<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 58 S.239</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">239</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VII. Fürsorgerische Freiheitsentziehung</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>58 Örtliche Zuständigkeit bei interkantonalem Sachverhalt; Notfall-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Einweisung eines ausserkantonalen Beschwerdeführers durch einen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>aargauischen Bezirksarzt in eine ausserkantonale Klinik.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Anordnung der fürsorgerischen Freiheitsentziehung grundsätzlich</b></span><br/> <span class="ft3"><b>durch Behörde am Wohnsitz, aber bei Gefahr im Verzug auch durch</b></span><br/> <span class="ft3"><b>die Behörde am Aufenthaltsort der betroffenen Person (Erw. C/b/aa).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- wenn Wohnsitz und Aufenthaltsort, wo fürsorgerische Freiheitsent-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ziehung verfügt wurde, in verschiedenen Kantonen liegen, beurteilt</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sich die örtliche Zuständigkeit bei Anfechtung einer Notfalleinweisung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nach dem Ort des Aufenthalts und der einweisenden Behörde (Erw.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>C/b/bb-ee).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 17. Februar 2004 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen M.B. gegen Verfügung des Bezirksarztes B.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">C. a) Die Beschwerde richtet sich gegen die Einweisungsverfü-</span><br/> <span class="ft6">gung des Bezirksarztes B., einer aargauischen Behörde. (...)</span><br/> <span class="ft6">b) aa) Der Beschwerdeführer hat seinen Wohnsitz in Zug. Die</span><br/> <span class="ft6">Klinik O., in die der Beschwerdeführer gegen seinen Willen einge-</span><br/> <span class="ft6">wiesen wurde, befindet sich ebenfalls im Kanton Zug. Die örtliche</span><br/> <span class="ft6">Zuständigkeit des Bezirksarztes B. zur Anordnung einer fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft6">schen Freiheitsentziehung gegenüber dem Beschwerdeführer stützte</span><br/> <span class="ft6">sich auf Art. 397 b Abs. 1 ZGB, wonach grundsätzlich eine Behörde</span><br/> <span class="ft6">am Wohnsitz, aber bei Gefahr im Verzug auch die Behörde am Auf-</span><br/> <span class="ft6">enthaltsort der betroffenen Person für den Entscheid zuständig ist</span><br/> <span class="ft6">(vgl. dazu AGVE 1990, S. 230 ff.; Thomas Geiser, in: Basler Kom-</span><br/> <span class="ft6">mentar, ZGB I, 2. Auflage, Basel/Genf/München 2002, Art. 397 b</span><br/> <span class="ft6">N 4 ff.; Eugen Spirig, in: Zürcher Kommentar, Art. 397 a - 397 f</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">240</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ZGB, Zürich 1995, Art. 397 b N 23 ff.). Wenn ein <i>interkantonaler</i></span><br/> <span class="ft6">Sachverhalt vorliegt, indem der Wohnsitz einerseits und der Aufent-</span><br/> <span class="ft6">haltsort, wo die fürsorgerische Freiheitsentziehung verfügt wurde,</span><br/> <span class="ft6">andererseits in verschiedenen Kantonen liegen, bestehen in Recht-</span><br/> <span class="ft6">sprechung und Lehre Meinungsdifferenzen darüber, welcher Richter</span><br/> <span class="ft6">für die gerichtliche Beurteilung (Art. 397 d ZGB) örtlich zuständig</span><br/> <span class="ft6">ist.</span><br/> <span class="ft6">bb) Das Verwaltungsgericht hat in vergleichbaren Fällen seine</span><br/> <span class="ft6">Zuständigkeit schon bejaht, jedenfalls wenn die Einweisung in eine</span><br/> <span class="ft6">aargauische Anstalt erfolgte (VGE I/146 vom 2. Oktober 2001</span><br/> <span class="ft6">[BE.2001.00326] in Sachen R.P., S. 5; VGE I/29 vom 5. Februar</span><br/> <span class="ft6">2002 [BE.2002.00022] in Sachen P.H., S. 3 ff.). Ebenfalls für die</span><br/> <span class="ft6">Zuständigkeit des Richters am Aufenthaltsort sprechen sich Geiser</span><br/> <span class="ft6">(Geiser, a.a.O., Art. 397 d N 9) sowie offenbar der von Spirig (Spirig,</span><br/> <span class="ft6">a.a.O., Art. 397 e N 125) zitierte neuere Entscheid der Zürcher</span><br/> <span class="ft6">Psychiatrischen Gerichtskommission aus.</span><br/> <span class="ft6">Im neuesten Präjudiz des Verwaltungsgerichts (VGE I/108 vom</span><br/> <span class="ft6">8. Juli 2003 [BE.2003.00202] in Sachen P.S., S. 3 f.) wurde demge-</span><br/> <span class="ft6">genüber nach einem Meinungsaustausch mit dem Wohnsitzrichter</span><br/> <span class="ft6">entschieden, zuständig sei der Richter am Wohnsitz der betroffenen</span><br/> <span class="ft6">Person (gl. M. Spirig, a.a.O., Art. 397 e N 125 mit Hinweis auf einen</span><br/> <span class="ft6">älteren Zürcher sowie einen Zuger Entscheid)</span><br/> <span class="ft6">Die Begründungen für die eine und die andere Auffassung sind,</span><br/> <span class="ft6">soweit überhaupt vorhanden, spärlich.</span><br/> <span class="ft6">cc) Im interkantonalen Verhältnis geht es darum, mittels einer</span><br/> <span class="ft6">klaren Ordnung der örtlichen Zuständigkeit positive und negative</span><br/> <span class="ft6">Zuständigkeitskonflikte zu vermeiden (Geiser, a.a.O., Art. 397 d</span><br/> <span class="ft6">N 9). Eine ausdrückliche Regelung, die auf Bundesebene oder</span><br/> <span class="ft6">allenfalls mittels Konkordat erfolgen müsste, um allgemeine Geltung</span><br/> <span class="ft6">zu besitzen, fehlt allerdings (und in BGE 122 I 18 ff., wo sich das</span><br/> <span class="ft6">Bundesgericht mit Fragen der örtlichen Zuständigkeit befasste, hatte</span><br/> <span class="ft6">es nur über die innerkantonale Zuständigkeitsordnung zu befinden).</span><br/> <span class="ft6">Dies dürfte darin begründet sein, dass das Problem von beschränkter</span><br/> <span class="ft6">Tragweite ist. Die subsidiäre Notfallzuständigkeit am Aufenthaltsort</span><br/> <span class="ft6">zur Anordnung einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung bleibt nicht</span><br/> <span class="ft6">für unbeschränkte Zeit bestehen; vielmehr ist eine gestützt darauf</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">241</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">erlassene Verfügung möglichst umgehend durch eine ordentliche</span><br/> <span class="ft6">Verfügung der zuständigen Behörde im Wohnsitzkanton abzulösen,</span><br/> <span class="ft6">wenn die fürsorgerische Freiheitsentziehung aufrecht erhalten blei-</span><br/> <span class="ft6">ben soll (erwähnter VGE vom 5. Februar 2002, S. 8; die Verpflich-</span><br/> <span class="ft6">tung der Behörde am Aufenthaltsort, die vormundschaftliche Be-</span><br/> <span class="ft6">hörde am Wohnsitz über die Notfalleinweisung zu benachrichtigen</span><br/> <span class="ft6">[Art. 397 c ZGB], drängt sich - in Analogie zu Art. 315 Abs. 3 ZGB</span><br/> <span class="ft6">[Kindesschutzmassnahmen] - auch dann auf, wenn die eingewiesene</span><br/> <span class="ft6">Person nicht entmündigt ist); mit der neuen Verfügung durch die</span><br/> <span class="ft6">Behörde am Wohnsitz entfällt dann die Notfalleinweisung als An-</span><br/> <span class="ft6">fechtungsobjekt. Nichtsdestoweniger gilt es, hinsichtlich der An-</span><br/> <span class="ft6">fechtung einer am Aufenthaltsort erfolgten fürsorgerischen Freiheits-</span><br/> <span class="ft6">entziehung bei interkantonalem Sachverhalt eine Lösung zu suchen,</span><br/> <span class="ft6">die möglichst allgemein anerkannt und befolgt werden kann.</span><br/> <span class="ft6">dd) Als mögliche Anknüpfungspunkte kommen der Wohnsitz,</span><br/> <span class="ft6">der Aufenthaltsort, der Ort der Anstalt und der Sitz (Ort) der einwei-</span><br/> <span class="ft6">senden Behörde in Frage (vgl. Spirig, a.a.O., Art. 397 e N 125 f.).</span><br/> <span class="ft6">Dabei kann im hier interessierenden Fall der Ort der entscheidenden</span><br/> <span class="ft6">Behörde dem Ort des Aufenthalts gleichgesetzt werden. Praktisch</span><br/> <span class="ft6">gesehen wird nur eine Behörde am Ort des tatsächlichen Aufenthalts</span><br/> <span class="ft6">(vgl. dazu Geiser, a.a.O., Art. 397 b N 6, wonach an den Aufent-</span><br/> <span class="ft6">haltsort keine hohen Anforderungen gestellt werden dürfen) dazu</span><br/> <span class="ft6">kommen, eine fürsorgerische Freiheitsentziehung gemäss Art. 397 b</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 letzter Teil ZGB anzuordnen, auch wenn rein theoretisch</span><br/> <span class="ft6">etwas anderes möglich sein mag.</span><br/> <span class="ft6">Ungeachtet dessen, dass in der deutschen Fassung von</span><br/> <span class="ft6">Art.</span> <span class="ft6">397 d ZGB nicht unbedingt die für Rechtsmittel übliche</span><br/> <span class="ft6">Terminologie (Beschwerde bzw. Rekurs erheben) gewählt wurde</span><br/> <span class="ft6">(demgegenüber französisch "appeler au juge"), handelt es sich bei</span><br/> <span class="ft6">der Anrufung des Richters um ein eigentliches Rechtsmittel-</span><br/> <span class="ft6">verfahren; Voraussetzung ist ein anfechtbarer Entscheid, der innert</span><br/> <span class="ft6">(Rechtsmittel-)Frist anzufechten ist. Es wäre eine absolut ausserge-</span><br/> <span class="ft6">wöhnliche Regelung, wenn der Entscheid der Behörde eines be-</span><br/> <span class="ft6">stimmten Kantons an das Gericht eines anderen Kantons weiter-</span><br/> <span class="ft6">gezogen werden könnte. Sie könnte nicht durch die kantonalen</span><br/> <span class="ft6">Gesetzgeber, denen die Ordnung des Verfahrens zusteht (Art. 397 e</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">242</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ZGB), getroffen werden, denn diese sind nicht befugt, eine</span><br/> <span class="ft6">ausserkantonale Behörde als richterliche Instanz einzusetzen</span><br/> <span class="ft6">(BGE 122 I 25; vgl. auch Spirig, a.a.O., Art. 397 f N 51), sondern</span><br/> <span class="ft6">wäre nur auf Bundes- oder Konkordatsebene möglich. Dass, wie von</span><br/> <span class="ft6">Spirig vertreten (Spirig, a.a.O., Art.</span> <span class="ft6">397 e N</span> <span class="ft6">125), eine derart</span><br/> <span class="ft6">exzeptionelle Regelung bereits bestehen soll, also vom Bundesge-</span><br/> <span class="ft6">setzgeber <i>stillschweigend</i> getroffen worden wäre, ist auszuschliessen.</span><br/> <span class="ft6">Für das Verwaltungsgericht sind auch keine genügenden sachli-</span><br/> <span class="ft6">chen Gründe für diese Lösung ersichtlich. Die grössere Nähe des</span><br/> <span class="ft6">Wohnsitzrichters stimmt nur, wenn in eine Anstalt im Wohnsitzkan-</span><br/> <span class="ft6">ton eingewiesen wurde. Abgesehen davon verhindern die kleinräu-</span><br/> <span class="ft6">migen Verhältnisse in der Schweiz, dass die örtliche Distanz zu spür-</span><br/> <span class="ft6">baren Verzögerungen (die es zu vermeiden gilt) führt; solche können</span><br/> <span class="ft6">ebenso gut entstehen, wenn der Wohnsitzrichter die Umstände der</span><br/> <span class="ft6">Einweisung in einem anderen Kanton näher abklären muss.</span><br/> <span class="ft6">Der Zuständigkeit des Richters am Ort der Anstalt (de lege fe-</span><br/> <span class="ft6">renda von Spirig, a.a.O., Schlussbemerkungen N 10, favorisiert)</span><br/> <span class="ft6">haften ebenfalls Nachteile an. Personen aus einem Kanton, der keine</span><br/> <span class="ft6">eigene psychiatrische Anstalt führt, würden damit generell ihrem</span><br/> <span class="ft6">"ordentlichen" (Wohnsitz-)Richter entzogen.</span><br/> <span class="ft6">Den Richter am Ort des Aufenthalts und der einweisenden Be-</span><br/> <span class="ft6">hörde als zuständig zu bezeichnen, passt am besten zu den bestehen-</span><br/> <span class="ft6">den Strukturen, ohne dass dafür erkennbare Nachteile in Kauf ge-</span><br/> <span class="ft6">nommen werden müssten. Für den Richter, wenn er anstelle des Ge-</span><br/> <span class="ft6">setzgebers eine Norm aufstellen muss (vgl. Art. 1 Abs. 2 ZGB),</span><br/> <span class="ft6">drängt sich deshalb diese Lösung auf.</span><br/> <span class="ft6">ee) Zusammenfassend ergibt sich, dass die fürsorgerische Frei-</span><br/> <span class="ft6">heitsentziehung durch eine Behörde am Aufenthaltsort bei interkan-</span><br/> <span class="ft6">tonalen Sachverhalten beim zuständigen Gericht dieses Kantons</span><br/> <span class="ft6">anzufechten ist und nicht beim Gericht des Wohnsitzkantons.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>