<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 139 S.599</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">599</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>139 Volksschule. Bei eigenem Angebot ist eine Schulgemeinde nicht befugt,</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Schülerinnen und Schüler gegen ihren Willen bzw. ohne Vorliegen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>spezialrechtlicher Bestimmungen (wie bspw. bei Sonderschulung,</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Heimeinweisung, disziplinarischen Gründen etc.) in einer anderen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Gemeinde beschulen zu lassen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Erziehungsrates vom 27. April 2000 in Sachen R. B. gegen</span><br/> <span class="ft2">den Entscheid des Bezirkschulrates Z.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1. Die Schulpflege K. stützt ihren Entscheid letztlich auf § 6</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 Schulgesetz vom 17. März 1981 (SchulG; SAR 401.100),</span><br/> <span class="ft4">welcher besagt, dass die Schulpflicht in der Regel in den öffentlichen</span><br/> <span class="ft4">Schulen der Wohngemeinde oder des Schulkreises, zu dem die</span><br/> <span class="ft4">Wohngemeinde gehört, zu erfüllen ist. Es wird sinngemäss vorge-</span><br/> <span class="ft4">bracht, die vorliegenden Umstände würden eine Abweichung vom in</span><br/> <span class="ft4">§ 6 Abs. 1 statuierten Regelfall erlauben.</span><br/> <span class="ft4">2. a) Die verwaltungsrechtlichen Normen unterliegen den</span><br/> <span class="ft4">üblichen Methoden der Gesetzesauslegung, welche zum Ziel hat, den</span><br/> <span class="ft4">rechtsverbindlichen Sinn eines Rechtssatzes, über dessen Tragweite</span><br/> <span class="ft4">Unklarheiten bestehen, zu ermitteln. Zur Anwendung gelangen somit</span><br/> <span class="ft4">die grammatikalische, historische, zeitgemässe, systematische und</span><br/> <span class="ft4">teleologische Auslegungsmethode (vgl. zum Ganzen Ulrich Häfelin/</span><br/> <span class="ft4">Walter Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, 2. Auflage, Zürich</span><br/> <span class="ft4">1988, Rz. 58 ff; Ulrich Häfelin/Georg Müller, Grundriss des Allge-</span><br/> <span class="ft4">meinen Verwaltungsrechts, 2. Auflage, Zürich 1993, Rz. 173 ff.).</span><br/> <span class="ft4">b) Die grammatikalische Auslegung stellt primär auf den Wort-</span><br/> <span class="ft4">laut einer Bestimmung ab. Diese führt in casu zum Ergebnis, dass § 6</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 u. 2 SchulG den Regelfall bzw. Ausnahmetatbestand des un-</span><br/> <span class="ft4">entgeltlichen Regelschulortes regeln. Ob der Ausnahmetatbestand</span><br/> <span class="ft4">auch aus der Sicht der Schulpflegen anwendbar ist und damit ihren</span><br/> <span class="ft4">Handlungsspielraum in Bezug auf § 73 SchulG erweitert ist, bleibt</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">600</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">offen. Die subjektiv-historische Auslegung stellt auf den Willen des</span><br/> <span class="ft4">Gesetzgebers zum Zeitpunkt des Erlasses ab. Anhaltspunkte liefern</span><br/> <span class="ft4">insbesondere die Materialien der Gesetzesnorm. In den Materialien</span><br/> <span class="ft4">zu § 6 des Schulgesetzes vom 17. März 1981 finden sich keine Hin-</span><br/> <span class="ft4">weise darauf, dass der Gesetzgeber dieser Norm eine andere Bedeu-</span><br/> <span class="ft4">tung, als diejenige der Statuierung des unentgeltlichen Regelschul-</span><br/> <span class="ft4">ortes, hätte zukommen lassen wollen. Auch die objektiv-historische</span><br/> <span class="ft4">Auslegung, welche auf die Bedeutung abstellt, die einer Norm durch</span><br/> <span class="ft4">die allgemeine Betrachtung zur Zeit ihrer Entstehung gegeben wird,</span><br/> <span class="ft4">führt zu keinem anderen Ergebnis, ebensowenig die zeitgemässe</span><br/> <span class="ft4">Auslegung, welche auf das Normverständnis zur Zeit der Rechtsan-</span><br/> <span class="ft4">wendung abstellt. Die systematische Auslegung bestimmt den Sinn</span><br/> <span class="ft4">einer Norm durch ihr Verhältnis zu anderen Rechtsnormen und durch</span><br/> <span class="ft4">den systematischen Zusammenhang, in dem sie sich im Gesetzeser-</span><br/> <span class="ft4">lass präsentiert. § 6 SchulG erscheint unter der Marginalie "Unent-</span><br/> <span class="ft4">geltlicher Schulort Volksschule". Abs. 1 regelt den Regelfall, Abs. 2</span><br/> <span class="ft4">die Rechtsfolge, wenn ohne wichtige Gründe vom Regelfall abgewi-</span><br/> <span class="ft4">chen wird, d.h. konkret das Entfallen der Unentgeltlichkeit. Auch</span><br/> <span class="ft4">daraus kann kein anderer Schluss gezogen werden, als dass durch § 6</span><br/> <span class="ft4">SchulG nichts anderes als der Ort, an welchem die Volksschule un-</span><br/> <span class="ft4">entgeltlich besucht werden kann, geregelt wird.</span><br/> <span class="ft4">c) Die teleologische Auslegung stellt auf Sinn und Zweck einer</span><br/> <span class="ft4">Norm ab; der Wortlaut einer Norm soll nicht isoliert, sondern im</span><br/> <span class="ft4">Zusammenhang mit den Zielvorstellungen des Gesetzgebers be-</span><br/> <span class="ft4">trachtet werden. Es ist unbestritten, dass man grundsätzlich davon</span><br/> <span class="ft4">ausgehen kann und muss, dass ein Kind - wenn immer möglich - in</span><br/> <span class="ft4">seiner Wohngemeinde beschult wird. Ausnahmen können sich na-</span><br/> <span class="ft4">mentlich ergeben bei nicht vorhandenem Schulangebot in der Wohn-</span><br/> <span class="ft4">gemeinde oder etwa der Einweisung in ein Heim aufgrund spezial-</span><br/> <span class="ft4">rechtlicher Grundlagen (bspw. Sonderschulung, Erziehungsheim,</span><br/> <span class="ft4">vormundschaftliche Massnahmen). Ebenfalls explizit als Ausnah-</span><br/> <span class="ft4">metatbestand geregelt ist die Versetzung in eine gleiche Klasse des-</span><br/> <span class="ft4">selben oder eines anderen Schulortes aus disziplinarischen Gründen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">601</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">(§ 38a Abs. 2 SchulG). Diese Aufzählung ist abschliessend; d.h. in</span><br/> <span class="ft4">allen anderen Fällen darf ein Kind gegen seinen Willen bzw. gegen</span><br/> <span class="ft4">den Willen der Eltern nicht ausserhalb seiner Wohngemeinde be-</span><br/> <span class="ft4">schult werden. Selbstverständlich steht es den Eltern frei, ihre Kinder</span><br/> <span class="ft4">in einer anderen öffentlichen Schule oder bspw. in einer Privatschule</span><br/> <span class="ft4">beschulen zu lassen. Genau in diesen Fällen greift dann aber § 6</span><br/> <span class="ft4">SchulG, welcher die Rechtsfolge einer Schulung ausserhalb der</span><br/> <span class="ft4">Wohngemeinde ohne wichtigen Grund - d.h. wie erwähnt den Weg-</span><br/> <span class="ft4">fall der Unentgeltlichkeit - regelt. Im Übrigen statuiert § 52 Abs. 3</span><br/> <span class="ft4">SchulG die Pflicht von Gemeinden, welche ein bestimmtes Schulan-</span><br/> <span class="ft4">gebot führen, Kinder aus anderen Gemeinden, welche das entspre-</span><br/> <span class="ft4">chende Angebot nicht führen, aufzunehmen. Selbstverständlich muss</span><br/> <span class="ft4">dies erst recht für Kinder aus der eigenen Gemeinde gelten.</span><br/> <span class="ft4">d) Das Ergebnis der Auslegung ergibt, dass die Adressaten von</span><br/> <span class="ft4">§ 6 Abs. 1 u. 2 SchulG einzig und allein die Schulpflichtigen bzw.</span><br/> <span class="ft4">deren gesetzliche Vertreter sind. Es werden der Regelfall des</span><br/> <span class="ft4">unentgeltlichen Besuchs der Volksschule in der Wohngemeinde bzw.</span><br/> <span class="ft4">die Rechtsfolgen des Schulbesuchs ausserhalb der Wohngemeinde</span><br/> <span class="ft4">ohne wichtigen Grund geregelt. Es ist kein Raum für eine Aus-</span><br/> <span class="ft4">dehnung des Anwendungsbereiches in dem Sinn, als die Gemeinden</span><br/> <span class="ft4">gegen den Willen der Betroffenen diese ausserhalb der Wohn-</span><br/> <span class="ft4">gemeinden beschulen lassen könnten.</span><br/> <span class="ft4">e) Der Entscheid der Schulpflege erging nicht aus disziplinari-</span><br/> <span class="ft4">schen Gründen und solche stehen auch nicht im Vordergrund; es ist</span><br/> <span class="ft4">offensichtlich die Konstellation der Schülerinnen und Schüler, wel-</span><br/> <span class="ft4">che Probleme macht. Deshalb kommt auch die auswärtige Beschu-</span><br/> <span class="ft4">lung aufgrund von § 38a Abs. 2 SchulG nicht in Frage. Des Weiteren</span><br/> <span class="ft4">sind keine anderen Normen ersichtlich, welche einer Schulpflege die</span><br/> <span class="ft4">entsprechende Kompetenz einräumen würden. (...)</span><br/></div> </div> </body> </html>