B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6488/2018 U r t e i l v o m 3 0 . S e p t e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Mia Fuchs (Vorsitz), Richterin Roswitha Petry, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiberin Mareile Lettau. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Nora Maria Riss, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 17. Oktober 2018 / N (…). D-6488/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 2. November 2015 um Asyl in der Schweiz nach. Am 8. Dezember 2015 wurde er im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) summarisch zu seinen Asylgründen befragt und am 25. November 2016 vertieft zu seinen Asylgründen angehört. Dabei machte er geltend, er sei afghanischer Staatsangehöriger, der Eth- nie der Hazara zugehörig und stamm e aus dem Dorf B._______, Distrikt C._______, in der Provinz D._______ wo er sein Leben lang gelebt habe. Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer vor, er habe Probleme wegen seines Vaters gehabt. Dieser sei vor rund 40 Jah- ren, als junger Mann, Mujaheddin geworden. Zudem seien die Taliban an seinem Wohnort präsent gewesen. Deshalb habe er stets in seinem Dorf bleiben müssen und nichts unternehmen können. Dies sei auch der Grund dafür gewesen, dass er bereits im Alter von elf Jahren die Schule abgebro- chen habe. Er habe gewusst, dass er ohnehin kein Studium hätte machen können, da er dafür d as Heimatdorf hätte verlassen müssen, was jedoch aufgrund der Taliban nicht möglich gewesen wäre. Deshalb habe er seinen Vater finanziell unterstützt, indem er als [Beruf] und [Beruf] gearbeitet habe. Etwa 2007 hätten die Taliban die Telefonnummer seines Vaters herausge- funden und diesen von da an wiederholt telefonisch bedroht, seine Famili- enmitglieder zu köpfen, wenn er den Heimatdistrikt nicht verlasse. Auf- grund der prekären Sicherheitslage in seiner Herkunftsregion und der Ge- fahr der Reflexverfolgung durch die Taliban habe er sich in seinem Heimat- dorf wie in einem Gefängnis gefühlt . Deshalb sei er 2014 oder 2015 ein erstes Mal in den Iran gereist. Dort habe er sich während etwa eines Jahres illegal aufgehalten und als [Beruf] gearbeitet, bevor er Anfang O ktober 2015 durch die iranischen Behörden aufgegriffen worden sei. Diese hätten ihm iranische Papiere und Geld geboten, falls er für den Iran in den Syrien- Krieg ziehe. Dies habe er aber abgelehnt, da er bereits Afghanistan auf- grund des Krieges verlassen habe. In der Folge sei er Anfang Oktober 2015 nach Afghanistan zurückgeschafft worden. Dort sei er jedoch nicht lange geblieben, sondern noch im Oktober 2015 erneut ausgereist und über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich am 2. November 2015 illegal in die Schweiz gelangt. D-6488/2018 Seite 3 Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer eine Tazkara im Original, ausgestellt am 5. April 2016, zwei Mujaheddin-Mitgliederaus- weise im Original, ausgestellt für seinen Vater, zwei Drohbriefe der Taliban sowie diverse Fotos, die seinen Vater als Mujaheddin zeigen, zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 17. Oktober 2018 stellte das SEM fest, der Beschwer- deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Vollzug jedoch zufolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. C. Mit Eingabe vom 15. November 2018 erhob der Beschwerdeführer – han- delnd durch seine Rechtsvertreterin – Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht und beantragte , die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuhe- ben. Es sei festzustellen, dass er die Flüchtlingseigenschaft erfülle, und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei er als Flüchtling vorläufig aufzu- nehmen. Subeventualiter sei die Sache zur hinreichenden Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In ver- fahrensrechtlicher Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer, es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren , auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und in der Person der unterzeichnenden Rechtsvertreterin eine unentgeltliche Rechtsbeiständin beizuordnen. D. Am 16. November 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein- gang der Beschwerde. E. Mit Zwischenverfügung vom 23. November 2018 hiess die damals zustän- dige Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung – unter der Voraussetzung des fristgerechten Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – gut und ordnete dem Beschwerdeführer – ebenfalls unter der Voraussetzung des fristge- rechten Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – seine Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Der Beschwerdeführer reichte fristgerecht eine Fürsorgebestätigung ein. F. Das SEM liess sich mit Eingabe vom 12. März 2020 vernehmen. D-6488/2018 Seite 4 G. Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 1. April 2020. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegen de Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und seine Beschwerde erfolgte frist- und formgerecht (aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 52 Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerde einzutreten ist. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Relig ion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung D-6488/2018 Seite 5 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG setzt voraus, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von be- stimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche im Fall einer Rück- kehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh- barer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein. Aus- gangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine Verfolgung bestand. Die Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein (vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5, je m.w.H.). Er - strecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen Per- son auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexve rfolgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Reflexverfol- gung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile mit beachtli- cher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgu ng BVGE 2007/19 E. 3.3; Entschei- dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [ E- MARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; EMARK 1994 Nr. 17). 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. Dieser habe im Wesentlichen geltend gemacht, er habe Afghanistan verlassen, weil die Ta- liban seinen Vater, einen ehemaligen Mujaheddin, per Telefon bedroht hät- ten und Krieg geherrscht habe. Die Taliban hätten seinem Vater gedroht, seine Familienmitglieder umzubringen . Er habe deshalb sein Heimatdorf nie verlassen können und sich wie in einem Gefängnis gefühlt. Selber habe D-6488/2018 Seite 6 er aber keine Probleme gehabt. Er habe mit der alltäglichen Angst vor Er- mordung und Geiselnahme nicht mehr umgehen können und sei geflohen. Ohne die schwierigen Lebensumstände des Beschwerdeführers als junger Mann und Sohn eines Mu jaheddin in einem unsicheren Kriegsgebiet zu verkennen, handle es sich bei den Vorbringen betreffend seine einge- schränkte Bewegungsfreiheit aufgrund der Tätigkeit seines Vaters und der Drohungen der Taliban gegen diesen nicht um eine asylrelevante Verfol- gungssituation. Den Taliban-Drohungen gegen den Vater liege kein Motiv im Sinne von Art. 3 AsyIG zugrunde. Ferner seien den Vorbringen des Be- schwerdeführers keine Hinweise auf eine gezielte Verfolgung gegen ihn im Sinne von Art. 3 AsyIG zu entnehmen. Seine Fluchtgründe seien somit auf die allgemein schwierige Sicherheitslage in Afghanistan zurückzuführen. Eine Furcht, zukünftig in Afghanistan aus einem asylrelevanten Motiv ge- zielt verfolgt zu werden, erscheine aufgrund der Aktenlage unbegründet. Die Vorbringen des Beschwerdeführers würden demzufolge insgesamt den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsyIG nicht standhalten. Bei offensichtlich fehlender Asylrelevanz könne darauf ver- zichtet werden, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente in den Vorbringen einzugehen. Der Vollständigkeit halber sei jedoch erwähnt, dass Zweifel an den Taliban-Drohungen bestünden, da der Beschwerdeführer an der BzP keine Drohbriefe, sondern ausschliesslich telefonische Drohungen gegen seinen Vater erwähnt habe. Auch betreffend seine erste Ausreise aus Af- ghanistan sei es zu zeitlichen Unstimmigkeiten gekommen. 4.2 In der Rechtsmitteleingabe wurde im Wesentlichen entgegnet, die Vor- bringen seien sehr wohl als asylrelevant zu qualifizieren. Im Falle des Be- schwerdeführers und seiner Familie fielen zwei Verfolgungsmotive zusam- men, nämlich das politische aufgrund der Stellung des Vaters und ein eth- nisches, weil die Familie den schiitischen Hazara angehöre und auch auf- grund dessen von den Taliban verfolgt werde. Indem die Vorinstanz nicht dargelegt habe, warum es sich nicht um ein asylrelevantes Verfolgungs- motiv handle, habe sie die Begründungspflicht verletzt. Weiter sei nicht nachvollziehbar, wie sie zum Schluss komme, die Verfolgung sei nicht asyl- relevant, da er «nur in seiner Bewegungsfreiheit» eingeschränkt gewesen sei. Er und seine ganze Familie hätten in ständiger Angst gelebt und ihm sei nur deshalb nichts passiert, weil er das Dorf nie und das Haus nur sel- ten verlassen habe. Er habe auch nicht studieren beziehungsweise seine Ausbildung abschliessen können. Er hätte sich nur den Mujaheddin an- schliessen können, ansonsten hätte er keine Perspektive gehabt. Di e An- forderungen an die Verfolgungsintensität seien gegeben. Seine Vorbringen D-6488/2018 Seite 7 seien im Übrigen auch glaubhaft ausgefallen. Dass er an der BzP keine Drohbriefe, sondern ausschliesslich telefonische Drohungen gegen seinen Vater erwähnt habe, stelle einen unbedeutenden Widerspruch dar, der aus- serdem verständlich sei, da er in der BzP darauf hingewiesen worden sei, sich möglichst kurz zu halten. Bezüglich der zeitlichen Unstimmigkeiten in seinen Vorbringen sei ausserdem festzustellen, dass er bereits in der An- hörung ausdrücklich darauf hingewiesen habe, Mühe mit Daten zu haben (mit Verweis auf A14 F66). 4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, der Beschwerdeführer habe anlässlich der Anhörung von sich aus erklärt, dass er persönlich keine Probleme gehabt habe und ausschliesslich wegen der Bedrohung seines Vaters das Heimatdorf nicht habe verlassen können. Aus den Ausführun- gen gehe hervor, dass der Vater seit mehreren Jahrzehnten Mujaheddin sei und der Beschwerdeführer und seine Familie über viele Jahre mit dieser schwierigen Sicherheitslage gelebt hätten. Somit sei aus den Akten nicht ersichtlich, dass der Beschwerdeführer sein Heimatland aufgrund einer ge- gen ihn gerichteten, asylrelevanten Verfolgung verlassen habe. Der allei- nige Umstand, dass er Sohn eines Mujaheddin sei und deswegen auch Probleme mit den Taliban habe , reiche nicht aus, um eine asylrelevante Reflexverfolgung zu begründen. Konkrete Vorfälle zwischen dem Be- schwerdeführer und den Taliban sowie eine konkrete Verfolgungssituation würden keine vorliegen. Weiter vermöge auch die ethnische Zugehörigkeit des Beschwerdeführers keine Asylrelevanz zu entfalten. Zum aktuellen Zeitpunkt würden keine Anzeichen dafür vorliegen , dass die Volksgruppe der Hazara allein wegen ihrer eth nischen Zugehörigkeit einer gezielten Verfolgung unterliege. Denn gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts müssten, solange Übergriffe gegen ein Kollektiv nicht derart intensiv und häufig seien, dass jedes Mitglied einen Angriff befürchten müsse, besondere Umstände vorliegen, damit bereits aufgrund der bl os- sen Zugehörigkeit die Ernsthaftigkeit der Nachteile oder die begründete Furcht als erfüllt betrachtet werden könnten. Solche Umstände würden zur- zeit im Falle der Hazara in Afghanistan nicht vorliegen. 4.4 Der Beschwerdeführer brachte in der Replik vor, dass in der Vergan- genheit erlittene Verfolgungshandlungen keine Voraussetzung für eine An- erkennung als Flüchtling seien, sondern als Indiz für eine künftige Verfol- gung dienen würden. Relevant sei vielmehr, ob er zum Zeitpunkt seiner Flucht eine begründete Furcht gehabt habe und weiterhin habe, Opfer von zielgerichteter Verfolgung zu werden . Dies sei klar der Fall. Er sei Opfer einer Reflexverfolgung aufgrund des Engagements seines Vaters und habe D-6488/2018 Seite 8 deshalb in ständiger Angst gelebt und sei in seiner Bewegungsfreiheit enorm eingeschränkt gewesen. Die Tatsache, dass er sich durch Verste- cken direkten Angriffen habe entziehen können, reiche nicht aus, um seine Flüchtlingseigenschaft zu widerlegen. Vielmehr hätte die Vorinstanz unter- suchen müssen, ob er eine begründete Furcht gehabt habe beziehungs- weise habe, Opfer von Reflexverfolgung zu werden. Diesbezüglich sei auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-6132/2010 zu verweisen, in welchem in Erwägung 4.3.2. festgehalten werde, dass hinter einer Re- flexverfolgung auch nur die Absicht liegen könne, die gesamte Familie für Taten eines Familienmitglieds zu bestrafen, in der Vermutung, dessen po- litische Ansichten und Ziele würden von den engeren Angehörigen geteilt, beziehungsweise mit dem Zweck, diese einzuschüchtern. Es müsse also aufgrund der Umstände des Einzelfalls geprüft werden, ob die Furcht vor Verfolgung begründet sei. Dies sei bei ihm gegeben ; er habe bei seiner Ausreise und auch heute begründete Furcht, aufgrund des Engagements seines Vaters Opfer von zielgerichteter Reflexverfolgung durch die Taliban zu werden. 5. 5.1 Vorab ist festzuhalten, dass erhebliche Zweifel an den vorgebrachten Drohungen bestehen, mit welchen der Beschwerdeführer eine gezielte Verfolgung seinerseits geltend zu machen versucht . So sagte der Be- schwerdeführer im Rahmen der BzP aus, die Taliban hätten seinen Vater insgesamt etwa zehn bis 20 Mal angerufen und dabei bedroht (A3 Ziff. 7.02). Auf Nachfrage antwortete er ausdrücklich, persönlich nie be- droht worden zu sein, da die Taliban nicht v on ihm gewusst hätten (A3 Ziff. 7.02). Dazu im Widerspruch machte er an der Anhörung neu geltend, die Taliban hätten seinen Vater täglich fünf bis zehn Mal angerufen (A14 F159). Als er selber erwachsen gewesen sei, sei auch er bedroht worden, indem er in einem Drohschreiben an seinen Vater namentlich erwähnt wor- den sei (A14 F168-172). Der Erklärungsversuch auf Beschwerdeebene, es handle sich dabei um einen unbedeutenden Widerspruch, der ausserdem verständlich sei, da er in der BzP darauf hingewiesen worden sei, sich mög- lichst kurz zu halten, gelingt nicht. Der Beschwerdeführer wurde an der BzP ausdrücklich dazu befragt, wie oft sein Vater telefonisch bedroht worden sei, ob er persönlich dabei auch bedroht worden sei und ob es neben den Telefondrohungen noch andere Probleme mit den Taliban gegeben habe, die ihn dazu gebracht hätten, das Land zu verlassen (A3 Ziff. 7.02). Zudem ist sein Erklärungsversuch nicht vereinbar mit seinen Ausführungen in der Anhörung, wo er auf die Frage, weshalb er die beiden Drohschreiben nicht D-6488/2018 Seite 9 bereits in der BzP erwähnt habe, geltend machte, damals noch nichts von den Drohschreiben gewusst zu haben (A14 F197 f.). 5.2 Die rein abstrakte Möglichkeit, dass die Taliban den Beschwerdeführer zu irgendeinem Zeitpunkt wegen seines Vaters, einem Mujaheddin, verfol- gen könnten, genügt sodann nicht für die Begründung der Flüchtlingsei- genschaft. Der Beschwerdeführer sagte sowohl in der BzP (A3 Ziff. 7.02) als auch in der Anhörung (A14 F104, 168) ausdrücklich aus, selber keine Probleme gehabt zu haben. Ausserhalb von B._______ habe es aber keine Sicherheit für ihn gegeben ( A3 Ziff. 7.01 f.; A14 F104). Sein Vater sei be- reits als junger Mann (vor 30 bis 40 Jahren) den Mujaheddin beigetreten und habe geholfen, das Dorf vor den Taliban zu schützen (A14 F113-115). Dies habe dazu geführt, dass er sein Heimatdorf nie habe verlassen kön- nen und sich deshalb wie in einem Gefängnis gefühlt habe (A14 F147, 178). Auch wenn der Beschwerdeführer geltend macht, die Verfolgung sei gezielt gegen seinen Vater und schliesslich auch gegen ihn gerichtet ge- wesen, vermag dies nicht zu überzeugen. So führte er an der Anhörung aus, dass die Taliban solche Drohbriefe an viele Personen im Dorf ver- schickt hätten, damit die Dorfbewohner in Angst leben und schliesslich das Dorf räumen würden (A14 F146 -148). Viele junge Leute aus seinem Dorf würden dennoch in Kabul studieren und seien unterwegs von den Taliban als Geiseln genommen und geköpft worden (A14 F175). Allerdings sei we- der ihm noch seinem Vater zwischen 2007, als sein Vater bei einem Angriff auf seinen Vorgesetzten verletzt worden sei, und seiner Ausreise 2015 et- was geschehen (A14 F148). Was die Drohbriefe anbelangt, erstaunt aus- serdem, dass diese von 2012 und 2014 datieren, dem Beschwerdeführer dennoch erst nach seiner Einreise in die Schweiz bekannt gewesen sein sollen. Deren Echtheit, und damit auch die (damit zu belegende) angebli- che Bedrohung des Beschwerdeführers, ist somit stark in Zweifel zu zie- hen. Eine gezielte Verfolgung de s Beschwerdeführers ist demnach nicht auszumachen. Dasselbe gilt, soweit dieser eine Reflexverfolgung wegen seines Vaters befürchtet. In den letzten acht Jahren vor seiner Ausreise ist offenbar nichts passiert, auch dem Vater nicht, und die Taliban hätten – bis auf die Nennung seines Namens im Drohschreiben, das freilich mit grossen Zweifeln zu betrachten ist – nicht von ihm gewusst. Es ist daher nicht an- zunehmen, der Beschwerdeführer hätte bei einer (hypothe tischen) Rück- kehr nach Afghanistan alleine wegen seines Vaters mit hoher Wahrschein- lichkeit und in naher Zukunft ernsthafte Nachteile im Sinne einer Reflexver- folgung zu erleiden. D-6488/2018 Seite 10 5.3 Der Beschwerdeführer macht ausserdem geltend, aufgrund seiner Zu- gehörigkeit zur Ethnie der Hazara einer asylrelevanten Verfolgung ausge- setzt zu sein. Das Bundesverwaltungsgericht hält in konstanter Rechtspre- chung fest, dass die Zugehörigkeit zu den Hazara für sich allein keinen Asylgrund im Sinne von Art. 3 AsylG darstellt (vgl. hierzu bspw. Urteile des BVGer D-6266/2018 vom 27. Februar 2020 E. 5.4 und D -580/2017 vom 9. August 2017 E. 6.3 je m.w.H. ). Die für die Annahme einer Kollektivver- folgung gestellten hohen Anforderungen (vgl. dazu ausführlich BVGE 2013/12 E. 6; BVGE 2013/11 E. 5.3.2) sind im Fall der Hazara in Afghanis- tan nicht erfüllt. 5.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine asylrechtlich relevanten Verfolgungsgründe hat glaubhaft machen können, weshalb die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigensch aft verneint und das Asylgesuch abgelehnt hat. Im Sinne einer Klarstellung bleibt festzuhalten, dass der konkreten Gefähr- dung des Beschwerdeführers aufgrund der prekären Sicherheitslage an seinem Herkunftsort in Afghanistan – die durchaus auch zu grossen Teilen von den Taliban oder anderen bewaffneten Gruppierungen zu verantworten ist – das SEM mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme Rechnung ge- tragen hat. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Weg weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen A nspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM da s Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). D-6488/2018 Seite 11 7.2 Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 17. Oktober 2018 der schwierigen Sicherheitslage in Afghanistan mit der Anordnung der vorläu- figen Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz Rechnung getra- gen hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässig- keit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. Mit dem vor- liegenden Entscheid tritt die vorläufige Aufnahme formell in Kraft. 8. Soweit in der Beschwerde die Kassation der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung an die Vorinstanz zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsab- klärung sowie zur Neuentscheidung beantragt wird, ist festzuhalten, dass dieser Antrag nicht weiter begründet wird. Vielmehr wird in der Beschwer- deschrift explizit ausgeführt, die Zusammenfassung des Sachverhalts in der angefochtenen Verfügung erweise sich als korrekt; auf eine eigene Sachverhaltsdarstellung könne verzichtet werden. Weiter wird gerügt, die Vorinstanz habe die Begründungspflicht verletzt, indem sie nicht dargelegt habe, warum kein asylrelevantes Verfolgungs- motiv vorliege. Aus den vorstehenden Erwägungen geht klar hervor, dass diese Rüge fehl geht. Dass die Vorinstanz ein e andere materielle Würdi- gung vorgenommen hat, als vom Beschwerdeführer beantragt, stellt noch keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Die formellen Rügen und der entsprechende Antrag auf Rückweisung der Angelegenheit sind demnach abzuweisen. 9. Aus die sen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfü gung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfah rens wären die Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1 -3 des Regle- ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm jedoch mit Zwischenverfügung vom 23. November 2018 die unentgeltliche Prozess- führung gewährt wurde, sind ihm keine Kosten aufzuerlegen. 10.2 Mit gleicher Zwischenverfügung wurde auch das Gesuch um Gewäh- rung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gutgeheissen, weshalb der D-6488/2018 Seite 12 amtlich bestellten Rechtsbeiständin zulasten der Gerichtskasse ein Hono- rar für ihre Bemühungen auszurichten ist. Diese hat am 27. Februar 2020 eine Kostennote eingereicht. Darin werden ein zeitlicher Aufwand von acht Stunden – à Fr. 200.– (bei Obsiegen) oder Fr. 150.– (bei Unterliegen) – sowie Auslagen von Fr. 26.60 geltend gemacht. Der zeitliche Aufwand und die Ansätze scheinen den Verfahrensumständen als angemessen (vgl. Art. 9–13 VGKE). Für das Verfassen der Replik ist eine weitere Stunde zu ver- güten. Das Honorar ist somit auf gerundet Fr. 1'390.– (inkl. Auslagen) fest- zusetzen. (Dispositiv nächste Seite) D-6488/2018 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Der amtlichen Rechtsbeiständin wird durch das Bundesverwaltungsgericht ein Honorar von Fr. 1'390.– ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Mareile Lettau Versand: