B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2319/2020 U r t e i l v o m 16 . D e z e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Chiara Piras (Vorsitz), Richterin Muriel Beck Kadima, Richterin Mia Fuchs, Gerichtsschreiberin Martina von Wattenwyl. Parteien A._______, geboren am (…), Äthiopien, vertreten durch MLaw Sara Lenherr, Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 31. März 2020 / N (…). D-2319/2020 Seite 2 Sachverhalt: I. A. Eigenen Angaben zufolge verliess A._______ (nachfolgend: die Beschwer- deführerin), eine äthiopische Staatsangehörige der Ethnie der Oromo, am 29. September 2017 ihr Heimatland. Am 17. Oktober 2017 reiste sie ge- meinsam mit ihrer Schwester und deren Tochter (N […]) in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch. B. Am 23. Oktober 2017 wurde die Beschwerdeführerin im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) des (…) zu ihren Personalien und ihrem Reise- weg befragt (MIDES Personalienaufnahme). C. Mit Eingabe vom 27. Oktober 2017 teilte die Rechtsvertreterin der Be- schwerdeführerin der Vorinstanz mit, dass sich anlässlich des Erstge- sprächs deutliche Hinweise darauf ergeben hätten, dass die Beschwerde- führerin Opfer von Menschenhandel geworden sei. D. Am 31. Oktober 2017 fand ein Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö- rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter- nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) statt. E. Am 17. November 2017 wurde der Beschwerdeführerin das rechtliche Ge- hör zu einer allfälligen Überstellung nach Frankreich gewährt. F. Nachdem die französischen Behörden am 12. Januar 2018 gestüt zt auf Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO einer Übernahme zugestimmt hatten, trat das Staatssekretariat für Migration (SEM) mit Verfügung vom 30. Januar 2018 auf das Asylgesuch d er Beschwerdeführerin nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz nach Frankreich sowie den Vollzug an. D-2319/2020 Seite 3 G. Gegen den vorinstanzlichen Entscheid vom 30. Januar 2018 erhob die Be- schwerdeführerin mit Eingabe vom 7. Februar 2018 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Mit Urteil D -769/2018 vom 21. März 2018 wurde die Beschwerde gutgeheissen, die Verfügung vom 30. Januar 2018 aufgehoben und die Vorinstanz angewiesen, auf das Asylgesuch einzutre- ten sowie das ordentliche Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen. II. H. Mit Zuweisungsentscheid vom 12. April 2018 wurde die Beschwerdeführe- rin in das erweiterte Verfahren aufge nommen. Am 23. Juli 2019 fand die Bundesanhörung statt. I. I.a In Bezug auf ihren Lebenslauf brachte die Beschwerdeführerin vor, sie sei in B._______ geboren und habe dort bis zu ihrer Ausreise gelebt . Die letzten Jahre vor ihrer Ausreise habe sie jedoch ständi g das Quartier ge- wechselt. Nach ihrem Schulabschluss habe sie im Jahr 2008/2009 am (…) eine Ausbildung als (…) absolviert und in der Folge ungefähr zwei Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Danach habe sie eine Weiterbildung als (…) ab- geschlossen. Aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit habe sie keine Be- willigung zur selbständigen Tätigkeitsausübung erhalten, um ein eigenes (…) führen zu können. Deshalb sei sie nach ihrer Heirat im Jahr 2015 kei- ner Arbeit mehr nachgegangen. Sie habe einen Sohn, welcher seit ih rer Ausreise bei der Schwiegermutter im Süden Äthiopiens lebe. I.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen an, sie und alle Oromo würden in ihrem Heimatland aufgrund ihrer Ethnie diskriminiert, benachteiligt und beleidigt. Nach dem Tod ihres Vaters 2016 hätten sie und ihre Familienangehörigen aus Angst fast alle drei Monate ihren Wohnsitz gewechselt. Am 2. Oktober 2016 hätten sie, ihr Ehemann und ihre beiden Schwestern am Ireecha-Fest in C._______ teilgenommen. Es seien mehrere Tausend Personen anwesend gewesen, als die Bundespolizei begonnen habe, Schüsse auf die Menschen abzufeuern. Insgesamt seien mehr als tausend Personen erschossen oder von der Menge niedergetrampelt worden. An-D-2319/2020 Seite 4 schliessend habe die Bundespolizei wahllos zahlreiche Menschen verhaf- tet und in Fahrzeugen in ein Lager gebracht. Die Beschwerdeführerin sei verhaftet und während insgesamt dreizehn Tagen unter prekären Bedin- gungen festgehalten worden. Nach dem Unterzeichnen eines Schreibens mit einem ihr unbekannten Inhalt sei sie freigekommen, habe jedoch unter Kontrolle der Behörden gestanden. Im Mai 2017 seien drei Polizisten bei ihnen zu Hause aufgetaucht und hätten sie genötigt, in der Kebele (Ver- waltungsbezirk) ein weiteres Schreiben zu unterzeichne n. In der Folge habe sie Angst bekommen und sich entschlossen, auszureisen. Vor ihrer Ausreise habe sie ihren kleinen Sohn einer Bekannten in Obhut gegeben, damit diese ihn sicher zu ihrer Schwiegermutter nach D._______ bringe. Man habe auch ihren Ehemann mehrmals grundlos verhaftet, anschlies- send jedoch wieder freigelassen. Er sei ein Sympathisant von Ginbot7 ge- wesen, und sein Vater sei getötet worden, weil er dieser Partei angehört habe. Ihr Ehemann sei eine Woche vor ihrer eigenen Ausreise in den Su- dan ausgereist, um kurze Zeit später aufgrund der dortigen Unruhen wie- der nach Äthiopien zurückzukehren. Seither habe sie keinen Kontakt mehr zu ihm und wisse auch nicht, wo er sich aufhalte. Ende September 2017 sei sie mit einem Schlepper namens E._______ ausgereist. Da dieser und der Schlepper ihrer Schwester und ihrer Nichte (N […], D-2321/2020) zusammengearbeitet hätten, sei sie in eine Woh- nung in Frankreich gebracht worden, wo sich bereits ihre Schwester mit deren Tochter aufgehalten hätten. Dort seien sie (die Beschwerdeführerin) und ihre Schwester mehrmals von den Schleppern vergewaltigt sowie ge- schlagen worden. Zudem seien andere Männer in die Wohnung gekom- men, um sie und ihre Schwester zu fotografieren und Videoaufnahmen von ihnen zu machen. Tagsüber hätten sie Kleider anderer Leute waschen und bügeln müssen. Eines Tages sei ihnen die Flucht geglückt, als sich nur einer der Schlepper in der Wohnung aufgehalten und geduscht habe. Mit der Hilfe von Passanten hätten sie schliesslich in die Schweiz gelangen können. Nebst ihrem Geburtsschein legte die Beschwerdeführerin folgende Arzt- und Fachberichte ins Recht: - Bericht der psychiatrisch -psychologischen Poliklinik vom 21. Novem- ber 2017, - Kurzberichte der FiZ (Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration), vom 20. Dezember 2017, vom 9. April 2018 sowie vom 5. März 2020, D-2319/2020 Seite 5 - Bericht des Notfallpsychiaters vom 22. Januar 2018, - Untersuchungsbericht der Psychiatrischen Universitätsklinik F._______ vom 27. März 2018, - Berichte der Gemeinschaftspraxis G._______ vom 27 . August und 24. September 2018. Auf die weiteren Ausführungen der Beschwerdeführerin wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. J. Mit Verfügung vom 31. März 2020 – eröffnet am 6. April 2020 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug. K. Die Beschwerdeführerin focht mit Eingabe vom 1. Mai 2020 (Datum Post- stempel) die vorinstanzliche Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und ihr sei die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit beziehungsweise wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu gewähren. Als Eventualan- trag stellte sie das Begehren, die Sache sei zur vollständigen Sachverhalts- abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Weiter beantragte sie, dass ihr Beschwerdeverfahren mit dem Beschwerdeverfahren D-2321/2020 ih- rer Schwester (N […]) koordiniert zu behandeln sei. In pro zessualer Hin- sicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung so- wie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter bean- tragte sie die Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. L. Mit Verfügung vom 11. Mai 2020 wurde die Beschwerdeführerin aufgefor- dert, ihre finanzielle Situation offenzulegen. Dem Ersuchen um koordinier- tes Behandeln der Beschwerde mit jener ihrer Schwester wurde stattgege- ben. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, eine Vernehml assung ein- zureichen. M. Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen Arzt- bericht der Gemeinschaftspraxis G._______ vom 9. Mai 2020 ein. D-2319/2020 Seite 6 N. Mit Eingabe vom 18. Mai 2020 reichte die Beschwerdeführeri n eine Für- sorgebestätigung ein. O. Die Vorinstanz hielt mit ihrer Vernehmlassung vom 26. Mai 2020, welche der Beschwerdeführerin am 28. Mai 2020 zur Kenntnis gebracht wurde, vollumfänglich an ihren Erwägungen fest. Der Beschwerdeführerin wurde gleichzeitig die Möglichkeit zu einer Replik eingeräumt. P. Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 12. Juni 2020. Q. Mit Eingabe vom 15. Juni 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen ärzt- lichen Kurzbericht vom 15. Juni 2020 zu den Akten. R. Mit Eingabe vom 6. Juli 2020 erfolgte eine weitere Eingabe mit Hinweis auf die neusten Entwicklungen in Äthiopien. S. Am 28. Dezember 2020 reichte die Beschwerdeführerin zwei weitere Arzt- berichte – beide vom 17. Dezember 2020 – ins Recht. T. Mit Eingabe vom 12. August 2021 liess die Beschwerdeführerin eine Ver- fahrensstandanfrage einreichen. U. Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren auf die gemäss Rubrum vorsitzende Richterin umgeteilt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun- desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal- tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge- setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwV G, D-2319/2020 Seite 7 SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge- biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor- liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül- tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asyl- gesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31 ]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 ü ber das Bundesgericht [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig ent- scheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmungen gilt für das vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Das vorliegende Verfahren wird mit dem Verfahren der Schwester respek- tive der Nichte der Bes chwerdeführerin (D-2321/2020, N […]) koordiniert behandelt. 4. Formell wurde das gesamte Dispositiv der streitgegenständlichen Verfü-D-2319/2020 Seite 8 gung angefochten (vgl. Rechtsbegehren 1). Inhaltlich beanstandete die Be- schwerdeführerin jedoch nur de n Vollzug der Wegweisung beziehungs- weise die Dispositivziffern 4 bis 6 der vorinstanzlichen Verfügung. Prozess- gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet deshalb ledig- lich die Frage des Vollzugs der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung sind damit in Rechtskraft erwachsen. 5. 5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Auslän derinnen und Auslän- der und über die Integration vom 16. Dezember 2005 [AIG, SR 142.20]). Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind alternativer Na- tur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 5.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollz ugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 5.3 Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein re- duziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Aussagen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As- pekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Ge- samtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhalts- darstellung sprechen, überw iegen oder nicht; dabei ist auf eine objekti- vierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen od er D-2319/2020 Seite 9 massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer- den (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG). 6. 6.1 Zur Begründung ihres Entscheids führte die Vorinstanz in Bezug auf den Vollzug der Wegweisung aus, die Beschwerdeführerin habe nicht nachweisen können, dass bei einer Rückkehr nach Äthiopien konkrete Hin- weise vorliegen würden, dass sie ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 und Art. 4 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK, SR 0.101) ausgesetzt wäre. Der Umstand, dass sie in der Vergangenheit ausgebeutet worden sei, sei kein ausreichender Grund, um ein reales Risiko einer schlechten Behandlung bei einer Rückkehr geltend zu machen, weshalb sich ein Weg- weisungsvollzug im Hinblick auf Art. 3 und 4 EMRK als zulässig erweise. Sodann gebe es unter dem Gesichtspunkt der Zumutbarkeit weder allge- meine noch individuelle Wegweisungshindernisse. Die Vorinstanz hielt fest, die Beschwerdeführerin verfüge mit ihrer Schwester und ihrer Schwie- germutter über ein s oziales Beziehungsnetz in Äthiopien. B ezüglich ihres Ehemannes habe sie lediglich ungenaue Angaben über dessen Ver- schwinden geben können und es erscheine, dass sie damit ihre tatsächli- che soziale Situation habe verschleiern wollen. Deshalb sei davon auszu- gehen, dass sie in ihrem Heimatlan d über ein tragfähiges soziales Bezie- hungsnetz, eine gesicherte Wohnsituation sowie über berufliche Wieder- eingliederungsmöglichkeiten verfüge, zumal sie eine Ausbildung als (…) und eine Weiterbildung als (…) gemacht habe, welche ihr eine Integration in den äthiopischen Arbeitsmarkt ermöglichten. Auch aus medizinischer Sicht sei eine Wegweisung als zumutbar zu qualifizieren. Behandlungs- möglichkeiten von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) würden in der Priv atklinik Lebeza Psychiatry Speciality Clinic in B._______ zur Verfügung stehen. Zu deren Finanzierung könne die medi- zinische Rückkehrhilfe in Anspruch genommen werden. Zudem könnten sie auch ihre im Ausland lebenden Familienangehörigen unterstützen. Da ihre aktuelle Therapie wegen einer (…) bis Mitte August 2020 andauere, werde die Ausreisefrist dementsprechend angepasst. 6.2 6.2.1 In ihrer Beschwerdeschrift hielt d ie Beschwerdeführerin dem entge- gen, dass die Vorinstanz ihr zu Unrecht vorgeworfen habe, sie habe nicht nachweisen können, bei einer Rückkehr nach Äthiopien ernsthaften Nach- teilen oder einer nach Art. 3 und Art. 4 EMRK verbotenen Handlung aus- gesetzt zu sein. Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs D-2319/2020 Seite 10 für Menschenrechte (EGMR) verbiete Art. 3 EMRK auch eine Abschie- bung, wenn die betroffene Person aufgrund fehlender angemessener Be- handlungsmöglichkeiten oder wegen fehlendem Zugang zu Behandlungen einer ernsthaften, rapiden und irreversiblen Verschlechterung ihres Ge- sundheitszustands ausgesetzt würde, die intensives Leiden oder eine we- sentliche Verringerung der Lebenserwartung nach sich ziehen würden. Da- von sei vorliegend auszugehen. Ihre schwere sowie komplexe Traumati- sierung bestehe neben der sexuellen Ausbeutung in Frankreich auch aus belastenden Erlebnissen im Heimatland, wobei sie bereits dort einem enor- men psychischen Druck ausgesetzt gewesen sei. Aufgru nd der Diskrimi- nierungen gegen Oromo habe sie sich auch keine berufliche Existenz auf- bauen können, sie habe mitansehen müssen, wie ihr Vat er aufgrund von Folterungen ums Leben gekommen sei und sei neben der dauernden Überwachung durch die äthiopischen Behörden während rund zwei Wo- chen inhaftiert gewesen. Zudem sei der ständige Wohnortswechsel hinzu- gekommen. Die behandelnde Psychotherapeutin habe im Bericht vom 24. September 2018 bestätigt, dass sie (die Beschwerdeführerin) unter mehreren traumatischen Erlebnissen leide. Diese Einschätzung gehe auch aus dem Bericht der FiZ vom 21. Februar 2020 hervor. Daneben halte der Bericht der Gemeinschaft spraxis G._______ vom 24. September 2018 fest, dass eine fachgerechte sowie spezialisierte Weiterbehandlung in je- dem Fall indiziert sei en, da ansonsten ein Abgleiten in eine schwere De- pression sowie Suizidalität mit Klinikaufenthalt drohe. Dem weiteren Schreiben der Gemeinschaftspraxis G._______ vom 27. August 2019 lasse sich entnehmen, dass eine Verbesserung der Symptome noch nicht in Sicht sei und eine allfällige Rückkehr nach Äthiopien eine Retraumati- sierung sowie die bis anhin erfolgte Stabilisierung zu nichtemachen würde und in diesem Fall eine schwere Depression mit Suizidgefahr zu erwarten sei. Aus dem Bericht der FiZ vom 21. Februar 2020 gehe hervor, dass sie eine ambulante engmaschige Betreuung benötige. Nach der negativen Entscheidseröffnung habe sich ihr Zustand zudem erneut verschlechtert. 6.2.2 Angesichts der verschiedenen Arzt - und Fachberichte – insbeson- dere vor dem Hintergrund, dass von verschiedenen Fachpersonen suizi- dale Neigungen bei der Beschwerdeführerin festgestellt worden seien und sie deswegen bereits Anfang 2018 in die Psychiatrische Universitätsklinik F._______ eingewiesen worden sei – erscheine es nicht nachvollziehbar, dass die Vorinstanz eine Wegweisung als zulässig erachtet habe. Das Aus- mass der gesundheitlichen Konsequenzen würde vorliegend eine derartige Schwere erreichen, dass eine Verletzung von Art. 3 EMRK zu bejahen und eine Wegweisung als unzulässig zu betrachten sei. D-2319/2020 Seite 11 6.2.3 Ferner würden bei einer Rückkehr nach Äthiopien Stigmatisierung, Diskriminierung sowie soziale Ausgrenzung drohen. Gemäss verschiede- nen Berichten sei die Mehrzahl von rückkehrenden Frauen nach Äthiopien mit schwierigen kulturellen Rahmenbedingungen konfrontiert, dies auch bei Vorhandensein einer höheren Ausbildung. Um Zugang zu einem Ar- beitsplatz zu erhalten, benötige man genügend finanzielle Ressourcen und familiäre Kontakte, aber auch unter diesen Umständen sei es bei guter Qualifikation für eine Äthiopierin sehr schwierig, eine nicht unterbezahlte Stelle zu erhalten. Einer Studie zufolge würden äthiopische Frauen, welche aus dem Ausland zurückkehren würden, stigmatisiert, indem man ihnen unterstellen würde, im Ausland ein lockeres Sexualleben geführt zu haben. Für eine alleinstehende Frau mit einem Kind, einem mehrjährigen Ausland- aufenthalt sowie mit einer fehlende n familiären Unterstützung und einer sehr schlechten psychischen Verfassung wär e eine Wiedereingliederung im Heimatland äusserst schwer zu realisier en. Dieser psychische Druck, welchem sie bei einer Rückkehr unterstellt wäre, erreiche das Ausmass einer unmenschlichen Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK. 6.2.4 Weiter sei unter dem Gesichtspunkt der Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs festzuhalten, dass gemäs s Rechtsprechung zwar von der generellen Zumutbarkeit des Vollzugs nach Äthiopien ausgegangen wer- den könne, jedoch die Situation von alleinstehenden Frauen besonders zu beachten sei. Neben einer anzunehmenden Stigmatisierung verfüge die Beschwerdeführerin über kein familiäres Netz im Heimatland. Eine Wieder- eingliederung in die Arbeitswelt sei nicht realistisch, zumal ihr bereits früher aufgrund ihrer Ethnie eine Bewilligung zur selbständigen Erwerbstätigkeit verwehrt worden sei. Sodann gehe aus dem Bericht der FiZ vom 21. Feb- ruar 2020 hervor, dass bereits eine Integration in die Arbeitswelt in der Schweiz gescheitert sei, da sie schnell überfordert gewesen und in eine erneute Krise gestürzt sei. Vor dem Hintergrund ihrer Erkrankung könne keineswegs von einem nachhaltigen Einstieg in die Berufswelt gesprochen werden. Schliesslich habe die Beschwerdeführerin, entgegen der Argumentation der Vorinstanz, nicht versucht, ihre wahre soziale Lage zu verschleiern, sondern habe tatsäch lich keinen Kontakt mehr zu ihrem Ehemann und gehe davon aus, dass dieser entweder ausgereist sei oder sich in einem Kloster verstecke. Des Weiteren habe sie niemals erwähnt, dass er seit seiner Flucht jemals Kontakt mit ihrer Schwester aufgenomme n habe, sie habe vielmehr eine Ordensschwester gemeint, weshalb sie auch vermute, D-2319/2020 Seite 12 dass er sich in einem Kloster befinden könnte. Es sei abwegig, ihr zu un- terstellen, dass sie aus strategischen Überlegungen versucht habe zu ver- schleiern, wo sich ihr Ehemann befinde. Abschliessend sei festzustellen, dass sie über kein solides Sozialnetz verfüge, zumal lediglich eine einzige Schwester in Äthiopien lebe, deren Ehemann zudem immer noch als ver- misst gelte. Die Schwiegermutter und ihr kleiner Sohn würden in D._______ leben, ein Gebiet im Süden Äthiopiens. Unter diesen Voraus- setzungen erscheine es fraglich, inwiefern sie sich als alleinstehende Mut- ter mit psychischen Erkrankungen nachhaltig in die äthiopische Gesell- schaft wiedereingliedern und eine nahtlose Behandlung ihrer schweren posttraumatischen Belastungsstörung – auch unter dem Aspekt der gere- gelten Finanzierung – erhältlich machen könne. Auf die im Beschwerdeverfahren eingereichten Arztzeugnisse wird an ge- gebener Stelle eingegangen. 7. 7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug der Wegweisung für Aus- länderinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat - oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemei- ner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Dieser Arti- kel findet auch Anwendung auf Personen, welche nach ihrer Rückkehr we- gen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit in völlige Armut geraten würden, dem Hunger und somit einer ernsthaften Verschlechterung des Gesundheitszustands, der Invalidität oder gar dem Tod ausgeliefert wären (vgl. BVGE 2014/26, E. 7.5. und BVGE 2011/24 E.11.1 m.w.H.). In Äthiopien herrscht zwar kein Krieg. Die sozioökonomi- sche Situation alleinstehender Frauen ist jedoch nach wie vor als sehr schwierig zu bezeichnen. In seinem Urteil BVGE 2011/25 hat sich das Bun- desverwaltungsgericht insbesondere zur sozioökonomischen Situation al- leinstehender Frauen in Äthiopien geäussert. Das Urteil hält fest, dass nicht verheiratete, alleinlebende Frauen von der Gesellschaft – auch der städti- schen – nicht akzeptiert würden. Namentlich gehe die Gesellschaft davon aus, dass solche Frauen auf der Suche nach sexuellen Abenteuern seien. Für alleinstehende Frauen sei es daher schwierig, ohne Hilfe von Bekann- ten eine Wohnung zu finden. Die Arbeitslosigkeit von Frauen in B._______ liege zwischen 40% und 55%. Begünstigende Faktoren, welche die Wahr- scheinlichkeit erhöhten, dass eine Frau in Äthiopien einer eigenständigen Erwerbstätigkeit nachgehen könne, seien eine höhere Schulbildung, ein Leben in der Stadt, finanzielle Mitt el, Unterstützung durch ein soziales Netzwerk und der Zugang zu Informationen. Ohne diese begünstigenden D-2319/2020 Seite 13 Voraussetzungen blieben Frauen oft nur Arbeiten, welche gesundheitliche Risiken bergen würden, so beispielsweise in der Prostitution oder in Haus- halten, wo sie regelmässig verschiedenen Formen der Gewalt ausgesetzt seien. Gemäss Praxis sind zur Erlangung einer sicheren Existenzgrund- lage jedoch begünstigende Faktoren wie finanzielle Mittel, berufliche Fä- higkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz erforderlich (vgl. BVGE 2011/ 25 E. 8.4 f.; bestätigt in Referenzurteil D -6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2; Urteil des BVGer D-6622/2019 vom 14. Oktober 2020 E. 8.4 f.). 7.2 Auch wenn sich die Situation in Äthiopien in den letzten Jahren hin- sichtlich der Arbeitslosigkeit etwas verbessert hat, haben Frauen immer noch wesentlich beschränktere Arbeitsmöglichkeiten als Männer und ver- dienen für dieselbe Arbeit im Schnitt nur die Hälfte des Salärs von männli- chen Arbeitnehmern. Besonders schwierig gestaltet sich die Stellensuche für Frauen ohne Universitätsabschluss. Ebenfalls ist sexuelle Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen und Mädchen in Äthiopien nach wie vor weit verbreitet, wobei das politische System und das Justizsystem Opfer sexueller Gewalt kaum unterstützen. Aus dem Ausland zurückkehrende Frauen, welche alleinerziehend sind und alleine ohne einen Ehemann le- ben, gelten grundsätzlich als suspekt und werden in der äthiopischen Ge- sellschaft stark stigmatisiert. Oftmals wird ihnen unterstellt, im Ausland ein lockeres Liebesleben geführt und ihr Geld dort mit Prostitution erworben zu haben. Diese Stigmatisierung erschwert eine erfolgreiche Reintegration er- heblich (vgl. Urtei l des BVGer D-6622/2020 vom 14. Oktober 2020 E. 8 m.w.H.). Trotz des wirtschaftlichen Booms der letzten Jahre hat sich insbe- sondere an der grundsätzlichen Benachteiligung von Frauen in der äthio- pischen Gesellschaft sowie insbesondere in der äthiopischen Wi rtschaft nichts Wesentliches geändert (vgl. Urteil des BVGer E -2118/2015 vom 3. Juli 2017 E. 7.3.4 m.w.H.). Äthiopien ist eine konservative Gesellschaft, und Frauen sind einem hohen Mass gesellschaftlicher und beruflicher Dis- kriminierung ausgesetzt. Auch wenn Frauen offiziell Zugang zur Polizei und zum Gerichtssystem haben, führen die gesellschaftlichen Normen oft dazu, dass sie dieses Recht selten in Anspruch nehmen. Zudem wird die Schuld an sexuellen Übergriffen, wie Vergewaltigungen, den betroffenen Frau en angelastet und diese werden in der Folge gesellschaftlich sowie innerhalb der Familie stigmatisiert (vgl. Urteil des BVGer D -6622/2020 vom 14. Ok- tober 2020 E. 8.5 m.w.H.). 7.3 Seit der Covid-19-Pandemie – aber auch teilweise dem Konflikt in der Tigray-Region geschuldet – hat sich die wirtschaftliche Lage erneut massiv D-2319/2020 Seite 14 verschlechtert. Gemäss der Weltbank führt die Covid-19-Pandemie in Äthi- opien zu höheren Preisen von Grundnahrungsmitteln, gestiegener Arbeits- losigkeit, langsamerem Wirtschaftswachstum und ve rmehrter Armut (vgl. The World Bank, Ethiopia – Overview, https://www.worldbank.org/en/ country/ethiopia/overview#1, abgerufen am 7. Dezember 2021). Die Nicht- regierungsorganisation Care kommt in einer Studie zum Schluss, dass die Mehrheit der befragten Teilnehmerinnen seit Beginn der Pandemie signifi- kant weniger Lohn erhalte oder gar die Anstellung verloren habe. Alleinste- hende Frauen, die einen Haushalt führten, und Frauen, die bereits vor der Covid-19-Pandemie arm oder nahe der Armutsgrenze gelebt hätten, seien am stärksten gefährdet. Zudem würden unter der massiv gestiegenen Ar- beitslosigkeit in erster Linie Frauen leiden. Des Weiteren geht aus der Stu- die hervor, dass aufgrund der stark angestiegenen Lebensmittelpreise oft ein Mangel an genügender, täglicher Nahrung bestehe (vgl. Care Ethiopia, A Study on the Impact of COV1D-19 on Women and Girls in Ethiopia, Juni 2021, https://www.careevaluations.org/wp -content/uploads/EUTF-Impact- of-COVID-19-Research-Report-Sept-06-2021.pdf; Yitbarek, Kiddus et al., Barriers and Facilitators for Implementing Mental Health Services into the Ethiopian Health Extension Program: A Qualitative Study, in: Risk Manage- ment and Healthcare Policy, 19. März 2021: S. 1199–1210, https:// www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7989539 /pdf/rmhp-14-1199.pdf, abgerufen am 7. Dezember 2021). 7.4 In Bezug auf die medizinische Situation in Äthiopien gaben verschie- dene Quellen an, dass sich die Gesundheitsversorgung zwar verbessert habe, jedoch fänden diese Fortschritte auf tiefem Niveau statt, wobei kon- kret in Bezug auf die psychiatrische Versorgung im Jahr 2017 auf die Ge- samtbevölkerung von rund 100 Millionen 70 bis höchstens 100 ausgebil- dete Psychiater fielen und die meisten in Addis Ababa praktizierten. Ebenso mangle es dem Gesundheitssystem an psychiatrischem Pflege- personal und anderen Fachkräften für psychische Gesundheit, da oft das Interesse an einer solchen Ausbildung nicht vorhanden sei (vgl. The World Bank, Data – Ethiopia, https://data.worldbank.org/country/ethiopia; Univer- sity of Toronto, Transforming health care in Ethiopia: U of T's collaboration with Addis Abeba University takes centre stage , https://www.utoronto.ca/ news/transforming-health-care ethiopia -u-t-s-collaboration-addis-ababa- university-takes-centre-stage; https:// www.fluechtlingshilfe.ch/filead- min/user_upload/ Publikationen/Herkunftslaenderberichte/ Afrika/Aethio- pien/200529_ETH_soins_psychiatriques_fr.pdf ; Yitbarek, Kiddus et al., Barriers and Facilitators for Implementing Mental Health Services into the D-2319/2020 Seite 15 Ethiopian Health Extension Program: A Qualitative Study, in: Risk Man- agement and Healthcare Policy, 19. März 2021: S. 1199–1210, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7989539/ pdf/rmhp-14- 1199.pdf, alle abgerufen am 7. Dezember 2021). Regelmässig würden in Äthiopien Personen mit psychischen Erkrankungen stark stigmatisiert, was oft zur Folge habe, dass ihnen eine medikamentöse Versorgung vorenthal- ten bleibe (vgl. The Ethiopian Herald, Mental health care within reach , http://www.ethpress.go v.et/herald/index.php/news/national -news/item/ 7963-mental-health-care-withinreach; https://www.fluechtlingshilfe.ch/file- admin/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderberichte/Afrika/Aethio- pien/200529_ETH_soins_psychiatriques_fr.pdf S.10; Young Lives [Uni- versity of Oxford], Understanding Violence Affecting Children in Ethiopia: a Qualitative Study; https://www.younglives.org.uk/files/YL-WP188%20revi- sed_0.pdf, alle abgerufen am 7. Dezember 2021). Aufgrund der Covid-19- Pandemie seien die freien Plätze in öffentlichen Spitälern, in welchen psy- chiatrische oder psychologische Dienstleistungen angeboten würden, massiv zurückgegangen, wohingegen die Zahl der psychisch erkrankten Personen seit der Pand emie aufgrund des Notstands deutlich zugenom- men habe (vgl. Tilahun, Mikyas, Treating Patients with Mental Illness during COVID-19: An Initial Experience using Telemedicine in Ethiopia, in: World Social Psychiatry, 2 (3), 2020: S. 233-234, https://www.worldsocpsy- chiatry.org/temp/WorldSocPsychiatry23233 6909746_191137.pdf, alle ab- gerufen am 7. Dezember 2021). 8. 8.1 Einleitend stellt das Gericht fest, dass vorliegend keine Zweifel darüber bestehen, dass die Beschwerdeführerin Opfer von Menschenhandel ge- worden ist . Dies wird neben ihren überzeugenden Schilderungen (vgl. act. A19/14), welche mit den Ausführungen ihrer Schwester zu diesem Punkt übereinstimmen, durch die eingereichten Arzt - und Fachberichten bestätigt und im Übrigen auch von der V orinstanz nicht bestritten. Hinge- gen finden sich in den Protokollen keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in ihr Heimatland Gefahr laufen würde, erneut Opfer von Menschenhandel zu werden, zumal es ihr nicht gelungen ist, eine drohende Verfolgung bei einer allfälligen Rückkehr ins Heimatland durch ihre Schlepper stichhaltig darzulegen. Ihre Annahme, ihre Peiniger hätten Verbindung en zu den heimatlichen Behörden und diese könnten in einen allfälligen Menschenhandel verstrickt sein, weil sie die Passkontrollen am Flughafen mit dem Schlepper habe problemlos pas- sieren können, erweist sich als nicht schlüssig, zumal ein problemloses D-2319/2020 Seite 16 Passieren der Grenzkontrolle auch aus anderen Gründen, wie etwa durch Schmiergeldzahlungen, erfolgen kann (vgl. act. A19/14, F122). 8.2 Die Vorinstanz zweifelte die von der Beschwerdeführerin geschilderten familiären respektive sozialen Umstände im Heimatland an und stellte sich auf den Standpunkt, dass sehr wohl ein tragfähiges Beziehungsnetz vor- handen sei. Der Ehemann der Beschwerdeführerin habe keinen Grund ge- habt, sich zu verstecken, da er über kein politisches Profil verfüge, weil sich die politische Situation seit dem Amtsantritt von Abiy Ahmed massgeblich verändert habe. Der vorinstanzlichen Argumentation ist e inerseits entge- genzuhalten, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin bereits im Okto- ber 2017, also vor der Ernennung von Abiy Ahmed als Premierminister und der Streichung von Ginbot7 aus der Terroristenliste, welche durch die Auf- hebung des Ausnahmezustands 2018 einherging (vgl. etwa Urteil des BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019), Äthiopien verliess und seither als verschwunden gilt. Anderseits schliesst auch die in der Folge erfolgte poli- tische Umwälzung nicht aus, dass der Ehemann aus anderen, nichtpoliti- schen Gründen verschwunden ist. Zwar ist der Vorinstanz insofern zuzu- stimmen, als dass die Aussagen der Beschwerdeführerin zum Verschwin- den ihres Ehemannes etwas knapp ausgefallen sind. Diese sind jedoch als durchaus glaubhaft einzustufen (vgl. act. A19/14, F43 und 46; A66/28, F45- 49, F199-201), dies auch unter Berücksichtigung, dass ihr Erzählstil im All- gemeinen insgesamt eher kurz und einsilbig wirkt, weshalb nicht lediglich aufgrund der einfach gehaltenen Aussagen auf Unglaubha ftigkeit ge- schlossen werden kann . Ihre Schilderungen weisen insgesamt keine Wi- dersprüche auf und sind im Allgemeinen in sich stimmig und stimmen mit denen ihrer Schwester überein. Das Gericht sieht sich nicht veranlasst, an ihren Ausführungen zu den Familienverhältnissen zu zweifeln und geht da- von aus, dass neben ihrer Schwester, welche in B._______ lebt, nur noch die Schwiegermutter, welche sich um den Sohn der Beschwerdeführerin kümmert und in D._______, im Süden des Landes, wohnhaft ist, in Äthio- pien lebt und die übrigen Familienangehörigen sich im Ausland befinden (vgl. act. A19/14, F18-24, F43, F46f.; F63; act. A 66/28, F16-24, F28-36, F38, F61 -66). Das Gericht kommt deshalb zum Schluss, dass die Be- schwerdeführerin ihre familiäre Situation in Äthiopien glaubhaft darzulegen vermochte. Angesichts dieser Faktoren und der persönlichen Umstände der Beschwerdeführerin ist nachfolgend zu prüfen, ob ihre soziale und wirt- schaftliche Wiedereingliederung in ihr Heimatland Äthiopien gelingen könnte. D-2319/2020 Seite 17 9. 9.1 Die Beschwerdeführerin führte aus, 2008 respektive 2009 eine Ausbil- dung als (…) absolviert und in der Folge während zwei Jah ren als solche gearbeitet zu haben. Nach der Eheschliessung sei jedoch nur noch ihr Ehe- mann für ihren Lebensunterhalt aufgekommen (vgl. act. A66/28, F50-56, F67, F69-70). Die persönliche Situation der Beschwerdeführerin stellt sich somit wie folgt dar: Sie ist in B._______ aufgewachsen, hat dort eine Aus- bildung absolviert, ist verheiratet und Mutter eines inzwischen sechsjähri- gen Sohnes, welcher zurzeit bei seiner Grossmutter im Süden Äthiopiens lebt. Kurz vor ihrer Ausreise ist ihr Ehemann verschwunden und sie hat seither keine Nachrichten von ihm respektive über seinen Aufenthaltsort. Sie hat insgesamt seit rund zehn Jahren nicht mehr auf ihrem Beruf gear- beitet und 2017 – also vor rund vier Jahren – ihr Heimatland verlassen. Sodann ist auf ihr be schränktes familiäres Netzwerk hinzuweisen. Als al- leinstehende Mutter wird sie damit nicht auf ein intaktes Beziehungs netz zurückgreifen können. Aufgrund ihrer kurzen Arbeitserfahrung von unge- fähr zwei Jahren und der fehlenden relevanten Beziehungen kann sie sich kaum darauf verlassen, im von einer ausserordentlich hohen Arbeitslosig- keit betroffenen Land eine neue Anstellung als (…) zu finden. Auch wenn sie eine Anstellung finden würde, ist kaum davon auszugehen, dass damit ihr Lebensunterhalt und derjenige ihres Sohnes finanziert werden könnten. Die Situation am aktuellen Wohnort der Schwiegermutter und ihres Sohnes im Süden Äthiopiens dürfte sich für sie als alleinerziehende Frau kaum ein- facher gestalten. Sodann ist anzunehmen, dass seit dem Ausbruch der Co- vid-19-Pandemie von noch schwierigeren Bedingungen auszugehen ist. 9.2 In einem nächsten Schritt ist die gesundheitliche S ituation d er Be- schwerdeführerin zu beleuchten. Sie ist seit 2018 in psychotherapeutischer Behandlung. Bereits am 21. November 2017 war im Rahmen eines psychi- atrischen Konsiliums der psy chiatrisch-psychologischen Polyklinik der F._______ eine PTBS (ICD -10 F43.1) diagnostiziert, eine Behandlung empfohlen und die Einnahme des Antidepressivums (…) verschrieben wor- den. Von 2. bis 5. Februar 2018 musste sie stationär untergebracht und im März 2018 wegen akuter Suizidalität in eine Schu tzwohnung transferiert werden (vgl. Schreiben der Rechtsvertretung vom 19. März 2018). Des Weiteren wurde von verschiedenen Fachpersonen bestätigt, dass sie unter mehreren traumatischen E rlebnissen leide (vgl. Bericht der FiZ vom 21. Februar 2020; Arztbericht vom 24. September 2018). Daneben geht aus dem Bericht der Gemeinschaftspraxis G._______ vom 24. September 2018 hervor, dass eine Weiterbehandlung in jedem Fall notwendig sei, an- sonsten ein Abgleiten in eine schwere Depression sowie Suizidalität mit D-2319/2020 Seite 18 einem weiteren Klinikaufenthalt drohe. Eine allfällige Rückkehr nach Äthi- opien berge die konkrete Gefahr einer Retraumatisierung (vgl. Arztbericht der Gemeinschaftspraxis G._______ vom 27. August 2019). Der Arztbe- richt vom 17. Dezember 2020 bestätigt erneut sowohl die PTBS, als auch die depressive Störung der Beschwerdeführerin sowie die notwendigen re- gelmässigen Therapiesitzungen. Auch wenn die Möglichkeit besteht, dass die Beschwerdeführerin sich in einer spezialisierten Klinik für ps ychische Erkrankungen behandeln lassen und für die relativ hohen Kosten medizi- nische Rückkehrhilfe beantragen kann, bleibt es zweifelhaft, dass sie unter den gegebenen Umständen in absehbarer Zeit tatsächlich arbeitsfähig wäre und dem gesellschaftlichen Druck als alleinerziehende Mutter stand- halten könnte. 9.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es sich bei der Beschwerde- führerin um eine alleinstehende Frau handelt, welche zwar über eine Aus- bildung, jedoch kaum Arbeitserfahrung verfügt. Auch kann sie nicht auf ein intaktes (familiäres) Beziehungsnetz zurückgreifen, welch es ihr behilflich sein und sie unmittelbar nach ihrer Rückkehr unterstützen könnte. Des Weiteren erscheint es äusse rst fraglich, ob es ihr aus gesundheitlichen Gründen in absehbarer Zeit möglich sein wird zu arbeiten. Durch diese er- schwerten Bedingungen muss sie zusätzlich aufgrund ihres längeren Aus- landsaufenthalts mit einer grundsätzlichen Stigmatisierung als alleins te- hende Frau in der männerdominierten äthiopischen Gesellschaft rechnen. Ihr psychisches Krankheitsbild erschwert ausserdem eine potentielle Rein- tegration massgeblich. Nach den vorstehenden Erwägungen und in Anbe- tracht der schwierigen Situation von Frauen in Äthiopien sowie ihrer äus- serst schlechten gesundheitlichen Verfassung ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Äthiopien einer konkreten Gefährdung ausgesetzt wäre und in eine existentielle Notlage geraten würde. Unter Würdigung aller massgeblichen Umstände des vorliegenden Einzelfalls erweist sich der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar. 9.4 Da die Wegweisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748), sind die Zulässigkeit und die Möglichkeit des Vollzugs nicht mehr zu prüfen (vgl. E. 5.1 hiervor). Ein Grund für einen Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme nach Art. 83 Abs. 7 AIG liegt fer- ner nicht vor. 10. Die angefochtene Verfügung verletzt demnach Bundesrecht und ist nicht angemessen. Die Beschwerde ist gutzuheissen, und die Dispositivz iffern D-2319/2020 Seite 19 4, 5 und 6 der angefochtenen Verfügung vom 31. März 2020 sind aufzuhe- ben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin wegen Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzuneh- men. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 12. Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs- gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin der Beschwerdefüh- rerin hat mit Eingabe vom 1. Mai 2020 eine Kostennote zu den Akten ge- reicht. Angesichts der Aktenlage und der sich im Verfahren D -2321/2020 gleich stellenden Rechtsfragen erscheint der geltend gemach te Aufwand von 14.5 Stunden als zu hoch und ist entsprechend auf 9.5 Stunden zu kürzen. Betreffend die weiteren Aufwände wurde keine Kostennote einge- reicht. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich jedoch aufgrund der Akten zuverlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen verzichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Der Beschwerdefüh- rerin ist somit eine Parteientschädigung zu Lasten der Vorinstanz in der Höhe von Fr. 2'380.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) zuzuspre- chen. (Dispositiv nächste Seite) D-2319/2020 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheis sen. Die Dispositivziffern 4, 5 und 6 der angefochtenen Verfügung vom 31. März 2020 werden aufgehoben. 2. Die Vorinstanz wird angewiesen, die Beschwerdeführerin in der Schweiz wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Die Vorinstanz wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfah- ren vor dem Bundesverwaltungsgericht ei ne Parteientschädigung von Fr. 2'380.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Chiara Piras Martina von Wattenwyl Versand: