B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1685/2010 U r t e i l v o m 2 8 . F e b r u a r 2 0 1 3 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Martin Zoller, Richterin Emilia Antonioni, Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, und dessen Ehefrau B._______, und deren Kinder C._______, D._______, E._______, Kosovo, alle vertreten durch (…), Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Aargau, Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 18. Februar 2010 / N (…). E-1685/2010 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Familie A._______ stammt gemäss eigenen Angaben aus Pejë (Peć, Republik Kosovo), wo sie bis (…) 2008 gelebt hat. Die Beschwerdeführe- rin B._______ (Mutter), deren Eltern und drei Brüder in der Schweiz wohnhaft sind, reiste mit ihren Kindern gemäss ihren Aussagen mittels eines Visums am (…) 2008 auf dem Luftweg in die Schweiz ein. Sie habe nicht direkt nach ihrer Einreise bei den schweizerischen Behörden um Asyl nachgefragt, da sie zunächst auf ihren Ehemann habe warten wo l- len, der seinen Heimatstaat am (…) 2008 zu Fuss über eine ihm unb e- kannte Grenze verlassen habe. Am 18. Juli 2008 stellten die Beschwer- deführenden ihre Asylgesuche im Empf angs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Vallorbe. Beide Elternteile wurden am 4. August 2008 befragt und am 26. November 2008 einlässlich angehört. Als Motiv für ihr e Ausreise nannten sie den schlechten Gesundheitszustand ihres Sohnes C._______ (heute 15 Jahre alt). B. Mit Schreiben vom 5. Dezember 2008 informierte die Oberärztin der Neu- ropädiatrie der Kinderklinik des Kantonsspitals F._______ das BFM, dass bei C._______ eine „mittelgradige geistige Behinderung und eine G e- deihstörung mit Untergewicht, Kleinwuchs und Mikrocephalie “ bestehen würden – wahrscheinlich als Residualzustand bei Status nach febrilem In- fekt im 2. Lebensjahr während der Flucht mit ungenügender medi zini- scher Versorgung. Aus ärztlicher Sicht sei die weitere medizinische Betreuung und eine adäquate pädagogische und therapeutische Förd e- rung vonnöten. Das Kind solle umgehend in eine heilpädagogische Schu- le eingeschult werden. Ein ärztlicher Bericht vom 23. Januar 2009 dersel- ben Klinik – auf Verlangen des BFM eingereicht – wiederholte im Wesent- lichen die schon gestellte Diagnose. Auf die Details beider Berichte wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. In den Akten der Vorinstanz befand sich ferner ein Entlassungsschein des Medizinzentrums in Pe ć in serbischer Sprache (und dessen Überse t- zung), dass B._______ am (…) 1997 ein lebe ndiges Kind (…) Ge- schlechts geboren habe. C. Mit Verfügung vom 18. Februar 2010 – eröffnet am 19 . Februar 2010 – stellte das BFM fest, dass die Beschwerdeführenden die Flüchtlingse i-E-1685/2010 Seite 3 genschaft nicht erfüllen würden und lehnte die Asylgesuche ab. Gleichzei- tig ordnete es die Wegweisung aus der Schweiz und deren Vollzug an. Die Vorbringen über die allgemeinen Lebensumstände in Kosovo würden den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 des Asyl- gesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht standhalten. Z u- dem, so das BFM in seiner Begründung, sei der Vollzug der Wegweisung zulässig, zumutbar und möglich. Zwar könne eine konkrete Gefährdung (Art. 83 Abs. 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]) auch durch eine med i- zinische Notlage hervorgerufen werden, doch sei vorliegend zu erwä h- nen, dass die empfohlenen heilpädagogischen Massnahmen auch i n Ko- sovo durchführbar seien. Auf Details dieser Entscheidung wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. D. Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden am 17. März 2010 (Poststempel) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Dabei wurde beantragt, dass die Ziffern 3 bis 5 des Dispositivs der Verfügung vom 18. Februar 2010 aufzuheben und den Beschwerdeführenden die vorläufige Aufnahme zu gewähren sei. Eventualiter sei die Verfügung auf- zuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückz u- weisen. Den Beschwerdeführenden sei die unentgeltliche Rechtspflege und der Erlass eines Kostenvorschusses zu bewilligen. Diese Anträge wurden im Wesentlichen mit einem unzumutbaren Vollzug der Wegweisung aus der Schweiz begründet, da sich die Eltern eine B e- handlung von C._______ in Kosovo nicht leisten könnten und jede weit e- re Erkrankung zu einer lebensbedrohlichen Situation führen könne. Auf Details dieser Beschwerde wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. Der Beschwerde lag je eine Kopie der ärztlichen Berichte vom 5. Dezember 2008 und vom 23. Januar 2009 bei, deren Originale bereits beim BFM eingereicht wurden . Ferner wurde ein nicht unterschriebener Konsiliarbericht der Oberärztin der Neuropädiatrie der Kinderklinik des Kantonsspitals F._______ vom 10. September 2008, der einen schweren allgemeinen Entwicklungsrückstand unklarer Ät iologie, Untergewicht, Kleinwuchs und Mikrocephalie diagnos tizierte, b eigelegt. Auch ein Schreiben der Stiftung G._______ (Heilpädagogische Schule, H._______) vom 10. März 2010, wo C._______ seit Oktober 2009 die E-1685/2010 Seite 4 Schule besuche, fand sich in den Akten. Auf die Details dieser Berichte wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. E. Mit Eingabe vom 18. März 2010 bestätigte das Departement Gesundheit und Soziales (Kantonaler Sozialdienst) des Kantons I._______, dass die Familie A._______ Sozialhilfeempfänger seien. F. Mit Verfügung vom 6. April 2010 hiess das Bundesverwaltungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege i.S.v. Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) gut und verzichtete auf einen Kostenvorschuss. G. Am 7. April 2010 reich te die Familie ein originales Schreiben des Regi o- nalspitals in Pejë vom 17. März 2010 (sowie dessen Übersetzung) ein, das für C._______ eine "Retardatio Mentalis Microcephalia" diagnostizier- te und dabei informierte, dass in der psychiatrischen Abteilung di eses Regionalspitals weder Fachärzte noch Möglichkeiten bestehen würden, das Kind entsprechend seinen psychophysischen Verzögerungsentwic k- lungen behandeln zu können. Gleichzeitig wurde auf vorhandene Suizidgedanken des Beschwerdefü h- rers A._______ (Vater) hingewiesen – inzwischen werde er, wie seine Ehefrau, vom psychiatrischen Dienst I._______ ambulant betreut. H. Am 2. Juni 2010 wurde ein Schreiben der psychiatrischen Dienste I._______ ((…)) vom 21. Mai 2010 eingebracht, dass C._______ sich seit dem 19. April 2010 wegen Schlafschwierigkeiten in kinderpsychiatrischer Behandlung bei ihnen befinde. I. Am 21. Juli 2010 reichten die Beschwerdeführenden einen Bericht von der Stiftung G._______ (Heilpädagogische Schule, H._______) vom 1. Juli 2010 über die Entwicklung sperspektiven von C._______ ein. Auf die Details dieses Berichts wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. J. Mit Eingaben vom 11. August 2010 und vom 1. Dezember 2010 wurden E-1685/2010 Seite 5 weitere Berichte der psychiatrischen Dienste I._______ ((…)) vom 31. Mai 2010 und der Oberärztin der Neuropädiatrie der Kinderklinik des Kantonsspitals Aarau vom 19. Oktober 2010 über C._______ eingereicht; auf ihre Details wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. K. Mittels Eingaben vom 18. August 2011 und vom 29. Dezember 2011 wur- den Berichte von Dr. med. J._______ (Facharzt für Psychiatrie und Ps y- chotherapie, K._______) vom 11. Dezember 2011, von den Psychiatr i- schen Diensten I._______ ((…)) vom 8. September 2011 und von Dr. med. L._______ (FMH Innere Medizin, M._______) vom 13. Juli 2011 über den Gesundheitszustand der Eltern eingereicht. Auf die Details di e- ser Berichte wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen ein- gegangen. L. Am 4. April 2012 wurde eine ärztliche Bescheinigung von Dr. med. N._______ (Kinderärztin FMH, O._______) vom 17. Februar 2012 über den Zustand von C._______ eingereicht; auf ihre Details wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. M. Mit weiteren Eingaben vom 3. Juni 2012 und vom 8. November 2012 wurde von den Beschwerdeführenden festgehalten, dass sich C._______ weiterhin in Behandlung der Kinderklinik des Kantonsspitals I._______ befindet. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betr effende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r-E-1685/2010 Seite 6 son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingerei cht. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorins tanz teilg e- nommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung bzw. Änderung; sie sind daher zur Einrei chung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die B e- schwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserh eblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Die vorliegende Eingabe richtet sich lediglich gegen die von der Vori n- stanz verfügte Wegweisung bzw. deren Vollzug. Somit ist die Verfügung des BFM vom 18. Februar 2010, soweit sie die Flüchtlingseigenschaft und das A syl betrifft (Ziffern 1 und 2 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung), in Rechtskraft erwachsen. Da das Rechtsbegehren aufgrund der Beschwerdebegründung als auf den Vollzugspunkt beschränkt zu b e- trachten ist, ist einzig die Frage der Anordnung einer vorläufigen Aufna h- me zu prüfen, zumal die Wegweisung als solche (Ziffer 3 des Dispositivs) praxisgemäss nur aufgehoben werden kann, wenn eine Aufenthaltsbewi l- ligung vorliegt oder ein Anspruch auf Erteilung einer solchen besteht (vgl. BVGE 2009/50 E. 9; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizer i- schen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21), was vorliegend i n- des nicht der Fall ist. Gegenstand des Beschwerdeverfahrens bildet damit lediglich die Frage, ob die Wegweisung zu vollziehen ist oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen ist. E-1685/2010 Seite 7 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). 4.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungs vollzugshindernis- sen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, d.h. sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls w e- nigstens glaubhaft zu (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2). 5. 5.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Sc hweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 5.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Le ben oder ihre Freiheit aus e i- nem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden ( Art. 5 Abs. 1 AsylG; Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedr igende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zur Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Beha nd- lung unterworfen werden. 5.1.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass der Grundsatz der Nichtrückschiebung nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen (vgl. MARIO GATTIKER, Das Asyl- und Wegweisungsverfahren, 3. Aufl., Bern 1999, S. 89). Da diese Frage im vorliegenden Verfahren nicht Prüfungsgegenstand ist, kann das in Art. 5 AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non - Refoulements im vorliegenden Verfahren keine Anw endung finden. Eine E-1685/2010 Seite 8 Rückkehr der Beschwerdeführenden in den Heimatstaat ist demnach u n- ter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführen- den noch aus den Akt en Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behan d- lung ausgesetzt wäre n. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschi e- bung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. E GMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Be- schwerde Nr. 37201/06, § 124 ff. m.w.H.). Auch die allgemei ne Me n- schenrechtssituation in Kosovo lässt den Wegweisungsvollzug zum he u- tigen Zeitpunkt klarerweise nicht als unzulässig erscheinen. 5.1.3 Eine zwangsweise Rückweisung von Perso nen mit gesundheitl i- chen Problemen kann nur dann einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK da r- stellen, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befindet (vgl. EGMR, N. gegen Vereinigtes Kö nigreich, Urteil vom 27. Mai 2008, B e- schwerde Nr. 26565/05, § 32 ff. m.w.H. ). Diese Voraussetzungen sind vorliegend nicht erfüllt. 5.1.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 5.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete G e- fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 5.2.1 Das BFM hat in der angefochte nen Verfügung festgestellt, dass die in Kosovo herrschende (allgemeine) politische Situation nicht gegen eine Rückführung spreche, was von den Beschwerdeführenden auch nicht ge- rügt wurde. E-1685/2010 Seite 9 5.2.2 Im vorliegenden Verfahren ist indes insbesondere die Frage zu prü- fen, ob der Gesundheitszustand von C._______ – aber auch von den beiden Elternteilen – eine konkrete Gefährdung i.S.v. Art. 83 Abs. 4 AuG darstellt. Das BFM hat in seiner Verfügung vom 18. Februar 2010 im Wesentlichen festgehalten, dass das Leiden von C._______ schon vor der Ausreise aus Kosovo bestanden habe. Offenkundig sei er auf eine intensive medizin i- sche Betreuung nicht angewiesen. Die ärztlich empfohlene n heilpädago- gischen Massnahmen könnten, wenn auch i n erschwerter Weise, auch in Kosovo durchgeführt werden. Zwar sei die Lage tatsächlich nicht lebensbedrohlich, so die Beschwerde- führenden, doch sei das Kind nachweislich schwer erkrankt und in seiner Entwicklung behindert. In Kosovo sei es nur behandelt worden, wenn es zusätzlich zu seiner Behinderung kra nk gewesen sei. Die Medikamente seien für die Eltern ferner nicht erschwinglich gewesen, da sie beide a r- beitslos gewesen seien. Zudem sei die ganze Familie aufgrund der B e- hinderung von C._______ schikaniert worden. Hingegen mache er hier in der Schweiz, wo seine Behinderung ernst genommen werde, beachtliche Fortschritte (vgl. Art. 23 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes [ KRK, SR 0.107)], da er hier die benötigte Sonderschulung und Behandlung bekomme. Bei der hier im Vordergrund stehenden Gefährdungsvariante der mediz i- nischen Notlage ist besonders zu beachten, dass nur dann auf Unzumu t- barkeit des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden kann, wenn das Fehlen einer notwendigen medizinischen Behandlung im Heimatland nach d er Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beei n- trächtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Pe rson führen würde. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende medizin i- sche Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer mens chen- würdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls dann noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht dem schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2 m.w.H.). Gemäss dem Bericht des Kantonsspitals Aarau vom 10. September 2008 und den Aussagen der Eltern musste die Familie – als C._______ 19 Monate alt war – während des Kosovokrieges flüchten; dabei ve r- brachten sie drei Monate teils unter freiem Himmel oder i m Wald ohne E-1685/2010 Seite 10 Zugang zu ärztlicher Versorgung. In dieser Zeit habe er an einem fiebe r- haften Infekt gelitten; seither entwickle er sich nicht wie erwartet (vgl. A12 S. 7). In Kosovo war aufgrund seiner Entwicklungsverzögerung ein Schulbesuch nicht möglich. Trotz Bemühungen der Eltern wurde er nie neuropädiatrisch behandelt (vgl. A12 S. 5 ff.; A13 S. 6 ff.). Heute ist der Junge den aufgeführten ärztlichen Berichten zufolge mittelgradig geistig behindert und leidet an einer Gedeihstörung, Kleinwuchs und an einer Mikrocephalie. In der Nacht erleidet er Schreiattacken und hat grosse Ängste. Seit Oktober 2009 wird er heilpädagogisch von der Schule G._______ (auch mittels Ergo- und Physiotherapie) gefördert, wo er sich gut einleben und an die Verhaltensnormen anpasse n konnte; seine En t- wicklungsfortschritte und die Tagesstruktur vermitteln ihm Selbstvertrauen und es können Ressourcen aktiviert werden, die in ihm schlummern. Er erlerne auch die Gebärdensprache, die es ihm erlaube, sich mitteilen zu können. Gemäss dem Bericht der Schule vom 1. Juli 2010 wird der Junge wohl nie selbständig leben können, doch wenn die eingeleiteten Mas s- nahmen nicht weitergeführt werden könn ten, würden seine Perspektiven als Jugendlicher oder junger Erwachsener besorgniserregend sein, bzw. sei das Kindeswohl aus psychosozialer Sicht eindeutig gefährdet. Die Eltern leiden gemäss den ärztlichen Berichten vom 8. September 2011 und vom 11. Dezember 2011 an einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom und an einer posttraumatischen Be- lastungsstörung. Eine ärztliche Weiterbehandlung (Psychotherapie sowie medikamentöse Behandlung) wird noch zwei bis drei Jahre erforderlich sein, insbesondere auch um das Risiko suizidaler Handlungen klein zu halten. Gemäss einer Mitteilung des Regionalspitals Pejë vom 17. März 2010 besteht keine Möglichkeit, den Jungen aufgrund seiner Entwicklungsst ö- rung psychiatrisch zu behandeln. Dies deckt sich auch mit den Erkenn t- nissen des Bundesverwaltungsgerichts, dass i n Kosovo keine besond e- ren Therapie- und Förderungsformen für Kinder mit Mehrfachbehinderun- gen vorgesehen sind, da sich diese traditionellerweise im Kreis der Fam i- lie aufhalten. Zwar besteht durch die kosovo -albanische NGO Handikos eine gewisse Unterstützungsmögli chkeit für behinderte Personen, doch sind gerade die für Kinder und Jugendliche mit Mehrfachbehinderungen besonders wichtigen Förderungsmassnahmen schwer zugänglich und noch zu wenig intensiv (vgl. dazu auch VERENA KNAUS ET AL., Stilles Leid, Zur psychosozialen Gesundheit abgeschobener und rückgeführter Kinder, UNICEF [Hrsg.], März 2012, S. 41 ff.; GRÉGOIRE SINGER, Kosovo : Up-E-1685/2010 Seite 11 date, Zur Lage der medizinischen Versorgung, Schweizerische Flüch t- lingshilfe SFH [Hrsg.], September 2010, S. 12 ff.; FERNANDA BENZ/RAINER MATTERN, Die medizinische Versorgungslage in Kosovo, Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH [Hrsg.], Mai 2004, S. 9 ff.). Zwar liegt bei einer Rück- kehr der Familie nach Kosovo keine lebensgefährliche Situation vor, doch – auch unter Beachtung des Kindeswohls (vgl. E. 5.2.3) – kann unter den heutigen Gegebenheiten eine menschenwürdige Existenz der Familie wohl nicht gewährleistet werden. 5.2.3 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswo hl einen G e- sichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer völkerrechtskonformen Auslegung des Art. 83 Abs. 4 AuG im Licht von Art. 3 Abs. 1 KRK. Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind demnach sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen. In Bezug auf das Kindeswohl können namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer gesamtheitlichen Beurteilung von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner B e- zugspersonen (insbesondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung, Grad der erfol g- ten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Sc hweiz. Gerade letzterer Aspekt, die Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hi n- blick auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus e inem einmal vertrauten Umfeld herausg e- rissen werden sollten. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige soziale Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wi r- kung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine starke Assimilierung in der Schweiz mithin eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.4 m.w.H.). In der Schweiz gilt der Vorrang des Kindeswohls in einem umfassenden Sinn: "Angestrebt wird namentlich eine altersgerechte Entfaltungsmö g- lichkeit des Kindes in geistig-psychischer, körperlicher und sozialer Hi n- sicht, wobei in Beachtung aller konkreten Umstände nach der für das Kind bestmöglichen Lösung zu suchen ist" (vgl. BGE 129 III 250 E. 3.4.2). E-1685/2010 Seite 12 Das Kindeswohl gebietet es , dass C._______ seine Entwicklungsfor t- schritte weiterhin verfolgen kann, damit er innerhalb gesetzter Strukturen ein menschenwürdiges Leben führen k ann. Dies ist – wie gesehen – in Kosovo, wo auch Kriegserinnerungen zurückkehren könnten, nicht mö g- lich (vgl. E. 5.2.2). Aber es gilt auch zu erw ähnen, dass seine Grosse l- tern, die seit über dreissig Jahren hier leben (vgl. A5 S. 6), sowie weitere Familienmitglieder (teilweise mit einer schweizerischen Staatsbürge r- schaft) als wichtige Bezugspersonen im Kanton P ._______ oder im Ka n- ton Q._______ wohnhaft sind (vgl. A5 S. 3). Es ist davon auszugehen, dass diese Personen der Famil ie Unterstützung zukommen lassen . Der Bruder D._______ (heute 14 Jahre alt) besucht seit über vier Jahren die hiesige Schule. Der Bruder E._______ (heute 6 Jahre alt) hat den gröss- ten Teil seines Lebens hier verbracht und wird in naher Zukunft wohl auch hier eingeschult. Durch eine Rückkehr nach Kosovo würde insbesondere D._______ aufgrund seines adoleszenten Alters aus seiner Lebensstru k- tur herausgerissen, da gerade der Besuch d er Schule über einen Zei t- raum von mehreren Jahren, die natürliche Interaktion mit Klassenkam e- radinnen und -kameraden sowie das sukzessive Erlernen der deutschen Sprache eine weitreichende Anpassung an die schweizerische Leben s- weise bewirkt haben dürfte. Eine Reintegration in Kosovo erscheint daher erschwert. In Kosovo ist für die Familie weder eine Unterkunft gesichert, noch exi s- tiert ein eigentliches Familien- oder Nachbarschafts netz (vgl. A5 S. 6); zudem kann nicht davon ausgegangen werden, dass die gesundheitlich angeschlagenen Eltern – da der Beschwerdeführer als gelernter Maler in Kosovo arbeitslos war (vgl. A5 S. 5) – fähig sind, ein Einkommen zu e r- zielen, das erlauben würde, die zu erwarteten Kosten für den behinderten Sohn zu tragen. Eine Reintegration in die kosovarische Gesellschaft wäre wohl für die Kinder wie auch für die Eltern einer starken Belastung au s- gesetzt. 5.2.4 In Berücksichtigung der geschilderten Umstände erweist sich der Vollzug der Wegweisung im Rahmen einer Gesamtwürdigung als unzu- mutbar. Die Beschwerde ist diesbezüglich gutzuheissen. Die Dispositivzif- fern 3 bis 5 der angefochtene Verfügung sind aufzuheben und die Vori n- stanz anzuweisen, die Beschwerdeführenden vorläufig aufzunehmen (Art. 44 Abs. 1 AsylG). E-1685/2010 Seite 13 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfah rens sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 6.2 Den Beschwerdeführenden ist angesichts des Obsiegens im B e- schwerdeverfahren in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine Parte i- entschädigung für ihnen erwachsene notwendige Vertretungskosten z u- zusprechen (vgl. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da keine Kostennote seitens der Rechtsvertreterin einge- reicht wurde, ist die Entschädigung aufgrund der Aktenlage zu entsche i- den (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Unter Berücksichtigung der massgebli- chen Bemessungsfaktoren (Art. 9 ff. VGKE) ist der Aufwand auf Fr. 900.- (inkl. Auslagen und MwSt.) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) E-1685/2010 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde ist gutzuheissen . Die Dispositivziffern 3 bis 5 der Verfügung vom 18. Februar 2010 des BFM werden aufgehoben und das BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführenden vorläufig aufzunehmen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden eine Parteien t- schädigung von insgesamt Fr. 900.- (inkl. Auslagen und MwSt.) ausz u- richten. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das BFM und die z u- ständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Patricia Petermann Loewe Versand: