B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3534/2014 U r t e i l v o m 1. S e p t e m b e r 2 0 1 4 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Daniela Brüschweiler. Parteien A._______, geboren (…), sowie die Kinder B._______, geboren (…), C._______, geboren (…), D._______, geboren (…), Russland, alle vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. Mai 2014 / N (…). D-3534/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a A._______ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) gelangte eigenen A n- gaben zufolge zusammen mit ihren Kindern am 15. August 2011 in die Schweiz, wo sie gleichentags ein Asylgesuch einreichte. A.b Am 2. September 2011 reiste der von der Beschwerdeführerin als Lebenspartner (r eligiös getraut) und Kindsvater beze ichnete R.T. in die Schweiz ein. Er suchte ebenfalls um Asyl nach. A.c Zur Begründung ihres Asylgesuches machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie sei hauptsächlich wegen der Probleme von R.T. ausgereist. Dieser habe die Rebellen unterstützt und sei mehrmals vom russischen Militär festgenommen worden. Überdies habe sie ihren Beruf ([…]) nicht frei ausüben können und sei insbesondere in den letzten Jahren gezwungen worden, sich in der Öffentlichkeit zu verschl eiern. Ausserdem sei sie von ihren Verwandten wegen der Heirat mit einem Tschetschenen geschlagen und bedroht worden. A.d Mit Verfügung vom 5. April 2012 trat das BFM auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen und von R.T. gestützt auf aArt. 32 Abs. 2 Bst. a und Abs. 3 AsylG (SR 142.31) nicht ein und ordnete die Wegwe i- sung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. A.e Die Beschwerdeführerin liess gegen diese Verfügung für sich und i h- re Kinder durch ihre (damalige) Rechtsvertreterin beim Bundesverwa l- tungsgericht Beschwerde erheben. Dabei wurde im Wesentlichen vorg e- bracht, sie habe sich wegen häuslicher Gewalt zwischenzeitlich von R.T. getrennt. Bei diesem handle es sich zudem nicht um ihren nach Brauch angeheirateten Ehemann, ebenso wenig um den Vater ihrer Kinder. Viel- mehr gehöre er zu den Männern von Präsident Kadyrow, welche ihren tatsächlichen Mann – einen Widerstandskämpfer – umgebracht hätten. Sie sei in der Folge gezwungen worden, sich als seine Ehefrau auszu ge- ben und mit ihm in die Schweiz zu reisen. A.f Mit Urteil D-2081/2012 vom 14. August 2012 hiess das Bundesverwal- tungsgericht die Beschwerde gut, soweit die Aufhebung der angefocht e- nen Verfügung in Bezug auf die Beschwerdeführerin und ihre Kinder b e- antragt wurde. Die angefochtene Verfügung wurde – soweit nicht in Rechtskraft erwachsen – aufgehoben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. D-3534/2014 Seite 3 B. R.T. reiste im September 2013 in sein Heimatland zurück. C. Das Bundesamt führte am 26. März 2014 eine erneute Anhörung der B e- schwerdeführerin durch. Dabei reichte sie diverse Beweismittel, insb e- sondere vier auf sie und die Kinder lautende Inlandpässe (hinsichtlich der Kinder auf den Familiennamen E._______ ausgestellt), zu den Akten. Überdies korrigierte die Beschwerdeführerin verschiedene f rühere Anga- ben. So gab sie an, legal mit einem Schengen -Visum aus ihrem Heima t- land ausgereist zu sein. Als Ausreisegründe nannte sie ihren Ex-Mann ei- nerseits sowie die instabile Situation im Land anderseits. So seien ei n- mal, als sie mit einem Kleinbus unterwegs gewesen sei, auf dem Markt mehrere Explosionen erfolgt, kurz bevor sie dort durchgefahren sei. Z u- dem sei einmal ein Mann, der im selben Haus gewohnt habe, von ma s- kierten Männern abgeführt und draussen zusammengeschlagen worden. Hinsichtlich ihres Ex-Mannes gab die Beschwerdeführerin an, sie und die Kinder hätten Angst gehabt vor ihm. Als sie noch verheiratet gewesen seien, sei er betrunken und unter Drogeneinfluss nach Hause gekommen, auch habe er angefangen, sie zu schlagen. Der letzte telefonisc he Kon- takt habe im Dezember 2012 stattgefunden, als er sich vermutlich in der Region Sotchi aufgehalten habe. Für die detaillierten Aussagen ist auf das aktenkundige Anhörungsprot o- koll zu verweisen. D. Mit Verfügung vom 23. Mai 2014 – eröffnet am 27. Mai 2014 – lehnte das BFM die Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen ab und ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz an, zudem erachtete es den Vollzug der Wegweisung als zulässig, zumutbar und möglich. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, die Vorbring en der Beschwerdeführerin se i- en teilweise unglaubhaft und teilweise nicht asylrelevant. Hinsichtlich des Wegweisungsvollzuges hielt die Vorinstanz hauptsächlich fest, die B e- schwerdeführerin sei noch jung, gesund und verfüge in der Heimat über ein grosses Beziehungsnetz, welches auch beim Wiedereinstieg – gerade für die Beschwerdeführerin als Alleinstehende mit drei Kindern – behilflich sein könne. Zudem liege eine Scheidungsurkunde vor, welche Alimenten- zahlungen des Ex -Mannes vorsehe. Zwar seien die Kinder bereits seit mehr als zwei Jahren in der Schweiz, doch sei diese Dauer zu kurz, um von einer Entwurzelung im Falle einer Wegweisung aus der Schweiz zu D-3534/2014 Seite 4 sprechen. Die älteste Tochter sei noch nicht in einem Alter, in welchem ein Berufseinstieg bevorstünde u nd bei der jüngsten Tochter sei die B e- schwerdeführerin wohl noch als wichtigste Bezugsperson zu bezeichnen. Schliesslich habe die Beschwerdeführerin zu Protokoll gegeben, dass sie sich gesundheitlich besser fühle, womit zusammengefasst keine individ u- ellen Gründe vorlägen, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs sprechen würden, zumal die Beschwerdeführerin nicht zuletzt über eine gute Ausbildung als (…) verfüge. E. Mit Eingabe vom 25. Juni 2014 liessen die Beschwerdeführerinnen durch ihren (neu mandatierten) Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, der angefochtene Entscheid vom 23. Mai 2014 sei in den Dispositionspunkten 3 und 4 aufzuheben und es sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Voll zugs der Wegweisung festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Verzicht auf die Erh e- bung eines Kostenvorschusses und Gewährung der unentgeltlichen Pr o- zessführung sowie um Beiordnung eines unentg eltlichen Rechtsbeistan- des. Der Beschwerdeschrift lagen diverse Beweismittel bei. Auf die Begrü n- dung der Beschwerdebegehren sowie die Beweismittel wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingega n- gen. F. Der Instruktionsrich ter teilte den Beschwerdeführerinnen mit Zwische n- verfügung vom 17. Juli 2014 mit, sie dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig wurden die Gesuche um Gewä h- rung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG, um amtliche Verbeiständung im Sinne von Art. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG sowie um Erlass des Kostenvorschusses abgewiesen und die Beschwe r- deführerinnen aufgefordert, bis zum 31. Juli 2014 einen Kostenvorschuss von Fr. 800.– zu leisten. G. Der Kostenvorschuss wurde am 23. Juli 2014 bezahlt. D-3534/2014 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheide t auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (Spruchkö r- per; Art. 21 Abs. 1 VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1 AsylG). 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. Mit der vorliegenden Beschwerde wird die Aufhebung der Dispositivziffern 3 (Wegweisung) und 4 (Ansetzen der Ausreisefrist und Androhung der Säumnisfolgen) beantragt. Die Wegweisung als solche kann indessen nur aufgehoben werden, wenn ein Rechtsans pruch auf die Erteilung einer kantonalen Aufenthaltsbewilligung besteht (BVGE 2011/24 E. 10.1; BVGE 2009/50 E. 9, je m.H.a. EMARK 2001 Nr. 21), was vorliegend nicht geltend gemacht wird. Aus de n Beschwerdeanträgen in Verbindung mit der Beschwerdebegründung ergibt sich vielmehr, dass der Wegweisungs- vollzug bezüglich Unzulässigkeit, insbesondere aber Unzumutbarkeit a n- gefochten wird. Die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung der Asylgesuche sowie die Wegweisung (Ziffern 1 bis 3 des Dispositivs D-3534/2014 Seite 6 der Verfügung vom 23. Mai 2014) sind somit als unangefochten zu b e- trachten und in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet entsprechend einzig die Prüfung, ob die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht angeordnet hat. 4. Auf Beschwerdeebene wird zunächst auf den Aspekt des Kindeswohls hingewiesen und dazu ausgeführt, alle drei Kinder hätten seit ihrer Einrei- se in die Schweiz eine enorme Integrationsleistung erbracht. Sie würden heute fliessen d Deutsch sowie Schweizerdeutsch sprechen und hätten sich ein starkes soziales Netz aufgebaut. Dies werde von den zahlre i- chen, mit der Beschwerde eingereichten Unterstützungsschreiben aus dem Umfeld der Beschwerdeführerinnen untermauert. Insbesondere für die älteste Tochter, welche unter einer schweren Anpassungsstörung g e- litten habe, wäre ein erneuter Bruch mit dem mittlerweile vertrauten U m- feld aus medizinischer Sicht sehr problematisch. In Bezug auf den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin wird auf Beschwerdeebene vorgetragen, es treffe zwar zu, dass sich der Zustand der Beschwerdeführerin in den letzten Monaten stabilisiert habe. Dies sei vor allem darauf zurückzuführen, dass sie ein medizinisches Praktikum am Universitäts -Kinderspital in F._______ absolvieren könne. Dadurch seien indessen ihre psychischen Probleme nicht gelöst, sondern zw i- schenzeitlich weniger akut. Gemäss ärztlichem Bericht sei die Beschwe r- deführerin auf längere Sicht auf eine psychiatrische Behandlung ang e- wiesen. Ob diese bei einer Rückkehr gewährleistet wäre, sei fraglich. Un- abhängig da von hätte eine Rückkehr für die Beschwerdeführerin mit grosser Wahrscheinlichkeit gravierende Auswirkungen auf ihre psych i- sche Gesundheit, da die traumatischen Erfahrungen aus ihrer Verga n- genheit reaktiviert würden. Zudem stelle sich auch die Frage nach der möglichen sozialen Unterstützung. Schliesslich lassen die Beschwerdeführerinnen zur Situation im He r- kunftsland geltend machen, zwar lebe die Mutter der Beschwerdeführerin in G._______, doch sei das Verhältnis zu ihr sehr schwierig und belastet. Es sei unvorstellbar, die Kinder von der Mutter betreuen zu lassen, sollte die Beschwerdeführerin eine Anstellung als (...) finden. In Moskau könnte die Beschwerdeführerin wiederum nur ohne die Kinder für eine gewisse Zeit unterkommen. Zudem sei unwahrscheinlich, dass von ihrem Ex - Mann Alimentezahlungen erhältlich gemacht werden könn ten, vor dem sie überdies aufgrund seiner früheren Gewalttätigkeiten ihr gegenüber D-3534/2014 Seite 7 auch Angst habe. Es bestehe insgesamt kein tragfähiges soziales Netz, welches sie bei einer Rückkehr unterstützen würde. Darauf wäre sie i n- dessen im Hinblick auf die Betreuung der Kinder angewiesen. Schlies s- lich sei überdies auf die Integrationsleistung der Beschwerdeführerin hi n- zuweisen. Sie spreche fliessend Deutsch und habe an ihrem Wohnort ein starkes Beziehungsnetz aufgebaut. Insgesamt sei damit der Wegweisungsvollzug als unzumutbar zu betrach- ten und die Beschwerdeführerinnen seien in der Schweiz vorläufig aufz u- nehmen. 5. Ist der Vollzug der Wegw eisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Ab s. 1 AuG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegwe i- sungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsge- richts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingse i- genschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 5.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 5.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus e i- nem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem- ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder e r- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedr i- gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 5.1.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur D-3534/2014 Seite 8 Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da rechtskräftig feststeht, dass es den Beschwerdeführerinnen nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu ma- chen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschi e- bung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerinnen in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Ausführungen in der Beschwerd e- schrift, noch den Aussagen der Beschwerdeführerinnen oder aus den Ak- ten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandl ung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Mensche n- rechte (EGMR) sowie je ner des UN -Anti-Folterausschusses müssten die Beschwerdeführerinnen eine konkrete Gefahr (« real risk ») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allge meine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der We g- weisung sowohl im Sinne der asyl - als auch der völkerrecht lichen B e- stimmungen zulässig. 5.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie i m Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr- dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vor- läufige Aufnahme zu gewähren. 5.2.1 In Russland , so auch in der russischen Teilrepublik Nordossetien, herrscht keine Situation allgemeiner Gewalt, weshalb in konstanter Praxis mit dem BFM von der generellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs dorthin ausgegangen wird. 5.2.2 Es ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin über eine übe r- durchschnittlich gute Ausbildung ([…]) verfügt, welche es ih r ermöglichen wird, den Unterhalt für sich und ihre Kinder verdienen zu können. Dies umso mehr, als sie in der Schweiz angesichts des Praktikums im Unive r-D-3534/2014 Seite 9 sitäts-Kinderspital (…) (vgl. Beschwerdebeilage 13) auf ihrem Fachgebiet neue Erfahrungen sammeln konn te. Es sind deshalb keine Gründe e r- sichtlich, welche der Beschwerdeführerin einen beruflichen Wiederei n- stieg im Heimatland verunmöglichen würden. 5.2.3 Die Darstellung auf Beschwerdeebene, die Beschwerdeführerinnen verfügten im Heimatland über kein genügendes soziales Beziehungsnetz, findet in den Akten keine Stütze. Gemäss Angaben der Beschwerdeführe- rin anlässlich ihrer Anhörung vom 26. März 2014 gibt es diverse familiäre Anknüpfungspunkte (vgl. Akten BFM A 48/17 S. 5 f.), wobei dem Protokoll – entgegen der Behauptung in der Beschwerde – nicht entnommen wer- den kann, dass das Verhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und i h- rer Mutter belastet gewesen wäre. Vielmehr gab die Beschwerdeführerin an, sie habe bis zu ihrer Ausreise bei der Mutter gewohnt, obschon sie dort nicht angemeldet gewesen sei (vgl. A 48/17 S. 5 F 33). Weiter führte die Beschwerdeführerin aus, ihre Schwester lebe zumindest zeitweise in G._______ und habe dort ein (…), ein Halbbruder sei als (…) tätig, ein weiterer Halbbruder als (…) (vgl. a.a.O. S. 6). Hinzu kommt, dass in B e- zug auf das Vorhandensein eines sozialen Beziehungsnetzes nicht allein auf familiäre Beziehungen abzustellen ist, sondern auch Freunde, B e- kannte, Arbeitskollegen etc. eine Rolle spielen. Es kann ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin in ihrem He i- matland auch über ein solches ausserfamiliäres Beziehungsnetz verfügt, welches ihr und den Kindern – wenn auch nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht – bei der Reintegration behilflich sein kann. 5.2.4 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl ein G e- sichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 der Konvention vom 20. November 1989 über die Rec h- te des Kindes (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlic h erscheinen. Dabei können namentlich fo l- gende Kriterien im Rahmen einer gesamtheitlichen Beurteilung von B e- deutung sein: Alter des Kindes, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensi- tät, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspe r- sonen (insbesondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung, Grad der erfolgten Inte- gration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade letzterer Aspekt, die Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hinblick auf die D-3534/2014 Seite 10 Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne gu- ten Grund aus einem einmal vertrauten Umfeld herausgerissen werden sollten. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das un- mittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige soziale Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung auf die F rage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine starke Assimilierung in der Schweiz mithin eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.2; BVGE 2009/51 E. 5.6 S. 749, je mit Verweis). Angesichts des jungen Alters der Kinder ist von einem starken Bezu g zur Mutter und damit auch von einer genügend engen Beziehung zum he i- matlichen Kulturkreis auszugehen. Zwar mögen die Kinder, insbesondere die älteste Tochter, in der Schule oder in ihrer Freizeit (so etwa in der Bal- lettschule) Freundschaften geknüpft haben. Dennoch sind die Töchter in einem Alter, wo die Beziehung zur Mutter noch stärker ausgeprägt ist als zu Mitschülerinnen/Mitschülern oder Freizeitfreundinnen/Freizeitfreunden. Somit kann, unbesehen einer guten Integration, nicht von einer starken Verwurzelung mit dem schweizerischen Umfeld gesprochen werden, son- dern aufgrund der Nähe zur Mutter ist der Bezug der Kinder zu ihrem an- gestammten Kulturkreis auch heute noch als gewichtiger zu betrachten als zur schweizerischen Kultur. Hinzu kommt, dass sich neben der Mutter der Beschwerdeführerin sowohl die Grossmutter mütterlicherseits als auch die Grosseltern väterlicherseit s im Heimatland aufhalten, ebenso mindestens eine Tante sowie weitere Verwandte und nicht zuletzt der Va- ter der Kinder, auch wenn die Beschwerdeführerin behauptet, derzeit se i- nen Aufenthaltsort nicht zu kennen. Angesichts der erheblich eing e- schränkten pers önlichen Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin (vgl. angefochtene Verfügung; in Bezug auf ihre geltend gemachten Asylgrü n- de) ist ihre diesbezügliche Behauptung wenig überzeugend. Überdies wird auch nicht geltend gemacht, der Aufenthaltsort des Kindsvaters las- se sich nicht eruieren. Damit sind die Kinder bei ihrer Eingliederung in die heimatlichen Gesellschaftsstrukturen nicht allein auf die Unterstützung ih- rer Mutter angewie sen, und es ist den Kindern unter Berücksichtigung des Kindeswohls zuzumuten, in ihren Heimatstaat zurückzukehren. 5.2.5 Aus medizinischen Gründen kann sich der Wegweisungsvollzug als unzumutbar erweisen, wenn für die betroffene Person bei einer Rückkehr D-3534/2014 Seite 11 in ihre Heimat eine überlebensnotwendige medizinische Behandlung nicht erhältlich wäre. Der Umstand allein, dass die Spitalinfrastruktur oder das medizinische Fachwissen im Heimatstaat nicht dasselbe Niveau au f- weisen wie in der Schweiz, führt praxisgemäss nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2). Nach den Kenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts können russische Staatsbürger i m Rahmen der Krankenpflichtversicherung grundsätzlich eine kostenlose medizinische Grundversorgung in Anspruch nehmen, wo- bei die unzureichende staatliche Finanzierung und Korruption die sen Grundsatz immer wieder aushebeln. Nach der Registrierung im Versich e- rungssystem erhalten die Bürger die entsprechende Übereinkunft sowie eine Plastikkarte, wodurch ihnen der Zugang zur medizinischen Verso r- gung auf dem Gebiet der Russischen Föderation g arantiert wird, una b- hängig von ihrem Wohnort. Für etwaige Medikamentenkosten müssen so- wohl Nichtversicherte wie Versicherte grundsätzlich selbst aufkommen, ausgenommen sind Personen, die einer der Kategorien angehören, die einen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben sowie Patienten in Ta- geskliniken oder Behandlung von Notfällen. Auf der Liste betreffend A n- spruch auf unentgeltliche staatliche Unterstützung stehen auch psych i- sche Erkrankungen. Dadurch sind entsprechende Patienten berechtigt, Behandlungen – explizit auch in Sanatorien – sowie Medikamente ko s- tenlos zu erhalten. Normative Grundlage für die medizinische Betreuung von Menschen mit psychischen Problemen ist das Gesetz der Russ i- schen Föderation „über psychiatrische Hilfe und Bürgerre chte“. Dort sind die rechtlichen, organisatorischen und wirtschaftlichen Prinzipien der psy- chiatrischen Behandlung festgelegt. Demnach können Patienten insb e- sondere die folgenden, vorliegend möglicherweise interessierenden Dienste kostenlos in Anspruch nehmen: psychiatrische Notfallhilfe, Unter- stützung bei der psychiatrischen Prophylaxe und Rehabilitation in Amb u- lanzen und Kliniken, sämtliche Formen der psychiatrischen Unters u- chung, Bestimmung zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit, soziale Unte r- stützung und Beschäftigung von Menschen mit psychischen Störungen, Vormundschaftsprobleme, Rechtshilfe in psychiatrischen Kliniken oder psychiatrische Unterstützung im Falle von Notfällen. Darüber hinaus b e- steht in Privatkliniken die Möglichkeit, sich entgeltlich psych otherapeu- tisch behandeln zu lassen. Grundsätzlich kostenfrei ist weiter auch die Behandlung in einem "Psychoneurologischen Dispanser", einer spezie l- len Gesundheitseinrichtung, welche die Hauptform der ausserhalb eines Spitals angesiedelten psychiatrischen Dienste in einem Bezirk, einer Stadt oder einem Gebiet darstellt. Zur Einrichtung gehört eine poliklin i-D-3534/2014 Seite 12 sche Abteilung mit ambulanter und stationärer Behandlung. Angeboten werden psychiatrische, psychologische, psychotherapeutische, neurol o- gische und soziale Behandlungen beziehungsweise Hilfeleistungen. Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen kommt das Bundesverwa l- tungsgericht zum Schluss, dass die Be schwerdeführerin (sowie allenfalls die älteste Tochter) ausreichend medizinisch versorgt werden ka nn, falls dies nötig sein wird, sie auch tatsächlich Zugang zu den zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten hat und sie diese weitestgehend unentgeltlich wird erhalten können. Dies gilt im vorliegenden Fall umso mehr, als die Beschwerdeführerin selber im Gesu ndheitswesen tätig ist und war, und entsprechend über beste Kenntnisse und Zugang zur medi- zinischen Infrastruktur verfügt. Da die geltend gemachten Ausreisegründe und damit eine Fortsetzung einer Bedrohung nicht glaubhaft gemacht wurden – und auch nicht me hr Thema des Beschwerdeverfahrens sind – muss im Übrigen nicht mit einer damit zusammenhängenden Verschli m- merung der Gesundheitssituation, wie sie in der Beschwerde erwähnt wird (vgl. S. 5), gerechnet werden. 5.2.6 Soweit auf Beschwerdeebene schliesslich Aspekte der Integration der Beschwerdeführerin geltend gemacht werden, sind diese von den Asylbehörden nicht zu prüfen (vgl. Art. 14 AsylG). 5.2.7 Angesichts der vorstehenden Erwägungen ist nicht zu erwarten, dass die Beschwerdeführerinnen bei einer Rückkehr nach Russland in ei- ne existenzbedrohende Situation gerieten. Sie sind, gestützt auf die vo r- stehend beschriebenen Umstände, in der Lage, sich in ihrer Heimat e r- folgreich zu integrieren, weshalb sich weitergehende Auseinandersetzun- gen mit den Beschwerdevorbringen un d eingereichten Beweismitteln er- übrigen. Der Vollzug der Wegweisung ist demnach – in Übereinstimmung mit dem BFM – als zumutbar zu bezeichnen. 5.3 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführerinnen, soweit erforder- lich, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 5.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung D-3534/2014 Seite 13 der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG ). Die Beschwerde i st abzuweisen. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerdefüh- rerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG) und auf insgesamt Fr. 800.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsg e- richt [VGKE, SR 173.320.2]). Der einbezahlte Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten verwenden. (Dispositiv nächste Seite) D-3534/2014 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.– werden den Beschwerdeführerinnen auferlegt. Der einbezahlte Kostenvorschuss wird zur Bezahlung der Ve r- fahrenskosten verwendet. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das BFM und die kan- tonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Daniela Brüschweiler Versand: