<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">81</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>19</b></span> <span class="ft2"><b>Sicherungsentzug für immer (Unverbesserlichkeit).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 15. Dezember 2010 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen J.A. gegen den Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inne-</span><br/> <span class="ft3">res (WBE.2010.271).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">82</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises</span><br/> <span class="ft1">ist die sog. Fahreignung. Mit diesem Begriff umschreiben alle betrof-</span><br/> <span class="ft1">fenen wissenschaftlichen Disziplinen (insbesondere Medizin, Psy-</span><br/> <span class="ft1">chologie und Jurisprudenz) die körperlichen und geistigen Vorausset-</span><br/> <span class="ft1">zungen des Individuums, ein Fahrzeug im Strassenverkehr sicher</span><br/> <span class="ft1">lenken zu können. Die Fahreignung muss grundsätzlich dauernd vor-</span><br/> <span class="ft1">liegen (vgl. die bundesrätliche Botschaft vom 31. März 1999 zur Än-</span><br/> <span class="ft1">derung des Strassenverkehrsgesetzes, in deren Rahmen Art. 16d SVG</span><br/> <span class="ft1">erlassen wurde; BBl 1999 S. 4462 ff., 4483 f.).</span><br/> <span class="ft1">Ausweise und Bewilligungen sind zu entziehen, wenn festge-</span><br/> <span class="ft1">stellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht</span><br/> <span class="ft1">oder nicht mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1 SVG). Art. 16d Abs. 1 SVG</span><br/> <span class="ft1">- in Kraft seit dem 1. Januar 2005 - bestimmt, dass der Führeraus-</span><br/> <span class="ft1">weis einer Person auf unbestimmte Zeit entzogen wird, wenn ihre</span><br/> <span class="ft1">körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr</span><br/> <span class="ft1">ausreicht, ein Motorfahrzeug sicher zu führen (lit. a), sie an einer</span><br/> <span class="ft1">Sucht leidet, welche die Fahreignung ausschliesst (lit. b) oder sie auf</span><br/> <span class="ft1">Grund ihres bisherigen Verhaltens nicht Gewähr bietet, dass sie</span><br/> <span class="ft1">künftig beim Führen eines Motorfahrzeugs die Vorschriften beachten</span><br/> <span class="ft1">und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen wird (lit. c). Diese so-</span><br/> <span class="ft1">genannten Sicherungsentzüge dienen der Sicherung des Verkehrs vor</span><br/> <span class="ft1">ungeeigneten Lenkern. Angesichts des in Art. 16 Abs. 1 SVG veran-</span><br/> <span class="ft1">kerten Grundsatzes muss ein Sicherungsentzug in jedem Fall ange-</span><br/> <span class="ft1">ordnet werden, bei dem die Fahreignung nicht mehr gegeben ist</span><br/> <span class="ft1">(BGE 133 II 384, Erw. 3.1).</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Wer ein Motorfahrzeug auf öffentlichen Strassen führen will,</span><br/> <span class="ft1">bedarf neben den theoretischen und praktischen Kenntnissen eines</span><br/> <span class="ft1">Mindestmasses an Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit und</span><br/> <span class="ft1">Selbstbeherrschung. Die öffentliche Verkehrssicherheit erfordert die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">83</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Rücksichtnahme auf die anderen Verkehrsteilnehmer. Die Art und</span><br/> <span class="ft1">Weise, wie jemand sich im Verkehr verhält, ist weitgehend eine Fra-</span><br/> <span class="ft1">ge des Charakters. Doch kann wegen eines allgemein getrübten und</span><br/> <span class="ft1">schlechten Leumundes der Führerausweis nicht ohne Weiteres entzo-</span><br/> <span class="ft1">gen werden. Die charakterlichen Mängel müssen sich vielmehr als</span><br/> <span class="ft1">nachteilig für das Verhalten und die Einstellung als Motorfahrzeug-</span><br/> <span class="ft1">führer herausstellen. Dies ergibt sich aus der Rechtsnatur des Führer-</span><br/> <span class="ft1">ausweisentzuges, der eine Administrativmassnahme darstellt und die</span><br/> <span class="ft1">Gewährleistung der Verkehrssicherheit bezweckt. Der Sicherungsent-</span><br/> <span class="ft1">zug ist kein Mittel der Verbrechensbekämpfung. Aus verübten Straf-</span><br/> <span class="ft1">taten lassen sich zwar Rückschlüsse auf bestimmte Charaktereigen-</span><br/> <span class="ft1">schaften eines Täters ziehen; hinsichtlich dessen Eignung als Motor-</span><br/> <span class="ft1">fahrzeugführer haben sie aber nur die Bedeutung von Indizien. Die</span><br/> <span class="ft1">Verurteilung wegen eines Deliktes kann daher nicht ohne Weiteres zu</span><br/> <span class="ft1">einem Sicherungsentzug führen. Es müssen die Art der Straftaten und</span><br/> <span class="ft1">deren Umstände, der allgemeine Leumund und vor allem das auto-</span><br/> <span class="ft1">mobilistische Vorleben berücksichtigt werden. Massgebend für einen</span><br/> <span class="ft1">unbefristeten Führerausweisentzug im Sinne einer verkehrsrecht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Sicherungsmassnahme ist, ob auf Charaktermängel geschlos-</span><br/> <span class="ft1">sen werden muss, die ernsthaft befürchten lassen, der Führer werde</span><br/> <span class="ft1">früher oder später wieder verkehrsgefährdende Verkehrsregelverlet-</span><br/> <span class="ft1">zungen begehen (VGE I/34 vom 26. März 2009, S. 8 f.). In Ziffer 6</span><br/> <span class="ft1">des Leitfadens "Verdachtsgründe fehlender Fahreignung" der Exper-</span><br/> <span class="ft1">tengruppe Verkehrssicherheit des Eidgenössischen Departements für</span><br/> <span class="ft1">Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation vom 26. April 2000</span><br/> <span class="ft1">wird betreffend charakterlichen Defiziten festgehalten, dass Fahr-</span><br/> <span class="ft1">zeuglenker über eine Reihe minimaler charakterlicher Eigenschaften</span><br/> <span class="ft1">verfügen müssten, so Risikobewusstsein, Tendenz zu Vermeidung</span><br/> <span class="ft1">hoher Risiken, geringe Impulsivität, geringe Aggressionsneigung,</span><br/> <span class="ft1">reife Konfliktverarbeitung, Stressresistenz, soziales Verantwortungs-</span><br/> <span class="ft1">bewusstsein, soziale Anpassungsbereitschaft, Flexibilität im Denken</span><br/> <span class="ft1">und psychische Ausgeglichenheit.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Anzeichen dafür, dass eine Person auf Grund ihres bisherigen</span><br/> <span class="ft1">Verhaltens nicht Gewähr bietet, dass sie künftig beim Führen eines</span><br/> <span class="ft1">Motorfahrzeugs die Vorschriften beachten und auf die Mitmenschen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">84</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Rücksicht nehmen wird, bestehen, wenn Charaktermerkmale des Be-</span><br/> <span class="ft1">troffenen, die für die Eignung im Verkehr erheblich sind, darauf</span><br/> <span class="ft1">hindeuten, dass er als Lenker eine Gefahr für den Verkehr darstellt</span><br/> <span class="ft1">(Urteil des Bundesgerichts vom 13. September 2007 [1C_98/2007],</span><br/> <span class="ft1">Erw. 4.1, mit Hinweis auf BGE 104 Ib 95, Erw. 1). Für den Siche-</span><br/> <span class="ft1">rungsentzug aus charakterlichen Gründen ist die schlechte Prognose</span><br/> <span class="ft1">über das Verhalten als Motorfahrzeugführer massgebend. Die Behör-</span><br/> <span class="ft1">den müssen gestützt hierauf den Ausweis verweigern oder entziehen,</span><br/> <span class="ft1">wenn hinreichend begründete Anhaltspunkte vorliegen, dass der Füh-</span><br/> <span class="ft1">rer rücksichtslos fahren bzw. sich rücksichtslos verhalten wird (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Botschaft vom 24. Juni 1955 zum Entwurf eines Bundesgesetzes</span><br/> <span class="ft1">über den Strassenverkehr, BBl 1955 II S. 21 f.). Die Frage ist anhand</span><br/> <span class="ft1">der Vorkommnisse (unter anderem Art und Zahl der begangenen</span><br/> <span class="ft1">Verkehrsdelikte) und der persönlichen Umstände zu beurteilen; in</span><br/> <span class="ft1">Zweifelsfällen ist ein verkehrspsychologisches oder psychiatrisches</span><br/> <span class="ft1">Gutachten anzuordnen (Urteil des Bundesgerichts vom 13. Septem-</span><br/> <span class="ft1">ber 2007 [1C_98/2007], Erw. 4.1).</span><br/> <span class="ft1">Bezugspunkt für die Beurteilung des Charakters ist dabei einzig</span><br/> <span class="ft1">die Verkehrssicherheit. Ein Sicherungsentzug hat zu erfolgen, wenn</span><br/> <span class="ft1">ein Motorfahrzeugführer zu der fundierten Annahme Anlass gibt,</span><br/> <span class="ft1">dass er aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur eine besondere Ge-</span><br/> <span class="ft1">fahr für die andern Verkehrsteilnehmer darstellt. Liegen solche An-</span><br/> <span class="ft1">haltspunkte vor, so hat die Behörde die weiteren erforderlichen Ab-</span><br/> <span class="ft1">klärungen zu treffen. Um eine Prognose für das künftige Verhalten</span><br/> <span class="ft1">eines Motorfahrzeugführers fällen zu können, ist somit eine umfas-</span><br/> <span class="ft1">sende Würdigung seiner Persönlichkeit notwendig (vgl. auch</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1995, S. 164 ff.).</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 16d Abs. 3 SVG wird Unverbesserlichen der Aus-</span><br/> <span class="ft1">weis für immer entzogen. Diese Bestimmung entspricht Art. 17</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 der bis 31. Dezember 2004 geltenden Fassung des SVG</span><br/> <span class="ft1">(AS 1959 S. 679; abgekürzt: aSVG). Es handelt sich dabei um einen</span><br/> <span class="ft1">Sicherungsentzug, der sich von den übrigen Sicherungsentzügen</span><br/> <span class="ft1">einzig dadurch unterscheidet, dass gemäss Art. 17 Abs. 4 SVG der</span><br/> <span class="ft1">für immer entzogene Führerausweis nur unter den Bedingungen des</span><br/> <span class="ft1">Art. 23 Abs. 3 SVG, d.h. frühestens nach fünf Jahren und wenn</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">85</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">glaubhaft gemacht wird, dass die Voraussetzungen für den Entzug</span><br/> <span class="ft1">weggefallen sind, wiedererteilt werden kann. Unverbesserlich ist,</span><br/> <span class="ft1">wer in verhältnismässig kurzer Folge immer wieder trotz Strafen und</span><br/> <span class="ft1">Administrativmassnahmen Widerhandlungen gegen das Strassenver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsgesetz begeht (vgl. Rz. 332 der von der Interkantonalen Kom-</span><br/> <span class="ft1">mission für den Strassenverkehr herausgegebenen Richtlinien über</span><br/> <span class="ft1">die Administrativmassnahmen im Strassenverkehr [mittlerweile nicht</span><br/> <span class="ft1">mehr in Kraft]).</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer macht im Wesentlichen geltend, seit dem</span><br/> <span class="ft1">vorsorglichen Führerausweisentzug vom 18. Oktober 2007 habe er</span><br/> <span class="ft1">keine Gefährdung der Verkehrssicherheit mehr begangen. Er sei zwar</span><br/> <span class="ft1">mehrfach trotz Entzugs des Führerausweises gefahren, dabei habe er</span><br/> <span class="ft1">sich aber an die Verkehrsregeln gehalten und damit lediglich die</span><br/> <span class="ft1">Prognose des Gutachtens bestätigt. Die Empfehlung des Gutachters</span><br/> <span class="ft1">sei daher umzusetzen, d.h., es sei ein bfu-Kurs inkl. Vor- und Nach-</span><br/> <span class="ft1">besprechung sowie ein verkürztes verkehrspsychologisches Gutach-</span><br/> <span class="ft1">ten anzuordnen.</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz stützt sich zur Bejahung der charakterlichen</span><br/> <span class="ft1">Nichteignung im Wesentlichen auf das Gutachten und begründet die</span><br/> <span class="ft1">Unverbesserlichkeit des Beschwerdeführers mit dessen vielen Ge-</span><br/> <span class="ft1">schwindigkeitsübertretungen und seiner Uneinsichtigkeit auch nach</span><br/> <span class="ft1">dem vorsorglichen Sicherungsentzug.</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Wie jedes Beweismittel unterliegen auch Gutachten der freien</span><br/> <span class="ft1">richterlichen Beweiswürdigung. Die Beweiswürdigung und die Be-</span><br/> <span class="ft1">antwortung der sich stellenden Rechtsfragen ist Aufgabe des Rich-</span><br/> <span class="ft1">ters. Dieser hat zu prüfen, ob sich auf Grund der übrigen Beweis-</span><br/> <span class="ft1">mittel und der Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände gegen</span><br/> <span class="ft1">die Schlüssigkeit der gutachterlichen Darlegungen aufdrängen. Er-</span><br/> <span class="ft1">scheint ihm die Schlüssigkeit eines Gutachtens in wesentlichen</span><br/> <span class="ft1">Punkten zweifelhaft, hat er nötigenfalls ergänzende Beweise zur Klä-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">86</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">rung dieser Zweifel zu erheben (BGE 133 II 384, Erw. 4.2.3 mit wei-</span><br/> <span class="ft1">teren Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Für den Beweiswert eines medizinischen Gutachtens oder eines</span><br/> <span class="ft1">Arztberichtes ist u.a. entscheidend, ob es/er für die streitigen Belange</span><br/> <span class="ft1">umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, in Kenntnis</span><br/> <span class="ft1">der Vorakten abgegeben worden ist, in der Beurteilung der Zusam-</span><br/> <span class="ft1">menhänge und in der Beurteilung der Situation einleuchtet und ob</span><br/> <span class="ft1">die Schlussfolgerungen des Gutachters begründet sind (vgl. auch</span><br/> <span class="ft1">BGE 125 V 351, Erw. 3a).</span><br/> <span class="ft1">Die Beweiskraft eines von der Verwaltung eingeholten medizi-</span><br/> <span class="ft1">nischen Gutachtens oder ärztlichen Berichtes richtet sich nach den</span><br/> <span class="ft1">drei generellen Kriterien der Vollständigkeit, Nachvollziehbarkeit</span><br/> <span class="ft1">und Schlüssigkeit (Urteil des Bundesgerichts vom 27. März 2007</span><br/> <span class="ft1">[I 355/06], Erw. 5.1).</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">4.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Gutachterin X wurde vom Strassenverkehrsamt gebeten,</span><br/> <span class="ft1">dem Strassenverkehrsamt die folgenden Fragen zu beantworten:</span><br/> <span class="ft1">"1. Bietet J. A. Gewähr, dass er inskünftig als Motorfahrzeug-</span><br/> <span class="ft1">führer die Vorschriften beachten und auf die Mitmenschen</span><br/> <span class="ft1">Rücksicht nehmen würde, das heisst, ist er als Motorfahr-</span><br/> <span class="ft1">zeuglenker charakterlich geeignet?</span><br/> <span class="ft1">2. (Falls Frage 1. mit Nein beantwortet werden muss:)</span><br/> <span class="ft1">Unter welchen Voraussetzungen kann die charakterliche Eig-</span><br/> <span class="ft1">nung wieder bejaht werden?"</span><br/> <span class="ft1">4.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Am 19. März 2008 erfolgte die verkehrspsychologische Unter-</span><br/> <span class="ft1">suchung des Beschwerdeführers durch das Verkehrsinstitut X, eine</span><br/> <span class="ft1">behördlich anerkannte Stelle, die im Auftrag kantonaler Administra-</span><br/> <span class="ft1">tivbehörden seit 1998 verkehrspsychologische Eignungsuntersuchun-</span><br/> <span class="ft1">gen von Motorfahrzeuglenkerinnen und -lenkern durchführt.</span><br/> <span class="ft1">Das 12-seitige Gutachten datiert vom 20. März 2008 und stützt</span><br/> <span class="ft1">sich auf die Akten des Strassenverkehrsamtes sowie auf eine Unter-</span><br/> <span class="ft1">suchung des Beschwerdeführers vom 19. März 2008, anlässlich wel-</span><br/> <span class="ft1">cher ein 57-minütiges Gespräch mit dem Beschwerdeführer stattfand,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">87</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">und anlässlich welcher verschiedene verkehrsspezifische Tests</span><br/> <span class="ft1">(ART 2020) durchgeführt wurden.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend kommt das Gutachten zum Schluss, dass die</span><br/> <span class="ft1">charakterliche Eignung des Beschwerdeführers zum Motorfahrzeug-</span><br/> <span class="ft1">lenker zu verneinen sei, da wenig Anhaltspunkte dafür bestünden,</span><br/> <span class="ft1">dass sich der Beschwerdeführer in Zukunft an die Verkehrsregeln</span><br/> <span class="ft1">werde halten können bzw. halten wollen. Es bestehe bei ihm eine</span><br/> <span class="ft1">Neigung zu riskanten Fahrmanövern und zur Selbstüberschätzung.</span><br/> <span class="ft1">Zudem müsse beim Beschwerdeführer von einer mangelnden Im-</span><br/> <span class="ft1">pulssteuerung im Fahrsetting ausgegangen werden. Sehr erschwe-</span><br/> <span class="ft1">rend für eine mögliche Verhaltensänderung sei auch das Testergeb-</span><br/> <span class="ft1">nis, wonach beim Beschwerdeführer eine geringe Beeinflussung</span><br/> <span class="ft1">durch soziale Kritik bestehe.</span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Verneinung der Fahreignung durch das Gutachten ist abso-</span><br/> <span class="ft1">lut schlüssig und nachvollziehbar. Nach einem ersten Warnungsent-</span><br/> <span class="ft1">zug im Jahr 1986 musste dem Beschwerdeführer zwischen 1991 und</span><br/> <span class="ft1">2005 der Führerausweis sechsmal wegen Geschwindigkeitsüber-</span><br/> <span class="ft1">schreitungen entzogen werden. Die zwei letzten Warnungsentzüge in</span><br/> <span class="ft1">den Jahren 2002 und 2005 dauerten je 7 Monate und bewirkten beim</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer keine Verhaltensänderung - im Gegenteil: Im</span><br/> <span class="ft1">April 2007 fuhr er erneut 156 km/h (nach Abzug der Toleranz) an-</span><br/> <span class="ft1">stelle von 120 km/h, worauf ihm der Führerausweis vorsorglich ent-</span><br/> <span class="ft1">zogen wurde. Während dieses vorsorglichen Entzugs erfolgte die</span><br/> <span class="ft1">Begutachtung, anlässlich welcher der Beschwerdeführer schon im</span><br/> <span class="ft1">Gespräch deutlich zeigte, dass er das einzige Problem bei den Ge-</span><br/> <span class="ft1">schwindigkeitsüberschreitungen darin sieht, dass er sich zu oft hat</span><br/> <span class="ft1">erwischen lassen. Die verkehrsspezifischen Testuntersuchungen be-</span><br/> <span class="ft1">legen schlüssig und nachvollziehbar, dass beim Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">eine Neigung zu riskanten Fahrmanövern und zu Selbstüberschät-</span><br/> <span class="ft1">zung besteht. Diese Charaktermerkmale in Verbindung mit der</span><br/> <span class="ft1">mangelnden Impulssteuerung führen zu einer schlechten Prognose</span><br/> <span class="ft1">für den Beschwerdeführer, d.h., es ist mit grösster Wahrscheinlich-</span><br/> <span class="ft1">keit damit zu rechnen, dass er sich auch in Zukunft nicht an Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsregeln, insbesondere auch Geschwindigkeitsbegrenzungen, hal-</span><br/> <span class="ft1">ten wird und dadurch eine Gefährdung im Strassenverkehr darstellen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">88</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">würde. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass dem Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer bei seinen mehrfachen Fahrten trotz Entzugs des Führeraus-</span><br/> <span class="ft1">weises keine Verkehrsregelverletzungen nachgewiesen wurden. Dass</span><br/> <span class="ft1">ihn ein rechtskräftig verfügter vorsorglicher Sicherungsentzug nicht</span><br/> <span class="ft1">davon abhält, regelmässig ein Fahrzeug zu führen, wirft ein schlech-</span><br/> <span class="ft1">tes Licht auf seinen Charakter. Auch wenn er dabei keine konkrete</span><br/> <span class="ft1">Verkehrsgefährdung darstellte, bestätigt er mit diesem Verhalten,</span><br/> <span class="ft1">dass er nicht gewillt ist, sich an Anordnungen und Regeln zu halten.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ergibt sich eindeutig, dass dem Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit und Selbstbe-</span><br/> <span class="ft1">herrschung fehlen, um Gewähr dafür zu bieten, dass er in Zukunft</span><br/> <span class="ft1">die Verkehrsvorschriften beachten und auf andere Verkehrsteilneh-</span><br/> <span class="ft1">mer Rücksicht nehmen wird. Dem Beschwerdeführer fehlt es somit</span><br/> <span class="ft1">an der charakterlichen Fahreignung.</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">5.1.</span><br/> <span class="ft1">Uneinig sind sich der Beschwerdeführer und die Vorinstanzen</span><br/> <span class="ft1">insbesondere betreffend Schlussfolgerungen aus dem Gutachten. Im</span><br/> <span class="ft1">Gutachten wird ausgeführt, die charakterliche Eignung könnte wie-</span><br/> <span class="ft1">der bejaht werden, wenn der Beschwerdeführer einen bfu-Kurs inkl.</span><br/> <span class="ft1">Vor- und Nachgespräche absolviert habe und ein positives, verkürz-</span><br/> <span class="ft1">tes verkehrspsychologisches Gutachten vorliege. Daraus schliesst der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer, die charakterlichen Mängel würden durch die Ab-</span><br/> <span class="ft1">solvierung des bfu-Kurses beseitigt, weshalb dieser sowie ein neues,</span><br/> <span class="ft1">verkürztes verkehrspsychologisches Gutachten anzuordnen seien.</span><br/> <span class="ft1">5.2.</span><br/> <span class="ft1">Wie bereits ausgeführt wurde, unterliegen Gutachten der freien</span><br/> <span class="ft1">richterlichen Beweiswürdigung. Wenn das Gutachten davon ausgeht,</span><br/> <span class="ft1">die charakterliche Fahreignung könnte wieder bejaht werden, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer einen bfu-Kurs inkl. Vor- und Nachgespräche</span><br/> <span class="ft1">durchgeführt habe und ein positives, verkürztes verkehrspsychologi-</span><br/> <span class="ft1">sches Gutachten vorliege, so sagt das Gutachten noch gar nichts über</span><br/> <span class="ft1">den Zeithorizont aus. Es wird auch nicht schlüssig dargelegt, dass die</span><br/> <span class="ft1">Absolvierung des bfu-Kurses mit grosser Wahrscheinlichkeit zu einer</span><br/> <span class="ft1">Charakteränderung führen würde. Es bleibt völlig offen, ob nach</span><br/> <span class="ft1">dem Kurs ein erneutes verkürztes verkehrspsychologisches Gutach-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">89</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ten die Fahreignung des Beschwerdeführers bejahen könnte. Das Er-</span><br/> <span class="ft1">gebnis des vorliegenden Gutachtens, die vielen Verkehrsregelverlet-</span><br/> <span class="ft1">zungen in der Vergangenheit und das Verhalten des Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rers nach dem vorsorglichen Sicherungsentzug (zwölf Mal Fahren</span><br/> <span class="ft1">trotz Entzugs) sowie anlässlich der Begutachtung (lachen und Unter-</span><br/> <span class="ft1">suchung nicht ernst nehmen) lassen vielmehr darauf schliessen, dass</span><br/> <span class="ft1">gravierende charakterliche Eigenheiten vorliegen, die durch einen</span><br/> <span class="ft1">bfu-Kurs nicht so schnell verändert werden können. Dementspre-</span><br/> <span class="ft1">chend spricht das Gutachten auch ausdrücklich davon, dass sich der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer in Zukunft kaum wird an die Verkehrsregeln hal-</span><br/> <span class="ft1">ten können bzw. halten wollen. Die Prognose für künftiges Wohl-</span><br/> <span class="ft1">verhalten im Strassenverkehr und damit auch für ein positives ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrspsychologisches Gutachten sind schlecht, weshalb zu Recht ein</span><br/> <span class="ft1">definitiver Sicherungsentzug angeordnet worden ist.</span><br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">Es stellt sich einzig noch die Frage, ob der Beschwerdeführer zu</span><br/> <span class="ft1">Recht als unverbesserlich im Sinne von Art. 16d Abs. 3 SVG einge-</span><br/> <span class="ft1">stuft wurde. Allein schon die Tatsache, dass der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">nach sieben Warnungsentzügen erneut mit massiv überhöhter Ge-</span><br/> <span class="ft1">schwindigkeit fuhr, zeigt, dass er sich durch Strafen und Administra-</span><br/> <span class="ft1">tivmassnahmen nicht von weiteren Verkehrsregelverletzungen ab-</span><br/> <span class="ft1">halten lässt. Er wurde mehrfach rückfällig und ist daher als unver-</span><br/> <span class="ft1">besserlich zu betrachten. Diese Charaktereinschätzung wird noch</span><br/> <span class="ft1">verstärkt durch seine Neigung zu riskanten Fahrmanövern und die</span><br/> <span class="ft1">fehlende Impulskontrolle sowie das mehrfache Fahren trotz Ausweis-</span><br/> <span class="ft1">entzugs.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>