B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-871/2020 U r t e i l v o m 7 . D e z e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richter Lorenz Noli, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, amtlich verbeiständet durch MLaw Cora Dubach, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 14. Januar 2020 / N (…). E-871/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reiste gemäss ihren Angaben am (…) April 2015 legal mit einem Visum in die Schweiz ein und stellte am 22. Juni 2015 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ ein Asylgesuch. Am 30. Juni 2015 fand die Kurzbefragung der Beschwerdeführerin zur Person (BzP) im EVZ und am 21. Oktober 2015 ihre Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt. B. B.a Die Beschwerdeführerin brachte in der BzP zur Begründung ihres Asyl- gesuchs vor , sie sei tamilischer Ethnie und s tamme ursprünglich aus C._______, Distrikt Jaffna. Nach einem kurzen Aufenthalt im Vanni-Gebiet im Jahr 1988 habe sie sich zusammen mit ihrer Familie schliesslich im Dorf D._______, Nordwestprovinz, niedergelassen. Ihr Ehemann, ein Fischer, und ihr ältester Sohn seien im Jahr 2000 der Unterstützung der LTTE (Libe- ration Tigers of Tamil Eelam) beschuldigt und festgenommen worden; sie seien seither verschollen. Viele Fischer hätten die LTTE unterstützt, wes- halb auch ihre Familie unter entsprechenden Verdacht geraten sei. Im Jahr 2008 sei ihr jüngerer Sohn E._______, der ebenfalls als Fischer gearbeitet habe, von der sri-lankischen Marine aufgrund des Verdachts der Unterstüt- zung der LTTE während 14 Tagen festgehalten und misshandelt worden. Gegen Bezahlung einer Geldsumme sei er wieder freigelassen worden. Im Jahr 2009 hätten die Behörden E._______ erneut gesucht, weil er mit sei- nem Boot eine Person transportiert habe, die, wie sich später herausge- stellt habe, ein Mitglied der LTTE gewesen sei. Aus diesem Grund hätten die Soldaten ihr Haus umstellt und durchsucht. E._______ sei zu diesem Zeitpunkt im Tempel gewesen und sie habe ihn gewarnt, dass er nicht nach Hause kommen solle. Aufgrund dieses Vorfalls sowie weil eine ihrer Töch- ter früher schon vergewaltigt worden sei, habe sie im (…) 2009 die Aus- reise ihrer Kinder sowie eines Schwiegersohnes nach Thailand in die Wege geleitet. In der Folge hätten die Behörden sie immer wieder aufgesucht, geschlagen und von ihr die Adresse ihrer Kinder verlangt. Bei einem sol- chen Vorfall am (…) November 2011 hätten sie ihr Haus niedergebrannt, ebenso wie später ein neues Haus, dass sie nach dem ersten Brand erstellt habe. Nach dem letzten Vorfall im Jahr 2013, bei welchem sie auf die Hüfte geschlagen und ihr ein Zahn herausgeschlagen worden sei, habe sie sich zur Ausreise entschlossen. E-871/2020 Seite 3 B.b Im Rahmen der Anhörung brachte die Beschwerdeführe rin vor, ihr Ehemann und ihr älter er Sohn seien beide im Jahr 2000 von de r sri - lankischen Armee aufgrund des Verdachts, die LTTE bei Waffentranspor- ten unterstützt zu haben (Ehemann), respektive Anhänger der LTTE zu sein (Sohn), festgenommen worden. Sie habe bis heute keine Informatio- nen über ihren Verbleib, obwohl sie bis ins Jahr 2009 intensiv nach ihnen gesucht habe. Sie habe bei der Polizei und dem Militär Anzeigen einge- reicht und sei auch zum Dorfvorsteher gegangen. Ihr jüngere r Sohn, E._______, habe ab 2009 auch Probleme gehabt. Er sei mehrmals festge- nommen worden. Einmal sei er während (…) Tagen von der Polizei und ein anderes Mal nach einer Bombenexplosion während (…) Tagen von der Ma- rine festgehalten worden. Er sei in der Haft auch gefoltert worden und habe Platzwunden davongetragen und Schmerzen erleiden müssen . Aus der zweiten Haft sei E._______ wieder freigelassen worden, nachdem sie eine Kaution von 50000 Rupien bezahlt habe. Im Jahr 2009 habe er auf See eine Person von einem anderen Boot übernommen und an Land gebracht. Es habe sich dann herausgestellt, dass e s sich bei diesem Mann um ein Mitglied der "Black Tiger" der LTTE gehandelt habe. Dieser sei später von der sri-lankischen Armee, ebenso wie die übrigen Personen, die sich auf dem Boot befunden hätten, festgenommen worden. Armeeangehörige hät- ten auch E._______, der an diesem Tag im Tempel gewesen sei, gesucht und deshalb ihr Haus umstellt und durchsucht. Sie hätten ihre Töchter ver- gewaltigt. Sie habe deshalb ihren Sohn aufgefordert, nicht mehr nach Hause zurückzukehren. Nach der Ausreise ihrer Kinder seien Angehörige des CID (Criminal Investigation Department) der Marine wiederholt zu ihr nach Hause gekommen und habe nach ihnen gesucht. Sie hätten sie be- schuldigt, ihre Kinder zu verstecken und die LTTE unterstützt zu haben. Sie sei von diesen Leuten einige Male geschlagen und gestossen worden. Das letzte Mal sei sie am (…) Juli 2013 von Angehörigen der Armee gefesselt und geschlagen worden, Sie hätten ihr die Augen verbunden, zwei Zehen- nägel ausgerissen und sie auch auf die Hüfte g eschlagen. Bereits im (…) habe sie sich einen Reisepass ausstellen lassen, auch weil sie ihre Identi- tätskarte und den Geburtsschein verloren gehabt habe und ein Identitäts- dokument benötigt habe, um sich bei Strassenko ntrollen ausweisen zu können. Weil sie die Situation nicht mehr ertragen habe, sei sie am (…) 2013 nach Thailand ausgerei st, wo sie vom Amt des Hohen Flüchtlings- kommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) als Flüchtling anerkannt worden sei. Am 1. April 2015 sie sei legal mit einem Visum in die Schweiz weitergereist, welches ihr zum Zwecke einer Stammzellenspende für ihre hier wohnhafte, erkrankte Schwester ausgestellt worden sei. E-871/2020 Seite 4 B.c Zum Beleg ihrer Vorbringen reichte die B eschwerdeführerin nament- lich eine Bestätigung ihrer UNHCR-Flüchtlingsanerkennung vom 30. März 2015, Unterlagen betreffend ihr Visumsgesuch für die Einreise in die Schweiz sowie eine Bussenquittung der "Royal Thai Police" vom (…) April 2015 wegen unerlaubten Aufenthalts zu den Akten. C. Mit Verfügung vom 14. Januar 2020 (eröffnet am 16. Januar 2020) stellte das SEM fest , die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, wies ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den Vollzug der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob. D. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung an das Bundesverwaltungsgericht vom 14. Februar 2020 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz und beantragte, diese der Asylentscheid sei auf- zuheben und es sei ihr Asyl zu gewä hren. In einem Eventualbegehren wurde beantragt, es sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und ihr als Folge davon die vorläu- fige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hin- sicht beantragte die Beschwerdeführerin die Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung, die Beiordnung ihrer Rechtsvertreterin als unentgelt- liche Rechtsbeiständin sowie die Befreiung von der Kostenvorschuss- pflicht. E. Mit Zwischenverfügung vom 25. Februar 2020 fo rderte die damalige In- struktionsrichterin die Beschwerdeführerin zur Einreichung einer Fürsorge- bestätigung auf. Die Beschwerdeführerin reichte mit fristgerechter Eingabe vom 26. Februar 2020 eine Bestätigung des Regionalen Sozialdiensts F._______ vom 12. Februar 2020 zu den Akten. F. Mit Zwischenverfügung vom 5. März 2020 wurden die Gesuche der Be- schwerdeführerin um unentgeltliche Prozessführung und Verbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie aArt. 110 a Abs. 1 Bst. a AsylG sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses unter Verweis auf die nicht belegte Bedürftigkeit abgewiesen und sie wurde zur Einzahlung eines Kostenvorschusses aufgefordert. E-871/2020 Seite 5 G. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 19. März 2020 wies die Beschwer- deführerin darauf hin, dass die eingereichte Bedürftigkeitsbestätigung vom 12. Februar 2020 irreführend gewesen sein. Sie sei tatsächlich nicht erwerbstätig und werde vom kantonalen Sozialdienst des Kanton s G._______ unterstützt. Es wurde eine entsprechende Fürsorgebestätigung in Aussicht gestellt. Mit Eingabe vom 25. März 2020 wurde eine Unterstützungsbedürftigkeits- erklärung des Kantonalen Sozialdienstes gleichen Datums nachgereicht. H. Mit Zwischenverfügung vom 30. März 2020 hob die Instruktionsrichterin die Zwischenverfügung vom 5. März 2020 wiedererwägungsweise auf, hiess die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um unentgeltliche Verbeiständung gemäss aArt. 110a AsylG gut, setzte MLaw Cora Dubach als unentgeltliche Rechtsbeiständin ein und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ferner wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen. I. In ihrer Vernehmlassung vom 3. April 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer Ver- fügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin am 14. April 2020 zur Kenntnis gebracht. J. Aus organisatorischen Gründen übertrug die Leitung der Abteilung V das Beschwerdeverfahren im Februar 2021 dem vorsitzenden Richter zur wei- teren Behandlung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher E-871/2020 Seite 6 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Die Vorin stanz stellte sich auf den Standpunkt, die Aus sagen der Beschwerdeführerin zu ihren Asylgr ünden würden erhebliche inhaltliche Widersprüche aufweisen, die wesentliche Elemente ihrer Asylbegründung betreffen würden , namentlich den Beginn der Probleme ihre s Sohnes E._______ sowie die Dauer seiner Inhaftierung und die Umstände seiner Freilassung. Ebenso habe sie divergierende Angaben dazu gemacht, wann und wie oft sie selber durch die sri-lankischen Behörden misshandelt wor- den sei, sowie zur Anzahl der ebenfalls festgenommenen Begleitpersonen ihres Sohnes auf dem Boot . Ihre Aussagen zu den Geschehnissen zwi- schen der Freilassung von E._______ sowie der Ausreise von diesem und seinen Geschwistern nach Thailand seien verwirrend und widersprüchlich. E-871/2020 Seite 7 Im Weiteren habe die Beschwerdeführerin nicht plausibel zu erklären ver- mocht, weshalb sie sich im (…), mithin vor dem letzten Übergriff vom (…) Juli 2013, der angeblich Anlass für ihre Ausreise gewesen sei, einen Rei- sepass habe ausstellen lassen. Es sei davon auszugehen, dass sie ihre Ausreise bereits im (…) geplant habe und dem geschilderten Vorfall vom Juli 2013 sei die glaubhafte Grundlage entzogen. Diese Folgerung werde dadurch gestützt, dass die Aussage der Beschwerdeführerin, sie sei einen Monat nach dem besagten Vorfall ausgereist, nicht in Einklang mit dem im Reisepass vermerkten Ausreisedatum ( […] August 2013) zu bringen sei. Aus diesen Gründen sei die von der Beschwerdeführerin behauptet e Re- flexverfolgung als unglaubhaft zu qualifizieren. Es würden auch kein e weiteren Faktoren vorliegen, die begr ündeten An- lass zur Annahme geben würden, dass die Beschwerdeführerin in abseh- barer Zukunft mit asylre chtlich re levanten Verfolgungsmassnahmen zu rechnen hätte. Ihre Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie sowie die Landes- abwesenheit würden praxisgemäss nicht ausreichen, um von einer begrün- deten Verfolgungsfurcht auszugehen. Die zu er wartende Befragung am Flughafen sowie eine allfällige Eröffnung eines Strafverfahrens wegen ille- galer Ausreise oder Kontrollmassnahmen am Herkunftsort wären nicht als asylrelevante Verfolgungsmassnahmen einzustufen. Es sei nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin allein wegen ihrer Ethnie sowie ihrer Herkunft aus Jaffna und dem Berufsstand ihrer Familienangehörigen als Fischer in den Augen der sri -lankischen Sicherheitsbehörden als Per- son mit besonders engen Beziehungen zu den LTTE gelten würde. Schliesslich gebe es auch unter Berücksichtigung des Regierungswech- sels in Sri Lanka nach der Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 keinen Anlass zur Annahme einer Kollektivverfo lgung ganzer Volksgrup- pen. Ein persönlicher Bezug der Beschwerdeführerin zu den Präsident- schaftswahlen sei nicht gegeben. Demnach würden die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit ge- mäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG standhalten. 3.2 In der Beschwerdeschrift wurde zunächst festgehalten, es sei nicht le- gitim, Widersprüche zwischen den Aussagen an der BzP sowie der Anhö- rung derart stark zu gewichten, wie das SEM dies tue. Gemäss der Recht- sprechung seien entsprechende Divergenzen nur dann relevant, wenn klare Aussagen diametral voneinander a bweichen oder zentrale Asyl- gründe bei der BzP nicht einmal ansatzweise erwähnt würden. Die Be- schwerdeführerin habe ihre Asylgründe sehr wohl plausibel, substanziiert E-871/2020 Seite 8 und nachvollziehbar dargelegt. Die Vorin stanz habe nicht berücksichtigt, dass sie mehrmals explizit erwähnt habe, sie sei seit den geschilderten Ereignissen sehr verwirrt und vergesslich. Es sei auch in den Befragungen deutlich geworden, dass ihr ein strukturiertes und klares Erzählen schwer- falle. Sie habe in den Jahren 2000 bis 2015 sehr viele traumatische Vorfälle erlebt. Die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschwerdeführerin werde auch durch ihre mehrmaligen protokollierten Gefühlsausbrüche und ihre andauernden Schmerzen untermauert. Diese vom SEM nicht berücksich- tigten Faktoren seien alleine schon ein Beleg für die Glau bhaftigkeit ihrer Aussagen. Im Vorfeld der Ausreise ihrer Kinder hätten mehrer e für diese ausschlaggebenden Ereignisse stattgefunden, welche sie in den Befragun- gen vermischt habe. Ihr Sohn E._______ sei erstmals im Jahr 2008 nach einer Bombenexp losion festgenommen wo rden, und im drauffolgenden Jahr sei im Zusammenhang mit dem Transport eines LTTE-Mitgliedes er- neut nach ihm gesucht worden. Da in der Folge die Behö rden mehrmals nach ihm gefragt hätten, sei sie nicht mehr imstande gewesen, diese Be- suche zeitlich und inhaltlich genau zu unterscheiden. Sie könne die einzel- nen einschneidenden Erlebniesse weder zeitlich genau zuordnen, noch die Rahmenbedingungen darum herum erklären. Sie habe aber in den beiden Befragungen alle wesentlichen Elemente erwähnt. Es müsse auch berück- sichtigt werden, dass diese Ereignisse mehr als zehn Jahre zurüc kliegen würden. Sie habe sich den Reisepass im (…) nicht nur ausstellen lassen, um sich bei Strassenkontrollen ausweisen zu können, sondern auch , um im Falle weiterer Vorfälle für eine Ausreise bereit zu sein. Ihre Schilderun- gen seien durchwegs äusserst lebhaft und emotional, und ihre Verwirrung sei in Anbetracht ihrer Erlebnisse nachvollziehbar. Die Begründetheit einer Verfolgungsfurcht sei bei Personen, die schon vor ihrer Ausreise ernsthaften Nachteilen ausgesetzt gewesen sei en, praxis- gemäss ohne Weiteres anzunehmen. Sie sei bis unmittelbar vor ihrer Flucht mehrfach befragt und dabei zum Teil auch geschlagen und gefoltert worden. Zudem sei sie bedroht und ihr Haus sei abgebrannt worden. Zu beachten sei auch, dass ihr Ehemann und ihr anderer Sohn seit dem Jahr 2000 verschollen seien. Demnach sei die von ihr empfundene Verfolgungs- furcht auch objektiv klar nachvollziehbar. Es drohe ihr weiterhin Verfolgung, solange E._______ sich den sri-lankischen Behörden nicht stelle. Durch die bereits erlebten Verfolgungsmassnahmen sei belegt, dass sie nicht län- ger in ihrer Heimat leben könne. Somit seien sämtliche Voraussetzungen der Flüchtlingseigenschaft gegeben, weshalb ihr Asyl zu erteilen sei. E-871/2020 Seite 9 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge- nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substan- ziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhö- rung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü- che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe- sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus- wechselt, steigert oder unbegründet nac hschiebt oder die nötige Mitwir- kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die E-871/2020 Seite 10 Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2 und 2010/57 E. 2.2 f.; Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei- zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asyl- verfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts, in: ASYL 2/2015 S. 5). Aussagewidersprüche zwischen den Protokollen der summarischen ersten Befragung und der einlässlichen Anhörung dürfen für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit herangezogen werden, wenn klare Angaben bei der Befra- gung zur Person in wesentlichen Punkten der Asylbegründung von späte- ren Aussagen in der Anhörung zu den Asylgründen diametral abweichen, oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht bereits bei der Erstbefragung zumindest ansatzweise erwähnt werden (vgl. EMARK 1993 Nr. 3). 5.2 Nach Auffassung des Gerichts vermögen die Vorbringen der Be- schwerdeführerin zu den Geschehnissen vor ihrer Ausreise aus Sri Lanka diesen Anforderungen insgesamt zu genügen: 5.2.1 Zwar enthalten ihre Ausführungen, wie die Vorinstanz zutreffend fest- stellte, einige Widersprüche und Ungereimtheiten, vorab hinsichtlich der zeitlichen Einordnung der von ihr geschilderten Ereignisse. Andererseits hat sie alle Kernelemente ihrer Asylvorbringen (Inhaftierung des Sohnes E._______ wegen Verdachts der Unterstützung der LTTE, Ausreise von E._______ nach dessen Freilassung gegen Kaution zusammen mit zwei Töchtern und einem Schwiegersohn der Beschwerdeführerin , Misshand- lungen der Beschwerdeführerin durch CID-Beamte im Zusammenhang mit der Suche nach ihren Kindern) in beiden Befragungen übereinstimmend vorgebracht. Ihre diesbezüglichen Aussagen weichen jedenfalls nicht grundlegend voneinander ab und weisen insgesamt eine zu erwartende Substanziiertheit auf. Die recht unstrukturiert wirkenden Äusserungen der Beschwerdeführerin lassen auf ihre Mühe schliessen, die verschiedenen behördlichen Übergriffe auf sie und ihre Angehörigen im Vorfeld ihrer Aus- reise korrekt einzuordnen und auseinanderzuhalten ; dies ist allerdings durch den Umstand, dass die genannten Ereignisse im Zeitpunkt der Be- fragungen bereits bis zu sieben Jahren zurücklagen, durchaus erklärbar. Entsprechend gab die Beschwerdeführerin mehrmals spontan an, sie sei vergesslich geworden und könne sich an manche Sachen nicht mehr erin- nern (vgl. Protokoll BzP A6 S. 9 Ziff. 9.01, Protokoll Anhörung A16 F25, E-871/2020 Seite 11 F39, F108). Dieses Eingeständnis von Erinnerungslücken kann im Übrigen als Realkennzeichen bewertet werden, ebenso wie ihre wiederholten Schil- derungen von Sachverhaltsdetails (und aussagekräftiger Sinneswahrneh- mungen), die sich ihr aber offenbar besonders einprägten (vgl. etwa Proto- koll Anhörung A16 F41 , F77, F86 f; vgl. dazu : LUDEWIG/TAVOR/BAUMER: Wie können aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwäl- ten und Anwälten helfen?, Aktuelle Juristische Praxis [AJP] 11/2011 S. 1424 ff.). 5.2.2 Dass die Beschwerdeführerin sich bereits vor dem letzten von ihr ge- schilderten Übergriff einen Reisepass ausstellen liess, rechtfertigt entge- gen der vom SEM vertretenen Auffassung, keine Zweifel an der Glaubhaf- tigkeit ihrer Vorbringen: Es erscheint durchaus nachvollziehbar, dass sie zur Zeitpunkt des Passantrags noch keine konkreten Ausreisepläne hegte, aber für den Fall einer Zunahme der Repression vorbereitet sein wollte. Aufgrund der Akten lässt sich zwar nicht ohne Weiteres nachvollziehen, weshalb die Familie der Beschwerdeführerin in Verdacht geriet, die LTTE unterstützt zu haben. Dass sich dieser Verdac ht aufgrund der Ausreise ihrer Kinder erhärtete und sie als einziges im Heimatstaat verbliebenes Familienmitglied unter verstärkten Druck der Sicherheitskräfte geriet, erscheint aber im sri-lankischen Länderkontext plausibel. 5.2.3 Nach einer Gesamtwürdigung aller aktenkundigen Umstände gelangt das Gericht, unter Berücksichtigung des reduzierten Beweismassstabs der Glaubhaftmachung, zum Schluss, dass die Asylvorbringen der Beschwer- deführerin als mit überwiegender Wahrscheinlichkeit glaubhaft zu qualifi- zieren sind. 5.3 5.3.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beacht- licher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, so- fern ihr die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu werden drohen, und vor denen sie keinen ausreichenden staat- lichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f. und 2008/4 E. 5.2, je m.w.H.). Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung der Aktualität der Verfol- gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation E-871/2020 Seite 12 im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns- ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6 S. 1016 f. oder 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2 S. 996 ff., m.w.H.). 5.3.2 Die Beschwerdeführerin hat glaubhaft dargelegt, dass sie vor ihrer Ausreise von Angehörigen des sri-lankischen CID wiederholt bedroht und körperlich misshandelt wurde, um den Aufenthaltsort ihrer ausgereisten Kinder in Erfahrung zu bringen. Sowohl sie als auch ihre Kinder seien be- schuldigt worden, die LTTE unterstützt zu haben. Diese ihr gezielt zuge- fügten Verfolgungsmassnahmen erfüllen hinsichtlich des Motivs, der Inten- sität sowie der betroffenen Rechtsgüter die Anforderungen, um als ernst- hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG qualifiziert zu werden. Demnach ist davon auszugehen, d ass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt seiner Ausreise begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung hatte. 5.3.3 Praxisgemäss besteht die Regelvermutung, dass von erlittener, mit der Ausreise in Kausalzusammenhang stehender Vorverfolgung ohne Weiteres auf das Bestehen einer begründeten Furcht vor weiterer, zukünf- tiger Verfolgung zu schliessen ist (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.; WALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a. M. 1990, S. 126 ff.). Dabei ist auch zu beachten, dass eine Pers on, die bereits ein- mal staatlicher Verfolgung ausgesetzt war, objektive Gründe für eine aus- geprägtere (subjektive) Furcht hat als jemand, der erstmals in Kontakt mit staatlichen Sicherheitskräften kommt (vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2, 2011/50 E. 3.1.1 und 2010/57 E. 2, jeweils m.w.H.). Vorliegend besteht kein Grund, von dieser Regelvermutung abzuweichen. In Anbetracht der allgemeinen Situation in Sri Lanka ist offensichtlich nicht davon auszugehen, dass sich die Verfolgungssituation, wie sie sich im Zeitpunkt der Ausreise der Be- schwerdeführerin präsentierte, ernsthaft und dauerhaft in dem Sinne ver- bessert hat, dass sie im heutigen Zeitpunkt nicht mehr mit Verfolgungs- massnahmen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu rechnen hat. 5.3.4 Im Übrigen lassen die glaubhaft gemachten Behelligungen und Miss- handlungen durch das CID wegen des Vorwurfs, sie beziehungsweise ihre Angehörigen hätten die LTTE unterstützt, darauf schliessen, dass ihr von den sri -lankischen Behörden eine oppositionelle Gesinnung unterstellt wird. Vom Vorliegen einer innerstaatlichen Fluchtalternative ist nicht aus- zugehen, da die geltend gemachte Verfolgung vom sri -lankischen Staat ausgeht. Vor diesem Hintergrund ist die begründete subjektive Furcht der Beschwerdeführerin im vorliegenden Einzelfall auch objektiv als nachvoll- ziehbar zu bezeichnen. E-871/2020 Seite 13 5.3.5 Die Voraussetzungen für die Zuerkennung der originären Flüchtlings- eigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG sind demnach auch im heutigen Zeit- punkt erfüllt. 5.4 Aus den Akten sind sodann auch keine Hinweise ersichtlich, die auf das Bestehen von Asylausschlussgründen (insbesondere im Sinne von Art. 53 AsylG) hindeuten würden. 6. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die Verfügung des SEM vom 14. Januar 2020 ist aufzuheben und die Vorinstanz ist anzuwei- sen, der Beschwerdeführerin in der Schweiz Asyl zu gewähren. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG) 8. Der Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigun g für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der ausgewiesene Aufwand in der mit der Beschwerdeeingabe eingereichten Kostennote ist als ange- messen zu erachten. Indes werden generelle Dossiereröffnungs pauscha- len praxisgemäss nicht vergütet, sondern nur effektiv ausgewiesene Kos- ten entschädigt. Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädi- gung wird deshalb, unter Berücksichtigung des Aufwands für die nachträg- lichen Eingaben vom 26. Februar 2020, 19. März 2020 und 25. März 2020 auf insgesamt Fr. 1600.– (inkl. Auslagen) festgelegt. (Dispositiv nächste Seite) E-871/2020 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des SEM vom 14. Januar 2020 wird aufgehoben. Die Vorinstanz wird angewiesen, der Beschwerdeführerin in der Schweiz Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1600.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain Versand: