<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 47 S.237</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">237</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>47</b></span> <span class="ft2"><b>Rückerstattung von Sozialhilfe.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Vereinbarung über die Rückerstattung (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Irrtumsanfechtung von Vereinbarungen über die Rückerstattung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 22. Dezember 2005 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen M.S. gegen das Bezirksamt Baden.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">Wer materielle Hilfe bezogen hat, ist rückerstattungspflichtig,</span><br/> <span class="ft1">wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse so weit gebessert haben,</span><br/> <span class="ft1">dass eine Rückerstattung ganz oder teilweise zugemutet werden kann</span><br/> <span class="ft1">(§ 20 Abs. 1 SPG). Die Gemeinde, die den Beschluss über die mate-</span><br/> <span class="ft1">rielle Hilfe gefasst hat, klärt periodisch die Voraussetzungen der</span><br/> <span class="ft1">Rückerstattung ab und entscheidet darüber, sofern keine Vereinba-</span><br/> <span class="ft1">rung mit der rückerstattungspflichtigen Person über die Rücker-</span><br/> <span class="ft1">stattung und deren Modalitäten zustande kommt (§ 21 Abs. 2 und 3</span><br/> <span class="ft1">SPG).</span><br/> <span class="ft1">Die Rückerstattungspflicht setzt voraus, dass sich die wirt-</span><br/> <span class="ft1">schaftlichen Verhältnisse so weit gebessert haben, dass eine Rücker-</span><br/> <span class="ft1">stattung ganz oder teilweise zugemutet werden kann (§ 20 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">SPG). Bessere wirtschaftliche Verhältnisse liegen vor, wenn Vermö-</span><br/> <span class="ft1">gen vorhanden ist, Vermögen gebildet wird oder Vermögen gebildet</span><br/> <span class="ft1">werden könnte (§ 20 Abs. 1 SPV).</span><br/> <span class="ft1">Die Gemeinden regeln die Rückerstattung in erster Linie mittels</span><br/> <span class="ft1">Vereinbarungen mit den rückerstattungspflichtigen Personen (§ 21</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">238</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Abs. 2 SPG). Diese werden auf der Basis der Freiwilligkeit abge-</span><br/> <span class="ft1">schlossen, d.h. die Höhe der Zumutbarkeit (§ 20 Abs. 1 SPG) sowie</span><br/> <span class="ft1">die Modalitäten der Rückerstattung können vom Rückerstattungs-</span><br/> <span class="ft1">pflichtigen mit der Gemeinde frei vereinbart werden. Bei Vorliegen</span><br/> <span class="ft1">einer Vereinbarung i.S.v. § 21 Abs. 2 SPG kann daher grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">davon ausgegangen werden, dass der vereinbarte Betrag für den</span><br/> <span class="ft1">Pflichtigen zumutbar ist, und eine Überprüfung der Einkommens-</span><br/> <span class="ft1">oder Vermögensfreigrenzen ist nicht Voraussetzung für die Gültigkeit</span><br/> <span class="ft1">der Vereinbarung.</span><br/> <span class="ft1">Eine von der Gemeinde einseitig angeordnete Rückerstattung</span><br/> <span class="ft1">hat sich dagegen an die Schranken von § 21 Abs. 2 und 3 SPV zu</span><br/> <span class="ft1">halten. So ist bei der Rückerstattung aus Vermögen ein Vermögens-</span><br/> <span class="ft1">freibetrag von Fr.</span> <span class="ft1">5'000.-- für eine Person, jedoch höchstens</span><br/> <span class="ft1">Fr. 15'000.-- für eine Unterstützungseinheit nach § 32 Abs. 1 SPV zu</span><br/> <span class="ft1">gewähren (§ 20 Abs. 2 SPV). Die Rückerstattung aus Einkommen er-</span><br/> <span class="ft1">folgt auf der Basis des sozialen Existenzminimums (Grundbedarf I</span><br/> <span class="ft1">und II, situationsbedingte Leistungen) mit einem Zuschlag von 20 %</span><br/> <span class="ft1">und erweitert um die Auslagen für Steuern, Unterhaltsverpflichtun-</span><br/> <span class="ft1">gen und Darlehenstilgung (§ 20 Abs. 3 SPV).</span><br/> <span class="ft1">3.1. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Gemeinde A und der Beschwerdeführer haben am</span><br/> <span class="ft1">26. September 2003 eine Vereinbarung abgeschlossen, wonach der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer zusätzlich zu den von der SVA Aargau an die</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde A ausbezahlten Fr. 28'576.95 noch Fr. 17'215.05 an Letz-</span><br/> <span class="ft1">tere abtrete. Den Akten sind keine Hinweise zu entnehmen, dass</span><br/> <span class="ft1">diese Vereinbarung nicht dem freien Willen des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">entsprach. In der Vereinbarung wurde sogar explizit festgehalten,</span><br/> <span class="ft1">dass es sich um eine freiwillige Abtretung handelt. In der Folge</span><br/> <span class="ft1">stellte sich heraus, dass die SVA Aargau die Fr. 17'215.05 an den Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer auszahlen muss. Dies betrifft aber nur die Zah-</span><br/> <span class="ft1">lungsmodalitäten und ändert nichts daran, dass zwischen dem Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer und der Gemeinde A am 26. September 2003 eine</span><br/> <span class="ft1">Vereinbarung über die Rückerstattung i.S.v. § 21 Abs. 2 SPG zu-</span><br/> <span class="ft1">stande gekommen ist.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">239</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Mit dem Zustandekommen der Vereinbarung entfällt die Ver-</span><br/> <span class="ft1">bindlichkeit der Schranken von § 20 Abs. 2 und 3 SPV (siehe vorne</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2). Insbesondere muss die vom Beschwerdeführer freiwillig</span><br/> <span class="ft1">eingegangene vertragliche Vereinbarung nicht auf ihre Vereinbarkeit</span><br/> <span class="ft1">mit § 20 Abs. 2 und 3 SPV überprüft werden. Soweit der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer geltend macht, es sei ihm ein Freibetrag zu gewähren und</span><br/> <span class="ft1">seine anderweitigen Schulden seien zu berücksichtigen, ist sein Ein-</span><br/> <span class="ft1">wand damit unbeachtlich.</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">3.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe darüber geirrt,</span><br/> <span class="ft1">wem die von ihm zusätzlich zurückbezahlten Fr. 17'215.05 zukom-</span><br/> <span class="ft1">men. Er wäre mit der Vereinbarung einverstanden gewesen, wenn es</span><br/> <span class="ft1">sich um die Tilgung der Schulden gegenüber der Gemeinde A ge-</span><br/> <span class="ft1">handelt hätte; dies sei aber nicht der Fall gewesen, vielmehr habe der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer auch von Bund und Kanton Leistungen erhalten.</span><br/> <span class="ft1">3.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Weist ein verwaltungsrechtlicher Vertrag Willensmängel (Irr-</span><br/> <span class="ft1">tum, Täuschung oder Drohung beim Abschluss) auf, so finden die</span><br/> <span class="ft1">Bestimmungen der Art. 23 ff. OR analog Anwendung (Ulrich Häfelin</span><br/> <span class="ft1">/ Georg Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Auflage, Zürich /</span><br/> <span class="ft1">Basel / Genf 2002, Rz. 1118). Im Gegensatz zum Zivilrecht erweist</span><br/> <span class="ft1">sich das Vorliegen eines Motivirrtums (Art. 24 Abs. 2 OR) indessen</span><br/> <span class="ft1">regelmässig als rechtserheblich. Die Durchführung und der Vollzug</span><br/> <span class="ft1">des Gesetzes verlangen von der Verwaltung, dass die Fehler, die zu</span><br/> <span class="ft1">einer Diskrepanz zwischen Norm und Einzelakt führen, soweit</span><br/> <span class="ft1">möglich, korrigiert werden müssen. Vom demokratischen Bürger</span><br/> <span class="ft1">muss verlangt werden, dass er diese Durchsetzung des von ihm ge-</span><br/> <span class="ft1">tragenen Gerechtigkeitsmassstabes - von Härtefällen einmal abgese-</span><br/> <span class="ft1">hen - auch dann akzeptiert, wenn die Korrektur seinen augenblickli-</span><br/> <span class="ft1">chen Individualinteressen zuwiderläuft (Detlev Dicke, Der Irrtum bei</span><br/> <span class="ft1">der Verwaltungsmassnahme, in: Zeitschrift für Schweizerisches</span><br/> <span class="ft1">Recht [ZSR] Neue Folge 103/I [1984], S. 531; Häfelin / Müller,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Rz. 1119).</span><br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">240</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">3.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Vorab ist festzuhalten, dass die Freiwilligkeit der Leistung in</span><br/> <span class="ft1">der Vereinbarung vom 26. September 2003 ausdrücklich festgehalten</span><br/> <span class="ft1">wurde. Mit keinem Wort hat der Beschwerdeführer erwähnt, er zahle</span><br/> <span class="ft1">nur, wenn das Geld schlussendlich an die Gemeinde A gehe. Soweit</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer nun darauf abstellt, wem seine Leistungen zu-</span><br/> <span class="ft1">kommen, sind seine Aussagen widersprüchlich.</span><br/> <span class="ft1">Im Übrigen ist die Auszahlung der Unterstützungsbeiträge aus-</span><br/> <span class="ft1">weislich der Akten immer über die Gemeinde gelaufen. Es ist daher</span><br/> <span class="ft1">nicht ersichtlich, inwiefern die interne Kostenaufteilung unter den öf-</span><br/> <span class="ft1">fentlichrechtlichen Kostenträgern nach § 47 ff. SPG für den Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer bei Abschluss der Vereinbarung überhaupt von Be-</span><br/> <span class="ft1">lang war, war sie für ihn doch gar nicht transparent. Der behauptete</span><br/> <span class="ft1">Irrtum des Beschwerdeführers erscheint vielmehr als vorgeschoben.</span><br/> <span class="ft1">3.3.4.</span><br/> <span class="ft1">Der vom Beschwerdeführer geltend gemachte Irrtum bezieht</span><br/> <span class="ft1">sich auf den Beweggrund zum Abschluss der Vereinbarung und stellt</span><br/> <span class="ft1">somit einen Motivirrtum i.S.v. Art. 24 Abs. 2 OR dar (Peter Gauch /</span><br/> <span class="ft1">Walter R. Schluep / Jörg Schmid / Heinz Rey, Schweizerisches Obli-</span><br/> <span class="ft1">gationenrecht, Allgemeiner Teil, 8. Auflage, Zürich 2003, Rz. 768).</span><br/> <span class="ft1">Da es für die Rückerstattung der materiellen Hilfe gemäss § 20 SPG</span><br/> <span class="ft1">unbeachtlich ist, welchem Kostenträger der öffentlichen Hand das</span><br/> <span class="ft1">Geld schlussendlich zukommt, führt der vom Beschwerdeführer gel-</span><br/> <span class="ft1">tend gemachte Motivirrtum nicht zu einer Diskrepanz von Gesetz</span><br/> <span class="ft1">und der Vereinbarung vom 26. September 2003. Ein solcher Moti-</span><br/> <span class="ft1">virrtum wäre daher unbeachtlich.</span><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">Im Weiteren führt der Beschwerdeführer aus, er sei davon aus-</span><br/> <span class="ft1">gegangen, die Vereinbarung vom 26. September 2003 umfasse ledig-</span><br/> <span class="ft1">lich seine gesetzlichen Pflichten.</span><br/> <span class="ft1">Dieser Irrtum bezieht sich einerseits auf den Beweggrund zum</span><br/> <span class="ft1">Abschluss der Vereinbarung und stellt somit einen Motivirrtum dar</span><br/> <span class="ft1">(siehe vorne Erw. 3.3.2). Andererseits macht der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">damit auch einen Rechtsirrtum geltend (vgl. BGE 118 II 58 Erw. 3 =</span><br/> <span class="ft1">Pra 82/1993 Nr. 142).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">241</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Pflicht zur Rückerstattung materieller Hilfe ist - ähnlich der</span><br/> <span class="ft1">Pflicht zur Rückerstattung der unentgeltlichen Rechtspflege (§ 133</span><br/> <span class="ft1">ZPO) - grundsätzlich, d.h. sie besteht nicht nur unter bestimmten</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzungen bzw. ab einer bestimmten Höhe. Der vom Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer geltend gemachte Irrtum hat daher keinen Einfluss</span><br/> <span class="ft1">auf die Rechtmässigkeit der Vereinbarung vom 26. September 2003</span><br/> <span class="ft1">und ist deshalb unbeachtlich (vgl. Dicke, a.a.O., S. 532).</span><br/> <span class="ft1">3.5.</span><br/> <span class="ft1">Schliesslich führt der Beschwerdeführer aus, seine Familie habe</span><br/> <span class="ft1">noch weitere finanzielle Bedürfnisse und weitere Schulden. Es sei</span><br/> <span class="ft1">ihm daher eigentlich gar nicht möglich gewesen, die Fr. 17'215.05</span><br/> <span class="ft1">zurückzuzahlen. Dies sei einzig aufgrund der Aufforderung vom</span><br/> <span class="ft1">21. Oktober 2003 erfolgt, mit welcher der Beschwerdeführer zur irr-</span><br/> <span class="ft1">tümlichen Leistung des fraglichen Betrags verleitet worden sei.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer macht nicht geltend, er habe sich bei</span><br/> <span class="ft1">Abschluss der Vereinbarung vom 26. September 2003 in Bezug auf</span><br/> <span class="ft1">die Schulden seiner Familie im Irrtum befunden. Sie können daher</span><br/> <span class="ft1">keinen Anfechtungsgrund begründen. Die Behauptung, dass der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer einzig aufgrund einer Aufforderung geleistet hat, ist</span><br/> <span class="ft1">im Übrigen aktenwidrig.</span><br/> <span class="ft1">3.6.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist die Vereinbarung vom 26. September</span><br/> <span class="ft1">2003 nicht mit Willensmängeln behaftet, und die Vorinstanz hat die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde zu Recht abgewiesen.</span><br/></div> </div> </body> </html>