B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-7125/2023 U r t e i l v o m 4 . J a n u a r 2 0 24 Besetzung Einzelrichterin Jeannine Scherrer-Bänziger, mit Zustimmung von Richter Sebastian Kempe; Gerichtsschreiber Gregory Aloisi. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, c/o BAZ Embrach, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 20. Dezember 2023. D-7125/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a. Der Beschwerdeführer suchte am 3. Oktober 2023 in der Schweiz um Asyl nach. Auf dem Personalienblatt gab er an, am (…) geboren und somit noch minderjährig zu sein. A.b. Ein Abgleich mit der eu ropäischen Fingerabdruck-Datenbank (Euro- dac) ergab, dass er am (…) in Kroatien illegal eingereist war und dort glei- chentags um Asyl ersucht hatte. A.c. Der Beschwerdeführer beauftragte am 19. Oktober 2023 die Mitarbei- tenden des Rechtsschutzes für Asylsuchende im entsprechenden Bundes- asylzentrum mit der Wahrung seiner Interessen. A.d. Im Rahmen der Erstbefragung für Unbegleitete Minderjährige Asylsu- chende (EB UMA) vom 16. November 2023 brachte er vor, in Kroatien hät- ten die Polizisten ihre Hunde mit Maulkörben auf ihn und weitere Personen losgelassen, worauf er grosse Angst gehabt habe. Er sei mitgenommen , über längere Zeit ohne Nahrung und Flüssigkeit festgehalten und wieder- holt geschlagen worden. Da er zu schwach gewesen sei, die ihm vorgeleg- ten Papiere zu unterschreiben, hätten sie ihn weiter geschlagen und seine Hand mit dem Kugelschreiber so bewegt, dass er unterschrieben habe. Auch die Fingerabdrücke seien ihm unter Gewalt abgenommen worden. Weiter gab er an, dass einer seiner Brüder in der Schweiz lebe. A.e. Am 20. November 2023 beauftragte das SEM das (…) mit einer foren- sischen Altersdiagnostik. Gemäss Gutachten vom 28. November 2023 be- trug zum Zeitpunkt der Untersuchung am 22. November 2023 das Mindest- alter des Beschwerdeführers 19 Jahre; das angegebene Lebensalter von 17 Jahren und zwei Monaten könne nicht zutreffen. A.f. Mit Schreiben vom 30. November 2023 begründete das SEM dem Be- schwerdeführer, weshalb es beabsichtige, sein Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (…) mit Bestreitungsver- merk anzupassen. Es gewährte ihm das rechtliche Gehör zur solchermas- sen festgestellten Volljährigkeit und zur beabsichtigten Anpassung seiner Personendaten im ZEMIS sowie zur Zuständigkeit Kroatiens zur Durchfüh- rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens. Weiter erhielt der Beschwer- deführer Gelegenheit, sich zu seinem Gesundheitszustand zu äussern. D-7125/2023 Seite 3 A.g. Mit Stellungnahme vom 5. Dezember 2023 machte der Beschwerde- führer geltend, seit einigen Tagen erkältet zu sein und unter Kopf- und Hals- schmerzen zu lei den. Er bestritt weiterhin eine Volljährigkeit und wieder- holte, er habe sich in Kroatien misshandelt und gefoltert gefühlt. A.h. Am 6. Dezember 2023 änderte das SEM das Geburtsdatum des Be- schwerdeführers im ZEMIS auf den (…) mit Bestreitungsvermerk. A.i. Das SEM ersuchte die kroatischen Behörden am 5. Dezember 2023 um Rückübernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge- stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend Dub- lin-III-VO). Die kroatischen Behörden h iessen das Ersuchen am 18. De- zember 2023 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO gut. A.j. Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerdefüh- rer eine Tazkera in Kopie und den F-Ausweis seines in der Schweiz leben- den Bruders zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 20. Dezember 2023 (eröffnet am 21. Dezember 2023) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei- sung aus der Schweiz nach Kroatien an, forderte ihn auf, die Schweiz spä- testens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, beauftragte den Kanton (…) mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte die editi- onspflichtigen Akten aus. Zudem stellte es fest, das Geburtsdatum des Be- schwerdeführers im ZEMIS laute auf den (…) mit Bestreitungsvermerk. Schliesslich hielt es fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine auf- schiebende Wirkung zu. C. Am 21. Dezember 2023 teilte die damalige Rechtsvertretung die Beendi- gung des Mandatsverhältnisses mit. D. Der Beschwerdeführer focht die Verfügung des SEM vom 20. Dezember 2023 mit Beschwerde vom 21. Dezember 2023 beim Bundesverwaltungs- gericht an. Er beantragt, die Vorinstanz sei anzuweisen, auf sein D-7125/2023 Seite 4 Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen Er- stellung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sub-eventu- aliter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen bezüglich dem Zugang zum Asylverfahren, adäquater medizinischer Versorgung und Unterbringung von den Behörden des zuständigen Dublinstaates einzuho- len. In formeller Hinsicht ersucht er um Gewährung der aufschiebenden W ir- kung der Beschwerde, der unentgeltlichen Prozessführung und um amtli- che Verbeiständung. E. Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Überstellung am 22. De- zember 2023 einstweilen aus. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bun- desverwaltungsgericht gleichentags in elektronischer Form vor. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so- weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 Abs. 1 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Die von der Vorinstanz verfügte Anpassung des Geburtsdatums im ZEMIS (Dispositivziffer 6) wird nicht explizit angefoch- ten, weshalb – auch unter Berücksichtigung der diesbezüglich noch laufen-D-7125/2023 Seite 5 den Beschwerdefrist und der Beschwerdebegründung – davon auszuge- hen ist, die vorliegende Beschwerde richte sich ausschliesslich gegen den verfügten Nichteintretensentscheid. Dispositivziffer 6 ist folglich nicht Ge- genstand dieses Verfahrens. 3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver- fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch- führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. In der Be schwerde wird eventualiter beantragt, die angefochtene Verfü- gung sei aufzuheben, und die Sache sei zur Neubeurteilung an die Vor - instanz zurückzuweisen. Dieser Antrag wird indessen nicht näher begrün- det; insbesondere wird nicht dargelegt, dass respektive i nwiefern die an- gefochtene Verfügung an formellen Mängeln leide. Das Rückweisungsbe- gehren ist daher als unbegründet zu erachten und abzuweisen. Das Ver- fahren erweist sich ohne weiteres als spruchreif. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, w enn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). 6. 6.1 Im Falle einer unbegleiteten minderjährigen Person ohne familiäre An- knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 2 Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem jene einen Antrag auf inter- nationalen Schutz gestellt hat. Unbegleitete Minderjährige sind vom Wie- deraufnahmeverfahren ausgenommen (vgl. Filzwieser/Sprung, Dublin -III- VO, Wien 2014, Kap. 15 f. zu Art. 8). Es ist demnach vorab zu prüfen, ob D-7125/2023 Seite 6 das SEM die dargelegte Minderjährigkeit des Beschwerdeführers zutref- fend verneint hat. 6.2 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Per- son zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we- nigstens glaubhaft zu machen, da sie die Beweislast trägt, auch wenn das SEM die entscheidrelevanten Sachverhaltsmomente von Amtes wegen festzustellen hat (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.3 m.w.H.; Urteil E-319/2023 vom 24. Januar 2023 E. 5.2.2). 6.3 Das Gericht gelangt nach Durchsicht der Akten zum Schluss, dass die Ausführungen des SEM zu bestätigen sind, weshalb zur Vermeidung von Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen verwiesen werden kann (…). Die Vorinstanz hat die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers mit überzeugender Begründung verneint. Insbesondere das durchgeführte Al- tersgutachten ist ein starkes Indiz für die Volljährigkeit des Beschwerdefüh- rers (vgl. BVGE 2018 VI/3). Hingegen wurde die vom Beschwerdeführer zum Beleg seines Alters eingereichte Tazkera nicht im Original eingereicht, weshalb ihr Beweiswert von vorneherein gering ist. Überdies enthalten Taz- keras keine Sicherheitsmerkmale und können daher einfach gefälscht wer- den. Und selbst bei Annahme der Echtheit bestünde nach der Rechtspre- chung des Bundesverwaltungsgerichts die Möglichkeit, dass die darin ent- haltenen zeitlichen Angaben über das Geburtsdatum nicht dem wirklichen Alter entsprechen (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.2, bestätigt u.a. im Urteil des BVGer D-60/2020 vom 8. Februar 2021 E. 4.3.2). Weiter ist auch das Aus- sageverhalten des Beschwerdeführers nicht geeignet, die Resultate aus dem Altersgutachten umzustossen. Wie die Vorinstanz zu Recht aufzeigte, sind die Angaben des Beschwerdeführers, woher er sein Geburtsdatum kenne, vage ausgefallen und sind nicht ausreichend detailliert, um sie über- prüfbar und glaubhaft zu machen (…). Schliesslich haben die kroatischen Behörden das Übernahmeersuchen des SEM akzeptiert und somit auch die Einschätzung des SEM zur Volljährigkeit des Beschwerdeführers. 6.4 Insgesamt ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit glaubhaft zu machen. Das SEM ist folg- lich mit einem ordnungsgemässen Wiederaufnahmeersuchen an die kroa- tischen Behörden gelangt. 7. D-7125/2023 Seite 7 7.1 Nachdem der Beschwerdeführer bereits am (…) in Kroatien ein Asyl- gesuch gestellt hatte, handelt es sich um ein «tak e back»-Verfahren ge- mäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die kroatischen Behörden stimm- ten innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin -III-VO festgelegten Frist dem Über- nahmeersuchen der Vorinstanz gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO zu, womit die Zuständigkeit Kroatiens grundsätzlich gegeben ist. 7.2 Der Vollständigkeit halber ist festzustellen, dass der in der Schweiz wohnhafte Bruder nicht als Familienangehöriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gilt. Die Zuständigkeitskriterien zum Schutze der F amilien- einheit (Art. 9 ff. Dublin-III-VO) sind deshalb hier nicht einschlägig (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer F-2715/2021 vom 11. März 2022 E. 10.1). Ohnehin hat im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens grundsätzlich keine neu- erliche Zuständigkeitsprüfung stattzufinden (vgl. BVGE 2019 VI/7 E. 6.3 ff.; 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 7.3 Der Einwand des Beschwerdeführers, Kroatien sei nicht sein Zielland gewesen und er sei dort zur Abgabe seiner Fingerabdrücke gezwungen worden, vermag an der Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens nichts zu ändern, zumal diese bereits durch die von ihm nicht bestrittene Einreise in das Hoheitsgebiet des Dub- lin-Staates begründet wurde (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin -III-VO). Zudem gilt es darauf hinzuweisen, dass sich die Abnahme der Fingerabdrücke von illegal einreisen den ausländischen Personen und Asylsuchenden auf Art. 14 Abs. 1 der Verordnung (EU)Nr. 603/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 (Eurodac-Verordnung) stützt. Es steht dem Beschwerdeführer damit nicht frei zu wählen, ob und wann seine Fingerabdrücke abgenommen und an die "Eurodac"-Datenbank übermittelt werden. Das Vorgehen der kroatischen Behörden ist insofern nicht zu be- anstanden. Im Übrigen räumt die Dublin-III-VO kein Recht ein, den Asylan- trag prüfenden Staat selber auswählen zu können (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). 8. 8.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU –Grund- rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit- gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest-D-7125/2023 Seite 8 zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels II I bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 8.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltung sgerichts liegen zum heutigen Zeitpunkt keine konkreten Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Kroatien würden sys- temische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO aufweisen (vgl. dazu das Referenzurteil des BVGer E‑1488/2020 vom 22. M ärz 2023, welches die seit dem Referenzurteil D‑1611/2016 vom 22. M ärz 2016 bestehende Praxis best ätigt, wonach Dublin-Überstellungen nach Kroatien grundsätzlich zulässig sind). 9. 9.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in die ser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin -III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mit gliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylge- such «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür ge- mäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Entschei- dung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgericht darf sein eigenes Ermessen nicht an dessen Stelle setzen (BVGE 2015/9 E. 7.6 und E. 8.1 in fine). 9.2 Indem der Beschwerdeführer darlegt, er sei in Kroatien geschlagen und gedemütigt worden, fordert er implizit die Anwendung der Ermessensklau- sel. 9.3 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar- getan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder aufzu- nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine D-7125/2023 Seite 9 Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non -Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Es gibt auch keinen Grund zur Annahme, die Überstellung des Beschwerdeführers nach Kroatien würde zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen oder Kro- atien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehen- den minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. 9.4 Bei Wahrunterstellen der vom Beschwerdeführer geschilderten Erleb- nisse in Kroatien ist festzuhalten, dass er diese im Rahmen der illegalen Einreise erlebt hat. Im Falle einer Überstellung im Rahmen eines Dublin - Verfahrens befindet er sich in einer grundsätzlich anderen Situation, wes- halb aus den geschilderten Erlebnissen keine Schlüsse auf die Bedingun- gen gezogen werden können, denen er bei einer Rückführung nach Kroa- tien in den dortigen Aufenthaltsstrukturen ausgesetzt wäre (vgl. Urteil des BVGer D-6041/2022 vom 16. Mai 2023 E. 8.1). Da sein Asylverfahren dort hängig ist und die kroatischen Behörden seiner Übernahme ausdrücklich zugestimmt haben, wird er nicht mehr als Neuankömmling behandelt, son- dern in die Asylstrukturen integ riert, wo er alle ihm zustehenden Rechte wahrnehmen kann. Gegebenenfalls kann er sich an die zuständigen kroa- tischen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingun- gen auf dem Rechtsweg einfordern (Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Es steht ihm ebenfalls offen, sich an die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu wenden. 9.5 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, er wolle in der Schweiz bei seinem Bruder leben, ist festzustellen, dass ein besonderes, über die normale affektive Bindung hinausgehendes Abhängigkeitsverhältnis nach Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO nicht ersichtlich ist und vom Beschwerdeführer auch nicht behauptet wird. Weiter besteht auch im Lichte von Art. 8 EMRK keine völkerrechtliche Verpflichtung der Schweiz zu einem Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO. 9.6 Bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 verfügt das SEM über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Vorliegend bestehen keine Hinweise auf eine nicht gesetzeskon- forme Ausübung des Ermessens (Ermessensmissbrauch, Über- oder Un- terschreitung des Ermessens). Bei dieser Sachlage enthält sich das Ge- richt in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. D-7125/2023 Seite 10 9.7 Gemäss der geltenden Rechtsprechung zu Kroatien und mit Blick auf den vorliegenden Sachverhalt ist das SEM nicht gehalten, individuelle Zu- sicherungen von Kroatien einzuholen. Das diesbezügliche Eventualbegeh- ren ist abzuweisen. 9.8 Nach dem Gesagten liegen weder völkerrechtliche Vollzugshindernisse vor, welche die Schweiz zum Selbsteintritt verpflichte n würden, noch Rechtsfehler bei der Ermessenbetätigung. Es liegt folglich kein Grund für einen Selbsteintritt der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 in Verbin- dung mit Art. 17 Dublin -III-VO vor. Kroatien bleibt somit zuständiger Mit- gliedstaat gemäss Dublin-III-VO und ist verpflichtet, den Beschwerdeführer wiederaufzunehmen. 10. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31 a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die Überstellung des Beschwerdeführers nach Kroatien verfügt. Die Beschwerde ist abzuweisen. 11. 11.1 Der am 21. Dezember 2023 verfügte Vollzugsstopp fällt mit dem vor- liegenden Urteil dahin. 11.2 Mit dem Entscheid in der Hauptsache sind die Gesuche um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses gegenstandlos geworden. 11.3 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und um amtliche Verbeiständung (Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG) sind abzuweisen, da sich die Beschwerdebegehren entspre- chend den vorstehenden Erwägungen von vornherein als aussichtslos er- wiesen haben. 11.4 Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1 –3 des Reg- lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-7125/2023 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Verbeiständung werden abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Jeannine Scherrer-Bänziger Gregory Aloisi Versand: