B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6805/2016 U r t e i l v o m 2 8 . M ä r z 2 0 1 7 Besetzung Richter David R. Wenger (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richterin Regula Schenker Senn; Gerichtsschreiberin Eliane Kohlbrenner. Parteien A._______, geboren am (…), Sierra Leone, vertreten durch MLaw Mejreme Omuri, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung (verkürzte Beschwerdefrist); Verfügung des SEM vom 26. Oktober 2016 / N (…). E-6805/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 17. Juli 2016 im Empfangs- und Verfah- renszentrum in Chiasso um Asyl nach. Am 18. Juli 2016 wurde ihm mitge- teilt, dass er per Zufallsprinzip der Testphase des Verfahrenszentrums Zü- rich zugewiesen wurde. Anlässlich der Befragung zur Person vom 21. Sep- tember 2016 und der Anhörung vom 13. Oktober 2016 gab der Beschwer- deführer im Wesentlichen an, er sei am (…) geboren. Seine Eltern seien im August 2015 an Ebola gestorben. Er sei aus der Quarantäne nach Free- town geflüchtet. In Freetown sei im Radio ge sendet worden , dass ein Junge aus der Quarantäne ausgebrochen sei. Deshalb sei er nach Guinea geflüchtet. Zudem hätten sein Vater und sein Grossvater dem Geheimbund Poro angehört. Anlässlich seiner Init iation im Alter von circa neun Jahren hätten sie ihm Narben zugefügt. Nach dem Tod seines Vaters hätte er sei- nen Platz einnehmen müssen. Davor habe er panische Angst gehabt. Mit seiner Flucht habe er ein Gesetz des Geheimbund es gebrochen. Eine Rückkehr würde seinen Tod bedeuten. Sein Hauptgrund für die Beantra- gung des Asyls sei, dass er zu niemandem zurückkehren könne. In seinem Heimatland würden nur noch seine Grossmutter und zwei jüngere Schwes- tern leben. B. Am 22. September 2016 liess die Vorinstanz das Geburtsdatum des Be- schwerdeführers im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (…) abändern. Mit Schreiben vom 23. September 2016 wies der Be- schwerdeführer darauf hin, die Vorinstanz verletze den Untersuchungs- grundsatz, da Zweifel an seinen Angaben nicht genügten, um ihn als voll- jährig zu betrachten; vielmehr müsste ein Altersgutachten durchgeführt werden. Falls die Vorinstanz an der ZEMIS-Änderung festhalte, werde eine anfechtbare Zwischenverfügung beantragt. C. Am 30. September 2016 reichte der Beschwerdeführer ein Formular „Me- dizinische Informationen“ vom 21. September 2016 ein, wonach er an einer posttraumatischen Belastungsstörung leide. D. Am 24. Oktober 2016 gab die Vorinstanz dem Beschwerdeführer Gelegen- heit, sich zum Entscheidentwurf zu äussern. Am 25. Oktober 2016 reichte er eine Stellungnahme ein. E-6805/2016 Seite 3 E. Mit Verfügung vom 26. Oktober 2016 stellte die Vorinstanz fest, der Be- schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge- such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung . Zudem lehnte sie die Berichtigung der Personendaten im ZEMIS ab. F. Mit Eingabe vom 4 . November 2016 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben. Es sei festzustellen, dass die Wegweisung des Beschwerdeführers unzumutbar sei, und die Vorinstanz sei anzuweisen, den Beschwerdeführer vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeur- teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei die unentgeltliche Pro- zessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Der Beschwerdeführer reichte ein Formular „Medizinische Informationen“ vom 2. November 2016 und mehrere Berichte zur Ebolaepidemie, zum Ge- heimbund Poro sowie zur Lage in Sierra Leone als Beweismittel ein. G. Mit Zwischenverfügung vom 29. November 2016 bestätigte der Instrukti- onsrichter die aufschiebende Wirkung der Beschwerde, gewährte die un- entgeltliche Prozessführung, verzichtete auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Vernehmlassung. H. Am 8. Dezember 2016 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein. I. Nach gewährter Fristerstreckung reichte der Beschwerdeführer am 30. De- zember 2016 eine Replik ein. Der Replik war ein B ericht zur Menschen- rechtslage im Jahr 2015 in Sierra Leone des US Departement of State bei- gefügt. E-6805/2016 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer- den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Beschwerdeführer ist als Ver- fügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein- schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un- richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländer- rechts richtet sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Der Beschwerdeführer beantragt in seiner Beschwerde die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die vorläufige Aufnahme in der Schweiz wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. In ihrer Ver- nehmlassung weist die Vorinstanz darauf hin, dass sich aus den Rechts- begehren des Beschwerdeführers nicht kla r ergebe, ob lediglich der Voll- zug der Wegweisung oder auch der Asylpunkt angefochten sei, zumal sich ein Teil seiner Aussagen auf den Asylpunkt beziehe. 3.2 Eine Beschwerde mit unklaren Rechtsbegehren ist zu verbessern. Eine Nachfristansetzung zur Verbesserung erübrigt sich indes, wenn die Bedeu- tung eines unklaren oder unvollständigen Begehrens mit hinreichender Ge- wissheit aus der Begründung oder aus dem Sachzusammenhang der Be- schwerde hergeleitet werden kann (Urteil des BVGer B -7046/2007 vom 23. Juli 2008 E. 3; ANDRÉ MOSER, in: Andreas Auer et al. (Hrsg.), Kommen- tar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren (VwVG) , 2008, Art. 52 N. 3). 3.3 Der Beschwerdeführer beantragt weder in den Rechtsbegehren noch in der Begründung der Beschwerde, ihm sei Asyl zu gewähre n. Dement- sprechend äussert er sich auch nirgends zur Asylrelevanz seiner Vorbrin- gen. Er nimmt einzig zur Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen Stellung. Auf den Einwand der Vorinstanz betreffend seiner Aussagen zum Asylpunkt E-6805/2016 Seite 5 führt er in der Replik aus, es treffe nicht zu, dass ein grosser Teil der Be- schwerdeschrift den Asylpunkt betreffe. Es gehe dabei um die Glaubhaf- tigkeit seiner Vorbringen, welche auch für die Prüfung der Wegweisungs- hindernisse massgeblich sei. Aus der Beschwerde und der Replik geht so- mit klar hervor, dass der Beschwerdeführer nur den Vollzug der Wegwei- sung angefochten hat. Dieselben Überlegungen gelt en für das im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum; der Beschwerdeführer bringt zwar vor, dass seine Angaben zu dem von ihm geltend gemachten Geburts datum ([…]) glaubhaft seien, verzichtet aber darauf, eine Änderung der Personendaten im ZEMIS zu beantragen. Folglich blieben die Verneinung der Flüchtlings- eigenschaft (Ziff. 1 des Dispositivs ) und die Ablehnung des Asylgesuchs (Ziff. 2 des Dispositivs) unangefochten und sind mit Ablauf der Beschwer- defrist in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des vorliegenden Beschwer- deverfahrens bildet somit einzig die Frage, ob die Wegweisung zu vollzie- hen ist oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen ist (Art. 44 AsylG i.V m. Art. 83 AuG [SR 142.20]). 4. Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent- haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9). 5. 5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). 5.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernis- sen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be- weisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). Vor- bringen sind glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihre Richtigkeit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind ins- besondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder E-6805/2016 Seite 6 massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer- den (vgl. Art. 7 AsylG). 5.3 5.3.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AuG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent- gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). Vorliegend komm t dem Beschwerde- führer keine Flüchtlingseigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rück- schiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich viel- mehr nach den allgemeinen verfassungs - und völkerrechtlichen Bestim- mungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). Gemäss diesen Bestimmungen darf keine Person zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Folter oder unmenschliche oder erniedrigende Strafe oder Behandlung droht. 5.3.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, sein Vater und sein Grossvater hät- ten dem Geheimbund Poro an gehört. Anlässlich seiner Initiation im Alter von circa neun Jahren hätten sie ihm Narben zugefügt. Mit dem Tod seines Vaters hätte er seinen Platz einnehmen müssen. Davor habe er panische Angst gehabt. Mit seiner Flucht habe er ein Gesetz des Geheimbund es gebrochen. Eine Rückkehr würde seinen Tod bedeuten. 5.3.3 Die Vorinstanz hält die A ussagen des Beschwerdeführers zum Ge- heimbund Poro für unglaubhaft. Er könne weder zum Verlauf der Initiati- onszeremonie noch zu Aufbau, Ritualen und Funktionsweisen des Ge- heimbundes Angaben machen. Die Erklärung, alles sei geheim gewesen, überzeuge nicht, zumal sogar in den Medien zahlreiche Informationen dar- über zu finden seien. 5.3.4 Gemäss verschiedenen Bericht en ist der Geheimbund Poro ein mächtiges, aktives soziales Netzwerk, das in Sierra Leone weit verbreitet ist. Während die Mitgliedschaft und die Treffen bekannt sind, ist die Ver- breitung von Informationen über die Rituale und Initiationen verboten. Die Initiation erfolgt im Jugendalter und gilt auf Lebenszeit. Die Mitgliedschaft ist wichtiger Bestandteil der sozialen und ethnischen Identität; Nicht-Initi- ierte sind weitgehend vom sozialen, ökonomischen und politischen Leben E-6805/2016 Seite 7 ausgeschlossen und profitieren nicht von den sozialen und ökonomischen Netzwerken, die zu grossen Teilen von Geheimbünden betrieben und kon- trolliert werden. Problematisch ist, dass die Geheimbünde in einem eige- nen, ausserlegalen System operieren (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Glossar Islamische Länder, Band 17 Sierra Leone, Mai 2010, < http://www.ecoi.net/file_upload/4232_1412929121_deutschland-bun- desamt-fuer-migration-und-fluechtlinge-glossar-islamische-laender-band- 17-sierra-leone-mai-2010.pdf >, abgerufen am 16.03.2017 ; Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation vom 13. April 2013, Anfragebeantwortung zu Sierra Leone: Information zu Kult namens Poro, < http://www.ecoi.net/local_link/244666/368094_de.html >, abgerufen am 16.03.2017 ). Der Vorinstanz ist Recht zu geben, dass die Aussagen des Beschwerdeführers zum Geheimbund Poro äusserst vage ausgefallen sind. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass gewisse Angaben des Beschwerdeführers mit den Informationen über den Geheimbund Poro übereinstimmen. So findet die Initiation im Jugendalter an entlegenen Or- ten statt. Bei diesem Ritual werden den Betroffenen oftmals Schnittwunden an der Brust zugefügt. Der Beschwerdeführer weist entsprechende Narben auf. Die innerhalb des Geheimbundes durchgeführten Rituale sind geheim, was in gewissem Masse erklären kann, dass der Beschwerdeführer dazu keine Angaben machen konnte. Der Beschwerdeführer vermochte dem- nach Argumente für die Glaubhaftigkeit seiner Angaben vorzubringen. Eine abschliessende Würdigung dieser Frage kann indes aufgrund der nachfol- genden Ausführungen offenbleiben. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Be- schwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaub- haft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmensch- liche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi ge- gen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Der Beschwerdeführer gab an, er befürchte, bei seiner Rückkehr getötet zu werden, weil er den Platz seines Vaters im Geheimbund nicht eingenommen habe. Als Beleg reicht er einzig einen Bericht über einen Mann ein, der sich öffentlich gegen den Geheim- bund Poro aus gesprochen habe, woraufhin der Geheimbund damit ge- prahlt habe, sie könnten ihn jederzeit ausfindig machen. Dies genügt nicht, um eine konkrete Gefahr („real risk“) glaubhaft zu machen, zumal er kei- nerlei Hinweise, dass er wegen seiner Ausreise aus Sierra Leone bei einer Rückkehr Gefahr laufen würde , getötet zu werden, beibringen konnte . E-6805/2016 Seite 8 Ebenso wenig konnte er belegen, dass eine Nichtmitgliedschaft bezie- hungsweise Mitgliedschaft im Geheimbund mit ernsthaften Nachteilen ver- bunden ist. Bei seiner Furcht vor V ergeltungsmassnahmen des Geheim- bundes Poro handelt es sich folglich um eine blosse, nicht weiter substan- tiierte Vermutung, aus welcher er nichts zu seinen Gunsten abzuleiten ver- mag. Zudem schwächt der Beschwerdeführer sein Argument, wegen des Geheimbundes nicht nach Sierra Leone zurückkehren zu können, mit sei- ner Aussage ab, der Hauptgrund für die Beantragung des Asyls sei, dass in seinem Heimatland nur noch seine Grossmutter und zwei jüngere Schwestern leben würden. Weder aus der angeblichen Mitgliedschaft im Geheimbund der Poro noch aus weiteren Aussagen des Beschwerdefüh- rers oder den Akten ergeben sich somit Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung nach Sierra Leone dort mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder A rt. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Auch die allgemeine Menschenrechts- situation in Sierra Leone lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit- punkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 5.4 5.4.1 Nach Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. 5.4.2 In Sierra Leone herrscht im jetzigen Zeitpunkt weder Krieg noch Bür- gerkrieg und es liegt auch keine Situation allgemeiner Gewalt vor. Seit Ende des Bürgerkrieges im Jahr 2002 hat sich die politische Lage deutlich stabilisiert und hinsichtlich der allgemeinen Sicherheits - und Menschen- rechtslage ist eine stetige Verbesserung festzustellen. Das Land erholt sich von den Kriegswirren und ist, unter Mithilfe von ausländischen Regierun- gen und internationalen Organisationen daran, seine Infrastruktur wieder auf- und auszubauen. Die derzeitige allgemeine Situation in der Heimat des Beschwerdeführers spricht demnach nicht gegen die Zumutbarkeit ei- nes Wegweisungsvollzugs. 5.4.3 Es bleibt im Folgenden zu prüfen, ob allenfalls in der Person des Be- schwerdeführers bestehende Gründe, insbesondere medizinische Gründe, gegen den Vollzug der Wegweisung sprechen. Der Beschwerdeführer macht geltend, er leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung und E-6805/2016 Seite 9 benötige eine stationäre Behandlung. In Sierra Leone sei die psychiatri- sche Versorgung äusserst prekär. Lediglich in Freetown gebe es eine staat- liche Einrichtung für psychisch kranke Menschen. Zudem habe er keine Berufserfahrung, kaum Erwerbsaussichten und kein familiäres Bezie- hungsnetz, da seine Eltern an Ebola gestorben seien. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts erweist sich eine Rück- kehr nach Sierra Leone in individueller Hinsicht als zumutbar, wenn es sich um alleinstehende Männer in ju ngem und mittlerem Alter handelt und um Familien ohne kleine Kinder (vgl. EMARK 2006/16). Gründe ausschliess- lich medizinischer Natur lassen den Wegweisungsvollzug im Allgemeinen nicht als unzumutbar erscheinen, es sei denn, die erforderliche Behand- lung sei wesentlich und im Heimatland nicht erhältlich (vgl. BVGE 2009/2 E.9.3.2; EMARK 2003/24 E. 5b). Entsprechen die Behandlungsmöglichkei- ten im Herkunftsland nicht dem medizinischen Standard in der Schweiz, so bewirkt dies allein noch nicht die Unzumutbarkeit des Vollz ugs. Von einer solchen Unzumutbarkeit ist erst dann auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit der Weiterbehandlung eine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesundheitszustandes nach sich zieht (vgl. EMARK 2004/7 E. 5d; 2003/24 E. 5b). Die medizinische Versorgungslage in Sierra Leone hat sich in den letzten Jahren verbessert. Nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsge- richts besteht in der Hauptstadt Freetown eine nennenswerte medizinische Infrastruktur; so existieren dort mehrere pri vate Spitäler und private Arzt- praxen, welche Patienten, die über genügend finanzielle Mittel verfügen, behandeln (Urteil des BVGer D -2764/2012 vom 10. August 2012 E. 5.4.3.6; E-1759/2016 vom 19. Juli 2016 E. 4.4.5). Gemäss dem Formu- lar „Medizinische Inform ationen“ vom 6. November 2016 leidet der Be- schwerdeführer an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Zur Be- handlung wurde ihm das Medikament Zyprexa verschrieben. Eine empfoh- lene stationäre Behandlung lehnt der Beschwerdeführer indes ab. Die me- dizinische Versorgung in Sierra Leone ist zwar problematisch und mit der- jenigen in Europa nicht zu vergleichen. Das vom Beschwerdeführer benö- tigte Medikament Zyprexa ist jedoch in Freetown erhältlich. Sollte sich der Beschwerdeführer zu weiteren Behandlu ngen entschliessen, so gibt es – wie der Beschwerdeführer selbst erwähnt – in Freetown auch eine staat- liche Einrichtung für psychisch kranke Menschen. Für die Finanzierung sei- ner Behandlung ist darauf hinzuweisen, dass es ihm bei einer Rückkehr – auch unter Berücksichtigung der zweifellos schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation – zuzumuten ist, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen E-6805/2016 Seite 10 und in Verbindung mit der Möglichkeit des Erhalts einer medizinischen Rückkehrhilfe aus der Schweiz (vgl. Art. 75 der Asylverordnung 2 über Fi- nanzierungsfragen vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]) die Kos- ten für seine Behandlung selber zu übernehmen. Es gibt demnach keine medizinischen Gründe, die einen Wegweisungsvollzug nach Sierra Leone als unzumutbar erscheinen lassen. Der Beschwerdeführer ist – auch nach seinem angegebenen Geburtsda- tum vom (…) – volljährig. Bis zu seiner Ausreise hat er in Sierra Leone gelebt und wurde dort sozialisiert. Er ist 10 Jahre zur Schule gegangen und ist demnach im Gegensatz zur überwie genden Mehrzahl der männlichen Bevölkerung in Sierra Leone (circa 70%; https://www.welt-in-zahlen.de/la- endervergleich.phtml?indicator=49 >, abgerufen am 16.03.2017) kein An- alphabet. Folglich sollte er trotz fehlender Berufserfahrung in der Lage sein, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Sollten seine Eltern tatsäch- lich an Ebola gestorben sein, so verfügt er dennoch über eine Grossmutter und zwei jüngere Geschwister in Sierra Leone. In Würdigung aller Um- stände ist eine Rückkehr des Beschwerdeführers trotz des kleinen sozialen Beziehungsnetzes als zumutbar einzustufen. 5.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs . 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög- lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 5.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach de m Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme a usser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AuG). 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom E-6805/2016 Seite 11 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfügung vom 29. November 2016 wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) E-6805/2016 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: David R. Wenger Eliane Kohlbrenner