D i s p o s i - t i v o B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-475/2023 U r t e i l v o m 1 4 . F e b r u a r 2 0 2 3 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Thomas Segessenmann, Gerichtsschreiberin Sandra Bisig. Parteien A._______, geboren am 1. Januar 2004 (bestritten), Afghanistan, vertreten durch Smera Rehman, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 17. Januar 2023 / N (…). D-475/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – eigenen Angaben zufolge afghanischer Staatsan- gehöriger – suchte am 9. Oktober 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Er gab an, am (…) 2006 geboren und damit minderjährig zu sein. B. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit verschiedenen Datenbanken (u. a. der Eurodac-Datenbank und der IPAS-GWK-Datenbank) durch das SEM ergab, dass er am 27. April 2022 in Bulgarien und am 20. Mai 2022 in Ös- terreich um Asyl nachgesucht hatte. Zudem ergab sich, dass er am 25. Mai 2022 bei einer Einreise in die Schweiz von der Grenzwache kontrolliert und dabei – entsprechend einer österreichischen Verfahrenskarte, die er auf sich trug – mit dem Namen B._______, geboren am (…) 2006 registriert worden war. Am 20. Juni 2022 und am 18. Juli 2022 stellte er sodann – gemäss Eurodac-Datenbank – Asylgesuche in Frankreich. C. C.a Anlässlich der Erstbefragung von unbegleiteten minderjährigen Asyl- suchenden (EB UMA) vom 8. November 2022 wurde der Beschwerdefüh- rer – im Beisein der ihm zugewiesenen Rechtsvertreterin beziehungsweise Vertrauensperson – unter anderem zu seinem Alter, seiner Schulbildung, seiner Familie, seinem Reiseweg und den Asylgesuchstellungen in den ge- nannten Ländern befragt. Zu seinem Aufenthalt in Bulgarien brachte der dabei im Wesentlichen vor, er sei einmal von ei nem Hund der Polizisten angegriffen worden, woraufhin er Hautausschläge bekommen habe und die Bisswunde schwarz angelaufen sei. Deswegen sei er zwei Monate in Bulgarien geblieben. Eine medizinische Versorgung habe es nicht gege- ben. Er habe in Bulgarien von Anfang an gesagt, dass er nicht dortbleiben möchte. Sie hätten ihn in Quarantäne gesteckt und ihm trotzdem die Fin- gerabdrücke abgenommen. Angesprochen auf gesundheitliche Beein- trächtigungen machte er sodann geltend, er habe nur das mit der Haut, die abgestorben und schwarz geworden sei . Für seine sonstigen Aussagen wird auf das Protokoll in den Akten und die nachfolgenden Erwägungen verwiesen. C.b Der Beschwerdeführer reichte eine Fotografie seiner Tazkira zu den vorinstanzlichen Akten. D-475/2023 Seite 3 D. D.a Am 9. Dezember 2022 ersuchte das SEM die bulgarischen Behörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge - stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). D.b Diesem Gesuch entsprachen die bulgarischen Behörden am 19. De- zember 2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin -III-VO. Sie teilten dem SEM dabei mit, dass der Beschwerdeführer in Bulgarien mit dem Na- men C._______, geboren am (…) 2006 registriert sei. E. Wegen Zweife ln an der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers veran- lasste das SEM eine Altersabklärung durch das Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals D._______. Das entsprechende Gutachten vom 21. Dezember 2022 kam zum Schluss, dass sich beim Beschwerdeführer ein durchschnittliches Lebensalter von 18 bis 21 Jahren und in einer Zu- sammenschau aller Untersuchungsbefunde ein Mindestalter von 17.6 Jah- ren ergebe. Das von ihm angegebene Geburtsdatum könne somit nicht zu- treffen. F. Am 22. Dezember 2022 übermittelte das SEM den bulgarischen Behörden das genannte Altersgutachten ( anonymisiert, inkl. englischsprachige r Übersetzung der Schlussfolgerungen). G. G.a Mit Schreiben vom 23. Dezember 2022 orientierte das SEM den Be- schwerdeführer über das Resultat der Altersabklärung und (mithin) die Un- glaubhaftigkeit der von ihm angegebenen Minderjährigkeit sowie die Ab- sicht, sein Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZE- MIS) auf den 1. Januar 2004 anzupassen. Es gewährte ihm dazu sowie zur Zuständigkeit Bulgariens und einer Wegweisung dorthin das rechtliche Ge- hör. G.b Der Beschwerdeführer hielt in seiner Stellungnahme vom 29. Dezem- ber 2022 an seiner Minderjährigkeit fest. Ausserdem machte er hinsichtlich D-475/2023 Seite 4 einer Wegweisung nach Bulgari en im Wesentlichen (erneut) geltend, die Zeit in Bulgarien sei die schlimmste Zeit seines Lebens gewesen. Er sei geschlagen und von Hunden gebissen worden. Es sei alles sehr schlimm gewesen und er werde sich lieber umbringen, als dorthin zurückzukehren. Er sei – was er auf Nachhaken seiner Rechtsvertreterin erklärt habe – für zirka zwei Monate in einem geschlossenen Camp in einem Einzelzimmer in Quarantäne gehalten worden. Während dieser Zeit habe er nur einmal am Tag für fünf Minuten auf die Toilette gehen können. Den Rest des Tages habe er sich in die Hose gemacht. Er sei auch fast jeden Tag geschlagen worden, wobei es immer wieder andere Personen von der Sicherheit des Camps gewesen seien, die ihn mit einem dicken Schlagstock geschlagen hätten. Nach den zwei Monaten im geschlossenen Camp sei er in ein offe- nes Camp verlegt worden, wo vor allem die Abende schrecklich gewesen seien. Er sei (dort) sexuell missbraucht worden. Von seiner Zeit in Bulga- rien habe er überall Narben am Körper. Er habe aber nie eine medizinische Versorgung erhalten. Weitergehend wird auf die entsprechende Eingabe in den vorinstanzlichen Akten verwiesen. H. Am 16. Januar 2023 mutierte das SEM das Alter des Beschwerdeführers im ZEMIS auf den 1. Januar 2004 und versah es mit einem Bestreitu ngs- vermerk. I. Mit Verfügung vom 17. Januar 2023 – tags darauf eröffnet – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl- gesuch des Beschwerdeführers nicht ein , ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz nach Bulgarien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Es beauftragte den Kanton E._______ mit dem Vo llzug der Wegweisung und händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus. Gleichzeitig stellte es fest, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den 1. Januar 2004 laute und eine allfällige Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung habe. J. Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 25. Januar 2023 – handelnd durch seine Rechtsvertreterin – Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte dabei in materieller Hin- sicht, die ange fochtene Verfügung sei vollständig aufzuheben, das SEM sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und in der Schweiz ein D-475/2023 Seite 5 materielles Asylverfahren durchzuführen sowie sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (…) 2006 (eventualiter auf den […] 2006) anzupassen, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu- weisen, subeventualiter sei das SEM anzuweisen, den bul garischen Be- hörden den vollständig und richtig festgestellten Sachverhalt betreffend das Altersgutachten mitzuteilen sowie ihnen auch die Kopie der Tazkira des Beschwerdeführers in Kopie zuzustellen, subsubeventualiter sei die Sache zur Einholung individueller Zusicherungen der bulgarischen Behörden an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zudem sei festzustellen, dass das SEM Art. 10 Abs. 2, Art. 11 und Art. 19 BV sowie Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (nachfolgend: KRK, SR 0.107) verletzt habe. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und im Sinne einer superprovisorischen vor sorglichen Massnahme seien die Vollzugs- behörden unverzüglich anzuweisen, von einer Überstellung des Beschwer- deführers nach Bulgarien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Ferner sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Auf die Begründung der Beschwerdebegehren und die eingereichten Be- weismittel (insb. Fotografien einer Wunde und ein Methodendokument zur Forensischen Altersdiagnostik) wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. K. Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Überstellung mit superpro- visorischer Massnahme vom 27. Januar 2023 per sofort einstweilen aus. L. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am glei- chen Tag in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Darin ent- halten sind ein Verlaufsblatt von Medic -Help und mehrere ärztliche Be- richte. Aus diesen ergibt sich im Wesentlichen, dass der Beschwerdeführer am (…) 2023 notfallmässig hospitalisiert werden musste und ihm am Tag darauf ein Abszess entfernt wurde. Am (…) 2023 wurde er in gutem Allge- meinzustand aus dem Spital entlassen, wobei nach der Entlassung tägli- che Verbandswechsel mit feuchten Kompressen notwendig waren. D-475/2023 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh- rung legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu- treten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.3 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (Spruchkörper; Art. 21 Abs. 1 VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1 AsylG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. Über das in der Beschwerde ge stellte Begehren auf Anpassung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums des Beschwerdeführers ist nicht im vor- liegenden Dublin-Verfahren zu entscheiden. Diesbezüglich wurde ein se- parates Verfahren unter der Geschäftsnummer D -531/2023 eröffnet. Auf die in diesem Zusammenhang gestellten Rechtsbegehren, es sei die auf- schiebende Wirkung zu erteilen (vgl. Beschwerde S. 21 f.) und es sei fest- zustellen, dass das SEM Art. 10 Abs. 2, Art. 11 und Art. 19 BV sowie Art. 3 KRK verletzt habe, ist deshalb an dieser Stelle nicht weiter einzugehen. D-475/2023 Seite 7 4. 4.1 Vorab sind die formellen Rügen der unrichtigen beziehungsweise un- vollständigen Sachverhaltsfeststellung zu prüfen, da sie allenfalls zu einer Kassation der angefochtenen Verfügung führen könnten. 4.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklär ung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt in- des nicht uneingeschränkt; er findet seine Grenzen an der Mitwirkungs- pflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). 4.3 4.3.1 In der Beschwerde wird gerügt, die Vorinstanz habe die biografischen Angaben des Beschwerdeführers (zu seinem Alter, seiner Schulbildung, dem Tod seines Vaters, dem Ausreisezeitpunkt, der Dauer des Reisewegs und dem Alter seiner Geschwister) nicht respektive falsch gewürdigt und sei mithin zu Unrecht zum Schluss gekommen, seine Minderjährigkeit sei unglaubhaft. Es habe dadurch den Sachverhalt unrichtig festgestellt. 4.3.2 Diese Rüge zielt ins Leere. Der Umstand, dass sich die Vorinstanz in ihren ausführlichen Erwägungen zur Unglaubhaftigkeit der vom Beschwer- deführer geltend gemachten Minderjährigkeit (vgl. ebenda insb. S. 6-8) nicht explizit mit sämtlichen seiner Aussagen auseinandersetzte respektive seine Aussagen anders würdigte, als von ihm verlangt, stellt keine unge- nügende Sachverhaltsfeststellung und im Übrigen auch ke ine Verletzung der Begründungspflicht dar. 4.4 4.4.1 Des Weiteren wird in der Beschwerde die Schlussfolgerung im Alters- gutachten (vgl. Bst. E. vorstehend) bemängelt, weil der Einfluss der ethni- schen Zugehörigkeit auf die Weisheitszahnmineralisation nicht berücksich- tigt worden sei. Sodann sei das Wiederaufnahmeersuchen des SEM an die bulgarischen Behörden mangelhaft gewesen (insb. Angabe des falschen Geburtsdatums, Nichtübermittlung der Tazkira und des Altersgutachtens). Die angefochtene Verfügung basiere damit auf einem unvollständigen be- ziehungsweise unrichtig erstellten Sachverhalt. 4.4.2 Auch diese Rügen zielen angesichts des in E. 6.3.1 und 6.5 nachste- hend Ausgeführten ins Leere. D-475/2023 Seite 8 4.5 Im Übrigen gibt es vorliegend aufgrund der nachfolgenden Erwägun- gen keinen Grund, bei den bulgarischen Behörden individuelle Zusicherun- gen (etwa bezüglich des Zugangs zu einem fairen und diskriminierungs- freien Asylverfahren, zu angemessener Unterbringung und zu besonderen Therapiemassnahmen) einzuholen. Der Beschwerdeführer fällt insbeson- dere nicht in die Kategorie der besonders vulnerablen Personen mit spezi- ellen Bedürfnissen, was gemäss Referenzurteil des Bundesverwaltungs- gericht F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 gegebenenfalls das Einfordern konkreter Garantien von den bulgarischen Behörden erforderlich machen könnte (vgl. ebenda E. 7.4.1 f.). 4.6 Nach dem Gesagten besteht kein Anlass, die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an das SEM zurückzu- weisen. Die entsprechenden Anträge sind demzufolge abzuweisen. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). Von Wiederaufnahmeverfahren ausgeschlossen sind unbegleitete Minder- jährige (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III -Verordnung, Wien 2014, K16 zu Artikel 8). Im Falle von unbegleiteten Minderjährigen ohne familiäre An- knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem der Minderjährige seinen An- trag gestellt hat. 5.3 Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, ei- nen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, der seine n Antrag D-475/2023 Seite 9 während der Antragsprüfung zurückgezogen und in einem anderen Mit - gliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich ohne Aufenthaltstitel im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin- III-VO). 5.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen auf wei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Un- ion (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu- ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän- dig bestimmt werden, wird der die Z uständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO). 5.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani- tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin -III-VO ein anderer Staat z uständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 6. 6.1 Angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer erstmals (und mithin vor seiner Asylgesuchstellung in der Schweiz) in Bulgarien ein Asylgesuch eingereicht hatte und die bulgarischen Behörden dem Ersuchen um Wie- deraufnahme explizit zustimmten, ist die Zuständigkeit Bulgariens – unter Vorbehalt einer bestehenden Volljährigkeit des Beschwerdeführers – grundsätzlich gegeben. 6.2 Der Beschwerdeführer behauptet jedoch, minderjährig zu sein. Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Person zu D-475/2023 Seite 10 beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist , und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwä- gung sämtlicher Anhaltspunkte vorzunehmen, die für oder gegen die Rich- tigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen. Wesentlich sind dabei als für echt befundene Identitätspapiere oder eigene Angaben einer betroffe- nen Person (vgl. Urteil des BVGer E -4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1, mit Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der [vormali- gen] Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30). 6.3 6.3.1 Vorliegend ist zunächst festzuhalten, dass sich anhand des durchge- führten Altersgutachtens g emäss BVGE 2018 VI/3 (E. 4.2.2) keine Aus- sage zur Minder- respektive Volljährigkeit des Beschwerdeführers machen lässt und mithin basierend darauf sowohl eine Voll- als auch eine Minder- jährigkeit möglich sind. In Übereinstimmung mit dem SEM kann die im Al- tersgutachten enthaltene Schlussfolgerung, wonach das vom Beschwer- deführer angegebene Geburtsdatum (von 16 Jahren und […] Monaten) nicht zutreffen könne, jedoch als Argument verwendet werden. An dieser Einschätzung vermögen die diesbezüglichen Beschwerdevorbringen nichts zu ändern , zumal sie von der tatsachenwidrigen Annahme ausge- hen, dass das im Altersgutachten angegebene (definitive) Mindestalter von 17.6 Jahren auf der Entwicklung der Weisheitszähne des Beschwerdefüh- rers und nicht – wie sich aus dem Altersgutachten tatsächlich ergibt (vgl. ebenda Ziff. 6.2) – auf der Schlüsselbeinanalyse (und mithin dem vorlie- genden höchsten Mindestalter der verschiedenen Untersuchungen; vgl. Al- tersgutachten Ziff. 1) basiert. Es ist sodann nicht ersichtlich und wird in der Beschwerde auch nicht weiter ausgeführt, weshalb eine Alterseinschät- zung mit nur einer auswertbaren Seite der Schlüsselbeinuntersuchung wis- senschaftlich nicht aussagekräftig sein soll. 6.3.2 Demnach sind die anlä sslich der EB UMA getätigten Aussagen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit seinem Alter respektive dem von ihm angegebenen Geburtsdatum einer Würdigung zu unterziehen. Diese sind als ausweichend, unsubstanziiert und unstimmig beziehungs- weise unplausibel zu bezeichnen (vgl. Akten SEM […]-13/12 Ziff. 1.06). Hervorzuheben ist dabei zunächst der bereits in der angefochtenen Verfü- gung erwähnte Umstand, dass er sein behauptetes Geburtsdatum gemäss afghanischem Kalender nicht angeben konnte und er nicht einmal ein Ge- burtsjahr nannte, was – auch unter Berücksichtigung des Beschwerdevor- bringens, wonach auch Schulen in Afghanistan vermehrt den gregoriani- schen Kalender unterrichten würden – nicht plausibel ist. Insbesondere D-475/2023 Seite 11 aber machte er – wie schon vom SEM festgestellt – unstimmige Angaben zum Zeitpunkt, seit welchem er die europäische Version seines (nicht be- kannten afghanischen) Geburtsdatums kenne. So erklärte er, er habe es hier in der Schule und durch die Tazkira gelernt (vgl. a.a.O. Ziff. 1.06). Ab- gesehen davon, dass die als Fotografie eingereichte Tazkira kein Geburts- datum, sondern eine Alterseinschätzung basierend auf seinem Erschei- nungsbild im Jahr 2018 enthält, gab er das entsprechende Geburtsdatum jedoch bereits anlässlich seiner Asylgesuchstellung in der Schweiz an (vgl. Akten SEM […]-2/2). Er vermochte mithin nicht stimmig anzugeben, woher er das von ihm angegebene Geburtsdatum , das – wie erwähnt – gemäss durchgeführtem Altersgutachten nicht zutreffen kann, kennen will. 6.3.3 Aufgrund des bereits Gesagten bestehen erhebliche Zweifel an den Angaben des Beschwerdeführers. Hinzu kommt die schon vom SEM an- geführte Tatsache, dass er – entgegen seiner Aussage in der E B UMA, wonach er immer das Gleiche wie in der Schweiz angegeben hab e (vgl. Akten SEM […]-13/12 Ziff. 5.02; vgl. auch die entsprechenden Behauptun- gen in der Beschwerde [S. 8]) – in Österreich und insbesondere auch in Bulgarien mit einem anderen Geburtsdatum (nach gregorianischem Kalen- der) und einem anderen Familienn amen al s in der Schweiz registriert wurde (vgl. Bstn. B. und D.b vorstehend). Diese von ihm nicht aufgelöste Widersprüchlichkeit weckt auch Zweifel an seiner persönlichen Glaubwür- digkeit, zumal kein Grund besteht, die entsprechenden Registrierungen an- zuzweifeln. Schliesslich reichte er kein rechtsgenügliches Identitätsdoku- ment zu den Akten, sondern lediglich, eine Fotografie seiner angeblichen Tazkira, welcher jedoch – insbesondere auch aufgrund seiner reduzierten persönlichen Glaubwürdigkeit – kaum Beweiswert zukommt. 6.4 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer – auch unter Be- rücksichtigung des in der Beschwerde genannten Umstands, dass seine Angaben zum Alter seiner Geschwister mit seiner eigenen Altersangabe von 16 Jahren (und […] Monaten) vereinbar sind sowie seine Angaben zum Schulbesuch und seiner Ausreise widerspruchsfrei ausgefallen sind und rechnerisch aufgehen, wobei immerhin festzuhalten ist, dass er dies- bezüglich keine Daten oder Jahreszahlen nennen konnte (vgl. Akten SEM […]-13/12 Ziffn. 1.17.04 und 5.01) – nicht gelungen, seine Minderjährigkeit nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen . Er wird deshalb als volljährig betrachtet. Daran vermag die persönliche Einschätzung seiner Rechtsvertreterin, wonach sein Aussehen (u. a. zierlicher Körperbau) und sein Aussageverhalten einen sehr kindlichen Eindruck machen würden, nichts zu ändern. Ob dieser Eindruck der Rechtsvertreterin zutreff end ist, D-475/2023 Seite 12 kann offenbleiben, er erscheint aber angesichts der Angaben im Altersgut- achten (Körpergrösse […] cm und Gewicht […] kg) zumindest nicht offen- sichtlich. 6.5 Es bleibt abschliessend festzuhalten, dass das Wiederaufnahmeersu- chen des SEM an die bulgarisch en Behörden – entgegen der in der Be - schwerde vertretenen Ansicht – nicht zu beanstanden ist. So hat die Vo- rinstanz darin – unter Zustellung der vom Beschwerdeführer in Kopie ein- gereichten Tazkira – das von ihm behauptete Geburtsdatum angeführt (vgl. ebenda [Akten SEM 1202467-17/5] Ziffn. 4 und 14; vgl. dagegen die tatsa- chenwidrigen Behauptungen in der Beschwerde [S. 20]), ihre Zweifel an der geltend gemachten Minderjährigkeit angebracht und insbesondere die Nachreichung des in Auftrag gegebenen Altersgutachtens in Aussicht ge- stellt. Dass die bulgarischen Behörden dem Wiederaufnahmeersuchen noch vor Nachreichung des Altersgutachtens ausdrücklich zustimmten (vgl. Bstn. D.b und F. vorstehend), kann dem SEM nicht vorgeworfen wer- den und spricht dafür, dass auch die bulgarischen Behörden nicht von der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers ausgehen. An der grundsätzli- chen Zuständigkeit Bulgariens ändert sich nach dem Gesagten nichts. 7. 7.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Bulgarien würden systemische Schwach- stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwür di- genden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden. 7.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im bereits erwähnten Refe- renzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgari- schen Asylsystem und der Situation asylsuchender Personen in Bulgarien auseinandergesetzt. Es hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die Aufnahmebedingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese aber nicht systemischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach Bulgarien grundsätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien in Bulgarien nicht systembedingt unmöglich. Die tiefe Anerkennungs- quote gegenüber Staatsangehörigen gewisser Länder rechtfertige es nicht, keine Überstellungen mehr vorzunehmen. Betroffene Personen könnten gegen einen negativen Asylentscheid ein wirksames Rechtsmittel einle- gen. Zudem seien die Bedingungen in den Aufnahme - und Haftzentren zwar prekär, könnten jedoch nicht als unmenschlich oder entwürdigend D-475/2023 Seite 13 qualifiziert werden (vgl. a.a.O. E. 6.6.1 und 6.6.7). Auch heute geht das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss nicht von systemischen Mängeln im bulgarischen Asylverfahren aus (vgl. etwa Urteil des BVGer E-4619/2022 vom 3. November 2022 E. 4.2 m.w.H.). 7.3 Bulgarien kommt somit seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus der EMRK, dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem Zusatz- protokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich nach. Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Bulgarien anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in- ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. 7.4 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. 8. 8.1 Hinsichtlich des vom Beschwerdeführer in der Beschwerde – unter Hin- weis auf seine Vorbringen zu seinen Erlebnissen in Bulgarien sowie die dortige Schutzquote betreffend afghanischer Asylsuchender – geforderten zwingenden Selbsteintritts durch die Schweiz ist sodann Folgendes festzu- halten: 8.2 Der Beschwerdeführer vermag mit seinen unsubstanziierten Vorbrin- gen im vorinstanzlichen Verfahren (vgl. Bstn. C.a und G.b vorstehend) und den Ergänzungen in der Beschwerde, wonach er in Bulgarien regelmässig nichts zu essen bekommen habe und in sehr unh ygienischen Zuständen untergebracht worden sei, nicht darzutun, dass die ihn bei einer Rückfüh- rung nach Bulgarien zu erwartenden Bedingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU -Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten, auch wenn angesichts der aner - kannterweise teils schwierigen Bedingungen in Bulgarien nicht aus ge- schlossen werden kann, dass er dort bei seiner Ankunft auf schwierige Um- stände traf. Für die Zeit im offenen Camp in Bulgarien machte er jedenfalls keine (konkreten) Angaben zu allfälligen Mängeln des Asylsystems. D-475/2023 Seite 14 8.3 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung sodann zu Recht festgestellt, dass Bulgarien ein Rechtsstaat mit einem funktionierenden Justizsystem ist. Folglich ist von der grundsätzlichen Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit dieses Staates auszugehen. Bei einer allfälligen vorüber- gehenden Einschränkung der ihm zustehenden Aufnahmebedingungen oder einer ungerechten Behandlung durch eine Behörde könnte er sich an die bulgarischen Behörden wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Dies gilt auch in Bezug auf die geltend gemachte Gewalt und allfällige sexuelle Übergriffe durch Sicher- heitspersonal (oder durch Dritte). 8.4 Es besteht sodann angesichts der expliziten Zustimmung zur Wieder- aufnahme (vgl. Bst. D.b vorstehend) kein Grund zur Annahme, die bulgari- schen Behörden würden dem Beschwerdeführer nach einer Überstellung den Zugang zum Asylverfahren (beziehungsweise Wiederaufnahmever- fahren) unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie verweigern. Aus der in der Beschwerde angeführten (tiefen) Schutzquote für Asylge- suchsteller aus Afghanistan und den unsubstanziierten Vorbringen des Be- schwerdeführers zu seinen Erlebnissen in Bulgarien lässt sich nicht ablei- ten, sein Asylverfahren werde dort nicht korrekt durchgeführt oder die bul- garischen Behörden würden in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refou- lement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (vgl. Urteil des BVGer E -4619/2022 vom 3. November 2022 E. 5.3 m.w.H.). Gegen einen allfälligen negativen Asylentscheid wird er in Bulgarien ein Rechtsmittel einlegen können. 8.5 8.5.1 Soweit der Beschwerdeführer in der Beschwerde schliesslich geltend macht, dass ihm im Falle einer Überstellung nach Bulgarien eine Ver- schlechterung seines psychischen Gesundheitszustands droht, weshalb eine Wegweisung gegen Art. 3 EMKR verstosse, ist zunächst festzuhalten, dass er sich bezüglich seiner erstmals in der Beschwerde behaupteten Alb- träume und Angstzustände in der Schweiz nie an den Pflegedienst oder einen Arzt wandten (vgl. Verlaufsblatt [ Akten SEM 1202467-32/1]). Allfäl- lige bestehende psychische Probleme sind demnach offen sichtlich nicht derart gravierend, als dass eine Überstellung nach Bulgarien eine tatsäch- liche Gefahr (real risk) einer Verletzung von Art. 3 EMRK mit sich bringen würde (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die [damalige] Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] sowie Urteil des D-475/2023 Seite 15 EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 8.5.2 Bulgarien verfügt zudem – was auch bezüglich einer eventuell wei- terzuführenden Wundbehandlung im Zusammenhang mit der durchgeführ- ten Abszessexzision (vgl. Bst. L. vorstehend) gilt – über eine ausreichende medizinische Infrastruktur. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den An- tragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankhei- ten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Be- dürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (ein- schliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine ausreichen- den Hinweise vor, wonach Bulgarien dem Beschwerdeführer eine notwen- dige Behandlung verweigert hätte oder insbesondere ihm als Dublin-Rück- kehrer zukünftig verweigern würde. Entsprechende Hinweise ergeben sich vor allem auch nicht aus seinem unsubstanziierten Vorbringen, wonach er in Bulgarien trotz offener Wunden infolge der behaupteten Hundebisse und Schmerzen keine medizinische Versorgung (nicht einmal eine Schmerz- tablette) erhalten habe, weshalb die Wunden schlecht geheilt und schwarz angelaufen seien. Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen, dass er sich in der Schweiz nie wegen angeblich schlecht verheilter Wunden beim Pflege- dienst meldete. Auch reichte er keine ärztlichen Dokumente zu einer allfäl- lig in Österreich oder Frankreich erfolgten medizinischen Beh andlung zu den Akten. Dass die am (…) 2023 erfolgte Abszessexzision – wie in der Beschwerde sinngemäss geltend gemacht – mit etwa im Frühling 2022 an- geblich erlittenen Hundebissen in Bulgarien und einer damals angeblich verweigerten adäquaten medizinischen Versorgung in Zusammenhang stehen soll, vermag das Gericht nicht zu überzeugen. 8.5.3 Nach dem Gesagten steht das in der Beschwerde geltend gemachte Risiko einer Retraumatisierung bei einer Rückkehr nach Bulgarien einer Überstellung ebenfalls nicht entgegen, weshalb sich weitere Ausführungen dazu erübrigen. Anzumerken bleibt, dass die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, den me- dizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die bulgari- schen Behörden vorgängig über die spezifischen medizinischen Umstände informieren werden (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Einer allfälligen im Weg-D-475/2023 Seite 16 weisungszeitpunkt auftretenden Suizidalität wäre im Rahmen der Vollzugs- modalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Urteil des BVGer F -1123/2021 vom 24. März 2021 E. 5.3 m.w.H.). 8.5.4 Schliesslich ist aufgrund des bereits Ausgeführten nicht ersichtlich, inwiefern das in der Beschwerde angerufene Recht auf Rehabilitation ge- mäss Art. 14 FoK einer Überstellung nach Bulgarien entgegenstehen sol l (vgl. zu den entsprechenden Beschwerdevorbringen im Übrigen Urteil des BVGer D-1534/2022 vom 22. April 2022 E. 6.2). 8.6 Nach dem Gesagten erweist sich die Überstellung nach Bulgarien un- ter Beachtung der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen als zu- lässig, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers in Anwendung der Ermessensklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ersichtlich sind. 9. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM sodann bei der Anwendung der Kann -Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefoch- tene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbe- sondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über - respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 10. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da- ran vermögen die weiteren Vorbringen des Beschwerdeführers nichts zu ändern, weshalb nicht weiter darauf einzugehen ist. Da der Beschwerde- führer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbe- willigung ist, wurde die Überstellung nach Bulgarien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 11. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). D-475/2023 Seite 17 12. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. 13. Mit dem vorliegenden Urteil ist das Beschwerdeverfahren bezüglich des Nichteintretensentscheids auf das Asylgesuch und der Überstellung in den zuständigen Dublin-Mitgliedstaat (Dublin-Verfahren) abgeschlossen, wes- halb der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung – soweit das vorliegende Beschwerdeverfahren betreffend – gegenstandslos wird und der mit superprovisorischer Massnahme vom 27. Januar 2023 angeord- nete Vollzugsstopp dahinfällt. Das Gesuch um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschu sses ist mit vorliegendem Entscheid ebenfalls gegenstandslos geworden. 14. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Seine Rechtsbe- gehren können jedoch nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet werden. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ist daher gutzuheissen und es sind somit keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-475/2023 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Sandra Bisig