B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6136/2023 U r t e i l v o m 1 5 . N o v e m b e r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Daniela Brüschweiler, mit Zustimmung von Richterin Aileen Truttmann, Gerichtsschreiberin Regula Frey. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch Lena Weissinger, Rechtsanwältin, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 30. Oktober 2023 / N (…). D-6136/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 8. August 2023 in der Schweiz um Asyl nach. B. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa -Informationssystem (CS-VIS) ergab, dass ihm von der schwedischen Botschaft in B._______ am 5. April 2023 ein Visum, gültig vom (…) bis zum (…), ausgestellt worden war. C. Der Beschwerdeführer mandatierte am 15. August 2023 die ihm zugewie- sene Rechtsvertretung. D. Am 23. August 2023 ersuchte die Vorinstanz die schwedischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 12 Abs. 2 der Ver- ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim- mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats- angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). E. E.a Am 24. August 2023 gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer im Rahmen des Dublin-Gesprächs nach Art. 5 Dublin-III-VO das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Schwedens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer allfälligen Rückkehr be- ziehungsweise Überstellung in dieses Land sowie zum medizinischen Sachverhalt. E.b Er gab an, aufgrund seiner (…) viele Probleme in seinem Heimatland gehabt zu haben. Sein in der Schweiz lebender Bruder und dessen Frau hätten ihn unterstützt und ihm gesagt, dass er auch in die Schweiz kommen könne, wo er gut aufgehoben wäre. Im November 2022 habe er «lebens- bedrohliche Probleme» mit dem Militär gehabt, weshalb er Sri Lanka ver- lassen und in die Schweiz gereist sei. In ander en Ländern habe er keine Bezugspersonen, er habe nur seinen Bruder und seine Schwägerin in der Schweiz. Zu seinem Gesundheitszustand befragt gab er an, physisch gehe es ihm gut aber mental sei er angeschlagen. Er mache sich aufgrund des im Heimatland Erlebten viele Gedanken. Er leide unter (…) und habe sich D-6136/2023 Seite 3 an MedicHelp gewendet. Er habe Medikamente erhalten. Ansonsten habe er keine weiteren Probleme. Da er (…) sei und manchmal nur (…) zur Wahl stünden, esse er nur Brot oder Früchte. F. Am 25. August 2023 stimmten die schwedischen Behörden dem Übernah- meersuchen gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO zu. G. Mit Verfügung vom 30. Oktober 2023 – eröffnet am 1. November 2023 – trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31 a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegwei- sung nach Schweden an. Gleichzeitig ordnet e sie die Aushändigung der editionspflichtigen Akten an und stellte fest, dass einer allfälligen Be- schwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme. Für die Begründung wird auf die Ausführungen in der vorinstanzlichen Ver- fügung verwiesen. H. Am 2. November 2023 legte die zugewiesene Rechtsvertretung ihr Mandat nieder. I. Mit Eingabe vom 8. November 2023 erhob der Beschwerdeführer gegen die Verfügung des SEM vom 30. Oktober 2023 Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht. Er beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzu- heben und sein Asylgesuch in der Schweiz zu prüfen. In verfahrensrechtli- cher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung und Rechtsverbeiständung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem beantragte er die Sistierung des Vollzugs der Wegweisung und die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Be- schwerde. J. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 9. November 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 Asyl). Gleichentags setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstellung im Sinne einer vorsorglichen Massnahme einstweilen aus. D-6136/2023 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht einge- reichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass der Beschwerdeführer am 6. November 2023 als verschwunden gemeldet w urde. Nachdem er die rubrizierte Rechtsvertreterin gemäss eingereichter Vollmacht indessen erst am 7. November 2023 mandatiert hatte und er am 12. November 2023 ins Bundesasylzentrum zurückkehrte, besteht keine Veranlassung zu Weite- rungen in Bezug auf ein Fortbestehen des Rechtsschutzinteresses. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2). 2.3 Die vorliegende Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegrün- det, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustim- mung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). D-6136/2023 Seite 5 3. 3.1 Vorab ist zu prüfen, ob die vom Beschwerdeführer erhobene verfah- rensrechtliche Rüge geeignet ist, eine Kassation der angefochtenen Verfü- gung herbeizuführen. 3.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1. m.w.H.). 3.3 Der Be schwerdeführer rügt eine unrichtige Sachverhaltsermittlung durch die Vorinstanz. Er sei nicht – wie vom SEM behauptet – (…), sondern (…), was im vorliegenden Fall besonders relevant sei. 3.4 Eine Überprüfung der Akten ergibt, dass die Vorinstanz den Sachver- halt vollständig und richtig erstellt hat. Das SEM stützt sich auf die Aussage des Beschwerdeführers im Rahmen des persönlichen Gesprächs vom 24. August 2023, wonach er aufgrund seiner (…) in seinem Heimatland viele Probleme gehabt habe. Der Beschwerdeführer hat die protokollierte Aussage unterschriftlich bestätigt (vgl. act. 1270521 - 15/2 S. 2), weshalb dem SEM keine unrichtige Sachverhaltsermittlung vorgeworfen werden kann. Festzuhalten bleibt sodann, dass sich das SEM angesichts der An- gaben des Beschwerdeführers zum medizinischen Sachverhalt (vgl. a.a.O.) auch nicht zu weiteren diesbezüglichen Abklärungen veranlasst se- hen musste. 3.5 Die formelle Rüge erweis t sich angesichts dieser Sachlage al s unbe- gründet. Eine Rückweisung an die Vorinstanz ist nicht angezeigt. 3.6 Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass die Beurteilung der Asylgründe nicht Gegenstand des vorliegenden Dublin -Verfahrens ist, sondern einzig das Feststellen des für das Asylverfahren zuständigen Dublin-Mitgliedstaa- tes. 4. 4.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylge- such des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist. D-6136/2023 Seite 6 4.2 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Diesbezüglich kommt die Dublin -III-VO zur Anwen- dung. 4.3 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin -III-VO). Erweist es sich als unmöglich, Antragstellende in den eigentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr ei- ner unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (nachfolgend: EU - Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kri- terien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zu- ständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 4.4 Nachdem die schwedischen Behörden dem Übernahmegesuch des SEM gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO innert der in Art. 2 2 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist zugestimmt haben, ist die grundsätzliche Zuständigkeit Schweden s gegeben. Dies wird vom Beschwerdeführer denn auch anerkannt. 4.5 Der Beschwerdeführer beruft sich indes auf eine direkte Zuständigkeit der Schweiz, weil zwischen ihm und seinem in der Schweiz lebenden Bru- der ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vorliege. 4.5.1 Zur Beurteilung, ob ein rechtlich relevantes Abhängigkeitsverhältnis besteht, ist auf eine Gesamtwürdigung des konkreten Einzelfalls unter Ein- bezug der individuellen und soziokulturellen Lebenssituation der betroffe- nen Personen abzustellen (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, 2018, Art. 16 N. 8; CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin III -Verordnung, 2014, K3 zu Art. 16; D-6136/2023 Seite 7 Urteil des BVGer E-3894/2023 vom 17. Juli 2023 E. 9.3.2). Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts begründet das Bedürfnis nach affektiver oder psychologischer Unterstützung durch die Angehörigen allein grund- sätzlich kein Abhängigkeitsverhältnis im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin - III-VO (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 8.3.5; Urteil des BVGer E -317/2022 vom 10. Februar 2023 E. 7.2.1). 4.5.2 Weder der pauschale Hinweis auf die Nähe und Intensität des Fami- lienverhältnisses noch das angeblich zwischenzeitlich eingetretene Abhän- gigkeitsverhältnis, wofür den Akten keine belegten Anhaltspunkte zu ent- nehmen sind, führen zur Zuständigkeit der Schweiz. Zwar ist durchaus nachvollziehbar, dass die Nähe von dem Beschwerdeführer vertrauten Personen erwünscht ist , dies vermag aber weder die Hilfsbedürftigkeit noch ein Abhängigkeitsverhältnis im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO aufzuzeigen. 4.6 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Schweden würden systemische Schwach- stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi- genden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden. 4.6.1 Schweden ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht linge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per- sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er- geben. 4.6.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin- III-VO nicht gerechtfertigt, was vom Beschwerd eführer im Übrigen auch nicht geltend gemacht wird. D-6136/2023 Seite 8 4.7 4.7.1 Der Beschwerdeführer fordert mit seinem Vorbringen, es bestehe ein sehr nahes und intensives Familien- und inzwischen Abhängigkeitsverhält- nis zwischen ihm und seinem in der Schweiz lebenden Bruder, die Anwen- dung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestim- mung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss welcher das SEM das Asylgesuch "aus hu- manitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dub- lin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. 4.7.2 Aus dem Hinweis auf seinen in der Schweiz lebenden Bruder sowie dessen Ehefrau vermag der Beschwerdeführer nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Gemäss Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO umfasst der Begriff "Fami- lienangehörige" nur die Kernfamilie, das heisst Ehegatten, Lebenspartne- rinnen und Lebenspartner sowie minderjährige Kinder. Geschwister, Nef- fen, Cousins sowie Onkel und Tanten fallen nicht unter den vorgenannten Definitionsbereich. Es besteht auch im Lichte von Art. 8 EMRK keine völ- kerrechtliche Verpflichtung der Schweiz zu einem Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO. 4.7.3 Es ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass das Dub- lin-System auf klaren Zuständigkeitsregeln beruht und den Gesuchstellen- den kein Recht einräumt, den ihr en Antrag prüfenden Staat selbst auszu- wählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 4.7.4 Schliesslich sprechen auch keine medizinischen Gründe gegen eine Überstellung nach Schweden. Eine zwangsweise Rückweisung von Per- sonen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise ei- nen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 sowie Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] Papos- hvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Situation ist vorliegend nicht gegeben. Der Beschwerdeführer führte im Rahmen des Dublin -Gesprächs aus, er sei mental angeschlagen und leide unter (…). Auf Beschwerdeebene wird geltend gemacht, er leide unter einer starken (…) und zudem sei anzuneh- men, dass er aufg rund des Erlebten unter einer (…) leide. Belege hierzu reichte der Beschwerdeführer nicht ein. Ebenso wenig ergeben sich Hin- weise auf weitere aktuell bestehende, schwerwiegendere gesundheitliche Probleme aus den Akten. Es kann denn auch nicht angenommen werden, dass die Überstellung des Beschwerdeführers nach Schweden zu einer D-6136/2023 Seite 9 ernsthaften Gefährdung des Gesundheitszustands im Sinne der massge- blichen Rechtsprechung führen würde. Im Übrigen verfügt Schweden über eine ausreichende medizinische Infrastruktur. Die Mitgliedstaaten sind ver- pflichtet, den Antragstellenden die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behand- lung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu- gänglich zu mache n (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); Antragstellenden mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sons- tige Hilfe – einschliesslich einer geeigneten psychologischen Betreuung – zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es g ibt keine Anhalts- punkte dafür, dass Schweden dem Beschwerdeführer allenfalls erforderli- che medizinische Behandlungen verweigern würde. Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, würden – falls nötig – den medizinischen Umständen bei der Bestim- mung der konkreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die schwedischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Umstände informieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO). 4.8 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes Risiko dartun, wonach seine Überstellung nach Schweden die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. 4.9 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vorinstanz bei der Anwendung von Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessens- spielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 5. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie- derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Schweden in An- wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 6. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des D-6136/2023 Seite 10 Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). 7. Die Beschwerde ist aufgrund des Gesagten abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. 8. Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen, wes- halb sich die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Be- schwerde und auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses als gegenstandslos erweisen. Der vorsorglich angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin. 9. 9.1 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung sind abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu be- zeichnen sind. 9.2 Bei di esem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) D-6136/2023 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und der amtlichen Rechtsverbeiständung werden abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Regula Frey Versand: