B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1605/2020 U r t e i l v o m 3. J u n i 2 0 2 1 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter David R. Wenger, Gerichtsschreiber Christoph Berger. Parteien A._______, geb. am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Sophia Delgado, HEKS Rebaso - Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Solothurn, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 20. Februar 2020 / N (…). E-1605/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zu- folge am 11. Dezember 2015 und gela ngte am 22. Januar 2016 in die Schweiz, wo er am gleichen Tag um Asyl nachsuchte. Am 29. Januar 2016 wurde er im Rahmen der Befragung zur Person (BzP; Akten SEM A4/12) summarisch befragt. Das SEM hörte ihn am 17. Mai 2016 vertieft (A13/14) und am 11. Juni 2019 ergänzend zu seinen Asylgründen an (A24/16). Der Beschwerdeführer brachte zu seinem persönlichen Hintergrund vor, er sei afghanischer Staatsangehöriger, gehöre der Ethnie der (…) an, sei in Kabul geboren worden und aufgewachsen und habe bis zu seiner Ausreise aus Afghanistan in Kabul gelebt. Er habe die Schule regulär absolviert und danach während fünf Jahren an der Universität (…) und (…) studiert, wobei er im Sommer 20 (…) den Bachelor-Abschluss erlangt habe. Neben dem Studium habe er diverse Kurse und Weiterbildungen besucht und während eines Jahres bei der Firma (…) als Qualitätsprüfer im militärischen (…) von Kabul gearbeitet. Sein Vater habe ebenfalls (…) studiert und sei als (…) bei der Firma (…) angestellt gewesen. Nach dem Abschluss an der Univer- sität habe sein Vater ihm eine Stelle als (…) in derselben Firma beschafft, die damals zufällig vakant gewesen sei. Er habe die Stelle am 27. Septem- ber 2015 angetreten und sei mit sein em Vater deshalb nach Kunduz ge- gangen und habe mit ihm im Gasthaus der Firma gelebt. Zur Begründung des Asylgesuches brachte er in der BzP und der ersten Anhörung im Wesentlichen vor, zur selben Zeit sei Kunduz gefallen und die Taliban hätten die Kontrolle über Kunduz übernommen. Angehörige der Ta- liban hätten das Gasthaus gestürmt, ihn und seinen Vater als Geiseln ge- fangen gehalten und separat befragt. Die Taliban hätten ihn über seine Tä- tigkeiten und seine Familie befrag t und er habe ihnen auf Anraten seines Vaters wahrheitsgemässe Auskünfte gegeben, so etwa unter anderem, dass er militärische Einrichtungen kennen würde. Die Taliban hätten ihn in den Befragungen aufgefordert, zu kollaborieren und ihnen zu dienen, an- sonsten er nicht freikommen würde. Er habe diverse Ausweise bei sich ge- tragen, unter anderem seinen Ausweis, den er bei sein er Arbeit bei (…) benützt habe, sowie einen Militärausweis. Die Gefangenschaft bei den Ta- liban sei für ihn sehr belastend gewesen, da er habe zusehen müssen, wie ein Soldat getötet und gehört habe, wie eine Frau vergewaltigt worden sei. Nach ungefähr fünf Tagen sei es z u Gegenangr iffen auf Kunduz bezie- hungsweise die Taliban gekommen. Bei diesem Angriff sei ihm und seinem E-1605/2020 Seite 3 Vater die Flucht aus der Gefangenschaft gelungen. Bei der Flucht habe er (der Beschwerdeführer) sich am Fuss schwer verletzt. Er sei schliesslich nach Kabul gebracht worden und habe sich zu Hause aufgehalten. Eines Tages habe seine Mutter angerufen und ihn aufgefordert, unmittelbar das Haus zu verlassen und zu seiner Tante mütterlicherseits zu gehen. Später habe ihm seine Mutter erzählt, sie habe von den Taliban einen gegen ihn gerichteten Drohanruf erhalten. Die Taliban hätten gedroht, ihn zu töten, sollte er nicht, wie versprochen, kollaborieren. Er sei in der Folge bei seiner Tante geblieben und nur gelegentlich nach Hause gegangen, um sein e Haustiere zu füttern. Bei einem dieser Besuche habe er einen schriftlichen Drohbrief der Taliban gefunden. Nach diesen Ereignissen habe er sich in Kabul in einer·Klinik während ungefähr zwei Wochen psychiatrisch behan- deln lassen. Aufgrund der Drohungen und mangels Sc hutz durch die Be- hörden habe er sich dazu entschieden, Afghanistan zu verlassen. Er habe sich einen Pass ausstellen lassen, einen Schlepper organisiert und am 11. Dezember 2015 sein Heimatland von Kabul aus auf dem Luftweg Richtung Teheran verlassen. Später sei er über die Türkei nach Griechenland gereist und anschliessend ü ber die Ba lkanroute am 22. Januar 2016 in die Schweiz gelangt. In einer Eingabe an das SEM vom 20. April 2018 und der zweiten Anhörung vom 11. Juni 2019 ergänzte der Beschwerdeführer den Sachverhalt folgen- dermassen: Während seines Studiums an der Universität in Kabul sei Fark- hunda Malikzada brutal ermordet worden. Er (der Beschwerdeführer) habe sich bereits wä hrend l ängerer Zeit für Fraue nrechte stark gemacht und deshalb eine Demonstration organisieren wollen. Die Polizei habe ihm je- doch keine Erlaubnis gegeben. Er habe diverse Poster erstellt und diese innerhalb der Universität aufgehängt sowie auf Facebook veröffentlicht. Er habe sich dazu entschlossen, über Frauenrechte und die korrupte Haltung der Regierung sowie ein Buch über den Vorfall mit Fa rkhunda zu schrei- ben. Nach seiner Ausreise aus Afghanistan hätten sich am 8. November 2017 Polizisten zu Hause nach ihm erkundigt, da er verdächtigt worden sei, für die Taliban zu arbeiten. Die Polizei habe bei diesem Besuch seinen Computer mitgenommen. Da er die Fassung seines Buches über Frauen- rechte auf diesem Com puter gespeichert habe, hätten die Behörden nun Kenntnis über seine diesbezüglichen Aktivitäten. Die Polizisten seien im- mer wieder zu seiner Familie nach Hause gekommen. Da seine Familien- angehörigen wiederholt bedroht worden seien, hätten diese in den Iran flie- hen müssen. Ein weiterer Ausreisegrund seiner Familie sei zudem, dass er nach wie vor von den Taliban gesucht werde. Die Taliban hätten von seiner Familie seine Auslieferung verlangt. Die iranischen Behörden hätten von E-1605/2020 Seite 4 seiner Familie gefordert, dass ein Familienmitglied nach Syrien in den Krieg gehen müsse, damit die Familie eine Aufenthaltsbewilligung erhalte. Sein Vater habe sich geweigert und sei nach Kabul zurückgekehrt. Seine Familie habe den afghanischen Behörden erzählt, dass er (der Beschwer- deführer) bei einem Bootsunglück in Griechenland ums Leben gekommen sei, damit sie seine Familie in Ruhe lassen würden. Er möchte in der Schweiz ein Buch zu Frauen- und Menschenrechten in Afghanistan schrei- ben und veröffentlichen. Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen. Der Beschwerdeführer gab zum Nachweis seiner Herkunft seine Tazkara sowie Kopien der Pässe seiner Familienangehörigen zu den Akten. Zur Stützung seiner Angaben reichte er die folgenden Unterlagen als Be- weismittel ein: • Diverse Ausbildungsunterlagen, Zeugnisse und Zertifikate (Schule, Uni- versität) • Bilder betreffend "Farkhunda" • Arbeitsvertrag mit der (…) • Empfehlungsschreiben der (…) • Fotos (Kopien) seines verletzten Fusses nach seiner Flucht aus der Tali- ban-Gefangenschaft • Führerschein (Kopie) • Schreiben der Taliban Schliesslich brachte er vor, aufgrund seiner Erlebnisse sei er in Afghanistan und in der Schweiz in psychiatrischer Behandlung gewesen. B. Mit Verfügung vom 20. Februar 2020 stellte das SEM fest, der Beschwer- deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus d er Schweiz sowie den Wegweisungs- vollzug. E-1605/2020 Seite 5 Das SEM führte zur Begründung der Verfügung im Wesentlichen an, es schliesse nicht aus, dass der Beschwerdeführer in Kunduz Opfer einer Ent- führung durch die Taliban geworden sei, hingegen habe es schwerwie- gende Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner geltend gemachten Folgebedro- hungen durch die Taliban, die er nach der Flucht aus der Gefangenschaft erfahren haben solle. Seine Schilderungen dazu seien einerseits nicht sub- stantiiert und anderseits wenig nachvollziehbar ausgefallen, so dass zu be- zweifeln sei, dass er das Gesagte tatsächlich persönlich erlebt habe. Das SEM ziehe auch die Vorbringen bezüglich der angeblichen politischen Tätigkeiten und Interessen im Zusammenhang mit der Thematik um "Fark- hunda" in Zweifel, da der Beschwerdeführer den "Farkhunda-Fall" in der Erstbefragung und in der (ersten) vertieften Anhörung entgegen seiner späteren Behauptung nie in einem persönlichen Kontext und seine diesbe- züglichen Tätigkeiten in den vorherigen Befragungen mit keinem Wort er- wähnt habe. Es sei zudem unglaubhaft , dass ihn die afghanische Polizei eineinhalb Jahre nach seiner Ausreise der Kooperation mit den Taliban ver- dächtigt hätte. Es sei davon auszugehen, dass sich seine Ausführungen in Bezug auf seine politischen Tätigkeiten und die angeblichen Bedrohungen seitens der afghanischen Regierung auf eine konstruierte Geschichte stüt- zen würden, auf die er nicht näher habe eingehen können. In Bezug auf seine Aussage, seine Familie habe aufgrund des Druckes durch die afghanischen Behörden Afghanistan verlassen müssen, sei fest- zuhalten, dass seine Familienangehörigen Afghanistan mit ein em Visum und legal verlassen hätten. Es sei nicht nachvollziehbar, dass seine Familie einerseits vor den afghanischen Behörden geflohen sei und anderseits von diesen Behörden eine Ausreiseb ewilligung erhalten haben soll e. Hinzu komme, dass es aufgrund seiner früheren Aussagen in den Befragungen keine Hinweise darauf gebe, weshalb die afghanischen Behörden ein ge- steigertes Interesse an seiner Person haben sollten. Die vom Beschwerdeführer geschilderte Entführung durch die Taliban ver- möge keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG (SR 142.31) zu begrün- den. Es sei davon auszugehen, dass er zufällig und nicht gezielt von den Taliban entführt worden sei und auch andere Personen von der volatilen Situation betroffen gewesen seien, als die Taliban die Stadt Kunduz einge- nommen hätten. Es bestünden keine konkreten Hinweise, wonach es sich bei diesem Vorfall um eine gezielt gegen den Beschwerdeführer gerichtete Verfolgungsmassnahme aus den in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Gründen gehandelt habe. E-1605/2020 Seite 6 Der Wegweisungsvollzug sei zulässig und in Berücksichtigu ng des Refe- renzurteils des Bundesverwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 auch zumutbar, da vorliegend besonders begünstigende Umstände für eine Rückkehr nach Kabul zu bejahen und die Voraussetzungen gegeben seien, dass sich der Beschwerdeführer in Kabul eine wirtschaftliche Exis- tenz aufbauen könne. C. Mit Eingabe vom 19. März 2020 liess der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde einreich en und beantragen, es sei die Verfügung des SEM vom 20. Februar 2020 aufzu- heben, der Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben sowie wegen Unzu- lässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisu ngsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und die unent- geltliche Verbeiständung mit der Unterzeichnenden zu bewilligen sowie auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Es wurden verschiedene Unterlagen als Beweismittel zu den Akten ge- reicht, so Fotos der Familie aus dem Iran vom Januar 2020, die Kopie von Visa für den Iran der Mutter und des Bruders sowie dessen Frau und Kind. Zudem gab der Beschwerdeführer einen in der Schweiz abgeschlossenen Arbeitsvertrag vom 12. April 2019, ein Empfehlungsschreiben des Arbeit- gebers vom 11. März 2020, Lohnblätter September 2019 - Februar 2020, einen Mietvertrag vom 7. Mai 2019 und eine Krankenkassenpolice zu den Akten. Zur Begründung der Beschwerde wurde im Wesentlichen vorgebracht, im Ergebnis würden die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderun- gen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG (Substantiiertheit, Schlüs- sigkeit, Plausibilität und persönliche Glaubwürdigkeit) standhalten. Im Sinne einer Gesamtwürdigung sei es dem Beschwerdeführer gelungen, stichhaltig und glaubhaft darzutun, dass er aufgrund seiner Entführung und dem nichteingehaltenen Versprechen, mit den Taliban zu kollaborieren, ei- ner ernsthaften und gezielten Gefahr ausgesetzt (gewesen) sei. E-1605/2020 Seite 7 Die Vorinstanz werfe dem Beschwerdeführer pauschal Ungereimtheiten und Widersprüche vor. Alle der angeblichen Widersprüche und Ungereimt- heiten liessen sich klären. In einigen Punkten sei sodann fraglich, wie die Vorinstanz überhaupt zum Schluss gekommen sei , es handle sich dabei um einen W iderspruch. Die Vorinstanz werfe dem Beschwerdeführer an mehreren Stellen vor, sich gegenteilig geäussert zu haben, obwohl sie, wie aufgezeigt werden könne, selbst aufgrund ihrer Fragestellungen dafür ver- antwortlich sei. Ausserdem habe es die Vorinstanz unterlassen, diejenigen Elemente, welche für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerde- führers sprechen würden, im Rahmen einer Gesamtwürdigung zu berück- sichtigen. Damit zusammenhängend sei auf den im Asylverfahren gelten- den Untersuchungsgrundsatz gemäss Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG hin- zuweisen. Die Be hörde habe von Amtes wegen für die richtige und voll- ständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen, wobei sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene Umstände zu be- schränken hätten, welche die Betroffenen belasten würden, sondern auch die sie entlastenden Momente zu erfassen hätten. Als Eventualantrag wurde angeführt, falls das Bundesverwaltungsgericht vorliegend zum Schluss komme, dass der rechtserhebliche Sachverhalt nicht vollumfäng- lich abgeklärt worden sei und damit eine Verletzung des rechtlichen Gehörs des Beschwerdeführers vorliege, sei die Sache für weitergehende Abklä- rungen und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz sei auch die Befürchtung des Be- schwerdeführers, künftig Opfer einer Verfolgung durch Taliban zu werden, begründet und asylrelevant, da er als Kollaborateur der amerikanischen und Unterstützer der afghanischen Armee gelte und somit zu einer beson- ders gefährdeten Personengruppe gehöre, welche im Visier der Talib an stehe. Angesichts der aktuellen Situation in Afghanistan sei davon auszu- gehen, dass die afghanischen Sicherheitskräfte für Angehörige von Perso- nengruppen mit einem hohen Risikoprofil, so auch für den Beschwerdefüh- rer, weder in Kabul noch in einem anderen Teil von Afghanistan eine funk- tionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung stellen könn- ten. Bezüglich des Vollzuges der Wegweisung sei es überwiegend wahrschein- lich, dass der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan wegen seiner Anstellung bei der westlichen Firma « (…)» sowie seiner Kenntnisse über die afghanische Armee und insbesondere , weil er sich durch Flucht der Zusammenarbeit mit den Taliban entzogen habe, durch die Taliban gezielt verfolgt und schlimmstenfalls getötet werde. Dies stelle E-1605/2020 Seite 8 eine Verletzung von fundamentalen Menschenrechten dar, womit der Voll- zug der Wegweisung unzulässig und der Beschwerdeführer gestützt auf den Eventualantrag vorläufig aufzunehmen sei. Es könne auch der Auffassung der V orinstanz nicht g efolgt werden, der Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan sei aus individueller Sicht als zumutbar zu erachten. Vielmehr würden gewichtige Tatsachen dazu füh- ren, dass die Weg weisung als unzumutbar gelten mü sse, weil der Be- schwerdeführer im Falle der Rückkehr in eine existenzbedrohende Lage geraten würde. Bei einer Rückkehr nach Afghanistan bestehe ein begründetes Risiko der Verfolgung durch die Taliban, womit der Beschwerdeführer aufgrund der erhöhten ständigen Gefahr zwangsläufig in eine persönliche Notlage gera- ten würde, weshalb der Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan respek- tive Kabul bereits deshalb unzumutbar sei. Dem Beschwerdeführer sei nicht bekannt, wo sich seine Familie aktuell befinde. Er könne auch keinen Kontakt herstellen, da die Familie seit ihrer Ausreise (in den Iran) über kein eigenes Telefon verfüge, und er versuche verzweifelt, über Hilfsorganisationen Informationen über ihren Verbleib zu erhalten. Der Beschwerdeführer habe in seiner Heimat somit zum heutigen Zeitpunkt nachgewiesenermassen kein Beziehungsnetz mehr. Im Weiteren könne die wirtschaftliche Wiedereingliederung des Beschwer- deführers trotz seiner Ausbildung nicht als gesichert angesehen werden und es sei nicht ohne Weiteres anzunehmen, dass er in Kabul eine Arbeits- stelle finden würde. Alles in allem habe die Vorinstanz das Vorliegen von besonders begünsti- genden Umständen zu Unrecht bejaht. Der Beschwerdeführer sei deshalb infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gestützt auf das Even- tualbegehren vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. D. Mit Verfügung vom 23. März 2020 zeigte die Instruktionsrichterin den Ein- gang der Beschwerde an und teilte dem Beschwerdeführer mit, er könne den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten. E. Mit Verfügung vom 30. März 2020 wurde der Beschwerdeführer aufgefor-E-1605/2020 Seite 9 dert, innert Frist das der Verfügung beigelegte Formular «Gesuch um un- entgeltliche Rechtspflege» ausgefüllt und mit den nötigen Beweismitteln versehen beim Bundesverwaltungsgericht einzureichen. F. Mit Eingabe vom 17. April 2020 teilte der Beschwerdeführer mit, er sei ak- tuell dabei, alle nötigen Unterlagen zum Ausfüllen des Formulars «Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege» zu sammeln. Zufolge eines plötzlichen Todesfalls in seiner engsten Familie sei er zurzeit stark belastet und bitte, die Frist für die Einreichung des Gesuchs um unentgeltliche Rechtspflege um zwei Wochen zu erstrecken. Er stehe nun wieder im Kontakt mit seiner Familie im Iran. Die Familie habe vom Iran weiter in die Türkei reisen wollen, die Grenze zur Türkei sei jedoch geschlossen gewesen. Unterwegs sei seine Schwägerin F. schwer er- krankt und habe sich im Krankenhaus im Iran mit dem Coronavirus infiziert, woran sie im Alter von 21 Jahren verstorben sei. Seine Familie befinde sich nun in Teheran beim Onkel mütterlicherseits und habe sich infolge der Er- eignisse entschieden, im Iran zu bleiben. G. Mit Eingabe vom 21. April 2020 reichte der Beschwerdeführer das Formu- lar „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege" ausgefüllt und mit verschie- denen Beweismitteln versehen zu den Akten. H. Mit Schreiben vom 22. Mai 2020 teilte der Beschwerdeführer mit, mittler- weile miete die Familie im Iran eine eigene Wohnung, und reichte eine fo- tographische Ablichtung des Mietvertrages aus dem Iran inklusive einer beglaubigten Übersetzung ein. Der Mietvertrag belege, dass sich seine Fa- milie im Iran niedergelassen habe. Weiter wies er auf die kürzlich erfolgten Anschläge unter anderem auf ein Krankenhaus in Kabul hin. Bei zwei Anschlägen seien mindestens 40 Men- schen gestorben. Wie er bereits in der Beschwerdeschrift erwähnt habe, bestehe auch in Kabul und in dieser Region ein enormes Sicherheitsdefizit. Seine Wegeweisung wäre somit mangels eines tragfähigen sozialen Net- zes in Afghanistan und aufgrund des dortigen gravierenden Sicherheitsde- fizits unzumutbar. E-1605/2020 Seite 10 I. Mit Eingabe vom 5. August 2020 reichte der Beschwerdeführer ein Schrei- ben der zuständigen sozialen Dienste vom 3. August 2020 sowie ein Refe- renzschreiben (in der Schweiz wohnhafter) privater Personen vom 3. Juli 2020 zu den Akten. J. Mit Schreiben vom 1. Februar 2021 orientierte der Beschwerdeführer das Bundesverwaltungsgericht über die Einreichung eines Gesuches um Ertei- lung einer Aufenthaltsbewilligung nach Art. 14 Abs. 2 AsylG bei der zustän- digen kantonalen Behörde. Zudem bat er um Auskunft über den Stand des vorliegenden Verfahrens. K. Mit Schreiben vom 5. Februar 2021 beantwortete das Bundesverwaltungs- gericht die Anfrage des Beschwerdeführers nach dem Verfahrensstand. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn e von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). E-1605/2020 Seite 11 1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vor liegend anzuwendende Ge- setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom- men worden. 1.5 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein sch utz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 1.6 Vorliegend wurde in Anwendung von Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel verzichtet. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Als Eventualbegehren führt der Beschwerdeführer an, falls das Bundesver- waltungsgericht vorliegend zum Schluss komme, dass der rechtserhebli- che Sachverhalt nicht vollumfänglich abgeklärt worden sei und damit eine Verletzung des rechtlichen Gehörs des Beschwerdeführers vorliege, sei die Sache für weitergehende Abklärungen und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Dieses Begehren ist vorab zu prüfen, da eine Verletzung des Untersuchungsgebots allenfalls zu einer Kassation der an- gefochtenen Verfügung führen könnte. In der Beschwerde wird zwar in dem Sinne zu Recht auf den Untersuchungsgrundsatz gemäss Art. 12 VwVG hingewiesen, als dieser auch im Asylverfahren gilt, wonach die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtser- heblichen Sachverhalts zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Un- terlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat. Der Beschwerdeführer beruft sich aber im Zusammenhang mit der Glaubhaftmachung des vorge- tragenen Sachverhalts auf den Untersuchungsgrundsatz und scheint damit zu verkennen, dass die Frage der korrekten Würdigung des Sachverhaltes E-1605/2020 Seite 12 von der Frage zu trennen ist, ob der rechtserhebliche Sachverhalt hinläng- lich abgeklärt und erstellt worden ist. Zudem wird in der Beschwerdeschrift vorab bezüglich des Sachverhaltes festgehalten, es werde vollumfänglich auf die Befragung zur Person vom 29. Januar 2016, auf die Anhörung vom 17. Mai 2016 sowie auf die ergänzende Anhörung vom 11. Juni 2019 ge- mäss Art. 29 Abs. 1 AsylG verwiesen. Der Vorhalt in der Beschwerde, das SEM sei in verschiedenen Aspekten aufgrund der Fragestellung selbst für die entsprechenden unstimmigen Aussagen des Beschwerdeführers ver- antwortlich und die damit zumindest sinngemäss erhobene Rüge, das SEM habe diesbezüglich den Sachverhalt unrichtig festgestellt, ist unbegründet. Vielmehr dienten die entsprechenden Fragen gerade der möglichen Erhel- lung und somit der Abklärung des Sachverhaltes. Widersprüchliches und unstimmiges Aussageverhalten vermag den geltend gemachten Sachver- halt zwar unrichtig erscheinen zu lassen, aber in objektiver Hinsicht nich t zu verfälschen. Pflichtgemässes Abklären im Asylbereich beinhaltet , be- sorgt zu sein, d en vorgetragenen Sachverhalt im Rahmen der objektiven Möglichkeiten in rechtserheblicher Hinsicht hinreichend zu erfassen. Vorliegend ist nicht ersichtlich, inwiefern das SEM nicht pflichtgemäss da- für gesorgt hätte, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig abzuklären. Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes durch das SEM ist nicht erkennbar. Das entsprechende Eventualgehren ist abzuwei- sen und das Gericht hat in der Sache zu entscheiden (Art. 61 VwVG). 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu w erden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we- gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Aus- druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat be- stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei der Gesetzgeber die Einhaltung der F lüchtlingskonvention ausdrücklich vorbehält (Art. 3 Abs. 4 AsylG). E-1605/2020 Seite 13 4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.4 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub- haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen). 5. Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abgelehnt hat. Sie hat in ihrem Entscheid mit Verweis auf die ent- sprechenden Aktenstellen nachvollziehbar dargelegt, aus welchen Grün- den sie einerseits in entscheidwesentlichen Aspekten von der fehlenden Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen und andererseits in Berücksichtigung der landesspezifischen Gegebenheiten von flüchtlingsrechtlich nicht beachtli- chen Umständen ausgegangen ist. Die Ausführungen des SEM zeichnen sich unter Berücksichtigung der gesamten Aktenlage durch eine ausgewo- gene und objektiv nachvollziehbare Einschätzung des Aussageverhaltens des Beschwerdeführers aus. Die Entgegnungen in der Beschwerdeschrift vermögen daran in für den Entscheid relevanter Hinsicht nichts zu ändern. 5.1 Die Einschätzung des SEM ist insofern nicht zu beanstanden, als es nicht nachvollziehbar erscheint, dass der Beschwerdeführer in Berücksich- tigung des länderspezifischen Gefahrenpotentials höchst verfängliche Aus- weispapiere stets mit sich getragen haben will. So muss das Vorbringen des Beschwerdeführers, er habe im September 2015 Ausweise seiner früheren Arbeitgeber aus dem Jahre 2011 (so etwa einen Badge der […] sowie einen Militärausweis) auf sich getragen, die von den Taliban be- schlagnahmt worden seien, ernsthaft in Zweifel gezogen werden. Es ist mit dem SEM einig zu gehen, dass es vernünftigerweise nicht einsichtig ist, weshalb er vier Jahre nach seiner Kün digung und unter Berücksichtigung der instabilen politischen Lage in Afghanistan diese Ausweise nach wie vor auf sich getragen habe, zumal er angab, bereits im Jahr 2011 von Taliban bedroht gewesen zu sein ( A24/16 F64, F75). Die entsprechende grund- sätzliche Gefahr müsste dem Beschwerdeführer ohne Weiteres bewusst E-1605/2020 Seite 14 gewesen sein. Auch ist vor dem Hintergrund, dass er auf dem militärischen (…)gelände in Kabul gearbeitet habe, in der Tat davon auszugehen, dass die afghanischen Behörden beziehungsweise sein Arbei tgeber bei seiner Kündigung die sensiblen Ausweise eingezogen hätten. Es bestehen dem- nach mit guten Gründen schwerwiegende Zweifel daran, dass die Taliban einerseits derartige Ausweise bei ihm gefunden und in der Folge ein Inte- resse an seiner Person gehabt hätten. Die entsprechenden Entgegnungen in der Beschwerde vermögen das Gericht nicht zu überzeugen, wenn etwa vorgebracht wird, der Beschwerdeführer habe widerspruchsfrei und an- schaulich erklärt, immer alle seine Dokumente bei sich zu tragen und in seinem Portemonnaie viele Karten aufzubewahren, und auch heute noch in seinem Portemonnaie aus Gewohnheit viele veraltete Karten auf zube- wahren. Die weiteren Erklärungsversuche, es sei gerade wegen der insta- bilen politischen Lage verständlich, dass der Beschwerde führer wichtige Ausweise immer habe bei sich tragen wollen, und da die politische Lage in Afghanistan unberechenbar sei, sei es für die Betroffenen von enormer Be- deutung, wichtige Dokumente immer griffbereit zu haben, sind unbehelf- lich. Gleiches gilt für das Vorbringen, in den militärischen Auseinanderset- zungen in Afghanistan könne es für die einheimische Bevölkerung, insbe- sondere junge Männer, ausserdem auch von Vorteil sein, sich gegenüber westlichen Streitkräften ausweisen zu können. Dieser angebliche Vo rteil vermag die gegenübergestellte ernsthafte Gefährdung anlässlich einer Kontrolle durch die Taliban in keinem vernünftigen Verhältnis erscheinen zu lassen, was auch dem Beschwerdeführer mit Bestimmtheit hätte be- wusst sein müssen. 5.2 Mit dem SEM ist auch einig zu gehen, dass die Ausführungen des Be- schwerdeführers in Bezug auf die konkreten Befragungen der Taliban wäh- rend seiner Gefangenschaft unsubstanziiert ausgefallen sind und er die Befragungen und die Befragungsumstände während seiner Gefangen- schaft nur unzureichend beschreiben konnte (A 13/14 F26-27; A24/16 F77- 85). Es wäre aufgrund der eindrücklichen Natur und der einschneidenden Besonderheit einer solchen Erfahrung zu erwarten, dass er im Stande ge- wesen wäre, über die entsprechenden Umstände detaillierter zu berichten, wenn er sie tatsächlich erlebt hätte. Die Aktenlage und das Aussageverhal- ten des Beschwerdeführers lassen die Annahme persönlicher Befragungen durch die Taliban in der geltend gemachten Form, und somit einer entspre- chenden persönlichen Bedrohungslage, nicht zu. Der in der Beschwerde- schrift zum Ausdruck gebrachte bloss gegenteilige Standpunkt vermag an der Einschätzung des Gerichts nichts zu ändern. E-1605/2020 Seite 15 5.3 Ebenso ist das Vorbringen der weiteren Bedrohungssituation durch die Taliban ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Angesichts der angeblichen lebens- bedrohlichen Anfeindungen durch die Taliban ist vernünftigerweise nicht erklärbar, dass der Beschwerdeführer, nachdem er sich in Kabul zu seiner Tante begeben habe, wenige Tage danach , ohne spezielle Sicherheits- massnahmen vorzukehren, nach Hause zurück gekehrt sei, um die Tiere füttern zu gehen. Auch nach eigener Einschätzung des Beschwerdeführers verfügten die Taliban in Kabul über ein engmaschiges Netz. Deshalb hätte ihm gewahr sein müssen, dass Mitglieder der Taliban jederzeit bei ihm zu Hause Zugriff auf ihn hätten nehmen können, zumal er gemäss eigenen Angaben während der angeblichen Verhöre in Kunduz detaillierte Informa- tionen bis hin zur Telefonnummer seiner Familie in Kabul offengelegt habe, was jedoch aufgrund der vorangegangenen Erwägungen wiederum in Zweifel zu ziehen ist. Auch die diesbezüglichen Erklärungsversuche in der Rechtsmitteleingabe, der Beschwerdeführer habe Angst um seine Familie gehabt und nicht zugelassen, dass sich diese in Gefahr brächten, er habe sein Haus in den Wirren des Alltags besucht, um möglichst wenig aufzufal- len und er habe trotz der Bedrohungssituation seine Haustiere nicht einfach verhungern lassen wollen, vermögen das Gericht nicht zu überzeugen. 5.4 Das Gericht stützt die Feststellung des SEM, dass dem ins Recht ge- legten Drohschreiben der Taliban an den ehemaligen Arbeitgeber des Be- schwerdeführers kein Beweiswert zukommt. Es ist dem Gericht auch be- kannt, dass solche Schreiben un ter anderem käuflich beschafft werden können. Das SEM hat zudem zu Recht festgehalten, es verwundere, dass der Beschwerdeführer keinen Drohbrief eingereicht habe, der an ihn per- sönlich adressiert sei, zumal er lediglich von Drohanrufen und Drohschrei- ben, die im Haus sein er Familie deponiert worden seien, berichtet habe . Die Entgegnung in der Beschwerde, das Schreiben der islamischen Emi- rate sei an den damaligen Arbeitgeber des Beschwerdeführers adressiert gewesen und die Taliban hätten damit versucht, den B eschwerdeführer über den Arbeitgeber ausfindig zu machen, zielt an der Argumentation des SEM vorbei und ist demnach wenig hilfreich. 5.5 In einer Gesamtbeurteilung der Aktenlage kommt das Gericht zum Schluss, dass der Beschwerdeführer keine Bedrohungslag e seitens der Taliban glaubhaft gemacht hat. 5.6 Der Beschwerdeführer machte anlä sslich der ergänzenden Anhörung politische Tätigkeiten und Interessen geltend – was er in den vorher igen Befragungen mit keinem Wort erwähnt ha tte –, und gab an, er habe sich E-1605/2020 Seite 16 während seiner Studienzeit für Frauenrechte eingesetzt, und nachdem es zum Tötungsvorfall mit "Farkhunda" gekommen sei, habe er eine Demonst- ration organisieren wollen, die ihm die Polizei jedoch nicht erlaubt habe. Es ist aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich, dass aus diesem Kontakt mit der Polizei und in diesem Zusammenhang gegen den Beschwerdeführer bis zu seiner Ausreise aus dem Heimatland irgendwelche Massnahmen von flüchtlingsrechtlicher Relevanz ergangen wären. 5.7 Das SEM zieht denn auch die Vorbringen bezüglich der angeblichen politischen Tätigkeiten und Interessen im Zusammenhang mit der Thema- tik um "Farkhunda" zu Recht in Zweifel, da der Beschwerdeführer den "Farkhunda-Fall" in der Erstbefragung und in der (ersten) vertieften Anhö- rung entgegen seiner späteren Behauptung nie in einen persönlichen Kon- text gebracht und seine diesbezüglichen Tätigkeiten in den vorherigen Be- fragungen mit keinem Wort erwähnt habe. Der Beschwerdeführer hätte ins- besondere an der ersten einlässlichen Anhörung hinreichend Gelegenheit gehabt, allfällige politische Tätigkeiten in Afghanistan offenz ulegen. Er wurde anlässlich der ergänzenden Anhörung denn auch mehrfach gefragt, weshalb er diese angeblichen Bedrohungen durch die afghanisc hen Be- hörden nicht erwähnt habe. Er beharrte darauf, in der Anhörung darüber gesprochen zu haben, und meinte, eventuell sei es nic ht aufgeschrieben worden (A24/16 F12, F26-27). Das SEM hielt in der angefochtenen Verfü- gung zutreffend fest, dass diese Erklärung nicht zu überzeugen vermag und in der Anhörung alle Fragen und Aussagen protokolliert wurden, dem Beschwerdeführer das Anhörungsprotokoll sodann auch rückübersetz t wurde und er mit seiner Unterschrift die Richtigkeit und damit auch die Voll- ständigkeit seiner Aussagen bestätigte. Es ist in der Tat davon auszuge- hen, dass sich seine Ausführungen in Bezug auf seine politischen Tätigkei- ten und die angeblichen Bedrohungen seitens der afghanischen Regierung auf eine konstruierte Geschichte stützen, die er zudem, wie nachstehend festzustellen ist, auf Nachfrage auch nicht näher mit konkreten und nach- vollziehbar aufschlussreichen Angaben hat glaubhaft darlegen können. 5.8 Das SEM stellte auch zutref fend fest, dass es aufgrund d er früheren Aussagen des Beschwerdeführers in den Befragungen keine Hinweise da- rauf gibt, weshalb die afghanischen Behörden ein gesteigertes Interesse an seiner Person haben sollten. Auf die Frage anlässlich der ergänzenden Anhörung nach den konkreten Problemen und woher der Beschwerdefüh- rer wisse, dass er auf der 'Blacklist' der afghanischen Regierung registriert sei, gab er, wie das SEM unter Angabe der entsprechenden Aktenstelle E-1605/2020 Seite 17 richtigerweise erkannte, nur ausweichend und nicht überzeugend zur Ant- wort, er habe einen Brief des islamischen Emirates erhalten und für ihn stelle sich die Frage, weshalb die Taliban ein Büro im Emirat hätten, obschon sie eine terroristische Gruppierung seien. Der Beschwerdeführer war demnach nicht in der Lage, auf die angeblichen Bedrohungen seitens der afghanischen Regierung näher und konkret einzugehen. Es sind dem- nach auch keine vernünftigerweise nachvollziehbaren Anhaltspunkte glaubhaft gemacht oder ersichtlich, dass ihn die afghanische Polizei ein- einhalb Jahre nach seiner Ausreise der Kooperation mit den Taliban ver- dächtigt hätte. 5.9 Im Weiteren ist anzumerken, dass für die legale Ausreise afghanischer Staatsbürger aus Afghanistan ein gültiges Reisedokument und ein entspre- chendes Einreisevisum für jedes beabsichtigte Reiseziel erforderlich ist. Aufgrund der dem Gericht vorliegenden Quellen kann auch davon ausge- gangen werden, dass Ein- und Ausreisende am internationalen Flughafen von Kabul Kontrollen an verschiedenen Checkpoints der Sicherheitsbehör- den passieren müssen (https://www.dfat.gov.au/sites/default/files/ country-information-report-afghanistan.pdf; https://liveandletsfly.com/ka- bul-international-airport-and-departing-afghanistan/; zuletzt besucht im Mai 2021). Gestützt darauf weist der Umstand, dass der Beschwerdeführer mit seinem authentischen Reisepass über den Flughafen von Kabul nach Teheran offenbar ohne Probleme aus Afghanistan ausreisen konnte (A4/12 Pt. 2.05 und A13/14 F45), darauf hin, dass er seitens der afghanischen Behörden nicht verfolgt und aktiv gesucht wurde. 5.10 Das SEM erkannte zu Recht darauf, dass der Umstand, wonach der Beschwerdeführer im Rahmen der Ereigni sse in Kunduz Opfer einer Ent- führung d urch die Taliban geworden ist, keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu begründen vermag und auf die volatile Sicherheitslage und die damalige Präsenz der Taliban in der Pr ovinz Kunduz zurückzuführen ist, wovon die gesamte lokale Bevölkerung betroffen war. Es ist aufgrund der Aktenlage davon auszugehen, dass er zufällig und nicht gezielt von den Taliban entführt wurde, da keine konkreten Hinweise bestehen, wonach es sich bei diesem Vorfall um eine gezielt gegen den Beschwerdeführer ge- richtete Verfolgungsmassnahme aus den in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Gründen gehandelt hat. Es ist aus den bereits genannten Gründen zudem nicht ersichtlich, dass ihm seitens der Taliban mit beachtlicher Wahrschein- lichkeit gezielt ernsthafte Nachteile in flüchtlingsrechtlich relevantem Sinne erwachsen würden. E-1605/2020 Seite 18 5.11 Der Beschwerdeführer vermochte auch nicht glaubhaft darzulegen, dass ihn nach seiner Ausreise aus Afghanistan Polizisten am 8. November 2017 bei seiner Familie aufgesucht hätten, da er verdächtigt worden sei, mit den Taliban zusammenzuarbeiten. Es sind vor dem Hintergrund des Lebenslaufes und des familiären Umfeldes des Beschwerdeführers keine nachvollziehbaren Gründe ersichtlich, weshalb ih n die afghanischen Be- hörden eineinhalb Jahre nach seiner Ausreise der Kooperation mit den Ta- liban verdächtigt haben sollten. Und gerade bei Wahrunterstellung des Vor- bringens, die Polizei habe anlässlich des Besuches bei der Familie – aus welchem Anlass auc h immer – seinen Computer mitgenommen und auf diese Weise erfahren, dass er sich mit Frauen- und Menschenrechten aus- einandersetzen würde, spräche dies deutlich gegen eine Kooperation mit den Taliban. Daraus kann auch kein Grund abgeleitet werden, dass der Beschwerdeführer infolge seines Engagements für Frauenrechte von der afghanischen Regierung verfolgt werden sollte, da die Bestrebung der of- fiziellen Haltung der regierenden Behörde gerade im diame tralen Gegen- satz zu den Taliban die Förderung der Rechte der Frau anstrebt. 5.12 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer we- der eine asylrelevante Verfolgung in seinem Heimatstaat nachweisen oder glaubhaft machen konnte, noch im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Afghanis- tan begründete Furcht vor zukünf tiger Verfolgung vorlag. Es ist auch im heutigen Zeitpunkt nicht anzunehmen, dass er gezielt im Fokus der Taliban stehen würde oder die afghanischen Behörden ihn als staatsgefährdend einstufen würden und er deshalb flüchtlingsrechtlich relevante Massnah- men zu befürchten hätte. Die Entgegnungen , Erläuterungen und Erklä- rungsversuche in der Beschwerdeschrift vermögen in entscheidwesentli- cher Hinsicht zu keiner gegenteiligen Betrachtungsweise zu führen. 5.13 Insgesamt ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine Verfol- gung oder begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konnte und deshalb nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. Das SEM hat sein Asylgesuch somit zu Recht abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). E-1605/2020 Seite 19 6.2 Mit Verfügung vom 7. April 2021 erklärte sich die zuständige kantonale Behörde nicht bereit, das Gesuch des Beschwerdeführers vom 1. Februar 2021 um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 14 Abs. 2 AsyIG dem SEM zur Zustimmung zu unterbreiten. 6.3 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. E-1605/2020 Seite 20 7.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da der Beschwerde- führer k eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen vermag, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grund- satz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist dem- nach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Rück- kehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus- gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes fü r Men- schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un- menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge- gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4 7.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.4.2 Das SEM stellte unter Hinweis auf das Referenzurteil D -5800/2016 vom 13. Oktober 2017 fest, es sei im Falle des Beschwerdeführers von besonders begünstigenden Umständen auszugehen, die für die Zumutbar- keit des Wegweisungsvollzugs des Beschwerdeführers sprächen. Er habe seit Geburt bis zu seiner Ausreise in Kabul gelebt , wo er die Universität besucht, sein Studium abschlossen und nebenbei gearbeitet habe. Ange- sichts dessen sei davon auszugehen, dass er dort über ein Beziehungs- netz verfüg e und mit seinem unive rsitären Abschluss eine Arbeitsstelle E-1605/2020 Seite 21 finde. Sein hohes Bildungsniveau und seine Aussagen während der Befra- gungen liessen auch darauf schliessen, dass er aus guten wirtschaftlichen Verhältnissen stamme (A13/14 F23, F46 -48). Er habe zudem in Kabul seine Eltern und Geschwister und sei somit bei der Rückkehr nicht auf sich allein gestellt (A24/ 16 F39-41). Des Weiteren sei er ein junger, alleinste- hender Mann bei unterdessen guter Gesundheit. Gemäss seinen Aussa- gen habe er sich nach den Ereignissen in Afghanista n in der Schweiz in psychiatrische Behandlung begeben. Seit Mitte 2018 gehe es ihm diesbe- züglich viel besser (A24 /16 F7). Damit seien die Voraussetzungen gege- ben, dass er sich in Kabul eine wirtschaftliche Existenz aufbauen könne. 7.4.3 Dieser Einschätzung hielt der Beschwerdeführer in der Rechtsmitte- leingabe im Wesentlichen entgegen, er habe in seiner Heimat zum heuti- gen Zeitpunkt nachgewiesenermassen kein Beziehungsnetz mehr. Im Wei- teren könne seine wirtschaftliche Wiedereingliederung trotz seiner Ausbil- dung nicht als gesichert angesehen werden. Alles in allem habe die V or- instanz das Vorliegen von besonders begünstigenden Umständen zu Un- recht bejaht. Im Verlaufe des Beschwerdeverfahrens teilte er mit, mittler- weile miete die Familie im Iran eine eigene Wohnung, und reichte eine Fo- toablichtung des Mietvertrages ein. Der Mietvertrag belege, dass sich seine Familie im Iran niedergelassen habe. Es bestehe auch in Kabul und in die- ser Region ein enormes Sicherheitsdefizit. Ein Wegeweisungsvollzug wäre somit mangels eines tragfähigen sozialen Netzes in Afghanistan und auf- grund des dortigen gravierenden Sicherheitsdefizits unzumutbar. 7.4.4 Das Bundesverwaltungsgericht hat in dem von der Vorinstanz er- wähnten, als Referenzurteil publizierten Urteil D-5800/2016 vom 13. Okto- ber 2017 eine ausführliche Lageanalyse zur Situation in der afghanischen Hauptstadt Kabul vorgenommen (vgl. E. 6.3 ff.). Danach ist die Lage in Ka- bul grundsätzlich als existenzbedrohend und somit unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Von dieser Regel kann abgewichen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen werden kann. Solche begünstigenden Voraussetzungen können grundsätzlich nament- lich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt. Erforderlich ist ein soziales Netz, das sich im Hin- blick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkehrend en insbe- sondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur E-1605/2020 Seite 22 sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Ebenso ist ent- scheidrelevant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliede- rung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit dem Beziehungs- netz begünstigt werden kann. Das Vorliegen der Anforderungen ist in je- dem Einzelfall zu prüfen. Zusammenfassend ergibt sich, dass eine Wegweisung nach Kabul bei Vor- liegen besonders begünstigender Voraussetzungen – so insbesondere für alleinstehende, gesunde Männer mit einem tragfähigen Beziehungsnetz, einer Möglichkeit zur Sicherung des Existenzminimums und einer gesi- cherten Wohnsituation – als zumutbar zu qualifizieren ist. 7.4.5 Der Beschwerdeführer lebte seit Geburt bis zu seiner Ausreise in Ka- bul, wo er die Universität besuchte, sein Studium abschloss und nebenbei arbeitete. Es ist davon auszugehen, dass er dort über ein soziales Bezie- hungsnetz verfügt und dieses als tragfähige Basis wiederaufleben lassen kann. Entgegen der im Verlaufe des Beschwerdeverfahrens vertretenen Ansicht ist die Einreichung des Mietvertrages kein hinreichender Beweis, dass sich seine (ganze) engere Familie im Iran dauerhaft und definitiv nie- dergelassen hat. Abgesehen davon verlangt ein tragfähiges soziales Be- ziehungsnetz nicht zwingend die Anwesenheit der engsten Familienange- hörigen in Kabul, sondern kann auch anderweitig gestaltet sein oder gebil- det werden. Aufgrund der Aktenlage besitzt der Beschwerdeführer mit sei- ner in Kabul wohnhaften Tante mütterlicherseits und deren Familie und ei- nem Onkel mütterlicherseits (A24/16 F46 ; in Widerspruch dazu A13/14 F19, wonach er keine Onkel und Tanten mütterlicherseits in Afghanistan habe) mehrere verwandtschaftliche Anknüpfungspunkte, wodurch er bei ei- ner dortigen Ankunft nicht auf sich selbst gestellt wäre und zumindest in der Anfangs- und Überbrückungsphase mit einer gesicherten Wohnsitua- tion zu rechnen ist, die er aufgrund seine s Alters und seiner Berufsausbil- dung – falls notwendig – selbständig sicherstellen könnte. Im Weiteren le- ben im Umkreis des Elternhauses des Beschwerdeführers in Kabul offen- bar mehrere andere Verwandte (A24/16 F41: " Rund um uns leben unsere Verwandten."). Zudem ist seine Familie im Wohnquartier in Kabul weit be- kannt (A24/16 F19: "Jeder kennt uns an diesem Ort"). Mit seinem universi- tären Abschluss dürfte er eine Arbeitsstelle finden oder selbständig tätig werden. Aufgrund der Aktenlage ist zu schliessen, dass er aus weit über- durchschnittlich guten wirtschaftlichen Verhältnissen stammt (A24/16 F50: "Meine Mutter hat viele Ländereien von ihrem Vater geerbt. Es ist wirklich E-1605/2020 Seite 23 viel"). Auch dies trägt begünstigend dazu bei, dass er sich in Kabul allen- falls mit der finanziellen Unterstützung seiner Familie eine wirtschaftliche Existenz aufbauen kann. Insgesamt kann beim Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Ka- bul mit guten Gründen von besonders begünstigenden Voraussetzungen im Sinne der Rechtsprechung ausgegangen werden. Aufgrund der Aktenlage sind keine medizinischen Gründe ersichtlich, die gegen den Vollzug einer Wegweisung sprechen könnten. Demnach erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 7.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 7.6 Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang mit der weltweiten Aus- breitung der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) sind aufgrund ihrer vorüber- gehenden Natur nicht geeignet, die obigen Schlussfolgerungen in Frage zu stellen. Würden diese im vorliegenden Fall den Vollzug der Wegweisung vorübergehend verzögern, so würde dieser zwangsläufig zu einem späte- ren, angemessenen Zeitpunkt erfolgen ( vgl. Urteile der BVGer D-1557/2020 und D-1554/2020 vom 23. April 2020 E. 7.4, E-895/2020 vom 15. April 2020 E. 9.6). 7.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten im Betrage von Fr. 750.– dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; E-1605/2020 Seite 24 Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 9.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, da der Beschwerdeführer aufgrund seines Erwerbseinkommens, der verfügbaren finanziellen Mittel und in Anbetracht des Betrages der (gesamten) Kosten des Verfahrens nicht als prozessbedürftig zu bezeichnen ist. 9.2.1 Gemäss dem Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung an das SEM vom 1. Februar 2 021 – das der Beschwerdeführer dem Gericht in Kopie zukommen liess – arbeitet er seit dem 29. Oktober 2018 bei der (…), wurde am 16. Mai 2019 als Betriebsmitarbeiter festangestellt, ist seit dem 30. November 2018 von der Sozialhilfe unabhängig und bestreitet sei- nen Lebensunterhalt selbständig. Aufgrund der Aktenlage steht er in unge- kündigtem Arbeitsverhältnis. Aus den vom Beschwerdeführer eingereichten Unterlagen ist von einem durchschnittlichen Netto -Monatsgehalt von Fr. 4884.– (inklusive Anteil 13. Mo natslohn) auszugehen. Als ausgewiesene monatliche Abzüge macht er Miet -Kosten von Fr. 990.–, rund Fr. 400.– Krankenkassenbei- träge, Fr. 616.– Quellensteuern und sonstige Ausgaben von rund 100.– (Swisscom-Abo und Gemeindeabgaben) sowie Kosten von Fr. 280.– für den öffentlichen Verkehr geltend. Die vom Beschwerdeführer in Abzug ge- brachten Kosten für auswärtige Verpflegung von Fr. 1'200. – (30x40) wären als erheblich überhöht zu erachten, sind jedoch ohnehin nicht belegt und finden demnach keine Berücksichtigun g (vgl. etwa Urteil des BVGer D-592/2020 vom 18. März 2020 E. 8.1). In Rechnung zu stellen ist zudem ein Grundbetrag von Fr. 1'200.– plus 20%, ausmachend Fr. 1440.–. 9.2.2 Daraus ergibt sich ein prozessualer Zwangsbedarf von Fr. 3826.–, dem ein relevantes Einkommen von Fr. 4884.– gegenübersteht, woraus ein monatlicher Überschuss von Fr. 1058.– resultiert. Dies ergibt wiederum ei- nen jährlichen Überschuss von Fr. 12'696.–. Die unentgeltliche Prozess- führung wird dann nicht zugesprochen, wenn der Überschus s ausreicht, die Verfahrens - und Anwaltskosten innerhalb eines Jahres zu tilgen (vgl. etwa Abschreibungsentscheid des BVGer C -328/2018 vom 21. No- vember 2018 E. 3.5). Anwaltskosten wurden vorliegend nicht geltend ge- macht und von einem kostspieligen V erfahren kann nicht ausgegangen werden. Bei Annahme eines vorliegend angemessenen Aufwandes der Rechtsvertretung von Fr. 1'200.– und der zu erhebenden Verfahrenskosten E-1605/2020 Seite 25 von Fr. 750.– ergeben sich Gesamtkosten für das Verfahren von Fr. 1'950.– Eine Prozessbedürftigkeit des Beschwerdeführers ist damit nicht gegeben. 9.3 Bei dieser Sachlage ist auch das Gesuch um Beiordnung eines amtli- chen Rechtsbeistandes abzuweisen. (Dispositiv nächste Seite) E-1605/2020 Seite 26 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch unentgeltliche Prozessführung wird abgewiesen. 3. Das Gesuch um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes wird abge- wiesen. 4. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Gabriela Freihofer Christoph Berger Versand: