Aufenthaltsbewilligung 2017 VII/6 BVGE / ATAF / DTAF VII 45 2017 VII/6 Auszug aus dem Urteil der Abteilung VI i.S. A. gegen Staatssekretariat für Migration F‒7543/2015 vom 27. November 2017 Grundrechtlicher Vertrauensschutz als Anspruchsgrundlage für eine Aufenthaltsbewilligung. Art. 5 Abs. 3, Art. 9 BV. Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG. 1. Allgemeine Voraussetzungen für die Berufung auf den Vertrau - ensschutz ( E. 5.1). Die irrtümliche Erteilung einer EU -/EFTA- Kurzaufenthaltsbewilligung an eine nicht berechtigte ausländi- sche Person verschafft dieser keinen Anspruch auf eine weitere Regelung ihres Aufenthalts (E. 5.3 und 5.4). 2. Allgemeine Anforderungen an einen schwerwiegenden persön - lichen Härtefall nach Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG ( E. 6). Ausei- nandersetzung mit der Situati on des Be schwerdeführers nach sechseinhalbjährigem Aufenthalt in der Schweiz und der damit einhergehenden Integration . Verneinung eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalls (E. 8). Principe de la protection de la bonne foi légitimant le droit à une autorisation de séjour. Art. 5 al. 3, art. 9 Cst. Art. 30 al. 1 let. b LEtr. 1. Conditions générales pour invoquer la protection de la bonne foi (consid. 5.1). L'octroi par erreur d'une autorisation de séjour de courte durée UE/AELE à une personne d'origine étrangère qui n'y avait pas droit ne procure pas à celle-ci le droit à une régularisa - tion ultérieure de son séjour (consid. 5.3 et 5.4). 2. Exigences générales permettant de reconnaître un cas individuel d'une extrême gravité au sens de l'art. 30 al. 1 let. b LEtr (consid. 6). Analyse de la situation du recourant ayant séjourné six ans et demi en Suisse et de son niveau d'intégration. Existence d'un cas individuel d'une extrême gravité niée (consid. 8). Diritto costituzionale alla protezione della buona fede come fonda- mento del diritto a un permesso di dimora. 2017 VII/6 Aufenthaltsbewilligung 46 VII BVGE / ATAF / DTAF Art. 5 cpv. 3, art. 9 Cost. Art. 30 cpv. 1 lett. b LStr. 1. Condizioni generali per l'invocazione della protezione della buona fede (consid. 5.1). Il rilascio per errore di un permesso di dimora UE/AELS di corta durata ad uno straniero che non ne aveva dirit- to non gli conferisce alcun diritto a un 'ulteriore regolarizzazione del suo soggiorno (consid. 5.3 e 5.4). 2. Requisiti generali per il riconoscimento di un caso personale particolarmente grave ai sensi dell 'art. 30 cpv. 1 lett. b LStr (consid. 6). Confronto tra la situazione del ricorrente dopo sei anni e mezzo di dimora in Svizzera e la conseguente integrazione. Nes- sun riconoscimento di un caso personale particolarmente grave (consid. 8). A. (nachfolgend: Beschwerdeführer) ist 1970 auf dem Gebiet des heutigen Weissrusslands geboren, ungeklärter Staatsangehörigkeit und Inhaber ei - nes estnischen Ausländerpasses (« Alien's Passport »). V or seiner Einreise in die Schweiz im Jahr 2012 lebte er rund 20 Jahre in Estland, wo seine Ehefrau und seine zwei erwachsenen Kinder immer noch leben. Die B. AG, welche dem Beschwerdeführer eine Anstellung anbot und da- bei offenbar irrtümlich von seiner estnischen Staatsangehörigkeit ausging, stellte für ihn bei der Migrationsbe hörde des Kantons Luzern am 17. Au- gust 2011 ein Gesuch um Erteilung einer EU/EFTA-Kurzaufenthaltsbewil- ligung. Im Gesuch bezeichnet e sie den Beschwerdeführer als Staatsange - hörigen Estlands. Obwohl dem Gesuch der B. AG der estnische Ausländerpass beige - legt war, dem klar entnommen werden kann, dass der Beschwerdeführer die estnische Staatsangehörigkeit nicht besitzt, nahm auch die k antonale Migrationsbehörde an, dass der Beschwerdeführer estnischer Staatsange - höriger sei und als solcher aus dem Freizügigkeitsabkommen (FZA, SR 0.142.112.681) begünstigt werd e. Sie erteilte ihm daher am 2. Mai 2012 die nachgesuchte EU/EFTA -Kurzaufenthaltsbewilligung. Diese wurde zwei Mal verlängert. Am 20. November 2014 ersuchte der Beschwerdeführer um Umwandlung seiner bisherigen Bewilligung in eine EU/EFTA -Aufenthaltsbewilligung. Erst in diesem Kontext fiel der kantonalen Migrationsbehörde auf, dass der Beschwerdeführer möglicherweise nicht estnischer Staatsan gehöriger ist, was dieser auf Anfrage hin bestätigte. Aufenthaltsbewilligung 2017 VII/6 BVGE / ATAF / DTAF VII 47 Aufgrund der besonderen Umstände des Falls erklärte sich die ka ntonale Migrationsbehörde am 2. Februar 2015 bereit, dem Beschwerdeführer eine Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG (SR 142.20; schwerwiegender persönlicher Härtefall) zu erteilen , und über - steuerte den Fall zur Zustimmung an das Staatssekretariat für Migration (SEM, nachfolgend: V orinstanz). Mit Verfügung vom 14. Oktober 2015 verweigerte die V orinstanz ihre Zu- stimmung zur Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung an den Beschwer - deführer. Dagegen erhob der Beschwerdeführer am 23 . November 2015 Beschwer- de beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Erteilung der Zustimmung zur Aufenthaltsbewilligung. Das Bundesverwaltungsgericht weist die Beschwerde ab. Aus den Erwägungen: 5. Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe gestützt auf den in Art. 9 BV verankerten Vertrauensschutz einen Anspruch auf die nachge - suchte Aufenthaltsbewilligung und damit auch auf die Zustimmu ng zu ihrer Erteilung. Diese Rechtsauffassung ist, wie nachfolgend zu zeigen sein wird, unzutreffend. 5.1 Der Grundsatz von Treu und Glauben ist sowohl in Art. 5 Abs. 3 als auch in Art. 9 BV verankert. Art. 9 BV vermittelt einer Person einen grundrechtlichen Anspruch auf Schutz des berechtigten Vertrauens in be - hördliche Zusicherungen oder sonstiges, bestimmte Erwartungen begrün - dendes behördliches Verhalten. Es kommt zum Zug, wenn die erweckten Erwartungen nicht dem objektiven Recht entsprechen. Insoweit steh t der Vertrauensschutz im Spannungsverhältnis zum Legalitätsprinzip. Damit sich der Betroffene auf den Vertrauensschutz berufen kann, ist erforder - lich, dass die Behörde durch ihr Verhalten eine Vertrauensgrundlage ge - schaffen hat, auf die der Betroffene i n guten Treuen vertraut hat, dass er aufgrund dieses Vertrauens Dispositionen getroffen hat, die er nicht oder nicht ohne Nachteile rückgängig machen kann , und dass die gesetzliche Ordnung seit dem behördlichen Tun keine Änderung erfahren hat. Sind die V oraussetzungen für den Vertrauensschutz gegeben, muss die Behörde grundsätzlich das geweckte Vertrauen honorieren. Dies erfolgt primär da- durch, dass der Betroffene nicht entsprechend dem objektiven Recht, son- dern entsprechend seinem Vertrauen behandelt wird. Ist das nicht möglich, 2017 VII/6 Aufenthaltsbewilligung 48 VII BVGE / ATAF / DTAF weil an der Durchsetzung des objektiven Rechts ein überwiegendes öffent- liches Interesse besteht, ist der Betroffene für den Schaden zu entschä - digen, den er durch sein Vertrauen auf die staatliche Handlung erlitten hat (vgl. zum Ganzen etwa BGE 143 V 95 E. 3.6.2; 137 II 182 E. 3.6.2, je m.H.; ferner CHRISTOPH ROHNER, in: St. Galler Kommentar BV, 3. Aufl. 2014, N. 47 ff. zu Art. 9 BV; HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, Rz. 624 ff.). 5.2 Nach Auffassung des Beschwerdeführers sind die V oraussetzun- gen für die Gewährung des Vertrauensschutzes gegeben. Die Vertrauens - grundlage erblickt er in der Erteilung und mehrfachen Verlängerung seiner Kurzaufenthaltsbewilligung EU/EFTA durch die Migrationsbehörde des Kantons Luzern (und einer entsprechenden Auskunft im Rahmen des letz- ten Verfahrens auf Umwandlung in eine Aufenthaltsbewilligung). Diese seien zwar materiell unrichtig gewesen, da sie auf der irrtümlichen Annah- me beruht hätten, er sei Este. Allein, er habe in guten Treuen auf die Rich- tigkeit des behördlichen Tuns vertraut. Weder habe er die kantonale Mi - grationsbehörde über seine Staatsangehörigkeit getäuscht, noch habe er gewusst oder wissen müssen, dass die kantonale Migrationsbehörde in einem Irrtum befangen und dass dieser Irrtum rechtserheblich gewesen sei. Er beruft sich in diesem Zusammenhang auf seine anfänglich ungenügen - den Deutschkenntnisse, die Tatsache, dass er ein juristischer Laie ist, fer - ner seinen mit 20 Jahren sehr langen V oraufenthalt in Estland, der dazu geführt habe, dass er das Land als seine Heimat betrachte, sowie die Dis - kriminierung der dortigen russischen Minderheit, deren Angehörige keine Aussichten auf den Erwerb des estnischen Staatsbürgerrechts hätten. So - dann habe er als Folge der irrtümlichen Erteilung und Verlängerung seiner Kurzaufenthaltsbewilligungen sein Leben völlig neu organisiert. Müsste er in sein Herkunftsland zurückkehren, würde es ihm aufgrund seiner lan- gen Abwesenheit, der hohen Arbeitslosigkeit und der Diskriminierung der russischen Minderheit auf dem Arbeitsmarkt sehr schwerfallen, eine neue Anstellung zu finden und seine Familie zu ernähren. Darin liegt seiner Auffassung nach eine Vertrauensdisposition, welche die Behörde zur Er - teilung einer Aufenthaltsbewilligung verpflichtet. 5.3 Dem Beschwerdeführer ist entgegenzuhalten, dass Kurzaufent - haltsbewilligungen und Aufenthaltsbewilligungen stets befristet erteilt werden (vgl. etwa Art. 6 Abs. 1 und Abs. 2 Anhang I zum FZA, Art. 32 und Art. 33 AuG). Aus Anlass ihrer Verlängerung wird von der Behörde jeweils geprüft, ob die einschlägigen V oraussetzungen (immer noch) er-Aufenthaltsbewilligung 2017 VII/6 BVGE / ATAF / DTAF VII 49 füllt sind. Die ausländische Person muss damit rechnen, dass die Bewilli - gung gegebenenfalls nicht erneuert wird, es sei denn, sie habe eine ent - sprechende Zusicherung erhalten, was im vorliegenden Fall nicht gesche - hen ist. Die blosse Erteilung einer Bewilligung kann daher grundsätzlich kein schutzwürdiges Vertrauen in die Verlängerung derselben begründen (BGE 126 II 377 E. 3.b; Urteil des BGer 2C_184/2014 vom 4. Dezember 2014 E. 4.3; PETER UEBERSAX, Einreise und Anwesenheit, in: Ausländer- recht, 2. Aufl. 2009, Rz. 7.148). Den Anforderungen des Vertrauensgrund- satzes als allgemeines Verfassungsprinzip (Art. 5 Abs. 3 BV) genügt es im Übrigen, wenn die Migrationsbehörden den Umstand, dass sich eine aus - ländische Person bereits im Besitze einer Aufenthaltsbewilligung befand, in ihren Entscheid mit einfliessen lassen und im Falle der Nichtverlän - gerung derselben eine angemessene Frist zum Verlassen der Sch weiz set- zen (BGE 126 II 377 E. 3.b in fine). Der Beschwerdeführer kann sich da - her auf keine taugliche Vertrauensgrundlage berufen. 5.4 Unabhängig von den vorstehenden Erwägungen kann ferner aus- geschlossen werden, dass der Beschwerdeführer den Irrtum der Mi gra- tionsbehörde und dessen rechtliche Relevanz für seinen ausländerrechtli - chen Status nicht erkannte oder bei Aufwendung minimaler Sorgfalt nicht hätte erkennen müssen. Es sei lediglich auf die insgesamt drei Ausländer- ausweise EU/EFTA hingewiesen, die e r in den Jahren 2012 bis 2014 er - hielt, in denen als seine Staatsangehörigkeit « Estland » vermerkt war und denen leicht erkennbar entnommen werden kann, dass sie Staatsangehöri- gen der EU/EFTA-Mitgliedstaaten vorbehalten sind. Gleiches gilt für die entsprechenden Gesuche, von denen zumindest das Umwandlungsgesuch vom 20. November 2014 von ihm unterzeichnet war. Dort bezeichnete er sich im Übrigen selbst als estnischen Staatsangehörigen. Dass er in Wahr- heit diese Staatsangehörigkeit nicht besitzt und dass sich die Migrations- behörde in diesem Zusammenhang für die Staatsangehörigkeit im Rechts- sinne und nicht für seine subjektive Befindlichkeit interessiert, war dem Beschwerdeführer ohne jeden vernünftigen Zweifel ebenfalls bewusst. Immerhin stellt die Staat sangehörigkeit einen rechtlichen Status dar, der grundlegend ist und sich auf praktisch alle Lebensbereiche bestimmend auswirkt. Der Beschwerdeführer konnte auch nicht in guten Treuen anneh- men, er werde in seiner Eigenschaft als in Estland lange Jahre aufenthalts- berechtigtes Mitglied der russischen Minderheit behandelt werden, wie wenn er die estnische Staatsangehörigkeit besässe. Dagegen spricht bereits die Tatsache, dass er die Migrationsbehörde über sein V orleben nicht infor- mierte und schon im Herk unftsland nicht gleich behandelt wurde. Wieso 2017 VII/6 Aufenthaltsbewilligung 50 VII BVGE / ATAF / DTAF er von den Behörden eines anderen Staats erwartete, gleich behandelt zu werden wie estnische Staatsangehörige, ist nicht nachvollziehbar. Davon abgesehen hatte er in seinem Umwandlungsgesuch vom 20 . November 2014 hinsichtlich der weissrussischen Staatsangehörigkeit seiner Ehefrau und seiner beiden erwachsenen Kinder keine Zuordnungsprobleme, ob - wohl zumindest seine beiden Kinder ihr ganzes bisheriges Leben in Est - land verbracht haben. Somit muss dem Beschwerdeführer auch ein schutz- würdiges Vertrauen abgesprochen werden. 6. 6.1 Art. 18 bis 29 AuG listen die ordentlichen V oraussetzungen für die Zulassung einer ausländischen Person zu einem Aufenthalt mit und ohne Erwerbstätigkeit auf. Art. 30 AuG enthält Tatbestände, bei denen von diesen Zulassungsvoraussetzungen abgewichen werden kann. Das ist ge - mäss Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG unter anderem der Fall, wenn einem schwerwiegenden persönlichen Härtefall oder wichtigen öffentlichen Inte- ressen Rechnung zu tragen ist. Art. 31 Abs. 1 der Verordnung vom 24. Ok- tober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit ( VZAE, SR 142.201) enthält eine nicht abschliessende Liste von Kriterien, die bei der Beurteilung der Frage, ob ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vor- liegt, zu berücksichtigen sind. Dazu gehören die Integration der gesuch - stellenden Person (Bst. a), die Respektierung der Rechtsordnung durch sie (Bst. b), ihre Familienverhältnisse ( Bst. c), ihre finanziellen Verhältnisse sowie ihr Wille zur Teilhabe am Wirts chaftsleben und zum Erwerb von Bildung (Bst. d), die Dauer ihrer Anwesenheit in der Schweiz (Bst. e), ihr Gesundheitszustand (Bst. f) und die Möglichkeiten für ihre Wiedereinglie- derung im Herkunftsland (Bst. g). 6.2 Schon aufgrund der Stellung von Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG im Gesetz (unter Abschnitt « Abweichungen von den Zulassungsvorausset - zungen »), seiner Formulierung und den vom Bundesgericht in der Recht- sprechung zum entsprechenden Art. 13 Bst. f der Verordnung vom 6. Ok- tober 1986 über die Begrenzung der Zahl der Ausländer (BVO, AS 1986 1791) genannten und jetzt in Art. 31 Abs. 1 VZAE aufgeführten Kriterien ergibt sich, dass dieser Bestimmung Ausnahmecharakter zukommt und dass die V oraussetzungen zur Anerkennung eines Härtefalls restriktiv zu handhaben sind. Die betroffene Person muss sich in einer persönlichen Notlage befinden. Das bedeutet, dass ihre Lebens- und Existenzbedingun- gen, gemessen am durchschnittlichen Schicksal von ausländischen Perso - nen, in gesteigertem Masse infrage gestellt sein müssen beziehungsweise Aufenthaltsbewilligung 2017 VII/6 BVGE / ATAF / DTAF VII 51 die Verweigerung einer Abweichung von den Zulassungsvoraussetzungen für sie mit schweren Nachteilen verbunden wäre. 6.3 Bei der Beurteilung eines Härtefalls müssen sämtliche Umstände des jeweiligen Einzelfalls berücksichtigt werden. Die Anerkennung als Härtefall setzt nicht zwingend voraus, dass die Anwesenheit in der Schweiz das einzige Mittel zur Verhinderung einer persönlichen Notlage darstellt. Auf der anderen Seite reichen eine langdauernde Anwesenheit und eine fortgeschrittene soziale und berufliche Integration sowie klaglo - ses Verhalten für sich alleine nicht aus, um einen schwerwiegenden per - sönlichen Härtefall zu begründen. Vielmehr wird vorausgesetzt, dass die ausländische Person so enge Beziehungen zur Schweiz unterhält, dass von ihr nicht verlangt werden kann, in einem anderen Land, insbesondere in ihrem Heimatstaat, zu leben. Berufliche, freundschaftliche und nachbar - schaftliche Beziehungen, welche die betroffene Person während ihres Auf- enthalts in der Schweiz knüpfen konnte, genügen normalerweise nicht für eine Abweichung von den Zulassungsvoraussetzungen (vgl. insb. BGE 130 II 39 E. 3 und BVGE 2007/45 E. 4.2, je m.H.). 6.4 Zu beachten gilt es ferner, dass im Zusammenhang mit dem schwerwiegenden persönlichen Härtefall ausschliesslich humanitäre Ge - sichtspunkte ausschlaggebend sind, wobei der Schwerpunkt auf der Veran- kerung in der Schweiz liegt. Im Rahmen einer Gesamtschau sind jedoch seit jeher auch der Gesundheitszustand einer Person sowie die M öglich- keiten einer Wiedereingliederung im Herkunftsland mitzuberücksichtigen (vgl. Art. 31 Abs. 1 Bst. f und g VZAE). Diese Prüfung kann nicht losge - löst von den persönlichen, familiären und ökonomischen Schwierigkeiten erfolgen, denen eine ausländische Person in ihrem Heimat - beziehungs- weise Herkunftsland ausgesetzt wäre (vgl. BGE 123 II 125 E. 3 S. 128). Daraus ergibt sich eine gewisse Überschneidung von Gründen, die für die Beurteilung der V ollziehbarkeit einer verfügten Wegweisung von Bedeu- tung sind (vgl. Art. 83 AuG), und solchen, die einen Härtefall (mit -)- begründen können. Das ist nicht zu vermeiden und in Kauf zu nehmen (vgl. Urteil des BVGer C‒3887/2009 vom 30. Mai 2012 E. 4.3 m.H.). 7. 7.1 Die V orinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, dass die Nachteile, die dem Beschwerdeführer für den Fall droh - ten, dass er nicht von den Zulassungsvoraussetzungen ausgenommen wer- de, nicht so schwer wögen, als dass von einem schwerwiegenden persönli-2017 VII/6 Aufenthaltsbewilligung 52 VII BVGE / ATAF / DTAF chen Härtefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG ausgegangen wer- den müsste. Im Einzelnen hebt die V orinstanz die folgenden Punkte her- vor: Der rund viereinhalbjährige Aufenthalt sei verhältnismässig kurz und könne nicht entscheidend ins Gewicht fallen. Der Umstand, dass der Be - schwerdeführer einer Erwerbstätigkeit nachgeht, nicht straffällig gewor - den ist und seine finanziellen V erpflichtungen erfüllt, wird zwar anerkannt. Nach Auffassung der V orinstanz zeugt dies jedoch nicht von einer ausser- ordentlichen Integrationsleistung. Vielmehr werde ein solches Verhalten von jedem Einwohner der Schweiz verlangt. Der Beschwerdeführer habe ferner kurzzeitig als Maurer, Gartengestalter sowie Allrounder und schliesslich vor allem als Mitarbeiter in einem Fleischverarbeitungsbetrieb gearbeitet. Es sei davon auszugehen, dass er auch in seinem Herkunftsstaat einer vergleichbaren Arbeit nachgehen könne. Familiäre Bindungen an die Schweiz habe der Beschwerdeführer nicht. Die Akten enthielten auch keine Hinweise auf einen schlechten Gesundheitszustand. Zusammenfas - send kann die V orinstanz keinen schwerwiegenden persönlichen Härtefall erkennen. 7.2 Der Beschwerdeführer betont seine gute berufliche und soziale Integration in der Schweiz sowie seinen tadellosen Leumund in finanziel- ler und strafrechtlicher Hinsicht. Während seines langen Aufenthalts sei die Schweiz zu seiner zweiten Heimat geworden. Weiter macht der Be - schwerdeführer geltend, dass er mit seinem Einkommen fü r den Lebens - unterhalt der Ehefrau und der Kinder aufkomme. Müsste er zurückkehren, stünde er vor dem Nichts, da es für ihn sehr schwierig wäre, wieder eine Arbeit zu finden. Denn er sei aus der Perspektive des Arbeitsmarkts fort - geschrittenen Alters und seit Jahren nicht mehr in den estnischen Arbeits- markt integriert. Zudem gehöre er der russischen Minderheit in Estland an, deren Angehörige nachweislich auch auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert würden und unter denen eine hohe Arbeitslosigkeit herrsche. Die V orin- stanz gehe daher zu Unrecht davon aus, dass er in seinem Herkunftsstaat wieder eine vergleichbare Arbeit finden könnte. Sie setze sich überhaupt nicht mit den Problemen auseinander, denen er als Russe ausgesetzt wäre. Beziehe man diese Problematik i n die Gesamtbeurteilung ein, sei in Ver - bindung mit seiner sehr guten Integration sehr wohl ein Härtefall gegeben. 7.3 In ihrer Vernehmlassung hält die V orinstanz an ihrer Beurteilung fest. Erneut weist sie darauf hin, dass der bisherige Aufenthalt des Be - schwerdeführers in der Schweiz nicht besonders lang sei. Dass der Be - schwerdeführer einer Erwerbstätigkeit nachgehe, nicht straffällig gewor - den sei und seinen finanziellen Verpflichtungen nachkomme, müsse als Aufenthaltsbewilligung 2017 VII/6 BVGE / ATAF / DTAF VII 53 normales Verhalten eines durchschnittlichen Bewohn ers der Schweiz be - wertet werden und zeuge nicht von einer überdurchschnittlichen Inte - grationsleistung. Der Bes chwerdeführer sei mit seinen 46 Jahren auch nicht zu alt, um in seinem Herkunftsstaat, in dem er seit 1990 gelebt habe, wieder Fuss zu fassen. Der Beschwerdeführer habe auch nicht konkret dar- gelegt, inwiefern er von der geltend gemachten Diskriminierung der rus - sischen Minderheit in Estland betroffen gewesen sei. Es sei darauf hinzu - weisen, dass rund 30 % der Einwohner Estlands russischsprachig s eien, am wirtschaftlichen Leben teilnehmen würden und sich vielfach nach dem Bestehen eines Staatsbürgerschaftstests hätten einbürgern lassen. Konkre- te Gründe für die Annahme, dass die Wiedereingliederung des Beschwer- deführers in seinem Herkunftsland nicht möglich wäre, lägen nicht vor. 7.4 Der Beschwerdeführer wiederum wiederholt in der Replik seine Argumente bezüglich der ihn erwartenden Schwierigkeiten einer wirt - schaftlichen Wiedereingliederung. Ferner widerspricht er der impliziten Darstellung der V orinstanz, dass sich die meisten Russen nach Bestehen eines Staatsbürgertests einbürgern liessen. Wie einem beigelegten Bericht der Organisation Human Rights Watch vom 7. Juni 2015 entnommen wer- den könne, sei die Anzahl der Staatenlosen in Estland immer noch ü ber- proportional hoch. Die Hürden für eine Einbürgerung seien, vor allem auf- grund von sprachlichen Anforderungen, kaum zu überwinden. Zwar seien die Regeln für Kinder und Senioren unter gewissen V oraussetzungen ge- lockert worden. Er selbst könne von diese r Lockerung nicht profitieren. Insbesondere die sprachlichen Anforderungen seien für ihn kaum zu er - füllen, und er könnte sich auch keinen Sprachkurs leisten. Zudem seien die Gebühren für das Verfahren eine grosse finanzielle Belastung. V or diesem Hintergrund sei hinreichend dargetan, dass eine wirtschaftliche Wi eder- eingliederung in Estland sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich sei. In Verbindung mit den anderen Beurteilungskriterien müsse von einem schwerwiegenden persönlichen Härtefall ausgegangen werden. 8. Das Bundesverwaltungsgericht teilt die Auffassung der V orin- stanz, dass kein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliegt, dem in Abweichung von den ordentlichen Zulassungsvoraussetzungen mit einer Aufenthaltsbewilligung Rechnung getragen werden müsste. 8.1 Wohl hält sich der Beschwerdeführer mittlerweile sechseinhalb Jahre in der Schweiz auf. Allerdings bestehen erhebliche Zweifel an seiner Gutgläubigkeit in die materielle Rechtmässigkeit seine s Aufenthalts (vgl. E. 5.4) und ist die Aufenthaltsdauer re chtsprechungsgemäss ohnehin zu 2017 VII/6 Aufenthaltsbewilligung 54 VII BVGE / ATAF / DTAF kurz, als dass er allein aus ihr und der damit normalerweise einhergehen - den Integration unter dem Gesichtspunkt des schwerwiegenden persönli - chen Härtefalls etwas für sich ableiten könnte (vgl. E. 6.3; ferner Urteil des BVGer C‒1090/2013 vom 19. Mai 2014 E. 5.1 m.H. u.a. auf die mit BGE 124 II 110 E. 3 begründete Kaynak -Rechtsprechung, die mit Blick auf die besondere Situation asylsuchender Personen nach zehnjährigem Aufenthalt ohne definitiven Asylentscheid und damit einhergehender guter Integration von einem schwerwiegenden persönlichen Härtefall ausgeht). Dass der Beschwerdeführer als Mitarbeiter geschätzt wird, für seinen Le - bensunterhalt ohne Inanspruchnahme der öffentlichen Sozialhilfe auf - kommt und sein finanzieller u nd strafrechtlicher Leumund einwandfrei sind, ist anzuerkennen, entspricht aber dem, was von jedem Einwohner der Schweiz erwartet wird, und kann nicht als besondere Integrationsleistung betrachtet werden, die ihn im Vergleich zu anderen ausländischen Perso - nen mit vergleichbarem Aufenthalt hervorheben würde. Die Feststellung, dass der Beschwerdeführer keine besonderen Integrationsleistungen vor - weisen kann, ist umso mehr berechtigt, als er zwar behauptet, dass die Schweiz zu seiner zweiten Heimat geworden sei, er jedoch keine substan- tiierten Angaben zu irgendwelchen sozialen Kontakten ausserhalb der be- ruflichen Sphäre macht. Es tritt hinzu, dass der Beschwerdeführer keine familiären Bande zur Schweiz unterhält (seine engsten Familienangehö - rigen leben in E stland) und dass nichts auf gesundheitliche Probleme schliessen lässt. 8.2 Zu den Möglichkeiten einer Wiedereingliederung im Herkunfts - land ist zu bemerken, dass der Beschwerdeführer nach eigenen Angaben in den sei ner Einreise vorangegangenen 20 Jahren in Estl and gelebt hat, wo seine Ehefrau und seine zwei inzwischen erwachsenen Kinder nach wie vor leben. Es kann daher ohne Weiteres angenommen werden, dass er mit den Verhältnissen in Estland bestens vertraut ist. Dies gilt umso mehr, als der Beschwerdeführer nach einem ungleich kürzeren Aufenthalt in der Schweiz für sich in Anspruch nimmt, bestens in die hiesigen Verhältnisse integriert zu sein. Zudem ist der Beschwe rdeführer gesund und hat mit 48 Jahren noch nicht ein Alter erreicht, das ihm den Wiedereinstieg in das Berufsleben verunmöglich en würde. Die berufliche Erfahrung, die er in der Schweiz dazugewonnen hat, wird ihm helfen. Was die Diskriminierung von Angehörigen der russischen Minderheit auf dem Arbeitsmarkt angeht, die der Beschwerdeführer mit Beweismi tteln zu belegen sucht (Amnesty International Report 2014/2015 und Bericht der Organis ation Human Aufenthaltsbewilligung 2017 VII/6 BVGE / ATAF / DTAF VII 55 Rights Watch vom 7. Juni 2015), so unterlässt er es, konkret und substan - tiiert darzulegen, inwiefern er persönlich von ihr betroffen wäre. Dieser Punkt ist von Bedeutung, denn die russische Gemeinschaft in Estland ist in Bezug auf ihren rechtlichen Status, die politische Einstellung und die sprachliche und wirtschaftliche Integration durchaus heterogen (vgl. dazu: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundes tags, Die russischen Minderheiten in den baltischen Staaten, Sachstand, 24. Februar 2017, Ak- tenzeichen WD2-3000-010/17, online abrufbar unter < https://www.bun- destag.de > Dokumente > Fachinformationen und Analysen, abgerufen am 09.11.2017). V on den Lebensverhältnissen des Beschwerdeführers in Est- land ist jedoch so gut wie nichts bekannt. Damit will nicht gesagt sein, dass eine Wiedereingliederung in Estland problemlos möglich wäre. Die Schwierigkeiten, denen der Beschwerdeführer ausgesetzt wäre, sind je - doch weder für sich allein noch in Verbindung mit seiner Integration in der Schweiz geeignet, einen schwerwiegenden persönlichen Härtefall nach Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG zu begründen.