B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-1419/2020 U r t e i l v o m 11 . A u g u s t 2 0 2 0 Besetzung Richterin Susanne Genner (Vorsitz), Richter Gregor Chatton, Richter Fulvio Haefeli, Gerichtsschreiberin Maria Wende. Parteien A._______, vertreten durch lic. iur. Bernhard Jüsi, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Einreiseverbot. F-1419/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer (geb. am […] 1989) ist kosovarischer Staatsange- höriger. Am (…) 2010 heiratete er die in der Schweiz niedergelassene ser- bische Staatsangehörige B._______. Im Rahmen des Familiennachzugs reiste er am 3. Mai 2012 in die Schweiz ein. Ab dem 22. Mai 2012 war er im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung. Das Ehepaar hat drei gemeinsame Kinder: C._______ (geb. am […] 2012) und (…) D._______ und E._______ (geb. am […] 2017). Die Ehefrau und die Kinder verfügen über die Niederlassungsbewilligung. B. Am 5. Juni 2013 verwarnte das kantonale Migrationsamt den Beschwerde- führer ausländerrechtlich, weil er und seine Familie seit dem 1. Juni 2012 Sozialhilfe in der Höhe von rund Fr. 37'913.– bezogen hatten. Nachdem sich die Fürsorgeabhängigkeit auf Fr. 160'000 .– erhöht hatte, verwarnte das kantonale Migrationsamt im Namen des Departements des Innern des Kantons Solothurn den Beschwerdeführer mit Verfügung vom 22. Dezem- ber 2016 erneut. C. Mit Verfügung vom 27. April 2018 verweigerte das Departement des Innern des Kantons Solothurn die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung des Beschwerdeführers und wies ihn aus der Schweiz weg. D. Die dagegen erhobenen Beschwerden wurden über alle Instanzen hinweg abgewiesen (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Solothurn vom 5. Dezember 2018 und Urteil des B Ger 2C_13/2019 vom 31. Oktober 2019). E. Mit Schreiben vom 13. Dezember 2019 gab die Vorinstanz dem Beschwer- deführer Gelegenheit, sich zu einer allfälligen Verhängung eines Einreise- verbotes zu äussern. F. Am 30. Dezember 2019 verliess der Beschwerdeführer die Schweiz. F-1419/2020 Seite 3 G. Mit Schreiben vom 31. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer seine Stellungnahme zu einer allfälligen Verhängung eines Einreiseverbotes bei der Vorinstanz ein. H. Am 4. Februar 2020 erliess die Vorinstanz gegen den Beschwerdeführer ein dreijähriges Einreiseverbot (vom 4. Februar 2020 bis zum 3. Februar 2023), welches für die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein und auf- grund der Ausschreibung im Schengener Informationssystem (SIS II) für den ganzen Schengen-Raum gilt. Gleichzeitig entzog sie einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung. I. Mit Rechtsmitteleingabe vom 11. März 2020 gelangte der Beschwerdefüh- rer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung. Eventualiter sei das Einreiseverbot auf ein Jahr zu befristen. Die Eintragung des Einreiseverbotes im SIS II sei rück- gängig zu machen und der Geltungsbereich des Einreis everbotes auf die Schweiz zu beschränken. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewäh- rung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand. J. Mit Zwischenverfügung vom 18. März 2020 hiess das Bundesverwaltungs- gericht das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut und ordnete dem Beschwerdeführer den rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechts- beistand bei. K. In ihrer Vernehmlassung vom 3. April 2020 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde. L. Mit Replik vom 13. Mai 2020 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträ- gen und deren Begründung im Wesentlichen fest. F-1419/2020 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Verfügungen des SEM, die ein Einreiseverbot nach Art. 67 AIG (SR 142.20) zum Gegenstand haben, unterliegen der Beschwerde an das Bun- desverwaltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG). 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3 Der Beschwerdeführer ist als Adressat des angefochtenen Entscheids zur Erhebung der Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Rechtsmittelfrist [Art. 50 Abs. 1 VwVG] und Form der Beschwerde [Art. 52 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er- messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb- lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung der Begeh ren gebunden und kann die Be- schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis- sen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeit- punkt des Entscheids (BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1 E. 2). 3. 3.1 Das SEM verfügt unter Vorbehalt von Absatz 5 (vgl. E. 3.4) Einreise- verbote gegenüber weggewiesenen Ausländerinnen und Ausländern, wenn die Wegweisung nach Artikel 64d Abs. 2 Buchstaben a-c sofort voll- streckt wird (Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG). Die Wegweisung ist gemäss 64 d Abs. 2 AIG sofort vollstreckbar oder es kann eine Ausreisefrist von weniger als sieben Tagen angesetzt werden, wenn die betroffene Person eine Ge- fahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung oder die innere oder die äussere Sicherheit darstellt (Bst. a), konkr ete Anzeichen befürchten las- sen, dass sich die betroffene Person der Ausschaffung entziehen will (Bst. b) oder ein Gesuch um Erteilung einer Bewilligung als offensichtlich unbe- gründet oder missbräuchlich abgelehnt worden ist (Bst. c). F-1419/2020 Seite 5 3.2 Gemäss Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG kann das SEM ferner Einreiseverbote gegenüber Ausländerinnen und Ausländern verfügen, die Sozialhilfekosten verursacht haben. Entgegen dem Wortlaut der Bestimmung fällt dieser Fernhaltegrund erst dann in Betracht, wenn die Gefahr besteht, dass bei einer Wiedereinreise erneut Sozialhilfe - und Rückreisekosten entstehen (so die Botschaft vom 8. März 2002 zum Bundesgesetz über die Auslän- derinnen und Ausländer, BBl 2002 3709, hier 3813). Voraussetzung für die Annahme einer solchen Gefahr ist eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass die betroffene Person im Bedarfsfall nicht unverzüglich auf finanzielle Mittel zurückgreifen kann (vgl. Urteil des BVGer C -166/2007 vom 27. Au- gust 2007 E. 5.1; MARC SPESCHA in: Kommentar Migrationsrecht, 5. Aufl. 2019, Art. 67 N. 4). 3.3 Das Einreiseverbot hat vor allem spezialpräventiven Charakter: Wäh- rend seiner Gültigkeit soll es der ausländischen Person die Möglichkeit nehmen, ihr gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten in der Schweiz fort- zusetzen; danach, bei künftigen Wiedereinreisen, soll es sie von weiterem entsprechendem Tun abhalten (vgl. BVGE 2014/20 E. 8.2). 3.4 Das Einreiseverbot wird nach Art. 67 Abs. 3 erster Satz AIG grundsätz- lich für eine Dauer von höchstens fünf Jahren verfügt. Dessen Bestand und Dauer sind in jedem Fall unter dem Blickwinkel der Verhältnismässigkeit staatlichen Handelns (Art. 5 Abs. 2 BV, Art. 96 Abs. 1 AIG) zu überprüfen. Eine Prognose, für welchen Zeitraum die Sicherungsmassnahme notwen- dig sein wird, ist naturgemäss nicht möglich. Abstufungen betreffend die Dauer ergeben sich aus der wertenden Abwägung zwischen dem öffentli- chen Interesse an der Fernhaltung und den privaten Interessen, welche die betroffene Person an der zeitlichen Beschränkung der Massnahme hat (BVGE 2016/33 E. 9.2; 2014/20 E. 8.1). Ausgangspunkt der Überlegungen bilden die Stellung der verletzten oder gefährdeten Rechtsgüter, die Be- sonderheiten des ordnungswidrigen Verhaltens, die persönlichen Verhält- nisse der betroffenen ausländischen Person sowie deren I ntegration (Art. 96 AIG; ferner statt vieler HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwal- tungsrecht, 7. Aufl. 2016, Rz. 555 ff.). 3.5 Die verfügende Behörde kann ausnahmsweise aus humanitären oder anderen wichtigen Gründen von der Verhängung eines Einreiseverbots ab- sehen oder ein Einreiseverbot endgültig oder vorübergehend aufheben (Art. 67 Abs. 5 erster Satz AIG). F-1419/2020 Seite 6 4. 4.1 Die Vorinstanz begründet das gegen den Beschwerdeführer verhängte Einreiseverbot zum einen mit dessen Sozialhilfebezug und hält fest, bei einer Wiedereinreise würden erneut Sozial- und Rückreisekosten anfallen, da er im Bedarfsfall nicht unverzüglich auf finanzielle Hilfe zurückgreifen könnte. Entsprechend liege ein Fernhaltegrund im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG vor. Zum anderen sei der Besch werdeführer von der zustän- digen Behörde gemäss Art. 64 d AIG weggewiesen worden, so dass die Wegweisung sofort zu vollstrecken sei. Eine Fernhaltemassnahme sei so- mit auch gestützt auf Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG anzuordnen. 4.2 Der Beschwerdeführer bringt dagegen an, er habe keine Straftaten be- gangen und sich an die Anweisungen betreffend Ausreise gehalten. Es be- stehe somit keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Einzig seine Sozialhilfeabhängigkeit könne ihm vorgeworfen werden. Es seien keine Risiken ersichtlich, denen durch die Fernhaltemassnahme begegnet werden müsste. Er könne sich bei einer Einreise in die Schweiz nicht ohne Weiteres bei der Sozialversicherung anmelden und Fürsorgegelder bezie- hen. Ohne Wohnsitz bestehe keine Möglichkeit eines künftigen Sozialhil- febezuges. Die blosse Einreise führe nicht zu einem effektiven Fürsorgeri- siko. 5. 5.1 Die Begründung der Vorinstanz, wonach die Wegweisung des Be- schwerdeführers sofort zu vollstrecken sei, was eine Fernhaltemassnahme gestützt auf Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG rechtfertige, ist nicht nachvollziehbar. Zum Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung war der Beschwerdeführer – in Befolgung des Urteils des Verwaltungsgerichts des Kantons Solothurn vom 5. Dezember 2018 , mit welchem er aufgefordert worden war , die Schweiz spätestens zwei Monate nach Rechtskraft des Urteils zu verlas- sen – bereits aus der Schweiz ausgereist. Es gab somit keine Wegweisung mehr zu vollstrecken. Keine der in Art. 64d Abs. 2 Bst. a–c AIG genannten Konstellationen, welche eine Grundlage für die Anordnung eines Einreise- verbotes gemäss Art. 67 Abs. 1 Bst. a AIG bilden könnte, ist erfüllt. 5.2 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz das Einreiseverbot auf Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG stützen durfte. Zusammen mit seiner Familie hat der Be- schwerdeführer während seines Aufenthaltes in der Schweiz Sozialhilfe- kosten in der Höhe von Fr. 183'753.– verursacht. Angesichts des Umstan- des, dass er zur Einreise in die Schweiz eines Visums bedürfte und genü- gende finanzielle Mittel für seinen Aufenthalt nachweisen müsste, erscheint F-1419/2020 Seite 7 die Gefahr, dass er bei einem erneuten Aufenthalt in der Schweiz durch das Gemeinwesen unterstützt werden müsste, als gering. Entgegen seiner Ansicht kann jedoch diese Gefahr auch in Berücksichtigung der Tatsache, dass er in der Schweiz keinen Wohnsitz hat, nicht ausgeschlossen werden: Art. 21 des Bundesgesetzes vom 24. Juni 1977 über die Zuständigkeit für die Unterstützung Bedürftiger (ZUG, SR 851.1) regelt die Unterstützungs- pflicht des Aufenthaltskantons, falls der sich in der Schweiz ohne Wohnsitz aufhaltende Ausländer sofortiger Hilfe bedarf (Abs. 1). Zudem sorgt der Aufenthaltskanton für die Rückkehr des Bedürftigen in seinen Wohnsitz - oder Heimatstaat (Abs. 2). Die in der Schweiz lebende Ehefrau des Be- schwerdeführers bezieht Sozialhilfe, weshalb dieser bei einem Aufenthalt in der Schweiz nicht mit ihrer Unterstützung rechnen könnte, sollten ihm die finanziellen Mittel für seinen Aufenthalt ausgehen. Folglich kann bei ei- nem erneuten Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Schweiz nicht aus- geschlossen werden, dass er auf die Unterstützung des Gemeinwesens zurückgreifen müsste. Es besteht somit ein Fernhaltegrund im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. b AIG , weshalb die Verhängung des Einreiseverbotes aufgrund des Sozialhilfebezugs des Beschwerdeführers gerechtfertigt ist. 6. Bei der Festlegung der Dauer des Einreiseverbots kommt dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit zentrale Bedeutung zu (vgl. E. 3.3). 6.1 Wie soeben dargelegt, besteht die (moderate) Gefahr, dass der Be- schwerdeführer bei einer Einreise in die Schweiz das Gemeinwesen erneut finanziell belasten würde. Im Vordergrund stehen damit finanzielle Interes- sen der öffentlichen Hand . Nach dem Gesagten ist indessen das Risiko, dass sich die Gefahr verwirklichen könnte, überschaubar. Zudem besteht – anders als bei den übrigen im Gesetz vorgesehenen Gründen für die Verhängung eines Einreiseverbotes (Art. 67 Abs. 2 Bst. a und c AIG) – keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Bei dieser Sachlage ist das öffentliche Intere sse an der Fernhaltung des Beschwer- deführers als relativ gering einzustufen. 6.2 Dem öffentlichen Interesse sind die privaten Interessen des Beschwer- deführers gegenüberzustellen. Er führt an, seine Kernfamilie lebe in der Schweiz. Seine Ehefrau könne ohne seine Unterstützung in der Betreuung der drei gemeinsamen Kinder keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Sie habe Anspruch auf ein geordnetes Familienleben und auf eine gelebte Bezie- hung mit ihrem Ehemann. Seine vermehrte Anwesenheit würde sie entlas- ten und zuminde st ein rudimentäres Familienleben ermöglichen. Mit drei F-1419/2020 Seite 8 Kindern, wovon eines im schulpflichtigen Alter, sei es schwierig zu reisen und diese zusätzliche finanzielle Belastung zu tragen. Auch die Kinder hät- ten gemäss Übereinkommen vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK; SR 0.107) ein Anrecht auf ein Familienleben und regelmäs- sigen Kontakt zum Vater. Seine vermehrte Anwesenheit sei für eine geord- nete Entwicklung der Kinder unerlässlich. Der älteren Tochter sei es auf- grund der Schulpflicht nicht möglich, abgesehen von den Sommerferien, den Beschwerdeführer für eine längere Zeit im Ausland zu besuchen. Auch würden es die neuen Kommunikationsmittel nicht erlauben, auf die gleiche Art und Weise Kontakt zu pflegen, wie dies die effektive Anwesenheit einer Bezugsperson ermögliche. Er habe ein schwerwiegendes privates Inte- resse, möglichst bald wieder in die Schweiz einreisen zu dürfen. Demge- genüber sei das öffentliche Interesse an seiner Fernhaltung gering, zumal keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung von ihm ausgehe. Er sei nicht straffällig geworden und habe keine hochwertigen Rechtsgüter verletzt. In Fällen, in welchen diese verletzt würden, könne ein Einreisever- bot von maximal fünf Jahren ausgesprochen worden. Das Einreiseverbot sei damit unverhältnismässig und Verstosse gegen das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens gemäss EMRK und gegen die KRK. 6.3 Dem Beschwerdeführer wurde die Verlängerung der Aufenthaltsbewil- ligung verweigert, wodurch er das Aufenthaltsrecht in der Schweiz verloren hat. Allfällige Einschränkungen des Privat- und Familienlebens sind somit in erster Linie diesem Umstand geschuldet. Da der Verlust des Aufenthalts- rechts nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet, stellt sich ein- zig die Frage, ob die durch das Einreiseverbot zusätzlich bewirkte Er- schwernis vor Art. 8 Ziff. 1 EMRK und Art. 13 Abs. 1 BV standhält (vgl. zum Ganzen auch BVGE 2013/4 E. 7.4.1 und 7.4.2). Der Kontakt zu seinen Kindern und seiner Ehefrau ist für den Beschwerde- führer gewiss v on nicht zu vernachlässigender Bedeutung. Aufgrund der Aufhebung der Ausschreibung im SIS II (vgl. E. 7 hiernach) wird es dem Beschwerdeführer jedoch möglich sein, seine Familie im grenznahen Aus- land zu treffen. Ferner kann das Einreiseverbot zur Wahrnehmung von Be- suchen von Familienangehörigen auf begründetes Gesuch hin für eine kurze Zeitspanne suspendiert werden (vgl. E. 3.5). Nicht beeinträchtigt wird ferner die Pflege der Kontakte auf andere Weise als durch persönliche Tref- fen, namentlich mittels moder ner Kommunikationsmittel, wenn auch dem Beschwerdeführer zugestimmt werden kann, dass dies den direkten Kon- takt nicht zu ersetzen vermag. F-1419/2020 Seite 9 Weitere besondere Verbindungen zur Schweiz liegen nicht vor. Der Be- schwerdeführer war während der rund acht Jahre, welche er in der Schweiz gelebt hat, nur wenige Tage erwerbstätig. Er hat sich während dieser Zeit weder sprachlich noch wirtschaftlich integriert. Die nachteiligen Auswirkungen des Einreiseverbots bestehen somit darin, dass der Beschwerdeführer während drei Jahren den Kontakt mit seiner Familie nur unter erschwerten Bedingungen wird pflegen können. 6.4 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das Interesse des Beschwerdeführers, ohne über die Visumspflicht hinausgehende Ein- schränkungen in die Schweiz einreisen zu können, aufgrund seiner famili- ären Verbindungen nicht unbedeutend ist. Das öffentliche Interesse, wel- ches einzig darin liegt, das ohnehin geringe Risiko einer Belastung der öf- fentlichen Finanzen gänzlich auszuschalten, vermag das private Interesse des Beschwerdeführers nicht zu überwiegen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die – im Übrigen durch die Vorinstanz kaum begründete – Dauer des Einreiseverbotes von drei Jahren nicht rechtfertigen. Diese erweist sich als unverhältnismässig, weshalb d as Einreiseverbot auf zwei Jahre zu redu- zieren ist. 7. 7.1 Wird gegen eine Person, die nicht die Staatsangehörigkeit eines Mit- gliedstaats der Europäischen Union oder der Europäischen Freihandelsas- soziation besitzt, ein Einreiseverbot verhängt, so wird sie nach Massgabe der Bedeutung des Falles im Schengener Informationssystem (SIS) zur Einreiseverweigerung ausgeschrieben (vgl. Art. 21 und 24 der Verordnung [EG] Nr. 1987/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung, den Betrieb und die Nutzung des Schengener Informationssystems der zweiten Generation [SIS -II], Abl. L 381/4 vom 28.12.2006 [nachfolgend: SIS-II-Verordnung]; Art. 20 der Verordnung vom 8. März 2013 über den nationalen Teil des Schengener Informationssystems [N-SIS] und das SIRENE -Büro [N -SIS-Verordnung, SR 362.0]). Voraussetzung der Ausschreibung im SIS II ist eine nationale Ausschreibung, die gestützt auf eine Entscheidung der zuständigen natio- nalen Instanzen ergeht (Art. 24 Ziff. 1 SIS -II-Verordnung). Die Ausschrei- bung erfolgt, wenn die nationale Entscheidung mit der Gefahr für die öf- fentliche Sicherheit und Ordnung oder die nationale Sicherheit begründet wird, die die Anwesenheit der betreffenden Person in einem Mitgliedstaat darstellt. Das is t insbesondere der Fall, wenn die betreffende Person in F-1419/2020 Seite 10 einem Mitgliedstaat wegen einer Straftat verurteilt wurde, die mit einer Frei- heitsstrafe von mindestens einem Jahr bedroht ist (Art. 24 Ziff. 2 Bst. a SIS- II-Verordnung), oder wenn gegen sie der begrü ndete Verdacht besteht, dass sie schwere Straftaten begangen hat, oder wenn konkrete Hinweise bestehen, dass sie solche Taten im Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats plant (Art. 24 Ziff. 2 Bst. b SIS -II-Verordnung). Die Ausschreibung kann auch eingegeben werden, wenn die Entscheidung auf einem Einreisever- bot beruht und wegen Nichtbeachtung der nationalen Vorschriften über die Einreise und den Aufenthalt von Drittstaatsangehörigen erfolgt (Art. 24 Ziff. 3 SIS-II-Verordnung). 7.2 Die Vorinstanz begründet die Ausschreibung des Beschwerdeführers im SIS II erst auf Vernehmlassungsstufe und stützt sie auf Art. 24 Ziff. 2 Bst. b SIS-II-Verordnung. 7.3 Die Vorinstanz legt nicht dar, weshalb die Voraussetzungen von Art. 24 Ziff. 2 Bst. b SIS-II-Verordnung erfüllt sein sollen. Auch aus den Akten geht dies nicht hervor. Weder besteht ein Verdacht, dass der Beschwerdeführer schwere Straftaten begangen hat, noch dass er solche plant. Die Voraus- setzungen für die Ausschreibung des Beschwerdeführers im SIS-II gestützt auf Art. 24 Ziff. 2 Bst. b SIS-II-Verordnung sind damit nicht gegeben. Grund- sätzlich gilt es festzuhalten, dass aus dem Bezug von Sozialhilfe allein keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 24 Ziff. 2 SIS -II-Verordnung abgeleitet werden kann, weshalb die Anwen- dung dieser Bestimmung vorliegend von vornherein ausgeschlossen ist. Schliesslich hat der Beschwerdeführer durch den Bezug von Sozialhilfe auch keine Vorschriften über die Einreise oder den Aufenthalt missachtet (Art. 24 Ziff. 3 SIS -II-Verordnung). Die Sozialhilfeabhängigkeit steht zwar der Erteilung oder Verlängerung einer A ufenthaltsbewilligung entgegen (Art. 44 Abs. 1 AIG). Sie stellt jedoch keinen Verstoss gegen das Gesetz dar, besteht doch nach Massgabe der kantonalen Gesetzgebun g grund- sätzlich ein Anspruch auf Sozialhilfe. 7.4 Die Ausschreibung des Beschwerdeführers im SIS-II erfolgte demnach zu Unrecht und ist rückgängig zu machen. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass das angefochtene Einreiseverbot dem Grundsatz nach zu bestätigen ist, die festgelegte Dauer jedoch Bun- desrecht verletzt, soweit sie über zwei Jahre hinausgeht (vgl. Art. 49 VwVG). Entsprechend ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die F-1419/2020 Seite 11 Dauer des Einreiseverbotes auf zwei Jahre – bis zum 3. Februar 2022 – zu befristen. Die Vorinstanz ist ferner anzuweisen, die Löschung der Aus- schreibung im SIS II zu veranlassen. 9. Die Vorinstanz ist im Übrigen auf ihre Aktenführungspflicht hinzuweisen (vgl. BGE 138 V 218 E. 8.1.2; ferner Urteile des BVGer E-4491/2017 und E-4500/2017 vom 10. November 2017 E. 6.2.1). Ihr Schreiben vom 13. De- zember 2019, mit welchem sie dem Beschwerdeführer das rechtliche Ge- hör zur Verhängung eines Einreiseverbotes gewährt, befindet sich nicht in den Akten. 10. 10.1 Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens wären (ermässigte) Kos- ten dem Beschwerdeführer im Umfang des Unterliegens aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Angesichts der Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1 VwVG ist auf die Erhebung von Verfah- renskosten zu verzichten. 10.2 Für die notwendigen Kosten der Rechtsvertretung ist dem Beschwer- deführer im Umfang des Obsiegens eine (gekürzte) Par teientschädigung zuzusprechen. Diese geht zulasten der Vorinstanz (vgl. Art. 64 Abs. 1 und Abs. 2 VwVG). Mangels einer Kostennote setzt das Gericht die Parteient- schädigung nach pflichtgemässem Ermessen fest (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Die Höhe der Entschädigung ist unter Berücksichtigung der massgeben- den Bemessungsfaktoren und der Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen (Art. 8 ff. VGKE) auf Fr. 2'000.– festzulegen. Diese ist nach Mass- gabe des teilweisen Obsiegens auf Fr. 1’000.– zu kürzen. 10.3 Das Honorar für den als amtlichen Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertreter im Umfang von Fr. 1‘000.– geht zulasten der Gerichts- kasse. Der Beschwerdeführer hat das amtliche Honorar dem Bundesver- waltungsgericht zurückzuerstatten, sollte er später zu hinreichenden Mit- teln gelangen (Art. 65 Abs. 4 VwVG). (Dispositiv nachfolgende Seite) F-1419/2020 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen und das Einreiseverbot bis zum 3. Februar 2022 befristet. 2. Das SEM wird angewiesen, die Löschung der Ausschreibung im SIS II zu veranlassen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dem Beschwerdeführer wird eine reduzierte Parteientschädigung von Fr. 1'000.– zugesprochen. Die Vorinstanz hat dem Beschwerdeführer die- sen Betrag innerhalb von 30 Tagen nach Zustellung des vorliegenden Ur- teils zu entrichten. 5. Das Honorar des amtlichen Rechtsbeistandes wird auf Fr. 1‘000.– festge- setzt und durch die Gerichtskasse vergütet . Diesen Betrag hat der Be- schwerdeführer dem Bundesverwaltungsgericht zurückzuerstatten , sollte er nachträglich zu hinreichenden Mitteln gelangen. 6. Dieses Urteil geht an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben) – die Vorinstanz (Akten Ref-Nr. […] retour) Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Susanne Genner Maria Wende Versand: