B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5207/2023 U r t e i l v o m 2 9 . N o v e m b e r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Esther Marti, mit Zustimmung von Richter Basil Cupa; Gerichtsschreiberin Ulrike Raemy. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Nathalie Kux, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 11. September 2023 / N (…). E-5207/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 18. April 2023 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 8. April 2023 in Kroatien ein Asylgesuch eingereicht hatte. B. Anlässlich des persönlichen Gesprächs nach Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) vom 3. Mai 2023 wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit der Überstellung nach Kroa- tien gewähr t, welches grundsätzlich für die Behandlung seines Asylge- suchs zuständig sei. Der Beschwerdeführer machte geltend, nicht nach Kroatien zurückkehren zu wollen, da er dort misshandelt worden sei und seine Fingerabdrücke unter Zwang habe abgegeben müssen. Sein Ziel sei von Anfang an die Schweiz gewesen, wo seine (…) und entferntere Verwandte leben würden. Er sei aber aufgegriffen und sieben Tage lang in einem Raum ohne Fenster und genügend Sauerstoff festgehalten worden; der Raum sei überfüllt und wie ein Gefängnis gewesen. Von Schlägen mit einem Taktstock habe er immer noch Spuren, insbesondere die Verletzungen am Bein seien schlimm, zumal er berufsmässig Fussball spiele. Die Erlebnisse in Kroatien seien schlimmer gewesen als jene in Afghanistan und hätten bereits erheb- liche Folgen auf seinen psychischen Zustand gezeigt. Er würde es vorzie- hen, nach Afghanistan zurückzukehren statt nach Kroatien weggewiesen zu werden. Zum medizinischen Sachverhalt erklärte der Beschwerdeführer, nach sei- ner Beinverletzung in Kroatien könne er nicht mehr gut gehen, was für ihn als ehemaliger Nationalspieler erhebliche Folgen habe ; er träume sogar davon. Weitere körperliche Beschwerden habe er nicht, aber psychisch gehe es ihm sehr schlecht. Seit er an der kroatischen Grenze auf den Kopf geschlagen worden sei, sei er auch vergesslich geworden. E-5207/2023 Seite 3 C. Am 8. Mai 2023 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Rück- übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin- III-VO. Diesem Gesuch wurde am 22. Mai 2023 entsprochen. D. Während seines Aufenthalts im BAZ galt der Beschwerdeführer wiederholt als verschwunden, kehrte aber jeweils nach einiger Zeit wieder zurück (A17 und A20, A22 und A23, A25 und A26, A29, A30 und A34). E. E.a Am 4. Mai 2023 nahm der Beschwerdeführer wegen einer Prellung sei- nes Knies sowie am 10. Mai 2023 wegen Schlafproblemen und aufgrund von negativen Gedanken und Ängsten ärztliche Hilfe in Anspruch. Es wur- den ihm eine Salbe sowie Psychopharmaka (Trittico 50 mg) verschrieben (SEM-Akte ID-002/8, S. 4; ors, Medizinisches Datenblatt für interne Arzt- besuche im BAZ). E.b Mit Eingabe vom 12. Mai 2023 beantragte die Rechtsvertretung für den Beschwerdeführer psychologisch-psychiatrische Abklärungen , nachdem es ihm aufgrund seiner Erlebnisse in Kroatien in psychischer Hinsicht schlecht gehe. E.c Am 22. Juni 2023 wurde der Beschwerdeführer den Universitären Psy- chiatrischen Kliniken B._______, Akutambulanz C._______ zu medizini- schen Abklärungen zugewiesen (vgl. ID-002/8, S. 2). Nachdem er den ers- ten Termin verpasste, nahm er am 5. Juli 2023 den nächsten Termin wahr (vgl. ID-002/8, S. 5 f.). Laut dem entsprechenden Eintrittsbericht vom 5. Juli 2023 sowie dem Ver- laufsbericht vom 9. August 2023 wurden beim Beschwerdeführer rezidivie- rende Albträume, eine Differenzialdiagnose (DD) im Rahmen einer post- traumatischen Belastungsstörung (PTBS; intrusives Erleben) sowie eine DD bei Anpassungsstörung diagnostiziert. Die Medikation wurde ausge- baut (Quetiapin 25 mg bis 50 mg bei Bedarf) und ein Folgetermin auf den 29. August 2023 vereinbart. Gleichzeitig wurde festgehalten, dass der Be- schwerdeführer nach wie vor unter Schlafstörungen leide (A31). F. Mit Verfügung vom 11. September 2023 (eröffnet am 19. September 2023) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die E-5207/2023 Seite 4 Wegweisung in den zuständigen Dublin-Staat Kroatien sowie den entspre- chenden Vollzug, mit dem es den zuständigen Kanton beauftragte. Gleich- zeitig stellte es fest , einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. G. Mit Beschwerde vom 26. September 2023 ans Bundesverwaltungsgericht (BVGer) beantragt der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 11. Septem- ber 2023 sei aufzuheben und das SEM anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzufüh- ren. Eventualiter sei sie aufzuheben und zur rechtsgenüglichen Sachver- haltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien unver- züglich anzuweisen, von einer Überstellung nach Kroatien abzusehen, bis das Gericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Prozessführung zu ge- währen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. H. Am 27. September 2023 setzte die Instruktionsrichter in den Vollzug der Überstellung gemäss Art. 56 VwVG superprovisorisch einstweilen aus. I. I.a Mit Zwischenverfügung vom 28. September 2023 stellte die Instrukti- onsrichterin fest, der Beschwerdeführer gelte aktenkundig seit dem 4. Sep- tember 2023 als verschwunden und forderte dessen Rechtsvertreterin un- ter Hinweis auf die Säumnisfolge auf, innert Frist den gegenwärtigen Auf- enthaltsort des Beschwerdeführers bekannt zu geben und eine individu- elle, von ihm unterzeichnete Erklärung zu den Akten zu reichen, aus wel- cher sein fortbestehendes Rechtsschutzinteresse hervorgehe. I.b Nach einer einmalig gewährten Fristverlängerung teilte die Rechtsver- treterin innert Frist am 12. Oktober 2023 d en aktuellen Aufenthaltsort des Beschwerdeführers mit und bekräftigte sein telefonisch bestätigtes, fortbe- stehendes Rechtsschutzinteresse. Am 17. Oktober 2023 reichte sie die schriftliche Bestätigung des Rechtsschutzinteresses des Beschwerdefüh- rers sowie von dessen Aufenthaltsort nach. E-5207/2023 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das BVGer zur Beurtei- lung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig und entschei- det über diese in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG) . Die Beschwerde wurde frist - und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) und der Beschwerdefüh- rer ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden – wie die vorliegende – wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Der Beschwerdeentscheid ist nur summarisch zu begründen (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 1.4 Auf einen Schriftenwechsel wurde in Anwendung von Art. 111a Abs. 1 AsylG verzichtet. 2. Die Anträge auf Einräumung der aufschiebenden Wirkung sowie auf Ver- zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses erweisen sich, wie nach- folgend zu zeigen ist, mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache als gegenstandslos. 3. Die Kognition und die zulässigen Rügen umfassen die Verletzung von Bun- desrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die u nrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli- chen Sachverhalts (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 4. 4.1 Der Beschwerdeführer begründet sein Rückweisungsbegehren damit, dass das SEM den medizinischen Sachverhalt, namentlich seine psychi- schen Probleme, unzureichend abgeklärt habe. Es habe darauf verzichtet, eine Einzelfallprüfung vorzunehmen und sich mit der aktuellen Berichter- stattung zur Situation in Kroatien genügend auseinanderzusetzen. Die überwiegend aus Textbausteinen bestehende angefochtene Verfügung E-5207/2023 Seite 6 genüge den Anforderungen an die Untersuchungs - und Begründungs- pflicht nicht. 4.2 Ein Blick in die Akten zeigt, dass das SEM in der angefochtenen Verfü- gung alle wesentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers zur Kenntnis genommen und sich dann ausführlich und detailliert mit ihnen befasst hat. Sowohl die geltend gemachten Erlebnisse in Kroatien als auch die gesund- heitlichen Probleme gehen umfassend aus dem Sachverhalt der Verfügung hervor und sind in die Entscheidfindung eingeflossen. Das SEM hat sich sodann mit der Situation in Kroatien auseinandergesetzt und die in vielen Berichten aufgegriffene Problematik in diesem Land er- kannt. Es hat die Überlegungen genannt, auf welche es seinen E ntscheid hinsichtlich der Frage des Vorliegens von Überstellungshindernissen im konkreten Einzelfall und vor dem Hintergrund der massgeblichen Recht- sprechung des Bundesverwaltungsgerichts abstützt. Auch hat das SEM die Erkenntnisse aus Abklärungen der Schweizer Botschaft in Kroatien zu den Push-backs und zu Dublin-Rückkehrern in zusammengefasster Form wie- dergegeben und nachvollziehbar aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich hat leiten lassen. Damit hat das SEM das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers ausreichend gewahrt und es bedurfte keiner zusätzli- cher Informationen oder Quellenangaben , zumal zahlreiche der Berichte öffentlich zugänglich sind (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D -324/2021 vom 18. April 2023 E. 4.3 m.H.). Ferner ist d ie angefochtene Verfügung auch so abgefasst, dass der Beschwerdeführer sich über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen konnte, denn es war ihm offensichtlich ohne weiteres möglich, diese sachgerecht anzufechten. Entgegen der in der Be- schwerde vertretenen Auffassung war zur vollständigen Sachverhaltsab- klärung nicht notwendig, den Arzttermin vom 29. August 2023 «einzuse- hen». Aus dem Arztbericht vom 9. August 2023 geht hervor, dass primär die Ein- und Durchschlafstörungen belastend seien, gleichzeitig erklärt er ausdrücklich, dass es i hm (mental) von Tag zu Tag besser gehe und er vermehrt in Kontakt mit anderen Leuten getreten sei. Dass es ihm körper- lich, namentlich hins ichtlich der Knieverletzung, besser gehe, ergibt sich auch daraus, dass er täglich bis 22.00 Uhr Fussball spiele (A31). Folglich durfte das SEM in antizipierender Beweiswürdigung davon ausgehen, es seien keine Diagnosen zu erwarten, welche der Überstellung nach Kroa- tien im Weg stehen könnten. Dies vor dem Hintergrund, dass Kroatien sei- nen Verpflichtungen grundsätzlich nachkommt und der angefochtenen Ver- fügung zu entnehmen ist, dass es auch diesbezüglich alle wesentlichen Umstände des Einzelfalles in seine E ntscheidfindung einbezogen und E-5207/2023 Seite 7 hinreichend begründet hat. Dass sich das SEM nicht mit all den in der Be- schwerde genannten Berichten zur Situation in Kroatien befasst hat, ändert daran nichts. Kommt hinzu, dass der Umstand, dass sich das SEM bei sei- nen Erwägungen auf andere als die vom Beschwerdeführer als opportun erachteten Quellen stützt , respektive zu einer anderen Einschätzung der Lage kommt als der Beschwerdeführer, nicht den Anspruch auf rechtliches Gehör betrifft, sondern die materielle Beurteilung der vorgebrachten Über- stellungshindernisse. Nach dem Gesagten sind die formellen Rügen unbe- gründet. Der Eventualantrag auf Rückweisung der Sache an die Vor -in- stanz ist abzuweisen. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterie n gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (v gl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständig- keitsprüfung nach Kapitel III Dublin -III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). Der Beschwerdeführer hat am 8. April 2023 in Kroatien ein Asylgesuch ein- gereicht und die kroatischen Behörden haben am 22. Mai 2023 innert der massgeblichen Frist von Art. 25 Abs. 1 Dublin -III-VO seiner Wiederauf- nahme zugestimmt. Damit ist die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens gegeben. Auf Beschwerdestufe wird die grundsätzliche Zuständigkeit Kro- atiens zur Behandlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers denn auch ausdrücklich anerkannt. 5.3 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische Schwachstel- len aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden E-5207/2023 Seite 8 Behandlung im Sinn e des Artikels 4 der EU -Grundrechtecharta mit sich bringen würden. Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts wei- sen das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Kroatien keine systemischen Schwachstellen auf (vgl. unter vielen: Urteile des BVGer D- 6160/2023 vom 20. November 2023 E. 9 , F-5409/2023 vom 18. Oktober 2023 E. 5; E-4734/2023 vom 6. Oktober 2023 E. 7.2, je mit Hinweisen auf das Referenzurteil des BVGer E -1488/2020 vom 22. März 2023 E. 9.5). Demnach sind Dublin-Überstellungen nach Kroatien grundsätzlich sowohl in «take-charge» (Aufnahme) als auch in «take -back» (Wiederaufnahme) Verfahren zulässig. Die in der Beschwerdeschrift zitierten Berichte (u.a. Solidarité sans frontières und Droit de rester, Eine Spirale der Gewalt, Dub- lin-Rückführungen nach Kroatien und die Rolle der Schweiz, 28. Juni 2023; Human Rights Watch, «Like We Were Just Animals» – Pushbacks of Pe- ople Seeking Protection from Croatia to Bosnia and Herzegovina, Mai 2023) oder einzelner innerstaatlicher Gerichtsinstanzen vermögen nichts daran zu ändern. Nur der Vollständigkeit halber ist an dieser Stelle anzu- merken, dass das Bundesverwaltungsgericht im Ausland gefällte Verwal- tungsgerichtsurteile zwar berücksichtigen kann, diese indes für das Gericht in keiner Art und Weise verbindlich sind. Eine Übernahme der Zuständig- keit zur Behandlung des Asylgesuchs durch die Schweiz in Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt nicht in Betracht. 5.4 5.4.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel lung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und ist verpflichtet, seinen diesbezüglichen E-5207/2023 Seite 9 völkerrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen. Es darf davon ausge- gangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberk ennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. 5.4.2 Was die vom Beschwerdeführer bei der illegalen Einreise nach Kro- atien geltend gemachten Vorkommnisse (Gewaltanwendung durch die Po- lizei, zu wenig Nahrung, Aufenthalt in einem überfüllten Raum ohne Fens- ter und genügend Sauerstoff) betrifft, anerkennt das Gericht, dass das Ver- halten d er kroatischen Grenzbehörden und die Behandlung von Asylsu- chenden im Rahmen der Erstaufnahme bis zur Gesuchstellung problema- tisch sein können. Demgegenüber vermag er kein konkretes und ernsthaf- tes Risiko darzutun, die kroatischen Behörden würden in seinem Fall bei der Rückkehr ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachkommen. Er wird sich, wie vom SEM zutreffend erläutert, nach der Dublin -Überstel- lung in einer anderen Situation wiederfinden als nach seiner ersten (illega- len) Einreise nach Kroatien. Für den Fall, dass er dennoch von Behörden- vertretern rechtswidrig behandelt w ürde, hätte er sich an das kroatische Justizwesen oder die dortigen Aufsichtsbehörden werden. Der Beschwer- deeinwand, wonach dies möglicherweise mit grösseren Schwierigkeiten verbunden sein könnte als in der Schweiz, ändert daran nichts und weist im Übrigen auch nicht per se auf systemische Schwachstellen im kroati- schen Asylsystem hin (vgl. u.a. Urteil des BVGer F-3745/2023 vom 10. Juli 2023 E. 7.2). Es bestehen sodann keine Gründe für die Annahme, Kroatien werde den Grundsatz des Non -Refoulement missachten und den Be- schwerdeführer zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG ge- fährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Bei einer allfälligen vorübergehenden Ein- schränkung der ihm – nach Einreichung des Asylgesuchs – zustehenden Aufnahmebedingungen könnte er sich nötigenfalls an die kroatischen Be- hörden wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (Art. 26 der Aufnahmerichtlinie). Schliesslich steht ihm die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. Auf die zutreffende Erwägung in der angefochtenen Verfü gung und die entsprechenden Hin- weise kann verwiesen werden. E-5207/2023 Seite 10 5.4.3 Der Beschwerdeführer hat schliesslich keine Erkrankung geltend ge- macht, die aufgrund ihrer Schwere einer Wegweisung nach Kroatien unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK entgegenstehen würde. Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen vermögen nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darzustellen. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab- schiebung – mangels angemessener medizinis cher Behandlung im Ziel- staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichem Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteile des EGMR Pa- poshvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180 -193 m.w.H., bestätigt durch Savran gegen Dänemark 7. Dezember 2021, Grosse Kammer, 57467/15, §§ 121 ff.). Was die beim Beschwerdeführer diagnostizierte PTBS beziehungsweise Anpassungsstörung betrifft, erreicht diese die genannte hohe Schwelle ei- ner schweren Erkrankung offensichtlich nicht. Zutreffend hat das SEM fest- gestellt, dies sei unabhängig von anstehenden ärztlichen Terminen, wie etwa dem Folgetermin vom 29. August 2023, der Fall. Kein Überstellungs- hindernis liegt offenkundig auch in den auf Beschwerdeebene erneut gel- tend gemachten Knieproblemen, zumal der Beschwerdeführer selbst an- gegeben hat, er spiele täglich Fussball (vgl. vorstehend E. 4.2). Entgegen seinen Vorbringen in der Beschwerde ergeben sich auch keine Anhalts- punkte für die Annahme, dass – sollte er darauf angewiesen sein – die erforderliche medizinische Betreuung mit den notwendigen Untersuchu n- gen und Therapien in Kroatien nicht verfügbar respektive zugänglich wä- ren. Vielmehr ist bekannt, dass Kroatien über eine ausreichende medizini- sche Infrastruktur verfügt (vgl. Referenzurteil E -1488/2020 E. 10.2 und E. 10.3). Auch müssen die Mitgliedstaaten den Antragstellenden die erfor- derliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich machen (Art. 19 Abs. 1 Auf- nahmerichtlinie); Antragsstellenden mit besonderen Bedürfnissen ist so- dann die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe, einschliesslich psychologischer Betreuung, zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtli- nie). Zutreffend hat das SEM festgestellt, Kroatien halte sich an seine dies- bezüglichen Verpflichtungen. Schliesslich bieten in Kroatien n ebst den staatlichen Einrichtungen auch Nichtregierungsorganisationen Hilfestel- lung bei der psychologischen Betreuung von Asylsuchenden an. Dass Médecins du Monde als eine von mehreren karitativen Einrichtungen zur E-5207/2023 Seite 11 medizinischen Versorgung von Asylsuchenden in Kroatien ihre Tätigkeit eingestellt habe, ändert daran nichts. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, sofern er nach Kroatien zu- rückkehren müsse, würden sich die suizidalen Tendenzen (wieder) verstär- ken), kann er auch daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten. Ein Vollzug der Wegweisung verstösst nämlich nicht gegen Art. 3 EMRK, solange der wegweisende Staat Massnahmen ergreift, um die Um setzung einer ent- sprechenden Suiziddrohung zu verhindern . Die schweizerischen Behör- den, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, werden dem aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers sowie allfälligen suizidalen Tendenzen bei der Organisation der Überstellung nach Kroatien Rechnung tragen (Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO). Sie ha- ben die kroatischen Behörden demnach rechtzeitig vor der Überstellung in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände zu infor- mieren und sicherzustellen, dass die entsprechenden medizinischen Akten überstellt werden. Die dazu notwendige Zustimmung hat der Beschwerde- führer am 3. Mai 2023 erteilt (A16). Allfällige Medikamente sind mitzuge- ben. 5.4.4 Aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer über Verwandte in der Schweiz verfügt, kann er sodann nichts zu seinen Gunsten ableiten , auch wenn verständlich ist, dass er aufgrund dieser Beziehungen gerne in der Schweiz sein Asylverfahren durchlaufen möchte. S eine (…) sowie seine entfernteren Verwandten gelten nicht als Familienangehöriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO und Hinweise auf ein besonderes Ab- hängigkeitsverhältnis sind weder dargetan noch ersichtlich. 5.4.5 Eine Überstellung nach Kroatien erweist sich demnach als zulässig und es liegen keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt der Schweiz nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO vor. 5.5 Gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylgesuch «aus huma- nitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Entscheidung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgericht darf sein eigenes Er- messen nicht an dessen Stelle setzen (vgl. BVGE 2015/9 E. 7.6 und E. 8.1 in fine). E-5207/2023 Seite 12 Die angefochtene Verfügung ist auch unter dem Blickwinkel der Anwen- dung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht zu beanstan- den. Der Sachverhalt ist hinreichend erstellt und den Akten sind keine Hin- weise auf einen Ermessensmissbrauch zu entnehmen (vgl. auch oben E. 4). 6. Das SEM ist demnach zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh- rers nicht eingetreten und hat seine Wegweisung nach Kroatien angeord- net (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG und Art. 44 AsylG). Die angefochtene Ver- fügung erweist sich als rechtmässig (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und die Be- schwerde ist abzuweisen. 7. Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren zum Zeitpunkt der Gesuchstellung als aussichtslos zu bezeichnen waren. Damit ist eine der kumulativen Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem unterliegenden Be- schwerdeführer aufzuerle gen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-5207/2023 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerde- führer auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Ulrike Raemy Versand: