B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5441/2020 U r t e i l v o m 5 . N o v e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Esther Marti, Richter Gérald Bovier, Gerichtsschreiberin Sara Steiner. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch MLaw Cora Dubach, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 2. Oktober 2020 / N (…). D-5441/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge am 21. Dezember 2018 und gelan gte mit dem Schiff nach Indien, dem Flug- zeug nach Frankreich und dem Zug am 9. Januar 2019 in die Schweiz, wo er gleichentags ein Asylgesuch stellte. Am 29. Januar 2019 wurde er sum- marisch befragt. Am 7. Juni 2019 wurde er einlässlich und am 28. August 2020 ergänzend angehört. Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, auf einem Feld in der Nähe eines Grundstückes der Familie seien Waffen gefunden worden. Deshalb sei er am (…) 2018 auf dem Weg zu diesem Feld beziehungsweise auf diesem Feld um den Mittag herum verhaftet worden. Er sei in ein Camp gebracht und in einen Raum gesperrt worden. Dort sei bereits sein Nachbar, ein ehemaliges Mitglied der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) , gewesen, welcher offenbar zuvor misshandelt worden sei. Er (der Beschwerdeführer) sei gefragt wor- den, ob er die Waffen vergraben habe oder wisse, wer es gewesen sei. Dabei sei er ebenfalls misshandelt worden. Nach sechs Stunden bezie- hungsweise am nächsten Morgen hätte er zu einem anderen Camp trans- feriert werden sollen, sei dann aber in einem Wald freigelassen worden. Dort sei er von einer Person mit dem Motorrad abgeholt und nach Mannar gebracht worden. Im Weiteren sei er bei einer Bombenexplosion während des letzten Krieges schwer verletzt worden. Dreizehn Mitglieder seiner Fa- milie seien dabei getötet worden. Seither sei er mit seinen Geschwistern bei seiner Grossmutter aufgewachsen. Zu diesen Ereignissen sei er von verschiedenen Hilfsorganisationen befragt worden. Im Anschluss hätte n sich Armeeangehörige jeweils erkundigt, was er diesen Leuten gesagt habe. Seine Geschwister hätten wegen diesen Einschüchterungen das Zu- hause im Jahr 2013 verlassen. Er habe auch an ein paar Demonstrationen zu vermissten Personen teilgenommen. Zudem habe er einen Onkel, wel- cher rehabilitiert worden sei, und ein weiterer Onkel habe bei den LTTE als Chauffeur gearbeitet. Nach den verheerenden Bombenanschlägen im April 2019 sei en das Haus seiner Familie durchsucht und seine Papiere be- schlagnahmt worden. Zur Stützung seines Gesuches reichte er unter anderem einen Zeitungsar- tikel über die Bombenexplosion, der seine Familie zum Opfer gefallen sei, den Totenschein seiner Eltern und Spitaldokumente ihn betreffend zu den Akten. D-5441/2020 Seite 3 B. Mit Verfügung vom 2. Oktober 2020 – eröffnet am 5. Oktober 2020 – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Weg- weisung sowie den Vollzug an. C. Der Beschwerdeführer – handelnd durch seine Rechtsvertreterin – erhob mit Eingabe vom 4. November 2020 gegen diesen Entscheid beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der an- gefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung sowie eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und die Er- teilung einer vorläufigen Aufnahme. In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG i.V.m. aArt. 110a AsylG (SR 142.31) und um Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses. D. Mit Zwischenverfügung vom 23. November 2020 stellte die Instruktions- richterin fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte die rubr izierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein. E. Mit Eingabe vom 27. November 2020 reichte der Beschwerdeführer zwei Arztberichte zu den Akten. F. In seiner Vernehmlassung vom 4. Dezember 2020 hielt das SEM vollum- fänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be- schwerde. G. Mit Replik vom 8. Januar 2021 verwies der Beschwerdeführer auf seine Ausführungen in der Beschwerde. D-5441/2020 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das v orliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia len Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung D-5441/2020 Seite 5 des Leibes, d es Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM hielt zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen fest, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien nicht glaubhaft. Seine Aus- führungen seien in einigen wichtigen Punkten widersprüchlich ausgefallen. Dies betreffe vor allem die Beschreibung der erlittenen Übergriffe. So habe er an der Befragung angegeben, er sei geschlagen und mit Zigaretten ver- brannt worden. An der Anhörung habe er hingegen gesagt, er sei geschla- gen worden und sie hätten ihm die Hand verdreht. Auf explizite Rückfrage habe er angegeben, keine weitere Folter erlitten zu haben. Auf diesen Wi- derspruch angesprochen habe er lediglich angegeben, es sei ihm nicht in den Sinn gekommen. Weiter habe er sich auch in zeitlicher Hinsicht wider- sprochen. An der Befragung habe er angegeben, er hätte am nächsten Tag verlegt werden sollen. An der Anhörung habe er hingegen gesagt, dies sei noch am gleichen Tag, bei Dämmerung gewesen. Auf diesen Widerspruch angesprochen habe er eine dritte Version vorgebracht, wonach es N acht gewesen sei, er sich aber nicht an die Zeit erinnern könne . Schliesslich habe er sich an der Befragung auch zur Reise nach Mannar widerspro- chen. Nach seinem Reiseweg befragt habe er zunächst angegebe n, mit dem Bus dorthin gelangt zu sein. Bei den Gesuchsgründen habe er dann aber gesagt, er sei mit dem Motorrad dorthin gefahren worden. Auch die- sen Widerspruch habe er auf Nachfrage nicht aufzulösen gewusst. Einige seiner Aussagen seien zudem vage und ni cht detailliert ausgefallen. So habe er nicht erklären können, weshalb sie im Zusammenhang mit den Waffenfunden ihn, der während der Kriegszeit noch ein Kind gewesen sei, und nicht seinen Onkel, der ein LTTE-Mitglied gewesen sei, verhaftet hät- ten. Auch habe er nicht erklären können, wie sein Onkel von der Verhaftung erfahren habe und wie dieser seine Entlassung und seine Ausreise in so kurzer Zeit habe organisieren können. Er habe lediglich angegeben, dass jemand vielleicht gesehen habe, wie er mitgenommen worden sei, und sei-D-5441/2020 Seite 6 nen Onkel informiert habe. Weiter habe er hinzugefügt, er wisse nicht, wie- viel sein Onkel bezahlt habe und wie er das Geld in so kurzer Zeit habe auftreiben können. Auch bestehe kein Anlass zur Annahme, dass er bei einer allfälligen Rück- kehr in sein Heimatland mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt wäre. Allfällige Kontrollen der Rückkehrer am Flug- hafen und am Herkunftsort nähmen grundsätzlich kein asylrelevantes Aus- mass an. Der Beschwerdeführer habe vor seiner Ausreise keine Verfol- gung glaubhaft machen können. Vielmehr habe er bis im Dezember 2018 noch neun Jahre nach Kriegsende in Sri Lanka gelebt. Allfällige Risikofak- toren, welche zur Zeit seiner Ausreise existiert hätten, hätten nicht zu einer staatlichen Verfolgung geführt. Aus den Akten gehe nicht hervor, dass er bei einer Rückkehr nun eine Verfolgung zu befürchten hätte. Auch die ak- tuelle Lage nach der im Jahr 2019 erfolgten Präsidentschaftswahl vermöge diese Einschätzung nicht umzustossen. Weder habe der Beschwerdefüh- rer die Präsidentschaftswahl respektive deren Folgen als Gefährdungsele- ment vorgebracht noch seien den Akten Hinweise auf eine Verschärfung seiner persönlichen Situation aufgrund dieses Ereignisses zu entnehmen. 4.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, die Vorinstanz berufe sich in ihrer Verfügung lediglich auf kleine angebliche Widersprüche. Zur Ver- wertung bei der Glaubhaftigkeitsprüfung müssten diese aber diametral sein und wesentliche Aspekte seines Asylgesuches betreffen. An der Anhörung sei ihm das Folterelement des Handverdrehens sehr präsent gewesen, zu- mal er an dieser Hand zuvor schon zwei Finger verloren habe. Auf die Frage, was das Schlimmste an den Folterungen gewesen sei, habe er denn auch dies angegeben. Bei den Folgefragen habe er nicht verstanden, dass es um die Ausschliesslichkeit der erlebten Folterungen auf Schläge und Handverdrehen gegangen sei. Vor diesem Hintergrund könne ihm die Vorinstanz nicht vorwerfen, das Zigarettenverbrennen nicht erwähnt zu ha- ben. Es sei nachvollziehbar, dass er nur die schlimmsten F olterungen er- wähnt habe, zumal es sich um eine Au snahmesituation gehandelt habe . Inwiefern sich die Schilderungen zu seiner Verhaftung widersprä chen, habe die Vorinstanz nicht weiter ausgeführt. Vielmehr habe er einen freien ausführlichen mehrseitigen Bericht zur Antwort gegeben. Zudem habe seine Beschreibung Gefühlsregungen beinhaltet, die über das Stereotype hinausgingen. Dies betreffe gerade die Angst, die er beschrieben habe, als er im Wald hätte aus dem Auto steigen sollen. Weiter könne er sich nicht erklären, wie sich die unrichtigen Aussagen, dass er erst am Folgetag frei- gelassen worden sei und dass er mit dem Bus nach Mannar gefahren sei, D-5441/2020 Seite 7 ins Befragungsprotokoll eingeschlichen hätten. Feststehe, dass er a n an- derer Stelle an der Befragung angegeben habe, mit dem Motorrad hinge- fahren worden zu sein. Schliesslich habe er die Vorinstanz bereits darüber informiert, dass sein Onkel Kontakte zur Armee gehabt und für diese Sand transportiert habe. So sei eine Freilassung innert kürzester Zeit möglich gewesen. Je nach finanziellen Möglichkeiten könne auch eine schnelle Ausreise durch ein Schlepperteam organisiert werden. Dies erkläre auch, weshalb er die genauen Konditionen nicht gewusst habe. Dass sein Schlepperschiff so schnell abgelegt habe, möge Zufall sein. Nach dem Gesagten sei klar davon auszugehen, dass ihm bei einer Rück- kehr nach Sri Lanka Verfolgungshandlungen drohen würden. Er erfülle mehrere Risikofaktoren gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungs- gerichts (Referenzurteil vom 15. Juli 2016 E-1866/2015). Er sei bereits in- haftiert worden wegen des Verdachtes auf eine Beteiligung an einem Waf- fenversteck beziehungsweise entsprechenden Kenntnissen darüber. Auch habe er mehrere sichtbare Narben, die ihn bei einer Rückschaffung als Opfer von Folter oder Krieg erkennbar machen würden. Diese Annahme werde durch den aktuellen Regierungswechsel und die damit einherge- hende Zunahme an Repression bestätigt. Diesbezüglich sei auch auf die Verhaftung einer Mitarbeiter in der Schweizerischen Botschaft zu verwei- sen. Sie habe Daten von ihrem Mobiltelefon preisgeben müssen, auf wel- chem sich Namen von Personen befunden hätten, die vor kurzem ein Asyl- gesuch auf der Schweizer Botschaft gestellt hätten. Dieses rechtswidrige Vorgehen der Regierung lasse vermuten, dass auch gegenüber zurückge- schafften Asylsuchenden aus der Schweiz vermehrt vorgegangen werde. 4.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, dass der Beschwerde- führer die Wahlen im Jahr 2019 weder als Gefährdungselement vorge- bracht habe noch eine persönliche Verbindung zu diesen Ereignissen auf- weise. Das Gleiche gelte für die Entführung der Botschaftsmitarbeiterin , zumal er nie auf der Botschaft ein Asylgesuch gestellt habe. 4.4 In der Replik wurden keine weiteren Ausführungen gemacht. 5. 5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge- gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen D-5441/2020 Seite 8 oder nicht. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Ge- samtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentli- chen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, per- sönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller bzw. die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). 5.2 Dem Beschwerdeführer ist zwar insofern zuzustimmen, dass seine Aussagen zu seiner Verhaftung in freier Rede relativ ausführlich ausgefal- len sind. So berichtete er über zwei Seiten hinweg über die Ereignisse und beschrieb gewisse Details, wie beispielsweise die Angst, als er im Wald hätte aussteigen sollen. Dass der Beschwerdeführer die Verhaftung unsub- stantiiert beschrieben habe, macht die Vorinstanz denn auch gar nicht gel- tend. Die Detailliertheit betrifft aber überwiegend die Mitnahme und die Freilassung. Die Haft selber beschrieb der Beschwerdeführer weniger de- tailliert. Insbesondere waren aber seine Aussagen auf Rückfrage hin sehr kurz und allgemein geblieben (vgl. A15 F69 ff. und F83). Dies ist als Hin- weis darauf zu werten, dass er auswendig gelerntes oder von Dritten ge- hörtes in freier Rede wiedergeben, auf Rückfragen aber nicht spontan re- agieren konnte. Zudem sagte er zunächst, sein Nachbar sei vor ihm verhört worden und er habe davon nichts mitbekommen, um später zu sagen, ihm seien die gleichen Fragen gestellt worden. Darauf angesprochen antwor- tete er: «Jetzt habe ich nachgedacht und es ist in meine Erinnerung ge- kommen, dass sie ihn auch einige Fragen vor mir gefragt haben.» (vgl. A15 F77). Wie das SEM richtig ausführte, verstrickte sich der Beschwerdefüh- rer denn auch in weitere Widersprüche. Dass es sich dabei um nebensäch- liche Elemente und nicht zentra le Punkte seines Asylgesuches gehandelt habe beziehungsweise die Widersprüche nicht diametr al gewesen seien, trifft nicht zu. So sind eben gerade die Folterungen ein zentrales Element seines Asylgesuches. Wenn auch vom Beschwerdeführer nicht erwartet werden kann, dass er diese detailliert beschreibt, sollten doch zumindest die Angaben, die er ma cht, grob übereinstimmen. Auch wenn er die Aus- schliesslichkeit nicht ganz verstand und das H andverdrehen subjektiv als schlimmer empfand, ist es doch bemerkenswert, dass er trotz mehrmaligen Rückfragen zu Foltererlebnissen das Verbrennen mit Zigaretten an der An- hörung zunächst nicht erwähnte, und dann auf explizite Rückfrage pau- schal antwortete, dies habe er vergessen. Auch der Widerspruch in Bezug D-5441/2020 Seite 9 auf die zeitliche Einordnung mus s als relevant bezeichnet werden, macht es doch einen Unterschied, ob er im Wald, wo er sich so fürchtete, in der Dämmerung, nachts oder am Morgen freigelassen wurde. Ebenso zentral ist es, ob er eine Nacht im Bunker verbringen musste oder am gleichen Tag freigelassen wurde. Die pauschale Behauptung in der Beschwerde, dass es sich im Befragungsprotoko ll um einen Fehler gehandelt habe , vermag nicht zu überzeugen. Dem Protokoll sind keine Hinweise auf Verständi- gungsprobleme zu entnehmen und der Beschwerdeführ er hat dessen Richtigkeit unterschriftlich bestätigt. Ebenfalls als zentral zu bezeichnen ist die Frage, wie der Beschwerdeführer nach Mannar reiste, weil dies direkt Teil der Flucht aus der Haft war. Auffällig ist auch hier wieder, dass er bei der Frage n ach der Ausreise spontan den Bus angab, und erst bei den Gesuchsgründen an das Motorrad, als Teil seiner offenbar auswendig ge- lernten Fluchtgeschichte dachte. In Bezug auf die geltend gemachte feh- lerhafte Protokollierung ist auf das soeben Ausgeführte zu verweisen. 5.3 Im Weiteren führt aber das SEM insbesondere zu Recht aus, es sei nicht nachvollziehbar, dass die Militärangehörigen den Beschwerdeführer mitnahmen und nicht den Onkel. Es ging um Waffen, die offenbar schon lange da vergraben waren. Der Beschwerdeführer war bei Kriegsende (…) Jahre alt. Dass er irgendwelche Informationen zu den Waffenfunden geben könnte, scheint sehr unwahrscheinlich. Viel eher wäre wohl der Onkel an- gegangen worden, welcher obendrein für die LTTE tätig gewesen war. Ins- besondere kann dem Beschwerdeführer auch nicht geglaubt werden, dass der Onkel die Freilassung und die Ausreise in dermassen schneller Zeit aus dem Nichts heraus organisieren konnte. So wurde der Beschwerde- führer am Mittag festgenommen, noch am Abend desselben Tages freige- lassen, unmittelbar nach Mannar transportiert, von wo er schon am nächs- ten Tag in ein Schiff steigen konnte. Dass sein Onkel Beziehungen zur Ar- mee gehabt und für diese Sand transportiert habe, vermag diese enorme Geschwindigkeit der Ereignisse nicht überzeugend zu erklären. 5.4 Nach dem Gesagten kann dem Beschwerdeführer nicht geglaubt wer- den, dass sich eine Verhaftung im von ihm geschilderten Rahmen, mit den angegebenen Folterungen abgespielt hat. 5.5 Die eingereichten Beweismittel vermögen am Gesagten nichts zu än- dern, zumal sie keinen direkten Bezug zu den Fluchtgründen des Be- schwerdeführers haben. Zusammenfassend sind die Vorbringen des Be- schwerdeführers als unglaubhaft zu bezeichnen. D-5441/2020 Seite 10 6. Nach dem Gesagten erfüllte der Beschwerdeführer im Zeitpunkt sei ner Ausreise die Flüchtlingseigenschaft nicht. Es bleibt zu prüfen, ob er bei ei- ner Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernst- hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat, weshalb die Flüchtlingseigenschaft festzustellen wäre. 6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im publizierten Leitentscheid BVGE 2011/24 verschiedene Risikogruppen definiert, welche bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einer erhöhten Verfolgungsgefahr unterliegen. Dazu gehö- ren unter anderen namentlich Personen, die Opfer oder Zeuge n schwerer Menschenrechtsverstösse wurden (vgl. BVGE 2011/24 E. 8 .3). Im Refe- renzurteil E -1866/2015 hat das Bundesverwaltungsgericht eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell e iner ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien (vgl. E-1866/2015 E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es sich um das Vorhan- densein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktuellen oder vergange- nen Verbindung zu den LTTE, um Teilnahme an exilpolitischen regimekriti- schen Handlungen und um Vorliegen früherer Verhaftungen durch die sri- lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit einer tatsäch- lichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark risikobegrün- dende Faktoren, vgl. E -1866/2015 E. 8.4.1 – 8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und übe rprüft zu werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka ein- reisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. E -1866/2015 E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemachten Risiko- faktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri -lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separatismus wiederaufle- ben zu lassen (vgl. E-1866/2015 E. 8.5.1). D-5441/2020 Seite 11 An dieser Einschätzung vermag die aktuelle – zwar als volatil zu bezeich- nende – Lage in Sri Lanka nichts zu ändern. Das Bundesverwaltungsge- richt ist sich der Veränderungen in Sri Lanka bewusst, beobachtet die Ent- wicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheidfin- dung. Es gibt zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Perso- nen zur Präsidentschaftswahl respektive deren Folgen besteht. 6.2 Vorliegend ist nicht davon auszugehen, d ass die Behörden dem Be- schwerdeführer bei einer Rückkehr eine enge Verbindung zu den LTTE im Sinne obiger Rechtsprechung unterstellen würden. Wie dargelegt, kann ihm nicht geglaubt werden, dass er vor seiner Ausreise im Zusammenhang mit Waffenfunden verhaftet beziehungsweise dass ihm Verbindungen zu den LTTE unterstellt wurden. Zwar gehört der Beschwerdeführer als Opfer schwerer Menschenrechtsverstösse zu einer Risikogruppe. Dies allein reicht aber zum Vorliegen einer Verfolgungsfurcht nicht aus. Der Beschwer- deführer gibt in diesem Zusammenhang lediglich an, sie seien immer wie- der von Menschenrechtsorganisationen befragt worden. Die Behörden hät- ten im Anschluss jeweils auch wissen wollen, was sie diesen Leuten gesagt hätten. Weitere Nachteile machte der Besc hwerdeführer während den neun Jahren, die er nach Kriegsende noch in Sri Lanka lebte, aber nicht geltend. Zudem ist zu betonen, dass der Beschwerdeführer bei Kriegsende erst (…) Jahre alt war und er offensichtlich auch keinerlei Auskunft zu den Tätern des Bombenanschlags geben kann . Dass er nunmehr bei einer Wiedereinreise eine Verfolgung zu befürchten hätte, ist nicht ersichtlich . Auch die Narben und das Fehlen von zwei Fingern dürfte in diesem Zu- sammenhang plausibel zu erklären und angesichts der Bekannth eit des Bombenanschlags (vgl. eingereichter Zeitungsbericht) auch zu bele gen sein. Die niederschwelligen LTTE-Verbindungen seines Vaters (zwangs- weises Training) und seiner beiden Onkel (Rehabilitierung nach Tätigkeit für die TRO [Tamil Rehabilitation Organisation] beziehungsweise Tätigkeit für die LTTE als Chauffeur in der Landwirtschaft) vermögen ebenfalls keine Verfolgungsfurcht zu begründen, zumal der Tod des Vaters viele Jahre zu- rückliegt und die beiden Onkel offenbar unbehelligt vor Ort leben. Der Be- schwerdeführer hat diesbezüglich vor seiner Ausreise denn auch keine Probleme geltend machte. Das Gesagte gilt auch unter Berücksichtigung der schwach risikobegründenden Faktoren, dass der Beschwerdeführer ei- nige Zeit in der Schweiz geweilt hat und aus diesem Land zurückgeschafft würde. Auch die politischen Veränderungen seit November 2019 vermögen D-5441/2020 Seite 12 im vorliegenden Verfahren zu keiner anderen Beurteilung zu führen. Der Beschwerdeführer hat keinen persönlichen Bezug zu diesen Erei gnissen. Dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären, lässt sich, wie oben ausgeführt, nicht bestätigen. Eine Gesamtwürdigung aller Risikofaktoren lässt es vorliegend nicht über- wiegend wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte. Das SEM hat demnach zu Recht festgestellt, dass er die Flüchtlingseigen- schaft nicht erfüllt, und das Asylgesuch abgelehnt. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.2 8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). D-5441/2020 Seite 13 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahr en keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er- geben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschen- rechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un- menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge- gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Es ergeben sich aus den Akten keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen sogenannten «Background Check» (Befragung und Überprü- fung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet wäre. Das Bundesverwaltungsgericht gelangt zur Einschätzung, dass sich die jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka nicht in relevanter Weise D-5441/2020 Seite 14 auf den Beschwerdeführer auswirken dürften. Die allgemeine Menschen- rechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweis ungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt weiterhin nicht als unzulässig erscheinen (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D-2820/2020 vom 30. August 2021 E. 9.2.2). 8.3 8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri -lankischen Regierung und den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies gilt auch unter Berücksichtigung de r aktuellen dortigen Ereignisse und Entwicklungen. Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz zumutbar ist, wenn das Vorlie- gen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Urteil des BVGer E -1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.3.3). Diese Einschätzung hat weiterhin Gültigkeit (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D-2820/2020 vom 30. August 2021 E. 9.3.2). 8.3.3 Das SEM hielt hierzu fest, der Beschwerdeführer habe immer im Nor- den Sri Lankas gelebt. Er sei jung und verfüge über ausgedehnte berufliche Erfahrung in verschiedenen Bereichen. Er habe ein familiäres Beziehungs- netz, auf welches er sich stützen könne, und die Familie besitze viele Län- dereien. Er selber habe seine wirtschaftliche Situation denn auch als gut beschrieben. Auch sein Gesundheitszustand stehe einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht entgegen. Seine Verletzungen würden aus Kindheitstagen stammen und hätten ihn bis anhin nicht an einem normalen Leben gehin- dert. Seine Beschwerden seien gegebenenfalls mit Schmerzmittel behan- delbar und auch in Sri Lanka behandelt worden. In der Beschwerde wurde dem entgegengehalten, es sei nicht davon aus- zugehen, dass sein Onkel ihn wiederaufnehmen würde. Dieser befürchte D-5441/2020 Seite 15 wegen seiner Probleme eine Gefährdung der eigenen Kinder. Er wäre so- mit auf sich alleine gestellt. Hinzu kämen die Einschränkungen, die er auf- grund der Kriegsverletzungen habe. Sein wirtschaftliches Fortkommen ohne familiären Schutz und Unterstützung wäre erschwert. 8.3.4 Das Gericht erachtet den Vollzug vorliegend ebenfalls als zumutbar. Diesbezüglich kann zu Vermeidung von Wiederholungen vollumfänglich auf die überzeugenden vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden. Soweit in der Beschwerde geltend gemacht wird, der Onkel werde den Be- schwerdeführer wegen seinen Problemen nicht mehr aufnehmen, ist auf obenstehende Erwägungen zu verweisen , wonach ihm diese Probleme nicht geglaubt werden konnten. Seine Verletzungen stammen, wie vom SEM erwähnt, aus Kindheitstagen und haben sein wirtschaftliches Fort- kommen bis anhin nicht erschwert. Zudem wurde die schmerzende Hand gemäss dem nachträglich zur Beschwerde eingereichten Arztbericht in der Schweiz behandelt und der Fremdkörper entfernt. Auch die weiteren Ein- schätzungen des SEM zum Gesundheitszustand des Besc hwerdeführers sind zu bestätigen. Daran vermag auch der weitere nachträglich zur Be- schwerde eingereichte Arztbericht nichts zu ändern. Zwar wird dort am Rand ein posttraumatisches Zustandsbild erwähnt, weitergehende Ausfüh- rungen werden hierzu aber nicht ge macht. Vielmehr wird die Psyche des Beschwerdeführers aktuell als stab il bezeichnet. Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rück- kehr nach Sri Lanka in eine existenzbedrohende Situation geraten würde. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungs vollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung D-5441/2020 Seite 16 Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 23. November 2020 gutgeheissen wurde, sind jedoch keine Kosten aufzu- erlegen. Mit derselben Zwischenverfügung wurde die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Diese ist unbesehen des Aus- gangs des Verfahrens zu entschädigen. Die Rechtsvertreterin reichte mit der Beschwerde eine Kostennote zu den Akten. Der darin ausgewiesene zeitliche Aufwand erscheint etwas überhöht und ist angemessen zu kürzen. Das Honorar ist demnach und unter Berücksichtigung des seither angefal- lenen Aufwandes auf insgesamt Fr. 1’650.– (inkl. Auslagen) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) D-5441/2020 Seite 17 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Der rubrizierten Rechtsvertreterin wird als amtlicher Rechtsbeiständin vom Bundesverwaltungsgericht ein Honorar in der Höhe von Fr. 1’650.– zuge- sprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Sara Steiner Versand: