<h2>SubmittedText<h2><p>Ich ersuche den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:</p><p>1. Ist er der Ansicht, dass bilaterale Abkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen den Geltungsbereich von Artikel 3 Absatz 3 des Rechtshilfegesetzes (IRSG) einschränken sollen?</p><p>2. Haben Schweizer Verhandlungsdelegationen die Anweisung erhalten, die Partnerländer hinters Licht zu führen und sie zur Unterzeichnung von Abkommen zu bewegen, die dem vom schweizerischen Parlament beschlossenen Gesetz nicht entsprechen?</p><p>3. Muss die Haltung des Bundesrates als Geringschätzung der Länder des Südens gewertet werden oder eher als Strategie zur Steigerung der Attraktivität des Finanzplatzes Schweiz für die Aufnahme und das Waschen von Geldern, die durch Steuerbetrug oder andere Steuerdelikte erlangt wurden?</p><p>4. Wird sich der Bundesrat dafür einsetzen, dass der Fiskalbereich aus den Rechtshilfeabkommen nicht mehr ausgeklammert wird und die Verhandlungen für solche Abkommen nicht mehr unter Umgehung von Artikel 3 Absatz 3 IRSG geführt werden?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Grundlage des schweizerischen Rechtshilferechtes in Fiskalsachen bildet Artikel 3 des Bundesgesetzes über internationale Rechtshilfe in Strafsachen (IRSG; SR 351.1). In seinem Absatz 3 bestimmt er, dass im Bereich der Fiskaldelikte grundsätzlich keine Zusammenarbeit gewährt wird, die Schweiz jedoch einem Ersuchen im Bereich der akzessorischen Rechtshilfe dann entsprechen kann, wenn es sich um einen Abgabebetrug handelt.</p><p>An dieser Regelung orientiert sich der Bundesrat auch bei seiner Vertragspolitik. Sie wird in den mit der Schweiz ausgehandelten Rechtshilfeverträgen vertragstechnisch so umgesetzt, dass der Bereich der allgemeinen Fiskaldelikte unter einem Artikel "fakultative Verweigerungsgründe" aufgelistet wird. Der ausgehandelte Vertragstext erlaubt mit anderen Worten den Vertragsparteien, die Rechtshilfe auf diesem Gebiet abzulehnen, verpflichtet sie aber nicht dazu.</p><p>In der Regel wird in den neueren Verträgen zudem ausdrücklich erwähnt, dass im Falle eines Abgabebetruges Rechtshilfe geleistet werden kann (vgl. Verträge mit Peru: Art. 4 Abs. 1 Bst. a, SR 0.351.964.1; Ecuador: Art. 3 Abs. 1 Bst. a, SR 0.351.932.7; Kanada: Art. 3 Abs. 1 Bst. a, SR 0.351.923.2; Hongkong: Art. 3 Abs. 1 Bst. d, SR 0.351.941.6; Brasilien: Art. 3 Abs. 1 Bst. c, BBl 2007 2047; und Mexiko: Art. 3 Abs. 1 Bst. c, BBl 2006 9161).</p><p>Vor diesem Hintergrund lassen sich die gestellten Fragen wie folgt beantworten:</p><p>1. Für den Bundesrat besteht kein Grund, bei bilateralen Verträgen über die Rechtshilfe in Strafsachen den Geltungsbereich von Artikel 3 Absatz 3 des Rechtshilfegesetzes (IRSG) einzuschränken.</p><p>2./3. Die Verhandlungsdelegationen wurden denn auch nicht angewiesen, die jeweiligen Vertragspartner zur Unterzeichnung von Abkommen zu bewegen, die die gegenseitige Rechtshilfe gegenüber dem im IRSG geregelten Umfang einschränken. Dass der Abgabebetrug im Text einiger Verträge nicht ausdrücklich aufgeführt ist, hindert die Schweiz nicht daran, auch diesen Staaten gegenüber in dem durch das IRSG beschriebenen Umfange Rechtshilfe zu leisten. Die Schweiz hat kein Interesse daran, den Finanzplatz Schweiz für Steuerbetrüger attraktiv zu machen.</p><p>4. Die Verhandlungen für bilaterale Rechtshilfeverträge werden nicht unter Umgehung von Artikel 3 Absatz 3 IRSG geführt. Im Gegenteil: Der Bundesrat verfolgt ausdrücklich das Ziel, in der Fiskalzusammenarbeit mit aussereuropäischen Staaten die Philosophie des IRSG zu übernehmen, dies obwohl er eigentlich frei wäre, eine abweichende Regelung zu vereinbaren.</p><p>Dass der Bundesrat in einigen speziellen, begründeten Fällen vom Ansatz des IRSG abgewichen ist, wie im Verhältnis zu den USA (SR 0.351.933.6) im begrenzten Bereich der organisierten Kriminalität sowie beim Betrugsbekämpfungsübereinkommen mit der EU (BBl 2004 6503) bloss für die indirekte Fiskalität, ändert an der Grundausrichtung seiner Vertragspolitik nichts.</p>  Antwort des Bundesrates.