Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 11. Februar 2021 (720 20 328 / 46) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Würdigung der Arztberichte Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richter Beat Hersberger, Gerichtsschreiber Daniel Gfeller Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Ana Dettwiler, Advoka- tin, Fischmarkt 12, 4410 Liestal B.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Ana Dettwiler, Advoka- tin, Fischmarkt 12, 4410 Liestal gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV -Rente betr. C.____ sel. A. Die 1961 geborene und am 12. September 2019 versto rbene C.____ war vor Eintritt ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen Hausfrau und daneben teilzeitlich als Tagesmutter in einem Pensum von 80 % tätig. Am 20. Januar 2009 (Eing ang) meldete sie sich erstmals unter Hinweis auf psychische Beschwerden bei der Eidgenössischen I nvalidenversicherung (IV) zum Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Leistungsbezug an. Nach Vornahme der erwerblichen, hausw irtschaftlichen und medizinischen Abklärungen sowie Durchführung des Vorbescheidverfahrens wies die IV-Stelle Basel-Land- schaft (IV-Stelle) das Leistungsbegehren gestützt auf ei nen ermittelten IV-Grad von 20 % mit Verfügung vom 7. Juni 2010 ab. Diese Verfügung ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Mit Eingabe vom 20. Januar 2016 (Eingang) hat sich di e Versicherte erneut – wiederum unter Hinweis auf psychische Beschwerden – zum Leistungsbezug bei d er IV angemeldet, worauf die IV-Stelle zunächst mit Vorbescheid vom 18. Oktober 201 6 auf das Begehren nicht eingetreten ist. Nachdem die Versicherte Einwand erhoben hatte, nah m die IV-Stelle die erforderlichen er- werblichen, hauswirtschaftlichen und medizinischen Abklärun gen vor und wies das Begehren nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren mit Verfügung vom 7. August 2020 gestützt auf ei- nen ermittelten IV-Grad von 20 % erneut ab. B. Gegen diese Verfügung erhoben die beiden Töchter d er inzwischen verstorbenen Ver- sicherten, A.____ und B.____, vertreten durch Advokatin Ana Dettwiler, mit Schreiben vom 9. September 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel -Landschaft, Abteilung Sozialversi- cherungsrecht (Kantonsgericht). Sie beantragten, es sei die Verfügung vom 7. August 2020 auf- zuheben und der Versicherten zugunsten der Beschwerdeführerinnen als Erbinnen mit Wirkung ab 1. Juli 2009, eventualiter mit Wirkung ab 1. Juli 2016 bis zum 30. September 2019 eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter sei ein posth umes unabhängiges polydisziplinäres Gutachten in Auftrag zu geben und danach über den Rentenanspruch zu entscheiden; alles unter o/e-Kostenfolge zu Lasten der IV-Stelle. C. Mit Vernehmlassung vom 24. September 2020 beantra gte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. In formeller Hinsicht ist festzustellen, dass die Beschw erdeführerinnen gemäss Beschei- nigung des Erbschaftsamtes X.____ vom 4. Februar 2020 ei nzige Erbinnen der verstorbenen Versicherten sind. Sie sind somit als Rechtsnachfolgerinnen der Versicherten beschwerdelegiti- miert. Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht be im örtlich und sachlich zuständigen Kan- tonsgericht eingereicht, so dass auf die Beschwerde einzutreten ist. 2.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Inva- lidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 Versicherte, d ie ihre Erwerbsfähigkeit oder ihre Fä- higkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht dur ch zumutbare Eingliederungsmassnah- men wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne we- sentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 2.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 des Bundesgesetze s über den Allgemeinen Teil des Sozi- alversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 die vora ussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit . Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 2.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Gr ad der Invalidität wie folgt abgestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindes- tens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 2.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach ist der Invaliditätsgrad aufgrund eines Einkommens-ver- gleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Ein- tritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Ein-glie- derungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit be i ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (V alideneinkommen). Der Einkom-mens- vergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Er-werbsein- kommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einand er gegenübergestellt wer-den. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgrad best immen (allgemeine Me-thode des Einkommensvergleichs; BGE 104 V 136 E. 2a und b). 3.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrade s bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem andern Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). 3.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und in sbesondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde – die Ver- waltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterla gen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurtei- len und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beur- teilung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt aus- geübte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem allgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarer-weise noch ver- richtet werden können (U LRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschät- zung, in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen d er Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmli che Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestat- ten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, wa- rum es auf die eine und nicht auf die andere medizinisch e These abstellt. Hinsichtlich des Be- weiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die g eklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begr ündet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 3.4 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzu stellen (vgl. die ausführlichen Zusam- menstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 469 f. E. 4.4 und 4.5). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens ein- geholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte , welche aufgrund eingehender Be- obachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelang en, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper- tise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 3.5 Zweck interdisziplinärer Gutachten ist es, alle relevan ten gesundheitlichen Beeinträchti- gungen zu erfassen und die sich daraus je einzeln ergebe nden Einschränkungen der Arbeitsfä- higkeit in ein Gesamtergebnis zu fassen ( BGE 143 V 124 E. 2.2.4, 137 V 210 E. 1.2.4; SVR 2008 IV Nr. 15 S. 43, I 514/06 E. 2.1). Dasselbe gilt mit Blick auf die mitunter schwierige Abgrenzung der im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG versicherten Zustände von invaliditätsfremden Faktoren. Der abschliessenden, gesamthaften Beurteilung von Gesundhei tszustand und Arbeitsfähigkeit kommt damit dann grosses Gewicht zu, wenn sie auf der Gru ndlage einer Konsensdiskussion der an der Begutachtung mitwirkenden Fachärzte erfolgt (Urteil des Bundesgerichts vom 16. Sep- tember 2013, 9C_425/2013, E. 4.3.1). Eine solche zusam menfassende Beurteilung auf der Grundlage einer Konsensdiskussion der einzelnen Gutachter oder unter Leitung eines fallführen- den Arztes zur Zusammenführung und Darlegung der Erge bnisse aus den einzelnen Fachrich- tungen ist ideal, aber nicht zwingend (Urteile des Bun desgerichts vom 15. Januar 2016, 9C_889/2015, E. 2.2; vom 25. Februar 2013, 9C_556/20 12, E. 4; vom 25. Februar 2008, 8C_323/2007, E. 4.3.2 mit Hinweisen). Die Frage, ob ein Gutachten beweiskräftig ist oder nicht, beurteilt sich im konkreten Einzelfall danach, ob sich gestützt auf die Expertise die rechtsrelevan- ten Fragen beantworten lassen oder nicht. Mit anderen Worten verletzt das Abstellen auf ein Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht polydisziplinäres Gutachten Art. 43 Abs. 1 ATSG nicht allein schon deshalb, weil einem Teilgut- achten der Beweiswert abgesprochen wird. Dies hat auch um gekehrt zu gelten, wenn sich die Schlussfolgerungen im Hauptgutachten, das nicht in ein er interdisziplinären Konsensbespre- chung der beteiligten Fachärzte entstand, nicht nachvollziehen und sich nicht mit den Teilgutach- ten vereinbaren lassen, die Beurteilungen in allen Teilgutachten jedoch als schlüssig zu bezeich- nen sind. Eine Beweiswürdigung, welche überzeugenden Teilkonsilien vollen Beweiswert zuer- kennt, kann somit nicht allein deshalb als bundesrechtswidr ig bezeichnet werden, weil einem weiteren Teil des Gutachtens – z.B. der Schlussbeurteilun g – die Beweiskraft fehlt (BGE 143 V 124 E. 2.2.4; Urteile des Bundesgerichts vom 25. Febr uar 2013, 9C_556/2012, E. 4 und vom 8. Februar 2012, 9C_687/2011, E. 3.2.2). 3.6 Das Administrativverfahren und der kantonale Sozialve rsicherungsprozess sind vom Un- tersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben IV-Stelle und Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erfo rderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (Urteil des Bundesgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. 4. In materieller Hinsicht strittig und zu prüfen ist , ob der Versicherten ein Anspruch auf eine IV-Rente zustand. Die Beschwerdeführerinnen bringen vorweg vor, dass die in Rechtskraft erwachsene Verfügung vom 7. Juni 2010 zweifellos unrichti g gewesen sei, weshalb sie wieder- erwägungsweise aufzuheben sei und der Versicherten ab 1. Januar 2009 bis zu ihrem Tod eine ganze IV-Rente zugestanden habe. Die Beschwerdegegneri n hat in der angefochtenen Verfü- gung vom 7. August 2020 festgehalten, dass der damalige Entscheid korrekt erfolgt sei und kein Grund bestehe, die Verfügung vom 7. Juni 2010 in Wiedererwägung zu ziehen. 4.1 Gemäss Art. 53 Abs. 2 ATSG (SR 830.1) kann der Ve rsicherungsträger auf formell rechtskräftige Verfügungen oder Einspracheentscheide zur ückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblich er Bedeutung ist. Diese Bestimmung wurde in Anlehnung an die Kriterien erlassen, welche d ie Rechtsprechung bis zum Inkrafttreten des ATSG am 1. Januar 2003 entwickelt hatte (BGE 140 V 77 E. 3.1, 133 V 50 E. 4.1; vgl. auch BGE 138 V 147 E. 2.1). Voraussetzung einer Wiedererwäg ung ist – nebst der erheblichen Be- deutung der Berichtigung –, dass kein vernünftiger Zwei fel an der Unrichtigkeit der Verfügung besteht, also nur dieser einzige Schluss denkbar ist. Diese s Erfordernis ist in der Regel erfüllt, wenn eine Leistungszusprache aufgrund falscher Rechtsregeln erfolgt ist oder wenn massgebli- che Bestimmungen nicht oder unrichtig angewandt wurden (BGE 138 V 324 E. 3.3). Ob dies zutrifft, beurteilt sich nach der bei Erlass der Verfügung bestandenen Sach- und Rechtslage, ein- schliesslich der damaligen Rechtspraxis (vgl. BGE 138 V 147 E. 2.1, BGE 138 V 324 E. 3.3). Um wiedererwägungsweise auf eine verfügte Leistung zurückko mmen zu können, genügt es aber nicht, wenn ein einzelnes Anspruchselement rechtswidrig festgelegt wurde. Vielmehr hat sich die Leistungszusprache auch im Ergebnis als offensichtlich unrich tig zu erweisen. So muss etwa, damit eine zugesprochene Rente wegen einer unkorrekten Invaliditätsbemessung wiedererwä- gungsweise aufgehoben werden kann, – nach damaliger Sa ch- und Rechtslage – erstellt sein, Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht dass eine korrekte Invaliditätsbemessung hinsichtlich des Leistungsanspruchs zu einem anderen Ergebnis geführt hätte (BGE 140 V 77 E. 31, BGE 117 V 8 E. 2c/aa; SVR 2006 UV Nr. 17 S. 60, U 378/05 E. 5.3; Urteil des Bundesgerichts vom 27. Mai 2013, 8C_778/2012, E. 3.1 mit weiteren Hinweisen). 4.2 Die rentenablehnende Verfügung der IV-Stelle vo m 7. Juni 2010 stützte sich auf ein po- lydisziplinäres (allgemeinmedizinsch-psychiatrisch-endokrinol ogisch/diabetologisch) Gutachten des BEGAZ Begutachtungszentrum BL (BEGAZ) vom 23. September 2009. Die Gutachter diag- nostizierten aus gesamtmedizinischer Sicht mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit einen insulin- pflichtigen Diabetes mellitus Typ 1 mit schlechter Stoffwechseleinstellung in Folge von Malcom- pliance/Essstörungen, mit Dyslipidämie, mit ausgeprägter sensomotorischer Polyneuropathie und autonomer Neuropathie, mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit, mit diabetischer Re- tinopathie und fokaler Makulopathie links sowie mit anamnestisch diabetischer Nephropathie mit erhöhtem Microalbumin/Kreatinin Quotienten, ferner eine emotional instabile Persönlichkeitsstö- rung, mit differenzialdiagnostisch einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit hätten rezidivierende Schmerzen der rechten Schulter. Im psychiatrischen Teilgutachten führte Dr. med. D.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, aus, dass sich die Versicherte durchaus in der Lage fühle, die bisherige T ätigkeit als Tagesmutter zu 80 % durch- zuführen. Bis anhin sei ihr offensichtlich auch nie längerfristig eine höhergradige Arbeitsunfähig- keit attestiert worden. Es könne angenommen werden, dass sie aufgrund ihrer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung mit depressiven Krisen allgemein vermindert belastbar sei, doch bis anhin könne seit März 2008 in der bisherigen Tätigkeit als Tagesmutter und in jeder anderen Tätigkeit höchstens eine dauerhafte Einschränkung von 20 % angenommen werden. Im endokrinologisch- diabetologischen Teilgutachten führt Dr. med. E.____, FMH Endokrinologie, aus, dass angesichts der langjährigen und sehr schlechten Blutzuckereinstellung, der häufigen Entgleisungen und der Unfähigkeit der Versicherten, sich korrekt mit Insulin zu behandeln und regelmässig Nahrung zu sich zu nehmen, in jedem Beruf eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit postuliert werden müsse. Bisher sei es nicht möglich gewesen, trotz mehrfacher Schulungen und intensiver ärztlicher Betreuung, das Fehlverhalten der Versicherten in der Diabetestherapie zu ändern. Es sei äusserst bedenklich und gefährlich, wenn die Versicherte bei so schlechter Stoffwechseleinstellung weiterhin als Ta- gesmutter Kinder beaufsichtige. In Situationen mit Extr ementgleisungen und Bewusstseinstrü- bungen seien Diabetikerinnen nicht voll zurechnungsfähig für ihr Handeln und könnten aggressiv und gewalttätig werden. Eine Verbesserung der Teil-Arbeitsfähigkeit sei bei guter Therapiecom- pliance und adäquater Stoffwechselkontrolle denkbar. Es bestehe jedoch ein eingeprägtes Fehl- verhalten, so dass eine adäquate Stoffwechseleinstellung mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht erreicht werden könne. Es sei mit baldiger Progression der organischen Spätschäden mit Teiler- blindung, Niereninsuffizienz, Dialysepflichtigkeit, Hyper tonie und koronarer Herzkrankheit zu rechnen. In der Konsensbeurteilung wird ausgeführt, dass sich die Beurteilung als äusserst schwierig gestalte, einerseits bestehe seit dem 1. Janua r 2008 eine Krankschreibung zu 100 % durch die behandelnde Diabetologin, anderseits arbeite die Versicherte mit einem Arbeitsvolu- men von 80 % als Tagesmutter. Gesamtmedizinisch sei der Ver sicherten aufgrund der psychi- schen Problematik seit März 2008 eine 20%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu attestieren, dies in der angestammten wie in jeder alternativen vergleichbaren Tätigkeit unter der Vorausset- zung, dass der Diabetes mellitus korrekt eingestellt werde, was der Versicherten im Sinne einer Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Schadenminderungspflicht durchaus zugemutet werden könne. Aufgrund der Diabetesproblema- tik könne die Versicherte keine Tätigkeiten im Schichtbetrieb oder mit Gebrauch von gefährlichen Maschinen ausüben. Da bei Blutzuckerentgleisungen psychi sche Ausnahmezustände auftreten könnten, müsse gefordert werden, dass die Versicherte Tä tigkeiten durchführe, in denen sie keine Verantwortung über Kinder oder Personen zu trage n habe, welche allenfalls zu Schaden kommen könnten. 4.3 Die Beschwerdeführerinnen kritisieren die Verfügung vom 7. Juni 2010 als zweifellos unrichtig, weil das zugrundeliegende Gutachten insofern qualifiziert fehlerhaft sei, als die gesamt- medizinische Zumutbarkeitsbeurteilung derjenigen des diabetologischen Teilgutachtens von Dr. E.____ widerspreche. Es trifft zu, dass Dr. E.____ im Begutachtungszeitpunkt von einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % in jeder Tätigkeit ausgeht und eine mögliche Teilarbe itsfähigkeit künftig nur bei guter Thera- piecompliance als denkbar erachtet, wobei eine adäquate Stoffwechseleinstellung mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht erreicht werden könne. Diese Einschätzung widerspricht der gesamtme- dizinischen Einschätzung, welche auf die 20%ige Einschränk ung aus psychiatrischer Sicht ab- stellt. Bei der Konsensfindung wird aber die diabetologische Einschätzung nicht einfach missach- tet, vielmehr wird das Dilemma transparent gemacht, indem auf die Tatsache hingewiesen wird, dass die Versicherte effektiv noch im Umfang von 80 % arbeitstätig ist und dabei Risiken eingeht, die aus diabetologischer Sicht nicht vertretbar sind. Zudem hat auch die Diabetologin darauf hin- gewiesen, dass bei guter Therapiecompliance und adäqua ter Stoffwechselkontrolle eine Erhö- hung der Teil-Arbeitsfähigkeit denkbar wäre. Bei de r Definition des Anforderungsprofils wird zu- dem einschränkend festgelegt, dass die Versicherte keine Tätigkeiten mit Verantwortung für Kin- der oder Personen, die zu Schaden kommen könnten, mehr ausüben dürfe. Nicht zutreffend ist der Einwand der Beschwerdeführerinnen, dass die Versicher te aufgrund ihrer psychiatrischen Persönlichkeitsstörung nicht in der Lage sei, die erford erliche Compliance zu erreichen. Im Ge- genteil kommt der Facharzt Dr. D.____ in seinem Teilgut achten zum Schluss, es sei der Versi- cherten möglich und zumutbar, vermehrt Anstrengungen u nd Verantwortung zu übernehmen, nicht in Entgleisungen des Stoffwechsels zu geraten. Insgesamt wird damit der Widerspruch der gesamtmedizinischen Zumutbarkeitsbeurteilung zur Zumutb arkeitsbeurteilung aus diabetologi- scher Sicht erklärt und aufgelöst. Damit ist die attestierte Arbeitsunfähigkeit von 20 % im BEGAZ- Gutachten vom 23. September 2009 gestützt auf die dama lige Sach- und Rechtslage nachvoll- ziehbar, so dass die darauf abgestützte Verfügung vom 7. Juni 2010 nicht als zweifellos unrichtig qualifiziert werden kann. Es ist folglich nicht zu beanstan den, dass die IV-Stelle dem Antrag auf Wiedererwägung nicht stattgegeben hat. 5. Des Weiteren bleibt zu prüfen, ob die Versicherte A nspruch auf Leistungen der IV-Stelle nach ihrer Anmeldung vom 20. Januar 2016 hatte. 5.1 Bei der am 20. Januar 2016 eingegangenen Anmeld ung zum Leistungsbezug handelt es sich zwar nicht um eine Rentenrevision nach Art. 17 ATSG, sondern um eine Neuanmeldung, nachdem die IV-Stelle den Rentenanspruch des Versichert en mit Verfügung vom 7. Juni 2010 erstmals rechtskräftig abgelehnt hatte. Gleichwohl zielt auch die Neuanmeldung auf eine erneute Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Prüfung des Leistungsanspruchs aufgrund veränderter Ve rhältnisse ab (Art. 87 Abs. 3 der Ver- ordnung über die Invalidenversicherung [IVV] vom 17. Ja nuar 1961 in Verbindung mit Art. 87 Abs. 2 IVV; zur Prüfung der Eintretensfrage vgl. auch BGE 117 V 198 E. 3a; BGE 109 V 114 E. 2b, BGE 109 V 264 f. E. 3; für die materiellen Vora ussetzungen: BGE 130 V 64). Die Gemein- samkeiten sowohl bei einer Rentenrevision als auch bei ei ner Neuanmeldung legen es deshalb nahe, die entscheidende Frage nach einer anspruchserhebl ichen Änderung des Invaliditätsgra- des nach denselben Grundsätzen zu prüfen. Diesem Zweck kann nur wirksam Rechnung getra- gen werden, wenn sich die versicherte Person das Ergebni s der letztmaligen materiellen Über- prüfung des Rentenanspruchs – mit rechtsgenüglicher Abkläru ng des Gesundheitszustands und gesetzeskonformer Ermittlung des Invaliditätsgrades – au ch im Rahmen eines erneuten Leis- tungsgesuchs entgegenhalten lassen muss, wobei der relevante Vergleichszeitraum hinsichtlich der materiellen Anspruchsprüfung im Neuanmeldungsverfahren analog zu einer Rentenrevision nach Art. 17 ATSG zu bestimmen ist (BGE 133 V 108 E. 5.2). Mit Blick auf die angefochtene Verfügung vom 7. August 2020 stellt sich vorliegend desh alb die Frage, ob diese Grundsätze auch im vorliegenden Fall eingehalten worden sind. 5.2 Eine einlässliche materielle Prüfung des Rentenan spruchs mit einer vertieften Abklärung des medizinischen Sachverhalts erfolgte letztmals im Zeitpunkt der erstmaligen Beurteilung des IV-Rentenanspruchs im Juni 2010 gestützt auf das BEGAZ-Gutachten vom 23. September 2009 (vgl. Ziff. 4.2 f. hievor). Gestützt darauf eröffnete die IV-Stelle der Versicherten mit Verfügung vom 7. Juni 2010, dass das Leistungsbegehren abgewiesen wer de. Zeitliche Vergleichsbasis für die Beurteilung der Frage, ob bis zum Erlass der vorliegend angefochtenen Verfügung vom 7. August 2020 eine erhebliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen eingetreten ist, die in Analogie zu Art. 17 ATSG eine Leistungszusprache rechtfertigen würde, bildet demnach die Situation, wie sie im Zeitpunkt der Verfügung der IV-Stelle vom 7. Juni 2010 bestanden hatte. Strittig ist dabei insbesondere, in welchem Ausmass die Versicherte aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträch- tigungen nach ihrer Anmeldung im Januar 2016 bis zu ih rem Ableben im September 2019 ar- beitsfähig war. 5.3.1 Im aktuellen IV-Verfahren hat die IV-Stelle be im BEGAZ ein polydisziplinäres Verlaufs- gutachten eingeholt. Nachdem am 28. August 2017 ein e rstes Gutachten mit psychiatrischer, neurologischer, endokrinologischer und neuropsychologischer Beteiligung ergangen war, wurde am 18. Dezember 2017 das Schlussgutachten unter Einbe zug einer kardiologischen Begutach- tung fertiggestellt. Aus gesamtmedizinischer Sicht mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit wurde eine Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen An teilen oder Borderlinezügen diagnosti- ziert, ferner eine progrediente diabetisch bedingte Polyneuropathie, eine Gangataxie sehr wahr- scheinlich infolge des Afferenzdefizites bei sensomotorischer Polyneuropathie, ein insulinpflichti- ger Diabetes mellitus Typ 1 bei persistierend sehr schlechter Stoffwechseleinstellung, bei schwe- rer Complianceproblematik und Selbstvernachlässigung sowie bei Progression der sensomotori- schen Polyneuropathie an den Füssen und Händen. Ohne A uswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestehe ein Restless Legs-Syndrom, eine schwere proliferative diabetische Retinopathie mit Ma- kulaödem beidseits, eine beginnende diabetische Nephropathie mit signifikanter Mikroalbuminu- rie, eine autonome diabetische Neuropathie mit gastroi ntestinaler Paresis, Obstipation und Stuhlinkontinenz, ein symptomatischer orthostatischer Blutdruckabfall ohne kompensatorischem Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Pulsanstieg sowie eine deutliche Leistungsintoleranz mit Anstrengungsdys-pnoe. Im Vordergrund stehe die optimale Behandlung des Diabetes. Wegen der schwerst gestörten Compliance sei nicht mit einer Besserung der Stoffwechseleinstellung zu rechnen. Bei verbesserter Compliance könnte eine wesentliche Verbesserung des Stoffwechsels erreicht werden, was im April und Ok- tober 2016 auch gelungen sei. Eine bessere Compliance sei der Versicherten aus medizinischer Sicht zumutbar. Die sensomotorische Neuropathie werde sich trotz einer guten Blutzuckereinstel- lung nur zum Teil bessern und sei nicht heilbar. Eine ad äquate Behandlung der bestehenden Gesundheitsschäden sei der Versicherten voll zumutbar. Di e Wahrscheinlichkeit, dass sie sich entsprechend behandeln lasse, sei äusserst gering. In d iesem Fall sei die Prognose der Spät- schäden infaust. Aus psychiatrischer Sicht sei die Versicherte vermindert belastbar. In der Vergangenheit sei eine 20%ige Einschränkung aufgrund des damals vorgefundenen Arbeitspensums von 80 % attestiert worden. Es sei anzunehmen, dass aktuell eine 40%ige Einschränkung aufgrund des psychischen Zustandes vorliege, doch würden keine entsprechenden A rztzeugnisse vorliegen, so dass zum Verlauf keine Stellung bezogen werden könne. Aus psychiat rischer Sicht bestehe im Vergleich zur Beurteilung im Jahr 2009 in etwa ein ähnlicher Zu stand. Die Versicherte gebe an, dass sie teilweise weniger arbeite, als sie noch im Jahr 2009 a ngegeben habe. Deswegen sei bezüglich der Arbeitsfähigkeit angenommen worden, es sei denkba r, dass eine bis zu 40%ige Einschrän- kung aufgrund des psychischen Zustandes vorliege. Die Ver minderung der Arbeitsfähigkeit be- stehe in allen Tätigkeiten. Bei einer konsequenten Therapie wäre eine bessere Stabilisierung und mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Erhöhung der Arbeit sfähigkeit möglich. Aus neurologischer Sicht bestehe infolge der sensomotorischen Polyneuropath ie und der Gangataxie eine Beein- trächtigung der Arbeitsfähigkeit. Arbeiten auf Leitern und Gerüsten, feinmotorische Arbeiten, wie auch Tätigkeiten, welche ein dauerndes Stehen oder Gehen benötigen, seien nicht mehr möglich. Einfache körperliche Tätigkeiten in abwechslungsreicher Stellung sowie organisatorische und ad- ministrative Tätigkeiten könne die Versicherte noch ganztags ausüben. Dabei sei aber von einem erhöhten Pausenbedarf auszugehen. In einer adaptierten Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 80 % seit Januar 2016. Die Tätigkeit als Tagesmutter sei aus neurologischer Sicht ideal. Aus endokrinologischer bzw. diabetologischer Sicht sollte die Versicherte angesichts des langjährig schlecht eingestellten Diabetes freiwillig auf die Täti gkeit als Tagesmutter mit hoher Verantwor- tung für Kleinkinder verzichten. Bei besserer Blutzuckerei nstellung und korrektem Umgang mit der Insulintherapie könnte eine 30%ige Arbeitsfähigkei t als Tagesmutter bzw. in einer entspre- chend angepassten Tätigkeit attestiert werden. Da eine bessere Stoffwechseleinstellung aktuell nicht bestehe und die Versicherte nicht einsichtig sei, müsse eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit als Tagesmutter gefordert werden. Auch bei einer verbesserten Blutzuckereinstellung würde wegen der fortgeschrittenen Spätfolgen eine partielle Arbeitsunfähigkeit weiterhin bestehen. Tätigkeiten auf unebenem Gelände oder auf Leitern und Gerüsten so wie an Maschinen mit Selbst- und Fremdgefahr seien zu 100 % unzumutbar. In neuropsycholog ischer Hinsicht liege ein kognitiv- neuropsychologischer Normalbefund vor und insofern best ehe keine Beeinträchtigung der Ar- beits- und Leistungsfähigkeit. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Aus kardiologischer Sicht sei die Versicherte voll arbeitsfähig, da keine kardiale Grunderkrankung bestehe. Es bestehe eine deutliche Leistungsintoleranz w ahrscheinlich aufgrund von Trainings- mangel, so dass schwere körperliche Arbeiten nicht zumutbar seien. Gesamtmedizinisch bestehe eine instabile medizinische Situation aufgrund des schlecht eingestellten Diabetes, wobei in allen Untersuchungen zum Ausdruck gekommen sei, dass die Versich erte nicht gewillt sei, die ent- sprechenden medizinischen Massnahmen, namentlich die Insul inbehandlung, korrekt zu befol- gen. Es handle sich um ein bewusst gesteuertes Verhalten, welches von ihr korrigierbar wäre. In der aktuellen Situation sei die Tätigkeit als Tagesmu tter nicht zu verantworten, womit in dieser Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % zu attestieren sei. Infolge der sensomotorischen Po- lyneuropathie sowie der Gangataxie bestehe eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit insofern, als Arbeiten auf Leitern und Gerüsten nicht mehr mög lich seien. Ebenso unmöglich seien fein- motorische Arbeiten und Arbeiten, die ein dauerndes St ehen und Gehen erfordern würden. In einer adaptierten Tätigkeit, welche diese Einschränkungen berücksichtige, bestehe gesamtmedi- zinisch eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % aufgrund der psychischen Problematik. 5.3.2 Am 22. Januar 2018 nimmt der psychiatrische Gutachte r Dr. D.____ Stellung zu einem Bericht der behandelnden Ärztin Dr. med. F.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 11. März 2016. Darin führt Dr. D.____ aus, dass auch die behandelnde Psychiaterin die psychi- sche Situation der Versicherten als seit 2009 im Wesentli chen unverändert beurteile. Wie Dr. F.____ bei der Feststellung, wonach die Versicherte noch dreieinhalb Tage arbeite, auf eine at- testierte Arbeitsunfähigkeit von 70 % komme, sei nicht nachvollziehbar. Eine Verschlechterung aus psychischer Sicht könne jedenfalls nicht festgestellt werden, so dass er an seiner bisherigen Beurteilung festhalte. 5.3.3 Nachdem die Versicherte wegen anhaltender Dyspnoe im Mai 2018 kardiologisch abge- klärt und dabei eine koronare Erkrankung festgestellt worden war, wurde der kardiologische Gut- achter Dr. med. G.____, FMH Kardiologie, um eine ergänzende Beurteilung gebeten. In seinem Bericht vom 14. Juli 2020 hält er fest, dass bis zum Zei tpunkt der Begutachtung keine Hinweise auf eine objektivierbare relevante Herzerkrankung besta nden hätten. Die Sachlage habe sich jedoch mit der Untersuchung im Spital Y.____ vom 30. Mai 2018 grundlegend geändert. Dr. G.____ diagnostiziert eine koronare 3-Gefäss-Erkran kung mit Hauptstammbeteiligung. Es seien am 31. Mai 2018 je ein Drug-Eluting-Stent im proximalen Ramus interventricularis anterior, im proximalen Ramus circumflexus und im Ramus intermedius implantiert worden. Danach habe sich die Symptomatik etwas gebessert, im weiteren Verlauf habe die belastungsabhängige Dys- pnoe aber wieder zugenommen, in Ruhe sei die Versichert e aber weiterhin beschwerdefrei ge- wesen. Rückwirkend müsse ein Teil der bereits 2017 vorhand enen Dyspnoe-Beschwerden als wahrscheinlich koronar interpretiert werden. Ab 31. Mai 2018 habe bis zum Tod der Versicherten in der angestammten Tätigkeit als Tagesmutter aus kardiologischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % bestanden. In einer stressfreien Verweistätigkeit ohne Schichtarbeit, ohne Heben und Tragen von Lasten über 10 kg und ohne Laufen von mehr als 100 m sei die Versicherte weiterhin zu 100 % arbeitsfähig gewesen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.3.4 Des Weiteren liegen Stellungnahmen zum BEGAZ-G utachten sowie zu den Einwänden der Versicherten gegen das Gutachten von Dr. med. H.____, Facharzt für Arbeitsmedizin, Regi- onaler Ärztlicher Dienst (RAD), sowie des RAD-Arztes Dr . med. I.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vor. Diese äussern sich dahingehend, dass bei attestiertem unverändertem psy- chiatrischem Gesundheitszustand seit 2009 auch eine unveränderte Arbeitsunfähigkeit von 20 % anzunehmen sei. 6. Die IV-Stelle stützte sich in ihrer Verfügung vom 7. August 2020 bei der Beurteilung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten vollumfänglich auf die Einschät- zungen der Gutachter des BEGAZ sowie die Beurteilung des RAD. Sie ging folglich davon aus, dass aufgrund einer gesamtmedizinischen Einschränkung von 20 % kein Anspruch auf eine Rente bestehe. 6.1 Wie bereits im BEGAZ-Gutachten aus dem Jahr 2009 besteht auch im BEGAZ- Gutachten vom 18. Dezember 2017 in Bezug auf die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit eine Dis- krepanz zwischen den Teilgutachten und der Gesamtbeurteilu ng. Auch im neuen BEGAZ- Gutachten wird nicht das Teilgutachten mit der höchsten A rbeitsunfähigkeit als für die Gesamt- beurteilung massgeblich erachtet. Vielmehr wird in cas u die diabetologische Einschätzung, wo- nach selbst bei optimaler Compliance in der angestammten Tätigkeit als Tagesmutter und in allen anderen Verweistätigkeiten eine Arbeitsfähigkeit von nur noch 30 % bestehe, in der Konsensbe- urteilung ohne nähere Begründung ignoriert. Diese Einschätzung war im Übrigen bereits im Gut- achten vom 28. August 2017 (ohne kardiologische Beteiligung) getroffen worden. Mit separatem Schreiben vom 18. Dezember 2017 begründete der fallf ührende Dr. med. K.____, FMH Allge- meine Medizin, die Diskrepanz damit, dass die Situation zur damaligen Untersuchungszeit insta- bil gewesen sei, weshalb die Einschätzung von Dr. E.____ rein hypothetisch sei. Diese Begrün- dung ist nicht nachvollziehbar. Weder ist ersichtlich, weshalb die Situation gerade dazumal insta- bil gewesen sein soll noch ist nachvollziehbar, weshalb d ie Einschätzung von Dr. E.____ rein hypothetisch gewesen sein soll. Dr. E.____ hat ausgeführ t, dass selbst bei Besserung der Blut- zuckereinstellung in den Zielbereich ohne schwere Hypoglykämien wegen fortgeschrittenen Spät- folgen eine partielle Arbeitsunfähigkeit weiterhin b estehen würde. Die Formulierung von Dr. E.____ lässt keine Zweifel offen, dass die Versicherte a uch bei guter Compliance in jeder Ver- weistätigkeit nur zu 30 % arbeitsfähig sei. Aus ihren A usführungen ergibt sich auch, dass die bereits 2009 ausgesprochen schlechte Stoffwechseleinstellung aktuell noch wesentlich schlech- ter sei. Neu sei auch eine beginnende diabetische Nephropathie mit signifikanter Mikroalbuminu- rie eingetreten. Weiter seien gegenüber 2009 sowohl eine gastrointestinale Paresis, eine mögli- che Gallenblase-Atonie wie auch eine symptomatische Orthostase mit Blutdruckabfall ohne kom- pensatorischen Pulsanstieg neu aufgetreten. Auch betreffend peripherer senso-motorischer Po- lyneuropathie sei eine massive Verschlechterung eingetre ten. Insgesamt kann folglich aus dia- betologischer Sicht von einer erheblichen Verschlechteru ng des Gesundheitszustands ausge- gangen werden. Die in Bezug auf die diskrepante Beurte ilung der Arbeitsfähigkeit aus gesamt- medizinischer Sicht einerseits und diabetologischer Sicht andererseits erteilte Begründung durch den fallführenden Arzt – ohne Mitbeteiligung der dia betologischen Fachärztin – mit separatem Schreiben vom 18. Dezember 2017 vermag nicht zu überzeugen. Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2 Der psychiatrische Gutachter führt in seinem Teilgu tachten aus, es hänge vom psychi- schen Zustand ab, in wie weit die Versicherte bereit sei, konsequent die Medikamente zu dosie- ren, doch handle es sich dabei um eine willentliche St euerung und nicht um eine eigentliche Unfähigkeit, sich nicht den Umständen anpassen zu können. Der Gutachter hält jedoch auch fest, dass sich die Versicherte bewusst Nachteile einhandle und auch in eine bedrohliche Situation geraten könnte. Es handle sich um eine Art Selbstbestrafung, möglicherweise richte sie auch die Wut gegen sich selber. Die Explorandin weise ein ausgesprochen selbstschädigendes Verhalten auf, was sie zeitweise nicht genügend steuern könne, andererseits sei sie teilweise durchaus gut in der Lage, ihr Verhalten genügend zu steuern, weswegen auch mehr von ihr gefordert werden könne. Mit diesen Ausführungen wird aber die Frage, ob die Steuerungsfähigkeit der Versicherten in Bezug auf die Compliance genügend vorhanden war, nicht überzeugend beantwortet. Auf S. 80 des Gutachtens wird festgehalten, es sei anzunehmen, da ss bei der Explorandin eine Persön- lichkeitsstörung mit vorwiegend emotional instabilen Anteilen vorliege, was dazu führe, dass ihr Zustand teilweise wechseln könne. Vor dem Hintergrund d ieser Erkrankung ist unklar, ob die Versicherte genügend in der Lage war, eine Therapie konsequent durchzuführen. Insbesondere wenn die Versicherte nur teilweise in der Lage war, i hr Verhalten zu steuern, erscheint fraglich, ob sie in diabetologischer Hinsicht eine genügende Compliance erreichen konnte. Insgesamt wird von Dr. D.____ nicht genügend begründet, ob die Versi cherte in der Lage war, ihr Verhalten genügend zu steuern, um die Insulintherapie korrekt vorzunehmen. 6.3 Zu guter Letzt fällt auf, dass der Kardiologe Dr. G.____ von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % als Tagesmutter und von einer Arbeitsfähigkeit von 100 % für eine Verweistätigkeit ausgeht. Angesichts dieser recht erheblichen Diskrepanz wäre zu erwar ten gewesen, dass Dr. G.____ diese auch begründet, was nicht geschehen ist. 7. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz zu Recht eine Wiedererwägung der Verfügung vom 7. Juni 2010 abgelehnt hat. Des Weiter en ergibt sich jedoch, dass in Bezug auf einen allfälligen Leistungsanspruch gestützt auf die Anmeldung der Versicherten vom 20. Januar 2016 der medizinische Sachverhalt nicht rechtsgenüglich ab geklärt wurde, da Zweifel an den vorliegenden ärztlichen Beurteilungen bzw. am Gutachten des BEGAZ vom 18. Dezember 2017 bestehen. Die Angelegenheit ist daher an die IV-Stelle zurückzuweisen. Angesichts der Tatsache, dass die Versicherte am 12. September 2019 verstorben ist, ist von einer – posthumen – Begut- achtung abzusehen. Die Vorinstanz wird jedoch die in d en Ziff. 6.1-6.3 hievor aufgeworfenen Fragen nochmals dem BEGAZ vorzulegen und danach neu zu verfügen haben. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen. 8.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens - und der Parteikosten ist grundsätz- lich auf den Prozessausgang abzustellen. Hebt das Kanto nsgericht eine bei ihm angefochtene Verfügung auf und weist es die Angelegenheit zum weiteren Vorgehen im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessualer Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (vollständig) obsiegende und die IV-Stelle als unterliegende Partei (BGE 137 V 61 f. E. 2.1 und 2.2, BGE 132 V 235 E. 6.2, je mit Hinweisen). Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Vorlie- gend ist die IV-Stelle unterliegende Partei. Die ord entlichen Kosten von Fr. 800.-- werden somit ihr auferlegt, und der geleistete Kostenvorschuss ist den Beschwerdeführerinnen zurückzuerstat- ten. 8.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Den Beschwerdeführerinnen ist deshalb eine Parteientschädigung zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Die Rechtsve rtreterin der Beschwerdeführerin- nen hat in ihrer Honorarnote vom 6. November 2020 fü r das vorliegende Verfahren einen Zeit- aufwand von insgesamt 14 Stunden geltend gemacht, was sich in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen als angemessen erweist. Die Bemühungen sind zu dem in So- zialversicherungsprozessen praxisgemäss für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelangen- den Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Nicht zu beanstanden sind sodann die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslagen von Fr. 79.20. Den Beschwerdeführerinnen ist deshalb eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'854.80 (14 Stunden à Fr. 250.-- und Auslagen von Fr. 79.20 zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzuspre- chen. 9.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesg ericht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht zulässig ge- gen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbständig eröffnete Zwischenentscheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständi gkeit und über Ausstandsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öffentlich- rechtlichen Angelegenheiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil bewir ken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort e inen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren er- sparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid , sondern um einen Zwischenent- scheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch f ür einen Rückweisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvorausset- zungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). 9.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es si ch somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Voraus- setzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bundesgericht. Die nachstehende Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 7. August 2020 aufgeho- ben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwä- gungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die I V-Stelle Basel- Landschaft zurückgewiesen wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. Den Beschwerdeführerinnen wird der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.-- zurückerstattet. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat den Beschwerdef ührerinnen eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'854.80 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht