B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-7319/2018, E-7322/2018 U r t e i l v o m 1 0 . F e b r u a r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter David R. Wenger, Richterin Constance Leisinger, Gerichtsschreiberin Janine Sert. Parteien 1. A._______, geboren am (…), 2. B._______, geboren am (…), und deren Kinder C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), (E-7319/2018 / N […]), 3. E._______, geboren am (…), dessen Ehefrau 4. F._______, geboren am (…), und deren Kinder G._______, geboren am (…), H._______, geboren am (…), I._______, geboren am (…), (E-7322/2018 / N […]), alle Afghanistan, alle vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, Advokatur Kanonengasse, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügungen des SEM vom 20. November 2018 / N […], N […]. E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 3 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden , alle afghanische Staatsangehörige, suchten am 18. Oktober 2015 gemeinsam in der Schweiz um Asyl nach. Im Rahmen der Befragung en zur Person (BzP) vom 27. Oktober 2015 (A._______ [Beschwerdeführer 1] und E._______ [Beschwerdeführer 3]) beziehungsweise 28. Oktober 2015 (B._______ [Beschwerdeführerin 2] und F._______ [Beschwerdeführerin 4]) sowie der Anhörungen vom 13. Oktober 2017 (Beschwerdeführer 3 und Beschwerdeführerin 4) und 20. Dezember 2017 (Beschwerdeführer 1) beziehungsweise 22. Dezember 2017 (Beschwerdeführerin 2) gaben sie im Wesentlichen an, sie hätten zu- letzt in der Stadt J._______, Provinz K._______ gewohnt. Der Beschwer- deführer 1 sei unter der kommunistischen Regierung von Mohammed Nad- jbullah bis etwa im Jahr 1992 im Zentralkomitee für eine dessen Führungs- personen als Fahrer tätig gewesen. Nach der Machtübernahme der Mu- jaheddin habe die Familie wegen ihrer Nähe zur kommunistischen Partei anfangs Schwierigkeiten gehabt, an ihren Wohnsitz zurückzukehren. Der Beschwerdeführer 1 sei in diesem Zusammenhang gar von Bodyguards des damaligen Kommandanten Khoja Nabi angeschossen worden. Als Grund für ihre Ausreise gaben die Beschwerdeführenden an, im Jahr 2008 habe die Familie von L._______ – Verwandte des (weiterhin) einflussrei- chen Kommandanten /Generals Khoja Nabi , der in der Regierung eine hohe Stellung bekleide – beim Beschwerdeführer 1 um die Hand seiner – damals noch minderjährigen – Tochter M._______ angehalten. Da die be- sagte Familie sehr mächtig sei, habe er sie L._______ zur Frau gegeben. L._______ habe zu dieser Zeit in N._______ gelebt, weshalb M._______ bei dessen Familie in Afghanistan eingezogen sei. Dort sei sie ständig misshandelt und geschlagen worden. Nach rund einem Jahr hätten die Be- schwerdeführenden M._______ zu L._______ nach N._______ bringen sollen. M._______ habe dies nicht gewollt, weshalb sie sie nach O._______ geschickt hätten. Infolgedessen habe die Familie von L._______ Druck auf die Beschwerdeführenden ausgeübt, indem sie den Bruder des Beschwerdeführ ers 1 festgehalten habe. M._______ sei schliesslich nach Afghanistan zurückgekehrt und habe erneut bei der Fa- milie von L._______ gelebt. Drei Jahre später habe L._______ die Tochter M._______ nach N._______ geholt. Dort seien sie nach einem Streit ge- trennt worden. Dass M._______ nicht mehr mit L._______ habe leben wol- len, sei einer Ehrverletzung der Familie von L._______ und damit auch ei-E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 4 nem Todesurteil von M._______ gleichgekommen. Die Beschwerdeführen- den seien von der Familie von L._______ mit Todesdrohungen unter Druck gesetzt worden, M._______ dazu zu bewegen, nach Afghanistan zurück- zukehren, was sie verweigert hätten. In der Folge hätten sie Anzeige er- stattet und auch die Ältesten um Rat gefragt, jedoch ohne Erfolg. Eines Abends seien sie von der Familie von L._______ zuhause aufgesucht und zusammengeschlagen worden. Sie hätten gewusst, dass M._______, kehrte sie nach Afghanistan zurück, umgebracht würde. Noch in derselben Nacht seien sie geflohen. Die Beschwerdeführenden reichten unter anderem ihre Taskara und afgha- nischen Führerscheine der Beschwerdeführer 1 und 3, den Militärausweis des Beschwerdeführers 1, Verträge betreffend das Familienunternehmen, die Anzeige bei den Behörden, Dokumente von M._______ und die Hei- ratsurkunde der Beschwerdeführenden 3 und 4 zu den Akten. B. Mit separaten Entscheiden vom 20. November 2018 lehnte das SEM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden mangels flüchtlingsrechtlicher Mo- tive der privaten Verfolgung ab und ordnete deren Wegweisung an, nahm sie indessen weg en Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig auf. C. Mit Eingaben ihres Rechtsvertreters vom 21. Dezember 2018 erhoben die Beschwerdeführenden gegen diese Verfügungen Beschwerde. Sie bean- tragten die Aufhebung der Verfügungen (Ziffern 1 - 3 der Dispositive), die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. In prozessualer Hinsicht wurde jeweils um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung samt Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand ersucht. Zudem sei ihnen nach "Eingang" der Akten der Tochter M._______ Gelegenheit zur Beschwerdeergänzung zu gewähren. Die Beschwerdeführenden reichten Kopien eines Auszugs aus den (…) Asylakten der Tochter M._______, des Mitteilungsschreiben s betreffend deren Asylentscheid, deren Flüchtlingsreisedokument und einer E-Mailkor- respondenz des Rechtsvertreters mit den (…) Behörden zu den Akten. E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 5 D. Am 3. Januar 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang der Beschwerden. E. Mit Zwischenverfügung vom 10. Januar 2019 wurden die Gesuche um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gutgeheissen und den Beschwerdeführenden Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, Advokatur Kanonengasse, als amtlicher Rechtsbeistand beigeo rdnet. Die Beschwerdeverfahren E-7319/2018 und E -7322/2018 wurden vereinigt. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung innert Frist eingeladen. F. Mit Vernehmlassung vom 14. Januar 2019 hielt die Vorinstanz vollumfäng- lich an ihren Erwägungen fest und bekräftigte, die Beschwerdeschriften würden keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel enthalten, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten. G. Am 15. Januar 2019 wurde das Doppel der Vernehmlassung des SEM den Beschwerdeführenden zur Kenntnisnahme zugestellt. H. Mit Verfügung vom 17. Januar 2021 wurden die Beschwerdeführenden auf- gefordert, entweder ihre Bedürftigkeit mittels aktueller Fürsorgebestätigun- gen oder ihre (ungenügenden) finanziellen Verhäl tnisse anhand der For- mulare „Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“ zu belegen. I. Am 29. Januar 20021 wurden Unterstützungsbestätigungen betreffend die Beschwerdeführer 1 und 4 (Familienväter) eingereicht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 6 von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde i st frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fra- gen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Weg- weisungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Be- schwerdeführenden wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vor- läufig aufgenommen hat. Damit sind die beiden anderen Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzumutbarkeit und Un- möglichkeit) wegen ihrer alternativen Natur – ist eine Bedingung erfüllt, ist der Vollzug der Wegweisung undurchführbar – ebenfalls nicht mehr zu prü- fen (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 2.2 Gegen eine allfällige spätere Aufhebung der vorläufigen Aufnahme würde den betroffenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht offenstehen (vgl. Art. 105 AsylG), wobei in je- nem Verfahren alle Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach Massgabe der in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse von neuem zu prüfen E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 7 wären (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre- kurskommission [EMARK] 1997 Nr. 27 S. 205 ff.). 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freihei t sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Die Vorinstanz kommt in den angefochtenen Verfügungen im Wesent- lichen zum Schluss, die vorgebrachte Verfolgung – der Familienkonflikt mit der Familie von L._______ wegen der Tochter M._______ – knüpfe nicht in kausaler Weise an eines der fünf in Art. 3 AsylG abschliessend aufge- zählten Motive an. Zwar sei nicht auszuschliessen, dass der Beschwerde- führer 1 einer anderen Partei zugehört habe als Khoja Nabi und er im Jahr 1993 von dessen Bodyguards angeschossen worden sei. Khoja Nabi habe ihm indes später mitgeteilt, er könne in sein Haus zurückkehren, wo er und seine Familie in der Folge über einige Jahre ein normales Leben geführt hätten. Zuletzt hätten die Beschwerde führer 1 und 3 in Afghanistan (…) E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 8 produziert und verkauft; sie würden beide kein besonderes politisches Pro- fil aufweisen. Erst ab jenem Zeitpunkt, als die Tochter M._______ an die Familie von L._______ übergeben, misshandelt und geschlagen worden sei, habe sich daraus der geltend gemachte Familienkonflikt entwickelt. Wäre M._______ bei L._______ in N._______ geblieben, hätten die Be- schwerdeführenden vermutlich normal in ihrem Heimatland weiterleben können. Trotz möglicherweise unterschiedlicher politischer Anschauungen stehe vorliegend keines der im Gesetz abschliessend aufgezählten Motive im Vordergrund. Die vorgebrachte Verfolgung sei demzufolge nicht flücht- lingsrelevant. 5.2 Auf Beschwerdeebene führ en die Beschwerdeführenden aus, der in der angefochtenen Verfügung ausgeführte Sachverhalt sei insofern zu er- gänzen, dass die Tochter M._______ als Minderjährige in Afghanistan zwangsverheiratet worden sei. Im Jahr 2010 sei M._______ zunächst nach O._______ geflohen und habe dort um Asyl nachgesucht. Rund neun Mo- nate später – noch bevor ein Entscheid über ihr Gesuch in O._______ er- gangen sei – sei sie nach Afghanistan zurückgekehrt, weil das Leben der Beschwerdeführenden in Gefahr gewesen sei. Ende 2014 sei M._______ mit L._______ nach N._______ gereist, wo sie sich indes kurz nach ihrer Ankunft an die Polizei gewandt und sich von L._______ getrennt habe. Ende September 2014 sei M._______ in N._______ als Flüchtling aner- kannt worden. Die Glaubhaftigkeit der Vorbringen werde von der Vorinstanz zu Recht nicht in Frage gestellt. Indes müsse die erlittene Verfolgung als asylrelevant qualifiziert werden. M._______ habe frauenspezifische Verfolgung erlitten und sei in N._______ als Flüchtling anerkannt worden, was die Zielgerich- tetheit und Intensität der Verfolgung unterstreiche. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden habe bei den (…) Asylbehörden die Zustellung der Verfahrensakten von M._______ beantragt, woraus sich möglicherweise weitere Erkenntnisse ableiten lassen würden. Die Vorinstanz habe es un- terlassen, die Frage der Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden zu einer sozialen Gruppe und die Gefahr der Reflexverfolgung der Familienange- hörigen zu prüfen. Vorliegend sei indes davon auszugehen. Die Beschwer- deführer 1 und 3 seien alleine wegen der familiären Beziehung zu M._______ bedroht und tätlich angegriffen worden. Die Beschwerdefüh- renden hätten Afghanistan letztlich aus denselben Gründen wie M._______ verlassen. Entsprechend sei nicht ersichtlich, wesha lb bei M._______ ein flüchtlingsrelevantes Verfolgungsmotiv festgestellt worden sei, und bei ihnen, die derselben Familie und somit derselben bestimmten E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 9 sozialen Gruppe angehörten, nicht. Sie hätten aufgrund ihrer Familienzu- gehörigkeit, durch die sie klar von anderen Gruppen unterschieden werden könnten, Repressalien erlitten. Dass L._______ und dessen Familie es auf die Beschwerdeführenden abgesehen hätten, ergebe sich – neben den ge- gen den Beschwerdeführer 1 gerichtete n Attacken – unter anderem auch aus den gegen die übrigen Familienmitglieder ausgesprochenen Drohun- gen. Entsprechend sei vorliegend wegen der familiären Verbindung der Be- schwerdeführenden zu M._______ von einem flüchtlingsrechtlich relevan- ten Verfolgungsmotiv auszugehen. Die Bedrohungslage f ür die Beschwerdeführenden in Afghanistan habe sich durch die Anerkennung von M._______ als Flüchtling in N._______ zusätzlich verschärft, zumal die Forderung von L._______ und dessen Fa- milie, die Beschwerdeführenden sollten dafür sorgen, dass M._______ zu L._______ oder nach Afghanistan zurückkehre, nie erfüllt werde. Sollte ein Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführenden nach Afghanistan in Zu- kunft als zumutbar erachtet werden, würden ihnen mit an Sicherheit gren- zender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile an Leib und Leben seitens L._______ und dessen Angehörigen drohen, die ihre bereits ausgespro- chenen – und mit tätlichen Attacken untermauerten – Drohungen verwirkli- chen würden. Verschiedene Quelle würden bestätigen, dass in Afghanistan Vergeltung durch Blutrache auf einem traditionellen Verständnis von Ver- halten und Ehre beruhe. Insbesondere bei die Familienehre betreffenden Angelegenheiten sei üblich, die nächsten Familienangehörigen, wie den Vater oder die Brüder, zu attackieren. Auch eine Scheidung könne Blutra- che auslösen. Die Beschwerdeführer 1 und 3, als nächste männliche Ver- wandte von M._______, seien Ziel der gegen ihre Familie geführten Blut- rache. Der Konflikt könne nicht beigelegt werden, da die Beschwerdeführer 1 und 3 nicht selbst der Auslöser für die Blutfehde gewesen, sondern le- diglich Leitragende seien, und M._______ als Frau nicht die Beilegung des Streits erwirken könne. Ferner hätten die Beschwerdeführenden in Afgha- nistan keine Familienangehörigen mehr, die ihnen im Streit gegen L._______ und dessen Angehörigen zur Seite stehen würden. Gemäss Ausführungen der SFH seien es vor allem mächtige Familien, die bei Ehr- verletzungen Vergeltung üben würden, während weniger mächtige und arme Familien in der Regel Verhandlungen und eine Versöhnung d urch Älteste oder eine Bestrafung durch die Regierung akzeptieren würden. Bei der Familie von L._______ handle es sich eindeutig um eine einflussreiche, mächtige Familie, weshalb davon auszugehen sei, dass diese Vergeltung üben und nicht einer Versöhnung zustimmen würde. Die Beschwerdefüh- renden seien als Eltern respektive Bruder von M._______ direkt von der E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 10 Blutfehde betroffen. Sie hätten damit begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen, sollten sie nach Afghanistan zurückkehren müssen. Mit Verweis auf d ie Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sei festzustellen, dass der afghanische Staat seit längerer Zeit in einem deso- laten Zustand und in vielen Bereichen nicht fähig sei, seinen Bürgern Schutz zu bieten. Die Beschwerdeführenden könnten kein funktionieren- des, innerstaatliches Schutzsystem in Anspruch nehmen, welches sie vor den drohenden Übergriffen durch die Angehörigen von L._______ schüt- zen könnte. Staatliche Gerichte und die Polizei in Afghanistan würden we- gen der weit verbreiteten Straflosigkeit und Korruption eine Blutrache nicht verhindern oder beenden und seien oft auch nicht willens, dies zu tun. Die Beschwerdeführenden seien finanziell nicht in der Lage, ausreichende Be- stechungsgelder an die Behörden zu bezahlen. Da die Beschwerdeführer 1 und 3 bereits stellvertretend für M._______ ge- zielten Repressalien ausgesetzt gewesen seien, lägen genügend Anhalts- punkte vor, dass den Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Af- ghanistan solche und schlimmere Repressalien im Sinne einer Reflexver- folgung aufgrund der flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung von M._______ drohen würden. 6. 6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung ist für die Anerkennung der Flücht- lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit b eachtlicher Wahrschein- lichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen der asylsuchenden Person gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungs- motive drohen oder zugefügt worden sein. Weiter ist massgeblich, ob die geltend gemachte Gefä hrdungslage noch aktuell ist (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1). Geht die Verfolgung von nichtstaatlichen Akteuren aus, setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2). Von einem ausreichenden Schutz vor pri- vater Verfolgung ist auszugehen, wenn der Staat eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zu r Verfügung stellt, diese der betroffenen Person zugänglich ist und es ihr nicht aus individuellen Gründen unzumut- bar ist, diese in Anspruch zu nehmen (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3 f. m.w.H.). E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 11 6.2 Das Verfolgungsmotiv der "Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe" bezieht sich auf Personen, die ein Kollektiv bilden, das sich durch ein gemeinsames soziales Merkmal auszeichnet, welches Anknüpfungs- punkt und Anlass für sachlich nicht gerechtfertigte Verfolgungsmassnah- men bildet. Vorliegend wurden beziehungsweise werden die Beschwerde- führenden indes nicht wegen der Zugehörigkeit zu einer zur Verfolgung ausgesonderten bestimmten Gruppe, das heisst wegen ihres "Anders- Seins", verfolgt beziehungsweise mit Blutrache von Seiten der Familie von L._______ bedroht, sond ern wegen des Familienkonflikts aufgrund des Verhaltens von M._______ (d. h. des "Tuns"). Anlass zu der Verfolgungs- und Bedrohungssituation hat mithin nicht ihre Eigenschaft als Angehörige von M._______ an sich gegeben. Die erlittene Verfolgung und die geltend gemachten Drohungen beziehungsweise Attacken knüpfen vielmehr an die Weigerung von M._______ die eingegangene Ehe mit L._______ weiter- zuführen und an den sich daraus entwickelten Familienkonflikt an, mithin an die in Afghanistan verbreiteten traditionell-konservativen Wertvorstel- lungen von Heiratsrestriktionen, Zwangsheirat oder Blutrache. Dabei han- delt es sich aber nicht um Verfolgungsgründe im Sinn von Art. 3 AsylG. Somit wurde in diesem Zusammenhang das Vorliegen eines flüchtlings- rechtlich relevanten Verfolgungsmotivs von der Vo rinstanz zu Recht ver- neint. Auch die geltend gemachte Reflexverfolgung gründet nicht in flücht- lingsrechtlich relevanten Motiven. Dass die Beschwerdeführenden seitens L._______ und dessen Familie ernsthafte Nachteile zu befürchten hätten, weil sie, mit der Anerkennung von M._______ als Flüchtling in N._______, der Forderung, M._______ habe zu L._______ und nach Afghanistan zu- rückzukehren, nicht mehr nachkommen könnten, beruht vielmehr wiede- rum auf den erwähnten Wertvorstellungen und ist mithin nicht asylrelevant. Aus diesem Grund erübrigen sich Ausführungen zum weiteren Vorbringen in der Beschwerdeschrift, wonach sie keinen heimatlichen Schutz gegen ihre Verfolger beanspruchen könnten, weil der Staat den erforderlichen Schutz nicht gewähren wolle. Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das SEM der den Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr in den Hei- matstaat drohenden konkreten Gefahr einer – zwar nicht flüchtlingsrecht- lich aber menschenrechtlich – durch Art. 3 EMRK verbotenen Strafe oder Behandlung durch die Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzu- lässigkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen hat. 6.3 Den Beschwerdeführenden ist es unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen insgesamt nicht gelungen, eine im Sinne von Art. 3 AsylG re- levante Verfolgungsgefahr nachzuweisen. Es erübrigt sich, auf die weite- ren Ausführungen in den Beschwerdeeingaben im Einzelnen einzugehen, E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 12 weil sie an der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts nichts zu än- dern vermögen. Das SEM hat die Asylgesuche zu Recht abgelehnt. Es besteht auch kein Anlass weiterer Beweiserhebungen insbesondere der mit den Rechtsmitteleingaben in Aussicht gestellten Eingabe weiterer Un- terlagen des Asylverfahrens von M._______ in N._______ (vgl. zur soge- nannten antizipierten Beweiswürdigung BVGE 2008/24 E. 7.2). Folglich ist auch der Antrag, es sei den Beschwerdeführenden nach Eingang der Akten von M._______ eine Frist zur Beschwerdeergänzung anzusetzen, abzu- weisen, z umal die Beschwerdeführenden genügend Zeit gehabt hätten, diese seither einzureichen. 6.4 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 6.5 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. D ie Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 6.6 Die Vorinstanz hat in ihren Verfügungen vom 20. November 2018 die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz angeord- net, weshalb sich weitere Ausführungen zum Wegweisungsvollzug – wie bereits in E. 2.1 erwähnt – erübrigen. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverh alt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu- weisen. 8. Bei diesem Ausgang des (vereinigten) Verfahrens wären die Kosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wur- den die mit den Beschwerden gestellten Gesuche um Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischen- verfügung vom 10. Januar 2019 gutgeheissen. Den Unterstützungsbestä- tigungen der Gemeinde P ._______ vom 18. Januar 2021 ist zu entnehmen, dass die Familienväter (Beschwerdeführer 1 und 3 ) weiterhin ergänzend finanziell unterstützt werden. Den Akten ist nicht zu entnehmen, dass die E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 13 übrigen Beschwerdeführenden arbeitstätig wären. Somit sind keine Verfah- renskosten zu erheben. Mit derselben Verfügung hat die Instruktionsrichterin Rechtsanwalt Urs Ebnöther als amtlichen Rechtsbeistand eingesetzt. Infolge Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist der eingesetzten Rechtsvertretung ein amtliches Honorar zu entrichten. Es wurde keine Kostennote eingere icht. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund der Aktenlage zu- verlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer Honorarnote ver- zichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Be- tracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren sowie der Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen (Art. 9–13 VGKE) ist die Parteientschädigung für die zwei praktisch identischen zwölf seitigen Beschwerdeschriften auf ins- gesamt Fr. 1’320.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzuset- zen und durch die Gerichtskasse zu vergüten. (Dispositiv nächste Seite) E-7319/2018, E-7322/2018 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerden werden abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird ein amtliches Honorar zul asten der Gerichtskasse in der Höhe von insgesamt Fr. Fr. 1’320.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Janine Sert Versand: