<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 98 S.461</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Auflösung Anstellungsverhältnis</span> <span class="page_no">461</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>98</b></span> <span class="ft2"><b>Lehrperson an einer Volksschule. Kündigung.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Bei der Auflösung eines öffentlichrechtlichen Anstellungsvertrages</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sind die Verfahrensvorschriften von Art. 29 BV einzuhalten, obwohl</b></span><br/> <span class="ft2"><b>keine hoheitliche Anordnung ergeht. An den Inhalt des Anspruchs auf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>vorgängige Anhörung dürfen keine allzu hohen Anforderungen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gestellt</b></span> <span class="ft2"><b>werden.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Personalrekursgerichts vom 30. Mai 2008 in Sachen</span><br/> <span class="ft3">M. gegen Einwohnergemeinde E. (2-KL.2007.3).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">462</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II/7.</span><br/> <span class="ft1">7.1. Umstritten ist schliesslich, ob die Schulpflege vor der Kün-</span><br/> <span class="ft1">digung den Kläger hinreichend angehört hat.</span><br/> <span class="ft1">7.2.</span><br/> <span class="ft1">7.2.1. Der verfassungsrechtliche Anspruch auf rechtliches Ge-</span><br/> <span class="ft1">hör (Art. 29 Abs. 2 BV) im Sinne einer vorherigen Orientierung und</span><br/> <span class="ft1">Gewährung einer Äusserungsmöglichkeit gilt für Verfahren, die in</span><br/> <span class="ft1">eine (hoheitliche) Verfügung münden. Wo aber das Gemeinwesen</span><br/> <span class="ft1">nach den einschlägigen Vorschriften zulässigerweise als Vertragspart-</span><br/> <span class="ft1">ner auftritt und Rechtsbeziehungen in den Formen des Vertrages</span><br/> <span class="ft1">ordnet, besteht grundsätzlich kein Anspruch des (privaten) Vertrags-</span><br/> <span class="ft1">partners auf vorheriges rechtliches Gehör vor vertragsändernden oder</span><br/> <span class="ft1">-auslösenden Erklärungen des Gemeinwesens (Urteil des BGr vom</span><br/> <span class="ft1">14. März 2005, 2P.104/2004, Erw. 4.4). Ein derartiger Anspruch lässt</span><br/> <span class="ft1">sich auch den kantonalrechtlichen Grundlagen nicht entnehmen.</span><br/> <span class="ft1">Es darf indessen nicht übersehen werden, dass eine besondere</span><br/> <span class="ft1">Sach- und Interessenlage besteht bei öffentlichrechtlichen Dienstver-</span><br/> <span class="ft1">hältnissen, deren Inhalt durch das Gemeinwesen selber hoheitlich</span><br/> <span class="ft1">normiert wird und die gleichzeitig formell als Vertragsverhältnis aus-</span><br/> <span class="ft1">gestaltet werden. Das Gemeinwesen tritt hier, trotz der an sich ver-</span><br/> <span class="ft1">traglichen Grundlage des Dienstverhältnisses, als Hoheitsträger auf.</span><br/> <span class="ft1">Zugleich kann die unfreiwillige Beendigung des Dienstverhältnisses</span><br/> <span class="ft1">durch eine Kündigungserklärung des Gemeinwesens, auch wenn sie</span><br/> <span class="ft1">formell als nicht hoheitliche Ausübung eines Gestaltungsrechts er-</span><br/> <span class="ft1">scheint, in existenzielle Interessen des privaten Vertragspartners ein-</span><br/> <span class="ft1">greifen. Das Gemeinwesen bleibt in einem solchen Fall bei der Aus-</span><br/> <span class="ft1">übung des Kündigungsrechts an die Grundsätze staatlichen Handelns</span><br/> <span class="ft1">gebunden (Urteil des BGr vom 14.</span> <span class="ft1">März 2005, 2P.104/2004,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 4.5). Diese Rechtsprechung entspricht der in der Lehre vertrete-</span><br/> <span class="ft1">nen Auffassung, dass eine Beschränkung der sich aus Art. 29 BV er-</span><br/> <span class="ft1">gebenden Verfahrensrechte auf die hoheitliche Verwaltung der</span><br/> <span class="ft1">rechtsstaatlichen Funktion dieser Garantien nicht gerecht wird</span><br/> <span class="ft1">(vgl.</span> <span class="ft1">August Mächler, Vertrag und Verwaltungsrechtspflege, Zü-</span><br/> <span class="ft1">rich/Basel/Genf 2005, § 4 N 36).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Auflösung Anstellungsverhältnis</span> <span class="page_no">463</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">7.2.2. Der kantonale Gesetzgeber hält in Bezug auf die ordentli-</span><br/> <span class="ft1">che Kündigung in § 10 Abs. 2 PersG und § 11 Abs. 2 GAL fest, dass</span><br/> <span class="ft1">"die verfassungsrechtlichen Grundsätze, namentlich das Verbot der</span><br/> <span class="ft1">Willkür, das Gebot von Treu und Glauben und der Grundsatz der</span><br/> <span class="ft1">rechtsgleichen Behandlung" stets vorbehalten bleiben.</span><br/> <span class="ft1">Sowohl aufgrund der systematischen Stellung von § 10 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">PersG bzw. § 11 Abs. 2 GAL (direkt anschliessend an die Aufzählung</span><br/> <span class="ft1">der zulässigen Kündigungsgründe) als auch aufgrund der Auswahl</span><br/> <span class="ft1">der ausdrücklich genannten Verfassungsgrundsätze könnte vermutet</span><br/> <span class="ft1">werden, dass sich die beiden Bestimmungen primär auf das mate-</span><br/> <span class="ft1">rielle Kündigungsrecht beziehen. Gegen die Anwendung von Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rensprinzipien wie die vorgängige Anhörungspflicht sprechen auch</span><br/> <span class="ft1">die enge Anlehnung des Kündigungsrechts an die obligationenrecht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Regelungen (vgl. § 7 PersG bzw. § 7 GAL) sowie der Um-</span><br/> <span class="ft1">stand, dass gesetzlich in Bezug auf die Form der Kündigung einzig</span><br/> <span class="ft1">vorgesehen ist, dass sie eine schriftliche Begründung voraussetzt</span><br/> <span class="ft1">(vgl. § 10 Abs. 3 PersG und § 11 Abs. 3 GAL).</span><br/> <span class="ft1">Demgegenüber muss festgehalten werden, dass der Anspruch</span><br/> <span class="ft1">auf vorgängige Äusserung und Anhörung einen wesentlichen Aspekt</span><br/> <span class="ft1">des Anspruchs auf rechtliches Gehör bzw. generell einen bedeuten-</span><br/> <span class="ft1">den Verfahrensgrundsatz bildet. Der Verfahrensgarantie kommt umso</span><br/> <span class="ft1">höheres Gewicht zu, als weder die Schlichtungskommission für Per-</span><br/> <span class="ft1">sonalfragen, welche bloss eine Empfehlung abgibt (§ 37 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">PersG bzw. § 35 Abs. 2 GAL), noch das Personalrekursgericht (aus-</span><br/> <span class="ft1">ser bei einer nichtigen Kündigung, vgl. AGVE 2001, S. 517 ff.,</span><br/> <span class="ft1">Erw.</span> <span class="ft1">2/a/cc/ccc; PRGE vom 18.</span> <span class="ft1">Januar 2008 in Sachen G.B.,</span><br/> <span class="ft1">Erw. II/3) eine Wiedereinstellung anordnen können. Hinzu kommt,</span><br/> <span class="ft1">dass die vom Gesetzgeber ausdrücklich vorgesehene Pflicht zur</span><br/> <span class="ft1">schriftlichen Begründung der Kündigung (§ 10 Abs. 3 PersG und</span><br/> <span class="ft1">§ 11 Abs. 3 GAL) voraussetzt, dass - im Sinne einer korrekten Sach-</span><br/> <span class="ft1">verhaltsabklärung - eine vorherige Anhörung der betroffenen Person</span><br/> <span class="ft1">stattfindet. Schliesslich gilt es zu beachten, dass sich aus den Mate-</span><br/> <span class="ft1">rialien kein Hinweis darauf ergibt, dass mit dem Erlass des Personal-</span><br/> <span class="ft1">gesetzes Verfahrensgarantien wie das Anhörungsrecht, welche mit</span><br/> <span class="ft1">der altrechtlichen Kündigung mittels Verfügung zwingend verbunden</span><br/> <span class="ft1">waren, aufgegeben werden sollten. Vielmehr wurde in der Botschaft</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Personalrekursgericht</span> <span class="page_no">464</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zum Personalgesetz vom 19. Mai 1999 ausdrücklich festgehalten</span><br/> <span class="ft1">(S. 3 f.): "Stets gilt es dabei, die verfassungsrechtlichen Vorgaben,</span><br/> <span class="ft1">welche für das gesamte Staatshandeln gelten (...), zu beachten."</span><br/> <span class="ft1">7.2.3. Gestützt auf die dargelegte bundesgerichtliche Rechtspre-</span><br/> <span class="ft1">chung sowie unter Würdigung der erläuterten Aspekte gelangt das</span><br/> <span class="ft1">Personalrekursgericht zum Schluss, dass - obwohl eine entsprechen-</span><br/> <span class="ft1">de ausdrückliche Gesetzesvorschrift fehlt - bei der Auflösung eines</span><br/> <span class="ft1">öffentlichrechtlichen Anstellungsvertrages elementare Verfahrensvor-</span><br/> <span class="ft1">schriften, wie sie aus Art. 29 BV hervorgehen, einzuhalten sind.</span><br/> <span class="ft1">Entsprechend hat der öffentlichrechtliche Arbeitgeber grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">vor jeder Kündigung die betroffene Person über die Kündigungs-</span><br/> <span class="ft1">absicht zu orientieren und ihr Gelegenheit zu geben, hierzu Stellung</span><br/> <span class="ft1">zu nehmen.</span><br/> <span class="ft1">7.3.</span><br/> <span class="ft1">7.3.1. An den Inhalt des Anspruchs auf vorgängige Anhörung</span><br/> <span class="ft1">dürfen keine allzu hohen Anforderungen gestellt werden. "Anders als</span><br/> <span class="ft1">etwa im Disziplinarverfahren werden dem Betroffenen bei der or-</span><br/> <span class="ft1">dentlichen Kündigung keine schuldhaften Pflichtverletzungen vor-</span><br/> <span class="ft1">geworfen, sondern geben andere objektive und triftige Gründe (...)</span><br/> <span class="ft1">den Ausschlag. Diese Beurteilung und Bewertung setzt lediglich eine</span><br/> <span class="ft1">glaubhafte, sachliche und willkürfreie Kritik voraus (...) und ver-</span><br/> <span class="ft1">langt naturgemäss einen grossen Ermessensspielraum, der es dem</span><br/> <span class="ft1">unmittelbar Vorgesetzten ermöglichen muss, auch ohne umfangrei-</span><br/> <span class="ft1">che Abklärungen aus eigenem Beurteilungsvermögen eine Entlas-</span><br/> <span class="ft1">sung wegen ungenügender Fähigkeit oder Leistungen eines Ange-</span><br/> <span class="ft1">stellten durchzusetzen. Aus diesem Grund ist es in der Regel weder</span><br/> <span class="ft1">angezeigt noch üblich, vor einer ordentlichen Kündigung ein eigent-</span><br/> <span class="ft1">liches Untersuchungsverfahren über die Qualität der Arbeitsleistung</span><br/> <span class="ft1">des Betroffenen durchzuführen. Vielmehr muss genügen, wenn eine</span><br/> <span class="ft1">negative Leistungsbeurteilung durch den Vorgesetzten vorliegt, diese</span><br/> <span class="ft1">dem Betroffenen eröffnet und ihm Gelegenheit zur Stellungnahme</span><br/> <span class="ft1">gegeben wird" (VGE ZH vom 30. August 1995, publiziert in: ZBl</span><br/> <span class="ft1">97/1996, S. 426; vgl. auch VGE ZH vom 14. März 2001,</span><br/> <span class="ft1">PB.2000.00029, Erw. 7/a). (...)</span><br/></div> </div> </body> </html>