<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">253</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IX. Gesundheitsrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>47 Entbindung</b></span> <span class="ft2"><b>vom</b></span> <span class="ft2"><b>Arztgeheimnis</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Verhältnis der gesetzlichen Meldepflicht des Art. 15 BetmG und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>§ 55b EG ZGB zur ärztlichen Schweigepflicht</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bei einer möglichen Gefährdung von Kindern rechtfertigen objektive</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Anhaltspunkte eine Entbindung</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 19. August 2009 in</span><br/> <span class="ft5">Sachen C.G. gegen M.P. (WBE.2008.270).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen:</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">II.</span><br/> <span class="ft7">1.</span><br/> <span class="ft7">1.1.</span><br/> <span class="ft7">Gemäss Art. 321 StGB sowie § 30 GesG haben Ärzte Geheim-</span><br/> <span class="ft7">nisse, die sie im Rahmen ihrer Berufstätigkeit feststellen, zu wahren.</span><br/> <span class="ft7">Von dieser Schweigepflicht können sie sich durch Einwilligung des</span><br/> <span class="ft7">Berechtigten oder durch eine Bewilligung, welche im Kanton Aargau</span><br/> <span class="ft7">vom DGS erteilt werden kann, befreien lassen. Auch bleiben die eid-</span><br/> <span class="ft7">genössischen und kantonalen Bestimmungen über die Zeugnispflicht</span><br/> <span class="ft7">und über die Auskunftspflicht gegenüber einer Behörde vorbehalten</span><br/> <span class="ft7">(Art. 321 Ziff. 3 StGB). Da mit der Geheimhaltungspflicht von Be-</span><br/> <span class="ft7">rufsgeheimnissen das verfassungsmässige Recht auf Privatsphäre</span><br/> <span class="ft7">(Art. 36 BV) geschützt wird, ist die Bewilligung zur Offenbarung des</span><br/> <span class="ft7">Berufsgeheimnisses nur zulässig, wenn neben der gesetzlichen</span><br/> <span class="ft7">Grundlage, welche sowohl in Art. 321 StGB als auch in § 30 GesG</span><br/> <span class="ft7">besteht, das Interesse des Arztes oder der Allgemeinheit an der Of-</span><br/> <span class="ft7">fenbarung klarerweise gegenüber dem Interesse des Patienten an der</span><br/> <span class="ft7">Geheimhaltung überwiegt und der Grundsatz der Verhältnismässig-</span><br/> <span class="ft7">keit eingehalten wird. Die Aufhebung der Geheimhaltungspflicht des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">254</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Arztes bedeutet einen Eingriff in die Geheimsphäre, also in höchst-</span><br/> <span class="ft7">persönliche Rechte (Heinz Walter Blass, Die Berufsgeheimhaltungs-</span><br/> <span class="ft7">pflicht der Ärzte, Apotheker und Rechtsanwälte, S. 71 ff.; Marc-</span><br/> <span class="ft7">Antoine Schaffner, L'autorisation de révéler un secret professionnel,</span><br/> <span class="ft7">S. 20 f. und 64; Alexander Sieben, Das Berufsgeheimnis auf Grund</span><br/> <span class="ft7">des eidgenössischen Strafgesetzbuches, S. 45). Sie darf nur ganz</span><br/> <span class="ft7">ausnahmsweise durchbrochen werden, wenn es zur Wahrung höherer</span><br/> <span class="ft7">Interessen unumgänglich ist (vgl. BGE 91 I 200 Erw. 2 f. mit Hin-</span><br/> <span class="ft7">weisen).</span><br/> <span class="ft7">1.2. - 1.4.(...)</span><br/> <span class="ft7">2.</span><br/> <span class="ft7">2.1.</span><br/> <span class="ft7">Art. 15 Abs. 1 BetmG sieht für Ärzte, die bei Ausübung ihrer</span><br/> <span class="ft7">beruflichen Tätigkeit einen Betäubungsmittelmissbrauch feststellen,</span><br/> <span class="ft7">ein Melderecht vor. Vorausgesetzt wird weder eine Betäubungsmit-</span><br/> <span class="ft7">telsucht noch ein massiver Konsum von Betäubungsmitteln, wie sich</span><br/> <span class="ft7">insbesondere aus der von der Beschwerdeführerin zitierten Botschaft</span><br/> <span class="ft7">zur Änderung des Bundesgesetzes über die Betäubungsmittel vom</span><br/> <span class="ft7">9. Mai 1973, S. 1363 f. (BBl 1973 I 1348-1379) entnehmen lässt. Bei</span><br/> <span class="ft7">dieser Revision wurde in Art. 15 Abs. 1 als auch in der Überschrift</span><br/> <span class="ft7">der Ausdruck "Betäubungsmittelsucht" durch "Betäubungsmittel-</span><br/> <span class="ft7">missbrauch" ersetzt. Als Betäubungsmittelmissbrauch gilt grund-</span><br/> <span class="ft7">sätzlich jeder unbefugte Betäubungsmittelkonsum, d.h. ein Konsum</span><br/> <span class="ft7">welcher nicht aufgrund einer ärztlichen Anordnung erfolgt (vgl.</span><br/> <span class="ft7">Art. 19 f. und Art. 9 f. BetmG). Die konsumierte Menge ist daher</span><br/> <span class="ft7">nicht ausschlaggebend. Massgebend ist vielmehr, dass nach ärztli-</span><br/> <span class="ft7">cher Einschätzung Betreuungsmassnahmen im Interesse des Patien-</span><br/> <span class="ft7">ten, seiner Angehörigen oder der Allgemeinheit angezeigt sind.</span><br/> <span class="ft7">Schon im Anfangsstadium des Betäubungsmittelgebrauchs und ohne</span><br/> <span class="ft7">dass eine Abhängigkeit oder Sucht vorliegt, können Betreu-</span><br/> <span class="ft7">ungsmassnahmen angezeigt sein (Botschaft, a.a.O., 1364).</span><br/> <span class="ft7">2.2.</span><br/> <span class="ft7">Nach den Akten suchte die Beschwerdeführerin aufgrund eines</span><br/> <span class="ft7">Erschöpfungszustandes ihren Hausarzt, Dr. med. X., auf, welcher sie</span><br/> <span class="ft7">an den Beschwerdegegner zur psychologischen Betreuung überwies.</span><br/> <span class="ft7">Unbestrittenermassen hat die Beschwerdeführerin ihrem damaligen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">255</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Hausarzt, Dr. med. X., und der behandelnden Psychologin in der</span><br/> <span class="ft7">Praxis des Beschwerdegegners, Y., mitgeteilt, dass sie übermässig</span><br/> <span class="ft7">Alkohol und regelmässig mehrere Joints (15 - 20 Joints pro Tag),</span><br/> <span class="ft7">konsumiert. Sie hat ihren erheblichen Betäubungsmittelkonsum und</span><br/> <span class="ft7">Alkoholkonsum im Bericht an den Beschwerdegegner unterschrift-</span><br/> <span class="ft7">lich bestätigt. In ihrem Schreiben vom (...), in welchem sie ihre Zu-</span><br/> <span class="ft7">stimmung zum Bericht von Y. an den Beschwerdegegner widerrief,</span><br/> <span class="ft7">führte sie nur an, sie habe zu hohe Mengenangaben gemacht. Damit</span><br/> <span class="ft7">ist der Alkohol- und Cannabiskonsum an sich relativiert, aber nicht</span><br/> <span class="ft7">ausgeschlossen. Ihre Ausführungen im Schreiben vom (...) können</span><br/> <span class="ft7">in Übereinstimmung mit der Vorinstanz nur so verstanden werden,</span><br/> <span class="ft7">dass die Beschwerdeführerin lediglich ihre Angaben hinsichtlich der</span><br/> <span class="ft7">konsumierten Mengen widerrief. Nicht widerrufen ist damit die Tat-</span><br/> <span class="ft7">sache, dass sie Cannabis konsumiere bzw. konsumierte. Auch in der</span><br/> <span class="ft7">Stellungnahme vom (...) bestreitet die Beschwerdeführerin den</span><br/> <span class="ft7">Konsum nicht. Vielmehr ist auch hier lediglich die Rede von weit</span><br/> <span class="ft7">überhöhten Angaben der Beschwerdeführerin betreffend ihres eige-</span><br/> <span class="ft7">nen Suchtmittelkonsums. Das Gleiche gilt für die Ausführungen in</span><br/> <span class="ft7">der Beschwerdeschrift vom (...). Die gegenteiligen Ausführungen in</span><br/> <span class="ft7">der Verwaltungsgerichtsbeschwerde erscheinen damit wenig über-</span><br/> <span class="ft7">zeugend und auch das Blutanalyseblatt lässt nicht zwingend auf eine</span><br/> <span class="ft7">Betäubungsmittelabstinenz schliessen. Analysewerte für die ein-</span><br/> <span class="ft7">schlägigen Substanzen (vgl. dazu Art. 2 Abs. 2 VRV) fehlen.</span><br/> <span class="ft7">Zu berücksichtigen ist weiter, dass die Beschwerdeführerin die</span><br/> <span class="ft7">Vornahme einer Blutanalyse zu ihrem Betäubungsmittelkonsum ver-</span><br/> <span class="ft7">weigerte und die Behandlung in der Praxis des Beschwerdegegners</span><br/> <span class="ft7">vorzeitig abgebrochen hat. Sie lehnte sodann eine Entbindung ihres</span><br/> <span class="ft7">Hausarztes Dr. X. vom Arztgeheimnis ab und wechselte zu einem</span><br/> <span class="ft7">neuen Hausarzt. Verdachtsmomente eines Alkoholmissbrauchs erge-</span><br/> <span class="ft7">ben sich sodann aus dem Bericht des Kantonsspitals (...), wonach</span><br/> <span class="ft7">die Beschwerdeführerin während einer Arztkonsultation mit einem</span><br/> <span class="ft7">Pflegekind alkoholisiert gewesen sein könnte.</span><br/> <span class="ft7">2.3.</span><br/> <span class="ft7">Im Zeitpunkt des Entbindungsgesuchs (...) betreute die Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdeführerin die leibliche Tochter A., geb. 2002, seit Dezember</span><br/> <span class="ft7">2005 den Pflegesohn B., geb. 2004, und seit Dezember 2004 das Ta-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">256</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">geskind C., geb. 2002. Zusätzlich beaufsichtigte sie stundenweise</span><br/> <span class="ft7">Tageskinder, welche ihr von Z. vermittelt wurden. Aktenkundig sind</span><br/> <span class="ft7">massive Erziehungsschwierigkeiten beim Pflegekind.</span><br/> <span class="ft7">Die Beschwerdeführerin war vom (...) bis (...) in der Gemein-</span><br/> <span class="ft7">schaftspraxis des Beschwerdegegners in Behandlung. Unbestritten</span><br/> <span class="ft7">ist, dass die Beschwerdeführerin an einem (grossen) Erschöpfungs-</span><br/> <span class="ft7">zustand litt. Ihr Hausarzt verschrieb Psychopharmaka und riet zu ei-</span><br/> <span class="ft7">ner psychiatrischen Abklärung und Behandlung. Gegenüber ihrem</span><br/> <span class="ft7">Hausarzt und im Verlaufe der psychiatrischen Behandlung gab sie</span><br/> <span class="ft7">detailliert Auskunft zu ihrem Betäubungsmittel- und Alkoholkonsum,</span><br/> <span class="ft7">welche den Schluss auf eine Substanzabhängigkeit und einen</span><br/> <span class="ft7">Suchtmittelabusus zuliessen. In ihren anamnetischen Angaben schil-</span><br/> <span class="ft7">derte sie eine jahrelange Depression mit Angstzuständen. Die Anga-</span><br/> <span class="ft7">ben bestätigte sie mit ihrer Unterschrift zum Bericht der behandeln-</span><br/> <span class="ft7">den Psychologin.</span><br/> <span class="ft7">Aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin, den Feststel-</span><br/> <span class="ft7">lungen des Hausarztes und des Beschwerdegegners bzw. der behan-</span><br/> <span class="ft7">delnden Psychologin, lagen angesichts der unbestrittenen Belas-</span><br/> <span class="ft7">tungssituation der Beschwerdeführerin ausreichende objektive An-</span><br/> <span class="ft7">haltspunkte für eine mögliche Gefährdung der von ihr betreuten</span><br/> <span class="ft7">Kinder vor. An den ausreichenden Verdachtsgründen vermag der</span><br/> <span class="ft7">Widerruf der Angaben zum Betäubungsmittelkonsum und ihrer Un-</span><br/> <span class="ft7">terschrift zum Bericht der Psychologin nichts zu ändern. Die Melde-</span><br/> <span class="ft7">pflicht in Art. 15 Abs. 1 BetmG hat einen präventiven Charakter. An</span><br/> <span class="ft7">den Nachweis des Betäubungsmittelmissbrauchs sind daher keine</span><br/> <span class="ft7">hohen Anforderungen zu stellen und er erfordert insbesondere keinen</span><br/> <span class="ft7">(Labor-) Nachweis der medizinischen Befunde. Im Einzelfall können</span><br/> <span class="ft7">die anamnetischen Angaben eines Patienten oder einer Patientin</span><br/> <span class="ft7">durchaus genügen, wenn sie glaubhaft erscheinen und eine zulässige</span><br/> <span class="ft7">Grundlage für eine medizinische Diagnose bilden. Der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft7">führerin kann daher nicht gefolgt werden, wenn sie ihrem Widerruf</span><br/> <span class="ft7">eine grössere Bedeutung beimessen will, als den gegenüber Hausarzt</span><br/> <span class="ft7">und - während Monaten - dem Beschwerdegegner bzw. der behan-</span><br/> <span class="ft7">delnden Psychologin gegenüber aufrecht erhaltenen, unterschriftlich</span><br/> <span class="ft7">bestätigten Angaben zu ihrer psychischen Verfassung und ihrem</span><br/> <span class="ft7">Suchtverhalten. Der Widerruf erfolgte zudem nach Darstellung der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">257</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Beschwerdeführerin und ihres Ehegatten im Zusammenhang mit der</span><br/> <span class="ft7">ultimativen Aufforderung des Beschwerdegegners zu einer Blutana-</span><br/> <span class="ft7">lyse und stand offensichtlich bereits mit dem Behandlungsabbruch</span><br/> <span class="ft7">im Zusammenhang. Ziel der Blutanalyse war nachgerade die zuver-</span><br/> <span class="ft7">lässige Feststellung der Sucht und damit die Verifizierung der Anga-</span><br/> <span class="ft7">ben der Beschwerdeführerin. Ihre Weigerung und der Behandlungs-</span><br/> <span class="ft7">abbruch konnten damit auch eine zusätzliche Selbst- oder Drittge-</span><br/> <span class="ft7">fährdung nahelegen oder zumindest anfängliche Verdachtsmomente</span><br/> <span class="ft7">verstärken. Wie es sich damit verhält, ist unter diesen Umständen</span><br/> <span class="ft7">nicht abschliessend zu untersuchen. Zur Gefährdungsmeldung nach</span><br/> <span class="ft7">dem Betäubungsmittelgesetz sind die Ärzte ermächtigt, wenn sie</span><br/> <span class="ft7">aufgrund einer medizinischen Diagnose eine Betreuungsmassnahme</span><br/> <span class="ft7">u.a. im Interesse des Patienten und seiner Angehörigen als angezeigt</span><br/> <span class="ft7">erachten. Die gesetzliche Ermächtigung räumt den Ärzten ein Er-</span><br/> <span class="ft7">messen bei der Einschätzung des Gefährdungspotenzials ein. Soweit</span><br/> <span class="ft7">Drittpersonen das Verhalten der Beschwerdeführerin nachträglich als</span><br/> <span class="ft7">"Hilferuf" bezeichnen und vortragen, sie habe in ihrer Schilderung</span><br/> <span class="ft7">masslos übertrieben, kann dem Beschwerdegegner keine falsche Ein-</span><br/> <span class="ft7">schätzung vorgeworfen werden. Gerade solche "Hilferufe" können</span><br/> <span class="ft7">auch Anlass zu Betreuungsmassnahmen bilden. Die Angaben der</span><br/> <span class="ft7">Beschwerdeführerin zur konkreten Lebens- und Familiensituation</span><br/> <span class="ft7">konnten vom Beschwerdegegner naturgemäss nur beschränkt auf ih-</span><br/> <span class="ft7">ren Wahrheitsgehalt geprüft werden, und Anlass zu Zweifeln an ihrer</span><br/> <span class="ft7">Glaubwürdigkeit ergab sich allenfalls, als sie ihre Angaben widerrief.</span><br/> <span class="ft7">Im Hinblick auf die Gefährdungssituation und die Notwendigkeit</span><br/> <span class="ft7">von Betreuungsmassnahmen konnte der Widerruf daher durchaus ei-</span><br/> <span class="ft7">nen weiteren Anlass zur Abklärung durch die zuständigen Behörden</span><br/> <span class="ft7">geben. Die Meldung gemäss Art. 15 Abs. 1 BetmG soll gerade die</span><br/> <span class="ft7">Möglichkeit zur rechtzeitigen Abklärung einer möglichen Gefähr-</span><br/> <span class="ft7">dung gewährleisten. Die Meldestellen unterstehen dem Amts- und</span><br/> <span class="ft7">Berufsgeheimnis (vgl. Art. 15 Abs. 2 BetmG). Unter diesen Umstän-</span><br/> <span class="ft7">den das Gesuch um Entbindung vom Arztgeheimnis zu stellen, ist</span><br/> <span class="ft7">daher nicht zu beanstanden. Hinzu kommt, dass das Gesuch um Ent-</span><br/> <span class="ft7">bindung sich auch deshalb rechtfertigte, weil Art. 15 BetmG i.V.m.</span><br/> <span class="ft7">der kantonalen Bestimmung in § 11 der Vollziehungsverordnung zum</span><br/> <span class="ft7">Bundesgesetz über die Betäubungsmittel vom 3. September 1953</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">258</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">(VVO BetmG) den Arzt in schweren Fällen zur Meldung verpflich-</span><br/> <span class="ft7">tet.</span><br/> <span class="ft7">Eine niedrige Schwelle ist grundsätzlich bei der Beurteilung der</span><br/> <span class="ft7">Gefährdung von Kleinkindern angezeigt. Der Arzt, welcher eine Pa-</span><br/> <span class="ft7">tientin mit Betreuungs- und Obhutspflichten von Kleinkindern be-</span><br/> <span class="ft7">handelt, verfügt in der Regel nicht über die notwendigen Informa-</span><br/> <span class="ft7">tionen zur Beurteilung einer konkreten Gefährdung, noch ist er für</span><br/> <span class="ft7">diese Abklärungen zuständig. Die Gefährdungsmeldung hat vielmehr</span><br/> <span class="ft7">den Zweck die zuständigen Behörden auf eine mögliche Gefahr für</span><br/> <span class="ft7">das Kindeswohl aufmerksam zu machen. Dem Schutzzweck zum</span><br/> <span class="ft7">Wohl des Kindes dienen auch die bundes- und kantonalrechtlichen</span><br/> <span class="ft7">Bestimmungen im Kindesrecht. Ist ein Kind gefährdet und sorgen die</span><br/> <span class="ft7">Eltern nicht von sich aus für Abhilfe oder sind sie dazu ausserstande,</span><br/> <span class="ft7">so trifft die Vormundschaftsbehörde die geeigneten Massnahmen</span><br/> <span class="ft7">zum Schutz des Kindes (Art. 307 Abs. 1 ZGB). Die Kantone sichern</span><br/> <span class="ft7">durch geeignete Vorschriften die zweckmässige Zusammenarbeit der</span><br/> <span class="ft7">Behörden und Stellen auf dem Gebiet des zivilrechtlichen Kindes-</span><br/> <span class="ft7">schutzes, des Jugendstrafrechts und der übrigen Jugendhilfe</span><br/> <span class="ft7">(Art. 317 ZGB). Im Kanton Aargau gilt, aufgrund dieser bundes-</span><br/> <span class="ft7">rechtlichen Vorgaben, ein Melderecht und eine Meldepflicht. Gemäss</span><br/> <span class="ft7">§ 55b Abs. 1 EG ZGB ist "jedermann" berechtigt, die Gefährdung</span><br/> <span class="ft7">von Kindern der Vormundschaftsbehörde zu melden. Abs. 2 dieser</span><br/> <span class="ft7">Bestimmung verpflichtet Behörden und Beamte zu einer solchen</span><br/> <span class="ft7">Meldung. Bei objektiven Anhaltspunkten für eine Gefährdung des</span><br/> <span class="ft7">Kindeswohls kann der Arzt daher eine Gefährdungsmeldung an die</span><br/> <span class="ft7">Vormundschaftsbehörde richten. Das gesetzliche Melderecht im</span><br/> <span class="ft7">kantonalen Recht begründet, wie Art. 15 Abs. 1 BetmG, einen Recht-</span><br/> <span class="ft7">fertigungsgrund gemäss Art. 14 StGB und berechtigt den Geheim-</span><br/> <span class="ft7">nisträger jedenfalls eine Bewilligung bei der vorgesetzten Behörde</span><br/> <span class="ft7">zu beantragen (Brigitte Tag, in: Moritz W. Kuhn/Thomas Poledna,</span><br/> <span class="ft7">Arztrecht in der Praxis, 2. Aufl., Zürich 2007, 13. Kapitel, V.1.e/cc,</span><br/> <span class="ft7">S. 754). Ob dieses Melderecht sogar die Entbindung vom Berufsge-</span><br/> <span class="ft7">heimnis durch die vorgesetzte Behörde unnötig macht, wie dies ein</span><br/> <span class="ft7">Teil der Lehre vertritt, kann hier offen bleiben (vgl. Brigitte Berger</span><br/> <span class="ft7">Kurzen; E-Health und Datenschutz, Rz. 199). Der Hinweis des Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdeführers auf die in der VVO BetmG vorgesehene Zuständig-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">259</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">keit des Kantonsarztes für die Meldung nach Art. 15 BetmG ist daher</span><br/> <span class="ft7">nicht relevant.</span><br/> <span class="ft7">Der nach Darstellung der Beschwerdeführerin bloss vorgescho-</span><br/> <span class="ft7">bene regelmässige und übermässige Cannabis- und Alkoholkonsum</span><br/> <span class="ft7">begründete, aufgrund des unbestrittenen Erschöpfungszustands der</span><br/> <span class="ft7">Beschwerdeführerin, ausreichende Verdachtsmomente für eine Mel-</span><br/> <span class="ft7">dung, selbst wenn die Mengenangaben nachträglich bestritten wur-</span><br/> <span class="ft7">den und nicht zutreffen. Nicht zu beanstanden sind daher die Fest-</span><br/> <span class="ft7">stellungen der Vorinstanz zur Überlastungssituation und zum aus-</span><br/> <span class="ft7">reichenden Gefährdungsverdacht. Aufgrund der objektiv möglichen</span><br/> <span class="ft7">und nicht auszuschliessenden Gefährdung der drei Kinder wurde das</span><br/> <span class="ft7">Interesse an der Entbindung vom Berufsgeheimnis zu Recht höher</span><br/> <span class="ft7">als das Interesse der Beschwerdeführerin an der Wahrung ihrer</span><br/> <span class="ft7">Geheimnissphäre eingestuft. Von einer ungenügenden, weil zu vagen</span><br/> <span class="ft7">Verdachtslage kann nicht die Rede sein, auch wenn rückblickend die</span><br/> <span class="ft7">Beurteilung des Beschwerdegegners unzutreffend war oder die Vor-</span><br/> <span class="ft7">mundschaftsbehörde den Verdacht nicht bestätigen konnte. Dem Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerdegegner stand bei der Beurteilung einer möglichen Gefähr-</span><br/> <span class="ft7">dung der Kinder, welche der Beschwerdeführerin anvertraut waren,</span><br/> <span class="ft7">ein erhebliches Ermessen zu. Im Zweifelsfall ist eine Gefährdungs-</span><br/> <span class="ft7">meldung im Interesse der Kinder angebracht, wenn nicht geboten. Im</span><br/> <span class="ft7">massgebenden Gesuchszeitpunkt waren daher die Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft7">für eine Entbindung gegeben, zumal die Beschwerdeführerin die me-</span><br/> <span class="ft7">dizinische Verifizierung selbst verhinderte.</span><br/></div> </div> </body> </html>