung der für sie sprechenden Ele- mente vorgenommen. Die für die Glaubhaftigkeit sprechenden Elemente habe das SEM unzulässigerweise ausgeklammert. 4.2 Das Asylverfahren wird als Verwaltungsverfahren vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Die Behörde hat von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtser- heblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Un- terlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen ( BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem Sachver- haltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Ab- klärungen sind vielmehr nur da nn vorzunehmen, wenn sie aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu AUER/BINDER, in: Auer/Mül- ler/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal- tungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu Art. 12). 4.3 Vorliegend ist nicht zu erkennen, dass das SEM den Untersuchungs- grundsatz oder seine Begründungspflicht verletzt hat. Vielmehr hat es auf Grundlage der Aussagen der Beschwerdeführerin den Sachverhalt rechts- genüglich erstellt. Tatsächlich waren die Angaben der Beschwerdeführerin hinsichtlich ihres Alltags, ihrer Aufgaben als Lehrerin sowie ihres Familien- lebens mit der Doppelbelastung Nationaldienst und Mutterschaft nur sehr wenig detailliert, obwohl ihr genügend Gelegenheit gegeben worden war, ihre Vorbringen in Bezug auf die Ereignisse in ihrem Heimatland vor ihrer Flucht darzulegen. Insbesondere wurde ihr Ausreiseentschluss wiederholt thematisiert (vgl. act. A25/12 F50 -54, F69-72 [Fragen HWV]). Wiederholt wurde sie während der Anhörung ermuntert, ihre Erleb nisse frei zu schil- dern (vgl. ebenda F55-60, F62-64 zur Ausreise; F66-69 zu den Mitreisen- den). Es ist nicht ersichtlich, dass die Vorinstanz die Vorbringen der Be- schwerdeführerin nicht genügend aufgenommen beziehungsweise den Sachverhalt nur einseitig zu ihrem Nachteil erstellt hat. Es gelingt der Be- schwerdeführerin im Übrigen auch in der Beschwerdeeingabe nicht, eine solche Missachtung des Anspruchs auf Amtsermittlung gemäss Art. 12 E-2803/2020 Seite 6 VwVG darzulegen. Dem medizinischen Sachverhalt – der nicht in Zusam- menhang mit den Asylvorbringen steht, was auch die Beschwerdeführerin selbst nicht vorgebracht hat – wurde vom SEM im Rahmen der Zumutbar- keit des Vollzugs Rechnung getragen. Auch in diesem Punkt lagen dem SEM genügend Informationen vor, um einen Entscheid zu tre ffen. Das SEM hat seinen Entscheid im Übrigen auch genügend begründet, immer- hin war die Beschwerdeführerin in der Lage diesen begründet anzufechten. 4.4 Zusammenfassend erweist sich die formelle Rüge als unbegründet , weshalb dem sinngemässen A ntrag auf Rückwei sung des Verfahrens zwecks vollständiger Abklärung des (medizinischen) Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz nicht stattzugeben ist. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; d en frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5.3 Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der beschwerdeführenden Person. Für das Glaubhaftmachen reicht es jedoch nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdi- gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge-E-2803/2020 Seite 7 gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. dazu aus- führlich BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013 /11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). 6. Die Beschwerdeführerin macht im Wesentlichen geltend, im Jahr 2012 aus dem Nationaldienst desertiert zu sein und deshalb Probleme bei einer Rückkehr nach Eritrea zu befürchten. Streitig und zu prüfen ist demnac h das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft sowie, gegebenenfalls, die Ge- währung von Asyl. 6.1 Das SEM erachtete die Vorbringen der Beschwerdeführerin betreffend die Gründe für ihre Desertion aus dem Nationaldienst und ihre Ausreise aus Eritrea als nicht glaubh aft gemacht im Sinne des Art. 7 AsylG. Es sei insbesondere kaum nachvollziehbar und völlig unlogisch, dass sie sich als Mutter zweier Kinder spontan einer Gruppe von völlig Unbekannten ange- schlossen haben wolle, um das Land in einer Art Kurzschlussreaktion zu verlassen. Davon abgesehen habe sie auch alle weiteren Elemente des Kerngeschehens ausweichend und nur unsubstanziiert geschildert. Es sei dem SEM daher nicht möglich, sich ein fundiertes Bild über ihren tatsäch- lichen Dienststatus zu machen. Zwar sei ihr Gesundheitszustand zum Zeit- punkt der Anhörung beeinträchtigt gewesen, dennoch wäre zu erwarten gewesen, dass sie wenigstens die Umstände, welche zu ihrem Ausreise- entschluss geführt hätten, überzeugender hätte darlegen können. Betref- fend die nach der Flucht aus Eritrea erlittenen Misshandlungen und Ernied- rigungen sei festzuhalten, dass diese sich allesamt nicht im Heimatland ereignet hätten, weshalb sie keine Relevanz im Sinne des Asylgesetzes zu entfalten vermöchten. 6.2 In der Beschwerde entgegnet die Besch werdeführerin, ihr Vorbringen sei in der Gesamtheit glaubhaft. Sie habe alle Fragen genau und genügend ausführlich beantwortet. Ihre Angaben seien widerspruchsfrei und schlüs- sig. Sie habe ihre Gründe auch weder übertrieben noch überzeichnet und keine schlimmen Dinge erfunden, sondern nur dargelegt, was sie wirklich erlebt habe. Ihren Ausreiseentschluss habe sie tatsächlich relativ spontan gefasst, richtig sei aber auch, dass sie in der Anhörung ausführlich geschil- dert habe, wie sehr sie unter dem Nationaldienst gelitten habe. Das Prob- lem mit dem Sold habe das Fass lediglich zu m Überlaufen gebracht, der Grund für ihre Flucht sei viel tiefer gelegen; sie habe in Eritrea als Soldatin kein menschenwürdiges Leben führen können, was sie auch in der Anhö- rung dargelegt habe. Das SEM habe dies überhaupt nicht berücksichtigt. E-2803/2020 Seite 8 Die Bestrafung von Desertion sei in Eritrea mit dem absoluten Malus be- haftet, da Desertion als politisch motiviert erachtet werde. Sie sei als Flüchtling anzuerkennen, da sie glaubhaft und schlüss ig dargelegt habe, sich durch ihre Flucht dem Nationaldienst entzogen zu haben. Sie habe auch – wie von der Rechtsprechung gefordert – als Aktive im National- dienst Kontakt mit den Militärbehörden gehabt. Es drohe ihr im Fall der Rückkehr eine unverhältnismässige Strafe, zumal sie das Land illegal ver- lassen habe. Dies habe das SEM überhaupt nicht gewürdigt. Inzwischen habe sie auch erfahren, dass ihr Mann wegen ihrer Ausreise eine hohe Busse habe zahlen müssen. Dies sei ihr – wegen ihrer Krankheit – zu- nächst verschwiegen worden. Das eritreische Regime lade auch Ver- wandte von Dienstpflichtigen, die der Einberufung zum Wehrdienst nicht nachgekommen seien, sowie von Personen, die dem Aufgebot zum Natio- naldienst keine Folge leisteten oder sich unerlaubt vom Dienst entfernten, vermehrt vor und nehme sie fest. Sie werde versuchen, die Busse mit einer Quittung zu belegen. Zu beachten sei ihre illegale Ausreise. Anders habe sie gar nicht das Land verlassen können. Durch ihre unerlaubte Flucht aus dem Nationaldienst sowie ihre illegale Ausreise und die Asylgesuchseinrei- chung in der Schweiz gelte sie in den Augen des Regimes als Republik- flüchtling und es drohe Verfolgung. 7. 7.1 Die Beschwerdeführerin vermag das Bundesverwaltungsgericht nicht davon zu überzeugen, dass ihr im Fall der Rückkehr nach Eritrea asylbe- achtliche Verfolgung im Sinne des Art. 3 AsylG drohen würde, weil sie sich unerlaubterweise aus dem Nationaldienst entfernt hat. 7.2 Das Bundesverwaltungsgericht teilt die Einschätzung des SEM, wo- nach die Vorbringen der Beschwerdeführerin betreffend die Gründe, wie und warum sie Eritrea verlassen hat, den Anforderungen von Art. 7 AsylG an das Glaubhaftmachen eines das Asyl begründenden Sachver- halts und jenen von Art. 3 AsylG an die flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit nicht genügen. Auch dem Bundesverwaltungsgericht erscheinen die proto- kollierten Aussagen der Beschwerdeführerin zu ihren persönlichen Le- bensumständen in ihrer Gesamtheit nur wenig konsistent und die Gründe für das Verlassen des Heimatlandes weitgehend nicht n achvollziehbar. Letzteres gilt insbesondere für den – auch von der Vorinstanz in Zweifel gezogenen – Umstand, dass die Beschwerdeführerin einem spontanen Entschluss folgend das Land verlassen und ihr e Kinder zurückgelassen haben will. Die Beschwerdeführerin vermochte keine wirklich überzeu-E-2803/2020 Seite 9 gende Antwort zu geben, warum sie ihre Familie ohne weiteres zurückge- lassen habe, um mit Fremden aus Eritrea zu flüchten. Ihre Erklärungsver- suche, dass das Leben hart gewesen sei und sie den Nationaldienst nicht mehr habe ertragen können, erscheinen als Erklärung für diesen gravie- renden Schritt kaum überzeugend. Das ausweichende Aussageverhalten kann auch nicht mit ihrem schlechten Gesundheitszustand entschuldigt werden. Zur Vermeidung von Wiederholungen wird auf die zutreffenden Erwägungen in der vorinstanzlichen Verfügung verwiesen. Auch der Hinweis in der Beschwerde, sie habe die Situation eben nicht übertreiben und nichts dazu erfinden wollen und nur das geschildert, was sie wirklich erlebt habe, entkräftet die Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihres Vorbringens nicht. Der Hinweis, es beruhe auf einer ethnozentrischen Sichtweise, wenn man ihr nicht glauben wolle, dass sie sich ohne Abschied von der Familie einfach auf den Weg gemacht habe, was im eritreischen Kontext eine Realität sei, überzeugt das Gericht nicht. Die in der Beschwerde angekündigten Dokumente wie ihr Militärausweis oder eine Quittung der Busse, welche der Ehemann nach ihrer Desertion habe zahlen müssen , und welche sie sich aus Eritrea schicken lassen wolle, wurden bisher nicht eingereicht. In diesem Zusammenhang ist zu sagen, dass die Beschwerdeführerin derartige Beweismittel bereits in den vergangenen vier Jahren während der Dauer ihres Asylverfahrens hätte vorlegen können. Selbst ihre schwere Krankheit vermag diese Beweisnot nicht zu entschuldigen; da sie bei ihrer Familie untergebracht war, hätten ihre Familienangehörigen sie bei der Beschaffung der Unterlagen unter- stützen können. 7.3 Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer ill egalen Ausreise aus Eritrea im Sinne von Nachfluchtgründen nach Art. 54 AsylG ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt ist. 7.4 Gemäss dem als Referenzurteil publizierten Entscheid D -7898/2015 vom 30. Januar 2017 führt eine illegale Ausreise aus Eritrea nicht per se zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft. Vielmehr bedarf es hierzu zu- sätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu einer Schärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten. Ebenso wenig vermag die blosse Befürchtung, aufgrund von (all- gemeinen) Razzien in den Fokus der Militärbehörden zu geraten, solch eine Schärfung des Profils zu begründen (vgl. Referenzurteil des Bundes- verwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017, E. 5.1, 5.2, 5.3). E-2803/2020 Seite 10 7.5 Solche Anknüpfungspunkte sind vorliegend zu verneinen. Wie bereits dargelegt (vgl. E. 7.2), konnte die Beschwerdeführerin nicht glaubhaft ma- chen, dass sie bei den eritreischen Behörden als missliebige Person gelten würde. Es ist davon auszugehen, dass sie neben ihrer illegalen Ausreise keine weiteren Anknüpfungspunkte aufweist, welche zu einer flüchtlingsre- levanten Verfolgung führen würden. 7.6 Zusammenfassend gelangt das Bundesverwaltungsgericht zur Ein- schätzung, dass die Beschwerdeführerin weder zum Zeitpunkt ihrer Aus- reise noch zum heutigen Zeitpunkt eine begründete Furcht hatte bezie- hungsweise hat, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden. Aus diesen Er- wägungen folgt, dass die Vorinstanz eine flüchtlingsrelevante Gefährdung sowohl aufgrund der Ereignisse vor der Flucht als auch aufgrund von sub- jektiven Nachfluchtgründen zu Recht verneint und das Asylgesuch zu Recht abgelehnt hat. 8. 8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisun g aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8.3 Die Beschwerdeführerin wurde mit der angefochtenen Verfügung vom 24. April 2020 wegen der Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Aus diesem Grund erübrigen sich Er- wägungen zur Zulässigkeit des Vollzugs (zur alternativen Natur der Weg- weisungsvollzugshindernisse vgl. BVGE 2011/7 E. 8 m.w.H.) und auf den entsprechenden Antrag ist mangels Rechtsschutzinteresses nicht einzutre- ten. Mit dem vorliegenden Entscheid tritt die vorläufige Aufnahme formell in Kraft. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfüg ung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen, soweit darauf einzutreten ist. E-2803/2020 Seite 11 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist der Antrag auf Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung, ungeachtet der finanziellen Situation der Be- schwerdeführerin, angesichts der Aussichtslosigkeit der Beschwerdevor- bringen abzuweisen. Die Kosten des Verfahrens sind der Beschwerde - führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses wird mit dem heutigen Urteil gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) E-2803/2020 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung w ird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Susanne Bolz Versand: