<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 457</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">457</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Strassenverkehrsrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>99 Fussgängerstreifen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Bei der Prüfung, ob ein Fussgängerstreifen angezeigt ist, bilden die Fuss-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gänger- und Fahrzeugmengen an der fraglichen Stelle die Hauptbeur-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>teilungskriterien. Im Interesse der Fussgänger sind Anordnungen zu ver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>meiden, die eine blosse ,,Scheinsicherheit" bieten.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 1. Dezember 2010 i.S. Ge-</span><br/> <span class="ft3">meinderat X. gegen den Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Um-</span><br/> <span class="ft3">welt (Abteilung Tiefbau) (RRB Nr. 2010-001750).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">Der Gemeinderat X. setzte sich gegen eine Verfügung des De-</span><br/> <span class="ft5">partements Bau, Verkehr und Umwelt (Abteilung Tiefbau) zur Wehr,</span><br/> <span class="ft5">in der er aufgefordert wurde, einen auf seine Veranlassung hin mar-</span><br/> <span class="ft5">kierten Fussgängerstreifen zu entfernen.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">3.</span><br/> <span class="ft5">3.1</span><br/> <span class="ft5">Gemäss Art. 115 SSV kann das Eidgenössische Departement für</span><br/> <span class="ft5">Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) für die Aus-</span><br/> <span class="ft5">führung, Ausgestaltung und Anbringung von Signalen, Markierun-</span><br/> <span class="ft5">gen, Leiteinrichtungen, Strassenreklamen und dergleichen Weisun-</span><br/> <span class="ft5">gen erlassen sowie diese und technische Normen als rechtsverbind-</span><br/> <span class="ft5">lich erklären. Das UVEK hat von dieser Kompetenz in der Verord-</span><br/> <span class="ft5">nung des UVEK über die auf die Signalisation von Strassen, Fuss-</span><br/> <span class="ft5">und Wanderwegen anwendbaren Normen vom 12. Juni 2007 Ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">458</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">brauch gemacht und in Art. 4 lit. a die Schweizer Norm (SN) 640</span><br/> <span class="ft5">241 (Fussgängerverkehr/Fussgängerstreifen; Fassung vom Septem-</span><br/> <span class="ft5">ber 2000) der Vereinigung Schweizerischer Strassenfachleute für</span><br/> <span class="ft5">anwendbar erklärt.</span><br/> <span class="ft5">3.2</span><br/> <span class="ft5">3.2.1</span><br/> <span class="ft5">Der strittige Fussgängerstreifen auf der Y.-Strasse befindet sich</span><br/> <span class="ft5">im Bereich des Knotens Z.-Weg. Ob an dieser Stelle ein Fuss-</span><br/> <span class="ft5">gängerstreifen angezeigt ist, beurteilt sich also nach der SN 640 241.</span><br/> <span class="ft5">Dabei bilden namentlich Fussgänger- und Fahrzeugmengen die</span><br/> <span class="ft5">Hauptbeurteilungskriterien. Die Fussgängermenge in der Spitzen-</span><br/> <span class="ft5">stunde ist zur entsprechenden Anzahl Fahrzeuge am betreffenden</span><br/> <span class="ft5">Strassenübergang in Beziehung zu setzen. Des Weiteren bilden aber</span><br/> <span class="ft5">auch Ortslage, Sichtweite, Wunschlinie der Fussgänger und andere</span><br/> <span class="ft5">Kriterien wichtige Entscheidungshilfen.</span><br/> <span class="ft5">3.2.2</span><br/> <span class="ft5">Die Fahrzeugmenge drückt die Anzahl Fahrzeuge am zu unter-</span><br/> <span class="ft5">suchenden Querschnitt der Verkehrsanlage je Zeitintervall aus. In der</span><br/> <span class="ft5">Regel wird der massgebende stündliche Verkehr in der Abendspitze</span><br/> <span class="ft5">verwendet - dies selbst dann, wenn die meisten Fussgängerfrequen-</span><br/> <span class="ft5">zen zu anderen Zeiten anfallen.</span><br/> <span class="ft5">Genaue Zahlen liegen für die Y.-Strasse noch nicht vor. Zurzeit</span><br/> <span class="ft5">werden vom Kanton Verkehrszählungen durchgeführt. Allerdings ge-</span><br/> <span class="ft5">hen sowohl die Vertreter der Gemeinde X. als auch die Abteilung</span><br/> <span class="ft5">Tiefbau von täglich 7'000 bis 10'000 Durchfahrten aus, wobei in der</span><br/> <span class="ft5">Spitzenstunde rund 10% des durchschnittlichen Tagesverkehrs, das</span><br/> <span class="ft5">heisst also 700 bis 1'000 Fahrzeuge, erreicht werden dürften. Die</span><br/> <span class="ft5">Fahrzeugmenge liegt somit weit über den in der SN 640 241 mindes-</span><br/> <span class="ft5">tens verlangten 75 Fahrzeugen pro Stunde.</span><br/> <span class="ft5">3.2.3</span><br/> <span class="ft5">Des Weiteren ist eine gewisse minimale Fussgängermenge er-</span><br/> <span class="ft5">forderlich. Die Fussgängermenge drückt die Anzahl Fussgänger an</span><br/> <span class="ft5">einer Querungsstelle je Zeitintervall aus. Dabei ist in der Regel die</span><br/> <span class="ft5">am stärksten frequentierte Stunde massgebend.</span><br/> <span class="ft5">Für die Fussgängermenge liegen weder Messresultate noch</span><br/> <span class="ft5">Schätzungen vor. Entgegen der Aufforderung der Abteilung Tiefbau</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">459</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">verzichtete die Gemeinde X. auf die Erhebung der Fussgängermen-</span><br/> <span class="ft5">gen. Die Gemeinde X. begründet das gewählte Vorgehen mit der von</span><br/> <span class="ft5">ihr behaupteten verbesserten Verkehrssicherheit, man habe den Fuss-</span><br/> <span class="ft5">gängerstreifen im Sinne der Verkehrssicherheit für Fussgänger und</span><br/> <span class="ft5">auf Druck der Bevölkerung anbringen lassen. Daher habe die Anzahl</span><br/> <span class="ft5">Fussgängerquerungen bei der Entschlussfassung nur eine untergeord-</span><br/> <span class="ft5">nete Rolle gespielt. Die Aspekte der Verkehrssicherheit seien höher</span><br/> <span class="ft5">einzustufen.</span><br/> <span class="ft5">Damit ein Fussgängerstreifen überhaupt näher zu prüfen ist,</span><br/> <span class="ft5">muss die Fussgängerfrequenz gemäss der anzuwendenden SN 640</span><br/> <span class="ft5">241 mindesten bei 20 bis 25 Querungen pro Stunde liegen. Die Fuss-</span><br/> <span class="ft5">gängerfrequenz liegt aber unbestrittenerweise weit unter dem erfor-</span><br/> <span class="ft5">derlichen Wert. Dies bestätigte sich auch während der einstündigen</span><br/> <span class="ft5">Augenscheinsverhandlung, während derer lediglich zwei Personen</span><br/> <span class="ft5">die Strasse überquerten. Folglich sind die Voraussetzungen für einen</span><br/> <span class="ft5">Fussgängerstreifen hier bereits aufgrund der fehlenden Fussgänger-</span><br/> <span class="ft5">mengen nicht gegeben.</span><br/> <span class="ft5">3.2.4</span><br/> <span class="ft5">Ob die weiteren gemäss SN 640 241 zu prüfenden Kriterien er-</span><br/> <span class="ft5">füllt sind, muss nach dem Gesagten nicht weiter geprüft werden, da</span><br/> <span class="ft5">dies an der rechtlichen Beurteilung nichts zu ändern vermöchte. Ab-</span><br/> <span class="ft5">schliessend ist aber dennoch darauf hinzuweisen, dass Fussgänger-</span><br/> <span class="ft5">streifen im Ausserortsbereich möglichst zu vermeiden sind. Sind</span><br/> <span class="ft5">Querungen unumgänglich, so sind bauliche Massnahmen wie Mittel-</span><br/> <span class="ft5">inseln ohne Fussgängerstreifen als Querungshilfen zu bevorzugen</span><br/> <span class="ft5">(vgl. SN 640 241).</span><br/> <span class="ft5">3.3</span><br/> <span class="ft5">Unbestrittenermassen gelten Fussgängerinnen und Fussgänger</span><br/> <span class="ft5">im heutigen Verkehrsalltag als schwächste Teilnehmer. Zu ihrem</span><br/> <span class="ft5">Schutz können deshalb besondere Massnahmen nötig sein. Ein Fuss-</span><br/> <span class="ft5">gängerstreifen soll jedoch nur dann eingerichtet werden, wenn er</span><br/> <span class="ft5">besser geeignet ist als andere Massnahmen. Dies ist beim hier zu</span><br/> <span class="ft5">beurteilenden Fussgängerstreifen nicht der Fall. Es gilt gerade im In-</span><br/> <span class="ft5">teresse der Sicherheit der Fussgänger Anordnungen zu vermeiden,</span><br/> <span class="ft5">die eine blosse "Scheinsicherheit" bieten und die bestehenden Gefah-</span><br/> <span class="ft5">ren bloss kaschieren. Die Abteilung Tiefbau als kantonale Fachstelle</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">460</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">macht denn auch geltend, dass infolge fehlender Überbauung die</span><br/> <span class="ft5">Fahrzeugführenden nicht mit Fussgängern an diesem Ort rechneten.</span><br/> <span class="ft5">Zudem stünden die unerheblichen Fussgängermengen und somit</span><br/> <span class="ft5">Strassenquerungen in keinem Verhältnis zum beachtlichen Motor-</span><br/> <span class="ft5">fahrzeugstrom. Dieser Umstand führe dazu, dass die Fahrzeugfüh-</span><br/> <span class="ft5">renden von den nur gelegentlich auftretenden Fussgängern über-</span><br/> <span class="ft5">rascht würden. In der Praxis könne diese Konstellation zu gefähr-</span><br/> <span class="ft5">lichen Situationen führen. Diese Tatsache werde durch die aktuelle</span><br/> <span class="ft5">Unfallstatistik der bfu - im vergangenen Jahr habe es 960 verletzte</span><br/> <span class="ft5">und 21 getötete Personen auf Fussgängerstreifen gegeben - zweifel-</span><br/> <span class="ft5">los bestätigt. Der Regierungsrat sieht daher keinen Anlass, von der</span><br/> <span class="ft5">Beurteilung der kantonalen Fachstelle abzuweichen und die Verfü-</span><br/> <span class="ft5">gung der Abteilung Tiefbau BVU zu ändern.</span><br/> <span class="ft5">(Hinweis: Eine gegen diesen Entscheid vom Gemeinderat X.</span><br/> <span class="ft5">erhobene Verwaltungsgerichtsbeschwerde wies das Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft5">richt ab).</span><br/></div> </div> </body> </html>