B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5552/2019 U r t e i l v o m 7 . J u l i 2 0 2 1 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiberin Tina Zumbühl. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), Syrien, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 19. September 2019 / N (…). E-5552/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin A._______, syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie, verliess eigenen Angaben zufolge im (…) 2014 Syrien und sei in die Türkei gereist. Sie habe sich bis (…) 2015 bei Bekannten in [Türkei] aufgehalten. Über die Balkanroute sei sie schliesslich in die Schweiz ge- langt, wo sie am 4. Januar 2016 im damaligen Empfangs - und Verfahren- szentrum (EVZ) in E._______ um Asyl nachsuchte. B. Mit Eingaben vom 12. und 14. Januar 2016 zeigte die Beschwerdeführerin das Mandatsverhältnis mit Rechtsanwalt Michael Steiner an. C. Am 20. Januar 2016 wurde die Beschwerdeführerin anlässlich d er Befra- gung zur Person (BzP) unter anderem zu ihren Asylgründen und ihrem Rei- seweg befragt. D. D.a Mit Schreiben vom 13. April 2016 gewährte das SEM der Beschwerde- führerin das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Zuständigkeit [europäi- scher Staat, nachfolgend F._______] für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens und einer allfälligen Wegweisung nach F._______. D.b Am 18. April 2016 und am 27. April 2016 ersuchte der Rechtsvertreter um Akteneinsicht, insbesondere in sämtliche Akten, welche in Zusammen- hang mit einem allfällig eingeleiteten Dublin-Verfahren und der Zuständig- keit F._______ in Zusammenhang stehen würden. D.c Das SEM gewährte der Beschwerdeführer in mit Verfügung vom 26. April 2016 Einsicht in das Protokoll der BzP und hielt fest, dass die Einsicht in die restlichen Akten zum Zeitpunkt der Entscheideröffnung er- folge. D.d Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 4. Mai 2016 erhob die Be- schwerdeführerin gegen die Verfügung des SEM vom 26. April 2016 be- züglich Akteneinsicht beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. D.e Mit Urteil E-2796/2016 vom 25. Mai 2016 trat das Bundesverwaltungs- gericht nicht auf die Beschwerde ein. E-5552/2019 Seite 3 E. E.a Mit Verfügung vom 30. April 2016 trat das SEM auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein und verfü gte die Wegweisung nach F._______ und deren Vollzug. E.b Mit Eingabe vom 14. Juni 2016 erhob die Beschwerdeführerin Be- schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. E.c Mit Urteil E-3714/2016 vom 5. August 2016 hiess das Bundesverwal- tungsgericht die Beschwerde gut, hob d ie angefochtene Verfügung vom 30. April 2016 auf und wies die Sache zur neuen Beurteilung an die Vorinstanz zurück. F. F.a Mit Verfügung vom 6. September 2016 trat das SEM erneut nicht auf das Asylgesuch ein und verfügte die Weg weisung und den Vollzug nach F._______. F.b Mit Eingabe vom 26. September 2016 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. F.c Mit Verfügung vom 16. März 2018 hob die Vorinstanz die angefochtene Verfügung vom 6. September 2016 auf und nahm das nationale Asylver- fahren zur Hand. F.d Mit Urteil E-5865/2016 vom 20. März 2018 schrieb das Gericht die Be- schwerde infolge Gegenstandslosigkeit ab. G. Am 30. September 2016 heiratete die Besch werdeführerin den syrischen Staatsangehörigen Herrn G._______ welcher im Jahr 2013 in der Schweiz als Ausländer vorläufig aufgenommen worden war. Per (…) 2021 ist ihm eine Aufenthaltsbewilligung im Kanton (…) erteilt worden. H. Am (…) kam ihr erstes gemeinsames Kind B._______ zur Welt. I. Am 26. April 2018 orientierte der Rechtsvertreter das Gericht, dass das Vertretungsverhältnis beendet worden sei. E-5552/2019 Seite 4 J. Am 28. November 2018 wurde die Beschwerdeführerin im Rahmen der Anhörung vertieft zu ihren Asylgründen angehört. Dabei trug sie im We- sentlichen folgenden Sachverhalt vor: Sie sei in H._______ (arabisch […]) geboren und sei als Kind aufgrund der Arbeit des Vaters als Fahrer bei den syrischen Behörden nach (…) umge- zogen. Später sei die Familie wieder nach H._______ zurückgekehrt, wo sie die letzten zehn Jahre vor ihrer Ausreise aus Syrien gelebt habe. Sie habe in H._______ ein eigenes (…)geschäft geführt. Daneben habe sie im Jahr 2013 während einige r Monate [berufliche Tätigkeit] für kleine Kinder gegeben. Ihre Familie sei der Partiya Yekîtiya Demokrat (PYD, dt. Partei der Demo- kratischen Union) nahe gestanden und zwei ihrer Brüder seien als Mitglie- der aktiv für die Partei tätig gewesen . Im Jahr 1992 sei einer ihrer Brüder als Märtyrer gefallen. Im Jahr 2004 sei ihr Bruder I._______, welcher sich nun ebenfalls in der Schweiz befinde, im Zuge der Unruhen in Qamishli festgenommen und während eines Jahres inhaftiert worden. Bereits zuvor sei er einmal für dreieinhalb Jahre inhaftiert worden. Die gesamte Familie sei im Visier der syrischen Regierung gestanden. Auch ihre Eltern seien im Jahr 2004 beide kurzzeitig festgenommen worden. Die Behörden seien auch wiederholt zu ihrem (…)geschäft gekommen und hätten das Geschäft im Jahr 2004 vorübergehend geschlossen. Nach einem Jahr habe sie es wiedereröffnen können. Sie habe selbst auch mehrfach an Demonstratio- nen teilgenommen, das erste Mal im Jahr 2004 und zuletzt etwa im Jahr 2013. Als die PYD angekündigt habe, dass aus jeder Familie eine Person Militärdienst leisten müsse, habe ihr Vater ihr geraten, Syrien zu verlassen und zu ihrem Bruder I._______ in die Schweiz zu flüchten. Hinzukommend habe sie sich auch vor dem sogenannten "Islamischen Staat" (IS) gefürch- tet. Die Beschwerdeführerin reichte ihre syrische Identitätskarte und ihren sy- rischen Pass zu den Akten. K. Am (…) kam das zweite gemeinsame Kind C._______ zur Welt. L. Mit Entscheid vom 19. September 2019 – eröffnet am 24. September 2019 – stellte die Vorinstanz fest, dass die Beschwerdeführerin und ihre beiden E-5552/2019 Seite 5 Kinder die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllten, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob den Vollzug der Wegweisung infolge Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Auf- nahme jedoch auf. Die Vorinstanz begründete die Verfügung im Wesentli- chen mit der fehlenden Asylrelevanz der Vorbringen. M. Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 23. Okto- ber 2019 (Poststempel) beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie bean- tragte, die Verfügung der Vorinstanz vom 19. September 2019 sei aufzu- heben und ihr Asyl zu gewähren, eventualiter sei ihre Flüchtlingseigen- schaft festzustellen und sie als Flüchtling vorläufig aufzunehmen . In ver- fahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie die unentgeltliche Prozessfüh- rung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Mit der Rechtsmitteleingabe wurde eine Fürsorgebestätigung eingereicht. N. Am 24. Oktober 2019 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde. O. Mit Zwischenverfügung vom 30. Oktober 2019 hielt die Instruktionsrichterin fest, dass die Beschwerdeführerin und ihre Kinder aufgrund der vom SEM angeordneten vorläufigen Aufnahme über eine Berechtigung zum Aufent- halt in der Schweiz verfüg ten und somit in jede m Fall den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könn ten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut und verzichtete auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses. Das SEM wurde eingeladen, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen. P. In seiner Vernehmlassung vom 6. November 2019 hielt das SEM fest, die Beschwerdeschrift enthalte keine erheblichen Tatsachen oder Beweismit- tel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Q. Am 23. November 2019 replizierte die Beschwerdeführerin. R. Am (…) wurde das dritte Kind D._______ der Beschwerdeführerin und ih- res Ehemannes geboren. E-5552/2019 Seite 6 S. Der Bruder der Beschwerdeführerin namens I._______ wurde mit Verfü- gung des SEM vom (…) 2010 als Flüchtling anerkannt und ihm wurde Asyl gewährt. Die Verfahrensakten des Bruders I._______ (N […]) wurden im vorliegenden Beschwerdeverfahren beigezogen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde i st frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.5 Das jüngste Kind, D._______ wurde erst nach Ergehen der vorliegend angefochtenen Verfügung des SEM betreffend seine Mutter geboren. Das SEM hat mit Schreiben vom 19. August 2020 festgehalten, das Kind werde E-5552/2019 Seite 7 in die vorläufige Aufnahme seiner Eltern einbezogen; soweit in diesem Schreiben gleichzeitig festgehalten wird, die Verfügung vom 19. Septem- ber 2019 betreffend die Beschwerdeführerin sei in Rechtskraft erwachsen, trifft dies – angesichts der vorliegenden Beschwerde, die damals noch hän- gig war – nicht zu. Das Kind D._______ wird ins Beschwerdeverfahren sei- ner Mutter einbezogen. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freihei t sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfäl schte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 4.1.1 Das SEM führte in der ablehnenden Verfügung aus , dass das Vor- bringen der Beschwerdeführerin , ihr (…)geschäft sei ungefähr im Jahr 2004 von den syrischen Behörden gestürmt und plombiert worden, keinen zeitlichen Kausalzusammenhang zur Ausreise aufweise. Zudem habe sie die Plombierung etwa nach einem Jahr aufheben können und habe noch zehn weitere Jahre in Syrien gelebt. Dem Vorbringen komme somit keine Asylrelevanz zu. E-5552/2019 Seite 8 4.1.2 In Bezug auf die pro-kurdischen Demonstrationsteilnahmen seit dem Jahr 2004 hielt das SEM fest, dass es keine Hinweise gebe, wonach sie an den Demonstrationen von den syrischen Behörden als Regimegegnerin identifiziert worden wäre. Eine begründete Furcht vor Verfolgung bei einer Rückkehr nach Syrien sei somit nicht zu bejahen. Zudem sei anzumerken, dass die syrischen Sicherheitskräfte seit März 2011 den Fokus auf die po- litischen Oppositionellen der sogenannten Syrischen Revolution legen wür- den. Die Beschwerdeführerin verfüge über kein oppositionspolitisches Pro- fil, das einen engen Bezug zur sogenannten Syrischen Revolution auf- weise. Darüber hinaus sei verschiedenen Quellen zu entnehmen, dass seit der faktischen Machtübernahme durch die syrisch -kurdische Partei PYD im Nordosten Syriens eine Zusammenarbeit zwischen den Regierungsbe- hörden und den kurdischen de facto -Behörden bestehe. Vor diesem Hin- tergrund sei es unwahrscheinlich, dass ihr Engagement für die kurdische Sache zum heutigen Zeitpunkt eine Provokation darstelle. Auch aus den Demonstrationsteilnahmen und Verhaftu ngen ihres Bruders I._______ seien ihr – abgesehen von der Stürmung des (…)geschäfts – keine kon- kreten Nachteile erwachsen. Die Asylakten ihres Bruders und die Akten weiterer in der Schweiz lebender Verwandten würden ebenfalls keine An- haltspunkte für eine künftige, asylrelevante Verfolgung liefern. Eine asylre- levante Verfolgung aufgrund ihrer Demonstrationsteilnahmen und der Un- terstützung der PYD durch ihre Familie liege somit nicht vor und sei auch in Zukunft nicht zu befürchten. 4.1.3 In Bezug auf ihre Befürchtung, von der PYD für den Dienst rekrutiert zu werden, führte das SEM aus, dass die Rekrutierung aufgrund des Alters und Wohnortes erfolge. Die Kriterien für die Rekrutierung würden somit nicht auf Eigenschaften zielen, welche von Art. 3 AsylG geschützt seien. Daher komme der Rekrutierung von jungen Männern und auch Frauen durch die PYD beziehungsweise die Yekîneyên Parastina Gel (YPG, dt. Volksverteidigungseinheiten) in den von den Kurden kontrollierten Gebie- ten grundsätzlich keine Asylrelevanz zu. 4.1.4 Schliesslich sei auch die Furcht vor einer Festnahme durch den IS nicht asylrelevant. Sie habe keine Probleme mit dem IS gehabt und eine alleinige Befürchtung reiche nicht aus, um eine begründete Furcht vor Ver- folgung bejahen zu können. Angesichts der Gebietsverluste des IS im Ver- laufe des Jahres 2017 habe der IS in Syrien zudem dahingehend zerschla- gen werden können, dass er in Syrien als Territorialmacht keine Rolle mehr spiele. Das Vorbringen weise somit ebenfalls keine Asylrelevanz auf. E-5552/2019 Seite 9 4.2 In der Beschwerde wurde moniert, das SEM habe das Asylgesuch nicht genügend umfassend und sorgfältig geprüft und dadurch die Pflicht zur vollständigen und richtigen Prüfung der Asylgründe verletzt. Die Beschwer- deführerin sei während der Asylbe fragungen gestresst gewesen, da sie eine Ausschaffung nach F._______ befürchtet habe, was die Befragung beeinflusst habe. Sie habe dennoch glaubhaft dargelegt, dass sie in Syrien grosser Gefahr ausgesetzt gewesen sei. Sie habe regelmässig an De- monstrationen teilgenommen und sei bereits im Jahr 2004 bei den syri- schen Behörden registriert und ihr (…)geschäft sei gestürmt worden. Das SEM habe bei seiner Argumentation ausser Acht gelassen, dass eine be- hördliche Registrierung für immer bestehen bleibe. Die Vorinstanz habe pauschal behauptet, dass die Beschwerdeführerin nicht identifiziert worden sei. Auch die Familie sei den Behörden bestens bekannt und alle Familien- mitglieder seien durch die Behörden als Regimegegner identifiziert wor- den. Die Mutter sei am (…) 2004 und der Vater am (…) 2004 von den syri- schen Behörden mitgenommen worden. Der Bruder sei am (…) 2004 ver- haftet worden. Sie habe sich nur durch die Flucht einer (Reflex-)Verfolgung entziehen können. Sie sei physischer Gewalt und Folter ausgesetzt gewe- sen. Es sei nämlich bekannt, dass die syrischen Behörden mit grosser Bru- talität gegen Regimegegner vorgehe n und Rache an deren Angehörigen üben würden. Könne eine politisch aktive und gesuchte Pers on nicht ge- funden werden, würden die Sicherheitskräfte auch unter Anwendung von Gewalt Familienangehörige, inklusive Frauen und Kinder, verhaften. Ziel sei es, dass sich die gesuchte Person stelle oder dass Informationen über deren Verbleib erlangt würden. Verschiedene Berichte hätten festgehalten, dass Personen aufgrund ihrer familiären Zugehörigkeit Opfer zielgerichte- ter Verfolgung geworden seien. Bereits vor 2011 hätten die syrischen Be- hörden Oppositionelle unter Druck gesetzt, indem ihre Familienangehöri- gen Repressionen ausgesetzt gewesen seien. Seit Ausbruch des Bürger- krieges habe diese Strategie zusätzlich an Gewicht gewonnen. Es könne somit nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführerin auf- grund des familiären Hintergrundes und ihrer eigenen Vergangenheit eine Verfolgung in Syrien drohe. Eine begründete Furcht vor Reflexverfolgung sei somit zu bejahen. Hinzukommend sei die politische Situation in Syrien ständiger Veränderung unterworfen. Derzeit zeichne sich eine baldige Rückkehr des syrischen Regimes ins Kurdengebiet ab. Die Beschwerde- führerin und ihre Familie würden sodann als Regimegegner betrachtet. Es sei zum heutigen Zeitpunkt darüber hinaus nicht absehbar, welche Rolle die ethnischen, religiösen und politischen Zugehörigkeiten im Rahmen ei- ner künftigen Herrschaftsordnung spielen würden. E-5552/2019 Seite 10 4.3 In der Vernehmlassung entgegnet das SEM, dass der Beschwerdefüh- rerin zum Zeitpunkt der Anhörung bekannt gewesen sei, dass die Schweiz – und nicht F._______ – für die Durchführung des Asylverfahrens zuständig sei. In Bezug auf die vorgebrachte Verfolgung durch die syrischen Behör- den wiederholte das SEM, dass die Beschwerdeführerin nach der Stür- mung und Plombierung des Geschäfts im Jahr 2004 keine weiteren Prob- leme mehr mit den syrischen Behörden gehabt hab e. Überdies habe sie sich gemäss ihren Aussagen auch nicht in die Politik eingemischt. Hinsicht- lich der vorgebrachen Reflexverfolgung hielt das SEM fest, dass keine asylrelevante Verfolgung aufgrund der familiären Unterstützung der PYD sowie aufgrund ihres Bruders habe festgestellt werden können. Abschlies- send sei darauf hinzuweisen, dass Personen kurdischer Ethnie keiner kol- lektiven Verfolgung in Syrien ausgesetzt seien. 4.4 Die Beschwerdeführerin replizierte dahingehend, dass die Vorinstanz eine Reflexverfolgung nur sehr allgemein und oberflächlich geprüft habe. Sie habe sich nicht mit der aktuellen Lage im Herkunftsgebiet der Be- schwerdeführerin auseinandergesetzt. Es sei bekannt, dass die syrischen Behörden weibliche Familienmitglieder anstelle der gesuchten männlichen Person mitnehmen und auch schlagen würden. Dies werde auch als Druck- mittel eingesetzt, damit sich die gesuchte Person stelle. Die gesamte Fa- milie sei den Behörden bekannt gewesen und sie habe von einer kol- lektiven Bestrafung ausgehen müssen. Die syrischen Behörden würden über viele Möglichkeiten verfügen, um möglichst viele Teilnehmende einer Protestaktion zu identifizieren. Aus anderen Fällen wisse sie, dass die sy- rischen Behörden über viel Beweismaterial verfügen würden, welches bei Bedarf Personen vorgelegt worden sei. Viele Personen würden an Check- points festgehalten mit dem Vorwurf, an Demonstrationen teilgenommen zu haben, einer oppositionellen Familie zu entstammen oder einer be- stimmten Volksgruppe anzugehören. Die meisten wüssten nicht, dass sie gesucht werden. Die syrische Regierung gewinne zudem zunehmend an Macht in den kurdischen Gebieten. Die Kurden würden als Separatisten und Verräter betrachtet und sobald die Macht etabliert sei, würden Kurden vertrieben und verfolgt werden. Ausserdem würden die jüngsten Ereignisse um den türkischen Angriff auf die Kurden in Rojava mithilfe von islamischen Milizen zeigen, dass der IS nicht endgültig besiegt sei. Bei einer Rückkehr zähle die Beschwerdeführerin als Kurdin somit zu den gefährdeten Perso- nen. E-5552/2019 Seite 11 5. 5.1 Vorab sind die formellen Rügen zu beurteilen, da diese allenfalls ge- eignet wären, eine Kassation der angefochtenen Verfügung herbeizufüh- ren. 5.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, das SEM habe das Asylgesuch nicht genügend umfassend und sorgfältig geprüft und dadurch die Pflicht zur vollständigen und richtigen Prüfung der Asylgründe verletzt (Be- schwerde E.II.B. Art.1). Das SEM habe sich in seinem Entscheid auf allge- meine Mutmassungen und Spekulationen gestützt (Beschwerde E.II.B. Art.2). Die Vorinstanz hat die Beschwerdeführerin in der Befragung zur Person und in der Anhörung einlässlich zu ihren Vorbringen angehört. Die Be- schwerdeführerin war zudem während ihres Verfahrens zeitweise rechtlich vertreten und die Rechtsvertretung hat sich nie mit ergänzenden Angaben an die Vorinstanz gewandt. Dass das SEM relevante Sachverhaltsaspekte, welche zu einer anderen Einschätzung des Asylgesuchs führen würde n, nicht abgeklärt habe, ist weder aus den vorinstanzlichen Akten noch den Beschwerdeakten ers ichtlich. Es ist auch keine Verletzung der Begrün- dungspflicht durch die Vorinstanz zu erkennen. Das SEM hat in der Verfü- gung ausführlich dargelegt, von welchen Überlegungen es sich hat leiten lassen, und dabei Bezug auf die Rechtsprechung des Gerichts und auf öf- fentliche Berichte zu Syrien genommen. Es hat sich auch mit sämtlichen wesentlichen Vorbringen der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt. Es war ihr somit möglich, sich ein Bild über die Tragweite des vorinstanzlichen Entscheides zu machen und diesen sachgerecht anzufechten (vgl. BGE 129 I 232 E. 3.2). Der blosse Umstand, dass die Beschwerdeführerin die Auffassung des SEM nicht teilt, ist keine Verletzung der Begründungs- pflicht, sondern eine Frage der materiellen Beurteilung. 5.3 Schliesslich ergeben sich aus den Akten auch keine Hinweise, wonach die Anhörung durch ihre Befürchtung, nach F._______ ausgeschafft zu werden, beeinflusst gewesen wäre (Beschwerde E.II.B. Art.2). Zudem ist der Vorinstanz beizu pflichten, dass die Beschwerdeführerin zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Monaten über die Zuständigkeit der Schweiz zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens orientiert gewe- sen ist. Es ist nicht ersichtlich, dass sie ihre Asylgründe an der Anhörung aufgrund ihrer psychischen Verfassung nicht umfassend hätte darlegen können. E-5552/2019 Seite 12 5.4 Die formellen Rügen sind somit insgesamt unbegründet. 6. 6.1 Nach Durchsicht der Akten gelangt das Gericht ebenfalls zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG nicht erfüllt. 6.2 6.2.1 Zunächst ist festzustellen, dass die vorgebrachten Demonstrations- teilnahmen der Beschwerdeführerin ab dem Jahr 2004 die Flüchtlingsei- genschaft nicht zu begründen vermögen. Sie gab an, sie habe ab dem Jahr 2004 an Demonstrationen gegen die syrische Regierung in H._______ teil- genommen (SEM Akte A66, F93 ff.). Die letzte Teilnahme sei etwa im Jahr 2012 oder 2013 erfolgt. Aus den Akten wird zwar nicht ersichtlich, wie kon- kret die Teilnahme der Beschwerdeführerin an den Demonstrationen aus- gesehen hat. Ihren Aussagen lassen sich aber keine Hinweise entnehmen, wonach sich die Beschwerdeführerin exponiert habe. So gab sie an, sie sei politisch nicht aktiv gewesen (a.a.O., F85). Auch über die politischen Ge- schehnisse konnte die Be schwerdeführerin nicht eingehend berichten (a.a.O., F80). Sie machte auch nicht geltend, dass sie im Zuge einer De- monstration je angehalten oder festgenommen worden sei. Es kann somit angenommen werden, dass die Aktivitäten der Beschwerdeführerin nieder- schwellig gewesen sind. Aus den Akten des Bruders I._______ (N […]) ergibt sich ebenfalls nichts Gegenteiliges. Er nannte an keiner Stelle, dass seine Schwester, die Beschwerdeführerin, ebenfalls politisch aktiv gewe- sen sei (N […], A1, Ziff. 15, A9, A19). Zwar ist der Beschwerdeführerin zu- zustimmen, dass sie im Jahr 2004 im Zuge der Schliessung ihres Ge- schäfts im Fokus der Behörden gestanden haben dürfte. Da sie seither aber noch zehn weitere Jahre in H._______ verblieben ist und keine Schwierigkeiten mehr mit den Behörden gehabt hat, ist nicht davon auszu- gehen, dass die Behörden sie als potentielle Bedrohung und Regimegeg- nerin identifiziert haben. Hätten die Behörden sie tatsächlich ins Visier ge- nommen, wäre zu erwarten gewesen, dass sie von den Behör den erneut aufgesucht worden wäre, oder zumindest eine Vorladung erhalten hätte. Bezeichnenderweise hat sie während der BzP sodann auch keine eigenen politischen Tätigkeiten beziehungsweise ihre Demonstrationsteilnahme n als Ausreisegrund genannt, sondern in den Hauptzügen auf ihren Bruder I._______ verwiesen (SEM Akte A14, Ziff. 7.01 und 7.02). Aus den Akten ergeben sich somit keine Hinweise, wonach die Beschwerdeführerin politi- sche Tätigkeiten, welche die Aufmerksamkeit der syrischen Behörden auf sie gezogen hätten, unternommen habe. E-5552/2019 Seite 13 6.2.2 Auch die im Jahr 2004 erfolgte Schliessung ihres (…)geschäfts durch die syrischen Behörden lässt nicht auf eine fortbestehende Verfolgung schliessen (SEM Akte A66, F83). Auch wenn die erzwungene Schliessung sicherlich eine Belastung gewesen ist, lässt sich daraus keine asylrele- vante Bedrohungssituation ableiten. Die Beschwerdeführerin erlitt nach der Wiedereröffnung des Geschäfts keine konkreten Benachteiligungen durch die syrischen Behörden mehr. Sie gab hierzu an, sie habe etwa ein Jahr später das Geschäft wieder öffnen können (a.a.O., F129). Danach habe sie persönlich keine Probleme mehr gehabt (a.a.O., F137, F150). 6.2.3 Insgesamt ergibt sich aus den Ak ten kein derartiges Profil der Be- schwerdeführerin, als dass sie von den syrischen Behörden ernsthaft als Regimegegnerin eingestuft wird. 6.3 6.3.1 Im Weiteren ist auf die geltend gemachte drohende Reflexverfolgung einzugehen. Unter Reflexverfolgung sind behördliche Belästigungen oder Behelligungen von Angehörigen aufgrund des Umstandes zu verstehen, dass die Behörden einer gesuchten, politisch unbequemen Person nicht habhaft werden oder schlechthin von deren politischer Exponiertheit auf eine solche auch bei Angehörigen schliessen (vgl. etwa Urteil des BVGer E-2257/2019 vom 15. März 2021 E. 7.3; BVGE 2010/57 E. 4.1.3). Die Ver- folgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer Opposi- tioneller durch die syrischen Behörden ist – wie von der Beschwerdeführe- rin zu Recht aufgeführt – durch diverse Quellen dokumentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Person für ihre oppositio- nelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um Angehörige für eine unterstellte opposi- tionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen aufgrund ihrer Nähe zu vermeintli- chen oder wirklichen oppositionellen Personen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische Armee und regierungsfreund- liche Milizen) setzen dabei die Strategie der Re flexverfolgung gezielt ein. Könne ein Regimegegner nicht gefunden werden, würden Sicherheits- kräfte – auch unter Anwendung von Gewalt – Familienangehörige, auch Kinder, willkürlich verhaften, in Isolationshaft nehmen, foltern oder ander- weitig misshandeln (v gl. Urteil des BVGer E -734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2 ff. m.w.H.). E-5552/2019 Seite 14 6.3.2 Um vorliegend eine mögliche drohende Reflexverfolgung beurteilen zu können, hat das Gericht die Akten des Bruders I._______ der Beschwer- deführerin (N […]) beigezogen. Aus den Akten des Bruders und der Be- schwerdeführerin ergibt sich insgesamt folgendes Bild: I._______ und ein weiterer Bruder, J._______ seien Mitglieder der PYD gewesen. Weitere Familienangehörige seien nicht Parteimitglieder gewesen. J._______ sei im Jahr 1992 als Märtyrer gefallen. I._______ sei mehrmals inhaftiert wor- den und schliesslich im Jahr 2007 aus Syrien ausgereist und in die Schweiz geflohen, wo er im Jahr 2010 Asyl erhalten hat. Es gebe zwei weitere Mär- tyrer in der Familie (N […], Akte A9, F102). Ein Neffe sei gemeinsam mit I._______ ausgereist und befinde sich nun auch in der Schweiz. Ein Cousin und eine Cousine seien ebenfalls in Syrien politisch aktiv gewesen (N […] Akte A1, Ziff. 15). Nach der Ausreise von I._______ sei das Haus etwa drei bis vier Mal gestürmt worden. Der Vater sei einige Male wegen I._______ mitgenommen und nach ihm befragt worden. Im Jahr 2004 sei er einmal kurzzeitig inhaftiert worden (N […], A9, F67 ff.). Auch die Mutter sei im Jahr 2004 kurzfristig festgenommen worden ( N […], A66, F113, F149; Be- schwerde E.B. Art. 3.). Nach der Ausreise von I._______, habe die syrische Regierung dem Vater gedroht, man werde jemanden von der Familie mit- nehmen ( N […], A66, F1 09 f.). Auch die Eh efrau und der Sohn von I._______ seien nach dessen Ausreise immer wieder von den Behörden nach seinem Verbleib gefragt worden (N […], SEM Akte B17, F14 ff.). Ins- gesamt ergibt sich aus den Akten somit ein gewisses politisches Profil der Familie; die Familie wurde mehrfach nach dem Verbleib von I._______ ge- fragt und der Vater auch einige Male mitgenommen . Aus den Akten erge- ben sich indes keine konkreten Hinweise, dass auch der Beschwerdefüh- rerin eine Reflexverfolgung aufgrund ihres Bruders beziehungsweise ihres familiären Hintergrundes gedroht hätte oder sie bereits einer solchen aus- gesetzt gewesen wäre. Nach der Ausreise des Bruders im Jahr 2007 ver- blieb sie noch sieben Jahre in H._______. Sie machte nach seiner Ausreise keinerlei persönlichen Probleme geltend. Zudem ist anzumerken, dass ihre Eltern und eine Schwester nach wie vor in H._______ wohnhaft sind ( N […], A14, Ziff. 3.01; A66, F28). Benachteiligungen asylrelevanten Ausmas- ses waren sie trotz ihres Verbleibs am Heimatort – soweit aus den Akten ersichtlich – nicht ausgesetzt. I._______ hat in seinem Asylverfahren zwar angegeben, dass sein Vater immer wieder von den syrischen Behörden mitgenommen und nach seinem Aufenthaltsort gefragt worden sei. Ernst- hafte Nachteile für seine Familie aufgr und seiner Ausreise machte er je- doch nicht geltend. Auch die Beschwerdeführerin – welche bis zu ihrer Aus- reise mit ihrem Vater zusammengewohnt hat – hat einzig angegeben, ihr E-5552/2019 Seite 15 Vater sei von den syrischen Behörden bedroht worden, dass man die Fa- milie nicht in Ruhe lassen würde (N […], A66, F109). Dass diese Drohun- gen zu tatsächlichen Konsequenzen geführt hätten, bringt sie indes weder in der Anhörung zu den Asylgründen noch im Beschwerdeverfahren vor. 6.3.3 Abschliessend ist noch darauf hinzuweisen, dass sich auch aus den vorinstanzlichen Akten des Ehemannes der Beschwerdeführerin (N […]) keine Hinweise ergeben, wonach der Beschwerdeführerin aufgrund der Verbindung zu ihm bei einer Rückkehr nach Syrien ernsthafte Nachteile drohen könnten. Sein Asylgesuch wurde abgelehnt und eine drohende Ver- folgung in Syrien verneint. Seine in der Schweiz geltend gemachten exil- politischen Tätigkeiten wurden zudem als niederschwellig und flüchtlings- rechtlich nicht relevant eingestuft (N […], Akte A17). 6.3.4 Somit besteht insgesamt kein An lass zur Annahme, dass die Be- schwerdeführerin aufgrund ihres familiären Hintergrundes eine Reflexver- folgung zu befürchten hätte. 6.4 Bezüglich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten drohen- den Rekrutierung durch die PYD beziehungsweise YPG ist festzuh alten, dass das SEM zu Recht feststellte, dieser komme keine Asylrelevanz zu. Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass auch im heutigen Kontext zwar Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienstpflicht ergehen, dass aber eine Weigerung keine flüchtlingsrechtlich relevanten Sanktionen nach sich ziehen würde (vgl. Referenzurteil des BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3, bestätigt etwa in den Urteilen des BVGer D - 4482/2018 vom 12. Oktober 2018 E. 5.2 und E -2756/2018 vom 27. Mai 2021 E. 6.1) . Die Beschwerdeführerin macht diesbezüglich auch keine Probleme mit der PYD geltend, sondern bringt lediglich vor, dass die PYD ihr gesagt habe, sie solle Militärdienst leisten (vgl. SEM -Akte A66, F139 ff.). Konkrete Drohungen seien ihr gegenüber indes ni cht ausgesprochen worden (a.a.O., F153). Das Vorbringen erweist sich somit als asylrechtlich nicht relevant. 6.5 Schliesslich ist auf die in Zusammenhang mit der Bürgerkriegssituation in Syrien stehenden Ängste der Beschwerdeführerin, aufgrund ihrer kurdi- schen Ethnie Benachteiligungen durch islamische Gruppierungen oder die allenfalls wieder an ihrem Heimatort an die Macht kommende sy- rische Regierung zu erleiden, einzugehen. Hierzu ist darauf hinzuweisen, dass die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nach sc hweizerischer E-5552/2019 Seite 16 Rechtsprechung den gezielten, auf die betreffende Person individuell fo- kussierten Willen des Verfolgers erfordert, diese bestimmte Person unmit- telbar ernsthaften Nachteilen im Sinne des Gesetzes zu unterwerfen. Be- reits erfolgte Benachteiligungen durch den IS hat die Beschwerdeführerin nicht geltend gemacht. Gemäss geltender Rechtsprechung ist nicht davon auszugehen, dass syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie im heuti- gen Zeitpunkt in besonderer und gezielter Weise aufgrund ihrer Ethnie in einem derart breiten und umfassenden Ausmass unter Anfeindungen zu leiden hätten, dass von einer Kollektivverfolgung ausgegangen werden müsste. Auch unter dem Gesichtspunkt der heute veränderten Lage, ins- besondere seit dem Einmarsch der türkischen Truppen in Nordsyrien, ist – entgegen den Ausführungen der Beschwerdeführerin – nicht davon auszu- gehen, dass sämtliche in Syrien und insbesondere in Nordsyrien verblie- benen Kurden derzeit eine objektiv begründete Furcht vor einer Verfolgung hätten (vgl. bspw. D-6344/2018 vom 26. Mai 2020 E.5.4; E-937/2017 vom 16. Januar 2020 E.6.3 ). Auch die kürzlich abgehaltene Präsidentschafts- wahl und die erfolgte Bestätigung des Machthabers Baschar al-Assad än- dert vorliegend nichts an dieser Einschätzung. Der bürgerkriegsbedingten Gefährdungslage und der fortbestehenden Volatilität und Dynamik der Ent- wicklung in Syrien wurde von der Vorinstanz i m Rahmen des Wegwei- sungsvollzugs respektive der in diesem Zusammenhang angeordneten vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführerin Rechnung getragen. 6.6 Nach dem Gesagten bestehen insgesamt keine konkreten Anhalts- punkte dafür, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Ausreise aus Syrien einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt gewesen ist. Eine be- gründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung lässt sich – auch unter Be- rücksichtigung der beigezogenen Akten des Bruders der Beschwerdefüh- rerin – zum heutigen Zeitpunkt ebenfalls nicht feststellen. 7. 7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Es bleibt der Beschwerdeführerin indes unbenommen, ein mögliches Gesuch um einen E-5552/2019 Seite 17 ausländerrechtlichen Einbezug in die Aufenthaltsbewilligung ihres Ehe- mannes gestützt auf Art. 44 AIG bei den kantonalen Ausländerbehörden einzureichen. 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). 8.2 Nachdem die Beschwerdeführerin wegen der generellen Gefährdung aufgrund der aktuellen Situation in Syrien vom SEM infolge Unzumutbar- keit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen wurde, stellt sich die Frage nach dem Vorliegen der weiteren Vorausset- zungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung – Unzulässig- keit und Unmöglichkeit – heute nicht, da diese Vollzugshindernisse alter- nativer Natur sind: Ist eines erfüllt, gilt der Vollzug der Wegweisung als un- durchführbar (vgl. BVGE 2011/7 E. 8, 2009/51 E. 5.4). 9. Aus di esen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wä ren die Kosten der Beschwerde- führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfügung vom 30. Oktober 2019 wurde indes das Gesuch um Gewährung der unentgelt- lichen Rechtspflege gutgeheissen. Eine allfällige Veränderung der finanzi- ellen Lage der Beschwerdeführerin geht aus den Akten nicht hervor. Der Beschwerdeführerin sind deshalb trotz Unterliegens keine Verfahrenskos- ten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) E-5552/2019 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Tina Zumbühl Versand: