B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5194/2012 U r t e i l v om 1 5 . F e b r u a r 2 0 1 3 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Jean-Pierre Monnet, Gerichtsschreiberin Simona Risi. Parteien A.______, geboren am (…), B.______, geboren am (…), C.______, geboren am (…), D.______, geboren am (…), Libyen, alle vertreten durch Susanne Gnekow, Rechtsanwältin, Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 20. September 2012 / N (…). E-5194/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden, libysche Staatsangehörige mit letztem Wohn- sitz in Bengasi, verliessen ihren Heimatstaat am 12. April 2012 von Tripo- lis aus auf dem Luftweg und reisten gemäss eigenen Angaben gleichen- tags mit durch die maltesischen Behörden ausgestellten Schen genvisa in Malta ein. Nach einem zweitägigen Aufenthalt in einem Hotel gelangten sie mit dem Flugzeug weiter nach Genf und suchten am 23. April 2012 im Empfangs- und Verfahrenszentrum Vallorbe um Asyl nach. Am 7. Mai 2012 wurden die Beschwerdeführenden summarisch zu ihren Asylgründen befragt . Dabei führte der Beschwerdeführer insbesondere aus, er habe in der Vergangenheit geschäftliche Beziehungen mit einer Person unterhalten, welche Mitglied einer antirevolutionären Kommission gewesen sei, die unter dem Gaddafi -Regime für Sicherheit im Land g e- sorgt habe. Dieser Gesellschafter habe ihn im (…) um Auszahlung des ihm zustehenden Anteils am Geschäftsgewinn gebeten. Drei Tage später habe eine Rebellengruppe sein (Beschwerdeführer) Haus in Brand g e- setzt, was er als Warnung angesehen habe. In der Folge sei er mehrfach telefonisch mit dem Tode bedroht worden . Daraufhin habe er Libyen mit seiner Familie verlassen und sei vorübergehend nach Ägypten gegangen. Nach der Rückkehr nach Libyen im (…) hätten sie si ch bis zur erneuten Ausreise versteckt bei seinen Schwiegereltern in Bengasi aufgehalten. Die Beschwerdeführerin bestätigte im Wesentlichen die Vorbringen ihres Ehemanns und ergänzte, dieser werde aktiv durch die Rebellenmiliz g e- sucht. Eigene Asylgründe machte sie nicht geltend. Hinsichtlich des Aufenthalts in Malta berichteten die Beschwerdeführe n- den, sie seien bei der Einreise durch die Behörden kontrolliert, aber nicht daktyloskopisch erfasst worden. Auch hätten sie nicht um Asyl nachg e- sucht, sondern sic h vor der geplanten Weiterreise in die Schweiz wä h- rend zwei Tagen in einem Hotel aufgehalten. In jener Zeit hätten sie mit den maltesischen Behörden keine Probleme gehabt. Nach der Einreise in die Schweiz hätten sie ihre Pässe weggeworfen, um nicht nach Li byen zurückgeschickt zu werden. Im Rahmen der Kurzbefragung wurde den Beschwerdeführenden das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid aufgrund der mutmasslichen Verfahrenszuständigkeit Maltas gemäss der Veror d- nung [EG] Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaates, der für E-5194/2012 Seite 3 die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitglie d- staat gestellten Asylantrags zuständig ist (Dublin-II-Verordnung) sowie zur Überstellung nach Malta gewährt. Daz u brachten die Beschwerdeführe n- den vor, sie seien in Malta weniger sicher als in der Schweiz, da Malta näher bei Libyen sei und es dort schon sehr viele Libyer gebe. Sie hätten ausserdem "Angst vor den maltesischen Behörden", da es in Malta keine dem schweizerischen Standard entsprechende Aufnahmebedingungen gebe. B. Am 8. Juni 2012 ersuchte das BFM die maltesische n Behörden gestützt auf Art. 21 Dublin-II-Verordnung um Auskunft betreffend die den B e- schwerdeführenden ang eblich ausgestellte n Schengenvisa. Mit E -Mail vom 13. Juni 2012 teilte das maltesische Dublin Office der Vorinstanz mit, die Beschwerdeführenden würden über ein vom 14. März 2012 bis zum 9. September 2012 gültiges maltesisches Schengenvisum verfügen. Daraufhin richtete das BFM am 13. Juli 2012 gestützt auf Art. 9 Abs. 2 und 3 Dublin-II-Verordnung ein Übernahmeersuchen an die maltesischen Behörden, welches innert der Frist von Art. 18 Abs. 7 Dublin-II- Verordnung unbeantwortet blieb. C. Mit Verfügung vom 20. September 2012 – persönlich eröffnet am 1. Okto- ber 2012 – trat das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf die Asylgesuche nicht ein. Zudem ordnete es die Wegweisung aus der Schweiz nach Mal- ta sowie den Vollzug an und wies die Beschwerdeführenden an, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verla s- sen. Gleichzeitig verfügte die Vorinstanz die Aushändigung der edition s- pflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an die Beschwerdeführenden und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen die Verfügung komme keine aufschiebende Wirkung zu (vgl. Art. 107a AsylG). D. Am 25. September 2012 stimmte Malta der Aufnahme der Beschwerd e- führenden nachträglich zu. E. Mit Eingabe vom 4. Oktober 2012 gelangten die Beschwerdeführenden durch ihre Rechtsvertreterin an das Bundesverwaltungsgericht und bean-E-5194/2012 Seite 4 tragten, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und die Sache sei aufgrund der unvollständigen Sachverhaltsfeststellung und der Verletzung der Begründungspflicht zur Neubeurteilung an das BFM zurückzuweisen. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, das Selbsteintrittsrecht nach Art. 3 Abs. 2 der Dublin -II-Verordnung wahrzunehmen und die Asylgesu- che der Beschwerdeführenden materiell zu prüfen. In verfahrensrechtl i- cher Hinsicht wurde um Gewährung der aufschiebenden Wirkung unter vorsorglicher Aussetzung des Vollzugs sowie um Gewährun g der unen t- geltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 und 2 des Verwaltungsver- fahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) ersucht. Auf die Begründung der Beschwerde wird in den Erwägungen eingega n- gen. Zum Beweis ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden ein Pro- tokoll vom 1. Oktober 2012 des für sie zuständigen kantonalen Migration- samts betreffend die Eröffnung der angefochtenen Verfügung, zwei Be- richte der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) ( SERAINA NUFFER, Mal- ta: Aufnahmebedingungen für Personen aus dem Asylbereich – Update November 2011; MURIEL TRUMMER, Malta: Aktuelle Situation für Verletzl i- che – Themenpapier des SFH-Rechtsdienstes vom 6. September 2010), ein Urteil vom 6. Januar 2012 des belgischen Raad vor Vreemdelingen - betwistingen (Asylgericht) in niederländischer Sprache sowie ein Urteil des Verwaltungsgerichts Magdeburg vom 16. Juni 2012 zu den Akten. F. Die Instruktionsrichterin setzte mit Verfügung vom 5 . Oktober 2012 den Vollzug der Wegweisung gestützt auf Art. 56 VwVG antragsgemäss vor- sorglich aus. G. Mit Verfügung vom 10. Oktober 2012 hiess das Bundesverwaltungsg e- richt das Gesuch um Gewährung der aufschiebenden Wirkung gut und hielt fest, die Beschwerdeführenden könnten den Ausgang des Verfa h- rens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess es das Gesuch um G e- währung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und wies jenes um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsve r- beiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG ab. Ferner wurde die Vor- instanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen. H. Nach Ablauf der Vernehmlassungsfrist nahm das BFM mit Schreiben vom E-5194/2012 Seite 5 26. Oktober 2012 Stellung zu den Beschwerdevorbringen, woraufhin die Beschwerdeführenden am 9. November 2012 (Datum Poststempel) eine Replik einreichten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist somit eine Vorinstanz des Bunde sverwaltungs- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, au sser bei Vorliegen eines Ausliefe- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde wurde frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilg e- nommen, sind durch die angefo chtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungswei- se Änderung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimie rt (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf diese ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, bei denen es das E-5194/2012 Seite 6 BFM gestützt auf die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen (vgl. Art. 32-35a AsylG) ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen, ist die Beurteilungszuständigkeit de r Beschwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob das Bundesamt zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist. Demnach enthält sich die B e- schwerdeinstanz – sofern sie den Nichteintretensentscheid als unrech t- mässig erachtet – einer selbständigen materiellen Prüfung, hebt die a n- gefochtene Verfügung auf und weist die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl. BVGE 2011/30 E. 3 m.w.H.). 4. Gemäss Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG wird auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten, wen n Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen kö n- nen, welcher für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist. 4.1 Gestützt auf die einleitende n Bestimmungen sowie Art. 1 Abs. 1 des Dublin-Assoziierungsabkommens vom 26. Oktober 2004 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäi schen Gemei n- schaft über die Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder in der Schweiz gestellten Asylantrags ( Dublin-Assoziierungsabkommen [DAA, SR 0.142.392.68]) in Verbindung mit Art. 29a Abs. 1 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) hat die Prüfung der staatsvertraglichen Zuständigkeit zur (materiellen) B e- handlung e ines Asylgesuches nach den Kriterien der Dublin-II- Verordnung zu erfolgen. 4.2 Art. 3 Abs. 1 Satz 2 Dublin-II-Verordnung sieht vor, dass jeder Asylan- trag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft wird, welcher nach den Kr i- terien des Kapitels III der Dublin -II-Verordnung bestimmt wird (vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2). In Abweichung der Zuständigkeitskriterien nach Art. 3 Abs. 2 Dublin-II-Verordnung kann die Schweiz ein Asylgesuch materiell prüfen, auch wenn nach den in der Verordnung vorgesehenen Kriterien ein ande- rer Staat zuständig ist (sog. Selbsteintrittsrecht), wobei diese Bestimmung nicht direkt anwendbar ist, sondern nur in Verbindung mit einer anderen Norm des nationalen oder internationalen Rechts angerufen werden kann (vgl. BVGE 2010/45 E. 5 S. 635 f.). Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 sieht sodann vor, dass das BFM auch aus humanitären Gründen ein Gesuch beha n- deln kann, wobei diese Bestimmung den Behörden einen gewissen E r- messensspielraum lässt und restriktiv auszulegen ist (vgl. BVGE 2011/9 E-5194/2012 Seite 7 E. 4.1 S. 114 f., BVGE 2010/45 E. 8.2.2 S. 643 f.). Hingegen besteht bei drohendem Verstoss gegen gewisse Normen des Völkerrechts, wie in s- besondere das flüchtlingsrechtliche Refoulement-Verbot nach Art. 33 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsste llung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), Art. 3 und 8 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) oder Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe (FoK, SR 0.105), ein einklagbarer Anspruch auf Au s- übung des Selbsteintrittsrechts (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2 S. 636 f.). Gemäss der Dublin-II-Verordnung ist – unter anderem – derjenige Mi t- gliedstaat zur Prüfung e ines Asylgesuches zuständig, der einem Asylbe- werber ein gültiges Visum erteilt hat (Art. 9 Abs. 2 Dublin-II-Verordnung). 5. 5.1 Vor der Einreise in die Schweiz hielten sich die Beschwerdeführenden gemäss eigenen Angaben während zwei Tagen in Malta auf, nachdem sie dort am 12. April 2012 mit einem maltesischen Visum für den Schenge n- raum eingereist waren. Die maltesischen Behörden bestätigten auf Anfra- ge des BFM am 13. Juni 2012, dass die Beschwerdeführenden im Besitz (gültiger) Visa seien. Daraus folgt, dass gestützt auf die anwendbaren Bestimmungen der einschlägigen Staatsverträge im vorliegenden Fall grundsätzlich Malta für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver- fahrens zuständig ist (vgl. insb. Art. 9 Abs. 2 i.V.m. Art. 5 Abs. 2 Dublin-II- Verordnung). Nachdem die maltesischen Behörden die Frist gemäss Art. 18 Abs. 7 Dublin-II-Verordnung zur Beantwortung des Überstellung s- ersuchens des BFM ungenutzt haben verstreichen lassen, sind sie ve r- pflichtet, die Beschwerdeführenden aufzunehmen. Mit verspäteter Mitte i- lung an das BFM vom 25. September 2012 stimmten die maltesischen Behörden einer Aufnahme schliesslich ausdrücklich zu. Insof ern können die Beschwerdeführenden grundsätzlich in einen Drittstaat (Malta) au s- reisen, welcher für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfah- rens staatsvertraglich zuständig ist. Die Zuständigkeit wird von den B e- schwerdeführenden denn auch nicht bestritten. 5.2 Hingegen monieren die Beschwerdeführenden unter anderem, das BFM habe den Sachverhalt unvollständig festgestellt und die Begrü n- dungspflicht hinsichtlich der Überstellung der Beschwerdeführenden nach Malta verletzt. E-5194/2012 Seite 8 5.2.1 Formelle Rügen sind grundsätzlich vorab zu behandeln, da sie g e- eignet sein können, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 38 und 1994 Nr. 1; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspfl e- ge des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, S. 225, mit weiteren Hinweisen). 5.2.2 Das BFM hielt zur Begründung des angefochtenen Entscheids in s- besondere fest, hinsichtlich der durch die Beschwerdeführenden vorg e- brachten Überstellungshindernisse, namentlich betreffend das Unsiche r- heitsgefühl und die Angst des Beschwerdeführers, in Malta nicht wie in der Schweiz aufgenommen zu werden, sei zu bemerken, dass die Dublin- II-Verordnung davon ausgehe, dass in allen Dublin -Staaten eine adäqua- te Betreuung und Unterbringung von Asylsuchenden gewährleistet sei; Malta habe denn auch die Richtlinie 2003/9/EG des Rates vom 27. Jan u- ar 2003 (Aufnahmerichtlinie) ohne Beanstandungen von Seiten der Eur o- päischen Kommission umgesetzt. A usserdem sei Malta ein Rechtsstaat mit funktionierenden polizeilichen Behörden, welche sowohl als schutzwil- lig wie auch als schutzfähig gelten würden. Sollten sich die Beschwerd e- führenden vor Übergriffen von Drittpersonen fürchten, könnten sie sich an die zuständigen Behörden wenden. Ihre Überstellung nach Malta sei s o- mit zumutbar. 5.2.3 Zur Begründung ihrer formellen Rügen bringen die Beschwerdefüh- renden im Wesentlichen vor , aus den Protokollen der Befragungen zur Person gehe ihre Angst vor erniedrigender und u nmenschlicher Behand- lung beziehungsweise Gefährdung der kindlichen Entwicklung ihrer Sö h- ne im Falle einer Überstellung nach Malta zwar nicht explizit hervor. Dies sei nicht nachvollziehbar, da sie um die systemischen Mängel des malt e- sischen Asylverfahrens gewusst und diese ihren Kindern hätten ersparen wollen. Es werde daher bestritten, dass sie ihre Ängste vor einer Übe r- stellung nach Malta nicht ausführlicher vorgebracht hätten. Ausserdem sei das BFM von Amtes wegen verpflichtet, den Sachverhalt vollständi g abzuklären. Selbst wenn sie (Beschwerdeführende) keinerlei Bedenken bezüglich der prekären Verhältnisse im maltesischen Asylverfahren vo r- gebracht hätten, wäre die Vorinstanz verpflichtet gewesen, von Amtes wegen abzuklären, ob im Falle einer Überstellung nach Malta eine ad ä- quate Versorgung und Unterbringung sichergestellt sei. Sie seien au f- grund ihrer beiden kleinen Kinder klar verletzlich. Ihr älterer Sohn C.______ sei zudem aufgrund der Bedrohung in seinem Heimatland traumatisiert und durch die Entschei deröffnung durch das kantonale Mi g-E-5194/2012 Seite 9 rationsamt, bei welchem die zuständige Beamtin den Beschwerdeführe n- den die Trennung der Familie angedroht habe, völlig verängstigt. Damit er sich gesund entwickeln könne, sei er auf ein sicheres Umfeld angewi e- sen, was im Falle einer Überstellung nach Malta in keiner Weise gegeben wäre. Die Rechtsprechung zeige in Fällen verletzlicher Personen deutlich die Grenzen einer Überstellung auf. So habe das Bundesverwaltungsg e- richt im Urteil E -1341/2012 vom 2. Mai 2012 vom BFM verla ngt, hinrei- chend darzulegen, inwiefern bei ei ner Überstellung nach Malta die ad ä- quate Versorgung und Unterbringung der verletzlichen Beschwerdefü h- renden sichergestellt sei. Im Urteil D -1689/2012 vom 24. April 2012 habe das Gericht festgestellt, dass angesi chts der bekanntermassen schwier i- gen Verhältnisse in Malta bei verletzlichen Personen der Hinweis auf die Geltung der Aufnahmerichtlinie den Anforderungen an die Begründung s- pflicht im Hinblick auf die Verneinung des Selbsteintritts nicht genüge. Da das BFM den Sachverhalt im vorliegenden Fall ungenügend abgeklärt habe, könne auch die Begründung der angefochtenen Verfügung nur mangelhaft sein. Die Vorinstanz setze sich darin denn auch in keiner Weise mit der konkreten Problematik der systematischen Inhaftier ung (von Asylsuchenden in Malta), der prekären Sicherheitslage und der u n- genügenden medizinischen Versorgung in Malta auseinander. 5.2.4 Diesen Ausführungen hält das BFM vernehmlassend insbesondere entgegen, während des Asylverfahrens in Malta hätten Asylsuchende An- spruch auf Rechtsberatung, medizinische Versorgung, Ausbildung, Unter- kunft und finanzielle Unterstützung. Auch werde die Situation besonders verletzlicher Personen durch eine für diese ausgelegte Unterbringung und Betreuung berücksichtigt. Die Beschwerdeführenden seien gemäss ihren eigenen Aussagen legal mit einem gültigen Schengen -Visum nach Malta gereist. Sie hätten dort bisher kein Asylgesuch eingereicht und jenen Staat somit nicht während eines hängigen Asylverfahrens verlassen. Bei dieser Sachlage bestehe für die maltesischen Behörden grundsätzlich kein Anlass, sie bei ihrer Rückkehr zu inhaftieren und ihr Asylgesuch als zurückgezogen zu betrachten. Zudem hätten sich die Beschwerdeführe n- den lediglich während zwei Tagen in Malta in einem Hotel aufgehalten. Es könne somit angenommen werden, dass sie dort keine nachteiligen E r- fahrungen gemacht hätten, welche anlässlich der Befragungen zur Pe r- son hätten zu Protokoll gebracht werden müssen. 5.2.5 In ihrer Replik verweisen die Beschwerdeführenden un ter anderem auf das Urteil D-2797/2010 des Bundesverwaltungsgerichts vom 2. Okt o- ber 2012 und bringen vor, dort werde in Erwägung 7.4 klargestellt, dass E-5194/2012 Seite 10 die Vermutung, Malta halte die Grundrechte der Asylsuchenden ein, nicht ohne weiteres aufrecht erhalten werden könne. Da sie verletzliche Perso- nen seien, dürften sie höchstens dann nach Malta überwiesen werden, wenn dem BFM durch die maltesischen Behörden eine adäquate Unte r- kunft und medizinische Behandlung zugesichert worden wäre, was indes nicht geschehen sei. 5.3 Vorab ist hinsichtlich der Ausführungen der Beschwerdeführenden im Zusammenhang mit der angeblichen Unvollständigkeit der Protokolle der Befragungen zur Person zu bemerken, dass sie diese unterschriftlich b e- stätigt haben. Daher müssen sie sich ihre Aussagen entgegenhalten las- sen. Diesen ist an keiner Stelle auch nur ansatzweise zu entnehmen, dass sie Angst vor "erniedrigender und unmenschlicher Behandlung b e- ziehungsweise Gefährdung der kindlichen Entwicklung" geltend gemacht beziehungsweise "systemische Mängel" gerügt hätten. 5.4 Wie die Beschwerdeführenden zu Recht vorbringen, kann gemäss der neusten Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts die Vermu- tung, Malta beachte die den betroffenen Personen im Gemeinsamen E u- ropäischen Asylsystem zustehenden Grundrechte in angemessener We i- se, nicht ohne weiteres aufrechterhalten werden (vgl. das zur Publikation vorgesehene Urteil D -2797/2010 vom 2. Oktober 2012, E. 7.3) bezie- hungsweise muss diese aufgegeben oder zumindest relativiert werden (vgl. das Urteil E -3457/2012 vom 24. Oktober 2012). Zwar ist damit noch nicht gesagt, dass die festgestellten Mängel in Malta (insb. Administrativ- haft aller Asylsuchender ohne effektiven und zü gigen Rechtsschutz, durchgehend ungenügende Lebens bedingungen in gewissen Zentren, Kapazitätsprobleme) für Asylsuchende generell die Gefahr einer u n- menschlichen oder erniedrigenden Behandlung mit sich bringen. Jedoch ist im Einzelfall die Frage zu stellen, ob die betroffenen Personen einer Kategorie zuzurechnen sind, deren Ange hörige aufgrund ihrer spezif i- schen Verletzlichkeit im Falle einer Über stellung nach Malta Gefahr la u- fen würden, wegen der dortigen Mängel des Asylverfahrens und der Au f- nahmebedingungen eine Verletzung ihrer Grundrechte zu erleiden (vgl. das Urteil D-2797/2010 E. 7.4). Mit anderen Worten haben die Asylbehör- den bei Fällen, in welchen Malta für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens zuständig ist, die Risiken einer Überstellung für die Gesuchstellenden sorgfältig und individuell zu prüfen (vgl. in diesem Sinne das Urteil E-3457/2012). E-5194/2012 Seite 11 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass sich die Rügen der Beschwerdeführenden im Ergebnis als zutreffend erweisen und die Vorinstanz den Sachverhalt unvollständig e r- hoben und ihre Begründungspflicht verletzt hat. Weder in der angefochte- nen Verfügung noch in der Vernehmlassung äussert sich das BFM zur Frage der Verletzlichkeit der Beschwerdeführenden und den daraus allen- falls erwachsenden Risiken einer Überstellung nach Malta, insbesondere betreffend die dortige Versorgung und Unterbringung . Stattdessen b e- schränkt es sich auf allgemeine Ausführungen zu den Unterbringung s- modalitäten, was keine Prüfung der konkreten Umstände darstellt. Es ist somit nicht hinreichend geklärt, ob die Beschwerdeführenden unter B e- rücksichtigung der festgestellten Mängel des maltesischen Asylverfahrens und der Aufnahmebedingungen in Malta eine ihrer Verletzlichkeit – insbe- sondere dem Kindeswohl – Rechnung tragende Behandlung und Unte r- bringung erhalten würden. Mithin hat die Vorinstanz die von der Recht- sprechung verlangte Einzelfallabklärung nicht vorgenommen . Diesem formellen Mangel kann – da zur Beurteilung der Zulässigkeit und Zumu t- barkeit der Überstellung weitere Abklärungen durch das BFM erforderlich sein werden – nur durch eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung Rechnung getragen werden. Zur Vornahme einer konkreten Prüfung der Zulässigkeit und Zumutbarkeit der Überstellung der Beschwerdeführenden nach Malta dürfte es für das BFM zunächst notwendig sein, weitere Abklärungen betreffend die ge l- tend gemachten psychischen Probleme der Kinder, vor allem hinsichtlich der vorgebrachten Traumat isierung des älteren Sohnes, zu tätigen. S o- dann dürfte die Vorinstanz bei den maltesischen Behörden weitere Info r- mationen einzuholen haben. Dabei dürften einerseits die Risiken einer Verletzung des Gebots des Non -Refoulements und andererseits die ko n- kreten Unterbringungsbedingungen abzuklären sein, insbesondere da es sich um eine Familie handelt und auf Beschwerdeebene psychische Probleme geltend gemacht werden. Auch dürfte abzuklären sein, wie die Beschwerdeführenden angesichts der Tatsache, dass deren Schengenvi- sa abgelaufen sind, behandelt werden und ob der Zugang zum nationalen Asylverfahren gewährleistet ist. In diesem Zusammenhang wird den ma l- tesischen Behörden mitzuteilen sein, dass die Beschwerdeführenden a n- geblich ihre Pässe in der Schweiz weggeworfen haben. 5.5 Zusammenfassend ist die Beschwerde im Sinne des soeben Dargelegten gutzuheissen und die Sache ist zur vollständigen Erhebung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Bei E-5194/2012 Seite 12 diesem Ergebnis erübrigt es sich, auf die weiteren Ausfü hrungen der Beschwerdeführenden in der Beschwerdeschrift und der Replik einzugehen. 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 6.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsi e- gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusp rechen. Mit der Beschwerde machte die Rechtsvertreterin der Beschwerdefü h- renden einen Aufwand von 8.5 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 150.– zuzüglich Mehrwertsteuer sowie eine Spesenpauschale von Fr. 53.80 geltend. Auf das Einfordern einer aktualisi erten Kostennote kann verzichtet werden, da sich der notwendige Vertretungsaufwand au f- grund der Akten hinreichend zuverlässig abschätzen lässt. Das Bunde s- verwaltungsgericht beurteilt den verrechneten Vertretungsaufwand im Vergleich mit gleichgelagerten Ver fahren, insbesondere angesichts der Tatsache, dass die Rechtsmitteleingabe einen hohen Anteil an allgeme i- nen Aussagen zur Situation in Malta enthält, als unangemessen und kürzt diesen auf den Betrag von Fr. 700. – (einschliesslich Mehrwertsteuer und Auslagen). Die Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführenden e i- ne Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 700.– zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) E-5194/2012 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. Die Sache wird zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Die Vorinstanz wird angewiesen, den Beschwerdeführenden eine Parte i- entschädigung von Fr. 700.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu be- zahlen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das BFM und die zu- ständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Simona Risi Versand: