Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 22. Januar 2015 (720 14 47 / 17) ___________________________________________________________________ Invalidenversicherung Berufliche Massnahmen; Umschulung Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsri chter Daniel Noll, Kantonsrichterin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiberin Milena Grob Parteien A.___, Beschwerdeführer, vertreten durch E lisabeth Maier, Advoka- tin, Hauptstrasse 104, 4102 Binningen gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Berufliche Massnahmen (756.8838.4213.27) A. Der am 6. November 1986 geborene A.___ hat bei d er Firma B.___ eine Lehre als In- formatiker absolviert und im Juni 2007 mit dem Fähi gkeitszeugnis als Informatiker abgeschlos- sen. Gleichzeitig schloss er die Berufsmatur ab. Im Anschluss daran hat er bis Juli 2008 bei der B.___ in der Abteilung Management Messaging & Colla boration gearbeitet und daneben von November 2007 bis April 2008 den Lehrgang Marketing assistent besucht und mit Diplom abge- schlossen. Von 2008 bis 2011 hat der Versicherte an der Fachhochschule Betriebsökonomie studiert, das Studium aber abgebrochen. Am 6. Juni 2012 meldete er sich unter Hinweis auf Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine Zwangsstörung und Depressionen bei der IV-Stelle d es Kantons Basel-Landschaft (IV- Stelle) zum Bezug von Leistungen an und beantragte zur Wiedereingliederung in den Berufsall- tag die Übernahme der Kosten für das Nachholen der eidgenössischen Matur sowie der Kosten für ein Studium. Mit Vorbescheid vom 17. September 20 13 wies die IV-Stelle das Kostengut- sprachegesuch für berufliche Massnahmen ab, da die angestrebte Ausbildung eine Höherquali- fizierung sei. Ausserdem sei der Versicherte arbeitsfähig. Mit Verfügung vom 7. Januar 2014 ist die IV-Stelle insofern auf ihren Vorbescheid zurückgekom men, als dass sie weitere Abklärun- gen in Hinblick auf einen möglichen Anspruch auf Umschulun g vorzunehmen beschied. Am Entscheid, dass keine tertiäre Ausbildung finanziert werde, hielt die IV-Stelle hingegen fest. B. Hiergegen erhob A.___ am 11. Februar 2014, vertre ten durch Elisabeth Maier, Advoka- tin, Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialver sicherungsrecht (Kantonsgericht). Er beantragte darin, es sei die Beschwerdegegnerin in Au fhebung der angefochtenen Verfügung zu verpflichten, ihm die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegen- heit zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Weiter beantragte er die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltl iche Verbeiständung mit seiner Rechtsver- treterin. Im Weiteren beantragte er die Sistierung d es Verfahrens bis zum Abschluss der von der Beschwerdegegnerin vorgesehenen weiteren Abklärung und dem Erlass eines Entscheides betreffend einer möglichen Umschulung sowie die Gelege nheit zur ergänzenden Beschwer- debegründung nach Vorliegen dieses Entscheides. Weiter beantragte er den Beizug der Ver- fahrensakten der Beschwerdegegnerin. C. Mit Stellungnahme vom 17. März 2014 teilte die IV- Stelle mit, dass sie sich dem Sistie- rungsgesuch des Beschwerdeführers anschliesse. Mit Verfü gung vom 18. März 2014 hat das Kantonsgericht das Verfahren bis zum Entscheid der IV-Ste lle betreffend den Anspruch des Beschwerdeführers auf weitere berufliche Massnahmen sistie rt. Weiter wurde dem Beschwer- deführer mit derselben Verfügung für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Prozessfüh- rung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Elisab eth Maier, Advokatin, als Rechtsvertrete- rin bewilligt. D. Mit Schreiben vom 10. Juni 2014 teilte die IV-Ste lle dem Beschwerdeführer mit, dass die geforderte Übernahme der Kosten für die berufsbeglei tende Maturitätsschule für Erwachsene nicht ihrem Auftrag entspreche, weil damit eine ther apeutische Massnahme übernommen wür- de. Weiter sei nicht klar, weshalb der Beschwerdeführer nicht in der Informatik oder als Marke- ting-Assistent arbeiten könne. Mit Verfügung vom 24. Juli 2014 hob deshalb das Kantonsgericht die Verfahrenssistierung auf. Am 8. September 2014 rei chte der Beschwerdeführer eine er- gänzte Beschwerdebegründung ein, mit welcher er an den gestellten Beschwerdebegehren vom 11. Februar 2014 festhält. Weiter reichte er eine n Arztbericht von Dr. C.___, Kinder- und Jugendpsychiatrie- und Psychotherapie FMH, vom 18. Juli 2014, ein. F. In ihrer Vernehmlassung vom 19. November 2014 bea ntragte die IV-Stelle die Ableh- nung der Beschwerde. Sie führte im Wesentlichen aus, dass es sich bei der Übernahme der Kosten für ein Studium um eine Höherqualifizierung handle. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes übe r die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Beschwerde vom 11. Februar 2014 ist demnach einzutreten. 2. Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf berufliche Massnah- men hat, namentlich auf die Kostenübernahme für die e idgenössische Matura und für ein uni- versitäres Hochschulstudium. 3.1 Nach Art. 8 Abs. 1 IVG haben Invalide oder von ein er Invalidität bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notw endig und geeignet sind, die Er- werbsfähigkeit wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a) und die Vorausset- zungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erf üllt sind (lit. b). Als Invalidität im Sinne von Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den All gemeinen Teil des Sozialversiche- rungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 gilt die voraussic htlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Die Invalidität wird durch eine Beeinträchti- gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundhei t verursacht, wobei sie im IV- Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 IVG, Art. 3 und 4 ATSG). Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der Aus- übung einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidi tät. Bei der Festlegung der Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu berücksichtigen (Art. 8 Abs. 1 bis IVG). Laut Art. 8 Abs.3 IVG bestehen die Eingliederun gsmassnahmen unter anderen in Mass- nahmen beruflicher Art (lit. c). Zu diesen gehören die Berufsberatung (Art. 15 IVG), die erstma- lige berufliche Ausbildung (Art. 16 IVG), die Umschulun g (Art. 17 IVG), die Arbeitsvermittlung (Art. 18 Abs. 1 IVG), der Arbeitsversuch (Art. 18a IVG), Einarbeitungszuschüsse (Art. 18b IVG), Entschädigungen für Beitragserhöhungen (Art. 18c IVG) sowie die Kapitalhilfe (Art. 18b IVG). 3.2 Gemäss Art. 16 IVG haben Versicherte, die noch nich t erwerbstätig waren und denen infolge Invalidität bei der erstmaligen beruflichen Ausbildung in wesentlichem Umfange zusätzli- che Kosten entstehen, Anspruch auf Ersatz dieser Kosten, s ofern die Ausbildung den Fähigkei- ten des Versicherten entspricht. Als erstmalige beruflich e Ausbildung gilt die berufliche Grund- bildung nach dem Berufsbildungsgesetz vom 13. Dezember 2002 sowie, nach Abschluss der Volks- oder Sonderschule, der Besuch einer Mittel-, Fach - oder Hochschule und die berufliche Vorbereitung auf eine Hilfsarbeit oder auf die Tätig keit in einer geschützten Werkstätte (Art. 5 Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung vo m 17. Januar 1961 (IVV)). Einem Ver- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht sicherten entstehen aus der erstmaligen beruflichen Ausbil dung oder Weiterbildung in wesentli- chem Umfange zusätzliche Kosten, wenn seine Aufwendungen für die Ausbildung wegen der Invalidität jährlich um 400 Franken höher sind, als sie ohne Invalidität gewesen wären (Art. 5 Abs. 2 IVV). Die zusätzlichen Kosten werden ermittelt, i ndem die Kosten der Ausbildung der invaliden Person den mutmasslichen Aufwendungen gegenübe rgestellt werden, die bei der Ausbildung einer nicht invaliden Person zur Erreichung des gleichen beruflichen Zieles notwen- dig wären. Hatte der Versicherte vor Eintritt der In validität schon eine Ausbildung begonnen oder hätte er ohne Invalidität offensichtlich eine wen iger kostspielige Ausbildung erhalten, so bilden die Kosten dieser Ausbildung die Vergleichsgrun dlage für die Berechnung der invalidi- tätsbedingten zusätzlichen Aufwendungen (Art. 5 Abs. 3 IVV). 3.3 Die versicherte Person hat nach Art. 17 Abs. 1 IVG A nspruch auf Umschulung in eine neue Erwerbstätigkeit, wenn diese infolge Invalidität notwendig ist und dadurch die Erwerbsfä- higkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann . Laut Art. 6 Abs. 1 IVV gelten als Umschulung Ausbildungsmassnahmen, die Versicherte nach Absch luss einer erstmaligen be- ruflichen Ausbildung oder nach Aufnahme einer Erwerb stätigkeit ohne vorgängige berufliche Ausbildung wegen ihrer Invalidität zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit benö- tigen. Nach der Rechtsprechung wiederum ist unter Umschul ung grundsätzlich die Summe der Eingliederungsmassnahmen berufsbildender Art zu verstehe n, die notwendig und geeignet sind, dem vor Eintritt der Invalidität bereits erwerbst ätig gewesenen Versicherten eine seiner früheren annähernd gleichwertige Erwerbsmöglichkeit zu vermitteln. Dabei bezieht sich der Be- griff der "annähernden Gleichwertigkeit" nicht in er ster Linie auf das Ausbildungsniveau als sol- ches, sondern auf die nach erfolgter Eingliederung zu er wartende Verdienstmöglichkeit. In der Regel besteht nur ein Anspruch auf die dem jeweilige n Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die nach den ge gebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren. Dies deshalb, weil die Eingliederung nach d em Willen des Gesetzgebers lediglich so weit sicherzustellen ist, als dies im Einzelfall notwen dig, aber auch genügend ist (BGE 130 V 489 f. E. 4.2). Im Einzelfall kann jedoch auch e ine Ausbildung, die eine – verglichen mit der Arbeit vor Invaliditätseintritt – anspruchsvollere T ätigkeit erlaubt, übernommen werden, wenn Art und Ausmass der Invalidität und deren beruflic he Auswirkungen so schwerwiegend sind, dass die Arbeitsleistung nur auf dieser höheren B erufsstufe optimal verwertet werden kann (Urteil des Bundesgerichts vom 5. Juni 2013, 9C_122/ 2012, E. 5.2.1 mit Hinweis; vgl. Art. 6 Abs. 1bis IVV). Schliesslich setzt der Anspruch auf Umschulung voraus, dass die ver- sicherte Person wegen der Art und Schwere des Gesundhei tsschadens in den für sie ohne zu- sätzliche berufliche Ausbildung noch offen stehenden zu mutbaren Tätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbseinbusse von etwa 2 0% erleidet, wobei es sich um einen blossen Richtwert handelt (BGE 130 V 489 f. E. 4.2 mi t Hinweisen; vgl. auch Sozialversiche- rungsrecht – Rechtsprechung [SVR] 2006 IV Nr. 15 E. 2). 3.4 Ausgangspunkt jedes Anspruchs auf berufliche Massnah men der Invalidenversicherung ist das Vorhandensein eines (drohenden) invalidisierende n Gesundheitsschadens. Als Invalidi- tät im Sinne von Art. 8 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG gilt wie in E.3.1 ausge- führt die voraussichtliche bleibende oder längere Zeit d auernde ganze oder teilweise Erwerbs- unfähigkeit als Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall. Unter Erwerbsunfähigkeit Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 3.5 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psychi schen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 50 E. 1. 2, 130 V 398 ff. E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass belastenden psychosozialen Faktoren sow ie soziokulturellen Umständen bei psychischen Leiden kein Krankheitswert zukommt. Ein i nvalidisierender Gesundheitsscha- den im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medi- zinisches Substrat voraus, das die Arbeits- und Erwerbsfähig keit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt , kommt der weiteren Frage zent- rale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann, zu arbeiten und einem Erwerb nachzugehen (BGE 127 V 299 E. 5a mit Hi nweisen). Zur Annahme einer durch eine psychische Gesundheitsbeeinträchtigung verursachten Erw erbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwe rbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehmen ist, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zu- mutbar oder – als alternative Voraussetzung – sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; vgl. auch BGE 127 V 298 E. 4c in fine). 4.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes ist die rechtsanwendende Behörde – die Verwaltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die vorab von Ärz- tinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszu- stand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in we lchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (vg l. BGE 132 V 99 f. mit weiteren Hinwe isen). Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellungna hmen eine wichtige Grundlage für die Be- urteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche an deren Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem allgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch verrichtet werden können (vgl. ULRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Inva- liditätsschätzung, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (v gl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversi cherungsgericht alle relevanten Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objekti v zu prüfen und danach zu entschei- den hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässi ge Beurteilung des streitigen Rechtsan- spruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander wide rsprechenden medizinischen Berich- ten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Bewe ismaterial zu würdigen und die Grün- de anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entsche idend, ob der Bericht für die strei- tigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchun gen beruht, auch die geklagten Be- schwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamn ese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der E xpertin oder des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist somit grundsätzlich weder die Herkunft eines Be- weismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c; AHI-Praxis 2001 S. 113 E. 3a). 4.3 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem Gr undsatz der freien Beweiswürdi- gung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen me dizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 ff. E. 3b und in AHI-Praxis 2001 S. 114 E. 3b, jeweils mit weiteren Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwaltu ngsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund e ingehender Beobachtungen und Unter- suchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befun- de zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswür digung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässi gkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Di ese im Bereich der Unfallversicherung entwickelten Grundsätze finden für das IV-Verwaltungsverf ahren sinngemäss Anwendung (vgl. Urteil des EVG vom 9. August 2000, I 437/99 und I 575/99, E. 4b/bb). 4.4 In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten dar f und soll das Gericht der Erfah- rungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ih rer Patientinnen und Patienten aussa- gen (BGE 125 V 353 E. 3b/cc). Die unterschiedliche Natu r von Behandlungsauftrag des thera- peutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und von Begutacht ungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits (vgl. BGE 124 I 17 5 E. 4; Urteil des EVG vom 13. Juni 2001, I 506/00, E. 2b) lässt nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine ab- weichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjek- tiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutach- tung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). 5.1 Die IV-Stelle holte zur Abklärung des medizinischen Sachverhalts zunächst einen Be- richt bei Dr. C.___, der behandelnden Ärztin des Beschw erdeführers, ein. Sie behandelte den Beschwerdeführer seit November 2009 und diagnostizierte in ihrem Bericht vom 20. Juni 2012 schwere Zwangsstörungen mit Zwangsgedanken und -handlung en gemischt (ICD-10: F 42.2), Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten (ICD-10: F 43.25) sowie deutliche soziale Beeinträchtigungen in de r Beziehung zu Familienangehörigen aufgrund intrafamiliärer traumatischer Erfahrungen u nd Vernachlässigung mit konsekutiv feh- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht lender beruflicher Anpassung. Sie führte aus, dass der B eschwerdeführer seinen damaligen Austritt aus dem Gymnasium bedauere. Die Prognose sei bei entsprechender Unterstützung gut, da der Beschwerdeführer therapiefähig und therapiewillig sei. 5.2 Die Beschwerdegegnerin gab in der Folge ein psychi atrisches Gutachten in Auftrag. Mit Gutachten vom 6. Mai 2013 stellte Dr. D.___, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, als Diag- nose Zwangsgedanken und -handlungen gemischt (ICF-10 F42.2) und den Verdacht einer Per- sönlichkeitsstörung fest. Dr. D.___ führte aus, dass beim Beschwerdeführer eine gravierende Auffälligkeit bestehe, es lägen vor allem schwere Zwan gssymptome vor, welche den Be- schwerdeführer im Alltag und im zwischenmenschlichen Bereich beeinträchtigen würden. Er sei dadurch äusserst umständlich und verliere sich in tausend Sachen, wodurch er verlangsamt sei. Im Weiteren führt er aus, dass die Tätigkeit als Informa tiker für den Beschwerdeführer aufgrund des fehlenden Interesses und aufgrund der – gemäss eigene n Angaben – fehlenden Kenntnis- se ungünstig sei. Die Gefahr der Entwicklung von depressive n Symptomen sei gross, wenn der Beschwerdeführer einer Tätigkeit als Informatiker nac hgehen müsse, weshalb eine solche me- dizinisch ungeeignet sei. Dr. D.___ ging davon aus, dass dem Beschwerdeführer eine alternati- ve Tätigkeit durchaus zumutbar sei. Es sei nicht von einer generellen vollen Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Eine klar strukturierte Tätigkeit ohne Übe rnahme von Verantwortung im Vollpen- sum sei möglich, wobei aufgrund der Zwangsstörung von ei ner gewissen Verlangsamung des Beschwerdeführers ausgegangen werden müsse, welche alle rdings höchstens 20% betragen dürfte. 6.1 Der Beschwerdeführer ist der Ansicht, dass er seine Er stausbildung nicht habe ab- schliessen können und daher Anspruch auf Finanzierung de r beantragten Ausbildung gemäss Art. 16 IVG habe. Er habe das Progymnasium im Alter v on 17 Jahren verlassen und eine Lehre als Informatiker begonnen, weil sich der seit Jahren lab ile Gesundheitszustand seiner alleiner- ziehenden Mutter verschlechtert habe, so dass er weitgehen d für sich allein habe sorgen müs- sen. Der Beschwerdeführer macht geltend, dass der Besuch des Progymnasiums normaler- weise zum Besuch der Gymnasialstufe und anschliessend über d ie Matura zum universitären Hochschulstudium führe. Dieser Auffassung des Beschwerdeführers kann nicht gefolgt werden. Der Beschwerdeführer hat nach Beenden der obligatorische n Schulzeit eine Berufslehre als Informatiker bei der B.___ absolviert und abgeschlossen. Während der Lehre hat er zudem die Berufsmaturität erfolgreich absolviert. Im Anschluss dara n hat er noch einen Ausbildungsgang als Marketingassistent besucht und ebenfalls mit Diplom abgeschlossen. Der Beschwerdeführer hat damit nicht nur eine Grundausbildung und somit e ine erstmalige Ausbildung im Sinne von Art. 16 IVG, sondern überdies noch eine Weiterbildung bzw. eine Zusatzausbildung abge- schlossen. Der vom Beschwerdeführer eingeschlagene Weg ist ein durchaus üblicher Ausbil- dungsweg nach dem Progymnasium. Es gibt keinerlei Hinwe ise darauf, dass der Beschwerde- führer aus gesundheitlichen Gründen die Schule abgebr ochen und den Wechsel in die Berufs- lehre vollzogen hat. Vielmehr war der Wunsch nach fina nzieller Unabhängigkeit offenbar Hauptmotiv für die vom Beschwerdeführer absolvierte Informatiklehre. Dabei handelt es sich um einen invaliditätsfremden Grund. Der Beschwerdeführer hat somit mit Abschluss der Lehre als Informatiker seine Erstausbildung beendet, weshalb kein Anspruch auf Finanzierung einer erstmaligen beruflichen Ausbildung gemäss Art. 16 IVG besteht. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2 Aufgrund des Abschlusses der erstmaligen beruflichen Ausbildung ist im Weiteren zu prüfen, ob die beantragte Ausbildung im Sinne einer Umschulung im Sinne von Art. 17 IVG in- diziert ist. Aus den medizinischen Beurteilungen geht hervor, dass beim Beschwerdeführer eine gewisse Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit besteht u nd dass namentlich bei einer Tätigkeit im angestammten Informatikbereich die Gefahr einer d epressiven Entwicklung bestehe. Aller- dings darf vorliegend nicht übersehen werden, dass der Beschwerdeführer eine Zusatzausbil- dung als Marketingassistent abgeschlossen hat und in diesem B ereich auch gearbeitet hat. Diese Tätigkeit sollte ihm gemäss dem Anforderungsprofi l von Dr. D.___ mit einer Einschrän- kung von 20% weiterhin zumutbar sein. Sodann hat sich der Beschwerdeführer anlässlich eines Gesprächs vom 14. April 2014 mit der zuständigen Berufs beraterin der Beschwerdegegnerin dahingehend geäussert, dass er sich auch vorstellen könne, i nnerhalb einer Integrationsmass- nahme an einem Bildschirm als Anwender zu arbeiten. Ei ne drohende oder eine bereits einge- tretene Invalidität, die es dem Beschwerdeführer nicht mehr erlaubt, den bisherigen Beruf aus- zuüben bzw. die Erwerbstätigkeit oder die Tätigkeit al s Marketingassistent weiterzuführen, liegt demnach nicht vor. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass die Beeinträchtigung der Arbeits- fähigkeit des Beschwerdeführers auf die krankheitsbedingte Verlangsamung zurückzuführen ist und diese in jeder Tätigkeit bestehen würde. Es muss des halb davon ausgegangen werden, dass jegliche Umschulung keine Verbesserung der Erwerbtäti gkeit des Beschwerdeführers bringen würde. Da die Voraussetzungen für eine Umschul ung gemäss Art. 17 IVG nicht erfüllt sind, kann offen bleiben, ob beim bestehenden Krankheitsbild des Beschwerdeführers ein Sozi- ologie- und Geschichtsstudium die geeignete Ausbildung ist und ob dieses Studium tatsächlich Aussicht auf eine spätere wirtschaftliche Verwertbarkeit der Arbeitsleistung bieten würde. 7. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Entscheid der IV-Stelle nicht zu beanstan- den und die Beschwerde der Versicherten demzufolge abzuweisen ist. 8.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von Leistungen aus der Invalidenversicherung vor dem kanto- nalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Verfahren skosten werden nach dem Verfah- rensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festge- legt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Kosten in Berücksichtigung des bundesr echtlichen Kostenrahmens ein- heitlich auf Fr. 600.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist der Beschwerdefüh- rer unterlegene Partei, weshalb ihm die Verfahrenskos ten zu überbinden sind. Dem Versicher- ten ist allerdings mit Verfügung vom 18. März 2014 die unentgeltliche Prozessführung bewilligt worden. Aus diesem Grund werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse ge- nommen. 8.2 Die ausserordentlichen Kosten sind dem Prozessausgang entsprechend wettzuschla- gen. Da dem Beschwerdeführer in der Verfügung 18. Mä rz 2014 die unentgeltliche Verbeistän- dung mit seiner Rechtsvertreter bewilligt worden ist, ist diese für seine Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Gemäss § 3 Abs. 2 der Tarif ordnung für die Anwältinnen und Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Anwälte vom 17. November 2003 (in der seit 1. Januar 2 014 geltenden Fassung) beträgt das Honorar bei unentgeltlicher Verbeiständung Fr. 200.-- pro Stunde. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat in ihrer Honorarnote vom 2. Dezember 2014 für das vorliegende Verfah- ren einen Zeitaufwand von 13 Stunden geltend gemacht, was sich umfangmässig in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen als a ngemessen erweist. Nicht zu bean- standen sind sodann die ausgewiesenen Auslagen von Fr. 13 2.--. Der Rechtsvertreterin ist deshalb ein Honorar in der Höhe von Fr. 2‘950.55 (13 Stunden à Fr. 200.-- zuzüglich Auslagen von Fr. 132.-- + 8% Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse auszurichten. 8.3 Der Beschwerdeführer wird ausdrücklich auf § 53a Ab s. 1 des Gesetzes über die Or- ganisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 auf merksam gemacht, wonach eine Par- tei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurd e, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 600.-- w erden dem Be- schwerdeführer auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführun g werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständu ng wird der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers ein Honorar in der Höhe von Fr. 2‘950.55 (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) aus der Gerichts- kasse ausgerichtet. http://www.bl.ch/kantonsgericht