<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 6" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 6</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">68</span> </div> <div class="page" id="S68"> <span class="text"><b>6 </b> <b>Fahreignungsabklärung wegen psychischer Störung (rezidivierende oder</b></span><br/> <span class="text">phasenhaft verlaufende erhebliche affektive Störung im Sinne von An-</span><br/> <span class="text">hang 1 der VZV)</span><br/> <span class="text">Differenzierte Anordnung für den Führerausweis für die erste und die</span><br/> <span class="text">zweite medizinische Gruppe </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 22. März</span><br/> <span class="text">2018, in Sachen B. gegen das Strassenverkehrsamt des Kantons Aargau und</span><br/> <span class="text">das Departement Volkswirtschaft und Inneres (WBE.2017.436).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">II.</span><br/> <span class="text">2.</span><br/> <span class="text">2.1.</span><br/> <span class="text">Gemäss dem angefochtenen Entscheid bestehen aufgrund des</span><br/> <span class="text">Austrittsberichts der Klinik X. und der Einnahme von Trittico retard</span><br/> <span class="text">Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer an einer fahreig-</span><br/> <span class="text">nungsrelevanten depressiven Störung leiden könnte. Gleiches gelte</span><br/> <span class="text">für die emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Im Rahmen einer</span><br/> <span class="text">Gesamtwürdigung sei überdies zu berücksichtigen, dass beim Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführer bereits einmal eine Kokainabhängigkeit diagnosti-</span><br/> <span class="text">ziert worden sei, auch wenn er gegenwärtig abstinent lebe.</span><br/> <span class="text">Was die bundesgerichtliche Praxis anbelangt, wonach eine</span><br/> <span class="text">Fahreignungsbegutachtung in der Regel mit einem vorsorglichen</span><br/> <span class="text">Führerausweisentzug zu verbinden ist, so verweist die Vorinstanz auf</span><br/> <span class="text">das Urteil des Bundesgerichts vom 19. Mai 2017 (1C_13/2017), in</span><br/> <span class="text">dem bestätigt werde, dass es Konstellationen gebe, in denen eine</span><br/> <span class="text">Fahreignungsuntersuchung angeordnet werden müsse, ohne dass der</span><br/> <span class="text">betroffenen Person der Führerausweis vorsorglich entzogen werde.</span><br/> <span class="text">Vorliegend sei der Führerausweis aufgrund des Prinzips der Verhält-</span><br/> <span class="text">nismässigkeit nicht zu entziehen. So habe sich der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="text">im Strassenverkehr nichts zu Schulden kommen lassen und bestün-</span><br/> <span class="text">den keine Hinweise für einen aktuellen Kokainkonsum.</span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">69</span> </div> <div class="page" id="S69"> <div role="main"> <span class="text">In seiner Stellungnahme vom 7. Februar 2018 macht das DVI</span><br/> <span class="text">überdies geltend, dass der Bericht von Dr. med. S. eine ver-</span><br/> <span class="text">kehrsmedizinische Untersuchung nicht zu ersetzen vermöge, weil sie</span><br/> <span class="text">nicht über den Titel VerkehrsmedizinerIn SGRM verfüge. Überdies</span><br/> <span class="text">bestünden auch aufgrund des Berichts von Dr. med. S. weiterhin</span><br/> <span class="text">Anhaltspunkte einer fehlenden Fahreignung, so dass eine</span><br/> <span class="text">Begutachtung angezeigt sei.</span><br/> <span class="text">2.2.</span><br/> <span class="text">Der Beschwerdeführer verweist auf den Leitfaden Verdachts-</span><br/> <span class="text">gründe fehlender Fahreignung und führt aus, dass gemäss diesem</span><br/> <span class="text">aufgrund psychischer Erkrankungen lediglich auf Mitteilung eines</span><br/> <span class="text">Arztes die Fahreignung abzuklären sei oder wenn die Polizei Symp-</span><br/> <span class="text">tome einer psychischen Erkrankung wie Halluzinationen, Wahnvor-</span><br/> <span class="text">stellungen oder Manien feststelle. Beides sei vorliegend nicht der</span><br/> <span class="text">Fall. Gemäss ärztlichem Attest vom 31. März 2017 sei der Beschwer-</span><br/> <span class="text">deführer geeignet, Fahrzeuge zu führen. Auch die Polizei habe keine</span><br/> <span class="text">Zweifel an der Fahreignung geäussert. Was den Kokainkonsum anbe-</span><br/> <span class="text">lange, so sei dies willkürlich. Die damit zusammenhängenden Auf-</span><br/> <span class="text">lagen seien im Jahr 2009 aufgehoben worden und der Beschwer-</span><br/> <span class="text">deführer lebe seit neun Jahren abstinent.</span><br/> <span class="text">Gemäss dem Bundesgericht sei überdies eine verkehrsmedi-</span><br/> <span class="text">zinische Abklärung mit einem vorsorglichen Führerausweisentzug zu</span><br/> <span class="text">verbinden. Allerdings hätten die Vorinstanzen nicht schlüssig begrün-</span><br/> <span class="text">det, weshalb vorliegend ausnahmsweise von dieser Parallelität abge-</span><br/> <span class="text">wichen werden könne. Insbesondere im Urteil des Bundesgerichts</span><br/> <span class="text">vom 2. Juni 2017 (1C_144/2017) werde aufgezeigt, dass die Ein-</span><br/> <span class="text">schätzung, das Risiko sei kurz- und mittelfristig tragbar, nicht aber</span><br/> <span class="text">langfristig, nicht nachvollziehbar sei. Bestehe ein ernsthafter Grund</span><br/> <span class="text">für eine Fahreignungsabklärung wegen einer psychischen Erkran-</span><br/> <span class="text">kung, so würde die Gefährdung sofort bestehen.</span><br/> <span class="text">In seiner Stellungnahme vom 1. Februar 2018 macht der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführer überdies geltend, dass gemäss dem eingereichten</span><br/> <span class="text">Arztbericht vom 12. Januar 2018 keine Anzeichen für eine fehlende</span><br/> <span class="text">Fahreignung bestehen. Trotz der zehnjährigen Problematik sei der</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführer grundsätzlich nie negativ im Strassenverkehr</span><br/> <span class="text">aufgefallen. Seit der Geschwindigkeitsüberschreitung seien nun be-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">70</span> </div> <div class="page" id="S70"> <div role="main"> <span class="text">reits wieder eineinviertel Jahre verstrichen, ohne dass der Beschwer-</span><br/> <span class="text">deführer negativ aufgefallen wäre.</span><br/> <span class="text">3.</span><br/> <span class="text">3.1.</span><br/> <span class="text">Führerausweise werden entzogen, wenn die gesetzlichen</span><br/> <span class="text">Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen</span><br/> <span class="text">(Art. 16 Abs. 1 SVG), u.a. wenn die körperliche oder geistige Lei-</span><br/> <span class="text">stungsfähigkeit einer Person nicht mehr ausreicht, um ein Motor-</span><br/> <span class="text">fahrzeug sicher zu führen (Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG). Bestehen</span><br/> <span class="text">Zweifel an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer</span><br/> <span class="text">Fahreignungsuntersuchung unterzogen (Art. 15d Abs. 1 SVG,</span><br/> <span class="text">Art. 28a Abs. 1 VZV). Eine Fahreignungsabklärung in der Form</span><br/> <span class="text">einer Verpflichtung zu einer fachärztlichen Begutachtung auf eigene</span><br/> <span class="text">Kosten (und unter Androhung eines vorsorglichen Sicherungsentzugs</span><br/> <span class="text">des Führerausweises bei Nichtbezahlen des Kostenvorschusses) muss</span><br/> <span class="text">sich somit auf einen genügenden Anlass stützen und verhältnismässig</span><br/> <span class="text">sein, d.h., es müssen konkrete Anhaltspunkte vorliegen, wonach der</span><br/> <span class="text">Betroffene ein besonderes Risiko für die Verkehrssicherheit darstellt.</span><br/> <span class="text">In Art. 15d Abs. 1 SVG sind exemplarisch und damit in nicht ab-</span><br/> <span class="text">schliessender Weise ( namentlich ) die einzelnen Tatbestände aufge-</span><br/> <span class="text">zählt, welche Zweifel an der Fahreignung begründen. Liegt kein</span><br/> <span class="text">Sondertatbestand im Sinn von lit. a-e von Art. 15d Abs. 1 SVG vor,</span><br/> <span class="text">kann die Fahreignungsabklärung auch gestützt auf die in dieser Be-</span><br/> <span class="text">stimmung enthaltene Generalklausel angeordnet werden.</span><br/> <span class="text">3.2.</span><br/> <span class="text">3.2.1.</span><br/> <span class="text">In Anhang 1 der VZV wird die medizinische Mindestanforde-</span><br/> <span class="text">rung gestellt, Keine erheblichen Persönlichkeitsstörungen, insbeson-</span><br/> <span class="text">dere keine ausgeprägten dissozialen Verhaltensstörungen .</span><br/> <span class="text">Was Persönlichkeitsstörungen anbelangt, so sind unter ver-</span><br/> <span class="text">kehrsmedizinischen Gesichtspunkten die schizoide, die emotional</span><br/> <span class="text">instabile, vor allem aber die dissoziale Persönlichkeitsstörung von</span><br/> <span class="text">Interesse. Als Adressaten einer Expertise zu den Fahreignungs-</span><br/> <span class="text">voraussetzungen kommen in erster Linie Personen mit dissozialer,</span><br/> <span class="text">aber auch anderer Persönlichkeitsstörungen in Betracht, die in ihrem</span><br/> <span class="text">Verhalten im Strassenverkehr, der allgemeinen Legalbewährung und</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">71</span> </div> <div class="page" id="S71"> <div role="main"> <span class="text">den persönlichen Lebensumständen konstant verantwortungslos</span><br/> <span class="text">handeln, ihre eigenen Interessen rücksichtslos ausleben und nicht vor</span><br/> <span class="text">Anwendung von Gewalt zurückschrecken. Wichtig ist dabei der</span><br/> <span class="text">Gesichtspunkt, dass die meisten Dissozialen im Laufe ihres Lebens</span><br/> <span class="text">für ihr Verhalten wiederholt sanktioniert wurden, indessen daraus</span><br/> <span class="text">keine Änderungen im Verhalten entstanden (MICHAEL</span><br/> <span class="text">RÖSLER/KONSTANZE D. RÖMER, in: BURKHARD MADEA/FRANK</span><br/> <span class="text">MUSSHOFF/GÜNTER BERGHAUS [Hrsg.], Verkehrsmedizin, 2. Aufl.,</span><br/> <span class="text">Köln 2012, S. 429 f.; vgl. auch VOLKER DITTMANN, Psychische Stö-</span><br/> <span class="text">rungen und Fahreignung, in: Handbuch der verkehrsmedizinischen</span><br/> <span class="text">Begutachtung, Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 2005, S. 53).</span><br/> <span class="text">3.2.2.</span><br/> <span class="text">Gemäss dem Austrittsbericht der Klinik X. vom 3. November</span><br/> <span class="text">2016 weist der Beschwerdeführer emotional instabile und ängstlich-</span><br/> <span class="text">vermeidende Persönlichkeitszüge auf, wobei ICD-10 F60.8 als</span><br/> <span class="text">Diagnose angefügt wird. Hier ist darauf hinzuweisen, dass die ICD-</span><br/> <span class="text">10-Codierung F60.8 andere spezifische Persönlichkeitsstörungen</span><br/> <span class="text">lautet (HORST DILLING/HARALD J. FREYBERGER, Taschenführer zur</span><br/> <span class="text">ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen, 8. Aufl., Bern 2016,</span><br/> <span class="text">S. 246 f.), wohingegen im Austrittsbericht lediglich von emotional</span><br/> <span class="text">instabilen und ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitszügen die</span><br/> <span class="text">Rede ist. Somit ist unklar, ob überhaupt eine Diagnose mit Krank-</span><br/> <span class="text">heitswert vorliegt, muss doch davon ausgegangen werden, dass mit</span><br/> <span class="text">der Verwendung des Begriffs Persönlichkeitszüge angedeutet wird,</span><br/> <span class="text">dass lediglich einzelne Aspekte dieser Erkrankung vorliegen, jedoch</span><br/> <span class="text">nicht alle für die Diagnose relevanten Kriterien erfüllt sind.</span><br/> <span class="text">Unabhängig von der Frage, wie es sich mit der Diagnose ver-</span><br/> <span class="text">hält, ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer bis anhin durch sein</span><br/> <span class="text">Verhalten im Strassenverkehr nicht übermässig aufgefallen ist, womit</span><br/> <span class="text">kein Anlass für eine Fahreignungsbegutachtung aufgrund seiner</span><br/> <span class="text">emotional instabilen und ängstlich-vermeidenden Persönlichkeits-</span><br/> <span class="text">züge besteht.</span><br/> <span class="text">3.3.</span><br/> <span class="text">3.3.1.</span><br/> <span class="text">Gemäss Anhang 1 der VZV (Medizinische Mindestanforde-</span><br/> <span class="text">rungen) wird in Bezug auf psychische Störungen festgehalten:</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">72</span> </div> <div class="page" id="S72"> <div role="main"> <span class="text">Keine manische oder erhebliche depressive Symptomatik und in</span><br/> <span class="text">Bezug auf die zweite medizinische Gruppe wird überdies gefordert:</span><br/> <span class="text">Keine rezidivierenden oder phasenhaft verlaufende erhebliche</span><br/> <span class="text">affektive oder schizophrene Störungen .</span><br/> <span class="text">Aus der verkehrsmedizinischen Literatur ergibt sich, dass</span><br/> <span class="text">depressive Störungen zu den häufigsten psychiatrischen Erkran-</span><br/> <span class="text">kungen in der Bevölkerung gehören. Bisher sind keine epidemiologi-</span><br/> <span class="text">schen Daten verfügbar, die anzeigen würden, dass vom Personen-</span><br/> <span class="text">kreis depressiv gestörter Menschen ein generelles erhöhtes Risiko für</span><br/> <span class="text">Fehlverhalten im Strassenverkehr ausgehen könnte (RÖSLER/RÖMER,</span><br/> <span class="text">a.a.O., S. 424). Personen, die an akuten Manien, akuten schweren</span><br/> <span class="text">Depressionen mit oder ohne Psychose leiden, erfüllen die Fahreig-</span><br/> <span class="text">nungsvoraussetzungen der Kraftfahrzeuge aller Gruppen nicht mehr.</span><br/> <span class="text">Nach Abklingen der manischen oder depressiven Episoden sind in</span><br/> <span class="text">der Regel keine Bedenken hinsichtlich der Fahreignungsgegeben-</span><br/> <span class="text">heiten mehr begründbar. Nach mehreren manischen und/oder de-</span><br/> <span class="text">pressiven Episoden können die Fahreignungsvoraussetzungen für</span><br/> <span class="text">Kraftfahrzeuge der Gruppe 2 nicht mehr bejaht werden. Im Fall der</span><br/> <span class="text">Kraftfahrzeug-Gruppe 1 bleibt nach mehreren depressiven und/oder</span><br/> <span class="text">manischen Episoden die Fahreignungsprognose ungünstig, wenn</span><br/> <span class="text">keine Symptomfreiheit vorliegt und die vorhandenen therapeutischen</span><br/> <span class="text">und rezidivprophylaktischen Möglichkeiten nicht ausgeschöpft wer-</span><br/> <span class="text">den. Hingegen können die Eignungsvoraussetzungen auch nach wie-</span><br/> <span class="text">derholten manischen und/oder depressiven Episoden bejaht werden,</span><br/> <span class="text">wenn eine ausreichende Symptomreduktion erzielt wurde und eine</span><br/> <span class="text">kontinuierliche fachärztliche Behandlung mit Rezidivprophylaxe</span><br/> <span class="text">gesichert ist (RÖSLER/RÖMER, a.a.O., S. 426). Auch nach</span><br/> <span class="text">AFFLERBACH/EBNER/DITTMANN zählen rezidivierende Verläufe zu</span><br/> <span class="text">den schweren Depressionen und schliessen die Fahreignung aus.</span><br/> <span class="text">Gleiches gilt für alle Ausprägungsarten bipolarer Störungen. Die Eig-</span><br/> <span class="text">nung für höhere Fahrausweiskategorien ist demnach nach dem ersten</span><br/> <span class="text">Rezidiv einer eindeutig manischen oder zumindest mittelgradig</span><br/> <span class="text">depressiven Episode grundsätzlich nicht mehr gegeben (TILL</span><br/> <span class="text">AFFLERBACH/GERHARD EBNER/VOLKER DITTMANN, Fahreignung</span><br/> <span class="text">und psychische Störungen, in: Schweiz Med Forum 2004, S. 704).</span><br/> <span class="text">Gemäss DITTMANN ist bei rezidivierenden depressiven Störungen</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 6 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">73</span> </div> <div class="page" id="S73"> <div role="main"> <span class="text">und insbesondere bei bipolaren (manisch-depressiven) Erkrankungen</span><br/> <span class="text">eine sorgfältige Beurteilung des Verlaufs erforderlich. Hier kommt</span><br/> <span class="text">für die Wiederzulassung einer phasenprophylaktischen Medikation</span><br/> <span class="text">besondere Bedeutung zu. Deren Auswirkung ist ebenso wie die einer</span><br/> <span class="text">antidepressiven Pharmakotherapie zu berücksichtigen. Bei ungüns-</span><br/> <span class="text">tigem Verlauf, vor allem beim Auftreten mehrerer manischer oder</span><br/> <span class="text">schwerer depressiver Phasen mit kurzen Intervallen und bei nicht</span><br/> <span class="text">vorhandener Phasenprophylaxe ist auch bei symptomfreiem Zustand</span><br/> <span class="text">die Fahreignung grundsätzlich nicht gegeben. Zur Beurteilung des</span><br/> <span class="text">Verlaufs ist eine ausreichende Beobachtungszeit von in der Regel</span><br/> <span class="text">mindestens einem Jahr nach weitgehender Symptomfreiheit erforder-</span><br/> <span class="text">lich. Durch die medikamentöse Langzeitprophylaxe kann das</span><br/> <span class="text">Wiederauftreten von Phasen meist zuverlässig unterdrückt werden.</span><br/> <span class="text">Nach einer entsprechenden Grundeinstellung und Beobachtungszeit</span><br/> <span class="text">können Fahrzeuglenker mit diesen Störungen wieder zugelassen wer-</span><br/> <span class="text">den, im Rahmen einer medikamentösen Prophylaxe bei rezidivieren-</span><br/> <span class="text">den schweren depressiven oder manisch-depressiven Erkrankungen</span><br/> <span class="text">sind jedoch regelmässige Kontrollen inklusive der entsprechenden</span><br/> <span class="text">Blutspiegelbestimmungen erforderlich. Wegen des erhöhten Risikos</span><br/> <span class="text">ist nach dem ersten Rezidiv (eindeutige manische oder mindestens</span><br/> <span class="text">mittelgradige depressive Episode) eine Zulassung zur ersten und zur</span><br/> <span class="text">zweiten Gruppe nicht mehr möglich (DITTMANN, a.a.O., S. 51 f.).</span><br/> <span class="text">3.3.2.</span><br/> <span class="text">Dem Austrittsbericht der Klinik X. vom 3. November 2016</span><br/> <span class="text">kann entnommen werden, dass der Beschwerdeführer bei Eintritt in</span><br/> <span class="text">die Klinik unter einer rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10</span><br/> <span class="text">F33.1) litt. Bei Eintritt in die Klinik X. Mitte Juli 2016 wies der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführer auf dem Beck-Depressions-Inventar (BDI) zwanzig</span><br/> <span class="text">Punkte auf, was einer mittelschweren Depression entspricht, wohin-</span><br/> <span class="text">gegen er bei Austritt am 1. September 2016 noch zwei Punkte er-</span><br/> <span class="text">reichte , was keiner Depression mehr entspricht. Die aktuell behan-</span><br/> <span class="text">delnde Ärztin stellte hingegen die Verdachtsdiagnose einer bipolaren</span><br/> <span class="text">Störung des Typs II, gegenwärtig schwere depressive Episode ohne</span><br/> <span class="text">psychotische Symptome (ICD-10 F31.4), weshalb sie auch die medi-</span><br/> <span class="text">kamentöse Behandlung im Oktober 2017 anpasste. Anfang Novem-</span><br/> <span class="text">ber 2017 kam es zu einer depressiven Episode, die der Beschwer-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 7 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">74</span> </div> <div class="page" id="S74"> <div role="main"> <span class="text">deführer als stark und intensiv erlebt habe. In der Folge wurde</span><br/> <span class="text">Lamotrigin aufdosiert, so dass seit Ende Dezember 2017 die</span><br/> <span class="text">Stimmung des Beschwerdeführers stabil ist. Die Compliance des Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführers stuft die Ärztin in Bezug auf die Einnahme der</span><br/> <span class="text">Medikamente als gut ein, was sie auch mittels Spiegelbestimmungen</span><br/> <span class="text">bestätigen konnte.</span><br/> <span class="text">3.3.3.</span><br/> <span class="text">Aufgrund des Umstands, dass der Beschwerdeführer über Füh-</span><br/> <span class="text">rerausweis-Kategorien beider medizinischen Gruppen verfügt, ist in</span><br/> <span class="text">der Folge zwischen diesen beiden Gruppen zu differenzieren.</span><br/> <span class="text">3.3.3.1.</span><br/> <span class="text">Was die Führerausweis-Kategorien der ersten medizinischen</span><br/> <span class="text">Gruppe anbelangt, so kann nach einer Grundeinstellung und</span><br/> <span class="text">Beobachtungszeit ein Fahrzeuglenker wieder zugelassen werden,</span><br/> <span class="text">wobei allerdings im Rahmen einer medikamentösen Prophylaxe</span><br/> <span class="text">regelmässige Kontrollen inklusive der entsprechenden Blutspiegel-</span><br/> <span class="text">bestimmungen erforderlich sind (DITTMANN, a.a.O., S. 52;</span><br/> <span class="text">RÖSLER/RÖMER, a.a.O., S. 426). Die Grundeinstellung ist beim Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführer erfolgt, so ist er gemäss dem Bericht der Psychiaterin</span><br/> <span class="text">Dr. med. S. stabil, er begibt sich wöchentlich bis zweiwöchentlich in</span><br/> <span class="text">die Psychotherapie und nimmt regelmässig ein Antidepressivum so-</span><br/> <span class="text">wie ein stimmungsstabilisierendes Medikament ein. Damit erübrigt</span><br/> <span class="text">sich eine Fahreignungsbegutachtung. Allerdings ist davon auszu-</span><br/> <span class="text">gehen, dass nach einer Fahreignungsbegutachtung - wäre eine solche</span><br/> <span class="text">zu Beginn der Erkrankung erfolgt - Auflagen in Bezug auf die</span><br/> <span class="text">Therapie (regelmässige Psychotherapie) sowie die Medikation (Re-</span><br/> <span class="text">zidivprophylaxe und Kontrolle der Einnahme mittels Bestimmungen</span><br/> <span class="text">des Blutspiegels) verfügt worden wären. Insbesondere da die medi-</span><br/> <span class="text">kamentöse Langzeitprophylaxe (Lamotrigin) erst vor relativ kurzer</span><br/> <span class="text">Zeit eingestellt worden ist, ist die Fortführung der psychiatrischen</span><br/> <span class="text">Therapie inkl. Medikation und Spiegelbestimmung mit einer Auflage</span><br/> <span class="text">sicherzustellen. Die Beschwerde ist in Bezug auf die Führerausweis-</span><br/> <span class="text">Kategorien der ersten medizinischen Gruppe somit teilweise be-</span><br/> <span class="text">gründet und das Verfahren zur Verfügung von Auflagen an das</span><br/> <span class="text">Strassenverkehrsamt zurück zu weisen.</span><br/> <span class="text">3.3.3.2.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 8 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">75</span> </div> <div class="page" id="S75"> <div role="main"> <span class="text">Was die zweite medizinische Gruppe anbelangt, so dürfen ge-</span><br/> <span class="text">mäss Anhang 1 der VZV keine rezidivierenden oder phasenhaft ver-</span><br/> <span class="text">laufende erhebliche affektive oder schizophrene Störungen vorliegen.</span><br/> <span class="text">Der Grund für die deutlich höheren medizinischen Mindestanfor-</span><br/> <span class="text">derungen besteht darin, dass bei Bus-, Lastwagen- und Taxilenkern</span><br/> <span class="text">eine viel höhere Leistungsreserve als bei Personenwagenlenkern ver-</span><br/> <span class="text">langt wird, da Berufsfahrer oftmals auch bei schwierigen Fahrbe-</span><br/> <span class="text">dingungen ein Fahrzeug lenken müssen, es sich um schwere Gefährte</span><br/> <span class="text">mit erheblichem Gefahrenpotential handelt oder weil Personen oder</span><br/> <span class="text">Gefahrengüter befördert werden (vgl. ROLF SEEGER, Die periodische</span><br/> <span class="text">medizinische Überprüfung der Fahreignung bei Seniorinnen und</span><br/> <span class="text">Senioren und bei Inhabern von höheren Führerausweiskategorien</span><br/> <span class="text">[Kontrolluntersuchungen] - Problematik aus Sicht der Verkehrs-</span><br/> <span class="text">medizin, in: RENÉ SCHAFFHAUSER [Hrsg.], Jahrbuch zum Strassen-</span><br/> <span class="text">verkehrsrecht 2009, St. Gallen 2009, S. 102 f.). Zwar bestanden</span><br/> <span class="text">gemäss dem ärztlichen Attest vom 31. März 2017 der Klinik Y. im</span><br/> <span class="text">damaligen Zustandsbild keine Anhaltspunkte für eine Einschränkung</span><br/> <span class="text">der Fahrtauglichkeit. Zu dieser Einschätzung ist allerdings festzu-</span><br/> <span class="text">halten, dass diese Beurteilung von einem Arzt und einer Psychologin</span><br/> <span class="text">stammt, die nicht die Anforderungen an einen Arzt der Stufe 4</span><br/> <span class="text">erfüllen (vgl. Art. 5abis Abs. 1 lit. d i.V.m. Art. 5b Abs. 4 VZV).</span><br/> <span class="text">Überdies stammt die Einschätzung vom damals behandelnden Arzt,</span><br/> <span class="text">der aufgrund seiner auftragsrechtlichen Vertrauensstellung nicht</span><br/> <span class="text">unabhängig ist (vgl. BGE 125 V 351, Erw. 3b)cc). In Anbetracht der</span><br/> <span class="text">Umstände, dass der Beschwerdeführer an einer rezidivierenden</span><br/> <span class="text">depressiven Störung litt (Austrittsbericht der Klinik X. vom</span><br/> <span class="text">3. November 2016) und dass die aktuell behandelnde Ärztin die</span><br/> <span class="text">Verdachtsdiagnose einer bipolaren Störung stellt, liegt eine rezidi-</span><br/> <span class="text">vierende oder phasenhaft verlaufende erhebliche affektive Störung</span><br/> <span class="text">im Sinne von Anhang 1 der VZV vor, womit die Fahreignung des</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführers in Frage gestellt und die Anordnung der Fahr-</span><br/> <span class="text">eignungsbegutachtung gerechtfertigt ist. Somit braucht vorliegend</span><br/> <span class="text">nicht beurteilt zu werden, ob aufgrund der Medikation die Fahr-</span><br/> <span class="text">eignung zusätzlich in Frage steht.</span><br/> <span class="text">3.3.4.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 9 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">76</span> </div> <div class="page" id="S76"> <div role="main"> <span class="text">Zusammenfassend bestehen aufgrund der Aktenlage in Bezug</span><br/> <span class="text">auf die Führerausweis-Kategorien der ersten medizinischen Gruppe</span><br/> <span class="text">keine Zweifel, welche die Anordnung einer verkehrspsychiatrischen</span><br/> <span class="text">Begutachtung rechtfertigen würden; allerdings wird das Strassen-</span><br/> <span class="text">verkehrsamt Auflagen zu verfügen haben. In Bezug auf die Führer-</span><br/> <span class="text">ausweis-Kategorien der zweiten medizinischen Gruppe hingegen ist</span><br/> <span class="text">die Anordnung der Fahreignungsbegutachtung gerechtfertigt und die</span><br/> <span class="text">Beschwerde in Bezug auf diesen Punkt abzuweisen.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>