Steuerrekursgericht des Kantons Zürich 2. Abteilung 2 DB.2010.274 2 ST.2010.374 Entscheid 6. Dezember 2011 Mitwirkend: Abteilungspräsident Christian Mäder, Steuerrichter Marcus Thalmann, Steuerrichter Alexander Widl und Gerichtsschreiber Fabian Steiner In Sachen 1. A, 2. B, Beschwerdeführer/ Rekurrenten, vertreten durch Frey Pfister AG, Forchstrasse 2, Postfach, 8032 Zürich, gegen 1. S c hw ei zeri s ch e Ei d ge no ss en sc haf t , Beschwerdegegnerin, 2. S t a at Z üri c h, Rekursgegner, vertreten durch das kant. Steueramt, Division Süd, Bändliweg 21, Postfach, 8090 Zürich, betreffend Direkte Bundessteuer 2008 sowie Staats- und Gemeindesteuern 2008 - 2 - 2 DB.2010.274 2 ST.2010.374 hat sich ergeben: A. A (nachfolgend der Pflichtige bzw. zusammen mit seiner Ehefrau B die Pflichtigen) arbeitet bei der C in D. In seiner dortigen Funktion hat er basierend auf dem “E Plan“ (nachfolgend E) Anrecht, in einem bestimmten Zeitpunkt und unter b e- stimmten Bedingungen unentgeltlich Aktien am börsenkotierten amerikani schen Mut- terhaus zu beziehen. Der Erwerb dieser Aktien erfolgt zweistufig. In einer ersten Phase erhält der Angestellte quasi als Anwartschaft eine bestimmte Anzahl Stock Units zuge- teilt, über die er während einer bestimmten Vestingperiode von zwei resp. drei Jahren ab dem Zutei lungsdatum noch nicht verfügen kann. In einem zwei ten Schritt werden die versprochenen Stock Units zu einem im Voraus festgelegten Zeitpunkt (sog. "sche- duled conversion date") – welcher jedoch vorliegend nicht mit dem Ablauf der eigentli- chen Vestingperiode zusammenfällt – in Aktien umgewandelt und an den Mitarbeiter übertragen. Nach der Umwandlung kann der begünstigte Mitarbeiter grundsätzlich frei über die Aktien verfügen. Nach diesem Schema wurden am 8. September 2008 insgesamt 44‘225 in früheren Jahren zugeteilte Stock Units in eine gleich grosse Anzahl von C Aktien um- gewandelt und auf den Pflichtigen übertragen . Diese Mitarbeiteraktien wurden im Lohnausweis 2008 unter Hinweis auf ein Ruling vom 9. Januar 2004 zwischen C und dem kantonalen Steueramt Zürich zum Börsenwert von Fr. … per 8. September 2008 als Einkommen ausgewiesen. Gleichzeitig erwähnte der Arbeitgeber auf einem Beiblatt zum Lohnausweis, dass im Hinblick auf die am 16. September 2008 erfolgte Veröffent- lichung der Quartalszahlen per Ende August 2008 zur Verhinderung von Insiderg e- schäften allen Mitarbeitern der Handel mit C Wertpapieren vom 8. bis und mit 17. Sep- tember 2008 (sog. "closed window p eriod") verboten war. Demzufolge konnte der Pflichtige erst am darauf fo lgenden Werktag, nämlich am 18. September 2008 unei n- geschränkt über die erhaltenen Mitarbeiteraktien verfügen. Am 18. September 2008 betrug der Aktienkurs nach einem Kurseinbruch noch $ 20.20 pro Aktie. Aufgrund des- sen deklarierte der Pflichtige in der Steuererklärung 2008 eine Einkommensminderung in Höhe von Fr. 1‘179‘745.-, die der Differenz der Börsenkurse vom 8. September 2008 und 18. September 2008 entsprach. Im Einschätzungsentscheid vom 12. Juli 2010 betreffend die Staats- und Ge- meindesteuern, Steuerperiode 2008, und i m gleichzeitig erfolgten Hinweis über die - 3 - 2 DB.2010.274 2 ST.2010.374 Veranlagung der direkten Bundessteuer 2008, die formell am 2. August 2010 eröff net wurde, liess das kantonale Steueramt die geltend gemachte Einkommensminderung nicht zu, weil es das Einkommen bereits am 8. September 2008 , d.h. am Umwand- lungstag ("scheduled conversion date") , als zugeflossen betrachtete , und veranlagte die Pflichtigen für die Staats - und Gemeindesteuern, Steuerperiode 2008, mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. … (zum Satz von Fr. …) und einem steuerbaren Ve r- mögen von Fr. … (zum Satz von Fr. …). Für die direkte Bundessteuer, Steuerperiode 2008, wurde das steuerbare Einkommen auf Fr. … (zum Satz von Fr. …) festgesetzt. B. Dagegen erhobene Einsprachen , womit der Zufluss des Einkommens aus Mitarbeiteraktien per 18. September 2008 verfochten wurde, hiess das kantonale Steueramt am 16. November 2010 teilweise gut, indem es die 10-tägige Verfügungs- beschränkung während der "closed window period" vom 8. bis und mit 17. September 2008 bei der Bewertung des Einkommenszuflusses berücksichtigte und einen Diskont von Fr. 3‘489.- (Fr. 0.0789 je Aktie, berechnet vom Aktienkurs per 8. September 2008 von Fr. 48.7566) berücksichtigte. Infolgedessen reduzierte es das steuerbare Einkom- men betreffend Staats- und Gemeindesteuern 200 8 auf Fr. … (zum Satz von Fr. …) und betreffend direkte Bundessteuer 2008 auf Fr. … (zum Satz von Fr. …). C. Mit Beschwerde und Rekurs vom 16. Dezember 2010 liessen die Pflicht i- gen der Steuerrekurskommission (heute Steuerrekursgericht) beantragen, das steuer- bare Einkommen für die Staats - und Gemeindesteuern 2008 gemäss Steuererklärung auf Fr. … (zum Satz von Fr. …) und für die direkte Bundessteuer 2008 auf Fr. … (zum Satz von Fr. …) festzusetzen. In der Beschwerde- und Rekursantwort vom 20. Januar 2011 schloss das kan- tonale Steueramt auf Abweisung der Rechtsmittel. Auf die Parteivorbringen wird, soweit rechtserheblich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. - 4 - 2 DB.2010.274 2 ST.2010.374 Die Kammer zieht in Erwägung: 1. Zu den steuerbaren Einkünften aus unselbstständiger Erwerbstätigkeit gehören g emäss Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer vom 14. Dezember 1990 (DBG) und § 17 Abs. 1 des Steuergesetzes vom 8. Juni 1997 (StG) alle Einkünfte aus privatrechtlichem oder öffentlich -rechtlichem Arbeitsverhältnis mit Einschluss der Nebeneinkünfte wie Entschädigungen für Sond erleistungen, Provi- sionen, Zulagen, Dienstalters - und Jubiläumsgeschenke, Gratifikationen, Trinkgelder, Tantiemen und andere geldwerte Vorteile. Zu den L etzteren gehört u.a. die Zuteilung von Mitarbeiteraktien, sofern und soweit diese Beteiligungsrechte un entgeltlich oder zu einem Vor zugspreis erworben werden (RB 1995 Nr. 34; BGr, 21. Mai 2003 , 2A.517/2002 bzw. 2A.573/2002, www.bger.ch, beide auch zum Folgenden). Besteuert wird die Differenz zwischen dem Verkehrswert und einem allfälligen (günstigeren) B e- zugspreis. 2. Vorliegend ist unbestritten, dass die 44‘225 C Aktien, welche dem Pflicht i- gen am 8. September 2008 durch Umwandlung der Stock Units zugeteilt und am 15. September 2008 in das Wert schriftendepot der Pflichti gen eingebucht wurden , steuerbares Einkommen bilden. Einigkeit besteht auch darüber, dass die Bemessung dieses Einkommens zum Verkehrswert, d.h. zum Börsenkurs (Tagesdurchschnittskurs) erfolgt. Streitig ist einzig der Zeitpunkt des Zuflusses dieses Einkommens. Während das kantonale Steueramt den Zufluss des Einkommens bereits mit der unwiderrufl i- chen Zuteilung der Aktien per 8. September 2008 für gegebe n hält, vertritt der Pflichtige die Auffassung, dass der Zufluss des Einkommens erst am 18. Septem ber stattgefunden habe . Denn während der "closed window period" vom 8. bis und mit 17. September 2008 habe er über die erhaltenen Aktien noch nicht verfügen können. a) Einkünfte fliessen dem Steuerpflichtigen grundsätzlich zu dem Zeitpunkt zu, in dem der Rechtserwerb vollendet ist. Dann hat er einen festen Rechtsanspruch auf das Vermögensrecht erworben (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Art. 210 N 22, 24 DBG und § 50 N 23 StG, mit Rechtsprechungsnachweisen, auch zum Folgenden ). Voraus- setzung des Zuflusses ist somit ein abgeschlossener Rechtserwerb, der Forderungs - oder Eigentumserwerb sein kann, wobei der Forderungserwerb in der Regel die Vo r- stufe des Eigen tumserwerbs darstellt. Die Fälligkeit des Rechtsanspruchs ist für die - 5 - 2 DB.2010.274 2 ST.2010.374 Bestimmung des Zeitpunkts des steuerlich massg eblichen Zuflusses – von hier nicht relevanten Ausnahmen (Kapitalzinsen, Mietzinsen) abgesehen – in der Regel nicht erforderlich (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Art. 210 N 32 DBG und § 50 N 27 StG). In Literatur und Rechtsprechung findet der dargelegte Grundsatz der Einkommensrealisa- tion mit dem Forderungserwerb indessen dann eine Einschränkung, wenn die Erfüllung der Forderung besonders unsicher ist ( Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Art. 210 N 33 DBG und § 50 N 24 StG). In diesen Fällen wird auf den Zeitpunkt der Erfüllung des Anspruchs abgestellt. Bei der Übertragung von Mitarbeiteraktien, die zeitlich b e- schränkt mit einer Verfügungssperre und /oder einer Rückgabeverpflichtung belastet sind, hat das Bundesgericht im Entscheid vom 6. Nov ember 1995 (StE 1996 B 22.2 Nr. 12 = ASA 65, 773) ausdrücklich festgehalten, dass diese Lasten den Zeitpunkt des Einkommenszuflusses nicht beeinflussen. Jedoch ist dieser Beeinträchtigung bei der Bewertung Rechnung zu tragen. b) Vorliegend hat der Pflichtige den unwiderruflichen Anspruch auf den Eigen- tumserwerb der Mitarbeiteraktien am 8. September 2008 ("scheduled conversion date“) erworben. Dieser Zeitpunkt wurde auch im Ruling vom 9. Januar 2004 zwischen C und dem kantonalen Steueramt als massgebender Zuflusszeitpunkt festgele gt. Im Übrigen entspricht der vereinbarte Zuflusszeitpunkt auch der Regelung im Rundschreiben der Eidgenössischen Steuerverwaltung vom 6. Mai 2003 über die Besteuerung von Mita r- beiteroptionen mit Vesting-Klauseln (ZStB II Nr. 62/201, Ziffer 5 [Rundschreiben]) und dem Merkblatt des kantonalen Steueramts vom 1. September 2003 über die Besteu e- rung von Mitarbeiteroptionen zum Zwecke der Staats - und Gemeindesteuern und der direkten Bundessteuer (ZStB I Nr. 13/300, Ziffer 2.1.1 [Merkblatt 2003]). Auch das spä- ter erlassene Merkblatt de s kantonalen Steueramts vom 21. Oktober 2009 über die Besteuerung von Mitarbeiterbeteiligungen zum Zwecke der Zürcher Staats - und G e- meindesteuern und der direkten Bundessteuer (ZStB I Nr. 13/301, Ziffer 3.1 [Merkblatt 2009]) bestimmt, dass die Besteuerung von Mitarbeiteraktien nach Ablauf einer allfälli- gen Vestingperiode im Zeitpunkt der Zuteilung der Aktien zu erfolgen habe . Was den Zuflusszeitpunkt anb elangt, bestehen zwischen unwiderruflich zugeteilten Optionen und Mitarbeiteraktien keine Unterschiede. c) Dass der Pflichtige vom Tag der Zuteilung an während 10 Tagen ("closed window period") nicht mit Wertpapieren von C handeln durfte, hindert den am 8. Se p- tember 2008 unwiderruflich eingetretenen Rechtserwerb nicht. Diese Verfügungssperre bis und mit 17. September 2008 stellt keine weitere Verlängerung der Vesting periode - 6 - 2 DB.2010.274 2 ST.2010.374 dar, worunter allgemein der Zeitraum zu verstehen ist, während welchem der Mitarbe i- ter die Optionen resp. Mitarbeiteraktien verdienen muss (Rundschreiben, Ziffer 2). Werden während der Vestingperiode bestimmte Leistungsziele nicht erreicht oder ve r- lässt der Mitarbeiter die Unternehmung, kann er die Option auf Zuteilung von Aktien unter Umständen verlieren. Ist die bis am 8. September 2008 hier quasi "verlängerte" Vestingperiode (aufgrund der Verlustmöglichkeit der Stock Units auch nach dem Ende der eigentlichen Vestingperiode) dagegen – wie vorliegend – abgelaufen, hat ein allfäl- liger Austritt aus dem Unternehmen nach der Umwandlung der Stock Units bz w. der Zuteilung der Aktien keinen Einfluss mehr auf den abgeschlossenen Rechtserwerb. Dies gilt auch für die hier zufälligerweise nahtlos an die "verlängerte" Vestingperiode folgende Verfügungssperre vom 8. bis und mit 17. September 2008. Diese bezweckte allein, Insidergeschäfte während einer gewissen Zeit vor und unmittelbar nach der B e- kanntgabe der Quartalsergebnisse zu verhindern. Davon waren nicht nur der Pflichtige, sondern weltweit alle Mitarbeiter von C betroffen. Somit kann nicht gesagt werden, dass dem Pflichtigen am 8. September noch kein Einkommen aus Mitarbeiteraktien zugeflossen ist. Aus dem Ruling vom 9. Januar 2004 ergeben sich diesbezüglich keine anderen Schlussfolgerungen. Darin wurde vor dem Hintergrund der damals herrschen- den Rechtsunsich erheit einzig festgelegt, dass von den in Frage kommenden zwei Tatbeständen für den Einkommenszufluss nicht das Datum des Vestings ("scheduled vesting date") , sondern das Datum der Umwandlung ("scheduled conversion date") massgebend sein soll. d) Entgegen der Auffassung des Pflichtigen kann die Erfüllung der Forderung auf Eigentumserwerb während der kurzen Verfügungs sperre vom 8. bis und mit 17. September 2008 nicht als besonders unsicher eingestuft werden. Aus dem Kurseinbruch der C Aktie am 18. Septembe r 2008, der – zeitgleich mit der Insolven z- beantragung der Investmentbank Lehman Brothers Inc. nach Chapter 11 – bereits am 15. September 2008 einsetzte, lässt sich diese Schlussfolgerung nicht ziehen. Denn es ist für Aktien charakteristisch, dass solche wi e auch andere, teilweise nicht vorherseh- bare Ereignisse auf der ganzen Welt den Wert einer Aktie laufend beeinflussen. Bereits am 19. September 2008 konnte die Aktie einen Teil ihres Wertverlusts wieder wettm a- chen. Sie wurde zu Beginn des Handelstags zu ei nem Kurswert von über $ 33. - ge- handelt (www.zkb.is-teledata.ch, besucht am 6. Dezember 2011 ). Der pauschale Hi n- weis auf den Beinahe -Kollaps des Finanzsystems vermag die besondere Unsicherheit auf Erfüllung des erworbenen Rechtsanspruchs ebenfalls nicht zu begründen. Denn C befand sich nicht in gleich grossen Schwierigkeiten wie andere Banken. In seinem Be-- 7 - 2 DB.2010.274 2 ST.2010.374 richt vom 16. September 2008 zum zweiten Quartal 2008, der zur Beruhigung der weltweit verunsicherten Finanzmärkte nach dem Insolvenzantrag von Lehman Brothers Inc. einen Tag früher als ursprünglich geplant veröffentlicht wurde, konnte C alle Ge- winnerwartungen übertreffen und einen überraschend hohen Quartals gewinn bekannt- geben. e) Da es bei der Festlegung des Zuflusszeitpunkts auf das Datum des Rechtserwerbs und nicht auf das Datum des Eigentumserwerbs ankommt und nach dem Gesagten keine besondere Unsicherheit auf Erfüllung des erworbenen Rechtsa n- spruchs vorlag, spielt der Zeitpunkt, an welchem die zugeteilten Aktien in das Wer t- schriftendepot der Pflichtigen eingebucht worden sind, keine Rolle. f) In Übereinstimmung mit der Rechtsprechung und dem/den erwähnten Rundschreiben/Merkblättern ist der 10 -tägigen Verfügungssperre lediglich mit einem Einschlag bei der Bewertung des Ein kommenszuflusses Rechnung zu tragen. Gegen dessen Berechnung sind keine Einwendungen erhoben werden, so dass Beschwerde und Rekurs abzuweisen sind. 3. Bei diesem Verfahrensausgang sind die Gerichtskosten den Pflichtigen aufzuerlegen (Art. 144 Abs. 1 DBG und § 151 Abs. 1 StG). Demgemäss erkennt die Kammer: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Der Rekurs wird abgewiesen. […]