B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-691/2020 U r t e i l v o m 1. J u l i 2 0 2 1 Besetzung Richterin Mia Fuchs (Vorsitz), Richter Gérald Bovier, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Gerichtsschreiberin Kathrin Rohrer. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 3. Januar 2020 / N (…). D-691/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im (…) 2015 über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn sowie Österreich und gelangte am 3. März 2016 in die Schweiz, wo er glei- chentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum B._______ um Asyl nach- suchte. A.b Das SEM befragte ihn am 10. März 2016 zu seiner Person, seinem Reiseweg und summarisch zu den Gesuchsgründen (Befragung zur Per- son [BzP]). Am 8. August 2017 wurde er einlässlich zu seinen Asylgründen angehört. A.c Anlässlich der Befragungen machte der Beschwerdeführer zu seiner Identität und seinem persönlichen Hintergrund geltend, er sei afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer Eth nie und in C._______ (Bezirk D._______, Provinz E._______) geboren, wo er – mit Ausnahme eines Jahres, als seine Familie in F._______ gelebt habe – aufgewachsen sei. Im Jahr 2005 habe er Abitur gemacht und anschliessend in der (…) seines Vaters in D._______ gearbeitet. Im Jahr 2011 habe er eine (…) in Kabul begonnen, welche er 2013 erfolgreich abgeschlossen habe. Danach habe er ein Jahr in G._______ und anschliessend knapp ein halbes Jahr in Kabul für das Unternehmen „H._______“ gearbeitet, welches im Auftrag von (…) für das afghanische Militär (…) habe. Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, (…) 2014 sei seine Fa- milie wiederholt seinetwegen von den Taliban bedroht worden. Sie hätten verlangt, dass er seine Stelle aufgebe und sich wenigstens ein Fa milien- mitglied ihnen anschliesse. Infolgedessen sei er von Kabul nach D._______ zurückgekehrt. Er habe daraufhin in der (…) seines Vaters aus- geholfen und in der Nähe seines Heimatdorfes Kinder n heimlich (…) bei- gebracht. Durch Spione hätten die Taliban erfahren, dass er ehrenamtlich unterrichtet habe. Eines nachts hätten sie ihn deshalb bei sich zu Hause aufgesucht und gegen seinen Willen mitgenommen. Unter Gewaltanwen- dung sei er zum (…)-Unterricht, seiner Ausbildung und seinen Tätigkeiten in Kabul befragt worden. Aufgrund seiner (…)-Kenntnisse hätten sie ihn aufgefordert, mit ihnen zusammenzu arbeiten. Durch die Intervention der Dorfältesten sei er nach zwei Tagen wieder freigelassen worden. Etwa ei- nen Monat später sei er nochmal von den Taliban entführt worden. Sie hät- ten ihn wiederum zur Kooperation aufgefordert und während zwei er Tage immer wieder verprügelt. Erst nachdem sich die Dorfältesten abermals für D-691/2020 Seite 3 ihn eingesetzt hätten und sein Vater Geld bezahlt habe, hätten sie ihn lau- fen lassen. Er habe sich daraufhin in ein Spital begeben, wo er seine (…)- und (…) habe behandeln la ssen. Nachdem sein Vater kurze Zeit später mitbekommen habe, dass die Taliban eine erneute Entführung planen wür- den, habe e r seine Ausreise organisiert. Des Weiteren machte der Be- schwerdeführer geltend, sein Onkel (väterlicherseits), welcher für Ahmad Shah Massoud gearbeitet habe und (…) gewesen sei, habe damals seine Macht missbraucht und vier Familienangehörige eines Rivalen getötet. Auf- grund dessen befürchte er (der Beschwerdeführer), dass deren Angehö- rige an ihm und seiner Familie Rache für die Morde ausüben könnten. A.d Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerdefüh- rer zum Beleg seiner Identität und zur Unt ermauerung seiner Vorbringen folgende Beweismittel zu den Akten: - eine Tazkera vom (…) 1998 sowie ein Duplikat einer Tazkera vom (…) 2014 (beide im Original), - Studentenausweise vom (…) 2012 und (…) 2013 (im Original), - eine Wählerkarte (im Original), - einen Personalausweis des Unternehmens „H._______“ gültig bis am (…) 2015 (im Original), - einen Führerausweis (im Original), - (…) Registration Cards Nr. (…) und Nr. (…) (beide im Original) samt Umschlag datierend vom (…) 2006, - ein Abiturzeugnis vom (…) 2007 (im Original), - eine Ehrung der Universität ([…]; im Original), - diverse (…)-Zertifikate und Diplome (im Original und in Kopie), - zwei (…)-Zertifikate (im Original), - ein Bestätigungsschreiben der Dorfältesten (im Original), - einen Umschlag der Beweismitteleingabe mi t Absenderadresse aus Kabul (im Original), - diverse Unterlagen aus (…) (in Kopie). B. Mit Verfügung vom 3. Januar 2020 – eröffnet am 6. Januar 2020 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an.D-691/2020 Seite 4 C. C.a Mit Eingabe vom 21. Januar 2020 zeigte der rubrizierte Rechtsvertre- ter der Vorinstanz unter Vorlage der Anwaltsvollmacht die Ma ndatsüber- nahme für das Asylverfahren des Beschwerdeführers an. Gleichzeitig er- suchte er um vollständige Einsicht in die gesamten Asylakten. C.b Mit Zwischenverfügung vom 30. Januar 2020 stellte das SEM dem Rechtsvertreter eine Kopie des Aktenverzeichnisses zu und gewährte ihm Einsicht in die verfahrenswesentlichen Akten. Gleichzeitig wurde festgehal- ten, in die mit „A“ (überwiegende öffentliche oder private Interessen an der Geheimhaltung), „B“ (interne Akten) und „C“ (Kopien von Akten anderer Behörden) gekennzeichneten Aktenstücke werde keine Einsicht gewährt. D. Mit Eingabe vom 5. Februar 2020 (Datum Poststempel) erhob der Be- schwerdeführer – handelnd durch seinen Rechtsvertreter – beim Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid. Dabei bean- tragte er, es sei ihm Einsicht in die Akten A3/12, A17/1 und A18/1 zu ge- währen (Rechtsbegehren 1), eventualiter sei das rechtliche Gehör zu die- sen Akten zu gewähren (Rechtsbegehren 2) und nach Gewährung der Ak- teneinsicht und eventualiter des rechtlichen Gehörs sei eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen (Rechtsbe- gehren 3). Ferner ersuchte er um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfü- gung und Rückweisung der Sache an das SEM zur vollständigen und rich- tigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts (Rechtsbegehren 4), eventualiter sei er als Flüchtling anzuerkennen (Rechtsbegehren 5). Eventualiter sei die Unzulässigkeit oder die Unzumut- barkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und er vorläufig aufzuneh- men (Rechtsbegehren 6 und 7). In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten (Rechts- begehren 8) und er sei von der Bezahlung der Verfahrenskosten zu be- freien (Rechtsbegehren 9). Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung, eine Für- sorgebestätigung der Stadt I._______ vom 21. Januar 2020, sowie eine Fotokopie einer undatierten fremdsprachigen Bestätigung eines afghani- schen Zi vilstandsamtes zum Ausstellungsdatum der Tazke ra des Be- schwerdeführers samt deutscher Übersetzung und einer Bemerkung der Übersetzerin vom 24. Januar 2020 bei. D-691/2020 Seite 5 E. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 6. Feb- ruar 2020 den Eingang der Beschwerde. F. Die Instruktionsrichterin stellte mit Verfügung vom 5. März 2020 fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab- warten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung unter Vorbehalt einer allfälligen nachträglichen Veränderung seiner finanziellen Verhältnisse gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses. Des Weiteren hiess sie das Akteneinsichtsgesuch teil- weise gut und wies infolgedessen das SEM an, dem Beschwerdeführer im Sinne der Erwägungen Einsicht in die Akte A3/12 zu gewähren. Ferner wurde das Gesuch um Fristansetzung zur Einreichung einer Beschwerde- ergänzung abgewiesen. Gleichzeitig wurde der Vorinstanz Gelegenheit ge- geben, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen. G. Das SEM liess sich innert Frist mit Eingabe vom 20. März 2020 zur Be- schwerde vernehmen, wobei es dem Beschwerdeführer den wesentlichen Inhalt des Aktenstücks A3/12 mitteilte. H. Mit Eingabe vom 7. Juli 2020 liess der Beschwerdeführer eine Kopie eines Drohbriefes der Taliban vom (…) 2020 in Paschtu mitsamt deutscher Über- setzung als Beweismittel zu den Akten reichen. I. Mit Instruktionsverfügung vom 16. März 2021 wurde die Vorinstanz einge- laden, eine zweite Vernehmlassung einzureichen. J. Das SEM reichte am 23. März 2021 beim Bundesverwaltungsgericht eine zweite Stellungnahme ein. K. Mit Zwischenverfügung vom 30. März 2021 wurde der Beschwerdeführer eingeladen, eine Replik einzureichen. L. Mit Eingabe vom 30. April 2020 (recte: 30. April 2021) replizierte der Beschwerdeführer. D-691/2020 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül- tig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs- weise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel- che vorab zu prüfen sind, da sie unter Umständen geeignet sein könnten, D-691/2020 Seite 7 eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2). 3.2 3.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3 und BVGE 2009/35 E. 6.4.1, je m.w.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforder- lich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 3.2.2 Aus dem Akteneinsichtsrecht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs folgt, dass grundsätzlich sämtliche beweiserheblichen Akten den Beteilig- ten offenzulegen sind, sofern in der sie unmittelbar betreffenden Verfügung darauf abgestellt wird (BGE 132 V 387 E. 3.1 f.). Die Wahrnehmung des Akteneinsichts- und Beweisführungsrechts durch die von einer Verfügung betroffene Person setzt die Einhaltung der Aktenführungspflicht der Ver- waltung voraus, gemäss welcher die Behörden alles in den Akten festzu- halten haben, was zur Sache gehört und für den Entscheid wesentlich sein kann (BGE 130 II 473 E. 4.1 m.w.H.). Der Anspruch auf Akteneinsicht setzt sodann eine geordnete, übersichtli- che und vollständige Aktenführung (Ablage, Paginierung und Registrierung der vollständigen Akten im Aktenverzeichnis) voraus (vgl. BVGE 2012/24 E. 3.2 und 2011/37 E. 5.4.1, je m.H.). 3.2.3 Des Weiteren gilt im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsver- fahren auch – der Untersuchungsgrundsa tz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Danach muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklären. Sie ist verantwortlich für di e Beschaffung der für den Entscheid notwendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsre- levanter Tatsachen (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 142; KRAUSKOPF/ EMMENEGGER/BABEY, i n: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskom- mentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Rz. 20 ff. zu Art. 12 VwVG). D-691/2020 Seite 8 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflic ht bildet einen Beschwer degrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG, Art. 49 Bst. b VwVG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfü- gung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachver- halt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berück- sichtigt hat (vgl. dazu AUER/BINDER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16). 3.3 3.3.1 Der Beschwerdeführer rügt auf Beschwerdeebene , die Vorinstanz habe das Akteneinsichtsrecht und somit auch den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, da sie ihm die Aktenstücke A3/12, A17/1 und A18/1 nicht zur Einsicht zugestellt habe. Zudem habe sie die Pflicht zur vollständigen und richtigen Aktenführung schwerwiegend verletzt, indem sie die entspre- chenden Beweismittel mangelhaft bezeichnet habe. Wie aus der Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsge richts vom 5. März 2020 hervorgeht, hat die Vorinstanz die Aktenstücke A17/1 und A18/1 zu Recht von der Akteneinsicht ausgenommen und in dieser Hinsicht weder den Anspruch auf Akteneinsicht noch auf rechtliches Gehör verletzt. Auf die entsprechende Begründung sei hier verwiesen. Bezüglich des Ak- tenstücks A3/12 („Rapport der Grenzwacht J._______“) ist festzuhalten, dass für die Durchführung der Akteneinsicht die verfügende Behörde (vor- liegend: das SEM) zuständig ist, und dies grundsätzlich auch bezüglich Ak- ten anderer Stellen gilt, die sie in ihr Aktenverzeichnis aufnimmt (vgl. hierzu BGE 129 I 249 E. 4.2). Infolgedessen wurde die Vorinstanz mit der ge- nannten Verfügung aufgefordert, unter Berücksichtigung allfälliger Ge- heimhaltungsinteressen im Sinne von Art. 27 VwVG ergänzend Aktenein- sicht zu gewähren. Dieser Aufforderung kam sie in ihrer Vernehmlassung nach, indem sie dem Beschwerdeführer unter Beachtung von Geheimhal- tungsinteressen den wesentlichen Inhalt offenlegte (vgl. Sachverhalt oben, Bst. G). Sodann gewährte das Gericht dem Beschwerdeführer eine Frist zur Replik nach erfolgter Akteneinsicht. Die aus der unvollständig gewähr- ten Einsicht entstandene Verletzung des rechtlichen Gehörs ist damit als geheilt zu erachten. Beim vorliegenden Aktenstück A3/18 handelt es sich indes unabhängig von der Klassifizierung um eine für den Ausgang des Asylverfahrens unwesentliche Akte (Anhaltung des Beschwerdeführers im Grenzbahnhof K._______ am (…) 2016 und Übergabe an die Polizei), auf D-691/2020 Seite 9 die sich die Vorinstanz bei der Entscheidfindung nicht zulasten des Be- schwerdeführers abstützte. Inwiefern die erfolgte Heilung auf Beschwerde- ebene vorliegend relevant für den Kostenentscheid ist, ist im Kostenpunkt zu beurteilen. 3.3.2 Weiter monierte der Beschwerdeführer, das SEM habe nicht erwähnt, dass die Privatfirma, für welche er in Zusammenarbeit mit den (…) gear- beitet habe, (…) für das afghanische Militär (…) habe. Es sei offensichtlich, dass diese Tätigkeit ein zentrales Vorbringen darstelle, welches zwingend hätte berücksichtigt werden müssen. In der Vernehmlassung vom 20. März 2020 führte die Vorinstanz hierzu aus, es sei zutreffend, dass die Zusammenarbeit mit dem afghanischen Militär nicht ausdrücklich erwähnt worden sei. Der Grund dafür liege jedoch darin, dass der Beschwerdefüh- rer zu Protokoll gegeben habe, die Privatfirma habe die Aufträge von den (…) erhalten, welche diese auch beaufsichtigt hätten. Ausserdem se ien seine beruflichen Tätigkeiten nicht generell bezweifelt worden, sondern le- diglich die angebliche Verfolgung durch die Taliban deswegen. Dem hielt der Beschwerdeführer in der Replik entgegen, das Dazwischen schalten der (…) vermöge nichts daran zu ändern , dass er deshalb als Feind der Taliban betrachtet worden sei. Vielmehr stelle die Zwischenstufe der (…) eine zusätzliche Verschlimmerung dar, zumal diese sich eindeutig zur Un- terstützung der afghanischen Behörden gegen die Taliban im Land befin- den würden. In der angefochtenen Verfügung zog die Vorinstanz die geltend gemachten beruflichen Tätigkeiten tatsächlich nicht generell in Zweifel (vgl. dort E. II, Ziff. 3). Sodann hat sie nachvollziehbar und hinreichend differenziert auf- gezeigt, von welchen Überlegungen sie sich leiten liess und sich auch mit sämtlichen zentralen Vorbringen des Beschwerdeführers und den einge- reichten Beweismitteln auseinandergesetzt. Dabei musste sich das SEM nicht ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem recht- lichen Einwand auseinandersetzen, sondern durfte sich auf die wesentli- chen Gesichtspunkte beschränken. Der blosse Umstand, dass der Be- schwerdeführer die Schlussfolgerungen des SEM nicht teilt, beschlägt die Frage der rechtlichen Würdigung, nicht jene des rech tlichen Gehörs oder der Abklärungs- und Begründungspflicht. Überdies zeigt die ausführliche Beschwerdeeingabe deutlich auf, dass eine sachgerechte Anfechtung ohne weiteres möglich war. Daher erweist sich auch sein Einwand als un- begründet. D-691/2020 Seite 10 3.3.3 Alsdann geht die Rüge fehlt, das SEM habe den Anspruch auf recht- liches Gehör verletzt, indem es die eingereichten Beweismittel nicht gewür- digt habe. Der Beschwerdeführer verwechselt diesbezüglich eine Verlet- zung des rechtlichen Gehörs mit der von der Vorinstanz vorgenommenen Beweiswürdigung. Eine diesbezügliche Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt jedenfalls nicht vor: Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfü- gung sämtliche im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Beweismittel im Sachverhalt aufgenommen (vgl. dort E. I, Ziff. 3 und 4), und diese an- schliessend entsprechend ihrer Rechtserheblichkeit gewürdigt (vgl. dort E. II, Ziff. 1, 3 und 4). Mit Blick auf die Tatsache, dass das SEM die Verfol- gung durch die Taliban bereits aufgrund der bestehenden Aktenlage als unglaubhaft beurteilte, durfte es zudem in seiner Vernehmlassung vom 23. März 2021 in antizipierter Beweiswürdigung (vgl. dazu BVGE 2008/24 E. 7.2, m.w.H.) darauf verzichten, den mit Eingabe vom 7. Juli 2020 nach- gereichten Drohbrief der Taliban ausführlich inhaltlich zu würdigen. 3.3.4 Ferner wird in der Beschwerde vorgebracht, die Vorinstanz habe be- züglich des Beweismittels 11, bei welchem es sich um eine konkrete Be- stätigung der gezielt gegen den Beschwerdeführer gerichteten Verfolgung handle, in aktenwidriger Weise behauptet, dabei handle es sich um Unter- lagen im Zusammenhang mit seiner Aus bildung. Überdies habe sie das Dokument nicht vollständig übersetz en lassen, womit sie auch die Abklä- rungspflicht verletzt habe. Dagegen wendete das SEM in der Vernehmlas- sung vom 20. März 2020 ein, dass nicht ersichtlich sei, wie der Beschwer- deführer zum Schluss gelangt sei, die Übersetzung sei übersehen und das Beweismittel 11 nicht gewürdigt worden, zumal dieses sowohl im Sachver- halt aufgeführt als auch in den Erwägungen erwähnt und beurteilt worden sei. Replizierend machte der Beschwerdeführer geltend, die Ausführungen unter der Frage 186 in der Anhörung würden höchstens eine summarische Zusammenfassung darstellen. Ausserdem fehle weiterhin eine inhaltliche Würdigung dieses Dokuments, denn die Behauptung in der angefochtenen Verfügung, das Schreiben vermöge an dieser Einschätzung nichts zu än- dern, stelle keine inhaltliche Würdigung dar. Wie die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung vom 20. März 2020 zu Recht festhielt, wurde das Schreiben der Dorfältesten sowohl im Sachverhalt auf- geführt (vgl. dort. E. I, Ziff. 3), als auch in den Erwägungen der angefoch- tenen Verfügung erwähnt und beurteilt (vgl. dort E. II, Ziff. 3). Der Umstand, dass sie diesem Beweismittel eine andere Bedeutung beimisst als der Be- schwerdeführer, stellt keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Anläss- lich der Anhörung äusserte sich der Beschwerdeführer sodann zum Inhalt D-691/2020 Seite 11 der Beweismittel (vgl. SEM-Akte A19, F55 ff.), insbesondere zum Bestäti- gungsschreiben der Dorfältesten (vgl. SEM-Akte A19, F79). Der Dolmet- scher hat das Schreiben zudem anl ässlich der Anhörung übersetzt (vgl. SEM-Akte A19, F186). Für die Vorinstanz bestand bei dieser Sach- lage keine Veranlassung, das Beweismittel weit er übersetzen zu lassen beziehungsweise dem Beschwerdeführer hierfür Frist anzusetzen. Anzu- merken bleibt, dass der Beschwerdeführer im Rahmen seiner Mitwirkungs- pflicht eine Übersetzung dieses Schreibens von sich aus hätte einreichen können; dies hat er jedoch auch auf Beschwerdeebene nicht getan. 3.3.5 Der Beschwerdeführer bringt des Weiteren vor, das SEM habe die Abklärungspflicht, den Anspruch auf Akteneinsicht sowie das rechtliche Gehör schwerwiegend verletzt, indem es ihm die Einsicht in die von seinen Eltern an das SEM geschickten Unterlagen während des laufenden Ver- fahrens verweigert habe, obwohl er ausdrücklich da rum ersucht habe. Überdies sei frappant, dass nicht ersichtlich sei, wann, wer, wo und wie die entsprechenden Beweismittel eingereicht habe. Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 15. Juli 2016 unter Berufung auf Art. 27 Abs. 1 Bst. c VwVG mit, solange die Untersuchung zu seinen Asylvorbringen nicht abgeschlossen sei, könne die beantragte Aktenein- sicht nicht gewährt werden (vgl. SEM-Akte A11). Das Schreiben wurde als erst mit dem Endentscheid anfechtbare Zwischenverfügung bezeichnet (Art. 107 Abs. 1 AsylG). Mit der Gewährung der Akteneinsicht am 30. Ja- nuar 2020 erhielt der Beschwerdeführer Einsicht in die ersuchten Unterla- gen. Der Vollständigkeit halber ist in diesem Zusammenhang sodann fest- zuhalten, dass die Vorinstanz die im erstinstanzlichen Verfahren ein ge- reichten Beweismittel in der Akte A14 (Beweismittelcouvert) abgelegt und die eingereichten Dokumente auf dem Beweismitt elumschlag numerisch aufgeführt sowie mit dem Datum der Einreichung (10. März 2016, 16. März 2016 und 8. August 2017) und den entsprechenden Angaben des Be- schwerdeführers bei der Anhörung zum wesentlichen Inhalt (Personalaus- weis, Wählerkarte, Studentenausweis, etc.) versehen hat. 3.3.6 Alsdann wurde auf Beschwerdeebene eingewendet, das SEM habe seine Abklärungspflicht auch dadurch verletzt, indem es das Asylverfahren jahrelang „untätig verschleppt“ habe. So sei die Anhörung erst eineinhalb Jahre nach Einreichung des Asylgesuchs durchgeführt worden. Dabei handle es sich um eine schwerwiegende Verschleppung des Verfahrens, welche auch gegen die Grundsätze von Treu und Glauben und eines fairen D-691/2020 Seite 12 Verfahrens verstosse. Weiter habe dies zur Folge, dass das SEM die aktu- elle Situation in Afghanistan, insbesondere in Kabul, hätte berücksichtigen müssen. Diesbezüglich merkt e das SEM in seiner Vernehmlassung vom 20. März 2020 an, die Dauer des vorliegenden Asylverfahrens sei auf die hohe Geschäftslast und die sich daraus ergebende interne Prioritätenord- nung zurückzuführen. Auch wenn der erstinstanzliche E ntscheid vom Ja- nuar 2020 datiere, sei zu berücksichtigen, dass die BzP und die Anhörung bereits in den Jahren 2016 und 2017 durchgeführt worden seien und somit zeitlich nicht unüblich lange auseinanderliegen würden. Entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Ansicht könne daher der Zeitablauf zwi- schen der Anhörung und des Asylentscheids nicht für die Erklärung allfälli- ger Ungereimtheiten im Rahmen der Glaubhaftigkeitsprüfung herangezo- gen werden. In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer im Wesentlichen an seinen Vorbringen fest. Zwar wäre es durchaus wünschenswert, wenn die Anhörung möglichst bald nach der Einreichung des Asylgesuchs stattfindet und auch der Asyl- entscheid zeitnah erfolgt. Gemäss konstanter Rechtsprechung ist daraus jedoch nicht auf eine Verletzung des rechtlichen Gehörs zu schliessen, zu- mal es sich dabei nicht um eine justiziable Verfahrenspflicht handelt (vgl. Urteil des BVGer E-1277/2018 vom 3. April 2018 E. 4.3). Es besteht keine zwingende, mit Rechtsfolgen versehene gesetzliche Verpflichtung des SEM, die Anhörung innerhalb eines gewissen Zeitraums nach der BzP respektive nach Einreichung eines Asylgesuchs durchzuführen. Jedoch ist ein zwischen der BzP und der Anhörung verstrichener längerer Zeitraum bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen angemessen zu be- rücksichtigen. Inwiefern sich der zeitliche Abstand zwischen der Einrei- chung des Asylgesuchs und der Anhörung zu Ungunsten des Beschwer- deführers ausgewirkt haben könnte, wird in der Beschwerde indes nicht weiter ausgeführt. Im Übrigen wäre es dem B eschwerdeführer unbenom- men gewesen, im Verlauf des erstinstanzlichen Verfahrens die Vorinstanz um beförderliche Behandlung seines Asylgesuchs zu ersuchen, was er je- doch unterlassen hat. Der Vorwurf, das SEM habe mit seinem Vorgehen die Abklärungspflicht verletzt, ist somit unbegründet. Sodann ist in der Ar- gumentation der Vorinstanz, wonach die Ausführungen des Beschwerde- führers nicht glaubhaft und nicht substantiiert seien, kein Verstoss gegen die Grundsätze von Treu und Glauben sowie eines fairen Verfahrens zu erblicken. Ob diese Argumentation zutrifft, wird ohnehin Gegenstand der nachfolgenden materiellen Prüfung der geltend gemachten Asylgründe sein. Inwiefern die Dauer des Verfahrens zu einer Verletzung der Abklä- rungspflicht in Bezug auf die Situation in Afghanistan geführt haben könnte, D-691/2020 Seite 13 ist nicht ersichtlich. Im Übrigen wird in d er Beschwerde auch in diesem Punkt die sich aus dem Untersuchungsgrundsatz ergebende Frage der Feststellung es rechtserheblichen Sachverhalts mit jener der rechtlichen Würdigung der Sache vermengt. 3.3.7 Ferner wird in der Beschwerde eine Verletzung des Grundsatzes auf ein faires Verfahren und der Abklärungspflicht gerügt, da die Anhörung mit acht Stunden und 50 Minuten zu lange gedauert habe. Es sei offensicht- lich, dass es unter diesen Umständen nicht möglich sei, von einem fairen Verfahren zu sprechen. Ausserde m habe es zwischen 16:00 Uhr bis 19:00 Uhr keine Pause mehr gegeben, obwohl während diesen drei Stun- den insbesondere die Rückübersetzung durchgeführt worden sei. Aufgrund des grossen Zeitdrucks sei die Rückübersetzung denn auch nur noch schnell und abgekürzt vorgenommen worden, so dass es dem Beschwer- deführer nicht mehr möglich gewesen sei, sich ausreichend zu konzentrie- ren. Das SEM hätte zwingend eine weitere Anhörung durchführen müssen. Dagegen wendete die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung vom 20. März 2020 ein, dass mehrere Pausen gemacht worden seien und dem Anhö- rungsprotokoll weder implizite Hinweise noch explizite Bemerkungen dafür zu entnehmen seien, dass die Konzentration des Beschwerdefüh rers be- einträchtigt gewesen sei. Zudem messe sich die Substanz der Asylvorbrin- gen weder an der Länge der Anhörung noch am Umfang der Ausführun- gen, sondern an der en Inhalt. In der Replik wurde dagegengehalten, es gehe nicht an, eine überlange Anhörung durchzuführen und lediglich zu prüfen, ob sich aus den Akten Hinweise auf Konzentrationsschwierigkeiten ergeben würden. Vielmehr gehe das Bundesverwaltungsgericht praxisge- mäss von einer maximalen Anhörungsdauer von vier Stunden aus. Zudem liege es in der Natur der Sache, dass Konzentrationsschwierigkeiten ins- besondere bei der Rückübersetzung unprotokolliert bleiben würden. Es sei offensichtlich, dass die Anhörung abgebrochen und an einem anderen Tag hätte weitergeführt werden müss en. Hinsichtlich der Argumentation des SEM, wonach sich die Substanz weder nach der Länge noch dem Umfang der Anhörung bemesse, sondern nach dem Inhalt, handle es sich um eine simple Leerformel und Parteibehauptung, womit nicht nachvollziehbar sei, was damit gemeint sei. Aufgrund der langen Anhörungsdauer sei das SEM schlicht nicht mehr in der Lag e gewesen, den Sachverhalt vollständig ab- zuklären, und habe es in zahlreichen Punkten unterlassen, nachzufragen. Die Dauer der Anhörung erscheint mit acht Stunden und 50 Minuten auf den ersten Blick zwar lang. Sie wurde aber durch drei Pausen von 10 be-D-691/2020 Seite 14 ziehungsweise 20 Minuten und einer Mittagspause von 60 Minuten unter- brochen. Zudem beinhaltete die Anhörung auch die Rückübersetzung des Protokolls. Unter diesen Umständen erscheint die Anhörungsdauer nicht unzumutbar. Im Übrigen ist festzuhalten, dass seitens des Beschwerdefüh- rers kein dahingehender Rechtsanspruch besteht, dass die Anhörung, wie in einer internen Weisung des SEM vorgesehen, nicht länger als vier Stun- den dauern sollte und abgebrochen werden müsse, wenn sich abzeichne, dass ein höherer Zeitbeda rf bestehe (vgl. Urteil des BVGer E -882/2018 vom 15. August 2018 E. 3.4.8). In erster Linie ist massgebend, ob die an- gehörte Person in der Lage ist, der Anhörung zu folgen, was nicht vordring- lich anhand von starren zeitlichen Kriterien, sondern im Rahmen e iner in- dividuellen Einschätzung ihrer Befindlichkeit zu beurteilen ist (vgl. Urteil des BVGer D-4217/2018 vom 6. August 2019 E. 3.4.3). Aus dem Anhö- rungsprotokoll sind keine Anhaltspunkte erkennbar, die darauf hindeuten, dass aufgrund der Anhörungsdauer die Konzentration des Beschwerdefüh- rers vermindert gewesen wäre. Aus dem Unterschriftenblatt der Hilfswerks- vertretung ergeben sich ebenfalls keine Hinweise auf kognitive Beeinträch- tigungen oder den Inhalt beeinträchtigende Ermüdungserscheinungen. Auch wenn vor der Rückübersetzung keine Pause stattgefunden hat, sind keine Übersetzungsprobleme festzustellen. Sowohl zu Beginn als auch am Ende der Anhörung erklärte der Beschwerdeführer, dass er den Dolmet- scher verstehe (vgl. SEM-Akte A19, F1 und S. 29). Im Anschl uss an die Rückübersetzung bestätigte er sodann mit seiner Unterschrift die Korrekt- heit und Vollständigkeit des Protokolls (vgl. SEM-Akte A19, S. 29). Insge- samt erscheint d ie Anhörung zwar lang , angesichts der genannten Um- stände steht ihre Verwertbarkeit a ber nicht in Frage und das SEM durfte somit auf die protokollierten Aussagen abstellen. Es ist nicht ersichtlich, dass der Grundsatz des fairen Verfahrens oder die Abklärungspflicht ver- letzt worden wären. Dementsprechend ist auch die Notwendigkeit weiterer Abklärungen oder einer zusätzlichen Anhörung zu verneinen. Mit Blick auf die Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers hätte die Vorinstanz entge- gen der in der Replik vertretenen Ansicht auch zu verschiedensten The- menbereichen nicht weiter nachfragen müssen, zumal sie ihm während der Anhörung genügend Gelegenheiten gab , sich zu äussern. So erhielt er nach den einleitenden Fragen die Möglichkeit, zunächst in freier Erzähl- form und dann entlang von diversen vertiefenden Nachfragen seine Aus- reisegründe darzulegen. Sodann wurde er gegen Schluss der Anhörung gefragt, ob es noch etwas gebe, was er bislang noch nicht gesagt habe, was er verneinte (vgl. SEM-Akte A19, F206). Daraufhin teilte ihm der Be- frager mit, dass aus der Sicht des SEM alle Fakten gesammelt worden D-691/2020 Seite 15 seien, um sein Asylgesuch zu beurteilen (vgl. SEM-Akte A19, S. 28). An- schliessend wurde er gefragt, ob es Gründe gebe, die gegen eine Rück- kehr in seine Heimat sprechen würden, was er ver neinte (vgl. SEM- Akte A19, F207). Die Rüge der unvollständigen Feststellung des rechtser- heblichen Sachverhaltes erweist sich ebenfalls als unbegründet. 3.3.8 Der Beschwerdeführer moniert weiter, dass sein Asylgesuch zu- nächst als Dublin-Fall behandelt worden sei. Im Rahmen von Dublin-Fällen würden normalerweise keine Angaben zu de n Asylgründen erhoben. Ge- mäss Belehrung der Vorinstanz hätte sie ihn demnach nicht summarisch nach den Asylgründen fragen dürfen, da es lediglich um die Frage der Zu- ständigkeit gegangen sei. Aus der angefochtenen Verfügung gehe hervor, dass das zentrale Argument des SEM darin bestehe, dass er seine Asyl- vorbringen in der BzP nicht vollständig geschildert und bei der Anhörung entscheidrelevante Nachschübe gemacht habe. Es sei damit offensichtlich willkürlich und verstosse gegen die Grundsätze von Treu und Glauben so- wie eines fairen Verfahrens, einerseits im Dublin -Verfahren ausdrücklich die Asylgründe nicht vollständig abzuklären und andererseits genau diesen Mangel im Vorgehen des SEM dem Beschwerdeführer vorzuwerfen. Diese Rüge ist schon deshalb nicht stichhaltig, weil dem Beschwerdeführer in der BzP zu keinem Zeitpunkt mitgeteilt wurde, die BzP werde nur durch- geführt, um die Dublin -Zuständigkeiten festzustellen; im Gegenteil wurde ihm anlässlich der Begrüssung gesagt, dass allenfalls auch die Asylgründe summarisch erfragt würden (vgl. SEM-Akte A4, S. 1). Im Übrigen kann es einem Asylsuchenden nicht zum Nachteil gereichen, dass er mehrere Male zu seinen Asylgründen befragt wird. Vielmehr erhält er hierdurch zusätzli- che Gelegenheiten, die Gründe für die von ihm behauptete Verfolgung dar- zutun (ein Anspruch auf Durchführung einer BzP besteht im Übrigen nicht; vgl. Urteil D-3607/2016 vom 4. August 2017 E. 6.2.4). 3.3.9 Schliesslich gehen sowohl die weiteren Rügen betreffend eine Ver- letzung des Grundsatzes von Treu und Glauben als auch des Willkürver- bots fehl. Beim Grundsatz von Treu und Glauben geht es einerseits um die Frage, wie weit sich Private auf eine im Widerspruch zum geltenden Recht stehende behördliche Auskunft ver lassen können. Andererseits verbietet es dieser Grundsatz, dass die Behörden einen einmal in einer Sache ein- genommenen Standpunkt ohne sachlichen Grund wechseln (vgl. BGE 138 I 49 E. 8.3.1; TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER, Allgemeines Verwal- tungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 22 Rz. 1 ff. und 21 f.). Das vorliegend gerügte Verhalten des SEM liegt offensichtlich nicht im Anwendungsbereich dieses D-691/2020 Seite 16 Grundsatzes. Sodann liegt Willkür nicht schon dann vor, wenn eine andere Lösung in Betracht zu ziehen oder sogar vorzuziehen wäre, sondern nur, wenn ein Entscheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der tatsächlichen Situ- ation in klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen unumstrittenen Rechtsgrundsatz klar verletzt oder in stossender Weise dem Gerechtig- keitsgedanken zuwiderläuf t (vgl. BGE 133 I 149 E. 3.1, m.w.H.; MÜL- LER/SCHEFER, Grundrechte in der Schweiz, 4. Aufl. 2008, S. 11). Diesbe- züglich wird jedoch weder näher ausgeführt noch ist ersichtlich, dass und inwiefern die Erwägungen des SEM darunter zu subsumieren sind. Die Rü- gen, wonach die Vorinstanz das Gebot von Treu und Glauben sowie das Willkürverbot verletzt habe, sind daher ebenfalls als unbegründet zu quali- fizieren. 3.4 Nach dem Gesagten erweisen sich die zahlreich erhobenen Rügen der Verletzung des formellen Rechts als unbegründet. Das Begehren des Be- schwerdeführers, die angefochtene Verfügung aufzuheben und zur Sach- verhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Rechtsbegehren 4 der Beschwerde), ist demzufolge abzuweisen. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungs- gericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Da- rauf kann hier verwiesen werden (vgl. beispielsweise BVGE 2015/3 D-691/2020 Seite 17 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.2 und 2.3, jeweils m.w.H.). 5. 5.1 Die Vorinstanz kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Voraussetzungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten. Im Einzelnen hielt sie fest, die Vorbringen im Zusammenhang mit den Dro- hungen und den Entführungen durch die Taliban seien überwiegend ober- flächlich und vage ausgefallen. Insbesondere gehe daraus nicht hervor, weshalb es die Taliban überhaupt auf den Beschwerdeführer abgesehen hätten. So vermöge er nicht plausibel aufzuzeigen, weshalb seine Anstel- lung in Kabul, bei welcher er während eines Jahres mit dem afghanischen Militär zusammengearbeitet habe, unbemerkt gebliebe n sei, während die Anstellung in L._______, bei welcher er in der (…) einer (…) tätig gewesen sei, nach wenigen Monaten bekannt gewesen sei. Als Erklärung habe er angeführt, er nehme an, dass seine Feinde aus dem Dorf ihn bei den Tali- ban verraten hätten. Dabei habe er jedoch offengelassen, wie diese von seiner Stelle in Kabul hätten erfahren sollen. Auch die Ausführungen dazu, wie die Taliban von seiner Tätigkeit als (…) erfahren haben sollen, seien unsubstantiiert ausgefallen. Einerseits habe er vermutet, dass Spione ihn verraten hätten und andererseits erklärte er, die Taliban hätte n erst ein Jahr, nachdem er die (…)-Tätigkeit aufgenommen habe, reagiert, weil sie genug Zeugen und Beweise hierfür hätten finden müssen. Des Weiteren habe er geltend gemacht, die Arbeit als (…) sei nicht der Hauptgrund für seine Probleme mit den Taliban gewesen, sondern weil er mit den Behör- den und ausländischen Einheiten zusammengearbeitet habe. Im Zeitpunkt der Behelligungen habe er seine Tätigkeit in Kabul jedoch längst aufgege- ben gehabt. Ausserdem habe er geltend gemacht, die Taliban hätten von jeder Familie mindestens ein Mitglied für ihren Kampf rekrutieren wollen. Insgesamt sei der Beschwerdeführer nicht in der Lage gewesen, schlüssig aufzuzeigen, weshalb die Taliban ein besonderes Interesse an seiner Per- son haben soll ten. Darüber hin aus handle es si ch bezüglich der geltend gemachten Behelligungen durch die Taliban trotz ihres Umfangs um stere- otype Erzählungen, die blosse Handlungsabläufe ohne persönlichen Be- zug oder Emotionen wiedergeben würden. Ferner würden seine Schilde- rungen mehrere Elemente aufw eisen, welche nicht überzeugen würden. Obwohl er angegeben habe, die (…) nie begonnen zu haben, wenn er ge- ahnt hätte, w elche Probleme er erhalten würde , willigte er offenbar doch D-691/2020 Seite 18 ein, die Kin der inoffiziell und heimlich zu unterrichten , was gerade impli- ziere, dass es zu Problemen kommen könne. Weiter habe er keine valide Begründung dafür angeben können, weshalb er sich zu keinem Zeitpunkt an die Sicherheitsbehörden gewendet und die Entführungen beziehungs- weise Misshandlungen angezeigt habe. Im Übrigen sei e s nicht einleuch- tend, dass sein Vater erst einen Taliban-Aushorcher engagiert haben soll, nachdem er schon das zweite Mal entführt und misshandelt worden sei, obwohl er und seine Familie bereits viel früher bedroht worden sein sollen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sein Vater die Sachen jeweils mit Geld habe lösen können, als er noch mit dem Militär gearbeitet habe, was nach seiner Rückkehr ins Dorf nicht mehr mögl ich gewesen sein soll, er- scheine dies nicht nachvollziehbar. Es bereite ihm zudem offe nsichtlich Mühe, die geltend gemachten Vorfälle zeitlich zu verorten, was unter Be- rücksichtigung seines Bildungsstandes und seiner beruflichen Tätigkeit in einer (…) erstaune. Anstatt zur Klärung beizutragen, hätten seine zeitlichen Angaben nur weitere Fragen aufgeworfen. So habe er vorgebracht, er habe das Duplikat seiner Tazkera am (…) 2014 ausstellen lassen, weil er das Original in Ungarn verloren habe. Dagegen würden die weiteren einge- reichten Unterlagen allerdings belegen, dass er im Jahr 2015 und nicht be- reits im Jahr 2014 in Ungarn gewesen sei. Alsdann habe er die zwei Ent- führungen durch die Taliban erst anlässlich der Anhörung vorgebracht, was seltsam anmute. Auch unter Berücksichtigung des summarischen Charak- ters der BzP vermöge die in der Anhörung abgegebene Erklärung, wonach er angehalten worden sei, sich kurz zu fassen, nicht restlos zu überzeugen, insbesondere da er ausdrücklich nach dem Ablauf im Zusammenhang mit der geltend gemachten Prügelei gefragt worden sei. Demgegenüber wür- den die geltend gemachten beruflichen Tätigkeiten an sich nicht generell in Zweifel gezogen. Nach einer Gesamt abwägung sei aber jedenfalls da- von auszugehen, dass sich die Ereignisse mit überwiegender Wahrschein- lichkeit nicht so zugetragen haben, wie sie vom Beschwerdeführer geltend gemacht worden seien. An dieser Einschätzung ändere auch das einge- reichte Bestätigungsschreiben der Dorfältesten nichts, da dieses – man- gels verifizierbarer Sicherheitsmerkmale – als Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren sei. Im Weiteren erwog die Vorinstanz, dass es sich beim Vorbringen, dem Be- schwerdeführer drohe aufgrund des Amtsmissbrauchs seines Onkels in der Vergangenheit Blutrache, um eine abstrakte Angst handle, welche un- begründet sei. Er habe angegeben, die verfeindete Familie verfüge nicht über genügend Beweismittel bezüglich der Täterschaft. Deren Drohungen hätten sich bisher nie auf seine Person gerichtet und überdies sei bisher D-691/2020 Seite 19 auch nichts geschehen. Sodann fügte sie an, dass ein asylrechtlich rele- vantes Motiv ohnehin fraglich sein dürfte. Die übrigen eingereichten Beweismittel, bei welchen es sich im Wesentli- chen um Unterlagen im Zusammenhang mit der Ausbildung des Beschwer- deführers handle, seien nicht geeignet, zu einer anderen Einschätzung zu gelangen, da sie keine asylrechtlich relevante Verfolgung zu belegen ver- möchten. 5.2 Der Beschwerdeführer führt dagegen aus, die Einschätzung der Vor- instanz stelle eine Verletzung von Art. 7 AsylG dar. So sei die Behauptung, er habe die inneren Kausalitäten der Taliban nicht detailliert erzählen kön- nen, offensichtlich absurd. Er habe diejenigen Ereignisse, welche er objek- tiv habe schildern können, detailliert und glaubhaft dargelegt. Zudem habe das SEM seine seitenlangen detaillierten Ausführungen ignoriert und sich lediglich auf die Widergabe einer einzigen Antwort beschränkt. Im Übrigen liege es auch in der Natur der Sache, dass er keine Aussagen dazu ma- chen könne, wie und weshalb die Taliban genau ihn im entsprechenden Zeitpunkt ausfindig gemacht und ins Visier genommen hätten. Die Vorinstanz habe dabei aktenwidrig behauptet, er habe nicht konkret ange- ben können, weshalb es die Taliban auf ihn abgesehen h ätten, obwohl er übereinstimmend und w iderspruchslos ausgesagt habe, dass sie gewollt hätten, dass er sein Wissen über Kasernen, Stützpunkte und ausländische Einheiten für sie einsetze. Aufgrund der Distanz zwischen seinem Heimat- dorf und G._______ sei es für die Taliban auch schwieriger gewesen, be- reits früher auf ihn zuzugreifen. Er habe ausführlich geschildert, dass seine Tätigkeit in Kabul für die Taliban entscheidend gewesen sei und nicht die (…). Des Weiteren sei en die Mutmassungen des SEM betreffend seine Verfolgung schlicht absurd, denn er sei konkret entführt und schwerwie- gend misshandelt worden. Seine Ausführungen anlässlich der Anhörung seien denn auch überdurchschnittlich ausführlich ausgefallen. Er habe sei- tenlang ununterbrochen in freier Rede detaillierte Schilderungen gemacht, was ein eindeutiges Glaubhaftigkeitsmerkmal darstelle. Es sei geradezu absurd, ihm diesbezüglich vorzuwerfen, seine Aussagen seien nicht sub- stantiiert. Weiter sei es offensichtlich, dass der (…)-Unterricht in Afghanis- tan heimlich erfolgen müsse, denn die Talib an würden jeder Person, wel- che Kindern (…) beibringe, per se vorwerfen, westliche Werte zu vertreten und die islamischen zu verraten. Folglich sei es nach vollziehbar, dass er davon ausgehen konnte und musste, seine Tätigkeit werde geheim gehal- ten. Soweit ihm die Vorinstanz vorwerfe, er habe nicht plausibel begründen können, weshalb er sich zu keinem Zeitpunkt an die Sicherheitsbehörden D-691/2020 Seite 20 gewendet habe, sei er in der Anhörung danach gefragt worden, ob sein Vater etwas gegen die Taliban unternommen habe. Es sei somit willkürlich, wenn das SEM diese Aussage auf ihn beziehe. Darüber hinaus sei be- kannt, dass den afghanischen Behörden sowohl der Schutzwille als auc h die Schutzfähigkeit gegen die Taliban fehle. Wie er bereits anlässlich der Anhörung zu Protokoll gege ben habe, habe er erst nach seiner Ausreise aus Afghanistan erfahren, dass sein Vater versucht habe, Informationen über bevorstehende Schritte der Taliban zu erhalten. Ausserdem begehe das SEM hierbei den Fehler, das angeblich unlogische Verhalten seines Vaters als Unglaubhaftigkeitselement seiner Aussagen auszugeben. Be- treffend die zeitliche Einordnung der Vorfälle, habe er sehr wohl präzise angegeben, dass die erste Drohung (…) und damit mehrere Monate nach Antritt der Stelle in Kabul stattgefunden habe. Bei der Ausstellung des Dop- pels der Tazkera sei zudem ein Fehler gemacht worden, indem anstatt dem Ausstellungsdatum (…) 2017 fälschlicherweise (…) 2014 erfasst worden sei. Dies werde durch das mit der Beschwerde eingereichte Schreiben des Zivilstandsamtes bestätigt. Ind em das SEM wiederholt behaupte , seine Vorbringen seien unlogisch, habe es einen Fehler begangen, da es sich auf das Verhalten der Taliban bezog. Bei den Taliban handle es sich um eine komplexe Organisation, welche nach ihren eigenen Regeln funktio- niere. Die Vorinstanz habe zu Recht festgestellt, dass seine Ausführungen in der BzP und der Anhörung de ckungsgleich ausgefallen seien. Der an- gebliche Nachschub betreffend die beiden Entführungen sei dagegen will- kürlich und verstosse gegen den Grundsatz von Treu und Glauben, weil einerseits zwar eine Dublin -Befragung durchgeführt, andererseits jedoch trotz anderslautender Belehrung Fragen zu den Asylgründen gestellt wor- den seien. Besonders frappant daran sei, dass er anlässlich der BzP an- gehalten worden sei, sich kurz zu fassen. Er sei überdies aufgefordert wor- den seine Hauptgründe und nicht alle Gründe zu nennen. Ausserdem habe er die Misshandlungen der Taliban, welche im Rahmen der Entführungen erfolgt seien, sehr wohl während der BzP erwähnt. Er habe damit die ent- scheidrelevanten Vorbringen bereits bei der Erstbefragung geschildert. Seine Ausführungen würden keine Brüche in der Erzählstruktur aufweisen und seien insgesamt detailliert und somit glaubhaft. Schliesslich habe die Vorinstanz Art. 7 AsylG auch bezüglich der Würdi- gung der Beweismittel schwerwiegend verletzt. Er habe ausführlich darge- legt, wann er w o gearbeitet und studiert habe. Weitere Beweismittel, ins- besondere das Schreiben der Dorfältesten, seien jedoch ignoriert worden. Es gehe nicht an, die angebliche Unglaubhaftigkeit der Vorbringen mittels D-691/2020 Seite 21 konstruierter Argumente zu behaupten und die entspre chenden Beweis- mittel nicht zu berücksichtigen. Zu Art. 3 AsylG hielt der Beschwerdeführer fest, er habe für die afghani- schen Behörden gearbeitet und sei dadurch ins Visier der Taliban geraten. Er sei aufgefordert worden , mit ihnen zusammenzuarbeiten, was er ver- weigert habe, und in der Folge massiv gefoltert sowie misshandelt worden. Im Zeitpunkt seiner Ausreise sei er gezielt aus ethnisch -politischen Grün- den verfolgt worden. Seit seiner Flucht aus Afghanistan hätten sich die Ta- liban bei seinem Vater immer w ieder nach ihm erkundigt. Im Falle seiner Rückkehr drohe ihm erneut die Festnahme, Misshandlung oder direkt die Tötung durch die Taliban. Damit erfülle er die Voraussetzungen der begrün- deten Furcht vor asylrelevanter Verfolgung. Eine Fluchtalternative bestehe nicht. Folglich sei ihm die Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren. Betreffend die Rache seines Onkels, welcher sich als Parlamentsvorsteher der Provinz E._______ an der Macht befinde, sei festzuhalten, dass diese Bedrohung sehr wohl konkret sei und sich gegen ihn richte. Auch diesbezüglich sei von einer asylrelevanten Verfolgung aus- zugehen. 5.3 In ihrer Vernehmlassung vom 20. März 2020 teilte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer zunächst den wesentlichen Inhalt der Akte A3/12 mi t (vgl. hierzu E. 3.3.1). Des Weiteren nahm sie zu den in Art. 9 f., 12, 19, 109, 23, 26 sowie 73 der Beschwerde formulierten formellen Rügen Stellung (vgl. hierzu E. 3). Schliesslich führte sie zum korrigierten Ausstellungsda- tum der Tazkera aus, dass sich diese nun zwar mit den Aussagen des Be- schwerdeführers anlässlich der Anhörung in Übereinstimmung bringen lasse. Die Beschwerdebeilage sei jedoch für sich alleine betrachtet nicht geeignet, die gesamte Glaubhaftigkeitsprüfung in der angefochtenen Ver- fügung in Frage zu stellen, zumal der zeitliche Faktor nur als ein Element unter vielen weiteren für die Unglaubhaftigkeit der Vorgingen sprechenden Elemente gewertet werde. Im Übrigen verwies das SEM auf seine Erwä- gungen, an welchen es weiterhin vollumfänglich festhalte. 5.4 In der zweiten Vernehmlassung vom 2 3. März 2021 teilte die Vor- instanz mit, dass dem nachgereichten angeblichen Drohbrief der Taliban vom (…) 2020 nur ein äusserst geringer Beweiswert zukomme, da kopierte Dokumente sehr leicht gefälscht werden könnten (vgl. hierzu E. 3.3.3). 5.5 In seiner Replik nahm der Beschwerdeführer vorab Stellung zur Argu- mentation der Vorinstanz hinsichtlich der formellen Rügen (vgl. hierzu D-691/2020 Seite 22 E. 3). Alsdann führte er aus, das SEM sei verpflichtet, sämtliche Aussagen und Beweismittel einer Gesamtbetrachtung und -würdigung zu unterzie- hen, was vorliegend jedoch unterlassen worden sei. Ferner monierte er, dass es sich in pauschaler Weise weigere, den Drohbrief der Taliban in- haltlich zu würdigen. Damit werde der Anspruch auf rechtliches Gehör ver- letzt. Überdies unterstelle es ihm indirekt ein strafbares Verhalten, indem es argumentiere, der Drohbrief könnte gefälscht sein. Weiter wurde auf die verschlimmerte Situation in Afghanistan hingewiesen. Durch den angekün- digten Abzug der amerikanischen Truppen würden sich die Taliban gestärkt fühlen und ihre Präsenz sowie ihre Macht wieder ausbauen. Darüber hin- aus werde nun auch sein Bruder von den Taliban bedroht. 6. 6.1 Nach eingehender Prüfung der Akten stellt das Bundesverwaltungsge- richt fest, dass die Einschätzung des SEM, die Vorbringen des Beschwer- deführers seien weder glaubhaft noch asylrelevant, zu bestätigen ist. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann hierzu auf die zutreffenden Erwä- gungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. dort E. II sowie vorstehend E. 5.1), welchen sich das Gericht vollumfänglich an- schliesst. Die Vorbringen des Beschwerdeführers auf Beschwerdeebene sind nicht geeignet, zu einer anderen Beurteilung zu gelan gen. In Ergän- zung und Präzisierung ist Folgendes festzuhalten: 6.2 6.2.1 Vorab ist festzu stellen, dass die Vorinstanz die Anstellung des Be- schwerdeführers beim Unternehmen „H._______“ in Kabul nicht grund- sätzlich bezweifelt und auch das Bundesverwaltungsgericht sieht keinen Anlass, diese Angaben in Zweifel zu ziehen. So äusserte er sich in den Befragungen substantiiert zu seiner Tätigkeit (vgl. SEM-Akten A4, Ziff. 1.17.04 und A19, F41, F52 sowie F202) und belegte seine Anstellung mit einem Personalausweis (vgl. SEM-Akte A14 [Beweismittelcouvert], Be- weismittel 3). 6.2.2 Es ist jedoch strittig, ob der Beschwerdeführer aufgrund dieses An- stellungsverhältnisses einer durch die Taliban gezielt gegen seine Person gerichteten Verfolgung in Afghanistan ausgesetzt war oder eine solche zu befürchten hatte. Er vermochte indes nicht überzeugend darzulegen, wie die Taliban von seinen beruflichen Tätigkeiten in Kabul erfahren haben sol- len. Als er während der Anhörung danach gefragt wurde, woher die Taliban davon gewusst hätten, gab er zu Protokoll, er nehme an, dass seine Feinde im Heimatdorf sie darüber in Kenntnis gesetzt hätten (vgl. SEM-Akte A19, D-691/2020 Seite 23 F98). Wie die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung bereits festhielt, machte er jedoch keinerle i Aussagen dazu, unter welchen Umständen seine Feinde herausgefunden haben sollen, dass er in Kabul für ein Unter- nehmen gearbeitet habe. Der Beschwerdeführer machte denn auch nicht geltend, während seines Aufenthalts in Kabul bedroht oder in anderer Weise behelligt worden zu sein, so dass davon ausgegangen werden muss, er sei in Kabul nicht aufgefallen oder in den Fokus von seinen Fein- den respektive den Taliban geraten. 6.2.3 Sodann sind die Schilderungen der angeblichen mündlichen Bedro- hungen seiner Familie durc h die Taliban – selbst unter Berücksichtigung des Umstands, dass er selber dabei nicht anwesend war respektive nicht direkt bedroht wurde – als stereotyp, nicht erlebnisgeprägt und vage zu be- zeichnen. Da es sich dabei um prägende Ereignisse gehandelt haben soll, infolgedessen er sich entschied, seine Stelle in Kabul aufzugeben und nach C._______ zurückzukehren, und angesichts des Bildungsstandes des Beschwerdeführers wäre zu erwarten gewesen, dass er die Bedrohun- gen durch die Taliban aus der Perspektive seines Vaters erlebnisgeprägt und detailliert schildern könnte. In der Anhörung brachte er aber lediglich vor, etwa zwei oder drei Monate nachdem er seine Arbeitsstelle in Kabul angetreten habe, sei seine Familie erstmals telefonisch von den Taliban bedroht worden. Sie hätten verlangt, dass er seine Arbeit in Kabul aufgebe und zu seiner Familie nach C._______ zurückkehre (vgl. SEM-Akte A19, F90 und F99). Beim zweiten Mal hätten die Taliban seine Familie persön- lich zu Hause aufgesucht, wobei sie entweder seinen Vater oder seinen Bruder unter Gewaltandrohung mitzunehmen versuchten (vgl. SEM- Akte A19, F107). Ausserdem erscheint d er Umstand, die Taliban hätten seiner Familie eine Erstreckung der Frist für seine Rückkehr gewährt, we- nig plausibel und spricht gegen die geltend gemachte Intensität der Bedro- hungen. 6.2.4 Des Weiteren konnte der Beschwerdeführer nicht nachvollziehbar er- klären, weshalb er nach seiner Rückkehr im (…) 2014 in der Nähe von C._______ Kinder in (…) unterrichtete und sich damit erneut exponierte. Dies, obwohl die Taliban bereits auf ihn aufmerksam geworden seien und er infolgedessen seine Arbeit in Kabul, wie von diesen gefordert, aufgege- ben habe. Die Vorinstanz hat dabei überzeugend dargelegt, dass seine Er- klärung, Kindern helfen zu wollen , nicht zu überzeugen vermag , und die heimliche Durchführung gerade impliziert, dass es zu Problemen mit den Taliban kommen könne (vgl. dort E. II, Ziff. 1b). Soweit diesbezüglich in der D-691/2020 Seite 24 Beschwerdeschrift vorgebracht wird, dass der (…)-Unterricht in Afghanis- tan auf jeden Fall heimlich erfolgen müsse, da jede (…) sich dadurch in konkrete Gefahr begebe (vgl. dort S. 17, Art. 60), wird dadurch bestätigt, dass er das nicht unerhebliche Risiko, erneut ins Visier der Taliban zu ge- raten, zumindest in Kauf nahm. 6.2.5 Ferner erscheint das vom Beschwerdeführer geschilderte Verhalten der Taliban, wonach er erst knapp ein Jahr nach seiner Rückkehr nach C._______ wieder behelligt und zur Zusammenarbeit gezwungen worden sein soll, nicht plausibel, auch wenn in der Beschwerde zutreffend geltend gemacht wird, dass ihm das unlogisch oder inkohärent erscheinende Ver- halten seiner Verfolger nur mit grosser Zu rückhaltung angelastet werden könne. Seine Vermutung, wonach sie während dieser Zeitspanne Beweis- mittel für seine (…) sammelten, um ihn damit unter Druck setzen zu können (vgl. SEM-Akte A19, F132), vermag nicht zu überzeugen. Dies umso we- niger, als er angab, dass seine Familie im Dorf Feinde habe und es viele Leute gebe, welche direkt mit den Taliban zusammenarbeiten würden (vgl. SEM-Akte A19, F98). 6.2.6 Insofern als die Vorinstanz dem Beschwerdeführer vorwarf, die an- lässlich der Anhörung geltend gemachten zwei Entführungen durch die Ta- liban in der BzP mit keinem Wort erwähnt zu haben, womit gewichtige Zweifel am Wahrheitsgehalt betreffend die Verfolgung der Taliban entste- hen würden, ist ihr beizupflichten. Diese Vorbringen sind als nachgescho- ben und damit unglaubhaft zu qualifizieren, denn es wäre ihm – entgegen seinen Behauptungen, er habe bei der Erstbefragung nur seine Haupt- gründe und nicht alle Gründe für sein Asylgesuch vorbringen können – ohne weiteres möglich gewesen, diese zentralen und einschneidenden Vorkommnisse bereits in der BzP zu erwähnen. Dafür hätte er auch genü- gend Zeit gehabt, denn immerhin dauerte die summarische Befragung (in- klusive einer kleinen Pause) zwei Stunden und 30 Minuten (vgl. SEM- Akte A4, Ziff. 9.03), wobei dem Beschwerdeführer auch gezielte Nachfra- gen zu den Asylgründen gestellt wurden (vgl. SEM-Akte A4, Ziff. 7.02). An- lässlich der Erstbefragung erklärte er ausserdem aus drücklich, den Dol- metscher gut beziehungsweise sehr gut verstanden zu haben (vgl. SEM- Akte A4, Bst. h und Ziff. 9.02) und bestätigte eigenhändig mit seiner Unter- schrift, dass das Protokoll seinen Aussagen entspreche, diese wahrheits- gemäss erfasst und in seine Muttersprache ( …) rückübersetzt worden seien (vgl. a.a.O., S. 10). Folglich muss er sich auf seine Angaben in der BzP und die sich daraus allenfalls ergebenden Widersprüche behaften las-D-691/2020 Seite 25 sen. Seine Erklärungsversuche anlässlich der Anhörung, als er danach ge- fragt wurde, weshalb er die Entführungen nicht erwähnt habe (vgl. SEM- Akte A19, F 203 f.), vermögen vor diesem Hintergrund nicht zu überzeu- gen. Soweit in der Beschwerde sodann vorgebracht wird, dass er die Miss- handlungen, welche er im Rahmen der Entführungen erlitten haben will, geschildert habe, womit offensichtlich sei, dass er die entscheidrelevanten Vorbringen bereits bei der Erstbefragung vorgebracht habe, ist entgegen- zuhalten, dass es sich bei den beiden Entführungen, wobei er jeweils wäh- rend zweier Nächte von den Taliban festgehalten worden sein soll, nicht nur um ein Detail respektive eine blosse Konkretisierung des Hauptvorbrin- gens der Bedrohung durch die Taliban, sondern vielmehr ein Kernvorbrin- gen handelt. Dass er zentrale Asylvorbringen ohne überzeugende Erklä- rung erst an der Anhörung vorgebracht hat, ist als Steigerung von Vorbrin- gen im Laufe des Verfahrens beziehungsweis e als Nachschub zu werten und stellt gemäss Praxis der Asylbehörden ein wesentliches Unglaubhaf- tigkeitsmerkmal dar. Des Weiteren ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz festzustellen, dass die Ausführungen des Beschwerdeführers betreffend die Entführunge n durch die Taliban insgesamt wenig konkret, vage und unsubstantiiert aus- gefallen sind. Er war insbesondere nicht in der Lage , genauere Angaben zu den Gesprächen mit seinen Entführern, zum Ort, wo er jeweils gefangen gehalten worden sein soll, und den körperlichen Misshandlungen, welche er während seiner Gefangenschaft erlitten haben soll, zu machen. Zwar sind seine Angaben in der freien Erzählung relativ ausführlich, dennoch beschränken sie sich auf blosse Handlungsabläufe und enthalten – entge- gen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht – kaum Realkennzeichen, Details, Nebensächlichkeiten oder persönliche Reaktionen, die auf selbst Erlebtes hinweisen würden (vgl. SEM-Akte A19, F92 f., F135 –150 und F151–162). Auch die zeitliche Einordnung der beiden Ereign isse fiel sehr ungenau aus (vgl. SEM-Akte A19, F92 f. und F151). Alsdann reichte er zum Nachweis des anschliessenden Spitalaufenthalts, wo er sich wegen (…)- und (…) behandeln lassen habe (vgl. SEM-Akte A19, F94 und F163), keinerlei Beweismittel zu den Akt en, welche seine Vorbringen stützen könnten. Insgesamt wirk en seine Ausführungen zu den Entführungen durch die Taliban somit konstruiert. Schliesslich erscheint das Verhalten des Beschwerdeführers nach seiner zweiten Freilassung nicht nachvollziehbar. Obwohl er von den Taliban mit dem Tod bedroht und gefoltert worden sein soll, hielt er sich nach seinem Spitalaufenthalt gemäss eigenen Angaben wieder an seinem den Taliban D-691/2020 Seite 26 bekannten Wohnsitz bei seinen Eltern in C._______ auf (vgl. SEM- Akte A19, F174). Dieses Vorgehen widerspricht der Logik des Handelns einer Person, die an Leib und Leben gefährdet ist. Es wäre zu erwarten gewesen, dass er sich umgehend nach seiner Freilassung von seinem Hei- matdorf entfernt hätte, in welchem ihm weitere Schwierigkeiten aufgrun d seiner verweigerten Kooperation mit den Taliban drohten. Es erscheint des- halb unwahrscheinlich, dass sich der Sachverhalt in der geschilderten Weise zugetragen hat. 6.2.7 An dieser Einschätzung vermögen auch die zum Nachweis der Asyl- vorbringen zu den Akten ger eichten Beweismittel nichts zu ändern. Zwar konnten die Ungereimtheiten betreffend das Ausstelldatum des Duplikats der Tazkera (vgl. SEM-Akte A14 [Beweismittelcouvert], Beweismittel 12 und 13 sowie BVGer -Akte 1, Beilage 3) auf Beschwerdeebene aufgelöst werden, dennoch lässt sich daraus keine persönliche Verfolgung des Be- schwerdeführers durch die Taliban ableiten. Dasselbe gilt für die zu den Akten gereichten Beweismittel, welche die beruflichen Aus- und Weiterbil- dungen des Beschwerdeführers belegen (vgl. SEM-Akte A14 [Beweismit- telcouvert], Beweismittel 1 und 5–10). Das in den Akten liegende Bestäti- gungsschreiben der Dorfältesten (vgl. SEM-Akte A14 [Beweismittelcou- vert], Beweismittel 11) ist – wie in der angefochtenen Verfügung zutreffend bemerkt wurde – ebenfalls nicht geeignet, die Zweifel an der Glaubhaf- tigkeit der Vorbringen zu beseitigen, zumal dieses – wie die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zu Recht feststellte – zum einen als reines Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren ist und zum anderen auch keinerlei Sicherheitsmerkmale aufweist, leicht fälschbar ist und diesem daher kein tragender Beweiswert zuerkannt werden kann. Schliesslich ist auch die auf Beschwerdeebene eingereichte Kopie des Drohbriefes vom (…) 2020 (vgl. BVGer-Akte 5, Beilage), worin der Beschwerdeführer über den Befehl seiner Hinrichtung informiert wurde, angesichts ihres geringen Beweiswer- tes nicht geeignet, an dieser Einschätzung zu ändern. Überdies können derartige Dokumente ohne Weiteres gefälscht oder käuflich erworben wer- den. Im Übrigen ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Taliban dem Be- schwerdeführer einen solchen Drohbrief erst fünf Jahre nach seiner Aus- reise hätten zustellen sollen. Des Weiteren ist nicht plausibel, weshalb sie ihm darin vorwerfen, mit der amerikanisch en Regierung zusammenzuar- beiten. 6.2.8 Soweit in der Replik vorgebracht wurde, dass nunmehr auch der Bru- der bedroht werde und diesem mitgeteilt worden sei, der Beschwerdefüh- rer werde gesucht (vgl. dort S. 4), erscheint dies angesichts dessen, dass D-691/2020 Seite 27 der Beschwerdeführer Afghanistan bereits vor mehr als fünf Jahren verlas- sen hat und seine in der Heimat verbliebenen Familienangehörigen in den letzten Jahren offenbar nie behelligt oder konkret bedroht wurden, wenig wahrscheinlich. Im Übrigen handelt es sich dabei um eine durch nichts be- legte Behauptung. 6.2.9 Nach einer Gesamtwürdigung ist es dem Beschwerdeführer nicht ge- lungen, eine wegen seiner beruflichen Tätigkeiten in Kabul gezielt gegen seine Person gerichtete Verfolgung durch die Taliban nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. 6.3 Betreffend die befürchtete Blutrache aufgrund der Handlungen des On- kels des Beschwerdeführers ist – in Übereinstimmung mit der Vorinstanz – festzuhalten, dass sich die diesbezüglichen Vorbringen als wenig konkret und nicht geeignet erweisen, die behauptete Furcht vor einer zukünftigen Verfolgung als begründet erscheinen zu lassen. So gab der Beschwerde- führer zu Protokoll, dass die Angehörigen der Mordopfer bis heute nicht genau wissen würden, ob sein Onkel der Täter gewesen sei, und sie auch über keine genügenden Beweismittel verfügen würden (vgl. SEM- Akte A19, F197). Bei Begegnungen hätten sie denn auch lediglich „mit ei- nem feindseligen Ton“ mit ihnen gesprochen (vgl. SEM-Akte A19, F193). Ausserdem räumte der Beschwerdeführer ei n, dass er selber bisher nie bedroht oder im Zusammenhang mit Drohungen spezifisch genannt wor- den sei (vgl. SEM-Akte A19, F195). Die geltend gemachte Gefährdung auf- grund der vorgebrachten Fehde wird weiter dadurch relativiert, dass der Beschwerdeführer und seine Familie seit den angeblich durch den Onkel ausgeführten Morden unbehelligt in Afghanistan leben konnten. Überdies mangelt es privaten Blutfehden und drohender Blutrache am Erfordernis der flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmotivation, da die Verfol- gungsmassnahmen im Sinne einer Blutrache seitens Privatpersonen nicht aus einem in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezählten Grund, sondern aus einem asylfremden Motiv erfolgen und somit asylrechtlich nicht von Belang sind. Dabei vermögen auch die Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe den Ein- wand der fehlenden Asylrelevanz nicht zu entkräften. Auf die Frage der Re- levanz unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten ist bei der Prüfung der Wegweisungsvollzugshindernisse einzugehen (vgl. hierzu die nachstehen- den Erwägungen E. 8.2.2). 6.4 Soweit der Beschwerdeführer schliesslich generell auf die prekäre Si- cherheitssituation in Afghanistan zufolge der starken Präsenz der Taliban hinweist (vgl. SEM-Akte A19, F199 f.), bleibt festzuhalten, dass es sich D-691/2020 Seite 28 hierbei um Nachteile handelt, die auf der allgemeinen Konfliktlage in seiner Herkunftsregion gründen. Derartigen Nachteilen kommt gemäss konstan- ter Rechtspraxis keine Asylrelevanz zu, da es diesen an der Gezieltheit der Verfolgung fehlt, weshalb der Beschwerdeführer aus ihnen eb enfalls kei- nen Asylanspruch ableiten kann. 6.5 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen, zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus Afghanistan im (…) 2015 asylrechtlich relevanter Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen zu sein oder solche im Falle einer Rückkehr in objektiv begründeter Weise befürchten zu müssen. Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft des Be- schwerdeführers zu Recht verneint und dessen Asylgesuch abgewiesen. Eine Verletzung des Willkürverbots oder eine Voreingenommenheit der Vorinstanz ist dabei nicht ersichtlich. Es erübrigt sich, auf weitere Vorbrin- gen in der Beschwerde einzugehen, da sie am Ergebnis nichts ändern kön- nen. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylg esuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung w urde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän- der und über die Integration [AIG, SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). D-691/2020 Seite 29 8.2 8.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent- gegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhaltet die Verbote der Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der Zwangs - oder Pflichtarbeit (Abs. 2 und 3). 8.2.2 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend da- raufhin, dass das Pri nzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be- schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Angesichts der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen bezüglich der befürchte- ten Blutrache (vgl. hierzu die Ausführungen in E. 6.3) ergeben sich sodann weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten An- haltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimat- staat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung dro- hen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). D-691/2020 Seite 30 Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht lässt auch die allge- meine Menschenrechtssituation in Afghanist an den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. 8.2.3 Weitere Gründe für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegwei- sungsvollzugs ergeben sich weder aus den Akten noch aus der Beschwer- deschrift. Der Vollzug der Wegweisung des Besc hwerdeführers erweist sich nach dem Gesagten – sowohl im Sinne der asyl- als auch der völker- rechtlichen Bestimmungen – als zulässig. 8.3 8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.3.2 8.3.2.1 Das SEM bejahte das Vorliegen besonders begünstigender Fakto- ren. Es führte aus, der Beschwerdeführer habe von 2011 bis 2013 eine (…)-Ausbildung in Kabul absolviert und danach eigenen Angaben zufolge während eines Jahres in G._______ und anschliessend ein halbes Jahr lang in Kabul gelebt, wo er in verschiedenen Bereichen Arbeitserfahrungen gesammelt habe. Seine Eltern, welche beide (…) seien, würden nicht nur eine eigene (…) besitzen, sondern auch Ländereien sowie Liegenschaften, darunter auch eine in Kabul, welche zurzeit von seinem Onkel (väterlicher- seits) bewohnt werde. Mithin verfüge er über gesicherte finanzielle Verhält- nisse. Nebst seiner Schwester, deren Ehemann eine eigene (…) habe, würden mehrere Onkel und Tanten (väterlicherseits) in Kabul leben. Da er insbesondere mit seinem Vater in regelmässigem Kontakt stehe, sei anzu- nehmen, dass er bei seiner Wiedereingliederung nötigenfalls auch finanzi- ell unterstützt werde. Er sei ausserdem jung und – soweit aktenkundig – gesund. Insgesamt sei aufgrund seines familiären sozialen Netzes, seiner Ausbildung sowie seiner Arbeitserfahrung in Kabul trotz seiner mehrjähri- gen Landesabwesenheit davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr nicht in eine existenzielle Notlage geraten werde. 8.3.2.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe ausführlich und detailliert geschildert, dass seine Familie im Dorf D-691/2020 Seite 31 C._______ lebe, weshalb weit entfernte Verwandte in Kabul zum Vornhe- rein kein tragfähiges Beziehungsnetz darstellen könnten. Weiter sei es tat- sachenwidrig, wenn das SEM behaupte, er verfüge in Kabul über gesi- cherte finanzielle Verhältnisse, zumal er sich seit mehreren Jahren in der Schweiz befinde. Zudem würde er im Falle der Rückkehr von seiner Fami- lie ausgestossen und stigmatisiert, da er aufgrund sein es Profils die ge- samte Familie in konkrete Gefahr gebracht habe oder bringen werde. Es stehe somit fest, dass er nicht über ein tragfähiges soziales Netz im Sinne der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung verfüge. Es lägen somit keine besonders begünstigenden Faktoren vor, aufgrund derer aus- nahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen werden könne. Mit Verweis a uf diverse Internetartikel wird überdies geltend ge- macht, die Situation in Kabul sei desaströs und es bestehe eine Situation allgemeiner Gewalt. In der Replik wurde ergänzend vorgebracht, von den elf in der BzP erwähn- ten Onkel und Tanten hätten mittlerweile fünf Afghanistan verlassen und eine Person sei nach wie vor verschollen. Sowohl die Schwester als auch sein Vater würden ihre Flucht aus Afghanistan in Erwägung ziehen. Damit verfüge er über kein tragfähiges Beziehungsnetz mehr. Er würde im Falle der Rückkehr in eine existenzielle Notlage geraten, denn er wäre nicht in der Lage sich eine neue Existenz aufzubauen. Ausserdem würde er sein Leib und Leben gefährden. 8.3.3 8.3.3.1 Betreffend die allgemeine Lage in Afghanistan ist vorab auf die vom Bundesverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung im Koordina- tionsurteil BVGE 2011/7 zu verweisen. Die Sicherheitslage sowie die hu- manitären Bedingungen in weiten Teilen Afghanistans – ausser allenfalls in den Grossstädten – wird darin als äusserst schlecht bezeichnet. Die Situ- ation in Afghanistan wurde praktisch flächendeckend als existenzbedro- hend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG qualifiziert (vgl. E. 9.3 ff. des genann- ten Urteils). 8.3.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 eine ausführliche Lageanalyse zur Situation in der afghanischen Hauptstadt Kabul vorgenommen (vgl. E. 6.3 ff. des genann- ten Urteils). Diese Lageanalyse und die daraus gezogenen Schlussfolge- rungen sind weiterhin zutreffend. Gemäss Einschätzung des Gerichts ha- ben sich sowohl die Sicherheitslage – die als volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen ist – als auch die humanitäre Situation D-691/2020 Seite 32 in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7 beschriebenen Situation noch einmal verschlechtert. Die Lage in Kabul ist daher grundsätzlich als exis- tenzbedrohend und somit unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Von dieser Regel kann abgewichen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen werden kann. Wie bereits in BVGE 2011/7 festgestellt, kann danach der Vollzug der Wegweisung zumutbar sein, wenn im Einzelfall besonders günstige Vo- raussetzungen vorliegen, und die nach Kabul zurückkehrende Person demnach ausnahmsweise nicht in eine existenzbedrohende Lage geraten würde. Solche günstigen Voraussetzungen können grundsätzlich nament- lich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt. Unabdingbar ist in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rück- kehrenden als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkeh- renden insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung so- wie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Al- lein aufgrund von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbringung ungeklärt sind, ist nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei Personen, bei welchen Kabul lediglich eine Aufenthaltsal- ternative darstellt und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt haben, eine Bejahung eines solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grösserer Zu- rückhaltung bedarf. Ebenso ist entscheidrelevant, über welche Berufser- fahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusam- menspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden kann. Angesichts der festgestellten Verschlechterung der Lage in Kabul versteht es sich von selbst, dass das Vorliegen dieser strengen Anforderungen in jedem Einzel- fall sorgfältig geprüft wird und diese erfüllt sein müssen, um einen Wegwei- sungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu qualifizieren (vgl. a.a.O., E. 8.4.1). 8.3.4 Der Beschwerdeführer stammt gemäss eigenen A ngaben aus dem Dorf C._______ (Bezirk D._______; vgl. SEM-Akte A4, Ziff. 1.07), wo er aufwuchs, die Grundschule besuchte (vgl. SEM-Akte A19, F27) und ab (…) 2014 bis zu seiner Ausreise bei seinen Eltern lebte (vgl. SEM-Akte A4, D-691/2020 Seite 33 Ziff. 2.01). Die Vorinstanz hat den Wegweisungsvollzug in die Heimatpro- vinz des Beschwerdeführers (E._______) zu Recht nicht in Betracht gezo- gen. Hinsichtlich der sich hier stellenden Frage der allfälligen Zumutbarkeit ei- nes Vollzugs nach Kabul ist Folgendes zu erwägen: Der Beschwerdeführer absolvierte die weiterführende Schule (…) in Kabul, welche er im Jahr 2005 erfolgreich mit dem Abitur abschloss (vgl. vgl. SEM-Akten A19, F29 f. und A14 [Beweismittelcouvert], Beweis- mittel 6). Von 2011 bis 2013 studierte er (…) an der Universität i n Kabul (vgl. SEM-Akten A4, Ziff. 1.17.04 und A19, F35 sowie F53) und arbeitete (…) 2014 für etwa sechs Monate in Kabul (vgl. SEM-Akten A4, Ziff. 1.17.04 und A19, F53 f.). Da er in Kabul zur Schule ging, studierte und auch arbei- tete, ist davon auszugehen, dass er Kontakte zu Mitschülerinnen und Mit- schülern sowie Kommilitoninnen und Kommilitonen hatte, auf die er bei der Erarbeitung einer Existenzgrundlage wird zurückgreifen können. Zudem le- ben gemäss seinen eigenen Angaben seine Schwester sowie mehrere On- kel und Tanten (väterlicherseits) in Kabul (vgl. SEM-Akten A4, Ziff. 3.01 und A19, F15 f.). Aufgrund dieser Aktenlage ist folglich anzunehmen, dass er in Kabul nach wie vor über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfügt, be- stehend aus Mitgliedern seiner Ker nfamilie sowie Freunden und Bekann- ten. Sofern auf Besc hwerdeebene geltend gemacht wird , dass der Be- schwerdeführer in Kabul über kein Beziehungsnetz mehr verfüge, ist dies als blosse, unbelegte Parteibehauptung zu werten. Darüber hinaus ist da- von auszugehen, dass ihm im von seinem Onkel bewohnten Hau s, wel- ches seiner Familie gehört (vgl. SEM-Akte A19, F180–183), eine Wohn- möglichkeit offensteht und ihn seine Verwandten bei der Wiedereingliede- rung in Afghanistan unterstützen werden. In Bezug auf seine wirtschaftliche Wiedereingliederung ist herauszustreichen, dass der Beschwerdeführer über eine hohe Schul- und universitäre Bildung verfügt. Ausserdem verfügt er neben seiner Muttersprache (…) auch über Sprachkenntnisse in (…) (vgl. SEM-Akte A4, Ziff. 1.17.02 f.). Bis zu seiner Ausreise aus Afghanistan war er überdies jahrelang in verschiedenen Bereichen arbeitstätig und ver- fügt hierdurch über solide Berufserfahrungen (vgl. SEM-Akten A4, Ziff. 1.17.04 f. und A19, F31 ff.). Damit dürfte ihm auch unter Berücksichti- gung der schwierigen wirtschaftlichen Lage in Kabul eine rasche Rein- tegration in den Arbeitsmarkt gelingen. Ferner ist die Familie des Be- schwerdeführers dessen eigenen Angaben zufolge wirtschaftlich gut situ- iert. So hatte sie zumindest problemlos die notwendigen finanziellen Kapa- zitäten, um dem Beschwerdeführer eine langjährige Schuldbildung sowie D-691/2020 Seite 34 einen Universitätsabschluss zu ermöglichen. Ausserdem besitzt die Fami- lie eigene Ländereien und zwei Häuser (vgl. SEM-Akte A19, F104). Des Weiteren verfügt der Besc hwerdeführer über Verwandte im Ausland, die ihm allenfalls Unterstützung gewähren könnten (vgl. SEM -Akte A4, Ziff. 3.03). Vor dem aufgezeigten Hintergrund ist bei dem jungen, gesunden und arbeitsfähigen Beschwerdeführer das Vorliegen von besonders begünsti- genden Umständen im Sinne der obengenannten Rechtsprechung zu be- jahen und es ist nicht davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr nach Kabul in eine existenzielle Notlage geraten wird. 8.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nach Kabul sowohl allgemein als auch in individueller Hinsicht als zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG. 8.4 Alsdann obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise- dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeich- nen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang mit der Coronavirus -Pandemie (COVID-19) gru ndsätzlich nicht geeignet ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Bei der Coronavirus-Pandemie handelt es sich, soweit derzeit feststellbar, al- lenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den kanto- nalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeitpunkts des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.). 8.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die die Vorinstanz den Weg- weisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat. Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefocht ene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.D-691/2020 Seite 35 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahr ens wären die Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Regle- ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da indessen mit Instruktionsverfügung vom 5. März 2020 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutge- heissen worden ist und weiterhin von der Bedürftigkeit des Beschwerde- führers auszugehen ist, sind ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 10.2 Praxisgemäss ist eine anteilsmässige Parteientschädigung zuzuspre- chen, wenn, wie vorliegend, eine Verfahrensverletzung auf Beschwerde- ebene geheilt wird (vgl. hierzu die Ausführungen zur Verletzung des Akten- einsichtsrechts in E. 3.3.1). Der Rechtsvertreter reichte keine Kostennote ein, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestim- men sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu zie- henden Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) ist die Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 150.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen. Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer die- sen Betrag als Parteientschädigung für die berechtigte Geltendmachung der formellen Rüge auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-691/2020 Seite 36 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 150.– auszurichten. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Kathrin Rohrer Versand: