B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2310/2018 U r t e i l v o m 9 . A p r i l 2 0 2 0 Besetzung Richter Jürg Marcel Tiefenthal (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren am (…), und ihr Kind B._______, geboren am (…), gemäss eigenen Angaben China (Volksrepublik), beide vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 26. März 2018 / N (…). D-2310/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin A._______ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) gelangte gemäss eigenen Angaben am 6. Mai 2015 in die Schweiz, wo sie gleichentags um Asyl ersuchte. B. Sie wurde am 20. Mai 2015 zu ihrer Person, zum Reiseweg sowie summa- risch zu den Fluchtgründen befragt (Befragung zur Pe rson [BzP]). Am 9. Juni 2016 fand eine eingehende Anhöru ng zu den Gesuchsgründen statt. Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch im Wesentlichen da- mit, dass sie aufgrund eines Aufrufs zu einer Demonstration verfolgt werde. C. Am 7. Juni 2017 wurde sie von einem Experten über ihr Alltagswissen hin- sichtlich ihrer angeblichen Herkunftsregion telefonisch befragt. Die gestützt auf dieses Gespräch erstellte Evaluation des Alltagswissens kam zum Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit klein sei, dass die Beschwerdeführe- rin im behaupteten geografischen Raum gelebt habe. D. Mit Schreiben vom 17. Oktober 2017 wurde der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zur Evaluation des Alltagswissens gewährt. Sie nahm mit Schreiben vom 30. Oktober 2017 und ergänzend mit Eingabe vom 22. De- zember 2017 Stellung. E. Am (…) wurde das Kind der Beschwerdeführerin B._______ geboren. F. Mit Verfügung vom 26. März 2018 (Eröffnung am 4. April 2018) stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an, schloss einen Vollzug der Wegweisung in die Volksrepublik China jedoch explizit aus. G. Diese Verfügung fochten die Beschwerdeführenden mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 20. April 2018 beim Bundesverwaltungsgericht an. D-2310/2018 Seite 3 Sie beantragten die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz. Es sei festzustellen, dass das SEM das rechtliche Gehör verletzt habe und das SEM sei anzuweisen, die Evaluation des Alltagswissens zu edieren. Eventualiter sei die Flüchtlings- eigenschaft festzustellen und Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und eine vorläufige Aufnahme zu ge- währen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtlichen Rechtsver beiständung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit aArt. 110a AsylG (SR 142.31). H. Mit Zwischenverfügung vom 3. Mai 2018 wurden die Beschwerdeführen- den aufgefor dert, eine Fürsorgebestätigung nachzureichen oder einen Kostenvorschuss zu leisten. I. Am 8. Mai 2018 reichten sie eine Fürsorgebestätigung ein. J. Mit Zwischenverfügung vom 17. Mai 2018 wurden die Gesuche um unent- geltliche Prozessführung und amtliche Rechtsv erbeiständung gutgeheis- sen und der rubrizierte Rechtsvertreter als amtlicher Rechtbeistand einge- setzt. K. Mit Vernehmlassung vom 31. Mai 2018 äusserte sich das SEM zur Be- schwerde, worauf die Beschw erdeführenden mit Eingabe vom 20 . Juni 2018 replizierten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher D-2310/2018 Seite 4 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder w egen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die D-2310/2018 Seite 5 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch damit, dass sie chi- nesische Staatsangehörige tibetanischer Ethnie sei und aus dem Dorf C._______, Gemeinde D._______, Bezirk E._______, Präfektur F._______ (Tibet) stamme, wo sie von Geburt bis zu ihrer Ausreise gelebt habe. In ihrem Bezirk würden Mineralien abgebaut. Für deren Auswaschen benutze man Giftstoffe, welche in den Fluss G._______ gelangen würden, wodurch Ernte, aber auch Mensch und Tier zu Schaden kommen würden. Ihr Stiefvater habe daher besch lossen, mit den anderen Dorfbewohnern eine Demonstration gegen den Abbau durchzuführen, weshalb er sie am (…) 2014 damit beauftragt habe, allen Familien mitzuteilen, sich am Tag darauf zur Demonstration zu versammeln. Am Abend des (…) 2014 sei sie dieser Bitte nachgekommen. Am Folgetag sei ihr Stiefvater zusammen mit anderen Dorfbewohnern zur Demonstration aufgebrochen. Ihr habe er die Teilnahme aber verboten. Seither habe sie nichts mehr von ihm gehört. Daraufhin habe sie erfahren, dass die Polizei bei ihr Zuhause nach ihr ge- sucht habe. Sie habe sich daher zur Ausreise entschlossen und sei mit Hilfe eines Schleppers nach Nepal gelangt. Dort habe sie sich rund zehn Monate aufgehalten, bevor sie in die Schweiz gelangt sei. 4.2 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass die Beschwerde- führerin mehrfach aufgefordert worden sei, Identitätspapiere einzureichen. Sie sei dieser Pflicht aber nicht nachgekommen, weshalb ihre Identität nicht feststehe. Ihre Aussagen zu den Ausweispapieren seien widersprüch- lich. In der BzP habe sie ausgesagt, sie habe bei der Ausreise eine Identi- tätskarte bei sich getragen, welche ihr vom Schlepper weggenommen und in H._______ weggeworfen worden sei. In der Anhörung habe sie demge- genüber ausgesagt, ihre Identitätskarte sei zuhause geblieben. Auf Nach- frage habe sie ergänzt, in Tibet trage man, anders als in der Schweiz, die Identitätskarte nicht auf sich, sondern lasse sie immer zuhause. Mit den widersprüchlichen Angaben konfrontiert, habe sie ihre Angaben dahinge- hend korrigiert, dass diejenigen, welche mit ihr zusammen gewesen seien, ihre Identitätskarte vor ihren Augen in den Fluss geworfen hätten. D-2310/2018 Seite 6 Die Aussagen zur Ausreise seien widersprüchlich und oberflächlich. In der BzP habe sie zu Protokoll gegeben, von I._______ mit dem Auto nach H._______ gefahren und von dort zu Fuss durch einen Wald gegangen zu sein. Am Morgen habe sie eine Autostrasse erreicht. In der Anhörung habe sie dem widersprechend berichtet, bereits von I._______ aus zu Fuss durch den Wald gegangen zu sein. Nachdem sie einen Fluss passiert habe, sei sie immer wieder bergauf und berg ab gegangen. Auf Vorhalt habe sie auf die Richtigkeit der Angabe in der Anhörung verwiesen und ergänzt, in der Anhörung habe sie nicht alles so ausführlich dargelegt, ohne auf die Widersprüchlichkeiten einzugehen. Über ihren Aufenthalt in Nepal habe sie in der BzP angegeben, sich während etwa zehn Monaten in der Nähe einer grossen Stupa aufgehalten zu haben, ohne jedoch den Namen der Ort- schaft zu kennen. Am 4. Mai 2015 sei sie mit einer ihr unbek annten Flug- gesellschaft etwa fünf Stunden geflogen und auf einem ihr unbekannten Flughafen gelandet. Nach einer Wartezeit von circa sechs Stunden sei sie in ein anderes Flugzeug gestiegen, könne sich aber nicht mehr an die Flug- dauer erinnern. Am Folgetag sei sie in einem ihr unbekannten Land gelan- det und von dort mit dem Zug in die Schweiz gereist. Zu den verwendeten Reisedokumenten habe sie keine präzisen Angaben gemacht, sondern le- diglich geltend gemacht, von einem Pass nichts zu wissen. Sie habe ein bläuliches Büchlein in den Händen gehalten, ohne dieses jemals während der Reise geöffnet zu haben. Abgesehen davon, dass von einer Frau ihres Alters verlangt werden könne, zu wissen, wohin sie sich begebe, sei es fraglich, weshalb sie sich an keine Details de r Weiterreise ab Nepal erin- nern könne. Darüber hinaus fänden sich in ihren Angaben zu den Fluchtgründen zahl- reiche Unstimmigkeiten. Im Zusammenhang mit den Ereignissen vom (…) 2014 habe sie in der BzP ausgeführt, nach Arbeitsende nach Hause ge- gangen zu se in, wo sie das Haus von den Sicherheitskräften durchwühlt vorgefunden habe. Da die Polizisten nichts Belastendes gefunden hätten, seien sie wütend geworden und hätten den Hausrat demoliert. Ihre Mutter habe ihr gesagt, sie müsse das Haus verlassen, weshalb sie sich gleichen- tags zum Onkel ihrer Freundin T. begeben habe, wo sie sich bis zur Aus- reise versteckt habe. Von T. habe sie erfahren, dass sie in ihrer Abwesen- heit zwei oder dreimal zuhause gesucht worden sei. In der Anhörung habe sie dem widersprechend angegeben, sie sei während ihrer Arbeitszeit von ihrer Freundin T. aufgesucht worden. Diese habe ihr berichtet, dass die Polizei bei ihr zuhause nach ihr gesucht habe. Daraufhin habe sie T. gebe- ten, bei ihr zuhause vorbeizugehen, um in Erfahrung zu bringen , was ge-D-2310/2018 Seite 7 schehen sei. Diese sei nach einer Stunde zurückgekehrt und habe ihr be- richtet, dass die Polizei das Haus durchsucht und ihre Mutter nach ihr ge- fragt habe. Als diese nicht sofort geantwortet habe, seien die Beamten wü- tend geworden und hätten alles durcheinandergebracht. Sie hätten den Al- tar durchsucht und Sachen mitgenommen, darunter ein versteckt aufbe- wahrtes Bild des Dalai Lama. Ihre Mutter habe ihr ausrichten lassen, dass sie keinesfalls nach Hause kommen solle. Sie habe die Nacht daher bei T. verbracht, während T. bei der Mutter der Beschwerdeführerin geblieben sei. Am folgenden Morgen sei T. zu ihr gekommen und habe ihr erklärt, sie müsse daran denken, nach Nepal zu gehen. Als T. am Nachmittag erfahren habe, dass die Polizei erneut nach ihr gesucht habe, habe T. sie aufgefor- dert, zu T.s Onkel nach J._______ zu gehen und sich zu verstecken. Dort sei sie fünf Nächte und sechs Tage geblieben, bevor sie die Ausreise an- getreten habe. Es sei zwar durchaus nachvollziehbar, dass man sich mit grösser werden- dem zeitlichem Abstand nicht mehr im Detail an verschiedene Ereignisse erinnern könne. Vorliegend handle es sich aber nicht um Details, sondern um gravierende inhaltliche und zeitliche Widersprüche, welche sie auf Vor- halt nicht habe entkräften können. Diese Folgerung werde durch den Umstand bestätigt, dass sie im Wider- spruch zu den tatsächlichen Gegebenheiten in der Anhörung angefüh rt habe, dass ihr Dorf durch das kontaminierte Abwasser der Minen von K._______ verseucht werde. In Wirklichkeit würden diese Minen aber wei- ter flussabwärts von ihrem Dorf liegen und damit ihr Dorf nicht erreichen. Als ihr dies mit einem Kartenausschnitt erläutert worden sei, rechtfertigte sie sich dahingehend, dass es sich dabei lediglich um ihre eigene Schluss- folgerung aus der Aussage ihres Vaters, dass das Wasser des Flusses ver- schmutzt sei, gehandelt habe. Dies müsse als Schutzbehauptung zurück- gewiesen werden, zumal sie in ihrer freien Schilderung zu den Asylgründen Schritt für Schritt beschrieben habe, wie das belastete Wasser von den Mi- nen in den Fluss gelange und ihr Dorf schädige. Bereits in der BzP seien hinsichtlich der angeblichen Herkunft Vorbehalte aufgetreten, welche durch die Aussagen in der Anhörung verstärkt worden seien. Es sei deshalb eine Evaluation des Alltagswissens veranlasst wor- den, bei welcher ihr Wissen über ihren Herkunftsort, die Nachbarsortschaf- ten, den Gemeindehauptort, den in dieser Region typischen Ackerbau, As-D-2310/2018 Seite 8 pekte im Zusammenhang mit ihrer langjährigen Tätigkeit als (…), die Wäh- rung und die Einkäufe, das Kochen, das Schulwesen, heimatliche Doku- mente sowie ihre Chinesischkenntnisse geprüft worden seien. Zu allgemeinen Fragen zu ihrer angeblichen Herkunftsregion habe sie mehrheitlich ungenaue oder falsche Angaben gemacht, obwohl sie gemäss eigenen Angaben gut (…) Jahre dort gelebt habe. Ihr Heimatdorf habe man zwar lokalisieren können und die Angaben des nahegelegenen Flusses seien zutreffend. Ihre Aussagen zu vier Dörfern, welche sie auf dem Weg vom Heimatort zum Gemeindehauptort passiert habe, seien aber falsch, obwohl es sich dabei um ihren Arbeitsweg handle. Im Rahmen des rechtli- chen Gehörs mache sie geltend, es sei nicht möglich, auf einem nur fünf- zehnminütigen Arbeitsweg vier Dörfer zu passieren. Niemand könne das in Tibet, da dafür die Distanzen zu gross seien. Sie habe diese Dörfer zwar genannt, dabei aber klargemacht, dass es sich um solche handle, die sich in der Umgebung befänden. Sie habe nie angegeben, diese lägen auf ih- rem Arbeitsweg. Diesem Einwand sei zu entgegnen, dass die Frage, wel- che Dörfer sich auf dem Arbeitsweg befänden, wohl kaum missverstanden werden könne. Folge man dieser Argumentation, erstaune es umso mehr, dass sie keine Angaben habe machen können, als sie vom Experten auf zwei Dörfer in der näheren Umgebung ihres Heimatdorfes sowie zwei Dör- fer in der unmittelbaren Umgebung des Gemeindehauptortes angespro- chen worden sei. Sie habe ferner dargelegt, in ihrem Dorf werde Ackerbau betrieben und ihre Familie würde Land besitzen, worauf sie bis zu ihrem zwölften Lebensjahr Ackerbau betrieben habe. Anschliessend habe die Familie die Felder ver- pachtet. Zum Pachtzins habe sie zwar plausible Angaben gemacht, wäh- rend sie die Frage zu den Anbauprodukten ihrer Region nur teilweise richtig beantwortet und ein Produkt genannt habe, dessen Anbau in Tibet eher unwahrscheinlich sei. Auf die wichtigste Nutzpflanze angesprochen habe sie angeführt, diese nicht zu kennen. Die Angaben zu ihrer Arbeitstätigkeit als (…), welche sie vom zwölften Le- bensjahr bis zur Ausreise ausgeübt habe, habe sie viele falsche oder un- genaue Angaben gemacht. Beispielsweise sei en die Ausführungen zum Lohn unrealistisch. Während sie mehrere typische Gerichte habe nennen können, würden ihre Angaben zu den Preisen dieser Gerichte deutlich von den üblichen Preisen abweichen. Getränke habe sie lediglich drei aufzäh- len können, während eine viel grössere Auswahl üblich sei. Die Angaben zu den Preisen der Getränke seien ferner unrealistisch. Auffällig sei, dass D-2310/2018 Seite 9 sie auf Nachfrage keine Angaben habe machen können, wie man die Rap- penbeträge in Tibet benenne. Sie habe nur den Ausdruck «Gormo Chega» verwendet und das deutsche Wort « Rappen» erwähnt. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs sei dazu eingewendet worden, bei Gormo Chega handle es sich, anders als im Schreiben des SEM zum rechtlichen Gehör behauptet, nicht um einen chinesischen Ausdruck, sondern eine tibetische Bezeichnung. Dieser Einwand sei berechtigt; hier sei dem SEM ein Fehler unterlaufen. In der Evaluation werde Gormo Chega aber korrekterweise als tibetischer Ausdruck angeführt. Zur Währung habe sie nur teilweise richtige Angaben gemacht. So seien ihr die Rappenwerte nicht bekannt gewesen und sie habe eine Stückelung erwähnt, welche seit Jahren nicht mehr im Umlauf sei. Die Angaben zu den Preisen diverser Lebensmittel seien nur teilweise zutreffend. Auf die Frage, wie gekocht werde, habe sie Holz und elektrische Herdplat- ten erwähnt; auch im Restaurant. Tatsächlich werde in Tibet aber insbe- sondere in Restaurantküchen weder mit Holz noch mit Strom gekocht. Als ihr der chinesische Ausdruck für die andere, typische Kochart genannt wor- den sei, habe sie nicht gewusst, wovon die Rede sei. Sie habe angegeben, nie eine Schule besucht zu haben, da ihr Vater da- gegen gewesen se i. Die Frage, ob ihr daraus wegen der herrschenden Schulpflicht Probleme entstanden seien, habe sie verneint, was gemäss Evaluationsbericht unwahrscheinlich sei. Zu weiteren Belangen betreffend die Schule habe sie zutreffende Angaben gemacht, nicht aber zum jährlich stattfindenden Schulfest, obwohl dieses sehr populär sei. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs sei eingewendet worden, man müsse das Alter der Be- schwerdeführerin berücksichtigen . Sie hätte vermutlich (…) eingeschult werden müssen. Damals seien aber in ländlichen Gebieten Tibets noch lange nicht alle Kinder zur Schule gegangen. Die Schulpflicht sei in den ländlichen Regionen bis heute nicht vollständig durch- und umgesetzt wor- den. Zu den staatlichen Einrichtungen des Gemeindehauptortes befragt, habe sie fälschlicherweise erklärt, dort gäbe es sowohl ein Polizeiamt als auch ein Amt für die Ausstellung des Familienbüchleins. Ferner habe sie den Namen der Bank nicht anzugeben vermocht. Hinsichtlich der typischen Verkehrsmittel habe sie für das genannte Fahrzeug eine in Tibet nicht ge- bräuchliche Bezeichnung genannt. Die Angaben zur Ausstellung eines Per-D-2310/2018 Seite 10 sonalausweises seien nur teilweise richtig, obwohl sie aufgrund des Um- standes, dass sie angeblich einen besessen habe, korrekte Angaben dazu machen müsste. Sie verfüge über sehr geringe Chinesischkenntnisse. Dazu habe sie im Rahmen des rechtlichen Gehörs ausgeführt, sie habe eine tiefe Abneigung gegen die chinesische Regierung und daher bewusst kein Chinesisch ge- lernt. Da sie in Tibet gelebt habe, sei dies auch nicht notwendig gewesen. Diesem Einwand sei zu entgegnen, dass sie im Gemeindehauptort als (…) tätig gewesen sei und somit keineswegs das Leben einer Bäuerin an einem abgelegenen Ort geführt habe, wo aufgrund der Lebensumstände womög- lich tatsächlich keine Notwendigkeit bestanden hätte, Chinesisch zu spre- chen. Zudem würden sich ihre Angaben anlässlich der BzP und des recht- lichen Gehörs widersprechen. An der BzP habe sie ausgeführt, dort wo sie gewohnt habe, hätten keine Chinesen gelebt, weshalb sie nie Chinesisch gesprochen habe und nie Kontakt zu Chinesen gehabt habe. In der Anhö- rung habe sie demgegenüber erklärt, trotz der Präsenz relativ vieler Chi- nesen in ihrer Herkunftsregion kein Chinesisch zu beherrschen, weil die Chinesen dort Tibetisch gesprochen hätten. Auf den Widerspruch ange- sprochen habe sie ausweichend erwidert, in der BzP lediglich erwähnt zu haben, dass in ihrem Dorf keine Chinesen wohnen würden. Zusammenfassend sei dahe r festzustellen, dass ihre Alltagskenntnisse nicht den Erwartungen entsprechen würden, die man an eine einheimische Tibeterin stellen würde. Sie habe teilweise zwar korrekte, jedoch oberfläch- liche Antworten gegeben. Ü berzeugende Angaben, welche e indeutig auf eine Sozialisierung in Tibet hinweisen würden, habe sie nicht zu machen vermocht. Sie weise im Gegenteil einige erstaunliche Wissenslücken auf und habe viele falsche Angaben zu allen abgefragten Bereichen des All- tags gemacht. Es sei daher unwahrscheinlich, dass sie tatsächlich wie an- gegeben während (…) Jahren in Tibet gelebt habe. Aufgrund der unglaub- haften Angaben zu ihrer Herkunft sei zu folgern, dass begründete Zweifel an der von ihr geltend gemachten chinesischen Staatsangehörigkeit be- stünden. Die Beschwerdeführerin habe verlangt, mündlich zur Evaluation des All- tagswissens Stellung nehmen zu können. Es bestehe jedoch kein An- spruch auf eine bestimmte Form der Gewährung des rechtlichen Gehörs. Im Hinblick auf die schwierige Schwangerschaft sei bewusst die schriftliche Form gewählt worden. D-2310/2018 Seite 11 Ferner sei moniert worden, dass eine ausgewogene Sprachanalyse fehle und der Experte aufgrund fehlender Qualifikationen keine Sprachanalyse durchführen dürfe. Diese Einwände würden nicht verfangen. Es sei ledig- lich eine Evaluation des Alltagswissens erfolgt, was auch klar so kommu- niziert worden sei. Wie alle Experten werde auch der vorliegend einge- setzte, fortlaufend überprüft. Der Einwand, die Evaluation würde deshalb inhaltlich an erheblichen Mängel leiden und unvolls tändig sein, sei daher unbegründet. Ferner werde bemängelt, dass dem Arztbericht vom (…) zur psychisch schlechten Verfassung der Beschwerdeführerin in der Evaluation keine Rechnung getragen worden sei . Auch dieser Einwand sei unbegründet. Der Arztbericht sei beim SEM erst am Tag der Befragung zum Alltagswis- sen eingegangen. Der Inhalt der Unterlagen, welche dem Arztbericht bei- liegen würden, würden der angeblichen schlechten psychischen Verfas- sung widersprechen. So habe sie sich an einem Gespräch mit der Ärztin am (…) dahingehend geäussert, dass sie über das gute Resultat der Un- tersuchung sehr glücklich sei und keine weitere Untersuchung wünsche. Die Anmerkung im Bericht der Hausärztin vom (…), wonach die Beschwer- deführerin wegen der ernsten Befunde bei der Schwangerschaft sehr be- unruhigt und in einer psychisch schlechten Verfassung sei, decke sich nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten. Im Übrigen gehe aus dem Evaluati- onsbericht hervor, dass sie gegenüber dem Experten die Schwangerschaft erwähnt habe. Es sei den Beschwerdeführenden folglich nicht gelungen, ihre Herkunft aus Tibet glaubhaft zu machen. Gemäss geltender Praxis sei bei unglaubhaften Angaben zur Herkunft davon auszugehen, dass keine Gründe gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort vorlägen. Das Asylgesuch sei daher abzulehnen. 4.3 Diesen Erwägungen wurde in der Beschwerdeschrift entgegnet, das vorliegende Verfahren habe viel zu lang gedauert und es hätten zu viele unterschiedliche Mitarbeitenden des SEM mitgewirkt. Die Untersuchung sei von drei unterschiedlichen Personen durchgeführt und die Verfügung schliesslich durch eine vierte Person redigiert worden, welche die Be- schwerdeführerin nie zu Gesicht bekommen habe. Die Verfügung sei un- ausgewogen, da nur Aspekte berücksichtigt worden seien, welche gegen die Beschwerdeführenden sprechen würden. D-2310/2018 Seite 12 Mit Schreiben vom 30. Oktober 2018 sei darum ersucht worden, dass der zuständige Sachbearbeiter des SEM der Beschwerdeführerin münd lich das rechtliche Gehör zu gewähren. Dieser Bitte sei das SEM nicht nach- gekommen und das SEM verweise dabei auf den Verlauf der Schwanger- schaft der Beschwerdeführerin. Dieser Hinweis überzeuge nicht, da die Schwangerschaft an anderer Stelle der Verfügung genau gegentei lig ver- wendet werde. Es werde behauptet, wegen der schwierigen Schwanger- schaft keine weitere Anhörung durchgeführt zu haben, gleichzeitig sei es aber völlig unproblematisch, während eben dieser Schwangerschaft eine mündliche Evaluation des Alltagswissens durchzuführen. Es bestehe zwar kein Anspruch auf eine mündliche Anhörung. Trotzdem sei es stossend, den Verlauf der Schwangerschaft dafür aufzuführen und damit geltend zu machen, man habe es im Interesse der Beschwerdeführerin getan, zumal die Beschwerdeführerin selbst um eine mündliche Anhörung ersucht habe. In der Verfügung werde einerseits ausgeführt, der Beschwerdeführerin sei es nicht gelungen, die Herkunft aus Tibet respektive der Volksrepublik China glaubhaft zu machen. Anderseits werde aber ausgefüh rt, da die Möglichkeit bestehe, dass sie die chinesische Staatsangehörigkeit besitze, sei ein Vollzug der Wegweisung nach China ausgeschlossen. Allenfalls hätte sich der Aufwand gelohnt, die Beschwerdeführerin erneut anzuhören, da es ihr dabei vielleicht gelungen wäre, den Sachbearbeiter von ihrer chi- nesischen Staatsbürgerschaft zu überzeugen. Das SEM verweise an diversen Stellen auf exakte Seitenzahlen in der Eva- luation des Alltagswissens, habe es unter Berufung auf Geheimhaltungsin- teressen aber abgelehnt, das entsprechende Dokument offenzulegen. Es sei lediglich eine Zusammenfassung ediert worden. Es bestünden grosse Zweifel daran, dass das SEM die Evaluation sorgfältig zusammengefasst habe, zumal es in der Verfügung einen Fehler eingeräumt habe. Ob es weitere Fehler gebe, könne nicht ausgeschlossen werden und eine ent- sprechende Überprüfung sei nur möglich, wenn die Evaluation ediert werde. Andernfalls könne weder das Gutachten, noch die Zusammenfas- sung verwendet werden, da sonst eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vorliegen würde. Es sei nicht nachvollziehbar, wieso es sich bei der Evalu- ation des Alltagswissens um ein Dokument handle, das aus Geheimhal- tungsgründen nicht vollständig ediert werden könnte. Es sei nicht ersichtlich, wieso das SEM lediglich eine Evaluation des All- tagswissens und keine LINGUA -Analyse inklusive Sprachanalyse veran-D-2310/2018 Seite 13 lasst habe. Aus einer Analyse der Sprache würden sich wertvolle Rück- schlüsse ziehen lassen, während Fragen, welcher Lohn realistisch sei, kaum schlüssig beantwortet werden könnten. Angaben zur Währung könn- ten auch bei Schweizern lückenhaft sein, etwa, dass der Einräppler bis Ende 2006 offizielles Zahlungsmittel gewesen sei oder die neue Zehner- note eine eindrückliche Darstellung der Zeitzonen trage. Allein aus der Evaluation den Schluss zu ziehen, die Beschwerdeführerin stamme nicht aus Tibet, ginge zu weit und es sei zu berücksichtigen, dass sie viele Fra- gen exakt beantwortet habe. Das SEM erachte die Ausführungen der Beschwerdeführerin zu Unrecht für unglaubhaft. Ihre A ussagen würden diverse Realkennzeichen aufwei- sen und seien logisch konsistent. Das SEM stelle die BzP der Anhörung gegenüber und unterlasse es, die Anhörung separat zu würdigen. Den Aus- sagen in der BzP könne praxisgemäss nur ein beschränkter Beweiswert beigemessen werden. Widersprüche dürften nur herangezogen werden, wenn sie diametral seien. Die Beschwerdeführerin habe sich in der Anhö- rung nie widersprochen. Die Anhörung stelle eine Ergänzung zur BzP dar und diene nicht dazu, zu überprüfen, ob nach einem J ahr nochmals wort- wörtlich dasselbe gesagt werde. Zu berücksichtigen sei auch, dass die An- hörung in einem grossen zeitlichen Abstand zur BzP stattgefunden habe und die Person, welche den Entscheid redigiert habe, die Beschwerdefüh- rerin nie persönlich angehört habe. Es sei somit glaubhaft, dass die Beschwerdeführerin aus Tibet stamme, chinesische Staatsangehörige sei und ihr Heimatland illegal verlassen habe. Sollten ihre Fluchtgründe für unglaubhaft erachtet werden, sei sie zumindest als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. 4.4 In Rahmen der Vernehmlassung warf das SEM ein, dass die lange Dauer des Asylverfahrens auf die grosse Anzahl von Asylgesuchen zurück- zuführen sei. Viele Asylsuchende im Jahre 2015 seien von der Verzöge- rung in gleichem Masse betroffen gewesen. Der Einwand, es hätten unnö- tig viele Beteiligte mitgewirkt, sei aber zurückzuweisen, zumal es der Regel entspreche, dass einzelne Verfahrensschritte von verschiedenen Perso- nen durchgeführt würden. Es sei auch nicht nachvollziehbar, inwiefern eine Inaugenscheinnahme der asylsuchenden Person dem Verfahren förderlich sein solle. D-2310/2018 Seite 14 Die Evaluation des Alltagswissens habe den Zweck verfolgt, abzuklären, ob sich die Beschwerdeführerin, die geltend mache, ihr gesamtes bisheri- ges Leben in derselben Region verbracht zu haben, im dortigen Alltagsle- ben auskenne. Eine Sprachanalyse hätte diesen Zweck nicht erfüllt. Es entspreche der Praxis, dass LINGUA -Analysen nicht vollständig offenge- legt würden. In der Verfügung seien nicht nur die Aspekte abgehandelt wor- den, welche gegen die Beschwerdeführerin sprächen, sondern auch dieje- nigen zu ihren Gunsten. Der Einwand, es sei unzulässig die BzP und die Anhörung bei der Glaub- haftigkeitsprüfung gegenüberzustellen, sei unzutreffend. Die Beschwerde- führerin habe sich in der BzP frei ä ussern können, sei auf die Wahrheits- pflicht hingewiesen worden und habe die Richtigkeit des Protokolls bestä- tigt. Ferner habe sie in der Anhörung tatsachenwidrig behauptet, die Minen würden oberhalb ihres Dorfes liegen. Es sei erneut zu betonen, dass die Beschwerdeführerin keine Identitätsdo- kumente eingereicht habe und dies nicht schlüssig erklären könne. Sie habe angegeben, ihre Identitätskarte befinde sich bei ihrer Mutter, zu wel- cher sie in Kontakt stehe. Die Erklärung, es sei ihr trotzdem nicht möglich, diese zu beschaffen, da die Chinesen ihre Familie bewachen würden, ver- möge angesichts der fehlenden Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen nicht zu überzeugen. Die Beschwerdeführerin habe trotz bestehender Möglichkeit bisher auch nichts unternommen, um die Er kenntnisse der Herkunftsanalyse mit Be- weismitteln zu widerlegen. 4.5 In der Replik wurde erwidert, das SEM habe eingestanden, dass das Verfahren zu lange gedauert habe. Die Erklärung widerspreche aber den Erfahrungen des Rechtsvertreters, da er regelmässig mit Asylgesuchen konfrontiert sei, die späteren Datums als 2015 seien. Hinsichtlich der vielen Verfahrensbeteiligten sei auf die Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014 zu verweisen, wonach man darauf achte, Asyl- entscheide in zeitlicher Nähe zur Anhörung und durch dieselbe Person zu fällen. Ein persönlicher Eindruck sei somit durchaus förderlich für eine rich- tige Entscheidfindung und die gegenteilige Haltung des SEM im vorliegen- den Fall sei kaum mit der Vorstellung eines fairen und seriösen Verfahrens vereinbar. D-2310/2018 Seite 15 Das SEM führe aus, eine Sprachanalyse hätte den Zweck nicht erfüllt, ab- zuklären, ob die Beschwerdeführerin ihr gesamtes Leben in der von ihr an- gegebenen Region gelebt habe. Es stelle sich hier die Frage, wann sonst eine Sprachanalyse zweckdienlich sein könnte, wenn nicht hier. Anhand der Sprache würden sich gute Schlüsse auf die Herkunft ziehen lassen. Es könne leider nicht in Abrede gestellt werden, dass die Beschwerdefüh- rerin keine Identitätspapiere vorlegen könne. Es könnte tatsächlich so sein, dass die Beschwerdeführerin in einem anderen Land eine Aufenthaltsbe- willigung habe und die Behörden täusche. Es sei aber genauso gut mög- lich, dass sie die Dokumente nicht einreichen könne. Es sei gerade Kern des Verfahrens, dies herauszufinden und das SEM s ei wegen des Unter- suchungsgrundsatzes gehalten, alles dafür zu tun. Hier aber sei bewusst auf eine Sprachanalyse verzichtet worden. 5. 5.1 Die Beschwerdeführerin machte in formeller Hinsicht geltend, ihr sei keine vollständige Einsicht in die Herkunftsanalyse gewährt worden, wodurch der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV verletzt worden sei. Dieser Einwand erweist sich als un- begründet. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist in einen All- tagswissenstest aufgrund entgegenstehender öffentlicher Interessen keine vollständige Einsicht zu gewähren. Vielmehr genügt es, wenn im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs die angeblich falschen oder unzu- reichenden Antworten so detailliert aufgezeigt werden, dass hierzu kon- krete Einwände vorgebracht werden können (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1 ). Dies ist vorliegend geschehen, zumal ihr der wesentliche Inhalt der Evalu- ation des Alltagswissens hinreichend detailliert schriftlich offengelegt wor- den ist (vgl. act. A22). Wie die Beschwerdeführerin und auch das SEM be- reits feststellten, ist dem SEM bei der Zusammenfassung ein Fehler unter- laufen, welcher im Rahmen des rechtlichen Gehörs jedoch entdeckt und in der angefochtenen Verfügu ng entsprechend gewürdigt wurde . Weitere Fehler finden sich in der Zusammenfassung nicht, weshalb die Zusammen- fassung dem Anspruch auf rechtliches Gehör genügt. Der Antrag auf Edi- tion der Evaluation ist ebenfalls abzuweisen. 5.2 Dass das SEM lediglich eine Herkunftsanalyse, nicht aber eine zusätz- liche linguistische Analyse veranlasste, verletzt den Untersuchungsgrund- satz nicht. Gemäss diesem Grundsatz hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachver-D-2310/2018 Seite 16 halts zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaf- fen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei beschränken sich die behördlichen Er- mittlungen nicht nur auf jene Umstände, welche die Be troffenen belasten, sondern haben auch die sie entlastenden Momente zu erfassen. Die Be- hörde hat alle sach- und entscheidwesentlichen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2). Das SEM ordnet in mit dem vorliegenden Fall vergleichbaren Konstellation in der Regel eine LINGUA-Analyse oder eine – wie vorliegend – Evaluation des Alltagswis- sens, bei welcher keine Sprachanalyse erfolgt , an (vgl. BVGE 2015/1 0 E. 5.1). Welche Variante dieser Herkunftsanalysen gewählt wird, liegt im Ermessen des SEM, wobei der LINGUA -Analyse, in welcher nebst einer Prüfung der Alltagskenntnisse auch eine Analyse der Sprache erfolgt, in aller Regel ein grösserer Beweiswert zugemessen wird, während jedoch beide der freien Beweiswürdigung unterliegen (vgl. zum erhöhten Beweis- wert von LINGUA-Analysen BVGE 2015/10 E. 5.1 m.w.H.). Das Vorgehen des SEM, "nur" eine Evaluation des Alltagswissens durchzuführen, ist so- mit unter dem Aspekt des Untersuchungsgrundsatzes nicht zu beanstan- den. Ob sich die Schlussfolgerungen des SEM gestützt auf eine Würdigung dieser Evaluation zusammen mit den anderen Beweismitteln als zutreffend erweist, ist keine Frage des Untersuchungsgrundsatzes, sondern der Be- weiswürdigung. 5.3 Der Umstand, dass die Verfügung nicht von derselben Person redigiert worden ist, welche auch die Anhörung durchgeführt hat, stellt keinen Ver- fahrensfehler dar, welcher die Aufhebung der angefochtenen Verfügung rechtfertigen könnte, zumal es sich bei der von der Beschwerdeführerin in der Replik angerufenen Empfehlung um keine justiziable Verfahrenspflicht handelt (vgl. Urteil des BVGer D -6560/2016 vom 29. März 2018 E. 5.2). Allerdings ist – ohne dass dies Konsequenzen für das vorliegende Verfah- ren hätte – der Beschwerdeführerin dahingehend zuzustimmen, dass ein persönlicher Eindruck der Entscheidfindung förderlich ist und somit mög- lichst darauf zu achten ist, dass dieselbe Person, welche die Anhörung führt, auch den Entscheid verfasst. 6. 6.1 In materieller Hinsicht hat das SEM das Asylgesuch zu Recht abge- lehnt. Im BVGE 2014/12 präzisierte das Bundesverwaltungsgericht seine Praxis gemäss EMARK 2005 Nr. 1 dahingehend, dass bei Personen tibe- tischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder verheimlichen, D-2310/2018 Seite 17 vermutungsweise davon auszugehen sei, dass keine flüchtlings- oder weg- weisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ihren bisherigen Aufenthaltsort beständen. Denn die Abklärungspflicht der Asylbehörden finde ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Verunmögliche eine tibetische Asyls uchende durch die Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht die Abklärung, welchen effektiven Status sie in Nepal respektive in Indien innehabe, könne namentlich keine Drittstaatenabklä- rung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden. Überdies werde durch die Verheimlichung und Verschleierung der wahren Herkunft auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Person in Bezug auf ihr effektives Heimatland verunmöglicht (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 f.). 6.2 Aufgrund der Aktenlage besteht Grund zur A nnahme, dass die Be- schwerdeführerin ihre wahre Herkunft zu verschleiern versucht. Dabei kann zur Hauptsache auf die Evaluation des Alltagswissens verwiesen werden. Diese stammt von einer qualifizierten Person und vermag im Er- gebnis zu überzeugen, wohingege n es der Beschwerdeführerin im Rah- men des rechtlichen Gehörs nicht gelungen ist, die Schlussfolgerungen zu entkräften. Dabei kann auf die Ausführungen des SEM verwiesen werden. Der Einwand auf Beschwerdeebene, Wissenslücken würden auch bei Schweizern auftreten, geht an der Sache vorbei, zumal die Beschwerde- führerin in diversen Bereichen Wissenslücken aufweist, welche teilweise Kernbereiche ihres angeblichen Alltags betreffen und folglich nicht zu er- warten wären. Die Evaluation ist ferner als ausgewogen zu b ezeichnen, zumal auch die den Tatsachen entsprechenden Antworten gewürdigt wur- den. Das Ergebnis der Evaluation lautet denn auch nicht, dass eine Her- kunft aus Tibet gänzlich ausgeschlossen sei, sondern vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit dafür klein sei. Der Befund einer Verschleierung der Herkunft wird durch die Ausführungen der Beschwerdeführerin zu ihrer Flucht bestätigt. Wie bereits das SEM de- tailliert darlegte, sind ihre Angaben dazu widersprüchlich und teils ober- flächlich. So sind die Aussagen, mit welchen Verkehrsmitteln sie welche Etappe der Ausreise zurückgelegt habe, widersprüchlich, während sie über ihren Aufenthalt in Nepal nur sehr oberflächlich berichtete. Überdies er- staunt es, dass die Beschwerdeführerin keine exakteren Angaben zur Flug- reise machen konnte, zumal die Flughäfen und Fluglinien sowohl im Flug- zeug als auch vor Ort immer wieder bei Ansagen und auf Anzeigetafeln namentlich erwähnt werden. Ferner sind die Angaben zum Verbleib ihrer Identitätspapiere widersprüchlich, indem sie einerseits angab, diese seien weggeworfen worden, andererseits aber geltend machte, diese befänden D-2310/2018 Seite 18 sich zuhause. Widersprüchlich ist schliesslich auch die Schilderung der Fluchtgründe. Der Widerspruch hinsichtlich des Umstandes, wie sie von der Hausdurchsuchung erfahren habe (selbst nach Hause gegangen [BzP] / durch eine Freundin informiert [Anhörung]), ist gravierend. Der Einwand auf Beschwerdeebene, widersprüchliche Ausführungen in der BzP dürften der Beschwerdeführerin nicht vorgehalten werden, ist unzutreffend. Es trifft zwar zu, dass Aussagen in der BzP angesichts des summarischen Cha- rakters für die Beurteilung der Glaubwürdigkeit praxisgemäss nur be- schränkter Beweiswert zukommt. Aussagewidersprüche sind aber insbe- sondere dann bei der Beurteilung der Glaubwürd igkeit beachtlich, wenn klare Aussagen der BzP in wesentlichen Punkten von den Aussagen in der Anhörung diametral abweichen (vgl. bereits Entscheidungen und Mitteilun- gen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1993 Nr. 3). Dies ist vorliegend der Fall, zumal sich die Aussagen nicht nur in Nuancen, sondern diametral widersprechen. Ferner lässt sich die Wider- sprüchlichkeit auch nicht durch den Zeitablauf zwischen BzP und Anhörung erklären. 6.3 In Übereinstimmung mit dem SEM ist somit festzustellen, dass die Be- schwerdeführerin über ihre Herkunft täuschende Angaben gemacht hat. In Anwendung der in BVGE 2014/12 E. 5.10 entwickelten Rechtsprechung wurde daher zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylge- such abgelehnt. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht z umutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). D-2310/2018 Seite 19 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.2 Unter Hinweis auf die in Erwägung 6.1 skizzierte Rechtsprechung ist der Vollzug der Wegweisung – auch unter Berücksichtigung des Kindes- wohls – für zulässig, zumutbar und möglich zu erachten. Nachdem diejenigen Tibeterinnen und Tibeter, die die chinesische Staats- bürgerschaft besitzen, in Bezug auf China zumindest subjektive Nach- fluchtgründe haben, weil sie als Unterstützer des Dalai Lama und damit als separatistisch gesinnte Oppositionelle betrachtet werden und – wiederum in Bezug auf China – die Flüchtlingseigenschaft erfüllen (vgl. BVGE 2009/29), ist an dieser Stelle, im Sinne einer Klarstellung und in Überein- stimmung mit der angefochtenen Verfügung, (nochmals) darauf hinzuwei- sen, dass für alle Exil-Tibeterinnen und -Tibeter und somit auch für die Be- schwerdeführenden ein Vollzug der Wegweisung nach China auszu- schliessen ist, da ihnen dort gegebenenfalls eine unmenschliche Behand- lung im Sinne von Art. 3 EMRK droht. 9. Aus diesen Erwäg ungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Be - schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen jedoch mit Zwischenverfügung vom 17. Mai 2018 die unentgeltliche Prozessfüh- rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt worden ist, sind keine Kosten zu erheben. 10.2 Mit Zwischenverfügung vom 17. Mai 2018 wurde der rubr izierte Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Ihm ist deshalb ein amtliches Honorar zu entrichten. Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb das Honorar aufgrund der Akten zu bestimmen ist D-2310/2018 Seite 20 (Art. 14 Abs. 2 in fine des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos- ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das Honorar ist auf insgesamt Fr. 1'500.– festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) D-2310/2018 Seite 21 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Herrn Dominik Löhrer wird ein amtliches Honorar von Fr. 1'500.– entrichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Jürg Marcel Tiefenthal Linus Sonderegger