B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4523/2014 U r t e i l v o m 3 . J u n i 2 0 1 5 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren (...), unbekannter Staatsangehörigkeit beziehungsweise China, vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Anerkennung als Flüchtling und Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 16. Juli 2014 / N_______. D-4523/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer, eigenen Angaben zufolge ein aus dem Dorf B._______ (Gemeinde C._______ / Bezirk D._______) in der Provinz E._______ stammender Tibeter mit letztem Wohnsitz in F._______ bezie- hungsweise G._______, verliess seinen Heimatstaat auf einem Lastwagen am 15. Mai 2012 und gelangte zwei Tage später nach H._______. Dort habe er sich ein Jahr und vier Monate aufgehalten und sei danach am 22. September 2013 mit einer ihm unbekannten Fluggesellschaft über eine ihm unbekannte Destination in ein ih m unbekanntes Land geflogen. Am 24. September 2013 sei er mit dem Zug illegal in die Schweiz gereist. Glei- chentags suchte er im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) I._______ um Asyl nach. Die Befragung zur Person (BzP) fand am 17. Oktober 2013 statt. Mit Entscheid vom 18. Oktober 2013 wurde der Beschwerdeführer für den Aufenthalt während des Verfahrens dem Kanton J._______ zugewie- sen. Am 4. Juli 2014 wurde er vom BFM angehört. A.b Zur Begründung seines Asylgesuches machte er im Wesentlichen gel- tend, er habe seit dem Jahre (...) als Mönch im Kloster in F._______ gelebt. Am (...) habe sich ein er der Mönche aus ihrem Kloster selb st verbrannt, worauf am folgenden Tag die Polizei erschienen sei und ihren Abt sowie den Aufseher respektive Disziplinmeister habe abführen wollen. Er und die anderen Mönche hätten sich dagegen gewehrt, worauf ihnen die Polizisten versichert hätten, dass der Abt und der Disziplinmeister den Behörden le- diglich zur Befragung vorgeführt würden, jedoch nicht die Absicht bestehe, die zwei Personen festzunehmen oder zu inhaftieren. Daraufhin hätten er und die übrigen Mönche nachgegeben und die beiden Männer seien abge- führt worden. Die Polizei habe vorab angekündigt, dass diese nach sechs oder acht Tagen respektive einer Woche ins Kloster zurückkehren könnten. Da nach Ablauf einer Woche nichts geschehen sei, habe er am (...) zusam- men mit vier respektive fünf weiteren Mönchen eine Plakataktion durchge- führt. Auf ihrem Plakat, das sie in der Nacht in der Nähe des Polizeipostens angeklebt hätten, hätten sie die Freilassung ihres Abtes sowie des Aufse- hers bis zum (...) gefordert. Falls dies nicht geschehe, würden sie die Men- schen mobilisieren und gegen die Polizei demonstrieren. Die ganze Aktion habe lediglich zehn Minuten gedauert. Am frühen Nachmittag des gleichen Tages hätten sie vor der Polizeistation eine Kundgebung durchgeführt. Sie seien mit ihrem Mönchsgewand bekleidet gewesen und hätten darunter zi- vile Kleidung getragen. Nachdem sie etwa fünf Minuten demonstriert und die Freilassung der beiden Mönche verlangt hätten, habe er realisiert, dass D-4523/2014 Seite 3 hinter ihnen 200 beziehungsweise 300 bis 400 Personen hinzugekommen seien und ebenfalls für die Freilas sung demonstriert hätten. Im weiteren Verlauf der Kundgebung hätten einzelne Teilnehmer auch Slogans zuguns- ten eines freien Tibet skandiert. Nach weiteren zehn Minuten sei die Polizei erschienen, die mit ihrer Verhaftung gedroht habe, falls die Kundgebung nicht umgehend beendet werde. Die Polizei habe aber den Demonstrati- onszug nicht aufhalten können. In der Folge seien über hundert Soldaten gekommen, um die Kundgebung aufzulösen respektive sie seien von sehr vielen Militärpolizisten umzingelt worden , worauf er die Flucht ergriffen habe. Er sei zusammen mit einem Kollegen in die Berge geflohen und habe sich dort während zweier Monate bei einer Nomadenfamilie versteckt. An- schliessend sei er über K._______ nach H._______ geflüchtet. Er sei über- zeugt, dass er von der Polizei mit einer Überwachungskamera gefilmt wor- den sei, weshalb jene von seiner Demonstrationsteilnahme wisse. Ferner wurde der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung insbeson- dere auch über sein Allgemeinwissen zur geltend gemachten Herkunftsre- gion befragt. Auf die weiteren Ausführungen wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. A.c Der Beschwerdeführer reichte eine Identitätskarte im Original, ausge- stellt am 30. April 2004, zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 16. Juli 2014 – eröffnet am 24. Juli 2014 – stellte das Bundesamt fest, d er Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte dessen Asylgesuch ab. Es wies ihn aus der Schweiz weg, wobei es den Vollzug der Wegweisung in die Volksrepublik China aus- schloss. Der Beschwerdeführer habe die Schweiz – unter Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – bis 10. September 2014 zu verlas- sen. Zur Begründung wurde angeführt, dass die Vorbringen des Beschwer- deführers den Voraussetzungen von Art. 7 AsylG (SR 142.31) an die Glaubhaftigkeit nicht genügten. Die vo n ihm geltend gemachte Staatsan- gehörigkeit, die illegale Ausreise und die geltend gemachten Ausreise- und Asylgründe seien nicht glaubhaft. Es sei daher auszuschliessen, dass er jemals in der von ihm angegebenen Region gelebt habe und es sich bei ihm um einen Flüchtling aus der Volksrepublik China handle. Dem Vollzug der Wegweisung stünden sodann keine Vollzugshindernisse im Sinne der zu beachtenden Bestimmungen entgegen. Der Beschwerdeführer habe die Behörden erwiesenermassen über seine Identität getäuscht. Daraus sei D-4523/2014 Seite 4 auch zu schl iessen, dass weder die im tatsächlichen Heimatstaat herr- schende politische Situation noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit der Rückführung dorthin sprechen würden. Der Wegweisungsvollzug sei auch als möglich und durchführbar zu erachten, zumal es dem Beschwer- deführer zuzumuten sei, sich bei der zuständigen Vertretung seines Hei- matstaates die allenfalls benötigten Reisepapiere zu beschaffen. Auch das Bundesverwaltungsgericht erachte in seiner ständigen Rechtsprechung den Vollzug der Wegweisung grundsätzl ich als möglich, selbst wenn ein Gesuchsteller seine wahre Identität oder Nationalität verheimliche. Vorlie- gend bestünden Indizien auf eine Herkunft aus einer exiltibetischen Ge- meinschaft ausserhalb der Volksrepublik China, insbesondere Nepal oder Indien. C. Mit Eingabe vom 13. August 2014 erhob der Beschwerdeführer gegen die- sen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean- tragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und zur Neubeur- teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, eventualiter sei unter Feststel- lung der Flüchtlingseigenschaft die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Bewilligung der unentgeltlichen Pro- zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG, um Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschuss es und um Ernennung seines Rechtsvertre- ters als amtlicher Rechtsbeistand. Auf die Begründung wird, soweit ent- scheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Seiner Eingabe legte d er Beschwerdeführer – nebst einem Beschwerde- doppel und einer Vollmacht vom 8. August 2014 – eine Fürsorgebestäti- gung der (...) bei. D. Mit Verfügung des Instruktionsrichters vom 22. August 2014 wurde de m Beschwerdeführer mitgeteilt, dass er den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könne. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Bestellung von lic. iur. Dominik Löhrer als amtlicher Rechtsbeistand gemäss Art. 110a Abs. 1 AsylG wurden gutgeheissen. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz in Anwen- dung von Art. 57 VwVG zur Einreichung einer Stellungnahme bis zum 8. September 2014 eingeladen. D-4523/2014 Seite 5 E. Mit Eingabe vom 27. August 2014 reichte der Rechtsvertreter des Be- schwerdeführers seine Kostennote, datierend vom 26. August 2 014, zu den Akten. F. In ihrer Vernehmlassung vom 5. September 2014 brachte die Vorinstanz vor, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen o- der Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten, fügte diverse Bemerkungen zu derselben an und hielt im Übrigen an ihren Erwägungen vollumfänglich fest. G. Mit Verfügung vom 11. September 2014 wurde dem Beschwerdeführer die Gelegenheit eingeräumt, bis zum 28. September 2014 eine Replik und ent- sprechende Beweismittel einzureichen. H. Der Beschwerdeführer replizierte – unter Beilage einer revidierten Kosten- note vom 12. September 2014 – mit Eingabe vom 12. September 2014. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgerich t Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverw altungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur D-4523/2014 Seite 6 Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 1.4 Der Beschwerdeführer beantragte in seinem Eventualantrag lediglich die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Anordnung der vorläu- figen Aufnahme. Auch wenn – wie sich aus dem Urteilsdispositiv ergibt – die angefochtene Verfügung aufgehoben wird, ist festzustellen, dass die Ablehnung des Asylgesuchs und die Anordnung der Wegweisung nicht an- gefochten wurden und mithin in Rechtskraft erwuchsen. 2. 2.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 2.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3. 3.1 Die Vorinstanz hielt zur Begründung des ablehnenden Asylentscheides im Wesentlichen fest, der Beschwerdeführer sei hinsichtlich seines Län- derwissens in der Lage gewesen, einige geografische Angaben zu seinem Heimatdorf und der näheren Umgebung zu machen. Sobald die Fragen jedoch seine konkreten Lebensumstände betroffen hätten, seien die Ant- worten vage, undifferenziert und teilweise falsch ausgefallen. Es dränge sich diesbezüglich der Verdacht auf, dass rein geografische Aussagen wie D-4523/2014 Seite 7 die Situierung des Heimatdorfes oder die Nennung von Nachbardörfern gelernt worden seien, um so den Anschein zu erwecken, aus dieser Ge- gend zu stammen. Weitere geografische Angaben sowie Aussagen zu kon- kreten Lebensumständen hätten dann aber nicht zu überzeugen vermocht. Dadurch würden die anfänglich gehegten Zweifel an der geltend gemach- ten chinesischen Staatsangehörigkeit erhärtet. Es sei ihm nicht gelungen, die Flucht und seine Reise bis in die Schweiz widerspruchsfrei und plausi- bel darzustellen. Die von ihm eingereichte Identitätskarte und die ins Recht gelegten Fotos vermöchten diese Zweifel nicht zu widerlegen. Nach Kennt- nissen des BFM seien chinesische Identitätskarten mangels umfassender Sicherheitsmerkmale käuflich erwerbbar. Daher komme der von ihm ein- gereichten Identitätskarte trotz fehlender objektiver Fälschungsmerkmale keine Beweiskraft für die geltend gemachte Herkunft zu. Gleiches gelte für die von ihm eingereichten Fotos. Vor diesem Hintergrund vermöchten die – im Übrigen mit Widersprüchen behafteten und stereotypen – Schilderun- gen zu den Asylgründen nicht zu überzeugen. Dies bestärke die Zweifel, dass der Beschwerdeführer aus der angegebenen Herkunftsregion stamme beziehungsweise zirka (...) Jahre dort sozialisiert gewesen sein soll. Die Stellungnahme im Rahmen des ihm gewährten rechtlichen Gehörs sei nicht geeignet, die Einschätzung des BFM, dass er nicht in der von ihm angeführten Region gelebt habe und folglich nicht Staatsangehöriger der Volksrepublik China sei, umzustossen. Seine Vorbringen würden demnach den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand- halten, so dass deren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Die vom Beschwerdeführer angeführte Staatsangehörigkeit sei nicht glaubhaft, weshalb seine Herkunft und Staatsangehörigkeit als unbekannt gelten würden. Er habe die Behörden erwiesenermassen über seine Iden- tität getäuscht, weshalb kein Grund zur Annahme allfälliger Hinweise auf die Flüchtlingseigenschaft bestehe. Ein Vollzug der Wegweisung sei als zulässig zu erachten, wobei ein solcher Vollzug in die Volksrepublik China vorliegend jedoch ausgeschlossen werde. Aus der Verheimlichung der Staatsangehörigkeit sei auch zu schliessen, dass weder die im tatsächli- chen Heimatstaat herrschende politische Situation noch andere Gründ e gegen die Zumutbarkeit der Rückführung dorthin sprechen würden. Im heutigen Zeitpunkt könne nicht davon gesprochen werden, der Vollzug der Wegweisung sei bei der Verheimlichung der wahren Identität als unmöglich zu erachten, was auch der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts entspre- che. Dem Beschwerdeführer sei es vielmehr zuzumuten, sich bei der zu- ständigen Vertretung seines Heimatlandes die allenfalls benötigten Reise- papiere zu beschaffen. Vorliegend bestünden Indizien auf eine Herkunft D-4523/2014 Seite 8 aus einer exiltib etischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China, insbesondere Nepal oder Indien. 3.2 Demgegenüber brachte der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitte- leingabe im Wesentlichen vor, die Behauptung der Vorinstanz, die einge- reichten Fotos seien käuflich erwerbbar, sei unzutreffend. Gehe das BFM davon aus, dass er sich nie in seinem Leben in Tibet aufgehalten habe, müsste es sich folglich um Bildfälschungen handeln, welche mit einer be- trächtlichen Professionalität erstellt worden sein müssten, um nicht auf den ersten Blick selbst von einem Laien als solche entlarvt zu werden. Die vo- rinstanzliche Mutmassung laufe demnach ohne plausible Begründung ins Leere. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz der eingereich- ten Identitätskarte keinen Beweiswert beimesse, obwohl nach eigener Aus- sage keine objektiven Fälschungsmerkmale ersichtlich seien. Selbst wenn solche Identitätskarten keine umfassenden Sicherheitsmerkmale aufwei- sen und käuflich sein sollten, werde wohl selbst das BFM nicht in Abrede stellen, dass es chinesische Identitätskarten gebe, welche nicht gekauft seien und die besitzenden Personen identifizieren würden. Selbst wenn also gekaufte chinesische Identitätskarten im Umlauf sein sollten, müsste zumindest kurz erläutert werden, weshalb es sich bei seiner Identitätskarte um eine solche handle. Darüber hinaus stelle sich die Frage, weshalb die Vorinstanz seine chinesische Identitätskarte überhaupt einer Analyse un- terzogen habe, wenn sie offenbar kategorisch davon ausgehe, dass selbst den nicht gefälschten Dokumenten dieser Art jeglicher Beweiswert abgehe. Einer Überprüfung chinesischer Identitätskarten würde bei dieser An- nahme generell der Sinn entzogen. Selbstredend sei seiner Identitätskarte ein hoher Beweiswert zuzurechnen. Seine Angaben würden mit dem Do- kument übereinstimmen und zudem würden auch die Fotos seine Herkunft untermauern. Die Nichtberücksichtigung dieser gewichtigen Beweismittel im Asylverfahren stelle eine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Der angefochtene Entscheid sei daher aufzuheben und für eine Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sodann stütze sich die behauptete Identitätstäuschung lediglich auf die vom BFM durchgeführte Glaubhaftig- keitsprüfung und somit auf eine subjektive Empfindung der die Verfügung erlassenden Person. Beweismittel für die behauptete Identitätstäuschung wie sie von Art. 36 Abs. 1 Bst. a AsylG (erkennungsdienstliche Behandlung oder andere Beweismittel wie Herkunftsanalysen der Fachstelle LINGUA, sichergestellte Ausweispapiere, Zeugenaussagen oder Eingeständnisse der asylsuchenden Person) gefordert würden, lägen jedoch nicht vor. Die vom BFM für sein Verfahren durchgeführte Anhörung gemäss Art. 29 AsylG D-4523/2014 Seite 9 spreche zudem klar dagegen, dass die Vorinstanz selber von einer Täu- schung der Identität ausgegangen sei. Laut Art. 36 Abs. 2 AsylG werde eine Anhörung eben genau dann vorgenommen, wenn keine Identitätstäu- schung im Sinne des Asylgesetzes vorliege. Bei gegebener Aktenlage und vorliegendem Aktenstand lasse das Asylgesetz nicht zu, von einer erwie- senen Identitätstäuschung auszugehen. Aufgrund der im Recht liegenden und nicht gefälschten chinesischen Identitätskarte und auch de r einge- reichten Fotos bestehe die hohe Wahrscheinlichkeit, dass er chinesischer Staatsangehöriger sei. Beweise, die auf das Gegenteil hindeuten würden, lägen nicht vor. Die angefochtene Verfügung sei daher mit einem rechtli- chen Mangel belegt, sei aufzuheben und zu neuem Entscheid an die Vor- instanz zurückzuweisen. Sodann fehle es der angefochtenen Verfügung an einer Begründung für den Ausschluss des Wegweisungsvollzugs nach China, zumal die Vorinstanz jeglichen Bezug seiner Person zu diesem Land ja verneine. Weiter könne der vorliegende Fall gemäss dem Grund- satzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E–2981/2012 vom 20. Mai 2014 (Anmerkung des Gerichts: BVGE 2014/12) nicht ohne die Durchführung eines Lingua -Gutachtens zu seinen Ungunsten entschieden werden. Er spreche den Kham-Dialekt, welcher sich deutlich vom Hochtibetischen un- terscheide, welches in der Regel von im Exil sozialisierten Tibetern gespro- chen werde. Zudem habe er bei der BzP angeführt, einen anderen Kham- Dialekt als der Dolmetscher zu sprechen, weshalb es bei der Verständi- gung zu Problemen gekommen sei. Betreffend den genauen Kham-Dialekt bestünde vorliegend keine Klarheit. Sodann würden seine Grundkennt- nisse des C hinesischen ebenfalls für seine Herkunft aus Tibet sprechen. Da kein Lingua -Gutachten erstellt worden sei, sei der Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt worden. Es sei der angefochtene Entscheid auch aus diesem Grund aufzuheben und zur Feststellung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Hinsichtlich der geäusserten Zweifel an der Glaubhaftigkeit seiner Ausfüh- rungen sei festzuhalten, dass er problemlos in der Lage gewesen sei, ge- naue geografische Angaben zu seinem Heimatdorf und zur näheren Um- gebung zu machen . Die vorinstanzliche Beurteilung seiner Aussagen zu den Länderkenntnissen und dem Alltagswissen falle sehr knapp, einseitig und teils nicht nachvollziehbar aus. Zum angeblichen Widerspruch zur An- zahl Familien in seinem Dorf habe der Kern seiner Aussagen darin bestan- den, dass die Anzahl vor dem Erdbeben grösser gewesen sei als nachher. Das BFM habe seine Ausführungen nur unvollständig herangezogen und wesentlich verfälscht, indem es das erwähnte Erdbeben nicht in den Kon- text aufgenommen habe, zumal die Erwähnung des Erdbebens ein starkes D-4523/2014 Seite 10 Realkennzeichen sei. Weiter stelle er nicht in Abrede, dass er betreffend die genaue Anzahl der im Dorf lebenden Familien unterschiedliche Anga- ben gemacht habe. Die BzP habe aber primär der Abklärung von Perso- nendaten gedient. Solange sich die Angaben – wie vorliegend – nicht dia- metral widersprechen würden, könne daraus nichts zu seinen Ungunsten abgeleitet werden. Überdies habe er das Familienbüchlein erstaunlich prä- zise beschrieben und die neue chinesische Id entitätskarte aus dem Kopf heraus zu beschreiben vermocht. Erstaunlicherweise sei er während der Anhörung nicht mit dem Vorwurf konfrontiert worden, nicht wahrheitsge- treue Angaben zu machen, sondern erst im Entscheid, was aber hätte er- wartet werden dürfen, zumal das BFM diese Aussagen offenbar als zentral erachtet habe, um die angefochtene Verfügung abschlägig zu entscheiden. Insgesamt werde nicht ersichtlich, wie das BFM aufgrund seines Be- schriebs chinesischer Dokumente zum Schluss kommen wolle, er sei nicht chinesischer Staatsangehöriger. Ferner sei der lediglich pauschale Vorwurf tatsachenwidriger Aussagen zur Schule oder zum Fernsehen zu bestrei- ten. Da unklar bleibe, was genau tatsachenwidrig gewesen sein soll, könne dazu nicht Stellung genommen werden. Auffallend sei jedoch seine An- gabe, mit Raupenpilzen – die in Tibet einheimisch seien – die Schule be- zahlt zu haben, was als starkes Realkennzeichen gewertet werden müsse. Zu den angeblichen Ungereimtheiten bei der Schilderung des Reisewegs sei darauf zu verweisen, dass die Vorinstanz dabei versuche, kleinere Un- gereimtheiten als diametral unterschiedliche Aussagen darzustellen. Da das BFM bis zur Anhörung aus unbekannten Gründen acht Monate habe verstreichen lassen, scheine die Gegenüberstellung der beiden Befragun- gen besonders problematisch, zumal mit der Zeit Erinnerungslücken ent- stünden und die Verständigung bei der BzP problembehaftet gewesen sei. Seine Ausführungen zum Reiseweg würden in den wesentlichen Zügen übereinstimmen und seien realistisch ausgef allen. Der Vorwurf, er habe seinen Aufenthaltsort in H._______ nicht angeben können, sei sodann ak- tenwidrig. Ein solcher Vorwurf lasse sich mit der erwähnten Protokollstelle nicht begründen und er sei in der BzP nicht nach dem Namen des Aufent- haltsortes gefragt worden. Insgesamt seien seine Aussagen als glaubhaft zu erachten. Es handle sich bei ihm um einen chinesischen Staatsangehö- rigen tibetischer Ethnie, welcher sein Heimatland illegal verlassen habe, weshalb er als Flüchtling vorläufig in der Schweiz aufzunehmen sei. 3.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz an ihren Erwägungen fest und führte ergänzend an, dass den im vorinstanzlichen Verfahren einge- reichten Beweismitteln keine Beweiskraft zukomme. Die Fotos vermöchten nicht zu belegen, dass er sein ganzes Leben in Tibet verbracht habe, zumal D-4523/2014 Seite 11 die Aufnahmen überall gemacht worden sein könnten. Gleiches gelte für die chinesische Identitätskarte, da nach den Kenntnissen des Bundesam- tes diese mangels umfassender Sicherheitsmerkmale käuflich erwerbbar seien. Daran ändere nichts, dass dieses Dokument einer Prüfung unterzo- gen worden sei. Da hierbei objektive Fälschungsmerkmale hätten festge- stellt werden können, sei diese durchaus gerechtfertigt gewesen. Es liege vorliegend kein Nichteintretensentscheid nach Art. 31a AsylG vor, weshalb Art. 36 Abs. 1 Bst. a AsylG keine Anwendung finde und der Asylentscheid dementsprechend nicht an einem rechtlichen Mangel leide. Da der Be- schwerdeführer tibetischer Ethnie sei und auch die Möglichkeit nicht aus- zuschliessen sei, dass er die chinesische Staatsangehörigkeit besitze, sei bereits im Asylentscheid der Wegweisungsvollzug nach China ausge- schlossen worden, da ihm dort gegebenenfalls eine Refoulement -Verlet- zung drohe. Dies widerspreche der Ansicht des BFM, er sei nie in der gel- tend gemachten Region sozialisiert gewesen oder nie illegal aus der Volks- republik China ausgereist, nicht. Zum Vorbringen, er sei nicht von einem Tibet-Experten befragt worden, sei auszuführen, dass das Bundesamt seit einiger Zeit zu Gunsten einer im Rahmen der Anhörung vertieften Befra- gung zu den Länderkenntnissen und zum Alltagswissen der as ylsuchen- den Perso nen zunehmend auf die sogenannten Lingua -Gutachten ver- zichte, wobei diese Praxisänderung vom Bundesverwaltungsgericht be- reits verschiedentlich gestützt worden sei. Die Abklärung der Herkunft und der Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers stelle nur ein Element ei- ner mehrstufigen Glaubhaftigkeitsprüfung dar. Hinsichtlich der angeblich durch sprachliche Probleme bedingten Widersprüche sei festzustellen, dass es sich dabei um sachliche Diskrepanzen handle, die nicht durch eine ungenaue Übersetzung erklärbar seien. Zudem habe er die Übereinstim- mung der Angaben des Protokolls mit seinen Aussagen durch seine Unter- schrift bestätigt, so dass er sich darauf behaften lassen müsse. Den Erwi- derungen bezüglich de r unstimmigen Schilderungen zur Ausreise könne nicht gefolgt werden: So handle es sich bei den aufgeführten Widersprü- chen nicht um unbedeutende, sondern elementare Ungereimtheiten. Er lege in seiner Beschwerdeschrift nicht nachvollziehbar dar, wie es zu die- sen wesentlichen sachlichen Ungereimtheiten gekommen se i. Insoweit könnten abweichende Aussagen zur BzP als Indiz für die Unglaubhaftigkeit gewertet werden. Entgegen seiner Auffassung sei er nach seinem Aufent- haltsort in H._______ gefragt worden, wobei diesbezüglich dem BFM bei der Entscheidredaktion ein Fehl er unterlaufen sei, da man die genannte Frage im Protokoll der Anhörung (Dokument A13) nicht auf Seite 13, son- dern auf der folgenden Seite 14 gestellt habe. D-4523/2014 Seite 12 3.4 In seiner Replik entgegnete der Beschwerdeführer, dass die Argumen- tation der Vorinstanz zu den Fotos ins Leere laufe, weil sie dadurch Fotos als Beweismittel generell ausschliesse. Bezüglich der Identitätskarte ent- behre es jeder Logik, ein laut BFM ohnehin wertloses Beweismittel zu über- prüfen. Die Dokumentenprüfung habe ergeben, dass es sich um ein echtes Dokument handle, was aber an der vorinstanzlichen Einschätzung zum fehlenden Beweiswert dieses Dokumentes nichts geändert habe. Die Vo- rinstanz müsse somit zwingend der Ansicht sein, dass ein echtes chinesi- sches Identitätspapier grundsätzlich die Identit ät eines Menschen nie be- legen könne und auch keinen entsprechenden Hinweis darstelle. Diese An- sicht könne natürlich nicht geteilt werden. Das BFM habe im Entscheid wörtlich erwähnt, dass er die Behörden erwiesenermassen über seine Identität getäuscht habe. Er habe daher davon ausgehen dürfen, dass das BFM seine Verfügung auf Art. 36 Abs. 1 Bst. a AsylG abgestützt habe, zu- mal das Asylgesetz bei erwiesener Identitätstäuschung einzig diese Norm als rechtliche Grundlage vorsehe. Die Vorinstanz habe es jedoch unterlas- sen, die von ihr verwendete Rechtsgrundlage zu benennen. Die Durchfüh- rung einer Anhörung gemäss Art. 36 Abs. 2 AsylG sei aber bei erwiesener Identitätstäuschung nicht vor gesehen. Zudem sei der Hinweis der Vo- rinstanz, wonach vorliegend kein Nichteintr etensentscheid nach Art. 31 a AsylG vorliege, weshalb Art. 36 Abs. 1 Bst. a AsylG keine Anwendung finde, nicht logisch, zumal Art. 36 Abs. 1 AsylG lediglich regle, in welchen Fällen ohne Anhörung unter Gewährung des rechtlichen Gehörs eine Ent- scheidung getroffen werden könne. In Anwendung von Art. 36 Abs. 1 Bstn. a–c AsylG müsse das BFM aber zwingend eine materielle Entscheidung treffen. Sodann erscheine bei angeblich erwiesener Identitätstäuschung der Hinweis, seine chinesische Staatsangehörigkeit sei nicht auszuschlies- sen, als widersprüchlich. Die von der Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung angesprochene Praxisänderung sei von ihr nicht begründet worden. Zwar habe das Bundesverwaltungsgericht diese (neue) Vorgehensweise sogar gestützt. Vorliegend sei aber mit seiner Beschwerde das neue und mass- gebliche Grundsatzurteil E -2981/2012 vom 20. Mai 2014 angeführt wor- den, aus welchem der eindeutige Schluss zu ziehen sei, dass die Ent- scheidfindung unmöglich ohne Beizug eines Lingua -Gutachtens gesche- hen könne. Die vom BFM herangezogenen Urteile reichten nicht aus, um einen Verzicht auf ein solches Gutachten zu rechtfertigen, zumal sie in exakt gleicher richterlicher Konstellation gefällt worden seien und der vor- sitzende Richter dieser Beschwerdeverfahren überdies in einem späteren Verfahren genau gegenteilig entschieden habe. Das Bundesverwaltungs- gericht scheine daher die Praxisänderung des BFM nicht zu stützen. Un- verständlicherweise habe sich die Vor -instanz in ihrer Vernehmlassung D-4523/2014 Seite 13 zum erwähnten Grundsatzentscheid, der nicht einfach ignoriert werden könne, nicht geäussert. Sodann sei das BFM mit Blick auf die nicht opti- male Übersetzung anlässlich der BzP offensichtlich der Ansicht, es ge- nüge, wenn sich Gesuchsteller und Übersetzer irgendwie verständigen könnten. Jedoch m üssten für eine seriöse Verfahrungsführung und in Ti- bet-Fällen perfekte Sprachkenntnisse des Übersetzers als Voraussetzung gelten. Ob es bezüglich des Reisewegs diametral voneinander abwei- chende Aussagen in den Befragungen gegeben habe, sei vom Bundesver- waltungsgericht zu beurteilen. Dabei sei en die lange Dauer zwischen der BzP und der Anhörung und die nicht reibungslose Übersetzung anlässlich der BzP zu berücksichtigen. 4. 4.1 Im Verwaltungsverfahren im Allgemeinen und im Asylverfahren im Be- sonderen gilt der Untersuchungsgrundsatz. Danach stellt die Behörde den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Die Bestimmung von Art. 13 VwVG beschränkt den Untersuchungsgrundsatz und hält fest, dass die Parteien verpflichtet sind, an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwir- ken. Eine im Vergleich zum Verwaltungsverfahren verstärkte Mitwirkungs- pflicht ist in Art. 8 AsylG vorgesehen und detailliert umschrieben. Dahinter steckt der Grundgedanke, dass die zuständige Behörde den Sachverhalt nicht selber ermitteln muss, wenn ein Asylsuchender die erforderliche Mit- wirkung verweigert. Für das erstinstanzliche Asylverf ahren bedeutet dies, dass die Vorinstanz zur richtigen und vollständigen Ermittlung und Fest- stellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und Elemente, die zugunsten der asylsuchenden Person sprechen, ebenso zu ermitteln hat wie solche, die sich zu ihren Ungunsten auswirken. 4.2 Weiter verlangt der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) unter anderem, dass die verfü- gende Behörde die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 5 Abs. 1 VwVG). Nach den von Lehre und Praxis entwickelten Grund- sätzen hat die verfügende Behörde demnach die Überlegunge n zu nen- nen, von denen sie sich leiten liess und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die Begründung des Entscheides muss so abgefasst sein, dass der Be- troffene ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Mit der Pflicht zur Offenlegung der Entscheidgründe kann zudem in der Regel verhindert wer- den, dass sich die Behörde von unsachgemässen Motiven leiten lässt (vgl. D-4523/2014 Seite 14 dazu LORENZ KNEUBÜHLER in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Zürich 2008, N. 6 ff. zu Art. 35; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwal- tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zürich 2013, N. 629 ff.; BVGE 2007/30 E. 5.6; BGE 134 I 83 E. 4.1). 4.3 4.3.1 In seinem zur Publikation vorgesehenen Urteil E-3361/2014 vom 6. Mai 2015 hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, die von der Vor ins- tanz neu eingeführte Methode der Herkunftsabklärung für Asylsuchende tibetischer Ethnie könne sich grundsätzlich zur Plausibilitätsprüfung von Herkunftsangaben eignen, habe jedoch gewissen Mindeststandards be- treffend die Gewährung des rechtlichen Gehörs respektive die Untersu- chungspflicht zu genügen. So müsse aus den Akten nicht nur in für das Gericht nachvollziehbarer Weise hervorgehen, welche Fragen die Vo- rinstanz dem Asylgesuchsteller gestellt und wie dieser darauf geantwortet habe, sondern auch welche Fragen wie hätten beantwortet werden müs- sen und weshalb in Tibet sozialisierte asylsuchende Personen in einer ver- gleichbaren Situation die zutreffenden Antworten hätten kennen sollen. Auch müsse aus den Akten hervorgehen, auf welche Informationen zum Herkunftsland (COI) sich die von der Vorinstanz als zutreffend angegebe- nen Antworten stützten, wobei sich die Vorinstanz an den grundlegenden Standards, die bei der Beschaff ung, Aufbereitung und Präsentation von COI gelten würden, zu orientieren habe. Dabei stehe es der Vorinstanz frei, in welcher Form sie dem Bundesverwaltungsgericht die genannten Infor- mationen offenlegen wolle. Zur Offenlegung der Herkunftsabklärung an die asylsuchende Person sei festzuhalten, dass die Vorinstanz einer Partei grundsätzlich Einsicht in jene Unterlagen gewähren müsse, auf die sie ihren Entscheid stütze. Dabei sei – mit Rücksicht auf allenfalls bestehende öffentliche Geheimhaltungsinte- ressen – der betroffenen Person zumindest der wesentliche Inhalt der Her- kunftsuntersuchung zur Kenntnis zu bringen und ihr die Möglichkeit einzu- räumen, sich insbesondere zu den als unzureichend eingestuften Antwor- ten äussern zu können (vgl. Art. 28 VwVG). Auch das Recht einer asylsu- chenden Person auf vorgängige Anhörung (Art. 30 VwVG) sei zu wahren. Dementsprechend habe die Vorinstanz den Betroffenen die als tatsachen- widrig, falsch oder unzureichend erachteten Antworten, unter Angabe der dazugehörigen Fragen, anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs im Rahmen einer zu protokollierenden mündlichen Anhörung oder in einer D-4523/2014 Seite 15 aktenkundigen schriftlichen Notiz so detailliert aufzuzeigen, dass die be- troffene Person hierzu konkrete Einwände anbringen könne. Dementspre- chend genüge es nicht, die Schlussfolgerung der Herkunftsabklärung in ei- ner pauschalen Zusammenfassung darzulegen, ohne der betroffenen Per- son die ihr konkret vorgeworfenen Falschangaben effektiv und in detaillier- ter Weise erkennbar zu machen. Seien diese Mi ndeststandards nicht erfüllt, sei der vorinstanzliche Ent- scheid in der Regel aufzuheben und die Sache zur korrekten Sachverhalts- abklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, ausge- nommen diejenigen Fälle, in denen die Vorbringen der asylsuchenden Per- son offensichtlich unzulänglich und somit derart haltlos seien, dass deren Beurteilung keiner weiteren fachlichen Abklärungen mehr bedürfe (vgl. Ur- teil des BVGer E-3361/2014 vom 6. Mai 2015 E. 5.2.2 und 5.2.3 m.w.H.). 4.3.2 Vorweg ist anzuführen, dass die Ansicht des Beschwerdeführers, das Bundesverwaltungsgericht scheine die Praxis der Vorinstanz, im Rahmen der Anhörung die Länderkenntnisse und das Alltagswissen eines Gesuch- stellers vertieft abzuklären, nicht zu stützen, und aus dem Grundsatzurteil BVGE 2014/12 sei der eindeutige Schluss zu ziehen, die Entscheidfindung könne unmöglich ohne Beizug eines Lingua-Gutachtens geschehen, nicht zutrifft. Gemäss dem in E. 4.3.1 erwähnten Urteil ist die von der Vorinstanz neu eingeführte Methode der Herkunftsabklärung für Asylsuchende tibeti- scher Ethnie im Rahmen der Anhörung nicht zu beanstanden, sofern sie gewissen Mindeststandards betreffend die Gewährung des rechtlichen Ge- hörs respektive die Untersuchungspflicht genügt. 4.3.3 Vorliegend sind die Ausführungen des Beschwerdeführers auf die Fragen zum Länder - und Alltagswissen nicht derart unverständlich, vage oder widersprüchlich ausgefallen, dass sie eine Herkunft aus Tibet/China offensichtlich ausschlössen und sich weit ere fachliche Abklärungen somit erübrigten. So wies die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung selbst darauf hin, dass der Beschwerdeführer in der Lage gewesen sei, einige geografische Angaben betreffend sein Heimatdorf und d ie nähere Umge- bung zu machen (vgl. act. A15/7 S. 3). Überdies hielt sie fest, bei der vo n ihm abgegebenen chinesischen Identitätskarte seien keine objektiven Fäl- schungsmerkmale festgestellt worden (vgl. act. A15/7 S. 4), ohne sie je- doch als beweiskräftig zu erachten, da solche chines ischen Identitätskar- ten mangels umfassender Sicherheitsmerkmale käuflich erwerbbar seien. D-4523/2014 Seite 16 Auch lässt sich alleine aufgrund der Angaben de s Beschwerdeführers zu den Asylgründen, zum Reiseweg und zu seinen konkreten Lebensumstän- den nicht ableiten, dass er nicht aus dem angegebenen Dorf stammt. Wür- den nämlich bereits diese Angaben alleine eine Herkunft aus Tibet/China ausschliessen, erübrigten sich weitere fachliche Abklärungen bezüglich des Länder- und Alltagswissens, da dann gar nicht auf seine Angaben im Rahmen der Herkunftsabklärung abgestellt werden müsste. 4.3.4 Weiter ist zu prüfen, ob die vorliegend durchgeführte Herkunftsabklä- rung der Vorinstanz die in E. 4.3.1 festgelegten Mindeststandards erfüllt. Vorliegend können dem Anhörungsprotokoll des BFM vom 4. Juli 2014 zwar die gestellten Fragen und die Antworten des Beschwerdeführers ent- nommen werden. Allerdings enthalten die Akten keine Ausführungen zu den vom BFM als korrekt erachteten Antworten oder zu den Quellen, an denen sich d ie Befragerin zwecks Beurteilung der Erklärungen de s Be- schwerdeführers orientierte. Das Befragungsprotokoll erlaubt bezüglich ei- nes überwiegenden Teils der Fragen auch keine eindeutigen Rückschlüsse darauf, ob der Beschwerdeführer diese in zulänglicher Weise beantwortete beziehungsweise, wenn er die Antwort nicht wusste, ob und weshalb er diese hätte kennen sollen. Aus den Akten geht somit nicht hervor, welche Antworten des Beschwerdeführers richtig beziehungsweise falsch sind und wie im Falle unzutreffender Angaben die korrekte Antwort auf die gestellte Frage lauten würde. Folglich ist für das Gericht weder nachvollziehbar, ob die vorinstanzliche Einschätzung bezüglich des Länder - und Alltagswis- sens de s Beschwerdeführers vertretbar ist, noch ersichtlich, ob die Vo- rinstanz ihren aus dem Untersuchungsgrundsatz und dem rechtlichen Ge- hör fliessenden Pflichten zur ernsthaften, sorgfältigen und vollständigen Abklärung seiner Vorbringen sowie aller weiteren rechtsrelevanten Sa- chumstände vorliegend tatsächlich nachgekommen ist. Wie in E. 4.3.1 ausgeführt, muss die Vorinstanz dem Beschwerdeführer vor dem Hintergrund von Art. 30 VwVG überdies den wesentlichen Inhalt der Herkunftsuntersuchung – insbesondere die als unzureichend eingestuften Antworten – so detailliert zur Kenntnis bringen, da ss er hierzu konkrete Einwände anbringen kann, und ih m die Möglichkeit einräumen, sich tat- sächlich dazu zu äussern. In casu ist auf die Anhörung des BFM vom 4. Juli 2014 zu verweisen, in welcher nebst den Asylgründen die Länderkennt- nisse und das Alltagswissen des Beschwerdeführers geprüft wurden. Am Schluss der Anhörung wurde ihm eröffnet, dass aufgrund seiner Aussagen D-4523/2014 Seite 17 einige Zweifel an seiner Herkunft aus der geltend gemachten Region res- pektive Tibet bestünden und das BFM gedenke, seine Staatsangehörigkeit zu einem späteren Zeitpunkt auf "unbekannt" zu setzen. Dazu wurde ihm die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt, wobei er an seiner Herkunft aus Tibet festhielt und auf die eingereichten Beweise (Identitätskarte; Fo- tos) verwies (vgl. act. A13/19 S. 16). Angesichts dieser nicht näher konkre- tisierten und allgemein gehaltenen Zusammenfassung des Abklärungser- gebnisses wurde es de m Beschwerdeführer objektiv verunmöglicht, kon- krete Einwände gegen die vorgeworfenen Falschangaben anzubringen. 4.3.5 Nach dem Gesagten steht fest, dass das BFM im vorliegenden Fall sowohl den Anspruch des Beschwerdeführers auf Einräumung des rechtli- chen Gehörs als auch den Untersuchungsgrundsatz verletzt hat. Unter die- sen Umständen braucht auf die weiteren Rügen in formeller sowie in ma- terieller Hinsicht nicht weiter eingegangen zu werden. 4.4 Angesichts dieser Sachlage stellt sich die Frage, ob die festgestellte Verletzung des rechtlichen Gehörs und die unvollständige Feststellung des Sachverhaltes geheilt werden können oder zur Kassation der angefochte- nen Verfügung führen müssen. Grundsätzlich führt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs aufgrund der formellen Natur dieses Anspruches unge- achtet der materiellen Auswirkungen zur Aufhebung des betreffenden Ent- scheides. Die Heilung von Gehörsverletzungen aus prozessökonomischen Gründen ist auf Beschwerdeebene nur möglich, sofern das Versäumte nachgeholt wird, der Beschwerdeführer dazu Stellung nehmen kann und der Beschwerdeinstanz für die konkrete Streitfrage die freie Überprüfungs- befugnis in Bezug auf Tatbestand und Rechtsanwendung zukommt, sowie die festgestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist und die feh- lende Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz mit vertretbarem Auf- wand hergestellt werden kann (vgl. BVGE 2014/22 E. 5.3 S. 325 m.w.H.). Dies gilt auch unter dem revidierten, am 1. Februar 2014 in Kraft getrete- nen Art. 106 AsylG (Wegfall der Überprüfbarkeit der Angemessenheit; vgl. Art. 106 Abs. 1 aBst. c AsylG) grundsätzlich weiterhin, wobei Gehörsverlet- zungen, die sich auf einen Aspekt der Angemessenheit beziehen, vom Bundesverwaltungsgericht fortan nicht mehr geheilt werden können. 4.5 Vorliegend sind die festgestellten Verletzungen des rechtlichen Gehörs als schwerwiegend zu bezeichnen, zumal aufgrund der Aktenlage nicht da- von ausgegangen werden kann, dass es sich dabei um ein Versehen han-D-4523/2014 Seite 18 delte, weshalb eine Heilung nicht angebracht ist. Die angefochtene Verfü- gung ist demnach aufzuheben und zur formell korrekten Durchführung des Verfahrens an die Vorinstanz zurückzuweisen. 5. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als damit die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sa- che zu neuem Entscheid an die Vorinstanz beantragt wurde. Die Sache ist in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur erneuten Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. Bei dieser Sachlage erübrigt es sich, auf die übrigen Anträge und Ausfüh- rungen in der Beschwerdeschrift näher einzugehen. 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erh eben (Art. 63 VwVG). Bereits mit Verfügung des Instruktionsrichters vom 22. Au- gust 2014 wurden die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gutgeheissen. 6.2 Dem Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwen- dung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs- gericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendi- gerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechtsvertreter reichte mit seiner Replik vom 12. September 2014 seine revidierte Kosten- note gleichen Datums zu den Akten und machte für das Beschwer dever- fahren einen Aufwand von vierzehn Stunden bei einem Stundenansatz von Fr. 200.– und Auslagen von pauschal Fr. 40.– geltend, was einen Betrag von Fr. 2840.– ergibt. Der in der Kostennote ausgewiesene Aufwand ist vorliegend aufgrund teilweise sich wiederholender Ausführungen und der ähnlichen Argumentation seines Rechtsvertreters in vergleichbaren Ver- fahren von Beschwerdeführern tibetischer Ethnie um vier Stunden zu kür- zen, da nur die notwendigen, im Zusammenhang mit dem Beschwerdever- fahren entstandenen Aufwendungen zu ersetzen sind. Dem Bes chwerde- führer ist demnach zu Lasten des SEM aufgrund obiger Ausführungen zur Kostennote vom 12. September 2014 sowie der massgebe nden Bemes- sungsfaktoren (Art. 9 –13 VGKE) und der Entschädigungspraxis in ähnli- chen Fällen eine Parteientschädigung für den Aufwand seines Rechtsver-D-4523/2014 Seite 19 treters von insgesamt Fr. 2040.– zuzusprechen. Der Anspruch auf das amt- liche Honorar des als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsver- treters wird im gleichen Umfang gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-4523/2014 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 16. Juli 2014 wird aufgehoben und die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 2040.– zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand: