Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 2. Dezember 2020 (810 20 168) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung (Rückstufung) / Verhältnismässigkeit der Massnahme Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, Kantonsri chter Hans Furer, Markus Clausen, Claude Jeanneret, Niklaus Ruckstuhl , Gerichtsschrei- ber i.V. Kevin Herren Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Guido Ehrler, Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal, Beschwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Er satz durch eine Aufent- haltsbewilligung (RRB Nr. 766 vom 2. Juni 2020) A. A.____ (geb. 1958) ist türkische Staatsangehörige und reiste am 23. Mai 1986 in die Schweiz ein, wo sie als Flüchtling anerkannt wurde. Sie erhielt im Jahr 2001 die Niederlas- sungsbewilligung. Mit Schreiben an das Bundesamt für Migration (BFM) vom 29. Juni 2009 ver- zichtete A.____ auf ihre Flüchtlingseigenschaft, um ihre kranke Mutter in der Türkei besuchen zu können. Daraufhin erlosch ihr Flüchtlingsstatus. A.___ hat einen volljährigen Sohn, B.____ (geb. 1988). Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Seit 1992 war A.____ auf Sozialhilfeunterstützung a ngewiesen, wobei sich die Ge- samthöhe des bezogenen Unterstützungsbetrags auf Fr. 585' 609.65 beläuft (Stand: 26. No- vember 2019). Bis ins Jahr 2005 war A.____ im Rahmen von diversen Teilzeitbeschäftigungen erwerbstätig. Seit diesem Zeitpunkt geht sie keiner Erwerbstätigkeit mehr nach. C. Mit Schreiben vom 8. Juli 2019 gewährte das Amt f ür Migration und Bürgerrecht (AfMB) A.____ das rechtliche Gehör betreffend einen a llfälligen Widerruf ihrer Niederlassungs- bewilligung bzw. eine Rückstufung, welches diese mit Sch reiben vom 1. August 2019 wahr- nahm. D. Mit Verfügung vom 28. November 2019 verfügte das AfMB den Widerruf der Nieder- lassungsbewilligung von A.____ und deren Ersatz durch e ine Aufenthaltsbewilligung für die Dauer von 6 Monaten. Das AfMB begründete seinen Entsch eid im Wesentlichen damit, dass A.____ aufgrund ihres Sozialhilfebezugs die Teilnahm e am Wirtschaftsleben nicht erfüllt habe, weshalb die Niederlassungsbewilligung grundsätzlich wider rufen werden und durch eine Auf- enthaltsbewilligung ersetzt werden könne. Da die öff entlichen Interessen an der Rückstufung der Bewilligung von A.____ ihre privaten Interessen a n der Beibehaltung der Niederlassungs- bewilligung überwiegen würden, erweise sich die getro ffene Massnahme zudem als verhältnis- mässig. E. Dagegen erhob A.____, vertreten durch Guido Ehrler , Advokat, mit Eingabe vom 12. Dezember 2019 Beschwerde beim Regierungsrat des Ka ntons Basel-Landschaft (Regie- rungsrat). F. Mit Regierungsratsbeschluss (RRB) Nr. 766 vom 2. Juni 2020 wurde die Beschwerde teilweise gutgeheissen und das AfMB angewiesen, A.____ eine ordentliche Aufenthaltsbewilli- gung für die Dauer von mindestens einem Jahr auszustel len. Der Regierungsrat begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, dass A.____ auf grund ihres Sozialhilfebezugs nicht hinreichend integriert sei und das Kriterium der Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung gemäss Art. 58a Abs. 1 lit. d des Bundesgesetzes für die Ausländerinnen und Aus- länder über die Integration (AIG) vom 16. Dezember 2005 nicht erfüllt sei. Hinsichtlich der Ver- hältnismässigkeit sei mit der Rückstufung bereits eine mil dere Massnahme als der ersatzlose Widerruf der Niederlassungsbewilligung ins Auge gefasst worden. Die von der Vorinstanz ver- fügte Befristung der Aufenthaltsbewilligung auf sechs Mo nate hindere A.____ jedoch daran, sich in den hiesigen Arbeitsmarkt zu integrieren, weshalb diese mindestens auf ein Jahr auszu- stellen sei. G. Gegen diesen Entscheid erhob A.____, vertreten dur ch Guido Ehrler, Advokat, mit Eingabe vom 15. Juni 2020 Beschwerde beim Kantonsgerich t Basel-Landschaft, Abteilung Ver- fassungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht). Die Beschw erdeführerin stellt die Begehren, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und es sei ihr die Niederlassungsbewilligung zu belassen, alles unter o/e-Kostenfolge. Im Weiteren sei der Beschwerdeführerin für das laufende Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. In der Beschwerdebegrün- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht dung vom 17. August 2020 macht die Beschwerdeführerin i m Wesentlichen geltend, dass die Rückstufung unzulässig sei, weil sie die ihr als Sozialhilfe bezügerin obliegende Schadensmin- derungspflicht nicht verletzt habe. Es stelle einen un auflösbaren Widerspruch dar, wenn der Sozialhilfebezug über Jahre hinaus nie beanstandet wo rden sei, jedoch erst kurz vor der or- dentlichen Pensionierung noch Massnahmen ergriffen würde n. Weiter würden durch die Rück- stufung auf eine Aufenthaltsbewilligung die Chancen de r Beschwerdeführerin auf dem Stellen- markt geschmälert. H. Der Regierungsrat liess sich mit Schreiben vom 1. Sept ember 2020 vernehmen und beantragt die kostenfällige Abweisung der Beschwerde. I. Mit Präsidialverfügung vom 7. September 2020 wurde der Fall der Kammer zur Beur- teilung überwiesen und der Beschwerdeführerin für das vo rliegende Verfahren die unentgeltli- che Prozessführung und Verbeiständung bewilligt. J. Mit Schreiben vom 8. Oktober 2020 reichte der Rechtsver treter der Beschwerdeführerin seine Honorarnote ein. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kan tonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand nach § 44 VPO noch ein spezialgesetzli cher Ausschlusstatbestand vor- liegt, ist die Zuständigkeit des Kantonsgerichts zur Beu rteilung der Beschwerde gegeben. Die weiteren formellen Voraussetzungen sind ebenfalls erfüllt, sodass auf die Beschwerde eingetre- ten werden kann. 1.2 Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können gemäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Festste llung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit des angefochte nen Rechtsaktes ist dem Kantonsge- richt dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen – verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO e contrario). 2. Strittig ist, ob das AfMB zu Recht gestützt auf Art. 63 Abs. 2 AIG die Niederlassungs- bewilligung der Beschwerdeführerin widerrufen und du rch eine Aufenthaltsbewilligung ersetzt hat. 3.1 Gemäss Art. 63 Abs. 2 AIG kann die Niederlassungsbew illigung widerrufen und durch eine Aufenthaltsbewilligung ersetzt werden, wenn die I ntegrationskriterien nach Art. 58a AIG nicht erfüllt sind. Mit der Rückstufung soll erreicht we rden, dass die betroffene Person zukünftig ihr Verhalten ändert und sich besser integriert. Die Rückstufung hat somit auch einen präven- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht tiven Charakter (Staatssekretariat für Migration [SEM] , Weisungen AIG, Stand 1. November 2019, Ziff. 8.3.3). Die Rückstufung kann gemäss Art. 62 a Abs. 1 der Verordnung über Zulas- sung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) vom 24. Oktober 2007 mit einer Integrations- vereinbarung oder einer Integrationsempfehlung nach Art. 58b AIG verbunden werden. Wird die Verfügung nicht mit einer Integrationsvereinbarung od er Integrationsempfehlung verbunden, so muss sie gemäss Art. 62a Abs. 2 VZAE mindestens folgende E lemente enthalten: lit. a) die In- tegrationskriterien nach Art. 58a Abs. 1 AIG, die die Ausländerin oder der Ausländer nicht erfüllt hat; lit. b) die Gültigkeitsdauer der Aufenthaltsbewi lligung; lit. c) die Bedingungen, an die der weitere Verbleib in der Schweiz geknüpft wird (Art. 3 3 Abs. 1 AIG) und lit. d) die Folgen für den Aufenthalt in der Schweiz, wenn die Bedingungen nac h lit. c) nicht eingehalten werden (Art. 62 Abs. 1 lit. d AIG). 3.2 Mit der per 1. Januar 2019 in Kraft gesetzten Geset zesänderung wurden die mass- gebenden Integrationskriterien neu auf Gesetzesstufe in Art. 58a AIG explizit und abschlies- send definiert. Gemäss Art. 58a Abs. 1 AIG berücksichtigt die zuständige Behörde bei der Beur- teilung der Integration folgende Kriterien: a. die Beachtung der öffentlichen Sicherheit und Ordnu ng; b. die Respektierung der Werte der Bundesverfassung; c. die Sprachkompetenzen; und d. die Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung. Der Situation von Personen, welche die Integrationskriterien von Art. 58a Abs. 1 lit. c und d AIG aufgrund einer Behinderung oder Krankheit oder anderen gewichtigen persönlichen Umständen nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen erfüllen können, ist gemäss Art. 58a Abs. 2 AIG angemessen Rechnung zu tragen. Die in Art. 58a Abs. 1 AIG genannten Integrationskriterien wurden in den verschiedenen migrationsrechtlichen Erla ssen (AIG, Asylgesetz [AsylG] vom 26. Juni 1998 und Bundesgesetz über das Schweizer Bürger recht [Bürgerrechtsgesetz, BüG] vom 20. Juni 2014) vereinheitlicht und aufeinander ab gestimmt (Botschaft zur Änderung des Ausländergesetzes [Integration] vom 8. März 2013, Bunde sblatt [BBl] 2013 S. 2399). Die in Art. 58a Abs. 1 AIG genannten Integrationskriterien bi lden den Massstab zur Beurteilung der Integration im Hinblick auf Bewilligungserteilungen sow ie Änderungen des Aufenthaltsstatus. Die Integrationsbeurteilung hat immer im Rahmen ein er zukunftsgerichteten Gesamtbetrach- tung zu erfolgen (vgl. M ARC SPESCHA , in: Spescha/Zünd/ Bolzli/Hruschka/de Weck [Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 5. Auflage, 2019, Art. 58a AIG N 1). 4.1 Der Regierungsrat erwog, dass der Rückstufung eine e igenständige, vom Widerruf der Niederlassungsbewilligung nach Art. 63 Abs. 1 AIG una bhängige Bedeutung zukomme. Damit hätten die Migrationsbehörden die Möglichkeit, situatio nsgerechter und differenzierter zu han- deln, wenn nach Erteilung der bedingungslosen und unb efristeten Niederlassungsbewilligung die Integrationskriterien nach Art. 58 Abs. 1 AIG nicht (mehr) erfüllt seien. Sei jedoch im Einzel- fall der Widerrufsgrund nach Art. 63 Abs. 1 AIG gegeb en und verhältnismässig, bestehe kein Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Spielraum für eine Verwarnung oder eine Rückstufung. A ngesichts ihrer jahrelangen Sozialhil- feabhängigkeit (Fr. 585'609.65 seit 19. November 199 2) sei die wirtschaftliche Integration der Beschwerdeführerin in Frage zu stellen. Es sei der Besc hwerdeführerin allerdings soweit zuzu- stimmen, dass eine Rückstufung bei Sozialhilfebezügern nu r in Frage komme, wenn diese ihre Schadensminderungspflicht in vorwerfbarer Weise verletzt hätten. Bei der Beurteilung des Selbstverschuldens gelte nach bundesgerichtlicher Rechtspr echung zum Widerruf der Nieder- lassungsbewilligung aufgrund eines dauerhaften und erh eblichen Sozialhilfebezugs (Art. 63 Abs. 1 lit. c AIG) im Rahmen des ausländerrechtlichen Ve rfahrens ein strengerer Massstab als bei der sozialhilfebehördlichen Einschätzung. Es sei vorli egend nicht einzusehen, weshalb die- ser Grundsatz im Rahmen der Rückstufung nicht ebenfalls zu m Tragen kommen solle, denn er äussere sich in genereller Weise darüber, dass die Behör de im Migrationsverfahren ein eigen- ständiges Urteil fällen dürfe. Aufgrund der von der B eschwerdeführerin im Zeitraum von 1995 bis 2005 ausgeübten Teilzeitbeschäftigungen könne geschl ossen werden, dass die Beschwer- deführerin zumindest versucht habe, in der Schweiz in d er Arbeitswelt Fuss zu fassen. Dem eingereichten ärztlichen Zeugnis vom 31. Juli 2019 sei allerdings nicht zu entnehmen, inwiefern die darin genannten Symptome ("andauernde Persönlichke itsveränderung nach Extrembelas- tung") zur kompletten Arbeitsunfähigkeit geführt und eine berufliche Tätigkeit seit 2005 gänzlich verunmöglicht hätten. Die Beschwerdeführerin habe es se lbst unter Berücksichtigung der Tat- sache, dass sie in den ersten Jahren in der Schweiz mit der Betreuung ihres Sohnes im Klein- kindalter gefordert gewesen sei, bereits zu Beginn ihr es Aufenthaltes verpasst, ihre an sich gu- ten beruflichen Integrationsvoraussetzungen auszuschöpfen u nd sich angemessen um eine dauerhaft existenzsichernde Erwerbstätigkeit zu bemühen. I nsofern könne sie sich auch nicht dadurch entlasten, dass sie der Sozialhilfebehörde ab Ap ril 2012 keinen Nachweis für Arbeits- bemühungen mehr habe erbringen müssen. Damit habe di e Beschwerdeführerin nicht alles Zumutbare unternommen, um ihren Sozialhilfebezug zu vermeiden bzw. zu verringern und habe diesen selbst verschuldet. Durch den vorzeitigen Rentenbezu g falle der Grund der mangelhaf- ten wirtschaftlichen Integration nicht weg, sondern ma nifestiere sich bloss auf anderem Wege weiter. Im Umstand, dass die Beschwerdeführerin die übr igen Integrationskriterien (Beachtung der hiesigen Rechtsordnung, gute Sprachkenntnisse, soziale Integration) erfülle, sei keine aus- serordentliche Integrationsleistung zu erblicken, zumal dies bei einem Aufenthalt in der Schweiz von über 34 Jahren erwartet werden dürfe. Daraus ergeb e sich, dass sich die Beschwerdefüh- rerin nicht hinreichend habe integrieren können und da s Kriterium der Teilnahme am Wirt- schaftsleben oder am Erwerb von Bildung gemäss Art. 58a Abs. 1 lit. d AIG nicht erfülle. 4.2.1 Die Beschwerdeführerin bringt dagegen im Wesent lichen vor, dass bei einer Rückstu- fung die Widerrufsgründe nach Art. 63 Abs. 1 AIG zumin dest im Rahmen einer summarischen Betrachtungsweise gegeben sein müssten. Die Rückstufung sei nur dann zulässig, wenn ein Widerruf der Niederlassungsbewilligung und damit eine Wegweisung ernsthaft in Betracht fie- len. Sie sei die mildere Massnahme als die mit dem Wid erruf der Niederlassungsbewilligung verbundene Wegweisung. Der Migrationsbehörde eröffne sich so der Ermessenspielraum, dem Betroffenen eine Bewährungschance zu geben, wobei zuerst zu prüfen sei, ob der Widerruf überhaupt in Betracht falle. Die Wegweisung müsse zumi ndest möglich sein, damit eine Rück- stufung erfolgen könne. Die enge Verknüpfung der Rücks tufung mit der Wegweisung komme auch in Art. 62 lit. d VZAE zum Ausdruck. Die Rückstufung müsse die Folgen für den Aufenthalt Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht in der Schweiz enthalten, wenn die mit der Rückstufun g verbundenen Bedingungen nicht ein- gehalten würden. Der Beschwerdeführerin sei mit der Verfügung vom 8. Juli 2019 angedroht worden, dass sie mit der Wegweisung aus der Schweiz zu rechn en habe, sollte sie die Bedin- gungen nicht einhalten. Wenn die Wegweisung nicht zulä ssig sei, dürfe sie auch nicht ange- droht werden. Es müsse daher zuerst vorfrageweise erstell t sein, ob die Wegweisung zulässig wäre, was vorliegend nicht der Fall sei. Es sei richt ig, dass die Behörde die Wegweisung verfü- gen müsse, wenn die tatbestandsmässigen Voraussetzungen er stellt seien und diese verhält- nismässig erscheine. Als mildere Sanktion für die Wegwei sung setze die Rückstufung aber nach der systematischen Stellung und dem Wortlaut von Ar t. 63 Abs. 2 AIG voraus, dass die tatbestandsmässigen Grundlagen für den Widerruf gegeben seien. 4.2.2 Weiter rügt die Beschwerdeführerin, dass die Vo rinstanz im Hinblick auf die Scha- densminderungspflicht und die Anwendung des strengeren Massstabs in ausländerrechtlicher Hinsicht in Abstützung auf die bundesgerichtliche Rechtsp rechung zum Widerrufsverfahren wi- dersprüchlich argumentiere. Wenn die Rückstufung nichts mit der Wegweisung zu tun habe und eine eigenständige Sanktion für eine fehlgeschlagene Integration darstelle, bestehe bei der Prü- fung der wirtschaftlichen Integration weder Raum für einen eigenen Ermessensspielraum der Migrationsbehörde, noch könne die Rechtsprechung zu den Widerrufsgründen zur Anwendung kommen. Die Sozialhilfebehörde sei die sachkompetente Be hörde zur Beurteilung der Frage, ob Sozialhilfe missbräuchlich bezogen worden sei. Dies se i gemäss Schreiben der Sozialhilfe- behörde vom 31. Juli 2019 nicht der Fall. Bei langjäh rig anwesenden Personen gehe das Bun- desgericht davon aus, dass einem Widerruf der Niederlassu ngsbewilligung wegen Sozialhilfe- bezug in der Regel eine Verwarnung vorausgehen müsse. Die Beschwerdeführerin sei wegen des Sozialhilfebezugs vom Migrationsamt nie verwarnt wo rden. Es stelle einen unauflösbaren Widerspruch dar, wenn der Sozialhilfebezug über Jahre hinaus nie beanstandet worden sei, die Beschwerdeführerin deswegen ihr Verhalten nie habe ändern müssen und erst im jetzigen Zeit- punkt, kurz vor der ordentlichen Pensionierung, noch Massnahmen ergriffen würden. 4.2.3 Die Beschwerdeführerin macht im Weiteren geltend , aufgrund des Arztberichts von Dr. med. C.____ vom 31. Juli 2019 und dessen aktenkund igen Einschätzungen könne kein Zweifel daran bestehen, dass es ihr in erster Linie wegen des Foltertraumas nicht gelungen sei, ihre an sich guten Integrationsvoraussetzungen auszuschöpf en. Genau solche Konstellationen müssten im Rahmen von Art. 77f lit. b VZAE berücksichtigt werden. Indem die Vorinstanz nur Krankheiten mit eigentlicher Arbeitsunfähigkeit berücksi chtigen wolle, handhabe sie ihr Ermes- sen missbräuchlich. Die Rückstufung sei zudem aufgrund de r Tatsache unzulässig, dass die Beschwerdeführerin zum jetzigen Zeitpunkt keine Sozialh ilfe mehr beziehe und somit den Wi- derrufsgrund nicht mehr erfülle. Schliesslich verkenne die Vorinstanz bei der nötigen Gesamt- betrachtung weiterhin, dass die übrigen Integrationskrit erien bei der Beschwerdeführerin in ausgeprägter Weise gegeben seien. Im Umstand, dass die Vorinstanz keine Gesamtbetrach- tung vornehme, sondern "ausserordentliche Integrationsl eistungen" verlange, liege ein weiterer Ermessensmissbrauch. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.1 Voraussetzung für eine Rückstufung nach Art. 63 Abs. 2 AIG ist eine Prüfung der In- tegrationskriterien nach Art. 58a AIG im Rahmen einer zukunftsgerichteten Gesamtbetrachtung. Im Rahmen dieser Gesamtbetrachtung sind alle vier in A rt. 58a Abs. 1 AIG abschliessend ge- nannten Kriterien zu prüfen. Erforderlich ist eine Ge samtwürdigung aller massgeblichen Aspek- te im Einzelfall (vgl. S PESCHA , a.a.O., Art. 58a AIG N 1; siehe auch Urteil des Bun des- verwaltungsgerichts F-4152/2016 vom 27. Juni 2018 E. 4. 5). Eine gleichartige Gesamtwür- digung ist auch im Einbürgerungsverfahren vorzunehmen ( vgl. Urteil des Bundesgerichts 1D_7/2019 vom 18. Dezember 2019 E. 3.4). Die Niederl assungsbewilligung ist ihrer Rechtsna- tur nach unbefristet und nicht an Bedingungen geknüpf t (Art. 34 Abs. 1 AIG). Integrationsdefizi- te rechtfertigen eine Rückstufung deshalb nicht leichthi n, sondern nur, wenn sie derart sind, dass auch ein Widerruf der Niederlassungsbewilligung sa mt Wegweisung aus der Schweiz ernsthaft in Betracht fällt (vgl. SPESCHA , a.a.O., Art. 63 AIG N 23). Die Rückstufung setzt zudem voraus, dass die betroffene Person in der Lage ist, ihr Verhalten zu steuern, d.h. ihre Integration zu verbessern, was zum Beispiel im Fall von Sozialhilfeabhängigen dann nicht der Fall ist, wenn der Sozialhilfebezug aufgrund persönlicher Umstände im Sinne von Art. 77f VZAE entschuldbar erscheint (vgl. SPESCHA , a.a.O., Art. 63 AIG N 26). 5.2 Das AfMB sowie der Regierungsrat werfen der Beschwe rdeführerin vor, sie habe nicht alles Zumutbare unternommen, um sich ins Wirtschaftsleben zu integrieren, womit das Kriterium gemäss Art. 58a Abs. 1 lit. d AIG nicht erfüllt sei. D ie Beschwerdeführerin entgegnet, dass sie mittlerweile ihre Altersrente vorbezogen habe und Ergänzungsleistungen erhalte. Nach Art. 77e VZAE sei das Kriterium der Teilnahme am Wirtschaftsleben erfüllt, wenn der Ausländer die Kos- ten für seinen Lebensunterhalt mit Leistungen Dritter bestreite, auf die ein Rechtsanspruch be- stehe, weshalb sie mit dem Bezug von Ergänzungsleistungen wirtschaftlich integriert sei. 5.3 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung stellen Ergänzungsleistungen zwar keine Sozialleistungen im engeren Sinne dar, belasten a ber als beitragsunabhängige Sonder- leistungen die öffentlichen Finanzen (vgl. BGE 135 II 2 65 E. 3.7; Urteil des Bundesgerichts 2C_562/2016 vom 14. Dezember 2016 E. 3.1.2). Ob mit dem Übergang von der Sozialhilfe zu einer vorzeitigen Altersrente und dem Bezug von Ergänz ungsleistungen die wirtschaftliche In- tegration der Beschwerdeführerin im Sinne von Art. 58 Abs. 1 lit. d AIG im heutigen Zeitpunkt gegeben ist, kann offenbleiben. Selbst wenn diese Frag e zu verneinen wäre, erwiese sich der Widerruf der Niederlassungsbewilligung und deren Ersa tz durch eine Aufenthaltsbewilligung – wie nachfolgend aufzuzeigen sein wird – als unverhältn ismässig. Unter den gegebenen Um- ständen kann auch die Frage offengelassen werden, ob die Vorinstanzen eine den Anforderun- gen genügende Gesamtbetrachtung der Integrationskriterien vorgenommen haben. 6.1 Die Rückstufung stellt im Vergleich zu einer mit de m Wiederruf der Niederlassungsbe- willigung verknüpften Wegweisung eine mildere Massnahme dar, muss allerdings auch selbst verhältnismässig sein (vgl. SPESCHA , a.a.O., Art. 63 AIG N 23). Im Rahmen der Verhältn ismäs- sigkeitsprüfung nach Art. 36 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossen- schaft (BV) vom 18. April 1999 ist zu prüfen, ob die Rückstufung geeignet und erforderlich ist, ihren Zweck zu erfüllen. Die Rückstufung hat zudem in einem angemessenen Verhältnis zu den Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht damit für die betroffene Person verbundenen Konsequen zen zu stehen ("Übermassverbot"; vgl. Art. 96 AIG bzw. Art. 5 Abs. 2 BV). 6.2 Der Regierungsrat führt aus, dass die Beschwerdeführe rin durch die Rückstufung und die damit verbundenen Bedingungen, namentlich die P flicht zu Stellensuchbemühungen und entsprechender Dokumentation, zu einer Verhaltensänd erung bewegt werden könne. Es sei unter Berücksichtigung ihres Alters nicht einsehbar, inwi efern es der Beschwerdeführerin gänz- lich unmöglich sein sollte, sich beruflich wieder zu inte grieren oder zumindest einen entspre- chenden Versuch zu starten. Schliesslich stelle die Rückstu fung im Verhältnis zur Wegweisung bereits eine mildere Massnahme dar. 6.3 Die Beschwerdeführerin lebt seit 34 Jahren in der Schweiz, womit von einer starken Verwurzelung in diesem Land auszugehen ist. Zwar hat di e Beschwerdeführerin über einen langen Zeitraum Sozialhilfeleistungen in grossem Umfan g bezogen, wurde in diesem Zusam- menhang jedoch unbestrittenermassen nie ausländerrechtli ch verwarnt. Mittlerweile bezieht die Beschwerdeführerin, welche seit 2005 nicht mehr erwer bstätig war, eine vorzeitige Altersrente und Ergänzungsleistungen. Inwiefern das Ziel einer wir tschaftlichen Integration im Fall der 62-jährigen Beschwerdeführerin im heutigen Zeitpunkt noch erreicht werden könnte, erschliesst sich nicht und wird von den Vorinstanzen auch nicht schlü ssig dargelegt. Der Hinweis des Re- gierungsrats, es sei nicht ersichtlich, inwiefern es der Be schwerdeführerin gänzlich unmöglich sein sollte, sich beruflich wieder zu integrieren oder z umindest einen entsprechenden Versuch zu starten, genügt in diesem Zusammenhang nicht. Angesichts ihres Alters und ohne qualifizier- te Ausbildung oder Weiterbildung ist nicht davon auszug ehen, dass die Beschwerdeführerin realistische Chancen hat, für die kurze Zeit bis zu ihre m ordentlichen Pensionsalter eine Stelle zu finden und so wieder am Wirtschaftsleben teilhaben zu können. Hätten die Vorinstanzen das Ziel einer wirtschaftlichen Integration der Beschwerdefü hrerin konsequent verfolgen bzw. auf- grund ihres Sozialhilfebezugs ausländerrechtliche Massnahme n ergreifen wollen, so hätten sie in einem Zeitpunkt reagieren müssen, als eine Teilnahm e der Beschwerdeführerin am Wirt- schaftsleben noch realistisch war. Dies haben sie unterlass en und die Beschwerdeführerin wie bereits ausgeführt zu keinem Zeitpunkt ausländerrechtlich verwarnt. Die Rückstufung stellt un- ter diesen Umständen im vorliegenden Fall weder eine g eeignete noch zumutbare Massnahme dar und erweist sich damit als unverhältnismässig. 6.4 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, wo mit der Beschwerdeführerin die Niederlassungsbewilligung belassen wird. 7.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren und die Beweiskosten und werden in der Regel der unterlieg enden Partei in angemessenem Aus- mass auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Dem Ausgang des Verfah rens entsprechend werden die Verfahrenskosten in der Höhe von insgesamt Fr. 1'400.-- dem unterliegenden Beschwerdegeg- ner auferlegt. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann ge mäss § 21 Abs. 1 VPO für den Beizug eines Anwalts oder einer Anwältin eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Der obsiegenden Beschwerdeführerin ist ausgangsgemäss eine Parteientschädigung zuzusprechen. Der Rechtsvertret er der Beschwerdeführerin macht in seiner Honorarnote vom 7. Oktober 2020 einen Aufwand v on 13.08 Stunden zu einem Stun- denansatz in der Höhe von Fr. 250.-- sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 125.20 geltend, was als angemessen erscheint. Demgemäss ist der Beschwerdeführ erin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'656.65 (inkl. Auslagen und 7.7 % MWST) zuzusprechen, die dem unter- liegenden Beschwerdegegner aufzuerlegen ist. Bezüglich der Neuverlegung der Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens ist die Angelegenheit an den Regierungsrat zurückzuweisen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Entscheid des Regierungsrats des Kantons Basel-Landschaft Nr. 766 vom 2. Juni 2020 aufgehoben. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Koste n des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat zurückgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'400.-- werden dem Regie- rungsrat des Kantons Basel-Landschaft auferlegt. 4. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat de r Beschwerde- führerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'656.65 (inkl. Auslagen und 7.7 % MWST) auszurichten. Präsidentin Gerichtsschreiber i.V.