<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 361</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">361</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>89</b></span> <span class="ft2"><b>Familiennachzug; Nachzugsfristen; Vertrauensschutz</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Der Familiennachzug eines Kindes, das im Zeitpunkt eines in Art. 47</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Abs. 3 AuG aufgeführten fristauslösenden Ereignisses über zwölf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Jahre alt ist, muss innert zwölf Monaten beantragt werden. Für ein</b></span><br/> <span class="ft2"><b>in diesem Zeitpunkt noch nicht über zwölf Jahre altes Kind gilt eine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Nachzugsfrist von fünf Jahren. Dies auch dann, wenn das Kind wäh-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>rend der laufenden Fünfjahresfrist zwölf Jahre alt wird. Eine "Ver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kürzung" der Fünfjahresfrist auf maximal noch zwölf Monate nach</b></span><br/> <span class="ft2"><b>vollendetem zwölften Altersjahr kann aus dem Gesetz nicht abgelei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tet werden (E. II./2.7.3. f.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Art. 126 AuG ist analog zu Art. 47 AuG auszulegen. In übergangs-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>rechtlichen Konstellationen kann damit für Kinder, die am 1. Januar</b></span><br/> <span class="ft2"><b>2008 genau zwölf Jahre alt oder jünger waren, der Familiennachzug</b></span><br/> <span class="ft2"><b>grundsätzlich bis am 3. Januar 2013 beantragt werden (E. II./2.7.5.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Nachträgliche Rechtsänderungen gehen dem Vertrauensschutz zwar</b></span><br/> <span class="ft2"><b>grundsätzlich vor. I.c. sind die Beschwerdeführer in ihrem Vertrauen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>auf die Auskunft des MKA jedoch zu schützen, da das MKA die (fal-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sche) Auskunft in Kenntnis des unmittelbar bevorstehenden Inkraft-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tretens der Rechtsänderung erteilte (E. II./4.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 15. Dezem-</span><br/> <span class="ft5">ber 2011 in Sachen S.V. und V.V. betreffend Familiennachzug (1-BE.2010.34).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">362</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II.</span><br/> <span class="ft1">2. [...]</span><br/> <span class="ft1">2.5.</span><br/> <span class="ft1">In Bezug auf das Familiennachzugsgesuch für M. hielt die Vor-</span><br/> <span class="ft1">instanz in ihrem Einspracheentscheid fest, zwar habe aufgrund des</span><br/> <span class="ft1">Alters von M., die bei Inkrafttreten des AuG am 1. Januar 2008 noch</span><br/> <span class="ft1">nicht über zwölf Jahre alt gewesen sei, gemäss Art. 47 Abs. 1 Satz 1</span><br/> <span class="ft1">AuG i.V.m. Art. 126 Abs. 3 AuG am 1. Januar 2008 eine fünfjährige</span><br/> <span class="ft1">Nachzugsfrist begonnen. Diese sei jedoch mit Vollendung des zwöl-</span><br/> <span class="ft1">ften Lebensjahrs von M., d.h. am 17. Januar 2008, unterbrochen wor-</span><br/> <span class="ft1">den. Zu jenem Zeitpunkt habe die zwölfmonatige Nachzugsfrist ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss Art. 47 Abs. 1 Satz 2 AuG begonnen, weshalb M. bis spätestens</span><br/> <span class="ft1">am 17. Januar 2009 hätte nachgezogen werden müssen. Eine andere</span><br/> <span class="ft1">Betrachtungsweise, d.h. eine Nachzugsmöglichkeit für M. bis zum</span><br/> <span class="ft1">31. Dezember 2012 - also bis zu ihrem 16. Lebensjahr - widersprä-</span><br/> <span class="ft1">che dem Gesetzeszweck. Dieser liege gemäss BGE 136 II 82 f. darin,</span><br/> <span class="ft1">einen frühestmöglichen Nachzug für Kinder anzustreben, um ihre In-</span><br/> <span class="ft1">tegration zu ermöglichen. Das Familiennachzugsgesuch vom 30. Jan-</span><br/> <span class="ft1">uar 2009 sei deshalb auch in Bezug auf M. verspätet eingereicht</span><br/> <span class="ft1">worden.</span><br/> <span class="ft1">2.6.</span><br/> <span class="ft1">2.6.1.</span><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht hat sich in einem kürzlich ergangenen</span><br/> <span class="ft1">Grundsatzurteil (vgl. Art. 20 Abs. 2 BGG) ebenfalls mit den Nach-</span><br/> <span class="ft1">zugsfristen von Art. 47 Abs. 1 AuG und der übergangsrechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Bestimmung von Art. 126 Abs. 3 AuG befasst (BGE 2C_205/2011</span><br/> <span class="ft1">vom 3. Oktober 2011). [...]</span><br/> <span class="ft1">2.6.2. [...]</span><br/> <span class="ft1">Nicht überzeugend ist [...] die [...] Auffassung des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts, wonach die zwölfmonatige Frist gemäss Art. 47 Abs. 1 Satz 2</span><br/> <span class="ft1">AuG insofern eine "Verkürzung" der fünfjährigen Frist von Art. 47</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 Satz 1 AuG darstelle, als eine bereits laufende fünfjährige</span><br/> <span class="ft1">Frist nur bis zum zwölften Geburtstag massgebend bleibe und der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">363</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Nachzug danach - maximal - noch während zwölf Monaten beantragt</span><br/> <span class="ft1">werden könne. [...]</span><br/> <span class="ft1">2.7.</span><br/> <span class="ft1">2.7.1.</span><br/> <span class="ft1">Wie nachfolgend aufzuzeigen ist, sieht die Regelung von</span><br/> <span class="ft1">Art. 47 AuG nicht vor, dass die Vollendung des zwölften Altersjahrs</span><br/> <span class="ft1">eines nachzuziehenden Kindes eine bereits laufende fünfjährige</span><br/> <span class="ft1">Nachzugsfrist tangiert und die Frist nicht während der gesamten</span><br/> <span class="ft1">Dauer - sondern lediglich (maximal) noch während zwölf Monaten -</span><br/> <span class="ft1">weiterläuft.</span><br/> <span class="ft1">2.7.2.</span><br/> <span class="ft1">Das Gesetz muss in erster Linie aus sich selbst heraus, d.h. nach</span><br/> <span class="ft1">Wortlaut, Sinn und Zweck und den ihm zugrunde liegenden Wertun-</span><br/> <span class="ft1">gen auf der Basis einer teleologischen Verständnismethode ausgelegt</span><br/> <span class="ft1">werden. Die Gesetzesauslegung hat sich vom Gedanken leiten zu</span><br/> <span class="ft1">lassen, dass nicht schon der Wortlaut die Norm darstellt, sondern erst</span><br/> <span class="ft1">das an Sachverhalten verstandene und konkretisierte Gesetz. Gefor-</span><br/> <span class="ft1">dert ist die sachlich richtige Entscheidung im normativen Gefüge,</span><br/> <span class="ft1">ausgerichtet auf ein befriedigendes Ergebnis der ratio legis, d.h. des</span><br/> <span class="ft1">Gesetzeszwecks. Dabei ist ein pragmatischer Methodenpluralismus</span><br/> <span class="ft1">anzuwenden. Es ist insbesondere davon abzusehen, die einzelnen</span><br/> <span class="ft1">Auslegungselemente einer hierarchischen Prioritätsordnung zu unter-</span><br/> <span class="ft1">stellen. Gesetzesmaterialien können beigezogen werden, sofern sie</span><br/> <span class="ft1">auf die streitige Frage eine klare Antwort geben (BGE 131 III 33,</span><br/> <span class="ft1">E. 2).</span><br/> <span class="ft1">Ausgangspunkt jeder Auslegung bildet der Wortlaut einer Be-</span><br/> <span class="ft1">stimmung. Ist der Text nicht ohne Weiteres klar und sind verschie-</span><br/> <span class="ft1">dene Interpretationen möglich, so muss unter Berücksichtigung aller</span><br/> <span class="ft1">Auslegungsmethoden (grammatikalische, systematische, historische</span><br/> <span class="ft1">und teleologische Methode) nach seiner wahren Tragweite gesucht</span><br/> <span class="ft1">werden; dabei kommt es namentlich auf den Zweck der Regelung,</span><br/> <span class="ft1">die dem Text zu Grunde liegenden Wertungen sowie auf den Sinnzu-</span><br/> <span class="ft1">sammenhang an, in dem die Norm steht (BGE 9C_65/2010 vom</span><br/> <span class="ft1">17. Januar 2011, E. 5.1; BGE 135 II 78, E. 2.2; vgl. BGE 131 III 33,</span><br/> <span class="ft1">E. 2; BGE 130 II 202, E. 5.1; BVGE D-2279/2007 vom 11. Juli</span><br/> <span class="ft1">2007, E. 4.1 mit weiteren Hinweisen; vgl. zur Auslegung im Verwal-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">364</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">tungsrecht allgemein: Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix Uhlmann,</span><br/> <span class="ft1">Allgemeines Verwaltungsrecht, 6.</span> <span class="ft1">Aufl., Zürich/St.</span> <span class="ft1">Gallen 2010,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 214 ff. mit weiteren Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">2.7.3.</span><br/> <span class="ft1">2.7.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Die grammatikalische Auslegung stellt auf Wortlaut, Wortsinn</span><br/> <span class="ft1">und Sprachgebrauch ab. Unter Sprachgebrauch ist dabei in der Regel</span><br/> <span class="ft1">der allgemeine Sprachgebrauch zu verstehen. Bei der Auslegung sind</span><br/> <span class="ft1">neben dem Gesetzestext auch allfällige Titel zu berücksichtigen. Da-</span><br/> <span class="ft1">bei sind die Formulierungen einer Gesetzesnorm in den Amts-</span><br/> <span class="ft1">sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch gleichwertig (Ulrich</span><br/> <span class="ft1">Häfelin/Walter Haller/Helen Keller, Schweizerisches Bundesstaats-</span><br/> <span class="ft1">recht, 7. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2008, Rz. 91 ff.).</span><br/> <span class="ft1">Die vorliegend interessierende Regelung für den fristgerechten</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzug findet sich in Art. 47 Abs. 1 und 3 AuG. Der Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzestext von Art. 47 Abs. 1 AuG ist in der deutschen und französi-</span><br/> <span class="ft1">schen Fassung weitgehend identisch: "Der Anspruch auf Familien-</span><br/> <span class="ft1">nachzug muss innerhalb von fünf Jahren geltend gemacht werden.</span><br/> <span class="ft1">Kinder über zwölf Jahre müssen innerhalb von zwölf Monaten nach-</span><br/> <span class="ft1">gezogen werden" bzw. "Le regroupement familial doit tre demandé</span><br/> <span class="ft1">dans les cinq ans. Pour les enfants de plus de 12 ans, le regroupement</span><br/> <span class="ft1">doit intervenir dans un délai de 12 mois". In der italienischen Fas-</span><br/> <span class="ft1">sung lautet Art. 47 Abs. 1 AuG folgendermassen: "Il diritto al ricon-</span><br/> <span class="ft1">giungimento familiare dev'essere fatto valere entro cinque anni. Per i</span><br/> <span class="ft1">figli con pi di 12 anni il termine si riduce a 12 mesi."</span><br/> <span class="ft1">Aus dem Wortlaut aller Fassungen ist zunächst ersichtlich, dass</span><br/> <span class="ft1">der Familiennachzug an Fristen gebunden ist. Die Formulierung in</span><br/> <span class="ft1">Satz 2 der italienischen Fassung weicht jedoch von der deutschen</span><br/> <span class="ft1">und französischen ab, weshalb zunächst auf den italienischen Wort-</span><br/> <span class="ft1">laut näher einzugehen ist. Dieser kann wie folgt übersetzt werden:</span><br/> <span class="ft1">"Für Kinder über zwölf Jahre verkürzt sich die Frist auf zwölf Mo-</span><br/> <span class="ft1">nate". Von einer solchen, sich eng an den Wortlaut anlehnenden</span><br/> <span class="ft1">Übersetzung würden indessen nur objektiv unmögliche Konstellatio-</span><br/> <span class="ft1">nen erfasst. In Fällen, in welchen die betroffenen Kinder im Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt des Fristbeginns bereits über zwölf Jahre alt sind, kann sich die</span><br/> <span class="ft1">Nachzugsfrist nicht <i>verkürzen</i>, sondern sie beträgt in jedem Fall</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">365</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zwölf Monate. Demgegenüber ist bei einer bereits laufenden Nach-</span><br/> <span class="ft1">zugsfrist gemäss Art. 47 Abs. 1 Satz 1 AuG eine Verkürzung der Frist</span><br/> <span class="ft6"><i>auf zwölf Monate</i> nicht möglich, sondern - wie es das Bundesgericht</span><br/> <span class="ft1">und die Vorinstanz offenbar verstehen - allenfalls eine Verlängerung</span><br/> <span class="ft6"><i>um höchstens noch zwölf Monate</i>.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss deutscher und französischer Fassung ist für den Fami-</span><br/> <span class="ft1">liennachzug eine Frist von fünf Jahren vorgesehen, während Kinder</span><br/> <span class="ft1">über zwölf Jahre innerhalb einer kürzeren Frist von zwölf Monaten</span><br/> <span class="ft1">nachzuziehen sind. Diese Nachzugsfristen erfassen aufgrund des</span><br/> <span class="ft1">Wortlauts lediglich jene Situationen, in denen ein Rechtsanspruch auf</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzug besteht, wobei für nicht Anspruchsberechtigte mit</span><br/> <span class="ft1">Art. 73 VZAE ein gleichlautende Fristregelung normiert wurde.</span><br/> <span class="ft1">Demzufolge verweist Art. 47 AuG auf die Nachzugsbestimmungen</span><br/> <span class="ft1">von Art. 42 Abs. 1 AuG - der Nachzug nach Art. 42 Abs. 2 AuG ist</span><br/> <span class="ft1">gemäss Art. 47 Abs. 2 AuG nicht an Fristen gebunden - und Art. 43</span><br/> <span class="ft1">AuG. Dem deutschen und französischen Wortlaut lässt sich somit</span><br/> <span class="ft1">eindeutig entnehmen, innerhalb welcher Fristen der Anspruch auf Fa-</span><br/> <span class="ft1">miliennachzug geltend gemacht werden muss. Mit diesem Geset-</span><br/> <span class="ft1">zeswortlaut steht auch die italienische Fassung im Einklang, wenn</span><br/> <span class="ft1">sie wie folgt verstanden wird: "Für Kinder über zwölf Jahren gilt</span><br/> <span class="ft1">eine verkürzte bzw. kürzere Frist von zwölf Monaten."</span><br/> <span class="ft1">2.7.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Bei der systematischen Betrachtung wird der Sinn der Rechts-</span><br/> <span class="ft1">norm bestimmt durch ihr Verhältnis zu anderen Rechtsnormen und</span><br/> <span class="ft1">durch den systematischen und logischen Zusammenhang, in dem sie</span><br/> <span class="ft1">sich in einem Gesetz präsentiert (vgl. Ulrich Häfelin/Walter Hal-</span><br/> <span class="ft1">ler/Helen Keller, a.a.O., Rz. 97).</span><br/> <span class="ft1">Art. 47 Abs. 3 AuG regelt den Beginn der Fristen von Art. 47</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 AuG und lautet wie folgt: "Die Fristen beginnen bei Familien-</span><br/> <span class="ft1">angehörigen von: a. Schweizerinnen und Schweizer nach Artikel 42</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 mit deren Einreise oder der Entstehung des Familienverhält-</span><br/> <span class="ft1">nisses; b. Ausländerinnen und Ausländern mit der Erteilung der Auf-</span><br/> <span class="ft1">enthalts- oder Niederlassungsbewilligung oder der Entstehung des</span><br/> <span class="ft1">Familienverhältnisses".</span><br/> <span class="ft1">Das Gesetz unterscheidet zwischen dem Nachzug von Familien-</span><br/> <span class="ft1">angehörigen von Schweizerinnen und Schweizern und dem Nachzug</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">366</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">von Familienangehörigen von Ausländerinnen und Ausländern. Die</span><br/> <span class="ft1">Verwendung des Mehrzahlbegriffs "Fristen" bzw. "délais" in der</span><br/> <span class="ft1">deutschen bzw. französischen Fassung von Art. 47 Abs. 3 AuG lässt</span><br/> <span class="ft1">darauf schliessen, dass sich die fristauslösenden Ereignisse von</span><br/> <span class="ft1">Art. 47 Abs. 3 AuG auf mindestens zwei Fristen beziehen müssen.</span><br/> <span class="ft1">Die Formulierung der deutschen und französischen Fassung lässt kei-</span><br/> <span class="ft1">nen anderen Schluss zu, als dass sich der Begriff "Fristen" sowohl</span><br/> <span class="ft1">auf Art. 47 Abs. 1 Satz 1 AuG, als auch auf Art. 47 Abs. 1 Satz 2 AuG</span><br/> <span class="ft1">bezieht, da beide Sätze eine Frist enthalten. In der italienischen Fas-</span><br/> <span class="ft1">sung von Art. 47 Abs. 3 AuG ist einleitend zwar lediglich von "Il</span><br/> <span class="ft1">termine" als Einzahlbegriff die Rede. In Abs. 2 desselben Artikels</span><br/> <span class="ft1">wird jedoch der Mehrzahlbegriff "Questi termini" verwendet. Auf-</span><br/> <span class="ft1">grund dieser - in der italienischen Fassung - uneinheitlich verwende-</span><br/> <span class="ft1">ten Terminologie ist vorliegend auf die deutsche und französische</span><br/> <span class="ft1">Fassung von Art. 47 Abs. 3 AuG abzustellen.</span><br/> <span class="ft1">2.7.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Aus grammatikalischer und systematischer Sicht bedeutet dies</span><br/> <span class="ft1">nach dem Gesagten Folgendes: Für den Nachzug von Ehegatten</span><br/> <span class="ft1">sowie Kindern bis zwölf Jahre (d.h. bis und mit dem zwölften Ge-</span><br/> <span class="ft1">burtstag) ist eine Nachzugsfrist von fünf Jahren vorgesehen, welche</span><br/> <span class="ft1">bei Familienangehörigen von Schweizerinnen und Schweizern mit</span><br/> <span class="ft1">deren Einreise oder der Entstehung des Familienverhältnisses</span><br/> <span class="ft1">(Art. 47 Abs. 1 Satz 1 AuG i.V.m. Art. 47 Abs. 3 lit. a AuG) sowie</span><br/> <span class="ft1">bei Familienangehörigen von Ausländerinnen und Ausländern mit</span><br/> <span class="ft1">der Erteilung der Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung oder</span><br/> <span class="ft1">der Entstehung des Familienverhältnisses (Art. 47 Abs. 1 Satz 1 AuG</span><br/> <span class="ft1">i.V.m. Art. 47 Abs. 3 lit. b AuG) zu laufen beginnt. Kinder über zwölf</span><br/> <span class="ft1">Jahre, d.h. Kinder, die im Ereigniszeitpunkt über zwölf Jahre alt sind,</span><br/> <span class="ft1">müssen innerhalb von zwölf Monaten nachgezogen werden, wobei</span><br/> <span class="ft1">diese kürzere Nachzugsfrist bei Kindern von Schweizerinnen und</span><br/> <span class="ft1">Schweizern mit deren Einreise oder der Entstehung des Familienver-</span><br/> <span class="ft1">hältnisses (Art. 47 Abs. 1 Satz 2 AuG i.V.m. Art. 47 Abs. 3 lit. a</span><br/> <span class="ft1">AuG) sowie bei Kindern von Ausländerinnen und Ausländern mit der</span><br/> <span class="ft1">Erteilung der Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung oder der</span><br/> <span class="ft1">Entstehung des Familienverhältnisses (Art. 47 Abs. 1 Satz 2 AuG</span><br/> <span class="ft1">i.V.m. Art. 47 Abs. 3 lit. b AuG) zu laufen beginnt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">367</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Hätte der Gesetzgeber ausserdem gewollt, dass die Vollendung</span><br/> <span class="ft1">des zwölften Altersjahrs in jedem Fall eine zwölfmonatige Nach-</span><br/> <span class="ft1">zugsfrist auslöst bzw. sich eine bereits laufende fünfjährige Frist ab</span><br/> <span class="ft1">dem zwölften Geburtstag um höchstens noch zwölf Monate ver-</span><br/> <span class="ft1">längert, hätte er dies entsprechend festlegen müssen. Eine solche</span><br/> <span class="ft1">Regelung fehlt indessen.</span><br/> <span class="ft1">Aus dem Wortlaut und dem gesetzessystematischen Zusammen-</span><br/> <span class="ft1">hang geht somit hervor, dass die Ereignisse, welche die beiden Nach-</span><br/> <span class="ft1">zugsfristen von Art. 47 Abs. 1 AuG auslösen, in Art. 47 Abs. 3 AuG</span><br/> <span class="ft1">geregelt sind und das Gesetz keine Bestimmung vorsieht, welche die</span><br/> <span class="ft1">Vollendung des zwölften Altersjahrs als zusätzliches fristauslösendes</span><br/> <span class="ft1">Ereignis definieren würde.</span><br/> <span class="ft1">2.7.4.</span><br/> <span class="ft1">Mittels einer historischen Auslegung ist der Wille des Gesetz-</span><br/> <span class="ft1">gebers anhand der Materialien des Gesetzgebungsverfahrens zu er-</span><br/> <span class="ft1">mitteln. Dem historischen Willen des Gesetzgebers kommt gerade</span><br/> <span class="ft1">bei verhältnismässig jungen Gesetzen, wie dem vorliegenden, eine</span><br/> <span class="ft1">erhebliche Bedeutung zu. Er ist bei der Ermittlung des Gesetzes-</span><br/> <span class="ft1">zweckes zu berücksichtigen (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix</span><br/> <span class="ft1">Uhlmann, a.a.O., Rz. 218; zur Begrifflichkeit der massgeblichen Ma-</span><br/> <span class="ft1">terialien: BGE 134 V 170, E. 4.1 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Das bisherige Recht (namentlich das ANAG) kannte keine ge-</span><br/> <span class="ft1">setzliche Regelung von Familiennachzugsfristen. In der bundesrätli-</span><br/> <span class="ft1">chen Botschaft zum AuG vom 8. März 2002 (vgl. BBl 2002,</span><br/> <span class="ft1">3709 ff.) wurde der Gedanke einer Nachzugsfrist nach Vorschlag der</span><br/> <span class="ft1">Expertenkommission aufgenommen. Der Bundesrat führte aus, durch</span><br/> <span class="ft1">einen frühen Familiennachzug werde die Integration von Kindern</span><br/> <span class="ft1">wesentlich erleichtert. Eine umfassende Schulbildung in der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">stelle eine wichtige Basis für eine erfolgreiche Zukunft dar. Sie ver-</span><br/> <span class="ft1">mittle namentlich die dafür unabdingbaren sprachlichen Fähigkeiten</span><br/> <span class="ft1">(BBl 2002, 3754). Der Bundesrat sah in Art. 46 des Entwurfs zum</span><br/> <span class="ft1">AuG (E-AuG) vor, dass der Anspruch auf Familiennachzug innerhalb</span><br/> <span class="ft1">von fünf Jahren geltend zu machen sei. Diese fünfjährige Frist sollte</span><br/> <span class="ft1">bei Familienangehörigen von Schweizer Staatsangehörigen mit deren</span><br/> <span class="ft1">Einreise oder der Entstehung des Familienverhältnisses und bei Aus-</span><br/> <span class="ft1">länderinnen und Ausländern mit der Erteilung der Aufenthaltsbewil-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">368</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ligung oder der Entstehung des Familienverhältnisses zu laufen be-</span><br/> <span class="ft1">ginnen. Ein nachträglicher Familiennachzug sollte nur bei Geltend-</span><br/> <span class="ft1">machung wichtiger familiärer Gründe bewilligt werden können (BBl</span><br/> <span class="ft1">2002, 3863). Mit dieser Lösung werde verhindert, dass Gesuche um</span><br/> <span class="ft1">Nachzug der Kinder rechtsmissbräuchlich erst kurz vor Erreichen des</span><br/> <span class="ft1">erwerbsfähigen Alters gestellt würden. In diesen Fällen würde heute</span><br/> <span class="ft1">oft die erleichterte Zulassung zur Erwerbstätigkeit im Vordergrund</span><br/> <span class="ft1">stehen, ohne dass eine echte Familiengemeinschaft angestrebt werde</span><br/> <span class="ft1">(BBl 2002, 3755).</span><br/> <span class="ft1">Anlässlich der nachfolgenden parlamentarischen Beratung des</span><br/> <span class="ft1">Nationalrats im Mai 2004 (Amtliches Bulletin der Bundesversamm-</span><br/> <span class="ft1">lung [AB] 2004, N 759 ff.) wurde durch eine Minderheit der Antrag</span><br/> <span class="ft1">gestellt, für Kinder über zwölf Jahre eine Nachzugsfrist von zwölf</span><br/> <span class="ft1">Monate zu statuieren (so der Antrag der Nationalräte Philipp Müller</span><br/> <span class="ft1">und Bernhard Hess, vgl. AB 2004, N 759). Zudem wurde der Antrag</span><br/> <span class="ft1">einer generellen Nachzugsfrist von zwölf Monaten vorgebracht (so</span><br/> <span class="ft1">der Antrag von Nationalrat Oskar Freysinger, vgl. AB 2004, N 759).</span><br/> <span class="ft1">Nach langer Diskussion stimmte der Nationalrat dem Antrag der</span><br/> <span class="ft1">Mehrheit der vorberatenden Kommission zu, welcher den bundesrät-</span><br/> <span class="ft1">lichen Entwurf einerseits um die Verpflichtung, Kinder über 14 Jahre</span><br/> <span class="ft1">innerhalb von zwölf Monaten nachzuziehen, ergänzte und anderer-</span><br/> <span class="ft1">seits deren Anhörung zum Familiennachzug einführte, sofern dies</span><br/> <span class="ft1">erforderlich sei (AB 2004, N 764). Der Ständerat befasste sich so-</span><br/> <span class="ft1">dann in der Frühjahrssession 2005 mit Art. 46 E-AuG in der Fassung</span><br/> <span class="ft1">des Nationalrats und folgte dabei dem Antrag der Minderheit, das</span><br/> <span class="ft1">massgebende Alter für die zwölfmonatige Nachzugsfrist auf</span><br/> <span class="ft1">zwölf Jahre zu senken (AB 2005, S 308). In der Herbstsession 2005</span><br/> <span class="ft1">billigte der Nationalrat in der Folge den Mehrheitsantrag, dem Be-</span><br/> <span class="ft1">schluss des Ständerats zur Altersgrenze zuzustimmen (AB 2005,</span><br/> <span class="ft1">N 1239). Ferner entschied er, die Nachzugsfristen nicht auf den</span><br/> <span class="ft1">Nachzug von Familienangehörigen von Schweizer Bürgern, die sich</span><br/> <span class="ft1">bereits in einem EU/EFTA-Land aufhalten, anzuwenden. Der Stände-</span><br/> <span class="ft1">rat stimmte schliesslich in der Wintersession 2005 diskussionslos der</span><br/> <span class="ft1">neuen nationalrätlichen Fassung von Art. 46 E-AuG zu (AB 2005,</span><br/> <span class="ft1">S 976).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">369</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Minderheit im Nationalrat, welche eine generelle Nach-</span><br/> <span class="ft1">zugsfrist von zwölf Monaten bzw. eine kürzere Nachfrist für Kinder</span><br/> <span class="ft1">über zwölf Jahre beantragte, führte diesbezüglich aus: "Je rascher der</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzug und je jünger die Kinder, desto besser die Integra-</span><br/> <span class="ft1">tion" (schriftliche Begründung des Antrags von Nationalrat Bernhard</span><br/> <span class="ft1">Hess), "in Bezug auf das Höchstalter - von vierzehn Jahre auf zwölf</span><br/> <span class="ft1">Jahre - kann auf die Begründung im Art. 42 Abs. 3 verwiesen wer-</span><br/> <span class="ft1">den, wonach ein Anreiz für einen möglichst frühzeitigen Nachzug</span><br/> <span class="ft1">der Kinder gesetzt werden soll" (schriftliche Begründung des An-</span><br/> <span class="ft1">trags von Nationalrat Philipp Müller) und "je kürzer die Frist zur</span><br/> <span class="ft1">Geltendmachung des Familiennachzugs, desto besser die Chancen</span><br/> <span class="ft1">für eine rasche Eingliederung der nachgezogenen Familienmitglie-</span><br/> <span class="ft1">der, namentlich der Kinder" (schriftliche Begründung des Antrags</span><br/> <span class="ft1">von Nationalrat Oskar Freysinger). Den Wortprotokollen der Räte,</span><br/> <span class="ft1">insbesondere den Voten von Nationalrat Philipp Müller, dessen An-</span><br/> <span class="ft1">trag in der Session im Mai 2004 zur definitiven Fassung von Art. 47</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 AuG führte, ist jedoch nicht zu entnehmen, dass auch der Be-</span><br/> <span class="ft1">ginn des 13. Altersjahrs ein fristauslösendes Ereignis darstellen soll</span><br/> <span class="ft1">bzw. sich eine bereits laufende fünfjährige Frist ab dem zwölften</span><br/> <span class="ft1">Geburtstag um höchstens noch zwölf Monate verlängert. Die Mate-</span><br/> <span class="ft1">rialien ergeben somit keine Anhaltspunkte für eine vom Wortlaut</span><br/> <span class="ft1">abweichende Absicht des historischen Gesetzgebers.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der historischen Auslegung ist somit nicht davon aus-</span><br/> <span class="ft1">zugehen, dass die Vollendung des zwölften Altersjahrs ein fristauslö-</span><br/> <span class="ft1">sendes Ereignis darstellt bzw. sich eine bereits laufende fünfjährige</span><br/> <span class="ft1">Frist ab dem zwölften Geburtstag um höchstens zwölf Monate ver-</span><br/> <span class="ft1">längert.</span><br/> <span class="ft1">2.7.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Im Rahmen der teleologischen Auslegung ist unter Einbezug</span><br/> <span class="ft1">der bisherigen Erwägungen der wahre Sinngehalt der zu beurteilen-</span><br/> <span class="ft1">den Regelung zu ermitteln. Dabei wird auf die der Rechtsnorm zu-</span><br/> <span class="ft1">grundeliegenden Zweckvorstellungen nach den Vorgaben des Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzgebers und die von diesem erkennbar getroffenen Wertentschei-</span><br/> <span class="ft1">dungen abgestellt. Dem Willen des Gesetzgebers und dessen Wert-</span><br/> <span class="ft1">entscheidungen kommt dabei eine grosse Bedeutung zu, da es sich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">370</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">vorliegend um einen jungen Erlass handelt (vgl. Ulrich Häfelin/</span><br/> <span class="ft1">Georg Müller/Felix Uhlmann, a.a.O., Rz. 218).</span><br/> <span class="ft1">Die Nachzugsfristen von Art. 47 Abs. 1 AuG bezwecken einer-</span><br/> <span class="ft1">seits den möglichst raschen Nachzug von Kindern (vgl. BVGE</span><br/> <span class="ft1">C-237/2009 vom 13. Juli 2009, E. 8.2). Dem Bundesgericht ist inso-</span><br/> <span class="ft1">fern zuzustimmen, als der Gesetzgeber die Nachzugsfristen mit der</span><br/> <span class="ft1">Begründung einführte, dass ausländische Kinder sich in der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">besser integrieren können, wenn sie hier die Schule besuchen und</span><br/> <span class="ft1">dadurch die unabdingbaren sprachlichen Fähigkeiten für eine erfolg-</span><br/> <span class="ft1">reiche Zukunft erwerben können (BBl</span> <span class="ft1">2002, 3754; BGE</span><br/> <span class="ft1">2C_205/2011 vom 3. Oktober 2011, E. 3.5; BGE 2C_270/2009 vom</span><br/> <span class="ft1">15. Januar 2010, E. 4.3). Die Nachzugsfristen sollen daneben ebenso</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmissbräuche vereiteln, indem verhindert werden soll, dass</span><br/> <span class="ft1">Kinder erst bei Erreichen des erwerbsfähigen Alters nachgezogen</span><br/> <span class="ft1">werden. In derartigen Situationen stehe, so der Bundesrat in seiner</span><br/> <span class="ft1">Botschaft, zumeist die erleichterte Zulassung zur Erwerbstätigkeit</span><br/> <span class="ft1">und nicht die Herstellung einer Familiengemeinschaft im Vorder-</span><br/> <span class="ft1">grund (BBl 2002, 3755; vgl. auch BGE 2C_270/2009 vom 15. Januar</span><br/> <span class="ft1">2010, E. 4.3).</span><br/> <span class="ft1">Die Zielsetzung des Gesetzgebers, dass der Nachzug möglichst</span><br/> <span class="ft1">bald vollzogen werden soll, um eine möglichst rasche Integration der</span><br/> <span class="ft1">Kinder in der Schweiz zu fördern, ist grundsätzlich durch die in</span><br/> <span class="ft1">Art. 47 AuG vorgesehenen Nachzugsfristen verwirklichbar. Indem</span><br/> <span class="ft1">für den Nachzug von Kindern, die im Zeitpunkt eines der in Art. 47</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 AuG aufgeführten fristauslösenden Ereignis unter zwölf Jahre</span><br/> <span class="ft1">alt sind, eine fünfjährige und für in diesem Zeitpunkt über zwölfjäh-</span><br/> <span class="ft1">rige Kinder eine zwölfmonatige Nachzugsfrist zu laufen beginnt,</span><br/> <span class="ft1">stellt durchaus eine Konkretisierung des vom Gesetzgeber verfolgten</span><br/> <span class="ft1">Zwecks dar. Die Auffassung des Bundesgerichts, die Nachzugsfrist</span><br/> <span class="ft1">gemäss Art. 47 Abs. 1 Satz 2 AuG stelle eine <i>"Verkürzung"</i> der Frist</span><br/> <span class="ft1">nach Art. 47 Abs. 1 Satz 1 AuG dar, trägt dem Regelungszweck zwar</span><br/> <span class="ft1">womöglich in gewissen Konstellationen - so bei Kindern, die im</span><br/> <span class="ft1">Zeitpunkt des fristauslösenden Ereignisses bereits über acht Jahre alt</span><br/> <span class="ft1">sind, jedoch das zwölfte Altersjahr noch nicht überschritten haben -</span><br/> <span class="ft1">besser Rechnung. Bei einer dem Wortlaut nach zu treffenden Wer-</span><br/> <span class="ft1">tung kann indes nicht entscheidend sein, ob diese dem fraglichen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">371</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Regelungszweck in optimaler Weise Rechnung trägt, oder ob sie sich</span><br/> <span class="ft1">nicht wirksamer mit anderen, vollkommeneren Mitteln verwirklichen</span><br/> <span class="ft1">liesse. Wurde eine dem Regelungszweck Rechnung tragende Lösung</span><br/> <span class="ft1">normiert, obliegt es allein dem Gesetzgeber, diese gegebenenfalls an-</span><br/> <span class="ft1">zupassen (vgl. Manuel Jaun, Die teleologische Reduktion - ein troja-</span><br/> <span class="ft1">nisches Pferd in der schweizerischen Methodenlehre, ZBJV 2001,</span><br/> <span class="ft1">S. 57).</span><br/> <span class="ft1">Zudem kommt - wie bereits erwähnt - bei jungen Gesetzen wie</span><br/> <span class="ft1">dem vorliegenden dem historischen Willen des Gesetzgebers im Rah-</span><br/> <span class="ft1">men der teleologischen Auslegung erhebliche Bedeutung zu. Zwar</span><br/> <span class="ft1">weist das Bundesgericht auf die Botschaft zum AuG hin</span><br/> <span class="ft1">(BGE 2C_205/2011 vom 3. Oktober 2011, E. 3.5). Im Gesetzesent-</span><br/> <span class="ft1">wurf, welcher der Botschaft zugrunde lag, war jedoch noch keine</span><br/> <span class="ft1">Rede davon, dass Kinder über zwölf Jahre innert zwölf Monaten</span><br/> <span class="ft1">nachgezogen werden müssen (vgl. Art. 46 E-AuG). Insofern lässt</span><br/> <span class="ft1">sich aus der Botschaft lediglich ableiten, dass eine frühzeitige Ein-</span><br/> <span class="ft1">schulung und Integration erwünscht ist, nicht aber, dass eine bereits</span><br/> <span class="ft1">laufende fünfjährige Frist gemäss Art. 47 Abs. 1 Satz 1 AuG mit</span><br/> <span class="ft1">Vollendung des zwölften Altersjahres des nachzuziehenden Kindes</span><br/> <span class="ft1">unterbrochen bzw. um höchstens noch zwölf Monate verlängert wer-</span><br/> <span class="ft1">den soll. Auch den übrigen Materialien können keine Hinweise ent-</span><br/> <span class="ft1">nommen werden, dass die Vollendung des zwölften Altersjahr ein</span><br/> <span class="ft1">fristauslösendes Ereignis darstellt bzw. sich eine bereits laufende</span><br/> <span class="ft1">fünfjährige Frist ab dem zwölften Geburtstag um höchstens zwölf</span><br/> <span class="ft1">Monate verlängert (vgl. E. II/2.7.4).</span><br/> <span class="ft1">Unter Einbezug des historischen Willens des Gesetzgebers kann</span><br/> <span class="ft1">demnach auch im Rahmen der teleologischen Auslegung nicht davon</span><br/> <span class="ft1">ausgegangen werden, dass die Vollendung des zwölften Altersjahrs</span><br/> <span class="ft1">ein zusätzliches fristauslösendes Ereignis darstellt bzw. sich eine</span><br/> <span class="ft1">bereits laufende fünfjährige Frist ab dem zwölften Geburtstag um</span><br/> <span class="ft1">höchstens noch zwölf Monate verlängert.</span><br/> <span class="ft1">2.7.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Auslegung von Art. 47 AuG ergibt demnach unter Berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigung sämtlicher Auslegungsmethoden, dass der Familiennach-</span><br/> <span class="ft1">zug für Kinder, die das 13. Altersjahr im Zeitpunkt eines der in</span><br/> <span class="ft1">Art. 47 Abs. 3 AuG aufgeführten fristauslösenden Ereignisses noch</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">372</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nicht erreicht haben, innert fünf Jahren bzw. für Kinder, die in die-</span><br/> <span class="ft1">sem Zeitpunkt bereits über zwölf Jahre alt sind, innerhalb von zwölf</span><br/> <span class="ft1">Monaten beantragt werden muss. Sie lässt hingegen nicht den vom</span><br/> <span class="ft1">Bundesgericht und der Vorinstanz gezogenen Schluss zu, eine bereits</span><br/> <span class="ft1">laufende fünfjährige Nachzugsfrist (Art. 47 Abs. 1 Satz 1 AuG)</span><br/> <span class="ft1">werde nur um maximal noch zwölf Monate verlängert, sobald das</span><br/> <span class="ft1">nachzuziehende Kind sein zwölftes Altersjahr vollendet.</span><br/> <span class="ft1">2.7.5.</span><br/> <span class="ft1">Wie bereits ausgeführt wurde, gelangt vorliegend die Über-</span><br/> <span class="ft1">gangsbestimmung von Art. 126 Abs. 3 AuG zur Anwendung, wonach</span><br/> <span class="ft1">die Fristen für den Familiennachzug nach Art. 47 Abs. 1 AuG mit</span><br/> <span class="ft1">Inkraftsetzen des AuG am 1. Januar 2008 zu laufen beginnen. Es sind</span><br/> <span class="ft1">keine Gründe ersichtlich, weshalb die vorstehend dargelegte Ausle-</span><br/> <span class="ft1">gung von Art. 47 AuG nicht auch bei der Anwendung von Art. 126</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 AuG sinngemäss gelten sollte.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund des Gesagten ist für Familiennachzugsgesuche, bei</span><br/> <span class="ft1">denen die Nachzugsfristen gemäss der übergangsrechtlichen Bestim-</span><br/> <span class="ft1">mung von Art. 126 Abs. 3 AuG zur Anwendung gelangen (d.h. in</span><br/> <span class="ft1">Fällen, bei denen die Einreise, die Erteilung einer Bewilligung bzw.</span><br/> <span class="ft1">die Entstehung des Familienverhältnisses vor dem Inkrafttreten des</span><br/> <span class="ft1">AuG am 1. Januar 2008 erfolgt ist), Folgendes festzuhalten:</span><br/> <span class="ft1">Der Familiennachzug konnte bei Kindern, die am 1. Januar</span><br/> <span class="ft1">2008 über zwölf Jahre alt waren, gemäss Art. 47 Abs. 1 Satz 2 i.V.m.</span><br/> <span class="ft1">Art. 126 Abs. 3 AuG innerhalb von zwölf Monaten, d.h. [wegen</span><br/> <span class="ft1">Feiertagen und Wochenende] bis zum 5. Januar 2009, beantragt wer-</span><br/> <span class="ft1">den. Bei Kindern, die am 1. Januar 2008 genau zwölf Jahre alt oder</span><br/> <span class="ft1">jünger waren und somit die fünfjährige Nachzugsfrist gemäss Art. 47</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 Satz 1 AuG i.V.m. Art. 126 Abs. 3 AuG gilt, kann ein Fami-</span><br/> <span class="ft1">liennachzugsgesuch grundsätzlich noch bis zum 3. Januar 2013 ein-</span><br/> <span class="ft1">gereicht werden.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">3. [...]</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">[...] es liegen keine wichtigen familiären Gründe vor, welche</span><br/> <span class="ft1">die Bewilligung eines nachträglichen Familiennachzuges [der älteren</span><br/> <span class="ft1">beiden Töchter] rechtfertigen würden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">373</span></div> <div class="page" id="S13"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Abschliessend bleibt zu prüfen, ob das Gesuch um Familien-</span><br/> <span class="ft1">nachzug für A. und T. aus Gründen des Vertrauensschutzes dennoch</span><br/> <span class="ft1">zu bewilligen ist.</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Der in Art. 9 BV verankerte Grundsatz von Treu und Glauben</span><br/> <span class="ft1">verleiht einer Person Anspruch auf Schutz des berechtigten Ver-</span><br/> <span class="ft1">trauens in behördliche Zusicherungen oder sonstiges, bestimmte Er-</span><br/> <span class="ft1">wartungen begründendes Verhalten der Behörde. Eine (selbst unrich-</span><br/> <span class="ft1">tige) Auskunft oder Zusicherung, welche eine Behörde einer Person</span><br/> <span class="ft1">erteilt und auf die sie sich verlassen hat, ist unter gewissen Um-</span><br/> <span class="ft1">ständen bindend. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Angaben der</span><br/> <span class="ft1">Behörde auf eine konkrete, die betreffenden Person berührende An-</span><br/> <span class="ft1">gelegenheit beziehen, dass die Amtsstelle, welche die Auskunft gege-</span><br/> <span class="ft1">ben hat, hierfür zuständig war, dass der Betroffene die Unrichtigkeit</span><br/> <span class="ft1">des Bescheids nicht ohne Weiteres hat erkennen können, dass er im</span><br/> <span class="ft1">Vertrauen auf die Auskunft nicht wieder rückgängig zu machende</span><br/> <span class="ft1">Dispositionen getroffen hat und dass die Rechtslage zur Zeit der Ver-</span><br/> <span class="ft1">wirklichung des Tatbestandes noch die gleiche ist wie im Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">der Auskunftserteilung. Diese Voraussetzungen müssen kumulativ er-</span><br/> <span class="ft1">füllt sein (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix Uhlmann, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 622 ff.; BGE 131 II 627, E. 6.1 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">4.3. [...]</span><br/> <span class="ft1">4.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Es bleibt zu prüfen, ob das MKA in seiner Verfügung vom</span><br/> <span class="ft1">24. Oktober 2007 betreffend Erlöschen der Niederlassungsbewilli-</span><br/> <span class="ft1">gungen der drei Töchter eine Vertrauensgrundlage geschaffen hat,</span><br/> <span class="ft1">welche eine Berufung auf den Vertrauensschutz rechtfertigt. In dieser</span><br/> <span class="ft1">Verfügung hielt das MKA zusammenfassend fest, dass die Niederlas-</span><br/> <span class="ft1">sungsbewilligungen von A., T. und M. aufgrund ihres mehrjährigen</span><br/> <span class="ft1">Auslandaufenthalts zwar erloschen seien, sie dadurch ihr Anwesen-</span><br/> <span class="ft1">heitsrecht in der Schweiz von Gesetzes wegen verloren hätten und</span><br/> <span class="ft1">sich deshalb nur noch im Rahmen der für Angehörige ihres Heimat-</span><br/> <span class="ft1">staats geltenden migrationsrechtlichen Bestimmungen betreffend</span><br/> <span class="ft1">Einreise und Aufenthalt in der Schweiz aufhalten dürften. Sie könn-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">374</span></div> <div class="page" id="S14"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ten jedoch "bis zu ihrem 18. Lebensjahr im Rahmen des Familien-</span><br/> <span class="ft1">nachzugs jederzeit wieder in der Schweiz bei ihren Eltern Wohnsitz</span><br/> <span class="ft1">nehmen".</span><br/> <span class="ft1">4.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Das MKA war bei Erlass der Verfügung vom 24. Oktober 2007</span><br/> <span class="ft1">die im Kanton Aargau für die Bewilligung von Familiennachzugs-</span><br/> <span class="ft1">gesuchen zuständige Behörde und damit auch befugt, diesbezüglich</span><br/> <span class="ft1">Auskünfte zu erteilen und Zusicherungen zu machen.</span><br/> <span class="ft1">4.3.4.</span><br/> <span class="ft1">Weiter ist eine gewisse inhaltliche Bestimmtheit erforderlich;</span><br/> <span class="ft1">eine lediglich vage Absichtskundgabe oder ein Hinweis auf eine bis-</span><br/> <span class="ft1">herige Praxis genügt nicht für die Eignung der Auskunft zur Begrün-</span><br/> <span class="ft1">dung von Vertrauen (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix Uhl-</span><br/> <span class="ft1">mann, a.a.O., Rz. 669).</span><br/> <span class="ft1">Die Formulierung des MKA, dass A., T. und M. "bis zu ihrem</span><br/> <span class="ft1">18. Lebensjahr im Rahmen des Familiennachzugs jederzeit wieder in</span><br/> <span class="ft1">der Schweiz bei ihren Eltern Wohnsitz nehmen" können, stellt eine</span><br/> <span class="ft1">konkrete Auskunft dar, die sich auf die aktuelle Situation der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer bezieht und erfüllt somit das Erfordernis der inhalt-</span><br/> <span class="ft1">lichen Bestimmtheit.</span><br/> <span class="ft1">4.3.5.</span><br/> <span class="ft1">Eine Auskunft begründet ein schutzwürdiges Vertrauen nur,</span><br/> <span class="ft1">wenn sie vorbehaltlos erteilt worden ist. Nicht schutzwürdig ist das</span><br/> <span class="ft1">Vertrauen Privater in eine Auskunft, wenn die Behörde wenigstens</span><br/> <span class="ft1">dem Sinn nach klar zum Ausdruck bringt, dass sie sich nicht festle-</span><br/> <span class="ft1">gen will (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix Uhlmann, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 680).</span><br/> <span class="ft1">Die Auskunft des MKA in seiner Verfügung vom 24. Oktober</span><br/> <span class="ft1">2007 wurde vorbehaltlos erteilt. Die Formulierung "im Rahmen des</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzugs" kann nicht als Vorbehalt in Bezug auf die bevor-</span><br/> <span class="ft1">stehende Rechtsänderung betrachtet werden. Sie bezog sich lediglich</span><br/> <span class="ft1">auf die unter dem alten Recht geltenden allgemeinen Voraussetzun-</span><br/> <span class="ft1">gen für den Familiennachzug.</span><br/> <span class="ft1">4.3.6.</span><br/> <span class="ft1">Behördliche Auskünfte stehen grundsätzlich unter dem still-</span><br/> <span class="ft1">schweigenden Vorbehalt der Rechtsänderung. Ändert sich die Ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">375</span></div> <div class="page" id="S15"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">setzgebung, können sich Private in der Regel nicht auf eine frühere</span><br/> <span class="ft1">Auskunft berufen, es sei denn, die auskunfterteilende Behörde sei für</span><br/> <span class="ft1">die Rechtsänderung selber zuständig und die Auskunft sei gerade im</span><br/> <span class="ft1">Hinblick auf diese Änderung erteilt worden, oder die Behörde hätte</span><br/> <span class="ft1">die Pflicht zur Orientierung auch über die möglichen Rechtsänderun-</span><br/> <span class="ft1">gen gehabt (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix Uhlmann, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 692). Eine aus Treu und Glauben folgende Pflicht zur Orientie-</span><br/> <span class="ft1">rung über die möglichen Rechtsänderungen bzw. eine Aufklärungs-</span><br/> <span class="ft1">pflicht der Behörde wird zudem allgemein bejaht, wenn im Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">der Auskunfterteilung eine Rechtsänderung unmittelbar bevorsteht</span><br/> <span class="ft1">(Beatrice Weber-Dürler, Neuere Entwicklung des Vertrauensschut-</span><br/> <span class="ft1">zes, ZBl 103/2002, S. 290; Max Imboden/René A. Rhinow, Schwei-</span><br/> <span class="ft1">zerische Verwaltungsrechtsprechung, Band I, Nr. 75 B IVb, S. 471;</span><br/> <span class="ft1">vgl. auch ZBl 1980 S. 316 sowie Urteil des Eidgenössischen Ver-</span><br/> <span class="ft1">sicherungsgerichts C 344/00 vom 6. September 2001, E. 3c/aa).</span><br/> <span class="ft1">In diesem Zusammenhang erweckt der Umstand Bedenken,</span><br/> <span class="ft1">dass das MKA nicht auf die Nachzugsfristen und die betreffende</span><br/> <span class="ft1">Übergangsregelung hinwies, welche mit dem Inkrafttreten des AuG</span><br/> <span class="ft1">nur zwei Monate später in Kraft getreten sind. Nachträgliche Rechts-</span><br/> <span class="ft1">änderungen gehen zwar grundsätzlich dem Vertrauensschutz vor. Im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Fall war jedoch im Zeitpunkt, als die Verfügung erlas-</span><br/> <span class="ft1">sen wurde, bereits voraussehbar, dass Nachzugsfristen eingeführt</span><br/> <span class="ft1">werden und mit Inkrafttreten desselben Gesetzes zwei Monate später</span><br/> <span class="ft1">zu laufen beginnen würden. Zwar besteht seitens der zuständigen Be-</span><br/> <span class="ft1">hörde keine allgemeine Aufklärungspflicht. Nachdem das MKA aber</span><br/> <span class="ft1">den Beschwerdeführern in seiner Verfügung vom 24. Oktober 2007</span><br/> <span class="ft1">die aus seiner Sicht weiteren Möglichkeiten explizit aufgezeigt hatte</span><br/> <span class="ft1">(Nachzug bis zum 18. Altersjahr im Rahmen des Familiennachzugs),</span><br/> <span class="ft1">hätte es die Beschwerdeführer nach der aus Treu und Glauben fol-</span><br/> <span class="ft1">genden Aufklärungspflicht gleichzeitig auf die Nachzugsfristen bzw.</span><br/> <span class="ft1">Übergangsbestimmungen hinweisen müssen. Zumindest wäre es</span><br/> <span class="ft1">verpflichtet gewesen, im Hinblick auf die bevorstehende Rechtsände-</span><br/> <span class="ft1">rung einen entsprechenden Vorbehalt anzubringen (vgl. Urs Gueng,</span><br/> <span class="ft1">Zur Verbindlichkeit verwaltungsbehördlicher Auskünfte und Zusa-</span><br/> <span class="ft1">gen, in: ZBl 71/1970, S. 504). Eine diesbezügliche, auf Treu und</span><br/> <span class="ft1">Glauben gegründete Aufklärungspflicht ist vorliegend umso mehr zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">376</span></div> <div class="page" id="S16"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">bejahen, als das MKA bei Erlass der Verfügung aufgrund der zuvor</span><br/> <span class="ft1">eingegangenen Stellungnahme davon ausgehen konnte und musste,</span><br/> <span class="ft1">dass die Beschwerdeführer mit der Einreichung der Gesuche um</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzug zuwarten würden und somit die Frist für die Ein-</span><br/> <span class="ft1">reichung der Gesuche mit grosser Wahrscheinlichkeit verpassen</span><br/> <span class="ft1">könnten.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz führt diesbezüglich aus, die Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">seien im Einspracheentscheid vom 7. Januar 2009 ausdrücklich auf</span><br/> <span class="ft1">die neue Gesetzgebung und die einschlägige Rechtsprechung des</span><br/> <span class="ft1">Bundesgerichts zur möglichen Rechtsmissbräuchlichkeit hingewie-</span><br/> <span class="ft1">sen worden. Diese Argumentation läuft fehl. Der Einspracheent-</span><br/> <span class="ft1">scheid vom 7. Januar 2009 wurde den Beschwerdeführern am</span><br/> <span class="ft1">19. Januar 2009 zugestellt. Zu diesem Zeitpunkt war die Frist für die</span><br/> <span class="ft1">Einreichung des Familiennachzugsgesuchs für die beiden älteren</span><br/> <span class="ft1">Töchter A. und T. und gemäss Berechnung der Vorinstanz auch für</span><br/> <span class="ft1">M. jedoch bereits abgelaufen. Somit hatten die Beschwerdeführer zu</span><br/> <span class="ft1">diesem Zeitpunkt gar keine Möglichkeit mehr, der Auskunft folgend</span><br/> <span class="ft1">fristgerecht zu reagieren. Daran ändert auch nichts, dass die Frist für</span><br/> <span class="ft1">M. bei genauer Betrachtung exakt an dem Tag ablief, als der Ein-</span><br/> <span class="ft1">spracheentscheid den Beschwerdeführern zugestellt wurde. Es mutet</span><br/> <span class="ft1">überdies seltsam an, wenn die Vorinstanz für den Abschluss ihres</span><br/> <span class="ft1">Verfahrens über ein Jahr benötigt, nur knapp eine Woche nach Ablauf</span><br/> <span class="ft1">der letztmöglichen Einreichung des Nachzugsgesuchs für die beiden</span><br/> <span class="ft1">älteren Töchter einen abweisenden Einspracheentscheid betreffend</span><br/> <span class="ft1">Erlöschen der Niederlassungsbewilligungen erlässt und nun festhält,</span><br/> <span class="ft1">man habe die Beschwerdeführer "ausdrücklich" auf die neue Gesetz-</span><br/> <span class="ft1">gebung hingewiesen.</span><br/> <span class="ft1">4.3.7.</span><br/> <span class="ft1">Geschützt werden weiter nur gutgläubige Private. Wer die Un-</span><br/> <span class="ft1">richtigkeit einer behördlichen Auskunft kannte oder hätte erkennen</span><br/> <span class="ft1">sollen, kann sich nicht auf sein Vertrauen berufen. An die aufzu-</span><br/> <span class="ft1">wendende Sorgfalt darf allerdings kein allzu strenger Massstab ge-</span><br/> <span class="ft1">legt werden. Das Vertrauen des Adressaten ist erst dann nicht mehr</span><br/> <span class="ft1">gerechtfertigt, wenn er deren Unrichtigkeit ohne Weiteres hat erken-</span><br/> <span class="ft1">nen können (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix Uhlmann,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Rz. 682).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">377</span></div> <div class="page" id="S17"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Den Akten sind keine Hinweise zu entnehmen, dass die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer die bevorstehende Rechtsänderung kannten und es</span><br/> <span class="ft1">wäre überdies unverhältnismässig streng, ihnen vorzuwerfen, nicht</span><br/> <span class="ft1">gewusst zu haben, dass eine Rechtsänderung bevorsteht, welche</span><br/> <span class="ft1">Nachzugsfristen vorsieht. Dies umso mehr als ihnen durch die zu-</span><br/> <span class="ft1">ständige Behörde eine anderslautende Auskunft erteilt wurde. Als</span><br/> <span class="ft1">Laien hätten sie bestenfalls wissen müssen, dass ein neues Auslän-</span><br/> <span class="ft1">dergesetz in Kraft treten wird, eine solche detaillierte Rechtsände-</span><br/> <span class="ft1">rung mussten sie jedoch nicht ohne Weiteres voraussehen. Vielmehr</span><br/> <span class="ft1">durften sie aufgrund der Formulierung in der Verfügung in guten</span><br/> <span class="ft1">Treuen davon ausgehen, dass die Zusicherung des MKA - gestützt</span><br/> <span class="ft1">auf welche Regelung auch immer - für sie unverändert gilt und dem-</span><br/> <span class="ft1">zufolge ihre Töchter bis zum Erreichen des 18. Altersjahr jederzeit</span><br/> <span class="ft1">nachgezogen werden können.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführer haben ihr Familiennachzugsgesuch so-</span><br/> <span class="ft1">dann auch innert zehn Tagen nach Erhalt des Einspracheentscheids</span><br/> <span class="ft1">vom 7. Januar 2009 eingereicht und somit auch die insbesondere in</span><br/> <span class="ft1">zeitlicher Hinsicht strengen Anforderungen, die an eine Fristwieder-</span><br/> <span class="ft1">herstellung gestellt werden (vgl. § 28 Abs. 1 VRPG i.V.m. Art. 148</span><br/> <span class="ft1">ZPO), erfüllt.</span><br/> <span class="ft1">4.3.8. Der Adressat muss zudem im Vertrauen auf die Richtig-</span><br/> <span class="ft1">keit der Auskunft eine Disposition getroffen oder unterlassen haben,</span><br/> <span class="ft1">die er nicht oder jedenfalls nicht ohne Schaden rückgängig machen</span><br/> <span class="ft1">oder nachholen kann. Schliesslich muss die behördliche Auskunft für</span><br/> <span class="ft1">die nachteilige Disposition kausal gewesen sein. Die Kausalität fehlt,</span><br/> <span class="ft1">wenn der Adressat sich auch ohne diese Auskunft für die Massnahme</span><br/> <span class="ft1">entschieden hätte. Der Kausalitätsbeweis darf schon dann als geleis-</span><br/> <span class="ft1">tet gelten, wenn es auf Grund der allgemeinen Lebenserfahrung als</span><br/> <span class="ft1">glaubhaft erscheint, dass sich der Adressat ohne die fragliche Aus-</span><br/> <span class="ft1">kunft anders verhalten hätte (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix</span><br/> <span class="ft1">Uhlmann, a.a.O., Rz. 686 f., mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Angesichts der gesamten Umstände ist davon auszugehen, dass</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeführer, wenn sie in Kenntnis der unmittelbar bevor-</span><br/> <span class="ft1">stehenden Änderung der Rechtslage gewesen wären, die Gesuche um</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzug für ihre Kinder bereits früher bzw. innerhalb der</span><br/> <span class="ft1">Nachzugsfristen eingereicht hätten und diese Gesuche bewilligt wor-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">378</span></div> <div class="page" id="S18"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">den wären. Durch das Zuwarten mit dem Einreichen der Gesuche</span><br/> <span class="ft1">haben sie somit im Vertrauen auf die Auskunft des MKA eine nach-</span><br/> <span class="ft1">teilige, nicht wieder rückgängig zu machende Disposition getroffen,</span><br/> <span class="ft1">indem sie ihre Ansprüche auf Familiennachzug verwirken liessen.</span><br/> <span class="ft1">4.3.9. Auch wenn die Voraussetzungen für den Schutz des Ver-</span><br/> <span class="ft1">trauens der Privaten in eine unrichtige Auskunft erfüllt sind, bleibt</span><br/> <span class="ft1">abzuwägen, ob ausnahmsweise das öffentliche Interesse an der rich-</span><br/> <span class="ft1">tigen Rechtsanwendung nicht dennoch dem Vertrauensschutz vorzu-</span><br/> <span class="ft1">gehen hat (BGE 114 Ia 209; 101 Ia 328). Nachdem das Legali-</span><br/> <span class="ft1">tätsprinzip eines der fundamentalsten Prinzipien des Rechtsstaates</span><br/> <span class="ft1">darstellt, ist das öffentliche Interesse an seiner Einhaltung ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechend hoch zu gewichten. Das bedeutet, dass nicht jeder noch so</span><br/> <span class="ft1">geringfügige Nachteil des Privaten genügt, um die Wirkungen des</span><br/> <span class="ft1">Vertrauensschutzes herbeizuführen.</span><br/> <span class="ft1">Der Nachteil, den die Beschwerdeführer aufgrund der nicht</span><br/> <span class="ft1">fristgerecht eingereichten Familiennachzugsgesuche erleiden wür-</span><br/> <span class="ft1">den, ist durchaus geeignet, das öffentliche Interesse an der richtigen</span><br/> <span class="ft1">Anwendung des Rechts zu überwiegen. Im Übrigen vermögen in-</span><br/> <span class="ft1">tegrationspolitische Interessen einer Berufung auf den Grundsatz des</span><br/> <span class="ft1">Vertrauensschutzes nicht entgegenzustehen.</span><br/> <span class="ft1">4.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass alle einzelnen Voraus-</span><br/> <span class="ft1">setzungen kumulativ erfüllt sind und sich die Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">demzufolge auf den Vertrauensschutz berufen können, womit dem</span><br/> <span class="ft1">Hinweis des MKA, wonach die Kinder der Beschwerdeführer jeder-</span><br/> <span class="ft1">zeit bis zu ihrem 18. Lebensjahr im Rahmen des Familiennachzugs</span><br/> <span class="ft1">wieder in der Schweiz bei ihren Eltern Wohnsitz nehmen können,</span><br/> <span class="ft1">bindende Wirkung zukommt und die Anwendung der Nachzugsfris-</span><br/> <span class="ft1">ten keine Geltung beansprucht.</span><br/> <span class="ft1">5. Nach dem Gesagten steht fest, dass die Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">nach Art. 43 AuG einen gesetzlichen Anspruch auf Bewilligung des</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzugs für M. haben und der Familiennachzug der Töch-</span><br/> <span class="ft1">ter A. und T. aufgrund des Grundsatzes des Vertrauensschutzes ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt auf Art. 43 AuG zu bewilligen ist. Dass sich die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer auch bezüglich M. auf den Grundsatzes des Vertrauens-</span><br/> <span class="ft1">schutzes berufen könnten, versteht sich von selbst.</span><br/></div> </div> </body> </html>