<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 79 S.393</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">393</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>79 Ausschaffungshaft;</b></span> <span class="ft1"><b>Vollzugsperspektiven; Anordnung einer Durchset-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>zungshaft</b></span><br/> <span class="ft1"><b>I.c. ist nicht ersichtlich, ob - und wenn ja, unter welchen Voraussetzun-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gen - ein Ersatzreisedokument ausgestellt wird, solange sich der Gesuchs-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gegner gegenüber der Vertretung seines Heimatlandes nicht rückkehr-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>willig zeigt. Unter diesen Umständen ist nicht mehr mit hinreichender</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass bis zum Ablauf der maximal</b></span><br/> <span class="ft1"><b>zulässigen Dauer der Ausschaffungshaft ohne die Mitwirkung des Ge-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>suchsgegners ein Ersatzreisedokument ausgestellt werden kann, weshalb</b></span><br/> <span class="ft1"><b>die Anordnung einer Durchsetzungshaft zu prüfen ist (E. II./1.-2.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft2">29. August 2008 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen P.O.</span><br/> <span class="ft2">betreffend Verlängerung Ausschaffungshaft / Anordnung Durchsetzungshaft</span><br/> <span class="ft2">(1-HA.2008.82).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">II. 1.1. Gemäss Art. 76 AuG kann die zuständige Behörde eine</span><br/> <span class="ft4">Person unter bestimmten Voraussetzungen zur Sicherstellung des</span><br/> <span class="ft4">Vollzugs der Weg- oder Ausweisung in Ausschaffungshaft nehmen</span><br/> <span class="ft4">bzw. in Ausschaffungshaft belassen. Die Ausschaffungshaft ist je-</span><br/> <span class="ft4">doch unter anderem zu beenden, wenn der Haftgrund entfällt oder</span><br/> <span class="ft4">sich erweist, dass der Vollzug der Weg- oder Ausweisung aus rechtli-</span><br/> <span class="ft4">chen oder tatsächlichen Gründen undurchführbar ist (vgl. Art. 80</span><br/> <span class="ft4">Abs. 6 lit. a AuG). Mit anderen Worten ist eine Verlängerung der</span><br/> <span class="ft4">Ausschaffungshaft dann zu verweigern, wenn keine Vollzugsper-</span><br/> <span class="ft4">spektive mehr besteht.</span><br/> <span class="ft4">1.2. Bereits mit Urteil vom 30. April 2008 (1-HA.2008.44) und</span><br/> <span class="ft4">vom 13. Juni 2008 (1-HA.2008.61) wurde die Vollzugsperspektive</span><br/> <span class="ft4">bezüglich zweier nigerianischer Staatsangehörigen verneint. In jenen</span><br/> <span class="ft4">Fällen verhielten sich die Betroffenen derart unkooperativ, dass sie</span><br/> <span class="ft4">nicht als nigerianische Staatsangehörige anerkannt wurden. Mit Ur-</span><br/> <span class="ft4">teil vom 13. Juni 2008 (1-HA.2008.61, E. II/1.2.) wurde ausgeführt:</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">394</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">"Auch wenn die nigerianische Expertendelegation in der Vergangen-</span><br/> <span class="ft5">heit auch schon unkooperative Personen als nigerianische Staatsangehörige</span><br/> <span class="ft5">anerkannt hat und eine Anerkennung offenbar von der Zusammensetzung</span><br/> <span class="ft5">der Delegation abhängt, ist die Wahrscheinlichkeit einer Anerkennung nach</span><br/> <span class="ft5">zweimaliger Ablehnung derart gering, dass nicht mehr von einer konkreten</span><br/> <span class="ft5">Vollzugsperspektive im Sinne von Art. 80 Abs. 6 lit. a AuG ausgegangen</span><br/> <span class="ft5">werden kann. Eine Fortsetzung der Ausschaffungshaft ist damit nicht zuläs-</span><br/> <span class="ft5">sig."</span><br/> <span class="ft4">Mit Urteil vom 18. August 2008 wurde die Ausschaffungshaft</span><br/> <span class="ft4">eines weiteren nigerianischen Staatsangehörigen verlängert, obschon</span><br/> <span class="ft4">dieser bereits drei Mal der nigerianischen Botschaft zugeführt wor-</span><br/> <span class="ft4">den war, ohne dass ein Ersatzreisedokument ausgestellt worden</span><br/> <span class="ft4">wäre. Zur Vollzugsperspektive wurde Folgendes ausgeführt</span><br/> <span class="ft4">(1 HA.2008.79, E. II/2.2.):</span><br/> <span class="ft5">"Nachdem der Gesuchsgegner bereits mehrfach seiner Heimatvertre-</span><br/> <span class="ft5">tung zugeführt wurde, ohne dass diese ein Ersatzreisedokument ausgestellt</span><br/> <span class="ft5">hätte, ist fraglich, ob überhaupt noch Aussicht besteht, ein Laissez-Passer zu</span><br/> <span class="ft5">erhalten und ob der Gesuchsgegner noch ausgeschafft werden kann. Der</span><br/> <span class="ft5">Vertreter des Migrationsamtes führt diesbezüglich aus, aufgrund der Erfah-</span><br/> <span class="ft5">rungen des Bundesamtes für Migration bestehe nach wie vor eine gute</span><br/> <span class="ft5">Chance, ein Laissez-Passer zu erhalten. Es sei in der Vergangenheit schon</span><br/> <span class="ft5">mehrfach vorgekommen, dass für einen Betroffenen, der sich nicht rück-</span><br/> <span class="ft5">kehrwillig gezeigt hatte, erst nach mehrfacher Zuführung ein Ersatzreisedo-</span><br/> <span class="ft5">kument ausgestellt worden sei. Damit ist aktuell nach wie vor von einer</span><br/> <span class="ft5">- wenn auch eher vagen - Ausschaffungsmöglichkeit auszugehen. Da nicht</span><br/> <span class="ft5">ersichtlich ist, aus welchem Grund die Botschaftsvertreterin nicht bereit ist,</span><br/> <span class="ft5">ein Laissez-Passer auszustellen, hat das Migrationsamt unverzüglich - allen-</span><br/> <span class="ft5">falls via BFM - bei der Heimatvertretung einen entsprechenden Bericht ein-</span><br/> <span class="ft5">zuholen und dem Gericht sowie dem Rechtsvertreter zuzustellen. Sollte</span><br/> <span class="ft5">keine Antwort der Heimatvertretung eingehen oder diese in Bezug auf die</span><br/> <span class="ft5">Ausstellung eines Laissez-Passer negativ lauten, und damit klar werden,</span><br/> <span class="ft5">dass die Ausschaffung wegen fehlendem Laissez-Passer nicht möglich ist,</span><br/> <span class="ft5">wären die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.</span><br/> <span class="ft5">Sollte das Migrationsamt zudem nach erneut erfolgloser Zuführung</span><br/> <span class="ft5">zur Heimatvertretung eine weitere Verlängerung der Ausschaffungshaft be-</span><br/> <span class="ft5">antragen, ist ein schriftlicher Bericht der Heimatvertretung beizubringen,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">395</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">aus dem hervorgeht, unter welchen Voraussetzungen und bis wann ein</span><br/> <span class="ft5">Laissez-Passer ausgestellt wird. Inskünftig ist überdies ein entsprechender</span><br/> <span class="ft5">Bericht bereits nach der zweiten erfolglosen Zuführung einzuholen. Andern-</span><br/> <span class="ft5">falls kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass innert nützlicher</span><br/> <span class="ft5">Frist ein Ersatzreisedokument vorliegen wird, womit sich nur noch die</span><br/> <span class="ft5">Frage der Anordnung einer Durchsetzungshaft stellen würde."</span><br/> <span class="ft4">Unmittelbar vor der heutigen Verhandlung wurde zudem - in ei-</span><br/> <span class="ft4">nem vermeintlich gleich gelagerten Fall - die Verlängerung der Aus-</span><br/> <span class="ft4">schaffungshaft bezüglich eines nigerianischen Staatsangehörigen</span><br/> <span class="ft4">bewilligt (1-HA.2008.83). In jenem Fall verhielt es sich so, dass der</span><br/> <span class="ft4">Betroffene ebenfalls im April 2008 durch die NIS-Delegation (Nige-</span><br/> <span class="ft4">rian Immigration Services) provisorisch anerkannt wurde. Da der</span><br/> <span class="ft4">Betroffene jedoch nicht zusätzlich der Botschaftsvertreterin zuge-</span><br/> <span class="ft4">führt werden musste, konnte davon ausgegangen werden, dass ein</span><br/> <span class="ft4">Ersatzreisedokument im Rahmen des üblichen Verfahrens ausgestellt</span><br/> <span class="ft4">wird. Jener Fall lässt sich somit nicht mit dem vorliegenden verglei-</span><br/> <span class="ft4">chen.</span><br/> <span class="ft4">1.3. Der Gesuchsgegner wurde am 3. Dezember 2007 in Aus-</span><br/> <span class="ft4">schaffungshaft genommen. Seit seiner Einreise in die Schweiz gab er</span><br/> <span class="ft4">immer an, er sei nigerianischer Staatsangehöriger. Da er sich wei-</span><br/> <span class="ft4">gerte, ein Formular auszufüllen, wonach er bereit sei, freiwillig nach</span><br/> <span class="ft4">Nigeria zurückzukehren, wurde er am 29. Januar 2008 der nigeriani-</span><br/> <span class="ft4">schen Konsulin vorgeführt. Diese anerkannte ihn gemäss Schreiben</span><br/> <span class="ft4">des BFM vom 31. Januar 2008 zwar offenbar als nigerianischen</span><br/> <span class="ft4">Staatsangehörigen, stellte jedoch kein Ersatzreisedokument aus, weil</span><br/> <span class="ft4">der Gesuchsgegner nicht freiwillig nach Nigeria zurückkehren</span><br/> <span class="ft4">wollte. Vielmehr verlangte die Konsulin die erneute Zuführung zur</span><br/> <span class="ft4">Botschaft in drei Monaten.</span><br/> <span class="ft4">Nachdem die Verlängerung der Ausschaffungshaft mit Urteil</span><br/> <span class="ft4">vom 22. Februar 2008 um weitere sechs Monate bis zum 2. Septem-</span><br/> <span class="ft4">ber 2008 bewilligt worden war (1-HA.2008.21), wurde der Gesuchs-</span><br/> <span class="ft4">gegner am 23. April 2008 der NIS-Delegation zugeführt und gemäss</span><br/> <span class="ft4">Schreiben des BFM vom 8. Mai 2008 provisorisch als nigerianischer</span><br/> <span class="ft4">Staatsangehöriger anerkannt. Weshalb der Gesuchsgegner der NIS-</span><br/> <span class="ft4">Delegation zugeführt wurde, ist nicht ersichtlich. Immerhin gab er</span><br/> <span class="ft4">seit seiner Einreise an, er sei nigerianischer Staatsangehöriger und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">396</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">wurde bereits durch die nigerianische Konsulin anerkannt. Dem</span><br/> <span class="ft4">Newsletter Nr. 18/08 der Abteilung Rückkehr des BFM ist sodann zu</span><br/> <span class="ft4">entnehmen, dass die NIS-Delegation primär die Aufgabe hat, Her-</span><br/> <span class="ft4">kunftsabklärungen durchzuführen und nicht bereits anerkannte nige-</span><br/> <span class="ft4">rianische Staatsangehörige erneut zu anerkennen.</span><br/> <span class="ft4">Am 15. Juli 2008 wurde der Gesuchsgegner ein weiteres Mal</span><br/> <span class="ft4">durch die nigerianische Konsulin angehört. Einem Schreiben des</span><br/> <span class="ft4">BFM an das Migrationsamt vom 16. Juli 2008 ist zu entnehmen, dass</span><br/> <span class="ft4">die nigerianische Konsulin den Gesuchsgegner in drei bis vier Mona-</span><br/> <span class="ft4">ten erneut zu sehen wünsche, da dieser noch immer nicht reisewillig</span><br/> <span class="ft4">sei. Eine weitere Anhörung sei auf den 14. Oktober 2008 geplant.</span><br/> <span class="ft4">In einem ähnlich gelagerten Fall betreffend Ausstellung eines</span><br/> <span class="ft4">Ersatzreisedokuments liess sich das BFM am 18. August 2008 wie</span><br/> <span class="ft4">folgt vernehmen:</span><br/> <span class="ft5">"Wir gehen nach wie vor davon aus, dass wir für die oben genannte</span><br/> <span class="ft5">Person ein Reisedokument seitens der nigerianischen Botschaft erhalten</span><br/> <span class="ft5">werden. Erfahrungsgemäss sind wiederholte Termine mit der nigerianischen</span><br/> <span class="ft5">Konsulin durchaus keine Seltenheit. Es kommt praktisch nicht vor, dass wir</span><br/> <span class="ft5">für eine Person, die nicht rückkehrwillig ist, schon anlässlich der ersten Be-</span><br/> <span class="ft5">fragung die Zusicherung auf Ausstellung eines Laissez-Passer erhalten.</span><br/> <span class="ft5">Meistens braucht es mehrere Termine, bis die Konsulin sich bereit erklärt,</span><br/> <span class="ft5">für die Person ein Ersatzreisedokument auszustellen.</span><br/> <span class="ft5">Zu wiederholten Terminen kommt es meistens, wenn eine Person</span><br/> <span class="ft5">nicht rückkehrwillig und/oder nicht kooperativ ist."</span><br/> <span class="ft4">Einer Aktennotiz des Migrationsamtes vom 28. August 2008</span><br/> <span class="ft4">kann in Bezug auf den vorliegenden Fall entnommen werden, dass</span><br/> <span class="ft4">die Länderkoordinatorin Zentral- und Ostafrika des BFM gemäss te-</span><br/> <span class="ft4">lefonischer Auskunft die Frage, ob - und wenn ja, wann - ein Ersatz-</span><br/> <span class="ft4">reisepapier auch gegen den Willen des Gesuchsgegners ausgestellt</span><br/> <span class="ft4">werde, nicht beantworten konnte. Es könne sein, dass die Konsulin</span><br/> <span class="ft4">am 14. Oktober 2008 wiederum kein Reisepapier ausstellen werde</span><br/> <span class="ft4">und den Gesuchsgegner erneut sehen wolle.</span><br/> <span class="ft4">Anlässlich der heutigen Verhandlung teilte der Vertreter des</span><br/> <span class="ft4">Migrationsamtes mit, man erhalte von den nigerianischen Behörden</span><br/> <span class="ft4">keine Auskunft darüber, weshalb für einen Betroffenen kein Ersatz-</span><br/> <span class="ft4">reisedokument ausgestellt und dieser erneut angehört werde.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">397</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">1.4. Zusammenfassend weigert sich der Gesuchsgegner, in sein</span><br/> <span class="ft4">Heimatland zurückzukehren und äussert dies offensichtlich jeweils</span><br/> <span class="ft4">auch anlässlich seiner Vorsprachen gegenüber der nigerianischen</span><br/> <span class="ft4">Konsulin mit dem Resultat, dass - trotz Anerkennung - kein Ersatz-</span><br/> <span class="ft4">reisedokument ausgestellt wird. Vielmehr verlangt die Konsulin</span><br/> <span class="ft4">- ohne ersichtlichen Grund - eine erneute Zuführung in drei bis vier</span><br/> <span class="ft4">Monaten. Da nicht ersichtlich ist, ob - und wenn ja, unter welchen</span><br/> <span class="ft4">Voraussetzungen - ein Ersatzreisedokument ausgestellt wird, solange</span><br/> <span class="ft4">sich der Gesuchsgegner gegenüber der Konsulin nicht rückkehrwillig</span><br/> <span class="ft4">zeigt, ist nicht mehr mit hinreichender Wahrscheinlichkeit davon</span><br/> <span class="ft4">auszugehen, dass bis zum Ablauf der maximal zulässigen Dauer der</span><br/> <span class="ft4">Ausschaffungshaft ein Ersatzreisedokument ausgestellt wird. Die</span><br/> <span class="ft4">Verlängerung der Ausschaffungshaft ist deshalb mangels Vollzugs-</span><br/> <span class="ft4">perspektiven gemäss Art. 80 Abs. 6 lit. a AuG unzulässig.</span><br/> <span class="ft4">2. Unter diesen Umständen ist zu prüfen, ob die durch das Mi-</span><br/> <span class="ft4">grationsamt eventualiter beantragte Durchsetzungshaft zu bewilligen</span><br/> <span class="ft4">ist. [...]</span><br/></div> </div> </body> </html>