Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 30. August 2022 (470 22 101) ____________________________________________________________________ Strafprozessrecht Verfahrenseinstellung Besetzung Präsident Enrico Rosa, Richterin Susanne Afheldt (Ref.), Richter Daniel Häring; Gerichtsschreiberin Nicole Zimmermann Parteien A.____ , vertreten durch Advokatin Eva Jaqueira, Falknerstrasse 3, 4001 Basel, Beschwerdeführerin gegen Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Hauptabteilung Allgemeine Delikte, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Beschwerdegegnerin B.____ , vertreten durch Rechtsanwältin Patricia Schödler, Steinentorstrasse 39, 4010 Basel, Beschuldigter Gegenstand Verfahrenseinstellung Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 22. Juni 2022 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Am 29. Februar 2020 kam es zwischen A.____ und ihrem dam aligen Ehemann, B.____, zu einer tätlichen Auseinandersetzung in der eh elichen Wohnung (vgl. den Polizeibe- richt vom 22. Juni 2022, act. 9 ff.). Gemäss den Schilde rungen von A.____ anlässlich der Ein- vernahme vom 8. September 2020 soll sie von ihrem Ehema nn mehrfach geschlagen worden sein, unter anderem mit der Faust an den Kopf sowie mi t einem Schuhlöffel gegen die Beine (act. 255 ff.). B.____ hingegen bestritt diese Vorwürf e, räumte aber anlässlich seiner Einver- nahme vom 9. November 2020 ein, seine Ehefrau geschla gen zu haben, nachdem sie ihn mit den Fingern im Gesicht gekratzt habe (act. 275 ff.). Gestützt auf den Polizeibericht vom 22. Juni 2020 verzichteten beide auf einen Strafantrag (act. 11). B. Am 2. März 2020 suchte A.____ die Notfallstation des Kantonsspitals Baselland in Liestal auf und liess dort die am 29. Februar 2020 er littenen Verletzungen dokumentieren. Die zuständige Ärztin diagnostizierte drei Hämatome (5 x 5 cm), deutliche Schlagspuren, mehrfache Hautabschürfungen (2 x 5 cm) sowie eine deutliche Druckd olenz am Kopf. Gegenüber der Ärz- tin berichtete A.____ von leichten Kopfschmerzen und i ntermittierend leichtem Schwindel infol- ge des Schlages gegen den Kopf (Austrittsbericht der No tfallstation des Kantonsspitals Basel- land vom 2. März 2020, act. 219 f.). C. Mit Eingabe vom 20. März 2020 an die Staatsanwaltschaf t Basel-Landschaft (nachfol- gend: Staatsanwaltschaft) ersuchte A.____ um Entgegennahme eines Strafantrags gegen ihren Ehemann B.____ (act. 211 ff.). D. Gestützt auf das Begehren vom 20. März 2020 eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen B.____ (nachfolgend: Beschuldigt er) wegen einfacher Körperverletzung sowie Tätlichkeiten. Im Rahmen der staatsanwaltlichen Un tersuchung wurden A.____, der Be- schuldigte und dessen zwei Schwestern einvernommen sowie Arztberichte eingeholt. Mit Ver- fügung vom 22. Juni 2022 stellte die Staatsanwaltschaft das Strafverfahren in Anwendung von Art. 319 Abs. 1 lit. a, b und d der Schweizerischen S trafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 (StPO; SR 312.0) ein, verteilte die Verfahrenskosten zu Lasten des Staates, sprach dem Be- schuldigten weder eine Entschädigung noch eine Genugtu ung zu und behielt sich vor, über die Entschädigung für die unentgeltliche Rechtspflege von A .____ in einer separaten Verfügung zu entscheiden. Auf die Begründung dieser Verfügung sow ie der nachfolgenden Prozesshandlun- gen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht E. Gegen diese Einstellungsverfügung reichte A.____ (nac hfolgend: Beschwerdeführerin) am 4. Juli 2022 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht (nach- folgend: Kantonsgericht), ein und beantragte deren A ufhebung, die Weiterführung des Strafver- fahrens gegen den Beschuldigten sowie entweder den E rlass eines Strafbefehls oder die Erhe- bung einer Anklage; dies unter o/e Kostenfolge. Eventu aliter sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege und die Einsetzung ihrer anwaltlichen Vertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin zu bewilligen sowie auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. F. Mit Stellungnahme vom 8. Juli 2022 beantragte die Staatsanwaltschaft die Abweisung der Beschwerde vom 4. Juli 2022 G. Der Beschuldigte beantragte in seiner Stellungnahme v om 18. Juli 2022, auf die Be- schwerde sei nicht einzutreten bzw. diese sei abzuweisen, soweit darauf eingetreten werde. Die Verfahrenskosten seien der Beschwerdeführerin aufzuerleg en und diese sei zu verpflichten, dem Beschuldigten eine angemessene Parteientschädigung in Höhe von Fr. 2'339.70 zu ent- richten. Erwägungen 1. Formelles 1.1 Die Dreierkammer des Kantonsgerichts, Abteilung Strafr echt, ist für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 22. Juni 2022 örtlich und sachlich zuständig (Art. 322 Abs. 2 StPO sowie Art. 20 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 StPO i.V.m. § 15 Abs. 2 des Einführungsgesetzes zu r Schweizerischen Strafprozess- ordnung vom 12. März 2009 [EG StPO; SGS 250]). Eine E instellungsverfügung der Staatsan- waltschaft kann innert zehn Tagen nach deren Eröffnun g schriftlich und begründet mit Be- schwerde angefochten werden (Art. 322 Abs. 2 StPO, Art. 396 Abs. 1 StPO). Verlangt das Ge- setz – wie vorliegend – die Begründung des Rechtsmittels, so hat gemäss Art. 385 Abs. 1 StPO die Person oder die Behörde, welche das Rechtsmittel ergreift, genau anzugeben, welche Punkte des Entscheides sie anficht (lit. a), welche Gr ünde einen anderen Entscheid nahelegen (lit. b) und welche Beweismittel sie anruft (lit. c). Laut Art. 382 Abs. 1 StPO kann jede Partei, die ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, ein Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Rechtsmittel ergreifen. Parteien sind gemäss Art. 104 Ab s. 1 StPO die beschuldigte Person (lit. a), die Privatklägerschaft (lit. b) sowie die Sta atsanwaltschaft (lit. c). Als Privatklägerschaft gilt die geschädigte Person, die ausdrücklich erklärt, sich am Strafverfahren als Straf- oder Zi- vilklägerin oder -kläger zu beteiligen (Art. 118 Abs. 1 StPO). Der Strafantrag ist dieser Erklärung gleichgestellt (Art. 118 Abs. 2 StPO). Geschädigte, di e sich bis zum Abschluss des Vorverfah- rens nicht als Privatkläger konstituiert haben, können Ein stellungsverfügungen mangels Partei- stellung grundsätzlich nicht anfechten (Art. 118 Abs. 3 StPO i.V.m. Art. 322 Abs. 2 StPO und Art. 382 Abs. 1 StPO; BGer 1B_298/2012 vom 27. August 2012 E. 2.1). Ausnahmsweise ist die Beschwerdelegitimation der geschädigten Person, die sich nicht als Privatklägerschaft konstitu- iert hat, unter Berücksichtigung des Anspruchs auf rechtl iches Gehör zu bejahen, wenn sie noch keine Gelegenheit hatte, sich zur Frage der Konstit uierung zu äussern (BGer 1B_298/2012 vom 27. August 2012 E. 2.1, mit Hinweisen ). Verzichtet eine antragsberechtigte Person ausdrücklich auf den Strafantrag, ist dieser Verzi cht endgültig (Art. 30 Abs. 5 StGB). Unter Berücksichtigung der Literatur und Rechtsprechung zum Rückzug des Strafantrags (Art. 33 Abs. 2 StGB) sowie zum Verzicht auf ein bzw. Rückz ug des Rechtsmittels (Art. 386 Abs. 3 StPO) gilt auch in Bezug auf den Strafantrag, dass ein Irrtum an der (End-)Gültigkeit der Verzichtserklärung grundsätzlich nichts ändert (BGE 79 IV 97 E. 4; vgl. auch BGE 83 II 57 E. 1; BGer 6P_88/2006 vom 1. Februar 2007 E. 5.4.4; C HRISTOF RIEDO , Basler Kommentar StGB, 4. Auflage, 2019, Art. 30 StGB N 126 i.V.m. Art. 33 StGB N 21, mit Hinweisen). Während die zivilrechtlichen Bestimmungen zu den Willensmängeln (Art . 23 ff. OR) nach höchstrichterlicher Praxis im Strafrecht keine Anwendung finden (vgl. BGE 79 IV 97 E. 4; BGer 6B_640/2008 vom 12. Februar 2009 E. 1.2), muss gemäss herrschender Lehre immerhin eine strafrechtlich rele- vante Drohung oder Täuschung, durch die der Verzicht auf den Strafantrag bewirkt wurde, Be- rücksichtigung finden und die Gültigkeit der Willenserkl ärung hindern (C ATHRINE KONOPATSCH /P ATRICK UHRMEISTER , Annotierter Kommentar StGB, 2020, Art. 33 StGB N 5, mit Hinweisen; R IEDO , a.a.O., Art. 30 StGB N 126 i.V.m. Art. 33 StGB N 22 ff.; vgl. auch BGer 6S.439/2003 vom 11. August 2004 E. 2.2). Die fehlende (analoge) Anwendbarkeit von Art. 23 ff. OR kann nicht zur Folge haben, dass das StGB ein Verhalt en belohnt, das es selbst anderwei- tig pönalisiert (vgl. AGVE 2010 46). Ein nicht aufgrun d einer strafbaren Täuschung hervorgeru- fener blosser Irrtum hat hingegen als unbeachtlich z u gelten (RIEDO , a.a.O., Art. 33 StGB N 25; VIKTOR LIEBER , Zürcher Kommentar StPO, 3. Auflage, 2020, Art. 38 6 StPO N 7; BGer 6B_790/2015 vom 6. November 2015 E. 3.4). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.2 Die Beschwerdeschrift vom 4. Juli 2022 erfüllt die Anfo rderungen gemäss Art. 385 Abs. 1 StPO und erfolgte fristwahrend. Fraglich ist i ndessen die Legitimation der Beschwerde- führerin, zumal feststeht, dass sie am 29. Februar 2020 gegenüber der Polizei auf einen Straf- antrag gegen den Beschuldigten sowie eine Beteiligung am Strafverfahren verzichtet hat (act. 223). Mangels Konstitution als Privatklägerin ist di e Beschwerdeführerin grundsätzlich nicht zur vorliegenden Beschwerde legitimiert. Die Be schwerdeführerin bestreitet indessen die Gültigkeit ihres Verzichts. Sie sei unter anderem falsch und unvollständig über ihre Rechte und die Konsequenzen eines Strafantrags aufgeklärt worden und deshalb einer Täuschung erliegen. Erst anlässlich der Beratung bei der Opferhilfe sei ihr dies bewusst geworden. Am 20. März 2020 hat sie bei der Staatsanwaltschaft um Entgegenna hme eines Strafantrags gegen den Be- schuldigten ersucht (act. 211). 1.3 Die umstrittene Frage nach der Gültigkeit des Strafan tragsverzichts vom 29. Februar 2020 entscheidet vorliegend über Zulässigkeit und Begrün detheit der Beschwerde. Es handelt sich um eine sogenannte doppelrelevante Tatsache, die g rundsätzlich nur im Rahmen der Be- gründetheit geprüft wird (BGer 6B_1324/2018 vom 22. März 2019 E. 4.3). Für die Zulässigkeit des Rechtsmittels genügt, wenn sie schlüssig behauptet wir d (BGE 141 III 294 E. 5.1 f., mit Hinweisen; BGer 6B_1324/2018 vom 22. März 2019 E. 4.3) . Indem die Beschwerdeführerin die Ungültigkeit ihres Verzichts zufolge Willensmangel bzw. Täuschung schlüssig behauptet, erfüllt sie die formellen Voraussetzungen betreffend Zulässigkeit der vorliegend zu beurteilenden Be- schwerde. Ob der Strafantragsverzicht der Beschwerdeführerin vom 29. Februar 2020 gültig ist, ist demnach Gegenstand der materiellen Prüfung. Auf das Rechtsmittel ist somit einzutreten. 2. Materielles 2.1 2.1.1 Die Staatsanwaltschaft führt in der Begründung ihrer Einstellungsverfügung vom 22. Juni 2022 aus, dass die Beschwerdeführerin gemäss ärztlichem Bericht multiple Hämatome erlitten habe, deren Verursachung der Beschuldigte be streite, und die rechtlich nicht als einfa- che Körperverletzung im Sinne von Art. 123 StGB, sonder n gemäss ständiger Rechtsprechung als blosse Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 StGB zu we rten seien. Der Tatbestand von Art. 123 StGB sei somit nicht erfüllt (Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.1.2 Ferner bestreite der Beschuldigte, dass er seine Ehefra u bereits vor dem 29. Februar 2020 geschlagen habe. Das Gegenteil könne ihm nicht na chgewiesen werden, da Aussage gegen Aussage vorliege und keine genügend objektiven Z eugen vorhanden seien. Das Ge- schehen am 29. Februar 2020 sei als Handlungseinheit zu b etrachten, bei dem der Beschuldig- te der Beschwerdeführerin gemäss eigenen Aussagen zumi ndest mehrere Ohrfeigen verpasst habe. Einmalige Tätlichkeiten würden indessen nur auf A ntrag verfolgt und die Beschwerdefüh- rerin habe bewusst auf einen Strafantrag verzichtet. Da der Verzicht endgültig sei, liege kein rechtsgültiger Strafantrag vor, weshalb das Verfahren auch in Bezug auf Tätlichkeiten einzustel- len sei (Art. 319 Abs. 1 lit. a und d StPO). 2.2 2.2.1 Gegen die Argumentation der Staatsanwaltschaft bring t die Beschwerdeführerin in ih- rer Beschwerde vom 4. Juli 2022 vor, dass ihr Verzicht auf einen Strafantrag am 29. Februar 2020 nicht gültig sei und sie sich stattdessen mit ihrem Gesuch vom 20. März 2020 um Entge- gennahme eines Strafantrags gültig als Privatklägerin ko nstituiert habe. Zur Begründung der Ungültigkeit ihres Verzichts legt die Beschwerdeführerin dar, sie habe aus Sorge vor einer Be- strafung ihrerseits, da sie sich dem Beschuldigten am 29. Februar 2020 körperlich zur Wehr gesetzt habe, auf einen Strafantrag verzichtet, weil n iemand den Tathergang bezeugen könne. Zudem habe sie von ihrer übersetzenden Schwägerin die f alsche Information erhalten, dass sie im Falle einer Anzeige in Gewahrsam genommen werde u nd dort einige Zeit bleiben müsse, dass danach der Beschuldigte festgenommen werde sowie da ss beide wieder zusammenleben müssten, wenn sie wieder freigelassen worden seien. Sie sei somit über die Konsequenzen eines Strafantrags getäuscht worden. Hinzu komme, dass sie anlässlich des Polizeieinsatzes am 29. Februar 2020 auf eine Übersetzung angewiesen gewesen sei. Gestützt auf Art. 68 StPO in Verbindung mit Art. 183 Abs. 3 StPO und Art. 56 l it. d StPO in Verbindung mit § 1 Abs. 3 des Polizeigesetzes Basel-Landschaft vom 28. November 1996 ( SGS 700) sowie aufgrund des Lo- yalitätskonflikts zufolge der näheren Beziehung zum Beschuldigten hätten die beiden Schwäge- rinnen anlässlich des Polizeieinsatzes vom 29. Februar 2020 gar nicht als Übersetzerinnen bei- gezogen werden dürfen. Um die Richtigkeit der Übersetzu ng zu gewährleisten und um zu ver- meiden, dass falsche Zusatzinformationen gegeben werden, welche die Willensbildung der Be- schwerdeführerin beeinflussen könnten, wäre zwingend e ine amtlich dolmetschende Person beizuziehen gewesen. Andererseits habe die Beschwerdeführ erin auch befürchtet, Repressa- lien von Seiten der Familie ausgesetzt zu sein, da i hre Mutter die Schwester der Mutter des Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beschuldigten sei und eine Trennung oder Scheidung tr otz häuslicher Gewalt nicht akzeptiert werde. Sie habe zudem noch unter dem traumatisierende n Einfluss des kurz vorher erfolgten Gewaltvorfalls gestanden 2.2.2 In Bezug auf die Feststellung der Staatsanwaltschaft, dass dem Beschuldigten nicht nachgewiesen werden könne, dass er die Beschwerdeführer in bereits vor dem 29. Februar 2020 geschlagen habe, rügt die Beschwerdeführerin ein e Verletzung des Grundsatzes in dubio pro duriore . Die Verfahrenseinstellung aufgrund mangelnder Bewe ise betreffend weiterer Vor- fälle von häuslicher Gewalt sei aufgrund des genannten Grundsatzes unzulässig, und mehrfa- che Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB sei en von Amtes wegen zu verfolgen. Die Aussagen der Beschwerdeführerin anlässlich der Einvernahm e bei der Staatsanwaltschaft vom 8. September 2020 seien sehr glaubhaft und würden s owohl durch den Notfallbericht des Kan- tonsspitals als auch durch die Berichte der Heilsarmee, der Psychiatrie Baselland sowie der Opferhilfe gestützt. Die Depositionen der Beschwerdefüh rerin seien konsistent und wider- spruchsfrei, was für deren Erlebnisbezogenheit spreche . Zudem werde der Beschuldigte nicht übermässig belastet, indem die Beschwerdeführerin beispi elsweise einen sexuellen Übergriff verneint habe. Demgegenüber habe der Beschuldigte bestr itten, die Beschwerdeführerin mit einem Schuhlöffel geschlagen zu haben, was den Untersuch ungsergebnissen des Kantonsspi- tals und den Bildern bezüglich der Verletzungen widerspreche, sofern man der Beschwerdefüh- rerin nicht unterstellen wolle, sie habe sich diese Verletzungen selbst zugefügt. Dass von Seiten des Beschuldigten ein hohes Aggressionspotenzial ausgehe, würden auch die früheren Polizei- einsätze bei der Familie bestätigen. Wäre nichts vorgefal len, hätte die Schwester C.____ über- dies ihre Aussage nicht verweigern müssen. Die Aussagen der anderen Schwester, welche bestreite, falsch übersetzt zu haben, seien nicht glaubhaf t, zumal sie unter dem Druck der Fa- milie stehe. 2.2.3 Schliesslich seien die vom Kantonsspital festgestellten Hämatome als einfache Kör- perverletzung zu qualifizieren. Gemäss dem Bericht des Kan tonsspitals vom 2. März 2020 sei als plausibel erachtet worden, dass die drei 5 x 5 cm gro ssen Hämatome aufgrund der zentral rötlichen strichförmigen Schlagspuren mit einem Schuhlöffel zugefügt worden seien. Auch nach dem Eintritt in das Wohnheim der Heilsarmee zehn Tage nach dem Vorfall seien die Hämatome noch sichtbar gewesen. Das Schlagen mit einem Schuhlöff el sei sehr schmerzhaft und noch zwei Tage nach dem Vorfall habe zudem eine deutliche D ruckdolenz am Kopf infolge eines Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Faustschlages bestanden. Es habe sich beim Vorfall vom 29. Februar 2020 um einen gezielten, nicht unbedeutenden Angriff auf den Körper gehandelt . Auch deshalb seien die Schläge als einfache Körperverletzung nach Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 S tGB (eventuell Ziff. 1 Abs. 2) zu qualifi- zieren. Gemäss Art. 123 Ziff. 2 Abs. 4 StGB sei auch diese Tat von Amtes wegen zu verfolgen. 2.3 In ihrer Stellungnahme vom 8. Juli 2022 beantragt die Staatsanwaltschaft die Abwei- sung der Beschwerde. Zum einen sei kein Grund ersichtlich , weshalb die Schwägerin der Be- schwerdeführerin sie in Anwesenheit der Polizei bewusst f alsch informiert haben soll. Auch für die Polizei habe keine Veranlassung bestanden, der Überse tzung durch die Schwägerin- nen/Cousinen zu misstrauen. Von täglichen Schlägen durch den Beschuldigten, Angstzustän- den oder anderen Symptomen einer posttraumatischen Bela stungsstörung, wie sie im Bericht der Heilsarmee vom 12. Juni 2020 oder im Therapieberi cht vom 4. Februar 2021 geschildert worden seien, sei gegenüber der Ärztin am 2. März 202 0 nichts erwähnt worden. In der Befra- gung vom 8. September 2020 habe die Beschwerdeführerin dann plötzlich erwähnt, dass der Beschuldigte sie beim letzten Vorfall am 29. Februar 2 020 auch noch zu würgen versucht und sie so sehr geschlagen habe, dass sie zeitweise das Bewusstsein verloren habe. Hiervon lasse sich dem Arztbericht nur zwei Tage nach dem Vorfall aber nichts entnehmen und es seien auch keine entsprechenden Verletzungen dokumentiert, insbeson dere würden Anzeichen für eine Hirnerschütterung fehlen. Der Beschuldigte bestreite, d ie Beschwerdeführerin mehrfach oder auch mit einem Schuhlöffel geschlagen zu haben, was ihm aus Sicht der Staatsanwaltschaft nicht rechtsgenüglich nachweisbar sei. Der Beschuldigte h abe den Grund des Konflikts plausi- bel geschildert und angegeben, dass die Beziehung aufgr und seiner Arbeitslosigkeit belastet gewesen sei. Die Angaben der Beschwerdeführerin zur gel tend gemachten regelmässigen häuslichen Gewalt seien nicht glaubhafter als die Aussag en des Beschuldigten und es lägen auch keine objektiven Beweise vor, die ihre Aussagen st ützen würden. Vielmehr hätten ihre Cousinen/Schwägerinnen den Aussagen der Beschwerdeführe rin ausdrücklich widersprochen. Gewalttätigkeiten und entsprechende Verletzungsfolgen, wie sie nachträglich in der Einvernah- me vom 8. September 2020 von der Beschwerdeführerin ge ltend gemacht worden seien, seien weder durch die Polizei noch die Cousinen/Schwägerinnen oder die zwei Tage später konsul- tierte Ärztin festgestellt worden. Die ärztlicherseits f estgestellten Hämatome seien gemäss ständiger Praxis des Bundesgerichts sowie der hiesigen Ger ichte als Tätlichkeiten zu qualifizie- ren und nicht als einfache Körperverletzung, insbesonde re keine mit einem gefährlichen Ge- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht genstand. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft sei daher ein Freispruch vor Strafgericht als sicher anzusehen, weshalb eine Einstellungsverfügung erlassen worden sei. 2.4 Der Beschuldigte bestreitet in seiner Stellungnahme vo m 18. Juli 2022, dass er vor dem 29. Februar 2020 gegenüber der Beschwerdeführerin tätlich geworden sei, sie mit einem Schuhlöffel geschlagen habe sowie dass die von der Not fallärztin festgestellten Verletzungsfol- gen als einfache Körperverletzung zu qualifizieren seien. Die Beschwerdeführerin habe gültig auf einen Strafantrag verzichtet. Zudem sei deren Aussa geverhalten weder konsistent noch widerspruchsfrei, weshalb die Staatsanwaltschaft auf e ine Anklageerhebung habe verzichten können. 2.5 2.5.1 Die Staatsanwaltschaft verfügt gemäss Art. 319 Abs. 1 S tPO die vollständige oder teil- weise Einstellung des Verfahrens, wenn (a.) kein Tat verdacht erhärtet ist, der eine Anklage rechtfertigt, (b.) kein Straftatbestand erfüllt ist, ( c.) Rechtfertigungsgründe einen Straftatbestand unanwendbar machen, (d.) Prozessvoraussetzungen definitiv nicht erfüllt werden können oder Prozesshindernisse aufgetreten sind oder (e.) nach gesetzli cher Vorschrift auf Strafverfolgung oder Bestrafung verzichtet werden kann. 2.5.2 Der Entscheid über die Einstellung eines Verfahrens hat sich nach dem Grundsatz " in dubio pro duriore " zu richten. Danach darf eine Einstellung durch die St aatsanwaltschaft grund- sätzlich nur bei klarer Straflosigkeit oder offensichtlich fehlenden Prozessvoraussetzungen an- geordnet werden. Hingegen ist, sofern die Erledigung mit einem Strafbefehl nicht in Frage kommt, Anklage zu erheben, wenn eine Verurteilung wah rscheinlicher erscheint als ein Frei- spruch. Ist ein Freispruch genauso wahrscheinlich wie eine Verurteilung, drängt sich in der Re- gel, insbesondere bei schweren Delikten, eine Anklagee rhebung auf. Bei zweifelhafter Beweis- oder Rechtslage hat nicht die Staatsanwaltschaft über die Stichhaltigkeit des strafrechtlichen Vorwurfs zu entscheiden, sondern das zur materiellen Be urteilung zuständige Gericht. Der Grundsatz, dass im Zweifel nicht eingestellt werden dar f, ist auch bei der Überprüfung von Ein- stellungsverfügungen zu beachten (BGE 143 IV 241 E. 2 .2.1; 138 IV 186 E. 4.1; 138 IV 86 E. 4.1; je mit Hinweisen; BGer 6B_698/2016 vom 10. A pril 2017 E. 2.3; 6B_816/2016 vom 20. Februar 2017 E. 2.2). Stehen sich gegensätzliche Au ssagen gegenüber ("Aussage gegen Aussage"-Situation) und ist es nicht möglich, die einzel nen Aussagen als glaubhafter oder we- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht niger glaubhaft zu bewerten, ist nach dem Grundsatz " in dubio pro duriore " in der Regel Ankla- ge zu erheben (BGE 143 IV 241 E. 2.2.2; BGer 6B_698 /2016 vom 10. April 2017 E. 2.4.2; 6B_918/2014 vom 2. April 2015 E. 2.1.2; 6B_856/2013 vom 3. April 2014 E. 2.2). Dies gilt ins- besondere, wenn typische "Vier-Augen-Delikte" zu beurt eilen sind, bei denen oftmals keine ob- jektiven Beweise vorliegen (BGE 143 IV 241 E. 2.2.2). Auf eine Anklageerhebung kann verzich- tet werden, wenn der Strafkläger ein widersprüchliches Aussageverhalten offenbart hat und seine Aussagen daher wenig glaubhaft sind (BGE 143 IV 241 E. 2.2.2; BGer 6B_698/2016 vom 10. April 2017 E. 2.4.3) oder wenn eine Verurteilun g unter Einbezug der gesamten Umstände aus anderen Gründen als von vornherein unwahrscheinlich erscheint (BGE 143 IV 241 E. 2.2.2; BGer 6B_822/2016 vom 12. September 2016 E. 2.3; 1B_ 535/2012 vom 28. November 2012 E. 5.2). 2.6 2.6.1 Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB sind nur auf Antrag strafbar. Das Vorliegen eines Strafantrags der durch die Tat verletzten Person stellt in diesen Fällen eine Prozessvo- raussetzung dar. Bei Fehlen eines gültigen Strafantrags ist ein bereits eröffnetes Strafverfahren einzustellen, weil ein Urteil definitiv nicht mehr erge hen kann (Art. 319 Abs. 1 lit. d StPO; BGer 6B_42/2021 vom 8. Juli 2021 E. 4.2.1). Hat der Täter indessen wiederholt Tätlichkeiten an sei- nem Ehegatten während der Ehe oder bis zu einem Jahr nach der Scheidung begangen, ist er ungeachtet eines Strafantrags von Amtes wegen zu verfolgen (Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB). Eine Verfahrenseinstellung mangels Strafantrags gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. d StGB ist in sol- chen Fällen nicht möglich. 2.6.2 Zunächst ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin am 29 . Februar 2020 gültig auf ei- nen Strafantrag verzichtet hat. Hinsichtlich der Rechtsla ge ist an dieser Stelle auf die vorste- henden Ausführungen in Erwägung 1.1 zu verweisen. Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie habe sich betreffend den Konsequenzen eines Strafant rags im Irrtum befunden bzw. sei durch ihre Schwägerinnen getäuscht worden. Wie in Erwä gung 1.1 hiervor dargelegt, führt ein blosser Irrtum indessen nicht zur Ungültigkeit des Verzich ts auf einen Strafantrag. Vielmehr bedarf es einer strafrechtlich relevanten Einwirkung auf die Willensbildung der Verzichtenden oder aber einer unrichtigen behördlichen Auskunft. Bei des ist vorliegend nicht erstellt. Stattdes- sen bestreitet die Schwägerin, die übersetzt hat, die fa lsche Übersetzung und eine Einfluss- nahme. Angesichts der Aussage der Beschwerdeführerin geg enüber der Notfallärztin am Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. März 2020, wonach sie sich sozial mit ihrer Cousine in einem stabilen Netz fühle und Men- schen habe, mit denen sie über die Problematik mit dem Beschuldigten reden könne und wel- che ihr beistehen würden (act. 221), erscheint das Vorli egen einer bestimmenden Unterdruck- setzung durch die Schwägerin(nen) als nicht realitäts nah. Gemäss den Polizeiberichten vom 22. Juni 2020 (act. 9 ff.) und vom 31. Juli 2020 (act. 247 f.) sind der Beschwerdeführerin durch die Polizei und mithilfe der übersetzenden Schwägerin ihre Möglichkeiten aufgezeigt worden. Dabei haben auch die Polizisten selbst Erklärungsversuche a uf Deutsch und Englisch unter- nommen, bevor sich die Beschwerdeführerin gemäss dem Pol izeibericht vom 31. Juli 2020 dann eine Stunde später selbständig gegen den Strafan trag entschieden hat. Die Rechtsvertre- terin der Beschwerdeführerin wendet zwar zu Recht ein, d ass die Schwägerinnen der Be- schwerdeführerin gestützt auf Art. 68 StPO in Verbindun g mit Art. 183 Abs. 3 StPO und Art. 56 lit. d StPO in Verbindung mit § 1 Abs. 3 des Polizeig esetzes Basel-Landschaft aufgrund von Verwandtschaft bzw. Schwägerschaft nicht hätten als Übersetzerinnen beigezogen werden dür- fen, indes hätte dieser Ausstandsgrund gemäss Art. 58 Ab s. 1 StPO ohne Verzug mittels ent- sprechendem Gesuch geltend gemacht werden müssen. Der Verzicht der Beschwerdeführerin vom 29. Februar 202 0, einen Strafantrag gegen den Be- schuldigten zu stellen, ist somit gültig und endgültig im Sinne von Art. 30 Abs. 5 StGB. In Bezug auf Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB ist die E instellungsverfügung der Staatsanwalt- schaft vom 22. Juni 2022 gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. d StPO folglich zu Recht erfolgt. 2.6.3 Fraglich ist, ob in Bezug auf den Vorwurf der wiede rholten Tätlichkeiten des Beschul- digten gegenüber der Beschwerdeführerin ein Tatverdach t erhärtet ist, der eine Anklage recht- fertigt (Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO). Gemäss dem Arztb ericht vom 2. März 2020 hat die Be- schwerdeführerin gegenüber der Notfallärztin berichtet, dass sie in der Vergangenheit bereits öfter von ihrem Ehemann geschlagen worden sei (act. 219 ). Auch anlässlich ihrer Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft am 8. September 2020 hat die Beschwerdeführerin zu Protokoll gegeben, dass sie während des Zusammenlebens mit dem Besc huldigten von diesem wieder- holt geschlagen worden sei (act. 259). Bereits in der e rsten Woche nach ihrer Einreise in die Schweiz habe er begonnen, gegen sie tätlich zu werden ( act. 263). Dass die Gewalttätigkeiten des Beschuldigten ihr gegenüber bereits ab ihrer Einre ise in die Schweiz begonnen hätten, hat die Beschwerdeführerin auch im Wohnheim der Heilsarmee erzählt (act. 403). Gemäss der Si- tuationsbeschreibung des Wohnheims vom 12. Juni 2020 hat die Beschwerdeführerin von tägli- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht chen Schlägen berichtet (act. 403). Es seien viele Male gewesen, hat sie anlässlich ihrer Ein- vernahme vom 8. September 2020 erklärt (act. 267). In d er Wohnung des Beschuldigten seien die Spuren seiner Schläge am Kühlschrank sowie an der W and noch immer zu sehen (act. 267). In diesen beiden Fällen habe sie ausweichen können (act. 267). Überdies ist auch dem Abklärungsbericht der Psychiatrie Baselland vom 4. Februar 2021 zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin darüber berichtet hat, vom Beschul digten regelmässig mit diversen Ge- genständen am ganzen Körper blau geschlagen worden zu sein (act. 405). Gemäss dem Proto- koll der Einvernahme vom 8. September 2020 habe sie in der Vergangenheit bereits einmal das Spital aufsuchen wollen aufgrund der Verletzungen, j edoch habe die Schwester des Beschul- digten ihr damals erklärt, dass dies nicht möglich sei, w eil sie noch keine Papiere habe (act. 259). Die Schwester des Beschuldigten sei immer zu i hr gekommen, nachdem er sie ge- schlagen habe (act. 259). Diese habe auch Fotos von ihr g emacht in der besagten Nacht vom 29. Februar 2020 (act. 265). Anlässlich der Zeugeneinve rnahme vom 9. November 2020 hat diese Schwester umfassend von ihrem Zeugnisverweigerungsre cht Gebrauch gemacht (act. 303 ff.). Frühere Verletzungen habe die Beschwerdeführerin mit ihrem Telefon fotografiert, jedoch habe der Beschuldigte die Fotos gelöscht und das Telefon kaputt gemacht (act. 259). Der Beschuldigte bestreitet seinerseits pauschal, die B eschwerdeführerin wiederholt geschla- gen zu haben. Er hat einzig zugegeben, dass er ihr am 29. Februar 2020 mehrere Ohrfeigen gegeben habe, nachdem sie ihn im Gesicht gekratzt habe (act. 277). Die Staatsanwaltschaft hat die Einstellungsverfügung in Bezug auf den Tatbestand der mehrfachen Tätlichkeiten zu Lasten des Ehegatten (Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB) damit b egründet, dass der Beschuldigte bestreite, seine Ehefrau bereits vor dem 29. Februar 2020 geschla gen zu haben, und das Gegenteil ihm nicht nachgewiesen werden könne, da Aussage gegen Aussa ge vorliege und keine genügend objektiven Zeugen vorhanden seien. 2.6.4 Vorliegend stehen sogenannte "Vier-Augen-Delikte" in Frage, wobei sich gegensätzli- che Aussagen gegenüberstehen. Ist es in solchen Fällen nicht möglich, die einzelnen Aussagen als glaubhafter oder weniger glaubhaft zu bewerten, m ithin keine objektiven Beweise vorliegen, ist nach dem Grundsatz " in dubio pro duriore " in der Regel Anklage zu erheben (siehe E. 2.5.2 hiervor). Dass der Beschuldigte sie in der Vergangenhei t wiederholt geschlagen haben soll, hat die Beschwerdeführerin konsequent und gegenüber mehre ren Personen geäussert. Ihre dies- bezügliche Aussage gegenüber der Notfallärztin am 2. März 2020 ist erfolgt, bevor sie durch die Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Opferhilfe und ihre Rechtsvertreterin auf eine ihr ve rständliche Weise über ihre Rechte aufge- klärt worden ist. In Bezug auf den Vorwurf der mehrfa chen Tätlichkeiten verwickelt sich die Be- schwerdeführerin in der Folge in keinerlei Widersprüche . Vielmehr hat sie teils detailreich be- richtet, wie der Beschuldigte sie tätlich angegangen hab en soll. So soll er sie einmal an den Haaren auf dem Boden durch die ganze Wohnung gezoge n und sie mit der Faust auf den Kopf geschlagen haben, bis er Schmerzen an der Hand gehabt habe, und sie dann mit einem Schuh- löffel auf den ganzen Körper weitergeschlagen haben ( act. 259, 263). Weiter soll er aufgrund eines Ausweichmanövers ihrerseits einmal gegen den Kühlsch rank und ein weiteres Mal mit dem Telefon gegen die Wand geschlagen haben (act. 267 ). In beiden Fällen seien die Spuren in der Wohnung des Beschuldigten noch immer sichtbar (act. 267). Überdies hat die Beschwer- deführerin erzählt, dass die Mutter des Beschuldigten i n der gleichen Wohnung gewohnt habe und immer, wenn er sie geschlagen habe, sei diese in ih r Zimmer gegangen und habe die Türe zugemacht, weil sie seine Schläge nicht habe sehen woll en (act. 267). Solche Nebensächlich- keiten und Details sprechen für einen realen Erlebnishi ntergrund. Dass die Beschwerdeführerin gegenüber der Notfallärztin am 2. März 2020 die wiede rholten Tätlichkeiten des Beschuldigten vor dem 29. Februar 2020 nicht erwähnt hat, ist nachvo llziehbar und schadet der Glaubhaf- tigkeit ihrer Aussagen nicht, zumal eine Ärztin über Ve rletzungsfolgen, die bereits verheilt sind, ohnehin nicht befinden kann. Demgegenüber ist dem Not fallbericht vom 2. März 2020 zu ent- nehmen, dass die Beschwerdeführerin im Zusammenhang mi t dem Schlag gegen den Kopf explizit von keinem Bewusstseinsverlust berichtet hat (act. 219). Auch hat sie gegenüber der Ärztin nicht erwähnt, dass der Beschuldigte sie gewürgt h aben soll, was indessen für die ärztli- che Untersuchung relevant gewesen wäre. Trotz dieser Wide rsprüche kann die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen in Bezug auf wiederholte Tätlichkeiten nicht vollends in Frage gestellt werden. Anders als gemäss dem BGE 143 IV 241 zu Grunde liegende n Sachverhalt hat die Beschwer- deführerin vorliegend nicht bloss sehr allgemein gehaltene Auskünfte zu den tätlichen Angriffen des Beschuldigten vorgebracht. Überdies belastet sie den Beschuldigten nicht unnötig, hätte sie doch ohne weiteres schwerwiegendere Vorwürfe erheben können. Hinzu kommt, dass sich bei- de Schwestern des Beschuldigten bereits in der Vergangenheit veranlasst gesehen haben, auf- grund dessen Verhaltens gegenüber seinen Familienangeh örigen die Polizei zu rufen (siehe Polizeibericht vom 22. Juni 2020, act. 9 ff.). Selbst wenn es zwischen den Geschwistern damals zu (lediglich) verbalen Auseinandersetzungen gekommen sein soll, ist zu konstatieren, dass doch eine gewisse Intensität der Auseinandersetzung err eicht worden sein muss, zumal sich beide Schwestern zu unterschiedlichen Zeitpunkten veranlass t gesehen haben, deswegen die Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Polizei zu rufen und staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Aussagen der Beschwerdefüh- rerin in Bezug auf die wiederholten Tätlichkeiten sind damit als substanziiert und glaubhaft ein- zustufen. Folglich sind deren Aussagen nicht als weniger g laubhaft denn diejenigen des Be- schuldigten zu bewerten. Vielmehr bestehen gewisse Zweife l an der Glaubhaftigkeit der Aus- führungen des Beschuldigten zum Vorfall am 29. Februar 2020. So hat er zwar im Wesentlichen übereinstimmend mit den Depositionen der Beschwerdefüh rerin und nachvollziehbar dargelegt, dass der Grund für die Auseinandersetzung am 29. Februa r 2020 die angespannte finanzielle Situation des Ehepaares sowie eine beabsichtigte Reise d er Beschwerdeführerin nach Tunesi- en gewesen sei (act. 277). Ausserdem hat er erzählt, da ss diese ihn im November 2019 aus dem ehemals gemeinsamen Schlafzimmer geworfen habe un d er seither in einem anderen Zimmer schlafe. Dies würde, sofern zutreffend, von einem aktiven Distanzierungsverhalten sei- tens der Beschwerdeführerin zeugen. Demgegenüber hat der Beschuldigte alsdann zu Protokoll gegeben, dass sie ihn am Abend des 29. Februar 2020 im Anschluss an eine verbale Ausei- nandersetzung nicht habe aus dem Haus gehen lassen wollen und ihn von hinten mit vier Fin- gern im Gesicht gekratzt habe, was angesichts des vorgängig geschilderten Distanzierungsver- haltens der Beschwerdeführerin nicht nachvollziehbar ist. Auch ist seine Deposition, dass die Beschwerdeführerin ihn von hinten im Gesicht gekratzt ha ben soll, wenig glaubhaft, zumal er unmittelbar vor dieser Aussage erklärt hat, dass er sie vor der Türe auf die Seite gedrückt habe. Demgegenüber erscheint die Version der Beschwerdeführeri n, wonach sie versucht habe, sich anlässlich der tätlichen Auseinandersetzung zu wehren un d ihn dabei im Gesicht gekratzt habe (act. 219), durchaus plausibel. Angesichts der geschilderten Ausgangslage hätte die Staa tsanwaltschaft das Strafverfahren somit nicht gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO einstellen dürfen, sondern vielmehr nach dem Grundsatz " in dubio pro duriore " Anklage erheben müssen. Es ist daran zu erinnern, dass bei zweifelhafter Beweislage, wie sie in casu gegeben ist, n icht die Staatsanwaltschaft über die Stichhaltigkeit des strafrechtlichen Vorwurfs zu entscheide n hat, sondern das zur materiellen Beurteilung zuständige Gericht. 2.7 2.7.1 Zu prüfen ist weiter, ob die dokumentierten Verletzun gsfolgen allenfalls den Tatbestand der einfachen Körperverletzung zu erfüllen vermögen. Wä hrend es sich bei der einfachen Kör- perverletzung grundsätzlich um ein Antragsdelikt handelt (Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB), wird die Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Tat gemäss Art. 123 Ziff. 2 Abs. 4 StGB von Amtes wege n verfolgt, wenn der Täter der Ehegat- te des Opfers ist und die Tat während der Ehe oder bi s zu einem Jahr nach der Scheidung be- gangen wurde. Ein Strafantrag ist in diesem Fall keine Prozessvoraussetzung. Um eine Verfah- renseinstellung gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO somit rechtmässig verfügen zu können, müsste in casu ausgehend von einem fehlenden Strafantra g zweifelsfrei davon ausgegangen werden, dass keine Körperverletzung, sondern lediglich Tätlichkeiten vorliegen. 2.7.2 Nach Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB macht sich der einfa chen Körperverletzung schuldig, wer vorsätzlich einen Menschen in anderer als schwerer Weise an Körper oder Gesundheit schädigt. Eine einfache Körperverletzung ist in Abgrenzung zur Tätlichkeit gegeben, wenn nicht mehr bloss eine harmlose Beeinträchtigung der körperlich en Integrität oder des gesundheitli- chen Wohlbefindens vorliegt. Die körperliche Integrität ist dann im Sinne einer einfachen Kör- perverletzung beeinträchtigt, wenn innere oder äussere Verletzungen oder Schädigungen zuge- fügt werden, die mindestens eine gewisse Behandlung un d Heilungszeit erfordern, sofern sie um einiges über blosse Kratzer hinausgehen. Dass die körp erlichen Beeinträchtigungen den Beizug eines Arztes nötig machen, wird nicht verlangt ( ANDREAS ROTH / ANNE BERKEMEIER , Basler Kommentar StGB, 4. Auflage, 2019, Art. 123 St GB N 4). Ähnliches gilt für die Beein- trächtigung der psychischen Gesundheit: Auf blosse Tätlich keiten ist dann zu erkennen, wenn Einwirkungen irgendwelcher Art nur eine harmlose, bin nen Kürze vorübergehende Störung des Wohlbefindens verursachen. Wo indessen die Störung, und sei sie auch bloss vorübergehend, einem eigentlich krankhaften Zustand gleichkommt, muss ei ne Körperverletzung angenommen werden (R OTH / BERKEMEIER , a.a.O., Art. 123 StGB N 5). Eine Beeinträchtigung der psychi- schen Integrität kann genügen, soweit sie ein gewisses Mass a nnimmt. Dabei muss einerseits auf die Art und Intensität der Beeinträchtigung und andererseits auf ihre Auswirkung auf die Psyche des Opfers abgestellt werden (BGE 134 IV 189 E. 1.4). Bei Blutergüssen (Hämatomen), Schürfungen, Kratzwunden oder Prellungen ist die Abgrenzung der einfachen Körperverletzung zum Tatbestand der Tätlichkeiten begrifflich nur schwer möglich (BGE 134 IV 189 E. 1.3, mit Hinweisen). Entscheidend ist dann das Ausmass des verursachte n Schmerzes. Wenn die Tat- handlung keine äusseren Spuren hinterlässt, genügt be reits das Zufügen erheblicher Schmer- zen als Schädigung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB (BGE 107 IV 40 E. 5.c; BGer 6B_675/2018 vom 26. Oktober 2018 E. 4.2; GIAN EGE , Annotierter Kommentar StGB, 2020, Art. 123 StGB N 1). Als Tätlichkeiten können solche Ve rletzungsfolgen demgegenüber gelten, wenn sie in kürzester Zeit vorübergehen und ausheilen (O Ger ZH SB190104 vom Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht 14. Mai 2019 E. 4; E GE , a.a.O., Art. 126 StGB N 1; R OTH / BERKEMEIER , a.a.O., Art. 123 StGB N 8). Während geringfügige Hämatome als Tätlichkeit zu qualifizieren sind (OGer ZH SB190028 vom 19. August 2019 E. 2.5.2), muss ein Häm atom, das durch das Platzen von Blutgefässen entsteht und normalerweise mehrere Tage lang Spuren hinterlässt, als Körperver- letzung eingestuft werden (BGE 119 IV 25 E. 2.a). Mi thin haben Verletzungsfolgen, die eine wesentliche Beeinträchtigung des Aussehens mit sich bringe n, als Schädigung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB zu gelten (ANDREAS DONATSCH , Orell Füssli Kommentar StGB, 21. Auflage, 2022, Art. 123 StGB N 3, mit Hinweisen). Bei der Abg renzung zwischen Tätlichkeit und einfa- cher Körperverletzung ist schliesslich noch zu berücksichtige n, dass der Gesetzgeber in Art. 123 Ziff. 1 Abs. 2 StGB auch leichte Fälle einf acher Körperverletzungen erfasst und hierfür die Möglichkeit einer Strafmilderung vorsieht. Leicht si nd Verletzungen, die nicht sehr erheblich sind und die Grenze zur Tätlichkeit nur knapp überschrei ten (BGE 127 IV 59 E. 2.a.bb; E GE , a.a.O., Art. 123 StGB N 3). Die Abgrenzung hat nach den gesamten objektiven und subjektiven Umständen zu erfolgen (BGE 127 IV 59 E. 2.a.bb). Da e s sich bei den Begriffen Tätlichkeit und Körperverletzung, die für die Anwendung von Art. 123 StGB und Art. 126 StGB entscheidend sind, um unbestimmte Rechtsbegriffe handelt, räumt die Rechtsprechung dem Sachrichter diesbezüglich einen gewissen Ermessensspielraum ein, da di e Feststellung des Sachverhalts und die Auslegung des unbestimmten Rechtsbegriffs eng mit einander verknüpft sind (BGE 134 IV 189 E. 1.3). 2.7.3 Die Staatsanwaltschaft stützt sich in der Einstellungsverf ügung vom 22. Juni 2022 auf den ärztlichen Bericht vom 2. März 2020, gemäss welchem di e Beschwerdeführerin multiple Hämatome an den Beinen erlitten habe. Selbst wenn de r Beschuldigte der Verursacher dieser Verletzungsfolgen sei, was dieser bestreite, seien sie r echtlich nicht als einfache Körperverlet- zung im Sinne von Art. 123 StGB zu werten, sondern g emäss ständiger Rechtsprechung als blosse Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 StGB. Gemäss dem Austrittsbericht der Notfallstation des Kant onsspitals Basel-Landschaft vom 2. März 2020 habe die Beschwerdeführerin berichtet, zw ei Tage vorher am Abend von ihrem Ehemann zu Hause geschlagen worden zu sein (act. 219). Zu erst habe er sie mit der Faust gegen den rechten Kopf geschlagen, danach zusätzlich mit e inem Schuhlöffel auf die Beine, insbesondere linksseitig. Ein sexueller Übergriff habe ni cht stattgefunden. Sie habe versucht, sich zu wehren und ihren Mann dabei im Gesicht gekratzt. Von dem Schlag gegen den Kopf Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht habe sie leichte Kopfschmerzen und intermittierend leic hten Schwindel erlitten. Sie habe keine Übelkeit gehabt und auch nie erbrochen. Die Beschwerdef ührerin habe über keinen Bewusst- seinsverlust und keine neurologischen Defizite geklagt. Di e Notfallärztin habe gemäss dem Austrittsbericht am linken Oberschenkel der Beschwerdefüh rerin drei Hämatome festgestellt, die jeweils 5 x 5 cm umfasst hätten, bläulich-livide ver färbt gewesen seien sowie zentral rötlich strichförmige Schlagspuren (passend zur Angabe eines Schuhl öffels als Tatwaffe) hätten er- kennen lassen (act. 221). Es habe keine offene Wunde g egeben. Am linken Oberschenkel so- wie am rechten Oberschenkel und Unterschenkel sei jewe ils eine ca. 2 x 5 cm umfassende, oberflächliche rötliche Exkoriation ohne offensichtliche Hämatombildung, ebenfalls passend zu einer leichteren Schlagspur, und occipital keine offensichtliche Hämatombildung, allerdings eine ca. 2 x 2 cm umfassende Druckdolenz temporo-occipital festge stellt worden. In Bezug auf die Hämatome sei eine Fotodokumentation erfolgt (act. 22 1, 227 ff.). Gemäss dem Austrittsbericht seien der Beschwerdeführerin Schmerztabletten (Dafalgan 500mg) zur Behandlung ihrer Be- schwerden mitgegeben worden. Ein Arbeitsunfähigkeitszeugn is habe die Beschwerdeführerin nicht gewünscht (act. 221). Auch anlässlich der Einvernahme vom 8. September 2020 hat die Beschwerdeführerin zu Pro- tokoll gegeben, dass der Beschuldigte sie am 29. Februa r 2020 mit dem Schuhlöffel geschla- gen habe (act. 261). Sie hat ergänzt, dass er sie anschliessend auf das Bett gelegt, seine Hand auf ihren Mund getan und sie gleichzeitig mit seiner Faust auf ihren Kopf geschlagen habe (act. 261). Dabei sei sie für eine kurze Zeit bewusstlos g ewesen. Nachdem sie wieder zu sich gekommen sei, habe sie die Schwester des Beschuldigten angerufen und sei zu dieser nach Hause gegangen. Sie sei im Februar in dünnen Kleider n in der Kälte zur Schwester des Be- schuldigten gegangen und habe aufgrund der Verletzunge n die Kälte nicht gespürt. Nachdem die Schwester sie so gesehen habe, habe diese sofort die Polizei angerufen. Am Folgetag habe die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Schmerzen ihren Arzt angerufen. Da dieser in den Feri- en gewesen sei, habe sie zur Notaufnahme in Liestal gehen müssen, wo sie untersucht worden sei. Noch in der gleichen Nacht vom 29. Februar 2020 h abe sie bzw. die Schwester des Be- schuldigten Fotos ihrer Verletzungen gemacht (act. 265, 2 39 ff.). Entgegen der Forderung und Drohung ihrer Eltern sei sie nicht zum Beschuldigten zu rückgekehrt, weil sie sich sicher sei, dass sie das nächste Mal nicht lebend davonkommen würde (act. 261). Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gemäss der Situationsbeschreibung des Wohnheims der Hei lsarmee vom 12. Juni 2020 (act. 403) ist die Beschwerdeführerin am 10. März 2020 ins Wohnheim eingetreten. Zu diesem Zeitpunkt habe sie diverse Hämatome an den Beinen geze igt, von Schlägen am ganzen Körper mit einem Schuhlöffel und von Faustschlägen gegen ihren Kopf berichtet. Sie habe auch er- zählt, dass ihr Mann ihr die Nase und den Mund zugehalt en habe. Zum Zeitpunkt des Eintritts habe sie immer noch über Kopfschmerzen und Sehstörungen g eklagt. Die Beschwerdeführerin habe berichtet, in ständiger Angst gelebt zu haben. Im Wohnheim habe sie grosse Angst ge- habt, abends alleine im Zimmer zu sein. Sie habe anfan gs nicht alleine in ihrem Zimmer schla- fen können und stattdessen mit der jeweiligen Nachtwach e im Nachtwachen-Zimmer geschla- fen. Die Beschwerdeführerin habe regelmässig Panikattacken gehabt, in denen sie am ganzen Körper zu zittern begonnen habe. Häufig nachdem sie N achrichten von Familienangehörigen erhalten oder sich an etwas von ihrem Mann erinnert h abe. Weiter sei sie lange nicht alleine aus dem Haus gegangen. Sie habe Panik gehabt, dass ihr Mann ihr begegnen würde und habe Begleitung benötigt. Später sei sie zwar alleine aus de m Haus gegangen, aber immer in der Nähe von anderen Menschen geblieben und nie alleine a n den Haltestellen der öffentlichen Verkehrsbetriebe gestanden. Die Beschwerdeführerin habe geäussert, dass sie tot sein werde, wenn der Ehemann sie draussen erwischen sollte. Sie habe immer noch sehr mit den traumati- schen Erlebnissen zu kämpfen, habe panische Angst vor Männ ern und könne nicht alleine mit einem Mann in einem Zimmer sein. Auch wenn Handwerke r oder der Hausmeister im Haus gewesen seien, sei sie zusammengezuckt und habe Angst bekommen. Gemäss dem Abklärungsbericht der Psychiatrie Baselland vom 4. Februar 2021 hat sich die Beschwerdeführerin am 4. und am 11. Februar 2021 in ambulante psychiatrische Behandlung begeben und berichtet, dass sie seit der Trennung vom Be schuldigten Angst habe, sich keiner Person gegenüber mehr öffnen könne und kein Vertrauen mehr habe (act. 405). Ausserdem habe sie grosse Angst, dass der Beschuldigte herausfinde, wo sie wohne. Es plage sie eine Angst, dass sie nicht "normal" sei, und ihr Wunsch sei es, sich wieder öffnen und sprechen zu können, was ihr momentan sehr schwer falle. Des Weiteren schlafe sie sehr schlecht und sehe immer wieder ihren Ehemann oder ihre Familie vor sich, wenn sie aus dem Fenster oder an die Wand schaue. Die ganze Situation und das Getrenntsein von ihrer Familie stimme sie sehr trau- rig. Seit der Trennung habe sie mit ihrer Familie in Tunesien keinen Kontakt mehr. Es bestünde wenig bis gar kein Kontakt zu ihren Mitbewohnern (act. 407). Sie habe kein soziales Umfeld, lebe sehr isoliert und verbringe die Zeit nach der A rbeit meist in ihrem Zimmer. Im ärztlichen Seite 19 http://www.bl.ch/kantonsgericht Befund wird sodann festgehalten, dass es sich bei der Be schwerdeführerin um eine wache, bewusstseinsklare Patientin handle, die zu allen Qualitäten vollständig orientiert sei. Im Kontakt sei sie freundlich und zugewandt, hin und wieder gebe e s sprachliche Verständigungsschwie- rigkeiten. Kognitive oder mnestische Defizite seien nicht aufgefallen. Weiter wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin formalgedanklich leicht grübe lnd sei, grosse Angst vor dem Be- schuldigten habe und davor, dass er sie finden würde. I m Affekt seien die Vitalgefühle gestört, sie sei deprimiert, ängstlich, ambivalent, leicht affekt labil und immer wieder den Tränen nahe. Die Beschwerdeführerin verfüge über eine gute affektive Schwingungsfähigkeit. Überdies be- stünden seit einem Jahr Ein- und Durchschlafstörungen. Auch seien Suizidgedanken und Phan- tasien über einen konkreten Suizidplan vorhanden, jedoch distanziere sie sich glaubhaft von akuter Suizidalität. Gemäss dem Austrittsbericht sind bei der Beschwerdeführerin Anpassungs- störungen (F43.2) diagnostiziert worden. Sie habe von unausweichlichen Erinnerungen, Wie- derinszenierungen der Erlebnisse in Träumen und von emo tionalem Rückzug berichtet. Ihre starken Schlafstörungen würden medikamentös (Quetiapin 25mg) behandelt, was bei der Be- schwerdeführerin zu einer deutlichen Entlastung geführt habe. 2.7.4 Im Gegensatz zur Auffassung der Staatsanwaltschaft steht nach Dafürhalten des Kan- tonsgerichts angesichts obiger Sachverhaltsdarstellung n icht zweifelsfrei fest, dass der Tatbe- stand der einfachen Körperverletzung zu Lasten des Ehegat ten im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 4 StGB offensichtlich nicht erfüllt ist. Zunächst ist erstellt, dass sich bei der Beschwerde- führerin deutliche physische Verletzungsfolgen gezeigt haben. So sind bei ihr am 2. März 2020 durch die Notfallärztin des Kantonsspitals Basel-Landschaft multiple Hämatome in der Grössenordnung von 5 x 5 cm diagnostiziert worden, wel che bläulich-livide verfärbt gewe- sen sind sowie zentral rötlich strichförmige Schlagspuren haben erkennen lassen, die zur An- gabe eines Schuhlöffels als Tatwaffe passen. Weiter i st am linken Oberschenkel sowie am rechten Oberschenkel und Unterschenkel jeweils eine ca. 2 x 5 cm umfassende, oberflächliche rötliche Exkoriation (Substanzdefekt der Haut) ohne off ensichtliche Hämatombildung, ebenfalls passend zu einer leichteren Schlagspur, sowie eine ca. 2 x 2 cm umfassende Druckdolenz temporo-occipital festgestellt worden. Von Schlägen durch den Beschuldigten mit einem Schuh- löffel hat die Beschwerdeführerin sodann nicht nur gege nüber der Notfallärztin, sondern auch anlässlich ihrer Einvernahme vom 8. September 2020 sowie im Wohnheim der Heilsarmee be- richtet. Anlässlich ihrer psychiatrischen Behandlung hat sie ebenfalls erzählt, dass der Beschul- digte sie regelmässig mit diversen Gegenständen am ganze n Körper blau geschlagen habe. Seite 20 http://www.bl.ch/kantonsgericht Die Aussage des Beschuldigten, dass er körperliche Problem e habe (act. 281), steht keines- wegs im Widerspruch zum Vorwurf, dass sich dieser für die Angriffe auf die Beschwerdeführerin diverser Gegenstände und insbesondere eines Schuhlöffel s bedient haben soll. Mithin beweist der (sofern zutreffende) Umstand, dass die rechte Hand d es Beschuldigten am 29. Februar 2020 infolge eines Bruchs eingeschient gewesen ist nicht, dass er nicht fähig gewesen wäre, der Beschwerdeführerin die dokumentierten Verletzungen zuzufügen. Ebenso steht die Aussa- ge des Beschuldigten, dass seine rechte Hand eingeschient gewesen sei, nicht im Widerspruch mit der Deposition der Beschwerdeführerin, von ihm an die rechte Kopfseite geschlagen worden zu sein (vgl. act. 281). Dass Schläge mit einem Schuhlöffel gegen die Beine erhebliche Schmerzen verursachen können, entspricht der allgemeine n Lebenserfahrung. Den Feststel- lungen und insbesondere der Fotodokumentation der No tfallärztin ist zu entnehmen, dass es sich bei den Verletzungsfolgen der Beschwerdeführerin n icht bloss um geringfügige Hämatome gehandelt hat. Vielmehr haben die zahlreichen Blutergüsse das Aussehen der Beine wesentlich beeinträchtigt, während die Heilung eine gewisse Zei t in Anspruch genommen hat, zumal die Hämatome im Zeitpunkt des Eintritts der Beschwerdeführ erin ins Wohnheim der Heilsarmee zehn Tage nach dem Vorfall vom 29. Februar 2020 immer noch deutlich erkennbar waren. Dass die Verletzungsfolgen nicht innert kürzester Zeit vor übergegangen sind, zeigen auch die Tatsa- chen, dass die Beschwerdeführerin noch zwei Tage nach der Auseinandersetzung das Bedürf- nis gehabt hat, sich (notfall-)ärztlich vorzustellen, sich Schmerztabletten hat mitgeben lassen sowie zehn Tage später im Zeitpunkt des Eintritts ins Wohnheim über Kopfschmerzen und Seh- störungen geklagt hat. Darüber hinaus muss auch die Beei nträchtigung der geistigen Gesund- heit der Beschwerdeführerin berücksichtigt werden. Der Umstand, dass sich diese rund ein Jahr nach dem Ereignis vom 29. Februar 2020 in psychiatrische Behandlung gegeben hat, legt den Schluss nahe, dass die Einwirkung des Beschuldigten zu einer anhaltenden Störung ihres psy- chischen Wohlbefindens geführt hat. Ob bei der Beschwerd eführerin hinsichtlich ihrer psychi- schen Gesundheit ein krankhafter Zustand eingetreten ist, der als Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB zu werten ist, ist nicht ausg eschlossen, zumal aus Sicht des Psychia- ters trotz des kurzen Beobachtungszeitraums deutliche Anze ichen einer Anpassungsstörung erkennbar gewesen sind sowie eine medikamentöse Behandlung ihrer Ein- und Durchschlafstö- rungen erfolgt ist. 2.8 Zu konstatieren ist somit, dass sowohl die allgemeine Be weislage als auch die Rechts- lage in Bezug auf die Frage der Abgrenzung zwischen Art. 123 StGB und Art. 126 StGB nicht Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht eindeutig sind. Über die Stichhaltigkeit des strafrechtlichen Vorwurfs hat somit das zur materiel- len Beurteilung zuständige Gericht zu entscheiden. Die Vo raussetzungen von Art. 319 Abs. 1 StPO sind nicht erfüllt. Die Verfahrenseinstellung dur ch die Staatsanwaltschaft ist folglich nicht zulässig, womit die entsprechende Verfügung vom 22. Jun i 2022 aufzuheben und die Angele- genheit an die Vorinstanz zurückzuweisen ist zu allfällig en weiteren Beweiserhebungen mit an- schliessender Anklageerhebung beim Strafgericht, sofern d ie Erledigung mit einem Strafbefehl nicht in Frage kommt. 3. Kosten (...) Seite 22 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Basel-L andschaft vom 22. Juni 2022 wird aufgehoben und die Sache zur F ortsetzung des Verfahrens im Sinne der Erwägungen an die Vorin stanz zurück- gewiesen. 2. Die ordentlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens in der Höhe von Fr. 1'100.00 (beinhaltend eine Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.00 sowie Auslagen von Fr. 100.00) gehen zu Lasten des Staates. 3. Der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin, Adv okatin Suzanne Davet, wird zufolge Gewährung der unentgeltlichen Ve rbeiständung für das Beschwerdeverfahren ein Honorar von Fr. 1'046. 20 (inkl. Fr. 46.20 Auslagen) zuzüglich 7,7% Mehrwertsteuer (= Fr. 80.55), somit insgesamt Fr. 1'126.75 aus der S taatskasse aus- gerichtet. Der Beschuldigte hat seine Parteikosten selbst zu tragen. Präsident Enrico Rosa Gerichtsschreiberin Nicole Zimmermann Dieser Entscheid ist rechtskräftig.