Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 30. August 2021 (720 20 179 / 230) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Verrechnung der IV-Nachzahlung mit der vorgeleistete n Lohnfortzahlung. Für die Ermitt- lung der Höhe des Verrechnungsbetrages ist die Höhe der Vorschussleistung und nicht das Pensum, für welches die Vorschussleistung erbracht wurde, relevant – sofern der An- spruch auf eine IV-Rente anhand eines 100%-igen Erwerbspensums berechnet wurde. Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Gerichtsschrei berin Jeannine Gass Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Daniel Altermatt, Rechtsanwalt, Neuarlesheimerstrasse 15, Postfach 435, 4143 Dor- nach gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Be- schwerdegegnerin Betreff Drittauszahlung IV-Rente A. Die 1974 geborene A.____ arbeitete vom 8. Juli 2 001 (gemäss Formular Früherfassung) bzw. vom 1. August 2006 (gemäss Anmeldeformular IV und Arbeitsvertrag) bis am 18. April 2018 als schulische Heilpädagogin für den Kanton Basel-Landsch aft im Schulzentrum B.____ in Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht X.____ in einem 100 % Pensum, bzw. ab dem 1. August 2 015 aufgrund der teilweisen Arbeits- unfähigkeit in einem 80 % Pensum. Im Zeitraum vom 1. März 2017 bis 30. November 2019 rich- tete die Arbeitgeberin trotz alternierender teilweiser bzw. ganzer Arbeitsunfähigkeit weiterhin den vollen Lohn aus. Nach Abklärung der gesundheitlichen und erwerblichen Verhältnisse sprach die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) A.____ mit Ve rfügung vom 6. März 2020 rückwirkend für den Zeitraum vom 1. März 2017 bis 20. September 2017 e ine Viertelsrente, vom 1. November 2017 bis 30. November 2017 eine ganze Rente, vom 1. De zember 2017 bis 28. Februar 2018 eine Dreiviertelsrente, vom 1. März 2018 bis 30. Juni 20 18 eine Viertelsrente, vom 1. Juli 2018 bis 30. November 2019 eine ganze Invalidenrente zu. Da raus ergab sich eine Nachzahlung in Höhe von insgesamt Fr. 52'978.--. Diesen Betrag verrech nete die IV-Stelle mit dem geleisteten Vorschuss der Arbeitgeberin in Höhe von Fr. 216'242.10 (recte Fr. 209’735.29). B. Dagegen erhob A.____, vertreten durch Rechtsanwalt Daniel Altermatt, am 11. Mai 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteil ung Sozialversicherungsrecht (Kan- tonsgericht). Darin beantragte sie, die Beschwerdegeg nerin sei unter teilweiser Aufhebung der Verfügung vom 6. März 2020 anzuweisen, die Rentennachzahlung von Fr. 52'978.-- im Umfang von 80 % (somit Fr. 42'382.--) an die Finanz- und Kirchendirektion des Kantons Basel-Landschaft und im Umfang von 20 % (somit Fr. 10'596.--) an die Beschwerdeführerin auszuzahlen; unter o/e- Kostenfolge. Zur Begründung brachte sie sinngemäss vor, dass sie aus gesundheitlichen Grün- den ihr Arbeitspensum auf 80 % reduziert habe, wodurch sie eine Erwerbseinbusse von 20 % erlitten habe. Es könne daher nicht angehen, dass die gesamte Rentennachzahlung an die Ar- beitgeberin ausgerichtet werde. Vielmehr stünden nur 80 % der Rentennachzahlung der Arbeit- geberin zu. C. In ihrer Vernehmlassung vom 3. März 2021 schloss die I V-Stelle auf Abweisung der Be- schwerde mit der Begründung, dass die Arbeitgeberin Lohnzahlungen in Höhe von Fr. 216'242.10 (recte Fr. 209’735.29) für ein 80 % Pensum vorgeleiste t habe und die anwendbare Verordnung über die Lohnansprüche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Arbeitsunfähigkeit infolge Krank- heit oder Unfall des Kantons Basel-Landschaft (Lohnvero rdnung) in § 10 die Abtretung von An- sprüchen unter anderem gegenüber der Invalidenversicherung während der Dauer der Lohnfort- zahlung an die Arbeitgeberin vorsehe. Somit sei ein gesetzliches Rückforderungsrecht gegeben. Die Beschwerdeführerin habe zudem durch die vertragliche Reduktion auf ein 80 % Pensum auf die Verwertung der Restarbeitsfähigkeit von 20 % verzi chtet, was eine Verrechnung des vollen Betrags rechtfertige. D. In ihrer Replik vom 7. Mai 2021 hält die Beschwerd eführerin an ihren Ausführungen und Rechtsbegehren gemäss der Beschwerdeschrift vom 11. Mai 2020 fest und merkt an, dass § 10 der Lohnverordnung kein eindeutiges Rückforderungsrech t der Arbeitgeberin vorsehe. Zudem sei aus dem Wortlaut von Satz 2 desselben Paragraphen ersichtlich, dass nur ein anteilsmässiger Anspruch des Arbeitgebers an der Rentennachzahlung bestehe. E. Mit Schreiben vom 26. Mai 2021 teilte die Beschwerd egegnerin mit, dass sie auf eine Duplik verzichte und im Übrigen an ihrer Vernehmlassung vom 3. März 2021 festhalte. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Die Präsidentin zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über di e Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungs- gericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anf echtungsobjekt des vorliegenden Verfah- rens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwer- den gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Be- schwerde vom 11. Mai 2020 ist demnach einzutreten. 1.2 Gemäss § 55 Abs. 1 VPO entscheidet die präsidierend e Person der Abteilung Sozial- versicherungsrecht des Kantonsgerichts Streitigkeiten bis zu einem Streitwert von Fr. 20‘000.-- durch Präsidialentscheid. Streitig und zu prüfen ist, o b die Verrechnung der IV-Nachzahlung in Höhe von Fr. 52'978.-- mit der Lohnfortzahlung der A rbeitgeberin rechtens war, oder ob nur 80 % davon (Fr. 42'382.--) einer Verrechnung zur Verfügung standen. Die Differenz in Höhe von Fr. 10'596.-- bildet den Streitwert. Da der Streitwert unter der vorgegebenen Streitwertgrenze liegt, ist die Angelegenheit präsidial zu entscheiden. 2.1 Nach Art. 22 Abs. 2 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialver- sicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 können Nachzah lungen des Sozialversicherers dem Arbeitgeber oder der öffentlichen oder privaten Fürsorge abgetreten werden, soweit diese Vorschusszahlungen leisteten. Die Rechtsprechung hat klargest ellt, dass es keiner Abtretungs- erklärung der versicherten Person bedarf, wenn dem Drit tauszahlungsempfänger unmittelbar kraft Gesetz oder Verordnung ein eindeutig festgelegte s Rückforderungsrecht zusteht (BGE 141 V 264 E. 3.1, 132 V 113 E. 3.3.3). Somit bleibt die direkte Zahlung der Rückstände an die Fürsorgebehörden möglich, ohne dass eine Abtretungserklärung nötig ist, wenn der Drittempfän- ger der Zahlungsrückstände von Gesetzes wegen über einen Anspruch auf die Vergütung ver- fügt, wie dies in Art. 22 Abs. 4 ELV festgelegt ist (siehe auch Art. 10 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Militärversicherung [MVG] vom 19. Juni 1992; BGE 141 V 264 E. 3.2, 132 V 113 E. 3.3; ERWIN CARIGIET /U WE KOCH , Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, 2. Auflage, Zürich 2009, S. 91). 2.2 Gemäss Art. 50 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Inval idenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 in Verbindung mit Art. 85 bis der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 können Nachzahlungen von Leistungen in Abweichung von Art. 20 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) vom 20. Dezem- ber 1946 an Drittpersonen oder Drittstellen, welche im Hinblick auf die Leistungen der Invaliden- versicherung Vorschussleistungen erbracht haben, ausgerichtet werden. Arbeitgeber, Einrichtun- gen der beruflichen Vorsorge, Krankenversicherungen, öf fentliche und private Fürsorgestellen oder Haftpflichtversicherungen mit Sitz in der Schwei z, welche im Hinblick auf eine Rente der Invalidenversicherung Vorschussleistungen erbracht haben, könn en nach Art. 85 bis Abs. 1 IVV Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht verlangen, dass die Nachzahlung dieser Rente bis zur Höhe ihrer Vorschussleistungen verrech- net und an sie ausbezahlt wird. Die bevorschussenden Stellen haben ihren Anspruch mit beson- derem Formular frühestens bei der Rentenanmeldung und spätestens im Zeitpunkt der Verfügung der IV-Stelle geltend zu machen. Nach Art. 85 bis Abs. 2 IVV gelten als Vorschussleistungen ei- nerseits freiwillige Leistungen, sofern die versicherte Person zu deren Rückerstattung verpflichtet ist und sie der Auszahlung der Rentennachzahlung an die bevorschussende Stelle schriftlich zu- gestimmt hat (lit. a), und andererseits die vertraglich oder auf Grund eines Gesetzes erbrachten Leistungen, soweit aus dem Vertrag oder dem Gesetz ein eindeutiges Rückforderungsrecht in- folge der Rentennachzahlung abgeleitet werden kann (l it. b). Die Nachzahlung darf der bevor- schussenden Stelle höchstens im Betrag der Vorschussleistungen und für den Zeitraum, in wel- chem dieser erbracht worden ist, ausbezahlt werden (Abs. 3). Die Verrechnung muss mit anderen Worten zeitlich kongruent sein. Dies bedeutet, dass die erbrachten Vorschussleistungen bis zum Betrag der für die gleiche Periode nachzuzahlenden Renten direkt zurückerstattet werden können (Wegleitung über die Renten [RWL] in der Eidgenössische n Alters-, Hinterlassenen- und Invali- denversicherung, gültig ab 1. Januar 2003, Ziff. 10063). In quantitativer Hinsicht ist die Verrech- nung folglich begrenzt auf die Summe der im Verrechnungszeitraum ausgerichteten Rentenleis- tungen. 3. Vorliegend erstreckt sich der Verrechnungszeitraum un bestritten vom 1. März 2017 bis 30. November 2019. Für den entsprechenden Zeitraum hat die Beschwerdeführerin einen An- spruch auf IV-Rentenleistungen in Höhe von Fr. 52'978.--. Der höchstzulässige Verrechnungsbe- trag beläuft sich somit auf Fr. 52'978.--. 4. Vorweg strittig und zu prüfen ist, ob die Lohnve rordnung des Kantons Basel-Landschaft ein eindeutiges Rückforderungsrecht im Sinne von Art. 85 bis Abs. 2 lit. b IVV enthält. 4.1 § 10 Abs. 1 der Lohnverordnung lautet: «Während d er Dauer der Lohnzahlung fallen Tag- gelder und Renten aus Kranken-, Unfall-, Invaliden- und Haftpflichtversicherungen an den Arbeit- geber. Während der Zeit, in welcher der halbe Lohn a usgerichtet wird, fällt nur der den vollen Lohn übersteigenden Teil an den Arbeitgeber. » 4.2 Ein eindeutiges Rückforderungsrecht muss einerseits n ormativ festgehalten werden – bspw. in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen – und and ererseits beinhalten, dass sich das Rückforderungsrecht gegen den nachzahlenden Sozialversicherungsträger richtet. Zudem muss sich ohne Weiteres aus der betreffenden Formulierung er geben, dass beim Tatbestand einer Nachzahlung bezogen auf die erbrachten Leistungen eine Rückforderung eintritt. Weiter kann ein hinreichendes Rückforderungsrecht nur angenommen werden, wenn darin klar geregelt wird, wie die Rückforderung masslich zu bestimmen ist (KIESER UELI , in: Kommentar zum ATSG, 4. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 22 N 72 ff.). 4.3 Die Beschwerdeführerin bringt vor, dass es vorliegen d an einem eindeutigen Rückforde- rungsrecht fehle. Die Bestimmung halte lediglich fest, dass die Invalidenrenten dem Arbeitgeber zustünden. Ein Rückforderungsrecht ergebe sich hingegen aus dieser Norm nicht. Daraus folge, dass der Arbeitgeber beim Arbeitnehmer eine entsprech ende Abtretungserklärung einholen Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht müsse. Dies sei vorliegend nicht erfolgt, wonach die direkte Rentenauszahlung an den Arbeitge- ber unzulässig sei. Dem kann nicht gefolgt werden. § 1 0 Abs. 1 der Lohnverordnung sieht vor, dass Renten der Invalidenversicherung (IV) während der Dauer der Lohnausrichtung an den Ar- beitgeber fallen. Zwar deutet die Beschwerdeführerin zunächst zu Recht an, dass nicht näher spezifiziert wird, auf welchen Zeitraum sich diese Bestimmung bezieht, verkennt dabei allerdings, dass es bei der Abklärung des Anspruchs auf eine Invalidenrente systemimmanent ist, dass Ren- ten rückwirkend zugesprochen werden, schliesslich handelt es sich bei der IV um den Hauptan- wendungsbereich der Rentennachzahlungen (F REY FÉLIX /M OSIMANN HANS -JAKOB /B OLLINGER SUSANNE , in: AHVG/IVG Kommentar, Bundesgesetze über die Alte rs- und Hinterlassenenversi- cherung, die Invalidenversicherung und den ATSG mit weiteren Erlassen, Zürich 2018, Art. 22 N 5). Eine fehlende zeitliche Spezifizierung lässt daher d arauf schliessen, dass der Verordnungs- geber sämtliche Renten (sowohl die laufenden Renten, als auch die rückwirkend zugesprochenen Renten) umfassen wollte. Aus der Formulierung «[...] fallen die Taggelder und Renten an den Arbeitgeber» ist abzuleiten, dass die von der Invalidenversicherung zugesprochenen Leistungen an den Arbeitgeber fallen und demnach ein Gläubigerw echsel stattfindet. Mit der Beschwerde- gegnerin ist somit davon auszugehen, dass § 10 Abs. 1 der Lohnverordnung eine Abtretungser- klärung des Beschwerdeführers ersetzt. 5. Als weitere materielle Voraussetzung des Art. 85 bis IVV ist zu prüfen, ob die Lohnfortzah- lungen der Arbeitgeberin für den entsprechenden Zeitraum als Vorschussleistungen zu verstehen sind. 5.1 Gemäss Vorbescheid vom 5. Juli 2019 stelle die IV- Stelle bei der rückwirkenden Zuspre- chung einer Invalidenrente auf die Angaben der Arbeit geberin zur Arbeitsunfähigkeit der Be- schwerdeführerin ab. Demnach sei die Beschwerdeführerin i m Zeitraum vom 19. September 2016 bis 20. April 2018 jeweils zwischen 30 % und 100 % in ihrer 80%-igen Tätigkeit als schuli- sche Heilpädagogin eingeschränkt gewesen. Bei der Ermitt lung des Invaliditätsgrads wurde die Beschwerdeführerin sodann von der IV-Stelle als vollerw erbstätige Heilpädagogin in einem 100 % Pensum eingestuft. 5.2 Nach Massgabe den eingereichten Lohntabellen richtet e die Arbeitgeberin der Versicher- ten im Zeitraum vom 1. April 2017 bis 30. November 2019 (was dem Zeitraum der Nachzahlung der IV-Rente entspricht) durchgehend Lohnfortzahlungen auf der Basis eines monatlichen Brut- tolohns in Höhe von Fr. 8’480.45 (2017), Fr. 8'571.80 (2018) bzw. Fr. 8'691.80 (2019) bei einem Beschäftigungsgrad von 80 % aus, wobei die Arbeitsfähig keit der Beschwerdeführerin von April 2017 bis Juni 2017 um 30 %, im August 2017 um 50 %, v on September 2017 bis Oktober 2017 um 100 %, im November 2017 um 75 %, von Dezember 2017 bis Januar 2018 um 50 %, von Februar 2018 bis März 2018 um 30 % und ab Mai 2018 um 100 % ihres Monatspensums reduziert war. Auch wenn der März 2017 in den eingereichten Lohntabellen nicht aufgeführt ist, ist aufgrund der zugesprochenen IV-Renten für diesen Monat ebenfa lls von einer Lohnfortzahlung bei einer um 30 % reduzierten Arbeitsfähigkeit auszugehen. Trotz Lohnfortzahlung erhielt die Arbeitgeberin im fraglichen Zeitraum keine bzw. nur eine reduzierte Gegenleistung (effektive Arbeitsleistung). Mit Blick auf die rückwirkend zugesprochene Invalidenrente (Nachzahlung in Höhe von Fr. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 52'978.--) ist bei der Lohnfortzahlung in Höhe von Fr. 216'242.10 (recte Fr. 209’735.29) zweifellos von einer Vorschussleistung auszugehen. 6. Letztlich bleibt zu klären, in welchem Umfang die IV-Nachzahlung direkt an die Arbeitge- berin ausgerichtet werden durfte. 6.1 Zunächst ist festzuhalten, dass bei der Drittauszahlu ng der Grundsatz der Kongruenz zu beachten ist. Die Nachzahlung darf der bevorschussenden Stelle somit höchstens im Betrag der Vorschussleistung ausbezahlt werden. Weiter ist zu beachten, dass der Anspruch auf Drittaus- zahlung sich nur auf Betreffnisse einer Periode erstrecke n kann, für die auch tatsächlich Vor- schussleistungen erbracht wurden, wobei die Verrechnungszeitspanne als einheitliches Ganzes zu betrachten ist (Art. 85 bis Abs. 3 IVV, FREY /M OSIMANN /B OLLINGER , a.a.O., Art. 22 N 7 mit Hin- weis auf BGE 135 V 2 E. 8). Für den vorliegenden Fall bedeutet dies, dass höchstens Fr. 209’735.29 für die Vorschussleistungen im Zeitraum vom März 2017 bis November 2019 (Zeitspanne der rückwirkenden Zusprechung der IV-Rente) an die bevorschussende Arbeitgebe- rin ausbezahlt werden dürfen. 6.2 Die Beschwerdeführerin bringt vor, dass die Vorschussl eistungen lediglich für ein 80 % Pensum ausgerichtet worden seien, während die IV-Renten-Nachzahlung auf Basis eines 100 % Pensums berechnet worden sei. Da die IV-Nachzahlung ei n 100 % Pensum umfasse, der Vor- schuss allerdings nur für 80 % geleistet worden sei, könnten auch nur 80 % der IV-Nachzahlung mit dem Vorschuss verrechnet werden. Die Beschwerdegegne rin hält dem sinngemäss entge- gen, dass die zugesprochene Rente dazu diene, einen an teilsmässigen Ausgleich an die invali- ditätsbedingte Erwerbseinbusse zu leisten. Die Beschwerdeführerin hätte aufgrund des vertrag- lich vereinbarten 80 % Pensums auf die Verwertung der Restarbeitsfähigkeit von 20 % verzichtet, wonach unabhängig vom vereinbarten Pensum 100 % der IV -Nachzahlung mit der Vorschuss- leistung verrechnet werden könnten. Beide Ausführungen führen allerdings ins Leere. Der Be- schwerdeführerin ist zunächst insofern zuzustimmen, dass sie aufgrund der vertraglichen Reduk- tion des Arbeitspensums aus gesundheitlichen Gründen ei ne Erwerbseinbusse von 20 % erlitt. Dabei handelt es sich, entgegen den Ausführungen der Beschwerdegegnerin, nicht um einen Verzicht auf die Verwertung der Restarbeitsfähigkeit. Aus dem Vorbescheid vom 5. Juli 2019 wird ersichtlich, dass die IV-Stelle auch nicht von einem Verzicht auf die Verwertung der Resterwerbs- fähigkeit ausging, denn wenn sie tatsächlich von einem Verzicht in Höhe von 20 % ausgegangen wäre, hätte sich dies auf die Berechnung des IV-Grads auswirken müssen. Dies ist vorliegend nicht der Fall, wurde die Berechnung des IV-Grads der B eschwerdeführerin doch anhand einer 100%-igen (nicht 80%-igen) Erwerbstätigkeit ohne die vorhandenen Einschränkungen berechnet. Soweit die Beschwerdeführerin allerdings vorbringt, d ass nur 80 % der IV-Nachzahlung mit der Vorschussleistung der Arbeitgeberin verrechnet werden dü rften, kann ihr nicht gefolgt werden. Art. 85 bis Abs. 3 IVV hält fest, dass eine Nachzahlung der bevorsch ussenden Arbeitgeberin nur maximal in Höhe der Vorschussleistung und für den Zeitraum, in dem die Vorschussleistung er- bracht wurde, ausbezahlt werden darf. Eine Bindungswirkung an das vertraglich vereinbarte Ar- beitspensum, für welches die Vorschussleistung erbracht wurde, ist aus Art. 85 bis Abs. 3 IVV al- lerdings nicht ersichtlich. Dass das Pensum, auf welchem de r IV-Grad und somit die IV- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Nachzahlung berechnet wurde, und das Pensum, für das eine Vorschussleistung erbracht wurde, übereinstimmen müssen, ist in den rechtlichen Grundlagen der Verrechnung demnach nicht vor- gesehen. Für die Ermittlung der Höhe des Verrechnungsb etrages ist somit die Höhe der Vor- schussleistung und nicht das Pensum, für welches die Vorschussl eistung erbracht wurde, rele- vant. Ausschlaggebend ist letztlich, dass die IV-Nachzahlung einzig anhand des Erwerbseinkom- mens – ohne Berücksichtigung eines Aufgabenbereichs – ber echnet wurde. Da sich die IV- Nachzahlung einzig auf den Erwerb der Beschwerdeführerin stützt, kann diese auch vollumfäng- lich mit dem vorgeleisteten Erwerbseinkommen verrechnet werden. Auch würde es, wie die Be- schwerdegegnerin korrekt vorbringt, gegen den Grundsatz der Schadensausgleichsfunktion so- zialversicherungsrechtlicher Leistungen verstossen, wenn die Rentenleistungen im fraglichen Zeitraum – trotz der im Übrigen erfüllten Voraussetzu ngen zur Verrechnung der Vorschussleis- tungen im Sinne von Art. 85 bis IVV – zusätzlich zu den Lohnfortzahlungen ihres Arbeitg ebers ebenfalls an die Versicherte ausbezahlt würden. Die Argumentation, dass aus § 10 zweiter Teil der Lohnverordnung, wonach während der Zeit, in welcher der halbe Lohn ausgerichtet wird, nur der den vollen Lohn übersteigende Teil an den Arbeitgeber fällt, ein anteilsmässiger Anspruch der Ar beitgeberin abzuleiten sei, geht ebenfalls fehl. Diese Bestimmung bezieht sich auf § 4 Abs. 1 lit. c der Lohnverordnung, gemäss welchem bei einer Vertragsdauer von mehr als drei und wenige r als 14 Monaten für drei Monate nur An- spruch auf den halben Lohn besteht. Da die Beschwerdeführerin in einem unbefristeten Arbeits- verhältnis stand, findet diese Bestimmung hier keine Anwendung und bleibt unbeachtlich. Entge- gen der Auffassung der Beschwerdeführerin kann somit di e volle IV-Nachzahlung mit der Vor- schussleistung der Arbeitgeberin verrechnet werden. 7. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die IV-Nachzahlung in Höhe von Fr. 52'978.-- zu Recht in voller Höhe mit der Vorschussleistung der Arbeit geberin in Höhe von Fr. 209’735.29 verrechnet wurde. 8. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Der Streit um die Drittauszahlung einer Invalidenrente betrifft allerdings nicht die Bewilligung oder die Verwei- gerung von IV-Leistungen, weshalb nach der Praxis des Kant onsgerichts (Urteil vom 28. April 2008 [720 07 189/139], E. 6.1) in solchen Fällen von der Erhebung von Gerichtskosten abgese- hen wird und für den vorliegenden Prozess keine Verfahrenskosten zu erheben sind. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.