<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 112 S.436</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">436</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>112 Kündigung.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Das rechtliche Gehör ist selbst dann gewährt, wenn die Initiative zur</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Anhörung von der Arbeitnehmerin und nicht von der kündigenden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Arbeitgeberin ausgeht (Erw. II/1/a, b).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Erfordernis der Ermahnung. Die betroffene Person muss grundsätz-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>lich vorgängig der Kündigung auf ihr Ungenügen hingewiesen und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ihr Gelegenheit geboten worden sein, sich zu bessern (Erw. II/4/d).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Personalrekursgerichts vom 16. April 2003 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen F. gegen Einwohnergemeinde R. (KL.2002.50003).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 1. In formeller Hinsicht lässt die Beschwerdeführerin durch</span><br/> <span class="ft1">ihre Anwältin vorab rügen, sie sei vor der Kündigung nicht rechtsge-</span><br/> <span class="ft1">nüglich angehört worden. Sie beruft sich dabei sinngemäss auf</span><br/> <span class="ft1">Art. 14 Abs. 5 Satz 2 der Dienst- und Besoldungsverordnung der</span><br/> <span class="ft1">Einwohner- und Ortsbürgergemeinde R. (DBVO), wonach die</span><br/> <span class="ft1">Entlassung unter Angabe der Gründe schriftlich mitzuteilen und die</span><br/> <span class="ft1">betreffende Person vor der Entlassung anzuhören ist.</span><br/> <span class="ft1">a) Der verfassungsmässige Anspruch auf rechtliches Gehör</span><br/> <span class="ft1">(§ 29 Abs. 2 BV) dient einerseits der Sachaufklärung und stellt</span><br/> <span class="ft1">anderseits zugleich ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht</span><br/> <span class="ft1">der Parteien dar (BGE 127 I 56; 124 I 242 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Wesentlicher Teilgehalt des Anspruchs ist das Recht auf vorgängige</span><br/> <span class="ft1">Anhörung (BGE 122 II 286 mit Hinweisen). Das Anhörungsrecht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Entlassungen</span> <span class="page_no">437</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gemäss Art. 14 Abs. 5 Satz 2 DBVO deckt sich insofern mit dem</span><br/> <span class="ft1">bundesrechtlichen Anspruch auf Gewährung des rechtlichen Gehörs.</span><br/> <span class="ft1">Wie weit das Anhörungsrecht geht, lässt sich nicht generell,</span><br/> <span class="ft1">sondern nur unter Würdigung der konkreten Umstände und Interes-</span><br/> <span class="ft1">senlagen beurteilen. Einerseits kann das zu gewährende rechtliche</span><br/> <span class="ft1">Gehör seinen Zweck nur dann richtig erfüllen, wenn die Betroffenen</span><br/> <span class="ft1">nicht bloss die ihnen zur Last gelegten Tatsachen kennen, sondern</span><br/> <span class="ft1">darüber hinaus wissen oder wissen müssen, dass gegen sie eine</span><br/> <span class="ft1">Massnahme mit einer bestimmten Stossrichtung in Erwägung gezo-</span><br/> <span class="ft1">gen wird. Anderseits ist zu berücksichtigen, dass im öffentlichrecht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Dienstrecht auch relativ informelle Äusserungsgelegenheiten</span><br/> <span class="ft1">vor der Kündigung dem Gehörsanspruch genügen können, sofern</span><br/> <span class="ft1">den Betroffenen klar war, dass sie mit einer Auflösung des Arbeits-</span><br/> <span class="ft1">verhältnisses zu rechnen hatten (BGE vom 22. März 2001 mit Hin-</span><br/> <span class="ft1">weisen, publiziert in Peter Hänni, Das öffentliche Dienstrecht der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz, Zürich 2002, S. 632).</span><br/> <span class="ft1">b) aa) Am 13. März 2002 fand im Beisein der zuständigen Res-</span><br/> <span class="ft1">sortvorsteherin eine Teamsitzung des Sozialdienstes statt, an der alle</span><br/> <span class="ft1">Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes teilnahmen. W. wurde dabei</span><br/> <span class="ft1">heftig. Daraufhin äusserte sich die Ressortleiterin dahingehend, es sei</span><br/> <span class="ft1">zu überlegen, wie es weitergehen solle, und sie machte auf allfällige</span><br/> <span class="ft1">"Konsequenzen" aufmerksam. Das Wort "Kündigung" fiel allerdings</span><br/> <span class="ft1">nicht.</span><br/> <span class="ft1">In der Folge vereinbarten die Beschwerdeführerin und die zu-</span><br/> <span class="ft1">ständige Ressortvorsteherin M. einen Gesprächstermin auf den</span><br/> <span class="ft1">18.</span> <span class="ft1">März 2002. Der von der Ressortvorsteherin über diese</span><br/> <span class="ft1">Unterredung angefertigten Aktennotiz lässt sich entnehmen, sie habe</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin einmal mehr erklärt, dass es eine</span><br/> <span class="ft1">Veränderung im Sozialdienst geben müsse. Die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">oder dann der Gemeinderat könne bzw. müsse die Konsequenzen</span><br/> <span class="ft1">ziehen. Sie habe die Beschwerdeführerin mehrmals gefragt, ob sie</span><br/> <span class="ft1">wisse, was auf sie zukomme, und sie habe wiederholt geantwortet, ja,</span><br/> <span class="ft1">sie denke schon, sie werde dann schon wieder etwas anpacken. Nach</span><br/> <span class="ft1">Aussagen der Beschwerdeführerin habe die Ressortvorsteherin</span><br/> <span class="ft1">anlässlich dieser Besprechung ihr gegenüber kundgetan, dass eine</span><br/> <span class="ft1">weitere Zusammenarbeit mit Schwierigkeiten verbunden sei.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">438</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Allerdings hatte die Beschwerdeführerin nach diesem Gespräch nicht</span><br/> <span class="ft1">den Eindruck, sie könnte entlassen werden. Vielmehr sei sie</span><br/> <span class="ft1">erleichtert gewesen, dass das Problem besprochen worden sei. Sie</span><br/> <span class="ft1">habe auch ein E-Mail an Gemeinderätin M. gesandt und ihr für das</span><br/> <span class="ft1">offene Gespräch gedankt.</span><br/> <span class="ft1">Am 15. April 2002 erfuhr die Beschwerdeführerin von D., dass</span><br/> <span class="ft1">ihr gekündigt werden solle. Sie bat daher den Gemeinderat um eine</span><br/> <span class="ft1">Aussprache, zu der es am 17. April 2002 kam. An dieser Unterre-</span><br/> <span class="ft1">dung, an der die Beschwerdeführerin und eine Delegation des Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinderats teilnahmen, wurde die Beschwerdeführerin über die be-</span><br/> <span class="ft1">absichtigte Kündigung orientiert, und es wurde ihr Gelegenheit ein-</span><br/> <span class="ft1">geräumt, sich vorgängig zur Kündigung zu äussern und Fragen über</span><br/> <span class="ft1">die Beweggründe des Gemeinderats zu stellen. Schliesslich erfolgte</span><br/> <span class="ft1">am 22. April 2002 der Beschluss über die Kündigung.</span><br/> <span class="ft1">bb) Es kann vorliegend offen bleiben, ob im Rahmen der Ge-</span><br/> <span class="ft1">spräche vom 13. und 18. März 2002 der Gemeinderat R. den Anfor-</span><br/> <span class="ft1">derungen an die Gewährung des rechtlichen Gehörs genügend Rech-</span><br/> <span class="ft1">nung trug; aufgrund des pauschalen Hinweises auf (irgendwelche)</span><br/> <span class="ft1">"Konsequenzen" erscheint dies zumindest sehr fraglich.</span><br/> <span class="ft1">Indessen wurde anlässlich der Besprechung vom 17. April 2002</span><br/> <span class="ft1">zwischen der Beschwerdeführerin und einer Delegation des Gemein-</span><br/> <span class="ft1">derats dem Gehörsanspruch Rechnung getragen, indem der Gemein-</span><br/> <span class="ft1">derat seine Gründe für die beabsichtigte Kündigung darlegte und die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin Gelegenheit hatte, dazu Stellung zu nehmen.</span><br/> <span class="ft1">Dabei ist unbeachtlich, dass die Initiative zu dieser Unterredung von</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin ausging. Auch ist in rechtlicher Hinsicht</span><br/> <span class="ft1">insofern nicht entscheidend, dass die Mitarbeiterin der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führerin offenbar früher als sie selbst von der Kündigungsabsicht</span><br/> <span class="ft1">erfahren hatte. Massgebend für die formelle Rechtmässigkeit der</span><br/> <span class="ft1">Kündigung ist allein, ob der Beschwerdeführerin vor Erlass der</span><br/> <span class="ft1">belastenden Verfügung das rechtliche Gehör gewährt wurde.</span><br/> <span class="ft1">1./c, 2. und 3. (...)</span><br/> <span class="ft1">4. d) aa) Die aktenkundigen Protokolle der Mitarbeitergesprä-</span><br/> <span class="ft1">che der letzten Jahre lassen keine Hinweise auf irgendwelches mass-</span><br/> <span class="ft1">gebliches Ungenügen der Beschwerdeführerin erkennen. Sie be-</span><br/> <span class="ft1">schreiben die Arbeitsweise der Beschwerdeführerin als sorgfältig,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Entlassungen</span> <span class="page_no">439</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gründlich und gewissenhaft. Ihr wurde "grosses Einfühlungsvermö-</span><br/> <span class="ft1">gen" und "pädagogisches Geschick" bei der Führung ihrer Mitarbei-</span><br/> <span class="ft1">terinnen attestiert. Insbesondere gestalte sich die Zusammenarbeit</span><br/> <span class="ft1">mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Vorgesetzten und Dritten</span><br/> <span class="ft1">"reibungslos" und "einwandfrei".</span><br/> <span class="ft1">Dem Protokoll des durch den neuen Gemeindeschreiber ge-</span><br/> <span class="ft1">führten Mitarbeitergesprächs vom 5. Dezember 2001 lassen sich</span><br/> <span class="ft1">folgende Beurteilungen entnehmen: "Die Zusammenarbeit mit den</span><br/> <span class="ft1">Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes ist grundsätzlich gut. Das Ar-</span><br/> <span class="ft1">beitsklima ist aber zur Zeit mit zwischenmenschlichen Spannungen</span><br/> <span class="ft1">belastet. Frau F. ist bestrebt, als Leiterin des Sozialdienstes für eine</span><br/> <span class="ft1">Verbesserung zu sorgen. ... Der Sozialdienst wird zur Zeit neu struk-</span><br/> <span class="ft1">turiert und organisiert. Die Stellung von Frau F. als Abteilungsleiterin</span><br/> <span class="ft1">erhält mehr Gewicht. Frau F. wird ihre Führungseigenschaften (Fach-</span><br/> <span class="ft1">und Sozialkompetenz, Kommunikationsfähigkeit etc.) unter Beweis</span><br/> <span class="ft1">stellen können." Namentlich finden sich in diesem Protokoll</span><br/> <span class="ft1">folgende Qualifikationen: "Frau F. verfügt dank ihrer langjährigen</span><br/> <span class="ft1">Erfahrung über eine grosse Selbständigkeit ... Instruktionen sind</span><br/> <span class="ft1">kaum nötig".</span><br/> <span class="ft1">bb) Die Beschwerdeführerin macht in diesem Licht verständli-</span><br/> <span class="ft1">cherweise geltend, die kündigende Partei müsse das Gebot der scho-</span><br/> <span class="ft1">nenden Rechtsausübung beachten. Sie dürfe kein falsches Spiel trei-</span><br/> <span class="ft1">ben, das Treu und Glauben krass widerspreche. So sei der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin vorgängig mehrfach das vollste Vertrauen ausgesprochen</span><br/> <span class="ft1">worden. In der Tat lassen zum einen die Protokolle der Mitarbeiter-</span><br/> <span class="ft1">gespräche in keiner Art und Weise die Vermutung aufkommen, der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat R. trage sich mit dem Gedanken, das Arbeitsverhältnis</span><br/> <span class="ft1">mit der Beschwerdeführerin aufzulösen. Zum andern wurde die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin noch im Herbst 2001 gar angefragt, ob sie weiter-</span><br/> <span class="ft1">hin als Leiterin des Sozialdienstes tätig sein wolle, und man wollte</span><br/> <span class="ft1">ihr Instrumente in die Hand geben, um "etwas aufzubauen".</span><br/> <span class="ft1">cc) Im Rahmen des Verhältnismässigkeitsprinzips kommt dem</span><br/> <span class="ft1">Erfordernis der Ermahnung wesentliche Bedeutung zu. Die betrof-</span><br/> <span class="ft1">fene Person muss grundsätzlich vorgängig der Kündigung auf ihr</span><br/> <span class="ft1">Ungenügen hingewiesen und ihr Gelegenheit geboten worden sein,</span><br/> <span class="ft1">sich zu bessern (vgl. AGVE 2002, S. 575 ff.; Entscheid des Verwal-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">440</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">tungsgerichts des Kantons Solothurn vom 20. September 1993, zitiert</span><br/> <span class="ft1">in: Peter Hänni, Das öffentliche Dienstrecht der Schweiz, Zürich</span><br/> <span class="ft1">2002, S. 491 f. mit Hinweisen). Die Beschwerdeführerin ist nie in</span><br/> <span class="ft1">diesem Sinne ermahnt worden. Hätten die Leistungen der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin hinsichtlich ihrer Führung des Sozialdienstes oder hin-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich ihres Fachwissens (die entsprechenden Vorhaltungen an-</span><br/> <span class="ft1">lässlich der Verhandlung wurden im Übrigen vom Gemeinderat sel-</span><br/> <span class="ft1">ber bereits relativiert) teilweise nicht mehr den Anforderungen ge-</span><br/> <span class="ft1">nügt, so wäre ihr dies deutlich und verbindlich zu kommunizieren</span><br/> <span class="ft1">gewesen. Insbesondere hätten ihr entsprechende Mängel frühzeitig</span><br/> <span class="ft1">mitgeteilt werden müssen, und sie hätte verbindlich dazu angehalten</span><br/> <span class="ft1">werden müssen, sich - z.B. mit Hilfe einer Weiterbildung - zu bes-</span><br/> <span class="ft1">sern. Dies ist nicht erfolgt. Stattdessen stellt sich der Gemeinderat</span><br/> <span class="ft1">heute zu Unrecht auf den Standpunkt, die Initiative zum Besuch von</span><br/> <span class="ft1">Weiterbildungsveranstaltungen hätte von der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">ausgehen müssen.</span><br/></div> </div> </body> </html>