B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2379/2015 U r t e i l v o m 9 . J u l i 2 0 1 5 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Jean-Pierre Monnet, Richter Martin Zoller, Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren (…), Eritrea, vertreten durch lic. iur. Patricia Müller, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 17. März 2015 / N (…). D-2379/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer Eritrea am (…) September 2013 und gelangte über Äthiopien, den Sudan, Libyen und Italien am 1. Juli 2014 in die Schweiz, wo er am selben Datum um Asyl nachsuchte. Am 29. Juli 2014 führte das BFM (heute SEM) die Befragung zur Person (BzP) durch. A.b Der Beschwerdeführer machte geltend, tigrinischer Ethnie zu sein und aus B._______ zu stammen. Dort lebten seine Ehefrau und die drei Kinder. Als Schüler sei er 2006 von den Behörden nach C._______ zur Ausbildung geschickt worden. Vor Beginn dieser Ausbildung sei er nach Hause geflo- hen und dort im Mai 2006 festgenommen worden. Man habe ihm zur Last gelegt, das Heimatland verlassen zu wollen. Er sei in einem unterirdischen Gefängnis festgehalten und wiederholt geschlagen worden. Nach einem Jahr Haft unter prekären Bedingungen sei er erneut nach C._______ ge- schickt worden. Dort habe er eine militärische Ausbildung absolvi ert und sei zu einer Einheit nach D._______ gebracht worden. Nach fünf Jahren Militärdienst habe er sich im Rahmen eines am (…) September 2013 be- ginnenden Urlaubs ins Ausland abgesetzt. A.c Die Anhörung fand am 12. Februar 2015 statt. Der Beschwerdeführer machte geltend, im Februar 2006 hätten ihm die Behörden gesagt, er würde nach E._______ zur Fortsetzung des Schulbesuchs gebracht. Er sei aber nicht nach E._______, sondern nach C._______ zur militärischen Ausbildung transportiert worden. Er sei von dort aus zwei Wochen später nach B._______ zurückgeflohen. Im Ort F._______ sei er nach drei Mona- ten behördlich aufgegriffen worden. Eine Nacht habe er auf dem Polizei- posten verbracht. Einen Tag später sei er nach G._______ verlegt worden. Man habe ihm gesagt, die Festnahme sei erfolgt, weil er das Land verlas- sen wolle. Er habe diesen Vorwurf bestritten und sei in der folgenden Nacht im Gefängnis "(…)" in H._______ inhaftiert, geschlagen und verhört wor- den. Es sei ihm erneut unterstellt worden, das Land verlassen zu wollen, was er verneint habe. Auch nach einem Tag Bedenkzeit habe er nicht an- ders ausgesagt. Daraufhin sei er in Handschellen in ein anderes Gefängnis in H._______ und einen Monat später nach I._______ verlegt worden, wo man ihn streng bewacht und erneut geschlagen habe. Nach sechs Mona- ten seien ihm die Handschellen abgenommen worden. Weitere sechs Mo- nate später sei er nach C._______ zur Absolvierung der militärischen Aus-D-2379/2015 Seite 3 bildung zurückgebracht worden. Nach erfolgter Ausbildung sei er einer Ein- heit in J._______ bei D._______ zugeteilt worden. Er habe als Soldat ge- dient und Wache geschoben. Nach einem gewährten Urlaub sei er nicht zur Einheit zurückgekehrt, zwei Jahre später in B._______ erneut behörd- lich aufgegriffen und in K._______ für neun Monate in Haft genommen wor- den. Danach sei er zu seinem Stützpunkt bei D._______ zurückgekehrt. Die letzten sechs Monate habe er ein Lager bewachen müssen. Schliess- lich sei ihm im Rahmen eines weiteren Urlaubs im September 2013 die Flucht aus dem Heimatland geglückt. Beim Grenzübertritt sei er von äthio- pischen Soldaten in Gewahrsam genommen und in s Auffanglager L._______ gebracht worden. A.d Mit Verfügung vom 17. März 2015 – eröffnet am 2. April 2015 – wies das SEM das Asylgesuch vom 1. Juli 2014 ab und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug an. Die Vorinstanz erwog, es sei dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die angeblichen Ereignisse im Zusammenhang mit dem Militärdienst glaubhaft vorzubringen. Die Aussagen liessen gesamthaft be- trachtet die nötige Substanz vermissen. Seine Antworten seien trotz wie- derholtem Nachhaken durchwegs oberflächlich und ohne persönlichen Be- zug ausgefallen. Es sei ihm nicht gelungen, die erste Zeit in C._______ und die Festnahme in F._______ gehaltvoll zu schildern. Seine minimalen Ausführungen zum Aufgriff in einer Teestube widersprächen der allgemei- nen Logik des Handelns, zumal die Situation gemäss seinen Schilderun- gen keinerlei Reaktion, Kommunikation oder Emotion hervorgerufen habe. Die Gefängnisse und den dortigen Alltag habe er kaum substanziiert. Das- selbe treffe für das militärische Training in C._______ zu. Die Antworten zu seinem Leben in der Einheit in D._______ seien völlig oberflächlich ausge- fallen. Auch die Darlegungen der Ausreise überzeugten in keiner Weise. Die angeblich illegale Ausreise sei mithin nicht glaubhaft. A.e Den Vollzug der Wegweisung nach Eritrea erachtete das SEM für zu- lässig, zumutbar und möglich. B. Mit persönlicher Eingabe vom 16. April 2015 beantragte der Beschwerde- führer beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids und die Asylgewährung, eventualiter die Aufhebung des Ent- scheids und die Rückweisung der Sache ans SEM zur Neubeurteilung so- wie subeventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit und Unzumutbar- keit des Wegweisungsvollzugs verbunden mit der vorläufigen Aufnahme in D-2379/2015 Seite 4 der Schweiz. Ferner ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG, um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses und um Verbeiständung (Art. 110a Abs. 1 AsylG [SR 142.31]). B.a Er machte geltend, die Festnahme nach der ersten Flucht aus C._______ sei in der von ihm geschilderten Art von statten gegangen. Es habe kein Wortwechsel stattgefunden. Ferner sei nicht nachvollziehbar, wie das SEM zur Einschätzung gelangt sei, er müsse als Eritreer keinen Militärdienst leisten. Dafür, dass er gar nicht Eritreer sei oder bis zur Flucht nicht in Eritrea gelebt habe, gebe es keine Anhaltspunkte. Relevante Un- gereimtheiten in seinen substanziierten Aussagen bestünden nicht. Bei Un- klarheiten wäre die Vorinstanz gehalten gewesen, weitere Fragen zu stel- len. Sie verkenne im Weiteren, dass eine legale Ausreise aus Eritrea prak- tisch nicht möglich sei, weshalb bei ihm auch subjektive Nachfluchtgründe vorlägen. Zudem habe er sich in der Schweiz einer exilpolitischen Grup- pierung angeschlossen. Schliesslich sei nicht nachvollziehbar, wie das SEM in Abweichung der Praxis bei ihm von der Zumutbarkeit des Vollzugs nach Eritrea ausgehe. B.b Der Eingabe lagen zwei Fotos als Beweismittel bei. Weitere Beweis- mittel für das geltend gemachte exilpolitische Engagement wurden in Aus- sicht gestellt. C. Mit Zwischenverfügung vom 21. April 2015 stellte die Instruktionsrichterin die aufschiebende Wirkung der Beschwerde fest und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde gutgeheissen. Im Zusammenhang mit der beantragten amt- lichen Ve rbeiständung gemäss Art. 110a Abs. 1 AsylG wurde der Be- schwerdeführer aufgefordert, innert Frist einen Rechtsvertreter oder eine Rechtsvertreterin zu benennen. Die Vorinstanz wurde zur Vernehmlassung eingeladen. D. Am 28. April 2015 zeigte die rubrizierte Rechtsvertreterin dem Gericht ihre Mandatsübernahme an und reichte eine auf den 23. April 2015 datierte Vollmacht ein. D-2379/2015 Seite 5 E. Am 4. Mai 2015 wurde dem Gericht eine Bestätigung für die prozessuale Bedürftigkeit des Beschwerdeführers übermittelt. F. Mit Vernehmlassung vom 30. April 2015 beantragte das SEM die Abwei- sung der Beschwerde. Der Beschwerdeführer habe die mangelnde Sub- stanz seiner Schilderungen nicht befriedigend erklären können. Ferner habe die allgemeine Wehrpflicht in Eritrea nicht zur Folge, dass per s e je- der Eritreer den Dienst absolvieren müsse. Das eingereichte Foto, welches ihn in Militärkleidung zeige, sei nicht hinreichend beweistauglich. Sodann sei es gängige Praxis des SEM, eritreische Asylsuchende, welche die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüll ten, in den Heimatstaat zurückzuschi- cken, wenn keine Gründe gegen den Wegweisungsvollzug sprechen wür- den. Bezüglich Exilpolitik sei festzuhalten, dass beim Beschwerdeführer keine Anhaltspunkte für eine entsprechende Exponierung verbunden mit einer konkreten Gefährdung im Falle der Rückkehr bestünden. G. Mit Zwischenverfügung vom 7. Mai 2015 wurde die rubrizierte Rechtsver- treterin zur amtlichen Rechtsbeiständin bestellt und Frist zur Replik ange- setzt. H. Mit Replik vom 22. Mai 2015 reichte der Beschwerdeführer ein Dokument als Beleg für seine exilpolitischen Aktivitäten ein. Gleichzeitig wurde um Fristeinräumung zwecks Nachreichung einer weiteren Eingabe ersucht . Das Gericht entsprach diesem Begehren am 28. Mai 2015. I. In ihrer Eingabe vom 2. Juni 2015 machte die Rechtsvertretung des Be- schwerdeführers betreffend die ihrem Mandanten vorgehaltene Substanz- losigkeit der Aussagen unter anderem geltend, dieser habe sich anlässlich der Anhörung nach seinen ersten Antworten absichtlich nicht zu ausführlich geäussert, da er befürchtet habe, durch detailliertere Schilderungen den Unmut der befragenden respektive der dolmetschenden Person zu vertie- fen. Aufgrund seiner insgesamt glaubhaften Aussagen müsse er im Falle der Rückkehr mit ernsthaften Nachteilen rechnen. Für Auskü nfte über seine exilpolitischen Tätigkeiten stehe ein Funktionär der Organisation te- lefonisch zur Verfügung. Der Eingabe lagen eine Kopie der Identitätskarte des Beschwerdeführers, eine Heiratsurkunde und drei Taufurkunden bei. D-2379/2015 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 Verwaltungsgerichtsgesetz (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge- biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor- liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül- tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 Bundesgerichtsgesetz [BGG, SR 173.110]). Eine sol- che Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, wes- halb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung D-2379/2015 Seite 7 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen o- der den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren. Dar - über hinaus muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig er- scheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbrin- gen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt (Art. 7 Abs. 3 AsylG), wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch dar stellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt oder unbegründet nach- schiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit wir- kung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für ge- wisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdefüh rers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für di e Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As pekte wesentliche und überwie- gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar stellung spre- chen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhalts darstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. 3.2.1 Diese Grundsätze zur Glaubhaftmachung der Flüchtlingseigenschaft kommen im vorliegenden Fall auch auf die Vorbringen des Beschwerde- führers bezüglich seiner geltend gemachten Desertion aus dem Militär zur Anwendung. Es kann ihm nicht zugemutet werden, dass er diese Vorbrin- gen, die sich im Ausland zugetragen ha ben und ihrer Natur nach schwer zu beweisen sind, strikte nachweist; er befindet sich diesbezüglich in einem Beweisnotstand, weshalb das verminderte Beweismass der Glaubhaftma- chung zur Anwendung kommt. 3.2.2 Das SEM hat die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdefüh- rers verneint. Diese Sichtweise überzeugt jedoch nicht. Vorab würdigt die D-2379/2015 Seite 8 Vorinstanz in ihrer Beurteilung die Tatsache nicht, dass der Beschwerde- führer die Ereignisse im Zeitraum von 2006 (Rekrutierung) bis September 2013 (Desertion) im Rahmen der An hörung ohne wesentliche Widersprü- che zu Protokoll gab und sich solche Widersprüche auch auf Nachfragen hin nicht ergaben. Entgegen der Auffassung des SEM war er zudem durch- aus in der Lage, gewissen zentralen Vorbringen Substanz zu verleihen. Dies trifft bereits auf die geltend gemachte Rekrutierung im Jahr 2006 zu (A 18/22 Antworten 51 ff.). Der Einwand des SEM, die minimalen Ausfüh- rungen zum Aufgriff in einer Teestube nach dem unerlaubten Entfernen wi- dersprächen der allgemeinen Logik des Handelns, zumal die Situation ge- mäss den Schilderungen des Beschwerdeführers keinerlei Reaktion, Kom- munikation oder Emotion hervorgerufen habe, überzeugt nicht. Abgesehen davon, dass die Vorinstanz nicht hinreichend verdeutlicht, welche Aussa- gen oder Nicht-Aussagen des Beschwerdeführers ihrer Ansicht nach diese Sichtweise rechtfertigen, und dabei lediglich in globo auf zwei Protokollsei- ten verweist, lassen auch die diesbezüglichen Ausführungen durchaus eine gewisse resignative Betroffenheit im Sinne von Realkennzeichen er- kennen. Dass er die ersten beiden Wochen in C._______ vor der Flucht nicht noch detaillierter schilderte, ist sodann insofern erklärbar, als dort of- fenbar auf weitere Eintreffende gewartet wurde und sich ansonsten kaum etwas ereignete (a.a.O. Antworten 68 ff.). Im Weiteren wirken auch seine Darlegungen der ersten Festnahme nachvollziehbar, und die Schilderun- gen der Haftorte wie auch der Haftums tände weisen wiederum eine ge- wisse Substanz und keine Ungereimtheiten auf (a.a.O. Antworten 81 ff., 92 ff. und 111 ff.). Dass der offenbar eher einsilbige Beschwerdeführer dabei mitunter nicht besonders ausführlich wirkte, dürfte auch am Umstand, wo- nach diese Ereignisse lange – die Rekrutierung bereits neun Jahre – zu- rücklagen, zurückzuführen sein. Ferner trifft zu, dass seine Schilderungen des Militäralltags nicht sehr detailliert sind. Er war aber auch dabei fähig, gewisse differenzierte Aussagen zu mache n (a.a.O. Antworten 123 ff.). Überdies ist naheliegend, dass die insgesamt nur mässig substanziierten Schilderungen auf die Monotonie des geltend gemachten Wachdienstes zurückzuführen sind und besonders haften bleibende Ereignisse in diesem Zeitraum nicht zu verzeichnen waren. Dass er die Inhaftierung i m ersten Haftort in H._______ bei der BzP betreffend zeitliche Dauer anders dar- legte (a.a.O. Antwort 200) und die Haft in K._______ erst bei der Anhörung explizit erwähnte, fällt in Anbetracht der überwiegend en Glaubhaftigkeit- selemente nicht entscheidend ins Gewicht. Anzufügen ist, dass das vom Beschwerdeführer im Rekurs verfahren eingereichte Foto, welches ihn in Uniform zeigt, entgegen der Vorinstanz durchaus als – wenn auch in keiner D-2379/2015 Seite 9 Weise schlüssiges – Indiz für seine Militärdienstleistung gewertet werden kann. 3.3 Die Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt damit, dass zwar nicht alle Zweifel an der Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Be schwerde- führers ausgeräumt sind, die dafür sprechenden Gründe aber überwiegen. Zudem stellt das SEM die eritreische Staatsbürgerschaft des Beschwerde- führers nicht in Frage und äussert auch keine Zweifel an seiner Herkunft aus diesem Land. Nach dem Gesagten ist mithin davon auszugehen, dass er als eritreischer Staatsbürger tatsächlich Militärdienst leistete und diesen nicht ordnungsgemäss verliess. 4. 4.1 Entsprechend der Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flücht- lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernst hafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen der asylsuchenden Person gezielt und auf grund bestimmter Ve rfolgungsmo- tive drohen oder zugefügt worden sein. Nach neuerer Recht sprechung kann eine Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG von staatlichen oder nichtstaatlichen Ak teuren ausgehen. Die Aner kennung der Flücht - lingseigenschaft setzt zudem voraus, dass die betroffene Person einer lan- desweiten Verfolgung ausgesetzt ist und sich nicht in einem an deren Teil ihres Heimatstaates in Schutz bringen kann. Ausgangspunkt für die Beur- teilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpu nkt der Ausreise bestehenden Verfolgung oder begrün dete Furcht vor einer sol- chen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind des halb zugunsten und zu lasten der ein Asyl ge- such stellenden Person zu berücksichtigen. 4.2 Gemäss Art 3 Abs. 3 AsylG ist nicht Flüchtling, wer wegen Wehrdienst- verweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Vorbe- halten bleibt die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30). Gemäss dem zur Publi- kation bestimmten Bundesverwaltungsgerichtsurteil D-5553/2013 vom 18. Februar 2015 ist aber die bisherige Rechtspraxis in Bezug auf Personen, die ihr Asylgesuch mit einer Wehrdienstverweigerung oder Desertion im D-2379/2015 Seite 10 Heimatstaat begründen, weiterhin gül tig. D emnach vermag eine Wehr- dienstverweigerung oder Desertion nicht alleinig, sondern nur dann die Flüchtlingseigenschaft zu begründen, wenn damit eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit anderen Worten die be- troffene Person aus den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Reli- gion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder De- sertion eine Behandlung zu gewärtigen hat, die ernsthaften Nachteilen ge- mäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt (E. 5.9). 4.3 Mit Blick auf die von der vormaligen Beschwerdeinstanz begründete Rechtsprechung, welche vom Bundesverwaltungsgericht fortgeführt wird (vgl. dazu u.a. Bundesverwaltungsgerichtsurteil D-5761/2013 vom 12. Juni 2014 E. 6.1), ist festzustellen, dass Dienstverweigerung und Desertion in Eritrea unverhältnismässig streng bestraft werden. Die Furcht vor einer Be- strafung wegen Dienstverweigerung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in einem konkreten Kontakt zu den Militärbe- hörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven Dienst stand und desertierte (vgl. dazu Ent- scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3). In diesen Fällen droht nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird von den erit reischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst. Es ist also davon auszugehen, dass die dem Beschwerdeführer drohende Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht dienen würde, was nach zu bestätigender Praxis ‒ immer unter der Voraussetzung rechtsstaatlicher und völkerrechtskonformer Rahmen- bedingungen ‒ grundsätzlich als legitim zu erachten wäre. Sondern es ist vielmehr damit zu rechnen, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner Dienstverweigerung als politischer Gegner qualifiziert und als solcher un- verhältnismässig schwer bestraft würde. Mit anderen Worten hätte er, sollte das staatliche Regime seiner habhaft werden, eine politisch motivierte Be- strafung und eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt. 4.4 Der Beschwerdeführer hat nach dem Gesagten einen solchen Kontakt glaubhaft gemacht. Im Falle seiner Rückkehr ins Heimatland hat er begrün- dete Furcht vor ernsthaften Nachteilen. Die Voraussetzungen von Ar t. 3 und 7 AsylG sind mithin erfüllt. Aus den Akten ergeben sich keine konkreten D-2379/2015 Seite 11 Hinweise auf das Vorliegen von Asylausschlussgründen. Auch eine inner- staatliche Fluchtalternative besteht offensichtlich nicht. Dem nach ist das SEM anzuweisen, dem Beschw erdeführer Asyl zu gewähren. Bei dieser Sachlage kann davon abgesehen werden, auf weitere Beschwerdevorbrin- gen, Beweismittel und Beschwerdeanträge einzugehen. 5. 5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 5.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei ist eine Parteientschädi- gung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre- chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom 21. Febru- ar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die am 7. Mai 2015 zur amtlichen Rechtsbeiständin ernannte Rechtsvertreterin hat für dieses Verfahren keine Kostennote zu den Akten gereicht. Auf die Nachforderung einer sol- chen kann indes verzichtet werden, da sich die Vertretungskosten aufgrund der für das Verfahren ausschlaggebenden Akten zuverlässig abschätzen lassen. Demnach ist die vom SEM auszurichtende Parteientschädigung unter Berücksichtigung aller ma ssgeblicher Faktoren auf insgesamt Fr. 1'500.– (inkl. Allfällige Auslagen und MWST) festzusetzen (vgl. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG i.V.m. Art. 8 und 14 Abs. 2 VGKE). Der Anspruch auf das in gleicher Höhe zu bemessende Honorar für die amtliche Verbeiständung ist damit als gegenstandslos zu erachten. (Dispositiv nächste Seite) D-2379/2015 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu erteilen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Die Vorinstanz wird angewiesen, eine Parteientschädigung im Betrag von Fr. 1'500.– an den Beschwerdeführer zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand: