<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 89 S.413</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">413</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <br/> <span class="ft2"><b>89</b></span> <span class="ft2"><b>Erteilung einer Grenzgängerbewilligung; Domizil des Arbeitgebers</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Für die Erteilung einer Grenzgängerbewilligung darf nicht verlangt wer-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>den, dass der Arbeitgeber ein Schweizer Unternehmen ist oder sein Domi-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zil in der Schweiz hat (E. II./3.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Ob der Arbeitnehmerin eine Grenzgängerbewilligung auszustellen ist,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>hängt i.c. von der Frage ab, ob der Arbeitgeber berechtigt ist, Arbeit-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nehmende für die Dauer von mehr als 90 Tagen in die Schweiz zu entsen-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>den (E. II./4.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 22. August</span><br/> <span class="ft3">2008 in Sachen E. AG betreffend Erteilung einer Grenzgängerbewilligung</span><br/> <span class="ft3">(1-BE.2008.20).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">414</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Mit Gesuch vom 21. Dezember 2007 beantragte die E. AG (Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin) mit Sitz in R. (D) als Arbeitgeberin beim Migrati-</span><br/> <span class="ft1">onsamt des Kantons Aargau (Migrationsamt) eine Grenzgängerbe-</span><br/> <span class="ft1">willigung für eine ihrer Arbeitnehmerinnen ab dem 1. Januar 2008.</span><br/> <span class="ft1">Dem beigelegten Arbeitsvertrag ist zu entnehmen, dass das Arbeits-</span><br/> <span class="ft1">verhältnis bis 31. Dezember 2010 befristet ist und die Arbeitnehme-</span><br/> <span class="ft1">rin ihren Arbeitsort in L. (CH) haben soll. [...]</span><br/> <span class="ft1">Auf Anfrage des Migrationsamtes beim Bundesamt für Migra-</span><br/> <span class="ft1">tion (BFM) erklärte der "Chef de section suppléant" des BFM mit</span><br/> <span class="ft1">Schreiben vom 15. Januar 2008, eine Grenzgängerbewilligung könne</span><br/> <span class="ft1">nur dann ausgestellt werden, wenn der Arbeitgeber seinen Sitz in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz habe oder es sich beim Arbeitgeber um eine Schweizer Fili-</span><br/> <span class="ft1">ale eines ausländischen Arbeitgebers handle.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss e-Mail [...] der E.</span> <span class="ft1">Holding AG, L.</span> <span class="ft1">(CH), vom</span><br/> <span class="ft1">6. Februar 2008 an das Migrationsamt soll die Arbeitnehmerin ihren</span><br/> <span class="ft1">Wohnsitz weiterhin in Deutschland beibehalten. Arbeitsort sei vor-</span><br/> <span class="ft1">wiegend die schweizerische Betriebsstätte in L. (CH) der E. AG. Der</span><br/> <span class="ft1">Arbeitsvertrag sei deshalb mit der deutschen E. AG abgeschlossen</span><br/> <span class="ft1">worden, weil gemäss Absprache mit dem Bundesamt für Sozialversi-</span><br/> <span class="ft1">cherung in Bern und den deutschen Versicherungsträgern sozialver-</span><br/> <span class="ft1">sicherungsrechtlich "weder der Arbeitsort noch der Wohnort, sondern</span><br/> <span class="ft1">der (Haupt-) Sitz des Unternehmens massgebend für die Frage [sei],</span><br/> <span class="ft1">wo die grenzüberschreitend tätigen Mitarbeiter sozialversicherungs-</span><br/> <span class="ft1">pflichtig" seien.</span><br/> <span class="ft1">In der Folge lehnte das Migrationsamt, Sektion Einreise und</span><br/> <span class="ft1">Arbeit, das Gesuch der Beschwerdeführerin um Erteilung einer</span><br/> <span class="ft1">Grenzgängerbewilligung am 8. Februar 2008 ab.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 3. Vorab ist zu prüfen, ob der in Deutschland wohnenden und</span><br/> <span class="ft1">in der Schweiz tätigen Arbeitnehmerin der Beschwerdeführerin</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">415</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">grundsätzlich eine Grenzgängerbewilligung zusteht und, falls ja, un-</span><br/> <span class="ft1">ter welchen Voraussetzungen ihr eine solche zu erteilen ist.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">3.1.1. Gemäss Art. 7 Abs. 1 Anhang I FZA ist ein abhängig be-</span><br/> <span class="ft1">schäftigter Grenzgänger ein Staatsangehöriger einer Vertragspartei</span><br/> <span class="ft1">mit Wohnsitz im Hoheitsgebiet einer Vertragspartei, der eine Er-</span><br/> <span class="ft1">werbstätigkeit als Arbeitnehmer im Hoheitsgebiet der anderen Ver-</span><br/> <span class="ft1">tragspartei ausübt und in der Regel täglich oder mindestens einmal in</span><br/> <span class="ft1">der Woche an seinen Wohnort zurückkehrt.</span><br/> <span class="ft1">3.1.2. Die Arbeitnehmerin der Beschwerdeführerin beabsichtigt,</span><br/> <span class="ft1">unter Beibehaltung ihres Wohnsitzes in Deutschland, in der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">einer unselbständigen Erwerbstätigkeit nachzugehen und täglich an</span><br/> <span class="ft1">ihren Wohnsitz zurückzukehren. Damit stellt sie offensichtlich eine</span><br/> <span class="ft1">Grenzgängerin im Sinne von Art. 7 Abs. 1 Anhang I FZA dar.</span><br/> <span class="ft1">3.2. Gemäss Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA benötigt der Grenz-</span><br/> <span class="ft1">gänger keine Aufenthaltserlaubnis. Die zuständige Behörde des be-</span><br/> <span class="ft1">schäftigenden Staates kann dem abhängig beschäftigten Grenzgänger</span><br/> <span class="ft1">jedoch eine Sonderbescheinigung mit der Gültigkeitsdauer von min-</span><br/> <span class="ft1">destens fünf Jahren oder mit einer der Dauer der Beschäftigung ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechenden Gültigkeitsdauer ausstellen, wenn diese mehr als drei</span><br/> <span class="ft1">Monate und weniger als ein Jahr beträgt. Diese Bescheinigung wird</span><br/> <span class="ft1">um mindestens fünf Jahre verlängert, sofern der Grenzgänger nach-</span><br/> <span class="ft1">weist, dass er eine Erwerbstätigkeit ausübt. Die Sonderbescheinigung</span><br/> <span class="ft1">gilt für das gesamte Hoheitsgebiet des Staates, der sie ausgestellt hat</span><br/> <span class="ft1">(Art. 7 Abs. 3 Anhang I FZA).</span><br/> <span class="ft1">3.3. Die Vorinstanz geht in diesem Zusammenhang davon aus,</span><br/> <span class="ft1">eine Grenzgängerbewilligung könne durch das Migrationsamt nur</span><br/> <span class="ft1">dann erteilt werden, wenn der Arbeitgeber ein Unternehmen mit Sitz</span><br/> <span class="ft1">in der Schweiz sei oder es sich beim Arbeitgeber zumindest um eine</span><br/> <span class="ft1">selbständige Niederlassung eines ausländischen Unternehmens in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz handle. Das von der Beschwerdeführerin vorgebrachte</span><br/> <span class="ft1">Rechtsdomizil in der Schweiz genüge den Anforderungen von Art. 7</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 Anhang I FZA nicht.</span><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">3.4.1. Zunächst ist festzuhalten, dass es sich erübrigt zu klären,</span><br/> <span class="ft1">ob das von der Beschwerdeführerin vorgebrachte Rechtsdomizil in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">416</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der Schweiz den Anforderungen genügt, die die Vorinstanz an die</span><br/> <span class="ft1">Arbeitgeberin gestützt auf Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA stellt. Dies</span><br/> <span class="ft1">deshalb, weil im vorliegenden Fall ein deutsches Unternehmen als</span><br/> <span class="ft1">Arbeitgeberin auftritt und nicht dessen Schweizer Rechtsdomizil.</span><br/> <span class="ft1">3.4.2. Zu klären ist vielmehr die Frage, ob - wie die Vorinstan-</span><br/> <span class="ft1">zen annehmen - eine Sonderbescheinigung für Grenzgänger durch</span><br/> <span class="ft1">schweizerische Behörden effektiv nur dann ausgestellt werden darf,</span><br/> <span class="ft1">wenn der Arbeitgeber seinen (Haupt-)Sitz in der Schweiz hat oder es</span><br/> <span class="ft1">sich beim Arbeitgeber zumindest um eine selbständige Niederlassung</span><br/> <span class="ft1">eines ausländischen Unternehmens in der Schweiz handelt.</span><br/> <span class="ft1">Dies ist durch Auslegung von Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA, ins-</span><br/> <span class="ft1">besondere des Begriffes des "beschäftigenden Staates" zu ermitteln.</span><br/> <span class="ft1">3.4.3. Nach den allgemeinen Regeln der Gesetzesauslegung</span><br/> <span class="ft1">muss das Gesetz in erster Linie aus sich selbst heraus, das heisst nach</span><br/> <span class="ft1">Wortlaut, Sinn und Zweck und den ihm zugrunde liegenden Wertun-</span><br/> <span class="ft1">gen auf der Basis der teleologischen Verständnismethode ausgelegt</span><br/> <span class="ft1">werden (BGE 111 II 149, E. 4/a; 103 Ia 288, E. 2/c). Die Gesetzes-</span><br/> <span class="ft1">auslegung hat sich vom Gedanken leiten zu lassen, dass nicht schon</span><br/> <span class="ft1">der Wortlaut die Rechtsnorm darstellt, sondern erst das an Sachver-</span><br/> <span class="ft1">halten verstandene und konkretisierte Gesetz. Gefordert ist die sach-</span><br/> <span class="ft1">lich richtige Entscheidung im normativen Gefüge, ausgerichtet auf</span><br/> <span class="ft1">ein befriedigendes Ergebnis aus der ratio legis, die zu ermitteln dem</span><br/> <span class="ft1">Gericht nicht nach seinen eigenen, subjektiven Wertvorstellungen,</span><br/> <span class="ft1">sondern nach den Vorgaben des Gesetzgebers aufgegeben ist. Die</span><br/> <span class="ft1">Gesetzesmaterialien fallen nur dann ins Gewicht, wenn sie ange-</span><br/> <span class="ft1">sichts einer unklaren gesetzlichen Bestimmung eine klare Antwort</span><br/> <span class="ft1">geben (BGE 111 II 149 E. 4/a). Die Auslegung des Gesetzes ist zwar</span><br/> <span class="ft1">nicht entscheidend historisch zu orientieren, im Grundsatz aber den-</span><br/> <span class="ft1">noch auf die Regelungsabsicht des Gesetzgebers und die damit er-</span><br/> <span class="ft1">kennbar getroffenen Wertentscheidungen auszurichten (vgl. zum</span><br/> <span class="ft1">Ganzen BGE 128 I 34, E. 3/b; BGE 121 III 219, E. 1/d/aa).</span><br/> <span class="ft1">3.4.4. Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA hält fest, dass die Sonderbe-</span><br/> <span class="ft1">scheinigung durch die zuständige Behörde des beschäftigenden</span><br/> <span class="ft1">Staates ausgestellt werden kann. Die Materialien zum FZA geben</span><br/> <span class="ft1">keinen Aufschluss darüber, welches Land mit dem Begriff des "be-</span><br/> <span class="ft1">schäftigenden Staates" gemeint ist. Ebenso wenig kann dem Wortlaut</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">417</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">entnommen werden, ob es sich beim beschäftigenden Staat um jenen</span><br/> <span class="ft1">Staat handelt, in dem die Arbeitsleistung erbracht wird oder um je-</span><br/> <span class="ft1">nen, in dem das beschäftigende Unternehmen seinen Sitz hat. Fest</span><br/> <span class="ft1">steht bei genauer Betrachtung aber immerhin, dass dem Wortlaut</span><br/> <span class="ft1">nicht entnommen werden kann, Schweizer Behörden seien zur Aus-</span><br/> <span class="ft1">stellung einer Grenzgängerbewilligung nur dann zuständig, wenn der</span><br/> <span class="ft1">Arbeitgeber seinen Sitz in der Schweiz hat.</span><br/> <span class="ft1">3.4.5. Nachfolgend ist zu klären, welchen Sinn und Zweck die</span><br/> <span class="ft1">Regelung von Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA hat und ob sich daraus er-</span><br/> <span class="ft1">gibt, was unter dem Begriff des "beschäftigenden Staates" zu verste-</span><br/> <span class="ft1">hen ist.</span><br/> <span class="ft1">Der Regelung des Grenzgängerverkehrs liegt zugrunde, dass</span><br/> <span class="ft1">eine erwerbstätige Person ihren Wohnsitz in einem anderen Staat hat</span><br/> <span class="ft1">als sie ihre Arbeitsleistung erbringt. Normalerweise reist sie täglich</span><br/> <span class="ft1">bzw. wöchentlich zwischen dem Staat, in dem sie ihren Wohnsitz hat</span><br/> <span class="ft1">und dem Staat, in dem sie ihre Arbeitsleistung erbringt, hin und her.</span><br/> <span class="ft1">Mit der Grenzgängerbewilligung kann sich die betroffene Person</span><br/> <span class="ft1">darüber ausweisen, dass sie sich als Grenzgängerin im jeweiligen</span><br/> <span class="ft1">Land aufhält. Als Grenzgängerin ausweisen muss sich die betroffene</span><br/> <span class="ft1">Person aber primär in dem Land, in dem sie ihre Arbeitsleistung er-</span><br/> <span class="ft1">bringt, da sie im Land ihres Wohnortes über eine Aufenthaltsbewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung verfügt. Die Annahme, zur Ausstellung einer Sonderbescheini-</span><br/> <span class="ft1">gung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA sei jener Staat zu-</span><br/> <span class="ft1">ständig, in dem das beschäftigende Unternehmen seinen rechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Sitz hat, würde bedeuten, dass - unbeachtlich des Ortes der effekti-</span><br/> <span class="ft1">ven Arbeitsleistung - jener ausländische (EU-)Staat zur Ausstellung</span><br/> <span class="ft1">von Sonderbescheinigungen für die Ausübung einer Tätigkeit im</span><br/> <span class="ft1">schweizerischen Hoheitsgebiet zuständig wäre, in dem sich der Sitz</span><br/> <span class="ft1">des Arbeitgebers befindet. Dass dies offensichtlich dem Territoriali-</span><br/> <span class="ft1">tätsprinzip widersprechen würde und dem Sinn und Zweck der Re-</span><br/> <span class="ft1">gelung von Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA nicht entsprechen kann, liegt</span><br/> <span class="ft1">auf der Hand.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten ergibt sich aus der Auslegung nach Sinn</span><br/> <span class="ft1">und Zweck von Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA klar, dass mit "beschäfti-</span><br/> <span class="ft1">gendem Staat" nur jener Staat gemeint sein kann, in welchem die</span><br/> <span class="ft1">Arbeitsleistung erbracht wird.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">418</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">3.4.6. Zum selben Ergebnis gelangt man auch mittels systemati-</span><br/> <span class="ft1">scher Auslegung. Art. 7 Abs. 1 Anhang I FZA nimmt Bezug auf das</span><br/> <span class="ft1">Hoheitsgebiet, in dem die Erwerbstätigkeit ausgeübt wird. In Art. 7</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 Anhang I FZA wird zudem statuiert, dass die Sonderbeschei-</span><br/> <span class="ft1">nigung für das gesamte Hoheitsgebiet des Staates gilt, der sie ausge-</span><br/> <span class="ft1">stellt hat. Ginge man im vorliegenden Fall davon aus, die deutschen</span><br/> <span class="ft1">Behörden seien zur Ausstellung einer Sonderbescheinigung zustän-</span><br/> <span class="ft1">dig, wäre die Grenzgängerbewilligung nur in Deutschland gültig,</span><br/> <span class="ft1">was jeglicher Logik entbehren würde.</span><br/> <span class="ft1">3.5. Damit steht fest, dass mit "beschäftigendem Staat" nur je-</span><br/> <span class="ft1">ner Staat gemeint sein kann, in dessen Hoheitsgebiet die Arbeitslei-</span><br/> <span class="ft1">stung erbracht wird. Da die Arbeitnehmerin ihre Arbeitsleistung als</span><br/> <span class="ft1">Grenzgängerin in L. (CH) erbringen wird, ist das Migrationsamt des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Aargau grundsätzlich auch zuständig, eine Grenzgängerbe-</span><br/> <span class="ft1">willigung auszustellen.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">3.7. Nachdem Grenzgänger gemäss Art. 7 Abs. 2 Anhang I FZA</span><br/> <span class="ft1">keine Aufenthaltserlaubnis benötigen, der beschäftigende Staat dem</span><br/> <span class="ft1">Grenzgänger jedoch eine Sonderbescheinigung ausstellen kann, ist</span><br/> <span class="ft1">nachfolgend zu klären, ob das Migrationsamt des Kantons Aargau</span><br/> <span class="ft1">verpflichtet ist, eine Grenzgängerbewilligung auszustellen.</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1. Wie die Vorinstanz korrekterweise ausführt, gilt die Arbeit-</span><br/> <span class="ft1">nehmerin der Beschwerdeführerin als Entsandte im Sinne von Art. 5</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 FZA i.V.m. Art. 17 ff. Anhang I FZA und Art. 1 des Bundes-</span><br/> <span class="ft1">gesetzes über die in die Schweiz entsandten Arbeitnehmerinnen und</span><br/> <span class="ft1">Arbeitnehmer (EntsG) vom 8. Oktober 1999. Vorbehältlich eines</span><br/> <span class="ft1">speziellen Abkommens über die Erbringung von Dienstleistungen</span><br/> <span class="ft1">besteht ein Rechtsanspruch auf Entsendung von Arbeitnehmenden</span><br/> <span class="ft1">nur bis zu einer Einsatzdauer von 90 Tagen (Art. 5 Abs. 1 FZA).</span><br/> <span class="ft1">Dauert die Entsendung mehr als 90 Tage, bedarf es einer Bewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung. Wird die Bewilligung erteilt, ist der betroffenen Person eine</span><br/> <span class="ft1">Aufenthaltserlaubnis auszustellen (Art. 20 Abs. 2 Anhang I FZA).</span><br/> <span class="ft1">4.2. Nachdem bereits der Einsatz der Arbeitnehmerin der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin mehr als 90 Tage dauern soll und das Arbeitsver-</span><br/> <span class="ft1">hältnis nicht unter ein spezielles Dienstleistungsabkommen zwischen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">419</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der Schweiz und der EU fällt, darf die Arbeitnehmerin der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin nur dann in die Schweiz entsandt werden, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin die Entsendung bewilligt wurde.</span><br/> <span class="ft1">4.2.1. Dabei gilt es zu beachten, dass die Beschränkung auf</span><br/> <span class="ft1">90 Tage nicht für jeweils einen einzelnen Arbeitnehmenden gilt, son-</span><br/> <span class="ft1">dern sich auf die Summe aller Arbeitseinsatztage sämtlicher entsand-</span><br/> <span class="ft1">ter Arbeitnehmenden der entsendenden ausländischen Arbeitgeberin</span><br/> <span class="ft1">bezieht. Dies geht direkt aus Art. 5 Abs. 1 FZA hervor, wonach es</span><br/> <span class="ft1">dem Dienstleistungserbringer - und nicht jeweils dem einzelnen Ar-</span><br/> <span class="ft1">beitnehmenden des Dienstleistungserbringers - gestattet ist, Dienst-</span><br/> <span class="ft1">leistungen während 90 Arbeitstagen im Hoheitsgebiet der anderen</span><br/> <span class="ft1">Vertragspartei zu erbringen. Gleicher Auffassung ist offenbar auch</span><br/> <span class="ft1">das Migrationsamt des Kantons Aargau: "Ein Unternehmen, das</span><br/> <span class="ft1">seine Arbeitnehmenden insgesamt (nicht pro Mitarbeitenden!) für</span><br/> <span class="ft1">mehr als 90 Arbeitstage pro Kalenderjahr in die Schweiz entsendet,</span><br/> <span class="ft1">benötigt eine vorgängige Bewilligung." (vgl. "Merkblatt für ausländi-</span><br/> <span class="ft1">sche Arbeitgebende aus EG-17/EFTA-Staaten, die Arbeitnehmende</span><br/> <span class="ft1">ihres Unternehmens zur Erbringung von meldepflichtigen Dienst-</span><br/> <span class="ft1">und Arbeitsleistungen in die Schweiz entsenden", Merkblatt A1360,</span><br/> <span class="ft1">Januar 2008; [...]).</span><br/> <span class="ft1">4.2.2. Aufgrund der durch die Vorinstanz unwidersprochen ge-</span><br/> <span class="ft1">bliebenen Angaben der Beschwerdeführerin und deren impliziten</span><br/> <span class="ft1">Bestätigung, dass für Arbeitnehmende der Beschwerdeführerin bis-</span><br/> <span class="ft1">lang Grenzgängerbewilligungen ausgestellt wurden, ist davon auszu-</span><br/> <span class="ft1">gehen, dass die Beschwerdeführerin in der Schweiz aktuell rund 40</span><br/> <span class="ft1">Arbeitnehmende mit Grenzgängerbewilligung beschäftigt. Da eine</span><br/> <span class="ft1">Grenzgängerbewilligung nur dann auszustellen ist, wenn die Betrof-</span><br/> <span class="ft1">fenen im Ausland wohnen und in der Schweiz arbeiten und die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin als Arbeitgeberin ein in Deutschland domiziliertes</span><br/> <span class="ft1">Unternehmen ist, gelten die mit Grenzgängerbewilligung in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz tätigen Arbeitnehmenden als Entsandte im Sinne von Art. 5</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 FZA. Ohne entsprechende Bewilligung könnte die Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin die genannten Arbeitnehmenden aufgrund der Beschrän-</span><br/> <span class="ft1">kung gemäss Art. 5 Abs. 1 FZA (90 Arbeitstage) insgesamt lediglich</span><br/> <span class="ft1">während rund zwei Arbeitstagen pro Kalenderjahr und Arbeitneh-</span><br/> <span class="ft1">menden in die Schweiz entsenden. Da nichts auf eine derart kurze</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">420</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"> <p><br/> <span class="ft1">Entsendung hindeutet, liegt der Schluss nahe, dass das Migrations-</span><br/> <span class="ft1">amt der Beschwerdeführerin die Entsendung von Arbeitnehmenden</span><br/> <span class="ft1">über die Dauer von 90 Tagen hinaus explizit oder stillschweigend</span><br/> <span class="ft1">bewilligt hat.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem den Akten diesbezüglich jedoch nichts zu entnehmen</span><br/> <span class="ft1">ist, ist das Verfahren zur Klärung dieser Frage und entsprechenden</span><br/> <span class="ft1">Ergänzung des Sachverhaltes an die Vorinstanz zurückzuweisen.</span><br/> <span class="ft1">4.3. Wurde der Arbeitgeberin stillschweigend oder explizit eine</span><br/> <span class="ft1">Bewilligung zur Entsendung von Arbeitnehmenden über 90 Tage</span><br/> <span class="ft1">hinaus erteilt, ist der Arbeitnehmerin wohl ebenfalls eine Grenzgän-</span><br/> <span class="ft1">gerbewilligung auszustellen. Dabei ist insbesondere Art. 20 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">Anhang I FZA zu beachten, wonach ein Arbeitnehmer Anspruch auf</span><br/> <span class="ft1">Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz hat, wenn sein</span><br/> <span class="ft1">Arbeitgeber über eine Bewilligung zur Entsendung von Arbeitneh-</span><br/> <span class="ft1">menden über 90 Tage hinaus im Sinne von Art. 5 Abs. 1 FZA ver-</span><br/> <span class="ft1">fügt. In Anwendung des Grundsatzes "in majore minus" hat der Ar-</span><br/> <span class="ft1">beitnehmer in diesen Fällen wohl auch Anspruch auf Ausstellung ei-</span><br/> <span class="ft1">ner Sonderbescheinigung als Grenzgänger.</span></p> </div> </div> </body> </html>