B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-8260/2015 U r t e i l v o m 1 8 . J u l i 2 0 1 7 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Muriel Beck Kadima, Richterin Esther Marti, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl; Verfügung des SEM vom 16. November 2015 / N (…). E-8260/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reiste am (…) Februar 2015 in die Schweiz ein und stellte am 4. März 2015 im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ ein Asylgesuch. Am 12. März 2015 fand die Kurzbefragung zur Person (BzP) im EVZ und am 5. November 2015 di e Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt. B. B.a Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs im Wesentlichen vor, sie stamme aus dem Dorf C._______ bei D._______, Nordprovinz (Vanni-Gebiet) und sei tamilischer Ethnie. Vor Juni 2008 habe sie freiwillig die LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) mit Nahrungsmit- teln unterstützt und Verletzten erste Hilfe geleistet. Im Juni 2008 (Protokoll BzP, Akten SEM A7 S. 10) beziehungsweise Juli oder August 2008 (Proto- koll Anhörung, Akten SEM A24 S. 5 ) sei sie von den LTTE zwangsweise rekrutiert worden. In deren Camp sei sie an Waffen ausgebildet worden (A7 S. 10) respektive habe sie eine Grundausbildung erhalten und medizini- sche Hilfe geleistet (A24 S. 6). Nach 15 Tagen habe sie das Camp in Be- gleitung eines Krankentransports verlassen und anschliessend aus dem Spital fliehen können. Aus Angst vor den LTTE sei sie im (…) 2008 zusam- men mit ihren Eltern nach E._______, Colombo gegangen . Am (…) oder (…) 2008 habe die Polizei sie dort im Rahmen einer (…) durch- geführten Razzia festgenommen. Die Polizeibeamten hätten sie auf dem Polizeiposten misshandelt und im Intimbereich berührt. N ach zwei Tagen (A7 S. 10) beziehungsweise nach einer Nacht (A24 S. 8) sei sie dank der Hilfe eines singhalesischen Freundes ihrer Familie sowie einer Schmier- geldzahlung ihres Vaters freigelassen worden. Gleich danach sei sie nach Vavuniya gereist. Zwei Tage (A7 S. 11) beziehungsweise einige Stunden (A24 S. 9 ) nach der Ankunft in F._______, im (…) 2008, sei sie von der Armee festgenommen und geschlagen worden . Aufgrund ihrer durch die Misshandlungen in der Haft in Colombo erlittenen Verletzungen sei sie ver- dächtigt worden, Angehörige der LTTE zu sein. Nach drei Tagen (A7 S. 9) respektive einer Nacht (A24 S. 10) sei sie, wiederum gegen Bezahlung ei- nes Bestechungsgeldes, freigelassen worden. Anschliessend sei sie im (…) oder (…) 2008 mit ihren Eltern nach Indien ausgereist, wo sie von 2008 bis 2014 in G._______ gelebt hätten. Sie hät- ten sich dort registrieren lassen, jedoch über keinen Aufenthaltstitel verfügt. Sie habe Indien schliesslich verlassen, weil sie dort von einem jungen E-8260/2015 Seite 3 Mann belästigt und bedroht worden sei. Ihr Vater habe ihre Ausreise orga- nisiert. Sie sei am (…) 2014 nach H._______ gereist, von wo aus sie einen Monat später mit einem falschen indischen Reisepass per Flugzeug über I._______ und J._______ nach Frankreich weitergereist sei. Von dort aus sei sie mit einem Auto in die Schweiz gebracht worden. Ihr Vater sei inzwi- schen nach Sri La nka zurückgekehrt, während ihre Mutter immer noch in Indien lebe. Sie habe ihre sri-lankische Identitätskarte im Jahre 2008 in Sri Lanka verloren. Die sri-lankische K._______, bei welcher sie einen Antrag für eine neue Identitätskarte gestellt habe, habe sich geweigert, ihr eine solche auszustellen. B.b Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin eine Be- stätigung der Registrierung von ihr und ihren Eltern in Indien, ausgestellt durch de n „Inspector of P eace“ der „ L._______ Police Station“ , M._______, vom (…) 2009, einen G eburtsregisterauszug in Kopie ink lu- sive Übersetzung, ein Diplom der „N._______“ vom (…) 2011 sowie meh- rere Fotos zur Dokumentation ihrer während der Haft in Colombo erlittenen Verletzungen zu den Akten. C. Mit Verfügung vom 16. November 2015 (eröffnet am 18. November 2015) stellte das SEM fest, d ie Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, wies ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Hingegen verfügte es, dass der Vollzug der Wegweisung we- gen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben werde. D. Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 18. Dezember 2015 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde gegen die Verfügung der Vor- instanz und beantragte, diese sei aufzuheben, es sei ihre Flüchtlingseigen- schaft anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E. Mit Zwischenverfügung vom 23. Dezember 2015 hiess der Instruktionsrich- ter das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung in Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlas- sung eingeladen. E-8260/2015 Seite 4 F. In ihrer Vernehmlassung vom 6. Januar 2016 hielt die Vorinstanz an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin mit Zuschrift vom 7. Januar 2016 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde le gitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten. E-8260/2015 Seite 5 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz stell te sich zur Begründung ihrer Verfügung auf den Standpunkt, die Beschwerdeführerin habe zu wesentlichen Punkten ihrer Vorbringen widersprüchliche Angaben gemacht, so zur Art der Ausbildung durch die LTTE, zu den Umständen der Überführung ins Krankenhaus und zu den Personen, die ihr zur Flucht verholfen hätten. Unterschiedliche An- gaben habe sie auch zur Dauer der Inhaftierung in Colombo, zu Zeitpunkt und Grund ihrer Festnahme in F._______ sowie zur Dauer dieser Haft ge- macht. Die Beschwerdeführerin habe diese Ungereimtheiten auf Vorhalt hin nicht auszuräumen vermocht. Es sei somit davon auszugehen, dass sie sich auf eine konstruierte Asylbegründung abstütze. Sie habe auch nicht konkret angeben können, welche Nachteile sie im Falle einer Rück- kehr in ihr Heimatland befürchte, habe sie doch lediglich ausgesagt, dass nach Angaben ihres Vaters die Situation für Mädchen dort nicht sicher sei. Ferner habe sie keine rechtsgenüglichen Identitätsdokumente abgegeben. Die eingereichten Beweismittel vermöchten an dieser Schlussfolgerung E-8260/2015 Seite 6 nichts zu ändern. Es sei möglich, dass sie die durch Fotos dokumentierten Verletzungen auch unter andern Umständen und aus anderen Gründen er- litten habe. Die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin vermöchten dem- nach den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standzuhalten. 4.2 In ihrer Beschwerdeeingabe wies die Beschwerdeführerin zunächst da- rauf hin, dass ihre Mutter inzwischen Indien ebenfalls verlassen und in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt habe. Sie (Beschwerdeführerin) habe im LTTE-Camp eine Grundausbildung absolviert, bis sie erkrankt s ei. Auf- grund dieser Erkrankung habe sie aber keine Ausbildung an der Waffe ge- macht. Sie habe zudem verletzte Soldaten gep flegt, weil sie einen Erste - Hilfe-Kurs besucht gehabt habe. Ihre Angaben dazu, weshalb sie ins Kran- kenhaus habe gehen können, seien nic ht widersprüchlich. Einerseits hätten die LTTE-Kämpfer gewollt, dass sie die Verletzten begleite, und an- dererseits habe sie dies als Gelegenheit gesehen, Medikamente zur Be- handlung ihrer Krankheit zu beschaffen. Ihre Flucht aus dem Krankenhaus sei mithilfe ihrer Tante sowie ihrer Mutter erfolgt. Die Tante habe die Mutter informiert, dass sie im Spital sei , und sie dann zu dieser gebracht. In Co- lombo sei sie an einem Tag festgenommen und am nächsten wieder frei- gelassen worden, sei also an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Haft ge- wesen. Ihre Aussagen zur Dauer dieser Haft seien demnach nicht wider- sprüchlich. Gemäss ihren Angaben an der BzP sei ihre Festnahme in F._______ zwei Tage nachdem sie Colombo verlassen gehabt habe erfolgt. Da die Reise von Colombo nach F._______ zwei Tage gedauert habe, sei dies gleich nach ihrer Ankunft dort gewesen. Auch hier liege somit kein Wi- derspruch in ihren Aussagen vor. Die Soldaten, welche sie in F._______ verhaftet hätten, hätten aufgrund ihrer Verletzungen den Verdacht geäus- sert, sie habe sich bei den LTTE engagiert. Gleichzeitig habe sie vermutet, sie sei eventuell denunziert worden, sei sich aber nicht sicher. Es sei nicht gerechtfertigt, ihr diesbezüglich einen Widerspruch zu unterstellen. Ihr Auf- enthalt in F._______ habe insgesamt drei Tage gedauert, wovon sie eine Nacht im Soldaten-Camp verbracht habe. Es könne ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass sie sich möglicherweise zu diesem Punkt unklar ausgedrückt habe. Ihre Aussagen würden im Übrigen durch diejenigen ih- rer Mutter, welche bei den Festnahmen und ihren Reisen innerhalb Sri Lan- kas und nach Indien stets dabei gewesen sei, in deren Asylverfahren ge- stützt. Aufgrund ihres Alters wäre die Mutter nicht in der Lage, einen kon- struierten Sachverhalt auswendig zu lernen. Die von ihr eingereichten Fo- tos würden das geschilderte Geschehen zwar nicht beweisen, seien aber ein klares Indiz dafür, dass ihre Aussagen wahrheitsgetreu seien. Sie habe E-8260/2015 Seite 7 demnach glaubhaft dargelegt, dass sie aufgrund ihrer unfreiwilligen Tätig- keiten für die LTTE Opfer von Verfolgungsmassnahmen der sri-lankischen Behörden geworden sei. Demnach habe sie Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG erlitten. Der Prevention of Terrorism Act (PTA) sei nach wie vor in Kraft. Das UNHCR gehe davon aus, dass bereits private Beziehungen zu tatsächli- chen oder vermeintlichen LTTE-Mitgliedern Verfolgungsmassnahmen aus- lösen könnten. Unabhängig davon, ob ein begründeter Verdacht oder bloss eine vage Vermutung bestehe, sei diesfalls eine Inhaftierung inklusive Fol- ter in hohem Mass wahrscheinlich. Eine Verfolgungsgefahr sei auch ohne besonderes Profil gegeben. Die lokalen Militärbehörden hätten in jedem Dorf Kenntnis davon, welche Bewohner irgendwelche Beziehungen zu den Tigers hätten. Schon die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie könne eine mögliche Nähe zu den LTTE bedeuten. Die Sicherheitsbehörden könnten jedermann auf blossen Verdacht hin verhaften. Personen mit vermute ten Verbindungen zu den LTTE seien systematischen Übergriffen ausgesetzt. 5. 5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge- nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen , in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substan- ziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhö- rung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü- che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe- sondere dann nicht d er Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus- wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir- kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5 E-8260/2015 Seite 8 E. 2.2, BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; Entscheidungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaf- tigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5). 5.2 Wie das SEM zu Recht festgestellt hat, enthalten die Aussagen der Be- schwerdeführerin betreffend die angeblich durch die sri-lankischen Behör- den erlittenen Repressalien in zentralen Punkten erhebliche Widersprüche. 5.2.1 So machte sie klar divergierende Angaben zur Dauer ihrer angebli- chen Inhaftierungen in Colombo sowie in F._______. Weder die Erklärun- gen der Beschwerdeführerin – auf Vorhalt dieser Ungereimtheiten – an- lässlich der Anhörung noch die Ausführungen in der Beschwerdeeingabe vermögen diese auszuräumen. Die Erklärung, ihre Äusserungen bei der BzP seien so zu verstehen , dass sie in Colombo an zwei aufeinanderfol- genden Tagen in Haft gewesen sei, überzeugt angesichts ihrer klaren und unterschriftlich bestätigten Aussagen, wonach sie "zwei Tage" lang (vgl. A7 S. 12) festgehalten worden sei, nicht. Bei der Anhörung hatte sie demge- genüber zu Protokoll gegeben, "zwischen 22 und 23 Uhr […] und […] am nächsten Morgen früh" – mithin nur während weniger Stunden – inhaftiert gewesen zu sein (vgl. A24 S. 8). 5.2.2 Ebenso vermag die Beschwerdeführerin ihre widersprüchlichen An- gaben betreffend den Zeitpunkt ihrer Festnahme in F._______ und die Dauer ihrer dortigen Inhaftierung nicht zu erklären. Anlässlich der BzP gab sie unmissverständlich zu Protokoll, sie sei zwei Tage nach ihrer Ankunft in F._______ festgenommen und anschliessend drei Tage lang festgehalten worden (vgl. A7 S. 9 und 11), was sich mit ihren diesbezüglichen Angaben im Rahmen der Anhörung eindeutig nicht in Einklang bringen lässt ; dort hatte sie zu Pro tokoll gegeben, sie sei "drei bis fünf Stunden" nach ihrer Ankunft in F._______ festgenommen und "eine Nacht" beziehungsweise "die ganze Nacht" lang festgehalten worden (vgl. A24 S. 5, 9 und 10). Die Argumentation in der Beschwerdeeingabe, sie habe mit ihren Aussage an- lässlich der BzP zum Ausdruck bringen wollen, dass ihre Reise von Co- lombo nach F._______ zwei Tage gedauert habe, erweist sich vor diesem Hintergrund als nicht stichhaltig. 5.2.3 Im Übrigen weisen auch die Angaben der Beschwerdeführerin zur zeitlichen Einordnung der beiden angeblichen Verhaftungen Unstimmigkei- ten auf: Anlässlich der BzP gab sie zu Protokoll, sie sei in Colombo am (…) E-8260/2015 Seite 9 2008 festgenommen worden und die Verhaftung in F._______ habe sich im (…) 2008 ereignet (vgl. A7 S. 9 f.); dies steht jedoch im Widerspruch dazu, dass gemäss ihren Ausführungen – in allen verschiedenen Versio- nen – die beiden Ereignisse in einem zeitlichen Abstand von wenigen Ta- gen stattfanden. 5.2.4 Den von der Beschwerdeführerin eingereichten Fotos kann kein re- levanter Beweiswert beigemessen werden. Schon weil sich ihnen keinerlei Hinweise auf den Zeitpunkt und den Ort der Aufnahmen entnehmen lässt, vermögen sie nicht zu belegen, dass sie allfällige Verletzungen (unter dem auf den Bildern einzig sichtbaren Verbandsmaterial) im geschilderten Zu- sammenhang erlitten hätte. 5.3 Im Weiteren wies die Vorinstanz zu Recht darauf hin, dass auch die Schilderungen der Beschwerdeführerin in Bezug auf ihre angebliche Rek- rutierung durch die LTTE und ihre anschliessende Desertion einige Unge- reimtheiten enthalten. So machte sie eindeutig abweichende Angaben dazu, ob sie an der Waffe ausgebildet wurde oder nicht, und ihre Darstel- lungen der Flucht aus dem Ausbildungslager der LTTE weichen voneinan- der ab. Während sie bei der BzP aussagte, ihre Mutter habe ihr geholfen, war deren Rolle gemäss ihren Schilderungen bei der Befragung rein pas- siv, indem ihre Tante sie aus dem Spital zu ihrer Mutter gebracht habe. Aus diesen Gründen rechtfertigen sich auch erhebliche Zweifel am Wahrheits- gehalt dieser Vorbringen. Überdies würde es – wie im Folgenden zu zeigen ist (vgl. Ziff. 5.5) ‒ dem geltend gemachten niederschwelligen Engagement der Beschwerdeführerin für die LTTE auch an der asylrechtlichen Relevanz fehlen. 5.4 In Anbetracht der zahlreichen und nicht unerheblichen Ungereimtheiten in den Vorbringen der Beschwerdeführerin vermag auch der Umstand, dass diese mit den Aussagen ihrer Mutter im Rahmen ihrer Befragung zur Person im Wesentlichen übereinstimmen, keine andere Einschätzung zu rechtfertigen, zumal die Angaben ihrer Mutter wenig detailliert sind und eine Absprache unter den nahen Angehörigen keineswegs ausgeschlos- sen erscheint. 5.5 Ungeachtet der Frage der Glaubhaftigkeit ist im Weiteren hinsichtlich des vo n der Beschwerdeführerin geltend gemachten behördlichen Ver- dachts auf LTTE-Verbindungen das Folgende festzuhalten: E-8260/2015 Seite 10 5.5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E -1866/2015 vom 15. Juli 2016 eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri Lanka vorgenommen (vg l. dort E. 8) und festgestellt, dass aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risiko- faktoren. Dabei handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um die Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und um das Vorliegen früherer Verhaftungen durch die sri -lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.1–8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erfor- derlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangs- weise zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaub- haft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbeson- dere jene Rückkehrenden eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachtei- len im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Be- hörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt sind, den tamilischen Sepa- ratismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1). 5.5.2 Angesichts dessen, dass auch das Gericht von der überwiegenden Unglaubhaftigkeit der vo n der Beschwerdeführerin geschilderten Ereig- nisse ausgeht, ist sie keiner dieser Risikogruppen zuzurechnen. Es sind keine Hinweise dafür ersichtlich, dass sie aufgrund ihrer Vorgeschichte ins Visier der sri-lankischen Behörden geraten könnte und diese ein potenzi- elles Verfolgungsinteresse an ihr haben könnten. Insbesondere kann die Beschwerdeführerin auch aus dem Profil ihrer Schwester, welcher von der Vorinstanz mit Verfügung vom 30. Juni 2009 Asyl gewährt wurde, kei ne Gefährdung ableiten, hat sie doch nicht geltend gemacht, vor ihrer Aus- reise aus diesem Grund Reflexverfolgungsmassnahmen durch die heimat- lichen Behörden erlitten zu haben. Ebenso besteht kein Grund zur An- nahme eines aktuellen Verfolgungsrisikos wegen ihrer Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie oder der mehrjährigen Landesabwesenheit. E-8260/2015 Seite 11 5.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass es der Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Sri Lanka bestehende oder unmittelbar drohende asylrechtlich relevante Verfolgung glaubhaft zu machen. Auch für den heutigen Zeitpunkt kann ihr keine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG im Falle der Rückkehr in die Hei- mat zuerkannt werden. Die Vorinstanz hat demnach zu Recht die Flücht- lingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneint und ihr Asylgesuch ab- gewiesen. 6. 6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 6.3 Da das SEM in seiner Verfügung vom 16. November 2015 die vorläu- fige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeordnet hat, er- übrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die a ngefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären de r Beschwerdeführerin die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Zwischenverfügung vom 23. Dezember 2015 ihr Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist auf die Auflage von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) E-8260/2015 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain Versand: