Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 10. März 2015 (470 15 24) ____________________________________________________________________ Strafprozessrecht Verfahrenseinstellung Besetzung Präsident Dieter Eglin, Richterin Helena Hess (Ref.), Richter Stephan Gass; Gerichtsschreiber i.V. Marco Gasser Parteien A.____, gesetzlich vertreten durch B.____ und C.____, vertreten durch Advokatin Sabrina Stoll, Gitterlistrasse 8, Postfach 215, 4410 Liestal, Beschwerdeführer gegen Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft, Allgemeine Hauptabtei- lung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Beschwerdegegnerin D.____, vertreten durch Advokat Dietmar Grauer-Briese, Burgstrasse 8, 4410 Liestal, Beschuldigter Gegenstand Verfahrenseinstellung Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwalt- schaft Basel-Landschaft vom 13. Januar 2015 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Basel -Landschaft vom 13. Januar 2015 wurde das gegen D.____ geführte Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht in Anwendung von Art. 319 Abs. 1 l it. b StPO eingestellt. Die Zivilklage wurde auf den Zivilweg verwiesen und die Verfahrenskosten in der Höhe von CHF 3‘151.50 wurden gemäss Art. 426 Abs. 2 StPO der beschuldigten Person aufe r- legt. Ferner wurde festgelegt, dass der beschuldigten Person kein e Entschädigung und keine Genugtuung zugesprochen werden. Im Übrigen wurde D.____ verpflichtet, der Privatkläge r- schaft gestützt auf Art. 433 Abs. 1 lit. b StPO eine Entschädigung in der Höhe von CHF 3‘684.10 zu bezahlen. Auf die Begründung dieser Einstellu ngsverfügung sowie der nac h- folgenden Eingaben der Parteien wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen des vorliegenden Beschlusses eingegangen. B. Gegen obgenannte Einstellungsverfügung erhob A.____, gesetzlich vertreten durch seine Eltern, diese wiederum vertreten durch Advokatin Sabrina Stoll, mit Eingabe vom 26. Januar 2015 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel -Landschaft, Abteilung Strafrecht. Er beantragte, es sei die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 13. Januar 2015 aufzuheben u nd die Staatsanwaltschaft anzuweisen, das Verfahren gegen D.____ wegen fahrlässiger Körpe r- verletzung, eventualiter fahrlässiger Verletzung der Fürsorge - und Erziehungspflicht, weiterz u- führen, respektive die Staatsanwaltschaft anzuweisen, einen Strafbefehl zu erlassen bzw. A n- klage beim zuständigen Gericht zu erheben, alles unter o/e Kostenfolge. C. Die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft stellte mit Stellungnahme vom 4. Februar 2015 den Antrag, die Beschwerde sei vollumfänglich abzuweisen und die Kosten des Verfahrens sei- en der beschwerdeführenden Partei aufzuerlegen. D. Mit Stellungnahme vom 6. Februar 2015 begehrte der Beschuldigte, vertreten durch A d- vokat Dietmar Grauer-Briese, es sei die Beschwerde unter o/e Kostenfolge abzuweisen. Erwägungen 1. Gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO ist die Beschwerde zulässig gegen die Verfügungen und Verfahrenshandlungen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Übertretungsstrafbehörden. Art. 322 Abs. 2 StPO sieht zudem die Anfechtungsmöglichkeit gegen Einstellungsverfügungen innert 10 Tagen bei der Beschwerdeinstanz ausdrücklich vor. Mit der Beschwerde können laut Art. 393 Abs. 2 StPO Rechtsverletzungen, falsche Feststellungen des Sachverhalts sowie U n- angemessenheit gerügt werden. Da mit der Beschwerde alle Mängel des angefochten en Ent- scheids geltend gemacht werden können, verfügt die Rechtsmittelinstanz über volle Kognition (PATRICK GUIDON, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 393 N 15). Die Beschwerde g e- gen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert 10 Tagen schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO). Den Umfang der Begründung regelt Art. 385 Abs. 1 StPO. Zur Ergreifung der Beschwerde legitimiert ist jede Partei, die ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhe bung oder Änderung des Entscheids hat (vgl. Art. 382 Abs. 1 StPO). Als Parteien bezeichnet Art. 104 Abs. 1 StPO die beschuldigte Person, Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Privatklägerschaft und die Staatsanwaltschaft. Die Beschwerdeinstanz beurteilt unter and e- rem Beschwerden gegen Verf ahrenshandlungen und gegen nicht der Berufung unterliegende Entscheide der Staatsanwaltschaft (vgl. Art. 20 Abs. 1 lit. b StPO). Die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 13. Januar 2015 stellt ein taugliches Anfechtungsobjekt dar. Da aus den v orliegenden Unterlagen nicht ersichtlich ist, zu welchem Zeitpunkt die Einstellungsverfügung vom 13. Januar 2015 dem Beschwerdeführer zugestellt wurde, gilt die Beschwerde mit Postaufgabe vom 26. Januar 2015 als rechtzeitig erfolgt (Art. 396 Abs. 1 StPO). Indem der Beschwerdeführer am 10. Februar 2015 bei der Polizei B a- sel-Landschaft, Stützpunkt Liestal, einen Strafantrag stellte, hat er sich als Privatkläger konstitu- iert. Er hat somit ein rechtlich geschütztes Interesse daran, ob die angefochtene Einstellu ngs- verfügung zu Recht erfolgte und ist folglich zur Beschwerde legitimiert. Die Zuständigkeit der Dreierkammer des Kantonsgerichts, Abteilung Strafrecht, als Beschwerdeinstanz zur Beurte i- lung der vorliegenden Beschwerde ergibt sich aus Art. 20 Abs. 1 lit. b StPO sowie § 15 Abs. 2 EG StPO. Die formellen Voraussetzungen sind damit erfüllt, sodass auf die Beschwerde eing e- treten werden kann. 2.1 Die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft stützt ihre Einstellungsverfügung vom 13. Jan u- ar 2015 auf Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass es dem Beschuldigten aus damaliger Sicht nicht möglich gewesen sei vorherzusehen, dass ein zum Tatzeitpunkt achtjähriger Schüler im verschlossenen Klassenzimmer in Hausschuhen auf den erhöhten Fenstersims klettere und dort auf herumliegenden Klarsichtmäppchen ausrutsche, das Gleichgewicht verliere und aus dem offen stehenden Fenster falle. Im Übrigen setze Art. 219 StGB eine Garantenstellung des Täters voraus. Dies bedeute, dass er über eine g e- wisse Dauer für die Erziehung oder Fürsorge eines Minderjährigen verantwortlich erscheine. Beim Beschuldigten handle es sich jedoch nicht um den Klassenlehrer des Beschwerdeführers. Vielmehr habe der Beschuldigte den Beschwerdeführer stellvertretend beaufsichtig t, während der Klassenlehrer mit seiner Klasse in den Schwimmunterricht gegangen sei. Mangels eines intensiven Erziehungs- und Fürsorgeverhältnisses zwischen dem Beschuldigten und dem B e- schwerdeführer sei die von Art. 219 StGB geforderte Täterqualifikation ebenso nicht erfüllt. Schliesslich könne aufgrund dieser Erwägungen offen gelassen werden, ob es sich um eine schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB handle. 2.2 Mit Beschwerde vom 26. Januar 2015 bringt der Beschwerdeführer vor, dass der Be- schuldigte den Gruppenraum, in welchem der Beschwerdeführer untergebracht worden sei, zu keinem Zeitpunkt kontrolliert habe, obwohl er ihn von seinem Pult aus nicht im Blickfeld gehabt habe. Bevor der Beschwerdeführer ans offene Fenster gelangt sei, um n ach Hilfe zu rufen, h a- be er während einer halben Stunde versucht, anderweitig auf sich aufmerksam zu machen. Weiter rügt der Beschwerdeführer die Verletzung des Grundsatzes „in dubio pro duriore“. Zur Begründung wird ausgeführt, dass das Tun des Beschuldig ten den Taterfolg überhaupt erst möglich gemacht habe. Hätte der Beschuldigte seine Aufsichtspflicht sorgfältig wahrgenommen und den Beschwerdeführer nicht vergessen bzw. eingeschlossen, bzw. hätte der Beschuldigte gewusst, dass er ihn in Missachtung seine r Sorgfaltspflicht eingeschlossen habe, hätte er d a- von ausgehen müssen, dass sich der Tatverlauf derart entwickeln könne, wie es tatsächlich Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht geschehen sei. Die vorgenommene Würdigung der Staatsanwaltschaft vermöge daher weder anhand der Wahrscheinlichkeits theorie noch anhand der ebenfalls vertretenen Risikoerh ö- hungstheorie zu überzeugen. Es liege auf der Hand, dass der Beschuldigte den Taterfolg mit seiner Verhaltensweise herbeigeführt, mindestens aber begünstigt habe, resp. dass dieser die Gefahr, die schlussendlich in Erfolg umgeschlagen sei, durch seine Pflichtwidrigkeit klar erhöht habe. Ob der Täter hätte bedenken können und sollen, dass sich die Ereignisse gerade so a b- spielen würden, sei unerheblich. Ebenfalls müsse das Verhalten nicht einzig und unmit telbare Ursache der Schädigung sein, damit der Kausalverlauf als voraussehbar erscheine. Wer als Lehrer einen achtjährigen Schüler einschliesse, müsse zwangsläufig damit rechnen, dass di e- ser am offenen Fenster auf seine Situation aufmerksam mache. Ein dera rtiges Verhalten sei nicht atypisch, sondern gerade dem Alter und den ihm zu Verfügungen stehenden Möglichke i- ten entsprechend. Zumindest könne in einem solchen Fall nicht von vornherein die Vorausse h- barkeit und Straflosigkeit verneint werden, zumal auch di e Staatsanwaltschaft die Handlung s- weise des Beschuldigten als sorgfaltspflichtwidrig qualifiziere. Des Weiteren sei die Obhut s- pflicht des Beschuldigten zu bejahen und habe zum Zeitpunkt des Unfalls noch angedauert, da der Beschwerdeführer aufgrund einer Sorgfaltspflichtwidrigkeit des Beschuldigten im Klasse n- zimmer eingeschlossen worden sei. Indem die Staatsanwaltschaft in ihrer Begründung offen lasse, worin die Sorgfaltspflichtverletzung des Beschuldigten bestehe, würde zudem die B e- gründungspflicht nach Art. 29 Abs. 2 BV verletzt. Würde man ferner die wesentliche Ursache für den Taterfolg im Einschliessen des Beschwerdeführers sehen, wäre die Garantenstellung ohnehin keine Voraussetzung für die Strafbarkeit des Beschuldigten. 2.3 Mit Stellungnahme vom 4. Febr uar 2015 führt die Staatsanwaltschaft zunächst aus, dass die Garantenstellung ausschliesslich betreffend den Vorwurf der Verletzung von Fürsorge - und Erziehungspflichten aufgrund der erhöhten Anforderungen an die Intensität des Fürsorge - und Erziehungsverhältnisses verneint worden sei. Nach Abschluss der Untersuchungen habe kein Zweifel daran bestanden, dass der Beschuldigte sowohl hinsichtlich der fahrlässigen Körperver- letzung als auch hinsichtlich der Verletzung der Fürsorge - und Erziehungspflicht mangels Vor- hersehbarkeit bzw. Garantenstellung nicht tatbestandsmässig gehandelt habe. Da der Beschu l- digte mit diesen geschilderten Handlungen des Schülers schlichtweg nicht habe rechnen mü s- sen, sei sein Verhalten sehr wohl atypisch und für den Beschuldigten ganz offensichtlich ex ante nicht vorhersehbar gewesen. Das in casu vorhandene Verhältnis zwischen dem beschu l- digten Aushilfslehrer und dem Beschwerdeführer, der diesen noch nie gesehen und im Tatzei t- punkt erst seit wenigen Minuten gekannt habe, sei in Überein stimmung mit der herrschenden Lehre und Rechtsprechung nicht ausreichend intensiv, um eine Garantenstellung nach Art. 219 Abs. 2 StGB zu begründen. Ein normaler Lehrer bzw. Klassenlehrer könne nicht einer für eine Lektion hilfsweise einspringende und stell vertretend beaufsichtigende Lehrkraft gleichgestellt werden. 2.4 In der Stellungnahme vom 6. Februar 2015 folgt der Beschuldigte im Wesentlichen der Argumentation der Staatsanwaltschaft. Das Einschliessen sei nicht der kausale Grund für den Vorfall, weil dabei der Beschwerdeführer sein eigenes Zutun vergesse und bei weitem keiner grundsätzlichen Gefahrensituation ausgesetzt gewesen sei, welche der Beschuldigte gescha f- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht fen habe. Es dürfe von einem achtjährigen Kind erwartet werden, dass es sein Verhalten abw ä- ge und nicht in eigener Sache risikobereit sei, was letztlich nicht dem Beschuldigten zugerec h- net werden könne. Ferner liege der Entstehungsgrund für eine Garantenpflicht grundsätzlich in einer persönlichen Bindung. Diese werde jedoch bestritten, da der Beschw erdeführer von se i- nem Klassenlehrer in die Klasse des Beschuldigten aufgrund einer Sportabsenz versetzt wo r- den sei und die Aufgabenübertragung an den Beschuldigten in einer Hilfspersonenhandlung bestanden habe. Demgegenüber könne das Einschliessen in ein K lassenzimmer nicht als Ve r- letzung einer Garantenpflicht gesehen werden. Der Beschuldigte habe den Beschwerdeführer durch diesen Vorgang keiner besonderen oder konkreten Gefahr ausgesetzt, da das Klasse n- zimmer grundsätzlich als gesicherter Raum betrachtet w erden könne. Der Beschwerdeführer habe sich selbst für sein Vorgehen entschieden, welches dem Beschuldigten jedoch nicht als kausal relevanter Handlungsablauf zugerechnet werden könne. 3.1 Gemäss Art. 319 Abs. 1 StPO stellt die Staatsanwaltschaft ein Strafverf ahren vollständig oder teilweise ein, wenn sich kein Tatverdacht erhärtet, der eine Anklage rechtfertigt (lit. a), kein Straftatbestand erfüllt ist (lit. b), Rechtfertigungsgründe einen Straftatbestand unanwendbar machen (lit. c), Prozessvoraussetzungen definitiv nicht erfüllt werden können oder Prozesshi n- dernisse aufgetreten sind (lit. d) oder nach gesetzlicher Vorschrift auf Strafverfolgung oder B e- strafung verzichtet werden kann (lit. e). Dabei handelt es sich nicht um eine abschliessende Aufzählung von Einstellungsgründen. Erscheint ein Gerichtsverfahren aus anderen Gründen als aussichtslos, müssen auch sie zu einer Einstellung führen. Im Übrigen verstehen sich die Grü n- de gemäss Art. 319 Abs. 1 lit. a bis d StPO als zwingend und führen somit ausnahmslos z ur Einstellung des Verfahrens ( ROLF GRÄDEL/MATTHIAS HEINIGER, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 319 N 5 f.). 3.2 Eine Einstellung gemäss Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO ist zu verfügen, wenn das inkriminierte Verhalten, selbst wenn es nachgewiesen wäre, ganz offensichtlich den objektiven und subjekt i- ven Tatbestand einer Strafnorm nicht erfüllt, beispielsweise weil es von rein zivil - oder verwaltungsrechtlicher Relevanz ist. Allerdings ist auch bei der durch die Staatsanwal t- schaft vorzunehmenden Prüfung d arauf zu achten, dass bei Ermessensfragen und bei nicht durch die Literatur oder Rechtsprechung klar gelösten Streitfragen im Zweifelsfalle Anklage zu erheben ist. Gleich verhält es sich, wenn Auslegungs - oder Wertungsfragen zu beurteilen sind. Solche Fragen sind immer durch das Strafgericht zu entscheiden. Namentlich die rechtlichen Voraussetzungen der Strafbarkeit sind vielfach weniger offensichtlich nicht gegeben, zumal die Grenze zwischen strafbarem und straflosem Verhalten oft durch schwer fassbare Ges etzesbe- griffe wie die Arglist beim Betrugstatbestand oder die Sorgfaltspflichtverletzung beim Fahrlä s- sigkeitsdelikt. In solchen Fällen ist bei der Annahme der fehlenden Tatbestandsmässigkeit b e- sondere Zurückhaltung zu üben und in Befolgung des Grundsatzes "in dubio pro duriore" prinzi- piell Anklage zu erheben (NATHAN LANDSHUT, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 319 N 19 f.; NIKLAUS SCHMID, Praxiskommentar StPO, 2. Aufl. 2013, Art. 319 N 6; ROLF GRÄDEL/MATTHIAS HEINIGER, a.a.O., Art. 319 N 9). 4.1 Vorliegend ist zunächst zu prüfen, ob die Verfahrenseinstellung betreffend den Tatb e- stand der fahrlässigen Körperverletzung zu Recht erfolgt ist. Gemäss Art. 125 Abs. 1 StGB e r- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht füllt den Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung, wer fahrlässig einen Mensch am Körper oder an der Gesundheit schädigt. Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rücksicht nimmt. Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht beac h- tet, zu der er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Verhältnissen verpflichtet ist (Art. 12 Abs. 3 StGB). 4.2 Im vorliegenden Fall moniert der Beschwerdeführer im Wesentlichen, dass die Staatsa n- waltschaft das Vorliegen der Adäquanz verneine. Es liege auf der Hand, dass der Beschuldigte den Taterfolg mit seiner Verhaltensweise herbeigeführt, mindestens aber begünstigt habe, resp. dass dieser die Gefahr, die schlussendlich in den Erfolg umgeschlagen sei, durch seine Pflic ht- widrigkeit klar erhöht habe. Für den Täter muss nicht nur der Erfolg, sondern in groben Zügen auch der dazu führende Kausalverlauf im Zeitpunkt ex ante (BGE 135 IV 65) voraussehbar sein, was wiederum au f- grund seiner persönlichen Verhältnisse und den Ums tänden des konkreten Einzelfalls zu beu r- teilen ist (BGE 120 IV 171). Nach der durch das Bundesgericht dafür entwickelten Ad ä- quanztheorie muss die natürliche Ursache geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Er folg wie den konkret eingetretenen herbeiz u- führen oder zumindest zu begünstigen (BGE 130 IV 10). Das Verhalten braucht daher nicht die einzige oder unmittelbare Ursache der Schädigung zu sein (BGE 115 IV 102). Am erforderl i- chen rechtserheblichen Kausalzusammenhang fehlt es, wenn die Folge soweit ausserhalb der normalen Lebenserfahrung liegt, dass sie nicht zu erwarten war (BGE 98 IV 173); mithin wenn ganz aussergewöhnliche Umstände hinzutreten, mit denen schlechthin nicht gerechnet werden musste, und die derart schwer wiegen, dass sie als wahrscheinlichste und unmittelbarste Urs a- che alle anderen mitverursachenden Faktoren – namentlich das Verhalten des Beschuldigten – in den Hintergrund drängen (BGE 130 IV 10). Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers gebricht die Fahrlässigkeit in casu offensicht- lich am adäquaten Kausalverlauf. Es war für den Beschuldigten nicht einmal in den Grundzügen vorhersehbar, dass ein zum Tatzeitpunkt achtjähriger Schüler in einem verschlossenen Kla s- senzimmer auf den Fenstersim s klettert, auf herumliegenden Klarsichtmäppchen und Couverts ausrutscht und über das offen stehende Fenster rund 7,6 m zu Boden fällt. Hier treten derart aussergewöhnliche Umstände hinzu, mit denen der Beschuldigte schlechthin in keiner Weise rechnen musste und welche zudem sein eigenes Verhalten - nämlich das Verschliessen einer Tür - klarerweise in den Hintergrund drängen. Es handelt sich hierbei um einen Ablauf der G e- schehnisse, welcher weder nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge noch nach allgemeiner L e- benserwartung auch nur ansatzweise zu erwarten ist. Bezeichnenderweise sagte auch der B e- schwerdeführer anlässlich seiner Befragung vom 23. April 2014, dass es ihm niemals in den Sinn gekommen wäre, aus dem Fenster zu klettern. Falls niemand auf seine Hilfe rufe reagiert hätte, hätte er gewartet (act. 193). Im vorliegenden Fall führte somit vielmehr eine Verkettung unglücklicher, nicht vorhersehbarer Umstände zur körperlichen Schädigung des Beschwerd e- führers. So befand sich dieser zunächst in einem abgetrennt en Gruppenraum, welcher vom Beschuldigten nicht durch direkten Blickkontakt einsehbar war. Darauffolgend reagierte der B e- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht schwerdeführer in keiner Weise darauf, als die Schulglocke läutete, sämtliche Schüler aufsta n- den und sodann selbstständig das Klassenzi mmer verliessen. Gemäss Aussage des B e- schwerdeführers habe er sich nicht bemerkbar gemacht, weil er gedacht habe, der Beschuldigte würde wieder zu ihm zurückkommen. Er habe erst später bemerkt, dass die Türe abgeschlo s- sen gewesen sei (act. 191, 193). Es is t an dieser Stelle indes festzuhalten, dass dieses Verha l- ten für einen achtjährigen Primarschüler äusserst ungewöhnlich anmutet. Im Weiteren versagte im vorliegenden Fall auch der vom Beschuldigten entwickelte und im konkreten Fall angewe n- dete Kontrollmechanismus, sämtliche vor dem Zimmer befindlichen Schuhe der Schüler zu zäh- len, da sich die Schuhe des Beschwerdeführers zu diesem Zeitpunkt vor seinem eigenen Kla s- senzimmer befanden (vgl. die Einvernahme des Beschuldigten vom 6. August 2014, act. 221). Schliesslich stieg der Beschwerdeführer mit seinen Hausschuhen auf den Fenstersims, auf welchem er auf Sichtmäppchen und Couverts ausrutschte, das Gleichgewicht verlor und aus dem offenen Fenster stürzte. In casu ist es offenkundig, dass der Tatbestand der fahr lässigen Körperverletzung mangels adäquaten Kausalverlaufs zu verneinen und die Beschwerde in di e- sem Punkt folglich abzuweisen ist. 4.3 Im Weiteren ist zu eruieren, ob die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht gemäss Art. 219 StGB zu Recht eingestellt hat. Nach Art. 219 Abs. 1 StGB macht sich schuldig, wer seine Fürsorge - oder Erziehungspflicht gegenüber einer minderjährigen Person verletzt oder vernachlässigt und sie dadurch in ihrer körperlichen oder seelischen Entwicklung gefährdet. Laut Art. 219 Abs. 2 StGB ist auch die fahrlässige Ve r- letzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht strafbar. 4.4 Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, dass die Staatsanwaltschaft die G a- rantenstellung des Beschuldigten in ihr er Einstellungsverfügung zu Unrecht verneint und sich dieser der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht schuldig gemacht habe. Der Täter muss gegenüber dem Unmündigen eine Garantenstellung einnehmen. Er muss kraft Gesetzes, Vertrags oder tatsächl icher Umstände dazu verpflichtet sein, mindestens während einer gewissen Dauer in körperlicher, geistiger oder seelischer Hinsicht für die Erziehung des Minderjährigen zu sorgen oder ihm die nötige Fürsorge angedeihen zu lassen ( ULRICH WEDER, OFK-StGB, 19. Aufl. 2013, Art. 219 N 3). Unerheblich ist, ob der Pflichtige mit dem Unmündigen zusammenlebt oder nicht. Das Verhältnis zwischen dem Täter und dem Unmündigen bedarf hinsichtlich der Fürsorge- und Erziehungspflicht einer gewissen Dauer, Festigkeit und Intensität. Es reicht daher nicht aus, wenn der Unmündige beispielsweise einzelne Lektionen – wenn auch regelmässig – wie etwa auf (freiwilliger) Basis Englisch - oder Musikunterricht besucht oder bei einer Drittperson lediglich ab und zu das Mittagessen einni mmt ( ANDREAS ECKERT, Basler Kommentar StGB, 3. Aufl. 2013, Art. 219 N 4; GÜNTER STRATENWERTH/WOLFGANG WOHLERS, Schweizerisches Strafgesetzbuch Handkommentar, 2. Aufl. 2009, Art. 219 N 1). Keine Fürso r- ge- und Erziehungspflicht trifft des Weiteren beispielsweise unregelmässig beauftragte Babysit- ter, Mitarbeitende in einem sogenannten Kinderparadies oder die Eltern eines Kindes für de s- sen Spielkameraden ( STEFAN TRECHSEL/CHARLOTTE CHRISTENER-TRECHSEL, Schweizer Stra f- gesetzbuch Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, Art. 219 N 1). Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Im vorliegenden Fall ist den Akten zu entnehmen und vom Beschwerdeführer unbestritten, dass dieser aufgrund eines Dispensgesuchs für den Schwimmunterricht von seinem Klassenlehrer an den Beschuldigten zwecks Beaufsichtigung für eine einzige Sc hulstunde übergeben wurde. Wie oben ausgeführt, genügt es zur Begründung einer Garantenstellung mithin nicht, dass der Unmündige einzelne Lektionen eines Unterrichts besucht, selbst wenn dies regelmässig g e- schehen würde. In casu befand sich der Beschwerdef ührer gerade einmal eine Lektion unter der Aufsicht des Beschuldigten. Wie aus der Befragung des Beschuldigten hervorgeht, kannten sich diese vor dem Vorfall zudem nicht (act. 225). Ferner wurden die Aufgaben, welche der Schüler während der fraglichen Lekt ion im abgetrennten Gruppenraum bearbeitete, nicht vom Beschuldigten, sondern vom Klassenlehrer des Beschwerdeführers gestellt. Der Einvernahme des Beschwerdeführers ist sodann zu entnehmen, dass er selbstständig gearbeitet hat und der Beschwerdeführer nie zu ihm gekommen ist (act. 191). Zusammenfassend hat der Beschuldigte somit während einer sehr kurzen Zeit von der Dauer einer einzigen Schullektion einen ihm gänzlich unbekannten Schüler in einem separaten Gruppenraum platziert, in welchem dieser selbstständig seine - vom Klassenlehrer gestellten - Aufgaben gelöst hatte. Diese Tatsachen führen vorliegend zweifelsohne zum Ergebnis, dass die für eine Garantenstellung geforderte Dauer, Festigkeit und Intensität der Relation klarerweise nicht gegeben sind, wom it die B e- schwerde folgerichtig auch in diesem Punkt abzuweisen ist. 5. Demzufolge hat die Staatsanwaltschaft Basel -Landschaft die Strafverfahren wegen fah r- lässiger Körperverletzung (Art. 125 Abs. 1 StGB) und fahrlässiger Verletzung der Fürsorge - oder Erziehungspflicht (Art. 219 Abs. 1 und 2 StGB) zu Recht gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO eingestellt. Die Beschwerde ist folgerichtig in Bestätigung der angefochtenen Einste l- lungsverfügung der Staatsanwaltschaft Basel -Landschaft vom 13. Januar 2015 voll umfänglich abzuweisen. 6. Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Entsprechend dem Ausgang des vorli e- genden Verfahrens werden die Verfahrenskosten des K antonsgerichts in der Höhe von CHF 1‘100.00, bestehend aus einer Gerichtsgebühr von CHF 1‘000.00 (§ 13 Abs. 1 GebT) s o- wie Auslagen von CHF 100.00, dem Beschwerdeführer auferlegt. Aufgrund des Ausgangs des Verfahrens ist dem Beschuldigten zudem eine Parteientschäd i- gung von pauschal CHF 1‘500.00 zu Lasten des Beschwerdeführers zuzusprechen. Der B e- schwerdeführer hat somit dem Rechtsvertreter des Beschuldigten, Advokat Dietmar Grauer - Briese, eine Parteientschädigung von pauschal CHF 1‘500.00 (inkl. Mehrwertsteuer und Ausl a- gen) auszurichten. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von CHF 1‘100.00, bestehend aus einer Gerichtsgebühr von CHF 1‘000.00 sowie Auslagen von CHF 100.00, werden dem Beschwerdeführer auferlegt. 3. Der Beschwerdeführer wird verpflichtet, dem Rechtsvertreter des B e- schuldigten, Advokat Dietmar Grauer-Briese, eine Parteientschädigung von pauschal CHF 1‘500.00 (inkl. Mehrwertsteuer und Auslagen) zu bezahlen. Präsident Dieter Eglin Gerichtsschreiber i.V. Marco Gasser