B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-4626/2021 U r t e i l v o m 1 3 . A p r i l 2 0 2 3 Besetzung Richter Gregor Chatton (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richterin Claudia Cotting-Schalch, Gerichtsschreiberin Caroline Rausch. Parteien A._______, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nationales Visum aus humanitären Gründen zugunsten von B._______, C._______, D._______, E._______ F._______. F-4626/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Der syrische Staatsangehörige A._______, geboren am (…), (nachfolgend: Beschwerdeführer) wurde am 15. Juni 2020 aufgrund der Unzumutbarkeit seiner Wegweisung in der Schweiz vorläufig aufgenommen. B. Am 26. Juli 2021 beantragte die Ehefrau des Beschwerdeführers B._______, geboren am (…), (nachfolgend: Gesuchstellerin 1) für sich und ihre gemeinsamen Kinder C._______, geboren am (…) (nachfolgend: Ge- suchstellerin 2), D._______, geboren am (…) (nachfolgend: Gesuchstelle- rin 3), E._______, geboren am (…) (nachfolgend: Gesuchsteller 4) und F._______, geboren am (…) (nachfolgend: Gesuchsteller 5), alle Staatsan- gehörige Syriens, bei der Schweizerischen Botschaft in Beirut die Ausstel- lung von Visa für den langfristigen Aufenthalt (Visa D; sog. humanitäre Visa). C. Mit Formularverfügungen vom 13. August 2021, eröffnet am 26. August 2021, verweigerte die Schweizerische Botschaft die Ausstellung der bean- tragten Visa. Dagegen erhob der Beschwerdeführer am 30. August 2021 Einsprache beim Staatssekretariat für Migration (nachfolgend: die Vo- rinstanz). D. Die Vorinstanz wie s die Einsprache mit Verfügung vom 24. Septem- ber 2021 ab. E. Mit Beschwerde vom 21. Oktober 2021 (Datum Poststempel) gelangte der Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte sinn- gemäss die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Erteilung hu- manitärer Visa für die Gesuchstellenden. F. Am 12. November 2021 erliess das Bundesverwaltungsg ericht eine Zwi- schenverfügung und forderte den Beschwerdeführer zu einer Verbesse- rung der Beschwerde auf. Am 19. November 2021 ergänzte er die Be- schwerde. F-4626/2021 Seite 3 G. Mit Zwischenverfügung vom 29. November 2021 forderte das Bundesver- waltungsgericht den Beschwerdeführer auf , ein en Kostenvorschuss von Fr. 800.– zu leisten. Am 9. Dezember 2021 wurde der Kostenvorschuss bezahlt. H. Am 30. Dezember 2021 beantragte die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung die Abweisung der Beschwerde. I. Am 10. August 2022 ersuchte der Beschwerdeführer das Bundesverwal- tungsgericht um Auskunft über den Verfahrensstand. Das Bundesverwal- tungsgericht antworte ihm am 16. August 2022. J. In seinen Eingaben vom 24. August 2022, 28. Oktober 2022 und 7. Novem- ber 2022 machte der Beschwerdeführer ergänzende Ausführungen und reichte weitere Beweismittel ein. K. In ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom 17. November 2022 beantragte die Vorinstanz erneut die Abweisung der Beschwerde. L. Am 7. Dezember 2022 ersuchte der Beschwerdeführer das Bundesverwal- tungsgericht um Auskunft über den Verfahrensstand. Das Bundesverwal- tungsgericht antworte ihm am 15. Dezember 2022. M. Aus organisatorischen Gründen wurde im Dezember 2022 für den bisheri- gen Instruktionsrichter der vorsitzende Richter im Spruchkörper aufgenom- men. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Von der Vorinstanz erlassene Einspracheentscheide betreffend huma- nitäre Visa sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfecht- bar (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG). In diesem Bereich entschei- det das Bundesverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG). F-4626/2021 Seite 4 1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG). 1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat, Ehemann und Vater der vom Entscheid unmittelbar Betroffenen zur Beschwerde berechtigt (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen sind erfüllt (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutre- ten. 2. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch de s Er- messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb- lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Be- gründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus an- deren als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent- scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2). 3. 3.1 Die Gesuchstellenden unterliegen als syrische Staatsangehörige für die Einreise in die Schweiz der Visumspflicht. Sie beabsichtigen einen län- gerfristigen Aufenthalt in der Schweiz. Auf ihre Visagesuche vom 26. Juli 2021 gelangt daher nicht Schengen -, sondern au sschliesslich nationales Recht zur Anwendung (vgl. Art. 4 Abs. 1 i.V.m. Art. 9 Abs. 1 der Verordnung vom 15. August 2018 über die Einreise und die Visumerteilung [VEV, SR 142.204]; BVGE 2018 VII/5 E. 3.5 und E. 3.6.1 m.H.). 3.2 Gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann in Abweichung von den allgemeinen Einreisevoraussetzungen (vgl. Art. 4 Abs. 1 VEV) in begründeten Fällen aus humanitären Gründen ein Visum für einen längerfristigen Aufenthalt erteilt werden. Ein solcher Fall liegt insbesondere dann vor, wenn die be- treffende Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet ist. Praxisgemäss werden humanitäre Visa nur unter sehr restriktiven Bedingungen ausgestellt (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.3 m.H.). Die Erteilung eines Visums aus humanitären Gründen im Sinne von Art. 4 Abs. 2 VEV setzt voraus, dass bei einer Person aufgrund der kon- kreten Umstände offensichtlich davon ausgegangen werden muss, dass sie sich im Heimat - oder Herkunftsstaat in einer besonderen Notsituation F-4626/2021 Seite 5 befindet, die ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich macht und es rechtfertigt, ihr ein Einreisevisum zu erteilen. Dies kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder aufgrund einer konkreten individuellen Ge- fährdung, die sie mehr als andere Personen betrifft, gegeben sein. Befindet sich die betroffene Person bereits in einem Drittstaat oder ist sie nach ei- nem Aufenthalt in einem solchen freiwillig in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurückgekehrt und hat sie die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in der Regel davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3 sowie statt vieler Urteil des BVGer F-3741/2021 vom 11. Februar 2022 E. 3 m.H.). Das Visumsgesuch ist un- ter Berücksichtigung der aktuellen Gefährdung, der per sönlichen Um- stände der betroffenen Person und der Lage im Heimat - oder Herkunfts- land zu prüfen. Dabei können auch weitere Kriterien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die Integrationsaussichten oder die Unmög- lichkeit, in einem anderen Land um Schutz nachzusuchen, mitberücksich- tigt werden (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3; Urteil des BVGer F-3278/2021 vom 10. Januar 2022 E. 3.3). 3.3 Im Gegensatz zum Asylverfahren gilt für die Erteilung eines humanitä- ren Visums ein erhöhtes Beweismass. Die Gefährdung muss offensichtlich sein; eine blosse Glaubhaftmachung genügt nicht (statt vieler: Urteile des BVGer F-274/2020 vom 22. Juni 2021 E. 5.2; F ‑3968/2017 vom 20. Juni 2019 E. 5; D-4765/2014 vom 21. März 2016 E. 2.5). Dies ergibt sich dar- aus, dass mit der dringlichen Änderung des Asylgesetzes vom 28. Septem- ber 2012 (AS 2012 5359) per 29. September 2012 die Möglichkeit aufge- hoben wurde, bei einer Schweizer Auslandsvertretung ein Asylgesuch ein- zureichen. Der Bundesrat hielt in diesem Zusammenhang in seiner Bot- schaft vom 26. Mai 2010 zur Änderung des Asylgesetzes unter Hinweis auf die Wahrung der humanitären Tradition der Schweiz ausdrücklich fest, dass auch in Zukunft offensichtlich unmittelbar, ernsthaft und konkret ge- fährdete Personen den Schutz der Schweiz erhalten sollen; dies unter ex- plizitem Verweis auf die bestehende Möglichkeit, um ein Visum "aus huma- nitären Gründen" zu ersuchen (vgl. BBl 2010 4455). Dabei sollte die Bewil- ligung eines Visums aus humanitären Gründen an restriktivere Vorausset- zungen als die im Falle der Auslandsgesuche entwickelten zu knüpfen sein (vgl. BBl a.a.O., 4468, 4490, und 4520 und ausführlich Urteil des BVGer F‑533/2020 vom 31. Mai 2021 E. 3.4 m.w.H.). F-4626/2021 Seite 6 4. 4.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, dass sich die Gesuch- stellenden in Libanon und damit in einem sicheren Drittstaat aufhalten wür- den. Somit greife die Regelvermutung, dass keine Gefährdung mehr be- stehe. Es seien keine substantiierten und stichhaltigen Gründe ersichtlich, welche auf eine unmittelbare, ernsthaft und konkret an Leib und Leben ge- fährdende Notlage hinweisen würden, welche ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich erscheinen liesse . Es seien überdies keine gezielt gegen die Gesuchstellenden gerichteten Verfolgungsmassnahmen qualifi- ziert geltend gemacht worden . In Libanon würden sich zurzeit viele Tau- sende syrische Flüchtlinge aufhalten, ohne dass sie konkret gefährdet seien. Es würden auch keine Hinweise dafür vorliegen, dass syrische Staatsangehörige in Libanon – selbst wenn sie sich illegal dort befänden – gefährdet seien, nach Syrien ausgeschafft zu werden. Der Zugang zu einer minimalen Gesundheitsversorgung sei möglich, zumal grundsätzlich ein funktionierendes Gesundheitssystem bestehe. Bezüglich der geltend ge- machten gesundheitlichen Probleme der Gesuchste llerin 1 weist die Vo- rinstanz darauf hin, dass in Libanon umfassende und zahlreiche medizini- sche Angebote von privaten Hilfsorganisationen (Ärzte ohne Grenzen und weitere) bestehen würden, welche von der Gesuchstellerin 1 in Anspruch genommen werden könnten. Zudem erachtet es die Vorinstanz als möglich und zumutbar, dass sich die Gesuchstellenden an die lokalen Hilfsorgani- sationen und karitativen Organisationen wenden, um eine minimale Unter- stützung zu erhalten. 4.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, dass sein Sohn, der Gesuchsteller 5, in Syrien für mehrere Monate von der PYD rekrutiert worden sei. Die Ge- suchstellenden seien danach geflüchtet. Auf der Flucht sei die Gesuchstel- lerin 1 von der terroristischen Gruppierung Sultan Murat festge nommen worden und nur durch die Bezahlung eines Schmiergeldes wieder freige- kommen. Später sei en die Gesuchstellerin 1 und andere Verwandte des Beschwerdeführers von der Sultan Murat Gruppierung brutal geschlagen worden. Die Gesuchstellerin 1 sei ein weiter es Mal geschlagen worden. Die Lage in Libanon sei für die Gesuchstellenden unerträglich, denn sie erhielten dort keine Unterstützung. Die Gesuchstellerin 1 könne wegen ih- res Gesundheitszustandes (in Folge der Schläge) keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Die Gesuchstellenden würden keine Hilfe vom UNHCR oder lokalen Hilfsorganisationen erhalten und der Beschwerdeführer könne sie aus der Schweiz aus nur begrenzt unterstützen. F-4626/2021 Seite 7 4.3 In seiner ergänzenden Eingabe vom 24. August 2021 macht der Be- schwerdeführer geltend, dass der Gesuchsteller 5 in Libanon für einen Tag von der Hisbollah entführt worden sei. Trotz erfolgter Flucht seien die Ge- suchstellenden von zwei Männern aufgesucht wo rden, welche wohl der Hisbollah zugehörig oder zumindest zugetan seien. Die Männer hätten sich nach dem Beschwerdeführer erkundigt. Nach diesem Vorfall hätten sie er- neut umziehen müssen. Die Gesuchstellenden würden nun in einem klei- nen Zimmer ohne Heizung, Strom und Kochgelegenheit wohnen. Der Ge- suchsteller 5 sei danach ein weiteres Mal von der Hisbollah entführt wor- den, dabei sei er geschlagen worden. Er befürchte eine erneute Entfüh- rung. Die physischen Attacken hätten bei der Gesuchstellerin 1 zu mehreren Brü- chen in den Beinen geführt, wodurch ihre Mobilität stark eingeschränkt wor- den sei. Sie habe keine Behandlungsmöglichkeiten in Libanon, da die be- nötigten Spritzen nicht beschaffbar seien. Sie habe nun auch starke chro- nische Schmerzen, welche in den Rücken ausstrahl ten. Die finanziellen Mittel und der Zugang zur medizinischen Versorgung fehlten. Eine ärztliche Abklärung vom 16. August 2022 habe ergeben, dass sie schnellstmöglich eine Behandlung brauche. Auch die Tochter des Beschwerdeführers, die Gesuchstellerin 2, sei am 16. August 2022 ärztlich untersucht worden. Da- bei sei festgestellt worden, dass sie mangelernährt und deshalb appetit- und kraftlos sei und öfters hohes Fieber habe. Es bestehe der Verdacht auf Hepatitis. Zudem leide der Gesuchsteller 5 an Angstzuständen und brau- che psychotherapeutische Betreuung. 4.4 In seiner ergänzenden Eingabe vom 28. Oktober 2022 macht der Be- schwerdeführer geltend, dass libanesische Behörden aktiv gegen syrische Flüchtlinge vorgehen würden, welche keine Aufenthaltsbewilligung besit- zen. Es würden Familien nach Syrien ausgeschafft. Des Weiteren sei den Gesuchstellenden das Zimmer gekündigt worden. Es sei aktuell unmöglich, eine andere Unterkunft zu finden, da die Repres- sion gegenüber syrischen Familien ohne Aufenthaltsbewilligung gross sei und die Vermietenden keine Risiken eingehen wollen würden. Betreffend die Kündigung der Wohnung sei die Gesuchstellerin 1 zu einem Treffen mit dem Dorfvorsteher mitgenommen worden. Seit diesem Treffen seien die Gesuchstellenden den Behörden bekannt und ihnen drohe nun jederzeit die Ausschaffung nach Syrien. F-4626/2021 Seite 8 4.5 Mit seiner ergänzenden Eingabe vom 7. November 2022 reicht e der Beschwerdeführer einen Bericht der Organisation borderfree ein, deren Mitarbeitende die Gesuchstellenden in Libanon besucht ha ben. Die Ge- suchstellenden befänden sich nun illegal in einem Haus. Es sei unmöglich für sie, eine Wohnung zu finden, da sie nicht offiziell als Flüchtlinge einge- tragen seien. Zudem hätten die Gesuchstellenden keine finanziellen Mittel. Der Libanon arbeite daran, sie nach Syrien zu deportieren. In Bezug auf den Gesuchsteller 5 führten sie aus , dass dieser dringend psychothera- peutische Betreuung benötige. 4.6 In ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom 17. November 2022 führt die Vorinstanz aus, dass die von der Hisbollah ausgehende, drohende Ge- fahr in Libanon nicht belegt und nicht substantiiert genug vorgebracht wor- den sei. Weshalb eine erneute Entführung drohe, könne den Akten eben- falls nicht entnommen werden. Es seien keine Gründe für die (drohenden) Entführungen und die Freilassungen genannt worden. Gleiches gelte für die vorgebrachte, vermeintliche akute Gefahr, nach Syrien ausgeschafft zu werden, da keine konkreten Hinweise dafür vorliegen würden. Es würden keine systematischen Repatriierungen stattfinden. Betreffend den Gesundheitszustand der Gesuchstellenden 1, 2 und 5 ver- weist die Vorinstanz auf den möglichen Zugang zu einer minimalen Ge- sundheitsversorgung in Libanon. Zudem ergebe sich aus den Unterlagen kein akuter Bedarf an medizinischer Unterstützung. Eine Einreise in die Schweiz sei aus medizinischen Gründen deshalb nicht zwingend erforder- lich. 5. Unter Berücksichtigung der dargestellten Parteistandpunkte ist nachfol- gend über die Rechtmässigkeit der von der Vorinstanz angeordneten Ver- weigerung der humanitären Visa zu entscheiden. 5.1 Die Gesuchstellenden sind aus Syrien in den Libanon geflüchtet. In Li- banon herrscht weder (Bürger-)Krieg noch eine Situation allgemeiner Ge- walt. Zwar ist das Land von politischen , wirtschaftlichen und religiösen Spannungen geprägt, die allgemeine Lage dort lässt aber nicht grundsätz- lich auf eine individuelle Gefährdung schliessen. Was die Situation syri- scher Flüchtlinge anbelangt, so erweisen sich deren Lebensbedingungen in Libanon in vielen Belangen als schwierig; dies gilt auch für die nicht beim UNHCR als Flüchtlinge registrierten Gesuchstellenden. Die Vorbringen des F-4626/2021 Seite 9 Beschwerdeführers führen indessen nicht zur Annahme, dass sich die Ge- suchstellenden – verglichen mit den allgemeinen, schwierigen Bedingun- gen syrischer Flüchtlinge in Libanon – in einer besonders prekären Notlage befinden, welche ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich ma- chen würde. Das gilt auch für die geltend gemachte, drohende Rekrutie- rung des Gesuchstellers 5 (vgl. dazu Urteil des BVGer F -1427/2020 vom 10. Mai 2021 E. 6.2). Vielmehr braucht es für die Ausstellung eines huma- nitären Visums konkrete Anhaltspunkte für das Bestehen einer unmittelba- ren, ernsthaften und konkreten Gefährdung an Leib und Leben. Schliess- lich gilt es darauf hinzuweisen, dass sie in finanzieller Hinsicht durch den in der Schweiz lebenden Beschwerdeführer und die vor Ort tätigen Hilfsor- ganisationen – wenn auch nur beschränkt – unterstützt werden können. 5.2 Zur geäusserten Befürchtung, die Gesuchstellenden würden zwangs- weise nach Syrien rücküberführt, gilt es vore rst zu bedenken, dass nach den Erkenntnissen des Gerichts die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge in Libanon nicht über einen geregelten Aufenthalt verfüg en. Wegweisungen werden von den libanesischen Behörden in aller Regel mündlich und in erster Linie gegenüber syrischen Flüchtlingen ausgesprochen, die erst vor kurzem illegal in das Land gelangten (vgl. Urteil des BVGer F -7310/2018 vom 19. Dezember 2019 E. 5.2.3). Die libanesischen Behörden haben seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges einen grossen Teil de r Vertriebenen aufgenommen und während Jahren grundsätzlich darauf verzichtet, Be- troffene zwangsweise nach Syrien zurückzuschicken (Urteil des BVGer F-851/2019 vom 20. April 2020 E. 5.2). Ein gewisser Paradigmenwechsel scheint – soweit erkennbar – erst nach den letzten Wahlen im April und Mai 2019 stattgefunden zu haben. Davon betroffen sind in erster Linie syrische Staatsangehörige, die nach dem 24. April 2019 illegal in den Libanon ge- langten (vgl. dazu Urteil des BVGer F-5260/2020 vom 3. September 2021 E. 6.4 und F-503/2021 vom 17. Januar 2022 E. 7.1.1). Die Gesuchstellen- den sind am 26. Juli 2021 illegal in den Libanon eingereist. Somit sind sie von der Gefahr einer Rückführung grundsätzlich betroffen. Darüber hinaus gibt es im konkreten Fall aber keine Hinweise für eine auf die Gesuchstel- lenden bezogene erhöhte Gefahr einer zwangsweisen Rückführung nach Syrien. Die Tatsache, dass den Behörden ihre Namen aufgrund des miet- rechtlichen Treffens mit dem Dorfvorsteher nun bekannt sind, vermag da- ran nichts zu ändern. 5.3 Hinsichtlich des Gesundheitszustandes der Gesuchstellenden 1,2 und 5 ist festzustellen, dass in Libanon eine minimale medizinische Versorgung F-4626/2021 Seite 10 gewährleistet ist. Es gibt neben dem UNHCR weitere Akteure wie beispiels- weise Médécins Sans Frontières, welche den Zugang zu medizinischer Un- terstützung gewährleisten. Diese umfasst die Behandlung akuter und chro- nischer Krankheiten, Impfungen, Geburtshilfe und psychologische Betreu- ung (vgl. Urteil des BVGer F -3837/2021 vom 21. Juli 2022 E. 5.4). Dies bestätigt auch der Arztbericht vom 16. August 2022. Zudem kann nicht da- von ausgegangen werden, dass eine Einreise in die Schweiz aus medizi- nischen Gründen zwingend erforderlich sei. Denn auch wenn insbeson- dere die aufgeführten gesundheitlichen Beschwerden der Gesuchstelle- rin 1 den Alltag stark zu erschweren vermögen, handelt es sich nicht um lebensbedrohliche Beeinträchtigungen. 6. Gesamthaft gestaltet sich die Situation der Gesuchstellenden zwar als schwierig, doch lassen – gemessen am Schicksal des Rests der syrischen Bevölkerung in Libanon – weder ihre Lebensbedingungen noch die ge- sundheitlichen Beschwerden darauf schliessen, es bestehe eine unmittel- bare, ernsthafte und konkrete Gefährdung an Leib und Leben, sodass ein behördliches Eingreifen als zwingend notwendig erscheinen würde. Die hohe Schwelle für die Ausstellung eines humanitären Visums wird somit nicht erreicht. 7. Die angefochtene Verfügung verletzt Bundesrecht nicht (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Verfahrenskosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen und auf Fr. 8 00.– festzusetzen (vgl. Art. 63 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Sie sind durch den in gleicher Höhe geleisteten Gerichtskostenvorschuss gedeckt. (Dispositiv nächste Seite) F-4626/2021 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Sie sind durch den in gleicher Höhe geleisteten Gerichtskostenvor- schuss gedeckt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer und die Vorinstanz. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Gregor Chatton Caroline Rausch Versand: