<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 114 S.451</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">451</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Gemeinderecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>114 Polizeiwesen; Unzulässigkeit eines generellen Paintballverbotes auf dem</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gesamten Gemeindegebiet; das Paintballspiel kann aber einer Bewilli-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gungspflicht unterstellt werden.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Departements des Innern vom 8. April 2003 in Sachen Verein</span><br/> <span class="ft4">X. gegen den Gemeinderat U.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">Der Verein X. (mit Sitz in R.) führt auf mehreren im Kanton</span><br/> <span class="ft6">Aargau gelegenen Spielfeldern (hauptsächlich in den Gemeinden W.</span><br/> <span class="ft6">und K.) verschiedenartige Paintball-Veranstaltungen (Turniere, Kurse</span><br/> <span class="ft6">usw.) durch. Nachdem der Verein über eine geraume Zeit auf ver-</span><br/> <span class="ft6">schiedenen Spielfeldern in der Gemeinde U. seinen Paintball-Akti-</span><br/> <span class="ft6">vitäten nachgegangen war, beschloss der Gemeinderat U. am 2. Juli</span><br/> <span class="ft6">2001 ein Paintball-Verbot für das gesamte Gemeindegebiet. Den be-</span><br/> <span class="ft6">treffenden Beschluss liess er am 12. Juli 2001 im amtlichen Anzeiger</span><br/> <span class="ft6">der Gemeinde U. veröffentlichen. Hierauf erklärte der Verein X.,</span><br/> <span class="ft6">vertreten durch die beiden Vereinsmitglieder Frau und Herr N., an</span><br/> <span class="ft6">der Sitzung des Gemeinderates U. vom 16. Juli 2001 sein Bestreben,</span><br/> <span class="ft6">auch weiterhin auf dem Gebiet der Gemeinde U. Paintball-Veran-</span><br/> <span class="ft6">staltungen durchführen zu können. Zur Verhinderung derartiger An-</span><br/> <span class="ft6">lässe stellte der Gemeinderat U. mit Beschluss vom 16. Juli 2001</span><br/> <span class="ft6">nochmals ausdrücklich fest, dass für das gesamte Gemeindegebiet</span><br/> <span class="ft6">ein Paintball-Verbot verhängt worden sei.</span><br/> <span class="ft6">Am 25. Juli 2001 führte der Verein X. ungeachtet der ausge-</span><br/> <span class="ft6">sprochenen Verbote auf dem Gemeindegebiet von U. eine öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Paintball-Demonstration durch. In der Folge thematisierte der Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinderat anlässlich seiner Sitzung vom 17. September 2001 erneut</span><br/> <span class="ft6">das Paintball-Verbot. Hiezu bot er nochmals zwei Mitgliedern des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">452</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Vereins (Frau und Herr N.) Gelegenheit, ihren Standpunkt zum aus-</span><br/> <span class="ft6">gesprochenen Verbot darzulegen. In derselben Sitzung erliess der</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat U. sodann folgenden Beschluss, welchen er dem Ver-</span><br/> <span class="ft6">treter des Vereins X., U. N., eingeschrieben eröffnete:</span><br/> <span class="ft6">"Der Gemeinderat verbietet gestützt auf § 6 Abs. 1 und 2 (recte:</span><br/> <span class="ft6">des Polizeireglements) und in Anlehnung an § 27 der Verfassung des</span><br/> <span class="ft6">Kantons Aargau (KV) das Paintballspiel auf dem gesamten Gemein-</span><br/> <span class="ft6">degebiet von U."</span><br/> <span class="ft6">Zur Begründung seines Verbots führte der Gemeinderat U. pri-</span><br/> <span class="ft6">mär an, dass das Paintballspiel mit Krieg in Verbindung gebracht</span><br/> <span class="ft6">werde und deshalb vielen Leuten Angst mache. Kriegsspiele seien in</span><br/> <span class="ft6">der heutigen Zeit aber fehl am Platze, weshalb es aus ethischen</span><br/> <span class="ft6">Gründen nicht angebracht sei, solche Spiele zu veranstalten.</span><br/> <span class="ft6">Mit Eingabe vom 1. Oktober 2001 reicht Dr. T. B., Rechtsan-</span><br/> <span class="ft6">walt und Notar, namens und mit Vollmacht des Vereins X., mit Sitz</span><br/> <span class="ft6">in R., Beschwerde ein und stellt folgende Rechtsbegehren:</span><br/> <span class="ft6">"Die Verfügung des Gemeinderates U. vom 17. September 2001</span><br/> <span class="ft6">sei aufzuheben.</span><br/> <span class="ft6">Unter Kosten und Entschädigungsfolgen."</span><br/> <span class="ft6">Zur Begründung wird im Wesentlichen vorgebracht, dass es</span><br/> <span class="ft6">sich bei Paintball um eine neuartige, weltweit verbreitete, etablierte</span><br/> <span class="ft6">und akzeptierte Sportart handle. Das Spiel sei völlig gefahrlos. Unter</span><br/> <span class="ft6">Beachtung der obligatorisch vorgeschriebenen Ausrüstung (Augen-</span><br/> <span class="ft6">und Gesichtsschutz) würden keine Verletzungen auftreten. Paintball</span><br/> <span class="ft6">habe, wie andere Sportarten (Fechten, Karate, Boxen, Pistolenschies-</span><br/> <span class="ft6">sen usw.) lediglich im weitesten Sinne mit Krieg, Kampf und Ag-</span><br/> <span class="ft6">gressionen zu tun. Gemäss einem Gutachten bestehe bei Paintball-</span><br/> <span class="ft6">spielern grundsätzlich keine Gewaltaffinität. Die angefochtene Ver-</span><br/> <span class="ft6">fügung greife in verfassungsmässig garantierte Freiheitsrechte ein.</span><br/> <span class="ft6">Neben der Versammlungs- und der Vereinigungsfreiheit seien auch</span><br/> <span class="ft6">das Recht auf persönliche Freiheit und die Wirtschaftsfreiheit betrof-</span><br/> <span class="ft6">fen. Die vom Gemeinderat angerufene polizeiliche Bestimmung sei</span><br/> <span class="ft6">keine hinreichende gesetzliche Grundlage, um den Paintballsport zu</span><br/> <span class="ft6">verbieten, sondern vermöge einzig in konkreten Einzelfällen zu grei-</span><br/> <span class="ft6">fen. Der Unfugstatbestand sei aber per se zuwenig bestimmt, als da-</span><br/> <span class="ft6">mit bundesrechtlich garantierte Freiheitsrechte eingeschränkt werden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">453</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">könnten. Ein Paintball-Verbot sei nur auf Grundlage eines eidgenös-</span><br/> <span class="ft6">sischen Gesetzes im formellen Sinne möglich. Kantone oder Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinden hingegen seien in diesem Bereich nicht befugt zu legiferie-</span><br/> <span class="ft6">ren. Zudem verstosse die Verfügung gegen das Begründungsgebot</span><br/> <span class="ft6">gemäss aargauischem Verwaltungsrechtspflegegesetz, da sie weder</span><br/> <span class="ft6">ein öffentliches Interesse am generellen Verbot nachweise, noch</span><br/> <span class="ft6">Ausführungen darüber mache, ob nicht andere, weniger einschnei-</span><br/> <span class="ft6">dende Massnahmen möglich seien. Damit verletze das verfügte gene-</span><br/> <span class="ft6">relle Paintball-Verbot gleichzeitig auch das Verhältnismässigkeits-</span><br/> <span class="ft6">prinzip.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2. Gemäss § 27 der Verfassung des Kantons Aargau (KV) vom</span><br/> <span class="ft6">25. Juni 1980 gewährleisten Kanton und Gemeinden die öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Ordnung und Sicherheit. Sie schützen insbesondere Leben, Freiheit,</span><br/> <span class="ft6">Gesundheit und Sittlichkeit. Der Polizeigüterschutz gehört zu den</span><br/> <span class="ft6">klassischen Aufgaben der Gemeinden. Gestützt auf § 37 Abs. 2 lit. f)</span><br/> <span class="ft6">des Gesetzes über die Einwohnergemeinden (GG) vom 19. Dezem-</span><br/> <span class="ft6">ber 1978 obliegt dem Gemeinderat die Sorge für die öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Ruhe, Ordnung, Sicherheit und Sittlichkeit sowie der Erlass eines</span><br/> <span class="ft6">entsprechenden Reglements (Andreas Baumann, Die Kompetenzord-</span><br/> <span class="ft6">nung im aargauischen Gemeinderecht, A. 2001, S. 198). Die Recht-</span><br/> <span class="ft6">setzungsbefugnisse des Gemeinderates finden ihre Grenze grund-</span><br/> <span class="ft6">sätzlich im Autonomiebereich der Gemeinde. Da weder Bund noch</span><br/> <span class="ft6">Kantone Paintball gesetzlich geregelt haben, der Sachbereich dem-</span><br/> <span class="ft6">nach nicht durch übergeordnetes Recht eingeschränkt wird, ist eine</span><br/> <span class="ft6">kommunale Regelung zum Schutze von Polizeigütern zulässig. Der</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderat U. hat von seiner Rechtsetzungskompetenz Gebrauch</span><br/> <span class="ft6">gemacht und ein Polizeireglement erlassen. Darin wird in § 6 Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">und 2 festgehalten, dass Handlungen, die geeignet sind, die persönli-</span><br/> <span class="ft6">che Sicherheit, die öffentliche Ruhe und Ordnung oder die zonenge-</span><br/> <span class="ft6">mässe Wohnqualität zu beeinträchtigen sowie jeder Unfug, der Per-</span><br/> <span class="ft6">sonen belästigt oder Sachen gefährdet, verboten sind. Als Unfug</span><br/> <span class="ft6">sollen dabei Handlungen gelten, die geeignet sind, andere Personen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">454</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">zu belästigen, zu erschrecken, in ihrer Ruhe zu stören oder die per-</span><br/> <span class="ft6">sönliche Sicherheit zu gefährden.</span><br/> <span class="ft6">3. Beim ursprünglich aus den Vereinigten Staaten von Amerika</span><br/> <span class="ft6">stammenden Paintball handelt es sich um ein Mannschaftsspiel, bei</span><br/> <span class="ft6">dem - in der bekanntesten Spielart - zwei Teams auf einem definier-</span><br/> <span class="ft6">ten Spielfeld (in der Regel eine Wiese oder ein Waldstück) mit dem</span><br/> <span class="ft6">Ziel gegeneinander antreten, die gegnerische Fahne zu erobern und</span><br/> <span class="ft6">in die eigene Basis zurückzubringen, ohne selber markiert zu wer-</span><br/> <span class="ft6">den. Zur Markierung der gegnerischen Teammitglieder, was zum</span><br/> <span class="ft6">Ausscheiden aus dem Spiel führt, werden waffenähnliche Luftdruck-</span><br/> <span class="ft6">geräte sowie damit abschiessbare Farbkugeln eingesetzt.</span><br/> <span class="ft6">4. Der Verein X. nimmt für sich einen grundrechtlichen Schutz</span><br/> <span class="ft6">in Anspruch und beruft sich auf die persönliche Freiheit, die Ver-</span><br/> <span class="ft6">sammlungs- und Vereinigungsfreiheit sowie die Wirtschaftsfreiheit.</span><br/> <span class="ft6">Es ist somit zu prüfen, ob durch das Paintball-Verbot Grundrechte</span><br/> <span class="ft6">beeinträchtigt werden.</span><br/> <span class="ft6">a) Das Grundrecht der persönlichen Freiheit nach Art. 10 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">der Bundesverfassung (BV) vom 18. April 1999 schützt laut ständi-</span><br/> <span class="ft6">ger bundesgerichtlicher Rechtsprechung alle wichtigen Erscheinun-</span><br/> <span class="ft6">gen der Persönlichkeitsentfaltung und der individuellen Lebensge-</span><br/> <span class="ft6">staltung. Dieser Anspruch beinhaltet nur die für die Persönlichkeit</span><br/> <span class="ft6">des Betroffenen elementaren Aspekte individueller Lebensführung</span><br/> <span class="ft6">und kommt deshalb nicht einer allgemeinen Handlungsfreiheit gleich</span><br/> <span class="ft6">(Rainer J. Schweizer, in St. Galler Kommentar zur schweizerischen</span><br/> <span class="ft6">Bundesverfassung, 2002, Art. 10, Rz 24 / Jörg Paul Müller, Grund-</span><br/> <span class="ft6">rechte in der Schweiz, Bern 1999, S. 42 ff.). Folglich gehören bei-</span><br/> <span class="ft6">spielsweise nicht in den Schutzbereich der persönlichen Entfal-</span><br/> <span class="ft6">tungsmöglichkeiten die Betätigung von Geldspielautomaten (BGE</span><br/> <span class="ft6">101 Ia 336 E. 7b.; 120 Ia 126 E. 7), der freie, d.h. bewilligungslose</span><br/> <span class="ft6">Erwerb von halbautomatischen Waffen (BGE 118 Ia 305 E. 4b) oder</span><br/> <span class="ft6">die Absicht, gewisse Sportarten an bestimmten Orten auszuüben</span><br/> <span class="ft6">(BGE 108 Ia 59 ff.). Da das Paintballspielen keinen wesentlichen</span><br/> <span class="ft6">Aspekt der persönlichen Lebensgestaltung ausmacht, fällt es nicht in</span><br/> <span class="ft6">den Schutzbereich der persönlichen Freiheit.</span><br/> <span class="ft6">b) Auch aus der Versammlungsfreiheit (Art. 22 BV) oder der</span><br/> <span class="ft6">Vereinigungsfreiheit (Art. 23 BV) kann kein grundrechtlicher An-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">455</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">spruch auf Ausübung des Paintballspiels hergeleitet werden. Die</span><br/> <span class="ft6">Versammlungsfreiheit verbietet staatliche Massnahmen gegen die</span><br/> <span class="ft6">Einberufung, Organisation und Durchführung einer Versammlung</span><br/> <span class="ft6">oder gegen die Teilnahme bzw. Nichtteilnahme an einer solchen, weil</span><br/> <span class="ft6">Versammlungen ein wichtiges Forum gesellschaftlicher und politi-</span><br/> <span class="ft6">scher Meinungs- und Willensbildung sind. Unter den Schutz dieses</span><br/> <span class="ft6">Grundrechts fällt jede Zusammenkunft mehrerer Menschen auf pri-</span><br/> <span class="ft6">vatem oder öffentlichem Grund mit dem Zweck, untereinander oder</span><br/> <span class="ft6">gegen aussen Meinungen mitzuteilen, zu diskutieren oder ihnen</span><br/> <span class="ft6">symbolischen Ausdruck zu geben (BGE 117 Ia 472 ff. / J.P. Müller,</span><br/> <span class="ft6">a.a.O., S. 323 f.). Das Paintballspielen fällt jedoch nicht unter diesen</span><br/> <span class="ft6">Versammlungsbegriff. Hier erfolgt die Zusammenkunft einzig zum</span><br/> <span class="ft6">Zwecke des Paintballspielens. Verboten wird auch nicht die Ver-</span><br/> <span class="ft6">sammlung als solche, sondern die nachfolgende Tätigkeit der ,,Ver-</span><br/> <span class="ft6">sammlungsteilnehmer". Die Vereinigungsfreiheit garantiert, dass die</span><br/> <span class="ft6">verschiedenen für eine Vereinigung typischen Handlungen ohne In-</span><br/> <span class="ft6">tervention des Staates ausgeübt werden können. Frei ist die Bildung</span><br/> <span class="ft6">von Vereinen, die Gestaltung des Vereinslebens, der Ein- und der</span><br/> <span class="ft6">Austritt, die Auflösung oder auch der Beitritt eines Vereins zu einem</span><br/> <span class="ft6">umgreifenderen Verband (J.P. Müller, a.a.O., S. 343). So fällt etwa</span><br/> <span class="ft6">die Gründung eines Paintballvereins unter diese Schutznorm. Die</span><br/> <span class="ft6">Vereinstätigkeit selbst untersteht aber keinem grundrechtlichen</span><br/> <span class="ft6">Schutz, sofern sie nicht auch in den Schutzbereich der persönlichen</span><br/> <span class="ft6">Freiheit fällt. Eine Tätigkeit die nicht vom Recht auf persönliche</span><br/> <span class="ft6">Freiheit geschützt ist, kann nicht deshalb einen Grundrechtsschutz</span><br/> <span class="ft6">für sich beanspruchen, weil sie nicht alleine, sondern in einem Verein</span><br/> <span class="ft6">ausgeübt wird.</span><br/> <span class="ft6">c) Die Wirtschaftsfreiheit schützt die freie wirtschaftliche Betä-</span><br/> <span class="ft6">tigung in umfassendem Sinne. Nach der Praxis des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft6">bildet Schutzobjekt jede privatwirtschaftliche Tätigkeit. Eine Tätig-</span><br/> <span class="ft6">keit gilt in diesem Sinne insbesondere als wirtschaftliche, wenn mit</span><br/> <span class="ft6">ihr wirtschaftliche Güter und Dienstleistungen erstellt werden (Klaus</span><br/> <span class="ft6">A. Vallender, in St. Galler Kommentar zur schweizerischen Bundes-</span><br/> <span class="ft6">verfassung, 2002, Art. 27, Rz 7 ff. / J.P. Müller, a.a.O., S. 644 f.). Der</span><br/> <span class="ft6">Verein X. betreibt in R. einen Shop für Paintball-Zubehör. Ausser-</span><br/> <span class="ft6">dem organisiert er gegen Entgelt Spiele, Events und Kurse auf eige-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">456</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">nen wie auch auf eigens zu diesem Zweck angemietenen Spielfeldern</span><br/> <span class="ft6">sowohl für Mitglieder als auch Nichtmitglieder. Für den eigentlichen</span><br/> <span class="ft6">Spielbetrieb wird eine Spielgebühr verlangt. Daneben werden auch</span><br/> <span class="ft6">Ausrüstungen vermietet und Farbkugeln verkauft. Der Verein nimmt</span><br/> <span class="ft6">am Wirtschaftsleben teil, indem er Güter und Dienstleistungen an-</span><br/> <span class="ft6">bietet. Seine Aktivitäten zielen auf entsprechende Einnahmen ab und</span><br/> <span class="ft6">dienen damit ganz allgemein dem Gelderwerb. Dabei kann es keine</span><br/> <span class="ft6">Rolle spielen, dass sich das Verkaufslokal in R. befindet und dem</span><br/> <span class="ft6">Verein zwei Spielfelder in W. und K. zur Verfügung stehen. Unbe-</span><br/> <span class="ft6">strittenermassen bietet er auch in U. Kurse gegen Entgelt an. Seine</span><br/> <span class="ft6">Tätigkeit ist demnach auch an diesem Ort als wirtschaftlich im Sinne</span><br/> <span class="ft6">der Wirtschaftsfreiheit zu betrachten. Der Beschwerdeführer kann</span><br/> <span class="ft6">sich somit bei der Ausrichtung von Paintball-Veranstaltungen in U.</span><br/> <span class="ft6">auf die Wirtschaftsfreiheit berufen.</span><br/> <span class="ft6">5. Nach Art. 94 Abs. 1 BV haben sich Bund und Kantone an den</span><br/> <span class="ft6">Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit zu halten (vorbehältlich Art. 94</span><br/> <span class="ft6">Abs. 4 BV). Prinzipiell dürfen nur Vorschriften erlassen werden, die</span><br/> <span class="ft6">mit dem Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit in Einklang stehen, so</span><br/> <span class="ft6">genannt grundsatzkonforme Massnahmen. Als grundsatzkonform</span><br/> <span class="ft6">gelten dabei verhältnismässige wirtschaftspolizeiliche Massnahmen,</span><br/> <span class="ft6">die der Gefahrenabwehr dienen. Grundrechtskonforme Beschrän-</span><br/> <span class="ft6">kungen sind unter den für Grundrechtseingriffe allgemein geltenden</span><br/> <span class="ft6">Voraussetzungen von Art. 36 BV zulässig (K.A. Vallender, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft6">Art. 94 Rz 5 / J.P. Müller, a.a.O., S. 636). Für eine Einschränkung der</span><br/> <span class="ft6">Wirtschaftsfreiheit bedarf es deshalb einer gesetzlichen Grundlage.</span><br/> <span class="ft6">Auch muss sie durch ein öffentliches Interesse gerechtfertigt und</span><br/> <span class="ft6">verhältnismässig sein.</span><br/> <span class="ft6">6. Art. 36 Abs. 1 BV verlangt für jede Einschränkung eines</span><br/> <span class="ft6">Grundrechts eine gesetzliche Grundlage. Diese Voraussetzung setzt</span><br/> <span class="ft6">sich aus zwei Teilgehalten zusammen: dem Erfordernis des Rechts-</span><br/> <span class="ft6">satzes und dem Erfordernis der Gesetzesform. Zum Einen muss so-</span><br/> <span class="ft6">mit eine Freiheitsbeschränkung grundsätzlich in einem Rechtssatz,</span><br/> <span class="ft6">d.h. in einer generell-abstrakten Norm, vorgesehen sein. Der Rechts-</span><br/> <span class="ft6">satz muss zudem genügend bestimmt, d.h. so präzise formuliert sein,</span><br/> <span class="ft6">dass der Bürger sein Verhalten danach richten und die Folgen eines</span><br/> <span class="ft6">bestimmten Verhaltens mit einem den Umständen entsprechenden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">457</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Grad an Gewissheit voraussehen kann. Zum Anderen sind schwer-</span><br/> <span class="ft6">wiegende Eingriffe in Freiheitsrechte auf der Stufe eines Gesetzes zu</span><br/> <span class="ft6">normieren, während für weniger schwere Eingriffe eine Verordnung</span><br/> <span class="ft6">genügt. In allen Fällen muss die Verordnung formell und materiell</span><br/> <span class="ft6">verfassungsmässig sein (R.J. Schweizer, a.a.O., Art. 36 Rz 10 ff. /</span><br/> <span class="ft6">Ulrich Häfelin/Walter Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, 5.</span><br/> <span class="ft6">Auflage, Zürich 2001, N 307 ff.).</span><br/> <span class="ft6">a) Der Erlass des Polizeireglements ist nach Gemeindegesetz</span><br/> <span class="ft6">zwingend der Exekutive zugewiesen. Für leichtere Eingriffe in die</span><br/> <span class="ft6">Wirtschaftsfreiheit stellt das gemeinderätliche Polizeireglement folg-</span><br/> <span class="ft6">lich eine genügende Rechtsgrundlage dar (vgl. BGE 99 Ia 504 ff.; 96</span><br/> <span class="ft6">I 219 ff.). Es bleibt demnach noch zu untersuchen, ob die Norm von</span><br/> <span class="ft6">§ 6 des kommunalen Polizeireglements (PR) genügend bestimmt ist.</span><br/> <span class="ft6">Das Bundesgericht hat zum Gebot der Bestimmtheit rechtlicher</span><br/> <span class="ft6">Normen erklärt, es dürfe nicht in absoluter Weise verstanden werden.</span><br/> <span class="ft6">Der Gesetzgeber könne nicht völlig darauf verzichten, allgemeine</span><br/> <span class="ft6">Begriffe zu verwenden, die formal nicht eindeutig generell um-</span><br/> <span class="ft6">schrieben werden könnten und die an die Auslegung durch die Be-</span><br/> <span class="ft6">hörde besondere Anforderungen stellten; denn ohne die Verwendung</span><br/> <span class="ft6">solcher Begriffe wäre er nicht in der Lage, der Vielgestaltigkeit der</span><br/> <span class="ft6">Verhältnisse Herr zu werden (BGE 117 Ia 472, 480; 109 Ia 284). § 6</span><br/> <span class="ft6">PR nennt zunächst einmal als Tatbestandsmerkmal ganz allgemein</span><br/> <span class="ft6">Handlungen, welche die persönliche Sicherheit, die öffentliche Ruhe</span><br/> <span class="ft6">und Ordnung oder die zonengemässe Wohnqualität beeinträchtigen.</span><br/> <span class="ft6">Da der Begriff der öffentlichen Ordnung in Literatur und Praxis auch</span><br/> <span class="ft6">einfach als Oberbegriff für den Polizeigüterschutz verwendet wird</span><br/> <span class="ft6">(Andreas Jost, Polizeibegriff, Diss. Bern 1975, S. 20 f. / H. Reinhard,</span><br/> <span class="ft6">Allgemeines Polizeirecht, Diss. Bern 1993, S. 59 ff.), sind damit</span><br/> <span class="ft6">grundsätzlich alle Handlungen gemeint, die Polizeigüter beeinträch-</span><br/> <span class="ft6">tigen können. Dies wird zusätzlich noch durch die Marginalie von</span><br/> <span class="ft6">§ 6 PR unterstrichen, wonach die Norm unter der Bezeichnung "Stö-</span><br/> <span class="ft6">rung der öffentlichen Ruhe und Ordnung, Unfug" geführt wird. Die-</span><br/> <span class="ft6">ser Teil der Bestimmung ist somit vollkommen offen formuliert und</span><br/> <span class="ft6">ungeeignet in Grundrechte einzugreifen. Als zweites Tatbestands-</span><br/> <span class="ft6">merkmal nennt § 6 PR zudem jeglichen Unfug, der Personen be-</span><br/> <span class="ft6">lästigt oder Sachen gefährdet. Der Unfug selbst wird in Abs. 2 defi-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">458</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">niert als Handlungen, die geeignet sind, andere Personen zu belästi-</span><br/> <span class="ft6">gen, zu erschrecken, in ihrer Ruhe zu stören oder die persönliche Si-</span><br/> <span class="ft6">cherheit zu gefährden. Die darin enthaltenen Begriffe des Polizei-</span><br/> <span class="ft6">rechts müssen mittels Werturteilen beantwortet werden. Zieht man</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 und 2 zusammen, so wird deutlich, dass die Bestimmung in</span><br/> <span class="ft6">sich widersprüchlich ist und ein umfassendes Feld abzudecken ver-</span><br/> <span class="ft6">sucht. Unfug lässt sich mit einer solchen Umschreibung kaum von</span><br/> <span class="ft6">den anderen Handlungen des Abs. 1 abgrenzen und noch viel weni-</span><br/> <span class="ft6">ger von nicht tatbestandsmässigen Handlungen. Wird Unfug hinge-</span><br/> <span class="ft6">gen in Übereinstimmung mit Lehre und Rechtsprechung als ein</span><br/> <span class="ft6">mutwilliges, zweckloses, belästigendes Verhalten definiert (BGE 96 I</span><br/> <span class="ft6">24 ff. / vgl. auch Peter Hafter, Das Lärmproblem in der Praxis der</span><br/> <span class="ft6">Gerichts- und Verwaltungsbehörden, Diss. Zürich 1957, S. 134 ff.),</span><br/> <span class="ft6">so lassen sich die Paintball-Veranstaltungen des Vereins X. nicht da-</span><br/> <span class="ft6">runter subsumieren. Diese haben nicht die Belästigung oder Beun-</span><br/> <span class="ft6">ruhigung von Leuten zum Zweck, sie sind höchstens ungewollte Ne-</span><br/> <span class="ft6">benerscheinungen.</span><br/> <span class="ft6">b) Zusammenfassend ist demnach festzustellen, dass der Begriff</span><br/> <span class="ft6">des Unfugs entweder einzuschränken ist, auf ein ausschliesslich</span><br/> <span class="ft6">mutwilliges, zweckloses, belästigendes Verhalten. Dann sind Paint-</span><br/> <span class="ft6">ball-Veranstaltungen, in der Form wie sie der Verein X. durchführt,</span><br/> <span class="ft6">nicht mehr tatbestandsmässig, weshalb sie nach dem Grundsatz</span><br/> <span class="ft6">,,nulla poena sine lege" nicht verboten sind. Oder die Bestimmung</span><br/> <span class="ft6">von § 6 PR ist als derart offen zu verstehen, dass auch Paintball da-</span><br/> <span class="ft6">runter subsumiert werden kann. Dann ist dieser Rechtssatz aber so</span><br/> <span class="ft6">unpräzise formuliert, dass der Bürger sein Verhalten nicht danach</span><br/> <span class="ft6">richten und die Folgen seines Verhaltens nicht mehr voraussehen</span><br/> <span class="ft6">kann. Die Norm ist damit als zu unbestimmt im Sinne der bundesge-</span><br/> <span class="ft6">richtlichen Anforderungen an das Bestimmtheitsgebot zu qualifizie-</span><br/> <span class="ft6">ren. Die angefochtene Verfügung vom 17. September 2001 ist folg-</span><br/> <span class="ft6">lich wegen einer fehlenden, geeigneten gesetzlichen Grundlage auf-</span><br/> <span class="ft6">zuheben.</span><br/> <span class="ft6">7. Mit Entscheid des Regierungsrat vom 6. November 2002</span><br/> <span class="ft6">wurde die Vorinstanz auch angewiesen, in ihrem neuerlichen Ent-</span><br/> <span class="ft6">scheid zu prüfen, ob durch das Verhalten des Vereins X. konkret Po-</span><br/> <span class="ft6">lizeigüter verletzt werden und sich ein Paintball-Verbot gestützt auf</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">459</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">das Polizeireglement sowie mit Blick auf die grundrechtlichen An-</span><br/> <span class="ft6">sprüche des Vereins mit dem öffentlichen Interesse und dem Grund-</span><br/> <span class="ft6">satz der Verhältnismässigkeit vereinbaren lässt.</span><br/> <span class="ft6">a) Im öffentlichen Interesse liegt all das, was der Staat zum</span><br/> <span class="ft6">Gemeinwohl vorkehren muss, um eine ihm obliegende Aufgabe zu</span><br/> <span class="ft6">erfüllen. Dazu gehören in besonderer Weise die polizeilich motivier-</span><br/> <span class="ft6">ten Interessen, die unmittelbar dem Schutz von Polizeigütern dienen.</span><br/> <span class="ft6">Nach Gemeindegesetz zählen dazu die öffentliche Ruhe, Ordnung,</span><br/> <span class="ft6">Sicherheit und Sittlichkeit (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller, Grund-</span><br/> <span class="ft6">riss des Allgemeinen Verwaltungsrechts, 3. Auflage, Zürich 1998, N</span><br/> <span class="ft6">1902 ff. / H. Reinhard, a.a.O., S. 68).</span><br/> <span class="ft6">Das Paintballspiel kann völlig verschiedenartige Auswirkungen</span><br/> <span class="ft6">auf Polizeigüter haben. So können beispielsweise Lärmimmissionen</span><br/> <span class="ft6">die Ruhe und das Erholungsbedürfnis beeinträchtigen. Zu denken</span><br/> <span class="ft6">wäre etwa an einen Spielbetrieb in einem Park, einem anderen der</span><br/> <span class="ft6">Ruhe vorbehaltenen Ort oder während den kommunal geregelten</span><br/> <span class="ft6">Ruhezeiten. Zu einer Gefährdung von Menschen könnte es etwa</span><br/> <span class="ft6">kommen, wenn das Spiel an einem verkehrstechnisch ungeeigneten</span><br/> <span class="ft6">Ort (z.B. direkt neben einer Strasse) durchgeführt wird. Diese wäre</span><br/> <span class="ft6">ebenfalls gefährdet, wenn mit den Luftdruckgeräten auf vorbeige-</span><br/> <span class="ft6">hende Passanten geschossen wird.</span><br/> <span class="ft6">Untersucht man einige bekannt gewordene Vorfälle im Hinblick</span><br/> <span class="ft6">auf eine Polizeigüterverletzung, so fällt auf, dass die Paintball-Prob-</span><br/> <span class="ft6">lematik in den betroffenen Gemeinden ganz unterschiedlich wahrge-</span><br/> <span class="ft6">nommen wird. In der Gemeinde F. beispielsweise hatten Jugendliche</span><br/> <span class="ft6">in einem Wohnquartier mitten in der Nacht um 02.15 Uhr Gotcha-</span><br/> <span class="ft6">Games betrieben, indem sie im Wohnquartier herumschlichen und</span><br/> <span class="ft6">sich gegenseitig mit Luftdruckgewehren mit Plastik-Projektilen be-</span><br/> <span class="ft6">schossen, woraufhin Anwohner die Polizei benachrichtigten. Im</span><br/> <span class="ft6">Kanton Luzern ist es zu Problemen gekommen, als ein Paintball-</span><br/> <span class="ft6">Club im Wald gespielt hat. Die Betreiber hatten die Veranstaltung</span><br/> <span class="ft6">durchgeführt, obwohl ihnen die Bewilligung, welche nach kantona-</span><br/> <span class="ft6">lem Waldgesetz vorgeschrieben ist, nicht erteilt worden ist. In der</span><br/> <span class="ft6">Gemeinde W., in der dem Verein X. ein permanentes Spielfeld zur</span><br/> <span class="ft6">Verfügung steht, sind gemäss Auskunft der Gemeindepolizei keine</span><br/> <span class="ft6">negativen Meldungen der Bevölkerung eingegangen. Die Veranstal-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">460</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">tungen seien sehr gut organisiert und es werde dafür gesorgt, dass</span><br/> <span class="ft6">niemand unvermutet auf Spielende treffe. In K., dem Standort des</span><br/> <span class="ft6">zweiten Spielfelds, sind bisher einzig Reklamationen wegen der par-</span><br/> <span class="ft6">kierten Autos der Veranstaltungsteilnehmer eingegangen.</span><br/> <span class="ft6">Eine entschiedene Haltung gegen das Paintballspiel vertritt die</span><br/> <span class="ft6">Gemeinde U.. Im Vordergrund stehen hier ethische Überlegungen</span><br/> <span class="ft6">und Wertvorstellungen, die grundsätzlich gegen Paintball geltend</span><br/> <span class="ft6">gemacht werden. Das Verbot ist somit primär auf eine Verletzung der</span><br/> <span class="ft6">öffentlichen Sittlichkeit zu überprüfen. Schutzobjekt der öffentlichen</span><br/> <span class="ft6">Sittlichkeit ist das sittliche Empfinden der Bevölkerung, das örtlich</span><br/> <span class="ft6">verschieden und zeitlich wandelbar ist. Zur öffentlichen Sittlichkeit</span><br/> <span class="ft6">werden die geschlechtliche Sittlichkeit und der äussere Anstand</span><br/> <span class="ft6">schlechthin gezählt. Hierbei gilt es aber zu beachten, dass bei Wei-</span><br/> <span class="ft6">tem nicht alle sittlichen Anschauungen und Anstandsformen ge-</span><br/> <span class="ft6">schützt werden. Ethische (moralische) Grundhaltungen können nur</span><br/> <span class="ft6">geschützt werden, wenn sie für das menschliche Zusammenleben</span><br/> <span class="ft6">elementar sind. Gerade im Bereich der Sittlichkeit ist festzuhalten,</span><br/> <span class="ft6">dass sich die Ansichten im Laufe der Zeit erheblich gelockert haben</span><br/> <span class="ft6">und die heutige Gesellschaft erheblich toleranter geworden ist als</span><br/> <span class="ft6">noch vor ein paar Jahrzehnten (Häfelin/Müller, a.a.O., N 1904 / H.</span><br/> <span class="ft6">Reinhard, a.a.O., S. 89 / A. Jost, a.a.O., S. 33 f.). Der Massstab für</span><br/> <span class="ft6">die Feststellung einer Verletzung muss aber ein objektivierter sein.</span><br/> <span class="ft6">Überempfindliche Gefühle einzelner Personen müssen ausser Acht</span><br/> <span class="ft6">gelassen werden. Ein Verstoss gegen die guten Sitten wäre etwa an-</span><br/> <span class="ft6">zunehmen, wenn Unbeteiligte in das Spiel integriert würden oder</span><br/> <span class="ft6">wenn in einem sensibilisierten Umfeld in ausdrücklich kriegerischer</span><br/> <span class="ft6">Aufmachung Paintball gespielt würde. Das Paintballspiel mag zwar</span><br/> <span class="ft6">für viele ein fragwürdiges oder gar verwerfliches Handeln darstellen.</span><br/> <span class="ft6">Dass es aus rein ethischen Überlegungen heraus (z.B. wegen Ge-</span><br/> <span class="ft6">waltverherrlichung oder Verletzung der Menschenwürde) generell</span><br/> <span class="ft6">die Sittlichkeit, als objektivierte, für jedermann verbindliche ethische</span><br/> <span class="ft6">Minimalvoraussetzungen einer Gesellschaft verletzen würde, ist in-</span><br/> <span class="ft6">des kaum vorstellbar. Wollte man dies wirklich bejahen, so dürfte</span><br/> <span class="ft6">eine solche Regelung nicht dem kommunalen Gesetzgeber überlas-</span><br/> <span class="ft6">sen bleiben.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">461</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Die urteilende Instanz hat sich bei einem Augenschein in U. da-</span><br/> <span class="ft6">von überzeugen können, dass der Verein X. mit der bei der Besichti-</span><br/> <span class="ft6">gung ausgeübten Form der Paintball-Veranstaltung keine Polizeigüter</span><br/> <span class="ft6">verletzt. So ist der betreffende Spielort (Privatgrund eines Bauern)</span><br/> <span class="ft6">auf einer Anhöhe abseits des Dorfes gelegen. Vom Dorf aus ist er</span><br/> <span class="ft6">zwar teilweise einsehbar. Der Abstand des Spielfeldes zu den näch-</span><br/> <span class="ft6">sten Wohnsiedlungen beträgt aber in etwa 500 Meter. Das Spiel</span><br/> <span class="ft6">wurde in der so genannten Sup'Air-Variante auf freiem Feld ausge-</span><br/> <span class="ft6">übt. Dabei werden auf dem Spielfeld aufblasbare, künstliche Hinder-</span><br/> <span class="ft6">nisse in auffallend leuchtenden Farben aufgestellt. In Richtung des</span><br/> <span class="ft6">vorbeiführenden Feldwegs hatte der Veranstalter zwei Netze aufge-</span><br/> <span class="ft6">spannt. Auf dem Feldweg selbst waren beidseits Schilder aufgestellt,</span><br/> <span class="ft6">welche auf den Veranstalter hinwiesen. Die vorgenommenen Ab-</span><br/> <span class="ft6">sperrmassnahmen können als ausreichend bezeichnet werden. Eine</span><br/> <span class="ft6">Verletzungsgefahr für die vereinzelten Zuschauer (Angehörige der</span><br/> <span class="ft6">Teilnehmer) bestand nicht. Das Spielgeschehen erweckte auf Unbe-</span><br/> <span class="ft6">teiligte ganz den Anschein einer Sportveranstaltung. Allfällige unin-</span><br/> <span class="ft6">formierte Spaziergänger hätten zu keinem Zeitpunkt den Spielbetrieb</span><br/> <span class="ft6">mit einer echten Gefahrenlage verwechseln können. Der Vorwurf von</span><br/> <span class="ft6">kriegsähnlichen Handlungen, in welche Passanten unvermittelt und</span><br/> <span class="ft6">unerwartet einbezogen werden könnten, erweist sich als nicht stich-</span><br/> <span class="ft6">haltig. Das Spielgeschehen war jedenfalls nicht geeignet, jemanden</span><br/> <span class="ft6">zu beunruhigen oder sogar zu erschrecken. Die eigentlichen Spiel-</span><br/> <span class="ft6">durchgänge waren jeweils nur von kurzer Dauer. Bereits nach weni-</span><br/> <span class="ft6">gen Minuten hatte eine Mannschaft den Sieg errungen. Zwischen den</span><br/> <span class="ft6">einzelnen Spieldurchgängen erfolgte dann eine längere Pause. Der</span><br/> <span class="ft6">Verein X. spielt nach eigenen Angaben etwa einmal monatlich in U.,</span><br/> <span class="ft6">jeweils samstags und ausserhalb der vom Polizeireglement festge-</span><br/> <span class="ft6">legten Ruhezeiten. Die insgesamt vom Spielbetrieb ausgehenden</span><br/> <span class="ft6">Lärmimmissionen waren als gering einzustufen. Die Schussabgabe</span><br/> <span class="ft6">erzeugt nur ein relativ dumpfes Geräusch. So ist etwa ein Gehör-</span><br/> <span class="ft6">schutz für die Schiessenden unnötig. Das Geräusch wird auch von</span><br/> <span class="ft6">den Zuschauern nicht als störend empfunden. Aus grösseren Distan-</span><br/> <span class="ft6">zen, insbesondere vom Dorf aus, dürfte es selbst bei ungünstigen</span><br/> <span class="ft6">Windverhältnissen kaum wahrnehmbar sein. Als Fazit lässt sich</span><br/> <span class="ft6">demnach sagen, dass es nach Ansicht der urteilenden Instanz durch-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">462</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">aus möglich ist, das Paintballspiel ohne Polizeigüterverletzung</span><br/> <span class="ft6">durchzuführen. Sofern man wie hier die Auffassung der Gemeinde,</span><br/> <span class="ft6">dass das Paintballspielen das geschützte Gut der Sittlichkeit generell</span><br/> <span class="ft6">verletzt und deshalb verboten werden muss, nicht teilt, besteht kein</span><br/> <span class="ft6">öffentliches Interesse an einem generellen Verbot.</span><br/> <span class="ft6">b) Wie oben festgehalten wurde, kann Paintball im Einzelfall</span><br/> <span class="ft6">auch Polizeigüter verletzen. Es ist auch nicht auszuschliessen, dass</span><br/> <span class="ft6">der Verein X. in bisherigen oder zukünftigen Veranstaltungen poli-</span><br/> <span class="ft6">zeiliche Schutzgüter beeinträchtigt. Es spricht deshalb nichts dage-</span><br/> <span class="ft6">gen, dass Gemeinden das Paintballspiel in gewisse Bahnen lenken.</span><br/> <span class="ft6">Halten Gemeinden diesbezügliche Massnahmen für erforderlich, so</span><br/> <span class="ft6">genügt es, für derartige Spiele eine Bewilligungspflicht im kommu-</span><br/> <span class="ft6">nalen Polizeireglement vorzusehen. Damit lassen sich auf die beste-</span><br/> <span class="ft6">henden Örtlichkeiten angepasste Lösungen finden, die der jeweiligen</span><br/> <span class="ft6">Situation gerecht werden. Mit diesem Mittel kann ein geordneter</span><br/> <span class="ft6">Spielbetrieb, welcher keine Schutzgüter beeinträchtigt, sichergestellt</span><br/> <span class="ft6">werden. Darüber hinausgehende Anordnungen, wie etwa ein gene-</span><br/> <span class="ft6">relles Verbot, wären demzufolge unverhältnismässig. Von diesem</span><br/> <span class="ft6">Prüfungsergebnis unmittelbar betroffen sind somit auch die bereits</span><br/> <span class="ft6">mit Beschlüssen vom 2. bzw. 16. Juli 2001 verhängten generellen</span><br/> <span class="ft6">Paintball-Verbote. Da mit der Bewilligungspflicht eine gleich geeig-</span><br/> <span class="ft6">nete, aber mildere Massnahme zum Schutze von Polizeigütern zur</span><br/> <span class="ft6">Verfügung steht, sind absolut ausgesprochene Paintball-Verbote un-</span><br/> <span class="ft6">verhältnismässig und demnach nicht zulässig.</span><br/> <span class="ft6">8. Selbstverständlich bleibt für Spielerinnen und Spieler von</span><br/> <span class="ft6">Paintball, unabhängig, ob eine Veranstaltung bewilligt wird oder</span><br/> <span class="ft6">nicht, die Beachtung der Bestimmungen des eidgenössischen oder</span><br/> <span class="ft6">des kantonalen Rechts vorbehalten, wie etwa die Strafnormen betref-</span><br/> <span class="ft6">fend Körperverletzung und Sachbeschädigung, Tierschutzvorschrif-</span><br/> <span class="ft6">ten etc.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>