B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-521/2024 U r t e i l v o m 1 . J u l i 2 0 2 4 Besetzung Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger (Vorsitz), Richterin Aileen Truttmann, Richterin Giulia Marelli, Gerichtsschreiber Gregory Aloisi. Parteien A._______ , geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Eliane Schmid, Rechtsanwältin, (…) Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 16. Januar 2024. D-521/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a. Der Beschwerdeführer suchte am 13. September 2023 in der Schweiz um Asyl nach. Auf dem Personalienblatt gab er an, am (…) geboren zu sein. A.b. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Euro- dac) ergab, dass er am (…) in Kroatien um Asyl ersucht hatte. A.c. Mit Eingabe vom 20. September 2023 teilte er dem SEM mit , er sei am (…) geboren und somit noch minderjährig . Er ersuchte um entspre- chende Berichtigung seiner Personendaten. Der Eingabe waren eine Erklärung, in welcher er die geltend gemachten Personendaten mit Unterschrift bestätigte, sowie eine Kopie seiner Tazkira, wonach er zum Zeitpunkt der Ausstellung (…) vom Aussehen und vom Kör- perbau her als (…) Jahre alt angesehen werde, beigelegt. A.d. Im Rahmen der Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige Asylsu- chende (EB UMA) vom 23. Oktober 2023 wurde dem Beschwerdeführer Gelegenheit gegeben, sich zur Zuständigkeit Kr oatiens für die Durchfüh- rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens und zu einem Nichteintreten der Vorinstanz zu äussern. Ausserdem wurde ihm das rechtliche Gehör zum Zweifel der Vorinstanz an seiner behaupteten Minderjährigkeit sowie zu ihrer Absicht, ihn für die weitere Dauer des Verfahrens als volljährig zu betrachten, gewährt. Dabei machte er geltend, er sei gemäss dem afghanischen Kalender am (…) geboren und (zum Zeitpunkt der Befragung) etwa (…) Jahre alt. Sein afghanisches Geburtsdatum sei in einem Koran in Afghanistan notiert wor- den und er selbst habe es bei seiner Einreise in die Schweiz erfahren. Die in Kopie eingereichte Tazkira habe er im Jahr (…) erhalten, als er (…) Jahre alt gewesen sei. In Bezug auf das bei der Registrierung angegebene Ge- burtsdatum vom (…) machte er geltend, eine türkischsprachige Person habe die Personalien für ihn ausgefüllt. Zwar habe er zu jenem Zeitpunkt bereits sein Geburtsdatum gekannt und auch versucht, dieses der anderen Person mitzuteilen. Aufgrund der Sprachbarriere sei die Kommunikation aber stark erschwert gewesen. Erst durch das darauffolgende Gespräch mit seiner Rechtsvertretung habe er erfahren, dass fälschlicherweise der (…) als Geburtsdatum aufgenommen worden sei. Zu seinem biographi - schen Hintergrund gefragt gab er an, er habe im Alter von (…) die Schule D-521/2024 Seite 3 besucht. In der Folge habe er seinem Vater als Hirte und Landwirt oder zu Hause geholfen. Da er damals noch klein gewesen sei, habe er ausser dem Neujahr über kein kalendarisches Zeitverständnis verfügt und könne daher keine genauen Zeitangaben zu seiner Hirten- und Landwirtstätigkeit machen. Zum Alter seiner Familienmitglieder gab er an, seine Mutter sei ungefähr (…) bis (…) Jahre und sein Vater ungefähr (…) Jahre alt. Zu sei- ner Flucht befragt ga b er an, er sei (…) nach der Machtübernahme der Taliban im (…) im Alter von (…) Jahren geflohen. In Kroatien sei er ge- zwungen worden, seine Finger abdrücke abzugeben. Er habe den kroati- schen Behörden seinen Namen, den Namen seines Vaters und sein Her- kunftsland genannt. Nach seinem Geburtsdatum gefragt, habe er geant- wortet, er sei (…) alt. Er wisse nicht, welches Geburtsdatum daraufhin re- gistriert worden sei. A.e. Gleichentags änderte das SEM das Geburtsdatum des Beschwerde- führers im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den 1. Ja- nuar 2005. A.f. Ebenfalls am 23. Oktober 2023 ersuchte das SEM die kroatischen Be- hörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständi g ist (nachfol- gend Dublin-III-VO). Dabei gab es im entsprechenden Formular als Ge- burtsdatum des Beschwerdeführers den (…) an. Die Formularfrage, ob der Beschwerdeführer andere Namen (Personalien) angebe, bejahte es und führte – nebst dem rubrizierten Vor- und Nachnamen des Beschwerdefüh- rers und seiner Staatsangehörigkeit – das Geburtsdatum vom (…) an. A.g. Mit Eingabe vom 3 0. Oktober 2023 reichte der Beschwerdeführer mehrere Dokumente zu seinen jugendlichen sportlichen Leistungen im Heimatland ein und ersuchte um Erstellung eines rechtsmedizinischen Al- tersgutachtens. A.h. Die kroatischen Behörden hiessen das Übernahmegesuch des SEM am 6. November 2023 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO gut und ga- ben an, der Beschwerdeführer sei bei ihnen als «(…) , geboren am (…) (…) » registriert worden. D-521/2024 Seite 4 B. Mit Verfügung vom 16. Januar 2024 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Be- schwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz nach Kroatien an, forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, beauftragte den Kanton Luzern mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte die editionspflichtigen Akten aus. Schliesslich hielt es fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine auf- schiebende Wirkung zu. C. Der Beschwerdeführer erhob gegen diese Verfügung mit Eingabe vom 24. Januar 2024 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er bean- tragt sinngemäss, es sei in seinem Asylverfahren von seiner Minderjährig- keit auszugehen und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen Erst ellung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In formeller Hinsicht ersucht er um Gewährung der aufschiebenden Wir- kung der Beschwerde und der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. D. Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Überstellung am 25. Januar 2024 einstweilen aus. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesver- waltungsgericht gleichentags in elektronischer Form vor. E. Mit Zwischenverfügung vom 2. Februar 2024 hiess sie das Gesuch um Ge- währung der aufschiebenden Wirkung gut und stellte fest, der Beschwer- deführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Wei- ter hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses . Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen. F. Mit Eingabe vom 7. Februar 2024 liess sich die Vorinstanz vernehmen, wo- rauf der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 20. Februar 2024 replizierte. G. Mit Schreiben vom 16. Februar 2024 teilte die zuständige kantonale Mig- rationsbehörde dem Bundesverwaltungsgericht mit, dass der D-521/2024 Seite 5 Beschwerdeführer am 1. Februar 2024 das Bundesasylzentrum in (…) ver- lassen habe und seither unbekannten Aufenthaltes sei. H. Mit Zwischenverfügung vom 20. Februar 2024 wurde die rubrizierte Rechtsvertreterin aufgefordert, dem Bundesverwaltungsgericht innert Frist den Aufenthaltsort des Beschwerdeführers bekanntzugeben und eine ak- tuelle, von ihm unterzeichnete Erklärung einreichen, aus welcher ein aktu- elles Rechtsschutzinteresse hervorgehe, unter Androhung, dass bei unge- nutzter Frist von einem Wegfall des Rechtsschutzinteresses des Be- schwerdeführers ausgegangen und das Verfahren als gegenstandslos ab- geschrieben würde. I. Mit Eingabe vom 28. Februar 2024 reichte die Rechtsvertreterin des Be- schwerdeführers eine durch ihn unterschriebene Bestätigung des aktuellen Rechtschutzinteresses ein und teilte dem Bundesverwaltungsgericht mit, dass dieser sich stets in der Schweiz aufgehalten habe. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so- weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art . 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 Abs. 1 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die u nrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu D-521/2024 Seite 6 Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 2.3 Im Beschwerdeverfahren ist grundsätzlich die Sprache des angefoch- tenen Entscheids massgebend (hier: italienisch), jedoch kann das Verfah- ren auch in einer anderen Amtssprache geführt werden, wenn die Parteien eine solche verwenden (Art. 33a Abs. 2 VwVG). Das vorliegende Urteil wird deshalb auf Deutsch verfasst. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfah- ren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, so- bald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin -III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genann- ten Zuständigkeitskriterien anzuwenden (Art. 7 Abs. 2 Dublin -III-VO). Ge- mäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO ist in Verfahren von unbegleiteten Minder- jährigen ohne familiäre Anknüpfungspunkte (zu einem anderen Mitglied- staat) derjenige Staat zuständig, in welchem der Antrag gestellt wurde. 4. 4.1 Die Vorinstanz führte in der angefochtenen Verfügung hinsichtlich des Alters des Beschwerdeführers aus, dass es ihm nicht gelungen sei, die dargelegte Minderjährigkeit glaubhaft zu machen. So habe er keine Identi- tätsdokumente im Original eingereicht. Die eingereichte Kopie seiner Tazkira sei nicht fälschungssicher, weswegen ihr Beweiswert sehr einge- schränkt sei. Weiter hätten die kroatischen Behörden einer Rückübernah- me zugestimmt, da er auch in Kroat ien mit dem Geburtsdatum vom (…) registriert sei und als volljährig gelte. Zuletzt seien auch seine Aussagen in D-521/2024 Seite 7 Bezug auf seine Biographie, seine Schulbildung und seine Familie unstim- mig geblieben. So sei er in der Lage gewesen, den Monat seiner Ausreise aus Afghanistan und das genaue Datum seiner Einreise in die Schweiz zu nennen, jedoch habe er keine genauen Angaben zum Geburtsdatum sei- ner Eltern oder dazu, wann genau er als etwa (…) die Schule abgebrochen und zu arbeiten begonnen habe, machen können. Auch die Beschreibung seiner Reise weise Unstimmigkeiten auf. So habe er eine Liste von Län- dern genannt, die er durchquert habe, und dazu jeweils die entsprechende Aufenthaltsdauer genannt, wobei sich zusammengezählt ein Aufenthalt bis (…) ergebe; der Beschwerdeführer sei jedoch erst im (…) in die Schweiz eingereist. 4.2 In der Beschwerde wird unter anderen eine Verletzung der Untersu- chungspflicht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 49 Bst. b VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) sowie der Informationspflicht und der Pflicht zur loyalen Zusammenarbeit zwischen den Staaten gemäss Dublin-III-VO gerügt. Zur Begründung der Untersuchungspflichtverletzung macht der Be- schwerdeführer geltend, die Vorinstanz habe zu Unrecht seine Volljährig- keit festgestellt, indem sie sich einzig auf seine vermeintlich unglaubhaften Aussagen gestützt habe, gleichzeitig aber den eingereichten Beweismitteln jeglichen Beweiswert abgesprochen habe. Der Umstand, dass Kroatien nicht von sich aus Zweifel an seiner Volljährigkeit angebracht habe, könne nicht als Beleg für seine Volljährigkeit gewertet werden, da er sich nur sehr kurze Zeit in Kroatien aufgehalten habe und auch kein Gespräch mit ihm durchgeführt worden sei. Das SEM habe sodann die Informationspflicht und die Pflicht zur loyalen Zusammenarbeit zwischen den Staaten gemäss der Dublin-III-VO verletzt, indem es den kroatischen Behörden seine An- gabe, er sei minderjährig, und die von ihm eingereichten Beweismittel (Tazkira, Sportsurkunden) verschwiegen habe. Da kein Altersg utachten vorliege, sei die Beweislage nicht eindeutig, weshalb seine Angaben voll- ständig hätten übermittelt werden müssen. Das Ersuchen an die kroati- schen Behörden sei daher nicht gültig gestellt worden, da durch das Ver- schweigen von Angaben weitere Rückfr agen der kroatischen Behörden verunmöglicht worden seien. Die zustimmende Antwort der kroatischen Behörden basiere somit auf einem unzureichenden Sachverhalt und könne nicht als gültig erachtet werden. 4.3 In ihrer Vernehmlassung entgegnet die Vorinstanz bezüglich der An- frage zur Rückübernahme, dass diese den rechtlichen Anforderungen ent- spreche. Die Dublin -III-VO verpflichte die Mitgliedsstaaten nicht, die ur- sprüngliche Identität von Asylsuchenden zu übermitteln, sondern nur D-521/2024 Seite 8 diejenigen Aspekte, die die Zuständigkeit auf der Grundlage der in der Ver- ordnung festgelegten Kriterien begründeten. Zum damaligen Zeitpunkt sei seine Minderjährigkeit als unwahrscheinlich angesehen worden, weshalb er für die Fortsetzung des Verfahrens als volljährig betrachtet worden se i. Folglich sei im Antrag seine Volljährigkeit angegeben. Die kroatischen Be- hörden hätten keine Einwände dagegen und das im Eurodac-Formular an- gegebene Alias des Beschwerdeführers erhoben, sondern ihre Zuständig- keit anerkannt. Es sei daher davon auszugehen, dass er auch in Kroatien als Erwachsener bekannt sei. Zudem habe der Gesuchsteller selbst ange- geben, dass ihm die kroatischen Behörden seine Minderjährigkeit nicht ge- glaubt hätten. Zusammengefasst seien den kroatischen Behörden korrekt alle erforderlichen Informationen zur Verfügung gestellt worden, um die Zu- ständigkeit auf der Grundlage der in der Dublin -Verordnung festgelegten Kriterien zu bestimmen. Bezüglich der festgestellten Volljährigkeit hielt die Vorinstanz an ihren Erwägungen in der angefochtenen Verfügung fest. 4.4 In der Replik weist der Beschwerdeführer darauf hin, es sei irreführend, wenn die Vorinstanz einerseits behaupte, es müssten keine früheren Iden- titäten der Gesuchstellenden übermittelt werden, gleichzeitig a ber beim Übernahmeersuchen das alternative Geburtsdatum vom (…) angegeben und weitere relevante Angaben verschwiegen habe. Die Vorinstanz habe trotz fehlende m Altersgutachten die vermeintliche Unglaubhaftigkeit der Minderjährigkeit festgestellt, ohne die k roatischen Behörden über diesen Umstand zu informieren oder Gründe für diese Feststellung zu nennen. Die kroatischen Behörden seien gestützt auf das Formular fälschlich erweise davon ausgegangen, dass die Angaben vollständig seien. Entsprechend könne auch nicht auf ihre Antwort abgestellt werden. 5. 5.1 Das Asylverfahren wird vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachver- haltes z u sorgen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu be- schaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsge- mäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der Aktenlage als ange - zeigt erscheinen (vgl. dazu AUER/BINDER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], D-521/2024 Seite 9 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu Art. 12). Ihre Grenze findet die Untersuchungs- pflicht an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). 5.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, er sei am (…) geboren und minder- jährig, demzufolge sei sein Asylgesuch in der Schweiz zu prüfen. Vorab ist in Bezug auf das im Personalienblatt angegebene Geburtsdatum vom (…) festzuhalten, dass dem Beschwerdeführer diese offensichtlich un- zutreffende Altersangabe nicht entgegengehalten werden kann, zumal er das SEM umgehend nach Feststellen dieser falschen Altersangabe um Be- richtigung bat (vgl. Bst. A.c hievor). Zu Recht geht de nn auch das SEM nicht von der Richtigkeit jener Altersangabe aus. In Bezug auf die Aussa- gen zu seiner Biographie ist festzuhalten, dass es entgegen der Auffassung des SEM nicht ungewöhnlich erscheint, dass der Beschwerdeführer nicht in der Lage ist, die über (…) Jahre zurückliegenden Erinnerungen aus sei- ner (…) Kindheit auf den Monat genau zu datieren. Auch lassen sich nach Auffassung des Gerichts weder aus der fehlenden Kenntnis der Geburts- daten der Eltern noch aus den ungenau datierten Angaben zum Reiseweg oder den lückenhaften Angaben zu seiner früheren Kindheit Hinweise zu seinem Alter entnehmen. Im vorliegenden Kontext kann sodann auch dem in Kroatien festgehaltenen Geburtsdatum sowie der Zustimmung Kroatiens zur Rückübernahme kein besonderes Gewicht zur Bestimmung des Alters beigemessen werden, zumal unklar bleibt, wie das in Kroatien festgehal- tene Datum zustande kam. Ausserdem hielt sich der Beschwerdeführer nur kurze Zeit dort auf und es wurden offenbar weder eine Anhörung noch eine Altersuntersuchung durchgeführt. Entsprechend kann auch nichts daraus abgeleitet werden, dass die kroatischen Behörden von sich aus keine Zwei- fel an der Volljährigkeit angebracht haben, da die notwendigen Verfahrens- schritte zur amtlichen Überprüfung der Personalien n och gar nicht einge- leitet worden waren und ausserdem das SEM in seinem Übernahmeersu- chen die kroatischen Behörden auch nicht auf den Umstand, dass die Frage der Minder - beziehungsweise Volljährigkeit bestritten ist, aufmerk- sam gemacht hat (vgl. dazu nachstehend). Schliesslich erlauben auch die vom Beschwerdeführer eingereichten Dokumente zu seinen sportlichen Aktivitäten während seiner Jugendzeit im Heimatland sowie die einge- reichte Tazkira keine abschliessende Beurteilung der Minder- oder Volljäh- rigkeit, da diesen Dokumenten aufgrund ihrer leichten Fälschbarkeit unge- achtet des Umstandes, dass sie bloss in Kopie zu den Akten gereicht wur- den, nur ein geringer Beweiswert zukommt. D-521/2024 Seite 10 Zusammenfassend ist mangels eindeutiger Hinweise aufgrund der Akten- lage eine abschliessende, rechtsgenügliche Beurteilung der Frage, ob es sich beim Beschwerdeführer um einen Minderjährigen oder einen Volljäh- rigen handelt, nicht möglich. 5.3 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass die Abklärungen bezüglich der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit des Beschwerdeführers insge- samt zu spärlich ausgefallen sind und die Vorinstanz somit den Untersu- chungsgrundsatz verletzt hat. Auch wenn ein Altersgutachten nicht zwin- gend zu erstellen ist, erscheint es aufgrund der vorliegenden Sachlage als angebracht, ein entsprechendes Gutachten zum Alter des Beschwerdefüh- rers zu erstellen, da in verfahrensrechtlicher Hinsicht erhebliche Konse- quenzen bestünden, wenn der Beschwerdeführer zu Unrecht als volljährig qualifiziert würde. Vor diesem Hintergrund hat die Vorinstanz zu Unrecht auf weitere Abklärungen zum Alter des Beschwerdeführers verzichtet, zu- mal entsprechende Abklärungen nicht nur einfach mittels Altersgutachten, sondern auch zeitnah hätten veranlasst werden können. Nach dem Gesag- ten hat das SEM den Sachverhalt insgesamt nicht in rechtsgenüglicher Weise erstellt. 6. 6.1 Für ein Wiederaufnahmegesuch gestützt auf Art. 23 Dublin -III-VO ist gemäss dessen Abs. 4 ein Standardformblatt zu verwenden, das Beweis- mittel oder Indizien im Sinne der beiden Verzeichnisse nach Art. 22 Abs. 3 Dublin-III-VO und/oder sachdienliche Angaben aus der Erklärung der be- troffenen Person enthalten muss, anhand derer die Behörden des ersuch- ten Mitgliedstaats prüfen können, ob ihr Staat auf Grundlage der in der Dublin-III-VO festgelegten Kriterien zuständig ist. 6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat bereits im Urteil D-1787/2013 vom 8. August 2013 E. 5 (bezüglich Art. 17 Abs. 3 Dublin-II-VO) festgehalten, das mit dem Formblatt gestellte Übernahmeersuchen müsse alle Informa- tionen enthalten, anhand derer die Behörden des ersuchten Staats prüfen können, ob ihr Staat gemäss den in der Verordnung definierten Kriterien zuständig ist. Dies gilt auch in Bezug auf Art. 23 Abs. 4 Dublin-III-VO (vgl. Urteile D-6935/2016 vom 24. Januar 2017 E. 5.3.2 und F-1696/2019 vom 10. Mai 2019 E. 7.2.2). Eine Verletzung der Informationspflicht kann dazu führen, dass die Zustimmung des ersuchten Mitgliedstaats nicht rechts- wirksam ist (vgl. Urteil des BVGer D -2271/2023 vom 3. Mai 2023 E. 6.1 m.w.H.). D-521/2024 Seite 11 6.3 Im vorliegenden Fall ist das SEM mit dem in Art. 23 Abs. 4 Dublin-III- VO vorgesehenen Standardformblatt an die kroatischen Behörden gelangt, hat jedoch in Verletzung der soeben genannten Bestimmung nichts von der vom Beschwerdeführer angegebenen Minderjährigkeit oder den e inge- reichten Beweismitteln erwähnt. Vielmehr hat die Vorinstanz bloss das von ihr festgelegte Geburtsdatum (…) sowie – dem Formulartext zufolge als vom Beschwerdeführer selbst angegebenes Alter – den (…) aufgeführt – obwohl sie bereits im Zeitpunkt des Übernahmeersuchens Kenntnis davon hatte, dass der Beschwerdeführer das in der Personalienaufnahme fälsch- licherweise angegebene Geburtsdatum vom (…) berichtigt und als sein Geburtsdatum den (…) eingetragen haben wollte. Durch diese unvollstän- dige beziehungsweise falsche Information mussten die kroatischen Behör- den davon ausgehen, dass der Beschwerdeführer sich gegenüber den schweizerischen Behörden vorbehaltlos als volljährig erklärt hat. Dadurch hat die Vorinstanz ihre Informationspflicht gemäss Art. 22 Dublin -III-VO verletzt und es dem ersuchten Mitgliedstaat verunmöglicht, seine potenzi- elle Zuständigkeit gemäss der Dublin -III-VO zu prüfen. Hätten die kroati- schen Behörden in Kenntnis der bestrittenen Volljährigkeit über das Wie- deraufnahmeersuchen entscheiden k önnen, hätten sie dieses in Anwen- dung von Art. 8 Dublin -III-VO möglicherweise abgelehnt, und die Vo- rinstanz für die Prüfung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers zustän- dig erklärt oder ihre Zustimmung von einem Altersgutachten abhängig ma- chen können. Nach dem Gesagten kommt das Gericht zum Schluss, dass die Zustimmung der kroatischen Behörden zur Rückübernahme des Be- schwerdeführers vom 6. November 2023 keine Rechtswirkung entfaltet (vgl. Urteil des BVGer D-2271/2023 vom 3. Mai 2023 E. 6.3.3). 7. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM den Sachverhalt nicht in rechtsgenüglicher Weise erstellt hat und die kroatischen Behörden auf wesentliche sachdienliche Angaben und Beweismittel nicht hingewiesen hat. Damit hat es sowohl die Untersuchungspfl icht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 49 Bst. b VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) sowie die Informationspflicht und die Pflicht zur loyalen Zusammenarbeit zwi- schen den Staaten gemäss Dublin-III-VO verletzt. 8. 8.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. D-521/2024 Seite 12 8.2 Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere dann angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Be- schwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5 mit weiteren Hinweisen). 8.3 Vorliegend wurde der Sachverhalt nicht recht sgenüglich festgestellt und die kroatischen Behörden wurden auf wesentliche Umstände, die für die Beurteilung ihrer Zuständigkeit von Bedeutung sein könnten, nicht hin- gewiesen, weshalb eine Heilung nicht in Betracht kommt. 9. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur vollständigen und richtigen Erhebung des rechtserheblichen Sachverhalts – namentlich die notwendigen Abklärun- gen zur rechtsgenüglichen Bestimmung des Alters des Beschwerdeführers – und zur neuen Entscheidfindung an das SEM zurückzuweisen. Bei diesem Verfahrensausgang erübrigt es sich, auf die weiteren Be- schwerdevorbringen einzugehen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschwerdeführer – ungeachtet der mit Zwischenverfügung vom 2. Februar 2024 gutgeheisse- nen unentgeltlichen Prozessführung – keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 10.2 Dem Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertre- tung im Sinne von Art. 102 h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102 k AsylG entschädigt werden (vgl . auch Art. 111ater AsylG). (Dispositiv nächste Seite) D-521/2024 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben und die Sache zur rechts- genüglichen Bestimmung des Alters des Beschwerdeführers im Sinne der Erwägungen sowie zur Neubeurteilung an das SEM zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Jeannine Scherrer-Bänziger Gregory Aloisi Versand: