<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">137</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>25</b></span> <span class="ft3"><b>Erlöschen der Niederlassungsbewilligung; Verlegung des Lebensmittel-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>punkts; Untersuchungsmaxime; Beweislast; tatsächliche Vermutung;</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Mitwirkungspflicht</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Der Widerruf einer ausländerrechtlichen Bewilligung ist nur zuläs-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sig, wenn die Behörde belegt, dass die entsprechenden Voraussetzun-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gen erfüllt sind.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Ableitung einer tatsächlichen Vermutung aus einem Lebenssachver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>halt</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Unabhängig davon, wem die Beweislast zukommt, oder ob aufgrund</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Untersuchungsmaxime Abklärungen von Amtes wegen vorzu-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nehmen sind, oder ob die Betroffenen eine Mitwirkungspflicht trifft,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>können sich aus bestimmten Lebenssachverhalten tatsächliche Ver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mutungen ergeben. Je grösser die Wahrscheinlichkeit ist, dass aus</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einem Lebenssachverhalt auf eine tatsächliche Vermutung geschlos-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sen werden kann, umso mehr kann die tatsächliche Vermutung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Grundlage eines migrationsrechtlichen Entscheids bilden. Liegt eine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tatsächliche Vermutung vor, ohne dass gleichzeitig entlastende Ele-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mente ersichtlich sind, obliegt es im Rahmen der Mitwirkungspflicht</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">138</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>den Betroffenen, die tatsächliche Vermutung mittels "Gegenbeweis"</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zu widerlegen.</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 27. Sep-</span><br/> <span class="ft5">tember 2017, i.S. A. gegen das Amt für Migration und Integration</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2016.251)</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">3.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Vorab ist festzuhalten, dass die Vorinstanz nicht davon ausgeht,</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeführerin habe sich während sechs oder mehr Monaten</span><br/> <span class="ft1">ununterbrochen im Ausland aufgehalten und die Niederlassungsbe-</span><br/> <span class="ft1">willigung sei deshalb erloschen. (...) Vielmehr geht die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft1">davon aus, die Beschwerdeführerin habe mit Antritt einer Stelle als</span><br/> <span class="ft1">(...) Ärztin einer (Klinik) in Z. im April 2011 ihren Lebensmittel-</span><br/> <span class="ft1">punkt nach Deutschland verlegt, weshalb ihre Niederlassungsbewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung erloschen sei.</span><br/> <span class="ft1">3.1.3.</span><br/> <span class="ft1">In Übereinstimmung mit der durch das Bundesgericht zur unter</span><br/> <span class="ft1">altem Recht entwickelten Rechtsprechung kann eine Niederlassungs-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung (...) gemäss Art. 79 Abs. 1 VZAE auch dann erlöschen,</span><br/> <span class="ft1">wenn die betroffene Person sich nicht ununterbrochen während mehr</span><br/> <span class="ft1">als sechs Monaten im Ausland aufhält, sondern zwischenzeitlich</span><br/> <span class="ft1">lediglich wegen Besuchs-, Tourismus- oder Geschäftsaufenthalte in</span><br/> <span class="ft1">die Schweiz zurückkehrt. In derartigen Fällen ist primär massgebend,</span><br/> <span class="ft1">ob die betroffene Person ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland verlegt</span><br/> <span class="ft1">hat (Urteil des Bundesgerichts vom 19. Dezember 2011</span><br/> <span class="ft1">[2C_540/2011], Erw. 3.2).</span><br/> <span class="ft1">3.1.4.</span><br/> <span class="ft1">Den zahlreichen diesbezüglichen Urteilen des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft1">ist keine allgemeingültig formulierte Regel zu entnehmen, wie der</span><br/> <span class="ft1">Lebensmittelpunkt zu bestimmen ist. Das Bundesgericht scheint viel-</span><br/> <span class="ft1">mehr einzelfallweise aufgrund der konkreten Umstände abzuwägen,</span><br/> <span class="ft1">ob der Bezug zu einem Ort im Ausland stärker ist als zur Schweiz</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">139</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">und ob gleichzeitig der Bezug zur Schweiz derart gelockert wurde,</span><br/> <span class="ft1">dass der Lebensmittelpunkt in der Schweiz als aufgegeben bezeich-</span><br/> <span class="ft1">net werden muss (vgl. z.B. Urteil des Bundesgerichts vom 27. Mai</span><br/> <span class="ft1">2011 [2C_831/2010]; vom 26. August 2011 [2C_1224/2012]; vom</span><br/> <span class="ft1">19. Dezember 2011 [2C_540/2011]; vom 18. Januar 2013</span><br/> <span class="ft1">[2C_471/2012 ]; vom 31. Mai 2016 [2C_400/2015]; vom 16. Juni</span><br/> <span class="ft1">2016 [2C_367/2016] sowie vom 11. November 2016 [2C_65/2016]).</span><br/> <span class="ft1">Selbst das Begründen bzw. das Belassen eines steuer- oder</span><br/> <span class="ft1">zivilrechtlichen Wohnsitzes in der Schweiz oder der Aufenthaltsort</span><br/> <span class="ft1">im zivilrechtlichen Sinn bedeuten nicht zwingend, dass sich auch der</span><br/> <span class="ft1">Lebensmittelpunkt in der Schweiz befindet, auch wenn diese Um-</span><br/> <span class="ft1">stände ein starkes Indiz für das Vorliegen eines Lebensmittelpunktes</span><br/> <span class="ft1">darstellen können und insofern durchaus relevant sind für die</span><br/> <span class="ft1">Bestimmung des Lebensmittelpunktes (Urteil des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft1">vom 31. Mai 2016 [2C_400/2015], Erw. 5.2 und vom 16. Juni 2016</span><br/> <span class="ft1">[2C_367/2016], Erw. 2.2).</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">3.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Will das MIKA eine Bewilligung einer Ausländerin oder eines</span><br/> <span class="ft1">Ausländers widerrufen, hat die Behörde zu belegen, dass die Voraus-</span><br/> <span class="ft1">setzungen für den Widerruf erfüllt sind. Gelingt dies nicht, ist ein</span><br/> <span class="ft1">Widerruf unzulässig. Aufgrund des Untersuchungsgrundsatzes ist</span><br/> <span class="ft1">von Amtes wegen auch entlastenden Sachverhaltselementen nachzu-</span><br/> <span class="ft1">gehen und sind diese entsprechend zu berücksichtigen. Nachdem</span><br/> <span class="ft1">migrationsrechtliche Entscheide jedoch oft aufgrund persönlicher</span><br/> <span class="ft1">Umstände gefällt werden, die den Betroffenen weit besser bekannt</span><br/> <span class="ft1">sind als den Behörden, haben die Betroffenen eine umfassende Mit-</span><br/> <span class="ft1">wirkungspflicht (Art. 90 AuG). Dies besonders bei Umständen, wel-</span><br/> <span class="ft1">che ohne Mitwirkung der Betroffenen gar nicht oder nicht mit ver-</span><br/> <span class="ft1">nünftigem Aufwand erhoben werden können (vgl. BGE 124 II 361,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2b, S. 365).</span><br/> <span class="ft1">3.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Unabhängig davon, wem die Beweislast zukommt, oder ob auf-</span><br/> <span class="ft1">grund der Untersuchungsmaxime Abklärungen von Amtes wegen</span><br/> <span class="ft1">vorzunehmen sind, oder ob den Betroffenen eine Mitwirkungspflicht</span><br/> <span class="ft1">trifft, können sich aus bestimmten Lebenssachverhalten tatsächliche</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">140</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Vermutungen ergeben. Es handelt sich dabei um Wahrscheinlich-</span><br/> <span class="ft1">keitsfolgerungen, welche der allgemeinen Lebenserfahrung entsprin-</span><br/> <span class="ft1">gen (Urteil des Bundesgerichts vom 31. Mai 2016 [2C_400/2015],</span><br/> <span class="ft1">Erw. 5.1). Je grösser die Wahrscheinlichkeit ist, dass aus einem Le-</span><br/> <span class="ft1">benssachverhalt auf eine tatsächliche Vermutung geschlossen werden</span><br/> <span class="ft1">kann, umso mehr kann die tatsächliche Vermutung Grundlage eines</span><br/> <span class="ft1">migrationsrechtlichen Entscheids bilden. Liegt eine derartige starke</span><br/> <span class="ft1">tatsächliche Vermutung vor, ohne dass gleichzeitig entlastende Ele-</span><br/> <span class="ft1">mente ersichtlich sind, die diese Vermutung entkräften, kommt der</span><br/> <span class="ft1">Mitwirkungspflicht der Betroffenen wiederum eine besondere</span><br/> <span class="ft1">Bedeutung zu, da es den Betroffenen obliegt, die tatsächliche Vermu-</span><br/> <span class="ft1">tung mittels "Gegenbeweis" zu widerlegen.</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">3.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall war dem MIKA offenbar bereits bei Stel-</span><br/> <span class="ft1">lenantritt der Beschwerdeführerin in Z. bekannt, dass sie in Deutsch-</span><br/> <span class="ft1">land eine Vollzeitstelle antreten wird. Jedenfalls führt die Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin aus, sie habe diesbezüglich seitens des MIKA die Aus-</span><br/> <span class="ft1">kunft erhalten, sie müsse aufgrund ihrer regelmässigen Rückkehr in</span><br/> <span class="ft1">die Schweiz kein Gesuch um Aufrechterhaltung ihrer Niederlas-</span><br/> <span class="ft1">sungsbewilligung einreichen. Dies wird durch das MIKA sodann</span><br/> <span class="ft1">auch nicht bestritten. Auslöser für das Verfahren war offensichtlich</span><br/> <span class="ft1">eine E-Mail eines Nachbarn von Y. und Arbeitskollegen des Eheman-</span><br/> <span class="ft1">nes der Beschwerdeführerin, welcher gegenüber den kantonalen Ein-</span><br/> <span class="ft1">bürgerungsbehörden behauptete, die Eheleute hielten sich nur selten</span><br/> <span class="ft1">in Y. auf.</span><br/> <span class="ft1">3.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Das erstinstanzliche MIKA schloss aus der E-Mail des Nach-</span><br/> <span class="ft1">barn von Y. und Arbeitskollegen des Ehemannes der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin sowie eines in Auftrag gegebenen polizeilichen Berichts auf die</span><br/> <span class="ft1">tatsächliche Vermutung, dass beide Eheleute ihren Lebensmittel-</span><br/> <span class="ft1">punkt nach Deutschland verlegt hätten und gewährte beiden Eheleu-</span><br/> <span class="ft1">ten das rechtliche Gehör betreffend Erlöschen ihrer Niederlassungs-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung. Nach Eingang der Stellungnahmen der Eheleute sah das</span><br/> <span class="ft1">MIKA sodann davon ab, die Niederlassungsbewilligung des Ehe-</span><br/> <span class="ft1">mannes für erloschen zu erklären. Bezüglich der Beschwerdeführerin</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">141</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">erklärte das MIKA demgegenüber, man sei nach wie vor der Auffas-</span><br/> <span class="ft1">sung, die Niederlassungsbewilligung sei aufgrund des nach Deutsch-</span><br/> <span class="ft1">land verlegten Lebensmittelpunktes erloschen, sah jedoch während</span><br/> <span class="ft1">langer Zeit davon ab, das Erlöschen der Niederlassungsbewilligung</span><br/> <span class="ft1">förmlich zu verfügen, sondern sistierte das Verfahren. Dies offenbar</span><br/> <span class="ft1">in der Absicht, der Beschwerdeführerin zu ermöglichen, ihren Le-</span><br/> <span class="ft1">bensmittelpunkt wieder in die Schweiz zu verlegen. Eine solche Vor-</span><br/> <span class="ft1">gehensweise ist insofern unverständlich, als die Niederlassungs-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung konsequenterweise selbst dann hätte für erloschen er-</span><br/> <span class="ft1">klärt werden müssen, wenn die Beschwerdeführerin wieder definitiv</span><br/> <span class="ft1">in die Schweiz zurückgekehrt wäre. Das Verhalten des MIKA lässt</span><br/> <span class="ft1">sich nur so schlüssig erklären, dass die zuständigen Mitarbeiter des</span><br/> <span class="ft1">MIKA offenbar selbst nicht davon überzeugt waren, dass der Lebens-</span><br/> <span class="ft1">mittelpunkt der Beschwerdeführerin nach Deutschland verlegt</span><br/> <span class="ft1">wurde.</span><br/> <span class="ft1">3.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Bei genauer Betrachtung können die genannte E-Mail und der</span><br/> <span class="ft1">polizeiliche Bericht zwar Auslöser für ein migrationsrechtliches Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahren betreffend Erlöschen der Niederlassungsbewilligung bilden,</span><br/> <span class="ft1">stellen aber allein keine tatsächliche Vermutung dar, dass sich der</span><br/> <span class="ft1">Lebensmittelpunkt der Betroffenen im Ausland befindet. Dies umso</span><br/> <span class="ft1">weniger, als die Beschwerdeführerin glaubhaft dargelegt hat, dass ihr</span><br/> <span class="ft1">Ehemann und der E-Mail-Verfasser ein äusserst getrübtes Verhältnis</span><br/> <span class="ft1">zueinander haben und ein Anschwärzen durch den E-Mail-Verfasser</span><br/> <span class="ft1">durchaus als wahrscheinlich zu bezeichnen ist. Offenbar fühlte sich</span><br/> <span class="ft1">der Ehemann der Beschwerdeführerin durch seinen Arbeitskollegen</span><br/> <span class="ft1">gemobbt und zeigte dies der Personalabteilung seines Arbeitgebers</span><br/> <span class="ft1">an, worauf der Arbeitgeber weitere Abklärungen vornahm und es zu</span><br/> <span class="ft1">einer Aussprache zwischen dem Ehemann der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">und dessen Arbeitskollegen kam. Das unbesehene Abstellen auf die</span><br/> <span class="ft1">E-Mail war damit nicht zulässig. Spätestens im Rahmen des Ein-</span><br/> <span class="ft1">spracheverfahrens hätte der E-Mail-Verfasser befragt werden müs-</span><br/> <span class="ft1">sen, in welchem Verhältnis er zur Beschwerdeführerin und ihrem</span><br/> <span class="ft1">Ehemann steht und worin seine Motivation bestand, seine E-Mail zu</span><br/> <span class="ft1">verfassen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">142</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Ebenso wenig ergibt sich aus dem polizeilichen Bericht eine</span><br/> <span class="ft1">Verlagerung des Lebensmittelpunktes der Beschwerdeführerin nach</span><br/> <span class="ft1">Deutschland. Allein der Umstand, dass die Beschwerdeführerin an</span><br/> <span class="ft1">einigen Kontrolltagen nicht durch die Polizei hatte angetroffen wer-</span><br/> <span class="ft1">den können und dass die Polizei die Wohnung via Sitzplatz "inspi-</span><br/> <span class="ft1">ziert" und deren angeblich spärliche Möblierung notiert hatte, bedeu-</span><br/> <span class="ft1">tet nicht, dass die Beschwerdeführerin ihren Lebensmittelpunkt</span><br/> <span class="ft1">effektiv nach Deutschland verlegt hätte. Abgesehen davon, dass die</span><br/> <span class="ft1">Inspektion der Wohnung via Sitzplatz kein taugliches Mittel ist, den</span><br/> <span class="ft1">Möblierungszustand einer Wohnung rechtsgenüglich festzustellen,</span><br/> <span class="ft1">sind die Eheleute weder verpflichtet, sich zu den zufälligen Kontroll-</span><br/> <span class="ft1">zeitpunkten in der Wohnung aufzuhalten, noch ihre Wohnung gemäss</span><br/> <span class="ft1">einem bestimmten Standard einzurichten.</span><br/> <span class="ft1">3.3.4.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführerin kann unter diesen Umständen auch</span><br/> <span class="ft1">nicht vorgeworfen werden, sie habe den "Gegenbeweis", wonach</span><br/> <span class="ft1">sich ihr Lebensmittelpunkt nicht in Deutschland, sondern in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz befinde, nicht erbracht. Dazu wäre sie erst dann verpflichtet</span><br/> <span class="ft1">gewesen, wenn sich aus dem erstellten Sachverhalt die tatsächliche</span><br/> <span class="ft1">Vermutung eines nach Deutschland verlegten Lebensmittelpunkts</span><br/> <span class="ft1">hätte ableiten lassen, was vorliegend, wie bereits erwähnt, nicht der</span><br/> <span class="ft1">Fall ist. Daran ändert einerseits auch nichts, dass das Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richt im Rahmen der Instruktion weitere Beweise für einen Aufent-</span><br/> <span class="ft1">halt in der Schweiz einverlangt hat, da diese nicht als "Gegenbeweis"</span><br/> <span class="ft1">zu einem tatsächlich zu vermutenden Lebensmittelpunkt in Deutsch-</span><br/> <span class="ft1">land einverlangt wurden, sondern um zu klären, ob sich die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin während mehr als sechs Monaten ausserhalb der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz aufgehalten hatte. Andererseits ändert daran auch nichts,</span><br/> <span class="ft1">dass die durch die Beschwerdeführerin eingereichten Belege eines</span><br/> <span class="ft1">nicht mehr als sechsmonatigen ununterbrochenen Auslandaufenthalts</span><br/> <span class="ft1">als äusserst spärlich bezeichnet werden müssen und aus diesen nicht</span><br/> <span class="ft1">zwingend auf einen Lebensmittelpunkt in der Schweiz geschlossen</span><br/> <span class="ft1">werden kann.</span><br/> <span class="ft1">3.3.5.</span><br/> <span class="ft1">Im Sinne eines Zwischenergebnisses steht damit fest, dass zwar</span><br/> <span class="ft1">durchaus die Veranlassung bestand, die Lebenssituation der Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">143</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin genauer abzuklären. Aus den vorliegenden Bewei-</span><br/> <span class="ft1">sen konnte und kann jedoch keine tatsächliche Vermutung abgeleitet</span><br/> <span class="ft1">werden, die Beschwerdeführerin habe ihren Lebensmittelpunkt nach</span><br/> <span class="ft1">Deutschland verlegt, womit ihr auch nicht auferlegt werden durfte,</span><br/> <span class="ft1">zu beweisen, dass sich ihr Lebensmittelpunkt nach wie vor in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz befand.</span><br/> <span class="ft1">3.3.6.</span><br/> <span class="ft1">Dass sich ein Lebensmittelpunkt selbst dann nicht zwingend am</span><br/> <span class="ft1">Arbeitsort eines Betroffenen befindet, wenn dieser eine längere Prä-</span><br/> <span class="ft1">senz am Arbeitsort aufweist, ergibt sich in einem umgekehrt gelager-</span><br/> <span class="ft1">ten Fall auch aus dem Urteil des Bundesgerichts vom 27. Mai 2011</span><br/> <span class="ft1">(2C_831/2010). Nachdem in jenem Fall stärker auf die familiäre Be-</span><br/> <span class="ft1">ziehung als auf den Arbeitsort abgestellt wurde und im vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Fall die Eheleute ihren familiären Wohnsitz vor dem Stellenantritt</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin in Z. in der Schweiz hatten und der Ehe-</span><br/> <span class="ft1">mann der Beschwerdeführerin seinen Wohnsitz in der Schweiz be-</span><br/> <span class="ft1">hielt, ist nicht ersichtlich, weshalb dies vorliegend anders sein sollte.</span><br/> <span class="ft1">Im Gegenteil: Dass eine verheiratete Person ihren Lebensmittelpunkt</span><br/> <span class="ft1">üblicherweise am Wohnsitz der Familie hat, stellt vielmehr eine tat-</span><br/> <span class="ft1">sächliche Vermutung dar (Urteil des Bundesgerichts vom 31. Mai</span><br/> <span class="ft1">2016 [2C_400/2015], Erw. 5.1), welche konsequenterweise durch die</span><br/> <span class="ft1">Migrationsbehörden zu widerlegen ist.</span><br/></div> </div> </body> </html>