B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-86/2011 U r t e i l v o m 11 . S e p t e m b e r 2 0 1 3 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Thomas Wespi, Richterin Emilia Antonioni Luf- tensteiner, Gerichtsschreiberin Sandra Bodenmann. Parteien A._______, geboren am (…), Serbien bzw. Kosovo, vertreten durch B._______, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft und Asylwiderruf; Verfügung des BFM vom 7. Dezember 2010 / N (…). E-86/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. Mit Entscheid vom 17. August 1993 anerkannte das damalige Bundesamt für Flüchtlinge (BFF; nunmehr BFM) den Beschwerdeführer – einen eth- nischen Albaner aus dem Kosovo – als Flüchtling an und gewährte ihm Asyl. B. B.a Mit Schreiben vom 23. März 2004 teilte das BFF dem Beschwerd e- führer mit, da den Akten zu entnehmen sei, dass der Beschwerdeführer im (…) 2002 nach Kosovo gereist sei, gehe das BFF davon aus, dass er sich freiwillig wieder unter den Schutz seines Heimatlandes gestellt habe und damit die Voraussetzungen für die Aberkennung der Flüchtlingse i- genschaft und einen Asylwiderruf gegeben seien. Gemäss Art. 63 Abs. 1 Bst. b des Asylgesetzes vo m 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) werde das Asyl nämlich aus Gründen nach Art. 1 Bst. C Ziff. 1 -6 des internatio- nalen Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüch t- linge ( FK, SR 0.142.30) widerrufen. Gemäss Ziff. 1 der erwähnten B e- stimmung falle eine Person dann nicht mehr unter das Abkommen, wenn sie sich freiwillig wieder unter den Schutz des Landes, dessen Staatsa n- gehörigkeit sie besitze, gestellt habe. Dem Beschwerdeführer wurde G e- legenheit gegeben, zum erwähnten Sachverhalt Stellung zu nehmen. B.b Mit Antwortschreiben vom 30. März 2004 führte der Beschwerdefü h- rer aus, dass er nach mehr als acht Jahren erstmals im Kosovo gewesen sei. Da Kosovo unter der Administration der Vereinten Nationen stehe, sei er dort nicht gefährdet. Er sei dort ge wesen, um seine Familie und insb e- sondere seine Mutter, welche sehr alt sei, zu besuchen; er wisse nicht, ob er sie jemals wiedersehen werde. Im Übrigen sei er aufgrund der in Ko- sovo herrschenden politischen Lage nicht mehr daran interessiert, dorthin zu reisen. B.c Mit Schreiben vom 28. Juni 2004 hielt das BFF fest, dass die Rüc k- kehr in den Machtbereich jenes Staates, in welchem der Flüchtling erns t- haften Nachteilen ausgesetzt gewesen sei, bekunde, dass die Gründe, welche Anlass zur Flucht gegeben hätten, nicht mehr vorhanden seien. Dem Beschwerdeführer wurde wiederum Gelegenheit geboten, zur bea b- sichtigten Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft und dem Asylwiderruf Stellung zu nehmen. E-86/2011 Seite 3 Der Beschwerdeführer liess die Frist zur Einreichung einer erneuten Ste l- lungnahme unbenutzt verstreichen. B.d Mit Beschluss vom 23. August 2004 stellte das BFF das Verfahren gegen den Beschwerdeführer betreffend Aberkennung der Flüchtlingse i- genschaft und Asylwiderruf ein und hielt fest, der Beschwerdeführer ble i- be weiterhin als Flüchtling anerkannt. C. C.a Mit Schreiben vom 23. August 2010 führte das BFM aus, dass sich die Situation im Heimatstaat des Beschwerdeführers in den letzten Ja h- ren derart verändert habe, dass sie nicht mehr jener entspreche, die se i- nerzeit die Flucht des Beschwerdeführers verursacht beziehungsweise zur Gewährung des Asyls in der Schweiz geführt habe. Gemäss Art. 63 Abs. 1 Bst. b AsylG werde das Asyl aus Gründen nach Art. 1 Bst. C Ziff. 1-6 FK widerrufen. Gemäss Ziff. 5 der zuletzt erwähnten Bestimmung falle eine Person dann nicht mehr unter das Abkommen, wenn sie nach Wegfall der Umstände, aufgrund deren sie als Flüchtling anerkannt wo r- den sei, es nicht mehr ablehnen könne, den Schutz ihres Heimatstaates in Anspruch zu nehmen. Das BFM sei deshalb laufend daran, bei allen anerkannten Flüchtlingen aus Kosovo die Aberkennung der Flüchtlingse i- genschaft zu prüfen. Dem Beschwerdeführer wurde Gelegenheit geg e- ben, hierzu Stellung zu nehmen. Zudem wurde er darauf hingewiesen, dass sein Reiseaus weis für Flüchtlinge bei einem Asylwiderruf eingez o- gen würde. Um zu vermeiden, dass er im Falle eines Widerrufs des Asyls und der Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft über keine Reisepapiere mehr verfüge, riet ihm das BFM, sich frühzeitig an die heimatli che Vertre- tung in der Schweiz zu wenden und einen neuen Reisepass zu beantr a- gen. Der Beschwerdeführer liess die Frist zur Einreichung einer Stellungna h- me unbenutzt verstreichen. C.b Mit Verfügung vom 7. Dezember 2010 – eröffnet am 9. Dezember 2010 – aberkannte das BFM dem Beschwerdeführer gestützt auf Art. 63 Abs. 1 Bst. b AsylG i.V.m. Art. 1 Bst. C Ziff. 5 FK die Flüchtlingseige n- schaft und widerrief das ihm am 17. August 1993 gewährte Asyl. D. Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 3. Januar 2011 (Datum Poststempel: 6. Januar 2011) beim Bundesve r-E-86/2011 Seite 4 waltungsgericht Beschwerde ein und beantragte sinngemäss, der Asylw i- derruf sei aufzuheben und die Flüchtlingseigenschaft sei ihm nicht abz u- erkennen. E. Mit Verfügung vom 12. Januar 2011 hielt d as Bundesverwaltungsgericht fest, dass gemäss Art. 55 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) die Beschwerde auf - schiebende Wirkung entfalte, der Beschwerdeführer für die Dauer des Beschwerdeverfahrens weiterhin al s Flüchtling gelte und asylberechtigt sei und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gestützt auf Art. 63 Abs. 4 VwVG verzichtet werde. Ferner führte es aus, dass der Ausgang des vorliegenden Beschwerdeverfahrens keine Auswirkung auf die Ni e- derlassungsbewilligung des Beschwerdeführers, für welche die kantonale Migrationsbehörde zuständig sei, haben könne. Im Übrigen forderte es den Beschwerdeführer auf, innert Frist den jüngsten Entscheid betreffend seine IV-Rente einzureichen, andernfalls das Beschwerdev erfahren auf- grund der aktuellen Aktenlage fortgesetzt werde. F. Mit Eingabe vom 17. Januar 2011 an das Bundesverwaltungsgericht legte der Beschwerdeführer folgende Dokumente ins Recht: Mitteilung der [So- zialversicherungsanstalt] vom (…) 2009 betreffend unveränderte IV-Rente des Beschwerdeführers, Verfügung [Sozialversicherungsanstalt] vom (…) 2010 betreffend Ergänzungsleistungen zur IV-Rente sowie Berechnungs- blatt für die Ergänzungsleistungen zur IV-Rente vom (…) 2010. G. Mit Verfügung vom 7. September 2012 lud das Bundesverwaltungsgericht die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. H. Mit Vernehmlassung vom 21. September 2012, welche dem Beschwerde- führer zur Kenntnis gebracht wurde, beantragte das BFM die Abweisung der Beschwerde, da sie keine neuen erheblichen Tatsachen oder B e- weismittel enthalte, welche eine Änderung der vorinstanzlichen Stan d- punktes rechtfertigen könnten. Der Beschwerdeführer sei in der Republik Kosovo nicht gefährdet, was seine Besuche im Heimatland und die Au s- stellung eines koso varischen Reisepasses bestätigen würden. Ausse r- dem habe der Asylwiderruf keinen Einfluss auf die Niederlassungsbewill i- gung des Beschwerdeführers. E-86/2011 Seite 5 I. Mit Verfügung vom 12. August 2013 hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, vorliegend sei fraglich, ob sich der Beschwerdeführer mit der Au s- stellung des kosovarischen Passes und den Reisen in den Kosovo freiwil- lig unter den Schutz seines Heimatlandes gestellt ha be. Das Gericht räumte ihm aus diesem Grunde Gelegenheit ein, sich zu Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK zu äussern, welcher besag t, dass der Umstand, dass sich ein Flüchtling freiwillig wieder unter den Schutz des Landes stell t, dessen Staatsangehörigkeit er besitz t, eine Aberkennung der Flüchtlingseige n- schaft nach sich ziehen kann. J. Mit Eingabe vom 23. August 2013 nahm die neu mandatierte Rechtsve r- tretung des Beschwerdeführers hierzu Stellung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt ni cht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Au s- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das AsylG und das VGG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die E-86/2011 Seite 6 angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG , Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG ). 3. Art. 63 AsylG regelt die Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft und den Widerruf des Asyls. Gemäss Art. 63 Abs. 1 Bst. b AsylG wird die Flüch t- lingseigenschaft aberkannt und das Asyl widerrufen, wenn Gründe nach Art. 1 Bst. C Ziff. 1 -6 FK vorliegen. Art. 1 B st. C FK beinhaltet Beend i- gungsklauseln betreffend den Flüchtlingsstatus. Namentlich fällt eine Per- son unter anderem nicht mehr unter die Bestimmungen der FK und endet ihr Flüchtlingsstatus, wenn sie nach Wegfall der Umstände, aufgrund d e- ren sie als Flüchtling anerkannt worden ist, es nicht mehr ablehnen kann, den Schutz ihres Heimatstaates in Anspruch zu nehmen (A rt. 1 Bst. C Ziff. 5 FK) oder wenn sie sich freiwillig wieder unter den Schutz des La n- des, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, gestellt hat ( Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK). 4. 4.1 Das BFM führte zur Begründung seines Asylwiderrufs und der Abe r- kennung der Flüchtlingseigenschaft im Wesentlichen aus, die politische Situation in Kosovo entspreche nicht mehr derjenigen, welche die Flucht des Beschwerdeführers verursacht und zur Asylgewährung geführt habe. Am 17. Februar 2008 habe Kosovo die Unabhängigkeit erklärt, wobei auch nach dem Statuswechsel eine internationale zivile und militärische Präsenz vorgesehen sei. Mit der UNMIK (United Nations Interim Adm i- nistration Mission in Kosovo) und der EU würden zwei internationale Mi s- sionen in Kosovo bestehen. Die am 9. Dezember 2008 unter dem Schirm der Vereinten Nationen offiziell gestartete EULEX-Mission sei statusneut- ral. Die internationalen Sicherheitskräfte und die Kosovo Police (KP) wür- den die Sicherheit garantieren. Angesichts dieser grundlegenden polit i- schen Änderungen habe der Bundesrat Kosovo mit Beschluss vom 6. März 2009 als "safe country" im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG E-86/2011 Seite 7 bezeichnet. Der Widerrufsgrund von Art. 1 Bst. C Ziff. 5 FK, wonach eine Person nicht mehr unter die FK falle, wenn sie nach dem Wegfall der Umstände, auf Grund derer sie als Flüchtling anerkannt worden sei, es nicht mehr ablehnen k önne, den Schutz ihres Heimatstaates in Anspruch zu nehmen, sei vorliegend erfüllt. Durch die Aberkennung der Flüch t- lingseigenschaft und den Asylwiderruf unterstehe der Beschwerdeführer nicht mehr der FK, weshalb der gestützt auf dieses Abkommen ausg e- stellte Reiseausweis zurückzuge ben sei beziehungsweise eingezogen bleibe. 4.2 Der Beschwerdeführer hielt diesen Erwägungen auf Beschwerdeeb e- ne entgegen, er sei vor zwei Jahren (mithin 2008/2009) nach Kosovo ge- reist, um seine kranke Mutter zu besuchen. Bei die ser Gelegenheit habe er noch eine n Antrag auf einen kosovarischen Pass gestellt und diesen erhalten. Die Zeit in Kosovo habe er auch für seine Reintegration genutzt, was ihm jedoch nicht gelungen sei, da alles anders gewesen sei als vo r- her. Insbesondere störe ihn die herrschende Korruption und Ungerechti g- keit. Zwar habe sich die Situation i n Kosovo generell verbessert, aber nicht dermassen, dass er sich dort sicher fühle. Andererseits habe er sich während beinahe 20 Jahren bemüht, sich in die hiesige Gesell schaft zu integrieren. Im Jahr 2010 sei er nochmals nach Kosovo gegangen, um bei der Beerdigung seiner verstorbenen Mutter anwesend zu sein. A n- schliessend sei er wieder in die Schweiz geflogen. Als er am Flughafen in Zürich angekommen sei, habe er den hies igen Grenzbehörden seinen Schweizer Reisepass abgeben müssen. Seither gehe es ihm sehr schlecht und er finde keine Ruhe mehr. Auch die regelmässigen Ther a- pien würden ihm nicht helfen. Er habe notfallmässig sogar hospitalisiert werden müssen. Sodann sei er seit mehreren Jahren arbeitsunfähig und IV-Rentner (man habe ihm aufgrund eines (…)-Invaliditätsgrades eine In- validenrente zugesprochen). Die Folterungen in den serbischen Gefän g- nissen hätten Spuren hinterlassen und als Folge davon sei er krank g e- worden. Weil die Gesundheitsvorsorge in Kosovo in einem katastrophalen Zustand sei, mache er sich Sorgen um seine angeschlagene Gesundheit. Der Entzug des Asyls würde einen harten Schlag für ihn darstellen und eine Unsicherheit bei ihm auslösen. Er befürchte, dass seine schwere Depression, unter welcher er nach einer Erkrankung stark gelitten habe, wiederkehren würde. Ausserden habe er nicht den Mut, seine Verwan d- ten in Kosovo zu kontaktieren, weil er nicht wisse, wie sie mit Rückke h- rern umgehen würden. Im Übrigen h abe er zum Schreiben vom 23. A u- gust 2010 keine Stellungnahme eingereicht, da er gedacht habe, dies sei E-86/2011 Seite 8 lediglich ein Informations schreiben, welches alle Albaner aus Kosovo e r- halten hätten. 4.3 In seiner Vernehmlassung vom 21. September 2012 hielt das BFM fest, die Besuche des Beschwerdeführers im Heimatland und die Ausstel- lung eines kosovarischen Reisepasses würden bestätigen, dass er in der Republik Kosovo nicht gefährdet sei. Ausserdem habe de r Asylwiderruf keinen Einfluss auf die Niederlassungsbewilligung des Beschwerdefü h- rers. 4.4 Die in der Stellungnahme vom 23. August 2013 aufgeführten Entge g- nungen erschöpfen sich überwiegend in Wiederholungen der auf B e- schwerdeebene bereits geltend gemachten Vorbringen. Ferner wurde festgehalten, dass der Beschwerdeführer aufgrund der in der letzten Zeit erfolgten Verschlechterung seines Gesundheitszustands mehrmals no t- fallmässig ins Krankenhaus habe eingeliefert werden müssen. Sodann wurde nochmals betont, dass der Asylwiderruf und die Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft einen harten Schlag für den Beschwerdeführer bedeuten würden, da seine ganze Familie hier in der Schweiz lebe und er sich Sorgen um seine Gesundheit mache, denn die kosovarische G e- sundheitsversorgung befinde sich in einem katastrophalen Zustand ; er habe grosse Angst und fürchte sich von einer wiederkehrenden schweren Depression. 5. Da das Bundesverwaltungsgericht an die rechtliche Begründung der vor - instanzlichen Verfügung nicht gebunden ist ( vgl. Art. 62 Abs. 4 VwVG), kann es eine angefochtene Verfügung im Ergebnis gleich belassen, di e- ser aber eine andere Begründung zu Grunde legen (Motivsubstitution). Diese Möglichkeit der Motivsubstitution ist im Grundsatz der Rechtsa n- wendung von Amtes weg en begründet (vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwa l- tungsgericht, Basel 2008, S. 181 Rz. 3.197). Im vorliegenden Fall nimmt das Bundesverwaltungsgericht eine Motivsubstitution im erwähnten Sinne vor und gelangt nachstehend zum Schluss, dass das BFM die Flüch t- lingseigenschaft des Beschwerdeführers nicht gestützt auf Art. 63 Abs. 1 Bst. b AsylG i.V.m. Art. 1 Bst. C Ziff. 5 FK, sondern gestützt auf Art. 63 Abs. 1 Bst. b AsylG i.V.m. Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK hätte aberkennen dürfen. E-86/2011 Seite 9 6. 6.1 Vorliegend gilt es zu prüfen, ob gestützt au f Art. 63 Abs. 1 Bst. b AsylG i.V.m. Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK die Flüchtlingseigenschaft des B e- schwerdeführers abzuerkennen und das ihm am 17. August 1993 ge- währte Asyl zu widerrufen ist. Damit Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK zur Anwen- dung gelangt, müssen kumulativ drei Voraussetzungen erfüllt sein: Der Beschwerdeführer muss freiwillig in Kontakt mit seinem Heimatland getre- ten sein, in der Absicht, von seinem Heimatland Schutz in Anspruch zu nehmen, und dieser muss ihm tatsächlich gewährt worden sein (vgl. BVGE 2010/17 E. 5.1.1 mit Verweis auf EMARK 2002 Nr. 8 E. 8). 6.2 Heimatreisen von Flüchtlingen müssen restriktiv beurteilt werden. Grundsätzlich stellt der Umstand, dass sich jemand zurück in den Ver - folgerstaat begibt, ein starkes Indiz dafür dar, dass die frühere Ver - folgungssituation oder die Furcht vor Verfolgung nicht mehr bestehen. Trotzdem dürfen e ine Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft und ein Widerruf des Asyls erst dann ausgesprochen werden, wenn die erwäh n- ten Voraussetzungen in ihrer Gesamtheit erfüllt sind. Entfällt eine der Voraussetzungen, ist von der Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft und vom Widerruf des Asyls abzusehen (vgl. BVGE 2010/17 E. 5.1.2 mit Verweis auf EMARK 1996 Nr. 12 E. 7). 6.3 Gestützt auf die Aussagen des Beschwerdeführers ist davon ausz u- gehen, dass er sich etwa im 2008/2009 in Kosovo aufgehalten hat sowie im Jahr 2010 nochmals in seinen Heimatstaat gereist ist, um bei der B e- erdigung seiner verstorbenen Mutter anwesend zu sein . Bei diesem B e- such liess er sich von den heimatl ichen Behörden ausserdem einen ko- sovarischen Reisepass ausstellen. Die Kontaktnahme mit den Behörden des Heimatstaates zwecks Passb e- schaffung stellt einen Tatbestand dar, der grundsätzlich als "Unterschut z- stellung" unter den Widerrufsgrund von Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK fallen kann (vgl. EMARK 1998 Nr. 29 E. 3, BVGE 2011/28 E. 3.3.2, je mit weiteren Hinweisen). Wenn ein Flüchtling einen Pass des Landes, dessen Staat s- angehörigkeit er besitzt, beantragt und erhält, so lässt dies darauf schliessen, dass er die Absicht hat, erneut den Schutz des Landes seiner Staatsangehörigkeit in Anspruch zu nehmen, es sei denn, er kann Bewei- se vorbringen, die diese Annahme widerlegen (vgl. UNHCR, Handbuch über Verfahren und Kriterien zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Genf, September 1979, Neuauflage: UNHCR Österreich, Dezember 2003 E-86/2011 Seite 10 [nachfolgend: UNHCR Handbuch], Erläuterungen zu Art. 1 Bst. C FK, Rz. 121). Dabei mag ein Flüchtling diese Handlung in der Absicht vorg e- nommen haben, entweder in sein Land zurückzukehren od er den Schutz seines Herkunftslandes in Anspruch zu nehmen, jedoch weiterhin au s- serhalb dieses Landes zu bleiben. Entscheidend ist indessen, dass er mit dem Erhalt eines solchen Dokumentes normalerweise aufhört, ein Flücht- ling zu sein (vgl. UNHCR Handbuch, a.a.O., Rz. 123, S. 33). Als Unte r- schutzstellung gelten denn auch nicht nur die tatsächliche Schutzbea n- spruchung im Heimatland, sondern auch die Beanspruchung und Benu t- zung des diplomatischen Schutzes durch Beantragen und Verwenden e i- nes heimatlichen Pass es (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebe r- sax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.28; vgl. auch BVGE 2011/28 E. 3.3.2 mit weiteren Hinweisen). Mit der Beantragung eines kosovarischen Passes hat sich der Beschwer- deführer erneut und bewusst unter den Schutz seines Heimatstaates g e- stellt. 6.4 Weiter bedingt das Kriterium der Freiwilligkeit, dass der Akt des Flüchtlings (welcher auf eine Unterschutzstellung hinweist) ohne äuss e- ren Zwang – weder durch die Umstände im Asylland noch durch die B e- hörden des Heimatstaate – geschieht. Namentlich fehlt es an der Freiwi l- ligkeit des Kontaktes mit den Behörden des Heimatstaates, wenn der Flüchtling auf Geheiss der Behörden des Asyllandes bei der Vertretung seines Heimatstaates die Ausstellung oder Erneuerung seines Reisepa s- ses beantragt (vgl. EMARK 1996 Nr. 12 E. 8a). Mit dem Kriterium der Ab- sicht der Schutzunterstellung soll gewährleistet bleiben, dass ein Flüch t- ling seinen Status behält, wenn die Beschaffung heimatlicher Reisepapie- re oder eine Reise in den Heimatstaat aus beachtlichen Gründen erfolgt (EMARK 1998 Nr. 29 E. 3b.bb). Der Beschwerdeführer bringt nicht vor, sich einen Pass für die Teilnahme an der Beerdigung seiner Mu tter beschafft zu haben, sondern er führte aus, im Jahr 2010 an der Bestattung seiner Mutter in Kosovo teilgeno m- men und im Rahmen dieses Besuches in seinem Heimatland den koso- varischen Pass beantragt zu haben. Sodann wurde der Beschwerdefüh- rer von den schweizerischen Behörden nicht angewiesen, sich ei nen heimatlichen Pass ausstellen zu lassen. Er hätte vielmehr von den schweizerischen Behörden eine Ausnahmeerlaubnis für eine Reise ins Heimatland bei Vorliegen eines wichtigen Grundes verlangen können. Ein beachtlicher Grund für die Beschaffung des kosovarischen Passes liegt E-86/2011 Seite 11 jedenfalls nicht vor. Das Kriterium der Freiwilligkeit der Unterschutzste l- lung ist somit vorliegend erfüllt. 6.5 Als drittes Kriterium muss dem Beschwerdeführer durch den Heima t- staat effektiv Schutz gewährt worden sein. Indem dem Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge von den kosovarischen Behörden tatsächlich ein Reisepass ausgestellt worden ist, ist auch dieses Kriterium als erfüllt zu betrachten (vgl. EMARK 1998 Nr. 29 E. 3b.cc). 6.6 Im Übrigen erweist sich die Verfügung auch als angemessen und ver- hältnismässig. Der Beschwerdeführer verfügt über eine Niederlassung s- bewilligung in der Schweiz. Der Ausgang des vorliegenden Beschwerd e- verfahrens hat keine Auswirkung auf die Niederlassungsbewilligung des Beschwerdeführers, für welche die kantonale Migrationsbehörde zustä n- dig ist. Das BFM hat denn auch in der angefochtenen Verfügung weder die Wegweisung noch den Vollzug des Wegweisung angeordnet. D er Asylwiderruf bewirkt vielmehr nur, dass der Beschwerdeführer den dipl o- matischen Schutz seines Heimatlandes Kosovo in Anspruch zu nehmen hat, ohne aber zu einer dauerhaften Rückkehr in sein Heimatland g e- zwungen zu sein (vgl. EMARK 1995 Nr. 16 E. 6f). Ein solcher Kontakt mit den heimatlichen Behörden – sei es auch nur mit der kosovarischen Bo t- schaft in der Schweiz – kann vom Beschwerdeführer trotz seiner geäu s- serten Bedenken (herrschende Korruption und Ungerechtigkeit) verlangt werden; seinen Angaben gemäss sei ihm von den Behörden Kosovos ein Pass ausgestellt worden. Ausführungen zu allfälligen Reaktionen der Verwandtschaft auf Rückkehrer und zur medizinischen Versorgungslage in Kosovo im Zusammenhang mit der angeschlagenen Gesundheit des Beschwerdeführers erübrigen sich vorliegend, da eine Rückkehr nach Kosovo nicht in Frage steht. 6.7 Gestützt auf die Aktenlage ist mithin davon auszugehen, dass der Be- schwerdeführer freiwillig in sein Heimatland zurückgekehrt ist und sich dort mit der Annahme eines kosovarisc hen Reisepasses konkret dem Schutz des kosovarischen Staates unterstellt hat. Somit sind sämtliche in Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK respektive Art. 63 Abs. 1 Bst. b AsylG statuierten Voraussetzungen für eine Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft und den damit verbundenen Asylwiderruf erfüllt. Es erübrigt sich deshalb, auf die weiteren auf Beschwerdeebene geltend gemachten Vorbringen ein- zugehen, da sie an dieser Würdigung des Sachverhalts nichts zu ändern vermögen. Das BFM hat demnach zu Recht die Flüchtlingseig enschaft E-86/2011 Seite 12 des Beschwerdeführers aberkannt und das ihm gewährte Asyl widerr u- fen. 6.8 Der Asylwiderruf und die Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft hat zur Folge, dass der Beschwerdeführer nicht mehr dem internationalen Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rech tsstellung der Flüchtlinge sowie dem Asylgesetz, sondern dem allgemeinen Ausländerrecht unte r- steht. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist nach dem Gesagten abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten von Fr. 600.– (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Gestützt auf Art. 6 Bst. b VGKE ist indessen auf eine Kostenauf- erlegung zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) E-86/2011 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Sandra Bodenmann Versand: