<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">193</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VI. Sozialhilfe</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>28 Unterstützungswohnsitz;</b></span> <span class="ft2"><b>Abschiebungsverbot</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Der Nachweis des Wegzugs obliegt dem Gemeinwesen, das aus dem</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wegzug Rechte ableitet, d.h. dessen Unterstützungspflicht mit dem</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wegzug grundsätzlich erlischt.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Eine Abschiebung im Sinne von Art. 10 des Zuständigkeitsgesetzes</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kann auch bei der pflichtwidrigen Verweigerung von Sozialhilfe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>leistungen vorliegen, welche eine unmittelbar bevorstehende Ob-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dachlosigkeit verhindert hätten.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 13. Dezember 2012 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen Einwohnergemeinde A. gegen B., Regierungsrat und Gemeinderat C.</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2012.261).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">3.3.2.</span><br/> <span class="ft7">Das kantonale Sozialhilferecht und das ZUG definieren den</span><br/> <span class="ft7">Begriff des Wegzugs nicht näher. Negativ wird einzig festgelegt, dass</span><br/> <span class="ft7">bei zweifelhaftem Zeitpunkt eines Wegszugs der Zeitpunkt der</span><br/> <span class="ft7">polizeilichen Abmeldung gilt (§ 9 Abs. 2 ZUG). Thomet ist der An-</span><br/> <span class="ft7">sicht, wegziehen bedeute, dass eine Person nicht mehr an diesem Ort</span><br/> <span class="ft7">wohnhaft und niedergelassen sein wolle und nach Aufgabe der Un-</span><br/> <span class="ft7">terkunft mit ihrem Gepäck oder ihrem gesamten Hausrat das Kan-</span><br/> <span class="ft7">tonsgebiet bzw. die Gemeinde verlasse (Werner Thomet, Kommentar</span><br/> <span class="ft7">zum ZUG, Zürich 1994, Rz. 146). Die gleiche Auslegung verwendet</span><br/> <span class="ft7">auch das Handbuch Sozialhilfe des Kantonalen Sozialdienstes (KSD)</span><br/> <span class="ft7">(Kapitel 4, Ziff. 4.4.4, S. 26). Unterhält eine bedürftige Person</span><br/> <span class="ft7">gleichzeitig zu mehreren Orten persönliche Beziehungen, so ist der</span><br/> <span class="ft7">Ort mit den intensivsten Beziehungen zu ermitteln und massgebend,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">194</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">d.h. der Mittel- oder Schwerpunkt der Lebensbeziehungen (Thomet,</span><br/> <span class="ft7">a.a.O., Rz. 98 mit Hinweis).</span><br/> <span class="ft7">Der Nachweis des Wegzugs obliegt dem Gemeinwesen, das aus</span><br/> <span class="ft7">dem Wegzug Rechte ableitet, d.h. dessen Unterstützungspflicht mit</span><br/> <span class="ft7">dem Wegzug des Bedürftigen (grundsätzlich) erlischt (vgl. Thomet,</span><br/> <span class="ft7">a.a.O., Rz. 151). Vorliegend hat somit die Beschwerdeführerin zu</span><br/> <span class="ft7">beweisen, dass die Beschwerdegegnerin aus der Gemeinde A. weg-</span><br/> <span class="ft7">gezogen ist. Aufgrund der Bestimmungen im ZUG und SPG ist dabei</span><br/> <span class="ft7">unbeachtlich, ob die Beschwerdegegnerin in C. einen neuen</span><br/> <span class="ft7">Unterstützungswohnsitz begründete (kein fiktiver Wohnsitz). Ist eine</span><br/> <span class="ft7">unterstützte Person weggezogen, ohne einen neuen Wohnsitz zu</span><br/> <span class="ft7">begründen, obliegt die allfällige Unterstützungspflicht der Gemeinde</span><br/> <span class="ft7">am Aufenthaltsort (§ 6 Abs. 1 SPG; vgl. zur Regelung im ZUG: Ur-</span><br/> <span class="ft7">teil des Bundesgerichts vom 5. Juli 2010 [8C</span><span class="ft8">_</span><span class="ft7">223/2010], Erw. 3.1).</span><br/> <span class="ft7">3.3.3. (...)</span><br/> <span class="ft7">4.</span><br/> <span class="ft7">4.1.</span><br/> <span class="ft7">Das Abschiebungsverbot des ZUG richtet sich an alle Behörden</span><br/> <span class="ft7">und verbietet, den Wegzug aus dem Wohnkanton bzw. der Wohn-</span><br/> <span class="ft7">gemeinde zu veranlassen. Verboten ist insbesondere, den Bedürftigen</span><br/> <span class="ft7">aus dem Kanton bzw. der Gemeinde wegzuweisen oder ihn durch</span><br/> <span class="ft7">behördliche Schikanen zum Wegzug zu bewegen. Nach dem Wort-</span><br/> <span class="ft7">laut von Art. 10 Abs. 1 ZUG ist es hingegen erlaubt, einen im In-</span><br/> <span class="ft7">teresse des Bedürftigen liegenden Wegzug zu veranlassen (vgl.</span><br/> <span class="ft7">Thomet, a.a.O., Rz. 156 ff.). Bei Widerhandlungen gegen dieses</span><br/> <span class="ft7">Verbot bleibt der Unterstützungswohnsitz des Bedürftigen am bishe-</span><br/> <span class="ft7">rigen Wohnort so lange bestehen, als er ihn ohne den behördlichen</span><br/> <span class="ft7">Einfluss voraussichtlich nicht verlassen hätte, längstens aber wäh-</span><br/> <span class="ft7">rend fünf Jahren (Art. 10 Abs. 2 ZUG).</span><br/> <span class="ft7">4.2. - 4.4. (...)</span><br/> <span class="ft7">4.5.</span><br/> <span class="ft7">4.5.1.</span><br/> <span class="ft7">Unter einer Abschiebung ist ein behördliches Verhalten zu ver-</span><br/> <span class="ft7">stehen, das darauf ausgerichtet ist, den Wegzug eines Bedürftigen zu</span><br/> <span class="ft7">bewirken, obschon dieser nicht in dessen Interesse liegt. Solches</span><br/> <span class="ft7">Verhalten kann darin bestehen, dass die Behörde im eigenen Inter-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">195</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">esse auf unfaire Weise aktiv wird, sei es, dass sie auf Vermieter oder</span><br/> <span class="ft7">Arbeitgeber des Bedürftigen Einfluss nimmt, sei es, dass sie dem</span><br/> <span class="ft7">Bedürftigen für den Fall, dass er wegzieht, finanzielle oder andere</span><br/> <span class="ft7">Vorteile in Aussicht stellt. Möglich ist auch, dass die Behörde dem</span><br/> <span class="ft7">Bedürftigen mit Nachteilen droht für den Fall, dass er den Unterstüt-</span><br/> <span class="ft7">zungswohnsitz nicht aufzugeben gedenkt. Auch die pflichtwidrige</span><br/> <span class="ft7">Verweigerung betreuender Sozialhilfe kann den Zweck haben, einen</span><br/> <span class="ft7">Bedürftigen zum Wegzug zu veranlassen (vgl. Entscheid des</span><br/> <span class="ft7">Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 22. Januar 2009</span><br/> <span class="ft7">[B 2008/95], Erw. 2.2.2.1).</span><br/> <span class="ft7">4.5.2.</span><br/> <span class="ft7">Zuständig und zur wirksamen Hilfeleistung verpflichtet ist die</span><br/> <span class="ft7">Gemeinde am Unterstützungswohnsitz, bei Personen ohne Unterstüt-</span><br/> <span class="ft7">zungswohnsitz und im Notfall die Gemeinde am Aufenthaltsort der</span><br/> <span class="ft7">Hilfe suchenden Person (§ 6 Abs. 1 SPG). Die Notfallhilfe umfasst</span><br/> <span class="ft7">die sofortige Hilfe in Notfallsituationen, insbesondere bei Erkran-</span><br/> <span class="ft7">kung, Unfall und plötzlicher Mittellosigkeit (§ 5 Abs. 1 Satz 1 SPV;</span><br/> <span class="ft7">vgl. auch Felix Wolffers, Grundriss des Sozialhilferechts, 2. Aufl.,</span><br/> <span class="ft7">Bern 1999, S. 54).</span><br/> <span class="ft7">4.5.3.</span><br/> <span class="ft7">Die Beschwerdegegnerin hatte ihren Unterstützungswohnsitz</span><br/> <span class="ft7">bis zur Zwangsräumung ihrer Wohnung und dem daraus folgenden</span><br/> <span class="ft7">Wegzug in der Gemeinde A.. Die Beschwerdeführerin war somit</span><br/> <span class="ft7">verpflichtet, der Beschwerdegegnerin Sozialhilfeleistungen nach § 3</span><br/> <span class="ft7">SPV auszurichten.</span><br/> <span class="ft7">4.5.4.</span><br/> <span class="ft7">Wie die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid und das De-</span><br/> <span class="ft7">partement Gesundheit und Soziales (DGS) in der Beschwerdeantwort</span><br/> <span class="ft7">zu Recht ausführen, mussten der Beschwerdeführerin nach der</span><br/> <span class="ft7">Vorsprache auf der Gemeindekanzlei und der Gesuchseinreichung</span><br/> <span class="ft7">tags darauf die Notlage und Hilfsbedürftigkeit der Beschwerdegeg-</span><br/> <span class="ft7">nerin bekannt sein. Im Gesuch um Sozialhilfe und Errichtung einer</span><br/> <span class="ft7">vormundschaftlichen Massnahme brachte diese klar zum Ausdruck,</span><br/> <span class="ft7">dass sie unverzüglich Hilfe im Form von Obdach, Betreuung und</span><br/> <span class="ft7">gegebenenfalls finanziellen Mitteln benötigt. Wenn die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft7">führerin darzulegen versucht, dass sie keine Kenntnis von einer psy-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">196</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">chischen Krankheit der Beschwerdegegnerin hatte, so kann diesen</span><br/> <span class="ft7">Ausführungen im Hinblick auf die Leistung von Nothilfe keine ent-</span><br/> <span class="ft7">scheidende Bedeutung zukommen. Aufgrund des gestellten Gesuchs</span><br/> <span class="ft7">um Errichtung einer vormundschaftlichen Massnahme und den</span><br/> <span class="ft7">Ausführungen der Beschwerdegegnerin, wonach sie über keine aus-</span><br/> <span class="ft7">reichenden Mittel mehr verfüge und über die Schulden keinen Über-</span><br/> <span class="ft7">blick mehr habe, verfangen auch die Ausführungen zu deren Eigen-</span><br/> <span class="ft7">verantwortung nicht. Es trifft zwar zu, dass die Beschwerdegegnerin</span><br/> <span class="ft7">zeitweise nicht erreichbar und die Kontaktnahme daher erschwert</span><br/> <span class="ft7">war. Nachdem die Tochter aber zusammen mit der Beschwerdegeg-</span><br/> <span class="ft7">nerin auf der Gemeindekanzlei vorgesprochen hatte, konnte die So-</span><br/> <span class="ft7">zialbehörde nicht mehr darauf vertrauen, dass die nötige Unterstüt-</span><br/> <span class="ft7">zung der Beschwerdegegnerin zukommen würde. Die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft7">gegnerin hatte ihren Unterstützungswohnsitz in A., weshalb die Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdeführerin zur Ausrichtung von materieller Hilfe, insbeson-</span><br/> <span class="ft7">dere der Vermittlung eines Obdachs im Sinne von Nothilfe, zuständig</span><br/> <span class="ft7">war. Jedenfalls konnte in dieser Situation nicht ausreichen, ein ge-</span><br/> <span class="ft7">stelltes Gesuch um materielle Hilfe zur Nachreichung von Unter-</span><br/> <span class="ft7">lagen per Post zu retournieren. Angesichts der unmittelbar bevor-</span><br/> <span class="ft7">stehenden Ausweisung aus der Mietwohnung und dem damit not-</span><br/> <span class="ft7">wendigerweise verbundenen Transport von Utensilien überzeugen</span><br/> <span class="ft7">auch die Ausführungen nicht, wonach noch genügend Zeit zur Ein-</span><br/> <span class="ft7">leitung notwendiger Massnahmen bestanden habe. Die von der Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdeführerin erbrachten Beratungen und Betreuungen "entspre-</span><br/> <span class="ft7">chend den Umzugsabsichten" wurden der Notsituation der Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdegegnerin nicht gerecht. Aus den Ausführungen in der Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerde folgt vielmehr, dass die Beschwerdeführerin der Beschwer-</span><br/> <span class="ft7">degegnerin geraten hat, das Gesuch um materielle Hilfe am neuen</span><br/> <span class="ft7">Wohnort einzureichen, sobald diese wisse, wohin sie ziehen werde.</span><br/> <span class="ft7">Bereits daraus erhellt, dass die Beschwerdeführerin nicht davon</span><br/> <span class="ft7">ausging, dass der Beschwerdegegnerin eine Unterkunft zur Verfü-</span><br/> <span class="ft7">gung stand. Dem DGS ist im Übrigen zuzustimmen, wenn es aus-</span><br/> <span class="ft7">führt, dass es nach der Vorsprache auf der Gemeindekanzlei nicht um</span><br/> <span class="ft7">eine längerfristige Wohnmöglichkeit ging, sondern um eine kurz- bis</span><br/> <span class="ft7">mittelfristige Lösung im Sinne einer Notunterkunft. Dabei war eine</span><br/> <span class="ft7">allfällige Absichtsbekundung der Beschwerdegegnerin, aufgrund der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">197</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Notlage aus A. wegzuziehen, unerheblich. Dies muss umso mehr</span><br/> <span class="ft7">gelten, als nach Ansicht der Beschwerdeführerin schlechte Aussich-</span><br/> <span class="ft7">ten bestanden, in A. eine neue Mietwohnung zu finden. (...)</span><br/> <span class="ft7">4.5.5.</span><br/> <span class="ft7">Es ist somit festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die Ge-</span><br/> <span class="ft7">währung von Sozialhilfeleistungen, welche insbesondere in der Ver-</span><br/> <span class="ft7">hinderung unmittelbar bevorstehender Obdachlosigkeit bestand,</span><br/> <span class="ft7">pflichtwidrig verweigert hat. Auch die in § 8 SPG vorgesehene</span><br/> <span class="ft7">Beratung und Betreuung beschränkte sich auf eine Verweisung an die</span><br/> <span class="ft7">Jugend- und Familienberatung und muss als ungenügend bezeichnet</span><br/> <span class="ft7">werden. Nach den Ausführungen der Beschwerdegegnerin waren</span><br/> <span class="ft7">diese Umstände für den Wegzug aus der Gemeinde ursächlich. Damit</span><br/> <span class="ft7">haben die Vorinstanzen das Vorliegen einer Abschiebung im Sinne</span><br/> <span class="ft7">von Art. 10 ZUG zu Recht bejaht.</span><br/></div> </div> </body> </html>