B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2352/2018 U r t e i l v o m 13 . F e b r u ar 2 0 2 0 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Jürg Marcel Tiefenthal, Gerichtsschreiberin Kathrin Rohrer. Parteien A._______, geboren am (…), und ihr Kind, B._______, geboren am (…), beide Äthiopien, vertreten durch Ass. iur. Christian Hoffs, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, Beschwerdeführende gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 28. März 2018 / N (…). D-2352/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a A._______ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) ist äthiopische Staats- angehörige amharischer Ethnie, stammt aus C._______ ([…]) und war zu- letzt in Addis Abeba wohnhaft. Gemäss eigenen Angaben, verliess sie ih- ren Heimatstaat am (…) in Richtung D._______ (E._______), wo sie eine Stelle bei einer Familie als (…) annahm. Mit ihren Arbeitgebern reiste sie am (…) mit einem Schweizer Visum legal in die Schweiz ein. Am 28. Sep- tember 2015 stellte sie beim Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) F._______ ein Asylgesuch. A.b Am 9. Oktober 2015 wurde sie im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) summarisch zu ihren Personalien, ihrem Reiseweg und den Ge- suchsgründen befragt. Dabei machte sie im Wesentlichen geltend, sie sei am (…) in C._______ geboren und habe dort mit ihren Eltern sowie ihren beiden jüngeren Schwestern gelebt. Weitere Verwandte habe sie nicht. Sie habe die Schule bis zur sechsten Klasse besucht und anschliessend sei sie – da sie nicht gearbeitet habe – von ihrer Familie unterstützt worden. Am (…) habe sie erstmals ihr Heimatland verlassen und sei nach G._______(H._______) gereist. Dort habe sie während vier Jahren bei schrecklichen Leuten als (…) gearbeitet. Anfangs (…) sei sie nach Ä thio- pien zurückgekehrt . Nach drei Monaten sei sie dann – mit Hilfe eines Schleppers – am (….) erneut ausgereist. Per Flug zeug sei sie via Addis Abeba nach D._______ (E._______) gelangt und habe dort während vier- einhalb Jahren unter unmenschlichen Bedingungen bei einer Familie als (…) gearbeitet. Als sie (…) mit ihren Arbeitgebern in die Schweiz gereist sei, habe sie nach fünf Tagen die Flucht ergriffen. A.c Am 3. November 2016 hörte sie das SEM – im Beisein einer Hilfswerk- vertretung – eingehend zu ihren Asylgründen an. Dabei machte sie – teil- weise in Abweichung zu ihren Ausführungen in der BzP – sinngemäss gel- tend, sie sei in C._______, in der Region I._______ geboren und habe dort bis (…) zusammen mit ihren beiden Schwestern sowie ihren Eltern gelebt. B. B.a Mit Schreiben vom 20. März 2018 räumte die Vorinstanz der Be- schwerdeführerin die Möglichkeit ein, sich zu den widersprüchlichen Sach- verhaltsdarstellungen hinsichtlich der geltend gemachten bereits erfolgten beziehungsweise lediglich geplanten (Zwangs-) Heirat zu äussern. D-2352/2018 Seite 3 B.b Mit undatierter Eingabe (Posteingang beim SEM: 26. März 2018) nahm die Beschwerdeführerin dazu Stellung. C. C.a Am 20. März 2018 ersuchte die Vorinstanz bei der Schweizer Vertre- tung in J._______, um die Visumsunterlagen der Beschwerdeführerin. C.b In den am 21. März 2018 übermittelten Unterlagen waren unter ande- rem auch eine Kopie ihres am 22. Dezember 2010 ausgestellten Passes sowie ihres bis am 7. Februar 2017 gültigen Aufenthaltstitels für die E._______. C.c Gestützt auf diese Unterlagen wurde ihr Geburtsdatum im ZEMIS (Zentrales Migrationsinformationssystem) neu mit (…) erfasst. D. Mit Verfügung vom 28. März 2018 – eröffnet am 31. März 2018 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an. E. E.a Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 20. Ap- ril 2018 (Posteingang: 24. April 2018) beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde. Sie beantragte die Aufhebung der Dispositivziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung. Es sei festzustell en, der Vollzug der Wegwei- sung sei unzumutbar und daher sei das SEM anzuweisen, der Beschwer- deführerin eine vorläufige Aufnahme zu erteilen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses, Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Beigabe ih- res Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand. E.b Als Beschwerdebeilage n wurden nebst einer Vollmacht zwei Doku- mente als Beweismittel, ein Online-Bericht aus Welt Digital von Philipp He- demann vom 15. November 2013, eine Bescheinigung der L._______ vom 18. April 2018 sowie eine Kostennote der Rechtsvertretung beigelegt. F. Mit Schreiben vom 27. April 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsge- richt den Eingang der Beschwerde. D-2352/2018 Seite 4 G. G.a Der damals zuständige Instruktionsrichter teilte der Beschwerdeführe- rin mit Zwischenverfügung vom 25. Mai 2018 mit, sie dürfe den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Weiter hielt er fest, dass lediglich der Vollzug der Wegweisung Gegenstand des Bes chwerdeverfahrens bilde. Sodann hiess er die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und der amtlichen Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete der Beschwerde- führerin den rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei. Schliesslich lud er die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. G.b In ihrer Vernehmlassung vom 31. Mai 2018 führte die Vorinstanz aus, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung des Standpunktes rechtfertigen könn- ten und hielt vollumfänglich an seinen bisherigen Erwägungen fest. H. H.a Mit Zwischenverfügung vom 7. Juni 2018 wurde der Beschwerdefüh- rerin die Vernehmlassung zur Kenntnis gebracht, wobei ihr auch die Mög- lichkeit gewährt wurde, eine Replik und entsprechende Beweismittel ein- zureichen. H.b Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 22. Juni 2018 (Posteingang: 25. Juni 2018) und hielt an ihren Rechtsbegehren fest. H.c Mit der Replik reichte sie einen weiteren Online-Bericht (aus Welt Di- gital von Christian Putsch und Mekane Selam vom 8. Februar 2016) sowie eine aktualisierte Honorarnote vom 22. Juni 2018 ein. I. I.a Am (…) brachte die Beschwerdeführerin ihren Sohn B._______ (nach- folgend: Beschwerdeführer) zur Welt. I.b Die Beschwerdeführerin reichte während des hängigen Beschwerde- verfahrens keinerlei Informationen über die Person des Kindsvaters zu den Akten. Weiter äusserte sie sich auch nicht zu den aktuellen familiären Ver- hältnissen. J. Aus organisatorische n Gründen wurde das vorliegende Verfahren am 6. Dezember 2019 zur Behandlung auf Richter Hans Schürch übertragen. D-2352/2018 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG; SR 142.31]). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG , dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergan gsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung b eziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Beschwerdeführung legitimiert ( Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. Der am (…) zur Welt gekommene Sohn der Beschwerdeführerin ist praxis- gemäss in das hängige (Beschwerde-) Verfahren seiner Mutter miteinzu- beziehen. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich d es Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Die Beschwerde enthält in Bezug auf die vom SEM festgestellte Zulässig- keit (Art. 83 Abs. 3 AIG [SR 142.20]) sowie auf die Möglichkeit des Voll- zugs der Wegweisung (Art. 83 Abs. 2 AIG) keine Anträge, und auch in der Begründung der Beschwerde wird nicht dargelegt, inwiefern die angefoch- tene Verfügung diesbezüglich Bundesrecht verletzen oder den rechtser- heblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig feststellen soll. Das D-2352/2018 Seite 6 Bundesverwaltungsgericht kann eine fehlerhafte Verfügung zugunsten ei- ner Partei zwar auch ändern (Art. 62 Abs. 1 VwVG), wenn in der Be- schwerde kein entsprechendes Begehren formuliert wird. Es ist allerdings nicht gehalten, über die Vorbringen der Parteien hinaus den Sachverhalt vollkommen neu zu erforschen oder nach allen möglichen Rechtsfehlern zu suchen, sondern prüft von den Parteien nicht aufgeworfene Rechtsfra- gen nur dann, wenn hierzu aufgrund bestimmter, sich aus den Akten erge- bender Anhaltspunkte hinreichend Anlass besteht (vgl. MOSER/ BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Auflage, 2013, Rz. 1.54 ff.). Vorliegend bestehen jedoch keine konkre- ten Anhaltspunkte, welche darauf hindeuten würden, dass die Vorinstanz den Vollzug der Wegweisung zu Unrecht als zulässig und möglich bezeich- net haben könnte. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet entsprechend den Rechtsbegehren und der Beschwerdebegründung somit einzig die Frage, ob infolge Unzumutbarkeit an Stelle des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme anzuordnen ist (Art. 44 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 und 4 AIG). 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Ausländer- und Integrationsgesetzes [AIG; SR 142.20]). 4.2 Bei der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstan- dard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 5. 5.1 Das SEM führt in der angefochtenen Verfügung vom 28. März 2018 hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus , Äthiopien habe am 12. Dezember 2000 mit Eritrea ein Friedensabkommen unter- zeichnet. Seit dem Waffenstillstand im Juni 2000 hätten beide Länder trotz sporadischen Wiederaufflackerns des Grenzkonflikts darauf verzichtet, ihre unterschiedlichen Standpunkte mit militärischer Gewalt durchzuset- zen. In Äthiopien herrsche heute weder Krieg noch Bürgerkrieg oder eine Situation allgemeiner Gewalt. Weiter hielt die Vorinstanz fest, dass auf- grund der unglaubhaften Vorbringen der Beschwerdeführerin mutmasslich D-2352/2018 Seite 7 von einem tragfähigen sozialen und familiären Beziehungsnetz im Heimat- land ausgegangen werde. Es könne nicht gehört werden, dass sie keinen Kontakt zu ihren im Ausland lebenden Schwestern, ihrer Mutter oder ande- ren in Äthiopien lebenden Bekannten und Verwandten pflegen wolle. Dies scheine – angesichts der heutigen technologischen Kommunikationsmög- lichkeiten – lebensfremd. Dementsprechend sei davon auszugehen, dass sie seitens ihrer Verwandtschaft mit Unterstützung rechnen könne. Aus ih- ren Aussagen gehe ferner hervor, dass ihre Familie relativ gut situiert ge- wesen sei. Sie sei ausserdem jung und gesund und verfüge zumindest über einige Jahre Schulbildung sowie mehrere Jahre Arbeitserfahrung in zwei verschiedenen Ländern. Da sie bereits (…) als auch (…) offensichtlich mühelos und innert kurzer Zeit ins Ausland reisen und dort insgesamt sie- beneinhalb Jahre ein Auskommen habe finden können, dürften ihr ähnliche Unternehmungen, sollte sie solche beabsichtigen, woh l auch in Zukunft möglich sein. 5.2 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin führte in der Rechtsmittel- schrift vom 20. April 2018 aus, das SEM gehe im Rahmen der Prüfung von Wegweisungsvollzugshindernissen zu Unrecht von einem tragfähigen so- zialen und familiären Beziehungsnetz der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Äthiopien aus. Seine Mandantin sei ledig und habe sich seit sieben oder vermutlich sogar elf Jahren nicht mehr über einen längeren Zeitraum in ihrem Heimatstaat aufgehalten. Weiter machte der Rechtsvertreter geltend, die Vorinstanz habe sich mit der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts – insbesondere dem Urteil des Bundesverwaltungsgericht s BVGE 2011/25 vom 7. Juli 2011 – nicht ausreichend auseinandergesetzt, weshalb die Verfügung bezüglich des angeordneten Vollzugs rechtswidrig sei. Die Beschwerdeführerin habe von (…) bis (…) im Haushalt einer Familie in D._______ gelebt. Im Ges präch mit ihrem Rechtsvertreter soll sie von versuchten sexuellen Übergriffen des Familienvaters sowie den gewaltsa- men Demütigungen durch dessen Ehefrau berichtet haben. Demnach habe sie das Sch icksal vieler junger äthiopischer Frauen geteilt, welche aus ökonomischen Gründen gezwungen worden seien, als Haushaltshilfen und Babysitterinnen in den Golfstaaten anzuheuern. Der rubrizierte Rechtsvertreter ging in der Folge davon aus, dass die Beschwerdeführerin respektive deren Familie bereits (…) in finanziellen Nöten gewesen sei und der Vater deshalb die Ausreise seiner Tochter veranlasst h abe. Bezeich-D-2352/2018 Seite 8 nend sei hierfür auch, dass die Beschwerdeführerin nach einem dreimona- tigen Aufenthalt in Addis Abeba (…) erneut für vier Jahre ins Ausland ge- reist sei, um zu arbeiten. Weiter seien auch die beiden jüngeren Schwes- tern nach D._______ und G._______ gereist, um Geld zu verdienen. Ge- rade weil die Beschwerdeführerin bereits mehrfach gezwungen worden sei, jahrelang im Ausland unter prekären Umständen zu leben, könne im Umkehrschluss bei einer Rückkehr nach Äthiopien gerade nicht von be- günstigenden Umständen, welche laut dem Grundsatzurteil BVGE 2011/25 gegeben sein müssten, ausgegangen werden. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz könne nicht angenommen werden, die Familie sei gut situiert gewesen, wenn alle drei Töchter der Familie nach und nach ihr Heimatland verlassen hätten, um fernab der Familie zu arbeiten. In der Beschwerdeeingabe wurde dem SEM zudem vorgeworfen, dass es aufgrund der für die Erteilung von Asyl irrelevanten Schilderungen bezüg- lich des Verfolgers auf eine generelle Unglaubhaftigkeit der Äusserungen der Beschwerdeführerin zu ihrem Beziehungsnetz schliesse. Es sei nach- vollziehbar, dass die drei Schwestern sich im Ausland aufhalten würden und auch die Mutter als Nonne ein abgeschiedenes, asketisches und gar einsiedlerisches Leben führe. Es müsse gehört werden, dass die Be- schwerdeführerin, welche mittlerweile sieben Jahre landesabwesend sei, keinen Kontakt zu ihren in Äthiopien lebenden Verwandten und Bekannten pflege. Abschliessend wurde in der Beschwerde festgehalten, dass die Verfügung der Vorinstanz bezüglich des angeordneten Vollzuges der Wegweisung an- gesichts der genannten Argumente fehlerhaft sei. Die Beschwerdeführerin sei als junge, ledige, seit vielen Jahren landesabwesende Frau ohne ver- lässliches familiäres oder sonstiges soziales Beziehungsnetz oder andere begünstigende Umständ e der gefahrenvollen Situation alleinstehender rückkehrender Frauen nach Äthiopien ausgeliefert. Es sei zu befürchten, dass sie unmittelbar nach ihrer Ankunft dort in eine Notlage geraten würde. Daher sei sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. 5.3 In der Vernehmlassung vom 31. Mai 2018 verwies das SEM zunächst auf seine Ausführungen i n der angefochtenen Verfügung. Weiter hielt es fest, dass es das Asylgesuch nicht nur aufgrund fehlender Asylrelevanz der Vorbringen abgelehnt habe, wie dies in der Bes chwerdeschrift impliziert werde; vielmehr würden auch grundsätzliche Zweifel am dargelegten fami-D-2352/2018 Seite 9 liären Beziehungsnetz und an den vermeintlich fehlenden Kontaktmöglich- keiten zur Kernfamilie bestehen. Dies gelte insbesondere in Bezug auf das Ableben des Vaters der Beschwerdeführerin und folglich auch mit dem an- geblichen Eintritt ihrer Mutter in ein Kloster. Insgesamt erachte sie den Wahrheitsgehalt der dargestellten familiären Situation in Äthiopien als äus- serst fragwürdig. Weiter widersprach die Vorinstanz den Ausführungen in der Beschwerdeschrift, wonach finanzielle Nöte des Vaters der Beschwer- deführerin ihn dazu veranlasst haben sollen, die Ausreise seiner Tochter in die Wege geleitet zu haben, denn hierfür würd en schlichtweg keine Hin- weise in den Akten bestehen. Gemäss ihren eigenen Aussagen sei die Fa- milie der Beschwerdeführerin offensichtlich nicht in finanziellen Nöten ge- wesen, was wiederum für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges spreche. Ferner deute a uch die alleinige Tatsache, dass ihre beiden Schwestern im Ausland ihr Auskommen finden würden, in keiner Weise auf eine schlechte ökonomische Situation der Familie im Heimatstaat. Den Ausführungen der Beschwerdeführerin im Rahmen der Anhörung könne des Weiteren entnommen werden, dass sie unmittelbar nach ihrer Rück- kehr nach Addis Abeba dort in der Lage gewesen sei, für ihren Unterhalt zu sorgen, was wiederum dafürspreche, dass sich ihr auch nach einer mehrjährigen Landesabwesenheit aufs Neue eine existenzielle Grundlage eröffnen dürfte. Im Bedarfsfall könne sie sich sodann auf die Hilfe ihrer Ver- wandtschaft im In- und Ausland verlassen. 5.4 In ihrer Replik vom 22. Juni 2018 hielt die Beschwerdeführerin daran fest, die von ihr geschilderten Erlebnisse und Erfahr ungen hätten sich so zugetragen, wie sie dies dem SEM berichtet hätte. Allfällige unglaubhafte Vorbringen im Zusammenhang mit der geltend gemachten Verfolgung lies- sen nicht zwangsläufig auf die von der Vorinstanz vorgehaltene Unglaub- haftigkeit bezüglich de s familiären Beziehungsnetzes oder Kontaktmög- lichkeiten zur Familie schliessen. Weiter wies sie erneut daraufhin, ihre Schwestern hätten sich ebenfalls zwecks Arbeitsaufnahme ins Ausland be- geben, was – angesichts des eingereichten Welt-Artikels nicht nur g laub- haft sei, sondern auch vom SEM nicht bestritten worden sei – darauf schliessen lasse, dass die Familie zuletzt ökonomisch gerade nicht gut si- tuiert gewesen sein müsse. Der Rückschluss der Vorinstanz, wonach die Beschwerdeführerin bereits einmal nach einem mehrjährigen Auslandsauf- enthalt eine existentielle Grundlage habe schaffen können, weshalb ihr dies folglich nochmal gelingen könne, sei reine Spekulation und werde durch den neu eingereichten Welt-Artikel konterkariert. D-2352/2018 Seite 10 6. 6.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 6.1.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen Äthiopiens aus (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3). Trotz der weiterhin herrschen- den ethnischen Spannungen und Protestbewegungen in Äthiopien ist die Situation seit dem Amtsantritt von Premierminister Abiy Ahmed im Früh- ling 2018 stabiler. Die allgemeine Lage in Äthiopien ist weder durch Krieg, Bürgerkrieg noch durch eine Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet, aufgrund derer die Zivilbevölkerung generell als konkret gefährdet bezeich- net werden müsste ( vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2, in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.3). Demge- mäss ist der Wegweisungsvollzug dorthin grundsätzlich weiterhin zumut- bar (vgl. beispielsweise Urteile des BVGer E- 4561/2017 vom 21. Septem- ber 2017 E. 6.2.1 und D-6760/2018 vom 4. Dezember 2019 E. 7.2.1). 6.1.2 Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind allerdings nach wie vor prekär, weshalb gemäss konstanter Praxis zur Existenzsicherung genü- gend finanzielle Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intak tes Bezie- hungsnetz erforderlich sind, um individuell die Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs bestätigen zu können (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.4, in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.4 f.). Für alleinstehende und zurück kehrende Frauen ist es nicht leicht, sozialen Anschluss zu finden, da nicht verheiratete und alleinlebende Frauen von der Gesellschaft – auch der städtischen – nicht akzeptiert werden. Alleinstehende Frauen werden in der Nachbarschaft nicht gerne gesehen, sie gelten als suspekt, da die kulturelle Norm für un- verheiratete Frauen ein Leben in der Familie vorsieht. Eine Wohnung zu finden ist in der Regel nur über Bekannte möglich. Die Arbeitslosigkeit von Frauen in Addis Abeba ist hoch. Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhö- hen, dass eine Frau in Äthiopien einer eigenständigen Erwerbstätigkeit nachgehen kann, sind eine höhere Schulbildung, das Leben in der Stadt, das Verfügen über finanzielle Mittel, Unterstützung durch ein soziales Netz- werk sowie Zugang zu Informationen (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.5). D-2352/2018 Seite 11 6.2 In Anbetracht der erwähnten begünstigenden Faktoren für die Wieder- eingliederung einer alleinstehenden Frau und der geltend gemachten per- sönlichen Umstände ist nachfolgend zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht davon ausgegangen ist, der Beschwerdeführerin werde die soziale und wirtschaftliche Wiedereingliederung in ihre Heimat gelingen. 6.3 Zur Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Beschwerdeführerin ist zu- nächst ein besonderes Augenmerk auf ihr Aussageverhalten zu legen. 6.3.1 Die Angaben der Beschwerdeführerin hinsichtlich ihrer persönlichen Verhältnisse sowie einschneidender Ereignisse vor ihrer Einreise in die Schweiz fielen trotz offen formulierte n Fragen der Vorinstanz sowohl an- lässlich der BzP als auch der Anhörung unsubstantiiert aus. So machte sie beispielsweise selbst auf mehrfache detaillierte Nachfragen nur sehr ober- flächliche Ausführungen zu ihrer familiären Situation (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffer 7.01 und A/9, F 22 ff.). Weiter vermochte sie die Umstände des Todes ihres Vaters nur sehr vage zu schildern (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffer 7.01 und A/9, F 104 ff.). Ihren Aussagen fehlen sodann insbesondere Realkennzei- chen wie Detailreichtum der Schilderungen, freies assoziatives Erzählen, Beschreibungen von Emotionen und Ge dankengängen, Interaktionsschil- derungen sowie inhaltliche Besonderheiten. 6.3.2 Den Akten ist – wie ebenfalls von der Vorinstanz richtigerweise er- kannt – des Weiteren zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin in mehrfacher Hinsicht gegensätzliche und insgesamt unvereinbare Angaben gemacht hat. 6.3.2.1 So gab sie auf dem bei der Asylgesuchseinreichung von ihr selbst ausgefüllten Personalienblatt als Geburtsdatum "(…)" (nach äthiopischem Kalender) beziehungsweise "(…)" (nach gregorianischem Kalender) an (vgl. SEM-Akte A/1). Anlässlich der BzP vom 9. Oktober 2015 erklärte sie dann auch, am "(…)" respektive am "(…)" geboren und aktuell (…) alt zu sein (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffer 1.06). Als aufgrund der bei der Schweizer Vertretung in J._______ verlangten Kopien der Visumsunterlagen der Be- schwerdeführerin (Kopie ihres Passes und ihres Aufenthaltstitels für die E._______) ihr Geburtsdatum im ZEMIS auf den "(…)" abgeändert wurde und ihr dies mit Verfügung vom 28. März 2018 mitgeteilt wurde, erhob sie dagegen jedoch keine Einwände – obwohl sie anlässlich der Anhörung noch aussagte, in ihrem Pass stehe nicht ihr richtiges Alter (vgl. SEM-D-2352/2018 Seite 12 Akte A/9, F 138 f.). Im Weiteren ist festzustellen, dass die Beschwerdefüh- rerin keinerlei beweistauglichen Dokumente zum Beleg ihrer Identität ein- gereicht hat. 6.3.2.2 Die Beschwerdeführerin äusserte sich auch widersprüchlich zu ih- rem familiären Beziehungsnetz im Heimatstaat. Während sie bei der BzP zu Protokoll gab, nebst ihren Eltern und den beiden jüngeren Schwestern, M._______ und N._______, keine weiteren Verwandten zu haben (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffern 2.02 und 3.01), erklärte sie in der Anhörung, sie habe Onkel und Tanten, welche – etwas weiter entfernt – auf dem Land leben würden. Weiter präzisierte sie hierzu, sie habe zwei Tanten und drei Onkel mütterlicherseits sowie drei Tanten und zwei Onkel väterlicherseits (vgl. SEM-Akte A/9, F 53 ff.). 6.3.2.3 Sodann machte sie divergierende Aussagen hinsichtlich biographi- scher Daten. So führte sie anlässlich der BzP aus, die Schule bis zur sechs- ten Klasse besucht zu haben (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffer. 1.17.04), wogegen sie in der Anhörung ausführte, bis zur fünften Klasse in die Schule gegan- gen zu sein (vgl. SEM-Akte A/9, F 38). 6.3.2.4 Des Weiteren machte die Beschwerdeführerin unterschiedliche An- gaben in Zusammenhang mit ihrer Ausreise. Hierzu gab sie anlässlich der BzP zu Protokoll, sie sei entgegen ihrem Willen als Jugendliche mit einem älteren Mann verheiratet worden (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffern 7.01). Bei der Anhörung machte sie demgegenüber geltend, ei n älterer Mann hab e be- absichtigt, sie zu heiraten (vgl. SEM-Akte A/9, F 66 ff.). Auf Vorhalt dieser Widersprüche im Rahmen der schriftlichen Aufforderung zur Stellung- nahme vom 20. März 2018 (vgl. SEM-Akte A/10) antwortet sie mit Eingabe vom 26. März 2018 nur ausweichend und vermochte die Ungereimtheiten nicht auszuräumen (vgl. SEM-Akte A/16). Im Übrigen gab sie auch jeweils unterschiedliche Namen für ihren Peiniger an (vgl. SEM-Akten A/3, Zif- fer 7.02 und A/9, F 92). Ausserdem ist zu bezweifeln, dass auch (…) und damit vier Jahre nach ihrer Flucht ins Ausland weiterhin eine reale Gefahr der Verfolgung bestanden haben soll und sie sich nicht in Addis Abeba oder anderswo in ihrem Heimatstaat niederlassen konnte. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann ferner auf die entsprechenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. hierzu E. II, Ziffern 1 und 2). 6.3.2.5 Ergänzend ist schliesslich anzumerken, dass die Beschwerdefüh- rerin – trotz der ihr obliegenden und mehrfach zur Kenntnis gebrachten D-2352/2018 Seite 13 Mitwirkungspflicht nach Art. 8 AsylG – im nunmehr mehr als vier Jahre an- dauernden Asylverfahren, nebst de n Identitätsdokumenten auch keine schlüssigen Beweismittel für ihre Angaben betreffend Biografie, Wohn- sitze, Aufenthaltsorte und familiäre oder verwandtschaftliche Beziehungen vorlegte. 6.3.3 All diese Umstände geben begründeten Anlass zur der Vermutung, dass die Beschwerdeführerin nicht nur ihre wahre Identität, ihr Alter, ihren Zivilstand, ihr tatsächliches Beziehungsnetz im Heimatstaat, sondern auch ihre Fluchtgründe gegenüber den Schweizer Asylbehörden zu verheimli- chen beziehungsweise zu verschleiern versuchte. Wegweisungshindernisse sind grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Diese Untersuchungspflicht findet je- doch nach Treu und Glauben ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht der beschwerdeführenden Person (Art. 8 AsylG), die im Übrigen auch die Sub- stantiierungslast trägt (Art. 7 AsylG). Es kann nicht Sache der Asylbehör- den sein, nach allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen zu forschen, wenn die asylsuchende Person – durch unglaubhafte beziehungsweise fehlende, womöglich gezielt vorenthaltene, Angaben über ihre Identität und ihr soziales Beziehungsnetz eine vernünftige Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verhindert. Da die Beschwerdeführerin mit dem Fehlen jeglicher Bemühungen, rechtsgenügliche Ausweispapiere und Be- weismittel zu beschaffen, die ihre Identität und Vorbringen beweisen könn- ten und zudem mit dem Vorenthalten von Informationen beziehungsweise mit unglaubhaften Aussagen versucht hat, die Asylbehörden zu täuschen, ist ihre persönliche Glaubwürdigkeit im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zu bezweifeln. 6.4 Doch selbst wenn man auf die fragwürdigen und knappen Angaben der Beschwerdeführerin abstellen will, liesse sich daraus der Schluss ziehen, dass ihre persönliche Situation nicht gegen die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung spricht. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann hierzu auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Ver- fügung sowie der Vernehmlassung verwiesen werden. 6.4.1 Wie bereits ausgeführt, verneinte die Beschwerdeführerin in der BzP – nebst ihren beiden Schwestern und ihrer Mutter – weitere Angehörige zu haben (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffer 3.01 ff.). Demgegenüber gab sie anläss- lich der Anhörung zu Protokoll sie habe sowohl mütterlicher- als auch vä-D-2352/2018 Seite 14 terlicherseits Onkel und Tanten. Diese hätten sie zwar aufgrund der gros- sen Distanz nicht oft besucht, allerdings hätten sie eine gute Beziehung gehabt. Da ihre Verwandten kein Telefon hätten, hätte sie allerdings keine Möglichkeit gehabt, diese nach ihrer Ausreise zu erreichen (vgl. SEM- Akte A/9, F 53 ff.). In der vorliegend zu beurteilenden Beschwerde machte sie schliesslich geltend, kein tragfähiges soziales Netz in Äthiopien zu ha- ben. Sie habe denn auch nachvollziehbar dargelegt, dass ihre beiden Schwestern sich im Ausland aufhalten und ihre Mutter vermutlich als Nonne in ein ihr unbekanntes Kloster eingetreten sei. Zudem habe sie wäh- rend ihrer mittlerweile rund siebenjährigen L andesabwesenheit keinen Kontakt zu ihren in Äthiopien lebenden Ver wandten und Bekannten ge- pflegt. Die Beschwerdeführerin hat ihr Heimatland erstmals im Jahr (…) verlassen und hielt sich danach gemäss eigenen Aussagen letztmals im Jahr (…) nur noch während knapp drei Monaten in Äthiopien auf, was zu einer Lücke in ihrem sozialen Entwicklungsprozess geführt haben dürfte. Angesichts des- sen, dass die Beschwerdeführerin jedoch zum Bestand eines sozialen Be- ziehungsnetzes im Heimatland teilweise ungereimte oder kaum überzeu- gende Ausführungen machte und sich gemäss den Akten auch nicht an- satzweise darum bemühte, ihre Vorbringen zu belegen , ist – in Überein- stimmung mit der Vorinstanz – allerdings davon auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr auf ein weiterhin bestehendes unterstützungsfähiges sowie unterstützungswilliges und damit auch ein tragfähiges familiäres Bezie- hungsnetz zählen kann. Die Beschwerdeführerin hat demnach die Folgen ihrer mangelhaften Mitwirkung respektive der Verheimlichung ihrer wahren persönlichen Verhältnisse zu tragen. Im Übrigen ist weder den Akten noch der Beschwerde zu entnehmen, weshalb die Beschwerdeführerin nicht noch zum heutigen Zeitpunkt mit ihrer in Äthiopien lebenden Verwand t- schaft Kontakt aufnehmen und die vorbestandenen sozialen Kontakte wie- der reaktivieren könnte. Überdies geht das Gericht davon aus, dass sich die Beschwerdeführerin in ihren prägenden Kinder- und Jugendjahren so- wie als junge Erwachsene auch ein soziales Netz ausserhalb der Ver- wandtschaft hat aufbauen können, auf welches sie bei der Rückkehr nach Äthiopien im Bedarfsfall zurückgreifen könnte. Schliesslich wird sie nicht in einen ihr gänzlich fremden Kulturkreis, sondern vielmehr in ihr Heimatland zurückkehren, wo sie den grössten Teil ihres bisherigen Lebens verbracht hat und daher mit den äthiopischen Lebensgewohnheiten und Traditionen bestens vertraut ist. Ebenso ist aufgrund des Umstandes, dass sie bis zum 23. Lebensjahr als alleinstehende Frau in Äthiopien lebte und im Jahr 2015 D-2352/2018 Seite 15 erneut für einige Monate dorthin zurückkehrte, mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit eine Stigmatisierung ihrer Person auszuschliessen. 6.4.2 Hinsichtlich ihrer schulischen Laufbahn brachte die Beschwerdefüh- rerin vor, die Schule bis zur fünften respektive zur sechsten Klasse besucht zu haben. Zwar verfügt sie damit nur über eine geringe Schulbildung, den- noch ist sie nicht als ungebildet zu betrachten. Weiter arbeitete sie während vier Jahren als (…) in G._______ und über viereinhalb Jahre als (…) in D._______. Auf diese langjährigen Arbeitserfahrungen kann die Beschwer- deführerin – entgegen ihren Vorbringen – zurückgreifen. Zudem können ihr ihre dadurch erworbenen Fremdsprachenkenntnisse (Arabisch) bei der Reintegration dienlich sein. All diese Kompetenzen werden der Beschwer- deführerin in der wachsenden Wirtschaft Äthiopiens beim Aufbau einer neuen Existenz von Nutzen sein. Der Beschwerdeführerin gelang es denn offenbar auch bereits nach ihrer Rückkehr aus G._______ anfangs (…) innert kürzester Zeit in Addis Abeba Arbeit zu finden. Diesbezüglich führte sie anlässlich der Anhörung aus, sie habe – wie ihre Mutter auch – gearbeitet und dabei für andere Leute die Wäsche gemacht und alle möglichen Sachen erledigt. Sie hätten ihr Leben führen können (vgl. SEM-Akte A/9, F 68 und F 145). Die dagegen vorge- brachten Einwendungen in der Beschwerdeschrift, wonach ihre Aussage "so konnten wir auch unsere Leben führen" nicht so zu verstehen sei, als dass der Erwerb zum Leben gereicht habe, sie stattdessen auf Arbeitsver- mittler angewiesen gewesen seie n und die Arbeiten lediglich vereinzelte Wasch- und Putzaufträge beinhaltet hätten, wirken nachgeschoben und damit unglaubhaft. Zudem steht das Vorbringen, dass die erzielten Ein- künfte offensichtlich zu wenig gewesen und die Beschwerdeführerin sowie ihre jüngste Schwester N._______ schliesslich deshalb (wieder) ins Aus- land migriert seien, im Widerspruch zum geltend gemachten Ausreise- grund (Bedrohung durch O._______ beziehungsweise P ._______). Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass sich die Beschwerdefüh- rerin erneut eine berufliche Existenzgrundlage in ihrer Heimatregion oder auch in der Hauptstadt, wo sich ihr eine innerstaatliche Aufenthaltsalterna- tive bietet, aufbauen kann. 6.4.3 Im vorinstanzlichen Verfahren führte die Beschwerdeführerin hin- sichtlich der finanziellen Situation ihrer Familie aus, ihr Vater sei Bauer ge- wesen und habe ein sehr gutes Einkommen erzielt. Sie hätten Felder an verschiedenen Orten gehabt, welche sie bewirtschaftet hätten und sie hät- ten vier Ochsen, zwei Kühe und mehrere Schafe besessen (vgl. SEM-D-2352/2018 Seite 16 Akte A/9, F 23 ff.). In der Zeit zwischen ihrer Ausreise nach G._______ (…) und vor ihrer Rückkehr nach Äthiopien im Jahr (…) habe der Mann, wel- cher auch ihren Vater umgebracht habe, sämtliche Ländereien und das Vieh an sich genommen (vgl. SEM-Akten A/3, Ziffer 7.01 und A/9 F 68 und 118). In Übereinstimmung mit den Erwägungen der Vorinstanz sowie in der Vernehmlassung ist davon auszugehen, dass es sich off ensichtlich um eine für äthiopische Verhältnisse wirtschaftlich relativ gut situierte Familie handeln muss, zumal die Beschwerdeführerin jeweils per Flugzeug aus Äthiopien ausreiste (vgl . SEM-Akte A/3, Ziffern 5.01 und 5.02 und A/9 F 123 f., F 135 ff., F 181). Auf Beschwerdeebene wurde dagegen im Wesentlichen geltend gemacht, die Beschwerdeführerin respektive deren Familie sei bereits (…) in finanziellen Nöten gewesen, habe doch der Vater die Ausreise seiner Tochter nach G._______ veranlasst. Auch weil die bei- den anderen Töchter ihr Heimatland verlassen hätten, um im Ausland zu arbeiten, könne nicht angenommen werden, dass die Familie gut situiert gewesen sei. Dieser Auffassung kann indessen nicht gefolgt werden, zu- mal sich – wie von der Vorinstanz bereits festgestellt wurde – in den Aus- sagen der Beschwerdeführerin keine Hinweise dafür finden lassen und sich hierfür auch keine Stütze aus den Akten ergibt. So machte die Be- schwerdeführerin denn auch nie finanzielle Gründe für ihre Ausreisen aus Äthiopien geltend (vgl. SEM-Akte A/3, Ziffer 7.01 und A/9, F 66 ff.). Diese neuen Vorbringen erscheinen somit nicht glaubhaft und müssen ebenfalls als nachgeschobene Sachverhaltsanpassung qualifiziert werden. Infolge- dessen ist anzunehmen, dass die Familie der Beschwerdeführerin ihr Hilfe zur wirtschaftlichen Reintegration bieten kann, womit der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs auch keine ökonomischen Gesichtspunkte entge- genstehen. Zur Überbrückung der Anfangszeit steht es der Beschwerdeführerin bei ih- rer Rückkehr zudem offen, einen Antrag auf finanzielle Rückkehrhilfe zu stellen (Art. 62 ff. der Asylverordnung 2 vom 1. August 1999 über Finanzie- rungsfragen [AsylV 2, SR 142.312], womit ihr der wirtschaftliche Wieder- einstieg im Heimatland erleichtert werden kann. Im Übrigen sind keine wei- teren individuellen Gründe sozialer oder wirtschaftlicher Natur ersichtlich, aufgrund derer geschlossen werden könnte, die Beschwerdeführerin ge- rate im Falle der Rückkehr in eine existenzbedrohende Situation. 6.4.4 Mit der Bereitschaft in d en H._______, die E._______ beziehungs- weise in die Schweiz zu reisen, hat die Beschwerdeführerin zudem ein be- achtliches Mass an Selbständigkeit und die Fähigkeit, sich an veränderte Verhältnisse anzupassen, bewiesen. D-2352/2018 Seite 17 6.4.5 Nach dem Gesagten gelangt das Gericht unter Berücksichtigung aller massgebenden Umstände zum Schluss, dass es der Beschwerdeführerin trotz der dargestellten generell sehr schwierigen Lebensumstände für al- leinstehende Frauen in Äthiopien angesichts der persönlichen Vorausset- zungen gelingen dürfte, sich wirtschaftlich und sozial in ihrem Heimatland zu reintegrieren. Das Bundesverwaltungsgericht erachtet den Wegwei- sungsvollzug der relativ jungen und laut Akten gesunden Beschwerdefüh- rerin somit in Übereinstimmung mit dem SEM als zumutbar. Angesichts dessen kann darauf verzichtet werden, auf die weiteren Beschwerdevor- bringen näher einzugehen, da diese zu keiner anderen Einschätzung füh- ren würden. 6.5 6.5.1 Die Beschwerdeführerin gebar im Sommer 2019 ihren Sohn in der Schweiz. Da der Beschwerdeführer aufgrund seines Alters noch in einem sehr engen Verhältnis zu seiner Mutter steht und er infolgedessen ebenfalls von einem allfälligen Wegeweisungsvollzug betroffen sein wird, bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt von Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer völkerrechtskonfor- men Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes (UN -Kinderrechtskonven- tion [KRK]; SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind demnach sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen. In Bezug auf das Kindeswohl können für ein Kind namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer ge- samtheitlichen Beurteilung von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkei- ten, Art seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen (ins- besondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prog- nose bezüglich Entwicklung/Ausbildung sowie der Grad der erfolgten In- tegration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.6 m.w.H.). 6.5.2 Vorliegend ist keine Verletzung des Kindeswohls auszumachen, wo- mit sich der Vollzug der Wegweisung des minderjährigen Beschwerdefüh- rers ebenfalls als zumu tbar erweist. Angesichts seines noch sehr jungen Alters kann klarerweise noch nicht von einer Verwurzelung in der Schweiz ausgegangen werden, welche einem Aufenthalt im Heimatstaat im Sinne von Art. 3 KRK entgegenstehen würde. Der Beschwerdeführer ist nur ei- nige wenige Monate alt und damit in einem Alter, in dem er vollständig an seine Mutter als wesentliche Bezugsperson gebunden ist und noch keine Beziehungen zu seiner näheren Umgebung ausbilden kann. Er wird sich D-2352/2018 Seite 18 – aus entwicklungspsychologischer Sicht – demnach ohne grössere Prob- leme in die äthiopische Gesellschaft eingliedern können. Für das Kind wer- den keine medizinischen Leiden geltend gemacht. Im Übrigen würde auch der Umstand, dass das Kind bei einer Rückkehr nach Äthiopien grundsätz- lich nicht in den Genuss der medizinischen, schulischen und materiellen Standards der Schweiz kommt, nicht die Unzumutbarkeit des Vollzuges zu bewirken vermögen. Darüber hinaus steht es der Beschwerdeführerin of- fen, bei der Erziehung ihres Kindes allenfalls auf familiäre U nterstützung zurückzugreifen, um einer Arbeit nachgehen zu können. Bezüglich der Be- treuung und Unterstützung sowie den Bildungsmöglichkeiten kann auf die obigen Erwägungen zum familiären Beziehungsnetz und dem Vorhanden- sein von gewissen finanziellen Ressourcen verwiesen werden. Nötigenfalls wird ihr die Rückkehrhilfe der Schweiz den Wiedereinstieg im Heimatland ebenfalls erleichtern können (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 73 ff. AsylV 2). 6.6 In Würdigung der Gesamtumstände kommt das Gericht folglich zu m Schluss, dass keine individuellen Gründe dagegensprechen und sich der Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführenden nach Äthiopien – auch unter Berücksichtigung des Kindeswohls – insgesamt als zumutbar er- weist. 7. Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zumutbar bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer- deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfü- gung vom 25. Mai 2018 wurde jedoch ihr Gesuch um unentgeltliche Pro- zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Den Akten sind D-2352/2018 Seite 19 keine Anhaltspunkte für die Annahmen zu entnehmen, dass sich ihre finan- zielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätten. Demnach ist – trotz Unterliegens – von der Auflage von Verfahrenskosten abzusehen. 9.2 Mit der erwähnten Zwischenverfügung wurde auch das Gesuch um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und der rubrizierte Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet (aArt. 110a Abs. 1 AsylG). Die- sem ist ein amtliches Honorar für die no twendigen Aufwendungen im Be- schwerdeverfahren durch das Bundesverwaltungsgericht auszurichten (vgl. aArt. 110a Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–14 VGKE). Der in der Kosten- note vom 22. Juni 2018 ausgewiesene zeitliche Vertretungsaufwand von insgesamt 9.5 Stunden erscheint grundsätzlich angemessen, doch wurde das Honorar mit einem Stundenansatz von Fr. 200.– veranschlagt und be- rechnet. Bei amtlicher Vertretung geht das Bundesverwaltungsgericht für nicht-anwaltliche Vertreter (wie in der Zwischenverfügung vom 25. Mai 2018 angekündigt) praxisgemäss von einem Ansatz von höchstens Fr. 150.– aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Dazu sind die aus- gewiesenen Barauslagen von Fr. 70.– (Porti, Telefon-, und Faxkosten so- wie Dolmetscherkosten ) hinzuzurechnen. Die Parte ientschädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 1'495.– (inkl. Barauslagen) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) D-2352/2018 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand der Beschwerdeführerin wird zu Lasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar von Fr. 1'495.– ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Kathrin Rohrer Versand: