B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3979/2012 U r t e i l v o m 1 4 . A u g u s t 2 0 1 3 Besetzung Richter Fulvio Haefeli (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Walter Lang; Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren (…), Türkei, vertreten durch lic. iur. Peter Frei, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. Juni 2012 / N _______. D-3979/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer – ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie – gelangte eigenen Angaben zufolge a m 15. Dezember 2011 via B._______ illegal in die Schweiz, wo er am 19. Dezember 2011 im Em p- fangs- und Verfahrenszentrum C._______ um Asyl nachsuchte. Am 23. Dezember 2011 fand die Befragung zur Person statt und am 28. Juni 2012 wurde der Beschwerdeführer zu seinen Asylgründen angehört. Für die Begründung des Asylgesuchs ist vollumfänglich auf die protoko l- lierten Aussagen zu verweisen (vgl. Befragungsprotokoll vom 23. Dezem- ber 2011, A6; Anhörungsprotokoll vom 28. Juni 2012, A18). A.b Als Identitätsnachweis gab der Beschwerdeführer dem BFM seinen Identitätsausweis ab. Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte er un- ter anderem eine Kopie der Identitätskarte seines Bruders sowie eine An- klageschrift gegen denselben zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 29. Juni 2012 stellte das BFM fest, der Beschwerd e- führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte dessen Asylgesuch vom 19. Dezember 2011 ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. C. Mit Eingabe vom 27. Juli 2012 liess der Beschwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und b e- antragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben. Es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei festzustellen, dass der Wegweisungsvollzug unzulässig und unzumutbar erscheine. Dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen und in der Person des Unte r- zeichneten ein unentgeltlicher Rechtsbei stand beizugeben. Im Weiteren wurde beantragt, es seien die Verfahrensakten der in der Schweiz als Flüchtlingsfrau lebenden Schwester des Beschw erdeführers (Verfahren N _______) zur Entscheidfindung beizuziehen. Zwecks Einreichung einer Stellungnahme wurde um Einsicht in jene Akten ersucht. Auf die Beschwerdebegründung wird – soweit entscheidrelevant – in den Erwägungen eingegangen. D-3979/2012 Seite 3 D. Mit Zwischenverfügung vom 10. August 2012 teilte der zuständige I n- struktionsrichter dem Beschwerdeführer mit, er dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, wies die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) ab und forderte den Beschwerdeführer unter Hinweis auf die Säumnisfolge auf, bis zum 27. August 2012 ein en Kostenvorschuss von Fr. 600.– zu leisten. Der Antrag auf Einsicht in die Verfahrensakten der Schwester des Beschwerdeführers zwecks Einreichung einer Stellun g- nahme wurde ebenfalls abgewiesen. E. Der Kostenvorschuss wurde am 22. August 2012 fristgerecht einbezahlt. F. Mit Eingabe vom 13. September 2012 liess der Beschwerdeführer folgen- de Beweismittel nachreichen: – Eine Kopie der schriftlichen Anfrage des Rechtsvertreters vom 20. August 2012 an den Menschenrechtsverein IHD, Zweigstelle (…), – eine Kopie des Antwortschreibens des Menschenrechtsvereins IHD vom 3. September 2012 mit deu tscher Übersetzung und zwei Bei la- gen in türkischer Sprache (Antrag sschreiben von Rechtsanwältin […] an die 4. Kam mer des Gerichts für schwere Straf taten, […], Nr. 2011/310 / Antwortschreiben des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] vom 30. März 2012 an Rechtsanwältin […]) und – den Briefumschlag, mit welchem das Schreiben vom 3. September 2012 zugestellt wurde Gleichzeitig wurde um eine amtsinterne Übersetzung der dem Schreiben vom 3. September 2012 beigelegten türkischsprachigen Dokumente, um Beizug der Asylakten der Schwester des Beschwerdeführers und um B e- rücksichtigung der neu eingereichten Dokume nte gestützt auf Art. 32 Abs. 2 VwVG ersucht. D-3979/2012 Seite 4 G. Mit Eingabe vom 27. September 2012 liess der Beschwerdeführer eine Kopie des seine Schwester betre ffenden Anhörungsprotokolls vom 20. Januar 2010 (Verfahren N _______, Akte B 23) nachreichen und dies- bezüglich um Berücksichtigung in Anwendung von Art. 32 Abs. 2 VwVG ersuchen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bunde sverwaltungs- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Ausliefe- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, S R 173.110]). Eine solche Ausnahme liegt in casu nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung d er Beschwerde legitimi ert (Art. 108 Abs. 1 und Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). D-3979/2012 Seite 5 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfü h- rung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen N achteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die G e- fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie M assnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezif i- schen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht ent sprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das BFM lehnte das Asylgesuch des Beschwerdeführers mit der B e- gründung ab, seine Vorbringen hielten weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flüchtling s- eigenschaft nach Art. 3 AsylG stand. Diesbezüglich wurde insbesondere festgehalten, aufgrund der unsubstanziierten und widersprüchlichen Au s- führungen könnten dem Beschwerdeführer weder die geltend gemachte n Hausdurchsuchungen, die Polizeikontrolle noch die Suche nach der Au s- reise geglaubt werden. Es sei zwar möglich, dass er wegen seiner Ang e- hörigen in der Türkei unter einem gewissen Druck gestanden habe und dass bei der Familie nach Angehörigen gefragt wor den sei. Die konkret geltend gemachten Massnahmen seien jedoch zu bezweifeln. Die Türkei habe seit dem Jahr 2001 – im Hinblick auf die Beitrittsverhandlungen mit der EU – eine Reihe von Reformen beschlossen, welche zu einer deutl i- chen Verbesserung der Menschenrechtslage geführt hätten und dazu bei- tragen würden, dass sich in der Türkei eine schrittweise Annäherung an europäische Standards vollziehe. Die vom Beschwerdeführer geltend D-3979/2012 Seite 6 gemachten Vorbringen seien vor diesem Hintergrund zu würdigen. Zwar solle nicht in Abrede gestellt werden, dass in der Türkei Angehörige von verfolgten Personen auch heute noch Reflexverfolgungsmassnahmen e r- leiden könnten. Gemäss den Erkenntnissen des BFM bestehe jedoch bei Angehörigen von bereits inhaftierten oder ehemals verfolgten Personen in aller Regel keine Gefahr, heute in der Türkei von Reflexverfolgungsmass- nahmen betroffen zu werden. Ausserdem müsse beachtet werden, dass behördliche Nachforschungen gegenüber Familienangehörigen von pol i- tisch missliebigen Personen bezüglich ihrer Intensität in der Regel kein asylbeachtliches Ausmass annähmen. Auch vorliegend habe der B e- schwerdeführer keine darüber hinaus gehenden Nachteile glaubhaft ge l- tend gemacht. Seine Furcht vor asylrelevanter Verfolgung sei als unb e- gründet einzustufen. S o seien keine Hinweise aktenkundig, dass er w e- gen seines familiären Umfeldes mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft von Reflexverfolgungsmassnahmen ernsthaften Ausmasses betroffen sein könnte. Allfällig zu befürchtende Reflexverfo l- gungsmassnahmen seien somit nicht asylrelevant. Den Vollzug der Wegweisung erachtete das BFM als zulässig, zumutbar und möglich. 5.2 5.2.1 In der Rechtsmitteleingabe wurde im Wesentlichen geltend g e- macht, trotz entsprechender Hinweise, er könne frei sprechen, habe dem Beschwerdeführer im erstinstanzlichen Verfahren das Vertrauen zu den schweizerischen Beamten gefehlt. Er habe sich gestresst und unsicher gefühlt, was zweifellos auch auf sein jugendliches Alter und seine Erle b- nisse in der Türkei zurückzuführen sei. Di e Zweifel der Vorinstanz an der Glaubhaftigkeit einiger seiner Vorbringen seien zwar nicht unbegründet. Doch sei damit für den Entscheid über das Asylgesuch nichts Endgültiges gewonnen. Der Beschwerdeführer mache nämlich eine überzeugende Konstellation einer Familienverfolgung geltend, was die Vorinstanz im an- gefochtenen Entscheid nicht angemessen berücksichtigt habe. Dies hätte sie jedoch von sich aus tun müssen, da bereits die Schwester des B e- schwerdeführers als Flüchtlingsfrau anerkannt worden sei. Der B e- schwerdeführer habe asylrelevante Nachteile erlitten und habe begründe- te Furcht vor zukünftiger Verfolgung. Unter Hinweis auf die aktuelle Menschenrechtslage wurde im Weiteren ausgeführt, die Behandlung, mit welcher der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr rechnen müsse, würde gegen Art. 3 der Konvention vom D-3979/2012 Seite 7 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreihe i- ten (EMRK, SR 0.101) verstossen, weshalb der Wegweisungsvollzug als unzulässig zu erachten sei. Ebenso müsse von dessen Unzumutbarkeit ausgegangen werden. 5.2.2 In der Eingabe vom 13. September 2012 wurde mit Blick auf die neu eingereichten Dokumente geltend gemacht, der Menschenrechtsve - rein IHD lege ausführlich dar, aus welchen Gründen und in welchem Aus- mass der Beschwerdeführer und seine näc hsten Angehörigen in der Tür- kei behördlich behelligt worden seien und bis heute behelligt würden. In der Eingabe vom 27. September 2012 liess der Beschwerdeführer mit Hinweis auf das seine Schwester betreffende Anhörungsprotokoll vorbrin- gen, diese sei am ( …) im Zuge massenhafter Proteste gegen die Tötung von Militanten der PKK in (…) festgenommen worden und danach wä h- rend fünfeinhalb Monaten inhaftiert gewesen. Anschliessend habe man sie aufgrund ihrer Teilnahme an einer dieser Demonstrationen wegen Sachbeschädigung, Mitgliedschaft bei der PKK und Widerstand gegen die Polizei mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe belegt. An der Demonst- ration vom (…) habe auch der Beschwerdeführer zusammen mit seiner Mutter und anderen Verwandten teilgenommen. Diese Personen seien jedoch weder angeklagt noch verurteilt worden. Der Beschwerdeführer halte daran fest, dass er auch wegen der nahen Verwandtschaft mit se i- ner Schwester und der Teilnahme an der fraglichen Demonstration b e- gründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung habe. 5.3 Nach einer genauen Prüfung der vorliegenden Akten kommt das Bun- desverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Ausführungen in der B e- schwerde und den weiteren Eingaben nicht geeignet sind, die zutreffe n- den Erwägungen des BFM zu entkräften. 5.3.1 Zunächst ist auf die Angaben des Beschwerdeführers hinzuweisen, wonach er nach dem Vorfall mit der Polizei nicht auf den Polizeiposten habe mitgehen wollen, sondern geflüchtet sei und sich etwa eine Woche später nach D._______ begeben habe (vgl. A18 S. 8 F67, F70). Bei e i- nem tatsächlichen Interesse der Polizei an seiner Person darf vielmehr davon ausgegangen werden, dass sie seine Flucht nicht ohne Weiteres hingenommen, sondern ihn zusätzlich behelligt hätte. Dies wäre umso einfacher gewesen, als er sich nach dem Vorfall noch während rund einer Woche an seinem bisherigen Wohnort aufgehalten haben will. Darüber hinaus ist es angesichts dessen, wonach der Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben aus Angst nicht länger in E._______ blieb, nicht nac h-D-3979/2012 Seite 8 vollziehbar, wenn er keine Ke nntnis darüber haben will, ob er im jetzigen Zeitpunkt gesucht wird (vgl. A18 S. 8 F71, F73). Vor dem Hintergrund, dass er beim angeblichen Vorfall mit der Faust geschlagen wurde (vgl. A18 S. 8 F69) und der Befehlshaber ihm gesagt haben soll, er werde ihn verhaften lassen (vgl. A6 S. 7 Ziffer 7.01), hätte vom Beschwerdeführer erwartet werden dürfen, er würde sich im Heimatland nach dem Stand der Dinge erkundigen. Derartige Informationen hätte er mit Hilfe seiner Mutter einholen können, zumal er erklärte, mi t ihr in Kontakt zu stehen (vgl. A18 S. 8 F74). Sein Argument, sie wisse sicher nicht, ob er gesucht werde oder nicht (vgl. A18 S. 8 F75 f.), ist in Anbetracht dessen, dass sie nach dem Polizeivorfall auch viel Angst gehabt und den Beschwerdefü h- rer nach D._______ geschickt haben soll (vgl. A18 S. 6 F48), nicht zu hö- ren. Es kann vielmehr davon ausgegangen werden, sie hätte im Interesse ihres Sohnes durchaus derartige Erkundigungen angestellt. 5.3.2 Der Beschwerdeführer machte im Weiteren geltend, er habe viele Hausdurchsuchungen erlebt. Es gelang ihm aber nicht, eine ungefähre Anzahl zu nennen, sondern er erklärte vielmehr, das Haus sei "öfters" durchsucht worden (vgl. A18 S. 6 F49/50). Auch die Frage nach dem Zeit- punkt der letzten Hausdurchsuchung konnte er nicht beantworten (vgl. A18 S. 7 F52). Zunächst gab er an, er sei nicht daheim gewesen, als sie seinen Bruder festgenommen und das Haus durchsucht hätten (vgl. A18 S. 7 F53), im weiteren Verlauf der Anhörung erklärte er jedoch, er sei bei der Festnahme seines B ruders zu Hause gewesen (vgl. A18 S. 7 F57). Als der Befrager ihn auf diesen Widerspruch ansprach, gab er wiederum an, nichts gesehen zu haben (vgl. A18 S. 7 F59). Da es sich bei einer Hausdurchsuchung um ein sich dem Betroffenen einprägendes Ereignis handelt, wären vom Beschwerdeführer indessen konkrete und wide r- spruchsfreie Angaben zu erwarten gewesen. Nach de m Gesagten erweist sich der geschild erte Polizeivorfall als u n- glaubhaft. Aufgrund des bekannten Hintergrundes (vgl. auch Stellun g- nahme des Menschenr echtsvereins IHD […]) sowie der aktenkundigen Schilderungen der Schwester des Beschwerdeführers ist demgegenüber evident, dass es im Haus der Familie öfters Hausdurchsuchungen geg e- ben haben muss. Angesichts seiner unschlüssigen und widersprüchlichen Aussagen ist jedoch nicht glaubhaft, dass der Beschwerdeführer solche Hausdurchsuchungen persönlich miterlebt hat. Das in der Rechtsmi t- teleingabe angeführte Argu ment, er habe sich im erstinstanzlichen Ve r- fahren bei beiden Befragungen wegen seines jugendlichen Alters und der Erlebnisse in der Türkei gestresst und unsicher gefühlt, vermag zu keiner D-3979/2012 Seite 9 anderen Einschätzung zu führen. Darin ist vielmehr eine unbehelfliche Schutzbehauptung zu erachten, umso mehr, als der Beschwerdeführer trotz seiner damaligen Minderjähr igkeit in der Lage war, unbegleitet von der Türkei in die Schweiz zu reisen. 5.3.3 Was die geltend gemachte Reflexverfolgung anbelangt, ist vorab auf das Antwortschreiben des Menschenrechtsvereins IHD vom 3. Se p- tember 2012 hinzuweisen. Darin wird insbesondere ausgeführt, die Mu t- ter des Beschwerdeführers habe erklärt, ihr Ehemann beziehungsweise der Vater des Beschwerdeführers sei wegen Mitgliedschaft bei der PKK gesucht worden, wobei ihre Wohnung ab dem Jahr 1994 mehrfach von der Polizei durchsucht worden sei. Nachdem der Ehemann zur PKK g e- gangen sei, habe sie mit ihrer Tochter (die in der Schweiz als Flüchtling s- frau anerkannte Schwester des Beschwerdeführe rs) und den Söhnen (F._______ und der Beschwerdeführer) unter sehr schwierigen Bedi n- gungen in (…) weitergelebt. Der Ehemann sei bei Gefechten mit Siche r- heitskräften getötet worden. Im Weiteren ergibt sich aus dem Schreiben, dass die Schwester des Beschwerdeführers wegen Mitgliedschaft bei e i- ner illegalen Vereinigung zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt wurde und per Haftbefehl g esucht wird. Gegen Bruder F._______ läuft ein Ver- fahren wegen der angeblichen Mitgliedschaft bei einer illegalen Verein i- gung. Er soll sich seit dem 19. April 2011 in Untersuchungshaft befinden. Wie dem Antwortschreiben zu entnehmen i st, wurden die Familienang e- hörigen des Beschwerdeführers wegen ihrer politischen Ausrichtung von den Behörden behelligt. Hinsichtlich des Bruders und der Schwester ha l- ten diese Behelligungen nach wie vor an. Angesichts des Umstands, w o- nach die vom Rechtsve rtreter in seinem an den Menschenrechtsverein adressierten Schreiben vom 20. August 2012 aufgeworfene Frage, ob der Beschwerdeführer wegen der politischen Aktivitäten seiner Familiena n- gehörigen Probleme mit den türkischen Behörden gehabt habe, vom Menschenrechtsverein nicht konkret beantwortet wurde, ist jedoch entg e- gen anderslautender Auffassung nicht davon auszugehen, er habe im heutigen Zeitpunkt wegen seiner Verwandten asylrelevante Reflexverfo l- gungsmassnahmen zu befürchten. Es darf davon ausgegangen we rden, dass der Menschenrechtsverein im Antwortschreiben einen entspreche n- den Hinweis gemacht hätte, falls der Beschwerdeführer von den Behö r- den gesucht würde beziehungsweise gegen ihn ein Strafverfahren eing e- leitet worden wäre. Des Weiteren gab der Beschwerdeführer selbst an, in der Türkei nicht politisch aktiv gewe sen zu sein und auch in D._______ D-3979/2012 Seite 10 keine Probleme mit den Behörden gehabt zu haben (vgl. A18 S. 7 F62, S. 9 F84). Die Einschätzung, wonach vorliegend die Furcht vor Verfo l- gungsmassnahmen unbegründ et ist, wird zusätzlich dadurch gestützt, dass dem Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben etwa drei Monate vor seiner Einreise in die Schweiz in (…) ein Pass ausgestellt wurde (vgl. A6 S. 5 Ziffer 4.02) und er sein Heimatland über einen gut kontrollierten Flughafen verliess (vgl. A6 S. 6 Ziffer 5.01). 5.3.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass in Anbetracht der Ausführu n- gen in der Beschwerde und der eingereichten Beweismittel die Begrü n- dung des BFM in der angefochtenen Verfügung im Ergebnis überzeugt. Der Beschwerdeführer wurde weder zum Zeitpunkt der Ausreise gesucht noch wird er heute gesucht. Auch eine begründete Furcht vor Reflexve r- folgung in asylrechtlich relevantem Ausmass ist insgesamt nicht hinre i- chend objektivierbar. Die Ablehnung des Asylgesuchs erwei st sich daher als rechtens. An dieser Einschätzung ve rmögen die weiteren Vorbringen in der B e- schwerde sowie den Eingaben vom 13. September 2012 und 27. Se p- tember 2012 nichts zu ändern, weshalb es sich erübrigt, darauf näher einzugehen. Bei dieser Sachlage kan n auch auf eine Übersetzung der dem Antwortschreiben vom 3. September 2012 beigelegten Dokumente verzichtet werden. Der entsprechende Antrag ist infolgedessen abzuwe i- sen. 6. 6.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer so l- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s-D-3979/2012 Seite 11 ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich der Geltendmachung vo n Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls w e- nigstens gl aubhaft zu machen (vgl . BVGE 2011/24 E. 10.2; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band VIII, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148 S. 568). 7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 7.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausre ise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus e i- nem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Ei d- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überei n- kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis z u Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non -Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche G e- fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerde -D-3979/2012 Seite 12 führers in de n Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 7.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde- führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall e i- ner Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschei n- lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des EGMR sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Auch die allgemei ne Menschenrechtssituation i n der Türkei lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit punkt nicht als unzuläs- sig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung s o- wohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zu- lässig. 7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie i m H eimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind . Wird eine konkrete G e- fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.3.1 In der Türkei herrscht keine Situation generalisierter Gewalt, die sich über das ganze Staatsgebiet oder weite Teile desselben erstre cken würde. Eine gänzlich unsichere, von bewaffneten Konflikten oder perm a- nent drohenden Unruhen dominierte Lage, aufgrund derer der Beschwe r- deführer bei einer Rückkehr unvermeidlich einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG ausgesetzt wäre, besteht demnach nicht. Weder die herrschende politische Lage noch andere allgemeine Gründe sprechen gegen die Zumutbarkeit einer Rückführung in seinen Heima t- staat. 7.3.2 Einer Rückführung stehen darüber hinaus auch keine individuellen Gründe entgegen. Den Akt en zufolge handelt es sich beim Beschwerd e- führer um einen gesunden, seit dem (…) volljährigen Mann, der die Schu- le besuchte und parallel dazu bei seinem Onkel im Karosseriegeschäft Arbeitserfahrung sammelte (vgl. A18 S. 2), Voraussetzungen, welche ihm D-3979/2012 Seite 13 beim Aufbau einer neuen Existenz von Nutzen sein werden. Ausserdem leben gemäss seinen Angaben die Mutter sowie mehrere Onkel und Ta n- ten in der Türkei (vgl. A6 S. 5), weshalb auch vom Vorhandensein eines tragfähigen Beziehungsnetzes auszugehen ist, welches ihm bei der Wie- dereingliederung behilflich sein kann. Sodann darf davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer bei seiner Mutter, mit der er bereits zusammenwohnte (vgl. A18 S. 2 F11), Unterkunft finden wird. Daneben sind keine weiteren persönlichen Gründe ersichtlich, aufgrund derer unter Umständen geschlossen werden könnte, er geriete im Falle der Rückkehr in eine existenzbedrohende Situation. Der Vollzug der Wegweisung e r- weist sich nach dem Gesagten auch als zumutbar. 7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständ i- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG, dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und mög lich erachtet. Somit fällt eine A n- ordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be- schwerde ist demnach abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), auf insgesamt Fr. 600.- festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsg e- richt [VGKE, SR 173.320.2]) und mit dem am 22. August 2012 in gleicher Höhe einbezahlten Kostenvorschuss zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite) D-3979/2012 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Der Antrag auf amtsinterne Übersetzung der dem Antwortschreiben vom 3. September 2012 beigelegten türkischsprachigen Dokumente wird a b- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 600.- werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag wird mit dem am 22. August 2012 geleisteten Kos - tenvorschuss verrechnet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Fulvio Haefeli Karin Schnidrig Versand: