200 15 700 IV MAW/IMD/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 17. November 2015 Verwaltungsrichter Matti, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Grütter Gerichtsschreiber Imhasly A.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 23. Juni 2015 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1957 geborene A.________ (nachfolgend Versicherte bzw. Beschwer- deführerin) meldete sich im Juli 2014 unter Hinweis auf gesundheitliche Beeinträchtigungen an der rechten Schulter, der linken Hand und den Rip- pen bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbe- zug an (Akten der Invalidenversicherung, Antwortbeilage [AB] 7). Die IV- Stelle Bern (nachfolgend IVB bzw. Beschwerdegegnerin) nahm daraufhin Abklärungen in erwerblicher und medizinischer Hinsicht vor. Gestützt auf einen Bericht des Regionalen Ärztlichen Dienstes vom 9. bzw. 10. März 2015 (AB 49) stellte sie der Versicherten mit Vorbescheid vom 11. Mai 2015 (AB 54) die Abweisung des Rentengesuchs bei einem anhand der gemischten Methode (80 % Erwerbstätigkeit, 20 % Aufgabenbereich Haus- halt) ermittelten Invaliditätsgrad von 11 % in Aussicht. Nachdem die Versi- cherte keinen Einwand erhoben hatte, verfügte die IVB am 23. Juni 2015 (AB 61) wie vorgesehen. B. Hiergegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 7. August 2015 (Postaufgabe) Beschwerde mit dem sinngemässen Antrag, die angefoch- tene Verfügung sei aufzuheben und der Sachverhalt sei neu zu beurteilen. Sie bringt vor, ihr Berater beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum habe ihr mitgeteilt, dass sie aufgrund der neu geltenden Gerichtspraxis Beschwerde erheben solle. Sie leide an einer chronischen Schmerzerkran- kung, die nicht in die Beurteilung der IV eingeflossen sei. Im Übrigen würde sie ohne gesundheitliche Probleme in einem Pensum von 100 % arbeiten. Mit Beschwerdeantwort vom 24. September 2015 beantragt die Beschwer- degegnerin die Abweisung der Beschwerde.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 3 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft vom 11. Juni 2009 (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversi- cherung vom 19. Juni 1959 [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom 23. Mai 1989 [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 23. Juni 2015 (AB 61). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Rente der Invalidenversicherung. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). Sie beurteilen offensichtlich begründete oder offensichtlich unbegründete Fälle in Zweier- besetzung (Art. 56 Abs. 3 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 4 2. 2.1Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Massgebend ist – im Unterschied zur Ar- beitsunfähigkeit – nicht die Arbeitsmöglichkeit im bisherigen Tätigkeitsbe- reich, sondern die nach Behandlung und Eingliederung verbleibende Er- werbsmöglichkeit in irgendeinem für die betroffene Person auf dem ausge- glichenen Arbeitsmarkt in Frage kommenden Beruf. Der volle oder bloss teilweise Verlust einer solchen Erwerbsmöglichkeit gilt als Erwerbsunfähig- keit (BGE 130 V 343 E. 3.2.1 S. 346). Bei Nichterwerbstätigen wird der Erwerbsunfähigkeit die Unmöglichkeit, sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen, gleichgestellt (Art. 5 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 3 Satz 1 ATSG). 2.2Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherten Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgaben- bereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a) und die zusätz- lich während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. b und c). Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invali- ditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertelsrente. Der Rentenanspruch entsteht gemäss Art. 29 IVG frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG, jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des 18. Altersjahres folgt (Abs. 1). Der Rentenanspruch entsteht nicht, so-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 5 lange die versicherte Person ein Taggeld nach Art. 22 IVG beanspruchen kann (Abs. 2). 2.3 2.3.1Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbsein- kommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliede- rungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbsein- kommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). 2.3.2Nach Art. 28a Abs. 3 IVG wird bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig sind oder die unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin mitarbeiten, für diesen Teil die Invalidität nach Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich tätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit gestützt auf einen Betätigungsvergleich ermit- telt (Art. 28a Abs. 2 IVG). In diesem Falle sind der Anteil der Erwerbstätig- keit beziehungsweise der unentgeltlichen Mitarbeit im Betrieb des Ehegat- ten oder der Ehegattin und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu bemessen (sog. gemischte Methode; BGE 125 V 146 E. 2a S. 150). 2.3.3Ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig Erwerbs- tätige oder als Nichterwerbstätige einzustufen ist – was je zur Anwendung einer anderen Methode der Invaliditätsbemessung (Einkommensvergleich, Betätigungsvergleich, gemischte Methode) führt –, ergibt sich aus der Prü- fung, was sie bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde (BGE 125 V 146 E. 2c S. 150). Entscheidend ist nicht, welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versi- cherten Person im Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum sie hypothetisch erwerbstätig wäre (BGE 133 V 504 E. 3.3 S. 508). Die Frage nach der anwendbaren Methode beurteilt sich praxisgemäss nach den Verhältnissen, wie sie sich bis zum Erlass der Verwaltungsverfü- gung (vgl. BGE 129 V 167 E. 1 S. 169) entwickelt haben, wobei für die hy-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 6 pothetische Annahme einer im Gesundheitsfall ausgeübten (Teil-)- Erwerbstätigkeit der im Sozialversicherungsrecht übliche Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erforderlich ist (BGE 137 V 334 E. 3.2 S. 338, 125 V 146 E. 2c S. 150). 2.4Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüg- lich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 S. 99). 2.5Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu- chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt- nis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Aus- schlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her- kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 137 V 210 E. 6.2.2 S. 269, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweis- wert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverläs- sigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt in einem An- stellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen. Gleiches gilt, wenn ein frei praktizierender Arzt von einer Versicherung wiederholt für die Erstellung von Gutachten beigezogen wird (SVR 2008 IV Nr. 22 S. 70 E. 2.4). Es bedarf vielmehr besonderer Umstände, welche das Misstrauen in die Unparteilichkeit der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 7 lassen. Im Hinblick auf die erhebliche Bedeutung, welche den Arztberichten im Sozialversicherungsrecht zukommt, ist an die Unparteilichkeit des Gut- achters allerdings ein strenger Massstab anzulegen (BGE 125 V 351 E. 3b ee S. 354). 2.6Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander wi- dersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, oh- ne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (SVR 2010 IV Nr. 58 S. 178 E. 3.1; AHI 2001 S. 113 E. 3a). 3. 3.1In medizinischer Hinsicht ergibt sich aus den Akten im Wesentli- chen das Folgende: 3.1.1Im Bericht des Spitals B.________ vom 19. März 2012 (AB 34 S. 16 f.) wurde ein Verdacht auf Interkostalneuropathie des zweiten Interko- stalnervs nach Thoraxtrauma mit Ausstrahlung im Sinne eines referred pain diagnostiziert. Seit einem Unfall am 22. Juni 2008 klage die Patientin über einen Schmerz im Zwischenrippenraum zwischen der zweiten und dritten Rippe parasternal. Eine Infiltration des Sternoclavikulargelenkes mit Loka- lanästhetikum und Cortison habe nur für eine kurzzeitige, geringe Schmerz- reduktion gesorgt. Akupunktur und Bestrahlung mit einer Infrarotlampe ha- be nur anfänglich eine gute Wirkung gezeigt. Physiotherapie habe keine Schmerzlinderung gebracht. Die Patientin werde nun in die Handhabung eines TENS-Gerätes eingewiesen, im weiteren Verlauf würde eine diagnos- tische Interkostalblockade geplant. In den verschiedenen nachfolgenden Berichten bezüglich des Therapiever- laufs wurde eine Verbesserung der Situation festgehalten (AB 34 S. 6 ff.). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 8 So habe die Patientin ein halbes Jahr nach der letzten Interkostalinfiltration anhaltend nur noch minimale Schmerzen. 3.1.2Dr. med. C.________, Facharzt für Orthopädische Chirurgie FMH, diagnostizierte im Bericht vom 6. Mai 2014 (Sprechstundenbericht vom 01.04.2014 - 09.04.2014 [AB 35.2 S. 9 f.]) hinsichtlich der rechten Schulter ein Verhebetrauma am 27. Februar 2014, eine Ausdünnung der Supraspi- natussehne mit Totalruptur ansatznah, eine Ruptur der Bizepssehne auf- grund einer ausgeprägten Tendinopathie, ein subacromiales Impingement und eine leichte AC-Gelenkarthrose. Die Patientin habe am 27. Februar 2014 beim Auffangen eines 70 kg schweren Patienten ein Verhebetrauma mit anschliessenden Schmerzen im linken (richtig wohl: rechten) Oberarm erlitten. Es bestünden Dauerschmerzen, Abduktion und Zug seien unmög- lich. Eine subacromiale Dekompression sei angezeigt. Inwiefern eine Rota- torenmanschettennaht und Reinsertion angezeigt sei, müsse intraoperativ entschieden werden. Dem Operationsbericht vom 5. Mai 2014 (AB 35.2 S. 11 f.) ist zu entneh- men, dass ein arthroskopisches Vapering von Sehnenfasern der Bizeps- sehne und der Supraspinatussehne sowie von hyperämischen Zotten, eine subacromiale Dekompression, eine AC-Gelenksresektion, eine Bizepsteno- tomie sowie eine Refixation der Supraspinatus- und der Subscapularisseh- ne durchgeführt wurden. Dr. med. C.________ attestierte eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vom 3. April bis zum 22. Juni 2014 (AB 35.2 S. 13). In der Folge berichtete er über einen stadiengerechten Verlauf (AB 20 S. 3). 3.1.3Dem Bericht des Spitals B.________ vom 8. August 2014 (AB 34 S. 2 f.) lässt sich entnehmen, dass die Patientin seit einem Unfallereignis im Juni 2008 an rezidivierenden interkostalen Schmerzen im Bereich des zweiten Interkostalraums links leide. Die Schmerzen seien bislang durch rezidivierende lokale Infiltrationen, regelmässige Einnahme von Zaldiar und zuletzt auch im Rahmen einer Immobilisation nach Schulteroperation gut modulierbar gewesen. Die Schulteroperation im Mai habe sie bezüglich der Schulterschmerzen und der postoperativen Rehabilitation sehr gut über- standen. Postoperativ sei es allerdings durch das Absetzen von Zaldiar zu einer massiven Schmerzzunahme der Interkostalschmerzen gekommen, die sich durch die erneute Medikation wieder gut hätten beruhigen lassen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 9 3.1.4Am 18. November 2014 unterzog sich die Beschwerdeführerin im Spital B.________ einem operativen Eingriff (1. Hautexzision jugulär; 2. Exploration via Hautschnitt über zuvor markiertem Areal links parasternal; 3. Infiltration Interkostalnerven mit Lokalanästhetikum). Aus dem diesbe- züglichen Operationsbericht vom 25. November 2014 (AB 43 S. 3) geht hervor, dass sich die Patientin mit bewegungs- und atemabhängigen Schmerzen seit einer Thoraxkontusion vor über sechs Jahren vorgestellt habe. In der Zwischenzeit hätten mehrmalige Bildgebungen und Arztbesu- che ohne Erfolg stattgefunden. Durch eine präoperativ erneut durchgeführ- te Bildgebung habe kein direktes morphologisches Korrelat zu der von der Patientin angegebenen Beschwerdesymptomatik eruiert werden können. Im Rahmen des Eingriffs sei die 3. Rippe freigelegt worden, wobei sich völlig unauffällige anatomische Verhältnisse gezeigt hätten. Ebenso habe sich kein Hinweis auf eine stattgehabte Läsion mit Vernarbung gezeigt. Auch die beiden benachbarten Rippenansätze kaudal und kranial hätten sich völlig unauffällig dargestellt. Alle Rippenansätze parasternal sowie im Verlauf weit nach lateral hätten sich bei der Operation auch unter deutlicher Kraftausübung (Druck und Zug) als komplett stabil gezeigt. 3.1.5Im Austrittsbericht des Spitals B.________ vom 18. Februar 2015 betreffend einer stationären Abklärung und Behandlung vom 18. Dezember 2014 bis 10. Januar 2015 (AB 46) finden sich die folgenden Diagnosen: 1. Chronisches Schmerzsyndrom bei Status nach Thoraxtrauma links am 22. Juni 2008; 2. Leichte depressive Episode; 3. Status nach arthroskopischem Vapering von Sehnenfaser der Bizepssehne und Supraspinatussehne bei Ausdünnung der Supraspinatussehne rechts mit Totalruptur nach Verhe- betrauma 05/2014. Bei der Patientin bestehe seit einem Unfall im Jahr 2008 ein chronifiziertes Schmerzsyndrom im linken Hemithorax bei rezidi- vierenden Luxationen der 3. Rippe links. Im November 2014 sei eine lokale Infiltration durchgeführt worden, welche nicht den gewünschten Effekt ge- bracht habe. Sie leide an einem dauernd bestehenden, ziehend- stechenden, manchmal druckartigen Schmerz über der linken Brust, zum Teil ausstrahlend in den linken Arm, was u.a. zu Angst vor tiefer Inspiration führe. Die Patientin sei stark eingeschränkt in ihren Alltagsfunktionen und habe aufgrund der Schmerzen zum zweiten Mal ihre Arbeitsstelle verloren. Sie gehe von einer rein somatischen Ursache aus, es bestehe auch keine Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 10 Zentralisierung und keine Schmerzausweitung. Der Austritt sei in einem wenig gebesserten Zustand erfolgt. Die Wiederaufnahme der bisherigen Tätigkeit im … sei zum Zeitpunkt des Austritts als nicht realistisch beurteilt worden. 3.1.6Der RAD-Arzt Dr. med. D.________, Facharzt für Orthopädische Chirurgie FMH, hielt im Bericht vom 9. März 2015 (AB 48) fest, bezüglich der rechten Schulter ergebe sich aus den Akten ein regelrechter postopera- tiver Verlauf. Von Seiten der Halswirbelsäule hätten nur interkurrent Be- schwerden bestanden und bezüglich des Sehneninterponates ED III wür- den keine Einschränkungen geltend gemacht. Entsprechend ergebe sich das folgende Zumutbarkeitsprofil: Zumutbar seien körperlich leichte bis gelegentlich mittelschwere Tätigkeiten mit dem rechten Arm unter der Schulterhorizontalen, wobei das körperferne Heben und Tragen von Lasten von über 5 kg nicht möglich sei. Bezüglich der Steh-, Sitz- und Gehdauer bestünden keine Einschränkungen, ebenso wenig hinsichtlich Tätigkeiten mit dem linken Arm. Die RAD-Ärztin Dr. med. E.________, Fachärztin für Allgemeine Medizin (D) und Arbeitsmedizin, führte im Bericht vom 10. März 2015 (AB 49) mit Blick auf dieses Zumutbarkeitsprofil aus, die Versicherte sei aufgrund der Schulterpathologie als … mit dem bekannten Arbeitsprofil nicht mehr ar- beitsfähig, da im … gemäss Angaben des Arbeitgebers oft Gewichte zwi- schen 10 bis 25 kg gehoben und getragen werden müssten (AB 19 S. 7). Bezüglich der geklagten persistierenden Schmerzsymptomatik parasternal auf der Höhe der 2. und 3. Rippe bei körperlicher Belastung bestehe bei angepasster Tätigkeit keine Einschränkung bezüglich des Pensums. Es sei davon auszugehen, dass bei körperlich nicht belastenden Arbeiten sich auch die Schmerzsymptomatik bessere. Das bisherige selbstgewählte Pensum von 80 % sei weiterhin möglich. Bei angepasster Tätigkeit (ohne erhöhte körperliche Belastung) wie im medizinischen Zumutbarkeitsprofil beschrieben, sei von keiner zusätzlichen Leistungsminderung in dieser Zeit auszugehen. 3.2Die Stellungnahmen der RAD-Ärzte Dres. med. D.________ und E.________ vom 9. und 10. März 2015 (AB 48 f.) erfüllen die von der höchstrichterlichen Rechtsprechung an den Beweiswert eines medizini-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 11 schen Berichts gestellten Anforderungen (vgl. E. 2.5 hiervor). Sie sind ist für die streitigen Belange umfassend, berücksichtigen die geklagten Be- schwerden und wurde in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben. Die Darlegung der medizinischen Zusammenhänge ist einleuchtend und die Schlussfolgerungen sind begründet. Nicht zu bemängeln ist, dass die RAD-Ärzte die Beschwerdeführerin nicht persönlich untersucht haben. Nach der Praxis sind Aktenbeurteilungen nicht zu beanstanden, wenn die Akten ein vollständiges Bild über Anamnese, Verlauf und gegenwärtigen Status ergeben und diese Daten unbestritten sind. Der Untersuchungsbe- fund muss lückenlos vorliegen. Der Experte muss sich aufgrund vorhande- ner Unterlagen ein gesamthaft lückenloses Bild machen können (RKUV 2006 U 578 S. 175 E. 3.4, 1988 U 56 S. 371 E. 5b). Dies war vorliegend der Fall. 3.3Was die Beschwerdeführerin dagegen vorbringt, vermag zu keiner anderen Beurteilung zu führen. Sie leidet in der Tat an einem chronischen Schmerzsyndrom ohne objektivierbare Befunde. So konnte anlässlich des chirurgischen Eingriffs vom 18. November 2014 (AB 43 S. 3) kein Befund erhoben werden, welcher die geklagten thorakalen Schmerzen hätte zu erklären vermögen. Indessen hat die Beschwerdeführerin keine Arztberich- te beigebracht, welche das vom RAD festgelegte Zumutbarkeitsprofil (vgl. E. 3.1.6) umzustossen vermöchten. Entgegen der Rüge in der Beschwerde ist die chronische Schmerzerkrankung in die Beurteilung der Beschwerde- gegnerin bzw. des RAD eingeflossen. Dr. med. E.________ hat hierzu denn auch festgehalten, in einer angepassten Tätigkeit bestehe keine Ein- schränkung bezüglich des Pensums. Zudem sei davon auszugehen, dass bei körperlich nicht belastenden Tätigkeiten sich auch die Schmerzsym- ptomatik bessere (AB 49 S. 4). Diese Einschätzung wird gestützt durch die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin nach dem Thoraxtrauma im Juni 2008 bis zur im Februar 2014 zugezogenen Schulterverletzung weiterhin als … bzw. als … tätig gewesen ist (AB 4 S. 2 ff.). Aus dem Hinweis auf die „neu geltende Gerichtspraxis“, womit sie offensichtlich Bezug auf BGE 141 V 281 nimmt, in welchem das Bundesgericht das bisherige Re- gel/Ausnahme-Modell zur Prüfung einer rentenbegründenden Invalidität psychosomatischer Leiden durch einen strukturierten, normativen Prü- fungsraster ersetzt hat, kann die Beschwerdeführerin nichts für sich ablei-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 12 ten, hat doch keiner der behandelnden Ärzte eine Störung diagnostiziert, welche unter diese Rechtsprechung fallen würde (vgl. dazu BGE 137 V 64 E. 4.2 S. 68). Nach dem Gesagten hat die Beschwerdegegnerin den medizinischen Sachverhalt rechtsgenüglich abgeklärt. Von weiteren Abklärungen sind keine neuen Erkenntnisse zu erwarten, weswegen in antizipierter Beweis- würdigung (BGE 122 V 157 E. 1d S. 162) darauf zu verzichten ist. 4. 4.1Gestützt auf die – wie oben ausgeführt – beweiskräftige Beurtei- lung des RAD ermittelte die Beschwerdegegnerin in Anwendung der ge- mischten Methode (80 % Erwerbstätigkeit, 20 % Aufgabenbereich Haus- halt) einen Invaliditätsgrad von 11 % (AB 61 S. 2). Hiergegen macht die Beschwerdeführerin geltend, sie würde ohne gesundheitliche Probleme in einem Pensum von 100 % arbeiten. Wie es sich damit verhält, kann an dieser Stelle offen gelassen werden, ergibt sich doch auch bei einem rei- nen Einkommensvergleich ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad: Im Erwerbsbereich ermittelte die Beschwerdegegnerin einen Invaliditäts- grad von 13.47 %. Für die Bestimmung des Valideneinkommens stellte sie auf den Arbeitsvertrag mit der letzten Arbeitgeberin ab, worin ein Jahres- lohn von Fr. 48‘269.-- bei einem Pensum von 80 % vereinbart worden ist (AB 11 S. 2). Effektiv verdiente die Beschwerdeführerin in den Jahren 2012 und 2013 aufgrund diverser Zulagen etwas mehr, nämlich Fr. 50‘935.-- bzw. Fr. 51‘324.-- (AB 19 S. 10 f.), was am Ergebnis jedoch nichts ändert. Das Invalideneinkommen bestimmte die Beschwerdegegnerin korrekter- weise anhand von Tabellenlöhnen gemäss den vom Bundesamt für Statis- tik herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE), da die Beschwerde- führerin nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat (BGE 135 V 297 E. 5.2 S. 301; SVR 2010 IV Nr. 52 S. 162 E. 4.3.1). Gestützt auf LSE 2012, Tabelle TA1, Total, Kompetenzniveau 1 errechnete sie ein hypotheti- sches Einkommen von Fr. 41‘765.--, dies bei einem Pensum von 80 %. Stellt man dies einem Valideneinkommen von Fr. 51‘324.-- gegenüber, Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 13 resultiert ein Invaliditätsgrad von gerundet 19 %, woran sich nichts ändert, ginge man jeweils von einem Pensum von 100 % aus. 4.2Die angefochtene Verfügung 23. Juni 2015 (AB 61) ist damit im Ergebnis nicht zu beanstanden. Die dagegen erhobene Beschwerde ist als offensichtlich unbegründet abzuweisen. 5. 5.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festzulegen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die unterliegende Beschwerdefüh- rerin die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 700.--, zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe entnommen. 5.2Gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 61 lit. g ATSG (Umkehrschluss) besteht kein Anspruch auf eine Parteientschädigung. Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 700.-- werden der Beschwerdeführerin zur Bezahlung auferlegt und dem geleisteten Kostenvorschuss in glei- cher Höhe entnommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 17. Nov. 2015, IV/15/700, Seite 14 4. Zu eröffnen (R): - A.________ - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Der Gerichtsschreiber: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.