B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5554/2020 U r t e i l v o m 2 . S e p t e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger (Vorsitz), Richterin Constance Leisinger, Richter Yanick Felley, Gerichtsschreiberin Anna Dürmüller Leibundgut. Parteien A._______, geboren am (…), Kongo (Kinshasa), vertreten durch Alfred Ngoyi Wa Mwanza, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 6. Oktober 2020 / N (…). D-5554/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am (…) und reiste am 2. März 2018 illegal in die Schweiz ein. Am 5. April 2018 suchte er im Empfangs - und Verfahrenszen- trum (EVZ) B._______ um Asyl nach und wurde in der Folge dem damali- gen Testbetrieb des Verfahrenszentrums C._______ zugewiesen. Dort er- folgte am 11. April 2018 die Personalienaufnahme. A.b Am 9. August 2018 wurde der Beschwerdeführer zu seinen Asylgrün- den angehört. Dabei brachte er im Wesentlichen vor, er sei kongolesischer Staatsange- höriger und stamme aus D._______. Im Jahr 2010 habe er zusammen mit anderen (…) eine Vereinigung gegründet, um sich gemeinsam gegen die Schikanen der Polizei zu ve rteidigen. Er habe die Vereinigung präsidiert. Durch diese Tätigkeit sei er im Jahr (…) ins Visier der Behörden geraten, in Polizeigewahrsam genommen und vom Polizeikommandanten verwarnt worden. Zur selben Zeit sei der Oppositionspolitiker E._______ welcher dem (…) angehöre, auf ihn aufmerksam geworden. E._______ habe die Mitglieder der Vereinigung um Unterstützung ersucht und im Gegenzug versprochen, sie im Falle seiner Wahl zum Parlamentsmitglied ebenfalls zu unterstützen. In der Folge hätten sie sich im Wahlkampf für E._______ und den damaligen Präsidentschaftsanwärter Etienne Tshisekedi engagiert. Am (…) hätten ihn Sicherheitsbeamte im Anschluss an eine Sitzung ver- haftet und ihm Beschimpfung des Präsidenten vorgeworfen. Ende Dezem- ber (…) sei er gegen Bezahlung eines Geldbetrages freigelassen worden und daraufhin Anfang (…) zu einem Onkel nach Angola gegangen. Dieser habe für ihn einen auf andere Personalien [(…)] lautenden angolanischen Reisepass beschafft. Damit habe er nach Portugal ausreisen wollen, aber die portugiesische Vertretung in Luanda (Angola) habe den Pass nicht an- erkannt. Im August (…) sei er von E._______, welcher zwischenzeitlich ins Parlament gewählt worden sei, kontaktiert und zur Rückkehr nach Kongo aufgefordert worden; daher sei er Anfang September (…) nach D._______ zurückgekehrt. Als er am (…) an einer Kundgebung gegen den damaligen Präsidenten Joseph Kabila teilgenommen habe, sei er erneut von der Po- lizei verhaftet worden. Er sei mit dem Tod bedroht und derart misshandelt worden, dass er ins Krankenhaus habe gebracht werden müssen. E._______ habe daraufhin seine Ausreise organisiert. Am (…) sei er nach D-5554/2020 Seite 3 Brazzaville (Republik Kongo) geflüchtet . E._______ sei nach seiner Aus- reise verhaftet worden. Er selber sei in der Folge in Richtung Europa wei- tergereist. Der Beschwerdeführer machte ausserdem gesundheitliche Probleme geltend ([…]). A.c Der Beschwerdeführer reichte eine Zivilstandsbescheinigung vom 1. März 2018 zu den Akten. B. B.a Das SEM erachtete die Verfolgungsvorbringen des Beschwerdefüh- rers als unglaubhaft, zumal es davon ausging, der Beschwerdeführer habe die Asylbehörden über seine Identität getäuscht. Es lehnte daher mit Ver- fügung vom 16. August 2018 das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz s owie den Wegweisungs- vollzug. Gleichzeitig stellte es fest, der Beschwerdeführer werde im Zent- ralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) unter den Personalien (…) geführt. B.b Der Beschwerdeführer focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom 29. August 2018 beim Bundesverwaltungsgericht an. Dieses trennte das Beschwerdeverfahren betreffend Datenänderung im ZEMIS vom Be- schwerdeverfahren betreffend Asyl und Wegweisung ab und erliess in bei- den Beschwerdeverfahren einen Kassationsentscheid infolge Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör (vgl. die Urteile D -6977/2018 vom 19. Dezember 2018 [Datenänderung ZEMIS] und D -4962/2018 vom 2. September 2019 [Asyl und Wegweisung]). B.c Eine im Auftrag des SEM durchgeführte LINGUA-Analyse vom 5. Mai 2020 ergab, dass der Beschwerdeführer eindeutig in D._______ soziali- siert worden sei. In der Folge änderte das SEM den ZEMIS -Eintrag des Beschwerdeführers wieder auf (…). C. Am 10. September 2020 führte das SEM mit dem Beschwerdeführer eine ergänzende Anhörung durch. Der Beschwerdeführer machte dabei geltend, er habe im Juni 2020 telefo- nischen Kontakt zu E._______ gehabt. Dieser sei aus der Haft entlassen worden, nachdem der neue Präsident, Felix Tshisekedi, ihn begnadigt habe. E._______ habe ihm mitgeteilt, das Land befinde sich trotz des Machtwechsels immer noch in den Händen von Kabila. Als er E._______ später erneut habe anrufen wollen, habe er ihn nicht mehr erreicht. Der D-5554/2020 Seite 4 Beschwerdeführer schilderte ferner, wie er E._______ kennengelernt und wie sich die Zusammenarbeit mit ihm entwickelt habe. Bezüglich seiner Inhaftierungen legte er dar, er sei insgesamt drei Mal festgenommen wor- den. Das erste Mal sei er nur acht Stunden lang in Polizeigewah rsam ge- wesen, das sei im Jahr (…) kurz nach der Gründung seiner Vereinigung gewesen. Die beiden anderen Male sei er durch den Nachrichtendienst verhaftet worden. Bei der Verhaftung im Jahr (…) sei er beschuldigt wor- den, Kabila beschimpft zu haben. Er sei nicht verhört, sondern nur ständig geschlagen worden, ausserdem hätten die Beamten seinen Namen notiert. Am (…) sei er freigelassen worden, nachdem seine Mutter ein Beste- chungsgeld bezahlt habe. Die dritte Inhaftierung sei anlässlich eines Mar- sches der Union pour la Démocratie et le Progrès Social (UDPS) am (…) erfolgt. Während dieser Haft sei er spitalreif geschlagen worden , und E._______ habe ihn ins Krankenhaus gebracht. Wie E._______ ihn da- mals gefunden habe, wisse er nicht. Anschliessend habe E._______ seine Ausreise in die Wege geleitet. Am (…) sei er nach Brazzaville gegangen, und im Dezember (…) habe er erfahren, dass E._______ festgenommen worden sei. Er fürchte sich vor einer Rückkehr nach Kongo (Kinshasa), da faktisch immer noch Kabila das Land re giere. Der Beschwerdeführer er- wähnte auf Nachfrage ausserdem seine weiterhin bestehenden gesund- heitlichen Probleme (namentlich […]). D. Das SEM stellte mit Verfügung vom 6. Oktober 2020 fest, der Beschwer- deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. E. Der Beschwerdeführer focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom 9. No- vember 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte die Aufhe- bung der vorinstanzlichen Verfügung, die Anerkennung als Flüchtling und die Gewährung von Asyl. Eventuell sei infolge Unzumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen, subeventuell sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwe isen. In pro- zessualer Hinsicht beantragte er, es sei ihm zu gestatten, den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz abzuwarten, es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung (inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses) zu gewähren, sein Rech tsvertreter sei ihm als unentgeltlicher Rechtsbeistand beizuordnen und die Vorinstanz sei zur Übernahme aller Kosten sowie zur Bezahlung einer Parteientschädigung zu verpflichten. D-5554/2020 Seite 5 Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung im Original, ein ärztli- cher Bericht vom 19. Oktober 2020 sowie ein Unterstützungsentscheid vom 10. August 2020 bei. F. Mit Zwischenverfügung vom 16. November 2020 hielt die Instruktionsrich- terin fest, der Beschwerdeführer könne den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Ausserdem hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um unentgeltliche Verbeiständung wurde ebenfalls gutgeheissen, und dem Beschwerdeführer wurde sein Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. G. Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 10. Dezember 2020 unter Beilage eines «Medizinischen Consulting» vom 25. April 2018 vollumfäng- lich an seiner Verfügung fest. H. Nach gewährter Fristerstreckung replizierte der Beschwerdeführer mit (ver- späteter) Eingabe vom 22. Februar 2021 (Datum Fax und Poststempel) , wobei er an den gestellten Anträgen festhielt. Der Eingabe lag eine Hono- rarnote vom 17. Februar 2021 bei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von A rt. 32 VGG vorliegt. Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls, und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). D-5554/2020 Seite 6 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt indes das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist demnach einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zu lässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentli- chen aus, der Beschwerdeführer habe teilweis e unsubstanziierte und wi- dersprüchliche Angaben zu seinen Asylgründen gemacht. So habe er bei- spielsweise die Umstände seiner Freilassung im Jahr (…) unterschiedlich geschildert und auf Vorhalt der Widersprüche keine überzeugende Erklä- rung geliefert. Auch zur angeblichen Flucht nach der zweiten Verhaftung im September (…) habe er widersprüchliche und überdies unlogische und oberflächliche Aussagen gemacht. Daher bestünden erhebliche Zweifel an der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen. Zwar sei es denkbar, dass er im Jahr (…) zusammen mit Freunden eine Organisation gegründet habe. Ange- sichts der angeblichen Nähe zu E._______ und dem geltend gemachten Umstand, dass er von den Polizisten wiedererkannt worden sei, erscheine es indessen realitätsfremd, dass er nach der Festnahme im September (…) ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen in ein Krankenhaus gebracht wor- den sei beziehungsweise von (…) problemlos habe mitgenommen werden können. Zudem mute es seltsam an, dass er zum Beleg seiner engen Be- ziehung zu (…) keinerlei Beweismittel eingereicht und eigenen Angaben zufolge bis ungefähr im Juni 2020 keinen Kontakt zu (…) gehabt habe, obwohl dieser bereits im März 2019 aus dem Gefängnis entlassen worden sei. Ausserdem habe er unsubstanziierte Ausführungen zum Schicksal sei- ner Mitstreiter und seiner Organisation, zu seiner Beziehung zu (…) sowie D-5554/2020 Seite 7 zu dessen Interesse an ihm gemacht. Insgesamt sei die angebliche Verfol- gung aufgrund der Teilnahme an Demonstrationen und der Unterstützung von (…) als unglaubhaft zu erachten. Demnach sei die Flüchtlingseigen- schaft zu verneinen und das Asylgesuch abzulehnen. Die Vorinstanz legte im Weiteren dar, der Wegweisungsvollzug nach Kongo (Kinshasa) sei zu- lässig, zumutbar und möglich. Hinsichtlich der Frage der individuellen Zu- mutbarkeit des Vollzugs legte das SEM insbesondere dar, der Beschwer- deführer verfüge über eine gute Schuldbildung und sei arbeitsfähig. Auch unter Berücksichtigung der geltend gemachten medizinischen Probleme sei nicht davon auszugehen, dass sich sein Gesundheitszustand im Falle einer Rückkehr ins Heimatland in lebensbedrohlicher Weise verschlech- tern würde. 3.2 In der Beschwerde wird zunächst der Sachverhalt wiederholt und an- schliessend vorgebracht, die Aussagen des Beschwerdeführers seien sub- stanziiert, plausibel und im Wesentlichen widerspruchsfrei ausgefallen. Zu- dem sei der Beschwerdeführer persönlich glaubwürdig und habe in gebüh- render Weise am Verfahren mitgewirkt. Er werde zudem in den nächsten Tagen ein «mémoire complémentaire» einreichen. Insgesamt seien seine Vorbringen daher ungeachtet der vom SEM erwähnten Ungereimtheiten als überwiegend glaubhaft im Sinne der Rechtsprechung zu erachten. Fer- ner habe der Beschwerdeführer begründete Furcht vor asylrelevanter Ver- folgung im Falle seiner Rückkehr ins Heimatland. (…) sei in einem politisch motivierten Verfahren verurteilt und sodann vom neuen Präsidenten be- gnadigt worden. Weniger bekannte politische Gefangene, welche unter der Herrschaft von Joseph Kabila inhaftiert worden seien, seien indes weiterhin in Haft. (…) sei im Übrigen krank; es sei nicht auszuschliessen, dass er im Gefängnis vergiftet worden sei. Er sei auch nicht mehr Abgeordneter und habe keinen Ei nfluss mehr, obwohl er den Präsidenten Felix Tshisekedi unterstütze. Es müsse berücksichtigt werden, dass der Beschwerdeführer aufgrund von eigenen Aktivitäten, unabhängig von dem gegen (…) initiier- ten Verfahren, verfolgt worden sei, und dass weniger bekan nte politische Häftlinge nach wie vor unter prekären Bedingungen inhaftiert seien. Der Beschwerdeführer sei nicht so bekannt wie (…), weshalb er nicht mit einem Freispruch rechnen könne . Ungeachtet des Präsidentenwechsels seien nach wie vor dieselben Nachr ichten- und Sicherheitsbehörden aktiv, und der ehemalige Präsident ziehe weiterhin die Fäden. Ein Abkommen zwi- schen der politischen Plattform des Ex-Präsidenten, der Common Front for Congo (FCC), und dem neuen Präsidenten ermögliche es Kabila und des- sen Entourage, weiterhin auf staatliche Institutionen Einfluss zu nehmen. Da der Beschwerdeführer – anders als (…) – beschuldigt worden sei, D-5554/2020 Seite 8 Kabila beleidigt zu haben, müsse er Schlimmes befürchten. Er erfülle somit die Flüchtlingseigenschaft, weshalb ihm Asyl z u gewähren sei. Demnach sei auch die Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen. Im Weiteren sei der Wegweisungsvollzug auch unzumutbar. Es sei daher die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Die Unzumutbarkeit des Vollzugs er- gebe sich namentlich a us den in der einschlägigen Rechtsprechung ge- nannten Kriterien (Verweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 33 sowie zwei Urteile des Bundesverwaltungsgerichts). Es handle sich beim Beschwer- deführer um eine besonders verletzliche P erson; denn er leide gemäss dem eingereichten Arztbericht an einer (…) und benötige eine adäquate Behandlung, zu welcher er im Heimatland – insbesondere auch aus finan- ziellen Gründen – keinen Zugang hätte (Verweis auf eine Schnellrecherche der Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH] vom Juni 2018 zur Behandlung von psychischen Erkrankungen in der Demokratischen Republik Kongo). Daran ändere auch die Möglichkeit der Inanspruchnahme von Rückkehr- hilfe nichts, zumal diese zeitlich und betragsmässig limitiert sei und die Be- handlung wohl auch in diesem Fall nicht nahtlos weitergeführt werden könnte. Weder der Beschwerdeführer selber noch seine Verwandten wä- ren in der Lage, die finanziellen Mittel für die benötigte Behandlung zu er- wirtschaften, zumal die wirtschaftliche Lage in Kongo (Kinshasa) sehr schlecht sei. Bei einer Rückkehr ins Heimatland wäre er daher einer kon- kreten Gefahr ausgesetzt. Demnach sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung nach Kongo (Kinshasa) unzumutbar sei und sich die Vo- rinstanz diesbezüglich auf einen unrichtig und unvollständig festgestellten Sachverhalt gestützt habe. 3.3 In seiner Vernehmlassung führt das SEM aus, die Beurteilung der Glaubhaftigkeit beruhe auf einer Gesamtbeurteilung, es sei vollumfänglich auf den Asylentscheid zu verweisen. Es sei ferner nicht davon auszuge- hen, dass das in der Beschwerde in Aussicht gestellte «mémoire com- plémentaire» geeignet sei, die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Asylvor- bringen zu beseitigen. Hinsichtlich der geltend gemachten Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen Gründen sei festzustellen, dass aus dem auf Beschwerdeebene eingereichten Arztbericht nicht her- vorgehe, welche Medikamente oder Therapien der Beschwerdeführer al- lenfalls benötige oder bereits in Anspruch nehme. Einem älteren, akten- kundigen medizinischen Bericht vom 8. Mai 2018 sei ferner zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer sowohl von Suizid alität als auch von Fremdgefährdung distanziere. Von der Unzumutbarkeit des Wegweisungs-D-5554/2020 Seite 9 vollzugs sei nur auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Wei- terbehandlung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesundheitszustandes nach si ch ziehe. Laut dem der Vernehmlas- sung beiliegenden medizinischen Consulting vom 25. Apr il 2018 sei die Behandlung einer (…) in (…) möglich, und zwar sowohl in privaten als auch in staatlichen Einrichtungen. Die Rechtsprechung des Bundesverwaltungs- gerichts bestätige diese Einschätzung. Im Übrigen sei es dem Beschwer- deführer zuzumuten, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, und es könne nicht ausgeschlossen werden, dass er über unterstützungsfähige Ver- wandte verfüge. Der gesundheitliche Zustand des Beschwerdefüh rers führe daher nicht zur Annahme der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs. 3.4 In der Replik wird entgegnet, die Asylvorbringen des Beschwerdefüh- rers hätten einen direkten Bezug zu seiner Tätigkeit als (…), weshalb sich der Umstand, dass er – wie auch das SEM eingeräumt habe – gut über den (…) Bescheid wisse, positiv auf die Beurteilung der Glaubhaftigkeit seiner Asylvorbringen auswirke. Im Weiteren treffe es nicht zu, dass der Beschwerdeführer auf die vom SEM zitierten Fragen unsubstanziiert ge- antwortet habe. So habe er beispielsweise den Ort seiner Verhaftung im Jahr (…) auf entsprechende Fragen hin ( vgl. A57 F58 ff.) detailliert be- schrieben. Soweit die Vorinstanz vorbringe, der Beschwerdeführer habe sich in der ergänzenden Anhörung widersprochen, sei fes tzustellen, dass das SEM die angeblichen Widersprüche nicht klar benenne. Hinsichtlich seiner Flucht aus der Haft im Dezember (…) seien seine Aussagen tat- sächlich widersprüchlich ausgefallen. Richtig sei die Darstellung in der er- gänzenden Anhörung (vgl. A57 F119). Der Widerspruch sei dem Zeitablauf geschuldet; zwischen dem fraglichen Vorfall und den beiden Anhörungen lägen sieben respektive neun Jahre. Es sei daher nicht ausgeschlossen, dass sich der Beschwerdeführer nicht mehr an alle Fakten erinnern könne, zumal seine intellektuellen Fähigkeiten begrenzt seien. Im Übrigen leide er aufgrund von Misshandlungen während der Haft an psychischen Proble- men, namentlich an einer (…). Diese Krankheit beeinträchtige bekanntlich ebenfalls das Erinnerungsvermögen. Diese Umstände müssten bei der Be- urteilung der Glaubhaftigkeit berücksichtigt werden. Die vom SEM erwähn- ten Widersprüche in Bezug auf die Flucht aus der Haft im September (…) seien im Weiteren nicht derart schwerwiegend, dass die übrigen, glaubhaf- ten Asylvorbringen deswegen ebenfalls in Frage gestellt werden müssten. In Bezug auf die wesentlichen Vorbringen habe sich der Beschwerdeführer jedenfalls nicht widersprochen, weshalb seine Aussagen als überwiegend glaubhaft zu erachten seien. Er erfülle zweifellos die Flüchtlingseigenschaft D-5554/2020 Seite 10 im Sinne von Art. 3 AsylG, da er von den staatlichen Sicherheitskräften verfolgt worden sei. Gewiss habe sich die allgemeine Lage in Kongo (Kinshasa) seit der Machtübernahme durch Felix Tshisekedi bezüglich der Meinungsäusserungsfreiheit etwas verbessert. Mehrere politische Gefan- gene, welche Probleme mit dem Regime von Kabila gehabt hätten, seien jedoch weiterhin in Haft, und bei den Sicherheitskräften habe es keine we- sentlichen Veränderungen gegeben. Personen, welche Probleme mit dem Regime von Kabila gehabt hätten, seien daher nach wie vor gefährdet (Ver- weis auf das Urteil des BVGer D-7269/2017 vom 9. Oktober 2020 E. 5.4). Falls der Beschwerdeführer weiterhin behördlich registriert sei, müsse er bei einer Rückkehr ins Heimatlan d trotz der Freilassung von (…) mit Ver- folgung rechnen, zumal er nicht eine öffentlich bekannte Person sei. (…) sei politisch nicht mehr aktiv, weshalb die Sicherheit des Beschwerdefüh- rers bei einer Rückkehr nicht gewährleistet wäre. Das SEM habe sich bei seinem Entscheid auf einen unrichtig und unvollständig festgestellten Sachverhalt gestützt. Der Beschwerdeführer sei Flüchtling, weshalb die Beschwerde gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben sei. 4. 4.1 Der Beschwerdeführer rügt, das SEM habe de n rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig beziehungsweise unvollständig festgestellt. Diese formelle Rüge ist vorab zu prüfen, da sie unter Umständen geeignet sein kann, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 4.2 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellen die Asylbehörden den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Untersuchungsgrundsatz). Dabei muss die Behörde die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunter- lagen beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis führen (vgl. auch Art. 30–33 VwVG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist die Sachverhaltsfestst ellung, wenn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen ab- geklärt hat, oder wenn nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachum- stände berücksichtigt wurden (vgl. dazu BVGE 2016/2 E. 4.3). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfang- reiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind viel- mehr nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der Aktenlage als ange- zeigt erscheinen (vgl. dazu ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERT- SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; D-5554/2020 Seite 11 3. Aufl. 2013, Rz. 629 ff.; CHRISTOPH AUER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl., 2019, Rz. 17 zu Art. 12; BENJAMIN SCHINDLER, in: Auer/Mül- ler/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 29 ff. zu Art. 49). 4.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, das SEM habe sich bei der Be- urteilung der Frage der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sowie der Frage der Flüchtlingseigenschaft auf einen unrichtig und unvollständig festgestellten Sachverhalt gestützt (vgl. S. 14 der Beschwerde respektive S. 4 der Replik). Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers hat das SEM in der angefochtenen Verfügung den rechtserh eblichen Sachverhalt sowohl in Bezug auf den Asylpunkt als auch hinsichtlich der Frage der Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs richtig und vollständig festgestellt und in seinem Entscheid die wesentlichen Tatsachen berücksichtigt. In diesem Zusammenhang i st ausserdem festzuhalten, dass der Beschwerdeführer das in der Be- schwerde in Aussicht gestellte «mémoire complémentaire» bis heute nicht eingereicht hat. Die vom Beschwerdeführer geäusserte Unzufriedenheit mit den Schlussfolgerungen des SEM beziehungsweise der Umstand, dass das SEM die Asylvorbringen anders würdigte, als dies von ihm als richtig erachtet wird, respektive hinsichtlich der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu einem anderen Ergebnis gelangt als er, können nicht unter den Tatbestand der ungenügenden Sachverhaltsfeststellung subsumiert werden, sondern stellen vielmehr eine Kritik in der Sache selbst dar. Die formelle Rüge erweist sich nach dem Gesagten als unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfügung aufzu- heben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei- sen. Der Kassationsantrag (vgl. Ziff. 6 der Rechtsbegehren) ist daher ab- zuweisen. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politi- schen Anschauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le- bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy- chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). D-5554/2020 Seite 12 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub- haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen). 5.4 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situ- ation im Zeitpunkt des Entscheides. Dabei ist einerseits die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Furcht zu stellen; die Bejahung ei- ner solchen weist auf eine andauernde Gefährdung hin. Sodann sind Ver- änderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid zugunsten und zulasten des Gesuchstellers zu berück- sichtigen. (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2010/9 E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., je- weils m.w.H. a uf die Rechtsprechung der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission). 6. 6.1 Der vom Beschwerdeführer geltend gemachte Polizeigewahrsam im Jahr (…) im Zusammenhang mit der von ihm mitgegründeten Vereinigung von (…) zur Verteidigung gegen die Schikanen der (…) dauerte seinen An- gaben zufolge lediglich acht Stunden, anschliessend wurde er vom Polizei- kommandanten verwarnt und freigelassen. Mangels genügender Intensität kann die erwähnte Verfolgungsmassnahme nicht als ernsthafter Nachteil im Sinne von Art. 3 Abs . 2 AsylG qualifiziert werden. Zudem weist dieser Polizeigewahrsam weder in sachlicher noch in zeitlicher Hinsicht einen hin- reichenden Zusammenhang zur Ausreise des Beschwerdeführers im Sep- tember (…) auf. Dieses Vorbringen ist daher ungeachtet der Frage seiner Glaubhaftigkeit nicht asylrelevant. 6.2 Der Beschwerdeführer macht im Weiteren geltend, er sei zweimal (im Jahr […] sowie im Jahr […]) verhaftet worden, weil er sich politisch gegen den ehemaligen Präsidenten Kabila respektive zugunsten von E._______ und Etienne Tshisekedi (dem Vater des aktuellen Präsidenten Felix Tshi - sekedi) engagiert habe; dabei sei ihm jeweils Beschimpfung des damaligen D-5554/2020 Seite 13 Präsidenten Kabila vorgeworfen worden. Er befürchte, bei einer Rückkehr ins Heimatland in diesem Zusammenhang erneut verfolgt zu werden. 6.3 Der Beschwerdeführer ist der Auffassung , das SEM sei fälschlicher- weise von der Unglaubhaftigkeit der ob genannten Verfolgungsmassnah- men ausgegangen und habe demzufolge zu Unrecht seine Flüchtlingsei- genschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. Die Frage, ob die gel- tend gemachten, angeblich politisch motivierten Verhaftungen in den Jah- ren (…) und (…) glaubhaft sind oder nicht, kann indessen mit Blick auf die nachfolgenden Ausführungen zur Asylrelevanz offengelassen werden, zu- mal im vorliegenden Fall auch keine Hinweise auf «zwingende Gründe» bestehen, aufgrund derer eine erlittene Vorverfolgung auch nach Wegfall einer zukünftig drohenden Verfolgungsgefahr weiterhin als asylrelevant zu erachten wäre (vgl. dazu BVGE 2007/31 E. 5.4). 6.4 Seit dem 24. Januar 2019 ist nicht mehr Joseph Kabila, sondern Felix Tshisekedi Präsident von Kongo (Kinshasa). In der Beschwerde wird dies- bezüglich eingewendet, Kabila ziehe im Hintergrund weiterhin die Fäden, namentlich im Rahmen des von ihm dominierten politischen Bündnis ses, dem FCC, und nehme immer noch Einfluss auf staatliche Institutionen, ins- besondere auf die Sicherheitsbehörden. Dies mag zu Beginn der Präsi- dentschaft von Felix Tshisekedi zumindest teilweise noch zutreffend gewe- sen sein; inzwischen hat sich der aktuelle Präsident jedoch von seinem Vorgänger emanzipiert und Kabila ins Abseits manövriert. Er hat die Allianz mit dem FCC aufgekündigt und im April 2021 ei ne neue Regierung gebil- det, welche überwiegend aus eigenen Anhängern sowie anderen Kabila - Gegnern besteht (vgl. dazu beispielsweise «Von der Ente zum Adler», Frankfurter Rundschau, 1. Februar 2021, https://www.fr.de/politik/von-der- ente-zum-adler-90187827.html; «DR-Congo: New pro -president Felix Tshisekedi government established», africanews.com, 12. April 2021, https://www.africa-news.com/2021/04/12/dr-congo-new-pro-president-fe- lix-tshisekedi-government-established/; «New Cabinet Signals Tshiseke - di’s Grip on Power», Global Risk Insights, 24. Mai 2021, https://globalri- skinsights.com/2021/05/new-cabinet-signals-tshisekedis-tightening-grip- on-power/). Er hat zudem auch im Bereich der Sicherheitsdienste perso- nelle Reformen vorgenommen (vgl. dazu Immigration and Refugee Board of Canada, “Democratic Republic of the Congo: Treatment of opposition members since the 2018 elections, including members of the Union for De- mocracy and Social Progress (Union pour la démocratie et le progrès so- cial, UDPS), as well as clerg y [December 2018–July 2019] vom 15. Juli D-5554/2020 Seite 14 2019, https://irb -cisr.gc.ca/en/country-information/rir/Pages/in- dex.aspx?doc=457851&pls=1; Jeune Afrique, « En RDC, Félix Tshisekedi restructure l’appareil sécuritaire et écarte un général sous sanctions inter- nationales », 23. April 2020, https://www.jeuneafrique.com/933339/poli- tique/en-rdc-felix-tshisekedi-restructure-lappareil-securitaire-et-ecarte-un- general-sous-sanctions-internationales/). Aus Sicht des aktuellen kongole- sischen Regimes ist der Beschwerdeführer nicht der Opposition zuzurech- nen. Da er eigenen Angaben zufolge im Jahr (…) für den Vater des aktuel- len Präsidenten Wahlpropaganda betr ieben und im Jahr (…) an einer Kundgebung der Partei von Tshisekedi, der UDPS, teilgenommen hat, ist vielmehr davon auszugehen, dass er als Sympathisant und Unterstützer der aktuellen Regierung gilt. Eine Verhaftung des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit seiner früheren, gegen Kabila gerichteten Oppositi- onstätigkeit erscheint be i dieser Sachlage sowie unter Berücksichtigung der vom aktuellen Präsidenten vorgenommenen personellen Reformen (auch) bei den Sicherheitsbehörden äusserst unwahrscheinlich. Im Übri- gen trifft es e ntgegen den Vorbringen des Beschwerdeführers nicht zu, dass E._______, welcher im März 2019 von Präsident Tshisikedi begnadigt und aus der Haft entlassen worden war, politisch nicht mehr aktiv ist. E._______ ist nämlich weiterhin Präsident des (…) und unterstützt Felix Tshisekedi, auch wenn er selbst keinen Ministerposten bekleidet (vgl. dazu […]). Gemäss Aussagen des Beschwerdeführers hat ihm E._______ in der Vergangenheit mehrfach geholfen und namentlich grössere Geldzahlun- gen für seine Freilassung aus der Haft, seine Rückkehr aus Angola nach Kinshasa sowie seine Ausreise geleistet (vgl. A32 S. 15, 16 und 18 sowie A57 F72 und 105). F. D. habe ihm ausserdem gesagt, er werde ihn nie im Stich lassen (vgl. A32 F97). Sollte der Beschwerdeführer bei der Rückkehr nach D._______ entgegen aller Wahrscheinlichkeit Probleme m it Sicher- heitsbehörden bekommen, ist daher davon auszugehen, dass er erneut E._______ kontaktieren und um Unterstützung und Fürsprache bitten könnte. Nach dem Gesagten kann die aus den angeblichen früheren Ver- folgungserlebnissen abgeleitete Furcht vor eine r asylbeachtlichen Verfol- gung bei einer Rückkehr nach Kongo (Kinshasa) jedenfalls im heutigen Zeitpunkt nicht mehr als begründet erachtet werden. 6.5 Dem Beschwerdeführer ist es somit nicht gelungen, eine aktuelle asyl- relevante Verfolgungsfurcht darzutun. Die Vorinstanz hat daher im Ergeb- nis zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch ab- gelehnt. D-5554/2020 Seite 15 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). In Bezug auf die Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge- mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be- weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). 8.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie- mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be- handlung unterworfen werden. 8.1.2 Das flüchtlingsrechtliche Refoulement-Verbot schützt nur Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer D-5554/2020 Seite 16 nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich erhebliche Gefährdung nachzu- weisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine An- wendung finden. Eine Rückkehr in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 8.1.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh- rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung nach Kongo (Kinshasa) dort mit beachtlicher Wahrschein- lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be- handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtsho- fes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschus- ses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nach- weisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Fol- ter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, m.w.H.). Dies ist ihm – wie die vorstehenden Erwägungen im Asylpunkt zeigen – nicht gelungen. Die allgemeine Men- schenrechtssituation in Kongo (Kinshasa) lässt den Wegweisungsvollzug im heutigen Zeitpunkt ebenfalls nicht als unzulässig erscheinen. 8.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann de r Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.2.1 Wie das SEM zu Recht festgestellt hat, herrscht in Kongo (Kinshasa) keine landesweite Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner G e- walt. In individueller Hinsicht kann jedoch gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts die Rückkehr von Personen aus Kongo (Kinshasa) grundsätzlich nur dann als zumutbar bezeichnet werden, wenn die betroffene Person ihren letzten Wohnsitz in der Hauptstadt Kinshasa oder einer anderen, über einen Flughafen verfügenden Stadt im Westen des Landes hatte, oder wenn die Person in einer dieser Städte über ein gefestigtes Beziehungsnetz verfügt. Trotz Vorliegens der vorstehend ge- nannten Kriterien ist der Vollzug der Wegweisung jedoch – nach sorgfälti- ger Prüfung und Abwägung der individuellen Umstände – in aller Regel nicht zumutbar, wenn die zurückzuführende Person (kleine) Kinder in ihrer Begleitung hat, für mehrere Kinder verantwortlich ist, sich bereits in einem D-5554/2020 Seite 17 vorangeschrittenen Alter oder in einem schlechten gesundheitlichen Zu- stand befindet oder wenn es sich bei ihr um eine alleinstehende, nicht über ein soziales oder familiäres Netz verfügende Frau handelt (vgl. dazu das Referenzurteil des BVGer E-731/2016 vom 20. Februar 2017 E. 7.3, sowie beispielsweise E-4739/2020 vom 25. November 2020 E. 9.4 f.). 8.2.2 Der Beschwerdeführer stammt aus D._______ und hat eigenen An- gaben zufolge abgesehen von einem Aufenthalt in Angola zwischen den Jahren (…) immer dort gelebt, weshalb davon auszugehen ist, dass er in D._______ zumindest über einige Freunde oder Bekannte verfügt, welche ihm bei Bedarf bei der Reintegration behilflich sein könnten. Er hat im Hei- matland zunächst als (…) und später als (…) gearbeitet; Letzteres war sei- nen Angaben in der Beschwerde zufolge offenbar eine lukrative Tätigkeit (vgl. S. 4 der Beschwerde). Es dürfte dem Beschwerdeführer zumutbar und möglich sein, diese Erwerbstätigkeit nach seiner Rückkehr nach D._______ wiederaufzunehmen, um so seinen Lebensunterhalt zu bestrei- ten. Hinsichtlich der geltend gemachten gesundheitlichen Probleme ist so- dann Folgendes festzustellen: Den Akten zufolge leidet der Beschwerde- führer im Wesentlichen an einer (…) respektive damit verbundenen Symp- tomen ([…]) sowie an (…). Er wurde respektive wird deswegen mittels (…) behandelt. Diese Krankheiten sind allesamt nicht als derart schwerwiegend zu bezeichnen, als dass davon auszugehen sein müsste, dass die Rück- kehr des Beschwerdeführers ins Heimatland zu einer raschen und lebens- gefährdenden Beeinträchtigung seines Gesundheitszustandes führen würde (vgl. dazu BVGE 2009/2 E. 9.3.2). Im Übrigen sind die erwähnten Gesundheitsprobleme auch in D._______ behandelbar, wenn auch nicht auf demselben hohen Niveau wie in der Schweiz; so beispielsweise im Uni- versitätsspital von K inshasa und im Centre Hospitalier Monkole sowie in den auf die Behandlung von psychischen Erkrankungen spezialisierten Einrichtungen Centre Neuro -Psycho-Pathalogie [CNPP] du Mont Amba, Centre Medi cal de Kinshasa in Gombe/Kinshasa und Centre de Santé Mentale TELEMA (vgl. dazu auch das Urteil des BVGer E -49/2021 vom 22. März 2021 E. 8.3.4, m.w.H.). Sollte der Beschwerdeführer Schwierig- keiten haben, aus eigener Kraft für die Kosten einer für ihn notwe ndigen Behandlung aufzukommen, so ist es ihm zuzumuten, seine in der Provinz Zentralkongo lebenden (Schwieger-)Verwandten (vgl. A32 F22 und F44) sowie seinen in (…) (Angola) wohnhaften Onkel, bei welchem er sich zwi- schen den Jahren (…) aufgehalten hat, um finanzielle Unterstützung zu ersuchen. Im Weiteren könnte er sich bei Bedarf an seinen langjährigen Bekannten E._______ wenden, zumal er von diesem bereits in der Ver-D-5554/2020 Seite 18 gangenheit mehrfach (finanzielle) Hilfe erhalten hat und dieser ihm o ffen- bar zugesichert hatte, er werde ihn nie im Stich lassen (vgl. A32 F97). Zur Überbrückung einer infolge der Rückkehr allenfalls entstehenden Behand- lungslücke besteht für den Beschwerdeführer ausserdem die Möglichkeit, Rückkehrhilfe im Sinne von Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 (AsylV 2, SR 142.312) zu beantra- gen. 8.2.3 Nach dem Gesagten ist nicht davon auszugehen, dass der Be- schwerdeführer bei einer Rückkehr nach D._______ in eine existenzbedro- hende Situation geraten würde. Der Vollzug der Wegweisung ist daher ins- gesamt als zumutbar zu erachten. 8.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl . Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513–515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Die aktuelle Corona -Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug ebenfalls nicht entgegen; denn es han delt sich dabei – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Voll- zugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland ange- passt wird. 8.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei- sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt damit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägun gen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentgeltliche Prozessführung D-5554/2020 Seite 19 mit Zwischenverfügung vom 16. November 2020 gutgeheissen worden ist, werden keine Verfahrenskosten erhoben. 10.2 Mit derselben Zwischenverfügung wurde ferner auch das Gesuch um amtliche Verbeiständung gutgeheissen. Die Festsetzung des amtlichen Honorars erfolgt in Anwendung der Art. 8–11 sowie Art. 12 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). In der eingereichten Kos- tennote vom 17. Februar 2021 wird ein Aufwand von 12 Stunden sowie Auslagen von Fr. 50.– geltend gemacht, was angemessen erscheint. Der ausgewiesene Stundenansatz von Fr. 150.– bewegt sich im Rahmen der vom Gericht festgelegten Praxis bei amtlicher Vertretung (vgl. dazu bereits die Ausführungen in der Zwischenverfügung vom 16. November 2020 ). Demnach ist dem amtlichen Vertreter zu Lasten des Bundesverwaltungs- gerichts ein Honorar von insgesamt Fr. 1'850.– zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-5554/2020 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das amtliche Honorar für den als amtlichen Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertreter beträgt Fr. 1'850.– und geht zulasten der Kasse des Bun- desverwaltungsgerichts. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Jeannine Scherrer-Bänziger Anna Dürmüller Leibundgut Versand: