<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 124 S.597</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">PolitischeRechte</span> <span class="page_no">597</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VI. Politische Rechte</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>124 Ermittlung des absoluten Mehrs bei Gemeindeammannwahlen, die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gleichzeitig mit den Gemeinderatswahlen durchgeführt werden (§ 27a</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Abs. 2 GPR).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Bei Gemeindeammannwahlen, die gleichzeitig mit den Gemeinderats-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>wahlen durchgeführt werden, ist eine Stimme dann gültig und bei der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Ermittlung des absoluten Mehrs zu berücksichtigen, wenn der betref-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>fende Kandidat bzw. die betreffende Kandidatin auf dem selben Wahl-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zettel gleichzeitig auch die Stimme als Gemeinderat erhalten hat; ob</b></span><br/> <span class="ft3"><b>diese Person tatsächlich die Wahl in den Gemeinderat schafft, ist</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dagegen unerheblich.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Die Gültigkeit einer Stimme muss sich aus dem Wahlzettel selber erge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ben und darf nicht vom Wahlverhalten der übrigen Wählenden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>abhängig sein.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Regierungsrates vom 19. Oktober 2005 i.S. A. M.-R. betref-</span><br/> <span class="ft4">fend die Gemeinderatswahlen der Gemeinde S.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen:</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">4. a) Entsprechend der Wegleitung des Departements Volkswirt-</span><br/> <span class="ft6">schaft und Inneres vom 30. März 2005 hat das Wahlbüro der Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinde S. bei der Ermittlung des Ergebnisses der Gemeindeam-</span><br/> <span class="ft6">mann- bzw. Vizeammannwahl vom 25. September 2005 sämtliche</span><br/> <span class="ft6">Stimmen als gültig gezählt, die auf Kandidatinnen und Kandidaten</span><br/> <span class="ft6">entfallen sind, die auf dem selben Wahlzettel ebenfalls die Stimme</span><br/> <span class="ft6">als Gemeinderat erhalten haben. Demgegenüber vertritt die Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführerin die Ansicht, dass lediglich diejenigen Stimmen als</span><br/> <span class="ft6">gültig hätten gezählt werden dürfen, die auf Personen entfallen sind,</span><br/> <span class="ft6">die schlussendlich am 25. September 2005 tatsächlich in den Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinderat gewählt wurden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">598</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Diese unterschiedliche Zählweise der gültigen Stimmen hat</span><br/> <span class="ft6">insbesondere Auswirkungen auf die Berechnung des für die Wahl er-</span><br/> <span class="ft6">forderlichen absoluten Mehrs: Nach Massgabe der vom Wahlbüro</span><br/> <span class="ft6">angewendeten Zählweise resultierten bei der Gemeindeammannwahl</span><br/> <span class="ft6">977 gültige Stimmen bzw. ein absolutes Mehr von 489 Stimmen und</span><br/> <span class="ft6">bei der Vizeammannwahl 937 gültige Stimmen bzw. ein absolutes</span><br/> <span class="ft6">Mehr von 469 Stimmen. Wäre dagegen die beschwerdeführerische</span><br/> <span class="ft6">Zählweise massgebend, hätten sich bei der Gemeindeammannwahl</span><br/> <span class="ft6">963 gültige Stimmen bzw. ein absolutes Mehr von 482 Stimmen und</span><br/> <span class="ft6">bei der Vizeammannwahl 912 bzw. ein absolutes Mehr von 457</span><br/> <span class="ft6">Stimmen ergeben. Freilich wäre selbst nach der von der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führerin vertretenen Auffassung für das Amt des Gemeindeammanns</span><br/> <span class="ft6">ein zweiter Wahlgang erforderlich, weil auch in diesem Fall keiner</span><br/> <span class="ft6">der Kandidaten bzw. keine der Kandidatinnen das absolute Mehr er-</span><br/> <span class="ft6">reichte; dagegen wäre bei der Zählweise der Beschwerdeführerin U.</span><br/> <span class="ft6">G.-S. als Vizeammann gewählt und ein zweiter Wahlgang somit hin-</span><br/> <span class="ft6">fällig.</span><br/> <span class="ft6">b) Umstritten ist somit die Auslegung von § 27a Abs. 2 GPR,</span><br/> <span class="ft6">der wie folgt lautet:</span><br/> <span class="ft4">"</span><span class="ft7"><sup>2</sup></span><span class="ft4">Gültige Stimmen als Gemeindeammann oder Vizeammann kann nur er-</span><br/> <span class="ft4">halten, wer gleichzeitig als Gemeinderat gewählt wird oder wer bei einer Er-</span><br/> <span class="ft4">satzwahl bereits Mitglied der Behörde ist."</span><br/> <span class="ft6">Zumindest vom Wortlaut her lässt nun die fragliche Bestim-</span><br/> <span class="ft6">mung in der Tat verschiedene Interpretationen zu: Einerseits kann</span><br/> <span class="ft6">mit der Beschwerdeführerin die Formulierung "wer gleichzeitig als</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat gewählt wird" so verstanden werden, dass die effektiv</span><br/> <span class="ft6">zustande gekommene Wahl in den Gemeinderat (d.h. "gewählt"</span><br/> <span class="ft6">durch die Mehrheit der Stimmenden) Voraussetzung für die Gültig-</span><br/> <span class="ft6">keit der Stimmen für das Amt des Gemeindeammanns bzw. Vizeam-</span><br/> <span class="ft6">manns darstellt. Andererseits lässt sich der Wortlaut aber durchaus</span><br/> <span class="ft6">auch so auslegen, dass Stimmen für den Gemeindeammann bzw. den</span><br/> <span class="ft6">Vizeammann nur dann als gültig zu erachten und damit zu zählen</span><br/> <span class="ft6">sind, wenn dem fraglichen Kandidaten bzw. der fraglichen Kandida-</span><br/> <span class="ft6">tin auf demselben Wahlzettel auch die Stimme für die Wahl in den</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat gegeben wird (d.h. "gewählt" durch jede einzelne stim-</span><br/> <span class="ft6">mende Person).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">PolitischeRechte</span> <span class="page_no">599</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Hält man sich die Entstehungsgeschichte der umstrittenen Norm</span><br/> <span class="ft6">vor Augen, spricht dagegen einiges für die Interpretation, wie sie das</span><br/> <span class="ft6">Departement Volkswirtschaft und Inneres in ihrer Wegleitung vom</span><br/> <span class="ft6">30. März 2005 bzw. das Wahlbüro S. vorgenommen haben. In ihrer</span><br/> <span class="ft6">Stellungnahme vom 7. Oktober 2005 weist die Gemeindeabteilung</span><br/> <span class="ft6">des Departements Volkswirtschaft und Inneres zu Recht darauf hin,</span><br/> <span class="ft6">dass in den Gesetzesmaterialien an verschiedenen Stellen auf die Re-</span><br/> <span class="ft6">gelung des Kantons Zürich zur direkten Wahl des Gemeindepräsi-</span><br/> <span class="ft6">denten verwiesen wird, welche im Unterschied zur aargauischen</span><br/> <span class="ft6">Regelung bereits von ihrem Wortlaut her klar ist und festhält, dass</span><br/> <span class="ft6">die Stimmen für einen Präsidenten ungültig sind, wenn diesem nicht</span><br/> <span class="ft6">gleichzeitig die Stimme als Mitglied der fraglichen Behörde gegeben</span><br/> <span class="ft6">wird. In der seinerzeitigen Botschaft des Regierungsrats vom</span><br/> <span class="ft6">25. März 1999 zur 1. Lesung der Teilrevision des Gesetzes über die</span><br/> <span class="ft6">politischen Rechte wird denn auch ausdrücklich darauf hingewiesen,</span><br/> <span class="ft6">dass sich die vorgeschlagene Lösung am Zürcher System orientiere;</span><br/> <span class="ft6">in der Folge wurde dem von keiner Seite opponiert bzw. ausdrück-</span><br/> <span class="ft6">lich eine andere als die vorgeschlagene Lösung verlangt. Dies darf</span><br/> <span class="ft6">zumindest als Indiz für den Willen des historischen Gesetzgebers ge-</span><br/> <span class="ft6">wertet werden.</span><br/> <span class="ft6">Noch klarer wird das Bild, wenn die vorliegend umstrittene Ge-</span><br/> <span class="ft6">setzesbestimmung nicht nur für sich isoliert, sondern in ihrem gesetz-</span><br/> <span class="ft6">geberischen Kontext betrachtet wird. Zunächst ist zu berücksichti-</span><br/> <span class="ft6">gen, dass § 27a Abs. 1 GPR explizit festhält, dass bei der gleichzeiti-</span><br/> <span class="ft6">gen Wahl mit dem Gemeinderat Gemeindeammann und Vizeammann</span><br/> <span class="ft6">auf dem Wahlzettel zusätzlich zu bezeichnen sind. Das Gesetz geht</span><br/> <span class="ft6">somit davon aus, dass lediglich ein einziger Wahlzettel für die Wahl</span><br/> <span class="ft6">der Gemeinderäte und die Wahl des Gemeindeammanns und des</span><br/> <span class="ft6">Vizeammanns verwendet werden darf. Dies macht indessen nur dann</span><br/> <span class="ft6">Sinn, wenn tatsächlich überprüft werden muss, ob die kandidierende</span><br/> <span class="ft6">Person sowohl eine Stimme als Gemeinderat als auch als Gemeinde-</span><br/> <span class="ft6">ammann bzw. Vizeammann erhalten hat, damit die abgegebene</span><br/> <span class="ft6">Stimme gültig ist. Wäre dagegen die Auffassung der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft6">rerin zutreffend, dass § 27a Abs. 2 GPR lediglich die effektive Wahl</span><br/> <span class="ft6">als Gemeinderat als Gültigkeitsvoraussetzung für die Wahl zum Ge-</span><br/> <span class="ft6">meindeammann bzw. Vizeammann statuieren will, hätte es dieses</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">600</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Erfordernisses eines einzigen Wahlzettels für beide Wahlen nicht be-</span><br/> <span class="ft6">durft.</span><br/> <span class="ft6">Hinzu kommt als Weiteres, dass nach der Konzeption des Ge-</span><br/> <span class="ft6">setzes über die politischen Rechte die Ungültigkeit eines Stimm-</span><br/> <span class="ft6">bzw. Wahlzettels stets Folge eines allein der stimmberechtigten Per-</span><br/> <span class="ft6">son zuzurechnenden bzw. von ihr allein beeinflussbaren Verhaltens</span><br/> <span class="ft6">sein soll: Gemäss § 21 Abs. 1 GPR sind Wahlzettel namentlich dann</span><br/> <span class="ft6">ungültig, wenn sie nicht amtlich sind (lit. a), anders als handschrift-</span><br/> <span class="ft6">lich ausgefüllt oder geändert sind (lit. b), den Willen der stimm-</span><br/> <span class="ft6">berechtigten Person nicht eindeutig erkennen lassen (lit. c), ehrverlet-</span><br/> <span class="ft6">zende Äusserungen enthalten (lit. d) oder bei der brieflichen</span><br/> <span class="ft6">Stimmabgabe nicht den dafür erlassenen Vorschriften entsprechen</span><br/> <span class="ft6">(lit. e). Mit andern Worten muss sich die Ungültigkeit einer Stimme</span><br/> <span class="ft6">direkt aus dem Wahlzettel selbst ergeben. Dies trifft aber nur dann</span><br/> <span class="ft6">zu, wenn § 27a Abs. 2 GPR so ausgelegt wird, wie dies das Departe-</span><br/> <span class="ft6">ment Volkswirtschaft und Inneres in der erwähnten Wegleitung vom</span><br/> <span class="ft6">30. März 2005 getan hat; es ist anhand des einzelnen Wahlzettels</span><br/> <span class="ft6">"auf einen Blick" ersichtlich, ob die für das Amt des Gemeindeam-</span><br/> <span class="ft6">manns bzw. Vizeammanns abgegebene Stimme gültig ist. Demge-</span><br/> <span class="ft6">genüber wäre bei der von der Beschwerdeführerin vertretenen</span><br/> <span class="ft6">Auffassung die Gültigkeit bzw. Ungültigkeit einer einzelnen Stimme</span><br/> <span class="ft6">vom Wahlverhalten der übrigen Wählenden abhängig; erst wenn das</span><br/> <span class="ft6">Endergebnis fest steht, könnte überhaupt (quasi "auf den zweiten</span><br/> <span class="ft6">Blick") entschieden werden, ob ein - im Zeitpunkt der Stimmabgabe</span><br/> <span class="ft6">völlig gesetzeskonform ausgefüllter - Wahlzettel überhaupt gültig ist.</span><br/> <span class="ft6">Dies wäre aber eine völlige Umkehr der Ermittlung eines Wahlergeb-</span><br/> <span class="ft6">nisses. Das Wahlergebnis ist vielmehr anhand der gültigen Stimmen</span><br/> <span class="ft6">zu ermitteln und nicht die Gültigkeit der einzelnen Stimme anhand</span><br/> <span class="ft6">des Wahlergebnisses.</span><br/> <span class="ft6">c) Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass zwar eine</span><br/> <span class="ft6">grammatikalische Auslegung von § 27a Abs. 2 GPR kein klares</span><br/> <span class="ft6">Ergebnis zu erbringen vermag, dass indessen eine historische und</span><br/> <span class="ft6">insbesondere eine systematische Auslegung den Sinn dieser Geset-</span><br/> <span class="ft6">zesbestimmung klar erschliessen: Bei der gleichzeitigen Wahl von</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat und Gemeindeammann bzw. Vizeammann ist die ef-</span><br/> <span class="ft6">fektive Wahl in den Gemeinderat nicht Voraussetzung dafür, dass</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">PolitischeRechte</span> <span class="page_no">601</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">eine für die betreffende Person als Gemeindeammann bzw. Vizeam-</span><br/> <span class="ft6">mann abgegebene Stimme gültig ist; gültig und somit bei der Ermitt-</span><br/> <span class="ft6">lung des absoluten Mehrs zu berücksichtigen ist eine Stimme viel-</span><br/> <span class="ft6">mehr dann, wenn der Kandidat bzw. die Kandidatin auf demselben</span><br/> <span class="ft6">Wahlzettel auch die Stimme als Gemeinderat erhalten hat.</span><br/> <span class="ft6">Am Gesagten nichts zu ändern vermag der Einwand der Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführerin, bei der separaten Wahl von Gemeindeammann</span><br/> <span class="ft6">und Vizeammann im Sinne von § 27 Ziff. 4 GPR würden ebenfalls</span><br/> <span class="ft6">nur jene Stimmen als gültig gelten, die auf eine bereits zuvor in den</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat gewählte Person entfallen seien. Die Beschwerdeführe-</span><br/> <span class="ft6">rin übersieht, dass sich die beiden Wahlverfahren grundlegend unter-</span><br/> <span class="ft6">scheiden: Bei der separaten Wahl von Gemeindeammann und Vize-</span><br/> <span class="ft6">ammann sind die wählbaren Personen bereits vorgängig - nämlich</span><br/> <span class="ft6">durch die vorhergehende Gemeinderatswahl - bestimmt und den</span><br/> <span class="ft6">Stimmberechtigten auch bekannt; insofern lässt sich in diesem Fall</span><br/> <span class="ft6">die Gültigkeit bzw. Ungültigkeit einer Stimme ebenfalls aus dem</span><br/> <span class="ft6">Wahlzettel allein erschliessen. Demgegenüber ist der Kreis der</span><br/> <span class="ft6">wahlfähigen Personen bei der gemeinsamen Wahl von Gemeinderat</span><br/> <span class="ft6">und Gemeindeammann bzw. Vizeammann zumindest im ersten</span><br/> <span class="ft6">Wahlgang offen; gültige Stimmen erhalten kann jede in der Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinde stimmberechtigte Person (vgl. § 30 Abs. 1 GPR). Es ist somit</span><br/> <span class="ft6">ohne Weiteres gerechtfertigt, diese Unterschiede auch gesetzgebe-</span><br/> <span class="ft6">risch unterschiedlich zu behandeln, ohne dass damit gegen das</span><br/> <span class="ft6">Rechtsgleichheitsgebot verstossen wird.</span><br/></div> </div> </body> </html>