B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-7199/2013 U r t e i l v o m 3 . M ä r z 2 0 1 4 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richter François Badoud, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiber Jonas Tschan. Parteien A._______, geboren (…), Kosovo, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (zba), (…) Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 20. November 2013 / N (…). E-7199/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ist kosovarischer Staatsbürger und ethnischer Ro- ma; er lebte zuletzt in A._______. Gemäss eigenen Angaben verliess er Kosovo mit seinen Eltern (vgl. E-7201/2013) und einer seiner Schwestern am 27. Dezember 2010, gelangte am 28. Dezember 2010 in die Schweiz und stellte gleichen tags im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel ein Asylgesuch. Am 5. Januar 2011 wurde er zur Person befragt und am 27. Januar 2011 zu seinen Asylgründen angehört. Dabei machte der Beschwerdeführer geltend, er habe ein schwieriges Leben gehabt, da seine Familie sehr arm sei. Sie hätten in einer Scheune leben müssen, wo es im Winter sehr kalt gewesen sei. Bei der Arbeit sei er beschimpft und bedrängt worden. Für die weiteren Aussagen wird auf die Akten und die nachfolgenden Erwägungen verwiesen. B. Mit Verfügung vom 8. Februar 2011 lehnte das BFM das Asylgesuch des (…) Beschwerdeführers (und dessen Familie ) ab und ordnete d ie Weg- weisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. C. Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 28. Februar 2011 focht der Be- schwerdeführer (und seine Familie ) die vorinstanzliche Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht an. D. Das Bundesverwaltungsgericht hies s die Beschwerde mit Urteil E-1371/2011 vom 15. März 2011 gut, hob die Ziffern 4 und 5 der ang e- fochtenen Verfügung auf und wies die Sache zur Neubeurteilung im Si n- ne der Erwägungen an das Bundesamt zurück. E. Das BFM wandte sich in seinem Schreiben vom 25. Juni 2013 an die Schweizerische Botschaft (nachstehend: die Botschaft) in B._______ und ersuchte um Abklärungen vor Ort. F. Die Botschaft beantwortete die Fragen des Bundesamtes mit Schreiben vom 12. Juli 2013. Dem Beschwerdeführer (und seiner Familie) wurde E-7199/2013 Seite 3 hierzu in der Folge das rechtliche Gehör gewährt; dieses wurde mit Stel- lungnahme vom 23. Oktober 2013 wahrgenommen. G. Mit am 22. November 2013 eröffneter Verfügung vom 20. November 2013 lehnte das BFM das Asylgesuch des (inzwischen volljährig en) Beschwer- deführers ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. H. Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 20. Dezember 2013 focht der Beschwerdeführer die Verfügung de r Vorinstanz beim Bundesverwa l- tungsgericht an. Er beantragte in materieller Hinsicht deren Aufhebung, die Feststellung der Unzumutbarkeit des Vollzugs und die vorläufige Au f- nahme in der Schweiz. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewä h- rung der unentgeltlichen Prozessführung und um den Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses. I. Mit Zwischenverfügung vom 8. Januar 2014 stellte der Instruktionsrichter fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pr o- zessführung wurde gutgeheissen und auf die Einforderung eines Koste n- vorschusses wurde verzichtet. J. Mit Vernehmlassung vom 17. Januar 2014 – dem Beschwerdeführer am 28. Januar 2014 zur Kenntnis gebracht – hielt das BFM vollumfänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweis ung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden gegen Verfü- gungen, die gestützt auf das Asylgesetz vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) durch das BFM erlassen worden sind, entscheidet das Bu n- desverwaltungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betref- fend Personen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des Staates vo r- liegt, vor welchem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. E-7199/2013 Seite 4 Art. 31 -33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 2. 2.1 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung aus den in Art. 106 AsylG vorgesehenen Gründen. 2.2 Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 2.3 Wie mit Zwischenverfügung vom 8. Januar 2014 festgestellt wurde, beschränkt sich das Beschwerdeverfahren angesichts der gestellten A n- träge in materieller Hinsicht auf die Frage, ob die Wegweisung zu vollzi e- hen oder an Stelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen sei. 3. 3.1 Das B undesamt begründete seinen ablehnenden Entscheid damit, dass der Beschwerdeführer über ein weit gefasstes, tragfähiges Bezi e- hungsnetz in nerhalb und ausserhalb von Kosovo verfüge, welches ihm auch wirtschaftliche Sicherheit zu bieten vermöge. Zudem sei seine Fami- lie im Besitz von zwei Grundstückparzellen in A._______ und in B._______. Zu den Abklärungsergebnissen der Botschaft habe er im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs nichts Su bstanzielles vorbringen können. 3.2 In der Rechtsmitteleingabe wurde diesen Ausführungen entgege n- gehalten, der Abklärungsbericht der Botschaft in B._______ vom 13. Juli 2013 zeige ein heruntergekommenes Haus, in welchem der Beschwerde- führer mit seinen Verw andten gewohnt habe. Gemäss Angaben seines Vaters hätten dort auch ein Onkel und (…) oder (…) Kinder gelebt; es handle sich dementsprechend um eine unzumutbare Bleibe für den B e- schwerdeführer. Das BFM erwähne keine einzige mit ihm verwandte Pe r- son, welche über Geld verfügen würde, mit welchem er unterstützt we r- den könnte. Das Vorhandensein eines bestehenden tragfähigen Bezi e- hungsnetzes werde nur behauptet. 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus -E-7199/2013 Seite 5 länderinnen und Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 4.2 Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwe- senheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4; Entscheidungen und Mit- teilungen der Schweizerischen Asy lrekurskommission [ EMARK] 2006 Nr. 6 E. 4.2). 4.3 4.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Ei d- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Üb erein- kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EM RK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedr i- gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 4.3.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5 AsylG verankerte Prinzip der Nichtrückschiebung im vorli e- genden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des B e- schwerdeführers nach Kosovo ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus d en Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Au s-E-7199/2013 Seite 6 schaffung nach Kosovo dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwe i- sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124–127, m.w.H.). Das ist jedoch vorliegend nicht der Fall. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Kosovo lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig e r- scheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 4.4 4.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 4.4.2 Unter den aktuellen Verhältnissen in Kosovo ka nn nicht von Krieg oder Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt, welche für den Beschwerdeführer bei einer Rückkehr dorthin eine konkrete Gefährdung darstellen würde, gesprochen werden. Wie in der vorinstanzlichen Verf ü- gung zu Recht festgestell t wurde, hat sich die Sicherheitslage in Kosovo in den vergangenen Jahren verbessert. Die Verbesserungen im interet h- nischen Zusammenleben haben vor allem für albanischstämmige Roma, Ashkali und Ägypter positive Auswirkungen; die Wahrscheinlichkeit einer konkreten Gefährdung allein aufgrund ihrer Ethnie kann – mit Ausnahme einiger Dörfer und Gemeinden – ausgeschlossen werden. 4.4.3 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen Mann, der vor seiner Ausreise in A._______ gewohnt hat. Eigenen Angaben zufolge ist er nicht zur Schule gegangen; er habe Alteisen gesammelt und dieses weiterverkauft. Seine Familie sei sehr arm. Der Vater des Beschwerd e-E-7199/2013 Seite 7 führers hat anlässlich der Befragung zur Person vom 5. Januar 2011 a n- gegeben, er sei beruflich zuletzt teilweise als (…) tätig gewesen; ansons- ten habe er Konservendosen gesammelt. Er verfüge in Kosovo noch über (…) verheiratete Töchter, (…) Brüder und (…) Schwester; mit einem se i- ner Brüder habe er zuletzt zusammengelebt. Er besitze (…) Land, habe aber nicht die finanziellen Mittel, um es zu bebauen. Die Mutter des B e- schwerdeführers gab zu Protokoll, sie sei (…) gewesen; die Familie kö n- ne für ihren Lebensunterhalt nicht aufkommen. Hinsichtlich ihres ve r- wandtschaftlichen Beziehungsnetzes sagte sie aus, sie habe in ihrem Heimatstaat abgesehen von den (…) obgenannten Töchtern noch (…) Schwestern und (…) Brüder, zu denen sie jedoch keinen Kontakt mehr pflege. 4.4.4 Neben den im Gesetz beispielhaft aufgezählten Faktoren können namentlich auch die fehlenden oder mangelhaften medizinischen B e- handlungsmöglichkeiten, die Beeinträchtigung des Kindeswohls bei mi n- derjährigen Gesuchstellern oder eine Kombination von Faktoren wie Alter, Gesundheit, fehlendes Beziehungsnetz oder düstere Aussichten für das wirtschaftliche Überleben zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führen, immer vorausgesetzt, dass sie zu einer konkreten Gefährdung führen. Der Beschwerdeführer und seine Familie sind offensichtlich aus- schliesslich aus wirtschaftlichen Gründen in die Sc hweiz gekommen. Sie haben vorgebracht, sehr arm zu sein und keine Perspektive zu haben . Dies ist zwar aufgrund der Akten nachvollziehbar. Das Gericht geht j e- doch davon aus, dass es dem Beschwerdeführer trotz der schwierigen Bedingungen in seinem Heimatland (unter denen allerdings weite Bevö l- kerungskreise zu leiden haben) zumutbar ist, dorthin zurückzukehren. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die Familie die letzten (…) Jah- re unter den nämlichen Bedingungen dort gelebt hat und sich die Ve r- wandten offenbar gegenseitig unterstützt haben (vgl. Akten BFM A12/9 S.4). Zudem ist festzustellen, dass es sich beim Beschwerdeführer um einen jungen und gesunden Mann handelt. 4.5 Nach dem Gesagten kann der Vollzug der Wegweisung sowohl in ge- nereller als auch in in dividueller Hinsicht als zumutbar bezeichnet we r- den. 4.6 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständ i- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr benötigten Re i- sedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG ; vgl. BVGE 2008/34 E-7199/2013 Seite 8 E. 12 S. 513–515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mö g- lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 4.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 5. Aus diesen Erwägungen e rgibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be- schwerde ist abzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Infolge der Gutheissung des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist jedoch praxisgemäss von der Auferlegung von Verfahrenskosten abzusehen. (Dispositiv nächste Seite) E-7199/2013 Seite 9 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdefü hrer, das BFM und an das C._______. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bruno Huber Jonas Tschan Versand: