B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6278/2009 U r t e i l v o m 9 . A u g u s t 2 0 1 2 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter François Badoud, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiberin Stella Boleki. Parteien A._______, (…), Türkei, vertreten durch Rechtsanwalt Peter Frei, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 9. September 2009 / N (…). E-6278/2009 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine alevitische Kurdin aus C._______ (Provinz B._______ im Südosten der Türkei) reiste eigenen Angaben zufolge am 26. September 2008 aus ihrem Heimatstaat aus und gelangte über Bos- nien und Herzegowina sowie Italien am 29. September 2008 in die Schweiz. Gleichentags suchte sie im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl nach. Am 7. Oktober 2008 wurde sie zu ihrer Pe r- son, der Aus- und Weiterreise sowie summarisch zu den Asylgründen be- fragt. Eine einlässliche Anhörung zu den Asylgründen erfolgte am 7. Juli 2009. B. Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs im Wesentlichen vor, sie und die anderen Mitglieder ihrer Familie stünden seit vielen Jahren unter Beobachtun g der türkischen Sicherheitsbehör- den, weil viele ihrer Geschwister Mitglieder und Unterstützer der "Partiya Karkerên Kurdistan" (PKK; Kurdische Arbeiterpartei) und ins Ausland ge- flohen seien. Einer ihrer politisch aktiven Brüder sei in den 1990er-Jahren umgekommen. Sie selber sei seit dem Jahr (…) Mitglied der Frauenfrak- tion der "Demokratik Toplum Partisi " (DTP) und Mitglied des "İnsan Hakları Derneği " (IHD; Menschenrechtsverein). Sie habe jeweils an Newroz-Festivitäten sowie an Kundgebungen anlässlich des Weltfrauen- tags teilgenommen. Am (…) 2008 sei sie verhaftet und auf den Polize i- posten von B._______ gebracht worden . Sicherheitsleute hätten sie für den Fall der Weiterführung ihrer politischen Aktivitäten mit dem Tod b e- droht und dabei auch ihre "terroristischen Brüder" erwähnt. Einige Tage nach (…) habe sie an zwei Begräbniszeremonien von Guerilla-Kämpfern teilgenommen und mit anderen Parteimitgliedern Parolen skandiert; dabei seien sie von der Polizei gefilmt worden. Das Militär habe versucht, die zirka zwei- bis dreihundert Personen einzukreisen, worauf sich die Me n- schenmenge aufgelöst und in alle Richtungen verstreut habe. An diesem Abend sei sie nicht nach Hause gegangen, sondern habe sich zuerst bei ihrem Cousin, danach bei ihrer Schwes ter in der Provinz D._______ ver- steckt. Von ihrem Vater habe sie dann erfahren, dass die Polizei sie zu Hause aufgesucht habe. Aus Furcht vor staatlichen Repressalien habe sie sich zur Ausreise entschlossen . Die Familie habe ihr geraten , zu ih- rem in E._______ lebenden Cousin zu gehen. Dieser habe ihr auch die Ausreise aus der Türkei organisiert. E-6278/2009 Seite 3 Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin Kopie n einer Anklage- schrift betreffend ihren Cousin und eines an sie gerichteten, undatierten Schreibens sowie ihre Identitätskarte (Nüfus) zu den Akten. Weiter wur- den ihr IHD-Mitgliederausweis im Original sowie eine Einladung der DTP- Sektion (…) eingereicht. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführer in er- suchte das BFM um eine amtsintern e summarische Übersetzung dieser Unterlagen. C. Mit Verfügung vom 9 . September 2009 – dem Rechtsvertreter der B e- schwerdeführerin am 18. September 2009 eröffnet – wies die Vorinstanz das Asylgesuch de r Beschwerdeführerin vom 29. September 2008 ab, verneinte die Flüchtlingseigenschaft und ordnete die Wegweisung sowie deren Vollzug an. D. Mit Beschwerde vom 3. Oktober 2009 beantragte die Beschwerdeführerin mittels ihres Rechtsvertreters, die angefochtene Verfügung sei aufzuh e- ben, sie sei als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihr Asyl zu gewähren, eventualiter sei festzustellen, dass die Wegweisung aus der Schweiz u n- zulässig und unzumutbar sei. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei ihr die unentgeltliche Prozessführung sowie die unentgeltliche Rechtsverbeistän- dung zu gewähren. E. Am 29. Oktober 2009 wies die damals zuständige Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ab u nd erhob einen Kostenvo r- schuss in der Höhe von Fr. 600. –. Dieser wurde in der Folge fristgerecht überwiesen. F. Am 19. November 2009 hielt die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung an ihrem bisherigen Standpunkt fest und beantragte die Abweisung. G. Mit Replik vo m 23. November 2009 reichte die Beschwerdeführerin mi t- tels ihres Rechtsvertreters ein Referenzschreiben des Präsidenten der DTP-Sektion von B._______ im Original samt deutscher Ü bersetzung zu den Akten, in welchem dieser mehrere vom Rechtsvertreter gestellte Fra- gen betreffend die Beschwerdeführerin beantwortet habe. E-6278/2009 Seite 4 H. Mit Eingabe der Beschwerdeführerin vom 14. Dezember 2009 wurde die Videokassette einer Live-Sendung des kurdischen Fernsehsenders ROJ - TV nachgereicht, welche in F._______ anlässlich einer öffe ntlichen Ver- anstaltung der kurdischen Bewegung aufgenommen und über Satellit in der Türkei ausgestrahlt w orden sei . Dazu wurde ausgeführt, d ie B e- schwerdeführerin äussere sich im kurzen Beitrag zu (…). Zudem wurde darauf hingewiesen, dass die Partei der Bes chwerdeführerin, DTP , kürz- lich vom türkischen Verfassungsgericht verboten worden sei. I. Am 16. September 2011 wurde der Beschwerdeführerin gemäss ihrer An- frage der Identitätsausweis zwecks Heiratsvorbereitungen zugestellt. Die zivilrechtliche Trauung der Beschwerdeführerin mit einem in G._______ lebenden Landsmann erfolgte vom (…). J. Im Sommer 2012 übernahm der vorsitzende Richter das Verfahren von der vormaligen Instruktionsrichterin. Er forderte die Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 27. Juni 2012 unter Hinweis auf ihre Mitwirkung s- pflicht unter anderem dazu auf, weitere Angaben zum aufenthaltsrechtl i- chen Status ihres in G._______ lebenden Ehemannes zu machen und das Gericht über einen allfälligen asylrechtlichen Hintergrund ihrer in an- deren europäischen Ländern lebenden Brüder zu informieren. K. Am 6. Juli 2012 ging beim Bundesverwaltungsgericht ein Schreiben der Beschwerdeführerin mit Antworten auf die ihr gestellten Fragen ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört z u den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher E-6278/2009 Seite 5 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nacht eilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bew irken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-E-6278/2009 Seite 6 geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz beurteilte die von der Beschwerdeführerin vorgebrach- ten Vorfälle – unter Berücksichtigung des Umstandes, dass sie aus einer politisch exponierten Familie stamme und selbst verschiedene politische Aktivitäten entfaltet habe – als Unannehmlichkeiten, die angesichts ihrer geringen Intensität nicht als e rnsthafte N achteile bezeichnet werden könnten. So sei die Beschwerdeführerin ihren Angaben zufolge lediglich ein einziges Mal, (…) 2008, auf einen Polizeiposten mitgenommen und dabei bedroht und nach einigen Stunden wieder freigelassen worden. Dass sie nunmehr zu befürchten habe, künftig staatlichen Verfolgung s- massnahmen ausgesetzt zu sein, weil sie bei der Beerdigungszeremonie gefilmt und dabei identifiziert worden sei, sei nicht anzunehmen. Zudem seien ihren Angaben zufolge zirka zwei- bis dreihundert Personen anwe- send gewesen , weshalb eine derart schnell e Identifizierung und Suche nach ihr ohnehin etwas suspekt erscheine, zumal sie sich ja offenbar nicht speziell e xponiert habe. Jedenfalls bestünden keine konkreten A n- haltspunkte für eine drohende zukünftige Verfolgung. An dieser Einschät- zung vermöchten auch die von ihr eingereichten Beweismittel nichts zu ändern. Die Anklageschrift betreffe einen Cousin und weise keinen Bezug zu ihr auf. Obwohl vier Brüder als Flüchtlinge in der Schweiz und je ein weiterer Bruder in M._______ und in N._______ wohnhaft seien, habe die Beschwerdeführerin in der Türkei – abgesehen von einer einmaligen kurzen Festnahme – bisher keine besonderen Nachteile erlitten. Zudem würden auch weiterhin Angehörige im Heimatdorf leben. Eine Reflexver- folgungsgefahr wegen ihrer im Ausland als Flüchtlinge lebende n Brüder bestehe für die Beschwerdeführerin nicht. Ausserdem habe sich die Men- schenrechtslage in der Türkei verbessert. 4.2 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin – der drei der vier in der Schweiz lebenden Geschwister in deren Asylverfahren vertreten hatte – hielt diesen Erwägungen entgegen, die Beschwerdeführ erin entstamme einer bekannten politischen Familie aus der Region B._______, welche den kurdischen Oppositionsbeweg ungen (PKK und "Halkın Demokrasi Partisi" [HADEP; Partei der Demokratie des Volkes ) nahe stehe. Die F a- milie lebe in einem abgelegenen Bergdorf, welches mit einer einzigen be- fahrbaren Stichstrasse erschlossen sei. Im Gebiet ihres Heimatdorfes und E-6278/2009 Seite 7 der angrenzenden Hochweiden würden auch heute noch Aktivitäten der Guerilla der PKK verzeichnet, was der türkischen Armee nicht entgehe. Wegen des Bekanntheitsgrades der seit 1984 für die kurdische Unabhän- gigkeit aktiven Familie würden sie bei noch so geringfügigen Vorfällen von der türkischen Armee und der Gendarmerie aufgesucht, wobei es re- gelmässig zu Tätlichkeiten und Sachbeschädigungen komme und einzel- ne Familienmitglieder für weitergehende Abklärungen auf den Militärpo s- ten mitgenommen oder vorgeladen würden. Hinzu komme, dass es sich bei der Beschwerdeführerin um eine über (…)-jährige Frau handle, die als Ledige in der von Männern dominierten Gesell schaft als schutzlos gelte. Die türkischen Sicherheitskräfte wüssten dies und würden die se gesell- schaftlichen Umstände regelmässig zwecks Einschüchterung ausnutzen. Die Beschwerdeführerin sei unter solchen Umständen sozialisiert worden und zusammen mit Gue rillakämpfern der PKK aufgewachsen, weshalb sie in den Frauensektionen der H ADEP und DTP aktiv gewesen sei. Vor diesem Hintergrund sei vorliegend von einem grundsätzlich hohen R e- pressionsniveau auszugehen. Dass die Festnahme, Drohung und B e- schimpfung durch Soldaten von der Beschwerdeführerin bei diesem per- sönlichen und familiären Hintergrund nicht als blosse Unannehmlichkeit empfunden worden sei, sei naheliegend . Das gelte auch unter Anwe n- dung des sogenannt "objektivierten Massstabes", weil die Vorverf olgung der Familie Tastan als notorische Tatsache zu gelten habe . Das Beweis- mass für die Intensität der Verfolgung beziehungsweise für die Annahme der begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung werde dadurch deut- lich herabgesetzt. Eine schnelle Identifi zierung aufgrund der Filmaufnahmen durch die B e- hörden sei – entgegen der vorinstanzlichen Einschätzung – durchaus plausibel, weil sie schon seit längerem unter Beobachtung gestanden sei, auch wegen ihres politischen Engagements. Die Beschwerdeführerin müsse nicht nur wegen der Teilnahme am fraglichen Begräbnis, sondern vielmehr wegen ihres weiterführenden politischen Engagements im Falle einer Rückkehr mit einer Festnahme oder einem Strafverfahren oder aber mit weiteren ernstzunehmenden Behelligungen rechne n. Im Gewahrsam von Gendarmerie und Polizei bestehe zweifellos bis heute ein erhöhtes Folterrisiko. 4.3 Die Vorinstanz hielt in ihrer Stellungnahme an ihrem bisherigen Standpunkt fest und verzichtete auf ergänzenden Ausführungen. E-6278/2009 Seite 8 4.4 Im Rahmen der Gewährung des Replikrechts reichte die Beschwerde- führerin ein Referenzschreiben des Parteipräsidenten der DTP im Original samt Übersetzung sowie eine Videokassette als Beleg für ihr politisches Engagement nach (vgl. vorstehend Bstn. G und K). Zudem wurden Bele- ge für die Tatsache eingereicht, dass auch ihr in Grossbritannien lebende Bruder H._______ dort als Flüchtling anerkannt worden sei. Ihr Rechtsvertreter wies erneut darauf hin, dass die Beschwerdeführerin einer aus Sicht der türkischen Sicherheitskräfte als regimefeindlich einge- schätzten Familie entstamme, deren Mitglieder zum Teil mit Waffengewalt Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet hätten. Die Vorinstanz g e- wichte die politischen Aktivitäten und den familiären Hintergrund zu wenig und unterschätze das Risik o einer Anschluss - respektive Reflexverfol- gung. 5. 5.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Prüfung der Akten – ent- gegen der Auffassung der Vorinstanz – zum Schluss, dass die Befürc h- tung der Beschwerdeführerin begründet ist, bei einer Rückkehr in die Tür- kei in absehbarer Zukunft mit erheblicher Wahrscheinlichkeit staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu werden. 5.2 Zunächst ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die politischen Aktivitäten der Beschwerdeführerin im geltend g e- machten Ausmass glaubhaft erscheinen und mit den eingereichten B e- weismitteln belegt wurden; sie gab einen Mitgliederausweis des Me n- schenrechtsvereins IHD, eine Einladung zum (…), ein Referenzschreiben des Parteipräsidenten der DTP im Original samt Übersetzung sowie eine Videokassette zu den Akten. Bei der Schilderung der Ereignisse (Inhaft- nahme und Teilnahme am Begräbnis) sind zwar kleinere Ungereimtheiten festzustellen; die Vorbringen sind jedoch gesamthaft klar als glaubhaft gemacht zu qualifizieren. Dass die Vorinstanz es in der angefochtenen Verfügung als fraglich bezeichnet , dass den Sicherheitsbehörden eine schnelle Identifizierung der Beschwerdeführerin gelungen sein könne, ist für das Bundesverwaltungsgericht nicht nachvollziehbar : E ine rasche Identifizierung erscheint im Gegenteil deshalb als plausibel, weil ihre F a- milie unbestrittenermassen seit Jahren unter intensiver Beobachtung der türkischen Behörden gestanden war und anzunehmen ist, dass sich die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer politischen Aktivitäten zusätzlich im Visier der Sicherheitskräfte befand. E-6278/2009 Seite 9 5.3 Nach Rechtsprechung der ARK, die vom Bundesverwaltungsgericht fortgeführt wird, müssen Familienangehörige von mutmasslichen Aktivi s- ten der PKK (beziehungsweise einer ihrer Nachfolge organisationen) oder anderer von Behörden als separatistisch eingestufter kurdischer Gruppi e- rungen in der Türkei immer noch mit staatlichen Repressalien rechnen. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer so genannten Reflex- oder A n- schlussverfolgung zu werden, ist nach der Praxis vor allem dann geg e- ben, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet wird und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, dass jemand mit der gesuchten Pe r- son in engem Kontakt steht. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn ein nich t unbedeutendes politisches Engagement der reflexverfolgten Person für illegale politische Organisationen hinzukommt beziehungswe i- se ihr seitens der heimatlichen Behörden unterstellt wird (vgl. Entschei- dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs kommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 10.1, mit weiteren Hinweisen). Je höher das poli- tische Engagement der Angehörigen der reflexverfolgten Person ist, de s- to geringere Anforderungen sind an den Umfang ihrer eigenen Aktivitäten zu stellen (vgl. etwa EMARK 1993 Nr. 6). 5.4 Die Beschwerdeführerin entstammt einer politisch aktiven Kurdenfa- milie, deren Mitglieder oftmals Probleme mit den staatlichen Behörden gehabt haben. Dies geht auch aus den beigezogenen A sylakten ihrer Brüder hervor. In einer Zeitspanne von zwölf Jahren (1993 bis 2005) wur- den vier ihrer Brüder in der Schweiz Asyl gewährt. 5.4.1 I._______(N […]) wurde im Jahr 1993 wegen seiner politischen A k- tivitäten für die PKK und der erlittenen staatlichen Repressalien Asyl in der Schweiz gewährt. Im Jahr 2001 stellte die ARK fest, dass J._______ (N […]) angesichts seiner politisch aktiven Brüder und Verwandten, die durch die türkischen Behörden gesucht würden, und aufgrund der glau b- haft geschilderten eigenen Hilfeleistung für die PKK begründeten Anlass zur Furcht vor künftiger (Reflex-) Verfolgung habe, weshalb das damalige Bundesamt für Flüchtlinge (BFF, heute: BFM) angewiesen werde, ihm Asyl zu gewähren. Im Jahr 2002 wurde K._______ (N […]), der Mitglied des Menschenrechtsvereins und der Partei HADEP war, logistisch die PKK unterstützte und staatliche Repressalien erlebte, ebenfalls Asyl g e- währt, weil davon auszugehen war, dass er bei einer Rückkehr in die Tür- kei ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten gehabt hätte. Im Jahr 2005 erhielt L._______ (N […]), Mitglied der Partei HADEP beziehungsweise DEHAP aufgrund seines einschlägigen familiären Hi n- tergrunds und infolge kumulierter Gefährdungsmomente (fluchtauslöse n-E-6278/2009 Seite 10 des Ereignis, politische Exponierung im Rahmen der DEHAP) ebenfalls Asyl in der Schweiz. Ein weiterer Bruder, H._______, ist gemäss Akten in Grossbritannien als Flüchtling anerkannt worden (vgl. Eingabe vom 6. Juli 2012 mit den entsprechenden Beweismitteln). 5.4.2 Den beigezogenen Akten sind zudem einerseits Hinweise auf ve r- schiedene Cousins der B eschwerdeführerin zu entnehmen, die in der Schweiz (sowie in M._______ und G._______) ebenfalls als Flüchtlinge anerkannt worden seien. Andererseits bestätigen die protokollierten Au s- sagen ihrer Brüder auch das Vorbringen der Beschwerdeführerin, dass einer ihrer Brüder als PKK-Guerilla im Kampf gefallen sei. Aus den beige- zogenen Akten ist auch zu schliessen, dass mehrere Verwandte der B e- schwerdeführerin in der Türkei nach wie vor gesucht werden. 5.5 Gemäss den glaubhaften Aussagen der Beschwerdeführerin hinsicht- lich ihrer kurzen Festnahme und der politischen Aktivitäten ist davon aus- zugehen, dass sie zum Zeitpunkt der Ausreise von den türkischen Behör- den als Angehörige einer politisch exponierten Familie identifiziert worden ist. Es ist davon auszugehen , dass si e auch bei einer Wiedereinreise in die Türkei mit grosser Wahrscheinlichkeit als solche erkannt würde. Hinzu kommt, dass der türkischen Grenzpolizei bei abgewiesenen Asylsuche n- den die Tatsache der Asylgesuchseinreichung im Ausland in der Regel nicht verbor gen b leibt und dies hat wiederum eine Routinekontrolle mit eingehender Befragung zur Folge (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 11.2 mit weiteren Hinweisen). Spätestens zu diesem Zeitpunkt würden die türki- schen Behörden Anlass zur Vermutung haben, dass die Beschwerdefüh- rerin mit den politisch gesuchten Familienmitgliedern in engem Kontakt gestanden ist. Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin bereits vor i h- rer Ausreise aufgrund ihrer eigenen politischen Aktivitäten behördlicher- seits behelligt worden war und der – seit Dezember 2009 vom türkischen Verfassungsgericht verbotenen – DTP angehört sowie eingeschriebenes Mitglied des Türkischen Menschenrechtsvereins ist. 5.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin aus einer politisch exponierten Kurdenfamilie stammt, nach mehreren ihrer in der Schweiz lebenden Angehörigen gefahndet wird und die türkischen Behörden davon ausgehen werden, dass sie mit diesen in engem persön- lichen Kontakt steht. Zudem hat sie sich in nicht unbedeutender Weise selber politisch engagiert und war deswegen auch bereits behördlichen Behelligungen ausgesetzt. Bei dieser Aktenlage ist gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts davon auszugehen, dass die Be-E-6278/2009 Seite 11 schwerdeführerin bei einer Rückkehr in die Türkei ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt würde, zumal ihr bei diesem polit i- schen Hintergrund auch keine innerstaatliche Fluchtalternative zur Verf ü- gung stehen würde. An dieser Feststellung vermag auch der Umstand nichts zu ändern, dass sich einige Familienangehörige offenbar nach wie vor in der Türkei auf- halten (vgl. angefochtene Verfügung S. 4). 5.7 Die Beschwerdeführerin erfüllt nach dem Gesagten die Flüchtlingsei- genschaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Ob sie durch ihre in der Schweiz er- folgte Heirat mit eine m anerkannten Flüchtling oder durch ihre regimekri- tischen Äusserungen im Rahmen eines in der Türkei ausgestrahlten Fernsehinterviews zusätzlich auch so genannte subjektive Nachfluch t- gründe (vgl. Art. 54 AsylG) verwirklicht hat, kann offen bleiben. 5.8 Die Besc hwerde ist gutzuheissen und die angefochtene Verfügung vom 9. September 2009 aufzuheben . Das BFM ist anzuweisen, der Be- schwerdeführerin in der Schweiz Asyl zu gewähren. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten aufz u- erlegen (Art. 63 V wVG). Der von der Beschwerdeführerin bezahlte Ko s- tenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.– ist ihr durch den Finanzdienst des Bundesverwaltungsgerichts rückzuerstatten. 7. Obsiegende und teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteientschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 und 4 des Regl ements vom 21. Fe b- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwa l- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Seitens der Rechtsvertretung wurde keine Kostennote eingereicht. Unter diesen Umständen ist der notwen d- Vertretungsaufwand von Amtes we gen aufgrund der Akten festzulegen (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden B e- messungsfaktoren (Art. 9 -13 VGKE) wird die Parteientsch ädigung auf insgesamt Fr. 2200.- (einschliesslich Auslagen und Mehrwertsteuer) fest- gesetzt. (Dispositiv nächste Seite) E-6278/2009 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 9. September 2009 wird auf gehoben und das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin in der Schweiz Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der Kostenvorschuss von Fr. 600.- wird der Beschwerdeführerin durch das Bundesverwaltungsge- richt rückerstattet. 4. Der Beschwerdeführerin wird eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2200.– zugesprochen. Die Vorinstanz wird angewiesen, der B e- schwerdeführerin diesen Betrag zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die kanton a- le Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Stella Boleki Versand: