<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">355</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>59 Rechtsverzögerung</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Die vorgängige Abmahnung durch den Beschwerdeführer ist keine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Eintretensvoraussetzung der Rechtsverzögerungsbeschwerde.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Die unterbliebene Anzeige von Verfahrensfehlern im Verwaltungs-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>verfahren ist unter dem Gesichtspunkt von Treu und Glauben zu</b></span><br/> <span class="ft3"><b>würdigen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 17. Oktober 2013 in Sa-</span><br/> <span class="ft2">chen A. und B. gegen C. AG, Gemeinderat D. und BVU (WBE.2013.270).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz beantragt unter Hinweis auf AGVE 2008, S. 478</span><br/> <span class="ft1">die Abweisung der Beschwerde. Nach dieser Rechtsprechung könne</span><br/> <span class="ft1">eine Rechtsverweigerungs- oder Rechtsverzögerungsbeschwerde nur</span><br/> <span class="ft1">gutgeheissen werden, wenn die Betroffenen ihre Pflicht zur (Ab-)</span><br/> <span class="ft1">Mahnung bzw. Androhung einer Rechtsverzögerungsbeschwerde vor</span><br/> <span class="ft1">Ergreifung des diesbezüglichen Rechtsmittels erfüllt haben. Eine sol-</span><br/> <span class="ft1">che Rügepflicht ergebe sich aus dem Grundsatz von Treu und Glau-</span><br/> <span class="ft1">ben.</span><br/> <span class="ft1">In der Beschwerdeantwort wird sodann das schwierige Verfah-</span><br/> <span class="ft1">ren mit dem umfangreichen Prozessstoff zur Begründung angeführt.</span><br/> <span class="ft1">Weiter wird geltend gemacht, der Verfahrensleiter habe die Ent-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">356</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">scheidausarbeitung mehrmals wegen anderen dringenden Geschäften</span><br/> <span class="ft1">unterbrechen müssen. Die Unterbrechung sei aus sachlichen Gründen</span><br/> <span class="ft1">wegen der Beschäftigung mit priorisierten Grossprojekten erklärbar.</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">Die Verfahrensdauer bis und mit Frühjahr 2012 wird von den</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführern nur allgemein kritisiert, jedoch nicht substantiiert</span><br/> <span class="ft1">gerügt. Die Rüge wäre auch unbegründet. Die Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">wurden im Rahmen einer Sanierungsverfügung der Gemeinde D. in</span><br/> <span class="ft1">das Beschwerdeverfahren vor dem BVU beigeladen. Im Verlaufe des</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelverfahrens wurde die alte Gebindereinigungsanlage im</span><br/> <span class="ft1">Betrieb der C. AG definitiv ausser Betrieb genommen und eine neue</span><br/> <span class="ft1">Anlage installiert. Dies geschah im Rahmen einer Sanierung nach</span><br/> <span class="ft1">Art. 16 Abs. 1 USG. Es liegt in der Natur einer umweltschutzrecht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Sanierung, dass sie zu zeitaufwändigen Verwaltungs- und</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsprozessverfahren führen kann. Die Abklärungen der Ge-</span><br/> <span class="ft1">ruchsimmissionen bzw. Emissionen nach der Luftreinhalteverord-</span><br/> <span class="ft1">nung erforderten auch vorliegend umfangreiche technische Abklä-</span><br/> <span class="ft1">rungen und Berichte, Gutachten und Überprüfungen durch die kanto-</span><br/> <span class="ft1">nale Fachstelle. Hinzu kommt hier, dass das Beschwerdeverfahren ab</span><br/> <span class="ft1">2009 zur Durchführung von Messungen an der erneuerten Anlage im</span><br/> <span class="ft1">Einverständnis der Beschwerdeführer sistiert war. Zudem haben die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer durch zahlreiche Anträge zum erheblichen Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rensaufwand beigetragen und den Akten lässt sich nicht entnehmen,</span><br/> <span class="ft1">dass sie bei der Vorinstanz die Verfahrensdauer je beanstandet hätten.</span><br/> <span class="ft1">2.5.</span><br/> <span class="ft1">Substantiiert machen die Beschwerdeführer eine Rechtsverzö-</span><br/> <span class="ft1">gerung ab April 2012 geltend, als der Sachbearbeiter den Parteien</span><br/> <span class="ft1">den Hauptentscheid in der Sache in Aussicht stellte.</span><br/> <span class="ft1">Nach Abschluss der Instruktion und Ablehnung des Vergleichs-</span><br/> <span class="ft1">vorschlags vom 29. November 2011 war das Verfahren vor der Vor-</span><br/> <span class="ft1">instanz spruchreif. Die verbliebene streitgegenständliche Entschei-</span><br/> <span class="ft1">dung (Erstellen eines Kamins) war nicht von besonderer Schwierig-</span><br/> <span class="ft1">keit. Mit dem Schreiben vom 11. April 2012 kündigte die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft1">deshalb auch einen "raschen" Entscheid an. Festzuhalten ist, dass seit</span><br/> <span class="ft1">dieser Mitteilung im Verfahren über ein Jahr lang keine Aktivitäten</span><br/> <span class="ft1">feststellbar sind.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">357</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Angesichts der Art des Verfahrens, der betroffenen Rechtsgüter</span><br/> <span class="ft1">sowie dem Umfang und der Komplexität der Sachverhalts- und</span><br/> <span class="ft1">Rechtsfragen liegt die Dauer dieses Verfahrensabschnitts über der</span><br/> <span class="ft1">Grenze des Angemessenen und verletzt das Beschleunigungsgebot.</span><br/> <span class="ft1">Daran ändert die Überlastung der Sachbearbeiter nichts, da auch eine</span><br/> <span class="ft1">chronische Überlastung der Verwaltungs- und Gerichtsbehörden kei-</span><br/> <span class="ft1">ne übermässig lange Verfahrensdauer rechtfertigen kann (BGE 107</span><br/> <span class="ft1">Ib 160, Erw. 3c). Die Reaktion der Vorinstanz mit der raschen Zu-</span><br/> <span class="ft1">stellung des Entscheids nach Eingang der Rechtsverzögerungsbe-</span><br/> <span class="ft1">schwerde zeigt, dass einem sofortigen Entscheid nichts entgegen-</span><br/> <span class="ft1">stand. Das BVU hat sich im Schreiben vom 17. Mai 2013 für die</span><br/> <span class="ft1">"ungewöhnlich lange Dauer seit der letzten Instruktionsanordnung</span><br/> <span class="ft1">bis zum Entscheid" zu Recht entschuldigt. Die Rüge ist auch unter</span><br/> <span class="ft1">Berücksichtigung des Umstands, dass das Immissionsverfahren mit</span><br/> <span class="ft1">der Sanierung der Gebindereinigungsanlage für die Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer objektiv an Bedeutung einbüsste, begründet.</span><br/> <span class="ft1">2.6.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschleunigungsgrundsatz richtet sich in erster Linie an die</span><br/> <span class="ft1">Gerichte und Behörden. Sie haben für ein zielgerichtetes Verfahren</span><br/> <span class="ft1">unaufgefordert zu sorgen. Das Verhalten eines Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">kann jedoch bei der Beurteilung, ob eine Rechtsverzögerung vorliegt</span><br/> <span class="ft1">oder nicht, gewürdigt werden. Es gehört nach dem Grundsatz von</span><br/> <span class="ft1">Treu und Glauben zu den Pflichten eines Privaten, im Rahmen der</span><br/> <span class="ft1">prozessualen Sorgfaltspflicht festgestellte Verfahrensmängel anzuzei-</span><br/> <span class="ft1">gen (BGE 125 V 373, Erw. 2b mit Hinweisen; Urteil des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts vom 11. Juli 2012 [9C_502/2012]). Eine Abmahnungspflicht</span><br/> <span class="ft1">trifft den Beschwerdeführer grundsätzlich jedoch nicht. Sie ist auch</span><br/> <span class="ft1">nicht Voraussetzung für eine Rechtsverzögerungsbeschwerde, da ge-</span><br/> <span class="ft1">gen die Verzögerung eines Entscheides ohne Vorliegen besonderer</span><br/> <span class="ft1">Eintretensvoraussetzungen die Beschwerde möglich ist. Das schliesst</span><br/> <span class="ft1">indessen nicht aus, dass das Verhalten des Beschwerdeführers bei der</span><br/> <span class="ft1">materiellen Beurteilung gewürdigt wird. Vorliegend stellt sich die</span><br/> <span class="ft1">Frage, ob die Beschwerdeführer, nachdem ihnen die Vorinstanz im</span><br/> <span class="ft1">Schreiben vom 11. April 2012 einen "raschen" Entscheid im Rahmen</span><br/> <span class="ft1">der Möglichkeiten zugesichert hatte, einer Abmahnungspflicht unter-</span><br/> <span class="ft1">standen, wie dies von der Beschwerdegegnerin gefordert wird. Diese</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">358</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Konstellation ist zu unterscheiden von jenen Fällen, wo es nach</span><br/> <span class="ft1">mehrmonatiger Untätigkeit der Beschwerdeführer zu einer Rechts-</span><br/> <span class="ft1">verweigerungs- oder Rechtsverzögerungsbeschwerde kommt (vgl.</span><br/> <span class="ft1">dazu M</span><span class="ft2">ICHAEL</span> <span class="ft1">M</span><span class="ft2">ERKER</span><span class="ft1">, Rechtsmittel, Klage und Normenkontroll-</span><br/> <span class="ft1">verfahren nach dem aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechts-</span><br/> <span class="ft1">pflege, Kommentar zu den §§ 38-72 [a]VRPG, Zürich 1998, § 53</span><br/> <span class="ft1">N 44). Angesichts der Zusage der Vorinstanz vom 11. April 2012</span><br/> <span class="ft1">kann ihre anschliessende Untätigkeit nicht durch die fehlende Ab-</span><br/> <span class="ft1">mahnung der Beschwerdeführer gleichsam kompensiert werden. Die</span><br/> <span class="ft1">Verwaltung, welche einen raschen Entscheid verspricht, ist nach dem</span><br/> <span class="ft1">Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 BV; § 4 VRPG) gehalten,</span><br/> <span class="ft1">eine gegenüber ihrer Zusage verzögerte Zustellung des Entscheids</span><br/> <span class="ft1">den Parteien anzuzeigen. Im vorliegenden Kontext wäre daher die</span><br/> <span class="ft1">Rechtsverzögerungsbeschwerde hinsichtlich des Verfahrensab-</span><br/> <span class="ft1">schnitts seit April 2012 gutzuheissen gewesen.</span><br/></div> </div> </body> </html>