200 15 480 ALV FUR/COC/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 14. März 2016 Verwaltungsrichterin Fuhrer, Kammerpräsidentin Verwaltungsrichter Grütter, Verwaltungsrichter Ackermann Gerichtsschreiberin Collatz A.________ vertreten durch Rechtsanwalt B.________ Beschwerdeführer gegen Arbeitslosenkasse Unia Kompetenzzentrum D-CH West, Monbijoustrasse 61, Postfach 1174, 3000 Bern 23 Beschwerdegegnerin betreffend Einspracheentscheid vom 23. April 2015 (22744560) Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. März 2016, ALV/15/480, Seite 2 Sachverhalt: A. Der 1961 geborene A.________ (Versicherter bzw. Beschwerdeführer) meldete sich am 29. Oktober 2014 bei der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) an und stellte am 30. Oktober 2014 einen Antrag auf Arbeitslosen- entschädigung ab dem 1. November 2014 (Akten der Arbeitslosenkasse Unia Bern [Unia bzw. Beschwerdegegnerin], Antwortbeilage [AB] 194 f.; 180 – 183). B. Im Oktober 2012 hatte sich der Versicherte bereits bei der Invalidenversi- cherung zum Leistungsbezug angemeldet. Mit Verfügung vom 5. August 2014 wies die IV-Stelle Bern (IVB) dieses Leistungsbegehren bei einem ermittelten Invaliditätsgrad von 15% ab (AB 173 f.). Gegen diese Verfügung liess der Versicherte Beschwerde erheben (AB 72 – 80). C. Nachdem die Unia die Akten an das beco Berner Wirtschaft (beco) zur Überprüfung der Vermittlungsfähigkeit überwiesen hatte (AB 137 f.), bejah- te dieses mit Verfügung vom 6. Februar 2015 (AB 130 – 133) ab dem 1. November 2014 die Vermittlungsfähigkeit des Versicherten und legte die Anspruchsberechtigung aufgrund der bestehenden 50%-igen Arbeitsun- fähigkeit auf 50% fest. Dies unter dem Vorbehalt, dass auch die übrigen Anspruchsvoraussetzungen erfüllt seien. Gestützt darauf verneinte die Unia mit Verfügung vom 9. März 2015 (AB 108 f.) ab dem 1. November 2014 einen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung, da kein anrechenbarer Arbeits- und Verdienstausfall vorliege. Eine gegen die Verfügung vom 6. Februar 2015 erhobene Einsprache (AB 66 f.) wies das beco mit Entscheid vom 9. April 2015 (AB 83 – 86) ab. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. März 2016, ALV/15/480, Seite 3 Damit zeigte sich der Versicherte nicht einverstanden und liess Beschwer- de erheben (vgl. AB 48; Verfahren ALV/2015/426). Mit Entscheid vom 23. April 2015 (AB 58 – 62) wies die Unia eine gegen die Verfügung vom 9. März 2015 erhobene Einsprache (AB 63 f.) ab. D. Hiergegen lässt der Versicherte am 22. Mai 2015 Beschwerde erheben und folgende Rechtsbegehren stellen: 1. Der Beschwerdeführer sei als vollständig (100%) vermittlungsfähig anzuerkennen. 2. Dem Beschwerdeführer sei ein Taggeld von Fr. 166.95 seit 1. No- vember 2014 nebst Zins zu 5% auszubezahlen. – unter Kosten- und Entschädigungsfolge – Mit Beschwerdeantwort vom 10. Juni 2015 schliesst die Beschwerdegegne- rin auf Abweisung der Beschwerde. E. Mit Urteil vom 1. Februar 2016, IV/2014/844, wies das Verwaltungsgericht die gegen die rentenabweisende Verfügung der IVB vom 5. August 2014 (AB 173 f.) erhobene Beschwerde ab. Dieses Urteil ist beim Bundesgericht angefochten worden.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. März 2016, ALV/15/480, Seite 4 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft vom 11. Juni 2009 (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Der Beschwerdeführer ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 100 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die obligatorische Ar- beitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung vom 25. Juni 1982 [AVIG; SR 837.0] i.V.m. Art. 128 Abs. 1 und Art. 119 Abs. 1 der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzent- schädigung vom 31. August 1983 [AVIV; SR 837.02]). Da auch die Be- stimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes über die Verwal- tungsrechtspflege vom 23. Mai 1989 [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet der Einspracheentscheid vom 23. April 2015 (AB 58 – 62). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwer- deführers auf Taggelder der Arbeitslosenversicherung ab dem 1. Novem- ber 2014 und dabei allein die Frage des anrechenbaren Arbeitsausfalls resp. des versicherten Verdienstes. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. März 2016, ALV/15/480, Seite 5 2. 2.1Die versicherte Person hat Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung (Art. 7 Abs. 2 lit. a AVIG), wenn sie – unter anderem – ganz oder teilweise arbeitslos und vermittlungsfähig ist, einen anrechenbaren Arbeitsausfall erlitten und die Beitragszeit erfüllt hat oder von der Erfüllung derselben be- freit ist und die Kontrollvorschriften erfüllt (Art. 8 Abs. 1 lit. a, b, e, f und g AVIG). 2.2Nach Art. 11 Abs. 1 AVIG ist der Arbeitsausfall anrechenbar, wenn er einen Verdienstausfall zur Folge hat und mindestens zwei aufeinander folgende volle Arbeitstage dauert. Nicht anrechenbar ist ein Arbeitsausfall, für den der arbeitslosen Person Lohnansprüche oder wegen vorzeitiger Auflösung des Arbeitsverhältnisses Entschädigungsansprüche zustehen (Abs. 3). 2.3Als Zwischenverdienst gilt jedes Einkommen aus unselbstständiger oder selbstständiger Erwerbstätigkeit, das die arbeitslose Person innerhalb einer Kontrollperiode erzielt. Die versicherte Person hat Anspruch auf Er- satz des Verdienstausfalls (Art. 24 Abs. 1 AVIG). Als Verdienstausfall gilt die Differenz zwischen dem in der Kontrollperiode erzielten Zwischenver- dienst, mindestens aber dem berufs- und ortsüblichen Ansatz für die betref- fende Arbeit, und dem versicherten Verdienst (Abs. 3). Auch die von Teilarbeitslosen im Sinne von Art. 10 Abs. 2 lit. b AVIG wei- terhin ausgeübte teilzeitliche Tätigkeit ist als Zwischenverdienst zu qualifi- zieren (BGE 141 V 426 E. 5.1 S. 430, 127 V 479 E. 2 S. 480; ARV 2011 S. 162 E. 3). 3. 3.1Vorliegend verneinte die Beschwerdegegnerin – unter Berücksichti- gung einer 50%-igen Anspruchsberechtigung – mangels eines anrechenba- ren Arbeits- und Verdienstausfalls einen Anspruch auf Arbeitslosenent- schädigung (AB 108 f., 58 – 62). Dagegen bringt der Beschwerdeführer vor, dass die Vermittlungsfähigkeit zu Unrecht auf 50% festgelegt worden Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. März 2016, ALV/15/480, Seite 6 sei. Bis zum rechtskräftigen Abschluss des IV-Verfahrens sei von einer 100%-igen Vermittlungsfähigkeit auszugehen, weshalb er aufgrund eines Minderverdienstes von über 30% Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung habe (Beschwerde S. 7 Art. 7). 3.2Die Beschwerdegegnerin stützte sich im angefochtenen Einspra- cheentscheid vom 23. April 2015 (AB 58 – 62) massgeblich auf den die Verfügung des beco vom 6. Februar 2015 (AB 130 – 133) bestätigenden Einspracheentscheid vom 9. April 2015 (AB 83 – 86), in welchen die An- spruchsberechtigung des Beschwerdeführers aufgrund der bestehenden 50%-igen Arbeitsunfähigkeit auf 50% festgelegt worden ist. Das Verwaltungsgericht ist im parallel laufenden Beschwerdeverfahren ALV/2015/426 bezüglich der Anspruchsberechtigung zum Schluss gekom- men, dass die Arbeitslosenversicherung bis zum rechtskräftigen Entscheid im IV-Verfahren vorleistungspflichtig bleibt, weshalb es den Einspracheent- scheid vom 9. April 2015 insofern abgeändert hat, als es die Anspruchsbe- rechtigung für die Zeit ab dem 1. November 2014 neu auf 100% festgelegt hat; weiter hat es erkannt, dass der versicherte Verdienst anzupassen sei (vgl. dazu das heute ergangene Urteil im parallel vor dem Verwaltungsge- richt geführten Verfahren des Beschwerdeführers, ALV/2015/426 E. 3.2 und 3.3). Die Beschwerdegegnerin ist somit von einer falschen Vorausset- zung ausgegangen, weshalb der angefochtene Einspracheentscheid vom 23. April 2015 (AB 58 – 62) aufzuheben ist. Die Sache ist an die Be- schwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese ausgehend von einer 100%-igen Anspruchsberechtigung und einem angepassten versicherten Verdienst den Anspruch des Beschwerdeführers auf Arbeitslosenentschä- digung neu prüfe. Soweit der Beschwerdeführer bereits im vorliegenden Beschwerdeverfah- ren die betragliche Festsetzung der Arbeitslosenentschädigung verlangt (Beschwerde S. 2 Ziff. I), kann ihm nicht gefolgt werden: Die erstmalige Festsetzung der Taggelder der Arbeitslosenversicherung ist nicht Sache des Gerichts, sondern diejenige der Beschwerdegegnerin. Diesbezüglich ist jedoch darauf hinzuweisen, dass auch wenn die Vorleistungspflicht der Arbeitslosenversicherung im vorliegenden Fall noch nicht beendet ist, die Beschwerdegegnerin – entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers – Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. März 2016, ALV/15/480, Seite 7 ab dem beantragten Versicherungsbeginn am 1. November 2014 eine An- passung des versicherten Verdienstes nach Massgabe von Art. 40b AVIV vorzunehmen hat (vgl. dazu das heute ergangene Urteil im Verfahren ALV/2015/426 E. 3.2). Ferner hat sie das effektiv erzielte Einkommen in der zurzeit teilzeitlich ausgeübten Tätigkeit als Zwischenverdienst anzurechnen (vgl. E. 2.3 hiervor). 3.3Somit ist die Beschwerde dahingehend gutzuheissen, als der ange- fochtene Einspracheentscheid aufzuheben und die Sache an die Be- schwerdegegnerin zurückzuweisen ist, damit diese unter Berücksichtigung der vorstehenden Erwägung über den Anspruch das Beschwerdeführers auf Arbeitslosenentschädigung neu verfüge, sofern die weiteren An- spruchsvoraussetzungen gemäss Art. 8 AVIG zu bejahen sind. 4. 4.1In Anwendung von Art. 1 Abs. 1 AVIG i.V.m. Art. 61 lit. a ATSG sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 4.2Die obsiegende Beschwerde führende Person hat Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsgericht festge- setzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit- sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der Kostennote vom 7. Juli 2015 hat Rechtsanwalt B.________ ein Ho- norar von Fr. 1‘625.-- sowie Auslagen von Fr. 100.15 und die Mehrwert- steuer von Fr. 138.10 geltend gemacht. Diese Beträge sind nicht zu bean- standen. Der gesamte Parteikostenersatz wird somit auf Fr. 1‘863.25 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt. Diesen Betrag hat die Be- schwerdegegnerin dem Beschwerdeführer zu ersetzen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. März 2016, ALV/15/480, Seite 8 Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird dahingehend gutgeheissen, als der angefochte- ne Einspracheentscheid der Arbeitslosenkassen Unia vom 23. April 2015 aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurück- gewiesen wird, damit diese im Sinne der Erwägungen verfahre und anschliessend neu verfüge. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer die Parteikosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 1‘863.25 (inkl. Auslagen und MWSt.), zu ersetzen. 4. Zu eröffnen (R): - Rechtsanwalt B.________ z.H. des Beschwerdeführers - Arbeitslosenkasse Unia - beco Berner Wirtschaft, Arbeitsvermittlung - Staatssekretariat für Wirtschaft - seco Die Kammerpräsidentin: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.