B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-163/2023 U r t e i l v o m 1 6 . M a i 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Gabriela Freihofer, mit Zustimmung von Richter Daniele Cattaneo; Gerichtsschreiberin Nina Ermanni. Parteien A._______, geboren am (…), Burundi, vertreten durch Dr. iur. Joël Müller, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 5. Januar 2023 / N (…). E-163/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reichte am 6. Oktober 2022 in der Schweiz ein Asyl- gesuch ein. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der «Eurodac»-Daten- bank ergab, dass er am 29. September 2022 in Kroatien aufgegriffen und dort gleichentags daktyloskopisch erfasst worden war. B. Am 12. Oktober 2022 erfolgte die Personalienaufnahme (PA) des Be- schwerdeführers. C. C.a Am 4. November 2022 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer – im Rahmen des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö- rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter- nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin -III-VO) und im Bei- sein seiner Rechtsvertretung – das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Kro- atiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu ei- ner allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er habe nicht gewusst, dass er in Kroatien angekommen sei. Bei der Überquerung eines Flusses sei er von der kroatischen Polizei au fgegriffen und geschlagen worden. Zudem hätten sie ihm das Mobiltelefon abgenommen. Anschliessend sei er mit seinen Mitreisenden in einem Streifenwagen zu einer Polizeistation ge- bracht worden, obwohl es einigen Mitreisenden nicht gutgegangen sei. Sie seien in einem grossen Saal festgehalten worden. Schlafen habe man auf dem Boden müssen und es habe nur Brot zu essen gegeben. Wasser zum trinken habe man sich bei der Dusche besorgen müssen. Er habe seine Fingerabdrücke abgeben und Dokumente unterschreib en müssen. Ein Asylgesuch habe er in Kroatien nicht eingereicht. Geschlagen habe man ihn nur bei der Einreise, nicht aber auf der Polizeistation. Nach drei Tagen sei er freigelassen worden und habe die Nacht alleine draussen verbringen müssen, weil kein Bus mehr gefahren sei. Als er am nächsten Tag den Bus habe nehmen wollen, habe er als schwarze Person hinten im Bus einstei- gen müssen, während die weissen Personen vorne eingestiegen seien. Er sei aufgrund seiner Hautfarbe teilweise auch von Taxifahrern abge lehnt worden. Zudem vermute er, dass er auch aus dem Personenzug E-163/2023 Seite 3 rausgenommen und in einem Güterzug habe weiterreisen müssen, weil er schwarz sei. Er sei in Kroatien somit diskriminiert worden. Des Weiteren sei Kroatien nicht sein Ziel gewesen, sondern die Schweiz. Betreffend seinen Gesundheitszustand führte er aus, bei seiner Ankunft in der Schweiz Probleme mit den Zähnen ([…]) gehabt zu haben. Diese seien mittlerweile behandelt worden. Hinzu kämen Schlafprobleme. C.b Gleichentags ersuchte die Vorinstanz die kroatischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO. Die kroatischen Behörden stimmten dem Ersuchen am 4. Januar 2023 ge- stützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO ausdrücklich zu. D. Am 5. Januar 2023 klärte die Vorinstan z beim zuständigen Gesundheits- dienst die medizinische Situation des Beschwerdeführers ab. E. Mit Verfügung vom 5. Januar 2023 (eröffnet am 6. Januar 2023) trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstel- lung nach Kroatien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte d as SEM den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Be- schwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme. F. Mit Eingabe vom 11. Januar 2023 liess der Beschwerdeführer beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragte, die ange- fochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur vollständigen Fest- stellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung a n die Vorinstanz zu- rückzuweisen. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, von den kroati- schen Behörden individuelle Zusicherungen einzuholen bezüglich des ef- fektiven Zugangs des Beschwerdeführers zum kroatischen Asylverfahren, zu adäquater medizinischer Versorgung sowie zu einer menschenwürdi- gen Unterbringung, und dem Unterzeichnenden sei Einsicht in die von der Vorinstanz im vorliegenden Fall verwendeten Anfragen und Ergebnisse der Botschaftsabklärung zu geben. E-163/2023 Seite 4 In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Kostenvorschusserhebung. Des Weiteren beantragte er im Sinne vorsorglicher Massnahmen, der vorlie- genden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und di e Vollzugsbehörde sei anzuweisen, von einer Überstellung nach Kroatien ab- zusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die vorliegende Be- schwerde entschieden habe. Der Beschwerde lag die angefochtene Verfügung, die Empfangsbestäti- gung und eine gültige Vollmacht bei. G. Am 12. Januar 2023 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori- schen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsge- richt die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Er ist daher zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die f rist- und formgerecht einge- reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder E-163/2023 Seite 5 unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver- fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch- führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 4.3 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) – wie vorliegend – sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu- ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dub- lin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (en gl.: take E-163/2023 Seite 6 back) findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeits- prüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 4.4 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Eu- rodac»-Datenbank ergab, dass er am 29. September 2022 in Kroatien auf- gegriffen und daktyloskopisch erfasst worden war (SEM -Akte 1201850- 6/1). Das SEM ersuchte die kroatischen Behörden deshalb am 4. Novem- ber 2022 um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO (SEM-Akte 1201850-11/7). Diese stimmten dem Ersu- chen am 4. Januar 2023 ausdrücklich zu (Art. 13 Abs. 1 Dublin -III-VO; SEM-Akte 1201850-15/1). Die Zuständigkeit Kroatiens ist somit grundsätz- lich gegeben. 5. 5.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für A ntragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechte- charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitgl ied- staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu- stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit- gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 5.2 5.2.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einer drittstaatsangehörigen oder staaten- losen Person gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti- siert. Das SEM kann das Asylgesuch dieser Bestimmung zufolge "aus hu- manitären Gründen" behandeln, selbst wenn gemäss Dublin-III-VO ein an- derer Staat zuständig wäre. E-163/2023 Seite 7 5.2.2 Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen Dublin-Staat als unzulässig im Sinn der EMRK oder einer anderen binden- den, völkerrechtlichen Bestimmung, ist die Vorinstanz verpflichtet, die Sou- veränitätsklausel anzuwenden und das Asylgesuch in der Schweiz zu be- handeln (BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2). 5.2.3 Ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK kann dann vorliegen, wenn eine schwer kranke Person durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfron- tiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechte- rung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 6. Der Beschwerdeführer brachte auf Beschwerdeebene im Wesentlichen vor, er habe in Kroatien kein Asylgesuch gestellt, weshalb im Falle einer Überstellung dorthin die Gefahr bestehe, dass er keinen Zugang zum Asyl- verfahren erhalte oder ihm sogar eine mit erneuter Polizeigewalt verbun- dene Kettenabschiebung drohe. Es könne angesichts des Berichts der Wo- chenzeitung (WOZ), «Eine Kette der Verachtung», vom 22. Dezember 2022, nicht ausgeschlossen werden, dass er direkt aus dem Landesinnern – namentlich aus Zagreb – abgeschoben werde. Insgesamt sei von effek- tiven systemischen Schwachstellen des kroatischen Asyl- und Aufnahme- verfahrens auszugehen, weshalb sich weitere Abklärungen seitens der Vorinstanz aufgedrängt hätten. Mithin habe sich das SEM nicht ausrei- chend mit der Situation von Dublin-Rückkehrenden wie ihm, die in Kroatien kein Asylgesuch gestellt hätten, und der Möglichkeit des effektiven Zu- gangs zum Asylverfahren auseinandergesetzt. Dementsprechend sei der Sachverhalt nicht vollständig erstellt und die Vorinstanz habe ihre Begrün- dungspflicht und somit sein rechtliches Gehör verletzt. Zudem sei sein Recht auf Akteneinsicht verletzt worden, da die Vorinstanz ihm keine Ein- sicht in die – in der angefochtenen Verfügung erwähnten – Abklärungen der Schweizerischen Botschaft in Kroatien gewährt habe. 7. 7.1 Vorab ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer formal zur Hauptsa- che die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz beantragte, zumal er die Sachverhaltsfeststellung bemängelt und die Begründungspflicht durch die Vorinstanz verletzt sieht. E-163/2023 Seite 8 7.2 Der angefochtenen Verfügung liegt jedoch weder ein unvollständiger oder falscher Sachverhalt zugrunde noch ist eine Verletzung der Begrün- dungspflicht ersichtlich. Insbesondere wird anhand der angefochtenen Ver- fügung deutlich, dass der Besc hwerdeführer in Kroatien kein Asylgesuch gestellt hat. 7.3 Aus der Beschwerdebegründung geht letztlich aber auch zweifelsfrei hervor, dass der Beschwerdeführer hinsichtlich der Rechtmässigkeit einer Überstellung nach Kroatien eine andere Auffassung vertritt al s die Vor - instanz. Dieser Umstand beschlägt jedoch einzig die – nachfolgende – ma- terielle Würdigung und Prüfung, welche der Beschwerdeführer in seinem Rechtsmittel mit den angerufenen formellen Rügen vermengt hat. 7.4 Die Rüge der Verletzung des Akteneinsichtsrechts erweist sich als un- begründet. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ge- nügt es, wenn die Vorinstanz hinsichtlich bereits früher getätigter Abklärun- gen der Schweizer Vertretung in ihrer Verfügung auf entsprechende Er- kenntnisse verweist beziehungsweise diese in zusammengefasster Form wiedergibt (vgl. Verfügung des SEM vom 5. Januar 2023 Ziff. II, S. 4). Da im vorliegenden Verfahren keine Botschaftsabklärung durchgeführt wurde, sind in den vorinstanzlichen Akten auch keine entsprechenden Aktenstü- cke vorhanden, in welche Einsicht hätte gewährt werden müssen. Damit liegt keine Verletzung des Akteneinsichtsrechts vor (vgl. Urteile des BVGer BVGer D-5976/2022 vom 5. Januar 2023 E. 4.1 m.w.H. und E-5984/2022 vom 3. Januar 2023 E. 4.3 m.w.H.). 7.5 Für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht, wie sich aus den Erwägungen dieses Urteils ergibt, keine Veranlassung. 8. 8.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische Schwachstel- len aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU -Grundrechtecharta mit sich brin- gen würden. 8.2 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR E-163/2023 Seite 9 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per- sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er- geben. 8.3 Im publizierten Referenzurteil E-1488/2020 vom 22. März 2023 wurde die seit dem Referenzurtei l D-1611/2016 vom 22. März 2016 bestehende Praxis der grundsätzlichen Zulässigkeit von Dublin -Überstellungen nach Kroatien – unabhängig davon ob es sich dabei um ein "Take-Charge-" (Auf- nahme) oder ein "Take-Back-" (Wiederaufnahme) Verfahren handelt – be- stätigt, da nicht davon auszugehen sei, das Asylverfahren und die Aufnah- mebedingungen in Kroatien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf, die eine Überstellung von Gesuchstellenden generell als unzulässig erscheinen lassen würden (vgl. a.a.O. E. 9.5). Das Gericht hielt fest, der Verdacht eines – angesichts der Situation in Kro- atien (vgl. a.a.O. E. 9.4.2 f.) auf den ersten Blick nicht unbegründete – Ge- fährdungszusammenhangs zwischen den sogenannten Push -backs und Dublin-Rückkehr lasse sich aufgrund der verfügbaren Informationen und Erkenntnisse nicht erhärten. Zum heutigen Zeitpunkt bestünden keine ge- nügenden Anzeichen, die befürchten liessen, Dublin -Rückkehrende wür- den ohne Eröffnung und Durchführung eines Asylverfahrens aus Kroatien rechtswidrig ausgeschafft. Insbesondere sei aufgrund dieser Ausgangs- lage nicht davon auszugehen, dass dies systematisch geschehen würde. Aufgrund der verfügbaren Informationen gebe es letztlich keine Anhalts- punkte, wonach Take-Charge-Konstellationen diesbezüglich anders zu be- urteilen wären als Take -Back-Verfahren, beziehungsweise dass für die erste Kategorie eine erhöhte Gefährdung von Abschiebungen ohne Durch- führung eines Asylverfahrens bestehen würde (vgl. a.a.O. E. 9.4.4). Im Er- gebnis sei davon auszugehen, dass Gesuchstellende, welche gestützt auf die Dublin-III-VO nach Kroatien überstellt würden, Zugang zum dortigen Asylverfahren erhielten, unabhängig davon, ob die gesuchstellende Per- son im Rahmen eines Take-Charge oder Take-Back Verfahrens überstellt werde. Insbesondere bestehe keine beachtliche Wahrscheinlichkeit, die E-163/2023 Seite 10 Überstellten würden der Gefahr einer Verletzung ihrer aus dem Refoule- ment-Verbot fliessenden Rechte ausgesetzt werden (vgl. a.a.O. E. 9.5). 8.4 Unter diesen Umstände n ist vorliegend die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO nicht gerechtfertigt. Von einer Überstellung ist schliesslich nur in Ausnahmefällen abzusehen. Dafür bedarf es substanzi- ierter Vorbringen, die geeignet sind darzulegen, dass die generelle An- nahme – wie sie im Referenzurteil E-1488/2020 dargestellt wurde – im Ein- zelfall nicht zutrifft. Dies gelingt dem Beschwerdeführer aufgrund seiner angeblich erlebten Vorkommnisse (er sei geschlagen und ihm sei sein Mo- biltelefon abgenommen worden, er habe auf dem Boden schlafen müssen, nur Brot zu Essen erhalten , Wasser aus der Dusche trinken müssen und sei aufgrund seiner Hautfarbe diskriminiert worden) in Kroatien nicht. 9. 9.1 Im Übrigen sind den Akten sodann keine Anhaltspunkte zu entnehmen, die eine Ausübung des Selbsteintrittsrechts der Schweiz nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO nahelegen würden. 9.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar- getan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in seinem Fall den Grund- satz des Non -Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer Rückführung erwar- tenden Bedingungen in Kroatien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Er vermochte keine individuellen Umstände geltend zu machen, ges tützt auf welche sich die Annahme rechtfertigen würde, Kroatien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zu- stehenden minimalen Lebensbedingungen – insbesondere auch hinsicht- lich der medizinischen Versorgung oder der Unterbringung – vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich nöti- genfalls an die kroatischen Behörden wenden und d ie ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Auf- nahmerichtlinie). E-163/2023 Seite 11 9.3 Gemäss vorliegender Aktenlage wurden die Zahnprobleme des Be- schwerdeführers behandelt ( SEM-Akte 1201850 -13/3). Weitere gesund- heitlichen Probleme sind nicht aus gewiesen, der Beschwerdeführer gilt demnach als gesund (SEM-Akte 1201850-16/1). 9.4 Nach dem Gesagten besteht demnach auch keine Veranlassung für die eventualiter beantragte Einholung individueller Garantien bezüglich des ef- fektiven Zugangs des Beschwerdeführe rs zum Asylverfahren sowie zur medizinischen Versorgung und Unterbringung. 9.5 9.5.1 Schliesslich ist die angefochtene Verfügung auch unter dem Blick- winkel der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 – hinsichtlich derer das SEM über einen (durch das Bundesverwaltungs- gericht lediglich eingeschränkt überprüfbaren) Ermessensspielraum ver- fügt – nicht zu beanstanden (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f. und Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Der Sachverhalt ist, wie erwähnt, hinreichend erstellt, und den Akten sind keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. 9.5.2 Das Gericht enthält sich unter diesen Umständen weiterer Äusserun- gen zur Frage eines Selbsteintritts aus humanitären Gründen. 9.5.3 Nach dem Gesagten bestand kein Grund für eine Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein- räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuw ählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). 10. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da dieser nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts - oder Niederlassungsbe- willigung ist, wurde die Überstellung nach Kroatien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 11. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). E-163/2023 Seite 12 12. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bes tätigen. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, weshalb der Antrag auf Gewährung der aufschieben- den Wirkung gegenstandslos geworden ist. Der angeordnete Vollzugs- stopp fällt mir vorliegendem Urteil dahin. 13. Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – aussichtlos waren, weshalb die Vor - aussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Das Gesuch um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird mit dem vorliegenden Ent- scheid in der Sache gegenstandslos. 14. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-163/2023 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Nina Ermanni Versand: