Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 5. April 2023 (810 22 232) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung und Wegweisung / Nichterreichen der dreijährigen Dauer der ehelichen Gemeinschaft Besetzung Vizepräsident Daniel Ivanov, Kantonsrichter Nikla us Ruckstuhl, Hans Furer, Daniel Noll, Stefan Schulthess , Gerichtsschreiberin Nathalie Droeser Beteiligte A.____ , Beschwerdeführer, vertreten durch Dieter Roth, Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , Vorinstanz Betreff Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung und Wegweisung (RRB Nr. 1517 vom 18. Oktober 2022) A. Der 1992 geborene A.____ ist tunesischer Staatsangeh öriger und reiste am 13. Februar 2020 zwecks Vorbereitung der Heirat mit der Schweizeri n B.____ (geboren 1974) in die Schweiz ein. Am 16. Juni 2020 fand die Heirat statt und A.____ erhielt in der Folge eine Aufent- haltsbewilligung zum Verbleib bei seiner Ehefrau. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Vom 8. September 2020 bis 8. Januar 2021 lebten di e Ehegatten getrennt. Nach einer weiteren Periode des Zusammenlebens kam es am 8. Juli 2021 zur definitiven und am 14. Juli 2021 zur gerichtlichen Trennung. C. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs widerrief das Am t für Migration und Bürger- recht (AFMB) mit Verfügung vom 7. Februar 2022 die Au fenthaltsbewilligung von A.____ und wies ihn bis spätestens zum 10. März 2022 aus der Schweiz weg. D. Die am 18. Februar 2022 dagegen erhobene Beschwer de wies der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft mit Beschluss (RRB) Nr. 2022-151 7 am 18. Oktober 2022 ab und ordnete an, dass A.____ die Schweiz innert 30 Tagen sei t Rechtskraft des Beschlusses zu ver- lassen habe. Er erwog im Wesentlichen, dass die Ehegemeinschaft von A.____ mit seiner Ehe- frau lediglich rund neun Monate gedauert habe und da durch die dreijährige Frist nach Art. 50 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer u nd über die Integration (Auslän- der- und Integrationsgesetz [AIG]) vom 16. Dezember 2 005 nicht erfüllt sei. Es würden auch keine wichtigen persönlichen Gründe vorliegen, die ein en weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machten. A.____ halte sich seit etwas weni ger als drei Jahren in der Schweiz auf, habe hier keine Familienangehörige und sei keine gesuch te, besonders qualifizierte Fachkraft. Weiter sei ihm eine Rückkehr nach Tunesien zumutbar, wesw egen sich der Widerruf der Auf- enthaltsbewilligung sowie die Wegweisung aus der Schwe iz insgesamt als verhältnismässig erweise. E. Mit Eingabe vom 31. Oktober 2022 reichte A.____ (na chfolgend Beschwerdeführer genannt), vertreten durch Rechtsanwalt Dieter Roth, ge gen den RRB Nr. 2022-1517 vom 18. Oktober 2022 beim Kantonsgericht, Abteilung Verfas sungs- und Verwaltungsrecht (Kan- tonsgericht), Beschwerde ein. Er beantragt, der Regie rungsratsbeschluss sei aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei die Aufenthaltsbewilligung ordentlich zu verlängern, unter o/e- Kostenfolge. Der Beschwerdeführer macht zusammengefasst g eltend, er habe bereits seit sei- ner Einreise in die Schweiz am 13. Februar 2020 mit seiner jetzigen Ehefrau zusammenge- wohnt, d.h. rund 13 Monate bis zur Aufnahme des Getre nntlebens. Er sei nach wie vor mit ihr verheiratet und es sei gut möglich und wahrscheinlich, da ss das Eheleben, wie schon nach ei- ner ersten kurzen Trennungsphase, wiederaufgenommen un d fortgeführt werden könne. Des- halb dürfe noch nicht abschliessend davon ausgegangen wer den, dass die dreijährige Ehedau- er gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG nicht erfüllt werd en könne. Während der Dauer des gerichtli- chen Scheidungsverfahrens habe er ein schutzwürdiges Inter esse daran, persönlich in der Schweiz anwesend zu sein. Auch würden wichtige persönlich e Gründe für einen weiteren Auf- enthalt des Beschwerdeführers in der Schweiz vorliegen, d a er Opfer von ehelicher Gewalt nach Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AIG gewesen sei. Die Art und Weise, wie die Ehe- frau gegenüber den Behörden mit unberechtigten Vorw ürfen gegen den Beschwerdeführer auf- getreten sei, sei als psychische Gewalt zu betrachten. Zugunsten des Beschwerdeführers sei seine beachtliche ber ufliche Integration innert sehr kur- zer Zeit zu berücksichtigen. Er habe verschiedene Temporära rbeiten innegehabt, bis er per 1. Dezember 2022 eine unbefristete Festanstellung in e inem 70% Pensum als Maschinist beim Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht C.____ erhalten habe. Zudem habe der Beschwerdeführer in den letzten Monaten die Taxi- Fahrbewilligung erworben und arbeite zusätzlich im Ne benerwerb seit Mitte Dezember 2022 beim Taxi-Unternehmen D.____. Der Beschwerdeführer sei somit wirtschaftlich abgesichert. Neben seiner Muttersprache Arabisch spreche er fliessend F ranzösisch sowie Italienisch und habe innert wenigen Monaten gelernt, sich in der deu tschen Sprache auszudrücken. Mit zu be- rücksichtigen sei ausserdem, dass der Beschwerdeführer für s eine Liebesheirat in der Schweiz einen Studienplatz samt einer Aufenthaltsbewilligung in Italien aufgegeben habe. Im Falle eines Widerrufs der Aufenthaltsbewilligung und einer Wegwe isung aus der Schweiz könnte er nicht mehr nach Italien zurückkehren. Er müsste vielmehr in sein H eimatland Tunesien zurückreisen, wo ihn sowohl sozial als auch wirtschaftlich ein Land oh ne konkrete Perspektive erwarten wür- de, von welchem er sich in den letzten Jahren stark entfr emdet habe. Mit dem Widerruf der Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz würde deshalb d er gesamte sozioökonomische Kontext des Beschwerdeführers zusammenbrechen, was ihm nicht zuzumuten sei. Aus all diesen Grün- den erweise sich der Widerruf der Aufenthaltsbewilligung und die Wegweisung aus der Schweiz als unverhältnismässig und nicht mit dem Recht auf Privat- und Familienleben vereinbar. F. In seiner Vernehmlassung vom 18. Januar 2022 beantr agt der Regierungsrat des Kan- tons Basel-Landschaft die kostenfällige Abweisung der Beschwerde. G. Mit Präsidialverfügung vom 20. Januar 2023 wurde d er Fall der Kammer zur Beurtei- lung überwiesen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kan tonsgericht zulässig. Demnach ist das Kantonsgericht zur Beurteilung der vorliegenden Besch werde örtlich und sachlich zustän- dig. Der Beschwerdeführer ist vom angefochtenen Entsche id berührt und hat ein schutzwürdi- ges Interesse an dessen Aufhebung. Auch die weiteren f ormellen Voraussetzungen sind erfüllt, sodass – mit Ausnahme des Antrags auf aufschiebende Wirkung (vgl. E.1.2 hiernach) – auf die Beschwerde einzutreten ist. 1.2 Der Beschwerdeführer verlangt in verfahrensrechtlich er Hinsicht die Erteilung der auf- schiebenden Wirkung. Der Beschwerde kommt gemäss § 8 Abs . 1 VPO mangels gegenteiliger Anordnung von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zu, weshalb sich der gestellte Verfah- rensantrag des Beschwerdeführers als überflüssig erweist u nd darauf nicht eingetreten werden kann. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können n ach § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Festste llung des Sachverhalts gerügt wer- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht den. Die Beurteilung der Angemessenheit ist dem Kanton sgericht dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen – untersagt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO). 