Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 29. Juli 2021 (720 21 40 / 197) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente: Würdigung des medizinischen Sachverhalts Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Jürg Pulver, Kantons- richter Daniel Noll, Gerichtsschreiberin Margit Campell Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Silvan Meier Rhein , Rechtsanwalt, c/o Procap Schweiz, Frohburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten 1 Fächer gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der 1998 geborene A._____ leidet an einer Sprach erwerbsstörung und einer Autismus- Spektrum-Störung in Form eines Asperger-Syndroms. Er, vertreten durch seine Mutter, meldete sich erstmals im Juli 2012 bei der Eidgenössischen Invalide nversicherung (IV) zum Bezug von Leistungen an, wobei er Massnahmen für die berufliche E ingliederung beantragte. In der Folge wurden von der IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) Hilfsmittel und berufliche Massnahmen in Form einer Kostengutsprache für die vom 1. August 2016 bis 31. Juli 2018 dauernde Ausbildung zum Logistiker EBA in der B.____ AG zugesprochen. Da de r Versicherte den Anforderungen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht dieser Ausbildung nicht gewachsen war, wechselte er nach dem ersten Lehrjahr in die zweijährige Ausbildung zum Praktiker Logistik ESA, welche er im C._ ___ absolvierte, aber per 26. Januar 2018 vorzeitig beendete. Die IV-Stelle prüfte in der Folge den Rentenanspruch des Versicherten und holte bei pract. med. D.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, ein Gutachten ein, wel- ches am 15. Januar 2020 erstattet wurde. Gestützt auf d ie erhobenen Abklärungsergebnisse sprach sie A.____ – nach durchgeführtem Vorbescheidverfahr en – mit Verfügung vom 23. De- zember 2020 bei einem Invaliditätsgrad von 54 % eine halbe Rente zu. B. Hiergegen erhob A._____, vertreten durch Silvan M eier Rhein, Rechtsanwalt, am 1. Februar 2021 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abtei lung Sozialversicherungsrecht (Kan- tonsgericht). Er beantragte, dass die Verfügung vom 23. Dezember 2020 aufzuheben und ihm eine ganze Rente zuzusprechen sei. Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. In verfahrensre chtlicher Hinsicht beantragte der Beschwerdeführer, es sei ihm die unentgeltliche Prozessf ührung zu bewilligen. Zudem sei ihm die unentgeltliche Verbeiständung durch Rechtsanwalt Sil van Meier Rhein zu gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zuzüglich der gesetzlich en Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Zur Begründung wurde im Wesentli chen vorgebracht, dass die IV-Stelle ihren Entscheid auf unzureichende medizinische Unterlage stütze. Insbesondere könne nicht auf das Gutachten von pract. med. D.____ abgestellt werden. C. Das Kantonsgericht bewilligte dem Beschwerdeführer m it Verfügung vom 16. Februar 2021 die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Rechtsanwalt Silvan Meier Rhein als Rechtsvertreter. D. Am 13. März 2020 liess sich die IV-Stelle vernehmen und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Auf die frist- und formgerecht beim örtlich wie sa chlich zuständigen Gericht erhobene Beschwerde vom 1. Februar 2021 ist einzutreten. 2. Streitig und zu prüfen ist der Leistungsanspruch des Beschwerdeführers. Massgebend ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 23. Dezember 2020 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechu ngsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (vgl. BGE 129 V 1 E. 1.2 mit Hinweis). 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 Bundesgesetzes über die Invaliden- versicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutba re Eingliederungsmassnahmen wie- derherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähigk eit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähig- keit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berück- sichtigt (Satz 2). 3.3 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussich tlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebre- chen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be- einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksich- tigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem n ur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 4.1 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person A nspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 4.2 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach ist der Invalidi tätsgrad aufgrund eines Einkommensver- gleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Ein- tritt der Invalidität und nach Durchführung der medizi nischen Behandlung und allfälliger Einglie- derungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit be i ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Der Einkommens- vergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbsein- kommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einan der gegenübergestellt werden. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgrad bestimmen (allgemeine Methode des Ein- kommensvergleichs; vgl. BGE 128 V 29 E. 1, 104 V 135 E. 2a und b). 5.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrads bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. 5.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und insb esondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde – die Ver- waltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterla gen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurtei- len und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (vgl. BGE 115 V 133 E. 2, 114 V 310 E. 3c, 105 V 156 E. 1). Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beurtei- lung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausge- übte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem a llgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch ver- richtet werden können (vgl. ULRICH MEYER-BLASER, Zur Prozentgenauigkeit in der Invalidi- tätsschätzung, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hr sg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 5.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmli che Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversi cherungsgericht alle relevanten Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgeg eben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch- tet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Ausschlagge- bend für den Beweiswert ist somit grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gut- achten (vgl. BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; AHI-Praxis 2001 S. 113 E. 3a). 5.4 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem G rundsatz der freien Beweiswürdi- gung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richt- linien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 ff. E. 3b und in AHI-Praxis 2001 S. 114 E. 3b, jeweils mit weiteren Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahre ns eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüs- sigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten und Ärztinnen darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hin- blick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Z weifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Pati- entinnen und Patienten aussagen (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/cc). Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und von Begutachtungs- auftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits (vgl. Urteil des damaligen Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute: Bundesge richt, sozialrechtliche Abteilun- gen] vom 13. Juni 2001, I 506/00, E. 2b) lässt nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandeln- den Ärzte oder Ärztinnen zu anderslautenden Einschätzung en gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung auf drängt, weil die behandelnden Ärzte und Ärztinnen wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlich er Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt o der ungewürdigt geblieben sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai 2007, I514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). 6. Das Administrativverfahren wie auch der kantonale S ozialversicherungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben Verwaltung und Sozialversicherungsgericht von Amtes wege n für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinrei- chende Klarheit besteht (vgl. Urteil des Bundesgericht s vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersu- chungsgrundsatz ist der Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zu- mindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrschei nlichkeit entschieden werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 7. März 2019, 9C_57/2019, E. 3.2). 7.1 Zur Beurteilung des vorliegenden Falls liegen zah lreiche medizinische Unterlagen und Ausführungen betreffend die beruflichen Eingliederungsmassnahmen und die Leistungsfähigkeit des Versicherten vor, die vom Gericht gesamthaft gewürdi gt wurden. Im Folgenden werden in- dessen lediglich diejenigen Gutachten und Berichte wie dergegeben, welche sich nach Auffas- sung des Gerichts für die Beurteilung der Angelegenheit als zentral erweisen. 7.2 Nachdem der Beschwerdeführer Ende Januar 2018 seine Ausbildung als Logistiker vor- zeitig beendet hatte, wurde er von Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, Regi- onaler Ärztlicher Dienst (RAD), untersucht. In ihrem Bericht vom 26. Februar 2018 diagnostizierte sie nach ICD-10 einen Status nach Entwicklungsstörung, in sbesondere Spracherwerbsstörung bei Zweisprachigkeit (F80.2), eine leichtgradig ausgep rägte Autismus-Spektrum-Störung (F84), einen Verdacht auf ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS), einen schädlichen Gebrauch von Cannabis (F12.1), einen Morbus Scheuermann und ein allergisches Asthma. Aus Sicht des RAD sei es nachvollziehbar, dass der Versicherte wegen des Morbus Scheuermann und seines unter- gewichtigen Zustands in der Logistik der B.____ AG Probleme gehabt habe, wenn er Möbel von über 20 kg habe heben müssen. Bei bekanntem allergischem Asthma könne es auch sein, dass am letzten Arbeitsort das Raumklima (Kühlung und nasse Wände) ein vermehrtes Husten be- günstigt habe. Hingegen könne die von den behandelnd en Ärzten diagnostizierte Autismus- Spektrum-Störung nur bedingt bestätigt werden. Im Untersuchungsgespräch habe sich der Ver- sicherte freundlich, zugewandt, kooperativ und auskunftsbereit verhalten, was auch den Angaben in den Berichten der Ausbildungsstätte entspreche. Ein e Depressivität sei nicht feststellbar und die emotionale Schwingungsfähigkeit sei unauffällig gewesen. Hingegen stelle sich die Frage ei- nes allfälligen ADS, werde in den Berichten des C.__ __ doch mehrfach erwähnt, dass er leicht ablenkbar sei und Mühe habe, sich zu organisieren und zu strukturieren. Dr. E.____ schlug in Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht ihrem Bericht sodann vor, dass dem Beschwerdeführer die Mö glichkeit zu geben sei, im ge- schützten Rahmen seine Ausbildung zu beenden. Er äussere sich dazu auch motiviert. Allerdings sei zu beachten, dass der Beschwerdeführer keine Tätigkei ten mit Heben von Gewichten über 20 kg, mit erhöhten interaktionellen Anforderungen (z um Beispiel im Verkauf) und in feuchten Kellerräumen ausüben könne. 7.3 Die behandelnde Psychiaterin Dr. med. F.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, diagnostizierte am 30. Juli 2018 nach ICD-10 eine Autismus-Spektrum-Störung (F84), Probleme mit der Ausbildung (Z55) und mit negativen Kindheitserlebnissen (Z61), psychische Krankheiten in der Familienanamnese (Z81), Probleme bei der Lebensbewältigung (Z73), bei der Lebensfüh- rung mit Gebrauch von Cannabis und beim Umgang mit de m Internet (Z72). Zudem bestünden Asthma, diverse Allergien und Rückenprobleme. Der Beschw erdeführer sei seit dem 20. April 2017 (Beginn der Behandlung bei Dr. F.____) zu 80 % arbeitsunfähig. Es habe sich seither keine Stabilisierung der beruflichen und der gesundheitlichen Situation ergeben. Ziel der Behandlung sei es jedoch, eine selbständigere Lebensführung zu erzielen. Er verbringe seit dem Abbruch der beruflichen Massnahme täglich sieben Stunden vor dem P C/TV. Es würde sich daher eine zu- nehmende Beeinträchtigung der persönlichen Aktivitäten des täglichen Lebens mit unkontrollier- tem Geldausgeben, Mühe, eine Tagestruktur aufrecht zu erhalten sowie orientierungslos und un- konzentriert wirkend ergeben. Die Mutter sei mehr und mehr mit der Unterstützung und Betreuung des erwachsenen Sohns überfordert. 7.4 Der Beschwerdeführer wurde am 12. Juli 2018 und a m 22. August 2018 wegen einer möglichen autistischen Störung in den Kliniken G.____ untersucht. Dem Befundbericht Asperger vom 17. Oktober 2018 ist zu entnehmen, die durchgeführten Verfahren hätten ergeben, dass der Beschwerdeführer einen Empathie-Quotienten von 28 aufweise, weshalb er die Bedingungen für eine Autismus-Spektrum-Störung erfülle. Beim Autismus-Spektrum-Quotient weise er einen Wert von 33 aus, weshalb er in diesem Bereich die Voraussetzungen für das Asperger-Syndrom grenz- wertig erreiche. Im Asperger-Syndrom Diagnose-Intervie w seien die Bereiche der wechselseiti- gen sozialen Interaktionen, spezifischen Interessenmuster, nonverbalen Kommunikation und mo- torischen Ungeschicklichkeiten unauffällig gewesen. Dabei schienen aber Routinen und Rituale nicht vorhanden zu sein. Zudem sei der Bereich der Sprech- und Sprachauffälligkeiten grenzwer- tig ausgefallen. Schliesslich seien im Rahmen des strukturi erten klinischen Interviews die Krite- rien für eine selbstunsichere Persönlichkeitsstörung erfül lt. Zusammenfassend ist dem Bericht der Kliiniken G.____ zu entnehmen, dass die Ergebnisse im Hinblick auf die Fragestellung eines Asperger-Syndroms als konsistent in diese Richtung weisen d zu interpretieren seien. Dies be- treffe sowohl die eigenanamnestisch erhobenen Daten al s auch die psychometrischen Tester- gebnisse. Die Symptomatik lasse sich retrospektiv bis in die Kindheit zurückverfolgen. Insgesamt könne die Diagnose eines Asperger-Syndroms (ICD-10 F84.5) gestellt werden. 7.5 Am 28. Januar 2019 berichtete Dr. F.____ unter Be zugnahme auf den vorgenannten Bericht der Kliniken G.____ vom 17. Oktober 2018, dass beim Beschwerdeführer eine Zustands- verschlechterung eingetreten sei. Die neuropsychologische Testung habe ihre Längsschnittbe- obachtungen deutliche verifiziert. Das Funktionsniveau sei beim Beschwerdeführer seit seiner frühen Kindheit eingeschränkt und habe sich weiter versch lechtert. Er könne seinen Alltag nicht Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht selbstständig planen und organisieren. Er sei ganz auf die Unterstützung und auf die Betreuung seiner Mutter angewiesen. Neben der psychiatrischen und der heilpädagogischen Behandlung würde er auch die Hilfe der Psychiatrie-Spitex benötigen. Der Abschluss der begonnenen Lehre als Logistik Hilfskraft werde er nur im geschützten Rahmen bewältigen können, mit Hilfe einer seinem Krankheitsbild angepassten Unterstützung. Aus psychiatrischer Sicht sei eine berufliche Massnahme mit nachfolgender Beschäftigung im geschützten R ahmen und eine Veränderung der Wohnsituation dringend angesagt. 7.6 Die IV-Stelle beauftragte pract. med. D.____ am 18. Februar 2019 mit der Begutachtung des Beschwerdeführers, welche am 20. Juni 2019 stattfan d. In seinem am 15. Januar 2020 er- statteten Gutachten nannte er als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein Asperger- Syndrom (ICD-10 F84.5). Im Rahmen dieser Diagnosestellung führte er aus, dass der Beschwer- deführer im Kindesalter unter einer erheblichen Sprachentwicklungsstörung gelitten habe, welche über Jahre logopädisch behandelt worden sei. Sprachlic he Auffälligkeiten würden immer noch bestehen. Die Intelligenz liege aufgrund eines Testwerts von 86 noch knapp im unterdurchschnitt- lichen Normbereich. Weiter hielt pract. med. D.____ fest, dass bei der Diagnose eines Asperger- Syndroms qualitative Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion sowie ein übermässiges Be- schäftigen mit eingeschränkten Aktivitäten im Vordergrund stehen würden. Beim Exploranden hätten sich die Schwierigkeiten im sozialen Interagier en an den Ausbildungsstellen gezeigt. Er habe dort Mühe gehabt, sich in einem Team angemessen z u integrieren, da er offenbar zwi- schenmenschliche Signale nicht richtig habe deuten können . Die nicht gelungene Berufsausbil- dung sei denn auch nicht auf seine für die jeweiligen Tätigkeiten erforderlichen, ausreichenden intellektuellen Ressourcen, sondern auf den Umstand zurückzu führen, dass er sich nicht mit Schwierigkeiten auseinandersetzen könne und sich jeweils wegen verschiedener körperlicher o- der psychosomatischer Beschwerden länger krankschreiben lasse. Als ursächlich für dieses Ver- meidungsverhalten sei anzunehmen, dass sich der Explorand bei komplexen Aufgaben überfor- dert gefühlt und keine andere Strategie gekannt habe, als sich der schwierigen Situation durch Krankmeldung zu entziehen. Im Rahmen der Befunderhebung gab pract. med. D.____ an, dass der Beschwerdeführer wach, bewusstseinsklar und in allen Qualitäten voll orientiert gewesen sei. Es hätten sich im klinischen Eindruck keine Hinweise auf h öhergradige Beeinträchtigungen der kognitiven Funktionen gezeigt. Streckenweise sei der Eindruck entstanden, dass er Mühe gehabt habe, komplexere Zusammenhänge zu verstehen. Die Stimmungslage sei bei normalem Antrieb und ausreichender affektiver Modulationsfähigkeit gut gewesen. Psychotisches, insbesondere halluzinatorisches oder wahnhaftes Erleben lägen nicht v or und das Ich-Erleben sei unbeein- trächtigt gewesen. Es hätten sich auch keine Symptome aus dem Spektrum der Angststörungen gefunden. Der Beschwerdeführer habe angegeben, sehr zwanghaft zu sein, er sei sehr ordentlich und es müsse alles an seinem Platz sein. Den Nachtschla f habe er als ungestört beschrieben und lebensmüde Gedanken habe er verneint. Beim Erfra gen des expliziten Tagesablaufs habe der Beschwerdeführer aber gereizt reagiert. Er habe angegeben, viele Freunde und Kollegen zu haben, mit denen er auch Kart fahre. Er habe mit 15 Jahren angefangen, am Handy zu spielen und täglich 12 bis 14 Stunden damit verbracht. Aktuell spiele er immer noch bis zu 14 Stunden täglich, nun allerdings mit insgesamt drei iPads. Er gehe zudem drei Mal in der Woche ins Kino, zwei bis drei Mal für einige Stunden ins Fitness und alle drei Monate reise er allein für ein bis zwei Wochen zu seinem Bruder nach X.____. Er gehe auch meh rfach im Monat in die Stadt und an Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht den Y.____ sowie zwei Mal in der Woche zum Pingpong spielen. Zudem spiele er gerne Fussball und im Winter fahre er Snowboard. Auch habe er einen Museumspass und gehe gerne ins Mu- seum. Er habe insgesamt drei Freundinnen gehabt, wobei die letzte aufgrund seines vielen Ga- mens die Beziehung beendet habe. In Bezug auf die Leistungsfähigkeit führte pract. med. D.____ aus, dass der Explorand bislang keinen Beruf erlernt habe. Er habe während der Ausbildung zum Logistiker EBA vom 1. Februar 2017 bis zum 31. Juli 2017 einen Leistungsgrad von 40 % - 50 % erreicht. Er sei jedoch nicht in der Lage gewesen, die an ihn gestellten Anforderungen im sozialen Bereich und arbeitsinhaltlich zu erfüllen. Im Rahmen d er begonnenen Ausbildung zur Hilfskraft Logistik vom 1. August 2017 bis 24. Januar 2018 habe er e in Pensum von rund 60 % aufrecht- erhalten können und der Leistungsgrad habe zwischen 0 % und 100 % geschwankt, je nachdem, ob er seine Arbeiten unter Kontrolle oder selbständig habe ausführen müssen. Die Massnahme sei schliesslich aber wegen zu vieler Fehltage abgebrochen worden. Deshalb sei die Arbeitsfä- higkeit im Sinne einer Ausbildung zur Hilfskraft Logistik gesamthaft mit 30 % einzuschätzen. Eine angepasste Tätigkeit sollte inhaltlich wenig Flexibilität verlangen und bezüglich ihres Ablaufs klar strukturiert sein. Vorzugsweise sollte es sich um handwerklich-mechanische Tätigkeiten handeln, deren Erlernen nicht allzu komplex sei. Es sollte ein Ar beitsplatz gewählt werden, welcher nicht die Notwendigkeit beinhalte, sich in ein Team integrieren zu müssen. Aufgrund seines Störungs- bilds sollte der Explorand Tätigkeiten bevorzugt ausüben, auf welche er sich fokussieren könne. In einer den Beschwerden angepassten Tätigkeit sei der Beschwerdeführer in der Lage, an einem entsprechenden Arbeitsplatz mit einem Pensum von täglic h sechs Stunden anwesend zu sein. Die Leistungsfähigkeit an einem solchen Arbeitsplatz sei mit 65 % einzuschätzen, was einer Ge- samtarbeitsfähigkeit an einem den Beschwerden angepassten Arbeitsplatz von 50 % entspreche. 7.7 Der Beschwerdeführer befindet sich seit dem 7. Juni 2019 in psychiatrischer Behandlung bei Dr. med. H._____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie. Am 27. Oktober 2020 diagnostizierte Dr. H.____ mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ei n pathologisches Spielen (ICD-10 F63.0; Erstdiagnose: 2020), ein Asperger-Syndrom (ICD-10 F84.5), Lern-und Entwicklungsstörungen in der Kindheit, eine Enuresis nocturna, eine Familienzerrüttung (ICD-10 Z63.5), eine atypische fa- miliäre Situation (ICD-10 Z60.1) und Schwierigkeiten bei der kulturellen Eingewöhnung (ICD-10 Z60.3). Im Rahmen der objektiven Befunderhebung hiel t Dr. H.____ fest, dass der Versicherte bewusstseinsklar und in allen Qualitäten orientiert sei. Er weise keine Auffassungs-, Konzentra- tions- oder Gedächtnisstörungen auf. Im Gespräch sei er geordnet, aber ohne Problembewusst- sein, Krankheitseinsicht bezüglich Tag-Nacht-Umkehr und Gamen. Es bestünden keine Hinweise auf Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen. Auffall end sei seine unflexible Haltung be- züglich einer Änderung der Tagesstruktur. Aus Sicht des behandelnden Psychiaters sei der Be- schwerdeführer seit Behandlungsbeginn am 7. Juni 2019 zu 100 % arbeitsunfähig. Die Prognose sei kurzfristig eher schlecht. Mittelfristig sei eine I V-Eingliederung nach eingehender Neigungs- abklärung möglich, sofern der Beschwerdeführer kooperiere. Das Einbinden in eine sinnvolle ta- gesklinische Tätigkeit sei zielführend. Ressourcen seien di e gewinnend-positive Art des Be- schwerdeführers und sein Engagement für Spezialinteresse n (Astronomie und Gamen). Diese würde zugleich auch seine Asperger-Symptomatik spiegeln. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.8 In den Akten finden sich auch der Abschlussbericht der Eingliederungmassnahmen vom 9. April 2018. Diesem ist zu entnehmen, dass die Anmel dung für Unterstützung bei der berufli- chen Erstausbildung (EBA) bereits im Juli 2012 erfolgt e. Während dem Berufswahlprozess sei ein 10. Schuljahr im I.____ gutgeheissen worden. Der Ausbildungsbeginn habe sich deshalb auf August 2016 verschoben. Nach diversen Schnupperlehren sei eine EBA zum Logistiker im halb- geschützten Rahmen empfohlen worden. Bereits nach wenigen Wochen in der Ausbildung habe sich herauskristallisiert, dass die B.____ AG nicht der richtige Ort für den Versicherten gewesen sei, weil ihn die Situation überfordert habe. Deshalb habe ein Wechsel in den geschützten Rah- men des C.____ stattgefunden. Dort habe es sehr viele Absenzen gegeben. Für das zweite Aus- bildungsjahr sei wegen mangelnder Leistung und Fortschritte während der Ausbildung eine Rück- stufung zur Hilfskraft Logistiker empfohlen worden. In d er Zeit von August bis Oktober 2017 sei es zu 24 krankheitsbedingten Absenztagen gekommen. Aufgr und der unklaren medizinischen Situation und den vielen Fehltagen sei die Ausbildung schliesslich Ende Januar 2018 abgebro- chen worden. 8.1 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ver fügung vom 23. Dezember 2020 bei der Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeits fähigkeit des Versicherten auf die Er- gebnisse, zu denen pract. med. D.____ in seinem Bericht vom 15. Januar 2020 gelangte. Sie ging demnach davon aus, dass es dem Beschwerdeführer zuzumuten sei, in einer leidensange- passten Tätigkeit insgesamt ein 50%iges Arbeitspensum zu absolvieren. Diese vorinstanzliche Beweiswürdigung ist nicht zu beanstanden. Wie oben ausgeführt (vgl. E. 5.4 hiervor), ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und - ärzte, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Bef unde zu schlüssigen Ergebnissen gelan- gen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen. Solche Indizien liegen hier keine vor. Das psy- chiatrische Gutachten von pract. med. D.____ weist weder formale noch inhaltliche Mängel auf, es ist – wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 5.3 hiervor) – für die streitigen Belange umfassend, es beruht auf allseitigen Untersuchungen, es berücksichtigt die geklagten Beschwer- den, es ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden, es leuchtet in der Darlegung der medi- zinischen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der aktuelle n medizinischen Situation ein, es setzt sich mit den vorhandenen abweichenden ärztlichen Einschätzungen auseinander und es ist in den Schlussfolgerungen überzeugend. So ging pract. med. D.____ ausführlich auf die geklag- ten Beschwerden ein und leitete die erhobenen Diagnose n zweifelsfrei unter Berücksichtigung der ihm durch die Beschwerdegegnerin zur Verfügung ge stellten medizinischen Berichte her. Auch nannte er die Auswirkungen der Beschwerden auf die Funktionalität aufgrund der vorge- nommenen Mini-ICF-Testung. Gestützt auf diese Abklärun gen nahm pract. med. D.____ auch eine schlüssige Beurteilung der aktuellen Arbeitsfähigkeit des Versicherten vor. Es ist daher nicht zu beanstanden, dass pract. med. D.____ dem Beschwerdefüh rer eine 50%ige Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Verweistätigkeit attestierte. Das psychiatrische Gutachten von pract. med. D.____ vom 15. Januar 2020 genügt somit den von der R echtsprechung umschriebenen Anfor- derungen an ein ärztliches Gutachten, weshalb darauf abgestellt werden kann. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.2.1 Daran ändern die Vorbringen des Beschwerdeführe rs nichts. Soweit er sinngemäss gel- tend macht, das Gutachten von pract. med. D.____ gehe auf den 18. Februar 2019 zurück und sei deshalb im Zeitpunkt des Verfügungserlasses vom 23. Dezember 2020 nicht aktuell gewesen, kann ihm nicht gefolgt werden. Festzustellen ist dabei zunächst, dass die IV-Stelle den Gutachter am 18. Februar 2019 mit der Begutachtung des Versicherten betraute. Die persönliche Untersu- chung fand am 20. Juni 2019 statt und die schriftliche Ausfertigung des Gutachtens datiert vom 15. Januar 2020. Zwar verstrichen zwischen der Begutachtu ng und der Fertigstellung mehr als sechs Monate. Dass sich pract. med. D.____ dabei als zertifizierter Gutachter SIM nicht lege artis verhalten haben soll und die von ihm verfassten Gesprächs notizen keine ausreichende Grund- lage für eine zuverlässige Beurteilung darstellen sollen, weil er sich nicht mehr an die Exploration zu erinnern vermochte, wie dies der Beschwerdeführer suggeriert, ist unbegründet und wird auch nicht substantiiert dargelegt. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers wird die Stim- mungslage detailliert und plausibel dargelegt, weshalb die diesbezüglich geäusserten Beanstan- dungen an die Echtzeitlich- und die Tauglichkeit des Gutachtens nicht gehört werden können. 8.2.2 Mit dem Beschwerdeführer ist weiter festzustellen, dass die Beschwerdegegnerin nach Eingang des Gutachtens von pract. med. D.____ im Januar 2020 weitere medizinische Berichte einholte und durch den RAD würdigen liess. Dieses Vorgehen ist mit Blick auf Art. 43 ATSG nicht zu beanstanden. Dabei ist aber zu beachten, dass entgege n der Auffassung des Beschwerde- führers die Berichte von Dr. F.____ vom 30. Juli 2018 u nd 29. Januar 2019 dem Gutachter vor- gelegen haben (vgl. Seite 10 und 13 des Gutachtens). Pract. med. D.____ konnte diese Unterla- gen daher in seine Gesamtbeurteilung einfliessen lassen und dabei insbesondere auch die von Dr. F.____ betonten Schwierigkeiten bei der Einordnung in eine Gruppe und in der Planung sowie Organisation berücksichtigen. Mit Blick auf die Ausführung en von Dr. F.____ ist zu beachten, dass sie auch noch auf eine starke Einschränkung der Ressource n hinweist, ohne diese genau zu konkretisieren. Pract. med. D.____ thematisierte gleich wie Dr. F.____ die problematische Beziehung des Beschwerdeführers zu seiner Mutter. Er füh rte diesbezüglich aus, dass der Um- stand einer überprotektiven Mutter als kritisch zu bewerten sei. Durch deren dauernde Überbe- sorgtheit um den mittlerweile erwachsenen Versicherten sei es diesem bisher nicht gelungen, Schwierigkeiten adäquat zu bewältigen. Momentan habe er sich eine Alltagsgestaltung eingerich- tet, welche von einem hohen Aktivitätsniveau, aber ohne Verpflichtungen geprägt sei. Unter Be- rücksichtigung dieser Ausführungen vermögen die Berichte von Dr. F.____ keine Zweifel an der umfassenden Beurteilung von pract. med. D.____ zu verursachen. Dies umso mehr, als die be- handelnde Psychiaterin keine konkrete Einschätzung der Arbeitsfähigkeit vornahm. 8.2.3 Nichts anderes ergibt sich in Bezug auf die Ausfüh rungen von Dr. H.____ in seinem Bericht vom 27. Oktober 2020. Der Beschwerdeführer bringt diesbezüglich vor, Dr. H.____ habe die Diagnose "pathologisches Spielen" (ICD-10 F63.0; Erstdiagnose: 10/2020) erhoben, welche im Zeitpunkt der Begutachtung von pract. med. D.____ noch nicht vorgelegen habe. Zudem stehe die sich offensichtlich verschlimmerte Störung der Exekutiv funktionen und der praktischen Pla- nung im Rahmen der autistischen Unflexibilität und Dispositionsstörung mit gestörtem Tag-Nacht- Rhythmus sowie Impulsstörung mit aggressiven Ausbrüchen im V ordergrund. Da diese Be- schwerden in dieser Ausprägung für den Gutachter im Februar 2019 noch nicht erkennbar gewe- sen seien und er auch nicht über die Erkenntnisse von Dr. F.____ und Dr. H.____ verfügt habe, Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht sei das Gutachten nicht geeignet, den zeitlich relevanten Sachverhalt zu beurteilen. Auch dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Zunächst ist mit Blick auf die vorstehende Erwägung 8.2.2 festzustellen, dass der Gutachter die Berichte der behandelnden Psychiaterin Dr. F.____ kannte und berücksichtigte. Zudem wurde der Beschwerdeführer – wie bereits erwähnt - nicht im Februar 2019, sondern Juni 2019 begutachtet. Weiter ist fraglich, ob der Bericht von Dr. H.____ in zeitli- cher Hinsicht den Sachverhalt massgeblicher erfasst, nachdem er selbst den Beschwerdeführer zuletzt Mitte April 2020 gesehen hatte. Wie er – nach dem er den Beschwerdeführer während Monaten nicht gesprochen hatte – im Oktober 2020 eine Spielsucht als Erstdiagnose erheben konnte, ist daher fraglich. Der Beurteilung von Dr. H.____ kann ferner keine andere Einschätzung des Gesundheitszustands im Vergleich zu jener von pract. med. D.____ von Juni 2019 entnom- men werden. Bereits im damaligen Zeitpunkt gab der Beschwerdeführer an, erst gegen 2 - 3 Uhr ins Bett zu gehen und am Morgen gegen 10 - 11 Uhr auszustehen. Diese Aussagen lassen den Schluss zu, dass der Tag-Nacht- und damit der Schlaf-Rhythmus des Beschwerdeführers belas- tet war. Auch gab pract. med. D.____ an, dass der Beschwerdeführer seit seinem 15. Lebensjahr täglich während 12 bis 14 Stunden am Handy bzw. am iPad spiele. Daraus kann geschlossen werden, dass ihm auch die Problematik einer allfällige n Spielsucht bekannt war. Unter diesen Umständen kann der Beurteilung von Dr. H.____ – entge gen der Auffassung des Beschwerde- führers – im zeitlichen Ablauf keine Verschlechterung des Gesundheitszustands entnommen wer- den. Ebenso wenig überzeugt seine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit, wonach der Beschwerde- führer zu 100 % arbeitsunfähig sei. In diesem Zusammenhang ist zunächst in Erinnerung zu ru- fen, dass es die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach- )Person einerseits und Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten oder Expertin anderseits praxisgemäss nicht zulässt, ein Ad ministrativgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Arztperso- nen oder Therapiekräfte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen (vgl. Urteil des Bundes- gerichts vom 6. Mai 2018, 8C_29/2018, E. 3.2.2). Weiter ist zu beachten, dass eine fachärztliche Exploration von der Natur der Sache her nicht ermessen sfrei erfolgen kann. Sie eröffnet den Expertinnen und Experten praktisch immer einen Spielraum für verschiedene medizinische Inter- pretationen, was zulässig und zu respektieren ist, sofern sie – wie hier – lege artis vorgegangen sind. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil be- handelnde Ärzte oder Ärztinnen wichtige – und nicht rein subjektiver Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die bei der Begutachtung unerkan nt oder ungewürdigt geblieben sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. Mai 2018, 8C_874/201 7, E. 5.2.2). Vorliegend bringt Dr. H.____ jedoch keine Gesichtspunkte vor, die im Rahmen der gutachterlichen Beurteilungen von pract. med. D.____ nicht berücksichtigt worden wären oder Zweifel an seiner Beurteilung zu be- gründen vermöchten. Vielmehr leuchten seine Feststell ungen ein, da er die qualitativen Ein- schränkungen in der Arbeitsfähigkeit auf die Autismus-S törung zurückführte. Dieser psychopa- thologische Befund und die mit dem Schweregrad der S ymptomatik verbundene Funktionsein- schränkung legte der Gutachter überzeugend dar. Es ist daher nicht zu beanstanden, dass pract. med. D.____ mit Blick auf die unbestritten leichte Ausp rägung des Asperger-Syndroms zum Schluss kam, dass dem Beschwerdeführer eine adaptierte Tätigkeit zu 50 % zumutbar sei. Diese Beurteilung leuchtet auch unter Berücksichtigung der ni cht von Passivität geprägten Alltagsge- staltung des Versicherten ein (Kinobesuche, Fitnesstraining, Reisen nach X.____). Das konkrete Tätigkeitsprofil wurde zudem schlüssig unter Berücksichtigung des durch das Asperger-Syndrom Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht beeinflussten Störungsbilds hergeleitet. Es leuchtet ein , dass der Beschwerdeführer eine Tätig- keit ausüben sollte, die wenig Flexibilität erfordert u nd einen klar strukturierten Ablauf hat und vorzugsweise handwerklich-mechanische Arbeiten beinhaltet die leicht zu erlernen sind. Die von Dr. H.____ erhobenen Diagnosen der Lern-und Entwicklungsstörung in der Kindheit, der Enuresis nocturna, der Familienzerrüttung (ICD-10 Z63.5), der atypischen familiären Situation (ICD-10 Z60.1) und der Schwierigkeiten bei der kulturellen Eingewöhnung (ICD-10: Z60.3) ändern an die- ser Einschätzung nichts. Gemäss Rechtsprechung des Bundesge richts handelt es sich bei den Z-Kodierungen nicht um Erkrankungen im Sinne der anerkannten internationalen Klassifikations- systeme, sondern um Faktoren, die den Gesundheitszustand b eeinflussen und zur Inanspruch- nahme des Gesundheitswesens führen; sie stellen grundsät zlich keinen invalidisierenden Ge- sundheitsschaden dar (vgl. BGE 127 V 294 E. 5a; SVR 200 8 IV Nr. 62 S. 203, 9C_830/2007 E. 4.2). 8.3 Zusammenfassend ergibt sich gestützt auf die Darlegun gen im Gutachten von med. prac. D.____ insgesamt stimmig, dass es mit Blick auf die funktionellen Einschränkungen im All- tag und Berufsleben entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers an der Schwere des Lei- dens mangelt, um auf eine höhere Gesundheitsbeeinträchtigung zu schliessen. Somit steht fest, dass die Beschwerdegegnerin ihren Entscheid zu Recht auf das psychiatrische Gutachten von med. prac. D.____ vom Januar 2020 abstützte. Sie durf te daher davon ausgehen, dass dem Beschwerdeführer eine angepasste Verweistätigkeit zu 50 % zumutbar ist. Lässt die vorhandene Aktenlage nach dem Gesagten eine zuverlässige Beurteilung des massgebenden medizinischen Sachverhalts zu, so kann das Gericht – entgegen dem Eventualantrag des Beschwerdeführers – auf weitere medizinische Abklärungen verzichten. Die damit verbundene antizipierte Beweiswür- digung ist nach konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung zulässig (vgl. BGE 144 II 427 E. 3.1.3, 141 I 60 E. 3.3). 9. Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Die IV-Stelle nahm in ihrer Verfügung vom 23. Dezember 2020 den erforderlichen Einkommensvergleich vor. Dabei hat sie anhand der Gegenüberstellung von Validen- und zumutbarem Invalideneinkommen einen Invaliditätsgrad von 54 % ermittelt und rich- tet dem Beschwerdeführer ab 1. Februar 2021 eine halbe Rente aus. Die konkrete Berechnung, die vom Versicherten nicht beanstandet wurde, erweist sich als rechtens, weshalb diesbezüglich auf die entsprechenden Ausführungen der IV-Stelle in der Verfügung vom 23. Dezember 2020 verwiesen werden kann. 10. Zusammenfassend ist als Ergebnis festzuhalten, dass die IV-Stelle in der angefochtenen Verfügung vom 23. Dezember 2020 dem Beschwerdeführer zu Recht eine halbe Rente zusprach. Ein Anspruch auf eine höhere Rente besteht aufgrund der vorstehenden Erwägungen nicht, wes- halb sich die Beschwerde als unbegründet erweist und abgewiesen werden muss. 11.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdever fahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember1993 werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemes- senem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist der Beschwerdefüh rer unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten ihm aufzuerlegen sind. Dem Beschwerdeführer ist allerdings mit Verfügung vom 16. Februar 2021 die unentgeltliche Prozessführung bewilligt worden. Aus diesem Grund werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 11.2 Ein Anspruch auf eine Parteientschädigung besteht bei diesem Verfahrensausgang nicht (vgl. Art. 61 lit g ATSG e contrario). Da dem Beschwerdeführer in der genannten Verfügung vom 16. Februar 2021 die unentgeltliche Verbeiständung mit seinem Rechtsvertreter bewilligt worden ist, ist dieser für seine Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Gemäss § 3 Abs. 2 der Tarifordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003 beträgt das Honorar bei unentgeltlicher Verbeiständung Fr. 200.-- pro Stunde. Der Rechtsvertreter des Beschwerde- führers hat in seiner Honorarnote vom 16. März 2021 fü r das vorliegende Verfahren einen Zeit- aufwand von 9 Stunden geltend gemacht, welcher sich in Anbetracht der sich stellenden Sach- verhalts- und Rechtsfragen als angemessen erweist. Nicht zu beanstanden sind zudem die gel- tend gemachten Auslagen in der Höhe von Fr. 112.50. Diese stützten sich auf eine Spesenpau- schale von 5 % des Zeitaufwands, was unüblich, aber aufgr und der ausgewiesenen Höhe nicht zu beanstanden ist. Dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ist deshalb ein Honorar in der Höhe von Fr. 2'059.75 (9 Stunden à Fr. 200.-- + Auslagen von Fr. 112.50 zuzüglich 7.7 % Mehr- wertsteuer) aus der Gerichtskasse auszurichten. 11.3 Der Beschwerdeführer wird ausdrücklich auf § 53a Ab s. 1 des Gesetzes über die Orga- nisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 aufm erksam gemacht, wonach eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zu r Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in Höhe von Fr. 800.-- werden dem Beschwerde- führer auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung werden die Ver- fahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständun g wird dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ein Honorar in der Höhe von Fr. 2'059.75 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichts- kasse ausgerichtet. http://www.bl.ch/kantonsgericht