Abteilung V E-6384/2008/ame {T 0/2} U r t e i l v o m 8 . D e z e m b e r 2 0 1 0 Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Martin Zoller, Richterin Emilia Antonioni; Gerichtsschreiberin Barbara Balmelli. A._______, und ihre Kinder B._______, C._______, D._______, Kolumbien, p.A. Schweizerische Botschaft Bogotà, Kolumbien, Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Einreisebewilligung und Asylgesuch aus dem Ausland; Verfügung des BFM vom 7. Juli 2008 / N (...). B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandE-6384/2008 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am 12. Dezember 2007 bei der Schweizerischen Botschaft in Bogotà für sich und ihre minderjährigen Kinder um Asyl in der Schweiz nach. Mit Schreiben vom 20. Dezember 2007 forderte die Botschaft die Beschwerdeführerin auf, vier konkrete Fragen zu beantworten und einen Fragebogen auszufüllen. Ihre Ant- wort ging am 3. Januar 2008 bei der Botschaft ein. In ihren Eingaben machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie stamme aus E._______ im Department F._______. Sie habe als Beamtin in einem Spital gearbeitet und sei aktives Mitglied der Gewerkschaft der Krankenhausbediensteten ANTHOC gewesen. Sie sei Zeugin der Ermordung eines Polizisten geworden und habe daher eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. In der Folge sei sie den Behörden als Informantin zur Verfügung gestanden. Deshalb sei sie von Mitgliedern der Revolutionären Streitkräfte Kolum- biens (FARC) mit dem Tod bedroht worden. Ihr Ehemann sei von der FARC entführt und ihre Tochter vergewaltigt worden. Ferner seien auch ihre Eltern sowie weitere Verwandte von der FARC bedroht wor- den. Sie habe sich deshalb an die Behörden gewandt, welche eine Ri- sikoanalyse durchgeführt hätten. Diese habe ihr Risikoprofil als ausser- ordentlich hoch ("extraordinario") eingestuft, weshalb sie ins Zeugen- schutzprogramm der Staatsanwaltschaft aufgenommen worden sei. Schliesslich leide ihr jüngster Sohn an verschiedenen gesundheit- lichen Problemen (u.a. Epilepsie), deren Behandlung sehr teuer sei. Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin mehrere Dokumente – jeweils in Kopie – zu den Akten, auf welche in den Erwägungen soweit wesentlich eingegangen wird. B. Mit Schreiben vom 16. Januar 2008 überwies die Botschaft das Dos- sier dem BFM zur weiteren Bearbeitung und zum Entscheid. Im Be- gleitschreiben führte die Botschaft aus, bei der Beschwerdeführerin handle es sich nicht um eine national bekannte Persönlichkeit. Sie habe den Wohnort gewechselt, werde aber auch am neuen Ort ver- folgt. Sie habe keine Beziehungen zur Schweiz und spreche keine schweizerische Landessprache. Seite 2E-6384/2008 C. Am 19. Mai 2008 ersuchte das BFM die Schweizerische Botschaft in Bogotà um Abklärung offener Fragen. Mit Schreiben vom 13. Juni 2008 antwortete die Schweizer Vertretung. D. Mit Verfügung vom 7. Juli 2008 – von der Botschaft am 21. Juli 2008 versandt – verweigerte das BFM der Beschwerdeführerin und ihren Kindern die Einreise in die Schweiz und lehnte das Asylgesuch ab. E. Mit Eingabe vom 29. September 2008 an die Botschaft (Eingang: 30. September 2008) erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde und beantragte sinngemäss die Aufhebung der BFM-Verfügung. Die Be- schwerde ging am 8. Oktober 2008 beim Bundesverwaltungsgericht ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Ju- ni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde. Das Gericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 In der Rechtsmitteleingabe führt die Beschwerdeführerin aus, sie habe die Empfangsbestätigung nicht unterzeichnet. Dazu ist festzu- stellen, dass sich keine – auch nicht eine nicht unterzeichnete – Emp - fangsbestätigung bei den Akten befindet. Der Zeitpunkt der Eröffnung der von der Botschaft am 21. Juli 2008 an die Beschwerdeführerin wei- tergeleiteten Verfügung vom 7. Juli 2008 steht somit nicht fest. Da die Beweislast für die Zustellung an die Partei der eröffnenden Behörde obliegt (vgl. ANDRÉ MOSER /MICHAEL BEUSCH /LORENZ KNEUBÜHLER , Prozessie- Seite 3E-6384/2008 ren vor dem Bundesverwaltungsgericht, Basel 2008, Rz. 3.150, S. 166 f.), ist – trotz des prozessualen Fehlverhaltens der Beschwerdeführerin, als welches das absichtliche Nichtunterzeichnen der Empfangsbestäti- gung zu gelten hat – zugunsten der Beschwerdeführerin davon auszu- gehen, dass die am 30. September 2008 bei der Botschaft in Bogotà und am 8. Oktober 2008 beim Bundesverwaltungsgericht eingegan- gene Beschwerde rechtzeitig erfolgt ist. 1.3 Die Beschwerde ist nicht in einer Amtssprache des Bundes (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 33a VwVG und Art. 70 Abs. 1 der Bundes- verfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101]) abgefasst. Auf die Ansetzung einer Frist zur Be- schwerdeverbesserung im Sinne von Art. 52 VwVG kann vorliegend aus prozessökonomischen Gründen verzichtet werden. Nach erfolgter amtlicher Übersetzung (act. 3) sind die Rechtsbegehren bekannt und hinreichend begründet. 1.4 Die Beschwerdeführerin ersucht in ihrer Eingabe um Abfassung des vorliegenden Urteils in spanischer Sprache. Gemäss Art. 33a Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG wird das Verfahren beim Bundesverwaltungs- gericht in einer der vier Amtssprachen (Deutsch, Französisch, Italie- nisch und, unter gewissen Voraussetzungen, Romanisch) geführt. Spa- nisch ist keine Amtssprache der Schweiz, weshalb dieser Antrag abzu- weisen und das vorliegende Verfahren in deutscher Sprache zu führen ist (vgl. Art. 33a Abs. 2 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 1.5 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teil- genommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs- weise Änderung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legi- timiert. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 19 AsylG kann ein Asylgesuch im Ausland bei einer schweizerischen Vertretung gestellt werden, welche es mit einem Be- Seite 4E-6384/2008 richt an das Bundesamt überweist (Art. 20 Abs. 1 AsylG). Die schwei- zerische Vertretung führt mit der asylsuchenden Person in der Regel eine Befragung durch (Art. 10 Abs. 1 der Asylverordnung 1 vom 11. Au- gust 1999 über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). Ist dies nicht möglich, so wird die asylsuchende Person von der Vertretung auf- gefordert, ihre Asylgründe schriftlich festzuhalten (Art. 10 Abs. 2 AsylV 1). 3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in Auslegung dieser Be- stimmungen im Urteil BVGE 2007/30 erkannt, dass sich die Unmög- lichkeit einer Befragung aus organisatorischen oder kapazitäts- mässigen Gründen bei der jeweiligen Vertretung, aus faktischen Hindernissen im betreffenden Land oder aus bei der asylsuchenden Person liegenden persönlichen Gründen ergeben kann (vgl. BVGE, a.a.O., E. 5.2 f.). Da die Anhörung der Sachverhaltserstellung und der Gewährung des rechtlichen Gehörs dient (vgl. BVGE, a.a.O., E. 5.5), ist die asylsuchende Person bei gegebener Unmöglichkeit einer An- hörung unter Hinweis auf ihre Mitwirkungspflicht in einem individualisierten Schreiben mittels konkreter Fragen aufzufordern, ihre Asylgründe schriftlich festzuhalten; wobei ein standardisiertes Schreiben diesen Anforderungen in der Regel nicht zu genügen ver- mag (vgl. BVGE, a.a.O., E. 5.4). Allerdings kann sich eine Befragung beziehungsweise eine schriftliche Sachverhaltsabklärung erübrigen, wenn der Sachverhalt bereits aufgrund des eingereichten Asylgesuchs als entscheidreif erstellt erscheint; der asylsuchenden Person ist aber diesfalls immerhin im Sinn des rechtlichen Gehörs die Gelegenheit zu geben, sich zu einem abzusehenden negativen Entscheid zumindest schriftlich zu äussern (vgl. BVGE, a.a.O., E. 5.7). Schliesslich ist das Bundesamt in jedem Fall gehalten, das Absehen von einer Befragung in der Verfügung über das Asylgesuch zu begründen (vgl. BVGE, a.a.O., E. 5.6 sowie 5.7). 3.3 Den Akten ist zu entnehmen, dass die Schweizerische Botschaft in Bogotà die Beschwerdeführerin weder zu ihren Asylgründen befragt hat, noch ihr einen individuellen Fragekatalog unterbreitet hat. Einzig hat sie die Beschwerdeführerin mittels eines standardisierten Schrei- bens vom 20. Dezember 2007 sowie eines Formulares aufgefordert, Angaben zu den Fluchtgründen zu machen und entsprechende Be- weismittel zu bezeichnen beziehungsweise einzureichen. Diese Unter- lagen genügen gemäss Rechtsprechung den Anforderung an eine schriftliche Sachverhaltserklärung betreffend die Asylgründe nament- Seite 5E-6384/2008 lich deshalb nicht, weil das Schreiben keine individuell-konkreten Fragen beinhaltet und der Fragebogen nur Fragen zu persönlichen Le- bensdaten, Sprachkenntnissen, Auslandaufenthalten und ver- wandtschaftlichen Beziehungen ausserhalb von Kolumbien enthält. Das Antwortschreiben, den ausgefüllten Fragekatalog sowie die von der Beschwerdeführerin eingereichten Beweismittel reichte die Bot- schaft in der Folge an das BFM weiter. Aufgrund dieser Unterlagen er- achtete das BFM den Sachverhalt als nicht hinreichend abgeklärt und veranlasste eine Botschaftsabklärung vor Ort. Nach Vorliegen des Ab- klärungsergebnisses gelangte die Vorinstanz zum Schluss, das Ver- fahren sei nun spruchreif und verzichtete auf eine Befragung der Be- schwerdeführerin beziehungsweise eine schriftliche Aufforderung zu weiteren Konkretisierungen. Mit dieser Vorgehensweise hat das BFM nach Ansicht des Gerichts den Anforderungen an die Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts Genüge getan, zumal die Gesamtheit der in den Akten liegen- den Unterlagen den Sachverhalt ausführlich darzustellen vermögen. 3.4 3.4.1Gemäss BVGE 2007/30 ist das BFM bei der vorliegenden Sach- lage in einem weiteren Schritt gehalten, der Beschwerdeführerin Ge- legenheit zu geben, zum sich abzeichnenden negativen Entscheid Stellung zu nehmen. Weiter hat die Vorinstanz in ihrer Verfügung den Verzicht auf eine Befragung zu begründen. Die Nichtbeachtung dieser Grundsätze stellt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar, welche angesichts dessen formeller Natur grundsätzlich zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung führen (vgl. BVGE 2008/14 E. 4.1, BVGE 2007/30 E. 8.2 m.w.H., BVGE 2007/27 E. 10.1). 3.4.2Bis zum Entscheid BVGE 2007/30 vom 27. November 2007, publiziert Anfang 2008, war der Verzicht auf eine Anhörung be- ziehungsweise auf eine schriftliche Aufforderung zur Konkretisierung der Asylgründe generell zulässig. Ebensowenig musste vor Erlass der Verfügung das rechtliche Gehör gewährt und der Verzicht auf eine Be- fragung in der vorinstanzlichen Verfügung begründet werden. Vor diesen Hintergrund erscheint eine Aufhebung der angefochtenen Ver- fügung nicht als zwingend. Vielmehr kann es angezeigt sein, den vor Be kanntwerden der neuen Praxis begangenen Verfahrensmangel aus- nahmsweise zu heilen – dies namentlich dann, wenn aufgrund der Akten davon auszugehen ist, dass der asylsuchenden Person in mate- Seite 6E-6384/2008 rieller Hinsicht kein Nachteil erwachsen ist. Eine solche Konstellation ist insbesondere dann gegeben, wenn der entscheidwesentliche Sach- verhalt aufgrund der schriftlichen Begründung des Asylgesuches und allfälliger Beweismittel als hinreichend erstellt zu erachten ist und der asylsuchenden Person zumindest auf Beschwerdeebene die Möglich- keit offengestanden hat, sich nochmals zu ihren Asylgründen zu äus- sern (vgl. dazu Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1999 Nr. 3 E. 3c). 3.4.3Der vorinstanzliche Entscheid ist am 7. Juli 2008, somit nach der durch BVGE 2007/30 veranlassten Praxisänderung ergangen. Insoweit hat das BFM in der angefochtenen Verfügung korrekterweise den Ver- zicht auf eine Befragung mit dem Hinweis auf die weiteren Ab- klärungen im Rahmen der Botschaftsanfrage und deren Ergebnis be- gründet. Indes hat es die Vorinstanz unterlassen, der Beschwerde- führerin vor Erlass der Verfügung das rechtliche Gehör zum sich ab- zeichnenden negativen Entscheid zu gewähren. Damit hat es ihren Anspruch auf rechtliches Gehörs verletzt. 3.4.4Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör führt in der Regel zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Die Rechts- mittelinstanz kann jedoch die Gehörsverletzung heilen, wenn ihr, wie dies im Asylprozess der Fall ist, eine umfassende Kognition zusteht (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und dem Beschwerdeführer aus der Heilung kein Nachteil erwächst (BGE 126 I 72 E. 2, 125 I 209 E. 9). Aus prozessökonomischen Gründen hat der Gesetzgeber die Ver- waltungsbeschwerde und damit auch die Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich reformatorisch ausgestaltet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG darf eine Rückweisung an die Vorinstanz nur ausnahmsweise erfolgen, so etwa, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Eine sach- gerechte Lösung im Sinne einer Heilung oder einer Kassation wird sich entscheidend an der Schwere der Verletzung einer Verfahrens- vorschrift (vgl. EMARK 2004 Nr. 38 E. 7.1) orientieren. Der rechtserhebliche Sachverhalt ist, nicht zuletzt dank des Ergeb- nisses der Botschaftsanfrage, hinreichend erstellt (vgl. vorstehend). So dann hatte die Beschwerdeführerin im Rahmen des Rechtsmittel- verfahrens hinreichend Gelegenheit, ihre Asylvorbringen erneut dar- zutun und zu belegen, was sie auch getan hat. Aufgrund der be- Seite 7E-6384/2008 sonderen Konstellation, namentlich auch der erfolgten Botschafts- anfrage, ist deshalb von einer Kassation der angefochtenen Verfügung abzusehen. Demnach ist im Folgenden in materieller Hinsicht zu prüfen, ob das BFM der Beschwerdeführerin zu Recht die Einreise in die Schweiz verwehrt und sein Asylgesuch abgewiesen hat. 4. 4.1 Das BFM kann ein im Ausland gestelltes Asylgesuch ablehnen, wenn die asylsuchenden Personen keine Verfolgung glaubhaft machen können oder ihnen die Aufnahme in einem Drittstaat zugemutet wer- den kann (vgl. Art. 3, Art. 7 und Art. 52 Abs. 2 AsylG). Gemäss Art. 20 Abs. 2 AsylG bewilligt das BFM Asylsuchenden die Einreise zur Ab- klärung des Sachverhaltes, wenn ihnen nicht zugemutet werden kann, im Wohnsitz- oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in ein anderes Land auszureisen. 4.2 Bei diesem Entscheid gelten für die Erteilung einer Einreise- bewilligung restriktive Voraussetzungen, wobei den Behörden ein weiter Ermessensspielraum zukommt. Neben der erforderlichen Ge- fährdung im Sinne von Art. 3 AsylG sind namentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz, die Möglichkeit der Schutzgewährung durch einen anderen Staat, die Beziehungsnähe zu anderen Staaten, die praktische Möglichkeit und objektive Zumutbarkeit zur ander- weitigen Schutzsuche sowie die voraussichtlichen Eingliederungs- und Assimilationsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen (vgl. EMARK 1997 Nr. 15 E. 2e-g; die dort akzentuierte Praxis hat nach bloss redaktionellen Änderungen bei der letzten Totalrevision des Asyl- gesetzes nach wie vor Gültigkeit). 5. 5.1 Das BFM verweigerte der Beschwerdeführerin und ihren minder- jährigen Kindern die Einreise in die Schweiz und lehnte das Asyl- gesuch ab. Zur Begründung führte die Vorinstanz aus, die Beschwerdeführerin mache geltend, sie werde von der Guerillagruppierung FARC bedroht. Dazu sei festzustellen, dass der kolumbianische Staat grundsätzlich über eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur verfüge, insbesondere über einen funktionierenden Polizeiapparat sowie über Seite 8E-6384/2008 ein Rechts- und Justizsystem. Da der kolumbianische Staat die Guerilla im Rahmen des Möglichen bekämpfe, könne die Schutzwilligkeit als gegeben erachtet werden. Die Beschwerdeführerin habe sich aufgrund der Übergriffe an die Behörden gewendet, welche entsprechend rea- giert hätten, indem sie ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wor- den sei. Es gelinge keinem Staat, die absolute Sicherheit aller Bürger jederzeit und überall zu garantieren. Zudem sei nicht davon auszu- gehen, dass die Verfolger die Beschwerdeführerin ohne Weiteres an einem beliebigen Ort in Kolumbien ausfindig machen könnten. Ihr stehe demnach eine innerstaatliche Fluchtalternative offen, das heisst, sie könne sich in einer anderen Region innerhalb von Kolumbien den Übergriffen seitens der Guerilla entziehen. Demzufolge sei die Be- schwerdeführerin keiner unmittelbaren Gefahr im Sinne des Asyl- gesetzes ausgesetzt und bedürfe nicht des Schutzes der Schweiz. Weiter führte das BFM aus, die Beschwerdeführerin mache keine be- sonders nahen Beziehungen zur Schweiz geltend, weshalb es ihr zu- zumuten sei, in einem anderen Land um Schutz nachzusuchen, na- mentlich in einem der Nachbarstaaten Kolumbiens, welche die Flücht- lingskonvention und das entsprechende Zusatzprotokoll ratifiziert hät- ten und sich grundsätzlich an das flüchtlingsrechtliche Non-Refoule- ment-Gebot halten würden. Insbesondere Argentinien und Brasilien würden über ein im Allgemeinen formelles und gesichertes Asylver- fahren verfügen. Zudem sei es relativ einfach, einen sonstigen Aufent- haltstitel in diesen beiden Ländern zu erhalten, selbst wenn keine An- erkennung als Flüchtling erfolge. Für die praktische Möglichkeit und die Zumutbarkeit der anderweitigen Schutzsuche spreche die Möglich- keit der visumsfreien Einreise in sämtliche umliegenden Länder Ko- lumbiens sowie der Umstand, dass jährlich mehrere tausend kolum- bianische Staatsangehörige in den Nachbarländern – viele davon in Ecuador – um Asyl nachsuchen und dort zu einem beträchtlichen Teil auch als Flüchtlinge anerkannt würden. Diese umliegenden Staaten würden überdies in geografischer, sprachlicher und kultureller Hinsicht offensichtlich näher liegen. Überdies sei das UNHCR in diesen Län- dern vor Ort und gewähre während der ersten Monate wirtschaftliche Unterstützung an Asylsuchende und Flüchtlinge. Die Länder des Cono Sur (Chile, Uruguay und vorallem Argentinien und Brasilien) würden auch über staatliche Programme für Berufsbildung und wirtschaftliches Auskommen verfügen, die auch von Flüchtlingen in Anspruch ge- nommen werden könnten. Das Gesundheitssystem sei in diesen Staaten kostenlos und die obligatorische Schulbildung unentgeltlich. Seite 9E-6384/2008 Schliesslich stehe der Beschwerdeführerin die Möglichkeit offen, sich an die Pastoral Social zu wenden und sich um die Aufnahme ins Programm "Salida temporal" zu bemühen. Dieses Programm verhelfe gefährdeten Personen zur Möglichkeit, Kolumbien für ein Jahr zu verlassen. Während dieser Zeit werde für Unterkunft und Lebensunterhalt gesorgt. 5.2 In der Rechtsmitteleingabe bringt die Beschwerdeführerin vor, ihre Lebenssituation sei kritisch. Die FARC habe ihr Leben zerstört, sie sei Opfer einer schrecklichen Verfolgung. Als alleinstehende Frau mit drei Kindern – wobei das jüngste an verschiedenen Krankheiten leide – sei das Leben sehr schwer. Sie könne keiner Arbeit nachgehen und habe keine finanziellen Mittel. Vor kurzem habe sie in die Landeshauptstadt reisen müssen. Dort sei sie von einigen Wiedereingegliederten, die sie hätten kidnappen wollen, beinahe getötet worden. Deshalb halte sie sich gegenwärtig wieder in G._______ auf, indes sei die dortige Sicherheitslage nicht gut. Schliesslich bittet die Beschwerdeführerin um die Adresse der Pastoral Social. 5.3 Vorweg ist festzuhalten, dass sowohl das BFM als auch das Bun- desverwaltungsgericht nicht in Abrede stellen, dass die Beschwerde- führerin selber und auch ihre Kinder, namentlich ihre Tochter, in der Vergangenheit Schweres erlebt hat. Ihre Darstellung der ver- schiedenen Vorfälle wird ohne jegliche Einschränkung anerkannt. Auch wird die Gefährdung der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder durch die FARC in ihrem Heimatland nicht bezweifelt. Ebenso wird nicht in Frage gestellt, dass die aktuelle (Lebens-)Situation für die Be- schwerdeführerin als alleinerziehende Mutter schwierig und belastend ist. Indes gelangt das Gericht zum Schluss, dass das BFM zutreffend festgestellt hat, die Beschwerdeführerin habe in ihrem Gesuch keine besonders nahen Beziehungen zur Schweiz geltend gemacht. Auch auf Beschwerdestufe legt die Beschwerdeführerin keinen persönlichen Bezug zur Schweiz dar. Demnach ist mit dem BFM zu schliessen, dass es ihr zuzumuten ist, in einem anderen Land als der Schweiz um Asylgewährung nachzusuchen (vgl. Art. 52 Abs. 2 AsylG). Dazu stehen den Beschwerdeführenden auch konkrete Möglichkeiten offen. Beispielsweise ist die Übersiedlung der Familie in die Nachbar- staaten Kolumbiens Brasilien, Ecuador, Panama und Peru möglich, welche Vertragsparteien des Abkommens über die Rechtsstellung der Seite 10E-6384/2008 Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 (FK, SR 0.142.30) und des Protokolls über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) sind. Venezuela seinerseits hat zwar das Abkommen selbst nicht ratifiziert, wohl aber das Protokoll. Diese Länder verfügen mit Ausnahme Venezuelas über ein eigenes, gesetzlich geregeltes Verfah- ren zur Anerkennung von Flüchtlingen. Sie orientieren sich auch alle an der regionalen Cartagena-Erklärung von 19.-22. November 1984 (Declaración de Cartagena sobre los refugiados), deren weite Flücht- lingsdefinition sie ins Landesrecht überführt haben. Zudem halten sie sich gemäss Erkenntnis des Bundesverwaltungsgerichts grundsätzlich an das Gebot des Non-Refoulement von Art. 33 FK, auch wenn als Einschränkung festgestellt werden muss, dass es in den Grenzge- bieten – insbesondere denjenigen zu Panama und Venezuela – in den letzten Jahren zu unkontrollierten Rückschiebungen nach Kolumbien durch die Grenzbehörden gekommen ist. Für die praktische Möglich- keit und die Zumutbarkeit der anderweitigen Schutzsuche spricht im Weiteren die Möglichkeit der visumsfreien Einreise nach Brasilien, Ecuador und Peru sowie der Umstand, dass jedes Jahr mehrere tausend kolumbianische Staatsangehörige in den Nachbarländern, na- mentlich in Ecuador, um Asyl nachsuchen und viele von ihnen dort als Flüchtlinge anerkannt werden. Auch ausserhalb von formellen Asylver- fahren ist im süd- und zentralamerikanischen Raum die Möglichkeit zu einer Einreise weitgehend vorhanden, und für kolumbianische Immi- granten sind die Chancen auf ein dauerhaftes Bleiberecht in diversen Ländern intakt. Insoweit vermag die Beschwerdeführerin weder aus dem Einwand der mangelnden finanziellen Mittel noch der Tatsache, dass eines ihrer Kinder krank ist, etwas zu ihren Gunsten abzuleiten. Wie bereits das BFM in der angefochtenen Verfügung dargelegt hat, hat die Beschwerdeführerin insbesondere die Möglichkeit, sich an die Pastoral Social zu wenden und sich um die Aufnahme ins Programm "Salida temporal" zu bemühen. Namentlich in den Ländern des Cono Sur steht der Beschwerdeführer ein kostenloses Gesundheitssystem zur Behandlung ihres kranken Sohnes zur Verfügung. Um weitere Wiederholungen zu vermeiden, kann auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Soweit die Be- schwerdeführerin in der Rechtsmitteleingabe schliesslich darum er- sucht, es sei ihr die entsprechende Adresse anzugeben, ist die Bot- schaft anzuweisen, diese der Beschwerdeführerin zusammen mit dem vorliegenden Urteil bekanntzugeben und sie gegebenenfalls einläss- Seite 11E-6384/2008 licher über das entsprechende Ausreise-auf-Zeit-Programm zu orien- tieren. Insgesamt ergeben sich somit keine Anhaltspunkte, die darauf schlies- sen liessen, es sei der Beschwerdeführerin praktisch unmöglich oder objektiv unzumutbar, sich in einen anderen Staat, insbesondere einen der Nachbarstaaten Kolumbiens, zu begeben (vgl. EMARK 2004 Nr. 20 sowie 1997 Nr. 15 E. 2f). Diese Schlussfolgerung drängt sich umso mehr auf, als es sich bei der Beschwerdeführerin nicht um landesweit bekannte Persönlichkeit handelt, die aufgrund ihrer besonders ex- ponierten Stellung auch bei einer Flucht ins nahe Ausland allenfalls befürchten müsste, weiterhin verfolgt zu werden. 5.4 Bei dieser Sachlage kann letztlich offen bleiben, ob die Be- drohungen der Beschwerdeführerin und ihrer Familie auch heute, drei Jahre nach der Einreichung des Asylgesuch, und angesichts der er- heblichen Verbesserung der Sicherheitslage in Kolumbien in diesen vergangenen Jahre noch aktuell sind und ob sie sich ihnen allenfalls durch eine innerstaatliche Wohnsitzverlegung dauerhaft entziehen könnte. 6. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin über keine konkrete Beziehungsnähe zur Schweiz verfügt, und es ihr mög- lich und zumutbar ist, in einem Nachbarstaat Kolumbiens um Schutz nachzusuchen. Unter diesen Umständen hat das BFM den Be- schwerdeführenden zu Recht die Erteilung der Einreisebewilligung verweigert und ihr Asylgesuch abgewiesen. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be- schwerde ist daher abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aus ver- waltungsökonomischen Gründen sowie in Anwendung von Art. 63 Abs. 1 in fine VwVG und Art. 2 und 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- Seite 12E-6384/2008 desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) ist vorliegend jedoch auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) Seite 13E-6384/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die Schweizerische Botschaft in Bogotà. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Stöckli Barbara Balmelli Versand: Seite 14E-6384/2008 Zustellung an: - die Beschwerdeführerin durch Vermittlung der Schweizerischen Bot- schaft in Bogotá (per EDA-Kurier) - die Schweizerische Vertretung in Bogotá, mit der Bitte, der Be- schwerdeführerin das beiliegende Urteil durch Aushändigung oder Postzustellung des Originals (gegen Empfangsbestätigung) zu er- öffnen, nötigenfalls in einer ihr verständlichen Sprache zu erläutern und uns die unterschriebene Empfangsbestätigung zu übermitteln (per EDA-Kurier; in Kopie). Ferner wird die Botschaft angewiesen, der Be- schwerdeführerin die Adresse des Pastoral Social mitzuteilen und sie gegebenenfalls über das Programm "Salida temporal" einlässlicher zu orientieren; vgl. E. 5.3 - das BFM, mit den Akten N______ (in Kopie) Seite 15