B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4436/2014 U r t e i l v o m 3 1 . M ä r z 2 0 1 6 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner, Gerichtsschreiberin Alexandra Püntener. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), Syrien, alle vertreten durch Anna Al Khoory, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des BFM vom 11. Juli 2014 / N (…). E-4436/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer – ein syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in Aleppo – verliess seinen Heimatstaat eige- nen Angaben zufolge am 23 . Juni 2013 und reiste über die Türkei am 3. Juli 2013 auf dem Luftweg in die Schweiz, wo er am 4. Juli 2013 am Flug- hafen B._______ um Asyl nachsuchte. Am 6. Juli 2013 wurde er im Emp- fangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) C._______ vom damaligen Bundes- amt für Migration (BFM; heute Staatssekretariat für Migration, SEM) zu sei- ner Person (BzP) und – nach bewilligter Einreise in die Schweiz und Zu- weisung an den Kanton D._______ für die Dauer des Verfahrens – am 16. Oktober 2013 vertieft zu seinen Asylgründen befragt. A.b Die Beschwerdeführerin und das gemeinsame Kind – syrische Staats- angehörige kurdischer Ethni e aus Aleppo – verliessen ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im September 2013 und reisten in die Türkei. Von dort aus seien sie mit einem Visum für die Schweiz am 7. Oktober 2013 gemeinsam mit ihren Schwiegereltern beziehungsweise Grosseltern (E-7499/2014) und Schwägerin beziehungsweise Tante (E-7502/2014) auf dem Luftweg in die Schweiz gereist, wo sie am 28. Oktober 2013 um Asyl nachsuchten. Am 14. November 2013 wurde die Beschwerdeführerin im EVZ E._______ vom BFM summarisch und am 8. April 2014 v ertieft zu ihren Asylgründen befragt. A.c Die Beschwerdeführenden begründeten ihre Asylgesuche im Wesent- lichen damit, sie seien aufgrund der allgemeinen Bürgerkriegssituation und der damit einhergehenden Unsicherheit aus Syrien geflohen. Sie hätten ihre Erkrankung (Hepatitis B) in Syrien nicht behandeln lassen können, da die Spitäler in Aleppo zerstört worden seien. Sie führten zudem aus, Kur- den in der Region um Aleppo seien allgemein Gefahren ausgesetzt, da sie sowohl von den syrischen Behörden als auch von Se iten der Freien Syri- schen Armee verfolgt worden seien . Der Vater des Beschwerdeführers habe vor seiner Rente bis ins Jahre 2002 oder 2003 beim Staatsangehö- rigkeits- und Einwanderungsamt gearbeitet. Im Februar 2013 habe dieser einer Person, um möglichst rasch einen Pass zu erhalten, helfen wollen. Einige Tage später, zirka am 3. Februar 2013, seien Angestellte des Ge- heimdienstes bei den Beschwerdeführenden zu Hause vorbeigekommen und hätten den Beschwerdeführer und seinen Vater auf den Polizeiposten mitgenommen. Sie seien geschlagen und nach einer Familie F._______, die sie aber nicht gekannt hätten, befragt worden. Nach zwei Tagen seien E-4436/2014 Seite 3 sie, nachdem sie ein Dokument hätten unterschreiben müssen, wonach sie mit den Behörden zusammen arbeiten würden, nach Hause zurückgekehrt. Am 13. Februar 2013 seien die Beschwerdeführenden zusammen mit wei- teren Familienangehörigen in die Türkei gereist, wo sie bei der Schweizer Vertretung in Istanbul ein Visum hätten beantragen wollen. Jedoch hätten sie die dafür notwendigen Papiere nicht gehabt . Deshalb seien die Be- schwerdeführenden mit ihrem Kind nach einem Monat nach Syrien zurück- gekehrt. In Syrien seien sie zuerst zu den Eltern der Beschwerdeführerin gefahren und anschliessend nach Aleppo zurückgekehrt, um die noch vor- handenen Waren aus dem Geschäft des Beschwerdeführers zu verkaufen. In Aleppo hätten sie bei einer Tante des Beschwerdeführers gewohnt, die ihnen mitgeteilt habe, dass das Geschäft des Beschwerdeführers zerstört worden sei. Ferner habe ihnen ein Freund erzählt, dass der Beschwerde- führer von der Freien Syrischen Armee gesucht werde. Schliesslich habe der Beschwerdeführer die noch vorhandenen Waren aus dem Lager ver- kaufen können. Am 20. Juni 2013 sei der Beschwerdeführer legal aus Sy- rien ausgereist, während die B eschwerdeführerin und das gemeinsame Kind vorerst bis zu ihrer eigenen Ausreise im September 2014 in Aleppo geblieben seien. Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen. Die Beschwerdeführenden reichten als Beweismittel Identitätsausweise und verschiedene Unterlagen betreffend ihren Gesundheitszustand zu den Akten. B. Das BFM stellt mit Verfügung vom 11. Juli 2014 – eröffnet am 14. Juli 2014 – fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte die Asylgesuche ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz an. Hingegen schob es den Wegweisungsvollzug wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, dass die geltend ge- machten Vorbringen weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit noch denjenigen an die Flüchtlingseigenschaft standhalten würden. C. Mit Eingabe vom 8. August 2014 an das Bundesverwaltungsgericht bean- tragten die Beschwerdeführenden durch ihre Rechtsvertreterin die Aufhe- bung der Dispositiv -Ziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung und die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. E-4436/2014 Seite 4 Eventualiter sei die Sache zur genaueren Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Verbeiständung, unter Beiordnung ihrer Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeistän- din, sowie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor schusses. Gleichzeitig wurden zur Untermauerung der Anliegen der Beschwerdefüh- renden ein Haftbefehl des Syrischen Sicherheitsdienstes vom (…) März 2013 und ein Haftbefehl der Generaldirektion der Dipomatischen Kontakte, West Kurdistan, Provinz Efrin, vom (…) Mai 2013 – beides in Kopie und samt beglaubigter deutscher Übersetzung – als Beweismittel eingereicht. D. Mit Zwischenverfügung vom 13. August 2014 wurden die Gesuche der un- entgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG – unter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers – , um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses und um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 110a Abs. 1 AsylG (SR 142.31) gutgeheissen und die bisherige Rechts- vertreterin, Anna Al Khoory, Rechtsanwältin, als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Ver- nehmlassung eingeladen. E. Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 18. August 2014 die Abweisung der Beschwerde. Diese wurde den Beschwerdeführenden am 19. August 2014 zur Kenntnis gebracht. F. Am 8. Mai 2015 reichten die Beschwerdeführenden einen Mobilmachungs- befehl der Syrischen Arabischen Republik, Abteilung Mobilisierungsdirek- tion Aleppo vom (…) Juni 2013 – in Kopie samt beglaubigter deutscher Übersetzung – zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den E-4436/2014 Seite 5 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete E-4436/2014 Seite 6 Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal- tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über di e Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG). 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.4 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein red uziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesent- liche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschick- sals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte, im Wesent- lichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderun g der dargelegten Vor- kommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlitte- nen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinrei- chende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüch- lichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurtei- lung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Ele- mente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Sub- stantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vor- bringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we- sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver- haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2.3). 4. 4.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid damit, das Verhalten der Beschwerdeführenden, die aufgrund der Krankheit der Mut- ter der Beschwerdeführerin und für den Verkauf von Waren im Mai 2013 von der Türkei nach Syrien zurückgekehrt seien, entspreche nicht dem von E-4436/2014 Seite 7 tatsächlich gefährdeten Personen, insbesondere dass sie nach Aleppo zu- rückgekehrt seien, wo zuvor im Februar 2013 der Beschwerdeführer und sein Vater verhaftet und festgenommen worden seien . So hätten sie u.a. geltend gemacht, aus Angst vor den Behörden und der erzwungenen Zu- sammenarbeit mit denselben ausgereist zu sein. Im Weiteren hätten sie anlässlich der summarischen Befragung als Grund für ihre Ausreise die all- gemeine Bürgerkriegslage in Syrien angegeben, im Rahmen der Anhörung hingegen ausgesagt, dass der Beschwerdeführer und sein Vater vom syri- schen Sicherheitsdienst von zu Hause mitgenommen und zwei Tage lang inhaftiert worden seien. Der Einwand, wonach sie sich bei der BzP hätten kurz fassen müssen, überzeuge nicht und erkläre nicht, weshalb die später geltend gemachte Fluchtgeschichte mit keinem Wort erwähnt worden sei. Weiter sei in der syrischen Diaspora wohl bekannt, das gerade politische Verfolgungsmotive bei den schweizerischen Asylbehörden geltend ge- macht werden müssten, um einen positiven Asylentscheid zu erhalten. Auf- grund der Tatsache, dass der Bruder des Beschwerdeführers bereits seit über zehn Jahren n der Schweiz lebe und hier selbst ein Asylverfahren durchlaufen habe, sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden gut über das Prozedere informiert gewesen seien. Aufgrund dieses offen- sichtlichen Nachschiebens sei die Geschichte rund um die Verhaftung als nachgeschobenes Sachverhaltskonstrukt und damit als unglaubhaft zu qualifizieren. Die Vorbringen zur allgemeinen Lage in Syrien seien nicht asylrelevant. 4.2 In der Rechtsmitteleingabe wird dem entgegengehalten, die Vorinstanz habe den Sachverhalt falsch und unvollständig dargestellt. Die Beschwer- deführenden seien bei der Einreichung ihrer Asylgesuche im EVZ darauf hingewiesen worden, dass es sich bei der BzP um eine summarische An- hörung handle und eine vertiefte Befragung später folge. Sie hätten vorerst auf die dramatische aktuelle Situation in Syrien hingewiesen, welche aber nicht der ausschlaggebende Ausreisegrund gewesen sei. Weiter mag es zutreffen, dass die ganze Bevölkerung in Syrien von den Kriegswirren be- troffen sei. Jedoch dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, dass Minder- heiten wie die christliche oder auch die kurdische Bevölkerung durch den Bürgerkrieg in erhöhter Weise betroffen se ien. Dies treffe auf die Be- schwerdeführenden zu, wobei auch dies nicht das ausschlaggebende Fluchtmotiv sei. Sie seien von der Türkei nach Syrien zurückgekehrt, im Wissen darum, dass dies für den Beschwerdeführer sehr gefährlich sei und weil die Beschwerdeführerin wegen ihrer kranken Mutter darauf gedrängt und der Beschwerdeführer zur Finanzierung ihrer Reise nach Westeuropa dringend Geld benötigt habe. Dazu habe letzterer seine Waren verkaufen E-4436/2014 Seite 8 wollen. Er habe auch gewusst, dass er nur kurze Zeit in Syrien verbleiben würde. Während der zwei bis drei Wochen habe er sich auch versteckt. Aleppo sei schliesslich die zweitgrösste Stadt mit zirka 2,5 Millionen Ein- wohnern. Im Übrigen seien sie über die nicht vom Militär, sondern von Kur- den kontrollierte Grenze über Afrin ausgereist. Der Beschwerdeführer habe in der Zwischenzeit über Bekannte, die Kontakte zu Beamten in der Archi- vierungsabteilung des syrischen Sicherheitsdienstes pflegen würden, die Kopie eines gegen ihn angeordneten Haftbefehls des syrischen Sicher- heitsdienstes vom (…) März 2013 ("Wegen Vorbereitung und Teilnahme an Demonstrationen und Anstiftung der Bevölkerung gegen das Regime und politische Aktivitäten") erhältlich machen können. Zudem habe er erfahren, dass er auch von Seiten der Generaldirektion der Diplomatischen Dienste, West Kurdistan, Provinz Efrin, welche zur Zeit den Norden Syriens beherr- sche, mittels eines (in Kopie eingereichten) Haftbefehls vom (…) Mai 2013 (wegen "Verweigerung des Befehls, Waffen zu tragen" ) gesucht werde . Diese habe vernommen, dass er kurdischer Ethnie sei und mit der Gegen- seite – dem syrischen Sicherheitsdienst – kooperiere und sich damit nicht dem Schutz der Kurden in Syrien widme und sich weigere, diese zu unter- stützen. Im Verlaufe des Beschwerdeverfahrens wurde im Weiteren ein Mobilmachungsbefehl vom (…) Juni 2013 eingereicht, gemäss dem der Beschwerdeführer mit der Mobilmachungsdirektion Aleppo hätte Kontakt aufnehmen müssen. 5. 5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass die Vorinstanz die Asylgesuche der Beschwerdeführenden zu Recht abgewiesen hat. Sie hat den Sachverhalt entgegen der pauscha- len Rüge richtig und vollständig abgeklärt und in ihrem Entscheid die Gründe angeführt, welche auf die fehlende Asylrelevanz sowie fehlende Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführenden schliessen las- sen. Die Ausführungen in der Beschwerdeschrift sowie die eingereichten Beweismittel vermögen an dieser Sichtweise nichts zu ändern. Zur Vermei- dung von Wiederholungen kann vorab auf die entsprechenden Ausführun- gen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden. 5.2 In Übereinstimmung mit der Vo rinstanz ist vorweg festzustellen, dass die Beschwerdeführenden den Umstand, wonach der Beschwerdeführer und sein Vater vom syrischen Sicherheitsdienst von zu Hause mitgenom- men und zwei Tage lang inhaftiert und dabei misshandelt worden seien, anlässlich den Erstbefragungen vom 6. Juli 2013 (Ehemann) respektive E-4436/2014 Seite 9 vom 14. November 2013 mit keinem Wort erwähnten. Ihre Erklärungen da- für, sie seien bei der BzP zur Kürze angehalten worden, vermag angesichts der zentralen Bedeutung des behaupteten Verfolgungsvorbringens nicht zu überzeugen. Zwar ist festzustellen, dass den Aussagen im EVZ zu den Ausreisegründen angesichts des summarischen Charakters dieser Befra- gung für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der vorgebrachten Asylgründe nur ein beschränkter Beweiswert zukommt. Widersprüche dürfen für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit aber dann herangezogen werden, wenn Aussagen im EVZ in wesentlichen Punkten von den späteren Aussagen in der Anhörung diametral voneinander abweichen, oder wenn bestimmte Er- eignisse oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe ge- nannt werden, nicht bereits im EVZ zumindest ansatzweise erwähnt wor- den sind. Den Befragungsprotokollen des EVZ kann entnommen werden, dass die Beschwerdeführenden die Ereignisse rund um die Festnahme und die Inhaftierung des Beschwerdeführers und seines Vaters im Februar 2013 durch die syrischen Sicherheitskräfte mit keinem Wort erwähnt ha- ben, obwohl ihnen Gelegenheit gegeben worden war, ihre Gesuchsgründe in freier Erzählweise darzulegen und diese zu ergänzen respektive weitere Gründe darzutun (vgl. Akten A8 S. 8f. und A30 S. 9f.). Beide erwähnten indessen lediglich die im Zusammenhang mit den Krieg sereignissen be- stehenden Probleme und die Schwierigkeiten der Kurden in Syrien sowie ihre gesundheitlichen Probleme (Hepatitis), welche sie nicht mehr hätten behandeln lassen können. Die in ihrer Beschwerdeschrift geäusserte Auf- fassung, wonach sie in erster Linie die dramatische Lage in Syrien hätten aufzeigen wollen, unter welcher die gesamte syrische Bevölkerung zu lei- den habe, vermag das Nachschieben der zentralen Punkte ihrer Gesuchs- begründung nicht zu erklären. Vielmehr wäre von ihnen zu erwarten gewe- sen, dass sie alle wesentlichen Punkte und zumindest ansatzweise von den Vorfällen im Februar 2013 bereits im EVZ berichten würden. Diesen Ansatz vermochte der Beschwerdeführer entgegen seiner Meinung auch mit dem allgemeinen Hinweis, wonach er sich vor der Ungerechtigkeit habe retten wollen und die Zusammenarbeit mit den Kriegsparteien erwartet worden sei, nicht zu liefern. Im Weiteren ist den vorinstanzlichen Erwägungen zuzustimmen, wonach das Verhalten der Beschwerdeführenden, im Mai 2013 wiederum nach Sy- rien gereist zu sein, nicht dem Verhalten einer tatsächlich gefährdeten Per- son entspricht. So sollen nämlich die im Februar 2013 erfolgte Inhaftierung – in deren Folge es dem Beschwerdeführer physisch und psychisch schlecht gegangen sei (vgl. Akte A40 S. 4 und 9) – und die erzwungene Zusammenarbeit mit denselben der Grund für ihre Ausreise in die Türkei E-4436/2014 Seite 10 gewesen sein. Zwar soll ihre Rückkehr vorerst dem Besuch der kranken Mutter der Beschwerdeführerin im Dorf G._______, welches sich 60 km von Aleppo befindet, gegolten haben. Indessen kehrten die Beschwerde- führenden ihren Angaben zufolge wenige Tage später nach Aleppo zurück, wo der Beschwerdeführer seine Waren habe verkaufen wollen, um mit dem Erlös die Weiterreise aus der Türkei zu finanzieren (vgl. a.a.O., S. 10). Seit- her hätten sie sich bei einer Tante in Aleppo aufgehalten, wobei der Be- schwerdeführer am 20. Juni 2013 nach Afrin gefahren und die Beschwer- deführerin mit dem Kind noch bei der Tante resp. in Aleppo geblieben sei (vgl. Akten A24 S. 5f. und A40 S. 10 ff.). Entgegen des auf Beschwerde- ebene geäusserten Einwandes gaben die Beschwerdeführenden nie zu Protokoll, dass sich der Beschwerdeführer während des letzten Aufenthal- tes in Aleppo versteckt habe. Vielmehr soll er mehrmals, gemäss den An- gaben der B eschwerdeführerin täglich, zu seinem Warenlager zurückge- kehrt sein (vgl. Akte A40, S. 11), um seine Ware zu verkaufen, womit er sich dem erhöhten Risiko ausgesetzt hätte, dabei entdeckt zu werden. Da- ran ändert auch die Grösse der Stadt Aleppo nichts, zumal sie sich in dieser Zeit im gleichen Quartier aufgehalten haben, wo sie bereits früher gewohnt hätten. Im Weiteren muss der Erklärungsversuch der Beschwerdeführerin, wonach sie anlässlich ihrer Befragung im EVZ nur auf ihre persönlichen Probleme angesprochen worden sei und deshalb von den Schwierigkeiten ihres Ehemannes nichts erzählt und diese erst bei der Anhörung erwähnt habe, als Schutzbehauptung zurückgewiesen werden, zumal auch der Be- schwerdeführer diese ihn angeblich sehr belastenden Vorfälle im EVZ mit keinem Wort erwähnt hat. 5.3 Schliesslich wurden mit der Rechtsmitteleingabe vom 8. August 2014 Kopien von zwei gegen den Beschwerdeführer ausgestellten Haftbefehlen und mit Eingabe vom 8. Mai 2015 die Kopie eines Marschbefehls als Be- weismittel eingereicht. 5.3.1 Gemäss dem Haftbefehl vom (…) März 2013 sollte der Beschwerde- führer von den syrischen Sicherheitsbehörden wegen Vorbereitens einer Demonstration und Teilnahme an derselben von der Syrischen Arabischen Republik, Abteilung politische Sicherheit, verhafte t werden. Dazu ist fest- zustellen, dass die Beschwerdeführenden im vorinstanzlichen Verfahren keine solche Suche erwähnt haben. Die Beschwerdeführerin verneinte an- lässlich ihrer Anhörung die Frage, ob sie (die Beschwerdeführenden) nach ihrer Rückkehr nach Syrien von den Behörden gesucht worden seien. Der Beschwerdeführer hielt sich bis am 20. Juni 2013, die Beschwerdeführerin und das Kind bis September 2013 bei der Tante in Aleppo auf (vgl. Akte E-4436/2014 Seite 11 A40 S. 12). Zudem begründete der Beschwerdeführer seine alleinige Aus- reise – ohne seine Ehefrau und das Kind – damit, die Reise nach Afrin sei zu dieser Zeit unsicher gewesen. Abgesehen davon, dass auch unklar ist, wie und weshalb die Beschwerdeführenden offenbar erst Monate nach ih- rer Ausreise und der Ausstellung desselben vom Bestehen eines derarti- gen Haftbefehls erfahren haben und wie sie in dessen Besitz gelangt sind, kommt diesem, da bloss als Kopie eingereicht, aufgrund seiner Beschaf- fenheit und der Fälschungsanfälligkeit ohnehin nur ein beschränkter Be- weiswert zu. 5.3.2 Bei der eingereichten Kopie eines Haftbefehls vom (…) Mai 2013 der "Generaldirektion der Diplomatischen Kontakte West Kurdistan Provinz Efrin wegen Weigerns einer Waffe" handelt es sich ebenso um einen Um- stand, den die Beschwerdeführenden bisher nicht erwähnt haben. Der Be- schwerdeführer gab zwar anlässlich seiner Anhörung vom 16. Oktober 2013 an, sein Kollege habe ihm nach seiner Rückkehr nach Syrien davon abgeraten, zu seinem Laden zu gehen, da er gesucht würde, indessen von einer Gruppe der Freien Armee (vgl. Akte A24 S. 6), bei der es sich indes- sen um keine Organisation handelt, die der im Haftbefehl erwähnten Be- hörde zuzuordnen ist. Im Übrigen ist ohnehin fraglich, ob die kurdischen Wehrkräfte den Beschwerdeführer aufgrund seines Alters überhaupt hät- ten einziehen wollen. Ferner kann den Akten nicht entnommen werden, wie die Beschwerdeführenden in dessen Besitz gelangt sind . Schliesslich ist an dieser Stelle ebenfalls festzustellen, dass aufgrund der Beschaffenheit und Fälschungsanfälligkeit der eingereichten Kopie nur ein beschränkter Beweiswert zukommt. 5.3.3 Im Weiteren ist unklar und wird nicht ausgeführt, wie und von wem die Beschwerdeführenden vom Mobilmachungsbefehl vom (…) Juni 2013 erfahren haben und wie dieser in ihren Besitz gelangt ist. Grundsätzlich ist nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer von der syrischen Ar- mee einen Marschbefehl erhalten haben könnte. Dass er erst am 8. Mai 2015 und damit nahezu zwei Jahre später davon berichtet und einen sol- chen einreicht, ist indessen nicht nachvollziehbar. Das späte, d.h. nicht be- reits mit der Rechtsmitteleingabe zusammen erfolgte Beibringen dieses Beweismittels vermag zu keiner anderen Beurteilung zu führen. Da das Beweismittel zudem lediglich in Kopie vorliegt, ist auch eine Echtheitsprü- fung zum Vornherein unmöglich. Deshalb kommt dem Dokument ein gerin- ger Beweiswert zu. Aufgrund des Gesagten bestehen an der Echtheit des Haftbefehls daher erhebliche Zweifel. E-4436/2014 Seite 12 Da die Beschwerdeführenden wie oben ausgeführt auch kein politisches oder gar regimekritisches Engagement in der Zeit vor ihrer Flucht aus Sy- rien glaubhaft machen konnten, geht das Gericht nicht davon aus, es drohe dem Beschwerdeführer in der Heimat aufgrund der Ausreise und einer möglichen Desertion Verfol gung im Sinne von Art. 3 AsylG (vgl. BVGE 2015/3, E. 6 – 7). 5.4 Soweit in der Rechtsmitteleingabe schliesslich auf die schwierige Situ- ation der Kurden in Syrien hingewiesen wird, ist festzustellen, dass das Bundesverwaltungsgericht bisher keine Kollektivverfolgung von Kurden in Syrien festgestellt hat und auch heute von keiner solchen ausgeht, zumal die Kurden in Syrien in der aktuellen Bürgerkriegssituation in der Regel nicht oder nicht alleine aus ethnischen Gründen verfolgt werden. Abgese- hen davon haben die Beschwerdeführenden selber vorgebracht, dass dies nicht der eigentliche Fluchtgrund gewesen sei. In Würdigung der gesamten Aktenlage kommt das Bundesverwaltungsge- richt zum Schluss, dass die Beschwerdeführenden keine Gründe nach Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machten konnten. Der Sachverhalt ist hinreichend erstellt, und weitere Abklärungen erübrigen sich. Die Vo- rinstanz hat die Asylgesuche der Beschwerdeführenden zu Recht abge- lehnt. 6. 6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demn ach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 6.3 Da das SEM in seiner Verfügung vom 11. Juli 2014 die vorläufige Auf- nahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz angeordnet hat, erübri- gen sich praxisgemäss die Ausfü hrungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung E-4436/2014 Seite 13 Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ih nen mit Verfügung vom 13. August 2014 indessen die unentgeltliche Prozessfüh- rung gewährt wurde, sind ihnen keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 8.2 Nachdem den Beschwerdeführenden die unentgeltliche Rechtsverbei- ständung gewährt und Frau Anna Al Khoory, Rechtsanwältin, als amtliche Vertreterin eingesetzt worden ist (Art. 110a Abs. 1 AsylG), ist ihr durch das Bundesverwaltungsgericht ein amtliches Honorar gestützt auf die in Be- tracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 – 13 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) zu entrichten. Die Rechtsver- treterin hat keine Kostennote zu den Akten gereicht. Der notwendige Ver- tretungsaufwand lässt sich indes aufgrund der Aktenlage zuverlässig ab- schätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen verzichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos- ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfakto- ren (Art. 9–13 VGKE) ist der Rechtsvertreterin zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar von insgesamt Fr. 1'500.– (inkl. Auslagen und allfäl- liger MWSt) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-4436/2014 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Der amtlichen Rechtsbeiständin wird ein amtliches Honorar zulasten der Gerichtskasse in der Höhe von Fr. 1'500.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Alexandra Püntener Versand: