<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">230</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>43</b></span> <span class="ft2"><b>Schulgeldanspruch bei auswärtigem Schulbesuch.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Kein Wahlrecht des auswärtigen Schulortes bei unzumutbarem</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Schulweg in der Wohngemeinde.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Mehrere besondere Umstände können im Einzelfall einen wichtigen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Grund für den auswärtigen Schulbesuch schaffen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 8. März 2010 in Sachen P.</span><br/> <span class="ft5">und B.W. gegen Gemeinderat X. und Regierungsrat (WBE.2009.80).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">(Zusammenfassung der massgebenden Rechtsgrundlagen und</span><br/> <span class="ft1">Verweis auf die Rechtsprechung in AGVE 2001, S. 155;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2002, S. 685; AGVE 1989, S. 503; AGVE 1996, S. 212:</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1991, S. 161 mit Hinweisen; VGE II/111 vom 17. Dezember</span><br/> <span class="ft1">2007 [WBE.2007.244]).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">231</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) mutete den</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführern im Ergebnis zu, C. statt nach K. nach X. in die</span><br/> <span class="ft1">Schule zu chauffieren. Die Vorinstanz ging demgegenüber davon aus,</span><br/> <span class="ft1">dass eine Überquerung der Y.-strasse (K [...]) für eine Schülerin in</span><br/> <span class="ft1">der 1. bis 3. Klasse (...) ohne Hilfe unzumutbar sei. Angesichts des</span><br/> <span class="ft1">Umstandes, dass die Gemeinde X. den Eltern keine alternative</span><br/> <span class="ft1">Lösung aufgezeigt habe, erschien es der Vorinstanz gerechtfertigt,</span><br/> <span class="ft1">dass die Gemeinde das Schulgeld rückwirkend für die 1. bis</span><br/> <span class="ft1">3. Klasse übernehme. Ab der 4. Klasse könne C. indessen die Über-</span><br/> <span class="ft1">querung der Y.-strasse und der Schulweg über die Kantonsstrasse</span><br/> <span class="ft1">(K [...]) ebenso wie ein Schulwechsel zugemutet werden.</span><br/> <span class="ft1">2.2. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführer wohnen mit zwei Töchtern auf dem S-</span><br/> <span class="ft1">hof, weit abseits des Siedlungsgebiets. Der Hof ist über die Y-strasse</span><br/> <span class="ft1">erschlossen. Die Parteien sind sich einig, dass der Schulweg ab A.</span><br/> <span class="ft1">mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden muss und</span><br/> <span class="ft1">nicht die Bewältigung des gesamten Schulweges aus eigener Kraft zu</span><br/> <span class="ft1">beurteilen ist.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.1</span><br/> <span class="ft1">Der Weg über den R. weg und entlang der Kantonsstrasse</span><br/> <span class="ft1">K (...) führt über einen Feldweg und dann entlang der Kantons-</span><br/> <span class="ft1">strasse bis zur A. (Bushaltestelle). Ein Trottoir entlang der Kan-</span><br/> <span class="ft1">tonsstrasse K (...) besteht nicht; der Feldweg bis zur Kantonsstrasse</span><br/> <span class="ft1">wird im Winter nicht geräumt, ist unbeleuchtet und führt über freies</span><br/> <span class="ft1">Feld. Die Kantonsstrasse ist zwar relativ übersichtlich, führt aber in</span><br/> <span class="ft1">einer Rechtskurve und einem Gefälle von rund 35m Richtung Y.-</span><br/> <span class="ft1">strasse; dieser Strassenabschnitt ist ausserorts, wo Geschwindigkei-</span><br/> <span class="ft1">ten bis 80 km/h zulässig sind. Die gesamte Wegstrecke beträgt rund 1</span><br/> <span class="ft1">km, wobei der grössere Teil auf der Kantonsstrasse zu bewältigen ist.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">232</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Der Weg über die Y.-strasse verlangt, dass auf einer Strecke von</span><br/> <span class="ft1">rund 700 m die Fahrbahn benutzt werden muss. Die Y.-strasse ist</span><br/> <span class="ft1">eine Hauptverkehrsstrasse (Transitroute) mit einem grossen Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrsaufkommen und einem erheblichen Anteil Schwerverkehr (vgl.</span><br/> <span class="ft1">http://www.ag.ch/verkehr/de/pub/auto_und_lastwgen/verkehrserhe-</span><br/> <span class="ft1">bungen/interaktiver_belastungsplan.php). Auch dieses Weg- und</span><br/> <span class="ft1">Strassenstück ist nicht beleuchtet und erfordert die Benützung der</span><br/> <span class="ft1">Fahrbahn. Ein Ausweichen auf die Trampelpfade war am Augen-</span><br/> <span class="ft1">scheinstag nicht möglich. Für beide Wegvarianten gilt, dass die Y.-</span><br/> <span class="ft1">strasse täglich mindestens einmal überquert werden muss. Ein be-</span><br/> <span class="ft1">leuchteter Fussgängerstreifen besteht nicht und auch hier fahren die</span><br/> <span class="ft1">Motorfahrzeuge mit mehr als 60 km/h.</span><br/> <span class="ft1">Gemessen an den Sicherheitskriterien für Schulwege der Bera-</span><br/> <span class="ft1">tungsstelle für Unfallverhütung (BfU; BfU - Dokumentation 2.023</span><br/> <span class="ft1">mit Checkliste Bern 2008; http://www.bfu.ch/PDFLib/1165_105.pdf)</span><br/> <span class="ft1">erscheinen beide Varianten als sehr schwierige Schulwege. Dieser</span><br/> <span class="ft1">Beurteilung stimmt auch der Gemeinderat zu, der insbesondere</span><br/> <span class="ft1">darauf hinweist, dass im Winter der Schulweg nicht "machbar sei"</span><br/> <span class="ft1">und vor allem wegen der Überquerung der Y.-strasse gefährlich ist.</span><br/> <span class="ft1">Unbestritten blieb auch, dass für einen Schüler und eine Schülerin</span><br/> <span class="ft1">der Unterstufe (1. bis 3. Klasse) keiner der Schulwege bis und mit A.</span><br/> <span class="ft1">zumutbar ist. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.2. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Der Gemeinderat und das BKS gehen davon aus, dass im Rah-</span><br/> <span class="ft1">men des öffentlichen und unentgeltlichen Schulbesuchs bei abgele-</span><br/> <span class="ft1">genen Siedlungshöfen die Mithilfe der Eltern bei der Bewältigung</span><br/> <span class="ft1">des Schulweges unabdingbar ist. Auch wenn eine Unterstützung der</span><br/> <span class="ft1">Eltern erwartet werden kann, kann dies nicht bedeuten, dass die El-</span><br/> <span class="ft1">tern verpflichtet sind, die Schulkinder ständig zur Schule zu chauffie-</span><br/> <span class="ft1">ren, weil der Schulweg unzumutbar ist. Bei dieser Unterstützung</span><br/> <span class="ft1">kann es sich nur darum handeln, den Kinder in der Nähe des Wohn-</span><br/> <span class="ft1">hauses z.B. bei der Überquerung einer Strasse, beim Warten auf den</span><br/> <span class="ft1">Schulbus etc. zu helfen, nicht aber, dass sie die Kinder über längere</span><br/> <span class="ft1">Distanzen auf dem Schulweg begleiten (Herbert Plotke, Schweizeri-</span><br/> <span class="ft1">sches Schulrecht, 2. Auflage, Bern / Stuttgart / Wien 2003, S. 237).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">233</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">Die Besonderheit besteht vorliegend darin, dass sowohl der</span><br/> <span class="ft1">Schulweg nach K. wie der nach X. mit öffentlichen Verkehrsmitteln</span><br/> <span class="ft1">bewältigt werden muss und die problematische Schulwegstrecke für</span><br/> <span class="ft1">beide Schulorte identisch ist. Die Gefährlichkeit des Schulweges ist</span><br/> <span class="ft1">daher kein triftiger Grund für den Besuch der Schule in K.. Die Vor-</span><br/> <span class="ft1">instanzen haben damit zurecht auch die Frage aufgeworfen, ob es</span><br/> <span class="ft1">den Beschwerdeführen zumutbar ist, C. statt nach K. in die Schule</span><br/> <span class="ft1">nach X. zu chauffieren.</span><br/> <span class="ft1">Grundsätzlich besteht im Falle eines unzumutbaren Schulweges</span><br/> <span class="ft1">in der Wohngemeinde kein Wahlrecht des Schulortes und auch der</span><br/> <span class="ft1">Umstand, dass die Eltern den Transport selbst organisieren begründet</span><br/> <span class="ft1">keine freie Wahl des (auswärtigen) Ausbildungsortes.</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Für einen auswärtigen Schulbesuch können ausser einem un-</span><br/> <span class="ft1">zumutbaren Schulweg auch andere wichtige Gründe vorliegen, wel-</span><br/> <span class="ft1">che eine Ausnahme von der Schulpflicht am Aufenthaltsort begrün-</span><br/> <span class="ft1">den können (siehe vorne Erw. 1.; siehe dazu auch Herbert Plotke,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., S. 177 f.).</span><br/> <span class="ft1">C. besuchte bereits den Kindergarten in K. und wurde in K. ein-</span><br/> <span class="ft1">geschult. Im Zeitpunkt der Entscheidung über die Schulgeldfrage</span><br/> <span class="ft1">hatte sie bereits die 3. Klasse absolviert. Ihre jüngere Schwester,</span><br/> <span class="ft1">I. besuchte den Kindergarten und wurde im Schuljahr 2009/2010 in</span><br/> <span class="ft1">der 1. Klasse der Schule in K. eingeschult.</span><br/> <span class="ft1">Beide Beschwerdeführer sind erwerbstätig, die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führerin 2 arbeitet mit einem 80% Pensum in A.. Der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer 1 bewirtschaftet den S.-hof. Die Primarschule K. befindet sich</span><br/> <span class="ft1">auf dem Arbeitsweg der Beschwerdeführerin 2. Die Betreuung der</span><br/> <span class="ft1">beiden Töchter unter der Woche übernehmen die Grosseltern, die in</span><br/> <span class="ft1">B. wohnen. Sie holen C. und I. über Mittag zum Mittagessen und am</span><br/> <span class="ft1">Nachmittag von der Schule ab. Die Beschwerdeführerin 2 holt die</span><br/> <span class="ft1">Töchter bei den Grosseltern nach der Arbeit ab. Aus dieser Be-</span><br/> <span class="ft1">treuungssituation ergeben sich für den Schulort X. erheblich längere</span><br/> <span class="ft1">Wegstrecken zum Arbeitsplatz bzw. von und nach B.. Auch wenn es</span><br/> <span class="ft1">nicht darauf ankommen kann, ob die Grosseltern den weiteren Weg</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">234</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">über Y. auf sich nehmen wollen, ist festzuhalten, dass der Aufwand</span><br/> <span class="ft1">für den Schulweg und für die Betreuung von C. beim Schulort K. um</span><br/> <span class="ft1">einiges geringer ist.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem die Vorinstanz sich für den zulässigen Schulbesuch in</span><br/> <span class="ft1">K. für die 1. bis 3. Klasse ausgesprochen hat und die jüngere Tochter</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer ebenfalls die Primarschule in K. besucht,</span><br/> <span class="ft1">würde ein Schulort C. in der Wohngemeinde den Betreuungs- und</span><br/> <span class="ft1">Organisationsaufwand für die Beschwerdeführer und die Grosseltern</span><br/> <span class="ft1">nochmals und unnötig erhöhen. Leisten die Eltern bereits einen</span><br/> <span class="ft1">(freiwilligen) Einsatz bei der Bewältigung des Schulweges, ist auch</span><br/> <span class="ft1">auf ihre Interessen angemessen Rücksicht zu nehmen.</span><br/> <span class="ft1">Schliesslich ist das Schulangebot in der Gemeinde X. auf die</span><br/> <span class="ft1">Unter- und Mittelstufe beschränkt. Für die Oberstufe haben die</span><br/> <span class="ft1">Schüler und Schülerinnen ein Wahlrecht zwischen einem Besuch der</span><br/> <span class="ft1">Schulen in F., K. oder in Z. Dies bedeutet für C., dass sie für zwei</span><br/> <span class="ft1">bzw. effektiv noch ein Schuljahr einen Schulwechsel vollziehen</span><br/> <span class="ft1">müsste. Da dieser zudem auf die 5. Klasse und damit das Schuljahr</span><br/> <span class="ft1">vor dem Übertritt in die Bezirks-, Sekundar- oder Realschule fallen</span><br/> <span class="ft1">würde, erscheint ein Schulwechsel nicht gerade sinnvoll bzw. im In-</span><br/> <span class="ft1">teresse des Kindes.</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass unter Berücksich-</span><br/> <span class="ft1">tigung der Besonderheiten des Schulweges, der vorinstanzlichen Er-</span><br/> <span class="ft1">kenntnis, dass die Tochter der Beschwerdeführer bis zum 3. Schul-</span><br/> <span class="ft1">jahr aus wichtigen Gründen die Primarschule in K. besuchte, und an-</span><br/> <span class="ft1">gesichts der Betreuungssituation sowie dem Schulbesuch der jünge-</span><br/> <span class="ft1">ren Schwester in K., in ihrer Summe ausreichende Gründe vorliegen,</span><br/> <span class="ft1">um einen Schulbesuch ausserhalb der Wohngemeinde auch für die</span><br/> <span class="ft1">Mittelstufe zu begründen.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>