<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">293</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>48</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 416 Abs. 3 ZGB</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Eltern bedürfen als Beistände ihres volljährigen massnahmebedürftigen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Kindes nicht zwingend eines (vorgängigen) schriftlichen Betreuungsver-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>trages mit der KESB um Miet-, Unterhalts- und Betreuungskosten des</b></span><br/> <span class="ft4"><b>verbeiständeten Kindes rechtmässig zu beziehen.</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="ft6">nenschutz, vom 27. Juli 2015 i.S. N. K. (XBE.2015.46).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerde richtet sich gegen den Auftrag der Beistände</span><br/> <span class="ft1">und Eltern der Verbeiständeten, dem Gericht eine Betreuungsverein-</span><br/> <span class="ft1">barung zur Genehmigung vorzulegen.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die angefochtene Verpflichtung wird im Entscheid der Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz damit begründet, hinsichtlich der Miet-, Unterhalts- und Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">294</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">treuungskosten von monatlich Fr. 1'000.00, welche die Beistände</span><br/> <span class="ft1">ihrer Tochter in Rechnung stellten, sowie der Direktbezüge der Hilf-</span><br/> <span class="ft1">losenentschädigung von monatlich Fr. 464.00 fehle es an einem</span><br/> <span class="ft1">gültigen, durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde geneh-</span><br/> <span class="ft1">migten Betreuungsvertrag. Ohne diesen seien die entsprechenden Be-</span><br/> <span class="ft1">züge nicht rechtmässig und die Interessen der verbeiständeten Person</span><br/> <span class="ft1">im Sinne von Art. 415 Abs. 3 ZGB abstrakt gefährdet.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">In der Beschwerde wird dagegen eingewendet, während in der</span><br/> <span class="ft1">Kurzbegründung unzutreffenderweise noch davon ausgegangen wor-</span><br/> <span class="ft1">den sei, es handle sich bei der Betreuungsvereinbarung um ein zu-</span><br/> <span class="ft1">stimmungsbedürftiges Geschäft gemäss Art. 416 Abs. 1 Ziff. 2 ZGB</span><br/> <span class="ft1">(Dauervertrag über die Unterbringung der betroffenen Person), wer-</span><br/> <span class="ft1">de in der ausführlichen Begründung Art. 416 Abs. 3 ZGB heran-</span><br/> <span class="ft1">gezogen und geltend gemacht, ohne Betreuungsvereinbarung fehle</span><br/> <span class="ft1">eine rechtliche Grundlage für die Bezüge der Eltern. Das Zustimm-</span><br/> <span class="ft1">ungserfordernis von Art. 416 Abs. 3 ZGB beziehe sich aber lediglich</span><br/> <span class="ft1">auf obligationenrechtliche Verträge. Demgegenüber sei die Bezieh-</span><br/> <span class="ft1">ung der Eltern mit ihrer erwachsenen, geistig behinderten Tochter</span><br/> <span class="ft1">durch familienrechtliche Normen geprägt und ergebe sich aus</span><br/> <span class="ft1">Art. 272 ZGB. In der Rechtspraxis habe bislang die feste Überzeu-</span><br/> <span class="ft1">gung bestanden, dass die gelebte Solidarität zwischen Eltern und</span><br/> <span class="ft1">Kindern ohne kompliziertes Vertragswerk auskomme. Das zentrale</span><br/> <span class="ft1">Revisionsanliegen der Stärkung der Solidarität in der Familie würde</span><br/> <span class="ft1">mit einer Verpflichtung zum Abschluss von Betreuungsverträgen</span><br/> <span class="ft1">widerlegt. Es würde mit einem solchen Eingriff in das funktionie-</span><br/> <span class="ft1">rende Familiengefüge auch gegen das Grundrecht auf Achtung des</span><br/> <span class="ft1">Privat- und Familienlebens verstossen.</span><br/> <span class="ft1">Zur Wahrung der finanziellen Interessen der betroffenen Person</span><br/> <span class="ft1">genüge die Vorlage eines Budgets mit Darstellung von Einnahmen</span><br/> <span class="ft1">und Ausgaben. Der Auftrag zur Einreichung einer Betreuungs-</span><br/> <span class="ft1">vereinbarung verletze damit auch den Grundsatz der Verhältnis-</span><br/> <span class="ft1">mässigkeit.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">295</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz sieht die Interessen der Verbeiständeten durch</span><br/> <span class="ft1">die monatlichen Bezüge der Eltern für Miet-, Unterhalts- und Betreu-</span><br/> <span class="ft1">ungskosten - ohne das Vorliegen eines schriftlichen Betreuungsver-</span><br/> <span class="ft1">trags - zumindest abstrakt gefährdet. Dem kann hier nicht gefolgt</span><br/> <span class="ft1">werden, zumal sich die Höhe der Bezüge hinreichend aus den in den</span><br/> <span class="ft1">Vorakten eingereichten und nachvollziehbaren Kontoauszügen der</span><br/> <span class="ft1">Valiant Bank AG ergeben. Das Gesetz sieht keine Pflicht zum vor-</span><br/> <span class="ft1">gängigen Abschluss eines Betreuungsvertrages mit den elterlichen</span><br/> <span class="ft1">Beiständen vor. Eine solche ist für den Rechtsverkehr auch nicht</span><br/> <span class="ft1">zwingend notwendig, da diesbezüglich die Ernennungsurkunde so-</span><br/> <span class="ft1">wie die Umschreibung des Auftrages im Massnahme-Entscheid als</span><br/> <span class="ft1">Legitimation ausreichen. Ausserdem lässt eine fehlende schriftliche</span><br/> <span class="ft1">Vereinbarung die Bezüge der Eltern nicht zum vornherein als</span><br/> <span class="ft1">unrechtmässig erscheinen.</span><br/> <span class="ft1">Haben Mandatsträger - wie vorliegend die Eltern der Verbei-</span><br/> <span class="ft1">ständeten hinsichtlich der Betreuungskosten - in einer Angelegenheit</span><br/> <span class="ft1">eigene Interessen, entfällt ihre Vertretungsmacht in der entsprechen-</span><br/> <span class="ft1">den Angelegenheit (Art. 403 Abs. 2 ZGB). Ist die verbeiständete Per-</span><br/> <span class="ft1">son urteilsunfähig resp. handlungsunfähig hat die Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutzbehörde in dieser Konstellation entweder einen Ersatzbeistand</span><br/> <span class="ft1">zu bestellen oder die verbeiständete Person direkt gegenüber dem</span><br/> <span class="ft1">Beistand zu vertreten und damit selber die Verantwortung für das Ge-</span><br/> <span class="ft1">schäft zu übernehmen (Art. 403 Abs. 1 ZGB, Art. 392 Ziff. 1 ZGB;</span><br/> <span class="ft1">vgl. V</span><span class="ft6">OGEL</span><span class="ft1">, Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 5. Aufl. 2014,</span><br/> <span class="ft1">N 12 zu Art. 416/417 ZGB). Letzteres ist namentlich bei liquiden</span><br/> <span class="ft1">Sachverhalten und einmaligen punktuellen Vertretungshandlungen</span><br/> <span class="ft1">wie dem Abschluss eines Betreuungsvertrages angezeigt. Eine solche</span><br/> <span class="ft1">Vertretung durch die Erwachsenenschutzbehörde muss auch noch im</span><br/> <span class="ft1">Rahmen der Berichtsprüfung für bereits bezogene Betreuungskosten</span><br/> <span class="ft1">möglich sein. Denn betreuen Eltern ihr mündiges, behindertes Kind</span><br/> <span class="ft1">als Beistände über Jahre uneigennützig und aufopfernd, erscheint es</span><br/> <span class="ft1">angezeigt, die administrativen Hürden auch unter dem neuen</span><br/> <span class="ft1">Erwachsenenschutzrecht tief anzusetzen. Solche erweisen sich nur</span><br/> <span class="ft1">soweit verhältnismässig, als sie für das Aufdecken allfälliger Miss-</span><br/> <span class="ft1">bräuche der Mandatsträger unabdingbar sind.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">296</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Bei der Beurteilung der Notwendigkeit entsprechender Kon-</span><br/> <span class="ft1">trollinstrumente ist eine Balance zwischen notwendiger Überwach-</span><br/> <span class="ft1">ung der Mandatsführung der Angehörigen und dem Zugeständnis</span><br/> <span class="ft1">von gesetzlich möglichen Freiräumen in der Betreuung zu suchen</span><br/> <span class="ft1">und stets den Besonderheiten des Einzelfalles Rechnung zu tragen.</span><br/> <span class="ft1">Es ist insbesondere darauf zu achten, dass die Einzelfallgerechtigkeit</span><br/> <span class="ft1">Vorrang vor der Rechtssicherheit hat, wobei die Interessen der</span><br/> <span class="ft1">betreuten Person die oberste Richtschnur bilden und allen anderen</span><br/> <span class="ft1">privaten und öffentlichen Interessen vorgehen muss (vgl. zum Gan-</span><br/> <span class="ft1">zen H</span><span class="ft6">ÄFELI</span><span class="ft1">, ZKE 3/2015 S. 198 ff.).</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Auch wenn die Gefahr eines Missbrauches von Abhängigkeits-</span><br/> <span class="ft1">verhältnissen aufgrund der nahen Beziehung und der fehlenden pro-</span><br/> <span class="ft1">fessionellen Distanz bei Eltern, die ihre mündigen, behinderten Kin-</span><br/> <span class="ft1">der als Beistände selber betreuen, nicht unterschätzt werden darf,</span><br/> <span class="ft1">kann hier einer möglichen Missbrauchsgefahr durch elterliche Be-</span><br/> <span class="ft1">züge auch ohne schriftlichen Betreuungsvertrag genügend begegnet</span><br/> <span class="ft1">werden. Herkunft und Verwendung der finanziellen Mittel der Ver-</span><br/> <span class="ft1">beiständeten lassen sich im Rahmen der zur Genehmigung von Be-</span><br/> <span class="ft1">richt und Rechnung eingereichten Unterlagen hinreichend prüfen und</span><br/> <span class="ft1">nachvollziehen. Hinweise für eine unsorgfältige Verwendung der</span><br/> <span class="ft1">Mittel bestehen nach dem angefochtenen Entscheid keine, weshalb</span><br/> <span class="ft1">Rechnung und Bericht genehmigt worden sind. Mit dieser Genehmi-</span><br/> <span class="ft1">gung ist implizit auch eine stillschweigende Annahme der von den</span><br/> <span class="ft1">Beiständen bezogenen Miet-, Unterhalts- und Betreuungskosten</span><br/> <span class="ft1">anzunehmen, weshalb diese Bezüge nicht als unrechtmässig zu</span><br/> <span class="ft1">qualifizieren sind.</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Damit erweist sich ein schriftlicher Betreuungsvertrag im kon-</span><br/> <span class="ft1">kreten Fall als verzichtbar, weshalb die angefochtene Weisung in</span><br/> <span class="ft1">Gutheissung der Beschwerde aufzuheben ist.</span><br/></div> </div> </body> </html>