B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6505/2010 U r t e i l v o m 8 . N o v e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richter François Badoud, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, Türkei, vertreten durch Gabriel Püntener, Rechtsanwalt, Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 5. August 2010 / N (…). E-6505/2010 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin – kurdische Volkszugehörige mit letztem Woh n- sitz in B._______ – reiste am 2. Juli 2007 illegal in die Schweiz ein und stellte gleichentags im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel ein Asylgesuch. Nach der Kurzbefragung im EVZ vom 5. Juli 2007 wurde sie für die Dauer des Verfahrens dem Kanton C._______ zugewiesen. Am 2. August 2007 fand eine direkte Anhörung durch das BFM gemäss Art. 29 Abs. 1 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) statt. B. Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs im Wesentlichen vor, Angehörige der Sicherheitskräfte hätten im Jahre 1993 in ihrem Herkunftsort D._______, ihren Vater vor den Augen der Familie erschossen und anschliessend das Haus der Familie in Brand gesetzt. Im Jahr 1994 sei sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern zunächst an e i- nen Ort nahe d er Grenze zum Irak gezogen, dann zu Verwandten in E._______, und sie habe schliesslich seit etwa 1995 mit ihrer älteren Schwester F._______ in B._______ gelebt. Dort seien sie und ihre Ange- hörigen unter ständiger Beobachtung der Behörden gestanden, weil si e als terroristische Familie gegolten hätten, obwohl sie nicht politisch aktiv gewesen seien. Sie hätten anonyme Telefonanrufe erhalten und es seien immer wieder Hausdurchsuchungen durchgeführt worden. Zudem sei sie etwa ein bis zwei Mal pro Monat auf den Polizeiposten vorgeladen wo r- den. Dort seien ihr jeweils Fotos von Personen gezeigt worden, zwecks deren Identifizierung, und es seien ihr Fragen zu ihrer in der Schweiz als Flüchtling anerkannten Schwester G_______ gestellt worden. G_______ sei vor längere r Zeit von den Oezel -Tim entführt, einen Monat lang fes t- gehalten und gefoltert worden. Ende Januar 2007 habe die Beschwerde- führerin auf Anraten einer Freundin mithilfe des Anwalts ihrer Familie, H._______, bei den Behörden eine Entschädigungsklage wegen der Er- mordung ihres Vaters eingereicht. Etwa Ende Februar 2007 sei sie, als sie mit einer Freundin an einer Bushaltestelle gewartet habe, von unb e- kannten Männern wegen der von ihr eingereichten Klage beschimpft und mit dem Tod bedroht worden. Sie habe zunächst auch wegen dieses Vor- falls eine Anzeige erstatten wollen, habe aber dann davon abgesehen, weil ihre Freundin nicht bereit gewesen sei, als Zeugin auszusagen. Ende April 2007 hätten vier Männer sie auf der Strasse in ein Auto gezerrt und gefesselt und mi t verbundenen Augen an einen ihr unbekannten Ort g e-E-6505/2010 Seite 3 bracht. Dort sei sie in einem Kellerraum während 13 Stunden verhört worden, wobei die maskierten Männer hätten wissen wollen, warum sie die Entschädigungsklage eingereicht habe und wer die Idee hierzu g e- habt habe. Sie sei mit dem Tod bedroht worden, für den Fall, dass sie die Klage nicht zurückziehe. Die Stimme des einen Mannes sei ihr bekannt vorgekommen. Zudem sei sie geschlagen und an den Haaren gezogen worden und habe sich während der ganzen Zeit nich t hinsetzen dürfen. Nachdem sie erklärt habe, G._______ habe sie zur Einreichung der Kl a- ge veranlasst und sie versprochen habe, diese zurückzuziehen, sei sie in der Nähe ihre s Wohn orts wieder freigelassen worden. Weil sie weitere Repressalien befürchtet h abe, habe ihre Mutter am Tag darauf den Kur- denverein um Hilfe ersucht, und dieser habe ihre Ausreise organisiert. Zwei Tage nach der Freilassung sei sie nach Istanbul gebracht worden, wo sie sich etwa eine Woche bei ihr unbekannten Leuten aufgehalten h a- be. Darauf sei sie in einem LKW versteckt über ihr unbekannte Länder in die Schweiz gebracht worden, wobei es zu zwei längeren Zwischenau f- enthalten an ihr unbekannten Orten gekommen sei. Sie habe wegen des Erlebten psychische Probleme und brauche deswegen ärz tliche Behand- lung. C. Mit Eingaben ihres Rechtsvertreters vom 6. September 2007, 24. Se p- tember 2007 und 8. Oktober 2007 reichte die Beschwerdeführerin eine Kopie der von ihr dem Rechtsanwalt H._______ erteilten Vollmacht, d a- tiert vom 12. Februar 2007, ein Be stätigungsschreiben von H._______ vom 16. Februar 2007 betreffend die Ermordung ihres Vaters, eine schrift- liche Anzeige vom 13. März 2007 betreffend de n Vorfall vom Februar 2007, und eine Bestätigung von H._______ vom 20. April 2007, dass die- se Anzeige nicht eingereicht wurde, jeweils inklusive Übersetzung und mit Zustellcouvert zu den Akten. D. Mit Eingabe vom 24. Dezember 2008 reichte die Beschwerdeführerin ein ärztliches Zeugnis der Psychiatrischen Dienste C._______ vom 16. D e- zember 2008 ein. E. Mit Eingaben vom 29. April 2009, 20. Juli 2009 und 23. Dezember 2009 ersuchte die Beschwerdeführerin aufgrund ihres schlechten Gesun d- heitszustandes um beförderliche Behandlung ihres Asylgesuchs. E-6505/2010 Seite 4 F. Mit Schreiben vom 1 5. Januar 2010 forderte das BFM die Beschwerd e- führerin zur Einreichung eines aktuellen ärztlichen Berichts auf. Mit Eingabe vom 4. März 2010 reichte die Beschwerdeführerin innert e r- streckter Frist einen Bericht der Psychiatrischen Dienste C._______ vom 24. Februar 2010 ein. G. Mit Verfügung vom 5. August 2010 – eröffnet am 13. August 2010 − stellte das BFM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an. Auf die Begründung wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. H. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 13. September 2010 beantragte die Beschwerdeführerin, die Verfügung des BFM vom 5. August 2010 sei aufzuheben und die Sache sei zur Feststellung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei ihr die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und das Asyl zu gewähren, beziehungsweise es sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. In formeller Hin- sicht beantragte sie, es sei ihr vor einer Gutheissung eine Frist zur Einrei- chung einer detaillierten Kostennote anzusetzen. Zudem sei das Verfa h- rensdossier N 453 700 ihrer Schwester G._______ beizuziehen, ihr Ei n- sicht in diese Akten zu gewähren und eine Frist zur diesbezüglichen Ste l- lungnahme einzuräumen. Ferner sei ihr eine Frist zur Einreichung eines psychiatrischen Zusatzberichts einzuräumen. Auf die Begründung wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. Z um Be- leg ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin ein Schreiben des Büros der Kommission für Schadensfeststellung an die Direktion der B e- zirksverwaltung I._______ vom 30. Juli 2007 hinsichtlich der von ihr ei n- gereichten Klage, inklusive Übersetzung, zu den Akten. I. Mit Zwischenverfügung vom 22. September 2010 verzichtete der Instru k- tionsrichter auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und gab der B e- schwerdeführerin Gelegenheit, innert Frist eine Kostennote einzureichen. Zudem stellte er fest, dass auf die übrigen Anträge zu einem späteren E-6505/2010 Seite 5 Zeitpunkt des Verfahrens zurückgekommen werde und überwies die A k- ten ans BFM zur Einreichung einer Vernehmlassung. J. Mit Eingabe vom 27. September 2010 reichte der Rechtsvertreter der B e- schwerdeführerin eine Kostennote ein. K. In ihrer Vernehmlassung vom 18. Oktober 2010 hielt die Vorinstanz an ih- rer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. L. Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 9. November 2010 machte die Beschwerdeführerin von dem ihr mit Instruktion sverfügung vom 22. Okto- ber 2010 eingeräumten Recht zur Stellungnahme Gebrauch und hielt an ihren Rügen fest. Zudem beantragte sie die Offenlegung des Aktenstücks A 34/1 und die Aufforderung de s Bundesamts zu einer zusätzlichen Ve r- nehmlassung und stellte die Einreichung weiterer Beweismittel in Au s- sicht. M. Mit Eingabe vom 19. Januar 2011 reichte die Beschwerdeführerin ein Schreiben ihres Rechtsanwalts H._______ mit Beilage vom 7. Dezember 2010, betreffend das gegen die türkischen Behörden einge leitete Verfah- ren in Kopie und eine Bestätigung des Büros der Kommission zur Fes t- stellung von Schäden, Bezirk I._______, vom 6. Januar 2011, beide i n- klusive Übersetzung und Zustellcouvert , ein. Zudem beantragte sie die Durchführung einer Botschaftsabklärung bezüglich des in der Türkei ei n- geleiteten Verfahrens. N. Im Rahmen eines zweiten Schriftenwechsels hielt das BFM in seiner Ve r- nehmlassung vom 7. Februar 2011 weiterhin an der angefochtenen Ve r- fügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Die Ver nehmlassung des BFM wurde der Beschwerdeführerin mit Z u- schrift vom 23. Februar 2011 zur Kenntnis gebracht. O. Mit Eingabe vom 23. September 2011 reichte die Beschwerdeführerin e i- nen weiteren Bericht der Psychiatrischen Dienste C._______ vom 24. August 2011 zu den Akten. E-6505/2010 Seite 6 P. Mit Schreiben vom 22. August 2012 wies der Gemeindeschreiber der Gemeinde J._______ auf die fortgeschrittene Integration der Beschwe r- deführerin hin und erkundigte sich namens derselben nach dem Stand des Beschwerdeverfahrens. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist da her zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entsche i- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem V wVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdi- ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung ; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige E-6505/2010 Seite 7 oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlin gen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ern sthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das BFM stellte sich zur Begründung seiner Verfügung auf den Standpunkt, es liege kein genügend enger zeitlicher und sachlicher Ka u- salzusammenhang zwischen der Tötung des Vaters der Beschwerdefü h- rers und den damit einhergehenden Ereignissen im Jahre 1993 und ihrer Ausreise im Jahre 2007 vor. Im Weiteren vermöge sie die von ihr vorg e- brachten Repressalien durch die Behörden in B._______ ab dem Jahr 1995 nicht glaubhaft zu machen. Ihre diesbezüglichen Sch ilderungen sei- en stereotyp und allgemein geblieben und sie habe ihr e persönlichen Er- lebnisse nicht in zu erwartender Detailliertheit und Anschaulichkeit darl e- gen können. Sie vermöge auch das jahrelange Interesse der Behörden an ihrer Familie nicht plausibel zu erklären. Die eingereichten Dokumente vermöchten keine andere Einschätzung zu rechtfertigen, da sie von der Beschwerdeführerin beziehungsweise deren Rechtsanwalt verfasst wo r- den seien. Die Umstände, dass die Beschwerdeführerin ein Begehren um Wiedergutmachung des Rufs ihres Vaters eingereicht habe , sowie dass eine Schwester in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei, ve r- möchten keine asylrelevante Verfolgung zu begründen. Die Mensche n-E-6505/2010 Seite 8 rechtslage in der Türkei habe sich in den letzten Jahren deut lich verbes- sert. Insbesondere habe eine Verbesserung der Rechtssicherheit zu einer weitgehenden Verdrängung der früher verbreiteten behördlichen Willkür geführt. Bei Angehörigen früher verfolgter Personen bestehe keine G e- fahr von Reflexverfolgung und auch Nachforschungen bei Familienange- hörigen von politisch missliebigen Personen würden in der Regel kein asylrechtlich relevantes Ausmass annehmen. Es bestehe demnach kein Grund zur Annahme, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihres familiä- ren Umfeldes mit be achtlicher Wahrscheinlichkeit mit Reflexverfolgung s- massnahmen ernsthaften Ausmasses rechnen müsse. Im Übrigen wü r- den sich den Akten keine Anhaltspunkte dafür entnehmen lassen, dass der Beschwerdeführerin im Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlic h- keit eine durch Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schut- ze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) verbote- ne Strafe oder Behandlung drohen würde. Zudem lasse weder die allg e- meine Menschenrechtssituation in der Türkei noch die individu elle Situa- tion der Beschwerdeführerin den Wegweisungsvollzug als unzumutbar erscheinen. Namentlich verfüge sie in der Heimat über ein funktioniere n- des familiäres Beziehungsnetz und die von ihr vorgebrachten psych i- schen Probleme seien in der Türkei adäquat behandelbar. 4.2 In ihrer Beschwerdeeingabe rügte die Beschwerdeführerin zunächst, dass die Vorinstanz das Verfahrensdossier ihrer Schwester G._______ (N […]), welcher in der Schweiz Asyl gewährt worden sei, nicht beigezogen und damit die Parallelen zwischen ihren Asylvorbringen und denjenigen von G._______ nicht beachtet habe. Aufgrund der von ihr im Jahre 2007 eingereichten Klage wegen des Todes ihres Vaters liege sehr wohl ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen diesem und den Verfo l- gungsmassnahmen gegen s ie vor. Mit seinen Erwägungen hinsichtlich der von ihr eingereichten Beweismittel suggeriere das BFM, dass die Klageeinreichung im Jahre 2007 bloss fingiert worden sei. Im Falle eines solchen Verdachts hätte ihr das rechtliche Gehör gewährt werden und damit Gelegenheit gegeben werden müssen, entsprechende Belege ein- zureichen, oder es hätten zusätzliche Abklärungen vorgenommen werden müssen. Somit sei der Sachverhalt nicht vollständig und richtig abgeklärt worden. Durch das nunmehr vorliegende Schreiben des Büros der Kom- mission für Schadensfeststellung sei die Klageeinreichung erstellt. Im Weiteren gehe aus den beiden von ihr eingereichten Arztberichten hervor, dass sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leide, welche unter anderem zu Schwierigke iten bei der Konzentration sowie der Au s- einandersetzung mit den Traumatisierungen führe. Das Bundesamt habe E-6505/2010 Seite 9 diese Umstände bei der Einschätzung der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbri n- gen nicht beachtet. Es sei bekannt, dass traumatisierte Opfer nicht in der Lage seien, detailliert und widerspruchsfrei über ihre Erlebnisse zu b e- richten. Aufgrund des eingeschränkten Untersuchungsgrundsatzes hätte im Falle von Zweifeln an den Folgerungen der behandelnden Ärzte ein spezifischer Bericht zu ihrer Fähigkeit zu substanzi ellen Schilderungen eingeholt werden müssen. Auch in Bezug auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei die Vorinstanz nicht auf die eingereichten Arztzeugnisse eingegangen und habe damit den Sachverhalt weder vol l- ständig noch richtig abgeklärt. Falls die Sache nicht für weitere Abkläru n- gen an die Vorinstanz zurückgewiesen werde, sei von der Beschwerdei n- stanz das Verfahrensdossier von G._______ beizuziehen, und es sei ihr dieses offenzulegen und eine Frist zur Stellungnahme einzuräumen. Z u- dem werde, falls das Gericht daran zweifle, dass sie ein Verfahren wegen des Todes ihres Vaters eingeleitet habe, die Durchführung einer Bo t- schaftsabklärung beantragt. Schliesslich sei ihr Gelegenheit zur Einre i- chung eines zusätzlichen psychiatrischen Zeugniss es zu geben, falls daran gezweifelt werde, dass ihre Fähigkeit zu substanziierten Aussagen beeinträchtigt gewesen sei. 4.3 Das BFM führte in seiner Vernehmlassung unter anderem aus, dass eine unterschiedliche Beurteilung der Asylvorbringen der Beschwerdefüh- rerin einerseits und G._______ andererseits gerechtfertigt s ei, weil im Zeitpunkt, als erstere ihre Klage eingereicht habe, die Menschenrechtss i- tuation in der Türkei erheblich verbessert gewesen und eine Verfolgung daher nicht mehr zu befürchten gewesen sei. 4.4 Die Beschwerdeführerin rügte im Rahmen ihrer Replik namentlich, die Argumentation der Vorinstanz sei widersprüchlich, da gemäss deren Da r- stellung eine Verbesserung der allgemeinen Lage in der Türkei seit dem Jahre 2005 − und damit bereits im Zeitpunkt der Beurteilung des Asylge- suchs von G._______ − eingetreten sei . Zudem sei trotz der erfolgten Gesetzesreformen die Willkür in der Praxis der türkischen Behörden nach wie vor weit verbreitet. 5. In formeller Hinsicht ist zunächst festzuhalten, dass sowohl die Vorinstanz als auch das Bundesverwaltungsgericht das Verfahrensdossier der Schwester der Beschwerdeführerin (G._______) und von deren Ehemann (N […]) beigezogen und berücksichtigt haben. Da diese Akten, wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen ergibt, für d as vorliegende Verfa h-E-6505/2010 Seite 10 ren nicht entscheidrelevant sind, ist der Antrag der Beschwerdeführerin auf deren Offenlegung abzuweisen. Ferner ist auf ihre Anträge auf die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks zusätzlicher Sachve r- haltsabklärungen respektiv e die Vornahme weiterer Abklärungen durch das Gericht nicht weiter einzugehen, da, wie im Folgenden dargelegt wird, bereits aufgrund des vorliegenden Sachverhalts die Voraussetzu n- gen zur Gewährung des Asyls gegeben sind. 6. 6.1 Bei der Beurteilung, ob die Flüch tlingseigenschaft glaubhaft gemacht ist, geht es um eine Gesamtwürdigung aller Sachverhaltselemente, die für oder gegen die asylsuchende Person sprechen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1996 Nr. 28 E. 3 a S. 270). Für die Glaubhaftigkeit von Fluchtvorbringen sprechen insbesondere: Übereinstimmung (zwischen den verschiedenen Befragungen, mit den Beweismitteln und Indizien, mit der allgemeinen La- ge im Heimatgebiet, Vereinbarkeit mit dem dortigen Verfolgung smuster etc.), Kohärenz, Substanziiertheit, Plausibilität, Schlüssigkeit, Korrektheit und Originalität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit und Offenheit sowie gegebenenfalls die Weiterführung der im Heimatland begonnenen politischen Aktivität. Gegen d ie Glaubhaftigkeit sprechen insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden sowie aufgeblähte Schilderungen und nachgeschobene Vorbringen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsschilderung dann, wenn die positiven Elemente überwiegen. Die blosse Plausibilität reicht aber nicht aus, wenn gewicht i- ge Umstände gegen die Sachverhaltsdarstellung sprech en (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser {Hrsg.}, Ausländerrecht, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band VIII, Basel u.a. 2009, S. 568, Rz. 11.149; EMARK 1996 Nr. 28 E. 3a S. 270). An die Glaubhaftmachung dürfen nicht zu strenge Anforderungen gestellt werden und die Argumentation der Behörden darf sich nicht in blossen Gegenbehauptungen oder allgemeinen Vermutungen erschö p- fen. Angesichts des reduzierten Beweismasses der Glaubhaftmachung besteht durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vo r- bringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob eine Gesamtwürdigung aller Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Richtigkeit der Sac h- verhaltsdarstellung des Gesuchstellers sprechen, überwiegen oder nic ht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.3 S. 826 f., EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; EMARK 2004 Nr. 1 E 5 S. 4 ff., jeweils mit weiteren Hinweisen). E-6505/2010 Seite 11 6.2 Aufgrund der im Beschwerdeverfahren eingereichten Dokumente ist erstellt, dass die Beschwerdeführerin im Jahre 2007 ein Entschädigungs- verfahren wegen der Ermordung ihres Vaters anhängig gemacht hat. Im Weiteren kommt das Bundesverwaltungsgericht – entgegen der Auffas- sung der Vorinstanz – zum Schluss, dass auch ihre Vorbringen hinsicht- lich der im Februar und April 2007 erlittenen Übergriffe durch Angehörige der Sicherheitskräfte grundsätzlich als mit überwiegender Wahrschei n- lichkeit glaubhaft zu erachten sind. Ihre diesbezüglichen Ausführungen in beiden Befragungen sind widerspruchsfrei, kohärent und plausibel ausge- fallen. Zudem enthalten ihre Schilderungen insbesondere des zweiten Vorfalls – auch wenn sie eher knapp ausgefallen sind − etliche Einzelhei- ten (Blutflecke an den Wänden, Vertrautheit der Stimme der einen Pe r- son), welche den Eindruck einer Schilderung realer Erlebnisse erwecken. In diesem Zusammenhang ist auch zu berücksic htigen, dass die B e- schwerdeführerin nur über einen geringen Bildungsgrad verfügt und dem- nach wenig Erfahrung in der Beschreibung ihrer Erlebnisse und Eindr ü- cke haben dürfte. Insgesamt weisen die Asylvorbringen der Beschwerde- führerin unter diesen Umständen einen angemessenen Grad an Ausführ- lichkeit und Detailreichtum auf. 7. 7.1 Im Folgenden ist somit zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin au f- grund des oppositionellen Profils ihrer Familie und dem von ihr eingeleite- ten Entschädigungsverfahren begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG hat. 7.2 Begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn konkreter Anlass best eht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrschein- lichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht und werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit eben solcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Z u- kunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz abschliessend aufg e- zählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar e r- scheinen lassen (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2). Massgeblich kann indessen nicht allein sein, was ein vernünftig denkender und besonnener Mensch angesichts geschehener oder drohender Ve rfolgungsmassnahmen zu Recht empfunden hätte. Vielmehr ist diese rein objektive Betrachtung s- weise zusätzlich durch das vom Betroffenen bereits Erlebte und das Wi s-E-6505/2010 Seite 12 sen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Dabei hat derjenige, der bereits früher staatlicher Verfolgung ausgesetzt war, objek- tive Gründe für eine ausgeprägtere Furcht als jemand, der erstmals in Kontakt mit staatlichen Sicherheitskräften kommt (vgl. EMARK 2004 Nr. 1 E. 6a, mit weiteren Hinweisen; Handbuch zum Asyl - und Wegweisungs- verfahren, Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH [Hrsg.], Bern/Stuttgart/ Wien 2009, S. 188 f.). 7.3 Den Ausführungen der Beschwerdeführerin ist zu entnehmen, dass ihr Vater im Jahr 1993 von den Sicherheitskräften ermordet wurde. Nach- dem die Beschwerdeführerin im Januar 2007 eine Entschädigungsklage wegen des Todes ihres Vaters eingereicht hatte, wurde sie zweimal von Angehörigen der Sicherheitskräfte bedroht und dazu gedrängt, ihre Klage zurückzuziehen, wobei sie beim zweiten Vorfall während rund 13 Stunden festgehalten und misshandelt wurde. Demnach hat die Beschwerdeführerin vor ihrer Ausreise bereits Repres- salien erheblichen Ausmasses erlitten und ist als vorverfolgt zu betrac h- ten. Es ist davon auszugehen, dass diese Repressalien damit in Zusam- menhang stehen, dass ihre Familie, wie von ihr plausibel dargelegt, von den Behörden seit Langem verdächtigt wird, mit der PKK zu sympathisie- ren, deswegen unter verstärkter Beobachtung steht und immer wieder von Hausdurchsuchungen und Vorladungen der Polizei betroffen gew e- sen ist. In Anbetracht dieses exponierten Profils der Beschwerdeführerin und der erlittenen Vorverfolgung besteht somit hinreichend Anlass zur Annahme, dass sie im Falle der Rück kehr in ihr Heimatland begründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen in asylbeachtlichem Ausmass durch die türkischen Behörden hat. 7.4 Zwar ist aufgrund der Darstellung der Beschwerdeführerin davon aus- zugehen, dass Urheber der Übergriffe gegen sie einzelne Sicherheits be- amte waren und ihr grundsätzlich die Möglichkeit offensteht, die heimatli- chen Behörden um Schutz zu ersuchen. Indessen ist zu beachten, dass in Fällen mutmasslicher Menschenrechtsverletzungen von Staatsbediens- teten häufig keine wirkungsvollen Ermittlungen durchgeführt und die A n- geschuldigten demnach nur selten verurteil t oder bestraft werden (US Department of State, Country Reports on Human Rights Practices 2011 – Turkey; Amnesty International Report 2012, Türkei). Es ist demnach zu bezweifeln, dass ein adäquater Schutz der Beschwerdeführerin vor den ihr drohenden Übergriffen in ihrem Heimatstaat gewährleistet ist. Der Auf- fassung der Vorinstanz, eine asylrechtlich relevante Gefährdung könne E-6505/2010 Seite 13 aufgrund der von der türkischen Regierung vorgenommenen Gesetzesre- formen ausgeschlossen werden, kann nicht gefolgt werden. Zwar ist d a- von auszugehen, dass sich die allgemeine Situation der kurdischen B e- völkerung in den letzten Jahren im Zuge der Annäherung der Türkei an die EU generell verbessert hat. Die 2010 umgesetzten Änderungen der Verfassung und des Antiterrorgesetzes waren ein Sc hritt hin zum Schutz der Menschenrechte, der notwendige grundlegende Wan del wurde damit jedoch nicht vollzogen. Nach wie vor finden Strafverfahren statt, mit d e- nen das Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt wird. Vorschläge zur Einrichtung unabhängiger Mechanismen zur Wahrung der Mensche n- rechte werden nicht umgesetzt. Es sind zudem weiterhin viele Berichte über Menschenrechtsverletzungen, namentlich Folter und andere Mis s- handlungen, durch Angehörige der Sicherheitskräfte zu verzeichnen (Human Rights Watch, World Report 2012 - Turkey; U.S. DEPARTMENT OF STATE, Country Reports on Human Rights Practices for 2011 - Turkey, 24. Mai 2012; AMNESTY INTERNATIONAL, Amnesty Report 2012 - Türkei). 7.5 Da die befürchteten Nachteile im Übrigen von den türkischen Siche r- heitskräften ausgehen, welche auf dem ganzen Territorium der Türkei die Staatsmacht repräsentieren, ist im vorliegenden Fall auch nicht vom B e- stehen einer sicheren innerstaatlichen Fluchtalternative auszugehen. 8. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der von der Beschwerdeführe- rin zur Begründung ihres Asylgesuchs geltend gemachte Sachverhalt glaubhaft ist und sie aufgrund desselben die Voraussetzungen für die Z u- erkennung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Da den Akten keine Anhaltsp unkte zu entnehmen sind, die auf das Vo r- liegen von Ausschlussgründen im Sinne von Art. 52 ff. AsylG hindeuten, ist ihr in der Schweiz Asyl zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG). 9. Nach dem Gesagten ist in Gutheissung der Beschwerde die ange foch- tene Verfügung a ufzuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, die B e- schwerdeführerin als Flüchtling anzuerkennen und ihr in der Schweiz Asyl zu gewähren. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). E-6505/2010 Seite 14 11. Sodann ist der vertre tenen Beschwerdeführerin angesichts ihres Ob - siegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reg le- ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi - gung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzu - sprechen. Die Parteientschädigung ist auf Grund der eingereichten Ko s- tennote, des geschätzten seither angefallenen Aufwandes, der Akten (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE) sowie unter Berücksichtigung der ma ssgeb- lichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) auf pauschal Fr. 3'462.– (inkl. MWSt) festzusetzen. Das BFM ist anzuweisen, de r Beschwerdefüh- rerin diesen Betrag als Parteientschädigung zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) E-6505/2010 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 5. August 2010 wird aufgehoben und das Bundesamt wird angewiesen, der Beschwerdeführerin in der Schweiz Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Die Vorinstanz wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Ver - fahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'462.- (inklusive Auslagen) zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, das BFM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Kurt Gysi Nicholas Swain Versand: