Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 1. Oktober 2015 (720 15 11) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Anspruch auf medizinische Massnahmen (Ergotherapie) aufgrund des Geburtsgebre- chens Epilepsie (Ziffer 387 Anhang GgV) Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantonsrich- ter Markus Mattle, Gerichtsschreiberin Gisela Wartenweiler Parteien A.____, X.____strasse 42, Y.____, Beschwer deführer, vertreten durch Raffaella Biaggi, Advokatin, Lange Gasse 90, 4052 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Medizinische Massnahmen für B.____ A. Die am 4. April 2001 geborene B.____ leidet an i diopathischer primär generalisierter Epilepsie, an einem Zustand nach Frühgeburtlichkeit in der 36. Schwangerschaftswoche, an mentaler Entwicklungsretardierung, an Kleinwuchs un d an Enuresis nocturna. Mit Gesuch vom 29. Juni 2012 beantragten die Eltern A.____ die Kos tenübernahme für Ergotherapie. Nach Ab- klärung des medizinischen Sachverhalts und durchgef ührtem Vorbescheidverfahren lehnte die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) mit Verfügun g vom 2. Dezember 2014 das Leistungsbe- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht gehren ab. Zur Begründung brachte sie vor, dass kein von der Invalidenversicherung anerkann- tes Geburtsgebrechen vorliege, weshalb die Ergotherapie nicht als medizinische Massnahme gemäss Art. 13 des Bundesgesetzes über die Invalidenversic herung (IVG) vom 19. Juni 1959 betrachtet werden könne. Desgleichen seien auch die Vo raussetzungen von Art. 12 IVG nicht erfüllt, weil gemäss den medizinischen Akten die schulische Eingliederung und die spätere be- rufliche Ausbildungsfähigkeit mit der Ergotherapie nicht verbessert werden könnten. B. Gegen diese Verfügung erhob B.____, vertreten dur ch ihre Eltern und diese wiederum vertreten durch Advokatin Raffaella Biaggi, am 9. Januar 2015 Beschwerde ans Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kan tonsgericht), mit dem Antrag, die Beschwerdegegnerin sei in Aufhebung der angefochtene n Verfügung zu verurteilen, ihr die Kosten für medizinische Massnahmen (Ergotherapie) zu ersetzen. Eventualiter sei eine gericht- liche Begutachtung anzuordnen; unter o/e-Kostenfolge. In der Begründung wurde im Wesentli- chen die fehlende Beweiskraft der Beurteilung des Regio nalen ärztlichen Dienstes (RAD) vom 17. November 2014 beanstandet. Bei diesem Bericht han dle es sich um eine Aktenbeurteilung. Zudem werde der medizinische Sachverhalt von den behand elnden Spezialisten, welche die Versicherte persönlich untersucht hätten, völlig anders b eurteilt. Die Versicherte leide gemäss der Einschätzung von Dr. med. C.____, FMH Kinder- und Jugendmedizin, an einer Aufmerk- samkeits-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) mit Verhaltensstöru ngen und Entwicklungsrückstän- den. Damit liege ein Geburtsgebrechen vor, weshalb die Versicherte Anspruch auf medizinische Massnahmen gemäss Art. 13 IVG habe. Eventualiter sei zur F rage des Vorliegens eines Ge- burtsgebrechens ein Gerichtsgutachten anzuordnen. Selbst wenn nicht von einem Geburtsge- brechen auszugehen wäre, so seien die Voraussetzungen von Art. 12 IVG gemäss Beurteilung von Prof. Dr. med. D.____, FMH Kinder- und Jugendmed izin, erfüllt. Sollte nicht darauf abge- stellt werden können, so sei ein gerichtliches Gutachten einzuholen. C. In ihrer Vernehmlassung vom 1. April 2015 beantragt e die IV-Stelle unter Hinweis auf den RAD-Bericht von Dr. med. E.____, FMH für Kinder- und Jugendmedizin, vom 27. Januar 2015 die Abweisung der Beschwerde. D. Mit Replik vom 28. April 2015 hielt die Rechtsvertr eterin der Versicherten an ihren Rechtsbegehren fest. Die IV-Stelle schloss am 2. Juli 201 5 weiterhin auf Abweisung der Be- schwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 60 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den All gemeinen Teil des Sozialversi- cherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 i.V.m. Art. 6 9 IVG kann gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stellen bei dem vom Kanton bezeichneten Versicherungsgericht am Ort der IV- Stelle innerhalb von 30 Tagen Beschwerde erhoben wer den. Das Kantonsgericht ist deshalb gemäss § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 örtlich und sachlich zustän dig. Auf die im Übrigen frist- und formgerecht erhobene Beschwerde vom 17. Februar 2015 ist daher einzutreten. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.1 Zu prüfen ist, ob die IV-Stelle den Anspruch von B .____ auf medizinische Massnahmen (Ergotherapie) zu Recht ablehnte. Die Beschwerdeführe r machen als Erstes geltend, dass ihre Tochter am Geburtsgebrechen ADHS leide. Entgegen der Ansicht der IV-Stelle schliesse ge- mäss Schreiben von Dr. C.____ vom 21. September 2009 e ine Minderintelligenz eine ADHS nicht aus. 2.2 Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjah r Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (Art. 3 Abs. 2 ATSG) notwendige n medizinischen Massnahmen (Art. 13 Abs. 1 IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, fü r welche diese Massnahmen gewährt werden (Art. 13 Abs. 2 IVG). Als Geburtsgebrechen gelte n diejenigen Krankheiten, die bei voll- endeter Geburt bestehen (Art. 3 Abs. 2 ATSG in Verbin dung mit Art. 1 Abs. 1 Satz 1 der Ver- ordnung über Geburtsgebrechen [GgV] vom 9. Dezember 198 5). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Die Geb urtsgebrechen sind in der Liste im An- hang zur GgV aufgeführt. 2.3 Ziffer 404 des Anhangs zur GgV (404 GgV; ADS bzw. A DHS, vormals "psychoorgani- sches Syndrom" [POS]) umfasst Störungen des Verhaltens bei Kindern mit normaler Intelligenz, im Sinne krankhafter Beeinträchtigungen der Affektivitä t oder Kontaktfähigkeit, bei Störungen des Antriebes, des Erfassens, der perzeptiven Funktionen, der Wahrnehmung, der Konzentrati- onsfähigkeit sowie der Merkfähigkeit, sofern sie mit ber eits gestellter Diagnose als solche vor der Vollendung des 9. Altersjahres auch behandelt worden sind. In BGE 122 V 118 ff. E. 3a/aa- ee (auch publiziert in AHI 1997 S. 124 ff.) hielt da s damalige Eidgenössische Versicherungsge- richt (EVG; heute: Bundesgericht) fest, dass die Altersgre nze und die Kriterien der Diagnose- stellung und der Behandlung mit dem übergeordneten R echt in Übereinstimmung ständen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 14. Januar 2008, 8C_300/20 07). Im Einklang mit dieser Recht- sprechung umschrieb das Bundesamt für Sozialversicherungen ( BSV) im Kreisschreiben über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invaliden versicherung (KSME) die Voraus- setzungen der Leistungspflicht für solche Geburtsgebreche n näher. Nach der Verwaltungspra- xis muss die Störung zwingend vor dem vollendeten 9. Leben sjahr als solche diagnostiziert, dokumentiert und auch behandelt worden sein (vgl. 404 .2 KSME in der seit 1. März 2012 gel- tenden Fassung). 2.4 Sowohl bei der Feststellung des Gesundheitszustandes ei ner versicherten Person als auch bei dessen rechtlicher Beurteilung ist die rechtsa nwendende Behörde - die Verwaltung und im Streitfall das Gericht - auf Unterlagen angewi esen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Es ist deren Aufgabe, den Gesundheitszustand zu beurteilen (vgl. BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Die ärztlichen Stellungnah- men bilden eine wichtige Grundlage für die Beurteilu ng, ob und allenfalls welche Leistungen einer versicherten Person aufgrund ihrer gesundheitlich en Beeinträchtigung zustehen. Das Ge- richt hat die ihm vorliegenden medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversiche- rungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle anderen Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an fö rmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozi alversicherungsgericht alle Be- weismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Be urteilung des streitigen Rechtsan- spruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander wide rsprechenden medizinischen Berich- ten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Bewe ismaterial zu würdigen und die Grün- de anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist es entsche idend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter suchungen beruht, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung de r medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des E xperten begründet sind. Ausschlagge- bend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag ge gebenen Stellungnahme als Bericht oder als Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 3.1 Die IV-Stelle verweigerte die Kostengutsprache für medizinische Massnahmen im Sinne von Art. 13 IVG mit der Begründung, dass das Geburtsgeb rechen Ziffer 404 Anhang GgV mit Verfügung vom 28. August 2007 rechtskräftig abgelehnt w orden sei. Die Diagnosestellung rei- che nicht aus, um ein ADHS als Geburtsgebrechen anzuerkenn en. Zudem müssten die Krite- rien gemäss dem medizinischen Leitfaden zur Ziffer 404 A nhang GgV (Anhang 7) erfüllt sein (vgl. Rz. 404.5 KSME in der seit 1. März 2012 geltende n Fassung). Da bei der Versicherten keine "Normalintelligenz" sowie keine Störungen des Antr iebs festgestellt worden seien und zum Zeitpunkt der rechtskräftigen Ablehnung keine Behand lung der ADHS vor Erreichen des 9. Lebensjahres stattgefunden habe, seien die Voraussetzun gen zur Anerkennung des Ge- burtsgebrechens gemäss Ziffer 404 Anhang GgV nicht erfüllt gewesen. 3.2 Gemäss den medizinischen Akten steht fest, dass sich die Intelligenz von B.____ im unterdurchschnittlichen Normbereich bewegt (vgl. Beric ht von Dr. med. F.____, FMH Kinder- und Jugendmedizin, vom 13. April 2007). Gemäss der Defi nition des Geburtsgebrechens Ziffer 404 Anhang GgV wird jedoch für dessen Anerkennung ein e "Normalintelligenz" vorausgesetzt. Aus diesem Grund verneinte die IV-Stelle in ihrer re chtskräftigen Verfügung vom 28. August 2008 das Vorliegen des Geburtsgebrechens gemäss Ziffer 4 04 Anhang GgV, was nicht zu be- anstanden ist. Selbst wenn eine "Normalintelligenz" vorliegen würde, müsste mangels Erfüllung der Voraussetzungen eine Leistungspflicht aufgrund di eses Geburtsgebrechens verneint wer- den. Die Versicherte vollendete ihr 9. Lebensjahr am 4. April 2010. Dr. med. G.____, FMH Kin- der- und Jugendmedizin, diagnostizierte zwar in seinem Bericht vom 17. Januar 2007 ein Ge- burtsgebrechen gemäss Ziffer 404 Anhang GgV vor Vollendung des 9. Lebensjahres, dokumen- tierte dieses jedoch nicht. Für die Diagnosestellung r eicht es jedoch nicht aus, eine ADHS- Symptomatik als Geburtsgebrechen gemäss Ziffer 404 Anhang GgV zu bezeichnen. Es müssen auch die Anerkennungskriterien nach Rz. 404.5 KSME mit einer Untersuchung nachvollziehbar belegt sein (vgl. zu den Kriterien: Ziffer 1.3 Anhang 7 des KSME). Nebst der mangelnden Do- kumentation fehlt es zudem an einer zielgerichteten Beh andlung der ADHS. Die bisherigen Therapien (Logopädie und heilpädagogische Förderung) gelten nicht als AHDS spezifische Be- handlungen (vgl. Fussnote 3 zur Ziffer 1.3 Anhang 7 des KSME). Unter diesen Umständen sind die gesetzlichen Voraussetzungen für die Anerkennung eine s Geburtsgebrechens gemäss Zif- fer 404 Anhang GgV nicht erfüllt. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.1 Im Gegensatz zum Geburtsgebrechen Ziffer 404 Anhang GgV anerkannte die IV-Stelle das Geburtsgebrechen Ziffer 387 Anhang GgV (= angebore ne Epilepsie) mit Mitteilung vom 20. März 2014 und gewährte der Versicherten hierfür di e Kostenübernahme für medizinische Massnahmen für die Zeit vom 3. Dezember 2013 bis 31. De zember 2016. Da ein anerkanntes Geburtsgebrechen vorliegt, hat die Versicherte grundsätzl ich Anspruch auf die notwendigen medizinischen Massnahmen gemäss Art. 13 Abs. 1 IVG. Die IV-Stelle unterliess es, den An- spruch auf Kostenübernahme der umstrittenen Ergotherapi e im Hinblick auf das Geburtsgebre- chen Epilepsie gestützt auf Art. 13 IVG zu prüfen. Eine Prüfung erfolgte lediglich im Lichte von Art. 12 IVG. Sie verneinte sodann ihre Leistungspflicht , weil die beantragte Ergotherapie die schulische Eingliederung nicht wesentlich und dauerhaft verbessern könne. Im Unterschied zu Art. 12 IVG richtet sich die medizinische Massnahme nach Art . 13 IVG auf die Leidensbehand- lung, unabhängig von der Möglichkeit einer späteren Eingliederung in das Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich (vgl. SILVIA BUCHER , Eingliederungsrecht der Invalidenversicherung, Bern 2011, Rz. 199; U LRICH MEYER , Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], 2. A uflage, Zürich/Basel/Genf 2010, S. 127). Da das Kantonsgericht d as Recht von Amtes wegen anzu- wenden hat (§ 16 Abs. 2 Satz 1 VPO), ist es weder an d ie in der Beschwerde geltend gemach- ten Rechtsverletzungen und Argumente noch an die Erwä gungen der Vorinstanz gebunden. Es ist daher zu prüfen, ob die Versicherte Anspruch auf d ie beantragte medizinische Massnahme (Ergotherapie) gemäss Art. 13 IVG hat. 4.2 Nach Art. 13 Abs. 1 IVG haben Versicherte bis zum voll endeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendige n medizinischen Massnahmen. Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Massnahmen gewährt werden (Art. 13 Abs. 2 Satz 1 IVG). Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebrechen von geringfügi- ger Bedeutung ist (Abs. 2). Eingliederungszweck ist die Behebung oder Milderung der als Folge eines Geburtsgebrechens eingetretenen gesundheitlichen Beeinträchtigung. Zur Behandlung eines Geburtsgebrechens zählen auch die in den Symptomenkreis des in Frage stehenden Ge- burtsgebrechens fallenden Folgeleiden und Begleitersc heinungen (vgl. B UCHER , a.a.O. Rz. 200 ff.). Fällt eine gesundheitliche Beeinträchtigun g nicht mehr zum Symptomenkreis des Ge- burtsgebrechens, erstreckt sich der Anspruch auf medizinisch e Massnahmen nach Art. 13 IVG nach konstanter Rechtsprechung ausnahmsweise auch auf die Behandlung sekundärer Ge- sundheitsschäden, wenn sie nach medizinischer Erfahrung h äufig die Folge eines Geburtsge- brechens sind. Die Häufigkeit des sekundären Leidens ist allerdings nicht allein entscheidend; eine Leistungspflicht ist auch für ein seltenes Folgele iden nicht von vornherein ausgeschlossen (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 26. Februar 2010, 9 C_674/2009, E. 2.2 und vom 20. August 2008, 9C_319/2008, E. 2.2; SVR 2005 IV Rz. 22 S. 86 ff., I 438/02 E. 1.3; B UCHER , a.O., Rz. 205). Zwischen dem Geburtsgebrechen und dem seku ndären Leiden muss aber ein qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang bestehen ( statt vieler Pra 1991 Nr. 214 S. 903 ff.). Nur wenn im Einzelfall dieser qualifizier te ursächliche Zusammenhang zwischen sekundärem Gesundheitsschaden und Geburtsgebrechen gegeben ist und sich die Behandlung überdies als notwendig erweist, hat die Invalidenversicher ung im Rahmen des Art. 13 IVG für die medizinischen Massnahmen aufzukommen (BGE 129 V 207 E. 3.3 S. 209, 100 V 41 mit Hinweisen; AHI 2001 S. 79, I 43/98 E. 3a). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.3 Ziel der Ergotherapie ist es, Patienten, die in i hrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkungen bedroht sind, bei für sie bedeu tungsvollen Betätigungen zu unter- stützen und sie darin zu stärken (vgl. BGE 130 V 284 E. 5.1.3 S. 287 und 288 E. 3.3 S. 290). Sie befasst sich insbesondere mit Beeinträchtigungen in der motorischen Koordination und zielt auf das Erlangen grösstmöglicher Selbstständigkeit im Ber eich alltäglicher Verrichtungen wie Essen, Waschen, Ankleiden, Schreiben oder der Umgang mit anderen Menschen (vgl. Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom 28. Okt ober 2005, IV.2004.00842, E. 4.4). Die Ergotherapie muss in jedem Fall ärztlich ve rordnet sein und sollte jeweils für maxi- mal zwei Jahre verfügt werden. Die Indikation zur Therap ie muss durch neurologisch oder neu- ropsychologisch fassbare Störungen begründet sein, die mi t entsprechenden Befunden doku- mentiert sein müssen und welche sich auf Erwerb von Fähi gkeiten und Fertigkeiten auswirken. Aus dem Antrag zur Ergotherapie müssen die Ziele der B ehandlung hervorvorgehen (Ziffer 1015.1 KSME). 4.4 Aus den Akten geht hervor, dass die Versicherte seit f rühstem Kindesalter an einer kog- nitiven und sprachlichen Entwicklungsverzögerung leidet ( vgl. Berichte von Dr. G.____ vom 14. Mai 2007, Dr. F.____ vom 13. April 2007, Dr. med . H.____, FMH Innere Medizin, vom 29. Juli 2012 sowie von Prof. Weber vom 22. Januar 201 4). Sie besucht deswegen die heilpä- dagogische Schule in Z.____. Dem Bericht von Prof. D.___ _ vom 22. Januar 2014 ist zu ent- nehmen, dass die Versicherte ihren ersten epileptischen An fall im März 2013 erlitt. Bis Ende November 2013 seien noch drei weitere erfolgt. Die N otwendigkeit einer Ergotherapie begrün- dete er dahingehend, dass B.____ im Rahmen der globa len Entwicklungsretardierung eine nicht altersgerechte Selbstständigkeitsentwicklung in de n alltagsrelevanten Aufgaben des An- und Abziehens und der Nahrungsaufnahme zeige. Ziel de r Ergotherapie sei der Erwerb der Selbstständigkeit inkl. Erlernen einer Handlungsplanung und Handlungskontrolle. Da die Versi- cherte rein klinisch im Bereich der leichten geistigen Be hinderung durchaus lern- und bildungs- fähig sei, könnten die beschriebenen Störungen durch eine Ergotherapie wesentlich und dauer- haft verbessert werden. 4.5 Aufgrund des Berichts von Prof. D.____ vom 22. Janu ar 2014 und der übrigen ärztlichen Berichten steht fest, dass die Ergotherapie zur Behandlun g der nicht altersgerechten Selbst- ständigkeitsentwicklung dient. Ob zwischen der klinisch erho benen Entwicklungsretardierung und der im März 2013 diagnostizierten Epilepsie ein Zus ammenhang besteht, geht aus den ärztlichen Beurteilungen nicht eindeutig hervor. Aus me dizinischer Sicht könnten die hirnfunkti- onale Entwicklungsstörungen und -rückstände jedoch Folge ei ner Epilepsie sein. Je nach Form der Epilepsie ist es möglich, dass diese - wie vorliegend - schon vor dem eigentlichen Ausbruch der Epilepsie auftreten (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 15. Juni 2010, 8C_80/2010, E. 4.1; Epilepsien, Diagnostik und Therapie im SPZ, Fassung von August 2006, abrufbar unter: http://www.dgspj.de/wp-content/uploads/qualitaetssicherung-papiere-epilepsien-2007.pdf). In diesem Zusammenhang ist aufgrund der medizinischen Aktenla ge auch nicht geklärt, ob die ergotherapeutisch zu behandelnden Entwicklungsstörungen a ls direkte Folge des anerkannten Geburtsgebrechens zum Symptomenkreis der Epilepsie zu zähl en oder ob diese Störungen als sekundäre Gesundheitsschäden zu betrachten sind. Im zweit en Fall würde sich sodann die Frage stellen, ob diese sekundären Gesundheitsschäden in einem qualifizierten adäquaten Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Kausalzusammenhang mit der Epilepsie stehen (vgl. dazu Ur teil des Bundesgerichts vom 15. Juni 2010 (8C_80/2010). Da sich die behandelnden Ä rzte weder zu den Zusammenhängen zwischen der Epilepsie und den Entwicklungsstörungen, noch zum Symptomenkreis oder Fol- ge- bzw. Begleiterkrankungen der Epilepsie äusserten, i st der medizinische Sachverhalt unge- nügend abgeklärt. 5.1 Gemäss neuerer bundesgerichtlicher Rechtsprechung kö nnen die Sozialversicherungs- gerichte nicht mehr frei entscheiden, ob sie eine Strei tsache zur neuen Begutachtung an die Verwaltung zurückweisen. Die Beschwerdeinstanz hat vielme hr im Regelfall selbst ein Ge- richtsgutachten einzuholen, wenn sie einen im Verwaltu ngsverfahren anderweitig erhobenen Sachverhalt überhaupt für gutachtlich abklärungsbedürf tig hält oder wenn eine Administrativex- pertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräfti g ist. Eine Rückweisung an die IV- Stelle bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in de r notwendigen Erhebung einer bisher voll- ständig ungeklärten Frage begründet ist oder wenn ledi glich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachtlichen Ausführungen erforderlich ist (BGE 137 V 210 E. 4.4.1 ff.). 5.2 Vorliegend steht fest, dass die IV-Stelle die Vora ussetzungen der beantragten Ergothe- rapie lediglich unter dem Anspruchstitel gemäss Art. 1 2 IVG prüfte. Sie forderte deshalb die behandelnden Ärzte, insbesondere Prof. D.____, nicht au f, die im Zusammenhang mit der Prü- fung der Voraussetzungen von Art. 13 IVG sich stellenden Fragen zu beantworten. Die IV-Stelle unterliess es auch, eigene diesbezügliche Abklärungen zu tre ffen. Es ist nicht die Aufgabe der kantonalen Gerichte, im Verwaltungsverfahren versäumte medizinische Abklärungen nachzuho- len, weshalb einer Rückweisung an die Vorinstanz nichts entgegensteht. Diese wird angewie- sen, den Anspruch der Versicherten auf medizinische Massnahmen (Ergotherapie) gemäss Art. 13 IVG zu prüfen, wobei den Ausführungen in Erwägung 4.5 Rechnung zu tragen ist. Demzu- folge ist die Angelegenheit in Aufhebung der angefoc htenen Verfügung vom 2. Dezember 2014 zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle zurückzuweisen. Ge stützt auf die Ergebnisse der Ak- tenergänzung wird diese über den Anspruch der Versich erten auf medizinische Massnahmen (Ergotherapie) neu zu verfügen haben. Die Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen. 6.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 VPO in der R egel in angemessenem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. Hebt das Gericht die angefochtene Verfügung auf und weist es die Angelegenheit zur weiteren Abklärung an den Vers icherungsträger zurück, so gelten grund- sätzlich die Beschwerde führende Partei als obsiegende und der Versicherungsträger als unter- liegende Partei (vgl. UELI KIESER , ATSG-Kommentar, Zürich/Basel/ Genf 2009, Art. 61 R z 117). Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, w eshalb sie grundsätzlich die Verfahrenskos- ten zu tragen hätte. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO der Vorinstanz bzw. den kantonalen Behörden g emäss Verwaltungsverfahrensge- setz vom 13. Juni 1988 keine Verfahrenskosten auferlegt werden. Aufgrund dieser Bestimmung hat die IV-Stelle trotz Unterliegens nicht für die Ve rfahrenskosten aufzukommen. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Prozess keine Verfahren skosten erhoben werden. Der geleis- tete Kostenvorschuss ist den Beschwerdeführern zurückzuerstatten. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend ist den Beschwerde- führern deshalb eine Parteientschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Die Rechts- vertreterin der Beschwerdeführer wies in ihrer Honorarn ote vom 4. September 2015 für das vorliegende Beschwerdeverfahren einen Zeitaufwand von i nsgesamt 12,5 Stunden aus. Der beigelegten Deservitenkarte ist zu entnehmen, dass sich da runter diverse kleinere Bemühun- gen im Umfang von insgesamt 1 Stunde befinden, welche auf den Kontakt der Rechtsvertreterin mit der Rechtsschutzversicherung "Assista" der Beschwerdeführe r zurückzuführen sind. Diese Bemühungen würden im Falle einer nicht Rechtsschutz versi cherten Person nicht anfallen. Für diese Bemühungen und Auslagen hat deshalb nicht die unterliegende Beschwerdegegnerin - im Rahmen der von ihr zu leistenden Parteientschädigung - aufzukommen. Die im Zusammenhang mit der "Assista" aufgeführten Bemühungen samt dazugehö renden Spesen und Auslagen im Umfang von Fr. 128.-- (124 Kopien à Fr. 1.-- sowie P orti à vier Mal Fr. 1.--) sind deshalb in Ab- zug zu bringen. Der resultierende Zeitaufwand für das vorliegende Beschwerdeverfahren im Umfang von 11,5 Stunden ist praxisgemäss zum Ansatz von Fr. 250.-- pro Stunde zu entgelten. Den Beschwerdeführern ist somit eine Parteientschädigung in Höhe von Fr. 3'243.25 (11,5 Stunden à Fr. 250.-- und Auslagen von Fr. 128.-- zuzügl ich 8 % MwSt.) zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. 7.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenh eiten an das Bundesgericht zulässig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbst ändig eröffnete Zwischenentscheide sind - mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zust ändigkeit und über Ausstandsbe- gehren (vgl. Art. 92 BGG) - nur mit Beschwerde in öff entlich-rechtlichen Angelegenheiten an- fechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzumachenden Na chteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid herbeifüh- ren und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit ode r Kosten für ein weitläufiges Beweisver- fahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). N ach der bundesgerichtlichen Rechtspre- chung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an de n Versicherungsträger zur Ak- tenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. 7.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn eine Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vo- raussetzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet d as Bundesgericht. Die nachstehen- de Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung vom 2. Dezember 2014 aufgehoben und die Angelegenheit z ur ergänzen- den Abklärung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass e iner neuen Verfügung an die IV-Stelle Basel-Landschaft zurückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Den Beschwerdeführern wird der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- zurückerstattet. 3. Die IV-Stelle hat den Beschwerdeführern eine Part eientschädigung im Umfang von Fr. 3'243.25 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwe rtsteuer) zu entrichten.