<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">95</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>17</b></span> <span class="ft2"><b>Delegation der Anhörungskompetenz durch das Familiengericht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Delegation der Anhörungskompetenz an ein Einzelmitglied des Fa-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>miliengerichts darf nicht die Regel darstellen, auch nicht bei der Anhö-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>rung in der Einrichtung.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 13. August 2013 in Sachen</span><br/> <span class="ft3">B.F. gegen den Entscheid des Familiengerichts Z. (WBE.2013.377; publiziert</span><br/> <span class="ft3">in: CAN - Zeitschrift für kantonale Rechtsprechung 2013 Nr. 75 S. 194).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">96</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 447 Abs. 1 ZGB wird die betroffene Person per-</span><br/> <span class="ft1">sönlich angehört, soweit dies nicht als unverhältnismässig erscheint.</span><br/> <span class="ft1">Im Fall einer fürsorgerischen Unterbringung hört die Erwach-</span><br/> <span class="ft1">senenschutzbehörde die betroffene Person in der Regel als Kolle-</span><br/> <span class="ft1">gium an (Art. 447 Abs. 2 ZGB). Der Gesetzgeber misst dem Prinzip</span><br/> <span class="ft1">der Unmittelbarkeit somit ein hohes Gewicht zu. Dies hängt auch mit</span><br/> <span class="ft1">dem Erfordernis der Interdisziplinarität zusammen: Indem das ZGB</span><br/> <span class="ft1">eine interdisziplinäre Zusammensetzung der Erwachsenenschutzbe-</span><br/> <span class="ft1">hörde verlangt, gewährleistet es mit dem Gebot der Anhörung im</span><br/> <span class="ft1">Kollegium eine Wahrnehmung durch Entscheidträger unterschiedli-</span><br/> <span class="ft1">cher Fachrichtungen. Aus Art. 447 Abs. 2 ZGB ergibt sich, dass die</span><br/> <span class="ft1">Anhörung ausnahmsweise an ein Einzelmitglied der Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutzbehörde übertragen werden kann. Damit wird zwar nach wie</span><br/> <span class="ft1">vor die Unmittelbarkeit gewährleistet, nicht aber die Interdiszipli-</span><br/> <span class="ft1">narität (CHRISTOPH AUER/MICHLE MARTI, in: GEISER/</span><br/> <span class="ft1">REUSSER [Hrsg.], Basler Kommentar, Erwachsenenschutz, Basel</span><br/> <span class="ft1">2012, Art. 447 N 33 f.). Der Regelfall muss aber eine mündliche An-</span><br/> <span class="ft1">hörung vor dem gesamten Kollegium bleiben. Denkbar ist eine Aus-</span><br/> <span class="ft1">nahme-Konstellation, falls die Mitglieder den Betroffenen aus frühe-</span><br/> <span class="ft1">ren Verfahren bereits gut kennen und man sich lediglich über die</span><br/> <span class="ft1">eingetretenen Veränderungen ein Bild machen muss (CHRISTOF</span><br/> <span class="ft1">BERNHART, Handbuch der fürsorgerischen Unterbringung, Basel</span><br/> <span class="ft1">2011, Rz. 512). Die Delegationsmöglichkeit an ein Einzelmitglied</span><br/> <span class="ft1">des Gerichts ist zurückhaltend, nur im konkreten Einzelfall und im</span><br/> <span class="ft1">Entscheid begründet anzuwenden (PATRICK FASSBIND, Erwachse-</span><br/> <span class="ft1">nenschutz, Zürich 2012, S. 147 f.). Eine Ausnahme ist z.B. denkbar</span><br/> <span class="ft1">bei urteilsunfähigen Patienten, die aufgrund einer schweren Demenz-</span><br/> <span class="ft1">erkrankung in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden untergebracht</span><br/> <span class="ft1">und daher im Status einer fürsorgerischen Unterbringung sind</span><br/> <span class="ft1">(Art. 380 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">Besteht eine Verletzung von Art. 447 Abs. 2 ZGB darin, dass</span><br/> <span class="ft1">die Anhörung ohne zureichenden Ausnahmegrund durch ein einzel-</span><br/> <span class="ft1">nes Behördenmitglied durchgeführt wurde, so führt dies grundsätz-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">97</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">lich zur Aufhebung des Entscheids (Basler Kommentar, Erwachse-</span><br/> <span class="ft1">nenschutz, a.a.O., Art. 447 N 37).</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">In Erw. 2.2. des angefochtenen Entscheids hält die Vorinstanz in</span><br/> <span class="ft1">diesem Zusammenhang fest, im vorliegenden Fall seien die Voraus-</span><br/> <span class="ft1">setzungen für eine Einzeldelegation gegeben. Mit Hinweis auf eine</span><br/> <span class="ft1">entsprechende Erwägung im Basler Kommentar erklärt die Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz, die Anhörung durch ein einzelnes Mitglied der Erwachse-</span><br/> <span class="ft1">nenschutzbehörde sei im Interesse der Prozessökonomie ausnahms-</span><br/> <span class="ft1">weise zulässig, wenn die betroffene Person infolge Alters oder</span><br/> <span class="ft1">Krankheit in ihrer Wohnung oder an ihrem Aufenthaltsort anzuhören</span><br/> <span class="ft1">sei.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">2.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Im Kanton Aargau hat sich in Absprache der Familiengerichte</span><br/> <span class="ft1">mit den Einrichtungen die Praxis entwickelt, dass die Anhörung in</span><br/> <span class="ft1">aller Regel in der Einrichtung durchgeführt wird. Die Ausführungen</span><br/> <span class="ft1">des Basler Kommentars können deshalb nicht unbesehen übernom-</span><br/> <span class="ft1">men werden, ansonsten die Ausnahme (Anhörung durch ein einzel-</span><br/> <span class="ft1">nes Mitglied der Erwachsenenschutzbehörde) zur Regel würde, was</span><br/> <span class="ft1">dem Sinn und Zweck der bundesrechtlichen Bestimmung klar wider-</span><br/> <span class="ft1">sprechen würde. Vielmehr ist deshalb - auch mit Blick auf die hier-</span><br/> <span class="ft1">vor zitierte Lehre - festzustellen, dass die Anhörung grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">immer durch das Kollegium des Familiengerichts durchzuführen ist.</span><br/> <span class="ft1">2.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer ist bereits einmal durch das Kollegium</span><br/> <span class="ft1">des Familiengerichts Z. (in überwiegend identischer Besetzung) im</span><br/> <span class="ft1">Rehahaus Effingerhort angehört worden. Nachdem sich das Fami-</span><br/> <span class="ft1">liengericht somit bereits in interdisziplinärer Zusammensetzung ein</span><br/> <span class="ft1">Bild der persönlichen und gesundheitlichen Situation des Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführers gemacht hat, konnte hier ausnahmsweise auf eine Anhö-</span><br/> <span class="ft1">rung durch das Kollegium verzichtet werden.</span><br/></div> </div> </body> </html>