B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5929/2013 U r t e i l v o m 2 1 . A u g u s t 2 0 1 4 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn, Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner, Gerichtsschreiber Tobias Grasdorf. Parteien A._______, geboren (…), Russland, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 16. September 2013 / N (…). E-5929/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 14. Februar 2013 in der Schweiz um Asyl nach. A.a Am 26. Februar 2013 wurde er zur Person befragt und am 3. Mai 2013 zu seinen Fluchtgründen angehört. Dabei machte er im Wesentli- chen geltend, er habe am 8. August 2008 in Grosny, Tschetschenien, zu- sammen mit seinem Bruder einen Autounfall gehabt. Dabei sei es auf e i- ner Kreuzung zu einem Zusammenstoss mit einem Mercedes geko m- men. Der Besitzer des Mercedes habe nicht gewollt, dass sie die Polizei riefen, sondern habe über ein Funkgerät Hilfe angefordert. Daraufhin se i- en drei Fahrzeuge zum Unfallort gekommen, in denen sich Leibwächter des Fahrers befunden hätten. Die Leibwächter hätten sie bedroht, ge- schlagen und ihnen gesagt, sie müssten dem Fahrer 8 Millionen Rubel für den Schaden am Auto bezahlen. Ihm sei der Arm gebrochen worden und er habe eine Gehirnerschütterung gehabt. Beim Besitzer des Mercedes habe es sich um einen gewissen "B._______ C._______" gehandelt, eine sehr einflussreiche Person. Er sei Leiter der Abteilung (…) im Stadtbezirk D._______ in Grosny gewe- sen. Heute habe er eine höhere Funktion und viel Einfluss. Der Anführer der Leibwächter, identifiziert als E._______, habe seither seinem Brude r das Leben schwer ge macht. Als dieser im April 2011 schliesslich ausge- reist sei, habe E._______ begonnen, ihn zu verfolgen. Er habe von ihm verlangt, die 8 Millionen Rubel zu bezahlen. Ende 2011 habe E._______ ihm als Warnung sein Auto weggenommen, später habe er ihn gezwun- gen, seinen Anteil seines Geschäftes weit unter dem Wert zu verkaufen. Schliesslich habe er ihn am 29. Juli 2012 entführt, während fünf Tagen gefangen gehalten und geschlagen. Dabei habe er eine zweite Gehirne r- schütterung erlitten, und sein Kiefer und einige Rippen seien gebrochen worden. Ein Freund habe ihn zum Arzt gebracht. Dieser habe gegen sei- nen Willen eine Meldung an die Polizei gemacht. Daraufhin sei die Mil i- tärpolizei ins Spital gekommen und habe ihn verhört. Am 12. August 2012 sei er aus dem Spital entlassen worden. Zwei oder drei Tage später habe E._______ ihn mit fünf bis sechs weiteren Personen aufgesucht. Er sei gezwungen worden, sein Haus unter Wert zu verkaufen. Zudem habe E._______ ihm mitgeteilt, er habe ein Dossier über ihn angelegt, das au f- zeige, dass er über seine Firma Freischärler finanziell unterstützt habe. Daraufhin habe er sich entschlossen, Tschetschenien zu verlassen. E-5929/2013 Seite 3 A.b Mit Verfügung vom 16. September 2013 stellte das BFM fest, der Be- schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asy l- gesuch ab, wies ihn aus der Schweiz weg und beauftragte den zuständ i- gen Kanton mit dem Vollzug. Zur Begründung führte das BFM an, die Vorbringen des Beschwerdeführers seie n nicht glaubhaft. Das Bunde s- amt stützt sich in seiner Begründung massgeblich auf ein sog. "Consul- ting" seiner Sektion Länderanalysen. B. Mit Eingabe vom 17. Oktober 2013 (Poststempel) reichte der Beschwe r- deführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantrag- te, die Verfügung des BFM sei aufzuheben und es sei ihm Asyl zu gewäh- ren, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an das BFM zurüc k- zuweisen. Subeventualiter sei festzustellen, dass die Wegweisung unz u- lässig und unzumutbar sei und e r sei vorläufig aufzunehmen. In proze s- sualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozes s- führung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem ersuchte er um Gewährung der Akteneinsicht in die BFM -Akte A13 (sog. Consulting der Sektion Analysen des BFM) und um Ansetzung einer Frist zur Beschwerdeergänzung. C. Mit Zwischenverfügung vom 6. November 2013 wies das Bundesverwa l- tungsgericht das BFM an, dem Beschwerdeführer in geeigneter Weise Einsicht in die Akte A13 zu gewähren und räumte ihm Gelegenheit ein, innert Frist eine Beschwerdeergänzung einzureichen. Gleichzeitig hiess das Gericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfü h- rung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gut. D. Am 19. November 2013 reichte der Beschwerdeführer einen Entla s- sungsbericht einer Poliklinik in Grosny ein. E. Mit Zwischenverfügung vom 17. Dezember 2013 lud das Bundesverwa l- tungsgericht das BFM zur Vernehmlassung ein. Am 18. Dezember 2013 reichte der Beschwerdeführer eine Stellungnahme zur Akte A13 nach. Diese wurde dem BFM am 20. Dezember 2013 zur Kenntnis gebracht. Am 7. Januar 2014 nahm das BFM zur Beschwerde Stellung ohne sich inhaltlich dazu zu äussern. Diese Stellungnahme wurde dem Beschwe r- deführer am 9. Januar 2014 zur Kenntnis gebracht. E-5929/2013 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bu n- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung ; er ist daher zur Einreichung d er Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 unf Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie di e unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Das BFM führt in der angefochtenen Verfügung aus, der Beschwerde- führer habe vorgebracht, er habe Probleme mit einem gewissen "B._______ C._______", der Leiter der Abteilung (…) im Stadtbezirk D._______ in Grosny gewesen sei. Nach den Abklärungen des Bundes- amtes existiere in Grosny aber kein Stadtbezirk mit diesem oder einem ähnlichen Namen. Da der Beschwerdeführer seit 2005 in Grosny geleb t haben wolle, könne mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass er die Bezeichnungen der Rayons korrekt benennen könne. Zudem existiere den Abklärungen zufolge kein B._______ C._______, der für den (…) in Grosny arbeite. Vom Beschwerdeführer könne jedoc h erwartet werden, dass er detaillierte Angaben bezüglich seines angeblichen jahrelangen Verfolgers machen könne, vor allem, da es sich bei der besagten Person E-5929/2013 Seite 5 angeblich um eine sehr bekannte Persönlichkeit han dle. Der Name "B._______" komme zudem in Tschetschenien als Zusatzname sehr häu- fig vor und der Ausdruck " C._______" werde in Tschetschenien für fü h- rende Kämpfer der Rebellen verwendet, weshalb es erstaunlich ersche i- ne, dass eine Person, die für den (…) arbeite, diesen Übernahmen trage. Aus diesen Gründen seien die Ausführungen des Beschwerdeführers b e- züglich " B._______ C._______" als unglaubhaft einzustufen. Das BFM führt zudem an, die vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel bestätigten, dass dieser zwischen Oktober 2012 und Februar 2013 s o- wohl auf den Polizeiposten als auch zu einem Verhör vorge laden worden sei. Jedoch sei aus den Dokumenten nicht ersichtlich, wieso er vorgel a- den worden sei, weshalb sie die Verfolgung des Beschwerdeführers nicht zu belegen vermöchten. 3.2 Der Beschwerdeführer bringt in der Beschwerdeschrift vor, es finde in der angefochtenen Verfügung keine Auseinandersetzung mit seinen Au s- sagen statt und das BFM stütze sich einseitig auf eine (interne) Abkl ä- rung. In Tschetschenien würden oft nur Übernahmen verwendet. C._______ sei eine Beze ichnung für Chef und werde häufig von Wider- standskämpfern und anderen, die gerne Chef seien, verwendet. Der bür- gerliche Name von B._______ C._______ sei F._______; er sei zwar nicht mehr Leiter, habe aber immer noch einen grossen Einfluss . Seine Aussagen seien detailliert. Als Beweismittel reichte er einen Entlassungs- bericht der Poliklinik (…) (in Kopie) mit Übersetzung ein. 4. 4.1 Nach Lehre und Rechtsprechung (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1 m.w.H.) erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigensc haft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abse h- barer Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität b e- fürchten muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen Schutz erwarten kann . Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind über die sprachlich allenfalls engere Bede u- tung ihrer Begrifflichkeit hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung w e- gen äusserer oder innerer Merkmale, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers verbunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht. Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimat - oder Herkunftsstaat keinen ausre i- chenden Schutz finden kann. Massgeblich für die Beurteilung der Flüch t-E-5929/2013 Seite 6 lingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entscheides über deren Bestehen – nicht diejenige im Zeitpunkt der Ausreise –, wobei allerdings erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begrü n- dete Furcht vor Verfolgung auf andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation im Heimatstaat zwischen Ausreis e und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen. 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glau b- haft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 AsylG). Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plaus i- bel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen o der den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen , und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren. Da r- über hinaus muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig e r- scheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vo r- bringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt (Art. 7 Abs. 3 AsylG), wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch da r- stellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt oder unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt Raum für gewi s- se Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers. E i- ne Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der In halt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarste l- lung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigk eit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abz u- stellen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.3 m.w.H.). 5. Entgegen der vom BFM in der angefochtenen Verfügung vertretenen Meinung erscheinen die Vorbringen d es Beschwerdeführers bezüglich seiner Fluchtgründe glaubhaft. E-5929/2013 Seite 7 5.1 Vorab ist festzustellen, dass die Aussagen des Beschwerdeführers sowohl in der Befragung zur Person (Protokoll: BFM-Akte A3/11) als auch in der Anhörung zu seinen Asylgründen (Protokoll BFM-Akte A9/20) sehr ausführlich und substantiiert ausgefallen sind. Die Ausführungen des Be- schwerdeführers erhalten zudem verschiedene weitere Realkennzeichen, welche ihre Glaubhaftigkeit verstärken: Der Beschwerdeführer erwähnt in seiner Erzählung nebens ächliche Details, die seiner Beschreibung Su b- stanz verleihen (z.B. bezüglich des Unfalls , A9 F31), er folgt nicht immer einem chronologischen Erzählstrang, sondern zeichnet sich durch ass o- ziative Bezüge und Ausschmückungen aus, er ist in der Lage, über sei ne Gefühle Auskunft zu geben (A9 F31 ff.), seine Geschichte hat deutliche Konturen und er kann, auf Nachfragen der Befragerin, stets eine weitere Detaillierungsstufe wahrnehmen . Alle diese Elemente sprechen dafür, dass der Gesuchsteller die von ihm vorgebr achten Ereignisse tatsächlich erlebt hat. Diese Feststellung bezieht sich auf alle Elemente der Vorbri n- gen des Beschwerdeführers: den Autounfall (A9 F31), die Drohungen und Verfolgungshandlungen durch E._______ (A9 F32 und F35) sowie die Entführung (F50 ff. und F83 ff.) sowie deren gesundheitliche Folgen (A9 F33 f.). Dass sich der Beschwerdeführer nur zurückhaltend äussert zu dem, was er während der Gefangenschaft erlebt und an Misshandlungen erlitten hat, tut der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen keinen Abbruch, im Gege n- teil. Es ist schon mal ohne Weiteres nachvollziehbar, dass es schwerfällt, über erlebte Misshandlungen zu berichten. Dies wird auch durch den ärztlichen Kurzbericht vom 3. Juli 2013 belegt, der dem Beschwerdefüh- rer eine ausgeprägte posttraumatische Belastungsstörung attestiert (A12). Zudem kann dem Protokoll der Anhörung entnommen werden , dass ihm bewusst ist, wie wichtig es für sein Asylgesuch ist, dass er auch dazu Aussagen macht, und wie er deshalb versucht, seine Zurückhaltung zu überwinden (A9 F46-48 und F53-59). Schliesslich sind die Aussagen des Beschwerdeführers, die er dann doch macht, insgesamt genügend, um feststellen zu können, dass der Beschwerdeführer während seine r fünftägigen Gefangenschaft massiv körperlich und psychisch misshandelt worden ist (namentlich A9 F47 und F89 ff.). Den Aussagen des Beschwerdeführers ist auch zu entnehmen, dass er Angst um seine im Zeitpunkt der Befragungen noch im Heimatland ver- bliebene Familie hatte (A9 F8 f.). Zur Glaubhaftigkeit der Furcht um seine Familie trägt auch bei, dass seine diesbezüglichen Aussagen nicht übe r- trieben wirken, zumal der Beschwerdeführer im Gegenteil auch relativi e-E-5929/2013 Seite 8 rende Elemente vorbringt, so zum Beispiel, dass seine Frau beim letzten Telefonat nichts Aussergewöhnliches berichtet habe (A9 F25). Für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers spricht auch, dass sein Bruder gemäss der vom Beschwerdeführer eingereichten "Niederschrift der öffentlichen mündlichen Verhandlung" vom 3. Oktober 2013 des österreichische n Asylgerichtshofs in seinem Asylverfahren in Österreich den Autounfall ebenfalls erwähnte (mit dem gleichen Datum). Der Beschwerdeführer belegt zudem seinen Aufenthalt im Spital im A u- gust 2012 mit einem Entlassungsbericht einer Poliklinik in Grosny. Dieser Bericht belegt zwar nicht, dass der Beschwerdeführer Opfer von Verfo l- gungshandlungen wurde, er vermag aber immerhin zu belegen, dass die- ser am 5. August 2012 mit Gehirnprellungen sowie zahlreichen Schürfu n- gen und Prellungen in die Poliklinik eingeliefert wurde. 5.2 Der Beschwerdeführer brachte im erstinstanzlichen Verfahren vor, die mächtige Person, die den Autounfall zu verantworten habe und die ihn anschliessend verfolgen liess, heisse "B._______" und sei in Tschetsche- nien unter dem Namen "C._______" bekannt. Er sei Vorsitzender der (…) (A3 S. 7). In der Anhörung sprach der Beschwerdeführer von " B._______ C._______". Er sei eine wichtige Person, obwohl er nicht in der Politik sei. Er sei Leiter der Abteilung (…) im "Stadtbezirk D._______ in Grosny" ge- wesen (A9 F31 und F37). In der Beschwerdeschrift gab der Beschwerde- führer zudem an, sein bürgerlicher Name sei "F._______". Der Länderexperte des BFM stellte in seinem "Consulting" ( A13) fest, (…). In Grosny gebe es keinen Rayon namens " D._______". Es gebe j e- doch im Südosten von Tschetschenien einen Rayon " G._______" ( rus- sisch: (…), D._______). Der Leiter des (…) dieses Rayons heisse B._______ H._______ F._______, wobei die Abklärungen offen lassen, ob er immer noch auf diesem Posten ist. F._______ werde nicht als C._______ bezeichnet, diese Bezeichnung werde "eher" für Rebellen verwendet. Der Vorname B._______ sei zudem im Nordkaukasus sehr häufig. Es gebe Hinweise darauf, dass F._______ auch ausserhalb von G._______ tätig sei, einflussreich sei und wohl auch Bezi ehungen zur Familie des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow unterhalte. Das BFM begründet die seiner Meinung nach fehlende Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers ausschliesslich mit den dargele g- ten Abklärungen. Es ist jedoch festzust ellen, dass der einzige Wide r- spruch zwischen den Aussagen des Beschwerdeführers und den Abkl ä-E-5929/2013 Seite 9 rungen des BFM darin liegt, dass der vom Beschwerdeführer angegeb e- ne Rayon nicht ein Stadtbezirk von Grosny ist (A9 F38) , sondern ein Rayon, der etwa eine Autostun de von Grosnys entfernt liegt , was nicht besonders gewichtig erscheint , zumal dem Gericht (und wohl auch der seinerzeitigen BFM -Befragerin) unbekannt ist, welches russische Wort vom Beschwerdeführer verwendet und von der Dolmetscherin mit "Stad t- bezirk" übersetzt worden ist. Im Übrigen lassen die Abklärungen des BFM die Vorbringen des Beschwerdeführers durchaus glaubhaft erscheinen. Dass der Beschwerdeführer den vollständigen Namen der ihn verfolgen- den Person – nämlich den Vatersnamen H._______ –, nicht kennt, spricht nicht entscheidend gegen die Glaubhaftigkeit sei ner Aussagen, ebenso wenig wie der Umstand, dass gemäss Abklärungen des BFM der Titel C._______ "eher" für Rebellen verwendet werde und dass der Vorna me B._______ häufig sei. Diese Elemente vermögen die sehr glaubhaft au s- gefallenen Vorbringen des Beschwerdeführers nicht als unglaubhaft e r- scheinen zu lassen. 5.3 Zusammen mit den oben ausgeführten , eindeutig für die Glaubhaftig- keit der Vorbringen des Beschwe rdeführers sprechenden Elemente n er- scheinen die Ausführungen des Beschwerdeführers insgesamt als glau b- haft. Das Bundesverwaltungsgericht geht deshalb vom Sachverhalt aus, wie ihn der Beschwerdeführer in der Befragung zur Person, der Anhörung und seinen Eingaben auf Beschwerdeebene schildert. 6. Die vom Beschwerdeführer geschilderten Verfolgungshandlungen sind als asylrelevante Verfolgung zu werten. 6.1 Neben den Drohungen gegen ihn und seine Familie erreichen insbe- sondere die Behandlung durch die Leibwächter direkt nach dem Autou n- fall und die Entführung sowie die dabei durchlebten Misshandlungen , die beide zu Spitalaufenthalten des Beschwerdeführers führten, eine asylre- levante Intensität . Die Drohungen nach der Entführung und ebenfalls nach seiner Ausreise aus Russland zeigen, dass der Beschwerdeführer auch heute bei einer Rückkehr vor weiteren Verfolgungshandlungen nicht sicher wäre. 6.2 Die Verfolgung durch B._______ H._______ F._______ ist als staatli- che Verfolgung zu werten, da dieser einen hohen Posten in der tsch e- tschenischen Polizei inne hatte (und eventuell heute noch inne hat) und über gute Beziehungen zu hohen tschetschenischen Behörden verfügt . E-5929/2013 Seite 10 Die glaubhaften Vorbringen des Beschwerdeführers zeigen auf, dass er von den russischen und tschetschenischen Behörden keine Hilfe und kei- nen Schutz erwarten kann. Die Person, die hinter seinen Verfolgungen steht, ist (oder war zumindest) eine hochgestellte Persönlichkeit in der tschetschenischen Polizei und verfügt über grosse Macht und gute Be- ziehungen zu den Behörden und wohl auch zu m tschetschenischen Prä- sidenten. Dies zeigt der Umstand, dass die Meldung des Arztes des B e- schwerdeführers bei der Polizei nicht dazu führte, dass diese Ermittlu n- gen in seinem Fall aufnahmen, sondern zur Folge hatte , dass der B e- schwerdeführer Tage danach Besuch von E._______ bekam, der ihn e r- neut massiv bedrohte (A9 F41). 6.3 Weniger klar ist, ob die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merkmale des Beschwerdeführers, die untrennbar mit seiner Person oder Persönlichkeit verbunden sind, erfolgt ist beziehungsw eise droht (vgl. E. 4.1). Eigentlich steht am Anfang der Geschichte ein gewöhnlicher Autounfall, an welchem der Bruder des Beschwerdeführers schuld hatte und der die Be- schädigung des Autos von B._______ C._______ F._______, eines teuren Mercedes, zur Folge hatte. Auch die am Unfallort entstandene Schlägerei zwischen den Männern dieses B._______, elf an der Zahl, und den beiden Passagieren des unfallverursachenden Wagens, die zu einem regelrechten Zusammenschlagen des Beschwerdeführers und seines Bruders eskalier- te, stellt noch keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungshandlung dar, da ihr offensichtlich kein diskriminatorisches Motiv zugrunde lag. Auch dass dem Beschwerdeführer in der Folge von B._______s Leuten sein Haus und sein Auto weggenommen und er zur Abtretung seines Anteils an der Firma gezwungen wurde, seine Entführung, das erneute Geschlagenwe r- den sowie die Todesdrohungen sind an sich reine kriminelle Akte, d enen kein Motiv auf Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, der politischen A n- schauungen oder anderen der Person des Beschwerdeführers anhafte n- den Eigenschaften zugrunde liegt. Erst durch die Eröffnung von E._______ anlässlich der besagten Entfü h- rung und bei seinem S pitalbesuch, er habe eine Mappe angelegt und ein Dossier über den Beschwerdeführer eröffnet, und seine Drohung, er könne ihm den Vorwurf der Finanzierung von Freischärlern über die Firma anhän- gen (A9 F32-34), bekommen dieses Verfolgungshandlungen und Drohun- gen eine politische Konnotation. Da vom Verfolgungsbegriff von Art. 3 Abs. E-5929/2013 Seite 11 1 AsylG nicht nur die Personen umfasst sind, denen die vom Verfolger avi- sierten Merkmale tatsächlich eigen sind, sondern auch vermutete oder gar böswillig und wider besseres Wissen unterstellte Eigenschaften die flücht- lingsrechtliche Relevanz einer Verfolgung bewirken, kann diese glaubhaft gemachte und ernsthafte Drohung als politische Verfolgung im Sinne des Gesetzes erkannt werden, zumal es dem Verfolger angesichts seiner politi- schen Machtposition und seiner bereits demonstrierten Bereitschaft zum Machtmissbrauch offenbar ohne weiteres möglich gewesen wäre und wohl weiterhin möglich sein dürfte, seine Drohung wahrzumachen. 6.4 Die Beschwerde ist deshalb gutzuheissen. Das BFM ist anzuweisen, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers anzuerkennen und ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8. Auf die Zusprechung einer Parteientschädigung ist zu verzichten, da nicht davon auszugehen ist, dass dem nicht vertretenen Beschwerdeführer aus der Einreichung der Beschwerde verhältnismässig hohe Kosten erwac h- sen sind (Art. 64 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) E-5929/2013 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Das BFM wird angewiesen , die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerd e- führers anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteikostenentschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Tobias Grasdorf Versand: