Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 3. Mai 2017 (715 16 400 / 106) ____________________________________________________________________ Arbeitslosenversicherung Vermittlungsbereitschaft: Angaben in den Formularen und Verhalten der versicherten Person, Aufklärungspflicht der Behörde Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Gerichtss chreiberin i.V. Isabelle Salathe Parteien A.____, Beschwerdeführerin gegen KIGA Baselland , Postfach , 4133 Pratteln 1 , Beschwerdegegnerin Betreff Ablehnung der Anspruchsberechtigung / Vermi ttlungsfähigkeit A. Die 1979 geborene A.____ arbeitete zuletzt seit dem 1. Februar 2008 bei der B.____ AG in Basel als Biologielaborantin. Das Arbeitsverh ältnis wurde von der Arbeitgeberin mit Schreiben vom 15. April 2014 per 31. Oktober 2014 g ekündigt. Aufgrund der Schwangerschaft verlängerte sich die Kündigungsfrist bis zum 31. De zember 2015. Am 22. November 2015 mel- dete sich A.____ per 1. Januar 2016 zum Taggeldbezu g der Arbeitslosenversicherung (ALV) und am 1. Dezember 2015 zur Arbeitsvermittlung beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum Laufen (RAV) an. Nach Erhalt der Taggeldabrechnung für den Monat Januar am 14. Februar 2016 ersuchte die Versicherte das RAV m it E-Mail vom 26. Februar 2016 um rück- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht wirkende Erhöhung ihres Vermittlungspensums von 70% au f 100% ab 1. Januar 2016. Mit Ver- fügung Nr. 561/2016 vom 17. März 2016 bestätigte die Öffentliche Arbeitslosenkasse (Kasse) die Korrektheit der Taggeldabrechnung für den Monat J anuar, wogegen die Versicherte am 20. März 2016 bei der Kasse Einsprache erhob. Mit Verfü gung vom 24. Juni 2016 erklärte die Kasse, dass sie für die Festlegung der Vermittlungsfähi gkeit nicht zuständig sei. Eine diesbe- zügliche Beschwerde sei daher an das zuständige RAV zu richten. Mit Schreiben ans RAV vom 8. Juli 2016, verlangte A.____, zu diesem Zeitpunkt v ertreten durch Herrn Urs Grob, Advokat, die Korrektur des Vermittlungspensums auf 100% ab dem 1. Januar 2016. Auf Ersuchen des RAV legte das Kantonale Amt für Industrie, Gewerbe u nd Arbeit, Abteilung Ergänzende Mass- nahmen ALV (KIGA) mit Verfügung vom 15. September 20 16 die Vermittlungsfähigkeit für den Zeitraum vom 1. Januar 2016 bis zum 28. (recte: 29.) Fe bruar 2016 auf 70% fest. Die dagegen von A.____ erhobene Einsprache vom 14. Oktober 2016 wu rde vom KIGA mit Entscheid vom 7. November 2016 abgelehnt. Zur Begründung führte da s KIGA im Wesentlichen aus, dass es im fraglichen Zeitraum an dem Element der Vermittlun gsfähigkeit – insbesondere der Vermitt- lungsbereitschaft für ein 100%-Pensum – gefehlt habe. A.____ habe vor dem Erhalt der Ab- rechnung am 14. Februar 2016 jeweils immer angegeben, zu einem Pensum von 70% arbeiten zu wollen. Erst nachdem sie bemerkt habe, dass dies auch geringere Taggelder zur Folge ha- be, habe sie um Erhöhung des Vermittlungspensums gebet en. Des Weiteren sei auch das Vor- liegen einer Informationspflichtverletzung zu verneinen. B. Gegen diesen Entscheid erhob die Versicherte am 3 . Dezember 2016 Beschwerde beim Kantonsgericht des Kantons Basel-Landschaft, Abtei lung Sozialversicherungsrecht (Kan- tonsgericht). Sie beantragte, ihre Vermittlungsfähigkeit sei ab dem 1. Januar 2016 in Bezug auf ein 100%-Pensum anzuerkennen. Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor, dass sie vor Eintritt der Arbeitslosigkeit in einem 100%-Pensum tätig gewesen sei, für den fraglichen Zeitraum eine gesicherte Kinderbetreuung bestanden habe und sie sich auch auf 100%-Stellen beworben habe. Weiter sei das RAV seiner Information spflicht nicht nachgekommen und durch die verspätet erfolgte Berechnung der Taggelder habe der Fehler von ihr erst Ende Februar festgestellt und gerügt werden können. C. In seiner Vernehmlassung vom 13. Januar 2017 schloss das KIGA auf Abweisung der Beschwerde und Bestätigung des Einspracheentscheides vom 7. November 2016. Die Präsidentin zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs.1 und Art. 57 des Bundesgesetzes ü ber den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, dess en Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes ü ber die obligatorische Arbeitslo- senversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) vom 25. Juni 1982 auf die obligatori- sche Arbeitslosenversicherung anwendbar sind, kann gegen E inspracheentscheide der Versi- cherungsträger Beschwerde beim kantonalen Versicherungsge richt erhoben werden. Örtlich zuständig ist nach Art. 58 Abs. 1 ATSG grundsätzlich das V ersicherungsgericht desjenigen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Besch werdeerhebung Wohnsitz hat. Diese Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Regelung entspricht nun allerdings für den Bereich der Arbeitslosenversicherung nicht der vor dem Inkrafttreten des ATSG geltenden Zuständigkeitsordnu ng, weshalb der Bundesrat in Art. 100 Abs. 3 AVIG ausdrücklich ermächtigt worden ist, die örtliche Zuständigkeit des kanto- nalen Versicherungsgerichts in Abweichung von Art. 58 AT SG zu regeln. Laut Art. 128 Abs. 2 der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversi cherung und die Insolvenzentschädi- gung (AVIV) vom 31. August 1983 ist für die Beurteilun g von Beschwerden gegen Verfügungen (Einspracheentscheide) einer kantonalen Amtsstelle das Ver sicherungsgericht desselben Kan- tons zuständig. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet ein Einspracheentscheid, den das KIGA Baselland als kantonale Amtsstelle im Sinn e von Art. 85 AVIG erlassen hat, so- dass die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-La ndschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- u nd Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige ge- richtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Einsprache entscheide der Versicherungs- träger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Be- schwerde zuständig. Auf die im Übrigen frist- und formgerecht erhobene Beschwerde der Versi- cherten vom 3. Dezember 2016 ist demnach einzutreten. 1.2 Nach § 55 Abs. 1 VPO entscheidet die präsidierende Person der Abteilung Sozialversi- cherungsrecht des Kantonsgerichts durch Präsidialentscheid St reitigkeiten bis zu einem Streit- wert von Fr. 10'000.–. Im vorliegenden Verfahren ist d er Anspruch auf Taggelder für die Monate Januar und Februar 2016 in der Höhe von insgesamt Fr. 3 072.– zu beurteilen, weshalb der Entscheid über die Beschwerde vom 3. Dezember 2016 in d ie Kompetenz der präsidierenden Person der Abteilung Sozialversicherungsrecht des Kantonsgerichts fällt. 2.1 Eine Voraussetzung für den Anspruch auf Taggelder ist das Erfordernis der Vermitt- lungsfähigkeit der ganz oder teilweise arbeitslosen ve rsicherten Person (Art. 8 Abs. 1 lit. f AVIG). Gemäss Art. 15 Abs. 1 AVIG ist eine Person vermi ttlungsfähig, wenn sie bereit, in der Lage und berechtigt ist, eine zumutbare Arbeit anzuneh men. Als Anspruchsvoraussetzung schliesst der Begriff der Vermittlungsfähigkeit graduell e Abstufungen aus (BGE 125 V 51 E. 6a mit Hinweis auf unveröffentlichtes Urteile vom 19. Janu ar 1998 und vom 7. März 1996; NUSSBAUMER , a.a.O., S. 2348 N. 270; vgl. aber Art. 24 Abs. 2 AVIV). Entweder ist die versicher- te Person vermittlungsfähig und insbesondere bereit, ei ne zumutbare Arbeit (im Umfang von mindestens 20% eines Normalarbeitspensums; vgl. Art. 5 AVIV und BGE 120 V 390 E. 4c/aa am Ende) anzunehmen, oder nicht. Die Frage der Vermit tlungsfähigkeit ist prospektiv zu beur- teilen, d.h. von jenem Zeitpunkt aus und unter Würdig ung jener Verhältnisse, die bei Erlass der angefochtenen Verfügung gegeben waren (vgl. K UPFER BUCHER , a.a.O., S. 70). Ausser dem Umfang des für die versicherte Person in Betracht fallen den Arbeitsmarktes ist auch die Art der gesuchten zumutbaren Arbeit von Bedeutung (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 1. Juli 2010, 8C_382/2010, E. 3.2; BGE 120 V 387 E. 2). 2.2 Zur Vermittlungsfähigkeit nach Art. 15 AVIG gehör en als objektive Kriterien zum einen die Arbeitsfähigkeit, verstanden als körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, soziale Eignung und Verfügbarkeit in räumlicher und in zeitlicher Hinsich t (THOMAS NUSSBAUMER , Arbeitslosen- versicherung, in: Meyer [Hrsg.] Schweizerisches Bundesverwalt ungsrecht, 3. Auflage, Basel Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2016, S. 2345 N 264; G ERHARD GERHARDS , Kommentar zum Arbeitslosenversicherungsgesetz, Band I, Bern 1982, S. 205 ff. N 27 ff.) sowie zum and eren die Arbeitsberechtigung. Als subjekti- ve Komponente der Vermittlungsfähigkeit wird die Ber eitschaft, die Arbeitskraft entsprechend den persönlichen Verhältnissen während der üblichen Arbe itszeit einzusetzen, vorausgesetzt (BGE 125 V 58 E. 6a, 123 V 216 E. 3a, 120 V 388 E. 3a, 112 V 137 E. 3 und 217 E. 1a; NUSSBAUMER , a.a.O., S. 2348 N 270.; B ARBARA KUPFER BUCHER , Rechtsprechung des Bundes- gerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die obligatorische Arbeitslosenver- sicherung und Insolvenzentschädigung, 4. Auflage, Zürich/ Basel/Genf 2013, S. 69). Wesentli- ches Merkmal der Vermittlungsbereitschaft als subjektives Element der Vermittlungsfähigkeit ist die Bereitschaft zur Annahme einer Dauerstelle im ang egebenen Pensum als Arbeitnehmer. Hierzu genügt die bloss verbal erklärte Vermittlungsbere itschaft nicht. Vielmehr ist die versi- cherte Person gehalten, sich der öffentlichen Arbeitsvermittlung zur Verfügung zu stellen, ange- botene zumutbare Arbeit anzunehmen und sich selbst inten siv nach einer zumutbaren Stelle umzusehen (Art. 17 AVIG). 2.3 Vermittlungsunfähigkeit liegt dann vor, wenn ei ne versicherte Person aus persönlichen oder familiären Gründen ihre Arbeitskraft nicht so ein setzen kann oder will, wie es ihr Arbeitge- ber normalerweise verlangt (BGE 123 V 216 E. 3, 120 V 388 E. 3a, je mit Hinweisen). Eine ver- sicherte Person mit betreuungspflichtigen Kindern muss h insichtlich ihrer Vermittlungsfähigkeit die gleichen Bedingungen erfüllen wie alle übrigen Personen. Rechtsprechungsgemäss be- gründet der Umstand, dass Versicherte sich im Hinblick auf a nderweitige, namentlich familiäre Verpflichtungen oder besondere persönliche Umstände lediglich während gewisser Tages- oder Wochenstunden erwerblich betätigen wollen, oder Elter n betreuungspflichtiger Kinder eine Ar- beit in Gegenschicht zum erwerbstätigen Ehegatten wünsc hen, allein noch keine Vermittlungs- unfähigkeit. Diese Rechtsfolge tritt indes dann ein, w enn der versicherten Person bei der Aus- wahl des Arbeitsplatzes aus familiären oder persönlichen G ründen nachweislich derart enge Grenzen gesetzt sind, dass das Finden einer passenden, eve ntuell zu jener des Ehemannes komplementären Stelle sehr ungewiss ist (BGE 123 V 216 E. 3, 120 V 388 E. 3a mit Hinweisen; ARV 2004 S. 280 E. 3.1, 1991 S. 20 E. 3a). Hat eine Person jedoch bereits vor Eintritt der Ar- beitslosigkeit den Tatbeweis erbracht, dass sie trotz Bet reuungsaufgaben eine Vollzeitbeschäf- tigung auszuüben bereit und in der Lage war, und ihre bisherige Stelle aus nicht selbst zu ver- antwortenden Gründen aufgeben musste, kann die Vermi ttlungsfähigkeit nicht leichthin unter Verweis auf familiäre Betreuungsaufgaben verneint werden. 2.4 In Bezug auf ihre Verfügbarkeit liegt es grundsät zlich an der versicherten Person, das Privat- und Familienleben so zu gestalten, dass sie nicht daran gehindert ist, im Umfang des geltend gemachten Beschäftigungsgrads einer unselbständi gen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Wie die versicherte Person die Betreuung ihrer Kinder regelt, ist ihr überlassen (KS ALE, Rz. B 225 f.). Die Durchführungsstellen dürfen dabei ni cht schon im Zeitpunkt der Anmeldung zum Taggeldbezug einen Obhutsnachweis verlangen. Erscheint im Verlaufe des Leistungsbe- zugs der Wille oder die Möglichkeit, die Kinderbetreuu ng einer Drittperson oder einer Institution anzuvertrauen, erwiesenermassen als zweifelhaft, muss die zuständige Amtsstelle die Vermitt- lungsfähigkeit im Hinblick auf die konkrete Möglichkeit einer adäquaten Kinderbetreuung jedoch prüfen. Dafür hat sie einen Obhutsnachweis zu verlange n. Indizien für die Zweifelhaftigkeit sind Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht namentlich ungenügende Arbeitsbemühungen oder die Au fgabe der vorangehenden Stelle in- folge von Betreuungspflichten (Urteil des Bundesgericht s vom 26. November 2008, 8C_367/2008 E. 4.2). 3. Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungsverfahren und der Sozialversicherungs- prozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach haben Versicherungsträger und das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständ ige Feststellung des rechtserhebli- chen Sachverhaltes zu sorgen. Die Verwaltung als verfügen de Instanz und – im Beschwerde- fall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als be wiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat di e rechtsanwendende Behörde ih- ren Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichen des vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Ve rwaltung und Gericht haben vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die sie von al len möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigen (BGE 138 V 221 f. E. 6 mit Hinweisen). Der Untersuchungs- grundsatz schliesst die Beweislast im Sinne der Beweisführ ungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur inso- fern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu U ngunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableite n wollte. Diese Beweisregel greift al- lerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrund- satzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entspr echen (BGE 138 V 222 E. 6 mit Hin- weisen). 4. Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführer in im Zeitraum vom 1. Januar 2016 bis zum 29. Februar 2016 in Bezug auf ein 100%-Pensum vermittlungsfähig war. 4.1 Vorliegend verneinte das KIGA eine 100%ige Ver mittlungsfähigkeit der Beschwerde- führerin für den Zeitraum vom 1. Januar 2016 bis zum 29 . Februar 2016 mit der Begründung, sie habe auf dem Formular „Antrag auf Arbeitslosenentsc hädigung“ vom 22. November 2015 sowie auf dem Formular „Anmeldung zur Arbeitsvermittlun g“ vom 1. Dezember 2015 jeweils angegeben, ab dem 1. Januar 2016 bereit und in der L age zu sein, im Umfang von 70% zu ar- beiten. Dies habe sie auch anlässlich des Erstgespräches b eim RAV am 14. Dezember 2015 bestätigt. Erst nachdem sie bemerkt habe, dass dies auch ger ingere Taggelder zur Folge habe, habe sie sich der Arbeitsvermittlung mit einem 100%-Pensum zur Verfügung stellen wollen. 4.2 Tatsächlich hat die Beschwerdeführerin im Antrag a uf Arbeitslosenentschädigung vom 22. November 2015 und in ihrer Anmeldung zur Arbeitsv ermittlung vom 1. Dezember 2015 un- missverständlich angegeben, in einem Teilzeitpensum von hö chstens 70% Arbeit zu suchen. Die Fragen auf den entsprechenden Formularen sind klar formuliert. Weder aus den Akten noch aus den konkreten Umständen ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Anmeldung etwas anderes gewollt hätte . Dies wird letztlich auch von ihr nicht geltend gemacht. Damit ist die Beschwerdeführerin grun dsätzlich auf den von ihr gemachten Angaben zu behaften. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.3 Daran ändern auch die Vorbringen der Beschwerdefüh rerin nichts. Sie bringt zunächst vor, dass sie sich im Januar und Februar 2016 jeweils auf Vollzeitstellen beworben habe, wes- halb auch eine Vermittlungfähigkeit in diesem Umfan g zu bejahen sei. Der Beschwerdeführerin ist insofern beizupflichten, als dass die Arbeitssuche ei nen wichtigen Teilaspekt der Vermitt- lungsbereitschaft darstellt (Art. 17 Abs. 1 AVIG, vgl. E. 2.3 hiervor). Allerdings ist trotz der getä- tigten Arbeitsbemühungen letztlich unklar, ob die Besch werdeführerin eine Anstellung im Rah- men einer 100%-Stelle tatsächlich in Erwägung gezogen hat oder ob sie die Bewerbungen le- diglich mangels anderweitiger Stellenangebote verfasste , um die von ihr geforderte Mindestan- zahl an Arbeitsbemühungen zu erreichen. Es kann daher a us diesem Umstand nichts zu ihren Gunsten abgeleitet werden. Des Weiteren bringt die Versicherte vor, es habe im fraglichen Zeit- raum eine gesicherte Kinderbetreuung bestanden, was ebe nfalls für eine 100%ige Vermitt- lungsfähigkeit spreche. Den Akten kann entnommen werd en, dass zum Zeitpunkt des Erstge- spräches am 14. Dezember 2015 noch keine Kinderbetreuun g bestand. Diese sollte gemäss Protokoll des Erstgespräches bis zum ersten Folgegespräch am 25. Januar 2016 organisiert und der entsprechende Nachweis abgegeben werden. Das F ormular „Bescheinigung Kinderbe- treuung (Obhutsnachweis)“ wurde allerdings erst am 18. Februar 2016 unterzeichnet und dem RAV am 14. März 2016 eingereicht. Das KIGA ging indesse n bereits in seiner Verfügung vom 15. September 2016 vom Vorliegen der Vermittlungsfähigkeit aus, trotz fehlender Kinderbetreu- ung. Auch dem Vorbringen der Beschwerdeführerin, sie habe vor ihrer Kündigung bereits in einem 100%-Pensum gearbeitet, was für eine Vermittlun gsfähigkeit von 100% spreche, kann letztlich nicht gefolgt werden. Zwar ist das Ausüben ein er Vollzeitbeschäftigung trotz Betreu- ungsaufgaben vor Eintritt der Arbeitslosigkeit ein Indi z, das für die Vermittlungsfähigkeit spricht (vgl. E. 2.4 hiervor). Im vorliegenden Fall war die B eschwerdeführerin bereits vor Eintritt der Arbeitslosigkeit Mutter eines 2011 geborenen Kindes. Na ch Erhalt der Kündigung und während der Dauer der Freistellung wurde sie 2015 jedoch Mutt er eines zweiten Kindes. Aufgrund des dadurch erhöhten Betreuungsaufwandes kann ein Fortbeste hen der Vermittlungsfähigkeit zu 100% nicht ohne Weiteres angenommen werden. 4.4 Nach dem Ausgeführten und unter Berücksichtigung ihre s gesamten Verhaltens ist die Vermittlungsfähigkeit der Beschwerdeführerin in Bezu g auf ein 100%-Pensum im vorliegend interessierenden Zeitraum zu verneinen. Zwar wäre es d er Beschwerdeführerin wohl möglich gewesen, sich der Arbeitsvermittlung mit einem 100%-Pen sum zur Verfügung zu stellen, dies ändert jedoch nichts daran, dass ihr Wille lediglich au f die Annahme einer 70%-Stelle gerichtet gewesen war. Die Beschwerdeführerin führt in ihrer Besc hwerdebegründung gar aus, dass sie sich der Arbeitsvermittlung mit einem 70%-Pensum zur Ver fügung stellen wollte, unter der An- nahme, trotzdem die volle Entschädigungsleistung zu erhalten. Das Motiv für die Entscheidung, sich der Arbeitsvermittlung lediglich mit einem reduzierten Pensum zur Verfügung zu stellen, ist letztlich unbedeutend (vgl. ARV 1991 S. 21 E. 3d). 5.1 Im Weiteren ist zu prüfen, ob sich die Versicherte auf eine Verletzung des Vertrauens- grundsatzes berufen kann. 5.2 Gemäss herrschender Lehre und Rechtsprechung verlangt d er verfassungsmässige Grundsatz von Treu und Glauben nach Art. 5 Abs. 3 der B undesverfassung der Schweizeri- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht schen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV) im Allge meinen sowohl von den Verwal- tungsbehörden als auch von den Bürgern ein redliches, lo yales, vertrauenswürdiges und rück- sichtsvolles Verhalten im gegenseitigen Verkehr (M AX IMBODEN /R ENÉ RHINOW , Schweizerische Verwaltungsrechtsprechung, Basel und Stuttgart 1976, B and I, Nr. 74 B II und IV mit weiteren Hinweisen; U LRICH HÄFELIN /G EORG MÜLLER /F ELIX UHLMANN , Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Auflage, Zürich/St. Gallen 2016, Rz. 620; Y VO HANGARTNER , in: Ehrenzel- ler/Mastronardi/Schweizer/Vallender [Hrsg.], Die schweizerische Bundesverfassung, 2. Auflage, Zürich/St. Gallen 2008, Art. 5 BV, Rz. 41 ff.). In de r Form des Vertrauensschutzes (Art. 9 BV) verleiht er den Privaten einen Anspruch auf Schutz ihres berechtigten Vertrauens in behördliche Zusicherungen oder in anderes, bestimmte Erwartungen begründendes Verhalten der Behör- den (HÄFELIN /M ÜLLER /U HLMANN , a.a.O., Rz. 624 ff.). 5.3 Voraussetzung für den Vertrauensschutz ist zunächst eine taugliche Vertrauensgrund- lage. Darunter fallen neben Handlungen der Rechtsanw endung und Rechtssetzung insbeson- dere auch behördliche Auskünfte und Zusicherungen. Vorau sgesetzt ist bei Letzteren, dass die auskunftserteilende Behörde für die Auskunft zuständig w ar oder der Private in guten Treuen annehmen durfte, dass die Behörde zur Auskunftserteilung befugt gewesen sei; dass die Aus- kunft vorbehaltlos erteilt wurde und aufgrund einer ge wissen inhaltlichen Bestimmtheit geeignet war, Vertrauen zu begründen (H ÄFELIN /M ÜLLER /UHLMANN , a.a.O., Rz. 668 ff.). Der Betroffene muss von der Vertrauensgrundlage Kenntnis haben und dar f ihre allfällige Fehlerhaftigkeit we- der kennen noch kennen müssen. Des Weiteren kann Vertrau ensschutz nur geltend machen, wer gestützt auf sein Vertrauen eine Disposition getäti gt hat, die ohne Nachteil nicht wieder rückgängig gemacht werden kann. Die Vertrauensgrundlag e muss für die Disposition kausal gewesen sein. Sind diese Voraussetzungen kumulativ erfüllt , kann sich der Betroffene auf den Vertrauensschutz berufen, soweit im Einzelfall nicht üb erwiegende öffentliche Interessen vor- gehen (vgl. zum Ganzen H ÄFELIN /M ÜLLER /U HLMANN , a.a.O., Rz. 699 ff.; BGE 127 I 36 E. 3a; je mit weiteren Hinweisen). Gemäss Rechtsprechung des damaligen Eidgenössischen Versiche- rungsgerichts (EVG, heute: Bundesgericht, sozialrechtlich e Abteilungen) kann auch das Unter- bleiben einer gesetzlich gebotenen Aufklärung Vertrauen sgrundlage bilden. Ist eine Auskunft entgegen gesetzlich stipulierter Pflicht nicht erteilt worden, hat der Private – sofern die weiteren Voraussetzungen erfüllt sind – Anspruch auf eine vom mate riellen Recht abweichende Behand- lung aufgrund des Vertrauensschutzes (vgl. BGE 112 V 120 E. 3b). 5.4. Im Sozialversicherungsrecht räumt Art. 27 Abs. 2 ATS G dem Einzelnen einen individu- ellen Anspruch auf Beratung durch den zuständigen Versich erungsträger ein und ordnet eine umfassende gesetzliche Beratungspflicht an, deren Nichte rfüllung Grundlage für den Vertrau- ensschutz bilden kann (BGE 131 V 476 E. 4.1 und S. 480 E. 5 mit Hinweisen; M EYER , a.a.O., S. 339). Die Beratungspflicht wird primär ausgelöst d urch eine konkrete Anfrage einer versi- cherten Person zu einem bestimmten, sie aktuell beschäftige nden sozialversicherungsrechtli- chen Problem. Wendet sie sich mit einem Anliegen an di e Versicherung, ist diese umfassend zur Aufklärung verpflichtet. Sie muss bei konkretem Anlass de n Versicherten auch ohne Anfra- ge auf Gestaltungsmöglichkeiten hinweisen, die klar zutag e liegen und deren Wahrnehmung offenbar so zweckmässig ist, dass jeder verständige Versicherte sie mutmasslich nutzen würde. Ausreichend für die Auslösung der Beratungspflicht ist, wenn für den zuständigen Versiche- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht rungsträger erkennbar ist, dass der Betroffene durch ein bestimmtes Handeln oder Unterlassen Nachteile betreffend seine Sozialleistungsansprüche erleiden kann (ULRICH MEYER , Verfahrens- fragen – Grundlagen, Begriff und Grenzen der Beratun gspflicht nach Art. 27. Abs. 2 ATSG, in: Gächter [Hrsg.], Ulrich Meyer – Ausgewählte Schriften, Zürich 2 013, S. 336 f.). 5.5 Die Beschwerdeführerin moniert diesbezüglich sinn gemäss, sie habe ihre Angabe be- treffend des gewünschten Vermittlungspensums von 70% anl ässlich des Erstgespräches ledig- lich bestätigt, da das RAV seiner Informationspflicht ni cht nachgekommen sei. So sei sie von der zuständigen Beraterin wissentlich nicht aufgeklärt wo rden, dass die Angabe eines geringe- ren Vermittlungspensums auch geringere Taggelder zur F olge habe. Es liege daher eine Ver- letzung des Vertrauensgrundsatzes vor. 5.6 Um eine Beratungspflicht gemäss Art. 27 Abs. 2 ATS G bejahen zu können, müsste die Versicherte dem RAV entweder eine konkrete Anfrage bet reffend der Auswirkungen der Anga- be eines reduzierten Pensums gestellt haben oder es müsste eine Gestaltungsmöglichkeit be- standen haben, die so zweckmässig war, dass jeder verständig e Versicherte sie mutmasslich genutzt hätte (vgl. E. 5.4.2 hiervor). Unbestritten ist, dass sich die Beschwerdeführerin nicht explizit nach den Auswirkungen der Angabe eines 70%-Pen sums erkundigt hatte. Das KIGA führt im Weiteren zutreffend aus, dass die zuständige Ber aterin keinen Anlass hatte, das ange- gebene Stellenpensum von 70% zu hinterfragen, da die B eschwerdeführerin alleinerziehende Mutter zweier Kinder sei, wovon eines erst während lauf ender Kündigungsfrist geboren worden sei. Praxisgemäss komme eine Reduktion des Pensums bei glei chgelagerten Fällen häufig vor. Dem Protokoll des Erstgespräches vom 14. Dezember 2015 k ann zudem entnommen werden, dass die Versicherte angegeben hatte, sich bereits umfassen d selbst informiert zu haben. Aus den Umständen ergibt sich somit kein Anlass, aufgrund de ssen die beratende Behörde veran- lasst gewesen wäre, die Beschwerdeführerin über die Kon sequenzen der Angabe eines ver- minderten Vermittlungspensums aufzuklären. 5.7 Aus dem Ausgeführten folgt, dass eine Verletzung d es Vertrauensgrundsatzes im Er- gebnis zu verneinen ist, da sich die Beschwerdeführerin w eder explizit nach den Folgen der Angabe eines reduzierten Pensums erkundigt hatte noch ei ne Gestaltungsmöglichkeit vorlag, auf deren Zweckmässigkeit sie vom RAV unter allen Umständen hätte hingewiesen werden müssen. Damit fehlt es bereits an einer tauglichen Vertrauensgrundlage. 6. Sofern die Beschwerdeführerin vorbringt, dass die Taggeldabrechnungen verspätet erfolgt seien und sie dadurch erst spät die Konsequenzen des angegebenen 70%-Pensums bemerkt habe, ist sie auf Art. 30 Abs. 1 und 3 AVIV hin zuweisen. Danach zahlt die Kasse die Taggelder für die abgelaufene Kontrollperiode in der Regel im Laufe des folgenden Monats aus und lässt dem Versicherten eine Abrechnung zukommen. Di e Versicherte hatte die Taggeldab- rechnung am 14. Februar 2016 erhalten. Somit liegt kein Verzug vor. 7. Aus dem Ausgeführten folgt, dass eine Vermittlungsf ähigkeit für den Zeitraum vom 1. Januar 2016 bis zum 29. Februar 2016 lediglich in Bezug auf ein Pensum von 70% zu beja- hen ist. Zudem ist auch das Vorliegen einer Verletzung d es Vertrauensgrundsatzes zu vernei- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht nen und die Berechnung der Taggelder erfolgte rechtz eitig. Der angefochtene Einspracheent- scheid erweist sich als rechtens und die Beschwerde ist abzuweisen. 8. Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass der Prozess vor d em kantonalen Gericht für die Par- teien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorlie gende Verfahren keine Kosten zu er- heben. Die ausserordentlichen Kosten sind dem Prozessausga ng entsprechend wettzuschla- gen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. Gegen diesen Entscheid wurde am 29. Mai 2017 Beschwerde beim Bundesgericht (Verfahren- Nr. 8C_427/2017) erhoben. http://www.bl.ch/kantonsgericht