Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 2. November 2020 (710 20 114 / 268) ____________________________________________________________________ Alters- und Hinterlassenenversicherung Materielle oder faktische Organeigenschaft im Sinne der Rechtsprechung zu Art. 52 Abs. 1 AHVG Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch D r. Claude Schnüriger, Advokat, Lange Gasse 90, Postfach 335, 4010 Basel gegen Ausgleichskasse Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff Schadenersatz A. Die B.____GmbH mit Sitz in X.____ war als beitragsp flichtige Arbeitgeberin bei der Aus- gleichskasse Basel-Landschaft (Ausgleichskasse) angeschlossen. Über die Gesellschaft wurde am 9. Januar 2018 der Konkurs eröffnet. Mit Verfügung vom 18. März 2019 forderte die Aus- gleichskasse von A.____ als ehemaligen Zeichnungsberechtigten der konkursiten B.____GmbH Schadenersatz für ausstehende Lohnbeiträge in der Höhe von Fr. 7'401.25. Daran hielt sie auf Einsprache hin fest (Einspracheentscheid vom 11. Februar 2020). Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Dr . Claude Schnüriger, am 11. März 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht des Kantons Basel-L andschaft, Abteilung Sozialversi- cherungsrecht (Kantonsgericht). Er beantragte, unter o/ e- Kostenfolge seien die Schadener- satzverfügung vom 18. Januar 2019 (recte: 18. März 2019) und der Einspracheentscheid vom 11. Februar 2020 aufzuheben. Begründend hielt er im Wesentlichen fest, er sei nicht schaden- ersatzpflichtig, da er kein formelles Organ gewesen sei und zudem weder Entscheidungsgewalt noch Einflussnahme auf die Geschäftsführung gehabt habe. C. Die Ausgleichskasse schloss mit Vernehmlassung vom 18. Jun i 2020 auf Abweisung der Beschwerde. D. Mit Verfügung vom 26. August 2020 wurde der Fall d em Präsidium zur Beurteilung überwiesen. Der Präsident zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversi- cherungsrechtes (ATSG) vom 6. Oktober 2000 kann gegen Ein spracheentscheide der Versi- cherungsträger Beschwerde erhoben werden. Jeder Kanton bestellt ein Versicherungsgericht als einzige Instanz zur Beurteilung von Beschwerden aus de m Bereich der Sozialversicherung (Art. 57 ATSG). Laut § 54 Abs. 1 lit. a des kantonal en Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist das Kantonsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons zur Beurteilung von Besc hwerden gegen Einspracheentschei- de der Versicherungsträger gemäss Art. 56 ATSG sachlich zuständig. 1.2 Nach Art. 52 Abs. 5 des Bundesgesetzes über die Alter s- und Hinterlassenenversiche- rung (AHVG) vom 20. Dezember 1946 ist in Abweichung v on Art. 58 Abs. 1 ATSG für Be- schwerden betreffend Schadenersatzansprüche der Ausgleic hskassen das Versicherungsge- richt desjenigen Kantons zuständig, in dem der Arbeitge ber seinen Wohnsitz hat, beziehungs- weise die als Arbeitgeberin auftretende juristische Per son ihr statutarisches Domizil hat, unge- achtet des jeweiligen Wohnsitzes der in Anspruch genomme nen Organe. Die B.____GmbH hatte ihren Sitz im Kanton Basel-Landschaft. Damit ist auch die örtliche Zuständigkeit des Kan- tonsgerichts gegeben. Auf die im Übrigen form- und f ristgerecht erhobene Beschwerde vom 11. März 2020 ist demnach einzutreten. 1.3 Gemäss § 55 VPO vom 16. Dezember 1993 entscheidet di e präsidierende Person der Abteilung Sozialversicherungsrecht des Kantonsgerichts Str eitigkeiten bis zu einem Streitwert von Fr. 20'000.-- durch Präsidialentscheid. Im vorliege nden Fall beläuft sich die Streitsumme auf Fr. 7'401.25, weshalb die Angelegenheit präsidial zu entscheiden ist. 2. Streitig ist, ob der Beschwerdeführer für die gelt end gemachten Beitragsausstände der B.____GmbH gegenüber der Ausgleichskasse haftbar ist. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.1 Nach Art. 52 Abs. 1 AHVG hat ein Arbeitgeber, we lcher der Versicherung durch ab- sichtliche oder grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften einen Schaden zufügt, diesen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine jur istische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäfts führung oder Liquidation befassten Perso- nen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden ve rantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG). Die Ha ftung nach Art. 52 AHVG sieht eine Verschuldenshaftung nach öffentlichem Recht vor. Damit eine Schadenersatzpflicht entstehen kann, müssen alle Haftungsvoraussetzungen gegeben sein, d .h. es muss ein Schaden einge- treten sein, der auf widerrechtliches und schuldhaftes Ve rhalten der Arbeitgeberin und – sub- sidiär – des verantwortlichen Organs zurückzuführen ist. 3.2 Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu entwi- ckelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestimmungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (Art. 66 des B undesgesetzes über die Invaliden- versicherung vom 19. Juni 1959), Erwerbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft vo m 25. September 1952) und Arbeits- losenversicherungsbeiträge (Art. 6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosen- versicherung und die Insolvenzentschädigung vom 25. Juni 19 82) sowie auf jene an die Famili- enausgleichskassen gemäss dem Bundesgesetz über die Familie nzulagen vom 24. März 2006 (Art. 25 lit. c). 4.1 Der Schaden der Ausgleichskasse besteht bei einer Anw endung von Art. 52 Abs. 1 AHVG darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschuldeter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, den die Ausgleichsk asse nicht erhältlich machen kann. Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und M ahngebühren sowie die Verzugs- zinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgl eichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 384 E. 3bb mit Hinweisen; vgl. auch Urt eil des Bundesgerichts vom 27. August 2013, 9C_646/2012, E. 4.1; zum Ganzen: T HOMAS NUSSBAUMER , Die Ausgleichskasse als Par- tei im Schadenersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). 4.2 Die Beschwerdegegnerin macht aufgrund der ungedeckt gebliebenen Forderung einen Schaden im Umfang Fr. 7'401.25 geltend. Die Höhe des Schadens und der Schadenersatzfor- derung werden vom Beschwerdeführer nicht bestritten, sodass das Kantonsgericht keine Ver- anlassung hat, die Berechnung konkret zu überprüfen. D er Verwaltungsprozess ist zwar vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht, dieser entbindet jedoc h die rechtsuchende Partei nicht davon, selber die Beanstandungen vorzubringen und ihr erseits zur Feststellung des Sachver- halts beizutragen (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versiche rungsgerichts [EVG, heute: Schwei- zerisches Bundesgericht, Sozialrechtliche Abteilungen] vom 21. April 2006 H 157/05, E. 2.2). Mangels offenkundiger Anhaltspunkte für Berechnungsfeh ler ist die Schadensberechnung der Beschwerdegegnerin daher zu bestätigen und vorliegend von einem relevanten Schadensbe- trag von Fr. 7'401.25 auszugehen. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.1 Der Schaden der Ausgleichskasse muss sodann auf ein w iderrechtliches Verhalten der schadenersatzpflichtigen Person zurückzuführen sein. Art. 14 Abs. 1 AHVG in Verbindung mit Art. 34 ff. der Verordnung über die Alters- und Hint erlassenenversicherung (AHVV) vom 31. Oktober 1947 schreibt vor, dass der Arbeitgeber bei j eder Lohnzahlung die Arbeitnehmer- beiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit seinen e igenen Beiträgen der Ausgleichskas- se periodisch zu entrichten hat. Diese werden von der Au sgleichskasse aufgrund der voraus- sichtlichen Lohnsumme festgesetzt, wobei die Arbeitgeber wesentliche Änderungen der Lohn- summe während des Jahres zu melden haben. Nach Ablauf ei ner Abrechnungsperiode, welche jeweils das Kalenderjahr umfasst, nimmt die Ausgleichskasse aufgrund der Abrechnung der Arbeitgeber den Ausgleich zwischen den geleisteten Akont obeiträgen und den tatsächlich ge- schuldeten Beiträgen vor, wobei ausstehende Beiträge in nert 30 Tagen ab Rechnungsstellung zu bezahlen sind (Art. 36 Abs. 3 und 4 AHVV). Diese Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene öffentlich-rechtliche Aufgabe. Dazu erklär- te das Bundesgericht wiederholt, dass die Nichterfüllun g dieser öffentlich-rechtlichen Aufgabe eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 AH VG bedeute und die volle Scha- densdeckung nach sich ziehe (BGE 111 V 173 E. 2 und 118 V 195 E. 2a; Urteil des EVG vom 21. April 2006, H 157/05, E. 4.1; vgl. auch M ARCO REICHMUTH , Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG, Freiburg 2008, Rz. 504). 5.2 Im vorliegenden Fall muss der konkursiten B.____GmbH insofern eine Missachtung von Vorschriften vorgeworfen werden, als sie den ihr oblie genden Abrechnungs- und Zahlungsver- pflichtungen nur unvollständig nachkam. Sie wurde desweg en von der Beschwerdegegnerin gemahnt und betrieben. Schliesslich blieben Sozialversicher ungsbeiträge (inklusive Nebenkos- ten) in der Höhe von Fr. 7'401.25 offen. Damit ist di e B.____GmbH ihren gesetzlichen Pflichten als Arbeitgeberin nicht nachgekommen und hat öffentlich-rechtliche Vorschriften verletzt. 6. Zwischen dem bei der Ausgleichskasse eingetretenen Scha den und dem pflichtwidrigen Verhalten des Arbeitgebers bzw. seiner Organe muss sodann ein adäquater Kausalzusammen- hang bestehen (BGE 119 V 406 E. 4a mit Hinweisen; Urt eile des Bundesgerichts vom 2. November 2012, 9C_369/2012 und 9C_370/2012, E. 7. 1; so auch Urteile des Kantonsge- richts vom 7. April 2016, 710 14 238/84, E. 6 und vom 10. Dezember 2015, 710 14 283/326, E. 3.4). Vorliegend ist offensichtlich, dass das pflichtwi drige Verhalten der B.____GmbH nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet war, den entstandenen Schaden zu bewirken. Der adäquate Kausalzusammenhang ist somit gegeben. 7.1 Art. 52 Abs. 1 AHVG setzt für die Haftbarkeit des Arbeitgebers voraus, dass die Miss- achtung von Vorschriften in absichtlicher oder grobfahrl ässiger Weise erfolgt ist. Sowohl den Arbeitgeber wie auch das allfällige Arbeitgeberorgan muss ein Verschulden treffen; verlangt wird somit ein doppeltes oder zweistufiges Verschulden (R EICHMUTH , a.a.O., Rz. 535). Das Bundesgericht geht in seiner Praxis allerdings davon aus, d ass bei Verletzung der Beitragszah- lungs- und Abrechnungspflicht ein Verschulden des Arbei tgebers grundsätzlich gegeben ist. Lediglich wenn besondere Umstände die Nichtbefolgung de r einschlägigen Vorschriften als er- laubt oder nicht schuldhaft erscheinen lassen, entfällt eine Haftung (THOMAS NUSSBAUMER , Die Haftung des Verwaltungsrates nach Art. 52 AHVG [Haftu ng des Verwaltungsrates], in: Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht AJP 1996 S. 1077 f. mit Hinweisen auf BGE 108 V 186 E. 1b und ZAK 1985 S. 576 E. 2). In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass fehlende finanzielle Mittel der Gesellschaft für sich allein keinen Rechtfertigungs- oder Entschuldigungsgr und darstellen, da ansonsten die Haf- tungsvorschrift von Art. 52 Abs. 1 AHVG weitgehend ihres Gehalts entleert würde. 7.2 Es liegen keine Gründe vor, die das fehlerhafte V erhalten der B.____GmbH im Zusam- menhang mit der Beitragsabrechnung und -ablieferung als gerechtfertigt erscheinen liessen beziehungsweise ein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahrlässigkeit ausschlies- sen würden. Besondere Umstände, welche die Verletzung der Beitragszahlungspflicht als ge- rechtfertigt erscheinen liessen, ergeben sich aus den Akt en nicht. Dies wäre namentlich der Fall, wenn Sozialversicherungsbeiträge vorübergehend i n der Absicht zurückbehalten worden wären, in einer schwierigen finanziellen Situation die Existenz des Unternehmens zu retten (vgl. BGE 108 V 187 E. 2). Solche Bemühungen – etwa die Ei nleitung von Sanierungsmassnahmen – sind aus den vorliegenden Unterlagen nicht ersichtlich . Es ist zudem festzuhalten, dass gera- de in finanziell schwierigen Zeiten besonders auf die r egelmässige Entrichtung der Sozialversi- cherungsbeiträge zu achten ist, was eine ständige Überw achung der Abrechnungen und Zah- lungen bedingt. So hielt das Bundesgericht wiederholt fest, eine Arbeitgeberin dürfe bei finanzi- ellen Schwierigkeiten grundsätzlich nur so viel Lohn aus bezahlen, als die darauf unmittelbar entstehenden Beitragsforderungen gedeckt seien (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 17. September 2007, 9C_111/2007, E. 3.1, mit Hinwei sen). Nach dem Gesagten steht somit fest, dass die Schadenersatzforderung ihre Ursache in ei ner Missachtung der Vorschriften zur Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht hat. Da die Mi ssachtung dieser Pflichten als schuld- haftes Verhalten zu qualifizieren ist, haftet die B.____GmbH für den entstandenen Schaden. 7.3.1 Ist der Arbeitgeber eine juristische Person, die im Zeitpunkt der Geltendmachung der Haftung nicht mehr besteht oder infolge Konkurseröffnu ng nicht mehr belangbar ist, so können gegebenenfalls subsidiär die verantwortlichen Organe i n Anspruch genommen werden (BGE 123 V 15 E. 5b, 122 V 66 E. 4a, 119 V 405 E. 2 , 114 V 219 ff. E. 3). In der Lehre ist ver- schiedentlich eingewendet worden, die Ausdehnung der H aftpflicht auf Organe sei nicht unbe- denklich, da weder die Gesetzesmaterialien noch der Wort laut von Art. 52 AHVG eine solche als begründet erscheinen liessen (ALFRED MAURER , Schweizerisches Sozialversicherungsrecht, Band II, Bern 1981, S. 67; vgl. auch P ETER FORSTMOSER , Die aktienrechtliche Verantwortlich- keit, Zürich 1987, S. 305 f., N 1071). Das Bundesgericht hat jedoch trotz dieser Kritik an der subsidiären solidarischen Haftbarkeit der Organe eines Arbeitgebers festgehalten (vgl. die grundsätzlichen Ausführungen in BGE 114 V 219 ff., insb es. E. 3b und c). In BGE 129 V 11 ff. hat sich das Bundesgericht nochmals ausführlich mit der erw ähnten Kritik auseinandergesetzt und vor allem unter Hinweis auf die aktuelle Gesetzgeb ung, welche sich im Rahmen des Erlas- ses des ATSG und im Zusammenhang mit der 11. AHV-Revisio n mit der Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG befasst hat, entschieden, dass kein Anl ass bestehe, von der konstanten Rechtsprechung zur Arbeitgeber-Organhaftung abzuweichen (BGE 129 V 11 ff. E. 3 mit zahlrei- chen Hinweisen; vgl. zum Ganzen auch N USSBAUMER , Haftung des Verwaltungsrates, S. 1071 ff., insbesondere S. 1075 f.). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3.2 Bei der Prüfung der Organhaftung bei der Gesel lschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) ist zu beachten, dass diese grundsätzlich eine drei teilige Organisation aufweist: Von Gesetzes wegen sind als Organe die Gesellschafterversammlun g (Art. 804 ff. des Bundesge- setzes betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, Fünfter Teil: Obligati- onenrecht [OR], vom 30. März 1911), die Geschäftsführ ung und Vertretung (Art. 809 ff. OR) sowie die Revisionsstelle (vgl. Art. 818 OR) vorgesehen. G rundsätzlich sieht das Gesetz in Art. 809 Abs. 1 OR die sogenannte Selbstorganschaft v or, d.h. die Geschäftsführung und Ver- tretung erfolgt durch alle Gesellschafter. Gemäss Art. 827 OR gelten für die Verantwortlichkeit der bei der Gesellschaftsgründung beteiligten und der mit der Geschäftsführung und der Kon- trolle einer GmbH betrauten Personen sowie der Liqu idatoren die Bestimmungen über die Akti- engesellschaft analog. Die Kriterien, welche die Rechts prechung für die Organhaftung bei der Aktiengesellschaft gebildet hat, lassen sich daher auf di e Organe einer GmbH übertragen (vgl. THOMAS NUSSBAUMER , Das Schadenersatzverfahren nach Art. 52 AHVG, in: Sch affhau- ser/Kieser [Hrsg.], Aktuelle Fragen aus dem Beitragsrecht der AHV, St. Gallen 1998, S. 104). Ist demnach eine GmbH als Selbstorganschaft organisiert, he rrscht in Bezug auf Art. 52 AHVG Klarheit über die haftbaren Organe. Alle Gesellschafte r sind in analoger Anwendung von Art. 754 OR in Verbindung mit Art. 759 Abs. 1 OR sowohl der Gesellschaft als auch den Gesell- schaftsgläubigern für den Schaden verantwortlich, den si e durch absichtliche oder fahrlässige Verletzung der ihnen obliegenden Pflichten verursachen, wobei sie solidarisch dafür haften, wenn sie für den gleichen Schaden verantwortlich sind (BGE 114 V 214 E. 3). 7.3.3 Zu beachten ist, dass die Organstellung nicht von den formalen Kriterien des Handels- registereintrags oder der Unterschriftsberechtigung ab hängig gemacht wird. Entscheidend ist vielmehr, ob jemand tatsächlich mit der Geschäftsführun g "befasst" ist. Dazu gehören mithin auch Personen, die faktisch die Funktion eines Geschäftsf ührers ausüben, indem sie etwa die- sem vorbehaltene Entscheide treffen oder die eigentliche Geschäftsführung besorgen und so die Willensbildung der Gesellschaft massgebend beeinflu ssen (materielle oder faktische Orga- ne; BGE 117 II 441 E. 2, 571 E. 3, BGE 114 V 78). D arunter fallen typischerweise Personen, die kraft ihrer Stellung dem formell eingesetzten Gesc häftsführer Weisungen über die Ge- schäftsführung erteilen. Demgegenüber unterliegen Per sonen, die blosse Hilfsfunktionen ausü- ben, nicht der Haftung im Sinne von Art. 52 AHVG. F ür die Annahme einer faktischen Organ- stellung genügt daher für sich allein die Erledigung r ein administrativer (Sekretariats-)Arbeiten (etwa das Unterzeichnen der Lohnbescheinigungen, das Ei nreichen eines Gesuchs um Zah- lungsaufschub, die Korrespondenz mit der Ausgleichskasse, die Vornahme einzelner Zahlun- gen, das Unterzeichnen der Bilanz und der Steuererklärun gen oder eines Arbeitsvertrags, die Entgegennahme von Zahlungsbefehlen samt Rechtsvorschlag) nicht (R EICHMUTH , a.a.O., RZ. 227). 8. Aus den Akten ergibt sich Folgendes: Laut Handelsregist erauszug des Kantons Basel- Landschaft waren C.____ als Geschäftsführer der B.____G mbH mit Einzelunterschrift, D.____ als Gesellschafter ohne Zeichnungsberechtigung und der Beschwerdeführer ohne Funktion mit Einzelunterschriftsberechtigung eingetragen. Weiter ergi bt sich aus den Akten und Angaben des Beschwerdeführers, dass er für die GmbH vereinzelt a dministrative Tätigkeiten wahrnahm. Namentlich unterzeichnete er die Lohnbescheinigungen fü r die Jahre 2015 und 2017 (act. 5/6, Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 82/83) und nahm zudem Zahlungsbefehle entgegen (act. 13/14, 31/32, 47/48, 54/55, 70/71). Weitere Aktivitäten des Beschwerdeführers ergeben sich aus den Akten nicht. Sodann gab er im Fragebogen über die Arbeitgeberhaftung vom 26. Fe bruar 2019 an, Zeichnungsberechtigter ohne Funktion gewesen zu sein. Er habe weder Entscheidu ngsgewalt noch Einfluss auf die Geschäftsführung gehabt. Sämtliche Geschäftstätigkeiten (Tagesgeschäft, Zahlungsverkehr, Personalangelegenheiten, etc.) seien in den Verantwor tungsbereich des Geschäftsführers C.____ gefallen. Er selbst habe lediglich Weisungen des Geschäftsführers ausgeführt. Zahlun- gen habe er keine getätigt und die allgemeine Korre spondenz sei über die Postadresse der GmbH erfolgt. In seiner Einsprache vom 29. Juni 2019 gegen die Schadenersatzverfügung vom 18. März 2019 hielt er weiter fest, sein Eintrag im Handelsregister sei deswegen erfolgt, weil der Geschäftsführer C.____ als einziger Geschäftsführer sein en Wohnsitz in Y.____ gehabt habe. Seine Funktion habe sich (dennoch) allein auf die Zeich nungsberechtigung beschränkt. Später habe C.____ wieder in der Schweiz Wohnsitz genommen. Mi t dem Wohnsitzwechsel habe sich hinsichtlich der Geschäftsführung und in Bezug auf seine Funktion als Zeichnungsberechtigter nichts geändert. Zu keinem Zeitpunkt sei er mit der Ge schäftsführung oder der Personaladmi- nistration betraut oder beauftragt worden, noch sei es in seiner Kompetenz gelegen, diesbezüg- lich Entscheidungen zu treffen. Als Zeichnungsberechtig ter habe er die Gesellschaft lediglich formell vertreten können. 9.1 Die Beschwerdegegnerin ging davon aus, dass der Beschw erdeführer aufgrund seiner formellen Organeigenschaft und seiner fiduziarischen Stellung mit entsprechender Einflussmög- lichkeit hinsichtlich des entstandenen Schadens im Sinne von Art. 52 AHVG haftbar ist. Dieser Sichtweise kann nicht beigepflichtet werden. Laut Han delsregisterauszug des Kantons Basel- Landschaft war der Beschwerdeführer ohne Funktion mit E inzelunterschriftsberechtigung der B.____GmbH eingetragen. Im genannten Zeitraum, währ end welchem die Firma hätte abrech- nen und die entsprechenden Sozialversicherungsbeiträge be zahlen müssen, war der Be- schwerdeführer demnach kein formelles Organ im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG, das auch ohne geschäftsführende Funktionen im Abrechnungswesen d er Gesellschaft für unbezahlt ge- bliebene und nicht mehr einbringliche Sozialversicherung sbeiträge grundsätzlich geradezu- stehen hätte (vgl. E. 7.3.3 hiervor). Soweit sich die Beschwerdegegnerin auf den Standpunkt stellt, der Beschwerdeführer unterstehe der formellen Organhaftung, läuft ihre Argumentation ins Leere. 9.2 Ob dem Beschwerdeführer materielle oder faktische Organeigenschaft zukam, kann aufgrund der gegebenen Aktenlage nicht abschliessend be urteilt werden. Allein aus der Tatsa- che, dass er zeichnungsberechtigt und damit befugt war , die Gesellschaft formell zu vertreten, lassen sich für die Haftungsfrage noch keine relevanten Schlüsse ziehen. Wie oben (vgl. E. 7.3.3 hiervor) ausgeführt, stellen das treuhänd erische Unterzeichnen der Lohnmeldun- gen und das Entgegennehmen der Zahlungsbefehle für sich allein betrachtet noch keine organ- spezifischen Tätigkeiten dar, weil sie sich in Handlungen erschöpfen, welche die Willensbildung der Gesellschaft nicht im Sinne von Lehre und Rechtsprechung massgebend beeinflussen. Dies gilt auch dann, wenn der Beschwerdeführer als "allein iger Verantwortlicher vor Ort" für einzelne administrative Arbeiten beauftragt war. Voraussetzung d er Haftbarkeit im Grundsatz ist viel- mehr, dass er disponieren und Zahlungen an die Ausgleichskasse veranlassen konnte. Ob dem Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht so ist, kann nur anhand der Statuten und des Organisatio nsreglements der Gesellschaft, insbe- sondere der Vereinbarungen hinsichtlich der delegierte n Aufgaben und Befugnisse resp. der erteilten Vollmachten verlässlich eruiert werden. Solch e Unterlagen fehlen gänzlich, weshalb zur entscheidenden Frage, ob dem Beschwerdeführer Gesch äftsführungsbefugnisse zukamen und ob bei ihm eine materielle oder faktische Organei genschaft im Sinne der Rechtsprechung zu Art. 52 Abs. 1 AHVG zu bejahen ist, keine verlässliche A ussage gemacht werden kann. So wie sich die Aktenlage präsentiert, ist der massgebende Sachverhalt im Sinne von Art. 43 Abs. 1 ATSG nicht ausreichend abgeklärt. Demnach beruht d er angefochtene Einspracheent- scheid vom 11. Februar 2020 auf unzureichenden Unterl agen und unvollständigen Abklärun- gen, weshalb er aufzuheben ist. Da es nicht die Aufg abe der kantonalen Gerichte ist, im Ver- waltungsverfahren versäumte Abklärungen nachzuholen, wir d die Beschwerdegegnerin ange- halten, anhand der einschlägigen Geschäftsunterlagen d en Aufgabenbereich und die übertra- genen Aufgaben und Befugnisse des Beschwerdeführers un d seine damit verbundene Stellung in der Gesellschaft abzuklären und hernach über dessen H aftung neu zu entscheiden. Die Be- schwerde ist in dem Sinne gutzuheissen. 10.1 Art. 61 lit. a ATSG bestimmt, dass das Beschwerdeverf ahren vor dem kantonalen Ge- richt für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. 10.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Be schwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und na ch der Schwierigkeit des Prozesses be- messen. Nach ständiger Praxis des Bundesgerichts genügt für den bundesrechtlichen An- spruch auf eine Parteientschädigung auch ein formelles Obsiegen in dem Sinne, dass der Be- schwerde führenden Person durch die Aufhebung der ange fochtenen Verfügung und der Rück- weisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Beurteilung alle Rech- te im Hinblick auf eine beanspruchte Leistung gewahrt bl eiben (BGE 132 V 215 E. 6.2). Nach- dem die Beschwerde gutzuheissen und die Sache zur erneut en Abklärung im Sinne der Erwä- gungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, hat diese dem Beschwerdeführer eine Parteient- schädigung auszurichten. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat in seiner Honorarno- te vom 27. August 2020 für das vorliegende Verfahren einen Zeitaufwand von insgesamt 6 Stunden und 15 Minuten geltend gemacht, was in Anb etracht der sich stellenden Sachver- halts- und Rechtsfragen angemessen ist. Die Bemühungen sind zu dem in Sozialversiche- rungsprozessen praxisgemäss für durchschnittliche Fälle zu r Anwendung gelangenden Stun- denansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen (vgl. § 3 Abs. 1 der Tarifordnung für die Anwältinnen und Anwälte [Tarifordnung] vom 17. November 2003). D azu kommen Auslagen von insgesamt Fr. 110.--. Dem Beschwerdeführer ist demnach eine Part eientschädigung in der Höhe von Fr. 1'801.30 (6,25 x Fr. 250.-- plus Auslagen von Fr. 110.-- und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Las- ten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. 11.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesgerich t (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenh eiten an das Bundesgericht zulässig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbst ändig eröffnete Zwischenentscheide Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zus tändigkeit und über Ausstandsbe- gehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in ö ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an- fechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzumachenden Nac hteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Besch werde sofort einen Endentscheid her- beiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Ze it oder Kosten für ein weitläufiges Be- weisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG ). Nach der bundesgerichtlichen Recht- sprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid a n den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BG G. Dies gilt auch für einen Rückwei- sungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvoraussetzungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). 11.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es si ch somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vo- raussetzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet d as Bundesgericht. Die nachstehen- de Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, als der angefochte- ne Einspracheentscheid vom 11. Februar 2020 aufgehoben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erw ägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die Beschwerdegegne rin zu- rückgewiesen wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 1'801.30 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht