B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3100/2019 U r t e i l v o m 3. N o v e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Chiara Piras (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiberin Kathrin Rohrer. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 17. Mai 2019 / N (…). D-3100/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a A._______ (nachfolgend: d er Beschwerdeführer ) gelangte am 30. September 2015 illegal in die Schweiz, wo er am darauffolgenden Tag im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ um Asyl nach- suchte. A.b Am 5. Oktober 2015 wurde er vom Staatssekretariat für Migration (SEM) zu seiner Person, seinem Reise weg und summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Person; BzP). Am 6. Dezember 2017 fand die eingehende Anhörung statt. Anlässlich der Befragungen machte der Beschwerdeführer zu seinen per- sönlichen Verhältnissen geltend, er sei syrischer Staatsangehöriger, kurdi- scher Ethnie und stamme aus C._______ (kurdisch; arabisch: D._______; Provinz E._______), wo er bis kurz vor seiner Ausreise mit seinen Eltern und seinen Geschwistern gelebt habe. Er habe die Schule mindestens bis zur (…) Klasse besucht und anschliessend als (…) auf dem Markt im Stadt- zentrum von C._______ gearbeitet. Zu seinen Asylgründen brachte er vor, er habe in Syrien vom (…) 2004 bis am (…) 2006 den ordentlichen Militärdienst absolviert. Im (…) 2013 sei er in den Reservedienst einberufen worden. Da er bei der Arbeit gewesen sei, habe sein Vater das Aufgebot für ihn entgegengenommen. Gemäss diesem Reservisten-Aufgebot hätte er sich am (…) 2013 auf dem Rekrutierungs- büro in D._______ melden müssen. Zwei Tage später sei er zunächst zu seinem Grossvater nach F._______ gefahren und habe sich ungefähr ei- nen Monat lang dort versteckt. Im (…) 2013 sei er in die Türkei geflüchtet, nachdem sein Vater seine illegale Ausreise organisiert habe. Von dort aus sei er am (…) 2019 via Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Un- garn und Österreich mit dem Zug illegal in die Schweiz gereist. A.c Als Beweismittel für seine Identität und seine Asylvorbringen reichte der Beschwerdeführer im Laufe des erstinstanzlichen Verfahrens seine Identitätskarte (im Original), eine Kopie seines Passes, seinen Führeraus- weis, sein militärisches Dienstbüchlein sowie ein Aufgebot für den Reser- vistendienst vom (…) 2013 zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 17. Mai 2019 – eröffnet am 20. Mai 2019 – stellte das D-3100/2019 Seite 3 SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht er- füllte (Dispositivziffer 1), lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2) und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an (Dispositivziffer 3), verfügte aber wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme (Dispositivziffern 4–5). C. C.a Am 11. Juni 2019 beantragte der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter Einsicht in die Akten der Vorinstanz. C.b Mit Schreiben vom 14. Juni 2019 gewährte das SEM dem Beschwer- deführer Akteneinsicht, verweigerte ihm jedoch die Einsicht in die Akten- stücke A/3, A/4, A/6, A/9, A/22, A/23 und A/25. D. Gegen die vorinstanzliche Verfügung erhob der Beschwerdeführer – han- delnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter – am 19. Juni 2019 Be- schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung (Rechtsbegeh- ren 4), eventualiter die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung von Asyl (Rechtsbegehren 5), subeventualiter die Anerken- nung der Flüchtlingseigenschaft (Rechtsbegehren 6). In formeller Hinsicht ersuchte er um Befreiung von der Kostenvorschusspf licht (Rechtsbegeh- ren 7) und um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968 ([VwVG; SR 172.021]; Rechtsbegehren 8), even- tualiter sei eine angemessene Frist zur Bezahlung des Gerichtskostenvor- schusses anzusetzen (Rechtsbegehren 9). Ferner beantragte er, es sei ihm vollumfänglich Einsicht in die vom SEM genannten "Quellen" zu ge- währen (Rechtsbegehren 1), eventualiter sei ihm hierzu das rechtliche Ge- hör zu gewäh ren (Rechtsbegehren 2) und anschliessend eine angemes- sene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen (Rechtsbegehren 3). Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung des SEM, einen Ausdruck von Google Maps sowie eine Fürsorgebestätigung der (…) vom 3. Juni 2019 bei. Zudem wurden als Beweismittel verschiedene Inter- net-Links zu Videos betreffend die politische Situation in Nordsyrien, On- line-Zeitungsartikel und Länderberichte bezeichnet. D-3100/2019 Seite 4 E. Mit Zwischenverfügung vom 27. Juni 2019 hielt die damalige Instruktions- richterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses. Demgegenüber wies sie die Gesuche um Akteneinsicht, um Gewährung des rechtlichen Gehörs sowie um Ansetzung einer Frist zur Beschwerdeergänzung ab. Des Weiteren wurde die Vorinstanz zur Ver- nehmlassung eingeladen. F. Mit Eingabe vom 1. Juli 2019 liess der Beschwe rdeführer eine Kopie der Aufenthaltsbewilligung seines Bruders, G._______, zu den Akten reichen. G. Mit Eingabe vom 11. Juli 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Kopie eines Haftbefehls vom (…) 2018 inklusive einer deutschen Übersetzung ein. Hierzu hielt er fest, dass sich das Original bei seinem Onkel in Syrien befinde und seine Familie den Haftbefehl über Kontakte in der Militärpoli- zeiabteilung der Stadt H._______ erhalten habe. Das Original werde um- gehend nach Erhalt nachgereicht. H. In seiner Vernehmlassung vom 16. Juli 2019 hielt das SEM im Wesentli- chen fest, dass die Beschwerdeschrift keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel enthalte, welche eine Änderung des Standpunktes rechtfertigen könnten. Im Übrigen verwies es auf die Erwägungen der an- gefochtenen Verfügung, an welchen es vollumfänglich festhielt. Der Eingabe lag als Beilage das Dokument (…) bei. I. Der Beschwerdeführer replizierte fristgemäss mit Eingabe vom 26. Juli 2019, wobei er an den gestellten Rechtsbegehren und der Begrün- dung festhielt. J. Mit Eingabe vom 5. November 2019 machte der Beschwerdeführer Aus- führungen über die neusten Entwicklungen in Syrien. Dabei beantragte er die Gewährung einer Frist zur Aktualisierung des Dossiers, sobald sich die Lage in Syrien stabilisiert habe. D-3100/2019 Seite 5 Als Beweismittel wurde ein Ausdruck der Karte der Agence France Presse (AFP) "accord russo-turc sur le nord-est de la Syrie" ins Recht gelegt. K. In seinem Schreiben vom 11. Februar 2021 nahm der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers Bezug auf das Urteil des Gerichtshofs der Europäi- schen Union (EuGH) C-238/2019 vom 19. November 2020, welches sich mit der Frage der Flüchtlingseigenschaft von Militärdienstverweigerern aus Syrien befasse, und hielt fest, es sei offensichtlich, dass diese Rechtspre- chung auch unmittelbaren Einfluss auf die Praxis des SEM haben müsse, weshalb es sich aufdränge, diese Eingabe der Vorinstanz zur erneuten Ver- nehmlassung zukommen zu lassen. L. L.a Am 19. Juli 2021 wurde dem Beschwerdeführer von den zuständigen Behörden des Kantons I._______ wegen Vorliegens eines schwerwiegen- den persönlichen Härtefalles im Sinne von Art. 84 Abs. 5 des Bundesge- setzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration vom 16. Dezember 2005 (AIG; SR 142.20) die Aufenthaltsbewilligung B er- teilt. L.b In der Folge wurde der Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom 27. Juli 2021 gefragt, ob er bei dieser Sachlage an seiner Beschwerde fest- halte oder diese zurückziehen möchte. L.c Mit Eingabe vom 10. August 2021 liess der Beschwerdeführer mittei- len, er halte an seiner Beschwerde fest, soweit diese nicht gegenstandslos geworden sei. M. Das vorliegende Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die gemäss Rubrum vorsitzende Richterin umgeteilt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge- richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurte ilt das Bundesverwal- tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine D-3100/2019 Seite 6 Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betref- fende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesver- waltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG; SR 142.31] und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge- setzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG; SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision de s AsylG vom 26. Juni 1998 in Kraft getreten (AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmun- gen gilt für das vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. Septem- ber 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Ab s. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist somit einzutreten. 2. Nachdem die Behörde n des Kantons I._______ dem Beschwerdeführer am 19. Juli 2021 die Aufenthaltsbewilligung B erteilt haben und dieser am 10. August 2021 dem Gericht mitgeteilt hat, an der Beschwerde festzuhal- ten, soweit diese nicht gegenstandslos geworden ist, bilden nur noch die Fragen nach der Flüchtlingseigenschaft sowie der Asylgewährung Gegen- stand des vorliegenden Verfahrens (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21 E. 11.c; Urteil des BVGer E-3698/2013 vom 13. April 2016 E. 3). 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. D-3100/2019 Seite 7 4. 4.1 Auf Beschwerdeebene wurden verschiedene formelle Rügen erhoben, welche vorab zu prüfen sind, da sie unter Umständen geeignet sein könn- ten, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2). Der Beschwerdeführer rügte zur Hauptsache eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie des Untersu- chungsgrundsatzes. 4.2 4.2.1 Gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) und Art. 29 VwVG ha- ben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Dieses umfasst insbe- sondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Ent- scheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör um- fasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräu- men sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Gel- tung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1 und 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.). 4.2.2 Die Begründungspflicht, als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs, gebie- tet, dass die betroffene Person den Entscheid gestützt auf die Begründung sachgerecht anfechten kann und sich sowohl die betroffene Person als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl. BVGE 2007/30 E. 5.6; LORENZ KNEUBÜHLER/RAMONA PEDRETTI, in: Auer /Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesge- setz über das VwVG, 2. Aufl. 2019, N 5 ff. zu Art. 35 VwVG). Dabei kann sich die verfügende Behörde auf die wesentlichen Ges ichtspunkte be- schränken, sie hat aber zumindest die Überlegungen kurz anzuführen, von denen sie sich leiten liess und auf welche sie ihren Entscheid stützt (BVGE 2008/47 E. 3.2). 4.2.3 Aus dem Akteneinsichtsrecht, welches ebenfalls auf dem Anspruch auf rechtliches Gehör fusst, folgt, dass grundsätzlich sämtliche beweiser- heblichen Akten den Beteiligten offenzulegen sind, sofern in der sie unmit- telbar betreffenden Verfügung darauf abgestellt wird (BGE 132 V 387 E. 3.1 f.). Die Wahrnehmung des Akteneinsichts - und Be weisführungs-D-3100/2019 Seite 8 rechts durch die von einer Verfügung betroffene Person setzt die Einhal- tung der Aktenführungspflicht der Verwaltung voraus, gemäss welcher die Behörden alles in den Akten festzuhalten haben, was zur Sache gehört und für den Entscheid wesentlich sein kann (BGE 130 II 473 E. 4.1 m.w.H.). Der Anspruch auf Akteneinsicht setzt sodann eine geordnete, übersichtli- che und vollständige Aktenführung (Ablage, Paginierung und Registrierung der vollständigen Akten im Aktenverzeichnis) voraus (vgl. BVGE 2012/24 E. 3.2 und 2011/37 E. 5.4.1, je m.H.). 4.2.4 Des Weiteren gilt im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsver- fahren auch – der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Danach muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklä ren. Sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den Entscheid notwendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsre- levanter Tatsachen (vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, N 142; PATRICK KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER/FABIO BABEY, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwaltungsverfah- rensgesetz, 2. Aufl. 2016, N 20 ff. zu Art. 12 VwVG). Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verlet- zung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwer- degrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG, Art. 49 Bst. b VwVG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsma- xime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berüc ksichtigt hat (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundes- gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, N 16 zu Art. 12 VwVG). 4.3 4.3.1 Zunächst machte der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz habe bei der Behandlung der Asylverfahren von syrischen Wehrdienstverweige- rern und Deserteuren offenbar eine Praxisänderung vorgenommen, wel- che von der grundsätzlich geltenden Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts abweiche. Das SEM habe es dabei jedoch unterlassen, den Grundsatzentscheid BVGE 2015/3 im Hinblick auf die konkrete Situation in Syrien zu würdigen, und behaupte eine Praxisänderung gestützt auf drei D-3100/2019 Seite 9 Urteile neueren Datums. Mit dieser Vorgehensweise habe es die Abklä- rungspflicht verletzt und sei der Begründungspflicht nicht nachgekommen, womit der Anspruch auf rechtliches Gehör schwerwiegend verletzt worden sei. 4.3.2 Vorliegend ist festzustellen, dass in der angefochtenen Verfügung die wesentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers in Bezug auf seine Asyl- gründe aufgeführt und bei der Begründung des Entscheides berücksichtigt worden sind. Das SEM legte dabei in der Begründung seiner Verfügung nachvollziehbar dar, weshalb es die vom Beschwerdeführer geltend ge- machte Nicht-Befolgung eines Reservedienst -Aufgebots – selbst bei vo- rausgesetzter Glaubhaftigkeit – als nicht asylrelevant einstufte, wobei eine konkrete Würdigung des Einzelfalls vorgenommen wurde. Wie sich aus den untenstehenden Erwägungen ergibt (vgl. nachfolgend E. 7.3.2), steht die Ablehnung des Asylgesuchs dabei im Einklang mit der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts. Es stellt offensichtlich keine Verletzung der Begründungspflicht dar, wenn eine Behörde in ihrem Entscheid darauf verzichtet, ihre Praxis in anderen, im zu beurteilenden Fall als nicht gege- ben erachteten Fallkonstellationen zu diskutieren. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer die Lage in Syrien sowie die Tragweite einer Wehr- dienstverweigerung respektive einer Desertion von der staatlichen syri- schen Armee im Hinblick auf die Asylrelevanz a nders einschätzt als die Vorinstanz, stellt keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Vielmehr betrifft dies die rechtliche Würdigung des Sachverhalts, auf die im Rahmen der materiellen Prüfung einzugehen ist. Soweit die Vorinstanz nicht jedes Detail der Asylvorbringen aufgeführt und bei der Begründung des Entschei- des berücksichtigt hat, ist dies ebenso wenig als Verletzung des rechtlichen Gehörs zu werten. Schliesslich war es dem Beschwerdeführer denn auch ohne weiteres möglich, die vorinstanzliche Verfügung sachgerecht anzu- fechten. 4.4 4.4.1 Des Weiteren monierte der Beschwerdeführer, das SEM habe den Anspruch auf rechtliches Gehör und die Abklärungspflicht schwerwiegend verletzt, indem es auf eine Quellenanalyse verweise, die ergebe, dass die syrischen Behörden nicht allen Wehrdienstverweigerern und Deserteuren eine regierungsfeindliche Haltung unterstellen würden. Vielmehr sei die Behauptung, die syrischen Behörden würden zum heutigen Zeitpunkt nicht allen Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren eine regierungsfeindliche Haltung unterstellen, aktenwidrig. Es sei offensichtlich, dass faktisch jeder militärdienstfähige Mann in Syrien das entsprechende Profil erfülle, um D-3100/2019 Seite 10 vom syrischen Regime als Dienstverweigerer oder Deserteur gezielt asyl- relevant verfolgt zu werden. Die angefochtene Verfügung müssen deshalb zwingend aufgehoben und die Sache zur vollständigen und richtigen Ab- klärung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung an das SEM überwiesen werden. 4.4.2 Es trifft zwar zu, dass in der angefochtenen Verfügung von einer Quellenanalyse die Rede ist, wobei lediglich zwei Quellen zitiert wurden. Dies ändert jedoch nichts am Umstand, dass es keine Verletzung der Ab- klärungspflicht darstellt, wenn das SEM die Lage in Syrien sowie die Trag- weite einer Wehrdienstverweigerung im Hinblick auf die Asylrelevanz an- ders einschätzt als vom Beschwerdeführer erwartet. Vielmehr wird in der Beschwerde die sich aus dem Untersuchungsgrundsatz ergebende Frage der Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen Würdigung der Sache vermengt, welche die materielle Ent- scheidung über die vorgebrachten Asylgründe betrifft. Alsdann ist erneut darauf hinzuweisen, dass die Ablehnung des Asylgesuchs des Beschwer- deführers mit der geltenden Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge- richts übereinstimmt (vgl. nachfolgend E. 7.3). Die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs ist deshalb auch in diesem Punkt unbegründet. 4.5 4.5.1 Der Beschwerdeführer brachte weiter vor , dass sich das SEM auf eine "Quellenanalyse" berufe, ohne die entsprechenden Quellen zu nen- nen. Es sei nicht denkbar, dass sich das SEM lediglich auf die zwei in der angefochtenen Verfügung erwähnten Quellen gestützt habe. Den Akten sei jedoch kein einziger Hinweis zu entnehmen, wie das SEM wann , welche Quellen herbeigezogen und gewürdigt habe. 4.5.2 In der angefochtenen Verfügung verwies das SEM unter Angabe zweier Internetadressen sowie der Fundstellen in den entsprechenden Do- kumenten auf zwei öffentliche Berichte, welche beide im Internet abrufbar sind (vgl. hinsichtlich der monierten Link-Fehlermeldung auch die Ausfüh- rungen in der Zwischenverfügung vom 27. Juni 2019). Was die Gesuche des Beschwerdeführers um vollumfängliche Einsicht in die vom SEM ge- nannten "Quellen" und die diesbezügliche Gewährung des rechtlichen Ge- hörs sowie das damit verbundene Gesuch um Beschwerdeergänzung res- pektive um Fristansetzung zur Beschwerdeergänzung nach der Gewäh- rung der Akteneinsicht anbelangt, ist festzustellen, dass diese Anträge be- reits im Rahmen des Instruktionsverfahrens be handelt wurden und sich D-3100/2019 Seite 11 weitere Ausführungen dazu erübrigen. Zur Vermeidung von Wiederholun- gen kann auf die entsprechende Zwischenverfügung vom 27. Juni 2019 verwiesen werden (vgl. Sachverhalt oben, Bst. E). Im Übrigen nahm das SEM in seiner Vernehmlassung zur in der Beschwerdeschrift kritisierten Quellenanalyse Stellung und führte hierzu aus, es stütze sich bei der Be- urteilung der Lage in Syrien auf eine breite Quellenlage ab. So seien ver- schiedene Publikationen von europäischen Migrationsbehörden, dem Eu- ropäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO), dem United Na- tions High Commissioner for Refugees (UNCHR) und anderen Organisati- onen beigezogen und diverse Medienberichte sowie die Gesetzesdaten- bank des syrischen Parlaments konsultiert worden. Diesbezüglich verwies die Vorinstanz ergänzend auf mehrere öffentlich zugängliche Quellen. So- weit der Beschwerdeführer daraufhin in der Replik rügte, die Quellenanga- ben seien nachgeschoben, ist festzuhalten, dass für das SEM keine Pflicht besteht, allgemeine und ö ffentlich zugängliche Informationsquellen, auf welche es sich bezog, offenzulegen. Hinsichtlich des Vorhalts, wonach die zitierten Berichte und Links allesamt weit vor Erlass der angefochtenen Verfügung datieren würden, womit diese nicht als Grundlage für die vom SEM plötzlich gemachte Praxisänderung dienen könnten, ist erneut festzu- halten, dass das SEM lediglich die durch das Bundesverwaltungsgericht im Grundsatzurteil BVGE 2015/3 festgelegte Praxis angewendet hat (vgl. nachfolgend E. 7.3). Zudem erhielt der Beschwerdeführer im Rahmen der Replik Gelegenheit sich mit den Vorbringen der Vorinstanz auseinan- derzusetzen und sich dazu zu äussern, weshalb weder die behördliche Ab- klärungspflicht noch das rechtliche Gehör – und insbesondere die Begrün- dungspflicht – verletzt wurden. Hinsichtlich der in diesem Zusammenhang in der Replik geltend gemach- ten Rüge, es sei offensichtlich, dass das in der Vernehmlassung vom SEM zitierte Dokument (…) nach Erlass der angefochtenen Verfügung ergangen sei und somit nicht per se a ls Begründung und Grundlage des vorinstanzlichen Entscheides gelten könne, ist festzuhalten, dass das SEM in Bezug auf den vom Beschwerdeführer in der Beschwerde vertretenen Standpunkt, wonach die syrischen Behörden Wehrdienstverweigerung und Desertion gru ndsätzlich als Stellungnahme für die Opposition einstufen und dementsprechend bestrafen würde n, auf seine Ausführungen in der angefochtenen Verfügung sowie auf die erwähnte, öffentlich zugängliche und aktuelle Notiz verwies. Daraus geht jedoch nicht hervor, inwiefern sich der angefochtene Entscheid auf diese Notiz stützen soll. Alleine der Um- stand, dass das SEM einer anderen Einschätzung der Situation von Mili-D-3100/2019 Seite 12 tärdienstverweigerern und Deserteuren in Syrien folgt, als vom Beschwer- deführer gefordert, spricht weder für eine ungenügende Sachverhaltsfest- stellung noch für eine Verletzung der Begründungspflicht oder gar Willkür. Die Frage, inwiefern sich ein Bericht auf verlässliche und überzeugende Quellen abstützt, ist schliesslich ebenfalls keine formelle Frage, sondern gegebenenfalls im Rahmen der materiellen Würdigung der Argumente der Parteien durch das Gericht zu berücksichtigen. Somit ist keine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör zu erkennen. Auf die weitere ausführ- liche Kritik in der Replik ist daher nicht weiter einzugehen. 4.6 4.6.1 In der Beschwerde wurde weiter gerügt, das SEM habe nicht geprüft, ob dem Beschwerdeführer bei einer Wiedereinreise nach Syrien eine un- menschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK; SR 0.101) drohen würde, womit es seine Abklärungspflicht und den An- spruch auf rechtliches Gehör verletzt habe. 4.6.2 Diese Rüge des Beschwerdeführers betrifft die Frage nach der Zu- lässigkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Art. 83 Abs. 3 AIG). Da im vorlie- genden Fall jedoch bereits die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verneint und deswegen die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz verfügt wurde, hat das S EM zu Recht keine Prüfung der Zulässigkeit des Vollzugs vorgenommen; denn die drei in Art. 83 Abs. 1 AIG genannten Bedingungen (Unzulässigkeit, Unzumutbar oder Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs) für einen Verzicht auf den Voll- zug der Wegweisung zugunsten einer vorläufigen Aufnahme sind alterna- tiver Natur (vgl. hierzu BVGE 2009/51 E. 5.4). Die auf Beschwerdeebene pauschal erhobene Rüge, dass die Vorinstanz es vorliegend unterlassen habe, den vom Beschwerdeführer geltend gemachten Sachverhalt unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK zu prüfen, geht daher ins Leere. Auch diese Rüge der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör ist unbegründet. 4.7 4.7.1 Der Beschwerdeführer machte ferner eine Verletzung des rechtlichen Gehörs und eine schwerwiegende Verletzung der Pflicht zur vollständigen Sachverhaltsabklärung dadurch geltend, dass das SEM die Asyldossiers seiner in der Schweiz lebenden Familienmitglieder – insbesondere dasje- nige seines Bruders G._______, welchem in der Schweiz Asyl gewährt worden sei – nicht beigezogen habe. Dabei wurde auch auf Urteile des Bundesverwaltungsgerichts hingewiesen, in welchen beschwerdeführende D-3100/2019 Seite 13 Personen ausdrücklich und glaubhaft den Verfolgungszusammenhang mit den Fällen engerer Familienangehöriger geltend gemacht hätten, die vom SEM zu Unrecht nicht berücksichtigt oder nicht als glaubhaft oder asylre- levant betrachtet worden seien. Hätte das SEM die Asyldossiers seiner Ge- schwister im vorliegenden Fall tatsächlich beigezogen, so hätte es dies zwingend im Aktenverzeichnis festhalten müssen. 4.7.2 Wenn eine asylsuchende Person ausdrücklich und glaubhaft einen Zusammenhang zwischen der eigenen und der Verfolgung von als Flücht- linge anerkannten Familienangehörigen geltend gemacht hat – oder aus anderen objektiven Gründen – kann sich der Beizug der entsprechenden Dossiers tatsächlich aufdrängen (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E- 4122/2016 vom 16. August 2016 E. 6.2.4). Diese Konstellation trifft vorlie- gend jedoch nicht zu. Der Beschwerd eführer hat anlässlich seine r Befra- gungen nie vorgebracht, seine eigenen Asylgründe stünden in einer Ver- bindung zu einer allfälligen durch seine Familienmitglieder erlebten Verfol- gung. Vor diesem Hintergrund besteht auch kein hinreichender Anlass zur Annahme, dies könnte im Falle seiner (ohnehin hypothetischen) Rückkehr nach Syrien der Fall sein. Angesichts der dem Beschwerdeführer obliegen- den Pflicht, anzugeben, weshalb er um Asyl nachsucht (Art. 8 Abs. 1 Bst. c AsylG), hatte die Vorinstanz keinen Anlass weitere Abklärungen zu einem möglichen Verfolgungszusammenhang zwischen dem Beschwerde- führer und seinen in der Schweiz lebenden Verwandten zu tätigen und de- ren Akten für das vorliegende Verfahren beizuziehen. Auch aus den Vor- bringen auf Beschwerdeebene erge ben sich keinerlei entsprechende An- haltspunkte. Damit geht es in casu – im Unterschied zu den auf Beschwer- deebene zitierten Urteilen (vgl. hierzu Beschwerde Art. 34, S. 12) – nicht um ein konkretes Geltendmachen einer Reflexverfolgung, die einen Akten- beizug von Amtes wegen erforderlich machen würde. Die entsprechenden Hinweise auf andere Verfahren sind daher unbehelflich. Im Übrigen hat der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft in eigener Person darzule- gen oder zumindest glaubhaft zu machen. Es ist somit nicht ersichtlich, inwiefern der beantragte Aktenbeizug der Abklärung des fraglichen Sach- verhalts dienen soll. Nach dem Ausgeführten liegt bezüglich des Nichtbei- zugs von Dossiers von Verwandten des Beschwerdeführers weder eine Gehörsverletzung, noch eine Verletzung der Abklärungs - und Begrün- dungspflicht vor.D-3100/2019 Seite 14 4.8 4.8.1 Alsdann wurde auf Beschwerdeebene eingewendet, das SEM hab e seine Abklärungspflicht dadurch verletzt, dass die Anhörung erst zwei Jahre nach Einreichung des Asylgesuchs stattgefunden habe und danach nochmals eineinhalb Jahre bis zum Asylentscheid vergangen seien. Dabei handle es sich um eine schwerwiegende Versch leppung des Verfahrens, welche auch gegen die Grundsätze von Treu und Glauben und eines fairen Verfahrens verstosse. 4.8.2 Es wäre in der Tat durchaus wünschenswert, wenn die Anhörung möglichst bald nach der Einreichung des Asylgesuchs stattfinden und auch der Asylentscheid zeitnah erfolgen würde. Inwiefern sich der zeitliche Ab- stand zwischen der Einreichung des Asylgesuchs und der Anhörung zu Un- gunsten des Beschwerdeführers ausgewirkt haben könnte, wird in der Be- schwerde jedoch nicht weiter ausgeführt. Im Übrige n wäre es dem Be- schwerdeführer unbenommen gewesen, im Verlauf des erstinstanzlichen Verfahrens, die Vorinstanz um beförderliche Behandlung seines Asylge- suchs zu ersuchen, was er jedoch unterlassen hat. Der Vorwurf, das SEM habe mit seinem Vorgehen die Abkl ärungspflicht verletzt, ist somit unbe- gründet. Sodann ist in der Argumentation des SEM, wonach die Ausfüh- rungen des Beschwerdeführers nicht glaubhaft und nicht konkret begrün- det seien, kein Verstoss gegen die Grundsätze von Treu und Glauben so- wie eines fairen Verfahrens zu erblicken. Ob diese Argumentation zutrifft, wird ohnehin Gegenstand der nachfolgenden materiellen Prüfung der gel- tend gemachten Asylgründe sein. 4.9 4.9.1 Des Weiteren wurde sinngemäss geltend gemacht, das SEM habe es unterlassen, den Sachverhalt betreffend den Reservedienst vollständig abzuklären. Vielmehr habe sich das SEM anlässlich der Anhörung stun- denlang darauf konzentriert bis zur Frage 102 den Sachverhalt betreffend den Militärdienst zu erfragen. 4.9.2 Dem Beschwerdeführer ist zwar zuzustimmen, dass er anlässlich der Anhörung ausführlich zum Militärdienst befragt wurde, im Rahmen der Mit- wirkungspflicht (Art. 8 AsylG) obliegt es jedoch der beschwerdeführenden Person darzulegen, aus welchen Gründen sie um Asyl nachsucht. Dabei können ihr entsprechende Fragestellungen durch den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin der Vorinstanz helfen, die Asylgründe hinreichend darzule- gen, wobei es nicht Sache des Befragers beziehungsweise der Befragerin ist, jede Einzelheit zu erfragen. Vorliegend wurde der Beschwerd eführer D-3100/2019 Seite 15 konkret zu seinen Ausreisegründen befragt (vgl. SEM-Akte A/16, F 58– F125) und er wurde am Ende der Anhörung zweimal gefragt, ob er alles hätte sagen können, was für sein Asylgesuch wesentlich sei. Dies bejahte er ausdrücklich (vgl. SEM-Akte A/16, F126 und F134). Dabei ist er zu be- haften, weshalb der Vorinstanz diesbezüglich kein Vorwurf gemacht wer- den kann. 4.10 4.10.1 Sodann machte der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz habe darauf verzichtet, die eingereichten Beweismittel einer Dokumentenana- lyse zu unterziehen, wodurch sie ihrer Abklärungspflicht nicht ausreichend nachgekommen sei und das rechtliche Gehör verletzt habe. 4.10.2 Das SEM vertrat in der angefochtenen Verfügung die Ansicht, dass die eingereichten Beweismittel nicht geeignet seien, den vorgebrachten Sachverhalt zu belegen. Dies wurde damit begründet, dass syrische Doku- mente – namentlich Reispässe, Militärbüchlein und militärische Aufge- bote – leicht käuflich erhältlich seien. Auch das Bundesverwaltungsgericht hat schon verschiedentlich festgestellt, dass in Syrien praktisch jegliche Art von Dokumenten käuflich erworben werden kann, was den Beweiswert von syrischen Dokumenten generell als gering erscheinen lässt (vgl. etwa Ur- teil des BVGer D-149/2014 vom 28. Dezember 2015 E. 6.3.1). Das SEM hat sich mit den vorgelegten Beweismitteln auseinandergesetzt und diese im Kontext der Aussagen des Beschwerdeführers gewürdigt. Dieses Vor- gehen bezüglich syrischer Dokumente ist nicht zu beanstanden und die Durchführung einer Dokumentenanalyse war somit nicht erforde rlich. In diesem Zusammenhang ist deshalb sowohl eine Verletzung der Abklä- rungspflicht als auch des Anspruchs auf rechtliches Gehör zu verneinen. 4.11 Nach dem Gesagten erweisen sich sämtliche Rügen der Verletzung des formellen Rechts als unbegründet. Das Begehren, es sei die angefoch- tene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Abklärung und Feststellung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Rechtsbegehren 4), ist demzufolge abzuweisen. Ebenso besteht keine Veranlassung, dem SEM – wie in der Beschwerdeschrift beantragt – die Beschwerde mit dem Ver- weis auf die Möglichkeit einer vernehmlassungsweisen Wiederaufnahme des Verfahrens im Sinne von Art. 58 Abs. 1 VwVG zukommen zu lassen. 5. Der Beschwerdeführer rügte ferner eine Verletzung des Grundsatzes von D-3100/2019 Seite 16 Treu und Glauben und des Willkürverbots. Beim Grundsatz von Treu und Glauben geht es einerseits um die Frage, wie weit sich Private auf eine im Widerspruch zum geltenden Recht stehende behördliche Auskunft verlas- sen können. Andererseits verbietet es dieser Grundsatz, dass die Behör- den einen einmal in einer Sache eingenommenen Standpunkt ohne sach- lichen Grund wechseln (vgl. BGE 138 I 49 E. 8.3.1; PIERRE TSCHANNEN/UL- RICH ZIMMERLI/MARKUS MÜLLER, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 22 N 1 ff. und 21 f.). Das vorliegend gerügte Verhalten des SEM liegt offensichtlich nicht im Anwendungsbereich dieses Grundsatzes. So- dann liegt Willkür nicht schon dann vor, wenn eine andere Lösung i n Be- tracht zu ziehen oder sogar vorzuziehen wäre, sondern nur, wenn ein Ent- scheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen unumstrittenen Rechtsgrundsatz klar verletzt oder in stossender Weise dem Gerechtigkeitsgedanken zuwi- derläuft (vgl. BGE 133 I 149 E. 3.1 m.w.H.; vgl. ferner JÖRG PAUL MÜL- LER/MARKUS SCHEFER, Grundrechte in der Schweiz, 4. Aufl. 2008). Vorlie- gend führte der Beschwerdeführer weder näher aus noch ist ersichtlich, dass und inwiefern die Erwägungen des SEM darunter zu subsumieren wären. Die Rügen, wonach die Vorinstanz das Gebot von Treu und Glau- ben sowie das Willkürverbot verletzt habe, sind daher als unbegründet zu qualifizieren (vgl. hierzu D-5806/2019 E. 3.3.5 oder D-2357/2018 E. 5.6). 6. 6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 6.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nach teilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal- tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 6.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die D-3100/2019 Seite 17 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungs- gericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Da- rauf kann hier verwiesen werden (vgl. beispielsweise BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.2 und 2.3, jeweils m.w.H.). 6.4 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat - oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte sub- jektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Sub jektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss von Asyl, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich ge- setzt wurden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). Stattdessen werden Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen kön- nen, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. 7. 7.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden weder den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG, noch denjenigen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG standhalten. Zur Begründung führte das SEM aus, dass zwar nicht bezweifelt werde, dass der Beschwerdeführer den regulären Militärdienst absolviert habe, hingegen würden seine Ausführungen, wonach er 2013 in den Reserve- dienst aufgeboten worden sei, nicht zu überzeugen v ermögen, da er nie direkten Behördenkontakt gehabt habe und kaum weiterführende Angaben habe machen können. An dieser Feststellung vermöge auch das einge- reichte militärische Aufgebot nichts zu ändern. Schliesslich würden Rekru- tierungsmassnahmen für die syrische Armee im Wirkungsgebiet der kurdi- schen Truppen als eher unwahrscheinlich erscheinen. Das syrische Re- gime habe sich gemäss übereinstimmender Quellen im Juli 2012 aus den kurdischen Gebieten Nordsyriens – mit Ausnahme der Städte al-Hassaka D-3100/2019 Seite 18 und al-Qamishli – zurückgezogen. Insgesamt sei es dem Beschwerdefüh- rer somit nicht gelungen, die geltend gemachte Einberufung in den Reser- vedienst gemäss Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz führte ferner aus , eine Wehrdienstverweigerung oder De- sertion vermöge per se die Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, son- dern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden sei. Eine Quellenanalyse ergebe, dass im syri- schen Kontext zum heutigen Zeitpunkt nicht allen deserti erten Militär- dienstangehörigen eine regierungsfeindliche Haltung unterstellt werde. Beim Vorliegen spezifischer politischer Faktoren sei jedoch davon auszu- gehen, dass die syrischen Behörden eine Wehrdienstverweigerung oder Desertion als Stellungnahme für d ie Opposition einstufen und entspre- chend bestrafen würden. Daraus folge, dass im syrischen Kontext eine Be- strafung wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion nur dann aus Gründen im Sinne von Art. 3 AsylG erfolge, wenn zusätzliche einzelfallspe- zifische Risikofaktoren vorliegen würden. Da im Fall des Beschwerdefüh- rers keine einzelfallspezifischen Risikofaktoren vorlägen, die ein politi- sches Profil begründen könnten, würden allfällige Strafmassnahmen in- folge seiner Desertion keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG darstel- len. Demzufolge erfülle er die Flüchtlingseigenschaft nicht und sein Asyl- gesuch sei abzulehnen. 7.2 In der Beschwerdeschrift wurde in materieller Hinsicht eine Verletzung von Art. 3 und Art. 7 AsylG gerügt. Für den Fall, dass die angefochtene Verfügung nicht aufgehoben werden sollte, stehe fest, dass der Beschwer- deführer glaubhaft vorgebracht und auch belegt habe, dass ihm im (…) 2013 die Rekrutierung in den Reservedienst gedroht habe, wobei er sich diesem Aufgebot entzogen habe und illegal aus Syrien ausgereist sei. Er würde aufgrund der blossen Tatsache, in der gegebenen Bürgerkriegs- situation als Staatsfeind und als potenzieller gegnerischer Kombattant auf- gefasst zu werden, gezielt asylrelevant verfolgt. Es sei offensichtlich, dass seine Weigerung, in den Reservedienst einzurücken, als regimefeindliches und oppositionelles Verhalten betrachtet werde, welches vom syrischen Regime gezielt asylrelevant verfolgt werde, weshalb er als Flüchtling anzu- erkennen und ihm Asyl zu gewähren sei. Dies entspr eche denn auch der weiterhin geltenden Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ge- mäss BVGE 2015/3. Das syrische Regime gehe nach wie vor mit extremer Härte gegen Militärdienstverweigerer und Deserteure vor und beschuldige sie, Staatsfeinde und Terroristen zu sein. Dies werde sich auch nicht än-D-3100/2019 Seite 19 dern, da die Armee angesichts des anhaltenden Konflikts auf jeden einzel- nen wehrfähigen Mann angewiesen sei. Das SEM gehe denn auch selber davon aus, dass nach Syrien zurückkehrende Militärdienstverweigerer und Deserteure verhaftet und misshandelt werden würden, was zahlreiche N - Dossiers illustrieren würden. Die Behauptung, eine Misshandlung des Be- schwerdeführers als Militärdienstverweigerer in Syrien erfolge nicht aus asylrelevanten Gründen, sei nicht nur absurd, sondern ignoriere auch das willkürliche Vorgehen des syrischen Regimes und widerspreche allgemein- erhältlichen Informationen. Weiter würden beim Beschwerdeführer – zusätzlich zu seinem asylrele- vanten Profil als Reservedienstverweigerer – weitere Gefährdungs ele- mente hinzukommen, welche die Asylrelevanz seiner Verfolgung noch ver- schärfen würden. Er sei Kurde und werde deshalb von den syrischen Be- hörden beschuldigt, aus politisch -ethnischen Gründen nicht Militärdienst leisten zu wollen. Im Falle seiner Rückkehr würde ihm vorgeworfen wer- den, er wolle nicht in den Dienst einrücken, um bei der zu befürchtenden Schlussoffensive der syrischen Armee gegen die kurdischen Gebiete (J._______) nicht gegen das eigene Volk kämpfen zu müssen. Auch darin sei offensichtlich ei n asylrelevantes Verfolgungsmotiv zu sehen. Weite r stamme er aus einer politisch aktive n Familie. So sei sein Bruder G._______ von syrischen Behörden gezielt asylrelevant verfolgt und in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden. Schliesslich habe er sic h im Jahr 2013 dem Reservedienst entzogen und damit zu einer für das syri- sche Regime sehr kritischen Zeit, weshalb er als Staatsfeind und Terrorist gelte. Sollte dem Beschwerdeführer kein Asyl gewährt werden, sei festzuhalten, dass er aufgrund seiner illegalen Ausreise aus Syrien und angesichts sei- nes spezifischen Profils gegen behördliche Ausreisebestimmungen verstossen habe, weshalb es überwiegend wahrscheinlich erscheine, dass ihm eine regierungsfeindliche Haltung unterstellt werde. Es sei ihm deshalb – gemäss Praxis des SEM – die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. 8. 8.1 Vorab ist festzuhalten, dass weder von der Vorinstanz noch vom Bun- desverwaltungsgericht bestritten wird, dass der Beschwerdeführer von 2004 bis 2006 seinen obligatorischen Militärdienst geleistet hat. Seine Aus- führungen fielen diesbezüglich durchwegs konsistent und überzeu gend aus (vgl. SEM-Akte A/16, F59–F100) und zum Nachweis seiner Vorbringen D-3100/2019 Seite 20 reichte er sein militärisches Dienstbüchlein im Original zu den Akten (vgl. SEM-Akte A/4). 8.2 8.2.1 Die Vorinstanz erachtete demgegenüber die Einberufung des Be- schwerdeführers in den Reservedienst durch die syrische Armee – insbe- sondere in Anbetracht der damaligen politischen Situation im nördlichen kurdischen Teil Syriens – als nicht glaubhaft. Diesbezüglich ist festzuhal- ten, dass das SEM zwar zu Recht darauf hingewiesen hat, dass sich die syrischen Regierungstruppen im Juli 2012 mit wenigen Ausnahmen aus den kurdischen Gebieten Nordsyriens zurückzogen (vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 6.7.5.3 sowie das länderspezifische Referenzurteil E-7028/2014 vom 6. Dezember 2016 E. 10.3.5). Nach Erkenntnissen des Gerichts und damit entgegen der vorinstanzlichen Argumentation ist es jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen, dass im Wirkungsgebiet der kurdischen Truppen auch weiterhin Rekrutierungsmassnahmen für die staatliche Armee durch- geführt wurden (vgl. dazu D-4613/2017 vom 19. März 2019 E. 6.1.1 und E- 4213/2018 vom 22. Januar 2021 E. 6.3.3). Nichtsdestotrotz gelingt es dem Beschwerdeführer mit der im Original eingereichten Vorladu ngsmitteilung vom (…) 2013 nicht, eine Zwangsrekrutierung zum Militärdienst als Reser- vist darzutun. Dokumente dieser Art können in Syrien in der Tat auch leicht käuflich erworben werden, weshalb ihr Beweiswert als gering einzustufen ist. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann hierzu auf die zutreffenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. dort E. II, Ziff. 1). Nach Durchsicht der deutschen Übersetzungen ist zudem ergänzend festzustellen, dass es sich beim besagten Schreiben um ein behördeninternes Dokument handelt, in welchem der Leiter des Poli- zeipostens in D._______ vom Leiter des Rekrutierungsbüros von D._______ aufgefordert wird, dem Beschwerdeführer mitzuteilen, dass er zwecks Ausbildung als Reservist ins Militär eingezog en werde und sich deshalb beim Aushebungsbüro melden müsse (vgl. SEM-Akten A/4 und A/16, F112). Der Beschwerdeführer hat denn auch keine Angaben dazu gemacht, wie er in den Besitz dieses internen Dokuments gelangt ist. 8.2.2 Die Glaubhaftigkeit der geltend gemac hten Einberufung in den mili- tärischen Reservistendienst und die damit verbundene Wehrdienstverwei- gerung kann in casu letztlich offenbleiben, denn gemäss gefestigter Recht- sprechung stellt eine als glaubhaft eingestufte Wehrdienstverweigerung al- lein noch keinen flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteil dar. Die Pflicht zur Leistung von Militärdienst ist – ebenso wie allfälligen Sanktionierungen für D-3100/2019 Seite 21 den Fall einer Missachtung der Dienstpflicht durch eine Wehrdienstverwei- gerung oder Desertion – praxisgemäss flüc htlingsrechtlich nicht beacht- lich, solange entsprechende Massnahmen nicht darauf abzielen, einem Wehrpflichtigen aus einem der in Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG genannten Gründe ernsthafte Nachteile zuzufügen (vgl. BVGE 2015/3 E. 5; zudem u.a. Urteil des BVGer D-4482/2018 vom 12. Oktober 2018 E. 5.3). In Be- zug auf die spezifische Situation in Syrien erwog das Gericht weiter, die genannten Voraussetzungen seien im Falle eines syrischen Refraktärs er- füllt, welcher der kurdischen Ethnie angehörte, einer oppositione ll aktiven Familie entstammte und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen hatte, indem er sich politisch exponiert hatte (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.3; u.a. bestätigt im Urteil des BVGer E-5457/2018 vom 29. April 2020 E. 9.5.2). Aus den in der Folge ergangenen publizierten Urteilen des Bundesverwaltungsge- richts geht hervor, dass bei Wehrdienstverweigerung und Desertion im sy- rischen Kontext nur dann eine asylrelevante Strafe zu befürchten ist, wenn zusätzliche exponierende Faktoren gegeben sind, welche darauf schlies- sen lassen, dass eine Person als Regimegegner angesehen wird und da- mit aus politischen Gründen eine unverhältnismässige Bestrafung zu ge- wärtigen hätte. Hingegen droht Wehrdienstverweigerern und Deserteuren, die nicht zusätzlich politisch exponiert sind, nicht mit genügender Wahr- scheinlichkeit eine Strafe, welche die Schwelle der Asylrelevanz erreichen würde (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-822/2019 vom 17. August 2020 E. 6.2; E -2791/2019 vom 22. Juni 2020 E. 6.1; E-2188/2019 vom 30. Juni 2020 E. 5.1, insbesondere E. 5.1.2 und E. 6.2.4 [mittlerweile pu- bliziert unter BVGE 2020 VI/4]). An dieser Rechtsprechungspraxis vermag auch das auf Beschwerdeebene erwähnte Urteil des EuGH (C -238/2019 vom 19. November 2020) – ungeachtet der Frage seiner Rechtswirkung für die Schweiz – nichts zu ändern, zumal auch der EuGH darin zum Er- gebnis gelangt, dass zwischen der Strafverfolgung oder Bestrafung wegen Verweigerung des Militärdienstes und zumindest ei nem der Verfolgungs- gründe, die einen Anspruch auf die Zuerkennung der Flüchtlingseigen- schaft begründen können, eine Verknüpfung bestehen muss (vgl. a.a.O., Ziff. 61). 8.2.3 Im vorliegenden Fall geht das Bundesverwaltungsgericht in Überein- stimmung mit der Vorinstanz davon aus, dass keine Konstellation beson- derer Exponiertheit besteht, welche mit jener im Urteil BVGE 2015/3 ver- gleichbar wäre. Der Beschwerdeführer vermochte – abgesehen vom dar- gelegten Aufgebot zum Reservedienst, das er jedoch nicht mit beweiskräf-D-3100/2019 Seite 22 tigen Dokumenten zu belegen vermochte – keine weiteren einzelfallspezi- fischen Risikofaktoren aufzuzeigen. Zwar gehört der Beschwerdeführer der kurdischen Ethnie an, er bestätigte im Rahmen der BzP jedoch ausdrück- lich, in seinem Heimatland nicht politisch aktiv gewesen zu sein (vgl. SEM- Akte A/3, Ziff. 7.01). Weiter brachte er nicht vor, in einem anderen Zusam- menhang persönliche Probleme mit den staatlichen syrischen Behörden oder Dritten gehabt zu haben (vgl. SEM-Akte A/3, Ziff. 7.01). Auch in der vertieften Anhörung brachte er nicht vor, in Syrien politisch aktiv gewesen zu sein. Es liegen damit keine Indizien dafür vor, dass die syrischen Sicher- heitsbehörden den Beschwerdeführer als Regimegegner identifiziert hät- ten und er als solcher bei einer Rückkehr na ch Syrien eine über die Be- strafung der Wehrdienstverweigerung hinausgehende Behandlung zu er- warten hätte. So legte er nicht dar, und es ist aus den Akten auch nicht ersichtlich, weshalb er derart – oder überhaupt – im Visier der syrischen Behörden gestanden wäre, dass ihn diese infolge der geltend gemachten Wehrdienstverweigerung als politischen Oppositionellen gebrandmarkt hätten. 8.2.4 Hinsichtlich des auf Beschwerdeebene eingebrachten Haftbefehls des Rekrutierungsamtes D._______ vom (…) 2018 ist festzuhalten, dass an der Echtheit dieses Beweismittels erhebliche Zweifel bestehen. Auf- grund der grassierenden Korruption sind in Syrien nicht nur Fälschungen unterschiedlichster Qualität erhältlich, sondern es können gegen Bezah- lung auch formell echte amtliche Dokumen te beschafft werden (vgl. Urteil des BVGer D-5750/2017 vom 13. Mai 2019 E. 4.3). Daher ist selbst einem formell echten amtlichen Dokument nur dann eine relevante Beweiskraft beizumessen, wenn dieses im Kontext eines hinreichend schlüssigen Sachverhaltsvortrages eingereicht wird. Abgesehen davon, dass das in Ko- pie eingereichte Beweismittel keine fälschungssicheren Merkmale enthält, hat der Beschwerdeführer in der Rechtsmitteleingabe nicht plausibel dar- gelegt, wie er in den Besitz des beigebrachten internen ( und nicht für den zu Rekrutierenden bestimmten) Dokuments gekommen sein soll, sondern einzig ausgeführt, seine Familie habe den Haftbefehl über Kontakte bei der Militärpolizeiabteilung erhalten. Des Weiteren lieferte der Beschwerdefüh- rer keine Erklärung dafür, weshalb er den Haftbefehl erst mit Eingabe vom 11. Juli 2019 beim Gericht einreichte und weder im erstinstanzlichen Ver- fahren noch in der Beschwerdeschrift erwähnte. Gestützt auf diese Fest- stellungen kann dem Beschwerdeführer die geltend gemachte behördliche Suche in seinem Heimatstaat nicht geglaubt werden. Im Übrigen geht aus dem eingereichten Haftbefehl – selbst bei Wahrunterstellung – lediglich D-3100/2019 Seite 23 hervor, dass der Beschwerdeführer zwecks Rekrutierung in den Reservis- tendienst festzunehmen sei, was per se noch keine flüchtlingsrechtlich re- levante Gefährdung zu bewirken vermag. Es ist demnach nicht von einem gezielten Verfolgungsinteresse der syrischen Behörden an seiner Person auszugehen. 8.2.5 Sodann lässt der Hinweis in der Rechtsmittelschrift auf in der Schweiz lebende Verwandte – insbesondere seinen Bruder G._______, welchem in der Schweiz Asyl gewährt worden ist (N […]) – nicht auf eine persönliche Vorbelastung des Beschwerdeführers im genannten Sinne und damit eine drohende Reflexverfolgung schliessen. Auch die ebenfalls erst- mals auf Beschwerdeebene vorgebrachte Behauptung, er stamme aus ei- ner politisch aktiven Familie, vermag eine Furcht vor Verfolgung im heuti- gen Zeitpunkt nicht objektiv zu begründen. Er machte weder anlässlich der BzP noch der Anhörung geltend, wegen seinen Familienmitgliedern je Schwierigkeiten mit den syrischen Behörden gehabt zu haben. 8.2.6 Insgesamt ist daher nicht davon auszugehen, dass er von den syri- schen Behörden wegen seiner Verweigerung Reservedienst zu leisten im Falle einer Rückkehr eine politisch motivierte Bestrafung und Behandlung zu gewärtigen hätte, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommen würde. Das Bundesverwaltungsge- richt gelangt deshalb zum Schluss, dass die vorinstanzliche Verfügung im Ergebnis zu bestätigen ist. Die eingereichten Beweismittel und die Ausfüh- rungen auf Beschwerdeebene führen zu keiner anderen Betrachtungs- weise. 8.3 Soweit in diesem Zusammenhang auf die erheblich veränderte Lage, insbesondere seit dem Einmarsch der türkischen Sicherheitskräfte und der verbündeten islamistischen Milizen in Nordsyrien, verwiesen wird, ist fest- zustellen, dass nicht davon auszugehen ist, dass sämtliche in Syrien und insbesondere in Nordsyrien verbliebenen Kurdinnen und Kurden derzeit eine objektive Furcht vor einer Verfolgung hätten (vgl. Urteil des BVGer D- 6431/2019 vom 16. März 2020 E. 5.2.3; E-937/2017 vom 16. Januar 2020 E. 6.3; D-5367/2019 vom 2. Dezember 2019 E. 6.4). Der allgemeinen, bür- gerkriegsbedingten Gefährdungslage und de r fortbestehenden Volatilität und Dynamik der Entwicklung in Syrien wurde von der Vorinstanz im Rah- men des Wegweisungsvollzugs respektive der in diesem Zusammenhang angeordneten vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers Rechnung getragen. D-3100/2019 Seite 24 8.4 Schliesslich füh rt weder eine illegale Ausreise aus Syrien noch das Stellen eines Asylgesuchs im Ausland zur Annahme, dass einer syrischen Person bei einer Rückkehr in ihr Heimatland mit beachtlicher Wahrschein- lichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung droht. Zwar ist auf- grund der illegalen Ausreise und der längeren Landesabwesenheit davon auszugehen, dass bei einer hypothetischen Wiedereinreise nach Syrien eine Befragung durch die heimatlichen Behörden stattfindet. Da der Be- schwerdeführer – wie vorstehend aus geführt – aber keine Vorverfolgung erlitten hat und nicht davon auszugehen ist, dass er vor dem Verlassen Syriens als regimefeindliche Person ins Blickfeld der syrischen Behörden geraten ist, kann mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass er als staatsgefährdend eingestuft würde. Ferner ist auch nicht aktenkundig, dass er sich seit seiner Ausreise exilpolitisch betätigt hätte. Somit ist nicht davon auszugehen, er könnte nach einer (hypotheti- schen) Rückkehr als regimefeindliche Person ins Blickfeld der syrischen Behörden geraten (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Okto- ber 2015 E. 6.4.3 [als Referenzurteil publiziert]; bestätigt beispielsweise im Urteil des BVGer E-2791/2019 vom 22. Juni 2020 E. 6.5). 8.5 Angesichts der aufgezeigten S achlage erübrigt es sich, auf weitere Ausführungen und Berichte in der Beschwerde einzugehen, da diese nicht geeignet sind, zu einer anderen rechtlichen Würdigung der Aktenlage zu führen. Auch die Vorbringen vom 5. November 2019 zur Lage vor Ort in- klusive Landkarte sind nicht geeignet, am Beweisergebnis etwas zu än- dern. Mithin ist das Gesuch um Ansetzung einer angemessenen Frist zur Aktualisierung des Dossiers, sobald sich die Lage in Syrien stabilisiert habe, abzuweisen. Im Übrigen hätte der Beschwerdeführ er hierzu inzwi- schen genügend Zeit gehabt. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nichts vorgebracht hat, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu ma- chen. Das SEM hat somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be- schwerdeführers verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen , soweit sie nicht gegenstandslos geworden ist.D-3100/2019 Seite 25 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indes mit Verfü- gung vom 27. Juni 2019 das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen wurde und weiter- hin von seiner Bedürftigkeit auszugehen ist, sind ihm keine Verfahrenskos- ten aufzuerlegen. 10.2 Eine Parteientschädigung ist beim vorliegenden Verfahrensausgang nicht zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 Abs. 1 und 3 VGKE). (Dispositiv nächste Seite) D-3100/2019 Seite 26 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit sie nicht gegenstandslos gewor- den ist. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Chiara Piras Kathrin Rohrer Versand: