B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6621/2012 U r t e i l v o m 2 8 . J a n u a r 2 0 1 3 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richterin Christa Luterbacher, Gerichtsschreiberin Blanka Fankhauser. Parteien A._______, Guinea, vertreten durch lic. iur. Martina Culic, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. No- vember 2012 / N (…). E-6621/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein Staatangehöriger aus Guinea, der Ethnie (…) zugehörig, mit letztem Wohnsitz in Conakry – verliess eigenen Anga- ben zufolge seinen Heimatstaat an einem ihm nicht mehr genau bekann- ten Datum und gelangte über Senegal auf dem Seeweg nach Italien, von wo er am 3. Mai 2012 unter Umgehung der Grenzkontrolle in die Schweiz einreiste. Am darauffolgenden Tag suchte er im Empfangs- und Verfah- renszentrum (EVZ) B._______ um Asyl nach. Am 24. Mai 2012 fa nd eine Kurzbefragung im EVZ und am 2. Oktober 2012 eine direkte Anhörung statt. B. Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, (…) Jahre alt zu sein und während zweier Jahre die Grundschule sowie während fünf Jah- ren die (…)schule besucht zu haben . Er habe seine Heimat verlassen, weil er dort niemanden mehr gehabt habe. Seine Mutter sei gestorben, als er acht J ahre alt gewe sen sei, und seit 2010 sei sein Vater – (…) – verschwunden. Er wisse nicht, wo er sich befinde und ob er noch lebe. Er habe einen älteren Bruder, dieser sei aber nach einem Streit mit dem V a- ter weggegangen und nicht mehr zurückgekommen. In der Folge habe er vom Vermieter, der auch einen Sohn gehabt habe, zu Essen bekommen und habe auch eine Zeitlang bei ihm wohnen können. Einmal sei er bei einer Kontrollschranke an einem Checkpoint geschlagen worden, weil er keine Identitätskarte auf sich getragen habe. C. Mit Verfügung vom 29. November 2012 stellte das BFM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie d e- ren Vollzug an. Zur Begründung führte es aus, dass der Beschwerdeführer auf die Fr a- gen rund um die Geschehnisse des Todes der Mutter und des Verschwin- dens des Vaters lediglich Allgemeinplätze von sich gegeben habe. Es sei keine Betroffenheit spürbar. Auch der Ausreisegrund, dass er vom Hau s- besitzer wenig zu Essen bekommen habe, weil er manchmal mit Kollegen unterwegs gewesen sei, wirke stark konstruiert und unrealistisch (vgl. A12/14 S. 8 -9). Realitätsfremd erscheine auch der Um stand, dass er in seinem jungen Alter in der Lage gewesen sei, selbständig bis nach Eur o- pa zu gelangen, sich aber um eine Identitä tskarte nie bemüht habe, ob-E-6621/2012 Seite 3 wohl er diese in seinem Heimatland auf sich hätte tragen müssen. Somit könnten die unzureichend begründeten Schi lderungen nicht geglaubt werden. Da die Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht standhalten würden, müsse de ren Asylrelevanz nicht geprüft we r- den. Sodann herrsche in Guinea, trotz Zusammenstössen zwischen den Anhängern des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten und den S i- cherheitskräften mit Todesopfern, keine Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt, weshalb der Wegweisungsvollzug nach Guinea grundsätzlich zumutbar sei. Hinsichtlich der Minderjährigkeit des B e- schwerdeführers sei festzuhalten, dass, da seine Vorbringen nicht g e- glaubt werden könnten, angenommen werden müsse, dass auch die An- gaben zum Nichtvorhandensein von Identitätspapieren und zu seinem familiären respektive sozialen Umfeld nicht stimmen würden. Daher sei der Wegweisungsvollzug auch unter diesem Aspekt zumutbar. D. Mit Beschwerdeeingabe vom 20. Dezember 2012 an das Bundesverwal- tungsgericht beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der Disp o- sitiv-Ziffern 4 und 5 der Verfügung des BFM. Die Vorinstanz sei anzuwei- sen, den Sachverhalt angemessen festzustellen und auf dessen Grun d- lage einen neuen Entscheid zu treffen. Eventualiter sei die vorläufige Auf- nahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltl i- chen Prozessführung sowie um Erlass des Kostenvorschusses. Zur Begründung wiederholte der Beschwerdeführer zunächst den bereits während des vorinstanzlichen Verfahrens geltend gemachten Sachve r- halt. Zum Wegweisungsvollzug wurde auf die bundesverwaltungsgerich t- liche Rechtsprechung zu Art. 83 Abs. 4 des Bundesgesetzes vom 16. De- zember 2005 über die A usländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) hingewiesen, wonach auf jenen zu verzichten sei, wenn die Rückkeh r in den Heimat- oder Herkunftsstaat für die betroffene Pers on eine konkrete Gefährdung bedeute (Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E-4429/2008, E-4430/2008 sowie E -4431/2008 vom 1. September 2008 , Erw. 6.2.1 ). Sodann lasse das Bundesverwaltungsgericht auch Überl e- gungen zum Wegweisungsvollzug einfliessen, die sich unter dem Aspekt des nach Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) zu beachtenden Kinde s- wohls ergeben könnten. Zum Vorwurf des Bundesamtes, der Beschwer- deführer habe seine Vorbringen unrealistisch ge schildert, sei festzuha l-E-6621/2012 Seite 4 ten, dass er beim Tod seiner Mutter achtjährig gewesen se i, weshalb er dazu keine detaillierte n Aussagen habe machen und auch keine gross e Betroffenheit zeigen können. Es treffe nicht zu, dass er zum Verschwin- den des Vaters unsubstanziierte Angaben gemacht habe. Er habe nach ihm gesucht und es sei nicht nachzuvo llziehen, weshalb er bei einem E r- eignis, dass sicher ein einschneidendes in seinem Leben gewesen sei, aber schon zwei Jahre zurückliege, bei der Darstellung Betroffenheit hätte zeigen müssen. Bei der sehr kurz gehaltenen Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei die Annahme der Vorinstanz, dass der B e- schwerdeführer in seiner Heimat über ein tragfähiges familiäres Bezi e- hungsnetz verfüge, weshalb der Wegweisungsvollzug als zumutbar gelte, eine reine Mutmassung. So habe es die Vorinstanz unterlassen , diesbe- züglich konkrete Nachforschungen vorzunehmen, was mit dem Kinde s- wohl nicht vereinbar sei. E. Mit Zwischenverfügung vom 4. Januar 2013 stellte die Instruktionsrichte- rin fest, dass lediglich der Vollzug der Wegweisung Gegenstand des Ve r- fahrens sei , und dass über das Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh- rung gemäss Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) im Endentscheid befunden werde. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde antragsgemäss ver- zichtet und das BFM zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen. F. In ihrer Vernehmlassung vom 10. Januar 2013 hielt die Vorinstanz vollum- fänglich an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der B e- schwerde. G. Die Vernehmlassung vom 10. Januar 2013 wird dem Beschwerdeführer mit vorliegendem Urteil zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden E-6621/2012 Seite 5 gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, d em VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einz u- treten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Die Beschwerdeeingabe vom 20. Dezember 2012 richtet sich au s- schliesslich gegen den Wegweisungsvollzug. Somit ist die Verfügung des BFM vom 29. November 2012 in Rechtskraft erwachsen, soweit sie die Frage der Flüchtlingseigenschaft und des Asyls betrifft. Die Wegweisung als solche ist nicht mehr zu überprüfen. Im Folgenden ist daher nur z u prüfen, ob die Vorinstanz den Vollzug der Wegweisung zu Recht ang e- ordnet hat. 4. E-6621/2012 Seite 6 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Auslä n- dern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). 4.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshinderni s- sen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlin gseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und ander n- falls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E.10.2 S. 502; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Au s- länderrecht, 2. Aufl., Basel 2009, N. 11.148). 4.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land g e- zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu we rden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Ei d- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überei n- kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Gru ndfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedr i- gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 4.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da recht s- kräftig feststeht, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erheb liche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrüc k-E-6621/2012 Seite 7 schiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Guinea ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten konkrete und glaubhafte Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung nach Guinea dort mit beachtlicher Wah r- scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti- Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk ") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Feb- ruar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinwei- sen). Aufgrund der Akten ist nich t davon auszugehen, dass ihm im Falle einer Rückschiebung nach Guinea eine derartige Gefahr droht. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Guinea lässt den Wegweisung s- vollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Die Vorinstanz sc henkte zwar dem Beschwerdeführer keinen Glauben bezüglich seiner familiären beziehungsweise sozialen Lage, zweifelte j e- doch nicht an seiner geltend gemachten Minderjährigkeit. Demnach wu r- de der Beschwerdeführer am (…) geboren und gilt nach dem massgebl i- chen schweizerischen Recht als minderjährig . Folglich unterliegt er grundsätzlich den Normen de r KRK. Art. 22 Abs. 2 KRK zielt darauf ab, durch Mitwirkung der Vertragsstaaten bei der Informationsbeschaffung die Familienzusammenführung zu fördern. Art. 22 KRK beschlägt indessen nur minderjährige Asylsuchende und Flüchtlinge, nicht aber ausländische Kinder, deren Asylgesuch wie in casu abgewiesen worden ist. Somit b e- steht keine völkerrechtliche Verpflichtung, im Vorfeld des Vollzugs der Wegweisung eines im Asyl verfahren abgewiesenen Kindes Abklärungen über den Aufenthaltsort seiner Angehörigen vorzunehmen (vgl. Entschei- dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) [EMARK] 1998 Nr. 13 E. 5d.aa S. 95 f.). Das Kindeswohl gemäss Art. 3 KRK m uss jedoch im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung von Art. 83 Abs. 4 AuG als gewichtiger Aspekt mitberücksichtigt werden (vgl. EMARK 1998 Nr. 13 E. 5e.aa S. 98 f.). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. E-6621/2012 Seite 8 4.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet im Rahmen der Zumu t- barkeitsprüfung ausserdem das Kindeswohl einen Gesichtspunkt von vor- rangiger Bedeutung (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.2; EMARK 2005 Nr. 6 E. 6.2, 1998 Nr. 13 E. 5e/aa). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Aus länderinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 4.3.1 In Guinea herrscht zur Zeit weder Krieg oder Bürgerkrieg, noch liegt eine Situation allgemeiner Gewalt vor, aufgrund derer die Bevölkerung als konkret gefährdet bezeichnet werden müsste. Der Vollzug der Wegwe i- sung ist unter diesen Umständen nich t generell als unzumutbar zu b e- zeichnen. 4.3.2 Der Wortlaut von Art. 83 Abs. 4 AuG bringt zum Ausdruck, dass aus humanitären Gründen, nicht in Erfüllung völkerrechtlicher Pflichten der Schweiz, auf den Vollzug der Wegweisung zu verzichten ist, wenn die Rückkehr in den Heimat - oder Herkunftsstaat für die betroffene Person eine konkrete Gefährdung bedeutet oder wenn andere Umstände vorli e- gen, die den Vollzug der Wegweisung als nicht zumutbar erscheinen la s- sen. Die Bestimmung lässt mithin Raum, bei der Beurteilung der Zumut- barkeit des Wegweisungsvollzuges auch Überlegungen einfliessen zu lassen, die sich unter dem Aspekt des nach Art. 3 Abs. 1 KRK zu beac h- tenden Kindeswohls ergeben können. Der Minderjährigkeit kommt eine zentrale Bedeutung zu, da nach weiterhin gült iger Praxis (vgl. dazu von der ARK entwickelte Praxis in EMARK 1998 Nr. 13; Urteil des Bunde s- verwaltungsgerichts E-4429/2008 vom 1. September 2008) im Falle von unbegleiteten Minderjährigen das Kindeswohl im Rahmen der Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs mitzuberücksichtigen ist (vgl. E.4.2.2), woraus sich gleichzeitig die Verpflichtung ergibt, von Amtes w e- gen die spezifisch mit der Minderjährigkeit verbundenen Aspekte des Wegweisungsvollzuges abzuklären. 4.3.3 Für die Asylbehörden ergibt sich daraus die Verpflichtung, von Am- tes wegen abzuklären, welche Situation sich für eine unbegleitete minder- jährige Person im Fall einer Heimkehr realistischerweise ergeben könnte. In der Praxis ist deshalb nicht nur abzuklären, ob eine minderjährige Pe r-E-6621/2012 Seite 9 son im Fall der Rückkehr in den Heimat - oder Herkunftsstaat im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG konkret gefährdet wäre, sondern auch, ob die minderjährige Person zu ihren Eltern oder anderen Angehörigen zurüc k- geführt werden kann und ob diese in der Lage wären, die altersgemässen Bedürfnisse der minderjährigen Person zu abzudecken. Können die A n- gehörigen nicht ausfindig gemacht werden oder ergibt sich, dass die Rückkehr zu diesen dem Kindeswohl nicht entspricht, ist weiter abzukl ä- ren, ob die minderjährige Person in der Heimat allenfalls in einer geeigne- ten Anstalt oder bei Drittpersonen untergebracht werden kann. Dabei g e- nügt es nicht, bloss festzustellen, dass im Heimat - oder Herkunftsland El- tern oder andere Angehörige leben beziehungsweise es im betreffenden Land Ein richtungen gebe, die sich um alleinstehende Kinder oder J u- gendliche kümmern würden. Es ist vielmehr konkret abzuklären, ob die betreffende minderjährige Person tatsächlich in ihr familiäres Umfeld z u- rückgeführt werden kann beziehungsweise ob sie – sollte das nicht mög- lich sein oder nicht dem Kindeswohl entsprechen – anderweitig unterge- bracht werden kann (vgl. die von der ARK entwickelte Praxis [EMARK 2006 Nr. 24, EMARK 2003 Nr. 5, EMARK 1998 Nr. 13], welche auch vom Bundesverwaltungsgericht weitergeführt wi rd [Urteile des Bundesverwa l- tungsgerichts E -4429/2008 vom 1. September 2008 und E -5663/2006 vom 5. Juli 2007]). 4.3.4 Das BFM hat daher im Hinblick auf die Anordnung des Vollzugs der Wegweisung vorgängig auch geeignete Massnahmen zu treffen, damit die minderjährige Person bei ihrer Rückkehr von ihren Angehörigen oder von einer Behörde beziehungsweise einer Institution, die in der Lage ist weiterzuhelfen, in Empfang genommen wird (vgl. in diesem Sinn auch das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen [UNHCR], Guidelines on Policies and Procedures in Dealing with Una c- companied Children Seeking Asylum, Genf, Februar 1997, S. 11, N 9.4), wo dies in Anbetracht des Alters der betroffenen Person und damit in i h- rem Interesse erforderlich erscheint. Demgegenüber können die Rückrei- semodalitäten (Begleitung der minderjährigen Person, Ort und Zeit der Übergabe nach der Ankunft im Heimatland etc.) erst im unmittelbaren Vorfeld der Rückkehr geregelt werden (vgl. EMARK 1998 Nr. 13 E. 5e.bb S. 100). 4.3.5 Vorliegend steht – wie bereits erwähnt – fest, dass der Beschwerde- führer als minderjährig gilt. Er ist im heutigen Zeitpunkt (…) alt. E-6621/2012 Seite 10 4.3.6 Aufgrund der Akten ergibt sich ferner, dass das BFM keine Abklä- rungen bezüglich der familiären Verhältnisse im Heima tland de s Be- schwerdeführers vorgenommen hat. Seinen Entscheid hat es auf die Aussagen des Beschwerdeführers abgestützt. Der Beschwerdeführer hat zwar seine Identität nicht belegt. Mit der Vorinstanz ist auch teilweise übereinzustimmen, dass er über sein familiäres Umfeld nur wenige Anga- ben zu Protokoll gab. So soll seine Mutter gestorben sein, als er achtjä h- rig gewesen sei , und sein Vater soll im Jahre 2010 verschwunden sein. Von seinem Bruder, der das Haus verlassen habe, wisse er ebenfalls nichts. Seine Angaben zur letzten Person, zum Vermieter der Wohnung, bei welchem er vor seiner Ausreise gelebt habe und der ihn verköstigt haben soll, sind nur oberflächlich. Bei der Anhörung wurde jedoch auch nicht nachgefragt, wie das Verhältnis zum Vermieter, bei dem er immerhin während eines Jahres untergebracht worden sein will, gewesen sei. Vor diesem Hintergrund bleibt die Frage nach einem tragfähigen Beziehungs- netz ungeklärt. Aufgrund der bestehenden Aktenlage ist davon auszug e- hen, dass der Beschwerdeführer an seinem früheren Wohnort in Conakry nicht über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfügt. Ohne nähere Abkl ä- rungen vor Ort kann nämlich nicht festgestellt werden, ob der Vater de s Beschwerdeführers noch lebt, in der Lage und überhaupt bereit wäre, für den Beschwerdeführer zu sorgen. Zwar ist es – wie oben erwähnt – zu- treffend, dass der Beschwerdeführer nur marginale Angaben zum Bezi e- hungsnetz machte; indessen darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass bei Minderjährigen – wie dies in der Beschwerde (S. 4) mit Hinweis auf die Praxis des Bundesverwaltungsgerichts geltend gemacht wird – generell weniger hohe Anforderungen an einen widerspruchsfreien bezie- hungsweise glaubhaften Sachvortrag gestellt werden dürfen (vgl. auch EMARK 1999 Nr . 2). Zudem überzeugt die sehr knappe Argumentation der Vorinstanz nicht, wonach die Angaben de s Beschwerdeführers gene- rell nicht geglaubt werden könnten, weshalb auch diejenigen über sein familiäres beziehungsweise soziales Umfeld nicht stimmten, da die Vorin- stanz weder überzeugend begründete, woraus sich diese Unglaubhaftig- keit ergibt, noch Ausführungen dazu machte, warum sie trotz der vermi n- derten Anforderungen an die Glaubhaftigkeit von Aussagen Minderjähr i- ger vorliegend vom Bestehen eines Beziehungsnetzes ausging und auch in ihrer Vernehmlassung sich nicht veranlasst sah, zusätzliche Abkläru n- gen vorzunehmen. Mit den Feststellungen, der Beschwerdeführer verfüge in seinem Heimatland über ein Beziehungsnetz, weil seine Angaben g e- nerell unglaubhaft seien, ist das BFM seiner Pflicht zur Abklärung des re- levanten Sachverhaltes nicht nachgekommen. Die Vorinstanz ging s o- dann auch der Frage nicht nach, ob eine Institution im Heimatland d en E-6621/2012 Seite 11 Beschwerdeführer aufnehmen könnte und ihn bis zur Erreichung der Voll- jährigkeit betreuen würde oder ih m bei der Weiterreise zu allfälligen we i- teren Verwandten behilflich wäre, obwohl die Unterbringung in einer ge- eigneten Einrichtung für minderjährige Personen in Guinea angesichts der dürftigen Angaben des Beschwerdeführers über sein Beziehungsnetz allenfalls eine valable Alternative darstellen könnte. Damit hat das BFM den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig festgestellt und den z u- vor formulierten Anforderungen für die Rückführung minderjähriger Asyl- suchender nicht genügt. 5. Beschwerden gegen Verfügu ngen des BFM über die Verweigerung des Asyls und die Wegweisung haben grundsätzlich reformatorischen und nur ausnahmsweise kassatorischen Charakter (Art. 105 Abs. 1 und Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 61 Abs. 1 VwVG). Reformatorische Entscheidungen set- zen indesse n Entscheidungsreife voraus, worunter insbesondere eine genügende Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes fällt. Vorli e- gend fehlt diese bezüglich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs, da die notwendigen Abklärungen vor Ort von der Vorinstanz nich t durch- geführt wurden. Unter diesen Umständen ist die Beschwerde gutzuheis- sen, die angefochtene Verfügung – soweit sie nicht in Rechtskraft e r- wachsen ist – aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung wird bei dieser Sachlage gegenstandslos. 7. Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwac h- sene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 und 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bunde sverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Eine Kostennote wurde nicht eing e- reicht. Auf das Nachfordern einer solchen kann indessen verzichtet we r- den, da sich der Aufwand für das Beschwerdeverfahren zuverlässig a b- schätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Unter Berücksichtigung der mas s- gebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 - 13 VGKE) und der Entschäd i- gungspraxis in Vergleichsfällen hat das BFM dem Beschwerdeführer eine E-6621/2012 Seite 12 Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 600.– (inkl. Auslagen und allfäl- lige Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-6621/2012 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung vom 29. November 2012 werden aufgeho- ben. 2. Die Sache wird im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vor- instanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM hat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bunde s- verwaltungsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 600. – (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Blanka Fankhauser Versand: