Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 9. November 2016 (810 16 72) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligungen Besetzung Abteilungs-Vizepräsident Beat Walther, Ka ntonsrichter Christian Haidlauf, Markus Clausen, Claude Jeanneret, Stefan Schulthess , Gerichtsschreiberin i.V. Irmgard Mostert Meier Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin B.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch A.____ beide vertreten durch Ruadi Thöni, Rechtsanwalt gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal, Beschwerdegegner Betreff Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligun gen (RRB Nr. 206 vom 23. Februar 2016) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Die nigerianische Staatsangehörige A.____, geboren 1977, heiratete am 5. April 2001 in Nigeria den schweizerischen Staatsbürger C.____, geboren 1975. Am 9. Juni 2001 reiste sie im Familiennachzug in die Schweiz ein und erhielt in d er Folge eine Aufenthaltsbewilligung. 2002 wurde die gemeinsame Tochter D.____ geboren. lm Jahr 2006 erhielt A.____ die Nieder- lassungsbewilligung. Die Ehe wurde mit Urteil vom 11. Mai 2007 geschieden, die Tochter D.____ wurde unter die gemeinsame elterliche Sorge ge stellt, seit Februar 2009 hat D.____ Wohnsitz bei ihrem Vater. Nach der Scheidung im Mai 20 07 heiratete A.____ erneut einen schweizerischen Staatsbürger, von dem sie sich am 25. Novem ber 2009 wiederum scheiden liess. B. Mit Urteil vom 31. Mai 2011 des Strafgerichts des Kan tons Basel-Stadt wurde A.____ wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubun gsmittelgesetz zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten, davon ein Jahr und neu n Monate unbedingt, verurteilt. A.____ hatte circa 1.6 Kilogramm Kokain über die Gren ze geschmuggelt, wobei sie von Mitar- beitern des Grenzwachtkorps kontrolliert und festgenommen worden war. Das Appellationsge- richt des Kantons Basel-Stadt bestätigte das erstinstanzliche Urteil am 9. März 2012. C. Am 21. September 2011 verfügte das Amt für Migrati on Basel-Stadt den Widerruf der Niederlassungsbewilligung von A.____ und wies sie aus d er Schweiz weg. Der dagegen erho- bene Rekurs blieb erfolglos und ihr wurde eine Ausrei sefrist aus der Schweiz bis zum 20. Januar 2013 gesetzt. D. Während des Wegweisungsverfahrens heiratete A.____ am 12. Oktober 2012 den französischen Staatsbürger E.____, mit welchem sie auf den 1. Dezember 2012 nach F.____ zog. Mit Schreiben vom 5. Dezember 2012 stellten E.__ __ und A.____, vertreten durch Ruadi Thöni, Rechtsanwalt, beim Amt für Migration Basel-L andschaft (AfM) ein Gesuch um Familien- nachzug und Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung f ür A.____ im Rahmen des Familiennach- zugs. Aufgrund der veränderten familiären Umstände (Ehe schliessung und Geburt der gemein- samen Tochter B.____) sowie der lediglich einmaligen strafrechtlichen Verurteilung bewilligte das AfM mit Schreiben vom 14. August 2013 das Gesuch um Familiennachzug und erteilte ihr eine Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA. Zugleich verwarn te es A.____ aufgrund der strafrechtli- chen Verfehlung und drohte ihr die Wegweisung aus der Schweiz an. E. Mit Entscheid vom 12. Januar 2015 bewilligte das Ziv ilkreisgericht Basel-Landschaft West das Getrenntleben von A.____ und E.____, welches durch den Auszug des Ehemannes am 1. Oktober 2014 aufgenommen worden war. Die Obhut über die Tochter B.____ erhielt A.____. F. Mit Schreiben vom 20. April 2015 gewährte das AfM A .____, dem Ehegatten E.____ und C.____ (Kindsvater der erstgeborenen Tochter D.____ ) das rechtliche Gehör zu einem all- fälligen Widerruf der Aufenthaltsbewilligung und Weg weisung aus der Schweiz von A.____ und B.____. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht G. A.____ nahm das rechtliche Gehör am 29. Mai 2015 w ahr. Sie machte unter anderem geltend, ein erneutes Zusammenleben mit ihrem Ehemann sei vorbehalten und eine Scheidung sei kein Thema. Eine Wegweisung zusammen mit der gemein samen Tochter B.____ würde für die Ehegatten eine ausserordentliche Härte darstellen, da die Aufrechterhaltung der Kontakt- pflege aufgrund der wirtschaftlichen und geographischen Umstände nicht mehr möglich wäre. E.____ nahm das rechtliche Gehör mit Schreiben vom 4. Juni 2015 wahr. Er führte aus, die Ehe sei definitiv getrennt. Er überweise A.____ monatlich Alimente in der Höhe von Fr. 3'600.--. Des Weiteren wäre für ihn eine Wegweisung von A.____ zusamm en mit der gemeinsamen Tochter eine "grosse Katastrophe". C.____, Kindsvater der erstgeborenen Tochter D.____, na hm das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung von A.____ und den möglichen Auswir- kungen auf die gemeinsame Tochter D.____ mit Schreiben vom 6. Mai 2015 wahr. Das Ver- hältnis zwischen A.____ und der gemeinsamen Tochter sei " eher schlecht als Recht". Die Be- ziehung zwischen Mutter und Tochter habe sich so dramati sch verschlechtert, dass die Be- suchsregelung deshalb mit Gerichtsentscheid des Familienge richts G.____ vom 1. April 2015 angepasst worden sei. A.____ nehme die Besuchszeiten nicht wirklich ernst und komme, wenn überhaupt, nicht zur vom Gericht vorgegebenen Zeit. Auf Dauer würde es der gemeinsamen Tochter besser gehen, würde A.____ weggewiesen, da di e stetige Ungewissheit und Unsicher- heit wegfallen würde. H. Am 17. August 2015 verfügte das AfM die Nichtverlänge rung der Aufenthaltsbewilli- gungen von A.____ sowie ihrer Tochter B.____ und ordn ete die Ausreise aus der Schweiz bis spätestens zum 17. Oktober 2015 an. Zur Begründung verwi es das AfM darauf, dass die mit der damaligen Bewilligungserteilung verbundene Bedi ngung (Verbleib beim Ehemann) nach dem definitiven Scheitern der Ehe mit E.____ nicht mehr erfüllt sei. I. Mit Schreiben vom 28. August 2015 erhoben A.____ un d B.____ Beschwerde beim Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft (Regierungsrat ). Darin wurde beantragt, es sei unter o/e-Kostenfolge die Verfügung des AfM vom 17. Au gust 2015 aufzuheben und zu erneu- tem Entscheid nach ergänzender Sachverhaltsabklärung un d Gewährung des rechtlichen Ge- hörs der Beschwerdeführerinnen an die Vorinstanz zurückzuwei sen. Eventualiter sei die Verfü- gung des AfM vom 17. August 2015 aufzuheben und in der Folge von einer Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerinnen a bzusehen und deren Aufenthaltsbewil- ligung im Kanton Basel-Landschaft zu verlängern. Zudem wurde der prozessuale Antrag ge- stellt, es sei bei der Beiständin der minderjährigen T ochter D.____ von Amtes wegen ein Be- richt über die Beziehung und Kontaktpflege von D.____ zu ihrer Mutter A.____ und ihrer Schwester B.____ sowie die Auswirkungen einer Wegweisung der Beschwerdeführerinnen auf das Wohl und die zukünftige Entwicklung von D.____ einzu holen. Auch seien die Beschwerde- führerin und deren Tochter D.____ vor einem allfälligen Entscheid persönlich anzuhören. J. Mit Entscheid vom 23. Februar 2016 wies der Regierung srat die Beschwerde ab und verfügte, dass A.____ und B.____ die Schweiz bis spätestens 30 Tage nach Rechtskraft des Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Regierungsratsbeschlusses zu verlassen haben. Zur Begründ ung wurde im Wesentlichen aus- geführt, dass nach dem definitiven Scheitern der Ehe m it E.____ die Nachzugsgrundlage weg- gefallen sei und das daraus abgeleitete Aufenthaltsrecht nicht verlängert werden könne. Zudem stehe das Recht auf Familienleben den angeordneten M assnahmen nicht entgegen. Das Be- suchsrecht könne A.____ bei geeigneter Organisation von d er Heimat aus wahrnehmen. Es fehlten ihr in wirtschaftlicher Hinsicht besonders enge Beziehungen zu ihrer älteren Tochter D.____. Ob dies auch in affektiver Hinsicht zutreffe, könn e offen gelassen werden, denn sie habe sich nicht tadellos verhalten, sei sie doch aufgrun d ihrer strafrechtlichen Verurteilung we- gen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsm ittelgesetz durch das Amt für Migrati- on Basel-Stadt bereits mit Verfügung vom 21. September 2011 rechtskräftig aus der Schweiz weggewiesen worden. Sodann seien die Nichtverlängerun g der Aufenthaltsbewilligung und die Wegweisung verhältnismässig und angemessen. Die Rückkehr in ihre Heimat sei ihr zumutbar, ein allgemeiner Härtefall liege nicht vor. In prozessua ler Hinsicht wurde davon abgesehen, die Tochter D.____ separat bzw. durch ihre Beiständin anzuhö ren. Aufgrund der gleichlaufenden Interessen der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter, d er aktenkundigen Kindsanhörung vor dem Familiengericht G.____ sowie der Tatsache, dass der Wille der Tochter bereits vertre- tungsweise durch ihren Vater kundgetan worden sei, sei keine Verletzung des rechtlichen Ge- hörs gegeben. K. Mit Eingabe vom 7. März 2016 erhoben A.____ und B .____, diese vertreten durch ihre Mutter, beide weiterhin vertreten durch Ruadi Thöni, Rechtsanwalt, gegen den Regierungsrats- beschluss vom 23. Februar 2016 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht). Es wird beantragt, es seien unter o/e- Kostenfolge der Entscheid des Regierungsrats sowie die de m Entscheid zu Grunde liegende Verfügung des AfM vom 17. August 2015 aufzuheben und zu erneutem Entscheid nach ergän- zender Sachverhaltsabklärung und Gewährung des rechtlichen Gehörs der Beschwerdeführe- rinnen an das AfM zurückzuweisen. Eventualiter seien der E ntscheid des Regierungsrats sowie die dem Entscheid zu Grunde liegende Verfügung des AfM vom 17. August 2015 aufzuheben und in der Folge von einer Nichtverlängerung der Auf enthaltsbewilligung der Beschwerdeführe- rinnen abzusehen und deren Aufenthaltsbewilligung im Kanton Basel-Landschaft zu verlängern. Zudem stellen die Beschwerdeführerinnen den prozessuale n Antrag, es sei das AfM anzuwei- sen, vor einem erneuten Entscheid die Tochter bzw. Halb schwester der Beschwerdeführerin- nen, D.____ zum beabsichtigten Entzug der Aufenthaltsbe willigungen sowie der Wegweisung der Beschwerdeführerinnen persönlich anzuhören und von der Beiständin von D.____ einen schriftlichen Bericht zur Beziehung von Tochter D.____ zu ihrer Mutter und Schwester sowie zu den Auswirkungen eines solche Entscheids auf das Wohl und die Entwicklung der beiden invol- vierten Minderjährigen einzuholen. Dazu sei den Beschw erdeführerinnen das rechtliche Gehör zu gewähren. L. Der Regierungsrat liess sich mit Schreiben vom 9. Juni 2016 vernehmen und beantragt die Abweisung der Beschwerde unter o/e-Kostenfolge. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht M. Mit Eingaben vom 20. Juli und 2. September 2016 reichten die Beschwerdeführerinnen neue Beweismittel ein. Am 21. Juli 2016 reichte H.__ __, Partner und Arbeitgeber von A.____, eine Eingabe an das Kantonsgericht ein. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- u nd Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrates die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim K antonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand gemäss § 44 VPO noch ein spezialg esetzlicher Ausschlusstatbe- stand vorliegen, ist die Zuständigkeit des Kantonsgericht s zur Beurteilung der vorliegenden An- gelegenheit gegeben. Als Adressatinnen sind die Beschwer deführerinnen sodann vom ange- fochtenen Entscheid berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Abänderung. Da im Übrigen auch die weiteren for mellen Voraussetzungen erfüllt sind, kann auf die Beschwerde eingetreten werden. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können g emäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststel lung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit des angefochte nen Rechtsaktes ist dem Kantonsge- richt dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden A usnahmefällen – verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO, e contrario). 3. Strittig und zu prüfen ist nachfolgend, ob sich di e durch das AfM gegenüber den Be- schwerdeführerinnen verfügte und durch die Vorinstanz best ätigte Nichtverlängerung der Auf- enthaltsbewilligungen und Wegweisung als rechtmässig erweist. 4.1 Die Beschwerdeführerinnen machen eine teils unrich tige, unvollständige und teils will- kürliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts, di e Unangemessenheit des Ent- scheides und die Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör geltend. So erweise es sich als willkürlich und zur Eruierung des relevanten Sachverh alts offenkundig nicht geeignet, wenn die Vorinstanz anstelle einer aktuellen mündlichen ode r schriftlichen Anhörung der älteren Tochter D.____ sowie statt einer Einholung eines Bericht s ihrer Beiständin zur Ermittlung der Beziehungen und tatsächlich gelebten Kontaktpflege der B eschwerdeführerinnen mit D.____ überwiegend auf die Anhörungen und Abklärungen des Fa miliengerichts G.____ und des Kindsvaters abstelle. 4.2 Die Anhörung des Kindes ist zum einen Ausfluss seine r Persönlichkeit und dient zum anderen der Sachverhaltsfeststellung. Zur vollständigen und pflichtgemässen Sachverhaltsab- klärung im ausländerrechtlichen Verfahren gehört der E inbezug der Kinder von beteiligten Par- teien, sofern diese von der strittigen Angelegenheit betroffen sind. Nach Art. 3 Abs. 1 des Über- einkommens über die Rechte des Kindes (KRK) vom 20. Novemb er 1989 ist bei allen Mass- nahmen die Kinder betreffen, unabhängig davon, ob si e von öffentlichen oder privaten Einrich- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht tungen, der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbeh örden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, das Wohl des Kindes vorrangig zu berü cksichtigen. Gemäss Art. 12 Abs. 1 KRK haben Kinder, die fähig sind, sich eine eigene Mei nung zu bilden, das Recht, in allen das Kind berührenden Angelegenheiten ihre Meinung frei zu äussern. Die Meinung des Kindes ist angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Rei fe zu berücksichtigen. Zu diesem Zweck wird dem Kind insbesondere die Gelegenheit gege ben, in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter oder eine geeignete Stelle im Einklang mit den innerstaatlichen Verfahrensvorschriften gehört zu werden (Art. 12 Abs. 2 KRK). Nach bundesgerichtlicher Rechtspre chung ist Art. 12 KRK unmittelbar anwendbar (BGE 124 II 361 E. 3c; 124 III 90 E. 3a). 4.3 Das Bundesgericht hält hierzu fest, dass das Kind ni cht zwingend persönlich (münd- lich), sondern lediglich in angemessener Weise anzuhören ist, wobei diese Anhörung je nach der zu behandelnden Problematik und den Umständen de s Einzelfalles auch schriftlich oder über einen Vertreter vorgenommen werden kann (vgl. BG E 124 II 361 E. 3c; 124 III 90 E. 3a; Urteile des Bundesgerichts 2C_930/2012 vom 10. Januar 20 13 E. 4.4.1; 2C_746/2009 vom 16. Juni 2010 E. 4.1; A LEXANDRA RUMO -JUNGO /M ARC SPESCHA , Kindeswohl, Kindesanhörung und Kindeswille in ausländerrechtlichen Kontexten: Zur adäquaten Umsetzung der völker- und verfassungsrechtlichen Kinderrechte, in: AJP 9/2009, S. 1106). Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts sind Kinder (im Rahmen von Scheidungsverfa hren) aus kinderpsychologischen Gründen grundsätzlich erst etwa ab dem 6. Altersjahr per sönlich anzuhören (BGE 131 III 553 E. 1.2.3). Im Unterschied zu einem Scheidungsverfahren (vg l. dazu BGE 124 III 90 E. 3b sowie 126 III 497 E. 4b), wo die Interessen der Beteiligten nicht gleichlaufend sind und sich eine per- sönliche Anhörung der Kinder aus diesem Grund aufdrängt, kann in einem ausländerrechtlichen Verfahren grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass sic h die Haltung der Kinder mit je- ner der Eltern deckt und sich ihr Standpunkt ohne weite res den Eingaben und Rechtsschriften entnehmen lässt (BGE 124 II 361 E. 3a; Urteile des Bun desgerichts 2C_711/2011 vom 27. März 2012 E. 5.3; 2C_746/2009 vom 16. Juni 2010 E. 4.1; 2A.195/2006 vom 7. Februar 2007 E. 3; 2P.117/2001 vom 26. Juli 2001 E. 3d). And ers liegen die Dinge in solchen fremden- polizeilichen Fällen, wo nur das Kind selbst über nicht r echtsgenüglich bekannte aber für die Entscheidfindung wesentliche Tatsachen ergänzend Aufsch luss zu erteilen in der Lage ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2A.484/1999 vom 25. Fe bruar 2000 E. 4b). Daraus ergibt sich, dass bei nicht gleichlaufenden Interessen von Eltern und Kindern grundsätzlich eine Anhörung der Kinder vorzunehmen ist. Ob jedoch gegenlaufende In teressen vorliegen, muss im Einzelfall geprüft werden. 5.1 Diesbezüglich stellt sich die Vorinstanz auf den St andpunkt, dass die vorliegenden schriftlichen Stellungnahmen der beiden Kindsväter und des neuen Partners der Beschwerde- führerin nebst ihren Ausführungen in den Beschwerdeve rfahren sowie die Kindsanhörung der Tochter D.____ vor dem Familiengericht G.____ die Sit uation genügend darlegten. Anhalts- punkte dafür, dass das Kind bei einer persönlichen Anhör ung entscheidrelevante Tatsachen zu ergänzen hätte, welche sich nicht aus den Akten ergäben, seien nicht ersichtlich. Vielmehr sei davon auszugehen, dass D.____s Wille bereits vertretungswe ise kundgetan worden sei, dies insbesondere auch aufgrund der gleichlaufenden Interesse n der Beschwerdeführerinnen und Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht D.____s. Insofern könne von einer separaten Anhörung d es Kindes bzw. einer solchen durch deren Beiständin abgesehen werden. 5.2 Die Beschwerdeführerinnen wenden dagegen ein, da ss der Mutter nach der Umteilung der Obhut über D.____ im Rahmen einer am 30. Oktober 2013 vom Bezirksgericht G.____ ge- nehmigten gütlichen Einigung mit dem Kindsvater eine umfassende Kontaktregelung mit der Tochter eingeräumt worden sei. Anfang 2015 sei es im V erhältnis zur Tochter zu einer Krise und damit einhergehend auch zu einem Wiederaufflamme n der elterlichen Probleme mit dem Kindsvater gekommen. Diese Krise sei durch die damaligen ehelichen Probleme der Be- schwerdeführerin sowie die heftig auftretende Pubertät der Tochter bedingt gewesen. Noch vor Beilegung der Krise habe der Kindsvater die Stellungn ahme vom 6. Mai 2015 verfasst, worin er die Beschwerdeführerin der Vernachlässigung der Tochte r beschuldigte, weshalb es der ge- meinsamen Tochter besser gehen würde, würden die Beschwerdeführerinnen weggewiesen, da damit die stetige Ungewissheit und Unsicherheit für D.____ wegfallen würde. Durch Vermittlung des Familiengerichts G.____ und des Kindes- und Erwachs enenschutzdienstes G.____, insbe- sondere der Beiständin von D.____, habe die Krise beige legt werden können. Zwischenzeitlich fänden die Kontakte von D.____ und ihrer Mutter faktisch schon fast wieder im früheren Umfang statt und der Kindsvater habe eingesehen, wie stark D.____ gerade im jetzigen Alter ihre Mutter und auch den Kontakt zu ihrer Halbschwester brauche. 5.3.1 Unbestritten ist, dass D.____ zum Zeitpunkt des Ent scheids der Vorinstanz mit 13.5 Jahren genügend alt war, um sich zur vorliegend strittigen Wegweisung ihrer Mutter und Halbschwester eine eigene Meinung bilden zu können. In N achachtung von Art. 12 Abs. 1 KRK steht ihr das Recht zu, von den Behörden angehört zu wer den, zumal sie durch eine Wegwei- sung der Beschwerdeführerinnen nach Nigeria unmittelbar in ihren grundrechtlichen geschütz- ten Rechten betroffen ist. Zu prüfen ist somit, ob D.__ __s Wille vertretungsweise kundgetan worden ist und ob aufgrund der gleichlaufenden Intere ssen der Beschwerdeführerinnen und D.____s von einer separaten Anhörung bzw. einer solchen durch ihre Beiständin abgesehen werden kann. 5.3.2 Die Vorinstanzen haben D.____ nicht zur aktuelle n Beziehung zu den Beschwerdefüh- rerinnen und zur Bedeutung einer allfälligen Wegwei sung für sie befragt. Die Entscheide ergin- gen zunächst gestützt auf die Akten des Verfahrens vor dem F amiliengericht G.____ zur Rege- lung und Anpassung des Besuchsrechts. Anfangs 2015 war es zu Unstimmigkeiten zwischen D.____ und ihrer Mutter gekommen, aufgrund dessen weig erte sich D.____, weiterhin bei der Mutter zu übernachten. Im Rahmen der Anhörung vor dem Familiengericht vom 11. Februar 2015 bestätigte D.____, dass sie vorläufig nicht mehr bei ihrer Mutter übernachten wolle. Sie wolle sie nur noch tagsüber, beispielsweise am Samstagnach mittag sehen. Es ist somit festzu- halten, dass sich D.____ in der erwähnten Anhörung bzw. den vorliegenden Dokumenten zwar durchaus über ihr Verhältnis zu ihrer Mutter äussert, aber eingeschränkt nur im Zusammenhang mit der zu dieser Zeit strittigen Besuchsrechtsregelung. Es liegen keine konkreten Aussagen zur Wegweisung ihrer Mutter vor, vor allem sind auch ke inerlei Äusserungen in Bezug auf ihre jüngere Halbschwester zu finden. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.3.3 Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz kann sod ann im vorliegenden Fall nicht auf die Ausführungen von D.____s Vater abgestellt wer den. Wegen des elterlichen Konflikts sind seine Interessen nicht unbedingt deckungsgleich mit d enjenigen seiner Tochter. Nachdem er in seiner Stellungnahme vom 6. Mai 2015 zuhanden d es AfM noch ausführte, dass es D.____ bei einer Wegweisung der Mutter wohl besser ge hen würde, geht aus seiner Eingabe im regierungsrätlichen Verfahren vom 27. August 2015 h ervor, dass sich die Situation seit dem Entscheid des Familiengerichts G.____ vom 1. April 2015 wieder entspannt habe. Beide Einga- ben geben die Ansichten des Kindsvaters wieder, sie zeige n aber nicht den Standpunkt von D.____ auf. Ebenso wenig stimmen die Interessen der Tochter D.____ zwingend mit denjeni- gen ihrer Mutter überein. So geht aus den Akten nicht genau hervor, ob D.____ die Anwesen- heit der Mutter und der Halbschwester aktuell effektiv wünscht und was deren allfällige Weg- weisung für sie persönlich – und nicht primär für die M utter oder die Halbschwester – bedeuten würde. Es ist demnach festzuhalten, dass die Eltern D.___ _s (zumindest zeitweise) keine gleichgerichteten Interessen verfolgten und zum Kindeswil len einander widersprechende Stel- lungnahmen abgaben, die vorliegende Situation ist desh alb eher mit der eines klassischen Scheidungsverfahrens mit gegenlaufenden Interessen der Eltern vergleichbar. 5.3.4 Insofern kann nicht davon ausgegangen werden, dass der persönliche Standpunkt und die Interessen der Tochter D.____ durch die Ausführun gen ihres Vaters und ihrer Mutter bzw. ihres Rechtsvertreters in den jeweiligen Eingaben und Stellungnahmen zum Ausdruck gekom- men sind. Der Kindeswille ist folglich durch die Ausfüh rungen ihrer Eltern bzw. des Rechtsver- treters der Beschwerdeführerinnen nicht angemessen in das Verfahren eingeflossen. Die unter- lassene Anhörung verletzt zudem das Persönlichkeitsrecht de s Kindes. Die Anforderungen von Art. 12 KRK erweisen sich damit im vorliegenden Fall al s nicht erfüllt und die diesbezügliche Rüge der Beschwerdeführerinnen als begründet. 6. Damit ergibt sich insgesamt, dass der vorliegende ent scheidrelevante Sachverhalt nicht hinreichend untersucht und abgeklärt worden ist. Demzufolge wird die vorliegende Ange- legenheit in Gutheissung der Beschwerde im Sinne der E rwägungen an das AfM zur Anhörung der Tochter D.____ in geeigneter Form zurückgewiesen. Da s AfM wird nach Abklärung und Erstellung des Sachverhalts hinsichtlich des Kindeswohls im S inne einer umfassenden Interes- senabwägung neu über die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligungen zu befinden haben. 7.1 Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das verwaltungsgerichtliche Verfahren vor dem Kantons- gericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen di e Gerichtsgebühren sowie die Be- weiskosten und werden nach § 20 Abs. 3 VPO in der Regel der unterliegenden Partei in ange- messenem Ausmass auferlegt. Den Vorinstanzen werden keine Verfahrenskosten auferlegt (§ 20 Abs. 3 und 4 VPO). Dementsprechend sind im vorl iegenden Verfahren keine Verfahrens- kosten zu erheben und der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'800.-- ist den Be- schwerdeführerinnen zurückzuerstatten. 7.2 Nach § 21 Abs. 1 VPO kann der ganz oder teilweise ob siegenden Partei für den Bei- zug eines Anwalts oder einer Anwältin eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Der Rechtsvertreter de r Beschwerdeführerinnen macht in Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht seiner Honorarrechnung vom 2. September 2016 einen Z eitaufwand von 19.02 Stunden zu Fr. 250.-- geltend, zudem beantragt er den Ersatz von Auslagen in der Höhe von Fr. 124.--, was nicht zu beanstanden ist. Demzufolge hat der Beschwerdegeg ner dem Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerinnen eine Parteientschädigung in der Hö he von insgesamt Fr. 5'305.70 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Regieru ngsratsbeschluss Nr. 206 vom 23. Februar 2016 aufgehoben und die Ang elegenheit im Sinne der Erwägungen an das Amt für Migration Basel-L andschaft zurückgewiesen. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Kosten des vorinstanz- lichen Verfahrens an den Regierungsrat des Kantons Basel- Landschaft zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'800. -- wird den Beschwerdeführerinnen zurückerstattet. 4. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat den Beschwerde- führerinnen für das Verfahren vor dem Kantonsgericht e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 5'305.70 (inkl. Auslagen und 8 % Mehr- wertsteuer) auszurichten. Vizepräsident Gerichtsschreiberin i.V.