<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 42 S.172</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">172</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>42</b></span> <span class="ft1"><b>Ambulante Behandlung (Art. 43 StGB).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Ist nicht einzig deshalb, weil sie nur zusammen mit andern, ausser-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>strafrechtlichen Massnahmen (FFE) wirksam ist, als unzweckmässig</b></span><br/> <span class="ft1"><b>einzustellen (Erw. 2-4/b).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Die Einstellung der ambulanten Behandlung wegen Unzweckmässig-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>keit ist nicht zulässig, bevor effektiv versucht wurde, sie durchzufüh-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>ren (Erw. 4/c).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 20. Juni 2001 in</span><br/> <span class="ft2">Sachen U.W. gegen Verfügung des Departements des Innern.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1. b) Erweist sich die ambulante Behandlung nach Art. 43</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 StGB als unzweckmässig oder für andere gefährlich, so ist sie</span><br/> <span class="ft4">einzustellen; der Richter ordnet die Einweisung in eine Heil- oder</span><br/> <span class="ft4">Pflegeanstalt an, sofern der Geisteszustand des Täters eine ärztliche</span><br/> <span class="ft4">Behandlung oder besondere Pflege erfordert, andernfalls prüft er die</span><br/> <span class="ft4">Anordnung einer anderen zweckmässigeren Massnahme oder den</span><br/> <span class="ft4">Vollzug der Freiheitsstrafe (Art. 43 Ziff. 3 Abs. 2 und 3 StGB). Un-</span><br/> <span class="ft4">zweckmässig ist die ambulante Massnahme namentlich dann, wenn</span><br/> <span class="ft4">sie keinen Erfolg mehr verspricht (Erfolgsaussicht ist Voraussetzung</span><br/> <span class="ft4">für die Anordnung der Massnahme; vgl. BGE 109 IV 75 f.). Dies</span><br/> <span class="ft4">kann sich darin zeigen, dass der Verurteilte weiterhin delinquiert oder</span><br/> <span class="ft4">sich der Behandlung entzieht (BGE 109 IV 11 f.), aber auch wenn</span><br/> <span class="ft4">die ambulante Massnahme in dieser Form nicht (mehr) durchführbar</span><br/> <span class="ft4">ist, weil - namentlich bei mangelnder Kooperationsbereitschaft des</span><br/> <span class="ft4">Verurteilten - keine therapeutische Beziehung zustande kommt (Gün-</span><br/> <span class="ft4">ter Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht, Allgemeiner Teil II:</span><br/> <span class="ft4">Strafen und Massnahmen, Bern 1989, § 11 Rz. 112; Ursula Frau-</span><br/> <span class="ft4">enfelder, Die ambulante Behandlung geistig Abnormer und Süchtiger</span><br/> <span class="ft4">als strafrechtliche Massnahme nach Art. 43 und 44 StGB, Diss. Zü-</span><br/> <span class="ft4">rich 1978, S. 223). Ob eine ambulante Behandlung als unzweckmäs-</span><br/> <span class="ft4">sig einzustellen sei, ist aufgrund der gesamten Umstände zu ent-</span><br/> <span class="ft4">scheiden (BGE 109 IV 11 f.; Stratenwerth, a.a.O., § 11 Rz. 112).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">173</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">2. Die Vorinstanz führt aus, dass die ambulante Massnahme un-</span><br/> <span class="ft4">zweckmässig sei, da die psychische Erkrankung des Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft4">rers eine langfristige dauernde medikamentöse Behandlung erfor-</span><br/> <span class="ft4">dere. Aufgrund der fehlenden Krankheitseinsicht entziehe sich der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer innerhalb von wenigen Monaten seit der Entlas-</span><br/> <span class="ft4">sung aus der psychiatrischen Klinik der Behandlung, was zwangsläu-</span><br/> <span class="ft4">fig zu einer Verschlechterung seines Zustandes, zu Verwahrlosung,</span><br/> <span class="ft4">Selbst- und/oder Fremdgefährdung und zur erneuten Klinikeinwei-</span><br/> <span class="ft4">sung mittels FFE führe. Der Beschwerdeführer macht dagegen gel-</span><br/> <span class="ft4">tend, dass er sich im Grossen und Ganzen an die ärztliche Behand-</span><br/> <span class="ft4">lung gehalten habe und in Krisensituationen mit der FFE ein adä-</span><br/> <span class="ft4">quates Mittel zur Verfügung stehe. Nach der Entlassung aus der</span><br/> <span class="ft4">Klinik habe das Wissen um das Bestehen einer strafrechtlichen</span><br/> <span class="ft4">Massnahme jeweils stark stützend gewirkt. Die ambulante Mass-</span><br/> <span class="ft4">nahme sei daher zweckmässig.</span><br/> <span class="ft4">Die Unzweckmässigkeit der ambulanten Massnahme wird</span><br/> <span class="ft4">durch die Vorinstanz also insbesondere damit begründet, dass eine</span><br/> <span class="ft4">regelmässige Depotmedikation unumgänglich sei, um weitere Straf-</span><br/> <span class="ft4">taten zu verhindern, und dass die medikamentöse Behandlung nur im</span><br/> <span class="ft4">stationären Vollzug sichergestellt werden könne; eine ambulante</span><br/> <span class="ft4">Behandlung oder die Möglichkeit, mittels FFE zu reagieren, wenn</span><br/> <span class="ft4">der Beschwerdeführer die Medikamente absetze, reiche dazu nicht</span><br/> <span class="ft4">aus.</span><br/> <span class="ft4">3. Das Verwaltungsgericht hat 1998 aufgrund der Abklärungen</span><br/> <span class="ft4">und Erfahrungen die folgenden Sachverhaltselemente als nachgewie-</span><br/> <span class="ft4">sen erachtet (AGVE 1998, S. 173 f.):</span><br/> <span class="ft4">- Der Beschwerdeführer leidet an einer chronischen Schizo-</span><br/> <span class="ft4">phrenie.</span><br/> <span class="ft4">- Aus ärztlicher Sicht ist die Dauerbehandlung mit Neurolep-</span><br/> <span class="ft4">tika angezeigt.</span><br/> <span class="ft4">- Während der Behandlung mit Neuroleptika waren der Zu-</span><br/> <span class="ft4">stand und das Verhalten des Beschwerdeführers markant</span><br/> <span class="ft4">weniger auffällig als bei Unterbruch der medikamentösen</span><br/> <span class="ft4">Behandlung.</span><br/> <span class="ft4">- Solange die ärztliche und medikamentöse Behandlung ange-</span><br/> <span class="ft4">ordnet war, hielt sich der Beschwerdeführer jedenfalls in den</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">174</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">letzten Jahren zuverlässig daran. Er versuchte indessen im-</span><br/> <span class="ft4">mer wieder durch entsprechende Begehren, die Anordnung</span><br/> <span class="ft4">der Depotmedikation aufheben zu lassen.</span><br/> <span class="ft4">Hinsichtlich der ersten drei Punkte hat sich seither nichts geän-</span><br/> <span class="ft4">dert, zum vierten ergibt sich Folgendes. (Die Vorinstanz und die be-</span><br/> <span class="ft4">handelnden Ärzte gingen ab 1999 aufgrund eines Missverständnisses</span><br/> <span class="ft4">davon aus, es dürfe keine medikamentöse Behandlung gegen den</span><br/> <span class="ft4">Willen des Beschwerdeführers mehr erfolgen. In der Folge verwei-</span><br/> <span class="ft4">gerte er die Depotmedikation. Dies hatte die Verschlechterung seines</span><br/> <span class="ft4">Zustands zur Folge und führte im Jahre 2000 zweimal zur Klinik-</span><br/> <span class="ft4">einweisung mittels FFE.)</span><br/> <span class="ft4">4. a) Die Delikte, die dem Urteil des Bezirksgerichts B. vom</span><br/> <span class="ft4">25. Februar 1993 zugrunde liegen, datieren von 1990/91. Seither sind</span><br/> <span class="ft4">die Handlungen des Beschwerdeführers vom 4. Juli 1997 die einzi-</span><br/> <span class="ft4">gen erwähnenswerten Delikte mit strafrechtlichen Folgen. Dieser</span><br/> <span class="ft4">Vorfall darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer war damals in begreiflicher Erregung über die</span><br/> <span class="ft4">vorgesehene Einweisung in die PKK, was zwar das Verschulden zu</span><br/> <span class="ft4">mildern mag, nicht aber die objektive Gefährlichkeit, die vorliegend</span><br/> <span class="ft4">im Vordergrund steht. Einzig der Umstand, dass er den Polizeibeam-</span><br/> <span class="ft4">ten tatsächlich nicht verletzte, könnte darauf schliessen lassen, dass</span><br/> <span class="ft4">doch noch eine gewisse Hemmschwelle vorhanden war und er nicht</span><br/> <span class="ft4">mit aller Entschiedenheit zuzustechen versuchte, denn sonst wäre</span><br/> <span class="ft4">dies dem kräftigen Beschwerdeführer in der von den Polizeibeamten</span><br/> <span class="ft4">geschilderten Situation wohl gelungen.</span><br/> <span class="ft4">An weiteren <i>konkreten</i> Hinweisen, dass der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft4">für andere gefährlich sei oder sonstwie namhafte Delikte drohen</span><br/> <span class="ft4">könnten, fehlt es. Die letzten Klinikeinweisungen erfolgten wegen</span><br/> <span class="ft4">massiver Belästigungen der unmittelbaren Umgebung, aber primär</span><br/> <span class="ft4">im eigenen Interesse des Beschwerdeführers, um seinen Zustand</span><br/> <span class="ft4">mittels Medikamenten wieder zu verbessern und ihm so erneut ein</span><br/> <span class="ft4">Leben ausserhalb der Klinik zu ermöglichen. Bei einer erheblichen</span><br/> <span class="ft4">Verschlechterung seines psychischen Zustands kann die Gefahr neuer</span><br/> <span class="ft4">Delikte zwar nicht ausgeschlossen werden; die Akten rechtfertigen</span><br/> <span class="ft4">aber kaum, von regelmässig wiederkehrender Selbst- und/oder</span><br/> <span class="ft4">Fremdgefährdung zu sprechen - abgesehen davon, dass für die Voll-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Straf- und Massnahmenvollzug</span> <span class="page_no">175</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">zugsbehörde nur die Rückfallsgefahr, also nur Fremdgefährdung in</span><br/> <span class="ft4">einem weiten Sinn, massgeblich sein kann.</span><br/> <span class="ft4">b) Eine Beurteilung unter dem Gesichtspunkt der Vermeidung</span><br/> <span class="ft4">neuer Delikte fällt, über die letzten 10 Jahre gesehen, recht gut aus,</span><br/> <span class="ft4">wenn man die psychischen Voraussetzungen, die der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft4">rer nun einmal mitbringt, als gegeben akzeptiert. Von einem Schei-</span><br/> <span class="ft4">tern der ambulanten Behandlung kann jedenfalls keine Rede sein.</span><br/> <span class="ft4">Die Vorinstanz scheint denn auch eher der Meinung zu sein, zum</span><br/> <span class="ft4">Ergebnis habe die strafrechtliche Massnahme zu wenig beigetragen</span><br/> <span class="ft4">und es habe jeweils der FFE bedurft, um Verschlechterungen des</span><br/> <span class="ft4">Zustands, wenn der Beschwerdeführer die Medikamente abgesetzt</span><br/> <span class="ft4">habe, zu begegnen. Indessen ist die FFE das vorgesehene Mittel, um</span><br/> <span class="ft4">psychisch Kranken in ihrem eigenen Interesse zu helfen, wenn weni-</span><br/> <span class="ft4">ger einschneidende Massnahmen keinen Erfolg versprechen (vgl.</span><br/> <span class="ft4">Art. 397 a Abs. 1 ZGB). Nach Ansicht des Verwaltungsgerichts</span><br/> <span class="ft4">entspricht es dem Sinn von Art. 43 StGB, die Zweckmässigkeit (im</span><br/> <span class="ft4">Sinn der Deliktsverhinderung) der strafrechtlich angeordneten am-</span><br/> <span class="ft4">bulanten Behandlung zusammen mit den weiteren, ausserhalb des</span><br/> <span class="ft4">Strafrechts liegenden Behandlungs- und Eingriffsmöglichkeiten zu</span><br/> <span class="ft4">beurteilen. Soweit der Zweck insgesamt erreicht wird, ist auch die</span><br/> <span class="ft4">strafrechtliche Massnahme als Teil des ganzen Konzepts legitimiert.</span><br/> <span class="ft4">Ob es nötig ist, einen Teil des Erfolgs nachweisbar der strafrechtli-</span><br/> <span class="ft4">chen Massnahme zuzuschreiben (und, wenn ja, wie gross dieser Teil</span><br/> <span class="ft4">sein muss), kann im vorliegenden Fall aus den nachfolgend darzu-</span><br/> <span class="ft4">stellenden Gründen offen gelassen werden.</span><br/> <span class="ft4">c) aa) Das Bezirksgericht L. schob den Vollzug der in seinem</span><br/> <span class="ft4">Urteil vom 28. Januar 1999 ausgefällten Freiheitsstrafe gestützt auf</span><br/> <span class="ft4">Art. 43 StGB zugunsten der bereits laufenden Massnahme auf. (...)</span><br/> <span class="ft4">Die Auflage des Bezirksgerichts bezog sich somit auf die regel-</span><br/> <span class="ft4">mässige ärztliche Behandlung <i>einschliesslich der Verabreichung von</i></span><br/> <span class="ft3"><i>Neuroleptika-Depotspritzen</i>. (...) Als das Departement des Innern</span><br/> <span class="ft4">anfangs Februar 2000 den Vollzugsauftrag für das Urteil des Be-</span><br/> <span class="ft4">zirksgerichts erhielt, erkannte es offenbar nicht, dass dieses bei ge-</span><br/> <span class="ft4">nauer Interpretation eine ambulante Massnahme mit Depotmedika-</span><br/> <span class="ft4">tion angeordnet hatte. (Stattdessen ging das Departement des Innern</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">176</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">davon aus, mit der "bereits laufenden Massnahme" sei bloss die Wei-</span><br/> <span class="ft4">sung zu regelmässiger ärztlicher Behandlung gemeint.)</span><br/> <span class="ft4">bb) Eine ambulante Massnahme kann nur dann als unwirksam</span><br/> <span class="ft4">bzw. ungenügend und folglich unzweckmässig bezeichnet werden,</span><br/> <span class="ft4">wenn die Vollzugsbehörde zuvor ernsthaft versucht hat, sie durchzu-</span><br/> <span class="ft4">setzen (vgl. Frauenfelder, a.a.O., S. 223). Darunter ist im konkreten</span><br/> <span class="ft4">Fall etwa zu verstehen, dass dem behandelnden Arzt klare Erläute-</span><br/> <span class="ft4">rungen über den Inhalt der angeordneten Massnahme und über seine</span><br/> <span class="ft4">Behandlungsbefugnisse gegeben werden und dass die Wahl des be-</span><br/> <span class="ft4">handelnden Arztes nicht einfach dem Beschwerdeführer überlassen,</span><br/> <span class="ft4">sondern nur ein Arzt akzeptiert wird, der sich ausdrücklich bereit</span><br/> <span class="ft4">erklärt, der Vollzugsbehörde umgehend zu melden, wenn die Be-</span><br/> <span class="ft4">handlung nicht mehr ordnungsgemäss verläuft. Erst wenn auch der-</span><br/> <span class="ft4">artige Vollzugsbemühungen ohne Erfolg bleiben, kann mit Grund</span><br/> <span class="ft4">argumentiert werden, die ambulante Massnahme sei wirkungs- und</span><br/> <span class="ft4">nutzlos. Dies gilt umso eher, als sich der Beschwerdeführer in aller</span><br/> <span class="ft4">Regel an klar festgesetzte und bekannt gegebene Auflagen hält. Dass</span><br/> <span class="ft4">er jeweils nach einer gewissen Zeit versucht, mit entsprechenden</span><br/> <span class="ft4">Begehren die ihm unangenehmen Auflagen loszuwerden, darf ihm</span><br/> <span class="ft4">nicht vorgeworfen werden, solange er den dafür rechtlich vorgesehe-</span><br/> <span class="ft4">nen Weg einschlägt.</span><br/></div> </div> </body> </html>