<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 125 S.603</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">603</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VII. Gemeinderecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>125 Gemeindeversammlung; Ton- und Bildaufnahmen während den Ver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sammlungen sind im Hinblick auf die Wahl- und Abstimmungsfreiheit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nur unter sehr restriktiven Voraussetzungen zulässig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inneres vom 27. Juli 2005</span><br/> <span class="ft4">in Sachen X. gegen den Gemeinderat Y.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">In der Gemeinde Y. wurde am 27. April 2005 eine ausserordent-</span><br/> <span class="ft6">liche Gemeindeversammlung durchgeführt. Dabei sind während des</span><br/> <span class="ft6">ersten Teils der Versammlung Filmaufnahmen gemacht worden, wel-</span><br/> <span class="ft6">che Teil einer Multi-Media-Produktion über den Alltag der Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinderätin A. darstellten.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2. a) Der Beschwerdeführer bringt vor, die Versammlungsteil-</span><br/> <span class="ft6">nehmenden seien durch die Filmaufnahmen irritiert gewesen, was ihr</span><br/> <span class="ft6">Abstimmungsverhalten beeinflusst hätte. Infolgedessen seien die Ab-</span><br/> <span class="ft6">stimmungsresultate verfälscht worden. Es stellt sich zunächst die</span><br/> <span class="ft6">Frage, inwieweit derartige Beanstandungen nach der durchgeführten</span><br/> <span class="ft6">Abstimmung noch vorgebracht werden können. Nach langjähriger</span><br/> <span class="ft6">Praxis des Bundesgerichts verwirkt ein Stimmberechtigter das Recht</span><br/> <span class="ft6">zur Anfechtung einer Abstimmung, wenn er gegen das für die Ab-</span><br/> <span class="ft6">stimmung angeordnete Verfahren, das er für unrichtig oder gesetz-</span><br/> <span class="ft6">widrig hält, nicht schon vor der Abstimmung Einspruch erhebt (vgl.</span><br/> <span class="ft6">Bundesgerichtsentscheid [BGE] 114 Ia 42 E. 4a).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">604</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Es ist fraglich, ob die Umstände, gegen welche sich die Vor-</span><br/> <span class="ft6">würfe des Beschwerdeführers nunmehr richten, an Ort und Stelle</span><br/> <span class="ft6">ohne weiteres erkennbar waren. Aus der Beschwerde geht nicht her-</span><br/> <span class="ft6">vor, ob der Beschwerdeführer selbst während der Versammlung be-</span><br/> <span class="ft6">merkt hat, dass gefilmt wird. Insofern kann offen gelassen werden,</span><br/> <span class="ft6">ob der Beschwerdeführer sein Recht zur Anfechtung verwirkt hat.</span><br/> <span class="ft6">Vielmehr bleibt zu prüfen, ob Filmaufnahmen während einer Ge-</span><br/> <span class="ft6">meindeversammlung zulässig sind.</span><br/> <span class="ft6">b) Das vorliegend anzuwendende Gemeindegesetz (GG) regelt</span><br/> <span class="ft6">in den §§ 22 ff. Organisation und Durchführung der Gemeindever-</span><br/> <span class="ft6">sammlung. Es enthält allerdings keine Angaben über die Zulassung</span><br/> <span class="ft6">von Filmaufnahmen während einer Gemeindeversammlung. Gemäss</span><br/> <span class="ft6">§ 26 GG ist die Gemeindeversammlung öffentlich. Dies bedeutet je-</span><br/> <span class="ft6">doch nur, dass zur Gemeindeversammlung jedermann Zutritt hat. Ein</span><br/> <span class="ft6">Recht der Teilnehmenden oder Zuhörer auf Bild- und Tonaufnahmen</span><br/> <span class="ft6">kann daraus nicht abgeleitet werden. Indessen muss das Verfahren</span><br/> <span class="ft6">grundsätzlich so gestaltet sein, dass die Stimmberechtigten ihren</span><br/> <span class="ft6">freien Willen zuverlässig zum Ausdruck bringen können. Nach stän-</span><br/> <span class="ft6">diger Praxis des Bundesgerichts räumt das Stimm- und Wahlrecht</span><br/> <span class="ft6">den Stimmberechtigten allgemein den Anspruch darauf ein, dass kein</span><br/> <span class="ft6">Abstimmungs- und Wahlergebnis anerkannt wird, das nicht den</span><br/> <span class="ft6">freien Willen der Stimmbürger zuverlässig und unverfälscht zum</span><br/> <span class="ft6">Ausdruck bringt. Jeder Stimmbürger soll seinen Entscheid gestützt</span><br/> <span class="ft6">auf einen möglichst freien und umfassenden Prozess der Mei-</span><br/> <span class="ft6">nungsbildung treffen können (vgl. BGE 119 Ia 271 E. 3a).</span><br/> <span class="ft6">Es ist aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung davon auszu-</span><br/> <span class="ft6">gehen, dass Filmaufnahmen das Abstimmungsverhalten der Ver-</span><br/> <span class="ft6">sammlungsteilnehmenden und deren Verhalten während den damit</span><br/> <span class="ft6">zusammenhängenden Diskussionen beeinträchtigen und somit das</span><br/> <span class="ft6">Abstimmungsergebnis beeinflussen können. Andere Kantone haben</span><br/> <span class="ft6">deshalb Ton- und Bildaufnahmen während einer Gemeindeversamm-</span><br/> <span class="ft6">lung von der Zustimmung der Teilnehmenden abhängig gemacht</span><br/> <span class="ft6">(vgl. Art. 10 des Bernischen Gesetzes über die Information der Be-</span><br/> <span class="ft6">völkerung [Informationsgesetz, IG] vom 2. November 1993;</span><br/> <span class="ft6">P. Schönbächler, Das Verfahren der Gemeindeversammlung im Kan-</span><br/> <span class="ft6">ton Schwyz, 2. Auflage, Einsiedeln/Schwyz 2001, Rz. 30a;</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">605</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">H.R.</span> <span class="ft6">Thalmann, Kommentar zum Zürcher Gemeindegesetz,</span><br/> <span class="ft6">3. Auflage, Wädenswil 2000, § 53, S. 164). Da sich die Situation im</span><br/> <span class="ft6">Kanton Aargau nicht anders darstellt, hat für diesen grundsätzlich das</span><br/> <span class="ft6">Gleiche zu gelten. Es ist somit festzuhalten, dass Gemeindeversamm-</span><br/> <span class="ft6">lungen im Kanton Aargau gemäss § 26 GG zwar öffentlich sind, Ton-</span><br/> <span class="ft6">und Bildaufnahmen während den Versammlungen aber im Hinblick</span><br/> <span class="ft6">auf die Wahl- und Abstimmungsfreiheit nur unter sehr restriktiven</span><br/> <span class="ft6">Voraussetzungen zulässig sind. Bei Bildaufnahmen ist eine noch</span><br/> <span class="ft6">grössere Zurückhaltung geboten, da diese im Gegensatz zu den Ton-</span><br/> <span class="ft6">aufnahmen auch das eigentliche Abstimmungsverhalten der Ver-</span><br/> <span class="ft6">sammlungsteilnehmenden festhalten. Bildaufnahmen können deshalb</span><br/> <span class="ft6">nur dann gestattet werden, wenn ein nachvollziehbares Interesse des</span><br/> <span class="ft6">Filmenden vorliegt und der jeweilige Zweck der Filmaufnahmen</span><br/> <span class="ft6">nicht unverhältnismässig ist. Sind diese Bedingungen erfüllt, so sind</span><br/> <span class="ft6">zudem die Versammlungsteilnehmenden über die beabsichtigten</span><br/> <span class="ft6">Filmaufnahmen zu informieren, und es ist die Zustimmung der Ge-</span><br/> <span class="ft6">meindeversammlung einzuholen. Aufnahmen, die dem Versamm-</span><br/> <span class="ft6">lungsleiter und damit auch den Versammlungsteilnehmenden nicht</span><br/> <span class="ft6">zur Kenntnis gebracht wurden, sind folglich generell unzulässig.</span><br/> <span class="ft6">Sollte der Versammlungsleiter feststellen, dass derartige Bildaufnah-</span><br/> <span class="ft6">men gemacht werden, so kann er kraft seiner Polizeibefugnisse ein</span><br/> <span class="ft6">Verbot durchsetzen (vgl. BGE 111 IV 63 E. 2).</span><br/> <span class="ft6">c) Vorliegend wurde zwar nach unbestritten gebliebener Dar-</span><br/> <span class="ft6">stellung des Filmenden der Gemeinderat über die geplanten Video-</span><br/> <span class="ft6">aufnahmen orientiert. Dieser hat es jedoch in der Folge unterlassen,</span><br/> <span class="ft6">die Versammlungsteilnehmenden über die Tatsache zu informieren,</span><br/> <span class="ft6">dass gefilmt wird bzw. den Zweck der Aufnahmen bekannt zu geben</span><br/> <span class="ft6">und die Zustimmung der Teilnehmenden einzuholen. Es ist demnach</span><br/> <span class="ft6">festzuhalten, dass dem Versammlungsleiter ein Fehler unterlaufen ist</span><br/> <span class="ft6">und die Aufnahmen nicht rechtmässig erfolgt sind. Allerdings ist</span><br/> <span class="ft6">auch darauf hinzuweisen, dass diejenigen, welche die Filmaufnah-</span><br/> <span class="ft6">men bemerkt haben, sich während der Versammlung an den Ver-</span><br/> <span class="ft6">sammlungsleiter hätten wenden können, um die Einstellung der</span><br/> <span class="ft6">Videoaufnahmen zu verlangen. Dies hat aber offenbar niemand für</span><br/> <span class="ft6">notwendig erachtet.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">606</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Der Gemeinderat anerkennt in seiner Vernehmlassung den</span><br/> <span class="ft6">Fehler und es ist anzunehmen, dass künftig keine derartigen Fälle</span><br/> <span class="ft6">mehr vorkommen. Da der Fehler nicht mehr rückgängig gemacht</span><br/> <span class="ft6">werden kann, ist die Sache dabei bewenden zu lassen. Eine Aufhe-</span><br/> <span class="ft6">bung einzelner, an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung</span><br/> <span class="ft6">vom 27. April 2005 gefasster Abstimmungsbeschlüsse käme ohnehin</span><br/> <span class="ft6">nicht in Frage. Nach der Praxis des Bundesgerichts sind Fehler bei</span><br/> <span class="ft6">der Durchführung von Abstimmungen zwar zu rügen und zu ahnden,</span><br/> <span class="ft6">jedoch sind die Ergebnisse gleichwohl als gültig zu erklären, wenn</span><br/> <span class="ft6">die festgestellten Rechtsverletzungen nichts am Ergebnis zu ändern</span><br/> <span class="ft6">vermögen (vgl. BGE 114 Ia 42 E. 3). Da sämtliche Abstimmungser-</span><br/> <span class="ft6">gebnisse eindeutig ausgefallen sind, ist an den diesbezüglichen Be-</span><br/> <span class="ft6">schlüssen festzuhalten.</span><br/> <span class="ft6">d) Der Beschwerdeführer verlangt die Einziehung und Ver-</span><br/> <span class="ft6">nichtung des Filmmaterials. Diesem Begehren kann indes nicht nach-</span><br/> <span class="ft6">gekommen werden. Das Aargauische Gemeinderecht sieht keine Re-</span><br/> <span class="ft6">gelung vor, die ein derartiges Vorgehen erlauben würde. Das Depar-</span><br/> <span class="ft6">tement Volkswirtschaft und Inneres könnte allenfalls aufgrund auf-</span><br/> <span class="ft6">sichtsrechtlicher Befugnisse eine Gemeinde verpflichten, unrecht-</span><br/> <span class="ft6">mässig zustande gekommene Bildaufnahmen auszuhändigen. Ab-</span><br/> <span class="ft6">gesehen davon, dass sich dieses Vorgehen im vorliegenden Fall in</span><br/> <span class="ft6">keiner Weise aufdrängt (siehe nachfolgend unter Ziff. 3), beschrän-</span><br/> <span class="ft6">ken sich diese Aufsichtsbefugnisse auf das Verhältnis zwischen Kan-</span><br/> <span class="ft6">ton und Gemeinde. Hat hingegen wie hier eine Privatperson Video-</span><br/> <span class="ft6">aufnahmen an der Gemeindeversammlung gemacht, so besteht für</span><br/> <span class="ft6">die urteilende Instanz keine Möglichkeit, die Herausgabe der Auf-</span><br/> <span class="ft6">nahmen vom Betreffenden zu verlangen.</span><br/> <span class="ft6">3. Anlässlich der Einsichtnahme in das Bildmaterial konnte fest-</span><br/> <span class="ft6">gestellt werden, dass sich die in der Vernehmlassung vom 30. Mai</span><br/> <span class="ft6">2005 geschilderte Darstellung des Gemeinderats als richtig erwies</span><br/> <span class="ft6">und die Aufnahmen keineswegs die Voten der Versammlungsteilneh-</span><br/> <span class="ft6">menden zeigen, denn die einzelnen Diskussionen und Abstimmungen</span><br/> <span class="ft6">zu den Traktanden wurden nicht aufgezeichnet. Ausserdem wurde</span><br/> <span class="ft6">ohne Ton gefilmt. Insgesamt entstand bei der Einsichtnahme der Ein-</span><br/> <span class="ft6">druck, dass bei den nur 2 ½ Minuten dauernden Filmaufnahmen die</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderätin A. im Vordergrund stehen sollte und die Versamm-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">607</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">lungsteilnehmenden nur Nebensache waren. Den Videoaufnahmen</span><br/> <span class="ft6">kann somit in Bezug auf die Versammlungsteilnehmenden keine da-</span><br/> <span class="ft6">tenschutzrechtliche Relevanz beigemessen werden. Ebenso wenig</span><br/> <span class="ft6">kann die geltend gemachte Persönlichkeitsverletzung nachvollzogen</span><br/> <span class="ft6">werden. Andernfalls steht dem Beschwerdeführer der Weg der Zivil-</span><br/> <span class="ft6">gerichtsbarkeit gemäss Art. 28 ff. ZGB offen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>