B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4353/2017 U r t e i l v o m 1 4 . N o v e m b e r 2 0 1 7 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiberin Nira Schidlow. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch lic. iur. LL.M. Susanne Sadri, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 30. Juni 2017 / N (…). D-4353/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger von Eritrea, welcher eige- nen Angaben zufolge aus B._______, Subzoba B._______, Zoba C._______ stammt, wo er zusammen mit seiner Mutter und seinen Ge- schwistern gelebt habe – ersuchte am 26. Juli 2015 um Gewährung von Asyl in der Schweiz, worauf er am 5. August 2015 im Empfangs- und Ver- fahrenszentrum D._______ zu seiner Person befragt (BzP) und am 16. Februar 2017 vertieft zu seinen Asylgründen angehört wurde. Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen geltend, er habe sein Heimatland im (…) 2015 beziehungsweise am (…) 2015 ver- lassen, um dem Militärdienst zu entgehen. Da er als Deser teur registriert gewesen sei und ihn die Behörden gesucht hätten, habe er fliehen müssen. In diesem Zusammenhang brachte der Beschwerdeführer zur Hauptsache das Folgende vor: Er habe die Schule während 12 Jahren besucht, wovon er das letzte Jahr (vom […] 2013 bis zum […] 2014) im Militärcamp in Sawa absolviert habe. Er sei im Rahmen der (…) Runde eingerückt. Am (…) 2014 habe er sich erneut in Sawa melden müssen, um seine Noten zu erfahren. Ursprünglich habe man ihm gesagt, dass er seine Zertifikate erhalten und zu einer Ausbildung zugeteilt würde. Da er die Abschlussprüfung jedoch nicht bestanden habe, wäre er einer militärischen Einheit zugeteilt worden. Als er dies erfahren habe, sei er nach Hause geflohen. Dort habe er im (…) beziehungsweise im (…) 2015 eine Vorladung erhalten, sich wieder zu stel- len. Dieser sei er allerdings nicht gefolgt und habe sich stattdessen in der Einöde versteckt. Daraufhin habe er eine weitere Vorladung erhalten und schliesslich sei gar seine Mutter seinetwegen verhaftet worden. Vor diesem Hintergrund habe er letztlich beschlossen, aus seiner Heimat zu fliehen. Zu den Umständen seiner Ausreise führte der Beschwerdeführer aus, er habe Eritrea im (…) beziehungsweise (…) 2015 illegal verlassen, worauf er die Grenze zum Sudan zu Fuss überquert habe. Nach einem Aufenthalt von circa (…) sei er von dort in einem Personenwagen nach Libyen ge- langt. Er habe sich dort etwa (…) weitere Monate aufgehalten. Anschlies- send sei er im Boot nach Italien und danach am (…) mit dem Zug bis in die Schweiz gereist. Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens seine eritreische Einwohnerkarte im Ori- ginal zu den Akten. D-4353/2017 Seite 3 B. Mit Verfügung vom 30. Juni 2017 – eröffnet am 4. Juli 2017 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzeitig wurde aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzu- ges eine vorläufige Aufnahme angeordnet. C. Mit Eingabe vom 3. August 2017 (Poststempel) erhob der Beschwerdefüh- rer – handelnd durch seine Rechtsvertreterin – gegen diesen Entscheid Beschwerde. In seiner Eingabe beantragte er, den angefochtenen Ent- scheid des Staatssekretariats für Migration in den Di spositivpunkten 1 bis 3 aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und anzuerken- nen und ihm als Folge davon Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Unzu- lässigkeit der Wegweisung festzustellen und er in Folge davon als Flücht- ling aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die unentgeltli- che Rechtspflege. D. Mit Zwischenverfügung vom 11. August 2017 wurde dem Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG entsprochen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ver- zichtet. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen. E. In der Vernehmlassung vom 17. August 2017 hielt das SEM im Wesentli- chen an seinen bisherigen Ausführungen fest und beantragte die Abwei- sung der Beschwerde. F. Mit Zwischenverfügung vom 1. September 2017 wurde dem Beschwerde- führer die Möglichkeit gewährt, innert Frist eine Replik einzureichen, an- dernfalls Verzicht angenommen werde. Der Beschwerdeführer liess die Frist ungenutzt verstreichen. D-4353/2017 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sa chgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was vorliegend nicht der Fall ist – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor wel- chem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit ein- zutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia len Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, d es Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). D-4353/2017 Seite 5 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel- tend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen kö nnen, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 3.4 Die am 1. Februar 2014 in Kraft getretene Bestimmung von Art. 3 Abs. 4 AsylG hält zwar fest, dass Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden und weder Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat bestehen- den Überzeugung oder Ausrichtung sind, nicht als Flüchtlinge gelten kön- nen; diese einschränkende Feststellung wurde vom Gesetzgeber aller- dings durch den ausdrücklichen Hinweis auf den Vorbehalt der Geltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) relativiert (vgl. Art. 3 Abs. 4 in fine AsylG). 4. 4.1 Das SEM begründete seine Verfügung vom 30. Juni 2017 im Wesent- lichen da mit, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers unglaubhaft seien. Er habe in der Anhörung wesentlichen in der BzP gemachten Anga- ben widersprochen. Ein starkes Unglaubhaftigkeitselement sei insbeson- dere, dass er zwar exakte, sich jedoch widersprechende Daten genannt habe. So habe er beispielsweise in der BzP angegeben, dass er Anfang und Ende (…) 2015 zum Militärdienst aufgeboten worden sei. Anlässlich der Anhörung habe er jedoch geltend gemacht, dass er am (…) und am (…) 2015, im Abstand von genau fünf Tagen, eine Vorladung zum Militär- dienst erhalten habe. Dies sei ein starkes Indiz dafür, dass er sich anläss- lich der Anhörung lediglich noch ungefähr daran erinnert habe, was er an D-4353/2017 Seite 6 der BzP ausgesagt habe. Dieser Eindruck werde dadurch verstärkt, dass er klar unterschiedliche Angaben zu jenem Ereignis gemacht habe, wel- ches für seine Ausreise entscheidend gewesen sei. So habe er zwar so- wohl anlässlich der BzP als auch der Anhörung ausgesagt, dass er am (…) 2015 ausgereist sei. Allerdings habe er im Rahmen der Anhörung angege- ben, dies sei direkt an dem Tag gewesen, an welchem seine Mutter verhaf- tet worden sei. Anlässlich der BzP habe er jedoch im Widerspruch dazu noch ausgesagt, seine Mutter sei bereits seit dem (…) 2015 in Haft gewe- sen und er sei dann am fünften Tag ihrer Haft ausgereist. Somit seien we- der die Schilderungen zu seiner Vorladung noch zu der Verhaftung seiner Mutter glaubhaft. Aufgrund seiner Aussagen sei es zwar durchaus wahr- scheinlich, dass er in Sawa gewesen sei, eine nachfolgende Ve rfolgung beziehungsweise ein Aufgebot durch die Militärbehörden habe er jedoch aufgrund der aufgezeigten Widersprüche nicht glaubhaft gemacht. Des Weiteren sei auf die unterschiedliche Erzählstruktur bezüglich seiner Vor- bringen hinzuweisen. So habe er von sich aus ausführlich und substantiiert von seiner illegalen Ausreise erzählt. Zu den eigentlichen Vorbringen be- fragt, habe er jedoch erst nach mehrmaligem Nachfragen genauer erzählt, was ihm angeblich geschehen sei. Da seine Ausführungen bezüglich Re- fraktion somit als unglaubhaft zu erkennen seien , müsse deren Asylrele- vanz nicht geprüft werden. Der Beschwerdeführer mache des Weiteren geltend, Eritrea im (…), bezie- hungsweis im (…) 2015 illegal in Richtung Sudan verlassen zu haben. Ge- mäss Koordinationsurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. Januar 2017 (D -7898/2015) begründe jedoch eine illegale Ausreise allein keine Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfolgung. Da er jedoch keine Vorfluchtgrunde habe glaubhaft machen können, seien neben der illegalen Ausreise keine anderen Anknüpfungspunkte ersichtlich, welche ihn in den Augen des eritreischen Staates als missliebige Person erscheinen lassen könnten. Somit erfülle er die Flüchtlingseigenschaft nicht, weshalb sein Asylgesuch abzulehnen sei. Allerdings sei im vorliegenden Fall der Vollzug der Wegweisung als nicht zumutbar zu erachten, weshalb der Beschwer- deführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen sei. 4.2 Der Beschwerdeführer hielt dem im Wesentlichen entgegen, die Vor- instanz habe ihm zu Unrecht seine Vorbringen nicht geglaubt. Seine Anga- ben zu den Geschehnissen im Heimatland seien sehr wohl als glaubhaft einzustufen und er müsse den behaupteten Sachverhalt nur glaubhaft ma- chen, wobei allfällige Zweifel am Wahrheitsgehalt einzelner Elemente nicht zwingend zu m Schluss führen würden, dass die Vorbringen insgesamt D-4353/2017 Seite 7 nicht glaubhaft seien. Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz handle es sich bei den Unterschieden zwischen der BzP und der Anhörung nicht um Widersprüche. Es sei wissenschaftlich bewiesen , dass niemand ein Geschehen mehrmals gleich erzählen könne. Im Hinblick darauf, dass zwi- schen BzP und Anhörung fast eineinhalb Jahre vergangen seien, sei es ganz normal, dass es zu Abweichungen zwischen den Antworten gekom- men sei. So sei insbesondere nicht nachvollziehbar, dass es das SEM zwar als möglich betrachte, dass er i m Militärcamp in Sawa gewesen sei, aber eine nachfolgende Verfolgung beziehungsweise ein Aufgebot durch die Mi- litärbehörden aufgrund von Widersprüchen nicht glaube. Dabei sei be- kannt, dass es so gut wie unmöglich sei, aus dem eritreischen Militärdienst entlassen zu werden. In Anbetracht der Tatsache, dass er im militärdienst- pflichtigen Alter sei, wäre es ihm demzufolge gar nicht möglich gewesen, Eritrea legal zu verlassen. Die eritreischen Behörden würden ihm aufgrund seiner Desertion, seiner Refraktion und seiner illegalen Ausreise im militär- dienstpflichtigen Alter bei einer Rückkehr eine regierungsfeindliche Haltung unterstellen und ihn streng und brutal bestrafen. Da ihm bei einer Rückkehr somit ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes drohen würden, sei – falls seinem Hauptbegehren nicht stattgegeben werde – zumindest die Unzulässigkeit der Wegweisung festzustellen und ihm als Folge davon, vorläufige Aufnahme als Flüchtling zu gewähren. Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer eine angeb- lich behördliche Vorladung vom (…) 2015 im Original zu den Akten. Er habe erst durch seine Rechtsvertreterin von der Relevanz von Beweismitteln er- fahren, weshalb er seine Mutter erst auf Stufe des Beschwerdeverfahrens um Zustellung der Vorladung gebeten habe. 4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM im Wesentlichen aus, dass die Beschwerdeschrift keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweis- mittel enthalte, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. So sei insbesondere nicht klar, wieso das nachträglich einge- reichte Aufgebot zum Militärdienst nicht bereits während des erstinstanzli- chen Verfahrens eingereicht worden sei. Entgegen dem Vorbringen, ihm sei die Relevanz von Beweismitteln erst von seiner Rechtsvertreterin dar- gelegt worden, sei dem Beschwerdeführer mindestens zwei Mal ausdrück- lich erläutert worden, dass Beweismittel – sofern vorhanden – eingereicht werden müssten. Des Weiteren sei zu betonen, dass so lche Dokumente über keinerlei Sicherheitsmerkmale verfügen würden und leicht käuflich er- werbbar seien. D-4353/2017 Seite 8 5. 5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesent- liche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschick- sals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte, im Wesent- lichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vor- kommnisse. Die wahrheitsgem ässe Schilderung einer tatsächlich erlitte- nen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinrei- chende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüch- lichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurtei- lung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Ele- mente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Sub- stantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönlic he Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vor- bringen zwar möglich i st, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we- sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver- haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1. m.w.H.). 5.2 Die Vorinstanz stellt in ihrem Entscheid in erster Linie auf Widersprüch- lichkeiten zwischen der Erstbefragung (BzP) und der Anhörung ab. Es ist jedoch bei der Prüfung der Glaubhaftigkei t zu berücksichtigen, dass die Erstbefragung (im Gegensatz zur Anhörung) hinsichtlich der Asylvorbrin- gen lediglich einen summarischen Charakter aufweist und zudem nur in- haltsgemäss und nicht wortwörtlich protokolliert und übersetzt wird, wes- halb gemäss ständiger Rechtsprechung den dort protokollierten Aussagen grundsätzlich nur ein beschränkter Beweiswert zukommen. Widersprüche dürfen daher für die Beurtei lung der Glaubhaftigkeit nur dann herangezo- gen werden, wenn klare Aussagen der Befragung in wesentlichen Punkten von den Asylvorbringen in den späteren Aussagen in der Anhörung diamet- ral abweichen, oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, wel- che später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht bereits in der Befragung zumindest ansatzweise erwähnt wurden (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1993 Nr. 3). D-4353/2017 Seite 9 5.3 Im vorliegenden Fall gelangt das Bundesverwaltungsgericht auch unter Berücksichtigung dieser Rechtsprechung zum Schluss, dass sich der Be- schwerdeführer in der Anhörung, aber auch zwischen der Befragung und der Anhörung in durchaus gewichtige Widersprüche verstrickt hat. Diesbe- züglich kann vorab auf die zutreffende Argumentation in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. In Ergänzung dazu wird Folgendes festge- halten: Aufgrund der substantiierten Aussagen des Beschwerdeführers zu seiner militärischen Einteilung , den detaillierten Angaben zum Militärcamp in Sawa, inklusive den Angaben zu dem zwölften Schul jahr und der Ab- schlussprüfung kann dem Beschwerdeführer geglaubt werden, dass er in Sawa war. Die Tatsache, dass er im Militärcamp in Sawa war, belegt jedoch weder seine Refraktion, geschweige denn seine Desertion, zumal es auch im eritreischen Militärdienst zu Entlassungen kommen kann (vgl. insbeson- dere das Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 17. August 2017, D-3315/2015, mit diversen weiteren Hinweisen). Daher vermögen auch Bewei smittel, mit welchen der Beschwerdeführer seine Vorladung zum Militärdienst zu beweisen versucht, nichts an der Einschätzung zu än- dern. Dagegen überzeugt nicht, dass der Beschwerdeführer die im (…) oder (…) bei seiner Familie abgegebene Vorladung nicht gelesen habe (act. A17 F: 90 ff.). Auch wenn er nicht vorhatte, wieder nach Sawa in den Militärdienst zu gehen, wäre zu erwarten gewesen, dass er vom Inhalt eines so bedeu- tungsvollen, an ihn gerichteten Schreibens persönlich Kenntnis nimmt. Fra- gen wirft beispielsweise auch die Behauptung des Beschwerdeführers auf, er sei vom (…) 2013 bis zum (…) 2014 in Sawa gewesen. Zu der Zeit sei er (…) Jahre alt gewesen und (…) geworden (act. A17 F: 28 ff.). Auf den Widerspruch angesprochen, dass er doch (…) geboren worden sei und so- mit zu der Zeit wohl eher (…) gewesen und (…) geworden sei, wiederholte der Beschwerdeführer lediglich seine Angaben. Hinsichtlich der diversen Unvereinbarkeiten fällt insbesondere ins Gewicht, dass der Beschwerde- führer in der BzP zu den Umständ en der Flucht zunächst aussagte, dass er, nachdem er aus dem Militärcamp geflohen sei, Anfang und Ende (…) 2015 eine Vorladung vom Militär erhalten habe (BzP F: 7.02). Da er diesen Vorladungen nicht gefolgt sei, sei seine Mutter am (…) 2015 verhaftet wor- den und er sei fünf Tage später, am (…) 2015 illegal ausgereist. Anlässlich der Anhörung sagte er jedoch aus, dass er, nachdem er aus dem M ilitär- camp geflohen sei, am (…) 2015 die erste und fünf Tage später, am (…) 2015, die zweite Vorladung erhalten habe. Da er diesen Vorladungen nicht D-4353/2017 Seite 10 gefolgt sei, sei seine Mutter am (…) 2015 – und somit wieder fünf Tage später – verhaftet worden, worauf er noch am selben Tag illegal ausgereist sei. Als das SEM den Beschwerdeführer auf die erheblichen Widersprüche beim zentralen Ereignis, welches für seine Flucht entscheidend gewesen sei, ansprach, stritt der Beschwerdeführer diese ab (bspw. act. A17 F: 49). 5.4 Aufgrund der oben erwähnten Ungereimtheiten und der Tatsache, dass der Beschwerdeführer erst im Alter von (…) Jahren aus Eritrea ausgereist ist, kommt das Gericht zum Schluss, dass er entweder Militärdienst geleis- tet hat und regulär entlassen wurde oder dass er von der Dienstpflicht be- freit wurde. Nicht glaubhaft ist demnach, dass er den Militärdienst verwei- gerte oder aus dem Militärdienst desertiert ist. Als Zwischenergebnis resul- tiert somit, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise keine ernsthaften Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hatte. 5.5 In Bezug auf die geltend gemachte illegale Ausreise aus Eritrea lässt sich festhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht seine bisherige Erit- rea-Praxis aktualisiert hat. Im Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil publiziert) gelangte das Gericht zum Schluss, dass bei einer illegalen Ausreise im Falle einer Rückkehr nicht mehr per se von einer Ge- fahr einer flüchtlingsrechtlich relevanten Bestrafung auszugehen sei. Eine illegale Ausreise allein führe daher nicht mehr zur Begründung der Flücht- lingseigenschaft. Vielmehr bedürfe es hierzu zusätzlicher Anknüpfungs- punkte, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Be- hörden als missliebige Person erscheinen liessen und dadurc h zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten (vgl. Re- ferenzurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017, E. 4.1 und 5.1 f.). Aufgrund dieser Praxisänderung kann auf weitere Ausführungen zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Besch werdeführers hinsichtlich der il- legalen Ausreise verzichtet werden. Der Beschwerdeführer weist neben der illegalen Ausreise keine relevanten zusätzlichen Anknüpfungspunkte für eine Schärfung seines Profils auf. Mangels Glaubhaftigkeit seiner Aus- sagen zur Desertion beziehungsweise Refraktion bestehen keine Anhalts- punkte für eine drohende asylrelevante Verfolgung wegen Militärdienstver- weigerung. Die Furcht vor einer zukünftigen flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung wegen illegaler Ausreise erweist sich daher als unbegründet. 6. Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass die Vorinstanz zu Recht dem D-4353/2017 Seite 11 Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht zuerkannt und sein Asylgesuch abgelehnt hat. 7. 7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7.3 Vorliegend hat das SEM anstelle des Wegweisungsvollzuges die vor- läufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet (Art. 44 [zweiter Satz] AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 -4 AuG [SR 142.20]). In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass die Gründe für die An- ordnung der vorläufigen Aufnahme im Einzelnen – vorliegend erkennt das Staatssekretariat den Vollzug nach Eritrea als derzeit unzumutbar (Art. 83 Abs. 4 AuG) – vom Bundesverwaltungsgericht nicht näher zu prüfen sind. Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Art. 83 Abs. 2-4 AuG; Unmöglichkeit, Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit) sind alternativer Natur. Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesen- heit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Auf- nahme zu regeln. Gegen eine allfällige Aufhebung der vorläufigen Aufnah- me steht dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht offen, wobei in jenem Verfahren sämtliche Vollzugshindernisse von Amtes wegen und nach Massgabe der dannzumal herrschenden Verhältnisse von Neuem zu prüfen sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 m.w.H). Vor diesem Hintergrund erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur geltend gemachten Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. D-4353/2017 Seite 12 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1 -3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm jedoch mit Zwischen- verfügung vom 11. August 2017 die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Kosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-4353/2017 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Nira Schidlow Versand: