<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 39 S.232</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">232</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>39</b></span> <span class="ft2"><b>Interkantonaler Unterstützungswohnsitz bei anerkannten Flüchtlingen.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bei anerkannten Flüchtlingen, welche die Niederlassungsbewilligung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>erlangt haben, sind die Bestimmungen des ZUG über die Unterstüt-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zung von Ausländern mit Wohnsitz in der Schweiz (Art. 20 i.V.m.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Art. 4-10 ZUG) anwendbar (Erw. 1).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">233</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Voraussetzungen eines Richtigstellungsbegehrens nach Art. 28 ZUG</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2.1).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bestimmung des Unterstützungswohnsitzes (Erw. 2.3 und 2.4).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 30. April 2008 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern gegen den Entscheid</span><br/> <span class="ft5">des Kantonalen Sozialdiensts (WBE.2007.257).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1. (...)</span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Nach Art. 1 Abs. 3 ZUG richtet sich die Unterstützung von</span><br/> <span class="ft1">Asylsuchenden, Flüchtlingen, Schutzbedürftigen, vorläufig Aufge-</span><br/> <span class="ft1">nommenen und Staatenlosen nach besonderen Erlassen des Bundes.</span><br/> <span class="ft1">Es sind dies das AsylG sowie die dazugehörige Asylverordnung 2</span><br/> <span class="ft1">über Finanzierungsfragen vom 11. August 1999 (Asylverordnung 2,</span><br/> <span class="ft1">AsylV 2; SR 142.312).</span><br/> <span class="ft1">Am 1. Januar 2008 sind die von der Bundesversammlung am</span><br/> <span class="ft1">16. Dezember 2005 beschlossenen Änderungen des Asylgesetzes in</span><br/> <span class="ft1">Kraft getreten. Diese Änderungen enthalten keine übergangsrechtli-</span><br/> <span class="ft1">che Regelung, ob das alte oder das neue Recht auf hängige Verfahren</span><br/> <span class="ft1">betreffend die Ausrichtung von Fürsorgeleistungen und Kinderzula-</span><br/> <span class="ft1">gen gemäss Art. 80-84 AsylG (in der Fassung vom 26. Juni 1998 [AS</span><br/> <span class="ft1">1999, S. 2262]) anwendbar ist. Deshalb ist auf die allgemeinen</span><br/> <span class="ft1">Grundsätze zur Anwendung von neuem Recht auf hängige Verfahren</span><br/> <span class="ft1">abzustellen. Danach ist auf hängige Verfahren grundsätzlich das</span><br/> <span class="ft1">Recht anwendbar, welches im Zeitpunkt des Erlasses der angefoch-</span><br/> <span class="ft1">tenen Verfügung in Kraft war (BGE 127 II 306 Erw. 7c; 125 II 591</span><br/> <span class="ft1">Erw. 4e/aa; AGVE 1999, S. 148 f.; Ulrich Häfelin / Georg Müller /</span><br/> <span class="ft1">Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 5. Auflage, Zürich /</span><br/> <span class="ft1">Basel / Genf 2006, Rz. 326 f. mit Hinweisen). Vorliegend ist somit</span><br/> <span class="ft1">vom AsylG in der Fassung vom 26. Juni 1998 (aAsylG) und der da-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">234</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zugehörigen AsylV</span> <span class="ft1">2 in der Fassung vom 11.</span> <span class="ft1">August 1999</span><br/> <span class="ft1">(aAsylV 2) auszugehen.</span><br/> <span class="ft1">1.3.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 80 Abs. 1 aAsylG sind die Kantone zuständig für</span><br/> <span class="ft1">die Gewährleistung der Fürsorge für Personen, die sich gestützt auf</span><br/> <span class="ft1">das aAsylG in der Schweiz aufhalten. Für die Ausrichtung von Für-</span><br/> <span class="ft1">sorgeleistungen gilt kantonales Recht (Art. 82 Abs. 1 aAsylG). Ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss Art. 88 aAsylG zahlt der Bund den Kantonen Pauschalen für</span><br/> <span class="ft1">die entstandenen Kosten. Bei Flüchtlingen werden die Kosten bis</span><br/> <span class="ft1">zum Tag, an dem sie die Niederlassungsbewilligung erhalten oder ein</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf Niederlassung nach Art. 60 Abs. 2 aAsylG entsteht,</span><br/> <span class="ft1">vergütet (Abs. 3). In Spezialfällen vergütet der Bund die Fürsorgelei-</span><br/> <span class="ft1">stungen für Flüchtlinge auch nach der Erteilung der Niederlassungs-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung (Abs. 4 i.V.m. Art. 23 aAsylV 2).</span><br/> <span class="ft1">Asylsuchende werden vom Bundesamt den Kantonen zugewie-</span><br/> <span class="ft1">sen (Art. 27 Abs. 3 aAsylG). Jeder Kanton gewährleistet hernach die</span><br/> <span class="ft1">Fürsorge für die ihm zugewiesenen Personen (Art. 80 Abs. 1 aAsylG</span><br/> <span class="ft1">[vgl. dazu auch dieselbe Bestimmung in der Neufassung vom</span><br/> <span class="ft1">16. Dezember 2005, in welcher der Begriff "Zuweisungskantone"</span><br/> <span class="ft1">verwendet wird]). Die Zuständigkeit wird somit grundsätzlich auf</span><br/> <span class="ft1">den Zuweisungskanton bezogen. Es stellt sich jedoch die Frage, wie</span><br/> <span class="ft1">die Zuständigkeit geregelt werden soll, wenn eine asylsuchende Per-</span><br/> <span class="ft1">son nicht nur zu ihrem Zuweisungskanton, sondern auch noch zu ei-</span><br/> <span class="ft1">nem anderen Kanton in persönlicher Beziehung steht. Eine solche</span><br/> <span class="ft1">Situation kann sich ergeben, wenn ein Flüchtling nach Erteilung der</span><br/> <span class="ft1">Niederlassungsbewilligung nicht mehr an den Zuweisungskanton ge-</span><br/> <span class="ft1">bunden ist, sondern seinen Wohnsitz frei in einen anderen Kanton</span><br/> <span class="ft1">verlegen darf. Bestimmungen zur Regelung solcher interkantonaler</span><br/> <span class="ft1">Sachverhalte enthält das Asylgesetz nicht.</span><br/> <span class="ft1">1.4.</span><br/> <span class="ft1">1.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Eine Gesetzeslücke liegt vor, wenn der betreffende Erlass nach</span><br/> <span class="ft1">den ihm zugrundeliegenden Ziel- und Wertvorstellungen eine plan-</span><br/> <span class="ft1">widrige Unvollständigkeit aufweist und deshalb anzunehmen ist, der</span><br/> <span class="ft1">Gesetzgeber hätte, wäre er sich dieser Tatsache bewusst gewesen,</span><br/> <span class="ft1">anders entschieden (BGE 102 Ib 224 Erw. 2; AGVE 1989, S. 311;</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">235</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">1986, S. 333; Häfelin / Müller / Uhlmann, a.a.O., Rz. 243 ff., je mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">1.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Es kann davon ausgegangen werden, dass der Gesetzgeber sich</span><br/> <span class="ft1">bei Erlass von Art. 1 Abs. 3 ZUG nicht bewusst war, dass sich bei der</span><br/> <span class="ft1">Unterstützung ausländischer Flüchtlinge interkantonale Zustän-</span><br/> <span class="ft1">digkeitsfragen stellen können, welche durch die Asylgesetzgebung</span><br/> <span class="ft1">nicht hinreichend beantwortet werden. Nur so ist zu erklären, dass</span><br/> <span class="ft1">Art. 1 Abs. 3 ZUG die Geltung des ZUG für die Unterstützung von</span><br/> <span class="ft1">Flüchtlingen generell ausschliesst und auf die Asylgesetzgebung</span><br/> <span class="ft1">verweist, obwohl diese sich bei der Zuständigkeitsregelung auf den</span><br/> <span class="ft1">Zuweisungskanton beschränkt und keine Bestimmungen zur Rege-</span><br/> <span class="ft1">lung interkantonaler Sachverhalte im Bereiche der Unterstützungszu-</span><br/> <span class="ft1">ständigkeit enthält. Es besteht somit eine Regelungslücke.</span><br/> <span class="ft1">1.4.3.</span><br/> <span class="ft1">In Bezug auf die Rechtsstellung der Flüchtlinge verweist</span><br/> <span class="ft1">Art. 58 aAsylG auf das für Ausländerinnen und Ausländer geltende</span><br/> <span class="ft1">Recht sowie das Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge</span><br/> <span class="ft1">vom 28. Juli 1951 (SR 0.142.30 [Flüchtlingsabkommen]). Für Aus-</span><br/> <span class="ft1">länder mit Wohnsitz in der Schweiz ist das ZUG anwendbar. Sie</span><br/> <span class="ft1">werden gemäss Art. 20 Abs. 1 ZUG vom Wohnkanton unterstützt,</span><br/> <span class="ft1">soweit es dessen Gesetzgebung, das Bundesrecht oder völkerrechtli-</span><br/> <span class="ft1">che Verträge vorsehen. Ihr Unterstützungswohnsitz bestimmt sich</span><br/> <span class="ft1">daher auch nach den Bestimmungen von Art. 4 ff. ZUG (Werner</span><br/> <span class="ft1">Thomet, Kommentar zum Bundesgesetz über die Zuständigkeit für</span><br/> <span class="ft1">die Unterstützung Bedürftiger, 2. Auflage, Zürich 1994, Rz. 225).</span><br/> <span class="ft1">Die personenrechtliche Stellung der Flüchtlinge bestimmt sich nach</span><br/> <span class="ft1">dem Wohnsitzland (Art. 12 Flüchtlingsabkommen), und gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 23 Flüchtlingsabkommen ist den Flüchtlingen die gleiche Für-</span><br/> <span class="ft1">sorge und öffentliche Unterstützung zu gewähren wie den Einheimi-</span><br/> <span class="ft1">schen. Für Ausländer und Schweizer Bürger sind aufgrund der in</span><br/> <span class="ft1">Art. 115 Satz 2 BV vorgesehenen Zuständigkeitsregelung die beson-</span><br/> <span class="ft1">deren (Ausnahme-) Bestimmungen über den Unterstützungswohnsitz</span><br/> <span class="ft1">im ZUG anwendbar. Sinn der genannten Verfassungsbestimmung ist</span><br/> <span class="ft1">es, eine Benachteiligung der Kantone durch einen "Unterstützungs-</span><br/> <span class="ft1">tourismus" zu verhindern (vgl. Botschaft über eine neue Bundesver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">236</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">fassung vom 20. November 1996 [96.091], Separatdruck, S. 329).</span><br/> <span class="ft1">Sachliche Gründe dafür, dass die Bestimmungen des ZUG auf aner-</span><br/> <span class="ft1">kannte Flüchtlinge mit einer Niederlassungsbewilligung nicht an-</span><br/> <span class="ft1">wendbar sind, lassen sich nicht erkennen.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend sind bei anerkannten Flüchtlingen, welche</span><br/> <span class="ft1">die Niederlassungsbewilligung erlangt haben, die Bestimmungen des</span><br/> <span class="ft1">ZUG über die Unterstützung von Ausländern mit Wohnsitz in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz (Art. 20 i.V.m. Art. 4-10 ZUG) anwendbar. Nur ein solches</span><br/> <span class="ft1">Ergebnis verhindert Widersprüche mit den erwähnten Grundentschei-</span><br/> <span class="ft1">dungen des Bundesgesetz- und Verfassungsgebers.</span><br/> <span class="ft1">1.4.4.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin geht zwar ebenfalls davon aus, dass</span><br/> <span class="ft1">die Frage nach dem Unterstützungswohnsitz im vorliegenden Fall</span><br/> <span class="ft1">gestützt auf das AsylG nicht beantwortet werden kann. Sie beruft</span><br/> <span class="ft1">sich aber auf Art. 115 BV und macht geltend, dass auf den zivil-</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen Wohnsitz abzustellen sei. Die Beschwerdeführerin ver-</span><br/> <span class="ft1">kennt dabei, dass Art. 115 Satz 2 BV die Verfassungsgrundlage für</span><br/> <span class="ft1">das ZUG bildet. Dieses präzisiert in dem durch die Verfassung vor-</span><br/> <span class="ft1">gegebenen Rahmen, welcher Kanton für die Fürsorge zuständig ist,</span><br/> <span class="ft1">und regelt den Ersatz unter den Kantonen (Art. 1 Abs. 1 und 2 ZUG).</span><br/> <span class="ft1">Art. 115 Satz 2 BV lässt somit grundsätzliche Ausnahmen zur Unter-</span><br/> <span class="ft1">stützungszuständigkeit des Wohnkantons (Art. 115 Satz 1 BV) durch</span><br/> <span class="ft1">den Bundesgesetzgeber zu. Die Ausnahmen sind daher gestützt auf</span><br/> <span class="ft1">das ZUG zu ermitteln.</span><br/> <span class="ft1">1.5.</span><br/> <span class="ft1">X. ist ein Flüchtling, der nach seiner Einreise in die Schweiz am</span><br/> <span class="ft1">4. Juni 1980 dem Kanton Bern zugewiesen wurde. Am 17. Juni 1988</span><br/> <span class="ft1">wurde ihm von der Fremdenpolizei des Kantons Bern die Niederlas-</span><br/> <span class="ft1">sungsbewilligung erteilt. Deshalb können im vorliegenden Fall die</span><br/> <span class="ft1">Bestimmungen des ZUG über die Unterstützung von Ausländern mit</span><br/> <span class="ft1">Wohnsitz in der Schweiz (Art. 20 i.V.m. Art. 4-10 ZUG) zur Beant-</span><br/> <span class="ft1">wortung der Frage nach dem Unterstützungswohnsitz herangezogen</span><br/> <span class="ft1">werden (siehe vorne Erw. 1.4.3). Dass X. zu einer Gruppe von</span><br/> <span class="ft1">Flüchtlingen gehört, welche im Rahmen eines Sonderprogramms des</span><br/> <span class="ft1">UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) aufgenommen</span><br/> <span class="ft1">wurden und bei denen der Bund den Kantonen die Fürsorgeleistun-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">237</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gen auch nach der Erteilung der Niederlassungsbewilligung gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 88 Abs. 4 aAsylG i.V.m. Art. 23 Abs. 1 lit. a aAsylV 2 weiterhin</span><br/> <span class="ft1">vergütet, ändert daran nichts. Diese Bestimmungen regeln einzig die</span><br/> <span class="ft1">vertikale Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen, nicht aber</span><br/> <span class="ft1">die interkantonale Zuständigkeit.</span><br/> <span class="ft1">Die Anwendung des ZUG im vorliegenden Fall beinhaltet</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich auch die Möglichkeit, ein Richtigstellungsbegehren</span><br/> <span class="ft1">gemäss Art. 28 ZUG zu stellen.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Voraussetzungen für eine</span><br/> <span class="ft1">Richtigstellung gegeben sind.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Ein beteiligter Kanton kann eine Richtigstellung verlangen,</span><br/> <span class="ft1">wenn ein Unterstützungsfall offensichtlich unrichtig geregelt oder</span><br/> <span class="ft1">beurteilt worden ist (Art. 28 Abs. 1 ZUG). Die Richtigstellung kann</span><br/> <span class="ft1">als ein der Revision nachgebildetes Rechtsinstitut bezeichnet werden.</span><br/> <span class="ft1">Indes beschränkt sich die Richtigstellung nicht auf die klassischen</span><br/> <span class="ft1">Revisionsgründe, wie sie etwa in Art. 121-123 BGG oder in Art. 66</span><br/> <span class="ft1">VwVG enthalten sind. Vielmehr kann ein Kanton die Richtigstellung</span><br/> <span class="ft1">verlangen, sobald er entdeckt, dass die bisherige Regelung des Falls,</span><br/> <span class="ft1">auf die sich die Kantone ausdrücklich oder stillschweigend geeinigt</span><br/> <span class="ft1">hatten, auf einem Sachverhalt beruhte, den sie irrtümlich als richtig</span><br/> <span class="ft1">betrachteten. Die gesetzlich vorgesehene Möglichkeit der Richtig-</span><br/> <span class="ft1">stellung hebt die allgemeinen Grundsätze des Verwaltungsrechts,</span><br/> <span class="ft1">insbesondere die sich aus der formellen Rechtskraft von Verfügungen</span><br/> <span class="ft1">ergebenden Folgen, jedoch nicht auf. Aus Art. 28 ZUG lässt sich da-</span><br/> <span class="ft1">her nicht ein vorbehaltloser Anspruch auf Korrektur sachlich nicht</span><br/> <span class="ft1">voll befriedigender Unterhaltsregelungen ableiten, mit dem sich die</span><br/> <span class="ft1">Folgen einer versäumten Rechtsmittelfrist jederzeit rückgängig ma-</span><br/> <span class="ft1">chen lassen. Vielmehr folgt aus dem in Art. 28 ZUG verwendeten</span><br/> <span class="ft1">Ausdruck "offensichtlich", dass qualifizierte Gründe für eine Rich-</span><br/> <span class="ft1">tigstellung sprechen müssen und es nicht ausreicht, wenn sich eine</span><br/> <span class="ft1">andere Lösung ebenfalls mit sachlichen Erwägungen vertreten lässt</span><br/> <span class="ft1">(BGE vom 10. Juli 2007 [2A.714/2006], Erw. 2.1 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Nach Art. 28 Abs. 3 ZUG besteht ein Anspruch auf Richtigstellung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">238</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nur für Unterstützungsleistungen, die in den letzten fünf Jahren vor</span><br/> <span class="ft1">dem Begehren ausgerichtet worden sind.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">X. reiste am 4. Juni 1980 zusammen mit seinen Eltern in die</span><br/> <span class="ft1">Schweiz ein. Er wurde von den Bundesbehörden zuerst dem Kanton</span><br/> <span class="ft1">Bern zugewiesen. Seit seiner Einreise in die Schweiz war er in R. BE</span><br/> <span class="ft1">angemeldet. X. ist anerkannter Flüchtling. Am 17. Juni 1988 wurde</span><br/> <span class="ft1">ihm die Niederlassungsbewilligung erteilt. Bereits im Jahre 1981 trat</span><br/> <span class="ft1">X. wegen seiner schweren Behinderung (Epilepsie) in die Klinik</span><br/> <span class="ft1">Bethesda in Tschugg BE ein. Die Eltern von X. wurden ebenfalls als</span><br/> <span class="ft1">Flüchtlinge anerkannt und erhielten die Niederlassungsbewilligung.</span><br/> <span class="ft1">Am 1. Januar 1991 zogen sie von R. BE nach Y. AG. Am 25. Mai</span><br/> <span class="ft1">1992 wurde X. von der Klinik Bethesda in das Heim Z. in Q. AG</span><br/> <span class="ft1">verlegt. Seine Eltern zogen am 1. Juni 2000 von Y. nach A. BL. Am</span><br/> <span class="ft1">7. August 2000 errichtete die Vormundschaftsbehörde Y. AG für X.</span><br/> <span class="ft1">eine Vormundschaft.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Die revidierte Fassung des ZUG (Fassung vom 14. Dezember</span><br/> <span class="ft1">1990) ist am 1. Juli 1992 in Kraft getreten. Der vorliegende Sachver-</span><br/> <span class="ft1">halt geht zurück bis in das Jahr 1980. Das neue Recht ist jedoch auf</span><br/> <span class="ft1">alle Unterstützungsfälle anwendbar, unabhängig davon, ob sie neu</span><br/> <span class="ft1">aufgenommen, wieder aufgenommen oder weitergeführt werden</span><br/> <span class="ft1">(Thomet, a.a.O., Rz. 320).</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 7 Abs. 3 lit. c ZUG hat das unmündige Kind, wenn</span><br/> <span class="ft1">es dauernd nicht bei seinen Eltern wohnt, einen eigenen Unterstüt-</span><br/> <span class="ft1">zungswohnsitz am letzten Unterstützungswohnsitz nach den Absät-</span><br/> <span class="ft1">zen 1 und 2. Der Unterstützungswohnsitz befindet sich somit am</span><br/> <span class="ft1">letzten Unterstützungswohnsitz, den das unmündige Kind gemein-</span><br/> <span class="ft1">sam mit seinen Eltern bzw. mit einem Elternteil geteilt hat. Sobald</span><br/> <span class="ft1">ein solches Kind das Mündigkeitsalter erreicht hat, richtet sich der</span><br/> <span class="ft1">Unterstützungswohnsitz nach den Art. 4-10 ZUG. Grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">bleibt jedoch der bisherige Unterstützungswohnsitz nach Art. 7</span><br/> <span class="ft1">Abs. 3 lit. c ZUG über das Mündigkeitsalter hinaus weiterhin beste-</span><br/> <span class="ft1">hen, solange der Aufenthalt in einer stationären Einrichtung andauert.</span><br/> <span class="ft1">Dies gilt auch dann, wenn zwischenzeitlich ein nahtloser Wechsel in</span><br/> <span class="ft1">eine andere stationäre Einrichtung erfolgt, da der Eintritt in eine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">239</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">stationäre Einrichtung einen bestehenden Unterstützungswohnsitz</span><br/> <span class="ft1">nicht begründet bzw. beendigt (Art. 5 und Art. 9 Abs. 3 ZUG). Das</span><br/> <span class="ft1">Bundesgericht hat dazu indessen festgehalten, dass die Unterbrin-</span><br/> <span class="ft1">gung in einem Heim nicht dazu führe, dass der Unterstützungswohn-</span><br/> <span class="ft1">sitz praktisch nicht mehr ändern könne. Wenn davon auszugehen sei,</span><br/> <span class="ft1">dass die unterstützungsbedürftige Person ihre Beziehungen zum</span><br/> <span class="ft1">bisherigen Kanton abbreche und in subjektiver sowie objektiver Hin-</span><br/> <span class="ft1">sicht ein neues Verhältnis zu einem anderen Kanton begründet habe,</span><br/> <span class="ft1">könne der Unterstützungswohnsitz trotz ununterbrochenen Aufent-</span><br/> <span class="ft1">halts in einem Heim wechseln. Dies könne etwa der Fall sein, wenn</span><br/> <span class="ft1">die wichtigsten Bezugspersonen in einen neuen Kanton umzögen und</span><br/> <span class="ft1">die unterstützungsbedürftige Person ihnen durch eine Heimverlegung</span><br/> <span class="ft1">folge, sofern dies nicht hauptsächlich durch medizinische, sondern</span><br/> <span class="ft1">durch andere wie insbesondere familiäre Gegebenheiten begründet</span><br/> <span class="ft1">sei (BGE vom 10. Juli 2007 [2A.714/2006], Erw. 3.3).</span><br/> <span class="ft1">Diese Grundsätze für die Bestimmung des Unterstützungs-</span><br/> <span class="ft1">wohnsitzes kommen gemäss Art. 20 ZUG auch bei Ausländern mit</span><br/> <span class="ft1">Wohnsitz in der Schweiz zur Anwendung und sind damit auch im</span><br/> <span class="ft1">vorliegenden Fall anwendbar (siehe vorne Erw. 1.5).</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">2.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Es ist unbestritten, dass X. einen Unterstützungswohnsitz im</span><br/> <span class="ft1">Kanton Bern begründet hat, indem er nach seiner Einreise in die</span><br/> <span class="ft1">Schweiz vorerst zusammen mit seinen Eltern in R. BE wohnte. Die-</span><br/> <span class="ft1">ser (unselbständige; siehe dazu Thomet, a.a.O., Rz. 117) Unterstüt-</span><br/> <span class="ft1">zungswohnsitz blieb nach seiner Platzierung in der Klinik Bethesda</span><br/> <span class="ft1">in Tschugg BE bestehen und wurde zu seinem selbstständigen Wohn-</span><br/> <span class="ft1">sitz gemäss Art. 7 Abs. 3 ZUG (Thomet, a.a.O., Rz. 120 und 127).</span><br/> <span class="ft1">2.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Kantonale Sozialdienst weist darauf hin, dass am 25. Mai</span><br/> <span class="ft1">1992 bei X. ein nahtloser Wechsel von der Klinik Bethesda in</span><br/> <span class="ft1">Tschugg BE in das Heim Z. in Q. AG erfolgt sei. Er macht zudem</span><br/> <span class="ft1">geltend, dass X. nicht aus familiären Gründen in den Aargau verlegt</span><br/> <span class="ft1">worden sei, sondern vielmehr aus finanziellen Gründen. Nachdem</span><br/> <span class="ft1">sich seine Eltern in Y. niedergelassen hätten, sei (der noch unmün-</span><br/> <span class="ft1">dige) X. ebenfalls zivilrechtlich im Kanton Aargau angemeldet, je-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">240</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">doch noch im Kanton Bern hospitalisiert gewesen. Dies habe dazu</span><br/> <span class="ft1">geführt, dass der Kantonsärztliche Dienst des Kantons Aargau mas-</span><br/> <span class="ft1">sive Kosten für die ausserkantonale Hospitalisation habe überneh-</span><br/> <span class="ft1">men müssen. Der Kantonale Sozialdienst belegt seine Darstellung</span><br/> <span class="ft1">mit dem Briefverkehr zwischen der Caritas Aargau und der Sozial-</span><br/> <span class="ft1">kommission Y., der Psychiatrischen Klinik Königsfelden und der</span><br/> <span class="ft1">Klinik Bethesda in Tschugg BE sowie dem Kantonsärztlichen Dienst</span><br/> <span class="ft1">des Kantons Aargau und dem Kantonalen Sozialdienst des Kantons</span><br/> <span class="ft1">Aargau.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin bestreitet, dass die Verlegung aus-</span><br/> <span class="ft1">schliesslich aus finanziellen Gründen erfolgt sei, und macht geltend,</span><br/> <span class="ft1">dass es für die Pflege der Kontakte zwischen X. und dessen Angehö-</span><br/> <span class="ft1">rigen von Vorteil gewesen sei, wenn er in ein Heim in geringerer</span><br/> <span class="ft1">räumlicher Distanz vom Wohnort seiner Familienangehörigen habe</span><br/> <span class="ft1">eintreten können.</span><br/> <span class="ft1">Ausweislich der Akten haben familiäre Gründe bei der Verle-</span><br/> <span class="ft1">gung von X. keine Rolle gespielt. Dies wird zum einen dadurch be-</span><br/> <span class="ft1">stätigt, dass seine Betreuung überwiegend von der Caritas wahrge-</span><br/> <span class="ft1">nommen wurde, welche sich um die Verlegung nach Z. bemühte.</span><br/> <span class="ft1">Seine Eltern zogen am 1. Juni 2000 nach A. (BL) um, ohne dass sich</span><br/> <span class="ft1">der Aufenthalt von X. mit dem Ziel, die räumliche Distanz zu ihnen</span><br/> <span class="ft1">zu verringern, veränderte; sie waren auch überfordert. Aus dem er-</span><br/> <span class="ft1">wähnten Briefverkehr geht zudem eindeutig hervor, dass der Haupt-</span><br/> <span class="ft1">grund für die Verlegung in ein Heim im Kanton Aargau die anfallen-</span><br/> <span class="ft1">den Auslagen für die ausserkantonale Hospitalisierung waren. Der</span><br/> <span class="ft1">Anstoss für eine Verlegung ging denn auch vom Kantonsärztlichen</span><br/> <span class="ft1">Dienst aus. Für das Verwaltungsgericht ist deshalb erstellt, dass die</span><br/> <span class="ft1">Verlegung von X. von der Klinik Bethesda in Tschugg BE in das</span><br/> <span class="ft1">Heim Z. in Q. AG nicht zu einem Wechsel des Unterstützungswohn-</span><br/> <span class="ft1">sitzes geführt hat. Somit liegt eine falsche Regelung der Unterstüt-</span><br/> <span class="ft1">zungszuständigkeit vor.</span><br/> <span class="ft1">2.4.3.</span><br/> <span class="ft1">Der Kantonale Sozialdienst hat das Begehren um Richtigstel-</span><br/> <span class="ft1">lung am 27. Juli 2006 gestellt. Materielle Unterstützung wurde X.</span><br/> <span class="ft1">erstmals mit Wirkung ab 1. Februar 2001 gewährt und dem Bundes-</span><br/> <span class="ft1">amt für Flüchtlingen (heute: Bundesamt für Migration) gemeldet.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">241</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Der Bund leistete daraufhin dem Kantonalen Sozialdienst eine Kos-</span><br/> <span class="ft1">tenvergütung für das 1.-3. Quartal 2001.</span><br/> <span class="ft1">Per 1. Januar 2003 ist SPG in Kraft getreten (AGS 2002,</span><br/> <span class="ft1">S. 275). Gleichzeitig wurde das Sozialhilfegesetz vom 2. März 1982</span><br/> <span class="ft1">(SHG) - abgesehen von hier nicht relevanten Ausnahmen - aufgeho-</span><br/> <span class="ft1">ben (§ 61 Abs. 1 lit. a SPG). Während nach SHG Sozialhilfeaufwen-</span><br/> <span class="ft1">dungen für Personen aus dem Ausland ausschliesslich vom Kanton</span><br/> <span class="ft1">zu tragen waren (Botschaft des Regierungsrats an den Grossen Rat</span><br/> <span class="ft1">vom 30. Juni 1999 betreffend SPG [99.226], S. 8 f.), ist nach SPG</span><br/> <span class="ft1">die Gemeinde zahlungspflichtig für die Kosten der materiellen Hilfe</span><br/> <span class="ft1">- auch der Ausländerinnen und Ausländer (Botschaft, S. 8 f.) -, wo-</span><br/> <span class="ft1">bei ihr der Kanton einen Beitrag leistet, dessen Höhe abhängig ist</span><br/> <span class="ft1">von der Anzahl der Fälle, bezogen auf die Bevölkerung der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde, sowie den pro Einwohnerin und Einwohner der Gemeinde</span><br/> <span class="ft1">entstandenen Nettoaufwendungen im Vergleich zum Kantonsmittel</span><br/> <span class="ft1">(§ 47 Abs. 1 SPG; § 49 Abs. 1 i.V.m. § 47 Abs. 3 lit. a und b SPG).</span><br/> <span class="ft1">Die Defizite im Fürsorgefall X. gingen damit zu Lasten der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde Y., wobei erst bei der Abrechnung Ende 2003 feststand, dass</span><br/> <span class="ft1">der Kanton diese Defizite nicht mehr trägt und sie somit bei der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde anfielen. Erst zu diesem Zeitpunkt bestand für die Sozialbe-</span><br/> <span class="ft1">hörden somit Anlass zu einer Abklärung der Fürsorgezuständigkeit.</span><br/> <span class="ft1">Der Kantonale Sozialdienst legt glaubhaft dar, er sei zuerst da-</span><br/> <span class="ft1">von ausgegangen, dass eine Fürsorgezuständigkeit des Bundes weiter</span><br/> <span class="ft1">bestehe. Er hat deshalb den Bund um Vergütung des monatlichen</span><br/> <span class="ft1">Fehlbetrags im Budget von X. gebeten. Nachdem feststand, dass der</span><br/> <span class="ft1">Bund wegen der mit der Revision des AsylG vom 26. Juni 1998 ein-</span><br/> <span class="ft1">geführten Pauschalierung der Bundesbeiträge nicht mehr für das</span><br/> <span class="ft1">Restdefizit von X. aufkam, machte sich der Kantonale Sozialdienst</span><br/> <span class="ft1">umgehend daran, tatsächliche und rechtliche Abklärungen bezüglich</span><br/> <span class="ft1">des Unterstützungswohnsitzes vorzunehmen. Es kann deshalb dem</span><br/> <span class="ft1">Kantonalen Sozialdienst nicht vorgeworfen werden, er habe es ver-</span><br/> <span class="ft1">säumt, den Sachverhalt rechtzeitig und vertieft abzuklären. Jedenfalls</span><br/> <span class="ft1">erweist sich eine Verzögerung in der Richtigstellung angesichts der</span><br/> <span class="ft1">komplexen rechtlichen und tatsächlichen Situation entschuldbar (vgl.</span><br/> <span class="ft1">BGE vom 10. Juli 2007 [2A.714/2006], Erw. 3.5).</span><br/></div> </div> </body> </html>