Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Zivilrecht vom 23. August 2022 (400 22 103) ____________________________________________________________________ Zivilprozessrecht / Obligationenrecht Gültigkeit der Klagebewilligung bei nicht offensichtlicher sachlicher Zuständigke it des Friedensrichteramtes (E. 2.1 ff. ); zulässige Verfahrensbeschränkung auf bestimmte Rechtsfragen (E. 3.1 ff.); Prüfung des Mit - bzw. Selbstverschulden s des Verletzten im Rahmen der Kausalität (E. 5.1 ff.) Besetzung Präsident Roland Hofmann, Richterin Barbara Jermann Richterich (Ref.), Richter Philippe Spitz; Gerichtsschreiber Giuseppe Di Marco Parteien A.____, vertreten durch Rechtsanwalt Daniel Altermatt, Neuarlesheimer- strasse 15, Postfach 435, 4143 Dornach, Kläger und Berufungsbeklagter gegen B.____ AG, vertreten durch Advokat Dominique Erhart, Erhart Rechtsanwälte & Notariat, Konsumstrasse 1, Postfach, 4104 Oberwil BL, Beklagte und Berufungsklägerin Gegenstand Forderung Berufung gegen das Urteil des Vizepräsidenten des Zivilkreisgerichts Basel-Landschaft Ost vom 13. Dezember 2021 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Der in Deutschland wohnhafte A.____ war seit dem 17. September 2007 beim Personal- vermittler C.____ AG mit Sitz in Basel angestellt. Im April 2008 setzte ihn die B.____ AG, mit Domizil in Sissach als temporären Mitarbeiter auf einer Baustelle in Z.____ ein. Am 2. April 2008 erlitt A.____ auf der erwähnten Baustelle einen Arbeitsunfall, als er an einer Betondecke vorstehende Betonbrauen mit einem Schaber entfernte. Dazu stand er auf der Arbeitsfläche eines Metall -Rollgerüstes älteren Modells, welches eine Länge von 2.55 m, eine Breite von 0.70 m sowie eine Standhöhe von 3.30 m (Gesamthöhe 4.40 m bis zur Oberkante des Gelän- ders) aufwies und aus mehreren zusammengesetzten Gerüstelementen bestand. Bei der Aus- führung dieser Arbeit geriet das Rollgerüst ins Wanken. Bevor dieses vollends umstürzte, sprang A.____ vom umkippenden Rollgerüst ab und zog sich Bein - und Rückenverletzungen zu. Seit dem Unfall ging er keiner Arbeit mehr nach und für die Folgen des Unfalls sprach ihm die SUVA aufgrund einer festgestellten Erwerbsunfähigkeit von 26% eine Invali denrente von insgesamt CHF 1'204.00 pro Monat sowie aufgrund einer Integritätseinbusse von 20 % eine Integritätsentschädigung von CHF 25'200.00 zu. B. Am 30. Dezember 2015 leitete A.____, vertreten durch Rechtsanwalt Daniel Altermatt, beim Friedensrichteramt Sissach ein Schlichtungsverfahren für eine Forderung von CHF 5 Mio. zuzüglich 5 % Zinsen seit 2. April 2008 gegen die B.____ AG ein, welche durch Advokat Domi- nique Erhart vertreten wurde . Mangels Einigung stellte die Friedensrichterin dem Kläger am 1. Juli 2016 die Klagebewilligung aus. Gestützt darauf reichte dieser am 3. Oktober 2016 eine Teilklage beim Zivilkreisgericht Basel-Landschaft Ost mit folgenden Rechtsbegehren ein: «1. Es sei die Beklagte zu verurteilen, dem Kläger CHF 30'000.00 zu bezahlen. Teilklage, Mehrforderung vorbehalten. 2. Es sei dem Kläger die unentgeltliche Rechtspflege mit Daniel Altermatt, Rechtsanwalt, als unentgeltlichem Rechtsbeistand zu gewähren. 3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge.» Zudem stellte er folgenden Verfahrensantrag: «4. Es sei mit einem Zwischenentscheid zunächst über die grundsätzliche Haftung der Be- klagten, d.h. über die Haftungsvoraussetzungen der Widerrechtlichkeit bzw. Vertragsver- letzung, des adäquaten Kausalzusammenhangs sowie des Verschuldens zu entschei- den.» Der Kläger begründete seine n Forderungsanspruch im Wesentlichen damit, dass er als Fol ge des Unfallereignisses vom 2. April 2008 eine Körperverletzung mit einer bis heute andauernden Arbeitsunfähigkeit und Einschränkung in der Haushaltsfüh rung erlitten habe. Die Beklagte sei hierfür haftbar, weil das zur Verfügung gestellte Rollgerüst mangels seitlicher Abstützvorrich- tungen nicht den Sicherheitsvorschriften entsprochen habe und weil er in der Handhabung des Rollgerüsts weder gehörig instruiert noch überwacht worden sei. Überdies habe das Rollgerüst an diesem Ort nicht verwendet werden dürfen. C. Mit Stellungnahme vom 5. Dezember 2016 beantragte die Beklagte die vollumfängliche Abweisung der klägerischen Rechtsbegehren und des Verfahrensantrags, unter Kosten - und Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entschädigungsfolge. Ihrer Ansicht nach habe das am Unfallort verwendbare Rollgerüst den Vorschriften entsprochen und der Kläger sei gehörig instruiert worden. Den Unfall habe einzig und allein der Kläger durch die weisungswidrige und un sachgemässe Verwendung des Rollge- rüstes zu verantworten. D. Das Zivilkreisgerichtspräsidium bewilligte mit Verfügung vom 13. Dezember 2016 dem Kläger die unentgeltliche Rechtspflege. Nach einer im Februar 2017 durchgeführten Instrukti- onsverhandlung ordnete es sodann mit Verfügung vom 16. Mai 2017 eine Beschränkung des Verfahrens auf die abstrakte Frage an, ob die Beklagte für die vom Kläger noch substantiiert zu behauptenden körperlichen Beeinträchtigungen, falls sich diese zu einem späteren Zeitpunkt nachweisen lassen sollten, hafte oder nicht. Der Kläger wurde zur Einreichung einer schriftli- chen Klagebegründung im Sinne von Art. 221 ZPO aufgefordert, in welcher er insbesondere substantiiert darzulegen hatte, welche konkreten körperlichen Beeinträchtigungen er aufgrund des Unfalls erlitten habe und gestützt auf welche Bestimmungen und au s welchen Gründen die Beklagte ihm für diese Beeinträchtigungen hafte. E. Nach Eingang der Klagebegründung vom 16. Oktober 2017 und der darauffolgenden Kla- geantwort vom 12. Januar 2018 sowie nach Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels wies das Zivilkreisgerichtspräsidium mit Verfügung vom 3. Juni 2019 die Beklagte an, die Mon- tageanleitung des am Unfalltag verwendeten Rollgerüstes einzureichen, andernfalls ein Gutach- ten eing eholt werde zu den Fragen, ob das verwendete Rollgerüst grundsätzlich und/oder in Kombination mit den vom Kläger zu verrichtenden Arbeiten (Abkratzen von Betonresten und Brauen von einer Betondecke) aufgrund der damaligen technischen Vorgaben seitliche Ab- stützvorrichtungen erfordert hätte und, wenn ja, ob ein Umkippen des Gerüstes mit solchen seit- lichen Abstützvorrichtungen hätte verhindert werden können. F. Nachdem die Beklagte keine Montageanleitung für das am Unfalltag verwendete Rollge- rüst einreichen konnte, ernannte das Zivilkreisgerichtspräsidium mit Verfügung vom 6. Februar 2020 einen Experten und beauftragte diesen, erstens ein Gutachten zu erstellen zu den Fragen, ob das verwendete Rollgerüst aufgrund der damaligen technischen Vorgaben seitliche Abstü tz- vorrichtungen erfordert hätte und, wenn ja, ob ein Umkippen des Gerüstes mit solchen seitli- chen Abstützvorrichtungen hätte verhindert werden können. Zweitens hatte der Gutachter die Fragen der Parteien zu beantworten. G. Am 29. Mai 2020 reichte der Experte sein Gutachten und am 20. November 2020 die Be- antwortung der Ergänzungsfragen der Parteien beim Zivilkreisgericht ein. In seinem Gutachten führte der Experte zusammengefasst aus, dass das Gerüst aufgrund der dannzumaligen tech- nischen Vorgaben für die auszuführenden Arbeiten (Abkratzen von Betonresten und Brauen mittels eines Schabers von einer Betondecke) seitliche Abstützvorrichtungen erfordert hätte und dass das Arretieren der Feststellbremsen an den Rollen notwendig gewesen wäre. Damit hätte das Umkippen des Gerüsts verhindert werden können. Die Ergänzungsfrage der Beklagten, ob die seitlichen Abstützvorrichtungen nur mit arretierten Feststellbremsen ein Umk ippen des Ge- rüstes verhindert hätten, konnte der Gutachter jedoch nicht eindeutig beantworten. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht H. Am 13. Dezember 2021 erliess der Vizepräsident des Zivilkreisgerichts Basel -Landschaft Ost im Nachgang zur gleichentags durchgeführten Hauptverhandlung folgende n Entscheid im Dispositiv: «1. Die abstrakte Haftbarkeit der Beklagten bezüglich des Unfallereignisses vom 2. April 2008 in Bezug auf den vom Kläger noch zu beweisenden Schaden wird bejaht, und zwar unter Feststellung, dass a) ein vertragsverletzendes bzw. widerrechtliches Verhalten der Beklagten in Bezug auf das Unfallereignis vorliegt; b) das vertragsverletzende bzw. widerrechtliche Verhalten der Beklagten für das Unfall - ereignis adäquat kausal ist; c) ein Verschulden der Beklagten zu bejahen ist. 2. Mit dem vorliegenden Urteil nicht entschieden ist die Frage a) welche für den Schadenersatz massgeblichen Gesundheitsschäden des Klägers ein- getreten sind; b) welche dieser Gesundheitsschäden natürlich kausal auf das Unfallereignis vom 2. April 2008 zurückzuführen sind; c) wie sich die Gesundheitsschäden gemäss litera b) auf die Arbeitsunfähigkeit des Klä- gers auswirken; d) der Höhe des sich daraus ergebenden Vermögensschadens; e) des im Rahmen der Schadenersatzbemessung allenfalls zu berücksichtigend en Selbstverschuldens des Klägers; f) der Verjährung. 3. Der Fall wird – nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegenden Urteils – an den lnstruk - tionsrichter zur weiteren Instruktion überwiesen. 4. Der Kostenentscheid wird zusammen mit dem Hauptentscheid getroffen.» I. Gegen das schriftlich begründete Urteil vom 13. Dezember 2021 erhob die Beklagte mit Eingabe an das Kantonsgericht Basel -Landschaft, Abteilung Zivilrecht, vom 29. April 2022 Be- rufung mit den Begehren, es sei das angefochtene Urteil vollumfänglich aufzuhebe n und die Klage abzuweisen; eventualiter sei es vollumfänglich aufzuheben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. J. In der Berufungsantwort vom 15. Juni 2022 ersuchte der Kläger um kostenfällige Abwei- sung der Berufung und um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege für das Berufungsver- fahren. K. Mit kantonsgerichtlicher Verfügung vom 16. Juni 2022 wurde der Schriftenwechsel ge- schlossen und der Entscheid der Dreierkammer des Kantonsgerichts, Abt eilung Zivilrecht, auf Grundlage der Akten in Aussicht gestellt. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Erwägungen 1.1 Gegen einen erstinstanzlichen End- oder Zwischenentscheid in einer vermögensrechtli- chen Angelegenheit kann Berufung erhoben werden, wenn der Streitwert der zuletzt aufrecht erhaltenen Rechtsbegehren mindestens CHF 10‘000.00 beträgt (Art. 308 Abs. 1 lit. a und Abs. 2 ZPO) und kein Ausnahmefall nach Art. 309 ZPO vorliegt. Die Berufung ist bei der Rechtsmittelinstanz im Rahmen des ordentlichen sowie vereinfachten Verfahrens innert 30 Ta- gen seit Zustellung des begründeten Entscheides beziehungsweise seit der nachträglichen Zu- stellung der Entscheidbegründung schriftlich und begründet einzureichen (Art. 311 Abs. 1 i.V.m. Art. 314 ZPO). Mit der erstinstanzlichen Verfügung vom 16. Mai 2017 wurde das Verfahren ge- stützt auf Art. 125 lit. a ZPO vorerst auf «die abstrakte Frage beschränkt, ob die Beklagte [nun Berufungsklägerin] für die vom Kläger [Berufungsbeklagten] noch zu behauptenden körperli- chen Beeinträchtigungen, falls sich diese zu ein em späteren Zeitpunkt nachweisen lassen soll- ten, haftet oder nicht» (vgl. vorstehende lit. D). Das angefochtene Urteil vom 13. Dezember 2021, mit welchem diese «abstrakte Haftbarkeit» der Berufungsklägerin in Bezug auf das Un- fallereignis vom 2. April 2008 bejaht wurde, stellt einen selbständigen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 237 Abs. 1 ZPO dar, da durch eine abweichende oberinstanzliche Beurteilung sofort ein Endentscheid herbeigeführt und so ein bedeutender Kosten- und Zeitaufwand gespart werden könnte (Art. 237 Abs. 1 ZPO; BGE 132 III 785 E. 3.2; KGE BL 400 21 122 vom 10. Au- gust 2021 E. 1.1; BSK ZPO -STECK, 3. Aufl., 2017, Art. 237 N 18). Ein solcher Zwischenent- scheid ist nach Art. 237 Abs. 2 ZPO sofort anzufechten und eine spätere Anfechtung mit dem Endentscheid ist ausgeschlossen, ansonsten der mit dem Zwischenentscheid verfolgte Zweck, gewisse Fragen zu klären, bevor das erstinstanzliche Verfahren unnötigerweise weitergeführt wird, vereitelt würd e (BGer 4A_94/2014 vom 1. Juli 2014 E. 5.1; BSK ZPO -STECK, 3. Aufl., 2017, Art. 237 N 20). Die Streitwertgrenze zur Erhebung einer Berufung ist erreicht und es li egt keine berufungsfeindliche Sache im Sinne von Art. 309 ZPO vor. Der Zwischenentscheid vom 13. Dezember 2021 wurde der Berufungsklägerin am 16. März 2022 fristauslösend zugestellt. Mit Postaufgabe der Berufung am 29. April 2022 wurde die 30 -tägige Rechts mittelfrist unter Berücksichtigung des Fristenstillstandes gemäss Art. 145 Abs. 1 lit. a ZPO eingehalten. Die Berufungsantwort vom 15. Juni 2022 ging ebenfalls fristgerecht ein. 1.2 Die Berufungsklägerin verfolgt ein aktuelles, schutzwürdiges Interesse im Rechtsmittel- verfahren und hat den verlangten Kostenvorschuss von CHF 3'000.00 innert Frist geleistet (Art. 59 Abs. 2 lit. a und lit. f ZPO). Sie macht berufungsweise sowohl eine unrichtige Rechts - anwendung als auch eine unrichtige und unvollständige Feststellung des massgeblichen Sach- verhaltes geltend. Damit liegen zulässige Berufungsgründe gemäss Art. 310 ZPO vor und auf die Berufung ist einzutreten. Nach § 6 Abs. 1 lit. c EG ZPO ist die Dreierkammer der Abt eilung Zivilrecht des Kantonsgerichts für die Beurte ilung der Berufung sachlich zuständig. Der Ent- scheid ergeht ohne Durchführung einer Verhandlung auf Grundlage der Akten (Art. 316 Abs. 1 ZPO). 2.1 In formeller Hinsicht behauptet die Berufungsklägerin, dass die Klagebewilligung vom 1. Juli 2016 infolge of fensichtlicher Unzuständigkeit des Friedensrichteramtes Sissach nichtig sei. Weil der Berufungsbeklagte seinen Forderungsanspruch mit dem Arbeitsunfall vom 2. April 2008 begründe und der Berufungsklägerin die Verletzung von Schutz pflichten als Arbeitgeberin Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht vorwerfe, liege eine arbeitsrechtliche Streitigkeit vor, deren Beurteilung nach § 3 [recte: § 2] Abs. 1 lit. e EG ZPO in die Zuständigkeit der Zivilkreisgerichtspräsidien falle. Es sei auch zu berücksichtigen, dass der Berufungsbeklagte anwaltlich vertreten gewesen sei. Prozessvoraus- setzungen seien von Amtes wegen zu prüfen, weshalb die Vorinstanz auf die Klage nicht hätte eintreten dürfen. Eine Einlassung seitens der Berufungsklägerin sei in diesem Fall nicht möglich gewesen. 2.2 Der Berufungsbeklagte erachtet demgegenüber die Geltendmachung der Unzuständig- keit des Friedensrichteramts Sissach bzw. Nichtigkeit der Klagebewilligung erstmals in der Be- rufung vom 29. April 2022 als verspätet, weshalb bereits deswegen die Rüge der Gegenpartei nicht zu berücks ichtigen sei. Sodann sei unzutreffend, dass eine arbeitsrechtliche Streitigkeit vorliege. Eine solche sei im Schlichtungsgesuch vom 30. Dezember 2015 nicht behauptet wor- den. Vielmehr habe der Berufungsbeklagte darin ausgeführt, dass er von der Berufungsklägerin als temporärer Mitarbeiter beschäftigt und bei einem Arbeitsunf all schwer verletzt worden sei. Allein die Tatsache, dass es sich bei diesem Ereignis um einen Arbeitsunfall gehandelt habe, mache die vorliegende Auseinandersetzung nicht zu einer arbeit srechtlichen Streitigkeit. Zwi- schen den Parteien habe kein Arbeitsvertrag bestanden, sondern ein solcher habe zwischen dem Berufungsbeklagten und dem Personalvermittler C.____ AG bestanden. Demnach sei das Friedensrichteramt Sissach für die Durchführung de s Schlichtungsverfahrens zuständig gewe- sen und es sei eine gültige Klagebewilligung ausgestellt worden. 2.3.1 Die Dreierkammer des Kantonsgerichts, Abteilung Zivilrecht, hält zunächst fest, dass die Berufungsklägerin erstmals in der Berufung die Unzuständigkeit des Friedensrichteramtes Sissach und gestützt darauf die Nichtigkeit der ausgestellten Klagebewilligung moniert hat. Es stellt sich die Frage, ob diese Rüge verspätet erfolgt ist respektive ob sich die Berufungskläge- rin mangels rechtzeitiger Unzuständigkeitseinrede auf das Verfahren eingelassen hat. Das Vor- liegen einer gültigen Klagebewilligung ist eine von Amtes wegen zu prüfende Prozessvor - aussetzung (Art. 60 ZPO). Nichtigkeit ist jederzeit von sämtlichen Instanzen von Amtes wegen zu beachten und sie kann auch im Rechtsmittelverfahren festgestellt werden (BGer 4A_20/2020 vom 26. Februar 2020 E. 5.1). Die Nichtigkeitseinrede der Berufungsklägerin kann folglich nicht als verspätet bezeichnet werden, jedoch könnte allenfalls eine Einlassung gemäss Art. 18 ZPO dagegen sprechen. Eine solche Einlassung ist allerdings nur in Fällen der örtlichen Unzustän- digkeit möglich, nicht jedoch wenn – wie hier – die sachliche Unzuständigkeit der Schlichtungs- behörde behauptet wird (vgl. BGE 146 III 265 E. 4 ff.; KUKO ZPO-DOMEJ, 3. Aufl., 2021, Art. 59 N 10; SUTTER-SOMM/SEILER, Handkomm. ZPO, 2021, Art. 18 N 1, 7). Es gereicht der Beru- fungsklägerin demnach nicht zum Nachteil, dass sie an der Schlichtungsverhandlung vor dem Friedensrichteramt Sissach teilgenommen und dort keine Unzuständigkeitseinrede erhoben hat. Die Vorschriften über die sachliche Zuständigkeit eines Gerichts bzw. einer Schlichtungsbehör- de sind zwingender Natur, so dass sich eine Schlichtungsbehörde – ungeachtet einer allfälligen Einlassung gemäss Art. 18 ZPO respektive fehlenden Unzuständigkeitseinrede – für unzustän- dig erklären und auf das Schlichtungsgesuch nicht eintreten darf, wenn ihre sachliche Unzu- ständigkeit offensichtlich ist (BGer 4A_191/2019 vom 5. November 2019 E. 4; siehe auch Be- merkungen von SCHWANDER in ZZZ 2020 S. 86 und 172 f.). Die Einschränkung auf offensichtli- che Unzuständigkeitsfälle von Schlichtungsbehörden rechtfertigt sich insofern, als in Art. 59 Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Abs. 1 und Art. 60 ZPO einzig vom «Gericht» die Rede ist, welches die Proz essvorausset- zungen von Amtes wegen zu prüfen hat. Die Schlichtungsbehörde ist keine gerichtliche Instanz, indessen haben nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts auch die Schlichtungsbehörden ihre Zuständigkeit zu prüfen und sie haben sich für unzustä ndig zu erklären, wenn – wie er- wähnt – ihre Unzuständigkeit offensichtlich ist. Abgesehen davon hat die Schlichtungsbehörde aber nicht über heikle Verfahrensfragen zu entscheiden (BGer 4A_191/2019 vom 5. November 2019 E. 4.1 ff.; BGE 139 III 273 E. 2.1). Die Schlichtungsbehörde hat für die Beurteilung der Zulässigkeit eines Schlichtungsgesuchs in tatsächlicher Hinsicht grundsätzlich auf die Begrün- dung des eingeklagten Anspruchs durch die klagende Partei abzustellen, vorbehältlich eines rechtsmissbräuchlichen Handelns durch die klagende Partei (BGer 4A_191/2019 vom 5. No- vember 2019 E. 4.1). 2.3.2 Der Berufungsbeklagte behauptete in seinem Schlichtungsgesuch vom 30. Dezember 2015 nicht, dass es sich vorliegend um eine arbeitsrechtliche Streitigkeit handeln würde. Er be- gründete damals seine Forderungsklage von CHF 5 Mio. zuzüglich Zinsen summarisch damit, dass er am 2. April 2008 bei einem Arbeitsunfall schwer verletzt worden sei und aufgrund der erlittenen Verletzungen bis heute auf einen Rollstuhl angewiese n sei. Der Unfall sei auf eine Sorgfaltspflichtverletzung der Berufungsklägerin zurückzuführen, weshalb diese für den ent- standenen Schaden sowie die erlittene immaterielle Unbill haftbar gemacht werde. Wird auf diese Ausführungen im Schlichtungsgesuch vom 30. Dezember 2015 abgestellt, lagen damals keine eindeutigen Anzeichen vor, dass der Fall allenfalls als arbeitsrechtliche Streitigkeit hätte qualifiziert werden können bzw. müssen. Die Berufungsklägerin machte an der Schlichtungs- verhandlung auch nicht die Unzuständigkeit des Friedensrichteramtes Sissach mit der Begrün- dung, dass eine arbeitsrechtliche Streitigkeit vorliegen würde, geltend. Im Zeitpunkt des Schlichtungsgesuchs bzw. der Schlichtungsverhandlung war demnach eine Haftung der Beru- fungsklägerin aus Vertrag (nicht Arbeitsvertrag) oder aus unerlaubter Handlung durchaus denk- bar, zumal unstreitig kein schriftlicher Arbeitsvertrag zwischen den heutigen Prozessparteien im Sinne von Art. 319 OR vorlag. Die rechtliche Qualifikation des Rechtsverhältnisses zwischen den Prozessparteien ist im Übrigen eine Frage des materiellen Rechts. Eine kurze juristische Recherche hätte ergeben, dass es sich beim Rechtsverhältnis zwischen einem Arbeitnehmer und dem Einsatzbetrieb «nicht um ein eigentliches arbeitsvertragli ches Verhältnis handelt, wel- ches jedoch gewisse vertragliche oder quasivertragliche Beziehungen umfasst» (BGE 119 V 357 E. 2a, mit Hinweis auf BGE 114 V 336 E. 3; vgl. auch MÜLLER/INAUEN, Die Haftung des Arbeitgebers bei Berufsunfällen und Berufskrankhei ten, in: AJP 2016 S. 183; GEISER, Haftung bei neuen Arbeitsformen, in: AJP 2017 S. 795 f.). Es lag demzufolge kein klarer arbeitsrechtli- cher Fall vor, welcher gestützt auf § 2 Abs. 1 lit. e EG ZPO zwingend vom sachlich zuständigen Zivilkreisgerichtspräsidium zu beurteilen gewesen wäre. Das Friedensrichteramt Sissach hatte unter diesen Umständen, d.h. mangels offensichtlicher bzw. leicht erkennbarer Unzuständigkeit, das Schlichtungsverfahren durchzuführen und aufgrund fehlender Einigung der Parteien die Klagebewilligung nach Art. 209 ZPO auszustellen. Daran ändert auch die spätere Auffassung der Vorinstanz nichts, welche in Erwägung 1 des Urteils vom 13. Dezember 2021 ihre örtliche Zuständigkeit primär damit begründete, dass nach Art. 115 Abs. 1 IPRG bei Klag en aus Ar- beitsvertrag die Schweizer Gerichte am Wohnsitz des Beklagten oder am Ort, wo der Arbeit- nehmer gewöhnlich seine Arbeit verrichtet habe, zuständig seien. Die Vor instanz prüfte und Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht bejahte in derselben Urteilserwägung 1 ihre Zuständigkeit ebenso fü r den Fall, dass eine Haf- tung der Berufungsklägerin aus unerlaubter Handlung vorliegen würde, was zeigt, dass für das Zivilkreisgericht die Anspruchsgrundlage – ob vertraglich oder ausservertraglich – nicht ganz eindeutig war. Das Vorgehen des Friedensrich teramtes Sissach, welches eine Verhandlung durchführte und eine Klagebewilligung ausstellte, sowie die Auffassung der Vorinstanz, dass eine gültige Klagebewilligung vorliegt, sind demnach nicht zu beanstanden. 2.3.3 Selbst wenn es sich erweisen sollte, das s eine arbeitsrechtliche Streitigkeit zwischen den Prozessparteien vorliegen würde, wäre fraglich, ob die ausgestellte Klagebewilligung nach- träglich als nichtig zu qualifizieren wäre. Fehlerhafte Entscheide sind nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung in der Regel nur anfechtbar. Als nichtig erweisen sie sich erst dann, wenn der ihnen anhaftende Mangel besonders schwer ist, wenn er sich als offensichtlich oder zumindest leicht erkennbar erweist und die Rechtssicherheit durch die Annahme der Nichtigkeit nich t ernsthaft gefährdet wird. Inhaltliche Mängel einer Entscheidung führen nur ausnahmsweise zur Nichtigkeit. Als Nichtigkeitsgründe kommen vorab funktionelle und sachliche Unzuständigkeit der entscheidenden Behörde sowie krasse Verfahrensfehler in Betracht (BGer 5A_977/2018 vom 22. August 2019 E. 4; BGE 144 IV 362 E. 1.4.3; 139 II 243 E. 11.2; 138 II 501 E. 3.1; 137 I 273 E. 3.1). Vorliegend wird die Nichtigkeit der Klagebewilligung aufgrund der angeblich fehlen- den sachlichen Zuständigkeit des Friedensrichteramtes Sissach behauptet. Dieses ist eine staatliche Schlichtungsbehörde im Sinne der Zivilprozessordnung und handelte im Einklang mit den Bestimmungen von Art. 197 ff. ZPO. Mit der kantonalen Zuständigkeitsregelung von § 2 Abs. 1 lit. e EG ZPO, welche in arbeitsrechtlichen Streitigkeiten die Zivilkreisgerichtspräsidien als Schlichtungsbehörde vorsieht, soll dem Sozial gedanken Nachdruck verleiht und die Arbeit- nehmerin oder der Arbeitnehmer als sozial schwächere Partei angemessen geschütz t werden. Da hier aber der Berufungsbeklagte von sich aus explizit auf eine Behandlung seines Schlich- tungsgesuchs durch das Zivilkreisgerichtspräsidium verzichtet hat, wiegt der Mangel (im Sinne der Durchführung des Schlichtungsverfahrens und Ausstellung e iner Klagebewilligung durch das Friedensrichteramt Sissach) nicht derart schwer, dass er zur Nichtigkeit der Klagebewilli- gung führen würde. Die Berufung ist somit in diesem Punkt abzuweisen. 3.1 Die weitere das Formelle betreffende Rüge der Berufungskläg erin betrifft die Beschrän- kung des Verfahrens durch die Vorinstanz gestützt auf Art. 125 lit. a ZPO. Diesbezüglich ver- weist die Berufungsklägerin auf die verfahrensbeschränkende Verfügung der Vorinstanz vom 16. Mai 2017, welche gestützt auf den Verfahrensa ntrag des Berufungsbeklagten in seiner Kla- ge vom 3. Oktober 2016 erlassen wurde. Darin führte der Berufungsbeklagte im Wesentlichen aus, dass «sich bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Klägers umfangreiche und durch medizinische Gutachten zu klären de Fragen stellen werden», weshalb er beantragte, «mit ei- nem Zwischenentscheid die Haftungsfrage dem Grundsatz nach zu beurteilen und hernach den Parteien Gelegenheit zu geben, sich über die Höhe des Schadenersatzes vergleichsweise zu einigen». Die Berufun gsklägerin bringt vor, dass sie zu keinem Zeitpunkt bereit gewesen sei, Vergleichsgespräche über die Höhe des behaupteten Schadens zu führen, was sie mit Stel- lungnahme vom 5. Dezember 2016 auch mitgeteilt habe. Das Verfahren habe deshalb durch die Beschränkung nicht vereinfacht werden können. Die Klage vom 3. Oktober 2016 habe ohne Beschränkungen und gemäss den Anforderungen von Art. 221 ZPO eingereicht und begründet Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht werden müssen. Dies habe der Berufungsbeklagte unterlassen, zumal er keine Ausführungen zur Höhe des angeblichen Schadens gemacht habe. Die Klage hätte bereits deswegen vollum- fänglich abgewiesen werden müssen. Eine Beschwerde gegen die prozessleitende Verfügung vom 16. Mai 2017 hätte mangels nicht leicht wiedergutzumachenden Nachteils keinen Erf olg gehabt, weshalb darauf verzichtet worden sei. 3.2 Der Berufungsbeklagte erachtet hingegen die Voraussetzungen für eine Verfahrensver- einfachung nach Art. 125 lit. a ZPO als gegeben. Für den Beweis seiner unfallbedingten Ar- beitsunfähigkeit werde im Falle der Bejahung einer grundsätzlichen Haftung der Berufu ngsklä- gerin eine umfangreiche medizinische Begutachtung notwendig sein. Auf den Entscheid der SUVA könne nicht abgestellt werden, da aufgrund des UVG -rechtlichen Adäquanzbegriffes nicht sämtliche Unfallfolgen durch die SUVA berücksichtigt worden seien. Es werde auch zu klären sein, in welchem Ausmass der Berufungsbeklagte aufgrund der Unfallfolgen in der Haushaltsführung eingeschränkt sei. Diese aufwendige medizinische Begutachtung hätte sich als nicht erforderlich erwiesen, wenn die Vorinstanz das Vorliege n eines vertragsverletzenden bzw. widerrechtlichen, adäquat-kausalen und schuldhaften Verhaltens der Berufungsklägerin in Bezug auf das Unfallereignis verneint hätte. Das Vorgehen der Vor instanz sei daher korrekt gewesen und habe den Prozess im Sinne von Art. 125 lit. a ZPO vereinfacht. 3.3 Gemäss Art. 125 lit. a ZPO kann das Gericht das Verfahren auf Antrag einer Partei, im Einvernehmen beider Parteien oder von Amtes wegen auf einzelne prozessuale oder materiell- rechtliche Fragen oder auf einzelne Rechtsbegehren beschränken. Über eine Verfahrensverein- fachung, die grundsätzlich bei allen Verfahrensarten und in jedem Verfahrensstadium angeord- net werden kann, entscheidet das Gericht nach seinem Ermessen (BSK ZPO -GSCHWEND, 3. Aufl., 2017, Art. 125 N 1, 3). Ein e Beschränkung des Verfahrens auf einzelne Fragen kann beispielsweise sinnvoll sein, wenn deren Bejahung oder Verneinung zu einer sofortigen Erledi- gung des Verfahrens unter Vermeidung eines erheblichen Kosten- sowie Zeitaufwandes, insbe- sondere eines weitlä ufigen Beweisverfahrens, führt. Die Verfahrensbeschränkung auf einzelne Fragen kommt namentlich dann in Betracht, wenn die Möglichkeit besteht, dass die Verjährung oder Verwirkung bejaht oder die Rechtzeitigkeit einer Mängelrüge, die Haftung der beklagten Partei im Grundsatz oder eine Aktiv -/Passivlegitimation verneint wird (KUKO ZPO -WEBER, 3. Aufl., 2021, Art. 125 N 3 f.; SUTTER-SOMM/ SEILER, Handkomm. ZPO, 2021, Art. 125 N 2 f.; BSK ZPO-GSCHWEND, 3. Aufl., 2017, Art. 125 N 7). Die Verfahrensbeschränkung wurde im vor- liegenden Fall mit der erstinstanzlichen Verfügung vom 16. Mai 2017 angeordnet. Diese stellt eine prozessleitende Verfügung im Sinne von Art. 124 Abs. 1 ZPO dar, welche nur dann be- schwerdefähig ist, wenn das Gesetz explizit eine Be schwerdemöglichkeit einräumt (Art. 319 lit. b Ziff. 1 ZPO), wenn der beschwerdeführenden Partei dadurch ein nicht leicht wiedergutzu- machender Nachteil droht (Art. 319 lit. b Ziff. 2 ZPO) oder wenn die Anordnung zu einer Rechtsverzögerung führt (Art. 319 lit. c ZPO). Keine dieser Gründe wurde von der Berufungs- klägerin angerufen und sie verzichtete auf eine Beschwerde gegen die prozessleitende Verfü- gung vom 16. Mai 2017, welche folglich rechtskräftig wurde. Die Verfahrensbeschränkung durch die Vorinstanz ist überdies aus sachlichen Gründen sinnvoll und zulässig. Die Abteilung Zivilrecht des Kantonsgerichts schliesst sich der Meinung der Vorinstanz an, wonach mit der Verfahrensbeschränkung auf bestimmte Rechtsfragen eine Vereinfachung und Verkürzung des Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Verfahrens herbeigeführt werden kann. In Erwägung 2 des angefochtenen Urteils wurde die Verfahrensvereinfachung damit begründet, dass im Rahmen eines Zwischenentscheids nur darüber entschieden würde, ob eine Sorgfaltspflichtverletzung der Berufungsklägerin vorgel e- gen habe und für den Unfall vom 2. April 2008 kausal gewesen sei sowie ob ein Verschulden der Berufungsklägerin bejaht werden könnte. Die Vorinstanz bestätigte im angefochtenen Urteil vom 13. Dezemsber 2021 eine Sorgfaltspflichtverletzung, welche kausal für den Unfall vom 2. April 2008 und von der Berufungsklägerin verschuldet gewesen sein soll. Wäre die Vorinstanz zu einem gegenteiligen Schluss gelangt oder würde die Rechtsmittelinstanz die Rechtsfragen im angefochtenen Zwischenentscheid abweichend beur teilen, so würde ein verfahrensbeen- dender Endentscheid vorliegen. Diesfalls würde eine Prüfung der weitergehenden Haftungsvo- raussetzungen und der Haftungsfolgen entfallen, was eine bedeutende Zeit - und Kostenerspar- nis mit sich bringen würde. Der Berufungsk lägerin ist sodann zu widersprechen, dass die schriftliche Klagebegründung den Behauptungs - und Substantiierungsanforderungen gemäss Art. 221 ZPO nicht entsprechen würde (im Detail dazu die nachfolgenden Erwägungen 4.1 bis 4.3.2). Die Beschränkung des Verf ahrens gemäss prozessleitender Verfügung vom 16. Mai 2017 war demnach sachlich sinnvoll und nach Art. 125 lit. a ZPO zulässig. Die Rüge der Beru- fungsklägerin ist dementsprechend abzuweisen. 4.1 Die Berufungsklägerin moniert eine ungenügende Substantiieru ng des behaupteten An- spruchs in der schriftlichen Klagebegründung des Berufungsbeklagten vom 16. Oktober 2017. Entgegen Ziff. 2 der prozessleitenden Verfügung vom 16. Mai 2017 habe es der Berufungsbe- klagte unterlassen, eine Klagebegründung einzureichen, we lche den Formalien von Art. 221 ZPO genügen würde. Insbesondere seien die angeblich erlittenen körperlichen Beeinträchti- gungen nicht einzelnen Beweismitteln zugeordnet worden. Damit sei er seiner Substantiie- rungspflicht nicht nachgekommen. Die behaupteten körperlichen Beeinträchtigungen hätten gemäss Ziff. 2 der Verfügung vom 16. Mai 2017 bereits im Rahmen des eingeschränkten Pro- zessstoffs geprüft werden müssen. Zumal dies nicht erfolgt sei, müsse die Klage ohne Weiteres abgewiesen werden. Die Alternative w äre gewesen, dass die schriftliche Klagebegründung be- reits sämtliche Tatsachenbehauptungen (u.a. auch zum Schaden) hätte enthalten müssen. In diesem Fall hätte die Klage aus prozessökonomischen Gründen abgewiesen werden müssen, weil der Schaden nicht hinre ichend behauptet, geschweige denn substantiiert oder bewiesen worden wäre. Das angefochtene Urteil sei so oder anders falsch und damit aufzuheben. Im Üb- rigen stelle die verweigerte Überprüfung der ungenügenden Substantiierung der Klage eine Verletzung des rechtlichen Gehörs der Berufungsklägerin dar. 4.2 Der Berufungsbeklagte entgegnet, Sinn und Zweck der verfahrensleitenden Verfügung sei es gewesen, den Prozess auf die Fragen der Sorgfaltspflichtverletzung der Berufungskläge- rin sowie deren Kausalität und d as Verschulden der Berufungsklägerin zu beschränken. Ent- sprechend habe die Vorinstanz in ihrem Entscheid festgehalten, dass die weitergehenden Haf- tungsvoraussetzungen und die Haftungsfolgen nicht Gegenstand der Beurteilung gewesen sei- en. Unbesehen davon ha be der Berufungsbeklagte in der Klagebegründung sehr wohl festge- halten und belegt, welche körperlichen Beeinträchtigungen er gestütz t auf das Unfallereignis vom 2. April 2008 erlitten habe. Selbst wenn man der unzutreffenden Ansicht der Berufungsklä- Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht gerin folgen würde, sei festzustellen, dass der Berufungsbeklagte der Substantiierungsanforde- rung seiner Klage nachgekommen sei. 4.3.1 Für die Abteilung Zivilrecht des Kantonsgerichts stellt sich erst einmal die Frage, ob der Berufungsklägerin ein Rechtsschutzi nteresse im Sinne von Art. 59 Abs. 2 lit. a ZPO zukommt, wenn sie behauptet, die unfallbedingten körperlichen Beeinträchtigungen des Berufungs - beklagten respektive (alternativ) alle weiteren Tatsachenbehauptungen – beispielsweise zum Schaden – hätten subst antiiert in der schriftlichen Klagebegründung enthalten sein müssen. Das Vorliegen der Prozessvoraussetzungen ist von jedem Gericht von Amtes wegen zu prüfen (Art. 60 ZPO). Die Berufungsklägerin macht keine Angaben dazu und es ist auch nicht ersicht- lich, i nwiefern sie benachteiligt wäre, wenn die Vorinstanz zunächst im Rahmen eines Zwi- schenentscheids das Vorliegen einer unfallkausalen Sorgfaltspflichtverletzung der Berufungs- klägerin und deren Verschulden beurteilt und, gegebenenfalls, in einem zweiten Schritt prüft, ob die als Unfallfolgen geltend gemachten körperlichen Beeinträchtigungen des Berufungsbeklag- ten sowie der daraus entstandene Schaden genügend substantiiert und nachgewiesen sind. Mangels eines rechtlich geschützten Interesses ist auf diese Rüge der Berufungsklägerin nicht einzutreten. 4.3.2 Selbst wenn ein Rechtsschutzinteresse der Berufungsklägerin bejaht würde, müsste ihre Rüge abgewiesen werden. Mit prozessleitender Verfügung vom 16. Mai 2017 ordnete die Vorinstanz was folgt an: «1. Das Verfahren wird vorerst auf die abstrakte Frage beschränkt, ob die Beklagtenpartei für die von der Klagpartei noch substantiiert zu behauptenden (vgl. Ziffer 2 hie nach) kör- perlichen Beeinträchtigungen, falls sich diese zu einem späteren Zeitpunkt nachweisen lassen sollten, haftet oder nicht. 2. Es wird das schriftliche Verfahren angeordnet, und die Klagpartei erhält Frist bis 30. Juni 2017 zur Einreichung ihrer schriftlichen Klagbegründung, in welcher sie in Beachtung der Formalien gemäss Art. 221 ZPO insbesondere substantiiert darzulegen hat, a) welche konkreten körperlichen Beeinträchtigungen sie aufgrund des Unfalls erlitten haben will b) gestützt auf welche Bestimmungen und aus welchen Gründen die Beklagtenpartei ihr für diese Beeinträchtigungen haften soll.» Die Abteilung Zivilrecht des Kantonsgerichts folgt der Meinung der Vorinstanz, wonach diese angeordnete Verfahrensbeschränkung dahingehend zu verstehen war, dass im Rahmen des zu fällenden Zwischenentscheids nur zu beurteilen war, ob eine Sorgfaltsp flichtverletzung der Be- rufungsklägerin vorlag und diese für den Unfall vom 2. April 2008 kausal war sowie ob ein Ver- schulden der Berufungsklägerin bejaht werden konnte. Die weitergehenden Haftungsvorausset- zungen und die Haftungsfolgen wurden explizit ausge klammert und waren nicht Gegenstand des Zwischenentscheids. Damit die Vorinstanz über das Vorliegen einer für die behaupteten körperlichen Beeinträchtigungen kausalen Sorgfaltspflichtverletzung der Berufungsklägerin be- finden konnte, wurde der Berufungsbeklagte gestützt auf Art. 246 Abs. 2 ZPO dazu verpflichtet, eine schriftliche Klagebegründung einzureichen, welche die Anforderungen an eine Klage nach Art. 221 ZPO erfüllen musste und in welcher insbesondere die unfallbedingten körperlichen Be- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht einträchtigungen des Berufungsbeklagten sowie die Haftungsgrundlagen und die Haftungs- gründe der Berufungsklägerin dargelegt werden mussten. In Ziff. 1-4 der Klagebegründung vom 16. Oktober 2017 kam der Berufungsbeklagte dieser Aufforderung nach, indem er jede einzelne beim Unfall erlittene Verletzung behauptete und mittels ärztlicher Berichte belegte. Zudem hielt er hinsichtlich der Kausalität fest, dass im Haftpflichtrecht ein anderer Adäquanzbegriff als im Bereich der obligatorischen Unfallversicherung gelte, weshalb für die Beurteilung der haftpflicht- rechtlichen Ansprüche des Berufungsbeklagten nicht auf die Rentenverfügung der SUVA, die einen adäquaten Kausalzusammenhang abgelehnt und nur die unmittelbar physischen Verlet- zungen des Berufungsbeklagten anerkannt habe, ab gestellt werden könne. Es sei daher eine polydisziplinäre medizinische Begutachtung in Auftrag zu geben. Im Weiteren legte der Beru- fungsbeklagte in der Klagebegründung dar, dass er als temporärer angestellter Mitarbeiter für die Berufungsklägerin tätig gewesen sei, weshalb Le tztere aus Art. 101 i.V.m. Art. 97 OR hafte oder, wenn man dem temporären Arbeitsverhältnis keinen vertraglichen Charakter beimessen würde, aus Art. 55 i.V.m. Art. 41 OR. Der Berufungsbeklagte zählte noch weitere Haftungs- grundlagen auf und begründete, weshalb seiner Ansicht nach die Berufungsklägerin für die Un- fallfolgen hafte (dazu nachstehende Erwägungen 5.1 ff.). Damit entsprach die Klagebegründung vom 16. Oktober 2017 zweifelsohne den in der prozessleitenden Verfügung vom 16. Mai 2017 sowie in Art. 221 ZPO gestellten Klageanforderungen, wobei die Anwaltsvollmacht und die Kla- gebewilligung bereits mit der Teilklage vom 3. Oktober 2016 eingereicht wurden. Die Rüge der Berufungsklägerin, dass die Behauptungs- und Substantiierungsanforderu ngen gemäss Art. 221 ZPO nicht erfüllt seien, geht daher ins Leere, zumal die Feststellung und Ermittlung des Schadens sowie eine allfällige Schadenersatzbemessung explizit nicht Gegenstand der Verfü- gung vom 16. Mai 2017 und des angefochtenen Zwischenentscheids waren. Aufgrund des Dar- gelegten hielt die Vorinstanz zu Recht fest, dass die von der Berufungsklägerin behauptete un- genügende Substantiierung in der Klagebegründung des Berufungsbeklagten nicht weiter zu prüfen war. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz ist nicht ersichtlich. 5.1 In materieller Hinsicht bestreitet die Berufungsklägerin zusammenfassend, die arbeits - rechtlichen Fürsorge- und Schutzpflichten verletzt zu haben, indem sie dem Berufungsbeklag- ten keine seitlichen Abst ützvorrichtungen für das von ihm verwendete Gerüst zur Verfügung gestellt habe. Die Vorinstanz habe Art. 328 OR, Art. 82 Abs. 1 UVG und Art. 53 der damals gel- tenden Bauarbeitenverordnung vom 29. Juni 2005 (aBauAV, AS 2005 4289) falsch angewen- det. Sie habe einseitig auf die Schutzpflichten der Arbeitgeberin abgestellt, ohne die im Hinblick auf die Arbeitssicherheit bestehenden Mitwirkungs - und eigenen Pflichten des Arbeitnehmers zu berücksichtigen. Die Berufungsklägerin habe in der Klageantwort, in der Dupl ik sowie an- lässlich der Hauptverhandlung wiederholt, dass (a) der Berufungsbeklagte das Gerüst wei- sungswidrig und entgegen den ihm aufgrund seiner Berufserfahrung bekannten anerkannten Regeln benützt habe, (b) er nach Art. 11 der Verordnung über die Unfall verhütung (VUV, SR 832.30) für die Überprüfung des Gerüstes und für die Beseitigung allfälliger Mängel am Gerüst verantwortlich gewesen sei und (c) allfällig bestehende Mängel der Berufungsklägerin hätte anzeigen müssen. Die Berufungsklägerin habe wiederho lt vorgebracht, dass der Berufungsbe- klagte das Gerüst entgegen den Weisungen und entgegen den anerkannte n Regeln der Bau- kunde verwendet habe, indem er die Rollen des Gerüsts nicht arretiert habe, das Gerüst fort- bewegt habe, während er sich darauf befunden habe, weisungswidrig und entgegen den aner- Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht kannten Regeln der Baukunde Krafteinwirkung quer zum Gerüst ausgeübt habe und – aufgrund des Umstandes, dass er über eine Flex verfügt habe – gar keinen grossen Kraftaufwand hätte verwenden dürfen und müssen. Dies habe der Berufungsbeklagte aufgrund seiner Ausbildung und Berufserfahrung wissen müssen. Die Feststellung der Vorinstanz, dass aufgrund des gros- sen erforderlichen Kraftaufwandes und der Stossbewegungen bei der Verrichtung der konkre- ten Arbeiten seitliche A bstützvorrichtungen auch bei einer Standhöhe des Gerüstes von unter 3.99 m erforderlich gewesen seien, sei deshalb unzutreffend. Die Vorinstanz habe zudem zu Unrecht das Vorliegen eines adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen der angeblichen Sorgfaltspflichtverletzung der Berufungsklägerin und dem Umkippen des Gerüstes bejaht. Dem Berufungsbeklagten werde vorgeworfen, dass er es unterlassen habe, den Kausalverlauf zu ändern, obwohl er dazu verpflichtet gewesen sei. Der sog. hypothetische Kausalzusammen- hang zwischen Unterlassung und Schadenseintritt werde bejaht, wenn rechtzeitiges Handeln die Schädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit verhindert hätte. Dem Gutachten könne gerade nicht entnommen werden, dass ein Umk ippen des Gerüsts mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit verhindert worden wäre, wenn – bei nicht arretierten Feststellbremsen – seitliche Abstützvorrichtungen vorhanden gewesen wären. Ohnehin wäre ein adäquater Kausalzusam- menhang durch das grobe Selbstversc hulden des Berufungsbeklagten, bzw. durch dessen ei- genverantwortliche Selbstgefährdung unterbrochen worden. Schliesslich habe die Vorinstanz die Anforderungen an das von Bundesrechts wegen vorgeschriebene Beweismass verletzt, weil sie die beschriebenen Ein wände der Berufungsklägerin unberücksichtigt gelassen habe . Sie habe nicht ausgeführt, weshalb sie es als erstellt erachtet habe, dass der Berufungsbeklagte das Gerüst nicht wie von der Berufungsklägerin dargetan verschoben habe, während er sich darauf befunden habe. Ebenso habe sie nicht ausgeführt, weshalb sie es als erwiesen erachte, dass für die Verrichtung der Arbeiten ein grosser Kraftaufwand erforderlich gewesen sein soll, obwohl dies aus physikalischen Gründen ohne Arretierung der Feststellbremsen z u einem Ver- schieben des Gerüsts hätte führen müssen. Die Vorinstanz habe sich auch nicht dazu geäus- sert, weshalb sie die von der Berufungsklägerin beanstandete Arbeit in Querrichtung zum Ge- rüst nicht geprüft habe und dass dem Berufungsbeklagten eine Flex zur Verfügung gestellt wor- den sei, so dass auch deshalb nicht von grossem Kraftaufwand auszugehen gewesen sei. Auf- grund der Ausführungen der Berufungsklägerin habe die Vorinstanz erhebliche Zweifel an der Behauptung des Berufungsbeklagten haben müssen, dass er für die Ausführung seiner Arbeit grosse Kraft habe aufwenden müssen. Indem die Vorinstanz mit keinem Wort begründet habe, weshalb die diesbezüglichen Vorbringen der Berufungsklägerin nicht zu berücksichtigen seien, habe sie den Anspruch der Berufungsklägerin auf Gewährung des rechtlichen Gehörs verletzt. 5.2 Der Berufungsbeklagte weist die Vorwürfe der Gegenseite zurück und bezeichnet das vorinstanzliche Urteil als korrekt. Diese habe richtig erkannt, dass die seitlichen Abstützvorrich- tungen notwendig g ewesen wären, um das Umkippen des Gerüstes zu verhindern. Die entge- genstehenden Ausführungen der Berufungsklägerin seien unsubstantiiert und ihre weitere Kritik sei appellatorisch. Das Verhalten der Berufungsklägerin sei zudem treuwidrig, da sie dem Beru- fungsbeklagten kein Gerüst mit seitlichen Abstützungen zur Verfügung gestellt habe und ihm vorwerfe, sich nicht dagegen gewehrt zu haben. Die Berufungsklägerin habe im vor instanz- lichen Verfahren weder nachgewiesen, dass sie den Berufungsbeklagten in irgend einer Weise hinsichtlich der auszuführenden Arbeit instruiert habe, noch dass das Umkippen des Gerüsts Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht auf einen «unsachgemäss ausgeübten Krafteinsatz» des Berufungsbeklagten zurückzuführen gewesen sei. Diese Behauptung steh e in Widerspruch zu r weiteren Be hauptung, wonach der Berufungsbeklagte gar nicht mittels Krafteinsatz die Betonbrauen habe abstossen müssen, sondern eine Flex verwendet habe. Sodann sei es völlig unglaubwürdig und überdies nicht be- wiesen, dass der Berufungsbeklagte angewiesen worden sein soll, die Druckbewegungen nur in eine ganz bestimmte Richtung auszuüben, um ein Umkippen des Gerüsts zu verhindern. Ent- scheidend sei – und dies könne auch dem Gutachten entnommen werden –, dass die Beru- fungsklägerin damit habe rechnen müssen, dass bei der zugewiesenen Arbeit ruckartige Bewe- gungen hätten auftreten können. Damit habe ein Umstürzen des Gerüsts gedroht, weshalb seit- liche Stützen hätten angebracht werden müssen. Ein allfälliges Selbstverschulden des Beru- fungsbeklagten sei im Rahmen der späteren Schadenersatzbemessung zu berücksichtigen. Im Zwischenentscheid gehe es nur um die grundsätzliche Haftung der Berufungsklägerin. Diese habe nicht beweisen können, dass das Gerüst auch dann umgekippt wäre, wenn seitliche Ab- stützvorrichtungen vorhanden gewe sen wären, weil die Feststellbremsen nicht arretiert gewe- sen seien. Der Gutachter habe die entsprechende Frage nicht beantworten können. Im Weite- ren habe der Gutachter dargelegt, dass sogar eine Ausführung der Arbeiten nur in Längsrich- tung das Gerüst zum K ippen hätte bringen können. Somit sei die Behauptung der Berufungs- klägerin, wonach sie den Berufungsbeklagten angeblich angewiesen habe, keine grosse Kraft quer zum Gerüst aufzuwenden, erwiesenermassen irrelevant, weshalb sich die Vorinstanz mit dieser Behauptung nicht habe auseinandersetzen müssen. Der Vorwurf der Gehörsverletzung sei daher verfehlt. Der Berufungsbeklagte habe mittels ärztlicher Berichte belegt, welche Verlet- zungen er sich beim Unfall vom 2. April 2008 zugezogen habe, womit der adäquat -kausale Zu- sammenhang zwischen dem Sturz vom Gerüst und den Verletzungen bewiesen sei. Inwiefern grobes Selbstverschulden des Berufungsbeklagten vorliegen würde, bleibe unsubstantiiert. Die Berufungsklägerin erbringe keinen Beweis dafür, dass der Berufungsbekl agte angeblich ele- mentarste Vorsichtsmassnahmen ausser Acht gelassen und sein Verhalten den adäquaten Kausalzusammenhang unterbrochen haben soll. Die Berufungsklägerin habe gewusst, dass keine seitlichen Abstützvorrichtungen vorhanden gewesen seien, die de r Berufungsbeklagte hätte anbringen können. Sie hätte vom Berufungsbeklagten gar nicht verlangen dürfen, diese Arbeiten auszuführen. Die Berufungsklägerin sei verpflichtet gewesen, das notwendige und den Sicherheitsbestimmungen entsprechende Arbeitsmateria l zur Verfügung zu stellen. Es könne nicht angehen, dass sich die Berufungsklägerin um ihre Pflichten foutiere und im Falle eines Unfalls sich auf den Standpunkt stelle, dass der Berufungsbeklagte am Unfall selbst schuld sei. Der Berufungsklägerin könne da her nicht gefolgt werden und ihre Berufung sei vollumfänglich abzuweisen. 5.3.1 Nach Ansicht der Dreierkammer der Abteilung Zivilrecht des Kantonsgerichts hielt die Vorinstanz in Erwägung 3.1 ihres Zwischenentscheids vom 13. Dezember 2021 zu Beginn rich- tig fest, dass zwischen einem Einsatzbetrieb (hier die Berufungsklägerin) und dem in seinem Dienst tätigen Temporärarbeitnehmer (hier der Berufungsbeklagte) kein direktes arbeitsvertrag- liches Verhältnis bestand. Zudem erwog die Vorinstanz unt er Hinweis auf einen Teil der Lehre, auf BGE 119 V 359 E. 2a sowie auf mehrere bundesrechtlichen Bestimmungen auf Gesetzes - und Verordnungsstufe (Art. 342 Abs. 1 lit. b OR, Art. 6 des Arbeitsgesetzes [ArG, SR 822.11], Art. 9 der Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz [SR 822.113] und Art. 10 VUV), dass mit dem Über- Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht lassen des Temporärarbeitnehmers an die Berufungsklägerin und der damit einhergehenden Abtretung von wesentlichen Weisungsbefugnissen auch die Fürsorgepflicht gemäss Art. 328 OR an die Berufungsklägerin abgetreten worden sei. Es sei daher zu prüfen, ob die Berufungs- klägerin diese Fürsorgepflicht verletzt habe. Diese zutreffenden Ausführungen der Vor instanz blieben unangefochten. In Erwägung 3.2 auf S. 14 f. ihres Zwischenentscheids führte die Vor - instanz weiter aus, gemäss dem Gutachten habe das Rollgerüst am Unfalltag für die auszufüh- renden Arbeiten des Berufungsbeklagten auf dem vorhandenen Boden verwendet werden dür- fen, sofern es nach dem Stand der Technik richtig montiert und benutzt worden wäre. Laut dem Gutachten habe dem Gerüst der Seitenschutz (auf den Längsseiten die Fussbretter, auf den Stirnseiten die Geländerholme, die Zwischenholme und die Fussbretter) gemäss Art. 14 aBauV gefehlt, was für den Unfall jedoch nicht relevant gewesen sei, so dass d er Berufungsklägerin unter diesem Aspekt keinen Vorwurf getroffen habe. Entsprechend dem Gutachten seien nach dem Stand der Technik 2008 bei Rollgerüsten seitliche Auslegerstützen grundsätzlich erst bei einer Standhöhe von 4.00 m zwingend und bei geringere r Standhöhe lediglich empfohlen ge- wesen. Im vorliegenden Fall habe allerdings davon ausgegangen werden müssen, dass es sich bei den am 2. April 2008 auszuführenden Arbeiten – dem Abkratzen von Betonresten und Brauen von der Betondecke mittels eines Schaber s – um ruckartige Bewegungen gehandelt habe. Solche ruckartigen Bewegungen hätten gemäss dem Gutachten durch Auslegerstützen und arretierte Feststellbremsen aufgefangen werden können. Daraus folgerte die Vorinstanz, dass für die konkret auszuführenden Arbeiten gestützt auf Art. 53 aBauV seitliche Auslegerstüt- zen sowie das Arretieren der Feststellbremsen an den Rollen notwendig gewesen seien. Auf- grund der fehlenden, vom Arbeitgeber nicht zur Verfügung gestellten seitlichen Abstützvorrich- tungen habe das Rollg erüst nicht den Vorgaben von Art. 82 UVG entsprochen. Es liege daher eine Verletzung der arbeitsvertraglichen Schutzpflicht durch die Berufungsklägerin vor. Ferner sei aufgrund des Verstosses gegen die erwähnten öffentlich -rechtlichen Bestimmungen auch die Widerrechtlichkeit gegeben. Das Gutachten sei klar, schlüssig und nachvollziehbar und es liege kein Grund vor, von den gutachterlichen Schlussfolgerungen abzuweichen. Die im krimi- naltechnischen Bericht der Kantonspolizei Basel-Landschaft vom 14. April 2008 widergegebene Feststellung des technischen Experten des basellandschaftlichen Bauinspektorates , dass das Rollgerüst den Sicherheitsvorschriften entsprochen habe, konnte nach Ansicht der Vor instanz die gutachterlichen Feststellungen nicht erschüttern, zumal die Feststellung im Bericht nicht weiter begründet worden sei und damit nicht nachvollziehbar sei. Die Dreierkammer der Abtei- lung Zivilrecht folgt der vorinstanzlichen Feststellung, dass gestützt auf die Aussagen im Gut- achten die unterlassene Zurverfüg ungstellung der seitlichen Auslegerstützen eine Verletzung der arbeitsvertraglichen Schutzpflicht im Sinne von Art. 328 OR, Art. 82 Abs. 1 UVG und Art. 53 Abs. 1 aBauV darstellt. 5.3.2 Hinsichtlich der Behauptung des Berufungsbeklagten, von der Berufungsklägerin nie in der Handhabung des Gerüstes instruiert worden zu sein und keine Montageanleitung des Ge- rüstes erhalten zu haben, fasste die Vorinstanz in Erwägung 3.2 S. 16 des Zwischenentscheids vom 13. Dezember 2021 unter Hinweis auf die Beweislastverteil ung nach Art. 8 ZGB zusam- men, dass der Berufungsbeklagte den Nachweis der Schutzpflichtverletzung zu erbringen habe. Bei der Nichterfüllung von Schutzpflichten durch Unterlassung handle es sich um den Beweis negativer Tatsachen, so dass der nicht beweisbelasteten Arbeitgeberin nach Treu und Glauben Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine beweisrechtliche Mitwirkung obliege. Die Arbeitgeberin habe demnach die zum Negativum vorgetragenen Behauptungen substantiiert zu bestreiten (vgl. zu diesen zutreffenden Ausfüh- rungen der Vorinstanz BGer 4A_3 64/2013, 4A_394/2013, 4A_396/2013 vom 5. März 2014 E. 6.6.4 m.w.H.; BGE 147 III 139 E. 3.1.2; BSK ZGB I -LARDELLI/VETTER, 7. Aufl., 2022, Art. 8 N 30, 72 f.; BK ZPO -WALTER, 2012, Art. 8 N 327, 333 ff.). Dies dispensiere den Berufungsbe- klagten jedoch nicht d avon, konkrete Behauptungen aufzustellen. In casu habe der Berufungs- beklagte jedoch nicht substantiiert dargetan, welche Anweisungen ihm die Berufungsklägerin konkret hätte geben müssen. Seine pauschale Behauptung, in der Handhabung des Rollgerüs- tes nie instruiert worden zu sein, genüge nicht, weswegen dem Berufungsbeklagten der Nach- weis der Missachtung einer entsprechenden Schutzpflicht durch die Berufungsklägerin misslun- gen sei. Die pauschale Behauptung des Berufungsbeklagten sei zudem durch die ähnlich p au- schal gehaltene Aussage des an der Hauptverhandlung einvernommenen Zeugen widerlegt worden. Der befragte ehemalige Vorgesetzte des Berufungsbeklagten, ein Bauführer, habe zum einen bestätigt, dass der ehemalige Polier den Berufungsbeklagten in Bezug auf das Gerüst instruiert und geschult habe. Zum anderen habe der Zeuge ausgeführt, dass der Berufungsbe- klagte vor dem Unfall mehrmals auf diesem Gerüst gearbeitet habe. Daraus folgerte die Vor - instanz, dass der Berufungsklägerin unter dem Aspekt der Instrukti on keine Verletzung einer Fürsorge- bzw. Schutzpflicht vorgeworfen werden könne. Diese Feststellung der Vorinstanz blieb unangefochten, so dass darauf nicht weiter einzugehen ist. 5.3.3 Die Berufungsklägerin verneint generell, arbeitsrechtliche Fürsorge - bzw. Schutzpflich- ten verletzt zu haben. Sie verweist hierzu auf sicherheitsrelevante Mitwirkungs - und eigene Pflichten des Berufungsbeklagten, welche von diesem nicht eingehalten und vom erstinstanzli- chen Gericht nicht berücksichtigt worden seien. Ebenfalls sei vom erstinstanzlichen Gericht in Verletzung des rechtlichen Gehörs nicht gewürdigt worden, dass der Berufungsbeklagte die konkreten Arbeiten weisungswidrig und entgegen den anerkannten Regeln der Baukunde durchgeführt habe. Nach Meinung der Dreierkamm er der zivilrechtlichen Abteilung des Kan- tonsgerichts kann eine allfällige Verletzung von Mitwirkungs - und eigenen Pflichten des Beru- fungsbeklagten respektive eine behauptete weisungswidrige Arbeitsausführung durch den Be- rufungsbeklagten vorliegend ohnehin nicht dazu führen, dass die erstinstanzlich festgestellte Fürsorgepflichtverletzung der Berufungsklägerin (Nichtzurvefügungsstellen eines Rollgerüstes mit seitlichen Abstützvorrichtungen) aufgehoben oder nachträglich gerechtfertigt werden könn- te. Insbeson dere wenn der Berufungsbeklagte weisungsgemäss gehandelt hätte, mithin die Feststellbremsen arretiert sowie die Arbeiten an der Decke in Längsrichtung zum Gerüst ausge- führt hätte, wäre gemäss dem Gerichtsgutachter das Anbringen der seitlichen Auslegerstütz en gleichwohl erforderlich gewesen, zumal für das Entfernen von Betonbrauen an der Decke eine Druckbewegung notwendig gewesen sei. Der Gutachter bezeichnete es im Gutachten als un- wahrscheinlich, dass diese Druckbewegung zu 100 % in Längsrichtung ausgeführt werden kön- ne und er wies darauf hin, dass bereits eine leichte Abweichung zu einer 100 %-igen Stossbe- wegung in Längsrichtung das Gerüst hätte zum Kippen bringe n können (vgl. Antwort auf Fra- ge 7 der Beklagtenpartei, Ergänzungsgutachten S. 4). Der Gerichtsgutachter erklärte zudem auf Seite 1 seines Ergänzungsgutachten, dass und weshalb beim Entfernen von Betonresten in der Regel ruckartige Stossbewegungen ausgeführt würden, womit die Standsicherheit auf einem Gerüst ohne seitlichen Abstützvorrichtungen nicht mehr gewährleistet sein würde. Nachdem Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht das Gerichtsgutachten in Bestätigung der vorinstanzlichen Ansicht als klar, schlüssig und nach- vollziehbar bewertet werden kann, ist auf die gutachterlichen Schlussfolgerungen abzustellen, soweit kein triftiger Grund eine Abweichung rechtfertigt. 5.3.4 Die allenfalls unterlassenen Mitwirkungs - und eigenen Pflichten des Berufungsbeklag- ten sowie die behauptete weisungswidrige Arbeitsausführung spielen allerdings bei der an- schliessenden Prüfung des für eine Haftung erford erlichen Kausalzusammenhanges zwischen der Fürsorgepflichtverletzung der Berufungsklägerin und der eingetretenen Rechtsgutsverlet- zung (sog. haftungsbegründende Kausalität) sowie eventuell zwischen der Rechtsgutsverlet- zung und dem eingetretenen Schaden (sog . haftungsausfüllende Kausalität, vgl. dazu u.a. SCHWENZER/FOUNTOULAKIS, OR AT, 8. Aufl., 2020, § 19.01 m.w.H.) eine Rolle. Der Kausalitäts- frage ging die Vorinstanz in Erwägung 3.3 des angefochtenen Urteils nach. Dazu hielt sie mit Verweis auf BGE 124 III 155 E. 3d fest, dass sich der rechtlich relevante Kausalzusammenhang bei einer Unterlassung danach bestimme, ob der Schaden / das Ereignis auch bei Vornahme der unterlassenen Handlung eingetreten wäre. Es gehe dan n um einen hypothetischen Kausal- verlauf, für den nach den Erfahrungen des Lebens und dem gewöhnlichen Lauf der Dinge eine überwiegende Wahrscheinlichkeit sprechen müsse. Im vorliegenden Fall hätten gemäss dem Gerichtsgutachten seitliche Abstützvorrichtunge n und das Arretieren der Feststellbremsen ein Umkippen des Gerüstes verhindert. Zwar habe der Gutachter nicht eindeutig beantworten kön- nen, ob die Abstützvorrichtungen ein Umkippen des Gerüstes nur dann verhindert hätten, wenn die Feststellbremsen arretier t gewesen wären. Betrachte man die Schlussfolgerungen des Sachverständigen allerdings in ihrer Gesamtheit, gelange man laut der Vorinstanz zum Ergeb- nis, dass die beiden genannten Unterlassungen das Unfall ereignis wohl gemeinsam, mithin kumulativ, verursacht haben müssten, was zur Annahme der hypothetischen Kausalität genü- gen müsse. Demgemäss sei das Fehlen der Abstützvorrichtungen für das Unfallereignis als (mit)kausal zu erachten. Darüber hinaus sei das Anbringen der Stützen nach dem gewöhnli- chen Lauf der Dinge ohne weiteres dazu geeignet, ein Unfallereignis wie das in casu eingetre- tene zu verhindern. Die Vorinstanz erwog ferner unter Hinweis auf BGE 116 II 519 E. 4, dass ein Selbstverschulden des Berufungsbeklagten den Kausalzusammenhang zu unterbrechen vermöge, wenn es ausserhalb des normalen Geschehens liege und damit nicht zu rechn en ge- wesen sei. Gemäss Art. 6 Abs. 3 VUV hätte die Berufungsklägerin zudem dafür sorgen müs- sen, dass der Berufungsbeklagte ihre behauptete Weisung, er müsse die Bremsen der R ollen arretieren, auch befolge. Die unterlassene Arretierung der Feststellbremsen habe den Kausal- zusammenhang zwischen der Verletzung der arbeitgeberrechtlichen Schutzpflicht durch die Berufungsklägerin und dem Unfallereignis daher nicht unterbrechen könne n. Zum selben Er- gebnis würde man im Übrigen auch gelangen, wenn man die Lehre der Unterbrechung des Kausalzusammenhanges ablehne und nur den Schutzzweck der verletzten Norm über die Er- satzfähigkeit entscheiden liesse und das Selbstverschulden des Geschädig ten über Art. 44 Abs. 1 OR löse. Das gegebenenfalls mitursächliche Verhalten des Berufungsbeklagten sei da- her nach Meinung der Vorinstanz allenfalls zu gegebener Zeit unter dem Aspekt der Bemes- sung des geschuldeten Schadenersatzes zu berücksichtigen. Dies gelte ebenso in Bezug auf die unterlassene sicherheitsrelevante Prüfung des Gerüstes durch den Berufungsbeklagten und die Einstellung seiner Arbeit nach Art. 11 VUV und Art. 49 Abs. 1 aBauAV. Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.3.5 Aus der soeben zusammengefassten Erwägung 3.3 des erstinst anzlichen Zwischen- entscheids vom 13. Dezember 2021 ergibt sich, dass die Vorinstanz die unterlassene Arretie- rung der Feststellbremsen durch den Berufungsbeklagten auch deshalb nicht als kausalunter- brechend gewertet hat, weil die Berufungsklägerin den Beru fungsbeklagten nach Art. 6 Abs. 3 VUV hätte überwachen müssen. Sie hätte also kontrollieren müssen, dass der Berufungsbe- klagte jedes Mal, wenn er das Rollgerüst bewegen musste, die Feststellbremsen arretierte. Die Vorinstanz unterliess es jedoch, in diesem Zusammenhang das Vorbringen der Berufungsklä- gerin zu würdigen, dass der Berufungsbeklagte aufgrund seiner Ausbildung und Berufserfah- rung habe wissen müssen, dass er die Rollen des Gerüsts jeweils hätte arretieren müssen. Ebenso hätte die Vorinstanz bereits in ihrem Zwischenentscheid im Rahmen der Kausalitätsprü- fung sämtliche Vorbringen der Berufungsklägerin hinsichtlich der allenfalls unterlassenen Mit- wirkungs- und eigenen Pflichten des Berufungsbeklagten sowie hinsichtlich der behaupteten weisungswidrigen Arbeitsausführung durch den berufserfahrenen Berufungsbeklagten würdigen müssen, anstatt auf die spätere Ermittlung des Schadens und der Schadenersatzbemessung zu verweisen. Die Vorinstanz hätte bereits in ihrem Zwischenentscheid vom 13. Dezember 2021 danach fragen müssen, ob das behauptete Verhalten des Berufungsbeklagten im Sinne eines Mit- oder Selbstverschuldens insgesamt grob und derart aussergewöhnlich gewesen sei, so dass mit einem solchen schlechterdings nicht habe gerechnet werden müssen und diese s folg- lich den adäquaten Kausalverlauf hätte unterbrechen können. Dazu gehören insbesondere die Behauptungen der Berufungsklägerin in Rzn. 32 ff. der Klageantwort, in Rzn. 31 ff. der Duplik sowie anlässlich der Hauptverhandlung, unter anderem dass der Beru fungsbeklagte elemen- tarste Vorsichtsmassnahmen ausser Acht gelassen habe, das Gerüst weisungswidrig und ent- gegen den ihm aufgrund seiner Berufserfahrung bekannten anerkannten Regeln benutzt habe, indem er die Rollen des Gerüsts nicht arretiert habe, das Gerüst fortbewegt habe, während er sich darauf befunden habe, die Arbeiten quer zum Gerüst ausgeübt habe und – aufgrund des Umstandes, dass er über eine Flex verfügt habe – gar keinen grossen Kraftaufwand hätte ver- wenden dürfen und müssen, was er aufgrund seiner Ausbildung und Berufserfahrung habe wis- sen müssen. Zudem sei der Berufungsbeklagte für die Überprüfung des Gerüstes sowie für die Beseitigung allfälliger Mängel verantwortlich gewesen und er habe allfällig bestehende Mängel der Berufungsklägerin melden und die Arbeiten einstellen müssen, wenn das Gerüst nicht dem Sicherheitsstandard entsprochen habe. In Rz. 35 der Klageantwort verwies die Berufungskläge- rin auch auf die im psychiatrischen Gutachten vom 7. August 2009 auf Seite 7 festgehaltene Aussage des Berufungsbeklagten hin, wonach es sein Fehler gewesen sei, «das Gerüst nicht, wie sonst immer, kontrolliert und die Reifen festgemacht» zu haben. 5.3.6 Das in Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 53 ZPO garantierte rechtliche Gehör in Gerichtsver- fahren verlangt, dass das Gericht die Vorbringen der vom Entscheid in ihrer Rechtsstellung be- troffenen Person zur Kenntnis nimmt, prüft und bei der Entscheidfindung berücksichtigt ( BGE 124 I 49 E. 3a; 124 I 241 E. 2, je m.w.H.). Daraus folgt die Verpflichtung der Behörde, ihren Entscheid zu begründen. Zwar wird nicht verlangt, das s sich das urteilende Gericht mit allen wesentlichen und unwesentlichen Parteistandpunkten einlässlich und ausführlich auseinander- setzt und jedes einzelne Parteivorbringen ausdrücklich widerleg t oder bestätigt. Vielmehr ge- nügt es, wenn sich das Gericht zu den rechtserheblichen Parteistandpunkten äussert und der Entscheid derart begründet wird, dass er gegebenenfalls sachgerecht angefochten werden Seite 19 http://www.bl.ch/kantonsgericht kann. Die Begründung muss die wesentlichen Überlegungen nennen, von denen sich das Ge- richt hat leiten lassen und auf die es seinen Entscheid stützt (BGE 142 III 433 E. 4.3.2 und 136 I 184 E. 2.2.1, m.w.H.). Je grösser der Ermessens - und Beurteilungsspielraum des Gerichts, je stärker der Eingriff in individuelle Rechte und je weiter die Abweichung von einer gefestigt en Rechtsprechung sind, desto höher sind die Anforderungen an die Begründungsdichte (u.a. KUKO ZPO-SOGO/NAEGELI, 3. Aufl., 2021, Art. 239 N 6 m.w.H.). Indem sich die Vor instanz im schriftlich begründeten Zwischenentscheid vom 13. Dezember 2021 nicht zu den in Erwägung 5.3.5 dargelegten entscheidrelevanten Vorbringen der Berufungsklägerin geäussert hat, hat sie die gebotene bzw. erforderliche Begründungsdichte vermissen lassen und damit das rechtliche Gehör der Berufungsklägerin verletzt. Der Gehörsanspru ch ist formeller Natur und eine Verlet- zung dieses Rechts der Parteien führt unweigerlich zur Aufhebung des betreffenden Gerichts- entscheides, unabhängig davon, ob dieser anders ausgefallen wäre, wenn das rechtliche Gehör gewährt worden wäre (vgl. u.a. KGE BL 400 21 36 vom 4. Mai 2021 E. 4; 410 20 45 vom 5. Mai 2020 E. 2.5; BSK ZPO -GEHRI, 3. Aufl., 2017, Art. 53 N 33). Der angefochtene Zwischenent- scheid vom 13. Dezember 2021 ist demnach aufzuheben und die Sache in Anwendung von Art. 318 Abs. 1 lit. c Ziff. 1 ZPO an die Vor instanz zurückzuweisen, damit diese über im Zwi- schenentscheid nicht berücksichtigte, jedoch entscheidwesentliche Parteivorbringen befinden kann. Die Berufungsinstanz sieht vorliegend von einem reformatorischen Entscheid in der Sa- che ab, andernfalls den Parteien das Recht auf einen doppelten Instanzenzug verwehrt würde, welches hier höher zu werten ist als die Verfahrensökonomie (dazu KGE BL 400 2012 210 vom 28. August 2012 E. 2; 410 2011 27 vom 26. April 2011 E. 2). 6.1 Abschliessend ist übe r die Verlegung der im Berufungsverfahren entstandenen Pro- zesskosten zu befinden. In diesem Zusammenhang ist auch das Gesuch des Berufungsbeklag- ten um unentgeltliche Rechtspflege nach Art. 117 ff. ZPO zu behandeln. Da er zum einen mit seinem Nettoeinkommen, bestehend aus SUVA -Rentenzahlungen von CHF 1'204.00 pro Mo- nat, keinen monatlichen Überschuss erzielen kann, welcher für eine Übernahme der Prozess- kosten bzw. eine Beteiligung an denselben nicht herangezogen werden kann, und zum anderen nicht über ein dem Notgroschen von CHF 20'000.00 bis CHF 25'000.00 übersteigendes Vermö- gen verfügt, ist dem Berufungsbeklagten die unentgeltliche Rechtspflege für das Berufungsver- fahren zu gewähren, zumal seine Berufungsbegehren als nicht aussichtslos bezeichnet werden können und er auf einen Rechtsbeistand angewiesen ist (vgl. zu den Vor aussetzungen nach Art. 117 ZPO KGE BL 400 22 105 vom 7. Juli 2022 E. 3.2 und 410 19 52 vom 23. April 20 19 E. 2.4 m.w.H.). 6.2 Die Prozesskosten, bestehend aus den Gerichtskosten und der Parte ientschädigung (Art. 95 ZPO), sind nach dem Ausgang dieses Berufungsverfahrens zu verlegen. Die Beru- fungsklägerin dringt zwar nicht mit sämtlichen Rügen durch, hat allerdings zu Recht eine Ge- hörsverletzung geltend gemacht, welche gemäss ihrem Eventualbegehren zur Rückweisung der Sache an die Vor instanz zur Neubeurteilung entsprechend den vorstehenden Erwägungen führt. Der Berufungsbeklagte hat sich erfolglos dagegen gewehrt. Aufgrund der Rückweisung an die Vorinstanz rechtfertigt es sich demnach, die Proz esskosten dieses Berufungsverfahrens in Anwendung von Art. 106 Abs. 1 ZPO vollumfänglich dem unterliegenden Berufungsbeklagten aufzuerlegen. Er hat folglich die Gerichts kosten des Berufungsverfahrens zu tragen, welche Seite 20 http://www.bl.ch/kantonsgericht aufgrund des Streitwerts von CHF 30'000.00 und gemäss § 9 Abs. 1 i.V.m. § 8 Abs. 1 lit. f der Verordnung über die Gebühren der Gerichte (SGS 170.31) auf CHF 3'000.00 festgelegt wer- den. Zufolge der bewilligten unentgeltlichen Rechtspflege sind diese Gerichtskosten vom Staat zu übernehmen und d er Berufungsklägerin ist der von ihr geleistete Kostenvorschuss von CHF 3'000.00 zurückzuerstatten (Art. 122 Abs. 1 lit. c ZPO). 6.3 Der unentgeltlich prozessierende Berufungsbeklagte hat nach Art. 122 Abs. 1 lit. d ZPO eine Parteientschädigung an die Be rufungsklägerin zu bezahlen. Diese ist mangels Vorliegen einer Honorarnote des Rechtsvertreters der Berufungsklägerin von Amtes wegen nach Ermes- sen festzusetzen (§ 18 Abs. 1 der Tarifordnung für Anwältinnen und Anwälte, TO, SGS 178.112). Nach § 10 TO ist d as Grundhonorar für die Vertretung vor zweiter Instanz nach den für die erste Instanz geltenden Grundsätzen zu berechnen, beträgt jedoch ohne schriftliche Be- rufungsbegründung nur 50 % und mit einer solchen bis zu 100 % des jeweils zutreffenden Grundhonorars. In Anwendung von § 2 Abs. 2 und § 7 Abs. 1 lit. e TO ist das streitwertbezoge- ne Grundhonorar nach den für die Erstinstanz geltenden Kriterien auf CHF 4'875.00 festzule- gen, wobei auf Zuschläge gemäss § 8 TO zu verzichten ist. Die Dreierkammer der Abteilu ng Zivilrecht des Kantonsgerichts erachtet sodann eine Kürzung des Grundhonorars für das zweit- instanzliche Verfahren gemäss § 10 TO um 1/3 als angemessen, zumal die Berufungsschrift an mehreren Stellen Wiederholungen von Textpassagen aus erstinstanzlichen Rechtsschriften und Verfügungen enthält, die einen nicht unwesentlichen Teil der Berufungsschrift ausmachen. Das so errechnete Grundhonorar zugunsten der Berufungsklägerin beträgt gerundet CHF 3'250.00. Bei fehlender Honorarnote ist weder ein Auslagenersat z noch der Ersatz einer allfälligen Mehr- wertsteuer geschuldet (KGE BL 400 19 237 vom 3. Dezember 2019 E. 9.1). Der Berufungsbe- klagte hat demnach der Berufungsklägerin eine Parteientschädigung von CHF 3'250.00 zu be- zahlen. 6.4 Zufolge der bewilligten unentgeltlichen Rechtspflege an den Berufungsbeklagten ist sein unentgeltlicher Rechtsbeistand, Rechtsanwalt Daniel Altermatt, vom Kanton angemessen zu entschädigen (Art. 122 Abs. 1 lit. a ZPO). Seine Entschädigung richtet sich gemäss § 2 Abs. 1 TO nach dem Zei taufwand für das Berufungsverfahren, wobei die Dreierkammer der Abteilung Zivilrecht des Kantonsgerichts ohne Vorliegen eines entsprechenden Aufwandnachweises er- messensweise aufgrund der durchschnittlichen Schwierigkeit und Bedeutung der Sache und der damit verbundenen Verantwortung von einem Zeitaufwand von 12 Stunden für das Beru- fungsverfahren ausgeht. Zuschläge sind keine zu gewähren und wie erwähnt können bei feh- lender Honorarnote weder ein Auslagenersatz noch der Ersatz einer allfälligen Mehrwertsteuer zugesprochen werden. Unter Berücksichtigung eines Stunden honorars von CHF 200.00 (dazu § 3 Abs. 2 TO) ergibt sich eine Entschädigung von CHF 2'400.00, welche an den unentgeltli- chen Rechtsbeistand des Berufungsbeklagten auszurichten ist. Dieser ist darau f aufmerksam zu machen, dass er nach Art. 123 Abs. 1 ZPO zur Nachzahlung der vorläufig vom Staat über- nommenen Entscheidgebühr sowie der aus der Staatskasse ausgerichteten Parteientschädi- gung an seinen Rechtsbeistand verpflichtet ist, sobald er dazu in der Lage ist. Der Nachzah- lungsanspruch des Kantons verjährt zehn Jahre nach Abschluss des Verfahrens (Art. 123 Abs. 2 ZPO). Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: 1. In Gutheissung der Berufung wird das Urteil des Gerichtsvizepräsiden- ten des Zivilkreisgerichts Basel-Landschaft Ost vom 13. Dezember 2021 im Verfahren 150 16 2180 IV aufgehoben und zur Neubeurteilung im Sinne der vorstehenden Erwägungen an die Vor instanz zurück - gewiesen. 2. Dem Berufungsbeklagten wird die unentgeltliche Rechtspflege mit Rechtsanwalt Daniel Altermatt bewilligt. 3. Die Entscheidgebühr von CHF 3'000.00 für das Berufungsverfahren wird dem Berufungsbeklagten auferlegt. Zufolge bewilligter unentgeltli cher Rechtspflege an den Berufungsbeklagten geht diese Entscheidgebühr zu Lasten des Staates. Der Berufungsklägerin wird der geleistete Kostenvorschuss in Höhe von CHF 3'000.00 zurückerstattet. 4. Der Berufungsbeklagte hat der Berufungsklägerin für das Berufungsver- fahren eine Parteientschädigung von CHF 3'250.00 zu bezahlen. 5. Zufolge bewilligter unentgeltlicher Rechtspflege an den Berufungsbe- klagten wird seinem unentgeltlichen Rechtsbeistand, Rec htsanwalt Da- niel Altermatt, für das Berufungsverfahren ein Honorar in Höhe von CHF 2'400.00 aus der Gerichtskasse bezahlt. 6. Der Berufungsbeklagter bleibt zur Nachzahlung der Entscheidgebühr von CHF 3'000.00 gemäss Ziffer 3 hiervor sowie der Parteientschä di- gung an seinen unentgeltlichen Rechtsbeistand von CHF 2'400.00 ge- mäss Ziffer 4 hiervor verpflichtet, sobald er dazu in der Lage ist. Der Anspruch des Kantons verjährt zehn Jahre nach Abschluss des Verfah- rens (Art. 123 ZPO). Präsident Roland Hofmann Gerichtsschreiber Giuseppe Di Marco