<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para"> </div> <div class="para">Bundesgericht </div> <div class="para">Tribunal fédéral </div> <div class="para">Tribunale federale </div> <div class="para">Tribunal federal </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <img height="74" src="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/displayimage.php?id=2021-12-14-9C_547-2021.1&amp;type=gif" width="95"/> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>9C_547/2021</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Urteil vom 14. Dezember 2021</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>II. sozialrechtliche Abteilung</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Besetzung </div> <div class="para">Bundesrichter Parrino, Präsident, </div> <div class="para">Bundesrichter Stadelmann, </div> <div class="para">Bundesrichterin Moser-Szeless, </div> <div class="para">Gerichtsschreiberin Dormann. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Verfahrensbeteiligte </div> <div class="para">A.________, </div> <div class="para">vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Rolf Thür, </div> <div class="para">Beschwerdeführer, </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <i>gegen</i> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">IV-Stelle des Kantons Zürich, </div> <div class="para">Röntgenstrasse 17, 8005 Zürich, </div> <div class="para">Beschwerdegegnerin. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Gegenstand </div> <div class="para">Invalidenversicherung, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Beschwerde gegen das Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom 27. August 2021 (IV.2021.00398). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Sachverhalt:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.</b> </div> <div class="para">Der 1987 geborene A.________ meldete sich im Juni 2020 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an. Mit Vorbescheid vom 19. Januar 2021 stellte die IV-Stelle des Kantons Zürich die Ablehnung eines Rentenanspruchs bei einem Invaliditätsgrad von 4 % in Aussicht. A.________ liess am 17. Februar 2021 dagegen Einwände erheben und am 22. Februar 2021 um unentgeltlichen Rechtsbeistand für das Vorbescheidverfahren ersuchen. Nach weiteren Einwänden verneinte die IV-Stelle mit unangefochten gebliebener Verfügung vom 6. April 2021 einen Rentenanspruch bei einem Invaliditätsgrad von 10 %. Mit Verfügung vom 11. Mai 2021 wies sie das Gesuch um unentgeltliche Verbeiständung ab. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.</b> </div> <div class="para">A.________ liess gegen die Verfügung vom 11. Mai 2021 Beschwerde erheben. Das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich wies das Rechtsmittel mit Urteil vom 27. August 2021 ab. In der gleichen Sache liess A.________ dem kantonalen Gericht am 9. September 2021 (Poststempel) eine weitere Eingabe und eine Honorarnote einreichen. Am 14. September 2021 wurde seinem Rechtsvertreter das Urteil vom 27. August 2021 zugestellt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>C.</b> </div> <div class="para">A.________ lässt mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beantragen, unter Aufhebung des Urteils vom 27. August 2021 und der Verfügung vom 11. Mai 2021 sei das Gesuch um unentgeltlichen Rechtsbeistand gutzuheissen; eventualiter sei die Sache zur ergänzenden Abklärung und Durchführung eines Beweisverfahrens an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner lässt er um unentgeltliche Rechtspflege ersuchen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Die IV-Stelle schliesst auf Abweisung der Beschwerde. Das Bundesamt für Sozialversicherungen verzichtet auf eine Vernehmlassung. A.________ lässt eine weitere Eingabe und eine Honorarnote einreichen. </div> <div class="para">Erwägungen: </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.1.</b> Nachdem über die Hauptsache (Rentenanspruch) bereits mit Verfügung vom 6. April 2021 definitiv entschieden wurde, stellt das vorinstanzliche Urteil keinen Vor- oder Zwischenentscheid im Sinne von <span class="artref">Art. 93 BGG</span>, sondern einen direkt anfechtbaren Endentscheid im Sinne von <span class="artref">Art. 90 BGG</span> dar. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.2.</b> Die Vorbringen in der nachträglichen Eingabe vom 30. November 2021 sind verspätet (vgl. Art. 100 Abs. 1 i.V.m. <span class="artref">Art. 44 ff. BGG</span>) und daher von vornherein unzulässig. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.1.</b> Der Beschwerdeführer rügt vorab, die Beschwerdeantwort der IV-Stelle vom 16. August 2021 sei seinem Rechtsvertreter mit der Verfügung vom 20. August 2021 zugestellt worden; diese sei aber erst am 26. August 2021 dort eingegangen. Bereits am 27. August 2021 sei das angefochtene Urteil gefällt worden. Er habe nicht rechtzeitig auf die neuen und falschen Behauptungen der IV-Stelle reagieren können. Damit habe die Vorinstanz seinen Anspruch auf rechtliches Gehör derart krass verletzt, dass von Nichtigkeit des angefochtenen Urteils auszugehen sei. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.2.</b> Gemäss <span class="artref"><artref id="CH/101/29/2" type="start"></artref><artref id="CH/101/29/1" type="start"></artref>Art. 29 Abs. 1 und 2 BV</span><artref id="CH/101/29/2" type="end"></artref><artref id="CH/101/2" type="end"></artref> sowie <span class="artref">Art. 6 Ziff. 1 EMRK</span> (in Bezug auf zivilrechtliche Ansprüche und Verpflichtungen und strafrechtliche Anklagen) haben die Parteien eines Gerichtsverfahrens Anspruch auf rechtliches Gehör und auf ein faires Gerichtsverfahren, unter Beachtung des Grundsatzes der Waffengleichheit. Diese Garantien umfassen das Recht, von allen bei Gericht eingereichten Stellungnahmen Kenntnis zu erhalten und sich dazu äussern zu können, unabhängig davon, ob die Eingaben neue und/oder wesentliche Vorbringen enthalten. Es ist Sache der Parteien zu beurteilen, ob eine Entgegnung erforderlich ist oder nicht (Replikrecht; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=27.11.2021&amp;to_date=16.12.2021&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F138-I-484%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page484">BGE 138 I 484</a> E. 2.1 mit Hinweisen). Zur Wahrung des Replikrechts genügt es, dass den Parteien die Eingaben zur Information (Kenntnisnahme, Orientierung) zugestellt werden, wenn von ihnen, namentlich von anwaltlich Vertretenen oder von Rechtskundigen, erwartet werden kann, dass sie unaufgefordert Stellung nehmen (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=27.11.2021&amp;to_date=16.12.2021&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F138-I-484%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page484">BGE 138 I 484</a> E. 2.4; Urteil 1C_338/2020 vom 19. Januar 2021 E. 2.3). Ferner ist das Gericht nach einer Zustellung zur Kenntnisnahme gehalten, während einer angemessenen Zeitspanne mit dem Entscheid zuzuwarten. Vor Ablauf von zehn Tagen darf es im Allgemeinen nicht von einem Verzicht auf das Replikrecht ausgehen, hingegen nach zwanzig Tagen schon (Urteile 1C_661/2020 vom 15. April 2021 E. 2.2; 1C_338/2020 vom 19. Januar 2021 E. 2.3; je mit Hinweisen). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.3.</b> Die prozessleitende Verfügung vom 20. August 2021, mit der das Sozialversicherungsgericht dem Beschwerdeführer resp. seinem Rechtsvertreter die Beschwerdeantwort der IV-Stelle eröffnete, trägt den Versandstempel vom 23. August 2021. Das kantonale Gericht stellt nicht in Abrede, dass sie erst am 26. August 2021 zugestellt wurde. 14 Tage später, am 9. September 2021, wurde die Replik eingereicht. Die Vorinstanz macht nicht geltend, dass sie bei diesen Gegebenheiten von einem Verzicht auf das Replikrecht hätte ausgehen dürfen. Ein solcher ist angesichts der soeben (in E. 2.2) dargelegten Rechtsprechung auch nicht zwingend anzunehmen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Indem das Sozialversicherungsgericht d as angefochtene Urteil bereits am 27. August 2021 gefällt hatte, verletzte es den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör. Eine Heilung dieses Mangels im bundesgerichtlichen Verfahren ist nicht möglich (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=27.11.2021&amp;to_date=16.12.2021&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-I-100%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page100">BGE 133 I 100</a> E. 4.9; Urteil 1C_338/2020 vom 19. Januar 2021 E. 2.6). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.4.</b> Abgesehen davon, dass kein Antrag auf Feststellung der Nichtigkeit gestellt wird, leuchtet nicht ein, weshalb allein aufgrund der Verweigerung des Replikrechts darauf geschlossen werden müsste (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=27.11.2021&amp;to_date=16.12.2021&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F147-IV-93%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page93">BGE 147 IV 93</a> E. 1.4.4; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=27.11.2021&amp;to_date=16.12.2021&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-III-436%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page436">145 III 436</a> E. 4). Weiterungen dazu erübrigen sich. Ebenso wenig ist an dieser Stelle auf die anderen (materiellen) Ausführungen des Beschwerdeführers einzugehen. Die Beschwerde ist insoweit gutzuheissen, als der angefochtene Entscheid aufzuheben und die Sache zu neuer Beurteilung unter Gewährung des rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen ist. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Auf die Erhebung von Gerichtskosten wird umständehalber verzichtet (<span class="artref">Art. 66 Abs. 1 Satz 2 BGG</span>). Der Beschwerdeführer hat Anspruch auf eine Parteientschädigung entsprechend der eingereichten Honorarnote (<span class="artref"><artref id="CH/173.110/68/2" type="start"></artref><artref id="CH/173.110/68/1" type="start"></artref>Art. 68 Abs. 1 und 2 BGG</span><artref id="CH/173.110/68/2" type="end"></artref><artref id="CH/173.110/2" type="end"></artref>). </div> <div class="para"> Demnach erkennt das Bundesgericht: </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen und das Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom 27. August 2021 aufgehoben. Die Sache wird zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Es werden keine Gerichtskosten erhoben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Die Beschwerdegegnerin hat den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 1827.60 zu entschädigen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>4.</b> </div> <div class="para">Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich und dem Bundesamt für Sozialversicherungen schriftlich mitgeteilt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Luzern, 14. Dezember 2021 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Im Namen der II. sozialrechtlichen Abteilung </div> <div class="para">des Schweizerischen Bundesgerichts </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Der Präsident: Parrino </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Die Gerichtsschreiberin: Dormann </div> </div></body></html>