<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">74</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>14</b></span> <span class="ft2"><b>Eine Klinikeinweisung zur Begutachtung ist in Form einer vorsorglichen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Massnahme gemäss § 676 EG ZGB ausgeschlossen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Verfügung des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 6. März 2013 in Sa-</span><br/> <span class="ft3">chen A.W. gegen den vorsorglichen Entscheid des Präsidenten des</span><br/> <span class="ft3">Familiengerichts Z. (WBE.2013.82).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">10.</span><br/> <span class="ft1">Es stellt sich von Amtes wegen die Frage, ob für den Präsiden-</span><br/> <span class="ft1">ten des Familiengerichts Z. eine Einzelzuständigkeit zur Anordnung</span><br/> <span class="ft1">einer stationären Begutachtung gemäss Art. 449 Abs. 1 ZGB bestand.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">75</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Gemäss § 60b Abs. 1 EG ZGB entscheidet die Bezirksgerichtspräsi-</span><br/> <span class="ft1">dentin oder der Bezirksgerichtspräsident in Einzelzuständigkeit über</span><br/> <span class="ft1">vorsorgliche Massnahmen, Auskunftsbegehren und Vollstreckungen.</span><br/> <span class="ft1">In Abs. 2 und 3 werden ferner die Geschäfte des Kindes- und Er-</span><br/> <span class="ft1">wachsenenschutzes aufgeführt, die in die Einzelzuständigkeit der</span><br/> <span class="ft1">Bezirksgerichtspräsidentin oder des Bezirksgerichtspräsidenten fal-</span><br/> <span class="ft1">len. Nachdem die Anordnung einer stationären Begutachtung im</span><br/> <span class="ft1">Sinne von Art. 449 Abs. 1 ZGB in diesem Katalog nicht erwähnt ist,</span><br/> <span class="ft1">kommt in casu als allfällige Rechtsgrundlage nur eine Einzelzu-</span><br/> <span class="ft1">ständigkeit für den Erlass einer vorsorglichen Massnahme gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 445 Abs. 1 ZGB in Betracht.</span><br/> <span class="ft1">Aus diesem Grund wird im Folgenden davon ausgegangen, dass</span><br/> <span class="ft1">der Präsident des Familiengerichts Z. die Verfügung vom 1. März</span><br/> <span class="ft1">2013 als vorsorgliche Massnahme verstanden hat. Dafür spricht die</span><br/> <span class="ft1">Erwähnung von Art. 445 ZGB in Dispositiv-Ziffer 1 des Entscheides.</span><br/> <span class="ft1">Bei dieser Ausgangslage ist allerdings die Anordnung in Dispositiv-</span><br/> <span class="ft1">Ziffer 1, wonach die Einweisung zeitlich unbefristet sei, unzutref-</span><br/> <span class="ft1">fend, denn über die vom zuständigen Mitglied der Kindes- und Er-</span><br/> <span class="ft1">wachsenenschutzbehörde als vorsorgliche Massnahme angeordnete</span><br/> <span class="ft1">fürsorgerische Unterbringung muss die Behörde in ordentlicher</span><br/> <span class="ft1">Besetzung spätestens innert 96 Stunden seit dem Entzug der Bewe-</span><br/> <span class="ft1">gungsfreiheit entscheiden (§ 67b Abs. 1 EG ZGB); dasselbe müsste</span><br/> <span class="ft1">naheliegenderweise, sofern dies überhaupt zulässig wäre (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Erw. 11), auch bei einer vorsorglichen Einweisung zur Begutachtung</span><br/> <span class="ft1">gelten. Schliesslich würde es sich aufdrängen, die Verfügung explizit</span><br/> <span class="ft1">als vorsorgliche Verfügung zu bezeichnen oder aber zumindest beim</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensgegenstand im Rubrum die Tatsache zu erwähnen, dass es</span><br/> <span class="ft1">sich um eine vorsorgliche Einweisung zur stationären Begutachtung</span><br/> <span class="ft1">handelt.</span><br/> <span class="ft1">11.</span><br/> <span class="ft1">11.1.</span><br/> <span class="ft1">Somit stellt sich die weitere Frage, ob die Anordnung einer Ein-</span><br/> <span class="ft1">weisung zur Begutachtung überhaupt als vorsorgliche Massnahme</span><br/> <span class="ft1">angeordnet werden kann.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">76</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">11.2.</span><br/> <span class="ft1">Art. 449 Abs. 1 ZGB bildet die gesetzliche Grundlage für eine</span><br/> <span class="ft1">Einweisung einer Person, deren psychiatrische Begutachtung uner-</span><br/> <span class="ft1">lässlich ist, aber nur stationär durchgeführt werden kann. Eine solche</span><br/> <span class="ft1">Massnahme zur Abklärung der Verhältnisse ist zulässig, solange der</span><br/> <span class="ft1">Grundsatz der Verhältnismässigkeit gewahrt ist. Absatz 2 gewährt die</span><br/> <span class="ft1">gleichen Rechtsschutzgarantien wie bei der fürsorgerischen Unter-</span><br/> <span class="ft1">bringung (Botschaft zur Änderung des Schweizerischen Zivilgesetz-</span><br/> <span class="ft1">buches [Erwachsenenschutz, Personenrecht und Kindesrecht] vom</span><br/> <span class="ft1">28. Juni 2006, BBl 2006 7001 [nachfolgend: Botschaft Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutz], S. 7081).</span><br/> <span class="ft1">Bei einer stationären Abklärung ist der Aufenthalt in der Ein-</span><br/> <span class="ft1">richtung auf die absolut notwendige Zeit zu beschränken. Eine Be-</span><br/> <span class="ft1">handlung nach den Artikeln 433 f. ist nicht erlaubt (Botschaft Er-</span><br/> <span class="ft1">wachsenenschutz, BBl 2006 7062). Erweist sich nach Abschluss der</span><br/> <span class="ft1">Begutachtung eine fürsorgerische Unterbringung als erforderlich, hat</span><br/> <span class="ft1">die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde - im Kanton Aargau</span><br/> <span class="ft1">also das Familiengericht - einen Unterbringungsentscheid gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 426 ff. ZGB zu treffen. Im Regelfall wird eine Einweisung zur</span><br/> <span class="ft1">Begutachtung vorgenommen, wenn eine fürsorgerische Unter-</span><br/> <span class="ft1">bringung ernsthaft in Betracht zu ziehen ist, aber wichtige Grundla-</span><br/> <span class="ft1">gen für den Unterbringungsentscheid noch fehlen. Es bedarf einer</span><br/> <span class="ft1">akuten Notwendigkeit für eine Unterbringung zur Abklärung. An ei-</span><br/> <span class="ft1">ner solchen fehlt es, wenn einzig zu klären ist, wie die gesundheitli-</span><br/> <span class="ft1">che Störung am besten zu behandeln ist (CHRISTOF AUER/</span><br/> <span class="ft1">MICHLE MARTI, in: Thomas Geiser/Ruth E. Reusser [Hrsg.],</span><br/> <span class="ft1">Basler Kommentar, Erwachsenenschutz, Basel 2012 [nachfolgend:</span><br/> <span class="ft1">Basler Kommentar Erwachsenenschutz], Art. 449 N 6 ff.).</span><br/> <span class="ft1">Eine Einweisung zur Begutachtung kann nur von der Erwachse-</span><br/> <span class="ft1">nenschutzbehörde vorgenommen werden, weil in dieser Beziehung</span><br/> <span class="ft1">kein Notfall vorliegt (Botschaft Erwachsenenschutz,</span><br/> <span class="ft1">BBl</span> <span class="ft1">2006</span> <span class="ft1">7065). Die Einweisung zur Begutachtung dient mit</span><br/> <span class="ft1">anderen Worten nicht der Krisenintervention. Ist bei Personen mit</span><br/> <span class="ft1">einer psychischen Störung eine umgehend wirkende Massnahme</span><br/> <span class="ft1">erforderlich, kommt nur eine fürsorgerische Unterbringung gemäss</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">77</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Art. 426 ff. ZGB in Betracht (Basler Kommentar, Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutz, a.a.O., Art. 449 N 14).</span><br/> <span class="ft1">11.3.</span><br/> <span class="ft1">Während nach Ansicht des überwiegenden Teils der Lehre die</span><br/> <span class="ft1">Anordnung einer fürsorgerischen Unterbringung als vorsorgliche</span><br/> <span class="ft1">Massnahme ausser Betracht fällt (Basler Kommentar, Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutz, a.a.O., Art. 445 N 11 f. mit zahlreichen Hinweisen,</span><br/> <span class="ft1">CHRISTOPH BERNHART, Handbuch der fürsorgerischen Unter-</span><br/> <span class="ft1">bringung, Basel 2011, Rz. 547 ff., insbesondere Rz. 550), kann ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss dem kantonalen (aargauischen) Gesetzgeber eine fürsorgerische</span><br/> <span class="ft1">Unterbringung auch als vorsorgliche Massnahme angeordnet werden.</span><br/> <span class="ft1">In den Erläuterungen zur (kantonalen) Botschaft wird in diesem Zu-</span><br/> <span class="ft1">sammenhang festgehalten, dies komme etwa in Frage in dringlichen</span><br/> <span class="ft1">Fällen, die sich beispielsweise an einem Wochenende ereignen. Dies-</span><br/> <span class="ft1">falls müsse die für das Pikett zuständige Person sofort einen Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid fällen können. Dabei habe das Mitglied der Kindes- und Er-</span><br/> <span class="ft1">wachsenenschutzbehörde als besonders ermächtigte Beamtin respek-</span><br/> <span class="ft1">tive als besonders ermächtigter Beamter im Sinne von § 23 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">der Aargauischen KV die betroffene Person innert 24 Stunden</span><br/> <span class="ft1">anzuhören, wenn dieser bereits die Bewegungsfreiheit entzogen</span><br/> <span class="ft1">wurde. Sofern die Voraussetzungen von Art. 426 ZGB erfüllt seien,</span><br/> <span class="ft1">ordne das zuständige Mitglied der Kindes- und Erwachsenenschutz-</span><br/> <span class="ft1">behörde die fürsorgerische Unterbringung als vorsorgliche Massnah-</span><br/> <span class="ft1">me an (Erläuterungen zur Botschaft, GR.11.153, S. 25).</span><br/> <span class="ft1">Wie bereits in Erwägung 10 hiervor ausgeführt, entscheidet</span><br/> <span class="ft1">über die vom zuständigen Mitglied der Kindes- und Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutzbehörde als vorsorgliche Massnahme angeordnete fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft1">sche Unterbringung die Behörde in ordentlicher Besetzung spätes-</span><br/> <span class="ft1">tens innert 96 Stunden seit dem Entzug der Bewegungsfreiheit (§ 67b</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 EG ZGB).</span><br/> <span class="ft1">11.4.</span><br/> <span class="ft1">Mag auch die Frage der Zulässigkeit der Anordnung einer für-</span><br/> <span class="ft1">sorgerischen Unterbringung als vorsorgliche Massnahme kontrovers</span><br/> <span class="ft1">diskutiert werden, so kann die Anordnung einer Einweisung zur</span><br/> <span class="ft1">Begutachtung unbestrittenermassen nicht als vorsorgliche Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahme angeordnet werden (Basler Kommentar, Erwachsenenschutz,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">a.a.O., Art. 445 N 11 f. mit Hinweisen). Wie bereits in Erwägung</span><br/> <span class="ft1">11.2. hiervor festgehalten, dient die Einweisung zur Begutachtung</span><br/> <span class="ft1">nicht der Krisenintervention. Es liegt also keine Konstellation vor, in</span><br/> <span class="ft1">der sofort ein Entscheid gefällt werden muss. Ist bei Personen mit</span><br/> <span class="ft1">einer psychischen Störung eine umgehend wirkende Massnahme</span><br/> <span class="ft1">erforderlich, kommt nur eine fürsorgerische Unterbringung gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 426 ff. ZGB in Betracht (Basler Kommentar, Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutz, a.a.O., Art. 449 N 14).</span><br/> <span class="ft1">11.5.</span><br/> <span class="ft1">Demgemäss war der Präsident des Familiengerichts Z. nicht zu-</span><br/> <span class="ft1">ständig, in Einzelkompetenz eine Einweisung der Beschwerdeführe-</span><br/> <span class="ft1">rin in die Klinik Königsfelden zur Begutachtung anzuordnen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>