<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">243</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IX. Wahlen und Abstimmungen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>40</b></span> <span class="ft3"><b>Gemeindebeschwerde</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Sachbezogenheit eines Antrags zu einer Budgetposition an der Gemeinde-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>versammlung</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 29. Februar</span><br/> <span class="ft4">2016, i.S. R.M. und M.M. gegen Einwohnergemeinde X. (WBE.2016.48).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">Jeder Stimmberechtigte hat das Recht, zu den in der</span><br/> <span class="ft6">Traktandenliste aufgeführten Sachgeschäften Anträge zur Geschäfts-</span><br/> <span class="ft6">ordnung und zur Sache zu stellen (§ 27 Abs. 1 GG).</span><br/> <span class="ft6">2.1.</span><br/> <span class="ft6">Dieses Antragsrecht unterscheidet sich vom Vorschlagsrecht ge-</span><br/> <span class="ft6">mäss § 28 GG, mit welchem jeder Stimmberechtigte befugt ist, der</span><br/> <span class="ft6">Versammlung die Überweisung eines neuen Gegenstandes an den</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat zum Bericht und Antrag vorzuschlagen (Abs. 1). Der</span><br/> <span class="ft6">vom Gemeinderat zu prüfende Gegenstand ist auf die Traktandenliste</span><br/> <span class="ft6">der nächsten Versammlung zu setzen (Abs. 2). Während sich das</span><br/> <span class="ft6">Vorschlagsrecht gemäss § 28 GG auf alle Gegenstände bezieht, wel-</span><br/> <span class="ft6">che in die Kompetenz der Gemeindeversammlung fallen, bezieht</span><br/> <span class="ft6">sich das Antragsrecht gemäss § 27 Abs. 1 GG nur auf ordnungsge-</span><br/> <span class="ft6">mäss angekündigte Verhandlungsgegenstände (A</span><span class="ft4">NDREAS</span> <span class="ft6">B</span><span class="ft4">AUMANN</span><span class="ft6">,</span><br/> <span class="ft6">Aargauisches Gemeinderecht, 3. Aufl., Zürich 2005, S. 447). Um zu-</span><br/> <span class="ft6">lässig zu sein, muss ein Antrag somit einen sachlichen Zusammen-</span><br/> <span class="ft6">hang mit einem traktandierten Geschäft haben (AGVE 2002, 630).</span><br/> <span class="ft6">Mit Bezug auf Anträge zum Budget hat dabei der Regierungsrat in</span><br/> <span class="ft6">seiner Praxis seit jeher zutreffend verlangt, dass einzig solche An-</span><br/> <span class="ft6">träge zum Budget zulässig sind, die darauf abzielen, einen konkreten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">244</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Budgetposten, soweit es sich dabei nicht um eine sog. gebundene</span><br/> <span class="ft6">Ausgabe handelt, zu streichen oder betragsmässig zu erhöhen resp.</span><br/> <span class="ft6">herabzusetzen (AGVE 2000, 533; 1992, 490; 1986, 489; 1984,</span><br/> <span class="ft6">630 f.), nicht aber solche, die "neue" Budgetposten einführen wollen</span><br/> <span class="ft6">(ausdrücklich AGVE 1986, 489).</span><br/> <span class="ft6">2.2.</span><br/> <span class="ft6">Das Antragsrecht gemäss § 27 Ab. 1 GG ist aktuell, d.h. folgt</span><br/> <span class="ft6">die Versammlung einem von einem Stimmbürger zu den traktandier-</span><br/> <span class="ft6">ten Geschäften gestellten Antrag, insbesondere einem Antrag zu</span><br/> <span class="ft6">einer genau bezeichneten Budgetposition, so hat das unmittelbare</span><br/> <span class="ft6">Wirkung. Im Gegensatz dazu beschränkt sich das Vorschlagsrecht</span><br/> <span class="ft6">gemäss § 28 GG darauf, dass im Fall der Gutheissung des ent-</span><br/> <span class="ft6">sprechenden Antrags durch die Versammlung der Gemeinderat an-</span><br/> <span class="ft6">gewiesen wird, zum betreffenden Gegenstand der nächsten Gemein-</span><br/> <span class="ft6">deversammlung Bericht und Antrag vorzulegen (Zweistufigkeit des</span><br/> <span class="ft6">allgemeinen Vorschlagsrechts; vgl. B</span><span class="ft4">AUMANN</span><span class="ft6">, a.a.O., S. 443).</span><br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">3.1.</span><br/> <span class="ft6">Das Budget der Einwohnergemeinde X. enthielt für den Bereich</span><br/> <span class="ft6">des Asylwesens eine Ausgabenposition von Fr. 290'000.00. Aus den</span><br/> <span class="ft6">schriftlichen Erläuterungen zu dieser Position ebenso wie aus den Er-</span><br/> <span class="ft6">läuterungen des Versammlungsleiters anlässlich der Einwohner-</span><br/> <span class="ft6">gemeindeversammlung vom 27. November 2015 ergibt sich, dass</span><br/> <span class="ft6">dieser Betrag nicht etwa für die Unterbringung von Personen</span><br/> <span class="ft6">verwendet werden sollte. Er war vielmehr dafür bestimmt, zu er-</span><br/> <span class="ft6">wartende Kosten für eine Kostenpauschale für Ersatzvornahmen ge-</span><br/> <span class="ft6">mäss § 17d SPV zu decken.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss § 17a Abs. 2 SPG sind die Gemeinden in der Regel zu-</span><br/> <span class="ft6">ständig für die Unterbringung, Unterstützung und Betreuung von</span><br/> <span class="ft6">vorläufig Aufgenommenen ohne Flüchtlingseigenschaft. Der Kanton</span><br/> <span class="ft6">weist den Gemeinden die gemäss § 17 Abs. 2 SPG in deren Zu-</span><br/> <span class="ft6">ständigkeit fallenden Personen zu. Mit der Zuweisung werden die</span><br/> <span class="ft6">Ersatzvornahme und deren Kosten angedroht (§ 18 Abs. 1 und 1</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span><br/> <span class="ft6">SPG). Die Kostenpauschale für Ersatzvornahmen ist damit ein vom</span><br/> <span class="ft6">Kanton erhobener Betrag für den Fall, dass eine Gemeinde ihrer Auf-</span><br/> <span class="ft6">nahmepflicht gemäss § 17a Abs. 2 SPG nicht nachkommt. Die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Wahlen und Abstimmungen</span> <span class="page_no">245</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Kostenpauschale beträgt ab 1. Januar 2016 Fr. 110.00 pro Person</span><br/> <span class="ft6">und Tag.</span><br/> <span class="ft6">Der Gemeinderat legte seiner Berechnung der Budgetposition</span><br/> <span class="ft6">von Fr. 290'000.00 eine Übernahmepflicht für sechs bis sieben Perso-</span><br/> <span class="ft6">nen zugrunde. Da er nicht bereit war, dieser Übernahmepflicht</span><br/> <span class="ft6">nachzukommen, reservierte er einen Betrag für einen entsprechen-</span><br/> <span class="ft6">den, an den Kanton zu überweisenden Betrag (6 Personen x 365 Tage</span><br/> <span class="ft6">x Fr. 110.00 = Fr. 240'900.00; 7 Personen x 365 Tage x Fr. 110.00 =</span><br/> <span class="ft6">281'050.00).</span><br/> <span class="ft6">Mit dem gemäss der Klärung durch den Versammlungsleiter be-</span><br/> <span class="ft6">reinigten Antrag Y. wurde beantragt, den Gemeinderat zu beauftra-</span><br/> <span class="ft6">gen, sich nicht seiner rechtlichen Übernahmepflicht gemäss § 17</span><br/> <span class="ft6">Abs. 2 SPG zu widersetzen, sondern dem Kanton seine Bereitschaft</span><br/> <span class="ft6">zur Aufnahme von Personen zu signalisieren. Für aufzunehmende</span><br/> <span class="ft6">Personen sollte der Betrag von Fr. 290'000.00 reserviert bleiben.</span><br/> <span class="ft6">3.2.</span><br/> <span class="ft6">Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführer - und des</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderats - war der Antrag Y. damit sachbezogen und zulässig.</span><br/> <span class="ft6">Mit der Formulierung "Flüchtlinge", resp. "Asylbewerber" im Antrag</span><br/> <span class="ft6">Y. (gemeint ist vorläufig Aufgenommene ohne Flüchtlingseigen-</span><br/> <span class="ft6">schaft) wurde nicht etwa ein generelles Bekenntnis des Gemeinderats</span><br/> <span class="ft6">verlangt, Asylbewerber, Flüchtlinge oder vorläufig Aufgenommene</span><br/> <span class="ft6">mit oder ohne Flüchtlingseigenschaft aufnehmen zu wollen. Der</span><br/> <span class="ft6">Antrag beschränkte sich vielmehr darauf, den Gemeinderat für das</span><br/> <span class="ft6">Jahr 2016 zu beauftragen, seiner Aufnahmepflicht gemäss § 17a</span><br/> <span class="ft6">Abs. 2 SPG nachzukommen und die der Gemeinde zugeteilten</span><br/> <span class="ft6">Personen aufzunehmen. Dass dabei im Antrag von Asylbewerbern</span><br/> <span class="ft6">gesprochen wurde, obwohl sich die Aufnahmepflicht der Gemeinde</span><br/> <span class="ft6">von Gesetzes wegen nur auf vorläufig Aufgenommene ohne</span><br/> <span class="ft6">Flüchtlingseigenschaft beschränkt, spielt dabei keine Rolle, zumal</span><br/> <span class="ft6">auch niemand seitens des Gemeinderats auf die ohnehin nur</span><br/> <span class="ft6">beschränkte Aufnahmepflicht der Gemeinde aufmerksam machte.</span><br/> <span class="ft6">Der Antrag Y. verlangte damit zwar weder eine Streichung noch eine</span><br/> <span class="ft6">Herabsetzung oder Erhöhung des infrage stehenden Budgetpostens,</span><br/> <span class="ft6">sondern wollte diesen vielmehr gerade beibehalten. Der Betrag von</span><br/> <span class="ft6">Fr. 290'000.00 sollte aber nicht etwa für einen gänzlich anderen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">246</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Zweck eingestellt bleiben, was - vergleichbar mit dem Fall, da ein</span><br/> <span class="ft6">Stimmbürger die Aufnahme eines gänzlich neuen, zusätzlichen</span><br/> <span class="ft6">Budgetposten verlangt - unzulässig gewesen wäre (AGVE 1986,</span><br/> <span class="ft6">489). Der Sachzusammenhang zwischen dem Antrag des</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderats (Reservierung eines an den Kanton abzuführenden</span><br/> <span class="ft6">Betrags wegen einer in Aussicht genommenen Nichterfüllung der</span><br/> <span class="ft6">Aufnahmepflicht gemäss § 17a Abs. 2 SPG) und dem Antrag Y.</span><br/> <span class="ft6">(Reservierung des gleichen Betrags für zu erwartende Kosten im Zu-</span><br/> <span class="ft6">sammenhang mit der Erfüllung der Aufnahmepflicht der Gemeinde)</span><br/> <span class="ft6">ist hier vielmehr derart eng, dass der Antrag, worauf auch das DVI in</span><br/> <span class="ft6">seiner Stellungnahme zutreffend hinweist, klarerweise zulässig war;</span><br/> <span class="ft6">von der Verletzung einer von den Beschwerdeführern und vom</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat in seiner Vernehmlassung zur Beschwerde postulierten</span><br/> <span class="ft6">sog. "Einheit der Materie" kann keine Rede sein. Auch dass der</span><br/> <span class="ft6">Wechsel des Verwendungszwecks für den zu reservierenden Betrag</span><br/> <span class="ft6">in der Gemeindeversammlung grundsätzlich umstritten war, ändert</span><br/> <span class="ft6">an der Zulässigkeit des Antrags Y. nichts. Die Gemeinde-</span><br/> <span class="ft6">versammlung hatte nicht generell über die künftige "Marsch-</span><br/> <span class="ft6">richtung" der Gemeinde mit Bezug auf die Flüchtlingsproblematik zu</span><br/> <span class="ft6">entscheiden - auch wenn naturgemäss die Diskussion in der Gemein-</span><br/> <span class="ft6">deversammlung stark durch diese generelle Fragestellung geprägt</span><br/> <span class="ft6">wurde. Die Aufgabe der Gemeindeversammlung war entsprechend</span><br/> <span class="ft6">dem Antrag des Gemeinderats zur Budgetposition von Fr. 290'000.00</span><br/> <span class="ft6">wesentlich beschränkter: Sie hatte lediglich über diese Budget-</span><br/> <span class="ft6">position zu befinden. Indem der Antrag Y., ebenso wie jener des</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderats, sich in diesem beschränkten Rahmen hielt, war er un-</span><br/> <span class="ft6">abhängig von der allenfalls dahinter stehenden Grundhaltung der</span><br/> <span class="ft6">Antragstellerin und der Mitglieder der IG Z. und den durch den</span><br/> <span class="ft6">Antrag ausgelösten grundsätzlichen Diskussionen in der Gemeinde-</span><br/> <span class="ft6">versammlung ohne weiteres zulässig. Das führt zur Abweisung der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerde, soweit darauf eingetreten werden darf.</span><br/></div> </div> </body> </html>