<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 48 S.211</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">211</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VIII. Verwaltungsrechtspflege</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>48 Nachweis</b></span> <span class="ft3"><b>des</b></span> <span class="ft3"><b>Vertretungsverhältnisses.</b></span> <span class="ft3"><b>Zustellungsfiktion.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Aus der Bekanntgabe eines Vertretungsverhältnisses für eine be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>stimmte Steuerperiode muss die Behörde nicht auf die Vertretung in</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einem hängigen, eine frühere Steuerperiode betreffenden Verfahren</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schliessen (Erw. 1.1).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Voraussetzungen der Fristwiederherstellung (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Die Vermutung der Kenntnis des Verfügungsinhalts als Folge der Zu-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>stellungsfiktion kann dem Adressaten erst entgegengehalten werden,</b></span><br/> <span class="ft3"><b>wenn die Verfügung in Rechtskraft erwachsen bzw. vollstreckbar ist</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 24. Januar 2007 in Sa-</span><br/> <span class="ft6">chen S.K. gegen Steuerrekursgericht (WBE.2006.360).</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">1.1. Die Beschwerdeführerin behauptet, die Veranlagungsverfü-</span><br/> <span class="ft8">gungen vom 26. August 2004 seien unkorrekt eröffnet worden, da</span><br/> <span class="ft8">diese an sie persönlich statt an ihre Vertreterin adressiert gewesen</span><br/> <span class="ft8">seien. Zwar habe auf der Übergangs-Steuererklärung 2001-Ü eine</span><br/> <span class="ft8">Rubrik für die Bezeichnung eines Vertreters gefehlt; doch habe sie</span><br/> <span class="ft8">später auf der Steuererklärung 2001 die F. AG als Vertreterin be-</span><br/> <span class="ft8">zeichnet. Dieses Vertretungsverhältnis sei nie widerrufen worden und</span><br/> <span class="ft8">habe beim Versand der Veranlagungsverfügungen nach wie vor be-</span><br/> <span class="ft8">standen.</span><br/> <span class="ft8">Die Beschwerdeführerin reichte ihre Steuererklärung 2001-Ü</span><br/> <span class="ft8">(auf der die streitigen Veranlagungen zu gesonderten Jahressteuern</span><br/> <span class="ft8">1999 und 2000 basieren; siehe § 263 Abs. 6 StG) im Juli 2001 ein.</span><br/> <span class="ft8">Jeder Hinweis auf ein Vertretungsverhältnis fehlt; die Angabe eines</span><br/> <span class="ft8">solchen wäre selbstverständlich auch ohne spezielle Rubrik möglich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">212</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">gewesen. Auf der Steuererklärung 2001, eingereicht im Juli 2002,</span><br/> <span class="ft8">dagegen bezeichnete die Beschwerdeführerin die F. AG als Vertrete-</span><br/> <span class="ft8">rin. Eine entsprechende Vollmacht wurde ausweislich der Akten nicht</span><br/> <span class="ft8">eingereicht; dies war auch nicht erforderlich, da die Steuerbehörden</span><br/> <span class="ft8">das Vertretungsverhältnis ohne weiteres anerkannten. Ohne</span><br/> <span class="ft8">irgendeinen Hinweis der Beschwerdeführerin oder ihrer Vertreterin,</span><br/> <span class="ft8">wonach das mit der Steuererklärung 2001 bekannt gegebene Vertre-</span><br/> <span class="ft8">tungsverhältnis auch für frühere, noch nicht abgeschlossene Steuer-</span><br/> <span class="ft8">perioden gelte, war die Steuerkommission nicht gehalten, die Veran-</span><br/> <span class="ft8">lagungen im August 2004 der F. AG als Vertreterin zu eröffnen.</span><br/> <span class="ft8">2.1. Auf verspätet erhobene Rechtsmittel wird nur eingetreten,</span><br/> <span class="ft8">wenn der Steuerpflichtige durch erhebliche Gründe oder durch feh-</span><br/> <span class="ft8">lende oder unrichtige Rechtsmittelbelehrung an der rechtzeitigen</span><br/> <span class="ft8">Einreichung verhindert war und das Rechtsmittel innert 30 Tagen</span><br/> <span class="ft8">nach Wegfall des Hindernisses eingereicht wird (§ 136 Abs. 2 aStG).</span><br/> <span class="ft8">Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird die Rechtsmittelfrist wie-</span><br/> <span class="ft8">derhergestellt (zur Fristwiederherstellung vgl. auch § 31 VRPG</span><br/> <span class="ft8">i.V.m. §</span> <span class="ft8">98</span> <span class="ft8">f. ZPO; VGE II/8 vom 11. Februar 2002</span><br/> <span class="ft8">[BE.2001.00396], S. 5 ff.). Ein unverschuldetes Hindernis im Sinne</span><br/> <span class="ft8">dieser Bestimmung liegt nicht nur vor, wenn es dem Betroffenen in-</span><br/> <span class="ft8">folge eines von seinem Willen unabhängigen Umstandes objektiv</span><br/> <span class="ft8">unmöglich war, innert Frist zu handeln, sondern auch dann, wenn es</span><br/> <span class="ft8">objektiv möglich gewesen wäre, die Frist einzuhalten, das Versäum-</span><br/> <span class="ft8">nis aber aus anderen - subjektiven - Gründen entschuldbar erscheint</span><br/> <span class="ft8">(VGE II/139 vom 18. Oktober 1994 [BE.94.00068], S. 10; Jürg Baur,</span><br/> <span class="ft8">in: Kommentar zum Aargauer Steuergesetz, [1. Aufl.] Muri/Bern</span><br/> <span class="ft8">1991, § 136 aStG N 7 mit Hinweisen). Der Wille des Gesetzgebers,</span><br/> <span class="ft8">subjektive Hinderungsgründe zuzulassen, insbesondere wo diese</span><br/> <span class="ft8">durch das Verhalten einer Behörde geschaffen wurden, zeigt sich</span><br/> <span class="ft8">auch darin, dass in § 136 Abs. 2 aStG die fehlende oder unrichtige</span><br/> <span class="ft8">Rechtsmittelbelehrung als genügender Grund für die Wiederherstel-</span><br/> <span class="ft8">lung der Frist bezeichnet wird (AGVE 1975, S. 167).</span><br/> <span class="ft8">2.2. Die Beschwerdeführerin macht in dieser Hinsicht geltend,</span><br/> <span class="ft8">sie sei durch die telefonische Auskunft einer Mitarbeiterin des Steu-</span><br/> <span class="ft8">eramtes - wohl unabsichtlich - irregeführt und dadurch von der recht-</span><br/> <span class="ft8">zeitigen Einspracheerhebung abgehalten worden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">213</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">3. Nach Meinung der Mehrheit des Steuerrekursgerichts ist es</span><br/> <span class="ft8">aus rechtlichen Gründen ausgeschlossen, einen solchen Grund zu be-</span><br/> <span class="ft8">rücksichtigen. Die Zustellfiktion bewirke, dass mit der ordnungsge-</span><br/> <span class="ft8">mässen Zustellung die Kenntnis des Verfügungsinhalts unwiderleg-</span><br/> <span class="ft8">bar vermutet werde. Aufgrund der demgemäss vorauszusetzenden</span><br/> <span class="ft8">Kenntnis der Beschwerdeführerin vom Inhalt der Veranlagungsver-</span><br/> <span class="ft8">fügungen habe sie die Unvollständigkeit der Auskunft des Steuer-</span><br/> <span class="ft8">amtes erkennen können. Auf eine erkennbar unrichtige oder unvoll-</span><br/> <span class="ft8">ständige Auskunft könne sie sich nicht mit Erfolg berufen.</span><br/> <span class="ft8">Die Rechtsfigur der Zustellfiktion (siehe dazu StE 2006, B 93.6</span><br/> <span class="ft8">Nr. 27 [Bundesgericht]; BGE 130 III 399; 127 I 34; AGVE 2004,</span><br/> <span class="ft8">S. 270 f.) ist unverzichtbar, wenn einerseits der Anspruch der</span><br/> <span class="ft8">Privaten auf rechtliches Gehör und auf Kenntnis der sie betreffenden</span><br/> <span class="ft8">Verfügungen hochgehalten, andererseits das äusserliche Funktionie-</span><br/> <span class="ft8">ren der Gerichte und der Verwaltung, auch im Umgang mit nach-</span><br/> <span class="ft8">lässigen, pflichtvergessenen und unredlichen Privaten, ohne unver-</span><br/> <span class="ft8">hältnismässigen Aufwand sichergestellt werden soll. Sie ergänzt die</span><br/> <span class="ft8">Zustell- und Eröffnungspflicht der Behörde, die ihr Korrelat in der</span><br/> <span class="ft8">Entgegennahmepflicht des Adressaten findet, und rechtfertigt sich,</span><br/> <span class="ft8">weil für die an einem Verfahren Beteiligten nach dem Grundsatz von</span><br/> <span class="ft8">Treu und Glauben die Pflicht besteht, dafür zu sorgen, dass ihnen</span><br/> <span class="ft8">behördliche Akte zugestellt werden können (StE 2006, B 93.6 Nr. 27,</span><br/> <span class="ft8">Erw. 3, 4.1). "Sowohl die Zustellpflicht der Behörde wie auch die</span><br/> <span class="ft8">Empfangspflicht des Verfahrensbeteiligten sind Pflichten prozessua-</span><br/> <span class="ft8">ler Natur. Diese sind vernünftig, d.h. weder mit übertriebener Strenge</span><br/> <span class="ft8">noch mit ungerechtfertigtem Formalismus, zu handhaben" (a.a.O.,</span><br/> <span class="ft8">Erw. 4.1). Diese Anweisung zu vernünftiger Anwendung gilt gerade</span><br/> <span class="ft8">dann, wenn der Adressat versucht, doch noch effektive Kenntnis der</span><br/> <span class="ft8">(ordnungsgemäss zugestellten, aber tatsächlich nicht zur Kenntnis</span><br/> <span class="ft8">gelangten) Verfügung zu erlangen. Die Ansicht des Steuerrekursge-</span><br/> <span class="ft8">richts, die Behörde könne ihn folgenlos mit unvollständigen oder gar</span><br/> <span class="ft8">unwahren Angaben daran hindern, ist übermässig formalistisch und</span><br/> <span class="ft8">geradezu stossend, da dem Anspruch auf faire Behandlung (§ 22 Abs.</span><br/> <span class="ft8">1 KV) und dem Grundsatz loyalen Verhaltens (§ 127 Abs. 2 aStG;</span><br/> <span class="ft8">Baur, a.a.O., § 127 aStG N 7) zuwiderlaufend. Im Übrigen erscheint</span><br/> <span class="ft8">diese Ansicht auch nicht aus formalen Gründen zwingend, wie die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">214</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Mehrheit des Steuerrekursgerichts offenbar annimmt. Wohl beginnt</span><br/> <span class="ft8">mit der ordnungsgemässen (fiktiven) Zustellung die Rechtsmittelfrist</span><br/> <span class="ft8">zu laufen und wird die Verfügung nach deren unbenütztem Ablauf</span><br/> <span class="ft8">rechtskräftig, sodass <i>nachher</i> dem Adressaten insbesondere der</span><br/> <span class="ft8">Einwand, er habe die Verfügung gar nicht erhalten und vom Ver-</span><br/> <span class="ft8">fügungsinhalt keine Kenntnis (und brauche die Verfügung daher</span><br/> <span class="ft8">nicht zu befolgen), verwehrt bleibt; doch muss ihm deswegen die</span><br/> <span class="ft8">Kenntnis nicht schon unmittelbar nach der Zustellung unterstellt</span><br/> <span class="ft8">werden (mit - beispielsweise - der absurden Folge, dass er mangels</span><br/> <span class="ft8">Interesse nicht verlangen könnte, die Verfügung noch ausgehändigt</span><br/> <span class="ft8">zu bekommen).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>