BRKE I Nrn. 0260 und 0261/2006 vom 20. Oktober 2006 in BEZ 2006 Nr. 65 Vorliegend ging es um die Überbauung eines auf drei Seiten von Strassen u m- gebenen bzw. von Verkehrsbaulinien in erheblichem Ausmass «angeschnitt enen» Baugrundstückes mit einem Wohnhaus. Das Erdgeschoss und die beiden Untergeschosse des projektierten Gebäudes respektieren die Baulinien. Demgegenüber sollte das Obergeschoss auf der gesa m- ten Länge der Nordwestfassade 1,2 m in den Baulinienbereich der K -Strasse hinein- ragen. Diese Ausladung sollte alsdann über Eck auf einer Länge von 3,5 m und s o- mit praktisch auf der gesamten Nordfassade fortgesetzt werden. Im Weiteren wies auch die geplante Ostfassade eine 1,5 m in den Baulinienb ereich hineinragende, sich über das Ob er- und Attikageschoss erstreckende Auskragung auf, und zwar auf ca. 8 m der insgesamt ca. 12,4 m langen Fassade. Ebenfalls entlang der Ostfassade war zudem im Erdgeschoss ein 1,2 m in den Baulinienbereich hineinragendes Vo r- dach geplant. Die Vorinstanz ha tte mit Bezug auf alle diese Gebäudeteile die Voraussetzu n- gen von § 100 Abs. 1 PBG als erfüllt erachtet und hierfür die baurechtliche Bewill i- gung (unter Statuierung von Anpassungs- bzw. Beseitigungsreversen) erteilt. Aus den Erwägungen: 5. Baulinien dienen , wo das Gesetz nichts anderes vorsieht, allgemein der S i- cherung bestehender und geplanter Anlagen und Flächen (§ 96 Abs. 1 PBG). Je nach Zweckbestimmung stehen verschiedene Baulinienarten zur Verfügung. Mit Ve r- kehrsbaulinien im Besonderen sollen Strassen, Wege, Plätze und Eisenbahnen, g e- gebenenfalls samt begleitenden Vorgärten, Lärmschutzanlagen, Grünzü gen und Fahrzeugabstellplätzen sichergestellt werden (§ 96 Abs. 2 lit. a PBG). Verkehrsbaulinien bilden das ordentliche und prioritäre Instrument zur Besti m- mung des Abstandes von Gebäuden und Anlagen gegenüber Strassen und anderen Verkehrsflächen. Sie dienen entsprechend der übergeordneten Richtpl anung der langfristigen Sicherstellung der Bedürfnisse des Verkehrs und der Wohnhygiene, i n- dem sie das für die Er stellung neuer sowie für den Ausbau und die Korrektion best e- hender Strassen oder anderer Verkehrsanlagen erforderliche Land von der Übe r- bauung freihalten oder eine bereits bestehende Überbauung, die mit dem künftigen Ausbau der Verkehrsanlage kollidiert, a uf dem W eg der natürlichen Erneuerung z u- rückdrängen. Das zwischen den Baulinien liegende Land wird zu diesem Zweck pri n- zipiell mit einem Bauverbot belegt (§ 99 PBG), und an Bauten, die über die Baulinien hinausragen, dürfen nur in begrenztem Umfange und un ter Nebenbestimmungen bauliche Vorkehren getroffen werden (§ 101 PBG). Neben der Freihaltung des e i- gentlichen Verkehrsraumes bezwecken die Baulinien die Schaffung unüberbaubarer - 2 - Landstreifen entlang der Verkehrsanl agen, sogenannter Vorgärten. Damit kommt den Verkehrsbaulinien auch eine ortsbauliche Funktion zu. Darüber hinaus gewähren sie den an der Strasse stehenden Gebäuden ein hinreichendes Mass an Licht, Luft und Sonne und verschaffen i hnen einen gewissen Schutz vor Verkehrsimmissionen. Schliesslich kön nen Ve rkehrsbaulinien gestützt auf § 97 PBG auch noch weitere ortsbauliche Funktionen wie die Pflicht zur geschlossenen Bauweise etc. wahrne h- men. § 100 PBG lässt Ausnahmen vom generellen Bauverbot im Sinne von § 99 PBG zu. So dürfen u.a. einzelne oberirdi sche Gebäudevorsprünge bis zu 1,5 m über Ve r- kehrsbaulinien und Baulinien für Versorgungsleitungen und Industriegeleise hinau s- ragen, müssen jedoch entschädigungslos beseitigt werden, sobald die Ausführung des Werks oder der Anlage, wofür die Baulinie festge setzt worden ist, dies erfordert (§ 100 Abs. 1 PBG). Das Gesetz definiert nicht, welche Gebäudeteile unter den Be g- riff der einzelnen oberirdischen Vo rsprünge fallen. Im Unterschied zu § 260 Abs. 3 PBG, welche Bestimmung die Zulässigkeit von einzelnen Vorsp rüngen im Abstands- bereich regelt, findet sich hier keine exemplifikatorische Aufzählung (Erker, Balkone und dergleichen), und es ist die Länge eines Vo rsprungs nicht auf einen Drittel der betreffenden Fassadenlänge beschränkt. Das heisst allerdings nicht, dass Auskr a- gungen gemäss § 100 Abs. 1 PBG unbeschränkt zulässig sind; damit ihnen die Qu a- lität eines Vorsprunges zukommt, müssen sie im Verhältnis zur Fassade untergeor d- net sein (vgl. Ch. Fritzsche/P. Bösch, Zürcher Planungs - und Baurecht, 3. A., 2003, 12-23). Andernfalls kommt ihnen nicht Vorsprungscharakter zu, sondern es liegen Vergrösserungen der Gebäudehülle vor, die ihrerseits zur Respektierung der Baulinie verpflichtete Fass aden darstellen. Diese Betrachtungsweise steht auch in Einklang mit dem darge legten Sinn und Zweck von Baulinien, die nicht nur in der Freihaltung des für die E rstellung neuer sowie den Ausbau und die Korrektion bestehender Strassen erforderlichen Landes liegt, sondern u.a. auch in der Erhaltung und Scha f- fung unüberbaubarer Streifen und damit auch eines bestehenden oder angestrebten einheitlichen Überbauungsbildes. Dieser städte - bzw. ortsbaulichen Funktion st ehen allzu weitreichende Abweichungen vom grundsätzlichen Bauverbot im Baulinienb e- reich und die damit verbundene Durchbrechun g einer einheitlichen Häuserflucht zum vornherein entgegen. Die Vorinstanz sieht als Schranke für die Zulassung von solchen Beanspr u- chungen das mit den im Z usammenhang mit der Gewährung solcher Ausnahmen von Gesetzes wegen anzuordnenden Beseitigungsrevers en stehende Proportional i- tätsprinzip, welches hier bedeute, dass eine allfällige Beseitigung der die Ba ulinie überragenden Bauteile noch als verhältnismässige Massnahme erscheinen müsse. Ob dieses Abgrenzungskriterium überhaupt sachgerecht ist, muss nicht näher über- prüft werden und kann offen bleiben. Eine dahingehende Würdigung des vorliege n- den Falles spricht jedenfalls gerade nicht für die Annahme noch zulässiger Gebä u- devorsprünge, soweit es sich nicht um das diesbezüglich zum vornherein unprobl e- matische Vordach im Erdgeschoss handelt. Die übrigen Auskragungen würden bei einer gebotenen Beseitigung zweifellos nach sehr wei treichenden, unter Umständen sogar die Statik und damit den gesamten Bestand des Gebäudes in Frage stelle n- den, jedenfalls aber nach unve rhältnismässigen Anpassungen verlangen. Auf den von der Vorinstanz erwähnten Umstand, dass die Wahrscheinlichkeit einer Bea n- spruchung des durch die Baulinien gesicherten Raumes und damit der Grund für den Eintritt der Beseitigung gleich null sei, kommt in diesem Zusammenhang selbstve r-- 3 - ständlich nichts an. Vielmehr wäre unter diesen Umständen gegebenenfalls zu pr ü- fen, ob eine Revision der Baulinien angezeigt wäre (vgl. § 110a PBG). 6. Wie erwähnt bestehen Auskragungen über die Baulinie hinaus entlang der gesamten Nordwestfassade und praktisch auf der gesamten Länge der Nordfassade. An der Ostfassade sodann ragen über zwei Geschosse hinweg auf ca. 8 m der in s- gesamt ca. 12,4 m langen Fassade Bauteile vor. Im Lichte der vorstehenden Erw ä- gungen können Auskragunge n, die von solchem Umfang sind und sich von den d a- hinter liegenden Fassaden überhaupt nicht oder kaum abheben, sondern deren ga n- ze Länge bzw. diese im überwiegenden Ausmass beschlagen, nicht mehr als privil e- gierte Vorsprünge taxiert werden. Vielmehr sind s ie als die Baulinie zu respektiere n- de Fassadenteile zu qualifizieren und kommen dergestalt nicht in den Genuss einer Beanspruchung des Baulinienbereiches. Anders verhält es sich hinsichtlich des Vo r- daches im Erdgeschoss, welches klar als Vorsprung erkennba r und für sich betrac h- tet auch als «einzeln» im Sinne von in untergeordnetem Ausmass zu bewerten ist. Lassen sich aber die übrigen Überragungen der Baulinienbereiche mit der massgeblichen Bestimmung von § 100 Abs. 1 PBG nicht vereinbaren, macht eine dahingehende Verweigerung eine umfassende Neuprojektierung notwendig. Ins ofern wird bereits damit das gesamte Bauvorhaben zu Fall gebracht.