B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-139/2020 U r t e i l v o m 1 9 . J u n i 2 0 2 0 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Lorenz Noli, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A.______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), und deren Kinder C._______geboren am (…), D._______, geboren am (…), alle Iran, vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 6. Dezember 2019 / N (…). D-139/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden verliessen ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im Oktober 2016 in Richtung Türkei. Dort hielten sie sich etwa zwei Monate lang auf, bevor sie auf dem Luftweg von Istanbul aus an einen unbekannten Ort, mutmasslich E._______, gelangten. Mit dem Zug und dem Auto setzten sie ihre Reise fort und erreichten am 26. Dezember 2016 die Schweiz. Gleichentags stellten sie im Empfangs- und Verfahrenszent- rum (EVZ) F._______ ein Asylgesuch. A.______ (nachfolgend Beschwer- deführer) und B._______ (nachfolgend Beschwerdeführerin) wurden am 11. Januar 2017 im Rahmen einer Befragung zur Person (BzP) zu ihren persönlichen Umständen, dem Reiseweg sowie summarisch zu ihren Asyl- gründen befragt. Am 3. September 2018 hörte sie das SEM einlässlich an. B. B.a Der Beschwerdeführer machte geltend, er st amme aus G._______ und habe ein Diplom in (…) erworben. Seine Mutter habe beim staatlichen (…) gearbeitet und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass dort (…) gesucht würden. Er habe eine zweijährige Ausbildung zum (…) absolvieren können und danach wie seine Mutter für (…) gearbeitet. Im Jahr 2009 sei er mit seiner Frau in H._______ und nach I._______ gereist, wo sie Konzerte von zwei seiner Cousins besucht hätten. Diese seien Sänger und lebten in den USA, weshalb sie im Iran als Gotteslästerer und Regimegegner bezeichnet würden. Nach der Rückkehr sei er von den Behörden vorgeladen worden. Sie hätten ihm vorgeworfen, er sei allein wegen der Konzerte ins Ausland gereist und habe verschwiegen, dass er im Ausland lebende Verwandte habe. Aus diesem Grund sei er entlassen worden und habe in der Folge eine Stelle bei der Bundesbahn angetrete n. Er habe mehrere Jahre dort gearbeitet und sei namentlich für die Stromversorgung der Züge zuständig gewesen. Sein enger Freund J._______ habe ihn eines Tages gebeten, seinen Bruder K._______ nach L._______ zu begleiten. Letzterer habe im Irak gelebt und in L._______ (…), mit welchen er gehandelt habe, einkau- fen wollen. Im Zug gebe es ein Abteil für die Stromerzeugung, welches nur von den Mitarbeitern betreten werden dürfe. Wenn sie einen entsprechen- den Antrag bei ihren Vorgesetzten gestellt hätten, sei es ihnen erlaubt ge- wesen, einmal pro Monat einen Gast in diesem Abteil mitzunehmen. Viele seiner Kollegen hätten aber jeweils ohne Antrag einfach jemanden mitge- nommen und auch er habe darauf verzichtet, seinen Gast K._______ offi- ziell anzumelden. Er habe diesen am (…) 2016 am Bahnhof getroffen und zum Abteil für Stromerzeugung gebracht. Daraufhin seien sie nach D-139/2020 Seite 3 L._______ gefahren. Nach der Ankunft des Zuges habe er jeweils durch sämtliche Abteile gehen und alles ausschalten müssen. Noch während der Einfahrt in den Bahnhof sei ihm eine Gruppe von Beamten auf dem Bahn- steig aufgefallen, welche direkt in Richtung des Abteils für Stromerzeugung gegangen sei. Er habe seine Arbeit ausgeführt und Abteil für Abteil ausge- schaltet, als er plötzlich gesehen habe, wie die Beamten K._______ aus dem Zug gezerrt, auf den Boden geworfen und ihm Handschellen angelegt hätten. Er habe grosse Angst bekommen und umgehend J._______ ange- rufen und ihm davon erzählt. Dieser habe ihn angewiesen, sich sofort zu entfernen und später wieder an zurufen. Über eine Tür für Angestellte sei er weggegangen und habe J._______ telefonisch kontaktiert. Dieser habe sich bei ihm entschuldigt und ihn darüber informiert, dass K._______ mit der (…)-Gruppierung ([...], nachfolgend […]) zusammengearbeitet habe. Jeder im Iran wisse, dass eine Zusammenarbeit mit solchen Gruppierun- gen die Hinrichtung bedeuten könne. Zuerst habe er zu den Beamten ge- hen und alles erklären wollen. Weil er sich gedacht habe, dass sie ihm – insbesondere angesichts seiner Vorgeschichte und der En tlassung beim staatlichen (…) – nicht glauben würden, habe er davon abgesehen. Er habe versucht, J._______ erneut anzurufen, ihn aber nicht mehr erreichen können. Dann habe er mit seiner Frau telefoniert und sie angewiesen, alle Dokumente, Geld und Schmuck mit sich zu nehmen und zum Garten von M._______, einem Verwandten, zu fahren. Mit einem Taxi habe er den wei- ten Weg nach G._______ zurückgelegt, sich zu seiner Frau begeben und ihr und M._______ die Geschehnisse geschildert. Den Plan, einfach für eine Weile unterzutauchen, habe er wieder verworfen, nachdem M._______ gesagt habe, dass ihn die Behörden früher oder später erwi- schen würden. Aus diesem Grund hätten sie sich schliesslich zur Ausreise entschieden. M._______ habe ihnen einen Schlepper vermittelt, welcher ihn und seine Familie in die Türkei gebracht habe. In der Schweiz sei er exilpolitisch tätig und engagiere sich für die (…). B.b Die Beschwerdeführerin führte aus, sie stamme aus G._______, habe (…) studiert und zuletzt an der freien Universität in N._______ gearbeitet. Im Jahr (…) habe sie den Beschwerdeführer geheiratet und am (…) sei ihre Tochter zur Welt gekommen. Sie machte keine eigenen Asylgründe geltend und erklärte, sie sei ausschliesslich wegen den Problemen ihres Ehemannes ausgereist. Für sie selbst habe keine Gefahr bestanden. Spo- radisch stehe sie in Kontakt mit ihrer Familie und habe erfahren, dass nach ihrer Ausreise einer ihrer Brüder, ihre Mutter sowie ihre Schwiegereltern von den Behörden vorgeladen worden seien. Sie wisse jedoch nicht genau, D-139/2020 Seite 4 wozu man sie befragt habe. Aus Angst davor, dass die Gespräche abgehört würden, hätten sie am Telefon nichts Genaueres erzählt. B.c Als Beweismittel reichten die Beschwerdeführenden folgende Unterla- gen zu den Akten: ihre Shenasnameh sowie jene ihrer Tochter im Original, Kopien ihrer Melli-Karten und ihrer Heiratsurkunde, vier Ausweise des Be- schwerdeführers sowie diverse medizinische Unterlagen. B.d Am (…) brachte die Beschwerdeführerin den Sohn D._______ zur Welt. C. Mit Verfügung vom 6. Dezember 2019 – eröffnet am 10. Dezember 2019 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingsei- genschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. D. Mit Eingabe vom 9. Januar 2020 erhoben die Beschwerdeführenden – han- delnd durch ihren Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde gegen diesen Entscheid. Sie beantragten, die angefochtene Ver- fügung sei aufzuheben und die Sache sei zur rechtsgenüglichen Feststel- lung des relevanten Sachverhalts an die Vorinstanz z urückzuweisen. Eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden fest- zustellen und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihnen Asyl zu gewähren. Sub- eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, eine vorläufige Aufnahme an- zuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses und Beiordnung des unterzeichnenden Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand. Zudem sei ihnen Einsicht in die zu den Ak- ten gereichten ärztlichen Dokumente zu gewähren. Als Beweismittel wur- den – neben den Vollmachten, der angefochtenen Verfügung und einer So- zialhilfebestätigung – die Basij-Karte der Mutter des Beschwerdeführers, deren provisorische Anstellungs-Karte, eine Wahlbeobachterkarte des Be- schwerdeführers, ein Leumundszertifikat sowie Briefe mit der Aufforderung zur Leumundsüberprüfung betreffend den Bruder der Beschwerdeführerin, Fotografien des Beschwerdeführers bei verschiedenen Veranstaltungen, ein USB-Stick und zwei Links zu Internetberichten zu den Akten gereicht. E. Der Instruktionsrichter stellte mit Verfügung vom 14. Januar 2020 fest, die D-139/2020 Seite 5 Beschwerdeführenden dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess er das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte Rechtsanwalt Urs Ebnöther als amtlichen Rechtsbeistand ein. Ferner forderte er das SEM auf, über das mit der Be- schwerdeeingabe gestellte Akteneinsichtsgesuch zu entscheiden. F. Die Vorinstanz liess sich mit Schreiben vom 22. Januar 2020 zur Be- schwerde vom 9. Januar 2020 vernehmen und setzte das Gericht darüber in Kenntnis, dass dem Rechtsvertreter die beantrage Einsicht in die zu den Akten gereichten ärztlichen Dokumente gewährt worden sei. G. Mit Eingabe vom 10. Februar 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein, unter Beilage einer Bescheinigung des "(…)" vom 16. Januar 2020, einer CD mit zwei Internetlinks sowie einer Honorarnote. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie- gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind D-139/2020 Seite 6 durch die angefochtene Ver fügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Fre iheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we- gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus- druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat be- stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG). 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM führte in der angefochtenen Verf ügung aus, der Beschwer- deführer habe nicht überzeugend darlegen können, weshalb die geltend D-139/2020 Seite 7 gemachte Mitnahme eines (…)-Mitglieds in seinem Zugabteil für ihn ernst- hafte negative Konsequenzen hätte haben sollen. Seine diesbezüglichen Befürchtungen seien led iglich Vermutungen. Weder habe er K._______ vorher gekannt noch gewusst, dass dieser für die (…) tätig gewesen sei. Seiner Biografie liessen sich keinerlei Hinweise auf frühere Kontakte zur (…) oder sonstigen illegalen Organisationen entnehmen. Zudem sei er per- sischer und nicht kurdischer Ethnie und es sei nicht ersichtlich, weshalb ihm die Behörden Verbindungen zur (…) – einer kurdischen Organisation – hätten unterstellen sollen. Ebenso wenig gebe es Gründe für die An- nahme, dass seine mehrere Jahre zurückliegende Entlassung wegen Kon- zertbesuchen ein belastender Faktor hätte darstellen können. Nicht plausi- bel sei auch, dass e r aufgrund des Umstands, dass er die Mitnahme von K._______ nicht wie vorgeschrieben gemeldet habe, Probleme erhalten hätte. Vielmehr habe er erklärt, dies sei üblich gewesen. Offenbar hätten die iranischen Behörden auch gewusst, wo im Zug sich K._______ befun- den habe. Entsprechend hätten sie auch wissen müssen, dass er von ei- nem Zugmitarbeiter mitgenommen worden sei. Hätten sie ein Interesse am Beschwerdeführer gehabt, so hätten sie ihn zweifellos ebenfalls direkt im Zug festnehmen können. Schliesslich könnten auch die angeblichen Be- fragungen von Familienmitgliedern nach der Ausreise nicht belegen, dass er im Iran mit asylrelevanten Nachteilen hätte rechnen müssen. Somit er- wiesen sich seine Vorbringen als nicht asylrelevant und es erübrige sich, auf deren Glaubhaftigkeit einzugehen. Der Vollständigkeit halber werde da- rauf hingewiesen, dass diesbezüglich einige Zweifel angebracht seien. Sodann bringe der Beschwerdeführer vor, er arbeite in der Schweiz mit den (…) zusammen. Zwar interessierten sich die iranischen Behörden grund- sätzlich für die exilpolitischen Aktivitäten ihrer Staatsangehörigen. Es sei jedoch davon auszugehen, dass sie sich bei der Überwachung dieser Tä- tigkeiten auf Personen konzentrierten, welche aus der Masse der regime- kritischen Personen hervorträten und als ernsthafte Bedrohung für das Re- gime wahrgenommen würden. Die vorliegend geltend gemachten Tätigkei- ten für die (…) könnten keine Furcht vor einer flüchtlingsrelevanten Verfol- gung bei einer Rückkehr begründen, da nicht zu erkennen sei, dass sich der Beschwerdeführer dabei persönlich exponiert hätte. Anhaltspunkte für die Annahme, im Iran seien aufgrund seiner exilpolitischen Aktivitäten be- hördliche Massnahmen gegen ihn eingeleitet worden, gebe es keine. Es sei nicht davon auszugehen, dass er von den iranischen Behörden als Be- drohung wahrgenommen werde und ihm deshalb eine Verfolgung drohen D-139/2020 Seite 8 würde. Insgesamt verfüge er nicht über ein politisches Profil, aufgrund des- sen er bei einer Rückkehr einer konkreten Gefährdung ausgesetzt werden könnte. Den Vollzug der Wegweisung erachtete das SEM als zulässig, zumutbar und möglich. Insbesondere hätten die Beschwerdeführenden Hoch schul- abschlüsse sowie Arbeitserfahrung und ihre finanzielle Situation sei gut ge- wesen. Zudem hätten sie zahlreiche Verwandte im Iran, welche sie bei der Reintegration unterstützen könnten. Es sei auch anzunehmen, dass die von ihnen geltend gemacht en gesundheitlichen Probleme nötigenfalls in der Heimat behandelt werden könnten. 4.2 Auf Beschwerdeebene wurde geltend gemacht, dass der Sachverhalt in einigen Punkten ergänzt werden müsse. Der Beschwerdeführer habe bei der Anhörung nicht all seine Erlebnisse im Deta il schildern können, da er teilweise mehrfach unterbrochen und angehalten worden sei, sich kurz zu fassen. Er habe deshalb angenommen, die bereits einige Jahre zurücklie- genden Vorfälle nach dem Konzertbesuch seien für die Schweizer Behör- den nicht wichtig. Es gelte aber, diese ebenfalls zu berücksichtigen, wobei es dem Beschwerdeführer nicht zum Nachteil gereichen dürfe, dass er diesbezüglich nicht alles erzählt habe. Seine Vorbringen dürften insbeson- dere nicht als nachgeschoben und damit unglaubhaft qualifi ziert werden. Nach der Rückkehr aus dem Ausland sei er damals vom O._______ vor- geladen worden, wobei es sich um Sittenwächter handle, welche dem geistlichen Führer Ali Chamenei unterstellt seien. Bei seiner Anstellung als (…) habe er ein Formular ausfüllen müssen und dabei verschwiegen, dass er familiäre Beziehungen zu Oppositionellen – den beiden Cousins – habe sowie dass ein Onkel von ihm bei den (…) gewesen und nach der islami- schen Revolution hingerichtet worden sei. Sein Dossier sei deswegen an den Ettelaat (iranischer Geheimdienst) weitergeleitet worden. Dieser habe ihn zweimal verhört, wobei er festgehalten und geschlagen worden sei. Be- reits zuvor habe er an (…) gelitten, welche nach dieser körperlichen Miss- handlung chronisch geworden seien. Anlässlich des Verhörs sei ihm vor- geworfen worden, er habe interne Informationen, welche er durch seine Position als (…) erlangt habe, an seine Cousins weitergeleitet; er sei des- halb als Spion bezeichnet worden. In der Folge habe er ein Formular un- terzeichnen und diesen Vorwürfen zustimmen müssen. Gleichzeitig sei ihm gesagt worden, dass er bei jedem weiteren Zwischenfall di e gesamten Konsequenzen zu tragen habe. Er habe seine Anstellung verloren und es sei ihm untersagt worden, je wieder bei einem staatlichen Betrieb zu arbei- ten. Zu den Ereignissen nach der Ausreise sei ergänzend auszuführen, D-139/2020 Seite 9 dass ihre Familienmitglieder von den Behörden erheblich drangsaliert wor- den seien. Obwohl die Mutter des Beschwerdeführers innerhalb der (…) als Basij arbeite, sei ihre Anstellung in eine provisorische umgewandelt worden. Diese müsse nun alle sechs Monate erneuert werden. Auch ein Bruder der Beschwerdeführerin habe Probleme bekommen. Im Rahmen seiner Funktion habe er in der Vergangenheit seinen Schwager, den Be- schwerdeführer, als Wahlbeobachter eingesetzt. Nach dessen Ausreise sei er mehrmals aufgefordert worden, ein Leumundszeugnis einzu reichen; diese Schikane hänge offensichtlich mit der Flucht zusammen. Der Bruder des Beschwerdeführers sei zwischenzeitlich aufgrund der Probleme , wel- che ihre Familien nach der Ausreise gehabt hätten, ebenfalls aus dem Iran geflüchtet und habe in den USA e in Asylgesuch gestellt. Zum exilpoliti- schen Engagement sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in der Schweiz Mitglied der (…) geworden sei. Er nehme regelmässig an De- monstrationen und Standaktionen dieser Organisation teil und sei bei An- lässen oft für die (…) verantwortlich. Die eingereichten Fotografien und Vi- deoaufnahmen zeigten ihn mit Flaggen und regimekritischen Transparen- ten an Kundgebungen. Bei zwei der Videos handle es sich um die offizielle Berichterstattung eines oppositionellen TV-Kanals. Zudem seien seine po- litischen Aktivitäten im Internet abrufbar. Mit ihrer Argumentation, dass die Mitnahme eines (…)-Mitglieds für den Beschwerdeführer nicht asylrelevant sei, verkenne die Vorinstanz die tat- sächlichen und politischen Gegebenheiten im Iran. Einem Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) lasse sich entnehmen, dass die iranischen Behörden Personen mit Verbindungen zu separatistischen kur- dischen Parteien wie der (…) verfolgen würden. Auch friedliche Aktivitäten im Zusammenhang mit der Forderung nach einem unabhängigen kurdi- schen Staat würden nicht toleriert und es sei schwierig zu sagen, wann die kritische Grenze bei solchen Handlungen überschritten werde. Es sei un- bestritten, dass K._______ Mitglied der separatistischen (…) gewesen und unmittelbar nach der Ankunft in L._______ verhaftet worden sei. Der Be- schwerdeführer habe diesen Transport ermöglicht, was ihn zum Gehilfen von K._______ mache. Die iranischen Behörden werde es nicht sonderlich interessieren, ob er von dessen Engagement gewusst habe oder nicht, be- ziehungsweise würden sie ihm diese innere Tatsache kaum glauben. Es sprächen denn auch mehrere Indizien gegen ihn. So sei K._______ der Bruder seines langjährigen Freundes und er habe sich verdächtig ge- macht, indem er die Mitnahme nicht ordnungsgemäss gemeldet habe. Die Flucht direkt nach der Verhaftung vom K._______ mache ihn zusätzlich verdächtig. Erschwerend komme hinzu, dass er den Behörden aufgrund D-139/2020 Seite 10 des früheren Konzertbesuchs bereits bekannt gewesen sei. Damals habe er auch eine Erklärung unterschreiben müssen, dass ihm gegenüber fortan eine Null-Toleranz gelte und er sich nichts mehr zuschulden kommen las- sen dürfe. Die heimliche Mitnahme eines offensichtlich gesuchten politi- schen Aktivisten sei zweifellos als s olcher Verstoss zu werten. Sodann lasse die Vor instanz ausser Acht, dass die Rechtsstaatlichkeit im Iran grundlegende Defizite aufweise. Es gebe keine Standards für die Anklage und Bestrafung von politischen Aktivisten, weshalb diese je nach Gericht und Richter sehr unterschiedlich ausfielen. Dabei sei es irrelevant, dass der Beschwerdeführer selbst kein Kurde sei. Durch sein Verhalten, seine Kontakte mit Kurden und die Mitnahme eines (…)-Mitglieds habe er in den Augen der iranischen Behörden mit deren Forderungen nach Unabhängig- keit sympathisiert. In der Summe weise er ein höchst verdächtiges Profil auf, welches ausreichen könne, damit gegen ihn eine Anklage wegen Un- terstützung einer Terrororganisation fabriziert werde. Entgegen der Auffas- sung der Vor instanz liessen die zahlreichen Befragungen, Vorladungen und beruflichen wie privaten Nachteile, welchen die Familienangehörigen der Beschwerdeführenden nach ihrer Ausreise ausgesetzt gewesen seien, darauf schliessen, dass der Beschwerdeführer sehr wohl in den Fokus der iranischen Behörden geraten sei. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer entscheidwesentliche Angaben im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens nicht habe erzählen können, da er unterbrochen und explizit darauf hingewiesen worden sei, er solle sich hinsichtlich der Konsequenzen seines Konzer tbesuchs um Ausland kurz fassen, stelle eine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Die ange- fochtene Verfügung sei daher auf zuheben und die Sache sei an die Vor- instanz zurückzuweisen. Die Schilderung dieser Ereignisse habe idealer- weise im Rahmen einer Anhörung zu erfolgen, in welcher Nachfragen ge- stellt und die Angaben auf ihre Glaubhaftigkeit überprüft werden können. Zur Begründung des Eventualantrags wurde ausgeführt, dass die Vor - instanz den herabgesetzte n Beweisanforderungen gemäss Art. 7 AsylG nicht ausreichend Rechnung getragen habe. Aufgrund angeblich mangeln- der Asylrelevanz habe sie es unterlassen, die Vorbringen des Beschwer- deführers auf ihre Glaubhaftigkeit hin zu prüfen. Die pauschale Erkenntnis, die Aussagen seien in einigen wesentlichen Punkten nicht glaubhaft , gründe auf einer zu restriktiven Handhabung der Beweisregel von Art. 7 AsylG, zumal die aufgeführten Zweifel ohne Weiteres ausgeräumt werden könnten. Die Schilderungen des Beschwerde führers seien detailliert, wi-D-139/2020 Seite 11 derspruchsfrei und enthielten zahlreiche Realkennzeichen. Die glaubhaf- ten Aussagen würden vorliegen d allfällige Unstimmigkeiten klar überwie- gen. In den Augen des iranischen Regimes habe sich der Beschwerdefüh- rer als Unterstützer der (…), welche im Ira n als Terrororganisation gelte, schuldig gemacht. Er werde somit von den heimatlichen Behörden als Re- gimegegner und Terrorist angesehen. Das iranische Regime gehe bei mut- masslicher politischer Aktivität im Zusammenhang mit kurdischen Themen willkürlich vor, die Bestrafung sei oft unmenschlich und es werde auch die Todesstrafe verhängt. Zudem sei die Menschenrechtslage im Iran prekär. Bei einer Rückkehr drohe dem Beschwerdeführer, dass er umgehend ver- haftet und aufgrund einer fabrizierten An klage zu einer langjährigen Haft- strafe verurteilt werde. Dabei sei nicht ausgeschlossen, dass er Folter er- leide oder gar die Todesstrafe verhängt werde, ohne dass er sich in einem fairen Verfahren dagegen wehren könnte. Der Beschwerdeführerin und den beiden Kindern drohe wiederum eine Reflexverfolgung aufgrund ihres Ehemannes beziehungsweise Vaters. Nachdem die Familie der Beschwer- deführerin aufgrund der Verwicklungen ihres Ehemannes ebenfalls drang- saliert worden sei, erscheine ihre Furcht, Opfer von Reflex verfolgung zu werden, objektiv nachvollziehbar. Schliesslich sei durch diverse Fotografien, Videos und Berichterstattungen nachgewiesen, dass sich der Beschwerdeführer seit seiner Ankunft in der Schweiz in der iranischen Oppositionsgruppierung (…) engagiert habe. Diese gälten im Iran als terroristische Organisation und würden von den Behörden als feindliche Bedrohung verstanden. Für Personen mit Verbin- dungen zu den (…) bestehe eine grosse Gefahr, bei einer Rückkehr durch das iranische Regime verfolgt und i nhaftiert zu werden. Die Anwendung von Folter in Haft sei im Iran weit verbreitet. Da die iranischen Sicherheits- behörden die exilpolitische Szene mit ausgeklügelten Mitteln und Metho- den überwachten, sei davon auszugehen, dass sie Kenntnis vom Engage- ment des Beschwerdeführers hätten. In seinem Fall komme hinzu, dass er den Behörden bereits vor seiner Flucht bekannt gewesen sei und sich die exilpolitischen Aktivitäten im Internet abrufen liessen. Als offizielles Mitglied und durch sein ständiges Engagement – als Verantwortlicher für die (…) – habe er sich zudem durchaus in einem gesteigerten Masse persönlich ex- poniert. Zum Wegweisungsvollzug sei festzuhalten, dass eine allfällige Rückkehr die Beschwerdeführenden in eine wirtschaftliche Notlage stürzen würde. Es sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nicht mehr bei der Bahn arbeiten könne, und von allen staatlichen Betrieben sei er bereits D-139/2020 Seite 12 ausgeschlossen. Auch die Beschwerdeführerin könnte nach den Ereignis- sen nicht mehr an der staatlichen Universität arbeiten. Die Vorinstanz ver- kenne auch, dass sich ihre Familien ebenfalls in schwierigen beruflichen Situationen befänden und eine Unterstützung der Beschwerdeführenden sie wohl in die Arbeitslosigkeit stürzen würde. Zudem leide die Beschwer- deführerin an einer (…)-Erkrankung und der Zugang zu Medikamenten im Iran habe sich aufgrund der US-Sanktionen massiv verschlechtert. Insge- samt drohe den Beschwerdeführenden im Falle einer Rückkehr eine kon- krete Gefährdung, weil sie in eine medizinische und persönliche Notlage geraten würden. Der Vollzug der Wegweisung sei daher unzumutbar. 4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, der Beschwerdeführer bringe vor, er habe in der Anhörung nicht alle Folgen seines K onzertbe- suchs schildern können. Hierzu sein anzumerken, dass er seine Entlas- sung infolge des Konzertbesuchs sowohl an der BzP als auch bei der An- hörung erwähnt habe. Es erstaune daher, dass er die angeblichen – eben- falls auf den Konzertbesuch zurückgehenden – Verhöre beim Geheim- dienst nicht zumindest kurz hätte erwähnen können. Bei der BzP habe er auf die Frage nach persönlichen Problemen mit dem Staat nur die Entlas- sung erwähnt und explizit verneint, dass ihm abge sehen davon je etwas zugestossen sei. Trotz zahlreicher Fragen zu seiner Bedrohungssituation nach dem Vorfall mit K._______ habe er keine besteh ende Vorbelastung wegen früheren Ereignissen erwähnt. Die geltend gemachten Verhöre durch den Geheimdienst seien somit nicht glaubhaft. Zu den exilpolitischen Aktivitäten sei anzumerken, dass die eingereichten Beweismittel den Be- schwerdeführer zwar mit Plakaten zeigten, wobei er aber weder persönlich besonders auffalle noch sich exponiere. Zudem sei eine eigentliche Mit- gliedschaft bei den (…) nicht belegt. Es sei nicht davon auszugehen, dass er wegen seiner exilpolitischen Tätigkeiten ein Profil aufweise, aufgrund dessen er von den iranischen Behörden als Bedrohung wahrgenommen werden würde und bei einer Rückkehr mit einer konkre ten Gefährdung rechnen müsste. 4.4 In der Replik wurde geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe be- reits bei der BzP angegeben, dass er im Zusammenhang mit der Entlas- sung beim (…) vor Gericht gestanden habe. Es habe jedoch keine An- schlussfragen zu diesem Thema gegeben. Bei der Anhörung sei er bei sei- nen Ausführungen zur Entlassung unterbrochen und angehalten worden, lediglich in Kurzform über deren Grund zu berichten. Dieser Aufforderung sei er nachgekommen und im Verlauf der Anhörung sei er von sich aus D-139/2020 Seite 13 nicht mehr darauf zurückgekommen, sondern habe die ihm gestellten Fra- gen beantwortet. Dass er dabei mit keinem Wort auf das Gerichtsverfahren im Rahmen der Entlassung angesprochen worden sei, müsse als Verlet- zung des Untersuchungsprinzips qualifiz iert werden. Zum exilpolitischen Engagement werde eine Bestätigung von P ._______, dem Präsidenten des "(…)" zu den Akten gereicht. Darin würden die besonderen Aufgaben des Beschwerdeführers und auch der politische Hintergrund seiner Familie dargelegt. Diese beiden Umstände würden ihn von den übrigen Demonst- rationsteilnehmenden abheben. 5. 5.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu prüfen sind, da sie unter Umständen geeignet sein könnten, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Gerügt wird eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, da der Beschwerdeführ er bei der Anhörung ent- scheidwesentliche Angaben nicht habe erzählen können . Weiter habe er bereits bei der BzP erwähnt, dass er im Zusammenhang mit seiner Entlas- sung vor Gericht gestanden habe. Es seien aber keine Anschlussfragen dazu gestellt worden und es sei insbesondere nicht gefragt worden, ob das Verfahren zu einer Verurteilung geführt habe und gegebenenfalls zu wel- cher. Im Rahmen der Anhörung sei er zu keinem Zeitpunkt auf das Ge- richtsverfahren angesprochen worden, was als Verletzung des Untersu- chungsgrundsatzes qualifiziert werden müsse. 5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderer- seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein- greift. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Er- lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, Beweise beizubrin- gen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen ge- hört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mit- zuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn die- ses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtli- ches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vg l. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle D-139/2020 Seite 14 form- und fristgerechten Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klä- rung der konkreten Streitfrage geeignet und erforderlich erscheinen. Der Sachverhalt wird von der Behörde gemäss Art. 12 VwVG von Amtes wegen festgestellt, wobei sie sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufgelis- teten Beweismittel bedient. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze aber an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 13 VwVG; Art. 8 AsylG). 5.3 Vorliegend wurden auf Beschwerdeebene ergänzende Ausführungen zu den Ereignissen gemacht, welche sich im Anschluss an den Konzertbe- such der Beschwerdeführenden im Ausland ereignet haben sollen. Der Be- schwerdeführer habe diesbezüglich anlässlich der Anhörung keine voll- ständigen Angaben machen können, weil er mehrfach unterbrochen und angehalten worden sei, sich kurz zu fassen. Tatsächlich begann der Be- schwerdeführer bei der Anhörung auf die Frage hin, weshalb er entlassen worden sei, von einem Zusammenstoss mit Jugendlichen – Anhängern von Ahmadinejad – im Rahmen der Berichterstattung zu den Wahlen von 2009 zu erzählen. Dieser Vorfall sei dem O._______ bekannt geworden. Er fuhr fort, dass er nach den Wahlen nach I._______ und H._______ gereist sei für ein Konzert (vgl. A42, F28). Diese Aussagen erwecken tatsächlich den Anschein, als würde der Beschwerdeführer abschweifen von der eigentli- chen Frage, weshalb er entlassen worden sei. Es ist deshalb nachvollzieh- bar, dass er vom zuständigen Sachbearbeiter unterbrochen und aufgefor- dert wurde, in Kurzform zu erzählen, wie der Zusammenstoss mit den Ju- gendlichen zur Entlassung geführt habe. Die Antwort des Beschwerdefüh- rers, dies sei nicht der Grund des R auswurfs gewesen und er müsse das näher erklären, bestätigt den Eindruck, dass er bei seinen Ausführungen sehr weit ausgeholt hatte (vgl. A42, F29). Entsprechend wurde er erneut aufgefordert, den Grund für die Entlassung in Kurzform zu schildern. Der Beschwerdeführer kam dem nach, indem er von seinen Cousins, dem Kon- zertbesuch, der Vorladung durch den O._______ und den ihm gemachten Vorwürfen erzählte. Weiter führte er aus, dass er zuerst suspendiert und schliesslich entlassen worden sei, weil er bei seiner Anstellung verschwie- gen habe, dass er solche Verwandte im Ausland habe (vgl. A42, F30). Es ist nicht ersichtlich, weshalb es dem Beschwerdeführer nicht möglich ge- wesen sein soll, sich in diesem Rahmen auch zu allfälligen Befragung en durch den Ettelaat, bei welchen er überdies geschlagen worden sein soll, zu äussern. Ebenso hätte er ohne Weiteres von sich aus bei den Fragen zu den Asylgründen auf ein derartiges Ereignis zurückkommen können, zu- mal ein angebliches Verhör durch den Geheimdienst auch vom Beschwer- deführer als bedeutsam im Hinblick auf eine mögliche Verfolgung durch die D-139/2020 Seite 15 heimatlichen Behörden hätte erkannt werden müssen. Es ist nicht davon auszugehen, dass er infolge des Vorgehens des SEM bei der Anhörung nicht ausreichend Gelegenheit gehabt hätte , sich vollständig zu seinen Asylgründen zu äussern. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs aufgrund der Aufforderung, sich hinsichtlich der Entlassung kurz zu fassen, ist daher zu verneinen. 5.4 Sodann sind aus den Akten auch keine anderen Gründe für eine un- richtige oder unvollständige Abklärung des Sachverhalts ersichtlich. In der Replik wurde zwar vorgebracht, es stelle eine Verletzung des Untersu- chungsgrundsatzes dar, dass die Vorinstanz keine weiteren Fragen zum Gerichtsverfahren gestellt habe, welches der Beschwerdeführer bei der BzP erwähnt habe. Dem Protokoll der BzP lässt sich aber entnehmen, dass der Beschwerdeführer ausführte, er habe gegen die Kündigung seiner Ar- beit als (…) eine Beschwerde bei Gericht eingereicht (vgl. A5, Ziff. 1.17.05). Auf die spätere Frage, ob er je im Gefängnis oder vor Gericht gewesen sei, erklärte er, dass er zwar nie im Gefängnis, aber wegen der Entlassung vor Gericht gewesen sei (vgl. A5, Ziff. 7.02). Dabei dürfte es sich um das zuvor erwähnte Beschwerdeverfahren und nicht, wie in der Replik impliziert wird, um ein Strafverfahren gehandelt haben. Es wäre dem Beschwerdeführer auch unbenommen gewesen, ein allfälliges Urteil vorzulegen oder auf Be- schwerdeebene präzisierende Ausführungen zu diesem Gerichtsverfahren zu machen. Er unterlässt es jedoch, weitere Angaben dazu zu machen und darzulegen, inwiefern sich dieses Verfahren auf seine Fluchtgründe aus- gewirkt habe. Ein entsprechender Zusammenhang ist vorliegend nicht er- sichtlich und die Vorinstanz war folglich auch nicht gehalten, diesbezüglich weitere Fragen zu stellen oder Abklärungen zu tätigen. Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes liegt nicht vor. 5.5 Zusammenfassend lassen sich den Akten keine Gründe entnehmen, welche eine Rückweisung der Sache zur Feststel lung des rechtserhebli- chen Sachverhalts und zur Neubeurteilung rechtfertigen könnten. Der da- hingehende Hauptantrag der Beschwerde ist abzuweisen. 6. 6.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ein re- duziertes Beweismass und lässt durchaus Rau m für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen eines Beschwerdeführers. Eine Behaup- tung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahr- heit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält. Von un-D-139/2020 Seite 16 glaubhaften Ausführu ngen ist insbesondere bei wechselnden, wider- sprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen auszuge- hen. Entscheidend ist, ob bei einer Gesamtbeurteilung die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung der Beschwerdeführenden sprechen, überwiegen oder nicht (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2013/11 E. 5.1). 6.2 Vorliegend stellt sich insbesondere die Frage, ob die auf Beschwerde- ebene erstmals erwähnten Konsequenzen der Konzertbesuche im Jahr 2009 als glaubhaft an zusehen sind. Der Beschwerdeführer soll damals nicht nur – wie er anlässlich der Befragungen vorbrachte – bei der (…) entlassen worden sein. V ielmehr sei sein Dossier an den Ettelaat weiter- geleitet worden, welcher ihn zweimal festgehalten, verhört und geschlagen habe. Er sei als Spion bezichtigt worden und habe den Vorwürfen gegen ihn zustimmen sowie erklären müssen, er sei damit einverstanden, bei je- dem weiteren Zwischenfall die gesamten Konsequenzen zu tragen. Weder bei der BzP noch bei der Anhörung erwähnte er auch nur ansatzweise, dass er vom Geheimdienst verhört und mit einem derart erheblichen Vor- wurf konfrontiert worden sei. Zwar führte er bei der BzP aus, er sei als (…) entlassen worden, weil er Konzerte besucht habe. Auf die Frage, ob er je Probleme mit dem Staat gehabt habe, erklärte er, dass ihm bei der Entlas- sung gesagt worden sei, Künstler seien Ungläubige und man dürfe zu die- sen keinen Kontakt haben (vgl. A5, Ziff. 7.01 f.). Es wäre zu erwarten ge- wesen, dass er in diesem Zusammenhang auch allfällige Verhöre durch den Geheimdienst, bei welchen es zu körperlichen Misshandlungen ge- kommen sein soll, erwähnt hätte. Anlässlich der Anhörung schilderte der Beschwerdeführer die Umstände der Entlassung erneut, wobei es zutrifft, dass er aufgefordert wurde, diese in Kurzform zu erzählen. Ein Verhör durch den Ettelaat, erlittene Schläge und der ausdrücklich geäusserte Vor- wurf, er sei ein Spion, wären vom Beschwerdeführer aber wo hl als sehr einschneidende Erfahrung wahrgenommen worden. Dies gilt umso mehr, als er ansonsten keinerlei Probleme mit den Behörden gehabt haben will. Entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung ist daher nicht nachvollziehbar, weshalb die angeblichen Verhöre in den Befragun- gen keine Erwähnung gefunden haben. Die entsprechenden Vorbringen erweisen sich als nachgeschoben und sind als unglaubhaft zu qualifizieren. 7. 7.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, er befürchte aufgrund der Mitnahme von K._______ in seinem Zugabteil, dass er von den iranischen Behörden D-139/2020 Seite 17 verfolgt werde. Es sei bekannt, dass jegliche Mitarbeit bei der (…)-Grup- pierung eine Hinrichtung zur Folge habe. 7.2 Bei der (…) handelt es sich um eine kurdische Partei im Iran, welche ideologisch eng an die Prinzipien der (…) angelehnt ist und bisweilen als deren iranischer Flügel gilt. Sie setzt sich insbesondere für die Selbstbe- stimmung der Kurden ein und strebt eine weitgehende Selbstverwaltung der kurdischen Gebiete an (vgl. UK Home Office, Country Policy and Infor- mation Note, Iran: Kurds and Kurdish political groups, January 2019, […]). Da kurdische Oppositionsparteien im Iran illegal sind, werden deren Mit- glieder und Unterstützer von den Behörden teilweise hart angefasst. Es kommt immer wieder zu Verhaftungen von kurdischen politischen Aktivis- ten oder auch von Personen, welche sich im zivilen oder kulturellen Bereich für die kurdische Sache engagieren (vgl. The Danish Immigration Service, Iranian Kurds - Consequences of political activities in Iran and KRI, Febru- ary 2020, Ziff. 4.1). Auch in der Beschwerdeschrift wird mehrfach aus ei- nem Bericht der SFH zitiert, gemäss welchem kurdische Personen, die ver- dächtigt werden, politisch aktiv zu sein oder die Unabhängigkeit zu unter- stützen, zum Ziel der Behörden werden (SFH, Iran: Gefährdung politisch aktiver kurdischer Personen, 27. September 2018). In den erwähnten Be- richten geht es jedoch stets um ethnische Kurden, welche sich für die Selbstbestimmung oder Unabhängigkeit ihres Volkes einse tzen. Die von einer behördlichen Verfolgung Betroffenen sind in der Regel politisch, kul- turell oder zivilgesellschaftlich aktiv. Demgegenüber ist der Beschwerde- führer persischer Ethnie und aus G._______, mithin nicht aus einem mehr- heitlich von Kurden bewohnten Gebiet. Er war im Iran zu keinem Zeitpunkt politisch aktiv oder Mitglied einer Partei ( vgl. A5, Ziff. 7.02). Seine Mutter ist gemäss den Ausführungen in der Beschwerdeschrift Mitglied der Basij und arbeitet bei einem staatlichen Betrieb, woraus sich ableiten lässt, dass er nicht aus einer oppositionell eingestellten Familie stammt. Zu Recht wies die Vorinstanz auch darauf hin, dass sich der Biografie des Beschwerde- führers keinerlei Hinweise auf frühere Kontakte zur (…) oder sonstigen il- legalen Organisationen entnehmen lassen. Insbesondere geht aus den An- gaben des Beschwer deführers nicht hervor, dass er sich jemals für die Rechte von Kurden engagiert oder die kurdische Sache in irgendeiner Form unterstützt hätte. Seine Aussagen lassen eher darauf schlies sen, dass er nicht einmal genau wusste, um was für eine Organisation es sich bei der (…) handelt. Er führte diesbezüglich lediglich aus, dass die Gruppe gegen die Regierung gerichtet sei und eine Zusammenarbeit mit dieser mit dem Tod bestraft werde (vgl. A 5, Ziff. 7.01; A42, F56, F101 ff.). Auch die Beschwerdeführerin konnte nur angeben, dass jede Zusammenarbeit mit D-139/2020 Seite 18 dieser Gruppierung eine Hinrichtung bedeute, ohne näher auszuführen, weshalb dies so sei respektive wofür sich diese Gruppe eingesetzt habe (vgl. A43, F27 ff). Offensichtlich standen die Beschwerdeführenden in kei- nerlei Verbindung zur (…) und ihre Befürchtungen, aufgrund einer angeb- lichen Zusammenarbeit mit dieser Organisation hart bestraft zu werden, erscheinen äusserst vage. Aus objektiver Sicht ist die einzige Verbindung des Beschwerdeführers zur (…), dass er eine Person, welche er persönlich nicht kannte und die Mitglied bei dieser Gruppierung sein soll, in seinem Zugabteil mitreisen liess. Diese Situation erscheint keineswegs vergleich- bar mit jener eines kurdischen Aktivisten oder eines ethnischen Kurden, welcher sich auf politischer, kultureller oder zivilgesellschaftlicher Ebene für sein Volk einsetzt. 7.3 Es stellt sich die Frage, ob es – neben der Mitnahme von K._______ – weitere Gründe gibt, welche den Beschwerdeführer in den Fokus der Be- hörden hätten geraten lassen können. Die einzigen Probleme, welche er vor diesem Ereignis mit den heimatlichen Behörden hatte, standen im Zu- sammenhang mit dem Besu ch von Konzerten im Jahr 2009 sowie dem Umstand, dass er im Ausland lebende Verwandte habe. Weil er letzteres bei der Anstellung für einen staatlichen (…) verschwiegen habe, sei er dort entlassen worden. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass seine Mutter, welche dieselben Verwandten hat, nach wie vor bei diesem staatlichen (…) beschäftigt ist (vgl. A42, F25 f.). Zwar sei ihre Anstellung in eine provisori- sche umgewandelt worden und sie müsse ihren Ausweis alle sechs Monate verlängern lassen (vgl. Beschwerde schrift, Ziff. 2.2.4). Sie übt aber nach wie vor eine Tätigkeit bei einem staatlichen Betrieb aus und es wurde nicht vorgebracht, dass ihre Anstellung nicht mehr verlängert worden wäre. So- dann wurden d em Beschwerdeführer zu keinem Zeitpunkt Verbindungen zu kurdischen Gruppierungen unterstellt. Auch der Kontakt zu seinem Freund J._______, welcher ebenfalls bei der staatlichen (…) gearbeitet hat (vgl. A42, F105), dürfte als solcher unproblematisch gewesen sein. Wäre J._______ von den iranischen Behörden als Regimegegner oder Unter- stützer einer kurdischen Organisation angesehen worden, hätten diese mit Sicherheit längst für seine Entlassung gesorgt. Die enge Freundschaft zu J._______ (vgl. A42, F43 und F65) hätte der Beschwerde führer den Be- hörden gegenüber problemlos darlegen können. Es ist deshalb nur schwer nachvollziehbar, weshalb er fest davon überzeugt ist, die Behörden hätten ihm nicht geglaubt, dass er den im Irak lebenden K._______ nicht kannte und ihn nur auf Wunsch seines Freundes J._______ in seinem Abteil mit- nahm (A42, F52 und F59). Die Erklärung des Beschwerdeführers, er habe D-139/2020 Seite 19 sich vor Konsequenzen gefürchtet, weil er seinem Vorgesetzten nicht ge- meldet habe, dass er K._______ in seinem Abteil mitnehme, erscheint da- bei wenig überzeugend. Er führte diesbezüglich aus, dass jeder Mitarbeiter im Laufe des Jahres mehrere Leute mitgenommen habe, wobei oft darauf verzichtet worden sei, den erforderlichen Antrag beim Vorgesetzten zu stel- len. Vielmehr sei es üblich gewesen, einf ach jemanden mitzunehmen; seine Kollegen hätten es auch so gemacht (vgl. A42, F57). Im Verlauf der Anhörung bekräftigte er, dass es vorgeschrieben gewesen sei, die im Stromversorgungsabteil mitgenommene Person offiziell anzumelden. Gleichzeitig erwähnte er aber wiederum, dass die Kollegen öfter jemanden unangemeldet mitgeführt hätten (vgl. A42, F72). Den Aussagen des Be- schwerdeführers zufolge dürfte es somit einer gängigen Praxis entspro- chen haben, Personen ohne Anmeldung mitzuführen. Entsprechend hätte die unerlaubte Mitnahme von K._______ zwar möglicherweise Konse- quenzen – sei es eine Bestrafung wegen der Verletzung interner Vorschrif- ten oder Massnahmen hinsichtlich der Anstellung bei der Bahn – nach sich gezogen. Dass der blosse Um stand, den Passagier nicht angemeldet zu haben, bereits als Unterstützung einer Terrororganisation ausgelegt wor- den wäre, erscheint jedoch schwer vorstellbar. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass es sich bei der betreffenden Person um den Bruder ei- nes früheren Arbeitskollegen – welcher bis zu jenem Zeitpunkt bei einem staatlichen Betrieb beschäftigt war – gehandelt hat und der Beschwerde- führer zuvor keinerlei Verbindungen zu kurdischen Organisationen auf- wies. Seine frühere Entlassung war weder auf die Unterstützung von kur- dischen Anliegen noch auf konkrete regimekritische politische Aktivitäten zurückzuführen. Vielmehr wurde ihm damals vorgeworfen, über im Ausland lebende Verwandte zu verfügen und deren Konzerte besucht zu haben. Danach kam es über mehrere Jahre hinweg zu keinen Problemen mit den Behörden. Es ist deshalb nicht ersichtlich, weshalb ihm nun aufgrund der- art schwacher Anhaltspunkte die Unterstützung einer kurdischen Partei respektive einer Terrororganisation vorgeworfen und er deswegen verfolgt werden sollte. Konkrete Hinweise darauf, dass gegen den Beschwerdefüh- rer – wie in der Beschwerdeschrift vorgebracht wurde – eine Anklage we- gen Unterstützung einer Terrororganisation fabriziert werden könnte, las- sen sich den Akten nicht entnehmen. 7.4 Sodann ist festzuhalten, dass die auf Beschwerdeebene nachgescho- bene Behauptung, der Beschwerdeführer sei bei den Vorfällen rund um die Entlassung im Jahr 2009 vom Geheimdienst verhört und als Spion bezeich- net worden, als unglaubhaft zu erachten ist. Entspre chend ist auch nicht davon auszugehen, dass er sich in diesem Zusammenhang habe damit D-139/2020 Seite 20 einverstanden erklären müssen, dass bei ihm künftig eine "Null-Toleranz" gelte. Dies kann somit nicht als erschwerender Faktor angesehen werden, welcher ein härteres Vorgehen oder eine kritischere Einstellung der Behör- den ihm gegenüber erklären könnte. 7.5 Der Beschwerdeführer hat sich vor seiner Ausreise nie aktiv gegen das iranische Regime engagiert oder an oppositionellen Tätigkeiten teilgenom- men. Erst recht nicht setzte er sich als Perser für kurdische Anliegen ein. Trotz der früheren Entlassung ist folglich nicht davon auszugehen, dass er über ein massgebliches politisches Profil verfügte. Insgesamt ist es daher nicht nachvollziehbar, weshalb er befürcht ete, dass er aufgrund der Mit- nahme von K._______ in seinem Zugabteil als Gegner der islamischen Re- publik betrachtet worden wäre und mit einer harten Strafe, allenfalls gar einer Hinrichtung, hätte rechnen müssen. Seine Ausführungen in diesem Zusammenhang blieben denn auch durchwegs vage und vermögen – wie das SEM zu Recht festhielt – nicht zu überzeugen (vgl. A42, F58 f., F69 ff. und F86 f.). Die Furcht, aufgrund dieses Ereignisses einer Verfolgung durch die iranischen Behörden ausgesetzt zu werden, erschei nt objektiv nicht begründet. 7.6 An dieser Einschätzung vermögen auch die angeblichen Behelligun- gen, mit welchen die Familienangehörigen der Beschwerdeführenden nach ihrer Ausreise konfrontiert gewesen seien, nichts zu ändern. So sollen die Mutter und ein Bru der der Beschwerdeführerin sowie di e Eltern des Be- schwerdeführers von den Behörden zu Befragungen vorgeladen worden sein (vgl. A43, F36). Dabei seien sie insbesondere nach dem Aufenthaltsort der Beschwerdeführenden gefragt worden (vgl. A42, F89 f.). Gemäss den Ausführungen auf Beschwerdeebene habe der Bruder der Beschwerdefüh- rerin zudem ein Leumundszeugnis einreichen müssen und die Anstellung der Mutter des Beschwerdeführers sei in eine provisorische umgewandelt worden. Einerseits ist nicht erstellt, dass diese Probleme, welchen der Bru- der und die Mutter ausgesetzt gewesen sein s ollen, auf die Ausreise der Beschwerdeführenden zurückzuführen sind. Andrerseits liesse sich daraus auch nicht ableiten, dass die Beschwerdeführenden selbst bei einer Rück- kehr asylrelevante Nachteile erleiden würden. Es ist darauf hinzuweisen, dass der betreffende Bruder offenbar im Zeitpunkt der Anhörung noch als (…) arbeitete (vgl. A42, F89) und damit einer Tätigkeit beim Staat nach- ging, ebenso wie die Mutter des Beschwerdeführers. Weitergehende Prob- leme der Angehörigen im Iran , welche in einem direkten Zusammenhang zur Ausreise der Beschwerdeführenden gestanden hätten, s ind nicht er- sichtlich. Vielmehr scheinen sich die geltend gemachten Behelligungen im D-139/2020 Seite 21 Wesentlichen auf vereinzelte Befragungen beschränkt zu haben. Schliess- lich wurde auf Beschwerdeebene vorgebracht, der Bruder des Beschwer- deführers sei sechs Monate nach der Ausreise der Beschwerdeführenden infolge der Probleme, welche ihre Familien gehabt hätten, ebenfalls aus- gereist (vgl. Ziff. 2.2.4 der Beschwerdeschrift). Dieses Vorbringen erscheint jedoch nicht glaubhaft. Bei der Anhörung – welche fast zwei Jahre nach der Ausreise stattfand – führte der Beschwerdeführer aus, dass er nur ei- nen Bruder habe und sich dieser im Iran befinde (vgl. A42, F15). Im Rah- men der Befragungen wurde von den Beschwerdeführenden auch nicht dargelegt, dass dieser Bruder nach ihrer Ausreise besondere Schwierig- keiten mit den Behörden bekommen hätte. Insgesamt sind die vorgebrach- ten Probleme der Familienangehörigen im Heimatstaat nicht geeignet, eine drohende asylrelevante Gefährdung der Beschwerdeführenden glaubhaft zu machen. 7.7 7.7.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – insbesondere durch politische Exil- aktivitäten – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel- tend. Begründeter Anlass zur Furcht vor künftiger Verfolgung besteht dann, wenn der Heimat- oder Herkunftsstaat mit erheblicher Wahrscheinlichkeit von den Aktivitäten im Ausland erfahren hat und die Person deshalb bei einer Rückkehr in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1). Dabei mus s hinreichend Anlass zur Annahme be- stehen, die Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künf- tiger Verfolgung genügt nicht (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2). 7.7.2 Es ist zwar be kannt, dass die iranischen Behörden die politischen Aktivitäten ihrer Staatsangehörigen im Ausland überwachen und erfassen (vgl. dazu bspw. Urteile des BVGer D-2368/2017 vom 1. Juni 2017 E. 5.4; D-6492/2017 vom 29. März 2018 E. 7.3; E-7060/2014 vom 7. Juli 2017 E. 5.3.2). Es bleibt jedoch im Einzelfall zu prüfen, ob diese Aktivitäten bei einer allfälligen Rückkehr in den Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im asylrechtlichen Sinn nach sich ziehen. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist dabei davon auszugehen, dass sich die iranischen Geheimdienste auf die Erfassung von Personen kon- zentrieren, die über die massentypischen, niedrigprofilierten Erscheinungs- formen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen ausgeübt und/oder Akti- vitäten vorgenommen haben, welche die jeweilige Person aus der Masse D-139/2020 Seite 22 der mit dem Regime Unzufriedenen herausstechen und als ernsthaften und gefährlichen Regimegegner erscheinen lassen . Weiter ist anzuneh- men, dass die iranischen Sicherheitsbehörden zu unterscheiden vermögen zwischen tatsächlich politisch engagierten Regimekritikern und Personen, die mit ihren Aktionen in erster Linie die Chancen auf ein Aufenthaltsrecht zu erhöhen versuchen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3; bestätigt im Referenz- urteil D-830/2016 vom 20. Juli 2016 E. 4.2). 7.7.3 Den eingereichten Beweismitteln lässt sich entnehmen, dass der Be- schwerdeführer in der Schweiz an mehreren Kundgebungen – mehrheitlich in Q._______, aber auch in R._______ – teilgenommen hat. Dabei er- scheint er aber als einfacher Teilnehmer und seine Rolle geht nicht über die massentypischen und niedrigprofilierten Erscheinungsformen exilpoliti- scher Proteste vieler iranischer Staatsangehöriger hinaus. Entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Auffassung ändert daran auch der Um- stand nichts, dass er an Veranstaltungen häufig für die (…) zuständig sei. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Aufgabe, die meist im Hintergrund stattfindet und zu keiner besonderen Exponierung führt. Entsprechend las- sen die eingereichten Fotos und Videos denn auch nicht erkennen, dass er sich in irgendeiner Form von den anderen Demonstrationsteilnehmern abgehoben hätte. Es ist daher auch als unerheblich anzusehen, dass Auf- nahmen der Kundgebungen im Internet und im Fernsehen veröffentlicht worden seien. Schliesslich lässt sich aus den angeblichen Verbindungen des Beschwerdeführers zu den (…) ebenfalls keine Schärfung seines Pro- fils ableiten. Auf Beschwerdeebene machte er diesbezüglich erstmals gel- tend, dass bereits sein Onkel Mitglied bei dieser Organisation gewesen und hingerichtet worden sei. Bei der Anhörung führte er zwar aus, dass einer seiner Onkel verstorben sei (vgl. A42, F12), er erwähnte aber weder eine Hinrichtung noch eine Mitgliedschaft bei den (…). Ebenso wenig machte er geltend, dass er mit dieser Bewegung sympathisiert habe oder dass er res- pektive seine Familie in diesem Zusammenhang irgendwelche Schwierig- keiten mit den iranischen Behörden gehabt hätten. Die eingereichte Be- scheinigung des Präsidenten des "(…)" beschreibt zwar, dass der Be- schwerdeführer sich seit der Hinrichtung seines Onkels für die (…) interes- siert habe und schon im Iran ein aktiver Anhänger von diesen gewesen sei. Bei der BzP verneinte er jedoch ausdrücklich, dass er sich in der Heimat politisch engagiert habe (vgl. A5, Ziff. 7.02). Weiter führte er anlässlich der Anhörung aus, dass er erst seit einem Jahr mit den (…) zusammenarbeite (vgl. A42, F114 ). Aus den Akten ist auch nicht ersichtlich, d ass er sich «ständig gegen die iranische Regierung gewehrt » habe, wie das Bestäti-D-139/2020 Seite 23 gungsschreiben vom 16. Januar 2020 festhält. Insgesamt muss die Be- scheinigung – welche lediglich die in der Beschwerdeschrift festgehaltenen Behauptungen wiedergibt und teilweise den Aussagen des Beschwerde- führers widerspricht – als Gefälligkeitsschreiben gewertet werden. Nach- dem das exilpolitische Engagement des Beschwerdeführers als nieder- schwellig anzusehen ist und er im Heimatstaat nie politisch tätig war, ist nicht davon auszugehen, dass er in den Augen der iranischen Behörden als ernsthafter und gefährlicher Regimegegner erscheint. Es ist entspre- chend nicht anzunehmen, dass er als konkrete Bedrohung wahrgeno m- men wird und befürchten müsste, im Iran ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu erleiden. 7.7.4 Nach dem Gesagten liegen keine ausreichenden Anhaltspunkte da- für vor, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner Beteiligung an exilpo- litischen Aktivitäten bei einer Rückkehr in den Iran einer spezifischen Ge- fährdung ausgesetzt sein könnte. Das Vorliegen von subjektiven Nach- fluchtgründen ist daher zu verneinen. 7.8 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Beschwerdeführerin machte keine eigen en Fluchtgründe geltend und erklärte, sie sei allein aufgrund der Probleme ih- res Ehemannes ausgereist und betätige sich auch nicht exilpolitisch ( vgl. A43, F19 ff. und F44 ). Das SEM hat somit die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden zu Recht verneint und ihre Asylgesuche abgelehnt. 8. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie. Die Be- schwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche Aufent- haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9. 9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs- vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts D-139/2020 Seite 24 der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen- schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegensteh en (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 9.3 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be- schwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge- fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver- fahren keine Anwendung finden. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaa t dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jene r des UN -Anti-Folterausschusses müssten sie eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschli- che Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Ita lien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Unter D-139/2020 Seite 25 Verweis auf die obenstehenden Ausführungen (vgl. E. 7) ist ihnen dies je- doch nicht gelungen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Hei- matstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich daher sowohl im Sinne der asyl - als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig. 9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Im Iran herrscht zum heutigen Zeitpunkt weder Krieg, Bürgerkrieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, aufgrund derer eine Rückkehr generell unzumutbar wäre. In individueller Hinsicht führte das SEM zutreffend aus, dass sowohl der Beschwerdeführer als auch die Beschwerdeführerin über einen Hochschulabschluss und Arbeitserfahrung verfügen. Selbst wenn sie – wie in der Beschwerdeschrift geltend gemacht – ihre früheren Tätigkeiten nicht mehr ausüben könnten, ist anzunehmen, dass es ihnen gelingen wird, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Weiter wurde nicht substanziiert dar- gelegt, i nwiefern sich sämtliche ihrer Familienangehörigen ebenfalls in schwierigen beruflichen Situationen befinden sollen, respektive weshalb es ihnen nicht möglich sei n soll, die Beschwerdeführenden zu unterstützen . Es ist vielmehr davon auszugehen, dass sie zumindest in einer Anfangs- phase nötigenfalls auf die Unterstützung ihrer zahlreichen Verwandten (vgl. A42, F9 ff. und A43, F8 ff.) zählen könnten. Sodann wurde vorgebracht, die Beschwerdeführerin leide an einer (…)-Erkrankung. Nachdem sich die Me- dikamentenpreise im Iran insbesondere infolge der US-Sanktionen stark erhöht hätten, drohe ihr, dass sie ihre Medikamente dort nicht mehr erhalte. Obwohl die Beschwerdeführerin bereits anlässlich ihrer Anhörung von (…)- Problemen berichtete (vgl. A43, F41), hat sie diesbezüglich bis zum heuti- gen Zeitpunkt keinen ärztlichen Bericht zu den Akten gereicht. Der Auffor- derung des SEM, einen ärztlichen Bericht über ihren Gesundheitszustand vorzulegen (vgl. A43, F43), kam sie zwar nach. Im entsprechenden Bericht von S._______ vom 11. September 2018 wurden jedoch ausschliesslich die Diagnosen (…) und leichte (…) erwähnt (vgl. A45). Es ist dem Bericht indessen nicht zu entnehmen, dass sie auf bestimmte Medikamente ange- wiesen wäre, welche sie im Iran nicht erhältlich machen könnte. An dieser D-139/2020 Seite 26 Stelle ist auch darauf hinzuweisen, dass es der Beschwerdeführerin offen- steht, bei Bedarf medizinische Rückkehrhilfe gemäss Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG zu beantragen, welche unter anderem in Form von Medikamenten gewährt werden kann (vgl. Art. 75 Abs. 3 der Asylverordnung 2 über Finan- zierungsfragen [AsylV 2; SR 142.312]). Schliesslich ist hinsichtlich der ge- sundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers festzuhalten, dass diese vor allem in (…) bestehen. Diese hätten ihren Ursprung in Ereignissen aus dem Jahr 2009 und seien bereits im Iran behandelt worden (vgl. A42, F28 und F37 ff.). Vor diesem Hintergrund ist anzunehmen, dass sich die Be- schwerdeführenden allenfalls weiterhin erforderlichen medizinischen Be- handlungen auch im Iran unterziehen könnte n. Der Vollzug der Wegwei- sung ist als zumutbar anzusehen. 9.5 Weiter obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise- dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 9.6 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang mit der Coronavirus -Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht geeignet ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Die Anordnung einer vorläufigen Auf nahme setzt voraus, dass ein Vollzugs - hindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate – bestehen bleibt. Andernfalls ist dem temporären Hindernis im Rahmen der Vollzugsmoda - litäten Rechnung zu tragen. Soweit derzeit feststellbar, handelt es sich bei der Coronavirus-Pandemie allenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den kantonalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeitpunkts des Voll zugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen (vgl. Urteil des BVGer D-2067/2020 vom 6. Mai 2020 E. 9.5 m.H.). 9.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung D-139/2020 Seite 27 Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen. 11. 11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführenden auf zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun- gen vor dem Bundesverwaltu ngsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Auf die Erhebung von Kosten ist indessen angesichts der mit Verfügung vom 14. Januar 2020 gewährten unentgeltlichen Prozessführung zu verzichten. 11.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde den Beschwerdeführen- den Rechtsanwalt Urs Ebnöther als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Diesem ist folglich ein amtliches Honorar auszurichten. M it Eingabe vom 10. Februar 2020 reichte der Rechtsvertreter eine Kostennote zu den Akten und machte einen Aufwand von 11.20 Stunden à Fr. 300.– (im Falle des Obsiegens) sowie Barauslagen in Höhe von Fr. 68.60 geltend. Der zeitliche Aufwand erscheint vorliegend als angemessen , während der Stundenan- satz bei amtlicher Vertretung – wie bereits in der Verfügung vom 14. Januar 2020 dargelegt – auf Fr. 220.– zu reduzieren ist. Das amtliche Honorar ist somit auf insgesamt Fr. 2'728.– (gerundet; inklusive Auslagen und Mehr- wertsteuerzuschlag) festzusetzen und geht zulasten des Bundesverwal- tungsgerichts. (Dispositiv nächste Seite) D-139/2020 Seite 28 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand, Rechtsanwalt Urs Ebnöther, wird vom Bundesverwaltungsgericht ein Honorar in Höhe von Fr. 2'728.– ausgerich- tet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Regula Aeschimann Versand: