<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 49 S.248</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">248</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>49</b></span> <span class="ft2"><b>Opferhilfe, Genugtuung (Art. 12 Abs. 2 OHG).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Wenn der Täter immaterielle Leistungen für das Opfer erbringt, eine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Versöhnung erfolgt und das Opfer gegenüber dem Täter keine Ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nugtuungsforderungen mehr in Betracht zieht, entfällt der Anspruch</b></span><br/> <span class="ft2"><b>auf Genugtuung nach OHG.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 10. Mai 2006 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen J.M. gegen Kantonalen Sozialdienst.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin wurde von ihrem Arbeitskollegen und</span><br/> <span class="ft1">ehemaligen Freund während eines Streits niedergeschlagen und erlitt</span><br/> <span class="ft1">erhebliche Verletzungen, teils bleibender Art, die zu längerer, mögli-</span><br/> <span class="ft1">cherweise dauernder Arbeitsunfähigkeit führten.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. (Voraussetzungen für Genugtuung nach OHG; siehe AGVE</span><br/> <span class="ft1">2006 <b>48</b> 243)</span><br/> <span class="ft1">3./3.1. Angesichts der erheblichen und andauernden Folgen,</span><br/> <span class="ft1">welche die Straftat für die Beschwerdeführerin hatte, ist eine schwere</span><br/> <span class="ft1">Betroffenheit ohne weiteres zu bejahen.</span><br/> <span class="ft1">3.2. Zu prüfen ist, ob im konkreten Fall besondere Umstände</span><br/> <span class="ft1">vorliegen, welche die Ausrichtung einer Genugtuung rechtfertigen</span><br/> <span class="ft1">bzw. ob besondere Umstände gegen die Ausrichtung der Genugtuung</span><br/> <span class="ft1">sprechen.</span><br/> <span class="ft1">3.2.1. Bereits Jahre vor der Tat hatte die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">ein persönliches Verhältnis zum Täter. Unmittelbar nach der Körper-</span><br/> <span class="ft1">verletzung liess sie sich durch ihn betreuen. Gemäss eigenen, gut ei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Opferhilfe</span> <span class="page_no">249</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nen Monat nach der Tat gemachten Aussagen hatte sie weiterhin</span><br/> <span class="ft1">Kontakt zu ihm und hat ihm in dieser Sache verziehen. Die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin verzichtete ausdrücklich auf einen Strafantrag und</span><br/> <span class="ft1">unternahm auch keine zivilrechtlichen Schritte gegen ihn. Die Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz stellte eine besonders enge Beziehung zwischen Opfer und</span><br/> <span class="ft1">Täter fest: Der Täter kümmerte sich auch nach der Tat andauernd -</span><br/> <span class="ft1">mit ihrem Einverständnis - um die Beschwerdeführerin. Er hielt sich</span><br/> <span class="ft1">mehrheitlich bei ihr auf, half im Haushalt und brachte sie zu Arzt-</span><br/> <span class="ft1">terminen.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin wendet ein, dass aufgrund dieser an</span><br/> <span class="ft1">sich zutreffenden Beobachtungen fundierte Aussagen über die Be-</span><br/> <span class="ft1">ziehung zum Täter nicht möglich seien und der Schluss der Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz auf eine fehlende Betroffenheit mangels eigentlicher Anhalts-</span><br/> <span class="ft1">punkte willkürlich sei. Dem kann nicht gefolgt werden. Die äusseren</span><br/> <span class="ft1">Beobachtungen lassen durchaus Schlüsse auf die Intensität der Be-</span><br/> <span class="ft1">ziehung zu. Dass der Täter nach wie vor einen engen Kontakt mit der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin pflegt und weiterhin ein Freund der Familie ist,</span><br/> <span class="ft1">äusserte sich neben den erwähnten Feststellungen der Vorinstanz ins-</span><br/> <span class="ft1">besondere dadurch, dass er bei der Hochzeit ihres Sohnes Trauzeuge</span><br/> <span class="ft1">war. Die nahe Beziehung wird von der Beschwerdeführerin denn</span><br/> <span class="ft1">auch nicht bestritten. Aufgrund dieser Umstände ist somit davon aus-</span><br/> <span class="ft1">zugehen, dass die Beschwerdeführerin dem Täter nicht bloss verzie-</span><br/> <span class="ft1">hen, sondern sich mit ihm versöhnt hat. Die Bemühungen des Täters</span><br/> <span class="ft1">sind als eine Art persönliche Genugtuungsleistung anzusehen, auch</span><br/> <span class="ft1">wenn diese nicht in Form einer geldwerten Leistung ergingen.</span><br/> <span class="ft1">3.2.2. Die Beschwerdeführerin macht geltend, es sei gerichts-</span><br/> <span class="ft1">notorisch, dass geschlagene Frauen oft grösste Mühe haben, sich von</span><br/> <span class="ft1">ihrem Peiniger zu trennen. Diese Behauptung bleibt völlig abstrakt;</span><br/> <span class="ft1">obwohl anwaltlich vertreten, macht die Beschwerdeführerin keinerlei</span><br/> <span class="ft1">konkrete Angaben oder Hinweise, inwieweit sie persönlich in einem</span><br/> <span class="ft1">Abhängigkeitsverhältnis zum Täter stehen soll. Es besteht weder eine</span><br/> <span class="ft1">soziale noch eine finanzielle Abhängigkeit und ebenso wenig ergibt</span><br/> <span class="ft1">sich eine solche aus der Arbeitstätigkeit oder aus fremdenpolizeili-</span><br/> <span class="ft1">chen Gründen; auch eine gleichsam schicksalshafte emotionale Ab-</span><br/> <span class="ft1">hängigkeit zum Täter wird nicht behauptet. Es liegt keine Konstella-</span><br/> <span class="ft1">tion vor, wo das Opfer vom Täter nicht wegkommt; die Aufrechter-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">250</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">haltung einer nahen Beziehung zum Täter erfolgt vielmehr aus freien</span><br/> <span class="ft1">Stücken (vgl. vorne Erw. 3.2.1).</span><br/> <span class="ft1">3.3. Wegen der andauernden engen Beziehung zum Täter muss</span><br/> <span class="ft1">davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin ihm ge-</span><br/> <span class="ft1">genüber keine Genugtuungsforderung in Betracht zieht, und zwar</span><br/> <span class="ft1">unabhängig davon, ob er zahlungsfähig ist oder nicht. Zumindest hat</span><br/> <span class="ft1">sie den gegenteiligen Schluss nicht glaubhaft gemacht: Sie legt in</span><br/> <span class="ft1">keiner Weise dar, dass sie vom Täter selbst bei geeigneten Durchset-</span><br/> <span class="ft1">zungsversuchen keine oder nur ungenügende Genugtuungsleistungen</span><br/> <span class="ft1">erhalten kann. Dies ist jedoch nach Art. 1 OHV Voraussetzung für</span><br/> <span class="ft1">die Ausrichtung von Leistungen, und es entspricht nicht dem Gedan-</span><br/> <span class="ft1">ken der staatlichen Hilfeleistung, stattdessen auf den opferhilferecht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Genugtuungsanspruch zurückgreifen zu können. Wenn sogar</span><br/> <span class="ft1">zivilrechtlich die Genugtuungsforderung scheitert, falls das Opfer</span><br/> <span class="ft1">diese gegenüber der Täterin (dort die Ehefrau) nicht einmal in Be-</span><br/> <span class="ft1">tracht zieht, sondern sie ausschliesslich gegenüber deren Haftpflicht-</span><br/> <span class="ft1">versicherung durchsetzen will (BGE 115 II 156 Erw. 2a), so muss</span><br/> <span class="ft1">dies umso eher im Bereich der Opferhilfe gelten.</span><br/> <span class="ft1">4. Die konkreten Umstände des vorliegenden Falles rechtferti-</span><br/> <span class="ft1">gen keine opferhilferechtliche Genugtuungsleistung, und auch der</span><br/> <span class="ft1">Grundsatz der Subsidiarität steht dieser entgegen. Demzufolge be-</span><br/> <span class="ft1">steht kein Anspruch auf Genugtuung nach OHG. Dies führt zur Ab-</span><br/> <span class="ft1">weisung der Beschwerde.</span><br/></div> </div> </body> </html>