B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1016/2021 * U r t e i l v o m 1 5 . M ä r z 2 0 2 1 Besetzung Einzelrichterin Esther Marti, mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiberin Regina Seraina Goll. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Sophie Frühauf, HEKS Rechtsschutz (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 4. Februar 2021 / N (…). E-1016/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Der minderjährige Beschwerdeführer reichte am 6. Dezember 2020 in der Schweiz ein Asylgesuch ein. Am 7. Januar 2021 fand im Bundesasylzent- rum (BAZ) B._______ eine Erstbefragung für unbegleitete minderjä hrige Asylsuchende (UMA) statt (Protokoll in den SEM -Akten 1083187-21/17 [in der Folge A21]); am 26. Januar 2021 wurde er eingehend angehört (Proto- koll in den SEM -Akten 1083187-27/13 [in der Fol ge A27]). Dabei brachte er vor, er sei afghanischer Staatsangehöriger, ethnischer Hazara und stamme aus C._______, Bezirk D._______, Provinz E._______ (Zentralafghanis- tan), wo er bis zu seiner Ausreise mit seiner Familie gelebt und (…) Jahre lang die Schul e besucht habe. Seine Eltern, seine drei Schwestern und seine fünf Brüder lebten noch immer dort. Zur Begründung seines Asylgesuchs gab er im Wesentlichen an er habe sich in die Tochter (…) verliebt. Dieser sei während des Bürgerkrieges (…) gewesen und arbeite heute mit den Taliban zusammen. Er habe (…) nur im Versteckten treffen können, da es sich in der afghanischen Gesellschaft nicht gehöre, dass sich Knaben und Mädchen, die älter als 8 oder 10 Jahre alt seien, treffen würden. Eines Tages hätten sie sich zufällig getroffen und bei einem Brunnen zusammengesessen, wo er sich ihr defektes Handy angesehen habe. Die Mutter seiner Freundin habe sie so zusammensit- zend gesehen und (…) informiert. Am Abend seien vier maskierte und be- waffnete Männer vor dem Haus seiner Familie aufgetaucht und hätten nach ihm gesucht. Seine Mutter habe ihn versteckt und den Männern gesagt, er sei nicht zu Hause. In derselben Nacht habe sie ihn zum Bazar bezie- hungsweise zu seiner Tante gebracht, wo sie ihn seinem Cousin überge- ben habe, der ihn in die Türkei bringen würde. Dies sei sein Hauptvorbrin- gen. Im Übrigen würden Personen der Ethnie der Hazara von den Taliban besonders stark bedroht und auch von der Regierung benachteiligt. Er selbst sei während seines zweijährigen Aufenthalts in F._______ von ei- nem afghanischen Staatsangehörigen anderer Ethnie (…). Ausserdem seien die Möglichkeiten, in seinem Gebiet Sport zu treiben und schulisch Karriere zu machen, eingeschränkt. Als Beweismittel legte er einen ärztlichen Kurzbericht (F2 -Formular) von G._______ vom 5. Januar 2021 sowie zwei Zahnarztberichte ins Recht. E-1016/2021 Seite 3 B. Der Beschwerdeführer erhielt am 2. Februar 2021 von der Vorinstanz die Gelegenheit, zum Entwurf des ablehnenden Asyl - und Wegweisungsent- scheids Stellung zu nehmen, wovon er gleichentags Gebrauch machte. C. Mit Entscheid vom 4. Februar 2021 – am gleichen Tag eröffnet – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Es ordnete aufgrund des für unzumutbar befundenen Voll- zugs der Wegweisung seine vorläufige Aufnahme an. D. Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer durch die rubrizierte Rechtsvertreterin am 8. März 2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungs- gericht. Er beantragt, die Dispositivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfü- gung seien aufzuheben und er sei unter Asylgewährung als Flüchtling an- zuerkennen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die V orin- stanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersucht er um unentgeltli- che Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. Als Beweismittel legte er eine n aktuellen Arztbericht (F2 -Formular) der H._______ vom 4. Februar 2020 bei. E. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 9. März 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR 142.31]). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). E-1016/2021 Seite 4 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung be ziehungsweise Änderung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG in Verbindung mit Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus vom 1. April 2020 [Covid-19-Verordnung Asyl, SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Prüfungsgegenstand des vorliegenden Verfahren s bilden die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung (Ziffern 1-3 der an- gefochtenen Verfügung). 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 4. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, sol chen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). E-1016/2021 Seite 5 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Die Vorinstanz begründet ihren Asylentscheidentwurf zum einen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers hinsichtlich der geltend gemachten Unterdrückung der Hazara und der allgemeinen Lebensbedingungen in Af- ghanistan seien nicht asylrelevant . Der vorgebrachte (…) habe in F._______ und somit in einem Drittstaat stattgefunden. Den Angaben des Beschwerdeführers könne nicht entnommen werden, dass dieser zu einer asylbeachtlichen Verfolgungssituation in der Heimat führen können würde. Die für die Annahme einer Kollektivverfolgung gestellten hohen Anforde- rungen seien im Falle der Hazara in Afghanistan nicht erfüllt. Weiter würden die Vorbringen, welche die allgemeine Sicherheitslage oder die schuli- schen Perspektiven in Afghanistan beträfen, Nachteile beinhalten, die auf die allgemeinen politischen, wirtsch aftlichen oder sozialen Lebensbedin- gungen zurückzuführen seien. Diese beträfen die in Afghanistan ansässige Zivilbevölkerung gleichermassen und stellten deshalb keine asylbeachtli- che Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG dar. Zum anderen befand die Vorinst anz die Vorbringen des Beschwerdefüh- rers betreffend die geltend gemachte Liebesbeziehung mit (…) für nicht glaubhaft. Er habe nicht erklären können, wie die Beziehung unter den er- schwerten Umständen überhaupt habe zustande kommen können . Es wäre zu erwarten gewesen, dass er mehr darüber hätte berichten können, wie es ihm unter den beschriebenen Bedingungen gelungen sei, eine Be- ziehung einzugehen, und was er dafür auf sich genommen habe. Vor dem Hintergrund des angeblich strikten Abstandgebotes und der Angab e, wo- nach sie sich stets heimlich getroffen hätten, sei zudem schwer nachvoll- ziehbar, dass sie sich im Bewusstsein der Gefahr öffentlich bei einem Brun- nen unterhalten hätten. Er sei ausserdem wiederholt zum geltend gemach- ten Überfall befragt worden, habe aber keine anschaulichen Details nen- nen können. Auch die Angaben zur Vorbereitung der abrupten Ausreise seien knapp ausgefallen. Zur Person des (…), den der Beschwerdeführer in seiner Ehre verletzt habe, habe er ebenfalls keine detaillierten Angaben machen können. Zu dessen Tätigkeiten befragt, habe er angegeben, dass E-1016/2021 Seite 6 er mit den Taliban zusammenarbeite. Er habe diese Annahme jedoch le- diglich mit dem Umstand erklärt, dass der (…) oft verschwinde. Auch diese Aussage werde vor dem Hintergrund der gesamthaft vag en Angaben als unzulängliche Schutzbehauptung aufgefasst, mit welcher er sein «Nicht- wissen» zu erklären versuche. Seinen insgesamt substanzlosen Schilde- rungen könnten keine Realkennzeichen entnommen werden. Die Angaben hätten auch ohne jeglichen Erlebnisbezug gemacht werden können. Hinsichtlich der von der Rechtsvertretung beantragten medizinischen Ab- klärungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem geltend gemachten (…) und den (…), sowie des Antrages auf (…) wies das SEM im Ent- scheidentwurf darauf hin, dass weitere medizinische Abklärungen im gut- achterlichen Sinn das Ergebnis des Asyl-und Wegweisungsverfahrens nicht zu beeinflussen vermöchten. An dieser Einschätzung ändere auch die zwischenzeitlich diagnostizierte (…) nichts, welche gestützt auf die Aktenlage die Verfahrensschritte nicht nachteilig zu beeinflussen ver- mocht habe. In antizipierender Beweiswürdigung könne daher auf weitere Abklärungen verzichtet werden, da diese nicht geeignet seien, den Aus- gang des Verfahrens zu ändern. 6.2 In seiner Stellungnahme entgegnete der Beschwerdeführer, er habe anschaulich schildern können, wie er mit (…) gemeinsam aufgewachsen sei und sie sich mit zunehmenden Alter immer mehr gemocht hätten. Er habe davon berichtet, wie sie sich heimlich Briefe geschrieben und geplant hätten, später zu heiraten. Er habe somit alle wesentlichen Punkte zur Ent- stehung der Beziehung darlegen können. Zur Situation am Brunnen wolle er ergänzend anmerken, dass dieser sehr abgelegen gewesen sei und sich abseits, an einem nicht öffentlich zugänglichen Ort, befunden habe. Dass er mit (…) gesprochen habe, sei aus einer spontanen Situation heraus und erst, nachdem er sich versichert habe, dass niemand in der Nähe gewesen sei, erfolgt. Abgesehen von dieser Situation habe er alle nötigen Vorsichts- massnahmen ergriffen, indem er sich nicht öffentlich mit seiner Freundin getroffen habe. Insgesamt habe er folglich widerspruchsfreie und in sich stimmige Angaben zur Beziehung zu (…) und den daraus resultierenden Problemen gemacht. Eine Würdigung auch derjenigen Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprächen, sei dem Entwurf nicht zu entnehmen. Ausserdem sei dem Antrag auf (…) zwar nachgegan- gen und ein Termin vereinbart worden, dieser finde aber erst im Juni 2021 statt. Es sei jedoch bereits eine (…) diagnostiziert worden und er leide un- ter starken Nebenwirkungen der einzunehmenden Medikamente, was im Rahmen der Beurteilung seines Aussageverhaltens nicht berücksichtigt E-1016/2021 Seite 7 worden sei. Folglich sei der medizinische Sachverhalt einerseits nicht voll- ständig erstellt und die bisher bekannten (…) seien bei der Entscheidfin- dung andererseits nicht ausreichend berücksichtigt worden. 6.3 Die Vorinstanz übernahm in ihrem Asylentscheid im Wesentlichen die Erwägungen des Entwurfs. Zur Stellungahme führt sie darin aus, dass es aufgrund der Abgeschiedenheit des Brunnens umso weniger nachvollzieh- bar sei, dass plötzlich die Mutter der Freundin am betreffenden Ort aufge- taucht sein solle. Auch dass sie sich zufällig an diesem abgelegenen Ort getroffen hätten, erscheine nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. Zudem änderten die Angaben nichts daran, dass die Ausführungen zum Überfall in seinem Haus derart substanzlos ausgefallen seien, dass i hm nicht ge- glaubt werden könne, dass er aufgrund der geltend gemachten Umstände ausgereist sei. Ergänzend erwägt das SEM, die geltend gemachte Drittverfolgung beruhe nicht auf einem asylrelevanten Motiv im Sinne von Art. 3 AsylG. Eine asyl- rechtlich erhebliche Verfolgung ziele auf das Sein einer Person und nicht auf deren Tun ab. Er mache geltend, dass ihm ein Racheakt drohen könnte: Mit der Beziehung zu (…) habe er (…) in seiner Ehre verletzt. All- fällige Repressalien seinerseits würden somit auf sein Tun abzielen und wären damit keinem asylbeachtlichen Motiv geschuldet. Der Sachverhalt sei hinreichend erstellt. An dieser Einschätzung ändere auch die zwischenzeitlich diagnostizierte (…) nichts, welche gestützt auf die Aktenlage die Verfahrensschritte nicht nachteilig zu beeinflussen ver- mocht habe. So habe er insbesondere in der Anhörung mehrfach zu Pro- tokoll gegeben, dass er alles zu seinem Gesuch habe sagen können, was ihm wichtig erscheine (m.H.a. A27, Rechtliches Gehör nach F85 und F86), und zu Beginn der Befragung angegeben, dass es ihm gut gehe und er sich wohlfühle (m.H.a. A27 S. 2). Die Nebenwirkungen der Medikamente seien in der Anhörung thematisiert worden, der Beschwerdeführer habe dies aber nicht näher konkretisieren können. Aus den Akten gingen kei ne Hinweise dafür hervor, dass er aufgrund der Medikamenteneinnahme massgebliche Probleme gehabt habe. Weiter könne auch nicht per se und ohne einschlägige Hinweise davon ausgegangen werden, dass eine diag- nostizierte (…) seine Aussageverhalten im Allgemei nen beeinflusse. Je- denfalls würden dafür keine konkreten Anzeichen vorliegen. Es sei somit nicht ersichtlich, dass sein Aussageverhalten zum massgeblichen Zeit- punkt in irgendeiner Weise negativ beeinflusst gewesen wäre. E-1016/2021 Seite 8 6.4 Auf Beschwerdeebene bringt der Beschwerdeführer vor, es dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, dass er minderjährig sei und an ihn weniger hohe Ansprüche gestellt werden dürften , als an eine volljährige Person. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz habe er die Medikamente als sehr stark bezeichnet und gesagt, diese würden ihn körperlich schwächen, wo- bei durchaus auch von einem Einfluss auf die Psyche und so auch auf seine Aussagefähigkeit ausgegangen werden könne. Ausserdem seien seine einzelnen Angaben in den zentralen Punkten deckungsgleich ausge- fallen und würden ein zusammenhängendes Gesamtbild wiedergeben. Es seien auch diverse Realkennzeichen vorhanden. Es könne von einem (…)- Jährigen überdies nicht erwartet werden, dass er eine Situation, die haupt- sächlich mit Stress und traumatischem Erleben in Zusammenhang stehe, abspeichern und drei Jahre später detailliert wiedergeben könne. Hinsichtlich der Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft unterlasse es die Vorinstanz, eine detaillierte Prüfung vorzunehmen, und verweise pau- schal darauf, allfällige Repressalien des (…) würden auf sein Tun abzielen und wären damit keinem asylbeachtlichen Motiv geschuldet. Dies werde vorliegend bestritten. So seien aussereheliche Beziehungen (Zina) sowohl nach dem afghanischen Strafgesetzbuch als auch nach der Scharia straf- bar. Von der Schutzfähigkeit und -willigkeit der afghanischen Behörden könne nicht ausgegangen werden. Eine legitime Strafverfolgung liege im vorliegenden Fall nicht vor, da die bewaffneten und maskierten Personen offensichtlich ni cht der Polizei respektive Regierung angehörten. Damit liege ein Motiv nach Art. 3 Abs. 1 AsylG vor. Sollte das Gericht diesem An- trag nicht folgen, so sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, um das Motiv vertieft zu klären. So könne der (…) ihn aus dem Motiv «Reli- gion» heraus verfolgt haben. Auf Religion beruhende Verfolgung umfasse alle Massnahmen aufgrund von Konflikten über die «richtige» Anschauung. Mit seiner heimlichen Beziehung zu (…) habe er die religiös geprägten Vor- gaben missachtet. Diesem Verhalten liege klarerweise eine Motivation zu- grunde, eine innere Haltung hinsichtlich seiner Religion, welche an der An- hörung mangels Nachfrage zu wenig zum Ausdruck gekommen sei. Sein Verhalten könne auch als Widerstand gegen traditionelle Strukturen un d somit als politisch angesehen werden, da damit die herrschende Gesell- schaftsordnung angegriffen werde. (…) habe mit der Taliban zusammen- gearbeitet, weshalb ein Auflehnen gegen die herrschende Gesellschafts- ordnung mit ähnlicher Vehemenz verfolgt werden könne, wie die klassische politische Opposition. Die Vorinstanz habe es unterlassen, den Sachver- halt diesbezüglich zu klären. E-1016/2021 Seite 9 7. Vorab ist festzustellen, dass der Sachverhalt auch in Berücksichtigung der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers sowie seiner gesundheitlichen Beschwerden als vollständig erstellt erachtet werden kann. Zur Begrün- dung kann vollumfänglich auf die entsprechende Erwägung in der ange- fochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. ebd. E. IV, S. 7 f.). In der Be- schwerde wird nur hinsichtlich der materiellen Würdigung noch eine feh- lende Berücksichtigung dieser Umstände moniert. Darauf ist gegebenen- falls in der folgenden Erwägung einzugehen. Auch hinsichtlich der Frage der Asylrelevanz ist der Sachverhalt als erstellt zu betrachten und es ist nicht ersichtlich, inwiefern sich diesbezüglich spe- zifische Nachfragen seitens des SEM aufgedrängt hätten. Ergänzend ist auf die nachfolgende Erwägung 8.2 zu verweisen. 8. 8.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss , dass – wie die Vorinstanz zutreffend erwägt – die Ausführungen des Beschwerdeführers zu erheblichen Zweifeln Anlass geben. Diesbezüglich kann vollumfänglich auf die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden, denen der Be- schwerdeführer in seiner Beschwerde nichts Stichhaltiges entgegenzuset- zen vermag. So gehen etwa aus den Aktenstellen im Anhörungsprotokoll, auf die verwiesen wird, keine entscheidenden Real kennzeichen hervor. Wenn beispielsweise mit Hinweis au f A27 F56 geltend gemacht wird, der Beschwerdeführer habe die direkte Rede benutzt, worin ein Realkennzei- chen liege, ist zu entgegnen, dass die sogenannten Realkennzeichen abs- trakte, von der Aussagepsychologie entwickelte Hinweise sind, die für die Glaubhaftigkeit von Aussagen sprechen. Sie sind aber stets vor dem kon- kreten Hintergrund zu beurteilen. Inwiefern aus der in direkter Rede ge- machten Aussage des Beschwerdeführers "Sie haben gesagt: Wo ist er? Wir wollen ihn mitnehmen ." ein im Rahmen der Gesamtwürdigung ent- scheidender Hinweis auf die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen hervorgeht, erhellt nicht. Auch muss letztlich gar nicht bestritten werden, dass sich der Beschwerdeführer in (…) verliebt habe. Nicht glaubhaft ist nämlich i nsbe- sondere, dass er wegen seiner angeblichen jungen Liebe in den Fokus des (…) geraten wäre, und gar vier bewaffnete Männer ihn aufgesucht hätten deswegen. Auch die Zusammenarbeit des (…) mit den Taliban vermag er offensichtlich nicht glaubhaft darzutun, wie das SEM mit Hinweis auf A27 F85 zutreffend feststellt. Es ist abgesehen davon auch schlecht nachvoll- ziehbar, dass der (…) als Angehöriger der schiitischen Hazara (vgl. auch E-1016/2021 Seite 10 A27 F74) mit den Taliban als Angehörige der Deobandi-Bewegung und da- mit sunniti sch, zusammenarbeiten würd e. Schlecht nachvollziehbar ist schliesslich die überstürzte Ausreise. Letztlich braucht die Frage der Glaubhaftigkeit der Vorbringen aus den nachfolgenden Gründen nicht ab- schliessend geklärt zu werden, womit es sich erübrigt, wei ter auf die ent- sprechenden Vorbringen in der Beschwerde – wie etwa , es sei bei der Glaubhaftigkeitsprüfung dem Alter des Beschwerdeführers nicht genügend Rechnung getragen worden – weiter einzugehen. 8.2 Art. 1A des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 Abs. 1 AsylG nennen Rasse, Re- ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen als flüchtlingsrechtlich relevante Motive. Die erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind über ihre sprachlich allenfalls en- gere Bedeutung hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merkmale, die untrennbar mit der Person oder Per- sönlichkeit des Opfers verbunden sind, erfolgt. Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes und der Flüchtlingskonvention erfolgt immer wegen des Seins, nicht wegen des Tuns. Zwar kann der Verfolger gleichfalls oder so- gar vordergründig hauptsächlich auf Handlungsweisen einer Person abzie- len, bedeutsam für die Flüchtlingseigenschaft wird der Eingriff des Verfol- gers (oder der mangelnde Schutz vor privater Verfolgung bei Schutzunwil- ligkeit des Staates) aber nur, wenn dieser die hinter einer Handlungsweise steckende Eigenart und Gesinnung der entsprechenden Person treffen will (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.4.1 m.w.H.). 8.2.1 Ein solches Motiv liegt den geltend gemachten Vergeltungsmassnah- men durch den (…) des Beschwerdeführers nicht zugrunde. Es kann auch diesbezüglich auf die entsprechende Erwägung in der vorinstanzlichen Verfügung verwiesen werden . Der Grund für die behauptete Verfolgung liege darin, dass der Beschwerdeführer eine Liebesbeziehung geführt habe, was die Familie seiner Freundin beziehungsweise die afghanische Gesellschaft nicht toleriert habe. Dass – wie auf Beschwerdeebene ausge- führt – die Werte, welche dem afghanischen Gesellschaftssystem zu- grunde liegen, (auch) religiöser Natur sind, ändert daran nichts (vgl. dazu mutatis mutandis BVGE 2014/28 E. 8.4.5). Eine Verfolgung wegen der Re- ligion muss darauf abzielen, was die betroffene Person glaubt (oder gerade nicht glaubt). Der Grund für die Verfolgung muss in diesem Sinne in der Identität der betroffenen Person liegen, in einem Element, das für ihre per- sönliche Identität grundlegend ist (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.4.5 und Urteil E-1016/2021 Seite 11 des BVGer E -3331/2013 vom 3. Juli 2014 E. 8.4.5). Dies ist beim Be- schwerdeführer nicht der Fall. Nirgends aus den Akten wird ersichtlich, dass der (…) den Beschwerdeführer aufgrund seiner Religion oder gar aus politischen Gründen verfolgt hätte. Es besteht auch kein A nlass, den Ent- scheid aufzuheben, weil diesbezüglich weitere Abklärungen nötig wären o- der das SEM die Begründungspflicht verletzt hätte. Der Grund für die Ver- folgung liegt folglich nicht in der Identität , in einer Eigenschaft des Be- schwerdeführers, sondern sie zielt lediglich auf sein Handeln ab, nämlich das Führen einer ausserehelichen Beziehung (vgl. im Ergebnis überein- stimmend Urteil des BVGer E-1406/2020 vom 26. März 2020 E. 6.1 m.w.H., BVGE 2014/28 E. 8.4.5). Aus seinen Ausführungen ist zu schliessen, dass der (…) durch die Verfolgungsmassnahmen nicht eine Eigenart oder Ge- sinnung des Beschwerdeführers treffen, sondern vielmehr die Weiterfüh- rung der Beziehung verhindern sowie ihn für das Führen dieser Beziehung bestrafen wolle. Zwar könnten die angedroht en Konsequenzen seitens (…) allenfalls – würde eine Schutzunfähigkeit oder -unwilligkeit der afghanischen Behör- den festgestellt – im Rahmen der Wegweisungsvollzugsprüfung, unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK relevant sein. Diesbezüglich ist aber auf die alter- native Natur der drei Voraussetzungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit, BVGE 2009/51 E. 5.4) zu verweisen. Nachdem der Besch werdeführer aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorl äufig in der Schweiz aufgenommen worden ist, stellt sich diese Frage demnach nicht mehr. 8.2.2 Hinsichtlich der aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Hazara geltend gemachten Diskriminierungen und schlechten Lebensumständen in Afgha- nistan sowie des Übergriffs in F._______ ist vollumfänglich auf die zutref- fenden Erwägungen in der vorinstanzlichen Verfügung zu verweisen . Im Übrigen hat die Vorinstanz der allgemein schwierigen Lage in Afghanistan durch die Anordnung der vorläufigen Aufnahme gestützt auf Art. 83 Abs. 4 AIG (SR 142.20) Rechnung getragen. 8.2.3 Insgesamt geht aus den Vorbringen des Beschwerdeführers und den Akten nicht hervor, dass er wegen einer der vorstehend aufgezählten flüchtlingsrechtlich erheblichen Verfolgungsgründe oder eines Merkmals, das untrennbar mit ihm oder seiner Persönlichkeit verbunden ist, verfolgt wurde respektive er objektiv begründete Furcht vor künftiger entsprechen- der Verfolgung in seinem Heimatstaat hätte. E-1016/2021 Seite 12 8.3 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht oder ergibt sich nichts aus den Akten, was geeignet wäre, seine Flüchtlingsei- genschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vor - instanz hat daher sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 9. 9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 11. 11.1 Mit dem vorliegenden Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden. 11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), zumal sich die Beschwerde als aussichtslos im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG erwie- sen hat. Gestützt auf Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) kann jedoch auf die Erhebung von Verfahrenskos- ten vom auch heute noch minderjährigen Beschwerdeführer verzichtet werden. (Dispositiv nächste Seite) E-1016/2021 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Esther Marti Regina Seraina Goll Versand: