Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 29. Juni 2016 (810 15 234) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung/Nichteintreten Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, K antonsrichter Markus Clausen, Christian Haidlauf, Niklaus Ruckstuhl , Edgar Schürmann, Gerichtsschreiberin Stephanie Schlecht Beteiligte A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Elisabeth Maier , Advokatin gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal , Beschwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung/Nich teintreten (RRB Nr. 1237 vom 18. August 2015) A. Der türkische Staatsangehörige A.____ ist am 25. April 1987 in der Schweiz geboren und verfügt über eine Niederlassungsbewilligung. Se it dem 13. April 2015 ist er mit einer hier geborenen türkischen Staatsangehörigen verheiratet und der Ehe ist ein Kind entsprungen. B. Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vo m 12. November 2009 wurde A.____ wegen Raufhandels zu einer bedingt vollziehbaren Ge ldstrafe von 30 Tagessätzen à Fr. 100.-- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht verurteilt, bei einer Probezeit von 2 Jahren. Mit Urt eil des Bezirksstatthalteramtes B.____ vom 17. Februar 2010 erfolgte eine bedingt vollziehbare G eldstrafe von 20 Tagessätzen à Fr. 90.-- wegen Begünstigung und Fahrens ohne Fahrzeugausweis oder Kontrollschilder, bei einer Pro- bezeit von 2 Jahren. Mit Urteil des Appellationsgericht s des Kantons Basel-Stadt vom 11. Februar und 6. Mai 2014 wurde A.____ zu 2 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, davon 12 Mo- nate mit bedingtem Strafvollzug, unter Auflegung einer Probezeit von 4 Jahren. C. Am 6. resp. 24. Oktober 2014 gewährte das Amt für M igration Basel-Landschaft (AfM) A.____ das rechtliche Gehör zum beabsichtigten Widerruf seiner Niederlassungsbewilligung sowie seiner Wegweisung aus der Schweiz, welches er in der Folge wahrnahm (vgl. undatiertes Schreiben, Eingang beim AfM am 11. November 2014). D. Mit Verfügung vom 2. Februar 2015 widerrief das Af M die Niederlassungsbewilligung von A.____ und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz bis spätestens 2. April 2015 an. E. Diese Verfügung konnte A.____ nicht zugestellt wer den, weshalb sie dem AfM mit dem Vermerk “nicht abgeholt“ retourniert wurde. Mit Schreiben vom 13. Februar 2015 wurde die Ver- fügung vom 2. Februar 2015 erneut mit eingeschriebener Post versandt und A.____ darauf hin- gewiesen, dass die Rechtsmittelfrist mit dem letzten Tag der Abholfrist des ersten Zustellver- suchs, d.h. am 10. Februar 2015, zu laufen begonnen ha be. Das Schreiben des AfM vom 13. Februar 2015 wurde vom Beschwerdeführer innert Abholfrist ebenfalls nicht abgeholt. F. Am 23. März 2015 wurde A.____ polizeilich vorgelad en und die Verfügung vom 2. Februar 2015 konnte ihm persönlich ausgehändigt werden. G. Am 25. März 2015 gelangte der Beschwerdeführer, vert reten durch Elisabeth Maier, Advokatin in Binningen, ans AfM und beantragte eine V erlängerung der angeordneten Ausrei- sefrist. Er machte geltend, die Verfügung, welche er weiterziehe, sei ihm erst am 23. März 2015 übergeben und eröffnet worden. Mit Schreiben vom 26. März 2015 weigerte sich das AfM, die- sem Begehren nachzukommen mit der Begründung, die Ver fügung vom 2. Februar 2015 sei bereits in Rechtskraft erwachsen. H. Auf die von A.____ am 25. März 2015 erhobene Beschwe rde gegen die Verfügung des AfM vom 2. Februar 2015 trat der Regierungsrat des Kan tons Basel-Landschaft mit Beschluss (RRB) Nr. 1237 vom 18. August 2015 nicht ein. Zur Begründung führt er aus, vorliegend komme die Zustellfiktion zum Tragen und die Beschwerde sei folglich verspätet erhoben worden. I. Gegen den RRB Nr. 1237 vom 18. August 2015 liess A. ____, weiterhin vertreten durch Elisabeth Maier, am 25. August 2015 beim Kantonsgericht, Abteilung Verfassungs- und Verwal- tungsrecht (Kantonsgericht), Beschwerde erheben mit de n Rechtsbegehren, es sei der Nicht- eintretensentscheid des Regierungsrats Nr. 1237 vom 18. August 2015 vollumfänglich aufzuhe- ben und die Angelegenheit zur materiellen Behandlun g an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter seien der angefochtene RRB sowie der Ent scheid des AfM vom 2. Februar 2015 vollumfänglich aufzuheben und das AfM gerichtlich anzuwe isen, dem Beschwerdeführer die Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Niederlassungsbewilligung zu belassen, unter o/e-Koste nfolge. Die Beschwerdebegründung erfolgte mit Eingabe vom 26. Oktober 2015. J. Mit Eingabe vom 6. Oktober 2015 reichte der Beschwerd eführer ein Gesuch um Sistie- rung des Verfahrens ein, da er beim AfM ein Wiedererw ägungsgesuch gestellt habe. Das Ge- such um Sistierung des Verfahrens wurde aufgrund des fehl enden Einverständnisses der Vorinstanz mit präsidialer Verfügung vom 19. Oktober 2015 abgewiesen. K. Am 24. November 2015 liess sich die Vorinstanz verne hmen und schloss auf kostenfäl- lige Abweisung der Beschwerde. L. Mit präsidialer Verfügung vom 30. November 2015 w urde der Fall der Kammer zur Be- urteilung im Rahmen einer Urteilsberatung überwiesen. Die Beweisanträge des Beschwerde- führers auf Zeugenbefragung und weitere Sachverhaltsabklärungen wurden abgewiesen. M. Mit Eingabe vom 16. Januar 2016 legte der Beschwer deführer ein Urteil des Oberge- richts des Kantons Zürichs ins Recht, in welchem das Obergeri cht Zürich zum Schluss gekom- men ist, dass ein Irrtum oder eine Unsorgfalt des zustell enden Postboten ausreichend plausibel dargelegt, und die Vermutung des richtigen Hinterlasse ns einer Abholeinladung erschüttert worden sei und damit die Zustellfiktion nicht zum Tragen komme. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g: 1. Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- u nd Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Ka ntonsgericht zulässig. Der Be- schwerdeführer ist als Adressat vom angefochtenen Beschluss be rührt und hat ein schutzwür- diges Interesse an dessen Aufhebung. Da auch die übrigen formellen Voraussetzungen erfüllt sind und sowohl die örtliche als auch die sachliche Zustän digkeit des Kantonsgerichts gegeben sind, ist auf die vorliegende Beschwerde einzutreten. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können ge mäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststel lung des Sachverhalts gerügt wer- den. Demgegenüber ist dem Kantonsgericht die Überprü fung der Angemessenheit im vorlie- genden Fall verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO e contrario). 3. Strittig ist vorliegend einzig, ob der Regierungsr at zu Recht nicht auf die vom Be- schwerdeführer erhobene Beschwerde gegen die Verfügung des AfM vom 2. Februar 2015 ein- getreten ist. 4.1 Der Regierungsrat führt im angefochtenen Entscheid aus, die Beschwerde sei verspä- tet erhoben worden. Das AfM habe die angefochtene Ve rfügung als eingeschriebene Sendung Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht am 3. Februar 2015 der Post übergeben, welche am 13. Februar 2015 mit dem Vermerk “Nicht abgeholt“ ans AfM retourniert worden sei. Soweit de r Adressat damit rechnen müsse, dass ihm ein behördlicher Akt zugestellt werde, komme die Zuste llfiktion zum Tragen. Da dem Be- schwerdeführer vor Erlass der Verfügung das rechtliche Ge hör gewährt worden sei, welches er in der Folge wahrnahm, habe er mit der Zustellung einer Verfügung rechnen müssen. Demnach habe die Beschwerdefrist am 12. Februar 2015 zu laufe n begonnen und am 23. Februar 2015 geendet. Weder der erneute Zustellversuch vom 13. Febr uar 2015 noch die Aushändigung der angefochtenen Verfügung am Schalter des AfM am 23. Mä rz 2015 hätten die Frist zur Be- schwerdeerhebung verlängert. Die Beschwerde vom 25. März 2015 sei somit verspätet. 4.2 Demgegenüber moniert der Beschwerdeführer in sein er Beschwerdebegründung vom 26. Oktober 2015 zunächst die Anwendbarkeit der Zustellf iktion. Allein mit der Gewährung des rechtlichen Gehörs sei noch kein migrationsrechtliches Verf ahren resp. kein Prozessrechtsver- hältnis begründet worden und folglich habe er nicht mit einer Zustellung rechnen müssen. 4.3 Gemäss § 33 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes B asel-Landschaft (VwVG BL) vom 13. Juni 1988 ist eine Beschwerde innert zehn T agen seit Eröffnung der Verfügung schriftlich bei der Beschwerdeinstanz einzureichen. Bei d er Berechnung der Rechtsmittelfrist wird der erste Tag, an dem sie zu laufen beginnt, nicht mitgerechnet (vgl. § 5 Abs. 1 VwVG BL i.V.m § 46 Abs. 1 des Gesetzes über die Organisation der Gerichte [Gerichtsorganisationsge- setz, GOG] vom 22. Februar 2001). Fällt der letzte Tag einer Frist auf einen Samstag, Sonntag oder einen staatlich anerkannten Feiertag, so endet d ie Frist am ersten darauf folgenden Werk- tag (vgl. § 46 Abs. 2 GOG). Bei der Rechtsmittelfrist h andelt es sich um eine gesetzliche Frist. Gesetzliche Fristen können im Gegensatz zu behördlich festge setzten Fristen nicht erstreckt werden (vgl. § 5 Abs. 1 und 2 VwVG BL). Im Versäumnisf all tritt die Behörde auf die Eingabe nicht ein (vgl. § 5 Abs. 1 VwVG BL). Die Eröffnung der Verfügung bedeutet, dass der Erlass und der Inhalt der Verfügung dem Adressaten mitgeteilt w erden. Die Verfügung gilt als mitgeteilt respektive zugestellt, wenn sie vom Adressaten oder einer anderen hierzu berechtigten Person entgegengenommen oder in den Briefkasten des Adressate n eingeworfen ist (U LRICH HÄFELIN /G EORG MÜLLER /F ELIX UHLMANN , Allgemeines Verwaltungsrecht, Zürich/St. Gallen 2016, 7. Auflage, N 1067). 4.4 Für die Frage, wann eine eingeschriebene Sendung als zugestellt gilt, finden folgende Grundsätze Anwendung, wenn das kantonale Recht diese Fra ge – wie im Kanton Basel- Landschaft – nicht regelt: Wird der Adressat anlässlich ei ner versuchten Zustellung nicht ange- troffen und daher eine Abholeinladung in seinen Bri efkasten oder sein Postfach gelegt, so gilt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung die Sendung in jenem Zeitpunkt als zugestellt, in welchem sie auf der Post abgeholt wird; geschieht das n icht innert der Abholfrist, die sieben Tage beträgt, so gilt eine eingeschriebene Sendung al s am letzten Tag dieser Frist zugestellt, sofern der Adressat mit der Zustellung hatte rechnen mü ssen (sog. Zustellfiktion; BGE 138 III 225 E. 3.1; Urteil des Bundesgerichts 2C_990/2015 vom 19 . Februar 2016 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts 2P.120/2005 vom 23. März 2006 E. 3; K ATHRIN AMSTUTZ /P ETER ARNOLD , in: Marc Alexander Niggli/Peter Uebersax/Hans Wiprächtiger [ Hrsg.], Basler Kommentar, Bundes- gerichtsgesetz, Basel 2011, 2. Auflage, N 21 ff. zu Art. 44). Diese Fiktion ist auch in Art. 44 Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Abs. 2 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG) vo m 17. Juni 2005 festgehalten. Nach der Rechtsprechung entsteht erst mit der Rechtshängi gkeit ein Prozessrechtsverhältnis, das die Parteien verpflichtet, sich nach Treu und Gla uben zu verhalten, d.h. unter anderem da- für zu sorgen, dass ihnen behördliche Akte zugestellt werden können, die das Verfahren betref- fen. Diese prozessuale Pflicht entsteht folglich mit de r Begründung eines Verfahrensverhältnis- ses und gilt insoweit, als während des hängigen Verfahrens mit einer gewissen Wahrscheinlich- keit mit der Zustellung eines behördlichen Aktes gerechn et werden muss (vgl. BGE 138 III 225 E. 3.1). Die Geltung der Zustellfiktion setzt somit e in hängiges bzw. laufendes Verfahren vo- raus; d.h., das relevante Prozessrechtsverhältnis entsteht erst mit Rechtshängigkeit (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_988/2012 vom 19. Februar 2013 E. 3.1). 4.5.1 Der Begriff der Rechtshängigkeit definiert sich i m hier zu beurteilenden verwaltungsge- richtlichen Verfahren – anders als im zivilrechtlichen Verf ahren (Art. 62 der Schweizerischen Zivilprozessordnung [Zivilprozessordnung, ZPO] vom 19. Dez ember 2008) – nicht nach einer einschlägigen Bestimmung. Zu beachten ist, dass vorliege nd nicht die Dispositionsmaxime gilt und ein Verfahren des öffentlichen Rechts auch von Amtes wegen eingeleitet werden kann, weshalb die Frage der Rechtshängigkeit nicht einzig vom Verhalten der rechtsuchenden Person abhängen kann. Im öffentlichen Recht besteht oft Anla ss zu staatlich initiiertem Handeln, so dass diesfalls ein Verfahren von Amtes wegen eröffnet w ird (vgl. BGE 140 II 298 E. 5.3). Das erstinstanzliche Verwaltungsverfahren zielt auf den Erla ss einer Verfügung ab und wird entwe- der auf Gesuch hin oder von Amtes wegen eröffnet. Der Zeitpunkt der Eröffnung des erstin- stanzlichen Verwaltungsverfahrens ist oftmals schwierig zu bestimmen; massgebend sind Vor- kehrungen der Behörde, welche den Erlass einer Verfügung erwarten lassen. Bei der Einleitung eines Verwaltungsverfahrens von Amtes wegen ergibt sich das Handeln einer Behörde schwer- gewichtig aus dem materiellen Recht, welches auch den Er messensspielraum der Behörde so- wohl bezüglich der materiellen Beurteilung als auch be züglich der Frage der Einleitung eines Verfahrens vorgibt. Die Eröffnung des Verfahrens bewirkt die Rechtshängigkeit (BGE 140 II 298 E. 5.4). 4.5.2 Am 6. resp. 24. Oktober 2014 gewährte das AfM d em Beschwerdeführer das rechtliche Gehör. Es versandte das Schreiben zunächst als eingeschriebene Sendung und anschliessend, da diese mit dem Vermerk “Nicht abgeholt“ ans AfM retou rniert wurde, erneut per A-Post. Das AfM teilte dem Beschwerdeführer in diesem Schreiben mit, dass er aufgrund seiner Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren einen Widerrufs grund gesetzt habe. Weiter erläuterte es in diesem Schreiben, dass er Gelegenheit zur Äusseru ng erhalte, bevor das AfM zu einem definitiven Ergebnis gelange. Damit leitete es das Widerrufsverfahren ein und mit der Eröffnung des Verwaltungsverfahrens trat die Rechtshängigkeit (Liti spendenz) ein (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 2C_155/2014 vom 28. Oktober 2014 E. 3.2). Der Beschwerdeführer nahm sein rechtliches Gehör unbestrittenermassen wahr und führte da rin explizit aus, er hoffe auf eine positive Antwort. Spätestens zu diesem Zeitpunkt musste i hm bewusst sein, dass er sich in ei- nem Prozessrechtsverhältnis mit dem AfM befand, weshalb er mit der Zustellung von behördli- chen Schreiben rechnen musste (vgl. auch Urteil des Bund esgerichts 2C_1057/2013 vom 28. Mai 2014 E. 2 in fine). Es ist daher mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die Zustellfiktion im vorliegenden Fall zur Anwendung gelangt. Gemäss dem Ausz ug Track & Trace vom 2. März Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2015 wurde die angefochtene Verfügung des AfM am 3. Februar 2015 der Post übergeben und dem Beschwerdeführer am 4. Februar 2015 zur Abholung m it einer Frist bis zum 11. Februar 2015 gemeldet. Daher wird fingiert, dass die angefocht ene Verfügung am 11. Februar 2015 zugestellt wurde. 4.5.3 Ein allfälliger zweiter Versand und die spätere Entgegennahme der Sendung sind für die Frage, ob die Beschwerdefrist eingehalten worden ist, grundsätzlich unerheblich (BGE 111 V 101 E. 2.b; Urteil des Kantonsgerichts, Abteilun g Verfassungs- und Verwaltungsrecht [KGE VV], ehemals Verwaltungsgericht des Kantons Basel- Landschaft [VGE], Nr. 97 vom 7. Mai 2003 [2003/39] E. 2c; KGE VV vom 24. Juni 201 5 [810 14 354] E. 3.3; KGE VV vom 20. Januar 2010 [810 09 273] E. 2.2). Demgegenüber r echtfertigt sich eine Verlängerung der Rechtsmittelfrist gestützt auf das verfassungsmässige Recht a uf Vertrauensschutz allenfalls dann, wenn noch vor Fristende eine vertrauensbegründen de Auskunft erteilt wird. Eine solche Auskunft kann darin bestehen, dass der Entscheid mit vorb ehaltloser Rechtsmittelbelehrung dem Betroffenen noch vor Ablauf der Frist erneut zugest ellt wird (A MSTUTZ /A RNOLD , a.a.O., N 27 zu Art. 44). Vorliegend wurde die zweite eingesch riebene Sendung zwar noch vor Ablauf der Rechtsmittelfrist "zugestellt", jedoch mit einem Be gleitschreiben, welches festhält, dass die Verfügung des AfM vom 2. Februar 2015 bereits einmal v ersandt worden sei und es sich beim Schreiben vom 13. Februar 2015 um die zweite Zustellung handle. Gleichzeitig wies das AfM ausdrücklich darauf hinwies, dass die Rechtsmittelfrist von 10 Tagen ab dem letzten Tag der Abholfrist (10. Februar 2015) gerechnet werde. Dieses Vorgehen ist nicht zu beanstanden und stellt keine vertrauenserweckende Auskunft dar. Folglich hat sich die Rechtsmittelfrist dadurch nicht verlängert und der Beschwerdeführer kann daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten. 5.1 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, er ha be nie eine Abholungseinladung erhalten und vermutet, dass diese in den Briefkasten seiner fast gleichnamigen Nachbarn (Fa- milie C.____) gelegt worden seien. Er führt aus, in d em von ihm bewohnten Liegenschaftskom- plex wohne eine beinahe gleichnamige Familie und die beiden Briefkästen würden sich am glei- chen Ort befinden, weshalb es praktisch täglich zu Verwechslungen komme. Aus diesem Grund finde die bei eingeschriebenen Sendungen geltende Ver mutung, der Postangestellte oder die Postangestellte habe den Avis ordnungsgemäss in den Briefkasten des Empfängers gelegt und das Zustelldatum korrekt erfasst, keine Anwendung. Daher trage die Behörde die Beweislast dafür, dass die Abholeinladung effektiv im Briefkasten des Beschwerdeführers deponiert wor- den sei bzw. sei auf die Darstellung des Beschwerdeführers abzustellen, wonach die Verfügung erst am 23. März 2015 eröffnet worden sei. Selbst wenn das Gericht also zum Schluss gelange, dass die Zustellfiktion greife, sei die vorliegende Beschwerde nicht verspätet erhoben worden. 5.2 Wird beim ersten postalischen Zustellversuch weder der Adressat der eingeschriebe- nen Sendung noch eine andere empfangsberechtigte Person angetroffen, wird eine Abholungs- einladung in den Briefkasten oder das Postfach des Empfän gers gelegt. Für deren ordnungs- gemässe Ausstellung wie auch für die ordnungsgemässe Eint ragung des Zustelldatums im Zu- stellbuch besteht eine widerlegbare (natürliche) Vermu tung. Für die Widerlegung (Gegenbe- weis) wird kein strikter Beweis verlangt, sondern es genügt der Nachweis überwiegend wahr- scheinlicher Fehler bei der Zustellung. Der Empfänger t rägt dafür, dass er die Abholungseinla- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht dung – aus welchen Gründen auch immer – nicht erhalte n hat, die Beweislast in dem Sinn, dass im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu seinen Un gunsten ausfällt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_38/2009 vom 5. Juni 2009 E. 3.2; A MSTUTZ /A RNOLD , a.a.O., N 31 zu Art. 44). 5.3 In diesem Zusammenhang ist zunächst nochmals darauf hi nzuweisen, dass – sofern wie vorliegend ein Prozessrechtsverhältnis begründet wur de – die Parteien verpflichtet sind, sich nach Treu und Glauben zu verhalten, d.h. unter an derem dafür zu sorgen, dass ihnen Ent- scheide, welche das Verfahren betreffen, zugestellt we rden können (vgl. E. 4.4). Diese pro- zessuale Pflicht ist vernünftig, d.h. weder mit übertriebener Strenge noch mit ungerechtfertigtem Formalismus, zu handhaben (vgl. BGE 130 III 396 E. 1.2. 3; Urteil des Bundesgerichts 2P.120/2005 vom 23. März 2006 E. 4.1). Gemäss bundesge richtlicher Rechtsprechung ist ein Zeitraum bis zu einem Jahr seit der letzten verfahrensbe zogenen Handlung noch vertretbar (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2P.120/2005 vom 23. März 2006 E. 4.2). Vorliegend wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör mit Schreiben vom 6. resp. 24. Oktober 2014 gewährt. Die Verfügung des AfM vom 2. Februar 2015 betreffend Widerruf der Niederlassungsbewilli- gung und Wegweisung wurde ihm am 4. Februar 2015 zu gestellt resp. wurde er infolge Abwe- senheit eingeladen, die Sendung innert der siebentägi gen Frist bei der entsprechenden Post- stelle abzuholen. Insofern liegt der letzte Kontakt mit der Behörde nicht längere Zeit zurück, und es kann sowohl von der Zustellfiktion als auch von der E mpfangspflicht ausgegangen werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2P.120/2005 vom 23. März 2006 E. 4.2). 5.4 Die Ähnlichkeit der Namen des Beschwerdeführers und der Nachbarsfamilie ist offen- sichtlich. Soweit das Vorbringen des Beschwerdeführers zut rifft, dass sich die beiden Briefkäs- ten an demselben Ort befänden, liegt es grundsätzlich im Bereich des Möglichen, dass die Postbotin bzw. der Postbote die Abholungseinladung nich t in den Briefkasten des Beschwerde- führers, sondern in denjenigen der Nachbarsfamilie war f und der fälschlicherweise bediente Adressat diese Abholungseinladung übersehen oder aus e inem anderen Grund nicht dem Be- schwerdeführer übergeben hat (vgl. Urteil 9C_753/2007 vom 29. August 2008 E. 5.1). Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich vorliegend tatsächlich um ein postalisches Versehen handelt, ist ferner als sehr gering einzustufen, da es schlicht nic ht plausibel erscheint, dass gleich drei an den Beschwerdeführer adressierte Sendungen in den f alschen Briefkasten gelegt wurden. Dabei ist besonders augenfällig, dass es ausschliesslich bei d en eingeschriebenen Sendungen zu Fehlzustellungen gekommen sein soll, während die nic ht eingeschriebenen Sendungen (wie das Schreiben des AfM vom 24. Oktober 2015 betreffend d as rechtliche Gehör) dagegen kor- rekterweise im Briefkasten des Beschwerdeführers deponier t wurden. Vielmehr ist nach dem Gesagten davon auszugehen, dass die Postbotin bzw. der P ostbote die Abholungseinladung in den Briefkasten des Beschwerdeführers gelegt hat. Dafür spricht auch, dass der Beschwerde- führer anlässlich der polizeilichen Vorführung beim AfM am 23. März 2015 selber ausführt, dass er die eingeschriebenen Sendungen nicht habe abholen können, weil er im Service gearbeitet habe und nicht auf die Post habe gehen können (vgl. A ktenbericht des AfM vom 23. März 2015). Weiter ist unglaubwürdig, dass zwischen dem Beschwe rdeführer und der Nachbarsfami- lie keine Regelung für den Fall von Fehlzustellungen getroffen worden sein soll. Dies umso mehr, als der Beschwerdeführer selber ausführt, es komm e fast täglich zu Verwechslungen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Aus den Verfahrensakten ergibt sich kein Hinweis darauf, dass sich der Beschwerdeführer je bei der Post beschwert hat, was bei dieser hohen Anzahl von angeblichen Fehlzustellungen erstaunt. Die Vorbringen des Beschwerdeführers erweisen sich vor diesem Hintergrund als wi- dersprüchlich und es kann ihm nicht gefolgt werden. Damit erscheint es nicht überwiegend wahrscheinlich, dass es zu einem Fehler bei der Hinterlegu ng der Abholungseinladungen ge- kommen ist. Vielmehr ist gestützt auf die entsprechende V ermutung (vgl. E. 5.2) davon auszu- gehen, dass der Abholschein ordnungsgemäss in den Briefk asten des Beschwerdeführers ge- legt wurde. 5.5 Aus den vorstehenden Erwägungen erhellt, dass aufgr und der Zustellfiktion die frist- auslösende Zustellung am 11. Februar 2015 erfolgt ist (vgl. E. 4.5.2). Folglich hat die Rechts- mittelfrist am 12. Februar 2015 zu laufen begonnen und endete am 21. Februar 2015. Da dieser letzte Tag der Frist ein Samstag war, verlängerte sich da s Ende der Frist auf den nächstfolgen- den Werktag, d.h. auf den 23. Februar 2015 (§ 46 Abs . 2 GOG; AMSTUTZ /A RNOLD , a.a.O., N 34 zu Art. 44). Damit ist die vorliegende Beschwerde vom 25 . März 2015 verspätet erhoben wor- den und der vorinstanzliche Entscheid ist nicht zu beanst anden. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde. 6. Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 A bs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren und die Beweiskosten und werden in der Regel der unterlieg enden Partei in angemessenem Aus- mass auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Vorliegend sind die Verfahrenskosten in der Höhe von ins- gesamt Fr. 1'400.-- dem unterlegenen Beschwerdeführer aufzuerlegen. Die Parteikosten sind wettzuschlagen (§ 21 Abs. 1 und 2 VPO). Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Der Beschwerdeführer hat die Schweiz bis spätestens 30 Tage nach Rechtskraft dieses Urteils zu verlassen. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1‘400.-- werden dem Be- schwerdeführer auferlegt und mit dem geleisteten Koste nvorschuss in der Höhe von Fr. 1‘400.-- verrechnet. 4. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Präsidentin Gerichtsschreiberin Gegen diesen Entscheid wurde am 7. September 2016 Beschwerde beim Bundesgericht (Ver- fahrensnummer 2C_783/2016) erhoben.