<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">437</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Gemeinderecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>82</b></span> <span class="ft3"><b>Einwohnerrat</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Ton- und Bildaufnahmen durch die Medienvertreter sind an den Sitzun-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gen des Einwohnerrats grundsätzlich zulässig.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inneres,</span><br/> <span class="ft4">Gemeindeabteilung, vom 26. Mai 2016 in Sachen D. gegen die Einwohnerge-</span><br/> <span class="ft4">meinde E. (76169/25.1).</span><br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt (Zusammenfassung)</i></span><br/> <span class="ft6">Am 4. Dezember 2015 fand in E. eine Einwohnerratssitzung</span><br/> <span class="ft6">statt. Das Filmteam von D. wollte von der öffentlichen Debatte Ton-</span><br/> <span class="ft6">und Bildaufnahmen machen. Dies wurde ihnen aufgrund der konkre-</span><br/> <span class="ft6">ten Verhältnisse sowie mit Verweis auf das Geschäftsreglement, wo-</span><br/> <span class="ft6">nach Tonbandaufnahmen der Verhandlungen generell untersagt seien,</span><br/> <span class="ft6">vom Büro des Einwohnerrats verweigert.</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">2. a)</span><br/> <span class="ft6">Das kantonale Recht bestimmt in § 26 GG, dass die Gemeinde-</span><br/> <span class="ft6">versammlung öffentlich ist. Der Vorsitzende kann aus wichtigen</span><br/> <span class="ft6">Gründen die Teilnahme nicht stimmberechtigter Personen untersa-</span><br/> <span class="ft6">gen. Die Presse hat in jedem Falle Zutritt. Nach § 51 GG gelten die</span><br/> <span class="ft6">Vorschriften über die Gemeinden mit Gemeindeversammlung auch</span><br/> <span class="ft6">für die Einwohnerratsgemeinden, soweit das Kapitel über die</span><br/> <span class="ft6">Einwohnerratsgemeinden keine Abweichungen davon enthält. Da das</span><br/> <span class="ft6">Gemeindegesetz für die Gemeinden mit Einwohnerrat keine eigene</span><br/> <span class="ft6">Regelung betreffend der Durchführung der Einwohnerratssitzungen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">438</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">vorsieht, ist die Bestimmung von § 26 GG auf die Gemeinden mit</span><br/> <span class="ft6">Einwohnerrat uneingeschränkt anwendbar. Demzufolge sind auch die</span><br/> <span class="ft6">Einwohnerratssitzungen öffentlich und die Presse hat auch bei den</span><br/> <span class="ft6">Einwohnerratssitzungen in jedem Falle Zutritt.</span><br/> <span class="ft6">2. b)</span><br/> <span class="ft6">Mit Zutritt der Presse muss nach dem heutigen Verständnis die</span><br/> <span class="ft6">Berichterstattung durch alle Arten von Medienvertretern gemeint</span><br/> <span class="ft6">sein. Der Ausschluss der elektronischen Medien ist deshalb nach</span><br/> <span class="ft6">kantonalem Recht unzulässig. Die gesetzlich statuierte Öffentlichkeit</span><br/> <span class="ft6">der Versammlungen und der freie Pressezutritt bedeuten jedoch nur,</span><br/> <span class="ft6">dass an den Einwohnerratssitzungen auch die nicht stimmberechtig-</span><br/> <span class="ft6">ten Personen als Gäste teilnehmen dürfen und dass die Medienvertre-</span><br/> <span class="ft6">ter uneingeschränkt zu den Verhandlungen Zutritt haben. Damit ist</span><br/> <span class="ft6">aber noch nicht gesagt, welche Mittel von den Medienvertretern</span><br/> <span class="ft6">während den Verhandlungen eingesetzt werden dürfen. Das Gemein-</span><br/> <span class="ft6">degesetz enthält dazu keine Angaben. Insofern sind hier für die</span><br/> <span class="ft6">Beantwortung der Zulässigkeit weitere Rechtsgrundlagen, insbeson-</span><br/> <span class="ft6">dere die Regelungen der Bundesverfassung über die Grundrechte,</span><br/> <span class="ft6">heranzuziehen.</span><br/> <span class="ft6">2. c)</span><br/> <span class="ft6">D. beruft sich auf die Grundrechte von Art. 16 und 17 der Bun-</span><br/> <span class="ft6">desverfassung. Gemäss Art. 16 Abs. 3 BV gewährt die Meinungs-</span><br/> <span class="ft6">und Informationsfreiheit jeder Person das Recht, Informationen frei</span><br/> <span class="ft6">zu empfangen, solche aus allgemein zugänglichen Quellen zu</span><br/> <span class="ft6">beschaffen und zu verbreiten. Art. 17 BV statuiert die Medienfrei-</span><br/> <span class="ft6">heit. Danach ist die Freiheit von Presse, Radio und Fernsehen sowie</span><br/> <span class="ft6">anderer Formen der öffentlichen fernmeldetechnischen Verbreitung</span><br/> <span class="ft6">von Darbietungen und Informationen gewährleistet und die Zensur</span><br/> <span class="ft6">verboten. Die Medienfreiheit</span> <span class="ft6">gehört zu den zentralen Ausprägungen</span><br/> <span class="ft6">des allgemeinen Grundrechtes freier Meinungsäusserung. Normati-</span><br/> <span class="ft6">ver Kern der Medienfreiheit ist die Sicherung des ungehinderten</span><br/> <span class="ft6">Nachrichtenflusses und des freien Meinungsaustausches in der offe-</span><br/> <span class="ft6">nen Gesellschaft. Sie schützt die Herstellung von Medienerzeugnis-</span><br/> <span class="ft6">sen und ihre Verbreitung in der Öffentlichkeit</span> <span class="ft6">(Jörg Paul</span><br/> <span class="ft6">Müller/Markus Schefer, Grundrechte in der Schweiz, 4. Auflage,</span><br/> <span class="ft6">Bern 2008, S. 438).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">439</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">2. d)</span><br/> <span class="ft6">Andererseits gewährleistet die Bundesverfassung auch die Aus-</span><br/> <span class="ft6">übung der politischen Rechte (Art. 34 BV). Gemäss Art. 34 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">BV schützt die Garantie der politischen Rechte die freie Willensbil-</span><br/> <span class="ft6">dung und die unverfälschte Stimmabgabe.</span> <span class="ft6">Der Schutz der freien</span><br/> <span class="ft6">Willensbildung ist Bekenntnis zum politischen Diskurs und schliesst</span><br/> <span class="ft6">faire und offene politische Meinungsbildungsprozesse ein. (...) Die</span><br/> <span class="ft6">freie Stimmabgabe verlangt die Möglichkeit, den politischen Willen</span><br/> <span class="ft6">tatsächlich und effektiv kundzutun</span> <span class="ft6">(Gerold Steinmann, in Die</span><br/> <span class="ft6">Schweizerische Bundesverfassung, Kommentar, 3. Auflage, St. Gal-</span><br/> <span class="ft6">len 2014, Rz. 19 zu Art. 34). Nach ständiger Praxis des Bundesge-</span><br/> <span class="ft6">richts räumt das Stimm- und Wahlrecht den Stimmberechtigten allge-</span><br/> <span class="ft6">mein den Anspruch darauf ein, dass kein Abstimmungs- und Wahler-</span><br/> <span class="ft6">gebnis anerkannt wird, das nicht den freien Willen der Stimmbürger</span><br/> <span class="ft6">zuverlässig und unverfälscht zum Ausdruck bringt. Jeder Stimmbür-</span><br/> <span class="ft6">ger soll seinen Entscheid gestützt auf einen möglichst freien und um-</span><br/> <span class="ft6">fassenden Prozess der Meinungsbildung treffen können (vgl.</span><br/> <span class="ft6">BGE 119 Ia 271 E. 3a).</span><br/> <span class="ft6">2. e)</span><br/> <span class="ft6">Wenn ein Sachverhalt von den Schutzbereichen mehrerer</span><br/> <span class="ft6">Grundrechte erfasst wird, spricht man von Grundrechtskonkurrenz</span><br/> <span class="ft6">(Ulrich Häfelin/Walter Haller/Helen Keller, Schweizerisches Bun-</span><br/> <span class="ft6">desstaatsrecht, 8. Auflage, Zürich 2012, Rz. 318). Hier liegt eine</span><br/> <span class="ft6">solche Konstellation, zumindest zweier sich konkurrierender Grund-</span><br/> <span class="ft6">rechte, vor. Es muss deshalb eine Interessen- beziehungsweise eine</span><br/> <span class="ft6">Rechtsgüterabwägung vorgenommen werden.</span><br/> <span class="ft6">2. f)</span><br/> <span class="ft6">Bei den Einwohnergemeinden mit Einwohnerrat ist dieser die</span><br/> <span class="ft6">Vertretung der Stimmbürgerschaft. Der Einwohnerrat ist das Verwal-</span><br/> <span class="ft6">tungs- und Rechtssetzungsorgan der Gemeinde und weist gewisse</span><br/> <span class="ft6">parlamentstypische Merkmale auf, auch wenn der Einwohnerrat kein</span><br/> <span class="ft6">Parlament im Sinne der Gewaltenteilungslehre ist (vgl. Andreas</span><br/> <span class="ft6">Baumann, Aargauisches Gemeinderecht, 3. Auflage, Zürich 2005,</span><br/> <span class="ft6">S. 168). Die aus dem Parlamentarismus entwickelten Grundsätze des</span><br/> <span class="ft6">übergeordneten Rechts können hier auf die Situation im Einwohner-</span><br/> <span class="ft6">rat sinngemäss herangezogen werden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">440</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">2. g)</span><br/> <span class="ft6">Zehn Einwohnergemeinden haben für ihre Legislative anstelle</span><br/> <span class="ft6">der Gemeindeversammlung die Organisationsform mit Einwohnerrat</span><br/> <span class="ft6">gewählt. Die Zahl der Einwohnerräte variiert in der Praxis zwischen</span><br/> <span class="ft6">40 (Buchs, Lenzburg, Obersiggenthal, Windisch, Wohlen und</span><br/> <span class="ft6">Zofingen) und 50 Mitgliedern (Aarau, Baden, Brugg, Wettingen).</span><br/> <span class="ft6">Bei den Einwohnerräten handelt es sich um von den Stimmberechtig-</span><br/> <span class="ft6">ten gewählte Mandatare. In der Regel sind sie Angehörige von politi-</span><br/> <span class="ft6">schen Parteien oder politischen Gruppierungen und vertreten gewisse</span><br/> <span class="ft6">zumeist bekannte Auffassungen ihrer Parteien oder Gruppierungen.</span><br/> <span class="ft6">Sie werden im Verhältniswahlverfahren gewählt und schliessen sich</span><br/> <span class="ft6">oft im Einwohnerrat zu Fraktionen zusammen, um ihre Einflussmög-</span><br/> <span class="ft6">lichkeiten zu bündeln. Insofern ergibt sich hier eine andere</span><br/> <span class="ft6">Interessenlage als in einer Gemeindeversammlung. Einerseits liegt es</span><br/> <span class="ft6">im Interesse der Einwohnerräte, dass über ihre Tätigkeit möglichst</span><br/> <span class="ft6">umfassend berichtet wird. Dies ist Teil der politischen Aus-</span><br/> <span class="ft6">einandersetzung. Insoweit fördert auch die Berichterstattung mittels</span><br/> <span class="ft6">Ton- und Bildaufnahmen den politischen Entscheidungsprozess und</span><br/> <span class="ft6">trägt zur Herstellung einer umfassenden Transparenz bei. An-</span><br/> <span class="ft6">dererseits liegt es ebenso im Interesse der Stimmbürgerschaft, dass</span><br/> <span class="ft6">sie über die Aktivitäten der von ihnen gewählten Mandatare unter-</span><br/> <span class="ft6">richtet wird. Eine solche Kenntnis stellt erst eine wirksame Kontrolle</span><br/> <span class="ft6">her und hat Einfluss auf das zukünftige Wahlverhalten der</span><br/> <span class="ft6">Stimmberechtigten.</span><br/> <span class="ft6">2. h)</span><br/> <span class="ft6">Die Information der Öffentlichkeit über die Tätigkeit von Parla-</span><br/> <span class="ft6">menten ist für die demokratische Auseinandersetzung von zentraler</span><br/> <span class="ft6">Bedeutung. Es gehört zu den Maximen und Prinzipien des</span><br/> <span class="ft6">parlamentarischen Verfahrens, die Öffentlichkeit einlässlich zu infor-</span><br/> <span class="ft6">mieren (vgl. Jörg Paul Müller/Markus Schefer, a.a.O., S. 533). Auch</span><br/> <span class="ft6">wenn diesem Grundsatz nur für die Parlamente auf Bundes- und</span><br/> <span class="ft6">Kantonsebene uneingeschränkte Geltung zuzukommen vermag, da</span><br/> <span class="ft6">sich diese Parlamente überwiegend mit Gesetzgebungsverfahren</span><br/> <span class="ft6">befassen, kann er doch auch mit gewissen Abstrichen auf die</span><br/> <span class="ft6">kommunalen Parlamente übertragen werden. Die Rechtsgüterabwä-</span><br/> <span class="ft6">gung führt deshalb hier zum Ergebnis, dass der Informations- und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">441</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Medienfreiheit der Vorrang zukommt. Die den Einwohnerräten zu-</span><br/> <span class="ft6">stehenden aus der Wahl- und Abstimmungsfreiheit abgeleiteten</span><br/> <span class="ft6">Rechte müssen hingegen in den Hintergrund treten. Aus der darge-</span><br/> <span class="ft6">stellten Interessenlage ergibt sich folglich, dass Ton- und Bildaufnah-</span><br/> <span class="ft6">men von den Einwohnerratssitzungen grundsätzlich zulässig sind.</span><br/> <span class="ft6">Eine gewisse Rücksichtnahme durch die Medien wird sicher in</span><br/> <span class="ft6">gewissen Teilbereichen notwendig sein. Es ist hier etwa an die</span><br/> <span class="ft6">Einbürgerungsverfahren zu denken. Dies kann aber auch mit anderen</span><br/> <span class="ft6">Mitteln als einem vollständigen Verbot sichergestellt werden. Ohne-</span><br/> <span class="ft6">hin bedeutet eine grundsätzliche Zulässigkeit von Ton- und Bildauf-</span><br/> <span class="ft6">nahmen an den Einwohnerratssitzungen nicht, dass damit eine</span><br/> <span class="ft6">schrankenlose Berichterstattung gemeint ist. Im Mittelpunkt muss</span><br/> <span class="ft6">weiterhin der funktionierende Ratsbetrieb stehen und ein ord-</span><br/> <span class="ft6">nungsgemässes Beschlussverfahren muss gewährleistet bleiben. Es</span><br/> <span class="ft6">ist den Gemeinden mit Einwohnerräten deshalb zu empfehlen, dies-</span><br/> <span class="ft6">bezügliche Regeln in ihr Geschäftsreglement aufzunehmen. Wobei</span><br/> <span class="ft6">damit natürlich nicht ein generelles Verbot von Ton- und Bildauf-</span><br/> <span class="ft6">nahmen gemeint sein kann, sondern etwa eine Bewilligungspflicht</span><br/> <span class="ft6">im Vordergrund stehen muss, eventuell käme für die Berichter-</span><br/> <span class="ft6">stattung durch bekannte Medien auch ein Zulassungsverfahren in Be-</span><br/> <span class="ft6">tracht.</span><br/> <span class="ft6">2. i)</span><br/> <span class="ft6">Aufgrund der obigen Ausführungen ist festzuhalten, dass ein</span><br/> <span class="ft6">generelles Verbot von Ton- und/oder Bildaufnahmen in einem</span><br/> <span class="ft6">kommunalen Geschäftsreglement eines Einwohnerrats nach Auffas-</span><br/> <span class="ft6">sung der urteilenden Aufsichtsinstanz verfassungswidrig ist. Dies gilt</span><br/> <span class="ft6">folglich auch für das hier konkret in Frage stehende Verbot in § 8</span><br/> <span class="ft6">Abs. 4 des Geschäftsreglements der Gemeinde E. (GR) vom 13. Sep-</span><br/> <span class="ft6">tember 1984.</span><br/></div> </div> </body> </html>