<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 27 S.83</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">83</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>27 § 197 Abs. 1, § 146 Abs. 1 und 2, § 198 Abs. 2 StPO; Einsprache des</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Geschädigten.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Voraussetzungen zur Einspracheerhebung durch den Geschädigten.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Prüfung der Einsprache durch das Gericht.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Kostenauflage bei Rückzug der Einsprache durch den mangels Gel-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tendmachung privatrechtlicher Ansprüche gar nicht einsprachebe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>rechtigten Geschädigten zu Lasten des Staates.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Auszug aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom</span><br/> <span class="ft3">23. Oktober 2001 i.S. S.B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Ein Einspracherückzug, der erst nach Eingang der Anklage</span><br/> <span class="ft1">beim Bezirksgericht erfolgt, zieht Kostenfolgen nach sich; neben den</span><br/> <span class="ft1">dem Beschuldigten im Strafbefehl rechtskräftig auferlegten Kosten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">84</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">für das Strafbefehlsverfahren sind zusätzliche Kosten für die der</span><br/> <span class="ft1">Einsprache nachfolgenden Schritte entstanden. Grundsätzlich hat</span><br/> <span class="ft1">diejenige Partei die Kosten zu tragen, die mit ihrem Begehren unter-</span><br/> <span class="ft1">liegt oder das Rechtsmittel beziehungsweise den Rechtsbehelf zu-</span><br/> <span class="ft1">rückzieht. Gemäss § 198 Abs. 2 StPO sind solche durch den Rückzug</span><br/> <span class="ft1">der Einsprache vor der Urteilsfällung entstandenen Mehrkosten dem</span><br/> <span class="ft1">Einsprecher aufzuerlegen.</span><br/> <span class="ft1">Es ergibt sich demnach, dass bei einem Rückzug der vom Ge-</span><br/> <span class="ft1">schädigten erhobenen Einsprache grundsätzlich dieser (und nicht der</span><br/> <span class="ft1">Angeklagte) die entstandenen Mehrkosten zu tragen hat.</span><br/> <span class="ft1">b) aa) Gemäss § 56 StPO sind Parteien im Strafverfahren der</span><br/> <span class="ft1">Beschuldigte oder Angeklagte, die Staatsanwaltschaft und der Ver-</span><br/> <span class="ft1">letzte oder Geschädigte, wenn er privatrechtliche Ansprüche aus der</span><br/> <span class="ft1">strafbaren Handlung geltend macht und als Zivilkläger auftritt</span><br/> <span class="ft1">(Ziff. 3). Letzterer kann, soweit er privatrechtliche Ansprüche gel-</span><br/> <span class="ft1">tend gemacht hat, gegen einen Strafbefehl innert 20 Tagen seit Zu-</span><br/> <span class="ft1">stellung beim Bezirksamt Einsprache erheben (§ 197 Abs. 1 StPO).</span><br/> <span class="ft1">Die Einsprache bewirkt die Aufhebung des Strafbefehls.</span><br/> <span class="ft1">bb) Ein Verletzter oder Geschädigter ist nur dann zur</span><br/> <span class="ft1">Einsprache berechtigt, wenn er als Zivilkläger am Strafbefehlsver-</span><br/> <span class="ft1">fahren teilgenommen hat (vgl. dazu Urteil der 2. Strafkammer vom</span><br/> <span class="ft1">16. Januar 2001, StA und C.D.M. gegen S.H., S. 4; vgl. auch</span><br/> <span class="ft1">Gomm/Stein/Zehntner, Kommentar zum Opferhilfegesetz, Bern</span><br/> <span class="ft1">1995, N 13 f. zu Art. 8). Er muss seine privatrechtlichen Ansprüche</span><br/> <span class="ft1">vor der Ausfällung des strafbefehlsrichterlichen Entscheids beziffert</span><br/> <span class="ft1">und eingeklagt haben (vgl. für das ordentliche Rechtsmittelverfahren</span><br/> <span class="ft1">Beat Brühlmeier, Aargauische Strafprozessordnung, Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">2. Aufl., Aarau 1980, N 5 e zu § 206 StPO). Fehlt dem Verletzten</span><br/> <span class="ft1">oder Geschädigten die Zivilklägereigenschaft, weil er seine Forde-</span><br/> <span class="ft1">rung überhaupt nicht oder nicht rechtzeitig eingeklagt hat, geht ihm</span><br/> <span class="ft1">auch die Legitimation zur Einsprache ab (Mark Schwitter, Der Straf-</span><br/> <span class="ft1">befehl im aargauischen Strafprozess, Aarau 1996, S. 294).</span><br/> <span class="ft1">3. a) Der Geschädigte hat bis zum Zeitpunkt der Ausfällung des</span><br/> <span class="ft1">Strafbefehls nie privatrechtliche Ansprüche geltend gemacht; auch</span><br/> <span class="ft1">anlässlich seiner Befragungen vom 30. Dezember 1999 und 3. Januar</span><br/> <span class="ft1">2000 hat er mit keinem Wort darauf hingewiesen, dass er Forderun-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">85</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gen gegenüber dem Angeklagten geltend machen wolle. Der darauf-</span><br/> <span class="ft1">hin erlassene Strafbefehl wurde dem Geschädigten deshalb bloss in</span><br/> <span class="ft1">Form einer Mitteilung zugestellt, war er doch infolge fehlender Gel-</span><br/> <span class="ft1">tendmachung privatrechtlicher Ansprüche nicht Partei im Sinne von</span><br/> <span class="ft1">§ 56 Ziff. 3 StPO.</span><br/> <span class="ft1">b) Gemäss § 146 Abs. 1 und 2 StPO hat das Bezirksgericht nach</span><br/> <span class="ft1">Anklageerhebung, vor der Verhandlung und dem Entscheid in der</span><br/> <span class="ft1">Sache, den rechtlichen Bestand der Einsprache zu prüfen. Unter an-</span><br/> <span class="ft1">derem ist abzuklären, ob eine Einsprache gegen einen Strafbefehl</span><br/> <span class="ft1">gültig ist, das heisst insbesondere, ob sie von einem Einsprachebe-</span><br/> <span class="ft1">rechtigten erhoben worden ist. Ist die Einsprache ungültig, liegt mit</span><br/> <span class="ft1">dem Strafbefehl eine rechtskräftige Entscheidung in der betreffenden</span><br/> <span class="ft1">Strafsache vor.</span><br/> <span class="ft1">c) aa) Bei korrekter Prüfung hätte das Gericht zum Schluss</span><br/> <span class="ft1">kommen müssen, dass der Geschädigte infolge fehlender Legitima-</span><br/> <span class="ft1">tion nicht zur Einsprache berechtigt war, diese demnach ungültig</span><br/> <span class="ft1">war. Das Bezirksgericht hätte somit ein Prozessurteil erlassen müs-</span><br/> <span class="ft1">sen, indem es das Verfahren für erledigt erklärt und die Rechtskraft</span><br/> <span class="ft1">des Strafbefehls festgestellt hätte.</span><br/> <span class="ft1">bb) Gestützt auf den Umstand, dass der rechtliche Bestand der</span><br/> <span class="ft1">Einsprache durch das Gericht von Amtes wegen als Prozessvoraus-</span><br/> <span class="ft1">setzung hätte geprüft werden müssen, dass die Vorinstanz die Ungül-</span><br/> <span class="ft1">tigkeit der Einsprache rechtzeitig hätte bemerken können und das</span><br/> <span class="ft1">Verfahren dementsprechend ohne Beweiserhebung hätte einstellen</span><br/> <span class="ft1">müssen (§ 146 Abs. 2 StPO), können dem Einsprecher grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">nur gerade jene Verfahrenskosten auferlegt werden, die er hätte tra-</span><br/> <span class="ft1">gen müssen, wenn das Gericht die Ungültigkeit der Einsprache</span><br/> <span class="ft1">rechtzeitig bemerkt hätte. Die übrigen Prozesskosten sind auf die</span><br/> <span class="ft1">Staatskasse zu nehmen. Dasselbe muss bezüglich der Parteikosten</span><br/> <span class="ft1">gelten (der Angeklagte hat sich erst nach Erhalt der Vorladung zur</span><br/> <span class="ft1">Hauptverhandlung einen Anwalt genommen).</span><br/> <span class="ft1">cc) Ein Einspracherückzug, der erst nach Eingang der Anklage</span><br/> <span class="ft1">beim Bezirksgericht erfolgt, zieht, wie oben dargelegt, Kostenfolgen</span><br/> <span class="ft1">nach sich (§ 198 Abs. 2 StPO). Nur wenn ein Einsprecher den Rück-</span><br/> <span class="ft1">zug seiner Einsprache erklärt, bevor die Staatsanwaltschaft die Sache</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">86</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">durch Einreichung der Anklage beim Bezirksgericht rechtshängig</span><br/> <span class="ft1">gemacht hat, hat er grundsätzlich keine Kosten zu tragen.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der Tatsache, dass das Gericht zur Beweisverhand-</span><br/> <span class="ft1">lung vorgeladen hat und die für das Anhandnehmen des Verfahrens</span><br/> <span class="ft1">durch das Bezirksgericht angefallenen Verfahrenskosten als gering</span><br/> <span class="ft1">einzustufen sind, rechtfertigt es sich, keine Aufteilung der Verfah-</span><br/> <span class="ft1">renskosten vorzunehmen und die gesamten angefallenen Kosten dem</span><br/> <span class="ft1">Staat aufzuerlegen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>