<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 39" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 39</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">356</span> </div> <div class="page" id="S356"> <span class="text"><b>39 </b> <b>§ 55 GOG; § 56 GOG</b></span><br/> <span class="text">Im Spruchkörper des Familiengerichts als Kindes- und Erwachsenen-</span><br/> <span class="text">schutzbehörde haben mindestens zwei Fachrichterinnen bzw. Fachrichter</span><br/> <span class="text">mitzuwirken, um die Interdisziplinarität sicherzustellen.</span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und</span><br/> <span class="text">Erwachsenenschutz, vom 20. August 2018, in Sachen R.Z. (XBE.2017.99).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">4.</span><br/> <span class="text">4.1</span><br/> <span class="text">In formeller Hinsicht beanstandet der Beschwerdeführer, der</span><br/> <span class="text">vorinstanzliche Entscheid sei von einem nicht gesetzeskonform zu-</span><br/> <span class="text">sammengesetzten Spruchkörper gefällt worden, da sich das Familien-</span><br/> <span class="text">gericht aus zwei Bezirksgerichtspräsidenten und nur einer Fach-</span><br/> <span class="text">richterin zusammengesetzt habe. [...]</span><br/> <span class="text">4.2.</span><br/> <span class="text">Nach Art. 30 Abs. 1 BV hat jede Person Anspruch auf ein durch</span><br/> <span class="text">Gesetz geschaffenes, zuständiges, unabhängiges und unparteiisches</span><br/> <span class="text">Gericht. Ausnahmegerichte sind ausdrücklich untersagt. Mit ähn-</span><br/> <span class="text">lichen Worten garantiert Art. 6 Abs. 1 EMRK das Recht jeder Person,</span><br/> <span class="text">dass über Streitigkeiten in Bezug auf ihre zivilrechtlichen Ansprüche</span><br/> <span class="text">und Verpflichtungen oder über eine gegen sie erhobene strafrecht-</span><br/> <span class="text">liche Anklage von einem unabhängigen und unparteiischen, auf Ge-</span><br/> <span class="text">setz beruhenden Gericht in einem fairen Verfahren, öffentlich und</span><br/> <span class="text">innerhalb angemessener Frist verhandelt wird.</span><br/> <span class="text">Die Garantie aus Art 30 Abs. 1 BV ist nach Massgabe der bun-</span><br/> <span class="text">desgerichtlichen Rechtsprechung bei jeder Abweichung von der</span><br/> <span class="text">gegebenen Zuständigkeitsordnung, der personellen Zusammenset-</span><br/> <span class="text">zung oder der anwendbaren Verfahrensordnung verletzt (vgl.</span><br/> <span class="text">REGINA KIENER, Richterliche Unabhängigkeit: Verfassungsrecht-</span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">357</span> </div> <div class="page" id="S357"> <div role="main"> <span class="text">liche Anforderungen an Richter und Gerichte, 2001, S. 312). Art. 30</span><br/> <span class="text">Abs. 1 BV will verhindern, dass Gerichte eigens für die Beurteilung</span><br/> <span class="text">einer Angelegenheit gebildet werden. Die Rechtsprechung soll auch</span><br/> <span class="text">nicht durch eine gezielte Auswahl der Richter im Einzelfall beein-</span><br/> <span class="text">flusst werden können. Jeder Verfahrensbeteiligte hat Anspruch da-</span><br/> <span class="text">rauf, dass die Behörde richtig zusammengesetzt ist, vollständig und</span><br/> <span class="text">ohne Anwesenheit Unbefugter entscheidet (BGE 137 I 340 E. 2.2.1).</span><br/> <span class="text">Ob ein Gericht in ordnungsgemässer Zusammensetzung</span><br/> <span class="text">entschieden hat, beurteilt sich in erster Linie nach dem einschlägigen</span><br/> <span class="text">kantonalen Organisations- und Verfahrensrecht, welches nachfolgend</span><br/> <span class="text">darzulegen ist.</span><br/> <span class="text">4.3.</span><br/> <span class="text">Die Besetzung des Familiengerichts als Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="text">nenschutzbehörde im Kanton Aargau und deren Stellvertretung sind</span><br/> <span class="text">in §§ 55 und 56 des Gerichtsorganisationsgesetzes des Kantons</span><br/> <span class="text">Aargau (GOG, SAR 155.200) geregelt. Sie haben folgenden Wort-</span><br/> <span class="text">laut:</span><br/> <span class="text">§ 55 Familiengericht</span><br/> <span class="text">a) Zusammensetzung</span><br/> <span class="text">1 Das Familiengericht setzt sich für das ordentliche Verfahren</span><br/> <span class="text">zusammen aus einer Bezirksgerichtspräsidentin oder einem Bezirks-</span><br/> <span class="text">gerichtspräsidenten als Präsidentin oder Präsident sowie Bezirks-</span><br/> <span class="text">richterinnen und Bezirksrichtern. In Fällen, in denen Kinderbelange</span><br/> <span class="text">im Vordergrund stehen, kann die Präsidentin oder der Präsident</span><br/> <span class="text">anstelle von Bezirksrichterinnen oder Bezirksrichtern höchstens zwei</span><br/> <span class="text">Fachrichterinnen oder Fachrichter des Kindes- und Erwachsenen-</span><br/> <span class="text">schutzes, die in Voll- oder Teilpensen tätig sind, einsetzen.</span><br/> <span class="text">2 Das Familiengericht als Kindes- und Erwachsenenschutzbe-</span><br/> <span class="text">hörde setzt sich zusammen aus einer Bezirksgerichtspräsidentin oder</span><br/> <span class="text">einem Bezirksgerichtspräsidenten als Präsidentin oder Präsident,</span><br/> <span class="text">Fachrichterinnen und Fachrichtern des Kindes- und Erwachsenen-</span><br/> <span class="text">schutzes, die in Voll- oder Teilpensen tätig sind, sowie nebenamt-</span><br/> <span class="text">lichen Fachrichterinnen und Fachrichtern des Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="text">nenschutzes.</span><br/> <span class="text">§ 56 b) Stellvertretung</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">358</span> </div> <div class="page" id="S358"> <div role="main"> <span class="text">1 Bezirksgerichtspräsidentinnen und Bezirksgerichtspräsidenten</span><br/> <span class="text">vertreten sich für Piketteinsätze im ganzen Kanton gegenseitig.</span><br/> <span class="text">2 Fachrichterinnen und Fachrichter des Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="text">nenschutzes, die in Voll- oder Teilpensen tätig sind, vertreten sich im</span><br/> <span class="text">ganzen Kanton gegenseitig. Im Bereich des Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="text">nenschutzrechts können sie stellvertretend als Präsidentinnen und</span><br/> <span class="text">Präsidenten des Familiengerichts eingesetzt werden.</span><br/> <span class="text">3 Nebenamtliche Fachrichterinnen und Fachrichter des Kindes-</span><br/> <span class="text">und Erwachsenenschutzes können in den Familiengerichten aller Be-</span><br/> <span class="text">zirksgerichte im Kanton eingesetzt werden.</span><br/> <span class="text">4.4.</span><br/> <span class="text">Für die Familiengerichte im Kanton Aargau bestehen demnach</span><br/> <span class="text">detaillierte gesetzliche Kriterien, nach denen sich die Spruchkörper-</span><br/> <span class="text">bildung zu richten hat. Sinn und Zweck des neuen Kindes- und</span><br/> <span class="text">Erwachsenenschutzrechts, welches seit 1. Januar 2013 in Kraft ist,</span><br/> <span class="text">war unter anderem die Schaffung einer interdisziplinären Kindes-</span><br/> <span class="text">und Erwachsenenschutzbehörde. Von einer solch interdisziplinär</span><br/> <span class="text">zusammengesetzten Behörde wird erwartet, dass sie den Sachverhalt</span><br/> <span class="text">aus unterschiedlichen Blickwinkeln beurteilt und ihre Entschei-</span><br/> <span class="text">dungen gestützt auf eine umfassende Situationsanalyse abstützt.</span><br/> <span class="text">Mit der Regelung in § 55 Abs. 2 GOG wurde die interdiszipli-</span><br/> <span class="text">näre Zusammensetzung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde</span><br/> <span class="text">sichergestellt, indem neben einer Bezirksgerichtspräsidentin bzw.</span><br/> <span class="text">einem Bezirksgerichtspräsidenten zwei Fachrichterinnen bzw. Fach-</span><br/> <span class="text">richter mit teilweise verschiedenen Fachkompetenzen und Diszipli-</span><br/> <span class="text">nen am Entscheid mitwirken müssen.</span><br/> <span class="text">4.5.</span><br/> <span class="text">Der vorinstanzliche Entscheid wurde von zwei Gerichtspräsi-</span><br/> <span class="text">denten und lediglich einer Fachrichterin gefällt. Diese vom Familien-</span><br/> <span class="text">gericht X. gewählte Verfahrensweise ist nicht mit der kantonalen</span><br/> <span class="text">Regelung von § 55 Abs. 2 GOG, welche eine interdisziplinäre Zu-</span><br/> <span class="text">sammensetzung vorsieht, vereinbar. Die Beachtung derselben ist</span><br/> <span class="text">keineswegs in das Belieben des Familiengerichts gestellt. Vielmehr</span><br/> <span class="text">haben die Prozessparteien, wie unter E. 4.2. dargelegt, einen bundes-</span><br/> <span class="text">rechtlich geschützten Anspruch (Art. 30 Abs. 1 BV, Art. 6 Ziff. 1</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">359</span> </div> <div class="page" id="S359"> <div role="main"> <span class="text">EMRK), wonach die Gerichtsbehörde in der durch Verfassung,</span><br/> <span class="text">Gesetz oder Verordnung festgelegten Besetzung entscheidet.</span><br/> <span class="text">Insbesondere auch vor dem Hintergrund der Stellvertretungsre-</span><br/> <span class="text">gelung unter den Fachrichterinnen und Fachrichtern des Kindes- und</span><br/> <span class="text">Erwachsenenschutzes gemäss § 56 Abs. 2 und 3 GOG über die Be-</span><br/> <span class="text">zirksgrenze hinaus, würde eine beliebige Änderung der Besetzung</span><br/> <span class="text">des Familiengerichts keinen Sinn machen und käme überdies einer</span><br/> <span class="text">Aushebelung der Regelung über die Spruchkörperbildung gemäss</span><br/> <span class="text">§ 55 Abs. 2 GOG gleich.</span><br/> </div> </div> </body> </html>