B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6934/2011 U r t e i l v o m 6 . S e p t e m b e r 2 0 1 3 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Daniel Willisegger, Richter François Badoud, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien 1. A._______, 2. B._______, Türkei, beide vertreten durch lic. iur. Sonja Ryf, Advokatin, Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. November 2011 / N (…). E-6934/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin 1 – eine Kurdin alevitischen Glaubens mit letz- tem Wohnsitz in C._______, Provinz Kahramanmaras − reiste gemäss ih- rer Darstellung am 17. November 2009 zusammen mit ihrem Ehemann und dessen Tochter (vgl. Beschwerdeverfahren E-6956/2011) illegal in die Schweiz ein und stellte am 19. November 2009 im Empfangs - und Ver- fahrenszentrum (EVZ) Basel ein Asylgesuch. B. Mit Eingabe vom 18. November 2009 zeigte die Rechtsvertreterin der Be- schwerdeführerin 1 die Übernahme des Vertretungsmandats an und reichte eine entsprechende Vollmacht zu den Akten. C. Am 24. November 2008 fand eine Befragung zur Person und am 1. Februar 2010 eine Anhörung zu den Asylgrün den gemäss Art. 29 Abs. 1 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) statt. D. Mit Schreiben vom 3. Februar 2010 rügte die Rechtsvertreterin der Be- schwerdeführerin 1 , die Sprachkenntnisse der bei der Anhörung vom 1. Februar 2010 mitwirkenden Dolmetscherin seien mangelhaft gewesen, was zu Missverständnissen geführt habe und einen falschen Eindruck von der Fähigkeit der Beschwerdeführerin vermittle, sich auszudrücken. E. Am (…) wurde die Tochter der Beschwerdeführerin 1 (Beschwerdeführe- rin 2) geboren. F. Am 10. Mai 2011 fand eine weitere Anhörung de r Beschwerdeführerin 1 durch das BFM statt. G. Die Beschwerdeführerin 1 brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs im Wesentlichen vor, mehrere ihrer Geschwister seien in früheren Jahren ins Ausland geflohen, weil sie unter dem Vorwurf der Unterstützung der "Partiya Karkerên Kurdistan" ( PKK; Kurdische Arbeiterpartei) und der "Halkın Demokrasi Partisi" (HADEP; Partei der Demokratie des Volkes ) sowie wegen Verweigerung des Militärdiensts verfolgt worden seien. Ihre E-6934/2011 Seite 3 Geschwister würden als anerkannte Flüchtlinge in der Schweiz, in Fran k- reich und in Deutschland leben . Die Ehefrau eines ihrer Brüder sei im Jahre (…) auf dem Polizeiposten von C._______ umgebracht worden. Ein Onkel mütterlicherseits, D._______, der sich für die Sache der Ku r- den eingesetzt habe, sei im Jahre 2007 oder 2008 festgenommen worden und seither verschwunden . Sie selber sei wegen ihres familiären Hinter- grundes, namentlich weil ihre Geschwister immer noch gesucht würden und der Name ihrer Familie einschlägig bekannt sei , immer wieder von den Sicherheitskräften schikaniert worden. Seit dem Alter von 16 oder 17 Jahren sei sie 50 bis 100 Mal festgenommen worden. Vom Jahr 2007 an sei sie als Journalistin tätig gewesen, zunächst für die Zeitungen "(…)" und " (…)". Wegen eines von ihr für Letztere verfassten Artikels sei im Jahre 2008 gegen sie ein Verfahren in E._______ eröffnet worden, wobei sie mangels Beweisen freigesprochen worden sei. Seit Ju- li 2008 hätten sie und ihr Ehemann eine eigene Wochenzeitung, "(…)" (im Folgenden: […]), herausgegeben, in welcher sie objektiv über die Pro b- leme der kurdischen Bevölkerung berichtet hätten . Aufgrund dieser Tätig- keit sei sie wiederholt, namentlich im (…) und (…) 2009, gerichtlich vor- geladen und verhört worden, wobei ihr Auflagen gemacht und mehrmals Bussen auferlegt worden seien. In Kahramanmaras seien zwei Verfahren wegen Unterstützung der PKK gegen sie eingeleitet worden. Ihr Anwalt habe aber mittels Zahlung von Bestechungssummen die Einstellung die- ser Verfahren erwirken können. Im (…) 2009 sei sie unter dem Vorwurf oppositioneller Aktivitäten während 12 Stunden festgehalten worden. Am (…) 2009 sei sie in C._______ festgenommen, auf dem Gendarmerie - Posten verhört und daraufhin in einem Kellerraum vergewaltigt und gefol- tert worden. Durch diese Misshandlungen habe sie schwere Verletzungen erlitten ([…]) und sich deswegen in Spitalbehandlung begeben müssen . Etwa vier Tage nach der Vergewaltigung habe sie einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen und sei in der Folge bei einer Psychiaterin in Behandlung gewesen. Am (…) 2009 sei das Redaktionsbüro ihrer Zeitung in C._______ von Soldaten zerstört worden. Sie habe deswegen bei den Behörden eine Anzeige erstatten wollen; diese sei ab er nicht entgegengenommen wo r- den. Wegen eines in ihrer Zeitung erschienen Artikels über diesen Vorfall sei sie am (…) 2009 zusammen mit einem Mitarbeiter festgenommen und während (…) Stunden verhört worden. Letztmals seien sie und ihr Eh e- mann am (…) 2009 von der Staatsanwaltschaft in F._______ festgehal- ten, getrennt verhört und bedroht worden, als sie um Bewilligung der Pub-E-6934/2011 Seite 4 likation der letzten Ausgabe ihrer Zeitung ersucht hätten. Daraufhin hätten sie sich in E._______ bei Verwandten versteckt, wobei sie weiterhin tele- fonische Drohungen erhalten habe. Von ihrer Mutter und von Freunden habe sie erfahren, dass nach ihr gesucht werde. Am (…) November 2009 seien sie und ihr Ehemann mit ihren Kindern le- gal mit ihrem Reisepass sowie einem vom Schlepper besorgten Visum per Flugzeug nach Italien gereist, von wo aus sie per Auto in die Schweiz gebracht worden seien. Der Schlepper habe ihnen in Italien ihre Reis e- pässe abgenommen. Zum Beleg ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin zahlreiche Beweismittel zu den Akten (Identitätskarten, Familienbüchlein, Press e- ausweis, Ausgaben der " (…)" vom 4. August 2008 und 3. August 2009, sieben von ihr verfasste Artikel aus der " (…)", Ausgaben der Zeitung "(…)" vom 27. und 28. März 2008 in Kopie mit von ihr verfassten Artike ln, Steuerbescheid betreffend die Zeitung " (…)", Bescheinigung der Schu l- denfreiheit des Ehemannes, Identitätsdokumente der Brüder G._______ und H._______ der Beschwerdeführerin 1 in Kopie , einen Fahndungs - und Haftbefehl vom (…) 2001 betreffend den Bruder I._______ der Be- schwerdeführerin 1, Dokumente betreffend die Ermordung der Schwäg e- rin J._______ [Ehefrau von I._______] im Jahre (…), mehrere Pressee r- klärungen des Kurdistan Informations -Zentrums aus dem Jahr 1996, e i- nen Zeitungsartikel aus dem Jahr 2001 b etreffend die Repression gegen die HADEP , Schreiben des Rechtsanwalts K._______, F._______, vom 10. Mai 2004 betreffend den Bruder I._______). H. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 27. Mai 2011 reichte die Be- schwerdeführerin 1 einen Bericht der Allgemei npsychiatrie Region L._______ vom 26. Mai 2011 zu den Akten. Am 1. Juli 2011 reichte die Beschwerdeführerin 1 einen Brief ihrer Mutter vom 23. Mai 2011 (Poststempel) sowie ein Schreiben des Rechtsanwalts M._______, F._______, vom 20. Juni 2011, beide inklu sive Übersetzung und Zustellcouverts, nach. I. Mit zwei separaten Verfügungen vom 23. November 2011 – eröffnet je am 24. November 2011 – stellte das BFM fest, dass die Beschwerdeführe n- den und ihre Angehörigen die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen wü r-E-6934/2011 Seite 5 den, wies ihr e Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Auf die Begründung wird – soweit en t- scheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. J. Mit separaten Eingaben ihrer Rechtsvertreterin vom 23. Dezember 2011 an das Bundesverwaltungsgericht reichten die Beschwerdeführenden und ihre Angehörigen Beschwerden gegen die Verfügungen des BFM ein und beantragten, diese sei en aufzuheben und es sei ihnen das Asyl zu gewähren, eventualiter der Vollzug der Wegweisung aufzuschieben. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der un - entgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung. Auf die Begründung wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. Zum Beleg ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. Januar 2008 betreffend eine Schwester der Beschwerdeführerin 1 und deren Familie, einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe zur Situation der Kurden in der Tü r- kei vom 20. Dezember 2010, zwei Bestätigungen der Teilnahme de r Be- schwerdeführerin 1 an Deutschkursen vom 11. Juni 2010 und 10. D e- zember 2010 sowie eine Abrechnung betreffend Unterstützungsleistu n- gen der Sozialregion (…) vom 1. Dezember 2011 zu den Akten. K. Mit Zwischenverfügung vom 10. Januar 2012 hiess der damals zuständi- ge Instruktionsrichter das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ge- mäss Art. 6 5 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. D e- zember 1968 (VwVG, SR 172.021) gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um unentgeltliche Verbeistä n- dung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wurde abgewiesen. Ferner wurden die Beschwerdeführerinnen aufgefordert, innert Frist einen ärztlichen Bericht sowie eine Erklärung der Entbindung der behandelnden Ärzte von d er Schweigepflicht einzureichen. Am 9. Februar 2012 reichten die Beschwerdeführe rinnen fristgerecht ei- nen Bericht der All gemeinpsychiatrie Region L._______ vom 26. Januar 2012 betreffend die Beschwerdeführerin 1 sowie eine Erklärung der En t- bindung der behandelnden Ärzte von der Schweigepflicht vom 13. Januar 2012 zu den Akten. E-6934/2011 Seite 6 L. In ihrer Vernehmlassung vom 21. Februar 2012 hielt die Vorinstanz an ih- rer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. M. Mit Replik vom 13. März 2012 machten die Beschwerdeführe rinnen von dem ihnen mit Instruktionsverfügung vom 27. Februar 2012 eingeräumten Recht zur Stellungnahme Gebrau ch und bekräftigten ihre Beschwerd e- vorbringen. N. Mit Instruktionsverfügung vom 20. März 2013 forderte der Instruktion s- richter die Beschwerdeführerin 1 auf, innert Frist ärztliche Berichte betref- fend die in der Türkei erfolgte medizinische und psychiatrische Behand- lung einzureichen. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 22. April 2013 legte die B e- schwerdeführerin 1 dar, dass es ihr trotz entsprechenden Bemühungen nicht möglich sei, den geforderten ärztlichen Bericht beizubringen , weil das Universitätsspital E._______ sich geweigert habe, einen solchen zu erstellen. Zudem reichte sie eine Abrechnung betreffend Unterstützungs- leistungen der Sozialregion (…) vom April 2013 zu den Akten. O. Mit Instruktionsverfügung vom 25. April 2013 forderte der Instruktionsrich- ter die Beschwerdeführerin 1 auf, innert Frist einen aktuellen Bericht betreffend ihre gesundheitlichen Probleme einzureichen. Am 7. Juni 2013 reichte die Beschwerdeführerin 1 innert erstreckter Frist einen Bericht von Dr. med. N._______ und lic. phil. O._______ der Psy- chiatrischen Dienste L._______ vom 5. Juni 2013 sowie den Ausdruck ei- ner E-Mail von O._______ vom 6. Juni 2013 mit ergänzenden Bemerkun- gen zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden E-6934/2011 Seite 7 nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebie t betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). E-6934/2011 Seite 8 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sin d, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das BFM stellte sich zur Begründung seiner Verfügung auf den Standpunkt, die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin 1 seien a ls u n- glaubhaft zu erachten. Die angeblichen jahrelangen Schikanen wegen ihres familiären Hinte r- grundes müssten bezweifelt werden, da ihre Geschwister seit langem im Ausland leben würden und sie diese teilweise gar nicht persönlich kenne, beziehungsweise die diese betreffenden Vorfälle sich in ihrer frühen Kindheit ereignet hätten. Überdies würden die Ausführungen der Be- schwerdeführerin 1 nicht darauf schliessen lassen, dass die Repressa- lien, welc hes sie aufgrund ihres familiären Hintergrundes erlitten habe, hinsichtlich ihrer Art und Intensität asylrechtlich relevant seien. Im Weiteren erscheine die von ihr behauptete Anzahl von Festnahmen, die sie angeblich erlebt habe, übertrieben und unwahrsch einlich. Wäre wirklich etwas gegen sie vorgelegen, hätten die Behörden weitergehende Massnahmen ergriffen, namentlich ein Straf verfahren gegen sie eingele i- tet. Gemäss ihren Angaben seien in den Jahren 2008 und 2009 mehrere Gerichtsverfahren gegen sie eing eleitet worden, die Staatsanwaltschaft habe die Einstellung der Publikation ihrer Zeitung verfügt und es sei ihr und ihrem Ehemann eine Busse auferlegt worden . Sie habe jedoch trotz mehrmaliger Aufforderung keine entsprechenden amtlichen Dokumente eingereicht, obwohl ihr dies möglich und zumutbar gewesen wäre. Ihre Behauptung, in Strafverfahren, in welchen es um politische Belange g e- he, würden keine schriftlichen Dokumente ausgestellt, sei realitätsfremd und abwegig. Es könne demnach nicht geglaubt werden, dass sie au f- grund ihrer journalistischen Tätigkeit vor Gericht gestanden sei und für ih- re Zeitung eine Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft erhalten habe. Dass sie sich wegen den angeblichen Hausdurchsuchungen weder an einen Rechtsanwalt noch an die Menschenrechtsverein İnsan Hakları Derneği (IHD) gewendet habe, erscheine als realitätsfremd, müsse doch davon ausgegangen werden, dass sie als engagierte Journalistin das E-6934/2011 Seite 9 Wissen und die Mittel gehabt hätte, sich gegen ein solches Vorgehen der Behörden zur Wehr zu setzen. Da die angebliche Verfolgungssituation der Beschwerdeführerin 1 nicht geglaubt werden könne, sei auch die von ihr vorgebrachte Vergewalt i- gung als unglaubhaft zu bewerten. Diese Folgerung werde dadurch e r- härtet, dass sie zu diesem angeblichen Vorkommnis widersprüchliche Angaben gemacht habe und diese Ungereimtheiten auf Vorhalt nicht h a- be ausräumen können. Eine andere Einschätzung vermöge auch der ei n- gereichte Arztbericht, welcher die Angab en der Beschwerdeführerin 1 übernommen habe, nicht zu rechtfertigen. Es könne nicht ausgeschlo s- sen werden, dass sie unter psychischen Problemen leide, diese müssten aber eine andere Ursache haben. Die Schreiben ihres Rechtsanwalts sowie ihrer Mutter hätten aufgrund ihres Gefälligkeitscharakters keinen Beweiswert. Schliesslich sei zu berücksichtigen, dass sich auch die Asyl- vorbringen ihres Ehemannes, welche angeblich mit ihrer Verfolgungssit u- ation zusammenhängen würden, als unglaubhaft erwiesen hätten. Im Übrigen würden sich den Akten keine Anhaltspunkte dafür entnehmen lassen, dass de r Beschwerdeführerin 1 im Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) verbotene Strafe oder Behandlung drohen würde, und weder die in ihrem Heimatstaat herrschende politische Situation noch andere Gründe würden gegen die Zumutbarkeit der Rückführung in den Heimatstaat sprechen. Namentlich sei eine Behandlung ihrer psychischen Erkrankung in der Türkei sei gewährleistet, zumal sie nach ihren Angaben bereits vor ihrer Ausreise in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. 4.2 Die Beschwerdeführerin 1 rügte in ihrer Beschwerdeeingabe z u- nächst, ihre Aussa gen seien in der angefochtenen Verfügung nicht ko r- rekt wiedergegeben worden. Die längste Festnahme mit einer Dauer von zwölf Stunden habe sich nicht im (…) sondern im (…) 2009 ereignet. Damals sei sie im Stadtzentrum von mehreren Soldaten festgenommen worden. Am (…) 2009 habe sie selber den Polizeiposten in C._______ aufge- sucht, nachdem ihre Mutter ihr berichtet habe, Soldaten hätten nach ihr gefragt. Auf dem Polizeiposten sei sie vom Vorgesetzten vergewaltigt worden, dies im Beisein von zwei Soldaten, wel che sie anschliessend auch misshandelt hätten. A m (…) 2009 seien sie und ihr Ehemann wä h-E-6934/2011 Seite 10 rend mehrere r Stunden durch die Staatsanwaltschaft getrennt verhört worden, wobei man ihr mit einer erneuten Vergewaltigung gedroht habe . Die Einschätzung der Vorinstanz, ihre Vorbringen seien unglaubhaft, en t- spreche nicht den wahren Verhältnissen in der Türkei. Theorie und Reali- tät würden auch nach der Revision des türkischen Strafprozess- und des Strafrechts auseinanderklaffen, würden doch regimekritische Personen immer noch verfolgt und kurdische Zeitungen verboten. Folter und u n- menschliche Behandlung seien nach wie vor verbreitet. Es sei ferner zu berücksichtigen, dass sie aus einer als politisch aktiv b e- kannten Familie stamme. Drei ihrer Brüder seien nach Frankr eich bezie- hungsweise Deutschland geflüchtet und dort als Flüchtlinge anerkannt worden, und ihrer Schwester P ._______ sowie deren Familie sei in der Schweiz Asyl gewährt worden. Die Feststellungen im Urteil D- 6861/6862/2006 des Bundesverwaltungsgericht s vom 9. Januar 2008 betreffend P ._______, auf welches sie ausdrücklich hingewiesen habe, würden auch auf sie zutreffen. Ferner habe ihre Familie vor Kurzem in Er- fahrung gebracht, dass der vor drei Jahren verschwundene Onkel D._______ in der Haftanstalt (…) in Q._______ festgehalten werde. D._______ sei wegen Teilnahme an einer (…)-Demonstration festg e- nommen worden; es sei gegen ihn aber weder ein Haftbefehl ergangen, noch sei Anklage erhoben oder ein Verfahren eingeleitet worden. Das BFM setze sich, indem es ihre Vergewaltigung als unglaubhaft b e- zeichne und die Diagnose der behandelnden Ärzte in Frage stelle, über aktenkundige Tatsachen hinweg. Ferner sei zu berücksichtigen, dass die beigezogenen Dolmetscherinnen nicht über genügende Sprachkenntnisse verfügt hätten, um eine fehle r- freie Übersetzung zu gewährleisten. Dadurch entstandene Ungenauigkei- ten und Fehler dürften ihr nicht zum Nachteil gereichen. Unrechtmässige Übergriffe seitens der Behörden könnten kaum bewiesen werden, da so l- che naturgemäss nicht dokumentiert oder gar bestätigt würden. Es werde aber auf die Untersuchung der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) zur Situation der Kurden in der Türkei verwiesen, welche sich neben e i- genen Wahrnehmungen des Autors auch auf Berichte anerkannter inte r- nationaler Organisationen stütze. Die Sicherheitskräfte würden sich nach wie vor bei ihrer Mutter nach dem Verbleib ihrer ins Ausland geflüchteten Familienangehörigen erkundigen. Ihre Familie stehe, wie das Bunde s- verwaltungsgericht in seinem Urteil betreffend P._______ festgestellt ha- be, unter dem Generalverdacht, die kurdische Guerilla zu unterstützen. E-6934/2011 Seite 11 Ihre Erkrankung beruhe auf ihren Gewalterfahrungen in der Türkei und der Furcht vor weiteren staatlichen Übergriffen, weshalb eine erfolgreiche Behandlung in ihre m Heimatland nicht möglich sei. Sie benötige zur Ge- sundung ein sicheres Umfeld. 4.3 Das BFM führte in seiner Vernehmlassung aus, für die zweite einläss- liche Anhörung zu den Asylgründen vom 10. Mai 2011 sei eine Dolme t- scherin beigezogen worden, die über einen ausgezeichneten deutschen Wortschatz verfüge, vorsichtig und genau übersetze und daher das volle Vertrauen des BFM geniesse. Zudem habe die Beschwerdeführerin 1 an- lässlich d ieser Anhörung bestätigt, sie verstehe die Dolmetscherin sehr gut, und es seien keine konkreten Protokollpassagen genannt worden, welche zu Unrecht zu ihren Ungunsten ausgelegt worden seien. Der neu eingereichte ärztliche Bericht sei nicht geeignet, zu einer anderen Ei n- schätzung zu führen, da die gemäss diesem notwendige medizinische Behandlung auch in der Türkei möglich sei. Es werde daran festgehalten, dass die vorgebrachte Vergewaltigung nicht glaubhaft gemacht worden sei und daher nicht als Grundlage der Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung herangezogen werden könne. Die Beschwerdeführe- rin 1 habe auch nicht glaubhaft machen können, in der Vergangenheit asylrechtlich relevante Reflexverfolgung wegen ihrer in der Schweiz als Flüchtling anerkannten Schwester P ._______ erlitten zu haben, weshalb sie auch keine entsprechende begründete Furcht geltend machen könne. Eine solche lasse sich auch aus der angeblichen Inhaftierung des Onkels D._______ nicht ableiten. 4.4 In ihrer Replik äusserte sich die Beschwerdeführerin 1 dahingehend, dass zwar die Verständigung mit den Dolmetscherinnen türkischer Mu t- tersprache problemlos gewesen sei, jedoch der deutsche Wortschatz z u- mindest der ersten Übersetzerin mangelhaft gewesen sei. Ob die Übe r- setzungen korrekt erfolgt seien, sei weder für sie noch für die anderen bei der Befrag ungen Anwesenden überprüfbar. Die Aussage, eine ärztliche Behandlung sei auch in der Türkei durchführbar, sei zynisch. Man mute ihr demnach zu, sich der Gefahr weiterer Übergriffe auszusetzen, mit der Begründung, dass diesfalls eine medizinische Behandlung gewährleistet wäre. Schliesslich sei zu berücksichtigen, dass das Bundesamt bereits die Asylgesuche der Schwester P ._______ und deren Familie zu Unrecht abgewiesen habe. E-6934/2011 Seite 12 5. Bezüglich der von der Beschwerdeführerin 1 an den Fähigkeiten der für die Anhörungen beigezogenen Dolmetscherinnen erhobenen Zweifel ist Folgendes festzustellen: Nachdem die Hilfswerkvertreterin sowie die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerinnen, welche bei der Anhörung vom 1. Februar 2010 anwesend gewesen waren, gerügt hatten, die Sprachkenntnisse der Dolmetscherin seien mangelhaft gewesen und es sei deshalb zu Missverständnissen gekommen, führte das BFM am 10. Mai 2011 eine neue Anhörung durch, bei welcher eine andere Do l- metscherin eingesetzt wurde. Dem Protokoll dieser zweiten einlässlichen Befragung lassen sich keine Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass es dabei zu sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten oder Überse t- zungsfehlern gekommen wäre, und auch die anwesende Hilfswerkvertre- terin erhob keine derartigen Einwände. Zudem wurden in der Beschwer- deeingabe keine konkreten Mängel der zweiten einlässlichen Anhörung behauptet. Es besteht demnach kein Grund zur Annahme, die Anhörung vom 10. Mai 2011 sei nicht korrekt durchgeführt wurde. Das BFM hat mit der Durchführung einer zweiten Anhörung der gerügten Mangelhaftigkeit der ersten Befragung vom 1. Februar 2010 gebührend Rechnung getr a- gen. Es kann demnach davon ausgegangen werden, dass die Vorinstanz den Sachverhalt korrekt erhoben hat. 6. Bei der Beurteilung, ob die Flüchtlingseigenschaft glaubhaft gemacht ist, geht es um eine Gesamtwürdigung aller Sachverhaltselemente, die für oder gegen die Vorbringen der asylsuchenden Person sprechen (vgl. be- reits Entscheidungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1996 Nr. 28 E. 3a S. 270). Für die Glaubhaftigkeit von Fluchtvorbringen sprechen insbesondere: Überei n- stimmung (zwischen den verschiedenen Befragungen, mit den Bewei s- mitteln und Indizien, mit der allgemei nen Lage im Heimatgebiet, Verei n- barkeit mit dem dortigen Verfolgungsmuster etc.), Kohärenz, Substanz i- iertheit, Plausibilität, Schlüssigkeit, Korrektheit und Originalität der Ang a- ben, persönliche Glaubwürdigkeit und Offenheit sowie gegebenenfalls die Weiterführung der im Heimatland begonnenen politischen Aktivität. G e- gen die Glaubhaftigkeit sprechen insbesondere Vorbringen, die in w e- sentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden , sowie aufgeblähte Schild e- rungen und nachgeschobene Vorbringen. Glaubhaft ist eine Sachve r- haltsschilderung dann, wenn die positiven Elemente überwiegen. Die E-6934/2011 Seite 13 blosse Plausibilität reicht aber nicht a us, wenn gewichtige Umstände g e- gen die Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band VIII, Basel u.a. 2009, S. 568, R z. 11.149; EMARK 1996 Nr. 28 E. 3a S. 270). An das Glaubhaftmachen dürfen nicht zu strenge Anforderungen gestellt werden, und die Argumentation der Behörden darf sich nicht in blossen Gegenb e- hauptungen oder allgemeinen Vermutungen erschöpfen. Angesichts de s reduzierten Beweismasses der Glaubhaftmachung besteht durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des G e- suchstellers. Entscheidend ist, ob eine Gesamtwürdigung aller Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Richtigkeit der Sac hverhaltsdarstel- lung des Gesuchstellers sprechen, überwiegen oder nicht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.3 S. 826 f., EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; EMARK 2004 Nr. 1 E 5 S. 4 ff., jeweils mit weiteren Hinweisen). 7. 7.1 Die Beschwerdeführerin 1 begründete ihr Asylge such im Wesentl i- chen damit, sie und ihr Ehemann hätten aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit erhebliche Nachteile erlitten. Es seien wegen eines von ihr ve r- fassten, in der Zeitung " (…)" erschienenen Artikels sowie der Berichter- stattung in der von ih r und ihrem Ehemann herausgegebenen Zeitung "(…)" drei Gerichtsverfahren gegen sie eingeleitet worden und sie sei mehrmals verhört worden. Im Rahmen eines Verhörs sei sie von Angehö- rigen der Sicherheitskräfte vergewaltigt und misshandelt wor den. Zudem seien ihre Redaktionsräumlichkeiten durchsucht und zerstört worden und sie hätten jede Ausgabe ihrer Zeitung jeweils vor der Publikation dem Staatsanwalt zur Bewilligung und zur Zensur unterbreiten müssen. 7.2 Die journalistische Tätigkeit der Beschwerdeführerin 1 ist in Anbe t- racht der von ihr eingereichten Zeitungen und Zeitungsartikel, in welchen sie namentlich und mit Foto als Chefredakteurin sowie als Verfasserin einzelner Artikel genannt wird, als erstellt zu erachten. Den eingereichten Übersetzungen mehrerer Artikel ist jedoch nicht zu entnehmen, dass di e- se offensichtlich regimekritische oder oppositionelle Äusserungen entha l- ten würden, welche – im türkischen Kontext der damaligen Zeit – ein er- hebliches Verfolgungsinteresse der Behörden zu rechtfertigen vermöc h- ten. Die von der Beschwerdeführerin 1 geschilderten massiven Ein- schüchterungs- und Zensurmassnahmen gegen sie und ihren Ehemann aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit erscheinen als unplausibel und nicht nachvollziehbar. E-6934/2011 Seite 14 Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Darlegungen der Beschwerdefüh- rerin 1 werden dadurch verstärkt, dass diese trotz ausdrücklicher Auffor- derung keine beweiskräftigen Dokumente zum Beleg der angeblichen behördlichen Massnahmen zu den Akten gereicht hat. In Übereinsti m- mung mit der Vorinstanz geht das Bundesverwaltungsgericht davon aus , dass sie, falls tatsächlich mehrere Gerichtsverfahren gegen die eingele i- tet worden wären, in der Lage sein müsste, allenfalls mithilfe des von ihr in der Türkei mandatierten Rechtsanwalts, diesbezügliche schriftliche Ge- richtsdokumente (z. B. Anklageschriften, polizeiliche Untersuchungsb e- richte, Befragungsprotokolle, Gerichtsurteile) beizubringen (vgl. etwa Foreign and Commonwealth Office, Korrespondenz vom 12. Mai 2009, zitiert in UK Border Agency, Country of Origin Information Report, Turkey, Ziff. 11.05 S. 60). Das Argument der Beschwerdeführerin 1, bei politisch motivierten Verfahren würden von den Behörden keine Dokumente au s- gehändigt, ist nach Kenntnis des Gerichts unzut reffend und stellt keine überzeugende Rechtfertigung für diese Unterlassung dar. Im Übrigen würden sich jedenfalls beim ersten Verfahren, welches nach Angaben der Beschwerdeführerin 1 im Jahre 2008 mit einem Freispruch endete, aus ihren Schilderungen keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass dieses nicht in rechtsstaatlich korrekter Weise geführt worden wäre, weshalb sie – auch gemäss ihrer Argumentation – im Besitz eines schriftlichen Urteils sein müsste. 7.3 Die eingereichte schriftliche Erklärung des in der Tü rkei mandatierten Rechtsanwalts der Beschwerdeführerin 1 vom 20. Juni 2011 verweist l e- diglich darauf, dass sie wegen der von ihr verfassten Artikel mehrmals verhört worden sei und nach Angaben ihrer Mutter die Sicherheitskräfte sich nach ihrem Verbleib erkundigt hätten. Da dieses Schreiben aber ke i- ne präzisen und nachprüfbaren Angaben betreffend die von der B e- schwerdeführerin vorgebrachten behördlichen Übergriffe enthält, kann ihm diesbezüglich keine wesentliche Beweiskraft beigemessen werden. Das Gleiche gilt auch für das Schreiben der Mutter der Beschwerdeführe- rin 1. 7.4 Bezüglich der von der Beschwerdeführerin 1 vorgebrachten Verge- waltigung auf einem Polizeiposten ist Folgendes festzustellen: 7.4.1 Die Beschwerdeführerin 1 hat insbesondere während der Anhörung vom 1. Februar 2010 den Ablauf der Vergewaltigung sowie ihre darauffol- genden Handlungen und die Spitalbehandlung aufgrund der durch die Vergewaltigung erlittenen Verletzungen sehr ausführlich, detailliert und E-6934/2011 Seite 15 plastisch geschildert; aus dem Protokoll geht auch hervor, dass sie bei ih- ren diesbezüglichen Aussagen starke Emotionen zeigte. D iese (und an- dere) Realkennzeichen sprechen – gerade auch im Vergleich zu den ü b- rigen, deutlich weniger substanziierten Vorbringen – für die Glaubhafti g- keit dieser Aussagen. Andererseits hat sie aber zu wesentlichen Punkten dieser Ereignisse w i- dersprüchliche Angaben gemacht. So machte sie unterschiedliche Au s- sagen zu der Täterschaft der angeblich gegen sie verübten Vergewalt i- gung in den drei Befragungen. In der Befragung zur P erson sagte sie aus, sie sei von Soldaten sexuell belästigt und sie sei auch vergewaltigt worden (vgl. A3 S. 12). Bei der Anhörung vom 1. Februar 2010 gab sie zu Protokoll, sie sei von zwei Soldaten in einen Kellerraum gebracht worden. Deren Vorgesetzter h abe sie vergewaltigt. "Ob das eine Vergewaltigung oder drei Vergewaltigungen waren – das war das Gleiche." ( vgl. A22 S. 15). Bei der Anhörung vom 10. Mai 2011 sagte sie hierzu zunächst aus, sie sei von Soldaten vergewaltigt worden und deren Vorgesetzter habe zugesehen, ohne etwas zu unternehmen ( vgl. A38 S. 14). Auf Vo r- halt der Divergenz zu ihren Äusserungen in der ersten Anhörung erklärte sie, von zwei Personen vergewaltigt worden zu sein, aber nicht zu wi s- sen, ob es sich um einfache Soldaten oder Kommand anten gehandelt habe (vgl. A38 S.15). Die Beschwerdeführerin 1 hat somit zur Identität und zur Anzahl der Täter klar divergierende Angaben gemacht. Zudem hat die Beschwerdeführerin 1 auch unterschiedliche Aussagen zu den Umständen, unter welchen sie auf de n Polizeiposten gelangte, zu Protokoll gegeben. Einerseits gab sie an, sie sei im Stadtzentrum verha f- tet und auf den Posten gebracht worden ( vgl. A22 S. 14), andererseits aber, sie habe sich selber zum Polizeiposten begeben, nachdem ihre Mutter sie informiert habe, dass die Polizisten nach ihr gefragt hätten (vgl. A38 S. 14). Die Beschwerdeführerin 1 vermag diese Aussagewidersprüche − auch unter Berücksichtigung einer möglichen Traumatisierung − durch ihre Ausführungen auf Beschwerdeebene, insbesondere ihre m Verweis auf die ungenügenden sprachlichen Fähigkeiten der Dolmetscherin, nicht b e- friedigend auszuräumen, zumal nur im Falle einer der drei von der Vori n- stanz mit der Beschwerdeführerin 1 durchgeführten Befragungen A n- haltspunkte für eine mögliche unzureic hende sprachliche Kompetenz der Dolmetscherin vorliegen. E-6934/2011 Seite 16 Schliesslich vermag auch das Vorbringen der Beschwerdeführerin 1 das Gericht nicht zu überzeugen, es sei ihr nicht möglich gewesen, eine Be s- tätigung des Spitals über die mehrtägige Behandlung des Geb ärmutter- risses infolge der Vergewaltigung sowie der psychiatrischen Behandlung erhältlich zu machen (vgl. Eingabe vom 22. April 2013); dies umso wen i- ger als die Beschwerdeführerin – in der Schweiz und in der Türkei – über Rechtsanwältinnen respektive Rechtsanwälte verfügt, die sie mit der Ein- forderung dieser Beweismittel, nötigenfalls mit der Durchsetzung der For- derung, hätte beauftragen können. 7.4.2 Insgesamt gelangt das Gericht bei dieser Ausganglage zum Schluss, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin 1 betreffend die Tä- terschaft und die Begleitumstände der von ihr vorgebrachten Vergewalt i- gung den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht zu genügen verm ö- gen. 7.4.3 Aus dieser Feststellung ist aber nicht der Schluss zu ziehen, dass auch die vorgebrachte Vergewalt igung als solche als unglaubhaft zu b e- werten ist. Das Gericht geht angesichts der auffälligen Häufung von Re a- litätskennzeichen (nur) bei diesem Sachverhaltselement im Gegenteil d a- von aus , dass die Beschwerdeführerin 1 in der Türkei wohl tatsächlich Opfer einer Vergewaltigung wurde, die jedoch von einer anderen Täte r- schaft und unter andern Umständen verübt worden sein muss, als von ihr angegeben. Diese Annahme lässt sich im Übrigen auch mit der mittle r- weile sehr schlechten psychischen Verfassung der Beschwerdeführerin 1 in Einklang bringen (vgl. hierzu unten). Jedenfalls vermag die Beschwer- deführerin 1 ein diesem Übergriff zugrundeliegendes Verfolgungsmotiv gemäss Art. 3 AsylG nicht glaubhaft zu machen , und es können diesen Vorbringen damit keine glaubhaften Hinweise auf eine asylrechtlich rel e- vante Verfolgung entnommen werden. 8. 8.1 Es ist im Weiteren nicht von der Hand zu weisen, dass die Beschwer- deführerin 1 aus einer Familie stammt, welche den Behörden als politisch oppositionell gesinnt bekannt (gewesen) sein dürfte. Gemäss ihrer Dar- stellung wurde eine Schwägerin im Jahre (…) von Sicherheitskräften um- gebracht. Ihre drei Brüder G._______, I._______ und H._______, welche in Frankreich beziehungsweise Deuts chland als Flüchtlinge anerkannt worden seien, würden wegen Unterstützung der PKK und HADEP bezi e- hungsweise wegen Militärdienstverweigerung von den türkischen Behö r- den gesucht . Die beiden in Frankreich wohnhaften Brüder G._______ E-6934/2011 Seite 17 und H._______ sind nach An gaben der Beschwerdeführerin 1 vor über dreissig beziehungsweise fünfundzwanzig Jahren ausgereist, der in Deutschland lebende Bruder I._______ vor etwa zwölf Jahren (vgl. A22 S. 3, A38 S. 3 f.). Die Schwester P ._______ reiste im Jahre 2003 aus und stellte am 7. Juli 2003 in der Schweiz ein Asylgesuch. Mit Urteil D- 6861/6862/2006 des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. Januar 2008 wurden P ._______ und ihr nachgereister Ehemann als Flüchtlinge ane r- kannt und es wurde ihnen Asyl gewährt. 8.2 Gemäss der Rechtsprechung der vormaligen Schweizerischen Asyl- rekurskommission (ARK), die vom Bundesverwaltungsgericht in konstan- ter Praxis fortgeführt wird, müssen Familienangehörige von mutmassl i- chen Aktivisten der PKK (beziehungsweise einer ihrer Nachfolgeorganisa- tionen) oder anderer von Behörden als separatistisch eingestufter kurd i- scher Gruppierungen in der Türkei immer noch mit staatlichen Repress a- lien rechnen. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer so genannten Reflex - oder Anschlussverfolgung zu werden, ist nach der Praxis vor allem dann gegeben, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet wird und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, dass jemand mit der gesuch- ten Person in engem Kontakt steht. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn ein nicht unbedeutendes politisches Engagement der reflexverfol g- ten Person für illegale politische Organisationen hinzukommt bezi e- hungsweise ihr seitens der heimatlichen Behörden unterstellt wird (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 10.1, mit weiteren Hinweisen). Je höher das pol i- tische Engagement der Angehörigen der reflexverfolgten Person ist, de s- to geringere Anforderungen sind an den Umfang ihrer eigenen Aktivitäten zu stellen (vgl. etwa EMARK 1993 Nr. 6). 8.3 Die Ausführungen der Beschwerdeführerin 1 zu ihrem familiären Hin- tergrund sind grundsätzlich als glaubhaft zu erachten, zumal sie im W e- sentlichen mit den diesbezüglichen Angaben ihrer Schwester P ._______ in deren Asylverfahren übereinstimmen und die Tötung der Schwägerin durch die im Verfahren von P ._______ durchgeführten Botschaftsabklä- rungen bestätigt wurde. Jedoch erscheinen auch ihre Schilderungen hin- sichtlich des Ausmasses der angeblich von ihr erlittenen Reflexverfo l- gungsmassnahmen als unrealistisch. Den Akten lassen weder auf ein e r- hebliches oppositionelles Engagement im Heimatstaat noch auf wesentl i- che exilpolitische Aktivitäten der im Ausland lebenden Brüder der Be- schwerdeführerin 1 schliessen. Zudem haben diese ihr Heimatland schon vor Jahrzehnten verlassen. Vor diesem Hintergrund besteht keine Anlass, von einem konkreten, erheblichen und aktuellen Verfolgungsinteresse der E-6934/2011 Seite 18 türkischen Behörden an diesen auszugehen. Die von der Beschwerdefüh- rerin 1 geschilderten zahlreichen Festnahmen und Schi kanen über einen Zeitraum von rund zehn Jahren erscheinen d emnach als absolut unver- hältnismässig. Es ist nicht nachvollziehbar, was die Behörden mit einem solchen Vorgehen bezweckt hätten, zumal sich den Akten nicht entne h- men lässt, dass sie engen Kontakt zu ihren Brüdern pflegt oder in der Vergangenheit gepflegt hat und demnach kein Anlass zur Annahme b e- stand, dass sie wesentliche Informationen über diese hätte preisgeben können. Im Weiteren hat die Beschwerdeführerin 1 auch nicht vorg e- bracht, wegen ihrer in der Schweiz als Flüchtling anerkannten Schwester P ._______ behelligt worden zu sein, oder dass diese aktiv gesucht werde. Im Übrigen kann die Beschwerdeführerin 1 auch aus dem Umstand nichts zu ihren Gunsten ableiten , dass ihre r Schwester P ._______, deren Ehe- mann und ihren Kindern in der Schweiz die Flüchtling seigenschaft zuer- kannt und Asyl gewährt wurde: In dem diese betreffenden Urteil des Bun- desverwaltungsgerichts D-6861/6862/2006 vom 9. Januar 2008 war der familiäre Hintergrund von P ._______ nur einer von mehreren Gesichts- punkten, welche im Rahmen der Gesamtwürdigung der Situation der B e- schwerdeführenden berücksichtigt wurden ; im Vordergrund standen im Übrigen insbesondere die vom Ehemann von P ._______ erlittenen R e- pressalien, sowie dessen Herkunft und familiäres Umfeld. Jedenfalls lässt sich diesem Urteil nicht entnehmen, dass das Bundesverwaltungsgericht davon ausging, P ._______ drohe allein wegen des Profils ihrer Herkunfts- familie eine Reflexverfolgung in asylrechtlich relevantem Ausmass. Schliesslich erfolgte gemäss A ussagen der Beschwerdeführerin 1 die Verhaftung ihres Onkels D._______ im Jahre 2007 oder 2008 nicht w e- gen seines familiären Hintergrundes, und sie hat auch nicht behauptet, im Zusammenhang mit der Inhaftierung von D._______ irgendwelche Ver- folgungsmassnahmen durch die Behörden erlitten zu haben . Demnach besteht auch kein Anlass , aus der Festnahme von D._______ auf eine begründete Furcht der Beschwerdeführerin 1 vor Verfolgung zu schlie s- sen. 8.4 Nach dem Gesagten liegt kein Grund zur Annahme vor, die türkischen Sicherheitskräfte hätten im heutigen Zeitpunkt ein Interesse daran, d ie Beschwerdeführerin 1 über ihre Angehörigen zu befragen und entspr e- chend unter Druck zu setzen, um von ih r Informationen über deren ve r- gangenes und gegenwärtiges politisches Engagement zu erhalten. E-6934/2011 Seite 19 8.5 Zusammenfassend gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass es den Beschwerde führerinnen nicht gelungen ist, eine im Sinne von Art. 3 AsylG asylrelevante Verfolgungsgefahr nachzu weisen oder glaubhaft darzutun. Die Vorinstanz hat ihre Asylgesuche demzufolge zu Recht abgewiesen. 9. 9.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einhe it der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 9.2 Die Beschwerdeführerinnen verfügen weder über eine auslände r- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. EMARK 2001 Nr. 21). 10. 10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausl änder [AuG, SR 142.20]). 10.2 Die Wegweisungsvollzugshindernisse (Unzulässigkeit, Unzumutba r- keit, Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Sobald eines von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 10.3 Beim Geltendmachen von Wegweisungshindernissen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweissta n- dard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen. E-6934/2011 Seite 20 11. 11.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie i m Heima t- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind . Wird eine konkrete G e- fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 11.2 Zunächst ist festzustellen, dass sich aus der allgemeinen Lage in der Türkei kein Wegweisungshindernis ableiten lässt. In Ost- und Südost- anatolien – mit Ausnahme der Provinzen Sirnak und Hakkari – herrscht keine Situation allgemeiner Gewalt, die es rechtfertigen würde, den We g- weisungsvollzug als generell unzumutbar zu bezeichnen (BVGE 2013/2 E. 9.5 und 9.6). 11.3 Im Weiteren ist das Vorliegen individueller Wegweisungshindernisse der Beschwerdeführerinnen zu prüfen. 11.3.1 In einem ersten Bericht der Psych iatrischen Dienste L._______ vom 26. Mai 2011 wurde bei der Beschwerdeführerin 1 eine Anpassungs- störung mit längerer depressiver Reaktion sowi e eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostizi ert. Gemäss einem weiteren Bericht vom 26. Januar 2012 kam es nach Erhalt der vorinstanzlichen Verfügung vom 23. November 2011 bei ihr zu einer depressiven Dekompensation mit Sui- zidalität. Dem neusten Bericht der behandelnden Ärzte vom 5. Juni 2013 lässt sich entnehmen, dass die Beschwerdeführerin 1 aktuell unter einer schweren Depression leidet, aufgrund welcher eine ambulante psych o- therapeutische und medikamentöse Behandlung erfolgt. Eine engm a- schige ambulante Behandlung wird als zurzeit indiziert bezeichnet. 11.3.2 Zwar ist davon auszugehen, dass die g esundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin 1 in der Türkei grundsätzlich medikamentös be- handelt werden können , zumal gemäss den Erkenntnissen des Bunde s- verwaltungsgerichts in der Türkei landesweit psychiatrische Einrichtungen sowie eine breite Palette von Psychopharmaka vorhanden sind (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D -6891/2011 vom 21. Mai 2013 E. 4.2.2.3). Eine psychotherapeutische Behandlung ist jedoch in der Her- kunftsregion der Beschwerdeführerin 1 zumindest ohne versicherung s- rechtliche Abdeckung nicht ohne Weiteres erhältlich. Zudem muss bei der vorliegenden Aktenlage davon ausgegangen werden, dass sich die ge- sundheitlichen Beschwerden der Beschwerdeführerin 1 bei einer Rüc k-E-6934/2011 Seite 21 kehr in die Türkei, auch im Falle einer Wohnsitznahme im Westen d es Landes, erheblich verschlimmern würden. Insbesondere ist zu berüc k- sichtigen, dass sie glaubhaft gemacht hat, in der Vergangenheit in ihrem Heimatstaat Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein (vgl. E. 7.4.3) und in den Arztberichten vom 26. Januar 2012 und 5. Juni 2013 auf ihre grosse Angst vor der Rückkehr in ihr Heimatland hingewiesen wird. Auf- grund ihrer traumatisierenden Erlebnisse, die sich offenbar in ihrer Heimat zugetragen haben, ist es ihr nicht zuzumuten, dorthin zurückzukehren Ein im Westen der Türkei bestehendes, tragfähiges Beziehungsnetz, welches die Beschwerdeführerin und ihre Familie nach einer Rückkehr stützen könnte, ist nicht aktenkundig . Eine hinreichende Unterstützung und Betreuung durch ihren Ehemann erscheint aufgrund der auch bei ihm aufgetretenen und durch ärztliche Berichte belegten psychischen und somatischen Beschwerden ebenfalls nicht als gesichert. Ferner ist auch das Kindeswohl als gewichtiger Aspekt zu berücksicht i- gen. Es kann bei den zu erwartenden Reintegrationsproblemen in der Türkei nicht als gesichert erachtet werden, dass die Beschwerdeführe- rin 1 und ihr Ehemann in der Lage wären, die Betreuung ihrer Kinder adäquat wahrzunehmen. 11.3.3 Unter Würdigung dieser Umstände gelangt das Bundes verwal- tungsgericht zum Schluss, dass eine erzwungene Rückkehr die B e- schwerdeführerinnen im jetzigen Zeitpunkt in eine Situation bringen wür- de, die zu einer konkreten Gefährdung im Sinne des Gesetzes führen würde. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich deshalb als unzumutbar und die angefochtene Verfügung in diesem Punkt zumindest nachträglich als bundesrechtswidrig. 11.4 Im Übrigen liegen gemäss Aktenlage keine Gründe für den Au s- schluss von der vorläufigen Aufnahme gemäss Art. 83 Abs. 7 AuG vor. Somit sind die Voraussetzungen für die Gewährung der vorläufigen Au f- nahme erfüllt. 12. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde, soweit den Vollzug der Wegwei- sung betreffend, gutzuheissen, und die Dispositivziffern 4 und 5 der vor - instanzlichen Verfügung vom 23. November 20 11 sind aufzuheben. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen. Das BFM ist anzuweisen, die Beschwerdeführerinnen wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvol l-E-6934/2011 Seite 22 zugs vorläufig in der Schweiz aufzunehmen (vgl. Art. 44 Abs. 2 AsylG und Art. 83 Abs. 4 AuG). 13. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die um die Hälfte zu reduzi e- renden Verfahrenskosten den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen mit Zwischenverfügung vom 10. Januar 2012 die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass sich ihre fi- nanzielle Lage seither massgeblich verändert hat, sind jedoch keine Kos- ten zu erheben. 14. Sodann ist den vertretenen Beschwerdeführe rinnen angesichts ihres teil- weisen Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine praxisge- mäss um die Hälfte reduzierte Entschädigung für die ihnen notwendi ger- weise erwachsenen Parteikosten zuzu sprechen. Es wurde keine Koste n- note zu den Akten gereicht. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aber aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen zu verzichten ist (vgl. Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Unter Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist die reduzierte Parteientschädigung demnach von Amtes wegen auf insgesamt Fr. 1'200.– (inkl. Auslagen - und Meh r- wertsteueranteil) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) E-6934/2011 Seite 23 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird, soweit den Vollzug der Wegweisung betreffend, gutgeheissen. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2. Die Dispositivziffern 4 und 5 der vorinstanzlichen Verfügung vom 23. No- vember 2011 werden aufgehoben . D as BFM wird angewiesen, die B e- schwerdeführerinnen vorläufig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführerinnen eine Parteien t- schädigung in der Höhe von Fr. 1'200.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das BFM und die ka n- tonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain Versand: