<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">367</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>74</b></span> <span class="ft4"><b>Forderungsverzicht; Kapitalabfindung für wiederkehrende Leistungen;</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Auslegung von Gesetzesbestimmungen (§ 44 StG)</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Der auf aufgelaufene Mietzinse gewährte Forderungsverzicht stellt keine</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Kapitalabfindung für wiederkehrende Leistungen dar.</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Steuern,</span><br/> <span class="ft6">vom 26. Juni 2014 in Sachen A.S. (3-RV.2014.22).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">368</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">Unbestritten ist, dass der Forderungsverzicht der Einkommens-</span><br/> <span class="ft1">steuer unterliegt. Vorliegend ist damit einzig zu klären, ob der</span><br/> <span class="ft1">Steuersatz aufgrund von § 44 StG zu reduzieren ist und die Vor-</span><br/> <span class="ft1">instanz dessen Anwendung zu Unrecht verweigert hat.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">5.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Dass mit § 44 StG indessen eine generelle Abschwächung der</span><br/> <span class="ft1">Progression bei einmaligen Zuflüssen jeglicher Art beabsichtigt sein</span><br/> <span class="ft1">sollte, ist jedoch bei gesamthafter Betrachtung der Steuerrechts-</span><br/> <span class="ft1">gesetzgebung und deren Zwecksetzung zu bezweifeln. Das steuer-</span><br/> <span class="ft1">bare Einkommen umfasst denn nach § 25 Abs. 1 StG (vgl. Art. 16</span><br/> <span class="ft1">DBG und Art. 7 Abs. 1 StHG) ausdrücklich sowohl die wieder-</span><br/> <span class="ft1">kehrenden als auch die einmaligen Einkünfte (Verwirklichung der</span><br/> <span class="ft1">Gesamtreineinkommenstheorie). Nicht nur das regelmässig flies-</span><br/> <span class="ft1">sende Einkommen, sondern auch einmalige Zuflüsse führen zu einer</span><br/> <span class="ft1">höheren wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit (im entsprechenden</span><br/> <span class="ft1">Steuerjahr). Gemäss § 27 Abs. 2 StG gehören zu den Einkünften aus</span><br/> <span class="ft1">selbstständiger Erwerbstätigkeit auch alle Kapitalgewinne aus Ver-</span><br/> <span class="ft1">äusserung, Verwertung und buchmässiger Aufwertung von Ge-</span><br/> <span class="ft1">schäftsvermögen. Der Erlass einer Geschäftsschuld beim selbststän-</span><br/> <span class="ft1">dig Erwerbenden bzw. ein Sanierungsgewinn infolge Forderungsver-</span><br/> <span class="ft1">zichts (echter Sanierungsgewinn) ist einkommens- bzw. gewinn-</span><br/> <span class="ft1">steuerwirksam (VGE vom 7. Dezember 2011 in Sachen W. + T.W.</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2011.179]; VGE vom 19. Mai 2010 in Sachen B. + P.W.</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2009]; Handkommentar zum DBG, 2. Auflage, Zürich 2009,</span><br/> <span class="ft1">Art. 58 DBG N 61). Die progressiven Steuertarife sind zwar auf</span><br/> <span class="ft1">regelmässig zufliessende Einkünfte zugeschnitten (P. Locher, Kom-</span><br/> <span class="ft1">mentar zum DBG I. Teil, Therwil 2001, Art. 37 N 1). Die durch</span><br/> <span class="ft1">einmalige (hohe) Einkünfte bewirkte Progression wird dabei jedoch</span><br/> <span class="ft1">in Kauf genommen. Das Bundesgericht hat ausdrücklich festgehal-</span><br/> <span class="ft1">ten, dass progressive Steuertarife dem Grundsatz der Besteuerung</span><br/> <span class="ft1">nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit entsprechen (BGE 133 I</span><br/> <span class="ft1">206). Eine allgemein formulierte Ausnahmeregelung zur Abschwä-</span><br/> <span class="ft1">chung der Progressionswirkung bei einmaligen Zuflüssen gibt es ge-</span><br/> <span class="ft1">rade nicht.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">369</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">5.2.3.</span><br/> <span class="ft1">Bei der Zweckbestimmung von § 44 StG (bzw. Art. 37 DBG</span><br/> <span class="ft1">und Art. 11 Abs. 2 StG) ist zuletzt wesentlich, dass die Progressions-</span><br/> <span class="ft1">wirkung vornehmlich dort gebrochen werden soll, wo durch eine</span><br/> <span class="ft1">Einmalzahlung die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit im Augenblick</span><br/> <span class="ft1">erhöht ist, dies aber mit einer entsprechenden Verminderung in ande-</span><br/> <span class="ft1">ren Steuerperioden erkauft wurde (Handkommentar zum DBG,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Art. 37 DBG N 2). Dies ist vorliegend gerade nicht der Fall.</span><br/> <span class="ft1">Der geschuldete Mietzins wurde bisweilen nicht bezahlt und die Aus-</span><br/> <span class="ft1">stände dem Rekurrenten schliesslich gänzlich erlassen. Die Erfas-</span><br/> <span class="ft1">sung des Schulderlasses beim Einkommen im Jahr 2011 entspricht</span><br/> <span class="ft1">somit einer Korrektur der zuvor (retrospektiv betrachtet) jahrelang zu</span><br/> <span class="ft1">hoch veranschlagten Aufwände bzw. Schulden.</span><br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">Systematisch steht § 44 StG am Ende des Kapitels über die Ein-</span><br/> <span class="ft1">kommenssteuer der natürlichen Personen unter der Überschrift "V.</span><br/> <span class="ft1">Steuerberechnung", welche folgende Regelungen umfasst:</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">Daraus wird ersichtlich, dass die Einkommenssteuerberechnung</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich aufgrund des in § 43 StG vorgegebenen Steuertarifs er-</span><br/> <span class="ft1">folgt. Nur in den gemäss §§ 44 bis 45a StG beschriebenen Sonderfäl-</span><br/> <span class="ft1">len ist von der in § 43 StG vorgegebenen Steuerberechnung abzuwei-</span><br/> <span class="ft1">chen (vgl. Kommentar zum Aargauer Steuergesetz, 3. Auflage, Muri-</span><br/> <span class="ft1">Bern 2009, § 44 StG N 1). Die vier Ausnahmefälle ("Sonderfälle")</span><br/> <span class="ft1">sind spezifisch und eng umschrieben. Aus diesem Grund erscheint</span><br/> <span class="ft1">eine ausdehnende Auslegung der Norm mit Blick auf die Systematik</span><br/> <span class="ft1">als nicht angebracht.</span><br/> <span class="ft1">5.4.</span><br/> <span class="ft1">5.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Im Rahmen der zeitgemässen Auslegung wird der Fokus auf die</span><br/> <span class="ft1">im Entscheidzeitpunkt herrschende Betrachtungsweise gelegt. Mit</span><br/> <span class="ft1">dem Bundesgerichtsurteil vom 5. Oktober 2000 (2A.68/2000 =</span><br/> <span class="ft1">StE 2001 B 29.2 Nr. 7 = ASA 70 S. 210 = StR 2001 S. 23) hat eine</span><br/> <span class="ft1">gewisse Ausweitung des Anwendungsbereichs von Art. 37 DBG</span><br/> <span class="ft1">stattgefunden. Dem ist das Spezialverwaltungsgericht bei der Ausle-</span><br/> <span class="ft1">gung von § 44 StG gefolgt (vgl. RGE vom 1. Juli 2004 in Sachen R.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">370</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">+ M.O.). Demnach fallen nach heutiger Auffassung unter den Begriff</span><br/> <span class="ft1">der Kapitalabfindungen für wiederkehrende Leistungen</span><br/> <span class="ft7">(1)</span> <span class="ft6">Zuflüsse, mit welchen ein Anspruch des Steuerpflichtigen auf zu-</span><br/> <span class="ft6">künftige oder vergangene wiederkehrende Leistungen getilgt</span><br/> <span class="ft6">wird, wenn</span><br/> <span class="ft7">(2)</span> <span class="ft6">dem Wesen der Leistung entsprechend ordentlicherweise eine</span><br/> <span class="ft6">periodische Ausrichtung vorgesehen gewesen wäre und</span><br/> <span class="ft7">(3)</span> <span class="ft6">dies ohne Zutun des Steuerpflichtigen unterblieben ist.</span><br/> <span class="ft1">5.4.2.</span><br/> <span class="ft1">In Lehre und Rechtsprechung anerkannt sind etwa kapitalisierte</span><br/> <span class="ft1">Renten oder Rentennachzahlungen, Lidlohnabgeltungen, einmalige</span><br/> <span class="ft1">Entschädigungen für die Einräumung eines befristeten Nutzungs-</span><br/> <span class="ft1">rechts oder Mietzinsvorauszahlungen für mehrere Jahre (Kommentar</span><br/> <span class="ft1">zum Aargauer Steuergesetz, a.a.O., § 44 StG N 3). Ausdrücklich ver-</span><br/> <span class="ft1">neint wird jedoch das Vorliegen von Kapitalabfindungen für wieder-</span><br/> <span class="ft1">kehrende Leistungen gemäss der vorzitierten Rechtsprechung</span><br/> <span class="ft1">(Erw. 5.4.1.) bei der Realisierung stiller Reserven, bei Entschädigun-</span><br/> <span class="ft1">gen für hingegebenes Kapital, bei Abgangsentschädigungen oder bei</span><br/> <span class="ft1">auf Vereinbarung beruhenden Lohnzahlungen. Aus der Recht-</span><br/> <span class="ft1">sprechung geht damit klar hervor, dass die Ausnahmeregelung zu den</span><br/> <span class="ft1">Kapitalabfindungen gemäss § 44 StG (bzw. zu Art. 37 DBG und</span><br/> <span class="ft1">Art. 11 Abs. 2 StHG) nach wie vor nicht ausdehnend ausgelegt wird</span><br/> <span class="ft1">(vgl. auch Kommentar zum Aargauer Steuergesetz, a.a.O., § 44 StG</span><br/> <span class="ft1">N 2 ff.).</span><br/> <span class="ft1">5.4.3.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall ist keines der drei Kriterien erfüllt. Ein</span><br/> <span class="ft1">Anspruch des Rekurrenten auf den Schulderlass lag nicht vor; viel-</span><br/> <span class="ft1">mehr verzichtete die Gläubigerin auf ihr zustehende Mietzinsleistun-</span><br/> <span class="ft1">gen. Der Zufluss (aufgrund des Schulderlasses) trat auch nicht an-</span><br/> <span class="ft1">stelle einer wiederkehrenden Leistung, wie der Rekurrent geltend</span><br/> <span class="ft1">macht. Vorliegend stand der Zufluss erst im Zeitpunkt fest, als der</span><br/> <span class="ft1">Schulderlass durch die Gläubigerin ausgesprochen bzw. rechtsver-</span><br/> <span class="ft1">bindlich schriftlich vereinbart wurde. Gemäss den vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Angaben war in den vorangegangenen Jahren, während derer die</span><br/> <span class="ft1">Mietzinsschulden aufgelaufen waren, nicht absehbar, dass die Gläu-</span><br/> <span class="ft1">bigerin dereinst auf ihre Forderungen verzichten würde. Bei den</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">371</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Mietzinsen, nicht aber beim Schulderlass handelt es sich um wieder-</span><br/> <span class="ft1">kehrende Leistungen, auch wenn grundsätzlich auch ein gestaffelter</span><br/> <span class="ft1">Erlass für Teilschuldbeträge denkbar wäre. Letzteres führt indessen</span><br/> <span class="ft1">zur Verneinung des letzten Kriteriums, hätte doch der Rekurrent im</span><br/> <span class="ft1">Rahmen der Erlassvereinbarung auf einen gestaffelten Schulderlass</span><br/> <span class="ft1">hinwirken können. Der einmalige Zufluss erfolgte damit auch nicht</span><br/> <span class="ft1">"ohne Zutun" des Rekurrenten.</span><br/></div> </div> </body> </html>