<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 15 S.74</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">74</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>15</b></span> <span class="ft1"><b>§ 230 StPO</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Das Rechtsmittel der Wiederaufnahme des Verfahrens gemäss §§ 230 ff.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>StPO ist auf Sachurteile zugeschnitten. Nach der bundesgerichtlichen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Rechtsprechung ist die Wiederaufnahme aber auch gegen (rechtskräftige)</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Prozessurteile zulässig, wenn ein klassischer Revisionsgrund vorliegt.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 18. August 2005</span><br/> <span class="ft2">in Sachen K. M. W.-K. gegen K. C.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2.2. Das Rechtsmittel der Wiederaufnahme ist nach dem Wort-</span><br/> <span class="ft4">laut von § 230 StPO, insbesondere auch im Zusammenhang mit</span><br/> <span class="ft4">§ 234 StPO, auf Sachurteile zugeschnitten (BGE 127 I 137). Auch</span><br/> <span class="ft4">wenn der in der genannten Bestimmung verwendete Begriff des</span><br/> <span class="ft4">Strafurteils praxisgemäss nicht eng zu fassen ist, sind darunter doch</span><br/> <span class="ft4">nur Urteile zu subsumieren, die für den Verurteilten in irgend einer</span><br/> <span class="ft4">Weise pönalen Charakter haben (vgl. Brühlmeier, Aargauische Straf-</span><br/> <span class="ft4">prozessordnung, Kommentar, 2. Aufl., Aarau 1980, S. 382 N 3, 6).</span><br/> <span class="ft4">Liegt kein solches Urteil vor, ist zu prüfen, ob unmittelbar aufgrund</span><br/> <span class="ft4">der Bundesverfassung ein Anspruch auf Wiederaufnahme des Verfah-</span><br/> <span class="ft4">rens besteht (BGE 127 I 137).</span><br/> <span class="ft4">Nach der unter Art. 4 aBV entwickelten bundesgerichtlichen</span><br/> <span class="ft4">Rechtsprechung, die unter Art. 29 Abs. 1 und 2 BV ihre Gültigkeit</span><br/> <span class="ft4">behält (vgl. Botschaft über die neue Bundesverfassung, BBl 1997 I 1</span><br/> <span class="ft4">ff., S. 181 f.), ist eine Verwaltungsbehörde von Verfassungs wegen</span><br/> <span class="ft4">verpflichtet, auf einen rechtskräftigen Entscheid zurückzukommen</span><br/> <span class="ft4">und eine neue Prüfung vorzunehmen, wenn ein klassischer Revi-</span><br/> <span class="ft4">sionsgrund vorliegt. Dies ist der Fall, wenn der Gesuchsteller er-</span><br/> <span class="ft4">hebliche Tatsachen oder Beweismittel anführt, die ihm im früheren</span><br/> <span class="ft4">Verfahren nicht bekannt waren oder die schon damals geltend zu ma-</span><br/> <span class="ft4">chen für ihn rechtlich oder tatsächlich unmöglich war oder keine Ver-</span><br/> <span class="ft4">anlassung bestand. Diese Praxis ist auch auf das Strafverfahren an-</span><br/> <span class="ft4">wendbar (BGE 127 I 137 f. m.w.H.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">75</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">3. Vorliegend wurde weder mit Beschluss des Bezirksgerichts</span><br/> <span class="ft4">Aarau vom 23. Mai 2001 noch im angefochtenen Urteil des Oberge-</span><br/> <span class="ft4">richts vom 26. Oktober 2001 ein Sachurteil bzw. ein Urteil pönalen</span><br/> <span class="ft4">Charakters gefällt: Das Bezirksgericht Aarau stellte das Verfahren</span><br/> <span class="ft4">mangels gültigen Strafantrags ein, was von der Gesuchstellerin nicht</span><br/> <span class="ft4">angefochten wurde. Das Obergericht befand damit nur noch über die</span><br/> <span class="ft4">verbleibende strittige Frage der erstinstanzlichen Kostenverteilung.</span><br/> <span class="ft4">Das Rechtsmittel der Wiederaufnahme nach §§ 230 ff. StPO ist folg-</span><br/> <span class="ft4">lich nicht gegeben.</span><br/> <span class="ft4">Auch auf die Verfahrensgarantie nach Art. 29 Abs. 1 BV kann</span><br/> <span class="ft4">sich die Gesuchstellerin nicht berufen, da sie keinen klassischen</span><br/> <span class="ft4">Revisionsgrund geltend macht. Sie schildert in ihrer Eingabe im We-</span><br/> <span class="ft4">sentlichen den im Hinblick auf die Urteile vom 23. Mai 2001 und</span><br/> <span class="ft4">26. Oktober 2001 erfolgten Verfahrensablauf sowie die (angeblichen)</span><br/> <span class="ft4">Verfahrensfehler und rügt u.a. eine Verletzung ihres Anspruchs auf</span><br/> <span class="ft4">rechtliches Gehör. Weiter führt sie aus, die Behauptung des Oberge-</span><br/> <span class="ft4">richts, wonach sie selbst durch das späte Stellen des Strafantrags das</span><br/> <span class="ft4">mit einem formellen Mangel behaftete Strafverfahren veranlasst</span><br/> <span class="ft4">habe, sei falsch. Neue Tatsachen zum Sachverhalt - nur solche kön-</span><br/> <span class="ft4">nen zur Wiederaufnahme des Verfahrens führen (vgl. Gass, in:</span><br/> <span class="ft4">Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Strafgesetzbuch II,</span><br/> <span class="ft4">Basel 2003, N 59 zu Art. 397 StGB) - bringt sie hingegen (ebenso</span><br/> <span class="ft4">wenig wie neue Beweismittel) nicht vor. Eine Wiederaufnahme des</span><br/> <span class="ft4">Verfahrens fällt somit auch gestützt auf Art. 29 Abs. 1 BV ausser Be-</span><br/> <span class="ft4">tracht, denn dieses Rechtsmittel bezweckt nicht die Behebung</span><br/> <span class="ft4">rechtlicher Mängel des früheren Verfahrens und Urteils, sondern</span><br/> <span class="ft4">lediglich die Korrektur des früher unrichtig angenommenen Sachver-</span><br/> <span class="ft4">halts (vgl. Brühlmeier, a.a.O., S. 383 N 3). Die Gesuchstellerin hätte</span><br/> <span class="ft4">ihre Rügen im Anschluss an das Berufungsverfahren vor Obergericht</span><br/> <span class="ft4">innert Frist beim Bundesgericht geltend machen müssen (im Gegen-</span><br/> <span class="ft4">satz zum in BGE 127 I 133 ff. behandelten Fall wurde ihr der</span><br/> <span class="ft4">ordentliche Instanzenzug nicht verunmöglicht).</span><br/> <span class="ft4">Zusammenfassend ist demnach festzustellen, dass das Rechts-</span><br/> <span class="ft4">mittel der Wiederaufnahme des Verfahrens vorliegend nicht zulässig</span><br/> <span class="ft4">ist. Demnach ist auf das Wiederaufnahmegesuch der Gesuchstellerin</span><br/> <span class="ft4">nicht einzutreten.</span><br/></div> </div> </body> </html>