<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 13 S.54</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">54</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>13</b></span> <span class="ft2"><b>§§ 198 ff. ZPO.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Verwertung widerrechtlich erlangter Beweismittel ist nicht generell</b></span><br/> <span class="ft2"><b>abzulehnen, sondern von einer Interessenabwägung im Einzelfall abhän-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gig zu machen. In casu Verwertbarkeit verneint.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Zivilkammer, vom 23. März 2000</span><br/> <span class="ft3">in Sachen S.S. gegen C.T.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">S. behauptete, er habe seinem Neffen T. zur Finanzierung eines</span><br/> <span class="ft1">Hausbaus ein Darlehen ausgerichtet. Im Verfahren reichte er eine</span><br/> <span class="ft1">Tonbandaufnahme eines Telefongesprächs zwischen ihm und T. ein.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">55</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">S. führte aus, anlässlich dieses Gesprächs habe T. die Darlehens-</span><br/> <span class="ft1">schuld anerkannt.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. c) Die Vorinstanz hat zu Recht festgestellt, dass die Verwer-</span><br/> <span class="ft1">tung von widerrechtlich erlangten Beweismitteln in der Lehre teil-</span><br/> <span class="ft1">weise kontrovers diskutiert wird. Nach wohl herrschender Lehre</span><br/> <span class="ft1">kennt aber das schweizerische Zivilprozessrecht keine Regel, wo-</span><br/> <span class="ft1">nach widerrechtlich erlangte Beweismittel prozessual generell nicht</span><br/> <span class="ft1">verwertbar seien (SJZ 92 (1996) S. 360). Vielmehr wird bei Vorlie-</span><br/> <span class="ft1">gen rechtswidrig erlangter Beweismittel die Verwertbarkeit von einer</span><br/> <span class="ft1">Interessenabwägung im Einzelfall abhängig gemacht (Edelmann,</span><br/> <span class="ft1">N 28 zu Vorbem. §§ 198-269, in Bühler / Edelmann / Killer, Kom-</span><br/> <span class="ft1">mentar zur aargauischen ZPO, 1998).</span><br/> <span class="ft1">aa) Vorweg ist zu den diesbezüglichen Einwänden des Klägers</span><br/> <span class="ft1">festzuhalten, dass die Feststellung, ein Beweismittel sei rechtswidrig</span><br/> <span class="ft1">erlangt worden, kein strafrechtliches Verfahren voraussetzt. Erstens</span><br/> <span class="ft1">kann sich die Widerrechtlichkeit nicht allein aus dem Strafrecht son-</span><br/> <span class="ft1">dern vielmehr auch aus einer zivilrechtlichen Persönlichkeitsverlet-</span><br/> <span class="ft1">zung ergeben. Zweitens ist es dort, wo der Strafrichter darüber nicht</span><br/> <span class="ft1">entschieden hat, Aufgabe des Zivilrichters, vorfrageweise zu prüfen,</span><br/> <span class="ft1">ob Tatbestand und Rechtswidrigkeit gegeben sind. Da es im Zivil-</span><br/> <span class="ft1">prozess nicht um Schuld oder Unschuld des Täters geht sondern nur</span><br/> <span class="ft1">um die Zulassung eines Beweismittels, kommt hier auch nicht die</span><br/> <span class="ft1">Unschuldsvermutung zur Anwendung.</span><br/> <span class="ft1">bb) Es ist unbestritten, dass der Kläger ein Telefongespräch</span><br/> <span class="ft1">zwischen ihm selbst und dem Beklagten auf einen Tonträger aufge-</span><br/> <span class="ft1">nommen hat. Die Äusserungen, welche der Beklagte im Telefonge-</span><br/> <span class="ft1">spräch gegenüber seinem Onkel gemacht haben soll, sind Teil seiner</span><br/> <span class="ft1">Privatsphäre, beziehen sie sich doch auf seine privaten finanziellen</span><br/> <span class="ft1">Angelegenheiten und hat er doch zu seinem Onkel während mehre-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">56</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ren Jahren in sehr naher Beziehung gestanden. Der Kläger hat diese</span><br/> <span class="ft1">Äusserungen auf einen Tonträger aufgenommen, um sie Dritten vor-</span><br/> <span class="ft1">zuspielen. Dass er Dritten angeboten hat, das Tonband anzuhören,</span><br/> <span class="ft1">ergibt sich auch aus der diesbezüglich glaubhaften Aussage von</span><br/> <span class="ft1">R.M.. Mit dieser Aufnahme hat der Kläger die Persönlichkeitsrechte</span><br/> <span class="ft1">des Beklagten verletzt. Ob eine Persönlichkeitsverletzung allein auch</span><br/> <span class="ft1">schon dadurch erfolgt ist, dass der Kläger andere Personen das Tele-</span><br/> <span class="ft1">fongespräch mithören liess, kann hier offen bleiben. Jedenfalls kann</span><br/> <span class="ft1">aber nicht gesagt werden, dass infolge dieses Mithörens gar nicht die</span><br/> <span class="ft1">Privatsphäre des Beklagten betroffen sei, hat dieser doch weder in</span><br/> <span class="ft1">das Mithören eingewilligt, noch überhaupt davon gewusst.</span><br/> <span class="ft1">cc) Die erfolgte Persönlichkeitsverletzung kann hier nicht ge-</span><br/> <span class="ft1">rechtfertigt werden: Dass der Beklagte nicht in die Aufnahme einge-</span><br/> <span class="ft1">willigt hat, ist schon deshalb sicher, weil nicht einmal der Kläger, an</span><br/> <span class="ft1">welchen sich eine dahingehende Einwilligung hätte richten müssen,</span><br/> <span class="ft1">das Vorliegen einer solchen positiv behauptet. Was allfällige über-</span><br/> <span class="ft1">wiegende Interessen betrifft, so herrscht im vorliegenden Verfahren</span><br/> <span class="ft1">die Dispositions- und die Verhandlungsmaxime; ein öffentliches</span><br/> <span class="ft1">Interesse an der Wahrheitsfindung besteht nicht. Ferner: Wer sicher</span><br/> <span class="ft1">gehen will, dass ihm ein Darlehen zurückerstattet wird, lässt sich</span><br/> <span class="ft1">dessen Hingabe schriftlich bescheinigen. Wer auf eine solche Be-</span><br/> <span class="ft1">scheinigung verzichtet, nimmt Schwierigkeiten bei der Geltendma-</span><br/> <span class="ft1">chung der Darlehensforderung bewusst in Kauf. Dies gilt unabhängig</span><br/> <span class="ft1">von der Person des Vertragspartners, ist doch allgemein bekannt,</span><br/> <span class="ft1">dass Konflikte zwischen einander nahestehenden Personen nicht</span><br/> <span class="ft1">seltener und im Fall ihres Ausbruchs meist heftiger sind, als zwi-</span><br/> <span class="ft1">schen Fremden. Des Weiteren kann zwar nicht generell gesagt wer-</span><br/> <span class="ft1">den, die Summe von Fr. 32'000.-- sei ein geringer Betrag. Berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigt man aber, dass der Kläger diesen Betrag seinem Treuhänder</span><br/> <span class="ft1">nicht angegeben hat, so fällt er jedenfalls in seiner Buchhaltung nicht</span><br/> <span class="ft1">ins Gewicht. Der Einwand des Klägers, eine vom Beklagten</span><br/> <span class="ft1">allenfalls begangene falsche Beweisaussage sei gewichtiger als seine</span><br/> <span class="ft1">rechtswidrige Aufnahme des Telefongesprächs, stösst ins Leere. Das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">geltend gemachte Strafverfolgungsinteresse kann im Rahmen der</span><br/> <span class="ft1">hier gegeneinander abzuwägenden Interessen nicht berücksichtigt</span><br/> <span class="ft1">werden: Es ist nämlich nicht die Aufgabe des vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Zivilprozesses, eine allfällige Straftat einer Partei aufzudecken oder</span><br/> <span class="ft1">einen dahingehenden Verdacht zu erhärten.</span><br/> <span class="ft1">dd) Unter diesen Umständen kann offen bleiben, ob über die</span><br/> <span class="ft1">widerrechtliche Persönlichkeitsverletzung hinaus auch ein straf-</span><br/> <span class="ft1">rechtliches Unrecht gegeben ist. Der vom Kläger als Beweis offe-</span><br/> <span class="ft1">rierte Tonträger ist jedenfalls - unabhängig davon, ob der Beweis für</span><br/> <span class="ft1">die ganze Forderung oder einen Teil davon auf andere Weise erbracht</span><br/> <span class="ft1">werden kann oder nicht - nicht als Beweismittel anzuerkennen und</span><br/> <span class="ft1">die diesbezüglichen Begehren des Klägers sind abzuweisen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>