<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 95 S.481</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">481</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>95</b></span> <span class="ft2"><b>Dimensionierung einer Privatstrasse mit öffentlichem Fusswegrecht</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Eine Privatstrasse mit öffentlichem Fusswegrecht ist eine öffentliche</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Strasse. Ihre Dimensionierung muss so erfolgen, dass das Fussweg-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>recht ungeschmälert erhalten und die Sicherheit der Fussgänger ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>währleistet bleibt (Erw. 2c und 3a-3c).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Private Grundstückszufahrten müssen so dimensioniert sein, dass</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der Verkehrsfluss auf der öffentlichen Strasse nicht behindert wird</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2d und 3d).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt vom 9. Mai 2006</span><br/> <span class="ft5">i.S. R. gegen den Gemeinderat Rothrist.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Im vorliegenden Verfahren ist die Frage streitig, ob der</span><br/> <span class="ft1">Stockweg entlang der Parzelle 3437 ... verbreitert werden muss. Der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat Rothrist stellt sich auf den Standpunkt, eine Verbreite-</span><br/> <span class="ft1">rung sei notwendig, weil es sich um einen Zufahrtsweg im Sinne der</span><br/> <span class="ft1">VSS-Norm SN 640 045 handle. Die Beschwerdeführerin hingegen</span><br/> <span class="ft1">ist der Ansicht, es sei eine Grundstückszufahrt gemäss VSS-Norm</span><br/> <span class="ft1">SN 640 050 und deshalb seien 3 m ausreichend.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Erteilung einer Baubewilligung setzt voraus, dass das</span><br/> <span class="ft1">Land erschlossen ist (Art. 22 Abs. 2 lit. b des Bundesgesetzes über</span><br/> <span class="ft1">die Raumplanung vom 22. Juni 1979 [RPG, SR 700]). Land ist er-</span><br/> <span class="ft1">schlossen, wenn unter anderem eine für die betreffende Nutzung</span><br/> <span class="ft1">hinreichende Zufahrt besteht (Art. 19 Abs. 1 RPG; § 32 Abs. 1 lit. b</span><br/> <span class="ft1">BauG). Die Anforderungen, die an eine Zufahrt gestellt werden, hän-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">482</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gen von den jeweiligen Verkehrsverhältnissen sowie der Art und</span><br/> <span class="ft1">Zahl der Gebäude ab, die erschlossen werden sollen. Stets müssen</span><br/> <span class="ft1">Zufahrten punkto Breite, Unterbau, Belag, Steigungen und Sicherheit</span><br/> <span class="ft1">den in den Einzelfällen an sie zu stellenden Anforderungen genügen</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 1996, S.499).</span><br/> <span class="ft1">c) Für die Beurteilung der Beschaffenheit öffentlicher Strassen</span><br/> <span class="ft1">gelten als Richtlinien u.a. die VSS-Normen SN 640 045 «Projektie-</span><br/> <span class="ft1">rung, Grundlagen; Strassentyp: Erschliessungsstrasse» und SN 640</span><br/> <span class="ft1">201 «Geometrisches Normalprofil; Grundabmessungen und Licht-</span><br/> <span class="ft1">raumprofil der Verkehrsteilnehmer» vom April 1992 respektive vom</span><br/> <span class="ft1">Oktober 1992 (§ 44a Abs. 1 ABauV). Als öffentliche Strassen gelten</span><br/> <span class="ft1">Strassen, die dem Gemeingebrauch offen stehen. Miterfasst sind</span><br/> <span class="ft1">demnach auch Strassen, die im Privateigentum stehen, sofern sie</span><br/> <span class="ft1">dem Gemeingebrauch zugänglich gemacht worden sind (§ 80 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">BauG). Voraussetzung dafür ist, dass die betreffende Strasse mit</span><br/> <span class="ft1">ausdrücklicher (Dienstbarkeitsvertrag) oder stillschweigender Zu-</span><br/> <span class="ft1">stimmung der Grundeigentümerschaft (langandauernde, ununterbro-</span><br/> <span class="ft1">chene Duldung) dem öffentlichen Verkehr offen steht (vgl. AGVE</span><br/> <span class="ft1">1991, S. 305).</span><br/> <span class="ft1">Beim so genannten Zufahrtsweg handelt es sich um eine Er-</span><br/> <span class="ft1">schliessungsstrasse im Sinne der VSS-Norm SN 640 045, welche</span><br/> <span class="ft1">einzelne Parzellen oder Gebäude erschliesst und den Verkehr zu den</span><br/> <span class="ft1">Sammelstrassen führt. Der Typ Zufahrtsweg ist zur Erschliessung</span><br/> <span class="ft1">von Siedlungsgebieten in der Grösse bis zu 30 Wohneinheiten an-</span><br/> <span class="ft1">zuwenden. Bei diesem Typ handelt es sich um Fusswege, die zum</span><br/> <span class="ft1">gelegentlichen Befahren mit Motorfahrzeugen vorgesehen und dem-</span><br/> <span class="ft1">entsprechend befestigt sind. Für die seltenen Begegnungsfälle zwi-</span><br/> <span class="ft1">schen Motorfahrzeugen können angrenzende Bankettflächen und</span><br/> <span class="ft1">Vorplätze einbezogen werden (vgl. VSS-Norm SN 640 045 lit. C</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 8). Der Zufahrtsweg hat dem Grundbegegnungsfall zwischen</span><br/> <span class="ft1">Personenwagen und Fahrrad bei stark reduzierter Geschwindigkeit</span><br/> <span class="ft1">zu genügen. Er verfügt über einen Fahrstreifen mit reduzierter Aus-</span><br/> <span class="ft1">baugrösse, ist nicht durchgehend befahrbar und weist in der Regel</span><br/> <span class="ft1">keinen Wendeplatz auf. Die maximale Belastbarkeit beträgt 50 Fahr-</span><br/> <span class="ft1">zeuge pro Stunde (vgl. Tabelle 1 der VSS-Norm SN 640 045).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">483</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">d) Private Strassen, an denen kein Gemeingebrauch besteht,</span><br/> <span class="ft1">werden durch die VSS-Normen nur insofern geregelt, als es sich um</span><br/> <span class="ft1">Grundstückszufahrten handelt (VSS-Norm SN 640 050).</span><br/> <span class="ft1">Es handelt sich dabei um private Strassenstrecken, auf denen</span><br/> <span class="ft1">der Strassenfahrzeugverkehr von anstossenden Grundstücken auf</span><br/> <span class="ft1">öffentliche Strassen geleitet wird. Die Grundstückszufahrt muss in</span><br/> <span class="ft1">der Breite so dimensioniert sein, dass der Verkehrsfluss auf der öf-</span><br/> <span class="ft1">fentlichen Strasse nicht behindert und die Sicherheit nicht beein-</span><br/> <span class="ft1">trächtigt wird. Auf welcher Länge die verlangte Breite der Grund-</span><br/> <span class="ft1">stückszufahrt erfüllt sein muss, wird in der VSS-Norm nicht defi-</span><br/> <span class="ft1">niert. Gemäss Ausführungen des Experten anlässlich der Augen-</span><br/> <span class="ft1">scheinsverhandlung soll diese Länge (Tiefe) 5 bis 10 m betragen, so</span><br/> <span class="ft1">dass ein Kreuzen von Fahrzeugen auf der Grundstückszufahrt mög-</span><br/> <span class="ft1">lich ist.</span><br/> <span class="ft1">3. a) Im vorliegenden Fall (verbindet der Stockweg) ... mehrere</span><br/> <span class="ft1">private Parzellen mit einer Quartiererschliessungs- oder Quartier-</span><br/> <span class="ft1">sammelstrasse, die im Eigentum der Gemeinde steht. Es werden ins-</span><br/> <span class="ft1">gesamt 13 Wohneinheiten erschlossen; entsprechend ist von einem</span><br/> <span class="ft1">geringen Verkehrsaufkommen auszugehen. Es handelt sich um eine</span><br/> <span class="ft1">Sackgasse mit lediglich einem Fahrstreifen und ohne Wendeplatz.</span><br/> <span class="ft1">Die Geschwindigkeit ist auf 30 km/h beschränkt, Fahrverbote be-</span><br/> <span class="ft1">stehen keine. Unbestritten ist, dass der Stockweg im streitigen</span><br/> <span class="ft1">Bereich im Privateigentum steht und es sich somit nicht um eine Ge-</span><br/> <span class="ft1">meindestrasse im Sinne von § 81 Abs. 1 BauG handelt. Die Strasse</span><br/> <span class="ft1">ist aber mit einem öffentlichen Wegrecht belastet. Es handelt sich</span><br/> <span class="ft1">demnach um eine Strasse im Gemeingebrauch und somit um eine</span><br/> <span class="ft1">öffentliche Strasse. Das ist auch der Grund, weshalb die Gemeinde</span><br/> <span class="ft1">jeweils die Schneeräumung übernimmt. Eine Übernahme der Strasse</span><br/> <span class="ft1">in das Eigentum der Gemeinde ist hingegen nicht geplant und von</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin ausdrücklich auch nicht gewollt.</span><br/> <span class="ft1">b) Die VSS-Normen sollen gemäss aargauischer Praxis nicht</span><br/> <span class="ft1">allzu schematisch und starr gehandhabt werden. Nach ihrem Sinn</span><br/> <span class="ft1">und Zweck, aber auch aus rechtsstaatlichen Gründen (Rechtsgleich-</span><br/> <span class="ft1">heit, Rechtssicherheit, Willkürverbot), sind die Behörden im Normal-</span><br/> <span class="ft1">fall zwar daran gebunden, Abweichungen im Einzelfall sind jedoch</span><br/> <span class="ft1">möglich, soweit sie begründet sind (AGVE 1979, S. 223).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">484</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">c) Da die Strasse mit einem öffentlichen Fusswegrecht belastet</span><br/> <span class="ft1">ist und es sich um eine öffentliche Strasse handelt, erfolgt die Di-</span><br/> <span class="ft1">mensionierung gemäss VSS-Norm SN 640 045, so dass das Fuss-</span><br/> <span class="ft1">wegrecht ungeschmälert erhalten und die Sicherheit der Fussgänger</span><br/> <span class="ft1">gewährleistet bleibt. Der Stockweg muss somit für den Begegnungs-</span><br/> <span class="ft1">fall zwischen Personenwagen und Fussgängern dimensioniert sein.</span><br/> <span class="ft1">Die Grundabmessung für Fussgänger beträgt 0.60 m (Fuss-</span><br/> <span class="ft1">gänger mit Gepäck 0.80 m), diejenige für Personenwagen 1.80 m.</span><br/> <span class="ft1">Der Bewegungsspielraum für Fussgänger beträgt 2 x 0.10 m, der</span><br/> <span class="ft1">Sicherheitszuschlag für Fussgänger 2 x 0.10 m und für</span><br/> <span class="ft1">Personenwagen 2 x 0.20 m. Addiert man diese Werte, ergibt sich eine</span><br/> <span class="ft1">Mindestbreite von 3.20 m (3.40 m), wobei bei gegebener Seiten-</span><br/> <span class="ft1">freiheit auf die seitlichen Sicherheitszuschläge verzichtet werden</span><br/> <span class="ft1">kann (vgl. VSS-Norm SN 640 201).</span><br/> <span class="ft1">Im vorliegenden Fall ist die Seitenfreiheit gegenüber dem</span><br/> <span class="ft1">Landwirtschaftsland gegeben. Auf der der Parzelle 3437 zugewand-</span><br/> <span class="ft1">ten Strassenseite hingegen können Einfriedigungen - da es sich nicht</span><br/> <span class="ft1">um eine Gemeindestrasse handelt (§ 111 Abs. 1 lit. d BauG) - bis an</span><br/> <span class="ft1">die Strasse gesetzt werden und die Seitenfreiheit versperren. Der</span><br/> <span class="ft1">Fachmann rät daher, für Einfriedigungen einen Abstand gegenüber</span><br/> <span class="ft1">der Strasse von wenigstens 30 cm vorzusehen. Aufgrund der tiefen</span><br/> <span class="ft1">Geschwindigkeit (30 km/h) und den angrenzenden privaten Zufahrts-</span><br/> <span class="ft1">flächen, welche zum Kreuzen zweier Personenwagen benutzt werden</span><br/> <span class="ft1">können, erachtet er eine Strassenbreite von 3 m als genügend.</span><br/> <span class="ft1">d) Hinsichtlich des Einmündungsbereiches ist der Fachmann</span><br/> <span class="ft1">der Ansicht, dass dieser so ausgebaut werden sollte, dass zwei Fahr-</span><br/> <span class="ft1">zeuge kreuzen können, nachdem schon für Grundstückszufahrten je</span><br/> <span class="ft1">nach Typ Breiten zwischen 3 und 5 m verlangt werden (Tabelle 2 der</span><br/> <span class="ft1">VSS-Norm SN 640 050, Grundstückszufahrtstyp A oder B). In</span><br/> <span class="ft1">Bezug auf die erforderliche Breite besteht ein Ermessensspielraum.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der tiefen Geschwindigkeit (30 km/h) und des kleinen</span><br/> <span class="ft1">Verkehrsaufkommens empfiehlt der Fachmann, ab dort wo der öst-</span><br/> <span class="ft1">liche und südliche Schenkel des Stockweges zusammenlaufen bis zur</span><br/> <span class="ft1">übergeordneten Strasse die Zufahrt mit einer Breite von 4.5 m zu</span><br/> <span class="ft1">dimensionieren, damit das Kreuzen im Einfahrtsbereich möglich ist,</span><br/> <span class="ft1">ohne dass der Verkehrsfluss auf der Gemeindestrasse behindert wird.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">485</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">e) Die Ausführungen des Fachmanns überzeugen und werden</span><br/> <span class="ft1">auch von den Parteien anerkannt. Mit der Sicherstellung von 4.5 m</span><br/> <span class="ft1">Breite im Einmündungsbereich, einer Breite von 3 m im weiteren</span><br/> <span class="ft1">Verlauf der Strasse und der Auflage, dass Einfriedigungen einen Ab-</span><br/> <span class="ft1">stand zur Strasse von wenigstens 30 cm einhalten müssen, genügt der</span><br/> <span class="ft1">streitige Abschnitt des Stockweges den Anforderungen für den</span><br/> <span class="ft1">Grundbegegnungsfall zwischen Personenwagen und Fussgängern. In</span><br/> <span class="ft1">teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die Baubewilligung in</span><br/> <span class="ft1">diesem Sinn anzupassen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>