B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4983/2016 U r t e i l v o m 2 1 . A u g u s t 2 0 1 7 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner, Richter Simon Thurnheer, Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren am (…), gemäss eigenen Angaben China (Volksrepublik), vertreten durch lic. iur. Sandor Horvath, Rechtsanwalt, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 19. Juli 2016 / N (…). D-4983/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin gelangte am 4. November 2012 in die Schweiz, wo sie am Tag darauf um Asyl ersuchte. Sie wurde am 26. November 2012 zu ihrer Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu ihren Fluchtgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Eine eingehende Anhörung zu den Asylgründen fand am 6. Juni 2014 statt . Im Rahmen dieser Anhörung wurde ihr das rechtliche Gehör zu den Zweifeln an de r angeblichen Her- kunft gewährt. B. Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch damit, dass sie chine- sische Staatsangehörige tibetischer Ethnie sei und sich in Tibet politisch betätigt habe, weshalb sie behördlich gesucht werde. C. Mit Verfügung vom 26. Juni 2014 lehnte das damalige Bundesamt für Mig- ration (BFM, heute: SEM) das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an, wobei ein Wegweisungsvollzug in die Volksrepublik China explizit ausgeschlossen wurde. D. Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin am 21. Juli 2014 beim Bun- desverwaltungsgericht an. Mit Urteil D-4083/2014 vom 12. Juni 2015 hob das Bundesverwaltungsgericht die Verfügung des BFM auf und wies die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück. E. Am 14. März 2016 führte die Fachstelle LINGUA des SEM eine Analyse der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse und der Sprache der Beschwer- deführerin durch. Der LINGUA-Bericht kam zum Schluss, dass die Soziali- sation der Beschwerdeführerin eindeutig nicht in der von ihr angegebenen Region in Tibet, sondern vielmehr im exiltibetischen Milieu erfolgt sei. F. Am 1. Juli 2016 wurde die Beschwerdeführer in ergänzend angehört und ihr das rechtliche Gehör zum LINGUA-Bericht gewährt. G. Mit Verfügung vom 19. Juli 2016 (Eröffnung am 20. Juli 2016) verneinte D-4983/2016 Seite 3 das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Gleichzeitig wurde der Vollzug der Wegweisung in die Volksre- publik China explizit ausgeschlossen. H. Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin mit Eingabe ihres Rechts- vertreters vom 17. August 2016 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie beantragte sinngemäss die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei sie als Flüchtling vorläufig aufzunehmen . Subeventualiter sei sie infolge Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvoll- zugs vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht wurde um Akteneinsicht, um Gewährung der auf- schiebenden Wirkung und um Feststellung, dass die Beschwerdeführerin den Ausgang des Beschwerdeverfahrens in der Schweiz abwarten könne, ersucht. Ebenfalls wurde darum ersucht, das Verfahren bis zur Heirat d er Beschwerdeführerin zu sistieren. Schliesslich wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung ge- mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 110a AsylG (SR 142.31) ersucht. I. Mit Zwischenverfügung vom 24. August 2016 wurde festgestellt, die Be- schwerdeführerin könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab- warten. Hinsichtlich des Akteneinsichtsgesuchs wurde dem Rechtsvertre- ter mitgeteilt, dass der Beschwerdeführerin bereits mit dem angefochtenen Entscheid sämtliche editionspflichtigen Akten ausgehändigt worden seien und er sich daher an seine Mandantin zu halten habe. Sofern sie nicht mehr im Besitze der Akten sei, könnten die Akten dem Rechtsvertreter nochmals in Kopie zugestellt werden. Daher solle er sich i nnert Frist dazu äussern, welche Aktenstücke ihm in Kopie zuzustellen seien. Das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgebestäti- gung gutgeheissen. Gleich zeitig wurde mitgeteilt, dass über die amtliche Verbeiständung nach Ablauf der Einreichungsfrist respektive nach Einrei- chung der Fürsorgebestätigung entschieden werde. Die Beschwerdeführe- rin erhielt schliesslich Gelegenheit, sich innert Frist zur in der Beschwerde angesprochenen Beziehung respektive beabsichtigten Heirat zu äussern. D-4983/2016 Seite 4 J. Mit Eingabe vom 8. September 2016 reichte die Beschwerdeführerin Be- lege für ihre Bedürftigkeit ein und nahm unter Einreichung diverser Beweis- mittel Stellung zu ihrer Beziehung. Ferner fügte der Rechtsvertreter an, dass er nun im Besitze der Akten sei und daher um Möglichkeit zur Be- schwerdeergänzung ersuche. K. Mit Zwischenverfügung vom 9. September 2016 wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtliche Verbeistän- dung gutgeheissen. Die Gesuche um Sistierung des Verfahrens sowie um Setzung einer separaten Frist zur Beschwerdeergänzung wurden abgewie- sen. Schliesslich wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen. L. Mit Vernehmlassung vom 26. September 2016 äusserte sich das SEM zur Beschwerde, worauf die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 1. Dezem- ber 2016 replizierte. M. Mit Zwischenverfügung vom 19. Juli 2017 wurde die Beschwerdeführerin aufgefordert, bei den kantonalen Migrationsbehörden ein Gesuch um E r- teilung einer Aufenthaltsbewilligung einzureichen und das Gericht über den Stand des Verfahrens in Kenntnis zu setzen, anderenfalls das Gericht da- von ausgehe, sie verzichte im Asylverfahren auf die Geltendmachung ent- sprechender Wegweisungsvollzugshindernisse. N. Mit Eingabe vom 2. August 2017 reichte die Beschwerdeführerin ein bei der Migrationsbehörde des Kantons B._______ eingereichtes Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung ein. Gleichzeitig wurde das Gericht ersucht, das SEM respektive die kantonale Behörde anzuweisen, eine Auf- enthaltsbewilligung für die Ehevorbereitung zu erteilen , oder das Be- schwerdeverfahren auf unbestimmte Zeit zu sistieren. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsge richt Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den D-4983/2016 Seite 5 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundes verwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 so- wie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen D-4983/2016 Seite 6 Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch damit, dass sie chi- nesische Staatsbürgerin tibetischer Ethnie sei und aus dem Dorf C._______, Gemeinde D._______, Kreis E._______, Provinzbezirk F._______ (Volksrepublik China) stamme, wo sie bis zu ihrer Ausreise ge- lebt habe. Sie habe nie die Schule besucht und sei zu Hause im Haushalt tätig gewesen. (…) 2012 habe sie zusammen mit anderen Dorfbewohnern zu Ehren des Dalai Lama Gebete rezitiert. Unmittelbar anschliessend hät- ten einige Dorfbewohner angefangen, gegen die Chinesen und für ein freies Tibet zu demonstrieren. Sie habe sich diesen Protesten angeschlos- sen. Nach einiger Zeit seien Polizisten erschienen und hätten zwei ihrer Freundinnen verhaftet. Sie selbst habe fliehen können und sei nach Hause gerannt, wo sie ihrer Familie von den Geschehnissen erzählt habe. Noch in derselben Nacht habe ihr Vater die Ausreise nach Nepal organisiert und am nächsten Morgen habe sie ihr Heimatdorf in Begleitung eines Sc hlep- pers verlassen. Innerhalb von drei Tagen seien sie via G._______ und H._______ illegal nach Nepal gereist, wo sie bis zum (…) 2012 geblieben sei. An diesem Tag sei sie auf dem Luft - und Landweg durch ihr unbe- kannte Länder in die Schweiz gereist. 4.2 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass bereits das BFM im vorherigen Asylverfahren aufgrund der BzP und der ersten Anhörung von der Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Herkunft ausgegangen sei. Diese Ansicht sei durch die nunmehr durchgeführte LINGUA-Analyse be- stätigt worden. Gemäss Experte habe die Beschwerdeführerin den Namen ihrer Heimatgemeinde falsch ausgesprochen, eine falsche administrative Einheit angegeben und eine veraltete administrative Bezeichnung verwen- det. Sie habe zwar einige Siedlungen in der Umgebung ihres Dorfes nen- nen können, jedoch mehrere davon falsch verortet und eine Siedlung ad- ministrativ falsch eingeordnet. Sie kenne sich auch sonst nicht sonderlich gut in der Umgebung aus. Sie habe einen bekannten Fluss unüblich be- zeichnet und einen anderen, grossen und wichtigen Fluss nicht gekannt. Sie habe zwar den Namen eines bekannten Klosters genannt, über die Besonderheiten dieses Klosters jed och keine Auskunft geben können . Ebenfalls unbekannt sei ihr der in der Nähe ihrer Heimatgemei nde gele- gene Geburtsort einer berühmten Persönlichkeit, was gemäss Experte D-4983/2016 Seite 7 sehr ungewöhnlich sei. Hinsichtlich der landwirtschaftlichen Tätigkeit habe sie zwar Feldfrüchte benennen können, welche in der Heimatregion ange- pflanzt würden, deren Unterschiede jedoch nicht gekannt und auch die üb- liche Herstellungsweise des am meisten verbreiteten Getreidegerichts nicht korrekt beschreiben können. Ebenfalls unbekannt seien ihr landwirt- schaftliche Feste gewesen. Dies alles entspreche gemäss Experte nicht dem, was von einer Bäuerin respektive Bauerntochter zu erwarten gewe- sen wäre. Zum Schulwesen habe sie fast keine Angaben machen können und ihre Ausführungen zum Personalausweis seien überwiegend realitäts- fremd. Die landeskundlich-kulturellen Kenntnisse würden insgesamt nicht dem entsprechen, was von einer einheimischen Person mit entsprechen- der Biographie zu erwarten wäre. Hinsichtlich der Sprech- und Sprachkompetenzen habe der Experte fest- gestellt, dass ihre Sprache grösstenteils mit dem Dialekt von G._______ übereinstimme. Da sich der Dialekt von E._______ kaum vom G._______- Dialekt unterscheide, entspreche ihr Dialekt in gewissen Teilen den Erwar- tungen an eine Person aus der entsprechenden Region. Der Experte habe allerdings auch zahlreiche Merkmale der exiltibetischen Koine festgestellt, welche den innertibetischen Dialekten fremd seien. Obwohl s ie aufgrund des etwa fünfmonatigen Aufenthalts in Nepal und des etwa dreieinhalbjäh- rigen Aufenthalts in der Schweiz bis zur LINGUA -Analyse wahrscheinlich mit dem Exiltibetischen in Kontakt gekommen sei, sei das gehäufte Auftre- ten exiltibetischer Merkmale im Bereich der Wortstruktur und der Ausspra- che unerwartet. Diese Aufenthalte hätten, wenn überhaupt, denn auch eher Einfluss auf den Wortschatz, nicht aber auf die Aussprache und Morpholo- gie. Sie verfüge zudem über praktisch keine Kenntnisse des Chinesischen, was für eine Bewohnerin der geltend gemachten Herkunftsregion unty- pisch sei. Die linguistische Analyse komme zusammenfassend zum Schluss, dass die Sprache der Beschwerdeführerin eindeutig auf eine So- zialisierung im exiltibetischen Milieu hinweise. Die Erklärungen der Beschwerdeführerin anlässlich des rechtlichen Ge- hörs seien ausweichend und vage gewesen, und sie habe lediglich wieder- holt, was sie bereits im Telefoninterview oder in den Befragungen gesagt habe. So habe sie meist erwidert, sie habe keine Erklärung zu den Vorhal- ten oder sie wolle nichts dazu sagen. Ihre Unkenntnis betreffend die Land- wirtschaft habe sie damit erklärt, dass nicht sie, sondern die restlichen Fa- milienangehörigen die Felder bestellt hätten. Sie habe nichts gesehen und sei nicht oft nach draussen gegangen. Diese Erklärungen seien als Schutz-D-4983/2016 Seite 8 behauptungen zu werten. Zur Feststellung des Experten, sie spreche kei- nen innertibetischen Dialekt, sondern ihre Sprache weise diverse Merk- male des Exiltibetischen auf, habe sie angemerkt, dass sie beim Telefon- interview genauso gesprochen habe, wie alle in ihrer Heimatregion gespro- chen hätten. Durch die Feststellung der LINGUA-Analyse, dass die Sozialisation der Be- schwerdeführerin eindeutig ausserhalb Tibets stattgefunden habe, werde ihren Asylgründen jegliche Grundlage entzogen. Die diesbezüglich in den Befragungen gemachten widersprüchlichen, unsubstanziierten und ohne Realkennzeichen versehenen Aussagen würden das Ergebnis der LIN- GUA-Analyse untermauern. Die Schilderung des Reisewegs sei ohne Sub- stanz und Realkennzeichen ausgefallen und daher unglaubhaft. Die Be- schwerdeführerin sei trotz mehrmaliger Aufforderung zur Präzisierung nicht in der Lage gewesen, anschaulich und detailliert zu schildern, wie sie von Tibet über die Grenze nach Nepal und von dort bis in die Schweiz gelangt sei. Es sei deshalb davon auszugehen, dass sie anders als in der von ihr angegebenen Weise in die Schweiz gelangt sei. Gemäss aktueller Rechtsprechung könne bei Personen tibetischer Ethnie, welche über ihre Sozialisation unglaubhafte Angaben machen würden, da- von ausgegangen werden, dass keine flüchtlingsbeachtlichen Gründe ge- gen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort vorlägen. Das Asylge- such sei daher abzulehnen. 4.3 Diesen Erwägungen wurde in der Beschwerdeschrift entgegengehal- ten, dass von einer bildungsfernen, im häuslichen Bereich verankerten Per- son, die nie zur Schule gegangen sei, nicht erwartet werden könne, dass sie im Detail und fehlerfrei über ihre Region und deren Besonderheiten Auskunft geben könne. Aus den Ausführungen des SEM könne somit nicht der Schluss gezogen w erden, die Beschwerdeführerin stamme nicht aus dem Kreis E._______. Vielmehr gehe aus den Erwägungen hervor, dass sie einige korrekte Angaben habe machen könne n, wodurch die Herkunft zumindest glaubhaft gemacht sei. Der Experte sei zum Schluss gelangt, dass sie muttersprachlich den tibetischen Dialekt des Kreises E._______ spreche. Der Dialekt entspreche in gewissen Teilen der Erwartung für je- manden, der aus dieser Gegend komme. Trotz dieser Erkenntnisse komme der Experte wider Erwarten zum Schluss, dass sie nicht aus dieser Gegend komme, weil sie auch exiltibetische Dialektausdrücke verwende. Dabei hätten der Experte und das SEM zu wenig gewürdigt, dass die Beschwer- deführerin fünf Monate in Nepal und vier Jahre in der Schweiz gelebt habe. D-4983/2016 Seite 9 Dialekte seien stetigen Veränderungen unterworfen und Menschen würden sich relativ schnell einem neuen Dialekt anpassen. Das SEM habe insbe- sondere nicht erklärt, wieso die Beschwerdeführerin muttersprachlich den tibetischen Dialekt des Kreises E._______ spreche, aber trotzd em nicht von dort kommen solle. Das SEM erkläre auch nicht, wieso die Beschwer- deführerin ein wenig Chinesisch spreche, aber nicht aus China stammen solle. Denn es sei durchaus üblich, dass Angehörige der tibetischen Min- derheit in China nur wenig Chinesisch sprächen. Die Schlussfolgerung des SEM stehe ferner im Widerspruch zu seinem Schreiben vom 16. Februar 2016 an das Zivilstandsamt I._______. Darin habe es ausgeführt, dass keine objektiven Zweifel an der Identität und der Ehefähigkeit der Be- schwerdeführerin bestünden. Mit dem angefochtenen Entscheid verletze das SEM somit das Verbot widersprüchlichen Verhaltens. Da im Asylverfahren der Beschwerdeführerin bereits im Urteil D-4083/2014 eine Verletzung von Verfahrensrechten festgestellt worden sei und das SEM auch nach der mit diesem Urteil erfolgten Kassation nicht gewillt sei, verfahrensrechtliche Grundsätze zu respektieren, rechtfertige sich vorlie- gend ein reformatorischer Entscheid. 4.4 In der Vernehmlassung hielt das SEM der Argumentation in der Be- schwerdeschrift entgegen, dass die Behauptung, die Beschwerdeführerin spreche muttersprachlich den tibetischen Dialekt des Kreises E._______, nicht zutreffend sei. Der Experte habe in seinem Bericht ausgeführt, der Dialekt entspreche zu gewissen Teilen den Erwartungen für jemanden, der aus dieser Gegend s tamme. Dies – wie im LINGUA-Bericht festgehalten und der Beschwerdeführerin anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs bereits mitgeteilt worden sei – weil sich der Dialekt von E._______ kaum vom G._______-Dialekt unterscheide und die exiltibetische Koine grösstenteils auf dem G._______-Tibetischen beruhe. Der Experte habe bei der Beschwerdeführerin entgegen der Behauptung in der Beschwerde- schrift zahlreiche Merkmale des exiltibetischen Dialekts festgestellt, di e den innertibetischen Dial ekten fremd seien. Im Ergebnis komme der Be- richt zum Schluss, dass die sprachlichen Merkmale eine Sozialisation im Kreis E._______ ausschliessen würden. Die gegenüber dem Zivilstandsamt I._______ gemachte Angabe, es be- stünden keine objektiven Hinweise für Zweifel an der Identität und der Ehe- fähigkeit der Beschwerdeführerin , sei zugegebenermassen ungenau ge- wesen. Damit habe das SEM ausdrücke n wollen, dass keine objektiven, D-4983/2016 Seite 10 konkreten Hinweise für Zw eifel am Namen der Beschwerdeführerin vor- handen seien. Vollständigkeitshalber hätte an dortiger Stelle erwähnt wer- den müssen, dass das SEM Zweifel an der geltend gemachten Chinesi- schen Staatsangehörigkeit hege. Die LINGUA -Analyse sei zudem erst nach diesem Schreiben erstellt worden. 4.5 In der Replik ergänzte die Beschwerdeführerin, aus de n ihr vorliegen- den Akten gehe lediglich hervor, dass sie den tibetischen Dialekt des Krei- ses E._______ spreche. Die Vorinstanz lege nicht dar, weshalb die Be- schwerdeführerin offenkundig in einer exiltibetischen Gemeinschaft sozia- lisiert worden sein solle. Insbesondere werde der LINGUA-Bericht nicht zu- gänglich gemacht. Es sei treuwidrig, erst im Beschwerdeverfahren eine Be- gründung nachzureichen, insbesondere da die angefochtene Verfügung so formuliert gewesen sei, dass auch eine andere Schlussfolgerung möglich gewesen wäre, nämlich, dass die Beschwerdeführerin in China sozialisiert worden sei. Es verstosse gegen den Anspruch auf rechtliches Gehör, dass sich der Entscheid auf ein einzelnes Dokument abstütze (LINGUA -Ana- lyse), ohne dieses zugänglich zu machen. Dadurch habe die Beschwerde- führerin keine Möglichkeit, sich im Einzelnen mit den Schlussfolgerungen der Analyse auseinanderzusetzen. Die Unabhängigkeit von LINGUA werde bestritten, da es sich dabei um eine Sektion im Dienstbereich Asyl des SEM handle. Es werde erneut die Herausgabe der LINGUA-Analyse beantragt. Ebenfalls beantragt werde die Erstellung eines Obergutachtens durch ei- nen unabhängigen Experten. Das Schreiben des SEM, wonach keine Zweifel an der Identität bestünden, nun aber doch Zweifel bestehen sollen, stelle ein treuwidriges Verhalten dar. 5. 5.1 Zuerst ist auf den in der Beschwerde erhobenen Einwand einzugehen, die Beschwerdeführerin habe keinen Einblick in die LINGUA -Analyse er- halten, um nachvollziehen zu können, welche falschen Angaben sie ge- macht habe. Damit rügt sie eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV. Der Einwand erweist sich jedoch als unbegründet. Gemäss Praxis des Bundesv erwaltungsge- richts ist in eine Herkunftsanalyse aufgrund entgegenstehender öffentlicher Interessen (Gefahr einer missbräuchlichen Weiterverwendung durch Dritte; Vermeidung eines unerwünschten Lerneffekts) keine vollständige Einsicht zu gewähren. Vielmehr genügt es, wenn im Rahmen der Gewäh- rung des rechtlichen Gehörs die angeblich falschen oder unzureichenden D-4983/2016 Seite 11 Antworten so detailliert aufgezeigt werden, dass hierzu konkrete Einwände vorgebracht werden können (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1998 Nr. 34 E. 9b). Dies ist vorliegend geschehen, zumal die konkreten Themenbereiche, zu wel- chen sich die Beschwerdeführerin unzutreffend geäussert hat, im Rahmen der Anhörung vom 1. Juli 2016 hinreichend detailliert offengelegt wurden und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme geboten wurde. Folglich ist auch der Antrag auf Einsicht in den LINGUA-Bericht abzuweisen. 5.2 Der Antrag auf Sistierung des Beschwerdeverfahrens ist abzuweisen, zumal der Ausgang der hängigen zivilstandsrechtlichen und ausländer- rechtlichen Verfahren keinen Einfluss auf die Prüfung der Flüchtlingseigen- schaft hat und diese daher keinen Sistierungsgrund darstellen. 6. 6.1 In materieller Hinsicht ist der angefochtenen Verfügung bezogen auf die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft und das Asyl zuzustimmen. Im Länderurteil BVGE 2014/12 präzisierte das Bundesverwaltungsgericht seine bisherige Praxis gemäss EMARK 2005 Nr. 1 dahingehend, dass bei Personen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder ver- heimlichen würden, vermutungsweise davon auszugehen sei, dass keine flüchtlings- oder wegweisungs vollzugsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ihren bisherige n Aufenthaltsort sprächen. Denn die Abklä- rungspflicht der Asylbehörden finde ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Verunmögliche eine tibetische Asylsuchende durch die Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht die Abklärung, welchen effek- tiven Status sie in Nepal respektive in Indien innehabe, könne namentlich keine Drittstaatenabklärung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG statt- finden. Überdies werde durch die Verheimlichung und Verschleierung der wahren Herkunft auch die Prüfung d er Flüchtlingseigenschaft der betref- fenden Person in Bezug auf ihr effektives Heimatland verunmöglicht (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 f.). 6.2 Aufgrund der Aktenlage besteht Grund zur Annahme, dass die Be- schwerdeführerin ihre wahre Herkunft zu verschleiern versucht . Dabei kann zur Hauptsache auf die LINGUA -Analyse verwiesen werden. Eine LINGUA-Analyse stellt zwar kein Sachverständigengutachten (Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57 ff. des Bundesgesetzes vom 4. Dezember 1947 über den Bundeszivilprozess [BZP , SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), sondern eine schriftliche Auskunft einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP D-4983/2016 Seite 12 i.V.m. Art. 19 VwVG) dar. Sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Experten wie auch an die in- haltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analyse erfüllt sind, ist ihr jedoch erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2014/12 E. 4.2.1 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 14 E. 7 und EMARK 1998 Nr. 34). Dies ist vorliegend zu bejahen. So sind die fachl ichen Qualifikationen der sachverständigen Person nicht zu bemängeln. Es bestehen auch keine Gründe, an der Unabhängigkeit respektive Objektivität des Experten zu Zweifeln. Der in der Replik gestellte Antrag auf Erstellung eines gerichtli- chen Gutachtens ist daher abzuweisen. Das in der Analyse gezogene Fazit, wonach die Beschwerdeführerin ein- deutig nicht im Kreis E._______, sondern in einer exiltibetischen Gemein- schaft ausserhalb der Volksrepublik China sozialisiert worden sei, ist schlüssig begründet. Hins ichtlich der einzelnen unzutreffenden Angaben respektive der markanten Wissenslücken kann auf die Erwägungen der vorinstanzlichen Verfügung verwiesen werden. Der Einwand auf Be- schwerdeebene, wonach von einer Person, welche nicht die Schule be- sucht und den Grossteil ihres Lebens zu Hause verbracht habe, keine de- taillierten Angaben erwartet werden könnten, ist nicht überzeugend, zumal dem angeblichen biografischen Hintergrund der Beschwerdeführerin beim Erstellen der LINGUA -Analyse Rechnung getragen wurde. So spricht ihr Unwissen betreffend landwirtschaftliche Belange gerade deshalb gegen die angebliche Sozialisation in Tibet, da sie angegeben hat, eine Bauers - tochter zu sein. Die von der Beschwerdeführerin in diesem Zusammen- hang abgegebene Erklärung für ihr Unwissen, sie sei nicht diejenige gewe- sen, welche die Felder bestellt habe, und sie habe nichts gesehen, da sie nicht oft aus dem Haus gegangen sei (vgl. act. A46 F46 S. 7), ist als nicht überzeugende Schutzbehauptung zu werten. Der linguistische Teil der Analyse sowie die daraus gezogenen Schlussfol- gerungen sind ebenfalls konsistent und überzeugend. Die Behauptung auf Beschwerdeebene, der Experte habe festgestellt, die Beschwerdeführerin würde muttersprachlich den tibetischen Dialekt des Kreises E._______ sprechen, ist unzutreffend. Vielmehr hat der Experte, wie dies der Be- schwerdeführerin anlässlich des rechtlichen Gehörs zur Analyse mitgeteilt wurde und auch in der angefochtenen Verfügung in die Erwägungen ein- geflossen ist, festgehalten, der Dialekt würde zu gewissen Teilen den Er- wartungen an jemanden entsprechen, der aus der Gegend von E._______ komme, aber zahlreiche Merkmale aufweisen, welche den innertibetischen D-4983/2016 Seite 13 Dialekten fremd seien und sich nur im Exiltibetischen fänden. Ebenfalls zu kurz gegriffen ist die in der Beschwerde angeführte Erklärung, die exiltibe- tischen Elemente in der Sprache der Be schwerdeführerin seien auf ihre Aufenthalte in Nepal und in der Schweiz zurückzuführen. Dazu wurde in der LINGUA -Analyse unter Berücksichtigung dieser Aufenthalte ausge- führt, dass die Merkmale auch die in der Sprecherin tief verankerte Mor- phologie betreffen würden, was für eine in Tibet sozialisierte Tibeterin nicht zu erwarten sei. 6.3 Die Unglaubhaftigkeit der Herkunft wird durch die Aussagen der Be- schwerdeführerin zu ihren Fluchtgründen und zur Ausreise bestätigt. So sind die Vorbringen zum f luchtauslösenden Ereignis trotz mehr maliger Nachfrage ohne Substanz ausgefallen (vgl. act. A15 F102, F103, F108 bis F112 S. 10 ff.). Gleiches gilt für die Schilderung der Flucht vom Dorfplatz nach Hause (vgl. act. A15 F124 bis F127 S. 14). Zudem sind die Aussagen widersprüchlich, da die Beschwerdeführerin etwa die in der BzP erwähnte Rauchzeremonie (vgl. act. A6 S. 7) in der Anhörung trotz Nachfrage nicht spontan nannte (vgl. act. A15 F113 bis F115 S. 13) und auch die Dauer der Demonstration widersprüchlich zu Protokoll gab (vgl. act. A6 S. 7 und act. A15 F121 bis F123 S. 13). Schliesslich sind auch die Schilderung der Aus- reise aus Tibet sowie die Weiterreise in die Schweiz substanzarm ausge- fallen (vgl. act. A15 F132 bis F138 S. 14 f.). 6.4 Weiter kann die Beschwerdeführer in auch aus dem Verbot wider- sprüchlichen Verhaltens nichts zu ihren Gunsten ableiten. Bereits aus dem, wenn auch unpräzise formulierten, Schreiben vom 16. Februar 2016, wel- ches im Betreff sowohl „China“ als auch „Staat unbekannt“ nennt, wie auch der dortigen Skizzierung des Verfahrensstandes geht hervor, dass sich das SEM nicht auf den Standpunkt stellt, die Sozialisation der Beschwerdefüh- rerin habe in Tibet stattgefunden. Zudem wurde der LINGUA -Bericht erst im späteren Verlauf des Verfahrens erstellt, was ohnehin einen sachlichen Grund für einen Wechsel des Standpunkts darstellen würde. 6.5 In Übereinstimmung mit dem SEM ist somit festzustellen, dass die Be- schwerdeführerin über ihre Herkunft täuschende Angaben gemacht hat. In Anwendung der in BVGE 2014/12 E. 5.10 entwickelten Rechtsprechung ist somit davon auszugehen, dass keine flüchtlingsrechtlich relev anten Gründe gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort bestehen. Das SEM hat zu Recht die originäre Flüchtlingseigenschaft der Beschwer- deführerin verneint. D-4983/2016 Seite 14 6.6 Das SEM weist schliesslich auch zu Recht darauf hin, dass sich die Flüchtlingseigenschaft auch nicht aus der Beziehung zu ihrem Verlobten (J._______, N […], nachfolgend: Verlobter) ableiten lasse, da diesem die Flüchtlingseigenschaft und das Asyl led iglich derivativ zuerkannt wurde n, weshalb ein Einbezug der Beschwerdeführerin nicht möglich ist. 6.7 Das SEM hat somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 7. 7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass die Wegweisung aus der Schweiz ihr Recht auf Familienleben verletze. Ihr Verlobter habe im Jahre 2006 in der Schweiz Asyl erhalten und verfüge mittlerweile über eine Nie- derlassungsbewilligung „C“. 7.3 In Art. 14 Abs. 1 AsylG wird der sogenannte Grundsatz des Vorrangs des Asylverfahrens (gegenüber ausländerrechtlichen Verfahren) festge- setzt. Demnach kann eine asylsuchende Person ab Einreichung des Asyl- gesuches bis zur Ausreise nach einer rechtskräftig angeordneten Wegwei- sung, nach einem Rückzug des Asylgesuches oder bis zur Anordnung ei- ner Ersatzmassnahme bei nicht durchführbarem Vollzug kein Verfahren um Erteilung einer ausländerrechtlichen Aufenthaltsbewilligung einleiten, aus- ser es bestehe ein Anspruch auf deren Erteilung. Ist dies der Fall, geht die Zuständigkeit, die Wegweisung aus der Sc hweiz zu verfügen, von den Asylbehörden auf die kantonale Ausländerbehörde über, welche über die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zu befinden hat (vgl. zum Ganzen BVGE 2013/37 E. 4.4 S. 579 f. und EMARK 2001 Nr. 21 E. 8d S. 175 f.). 7.4 Im Asyl- und Wegweisungsverfahren ist keine Wegweisung zu verfü- gen, falls ein grundsätzlicher Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbe- willigung besteht, über den konkret zu befinden die kantonale Ausländer- behörde zuständig ist (vgl. auch EMARK 2006 Nr. 23 E. 3.2 S. 231 f., EMARK 2001 Nr. 21 E. 9 S. 176 f.). Ist die asylsuchende Person nicht im Besitze einer Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung, ist im Asyl- und Wegweisungsverfahren mit Blick auf die mögliche Zuständigkeit der kanto- nalen Ausländerbehörde daher vor frageweise zu prüfen (vgl. D-4983/2016 Seite 15 EMARK 2001 Nr. 21 E. 10 S. 177), ob die asylsuchende Person sich im Sinne von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen grundsätzlichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen kann. Als Anspruchsgrund- lage fällt dabei unter anderem Art. 8 EMRK in Betracht, wobei diesbezüg- lich die bundesgerichtliche Rechtsprechung massgeblich ist (vgl. EMARK 2001 Nr. 21 E. 8a und b S. 173 f. sowie E. 9 S. 176 f.). Diese besagt, dass Ausländerinnen und Ausländer gestützt auf den in Art. 8 EMRK und Art. 13 BV gewährleisteten Schutz des Familienlebens ein potenzieller Anspruch auf Aufenthalt in der Schweiz erwächst, wenn intakte und tatsächlich ge- lebte Familienbande zu nahen Verwandten (sogenannte Kernfamilie) be- stehen, die über ein gefestigte s Anwesenheitsrecht in der Schweiz verfü- gen. Letzteres ist der Fall, wenn der sich in der Schweiz aufhaltende An- gehörige das Schweizer Bürgerrecht oder eine Niederlassungsbewilligung besitzt oder über eine Aufenthaltsbewilligung verfügt, die ihrerseits auf ei- nem gefestigten Rechtsanspruch beruht (vgl. BGE 135 I 143 E. 1.3.1 S. 145 f., BGE 130 II 281 E. 3.1 S. 285 f., EMARK 2005 Nr. 3 E. 3.1 S. 31 f.). Der Begriff Familienleben umfasst unter anderem die Beziehungen zwi- schen Partnern, ob ehelich oder nicht, a lso auch die Beziehungen zwi- schen Personen, die eine De-facto-Familie bilden, d.h. bei denen eine enge persönliche und tatsächlich gelebte Be ziehung besteht (vgl. BVGE 2013/49 m.w.H). 7.5 Ergibt die vorfrageweise Prüfung, dass sich die asylsuchende Person auf einen grundsätzlichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilli- gung berufen kann, ist sie im Asyl- und Wegweisungsverfahren darauf hin- zuweisen, dass sie ein entsprechendes Bewilligungsgesuch bei der zu- ständigen kantonalen Ausländerbehörde einzureichen hat. Ist bei der kan- tonalen Ausländerbehörde bereits ein Verfahren um Erteilung einer Aufent- haltsbewilligung hängig, so hat das SEM – weist es das Asylgesuch ab oder tritt es auf dieses nicht ein – die Wegweisung nicht zu verfügen. Das Bundesverwaltungsgericht hebt diesfalls eine vom SEM verfügte Wegwei- sung auf (vgl. EMARK 2001 Nr. 21 E. 9a S. 177). Demgegenüber haben sich die Asylbehörden bei der Prüfung der Zulässigkeit des Wegweisungs- vollzugs nicht mehr mit Art. 8 EMRK zu befassen, wenn die kantonale Aus- länderbehörde es bereits abgelehnt hat, gestützt auf diese Norm eine Auf- enthaltsbewilligung zu erteilen (vgl. EMARK 2001 Nr. 21 E. 12b S. 178 f. und c sowie E. 14a S. 179). 7.6 Im Rahmen dieser vorfrageweisen Prüfung ist das Folgende festzustel- len: Der Verlobte der Beschwerdeführerin wurde am (…) 2006 gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG in das Asyl seiner Eltern einbezogen . Er ist im Besitze D-4983/2016 Seite 16 einer Niederlassungsbewilligung „C“. Er verfügt somit über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Es bestehen zudem Anhaltspunkte dafür, dass es sich bei der Beziehung um eine enge persönliche und tatsächlich gelebte Beziehung handelt, welche somit unter den Schutzbereich des Fa- milienlebens fällt (vgl. BVGE 2013/49 m.w.H.). Die Beschwerdeführerin hat somit grundsätzlich einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilli- gung. 7.7 Die Prüfung dieses Anspruchs fällt jedoch in die Zuständigkeit der kan- tonalen Behörden. Ein entsprechendes Gesuch wurde von der Beschwer- deführerin am 2. August 2017 beim Migrationsamt des Kantons B._______ eingereicht. In Anwendung der in Erwägung 7.5 skizzierten Rechtspre- chung ist die angefochtene Verfügung hinsichtlich der Wegweisung und des Vollzugs (Dispositivziffern 3 bis 6) aufzuheben. 8. 8.1 Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit die Aufhe bung der Disposi- tivziffern drei bis sechs der angefochtenen Verfügung beantragt wurde. Im Übrigen ist sie abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die reduzierten Kosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 9. September 2016 gutgeheissen wurde und sich ihre finanzielle Situation seither nicht entscheidwesentlich verändert hat, erfolgt keine Kostenauflage. 9.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 37 VGG kann die Beschwerdeinstanz der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen not- wendigen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Der in der Kostennote vom 18. April 2017 ausgewiesene Aufwand von Fr. 5‘707.70 erweist sich als angemessen. Er ist aufgrund der Eingabe vom 2. August 2017 auf Fr. 6‘000. – zu erhöhen. Die um die Hälfte reduzierte Parteienschädigung beläuft sich somit auf Fr. 3‘000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag). D-4983/2016 Seite 17 9.3 Da der Rechtsvertreter de r Beschwerdeführerin mit Zwischenverfü- gung vom 9. September 2016 als amtlicher Rechtsbeistand gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 110a AsylG beigeordnet wurde, ist ihm für den unterlegenen Teil der Beschwerde ein um die Hälfte reduziertes amtliches Honorar zu entrichten. Die in der Kostennote ausgewiesenen Fr. 4‘871.10 sind aufgrund der Eingabe vom 2. August 2017 auf Fr. 5‘000.– zu erhöhen, so dass das amtliche Honorar auf Fr. 2‘500.– (inklusive Ausla- gen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen ist. (Dispositiv nächste Seite) D-4983/2016 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der Dispositiv- ziffern 3 bis 6 der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Betreffend die Dispositivziffern 1 und 2 wird sie abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Der Beschwerdeführerin wird eine Parteientschädigung von Fr. 3‘000.– zu- gesprochen, die ihr durch das SEM zu entrichten ist. 4. Herrn Sandor Horvath wird zu Lasten des Gerichts ein amtliches Honorar von Fr. 2‘500.– ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Linus Sonderegger Versand: