<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 3 S.26</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">26</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>3</b></span> <span class="ft2"><b>§343 ZPO; Legitimation eines unselbständigen Streithelfers zur</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Ergreifung des Rechtsmittels der Revision.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Ein Mann, der als biologischer Vater eines Kindes in Frage kommt, kann</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sich in einem Prozess betreffend Anfechtung der Vaterschaft durch den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Registervater als unselbständiger Streithelfer auf Seiten des Kindes und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der Mutter beteiligen.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Er ist nicht legitimiert, gegen ein die Anfechtungsklage gutheissendes Ur-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>teil ein Rechtsmittel (in casu Revision) einzureichen, wenn jenes weder</b></span><br/> <span class="ft2"><b>durch das Kind (Beistand) noch durch die Mutter angefochten wird.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Zivilkammer, vom 13. Mai 2003</span><br/> <span class="ft3">i.S. F.K. gegen V.K.-S. und K.K.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Das Bezirksgericht X hatte mit Urteil vom 27. Februar 2002</span><br/> <span class="ft1">eine Klage von F.K. auf Anfechtung der Vaterschaft gegenüber dem</span><br/> <span class="ft1">Kind K.K. gutgeheissen. Nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils</span><br/> <span class="ft1">verlangte M.Sp., der am Anfechtungsprozess nicht beteiligt gewesen</span><br/> <span class="ft1">war und gegen den ein Vaterschaftsprozess angehoben worden war,</span><br/> <span class="ft1">revisionsweise, es sei das Urteil vom 27. Februar 2002 aufzuheben</span><br/> <span class="ft1">und auf die Vaterschaftsanfechtungsklage nicht einzutreten.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">27</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. a) In erster Linie ist die von M.Sp. im Prozess betreffend An-</span><br/> <span class="ft1">fechtung der Vaterschaftsvermutung eingenommene Rolle zu be-</span><br/> <span class="ft1">stimmen, die massgeblich über die Berechtigung, das - ausseror-</span><br/> <span class="ft1">dentliche - Rechtmittel der Revision zu ergreifen, entscheidet.</span><br/> <span class="ft1">b) Im Revisionsbegehren wird offensichtlich die Auffassung</span><br/> <span class="ft1">vertreten, M.Sp. komme die Rolle einer Hauptpartei zu, wird er doch</span><br/> <span class="ft1">als Revisionskläger dem Kläger, der Beklagten 1 und der Beklagten</span><br/> <span class="ft1">2, die er als Revisionsbeklagte bezeichnet, gegenübergestellt (S. 1).</span><br/> <span class="ft1">Sie ist zu verwerfen. Gemäss Art. 256 Abs. 2 ZGB richtet sich die</span><br/> <span class="ft1">vom Ehemann erhobene Klage auf Anfechtung der Vaterschaftsver-</span><br/> <span class="ft1">mutung gegen das Kind und die Mutter. Dies sind die vom <i>Bundes-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>recht</i> vorgesehenen Parteien eines Anfechtungsprozesses.</span><br/> <span class="ft1">c) Die <i>kantonalen</i> Prozessrechte können in Prozessen zur Fest-</span><br/> <span class="ft1">stellung der Vaterschaft oder Anfechtung des Kindesverhältnisses</span><br/> <span class="ft1">Nebenparteien zulassen (vgl. Hegnauer, Berner Kommentar, 1984,</span><br/> <span class="ft1">N 16 zu Art. 254 ZGB). Das aargauische Zivilprozessrecht sieht die</span><br/> <span class="ft1">Hauptintervention, bei der jemand am Gegenstand eines Prozesses</span><br/> <span class="ft1">ein besseres, beide Parteien ausschliessendes Recht behauptet (Vo-</span><br/> <span class="ft1">gel/Spühler, Grundriss des Zivilprozessrechts, 7. Aufl., Bern 2001,</span><br/> <span class="ft1">Kapitel 5 N 90) und deshalb vorliegend nicht interessiert, nicht mehr</span><br/> <span class="ft1">vor (Bühler/Edelmann/Killer, Kommentar zur aargauischen Zivilpro-</span><br/> <span class="ft1">zessordnung, 2. Aufl., Aarau/Frankfurt am Main/Salzburg 1998, N 1</span><br/> <span class="ft1">der Vorbemerkungen zu §§ 56-61 ZPO). Dagegen kennt es die Insti-</span><br/> <span class="ft1">tute der Streithilfe und der Streitverkündung. Im Falle der Streithilfe</span><br/> <span class="ft1">sucht ein Dritter von sich aus die Beteiligung am Prozess (§§ 56 f.</span><br/> <span class="ft1">ZPO). Bei der Streitverkündung fordert ein Prozessbeteiligter</span><br/> <span class="ft1">(Hauptpartei, aber auch Dritter, dem bereits der Streit verkündet</span><br/> <span class="ft1">wurde) einen Dritten auf, ihn in der Streitsache zu unterstützen, weil</span><br/> <span class="ft1">er auf diesen Rückgriff nehmen will oder befürchtet, von diesem</span><br/> <span class="ft1">rechtlich in Anspruch genommen zu werden (§§ 58 ff. ZPO). Bei der</span><br/> <span class="ft1">Streithilfe (in der Lehre häufig unter dem Begriff der Nebeninter-</span><br/> <span class="ft1">vention behandelt, so z.B. Vogel/Spühler, a.a.O., Kapitel 5 N 66 ff.)</span><br/> <span class="ft1">unterscheidet das Gesetz zwischen der unselbständigen (= abhängi-</span><br/> <span class="ft1">gen) Streithilfe und der selbständigen (= unabhängigen) Streithilfe.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">28</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Im ersteren Fall wird ein Rechtsverhältnis zwischen der unterstützten</span><br/> <span class="ft1">Partei und dem Streithelfer beeinflusst (Vogel/Spühler, a.a.O., Kapi-</span><br/> <span class="ft1">tel 5 N 68), auch wenn sich die Rechtskraft des zwischen den Haupt-</span><br/> <span class="ft1">parteien ergangenen Urteils nicht auf den Streithelfer erstreckt</span><br/> <span class="ft1">(Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 3 zu § 57 ZPO). Bei der selb-</span><br/> <span class="ft1">ständigen Streithilfe (= streitgenössischen Nebenintervention) wird</span><br/> <span class="ft1">direkt eine Rechtsbeziehung zwischen dem Streithelfer und der Ge-</span><br/> <span class="ft1">genpartei der unterstützten Partei geregelt (Bühler/Edelmann/Killer,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., N 2 zu § 56 ZPO; Vogel/Spühler, a.a.O., Kapitel 5 N 69).</span><br/> <span class="ft1">Da der abhängige Streithelfer eine Hauptpartei unterstützt, darf</span><br/> <span class="ft1">er sich nicht in Widerspruch zu dieser setzen (§ 57 Abs. 1 ZPO). Tut</span><br/> <span class="ft1">er es dennoch, sind die entsprechenden Ausführungen unbeachtlich</span><br/> <span class="ft1">(Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 3 zu § 57 ZPO). Dementspre-</span><br/> <span class="ft1">chend kann ein unselbständiger Streithelfer das ordentliche Rechts-</span><br/> <span class="ft1">mittel der Appellation nicht gegen den - explizit erklärten oder kon-</span><br/> <span class="ft1">kludent erkennbaren - Willen der Hauptpartei einlegen (vgl. Büh-</span><br/> <span class="ft1">ler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 5 zu § 317 ZPO). Zur Revision ist der</span><br/> <span class="ft1">unselbständige Streithelfer nicht legitimiert, weil er der Hauptpartei</span><br/> <span class="ft1">nicht ohne deren Einverständnis einen neuen Prozess auflasten kann</span><br/> <span class="ft1">(Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 8 zu § 343 ZPO).</span><br/> <span class="ft1">2. a) Beteiligt sich ein Mann, der als biologischer Vater eines</span><br/> <span class="ft1">Kindes in Frage kommt, an einem Verfahren betreffend Anfechtung</span><br/> <span class="ft1">der Vaterschaft nach Art. 256 ZGB, liegt keine selbständige Ne-</span><br/> <span class="ft1">benintervention vor, weil durch das Urteil keine Rechtsbeziehung</span><br/> <span class="ft1">zwischen dem Streithelfer und der Gegenpartei der unterstützten Par-</span><br/> <span class="ft1">tei verbindlich geregelt wird. Die im Revisionsbegehren eventualiter</span><br/> <span class="ft1">geäusserte Auffassung, es liege eine selbständige Nebenintervention</span><br/> <span class="ft1">vor, ist demnach zu verwerfen.</span><br/> <span class="ft1">b) Gemäss Hegnauer/Breitschmid (Grundriss des Kindesrechts,</span><br/> <span class="ft1">5. Aufl., Bern 1999, N 6.09) können Personen, die ein Interesse an</span><br/> <span class="ft1">der Abweisung einer Vaterschaftsanfechtungsklage haben, grund-</span><br/> <span class="ft1">sätzlich als unselbständige Nebenintervenienten auftreten. Indessen</span><br/> <span class="ft1">gilt es zu beachten, dass sich der Nebenintervenient, der die erfolg-</span><br/> <span class="ft1">reiche Anfechtung einer Vaterschaftsanerkennung verhindern will,</span><br/> <span class="ft1">um nicht selber mit einer Vaterschaftsklage behelligt zu werden,</span><br/> <span class="ft1">spätestens dann in eine - nach den vorstehenden Ausführungen un-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">29</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zulässige - Interessenkollision mit der von ihm "unterstützten" Partei</span><br/> <span class="ft1">begibt, wenn im erstinstanzlichen Anfechtungsprozess die biologi-</span><br/> <span class="ft1">sche Nichtvaterschaft des "bisherigen" Vaters durch ein Gutachten</span><br/> <span class="ft1">nachgewiesen worden ist und nur er, nicht aber das Kind bzw. dessen</span><br/> <span class="ft1">Beistand (vgl. Art. 309 ZGB) oder die Mutter das Urteil anficht.</span><br/> <span class="ft1">Denn die Nichtanfechtung ist als stillschweigender Abstand zu be-</span><br/> <span class="ft1">trachten, so dass sich der appellierende Nebenintervenient in - unzu-</span><br/> <span class="ft1">lässigen - Widerspruch zur Hauptpartei setzt, weshalb auf seine Ap-</span><br/> <span class="ft1">pellation nicht einzutreten ist (so das Zürcher Obergericht in ZR 90</span><br/> <span class="ft1">S. 88 f.; vgl. auch Frank/Sträuli/Messmer, Kommentar zur zürcheri-</span><br/> <span class="ft1">schen Zivilprozessordnung, 3. Aufl., Zürich 1997, N 3 f. zu § 45</span><br/> <span class="ft1">ZPO). Umso weniger ist die Einleitung eines Revisionsverfahrens</span><br/> <span class="ft1">durch einen Beklagten eines - durch die Gutheissung der Anfech-</span><br/> <span class="ft1">tungsklage - erst ermöglichten Vaterschaftsprozesses angängig.</span><br/> <span class="ft1">c) Aus einer vom Beklagten zitierten Stelle bei Guldener</span><br/> <span class="ft1">(Schweizerisches Zivilprozessrecht, 3. Aufl., Zürich 1979, S. 492 f.)</span><br/> <span class="ft1">lässt sich nichts Gegenteiliges ableiten. Dort wird ausgeführt, dass</span><br/> <span class="ft1">Dritte, deren Rechte durch ein Urteil über den Personenstand verletzt</span><br/> <span class="ft1">seien, auf Feststellung der Unrichtigkeit oder auf Aufhebung des</span><br/> <span class="ft1">Urteils klagen könnten. Guldener schlägt sodann als naheliegend</span><br/> <span class="ft1">bezeichnete Alternative zum Klagerecht des Dritten vor, es sei die-</span><br/> <span class="ft1">sem die Möglichkeit einzuräumen, die Rechtsmittel zu ergreifen, die</span><br/> <span class="ft1">gegen den seine Rechte verletzenden Entscheid offen stehen. Für die</span><br/> <span class="ft1">Begründung verweist Guldener auf seinen in der ZSR 1950 S. 325 ff.</span><br/> <span class="ft1">erschienen Aufsatz "Die Wirkungen von Urteilen über den Personen-</span><br/> <span class="ft1">stand gegenüber Dritten". Dort wird allerdings differenziert zwischen</span><br/> <span class="ft1">Statusentscheiden, die im obgenannten Sinne durch einen in seinen</span><br/> <span class="ft1">Rechten verletzten Dritten durch Erhebung einer neuen Klage - oder</span><br/> <span class="ft1">eventuell Ergreifung von Rechtsmitteln - zu Fall gebracht werden</span><br/> <span class="ft1">können, und solchen, die für Dritte von Beginn weg bindend sind.</span><br/> <span class="ft1">Als in diesem Sinne von Anfang an bindend wird von Guldener na-</span><br/> <span class="ft1">mentlich ein Urteil bezeichnet, in dem die Klage auf Anfechtung der</span><br/> <span class="ft1">Ehelichkeit eines Kindes gutgeheissen wird (ZSR 1950 S. 331). Dem</span><br/> <span class="ft1">ist zuzustimmen, werden doch durch ein solches Urteil keine beste-</span><br/> <span class="ft1">henden Rechte Dritter verletzt, sondern höchstens solche des Kindes,</span><br/> <span class="ft1">wenn es sich um ein Fehlurteil handeln sollte. Im Aussenverhältnis</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">30</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">wird dadurch zwar die Frage nach der Vaterschaft, die Pflichten und</span><br/> <span class="ft1">Rechte nach sich zieht, neu aufgeworfen. Mangels einer Anerken-</span><br/> <span class="ft1">nung der Vaterschaft im Sinne von Art. 260 ZGB wird aber nur dann</span><br/> <span class="ft1">durch Richterspruch ein neues Kindesverhältnis begründet, wenn in</span><br/> <span class="ft1">einem eigenen Prozess - durch Gutachten - die biologische Vater-</span><br/> <span class="ft1">schaft festgestellt worden ist. Das Interesse des mutmasslichen bio-</span><br/> <span class="ft1">logischen Vaters an der Verhinderung eines Vaterschaftsprozesses ist</span><br/> <span class="ft1">nicht als "Recht" zu qualifizieren, das durch eine - materiell richtige -</span><br/> <span class="ft1">Gutheissung einer Anfechtungsklage verletzt wird.</span><br/></div> </div> </body> </html>