<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">63</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>15</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 142 Abs. 1 ZGB; Art. 30c Abs. 5 BVG; Art. 5 Abs. 2, 22 Abs. 2 FZG.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Teilung der Freizügigkeitsleistungen im Anschluss an die Ehescheidung:</b></span><br/> <span class="ft1"><b>An das vom Scheidungsrichter festgelegte Teilungsverhältnis ist das Ver-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>sicherungsgericht gebunden. Ein zwischen den Parteien geschlossener</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Vergleich über die Teilung kann nur bewilligt werden, wenn er sich an</b></span><br/> <span class="ft1"><b>das im Scheidungsverfahren festgelegte Teilungsverhältnis hält. Wird die</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Freizügigkeitsleistung einer Partei aufgrund eines gerichtlich nicht be-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>willigten Vergleichs ausbezahlt, hat der Teilungsausgleich aus dem Pri-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>vatvermögen der entsprechenden Partei zu geschehen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 3. Kammer, vom 22. Juni</span><br/> <span class="ft2">2010 in Sachen N.C. gegen E.C. (VKL.2007.23).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">3.</span><br/> <span class="ft4">Vorab ist in grundsätzlicher Hinsicht festzuhalten, dass es dem</span><br/> <span class="ft4">Scheidungsrichter obliegt, über das Teilungsverhältnis zu befinden</span><br/> <span class="ft4">(Art. 142 Abs. 1 ZGB). Das Versicherungsgericht ist an diesen Tei-</span><br/> <span class="ft4">lungsschlüssel gebunden (BGE 130 III 341) und kann deswegen</span><br/> <span class="ft4">weder von diesem Schlüssel abweichen noch ihn selber festlegen.</span><br/> <span class="ft4">Zwar ist es grundsätzlich möglich, auf die Teilung ganz oder teilwei-</span><br/> <span class="ft4">se zu verzichten, doch hat dies im Scheidungsverfahren zu geschehen</span><br/> <span class="ft4">und ist im Dispositiv des Scheidungsurteils entsprechend festzuhal-</span><br/> <span class="ft4">ten. Demgemäss ist auch ein Vergleich zwischen den Parteien zu den</span><br/> <span class="ft4">Modalitäten der Teilung grundsätzlich im Scheidungsverfahren zu</span><br/> <span class="ft4">schliessen, da die Bestimmung des Verhältnisses, in welchem die</span><br/> <span class="ft4">Austrittsleistungen zu teilen sind, zwingend im Rahmen des Schei-</span><br/> <span class="ft4">dungsverfahrens zu erfolgen hat (Art. 141 Abs. 3 ZGB; BGE 132 V</span><br/> <span class="ft4">337 Erw. 2.3; Urteil des Bundesgerichts vom 3. Dezember 2009</span><br/> <span class="ft4">[9C_943/2008] = SVR 2010 BVG Nr. 19 S. 73).</span><br/> <span class="ft4">Im vorliegenden Fall hat das Bezirksgericht Brugg als Schei-</span><br/> <span class="ft4">dungsgericht die hälftige Teilung der Vorsorgeguthaben der Parteien</span><br/> <span class="ft4">festgelegt. Vor Versicherungsgericht erklärten die Parteien sodann,</span><br/> <span class="ft4">man wolle gegenseitig auf die Teilung verzichten; am 12. September</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">64</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">2008 reichten sie einen entsprechenden Vergleich ein. Dieser Ver-</span><br/> <span class="ft4">gleich/Verzicht kann gemäss den vorstehenden Erwägungen vom</span><br/> <span class="ft4">Versicherungsgericht nicht genehmigt werden, widerspricht dieser</span><br/> <span class="ft4">doch der vom Bezirksgericht Brugg angeordneten hälftigen Teilung.</span><br/> <span class="ft4">Das Versicherungsgericht kann dem übereinstimmend geäusserten</span><br/> <span class="ft4">Willen der Parteien daher nicht Folge leisten und hat die Teilung</span><br/> <span class="ft4">trotz der Verzichtserklärung gemäss den gesetzlichen Bestimmungen</span><br/> <span class="ft4">und dem Teilungsschlüssel des Scheidungsgerichts (hälftige Teilung)</span><br/> <span class="ft4">zu berechnen und anzuordnen.</span><br/> <span class="ft4">(...)</span><br/> <span class="ft4">4.4.</span><br/> <span class="ft4">Der Beklagte liess seine Freizügigkeitsleistungen von der Stif-</span><br/> <span class="ft4">tung A. und der B. Pensionskasse anfangs des Jahres 2008 auf ein</span><br/> <span class="ft4">Freizügigkeitskonto bei der Freizügigkeitsstiftung der X-Bank über-</span><br/> <span class="ft4">weisen. Durch Vorlage des Vergleichs vom 5. September 2008 und</span><br/> <span class="ft4">demzufolge mit Zustimmung der Klägerin liess er sich sein gesamtes</span><br/> <span class="ft4">Freizügigkeitsguthaben am 25. September 2008 zur Aufnahme einer</span><br/> <span class="ft4">selbständigen Erwerbstätigkeit auszahlen. Die Freizügigkeitsleistung</span><br/> <span class="ft4">von Fr. 7'181.45, welche der Beklagte der Klägerin im Rahmen der</span><br/> <span class="ft4">Teilung der Vorsorgeguthaben nach Ehescheidung zu übertragen hat,</span><br/> <span class="ft4">ist mithin nicht mehr auf einem Konto einer BVG-Einrichtung vor-</span><br/> <span class="ft4">handen.</span><br/> <span class="ft4">4.4.1.</span><br/> <span class="ft4">Der Anspruch auf Vorsorgeausgleich richtet sich grundsätzlich</span><br/> <span class="ft4">gegen den pflichtigen Ehegatten. Soweit die zu teilende Masse bei</span><br/> <span class="ft4">einer Vorsorge- oder Freizügigkeitseinrichtung liegt, wird der An-</span><br/> <span class="ft4">spruch so erfüllt, dass die Vorsorge- oder Freizügigkeitseinrichtung</span><br/> <span class="ft4">des schuldnerischen Ehegatten den entsprechenden Betrag an dieje-</span><br/> <span class="ft4">nige des Gläubigers überträgt. Soweit jedoch bei der Vorsorge- oder</span><br/> <span class="ft4">Freizügigkeitseinrichtung des pflichtigen Ehegatten infolge eines</span><br/> <span class="ft4">Vorbezugs nicht mehr genügend Mittel vorhanden sind, um den An-</span><br/> <span class="ft4">spruch des anderen Ehegatten zu befriedigen, kann sich der Teilungs-</span><br/> <span class="ft4">anspruch vorbehältlich einer allfälligen Schadenersatzpflicht nicht</span><br/> <span class="ft4">mehr gegen die Einrichtung richten; vielmehr hat der pflichtige Ehe-</span><br/> <span class="ft4">gatte den geschuldeten Betrag auf die Vorsorge- oder Freizügigkeits-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">65</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">einrichtung des berechtigten Ehegatten zu übertragen (BGE 135 V</span><br/> <span class="ft4">424 f. Erw. 3 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft4">Während der Ehe ist der Vorbezug nur mit schriftlicher Zustim-</span><br/> <span class="ft4">mung des Ehegatten zulässig (Art. 30c Abs. 5 BVG; Art. 331e Abs. 5</span><br/> <span class="ft4">OR). Erfolgt ein Vorbezug ohne diese Zustimmung (Art. 5 Abs. 2</span><br/> <span class="ft4">FZG), liegt darin eine nicht gehörige Erbringung der Austrittsleis-</span><br/> <span class="ft4">tung, welche zu einer Schadenersatzpflicht der Vorsorgeeinrichtung</span><br/> <span class="ft4">führt, wenn diese nicht nachzuweisen vermag, dass ihr kein</span><br/> <span class="ft4">Verschulden zur Last fällt (BGE 133 V 205 Erw. 4.3, 130 V 103 Erw.</span><br/> <span class="ft4">3.3).</span><br/> <span class="ft4">4.4.2.</span><br/> <span class="ft4">Im vorliegenden Fall erfolgte die Barauszahlung der Vorsorge-</span><br/> <span class="ft4">gelder des Beklagten am 25. September 2008. In jenem Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft4">war die Ehe der Parteien rechtskräftig geschieden. Im Weiteren</span><br/> <span class="ft4">stimmte die Klägerin der Auszahlung des gesamten Vorsorgever-</span><br/> <span class="ft4">mögens des Beklagten zu (vgl. Vergleich vom 5. September 2008).</span><br/> <span class="ft4">Aufgrund dieser Gegebenheiten kann der auszahlenden Freizü-</span><br/> <span class="ft4">gigkeitseinrichtung (Freizügigkeitsstiftung der X-Bank) keine Sorg-</span><br/> <span class="ft4">faltspflichtverletzung angelastet werden. Es gibt keine ausdrückliche</span><br/> <span class="ft4">gesetzliche Grundlage für eine Überprüfung des Scheidungsurteils</span><br/> <span class="ft4">im Hinblick auf den Vollzug einer darin allenfalls angeordneten</span><br/> <span class="ft4">Vorsorgeausgleichsteilung in den Fällen, in welchen ein geschiedener</span><br/> <span class="ft4">Versicherter einen Vorbezug von seiner Einrichtung der beruflichen</span><br/> <span class="ft4">Vorsorge beantragt. Auch aus den allgemeinen Rechtsgrundsätzen</span><br/> <span class="ft4">lässt sich eine solche Verpflichtung der Vorsorgeeinrichtungen nicht</span><br/> <span class="ft4">rechtfertigen, zumindest dann nicht, wenn keine konkreten Hinweise</span><br/> <span class="ft4">auf eine Behinderung der Durchführung des Vorsorgeausgleichs</span><br/> <span class="ft4">durch den Vorbezug vorliegen (BGE 135 V 432 f. Erw. 6.6). Da im</span><br/> <span class="ft4">September 2008 die Ehe des Beklagten rechtskräftig geschieden war</span><br/> <span class="ft4">und zudem die - auch im damaligen Zeitpunkt bereits anwaltlich ver-</span><br/> <span class="ft4">tretene - Klägerin ausdrücklich der Barauszahlung zustimmte, be-</span><br/> <span class="ft4">standen für die Freizügigkeitsstiftung der X-Bank keine solchen Hin-</span><br/> <span class="ft4">weise. Eine Schadenersatzpflicht der Freizügigkeitsstiftung der X-</span><br/> <span class="ft4">Bank ist mithin zu verneinen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">66</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">4.4.3.</span><br/> <span class="ft4">Durch den Vorbezug des Freizügigkeitsvermögens des Beklag-</span><br/> <span class="ft4">ten wurde nicht der Rechtsanspruch der Klägerin, sondern nur das</span><br/> <span class="ft4">Vollstreckungssubstrat für diesen Rechtsanspruch beeinträchtigt. Der</span><br/> <span class="ft4">Rechtsanspruch der Klägerin gegenüber dem Beklagten besteht nach</span><br/> <span class="ft4">wie vor. Entsprechend hat der Beklagte den Teilungsausgleich aus</span><br/> <span class="ft4">seinem Privatvermögen vorzunehmen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>