B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-328/2016 U r t e i l v o m 9. M a i 2 0 1 8 Besetzung Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting-Schalch, Richter Bendicht Tellenbach, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren am (...), Afghanistan, vertreten durch ass. iur. Christian Hoffs, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 14. Dezember 2015 / N_______. D-328/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer, ein aus B._______ stammender afghanischer Staatsangehöriger, verliess sein Heimatland eigenen Angaben zufolge am (...) und reiste legal und mit seinem echten Reisepass zwecks Weiterbil- dung zu einem Stützpunkt der North Atlantic Treaty Organization (NATO; Nordatlantikpakt) nach C._______. Von dort reiste er ohne seinen Reise- pass am 29. Juli 2012 in die Schweiz weiter, wo er anlässlich der Einreise mangels Identitätspapieren zur Klärung der Identität festgenommen wurde. Nach seiner Freilassung am 30. Juli 2012 reichte er gleichentags im Emp- fangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ ein Asylgesuch ein. An- lässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 10. August 2012 wurde ihm unter anderem das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Wegweisung nach C._______ gewährt. A.b Mit Verfügung vom 13. September 2012 trat das BFM in Anwendung von aArt. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht ein und ordnete die Wegweisung nach C._______ an. Mit Eingabe vom 20. September 2012 zeigte der damalige Rechtsvertreter, (...), die Über- nahme des Mandats für den Beschwerdeführer an und ersuchte gleichzei- tig um Durchführung des na tionalen Verfahrens in der Schweiz . In der Folge ersetzte die Vorinstanz ihren Nichteintretensentscheid vom 13. Sep- tember 2012 durch die inhaltlich gleiche Verfügung vom 26. September 2012, welche am 28. September 2012 an die nunmehr zuständige Rechts- vertretung eröffnet wurde. Die dagegen erhobene Beschwerde vom 4. Ok- tober 2012 wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-5202/2012 – soweit darauf eingetreten wurde – abgewiesen. Seit 14. Oktober 2012 war der Beschwerdeführer unbekannten Aufenthalts. A.c Am 27. Mai 2013 meldete sich der Beschwerdeführer erneut im EVZ D._______, wo er am 3. Juni 2013 zu seinen Aufenthaltsorten seit seinem Verschwinden befragt wurde. Dabei gab er unter anderem an, er habe sich über (...) Monate in E._______ aufgehalten. Er habe auf keinen Fall nach C._______ zurückgehen können, weil er mit der NATO einen Vertrag ge- schlossen habe, dass er dort kein Asylgesuch stellen dürfe. Nach dem ne- gativen Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts habe ihm sein Rechts- vertreter mitgeteilt, dass er entweder nach C._______ zurückgehen oder gemäss Dublin -Abkommen sich eine Weile in einem Land aufhalten müsse, das nicht zum Schengen -Raum gehöre. Er sei deshalb über D-328/2016 Seite 3 F._______ und G._______ bis nach E._______ und nach seinem dortigen Aufenthalt wieder über F._______ zurückgereist. A.d Am 5. Juni 2013 teilte das BFM dem Beschwerdeführer unter anderem mit, dass sein Antrag vom 27. Mai 2013 als Wiedererwägungsgesuch be- handelt werde. Am 12. Juni 2013 teilte der damalige Rechtsvertreter, (...), der Vorinstanz die Übernahme des Mandats mit und beantragte, es sei die Vollstreckung der Ausschaffung seines Mandanten nach C._______ bis zum Vorliegen des BFM-Entscheids zu sistieren, das am 27. Mai 2013 im EVZ D._______ entgegengenommene Gesuch sei als neues Asylgesuch und nicht als Wiedererwägungsgesuch zu behandeln und es sei die unent- geltliche Rechtspflege unter Beigabe seiner Person als Rechtsbeistand zu gewähren. A.e Mit Verfügung vom 24. Juni 2013 wies das BFM das Wiedererwä- gungsgesuch vom 27. Mai 2013 ab, bezeichnete die Verfügung vom 26. September 2012 als rechtskräftig und vollstreckbar, erhob eine Gebühr von Fr. 600.–, wies die Gesuche um Anordnung vorsorglicher Massnah- men sowie um unentgeltliche Rechtspflege ab und hielt fest, einer allfälli- gen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu. Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentlichen an, es lägen keine Gründe vor, welche die Rechtskraft der Verfügung vom 26. Septem- ber 2012 beseitigen könnten. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. In der Folge tauchte der Beschwerdeführer unter. B. B.a Am 30. April 2014 reichte der Beschwerdeführer im EVZ H._______ ein neues Asylgesuch ein. B.b Mit Verfügung vom 22. Mai 2014 hob die Vorinstanz ihren Entscheid vom 26. September 2012 auf und führte das nationale Asylverfahren fort. Zur Begründung führte sie an, die Zuständigkeit sei nach Ablauf der Über- stellungsfrist auf die Schweiz übergegangen. B.c Am 24. Juli 2014 und am 2. Oktober 2014 wurde der Beschwerdeführer vom BFM angehört. Dabei gab er zur Begründung seines Gesuchs im We- sentlichen an, er habe im Jahre (...) die Schulausbildung in B._______ ab- geschlossen und danach einen (Nennung Kurs) besucht. Im (...) habe er seine Arbeit bei den Streitkräften der NATO – vor allem den ame rikani- schen – begonnen. Bis Ende des Jahres (...) habe er in der Stadt I._______ (Provinz J._______), danach bis im Jahre (...) in der Provinz K._______ D-328/2016 Seite 4 und anschliessend bis am (...) in B._______ als Dolmetscher gearbeitet. Dabei sei er einerseits als „cu ltural advisor“ tätig gewesen und habe die amerikanischen Streitkräfte über die Eigenschaften der afghanischen Kul- tur beraten sowie beim Aufbau von Schulen und Krankenhäusern und bei Gesprächen mit der einheimischen Bevölkerung übersetzt. Andererseits habe er mit den Militärkräften – sowohl afghanischen als auch amerikani- schen – an Militärhandlungen teilnehmen müssen, beispielsweise wenn Taliban verhaftet worden seien, um zu übersetzen. Manchmal seien die Taliban während diesen Handlungen umgekommen. Sodann habe er wäh- rend (Nennung Dauer) bei einer amerikanischen Spezialeinheit (L._______) gearbeitet, welche in der Nacht die Häuser der Einwohner nach Führern der Taliban durchsucht habe. Dabei sei es auch zu Bombar- dierungen gekommen, wobei einige Zivilpersonen ihr Leben verloren hät- ten. Da er als Dolmetscher an der Front gearbeitet und auch an Sitzungen mit den Dorfvorsitzenden und Einwohnern teilgenommen habe, sei sein Gesicht und sein Aussehen diesen Menschen bekannt geworden. Er sei sogar einmal in einer afghanischen Zeitung abgebildet gewesen. Deshalb sei es immer wieder zu Drohanrufen gekommen, in welchen Todesdrohun- gen gegen seine Person ausgesprochen worden seien. Einmal sei er auf dem Weg nach B._______ angegriffen, jedoch durch eine glückliche Fü- gung im gleichen Moment durch das afghanische Militär gerettet worden. Alle Drohungen habe er jeweils an seinen Arbeitgeber und die Streitkräfte der NATO weitergeleitet. Als er nach B._______ versetzt worden sei, habe er dort bei der Ausbildung der lokalen Polizei gedolmetscht. Zum Teil habe er auch in jenem Kreis der Stadt gearbeitet, aus welchem er und seine Familie stammen würden. Die Einwohner dieses Kreises seien sehr religiös und hätten ihn wie einen Feind betrachtet. Die Taliban hätten einen Droh- brief respektive ein Todesurteil bei ihrem Haus hinterlassen und ihm mit dem Tod gedroht, falls er nicht mit ihnen arbeiten wolle. Da er diese Dro- hungen sofort weitergeleitet habe, hätten die Taliban über seinen Vater ver- sucht, Druck auf ihn auszuüben. Die letzten (...) Monate vor seiner Ausreise habe er aus Angst sein Elternhaus nur noch selten aufgesucht und sich bei einem (Nennung Verwandter) aufgehalten. Danach habe er die Amerikaner um Hilfe gebeten beziehungsweise in einem Brief seine persönliche Situa- tion geschildert. Diese hätten ihm dann in einem Schreiben bestätigt, dass sein Leben in Gefahr sei. Diese Bestätigung sei danach an (Nennung Be- hörde) in den USA geschickt worden, wobei es jedoch sehr lange dauere, bis man ein Visum erhalte. Da er diesbezüglich kei ne Antwort erhalten habe, stark bedroht worden sei, nicht mehr nach Hause habe gehen und nicht länger in Afghanistan habe bleiben können, sei ihm keine andere Wahl geblieben, als das Land zu verlassen. Am (...) sei er von B._______ D-328/2016 Seite 5 nach C._______ gereist, da amerikanische Streitkräfte afghanische Natio- nalkräfte für Ausbildungen dorthin gebracht hätten. Während seines Auf- enthalts in C._______ habe er dann beschlossen, nicht mehr nach Afgha- nistan zurückzukehren, weshalb er den Stützpunkt ohne Bewill igung ver- lassen habe und in die Schweiz gereist sei. Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer (Auflistung Be- weismittel) zu den Akten. B.d Mit Schreiben vom 19. Mai 2014 zeigte die HEKS Rechtsberatungs- stelle für Asylsuchende St. Gallen/Appenzell die Übernahme des Mandats an und ersuchte die Vorinstanz um Akteneinsicht, welche am 10. Dezem- ber 2014 gewährt wurde. C. Mit Verfügung vom 14. Dezember 2015 stellte das SEM fest, der Be- schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft. Gleichzeitig lehnte es sein Asylgesuch wegen Asylunwürdigkeit ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob jedoch den Vollzug derselben wegen Unzuläs- sigkeit vorläufig auf. D. Mit Eingabe vom 15. Januar 2016 erhob der Beschwerdeführer beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die angefochtene Ver- fügung des SEM sei bezüglich der Dispositivziffern 2 bis 7 aufzuheben und es sei ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache für zusätzliche Abklärungen und zur erneuten Entscheidung an die Vorinstanz zurückzu- weisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um die Bewilligung der unent- geltlichen Prozessführung samt Erlass des Kostenvorschusses und um Beigabe eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes in der Person seines Rechtsvertreters. E. Mit Verfügung vom 29. Januar 2016 teilte der damals zuständige Instrukti- onsrichter dem Beschwerdeführer mit, dass er den Ausgang des Verfah- rens in der Schweiz abwarten dürfe. Ferner wurden die Gesuche um Be- willigung der unentgeltlichen Prozessführung und um Erlass des Kosten- vorschusses gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses wurde verzichtet. Das Gesuch um Gewährung der amtlichen Verbei- ständung gemäss Art. 110 a Abs. 1 AsylG wurde ebenfalls gutgeheissen D-328/2016 Seite 6 und dem Beschwerdeführer ein amtlicher Rechtsbeistand in der Person von ass. iur. Christian Hoffs bestellt. F. Mit ihrer Vernehmlassung vom 29. Februar 2016 verwies die Vorinstanz – nach einigen ergänzenden Bemerkungen – auf ihre Erwägungen in der an- gefochtenen Verfügung, an denen sie vollumfänglich festhielt. G. Der Beschwerdeführer replizierte – unter Beilage einer Kostennote – mit Eingabe vom 17. März 2016. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le- gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutre- ten. 1.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 2. 2.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). D-328/2016 Seite 7 2.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 2.3 Nachdem das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers mit Verfügung vom 14. Dezember 2015 bejaht und ihn wegen Unzulässig- keit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen hat, beschränkt sich der Prozessgegenstand vorliegend auf die Frage, ob das SEM zu Recht vom Bestehen des Asylausschlussgrundes der Asylunwür- digkeit gemäss Art. 53 AsylG ausgegangen ist. 3. 3.1 Zur Begründung ihres Entscheides führte die Vorinstanz aus, der Be- schwerdeführer müsse bei einer Rückkehr nach Afghanistan asylrechtlich relevante Verfolgungsmassnahmen befürchten, weshalb er gemäss Art. 3 AsylG die Flüchtlingseigenschaft erfülle. Er sei jedoch von der Asylgewäh- rung auszuschliessen, weil er als asylunwürdig im Sinne von Art. 53 AsylG einzustufen sei. Dieser Bestimmung zufolge sei eine Asylgewährung aus- geschlossen, wenn ein Gesuchsteller wegen verwerflicher Handlungen dessen unwürdig sei. Darunter würden auch Handlungen fallen, die im Ausland beziehungsweise im Heimatstaat eines Gesuchstellers begangen worden seien. Als verwerfliche Handlungen würden Delikte gelten, die dem abstrakten Verbrechensbegriff von Art. 10 Abs. 2 StGB entsprechen wür- den. Die Straftat müsse folglich mit einer Freiheitsstrafe von mehr als drei Jahren bedroht sein. Der Beschwerdeführer habe angeführt, in den Jahren (...) bis (...) für amerikanische Truppen regelmässig während Verhören ge- dolmetscht zu haben. Während diesen Verhören seien verschiedene Fol- termethoden eingesetzt worden. Das Folterverbot gelte als zwingende s Völkerrecht. In der Schweiz würden weder Folter noch Misshandlung von Gefangenen einen expliziten Straftatbestand darstellen. Gemäss den Aus- sagen des Beschwerdeführers seien während des Dolmetschens zumin- dest schwere Körperverletzungen im Sinne von Art. 122 StGB begangen worden, was ein Verbrechen darstelle, da das Delikt mit mehr als drei Jah- ren Freiheitsstrafe bestraft werde. Für die Beurteilung des individuellen Tat- beitrages seien die Tätigkeiten des Beschwerdeführers für die Streitkräfte der NATO massgebend. Die alleinige Tätigkeit für die NATO stelle noch keine verwerfliche Handlung dar. Er habe angegeben, während der Folter D-328/2016 Seite 8 nie handgreiflich geworden zu sein, womit er sich nicht in unmittelbarer Tä- terschaft strafbar mache. Er erfülle jedoch die strafrechtliche Teilnahme- form der Gehilfenschaft, zumal eine solche Hilfeleistung nach bundesge- richtlicher Rechtsprechung bereits dann erfüllt se i, wenn der Gehilfe die Ausführung der Tat erleichtere. Der Beschwerdeführer habe selber ange- führt, dass die Verständigung zwischen den ausländischen Truppen und Einheimischen nur durch Dolmetscher möglich gewesen sei. Ohne Dolmet- scher hätten die ausländis chen Truppen „nichts machen“ können, da es keine Verständigung gegeben hätte. Ferner sei bei der Beurteilung der Asylunwürdigkeit der Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu beachten, na- mentlich wie lange die Tat zurückliege, das Alter des Flüchtlings im Zei t- punkt der Tatbegehung sowie allfällige Veränderungen der Lebensverhält- nisse nach der Tat. Er sei im Zeitpunkt der ihm zur Last gelegten Handlun- gen über (...) Jahre alt gewesen, womit von seiner vollen Urteilsfähigkeit und der Einsicht in das eigene Handeln ausgegangen werden könne. Zwar liege die Straftat bereits einige Jahre zurück, die Strafverfolgung sei jedoch noch nicht verjährt. Weiter sei zu bedenken, dass er sich bisher nie in ei- nem strafrechtlichen Prozess für seine Handlungen habe verantworten müssen. Auch wenn die verwerflichen Handlungen auf Befehl geschehen seien, könne sein individueller Tatbeitrag dadurch nicht negiert werden. Zwar habe er angegeben, es sei Teil seiner Arbeit gewesen, bei den Folte- rungen zu dolmetschen und es habe keine Möglichkeit gegeben, dort nicht mitzumachen. Eine Kündigung sei nicht möglich gewesen, da er auf den Schutz der internationalen Truppen angewiesen gewesen sei. Jedoch sei aus den Protokollen nicht ersichtlich, dass er zu einem früheren Zeitpunkt – als er den Taliban noch nicht bekannt gewesen sei – Schritte hinsichtlich einer Kündigung unternommen habe. Zwar habe er gesagt, dass das Über- setzen während den Folterungen nicht „erfreulich“ gewesen sei. Er habe in seinen Aussagen jedoch die Folter bis zum heutigen Zeitpunkt gerechtfer- tigt. So habe er beispielsweise erklärt, dass die amerikanischen Truppen – im Vergleich zu den Taliban oder der Al-Qaida – die Foltermethoden immer professionell angewendet hätten. Aus seinen Vorbringen gehe hervor, dass er die Personen, welche gefoltert worden seien, als die „schlechten Men- schen“ ansehe. Wegen diesen Äusserungen sei davon auszugehen, dass er sich mit der Vorgehensweise der amerikanischen Truppen identifiziert habe. Deshalb könne weder von einer schuldmindernden Reue bezüg lich seines langjährigen Engagements, noch von einer kritischen Betrachtung seiner eigenen Tätigkeit ausgegangen werden. Da er einen individuellen Tatbeitrag zur Begehung von Verbrechen im Sinne von Art. 10 Abs. 2 StGB geleistet habe und die Anwendung von Art. 53 AsylG verhältnismässig sei, sei er von der Asylgewährung auszuschliessen. D-328/2016 Seite 9 3.2 Dagegen wendete der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmittelein- gabe ein, der Tatbeitrag des Gehilfen müsse tatsächlich nicht kausal im Sinne der „conditio sine qua non“ -Formel sein. Die blosse Förderung der Tat genüge. Die Unterstützung müsse jedoch tatsächlich zur Straftat bei- tragen, ihre praktischen Erfolgschancen erhöhen und sich in diesem Sinne als „kausal“ erweisen. Vorliegend habe er jedoch lediglich im Rahmen der Verhöre übersetzt. Wie das SEM selber festhalte, existiere im schweizeri- schen StGB kein eigentlicher Folter -Tatbestand, weshalb höchstens die Delikte gegen Leib und Leben einschlägig sein dürften Das tatbestands- mässige Verhalten des Haupttäters liege daher in ein er einfachen oder schweren Körperverletzung, wobei diese Handlung durch das Dolmet- schen nicht gefördert worden sei. Er habe daher mit seinem Verhalten nicht die Erfolgschancen der Körperverletzungsdelikte der Täter erhöht. Ausser- dem stelle sich die Frage, ob er nicht eine berufstypische Dienstleistung respektive eine Alltagshandlung erbracht habe . Bei solchen Handlungen sei umstritten, ob sie überhaupt als Gehilfenschaft strafbar sein könnten. Das Bundesgericht habe diesbezüglich „noch nicht abschliessend Stellung genommen“, was zumindest aufzeige, dass in dieser Frage Zurückhaltung geübt werde. Er habe sich als Dolmetscher in den Dienst der ausländi- schen Truppen gestellt, was an sich als blosse Alltagshandlung zu beurtei- len sei. Er habe dies insbesondere nicht mit dem Wunsch getan, diese bei Folterungen zu unterstützen. Zu solchen Vorgängen sei es erst später ge- kommen. In seinen Aussagen habe er dargelegt, dass er seinen Leuten habe helfen wollen und gedacht habe, dass die NATO-Streitkräfte nach Af- ghanistan gekommen seien, um Afghanen beim Aufbau ihres Landes und von demokratischen Strukturen zu helfen. Zu seinen Tätigkeiten habe das Übersetzen bei Weiterbildungen, Erziehungsarbeiten und der Beratung der afghanischen Militärkräfte – gerade auch in kulturellen Fragen – gehört. Dabei seien sie auch zur einheimischen Bevölkerung gegangen und hätten mit ihnen über ihre Schwierigkeiten gesprochen. Er habe nicht bestimmen können, wo er jeweils eingesetzt worden sei. Dass er zu den Spezialein- heiten gekommen sei, sei von seinen Vorgesetzten so bestimmt worden. Aus den Akten werde ersichtlich, dass er die dortige Arbeit nicht gesucht, sondern vielmehr abgelehnt habe. So habe er einen Antrag gestellt, dass er mit den normalen Einheiten arbeiten könne. Er würde selber nie mals foltern und habe sich auf Nachfrage, was er über das Vorgehen der Spezi- alkräfte gedacht habe, dementsprechend geäussert. Nachdem er die Spe- zialeinheiten habe verlassen können und wieder nach B._______ gekom- men sei, hätten keine Verhöre mehr stattgefunden und es sei wieder seine Funktion als Dolmetscher im Kontakt mit der lokalen Polizei und den an-D-328/2016 Seite 10 sässigen Institutionen (Schulen, Spitäler, Ortsverwaltung) gefragt gewe- sen. Aus den Protokollen der beiden Anhörungen gehe eindeutig hervor, dass er seinem Land und dessen Bewohnern habe helfen wollen, weshalb er sich denn auch als Dolmetscher bei den NATO-Truppen gemeldet habe. Er habe nicht wissen können, dass er bei Folterungen übersetzen sollte. Grösstenteils habe er den Truppen als kultureller Berater gedi ent und bei nicht-militärischen Aktionen übersetzt. Es habe nicht seinem Wunsch ent- sprochen, dass er später bei Folterungen dabei gewesen sei und er habe sich auch nicht mit der diesbezüglichen Vorgehensweise der amerikani- schen Truppen identifiziert. Aus seiner Antwort zur Frage, was er über Fol- ter denke, werde seine grosse Hilflosigkeit sichtbar und aufgezeigt, dass ein Leben in Afghanistan ohne Arbeit für die internationalen Truppen und den damit verbundenen Schutz nicht mehr vorstellbar gewesen wäre. So- dann sei es ausgeschlossen, dass er sich seinen Übersetzungsaufträgen hätte entziehen können. Einerseits sei davon auszugehen, dass im Falle einer Weigerung die amerikanischen Streitkräfte Druck auf ihn ausgeübt hätten. Andererseits hätte das Verlassen der amerikanischen Truppen eine grosse Gefahr für seine Sicherheit bedeutet. So sei es ihm nicht möglich gewesen, sich ausserhalb des Militärcamps in K._______ frei zu bewegen, ohne in erhebliche Gefahr zu geraten. Durch seine Versetzung nach B._______ sei es ihm gelungen, seine bevorzugte Tätigkeit als Übersetzer auszuüben und gleichzeitig den Schutz der internationalen Truppen zu er- halten. Sein Ziel sei es gewesen, möglichst rasch mit einem Visum in die USA zu reisen, was zeige, dass er den Krieg, die permanente Unsicherheit und die grauenvollen Erlebnisse hinter sich habe lassen wollen und ein neues Leben in Frieden gesucht habe. D ie vorinstanzliche Einschätzung im Rahmen einer eingeschränkten strafrechtlichen Bewertung, wonach er sich der Gehilfenschaft zu einer schweren Straftat schuldig gemacht habe, sei daher falsch. Er sei nicht als asylunwürdig zu erachten. 3.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM ergänzend fest, dass die straf- rechtlich relevante Gehilfenschaft in subjektiver Hinsicht eine vorsätzl iche Hilfeleistung voraussetze. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung genüge zur Erfüllung der strafrechtlichen Teilnahmeform der Gehilfen- schaft auch eine eventualvorsätzliche Begehung. Konkret bedeute dies, dass es ausreiche, wenn der Gehilfe die strafbare Handlung in groben Um- rissen kenne. In casu sei dem Beschwerdeführer stets bewusst gewesen, dass sich die ausländischen Truppen in den Verhören nur durch seine Hilfe mit den gefolterten Personen hätten verständigen können. Dieses Be- wusstsein seitens d es Beschwerdeführers könne daher nicht als blosse Alltagshandlung betrachtet werden. Vielmehr habe er durch seine Tätigkeit D-328/2016 Seite 11 die Haupttaten gefördert. Weiter sei zu beachten, dass er die umstrittenen Dolmetschertätigkeiten insgesamt betrachtet über einen re lativ langen Zeitraum ausgeführt und erst nach (Nennung Dauer) einen Antrag auf Rückversetzung in die regulären Einheiten gestellt habe. Dies stelle ein weiteres Indiz dafür dar, dass er sich mit der Vorgehensweise der auslän- dischen Truppen – zumindest bis zu einem gewissen Grad – habe identifi- zieren können. 3.4 In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer den Ausführungen der Vor- instanz entgegen, seine Tätigkeit als Übersetzer erweise sich nicht als tat- fördernd. Durch sein Verhalten habe er die Erfolgschancen der Körperver- letzungsdelikte der Täter nicht erhöht. Auch halte er daran fest, dass er als Übersetzer eine berufstypische Dienstleistung erbracht habe. Eine solche könne gemäss Lehre und Praxis nicht ohne weiteres als Gehilfenschaft be- urteilt werden. Der in der Vernehmlassung neuerlich geltend gemachte Vor- wurf des SEM, er habe sich mit der Vorgehensweise der ausländischen Truppen identifiziert, sei bereits in der Beschwerdeschrift als unbegründet dargelegt worden. Er habe sich selber in einer Notlage befunden. Im Falle einer Aufgabe seiner Übersetzertätigkeit hätte er sich aus dem Schutzbe- reich der ausländischen Truppen und damit in unmittelbare Lebensgefahr begeben. Eine Weigerung, bei Verhören zu übersetzen, hätte überdies den Argwohn bei den ausländischen Truppen ausgelöst und möglicherweise auch eine Entlassung nach sich gezogen. 4. 4.1 Gemäss Art. 53 AsylG bedingt die Asylunwürdigkeit – unter anderem – die Begehung einer verwerflichen Handlung, wobei darunter diejenigen Delikte zu subsumieren sind, welche gemäss allgemeinem Teil des schwei- zerischen Strafgesetzbuches als "Verbrechen" (vgl . Art. 10 Abs. 2 StGB; abstrakte Höchststrafe von mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe) gelten, wobei es irrelevant ist, ob die verwerfliche Handlung als rein gemeinrecht- liches oder aber als politisches Delikt einzustufen ist (vgl. BVGE 2011/29 E. 9.2.2 S. 564; BVGE 2011/10 E. 6 S. 131). Hinsichtlich des anzuwendenden Beweismasses ist bei Straftaten, die im Ausland begangen wurden, kein strikter Nachweis erforderlich. Es genügt die aus schwerwiegenden Gründen gerechtfertigte Annahme, das heisst die überwiegende Wahrscheinlichkeit, dass sich die betroffene Person ei- ner Straftat im erwähnten Sinne schuldig gemacht hat. Dabei ist von einer pauschalen Betrachtungsweise Abstand zu nehmen und der individuelle Tatbeitrag − zu welchem die Schwere der Tat und der persönliche Anteil D-328/2016 Seite 12 am Tatentscheid wie auch das Motiv des Täters und allfällige Rechtferti- gungs- oder Schuldminderungsgründe zu zählen sind − zu ermitteln. Ein entsprechender Tatbeitrag, der zum Ausschluss von der Asylgewährung führt, kann zum einen in unmittelbarer Täterschaft erfolgt sein. Zum ande- ren ist auch nach einer Tatbeteiligung und einer mittelbaren Täterschaft zu fragen, die sich aus einer Verantwortung für Handlungen Dritter aufgrund einer entsprechenden Befehlsgewalt ergeben kann (vgl. diesbezüglich Ur- teil des BVGer E-3306/2017 vom 21. November 2017 E. 4.1 m.w.H.). Liegt eine entsprechende Delinquenz vor, ist ausserdem zu prüfen, ob die Rechtsfolge des Asylausschlusses auch eine verhältnismässige Mass- nahme darstellt. Dabei ist vorab in Betracht zu ziehen, wie lange die Tat bereits zurückliegt, wobei auf die Verjährungsbestimmungen des Straf- rechts verwiesen wird. Ebenso haben das Alter im Zeitpunkt der Tatbege- hung sowie eine allfällige Veränderung der Lebensverhältnisse nach der Tat Einfluss auf die diesbezügliche Entscheidfindung (vgl. BVGE 2011/10 E. 6 S. 132, BVGE 2011/29 E. 9.2.3 f. S. 565 m.w.H.; Urteil des BVGer D-5696/2016 vom 5. Mai 2017 E. 4.1). 4.2 4.2.1 Den Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer im (...) seine Arbeit bei den Streitkräften der NATO – so insbesondere für die ame- rikanischen Truppen – aufnahm und bis im (...) in verschiedenen Orten und Provinzen Afghanistans als Dolmetscher und Berater tätig war, so beim Aufbau von Schulen und Krankenhäusern, bei Gesprächen mit der einhei- mischen Bevölkerung, bei der Ausbildung der lokalen Polizei sowie im Rah- men von Militärhandlungen. Er erhielt eine Ausbildung an der Waffe, trug diese jedoch lediglich bei Einsätzen und ausschliesslich zu seinem persön- lichen Schutz mit, hat dieselbe aber nie benutzt. 4.2.2 Bei der Beurteilung des vorliegenden Falles ist das damalige Umfeld respektive die Situation in Afghanistan, wie sie sich im Zeitraum der Tätig- keit des Beschwerdeführers präsentierte, mit zu berücksichtigen. Als Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA, den daraus re- sultierenden Massnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus und dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan im Jahre 2001 wurde zum Schutz der eingesetzten Interimsregierung und zur Unterstützung des Wie- deraufbaus durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) im De- zember 2001 eine von Staaten des Nordatlantikpakts (NATO) und mehre- ren Partnerländern gestellte Internationale Sicherheitsunterstützungs-D-328/2016 Seite 13 truppe (International Security Assistance Force, ISAF) mandatiert. Im Som- mer 2003 übernahm die NATO in Afghanistan die strategische Koordinie- rung der ISAF. Ziel der ISAF – deren Einsatz am 31. Dezember 2014 en- dete – war die Unterstützung der gewählten Regierung Afghanistans zur Herstellung und Aufrechterhaltung eines sicheren Umfeldes im Lande. In erster Linie sollten so der Wiederaufbau Afghanistans, die Etablierung de- mokratischer Strukturen und die Durchsetzungsfähigkeit der frei gewählten Zentralregierung vorangetrieben werden. Daneben ist die sog enannte „Operation Enduring Freedom“ (OEF) zu er- wähnen, welche das Ziel hat, Führungs- und Ausbildungseinrichtungen von Terroristen auszuschalten, Terroristen zu bekämpfen, gefangen zu nehmen und vor Gericht zu stellen. Ausserdem sollen Dritte dauerhaft von der Un- terstützung terroristischer Aktivitäten abgehalten werden. An der Opera- tion, die in vier Regionen (Afghanistan; Horn von Afrika; Philippinen; inner- halb und südlich der Sahara) durchgeführt wird und welche unter amerika- nischer Führung steht, sind inzwischen etwa 70 Nationen beteiligt. Als Rechtsgrundlage wird die Resolution 1368 des Sicherheitsrats der Verein- ten Nationen vom 12. September 2001 in Anspruch genommen. Die Reso- lution bekräftigt das Recht zur individuellen und kollektiven Selbstverteidi- gung und bestätigt die Notwendigkeit, alle erforderlichen Schritte gegen zukünftige Bedrohungen zu unte rnehmen. Der NATO-Rat beschloss, die Anschläge vom 11. September 2001 als Angriff auf die Vereinigten Staaten unter Artikel 5 des Washingtoner Vertrags zu werten. Am 7. Oktober 2001 begannen amerikanische und britische Streitkräfte mit der OEF in Afgha- nistan. Während somit einerseits die ISAF für die Stabilisierung des Landes zuständig ist, stellt andererseits für die OEF der Anti -Terror-Kampf gegen al-Qaida in Afghanistan das Ziel dar, wobei das Mandat und die Organisa- tion der ISAF davon getrennt sind. Bei der NATO handelt es sich um ein Defensivbündnis mit einer Beistands- pflicht der Mitglieder. Die ersten Artikel des Vertrags verpflichten die Mit- glieder zur friedlichen Konfliktbeilegung und freundschaftlichen Ausgestal- tung internationaler Beziehungen. Auch die Wahrung der westlich-liberalen Gesellschaftsordnung mit politischer, ökonomischer, sozialer und kulturel- ler Zusammenarbeit und Anerkennung demokratischer Prinzipien ist Be- standteil. Für den Fall des bewaffneten Angriffs auf eines der Mitglieder verpflichtet der Vertrag die übrigen Mitgliedstaaten zur sog. kollektiven Selbstverteidigung. Es ist davon auszugehen, dass die NATO das Kriegs- völkerrecht – und damit einhergehend – auch das Folt erverbot einhält. D-328/2016 Seite 14 Zu prüfen ist, ob es im konkreten Einzelfall zu Verletzungen beziehungs- weise Übergriffen gekommen ist, die dem Beschwerdeführer im Sinne ei- ner Asylunwürdigkeit gemäss Art. 53 AsylG anzurechnen sind. 4.2.3 Gemäss den Ausführungen des Beschwerdeführers wirkte er im Rah- men seiner Tätigkeit als Übersetzer für die amerikanischen Streitkräfte in den Jahren (...) bis (...) in seiner Heimat Afghanistan neben seiner Tätigkeit als „cultural advisor“ auch im Rahmen von Militäraktionen bei Verhören – somit sowohl im Rahmen der ISAF als auch der OEF – mit, in welchen die Verhafteten gefoltert worden seien, wenn diese nichts hätten zugeben wol- len (vgl. act. B34/16 S. 4). Gemäss dem am 26. Juni 1987 für die Schweiz in Kraft getretenen Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung o- der Strafe (FoK, SR 0.105) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Im Sinne von Art. 1 FoK bezeichnet der Ausdruck «Folter» jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich grosse körperliche oder seelische Schmerzen o- der Leiden zugefügt werden, zum Beispiel um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen, um sie für eine tatsächlich oder mutmasslich von ihr oder einem Dritten begangene Tat zu bestrafen, um sie oder einen Dritten einzuschüchtern oder zu nötigen oder aus einem anderen, auf irgendeiner Art von Diskriminierung beruhenden Grund, wenn diese Schmerzen oder Leiden vo n einem Angehörigen des öffentlichen Dienstes oder einer anderen in amtlicher Eigenschaft handelnden Person, auf deren Veranlassung oder mit deren ausdrücklichem oder stillschwei- gendem Einverständnis verursacht werden. Im schwe izerischen Strafgesetzbuch findet sich zur Folter lediglich der Straftatbestand von Art. 264 Abs. 1 Bst. f StGB. Darin wird mit Freiheits- strafe nicht unter fünf Jahren bestraft, wer im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung einem unter sei- nem Gewahrsam oder seiner Kontrolle stehenden Menschen grosse Lei- den oder eine schwere Schädigung des Körpers oder der physischen oder psychischen Gesundheit zufügt. Da die Tatbestandsmerkmale dieses Arti- kels in casu jedoch klarerweise nicht erfüllt sind und sich auch keine Be - stimmungen zur Misshandlung von Gefangenen in der Schweiz im StGB finden, fällt für die Beurteilung einer verwerflichen Handlung vorliegend der Tatbestand der schweren Körperverletzung gemäss Art. 122 StGB i n Be- tracht. Angesichts der Strafandrohung gilt dieses Delikt als ein Verbrechen im Sinne von Art. 10 Abs. 2 StGB. D-328/2016 Seite 15 4.2.4 Für die Ermittlung des individuellen Tatbeitrag s ist die Überset- zungstätigkeit des Beschwerdeführers einer näheren Prüfung zu unterzie- hen. Die Vorinstanz hielt in diesem Zusammenhang in zu bestätigender Weise fest, dass die blosse Tätigkeit für die Streitkräfte der NATO für sich alleine genommen noch keine verwerfliche Handlung dar stellt. Nachdem der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge während den Übersetzun- gen nie handgreiflich wurde, fällt die Annahme einer unmittelbaren Täter- schaft weg (vgl. act. A34/16 S. 8). Das SEM unterstellt dem Beschwerde- führer jedoch, er erfülle die strafrechtliche Teilnahmeform der Gehilfen- schaft gemäss Art. 25 St GB, da er durch seine Dolmetschertätigkeit eine Hilfeleistung erbracht habe, die einen individuellen Tatbeitrag zu einem Verbrechen darstelle. Als Gehilfe wird gemäss Art. 25 StGB mit Strafe bedroht, wer bei einem Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich Hil fe leistet. Nach der bundesge- richtlichen Rechtsprechung gilt als Hilfeleistung jeder kausale Beitrag, der die Tat fördert, so dass sich diese ohne Mitwirkung des G ehilfen anders abgespielt hätte (vgl. bspw. BGE 121 IV 119). Der Gehilfe braucht die Tat nur gefördert zu haben. Er muss die Erfolgschance der tatbestandserfül- lenden Handlung erhöhen, wobei auch die psychische Gehilfenschaft all- gemein anerkannt ist. Psychische Hilfe leistet, wer den Täter in irgendeiner Form zur Tat ermutigt, seine Tatentschlossen heit stützt oder bestärkt, dadurch etwa, dass er Hilfe zusagt, letzte Zweifel und Hemmungen des Täters beseitigt oder ihn davon abhält, den gefassten Entschluss wieder aufzugeben. Psychische Gehilfenschaft erfordert den Nachweis der affek- tiven Einwirkung auf den Täter, wozu die blosse Billigung der Tat nicht aus- reicht (vgl. GÜNTER STRATENWERTH, Schweizerisches Strafrecht, Allgemei- ner Teil I, 4. Auflage, § 13, Rz 112, 115-119). Der Beschwerdeführer wendet gegen die vorinstanzliche Argumentation, wonach die Verständigung zwischen ausländischen Truppen und Einhei- mischen nur durch Dolmetscher möglich gewesen sei und die Truppen an- sonsten nichts hätten machen können, ein, er habe lediglich im Rahmen der Verhöre übersetzt und dadurch die tatbestandsmässige Handlung der einfachen oder schweren Körperverletzung nicht gefördert beziehungs- weise die Erfolgschancen der Körperverletzungsdelikte der Täter nicht er- höht. Ob sich vorliegend der Beschwerdeführer durch seine Dolmetscherdienste bei militärischen Operationen allenfalls als Gehilfe Taten im völkerrechtlich D-328/2016 Seite 16 unzulässigen Rahmen schuldig gemacht haben könnte , welche solcher- massen als massgeblicher Beitrag im Sinne eines Verbrechens angesehen werden müssten, scheint bereits angesichts der Art seiner Tätigkeit (blosse Übersetzungstätigkeit ohne jegliche Einflussnahme auf Ort, Zeitpunkt und Verlauf des jeweiligen Geschehens [vgl. bspw. act. B34/16 S. 3 f.]) sehr fraglich. Mit Blick auf den Grundsatz, dass Kriegshandlungen den daran Beteiligten generell nicht als Asylausschlussgrund entgegenhalten werden können (vgl. BVGE 2011/29 E. 8.2.1), hat diese Schlussfolgerung in Be- rücksichtigung der in E. 4.2.2 dargelegten damaligen Situation in Afghanis- tan umso mehr zu gelten. Nachdem ein Asylausschluss vorliegend aber ohnehin als nicht verhältnis- mässig zu qualifizieren ist (vgl. E. 4.3 nachfolgend), erübrigen sich weitere Erörterungen zum individuellen Tatbeitrag des Beschwerdeführers, so bei- spielsweise auch zur Frage, ob die in Frage stehenden strafbaren Taten ohne seine Tätigkeit zumindest anders ausgefallen wären oder ob er diese mehr als bloss gebilligt hat. 4.3 Bei der Prüfung der Verhältnismässigkeit der Rechtsfolge eines Asyl- ausschlusses sind unter an derem das Alter des Be schwerdeführers im Zeitpunkt der Tatbegehung, allf ällige Veränderungen der Lebensver hält- nisse nach der Tat, die Wahrscheinlichkeit der erneuten Begehung von Straftaten sowie die Frage, wie lange die Tat bereits zurückliegt, in Betracht zu zie hen, wobei die strafrechtlichen Verjährungsbesti mmungen zu be- rücksichtigen sind (vgl. auch oben Ziff. 4.1). 4.4 In diesem Zusammenhang ist vorweg auf das besondere Umfeld in Af- ghanistan im Zeitpunkt der Rekrutierung und der anschliessenden Tätigkeit des Beschwerdeführers für die Streitkräfte der NATO respektive für di e amerikanischen Truppen hinzuweisen (vgl. E. 4.2.2 oben). Der Beschwer- deführer führte in diesem Zusammenhang glaubhaft aus, dass es sein Wille gewesen sei, nach der Schulzeit bei den NATO-Streitkräften zu ar- beiten, um sich auf diesem Weg für seine Heimat einzusetzen. So meldete er sich als (...)-jähriger über eine Firma als Dolmetscher für die amerikani- schen Streitkräfte und wurde nach einer Überprüfung in fachlicher wie auch in persönlicher Hinsicht im Rahmen eines Interviews angestellt. Er wählte diese Arbeit aus, um seinen Landsleuten zu helfen und weil er – wie auch seine Eltern – davon überzeugt gewesen sei, dass die NATO-Streitkräfte nach Afghanistan gekommen seien, um im Land die Freiheit und Demokra- tie aufzubauen respektive seine Heimat vom Terrorismus und den Taliban D-328/2016 Seite 17 zu befreien (vgl. act. B32/19 S. 8). Nachdem er seine Tätigkeit aufgenom- men hatte, wurde er den Angaben und den eingereichten Bestätigungen zufolge in unterschiedlicher Weise eingesetzt (vgl. auch Bst. B.c oben). Mit der Zeit war seine Person den Dorfvorsitzenden, den Einwohnern und auch der Taliban bekannt, was zu wiederholten Todesdrohungen, einem durch die Taliban schriftlich beim Elternhaus hinterlegten Todesurteil und einem Angriff auf seine Person geführt habe. Das Bundesverwaltungsgericht an- erkennt in seiner Rechtsprechung, dass gewisse Personengruppen in Af- ghanistan aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind, worunter auch Personen fallen, die regelmässig mit den Militärbehörden zusammenarbeiten. Diese sind besonders gefährdet, da extremistisch oder fanatisch eingestellte Gruppierungen – namentlich die Taliban – Muslime, welche ihrer Ansicht nach für die ungläubigen Besetzer im Land arbeiten, als Verräter betrachten, die es zu bestrafen gelte (vgl . Urteil des BVGer E -117/2016 vom 31. Oktober 2017 E. 7.3 m.w.H.). Das Argument des Beschwerdeführers, wonach es ihm nicht möglich gewesen sei, sich seinen Übersetzungsaufträgen zu entziehen, zumal im Falle einer Weigerung Druck auf ihn ausgeübt worden wär e respektive er den Arg- wohn der ausländischen Truppen auf sich gezogen hätte und allenfalls ent- lassen worden wäre, was sein Leben in grösste Gefahr gebracht hätte, ver- mag daher zu überzeugen . Zwar stellt Handeln auf Befehl grundsätzlich keinen Rechtfertigungsgrund dar; dem besonderen Interessenkonflikt ist jedoch unter dem Aspekt der Verhältnismässigkeit Rechnung zu tragen (vgl. Urteil des BVGer D-1071/2015 vom 19. April 2016 E. 5.5.1). Der Vor- wurf der Vorinstanz, dass nicht ersichtlich sei, dass der Beschwerdeführer zu einem früheren Zeitpunkt – als er den Taliban noch nicht bekannt gewe- sen sei – Schritte in Richtung einer Kündigung unternommen habe, er- scheint unter Berücksichtigung der zeitlichen Chronologie als nicht ange- messen, zumal er bereits kurze Zeit nach seiner Versetzung in die Provinz K._______ im Jahre (...) bei entsprechenden Einsätzen auf der Suche nach Angehörigen und/oder Führern der Taliban eingesetzt wurde (vgl. act. B32/19 S. 4; B34/16 S. 8) und demnach den Taliban relativ schnell bekannt geworden sein dürfte. Zudem erachtete der Beschwerdeführer seine Arbeit anlässlich der Verhöre nicht als erfreulich, auch wenn es seine Aufgabe beziehungsweise ein Teil seiner Arbeit gewesen sei (vgl. act. B34/16 S. 6). Alleine der Umstand, dass er während mehreren Jahren seine Tätigkeit ausgeübt hat, kann ihm vorliegend nicht zur Last gelegt werden. So war er in diesem Zeitraum in unterschiedlicher Weise und an verschiedenen Orten tätig – wobei er seinen Einsatzort nicht selber oder nur sehr eingeschränkt bestimmen konnte (vgl. act. B32/19 S. 8) – und liess sich nach kurzer Tä- tigkeit bei den L._______ wieder versetzen, nachdem er die dortige Arbeit D-328/2016 Seite 18 nicht gesucht, sondern vielmehr abgelehnt und er offenbar nicht den Wunsch hatte, die ausländischen Streitkräfte bei Folterungen beziehungs- weise Misshandlungen zu unterstützen (vgl. act. B32/19 S. 9 f.; B34/19 S. 13). Soweit die Vorinstanz dem Beschwerdeführer vorhält, er habe sich mit der Vorgehensweise der amerikanischen Truppen identifiziert und es könne weder von einer schuldmindernden Reue noch einer kritischen Be- trachtung seiner eigenen Tätigkeit ausgegangen werden, ist dieser Auffas- sung nicht zu folgen. So legte er einerseits seinen Interessenkonflikt an- schaulich dar, indem er sich explizit gegen die Tötung von – insbesondere unschuldigen – Personen aussprach, und gleichzeitig auf die Kriegssitua- tion hinwies, welche täglich viele Opfer durch verschiedene Parteien for- dere (vgl. act. B34/19 S. 6 f.). Andererseits vermag er diesbezüglich durch- aus zu differenzieren, indem er beispielsweise die L._______ nach kurzer Zeit auf eigenen Wunsch wieder verliess und zu erkennen gibt, dass er die amerikanischen Truppen als das kleinere Übel als die Taliban erachtete (vgl. act. B34/19 S. 13). Ferner ist festzuhalten, dass die fraglichen Aktivitäten nunmehr (...) bis (...) Jahre zurückliegen. Schliesslich vermögen die zwei im Jahr (...) gegen den Beschwerdeführer verhängten Geldstrafen wegen (Nennung Straftatbe- stände) infolge ihrer Geringfügigkeit an der Feststellung der Unverhältnis- mässigkeit eines Ausschlusses vom Asyl gemäss Art. 53 AsylG nichts zu ändern. 4.5 In Würdigung der gesamten Umstände erweist es sich somit als unver- hältnismässig, den Beschwerdeführer von der Gewährung des Asyls aus- zuschliessen. 5. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die – auf den Punkt des Aus- schlusses vom Asyl und die damit verbundenen Rechtsfolgen beschränkte – Beschwerde gutzuheissen ist, und die Ziffern 2 bis 7 der angefochtenen Verfügung aufzuheben sind. Das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerde- führer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). Mit Verfügung vom 29. Januar 2016 wurde der Antrag um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gestützt auf Art. 65 Abs. 1 VwVG ohnehin bereits gutgeheissen. D-328/2016 Seite 19 6.2 Dem obsiegenden und vertretenen Beschwerdeführer ist zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung für die ihm erwachsenen notwendi- gen und verhältnismässig hohen Kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs.1 VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). In der Kostennote vom 17 . März 2016 wird gesamthaft ein Aufwand von 9 Stunden zu Fr. 200.– geltend gemacht wird, zuzüglich Bar- auslagen von Fr. 30.–. Der damit geltend gemachte Aufwand ist in zeitlicher Hinsicht als angemessen zu erkennen. Da der Rechtsvertreter nicht mehr- wertsteuerpflichtig ist, umfasst die Parteientschädigung keinen Mehrwert- steuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE. Nach dem Gesag- ten ist das Honorar des Rechtsbeistands zulasten der Vorinstanz aufgrund der Aktenlage und der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 12 i.V.m. Art. 9-11 VGKE) auf insgesamt Fr. 1830.– festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) D-328/2016 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Ziffern 2 bis 7 der Verfügung des SEM vom 14. Dezember 2015 werden aufgehoben. 3. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 4. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1830.– zu entrichten. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Jeannine Scherrer-Bänziger Stefan Weber Versand: