<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para"> </div> <div class="para">Bundesgericht </div> <div class="para">Tribunal fédéral </div> <div class="para">Tribunale federale </div> <div class="para">Tribunal federal </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <img height="74" src="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/displayimage.php?id=2025-01-22-6F_28-2024.1&amp;type=gif" width="95"/> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>6F_28/2024</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Urteil vom 22. Januar 2025</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>I. strafrechtliche Abteilung</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Besetzung </div> <div class="para">Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari, Präsidentin, </div> <div class="para">Bundesrichter Muschietti, </div> <div class="para">Bundesrichter von Felten, </div> <div class="para">Gerichtsschreiberin Pasquini. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Verfahrensbeteiligte </div> <div class="para">A.A.________ und B.A.________, </div> <div class="para">vertreten durch Rechtsanwältin Dr. Fanny De Weck, </div> <div class="para">Gesuchsteller, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">gegen </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich, Güterstrasse 33, Postfach, 8010 Zürich, </div> <div class="para">Gesuchsgegnerin, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Obergericht des Kantons Zürich, I. Strafkammer, Postfach 2401, 8021 Zürich 1. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Gegenstand </div> <div class="para">Revisionsgesuch gegen das Urteil des Schweizerischen Bundesgerichts vom 17. Juni 2020 (6B_191/2020 [Urteil SB180503-O/U/cwo]). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Sachverhalt:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.</b> </div> <div class="para">Nach der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 23. April 2018 nahm A.A.________ am 6. Februar 2018 im Auftrag einer unbekannten Person in Langnau am Albis von einer anderen unbekannten Person ein Päckchen mit Kokain (brutto 194 Gramm mit einem Reinheitsgrad von 96 %, netto 186 Gramm) entgegen und hatte es am nächsten Tag an B.________ in dessen Coiffeur-Salon in Zürich zu übergeben. Dafür hätte A.A.________ Fr. 500.-- erhalten sollen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.a.</b> Das Obergericht des Kantons Zürich erklärte A.A.________ am 11. November 2019 im Berufungsverfahren gegen das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 3. Juli 2018 zweitinstanzlich der qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig. Es bestrafte ihn mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 20 Monaten, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Das Obergericht des Kantons Zürich verwies A.A.________ für fünf Jahre des Landes und ordnete die Ausschreibung im Schengener Informationssystem (SIS) an. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.b.</b> Das Bundesgericht wies die Beschwerde in Strafsachen von A.A.________ mit Urteil vom 17. Juni 2020 ab, soweit es darauf eintrat und auferlegte ihm die Gerichtskosten von Fr. 3'000.-- (Verfahren 6B_191/2020). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>C.</b> </div> <div class="para">Daraufhin gelangten B.A.________ und A.A.________ an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Mit Urteil vom 17. September 2024 stellte der EGMR eine Verletzung von <span class="artref">Art. 8 EMRK</span> fest (Verfahren Nr. 52232/20; §§ 29 ff.; Dispositiv-Ziffer 2). Er verurteilte die Schweizerische Eidgenossenschaft dazu, B.A.________ und A.A.________ innert drei Monaten (netto nach Steuern) eine Genugtuung von EUR 10'000.-- und EUR 15'000.-- für Kosten sowie Auslagen zu bezahlen (§§ 58 ff.; Dispositiv-Ziffer 3). Im Übrigen wies der EGMR die Entschädigungsforderungen - sinngemäss - ab (§§ 61 ff.). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>D.</b> </div> <div class="para">Mit Eingabe vom 13. Dezember 2024 ersuchen B.A.________ und A.A.________ um Revision des Urteils des Bundesgerichts (6B_191/2020) vom 17. Juni 2020. Dieses Urteil und die Landesverweisung von A.A.________ seien aufzuheben. Es sei A.A.________ die Einreise zu gestatten, die Aufenthaltsbewilligung wieder zu erteilen und die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS zu löschen. Eventualiter sei die Sache, nach Aufhebung des bundesgerichtlichen Urteils vom 17. Juni 2020, an das Obergericht des Kantons Zürich zurückzuweisen. Die Kosten des Verfahrens seien auf die Staatskasse zu nehmen und sie seien für das vorliegende Revisionsverfahren angemessen zu entschädigen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Erwägungen:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.1.</b> Gegenstand dieses Verfahrens ist die Frage, ob das Urteil des Bundesgerichts 6B_191/2020 vom 17. Juni 2020 zu revidieren ist. Die Gesuchsteller berufen sich auf den Revisionsgrund gemäss <span class="artref">Art. 122 BGG</span>. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.2.</b> <span class="artref">Art. 122 BGG</span> steht in direktem Bezug zu <span class="artref">Art. 46 Ziff. 1 EMRK</span>. Diese Bestimmung verpflichtet die Vertragsstaaten, die endgültigen Urteile des EGMR zu befolgen; der betreffende Staat muss eine festgestellte Konventionsverletzung, soweit sie fortdauert, beseitigen und die beschwerdeführende Partei soweit möglich in die Lage versetzen, in der sie sich ohne die Konventionsverletzung befände ("restitutio in integrum"; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-I-86%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page86">BGE 137 I 86</a> E. 3.1 mit Hinweisen). </div> <div class="para">Das Revisionsverfahren vor Bundesgericht verläuft in mehreren Schritten. Zunächst prüft das Bundesgericht die Zulässigkeit des Revisionsgesuchs. Für Fragen, die nicht in Kapitel 7 des Bundesgerichtsgesetzes betreffend die Revision behandelt werden, sind die allgemeinen Bestimmungen dieses Gesetzes anwendbar. Erachtet das Bundesgericht das Revisionsgesuch als zulässig, tritt es auf das Verfahren ein und prüft, ob die Begründung des Gesuchs zutrifft. Wenn dies der Fall ist, fällt das Bundesgericht, normalerweise in einem einzigen Urteil, nacheinander zwei verschiedene Entscheide. Im ersten hebt es das Urteil auf, das Gegenstand des Revisionsgesuchs ist, und im zweiten befindet es über die Beschwerde, mit der es sich zuvor befasst hatte (vgl. <span class="artref">Art. 128 Abs. 1 BGG</span>). Sind die Voraussetzungen von <span class="artref">Art. 122 BGG</span> erfüllt, ist das vorherige Verfahren wieder aufzunehmen. Die Wiederaufnahme wirkt in dem Sinne ex tunc, als das Bundesgericht und die Verfahrensbeteiligten in jenen Zustand versetzt werden, in welchem sie sich vor der damaligen Urteilsfällung befunden hatten (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F147-I-494%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page494">BGE 147 I 494</a> E. 1.2<span class="artref">; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F144-I-214%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page214">144 I 214</a></span> E. 1.2; je mit Hinweisen). Der Streitgegenstand wird bei einer Revision durch das zu revidierende Urteil vorgegeben. Er bestimmt sich folglich nach dem Dispositiv des aufzuhebenden Urteils und den in jenem Verfahren gestellten Rechtsbegehren (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F147-I-494%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page494">BGE 147 I 494</a> E. 1.3; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-II-457%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page457">136 II 457</a> E. 4.2; je mit Hinweisen). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.3.</b> Nach <span class="artref">Art. 124 Abs. 1 lit. c BGG</span> ist das Revisionsgesuch beim Bundesgericht wegen der Verletzung der EMRK innert 90 Tagen einzureichen, nachdem das Urteil des EGMR nach <span class="artref">Art. 44 EMRK</span> endgültig geworden ist. </div> <div class="para">Weil das die Gesuchsteller betreffende Urteil des EGMR vom 17. September 2024 nicht an die Grosse Kammer überwiesen wurde, ist es endgültig geworden (Art. 42 i.V.m. <span class="artref">Art. 44 Ziff. 2 EMRK</span>). Mit der Einreichung des Revisionsgesuchs am 17. Dezember 2024 wurde die 90-tägige Frist gewahrt. </div> <div class="para">Ob die Gesuchstellerin, die am ursprünglichen Beschwerdeverfahren am Bundesgericht (Verfahren 6B_191/2020) nicht beteiligt war, überhaupt um Revision dieses Entscheids ersuchen kann (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F149-III-93%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page93">BGE 149 III 93</a> E. 1.2.2; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F138-V-161%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page161">138 V 161</a> E. 2.5.2; je mit Hinweisen), muss hier nicht vertieft werden. Denn die Gesuchsteller haben das vorliegende Revisionsgesuch gemeinsam eingereicht und zumindest der Gesuchsteller ist als Partei im bundesgerichtlichen Verfahren 6B_191/2020 zum Revisionsgesuch berechtigt. Er wurde für fünf Jahren des Landes verwiesen, weshalb er ein aktuelles schutzwürdiges Interesse hat. Auf das form- und fristgerechte Revisionsgesuch ist folglich einzutreten. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.1.</b> Die Gesuchsteller beziehen sich auf den Revisionsgrund gemäss <span class="artref">Art. 122 BGG</span>. Sie bringen im Wesentlichen vor, der EGMR habe in seinem Urteil vom 17. September 2024 festgestellt, dass die Anordnung und Aufrechterhaltung der Landesverweisung des Gesuchstellers in Verletzung von <span class="artref">Art. 8 EMRK</span> ergangen sei. Das Urteil des Bundesgerichts vom 17. Juni 2020 sei daher rechtswidrig und zwingend aufzuheben. Die Voraussetzungen der Revision seien klar gegeben. Dabei sei die unter <span class="artref">Art. 41 EMRK</span> ausgerichtete Entschädigung nicht geeignet, die Folgen der vom EGMR festgestellten Verletzung im Sinne von <span class="artref">Art. 122 lit. b BGG</span> auszugleichen, da das bundesgerichtliche Urteil 6B_191/2020 weiterhin seine Wirkung entfalte. Mit der Landesverweisung habe der Gesuchsteller seine Aufenthaltsbewilligung verloren und sei mit einer Einreisesperre belegt worden. Aufgrund des Urteils 6B_191/2020 bzw. der rechtskräftigen Landesverweisung sei es diesem daher nach wie vor verwehrt, in die Schweiz zu kommen, um mit seiner Familie zusammen zu leben. Die Landesverweisung sei somit formell aufzuheben und das Migrationsamt Zürich anzuweisen, die Aufenthaltsbewilligung des Gesuchstellers wieder aufleben zu lassen, damit er mit seiner Familie leben könne. Selbstverständlich sei auch die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS zu löschen. Schliesslich sei offensichtlich, dass das Strafverfahren des Gesuchstellers ohne Konventionsverletzung einen anderen Verlauf genommen hätte oder hätte nehmen können, so dass die Revision auch im Sinne von <span class="artref">Art. 122 Abs. 1 lit. c BGG</span> notwendig sei. Dies umso mehr als die Revision zur Beseitigung einer bestehenden Konventionsverletzung notwendig sei, da der Gesuchsteller wegen der Landesverweisung die Aufenthaltsbewilligung verloren habe und auch heute noch mit einer Einreisesperre belegt sei. Dies könne im Lichte von Art. 5 und Art. 61 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (AIG; SR 142.20) nur mit der Aufhebung der Landesverweisung behoben werden. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.2.</b> Nach <span class="artref">Art. 122 BGG</span> kann die Revision eines Entscheids des Bundesgerichts verlangt werden, wenn der EGMR in einem endgültigen Urteil (<span class="artref">Art. 44 EMRK</span>) festgestellt hat, dass die EMRK oder die Protokolle dazu verletzt worden sind [...] (lit. a), eine Entschädigung nicht geeignet ist, die Folgen der Verletzung auszugleichen (lit. b) und die Revision notwendig ist, um die Verletzung zu beseitigen (lit. c). Diese Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F150-IV-114%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page114">BGE 150 IV 114</a> E. 2.4.1<span class="artref">; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F147-I-494%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page494">147 I 494</a></span> E. 2<span class="artref">; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F144-I-214%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page214">144 I 214</a></span> E. 4; je mit Hinweis). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.2.1.</b> Gemäss <span class="artref">Art. 122 lit. a BGG</span> ist zunächst erforderlich, dass der EGMR in einem endgültigen Urteil (<span class="artref">Art. 44 EMRK</span>) die Verletzung der EMRK oder eines ihrer Protokolle festgestellt hat. </div> <div class="para">Der EGMR stellte in seinem Urteil vom 17. September 2024 eine Verletzung von <span class="artref">Art. 8 EMRK</span> fest (Verfahren Nr. 52232/20; §§ 29 ff.; Dispositiv-Ziffer 2). Dieser Entscheid ist endgültig geworden (vgl. E. 1.3). Die Voraussetzung von <span class="artref">Art. 122 lit. a BGG</span> ist damit in Bezug auf den Eingriff in das Recht auf Achtung des Familienlebens erfüllt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.2.2.</b> Eine Revision wegen Verletzung der EMRK setzt nach <span class="artref">Art. 122 lit. b BGG</span> weiter voraus, dass eine Entschädigung nicht geeignet ist, die Folgen der Verletzung auszugleichen. Nach der Rechtsprechung besteht für die Revision eines bundesgerichtlichen Urteils kein Anlass mehr, wenn der EGMR eine die Folgen der Konventionsverletzung ausgleichende Entschädigung gesprochen hat. Möglich bleibt die Revision nur insoweit, als sie geeignet und erforderlich ist, um über die finanzielle Abgeltung hinaus fortbestehende, konkrete nachteilige Auswirkungen der Konventionsverletzung im Rahmen des ursprünglichen Verfahrens zu beseitigen (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F150-IV-114%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page114">BGE 150 IV 114</a> E. 2.4.2<span class="artref">; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F147-I-494%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page494">147 I 494</a></span> E. 2.2; je mit Hinweis). </div> <div class="para">Der EGMR hat den Gesuchstellern EUR 10'000.-- als Entschädigung gemäss <span class="artref">Art. 41 EMRK</span> (sowie EUR 15'000.-- für Auslagen und Kosten) ausgerichtet (Verfahren Nr. 52232/20; §§ 58 ff.; Dispositiv-Ziffer 3). Die Gesuchsteller weisen in diesem Zusammenhang zutreffend darauf hin, dass mit dieser Entschädigung die Folgen der vom EGMR festgestellten Verletzung im Sinne von <span class="artref">Art. 122 lit. b BGG</span> nicht (bzw. nicht vollumfänglich) ausgeglichen sind. Denn das nach <span class="artref">Art. 61 BGG</span> rechtskräftige bundesgerichtliche Urteil 6B_191/2020 entfaltet weiterhin seine Wirkung und der Gesuchsteller darf aufgrund der darin bestätigten Landesverweisung nicht in die Schweiz einreisen (vgl. <span class="artref">Art. 5 Abs. 1 lit. d und <artref id="CH/142.20/61/1/e" type="start"></artref>Art. 61 Abs. 1 lit. e AIG</span><artref id="CH/142.20/5/1/d" type="end"></artref>). Die Voraussetzung nach <span class="artref">Art. 122 lit. b BGG</span> ist somit gegeben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.2.3.</b> Schliesslich kann die Revision wegen Verletzung der EMRK bloss verlangt werden, wenn die Revision notwendig ist, um die Verletzung zu beseitigen (<span class="artref">Art. 122 lit. c BGG</span>). Die Revision ist "notwendig", wenn das Verfahren vor dem Bundesgericht ohne Konventionsverletzung einen anderen Verlauf genommen hätte oder hätte nehmen können. Die Wendung "notwendig" bedeutet aber auch, dass es Sache der Vertragsstaaten ist, den am besten geeigneten Weg zu finden, um einen der EMRK entsprechenden Zustand wiederherzustellen und einen wirksamen Schutz der in der EMRK verankerten Garantien zu gewährleisten. Dabei sind die Interessen, die sich an den Bestand eines Urteils knüpfen, die Art der festgestellten Konventionsverletzung und die Natur der Revision als ausserordentliches Rechtsmittel mitzuberücksichtigen (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F147-I-494%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page494">BGE 147 I 494</a> E. 2.3; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=32&amp;from_date=15.01.2025&amp;to_date=03.02.2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-III-165%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page165">145 III 165</a> E. 3.3.1; je mit Hinweis). </div> <div class="para">Vorliegend ist von der Notwendigkeit der Revision auszugehen, weil das Verfahren 6B_191/2020 ohne Konventionsverletzung einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Der EGMR hat in seinem Entscheid vom 17. September 2024 festgestellt, er habe (lediglich) zu prüfen, ob der Eingriff in das Recht auf Achtung des Familienlebens "in einer demokratischen Gesellschaft notwendig" im Sinne von <span class="artref">Art. 8 Ziff. 2 EMRK</span> sei (Verfahren Nr. 52232/20; § 44). In Würdigung der konkreten Umstände (§§ 48 ff.) gelangt er zum Schluss (§§ 55 f.), die nationalen Gerichte hätten bei der Anordnung der fünfjährigen Landesverweisung des Gesuchstellers die Strassburger Rechtsprechung, die eine sorgfältige Interessenabwägung vorschreibe, nicht zufriedenstellend angewandt. So hätten sie dem geringen Verschulden des Gesuchstellers (1), dass dessen Strafe bedingt (2) ausgesprochen worden sei, dass der Gesuchsteller keine Vorstrafen (3) aufgewiesen habe, dass er für die öffentliche Sicherheit keine Gefahr (4) mehr darstelle, dessen Status als "long-term immigrant" (5; vgl. Recommendations Rec [2000]15 of the Committee of Ministers to member states concerning the security of residence for long-term immigrants vom 13. September 2000) und der negativen Auswirkungen der Landesverweisung auf dessen Familienangehörigen (6) nicht gebührend Gewicht beigemessen. Um die Konventionsverletzung zu beseitigen, ist die Änderung des ursprünglichen Entscheids und damit die Revision notwendig (Urteil 6F_5/2022 vom 2. März 2022 E. 3.2). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.3.</b> Zusammengefasst ist die Entschädigung gemäss <span class="artref">Art. 41 EMRK</span> nicht geeignet, die Folgen der festgestellten Verletzung (<span class="artref">Art. 122 lit. a BGG</span>) auszugleichen (<span class="artref">Art. 122 lit. b BGG</span>) und die Revision ist notwendig (<span class="artref">Art. 122 lit. c BGG</span>). Deshalb ist das Urteil des Bundesgerichts 6B_191/2020 vom 17. Juni 2020 (mit dem die Beschwerde in Strafsachen des Gesuchstellers gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 11. November 2019 betreffend die angeordnete Landesverweisung [<span class="artref">Art. 66a Abs. 2 StGB</span>] abgewiesen wurde, soweit darauf eingetreten wurde; Ziff. 1 und Ziff. 2 des Dispositivs) und das Urteil der I. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich vom 11. November 2019 aufzuheben (vorstehend Sachverhalt B.a) und die Sache zu neuer Beurteilung an das Obergericht zurückzuweisen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Über den Antrag um "unverzügliche Wiedereinreise des Gesuchstellers zum Verbleib bei seiner Familie" wird das Obergericht des Kantons Zürich zu entscheiden haben (Beschwerde S. 2 und S. 7 ff.; vgl. <span class="artref">Art. 388 StPO</span>; siehe Urteil 6F_5/2022 vom 2. März 2022 E. 4). Darauf ist hier nicht einzutreten. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>4.</b> </div> <div class="para">Da das Bundesgericht prozessual (<span class="artref">Art. 122 BGG</span> i.V.m. <span class="artref">Art. 46 Ziff. 1 EMRK</span>) und nicht in der Sache selbst entscheidet, ist unter Berücksichtigung des Beschleunigungsgebots kein Schriftenwechsel (<span class="artref">Art. 127 BGG</span>) anzuordnen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>5.</b> </div> <div class="para">Das Revisionsgesuch ist gutzuheissen. Es sind keine Kosten zu erheben und die Gesuchsteller sind für das Revisionsverfahren aus der Bundesgerichtskasse zu entschädigen. Da die Entschädigung insgesamt auf den üblichen Pauschalbetrag von Fr. 3'000.-- festgesetzt wird, kann auf die Einholung einer Kostennote verzichtet werden. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b> Demnach erkennt das Bundesgericht:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Das Revisionsgesuch wird gutgeheissen, Ziff. 1 und Ziff. 2 des Dispositivs des Urteils 6B_191/2020 vom 17. Juni 2020 werden aufgehoben und neu gefasst: </div> <div class="para"> </div> <div class="para">"1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 11. November 2019 wird aufgehoben und die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen. </div> <div class="para">2. Es werden keine Kosten erhoben." </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Im Revisionsverfahren werden keine Kosten erhoben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Den Gesuchstellern wird für das Revisionsverfahren eine Entschädigung von insgesamt Fr. 3'000.-- aus der Bundesgerichtskasse ausgerichtet. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>4.</b> </div> <div class="para">Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Zürich, I. Strafkammer, sowie dem Bundesamt für Justiz, Vertretung der Schweiz vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, schriftlich mitgeteilt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Lausanne, 22. Januar 2025 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Im Namen der I. strafrechtlichen Abteilung </div> <div class="para">des Schweizerischen Bundesgerichts </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Die Präsidentin: Jacquemoud-Rossari </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Die Gerichtsschreiberin: Pasquini </div> </div></body></html>