Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 11. April 2019 (725 18 315 / 96) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit versicherungsinterner Erhebungen. Wegfall jeglicher Unfallfolgen nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewie- sen. Verpflichtung zur Ausrichtung weiterer Versicherungsleistungen. Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsri chterin Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiber Stephan Paukner Parteien A.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Christoph Rudin , Adv o- kat, Falknerstrasse 36, Postfach 186, 4001 Basel gegen SOLIDA Versicherungen AG , Saumackerstrasse 35, Postfach , 8048 Zürich, Beschwerdegegnerin, vertreten durch Martin Bürkle, Rechtsanwalt LL.M., Thouvenin Rechtsanwälte KLG, Klausstrasse 33, 8024 Zürich Betreff Leistungen A. Die 1951 geborene A.____ ist seit dem 1. Oktober 1999 bei der Spitex B.____ tätig und war in dieser Eigenschaft bei der Concordia Schweiz erische Kranken und Unfallversicherung AG (Concordia) gegen die Folgen von Unfällen versic hert. Am 31. Oktober 2016 kollidierte sie als vortrittsberechtigte Velofahrerin in einem Verk ehrskreisel mit einem Lieferwagen. Dabei zog Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht sie sich gemäss Erstbericht des Spitals C.____ vom 7. November 2016 eine Contusio capitis sowie diverse weitere Kontusionen am Thorax, am rechten K nie und am linken Ellenbogen zu. Aufgrund einer am 24. November 2016 erstellten Bildgebung wurde in der Folge zusätzlich eine dislozierte Sakrumlängsfraktur beidseits, eine nicht disl ozierte Querfraktur des Os Coccygis im Bereich des ersten Wirbelkörpers sowie eine obere und untere Schambeinastfrakur rechts er- hoben. Im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS) konnte b ei reizloser multisegmentaler Disko- pathie mit geringgradigen Diskusprotrusionen ohne Neur okompression hingegen keine Fraktur nachgewiesen werden. Die Concordia erbrachte in der Fo lge die gesetzlichen Leistungen für die Folgen dieses Ereignisses. Aufgrund anhaltender Besc hwerden im LWS- und Beckenbe- reich erfolgte am 10. November 2017 ein operativer Eingriff mit Dekompensation L3/4 und L4/5. Nach weiteren Abklärungen der gesundheitlichen Verhält nisse teilte die Concordia der Versi- cherten am 16. November 2017 schliesslich mit, dass die er littenen Frakturen nach sechs Mo- naten abgeheilt gewesen seien und seither keine Unfal lfolgen mehr vorliegen würden, weshalb die Leistungen per 30. April 2017 eingestellt würden. Daran hielt sie mit Verfügung vom 15. De- zember 2017 und Einspracheentscheid vom 21. August 2018 fest. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat C hristoph Rudin, am 21. September 2018 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialv ersicherungsrecht (Kantonsgericht). Sie beantragte, der Einspracheentscheid vom 21. August 2018 sei aufzuheben und die Be- schwerdegegnerin sei zu verpflichten, ihr über den 30. April 2017 hinaus die gesetzlichen Ver- sicherungsleistungen zu erbringen. Eventualiter sei die Sache zur ergänzenden Abklärung des medizinischen Sachverhalts an die Beschwerdegegnerin zur ückzuweisen; unter o/e- Kostenfolge. C. In ihrer Vernehmlassung vom 27. November 2018 beant ragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. D. Mit Kurzreplik vom 21. Dezember 2018 hielt die Beschw erdeführerin an ihren Rechtsbe- gehren und an ihren Beweisanträgen in der Beschwerde vom 21. September 2018 fest. Mit Eingabe vom 29. Januar 2019 teilte die Solida Versich erungen AG (Solida), vertreten durch Rechtsanwalt Martin Bürkle, mit, dass sie per 1. Januar 2019 das Unfallversicherungsgeschäft der Concordia übernommen habe und somit deren neue R echtsträgerin sei. Damit sei sie neu als Beschwerdegegnerin im vorliegenden Beschwerdeverfahren zu führen. Gleichzeitig verzich- tete sie unter Hinweis auf ihre Vernehmlassung auf die Einreichung einer Duplik. Auf die einzelnen Vorbringen der Parteien ist soweit notwendig in den nachfolgenden Erwägun- gen einzugehen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, de ssen Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetz es über die Unfallversicherung (UVG) Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einspracheent- scheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen V ersicherungsgericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Ver sicherungsgericht desjenigen Kan- tons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwer deerhebung ihren Wohnsitz hat. Vor- liegend befindet sich dieser im Kanton Basel-Landschaft, weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 b eurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Ka ntons Beschwerden gegen Ein- spracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Au f die – im Übrigen frist- und form- gerecht erhobene – Beschwerde vom 21. September 2018 i st demnach einzutreten. 1.2 Auf den 1. Januar 2017 sind die mit Bundesgesetz vom 25. September 2015 revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Unfallversicher ung (UVG) vom 20. März 1984 sowie der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) vom 20. Dezember 1982 in Kraft ge- treten. Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem Inkrafttreten dieser revidierten Bestimmungen ereignet haben, werden nach bisherigem R echt ausgerichtet (vgl. Übergangs- bestimmung in Art. 118 Abs. 1 UVG). So verhält es sich au ch im vorliegenden Fall, weshalb nachfolgend auf das bisherige Recht und die dazu erg angene Rechtsprechung Bezug zu neh- men ist. 2. Materiell strittig ist die Frage, ob die Beschwerdeg egnerin die gesetzlichen Leistungen zu Recht per 30. April 2017 eingestellt hat. 2.1 Nach Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer in der obligatorischen Unfallversiche- rung, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Versicherungsleistungen bei Berufsunfäl- len, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten zu gewä hren. Art. 10 Abs. 1 UVG gewährt der versicherten Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Heilbehand- lung). Ist die versicherte Person infolge des Unfalles v oll oder teilweise arbeitsunfähig, so hat sie gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG Anspruch auf ein Taggeld. 2.2 Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UV G setzt – unter anderem – voraus, dass zwischen dem versicherten Ereignis und dem ein getretenen Schaden (Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, Invalidität, Integritätsschädigun g) ein natürlicher Kausalzusammenhang be- steht (BGE 129 V 181 E. 3.1). Ursachen im Sinne des n atürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetre tene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zei t eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammen- hangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitli- cher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereigni s zusammen mit anderen Bedin- gungen die körperliche oder geistige Integrität der ve rsicherten Person beeinträchtigt hat, das Ereignis mit anderen Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele. Für die Bejahung d er natürlichen Unfallkausalität eines Be- schwerdebilds genügt eine Teilursächlichkeit (BGE 134 V 1 09 E. 9.5), wobei sich die Leis- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht tungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers auch au f mittelbare bzw. indirekte Unfallfol- gen erstreckt (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 24. März 2016, 8C_620/2015, E. 3.1). Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitl ichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die rechtsanwendende Behörde – die Verwaltung oder im Streitfall das Gericht – im Rahmen der ihr obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrschein- lichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zus ammenhangs genügt für die Begrün- dung eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen). 2.3 Wird durch einen Unfall ein krankhafter Vorzustand verschlimmert oder überhaupt erst manifest bzw. ist die Unfallkausalität einmal mit der e rforderlichen Wahrscheinlichkeit nachge- wiesen, entfällt die Leistungspflicht des Unfallversicher ers erst, wenn der Unfall nicht die natür- liche und adäquate Ursache des Gesundheitsschadens darstellt , wenn also Letzterer nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Die s trifft dann zu, wenn entweder der (krankhafte) Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante), oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach d em schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder sp äter eingestellt hätte (Status quo si- ne), erreicht ist (Kranken- und Unfallversicherung - Re chtsprechung und Verwaltungspraxis [RKUV] 1994 Nr. U 206 S. 326 E. 3b, 1992 Nr. U 142 S. 75 E. 4b, je mit Hinweisen). Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenh ang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines G esundheitsschadens mit dem im Sozialversicherungsrecht allgemein üblichen Beweisgrad d er überwiegenden Wahrscheinlich- keit (BGE 134 V 125 f. E. 9.5 mit Hinweisen) nachgewi esen sein. Die blosse Möglichkeit nun- mehr gänzlich fehlender ursächlicher Auswirkungen des Unfa lles genügt nicht. Da es sich hier- bei um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, lie gt die Beweislast – anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher Kausalzu sammenhang gegeben ist – nicht bei der versicherten Person, sondern beim Unfallversicherer (S ozialversicherungsrecht - Recht- sprechung [SVR] 2009 UV Nr. 3 E. 2.2; RKUV 2000 Nr. U 363 S. 45 E. 2, 1994 Nr. U 206 S. 326 E. 3b, 1992 Nr. U 142 S. 75 E. 4b). Der Bewe is des Wegfalls des Kausalzusammen- hangs muss nicht durch den Nachweis unfallfremder Ursachen erbracht werden. Ebenso wenig geht es darum, vom Unfallversicherer den negativen Bewei s zu verlangen, dass kein Gesund- heitsschaden mehr vorliege oder die versicherte Person nu n bei voller Gesundheit sei. Ent- scheidend ist allein, ob unfallbedingte Ursachen des Gesundheitsschadens ihre kausale Bedeu- tung verloren haben, also dahingefallen sind (Urteil d es Bundesgerichts vom 29. Januar 2009, 8C_847/2008, E. 2 mit Hinweisen). 2.4 Mit dem Erreichen des Status quo sine vel ante entf ällt eine Teilursächlichkeit für die noch bestehenden Beschwerden (SVR 2010 UV Nr. 31 S. 125, 8C_816/2009 E. 4.3 mit Hinwei- sen). Solange jedoch der Status quo sine vel ante noch nicht wieder erreicht ist, hat der Unfall- versicherer gestützt auf Art. 36 Abs. 1 UVG in aller Rege l neben den Taggeldern auch Pflege- leistungen und Kostenvergütungen zu übernehmen, worunt er auch die Heilbehandlungskosten nach Art. 10 UVG fallen. Dies gilt selbst dann, wenn si ch die Gesundheitsschädigung bei einer Gewichtung der konkurrierenden Ursachen zum stark überwie genden Teil als Krankheitsfolge darstellt. Dies bedeutet unter Umständen, dass die versicherte Person Anspruch auf einen ope- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht rativen Eingriff mit anschliessender zweckmässiger Behandlu ng hat, wenn diese im Gesamt- kontext gesehen letztlich mit überwiegender Wahrscheinli chkeit der (vorzeitigen) Beseitigung der vom Unfall zumindest mitverursachten Beschwerden die nte und nicht gesagt werden kann, die Operation sei auch ohne den durch den Unfall bewi rkten Beschwerdeschub überwiegend wahrscheinlich im selben Zeitpunkt notwendig geworden (U rteil des Bundesgerichts vom 24. Juni 2008, 8C_326/2008). Art. 36 UVG setzt voraus, dass der Unfall und der Vorzustand derart zusammenwirken, dass von einer gemeinsamen Verursa chung des Gesundheitsscha- dens zu sprechen ist. Beide Ursachen sind somit für den gl eichen Schaden kausal. Keine ge- meinsame Verursachung liegt vor und die Bestimmung ist d aher nicht anwendbar, wenn die beiden Einwirkungen einander nicht beeinflussende Schäd en verursacht haben, so etwa wenn der Unfall und der Vorzustand verschiedene Körperteile betreffen und sich damit die Krank- heitsbilder nicht überschneiden (BGE 126 V 116 E. 3a; BGE 121 V 326 E. 3). Mit Art. 36 UVG wird das Kausalitätsprinzip teilweise durchbrochen; der Unfallversicherer hat für Pflegeleistun- gen und Kostenvergütungen sowie Taggelder und Hilflose nentschädigungen ohne Einschrän- kung aufzukommen (Art. 36 Abs. 1 UVG). Liegt eine geme insame Schadenverursachung vor, kann deshalb keine Aufteilung der Leistungen nach Kaus alitätsanteilen erfolgen (BGE 121 V 326 E. 3c). 3.1 Zur Abklärung medizinischer Sachverhalte – wie der B eurteilung des Gesundheitszu- standes und der Arbeitsfähigkeit der versicherten Person oder der Feststellung natürlicher Kau- salzusammenhänge im Bereich der Medizin – ist die rechtsa nwendende Behörde regelmässig auf Unterlagen angewiesen, die ihr vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind (BGE 122 V 158 f. E. 1b mit zahlreichen weiteren Hinweisen). Das Gericht hat diese medi- zinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsp rozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wi e alle anderen Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Bewe ismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspru chs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe an zugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsich tlich des Beweiswertes eines Arztbe- richtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streit igen Belange umfassend ist, auf allsei- tigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwe rden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Dar legung der medizinischen Zusammen- hänge und in der Beurteilung der medizinischen Situati on einleuchtet und ob die Schlussfolge- rungen der Expertin oder des Experten begründet sind (B GE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 3.2 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspre chung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 469 f. E. 4.4 und 4.5). So kommt bei spielsweise Berichten und Gutachten ver- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht sicherungsinterner Fachpersonen nicht derselbe Beweiswert zu wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten externer Fachperso nen oder gar wie einem Gerichtsgut- achten. An die Beweiswürdigung sind deshalb strenge Anforderungen zu stellen, wenn ein Ver- sicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden soll. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und S chlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen v orzunehmen (BGE 135 V 470 E. 4.4 am Ende, mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts v om 26. März 2015, 8C_879/2014, E. 5.3). 3.3 Rechtsprechungsgemäss kann auch reinen Aktengutach ten voller Beweiswert zukom- men, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die ärztliche Beur- teilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhal ts geht (RKUV 1993 Nr. U 167 S. 95; nicht publizierte Erwägung 5b des Urteils BGE 1 14 V 109, veröffentlicht in RKUV 1988 Nr. U 56 S. 366; vgl. auch Urteile U 181/06 vom 21. Juni 2007, E. 2.3, und U 223/06 vom 8. Februar 2007, E. 5.1.2). Aktengutachten sind insbeso ndere dann von Belang, wenn die rele- vanten Befunde mehrfach und ohne wesentlichen Widerspru ch bereits erhoben worden sind, aber die Zuordnung zu einer Diagnose oder der Kausal zusammenhang und das Ausmass der Behinderung verschieden bewertet werden. In diesen Fällen kann sehr wohl in einem Aktengut- achten das Für und Wider der verschiedenen Meinungen erw ogen und die überwiegende Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Beurteilung deut lich gemacht werden (H ANS KIND , So entsteht ein medizinisches Gutachten, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.], Rechtsfra- gen der medizinischen Begutachtung in der Sozialversicheru ng, Veröffentlichungen des Schweizerischen Instituts für Verwaltungskurse an der Un iversität St. Gallen/Band 42, St. Gallen 1997, S. 52). 3.4 Das Administrativverfahren und der kantonale Sozialv ersicherungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1 ATSG und Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die Verwaltung und das Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts z u sorgen. Die Untersuchungs- pflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteil ung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (Urteil des Bun desgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. 4. Die Beschwerdegegnerin stützte sich in ihrem Einsprache entscheid vom 21. August 2018 in Bezug auf die Frage, ob zwischen dem Unfall vom 31. Oktober 2016 und den über den 30. April 2017 hinaus geklagten Beschwerden weiterhin e in Kausalzusammenhang besteht, auf die Ausführungen ihres beratenden Arztes Dr. D.____ vom 14. November 2017 und vom 31. Juli 2018 (Separat-Beilagen 1 und 2 zur Vernehmlassung). Sie ging demgemäss davon aus, dass die anlässlich des Unfallereignisses vom 31. Oktober 20 16 erlittenen Frakturen nach spä- testens sechs Monaten abgeheilt gewesen seien, und seith er wieder jener Zustand erreicht worden sei, wie er bereits vor dem Unfall bestanden h abe. Der operative Eingriff vom 10. No- vember 2017 habe der Behandlung von vorbestehenden und damit degenerativen Veränderun- gen der LWS gedient. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.1 Wie oben ausgeführt, sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen, wenn ein Versicherungsfall wie hier ohne die Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden soll. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, sind ergän zende Abklärungen vorzunehmen (vgl. Erwägung 3.2 hiervor). Solche Zweifel an der Zuve rlässigkeit der versicherungsinternen Beurteilungen des beratenden Arztes Dr. D.____ liegen hier aber offensichtlich vor. Sie ergeben sich zunächst mit Blick auf die zeitlich kurz vor der verfügte n Leistungseinstellung ergangene, ebenfalls versicherungsinterne Beurteilung durch Dr. med . E.____, FMH Orthopädische Chirur- gie und Traumatologie des Bewegungsapparates, vom 27. März 2017. Daraus geht hervor, dass die in jenem Zeitpunkt noch geltend gemachten Beschw erden der Versicherten sehr wohl auf den erlittenen Unfall zurückzuführen waren (Akt M13 der Beilagen der Beschwerdegegnerin zur Vernehmlassung). Auf diese abweichende Beurteilun g der medizinischen Verhältnisse hat der Vertrauensarzt der Beschwerdegegnerin in seinen anschliessenden Stellungnahmen keinen Bezug genommen. Mithin kann entgegen der von ihr vertr etenen Auffassung gerade nicht da- von gesprochen werden, die vertrauensärztlichen Beurteilu ngen von Dr. D.____ beruhten auf einem aktuellen Aktenstand. 4.2 Grosse Zweifel an dessen Einschätzung sind vor allem aber auch deshalb angebracht, weil er nicht auf die erlittenen Frakturen der Versiche rten eingeht, sondern auf den ursprünglich falschen Befund im Austrittsbericht des erstbehandelnden S pitals B.____ vom 7. November 2016 verweist. Es trifft es zwar zu, dass in diesem Bericht keine unfallkausalen Beschwerden an der LWS dokumentiert worden sind (Akt M2 der Beila gen der Beschwerdegegnerin zur Ver- nehmlassung), und sich die Versicherte keine Frakturen an d er LWS zugezogen hat (Akt M3 der Beilagen der Beschwerdegegnerin zur Vernehmlassung) . Diese Tatsache als zentrale Be- gründung für den Wegfall jeglicher unfallkausaler Be schwerden heranzuziehen, greift indes deutlich zu kurz: Hintergrund bildet der Umstand, dass er st durch das anschliessend am 24. November 2016 veranlasste MRT festgestellt worden ist, dass sich die Beschwerdeführerin bei ihrem Fahrradsturz am 31. Oktober 2016 eine dislozierte Sakrumlängsfraktur beidseits, eine nicht dislozierte Querfraktur des Os Coccygis im Bereich des ersten Wirbelkörpers sowie eine obere und untere Schambeinastfrakur rechts zugezogen ha t (Akt M3 der Beilagen der Be- schwerdegegnerin zur Vernehmlassung). Weshalb diese Brüc he nicht bereits anlässlich des stationären Aufenthalts im Spital B.____ erhoben word en sind, braucht an dieser Stelle nicht geklärt zu werden. Es kann allerdings kein Zweifel bestehen, dass diese Frakturen auf das erlit- tene Unfallereignis zurückzuführen sind und genau jene B eschwerden verursacht haben, wel- che ursprünglich die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit de r Versicherten eingeschränkt haben (Akt M10, M11, M12 und M15 der Beilagen der Beschwerd egegnerin zur Vernehmlassung). Wenn der Vertrauensarzt der Beschwerdegegnerin die Kausa lität dieser zentralen Verletzungs- folgen in seiner Beurteilung vom 31. Juli 2018 mit d em Fehlen unfallkausaler Beschwerden an anderen Körperstellen begründet, vermag dies jedenfall s nicht zu überzeugen, zumal er in sei- ner ersten Aktenbeurteilung vom 14. November 2017 darau f zunächst noch Bezug genommen hatte (Separat-Beilage 1 zur Vernehmlassung der Beschwerdegegnerin). 4.3 Erschwerend tritt hinzu, dass die in der Erstbeurtei lung von Dr. D.____ vom 14. Novem- ber 2017 vertretene Auffassung, die erlittenen Frakturen seien nach spätestens sechs Monaten Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht abgeheilt gewesen, nicht nur unbegründet ausgefallen ist, sondern auch der übrigen medizini- schen Aktenlage widerspricht. Der Versicherten war bereit s Mitte Dezember 2016 in Aussicht gestellt worden, dass die erlittenen Frakturen Geduld in Anspruch nehmen würden, und dass das Hauptmerkmal nunmehr auf der Schmerzbehandlung lie ge (Akt M10 der Beilage der Be- schwerdegegnerin zur Vernehmlassung). Mitte Januar 2017 b erichtete diese über einen protra- hierten Verlauf mit persistierenden Schmerzen. Nachdem e ine Osteoporose oder Osteoponie als krankhafte Mitursachen für die erlittenen Frakturen ausgeschlossen worden waren, wurde in der Folge eine erneute radiologische Kontrolle des Be ckens veranlasst (Akt M11 der Beilagen der Beschwerdegegnerin zur Vernehmlassung). Bei ident ischer Beschwerdepersistenz, einem weiterhin äusserst mühsamen Verlauf und einem objektive n Befund mit stark hinkenden Gang- bild und nur kleinen Schritten wurde anfangs März 2017 sodann eine weitere Bildgebung mit der Frage nach der ossären Konsolidierung veranlasst (Akt M15 der Beilagen der Beschwerde- gegnerin zur Vernehmlassung). Nachdem es im Rahmen der o ssären Konsolidierung zu einer generellen Besserung der dorsalseitigen Beckenschmerzen gekommen war, kam es Ende März 2017 zu einer Kompressionsfraktur, welche mangels arthrotischer Ursachen als Folge der zuvor erlittenen Frakturen interpretiert wurde (M16 der Be ilagen der Beschwerdegegnerin zur Ver- nehmlassung). Für den Fall einer fortschreitenden Schmer zpersistenz wurde eine erneute Zu- weisung mit nochmaliger Bildgebung vorbehalten. In der Tat persistierten Mitte des Jahres 2017 noch immer Schmerzen im Bereich des in Mitleidenschaft gezogenen Kreuzbeins mitsamt den bereits zuvor beklagten Ausstrahlungen in die Leiste und in den Schritt (Akt M18 der Beilagen der Beschwerdegegnerin zur Vernehmlassung). Alleine die Chronologie dieser Krankenge- schichte zeigt auf, dass an dem ohne weitere Begründung ve rtretenen Standpunkt von Dr. D.____ erhebliche Zweifel anzubringen sind. Der U mstand, dass sich anfangs März 2017 noch immer die Frage der ossären Konsolidierung gestel lt hatte, und Ende März 2017 noch eine Folgefraktur in den medizinischen Akten dokumentiert worden ist, widerspricht jedenfalls seiner Kurzbeurteilung. 4.4 Dessen Ausführungen greifen schliesslich vor allem abe r auch deshalb zu kurz, weil sie sich nur auf die ossären Verhältnisse fokussieren, nicht ab er jene ligamentären Verletzungsfol- gen im bereits ursprünglich frakturbetroffenen Sakrum m iteinbeziehen, welche vom behandeln- den Fachorthopäden noch Mitte des Jahres 2017 weiterhin als unfallkausal bezeichnet worden sind (Akt M18 der Beilagen der Beschwerdegegnerin zur Ve rnehmlassung). Dessen Ausfüh- rungen im Bericht vom 23. Juni 2017 sind bei summarischer Betrachtung jedenfalls nicht anders zu verstehen, als dass der unfallbedingte Seitenaufprall zu schmerzhaften Verletzungen eben- falls der Ligamente im sakralen Ansatz geführt und die a b Ende Mai 2017 eingetretene Schmerzexazerbation durch eine reaktive Kontraktion über das Gesäss in die Flanke bis unter die LWS dadurch zumindest mitverursacht hat (Akt M18 der Beilagen der Beschwerdegegnerin zur Vernehmlassung). Gegenteilige Argumente, weshalb di eser Auffassung nicht gefolgt wer- den kann, sind den Stellungnahmen des Vertrauensarztes ke ine zu entnehmen. Seine Aussa- ge, dass weder eine vorübergehende noch eine richtungge bende unfallkausale Verschlechte- rung der LWS-Beschwerden nachgewiesen sei, beschränkt sich mit anderen Worten zu Unrecht auf ossäre Verletzungen und lässt die durch den behande lnden Wirbelsäulenspezialisten nach- vollziehbar als unfallkausal postulierten Verletzungen de r Bänder, Sehnen, Faszien und der Muskulatur (Beilage 13 zur Beschwerdebegründung) letztl ich unkommentiert. Zumal mit zu- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht nehmendem Zeitablauf just diese ligamentären Verletz ungen das Beschwerdebild dominiert haben, kann deshalb auch nicht gesagt werden, die in der Folge am 11. November 2017 in die Wege geleitete chirurgische Dekompression auf Höhe L3/ 4 und L4/5 sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausschliesslich degenerativ bedingt gewesen . Gegen diese Auffassung spricht die Aussage im entsprechenden Bericht des Operate urs vom 11. November 2017, wo- nach der ursprünglich erlittene Fahrradunfall den Ei ngriff indiziert habe (Beilage 11 zur Be- schwerdebegründung). Wenn der behandelnde Orthopäde in der Folge deshalb die Auffassung vertritt, dass die Kausalkette bis hin zum aktuellen Beh andlungsergebnis Ende Januar 2018 bisher an keiner Stelle unterbrochen worden sei (Beil age 13 zur Beschwerdebegründung), deckt sich dessen Auffassung weiterhin unfallkausaler Beschwe rden mit den oben erwähnten, medizinischen Vorakten. Die ohne jegliche Begründung als nicht nachvollziehbar taxierte Ge- genmeinung von Dr. D.____ kann bei dieser Aktenlage nich t überzeugen. Daran vermag auch nichts zu ändern, dass Dr. D.____ in seiner zweiten Stel lungnahme vom 31. Juli 2018 davon ausgeht, dass der Vorzustand auch bezüglich der erlittenen Weichteilkontusionen spätestens sechs Monate nach dem Unfall vom 31. Oktober 2016 wieder erreicht worden sei. Diese Auf- fassung bleibt ebenso unbegründet. Aufgrund der vorlie genden Akten kann deshalb nicht ge- sagt werden, der operative Eingriff vom 10. November 2017 sei überwiegend wahrscheinlich auch ohne den Unfall vom 31. Oktober 2016 notwendig gewesen. 4.5 Zusammenfassend lässt die medizinische Aktenlage gerade nicht darauf schliessen, dass der Unfall vom 31. Oktober 2016 mit dem erforderl ichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit per Ende April 2017 jede – auch nur teilweise – kausale Bedeutung verloren hat. Die Beschwerdegegnerin vermag den ihr obliegenden Beweis für eine Leistungseinstellung auf diesen Zeitpunkt hin nicht zu erbringen (oben, E rwägung 2.3). Sie ist deshalb zu verpflich- ten, über den 30. April 2017 hinaus bis zum Behandlu ngsabschluss der verbleibenden Unfall- folgen die gesetzlichen Leistungen weiterhin so lange zu erbringen, bis sie aufgrund von ergän- zenden Abklärungen des medizinischen Sachverhalts in der L age ist, den Eintritt des Status quo sine und damit den Wegfall jeglicher unfallkausale r Ursachen mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit darzutun (oben, Erwägung 3.4). Die Beschwer de ist bei diesem Ergebnis gutzu- heissen. 5. Es bleibt über die Kosten zu befinden. Nach Art. 6 1 lit. a ATSG ist der Prozess vor dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos. Es sind de shalb keine Verfahrenskosten zu er- heben. Gemäss dem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwe rdeführerin Anspruch auf eine Parteientschädigung. Deren Rechtsvertreter hat gemäss H onorarnote vom 13. Februar 2019 einen Aufwand von sieben Stunden à Fr. 250.-- sowie A uslagen von Fr. 138.40 ausgewiesen, was nicht zu beanstanden ist. Die Solida hat der Beschwer deführerin somit eine Parteientschä- digung von Fr. 2‘027.60 (inklusive Auslagen und 7,7% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Einsprach eentscheid der CONCORDIA Schweizerische Kranken- und Unfallversicherung AG (seit 1. Januar 2019: SOLIDA Versicherungen AG) vom 21 . August 2018 aufgehoben und die SOLIDA Versicherungen AG wird verpflich- tet, der Beschwerdeführerin die gesetzlichen Leistungen ü ber den 30. April 2017 hinaus vorerst weiterhin zu erbringen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die SOLIDA Versicherungen AG hat der Beschwerdefü hrerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2‘027.60 (inkl . Auslagen und 7,7% Mehrwertsteuer) auszurichten.