<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 62 S.256</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">256</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>62</b></span> <span class="ft2"><b>Alimentenbevorschussung. Inzidente Normenkontrolle.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Die Regelung von § 27 Abs. 1 lit. b SPV ist unzulässig, da § 33 lit. d</b></span><br/> <span class="ft2"><b>SPG beim Anspruch auf Alimentenbevorschussung den vollumfängli-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>chen Einbezug von Einkommen und Vermögen des Stiefvaters des</b></span><br/> <span class="ft2"><b>alimentenberechtigten Kindes nicht vorsieht.</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">257</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 14. Mai 2004 in Sa-</span><br/> <span class="ft3">chen A.V. gegen Bezirksamt B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">(In der Beschwerde ans Verwaltungsgericht wurde geltend ge-</span><br/> <span class="ft1">macht, § 27 Abs. 1 lit. b SPV widerspreche § 33 lit. d SPG und sei</span><br/> <span class="ft1">daher ungültig.)</span><br/> <span class="ft1">3. a) Die Gerichte sind zur inzidenten oder akzessorischen</span><br/> <span class="ft1">Normenkontrolle verpflichtet (§ 95 Abs. 2 KV; § 2 Abs. 3 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">Diese besteht in der vorfrageweisen Überprüfung einer anzuwenden-</span><br/> <span class="ft1">den generellen Norm unterer Stufe im Zusammenhang mit einem</span><br/> <span class="ft1">konkreten Rechtsanwendungsakt auf die Übereinstimmung mit Nor-</span><br/> <span class="ft1">men höherer Stufe. Ergibt sich, dass die überprüfte Norm mangelhaft</span><br/> <span class="ft1">ist, so führt dies - anders als im Verfahren der abstrakten Normen-</span><br/> <span class="ft1">kontrolle (§ 68 ff. VRPG) - nicht zu einer förmlichen Aufhebung,</span><br/> <span class="ft1">doch ist diese Norm im konkreten Anwendungsfall unbeachtlich und</span><br/> <span class="ft1">nicht anzuwenden (AGVE 2002, S. 164 f. mit Hinweisen; Kurt</span><br/> <span class="ft1">Eichenberger, Verfassung des Kantons Aargau, Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">Aarau/Frankfurt a.M./Salzburg 1986, § 95 N 21).</span><br/> <span class="ft1">b) Der Regierungsrat darf rechtsetzende Bestimmungen in der</span><br/> <span class="ft1">Form der Verordnung erlassen. Dabei müssen aber der Zweck und</span><br/> <span class="ft1">die Grundsätze der inhaltlichen Gestaltung im Gesetz (oder im De-</span><br/> <span class="ft1">kret) festgelegt sein (§ 91 Abs. 2 KV). Zudem muss die Verordnung</span><br/> <span class="ft1">selbstverständlich die Schranken der Rechtsetzungsbefugnis einhal-</span><br/> <span class="ft1">ten: Sie darf weder gegen die Verfassung noch gegen das Gesetz</span><br/> <span class="ft1">verstossen und darf deren Inhalt nicht aufheben oder abändern, son-</span><br/> <span class="ft1">dern ihn nur spezifizieren (AGVE 1985, S. 124).</span><br/> <span class="ft1">c) Im eben angeführten Präjudiz ging es um die analoge Frage-</span><br/> <span class="ft1">stellung, bezogen auf die entsprechenden Bestimmungen des SHG</span><br/> <span class="ft1">und der SHV. § 33 Abs. 3 SHG lautete: "Ein Vorschuss wird ausge-</span><br/> <span class="ft1">richtet, soweit Brutto-Einkommen und Vermögen des obhutsberech-</span><br/> <span class="ft1">tigten Elternteils und des Kindes nicht eine vom Regierungsrat auf</span><br/> <span class="ft1">dem Verordnungsweg festzusetzende Grenze überschreiten.", nach</span><br/> <span class="ft1">§ 36 Abs. 1 lit. c SHV wurde "beim verheirateten, nicht alimenten-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">258</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">pflichtigen Elternteil oder bei eheähnlichem Partnerschaftsverhält-</span><br/> <span class="ft1">nis" das Bruttoeinkommen gesamthaft (also einschliesslich des Ein-</span><br/> <span class="ft1">kommens des neuen Ehe- bzw. des Konkubinatspartners) einbezo-</span><br/> <span class="ft1">gen. Im Rahmen eines Normenkontrollverfahrens hob das Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgericht § 36 Abs. 1 lit.</span> <span class="ft1">c SHV als gesetzwidrig auf</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 1985, S. 128).</span><br/> <span class="ft1">Während die Beschwerdeführerin die Ansicht vertritt, es handle</span><br/> <span class="ft1">sich praktisch um den gleichen Sachverhalt, und hieraus auf die Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzwidrigkeit von § 27 Abs. 1 lit. b SPV schliesst, soweit darin die</span><br/> <span class="ft1">Einkünfte des Stiefvaters der unterhaltsberechtigten Kinder vollum-</span><br/> <span class="ft1">fänglich angerechnet werden, hält der Regierungsrat seine Verord-</span><br/> <span class="ft1">nung für gesetzeskonform.</span><br/> <span class="ft1">d) aa) § 33 lit. d SPG ermächtigt den Regierungsrat, Grenzbe-</span><br/> <span class="ft1">träge für die voraussichtlichen Jahreseinkünfte und das steuerbare</span><br/> <span class="ft1">Vermögen "des nicht unterhaltsbeitragspflichtigen Elternteils und des</span><br/> <span class="ft1">Kindes" festzusetzen. Die Beschränkung auf diese beiden Personen</span><br/> <span class="ft1">ist klar und eindeutig; allein vom Gesetzeswortlaut her erscheint eine</span><br/> <span class="ft1">ausdehnende Auslegung nicht möglich. In dieser Hinsicht besteht -</span><br/> <span class="ft1">entgegen den Vorbringen des Regierungsrats - ein wesentlicher Un-</span><br/> <span class="ft1">terschied zur Zürcher Regelung, die Gegenstand der Überprüfung in</span><br/> <span class="ft1">BGE 112 Ia 251 ff. war und wo die Formulierung in § 21 Abs. 1 des</span><br/> <span class="ft1">Jugendhilfegesetzes lautete: "Die Bevorschussung erfolgt bis zu</span><br/> <span class="ft1">einem durch Verordnung festgelegten Höchstbetrag unter Berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigung von Einkommen und Vermögen des Kindes sowie des</span><br/> <span class="ft1">nicht verpflichteten Elternteils" (vgl. BGE 112 Ia 253). Dort war also</span><br/> <span class="ft1">der <i>Höchstbetrag der Bevorschussung</i> mittels Verordnung festzule-</span><br/> <span class="ft1">gen (unter Berücksichtigung der finanziellen Verhältnisse des nicht</span><br/> <span class="ft1">unterhaltsbeitragspflichtigen Elternteils und des Kindes), gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 33 lit. d SPG sind demgegenüber in der Verordnung <i>Grenzbeträge</i></span><br/> <span class="ft4"><i>für Einkünfte und Vermögen des nicht unterhaltsbeitragspflichtigen</i></span><br/> <span class="ft4"><i>Elternteils und des Kindes</i> festzulegen, bei deren Überschreitung der</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf Bevorschussung entfällt. Es springt in die Augen, dass</span><br/> <span class="ft1">die Vorgabe in der zürcherischen Gesetzesbestimmung erheblich</span><br/> <span class="ft1">mehr Auslegungsspielraum bietet und namentlich ein weiter gehen-</span><br/> <span class="ft1">des Beachten von Zweck und Funktion der Alimentenbevorschus-</span><br/> <span class="ft1">sung als subsidiäre Hilfe erlaubt als § 33 lit. d SPG.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">259</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Weiterhin fällt in Betracht, dass der aargauische Gesetzgeber</span><br/> <span class="ft1">sich beim Erlass des SPG aufgrund des Normenkontrollverfahrens</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1985, S. 120 ff. bewusst sein musste (in seiner Botschaft vom</span><br/> <span class="ft1">30. Juni 1999 zum SPG [S. 31, zu § 32 des Entwurfs] wies der Re-</span><br/> <span class="ft1">gierungsrat ausdrücklich auf dieses Präjudiz hin), dass eine von § 33</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 SHG abweichende Formulierung hätte gewählt werden müs-</span><br/> <span class="ft1">sen, um neu eine direkte Berücksichtigung der wirtschaftlichen Ver-</span><br/> <span class="ft1">hältnisse des Stiefvaters oder des Konkubinatspartners zu statuieren.</span><br/> <span class="ft1">Trotzdem übernahm der Regierungsrat - und ihm folgend der Grosse</span><br/> <span class="ft1">Rat - die Formulierung von § 33 Abs. 3 SHG, soweit hier von Be-</span><br/> <span class="ft1">deutung, ohne inhaltliche Änderung. Jedenfalls bezüglich der Unter-</span><br/> <span class="ft1">stützung durch einen Konkubinatspartner war die Meinung, diese</span><br/> <span class="ft1">falle im Rahmen von § 34 lit. a SPG in Betracht (Botschaft, S. 32, zu</span><br/> <span class="ft1">§ 34).</span><br/> <span class="ft1">bb) Aus § 32, § 34 lit. a und § 35 SPG lässt sich ersehen, dass</span><br/> <span class="ft1">als allgemeiner Grundsatz die Alimentenbevorschussung nur dort</span><br/> <span class="ft1">zum Tragen kommen soll, wo die wirtschaftliche Situation des Kin-</span><br/> <span class="ft1">des es erfordert. Dies vermag jedoch nichts an der Auslegung der</span><br/> <span class="ft4"><i>konkreten</i> Regelung in § 33 lit. d SPG zu ändern. (Dagegen könnten</span><br/> <span class="ft1">die Argumente des Regierungsrats allenfalls dazu führen, bei den</span><br/> <span class="ft1">Einkünften der Mutter einen angemessenen Beitrag des Stiefvaters</span><br/> <span class="ft1">aufzurechnen.)</span><br/> <span class="ft1">Der Regierungsrat verzichtet zu Recht darauf, die Grundlage für</span><br/> <span class="ft1">§ 27 Abs. 1 lit. b SPV aus § 34 lit. a SPG herzuleiten, sodass auf</span><br/> <span class="ft1">diese Möglichkeit nicht weiter einzugehen ist; die materielle Be-</span><br/> <span class="ft1">gründung findet sich schon in AGVE 1985, S. 127 f., und ausserdem</span><br/> <span class="ft1">ist § 27 SPV gemäss Marginalie ausdrücklich eine Ausführungsbe-</span><br/> <span class="ft1">stimmung zu § 33 SPG.</span><br/> <span class="ft1">cc) Unter diesen Umständen ist der Beschwerdeführerin beizu-</span><br/> <span class="ft1">pflichten, dass § 33 lit. d SPG keinen relevanten Unterschied zum</span><br/> <span class="ft1">vorher geltenden § 33 Abs. 3 SHG aufweist und dass keine Gründe</span><br/> <span class="ft1">für eine unterschiedliche Auslegung sprechen, was - wie analog</span><br/> <span class="ft1">schon in AGVE 1985, S. 120 ff. - zum Ergebnis führt, dass es für den</span><br/> <span class="ft1">direkten Einbezug der Einkünfte des Stiefvaters gemäss § 27 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">lit. b SPV an einer genügenden gesetzlichen Grundlage fehlt.</span><br/></div> </div> </body> </html>