<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 70 S.343</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">343</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>70 Steuerrekursverfahren.</b></span> <span class="ft3"><b>Untersuchungsgrundsatz.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Im Rekursverfahren ist der Gemeinderat, obwohl er gegen den Re-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>kursentscheid Beschwerde führen kann, nicht Partei mit Mitwir-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>kungsrechten.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Über eine neue Sachverhaltsdarstellung des beschwerdeführenden Ge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>meinderats im Verwaltungsgerichtsverfahren, für welche dieser keine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der ihm zugänglichen Beweismittel vorlegt, sondern sich auf Vermu-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tungen beschränkt, ist nicht von Amtes wegen Beweis zu erheben.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 21. April 2005 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen Gemeinderat X. gegen Steuerrekursgericht und P.B.</span><br/> <br/> <span class="ft2"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Der Gemeinderat beanstandet, das Steuerrekursgericht sei</span><br/> <span class="ft1">zu Unrecht vom Vorliegen gemeinsamer Anträge aller Verfahrens-</span><br/> <span class="ft1">beteiligten ausgegangen; es habe dabei übersehen, dass neben den</span><br/> <span class="ft1">Steuerpflichtigen und dem KStA auch die Einwohnergemeinde X.,</span><br/> <span class="ft1">vertreten durch die Steuerkommission als Veranlagungsbehörde, zu</span><br/> <span class="ft1">den Beteiligten gehöre. Dieser sei das rechtliche Gehör verweigert</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">344</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">worden, indem ihr weder die Replik der Steuerpflichtigen noch die</span><br/> <span class="ft1">Duplik des KStA zugestellt worden seien.</span><br/> <span class="ft1">c) Vorliegend geht es um die Stellung des Gemeinderats im Re-</span><br/> <span class="ft1">kursverfahren, wenn dieser nicht selber Rekurs führt.</span><br/> <span class="ft1">aa) Die Veranlagung der natürlichen Personen erfolgt durch die</span><br/> <span class="ft1">Steuerkommission der Gemeinde (§ 116 des Steuergesetzes [aStG]</span><br/> <span class="ft1">vom 13. Dezember 1983), die auch über Einsprachen gegen die Ver-</span><br/> <span class="ft1">anlagung entscheidet (§</span> <span class="ft1">145, §</span> <span class="ft1">148 Abs.</span> <span class="ft1">1 aStG). Der Steuer-</span><br/> <span class="ft1">kommission gehören drei von der Einwohnergemeinde gewählte</span><br/> <span class="ft1">Mitglieder, ein vom Regierungsrat gewähltes Mitglied sowie - von</span><br/> <span class="ft1">Amtes wegen - der kantonale Steuerkommissär an (§ 117 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">aStG). Das Gemeindesteueramt ist funktionell ein zudienendes und</span><br/> <span class="ft1">ausführendes Organ der Steuerkommission (vgl.</span> <span class="ft1">AGVE 2001,</span><br/> <span class="ft1">S. 380). Der Vorsteher des Gemeindesteueramtes bzw. der Gemein-</span><br/> <span class="ft1">desteuerbeamte kann der Steuerkommission als Mitglied angehören.</span><br/> <span class="ft1">bb) Wenn der Steuerpflichtige gegen den Einspracheentscheid</span><br/> <span class="ft1">der Steuerkommission Rekurs erhebt, sind Vernehmlassungen des</span><br/> <span class="ft1">Gemeindesteueramtes und des KStA einzuholen (§ 11 Abs. 1 lit. a</span><br/> <span class="ft1">VStRK). Das Gemeindesteueramt tritt hier an die Stelle der Steuer-</span><br/> <span class="ft1">kommission (als Vorinstanz), vermutlich wegen der kurzen vorgese-</span><br/> <span class="ft1">henen Frist von 10 Tagen, die durch die Steuerkommission, welche</span><br/> <span class="ft1">nur gelegentlich tagt, nicht eingehalten werden könnte. Beim KStA</span><br/> <span class="ft1">liegt der obligatorische Einbezug ins Rekursverfahren darin begrün-</span><br/> <span class="ft1">det, dass dieses ganz allgemein den Vollzug des Steuergesetzes zu</span><br/> <span class="ft1">leiten und für richtige und gleichmässige Veranlagungen (also die</span><br/> <span class="ft1">kantonsweit gleiche Anwendung des Steuergesetzes) zu sorgen hat</span><br/> <span class="ft1">(§ 114 f. aStG [auch die Bestimmung von § 139 Abs. 2 aStG dient</span><br/> <span class="ft1">diesem Zweck]; AGVE 2001, S. 380). Inhaltlich unterscheidet sich</span><br/> <span class="ft1">die Regelung damit nicht von derjenigen in § 41 Abs. 1 VRPG, wo-</span><br/> <span class="ft1">nach Beschwerden der Vorinstanz und allen Beteiligten, die durch</span><br/> <span class="ft1">das Beschwerdebegehren betroffen werden, zur Vernehmlassung</span><br/> <span class="ft1">zuzustellen sind.</span><br/> <span class="ft1">Ungeachtet des Umstands, dass der Gemeinderat zur Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde gegen den Rekursentscheid legitimiert ist (§ 139 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">i.V.m. § 145 lit. a aStG), besteht kein Bedürfnis, ihn als "Partei" bzw.</span><br/> <span class="ft1">Beteiligten im Rekursverfahren mitwirken zu lassen; denn die mate-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">345</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">riellen Bestimmungen für die Staats- und die Gemeindesteuern</span><br/> <span class="ft1">stimmen überein, sodass es ausreicht, wenn das KStA die fiskali-</span><br/> <span class="ft1">schen Interessen vertritt, und die Interessen der Gemeinde kann,</span><br/> <span class="ft1">soweit überhaupt notwendig, das Gemeindesteueramt noch mit der</span><br/> <span class="ft1">Vernehmlassung wahrnehmen. Entgegen der Meinung des Gemein-</span><br/> <span class="ft1">derats ist es im Übrigen keineswegs ausserordentlich, dass eine Be-</span><br/> <span class="ft1">hörde, ohne als Beteiligte ins Verfahren einbezogen zu sein, zur Er-</span><br/> <span class="ft1">hebung eines Rechtsmittels gegen den dieses Verfahren abschliessen-</span><br/> <span class="ft1">den Entscheid befugt ist (vgl. aus dem Gebiet des Steuerrechts</span><br/> <span class="ft1">Art. 73 Abs. 2 StHG mit der Beschwerdelegitimation der vorher am</span><br/> <span class="ft1">Verfahren nicht beteiligten Eidgenössischen Steuerverwaltung; all-</span><br/> <span class="ft1">gemein Art. 103 lit. b OG).</span><br/> <span class="ft1">d) Daraus folgt, dass der Gemeinderat im Rekursverfahren nicht</span><br/> <span class="ft1">Partei bzw. Beteiligter war. Er hatte (ausser der Zustellung des Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheids, die regelmässig an das zur Gemeindeverwaltung gehörende</span><br/> <span class="ft1">Gemeindesteueramt erfolgt, was genügt) keine Rechte im Verfahren,</span><br/> <span class="ft1">die hätten verletzt werden können. Analog gilt bezüglich der Steuer-</span><br/> <span class="ft1">kommission (und des Gemeindesteueramts), dass sich diese - als</span><br/> <span class="ft1">Vorinstanz - nach der Einreichung der Vernehmlassung auf keine</span><br/> <span class="ft1">eigenen Verfahrensrechte mehr berufen konnte.</span><br/> <span class="ft1">e) Der Vergleich, im Verwaltungsrecht ohnehin eher ein Fremd-</span><br/> <span class="ft1">körper, ist im VRPG und im aStG nicht geregelt. Im Rechtsmittelver-</span><br/> <span class="ft1">fahren (zur Verständigung ["Vergleich"] im Veranlagungsverfahren</span><br/> <span class="ft1">vgl. AGVE 2004, S. 135 = StE 2005, B 93.1 Nr. 7, mit ähnlichen</span><br/> <span class="ft1">Schlussfolgerungen wie nachfolgend) wird nach aargauischer Praxis</span><br/> <span class="ft1">übereinstimmenden Anträgen der Beteiligten zur Erledigung des</span><br/> <span class="ft1">Verfahrens ("Vergleich") in der Regel stattgegeben, sofern sich diese</span><br/> <span class="ft1">aufgrund einer summarischen Prüfung als gesetzmässig erweisen und</span><br/> <span class="ft1">Zugeständnisse innerhalb des vom Gesetz gewährten Spielraums</span><br/> <span class="ft1">bleiben (AGVE 1998, S. 346; 1991, S. 383; Kritik bei Michael Mer-</span><br/> <span class="ft1">ker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren nach dem</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege [Kommentar</span><br/> <span class="ft1">zu den §§ 38-72 VRPG], Diss. Zürich 1998, § 58 N 12 ff.). Im vor-</span><br/> <span class="ft1">liegenden Zusammenhang ist dabei nur von Bedeutung, dass der</span><br/> <span class="ft1">"Vergleich" das Verfahren nicht abschliesst und die übereinstimmen-</span><br/> <span class="ft1">den Anträge die urteilende Instanz nicht binden, sondern auch dies-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">346</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">falls ein Sachurteil ergehen muss (ebenso, zu Art. 50 ATSG, EVGE</span><br/> <span class="ft1">vom 14. Januar 2004 [U 161/03], mit weiteren Hinweisen; die Kritik</span><br/> <span class="ft1">von Merker, a.a.O., § 58 N 14 f., der von anderen Fällen als denjeni-</span><br/> <span class="ft1">gen der Gerichtspraxis ausgeht, ist jedenfalls in diesem Punkt unzu-</span><br/> <span class="ft1">treffend). Formell besteht kein Unterschied zu anderen Urteilen.</span><br/> <span class="ft1">Allerdings wird die sachverhaltsmässige und rechtliche Prüfung in</span><br/> <span class="ft1">der Regel ungeachtet der Untersuchungs- und Offizialmaxime weni-</span><br/> <span class="ft1">ger intensiv erfolgen, da davon ausgegangen wird, die am "Ver-</span><br/> <span class="ft1">gleich" Beteiligten wüssten je ihre unterschiedlichen Interessen zu</span><br/> <span class="ft1">wahren. Es ist deshalb nicht so, dass die Gemeinde mit ihren fiskali-</span><br/> <span class="ft1">schen Interessen im Rekursverfahren den "Vergleichsparteien" KStA</span><br/> <span class="ft1">und Steuerpflichtige schutzlos ausgeliefert gewesen wäre; vielmehr</span><br/> <span class="ft1">kam das Steuerrekursgericht zur Meinung, das KStA habe bei seinem</span><br/> <span class="ft1">Antrag auf Gutheissung des Rekurses die Interessen des Fiskus aus-</span><br/> <span class="ft1">reichend gewahrt, womit der Gemeinderat nicht einig geht.</span><br/> <span class="ft1">Klar ist indessen, dass sich die nächsthöhere Instanz nicht mit</span><br/> <span class="ft1">einer summarischen Prüfung begnügen darf, wenn eine am "Ver-</span><br/> <span class="ft1">gleich" nicht beteiligte Partei das gestützt auf den "Vergleich" ergan-</span><br/> <span class="ft1">gene Urteil weiterzieht.</span><br/> <span class="ft1">3. c) bb) Der Gemeinderat behauptet, die Höherbewertung der</span><br/> <span class="ft1">Immobilien ab 1998 beruhe nicht auf der Aktivierung von Investitio-</span><br/> <span class="ft1">nen, sondern auf der Auflösung stiller Reserven zwecks Aufwertung</span><br/> <span class="ft1">und Gewinnausweis, weshalb die ausgeschütteten Dividenden als</span><br/> <span class="ft1">Substanzdividenden anzusehen seien. Dies wird nicht belegt und von</span><br/> <span class="ft1">den Steuerpflichtigen bestritten. Das für die Veranlagung der B. AG</span><br/> <span class="ft1">zuständige Steueramt des Kantons Solothurn hat den Steuerbehörden</span><br/> <span class="ft1">X. alle verlangten Unterlagen über die B. AG umgehend zur Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung gestellt. Der Gemeinderat hätte die Möglichkeit und mehr als</span><br/> <span class="ft1">genügend Zeit gehabt, seine (in seiner letzten Rechtsschrift aufge-</span><br/> <span class="ft1">stellte) neue Sachverhaltsdarstellung durch Einholung der Erfolgs-</span><br/> <span class="ft1">rechnungen und Kontenblätter zu belegen. Er sah, obwohl die Be-</span><br/> <span class="ft1">weislast für steuerbegründende und -erhöhende Tatsachen beim Fis-</span><br/> <span class="ft1">kus bzw. in der hier vorliegenden Konstellation eben beim Gemein-</span><br/> <span class="ft1">derat liegt (AGVE 1997, S. 201), davon ab und stellte nicht einmal</span><br/> <span class="ft1">einen entsprechenden Beweisantrag. Er beschränkte sich stattdessen</span><br/> <span class="ft1">unter Bezugnahme auf den - in keiner Weise beweisbildenden, zumal</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">347</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">die Behauptung, Brandversicherungswerte würden bei Neuinvesti-</span><br/> <span class="ft1">tionen laufend angepasst, gerichtsnotorisch falsch ist - gleich geblie-</span><br/> <span class="ft1">benen Brandversicherungswert bewusst auf reine Vermutungen ("...</span><br/> <span class="ft1">ist davon auszugehen, dass diese Aufwertungen auf den Immobilien</span><br/> <span class="ft1">aus Auflösung von stillen Reserven und nicht aus wesentlichen</span><br/> <span class="ft1">Investitionen stammen."). Bei solcher Prozessführung sieht sich das</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgericht nicht veranlasst, die vom Gemeinderat bewusst</span><br/> <span class="ft1">nicht eingebrachten Beweisstücke selber einzuholen. Vielmehr hat</span><br/> <span class="ft1">die Behauptung, die Gewinne in den Geschäftsjahren 1998 und 1999</span><br/> <span class="ft1">seien durch Auflösung stiller Reserven und damit aus der früher er-</span><br/> <span class="ft1">wirtschafteten Substanz erzielt worden, aufgrund berechtigter Zwei-</span><br/> <span class="ft1">fel als unbewiesen zu gelten.</span><br/></div> </div> </body> </html>