<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 87 S.334</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Steuerrekursgericht</span> <span class="page_no">334</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>87</b></span> <span class="ft2"><b>Quellensteuer (§ 62 Abs. 1 lit. c aStG).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bei ausländischem Wohnsitz des Empfängers sind Vorsorgegelder</b></span><br/> <span class="ft2"><b>aus kantonalem öffentlichem Dienst im Quellenstaat zu versteuern,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>unabhängig davon, ob sie aus einer öffentlich-rechtlichen oder pri-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>vatrechtlichen Institution ausbezahlt werden.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">14. August 2003 in Sachen L.+ M.S., RV.2003.50053/K 7341</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Der Rekurrent arbeitete vom 1. September 1979 bis zum</span><br/> <span class="ft1">30. April 2000 beim X.. Gemäss der "Austrittsabrechnung" der aar-</span><br/> <span class="ft1">gauischen Beamtenpensionskasse vom 9. Mai 2000 wurde ihm am</span><br/> <span class="ft1">17. Mai 2000 wegen Austritt per 30. April 2000 eine Kapitalleistung</span><br/> <span class="ft1">von Fr. 294'656.50 ausgerichtet. Dieser Betrag wurde, weil er die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">335</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Vorsorgeeinrichtung verlassen hat, bevor ein Vorsorgefall eingetreten</span><br/> <span class="ft1">war (sog. Freizügigkeitsfall), auf ein Konto der Freizügigkeitsstif-</span><br/> <span class="ft1">tung der Y. einbezahlt. Am 16. November 2000 wurde dem Rekur-</span><br/> <span class="ft1">renten von der Y. sein Freizügigkeitsguthaben (abzüglich</span><br/> <span class="ft1">Fr. 31'807.-- Steuern) ausbezahlt. Weil der Rekurrent im Auszah-</span><br/> <span class="ft1">lungszeitpunkt seinen Wohnsitz in Italien hatte, veranlagte die Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz den Rekurrenten für die am 16. November 2000 ausgerichtete</span><br/> <span class="ft1">Kapitalleistung von Fr. 294'656.50 zu einer Quellensteuer von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 25'363.--. Sie stützte sich dabei auf § 62 Abs. 1 lit. c aStG.</span><br/> <span class="ft1">Danach wird bei ausländischem Wohnsitz des Empfängers eine</span><br/> <span class="ft1">Quellensteuer von 8 % erhoben auf Einkünften, die auf Grund eines</span><br/> <span class="ft1">öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnisses vom Kanton Aargau oder</span><br/> <span class="ft1">dessen Anstalten, von einer aargauischen Gemeinde oder deren</span><br/> <span class="ft1">Anstalten, von andern öffentlich-rechtlichen Körperschaften des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Aargau oder von deren Personalvorsorgeeinrichtungen</span><br/> <span class="ft1">ausgerichtet werden.</span><br/> <span class="ft1">b) Der Vertreter des Rekurrenten ist der Auffassung, dass keine</span><br/> <span class="ft1">Quellensteuer geschuldet sei, da die Kapitalleistung nicht vom Kan-</span><br/> <span class="ft1">ton Aargau und auch nicht von einer Personalvorsorgeeinrichtung</span><br/> <span class="ft1">des Kantons Aargau oder von einer solchen einer öffentlich-rechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Körperschaft des Kantons ausgerichtet worden sei. Die Geldlei-</span><br/> <span class="ft1">stung stamme aus der Freizügigkeitsstiftung der Y., einer privat-</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen Stiftung. Damit entfalle die Besteuerungsgrundlage ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss § 62 Abs. 1 lit. c aStG.</span><br/> <span class="ft1">3. Ziel der Auslegung ist es, den Sinn eines Rechtssatzes zu er-</span><br/> <span class="ft1">gründen, wobei grundsätzlich jede Norm auslegungsbedürftig ist.</span><br/> <span class="ft1">Ausgangspunkt der Auslegung ist der Wortlaut der Bestimmung.</span><br/> <span class="ft1">Vom Wortlaut darf und muss jedoch abgewichen werden, wenn er</span><br/> <span class="ft1">nicht den wahren Sinn einer gesetzlichen Bestimmung wiedergibt</span><br/> <span class="ft1">bzw. wenn die dem Wortlaut entsprechende Auslegung zu Ergebnis-</span><br/> <span class="ft1">sen führt, die der Gesetzgeber nicht gewollt haben kann und die ge-</span><br/> <span class="ft1">gen das Gerechtigkeitsgefühl und den Grundsatz der rechtsgleichen</span><br/> <span class="ft1">Behandlung verstossen. Die Auslegung stützt sich auf verschiedene</span><br/> <span class="ft1">Auslegungselemente. Lehre und Rechtsprechung unterscheiden das</span><br/> <span class="ft1">grammatische, historische, systematische, teleologische und realisti-</span><br/> <span class="ft1">sche Element. Dabei muss ein Gesetz in erster Linie aus sich selbst</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Steuerrekursgericht</span> <span class="page_no">336</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">heraus, d.h. nach Wortlaut, Sinn und Zweck unter den ihm zugrunde</span><br/> <span class="ft1">liegenden Wertungen sowie nach seiner Systematik ausgelegt wer-</span><br/> <span class="ft1">den. Die Gesetzesmaterialien fallen vor allem bei neueren Gesetzen</span><br/> <span class="ft1">und dann ins Gewicht, wenn sie angesichts einer unklaren gesetzli-</span><br/> <span class="ft1">chen Bestimmung eine klare(re) Antwort geben (VGE vom 18. Sep-</span><br/> <span class="ft1">tember 2002 in Sachen G.U.H. AG mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">4. a) Nach dem Wortlaut von § 62 Abs. 1 lit. c aStG muss die</span><br/> <span class="ft1">Kapitalleistung "vom Kanton Aargau oder dessen Anstalten, von</span><br/> <span class="ft1">einer aargauischen Gemeinde oder deren Anstalten, von andern öf-</span><br/> <span class="ft1">fentlich-rechtlichen Körperschaften des Kantons Aargau oder von</span><br/> <span class="ft1">deren Personalvorsorgeeinrichtungen ausgerichtet werden." Da es</span><br/> <span class="ft1">sich bei der die fragliche Kapitalleistung ausbezahlenden Freizügig-</span><br/> <span class="ft1">keitsstiftung der Y. um eine privatrechtliche Stiftung handelt, ist</span><br/> <span class="ft1">allein gestützt auf den Wortlaut klar, dass keine Quellensteuer erho-</span><br/> <span class="ft1">ben werden kann. Es müssen jedoch auch bei klarem Wortlaut die</span><br/> <span class="ft1">übrigen Auslegungselemente berücksichtigt werden (VGE vom</span><br/> <span class="ft1">27. März 2001 in Sachen R. + E.R.).</span><br/> <span class="ft1">b) Die Gesetzesmaterialien geben oft Hinweise über den ge-</span><br/> <span class="ft1">setzgeberischen Willen. Ihre Konsultation ist nicht nur zulässig, son-</span><br/> <span class="ft1">dern häufig geradezu unerlässlich. Die Beachtung des Willens und</span><br/> <span class="ft1">der Absicht des Gesetzgebers ist namentlich bei jüngeren Erlassen</span><br/> <span class="ft1">angezeigt, wenn sich die vom Gesetzgeber beachteten Realien und</span><br/> <span class="ft1">Wertungen noch nicht wesentlich verändert haben. Das Abstellen auf</span><br/> <span class="ft1">die Absichten des Gesetzgebers kommt aber nur bei unklaren Geset-</span><br/> <span class="ft1">zesbestimmungen in Betracht, nicht jedoch wenn sie im Gesetz kei-</span><br/> <span class="ft1">nen Niederschlag gefunden haben (VGE vom 27. März 2001 in Sa-</span><br/> <span class="ft1">chen R. + E.R.).</span><br/> <span class="ft1">In den Gesetzesmaterialien zu § 62 Abs. 1 lit. c aStG findet</span><br/> <span class="ft1">sich, soweit ersichtlich, kein Anhaltspunkt dafür, dass (über den Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzeswortlaut hinaus) auch Kapitalleistungen, welche (auf Grund</span><br/> <span class="ft1">eines öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnisses) von privatrechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Freizügigkeitsstiftungen ausbezahlt werden, der Quellensteuer</span><br/> <span class="ft1">unterliegen. Allerdings geht daraus auch hervor, dass sich der Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzgeber mit dieser Fragestellung gar nicht befasst hat, so dass die</span><br/> <span class="ft1">Materialien kaum geeignet sind, die vorliegende Frage zu beantwor-</span><br/> <span class="ft1">ten (analog VGE vom 21. August 1997 in Sachen A.J.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">337</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">c) § 62 Abs. 1 lit. c aStG bezweckt (teleologisches Element) die</span><br/> <span class="ft1">steuerliche Erfassung von im Ausland wohnhaften Personen, die</span><br/> <span class="ft1">aufgrund eines bestehenden oder früheren Dienstverhältnisses (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Protokoll der 22. Sitzung vom 26. März 1982 der Grossratskommis-</span><br/> <span class="ft1">sion für die Revision des Steuergesetzes, Abschnitt F: Quellensteuer)</span><br/> <span class="ft1">mit einer aargauischen öffentlich-rechtlichen Institution Vorsorgelei-</span><br/> <span class="ft1">stungen beziehen. Durch öffentlich-rechtliche Dienstverhältnisse</span><br/> <span class="ft1">aufgelaufene Vorsorgeguthaben, welche mit öffentlichen Geldern</span><br/> <span class="ft1">finanziert wurden, sollen trotz Aufgabe des schweizerischen Wohn-</span><br/> <span class="ft1">sitzes des jeweiligen Arbeitnehmers bei deren Auszahlung im</span><br/> <span class="ft1">Schuldnerstaat besteuert werden können. Entscheidend ist also, dass</span><br/> <span class="ft1">die Vorsorgeleistung auf einem kantonal öffentlich-rechtlichen Ar-</span><br/> <span class="ft1">beitsverhältnis basiert. Ob die durch ein solches Dienstverhältnis</span><br/> <span class="ft1">aufgelaufenen Vorsorgeguthaben dem Anspruchsberechtigten von</span><br/> <span class="ft1">einer öffentlich-rechtlichen oder privatrechtlichen Institution ausbe-</span><br/> <span class="ft1">zahlt werden, ist demgegenüber nicht von Belang, weil dies am öf-</span><br/> <span class="ft1">fentlich-rechtlichen Charakter der Gelder nichts ändert.</span><br/> <span class="ft1">d) Das systematische und das realistische Auslegungselement</span><br/> <span class="ft1">helfen im vorliegenden Zusammenhang nicht weiter.</span><br/> <span class="ft1">e) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die teleo-</span><br/> <span class="ft1">logische Auslegung von § 62 Abs. 1 lit. c aStG zum Schluss führt,</span><br/> <span class="ft1">dass Vorsorgegelder aus kantonalem öffentlichem Dienst bei auslän-</span><br/> <span class="ft1">dischem Wohnsitz des Empfängers im Quellenstaat zu versteuern</span><br/> <span class="ft1">sind, und zwar unabhängig davon, ob sie aus einer öffentlich-rechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen oder privatrechtlichen Institution ausbezahlt werden. Der Wort-</span><br/> <span class="ft1">laut von § 62 Abs. 1 lit. c aStG gibt also nicht den wahren Sinn wie-</span><br/> <span class="ft1">der, so dass davon abgewichen werden darf bzw. muss (BGE 103 Ia</span><br/> <span class="ft1">117). Die Vorinstanz hat daher zu Recht auf den Fr. 294'656.50 auch</span><br/> <span class="ft1">eine kantonale Quellensteuer erhoben.</span><br/></div> </div> </body> </html>