3. Der Beschwerdeführer ersucht um eine Parteiverhand lung. Vorliegend geht der für das Verfahren relevante Sachverhalt genügend klar aus den Akten hervor. Es ist nicht ersichtlich und wird von seiner Seite auch nicht substantiiert dar gelegt, welche zusätzlichen Erkenntnisse, die nicht bereits Eingang in Rechtsschriften und Akten g efunden haben, aus einer Befragung des Beschwerdeführers anlässlich einer Parteiverhandlung hervorgehen könnte, weshalb der Antrag abzuweisen ist. 4. Streitgegenstand bildet vorliegend die Frage, ob der Widerruf der Aufenthaltsbewilli- gung des Beschwerdeführers und dessen Wegweisung aus der Schweiz zu Recht erfolgten. 4.1 Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in der Schweiz nur berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitz t oder wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 ff. AIG). Die zuständige kantonale Behörde e ntscheidet gemäss Art. 18 ff. AIG – im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften und Verträge mit d em Ausland – nach freiem Ermessen über die Zulassung zu einem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbstätigkeit. Einen Rechtsanspruch auf die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung hat die ausländische Person somit grundsätzlich nicht, es sei denn, das AIG oder völkerrechtliche Verpfl ichtungen sehen dies vor (vgl. BGE 133 I 189 E. 2.3). 4.2 Es ist zunächst festzuhalten, dass zwischen der Schweiz und Tunesien keine staats- vertragliche Vereinbarung besteht, welche dem Beschwerd eführer einen Anspruch auf Aufent- halt in der Schweiz einräumt. Somit beurteilt sich di e Erteilung respektive Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung vorliegend nach der Bundesverfassu ng der Schweizerischen Eidgenos- senschaft (BV) vom 18. April 1999, nach dem AIG sowie n ach der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) vom 4. November 1950. 5.1 Im Rahmen des Familiennachzuges nach Art. 42 Abs. 1 AIG haben ausländische Ehe- gatten und ledige Kinder unter 18 Jahren von Schweizeri nnen und Schweizern Anspruch auf Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung, wenn sie mit diesen zusammenwohnen. Das Erfordernis des Zusammenwohnens besteht nicht, wenn für getrennte Wohnorte wichtige Gründe geltend gemacht werden und die Familiengemei nschaft weiter besteht (vgl. Art. 49 AIG). 5.2 Am 14. Juli 2021 stellte die Gerichtspräsidentin de s Zivilkreisgerichts Basel-Landschaft West fest, dass die Ehegatten seit dem 8. Juli 2021 get rennt leben. Zum Zeitpunkt der Anfech- tung des Entscheides der Vorinstanz lebte der Beschwerd eführer bereits seit über 15 Monaten und bis zur heutigen Verhandlung seit 21 Monaten gerichtlich von seiner Ehefrau getrennt. Eine Scheidung ist zwar bisher noch nicht erfolgt, dennoch ist aufgrund der Aktenlage davon auszu- gehen, dass die Ehe definitiv gescheitert ist, zumal bi s heute keine Wiedervereinigung stattge- funden hat und der Beschwerdeführer zwischenzeitlich auch eine neue Lebenspartnerin hat, welche ihn zur heutigen Verhandlung begleitet hat. G ründe für einen getrennten Wohnsitz trotz Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Weiterbestand der Ehe sind zudem nicht erkennbar und wer den auch nicht geltend gemacht. Die Aufenthaltsbewilligung ist dem Beschwerdeführer zum Zwecke des Verbleibs bei seiner Ehefrau erteilt worden. Mit der gerichtlichen Trennun g der Ehe sind die Bewilligungsvorausset- zungen dahingefallen und der Beschwerdeführer hat kein en Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung im Rahmen des Familiennachzuges gestützt auf Art. 42 Abs. 1 AIG. 6.1 Gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG besteht nach Aufl ösung der Ehe oder der Familien- gemeinschaft der Anspruch des Ehegatten auf Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsbe- willigung nach Artikel 42 AIG weiter, wenn die Ehegem einschaft mindestens drei Jahre bestan- den hat und die Integrationskriterien nach Artikel 58a AIG erfüllt sind. Das Bundesgericht hat wiederholt festgehalten, dass für die Berechnung der D reijahresfrist auf die in der Schweiz ge- lebte Ehegemeinschaft abzustellen ist. Eine ausländerrechtlich relevante Ehegemeinschaft liegt vor, solange die eheliche Beziehung tatsächlich gelebt wird und ein gegenseitiger Ehewille be- steht. Der massgebliche Zeitpunkt für die nachträgliche B erechnung der Dauer der ehelichen Gemeinschaft ist die Aufgabe der Haushaltsgemeinschaft. Dabei ist im Wesentlichen auf die Dauer der nach aussen wahrnehmbaren ehelichen Wohngemei nschaft abzustellen. Nicht rele- vant ist demgegenüber, bis zu welchem Zeitpunkt die Ehe nach Beendigung des ehelichen Zu- sammenlebens formell noch weiter bestanden hat. Die Fr ist nach Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG gilt absolut. Bereits das Fehlen weniger Wochen oder Tage schliesst den Anspruch auf Verlänge- rung der Aufenthaltsbewilligung aus (Urteil des Bunde sgerichts 2C_436/2020 vom 2. Juli 2020 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen). 6.2 Der Beschwerdeführer heiratete seine Ehefrau am 1 6. Juni 2020. Nach einer ersten Trennung am 8. September 2020 sind die Ehegatten am 8. Januar 2021 wieder zusammenge- kommen. Am 8. Juli 2021 ist es zur erneuten und defini tiven Trennung gekommen, woraufhin sich die Ehegatten am 14. Juli 2021 gerichtlich getren nt haben. Die Ehefrau des Beschwerde- führers hat mehrfach bestätigt, an der Weiterführung der Ehe kein Interesse mehr zu haben und sich scheiden lassen zu wollen (vgl. Aktum 171 ff. und 183 ff.), weshalb von einem erloschenen Ehewillen ihrerseits ausgegangen werden kann. Der Beschwe rdeführer macht geltend, dass eine Wiederannäherung mit seiner Ehefrau und die Auf nahme des Ehelebens nicht ausge- schlossen sei. Den Akten können weder eine Annäherung o der Kontakte des Beschwerdefüh- rers zu seiner Ehefrau noch Bemühungen für die Wiederau fnahme der Ehe wie z.B. eine Paartherapie oder ähnliches seit der gerichtlichen Tren nung im Juli 2021 entnommen werden. Vor dem Hintergrund, dass der Beschwerdeführer zwischenzei tlich eine neue Lebenspartnerin hat, erscheint eine Wiederaufnahme der Ehegemeinschaft mit seiner Ehefrau aktuell als unrea- listisch, weshalb seitens des Beschwerdeführers ebenfalls von einem definitiv erloschenen Ehewillen auszugehen ist. Die relevante Ehegemeinschaft des Beschwerdeführers hat dem- nach lediglich rund neun Monate gedauert. Da die erforderliche Ehedauer von drei Jahren damit klar nicht erfüllt ist, kann an dieser Stelle offenblei ben, ob der Beschwerdeführer die Integrati- onskriterien nach Art. 58a AIG erfüllt, was Art. 50 Abs . 1 lit. a AIG kumulativ voraussetzt. Es ist somit festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keinen Ansp ruch auf Verlängerung der Aufent- haltsbewilligung nach Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG hat. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.1 Nach Auflösung der Ehe oder der Familiengemeinsch aft besteht der Anspruch des Ehegatten auf Erteilung und Verlängerung der Aufent haltsbewilligung nach Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG zudem dann weiter, wenn wichtige persönliche Gründ e einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen (sog. "nachehelicher Härtef all"). Nach Art. 50 Abs. 2 AIG können solche wichtige persönliche Gründe namentlich vorliegen, wenn die Ehegattin oder der Ehegat- te Opfer ehelicher Gewalt geworden ist, die Ehe nicht aus freiem Willen geschlossen hat oder die soziale Wiedereingliederung im Herkunftsland stark gefährdet erscheint. Wird ein wichtiger persönlicher Grund im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG verneint, ist gemäss der bundesge- richtlichen Rechtsprechung regelmässig auch gleichzeitig di e Frage, ob ein schwerwiegender persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG vorliegt, negativ beantwortet (vgl. hierzu Weisungen und Erläuterungen des SEM zum AIG, I. Ausländerbereich [Weisungen SEM], am 1. Juli 2022 aktualisierte Fassung, Ziff. 6.15.3). 7.2.1 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung bedeutet h äusliche Gewalt systemati- sche Misshandlung mit dem Ziel, Macht und Kontrolle auszu üben, und nicht eine einmalige Ohrfeige oder eine verbale Beschimpfung im Verlauf eines eskalierenden Streits. Die physische oder psychische Zwangsausübung und deren Auswirkungen mü ssen vielmehr von einer gewis- sen Konstanz bzw. Intensität sein. Auch eine psychische bzw. sozi oökonomische Druckaus- übung wie dauerndes Beschimpfen, Erniedrigen, Drohen und Einsperren kann einen für die Annahme eines nachehelichen Härtefalls relevanten Grad e rreichen. Dies ist praxisgemäss der Fall, wenn die psychische Integrität des Opfers bei einer Aufrechterhaltung der ehelichen Ge- meinschaft schwer beeinträchtigt würde. Die ausländische P erson trifft bei den Feststellungen des entsprechenden Sachverhalts eine weitreichende Mitwirkungspflicht (Art. 90 AIG). Sie muss die eheliche Gewalt in geeigneter Weise glaubhaft ma chen (Arztberichte oder psychiatrische Gutachten, Polizeirapporte, Berichte/Einschätzungen vo n Fachstellen, glaubwürdige Zeugen- aussagen von weiteren Angehörigen oder Nachbarn etc.). Allgemein gehaltene Behauptungen oder Hinweise auf punktuelle Spannungen genügen nicht ; wird häusliche Gewalt in Form psy- chischer Oppression behauptet, muss die Systematik der Misshan dlung bzw. deren zeitliches Andauern und die daraus entstehende subjektive Belastu ng objektiv nachvollziehbar konkreti- siert und beweismässig unterlegt werden (vgl. Urteile de s Bundesgerichts 2C_77/2018 vom 22. August 2019 E. 3.1 f. und 2C_915/2019 vom 13. Mä rz 2020 E. 3.4 f. mit weiteren Hinwei- sen). 7.2.2 Dass der Beschwerdeführer die Ehe nicht aus freiem Willen geschlossen haben soll, wird zu Recht nicht geltend gemacht. Wie die Vorinstanz richtig festgestellt hat, kann den Akten nicht entnommen werden, dass der Beschwerdeführer Opfer von psychischer ehelicher Gewalt geworden ist. Ein Trennungsbegehren von Seiten der Eh efrau kann vorliegend nicht als Druck- mittel gewertet werden, ebenso wenig die Verweigeru ng der Wiederaufnahme der Liebesbezie- hung respektive des gemeinsamen Ehelebens. Es ist durchau s möglich, dass die Ehe der Ehe- gatten konfliktbehaftet war und es zu Spannungen geko mmen ist. Jedoch gelingt es dem Be- schwerdeführer mit seinen pauschalen Vorbringen nicht, glaubhaft darzulegen, dass er Opfer psychischer Gewalt geworden ist. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3.1 Für die Annahme eines nachehelichen Härtefalls aufgrund stark gefährdeter Wiederein- gliederung im Herkunftsland gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AIG ist entscheidend, ob die persönliche, berufliche und famili äre Eingliederung der betroffenen aus- ländischen Person bei einer Rückkehr in ihre Heimat als stark gefährdet zu gelten hätte, und nicht, ob ein Leben in der Schweiz einfacher wäre un d – aus welchen Gründen auch immer – vorgezogen würde (Urteil des Bundesgerichts 2C_880/202 2 vom 22. März 2023 E. 3.1 mit Hin- weisen). 7.3.2 Es liegen keine Hinweise dafür vor, dass die sozia le Wiedereingliederung im Herkunfts- land stark gefährdet erscheint. Der Beschwerdeführer re iste erst kurz nach seinem 27. Geburtstag im Februar 2020 in die Schweiz ein und hat, bis auf eine kurze Zeitspanne in Italien von September 2019 bis Februar 2020, damit d en grössten und lebensprägendsten Teil seines Lebens in seinem Heimatland verbracht. Der Bes chwerdeführer weilte mit drei Jahren und zwei Monaten nur eine vergleichsweise kurze Zeit in der Schweiz. In Tunesien leben noch immer seine Mutter sowie seine zwei Schwestern. Er sprich t zudem die arabische Sprache und ist mit seiner heimatlichen Kultur vertraut. Vor sein er Einreise nach Italien und in die Schweiz hat er in seinem Heimatland das wissenschaftliche Abitur mit Spezialisierung in Mathematik absolviert, in Tunis das Fach "Logistik und internationa le Transporte" studiert und mit dem Ba- chelor abgeschlossen. Der Beschwerdeführer arbeitete in sei nem Heimatland in verschiedenen Firmen, zuletzt als Logistiker bei E.____ (vgl. Lebensla uf des Beschwerdeführers, Aktum 257 f.). Nachdem sich der Beschwerdeführer in einem für ihn tatsächlich fremden Land wie der Schweiz erstaunlich schnell zu integrieren wusste, darf an genommen werden, dass er sich bei einer Rückkehr in seinem Heimatland ebenso schnell auf die neue Situation wird einstellen können. Auch vermögen die pauschalen Vorbringen des Beschwerdeführers, in seinem Heimat- land würde ihn sowohl sozial als auch wirtschaftlich ein L and ohne konkrete Perspektive erwar- ten, von welchem er sich in den letzten Jahren stark entfr emdet habe, nicht zu überzeugen. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung stellt die Rückk ehr in Lebensverhältnisse, die im Herkunftsland allgemein üblich sind, keinen wichtigen p ersönlichen Grund dar, welcher eine weitere Anwesenheit in der Schweiz gebieten könnte. Der blosse Umstand, dass die Sicher- heits- oder Wirtschaftslage in der Schweiz besser ist als im Heimatstaat, erfüllt die Vorgaben nach Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AIG nicht, auch wenn die betroffene Person in der Schweiz integriert erscheint, allenfalls eine Lande ssprache relativ gut spricht, eine Arbeits- stelle hat und nicht straffällig geworden ist (vgl. Urt eil des Bundesgerichts 2C_788/2018 vom 31. Januar 2019 E. 4.2.4 mit weiteren Hinweisen). Nach dem Gesagten hat der Beschwerdefüh- rer auch gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AIG keinen Anspruch auf eine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung. 8.1 Soweit der Beschwerdeführer eine Verletzung von A rt. 8 EMRK bzw. Art. 13 Abs. 1 BV geltend macht, ist festzuhalten, dass nur echte, tatsäch lich gelebte familiäre Beziehungen in den Schutzbereich dieser Bestimmungen fallen (vgl. Ur teil des Bundesgerichts 2C_498/2022 vom 22. März 2023 E. 7 mit Hinweisen). Da zwischen dem Beschwerdeführer und seiner Ehe- frau keine relevante Ehegemeinschaft mehr vorliegt und aus der Ehe auch keine Kinder hervor- gingen, kann er aus dem Schutz des Familienlebens keinen grundrechtlichen Anspruch auf Er- teilung bzw. Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung ableiten. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.2 Will der Beschwerdeführer ein Aufenthaltsrecht aus dem Anspruch aus Privatleben nach Art. 8 EMRK ableiten, ist auf die Rechtsprechung des Bundesgerichts hinzuweisen, wo- nach erst bei einem rechtmässigen Aufenthalt von rund zehn Jahren regelmässig davon ausge- gangen werden kann, dass die sozialen Bindungen in der S chweiz so eng geworden sind, dass es für eine Aufenthaltsbeendigung besonderer Gründe b edarf (BGE 144 I 266 E. 3.9). Der Be- schwerdeführer hält sich erst seit etwas mehr als drei Jahren in der Schweiz auf. Zwar kann der aus dem Schutz des Privatlebens abgeleitete Aufenthaltsan spruch im Einzelfall schon vor Ab- lauf von rund zehn Jahren entstehen. Eine besonders ausgeprägte Integration, welche für einen solchen Anspruch sprechen würde, ist vorliegend aber ni cht erkennbar, auch wenn der Be- schwerdeführer zwei Landessprachen spricht und eine Arbeitsstelle gefunden hat. 9.1 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass der Beschwe rdeführer weder gestützt auf das AIG, die BV noch die EMRK einen Anspruch auf Ver längerung der Aufenthaltsbewilligung hat. Bei dieser Ausgangslage bleibt nachfolgend ausschli esslich die Verhältnismässigkeit der Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz zu prüfe n (Art. 96 Abs. 1 AlG). Eine Verwaltungsmassnahme ist verhältnismässig, wenn sie zur Ver wirklichung des im öffentlichen Interesse liegenden Ziels geeignet und notwendig ist und der angestrebte Zweck in einem ver- nünftigen Verhältnis zu den Belastungen steht, die de m Privaten auferlegt wurden (vgl. U LRICH HÄFELIN /G EORG MÜLLER /F ELIX UHLMANN , Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Auflage, Zürich/St. Gallen 2020, Rz. 514 ff.). Vorliegend ist die Nichtver längerung der Aufenthaltsbewilligung samt Wegweisung geeignet, die fremdenpolizeilichen Ziele b zw. öffentlichen Interessen – das Ver- lassen der Schweiz, wenn der Aufenthaltszweck von Ausländer n weggefallen ist und keine Ausnahmen vorliegen – zu verwirklichen. Sodann ist die Massnahme zur Erreichung dieser Zie- le erforderlich. Es bleibt somit im Rahmen einer Inter essenabwägung näher zu prüfen, ob die öffentlichen die privaten Interessen des Beschwerdeführers überwiegen. 9.2 Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft führt e in dieser Hinsicht aus, ange- sichts der doch eher kurzen Anwesenheitsdauer in der Schwe iz und der nach wie vor beste- henden familiären Wurzeln in Tunesien sei davon auszuge hen, dass der Beschwerdeführer nicht in einem verstärkten Mass auf einen weiteren Aufen thalt in der Schweiz angewiesen sei. Ihm sei zugutezuhalten, dass er bereits in verschiedener Weise in der Schweiz arbeitstätig ge- wesen sei und Bemühungen aufweise, sich langfristig in das schweizerische Wirtschaftsleben zu integrieren. Nach seiner Einreise in die Schweiz sei e r zeitweise als Uber-Fahrer sowie bei der C.____ tätig gewesen. Seit Oktober 2021 sei er üb er das Temporärbüro Manpower bei der F.____ angestellt. Dort arbeite er im Stundenlohn al s Sortiermitarbeiter. Der Beschwerdeführer habe von Juli bis November 2020 Sozialhilfeleistungen i n der Höhe von Fr. 7'809.-- bezogen. Insgesamt müsse positiv gewürdigt werden, dass der Beschwer deführer seit seiner Einreise in die Schweiz mehrheitlich gearbeitet habe. Nichtsdestotr otz handle es sich beim Beschwerde- führer nicht um eine unentbehrliche Fachkraft auf dem h iesigen Arbeitsmarkt, übe er doch mit seiner Arbeit keine besonders qualifizierte Tätigkeit a us, die in wirtschaftlicher oder arbeits- marktrelevanter Hinsicht eine Verlängerung der Aufenth altsbewilligung erfordern würde. Der Beschwerdeführer sei in der Schweiz strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten. Überdies würden keine Einträge im Betreibungsregister vorliegen . Gemäss eigenen Aussagen habe der Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beschwerdeführer in der Schweiz zwei Deutschkurse absolvier t. Ein Sprachzertifikat habe er jedoch nicht vorlegen können. Zudem gebe er an, für e inen weiterführenden Deutsch- Intensivkurs angemeldet zu sein und neben seiner Mutter sprache Arabisch fliessend Italienisch und Französisch sprechen zu können, was ihm bei der Arbe itssuche entgegengekommen sei. Er habe deswegen immer zeitnah eine Arbeit finden können und sich dadurch weiter integrieren können. Mit Blick auf die vergleichsweise kurze Aufenthaltsdauer in der Schweiz sei die Integra- tion und das persönliche Verhalten des Beschwerdeführer s als positiv zu werten. Jedoch sei in Bezug auf die Zumutbarkeit der Rückkehr nach Tunesien fe stzuhalten, dass die Integration des Beschwerdeführers in der Schweiz noch nicht so weit fort geschritten sei, dass es ihm unzumut- bar wäre, sich wieder in die dortigen Verhältnisse ein zuleben. In Tunesien habe der Beschwer- deführer mit seiner Mutter und seinen beiden Schwester n ein bestehendes familiäres Netz und sei nach wie vor mit der heimatlichen Kultur und den d ortigen Gepflogenheiten vertraut. Die wirtschaftliche Integration erscheine durch seine in Tun esien absolvierten Ausbildungen als zeitnah möglich. Immerhin habe der Beschwerdeführer de n grössten Teil seines Lebens dort verbracht und sollte sich in den drei Jahren Aufenthalt in der Schweiz nicht von seinem Heimat- land entfremdet haben. 9.3 Die regierungsrätlichen Ausführungen sind nicht zu beanstanden. Der Beschwerdeführer ist mit den kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in seinem Heimatland bestens ver- traut. Die relativ kurze Aufenthaltsdauer in der Schwe iz kann nicht entscheidend zu seinen Gunsten ins Gewicht fallen. Wirtschaftlich ist ihm zwar zu gutezuhalten, dass er die meiste Zeit seines Aufenthalts in der Schweiz gearbeitet hat, seit dem 1. Dezember 2022 mit einem 70%- Pensum bei der C.____ angestellt ist und dort einen mo natlichen Nettolohn von rund Fr. 3'000.-- erzielen kann sowie im Nebenerwerb seit M itte Dezember 2022 bei einem Taxi- Unternehmen tätig ist. Mit seiner Arbeit übt er jedoch keine besonders qualifizierte Tätigkeit aus, die aus Sicht der Gesamtwirtschaft oder des Arbeit smarkts eine Verlängerung der Aufent- haltsbewilligung gebieten würde. Es besteht ein gewich tiges öffentliches Interesse daran, dass Drittstaatsangehörige, deren Ehe nach kurzer Zeit gescheitert ist, die Schweiz wieder zu verlas- sen haben, wenn sie für die hiesige Wirtschaft nicht vo n besonderem Interesse sind. Insbeson- dere mit Blick darauf, dass sich der Beschwerdeführer erst seit knapp drei Jahren in der Schweiz aufhält, ist seine Integration noch nicht dera rt weit fortgeschritten, dass ihm eine Wie- dereingliederung in seinem Heimatland unzumutbar wä re. Auch stellt das Abwarten des Schei- dungsverfahrens keinen Grund für einen weiteren Aufen thalt in der Schweiz dar. Der Be- schwerdeführer kann diesbezüglich zur Wahrung seiner Interessen einen Rechtsanwalt manda- tieren und für die Hauptverhandlung im Rahmen eines ( visumpflichtigen) kurzfristigen Aufent- halts in die Schweiz einreisen. Allein der Umstand, d ass die ökonomischen Verhältnisse in Tu- nesien schlechter als in Schweiz sind, machen zudem eine Wegweisung nicht unverhältnis- mässig. Unter Würdigung aller oben genannter Kriterie n muss somit festgehalten werden, dass die öffentlichen Interessen an einer restriktiven Einwa nderungspolitik gegenüber den privaten Interessen des Beschwerdeführers an einem weiteren Verb leib in der Schweiz überwiegen. Die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung und die damit verbundene Wegweisung aus der Schweiz erweisen sich somit als verhältnismässig. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 10. Nach dem Gesagten erfolgten der Widerruf der Auf enthaltsbewilligung und die damit verbundene Wegweisung des Beschwerdeführers zu Recht, wesh alb die Beschwerde vollum- fänglich abzuweisen ist. 11. Es bleibt über die Kosten des vorliegenden Verfah rens zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpfli chtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren und die Beweiskosten und werden in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Vorliegend sind die Verfahrenskosten in der Höhe von insgesamt Fr. 1'500.-- dem unterlege nen Beschwerdeführer aufzuerlegen und mit dem geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'500.-- zu verrechnen. Die Parteikos- ten sind ausgangsgemäss wettzuschlagen (§ 21 VPO). Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'500.-- werden dem Be- schwerdeführer auferlegt und mit dem geleisteten Koste nvorschuss in der Höhe von Fr. 1'500.-- verrechnet. 3. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Gegen diesen Entscheid wurde am 17. August 2023 Beschwerde beim Bundesgericht Verfah- rensnummer (2C_435/2023) erhoben.