B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3352/2015 U r t e i l v o m 2 0 . M ä r z 2 0 1 7 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richter Thomas Wespi, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiberin Della Batliner. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Advokatur Kanonengasse, (…), Beschwerdeführer, Gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), vormals Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 22. April 2015 / N (…). E-3352/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der aus B._______ stammende Beschwerdeführer kurdischer Ethnie – laut seinen Angaben sei er früher Ajnabi gewesen und habe im (…) die syrische Staatsbürgerschaft erhalten – reiste gemäss eigenen Aussagen Anfang Dezember 2011 mit seinem authentischen Reisepass und mit Hilfe eines Schleppers in einem Personenwagen von B._______ aus über die türkische Grenze nach Istanbul. Von dort sei er am 13. August 2012 mit einem gefälschten Reisepass auf dem Luftweg nach Zürich gelangt. Glei- chentags stellte er im Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen ein Asylgesuch. Die Befragung zur P erson fand am 15. August 2012 ( BzP; SEM-Akten A7/11) statt. Am 7. Mai 2014 wurde der Beschwerdeführer ein- gehend zu seinen Asylgründen angehört (SEM-Akten A20/19). A.b Der Beschwerdeführer gab zu seinen Ausreise - und Asylgründen an, er habe von März bis November (…) in C._______ an verschiedenen De- monstrationen für die Rechte der Kurden, für Freiheit und Demokratie in Syrien teilgenommen. Im (…) – nachdem er drei bis vier Mal demonstriert habe – sei er mit zahlreichen anderen Demonstrierenden verhaftet und für zwei Tage festgehalten worden, wobei er während der Haftzeit auch belei- digt und geschlagen worden sei. Er sei freigelassen worden, nachdem er eine Vereinbarung unterzeichnet habe, wonach er nicht mehr an Demonst- rationen teilnehmen werde. Im (…) hätten die Behörden ihn zu Hause auf- gesucht, vermutungsweise weil er wieder an Demonstrationen teilgenom- men habe oder er – als inzwischen syrischer Staatsbürger – als Reservist hätte in den Militärdienst eingezogen werden sollen. In Bezug auf den Mi- litärdienst gab der Beschwerdeführer an, keine militärische Grundausbil- dung absolviert zu haben und auch nicht zu wissen, ob er ein Dienstbüch- lein besitze, da sich sein Vater um Papiere gekümmert habe. Nur beim dritten Mal als die syrischen Behörden gekommen seien, sei er zu Hause gewesen, knapp sei ihm aber die Flucht gelungen , und er habe sich bei einem Freund versteckt gehalten, bis er das Land verlassen habe. Der Beschwerdeführer gab weiter an, in Syrien Sympathisant der (…) ge- wesen zu sein und manchmal an ihren De monstrationen und Sitzungen teilgenommen zu haben. In der Schweiz sei er dann (…) Mitglied der Partei geworden; er besuche hier Sitzungen und helfe bei Spendensammlungen für die Leute in Syrien. Anlässlich der Anhörung reichte der Beschwerdeführer mehrere Beweis- mittel ein: E-3352/2015 Seite 3 – ein Polizeiprotokoll vom (…) über Beschädigungen und Vertreibungen (…), – ein Polizeiprotokoll betreffend Aussagen des Vaters des Beschwerde- führers zum (…) – eine Wohnsitzbestätigung seines Vaters – Fotos betreffend die Teilnahme des Beschwerdeführers an einer Kund- gebung (…) gegen die schleppende Dossierbehandlung des damali- gen Bundesamtes für Migration (BFM) A.c Mit Eingabe vom 13. Mai 2014 reichte der Rechtsvertreter des Be- schwerdeführers beim BFM die Original-Identitätskarte des Beschwerde- führers, (…), und eine Mitgliedschaftsbestätigung der (…) nach. B. Mit Verfügung vom 22. April 2015 (ersetzend eine zuvor fälschlicherweise auf den 10. April 2014 datierte Verfügung gleichen Inhalts) – gemäss An- gaben des Rechtsvertreters am 24. Ap ril 2015 eröffnet – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht , und lehnte sein Asylgesuch ab. Es verfügte die Wegweisung des Beschwerde- führers aus der Schweiz , schob den Vollzug aber wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. Zur Begründung führte das SEM im Wesentlichen aus, die vom Beschwer- deführer bei der Anhörung vom 7. Mai 2014 eingereichten Beweismittel seien untauglich. Dem Beschwerdeführer gelinge es nicht, eine tieferge- hende Motivation für die Teilnahme an Demonstrationen in Syrien ausge- rechnet ab März (…) geltend zu machen, und die Vorbringen hinsichtlich des Militärdienstes seien als Konstrukt zu werten. Die Kundgebun g D._______ habe sich gegen die Behandlung syrischer Asylgesuche durch das SEM und nicht gegen das syrische Regime gerichtet und d ie Teil- nahme daran vermöge keine subjektiven Nachfluchtgründe zu begründen. Weder im geltend gemachten regimekritischen Engage ment des Be- schwerdeführers im Heimatland noch in jenem hier in der Schweiz sei eine hinreichende Exponiertheit erkennbar, welche die Aufmerksamkeit der in Syrien und im Ausland gegenwärtigen syrischen Sicherheitsdienste hätte auf den Beschwerdeführer lenken können. E-3352/2015 Seite 4 C. Gegen diese Verfügung liess der Beschwerdeführer am 26. Mai 2015 Be- schwerde beim Bundesverwaltungsgericht erheben und beantragen, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft sei festzustellen und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei er aufgrund von subjektiven Nachfluchtgründen als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht liess er um Bewilligung der unentgeltli- chen Prozessführung mit Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Be iordnung seines Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbei- stand ersuchen. Nebst der Vollmacht und der angefochtenen Verfügung vom 22. April 2015 im Original liess der Beschwerdeführer eine Bestätigung der Sozialen Dienste (…) betreffend Unterstützungsleistungen an den Beschwerdefüh- rer zu den Akten reichen. D. D.a Mit Zwischenverfügung vom 9. Juni 2015 hiess die Instruktionsrichterin die Anträge auf Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung mit Ver- zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie auf amtliche Rechtsverbeiständung gut. Sie lud das SEM zur Vernehmlassung bis zum 24. Juni 2015 ein und forderte das Staatssekretariat gleichzeitig auf, die angefochtene Verfügung vom 22. April 2015 inklusive Rückschein in den Akten abzulegen und das Aktenverzeichnis nachzuführen. D.b Mit innert erstreckter Frist eingereichte r Vernehmlassung vom 22. Juli 2015 nahm das SEM Stellung zu einzelnen Beschwerdevorbringen und hielt im Übrigen vollumfänglich an seinen bisherigen Erwägungen fest. Der Aufforderung, die Akten nachzuführen, kam es nicht nach. D.c Mit Instruktionsverfügung vom 27. Juli 2015 eröffnete die Instruktions- richterin dem Beschwerdeführer die Gelegenheit zur Replik bis am 11. Au- gust 2015. D.d Replizierend hie lt der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am 4. August 2015 an seinem bisherigen Standpunkt fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: E-3352/2015 Seite 5 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwerde-führer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert. Auf die Beschwerde ist nach dem Gesagten einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Die Aktenführungspflicht von Verwaltung und Behörden bildet das Ge- genstück zum (aus Art. 29 Abs. 2 BV fliessenden) Akteneinsichts- und Be- weisführungsrecht, indem die Wahrnehmung des Akteneinsichtsrechts durch die betroffene Person eine Aktenführungspflicht der Verwaltung vo- raussetzt. Die Behörde ist verpflichtet, ein vollständiges Aktendossier über das Verfahren zu führen, um gegebenenfalls ordnungsgemäss Aktenein- sicht gewähren und bei einem Weiterzug diese Unterlagen an die Rechts- mittelinstanz weiterleiten zu können . Die Behörde hat alles in den Akten festzuhalten, was zur Sache gehört (vgl. STEFAN C. BRUNNER, in: Auer/Mül- ler/Schindler, Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfah- ren [VwVG], 2008, Art. 26 N. 9 S. 386; vgl. auch SEETHALER/PLÜSS, in: Waldmann/Weissenberger, Praxiskommentar VwVG, 2016, Art. 57 N. 7 S. 1188, BGE 138 V 218 E. 8.1.2 m.w.H.). E-3352/2015 Seite 6 2.2 Die Vorinstanz hat trotz richterlicher Aufforderung in der Zwischenver- fügung vom 9. Juni 2015 weder die angefochtene Verfügung und insbe- sondere den Rückschein in ihren Akten abgelegt noch das Aktenverzeich- nis entsprechend nachgeführt. Damit hat das SEM die ihm obliegende Ak- tenführungspflicht verletzt. Das Staatssekretariat ist aufzufordern, die Ak- ten ordnungsgemäss nachzuführen. Weil die angefochtene Verfügung im Original vorliegt und, wie erwähnt, von der Rechtzeitigkeit der Rechtsmitteleingabe auszugehen ist, kann in der Angelegenheit trotzdem entschieden werden. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. Mit Beschwerde an das Bundesverwalt ungsgericht können gemäss dieser Bestimmung die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschrei- tung des Ermessens, sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden. 4. Die vorliegende Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen die Dispo- sitivziffern 1 (Verneinung der Flüchtlingseigenschaft), 2 ( Ablehnung des Asylgesuches) und 3 (Wegweisung aus der Schweiz) der angefochtenen Verfügung. Ohnehin sind allfällige Wegweisungsvollzugshindernisse nicht mehr Gegenstand des Beschwerdeverfahrens, nachdem die Vorinstanz die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers aufgrund des unzumut- baren Wegweisungsvollzugs angeordnet hat (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massn ahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). E-3352/2015 Seite 7 Gemäss Art. 3 Abs. 4 AsylG sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und die we- der Ausdruck noch Fortsetzung eine r bereits im Heimat - oder Herkunfts- staat bestehender Überzeugung oder Ausrichtung sind, keine Flüchtlinge. Vorbehalten bleibt das Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel- lung der Flüchtlinge (FK, SR 0142.30). Flüchtlingen wird kein Asyl gewährt, wenn sie erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat - oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Artikel 3 wurden (Art. 54 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Seinen abweisenden Entscheid im Flüchtlings- und Asylpunkt begrün- dete das SEM im Wesentlichen damit, dass die vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel untauglich seien, um den asylrelevanten Sach- verhalt glaubhaft zu machen. Seine Vorbringen seien unglaubhaft, wider- sprächen in wesentlichen Punkten der allgemeinen Erfahrung oder der Lo- gik des Handelns, und seien nicht hinreichend begründet oder tatsachen- widrig. Die geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten seien nicht geeig- net, eine Furcht vor flüchtlingsrelevanter Verfolgung zu begründen. 6.2 Dem wurde beschwerdeweise insbesondere entgegen gehalten, die vorinstanzliche Argumentation betreffend Flüchtlingseigenschaft und Asyl- gewährung halte einer eingehenden Prüfung nicht stand. Die eingereichten Beweismittel seien nicht aus dem Recht zu weisen, da sie zum einen die Angaben über die Herkunft des Beschwerdeführers belegten und zum an- deren als Beleg dienten, dass (…) die kurdische Bevölkerung gezielt Opfer von Verfolgung geworden sei. Der Beschwerdeführer habe sehr wohl seine Beweggründe für die Demonstrationsteilnahmen genannt und sich für die Rechte der Kurden sowie Freiheit und Demokratie in Syrien eingesetzt , weswegen die Vorinstanz zu Unrecht schliesse, es sei ihm nicht gelungen, eine tiefergehende Motivation für die Teilnahme an den Demonstrationen von März (…) darzutun. Letztendlich sei nicht von Belang, in welcher Rolle der Beschwerdeführer damals bei den Protesten teilgenommen habe, da E-3352/2015 Seite 8 er schon als „blosser Teilnehmer“ der Kundgebungen ins Visier der syri- schen Behörden geraten sei. Ein Widerspruch in den Aussagen des Be- schwerdeführers bezüglich des Kontakts zu seiner Familie im Heimatland sei nicht erkennbar. Ohnehin sei dieser Punkt für die Frage der Asylgewäh- rung und die Flüchtlingseigenschaft nicht bedeutsam. Bei einer Gesamtbe- trachtung sei die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerd eführers zu bejahen. Der Beschwerdeführer sei bei einer Rückkehr nach Syrien auf- grund seiner Beteiligung an den Strassenprotesten C._______ und der Verhaftung und Registrierung als politischer Opponent an Leib und Leben bedroht und in seiner Freiheit gefäh rdet. Die illegale Ausreise des Be- schwerdeführers aus Syrien sei schliesslich unbestritten, und, da es sich beim Beschwerdeführer nicht um einen „unpolitischen Rückkehrer“ handle, habe er bei der Rückkehr erst recht mit einem Verhör zu rechnen. Damit seien subjektive Nachfluchtgründe glaubhaft gemacht. 7. 7.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der gesuch- stellenden Person. Entscheidend ist, ob die für die Richtigkeit der Sachver- haltsdarstellung sprechenden Gründe überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende substantiierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits- gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn- zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins- besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach- geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg- lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen die Asyl suchende Person sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie- gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellun g spre- chen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 und 2013/11 E. 5.1, jeweils m.w.H.). E-3352/2015 Seite 9 7.2 7.2.1 Einerseits ist festzuhalten, dass das Gericht die Ansicht des Rechts- vertreters, ein allfälliger Widerspruch in den Aussagen d es Beschwerde- führers zum Ausmass des Kontaktes zu seiner Familie im Heimatland sei vorliegend für die Frage der Flüchtl ingseigenschaft nicht entscheidend, teilt. Auch vermag der Beschwerdeführer die scheinbare Diskrepanz zwi- schen der Angabe, er habe – wie andere auch – vor seiner Freilassung eine Vereinbarung unterzeichnen müssen, wonach er nicht mehr an weite- ren Demonstrationen teilnehmen werde, und der Aussage, er habe die Ver- einbarung ohne Kenntnis vom Inhalt unterzeichnet, nachvollziehbar zu er- klären; angesichts der geschilderten Situation ist die Erklärung, ihm sei die Auflage mündlich mitgeteilt worden, durchaus plausibel (A20/14 F131 - 134). Auch ist richtig, dass letztlich für die Frage der Flüchtlingseigenschaft weniger entscheidend ist, wie tiefgehend die Motivation des Beschwerde- führers beziehungsweise wie stark politisch sie war, angenommen, er hätte an den Demonstrationen im Frühjahr/Sommer (…) in C._______ teilge- nommen, als vielmehr wie er aus Sicht des geltend gemachten Verfolgers (vorliegend des syrischen Regimes) wahrgenommen worden ist. Zwar ergeben sich damit einzelne Punkte, in denen der Beschwerdeführer die vorinstanzliche Verfügung zu Recht bemängelt . Das bedeutet aller- dings noch nicht, dass alle weiteren Elemente, die sich bei der Glaubhaf- tigkeitsprüfung durch die Vorinstanz zu Ungunsten des Beschwerdeführers auswirken, völlig in den Hintergrund treten . Erst wenn die positiven Ele- mente bei einer Gesamtbeurteilung überwiegen, ist die Sachverhaltsdar- stellung des Beschwerdeführers glaubhaft (vgl. zuvor E. 7.1). 7.2.2 Andererseits mag zwar die vorinstanzliche Erwägung in Bezug auf die fehlende tiefergehende Motivation des Beschwerdeführers, an den De- monstrationen teilzunehmen (vgl. angefochtene Verfügung E. 1b, S. 4), un- geschickt formuliert sein, einig geht das Gericht mit der Vorinstanz immer- hin soweit, als er kein tiefergehendes politisches Profil aufweist, wodurch die Wahrscheinlichkeit, er sei vom syrischen Regime als Oppositioneller wahrgenommen worden, eben deutlich sinkt . Unter diesem Aspekt darf durchaus in die Würdigung einfliessen, dass der Beschwerdeführer seine angebliche Teilnahme an Demonstrationen ausgerechnet ab März 2011 nicht so schildert, dass eine oppositionelle Haltung sichtbar würde, die über die Beweggründe einer grossen Anzahl von syrischen Kurden, die im Früh- jahr (…) an den Kundgebungen C._______ teilnahmen, hinausgehen würde. Dem Anhörungsprotokoll ist zu entnehmen, dass die Beschreibung des Beschwerdeführers, weshalb er sich ausgerechnet ab März (…) den E-3352/2015 Seite 10 Demonstrationen angeschlossen habe, trotz mehrmaligem Nachfragen all- gemein gehalten ist. Ausschlaggebend sei für ihn gewesen, dass überall Demonstrationen stattgefunden hätten. Zweifel an der Teilnahme an den Demonstrationen überhaupt kommen aber insbesondere auf, weil die Da- tenangaben äusserst detailarm ausgefallen sind, obwohl er an einer dieser Demonstrationen sogar festgenommen worden sei (A20/12 F108 ff.). Un- klar und unsubstantiiert sind ebenfalls seine Aussagen rund um den zwei- tätigen Gefängnisaufenthalt. Das Datum der Verhaftung konnte er nicht nennen, und erst nach mehrmaligem Nachfragen nannte er den Namen des Gefängnisses (A7 S. 7, A20/13 F117-F121) und zu seiner Behandlung im Gefängnis sind in den Protokollen nur wenige Angaben und keinerlei persönliche Eindrü cke zu entnehmen (vgl. A7 S. 8, A20/14 F130 und F132). Ergänzend kann festgehalten werden, dass – selbst wenn davon auszugehen wäre, der Beschwerdeführer habe verschiedentlich, wie zahl- reiche syrische Kurden in der damaligen Periode, C._______ an den De- monstrationen teilgenommen – jedenfalls nicht davon auszugehen wäre, die syrischen Behörden hätten ihn als politischen Gegner des Regimes identifiziert und registriert. Nebst den oberflächlichen Angaben des Be- schwerdeführers (vgl. u.a. A20/14 F142 ff. zur angeblichen Suche nach ihm im November 2011) spricht insbesondere auch der Umstand, dass er im (…), also nach de m angeblichen Gefängnisaufenthalt und mehreren Teil- nahmen an Demonstrationen, als syrischer Sta atsangehöriger anerkannt worden und ihm eine Identitätskarte (und offenbar auch ein Pass) ausge- stellt worden ist, gegen eine solche Wahrnehmung durch die syrischen Be- hörden. Schliesslich ist auch die Er widerung der Vorinstanz in der Ver- nehmlassung, die Illegalität der Ausreise des Beschwerdeführers sei kei- nesfalls unbestritten, zutreffend, zumal er selbst angegeben hatte, mit sei- nem authentischen Pass ausgereist zu sein. Vollumfänglich zu stützen ist auch die Würdigung der Vorinstanz, die Vor- bringen des Beschwerdeführers hinsichtlich des drohenden Einzuges in den Militärdienst seien unglaubhaft ausgefallen. Sein Aussageverhalten zu dieser Frage gestaltete sich in vielerlei Hinsicht widersprüchlich. So konnte er nicht angeben, ob er eine Aufforderung zur Abholung eines Dienstbüch- leins erhalten habe, und ob er überhaupt ein Dienstbüchlein besitze, da sein Vater sich mit den Papieren befasst habe (A20/11 F95 f. und F99 - F101). Während er bei der BzP erklärte, er sei dreimal von den Behörden zu Hause aufgesucht worden, auch, um dazu aufgefordert zu werden, als Reservist in den Militärdienst zu gehen (A7 S. 7), liess er bei der Anhörung festhalten, er habe noch keine militärische Grundausbildung absolv ieren E-3352/2015 Seite 11 müssen, und er habe nie behauptet, man habe ihn als Reservisten in den Militärdienst einziehen wollen (A20/11 F97 f. und F106 f.). Zu Recht verneinte die Vorinstanz schliesslich die Beweistauglichkeit der unter Buchstabe A.b im Sachverhalt genannten Beweismittel. Zum einen wird weder von der Vorinstanz noch vom Gericht bestritten, dass am Her- kunftsort des Beschwerdeführers Verwüstungen und Zerstörungen stattge- funden haben und unter Umständen auch er oder Familienangehörige von diesen tragischen Folge n des syrischen Bürgerkrieges betroffen worden sind; diesen Umständen ist aber mit der vorläufigen Aufnahme des Be- schwerdeführers Rechnung getragen worden. Eine darüber hinausge- hende, asylrechtlich erhebliche, Gefährdung, vermag er auch mit diesen Beweismitteln nicht darzutun. 7.2.3 Zusammenfassend ist nach einer Gesamtwürdigung der Aktenlage festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, asylrecht- lich erhebliche Fluchtgründe glaubhaft zu machen. Es ist festzustellen, dass er zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus dem Heimatland die Flüchtlings- eigenschaft nicht erfüllt hat. 7.3 7.3.1 Betreffend eine begründete Furcht vor Verfolgung im aktuellen Zeit- punkt, ist festzustellen, dass sich die Lage in Syrien seit Ausbruch des be- waffneten Konflikts im März 2011 verändert hat (vgl. dazu Bundesverwal- tungsgerichtsurteil D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 [als Referenzurteil publiziert]). Der Beschwerdeführer vermochte jedoch keine Identifizierung als Regimegegner glaubhaft zu machen, weshalb das im genannten Urteil festgestellte, von den staatlichen syrischen Sicherheitskräften ausge- hende, brutale und rücksichtslose Vorgehen gegen tatsächliche oder ver- meintliche Regimegegner (u.a. Verhaftung, Folter sowie willkürliche Tö- tung) ihm nicht mit der notwendige n überwiegenden Wahrscheinlichkeit droht. Auch wurde im obgenannten Bundesverwaltungsgerichtsurteil die nach Ausbruch des Bürgerkrieges geschilderte, repressive Situation in Sy- rien nicht dergestalt als objektiver Nachfluchtgrund definiert, dass davon auszugehen wäre, der Beschwerdeführer sei alleine deswegen, insbeson- dere auch nicht aufgrund seiner blossen Zugehörigkeit zur kurdischen Eth- nie, heute in asylrechtlich erheblicher Weise gefährdet. Folglich hat das SEM sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 7.3.2 Zu prüfen sind auch noch die geltend gemachten subjektiven Nach- fluchtgründe, das heisst die Umstände, welche der Beschwerdeführer nach E-3352/2015 Seite 12 der Ausreise selber gesetzt hat. Subjektive Nachfluchtgründe können zwar unter Umständen zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft führen (vgl. Art. 3 Abs. 4 AsylG), sind allerdings gemäss Art. 54 AsylG Asylausschluss- grund (vgl. BVGE 2015/40 E. 3.4.5). Personen, die subjektive Nachflucht- gründe nachweisen oder glaubhaft machen können, werden aufgrund des unzulässigen We gweisungsvollzugs als Flüchtlinge vorläufig aufgenom- men (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1. m.w.H.). In Bezug auf Syrien hat das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil D-3839/2013 (als Referenzurteil publiziert) festgehalten, die Annahme, die betroffene Person habe die Aufmerksamkeit der syrischen Geheimdienste in einer Weise auf sich gezogen, welche auf eine begründete Furcht vor Verfolgung wegen exilpolitischer Tätigkeiten schliessen lässt, rechtfertige sich nur, wenn diese sich in besonderem Mass exponiere. Dies sei (wie unter Erwägung 6.3.2 des Urteils dargelegt) der Fall, wenn sie aufgrund ihrer Persönlichkeit, der Form des Auftritts und aufgrund des Inhalts der in der Öffentlichkeit abgegebenen Erklärungen den Eindruck erwecke, sie werde aus Sicht des syri schen Regimes als potenzielle Bedrohung wahr- genommen (vgl. ebd. E. 6.3.6) Soweit der Beschwerdeführer durch die Teilnahme an einer Demonstration D._______ – welche sich nicht gegen das syrische Regime , sondern ge- gen die schleppende Dossierbehandlung des BFM richtete – eine exilpoli- tische Tätigkeit glaubhaft machen will, handelt es sich , wie das SEM zu- treffend feststellt – um einen untauglichen Versuch, ist dieses Verhalten doch von vornherein ungeeignet, um von den heimatlichen Behörden über- haupt als staatsfeindliche Person wahrgenommen zu werden. Der Be- schwerdeführer vermag aber auch aus seinen geltend gemachten übrigen Tätigkeiten in der Schweiz (Teilnahme an Demonstrationen und Versamm- lungen, Sammlung von Spendengelder) nichts f lüchtlingsrechtlich Rele- vantes abzuleiten, zumal er bereits vor seiner Ausreise kein auch nur an- nähernd politisches Profil – das über seine Sympathie für die Anliegen der Kurden hinausgehen würde – darzutun vermochte. Mitglied der (…) wurde er in der Schweiz erst gut ein halbes Jahr nach seiner Einreise. Das Schrei- ben der (…) bestätigt einzig diese Parteimitgliedschaft des Beschwerde- führers und hält fest, er setze sich aktiv für die Demokratie und Freiheit ein. Indessen sind dem Schreiben weder die Aufgaben des Beschwerdeführers noch die Form seines Einsatzes zu entnehmen. Schliesslich ergibt sich auch aus der Asylgesuchstellung in der Schweiz für sich alleine kein sub- jektiver Nachfluchtgrund (vgl. ebd. E. 6.4.3). E-3352/2015 Seite 13 Nach dem Gesagten fehlen Hinweise darauf, dass der Beschwerdefüh rer im heutigen Zeitpunkt aufgrund seiner exilpolitischen Aktivitäten in Syrien einer flüchtlingsrechtlich erheblichen Gefährdung ausgesetzt sein könnte. Daraus ergibt sich, dass der Beschwerdeführer auch keine subjektiven Nachfluchtgründe glaubhaft gemacht hat. 7.4 Insgesamt hat die Vorinstanz somit zu Recht das Vorliegen von Vor - und Nachfluchtgründen verneint und das Asylgesuch unter Verneinung der Flüchtlingseigenschaft abgewiesen. 8. 8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (A rt. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu- weisen. 10. 10.1 Bei diesem Verfahrensausgang wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm indes mit Verfügung vom 9. Juni 2015 die unentgeltliche Prozessführung gewährt worden ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 10.2 Der Rechtsvertreter wurde mit Zwischenverfügung vom 9. Juni 2015 durch das Gericht als amtliche r Beistand eingesetzt. Er reichte am 6. Au- gust 2015 eine Kostennote über insgesamt Fr. 2931.75 bei einem Stun- denansatz von Fr. 300. - ein. Der darin geltend gemachte Aufwand von knapp neun Stunden bewegt sich an der oberen Grenze, erscheint aber gerade noch angemessen. Entsprechend der Praxis des Gerichts, wonach bei amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz von E-3352/2015 Seite 14 Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter a usgegangen wird (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), ist das Honorar auf insgesamt Fr. 1‘458.- (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) E-3352/2015 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das Gericht richtet dem amtlich bestellten Rechtsvertreter ein Honorar in der Höhe von Fr. 1‘458.– aus. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Della Batliner Versand: