<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">359</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>67</b></span> <span class="ft4"><b>Aktenaufbewahrung/Aktenvernichtung; Zuständigkeit (§ 167 Abs. 1</b></span><br/> <span class="ft4"><b>StG).</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Über das Gesuch um Aktenvernichtung hat das Gesamtgericht zu ent-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>scheiden. Keine Vernichtung von anlässlich eines Augenscheines aufge-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>nommenen Fotografien vor Ablauf der Aufbewahrungsfrist.</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Steuern,</span><br/> <span class="ft6">vom 10. Februar 2015 in Sachen J.D. (3-RV.2015.9).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">360</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Das Gesuch um Aktenvernichtung bezieht sich auf ein vor dem</span><br/> <span class="ft1">Spezialverwaltungsgericht, Abteilung Steuern, geführtes, (jetzt)</span><br/> <span class="ft1">rechtskräftiges Verfahren. Für die Beurteilung des Gesuches um Ak-</span><br/> <span class="ft1">tenvernichtung anwendbar sind somit das IDAG sowie die Verord-</span><br/> <span class="ft1">nung zum Gesetz über die Information der Öffentlichkeit, den Daten-</span><br/> <span class="ft1">schutz und das Archivwesen (VIDAG) vom 26. September 2007. Ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss § 21 Abs. 2 IDAG bleiben die Bestimmungen über das Archiv-</span><br/> <span class="ft1">wesen vorbehalten, soweit die Vernichtung und Archivierung von</span><br/> <span class="ft1">Personendaten zur Diskussion stehen. Zu beachten ist daher auch das</span><br/> <span class="ft1">Reglement der Justizleitung über die Archivierung der Akten der Ge-</span><br/> <span class="ft1">richte und der Schlichtungsbehörden des Kantons Aargau vom</span><br/> <span class="ft1">21. Dezember 2012 (nachfolgend: Reglement Justizleitung).</span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Nach § 38 Abs. 1 IDAG erlässt die verantwortliche Behörde</span><br/> <span class="ft1">eine begründete Verfügung mit Rechtsmittelbelehrung, insbesondere</span><br/> <span class="ft1">wenn dem Gesuch nicht vollumfänglich entsprochen wird. Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheide über die Auskunfts-, Berichtigungs- und Sperrungsbegehren</span><br/> <span class="ft1">fällt der Abteilungspräsident des Spezialverwaltungsgerichtes (§ 21</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 Reglement Justizleitung).</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend sind weder ein Auskunfts- noch ein Sperrungs-</span><br/> <span class="ft1">begehren zu behandeln. Es stellt sich aber die Frage, ob die Vernich-</span><br/> <span class="ft1">tung von Akten als "Berichtigung" im Sinne von § 21 Abs. 2 Regle-</span><br/> <span class="ft1">ment Justizleitung zu verstehen ist. § 27 IDAG steht unter dem Titel</span><br/> <span class="ft1">Berichtigung. Nach 27 Abs. 1 IDAG kann die betroffene Person (hier</span><br/> <span class="ft1">der Gesuchsteller) vom öffentlichen Organ (vgl. § 3 Abs. 1 lit. c</span><br/> <span class="ft1">IDAG) verlangen, dass es <i>unrichtige</i> Personendaten berichtigt, er-</span><br/> <span class="ft1">gänzt oder vernichtet.</span><br/> <span class="ft1">Der Gesuchsteller verlangt die Vernichtung von Fotografien,</span><br/> <span class="ft1">welche anlässlich des Augenscheines vom 16. Juni 2014 mit seinem</span><br/> <span class="ft1">Einverständnis aufgenommen wurden. Der Inhalt der Daten ist bei</span><br/> <span class="ft1">Fotografien richtig, als diese - technische Manipulationen vorbehal-</span><br/> <span class="ft1">ten - die Wirklichkeit abbilden. Ein unrichtiger Inhalt wird vom Ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">361</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">suchsteller vorliegend zu Recht nicht geltend gemacht. Eine Berichti-</span><br/> <span class="ft1">gung im Sinne von § 21 Abs. 2 Reglement Justizleitung steht damit</span><br/> <span class="ft1">nicht in Frage und die Kompetenz des Abteilungspräsidenten zum</span><br/> <span class="ft1">Entscheid (Verfügung) lässt sich mangels Unrichtigkeit der Daten</span><br/> <span class="ft1">nicht begründen. Eine einzelrichterliche Entscheidkompetenz lässt</span><br/> <span class="ft1">sich auch dem GOG (insbesondere §§ 62 - 64 und § 36 GOG [Ge-</span><br/> <span class="ft1">richtsadministration]) nicht entnehmen. Vielmehr wird in § 3 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">GOG der Grundsatz aufgestellt, dass die Richterinnen und Richter</span><br/> <span class="ft1">nur dort als Einzelrichterin und Einzelrichter entscheiden dürfen, wo</span><br/> <span class="ft1">dies gesetzlich festgelegt ist.</span><br/> <span class="ft1">Fehlt es an einer (eindeutigen) Einzelrichterkompetenz, urteilt</span><br/> <span class="ft1">das Spezialverwaltungsgericht in der Regel in der Besetzung mit drei</span><br/> <span class="ft1">Richterinnen oder Richtern (§ 3 Abs. 5 GOG, § 167 Abs. 1 StG [Das</span><br/> <span class="ft1">Steuergesetz sieht eine einzelrichterliche Zuständigkeit nur für Ord-</span><br/> <span class="ft1">nungsbussen- und Steuerbezugsverfahren vor, jedoch nicht in Admi-</span><br/> <span class="ft1">nistrativfragen; § 249 Abs. 2 StG; § 231 Abs. 4 StG])</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend ergibt sich somit die Zuständigkeit des Spezialver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgerichtes als Gesamtgericht in der Besetzung mit drei</span><br/> <span class="ft1">Richterinnen und/oder Richtern. Ein besonderer Fall liegt nicht vor.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">In formeller Hinsicht stellte sich auch die Frage, ob auf das Ge-</span><br/> <span class="ft1">such, welches vor Rechtskraft des Entscheides des Spezialverwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgerichtes vom 16. Juni 2014 - und damit vorzeitig - eingereicht</span><br/> <span class="ft1">wurde, eingetreten werden kann. Das IDAG ist nur auf abgeschlosse-</span><br/> <span class="ft1">ne Verfahren anwendbar (vgl. § 2 Abs. 2 und 2</span><span class="ft10"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">IDAG). Nachdem</span><br/> <span class="ft1">der Entscheid des Spezialverwaltungsgerichtes am 16. September</span><br/> <span class="ft1">2014 in Rechtskraft erwachsen ist und die Beauftragte für Öffent-</span><br/> <span class="ft1">lichkeit und Datenschutz das Gesuch um Schlichtung vom 19. Sep-</span><br/> <span class="ft1">tember 2014 (...) entgegengenommen hat, ist auf das Gesuch ein-</span><br/> <span class="ft1">zutreten, ansonsten der Gesuchsteller in Bezug auf die Frage der Ak-</span><br/> <span class="ft1">tenvernichtung einen Verlust des Rechtsanspruches zu befürchten</span><br/> <span class="ft1">hätte.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">362</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Beauftragte für Öffentlichkeit und Datenschutz hat in der</span><br/> <span class="ft1">Empfehlung vom 19. Dezember 2014 in materieller Hinsicht das Fol-</span><br/> <span class="ft1">gende erwogen:</span><br/> <span class="ft6">"2.</span><br/> <span class="ft6">2.1</span><br/> <span class="ft6">Der Gesuchsteller verlangte nach mittlerweile rechtskräftigem Ab-</span><br/> <span class="ft6">schluss des Verfahrens 3-RV-2012.218 die vollständige Vernichtung sämt-</span><br/> <span class="ft6">licher anlässlich des Augenscheins vom 16. Juni 2014 erstellter Fotografien.</span><br/> <span class="ft6">Ein Anspruch auf Vernichtung von Personendaten kann sich einerseits</span><br/> <span class="ft6">aus dem Anspruch auf Beseitigung widerrechtlich erhobener Personendaten</span><br/> <span class="ft6">ergeben (§ 28 lit. a und b IDAG) oder aus dem Anspruch auf Vernichtung</span><br/> <span class="ft6">nicht mehr benötigter Personendaten (§ 21 IDAG). Diese Ansprüche werden</span><br/> <span class="ft6">nachfolgend näher geprüft.</span><br/> <span class="ft6">2.2</span><br/> <span class="ft6">Das Spezialverwaltungsgericht hatte sich mit der Schätzung des</span><br/> <span class="ft6">Vermögenssteuerwertes und des Eigenmietwertes der vom Gesuchsteller be-</span><br/> <span class="ft6">wohnten Wohnung zu befassen. In Schätzungsverfahren nimmt das er-</span><br/> <span class="ft6">wähnte Gericht - soweit Schätzungs- und nicht nur reine Rechtsfragen zu</span><br/> <span class="ft6">beantworten sind - regelmässig Augenscheine vor. Dabei werden zur Doku-</span><br/> <span class="ft6">mentation der zu schätzenden Liegenschaften Fotografien angefertigt. Diese</span><br/> <span class="ft6">gehören zu den Prozessakten. Der Gesuchsteller hat sich damit einverstan-</span><br/> <span class="ft6">den erklärt, dass in seiner Wohnung bzw. von den Räumen Fotografien</span><br/> <span class="ft6">angefertigt werden (vgl. Protokoll der Verhandlung vom 16. Juni 2014,</span><br/> <span class="ft6">S. 4). Sein protokolliertes Einverständnis hat der Gesuchsteller weder im</span><br/> <span class="ft6">Schreiben vom 19. September 2014 betreffend Protokoll, noch in der Ein-</span><br/> <span class="ft6">gabe vom 19. September 2014 bestritten. Die Fotografien wurden somit</span><br/> <span class="ft6">nicht widerrechtlich erstellt.</span><br/> <span class="ft6">2.3</span><br/> <span class="ft6">Werden Personendaten zur Erfüllung der gesetzlichen Aufgabe sowie</span><br/> <span class="ft6">zu Sicherungs- und Beweiszwecken nicht mehr benötigt, sind sie von der</span><br/> <span class="ft6">verantwortlichen Behörde zu vernichten. Vorbehalten bleiben die Be-</span><br/> <span class="ft6">stimmungen über das Archivwesen (§ 21 IDAG). Diesbezüglich ist § 45</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 lit. c IDAG einschlägig, wonach sämtliche Dokumente der Gerichte</span><br/> <span class="ft6">dem Staatsarchiv anzubieten sind, in der Regel 30 Jahre nach ihrer Anlage.</span><br/> <span class="ft6">Dieser Grundsatz wird im Reglement der Justizleitung über die Archivie-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">363</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">rung der Akten der Gerichte und der Schlichtungsbehörden des Kantons</span><br/> <span class="ft6">Aargau vom 21. Dezember 2012 (nachfolgend 'Reglement') konkretisiert.</span><br/> <span class="ft6">2.4</span><br/> <span class="ft6">Das Urteil des Spezialverwaltungsgerichtes vom 16. Juni 2014 ist in</span><br/> <span class="ft6">Rechtskraft erwachsen. Für die Aufbewahrung der Prozessakten der Abtei-</span><br/> <span class="ft6">lung Steuern des Spezialverwaltungsgerichtes - und dazu sind auch die mit</span><br/> <span class="ft6">Einverständnis des Gesuchstellers erstellten Fotografien zu zählen - beträgt</span><br/> <span class="ft6">die Frist gemäss § 22 Abs. 2 lit. r des Reglements mindestens zehn Jahre.</span><br/> <span class="ft6">Insoweit ist dem Gesuchsteller zuzustimmen, dass die mögliche Aufbewah-</span><br/> <span class="ft6">rungsfrist nicht mehr mindestens 25 Jahre betragen kann. Dies wird vom</span><br/> <span class="ft6">Spezialverwaltungsgericht anerkannt.</span><br/> <span class="ft6">Das Spezialverwaltungsgericht macht zu Recht nicht geltend, dass ein</span><br/> <span class="ft6">übergeordneter steuerlicher Erlass für den konkreten Fall eine längere Frist</span><br/> <span class="ft6">als 10 Jahre vorsieht. Aus den übergeordneten Bestimmungen der §§ 201 ff.</span><br/> <span class="ft6">und 254 StG) sowie Art. 147 ff. und 184 DBG ergibt sich jedoch, dass die</span><br/> <span class="ft6">Akten bis zum Ablauf der Verjährungs- und Verwirkungsfrist von 10 Jahren</span><br/> <span class="ft6">noch benötigt werden und daher nicht zu vernichten sind.</span><br/> <span class="ft6">2.5</span><br/> <span class="ft6">Nach Angabe des Spezialverwaltungsgerichtes wird das Archiv durch</span><br/> <span class="ft6">die Abteilung Steuern in grösseren Zeitabständen bereinigt. Aus Sicht der</span><br/> <span class="ft6">Beauftragten besteht kein Anlass daran zu zweifeln.</span><br/> <span class="ft6">Bevor die ausgeschiedenen Akten vernichtet werden, sind diese dem</span><br/> <span class="ft6">Staatsarchiv zur weiteren Aufbewahrung anzubieten. Erachtet das Staatsar-</span><br/> <span class="ft6">chiv die Akten als aufbewahrungswürdig, werden sie vom Staatsarchiv</span><br/> <span class="ft6">übernommen und dort weiter eingelagert.</span><br/> <span class="ft6">2.6</span><br/> <span class="ft6">Zusammenfassend ist vorliegend festzuhalten, dass das Spezialverwal-</span><br/> <span class="ft6">tungsgericht die an der Augenscheinsverhandlung mit dem Einverständnis</span><br/> <span class="ft6">des Gesuchstellers angefertigten Fotografien zu Recht zu den Prozessakten</span><br/> <span class="ft6">genommen hat. Nach Rechtskraft des Urteils vom 16. Juni 2014 ist sodann</span><br/> <span class="ft6">von einer Pflicht zu Aufbewahrung der Prozessakten während zehn Jahren</span><br/> <span class="ft6">auszugehen. Es besteht daher keine Vernichtungspflicht.</span><br/> <span class="ft6">3.</span><br/> <span class="ft6">Abschliessend bleibt festzustellen, dass keine Empfehlung an das</span><br/> <span class="ft6">Spezialverwaltungsgericht notwendig ist."</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">364</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Den materiellen Erwägungen der Beauftragten für Öffentlich-</span><br/> <span class="ft1">keit und Datenschutz in der Empfehlung vom 19. Dezember 2014 ist</span><br/> <span class="ft1">nichts beizufügen. Zur Zeit ist von einer Pflicht zur Aufbewahrung</span><br/> <span class="ft1">der Akten während zehn Jahren auszugehen. Die Frage, ob sich diese</span><br/> <span class="ft1">Frist bei Übernahme der Verfahrensakten durch das Staatsarchiv und</span><br/> <span class="ft1">unter den in der Eingabe des Spezialverwaltungsgerichts an die</span><br/> <span class="ft1">Beauftragte für Öffentlichkeit und Datenschutz vom 13. Oktober</span><br/> <span class="ft1">2014, Ziff. 4, erwähnten Umständen allenfalls verlängern wird,</span><br/> <span class="ft1">braucht aktuell nicht entschieden zu werden.</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Das Gesuch um Aktenvernichtung ist abzuweisen.</span><br/></div> </div> </body> </html>