B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5494/2022 U r t e i l v o m 1 4 . D e z e m b e r 2 0 2 2 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Thomas Segessenmann, Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Denis Arestov, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 17. November 2022 / N (…). D-5494/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 9. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Auf dem Personalienblatt – mit dem Vermerk «Nicht selbstständig ausgefüllt» versehen – wurde als Geburtstag und -monat «(…)» eingetra- gen; die nur schwer leserliche Jahreszahl gemäss afghanischem Kalender «(…)» wurde in Klammer n mit der Jahreszahl (…) gemäss gregoriani- schem Kalender ergänzt. B. Ein Vergleich der Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass der Beschwerdeführer am 26. Mai 2022 in Italien aufgegriffen und daktylo- skopisch erfasst worden war. C. Am 14. Juni 2022 mandatierte der Beschwerdeführer die ihm zugewiesene Rechtsvertretung. D. Anlässlich der Erstbefragung als unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchen- der (EB UMA) vom 30. Juni 2022 gab der Beschwerdeführer im Wesentli- chen zu Protokoll, er sei afghanischer Staatsangehöriger (…) Ethnie und stamme aus dem Dorf B._______ in der Provinz C._______. Er habe das Personalienblatt selbst ausfüllen wollen, aber die Securitas habe gemeint, dass er dies nicht gut könne und einen anderen Jungen gerufen, welcher das Formular dann ausgefüllt habe. Sein Alter könne er nicht nennen, aber er wisse, dass er am (…) ([…]) geboren sei. Er kenne das Datum von sei- nem Impfausweis her. Sein Vater habe ihm dieses Dokument gezeigt, als er am (…) ([…] Mai 2022) vom D._______ aus habe weiterreisen wollen. Sein Vater habe ihm gesagt, dass er für die Weiterreise eigentlich zu jung sei, ihn dann aber doch gehen lassen. Der Vater habe damals ausgerech- net, wie alt er sei, und ihm gesagt, dass er ungefähr (…) Jahre und ein paar Monate alt sei. Vielleicht sei diese Angabe aber auch falsch gewesen. Als er 5-jährig gewesen sei, sei ihm im Hinblick auf die Schulanmeldung eine Tazkira ausgestellt worden. Ihm sei damals ein Abdruck vom Daumen ge- nommen worden. Weil seine Mutter kurz darauf schwer an (…) erkrankt sei und einen (…) erlitten habe, und die Ärzte gesagt hätten, dass sie nicht allein sein dürfe, sei er dann aber nicht zur Schule gegangen, sondern zu- hause geblieben. Die Mutter sei drei bis vier Jahre lang krank gewesen und er habe sie gepflegt. Sein Vater habe ihm in dieser Zeit Lesen und Schrei- ben beigebracht, er könne es aber nicht gut. Als die Mutter schliesslich ein D-5494/2022 Seite 3 (…) bekommen habe, sei es ihr etwas bessergegangen, und er hätte end- lich zur Schule gehen können. Er sei damals etwa 8 bis 10 Jahre alt gewe- sen. Die Schule sei der Bitte seines Vaters, ihn nicht in die erste, sondern direkt in die vierte oder fünfte Klasse aufzunehmen, aber nicht nachgekom- men, sondern habe auf einer Zuteilung in die erste Klasse bestanden. Dies habe er nicht gewollt und er sei deshalb weiterhin nicht zur Schule gegan- gen. Sein Vater habe für die (…) gearbeitet und sei deswegen von den Taliban bedroht worden. Ein (Verwandter) sei bei der (…) gewesen und ein anderer (Verwandter) habe für die (…) gearbeitet. Als die Taliban das Land am 24.5.1400 (15. August 2021) eingenommen hätten, sei er mit seiner Familie noch in derselben Nacht illegal in den D._______ ausgereist. Dort habe er sechs bi s sieben Monate lang auf dem (…) gearbeitet. Am (…) ([…] Mai 2022) habe er den D._______ verlassen und sei über die E._______ und Italien in die Schweiz gelangt. In Italien seien ihm die Fin- gerabdrücke genommen worden Er habe den italienischen Behörden ge- genüber gesagt, dass er am (…) geboren sei. Er habe fünf Tage in einem Camp verbracht und, nachdem er gesagt habe, dass er weiterreisen wolle, einen Zettel erhalten, wonach er das Land innerhalb von sieben bis acht Tagen verlassen müsse, ansonsten er inhaftiert würde. Nach mehreren er- folglosen Versuchen sei ihm schliesslich am 9. Juni 2022 die Einreise in die Schweiz gelungen. Seine Eltern und seine (…) jüngeren Geschwister seien nach wie vor im D._______. Der Beschwerdeführer reichte Kopien der Tazkira und des Impfausweises zu den Akten. Am Ende der Befragung wurde ihm mitgeteilt, dass Zweifel an der von ihm geltend gemachten Minderjährigkeit bestehen würden, und er zu einer me- dizinischen Altersabklärung geschickt werde. E. Am (…) Juli 2022 wurde im F._______ eine rechtsmedizinische Untersu- chung des Beschwerdeführers durchgeführt und am (…) Juli 2022 ein ent- sprechendes Gutachten erstellt. Demzufolge konnten die Schlüsselbeine wegen einer anatomischen Gegebenheit nicht für die Altersdiagnostik her- angezogen werden. Basierend auf der Untersuchung der Hand wurde ein Mindestalter des Beschwerdeführers i m Zeitpunkt der Untersuchung von (…) Jahren angegeben. In einer Gesamtschau wurde gestützt auf die Un- tersuchungen von Hand und Weisheitszähnen ein Mindestalter von (…) Jahren und ein durchschnittliches Lebensalter von (…) bis (…) Jahren festgestellt. D-5494/2022 Seite 4 F. F.a Mit Schreiben vom 3. August 2022 stellte das SEM dem Beschwerde- führer das Altersgutachten in anonymisierter Form zu und es teilte ihm mit, dass es die geltend gemachte Minderjährigkeit als nicht glaubhaft erachte und davon ausgehe, dass er bereits volljährig s ei. Es gewährte ihm das rechtliche Gehör zum medizinischen Abklärungsergebnis und zur beab- sichtigten Volljährigkeitserklärung sowie zur allfälligen Zuständigkeit Itali- ens für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens und zur möglichen Wegweisung dorthin. F.b Der Beschwerdeführer nahm mit Eingabe vom 8. August 2022 Stel- lung. F.c Am 9. August 2022 änderte das SEM das Geburtsdatum des Be- schwerdeführers mittels Mutationsformular für Personendaten im Zentra- len Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (…). Es versah den Eintrag mit einem Bestreitungsvermerk . Gleichentags übermittelte es der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers das besagte Mutationsformular per E-Mail. F.d Mit Schreiben vom 18. August 2022 stellte das SEM dem Besch wer- deführer in Aussicht, die Altersanpassung im ZEMIS – je nach Verlauf des Verfahrens – im Rahmen eines Dublin -Entscheids oder eines Entscheids im beschleunigten nationalen Verfahren oder anlässlich der Zuteilung ins erweiterte Verfahren oder im Rahmen ei nes separaten ZEMIS -Berichti- gungsverfahrens zu verfügen. G. Mit Eingabe vom 18. August 2022 erhob der Beschwerdeführer beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde betreffend Datenänderung im ZEMIS. Er beantragte, dass die «Verfügung des SEM vom 9. August 2022» aufzu- heben und der (…), eventualiter (…) als Geburtsdatum zu erfassen sei. Eventualiter ersuchte er um Rückweisung der Sache an das SEM zwecks rechtsgenüglicher Begründung sowie richtiger und vollständiger Sachver- haltsfeststellung, subeventualiter um Feststellung, dass betreffend Daten- änderung im ZEMIS eine Rech tsverzögerung vorliege, sowie um Anwei- sung des SEM, eine beschwerdefähige Verfügung betreffend der Datenän- derung zu erlassen, subsubeventualiter um Aufhebung der «Zwischenver- fügung des SEM vom 18. August 2022» und um Anweisung des SEM, den (…) beziehungsweise (…) als Geburtsdatum im ZEMIS zu erfassen. D-5494/2022 Seite 5 Dieses Beschwerdeverfahren (D-3565/2022) ist hängig. H. Am 11. August 2022 ersuchte das SEM die italienischen Behörden – unter Beilage des rechtsmedizinischen Gutachtens vom (…) Juli 2022 und der vom Beschwerdeführer eingereichten Kopie der Tazkira – um Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26 . Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o- der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO). Die italienischen Behörden nahmen innerhalb der vorgesehenen Frist keine Stellung zum Übernahmeersuchen. I. Mit Eingabe vom 9. September 2022 reichte der Beschwerdeführer die Ori- ginale der Tazkira und des Impfausweises bei der Vorinstanz ein. J. Mit Verfügung vom 17. November 2022, eröffnet am 21. November 2022, trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht ein. Es ordnete die Wegweisung aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Staat (Italien) an, forderte den Beschwerdefüh- rer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, und beauftragte den Kanton G._______ mit dem Vollzug der Wegweisung. Des Weiteren händigte es dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Akt enverzeichnis aus , hielt fest, dass das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS auf den (…) laute, und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme. Für die Begründung wird auf die Ausführunge n der Vorinstanz in der Ver- fügung verwiesen. K. Mit Eingabe vom 28. November 2022 erhob der Beschwerdeführer durch den rubrizierten Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde. Er ersuchte um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung vom 17. November 2022 und um Anweisung an das SEM, auf das Asylgesuch D-5494/2022 Seite 6 einzutreten, eventualiter um Rückweisung der Sache zwecks Neubeurtei- lung. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses. Zudem beantragte er die Aussetzung des Vollzugs der Wegweisung und die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Be- schwerde. Betreffend die ZEMIS-Eintragung ersuchte er um Anweisung an das SEM, das Geburtsdatum auf den (…) eventualiter (…) anzupassen. Auf die Begründung der Rechtsbegehren wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. L. Die vorinstanzlichen Akten lagen d em Bundesverwaltungsgericht am 30. November 2022 in elektronischer Form vor. Gleichentags setzte die In- struktionsrichterin den Vollzug der Überstellung im Sinne einer vorsorgli- chen Massnahme einstweilen aus. M. Betreffend das Beschwerdebegehren um Datenänderung im ZEMIS (Be- schwerdeantrag um Anpassung des Geburtsdatums des Beschwerdefüh- rers im ZEMIS auf den […] eventualiter […]) wurde ein separ ates Be- schwerdeverfahren (D-5567/2022) eröffnet. N. Im vorliegenden Verfahren erteilte die Instruktionsrichterin der Beschwerde mit Zwischenverfügung vom 5. Dezember 2022 die aufschiebende Wir- kung und stellte fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfah- rens in der Schweiz abwarten dürfe. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen D-5494/2022 Seite 7 Verfügungen (Art. 5 AsylG) des SEM (Art. 105 As ylG i.V.m. Art. 31-33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Än de- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht einge- reichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1, 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 2.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfüh- rung eines Schriftenwechsels verzichtet. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines so- genannten Aufnahmeverfahrens nach Art. 21 und 22 Dublin -III-VO (engl.: D-5494/2022 Seite 8 take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kri- terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu- ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist dabei von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen, in dem der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). 3.3 Im Fall einer unbegleiteten m inderjährigen Person ohne familiäre An- knüpfungspunkte zu einem anderen Mitgliedstaat ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO stets derjenige Mitglied staat zuständig, in welchem die be- treffende Person ihr en (aktuellen) Antrag auf inter nationalen Schutz ge- stellt hat. Als minderjährig gilt ein D rittstaatsangehöriger unter 18 Jahren (Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO; Art. 1a Bst. d der Asylverordnung 1 vom 11. Au- gust 1999 [AsylV 1, SR 142.311]). 4. 4.1 Der Beschwerdeführer vertritt die Auffassung, die Schweiz sei gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO für die P rüfung seines Asylgesuchs zuständig, weil er minderjährig sei. 4.2 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Per- son zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we- nigstens glaubhaft zu machen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, welche für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen. Dabei ist insbe- sondere an für echt befundene Identitätspapiere oder an eigene Angaben zu denken (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schwei- zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3; Urteil des BVGer E-891/2017 vom 8. August 2018 E. 4.2.3 m.w.H.). Es gilt der Grund- satz der freien Beweiswürdigung (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1). Das Resultat eines Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der Beurteilung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Minderjährigkeit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.). 4.3 Das SEM erachtete die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Min- derjährigkeit in der angefochtenen Verfügung als nicht glaubhaft. Es führte dazu im Wesentlichen an, der Beschwerdeführer habe sein Alter nicht mit rechtsgenüglichen Identitätsdokumenten belegt. Dem rechtsmedizinischen Gutachten vom (…) Juli 2022 würde sich angesichts fehlender Schlüssel- bein- respektive Skelettanalyse keine relevante Aussage darüber entneh- men lassen, ob beim Beschwerdeführer eine Voll - oder Minderjährigkeit D-5494/2022 Seite 9 wahrscheinlicher sei. Der Tazkira und dem Impfausweis komme nur ge- ringe Beweiskraft zu. Eine Tazkira sei leicht käuflich erwerbbar und die Be- hörden würden solche Dokumente auch einfach aufgrund geltend gemach- ter Angaben ausstellen, ohne solche näher zu überprüfen. Insbesondere das Geburtsdatum oder das Alter werde in der Regel nur durch Personen bezeugt und nicht durch Geburtsdokumente belegt. Die eingereichte Tazkira enthalte keine Sicherheitsmerkmale und es sei aufgrund des Kin- derfotos auch nicht feststellbar, ob es sich dabei um den Beschwerdeführer handle. Eine Impfkarte werde nicht zum Nachweis der Identität einer Per- son ausgestellt. Das vorliegende Dokument verfüge auch über keine Si- cherheitsmerkmale oder eine Fotografie des Inhabers. Mit seinen Aussa- gen vermöge der Beschwerdeführer die Minderjährigkeit nicht glaubhaft darzulegen. Die Angaben zu seinem Alter seien widersprüchlich und es vermöge nicht zu überzeugen, dass sich der Vater verrechnet beziehungs- weise um ein Jahr geirrt haben könnte, als er das Alter des Beschwerde- führers bei dessen Ausreise aus dem D._______ berechnet habe. Es sei anzunehmen, dass d er Impfausweis , der ein genaues Geburtsdatum nenne, dem Vater bekannt gewesen sein dürfte . Im Übrigen mute es be- fremdlich an, dass die afghanischen B ehörden auf der Tazkira nicht das exakte Geburtsdatum, sondern nur das ungefähre Alter des Beschwerde- führers eingetragen hätten ([…]-jährig im Jahr […]), obwohl der Impfaus- weis das Geburtsdatum nenne. Die Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Alter, als er schliesslich hätte eingeschult werden sollen (8 bis 10- jährig), und zum Alter seiner Geschwister (jünger als er) seien vage. Ge- rade für junge L eute sei aber das eigene Alter in der Regel sehr wichtig. Schliesslich sehe der Beschwerdeführer reif aus und lege ein reifes Ver- halten an den Tag. Er sei deshalb als volljährig zu betrachten. 4.4 Der Beschwerdeführer entgegnete in Bezug auf sein Alter in der Rechtsmitteleingabe im Wesentlichen, es sei im afghanischen Kontext für im ländlichen Gebiet aufgewachsene Jugendliche wie ihn, der in einem Dorf gelebt habe und nie zur Schule gegangen sei , durchaus üblich, das Alter nicht mit S icherheit angeben zu können und dieses im V erlauf des Lebens von Drittpersonen zu erfahren. Sein Impfausweis belege das Ge- burtsjahr (…) und auch seine Tazkira sei aufgrund des Eintrags, wonach er im Jahr (…) (…)-jährig gewesen sei, ein Indiz dafür, dass er im Jahr (…) geboren sei. Diese beiden Dokumente würden mit seinen Angaben über- einstimmen und seien als starke Indizien für das genannte Geburtsdatum vom (…) zu werten. Es entspreche nicht der gängigen Praxis der afghani- schen Behörden, auf der Tazkira ein exaktes Geburtsdatum einzutragen . Das Altersgutachten sei nicht schlüssig. Das erhobene Mindestalter von D-5494/2022 Seite 10 (…) Jahren stehe jedenfalls nicht in Widerspruch zu seinen Altersangaben. Das Gutachten sei daher kein Indiz dafür, dass er bereits volljährig sei, sondern spreche vielmehr ebenfalls für das von ihm angegebene Geburts- jahr (…). Schliesslich sei er auch in Italien als minderjährig erfasst worden. Die Beurteilung seines A ussehens sei subjektiver N atur. Sollten trotz der genannten Indizien Zweifel an seiner Minderjährigkeit bestehen, beantrage er die Durchführung weiterer Abklärungen (beispielsweise Informationser- suchen an Italien bezüglich des dort erfassten Geburtsdatums oder Einho- lung einer sozialpädagogischen Einschätzung). 4.5 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass der vorinstanzlichen Einschätzung, wonach die vom Be- schwerdeführer geltend gemachte Minderjährigkeit nicht glaubhaft und er als volljährig zu erachten sei, nicht gefolgt werden kann. 4.5.1 Der Beschwerdeführer hat als Beweismittel die Tazkira und den Impf- ausweis (jeweils im Original) eingereicht. Diesbezüglich ist festzustellen, dass ein Impfausweis kein rechtsgenügliches Identitätspapier darstellt und eine afghanische Tazkira nicht als fälschungssicher gilt, weshalb ihnen ge- mäss geltender Rechtsprechung auch bei Vorlage im Original nur ein ver- minderter Beweiswert zukommt. Die vorliegenden Dokumente vermögen folglich das effektive Geburtsdatum respektive das Alter des Beschwerde- führers nicht zweifelsfrei zu beweisen. Nachdem aber beide Dokumente inhaltlich mit der Angabe des Beschwerdeführers, im Jahr (…) geboren zu sein, in Einklang stehen (vgl. im Impfausweis eingetragenes Geburtsdatum vom (…) [(…)]; in der Tazkira vermerkte Altersangabe: (…)-jährig im Lauf des Jahres (…) [gemäss gregorianischem Kalender die Zeitspanne vom (…) bis (…) umfassend]), sprechen sie nicht gegen die Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers und sind durchaus zumindest als Indizien für die geltend gemachte Minderjährigkeit im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in der Schweiz zu erachten. 4.5.2 Liegen keine schlüssigen Identitätsdokumente vor, fallen mit Blick auf die A ltersfeststellung als Beweismittel sodann wissenschaftliche Abklä- rungsergebnisse in Betracht (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.1). Bei medizi- nischen Altersabklärungen sind gemäss dem Grundsatzurteil des Bundes- verwaltungsgerichts BVGE 2018 VI/3 von den in der Schweiz angewand- ten Methoden nur die Schlüsselbein - respektive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung – nicht jedoch die Handknochenaltersana- lyse und die ärztliche körperliche Untersuchung – zum Beweis der Minder- D-5494/2022 Seite 11 beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet, und anhand der me- dizinischen Altersabklärung lässt sich keine verlässliche Aussage zur Min- der- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Min- destalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein- res- pektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebenda E. 4.2.1 f.). Vorliegend ergibt sich aus dem am (…) Juli 2022 erstellten rechtsmedizini- schen Gutachten, dass beim Beschwerdeführer aufgrund einer anatomi- schen Gegebenheit keine Schlüsselbein - respektive Skelettaltersanalyse durchgeführt werden konnte. Das in der Gesamtschau festgehaltene Min- destalter des Beschwerdeführers von (…) Jahren gründet auf der H and- knochenaltersanalyse, die ein Mindestalter von (…) Jahren ergab, und der zahnärztlichen Untersuchung. Das SEM hat in seiner Verfügung vom 17. November 2022 denn auch selbst festgestellt, dass das Gutachten vom (…) Juli 2022 keine relevanten Aussagen zur Minder - beziehungsweise Volljährigkeit des Beschwerdeführers enthält. Es erübrigt sich damit vorlie- gend, auf die in der Rechtsmitteleingabe im Zusammenhang mit dem be- sagten Gutachten gemachten Ausführungen näher einzugehen. Gestützt auf das Gutachten lässt sich nicht auf die Volljährigkeit des Beschwerde- führers schliessen. Das Altersgutachten vermag mithin kein Indiz für die Volljährigkeit darzustellen. 4.5.3 Anderweitige Anhaltspunkte, die aufgrund ihrer Beweiskraft geeignet wären, gegen die geltend gemachte Minderjährigkeit des Beschwerdefüh- rers im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung zu sprechen, sind den Akten nicht zu entnehmen. Zwar ist der Vorinstanz zuzustimmen, dass sich der Be- schwerdeführer in Bezug auf die Angaben zu seinem Alter bei der EB UMA vom 30. Juni 2022 eine Ungereimtheit vorwerfen lassen muss, nachdem das von ihm genannte Geburtsdatum vom (…) ([…]) nicht in Einklang mit dem Alter steht, in dem er laut seinem Vater im Zeitpunkt der Ausreise aus dem D._______ Mitte Mai 2022 gewesen sei (ungefähr […] Jahre und ei- nige Monate), sondern um etwa ein Jahr divergiert. Demgegenüber weisen die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Lebenslauf aber keine wesentlichen Widersprüche auf und erscheinen grundsätzlich plausibel. Er vermag den Zweck der Tazkira -Ausstellung (geplante Schulanmeldung ) und den Grund für den nicht erfolgten Schulbesuch grundsätzlich nachvoll- ziehbar darzulegen und den Anlass für die Ausreise aus Afghanistan (Machtübernahme der Taliban) zeitlich korrekt einzuordnen. Auch wenn die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter bei der EB UMA somit zwar nicht völlig schlüssig sind, kann aus diesen aus Sicht des Gerichts nicht auf die Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Minderjährigkeit ge-D-5494/2022 Seite 12 schlossen werden. Zu seinem Geburtsdatum liegen seitens des Beschwer- deführers keine unterschiedlichen Angaben vor . Im Übrigen steht vorlie- gend nicht die Frage des effektiven Geburtsdatums des Beschwerdefüh- rers im Zentrum, sondern die Frage, ob dessen Minderjährigkeit als glaub- haft zu erachten ist. Unter Berücksichtigung, dass im vorliegenden Länder- kontext fehlendes (exaktes) Wissen betreffend das eigene Alter grundsätz- lich nicht unüblich ist, erscheinen die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter insgesamt doch relativ stimmig ([…]- bis ]…]-jährig im Zeit- punkt der Asylgesuchstellung). Inwiefern der Umstand, dass der Be- schwerdeführer das Alter der jüngeren Geschwister nicht exakt genannt habe, ein Indiz sein soll, das gegen seine Minder jährigkeit respektive für seine Volljährigkeit sprechen würde, erschliesst sich dem Gericht nicht. 4.5.4 In einer Gesamtschau gelangt das Bundesverwaltungsgericht dem- nach zum Schluss, dass der Beschwerdeführer die Minderjährigkeit im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in einem für die Glaubhaftmachung ge- nügenden Mass darzulegen vermag. Die Vorinstanz ist damit zu Unrecht von der Volljährigkeit im betreffenden Zeitpunkt ausgegangen. Der Be- schwerdeführer kann sich folglich auf die spezifischen Schutzbes timmun- gen der Dublin-III-VO für unbegleitete Minderjährige (Art. 8 Abs. 4 Dublin- III-VO) berufen. 4.6 Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass die Schweiz aufgrund der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dub- lin-III-VO zur Durchführung eines nationalen Asylverfahrens zuständig ist. 5. Aufgrund des Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Der Nichteintre- tensentscheid vom 17. November 2022 ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutreten. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 7. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist für das Beschwerdeverfahren keine Parteientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewie- sene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG han- delt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG ent- schädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG). D-5494/2022 Seite 13 (Dispositiv nächste Seite) D-5494/2022 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Der Nichteintretensentscheid vom 17. November 2022 wird aufgehoben und das SEM angewiesen, auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutreten. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Susanne Burgherr Versand: