B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-869/2024 U r t e i l v o m 2 7 . J a n u a r 2 0 2 5 Besetzung Richter Sebastian Kempe (Vorsitz), Richter Mathias Lanz, Richterin Susanne Genner, Gerichtsschreiberin Caroline Rausch. Parteien A._______, geboren am (...), Afghanistan, vertreten durch Claudio Ludwig, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 31. Januar 2024. F-869/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 11. Juli 2023 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent- raleinheit EURODAC) ergab, dass er am 28. Juni 2023 in Kroatien ein Asyl- gesuch gestellt hatte. B. Am 13. Juli 2023 ersuchte die Vorinstanz die kroatischen Behörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die kroatischen Behörden nahmen zum Wiederaufnahmeersuchen der Vo- rinstanz innerhalb der geltenden Frist keine Stellung. C. Am 19. Juli 2023 reichte der Beschwerdeführer Dokumente für die Ehevor- bereitung mit B._______ (geb. (…), ebenfalls afghanische Staatsangehö- rige, mit Flüchtlingseigenschaft und Aufenthaltsbewilligung B in der Schweiz anwesenheitsberechtigt) beim Zivilstandsamt der Stadt C._______ ein. D. Am 20. Juli 2023 gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer in Anwe- senheit seiner Rechtsvertretung das rechtliche Gehör zur allfälligen Zu- ständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver- fahrens, zum beabsichtigten Nichteintretensentscheid, zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat sowie zu seinem Gesundheitszustand. E. Am 21. Juli 2023 forderte die Vorinstanz den Beschwerdeführer auf, eine Bestätigung bezüglich des von ihm vorgebrachten Ehevorbereitungsver- fahrens nachzureichen. F. Am 22. Juli 2023 stellte der Beschwerdeführer einen Antrag auf Privatun- terkunft bei seiner Verlobten. Dieser wurde am 2. August 2023 abgelehnt. F-869/2024 Seite 3 G. Mit Schreiben vom 25. Juli 2023 und 27. Juli 2023 bestätigte das Zivil- standsamt jeweils, dass sich der Beschwerdeführer mit seiner Verlobten in einem Ehevorbereitungsverfahren befindet. H. Am 27. Juli 2023 ersuchte das Zivilstandsamt um Einsichtnahme in das Asyldossier des Beschwerdeführers. I. Mit Verfügung vom 28. Juli 2023, eröffnet am 31. Juli 2023, trat die Vor- instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz spä- testens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. J. Das Bundesverwaltungsgericht hiess die dagegen erhobene Beschwerde vom 8. August 2023 mit Urteil F-4296/2023 vom 15. August 2023 gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurück. Erwägungsweise führte das Bundesverwaltungsge- richt im Wesentlichen aus, der Sachverhalt sei in Bezug auf die familiäre Situation des Beschwerdeführers vollständig festzustellen und neu zu be- urteilen. Im Rahmen der Sachverhaltsfeststellung werde die Vorinstanz insbesondere den mitwirkungspflichtigen Beschwerdeführer aufzufordern haben, seine Angaben zur Beziehung mit seiner Verlobten schriftlich oder mündlich weiter zu substantiieren und mit Beweismitteln zu unterlegen. So- dann w erde auch die Verlobte des Beschwerdeführers schriftlich oder mündlich anzuhören sein. K. Mit Schreiben vom 25. August 2023 forderte die Vorinstanz den Beschwer- deführer und seine Verlobte zur Stellungnahme auf. L. Der Beschwerdeführer und seine Verlobte reichten am 30. August 2023 eine gemeinsame Stellungnahme ein. M. Gleichentags stellte der Beschwerdeführer einen zweiten Antrag auf F-869/2024 Seite 4 Privatunterkunft bei seiner Verlobten. Diese wurde ihm bis zum 15. Oktober 2023 bewilligt. N. Der Beschwerdeführer war ab dem 16. Oktober 2023 wieder im BAZ un- tergebracht. Aus de n Migrationsdaten der Empfangsstelle geht hervor , dass er sich in der Folge an drei Wochenenden jeweils drei Nächte lang nicht im BAZ aufhielt. O. Am 30. November 2023 wies die Vorinstanz den Beschwerdeführer dem Kanton D.______ zu. P. Mit Verfügung vom 31. Januar 2024, eröffnet am 1. Februar 2024, trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG wiederum auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Wegwei- sung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleich- zeitig wies die Vorinstanz auf die einer allfä lligen Beschwerde von Geset- zes wegen fehlende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kan- ton D._______ mit dem Vollzug der Wegweisung. Q. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 8. Februar 2024 gelangte der Beschwerdeführer gegen die Verfügung vom 31. Januar 2024 an das Bun- desverwaltungsgericht und beantragte, die Sache sei an die Vorinstanz zu- rückzuweisen, damit diese das Verfahren fortführe und neu über das Ein- treten auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers entscheide. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh- rers einzutreten. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wirkung sowie Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (gemeint: Prozessführung). R. Am 12. Februar 2024 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in elektronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus. S. Mit Zwischenverfügung vom 16. Februar 2024 hiess das F-869/2024 Seite 5 Bundesverwaltungsgericht das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (recte: Prozessführung) gut. T. Am 15. März 2024 reichte die Vorinstanz ihre Vernehmlassung ein. U. Am 22. April 2024 legte der Beschwerdeführer seine Replik ins Recht. V. Am 29. Juli 2024 übermittelte das zuständige Zivilstandsamt auf Aufforde- rung des Gerichts hin die Akten betreffend das Ehevorbereitungsverfahren des Beschwerdeführers. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 6 AsylG). 1.2 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs- gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu- ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeanhebung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist ein zutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). F-869/2024 Seite 6 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8 –15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 3.3 Der nach der Dublin-III-VO zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, ei- ne antragstellende Person, welche während der Prüfung ihres Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder sich im Hoheits- gebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin -III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 3.4 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8 –15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri- terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si- tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei- nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO; vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). Demgegenüber findet im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) wie dem Vorliegenden grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. jedoch nachfolgend E. 4.2). 3.5 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überste llen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU -Grund- rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit- gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest- zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgl iedstaat der zuständige Mitglied- staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). F-869/2024 Seite 7 3.6 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin -III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 3.7 Gemäss Art. 29 a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylgesuch «aus huma- nitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Entscheidung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgericht darf sein eigenes Er - messen nicht an dessen Stelle setzen (BVGE 2015/9 E. 7.6 und E. 8.1 in fine). 4. 4.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Euro- dac-Datenbank ergab, dass dieser vor seiner Einreise in die Schweiz am 28. Juni 2023 in Kroatien um Asyl ersucht hatte, weshalb die Vorinstanz zu Recht gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO die kroatischen Be- hörden um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers ersuchte. Die Zu- ständigkeit Kroatiens für das Asylverfahren des Beschwerdeführers ist – angesichts des Eurodac -Treffers und nachdem Kroatien das Wiederauf- nahmeersuchen unbeantwortet gelassen hat (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO) – grundsätzlich gegeben. 4.2 Eine Zuständigkeit der Schweiz gestützt auf Art. 9 Dublin-III-VO ist bei der vorliegenden Aktenlage nicht festzustellen. Gemäss dieser Bestim- mung ist derjenige Mitgliedstaat für die Prüfung des Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig, in dem ein Familienangehöriger – ungeachtet der Frage, ob die Familie bereits im Herkunftsland bestanden hat – in seiner Eigenschaft als Begünstigter internationalen Schutzes aufenthaltsberech- tigt ist, sofern die beteiligten Personen diesen Wunsch schriftlich kundtun. Im Wiederaufnahmekontext kann sich e in Antragsteller, bei dem die An- tragsprüfung im ersuchten Staat gemäss Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO noch nicht abgeschlossen ist, dann ausnahmsweise auf Art. 9 Dublin-III-VO be- rufen, wenn er Informationen vorgelegt hat, die eindeutig belegen, dass der ersuchende Staat gemäss diesem Kriterium für die Prüfung seines Antrags F-869/2024 Seite 8 zuständig ist (vgl. Urteil des BVGer D-6356/2023 vom 28. November 2023 E. 5.2 ; Urteil des EuGH [Grosse Kammer] vom 2. April 2019, H. und R., C-582/17 und C -583/17, EU:C:2019:280, Rn. 84 zweites Lemma). Dabei ist von der (Beziehungs -)Situation in dem Zeitpunkt auszugehen, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitgliedsta at gestellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO; vorne E. 3.4). Vorliegend hat der Beschwerde- führer keine Informationen vorzulegen vermocht, die geeignet wären, ein- deutig zu belegen, dass es sich im Zeitpunkt der ersten Asylantragsstellung in Kroatien bei der Beziehung zu seiner Verlobten um eine Familienbezie- hung im Sinne von Art. 9 Dublin-III-VO handelte (vgl. nachfolgend E. 8.3). Die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens bleibt folglich bestehen. Zu prü- fen bleibt, ob Gründe für einen Übergang der Zuständigkeit auf die Schweiz (nachfolgend E. 5) beziehungsweise eine Übernahme der Zuständigkeit durch die Schweiz (E. 6 ff.) bestehen. 5. Der Beschwerdeführer macht e in seiner Rechtsmitteleingabe zu Recht keine systemischen Schwachstellen im Asylverfahren und in den Aufnah- mebedingungen Kroatiens geltend (vgl. Referenzurteil Kroatien E-1488/2020 vom 22. März 2023), weshalb sich weitere Ausführungen zur Nichtanwendbarkeit von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO erübrigen. 6. 6.1 Unter dem Gesichtspunkt von Art. 17 Dublin-III-VO strittig und zu prü- fen ist, ob die Überstellung des Beschwerdeführers nach Kroatien (zum jetzigen Zeitpunkt) zu einer Verletzung von Art. 8 EMRK führen würde und die Schweiz folglich verpflichtet wäre, Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III- VO anzuwenden (vgl. E. 3.6). 6.2 Zunächst ist zu prüfen, ob die Beziehung des Beschwerdeführers zu seiner Verlobten in den Schutzbereich von Art. 8 Ziff. 1 EMRK fällt. Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) hängt das Vorliegen ein er Familienbeziehung gemäss Art. 8 EMRK vom Bestand tatsächlicher und enger persönlicher Bindungen ab. Dabei werden neben den ehelichen auch andere sogenannte «de facto» Familienbeziehungen vom Schutzbereich von Art. 8 EMRK erfasst (Urteile des EGMR Marckx gegen Belgien vom 13. Juni 1979, Serie A Bd. 31 § 31; Z.H. und R.H. gegen Schweiz vom 8. Dezember 2015, Nr. 60119/12, § 42). Eine solche kann vorliegen, wenn die Parteien zusammenleben oder sich die Konstanz ihrer Beziehung aus sonstigen Umständen ergibt ( vgl. Urteil des EGMR Paradiso und Campanelli gegen Italien vom 24. Januar 2017, F-869/2024 Seite 9 Nr. 25358/12, § 140). Darunter fallen beispielsweise die Dauer der Bezie- hung sowie die Intensität, mit welcher die Partner ihre Leben miteinander verflechten, sich füreinander engagieren, aneinander binden und einander verpflichten. Eine entsprechende Beziehungsintensität («commitment») kann sich etwa durch gemeinsame Kinder, aber auch durch andere Um- stände zeigen (vgl. Urteile des EGMR Van der Heijden gegen Niederlande [GC] vom 3. April 2012, Nr. 42857/05, § 50; Z.H. und R.H. gegen Schweiz vom 8. Dezember 2015, Nr. 60119/12, § 42). Auch das Bundesgericht de- finiert eine familiäre Beziehung im Sinne von Art. 8 EMRK als genügend nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung. Als Hinweise auf deren Vorliegen nennt es ein Zusammenleben in gemeinsamem Haushalt, eine finanzielle Abhängigkeit, speziell enge familiäre Bande, regelmässige Kon- takte und eine Übernahme von Verantwortung für die andere Person (BGE 144 II 1 E. 6.1 m.w.H.). 7. 7.1 Der Beschwerdeführer brachte be reits anlässlich des Dublin -Ge- sprächs vom 20. Juli 2023 vor, dass seine Verlobte mit einer B-Bewilligung für Flüchtlinge in der Schweiz wohne und er mit ihr zusammenleben wolle. Sie hätten sich vor zweieinhalb Jahren kennengelernt und seit eineinhalb Jahren seien sie verlobt. Sie hätten sich letztmals in der Türkei (über wel- che der Beschwerdeführer nach Europa gelangte), gesehen und würden seitdem viel zusammen telefonieren. Es gebe auch Fotos von ihrem letzten Zusammentreffen. Er habe ein Tattoo auf seiner Brust, wo der Name seiner Verlobten mit einem Herz eintätowiert sei. Ein Ehevorbereitungsverfahren sei eingeleitet worden und die Eheschliessung würde in absehbarer Zeit erfolgen. 7.2 In seiner Stellungnahme vom 30. August 2023 ergänzte der Beschwer- deführer seine Ausführungen im Dublin -Gespräch dahingehend, dass er seine Verlobte über soziale Medien kennengelernt habe. Um eine Bezie- hung miteinander eingehen zu können, hätten sie nach afghanische r Tra- dition die Zustimmung ihrer Eltern benötigt. Seine Familie und die seiner Verlobten hätten dann, nach anfänglichem Zögern, am 28. April 2022 der Beziehung zugestimmt und sie hätten sich daraufhin verlobt. Seine in Af- ghanistan lebende Familie habe zur Feier der Beziehung eine Verlobungs- zeremonie mit Blumen ausgerichtet. Seine Verlobte und er hätten mehr- mals täglich telefonischen Kontakt gehabt. Nach der Verlobung habe sie den Familiennachzug in die Schweiz angestrebt und ihre Le hre abgebro- chen, um eine besser bezahlte Arbeit zu finden und damit die Vorausset- zungen für den Familiennachzug zu erfüllen. Im April 2022 sei er für fünf F-869/2024 Seite 10 Monate in der Türkei inhafti ert worden und am 12. November 2022 sei seine Verlobte für eine Woche in die Türkei geflogen. Sie hätten sich dann zum ersten Mal persönlich getroffen. Da er keinen anderen Ausweg gese- hen habe, sei er trotz aller Gefahren illegal von der Türkei zu seiner Ver- lobten in die Schweiz gereist. Kurz nach der Einreise in die Schweiz hätten sie beim zuständigen Zivilstandsamt ein Ehevorbereitungsverfahren einge- leitet und am 19. August 2023 in der Schweiz religiös geheiratet. 7.3 In der Beschw erdeschrift vom 8. Februar 2024 äusserte sich der Be- schwerdeführer erneut zum ursprünglich geplanten Familiennachzug. Nach Abbruch der Lehre und Antritt einer besser bezahlten Stelle habe seine Verlobte beim zuständigen Migrationsamt vorgesprochen, um wei- tere Schritte für einen Familiennachzug einzuleiten. Dort sei ihr mitgeteilt worden, dass das Verfahren aufgrund seines ungeregelten Aufenthalts in der Türkei aussichtslos sei. Gemäss dem mit der Beschwerde vom 8. Februar 2024 eingereichten Schreiben der Verlobten vom 7. Februar 2024 hätten sie Pläne für eine gemeinsame Wohnung und eine Familie. Sie würden d en Entscheid des Zivilstandsamtes abwarten, um endlich zusammenleben und heiraten zu können. In Bezug auf die Tatsache, dass die Verlobten derzeit nicht zusammenwoh- nen würden, erklärte der Beschwerdeführer, dass er nach seinem Austritt in den Kanton nicht gewusst habe, dass von dort aus weiterhin die Mög- lichkeit für eine Privatunterbringung best ehe. Dies umso mehr, als ihm noch kurz vor seinem Austritt aus dem BAZ weitere Privatunterbringungen verweigert worden seien. Er habe seine Verlobte jedoch weiterhin an den Wochenenden und teilweise auch unter der Woche besucht. 7.4 Gemäss Replik vom 22. April 2024 lebe der Beschwerdeführer seit Be- schwerdeerhebung (d.h. seit Februar 2024 ) mit seiner Verlobten zusam- men in C._______. Zur Privatunterbringung spezifiziert er, dass ihm ein Mitarbeiter des BAZ mitgeteilt habe, dass eine erneute Privatunterbringung nicht mehr möglich sei und er deshalb nicht mehr darum ersucht habe. 7.5 Der Beschwerdeführer reichte zum Beleg der Beziehung mit seiner Verlobten verschiedene Bilder der beiden, ein Bild der Verlobungszeremo- nie und des Blumenkorbs mit Bild des Beschwerdeführers in Afghanistan sowie fünf Zugtickets der Strecke D._______ - C.______ von November 2023 bis Januar 2024 ein. Zudem liegt die Bestätigung des F-869/2024 Seite 11 Lehrstellenabbruches der Verlobten vom 4. April 2022 und der Einleitung des Ehevorbereitungsverfahrens vor. 7.6 Die Vorinstanz geht davon aus, dass die Beziehung den Anforderungen von Art. 8 Ziff. 1 EMRK nicht genüge. Die Verlobten hätten keinen gemein- samen Haushalt, es liege keine finanzielle Verflochtenheit vor und die Be- ziehung sei erst von kurzer Dauer und daher nicht von ausreichender Sta- bilität. Die in der Schweiz erfolgte religiöse Trauung sei nicht geeignet, ein Eheverhältnis zu begründen und eine Eheschliessung sei in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. 8. 8.1 Die Verlobten gaben an, sich 2021 über soziale Medien kennengelernt zu haben. Sie kennen sich also erst seit rund vier Jahren. Sie verlobten sich gemäss eigenen Angaben am 28. April 2022 und im November 2022 besuchte die Verlobte den Beschwerdeführer für eine Woche in der Türkei. Diese Reise stellte das erste Treffen dar. Sie machten weiter geltend, dass sie nach der Verlobung eine Familienzusammenführung in der Schweiz an- gestrebt hätten und dass die Verlobte des Beschwerdeführers zu diesem Zweck ihre Lehre abgebrochen habe, um eine besser bezahlte Stelle zu finden. Der Lehrabbruch ist jedoch auf den 2. April 2022 datiert und stammt somit aus der Zeit vor der Verlobung. Kurz nach der Ankunft des Beschwerdeführers in der Schweiz im Juni 2023 starteten er und seine Verlobte das Ehevorbereitungsverfahren und am 19. August 2023 fand ihre religiöse Trauung statt. Der Beschwerdeführer stellte ungefähr einen Monat nach seiner Ankunft in der Schweiz, am 22. Juli 2023, einen Antrag auf Privatunterkunft, welcher nicht bewilligt wurde. Am 30. August 2023 reichte er einen zweiten Antrag ein, der ihm diesmal bis zum 15. Ok tober 2023 bewilligt wurde. Ab dem 16. Oktober 2023 befand er sich wieder im BAZ. Ab diesem Zeitpunkt sind aus den Akten keine Anträge auf Privatunterkünfte mehr ersichtlich. Der Beschwerdeführer erklärte dies damit, dass ihm mitgeteilt worden sei, dass eine erneute Privatunterbringung nicht möglich sei. Schriftliche Belege da- für legte er indes nicht vor und auch die Nachforschungen der Vorinstanz konnten diese Darstellung nicht bestätigen (vgl. Vernehmlassung vom 15. März 2024) . Am 30. November 2023 wies die Vorinstanz den Be- schwerdeführer dem Kanton D._______ zu. Weitere Anträge auf Privatun- terkunft wurden auch hernach nicht gestellt und die Kantonszuteilung wurde, im Hinblick auf den Wohnort seiner Verlobten in C._______, auch F-869/2024 Seite 12 nicht angefochten. Dies erklärte der Beschwerdeführer damit, dass er nicht gewusst habe, dass man auch in diesem Zeitpunkt einen Antrag auf Pri- vatunterkunft stellen dürfe. In der Replik vom 22. April 2024 machte der Beschwerdeführer sodann geltend, seit Beschwerdeerhebung (also Feb- ruar 2024), mit seiner Verlobten zusammen in C._______ zu wohnen. Dies widerspricht jedoch der Aktenlage, welcher zu entnehmen ist, dass der Be- schwerdeführer in D._______ wohnhaft war und ist (vgl. Aktennotiz des SEM vom 31. Januar 2024 in den vorinstanzlichen Akten und ZEMIS Ad- ressen-Eintrag: vom 01.12.2023 bis 12.03.2024 im Durchgangszentrum E._______ und ab 13.03.2024 in D.______). Die eingereichten Bilder der Verlobten sind entweder undatiert oder stam- men aus der Zeit, in der sie sich in der Türkei aufhielten, beziehungsweise dem Zeitraum von November 2023 bis Januar 2024. 8.2 Gesamthaft betrachtet zeichnet sich nach dem Gesagten die Bezie- hung zwar durch eine gewisse Dauer, eine religiöse Trauung und ein hän- giges Ehevorbereitungsverfahren aus. Dies lässt jedoch noch nicht den Schluss zu, dass es sich um eine eheähnliche Beziehung im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK handelt. Die Verlobten leben nicht zusammen und ha- ben nicht alles in ihrer Macht Stehende getan, um dies zu erreichen. Ins- besondere wurden nach Oktober 2023 keine weiteren Anträge auf Privat- unterkunft gestellt und auch die Kantonszuweisung wurde nicht angefoch- ten. Die diesbezüglichen Erklärungsversuche des während des ganzen Verfahrens rechtlich vertretenen Beschwerdeführers überzeugen nicht. Die Verlobten haben keine gemeinsamen Kinder und sind finanziell nicht ver- flochten. Die eingereichten Bilder der Verlobten und die Zugtickets vermö- gen nicht zu belegen, dass sie besonders viel Zeit zusammen verb racht hätten, seit sich der Beschwerdeführer in der Schweiz befindet. Die im Rahmen des Dublin -Gesprächs erwähnte Tätowierung mit dem Namen seiner Verlobten ist lediglich auf einem einzelnen, verschwommenen Foto festgehalten, anhand dessen sich seine Echth eit nicht verifizieren lässt. Weitere Anhaltspunkte, aus denen sich die Konstanz und Intensität der Be- ziehung ergeben könnte, werden weder vorgebracht noch sind solche aus den Akten ersichtlich. Hinzu kommt, dass die teilweisen Widersprüche in den Angaben des Beschwerdeführers gewisse Zweifel an der Glaub haf- tigkeit der Angaben aufkommen lassen. 8.3 Es kann folglich nicht von einer tatsächlich gelebten, dauerhaften Be- ziehung von eheähnlicher Intensität und Stabilität im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK ausgegangen werden. Ein Selbsteintritt zum Schutz des F-869/2024 Seite 13 Familienlebens fällt somit ausser Betracht. Andere Gründe für einen Selbsteintritt sind ebenso wenig ers ichtlich und werden auch nicht vorge- bracht. Da zum jetzigen Zeitpunkt keine geschützte Familienbeziehung im Sinne der Rechtsprechung vorliegt, muss dies folglich auch für den Zeitpunkt des ersten Asylantrags in Kroatien gelten, weshalb Art. 9 Dublin -III-VO nicht einschlägig ist (vorne E. 4.2). 9. 9.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vorinstanz bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbeson- dere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang ein er weiteren Überprüfung. 9.2 Es liegen somit keine völkerrechtlichen Gründe für einen zwingenden Selbsteintritt der Schweiz vor. Ebenso wenig sind Rechtsfehler bei der Er- messensbetätigung festzustellen. Es besteht folglich kein Grund für einen Selbsteintritt der Schweiz gemäss Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 in Verbindung mit Art. 17 Dublin-III-VO. 10. Die Vorinstanz ist daher zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die Wegweisung nach Kroatien verfügt. Die Beschwerde ist abzuwei- sen. 11. 11.1 Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist mit Ausfäl- lung des vorliegenden Endentschei ds gegenstandslos geworden und der am 12. Februar 2024 verfügte Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Ur- teil dahin. 11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1 –3 des Regle- ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da der Antrag auf F-869/2024 Seite 14 Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch gutgeheissen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) F-869/2024 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz, die kantonale Migrationsbehörde und das zuständige Zivilstandsamt. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Sebastian Kempe Caroline Rausch