<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para">«AZA» </div> <div class="para">I 548/99 Md </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">IV. Kammer </div> <div class="para">Bundesrichter Borella, Rüedi und Bundesrichterin Leuzinger; Gerichtsschreiber Maillard </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Urteil vom 1. Februar 2000 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">in Sachen </div> <div class="para">G.________, 1952, Beschwerdeführerin, vertreten durch den Verband X.________, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">gegen </div> <div class="para">IV-Stelle des Kantons Thurgau, St. Gallerstrasse 13, Frauenfeld, Beschwerdegegnerin, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">und </div> <div class="para">AHV/IV-Rekurskommission des Kantons Thurgau, Weinfelden </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">A.- Die 1952 geborene G.________ meldete sich am 21. Februar 1997 unter Hinweis auf seit einem Verkehrsunfall vom 15. August 1976 bestehende Beschwerden bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an. Nach Abklärungen in medizinischer, beruflich-erwerblicher und haushaltlicher Hinsicht verneinte die IV-Stelle des Kantons Thurgau mit Verfügungen vom 30. Juni 1998 einen Anspruch auf eine Rente und auf Umschulung. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">B.- Die hiegegen erhobenen Beschwerden wies die AHV/IV-Rekurskommission des Kantons Thurgau mit Entscheid vom 14. Juli 1999 ab. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">C.- G.________ lässt Verwaltungsgerichtsbeschwerde führen mit dem Rechtsbegehren, der vorinstanzliche Entscheid sei aufzuheben und die Sache an die IV-Stelle zur weiteren Abklärung und zur Festlegung der gesetzlichen Leistungen zurückzuweisen. </div> <div class="para">Die IV-Stelle schliesst auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde, während sich das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) nicht vernehmen lässt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Das Eidg. Versicherungsgericht zieht in Erwägung: </div> <div class="para"> </div> <div class="para">1.- Die Beschwerdeführerin rügt unter anderem, die Vorinstanz habe ihren Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, da sie den Anspruch auf eine Invalidenrente ohne genügende Begründung verneint habe. Diese Rüge ist auf Grund ihrer formellen Natur vorweg zu behandeln (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=22.01.2000&amp;to_date=10.02.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F121-V-150%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page152">BGE 121 V 152</a> Erw. 3 mit Hinweisen). </div> <div class="para"> </div> <div class="para">2.- a) Wesentlicher Bestandteil des verfassungsrechtlichen Gehörsanspruchs ist die Begründungspflicht der entscheidenden Behörde. Diese soll verhindern, dass sich die Behörde von unsachlichen Motiven leiten lässt, und der Betroffenen ermöglichen, die Verfügung gegebenenfalls sachgerecht anzufechten. Dies ist nur möglich, wenn sowohl sie wie auch die Rechtsmittelinstanz sich über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können. In diesem Sinn müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf welche sich ihre Verfügung stützt. Dies bedeutet indessen nicht, dass sie sich ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen muss. Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=22.01.2000&amp;to_date=10.02.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F124-V-180%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page181">BGE 124 V 181</a> Erw 1a mit Hinweisen). </div> <div class="para">Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des rechtlichen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Worten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkreten Fall für den Ausgang der materiellen Streitentscheidung von Bedeutung ist, d.h. die Behörde zu einer Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=22.01.2000&amp;to_date=10.02.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F124-V-180%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page183">BGE 124 V 183</a> Erw. 4a mit Hinweisen). </div> <div class="para">Nach der Rechtsprechung kann eine - nicht besondersschwerwiegende - Verletzung des rechtlichen Gehörs als geheilt gelten, wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechtslage frei überprüfen kann. Die Heilung eines - allfälligen - Mangels soll aber die Ausnahme bleiben (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=22.01.2000&amp;to_date=10.02.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F124-V-180%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page183">BGE 124 V 183</a> Erw. 4a, 392 Erw. 5a, je mit Hinweisen). </div> <div class="para"> </div> <div class="para">b) Die Vorinstanz bezeichnet die Ermittlung des Invaliditätsgrades durch die Verwaltung zwar als fehlerhaft (ob zu Recht oder nicht kann offen bleiben), stellt dann aber doch fest, dass die anspruchsbegründende Höhe von 40 % nicht erreicht werde. Die Überlegungen, auf denen diese Feststellung basiert, sind indessen für das Eidgenössische Versicherungsgericht weder nachvollzieh- noch überprüfbar. </div> <div class="para">Es steht nicht in Frage, dass vorliegend zur Ermittlung des Invaliditätsgrades die gemischte Methode nach <span class="artref">Art. 27bis Abs. 1 IVV</span> zur Anwendung gelangt (vgl. dazu <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=22.01.2000&amp;to_date=10.02.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-V-146%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page146">BGE 125 V 146</a>). Während sich dem angefochtenen Entscheid die angenommene Einschränkung im Haushaltbereich ohne weiteres entnehmen lässt, ist daraus nicht ersichtlich, wie diese im erwerblichen Bereich und letztlich auch gesamthaft ausgefallen ist. Insbesondere im erwerblichen Bereich, wo der Invaliditätsgrad auf Grund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen ist (<span class="artref">Art. 28 Abs. 2 IVG</span>), entbehrt der angefochtene Entscheid jeglicher Ausführungen sowohl zum hypothetischen Validen- als auch zum Invalideneinkommen; ein rechtsgenüglicher Einkommensvergleich nach der Methode des Einkommensvergleichs (siehe dazu <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=22.01.2000&amp;to_date=10.02.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F104-V-135%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page136">BGE 104 V 136</a> Erw. 2a und b) konnte unter diesen Umständen in diesem Bereich gar nicht vorgenommen werden. Nachdem bereits die Ausgangswerte fehlen, kann auch die sich in der Überlegung erschöpfende Begründung nicht nachvollzogen werden, selbst wenn beim Invalideneinkommen ein sogenannter "leidensbedingter Abzug" von praxisgemäss bis zu 25 % (vgl. dazu <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=22.01.2000&amp;to_date=10.02.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F124-V-321%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page323">BGE 124 V 323</a> Erw. 3b/bb; AHI 1998 S. 291 Erw. 3b) vorgenommen werde, resultiere offensichtlich kein anspruchsbegründender Invaliditätsgrad. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">c) Indem die Vorinstanz in Bezug auf den Rentenanspruch nach dem Gesagten ihrer Begründungspflicht nicht genügend nachgekommen ist, hat sie den Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt. Angesichts der formellen Natur dieses Gehörsanspruchs ist der kantonale Entscheid aufzuheben und die Sache an das kantonale Gericht zurückzuweisen, damit es einen neuen, hinreichend begründeten Entscheid fällt. Da der Anspruch auf Umschulung nach <span class="artref">Art. 17 IVG</span> rechtsprechungsgemäss unter anderem eine Erwerbseinbusse von etwa 20 % erfordert (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=22.01.2000&amp;to_date=10.02.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F124-V-108%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page110">BGE 124 V 110</a> f. Erw. 3b; AHI 1997 S. 80 Erw. 1b; ZAK 1984 S. 91 oben), es indessen nicht feststeht, ob die Beschwerdeführerin diese invaliditätsmässige Voraussetzung erfüllt, ist der angefochtene Entscheid auch hinsichtlich des Umschulungsanspruchs aufzuheben. Eine Heilung der Gehörsverletzung durch das Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren fällt angesichts der erheblichen Versäumnisse der Vorinstanz ausser Betracht (vgl. Erw. 2a). </div> <div class="para"> </div> <div class="para">3.- Nachdem die Sache ohnehin an das kantonale Gericht zurückgewiesen wird, erscheint es sinnvoll, dass dieses zur Klärung der sich erheblich widersprechenden ärztlichen Stellungnahmen zur Arbeitsfähigkeit ein Gutachten, zum Beispiel in einer Medizinischen Abklärungsstelle (MEDAS), einholt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Demnach erkennt das Eidg. Versicherungsgericht: </div> <div class="para"> </div> <div class="para">I. Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird in dem Sinne </div> <div class="para">gutgeheissen, dass der Entscheid der AHV/IV-Rekurskom- </div> <div class="para">mission des Kantons Thurgau vom 14. Juli 1999 aufgeho- </div> <div class="para">ben und die Sache an die Vorinstanz zurückgewiesen </div> <div class="para">wird, damit sie im Sinne der Erwägungen verfahre und </div> <div class="para">über die Beschwerden gegen die Verfügungen der IV- </div> <div class="para">Stelle des Kantons Thurgau vom 30. Juni 1998 neu ent- </div> <div class="para">scheide. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">II. Es werden keine Gerichtskosten erhoben. </div> <div class="para">III. Die IV-Stelle des Kantons Thurgau hat der Beschwerde- </div> <div class="para">führerin für das Verfahren vor dem Eidgenössischen </div> <div class="para">Versicherungsgericht eine Parteientschädigung von </div> <div class="para">Fr. 2500.- (einschliesslich Mehrwertsteuer) zu be- </div> <div class="para">zahlen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">IV. Dieses Urteil wird den Parteien, der AHV/IV-Rekurskom- </div> <div class="para">mission des Kantons Thurgau, der Ausgleichskasse des </div> <div class="para">Kantons Thurgau und dem Bundesamt für Sozialversiche- </div> <div class="para">rung zugestellt. </div> <div class="para">Luzern, 1. Februar 2000 </div> <div class="para">Im Namen des </div> <div class="para">Eidgenössischen Versicherungsgerichts </div> <div class="para">Der Präsident Der Gerichts- </div> <div class="para">der IV. Kammer: schreiber: </div> </div></body></html>