B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1842/2018 U r t e i l v o m 2 6 . O k t o b e r 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichter Lorenz Noli, mit Zustimmung von Richterin Daniela Brüschweiler, Gerichtsschreiber Kevin Schori. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Laura Rossi, Fürsprecherin, Anwältinnenbüro, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 22. Februar 2018 / N (…). E-1842/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 8. September 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 15. September 2015 und der Anhörung vom 8. Dezember 2016 machte er im Wesentli- chen Folgendes geltend: Er sei (…) Ethnie und in Kabul geboren. Von seinem ersten bis zum achten Lebensjahr habe er mit seiner Familie in Pakistan gelebt. Danach sei er nach Kabul zurückgekehrt, wo er bis zu seiner Ausreise im Jahr 2015 ge- lebt habe. Im Jahr 20 11 habe er an der Universität Kabul ein Studium in (…) begonnen und im Jahr 2014 abgeschlossen. Danach habe er sich nach einer Arbeit umgesehen, was sich aber als schwierig erwiesen habe. Ein Studienkollege namens B._______ habe ihm angeboten, seine Bewer- bung bei der Firma C._______, ein em Subunternehmen der US -Firma D._______, einzureichen. Die Firma habe Aufträge im Logistik- und im IT- Bereich für das afghanische Verteidigungsministerium ausgeführt. Darauf- hin sei ihm eine Arbeitsstelle in Aussicht gestell t und er im (…) 2015 zu einer Einführung bei dieser Firma eingeladen worden. Als er nach dem Ein- führungstag auf dem Weg zum Fussball gewesen sei, habe derselbe B._______, welcher ihm zuvor noch geholfen habe , seine Bewerbung bei diesem Unternehmen einzureichen, ihn mit einem Auto und in Begleitung von vermummten und bewaffneten Personen angehalten. B._______ habe von ihm verlangt, dass er mit den Taliban zusammenarbeiten und für diese Informationen über diese Firma liefern müsse, ansonsten er umgebracht würde. B._______ habe ihm erklärt, dass er ihn am nächsten Tag treffen möchte. Daraufhin habe er sich direkt nach Hause begeben und seinen Vater darüber informiert. Dieser habe ihn sofort und ohne zu zögern ausser Haus gebracht und umgehend einen Schlepper mit der Organisation seiner Ausreise beauftragt. Bereits e inige Tage später, ungefähr im (…) 2015, habe er einen afghanischen Reisepass erhalten und sei legal von Kabul nach Mashad im Iran geflogen. Von dort sei er illegal in die Türkei gelangt und über ihm unbekannte Länder in die Schweiz gereist. Rund ein Jahr nach seiner Ausreise habe ihm sein Bruder im (…) 2016 mitgeteilt, dass die Taliban nun nachträglich noch einen Drohbrief bei ihnen zuhause hinterlassen hätten. Das Original des Drohbriefs sei ihm per Post in die Schweiz gesandt worden. Zudem habe er erfahren, dass Leute von B._______ sich regelmässig zuhause nach ihm erkundigen würden. Sein Vater sei im (…) 2016 an einer Krankheit gestorben. E-1842/2018 Seite 3 Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Identitätskarte, Kopien di- verser Dokumente über seine schulische und universitäre Ausbildung, eine Kopie einer Bestätigung für einen Kurs in Logistik bei der Firma «D._______» vom (…) 2015, ein Drohschreiben der Taliban im Original sowie zwei Arztberichte zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 22. Februar 2018 – eröffnet am 27. Februar 2018 – ver- neinte das SEM die Flücht lingseigenschaft des Beschwerdeführers (Dis- positivziffer 1) und lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2). Gleichzei- tig verfügte es seine Wegweisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3) und ordnete den Vollzug (Dispositivziffern 4 und 5) sowie die Einziehung der als gefälscht erkannten Dokumente an (Dispositivziffer 6). Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Er- wägungen eingegangen. C. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 27. März 2018 be- antragte der Beschwerdeführer die Gutheissung seiner Beschwerde, die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Anerkennung seiner Flücht- lingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der un- entgeltlichen Rechtspflege unter Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. Der Beschwerdeführer reichte einen Visumsantrag zugunsten seines Bru- ders vom (…) 2016 inklusive entsprechendem Empfehlungsschreiben so- wie eines Visums vom (…) 2016, eine Passkopie seiner Mutter inklusive Ausreisestempel und Visum, eine S chnellrecherche der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 14. November 2016 sowie einen Arztbericht vom (…) November 2017 ins Recht. Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Er- wägungen eingegangen. D. Mit Zwischenverfügung vom 3. April 2018 stellte die vormals zuständige Instruktionsrichterin den legalen Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Schweiz für die Dauer des Verfahrens fest, hiess die Gesuche um Gewäh-E-1842/2018 Seite 4 rung der unentgeltlichen Prozessführung und amtlicher Rechtsverbeistän- dung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers ein. E. Mit ergänzender Eingabe vom 6. November 2018 machte der Beschwer- deführer geltend, sein B ruder habe Afghanistan aus Sicherheitsgründen nun ebenfalls verlassen und befinde sich in Pakistan, wo er weiter auf die Erteilung des USA-Visums warte. Damit würde er sich bei einer Rückkehr nach Afghanistan nicht mehr auf ein familiäres Netz stützen könn en. Zur Untermauerung dieser Vorbringen reichte er weitere Beweismittel (Passko- pien seines Bruders inkl. Stempel und Visum sowie eine Kopie seines ak- tuellen Studentenausweises der […] Fachhochschule) zu den Akten. F. Mit weiterer Eingabe vom 26. Juni 2019 führte der Beschwerdeführer aus, dass sein Bruder zwischenzeitlich ein USA -Visum erhalten habe und von Kabul über Dubai in die USA ausgereist sei . Damit seien keine begünsti- genden Faktoren mehr gegeben, welche ausnahmsweise für die Zumut- barkeit des Wegweisungsvollzugs nach Kabul sprechen könnten. Als Be- weismittel reichte er Passkopien seines Bruders inklusive Visum mit Aus - und Einreisestempeln zu den Akten. G. Eine Verfahrensstandanfrage vom 17. Januar 2020 wurde vom neu zu- ständigen Instruktionsrichter mit Sch reiben vom 22. Januar 2020 beant- wortet. Gleichzeitig wurde der Beschwerdeführer über den aus organisato- rischen Gründen zwischenzeitlich erfolgten Wechsel der Verfahrensleitung informiert. H. Mit Zwischenverfügung vom 16. September 2020 lud der Instruktionsrich- ter die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. I. Mit Verfügung vom 30. September 2020 hob die Vorinstanz die angefoch- tene Verfügung in den Dispositivziffern 4 und 5 auf und ordnete die vorläu- fige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz aufgrund der Unzu- mutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung an. E-1842/2018 Seite 5 J. Mit Vernehmlassung vom 30. September 2020 informierte das SEM das Bundesverwaltungsgericht über die gleichentags verfügte teilweise Wie- dererwägung der angefochtenen Verfügung. Im Übrigen hielt sie fest, dass die Beschwerdeschrift bezüglich der Flüchtlingseigenschaft keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel enthalte, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnte. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwa ltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Da s Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül- tig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG ; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). E-1842/2018 Seite 6 3. Mit neuem Asylentscheid der Vorinstanz vom 30. September 2020 wurde der Beschwerdeführer in der Schweiz aufgrund der festgestellten Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen. Damit ist die Beschwerde vom 27. März 2018 hinsichtlich der Gewährung vorläufi- gen Aufnahme (Rechtsbegehren Nr. 4) gegenstandslos geworden. Ein Rechtsschutzinteresse besteht allerdings weiterhin an der Feststellung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG und der Gewährung von Asyl, weshalb sich die nachfolgende Prüfung auf diese Punkte beschränkt. 4. Die vorinstanzliche Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer bis an- hin nicht zur Kenntnis gebracht. Eine Kopie wird diesem Urteil beigelegt. 5. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Dass die Gesuche des Beschwerdeführers um unentgeltliche Prozessfüh- rung und Beiordnung einer amtlichen Rechtsbeiständin gutgeheissen wur- den, die Beschwerde also im damaligen Zeitpunkt der Beschwerdeerhe- bung als nicht aussichtslos eingestuft wurde (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG), steht einer Abweisung der Beschwerde im Verfahren nach Art. 111 Bst. e AsylG in bestimmten Konstellationen nicht entgegen. Dies ist beispiels- weise dann der Fall, wenn sich die Beschwerde aufgrund neuer Erkennt- nisse oder einer geänderten Rechtsauffassung während des Beschwerde- verfahrens als offensichtlich unbegründet erweist (vgl. Urteil des BVGer E- 8098/2015 vom 26. April 2016, E. 2.2.2). Eine solche Ausgangslage liegt aufgrund der zwischenzeitlich erfolgten teilweisen Widererwägung der an- gefochtenen Verfügung und Gewährung der vorläufigen Aufnahme und der damit einhergehenden Reduktion der Rechtssache auf die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft und der Gewährung von Asyl vor. 6. 6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im E-1842/2018 Seite 7 Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge- richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.). 7. 7.1 Die Vorinstanz kam im angefochtenen Entscheid zum Schluss, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaub- haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhielten und deren Asylrelevanz daher nicht geprüft werden müsse. Aus seinen Aussagen zur angeblichen Bedrohung durch B._______ und die Taliban ergäben sich diverse Unge- reimtheiten. An der Anhörung habe er diesbezüglich geltend gemacht, B._______ sei am Tag nachdem er ihn angehalten habe, bei ihm zuhause aufgetaucht und habe nach ihm gefragt. Diesen wichtigen Sachverhalt habe er an der BzP gar nicht erst erwähnt, weshalb dieses Ereignis als nachgeschoben zu werten und nicht glaubhaft sei. Sodann sei es zu Wi- dersprüchen gekommen. An der BzP habe er ausgeführt, B._______ habe ihn nach einem Einführungstag bei der Firma auf dem Weg zum Fussball angehalten. Demgegenüber habe er an der Anhörung erklärt, dies sei erst am letzten Tag der einwöchigen Einfü hrungsphase geschehen. Weiter habe er an der BzP ausgesagt, dass er einige Tage nach dem Vorstellungs- gespräch telefonisch darüber informiert worden sei, wann er zum Einfüh- rungstag kommen müsse und dass ihn sein Kollege B._______ bereits in dieser Phase bedroht habe. Im Widerspruch dazu habe er an der Anhörung ausgeführt, die erste Drohung sei am Abend, als B._______ ihn angehalten E-1842/2018 Seite 8 habe, erfolgt. Weiter habe er gemäss BzP angegeben, von B._______ so- wie drei bis vier weiteren Personen angehalten worden zu sei n. Diesbe- züglich habe er an der Anhörung geltend gemacht, neben B._______ seien bloss zwei andere Personen beim Vorfall dabei gewesen. Zum angeblichen Drohbrief der Taliban hielt das SEM fest, dass solchen Briefen grundsätz- lich kaum Beweiswert zukomme, da diese keine Sicherheitsmerkmale auf- wiesen. Diese würden in grossem Stil gefälscht und an flüchtende Perso- nen verkauft. Deshalb seien solche Briefe kaum je geeignet, einen asylre- levanten Sachverhalt zu belegen. Betreffend die von ihm eingereichten Drohbriefe sei festzuhalten, dass es erstaunlich sei, wenn sich die Taliban im Briefkopf auf die «Islamische Republik Afghanistan» – den offiziellen Namen Afghanistans – beriefen. Dass die Taliban in einem echten Droh- brief den offiziellen Staatsnamen verwenden würd en sei praktisch auszu- schliessen, zumal sie sich ja gerade vom afghanischen Staat abgrenzen wollten. Es sei weiter auch nicht einsichtig, weshalb B._______ und die Taliban ihm einen solchen Drohbrief erst rund ein Jahr nach seinem Ver- schwinden beziehungsweise seiner Ausreise hätten zustellen sollen. Das Dokument sei daher als mutmasslich gefälscht zu erachten und somit nicht geeignet, einen asylrelevanten Sachverhalt zu belegen. Es sei sodann auch nicht glaubhaft, dass nach seiner Ausreise regelmässig bei i hm zu- hause nach ihm gefragt worden sei. 7.2 Die vom SEM festgestellten widersprüchlichen Aussagen führte der Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeschrift darauf zurück, dass er bei der BzP vom Dolmetscher angehalten worden sei, sich kurz zu halten. Die Aussagen, welche er an der Anhörung gemacht habe, entsprächen den Tatsachen. Entgegen der Vorinstanz seien gemäss Schnellrecherche der SFH vom 14. November 2016 Drohbriefe der Taliban verbreitet. Im Lichte der Einschätzungen des Hochkommissars für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) und weiterer internationaler Organisationen zur Situa- tion in Afghanistan seien seine Vorbringen plausibel. Mit seiner Vorge- schichte (Anstellung bei einem für eine US-amerikanische Firma arbeiten- den Sub-Unternehmen; bereits einmal von den Taliban zur Zusammenar- beit gezwungen) und als Bruder eines Mitarbeiters der US -Streitkräfte sei nicht auszuschliessen, dass er bei einer Rückkehr nach Afghanistan Opfer von asylrelevanter Verfolgung durch regierungsfeindliche Kreise wie die Taliban würde – insbesondere unter Berücksichtigung der aktuellen Ver- schlechterung der Sicherheits- und Menschenrechtslage. Er erfülle daher die Flüchtlingseigenschaft. E-1842/2018 Seite 9 8. 8.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdeführers zu Recht für unglaubhaft befunden hat. Der Beschwerdeführer vermag den Argumenten der Vorinstanz im Asylpunkt mit seiner Beschwerdeeingabe in entscheidwesentlicher Hinsicht nichts Überzeugendes zu entgegnen, zu- mal sie sich mit den vom SEM festgestellten Widersprüchen und Unstim- migkeiten nicht auseinandersetzt. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann mit den nachfolgenden Ausführungen daher auf die zutreffenden Er- wägungen der Vorinstanz gemäss angefochtener Verfügung (dort E. II) und obiger Zusammenfassung (E. 6.1) verwiesen werden. 8.2 Die vom SEM zu Recht festgestellten Widersprüche und Unstimmig- keiten zwischen der BzP und der Anhörung lassen sich vom Beschwerde- führer nicht einfach mit dem pauschalen Einwand entkräften, er sei anläss- lich der BzP vom Dolmetscher angehalten worden, sich kurz zu fassen. Selbst wenn zu seinen Gunsten davon ausgegangen würde, dass er auf- grund einer Bemerkung des Dolmetschers hiernach nicht alle wichtigen Er- eignisse – wie etwa, dass B._______ am darauffolgenden Tag zuhause nach ihm gesucht habe – erwähnt hätte, erklärt dies aber nicht die weiteren Widersprüche zu Sachverhaltselementen, die in beiden Befragungen zur Sprache gekommen waren. Diesbezüglich sind insbesondere die deutlich widersprüchlichen Aussagen zum Zeitpunkt der Drohung durch B._______ hervorzuheben. An der BzP führte er diesbezüglich aus, bereits nach dem ersten Einführungstag von B._______ und drei bis vier weiteren Männern angehalten, zur Zusammenarbeit aufgefordert und bedroht worden zu sein. Zudem gab er an, bereits in der Zeit zwischen dem Vorstellungsgespräch und der telefonischen Einladung zum Einführungstag von B._______ be- droht worden zu sein. Ausserdem habe er schon vor den Ereignissen am Einführungstag von einer Verbindung seines Kollegen mit den Taliban ge- wusst (vgl. vorinstanzliche Akten A4, Ziff. 7.01). In Widerspruch hierzu gab er an der Anhörung zu Protokoll, nach einem einwöchigen Einführungstrai- ning der Firma am letzten Trainingstag von B._______ und bloss zwei an- deren Personen angehalten worden zu sein. Erst jetzt habe ihm B._______ gesagt wer er wirklich sei und habe ihm eröffnet, Taliban zu sei. Hierbei habe er ihn nun erstmals bedroht (vgl. A10, F35, F61). B._______ habe vor diesem Ereignis nie direkt gesagt, dass er die Taliban unterstützen würde. B._______ habe ihn zuvor nie bedroht und lediglich darüber diskutiert (vgl. A10, F61). Zudem habe ihn B._______ während der Trainingswoche mehr- mals angerufen und ihm Fragen diesbezüglich gestellt (vgl. A10, F35). E-1842/2018 Seite 10 Diese gewichtigen, das Kerngeschehen betreffende Widersprüche hat er aufgrund des Ausgeführten weiterhin gegen sich gelten zu lassen. Im Übrigen sind seine Aussagen zum angeblich einwöchigen Einführungs- kurs äusserst substanzarm ausgefallen. Er war zwar in der Lage, einzelne Angaben hierzu zu machen; der Inhalt des Kurses blieb aber im Dunkeln. Er beschränkte sich darauf zu erläutern, dass man ihnen die Unterneh- mensregeln erklärt habe, in welchen Provinzen und Bereichen die Firma Projekte habe und dass man über IT, ihre Sicherheit und Computerprojekte gesprochen habe (vgl. A10, F46 ff.). Angesichts des Bildungsgrad es des Beschwerdeführers sowie der Dauer des immerhin einwöchigen Trainings wären deutlich ausführlichere Angaben zum Inhalt des Kurses und der Ar- beit, auf welche man ihn vorbereitet habe, z u erwarten gewesen. Der Be- schwerdeführer reichte eine (abfotografierte) Kursbestätigung zu den Ak- ten. Da diese jedoch nicht im Original vorliegt kommt ihr ein bloss geringer Beweiswert zu. Der in den Akten liegende angebliche Drohbrief der Taliban ist angesichts der vorstehenden Erwägungen offensichtlich nicht geeignet, die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu beseitigen, zumal derartige Doku- mente – wie in der angefochtenen Verfügung zutreffend bemerkt wurde – ohne Weiteres gefälscht oder käuflich erworben werden können. Im Übri- gen merkte das SEM zu Recht an, dass augenscheinlich nicht nachvoll- ziehbar ist, weshalb die Taliban ihm einen solchen Drohbrief erst rund ein Jahr nach seinem Verschwinden beziehungsweise seiner Ausreise hätten zustellen sollen (vgl. A10, F51 ff.). Die in dem angeblichen Drohbrief ent- haltene Aufforderung, seine Arbeit bei dem ausländischen Arbeitgeber so- fort aufzugeben, ist angesichts des Umstandes, dass der Beschwerdefüh- rer zu jenem Zeitpunkt Afghanistan bereits rund ein J ahr zuvor verlassen hat, als wenig lebensnah einzustufen . Dies gilt umso mehr, als dass sich der Kontakt des Beschwerdeführers zu den Taliban einzig auf die Person seines Freundes B._______ beschränkt und diesem zum Zeitpunkt der an- geblichen Abgabe des Drohbriefes seit langem bekannt sein musste, dass der Beschwerdeführer schon längstens ausgereist ist beziehungsweise gar nicht mehr bei dem betroffenen Unternehmen tätig war. Letztlich erweisen sich bei näherer Betrachtung auch die angeblich durch den Freund B._______ des Beschwerdeführers ausgehenden Drohungen und Aufforderungen zur Kooperation mit den Taliban als wenig lebensnah. Nach den Angaben des Beschwerdeführers war es zuvor genau dieser Freund B._______, der ihm überhaupt erst aufgrund dessen Beziehungen E-1842/2018 Seite 11 ermöglich hat eine Tätigkeit bei der Firma D._______ respektive deren Sub-Unternehmen aufzunehmen. Es erscheint daher wenig nachvollzieh- bar, dass es einerseits diesem gut vernetzten Freund B._______ aufgrund seines Beziehungsnetzes proble mlos möglich gewesen sein sollte, dem Beschwerdeführer direkt eine Anstellung bei diesem Unternehmen zu ver- schaffen, andererseits dieser gut vernetzte Freund aber auf Betriebsinfor- mationen des Beschwerdeführers angewiesen sein sollte, der zum Zeit- punkt der angeblichen Bedrohung durch B._______ bloss einen simplen Einführungskurs begonnen hat, in dem er nur über ganz allgemeine Unter- nehmensprinzipien informiert worden sein soll. 8.3 Gesamthaft betrachtet ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, Fluchtgründe im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Ferner besteht auch kein Grund zu der Annahme, dem Beschwer- deführer könnten bei einer – im Lichte der Anordnung seiner vorläufigen Aufnahme ohnehin bloss theoretischen – Rückkehr in sein Heimatland we- gen seines – mittlerweile ohnehin ausgereisten – Bruders asylrelevante Nachteile drohen. Das SEM hat seine Flüchtlingseigenschaft folglich zu Recht verneint und sein Asylgesuch folgerichtig abgelehnt. 9. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange- ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 10. Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 30. September 2020 die Un- zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs feststellte und die vorläufige Auf- nahme anordnete, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. 11. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfü gung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig E-1842/2018 Seite 12 sowie vollständig feststellt Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist – so- weit nicht gegenstandslos geworden – abzuweisen. 12. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die (reduzierten) Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit Zwi- schenverfügung vom 3. April 2018 die unentgeltliche Prozessführung ge- mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und seither keine Verbesserung der finanziellen Verhältnisse eingetreten ist, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 13. 13.1 Mit Zwischenverfügung vom 3. April 2018 wurde dem Beschwerde- führer Fürsprecherin Laura Rossi als amtliche Rechtsbeiständin beigeord- net. Ihr ist deshalb ein amtliches Honorar zu entrichten. 13.2 Das SEM hat seine Verfügung im Rahmen des Schriftenwechsels teil- weise in Wiedererwägung gezogen. In diesem (praxisgemäss hälftigen) Umfang steht dem Beschwerdeführer eine reduzierte Parteientschädigung zu (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 15 und Art. 5 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Kostennote vom 11. September 2020 wies die Rechtsbeiständin einen Gesamtaufwand von 14.5 Stunden sowie Auslagen von Fr. 92.20 aus. Für das Verfassen der knap p achtseitigen Beschwerde – wobei die effektive Begründung auf lediglich rund vier Seiten Platz fand – machte die Rechts- beiständin einen zeitlichen Aufwand von acht Stunden geltend. Angesichts dessen, dass sich die effektive (relativ allgemein gehaltene) Beschwer- debegründung auf lediglich knapp vier Seiten beschränkt (eine Seite be- steht aus dem Deckblatt, eine Seite aus der Wiedergabe der Prozessge- schichte und des Sachverhalts) ist dieser Aufwand um die Hälfte zu kürzen. Der zu berücksichtigende Aufwand bel äuft sich dadurch auf insgesamt 10.5 Stunden. 13.3 Die amtliche Rechtsbeiständin machte für die Parteientschädigung ei- nen Stundenansatz von Fr. 250.–, für das Honorar einen solchen von Fr. 200.– geltend. Aufgrund des hälftigen Obsiegens (resp. hälftigen Unter- liegens) des Beschwerdeführers kann der Einfachheit halber ein gemittel- ter Stundenansatz von Fr. 225.– als Berechnungsgrundlage angewendet werden. Demgemäss ist die hälftige Parteientschädigung auf insgesamt E-1842/2018 Seite 13 (aufgerundet) Fr. 1'321.90 (inkl. hälftige Auslagen und Mehrwertsteueran- teil) festzulegen. 13.4 Das verbleibende Honorar der amtlichen Rechtsbeiständin in gleicher Höhe ist ihr durch die Gerichtskasse zu vergüten. E-1842/2018 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit sie nicht gegenstandslos gewor- den ist. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das hälftige Honorar der Rechtsbeiständin, insgesamt Fr. 1'321.90 ausma- chend, wird dem SEM zur Vergütung als Parteientschädigung auferlegt. 4. Die zweite Hälfte des Honorars in Höhe von Fr. 1'321.90 wird der Rechts- beiständin durch die Gerichtskasse vergütet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Kevin Schori Versand: