B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4924/2019 U r t e i l v o m 3. N o v e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richter David R. Wenger (Vorsitz), Richterin Roswitha Petry, Richterin Muriel Beck Kadima, Gerichtsschreiberin Eliane Kohlbrenner. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 5. September 2019 / N (…). E-4924/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Auf der Flucht wurde der Beschwerdeführer von seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder getrennt. Mutter und Bruder stellten am 10. Juli 2016 in der Schweiz ein Asylgesuch. B. Der Beschwerdeführer ersuchte am 11. September 2016 in der Schweiz um Asyl. Anlässlich der Befragung zur Person vom 22. September 2016 und der Anhörung vom 29. Juli 2019 führte er im Wesentlichen aus, er sei Hazara und im Dorf B._______, Distrikt C._______, Provinz D._______, geboren. Im Alter von circa zehn Jahren sei sein Vater gestorben und er sei er mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern nach Kabul gezogen. Dort habe er bis zur Ausreise die Schule besucht. Während zweier Jahre habe er nebenbei in einer Druckerei gearbeitet, um sich das Schulgeld zu ver- dienen. Seine Mutter sei als Hebamme in einem Krankenhaus tätig gewe- sen. Sie sei von Paschtunen, vermutlich Angehörige der Taliban, mit dem Tod bedroht worden. Als er seine Mutter einmal zum Krankenhaus gebracht habe, sei er von zwei Männern mit einem Messer bedroht und nach ihr befragt worden. Zudem habe es seine Mutter abgelehnt, dem Brauch ent- sprechend seinen Grossonkel väterlicherseits zu heiraten. Der Grossonkel habe sie deshalb schlecht behandelt. Im Februar 2016 sei er mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder legal aus Afghanistan ausgereist. C. Mit Verfügung vom 5. September 2019 (eröffnet am 9. September 2019) stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei- genschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Die Asylgesuche seiner Mutter und seines Bruders lehnte die Vorinstanz in zwei separaten Verfügungen ab. Für sie wurde ebenfalls der Wegweisungsvollzug angeordnet. D. Mit Eingabe vom 24 . September 2019 erhob d er Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, der Entscheid der Vorinstanz vom 5. September 2019 sei in den Dispositivpunkten 4 und 5 aufzuheben. Es sei die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung fest- zustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Es sei auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Es sei dem Beschwerdefüh- rer die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und in der Person des Unterzeichneten ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu gewähren. E-4924/2019 Seite 3 Der Beschwerdeführer reichte eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung ein. E. Mit Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2019 hiess der Instruktionsrichter die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsver- beiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorsc husses und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlas- sung. F. Am 16. Oktober 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein. G. Mit Replik vom 29 . Oktober 2019 nahm der Beschwerdeführer zur Ver- nehmlassung Stellung. Der Replik war eine Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014 beigelegt. H. Mit Schreiben vom 10. Dezember 2019 gab der Beschwerdeführer eine Honorarnote zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie- gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005 (AuG; SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge- setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden. 2. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer E-4924/2019 Seite 4 ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu- treten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 3. Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein- schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un- richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition im Bereich des Ausländerrechts richtet sich nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. Die Vorinstanz hat über die Asylgesuche des Beschwerdeführers, seiner Mutter und seines Bruders in separaten Verfügungen entschieden. In den Begründungen verweist sie jeweils auf die übrigen zwei Familienmitglieder. Die Mutter und der Bruder haben die Verfügungen ebenfalls angefochten. Das Bundesverwaltungsgericht hat für sie die Beschwerdeverfahren E-4901/2019 (Mutter) respektive E-4925/2019 (Bruder) eröffnet. Diese Ver- fahren wurden aufgrund des engen Sachzusammenhangs mit dem vorlie- genden Verfahren koordiniert und im gleichen Spruchkörper entschieden. 5. Der Beschwerdeführer hat mit seiner Beschwerde den in der vorinstanzli- chen Verfügung angeordneten Wegweisungsvollzug angefochten. Die Ver- neinung seiner Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung seines Asylgesuchs und die Anordnung der Wegweisung blieben unangefochten und sind mit Ablauf der Beschwerdefrist in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand d es vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet somit einzig die Frage, ob die Wegweisung zu vollziehen ist oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen ist. 6. 6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). 6.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernis- sen gilt gemäss Praxis des Bundes verwaltungsgerichts der gleiche Be- weisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, E-4924/2019 Seite 5 sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 6.3 Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Wegwei- sungsvollzug (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind al- ternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der Vollzug als undurchführbar zu betrachten und die weitere A nwesenheit der be- troffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die vorläu- fige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4.). 7. 7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.2 Die Vorinstanz begründet die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs damit, der Vollzug nach Kabul sei bei Vorliegen besonders begünstigender Umstände zumutbar. Der Beschwerdeführer sei ein junger, gesunder, al- leinstehender Mann. Vor seiner Ausreise ha be er sieben Jahre in Kabul gelebt und die Schule besucht. Nach seiner Rückreise könne er eine Er- werbstätigkeit aufnehmen und selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen . Zudem kehre er gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Kabul zurück; nach der Rückkehr könnten sie sich gegenseitig unterstüt- zen. In Kabul lebe ein Grossonkel mütterlicherseits, bei dem sie vor der Ausreise einen Monat gewohnt hätten. In C._______ habe er weitere Ver- wandte. Folglich verfüge er über ein soziales Beziehungsnetz, das ihn bei der Wiedereingliederung unterstützen könne. Ferner habe ihm sein Bruder im Iran bereits früher mit Geldzahlungen geholfen. 7.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, bei seiner Ausreise sei er min- derjährig gewesen. Er habe in Kabul nie für sich selbst gesorgt . Er habe keinen Schulabschluss und keinen Beruf erlernt. Als 14 -Jähriger habe er nur nebenbei in einer Druckerei gearbeitet, um sich Schulmaterialien kau- fen zu k önnen. Dies könne nicht als Berufserfahrung gewertet werden. Nach der langen Abwesenheit sei er kaum in der Lage, bei einer Rückkehr für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. Das tragfähige soziale Bezie- hungsnetz werde mit dem Grossonkel mütterlicherseits be gründet. Der Grossonkel sei ein armer Mann von circa 60 Jahren; die durchschnittliche E-4924/2019 Seite 6 Lebenserwartung afghanischer Männer liege bei 63 Jahren. Der Grosson- kel habe eine Erstfrau in C._______ und eine Zweitfrau mit Kindern in Ka- bul. Er lebe hauptsächlich bei seiner Erstfrau in C._______, wo er Land- wirtschaft betreibe. In Kabul habe er keine Arbeit. Die Wohnung in Kabul bestehe aus zwei Zimmern. Sie hätten sich vor der Ausreise lediglich 40 Tage dort aufgehalten. Es sei unerklärlich, wie ein einziger Mensch, dessen Lebensmittelpunkt nicht in Kabul liege, ein tragfähiges Beziehungs- netz darstellen könne. Der in Kabul arbeitslose, arme und alte Grossonkel erfülle die Anforderungen an ein tragfähiges Beziehungsnetz in Kabul nicht. Entgegen der Annahme der Vorinstanz habe der Bruder im Iran sie in Afghanistan nie finanziell unterstützt; sie hätten vom Einkommen der Mutter gelebt. Der Bruder habe lediglich etwas Geld für die Ausreise gege- ben. Er lebe und arbeite illegal im Iran. Es könne nicht erwartet werden, dass der Bruder einen Teil der illegalen Einkünfte für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung stelle. Der Wegweisungsvollzug seiner Mutter und seines Bruders seien nicht in Rechtskraft erwachsen; ob sie nach Kabul zurück- gewiesen würden, sei ungewiss. Er und sein Bruder seien mittlerweile voll- jährig, weil die Vorinstanz über drei Jahre für das Asylverfahren gebraucht habe. Nun verwende die Vorinstanz ihre Volljährigkeit als Argument für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs, indem sie die Söhne als volljäh- rige männliche Begleiter ihrer verwitweten Mutter hinstelle und davon aus- gehe, dass sie als Familie in Kabul überleben könnten. Bei einer Rückkehr seien die Mutter und der Bruder in Kabul selbst auf Unterstützung ange- wiesen, was unmissverständlich aus ihren Asylent scheiden hervorgehe, welche am selben Tag von derselben Person der Vorinstanz verfasst wor- den seien. Die vorinstanzliche Argumentation, sie könnten sich gegenseitig unterstützen, widerspreche folglich den eigenen Entscheiden, entbehre jeglicher Logik und s ei realitätsfremd. Unter Berücksichtigung der Akten- lage und der Verfahrensdauer erwecke es den Anschein, als ob die Vo- rinstanz mit einer Verschleppung des Asylverfahrens absichtlich ihre Voll- jährigkeit abgewartet habe. Die Vorinstanz habe nicht berücksichtigt, dass er sowie seine Mutter und sein Bruder auf dasselbe mutmassliche Bezie- hungsnetz zurückgreifen müssten und dieses demnach in der Lage sein müsste, drei Personen zu unterstützen. Des Weiteren müsse sich das trag- fähige Beziehungsnetz am Ort befinden, wohin die Person zurückgebracht werde. Die Vorinstanz verweise auf einen Grossonkel in C._______, auf einen Bruder im Iran sowie auf seine verwitwete Mutter und den jüngeren Bruder in der Schweiz. Die Voraussetzungen für ein tragfähiges Bezie- hungsnetz seien somit klarerweise nicht erfüllt. Bei einer Rückkehr müsste er zudem gemäss Argumentation der Vorinstanz ebenfalls seine Mutter und seinen jüngeren Bruder unterstützen, weshalb es sich bei ihm nicht um E-4924/2019 Seite 7 einen alleinstehenden Mann handle, der nur für sich selbst sorgen müsste. Es würden demnach keine begünstigenden Faktoren gemäss dem Refe- renzurteil D-5800/2016 vorliegen. Der Wegweisungsvollzug sei unzumutbar. 7.4 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, nach einem mehrjäh- rigen Aufenthalt in Kabul könne davon ausgegangen werden, der Be- schwerdeführer verfüge dort über ein soziales Beziehungsnetz; einerseits mit dem Verwandten mütterlicherseits, andererseits mit sozialen Kontak- ten, die sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit während des mehrjäh- rigen Aufenthalts ergeben und gefestigt hätten. Zudem habe er die prägen- den Jugendjahre in Kabul verbracht, sei dort sozialisiert worden, verfüge über eine zehnjährige Schulbildung sowie zwei Jahre Arbeitserfahrung und sei mit den örtlic hen Konventionen vertraut. Es könne erwartet werden, dass er eine Erwerbstätigkeit auf nehmen und nach der Eingewöhnungs- phase – für die Rückkehrhilfe in Anspruch genommen werden könne – selbständig für seinen Lebensunterhalt aufkommen könne. 7.5 Der Beschwerdeführer entgegnet, die Vorinstanz erachte ein tragfähi- ges soziales Beziehungsnetz in Kabul offenbar nicht als Voraussetzung für die Anordnung des Wegweisungsvollzuges. Zum einen geht sie davon aus, die Rückkehrhilfe reiche für eine Reintegration in Kabul aus. Zum anderen erwähne sie seine Mutter und seinen Bruder, welche sich selber reintegrie- ren müssten. Weder seine Mutter und der Bruder noch seine nicht näher bezeichneten Verwandten in C._______ würden ein tragfähiges Bezie- hungsnetz darstellen, welches ihn auffangen könnte. 8. 8.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Referenzurteil D -5800/2016 vom 13. Oktober 2017 eine aktuelle Lageeinschätzung zu Afghanistan, ins- besondere zu Kabul, vorgenommen. Das Gericht stellte eine deutliche Ver- schlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bun- desverwaltungsgerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) über alle Regionen hinweg fest. Es kam zum Schluss, dass in weiten Teilen von Afghanistan unverändert eine derart schlechte Sicherheitslage und derart schwierige humanitäre Bedingungen bestehen würden, dass die Situation als exis- tenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren und somit der Wegweisungsvollzug nach wie vor als unzumutbar zu beurteilen sei. Die Sicherheitslage und die allgemeine humanitäre Situation in Kabul seien aus verschiedenen Gründen differenziert und gesondert zu analysieren. Im heutigen Zeitpunkt würden sich sowohl die Sicherheitslage, welche als E-4924/2019 Seite 8 volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen sei, als auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7 beschriebenen Situation klar verschlechtert darstellen. Die Lage in Kabul sei daher grundsätzlich als existenzbedrohend und demnach unzumutbar gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG zu beurteilen. Von dieser Regel könne abgewi- chen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen würden, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausge- gangen werden könne (vgl. vorgenanntes Referenzurteil E. 8.2 ff.). Solche günstigen Voraussetzungen kön nten namentlich dann gegeben sein, wenn es sich bei der rückkehrenden Person um einen jungen, gesun- den Mann handle. Unabdingbar sei in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkeh- renden als tragfäh ig erweise. Dieses soziale Netz müsse dem Rückkeh- renden insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung so- wie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Al- lein aufgrund von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder a uch Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbringung ungeklärt seien, sei nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. Es liege in der Natur der Sache, dass bei Personen, bei we lchen Kabul lediglich eine Aufent- haltsalternative darstelle und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt ha- ben, eine Bejahung eines solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grös- serer Zurückhaltung bedürfe. Ebenso sei entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfüge beziehungsweise inwie- fern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden könne. Ange- sichts der festgestellten Verschlechterung der Lage in Kabul verstehe es sich von selbst, dass das Vorliegen dieser strengen Anforderungen in je- dem Einzelfall sorgfältig geprüft werde und diese erfüllt sein müssen, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul a ls zumutbar zu betrachten (vgl. vorgenanntes Referenzurteil E. 8.4.1). 8.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen, gesunden Mann. Er verfügt weder über einen Schulabschluss noch über eine Berufs- ausbildung. Begleitend zum Schulbesuch arbeitete er circa zwei Jahre in einer Druckerei, um sich das Geld für das Schulmaterial zu verdienen. Auf- grund der Tätigkeit und der Entlöhnung ist davon auszugehen, dass es sich nur um eine Hilfsarbeit gehandelt hat, welche kaum als Berufserfahrung gewertet werden kann. Der Beschwerdeführer verfügt über keinerlei finan-E-4924/2019 Seite 9 zielle Mittel. Seine Mutter ist für seinen Lebensunterhalt in Afghanistan auf- gekommen. In Afghanistan befinden sich keine Mitglieder seiner Kernfami- lie; sein Vater ist tot, seine Mutter und sein jüngerer Bruder leben in der Schweiz und sein älterer Bruder l ebt im Iran. Zu den Verwandten seines Vaters hat er keinen Kontakt. Seine Grossmutter und Tanten mütterlicher- seits wohnen in C._______. Ein Grossonkel mütterlicherseits lebt mit sei- ner Erstfrau in C._______. Seine Zweitfrau, welche der Grossonkel ab und zu besucht, lebt mit drei Kindern in einer Zweizimmerwohnung in Kabul. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass das tragfähige, soziale Beziehungsnetz am Ort, an welche n die betroffene Person zurückgewiesen wird, vorhan- den sein muss. Vorliegend ist dies Kabul. Der Grossonkel hat seinen Le- bensmittelpunkt in C._______ und hält sich nur gelegentlich in Kabul auf, womit er von vornherein nur bedingt als Beziehungsnetz herangezogen werden kann. Zudem ist der Grossonkel mit circa 61 Jahren ein alter Mann, der den Lebensu nterhalt für seine zwei Familien mit der Bewirtschaftung von gepachtetem Land bestreitet. D er Beschwerdeführer durfte zwar vor seiner Ausreise 40 Tage mit seiner Mutter und seinem Bruder bei der Zweitfrau in Kabul wohnen. Aufgrund der besche idenen Lebensve rhält- nisse des Grosso nkels und der Wohnverhältnisse der Zweitfrau in Kabul ist aber nicht anzunehmen, dass der Grossonkel langfristig in der Lage ist, dem Beschwerdeführer eine angemessene Unterkunft, eine Grundversor- gung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration zu bieten. Des Weiteren hat der Beschwerdeführer zu Recht darauf hingewiesen, dass die Vorinstanz sowohl für die Zumutbarkeit seines Wegweisungsvoll- zugs als auch für diejenige seiner Mutter und seines Bruders diesen einen Grossonkel als Beziehungsnetz heranzog. Das heisst, der Grossonkel müsste in der Lage sein, für drei erwachsene Personen zu sorgen. Dies ist aufgrund der geschilderten Umstände ausgeschlossen. Soweit die Vo- rinstanz argumentiert, d er Beschwerdeführer habe noch Verw andte in C._______ und einen Bruder im Iran, ist wiederum festzustellen, dass das tragfähige, soziale Beziehungsnetz in Kabul vorhanden sein muss. Im Üb- rigen dürften weder der illegal im Iran lebende Bruder noch die Grossmutter und Tanten in C._______ in der Lage sein, ihn zu unterstützen. So hat der Beschwerdeführer angegeben, in Kabul sei die Mutter für den Lebensun- terhalt der Familie aufgekommen; sie seien von niemanden sonst unter- stützt worden (SEM-Akten, act. A18 F 57 f.). Der vorinstanzliche Hinweis, der Beschwerdeführer habe mehrere Jahre in Kabul gelebt, weshalb er dort über ein soziales Netzwerk verfügen dürfte, steht im Widerspruch zum Re- ferenzurteil. Darin wird explizit ausgeführt, dass aufgrund loser Kontakte zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei wel-E-4924/2019 Seite 10 chen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbrin- gung ungeklärt seien, nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungs- netz auszugehen sei. Dem vorinstanzlichen Argument, der Beschwerde- führer, seine Mutter und sein Bruder könnten sich bei einer gemeinsamen Rückkehr gegenseitig unterstützen, ist nicht zu folgen. Die Mutter und der Bruder wären bei einer Rückkehr ebenfalls auf eine umfassende Unterstüt- zung durch ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz angewiesen und we- der in der Lage für sich selbst noch für den Beschwerdeführer zu sorgen. Der Beschwerdeführer verfügt in Kabul nicht über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz, das ihm eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten könnte. Er hat somit in Kabul weder eine gesicherte Wohnsituation noch Mittel für die Grundversorgung. Aufgrund seiner fehlenden Schul- und Berufsbildung sind seine wirtschaftlichen Reintegrationsmöglichkeiten in Kabul als äus- serst gering einzuschätzen. Es ist davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage geraten würde. Folglich liegen – in Anbetracht der strengen Anforderungen – keine besonders begünstigen- den Faktoren vor, welche es erlaube n würden, von der Regel der Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Kabul abzuweichen. Da den Akten keine Gründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen sind, ist der Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. Anzufügen ist, dass sei- ner Mutter und seinem Bruder ebenfalls die vorläufige Aufnahme gewährt worden ist (vgl. Urteile des B VGer E-4901/2019 vom 3. November 2020 und E-4925/2019 vom 3. November 2020). 9. Die Beschwerde ist somit gutzuheissen . Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung vom 5. September 2019 sind aufzuheben. Die Vorinstanz ist an- zuweisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 10. 10.1 Der Beschwerdeführer hat mit seiner Beschwerde vollständig obsiegt. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE; SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm E-4924/2019 Seite 11 notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. D er Rechts- vertreter des Beschwerdeführers reichte eine Honorarnote in der Höhe von Fr. 2'440.– (inkl. Auslagen) ein. Dieser Betrag erscheint angemessen und ist dem Beschwerdeführer zul asten der Vorinstanz als Parteientschädi- gung zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-4924/2019 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung vom 5. September 2019 wer- den aufgehoben. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführer we- gen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädi- gung von insgesamt Fr. 2'440.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: David R. Wenger Eliane Kohlbrenner Versand: