<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 91 S.423</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">423</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>91</b></span> <span class="ft2"><b>Erlöschen der Niederlassungsbewilligigung; Bestimmen des Lebensmit-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>telpunktes</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Voraussetzungen für das Erlöschen der Niederlassungsbewilligung ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mäss Art. 9 Abs. 3 lit. c ANAG (E. II./2.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Analoge Anwendung von Art. 9 Abs. 3 lit. c ANAG bei Verlegung des Le-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bensmittelpunktes ins Ausland (E. II./3.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Zur Feststellung des Lebensmittelpunktes müssen die Lebensumstände</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sämtlicher Beschwerdeführer einzeln abgeklärt werden; eine Gesamtbe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>trachtung der Familienmitglieder ist nicht zulässig (E. II./4.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 22. August</span><br/> <span class="ft3">2008 in Sachen E.V., L.V. und B.V. betreffend Erlöschen der Niederlassungs-</span><br/> <span class="ft3">bewilligung (1-BE.2008.2).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 2. Gemäss Art. 9 Abs. 3 lit. c ANAG erlischt die Niederlas-</span><br/> <span class="ft1">sungsbewilligung mit der Abmeldung oder wenn sich der Ausländer</span><br/> <span class="ft1">während sechs Monaten tatsächlich im Ausland aufhält. Stellt er vor</span><br/> <span class="ft1">deren Ablauf ein entsprechendes Begehren, so kann diese Frist bis</span><br/> <span class="ft1">auf zwei Jahre verlängert werden.</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall steht unbestrittenermassen fest, dass sich</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeführer nie definitiv aus der Schweiz abgemeldet ha-</span><br/> <span class="ft1">ben. Wie es sich mit den Auslandaufenthalten der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">verhält, geht aus den Akten nicht konkret hervor. Die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft1">nimmt gestützt auf eine Aussage einer weiteren Tochter, die in den</span><br/> <span class="ft1">Akten nicht dokumentiert, sondern nur in einem Schreiben des Mi-</span><br/> <span class="ft1">grationsamtes zitiert wird, und gestützt auf eine ebenfalls nicht pro-</span><br/> <span class="ft1">tokollierte Aussage des Ehemannes bzw. Vaters der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer gegenüber der Einwohnerkontrolle W., Ehefrau und Kinder hiel-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">424</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ten sich schon längere Zeit im Kosovo auf, an, die Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">hätten ihren Lebensmittelpunkt in die Heimat verlegt. Dass einer der</span><br/> <span class="ft1">drei Beschwerdeführer sich je während einer Zeitdauer von mehr als</span><br/> <span class="ft1">sechs Monaten im Ausland aufgehalten hätte, kann den vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Akten nicht entnommen werden und wird von der Vorinstanz auch</span><br/> <span class="ft1">nicht dargelegt.</span><br/> <span class="ft1">3. Wie das Rekursgericht bereits in früheren Entscheiden zu die-</span><br/> <span class="ft1">sem Thema gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung fest-</span><br/> <span class="ft1">gehalten hat, ist Art. 9 Abs. 3 lit. c ANAG nicht direkt anzuwenden,</span><br/> <span class="ft1">wenn keine der beiden darin genannten Voraussetzungen erfüllt ist.</span><br/> <span class="ft1">Die erwähnte Bestimmung kann aber dennoch Grundlage für das</span><br/> <span class="ft1">Erlöschen der Niederlassungsbewilligung der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">sein, wenn aufgrund der konkreten Umstände darauf geschlossen</span><br/> <span class="ft1">werden muss, dass sich der Lebensmittelpunkt der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">innert der fraglichen Zeitspanne ausserhalb der Schweiz befunden</span><br/> <span class="ft1">hat. Der Lebensmittelpunkt muss nach der Gesamtheit der objekti-</span><br/> <span class="ft1">ven, äusseren Umstände bestimmt werden. Nicht massgeblich, auch</span><br/> <span class="ft1">nicht subsidiär, ist dabei der zivilrechtliche Begriff des Wohnsitzes.</span><br/> <span class="ft1">Wie das Bundesgericht im Entscheid vom 18.</span> <span class="ft1">August 1993</span><br/> <span class="ft1">(2A.126/1993) mit aller Deutlichkeit ausführt, ist insbesondere nicht</span><br/> <span class="ft1">darauf abzustellen, ob der betroffene Ausländer seinen Lebensmittel-</span><br/> <span class="ft1">punkt ins Ausland verlegen <i>wollte</i>, vor allem dann nicht, wenn den</span><br/> <span class="ft1">fremdenpolizeilichen Behörden keine vorgängige Mitteilung des</span><br/> <span class="ft1">künftigen Auslandaufenthalts gemacht wurde.</span><br/> <span class="ft1">Ausschlaggebend für die Bestimmung des Lebensmittelpunktes</span><br/> <span class="ft1">und damit für die analoge Anwendung von Art. 9 Abs. 3 lit. c ANAG</span><br/> <span class="ft1">ist die Intensität der Beziehung des Betroffenen zu einem Ort. Zu</span><br/> <span class="ft1">messen sind dabei objektive Umstände wie beispielsweise die Wohn-</span><br/> <span class="ft1">verhältnisse, Beziehungen zu Familienangehörigen, Bekannten und</span><br/> <span class="ft1">Freunden oder der Aufbewahrungsort der persönlichen Gegenstände.</span><br/> <span class="ft1">Ein weiteres Indiz für den Lebensmittelpunkt stellt zudem die Dauer</span><br/> <span class="ft1">der Aufenthalte an den zur Diskussion stehenden Orten dar. Nicht</span><br/> <span class="ft1">zulässig ist es, den Lebensmittelpunkt <i>allein</i> an der Dauer der Auf-</span><br/> <span class="ft1">enthalte im Ausland bzw. in der Schweiz zu messen (vgl. zum Gan-</span><br/> <span class="ft1">zen: Entscheid des Rekursgerichts vom 15.</span> <span class="ft1">August 2003,</span><br/> <span class="ft1">BE.2003.00014, E. 2a, S. 5).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">425</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1. Zur Frage des Lebensmittelpunkts der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">lässt sich den Akten entnehmen, dass sie sich seit 1993 bzw. 1998</span><br/> <span class="ft1">(Beschwerdeführerin 2) in der Schweiz aufhielten bzw. aufhalten. Ab</span><br/> <span class="ft1">1994 wohnten die Beschwerdeführer zusammen mit dem Ehemann</span><br/> <span class="ft1">bzw. Vater [...] in W. Im Oktober 2002 erfolgte gemäss den Bewilli-</span><br/> <span class="ft1">gungskopien in den Akten ein Umzug an die bis heute als Wohnort</span><br/> <span class="ft1">angegebene [Adresse ebenfalls] in W. Näheres über die Wohnum-</span><br/> <span class="ft1">stände der Beschwerdeführer (Miete, Grösse der Wohnung, Mitbe-</span><br/> <span class="ft1">wohner etc.) ist den Akten nicht zu entnehmen. Aus den Bewilli-</span><br/> <span class="ft1">gungskopien geht weiter hervor, dass die Beschwerdeführerin 1 nie</span><br/> <span class="ft1">einer Erwerbstätigkeit nachging, sondern sich zum Verbleib beim</span><br/> <span class="ft1">Ehegatten in der Schweiz aufhielt bzw. aufhält. Hinsichtlich der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer 2 und 3 ist davon auszugehen, dass sie nach ihrer</span><br/> <span class="ft1">Einreise in die Schweiz die Primarschule besuchten. Ob sie die</span><br/> <span class="ft1">Schule in der Schweiz später verliessen und im Kosovo zur Schule</span><br/> <span class="ft1">gingen, ist nicht restlos geklärt, da der entsprechende Schulbericht</span><br/> <span class="ft1">nicht vorliegt. Den Akten ist ferner zu entnehmen, dass alle drei Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer von 1999 bis 2007 ununterbrochen in der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">krankenversichert waren, wobei alle eingereichten Versicherungspo-</span><br/> <span class="ft1">licen an A.V., [...], W., - offenbar einen älteren Sohn - adressiert</span><br/> <span class="ft1">sind. Zudem enthalten die Akten die Erklärung des Ehemanns bzw.</span><br/> <span class="ft1">Vaters der Beschwerdeführer vom 31. Januar 2006, wonach die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer manchmal die gemeinsame Wohnung wegen eheli-</span><br/> <span class="ft1">cher Probleme verlassen und sich bei einem Onkel aufgehalten hät-</span><br/> <span class="ft1">ten. Da er nicht gewusst habe, wo sich die Beschwerdeführer auf-</span><br/> <span class="ft1">hielten, habe er angenommen, sie seien im Ausland gewesen, wes-</span><br/> <span class="ft1">halb er dies der Einwohnerkontrolle gegenüber so geäussert habe. Er</span><br/> <span class="ft1">wisse nun aber, dass sie beim erwähnten Onkel gewesen seien. Der</span><br/> <span class="ft1">erwähnte Onkel gab die Erklärung ab, die Beschwerdeführer hätten</span><br/> <span class="ft1">sich in den letzten vier Jahren häufig bei ihm aufgehalten. Schliess-</span><br/> <span class="ft1">lich enthält die Akte des Ehemanns bzw. Vaters der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer das Meldeformular der Einwohnerkontrolle W. vom 10. Januar</span><br/> <span class="ft1">2007, wonach die Ehe getrennt sei. Über den Hintergrund dieser</span><br/> <span class="ft1">Meldung, den Zeitpunkt der Trennung und den Anlass zur Mitteilung</span><br/> <span class="ft1">an das Migrationsamt lässt sich den Akten nichts entnehmen. Auf-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">426</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">grund der Meldung der Einwohnerkontrolle W. vom 4. April 2007 ist</span><br/> <span class="ft1">davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin 2 im Jahr 2006 in</span><br/> <span class="ft1">der Schweiz längere Zeit einer Erwerbstätigkeit nachging und dafür</span><br/> <span class="ft1">auch eine Steuererklärung einreichte. Zudem hat die Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin 1 die Steuererklärung für das Jahr 2006 zusammen mit ihrem</span><br/> <span class="ft1">Ehemann unterzeichnet.</span><br/> <span class="ft1">4.2. Die Übersicht über die aus den Akten hervorgehenden</span><br/> <span class="ft1">Fakten sagt wenig über die Lebensumstände der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">in der Schweiz oder im Kosovo aus. Es liegen keine Angaben zu</span><br/> <span class="ft1">Reisen in die Heimat und zur Dauer der Aufenthalte der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer in der Heimat vor. Soweit die Lebensumstände der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer überhaupt geklärt wurden, erfolgte die entsprechende Prü-</span><br/> <span class="ft1">fung nicht für jede der drei Personen einzeln, sondern in globo. Auch</span><br/> <span class="ft1">dort, wo sich dem Migrationsamt und der Vorinstanz einfache Klä-</span><br/> <span class="ft1">rungsmöglichkeiten angeboten hätten, die nicht von der Mitwirkung</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer abhingen, wurden keine weiteren Ermitt-</span><br/> <span class="ft1">lungen angestellt. So wurde es beispielsweise unterlassen, bei der zu-</span><br/> <span class="ft1">ständigen Schulbehörde W. direkt einen Schulbericht einzufordern</span><br/> <span class="ft1">oder die Wohnumstände [...] polizeilich klären zulassen. Weder wur-</span><br/> <span class="ft1">den die Reisepapiere der Beschwerdeführer auf Hinweise zur Reise-</span><br/> <span class="ft1">tätigkeit geprüft noch die Beschwerdeführer selber zu ihren Lebens-</span><br/> <span class="ft1">umständen (Schule, Arbeit, Wohnung, Freunde, Verwandte, Ehe etc.)</span><br/> <span class="ft1">befragt.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">5.2.</span><br/> <span class="ft1">Unter diesen Umständen ist der Einspracheentscheid der Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz vom 17. Dezember 2007 in Anwendung von § 9 Abs. 2 lit. b</span><br/> <span class="ft1">EGAR aufzuheben und das Verfahren zur Ergänzung des Sachver-</span><br/> <span class="ft1">halts im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.</span><br/></div> </div> </body> </html>