B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6208/2012/was U r t e i l v o m 1 9 . F e b r u a r 2 0 1 3 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Thomas Wespi; Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren (…), Sri Lanka, vertreten durch Johannes Mosimann, Freiplatzaktion Basel, Asyl und Integration, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. Oktober 2012 / N (…). D-6208/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ist sri-lankischer Staatsbürger tamilischer Ethnie und stammt aus Z._______ (Sri Lanka). Gemäss eigenen Angaben reiste er am 10. September 2010 in die Schweiz ein, wo er am selben Tag im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl nachsuchte. B. Er wurde am 15. September 2010 zu seiner Person und summarisch zum Reiseweg sowie zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Eine eingehende Anhörung fand am 12. Oktober 2010 statt. C. Der Beschwerdeführer brachte anlässlich der Befragungen im Wesentl i- chen vor, dass sowohl sein Vater als auch seine Mutter verstorben seien. Daher habe er zusammen mit seine n Schwestern bei der Grossmutter gelebt. (…) 2010 sei er von Mitgliedern der Karu na-Gruppe mehrmals aufgefordert worden, sich ihnen anzuschliessen, was er jedoch nicht g e- tan habe. (…) 2010 seien zwei singhalesische Paramilitärs zu ihm nach Hause gekommen. Einer der beiden habe seine Schwester mitnehmen wollen. Um seine Schwester zu bes chützen, habe er auf ihn eingeschl a- gen. Seither werde er gesucht und bedroht, so dass er sich zur Flucht entschlossen habe. D. Aufgrund des unklaren Alters des Beschwerdeführers wurde das Verfa h- ren unter vorsorglicher Beiordnung einer Vertrauensperson weitergeführt. E. Am 21. September 2010 wurde eine Knochenanalyse zwecks Altersb e- stimmung des Beschwerdeführers in Auftrag gegeben. Im Arztbericht vom 22. September 2010 wurde festgehalten, dass der Beschwerdeführer 19 Jahre oder älter sei. Am 30. September 2010 wurde dem Beschwerdeführer betreffend seine Altersbestimmung das rechtliche Gehör gewährt. F. Am 13. Oktober 2010 wurde der zuständigen kantonalen Migrationsb e-D-6208/2012 Seite 3 hörde gemeldet, dass es sich beim Beschwerdeführer um einen unbeglei- teten Minderjährigen handelt. G. Am 21. Oktober 2010 ernannte die zuständige Vormundschaftsbehörde eine Beiständin. H. Am 4. April 2011 stellte die Beiständin des Beschwerdeführers beim BFM ein Akteneinsichtsgesuch, welches am 11. April 2011 abgewiesen wurde. I. (…). J. Mit Schreiben vom 17. Juli 2012 ersuchte die Beiständin das BFM um e i- ne baldmögliche Ausfällung des Entscheids. Mit Schreiben vom 15. Oktober 2012 gelang te die Beiständin erneut an das BFM und bat wiederum um möglichst schnelle Erledigung des häng i- gen Verfahrens. K. Mit Verfügung vom 25. Oktober 2012 – Eröffnung am 31. Oktober 2012 – wies das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, unter Anor d- nung der Wegweisung sowie des Vollzugs. L. Mit Schreiben vom 9. November 2012 beantrag te die Beiständin des B e- schwerdeführers beim BFM Akteneinsicht. Das BFM stellte der Beiständin die zu edierenden Aktenstücke am 14. November 2012 zu. M. Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 30. November 2012 focht der Beschwerdeführer die Verfügung des BFM vom 25. Oktober 2012 beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragte er die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht wurde um Feststellung der aufschiebenden Wirkung, um Gewährung der unentgel t- lichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfa h- rensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021), um erneute D-6208/2012 Seite 4 Anhörung des Beschwerdeführers sowie um eine Gewährung eines allfäl- ligen Replikrechts ersucht. N. Mit Zwischenverfügung vom 10. Dezember 2012 stellte das Bundesve r- waltungsgericht die aufschiebende Wirkung der Beschwerde fest, ve r- zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, verschob den En t- scheid über die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege auf den U r- teilszeitpunkt und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. O. Am 12. Dezember 2012 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebe- stätigung vom 27. November 2012 ein. P. In der Vernehmlassung vom 12. Dezember 2012 hielt das BFM vollu m- fassend an seinen bisherigen Erwägungen fest und beantragte die A b- weisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 14. Dezember 2012 zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausna hme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. D-6208/2012 Seite 5 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vo r der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung; er ist daher zur Einreichu ng der Beschwerde legitimie rt (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebl ichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Der Beschwerdeführer brachte in der Beschwerde unter anderem vor, dass die Befragungen durch das BFM mangelhaft ausgefallen seien. Der Beschwerdeführer sei im Zeitpunkt der Befragungen noch minderjährig gewesen. Aus den Protokollen sei ersichtlich, dass dem Beschwerdefü h- rer sowohl die konkreten Fragen als auch der Ablauf und die Bedeutung der Anhörung nicht klar gewesen seien. So habe er zu Beginn der eing e- henden Anhörung an gegeben, seine Rechte und Pflichten nicht zu ke n- nen. Bei verschiedenen Fragen ergebe sich aus den Antworten, dass der Beschwerdeführer deren Sinn nicht korrekt verstanden habe. Zudem h a- be die Hilfswerk svertretung angegeben, dass das Protokoll der BzP u n- sorgfältig verfasst worden sei. Schliesslich seien beide Befragungen mit einer respektive drei Stunden äusserst kurz ausgefallen. Somit sei der Sachverhalt nur ungenügend festgestellt worden, was eine Verletzung des rechtlichen Gehörs darstelle. 3.2 Eine solche formelle Rüge einer Verletzung des rechtlichen Gehörs ist vorab zu prüfen, da sie gegebenenfalls zur Kassation der angefochtenen Verfügung führen kann. 3.3 Im vorliegenden Fall ist keine Verletzung des rechtlichen Gehörs e r- sichtlich. Der Beschwerdeführer war in der Anhörung von einer Vertra u- ensperson begleitet und wurde zu Beginn auf seine Rechte und Pflichten hingewiesen. Den Protokollen der BzP sowie der Anhörung sind auch D-6208/2012 Seite 6 sonst keine Anhaltspunkte für eine mangelhaft vorgenommene Befragung zu entnehmen. Ferne r kann festgehalten werden, dass die Befragungen sämtliche für den Entscheid wesentliche n Bereiche abdecken. Folglich liegt keine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor. Ebenso kann auf eine erneute Anhörung des Beschwerdeführers verzichtet werden, so dass der diesbezügliche Antrag des Beschwerdeführers abzuweisen ist. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse , Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als er nsthafte Nachteile gelten namentlich die G e- fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchli ch sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhanden en Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat z wischen Ausreise und Asylentscheid sind des - halb zugunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 f.; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2000 Nr. 2 E . 8a S. 20; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 4.4 Der Beschwerdeführer brachte in den Befragungen vor, dass sein Va- ter 2003 im Bürgerkrieg und seine Mutter beim Tsunami im Dezember D-6208/2012 Seite 7 2004 gestorben seien. Seither lebe er zusammen mit seinen (…) Schwestern bei seiner Grossmutter. (…) 2010 habe die Karuna-Gruppe durch das Versprechen von Geschen- ken insgesamt zwei- oder viermal versucht, ihn dazu zu bewegen, sich der Gruppe anzuschliessen. (2010) hätten zwei hohe Mitglieder des paramilitärischen Home Guard Service versucht, seine Schwester mitzunehmen . Die Schwester sei be- reits zuvor von ihnen belästigt worden. Um seine Schwester zu beschüt- zen, habe er mit einem Holzstock auf einen der Paramilitärs eingeschl a- gen und diesen an der Schläfe ver letzt. Er habe dann laut um Hilfe ge- schrien, woraufhin Nachbarn herbeigeeilt seien und die Paramilitärs schliesslich die Flucht ergri ffen hätten. Am folgenden Tag sei er von den beiden Entführern auf der Strasse angehalten und unter vorgehaltener Pistole mit dem Tode bedroht worden. In der Folge seien der Beschwer- deführer, seine Schwestern und die Grossmutter in eine andere Unter- kunft umgezogen, welche seine Familie nach dem Tsunami erhalten h a- be. Als er (…) 2010 Dokumente bei der Schule abgeholt habe, habe ihn eine Gruppe von Paramilitärs, in welcher sich auch einer der Entführer befunden habe, gesehen und sei ihm bis zu seiner neuen Unterkunft ge- folgt. Dort sei er erneut bedroht worden. Daher habe seine Grossmutter die Ausreise organisiert. 4.5 Das BFM begründete seine Verfügung damit, dass sich die Situation betreffend paramilitärische Gruppierungen seit Ende des Bürgerkriegs stark verändert und der Einfluss solcher Gruppe n deutlich abgenommen habe. Die Karuna -Gruppe habe sich als politische Partei etabliert und agiere nicht mehr als militante Gruppierung. Auf eine Zusammenarbeit zwischen der Regierung und bewaffneten Organisationen beständ en kei- ne Hinweise mehr, wobei sich Angehörige dieser Gruppen gelegentlich weiterhin kriminell betätigen würden. Hierbei handle es sich jedoch um nicht-staatliche Verfolgungshandlungen, welche von den staatlichen B e- hörden geahndet würden. Der Beschwerdeführ er könne sich im Falle e i- ner Behelligung seitens bewaffneter Gruppen somit an die lokalen Behö r- den wenden. Dasselbe gelte bei Drohungen durch Angehörige von Bü r- gerwehren. Es seien keine Anhaltspunkte ersichtlich, die auf eine Schutz- unwilligkeit des Staates hindeuten würden. Daher seien die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht asylrelevant. D-6208/2012 Seite 8 4.6 Diesen Erwägungen wurde in der Beschwerdeschrift entgegnet, dass der Beschwerdeführer einer Risikogruppe gemäss bundesverwaltungsge- richtlicher Rechtsprechung angehöre. Er habe die Entführung seiner Schwester beobachtet, so dass er sowohl Opfer als auch Zeuge einer Menschenrechtsverletzung sei. Darüber hinaus habe die Karuna -Gruppe den damals noch minderjährigen Beschwerdeführer zu rekrutieren ve r- sucht, wodurch er einer weiteren Risikogruppe angehöre. Auch unabhä n- gig von diesen Risikoprofilen sei der Beschwerdeführer in asylrelevanter Weise gefährdet. Durch die Verteidigung seiner Schwester sei er ins Vi- sier des Home Guard Service geraten. Bei die sem handle es sich um e i- ne dem Verteidigungsministerium unterstellte, paramilitärische Hilfstru p- pe. Angehörige solcher Gruppierungen würden sich oftmals kriminell be- tätigen. Bei einer Rückkehr drohe dem Beschwerdeführer somit Mis s- handlung, Erpressung oder gar eine Tötung. Die Vorinstanz gehe von e i- ner nicht-staatlichen Verfolgung aus, vor welcher der sri -lankische Staat genügend Schutz b iete, was jedoch unzutreffend sei. Der Home Guard Service sei dem Verteidigungsministerium unterstellt, so dass eine dem Staat zurechenbare Verfolgung vorliege. Ohnehin seien die Behörden grundsätzlich nicht willens, Tamilen vor Übergriffen durch Paramilitärs oder Sicherheitskräfte zu schützen. Die staatlichen Behörden würden eng mit diesen Gruppen kooperieren, so dass diese in völliger Straflosigkeit operieren könnten. Auch das Bundesverwaltungsgericht anerkenne in seinem Grundsatzentscheid die ungenügende Schutzgewährung vor Übergriffen paramilitärischer Gruppierungen im Norden und Osten des Landes. Neueste Länderberichte würden diese Annahme bestätigen. Der Beschwerdeführer würde somit keinen hinreichenden Schutz vor diesen Übergriffen erfahren. Schliesslich sei auch zu erwarten, dass die Karuna - Gruppe erneut versuchen würde, den Beschwerdeführer zu rekrutieren , oder ihn für seine Weigerung, sich der Gruppe anzuschliessen, bestrafen würde. 5. 5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil BVGE 2011/24 vom 27. Oktober 2011 eine umfassende Lageanalyse der gegenwärtigen Situation in Sri Lanka vorgenommen. Diese Analyse ist für die Entscheid- findung weiterhin massgebend. Es ist somit im vorliegenden Fall zu pr ü- fen, ob der Beschwerdeführer einer Risikogruppe im Sinne dieses Grund- satzentscheides angehört. 5.2 Am 19. Mai 2009 verkündete die Regierung Sri Lankas offiziell den Sieg der Re gierungstruppen über die Liberation Tigers of Tamil Eelam D-6208/2012 Seite 9 (LTTE), und Präsident Rajapakse erklärte den seit 26 Jahren dauernden Krieg für beendet. Das Führungskader der LTTE ist der Medienberichte r- stattung zufolge komplett ausgelöscht wor den. Trotz diese r Veränderun- gen gibt es Personenkreise, die auch nach der Beendigung des militäri - schen Konflik tes immer noch einer erhöhten Verfolgungsgefahr ausge - setzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, welche Opfer und Zeugen von Menschenrechtsverletzungen sind, sowie Personen, die sol- che Übergriffe bei den Behörden anzeigen (BVGE 2011/24 E. 8.3 S. 494 f.). 5.3 Der Beschwerdeführer brachte vor, dass er durch den Entführung s- versuch seiner Schwester sowohl Opfer als auch Zeuge einer Mensche n- rechtsverletzung sei und daher gefährdet sei. Diese Annahme ist für den vorliegenden Fall unz utreffend. Die Zugehörigkeit zur erwähnten Risiko- gruppe setzt einerseits eine direkte Wahrnehmung konkreter und mass i- ver Menschenrechtsverletzungen voraus, die im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg begangen wurden , und eine Aufdeckung der Gräueltaten in den Augen der sri -lankischen Behörden mithin eine staatsgefährdende Wirkung entfalten könnte. Der geltend gemachte Entführungsversuch der Schwester, welcher ein gemeinrechtliches Delikt d arstellt und keinen Z u- sammenhang zur staatlich getragenen Bekämpfung oppositioneller El e- mente aufweist, fällt folglich nicht darunter. Andererseits setzt die Zugehö- rigkeit zu dieser Grupp e auch voraus, dass Anhaltspunkte dafür vorli e- gen, dass die Urheber der Menschenrechtsverletzung auch im gegenwär- tigen Zeitpunkt mittels asylrelevanter Massnahmen gegen eine Anzeige oder sonstige Aufdeckung der began genen Menschenrechtsverletzung vorgehen respektive vorzugehen gedenken. Im vorliegenden Fall ist den Ausführungen des Beschwerdeführers allerdings zu entnehmen, dass seine Familienangehörigen und besonders seine Schwester seit seiner Ausreise keinen Behelligungen ausgesetzt war en (act. A13/14 F120 S. 12), so dass angenommen werden kann, dass auch dem Beschwerdefüh- rer bei einer Rückkehr keine asylrelevanten Verfolgungshandlungen von Seiten der Entführer zwecks Verhinderung einer Aufdeckung des Entfü h- rungsversuchs drohen (vgl. in diesem Zusammenhang auch die nachfo l- genden Ausführungen unter E. 5.5). 5.4 Als weiteres Gefährdungselement brachte der Beschwerdeführer vor, dass die Karuna -Gruppe versucht habe, ihn zu rekrutieren. Die Schild e- rungen des Beschwerdeführers in diesem Punkt lassen jedoch auf keine aktuelle Gefährdungslage schliessen. So ist es gemäss Angaben des Be- schwerdeführers in den Befragungen – entgegen den Ausführungen in D-6208/2012 Seite 10 der Beschwerdeschrift – zu keinen Drohungen gekommen. Vielmehr sei lediglich versucht worden, ihn mit dem Versprechen von Geschenken zu einem Beitritt zu bewegen. S o sei die Gruppe viermal an den Beschwe r- deführer herangetreten, h abe ihn aber anschliessend in Ruhe gelassen, da gemäss Aussagen des Beschwerdeführers wohl seine Grossmutter mit den Mitgliedern der Karuna -Gruppe gesprochen habe, woraufhin die- se ihn nicht mehr aufgesucht hätten ( act. A13/14 F97 bis F104 S. 10). Somit sind keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass dem Beschwerd e- führer aus seiner Weigerung, sich der Karuna -Gruppe anzuschliessen, ir- gendwelche asylrelevanten Sanktionen seitens dieser Gruppe drohen könnten. Nicht zu überzeugen vermag auch das Vorbringen in der B e- schwerdeschrift, dass der Beschwerdeführer als Opfer respektive Zeuge eines gescheiterten Rekrutierungsversuchs einer Risikogruppe zuzurech- nen sei, da er, wenn überhaupt, lediglich Zielperson eines untergeordn e- ten und mit keinen ernsthaften Behelligungen verbundenen Rekruti e- rungsversuchs geworden ist, welcher – wie bereits ausgeführt – nicht auf eine aktuelle Gefährdung schliessen lässt. 5.5 Das Kernvorbringen des Asylgesuchs betrifft die Schilderung des B e- schwerdeführers, seine Schwester gegen eine Entführung von Seiten zweier Home Guard -Mitglieder verteidigt zu haben und daher verfolgt zu werden. In diesem Punkt ist den Ausführungen der Vorinstanz dahing e- hend zu widersprechen, dass gegen Behelligungen seitens des Home Guard Service genügend staatlicher Schutz geboten w erde. Das BFM geht fälschlicherweise davon aus, dass es sich beim Home Guard Serv i- ce um eine ausserhalb der staatlichen Organisation stehende Bürgerwehr handle. Wie in der Beschwerdeschrift jedoch zu Recht bemerkt wurde, ist der Home Guard Service Teil der sri-lankischen Sicherheitskräfte (vgl. die Homepage des sri-lankischen Verteidigungsministeriums www.defence.lk/ main_abt.asp?fname=homeguard). Im Grundsatzurteil BVGE 2011/24 wird der Schutz vor Übe rgriffen solcher paramilitärischer Gruppen im Norden und Osten des Landes als limitiert respektive ineffizient bezeic h- net (vgl. BVGE 2011/24 E. 8.5 S. 498). Die Frage na ch der konkreten Schutzwilligkeit des Staates im vorliegenden Fall kann jedoch offenble i- ben, da selbst unter der Annahme, die Schilderungen des Beschwerd e- führers entsprä chen der Wahrheit, keine aktuelle Gefährdungslage e r- sichtlich ist. Wie bereits weiter oben ausgeführt, muss eine Gefährdungs- lage auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch andauern. Dies ist im vorliegenden Fall zu verneinen. Der Beschwerdeführer führte in den Be- fragungen aus, dass weder seine Grossmutter noch seine Geschwister, insbesondere die von der Entführung direkt betroffene Schwester seit D-6208/2012 Seite 11 seiner Ausreise irgendwelchen Behelligungen seitens der Täter ausg e- setzt gewesen seien (act. A13/14 F120 S. 12) . Hätten die Entführer g e- genwärtig tatsächlich ein Interesse, sich durch Drohungen oder gravi e- rendere Massnahmen für die vereitelte Entführung zu rächen oder eine Anzeige bei den Behörden zu verhindern, so wäre zu erwarten, dass g e- gen die Verwandten und besonders gegen die Schwester des Beschwe r- deführers Massnahmen ergriffen worden wären. Da dies jedoch zu ve r- neinen ist, kann angenommen werden, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr keine Verfolgungshandlungen drohen. 5.6 Somit kann zusammenfassend festgehalten werden, dass dem B e- schwerdeführer in Sri Lanka keine asylrelevante Verfolgung droht, so dass die Vorinstanz das Asylgesuch zu Recht abgelehnt hat. 6. 6.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordn et den Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. EMARK 2001 Nr. 21). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 7.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisu ngshindernissen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und seiner Vo r- gängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüch t- lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte B e- weis möglich ist, und andern falls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 S. 502; STÖCKLI, a.a.O., Rz. 11.148). D-6208/2012 Seite 12 7.3 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, H erkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 7.4 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge- zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus ei nem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundes verfassung der Schweizerischen Eidge nossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überein kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behan d- lung unterworfen werden. 7.5 Die Vorinstanz wies in ihrer angefo chtenen Verfügung zutreffend dar- auf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non -Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem B e- schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr - dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfah ren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 7.6 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh- rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahr scheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behan d- lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Ge richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwe i- sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, U rteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 - 127, mit weiteren Hinweisen). Weder die allge - meine Menschenrechtssituation in Sri Lanka noch individuelle Faktoren in D-6208/2012 Seite 13 Bezug auf die Situation des Beschwerdefüh rers lassen den Wegwe i- sungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzuläs sig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.7 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG ist der Vollzug der Wegweisung insbeson- dere dann nicht zumutbar, wenn die beschwerdeführende Per son bei e i- ner Rückkehr in ihren Heimatstaat einer konkreten Gefährdung ausge - setzt wäre. 7.8 Zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führte die Vorinstanz aus, dass sich die Situation seit Ende des Bürgerkri eges im Mai 2009 deutlich verbessert habe. Der Beschwerdeführer stamme aus Z._______ (Ostprovinz), wohin der Wegweisungsvollzug gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgericht s grundsätzlich zumutbar sei. Der junge Beschwerdeführer verfüge dort mit seinen Angehörigen über ein tragfähi- ges Beziehungsnetz und eine gesicherte Wohnsituation. 7.9 Gegen diese Erwägungen wurde in der Beschwerdeschrift eingewe n- det, dass der Vollzug der Wegweisung in den Osten des Landes zwar grundsätzlich zumutbar sei, im konkret en Fall jedoch besondere Umstä n- de vorliegen würden , die gegen den Wegweisungsvollzug sprächen . So sei der Beschwerdeführer Vollwaise ohne jegliche Berufserfahrung. Seine Grossmutter und seine (…) Schwestern könnten ihn nur ungenügend u n- terstützen und anges ichts der maroden Wirtschaft und mangelhaften Inf- rastruktur würde es dem Beschwerdeführer ausserordentlich schwer fa l- len, sich dort eine wirtschaftliche Existenz aufbauen zu können. 7.10 Gemäss aktuellem Grundsatzentscheid des Bundesverwaltungsg e- richts ist der Wegweisungsvollzug in die Ostprovinz, aus welcher der B e- schwerdeführer stammt, grundsätzlich zumutbar (BVGE 2011/24 E. 13.1 S. 509 f.). Im vorliegenden Fall sind auch keine Hinweise dafür ersich t- lich, dass individuelle Gründe gegen die Zumutbarkeit sprechen würden. Der Beschwerdeführer ist jung, gesund und verfügt über eine Schuldbi l- dung ([…]; vgl. act. A2/10 Ziff. 8 S. 2). Mit seiner Grossmutter und seinen Schwestern sowie zwei seiner Tanten väterlicherseits verfügt er in Z._______ über ein tragfähiges Beziehungsnetz (act. A2/10 Ziffer 12 S. 3; act. A13/14 F25 und F30 S. 3 f.). Überdies besitzt er in Sri Lanka weitere Verwandte (act. A2/10 Zif f. 12 S. 3). Mithin ist der Wegweisungsvollzug als zumutbar zu erachten. D-6208/2012 Seite 14 7.11 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendi gen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.12 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das BFM den Wegwe i- sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich qualifiziert hat. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufigen Auf nahme aus- ser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be - schwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9. Da die Begehren in der vorliegenden Beschwerde nicht als aussichtslos zu erachten sind und di e finanzielle Bedürftigkeit durch die Fürsorgebe s- tätigung vom 27. November 2012 belegt ist, ist das Gesuch um Gewä h- rung der unentgeltlichen Rechtspflege gutzuheissen . F olglich sind keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-6208/2012 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständi- ge kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Linus Sonderegger Versand: