<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 111 S.481</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">481</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>111 Ausschaffungshaft;</b></span> <span class="ft2"><b>Unzumutbarkeit</b></span> <span class="ft2"><b>der</b></span> <span class="ft2"><b>Ausschaffung.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Überprüfung des Wegweisungsentscheides durch den Haftrichter im</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Haftüberprüfungsverfahren rechtfertigt sich ausschliesslich bei augenfäl-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>liger Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit der Rückschaffung des Aus-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>länders (Erw. II/2d).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht</span><br/> <span class="ft3">vom 5. Juli 2001 in Sachen Fremdenpolizei des Kantons Aargau gegen A.C.</span><br/> <span class="ft3">betreffend Haftüberprüfung (HA.2001.00006).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Der Gesuchsgegner reiste nach eigenen Angaben am</span><br/> <span class="ft1">31. Dezember 2000 in die Schweiz ein und stellte am 1. Januar 2001</span><br/> <span class="ft1">in Basel ein Asylgesuch. Das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) wies</span><br/> <span class="ft1">das Asylgesuch mit Verfügung vom 1. Februar 2001 ab, ordnete die</span><br/> <span class="ft1">Wegweisung an und setzte den Ausreisetermin - unter Androhung der</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffung im Unterlassungsfall - auf den 19. März 2001 an. Mit</span><br/> <span class="ft1">Schreiben des BFF vom 19. März 2001 wurde die Rechtskraft der</span><br/> <span class="ft1">Verfügung vom 1. Februar 2001 bestätigt.</span><br/> <span class="ft1">Am 30. März 2001 gelangte der Gesuchsgegner mit einer er-</span><br/> <span class="ft1">neuten Eingabe an das BFF. Dieses wertete die Eingabe als neues</span><br/> <span class="ft1">Asylgesuch und trat mit Verfügung vom 9. April 2001 darauf nicht</span><br/> <span class="ft1">ein.</span><br/> <span class="ft1">Mit Schreiben vom 11. April 2001 teilte die Fremdenpolizei</span><br/> <span class="ft1">dem Gesuchsgegner mit, er habe die Schweiz sofort zu verlassen und</span><br/> <span class="ft1">unverzüglich mit Reisedokumenten auf der Amtsstelle der Fremden-</span><br/> <span class="ft1">polizei in Aarau vorzusprechen. In der Folge wurden durch die</span><br/> <span class="ft1">Fremdenpolizei diverse Abklärungen betreffend eines früheren Auf-</span><br/> <span class="ft1">enthaltes des Gesuchsgegners in Deutschland vorgenommen. Diese</span><br/> <span class="ft1">ergaben, dass der Gesuchsgegner bereits in Deutschland ein Asylge-</span><br/> <span class="ft1">such eingereicht hatte. Mit Schreiben vom 29. Mai 2001 stellte das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">482</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zuständige deutsche Bürger- und Einwohneramt der Fremdenpolizei</span><br/> <span class="ft1">ein Laissez-passer betreffend den Gesuchsgegner - ausgestellt durch</span><br/> <span class="ft1">die Botschaft des Heimatlandes des Gesuchsgegners in Bonn - zu.</span><br/> <span class="ft1">Anlässlich einer Vorsprache bei der Fremdenpolizei am 11. Juni</span><br/> <span class="ft1">2001 wurde dem Gesuchsgegner mitgeteilt, dass seine Rückreise für</span><br/> <span class="ft1">die nächste Woche organisiert werde. Am 20. und 21. Juni 2001</span><br/> <span class="ft1">verweigerte der Gesuchsgegner die Unterschrift auf einem Informa-</span><br/> <span class="ft1">tionsblatt betreffend die Modalitäten seiner Rückkehr von Zürich in</span><br/> <span class="ft1">sein Heimatland. Hierauf teilte ihm die Fremdenpolizei mit Schrei-</span><br/> <span class="ft1">ben vom 21. Juni 2001 erneut die Daten seines Rückfluges mit. Der</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegner weigerte sich am 22. Juni 2001, die Entgegennahme</span><br/> <span class="ft1">dieses Schreibens schriftlich zu bestätigen. Den Rückflug trat er in</span><br/> <span class="ft1">der Folge nicht an.</span><br/> <span class="ft1">Am 3. Juli 2001 wurde der Gesuchsgegner um 08.00 Uhr durch</span><br/> <span class="ft1">die Kantonspolizei angehalten und der Fremdenpolizei zugeführt, die</span><br/> <span class="ft1">gleichentags eine dreimonatige Ausschaffungshaft anordnete.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 2. d) Der Gesuchsgegner macht geltend, seine Ausschaffung</span><br/> <span class="ft1">sei unzumutbar. Anlässlich der mündlichen Verhandlung vom 5. Juli</span><br/> <span class="ft1">2001 teilte der Gesuchsgegner erstmals mit, dass er in seinem Hei-</span><br/> <span class="ft1">matland ein Tötungsdelikt begangen habe. Bei einem Streit habe er</span><br/> <span class="ft1">seine Freundin geschlagen, worauf diese hingefallen und in der Folge</span><br/> <span class="ft1">verstorben sei. Dies sei der wahre Grund für die Ausreise aus seinem</span><br/> <span class="ft1">Heimatland beziehungsweise die Einreise in die Schweiz gewesen.</span><br/> <span class="ft1">Im Weiteren sei er in Aarau von drei Jugendlichen verprügelt wor-</span><br/> <span class="ft1">den, wobei er sich eine Kieferverletzung zugezogen habe. Diesbe-</span><br/> <span class="ft1">züglich befinde er sich immer noch in ärztlicher Behandlung und</span><br/> <span class="ft1">könne zur Zeit nur weiche Nahrung zu sich nehmen. Der Gesuchs-</span><br/> <span class="ft1">gegners geht davon aus, es sei unter diesen Umständen unzumutbar,</span><br/> <span class="ft1">ihn in ein Land auszuschaffen, dessen Justiz den Anforderungen der</span><br/> <span class="ft1">Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten</span><br/> <span class="ft1">(EMRK) vom 4. November 1950 nicht genüge. Im Weiteren sei von</span><br/> <span class="ft1">Amtes wegen abzuklären, ob dem Gesuchsgegner aufgrund seines</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">483</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Gesundheitszustandes ein derart langer Flug zugemutet werden</span><br/> <span class="ft1">könne.</span><br/> <span class="ft1">aa) Der Gesuchsgegner verlangt die Überprüfung des Wegwei-</span><br/> <span class="ft1">sungsentscheides durch den Haftrichter, da die neu angeführten</span><br/> <span class="ft1">Gründe im Rahmen des Asylverfahrens nicht überprüft worden seien.</span><br/> <span class="ft1">Gegenstand des Haftüberprüfungsverfahrens bildet ausschliess-</span><br/> <span class="ft1">lich die Rechtmässigkeit und Angemessenheit der Ausschaffungshaft</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Art. 13c Abs. 2 ANAG), nicht aber die Rechtmässigkeit der</span><br/> <span class="ft1">Weg- oder Ausweisung selbst (BGE 121 II 59, E. 2b, S. 61). Die</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffungshaft darf indes nur dann angeordnet oder aufrechter-</span><br/> <span class="ft1">halten werden, wenn der Vollzug der Wegweisung nicht aus rechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen oder tatsächlichen Gründen undurchführbar ist (Art. 13c Abs. 5</span><br/> <span class="ft1">lit. a ANAG). Rechtliche Gründe, welche die Undurchführbarkeit des</span><br/> <span class="ft1">Vollzuges einer Wegweisung bewirken, sind namentlich das Gebot</span><br/> <span class="ft1">des Non-Refoulement oder die Unzumutbarkeit des Vollzuges, weil</span><br/> <span class="ft1">der Ausländer im Heimatstaat einer konkreten Gefährdung ausgesetzt</span><br/> <span class="ft1">wäre (vgl. Art. 14a Abs. 3 und 4 ANAG). Diese Fragen sind jedoch</span><br/> <span class="ft1">in erster Linie im Wegweisungs- bzw. im entsprechenden</span><br/> <span class="ft1">ausländerrechtlichen Verfahren zu prüfen. Zwar können nachträglich</span><br/> <span class="ft1">eingetretene Umstände dazu führen, dass die Zumutbarkeit des Voll-</span><br/> <span class="ft1">zuges der Wegweisung in Frage gestellt ist. Ein Einschreiten des</span><br/> <span class="ft1">Haftrichters im Haftüberprüfungsverfahren rechtfertigt sich aber</span><br/> <span class="ft1">ausschliesslich bei augenfälliger Unzulässigkeit oder Unzumutbar-</span><br/> <span class="ft1">keit der Rückschaffung (vgl. BGE 121 II 59 E. 2b und c, S. 61 f.;</span><br/> <span class="ft1">unveröffentlichter Entscheid des Bundesgerichts vom 24. Juni 1996,</span><br/> <span class="ft1">2A.309/1996, E. 4b/aa).</span><br/> <span class="ft1">Eine offensichtliche Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit der</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffung des Gesuchsgegners ist nicht ersichtlich. Es ist zwar</span><br/> <span class="ft1">nicht von der Hand zu weisen, dass sich der Gesuchsgegner bei</span><br/> <span class="ft1">Rückkehr in sein Heimatland aufgrund des zugegebenen Tötungsde-</span><br/> <span class="ft1">liktes einem Strafverfahren zu unterziehen haben wird, welches nicht</span><br/> <span class="ft1">dem hier üblichen Standard entspricht. Daraus auf eine offensichtli-</span><br/> <span class="ft1">che Unzumutbarkeit der Ausschaffung und damit auf eine Unzuläs-</span><br/> <span class="ft1">sigkeit der Ausschaffungshaft zu schliessen, ginge jedoch zu weit.</span><br/> <span class="ft1">Gleiches gilt für die vorgebrachte Unzumutbarkeit aufgrund der ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">484</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sundheitlichen Situation des Gesuchsgegners. Dies umso mehr, als</span><br/> <span class="ft1">der Gesuchsgegner selbst nicht davon ausgeht, er sei nicht reisefähig.</span><br/> <span class="ft1">bb) Selbstverständlich bleibt es dem Gesuchsgegner unbenom-</span><br/> <span class="ft1">men, bei den Asylbehörden ein Gesuch um Wiedererwägung des</span><br/> <span class="ft1">Wegweisungsentscheides zu stellen. Fällt das BFF in einem Wieder-</span><br/> <span class="ft1">erwägungsverfahren einen materiellen Entscheid über die Wegwei-</span><br/> <span class="ft1">sung, ist die Frage der Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips in</span><br/> <span class="ft1">dem betreffenden Verfahren zu prüfen. Tritt die angerufene Instanz</span><br/> <span class="ft1">auf das Gesuch nicht ein, bleibt es beim Wegweisungsentscheid des</span><br/> <span class="ft1">BFF vom 1. Februar 2001. In diesem Falle wird es Sache der Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchstellerin sein, eine allfällige Verletzung des Non-Refoulement-</span><br/> <span class="ft1">Prinzips kurz vor der Rückschaffung des Gesuchsgegners noch ein-</span><br/> <span class="ft1">mal zu prüfen. Im vorliegenden Fall drängt sich dies umso mehr auf,</span><br/> <span class="ft1">als dass die Frage der Unzumutbarkeit der Rückkehr hinsichtlich des</span><br/> <span class="ft1">allenfalls bevorstehenden Strafverfahrens aufgrund des eingestande-</span><br/> <span class="ft1">nen Tötungsdeliktes noch nicht überprüft wurde. Es wird Aufgabe</span><br/> <span class="ft1">der Fremdenpolizei sein, entweder die Aussage des Gesuchsgegners</span><br/> <span class="ft1">auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen oder mit den zuständigen</span><br/> <span class="ft1">Bundesbehörden zu klären, ob die Rückschaffung für einen Betroffe-</span><br/> <span class="ft1">nen, der in seinem Heimatland ein Tötungsdelikt begangen hat, gene-</span><br/> <span class="ft1">rell bzw. allenfalls im konkreten Fall individuell für den Gesuchs-</span><br/> <span class="ft1">gegner unzumutbar ist. Nachdem bezüglich Einhaltung des Non-</span><br/> <span class="ft1">Refoulement-Prinzips in der Regel keine separate Verfügung erlassen</span><br/> <span class="ft1">wird, besteht für den Gesuchsgegner wohl einzig die Möglichkeit,</span><br/> <span class="ft1">bei der Fremdenpolizei auf einige Tage vor der Ausschaffung eine</span><br/> <span class="ft1">Feststellungsverfügung zu beantragen, in welcher die Nichtverlet-</span><br/> <span class="ft1">zung des Non-Refoulement-Prinzips festgehalten wird. Erachtet der</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegner in diesem Zeitpunkt die Verfügung als nicht zutref-</span><br/> <span class="ft1">fend, kann er diese immer noch auf dem ordentlichen Einsprache-</span><br/> <span class="ft1">bzw. Beschwerdeweg anfechten (vgl. Entscheid des Rekursgerichts</span><br/> <span class="ft1">vom 22. Januar 1999, HA.99.00001, E. 2b/cc, S. 5 und vom 30. April</span><br/> <span class="ft1">1999, HA.99.00013, E. 2c, S. 6 f.).</span><br/></div> </div> </body> </html>