<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">365</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zivilrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>A. Familienrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>62</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 311 Abs. 1 ZGB;</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Einem Kindsvater, der die Kindsmutter vorsätzlich und ohne erkennba-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ren Grund tötet, ist die Kompetenz, Entscheidungen im Kindeswohl zu</b></span><br/> <span class="ft2"><b>treffen, abzusprechen. Erscheint ein Zusammenleben von Vater und Kin-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der zumindest bis zur Volljährigkeit der Kinder wegen des Strafvollzugs</b></span><br/> <span class="ft2"><b>des Vaters undenkbar, ist es mit dem Kindeswohl nicht zu vereinbaren,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dass der Kindsvater die elterliche Sorge betreffende Entscheidungskom-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>petenzen wahrnehmen kann.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und</span><br/> <span class="ft3">Erwachsenenschutz, vom 27. Mai 2013 in Sachen A. M. (XBE.2013.1).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">3.2.</span><br/> <span class="ft5">Sind andere Kindesschutzmassnahmen erfolglos geblieben oder</span><br/> <span class="ft5">erscheinen sie von vornherein als ungenügend, so entzieht die Kin-</span><br/> <span class="ft5">desschutzbehörde die elterliche Sorge, wenn die Eltern wegen Un-</span><br/> <span class="ft5">erfahrenheit, Krankheit, Gebrechen, Ortsabwesenheit oder ähnlichen</span><br/> <span class="ft5">Gründen ausserstande sind, die elterliche Sorge pflichtgemäss auszu-</span><br/> <span class="ft5">üben bzw. wenn die Eltern sich um das Kind nicht ernstlich geküm-</span><br/> <span class="ft5">mert oder ihre Pflichten gegenüber dem Kinde gröblich verletzt</span><br/> <span class="ft5">haben (Art. 311 Abs. 1 ZGB). Der Entzug der elterlichen Sorge ist</span><br/> <span class="ft5">der stärkstmögliche Eingriff in die Elternautonomie, weshalb an die</span><br/> <span class="ft5">Voraussetzungen ein besonders strenger Massstab anzulegen ist. Im</span><br/> <span class="ft5">Sinne des Subsidiaritätsprinzips müssen mildere Massnahmen resp.</span><br/> <span class="ft5">zulässige Kombinationen von solchen erfolglos geblieben sein oder</span><br/> <span class="ft5">von vornherein als ungenügend erscheinen; mithin muss auch die</span><br/> <span class="ft5">Handhabung der Restaufgaben bei einem (allenfalls durch eine Bei-</span><br/> <span class="ft5">standschaft flankierten) Obhutsentzug das Wohl des Kindes gefähr-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">366</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">den. Wenn ohne Entzug der elterlichen Sorge das Kindeswohl ge-</span><br/> <span class="ft5">wahrt werden kann, darf ein solcher nicht vorgenommen werden. Die</span><br/> <span class="ft5">Entziehung ist ultima ratio (vgl. B</span><span class="ft3">IDERBOST</span><span class="ft5">, in: Handkommentar</span><br/> <span class="ft5">zum Schweizer Privatrecht, 2. Aufl. 2012, N. 2 f. zu Art. 311/312</span><br/> <span class="ft5">ZGB).</span><br/> <span class="ft5">3.3.</span><br/> <span class="ft5">Wie der Beschwerdeführer zu Recht vorbringt, hat er sich</span><br/> <span class="ft5">gegenüber Vertretern der Gemeinde sowie der Beiständin zwar nega-</span><br/> <span class="ft5">tiv über die geplanten Ausbildungswege seiner Kinder geäussert, es</span><br/> <span class="ft5">ist hingegen tatsächlich nicht ersichtlich und wird auch nicht im Ein-</span><br/> <span class="ft5">zelnen dargelegt, dass er einen getroffenen Entscheid der Behörden</span><br/> <span class="ft5">zu vereiteln versucht hätte. Mit Blick auf das Kindeswohl ist die</span><br/> <span class="ft5">Kompromissbereitschaft des Beschwerdeführers allerdings nicht aus-</span><br/> <span class="ft5">schlaggebend. Vielmehr steht die Tatsache im Vordergrund, dass er</span><br/> <span class="ft5">zugestandenermassen die Mutter seiner Kinder getötet und sich da-</span><br/> <span class="ft5">mit selbst der Fähigkeit beraubt hat, für diese zu sorgen. Mit der Tö-</span><br/> <span class="ft5">tung der Mutter hat er seine drei Kinder zumindest für die Dauer sei-</span><br/> <span class="ft5">nes Gefängnisaufenthalts faktisch auf lange Zeit hin zu Vollwaisen</span><br/> <span class="ft5">werden lassen, was eine Rücksichtslosigkeit sondergleichen darstellt.</span><br/> <span class="ft5">Einen grösseren Vertrauensverlust und damit einhergehend eine grös-</span><br/> <span class="ft5">sere Gefährdung des Kindeswohls als die vorsätzliche Tötung der</span><br/> <span class="ft5">engsten Bezugsperson der Kinder ist kaum vorstellbar. Vor diesem</span><br/> <span class="ft5">Hintergrund sind ihm jegliche Kompetenzen Entscheide im Sinne</span><br/> <span class="ft5">des Kindeswohls zu treffen, abzusprechen. Er hat seine Eltern-</span><br/> <span class="ft5">stellung durch die eingestandene, vorsätzlich und ohne erkennbaren</span><br/> <span class="ft5">Grund erfolgte (vgl. Gutachten PDAG (...)) Tötung der Kindsmutter</span><br/> <span class="ft5">vollständig und dauerhaft verwirkt. Dabei ist unerheblich, ob die</span><br/> <span class="ft5">Kinder ihm seine Tat verziehen haben, oder dies in Zukunft noch tun</span><br/> <span class="ft5">werden.</span><br/> <span class="ft5">3.4.</span><br/> <span class="ft5">Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers (...) geht we-</span><br/> <span class="ft5">der aus der Anhörung von X. noch aus der von Y. das gute Verhältnis</span><br/> <span class="ft5">zum Vater hervor. (...)</span><br/> <span class="ft5">3.5.</span><br/> <span class="ft5">(...) Angesichts der Tat des Beschwerdeführers erscheint es als</span><br/> <span class="ft5">ausgeschlossen, dass, sollte er dereinst während der Unmündigkeit</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">367</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">der Kinder aus der Haft entlassen werden (was aufgrund der erstin-</span><br/> <span class="ft5">stanzlichen, noch nicht rechtskräftigen, Verurteilung zu 20 Jahren</span><br/> <span class="ft5">Freiheitsstrafe ohnehin unwahrscheinlich ist) mit diesen in einem ge-</span><br/> <span class="ft5">meinsamen Haushalt leben könnte (...). Wenn aber auf unbestimmte</span><br/> <span class="ft5">Zeit (zumindest bis zur Volljährigkeit) ein Zusammenleben undenk-</span><br/> <span class="ft5">bar erscheint, so ist es mit dem Kindeswohl nicht zu vereinbaren,</span><br/> <span class="ft5">dass der Beschwerdeführer aus dem Strafvollzug heraus Entscheid-</span><br/> <span class="ft5">kompetenzen die elterliche Sorge betreffend wahrnehmen kann und</span><br/> <span class="ft5">sollte. Allein der andauernde Aufenthalt im Strafvollzug wird gemäss</span><br/> <span class="ft5">Praxis des Bundesgerichts (BGE 119 II 9) bei einer gewissen räumli-</span><br/> <span class="ft5">chen Distanz als Grund angesehen, die elterliche Sorge zu entziehen,</span><br/> <span class="ft5">denn sie hindert den Vater, allen Verpflichtungen nachzukommen,</span><br/> <span class="ft5">welche die elterliche Gewalt mit sich bringt. Zusammenfassend ist</span><br/> <span class="ft5">kein milderes Mittel ersichtlich, um der vom Beschwerdeführer für</span><br/> <span class="ft5">das Wohl der Kinder ausgehenden Gefährdung zu begegnen, als der</span><br/> <span class="ft5">Entzug der elterlichen Sorge. Die Beschwerde ist abzuweisen.</span><br/></div> </div> </body> </html>