Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 30. April 2020 (720 19 327 / 80) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Es bestehen Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen; Rückweisung an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter in Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichterin Susanne Afheldt , Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführer, vertreten durch Daniel Tschopp, Advokat, Greifengasse 1, Postfach 1644, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.1 Der 1962 geborene A.____ war vom 1. März 2014 bi s 31. August 2016 als Eisenleger und Geschäftsführer der B.____GmbH tätig. Hernach bezog er Leistungen der Arbeitslosenver- sicherung. Am 9. Dezember 2016 rutschte er in der Badewanne aus und verletzte sich am rech- ten Handgelenk. Die Schweizerische Unfallversicherungsan stalt (Suva) erbrachte in der Folge die gesetzlichen Leistungen (Taggelder, Heilbehandlung). Mit Schreiben vom 3. April 2017 stell- te sie diese mangels Unfallkausalität per 10. April 2017 ein. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A.2 Am 18. Februar 2017 meldete sich A.____ unter Hin weis auf unfallbedingte Beschwer- den am rechten Handgelenk bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Nach Abklärung der gesundheitlichen und erwerblichen Verhä ltnisse und nach Durchführung berufli- cher Massnahmen lehnte die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) einen Anspruch von A.____ auf eine Invalidenrente mit Verfügung vom 22. August 2 019 gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 30 % ab. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Da niel Tschopp, am 23. September 2019 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialv ersicherungsrecht (Kantonsgericht). Er beantragte, in Gutheissung der Beschwerde sei die Ve rfügung vom 22. August 2019 aufzu- heben und es sei ihm ab Dezember 2017 eine ganze Rente zuzusprechen. Eventualiter sei die Verfügung vom 22. August 2019 vollumfänglich aufzuheben und die IV-Stelle anzuweisen, ge- stützt auf Art. 43 des Bundesgesetzes über den Allgemei nen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 weitere medizinische u nd berufliche Abklärungen vorzu- nehmen und hernach über den Anspruch auf IV-Leistunge n erneut zu entscheiden; unter o/e- Kostenfolge. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragt e er die Gewährung des Replikrechts und die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Advokat Tschopp als Rechtsvertreter. Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, dass ihm eine Arbeitsleistung auf dem ersten Arbeitsmarkt aufgrund seiner gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht mehr zu 100 % zumut- bar sei und der angefochtene Entscheid auf unzureichenden medizinischen Unterlagen beruhe. Schliesslich rügte er eine Verletzung des Grundsatzes "E ingliederung vor Rente". Die IV-Stelle sei zur Berentung geschritten, ohne Eingliederungsmassnahmen seriös zu prüfen und durchzu- führen. C. Mit Schreiben vom 26. September 2019 zog der Beschw erdeführer das Gesuch um un- entgeltliche Rechtspflege zurück. D. Mit Eingabe vom 4. Oktober 2019 reichte der Beschwer deführer einen Bericht von PD Dr. med. C.____, FMH Neurochirurgie, vom 19. September 2019 ein. E. In ihrer Vernehmlassung vom 7. Oktober 2019 schloss di e IV-Stelle unter Hinweis auf eine Stellungnahme von Dr. med. D.____, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumato- logie des Bewegungsapparates, Regionaler Ärztlicher Di enst (RAD), vom 4. Oktober 2019 auf Abweisung der Beschwerde. Daran hielt sie auch in ihre r ergänzenden Eingabe vom 15. Oktober 2019, unter Hinweis auf die Stellungnahm e von Dr. D.____ vom 14. Oktober 2019, fest. F. Am 17. Oktober 2019 zog das Kantonsgericht bei der Suva und bei der Zürich Versiche- rungs-Gesellschaft AG als Krankentaggeldversicherung die Akten des Versicherten bei. G. Am 30. Oktober 2019 reichte der Beschwerdeführer e inen Bericht von Dr. med. E.____, FMH Neurologie, vom 2. Oktober 2019 ein. Hierzu nahm die IV-Stelle unter Hinweis auf eine Stellungnahme von Dr. D.____ vom 20. November 2019 am 21. November 2019 Stellung. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht H. Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels (Replik vom 17. Januar 2020 / Duplik vom 27. Februar 2020) hielten die Parteien an ihren Anträgen fest. I. Am 9. März 2020 reichte der Beschwerdeführer einen Bericht von Dr. med. F.____, Fachärztin für Neurochirurgie, vom 15. Februar 2020 ei n. Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 12. März 2020 auf eine weitere Stellungnahme. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über d ie Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf d ie im Übrigen frist- und formgerecht erhobene Beschwerde vom 23. September 2019 ist demnach einzutreten. 2. Streitig ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführer s. Massgebend ist der Sachver- halt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfüg ung vom 22. August 2019 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 129 V 4 E. 1.2). Später ei ngereichte ärztliche Berichte sind aber ausnahmsweise zu berücksichtigen, wenn daraus Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand im Zeitpunkt des Verfügungserlasses gezogen werden kö nnen (vgl. BGE 121 V 362 E. 1b in fine). 3. Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person An spruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente , wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf e ine Viertelsrente, wenn sie zu min- destens 40 % invalid ist. Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Die Invalidität wird durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, der geistigen oder der psychischen Gesundheit verursacht, wobei sie im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Kran kheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 IVG; Art. 3 und 4 ATSG). 4.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrade s bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls a uch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 4.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vg l. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 4.4 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspre chung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). So kommt beispiel sweise Berichten und Gutachten versi- cherungsinterner Fachpersonen nicht derselbe Beweiswert zu wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten externer Fachpersone n oder gar wie einem Gerichtsgut- achten. An die Beweiswürdigung sind deshalb strenge Anforderungen zu stellen, wenn ein Ver- sicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden soll. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und S chlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärunge n vorzunehmen (BGE 135 V 465 E. 4.4 am Ende, mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts v om 26. März 2015, 8C_879/2014, E. 5.3). 5. Das Administrativverfahren vor der IV-Stelle wie auch der kantonale Sozialversiche- rungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben IV-Stelle und Sozialversicherungsgericht vo n Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungs- pflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteil ung des streitigen Anspruchs erforderlichen Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (Urteil des Bun desgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. 6.1 Zur Beurteilung des vorliegenden Falls liegen zahl reiche medizinische Unterlagen vor, die vom Gericht gesamthaft gewürdigt wurden. Im Folge nden sollen indessen lediglich diejeni- gen Gutachten und Berichte wiedergegeben werden, wel che sich für den vorliegenden Ent- scheid als zentral erweisen. 6.2 Am 19. Juni 2017 diagnostizierte Dr. med. G.____, FMH Chirurgie und Handchirurgie, mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein traumatisiertes SLAC-Wirst Stadium II nach Kontusi- onstrauma am 13. Dezember 2016 [recte: 9. Dezember 2016] bei unbekanntem Primärereignis. Die rechte dominante Hand sei nicht mehr belastbar. Als Eisenleger sei der Versicherte voll- ständig arbeitsunfähig. In einer angepassten Tätigkeit o hne Belastung der rechten Hand sei eine 100%ige Arbeitsfähigkeit wahrscheinlich noch möglich. 6.3 Am 16. April 2018 diagnostizierte PD Dr. C.____ eine fortschreitende zervikale Spondy- lose mit Spinalkanalstenosen C3/4, C4/5 und C5/6, ein e Hyperglyzeridämie, ein traumatisiertes SLAC-Wirst Stadium II nach Kontusionstrauma und seit Mo naten einen rezidivierenden Dreh- schwindel. Der Versicherte sei aufgrund der zervikalen Sp ondylose und des Funktionsverlusts der rechten Hand deutlich eingeschränkt. Die Arbeit als Eisenleger sei nicht mehr möglich. Auch für eine alternative Beschäftigung sei der Versicherte aufgrund der Funktionseinbussen im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr arbeitsfähig. Klinisch best ünde keine manifeste Myelopathie. Dies könne damit zusammenhängen, dass er zwar eine hochgra dige Spinalkanalstenose auf- weise, gleichzeitig aber aufgrund der zervikalen Spondyl ose die Beweglichkeit der Halswirbel- säule (HWS) so stark eingeschränkt sei, dass kaum mehr Bew egung stattfinde. Der aktuelle Zustand lasse sich operativ nicht verbessern. 6.4 Am 17. August 2018 diagnostizierte Dr. E.____ ein en Verdacht auf ein radikuläres sen- somotorisches Ausfallsyndrom C7/8 rechts und eine zervikale M yelopathie. Klinisch bestünde der Verdacht auf ein polyradikuläres Ausfallsyndrom bzw. eine untere Plexusläsion. Elektrophy- siologisch würden die Befunde auf ein radikuläres Ausf allsyndrom C7 rechts hindeuten. Die Ableitung evozierter Potentiale zeige eine Läsion der ze ntralen motorischen und sensiblen Bahnen, welche die aktuelle Klinik nicht erkläre, jedoch das Vorliegen einer zervikalen Myelopa- thie belege. Regelmässige Physiotherapie sei dringend zu empfehlen. Zudem sei ein operativer Eingriff zu evaluieren. 6.5 Am 21. August 2018 führte PD Dr. C.____ aus, der Versicherte leide im Anschluss an das Heben von schweren Lasten an exazerbierten Nackenschme rzen mit Ausstrahlung in die Schulter und in den Scapulabereich sowie an Schmerzen i m Ellbogen rechts. Bei Letzteren könne es sich um einen muskulären Schmerz oder um eine Ten dinose handeln. In Bezug auf die zervikale Spondylose gehe es dem Versicherten bereits wieder besser. Für eine Operation an der HWS bestehe somit kein Handlungsdruck und es sei unklar, inwiefern die Nacken- und Schulterschmerzen rechts auf eine Dekompression ansprech en würden. Klinisch bestünden keine gesicherten Zeichen einer Myelopathie. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.6 Am 10. September 2018 hielt Dr. D.____ fest, di e aktuelle Schmerzproblematik betref- fend die rechte Schulter und den Ellbogen seien org anisch nicht hinlänglich erklärbar. Auch der Drehschwindel imponiere unspezifisch. Nachvollziehbar sei eine eingeschränkte Funktion (Be- lastbarkeit) der rechten Hand für einseitig schwere od er repetitive manuelle Anforderungen. In einer angepassten körperlich leichten bis intermittieren d mittelschweren körperlichen Arbeit oh- ne streng bimanuellen Einsatz lasse sich dagegen keine massgebliche Funktionseinschränkung formulieren. Dass sich der Versicherte mit seinen aktuell en Beschwerden in keiner Weise ar- beitsfähig erachte, lasse sich medizinisch nicht begründe n. Die Befunde würden positive Res- sourcen belegen, die ab dem 18. Februar 2017 eine ang epasste Tätigkeit zu 100 % zulassen würden. Auffallend seien eine Selbstlimitierung und e ine Symptomausweitung. Der Fall sei me- dizinisch komplex und aussagekräftig dokumentiert, so dass e ine abschliessende versiche- rungsmedizinische Stellungnahme nach aktueller Aktenlage vertretbar erscheine. 6.7 In ihrem Verlaufsbericht vom 12. Oktober 2018 stell te Dr. E.____ ein multiradikuläres sensomotorisches Ausfallsyndrom C7 bis Th1 rechts und eine zervikale Myelopathie bei hoch- gradiger Spinalkanalstenose auf der Höhe HWK 3/4 und H WK 5/6 fest. Im Verlauf zeige sich nun eine deutliche Atrophie der Muskeln der Myotome C7 bis Th1. 6.8 Im Bericht des Universitätsspitals H.____ vom 17. Okt ober 2018 wurde festgehalten, dass am 11. Oktober 2018 eine Verlaufskontrolle stattg efunden habe. Nach Angaben des Ver- sicherten seien die Schmerzen im Ellbogen und die motor ische Störung der rechten Hand fast vollständig verschwunden. Bildgebend zeige sich ein stabil er Verlauf. Klinisch gehe es dem Versicherten eher wieder besser. Elektrophysiologisch zeige sich eine diskrete Denervation im Musculus trizeps rechts. 6.9 Am 24. Oktober 2018 nahm Dr. D.____ zu den nachg ereichten medizinischen Unterla- gen Stellung. Er hielt fest, dass ein primär sensibles, degenerativ bedingtes radikuläres Ausfall- syndrom C7 rechts dokumentiert sei, wobei sich sowohl die motorische Störung als auch die Ausfälle im Verlauf der konservativen Behandlung fast komplett zurückgebildet hätten. Elektro- physiologisch zeige sich noch eine ausdrücklich diskrete Dene rvierung im Muskulus trizeps, wobei die Muskelkraft gemäss dem differenzierten neurolog ischen Untersuchungsbefund nur sehr marginal eingeschränkt seien. In einer leichten kör perlichen Tätigkeit liessen sich keine Einschränkungen ableiten. In Ergänzung zur bisherigen RAD-Beurteilung könne bis 11. Oktober 2018 (Untersuchungszeitpunkt im Universitätsspital H.____) eine behandlungsbedingte volle Arbeitsunfähigkeit eingeräumt werden. Darüber hinau s sei auf die bisherige RAD-Beurteilung abzustellen. 6.10 Am 1. Februar 2019 nahm Dr. D.____ erneut Stel lung. Neurologisch sei nun ein peraku- tes radikuläres Ausfallsyndrom C7/C8/Th1 rechts festgestellt worden. Klinisch imponiere jedoch eine bloss geringe Kraftminderung. Hinsichtlich Leistungs fähigkeit habe Dr. G.____ für ange- passte Verweistätigkeiten eine unlimitierte Arbeitsfäh igkeit attestiert (Bericht vom 19. Juni 2017). Die von Dr. C.____ im Bericht vom 16. April 2018 bescheinigte Arbeitsunfähigkeit sei bei genauer Betrachtung unter Einbezug der objektiven Befu nde und der subjektiven Beschwerden Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht nicht plausibel. Wegen der symptomatisch zervikalen Osteocho ndrose mit Ausstrahlung in die Schulter sei in einer angepassten Tätigkeit keine massgeb liche Limitierung der Arbeitsfähigkeit begründbar. Insgesamt liesse sich auch aus den neuen m edizinischen Daten keine versiche- rungsmedizinisch wegweisende Verschlechterung ableiten. A uf die RAD-Beurteilung vom 24. Oktober 2018 könne weiterhin abgestellt werden. 6.11 Im Rahmen des Vorbescheidverfahrens nahm Dr. D.___ _ am 13. März 2019 zu den Einwänden des Versicherten Stellung. Er hielt fest, da ss keine neuen medizinischen Befunde vorliegen, die die bisherige RAD-Beurteilung in Frag e stellen oder gar widerlegen würden. Ein fachspezifisches Gutachten sei nicht erforderlich. Angesicht es der verdächtigen Selbstlimitie- rung des Versicherten erscheine auch eine berufliche Abklärung eher nicht zweckmässig. 6.12 Im Bericht vom 12. September 2019 führte Dr. G. ____ aus, aus handchirurgischer Sicht dominiere das neurologische Ausfallbild, was quasi eine r unteren Plexusläsion entspreche, mit massiver Atrophie der entsprechenden Muskulatur. Diese werde sich einer Dekompression zer- vikal nicht erholen. Zudem schränke die Radiocarpalarth rose die Hand zusätzlich ein. Die do- minante rechte Hand könne selbst als Hilfshand kaum mehr eingesetzt werden. Unter Berück- sichtigung der Immobilisation im Bereich der HWS sei es unmöglich, den Versicherten irgendwo in den Arbeitsprozess zu reintegrieren. 6.13 Am 19. September 2019 führte PD Dr. C.____ aus, mittlerweile habe sich eine deutliche zervikale Myelopathie im Rahmen der zervikalen Spondylose entwickelt mit Parese der rechten oberen Extremität sowie Gangunsicherheit. Der Versichert e erreiche auf einer Skala für die Myelopathie von maximal 18 Punkten nur 11 Punkte, was ei ner fortgeschrittenen Myelopathie entspreche. Zudem seien die rechte Hand und der rechte Arm überhaupt nicht mehr funktionell einsetzbar. Angesichts der Verschlechterung der funktionellen Fähigkeiten des Versicherten sei eine Re-Evaluation des Invaliditätsgrads nötig. 6.14 In seiner Stellungnahme zu den Vorbringen in der Beschwerde vom 23. September 2019 führte der RAD-Arzt Dr. D.____ am 4. Oktober 201 9 aus, dass der mit der Beschwerde eingereichte Bericht von Dr. G.____ vom 12. Septemb er 2019 keine neuen Erkenntnisse ent- halte. Seine Beurteilung, wonach es unmöglich sei, de n Versicherten irgendwo in den Arbeits- prozess zu reintegrieren, erscheine undifferenziert, da e r keine medizinisch-theoretisch ange- passte Tätigkeit diskutiere und sich allein an den negati ven Einschränkungen und den subjekti- ven, auffallend schmerzhaft geprägten Beschwerden des V ersicherten orientiere, obwohl messbar verwertbare funktionelle Ressourcen vorliegen wür den. Bemerkenswert erscheine auch der Gesinnungswandel von Dr. G.____: Während er d em Versicherten im Bericht vom 19. Juni 2017 noch eine Arbeitsfähigkeit in einer an gepassten Tätigkeit attestiert habe, stelle er nun offensichtlich auf die subjektiven Angaben des Versich erten ab und verneine eine Restar- beitsfähigkeit, obwohl sich die Befunde im Verlauf nich t wesentlich verändert hätten. Zur Beur- teilung der Arbeitsfähigkeit von PD Dr. C.____ (Berich t vom 16. April 2018) sei anzumerken, dass sich mit den inserierten Beschwerden und den notier te objektiven Befunden keine mass- gebliche Limitierung der Arbeitsfähigkeit in einer kö rperlich angepassten Tätigkeit begründen lasse. Die RAD-Beurteilung der Zumutbarkeit punkto Arb eitsfähigkeit in einer angepassten Tä- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht tigkeit sei unter Berücksichtigung der abweichenden Beur teilungen der behandelnden Ärzte sowie der objektiven medizinischen Befunde und den dara us ableitbaren Ressourcen erfolgt. Von einer erneuten neurologischen Abklärung seien kein e wegweisenden Schlüsse zu erwar- ten. Aus dem Bericht von PD Dr. C.____ vom 21. August 2018 gehe sodann eindeutig hervor, dass der Versicherte zwar wegen einer Schmerzexazerbation n otfallmässig im X.____spital vorstellig worden sei, die Schmerzzunahme aber ausdrücklich belastungsabhängig und zwar im zeitlichen Zusammenhang beim Heben von Bauteilen seines B etonbrunnens ins Auto aufgetre- ten sei, was per se schon Fragen nach der funktionellen Einschränkung der rechtsdominanten Seite der oberen Extremität sowie der HWS aufwerfe. Selbst wenn der Beschwerdeführer die Betonteile strikt einhändig bewegt hätte, wäre diese kö rperliche Ressource zweifellos auch in einer körperlich leichten Tätigkeit umsetzbar. Der Fa ll sei medizinisch komplex dokumentiert und der Versicherte sei bereits fachübergreifend spezia lärztlich hinlänglich abgeklärt worden. Wegweisende Befundänderungen seien auch aus dem aktuel len Bericht des Handchirurgen Dr. G.____ nicht zu entnehmen, weshalb sich auch keine weiteren orthopädischen oder neuro- logischen Abklärungen aufdrängen würden. Bei anscheinend dysfunktionaler Selbstdarstellung wäre jegliche weitere berufliche Abklärung wenig zweckmässig. 6.15 Am 2. Oktober 2019 führte Dr. E.____ aus, dass sich eine weitere leichte Progredienz der Atrophien und Paresen im Bereich des rechten Arms zeige, wobei sich neu auch eine Pare- se der C-6 versorgten Muskulatur nachweisbar sei. Bezüglich der zervikalen Myelopathie zeige sich klinisch ein progredienter Befund mit neu aufgetret enem Schwindel und sensibler Ataxie. Die bisherige Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar und ein e Umschulung sei zum aktuellen Zeit- punkt bei persistierenden schweren sensomotorischen Defi ziten des rechten Arms nicht denk- bar. Eine interdisziplinäre Begutachtung sei dringend angezeigt. 6.16 Am 14. Oktober 2019 nahm Dr. D.____ zum Bericht von PD Dr. C.____ vom 19. September 2019 Stellung. Er hielt fest, dass sich d araus keine massgebliche Änderung zu den zeitnahen Vorbefunden feststellen liesse. Seine Be urteilung der Arbeitsfähigkeit könne un- ter versicherungsmedizinischen Kriterien nicht nachvollzoge n werden, weil eine angepasste Tätigkeit medizinisch-theoretisch formuliert werden kö nne, in welcher die medizinisch unstreiti- gen Funktionseinschränkungen des Versicherten gebührend be rücksichtigt würden. Dasselbe gelte für die von PD Dr. C.____ beschriebene Gangunsic herheit. An der bisherigen RAD- Beurteilung sei weiterhin festzuhalten. 6.17 Am 20. November 2019 nahm Dr. D.____ zum Bericht von Dr. E.____ vom 2. Oktober 2019 Stellung. Es würde zwar eine Progredienz der At rophien und Paresen im Bereich der rechten Arms festgestellt. Diese würden aber ausdrücklich al s leicht klassifiziert. Die beschrie- bene Parese der C-6 versorgten Muskulatur könne unter ver sicherungsmedizinischen Kriterien keine abweichende Beurteilung der Zumutbarkeit begrün den. Zudem sei die Muskelfunktion und Koordination der unteren Extremitäten offensichtli ch noch nicht eingeschränkt. Insgesamt würden sich keine neuen medizinisch wegweisenden Befunde ergeben, welche die bisherigen RAD-Beurteilungen punkto Zumutbarkeit in Frage stellen oder gar widerlegen könnten. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.18 Am 24. Januar 2020 stellte Dr. G.____ klar, dass si ch seine Aussage im Bericht vom 19. Juni 2017 hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit in eine r angepassten Tätigkeit einzig auf das Handgelenk bezogen habe. Damals sei das sensomotorische Ausfallsyndrom nicht evident ge- wesen. Der Versicherte präsentiere nach wie vor eine qu asi afunktionelle rechte obere Extremi- tät. Dass hier massive neuropathische Schmerzen mit hineinspielen würden, sei bei der eviden- ten Neuropathie unschwer nachzuvollziehen. Zudem zeige sic h eine Progression des SLAC- Wirsts, welches vom Stadium II ins Stadium III gewechsel t habe. Eine Arbeit in einem manuel- len Beruf sei ausgeschlossen. Die von Dr. D.____ beschriebe nen Ressourcen seien im Alltag nicht abrufbar. Die rechte Hand werde dauerhaft maximal als Hilfshand einsetzbar sein. 6.19 Im Bericht vom 11. Februar 2020 beschreibt Dr. E. ____ eine weitere Progredienz des multiradikulären sensomotorischen Ausfallsyndroms, mit akt uell klinischen Hinweisen auf eine Ausdehnung der Radikulopathie auf die Wurzeln C5-C1 rechts. Die bei zervikaler Spondylose mit hochgradiger Spinalkanalstenose bereits im August 2 018 elektrophysiologisch nachgewie- sene zervikale Myelopathie sei bei unverändert bestehende r sensibler Ataxie klinisch stationär. Aus neurologischer Sicht bestünde eine funktionale Ein händigkeit. Zudem würde die ausge- prägte Spondylose mit funktionaler Versteifung der zervika len Wirbelsäule die Arbeitsfähigkeit zusätzlich einschränken. Die Arbeitsfähigkeit in einer Ver weistätigkeit liege zwischen 30 % bis 40 %. Bei zusätzlicher Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der Hand- und Wirbelsäu- lenproblematik sei eine Begutachtung in den Fachgebieten Neurologie sowie Wirbelsäulen- und Handchirurgie zu empfehlen. 6.20 Am 15. Februar 2020 hielt Dr. F.____ fest, bei der bekannten chronifizierten und ausge- prägten Symptomatik seien die bisherige Tätigkeit als Ei senleger sowie manuelle Berufe nicht mehr möglich. Aufgrund der neurologischen Ausfallsymptome und den chronischen Schmerzen betrage die Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tät igkeit maximal 50 %. Selbst nach einem operativen Eingriff würde sich voraussichtlich keine Verb esserung der Arbeitsfähigkeit einstel- len. 6.21 Am 27. Februar 2020 nahm Dr. D.____ zu den Beri chten von Dr. G.____ vom 24. Januar 2020 und Dr. E.____ vom 11. Februar 2020 Stellung. Er hielt fest, dass der Versi- cherte aufgrund der radiologischen Erkenntnisse als funkti onal einarmig einzustufen sei. Dar- über hinaus ergäben sich aber keine Befunde, die eine abweichende Beurteilung der bisherigen RAD-Zumutbarkeit nahelegen oder gar belegen könnten. Die erhobenen Befunde würden durchaus noch veritabel Restfunktionen aufzeigen. Die vorliegenden medizinischen Unterlagen würden eine Beurteilung durch den RAD zulassen. Die b isherigen RAD-Stellungnahmen hätten weiterhin Gültigkeit. 7.1 Die IV-Stelle ging in ihrer Verfügung vom 22. A ugust 2019 gestützt auf die Beurteilungen des RAD-Arztes Dr. D.____ vom 10. September 2018, 24. O ktober 2018, 1. Februar 2019 und 13. März 2019 davon aus, dass der Versicherte in seiner bisherigen Tätigkeit als Eisenleger seit dem Unfall vom 9. Dezember 2016 vollständig arbeitsun fähig sei. Indes bejahte sie ab dem 18. Februar 2017 eine vollständige Arbeitsfähigkeit i n einer angepassten Verweistätigkeit. Wie oben ausgeführt, ist grundsätzlich nicht zu beanstanden, dass ein Versicherungsträger seinen Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid auf medizinische Unterlagen stützt, die er versi cherungsintern eingeholt hat. In sol- chen Fällen sind jedoch strenge Anforderungen an die Be weiswürdigung zu stellen und zwar in dem Sinne, dass bei auch nur geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen ergänzende A bklärungen vorzunehmen sind (vgl. E. 4.4 hiervor und die dortigen Hinweise auf die entsprechende bundesgerichtliche Recht- sprechung). Vorliegend ergeben sich Zweifel an der Zuv erlässigkeit und Schlüssigkeit der von der Beschwerdegegnerin als massgebend erachteten versicherungsinternen ärztlichen Feststel- lungen, wie sich aus den nachstehenden Ausführungen ergibt. 7.2 Zunächst fällt auf, dass der Beschwerdeführer nie gu tachterlich abgeklärt wurde. Die der angefochtenen Verfügung zugrundeliegende Beurteilung des RAD-Arztes Dr. D.____ stützt sich einzig auf die Berichte der behandelnden Ärzte Dres. G. ____, C.____ und E.____. Zwar erge- ben sich daraus umfassende und differenzierte medizinische Befunde, die eine Aktenbeurtei- lung durch den RAD grundsätzlich als möglich erscheinen lasse n. Es bestehen aber unüber- windbare Diskrepanzen hinsichtlich der Einschätzung der L eistungsfähigkeit des Beschwerde- führers. Während Dr. D.____ dem Beschwerdeführer in an gepassten Tätigkeiten seit dem 18. Februar 2017 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit atte stiert, gehen die behandelnden Fachärzte von einer Arbeitsfähigkeit von 30 % bis 40 % bzw. 50 % oder sogar von einer gänzlichen Ar- beitsunfähigkeit aus. Zwar erfolgten die Berichte der Dres. G.____, C.____, E.____ und F.____ vom 12. September 2019, 19. September 2019, 2. Oktob er 2019, 24. Januar 2020, 11. Februar 2020 und 15. Februar 2020 nach der Verfügung vom 22. August 2019. Sie lassen aber unstrei- tig Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand im Zeitpunkt de s Verfügungserlasses zu, wes- halb sie in diesem Verfahren zu berücksichtigen sind. Dies wird auch von der IV-Stelle zu Recht nicht in Abrede gestellt. Die erheblich unterschiedlichen Beurteilungen der Leistungsfähigkeit mögen zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass die behand elnden Fachärzte bei ihrer Ein- schätzung kein konkretes Profil möglicher Verweistätigkeite n vor Augen haben, sondern davon ausgehen, dass zunächst eine Umschulung durchzuführen wär e, bevor eine solche Einschät- zung überhaupt gemacht werden kann. Eine Gesamtschau nah m einzig Dr. F.____ in ihrem Bericht vom 15. Februar 2020 vor, wobei sie dem Versicher ten in einer angepassten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von maximal 50 % attestiert. Es m ag sein, dass die behandelnden Fach- ärzte bei der Einschätzung der Leistungsfähigkeit – wi e Dr. D.____ zu bedenken gibt – auch den subjektiven Beschwerdeangaben des Versicherten Gewicht beigemessen haben. Zudem ist zu beachten, dass behandelnde Ärzte im Hinblick auf ihr e auftragsrechtliche Vertrauensstel- lung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihres P atienten aussagen (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b/cc), weshalb auch aus diesem Grund bei der Beurtei lung der Leistungsfähigkeit nicht un- besehen auf die vorliegenden Einschätzungen der Fachär zte abgestellt werden kann. Anderer- seits ist nicht zu übersehen, dass der Beschwerdeführer a n massiven somatischen Befunden leidet, die geeignet sind, ihn auch in körperlich angep assten Beschäftigungen einzuschränken. So taxierte auch Dr. D.____ den Versicherten als funkti onell einarmig. Vor diesem Hintergrund bestehen mehr als nur geringe Zweifel an der Zuverlässig keit und Schlüssigkeit der massge- benden Feststellung des RAD, wonach der Versicherte in einer angepassten Tätigkeit ab dem 18. Februar 2017 zu 100 % arbeitsfähig sei. Dies gilt vorliegend umso mehr, als keine fachärzt- lichen Gutachten vorhanden sind und Dr. D.____ den Bes chwerdeführer nie persönlich unter- suchte. Da Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der von der Beschwerdegegnerin Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht eingeholten und als massgeblich erachteten versicherungsin ternen Beurteilung von Dr. D.____ bestehen, kann nach dem oben Gesagten (vgl. E. 4.4 hier vor) bei diesem Beweisergebnis nicht auf seine Beurteilung abgestellt werden. So wie sich die Aktenlage präsentiert, ist der massge- bende medizinische Sachverhalt im Sinne von Art. 43 Abs . 1 ATSG nicht ausreichend abge- klärt. Namentlich kann keine verlässliche Aussage bezüglich ei ner allfälligen Arbeitsfähigkeit des Versicherten in angepassten Verweistätigkeiten gemac ht werden. Die angefochtene Verfü- gung vom 22. August 2019 ist deshalb aufzuheben und es si nd weitere medizinische Abklärun- gen vorzunehmen. 7.3 Rechtsprechungsgemäss können die Sozialversicherungsge richte nicht mehr frei ent- scheiden, ob sie eine Streitsache zur neuen Begutachtung an die Verwaltung zurückweisen. Die Beschwerdeinstanz hat vielmehr im Regelfall selbst ei n Gerichtsgutachten einzuholen, wenn sie einen im Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen Sachverhalt überhaupt für gut- achtlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Admin istrativexpertise in einem rechtserhebli- chen Punkt nicht beweiskräftig ist. Eine Rückweisung an di e IV-Stelle bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bi sher vollständig ungeklärten Frage be- gründet ist oder wenn lediglich eine Klarstellung, Prä zisierung oder Ergänzung von gutachtli- chen Ausführungen erforderlich ist (BGE 137 V 210 ff. E. 4.4.1 ff.). Vorliegend erweist sich die der angefochtenen Verfügung vom 22. August 2019 zugru nde gelegte Beurteilung des RAD- Arztes Dr. D.____ in Bezug auf die Leistungsfähigkeit des Versicherten in Verweistätigkeiten als nicht beweistauglich. Da es die IV-Stelle unterliess, di e diesbezüglich nötigen Abklärungen zu veranlassen, und es nicht die Aufgabe der kantonalen Ge richte ist, im Verwaltungsverfahren versäumte medizinische Abklärungen nachzuholen, steht einer Rückweisung an die Vorinstanz nichts entgegen. Diese wird angehalten, den Verlauf d er gesundheitlichen Entwicklung und die Leistungsfähigkeit des Versicherten in Verweistätigkeiten unter Berücksichtigung aller gesund- heitlichen Beschwerden durch unabhängige versicherungsext erne medizinische Fachpersonen neurologisch sowie orthopädisch abklären zu lassen. Gest ützt auf die Ergebnisse der Aktener- gänzung wird sie allfällige berufliche Eingliederungsma ssnahmen prüfen und über den Leis- tungsanspruch des Versicherten neu zu befinden haben. Di e vorliegende Beschwerde ist in dem Sinne gutzuheissen. 8.1 Nach Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitw ert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1‘000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfah- rensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfah renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass aufer- legt. Hebt das Kantonsgericht eine bei ihm angefochtene Verfügung auf und weist es die Ange- legenheit zum weiteren Vorgehen im Sinne der Erwägu ngen und zum Erlass einer neuen Ver- fügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessualer Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (vollständig) obsiegende und die IV-Stelle als unte rliegende Partei (BGE 137 V 61 f. E. 2.1 und 2.2, BGE 132 V 235 E. 6.2, je mit Hinweisen). D ie ordentlichen Kosten von Fr. 800.-- wer- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht den somit ihr auferlegt. Der geleistete Kostenvorschuss ist dem Beschwerdeführer zurückzuer- statten. 8.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besc hwerde führende Person An- spruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Ger icht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsach e und nach der Schwierigkeit des Prozes- ses bemessen. Nach ständiger Praxis des Bundesgerichts genüg t für den bundesrechtlichen Anspruch auf eine Parteientschädigung auch ein formell es Obsiegen in dem Sinne, dass der Beschwerde führenden Person durch die Aufhebung der a ngefochtenen Verfügung und der Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abkl ärung und neuen Beurteilung alle Rechte im Hinblick auf eine beanspruchte Leistung gewahr t bleiben (BGE 132 V 215 E. 6.2). Nachdem die Beschwerde gutzuheissen und die Sache zur ern euten Abklärung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, hat die se dem Beschwerdeführer eine Par- teientschädigung auszurichten. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat in seiner Hono- rarnote vom 11. März 2020 einen Zeitaufwand von 16 St unden und 10 Minuten geltend ge- macht, was umfangmässig in Anbetracht der sich stellenden S achverhalts- und Rechtsfragen sowie des zweiten Schriftenwechsels nicht zu beanstanden ist. Hinzu kommen die in der Hono- rarnote ausgewiesenen Auslagen von insgesamt Fr. 88.80. Somit ist dem Beschwerdeführer für das vorliegende Beschwerdeverfahren eine Parteientschädi gung in der Höhe von Fr. 4'448.50 (16,16 Stunden à Fr. 250.-- sowie Auslagen von Fr. 88 .80 zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. 9.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesger icht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angel egenheiten an das Bundesgericht zuläs- sig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Sel bständig eröffnete Zwischenent- scheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständigkeit und über Aus- standsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegen- heiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzum achenden Nachteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endent- scheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläu- figes Beweisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch für einen Rück- weisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage ( z.B. eine von mehreren materiellrechtli- chen Anspruchsvoraussetzungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). 9.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es si ch somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vo- raussetzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet d as Bundesgericht. Die nachstehen- de Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 22. August 2019 aufgehoben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinn e der Erwägun- gen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die Beschwe rdegegne- rin zurückgewiesen wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der Be- schwerdegegnerin auferlegt. Dem Beschwerdeführer wird der geleistete Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 800.-- zurückerstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 4'448.50 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht