Abteilung V E-4013/2006 und E-4014/2006 {T 0/2} U r t e i l v o m 2 9 . S e p t e m b e r 2 0 0 9 Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Muriel Beck Kadima, Richter Jean-Pierre Monnet, Gerichtsschreiber Rudolf Bindschedler. A._______, B._______, C._______, D._______, Kosovo, alle vertreten durch lic. iur. Stephan A. Buchli, Rechtsanwalt, Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Asyl und Wegweisung; Verfügungen des BFM vom 14. Februar 2005 / N_______. B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandE-4013/2006 E-4014/2006 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess den Heimatstaat nach eigenen Anga- ben am 3. September 1999 und gelangte über E._______, wo er ein Asylverfahren eingeleitet und hängig hatte, am 26. September 1999 illegal in die Schweiz, wo er am 27. September 1999 ein erstes Mal um Asyl nachsuchte. Mit Verfügung vom 27. Oktober 1999 trat das BFM (ehemaliges Bundesamt für Flüchtlinge [BFF]) auf das Asylgesuch nicht ein und ordnete die Wegweisung sowie deren Vollzug nach E._______ an, das der Rückübernahme des Beschwerdeführers zugestimmt hatte. Am 28. Oktober 1999 wurde der Beschwerdeführer E._______ übergeben. Während des E._______ Asylverfahrens sei er in den Kosovo zurückgekehrt. B. Die Beschwerdeführenden verliessen den Heimatstaat nach eigenen Anga ben am 20. November 2003 und gelangten mit Hilfe eines Schleppers über ihnen angeblich unbekannte Länder am 24. Novem - ber 2003 illegal in die Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl nach- suchten. Am 27. November 2003 fand die Erstbefragung in der Emp- fangsstelle F._______ statt. Am 4. Dezember 2003 wurden die Be- schwerdeführenden vom BFM zu ihren Asylgründen direkt angehört. Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer zur Begründung sei- nes (zweiten) Asylgesuchs geltend, er sei albanischsprachiger Rom und stamme aus G._______. Nach seiner Rückkehr aus E._______ habe er bei einem Onkel seiner Ehefrau gewohnt, weil sein eigenes Haus niedergebrannt worden sei. Als er sich eines Tages in der Stadt befunden habe, habe ihn ein Unbekannter tätlich angreifen wollen. Dank des Eingreifens eines älteren Albaners, beziehungsweise je nach Version zweier Albaner, habe dieser Übergriff jedoch verhindert werden können. Seither habe der Beschwerdeführer das Haus jenes Onkels nicht mehr verlassen. Aus Angst, umgebracht zu werden, habe er schliesslich zusammen mit seiner Familie den Heimatstaat verlassen. Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie gehöre ebenfalls der Ethnie der Roma an und stamme ursprünglich aus H._______. Kurz Seite 2E-4013/2006 E-4014/2006 nach Kriegsbeginn sei ihr Bruder von Albanern erschossen worden. Etwa zur gleichen Zeit hätten Albaner sie zu Hause aufgesucht, um nach ihrem Ehemann zu suchen, der indessen den Kosovo bereits ver- lassen gehabt habe und erst 2000 wieder zurückgekehrt sei. Die mit den Kindern zurückgebliebene Beschwerdeführerin sei in der Folge wiederholt von Albanern behelligt worden. Nach ungefähr zwei Jahren sei ihr Haus niedergebrannt worden, worauf sie zu ihrem Onkel nach G._______ gezogen sei. Eines Tages seien Albaner in das Haus eingedrungen, hätten sie geschlagen und misshandelt. Einige Tage vor der Ausreise aus dem Kosovo seien erneut Albaner im Haus erschienen, hätten nach dem angeblich im Keller versteckten Ehemann gefragt, Geld gefordert und sie bedroht. Für die übrigen Aussagen der Beschwerdeführenden wird auf die Ak- ten verwiesen. C. Mit separaten Verfügungen vom 14. Februar 2005 – eröffnet je am 15. Februar 2005 – stellte das BFM fest, die Vorbringen der Beschwer- deführenden hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht stand, weshalb die asylrechtliche Relevanz der Angaben nicht geprüft werden müsse. Infolgedessen erfüllten die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht. Das Bundesamt lehnte die Asylgesuche ab, verfügte gleichzeitig die Wegweisung der Beschwerdeführenden aus der Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an. D. Mit separaten Beschwerden vom 10. März 2005 an die damals zustän- dige Schweizerische Asylrekurskommission (ARK) beantragten die Be- schwerdeführenden je die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, ihre Anerkennung als Flüchtling eventuell das Absehen von einer Weg- weisung und subeventualiter den Verzicht auf den Vollzug der Wegwei- sung und die Gewährung der Anordnung der vorläufigen Aufnahme. Die Beschwerdeführenden reichten folgende Beweismittel ein: je eine Bestätigung der Gemeinde G._______ vom 21. Februar 2005 (Fotokopie), je ein Schreiben der Asylkoordination I._______ vom 17. Februar 2005 betreffend das positive Verhalten der Beschwerdeführenden, je eine Schulbestätigung I._______ vom 8. März 2005, ein Arztzeugnis vom 8. März 2005 betreffend den Beschwerdeführer, ein Arztzeugnis vom 7. März 2005 betreffend die Seite 3E-4013/2006 E-4014/2006 Beschwerdeführerin und mehrere Berichte des Amts des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) sowie der Gesellschaft für bedrohte Völker aus den Jahren 2003 und 2004. E. Mit Zwischenverfügungen des Instruktionsrichters der ARK vom 18. März 2005 wurden die beiden Beschwerdeverfahren aufgrund des engen persönlichen und sachlichen Zusammenhangs vereinigt. F. In seiner Vernehmlassung vom 2. Mai 2005 hielt das Bundes amt an seiner Verfügung vom 16. Januar 2004 fest und beantragte die Abwei- sung der Beschwerde. Diese wurde den Beschwerdeführenden zur Kenntnis zugestellt. G. Mit Eingabe vom 3. Dezember 2006 liess der Beschwerdeführer durch J._______ Fotokopien oben erwähnter Bestätigung der Gemeinde G._______ vom 21. Februar 2005 und eines Auszugs aus dem Eheregister – alle in Kopie – zustellen. H. Am 12. April 2007 wurde den Beschwerdeführenden mitgeteilt, dass das bei der ARK anhängig gemachte Beschwerdeverfahren per 1. Ja- nuar 2007 vom Bundesverwaltungsgericht übernommen worden sei und von der Abteilung V behandelt werde. I. Mit Eingabe vom 20. Dezember 2007 gaben die Beschwerdeführenden zwei ärztliche Berichte vom 9. Dezember 2007 respektive vom 18. De - zember 2007, welche die Beschwerdeführerin betreffen, sowie ein Schreiben des Schweizerischen Roten Kreuzes vom 2. August 2005 an eine Familie K., eine Fotografie von S.K. (alle in Kopie) und einen Internet-Auszug vom 21. November 2007 über die Ermordung von S.K. zu den Akten. J. Mit Eingabe vom 21. April 2008 reichten die Beschwerdeführenden die Fotokopie eines Aufgebots des Ambulatoriums für Folter- und Kriegs- opfer vom 9. April 2008 betreffend die Beschwerdeführerin zu den Akten. Seite 4E-4013/2006 E-4014/2006 Am 20. Juni 2009 reichten die Beschwerdeführenden einen die Be- schwerdeführerin betreffenden ärztlichen Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik K._______ vom 11. Juni 2009 ein. K. Mit Verfügung des Instruktionsrichters vom 9. Juli 2009 wurde der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden im Hinblick auf den Ab- schluss der Instruktion der vereinigten Beschwerdeverfahren vorsorg- lich aufgefordert, seine Kostennote zu den Akten zu geben. Dies er- folgte mit Eingabe vom 10. Juli 2009. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Ju- ni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das Bundesamt für Migration (BFM) gehört zu den Behör- den nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sin- ne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet in diesem Bereich endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bun- desgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat am 1. Januar 2007 die Beurtei- lung der bei der ARK hängigen Rechtsmittel übernommen. Das neue Verfahrensrecht ist anwendbar (vgl. Art. 53 Abs. 2 VGG). 1.3 Die Beschwerden sind frist- und formgerecht eingereicht. Die Be- schwerdeführenden sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Die Beschwerdeführenden sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerden ist einzutreten. Seite 5E-4013/2006 E-4014/2006 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine ausländische Person aner- kannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu ei- ner bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen An- schauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachwei- sen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrschein- lichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wider- sprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 In seiner Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer gel- tend, der Auffassung des BFM, wonach seine Asylvorbringen wider- sprüchlich sowie zu wenig substanziiert ausgefallen und damit un- glaubhaft seien, sei unzutreffend. Er stamme aus einfachen Verhältnis- sen aus dem Kulturkreis der Roma. Durch die Befragung in der Emp- fangsstelle sei er in eine für ihn aussergewöhnliche und verwirrende Situation versetzt worden, welche ihn bei der Beantwortung der Fra- gen teilweise auch überfordert habe. So hätten sich – auch weil er nur über ein rudimentäres Sprachverständnis verfüge – Missverständnisse bezüglich des zeitlichen Ablaufs gewisser Ereignisse sowie im Zusam- menhang mit der Übersetzung ergeben. Sodann sei zu bedenken, dass er Zeuge vieler traumatischer Ereignisse gewesen sei, die zeit- lich schwierig einzuordnen gewesen seien, zumal ihm aufgrund des Seite 6E-4013/2006 E-4014/2006 langen Leidenswegs das Zeitgefühl abhanden gekommen sei (vgl. Be- schwerde S. 3 f.). Nach den vergeblichen Bemühungen, in E._______ oder in der Schweiz Aufnahme zu finden, sei er zu seiner Familie in den Kosovo zurückgekehrt, um zu sehen, ob sich die Lage gebessert habe. Dort habe er sein Haus zerstört vorgefunden (vgl. Beschwerde S. 4). Weil sich die Situation nicht gebessert habe, sei ihm und seiner Familie nichts anderes übrig geblieben, als sich vom Jahre 2001 bis ins Jahr 2003 beim Onkel A.S. zu verbergen. Dort habe der Beschwerdeführer weder Fernsehempfang noch Kontakt zur Aussenwelt gehabt, weshalb es nicht verwundere, dass er praktisch keine Angaben zur damaligen politischen und gesellschaftlichen Situation habe machen können, zu- mal der Onkel die einzige Informationsquelle gewesen sei. Als sich der Beschwerdeführer nach einer bestimmten Zeit erstmals ausser Haus gewagt habe, sei er prompt von einem Albaner tätlich angegriffen wor- den. Nach diesem Vorfall sei den Albanern der Aufenthalt des Be- schwerdeführers im Kosovo bekannt gewesen, was diesen veranlasst habe, nunmehr mit seiner Familie auszureisen (vgl. Beschwerde S. 6 f.). Insgesamt seien die Aussagen des Beschwerdeführers weder wider- sprüchlich noch unglaubhaft und flüchtlingsrechtlich relevant, weshalb er die Flüchtlingseigenschaft aufweise (vgl. Beschwerde S. 7). 4.2 Die Beschwerdeführerin macht ebenfalls geltend, ihre Asylvor- bringen seien zu Unrecht als unglaubhaft qualifiziert worden. Bedingt durch die intensiven Erlebnisse in der Heimat sei sie in einer psy- chisch sehr schlechten Verfassung. Es sei notorisch, dass Opfer von körperlichen Übergriffen zur Verdrängung tendierten und daher Erleb- tes nicht sofort umfassend schildern könnten. Aus diesem Grund habe auch die Beschwerdeführerin erst während der zweiten Befragung voll- ständig Auskunft über das Erlebte geben können, wobei es ihr auf- grund dessen Intensität nicht gelungen sei, die lange Zeit zurücklie- genden Erlebnisse in zeitlicher Hinsicht und in der richtigen Reihenfolge exakt zu rekonstruieren. Im Übrigen deckten sich ihre Schilderungen denjenigen ihres Ehemannes, der sowohl von Serben als auch von Albanern für einen Spion gehalten worden sei (vgl. Be- schwerde S. 3 f.). Seite 7E-4013/2006 E-4014/2006 Zur Zeit der Landesabwesenheit ihres Mannes sei es wiederholt zu Durchsuchungen des Hauses des Onkels und zu willkürlichen Über- griffen auf die anwesenden Personen, so auch auf die Beschwerdefüh- rerin, gekommen, was diese glaubhaft beschrieben habe (vgl. Be- schwerde S. 5). Dass sie dabei reale Erlebnisse geschildert habe, be- lege auch der Umstand, dass sie sich zu deren Verarbeitung seit Au- gust 2004 in regelmässiger psychologischer Behandlung befinde. Der behandelnde Arzt habe auch bestätigt, dass ihre Leiden einen psycho- somatischen Hintergrund haben müssten (vgl. Beschwerde S. 5 f.). Insgesamt seien die Aussagen der Beschwerdeführerin als glaubhaft zu qualifizieren, weshalb sie – namentlich unter dem Aspekt der frau- enspezifischen Fluchtgründe – die Flüchtlingseigenschaft aufweise (vgl. Beschwerde S. 6). 4.3 Nach Prüfung der Akten, insbesondere der während der Anhörun- gen protokollierten Asylvorbringen und der zu den Akten gereichten Beweismittel, gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die angefochtenen Verfügungen im Hauptpunkt einer Überprü- fung standhalten. Die Vorinstanz hat jeweils nachvollziehbar und mit überzeugender Begründung aufgezeigt, weshalb die Vorbringen der Beschwerdeführenden als unglaubhaft zu beurteilen sind. Im Einzel- nen kann zwecks Vermeidung unnötiger Wiederholungen vorab auf die einlässlichen Erwägungen in den angefochtenen Verfügungen verwie- sen werden. Die Beschwerden enthalten im Ergebnis keine stichhalti- gen Argumente, welche die vorinstanzlichen Erwägungen umzustos- sen und zu einer anderen Beurteilung der Asylvorbringen der Beschwerdeführenden zu führen vermöchten. 4.3.1Nach Durchsicht der Akten ist einerseits festzustellen, dass die Vorinstanz zu Recht auf Aussagewidersprüche und Unstimmigkeiten in den Vorbringen des Beschwerdeführers hingewiesen hat. Dieser hat beispielsweise den Zeitpunkt seiner Ausreise aus E._______ unter- schiedlich angegeben (vgl. Empfangsstellenprotokoll S. 2 und Protokoll der Bundesanhörung S. 3). Die angebliche Suche durch Nachbarn wurde ebenfalls widersprüchlich geschildert, zumal er auch erklärt hat- te, nach dem – zwei Wochen nach der Rückkehr aus E._______ erfolgten – tätlichen Angriff habe er keine weiteren Probleme mehr ge- habt (vgl. Protokoll der Bundesanhörung S. 3 und 5 f.). Die Asylvorbrin- gen erwecken einen lebensfremden und wenig substanziierten Ein- druck. Dass die verschiedenen Unstimmigkeiten auf die soziale Her- kunft und die Befragungssituation zurückzuführen seien (vgl. Be- Seite 8E-4013/2006 E-4014/2006 schwerde S. 3 f.), ist nicht anzunehmen, zumal den Akten keine Hin- weise auf einen aussergewöhnlichen Verlauf der Anhörungen zu ent- nehmen sind und auch und die bei der Anhörung vom 4. Dezember 2003 mitwirkende Hilfswerkvertreterin darauf verzichtet hat, irgendwel- che Einwände zur Befragung zu erheben. Schliesslich ist darauf hinzu- weisen, dass der Beschwerdeführer nach Rückübersetzung seiner niedergeschriebenen Angaben das Protokoll jeweils unterschriftlich als richtig bestätigt hat. Der Vollständigkeit halber kann auch festgestellt werden, dass den Vorbringen des Beschwerdeführers selbst bei angenommener Glaub- haftigkeit kaum flüchtlings- respektive asylrechtlich relevant wären. Der mit der Hilfe Anwesender abgewehrte angebliche tätliche Angriff würde nicht die für die Qualifikation als relevante Verfolgung erfor- derliche Eingriffsintensität aufweisen. Seit der Rückkehr aus _______ wäre kaum etwas vorgefallen, das als individuelle und gezielte Verfolgung im Sinne des Gesetzes zu werten oder geeignet gewesen wäre, begründete Furcht vor künftiger solcher Verfolgung zu erzeugen. Jedenfalls besteht kein Grund zur Annahme, dass der Beschwerdefüh- rer bei einer Rückkehr in den Kosovo eine zukünftige asylrelevante Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit zu befürchten hätte. 4.3.2Die zu Protokoll gegebenen Asylvorbringen der Beschwerdefüh- rerin sind entgegen ihrer Darstellung in der Beschwerde (vgl. dort S. 3 f.) vom BFM zu Recht als widersprüchlich sowie unsubstanziiert und damit als unglaubhaft qualifiziert worden. Die Beschwerdeführerin vermag mit ihrer Argumentationskette die klaren Widersprüche, wie sie in der angefochtenen Verfügung grundsätzlich korrekt angegeben wor- den sind (vgl. Verfügung des BFM S. 2 f.), nicht plausibel aufzulösen. Die eindeutigen Aussagewidersprüche lassen sich nach Auffassung des Gerichts offensichtlich nicht allein mit der Herkunft der Beschwer- deführerin, einer besonderen Situation anlässlich der Befragungen, angeblicher Überforderung oder mit psychologischen Verdrängungs- mechanismen, wie sie nach Übergriffen vorkämen, erklären (vgl. Be- schwerde S. 3 f.); dies umso weniger, als von ihr wenig komplexe Le- benssachverhalte darzustellen waren, die sich aufgrund der konkreten Um stände zudem stark eingeprägt haben müssten. Seite 9E-4013/2006 E-4014/2006 Auch diesbezüglich bleibt festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die Richtigkeit ihrer protokollierten Angaben nach Rückübersetzung unterschriftlich bestätigt hat. 4.3.3Abgesehen von mehreren ärztlichen Attesten, welche sich mit einer Ausnahme auf den Gesundheitszustand der Beschwerdeführe- rin beziehen (siehe dazu die nachfolgende Erwägung 6.4), sowie einer Bestätigung der Gemeinde G._______ vom 21. Februar 2005 wurden mit den Beschwerden vom 10. März 2005 mehrere Berichte des UNHCR sowie der Gesellschaft für bedrohte Völker aus den Jahren 2003 und 2004 zu den Akten gereicht. Den Berichte über die dem Gericht bekannte Lage der ethnischer Minderheiten im Kosovo lassen sich, soweit feststellbar, keine die Beschwerdeführenden individuell und direkt betreffenden Passagen entnehmen. Der Bestätigung der Gemeinde G._______ vom 21. Februar 2005 und der eingereichten E-Mail-Korrespondenz des BFM mit der zuständigen Botschaft – respektive dem damaligen Verbindungsbüro des Eidgenös- sischen Departements für auswärtige Angelegenheiten in Pristina – im Verfahren des Bruders des Beschwerdeführers (N_______) ist zu ent- nehmen, dass das Haus der Grossfamilie nach dem Kosovo-Krieg zer- stört worden sei. Den antragsgemäss beigezogenen Akten N_______ ist auch zu entnehmen, dass keine Angehörigen der Kernfamilie A._______ mehr im Kosovo leben sollen. All dies zeugt zwar von der Diskriminierung und den schwierigen Lebensbedingungen, denen Roma im Kosovo ausgesetzt waren und teilweise immer noch sind (vgl. zum Ganzen BVGE 2007/10 E. 5.4 mit weiteren Hinweisen), vermag an der offensichtlichen Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten gezielten Verfolgung jedoch nichts zu ändern. Das Gleiche gilt für die eingereichten Unterlagen betreffend den Tod des Bruders der Beschwerdeführerin während des Kriegs im Kosovo. 4.3.4Aufgrund dieser Erwägungen erübrigt es sich, in Bezug auf den Asylpunkt sowie die Flüchtlingseigenschaft auf die weiteren Ausfüh- rungen in den Eingaben der Beschwerdeführenden einzugehen, weil sie am Ergebnis nichts ändern können. 4.4 Zusammenfassend folgt, dass die Beschwerdeführenden keine Gründe nach Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konn- ten. Die Vorinstanz hat die Asylgesuche demnach zu Recht abgelehnt. Seite 10E-4013/2006 E-4014/2006 5. 5.1 Lehnt das Bundesamt ein Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Ein- heit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligungen noch über einen Anspruch auf Erteilung solcher. Die Wegweisungen wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize- rischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 6. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 6.1 Die erwähnten Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind al- ternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwe- senheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). Gegen eine allfällige spätere Aufhebung der vorläufigen Aufname würde dem betroffenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an das Bundes- verwaltungsgericht offen stehen (vgl. Art. 105 AsylG), wobei in jenem Verfahren alle Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach Massgabe der in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse von neuem zu prü- fen sind (vgl. EMARK 1997 Nr. 27 S. 205 ff.). 6.2 Aus humanitären Gründen, nicht in Erfüllung völkerrechtlicher Pflichten der Schweiz, wird auf den Vollzug der Wegweisung auch ver- zichtet, wenn die Rückkehr in den Heimatstaat für den Betroffenen eine konkrete Gefährdung darstellt. Eine solche Gefährdung kann an- gesichts der im Heimatland herrschenden allgemeinen politischen Lage, die sich durch Krieg, Bürgerkrieg oder durch eine Situation all- gemeiner Gewalt kennzeichnet, oder aufgrund anderer Gefahrenmo- mente, wie beispielsweise einer notwendigen medizinischen Behand- Seite 11E-4013/2006 E-4014/2006 lung, angenommen werden (vgl. Botschaft zum Bundesbeschluss über das Asylverfahren vom 22. Juni 1990, BBl 1990 II 668). 6.3 Eine Situation, welche die Beschwerdeführenden von vornherein als "Gewalt- oder De-facto-Flüchtlinge" qualifizieren würde, ist auf- grund der Lage in ihrem Heimatland zwar nicht (mehr) gegeben. Hin- gegen erweist sich der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführe- rin heute aus gesundheitlichen Gründen als unzumutbar. 6.4 Mit Eingabe vom 20. Dezember 2007 machte die Beschwerdefüh- rerin im damit eingereichten ärztlichen Zeugnis eines praktischen Arz- tes vom 9. Dezember 2007 konkrete und ernsthafte gesundheitliche Beschwerden aktenkundig. So wurde unter anderem die vorläufige Diagnose einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gestellt. Im Bericht des Sanatoriums L._______ (Psychiatrische Privatklinik) vom 18. Dezember 2007 wird ebenfalls bestätigt, dass die Beschwerdeführerin aufgrund traumatischer Erfahrungen unter einer PTBS und verschiedenen damit zusammenhängenden Symptomen lei de. Im ausführlichen Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik K._______ vom 11. Juni 2009 wurden die vorhergehenden Diagnosen im Wesentlichen bestätigt und ausgeführt, die Beschwerdeführerin leide unter anderem unter einer PTBS sowie einer schweren Depression. Erstere sei mit einer sequentiellen Kriegstraumatisierung vereinbar, während letztere ursächlich mit dem unsicheren Aufenthaltsstatus zusammenhängen dürfte. Die präzisen Ursachen respektive Umstände der psychischen Be- schwerden sind nicht bekannt, nachdem die individuellen Asylvorbrin- gen der Beschwerdeführerin sich als klar unglaubhaft herausgestellt haben. Immerhin darf aufgrund der vorliegenden medizinischen Be- richte davon ausgegangen werden, dass diese mit den kriegsbeding- ten Ereignissen im damaligen Kosovo zusammenhängen dürften, zu- mal sie dabei offenbar nahe Angehörige verloren hat. Eine zwangs- weise Rückführung der gesundheitlich schwer beeinträchtigten Be- schwerdeführerin in ihr Heimatland würde zweifellos den bisherigen Behandlungserfolg gefährden und dürfte voraussichtlich zu einer extre- men psychischen Belastung führen. Solche Umstände würden die – durch die sechsjährige Landesabwesenheit bereits beeinträchtigte – Wiedereingliederung erheblich erschweren wenn nicht gar verun- Seite 12E-4013/2006 E-4014/2006 möglichen und die Beschwerdeführerin einer konkreten Gefährdung ih- rer Existenz aussetzen. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit als unzumutbar und die Beschwerdeführerin ist deshalb vorläufig aufzunehmen. 6.5 In der Folge sind gestützt auf den Grundsatz der Einheit der Fami- lie (Art. 44 Abs. 1 AsylG) sowie die geltende Praxis (vgl. EMARK 1995 Nr. 24 E. 10 f. S. 230 ff.) auch der Ehemann sowie die gemeinsamen Kinder in die vorläufige Aufnahme der Ehefrau respektive Mutter einzubeziehen. Weitere Erörterungen zur Frage der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung dieser Beschwerdeführenden erübrigen sich deshalb. 6.6 Der ältere Sohn war zwar vor rund zwei Jahren an einer Schlägerei unter Jugendlichen auf dem Pausenplatz der Volksschule Richterswil beteiligt, wobei auf einen Strafantrag verzichtet worden war. Diesbezüglich liegen jedoch keine Ausschlussgründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG vor. Immerhin kann an dieser Stelle darauf hin- gewiesen werden, dass eine bereits angeordnete vorläufige Aufnahme bei Straffälligkeit auch wieder aufgehoben werden kann (Art. 84 Abs. 2 AuG). 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung soweit die Fragen des Asyls und der Wegweisung betreffend, Bundes- recht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und voll- ständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist nach dem Gesagten im Asyl- und Wegweisungspunkt abzuwei- sen. Soweit die Frage des Wegweisungsvollzugs betreffend ist die Be- schwerde gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind den Beschwerdeführen- den praxisgemäss die hälftigen Kosten für die beiden vereinigten Ver- fahren, das heisst Fr. 400.--, aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). 8.2 Den Beschwerdeführenden ist bei diesem Ausgang des Verfah- rens eine reduzierte Parteientschädigung gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG Seite 13E-4013/2006 E-4014/2006 zuzusprechen (vgl. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG, Art. 7 Abs. 1 des Regle- ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die einge- reichte Kostennote erscheint als den Verfahrensumständen angemes- sen. Die reduzierte Parteientschädigung wird damit für beide Be- schwerdeverfahren auf insgesamt Fr. 2'600.-- (inklusive aller Auslagen und MWST) festgesetzt. Seite 14E-4013/2006 E-4014/2006 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerden werden im Asyl- und Wegweisungspunkt abgewie- sen; bezüglich des Vollzugs der Wegweisung werden die Beschwerden gutgeheissen. 2. Die Vorinstanz wird angewiesen, die Beschwerdeführenden in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 3. Die hälftigen Verfahrenskosten von Fr. 400.-- für die beiden vereinigten Verfahren werden den Beschwerdeführenden auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichts- kasse zu überweisen. 4. Das BFM hat den Beschwerdeführenden für die beiden vereinigten Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine reduzierte Partei- entschädigung in Höhe von Fr. 2'600.-- zu leisten. 5. Dieses Urteil geht an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden, das BFM und die kantonale Ausländerbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Rudolf Bindschedler Versand: Seite 15