<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 155 S.677</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">677</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>155</b></span> <span class="ft3"><b>Volksschule. Minimalanforderungen, welche die Praxis bezüglich des</b></span><br/> <span class="ft3"><b>häuslichen Unterrichts festgelegt hat.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Erziehungsrates vom 6. Mai 2002 in Sachen D. und F. M. ge-</span><br/> <span class="ft4">gen den Entscheid des Bezirksschulrates Z.</span><br/> <br/> <span class="ft2"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. Materielles</span><br/> <span class="ft1">1. a) Art. 19 der Bundesverfassung (BV) gewährleistet einen</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunter-</span><br/> <span class="ft1">richt. Nach Art. 62 BV sorgen die Kantone für einen ausreichenden</span><br/> <span class="ft1">Grundschulunterricht, welcher unter staatlicher Leitung oder Auf-</span><br/> <span class="ft1">sicht stehen soll; er ist obligatorisch und in den öffentlichen Schulen</span><br/> <span class="ft1">unentgeltlich. Gemäss § 28 Abs. 3 der Kantonsverfassung vom 25.</span><br/> <span class="ft1">Juni 1980 (KV; SAR 110.000) wird das Schulwesen durch Gesetz</span><br/> <span class="ft1">geordnet.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">678</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Nach § 3 Abs. 1 SchulG haben Kinder und Jugendliche das</span><br/> <span class="ft1">Recht, diejenigen öffentlichen Schulen zu besuchen, die ihren Fähig-</span><br/> <span class="ft1">keiten entsprechen und deren Anforderungen sie erfüllen.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 4 Abs. 1 SchulG unterstehen alle Kinder und Jugend-</span><br/> <span class="ft1">liche mit Aufenthalt im Kanton der Schulpflicht. Sie dauert 9 Jahre</span><br/> <span class="ft1">oder bis zum erfolgreichen früheren Abschluss der Grundausbildung,</span><br/> <span class="ft1">längstens jedoch bis zur Vollendung des 16. Altersjahres. Kinder, die</span><br/> <span class="ft1">bis zum 30. April das sechste Altersjahr vollendet haben, werden auf</span><br/> <span class="ft1">Beginn des nächsten Schuljahres schulpflichtig (§ 4 Abs. 2).</span><br/> <span class="ft1">Inhaber der elterlichen Gewalt, deren Kinder die Schulpflicht</span><br/> <span class="ft1">nicht in öffentlichen Schulen erfüllen, haben bei der zuständigen</span><br/> <span class="ft1">Schulpflege den genügenden Unterricht nachzuweisen (§ 4 Abs. 4).</span><br/> <span class="ft1">b) Das Recht auf Grundschulunterricht (Art. 19 BV) gewähr-</span><br/> <span class="ft1">leist somit ein Minimum an Chancengleichheit, indem es alle jungen</span><br/> <span class="ft1">Menschen an der elementaren Schulbildung teilhaben lässt. Das</span><br/> <span class="ft1">Recht beziehungsweise die Pflicht zum Schulbesuch verpflichtet</span><br/> <span class="ft1">allerdings, wie dies sowohl die Vorinstanz als auch die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer selbst richtigerweise festgestellt haben, nicht zum Schulbe-</span><br/> <span class="ft1">such in einer öffentlichen Schule. Ein häuslicher Unterricht ist mög-</span><br/> <span class="ft1">lich, jedoch nur, wenn gewisse Minimalanforderungen an den</span><br/> <span class="ft1">,,Schulbetrieb" zu Hause erfüllt werden. Diese Minimalanforderun-</span><br/> <span class="ft1">gen sind Ausdruck der Verpflichtung zum Nachweis des genügenden</span><br/> <span class="ft1">Unterrichts (§ 4 Abs. 4 SchulG).</span><br/> <span class="ft1">Diese Minimalanforderungen werden im Leitfaden für Schul-</span><br/> <span class="ft1">pflegemitglieder genannt und wurden vom Schulrat des Bezirks Z.</span><br/> <span class="ft1">zutreffend wiedergegeben (vgl. unten Erw. Ziff. 2.) und sollen si-</span><br/> <span class="ft1">cherstellen, dass den daheim geschulten Kindern ebenso wie den in</span><br/> <span class="ft1">der öffentliche Schule geschulten Kindern die ihren Fähigkeiten ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechende Ausbildung gewährt wird. Dies entspricht dem oben ge-</span><br/> <span class="ft1">nannten Gebot der Chancengleichheit. Das Bildungsziel für die</span><br/> <span class="ft1">einzelnen Schulstufen und Klassen ergibt sich aus dem Lehrplan für</span><br/> <span class="ft1">die Volksschule des Kantons Aargau. Die dort genannten Lernziele</span><br/> <span class="ft1">sind somit für alle Kinder mit Aufenthalt im Kanton gültig, da das</span><br/> <span class="ft1">Erreichen der Lernziele für den Anschluss an weiterführende Schulen</span><br/> <span class="ft1">aber auch für gewisse Lehrstellen wesentlich ist.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">679</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2. Der Schulrat des Bezirks Z. führt in seinem Entscheid vom</span><br/> <span class="ft1">17. Januar 2002 aus, dass ein häuslicher Unterricht zwar möglich,</span><br/> <span class="ft1">der genügende Unterricht bei der zuständigen Schulpflege jedoch</span><br/> <span class="ft1">nachzuweisen sei. Die Minimalanforderungen, welche die Praxis</span><br/> <span class="ft1">bezüglich des genügenden Unterrichts definiert habe, seien:</span><br/> <span class="ft1">- Erteilung des Unterrichts durch eine Person, die den fachlichen</span><br/> <span class="ft1">und pädagogischen Anforderungen eines altergemässen Unter-</span><br/> <span class="ft1">richts zu genügen vermag,</span><br/> <span class="ft1">- die Gewährung des Anschlusses an die öffentlichen Schulen, so-</span><br/> <span class="ft1">wie</span><br/> <span class="ft1">- regelmässiger, strukturierter Unterricht.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3. (...)</span><br/> <span class="ft1">4. aa) Im vorliegenden Verfahren rügen die Beschwerdeführer,</span><br/> <span class="ft1">dass es eine Diskriminierung der Mutter darstelle, wenn ihr vom</span><br/> <span class="ft1">Bezirksschulrat die pädagogischen Fähigkeiten abgesprochen wür-</span><br/> <span class="ft1">den.</span><br/> <span class="ft1">Dass die Mutter in der Lage ist, ihre Kinder richtig zu erziehen,</span><br/> <span class="ft1">soll nicht in Zweifel gezogen werden. Wie sich jedoch aus den be-</span><br/> <span class="ft1">reits oben (vgl. Erw. 1. und 2.) genannten Minimalanforderungen</span><br/> <span class="ft1">ergibt, hat die Erteilung des Unterrichts durch eine Person zu erfol-</span><br/> <span class="ft1">gen, die den fachlichen und pädagogischen Anforderungen eines</span><br/> <span class="ft1">altersgemässen Unterrichts zu genügen vermag. Aus dem Überblick</span><br/> <span class="ft1">über die Ausbildung von F. M. (Stellungnahme vom 17. April 2002)</span><br/> <span class="ft1">ergibt sich, dass sie über keinerlei fachliche Ausbildung verfügt, die</span><br/> <span class="ft1">sie zum Unterrichten von fünf Kinder der verschiedensten Schulstu-</span><br/> <span class="ft1">fen befähigt, insbesondere da es sich bei den beiden älteren Kindern</span><br/> <span class="ft1">S. (geb. 1988) und A. (geb. 1989) um zwei Oberstufenschüler han-</span><br/> <span class="ft1">delt. Da auch der häusliche Unterricht den Anschluss an die öffentli-</span><br/> <span class="ft1">chen Schulen zu gewährleisten hat, müssen die Kinder in den einzel-</span><br/> <span class="ft1">nen Fächern etwa den gleichen Wissenstand erreichen wie die Kinder</span><br/> <span class="ft1">in der staatlichen Schule. In gewissen Fächern (Mathematik, Realien)</span><br/> <span class="ft1">ist die Vermittlung des Unterrichtsstoffes ohne fachliche Vorbildung,</span><br/> <span class="ft1">Maturitäts- oder anderen gleichwertigen Abschluss kaum möglich.</span><br/> <span class="ft1">Im Übrigen ist bei der Voraussetzung der ,,pädagogischen Fä-</span><br/> <span class="ft1">higkeit" nicht so sehr das Erziehen im allgemeinen Sinn, sondern das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">680</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Vermitteln des Unterrichtsstoffes in methodisch und didaktischer</span><br/> <span class="ft1">Hinsicht gemeint.</span><br/> <span class="ft1">Wie der Bezirksschulrat zu Recht ausführt, stellt der gleichzei-</span><br/> <span class="ft1">tige Unterricht in fünf verschieden Klassen hohe Anforderung an die</span><br/> <span class="ft1">Planung und Organisation. Eine alters- und stufengerechte Förderung</span><br/> <span class="ft1">der Kinder in den verschiedenen Klassen ist auf diesem Hintergrund</span><br/> <span class="ft1">äusserst zweifelhaft, insbesondere, weil die Mutter noch drei weitere</span><br/> <span class="ft1">Kinder zu betreuen hat.</span><br/> <span class="ft1">4 bb) - 4 cc) (...)</span><br/> <span class="ft1">dd) In Stellungnahme vom 17. April 2002 weisen die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer ausserdem noch daraufhin, dass im Leitfaden</span><br/> <span class="ft1">nicht davon die Rede sei, dass die Schulpflege den häuslichen Unter-</span><br/> <span class="ft1">richt verbieten könne.</span><br/> <span class="ft1">Zu diesem Vorwurf ist zu bemerken, dass ein häuslicher Unter-</span><br/> <span class="ft1">richt nur möglich ist, wenn die obengenannten Minimalanforderun-</span><br/> <span class="ft1">gen erfüllt sind und auch von der Schulpflege gelegentlich überprüft</span><br/> <span class="ft1">werden können (vgl. Erw. 1). Wird das Einhalten dieser Minimalan-</span><br/> <span class="ft1">forderungen nicht nachgewiesen, so haben die Kinder die öffentli-</span><br/> <span class="ft1">chen Schule zu besuchen, da der Heimunterricht in so einem Falle</span><br/> <span class="ft1">keine echte Alternative zur öffentlichen Schule darstellt.</span><br/> <span class="ft1">Wie aus Akten der Vorinstanz hervorgeht (Stellungnahme der</span><br/> <span class="ft1">Schulpflege S. an den Bezirksschulrat Z. vom 26. Oktober 2001) ist</span><br/> <span class="ft1">eine Überprüfung des Wissenstandes der Kinder bislang nicht er-</span><br/> <span class="ft1">möglicht worden. Anlässlich der Anhörung vom 17. Januar 2002</span><br/> <span class="ft1">äusserten die Beschwerdeführer gegen eine periodische Überprüfung</span><br/> <span class="ft1">des Wissenstandes der Kinder Bedenken, weil sie Angst hatten, dass</span><br/> <span class="ft1">der Prüfungsstoff von der Inspektion willkürlich ausgewählt würde.</span><br/> <span class="ft1">Bei der in der Bundesverfassung genannten Vorgabe der staatli-</span><br/> <span class="ft1">chen Aufsicht geht es vor allem darum sicherzustellen, dass den da-</span><br/> <span class="ft1">heim geschulten Kindern mindestens dieselbe Grundausbildung ge-</span><br/> <span class="ft1">währt wird wie in der öffentlichen Schule. Dies ist nur möglich,</span><br/> <span class="ft1">wenn das Erreichen der Lernziele durch eine gelegentliche Kontrolle</span><br/> <span class="ft1">auch überprüft werden kann. Ist dies nicht der Fall so kann von einer</span><br/> <span class="ft1">Erfüllung der Minimalanforderungen nicht mehr die Rede sein.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>