<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">371</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>B. Obligationenrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft1"><b>66</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 419 und Art. 422 OR, Art. 423 OR</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Echte Geschäftsführung ohne Auftrag verneint. Der Beklagte hat die</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Zahlung seiner Schulden durch die Klägerin widerspruchslos akzeptiert</b></span><br/> <span class="ft1"><b>und sich den aus der Schuldentilgung gegenüber den ursprünglichen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Gläubigern entsprungenen Vorteil, die Entschuldung ihnen gegenüber,</b></span><br/> <span class="ft1"><b>angeeignet (Art. 423 Abs. 1 OR). Es ist offensichtlich, dass der Beklagte</b></span><br/> <span class="ft1"><b>durch diesen Vorteil im Umfang der klägerischen Bezahlung bereichert</b></span><br/> <span class="ft1"><b>ist. Gestützt auf Art. 423 Abs. 2 OR ist er damit zur Rückzahlung an die</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Klägerin verpflichtet.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Zivilkammer, vom 14. August 2013</span><br/> <span class="ft2">i.S. D.D.M. ca. A.E. (ZVE.2012.68).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">Die Klägerin forderte mit ihrer Klage vom Beklagten die Rück-</span><br/> <span class="ft4">zahlung des von ihr an die Gläubiger des Beklagten bezahlten Betra-</span><br/> <span class="ft4">ges von Fr. 14'714.75 zuzüglich Zins. Sie stützte ihren Anspruch vor</span><br/> <span class="ft4">Bezirksgericht auf die Schuldübernahme gemäss Art. 176 OR. Die</span><br/> <span class="ft4">Vorinstanz wies die Klage vollumfänglich ab. Dagegen erhebt die</span><br/> <span class="ft4">Klägerin Berufung.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2.2.</span><br/> <span class="ft4">2.2.1.</span><br/> <span class="ft4">(...)</span><br/> <span class="ft4">Die Klägerin machte erstmals in der Berufung geltend, ihr An-</span><br/> <span class="ft4">spruch stütze sich auf Geschäftsführung ohne Auftrag oder auf unge-</span><br/> <span class="ft4">rechtfertigte Bereicherung. Da sie sich für diese neue rechtliche Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">372</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">gründung ihres Begehrens nicht auf neue tatsächliche Behauptungen</span><br/> <span class="ft4">und Beweismittel stützte und darin keine Klageänderung zu er-</span><br/> <span class="ft4">blicken ist, ist das novenrechtlich nicht von Bedeutung, denn die</span><br/> <span class="ft4">rechtliche Subsumtion ist ausschliesslich Sache des Gerichts, wel-</span><br/> <span class="ft4">ches das Recht von Amtes wegen anzuwenden hat (Art. 57 ZPO).</span><br/> <span class="ft4">Demnach ist zunächst zu prüfen, ob der Beklagte der Klägerin</span><br/> <span class="ft4">den eingeklagten Betrag gestützt auf die Geschäftsführung ohne Auf-</span><br/> <span class="ft4">trag zurückzubezahlen hat.</span><br/> <span class="ft4">2.2.2.</span><br/> <span class="ft4">Eine (echte) Geschäftsführung ohne Auftrag liegt vor, wenn je-</span><br/> <span class="ft4">mand das Geschäft eines anderen besorgt, ohne von diesem dafür be-</span><br/> <span class="ft4">auftragt worden zu sein (Art. 419 und Art. 422 OR). Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft4">der Geschäftsführung ohne Auftrag sind die Auftragslosigkeit, das</span><br/> <span class="ft4">fremde Geschäft, der Fremdgeschäftsführungswille sowie die Gebo-</span><br/> <span class="ft4">tenheit (C</span><span class="ft2">LAIRE</span> <span class="ft4">H</span><span class="ft2">UGUENIN</span><span class="ft4">, Obligationenrecht, Allgemeiner und Be-</span><br/> <span class="ft4">sonderer Teil, Zürich/Basel/Genf 2012, N. 1612).</span><br/> <span class="ft4">Die Auftragslosigkeit wird bejaht, wenn zwischen den Parteien</span><br/> <span class="ft4">weder ein Auftrag i.S.v. Art. 394 ff. OR noch ein anderes Vertrags-</span><br/> <span class="ft4">verhältnis oder sonst eine Pflicht zum Tätigwerden besteht (J</span><span class="ft2">ÖRG</span><br/> <span class="ft4">S</span><span class="ft2">CHMID</span><span class="ft4">, Kommentar zum schweizerischen Zivilgesetzbuch, V.</span><br/> <span class="ft4">Band: Obligationenrecht, Zürich 1993, N. 63 ff. zu Art. 419 ZGB).</span><br/> <span class="ft4">Ein fremdes Geschäft liegt vor, wenn sich die Tätigkeit des Ge-</span><br/> <span class="ft4">schäftsführers auf eine fremde Angelegenheit bezieht, in einen frem-</span><br/> <span class="ft4">den Rechts- oder Interessenkreis eingreift. Sobald das Geschäft zur</span><br/> <span class="ft4">Interessensphäre einer andern Person gehört und nicht ausschliess-</span><br/> <span class="ft4">lich den Rechtsbereich des Geschäftsführers beschlägt, ist die</span><br/> <span class="ft4">Fremdheit gegeben (J</span><span class="ft2">ÖRG</span> <span class="ft4">S</span><span class="ft2">CHMID</span><span class="ft4">, a.a.O., N. 14 zu Art. 419 OR).</span><br/> <span class="ft4">Der Fremdgeschäftsführungswille besteht im Willen des Geschäfts-</span><br/> <span class="ft4">führers, im Interesse eines anderen tätig zu werden, also diesem die</span><br/> <span class="ft4">Vorteile aus dem zu tätigenden Geschäft zufliessen zu lassen. Bei der</span><br/> <span class="ft4">Tilgung fremder Schulden nimmt die h.L. grundsätzlich Fremdge-</span><br/> <span class="ft4">schäftsführungswille an (J</span><span class="ft2">ÖRG</span> <span class="ft4">S</span><span class="ft2">CHMID</span><span class="ft4">, a.a.O., N. 24 f. zu Art. 419</span><br/> <span class="ft4">OR). Geboten ist die Geschäftsführung dann, wenn der Geschäftsherr</span><br/> <span class="ft4">nicht selber zu deren Besorgung in der Lage ist und eine Dringlich-</span><br/> <span class="ft4">keit die Besorgung erfordert. Ist der Geschäftsherr erreichbar, ist dem</span><br/> <span class="ft4">Geschäftsführer eine Rückfrage zumutbar (R</span><span class="ft2">OLF</span> <span class="ft4">H.</span> <span class="ft4">W</span><span class="ft2">EBER</span><span class="ft4">, in:</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">373</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">H</span><span class="ft2">EINRICH</span> <span class="ft4">H</span><span class="ft2">ONSELL</span><span class="ft4">/N</span><span class="ft2">EDIM</span> <span class="ft4">P</span><span class="ft2">ETER</span> <span class="ft4">V</span><span class="ft2">OGT</span><span class="ft4">/W</span><span class="ft2">OLFGANG</span> <span class="ft4">W</span><span class="ft2">IEGAND</span><br/> <span class="ft4">[Hrsg.], Basler Kommentar, Obligationenrecht I., Art. 1-529 OR,</span><br/> <span class="ft4">5. Auflage 2011, N. 13 f. zu Art. 419 OR).</span><br/> <span class="ft4">Vorliegend ist unbestritten, dass der Beklagte die Klägerin nicht</span><br/> <span class="ft4">zur Bezahlung seiner Schulden beauftragte. Die Klägerin machte</span><br/> <span class="ft4">zwar geltend, vom Beklagten zur Bezahlung gezwungen worden zu</span><br/> <span class="ft4">sein. Darin kann jedoch offensichtlich kein Auftrag im Sinne des Ge-</span><br/> <span class="ft4">setzes erblickt werden. Die Auftragslosigkeit ist zu bejahen.</span><br/> <span class="ft4">Ebenso zu bejahen ist das Vorliegen des fremden Geschäfts. Die</span><br/> <span class="ft4">Bezahlung der Schulden des Beklagten gehört ohne Weiteres in die</span><br/> <span class="ft4">Interessensphäre des Beklagten.</span><br/> <span class="ft4">Bei der Tilgung fremder Schulden ist, wie bereits erwähnt, in</span><br/> <span class="ft4">der Regel vom Vorliegen des Fremdgeschäftsführungswillens auszu-</span><br/> <span class="ft4">gehen. Vorliegend ist jedoch zu beachten, dass die Klägerin gemäss</span><br/> <span class="ft4">eigenen Angaben bereits zum Zeitpunkt der Bezahlung der Schulden</span><br/> <span class="ft4">davon ausging, den entsprechenden Betrag vom Beklagten zurücker-</span><br/> <span class="ft4">stattet zu erhalten. Sie beabsichtigte also lediglich, die Gläubigerpo-</span><br/> <span class="ft4">sitionen zu ersetzen und nicht etwa das endgültige Erlöschen der</span><br/> <span class="ft4">Forderungen. Demnach ist fraglich, worin der Nutzen für den Be-</span><br/> <span class="ft4">klagten bestanden haben soll. So machte die Klägerin nicht geltend,</span><br/> <span class="ft4">den Beklagten durch die Schuldentilgung etwa vor einer Betreibung</span><br/> <span class="ft4">retten oder ihm sonstige Vorteile verschafft haben zu wollen. Die</span><br/> <span class="ft4">Klägerin begründete nicht, und es ist auch nicht ersichtlich, inwie-</span><br/> <span class="ft4">fern sie über das Erlöschen der ursprünglichen Forderung hinaus eine</span><br/> <span class="ft4">wenn auch nur vorübergehende Verbesserung der Vermögenslage des</span><br/> <span class="ft4">Beklagten bezweckte. Unter diesen Umständen ist der Fremdge-</span><br/> <span class="ft4">schäftsführungswille zu verneinen.</span><br/> <span class="ft4">Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass selbst bei Beja-</span><br/> <span class="ft4">hung des Fremdgeschäftsführungswillens die Geschäftsführung ohne</span><br/> <span class="ft4">Auftrag deshalb nicht gegeben wäre, da die vorausgesetzte Geboten-</span><br/> <span class="ft4">heit nicht vorliegt. Weder wurde von der Klägerin geltend gemacht,</span><br/> <span class="ft4">noch ist ersichtlich, warum der Beklagte nicht selber zur Schuldentil-</span><br/> <span class="ft4">gung hätte in der Lage sein sollen bzw. worin die Dringlichkeit der</span><br/> <span class="ft4">Schuldentilgung bestanden haben soll.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">374</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Es ist in casu keine (echte) Geschäftsführung ohne Auftrag</span><br/> <span class="ft4">gegeben, weshalb die Klägerin daraus keinen Anspruch ableiten</span><br/> <span class="ft4">kann.</span><br/> <span class="ft4">2.2.3.</span><br/> <span class="ft4">Im Gegensatz zur echten Geschäftsführung ohne Auftrag setzt</span><br/> <span class="ft4">die unechte Geschäftsführung ohne Auftrag keinen Fremdgeschäfts-</span><br/> <span class="ft4">führungswillen voraus, weshalb der Gesetzessystematik folgend als</span><br/> <span class="ft4">nächstes zu prüfen ist, ob der Beklagte der Klägerin den eingeklagten</span><br/> <span class="ft4">Betrag gestützt auf Art. 423 Abs. 2 OR zurückzubezahlen hat.</span><br/> <span class="ft4">Die Anwendung von Art. 423 Abs. 2 OR setzt die Bejahung von</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 derselben Bestimmung voraus, wonach die Geschäftsführung</span><br/> <span class="ft4">"nicht mit Rücksicht auf das Interesse des Geschäftsherrn unternom-</span><br/> <span class="ft4">men" wurde und der Geschäftsherr gleichwohl berechtigt ist, sich die</span><br/> <span class="ft4">aus der Führung seiner Geschäfte entspringenden Vorteile anzueig-</span><br/> <span class="ft4">nen.</span><br/> <span class="ft4">Vorliegend nahm die Klägerin die Geschäftsführung, also die</span><br/> <span class="ft4">Bezahlung der Schulden des Beklagten gegenüber seinen Gläubi-</span><br/> <span class="ft4">gern, insofern nicht mit Rücksicht auf das Interesse des Beklagten</span><br/> <span class="ft4">vor, als sie dabei in Eigenregie handelte. So besprach sie mit dem</span><br/> <span class="ft4">Beklagten nicht etwa, ob er diese Schulden zu diesem Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft4">durch sie bezahlt haben wollte oder ein Zuwarten einzelner Bezah-</span><br/> <span class="ft4">lungen vorgezogen hätte, beispielsweise da einzelne Schulden noch</span><br/> <span class="ft4">nicht fällig waren oder mit einer Gegenforderung hätten verrechnet</span><br/> <span class="ft4">werden können. Die klägerische Behauptung, wonach sie die Schul-</span><br/> <span class="ft4">den des Beklagten einzig deshalb bezahlt habe, weil der Beklagte sie</span><br/> <span class="ft4">unter Androhung der Beziehungsbeendigung dazu gezwungen haben</span><br/> <span class="ft4">soll, erscheint unter den gegebenen Umständen nicht glaubhaft. Die</span><br/> <span class="ft4">Klägerin vermochte nicht plausibel darzulegen, wie es im Detail zum</span><br/> <span class="ft4">Zahlungszwang gekommen sein soll. Die wenigen Angaben, welche</span><br/> <span class="ft4">sie anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlungen zu Protokoll</span><br/> <span class="ft4">gab, deuten vielmehr darauf hin, dass sie eben gerade nicht unter</span><br/> <span class="ft4">Zwang, sondern aus eigener Initiative die Schulden des Beklagten</span><br/> <span class="ft4">tilgte. So beschrieb sie insbesondere, wie sie die Einzahlungsscheine</span><br/> <span class="ft4">eigenmächtig behändigt und nicht vom Beklagten erhalten habe.</span><br/> <span class="ft4">Der Beklagte bestreitet seinerseits aber nicht, dass ihm aus der</span><br/> <span class="ft4">klägerischen Bezahlung seiner Schulden gegenüber Dritten ein Vor-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">375</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">teil entsprungen ist. Tatsächlich hat er diese Bezahlung wider-</span><br/> <span class="ft4">spruchslos akzeptiert und sich den aus der Schuldentilgung gegen-</span><br/> <span class="ft4">über den ursprünglichen Gläubigern entsprungenen Vorteil, die Ent-</span><br/> <span class="ft4">schuldung ihnen gegenüber, angeeignet (Art. 423 Abs. 1 OR). Es ist</span><br/> <span class="ft4">offensichtlich, dass der Beklagte durch diesen Vorteil im Umfang der</span><br/> <span class="ft4">klägerischen Bezahlung bereichert ist. Gestützt auf Art. 423 Abs. 2</span><br/> <span class="ft4">OR ist er damit zur Rückzahlung an die Klägerin verpflichtet. Zudem</span><br/> <span class="ft4">schuldet er ihr 5 % Zins vom bezahlten Betrag ab Fälligkeit (Art. 102</span><br/> <span class="ft4">ff. OR).</span><br/> <span class="ft4">2.2.4.</span><br/> <span class="ft4">Die Klägerin kann die von ihr für den Beklagten bezahlten</span><br/> <span class="ft4">Schulden von diesem vollumfänglich im Betrag von Fr. 14'714.75</span><br/> <span class="ft4">zuzüglich Zins von 5 % ab dem 14. Juni 2011 zurückverlangen.</span><br/> <span class="ft4">Die Berufung der Klägerin ist demnach gutzuheissen.</span><br/></div> </div> </body> </html>