B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2188/2019 U r t e i l v o m 3 0 . J u n i 2 0 2 0 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Yanick Felley, Richter Markus König, Gerichtsschreiberin Susanne Bolz. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 8. April 2019. E-2188/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 13. Juni 2018 in der Schweiz um Asyl. Gleichentags wurde ihm mitgeteilt, dass er per Zufallsprinzip der Testphase des Verfahrenszentrums Zürich zugewiesen wurde. Nach der Aufnahme der Personalien am 19. Juni 2018 fand am 29. August 2018 seine Befra- gung zur Person (BzP) und zu den Asylgründen statt. Am 12. September 2018 wurde er einlässlich zu seinen Asylgründen angehört. Da sein Ge- such zu diesem Zeitpunkt nicht als entscheidreif erachtet wurde, wurde das Verfahren gemäss Zuweisungsentscheid vom 17. September 2018 im er- weiterten Verfahren weitergeführt. Am 19. September 2018 teilte die ihm zugewiesene Rechtsvertreterin die Niederlegung des Mandats mit. B. Zur Begründung seines Gesuchs führte der Beschwerdeführer im Wesent- lichen aus, er sei ethnischer Kurde syrischer Nationalität und stamme aus dem Dorf B._______ in al Qamishli. Nach Beendigung seines Militärdiens- tes sei er im Jahr 2007 nach C._______ gezogen, wo er als (…) gearbeitet habe. Syrien habe er verlassen, weil er als Reservist ein Aufgebot für die Syrische Armee erhalten habe, dem er nicht habe Folge leisten wollen. Im März 2004 habe er mit dem Militärdienst begonnen. Bereits während der militärischen Grundausbildung in (…) sei über ihn ein Rapport erstellt worden, weil er einen Vorgesetzten wegen dessen einseitiger Schuldzu- weisung gegen die Kurden hinterfragt habe. Nach vier Monaten sei er nach (…) verlegt worden. Im Jahr 2005 habe er während des Fastenmonats ei- nen arabischen Soldaten geschlagen, wei l dieser vorher einen anderen Kurden geschlagen habe. Sie seien alle drei ins Gefängnis gekommen; der arabische Soldat sei aber schon nach vier Tagen entlassen worden, der andere Kurde nach 20 Tagen und er selbst erst nach 40 Tagen. Danach sei er der Ein vernahmesektion vorgeführt worden, wo man ihn nicht nur mit diesem Vorfall, sondern auch mit dem Rapport vom März 2004 konfrontiert habe sowie mit dem Umstand, dass zwei seiner Brüder Mitglieder der kom- munistischen Partei seien. Es sei ihm zudem vorgehalten worden, dass er kein Mitglied der Baath -Partei sei und den Ramadan nicht eingehalten habe. Der Sektionschef habe ihm eine schallende Ohrfeige gegeben. Ob- wohl er selbst ganz unpolitisch gewesen sei, habe der Streit unter Soldaten damit eine politische und rassistische Bedeutung erhalten. In der Folge sei sein Verfahren vor dem Militärgericht in Damaskus weitergeführt worden; E-2188/2019 Seite 3 etwa zwei Monate habe er im (…)-Gefängnis in Untersuchungshaft geses- sen, bevor er dem Richter vorgeführt worden sei. Der R ichter habe den ganzen Vorfall nicht als gravierend erachtet und ihn daher nach zehn Tagen aus der Haft entlassen. Er habe dann weiterhin den Militärdienst geleistet. Allerdings habe man ihm im Jahr 2006, als der reguläre Dienst beendet war, mitgeteilt, dass er nur vorläufig entlassen sei und noch drei Monate nachdienen müsse. Aus diesem Grund habe er in der Folge jeglichen Be- hördenkontakt zu vermeiden versucht. Später habe er jedoch keine weite- ren Probleme mit den syrischen Behörden gehabt. Er habe das Land im Zusammenhang mit einem Aufgebot für den Militär - Reservedienst verlassen, dem er nicht habe Folge leisten wollen. Das Auf- gebot sei seinem Bruder in B._______ für ihn übermittelt worden. Zwei Wo- chen später hätten die Behörden nochmals beim Bruder nach ihm gesucht, weil sie ihn hätten festnehmen wollen. Im Anschluss daran habe man ihn auch an seiner Adresse in C._______ gesucht und – weil er dort nicht ge- wesen sei – seine Schwester aufgesucht. Insgesamt seien die Behörden vier bis fünfmal vorbeigekommen, jeweils im Abstand von rund 20 Tagen oder einem Monat. Weil die Sicherheitslage sich zusehends verschlechtert habe, habe er C._______ circa zwei Monate nach dem letzten Behörden- besuch und rund sieben Monate nachdem der Bruder das Reservedienst- aufgebot für ihn entgegengenommen habe, verlassen. Er sei in sein H ei- matdorf zurückgekehrt, wo er in der Landwirtschaft gearbeitet habe. Nach rund einem Jahr habe er die Region Qamishli aber endgültig verlassen, weil er sich dort eingesperrt gefühlt habe. Am 20. Januar 2016 habe er bei Derik die Grenze überquert und habe sich zu seinem Cousin nach [Nord- irak] begeben. Sein Bruder habe ihm mitgeteilt, dass die Behörden nach seiner Ausreise noch zweimal im Dorf nach ihm gesucht hätten. Von der Türkei aus sei er über Griechenland in die Schweiz gereist. Der Beschwerdeführer reichte seine Identitätskarte im Original ein. Als wei- tere Beweismittel legte er sein Militärbüchlein sowie einen Marschbefehl vom (…) 2014 und einen Haftbefehl vom (…) 2014 vor, jeweils im Original. C. Am 8. April 2019 lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und verfügte die Wegweisung. Da es die Rückkehr in den Heimatstaat Syrien jedoch nicht für zulässig erachtete, ordnete es eine vorläufige Auf- nahme an. Unter Verweis auf BVGE 2015/3 argumentierte das SEM, dass eine Wehrdienstverweigerung oder Desertion die Flüchtlingseigenschaft nicht per se begründe, sondern nur, wenn damit eine Verfolgung im Sinne E-2188/2019 Seite 4 des Art. 3 AsylG einhergehe, wenn also die betroffene Person aus einem der in Art. 3 AsylG genannten Gründe (Rasse, Religion, Nationalität, Zuge- hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen politischen An- schauungen) wegen der Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Be- handlung zu gewärtigen habe, die ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkomme. Laut Länderinformationen zur Situation in Syrien unterstelle das Regime nicht allen Deserteuren oder Wehrdienst- verweigerern eine regierungsfeindliche Haltung, sondern nur solchen, die zusätzlich noch ein politisches Profil aufwiesen . Eine Bestrafung der De- sertion oder Wehrdienstverweigerung erfolge demnach nur dann aus Grün- den im Sinne des Art. 3 AsylG, wenn zusätzliche einzelfallspezifische Fak- toren vorlägen. Im Fall des Beschwerdeführers seien keine einzelfallspezi- fischen Risikofaktoren ersichtlich, welche ein politisches Profil zu begrün- den vermöchten. Die von einem Gericht damals als unerheblich eingestuf- ten Vorfälle während des Militärdienstes vermöchten kein politisches Profil zu begründen, zumal der Beschwerdeführer selbst geltend gemacht habe, nie weiteren Probleme mit den syrischen Behörden gehabt zu haben. Auch aus dem eingereichten Haftbefehl gehe lediglich hervor, dass man ihn habe festnehmen wollen, um sicherzustellen, das s er den Reservedienst an- trete. Aufgrund der Sicherheitslage in Syrien sei der Vollzug aber als unzu- lässig zu erachten. Es sei nicht auszuschliessen, dass dem Beschwerde- führer Strafmassnahmen drohen könnten, die gegen Art. 3 EMRK verstos- sen würden. Die Verfügung wurde am 10. April 2019 eröffnet. D. Am 6. Mai 2019 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde und ersuchte um die Aufhebung des angefochtenen Entscheids; es sei ihm Asyl zu ge- währen, eventualiter sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen. In pro- zessualer Hinsicht beantragte er die unentgeltliche Prozessführung einher- gehend mit dem Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, da er mittellos sei und seine Beschwerdevorbringen nicht aussichtslos seien. Er rügte, dass das SEM die Vorbringen unrichtig gewürdigt habe. Dessen Entscheid beruhe auf Mutmassungen, Spekulationen und nicht auf konkre- ten Tatsachen; das SEM habe seine Sorgfaltspflicht verletzt. Er habe glaubhaft dargelegt, in Syrien während der Militärdienstzeit im Gefä ngnis gewesen zu sein, nur provisorisch vom Dienst entlassen worden zu sein und erneut einen Einberufungsbefehl erhalten zu haben. Er werde in Sy- rien bis heute gesucht, weil er dieser Einberufung nicht Folge geleistet E-2188/2019 Seite 5 habe und sei daher unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet. Die heimischen Behörden hätten ihn als politischen Gegner und Dienstverweigerer registriert. Es sei bekannt, mit welcher Härte das Re- gime gegen Dienstverweigerer, politische Gegner und andere, als Verräter eingestufte Personen vorgehe. Das Regime richte sich nicht nur gegen die Betroffenen selbst, sondern auch gegen deren Familien. Er könne keinen Schutz vor den Verfolgungsmassnahmen des Regimes erhalten. Da er im Jahr 2004 im damaligen politischen Kontext im Militärdienst einen Kurden verteidigt habe, werde ihm deshalb bis heute eine regierungsfeindliche Haltung unterstellt. Er habe dies alles auch dokumentieren können, in sei- nem Militärbüchlein sei die provisorische Entlassung vermerkt; diesbezüg- lich wurde erneut eine Kopie der Seite 33 des Militärbüchleins samt Über- setzung eingereicht. Zudem begehe das syrische Militär im Bürgerkrieg schwerste Menschenrechtsverletzungen. Auch aus Sicht des UNHCR gäl- ten Wehrdienstverweigerer und Deserteure als relevante Risikogruppe des Konflikts; in Haft komme es zu Folterungen und Exekutionen von Deser- teuren. Seit Ende 2014 habe das syrische Regime seine Einberufungsak- tivitäten intensiviert und Razzien und Verhaftungskampagnen durchge- führt, an Checkpoints würden sogar Knaben festgehalten und in den Mili- tärdienst gezwungen. E. Mit Verfügung vom 10. Mai 2019 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Sie lud die Vorinstanz zur Ver- nehmlassung ein. F. In seiner Stellungnahme vom 20. Mai 2019 hielt das SEM an der Abwei- sung der Beschwerde fest. Nicht allen wehrdienstfähigen Männern, welche den Reservedienst verweigerten, drohe im Fall einer Rückkehr eine asyl- relevante Verfolgung durch das Regime. Aus der Länderanalyse des SEM vom 18. Oktober 2018 sowie der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts (Grundsatzurteil D -5553/2013) lasse sich schliessen, dass das Regime Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren nur dann eine regierungsfeind- liche Haltung unterstell e, wenn zusätzlich einzelfallspezifische Faktoren vorlägen. Dabei stelle die Zugehörigkeit zur kurdischen Ethnie für sich ge- nommen keinen solchen Risikofaktor dar. Die Schilderungen des Be- schwerdeführers über die Vorfälle im Militärdienst in den Jahren 2004-2006 liessen nicht auf einen Kausalzusammenhang zwischen diesen Ereignis- sen und der Ausreise schliessen. Immerhin habe der Beschwerdeführer E-2188/2019 Seite 6 noch längere Zeit unbehelligt in Syrien gelebt, obwohl er bereits das Auf- gebot zum Reservedienst erhalten hatt e und die Behörden angeblich be- reits intensiv nach ihm gesucht hätten . Diese Umstände sprächen gegen eine ihm drohende asylbeachtliche Verfolgung. Auf möglicherweise sich er- gebende Unglaubhaftigkeitselemente in seinen Vorbringen müsse daher nicht weiter eingegangen werden. Der ihm möglicherweise drohenden Bestrafung aufgrund der Wehrdienst- verweigerung sei bereits durch die Feststellung der Unzulässigkeit des Vollzugs Rechnung getragen worden, da ein «real risk» bestehe, wonach die vom syrischen Regime gegen Refraktäre angewandten Massnahmen gegen Art. 3 EMRK und Art. 25 Abs. 3 BV verstossen könnten. G. Am 20. Mai 2019 stellte die Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer die Stellungnahme des SEM zur Replik zu. Die angesetzte Frist liess der Be- schwerdeführer ungenutzt verstreichen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). E-2188/2019 Seite 7 1.4 Am 1. Januar 2019 wur de das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend interessierenden Ge- setzesartikel (Art. 83 Abs. 1-4 und Abs. 8) wurden unverändert vom AuG ins AIG übernommen, weshalb nachfolgend die neue Gesetzesbezeich- nung verwendet wird. 1.5 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Gemäss Art. 3 Abs. 3 AsylG sind keine Flüchtlinge Personen, di e wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausge- setzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Vorbehalten bleibt die Einhaltung der Flüchtlingskonvention. 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flücht lingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen E-2188/2019 Seite 8 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz verweigerte die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers im Wesentlichen mit dem Argument, dass nicht al- len wehrdienstfähigen syrischen Männern, die den Reservedienst verwei- gerten, im Fall einer Rückkehr nach Syrien eine asylrelevante Verfolgung durch das Regime drohe, sondern nur jenen, bei denen davon ausgegan- gen werden müsse, dass ihnen aufgrund zusätzlicher, einzelfallspezifi- scher Faktoren vom syrischen Regime eine regierungsfeindliche Haltung unterstellt werde. Diese Einschätzung entspreche der im Grundsatzurteil D-5553/2013 (BVGE 2015/3, Anmerkung des Gerichts) formulierten Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und decke sich auch mit den Länderer- kenntnissen des SEM aus dem Oktober 2018. Der Beschwerdeführer falle nicht in diese Kategorie, in seinem Fall seien keine Anhaltspunkte für das Vorliegen von besonderen Faktoren ersichtlich. Der ihm möglicherweise drohenden Bestrafung aufgrund der Wehrdienstverweigerung, bei der ein «real risk» bestehe, wonach die vom syrischen Regime gegen Refraktäre angewandten Massnahmen gegen Art. 3 EMRK und Art. 25 Abs. 3 BV verstossen könnten, werde vorliegend durch die Feststellung der Unzuläs- sigkeit des Vollzugs Rechnung getragen. In seiner Vernehmlassung unterstreicht das SEM noch einmal, es könne im syrischen Kontext nicht geschlossen werden, dass die syrischen Behör- den allen Wehrdienstverweigerung oder Deserteuren eine regierungsfeind- liche Haltung unterstellen würden. Dies lasse sich erst dann bejahen, wenn neben der Wehrdienstverweigerung oder Desertion zusätzliche einzelfall- spezifische Risikofaktoren gegeben seien. Beim Beschwerdeführer sei dies nicht zu bejahen, und es sei nicht davon auszugehen, die syrischen Behörden würden ihm eine regierungsfeindliche Haltung unterstellen. Hin- gegen bestehe das «real risk», dass ihm eine gegen Art. 3 EMRK verstos- sende, mithin foltergleiche Strafe drohe. 4.2 Der Beschwerdeführer warf der Vorinstanz vor, sie stütze ihren Ent- scheid nicht auf konkrete Tatsachen ab, sondern auf Mutmassungen und Spekulationen. Er habe glaubhaft machen können, in Syrien bereits wäh- rend seines regulären Militärdienstes im Gefängnis gewesen zu sein, da er einen Kurden verteidigt habe. Deshalb sei er in der Folge nur provisorisch vom Dienst entlassen worden und habe nach Ausbruch des Bürgerkriegs E-2188/2019 Seite 9 einen Einberufungsbefehl erhalten. Diese Vorgänge seien dokumentiert, in seinem Militärbüchlein sei die provisorische Entlassung vermerkt. Aufgrund seiner Wehrdienstverweigerung werde er in Syrien bis heute gesucht; in den Augen des Regimes sei er ein politischer Gegner und Dienstverweige- rer. Es sei bekannt, mit welcher Härte das Regime gegen Dienstverweige- rer, politische Gegner und andere, als Verräter eingestufte Personen vor- gehe, in Haft komme es zu Folterungen und Exekutionen. Zudem begehe das syrische Mil itär im Bürgerkrieg schwerste Menschenrechtsverletzun- gen. Aus Sicht des UNHCR gälten Wehrdienstverweigerer und Deserteure im syrischen Konflikt deshalb als relevante Risikogruppe. Er sei daher un- mittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet. 5. Der Beschwerdeführer macht zur Hauptsache eine drohende Verfolgung aufgrund seiner Weigerung, dem Einberufungsbefehl in den Reservedienst Folge zu leisten, geltend . Ausserdem bringt er vor, bereits während des regulären Militärdienstes in Konflikt mit d en Vorgesetzten geraten zu sein und dadurch als oppositionell eingestellt aufgefallen zu sein. Das Bundesverwaltungsgericht erachtet dieses Vorbringen aus den folgen- den Erwägungen für begründet. 5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich mit der Frage der flü chtlings- rechtlichen Relevanz der Bestrafung von Wehrdienstverweigerern und Re- fraktären im syrischen Kontext in BVGE 2015/3 befasst. 5.1.1 Mit den dringlichen Änderungen des Asylgesetzes vom 28. Septem- ber 2012 wurde die Bestimmung zum Flüchtlingsbegriff (Art. 3 AsylG) um einen Absatz 3 ergänzt, mit dem die Praxis betreffend die Flüchtlingsaner- kennung im Fall von Wehrdienstverweigerung und Desertion präzisiert werden sollte. Gemäss dieser Bestimmung sind keine Flüchtlinge Perso- nen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nach- teilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden; vorbehalten bleibt die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30). Die Tragweite und Bedeutung dieser Bestimmung hielt das Bundesverwaltungsgericht in seinem Grundsatzurteil BVGE 2015/3 fest (vgl. dazu auch CONSTANTIN HRUSCHKA in: Spescha/Zünd/Bolzli/ E-2188/2019 Seite 10 Hruschka/de Weck [Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 5. überarbeitete und erweiterte Auflage, Zürich 2019, N 23 ff. zu Art. 3; SAMAH POSSE-OUS- MANE/SARAH PROGIN-THEUERKAUF in: Amarelle/Nguyen, Code annoté de droit des migrations: Loi sur l'asile [LAsi] Volume IV, Bern 2015, N 115 ff. zu Art. 3). Das Urteil BVGE 2015/3 äussert sich in grundsätzlicher Weise zur Asylrelevanz von Wehrdienstverweigerung und Desertion im Lichte der neuen Gesetzesbestimmung. Nach ausführlicher Darstellung der Entste- hungsgeschichte der Norm, der parlamentarischen Debatte um Art. 3 Abs. 3 AsylG sowie der Erörterung der massgeblichen Rechtsprechung der ARK, und unter Berücksichtigung der auch für das Bundesverwaltungsge- richt gültigen höchstrichterlichen Auslegungsmethodik (vgl. BVGE 2009/8 E. 7.1, BVGE 2012/2 E. 3.1), wurden in BVGE 2015/3 folgende grundsätz- liche Feststellungen getroffen: Die bestehende Praxis des Bundesamtes für Migration (BFM, heute SEM) und des Bundesverwaltungsgerichts gibt keinen Anlass zu inhaltlichen Kor- rekturen, mit der Einführung der neuen Bestimmung wird lediglich eine Ver- deutlichung der geltenden Rechtslage angestrebt. Art. 3 Abs. 3 AsylG ver- deutlicht demnach die geltende Praxis, die insbesondere im publizierten Entscheid der ARK, EMARK [Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission] 2006 Nr. 3, niedergelegt wurde. Dieser Praxis zufolge stellt eine Bestrafung von Dienstverweigerung und Desertion zur Durchsetzung grundsätzlich legitimer Dienstpflichten eine le- gitime Strafverfolgung, nicht eine flüchtlingsrelevante Verfolgung dar. Asyl- relevanz ergibt sich dann, wenn die wegen Verletzung der Dienstpflicht drohende Strafe entweder aus Gründen nach Art. 3 AsylG diskriminierend höher ausfällt (relativer Malus) oder an sich unverhältnismässig hoch ist, so dass auf eine politische Verfolgungsmotivation geschlossen wer den muss (absoluter Malus) (vgl. BVGE 2015/3 E. 5.7.2). Die in Erwägung 5.8 des Urteils vorgenommene Auslegung kommt zum Ergebnis, dass auch nach der Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG die bis- herige Rechtspraxis in Bezug auf Personen, die ihr Asylgesuch mi t einer Wehrdienstverweigerung oder Desertion im Heimatstaat begründen, wei- terhin gültig ist. Demnach vermag eine Wehrdienstverweigerung oder De- sertion nicht allein die Flüchtlingseigenschaft zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im Si nne von Art. 3 Abs. 1 AsylG ver- bunden ist, mit anderen Worten die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen E-2188/2019 Seite 11 ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewär- tigen hat, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleich- kommt (vgl. BVGE 2015/3 E. 5.9). 5.1.2 In Bezug auf die spezifische Situation in Syrien kam das Bundesver- waltungsgericht vor dem Hinter grund der analysierten Lageberichte in BVGE 2015/3 zum Schluss, dass eine drohende asylbeachtliche Verfol- gung dann anzunehmen sei, wenn die Dienstverweigerung als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst werde, wenn also die drohende Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht dienen würde, sondern damit zu rechnen sei, dass der Beschwerdeführer als politischer Gegner qualifi- ziert und als solcher unverhältnismässig schwer bestraft würde (BVGE 2015/3 E. 6.7.3). Das Gericht erachtete die genannten Voraussetzungen im Falle eines syrischen Refraktärs als erfüllt, der der kurdischen Ethnie angehörte, einer oppositionell aktiven Familie entstammt e und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicher- heitskräfte auf sich gezogen hatte, indem er sich politisch exponiert hatte (BVGE 2015/3 E. 6.7.3). Das Gericht geht demnach davon aus, dass bei Wehrdienstverweigerung im syrischen Kontext jedenfalls dann eine asylrelevante Strafe in begrün- deter Weise zu befürchten ist, wenn zusätzliche exponierende Faktoren gegeben sind, welche darauf schliessen lassen, dass eine Person als Re- gimegegner angesehen wird und somit aus politischen Gründen eine un- verhältnismässige Strafe zu befür chten hätte. Hingegen geht das Gericht in ständiger Praxis nicht davon aus, dass «herkömmlichen Wehrdienstver- weigerern», das heisst solchen, die nicht zusätzlich politisch exponiert sind, mit genügender Wahrscheinlichkeit eine die Schwelle der Asylrelevanz er- reichende Strafe droht. In zahlreichen, in der Folge des Entscheids BVGE 2015/3 ergangenen, nicht publizierten Urteilen hat das Bundesverwaltungsgericht diese Praxis betreffend Dienstverweigerer und Deserteure aus Syrien gefestigt (vgl. statt vieler die Urteile des BVGer E -5262/2018 vom 19. Dezember 2018, E. 6.1; E-3366/2018 vom 4. Juni 2019 E. 6.3.1; D-3914/2018 vom 19. Au- gust 2019 E. 4.2.4; D-2391/2019 vom 9. März 2020 E. 7.1). 5.2 Im vorliegend zu beurteilenden Fall geht das Bundesverwaltungsge- richt – anders als die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid – davon aus, dass der Beschwerdeführer neben der glaubhaft gemachten Refraktion mit E-2188/2019 Seite 12 seinen Vorbringen betreffend die Ereignisse während seines regulären Mi- litärdienstes in den Jahren 2004-2006 weitere einzelfallspezifische Risiko- faktoren aufzuzeigen vermochte (vgl. Bst. B). Zusätzlich zur blossen Wei- gerung, der Aufforderung zum Einrücken in den Reservedienst nachzu- kommen, konnte er gl aubhaft darlegen, den syrischen Behörden bereits früher und in anderem Kontext als kritische Person mit allenfalls oppositio- neller Haltung gegenüber dem Regime aufgefallen zu sein. Das Gericht teilt die Einschätzung des SEM nicht, wonach der Umstand, dass sein Ver- gehen während des ordentlichen Militärdienstes im Jahr 2005 als gering- fügig eingeschätzt und das Verfahren damals eingestellt worden sei, darauf hinweise, dass er den syrischen Behörden keine Anhaltspunkte für eine oppositionelle Haltung geliefert habe. Unter den aktuellen Vorzeichen des andauernden Bürgerkriegs erscheint vielmehr ausschlaggebend, dass der Beschwerdeführer schon einmal als Verfechter der kurdischen Sache auf- fällig geworden ist. Die damaligen Probleme resultierten in einem formellen Verfahren vor dem Militärgericht und in einer zweimonatigen Untersu- chungshaft; sie fanden Niederschlag im Militärbüchlein des Beschwerde- führers. Es ist somit davon auszugehen, dass die damaligen Vorfälle wei- terhin aktenkundig sind und dass der Beschwerdeführer in den Augen des syrischen Geheimdienstes im Fall der Rückkehr als politischer Gegner gel- ten würde. 5.3 Zwar ist die allgemeine Konfliktlage in Syrien nach wie vor sehr dyna- misch und kann sich je nach Region innert kurzer Zeit grundlegend verän- dern, dennoch ist die in BVGE 2015/3 getroffene Einschätzung betreffend die Gefährdung von Wehrdienstverweigerern und Deserteuren nach Kon- sultation der aktuellen Berichterstattung über den Konflikt in Syrien weiter- hin zutreffend. Militärdienstverweigerer und Deserte ure werden durch die syrischen Behörden gesucht und zum Teil gezielt verfolgt (vgl. die vertrau- lichen Quellen des niederländischen Aussenministeriums, Ministerie van Buitenlandse Zaken, Thematisch ambtsbericht dienstplicht in Syrië, 23.12.2016, www.rijksov erheid.nl/binaries/rijksoverheid/documenten/- ambtsberichten-/2016/12/23/-thematischambtsbericht-dienstplicht-in-sy- rie/Syri%C3%AB+-dienstplicht+-2016+-+definitief.pdf, abgerufen am 13.12.2019; Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Syrien: Vorgehen der syrischen Armee bei der Rekrutierung, 18.01.2018, Ziff. 4, S. 7 f., www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/mittlerer-ostenzentrala- sien/syrien/-180118-syr-rekrutierung.pdf, abgerufen am 12.12.2019). Gemäss der unter E. 5.1.2 skizzierten Praxis des Ge richts liegen damit beim Beschwerdeführer genügend zusätzliche exponierende Faktoren vor, E-2188/2019 Seite 13 die den Schluss zulassen, dass er in den Augen des syrischen Regimes nicht als einfacher Dienstverweigerer, sondern vielmehr als politischer Gegner gilt. Aus diesen G ründen erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen- schaft. Sein Vorbringen ist daher nicht nur im Rahmen eines völkerrechtli- chen Vollzugshindernisses zu berücksichtigen, sondern es ist asylerheb- lich, da es eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung und ernsthaf- ten Nachteilen aufgrund eines asylrelevanten Verfolgungsmotivs im Sinne von Art. 3 AsylG zu begründen vermag. Da der Beschwerdeführer nach heutiger Konfliktlage auch in keinem anderen Landesteil Syriens vor der Verfolgung durch das Regime sicher wäre und sein Vorbringen keine Hin- weise auf einen Sachverhalt gemäss Art. 53 AsylG aufweist, ist er als Flüchtling anzuerkennen und es ist ihm Asyl zu gewähren. 6. Das Bundesverwaltungsgericht kann sich auch aus den folgenden Erwä- gungen, die über den Einzelfall des Beschwerdeführers hinausgehen, der Argumentation der Vorinstanz nicht anschliessen. 6.1 Wie aus der im vorliegenden Verfahren getroffenen Verfügung hervor- geht, folgt das SEM der Auffassung, dass eine Bestrafung wegen «einfa- cher» Dienstverweiger ung im syrischen Kontext nicht asylrelevant sei, wenn sie nicht auch auf einem der in Art. 3 AsylG genannten Verfolgungs- motive beruhe, was nur bejaht werden könne, wenn darüber hinaus zu- sätzliche weitere Risikofaktoren vorliegen. Dies entspricht soweit der unter E. 5.1.2 dargestellten Praxis des Bundesverwaltungsgerichts. Des Weiteren argumentiert das SEM im ang efochtenen Entscheid, es drohe Wehrd ienstverweigerern und Deserteuren ein «real risk», men- schenrechtswidrig bestraft und im Rahmen ihrer Bestrafung gefoltert zu werden. Aus diesem Grund erachtet die Vorinstanz den Wegweisungsvoll- zug angesichts der drohenden Strafe und des hohen Folterrisikos als un- zulässig im Sinne von Art. 3 EMRK. Gestützt auf diese Argumentation lehnte sie das Asylgesuch des Beschw erdeführers ab, stellte jedoch die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs fest (vgl. oben, Bst. C). Diese Einschätzung des SEM basiert auf der Annahme, dass im Fall einer Rückkehr die einem Dienstverweigerer drohende Strafe nur dann asyl- rechtlich relevant ist, wenn zusätzliche Risikofaktoren vorhanden sind. Ohne zusätzliche Risikofaktoren fehle es der drohenden Strafe an einem E-2188/2019 Seite 14 flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmotiv. Gleichzeitig geht das SEM davon aus, dass für einen rückkehrenden Wehrdienstverwei gerer, auch wenn er keine weiteren Anknüpfungspunkte in Hinblick auf Asyl und Flüchtlingseigenschaft glaubhaft gemacht hat, eine hohe Wahrscheinlich- keit im Sinne eines «real risk» bestehe, einer Strafe ausgesetzt zu werden, die als Folter und unmenschliche Behandlung Sinne von Art. 3 EMRK, Art. 25 Abs. 3 BV oder Art. 1 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) zu charakterisieren wäre. Diese Sichtweise vermag dogmatisch nicht zu überzeugen, und sie ist auch nicht kohärent mit der rechtlichen Würdigung der Dienstverweigerung im syrischen Kontext, wie sie das Bundesverwaltungsgericht im Urte il BVGE 2015/3 niedergelegt hat und wie sie unter E. 5.1.2 erläutert wird. 6.2 Lehre und Rechtsprechung anerkennen, dass eine grundsätzlich legi- time Strafverfolgung für ein gemeinrechtliches Delikt unter gewissen Be- dingungen flüchtlingsrelevante Verfolgung darstellt. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Strafe malusbehaftet ist (vgl. grundsätzlich zur Ab- grenzung rechtsstaatlich legitimer Strafverfolgung von Verfolgung im asyl- rechtlichen Sinn BVGE 2014/28 E. 8.3.1 m.w.H.). 6.2.1 Ein Malus im relativen Sinn ist gegeben, wenn eine Person mit be- stimmten politischen Anschauungen oder rassischen, religiösen oder sozi- alen Merkmalen strenger und mit einem höheren Strafmass bestraft wird als Straffällige ohne dieses spezielle Merkmal. Der auf einem asylrelevan- ten Motiv beruhende Malus bei der Bestrafung stellt den Anknüpfungspunkt für eine asylbeachtliche Verfolgung dar (So bereits WALTER KÄLIN, Grund- riss des Asylverfahrens, Bern 1990, S. 114 f., sowie auch ALBERTO ACHER- MANN/ CHRISTINA HAUSAMMANN, Handbuch des Asylrechts, 2. Aufl., Bern 1991, Ziff. 5.7.2, S. 102f.). Im absoluten Sinn ist ein Malus in der Strafver- folgung zu bejahen, wenn die Sanktionierung gänzlich unverhältnismässig ausfällt und in ihrer exzessiven Strenge dem zu bestrafenden kriminellen Unrecht in keiner Weise mehr angemessen ist oder einen krassen Verstoss gegen di e Menschenrechte darstellt (vgl. NULA FREI, in: Schweizerische Flüchtlingshilfe [Hrsg.], Handbuch zum Asyl- und Wegweisungsverfahren, 2. Auflage, Bern 2015, S. 183). Die mit einem absoluten Malus behaftete Strafe begründet dann die Flüchtlingseigenschaft, wenn sie auf einer rele- vanten Verfolgungsmotivation beruht; die Praxis geht davon aus, dass bei gewissen Delikten – zu denen insbesondere Desertion und Refraktion zäh-E-2188/2019 Seite 15 len, die sich in ihrem Kern gegen eine staatliche Verpflichtung zur Wehr- dienstleistung richten – in der exzessiven Bestrafung ein Indiz dafür zu er- kennen ist, dass der Verfolger neben der Ahndung der Straftat auch oder besonders die vermutete oppositionelle Einstellung des Täters treffen will. Die krasse Unverhältnismässigkeit der Strafe lässt hier darauf schliessen, dass neben der Sanktionierung der Straftat auch eine vermutete oppositi- onelle Gesinnung bestraft werden soll (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.3.1 mit Ver- weis auf BVGE 2013/25 E. 5.1 und EMA RK 2006 Nr. 3 E. 4; betreffend Dienstverweigerung und Desertion vgl. CHRISTA LUTERBACHER, Die flücht- lingsrechtliche Behandlung von Dienstverweigerung und Desertion, Diss. 2004, S.44 ff.; ZIMMERMANN/MAHLER, in: The 1951 Convention Relating to the Status of Refugees and its 1967 Protocol: A Commentary, Oxford 2011, Art. 1 A Par. 2, Rz. 536 ff.). 6.2.2 Im Zusammenhang mit Desertion und Wehrdienstverweigerung ent- spricht es der gefestigten Praxis der Schweizer Asylbehörden, dass eine Bestrafung wegen Militärdienstve rweigerung dann nicht zum Asyl führt, wenn sie eine direkte Folge der Verletzung einer staatsbürgerlichen Pflicht ist und daher grundsätzlich legitim erfolgt (vgl. LUTERBACHER, a.a.O., S. 36 ff.; KÄLIN a.a.O., S. 115 ff.; EMARK 2006 Nr. 3 E. 4.2 m.w.H.). Es gelten jedoch Ausnahmen. Nach denselben Kriterien wie bei der Beur- teilung von gemeinrechtlichen Straftätern geht die Schweizer Praxis auch bei der Bestrafung von Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren dann vom Vorliegen einer asylrelevanten Verfolgung a us, wenn der geflohene Wehrdienstverweigerer oder Deserteur aus asylrelevanten Motiven (im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG) mit einer unverhältnismässig schweren Be- strafung im Sinne eines absoluten Malus zu rechnen hat, oder wenn das Strafmass für ihn im Sinne eines relativen Malus aufgrund eines asylrele- vanten Motivs höher ausfällt als für Deserteure oder Dienstverweigerer ohne diesen spezifischen Hintergrund. Ebenfalls als illegitim und daher flüchtlingsrechtlich relevant gilt eine Einberufung zum Wehrdiens t, wenn sie darauf abzielt, einen Wehrpflichtigen in völkerrechtlich verpönte Hand- lungen zu verstricken (vgl. EMARK 2006 Nr. 3 E. 4.2, 2004 Nr. 2 E. 6b.aa; vgl. LUTERBACHER, a.a.O., S. 173 ff.). Das Bundesverwaltungsgericht hat sich dieser von der vormaligen Asylrekurskommission (ARK) und der Lehre entwickelten Doktrin angeschlossen und folgt ihr in seiner Rechtsprechung (vgl. BVGE 2015/3, der in E. 5.7.1 auf die Rechtsprechung der ARK ver- weist). Wie bereits unter E. 5.1.1 dargelegt, kam das Gericht in BVGE 2015/3 zum Schluss, dass auch durch den mit Beschluss vom 28. September 2012 in E-2188/2019 Seite 16 Art. 3 AsylG eingefügten Absatz 3 keine Abweichung vom Flüchtlingsbegriff der Flüchtlingskonvention [FK, SR 0.142.30) beabsichtigt wurde, und auch keine Änderung der Praxis hinsichtlich der Rolle, die eine Wehrdienstver- weigerung oder Desertion für die Flüchtlingseigenschaft spielt, erfolgte (vgl. BVGE 2015/3 E. 5.3, vgl. CONSTANTIN HRUSCHKA, a.a.O., RZ 23 zu Art. 3 Abs. 3 AsylG). 6.2.3 Bei der Prüfung der asylrechtlichen Relevanz der Bestrafung von Re- fraktion und Desertion ist demnach zu unterscheiden, ob die drohende Strafe als malusbehaftet im absoluten Sinn gelten muss oder nicht. Wird ein Dienstverweigerer oder Deserteur in einer unverhältnismässig strengen und exzessiven Art bestraft, die weit darüber hinausgeht, das Unrecht einer Missachtung militärrechtlicher Pflichten zu ahnden, so muss davon ausge- gangen werden, mit der Bestrafung der Dienstverweigerung oder Deser- tion solle zusätzlich auch der Ausdruck einer staatsfeindlichen und opposi- tionellen Haltung getroffen und bekämpft werden; damit liegt einer solchen Bestrafung ein asylrelevantes Motiv, die Verfolgung einer (zumindest un- terstellten) politischen Gesinnung, zu Grunde. Sofern das SEM davon ausgeht, dass für eine Person aufgrund der Deser- tion oder Dienstverweigerung ein hohes Risiko besteht, deshalb gefoltert zu werden oder in anderer Weise grausam bestraft zu werden, so muss dies im oben skizzierten Rahmen ausreichen, um das Vorliegen einer ab- solut malusbehafteten Bestrafung bejahen zu können. Die Argumentation, wonach eine solche Bestrafung «nur» im Rahmen der Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung zu berücksichtigen sei, vernachlässigt den As- pekt, dass die einem Dienstverwe igerer drohende Folterstrafe dem Un- recht, die Dienstpflicht zu verletzen, offenkundig nicht angemessen ist, sondern krass unverhältnismässig erscheinen muss. Von einer legitimen Bestrafung der Verletzung militärrechtlicher Verpflichtungen kann in einem solchen Fall nicht mehr die Rede sein. 6.2.4 Es ist ausserdem mit der vom Bundesverwaltungsgericht entwickel- ten Praxis zur Asylbeachtlichkeit von Desertion und Dienstverweigerung im syrischen Kontext nicht zu vereinbaren, wenn das SEM davon ausgeht, dass Dienstverweigerern, für die nicht zusätzliche einzelfallspezifische Ri- sikofaktoren gegeben sind, keine flüchtlingsrechtlich relevanten Strafen drohten, obwohl es gleichzeitig feststellt, diese Personen hätten drohende Folterstrafen im Sinne eines «real risk» begründet zu befürchten. E-2188/2019 Seite 17 Das Bundesverwaltungsgericht geht – wie in E. 5.1.2 dargelegt – vielmehr davon aus, dass «einfachen», «herkömmlichen» syrischen Wehrdienstver- weigerern, also solchen, bei denen keine Anknüpfungspunkte für die An- nahme des Vorliegens eines Verfolgungsmotivs im Sinne des Art. 3 AsylG ausgemacht werden können, keine derart schwere Bestrafung im Fall der Rückkehr droht, als dass die Schwelle des Art. 3 Abs. 2 AsylG – bezie- hungsweise des Art. 3 EMRK oder des Art. 1 FoK – überschritten wäre. Derartige niedrigere Strafen sind also nicht als mit einem Malus behaftet zu erachten, sondern gelten als Ahndung des gemeinrechtlichen Delikts der Refraktion; die Bestrafung beruht dann nicht auf einer zusätzlichen Ver- folgungsmotivation. Demnach geht das Gericht in seiner Praxis für die «nicht weiter exponierten Wehrdienstverweigerer» davon aus, dass diesen nicht mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine zur Bejahung der Asylrele- vanz genügend intensive Str afe drohe. Diese Einschätzung lässt jedoch die Schlussfolgerung, wonach einer den Wehrdienst verweigernden Per- son zwar Folter und grausame Bestrafung drohe, diese aber nicht asylre- levant sei, nicht zu. Vielmehr besagt die länderspezifische Einschätzung des Gerichts, dass bei «einfachen Wehrdienstverweigerern» eine die Schwelle der Asylrelevanz erreichende Strafe nicht mit genügender Wahr- scheinlichkeit drohe. Wird dagegen festgestellt, dass für den Betroffenen das «r eal risk» einer überproportional grausamen Bestrafung und drohender Folter tatsächlich besteht, so muss dieser Umstand – die besonders grausame Bestrafung – richtigerweise unter dem Gesichtspunkt eines «absoluten Malus» auch weiterhin als asylrelevant gewürdigt werden. Eine solch grausame Bestra- fung beruht dann nicht nur auf der Ahndung des «Unrechts» der Wehr- dienstverweigerung, sondern sie drückt in ihrer Grausamkeit vielmehr aus, dass der Bestrafte vom syrischen Regime auch als politischer Feind be- trachtet wird (vgl. E. 5.1.2). Die unverhältnismässige Strenge der Sanktion, die dem Unrecht der Dienstverweigerung in keiner Weise mehr angemes- sen ist, kann nicht mehr einzig dem Zweck dienen, eine legitimerweise be- stehende Dienstpflicht durchzusetzen, sondern muss vielmehr darüber hin- aus auf e iner Absicht des Verfolgerstaats gründen, im Dienstverweigerer auch den politisch Oppositionellen auszuschalten. 6.2.5 Abgesehen davon, dass beim Beschwerdeführer, wie unter E. 5.2 dargelegt, ohnehin zusätzliche Anknüpfungspunkte vorliegen, weshalb er in den Au gen des Regimes als oppositionell eingestellt gelten muss, müsste ihn das SEM als Flüchtling anerkennen, sofern es davon ausgeht, dass er im Fall einer Rückkehr nach Syrien mit hoher Wahrscheinlichkeit E-2188/2019 Seite 18 von den dortigen Behörden behelligt, inhaftiert und bestraft werden würde und dabei ein hohes Risiko bestehe, dass er Opfer von Verfolgungshand- lungen im Sinne des Art. 3 EMRK werde. Falls der Beschwerdeführer im Fall der Rückkehr von einer solch exzessiven Strafe (Folter) bedroht wäre, würde dies bedeuten, dass er nicht bloss als eine Person wahrgenommen und sanktioniert würde, die ihrer Dienstpflicht nicht nachkommt, sondern dass er von den syrischen Behörden als oppositionell eingestellter Gegner des Assad-Regimes und als Verräter wahrgenommen würde. Damit l iegt der drohenden Folterstrafe die Verdächtigung der politischen Opposition, und damit das Verfolgungsmotiv der (unterstellten) politischen Überzeu- gung zu Grunde. Wäre es andererseits – was vorliegend nach Auffassung des Gerichts nicht der Fall ist – zutreffend, dass der Beschwerdeführer nur ein «einfacher Wehrdienstverweigerer» ohne weitere einzelfallspezifischen Risikofakto- ren sei, so würde ihm gemäss Einschätzung, die der Praxis des Bundes- verwaltungsgerichts zugrunde liegt, nicht eine derart drakonische Strafe drohen, als dass die Schwelle des Art. 3 EMRK erreich t würde. S eine Wehrdienstverweigerung wäre dann nur im Rahmen der Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung aufgrund der derzeitigen allgemeinen Situ- ation in Syrien zu berücksichtigen. 7. Abschliessend ist festzustellen, dass die Vorinstanz zu Unrecht die Flücht- lingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch ab- gewiesen hat. Sie hat damit Bundesrecht verletzt. Die Beschwerde ist gut- zuheissen. Der Entscheid der Vorinstanz ist aufzuheben und das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8.2 Der Beschwerdeführer war im vorliegenden Ver fahren rechtlich nicht vertreten, es si nd ihm keine verhältnismässig hohen Kosten entstanden; es ist somit keine Parteientschädigung auszurichten (Art. 64 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) E-2188/2019 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Das SEM wird angewiesen, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerde- führers festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Susanne Bolz Versand: