<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 47 S.183</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">183</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>47</b></span> <span class="ft2"><b>Kognition bei der Überprüfung kantonaler Strassenbauprojekte (Art. 33</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Abs. 3 lit. b RPG).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Dem Verwaltungsgericht steht gegenüber dem regierungsrätlichen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Genehmigungsentscheid die volle Überprüfung zu; dazu gehört die</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Beurteilung der Frage, ob das Planungsermessen richtig und zweck-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mässig ausgeübt worden ist (Änderung der Rechtsprechung).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 14. April 2003 in Sa-</span><br/> <span class="ft3">chen D. gegen Regierungsrat.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. a) Das Verwaltungsgericht hat seine Kognition bei der Über-</span><br/> <span class="ft1">prüfung von Strassenbauprojekten bisher zusammengefasst wie folgt</span><br/> <span class="ft1">verstanden (siehe zum Folgenden: AGVE 1995, S. 357 ff.): Da we-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">184</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der § 95 Abs. 4 BauG noch eine andere Bestimmung dieses Erlasses</span><br/> <span class="ft1">entsprechende Aussagen enthielten, gelte grundsätzlich § 56 VRPG,</span><br/> <span class="ft1">wonach die Handhabung des Ermessens durch das Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richt grundsätzlich nicht überprüft werde. Auch das Bundesgericht</span><br/> <span class="ft1">greife nur bei Überschreitung oder Missbrauch des Ermessens ein</span><br/> <span class="ft1">(BGE 119 Ib 275 f.); es prüfe nur, ob die Vorinstanz durch unrichtige</span><br/> <span class="ft1">Gewichtung oder Nichtbeachtung öffentlicher Interessen Rechts-</span><br/> <span class="ft1">normen verletzt oder das ihr zustehende Ermessen missbraucht oder</span><br/> <span class="ft1">überschritten habe (BGE 118 Ib 221). Stelle sich schon aufgrund von</span><br/> <span class="ft1">ersten Prüfungen heraus, dass Projekt-Varianten mit erheblichen</span><br/> <span class="ft1">Nachteilen belastet seien, dürften sie ohne Weiteres aus dem Aus-</span><br/> <span class="ft1">wahlverfahren ausgeschieden werden (BGE 117 Ib 435 f.). Diese</span><br/> <span class="ft1">Feststellungen träfen auch für die "Nullvariante" zu, wenn ein</span><br/> <span class="ft1">dringliches Bedürfnis nach Änderung des bisherigen Zustandes zu</span><br/> <span class="ft1">bejahen sei (BGE vom 4. November 1992 in Sachen VCS Schweiz</span><br/> <span class="ft1">sowie Gemeinde Sins und Mitb., unveröffentlichte Erw. 5/b [S. 12]).</span><br/> <span class="ft1">Für das Beschwerdeverfahren vor Verwaltungsgericht hätten analoge</span><br/> <span class="ft1">Überlegungen zu gelten. Auf seine Rechtmässigkeit zu überprüfen</span><br/> <span class="ft1">sei dasjenige Projekt, das sich im Laufe des Meinungsbil-</span><br/> <span class="ft1">dungsprozesses herauskristallisiert habe und zum Gegenstand des</span><br/> <span class="ft1">Verfahrens vor Verwaltungsgericht geworden sei. Steht es im Ein-</span><br/> <span class="ft1">klang mit den einschlägigen Rechtsnormen, so sei ihm die richterli-</span><br/> <span class="ft1">che Zustimmung zu erteilen; andernfalls müsse der vorinstanzliche</span><br/> <span class="ft1">Entscheid aufgehoben und die Beschwerdesache an die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft1">zurückgewiesen werden, damit auf dieser Stufe eine umfassende</span><br/> <span class="ft1">neue Lagebeurteilung vorgenommen werden könne. Müsste das</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgericht beliebige Nebenvarianten in die Beurteilung</span><br/> <span class="ft1">einbeziehen und der Hauptvariante wertend gegenüberstellen, ginge</span><br/> <span class="ft1">es über die ihm zugedachte und auch auf es zugeschnittene Funktion</span><br/> <span class="ft1">hinaus, nämlich die Überprüfung eines konkreten Anfechtungs-</span><br/> <span class="ft1">objekts auf seine Rechtmässigkeit. Die Auswahl aus mehreren mög-</span><br/> <span class="ft1">lichen Varianten müsse Sache der politischen Instanzen sein und</span><br/> <span class="ft1">bleiben.</span><br/> <span class="ft1">b) aa) Dieses Kognitionsverständnis hat heute als überholt zu</span><br/> <span class="ft1">gelten. In BGE 127 II 238 ff. betreffend die Planung und Bewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung einer Kehrichtverbrennungsanlage hat das Bundesgericht näm-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">185</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">lich u.a. ausgeführt, volle Überprüfung im Sinne von Art. 33 Abs. 3</span><br/> <span class="ft1">lit. b RPG bedeute nicht nur die freie Prüfung des Sachverhalts und</span><br/> <span class="ft1">der sich stellenden Rechtsfragen, sondern auch eine Ermessens-</span><br/> <span class="ft1">kontrolle, und diese Überprüfung sei grundsätzlich durch eine über-</span><br/> <span class="ft1">geordnete, von der planfestsetzenden Behörde unabhängige Instanz</span><br/> <span class="ft1">vorzunehmen. Dabei müsse es sich nicht zwingend um eine Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdebehörde im eigentlichen Sinn handeln. Eine von der plan-</span><br/> <span class="ft1">festsetzenden Behörde unabhängige Einspracheinstanz könne den</span><br/> <span class="ft1">bundesrechtlichen Anforderungen genügen (BGE 127 II 242 f.).</span><br/> <span class="ft1">bb) Im konkret zu beurteilenden Fall hatte der Regierungsrat</span><br/> <span class="ft1">des Kantons Bern die Planfestsetzung zwar aufgrund von Vorschlä-</span><br/> <span class="ft1">gen und Stellungnahmen unterer kantonaler Behörden vorgenom-</span><br/> <span class="ft1">men, doch war er die erste und einzige staatliche Behörde, die das</span><br/> <span class="ft1">Bauprojekt einer den Koordinationsanforderungen von Art. 25a RPG</span><br/> <span class="ft1">genügenden gesamthaften Prüfung mit umfassender Prüfung unter-</span><br/> <span class="ft1">zog. Eine volle Überprüfung dieses Entscheids durch eine überge-</span><br/> <span class="ft1">ordnete, vom planfestsetzenden Regierungsrat unabhängige Instanz</span><br/> <span class="ft1">fand nicht statt. Als erste einheitliche Rechtsmittelinstanz im Sinne</span><br/> <span class="ft1">des Art. 33 Abs. 4 RPG wurde das Verwaltungsgericht tätig. Dieses</span><br/> <span class="ft1">musste somit eine den Anforderungen von Art. 33 Abs. 3 lit. b RPG</span><br/> <span class="ft1">genügende Prüfung vornehmen, d.h. auch die Rüge der Unangemes-</span><br/> <span class="ft1">senheit in die Beurteilung mit einbeziehen (BGE 127 II 243 f.).</span><br/> <span class="ft1">Der hier zu beurteilende Fall liegt analog. Ist der Regierungsrat</span><br/> <span class="ft1">Projektgenehmigungsbehörde, so kann die von Art. 33 Abs. 3 lit. b</span><br/> <span class="ft1">RPG geforderte unabhängige Beschwerdeinstanz mit voller Überprü-</span><br/> <span class="ft1">fungsbefugnis nur das Verwaltungsgericht sein. Volle Überprüfung</span><br/> <span class="ft1">bedeutet dabei wie bereits angeführt auch die Beurteilung der Frage,</span><br/> <span class="ft1">ob das Planungsermessen richtig und zweckmässig ausgeübt worden</span><br/> <span class="ft1">ist. Die Rüge der Unangemessenheit des zu beurteilenden Strassen-</span><br/> <span class="ft1">bauprojekts ist also zu hören und in diesem Zusammenhang auch zu</span><br/> <span class="ft1">prüfen, ob die gewählte Strassenvariante zweckmässig sei. Dies</span><br/> <span class="ft1">bedingt insoweit eine Auseinandersetzung mit der Variante "Wald".</span><br/> <span class="ft1">Zusätzliche Bedeutung gewinnt diese Prüfung noch deswegen, weil</span><br/> <span class="ft1">nicht ganz klar geworden ist, ob sich der Regierungsrat auf eine</span><br/> <span class="ft1">blosse Rechtskontrolle zurückgezogen hat; einerseits wird festge-</span><br/> <span class="ft1">stellt, dem Regierungsrat obliege auch die Ermessenskontrolle,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">186</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">anderseits aber auf AGVE 1995, S. 358 ff. (mit dem grundsätzlichen</span><br/> <span class="ft1">Ausschluss der Variantenprüfung) verwiesen, der auch für den Re-</span><br/> <span class="ft1">gierungsrat gelte. Freilich ist auch eine gewisse Zurückhaltung ange-</span><br/> <span class="ft1">bracht, soweit es um lokale Angelegenheiten geht; die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">behörde ist Rechtsmittel- und nicht Planungsinstanz. Ein Planungs-</span><br/> <span class="ft1">entscheid ist zu schützen, wenn er sich als zweckmässig erweist,</span><br/> <span class="ft1">unabhängig davon, ob sich weitere, ebenso zweckmässige Lösungen</span><br/> <span class="ft1">erkennen lassen (BGE 127 II 242).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>