<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 13" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 13</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">99</span> </div> <div class="page" id="S99"> <div role="main"> <span class="text"><b>IV. Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht </b></span><br/> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>13 </b> <b>Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des Strassenabstands</b></span><br/> <span class="text">Die Erteilung einer Ausnahmebewilligung nach § 67 Abs. 1 BauG kann</span><br/> <span class="text">sich ohne das Vorliegen eines Härtefalls rechtfertigen, wenn namhafte öf-</span><br/> <span class="text">fentliche Interessen eine Baute oder Anlage innerhalb des Strassenab-</span><br/> <span class="text">stands als angezeigt erscheinen lassen und insofern ausserordentliche</span><br/> <span class="text">Verhältnisse gegeben sind; Zusammenfassung der bisherigen Praxis zu</span><br/> <span class="text">§ 67 Abs. 1 BauG. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 22. Februar</span><br/> <span class="text">2019, in Sachen Einwohnergemeinde A. gegen B., C., D. und Regierungsrat</span><br/> <span class="text">(WBE.2018.147).</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.4.</span><br/> <span class="text">2.4.1.</span><br/> <span class="text">Das Verwaltungsgericht hatte sich schon verschiedentlich mit</span><br/> <span class="text">der Frage zu befassen, ob für Bauvorhaben im Unterabstand zu einer</span><br/> <span class="text">Strasse eine Ausnahmebewilligung nach § 67 Abs. 1 BauG erteilt</span><br/> <span class="text">werden kann. Meistens, aber nicht immer, ging es dabei um Bauvor-</span><br/> <span class="text">haben privater Bauherren. Nach dem Wortlaut der erwähnten Be-</span><br/> <span class="text">stimmung kommt eine Ausnahme nur bei Vorliegen ausserordent-</span><br/> <span class="text">licher Verhältnisse oder eines Härtefalls in Betracht, wenn es mit</span><br/> <span class="text">dem öffentlichen Wohl sowie Sinn und Zweck der Rechtssätze ver-</span><br/> <span class="text">einbar ist, unter billiger Abwägung der beteiligten Interessen. § 67</span><br/> <span class="text">Abs. 1 BauG verlangt somit nicht nur eine Interessenabwägung, son-</span><br/> <span class="text">dern setzt kumulativ das Vorliegen ausserordentlicher Verhältnisse</span><br/> <span class="text">oder einer unzumutbaren Härte voraus (AGVE 2006, S. 167; VGE</span><br/> <span class="text">vom 19. September 2014 [WBE.2013.537], Erw. II/2.4.1; VGE vom</span><br/> <span class="text">25. Mai 2010 [WBE.2009.293], Erw. II/4.1). Ein Ausnahmetatbe-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">100</span> </div> <div class="page" id="S100"> <div role="main"> <span class="text">stand lässt sich nicht allein damit begründen, es bestünden keine</span><br/> <span class="text">öffentlichen (oder privaten) Interessen an der Einhaltung des Stras-</span><br/> <span class="text">senabstands bzw. die Ausnahme sei mit dem Sinn und Zweck des</span><br/> <span class="text">Rechtssatzes (von dem abgewichen wird) vereinbar. Es bedarf</span><br/> <span class="text">darüber hinaus ausserordentlicher Verhältnisse oder eines Härtefalls,</span><br/> <span class="text">die eine Ausnahme rechtfertigen (VGE vom 19. September 2014</span><br/> <span class="text">[WBE.2013.537], Erw. II/2.4.1; VGE vom 27. April 2013</span><br/> <span class="text">[WBE.2012.68], Erw. II/2.4; VGE vom 25. Mai 2010</span><br/> <span class="text">[WBE.2009.293], Erw. II/4.1; VGE vom 22. August 2008</span><br/> <span class="text">[WBE.2007.333], Erw. II/2.5; VGE vom 19. Juni 2008</span><br/> <span class="text">[WBE.2007.136], Erw. II/3.5). Das gilt auch dann, wenn öffentliche</span><br/> <span class="text">Interessen (an einem Bauwerk) beteiligt sind. Das Verwaltungsge-</span><br/> <span class="text">richt hat in seiner bisherigen Praxis stets strenge Anforderungen an</span><br/> <span class="text">das Vorliegen einer Ausnahmesituation gestellt; eine solche darf</span><br/> <span class="text">nicht leichthin angenommen werden, auch nicht in Bezug auf den</span><br/> <span class="text">gesetzlichen Strassenabstand (AGVE 2001, S. 296, 298; VGE vom</span><br/> <span class="text">30. März 2005 [BE.2004.00160], Erw. II/3b).</span><br/> <span class="text">Die Frage, ob ausserordentliche Verhältnisse vorliegen, beurteilt</span><br/> <span class="text">sich einerseits nach der Interessenlage: Die Umschreibung der Norm-</span><br/> <span class="text">tatbestände richtet sich an durchschnittlichen Lebenssituationen aus.</span><br/> <span class="text">Dem Gesetz liegt eine Interessenbeurteilung zugrunde, die der Ge-</span><br/> <span class="text">setzgeber für diese typische Lebenssituation durchgeführt hat. Ein-</span><br/> <span class="text">schränkungen, die sich aus dieser Beurteilung ergeben, muss der Be-</span><br/> <span class="text">troffene hinnehmen. Der zu entscheidende Sachverhalt kann indessen</span><br/> <span class="text">von der Interessenlage her so ausserordentlich sein, dass angenom-</span><br/> <span class="text">men werden muss, der Gesetzgeber habe diesen Einzelfall still-</span><br/> <span class="text">schweigend ausgeschlossen, sei es, dass der Gesuchsteller durch die</span><br/> <span class="text">Einhaltung der Norm wesentlich schwerer getroffen wird, als dies</span><br/> <span class="text">dem Gesetzgeber bei der Normierung des Regelfalls vorschwebte,</span><br/> <span class="text">oder sei es, dass die öffentlichen oder privaten Interessen, welche</span><br/> <span class="text">normalerweise die Eigentumsbeschränkung verlangen, im konkreten</span><br/> <span class="text">Fall gar nicht vorliegen. Die Verhältnisse sind aussergewöhnlich,</span><br/> <span class="text">wenn der konkrete Fall nach der Interessenlage von der durchschnitt-</span><br/> <span class="text">lichen Lebenssituation abweicht, die der Gesetzgeber geregelt hat.</span><br/> <span class="text">Unter diesem Gesichtspunkt hat die Behörde, die eine Ausnahme in</span><br/> <span class="text">Erwägung zieht, zu prüfen, in welchem Mass die Verhältnisse des</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">101</span> </div> <div class="page" id="S101"> <div role="main"> <span class="text">Einzelfalls von der Interessenbeurteilung abweichen, die der Gesetz-</span><br/> <span class="text">geber vorgenommen hat (vgl. zum Ganzen: AGVE 1997, S. 314 f.,</span><br/> <span class="text">S. 332; 1992, S. 348 und 355, je mit Hinweisen). Sieht sich ein Bau-</span><br/> <span class="text">herr Sachzwängen gegenüber, die er durch bauliche Vorkehren selber</span><br/> <span class="text">geschaffen und zu vertreten hat, vermag dies noch keine Ausnahme-</span><br/> <span class="text">situation zu begründen (AGVE 1992, S. 348).</span><br/> <span class="text">Bei der Beurteilung der Frage, ob aussergewöhnliche Verhält-</span><br/> <span class="text">nisse vorliegen, ist ausserdem die im Gesetz angelegte Aufgabentei-</span><br/> <span class="text">lung zwischen Legislative und Exekutive zu beachten. Die rechtsan-</span><br/> <span class="text">wendende Behörde hat im Normalfall die gesetzliche Grundordnung</span><br/> <span class="text">zu respektieren, die der Gesetzgeber in generell-abstrakter Form er-</span><br/> <span class="text">lassen hat. Die Exekutivbehörde darf § 67 BauG nicht dazu miss-</span><br/> <span class="text">brauchen, die gesetzliche Grundordnung auszuhöhlen oder das ge-</span><br/> <span class="text">setzlich vorgegebene Verhältnis von Regel und Ausnahme zu korri-</span><br/> <span class="text">gieren (ähnlich ERICH ZIMMERLIN, Baugesetz des Kantons Aargau</span><br/> <span class="text">vom 2. Februar 1971 [aBauG], Kommentar, 2. Auflage, Aarau 1985,</span><br/> <span class="text">§ 155 N 2). Das wäre dann der Fall, wenn die Behörde die Ausnah-</span><br/> <span class="text">mebestimmung so anwendet, dass die Regel zur Ausnahme wird,</span><br/> <span class="text">oder Ausnahmen auf Gründe stützt, die sich in einer Vielzahl der</span><br/> <span class="text">Fälle anführen lassen (AGVE 2006, S. 167; 2001, S. 296; 1978,</span><br/> <span class="text">S. 248 f.; vgl. auch ZIMMERLIN, a.a.O., § 155 N 1 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="text">So stellt etwa die optimale Nutzung des Baugrundstücks ein allge-</span><br/> <span class="text">meines (privates) Interesse dar, das für sich allein keinen ausreichen-</span><br/> <span class="text">den Grund für die Erteilung einer Ausnahmebewilligung bilden kann</span><br/> <span class="text">(AGVE 2001, S. 296). Hätte der Gesetzgeber Gesichtspunkte be-</span><br/> <span class="text">rücksichtigen wollen, die in einer Vielzahl der Fälle geltend gemacht</span><br/> <span class="text">werden können, hätte er die Grundordnung angepasst oder um ge-</span><br/> <span class="text">setzliche Ausnahmegründe erweitert. Nach der gesetzlich vorgegebe-</span><br/> <span class="text">nen Aufgabenteilung zwischen Legislative und Exekutive bietet § 67</span><br/> <span class="text">BauG keine rechtliche Handhabe, in jedem Einzelfall eine individua-</span><br/> <span class="text">lisierte Würdigung der Interessen vorzunehmen. Sonst würde die ge-</span><br/> <span class="text">setzliche Grundordnung ihres Anwendungsbereichs beraubt. Nur in</span><br/> <span class="text">besonders gelagerten Situationen darf und soll gestützt auf § 67</span><br/> <span class="text">BauG eine individualisierte Interessenbeurteilung eingreifen (vgl.</span><br/> <span class="text">zum Ganzen VGE vom 19. September 2014 [WBE.2013.537],</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">102</span> </div> <div class="page" id="S102"> <div role="main"> <span class="text">Erw. II/2.4.2; VGE vom 22. August 2008 [WBE.2007.333],</span><br/> <span class="text">Erw. II/2.7.1).</span><br/> <span class="text">2.4.2.</span><br/> <span class="text">Bei der Mehrzahl der von ihm beurteilten Bauvorhaben sprach</span><br/> <span class="text">sich das Verwaltungsgericht gegen die Erteilung einer Ausnahmebe-</span><br/> <span class="text">willigung nach § 67 BauG zur Unterschreitung des Strassenabstands</span><br/> <span class="text">bzw. gegen das Vorliegen ausserordentlicher Verhältnisse oder eines</span><br/> <span class="text">Härtefalls aus. Es betraf dies die folgenden Fälle: eine Tiefgaragen-</span><br/> <span class="text">einfahrt, die trotz Hanglage des Baugrundstücks ohne grössere tech-</span><br/> <span class="text">nische Schwierigkeiten auf den Strassenabstand zurückversetzt wer-</span><br/> <span class="text">den konnte (AGVE 1997, S. 332 f.); Autoverkaufsplätze, die keinen</span><br/> <span class="text">betriebsnotwendigen Teil einer Autowaschanlage bildeten; einmal</span><br/> <span class="text">mehr wurde festgehalten, dass die optimale Ausnützung des Bau-</span><br/> <span class="text">grundstücks keine Ausnahme rechtfertigt (VGE vom 30. März 2005</span><br/> <span class="text">[BE.2004.00160-K3], Erw. II/3b); (freistehende) Plakatträger, mit</span><br/> <span class="text">der Begründung, es lägen keine besonderen topographischen Ver-</span><br/> <span class="text">hältnisse vor und die bessere Lesbarkeit der Plakate liesse sich in</span><br/> <span class="text">einer Vielzahl vergleichbarer Situationen als Argument für die Ver-</span><br/> <span class="text">ringerung des Strassenabstands anführen (AGVE 2006, S. 165 ff.);</span><br/> <span class="text">einen Pylon mit Firmenanschrift, weil eine solche auch noch mit</span><br/> <span class="text">einem Strassenabstand von 6 m erkannt werden kann, wenn sie aus-</span><br/> <span class="text">reichend dimensioniert ist (VGE vom 24. Januar 2006</span><br/> <span class="text">[WBE.2004.365], Erw. II/3.3.3); einen überdeckten Containerplatz,</span><br/> <span class="text">der problemlos auch an einer anderen Stelle des Baugrundstücks er-</span><br/> <span class="text">richtet werden konnte; bereits bestehende Bauten im Unterabstand</span><br/> <span class="text">zur Strasse (Stützmauer) verleihen dabei keinen Anspruch auf eine</span><br/> <span class="text">weitere Ausnahmebewilligung (VGE vom 28. August 2006</span><br/> <span class="text">[WBE.2005.331], Erw. II/3.2); eine Gartengestaltung (bestehend aus</span><br/> <span class="text">einer Terrainveränderung, erhöhten Rabatten, einem Weiher und</span><br/> <span class="text">einer Holzpalisadenwand von über 1,8 m Höhe), weil sich eine roll-</span><br/> <span class="text">stuhlgängige Zufahrt zum Wintergarten und erhöhte Rabatten auch</span><br/> <span class="text">unter Einhaltung des Strassenabstands realisieren liessen und eine</span><br/> <span class="text">ästhetisch schöne Gartengestaltung einen Beweggrund darstellt, den</span><br/> <span class="text">jeder beliebige Eigentümer für sich anführen kann (VGE vom</span><br/> <span class="text">16. März 2007 [WBE.2006.98], Erw. II/2.3.5); einen offenen Au-</span><br/> <span class="text">tounterstand (Carport), da es auf dem Baugrundstück genügend nicht</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">103</span> </div> <div class="page" id="S103"> <div role="main"> <span class="text">überbautes Areal gab, auf dem der Autounterstand in Beachtung der</span><br/> <span class="text">massgeblichen Abstandsvorschriften erstellt werden konnte, auch</span><br/> <span class="text">wenn dies nicht die komfortabelste Lösung war und die Bauherrin zu</span><br/> <span class="text">gewissen (baulichen) Anpassungen zwang (VGE vom 24. April 2008</span><br/> <span class="text">[WBE.2007.190], Erw. II/3.3.2); einen Anbau an eine Gewerbehalle,</span><br/> <span class="text">mit der Begründung, solange der Baugrund bestimmungsgemäss</span><br/> <span class="text">nutzbar bleibe, führe die Anwendung des Strassenabstands nicht zu</span><br/> <span class="text">einem Härtefall; bei der Projektierung der neuen Gewerbehalle hatte</span><br/> <span class="text">die Bauherrin die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse rechtmässig umzu-</span><br/> <span class="text">setzen (VGE vom 25. Mai 2010 [WBE.2009.293], Erw. II/4.4 f.);</span><br/> <span class="text">vier Aussenabstellplätze, weil weder die Beschaffenheit oder Topo-</span><br/> <span class="text">graphie noch die Lage des Baugrundstücks eine Ausnahmesituation</span><br/> <span class="text">begründeten und die Parzelle auch unter Wahrung des Strassen-</span><br/> <span class="text">abstands sinnvoll überbaut werden konnte (VGE vom 15. Dezember</span><br/> <span class="text">2011 [WBE.2010.383], Erw. II/4.5.3); sechs Parkfelder und einen</span><br/> <span class="text">Gartensitzplatz samt Umfassungsmauer und Holzsichtschutzwand,</span><br/> <span class="text">weil mindestens vier Parkfelder anstatt auf dem Vorplatz der Liegen-</span><br/> <span class="text">schaft auf einer strassenabgewandten Seite hätten ausgeschieden</span><br/> <span class="text">werden können, anstelle des dortigen Gartensitzplatzes, bei dem es</span><br/> <span class="text">sich um ein selbst geschaffenes Hindernis handelte (VGE vom</span><br/> <span class="text">19. September 2014 [WBE.2013.537], Erw. II/2.5); diverse Stütz-</span><br/> <span class="text">mauern, vier Besucherparkplätze, eine Zugangsrampe, einen Notaus-</span><br/> <span class="text">stieg aus dem Schutzraum und zwei Terrassen zu Erdgeschosswoh-</span><br/> <span class="text">nungen eines Mehrfamilienhauses; auch hier stand die Einhaltung</span><br/> <span class="text">des Strassenabstands einer sinnvollen Überbauung des Grundstücks</span><br/> <span class="text">trotz dessen Hanglage nicht entgegen (VGE vom 17. August 2016</span><br/> <span class="text">[WBE.2015.502/503], Erw. II/3.3.3).</span><br/> <span class="text">In lediglich zwei Fällen hielt das Verwaltungsgericht in jüngerer</span><br/> <span class="text">Zeit eine Ausnahmebewilligung nach § 67 BauG für angezeigt. Nur</span><br/> <span class="text">in einem Fall ging es explizit von ausserordentlichen Verhältnissen</span><br/> <span class="text">aus. Dieser betraf Lücken in einer vorbestehenden (rechtmässigen)</span><br/> <span class="text">Gartenabschlussmauer. Eine Ausnahmesituation wurde insbesondere</span><br/> <span class="text">daraus abgeleitet, dass eine gezackte Mauerlinie (mit Lücken) unter</span><br/> <span class="text">dem Ortsbildschutzaspekt nachteilig gewesen wäre. Die gesamte</span><br/> <span class="text">Länge der Mauer betrug 23,17 m; diejenige der Lücken 1,12, 3,6 und</span><br/> <span class="text">9,18 m (VGE vom 21. Juni 2000 [BE.1998.00255-K3], Erw. 2d/cc).</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 6 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">104</span> </div> <div class="page" id="S104"> <div role="main"> <span class="text">Ein anderes Mal schützte das Verwaltungsgericht einen Entscheid</span><br/> <span class="text">des Baudepartements, wonach im Unterabstand zu einer Gemein-</span><br/> <span class="text">destrasse mit niedriger Verkehrsfrequenz fünf Parkplätze angelegt</span><br/> <span class="text">werden durften, ohne allerdings zu prüfen, ob ausserordentliche Ver-</span><br/> <span class="text">hältnisse oder ein Härtefall vorlagen (AGVE 2002, S. 245 ff.).</span><br/> <span class="text">2.4.3.</span><br/> <span class="text">2.4.3.1.</span><br/> <span class="text">Die Parzelle Nr. xxx weist eine nicht ganz alltägliche Form auf,</span><br/> <span class="text">die an die Planung einer Überbauung erhöhte Anforderungen stellt,</span><br/> <span class="text">sie aber keineswegs verunmöglicht oder auch nur unzumutbar kom-</span><br/> <span class="text">pliziert. Erschwerend kommt zwar hinzu, dass die Nutzung des trich-</span><br/> <span class="text">terförmigen Grundstücks durch die Strassenabstands- und Gewässer-</span><br/> <span class="text">raumvorschriften praktisch rundum, nämlich auf seinen drei Haupt-</span><br/> <span class="text">seiten stark begrenzt wird. Es verbleiben von einem Grundstück mit</span><br/> <span class="text">einer Fläche von insgesamt 1'032 m2 neben dem bestehenden Ge-</span><br/> <span class="text">bäude Nr. yyy mit einer Grundfläche von ca. 135 m2 noch freie 215</span><br/> <span class="text">m2, also zusammengerechnet rund ein Drittel der Gesamtfläche, die</span><br/> <span class="text">(unter Wahrung des Besitzstandes) überbaubar sind. Auch insofern</span><br/> <span class="text">kann die Lage der Beschwerdeführerin als Eigentümerin der Parzelle</span><br/> <span class="text">Nr. xxx nicht als singulär betrachtet werden, zumal sie keinen Ab-</span><br/> <span class="text">bruch des bestehenden Gebäudes Nr. yyy beabsichtigt, was die Aus-</span><br/> <span class="text">nützung klar verschlechtern würde. Nach der unwidersprochen ge-</span><br/> <span class="text">bliebenen Darstellung des Rechtsdienstes des Regierungsrats liesse</span><br/> <span class="text">sich das bestehende, im Grundbuch als Scheune und Lager be-</span><br/> <span class="text">zeichnete Gebäude Nr. yyy für die von der Beschwerdeführerin ge-</span><br/> <span class="text">planten Zwecke (Buswarteraum, Veloabstellplätze, Entsorgungs-</span><br/> <span class="text">stelle) mitnutzen. Unter diesen Umständen kann nicht gesagt werden,</span><br/> <span class="text">die Einhaltung der Strassenabstandsvorschriften treffe die Beschwer-</span><br/> <span class="text">deführerin im Vergleich zu anderen Grundeigentümern mit Parzellen</span><br/> <span class="text">entlang einer oder mehrerer Strassen und/oder eines Gewässers be-</span><br/> <span class="text">sonders hart. Sie kann die Parzelle Nr. xxx bestimmungsgemäss</span><br/> <span class="text">nutzen, namentlich mit den vorgesehenen Infrastrukturanlagen über-</span><br/> <span class="text">bauen, auch wenn ihr Projekt allenfalls redimensioniert oder zumin-</span><br/> <span class="text">dest anders konzipiert werden müsste (unter Einbezug des bestehen-</span><br/> <span class="text">den Gebäudes Nr. yyy) und nicht mehr in der gleichen Weise opti-</span><br/> <span class="text">miert wäre.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 7 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">105</span> </div> <div class="page" id="S105"> <div role="main"> <span class="text">Mit der Vorinstanz ist sodann festzuhalten, dass die Beschwer-</span><br/> <span class="text">deführerin nicht nachgewiesen hat, dass sie zwingend auf eine Ent-</span><br/> <span class="text">sorgungsstelle auf der Parzelle Nr. xxx angewiesen ist, und schon gar</span><br/> <span class="text">nicht auf einen Reserveraum für das Bauamt. Die zentrale Lage der</span><br/> <span class="text">Parzelle Nr. xxx eignet sich zwar bestens für eine Entsorgungsstelle.</span><br/> <span class="text">Alternativlos ist der Standort deswegen nicht. Mit den ebenfalls in</span><br/> <span class="text">ihrem Eigentum stehenden Parzellen Nrn. zzz und www verfügt die</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführerin über Grundeigentum an ähnlich zentraler Lage,</span><br/> <span class="text">wo sie die Entsorgungsstelle stattdessen errichten könnte. Ein Teil</span><br/> <span class="text">der Parzelle Nr. www liegt sogar - wie die angrenzende Parzelle</span><br/> <span class="text">Nr. vvv - in einer Zone für öffentliche Bauten und Anlagen. Der Ge-</span><br/> <span class="text">staltungsplan E., innerhalb dessen Perimeter sich die Parzellen</span><br/> <span class="text">Nrn. zzz, vvv und Teile der Parzelle Nr. www befinden, schliesst eine</span><br/> <span class="text">solche Nutzung nicht aus. Gemäss § 7 Abs. 2 der Sondernutzungs-</span><br/> <span class="text">vorschriften zum Gestaltungsplan E. ist der Baubereich für öffent-</span><br/> <span class="text">liche Bauten und Anlagen für unter- und oberirdische Nutzungen be-</span><br/> <span class="text">stimmt, soweit diese mit der Zielsetzung eines parkartigen Freiraums</span><br/> <span class="text">vereinbar sind. Zugelassen sind Hochbauten bis höchstens 7 m Ge-</span><br/> <span class="text">bäudehöhe sowie unterirdische Bauten für die erforderlichen Ge-</span><br/> <span class="text">meindewerke (z.B. Regenbecken). Inwiefern insbesondere die nur</span><br/> <span class="text">durch die Einwurfbehälter in Erscheinung tretenden Unterflur-</span><br/> <span class="text">Container den parkartigen Freiraum stören könnten, ist nicht ersicht-</span><br/> <span class="text">lich. Eine Verlegung der geplanten Entsorgungsstelle würde zwar die</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführerin zu Anpassungen ihres Nutzungskonzepts</span><br/> <span class="text">öffentliche Bauten und Anlagen in A. zwingen. Nutzungskonzepte</span><br/> <span class="text">müssen sich allerdings an den vorhandenen Überbauungsmöglich-</span><br/> <span class="text">keiten und bestehenden Bauvorschriften orientieren, nicht umge-</span><br/> <span class="text">kehrt. Entsprechend vermag ein Nutzungskonzept von vornherein</span><br/> <span class="text">keine Ausnahmesituation zu begründen, ebenso wenig wie die Gut-</span><br/> <span class="text">heissung eines Projektierungs- und Baukredits durch die Gemeinde-</span><br/> <span class="text">versammlung.</span><br/> <span class="text">2.4.3.2.</span><br/> <span class="text">Obwohl nach dem oben Dargelegten kein Härtefall vorliegt,</span><br/> <span class="text">dürfen die konkreten Verhältnisse in anderer Hinsicht als ausser-</span><br/> <span class="text">ordentlich bezeichnet werden. Im Vergleich zum Regelfall besteht im</span><br/> <span class="text">vorliegenden Fall nicht nur keinerlei (öffentliches oder privates) Inte-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 8 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">106</span> </div> <div class="page" id="S106"> <div role="main"> <span class="text">resse an der Einhaltung des Kantonsstrassenabstands. Vielmehr gibt</span><br/> <span class="text">es sogar gewichtige öffentliche Interessen für eine Unterschreitung</span><br/> <span class="text">dieses Strassenabstands. Es ist zwischen den Parteien unbestritten,</span><br/> <span class="text">dass durch die Unterschreitung des Kantonsstrassenabstands weder</span><br/> <span class="text">die Verkehrssicherheit noch gesundheitspolizeiliche Interessen ge-</span><br/> <span class="text">fährdet sind. Die Distanz zwischen dem projektierten Mehrzweck-</span><br/> <span class="text">gebäude und dem Fahrbahnrand beträgt mindestens 6 m, so dass die</span><br/> <span class="text">Sicht auf die Fahrbahn in keiner Weise eingeschränkt wird. Die Er-</span><br/> <span class="text">schliessung des Mehrzweckgebäudes bzw. der darin untergebrachten</span><br/> <span class="text">Entsorgungsstelle und der Unterflur-Container erfolgt rückwärtig</span><br/> <span class="text">über die F.-strasse. Eine direkte Zufahrt zur Kantonsstrasse existiert</span><br/> <span class="text">nicht. Ferner ist ein Interesse an der Erhaltung des Planungsspiel-</span><br/> <span class="text">raums und der Landerwerbsmöglichkeit für die Bedürfnisse des zu-</span><br/> <span class="text">künftigen Strassenbaus zu verneinen, das nicht schon mit dem von</span><br/> <span class="text">der Abteilung für Baubewilligungen angeordneten und von der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführerin akzeptierten Revers gewährleistet wäre. Danach</span><br/> <span class="text">hätte die Beschwerdeführerin ihre Bauten und Anlagen bis auf einen</span><br/> <span class="text">Abstand von 8 m zum heutigen Fahrbahnrand auf eigene Kosten und</span><br/> <span class="text">entschädigungslos zu entfernen oder zu versetzen, sofern der Neu-</span><br/> <span class="text">oder Ausbau eines öffentlichen Werks es erfordert.</span><br/> <span class="text">Das gestützt auf die rechtskräftige Baubewilligung vom (...)</span><br/> <span class="text">2016 weitgehend errichtete Regenbecken samt Betriebsgebäude wür-</span><br/> <span class="text">de optisch erheblich aufgewertet, wenn die Lücke zwischen dem Be-</span><br/> <span class="text">triebsgebäude und dem (noch zu erstellenden) Lüftungs- bzw. Pum-</span><br/> <span class="text">penraum mit einer eingeschossigen Baute auf der über das gewachse-</span><br/> <span class="text">ne Terrain hinausragenden Decke des Regenbeckens geschlossen</span><br/> <span class="text">werden könnte, so dass ein formvollendeter und einheitlicher Bau-</span><br/> <span class="text">körper entstünde. Zuzustimmen ist in diesem Zusammenhang der</span><br/> <span class="text">Einschätzung der zuständigen kantonalen Ortsbildschützerin in ihrem</span><br/> <span class="text">Fachbericht vom (...) 2017, dass das Bauvorhaben einer guten Orts-</span><br/> <span class="text">bildgestaltung entspreche. Als positiv wird namentlich das Erschei-</span><br/> <span class="text">nungsbild des geplanten Mehrzweckgebäudes beschrieben, das durch</span><br/> <span class="text">eine ruhig gestaltete Volumetrie und eine klare Gliederung überzeu-</span><br/> <span class="text">ge, und sich mit dem vorgelagerten Platz zur F.-strasse hin gut in die</span><br/> <span class="text">bestehende Bebauungsstruktur einfüge. Der heutige Überbauungszu-</span><br/> <span class="text">stand mit Regenbecken samt Betriebsgebäude erweckt dagegen den</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 9 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">107</span> </div> <div class="page" id="S107"> <div role="main"> <span class="text">Eindruck eines schlecht gestalteten Provisoriums, wobei anzumerken</span><br/> <span class="text">ist, dass der Standort des Regenbeckens durch die Generelle Entwäs-</span><br/> <span class="text">serungsplanung der Gemeinde A. vorgegeben, mithin nicht frei ge-</span><br/> <span class="text">wählt wurde. Ausserdem wird aus Sicht des Ortsbildschutzes be-</span><br/> <span class="text">grüsst, dass verschiedene öffentliche Nutzungen in einem zentralen</span><br/> <span class="text">Gebäude konzentriert werden, wodurch ein wichtiger Begegnungsort</span><br/> <span class="text">entstehen könne. Die Beschwerdeführerin hat also nicht bloss ein</span><br/> <span class="text">wirtschaftliches Interesse an einer möglichst kompakten Überbauung</span><br/> <span class="text">der Parzelle Nr. xxx. Mit dem Bauvorhaben kann auch eine</span><br/> <span class="text">Nutzungskonzentration erreicht werden, die dem öffentlichen Inte-</span><br/> <span class="text">resse an einer verdichteten Bauweise vor allem in Ortszentren und</span><br/> <span class="text">einem möglichst sparsamen und rationellen Landverbrauch Rech-</span><br/> <span class="text">nung trägt. Es müsste nicht noch weiteres nicht überbautes Land,</span><br/> <span class="text">beispielsweise auf den Parzellen Nrn. zzz, www oder vvv, für eine</span><br/> <span class="text">Entsorgungsstelle geopfert werden, das sich aufgrund seiner Lage</span><br/> <span class="text">auch als Standort für einen Pavillon für Tagesstrukturen sehr gut</span><br/> <span class="text">eignen würde. Das bestehende Gebäude Nr. yyy könnte weiterhin zur</span><br/> <span class="text">Unterbringung von Material des Werkhofes verwendet werden.</span><br/> <span class="text">Ohnehin gilt es diesbezüglich zu bedenken, dass das Gebäude im</span><br/> <span class="text">Lichte von § 68 BauG (Besitzstandsgarantie) nicht beliebig umge-</span><br/> <span class="text">baut respektive umgestaltet werden könnte. Der in das Mehrzweck-</span><br/> <span class="text">gebäude eingegliederte Buswarteraum mit rückwärtig angeglieder-</span><br/> <span class="text">tem, überdachtem Velo- und Mofaabstellplatz wäre schliesslich sehr</span><br/> <span class="text">viel benutzerfreundlicher als es ein separates Buswartehaus mit</span><br/> <span class="text">einem Abstand von 6 m zum Gehweg oder ein in das bestehende</span><br/> <span class="text">Gebäude Nr. yyy integrierter Warteraum zu sein vermöchte. In</span><br/> <span class="text">derartige Räumlichkeiten hätte der Buschauffeur im Gegensatz zur</span><br/> <span class="text">geplanten Lösung mit leicht abgewinkeltem Fassadenverlauf keinen</span><br/> <span class="text">Einblick. In Anbetracht dieser mannigfaltigen öffentlichen Interessen</span><br/> <span class="text">an der Realisierung des projektierten Mehrzweckgebäudes sind</span><br/> <span class="text">ausserordentliche Verhältnisse im Sinne von § 67 Abs. 1 lit. b BauG</span><br/> <span class="text">anzunehmen, die eine Unterschreitung des Kantonsstrassenabstands</span><br/> <span class="text">ausnahmsweise rechtfertigen.</span><br/> <span class="text">(...)</span><br/> </div> </div> </body> </html>