B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3363/2009 U r t e i l v o m 2 7 . S e p t e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter François Badoud, Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, Sri Lanka, vertreten durch Barbara Frei-Koller, Freiplatzaktion Basel Asyl und Integration, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 22. April 2009 / (…). E-3363/2009 Seite 2 Sachverhalt: A. Mit englischsprachiger Eingabe vom 10. Dezember 2006 ersuchte der Va- ter des Beschwerdeführers , B._______ (N […]), sri-lankischer Staatsan- gehöriger tamilischer Ethnie aus Vavunyia, bei der Schweizer Botschaft in Colombo um Asyl und um Bewilligung der Einreise in die Schweiz. Mit undatierter Eingabe (Eingang bei der Botschaft am 16. März 2007) wu r- den Kopien folgender Dokumente eingereicht: verschiedene Zeitungsart i- kel mit Übersetzung en, Visitenkarten der Human Rights Commission (HRC), des UNHCR und des IKRK, Identitätsausweise, die Registri e- rungskarte der Familie, eine Aufforderung, an einem zweitägigen Seminar für Taxifahrer teilzunehmen und ein Gesuch an den UNHCR um Schut z- gewährung. Zwei Zeitungsartikel beziehen sich gemäss einer Notiz auf den Übersetzungen auf den Beschwerdeführer; der eine berichtet da r- über, dass auf ein Taxi geschossen, dabei ein Passagier verletzt und der Fahrer festgenommen worden sei, der andere erwähnt, der v erhaftete Fahrer sei auf Kaution freigelassen worden und der Vorfall werde unte r- sucht. In einem am 25. Juni 2007 bei der Schweizer Botschaft eingegangenen Schreiben berichtet e die Mutter des Beschwerdeführers , C._______ (N […]), über den in den Zeitungsartikeln erwähnten Vorfall, welcher sich am (…) 2007 zugetragen habe. Bewaffnete Unbekannte hätten versucht, den Beschwerdeführer zu erschiessen, weshalb dieser nun um sein Leben fürchte. Am 5. September 2007 wandte sich die Mutter erneut an die Bo t- schaft und teilte mit, ihr Mann sei inzwischen verschwunden, weshalb er auf das Schreiben der Botschaft nicht habe antworten können. Sie ers u- che für sich und ihre vier Kinder (den Beschwerdeführer, D._______ [N (…)], E.________ [N (…)], F.________ und G.________ [beide N (…)]) um Asyl. Mit Schreiben vom 22. Oktober 2007 legte sie ihre Asylgründe detailliert dar. B. Anlässlich der Befragung vom 3. Dezember 2007 durch die Botschaft in Colombo gab der Beschwerdeführer im Wesentlichen Folgendes zu Pr o- tokoll: Nachdem sein Vater verschwunden sei, habe er dessen Dreiradtaxi g e- fahren, um für die Familie zu sorgen. Am (…) 2007 habe die Polizei auf das Taxi geschossen, wobei er selber nicht getroffen, jedoch ein Fahrgast schwer verletzt worden sei, weshalb er diesen ins Spital gebracht habe. E-3363/2009 Seite 3 Die Polizei habe ihm dort seine Identitätskarte und seinen Führerausweis abgenommen. Dann hätten ihn Beamte des Crimin al Investigation D e- partments (CID) befragt und zur Polizeistation gebracht. Am nächsten Tag sei er von einem Gericht gegen Kaution freigelassen worden. In der Folge habe er dreimal vor Gericht erscheinen müssen. Seitens der Polizei sei er unter grossen Druck gesetzt worden, jegliche Anschuldigungen zurückzu- ziehen, ansonsten er umgebracht würde. Seine Arbeit als Dreiradtaxifa h- rer habe er deshalb aufgeben müssen. Nach de m Vorfall vom (…) seien in ihrem Haus regelmässig Razzien durchgeführt worden, abwechselnd von Poliz ei, Militär und Paramilitär, wobei nach seinem Vater gesucht worden sei. Im (…) 2007 sei er einmal von vier Unbekannten angehalten, über seinen Vater befragt und belästigt worden. Sie hätten ihn mit einer Pistole bedroht, eine Handgranate in sein e Tasche gelegt und ihm g e- droht, seine ganze Familie zu vernichten, wenn er nicht die Wahrheit s a- ge. Ende (…) 2007 hätten erstmals Leute von der Karuna -Gruppe ange- rufen und ihn aufgefordert, ihnen beizutreten oder ihnen Geld zu zahlen. Als er ihnen erklärt habe, er sei der einzige Mann der Familie und müsse für diese sorgen, hätten sie ihm gesagt, sie würden eine seiner Schwe s- tern mitnehmen. Diese Leute hätten weiterhin angerufen und seine Fam i- lie bedroht, weshalb die ganze Familie am 30. August 2007 nach Colom- bo ge reist sei. Auch danach hätten d iese Leute angerufen und gesagt, wenn die Familie nach Vavuniya zurückkäme, würden sie sie erwischen. In Colombo habe er keine Probleme mehr mit der Polizei gehabt, da er nicht aus dem Haus ge gangen sei. Er fürchte, dass sich die beiden Pol i- zisten, die aufgrund des Vorfalles vom (…) 2007 suspendiert worden sei- en, an ihm rächen könnten. C. Mit Schreiben vom 10. Juni 2008 teilte das BFM der Vertretung in Colom- bo mit, dem Beschwerdeführer sei zwecks Durchführung des Asylverfah- rens ein Einreisevisum auszustellen. Am 29. Juni 2008 reiste er in die Schweiz ein. Seiner Mutter und seinen Schwestern wurde die Einreise in die Schweiz am 9. Oktober 2008 bewilligt , und sie gelangten am 7. No- vember 2008 in die Schweiz. D. Anlässlich der Kurzbefragung vom 2. Juli 2008 im Empfangs- und Verfah- renszentrum (EVZ) Kreuzlingen und der Anhörung vom 24. März 2009 zu den Asylgründen machte der Beschwerdeführer in Ergänzung zu seinen Aussagen auf der Botschaft im Wesentlichen Folgendes geltend: E-3363/2009 Seite 4 Im Zusammenhang mit dem Vorfall vom (…) 2007, als auf sein Dreiradta- xi geschossen worden sei, sei er von den Polizisten wiederholt geschl a- gen worden. Nachdem er auf Kaution freigelassen worden sei, habe er zu zwei Verhandlungen erscheinen müssen , wobei die Polizisten vom Rich- ter verwarnt worden seien. Ein Urteil sei aber seines Wissens bisher nicht ergangen. Nach diesen Gerichtsterminen sei er telefonisch bedroht wo r- den. Der Vater des Hausbesitzers, bei welchem er ( Beschwerdeführer) und seine Familie in Colo mbo untergekommen seien, habe im Büro der Eelam People's Democratic Party ( EPDP) gearbeitet. Einmal seien Leute der EPDP gekommen und hätten den Besitzer aufgefordert, ihnen den Beschwerdeführer auszuhändigen. Der Besitzer habe die Leute zwar nicht he reingelassen, habe jedoch ihm ( Beschwerdeführer) und seiner Familie daraufhin mitgeteilt, sie nicht mehr beherbergen zu können. Seine Mutter habe mehrmals anonyme Anrufe auf ihr Handy erhalten , und man habe ihr anzügliche Fotos aufs Handy geschickt, um sie zu b elästigen. Während der Zeit, in der sich der Beschwerdeführer in Colombo au f- gehalten habe, habe er das Haus nur sehr selten verlassen. Da er sich nicht habe registrieren lassen und das Gerichtsverfahren gegen ihn i m- mer noch offen sei, habe er Angst vor de r Polizei und der Armee gehabt. Bei einer Rückkehr befürchte er, sofort verhaftet zu werden, da es am Flughafen Leute des Geheimdienstes habe. Anlässlich der Anhörung vom 24. März 2009 wurde der Beschwerdefü h- rer darüber informiert, dass sich sein Vater seit dem 11. Februar 2007 in H.________ aufhalte, worauf er erstaunt und erleichtert reagierte. Er h a- be mit seinem Vater seit dessen Verschwinden keinen Kontakt mehr g e- habt. E. Mit Verfügung vom 22. April 2009 (eröffnet am 24. April 2009) lehnte das BFM das Asyl gesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den Vollzug zufolge Unzu- mutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob. Die Vori n- stanz begründete den ablehnenden Asylentscheid damit, dass die Vo r- bringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Flüchtlingse i- genschaft gemäss Art. 3 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht genügten. Mit Verfügungen gleichen Datums lehnte das BFM auch die Asylgesuche der Mutter (zusammen mit den beiden bei Einreichung des Asylgesuchs E-3363/2009 Seite 5 minderjährigen Schwestern) und der beiden Schwestern D.________ und E.________ ab, wobei es alle Familienmitglieder vorläufig aufnahm. F. Mit Beschwerde vom 25. Mai 2009 an das Bundesverwaltungsgericht be- antragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der Verfügung vom 22. April 2009, die Gutheissung des Asylgesuchs, eventualiter das Fes t- halten an der vorläufigen Aufnahme und das Absehen von allfälligen Voll- zugshandlungen sowie in prozessualer Hinsicht die Gewährung de r u n- entgeltlichen Rechtspflege und den Verzicht auf Erhebung eines Koste n- vorschusses. Als Beweismittel reichte er einen Artikel der Zeitung "NEWS" vom 22. April 2009 zu den Akten. G. Mit Zwischenverfügung vom 2. Juni 2009 stellte die Instruktionsrichterin den legalen Aufenthalt des Beschwerdeführers während des Verfahrens fest und trat auf die Anträge , an der Unzumutbarkeit des Wegweisung s- vollzugs sowie an der vorläufigen Aufnahme sei festzuhalten und die Voll- zugsbehörden seien anzuhalten, von allfälligen Vo llzugshandlungen a b- zusehen, nicht ein. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. H. Mit Urteil vom 12. Oktober 2009 wurde die Beschwerde der Mutter (und der vormals minderjährigen Schwestern) des Beschwerdeführers gutg e- heissen und das Verfahren wurde zur Neubeurteilung ans BFM zurüc k- gewiesen (vgl. E-3141/2009). I. Am 18. Juni 2011 reiste der Vater des Beschwerdeführers in die Schweiz ein und ersuchte zwei Tage später um Asyl. J. Am 11. Januar 2012 setzte die Instruktionsrichterin der Vorinstanz Frist zur Vernehmlassung unter Hinweis auf das G rundsatzurteil vom 21. Dezember 2011 (D -4935/2007, zur Publikation bestimmt unter BVGE 2011/51) bezüglich innerstaatlicher Fluchtalternative. K. Mit Vernehmlassung vom 25. Januar 2012 hielt das Bundesamt an seiner E-3363/2009 Seite 6 Verfügung vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der B e- schwerde. L. In seiner Replik vom 15. Februar 2012 äusserte sich der Beschwerdefüh- rer zur Vernehmlassung. M. Mit Entscheid vom 9. März 2012 stellte das BFM fest, die Eltern erfüllten die Flüchtlingseigenschaft und gewährte ihnen Asyl. Die beiden bei der Einreise noch minderjährigen Schwestern wurden gleichzeitig gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG unter Gewähru ng des Asyls als Flüchtlinge ane r- kannt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört z u den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG ni chts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e-E-3363/2009 Seite 7 rung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Nachdem die Vorinstanz mit der vorliegend angefochtenen Verfügung vom 22. April 2009 die vo rläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz anordnete, ist nachfolgend einzig zu beurteilen, ob das BFM zu Recht hinsichtlich F lüchtlingseigenschaft und Asyl negativ entschied und die Wegweisung verfügte. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unert räglichen psychischen Druck bewirken . Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezi e- hungsweise mit beachtlicher Wahrschein lichkeit und in absehbarer Z u- kunft befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Ve r- folgungsmotive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatl i- che Akteure zugefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 200 8/4 E. 5.2 S. 37). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Zuerkennung der Flüchtlingse i- genschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem He i- matland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f., BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37 f.). 3.2 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt de s Asylentscheides ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität E-3363/2009 Seite 8 der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind des - halb zugunsten und zulasten der das Asylge such stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 f.; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2000 Nr. 2 E. 8a S. 20; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Auslände rrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Zur Begründung seiner ablehnenden Verfügung führte das BFM im Wesentlichen aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers genügten den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht. Gemäss dem Subs i- diaritätsprinzip seien Personen mit einer innerstaatlichen Fluchtalternative nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewiesen. Die Probleme und Verfolgungsmassnahmen in Vavuniya hätten lediglich lokalen Charakter und seien durch den Wegzug nach Colombo – abgesehen von dem einen Telefonanruf durch Aktivisten der Karuna – unterbrochen worden. Im Ü b- rigen sei der Beschwerdeführer juristisch unbescholten und weise kein besonderes Risikoprofil auf. Die geltend gemachte Nachfrage von Leuten der EPDP im Haus in Colombo, wo sie gewohnt hätten, sei mit Zweifeln behaftet, zumal nicht nachvollziehbar sei, weshalb diese mit ihrem Gas t- geber und nicht direkt mit dem Beschwerdeführer gesprochen hätten, zumal er nebenan gewesen sei. Ausser einer grundsätzlich verständl i- chen Furcht wegen der allgemeinen Situation der Ta milen habe er somit in Colombo keine asylrelevanten Probleme gehabt . Er sei deshalb nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. Den Vollzug der Wegweisung schob die Vorinstanz zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf, da eine Rückführung in den Heimatstaa t in Würdigung sämtlicher Umstände und unter Berücksichtigung der Aktenlag e im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zumutbar sei. E-3363/2009 Seite 9 4.2 In seiner Rechtsmitteleingabe machte der Beschwerdeführer im W e- sentlichen geltend, der von der Vorinstanz festgehaltene Sachverhalt b e- dürfe einiger Ergänzungen. So habe er ausgesagt, nach dem Beschuss seines Dreiradtaxis sei er von mehreren Polizisten mehrmals geschlagen worden und habe einen Tag in Haft verbracht. Bei einem weiteren Vorfall sei er bei einem Polizeicamp in I.________ angehalten und von Polizisten mit einer Pistole und einer Handgranate eingeschüchtert und geschlagen worden, wobei er Todesangst erlitten habe. Er könne nicht nach Sri Lanka zurückkehren, da er dort der Verfolgung und Übergriffen bis hin zur E r- mordung ausgesetzt sei, weil ihm und seiner Familie vorgeworfen werde, den LTTE anzugehören. Die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen werde von der Vorinstanz nicht bestritten. Lediglich einzelne Punkte seien als unklar betrachtet worden, was aber nicht zwangsläufig in einer direkten Abhän- gigkeit zur Glaubhaftigkeit de r wesentlichen Vorbringen stehen müsse. Ausserdem habe das BFM den geltend gemachten Sachverhalt falsch gewürdigt. So gehe es davon aus, dass das Gerichtsverfahren für den Beschwerdeführer positiv enden werde, weshalb die Asylgründe nicht e r- füllt seien. Dabei müsse aber berücksich tigt werden, dass selbst bei ei- nem Freispruch des Beschwerdeführers nicht alle Probleme aus der Welt geschaffen würden, sondern dass sich dann die verurteilten Polizisten wohl an ihm rächen würden. Ausserdem sei die Geldforderung der Kar u- na-Gruppe nach wie vor offen. Es könne deshalb nicht von einer nur loka- len Bedrohung ausgegangen werden, weshalb der Beschwerdeführer die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfülle. 4.3 In ihrer Vernehmlassung legte die Vorinstanz dar, die Beschwerd e- schrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten, weshalb sie vollumfänglich auf die Erwägungen in ihrer Verfügung verweise und die Ablehnung der Beschwerde beantrage. Betreffend das Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts zur innerstaatlichen Fluchtalternative (BVGE 2011/51) argumentierte sie, zum Zeitpunkt des Erlasses der Ve r- fügung sei es gängige Praxis gewesen, bei Vorhandensein einer inne r- staatlichen Fluchtalterna tive aus prozessökonomischen Gründen direkt auf diese zu verweisen und auf die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft zu verzichten. Im vorliegenden Fall werde eine Gefährdung durch die Kar u- na-Gruppe, die EPDP und die sri -lankische Armee geltend gemacht. Die Karuna-Gruppe existiere als paramilitärische Gruppierung nicht mehr. Der Einfluss der bewaffneten Gruppierungen in Sri Lanka habe grundsätzlich seit dem Ende der Kriegshandlungen im Mai 2009 stark abgenommen. Obwohl nicht ausgeschlossen werden könne, dass s ich frühere Angehö-E-3363/2009 Seite 10 rige solcher Gruppierungen weiterhin kriminell betätigten und auch ei n- zelne Angehörige der sri -lankischen Sicherheitskräfte an solchen Vo r- kommnissen beteiligt seien, könnten den Akten keine Hinweise entno m- men werden, welche betreffend den Beschwerdeführer auf eine grun d- sätzliche Schutzunwilligkeit des Staates hindeuten würden. Diese E r- kenntnis werde auch dadurch bekräftigt, dass das von ihm gegen die P o- lizeibeamten angestrengte Gerichtverfahren eingeleitet worden sei und der Richter den fehlbaren Polizisten für schuldig befunden habe. Im Übr i- gen sei bis dato kein Beleg des Gerichtsverfahrens zu den Akten gereicht worden. Der Beschwerdeführer sei somit nicht auf eine innerstaatliche Schutzalternative im Heimatland und infolgedessen auch nich t auf den Schutz der Schweiz angewiesen. Dies umso mehr, a ls sich die Siche r- heitslage in Sri Lanka seit Beendigung des militärischen Konflikts zw i- schen der sri-lankischen Armee und den LTTE im Mai 2009 in bedeuts a- mer Weise stabilisiert habe. 4.4 In seiner Replik führte der Beschwerdeführer aus, die Beschwerde sei trotz der vom Bundesamt vorgebrachten Argumente gu tzuheissen. Er werde nicht nur von d er Karuna -Gruppe bedroht, sondern habe auch Probleme im Zusammen hang mit der LTTE -Tätigkeit sein es Vaters und befürchte vor allem Übergriffe durch die Polizei. Ausserdem werde vom Bundesverwaltungsgericht die Existenz von paramilitärischer Bedrohung in Sri Lanka anerkannt, was vom BFM nicht berücksichtigt w orden sei . Insbesondere aber fehle vorliegend die Analyse der konkreten Gefäh r- dung des Beschwerdeführers, der es gewagt habe, in einem Gerichtsve r- fahren gegenüber Behörden aufzutreten. Er erfülle mit seinem Profil eine Kumulation von Risikofaktoren, was von der Vorinstanz nicht erkannt werde. Das BFM unterschätze den Ernst der Situation, in welcher sich der Beschwerdeführer im Moment seiner Ausreise befunden habe. Es sei typisch für die nicht funktionierende sri -lankische Justiz in der ehemals umkämpften Nordprovinz, dass der Beschwerdeführer, nachdem er von der Polizei beschossen worden sei, als Angeklagter und nicht als Opfer vor Gericht gestanden habe. Die Annahme des BFM, die fehlbaren Pol i- zisten seien bestraft worden und die Anklage gegen den Beschwerdefü h- rer habe in einem Freispruch geendet, sei voreilig und werde der Realität eines ineffizienten und staatsnahen Justizsystems in einer von hoher P o- lizei- und Militärpräsenz geprägten Region nicht gerecht. Im Weiteren seien die Aussagen des Beschwerdeführers substan ziiert, plausibel, w i- derspruchsfrei und somit glaubhaft. E-3363/2009 Seite 11 5. 5.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Abwägung sämtlicher Aussagen und unter Berücksichtigung des jüngsten Länderurteils des Bundesverwaltungsgerichts vom 27. Oktober 2011 ( BVGE 2011/24), wel- ches sich einlässlich mit den Risikogruppen der auch nach Beendigung des Bürgerkrieges noch gefährdeten Personen auseinandersetzt, zum Schluss, dass das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu U n- recht abgewiesen hat. 5.2 Vorab ist festzustellen, dass im Wesentlichen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Bes chwerdeführe weder von der Vorinstanz noch vom Bundesverwaltungsgericht bezweifelt wird. Die Ausführungen des B e- schwerdeführers sind substanziiert, in sich schlüssig und plausibel. Sie stimmen ausserdem mit den Aussagen seiner Eltern , welche Asyl erhal- ten haben, und Geschwister überein und sind teilweise durch Zeitungsa r- tikel belegt. Diese Einschätzung der Glaubhaftigkeit wird von der Schwei- zer Botschaft in Colombo in ihrem Übermittlungsschreiben an das BFM vom 12. Dezember 2007 geteilt (vgl. vorinstanzliche Akten A9). 5.3 Im Folgenden ist somit zu prüfen, ob der Beschwerdeführer heute – nach Beendigung der Kriegshandlungen – noch ein Risikoprofil aufweist. Hierzu ist das oben erwähnte Länderurteil heranzuziehen, welches sich ausführlich mit der gegenwärtigen L age in Sri Lanka und den Kategorien gefährdeter Personenkreise auseinandersetzt. 5.3.1 Das erwähnte Urteil definiert diverse Personenkreise, die trotz der verbesserten Sicherheitslage seit Beendigung des militärischen Konfliktes immer noch einer erhöhten Verfolg ungsgefahr ausgesetzt sind. Dazu ge- hören unter anderem Personen, welche auch nach Beendigung des Kri e- ges verdächtigt werden, mit den LTTE in Verbindung zu stehen bezi e- hungsweise gestanden zu haben, ebenso Anhänger des Ex-Generals Sa- rath Fonseka . Auch unabh ängige Journalisten beziehungsweise regi e- rungskritische Medienschaffende haben ein erhöhtes Risikoprofil. Im Wei- teren ist bei Op fern und Zeugen von Menschenrechtsverletzungen und Personen, die entsprechende Übergriffe behördlich angezeigt haben, mit erhöhter Verfolgungsgefahr zu rechnen. Ausserdem laufen abgewiesene tamilische Asylsuchende aus der Schweiz unter Umständen Gefahr, bei der Rückkehr behördlich belangt zu werden, weil ihnen Kontakte zu fü h- renden LTTE-Kadern in der Schweiz unterstellt werden. Die Einschätzung einer diesbezüglich gearteten Gefahr kann nicht generell vorgenommen werden, sondern hängt von den Gegebenheiten im Einzelfall ab. Wegen E-3363/2009 Seite 12 drohender Erpressung, Kidnapping und anderen Verfolgungshandlungen bilden schliesslich Personen, welc he über be trächtliche finanzielle Mittel verfügen, eine weitere Risikogruppe. Bei allen Personen, die dieser Ris i- kogruppe angehören, muss allerdings bei der Prüfung der Flüchtlingse i- genschaft das Motiv der jeweiligen Verfolgungshandlungen sorgfältig u n- tersucht werden. (vgl. BVGE 2011/24 E. 8). 5.3.2 Im Fall des Beschwerdeführers weisen diverse Umstände auf ein behördliches Interesse an seiner Person hin. Eine rseits macht e er ge l- tend, nach dem Erscheinen einer Fotografie seines Vaters in einer Ze i- tung, die di esen bei der Teilnahme an einem LTTE -Trainingscamp zeige, und dessen darauffolgendem Verschwinden, werde seiner Familie vorge- worfen, zur LTTE zu gehören. Das Asylgesuch seines Vaters , der ebe n- falls Gefährdung wegen seiner (zwangsweisen) Nähe zu den LTTE gel- tend machte, wurde von der Vorinstanz am 9. März 2012 gutgeheissen. Dazu kommt, dass auf das Dreiradtaxi des Beschwerdeführers geschos- sen und er daraufhin festgenommen w orden sei, wobei ein Verfahren ge- gen ihn eingeleitet und er vor Gericht habe erscheinen müssen. Der Voll- ständigkeit halber ist diesbezüglich festzuhalten, dass der Beschwerd e- führer gemäss Akten als Angeklagter vor Gericht gestanden hat, und nicht – wie vom BFM dargestellt – als Kläger. Nach diesem Vorfall sei es bei ihm zu Hause zu regelmässigen Razzien und zu telefonischen Drohu n- gen gekommen. Die Polizisten, welche auf ihn geschossen h ätten, seien anlässlich einer der Gerichtsverhandlungen verwarnt worden. Seine B e- fürchtung, dass aufgrund dieses Verfahrens sowohl von den Behörden als auch von den beteiligten Polizisten direkt eine Gefahr für ihn ausgehe, erscheint deshalb als durchaus plausibel. Im Weiteren erhöht der U m- stand, dass seine Eltern in der Schweiz Asyl erhalten haben und auch seine Geschwister hier wohnhaft sind , die Gefahr des behördlichen Ve r- dachts der finanziellen Unterstütz ung der Opposition. Dabei ist zu b e- rücksichtigen, dass die Schutzgewährung gegenüber Übergriffen seitens paramilitärischer Gruppen durch die staatlichen Behörden gemäss dem erwähnten Länderurteil heute sowohl für den Norden als auch für den Os- ten von Sri Lanka als limitiert respektive als ineffizient beschrieben wird und die Polizei - und Militärbehörden bei Übergriffen ein hohes Mass an Straflosigkeit geniessen. 5.3.3 Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht unter Be- rücksichtigung sämtlicher Risikofaktoren zum Schluss, dass der B e- schwerdeführer einer bei einer Rückkehr gefährdeten Personenkategorie zugehört. Er hat aufgrund der erlittenen Verfolgung eine aktuell begründe-E-3363/2009 Seite 13 te Furcht vor Verfolgung und erfüllt sämtliche kumulativ erforderlichen Kri- terien der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Da die Vorin- stanz in ihrer Verfügung vom 22. April 2009 von der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges ausging, erübrigen sich Ausführungen zu ei ner innerstaatlichen Fluchtalternative (vgl. zur Publikation vorgesehenes U r- teil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21. Dezember 2011 D - 4935/2007). Aufgrund des Gesagten ist dem Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Gründe für eine Verweigerung des Asyls beziehungsweise einen Ausschluss aus der Flüchtlingseigenschaft liegen nicht vor (vgl. Art. 53 AsylG). 6. Es ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt unrichti g und unvollständig feststellt und unangemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist daher gutzu- heissen und die Verfügung des BFM vom 22. April 2009 aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling anzue r- kennen und ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8. Sodann ist dem vertretenen Beschwerdeführer angesichts seines Ob - siegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle- ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi - gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre - chen. Auf die Einholung einer Kostennote kann verzichtet werden, da sich der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund der Akten hinreichend z u- verlässig abschätzen lässt. Die von der Vorinstanz zu entrichtende Pa r- teientschädigung wird in Anwendung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) auf insgesamt Fr. 1500.- (inkl. Auslagen) festgelegt. (Dispositiv nächste Seite) E-3363/2009 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung vom 2 2. April 2009 wird aufgehoben und das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu erteilen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Die Vorinstanz wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteien t- schädigung in der Höhe von Fr. 1500.- (inkl. Auslagen) zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Aglaja Schinzel Versand: