B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3662/2023 U r t e i l v o m 1 8 . A p r i l 2 0 2 4 Besetzung Richterin Susanne Bolz-Reimann (Vorsitz), Richter Thomas Segessenmann, Richter Manuel Borla, Gerichtsschreiber Jonas Perrin. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Marek Wieruszewski, Solidaritätsnetz Bern, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung (sicherer Drittstaat - Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG); Verfügung des SEM vom 26. Juni 2023 / N (…). D-3662/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger und ethni- scher Hazara – suchte am 13. Dezember 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Hierzu reichte er einen griechischen Flüchtlingsausweis, einen gülti- gen griechischen Reiseausweis, eine Tazkera und eine Bankkarte ein. B. Am 11. Januar 2023 führte das SEM das persönliche Dublin-Gespräch ge- mäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol- gend: Dublin-III-VO) durch und gewährte dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einer möglichen Überstellung nach Griechenland. Anlässlich des Dublin -Gesprächs brachte der Beschwerdeführer im We- sentlichen vor, er habe seinen Heimatstaat alleine verlassen, seine Familie befinde sich in Afghanistan. Am 16. Juni 2018 sei er in Griechenland ein- gereist, wo er am 25. Juli 2018 ein Asylgesuch gestellt habe; damals sei er noch minderjährig gewesen. Am 24. März 2022 sei ihm Flüchtlingsschutz gewährt worden. Am 5. Dezember 2022 beziehungsweise am 6. Dezem- ber 2022 habe er Griechenland über den Luftweg n ach Italien verlassen, von wo er direkt mit dem Zug in die Schweiz eingereist sei. In Griechenland habe er sechs Monate in einer Flüchtlingsunterkunft ge- lebt, im Jahr 2020 sei er nach B._______ gebracht worden. Er sei aus der Unterkunft ausgeschlossen word en, weil er einmal fünf Stunden zu spät zurückgekehrt sei. Er habe ein Dokument unterschreiben müssen, das sei- nen Ausschluss aus der Unterkunft bestätigt habe. Bereits vor der Schutz- gewährung sei er obdachlos gewesen, er habe keine bestimmte Adresse gehabt. Teilweise habe er bei Bekannten gewohnt, anschliessend habe er in Parks oder sonst im Freien übernachtet. Danach sei er nach Thessalo- niki gegangen, wo er sich bei der Nichtregierungsorganisation (NGO) Association for the Social Support of Youth (ARSIS) g emeldet habe. Dort sei ihm mitgeteilt worden, dass er gemäss dem unterschriebenen Formular seinen Austritt aus der Unterkunft aus freiem Willen kundgetan habe, wes- halb ARSIS nichts für ihn tun könne. Zwei Monate nach seinem Ausschluss aus der Unterkunft se ien auch die monatlichen Zahlungen von 150 Euro eingestellt worden. Anschliessend habe er sich beim Hellenic Integration D-3662/2023 Seite 3 Support for Beneficiaries of International Protection (HELIOS) gemeldet, wo ihm gesagt worden sei, er könne sich erst im Anschluss an die Schutz- gewährung registrieren lassen. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, habe er zunächst bei einer Re- cycling-Unternehmung gearbeitet. Nach zwei Monaten sei er aufgrund sei- ner Beeinträchtigung am Arm gekündigt worden. Danach habe er auf ei- nem Bauernhof Arbeit gefunden, wo er Schweine gefüttert habe. Auch dort sei er wegen seiner Beeinträchtigung am Arm entlassen worden. An- schliessend habe er für zweieinhalb Monate in einem Hotel gearbeitet, wo er etwa 700 Euro verdient habe. Er habe in Iran, wo er sich für ungefähr zwei Jahre aufgehalten habe, eine Ausbildung zum Tischler gemacht, in Griechenland habe er einen sechs- monatigen Sprachkurs absolviert. Trotzdem spreche er nur sehr wenig Griechisch. Wegen seiner Beeinträchtigung am Arm sei er in Griechen land während drei Jahren in Behandlung gewesen, die Termine hätte aber nur unregel- mässig und mit grösseren Zeitabständen stattgefunden. Auch aufgrund seiner psychischen Verfassung sei er in Griechenland drei oder vier Mal bei einem Arzt gewesen. Im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid aufgrund seines Flüchtlingsstatus in Griechen- land und einer allfälligen Überstellung dorthin machte der Beschwerdefüh- rer geltend, seine Beeinträchtigung am Arm sei der einzige Grund, weshalb er nicht nach Griechenland zurückkehren könne. Er habe drei beziehungs- weise vier Jahre lang versucht, trotz seiner Beeinträchtigung in Griechen- land seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, was ihm nicht gelungen sei. Die Situation sei unertr äglich gewesen, weshalb er zweimal versucht habe, sich das Leben zu nehmen. Mit Blick auf den medizinischen Sachverhalt gab er an, er verliere seine Kontrolle und Konzentration, wenn er rede, sein ganzer Körper und sein Kopf fingen an zu zittern. Abgesehen von seinem linken Arm sei er körper- lich jedoch gesund. C. Am 13. Januar 2023 ersuchte das SEM die griechischen Behörden ge- stützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und D-3662/2023 Seite 4 Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Dritt- staatsangehöriger (Rückführungsrichtlinie) sowie das Abkommen vom 28. August 2006 zwischen dem Schweizerischen Bundesrat und der Re- gierung der Hellenischen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem Aufenthalt (SR 0.142.113.729) um Rückübernahme des Beschwerdeführers. D. Am 14. Januar 2023 stimmten die griechischen Behörden dem Gesuch um Rückübernahme zu und teilten dem SEM mit, dem Beschwerdeführer sei am 24. März 2022 der Flüchtlingsstatus in Griechenland zuerkannt worden und er verfüge über eine bis zum 23. März 2025 gültige Niederlassungs- bewilligung. E. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 30. März 2023 reichte der Be- schwerdeführer seine medizinische Dokumentation des Bu ndesasylzent- rums (BAZ) C._______, einen ärztlichen Kurzbericht des BAZ C._______ vom 25. Januar 2023, eine Medikamententabelle des BAZ C._______, ein Austrittsblatt des Medic -Help BAZ D._______ vom 12. Januar 2023 und einen provisorischen Arztbericht der Universitätsklinik für Plastische - und Handchirurgie des (…) Spitals C._______ vom 24. März 2023 zu den Ak- ten. F. Mit Entscheid vom 27. April 2023 wies das SEM den Beschwerdeführer dem Kanton C._______ zu. G. Am 21. April 2023 fügte sich der Beschwerdeführer mehrere Schnittverlet- zungen am Unterarm zu, woraufhin er zur Behandlung in die Notaufnahme des Spitals D._______ gebracht wurde. H. Am 12. Mai 2023 übermittelte das SEM der zugewiesenen Rechtsvertr e- tung des Beschwerdeführers seinen Entscheidentwurf vom 10. Mai 2023 zur Stellungnahme. I. Mit Eingabe vom 15. Mai 2023 nahm die zugewiesene Rechtsvertretung des Beschwerdeführers Stellung zum Entscheidentwurf des SEM und D-3662/2023 Seite 5 reichte ein ärztliches Attest von Dr. med. E._______ vom 10. Mai 2023 zu den Akten. J. Die geplante Entscheideröffnung vom 16. Mai 2023 wurde suspendiert, da der Beschwerdeführer gleichentags in das Psychiatriezentrum (…) zwecks stationärer Behandlung eingewiesen wurde. K. Mit Eingabe vom 25. Mai 2023 reichte der Beschwerdeführer einen Be- handlungsplan des (…) vom 17. Mai 2023 ein. L. Mit Eingabe vom 16. Juni 2023 reichte der Beschwerdeführer einen ärztli- chen Bericht des (…) vom 8. Juni 2023 zu den Akten. M. Mit Verfügung vom 26. Juni 2023 – eröffnet am 27. Juni 2023 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug nach Griechenland an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen. N. Am 27. Juni 2023 legte die ihm zugewiesene Rechtsvertretung ihr Mandat nieder. O. Mit Eingabe vom 29. Juni 2023 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde gegen den Nichteintretensentscheid des SEM und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, eine vorläufige Aufnahme zu verfügen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und der unentgeltlichen Rechtspflege ein- schliesslich des Verzichts auf Erhebung eines Kostenvorschusses. P. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 30. Juni 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). D-3662/2023 Seite 6 Q. Mit Instruktionsverfügung vom 4. Juli 2023 stellte die Instruktionsrichterin fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könne. Gleichzeitig forderte sie ihn unter Ansetzung ei- ner Frist auf, einen ärztlichen Austrittsbericht des (…) einzureichen. R. Am 7. Juli 2023 reichte der Beschwerdeführer zwei medizinische Austritt- berichte des (…) datiert auf den 6. Juni 2023 sowie auf den 22. Juni 2023 zu den Akten. S. Mit Zwischenverfügung vom 18. Juli 2023 hiess die Instruktionsric hterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verfügte den Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung gut und forderte den Beschwerdeführer unter Ansetzung e iner Frist auf, dem Bundesver- waltungsgericht eine von ihm bestimmte Rechtsvertretung zu benennen. T. Am 11. Juli 2023 stellte das Schweizerische Rote Kreuz dem Bundesver- waltungsgericht den Austrittsbericht des (…) vom 22. Juni 2023 zu. U. Mit Schreiben vom 28. Juli 2023 zeigte Marek Wieruszewski, Solidaritäts- netz Bern, mittels Einreichung einer Vollmacht sein Mandat an. V. Mit Zwischenverfügung vom 3. August 2023 setzte die Instruktionsrichterin Marek Wieruszewski, Solidaritätsnetz Bern, als amtlichen Rechtsbeistand des Beschwerdeführers ein. Gleichzeitig räumte sie der Vorinstanz Gele- genheit zur Vernehmlassung ein. W. In seiner Vernehmlassung vom 9. August 2023 hielt das SEM an der an- gefochtenen Verfügung fest und nahm zu einzelnen Beschwerdevorbrin- gen Stellung. X. Mit Instruktionsverfügung vom 11. August 2023 forderte die Instruktions- richterin den Beschwerdeführer auf, eine Replik und entsprechende Be- weismittel einzureichen. D-3662/2023 Seite 7 Y. Mit Eingabe vom 12. September 2023 reichte der Beschwerdeführer einen Verlaufsbericht der psychiatrischen Familienpflege (…) der Universitären Psychiatrischen (…) vom 8. September 2023 und einen ärztlichen Bericht des (…) vom 11. September 2023 zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundes verwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vo r. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Der Beschwerdeführer beantragt zwar die Aufhebung de r angefochtenen Verfügung. Mit seinem materiellen Begehren um vorläufige Aufnahme in der Schweiz sowie mit seiner Begründung, eine Rückführung nach Grie- chenland könnte zu einer erneuten Destabilisierung führen, bezieht er sich ausschliesslich auf die Zuläs sigkeit und die Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet somit ein- zig der Vollzug der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1 (Nichteintreten auf das Asylgesuch) und 2 (Wegweisung) der Verfügung vom 26. Juni 2023 sind mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen. D-3662/2023 Seite 8 3. 3.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3.2 Die Begründung der Begehren bindet die Beschwerdeinstanz in kei- nem Fall (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Nach dem Grundsatz der Rechtsanwen- dung von Amtes wegen ist das Bundesverwaltungsgericht verpflichtet, auf den festgestellten Sachverhalt jenen Rechtssatz anzuwenden, den es als den zutreffenden erachtet. Im Rahmen seiner Kognition kann das Gericht daher die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Grün- den gutheissen oder den angefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestätigen, die von jener der Vorinstanz abweicht (vgl. BVGE 2009/61 E. 6.1; 2007/41 E. 2). 4. 4.1 Das SEM begründete seinen Entscheid damit, dass die Handverlet- zung sowie die psychischen Beschwerden des Beschwerdeführers nicht derart gravierend seien, dass die hohe Schwelle der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs erreicht würde. Auch sei nicht davon auszugehen, dass diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen eine äusserste Vulnera- bilität im Sinne des Referenzurteils E-3427/2021, E-3431/2021 zu begrün- den vermöchten, zumal der Vollzug der Wegweisung medizinisch eng be- treut und begleitet werden könne. Es könne ausgeschlossen werden, dass sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers bei einer Rückkehr nach Griechenland drastisch verschlechtern würde, weshalb keine medizi- nische Notlage bestehe. Ferner sei festzuhalten, dass in Griechenland für Personen mit Schutzstatus der Zugang zu medizinischer Versorgung grundsätzlich gewährleistet sei. Den Akten sei zu entnehmen, dass der Be- schwerdeführer aufgrund der Handverletzung und der psychischen Be- schwerden bereits medizinische Beha ndlung in Anspruch genommen habe, weshalb davon ausgegangen werden könne, dass er nach einer Rückkehr die begonnene Therapie fortsetzen könne. Ausserdem sei zu er- warten, dass die Funktionsschienen, welche in der Schweiz angefertigt worden seien, die Beschwerden an der linken Hand beziehungsweise am Unterarm zu lindern vermöchten und sich die Beweglichkeit der Finger ver- bessere. Auch sein Vorbringen anlässlich der Stellungnahme zum Entscheident- wurf, wonach er sich bemüht habe, sich in Griechenland sozial und wirt- schaftlich einzugliedern, er jedoch aufgrund seiner körperlichen Beein -D-3662/2023 Seite 9 trächtigung jeweils nach kurzer Zeit entlassen worden sei und er auch keine Unterstützungsleistungen habe beziehen können, würde nichts an der Einschätzung zu ändern vermögen, zumal es ihm gelungen sei, trotz seiner gesundheitlichen Einschränkungen genügend Mittel anzusparen, um Griechenland auf dem Luftweg zu verlassen. Da es sich beim Beschwerdeführer nicht um eine äusserst vulnerable Per- son handle, dürfte von ihm erwartet werden, sich an die griechischen Be- hörden zu wenden, um seine Rechte als anerkannte r Flüchtling einzufor- dern. In der Vergangenheit habe er sich jedoch nur einmal an HELIOS ge- wandt, auch habe er unversucht gelassen, Unterstützung von Kirchen oder zivilen Hilfsorganisationen zu erhalten. In der Folge habe er nicht alles ihm Zumutbare unternommen, um seine Eingliederung in Griechenland sicher- zustellen. 4.2 In seiner Beschwerde erwiderte der Beschwerdeführer, bei einer Rück- führung nach Griechenland bestehe ein beachtliches Risiko einer erneuten Destabilisierung seines psychischen Zustands und somit einer Verletzung von Art. 3 EMRK, weshalb ein Wegweisungsvollzug unzulässig erscheine. Auch sei den Akten zu entnehmen, dass er keine adäquate Unterstützung erhalten habe, obwohl er alles ihm Zumutbare unternommen habe. Seine psychischen Beschwerden gekoppelt mit seiner Beeinträchtigung am Arm würden zwangsläufig zu seiner sozialen, wirtschaftlichen und gesundheit- lichen Verwahrlosung führen. 4.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz an, auch die anlässlich der Beschwerde eingereichten medizinischen Berichte vermöchten den Beschwerdeführer nicht als äusserst vulnerable Person erscheinen zu las- sen. Das Bundesverwaltungsgericht gehe in seiner Praxis davon aus, dass der Wegweisungsvollzug nach Griechenland von Personen, die an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), Depressionen oder Suizi- dalität leiden würden, als zumutbar erscheine. Dasselbe gelte für den Be- schwerdeführer, zumal es diesem in Griechenland möglich gewesen sei, eine Behandlung seiner körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen in Anspruch zu nehmen. Die Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers seien nicht derart gravie- rend, dass ein beachtliches Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK be- stehe. Ausserdem sei aufgrund gesundheitlicher Beschwerden nur dann von der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs auszugehen, wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Zielstaat nicht zur Verfügung D-3662/2023 Seite 10 stehe und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beein- trächtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person führen würde. Entscheidend sei dabei, ob eine zur Gewährleistung einer men- schenwürdigen Existenz absolut notwendige Behandlung vorhanden und verfügbar sei. Vorliegend sei jedenfalls nicht von einer raschen und lebens- gefährdenden Verschlechterung des Gesundheitszustands des Beschwer- deführers auszugehen, zumal die seine psychischen und physischen Be- einträchtigungen auch in Griechenland behandelt werden könnten. 5. 5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 5.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtlich e Verpflichtungen der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom- mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus- länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini- scher Notlage konkret gefährdet sind. Der Vollzug ist schliesslich nich t möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG). 5.3 Gemäss Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG besteht zugunsten sicherer Dri tt- staaten, zu welchen der EU -Staat Griechenland gehört, die Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen, darunter im Wesentli- chen das Refoulement-Verbot und grundlegende menschenrechtliche Ga- rantien, einhalten (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E -4040/2021 vom 7. Oktober 2021 E. 9.3). Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen EU - oder EFTA-Staat in der D-3662/2023 Seite 11 Regel zumutbar ist. Es obliegt der betroffenen Person, diese beiden Legal- vermutungen umz ustossen (vgl. Referenzurteil des BVGer D -559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 8.1). 6. 6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in seinem Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 einlässlich mit der Situation in Griechenland auseinandergesetzt und an seiner bisherigen Rechtspre- chung festgehalten, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Griechen- land für Personen, die dort einen internationalen Schutzstatus erhalten ha- ben, grundsätzlich zulässig ist. Das Gericht geht nicht von einer Situation aus, in der jeder in Griechenland schutzberechtigten Person eine un- menschliche oder erniedrigende Behandlung im Sinne einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde. Trotz existierender Schwach- stellen kann nicht von einem dysfunktionalen Aufnahmesystem gespro- chen werden. Gewisse Angebote existieren in Griechenland, die auch für Schutzberechtigte offenstehen, wenn auch die Kapazitäten kaum ausrei- chend sein dürfte n und Infrastrukturhilfen und Angebote bisher vor allem von internationalen Akteuren, zuvorderst der EU, dem Hohen Flüchtlings- kommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) und der In- ternationalen Organisation für Migration (IOM) abhängen, die – in Zusam- menarbeit mit der lokalen Zivilgesellschaft – Leistungen erbringen und fi- nanzieren. Trotz dieser schwierigen Verhältnisse geht das Bundesverwal- tungsgericht davon aus, dass schutzberechtigte Personen grundsätzlich in der Lage sind, ihre existenziellen Bedürfnisse abzudecken. Auch ist davon auszugehen, dass Rückkehrenden keine menschenunwürdige Behand- lung droht, weshalb für sie kein «real risk» einer völkerrechtswidrigen Be- handlung besteht. 6.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (Re- ferenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 E. 11.3). Die Legalvermutung der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung gilt im Fall Griechenlands grundsätzlich auch für vulnerable Personen, wie zum Beispiel Schwangere oder Personen, die an gesundheitlichen Problemen leiden, die nicht als schwerwiegende Erkrankung einzustufen sind (vgl. Referenzurteil E-3427/2021, E -3431/2021 E. 11.5.1). Es obliegt grundsätzlich der be- troffenen Person, diese Legalvermutung umzustossen. Dazu hat sie ernst- hafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die Behörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen ausset zen würden D-3662/2023 Seite 12 respektive, dass sie in Griechenland aufgrund von individuellen Umstän- den sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. Referenzurteil E -3427/2021, E -3431/2021 E. 11.4). 6.3 Gleichzeitig hielt das Gericht fest, dass die Legalvermutung der Zumut- barkeit des Vollzuges der Wegweisung bei Personen mit Schutzstatus, wel- che aufgrund ihrer besonders hohen Verletzlichkeit im Falle einer Rückkehr nach Griechenland Gefahr laufen, dauerhaft in eine schwere Notlage zu geraten, weil sie nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft die ihnen zu- stehenden Rechte vor Ort einzufordern, nicht aufrechterhalten werden kann. Das Gericht erachtet den Vollzug der Wegweisung von äusserst vul- nerablen schutzberechtigten Perso nen, wie zum Beispiel unbegleiteten Minderjährigen oder Personen, deren psychische oder physische Gesund- heit in besonders schwerwiegender Weise beeinträchtigt ist, grundsätzlich als unzumutbar, ausser es bestehen im Einzelfall besonders begünsti- gende Umstände, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung ausgegangen werden kann. Solche beson- ders begünstigenden Umstände sind namentlich dann gegeben, wenn da- von auszugehen ist, dass die äusserst vulnerablen Rückkehrenden Zu- gang zu einer angemessenen Unterkunft, Grundversorgung, benötigten Gesundheitsleistungen und Hilfe zur sozialen sowie wirtschaftlichen In- tegration haben werden. Die Vorinstanz ist gehalten, in Fällen, in denen die Gesuchstellenden zum genannten Personenkreis d er äusserst Verletzli- chen gehören, vertiefte Abklärungen vorzunehmen. Sind keine besonders begünstigenden Faktoren gegeben, so ist der Vollzug der Wegweisung von äusserst verletzlichen Personen als unzumutbar zu bezeichnen (vgl. Refe- renzurteil E - 3427/2021, E - 3431/2021 E. 11.5.3). 6.4 Im Lichte dieser Rechtsprechung ist vorliegend entscheidend, ob der Beschwerdeführer ernsthafte Anhaltspunkte dafür vorgebracht hat, dass er aufgrund von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder ge- sundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde , aus der er sich alleine nicht behelfen könnte und er deshalb als äussert verletzlich zu bezeichnen ist , oder ob es möglich erscheint, dass er in Griechenland seine Rechte aus eigener Kraft einfordern wird können. Im ersten Fall wäre die Vorinstanz gehalten gewesen, vertiefte Abklärungen mit Blick auf das Bestehen besonders begünstigender Umstände vorzunehmen (vgl. Urteile des BVGer D -4560/2021 vom 1. Juli 2022 E. 4.4 und D -4562/2021 vom 18. Oktober 2022 E. 5.5). D-3662/2023 Seite 13 6.5 6.5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 1 44 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be- hörden, die Vorbringen einerseits tatsächlich zu hören, sorgfältig zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen – was ge- wissermassen das Ke rnstück des rechtlichen Gehörs ausmacht (vgl. WALDMANN/BICKEL, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 32 Rz. 18; BGE 123 I 31 E. 2c) – und andererseits der gesuchstellenden Per- son gegenüber im Rahmen einer Verfügung mitzuteilen, wieso der Ent- scheid so und nicht anders ausgefallen ist, beziehungsweise warum ihren Anträgen nicht stattgegeben wird. Demgegenüber ist nicht erforderlich, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei- nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrüc klich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 6.5.2 Gleichzeitig gilt im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsver- fahren – der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG), gemäss dem die entscheidende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklärt, was heisst, dass sie verantwortlich für die Beschaffung der für den Entscheid notwendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsre- levanter Tatsachen ist (KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 142; KOPF/EMMEN- EGGER/BABEY, Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Rz. 20 ff. zu Art. 12 VwVG). Das bedeutet, dass die Sachverhalts- feststellung unvollständig ist, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe- sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT- SCHI, a.a.O., Rz. 1043). 6.5.3 Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwir- kungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG), wozu insbe- sondere gehört, die Identität offenzulegen und vorhandene Identitätspa- piere abzugeben, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken. In Drittstaatenfällen – wie dem vorliegenden – ist zusätzlich die Widerlegung der Legalvermutung der Sicherheit des Drittstaats erforderlich, so dass es dem Beschwerdeführer obliegt, ernsthafte Anhaltspunkte für eine ihm dro- hende Gefahr der unmenschlichen oder erniedrig enden Behandlung vor- zubringen. D-3662/2023 Seite 14 7. 7.1 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass die Funktionalität der linken Hand des Beschwerdeführers stark beeinträchtigt ist. Er leidet an einer linksseitigen Fallhand (keine oder stark beschränkte Dorsalextension der Finger) bei Verdacht auf eine Läsion des Radialisnervs; es wurde eine Amputation des distalen Fingerknochens (Endphalanx) des Mittelfingers (Dig. III) infolge eines Arbeitsunfalls festgestellt. In Flexionsstellung ist keine Extension der Finger möglich, bei passiver Extension der Finger- grundgelenke kann der Beschwerdeführer die Finger nur ganz wenig be- wegen. Zur Behandlung wurde eine Funktionsschiene angepasst, mittels welcher eine leichte aktive Extension der Finger möglich ist; zusätzlich ist eine Schiene g eplant, welche das Ergreifen von Gegenständen ermögli- chen soll. Ferner weist der Beschwerdeführer selbst zugefügte Schnittver- letzungen auf dem Vorderarm auf (vgl. SEM-eAkte […] -18/13, provisori- scher Arztbericht der Universitätsklinik für Plastische - und Handchirurgie des Inselspitals C._______ vom 24. März 2023). Mit Blick auf seine psychischen Beschwerden ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer aufgrund der von ihm als ausweglos empfundenen Si- tuation bereits in Griechenland zwei Suizidversuche verübte (vgl. SEM -e- Akte […] -12/5 S. 4). In der Schweiz wurde er am 21. April 2023 nach einer Selbstverletzung am Arm und wegen Suizidgedanken hospitalisiert (vgl. SEM-eAkte […] -22/1). Während seines stationären Aufenthalts in der Psychiatrie vom 16. Mai 2023 bis zum 2. Juni 2023 wurde ihm eine akute Suizidalität im Rahmen einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10: F32.1) und eine PTBS (ICD-10: F43.1) diagnostiziert; behandelt wurde er zunächst mit Escitalopram (selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer [SSRI]). Da eine Verbesserung der Suizidalität ausblieb, wurde auf Saroten (trizyklisches Antidepressiva) umgestellt, zur Behandlung seiner starken Angespanntheit und Schlafstöru ngen wurden Sequase (Quetiapin, atypi- sches Neurolektikum) und Temesta (Benzodiazepin) verschrieben; ausser- dem wurden ihm Maltofer (Eisenpräparat) sowie Redormin (Baldrian) ver- abreicht. Während des stationären Aufenthalts im (…) fügte sich der Be- schwerdeführer mehrere Selbstverletzungen zu. Zweimal kletterte er auf das Dach der Station, woraufhin die Polizei und die Feuerwehr gerufen werden musste. Er wehrte sich gegen den Einsatz der Polizei und schlug sich den Kopf gegen eine Wand. Aufgrund dieser Episoden wurde eine Eins-zu-eins-Betreuung in einem Intensivbehandlungszimmer mit Fixation und Zwangsmedikation verordnet. Da er sich rasch von fremdgefährden- dem Verhalten und Suizidabsichten distanzierte, konnte das Setting gelo- ckert werden und er wurde in die Ko llektivunterkunft F._______ entlassen D-3662/2023 Seite 15 (vgl. Austrittsbericht des […] vom 6. Juni 2023; Behandlungsplan des […] vom 17. Mai 2023). Nach einem weiteren Suizidversuch mit Medikamenten wurde der Be- schwerdeführer vom 6. Juni 2023 bis zum 22. Juni 2023 erneut stationär psychiatrisch behandelt. Dabei wurde ihm nebst einer akuten Suizidalität im Rahmen einer leichtgradigen beziehungsweise mittelgradigen depres- siven Episode zusätzlich eine e motional-instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline) (ICD-10: F60.31 diagnostiziert. Anlässlich des Aufnahmege- sprächs gab er an, fremde Stimmen zu hören, welche ihn zur Fremd- gefährdung aufforderten. Im Lauf der Behandlung musste die Polizei auf- geboten und der Beschwerdeführer fixiert und mit Clopixol (Dopamin- und Serotonin-Rezeptor-Antagonist) sowie Valium (Benzodiazepin) zwangs - mediziert werden. Am dritten Tag der Behandlung verbesserte sich sein Zustand, er verletzte sich jedoch noch zweimal selbst (o berflächliches Schneiden). Beim Austritt bestanden laut den ärztlichen Berichten keine Hinweise mehr auf eine akute Selbst- beziehungsweise Fremdgefährdung, aufgrund seiner psychischen Instabilität wurde jedoch eine Sonderunter- bringung empfohlen (vgl. Austrittsbericht des […] vom 22. Juni 2023; Arzt- bericht des […] vom 8. Juni 2023). Seit dem 13. Juli 2023 ist der Beschwerdeführer im Rahmen der psychiat- rischen Familienpflege (…) der (…) in einer Gastfamilie platziert. Inzwi- schen habe eine unterstützende Beziehung seitens der Gastfamilie aufge- baut werden können; der Beschwerdeführer sei sehr dankbar, dort unter- gebracht zu sein. Die Gastfamilie nehme ihn jedoch weiterhin als psychisch instabil wahr (vgl. Verlaufsbericht […] vom 8. September 2023). Inzwischen haben regelmässige psychotherapeutische Gespräche bei Dr. med. G._______ begleitet von einer psychiatrisch-medikamentösen Behandlung stattgefunden. Die Platzierung in einer Gastfamilie habe insgesamt zu ei- ner Stabilisierung des Zustands des Beschwerdeführers geführt (vgl. ärzt- licher Bericht von Dr. med. G._______ vom 11. September 2023). 7.2 Das SEM erachtet die Vorbringen zum Gesundheitszustand des Be- schwerdeführers als zu wenig gravierend und beachtlich; die Schwelle für eine drohende Verletzung von Art. 3 EMRK sei nicht erreicht, auch bei psy- chischen Beschwerden erachte das Bundesverwaltungsgericht die Rück- führung nach Griechenland als zulässig. Zudem sei der Beschwerdeführer auch in Griechenland bereits in ärztlicher Behandlung gewesen. D-3662/2023 Seite 16 Nach Auffassung des Gerichts greift diese Argumentation im vorliegenden Fall zu kurz. Die vorliegenden Arztberichte zeigen auf, dass der Beschwer- deführer nicht nur physisch in erheblichem Mass beeinträchtigt ist – jeden- falls in Hinblick auf eine handwerkliche oder manuelle Tätigkeit – sondern er auch psychisch äusserst labil ist. Entscheidend dürfte es in diesem Zu- sammenhang deshalb sein, ob es dem Beschwerdeführer aufgrund des Risikos erneuter schwerer psychischer Episoden möglich und zumutbar er- scheint, längerfristig aus eigener Kraft seinen Lebensunterhalt zu bestrei- ten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass seine Beeinträchtigung an der lin- ken Hand eine erhebliche Benachteiligung in Bezug auf die Ausübung ei- ner Erwerbstätigkeit darstellen dürfte, zumal er ein gelernter Tischler ist. In Bezug auf seinen psychischen Gesundheitszustand ist zu beachten, dass eine Überstellung nach Griechenland den Beschwerdeführer, der sich nach zweimaligen Aufenthalten in der Psychiatrie inzwischen in einem geschütz- ten Setting (Gastfamilie) zumindest einigermassen stabilisier en konnte, aus diesem für ihn günstigen und heilsamen Setting herausreissen würde und er jedenfalls gemäss dem ärztlich dokumentierten Zustand ein es neuen Settings sowie einer engmaschigen Betreuung bedürfte, um eine drastische Verschlechterung und das Risiko erneuter schwerer psychi- scher Episoden vorzubeugen. Es ist fraglich, ob er in Griechenland Zugang zu der für ihn nötigen intensiven Behandlung erhalten könnte, was in Hin- blick auf die nicht nur vorgebrachte (in Bezug auf Griechenland, vgl. SEM- Akten A12 S. 4) sondern auch dokumentierte (in Bezug auf die Schweiz , SEM-Akten A22, A26, A28; Beschwerdeakten Ziff. 4, Ziff. 6) Suizidalität des Beschwerdeführers elementar erscheint. 7.3 Auch die von der Vorinstanz getroffene Feststellung, der Beschwerde- führer habe sich um den Erhalt der ihm zustehenden Leistungen und Un- terstützung durch den Staat beziehungsweise durch Nichtregierungsorga- nisationen nicht genügend bemüht, kann vor diesem Hintergrund – auch angesichts seines damals noch jungen Alters – nicht vorbehaltlos gestützt werden. Tatsächlich scheint es nachvollziehbar, dass ein junger, psychisch stark belasteter Mensch, der wegen eines Handicaps im Zugang zum Ar- beitsmarkt stark eingeschränkt ist, den harten Lebensbedingungen für an- erkannt Schutzberechtigte in Griechenland nicht gewachsen sein könnte und von ihm deshalb nicht ohne Weiteres erwartet werden kann, dass er aus eigener Kraft eine Grundlage für ein menschenwürdiges Dasein für sich schaffen wird können. Gemäss eigenen Aussagen hat der Beschwer- deführer auch in Griechenland jeweils nur kurze Arbeitseinsätze leisten können, teilweise ohne Bewilligung (vgl. SEM -Akten A12, Arbeit, S. 3). Schliesslich ist der Umstand einzubeziehen, dass der Beschwerdeführer D-3662/2023 Seite 17 offenbar zwar ein wenig Englisch kann (vgl. SEM-eAkten […] -26/5 und […] -18/13), aber gemäss eigenen Angaben nur über sehr schlechte Griechischkenntnisse verfügt, was sich ebenfalls nachteilig auf seine Mög- lichkeiten, seine Rechte einzufordern, auswirken könnte. 7.4 In Würdigung aller Sachverhaltsaspekte und der Beschwerdevorbrin- gen ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer an erheblichen psychi- schen Beschwerden mit damit verbundenen wiederkehrenden starken Epi- soden und Suizidalität leidet, weshalb er auf eine engmaschige psychiatri- sche und medikamentöse Behandlung sowie Betreuung angewiesen ist. Bei fehlendem beziehungsweise unpassendem Setting hat sich der Be- schwerdeführer wiederholt fremd- und selbstgefährdend gezeigt. Mit Blick auf seine körperliche Beeinträ chtigung an der linken Hand ist zunächst festzustellen, dass diese aufgrund der ihm verordneten Funktionsschienen etwas gelindert werden konnte. Dennoch ist nach wie vor nicht davon aus- zugehen, dass er in Zukunft in der Lage sein wird, eine körperliche bez ie- hungsweise manuelle Arbeitstätigkeit, insbesondere nicht in seinem Beruf als Tischler, aufzunehmen. Aufgrund der Kombination der erheblichen psy- chischen Beschwerden mit der körperlichen Beeinträchtigung (vgl. auch Urteile des BVGer D -2916/2023 vom 25. August 2023 E. 8.5.2, D-2810/2023 vom 30. August 2023 E. 5.5.1) liegen ernsthafte Anhalts- punkte dafür vor, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Griechenland nicht befähigt sein könnte, seine ihm zustehenden Rechte aus eigener Kraft einzufordern, weshalb er als äusserst vulnerabel im Sinne des Referenzurteils E-3427/2021, E-3431/2021 bezeichnet werden muss. Die Vorinstanz ist deshalb gehalten, vertiefte Abklärungen bezüglich des Vorliegens besonders begünstigender Umstände vorzunehmen, da der rechtserhebliche Sachverhalt aufgrund der festgestellten Vulnerabilität des Beschwerdeführers im Hinblick auf das Bestehen besonders begüns- tigender Umstände bisher nur unvollständig festgestellt wurde. Im Rahmen dieser Überprüfung ist im Sinne der obenstehenden Erwägung besonderes Augenmerk darauf zu legen, ob der Beschwerdeführer in Griechenland Zu- gang zu einer angemessenen Unterkunft, Grundversorgung, benötigten Gesundheitsleistungen und Hilfe zur sozialen sowie wirtschaftlichen In- tegration haben wird. 8. Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit die Aufhebung der vorinstanzli- chen Verfügungen im Wegweisungsvollzugpunkt beantragt wird, und die Sache ist zur Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur neuen D-3662/2023 Seite 18 Entscheidung im Sinne der Erwägungen an das SEM zurückzuweisen. Die weiteren Beschwerdevorbringen sind somit nicht weiter zu prüfen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikoste n zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendigen Partei- kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Die vom Bundesverwaltungsgericht auszurichtende Partei- entschädigung wird in Anwendung der genannten Bestimmungen und un- ter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren demnach von Amtes wegen auf insgesamt Fr. 100.– festgelegt. (Dispositiv nächste Seite) D-3662/2023 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung wird in den Dispositivziffern 3 und 4 aufgeho- ben und die Sache wird zur Abklärung des Sachverhalts sowie zur Neube- urteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädi- gung in der Höhe von Fr. 100.– auszurichten 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Susanne Bolz-Reimann Jonas Perrin Versand: