2022 1 Beweiswert von Beurteilungen versicherungsinterner Ärzte – Art. 43 Abs. 1 ATSG; Art. 49 Abs. 1 und 2 IVV. Bei vorliegend äusserst dürftigen medizinischen Unterlagen, fehlenden fachärztli- chen Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen, verschiedenen nicht untersuchten Beschwer- deschilderungen und unklaren Gründen für einen weiteren Behandlungs -/Opera- tionsverzicht ist eine RAD -Aktenbeurteilung ohne eigene Untersuchung nicht be- weiswertig (E. 5.2). Der Sachverhalt ist ungenügend abgeklärt (E. 5.3). OGE 63/2021/27 vom 16. August 2022 Keine Veröffentlichung im Amtsbericht Sachverhalt Der Beschwerdeführer war zunächst als selbständigerwerbender Maurer tätig, be- vor er sein Geschäft nach eigenen Angaben wegen starker Arthrose aufgab. Unter Hinweis darauf meldete er sich bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle Schaffhausen wies das Leistungsbegehren ab. Aus den Erwägungen 2.2. Die notwendigen Abklärungen nimmt der Versicherungsträger von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein (Art. 43 Abs. 1 ATSG). Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, gilt der Be- weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit. Die blosse Möglichkeit eines be- stimmten Sachverhalts genügt den Beweisanfor derungen nicht (BGE 138 V 218 E. 6 S. 221 f.). Wie die einzelnen Beweismittel zu würdigen sind, schreibt das Bun- desrecht nicht vor. Gemäss dem Grundsatz der freien Beweis würdigung sind die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu wür digen (BGE 132 V 93 E. 5.2.8 S. 105). Bei Beurteilungen versicherungsinterner Ärzte genügen bereits geringe Zweifel an der Zuverlässig- keit und Schlüssigkeit, damit erg änzende Abklärungen vorzu nehmen sind (BGE 139 V 225 E. 5.2 S. 229). […] 2022 2 4.3. Am 6. Oktober 2020 stellte der RAD-Arzt fest, dass keine aktuellen medizi- nischen Berichte vorlägen. Die Funktionseinschränkungen der rechten Schulter und des linken Handgelenks seien durch die nachgewiesenen schweren degene- rativen Veränderungen hinreichend erklärt. Die bisherige Tätigkeit als Maurer sei aufgrund der hohen Hand - und Schulterbelastung spätestens seit dem ersten or- thopädischen Bericht vom 8. Mai 2019 nicht mehr geei gnet. Der fehlende Thera- piebedarf spreche gegen einen hohen Leidensdruck im Alltag. Deshalb könne da- von ausgegangen werden, dass unbelastete Tätigkeiten medizinisch -theoretisch zumutbar seien. Nachdem der Beschwerdeführer im Einwandverfahren weitere Arztberichte einge- reicht hatte (…), fasste der RAD-Arzt am 31. Mai 2021 zusammen, die Arthrosen der linken Handwurzel und der rechten Schulter seien durch Arztberichte belegt und im Belastungsprofil berücksichtigt worden. Eine spezifische Behandlu ng seit Sommer 2019 sei nicht dokumentiert. Die vom Beschwerdeführer mit Einwand vom 22. April 2021 (neu) auch geltend gemachten Arthrosen in Knie- und Hüftgelenken, der linken Schulter und rechten Hand sowie behandlungsbedürftigen Beschwerden der Wirbelsäule seien nicht aktenkundig. Zudem seien in einem aktuellen internis- tischen Bericht des Kantonsspitals Schaffhausen vom 26. Mai 2021 – diskrepant zu den Angaben des Beschwerdeführers – frei bewegliche Extremitäten und eine schmerzfreie Wirbelsäule beschrieben worden. Aus medizinischer Sicht könne fer- ner eine rheumatologische Diagnostik und Behandlung der behaupteten Be- schwerden erwartet und zugemutet werden. Demnach lägen keine medizinischen Befunde vor, welche eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in einer leidensadap- tierten Tätigkeit gemäss Belastungsprofil begründen würden. 5. Zu prüfen ist, ob die IV -Stelle gestützt auf die versicherungsmedizinische Beurteilung durch den RAD zu Recht eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit annahm. 5.1. Mit de m RAD -Arzt kann davon ausgegangen werden, dass die ange- stammte Tätigkeit als Maurer aufgrund der dokumentierten schweren Arthrosen in der rechten Schulter und der linken Hand nicht mehr zumutbar ist. Ansonsten ver- mag seine Beurteilung jedoch in mehrfacher Hinsicht nicht zu überzeugen. So er- kannte er keinen Therapiebedarf, obschon der den Beschwerdeführer behan- delnde Dr. med. A. mit der von ihm vorgesehenen Implantation einer Schulter-TEP einen erheblichen Eingriff als erforderlich erachtete und Dr. med. B. in Anbetracht des erheblichen radiologischen Befunds (fortgeschrittener karpaler Kollaps [SLAC wrist Stadium 3]) zum Schluss kam, es sei "sicherlich jeglicher Eingriff" zu recht- fertigen (…). Selbst wenn Therapieoptionen tatsächlich fehlten (bzw. in der Fol ge 2022 3 aus ungeklärt gebliebenen Gründen nicht wahrgenommen wurden), könnte daraus allein jedenfalls nicht auf eine generelle Zumutbarkeit "unbelasteter" Tätigkeiten geschlossen werden. Im Übrigen äusserten sich weder Dr. med. A. noch Dr. med. B. zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers. Unplausibel bzw. unsorg- fältig ist die Argumentation des RAD-Arztes, in einem "aktuellen" Bericht der Klinik für Innere Medizin am Kantonsspital Schaffhausen seien alle Extremitäten als frei beweglich und die Wirbelsäule als k lopfindolent beschrieben worden, was einen Widerspruch zu den Vorbringen des Beschwerdeführers darstelle. Abgesehen da- von, dass dieser Bericht die Untersuchung des Beschwerdeführers wegen eines Exanthems betraf und die kursorische übrige Befundaufnahme dem nach keiner fachärztlichen Beurteilung von Bewegungseinschränkungen der Wirbelsäulen oder weiterer Extremitäten gleichgesetzt werden kann, erfolgte die entsprechende am- bulante Untersuchung am 28. Juli 2015, was dem RAD -Arzt hätte auffallen müs- sen. 5.2. Bezüglich der vom Beschwerdeführer mit Einwand vom 22. April 2021 neu vorgebrachten Arthrose in den Knie- und Hüftgelenken, der linken Schulter und der rechten Hand sowie Beschwerden an der Wirbelsäule begnügte sich der RAD-Arzt mit dem Hinweis, entsprechende Unterlagen seien nicht aktenkundig. Aus den Ak- ten ergibt sich in der Tat, dass der Beschwerdeführer offenbar seit Juli 2019 abge- sehen von einer "kurzen Konsultatio n mit Akteneintrag" nicht mehr im Kantons - spital Schaffhausen in Behandlung gewesen war. Da er gemäss eigenen Angaben auch keinen Hausarzt mehr hat (sondern sich immer direkt im Spital vorstelle), liegt der Schluss nahe, dass jedenfalls bis zur entsprechenden Auskunftserteilung durch das Kantonsspital am 14. September 2020 keine ärztliche Behandlung mehr erfolgte. Bei dieser Ausgangslage (äusserst dürftige medizinische Unterlagen, keine fachärztlichen Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen, verschiedene nicht unter- suchte Beschwerdeschilderungen, unklare Gründe für einen weiteren Behand- lungs-/Operationsverzicht) hätte sich der RAD nicht mit einer reinen Aktenbeurtei- lung begnügen dürfen, sondern zumindest eine eigene Untersuchung des Be- schwerdeführers durchführen müssen (vgl. Art. 49 Abs. 1 und 2 IVV). 5.3. Mit Bezug auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in adaptierten Tätigkeiten figurieren in den Unterlagen einzig die Aktenbeurteilungen des RAD, welche aus den dargelegten Gründen mit Bezug auf die Schulter - und Handge- lenkbeschwerden nicht überzeugen. Zusätzlich geltend gemachte Beschwerden blieben mangels diesbezüglicher fachärztlicher Untersuchungen unberücksichtigt. Unabhängig davon, ob die nicht abgeklärten Beschwerden letztlich erheblich wa- ren oder nicht, hätte die IV-Stelle – jedenfalls leichte – Zweifel an der Schlüssigkeit 2022 4 der RAD-Beurteilung haben müssen (vgl. vorangehende E. 2.2 letzter Satz). Sie hätte daher nicht auf weitere Abklärungen verzichten dürfen, zumal auch die weni- gen anderen medizinischen Berichte keine rechtsgenügliche Beurteilung der Ar- beitsfähigkeit des Beschwerdeführers erlauben. Die Sache ist daher zur weiteren Abklärung und neuer Entscheidung an die IV-Stelle zurückzuweisen. […]