- B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-383/2021 U r t e i l v o m 1 5 . M ä r z 2 0 2 1 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richterin Déborah D'Aveni, Gerichtsschreiberin Nina Klaus. Parteien A._______, geboren am (…), Iran, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 13. Januar 2021 / N (…). E-383/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer, ein iranische r Staatsangehöriger kurdischer Ethnie, mit letztem offiziellem Wohnort in B._______ (Provinz C._______), verliess den Iran eigenen Angaben zufolge am (…) 2020 illegal und ge- langte nach einer Reise über verschiedene Länder am 2. November 2020 in die Schweiz, wo er am darauffolgenden Tag um Asyl nachsuchte. Die Personalienaufnahme fand am 9. November 2020 statt (PA; Protokoll in den SEM -Akten: 1080266 [nachfolgend A] -9/7) und am 21. Dezem- ber 2020 wurde der Beschwerdeführer in Anwesenheit seiner zugewiese- nen Rechtsvertretung zu seinen Asylgründen befragt (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten: A25/12; nachfolgend A25). Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er im Wesentlichen aus, 2016 habe er D._______ (N.) kennen gelernt und sie hätten heiraten wollen. Die Familie von N. sei aber gegen eine Ehe gewesen, weil es bei ihnen üblich sei, den Cousin oder die Cousine zu heiraten. Er habe dann vor der Hoch- zeit Drohungen per Telefon erhalten und E._______ (S.), ein Cousin müt- terlicherseits und Verehrer von N., habe am Hochzeitstag versucht, N. da- ran zu hindern, ihr Elternhaus zu verlassen. Trotzdem hätten er und N. am (…) 2016 geheiratet und sie seien danach in die Nähe seiner Eltern in eine Eigentumswohnung gezogen. Nach der Hochzeit habe er weiterhin Dro- hungen erhalten. Die ganze Verwandtschaft von N., auch ihre Mutter, seien auf der Seite von S. gestanden und hätten ihn und N. ständig schikaniert und belästigt. N. sei aus Angst nicht mehr zu ihren Eltern gegangen, bis sie sich am (…) 2018 anlässlich der Neujahr sfeier zum ersten Mal nach der Heirat gewagt habe, sie zu besuchen. Ihre Familie habe ihr dann die Rück- kehr nicht mehr erlaubt und ihn mit verschiedenen Mitteln gezwungen, sich von N. scheiden zu lassen. So habe die Familie von N. etwa diverse Per- sonen zu ihm geschickt, um ihn unter Druck zu setzen. Seine Eltern und ein Onkel hätten vergeblich zu vermitteln versucht. Schliesslich habe die Familie von N. über einen Anwalt ein Scheidungsverfahren vor dem Fami- liengericht einleiten lassen. Er habe weiterhin regelmässig Heiratsgeld an N. bezahlt, woraus deren Familie geschlossen habe, dass er nach wie vor nicht in die Scheidung einwillige. S. sei dann zu seinen Eltern gegangen und habe gedroht, er werde den Beschwerdeführer umbringen , wenn er sich von N. nicht scheiden lasse. Er habe zwar Anzeige erstatten wollen, dies dann aber unterlassen, weil N. ihn über eine Drittperson habe wissen lassen, dass sie in einem solchen Fall noch stärker unter Druck gerate. Das Scheidungsverfahren sei immer noch hängig. E-383/2021 Seite 3 Ein Jahr nachdem er von N. getrennt worden sei, habe diese versuch t, wieder zu ihm zurückzukommen. Dabei sei sie erwischt worden. Wahr- scheinlich habe es eine körperliche Auseinandersetzung gegeben. Die Mutter von N. habe ihn dann über den Anwalt im Namen von N. angezeigt. Obwohl es keine Beweismittel gegeben habe, sei er verpflichtet worden, Schmerzensgeld zu bezahlen, was er auch getan habe. Die Schwierigkeiten hätten angedauert. Am (…) 2019 sei er von S. ange- griffen und geschlagen worden . Auch habe N. ihn über eine Drittperson warnen lassen, weshalb er aus Angst vor weiteren Behelligungen nicht mehr arbeiten gegangen sei und das Haus auch nicht mehr verlassen habe. Deswegen hätten seine Eltern für ihn Anzeige gegen S. erstattet. Dieser habe ihn deshalb noch mehr gehasst und seine Freunde hätten ihn in der Nähe seines Arbeitsplatzes und seiner Wohnung gesehen. Ende des Jahres 2019 sei er ein letztes Mal zu seiner Arbeitsstelle gegangen, um unter anderem einige Dokumente zu holen. Als er seinen Arbeitsort wieder habe verlassen wollen, habe er aus einer Dis tanz von 200 Metern S. in einem silbernen Peugeot entdeckt. S. habe ihm eine Pistole gezeigt. Er sei dann wieder in den Betrieb zurückgekehrt und habe die Polizei alarmiert. S. sei allerdings vor der Ankunft der Polizei geflüchtet. Noch am selben Abend sei er zu seiner Schwester nach F._______ gereist. Am (…) 2020 habe eine Person mit einem silbernen Peugeot versucht, ihn in der Nähe des Hauses seiner Schwester zu überfahren. Deswegen habe er sich zur Ausreise entschlossen. Nach seiner Ausreise seien auch seine Eltern und seine Schwester telefo- nisch bedroht und seine Eltern zu Hause aufgesucht worden. Zwei Monate nach seiner Ausreise sei S. in Abwesenheit vom Gericht schuldig gespro- chen worden. Da dessen Vater als pensioniertes Mitglied der Sepāh-e Pāsdārān-e Enqelāb-e Eslāmī (Sepah, dt. Armee der Wächter der Islami- schen Revolution oder Iranische Revolutionsgarde) über Einfluss verfüge, sei das Urteil milder als erwartet ausgefallen. Er sei zu einer Busse und, soviel er wisse, zu unbedingter Haft verurteilt worden, die Dauer der Strafe kenne er nicht. Er vermute, dass die Familie von N. gedacht habe, nach dem Urteil sei er wieder im Iran, denn er sei wieder überall gesucht worden und seine Eltern und seine Schwester seien erneut telefonisch bedroht worden. Bei einer Rückkehr befürchte er, von S. getötet zu werden. A.b Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Identitätskarte, se in Familienbüchlein im Original sowie seinen Militär - und Führerausweis (beide im Original) zu den Akten. E-383/2021 Seite 4 Ausserdem reichte er diverse fremdsprachige Dokumente, teilweise mit Übersetzung in die deutsche Sprache ins Recht (teilweise im Original), un- ter anderem: – Urteil des Familiengerichts B._______ vom (…) 2019 betreffend den Beschwerdeführer in Sachen Bezahlung von Brautgeld, – Urteil des Strafgerichts B._______, ebenfalls vom (…) 2019, betreffend den Beschwerdeführer aufgrund von Tätlichkeiten gegen N., – Urteil des Strafgerichts B._______ vom (…) 2020 betreffend S. wegen telefonischer Belästigungen, Beleidigungen, Bedrohung. B. Am 28. Dezember 2020 verfügte das SEM die Zuteilung des Beschwerde- führers ins erweiterte Verfahren, da es weitere Abklärungen, namentlich in Bezug auf die Plausibilität der Vorbringen und die eingereichten Beweis- mittel, für erforderlich erachtete. C. Mit am 14. Januar 2021 eröffneter Verfügung vom 13. Januar 2021 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an. D. Mit Eingabe vom 26. Januar 2021 erhob der Beschwerdeführer durch sei- nen Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er be- antragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, die Sache sei an die Vorinstanz zurückzuweisen und diese sei anzuweisen, den Beschwerde- führer ergänzend anzuhören sowie unter Berücksichtigung der ergänzen- den Anhörung und seiner Beschwerde eine Neubeurteilung vorzunehmen. Eventualiter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersucht er um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und beantragt die Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung sowie die Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand. Als Beilage reichte er unter anderem eine Vollmacht vom 25. Januar 2021 sowie eine Bestätigung seiner Fürsorgeabhängigkeit des G._______ vom 26. Januar 2021 zu den Akten. E-383/2021 Seite 5 E. Am 28. Januar 2021 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den Ein- gang der Beschwerde und stellte das einstweilige Anwesenheitsrecht des Beschwerdeführers in der Schweiz fest. F. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 28. Januar 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG [SR 142.31]). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. E-383/2021 Seite 6 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durch führung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 In seiner Rechtsmitteleingabe verlangt der Beschwerdeführer als Hauptantrag die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Durchfüh- rung einer ergänzenden Anhörung und Neubeurteilung. Er rügt diesbezüg- lich eine unvollständige Sachverhaltsabklärung. Diese Rüge ist vorab zu prüfen, da ihre Gutheissung geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanz- lichen Verfügung zu bewirken. 4.2 Das Verwaltungs-, beziehungsweise Asylverfahren wird vom Untersu- chungsgrundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Die Be - hörde hat von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendi- gen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklä- ren und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Die unrichtige oder un- vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver- haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach- verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal- tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013 , Rz. 1043; statt vieler: Urteil E-1542/2020 vom 26. Mai 2020 E. 4.1). Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein- zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreli ert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin- gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. E-383/2021 Seite 7 4.3 Der Beschwerdeführer macht geltend , seine Rechtsvertretung im be- schleunigten Verfahren habe am Ende der Anhörung festgehalten, dass allenfalls von Seite der Vorinstanz noch Fragen notwendig wären, um die Schutzwilligkeit der iranischen Behörden zu bestimmen. Daraufhin habe die befragende Person auf das erweiterte Verfahren verwiesen, wo später eine weitere Anhörung erfolgen werde (m.H.a. A25 F58). Am 13. Ja- nuar 2021 sei dann aber der angefochtene abschlägige Entscheid gefällt worden, ohne dass er Gelegenheit gehabt hätte, sich weiter zu seinen Asyl- gründen zu äussern. Die erste Anhörung habe zudem nur knapp vier Stun- den gedauert. Bei der Rechtsbelehrung im Anschluss an Frage 50 (recte F58) , wonach eine Zustellung des Asylentscheides an die Rechtsvertretung erfolge, wenn alle Fakten vorlägen, handle es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit nur um einen Textbaustein, der sich versehentlich und fälschlicherweise im Protokoll befinde. Diese Aussage stehe nämlich inhaltlich der Frage 58 bei- nahe diametral entgegen. Offenbar sei dies weder von ihm noch von der befragenden Person bei der Rückübersetzung bemerkt worden. Es könne insgesamt nicht von einem erstellten Sachverhalt ausgegangen werden, weshalb die Vorinstanz ihn ergänzend anzuhören und ihm damit Gelegenheit zu geben habe, sich noch weiter zu seinen Asylgründen zu äussern. 4.4 Die Argumentation des Beschwerdeführers erweist sich als nicht stichhaltig. Eine Durchsicht des Anhörungsprotokolls ergibt, dass das SEM nach der Antwort des Beschwerdeführers auf Frage 58 zwar tatsächlich unter anderem festhielt, er werde zu einem späteren Zeitpunkt zu einem zweiten Gespräch eingeladen, wo man ihn weiter zu seinen Asylgründen befragen werde. Gleich anschliessend folgt die Rechtsbelehrung. Gemäss dieser sei es möglich, dass der Beschwerdeführer zu einem zweiten Gespräch eingeladen werde. Komme das SEM aber zum Schluss, dass alle Fakten vorlägen, werde der Asylentscheid seiner Rechtsvertretung zugestellt. Eine gewisse Widersprüchlichkeit hinsichtlich der Frage, ob eine weitere Anhörung stattfinden werde, e rgibt sich daraus tatsächlich. Allerdings ist in einer Gesamtwürdigung nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer habe im Vertrauen darauf, dass er später weitere solche vorbringen könne, nicht alle wesentlichen Asylgründe genannt oder er habe nicht genü gend Gelegenheit gehabt, diese umfassend darzulegen . Auch ist nicht ersichtlich, inwiefern der Sachverhalt nicht als vollständig erstellt erachtet werden könnte. E-383/2021 Seite 8 Vorab ist festzustellen, dass d ie Anhörung in Anwesenheit der Rechtsvertretung stattfand und zu erwarten gewesen wäre, dass entweder sie oder der Beschwerdeführer selbst im Anschluss an die Rechtsbelehrung nachgefragt hätte. Denn die Frage 59 lautete ausdrücklich "Haben Sie noch Fragen dazu ?", worauf der Beschwer - deführer einzig fragte, ob noch Dokumente nötig seien. Aber auch am Ende der Anhörung nahm weder der Beschwerdeführer noch seine Rechtsvertretung auf eine mögliche Unklarheit hinsichtlich einer weiteren Anhörung Bezug und fragte nach. Stattdessen bestätigte der Beschwerdeführer, dass ihm das Protokoll Satz für Satz vorgelesen und in eine ihm verständliche Sprache übersetzt worden sei, vollständig sei und seinen freien Äusserungen entspreche. Die Rechtsvertretung erklärte unterschriftlich, keine weiteren Fragen zu haben (vgl. A25 S. 12). Sodann hatte der Beschwerdeführer Gelegenheit, seine Asylgründe in freier Rede ausführlich zu schildern. Der Befrager forderte ihn auf, möglichst detaillierte und ausführliche Angaben zu machen und ergänzte, er solle alles nennen, was ihm in Erinnerung geblieben sei, auch wenn es ihm unwichtig erscheine (vgl. ebd. F34 ). Die Schilderungen des Beschwerdeführers sind dann auch ausführlich ausgefallen. Anschliessend stellte der Befrager mehrere Rückfragen und vergewisserte sich zweimal, ob der Beschwerdeführer die wichtigsten Vorfälle habe nennen können, was dieser bestätigte (vgl. ebd. F50ff.). Auf die Frage 58 an die Rechtsvertretung, ob es aus ihrer Sicht noch Fragen oder Themenbereiche gebe, die noch nicht angesproch en worden und für die Sachverhaltsdarstellung wesentlich seien, antwortete diese nur: "Vielleicht wären noch mehr Fragen nötig, um die Schutzwilligkeit zu bestimmen." Daraus wird nicht ersichtlich, inwiefern der Sachverhalt nicht als hinreichend erstellt g elten könnte. Bezeichnenderweise ergänzt der Beschwerdeführer den Sachverhalt auf Beschwerdestufe in materieller Hinsicht nicht respektive konkretisiert nicht, welche Angaben er noch hätte machen wollen. Aus dem pauschalen Hinweis, die Anhörung habe lediglich vier Stunden gedauert, vermag er ebenfalls nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. 4.5 Abschliessend ist die Vorinstanz auf ihre Aktenführungspflicht hinzu- weisen. Die Akten müssen geordnet, übersichtlich und vollständig sein (zum Ganzen BVGE 2015/10 E. 3.3 m .w.H.). Im vorliegenden Fall ist sie diesem Grundsatz bezüglich der vom Beschwerdeführer eingereichten Be- weismittel nicht genügend nachgekommen. Sie hat es unterlassen, sämtli-E-383/2021 Seite 9 che Beweismittel zu paginieren und im Beweismittelverzeichnis aufzufüh- ren. Ausserdem hat sie mehrere Beweismittel, bei denen es sich um unter- schiedliche Dokumente handelt, zweimal mit derselben Paginierung verse- hen. Nachdem sie die Beweismittel in der angefochtenen Verfügung den- noch aufgeführt und berücksichtigt hat, ist dem Beschwerdeführer aber aus der mangelnden Beweismittelführung kein Nachteil erwachsen und eine Rückweisung alleine deswegen rechtfertigt sich nicht . Die Vorinstanz ist dennoch angehalten, den Mangel zu beheben. 4.6 Nach dem Gesagten ist von einem vollständig erstellten Sachverhalt auszugehen und auch sonst sind keine formellen Mängel ersichtlich , die eine Aufhebung der angefochtenen Verfügung rechtfertigen. Der Rückwei- sungsantrag ist abzuweisen. 5. Streitig und nachfolgend zu prüfen ist die Flüchtlingseigenschaft des Be- schwerdeführers und gegebenenfalls die Asylgewährung. Falls kein Asyl zu gewähren ist, sind im Weiteren die Wegweisung und der Wegweisungs- vollzug zu prüfen. 6. 6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom- mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.). Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merk- male, die untrennbar mit der Person oder Pe rsönlichkeit des Opfers ver- bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An- erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be- troffene Person in ihrem Heimat - oder Herkunftsstaat keinen ausreichen- den Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2). Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt E-383/2021 Seite 10 der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung auf andau- ernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsu- chenden Person zu berücksichti gen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2010/9 E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.). 6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 7. 7.1 Zur Verneinung der Flüchtlingseigenschaft und Abweisung des Asylge- suches führt die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung im Wesentli- chen folgendes aus: 7.1.1 Der Beschwerdeführer mache Übergriffe durch Dritte beziehungs- weise eine Befürchtung, künftig solchen ausgesetzt zu sein, geltend. Dies sei nur dann asylrelevant, wenn der Staat nicht schutzwillig oder schutzfä- hig sei. Der iranische Staat sei schutzfähig und schutzwillig, wofür auch die entgegengenommene Anzeige seiner Familie sowie das Urteil gegen S. sprächen. Im Urteil werde S., nebst einer Geldstrafe, mit 50 zu vollstre- ckenden Peitschenhieben bestraft. Dies entspreche entgegen seinen Aus- sagen keiner milden oder bedingten Strafe, die den Einfluss seines Vaters vermuten liesse. Zudem habe er selbst zu Protokoll gegeben, in einem Fall von Bedrohung durch S. die Polizei informiert zu haben, welche gekommen sei, um sich der Sache anzunehmen. Es wäre ihm darum auch zuzumuten und möglich gewesen, aufgrund der Bedrohung mit einer Pistole durch S. persönlich Anzeige zu erstatten. Dies habe er jedoch unterlassen. Den ira- nischen Behörden könne deshalb weder Mangel an Schutzwille noch an Schutzfähigkeit vorgeworfen werden. Eine Verfolgung sei ausserdem nur asylrelevant, wenn sie aus einem in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motiv erfolgt sei oder künftig drohe, was vorliegend nicht der Fall sei. S. bedrohe ihn aufgrund persönlicher respek- tive niederer Anreize – wie Rachegedanken aufgrund einer nichterwiderten Liebe – und damit offensichtlich nicht aus einem der von Art. 3 AsylG ge- schützten Gründe. E-383/2021 Seite 11 Gemäss dem Subsidiaritätsprinzip seien Personen mit ein er innerstaatli- chen Fluchtalternative nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewiesen. Der Beschwerdeführer habe Nachteile geltend gemacht, die sich aus lokal beschränkten Verfolgungsmassnahmen durch eine private Drittperson ab- leiteten. Da er sich den beschriebenen Nachteilen durch einen Wegzug in einen anderen Landesteil des Irans entziehen könne, sei er nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. Demnach seien seine Vorbringen auch aus diesem Grund nicht geeignet, eine asylrechtliche Relevanz zu entfal- ten. 7.1.2 Das SEM erwog weiter, eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung liege grundsätzlich nicht vor, wenn staatliche Massnahmen rechtsstaatlich legitimen Zwecken dienten. Solche Massnahmen seien nur dann asylrele- vant, wenn die Strafe aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Gründe deutlich höher als bei anderen ausfalle (relativer Malus) oder un- verhältnismässig streng sei und in keinem Verhältnis zum kriminellen Un- recht stehe (absoluter Malus). Der Beschwerdeführer habe vorgebracht, von der Familie von N. fälschli- cherweise aufgrund von begangener Körperverletzung an ihr angezeigt worden zu sein, die sie vermutlich erlitten habe, als sie von ihrer Familie bei einem Fluchtversuch erwischt worden sei. Eine Untersuchung habe seine Unschuld ergeben, es habe keine Zeugen oder Beweismittel gege- ben. Dennoch habe er Schmerzensgeld leisten müssen. Diese Strafe lasse in keiner Weise auf einen Politmalus schliessen. Letztere habe nicht am Prozess teilgenommen, sondern sei nur an waltlich vertreten worden, da sie in dieser Sache nichts zu sagen gehabt habe. Es habe keine Zeugen oder Beweismittel gegeben. Obwohl im Urteil festgehalten werde, N. habe persönlich zu Protokoll gegeben, alle im Attest der Gerichtsmedizin aufge- listeten Verletzungen seien ihr von ihm zugefügt worden, habe er gemäss Urteil keinen Einspruch dagegen eingelegt. Seine Sicht der Dinge finde im abgegebenen Gerichtsurteil auch keine Bestätigung. Selbst wenn er aber zu Unrecht aufgrund von Körperverletzung verurteilt worden wäre, wäre die Strafe nicht aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Gründe aus- gesprochen worden oder aufgrund eines solchen Motives erhöht ausgefal- len. Zudem wäre es ihm freigestanden, sich vor Gericht anwaltlich besser vertreten zu lassen, zumal er angegeben habe, Rechtsanwälte in der Fa- milie zu haben. Das SEM gehe daher von einer legitimen Massnahme auf- grund von Körperverletzung aus. Ebenso ergebe sich aus den Gerichtsak-E-383/2021 Seite 12 ten das Bild eines von N. angestrebten und rechtstaatlichen Gerichtspro- zesses zu finanziellen Regelungen bezüglich eines gesetzlich vereinbarten Heiratsgeldes. 7.1.3 Schliesslich hielt das SEM fest, nachdem die Vorbringen des Be- schwerdeführers insgesamt den Anforderungen an die Flüchtlingseigen- schaft nicht standhielten, könne darauf verzichtet werden, auf allfällige Un- glaubhaftigkeitselemente einzugehen. Trotzdem sprächen einige seiner Aussagen gegen die Glaubhaftigkeit. So habe er beispielsweise zu Proto- koll gegeben, dass er aus einer Entfernung von zweihundert Metern genau gesehen haben wolle, wie S. ihn aus einem Auto heraus mit einer Pistole der Marke Colt bedroht habe. Dies scheine realitätsfern. 7.2 In der Rechtsmittelschrift wendet der Beschwerdeführer in materieller Hinsicht im Wesentlichen ein, der iranische Staat könne nicht als schutzfä- hig und schutzwillig erachtet werden. Die gegen S. ausgesprochene Kör- perstrafe verstosse gegen Art. 3 EMRK und stelle da mit einen absoluten Malus dar. Es könne nicht von ihm erwartet werden, sich an den iranischen Staat zu wenden und S. der Folter auszuliefern. Zudem sei davon auszu- gehen, dass S. aufgrund der verhängten Körperstrafe noch stärker auf Ra- che sinne. Selbst das SEM gestehe ein, dass S. ihn aus Rache aufgrund einer nichterwiderten Liebe verfolge. Zu berücksichtigen bleibe schliess- lich, dass auch ihm selber Folter drohe, sollte irgendeinmal seitens der ira- nischen Behörden ein Strafurteil gegen ihn erlassen werden. 8. 8.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Überprüfung der Akten zum Schluss, dass das SEM zutreffend festgestellt hat, die Vorbringen des Beschwerdeführers erfüllten die Voraussetzungen der Flüchtlingseigen- schaft nicht, und dies gleich aus verschiedenen Gründen. Es kann vorab auf die grösstenteils zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Ver- fügung verwiesen werden. Die Einwände in der Beschwerde vermögen nicht zu einer anderen Gewichtung zu führen. 8.1.1 Das SEM hält insbesondere zu Recht fest, dass den vom Beschwer- deführer geltend gemachten Ereignissen und Befürchtungen im Zusam- menhang mit S. kein asylrelevantes Motiv im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG zugrunde liege. Zutreffend verweist es sodann bezüglich des Urteils vom (…) 2019 gegen den Beschwerdeführer im Zusammenhang mit Tätlichkei- ten gegen N. auf eine legitime Strafverfolgung, aus der kein Malus hervor-E-383/2021 Seite 13 gehe. Auf Beschwerdeebene wird dem nichts entgegengehalten, abgese- hen vom pauschalen Hinweis, es könnte dem Beschwerdeführer irgend- einmal Folter drohen. Dieser vermag offensichtlich nichts zu bewirken. Zutreffend sind aber auch die Erwägungen der Vorinstanz zur Schutzfähig- keit und –willigkeit der iranischen Behörden in seinem Fall . Darauf kann ebenfalls verwiesen werden. Der Einwand in der Beschwerde, er könne sich aufgrund des Urteils gegen S., das eine Folterstrafe und damit einen absoluten Malus vorsehe, nicht mehr an die iranischen Behörden wenden, bewirkt nichts zu seinen Gunsten . Abgesehen davon, ist der Einwand schlecht vereinbar, mit seinen mehrfachen Äusserungen, S. brauche sich vor den iranischen Behörden nicht zu fürchten, da sein Vater grossen Ein- fluss auf diese habe (vgl. u.a. A25 F34 S. 6) . Insgesamt bleibt Fakt, dass die iranischen Behörden mehrmals bereit waren, den Beschwerdeführer zu schützen, und es gibt keine Anhaltspunkte dafür, sie würden es nicht auch künftig tun. Der Einwand, es sei seit dem Urteil gegen S. noch von stärke- ren Rachegefühlen bei ihm auszugehen, ändert daran nichts. Es ist an die- ser Stelle festzuhalten, dass es keinem Staat gelingt, die absolute Sicher- heit aller seiner Bürger zu jeder Zeit und überall zu garantieren. Erforderlich nach der massgeblichen Rechtsprechung ist, dass eine funktionierende und effiziente Schutz-Infrastruktur zur Verfügung steht, wobei in erster Linie an polizeiliche Aufgaben wahrnehmende Organe sowie an ein Rechts- und Justizsystem zu denken ist, das eine effektive Strafverfolgung ermöglicht (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2) . Zu Recht hat das SEM festgehalten, die Vor- bringen des Beschwerdeführers sowie die eingereichten Beweismittel lies- sen den Schluss zu, er habe solchen Schutz erhalten. Es ist davon auszu- gehen, er sei ihm auch künftig zugänglich. Zwar gibt er sinngemäss an, es sei ihm nicht zumutbar, um Schutz nachzusuchen, da er N. damit gefährde, allerdings hat er es dann dennoch über seinen Vater getan und es ist ihm auch künftig zumutbar, an die iranischen Behörden zu gelangen, sollte er weiterhin Bedrohungen erhalten. Schliesslich stimmt das Bundesverwaltungsgericht auch mit der Einschät- zung des SEM, der Beschwerdeführer könnte sich allfälligen Bedrohungen seitens S. entziehen, indem er in einem anderen Landesteil leben würde, überein. Zu denken ist in erster Linie an die rund (…) Kilometer entfernte Grossstadt F._______. Dass es sich beim Insassen des Autos, das ihn an- geblich nahe der Wohnung seiner Schwester habe überfahren wollen, um S. gehandelt habe, äussert der Beschwerdeführer nur als vage Vermutung (vgl. A25 F34 S. 7). Ganz abgesehen davon, dass es angesichts seiner guten beruflichen Qualifika tionen und seinen Arbeitserfahrungen keinen E-383/2021 Seite 14 Grund dafür gibt, dass der Beschwerdeführer in einem anderen Quartier als seine Schwester leben kann, kämen auch andere Alternativen in Frage, etwa C._______, wo er studiert hatte oder H._______, von wo er mit Hilfe eines Kollegen die Ausreise geplant hat. 8.1.2 Auch wenn sich eine umfassende Prüfung des Sachverhalts auf seine Glaubhaftigkeit hin angesichts der fehlenden Asylrelevanz der Vor- bringen nicht aufdrängt, kann ergänzend festgestellt werden, dass die Vorinstanz zu Recht diesbezüglich gewisse Zweifel erhebt. Zwar geht aus dem Protokoll nicht klar hervor, dass er mit "Colt" auch wirklich die Marke der Pistole gemeint hat, ist doch der Ausdruck auch gebräuchlich für eine Handfeuerwaffe im allgemeinen Sinne. Allerdings gibt es auch abgesehen davon Unklarheiten und Widersprüche, die sich nicht ohne weiteres erklä- ren lassen. So führt er etwa in der Beschwerde aus, seine Ehefrau habe sich immer gefürchtet, wenn sie ihre Familie besucht habe. Nach ein em Besuch am Neujahr habe die Familie ihr nicht erlaubt, zum Beschwerde- führer zurückzukehren (vgl. Beschwerdeschrift, S. 2). Diese Aussage kann alleine so interpretiert werden, dass die Ehefrau die Familie mehrmals be- sucht habe, bevor ihr dann die Rückkehr nicht mehr erlaubt worden sei. Dies widerspricht seiner ausdrücklichen Angabe anlässlich der Anhörung, die Schikanen und Belästigungen seitens der Familie von N. seien so weit gegangen, dass N. Angst gehabt habe, ihre Eltern besuchen zu gehen. Im Jahr 1397 sei sie zum ersten Mal nach der Heirat, wegen der Neujahrsfeier zu ihren Eltern gegangen. Danach habe ihre Familie ihr nicht mehr erlaubt, zu ihm zurückzukommen (vgl. A25 F34, 3. Abschnitt, S. 6f). Auch weist das SEM zurecht daraufhin, dass die eingereic hten Beweismittel inhaltlich die Sachdarstellung des Beschwerdeführers nicht überall bestätigen. Unter anderem ist dem Urteil gegen S. zu entnehmen, der Vater des Beschwer- deführers habe anlässlich der Anzeige ausgesagt, sein Sohn und dessen Ehefrau hätten Eheprobleme und stünden kurz vor der Trennung, was mit der Sachdarstellung des Beschwerdeführers schlecht vereinbar ist. 8.2 Zusammenfassend hat das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Be- schwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. 9. 9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). E-383/2021 Seite 15 9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 10. 10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 10.2 10.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent- gegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (flüchtlings- rechtliches Refoulementverbot; Art. 33 Abs. 1 FK und Art. 5 Abs. 1 AsylG). Zudem darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden (menschenrechtliches Refou- lementverbot; Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 EMRK und Art. 3 des Übereinkom- mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un- menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]). Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschen- rechte (EGMR) und des UN -Anti-Folterausschusses liegt eine Verletzung des menschenrechtlichen Refoulementverbots vor, wenn die Beschwerde- führenden eine konkrete Gefahr ("real risk") dafür nachweisen oder glaub- haft machen können, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung droht (vgl. Urteil des EG MR Saadi gegen Ita- lien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). 10.2.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich relevante Gefährdung darzulegen, findet das flüchtlingsrechtliche Refoule- mentverbot vorliegend keine Anwe ndung. Es ist aber auch nicht davon E-383/2021 Seite 16 auszugehen, es drohe ihm bei seiner Rückkehr ein "real risk" einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung. Vorab ist festzuhalten, dass sich das Interesse von S. am Beschwerdeführer durch Zeitablauf und eine möglicherweise inzwischen erfol gte Scheidung – ge- mäss dem Urteil gegen S. sei sie bei der Anzeige durch den Vater des Beschwerdeführers kurz bevorgestanden – bereits reduziert hat. Unabhän- gig davon könnte sich der Beschwerdeführer mit einer Wohnsitznahme in einem anderen Landesteil Irans der Bedrohung entziehen und/oder sich gegebenenfalls erneut an die iranischen Behörden wenden. Sein pauscha- ler Hinweis, er selbst hätte unter Umständen irgen deinmal Folter zu be- fürchten, vermag offensichtlic h kein e ernsthafte Gefahr im Sinne eines "real risk" zu begründen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Iran lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzu- lässig erscheinen, auch wenn diese in diverser Hinsicht zu beanstanden ist. 10.2.3 Entsprechend ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der flüchtlingsrechtlichen als auch der menschenrechtlichen Bestimmungen zulässig. 10.3 10.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 10.3.2 Im Iran herrscht weder Krieg, Bürgerkrieg noch eine Situation allge- meiner Gewalt (vgl. dazu etwa Urteile des BVGer D-5950/2019 vom 2. Feb- ruar 2021 E. 8.3.1 und E -2387/2018 vom 26. Januar 2021 E. 8.5.1). Der Vollzug von Wegweisungen in den Iran ist daher in ständiger Praxis als generell zumutbar zu erachten. 10.3.3 Der Beschwerdeführer gab zu seinen Lebensverhältnissen an, er sei im Bezirk B._______ in der Provinz C._______ geboren. Er habe eine Matura in (…) sowie (…) abgeschlossen und danach ein Bachelorstudium als (…) an der I._______ Universität in C._______ absolviert. Während seines Studiums habe er als (…) in einem (…) gearbeitet. Nach Abschluss seines Bachelorstudiums habe er für sechzehn Monate Militärdienst ge- leistet. Sein Masterstudium in (…) habe er fast abgeschlossen. Da er seine E-383/2021 Seite 17 Masterarbeit nicht eingereicht habe, sei ihm noch kein Diplom ausgestellt worden. Nach dem Abbruch seines Studiums sei er zurück zu seinen Eltern in seine Heimatstadt B._______ gezogen und habe dort in einem Be trieb gearbeitet, der (…) hergestellt habe. Von ungefähr April/Mai 2020 bis zu seiner Ausreise habe er bei seiner Schwester in F._______ gewohnt. Zu Recht erwägt das SEM, der Wegweisungsvollzug des volljährigen und überdurchschnittlich ausgebildeten Beschwerdeführers sei zumutbar. Er habe für mehrere Jahre in höheren Positionen gearbeitet und – ausser während seines Studiums – sein Leben lang in B._______ gelebt. Nach der Trennung von N. respektive vor seiner Ausreise habe er dort mit seinen Eltern zusammengelebt und gearbeitet. Sein Vater sei pensionierter (…) und lebe von seiner Rente. Zusätzlich besitze dieser einige Hektar Felder, welche einen zusätzlichen Profit erzielten. Er verfüge somit über ein sozi- ales Umfeld, welches ihn bei einer Rückkehr eine Unterkunft und Hilfe zur wirtschaftlichen Reintegration bieten könne. Ferner sei ihm unbenommen, seinen Wohnort nach F._______ oder in eine andere ira nische Stadt zu verlegen. Seine Schwester arbeite als (…) und lebe in F._______. Bereits vor seiner Ausreise habe er für mehrere Monate bei ihr gelebt. Bestimmt könne er auch nach einer Rückkehr in den Iran auf ihre Hilfe zählen. Der Beschwerdeführer wendet in der Rechtsmitteleingabe dagegen nichts ein. Es bleibt einzig anzufügen, dass die von der Vorinstanz g enannten ver- wandtschaftlichen Beziehungen, die bei seiner Rückkehr stützend sein könnten, als begünstigende Faktoren zu werten sind. Es ist aber ohne Wei- teres davon auszugehen, der Beschwerdeführer könne sich selbst um eine Unterkunft und seine wirtschaftliche Existenzgrundlage kümmern. 10.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 10.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). E-383/2021 Seite 18 11. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. Es erüb- rigt sich, auf den weiteren Inhalt der Beschwerdeschrift näher einzugehen. Die Beschwerde ist abzuweisen. 12. Es verbleibt der Entscheid über die Kosten und eine allfällige Entschädi- gung. 12.1 Die Behandlung des Gesuchs um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses erübrigt sich mit dem vorliegenden abschliessenden Urteil in der Sache. 12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da seine Rechtsbegehren jedoch nicht von vornherein als aussichtslos betrachtet werden können und seine Bedürftigkeit ausgewiesen ist, ist das G esuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten zu erheben. 12.3 Demgemäss ist auch das Gesuch um Beiordnung eine s amtlichen Rechtsbeistandes gestützt auf Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG gutzuheissen. Der bevollmächtige Rechtsvertreter lic. iur. Dominik Löhrer erfüllt die An- forderungen von Art. 1 02m Abs. 3 AsylG. Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote zu den Akten gereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann indessen verzichtet werden, weil der Vertretungsaufwand zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In Anwendung der genannten Bestimmung und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) ist de m Rechtsvertreter ein amtli- ches Honorar im Umfang von Fr. 400.– (inkl. Auslagen) zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) E-383/2021 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das Gesuch um Beigabe von lic. iur. Dominik Löhrer als unentgeltlicher Rechtsbeistand wird gutgeheissen. Sein Honorar wird auf Fr. 400.– festge- setzt und durch die Gerichtskasse vergütet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Nina Klaus Versand: