<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">411</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>80</b></span> <span class="ft2"><b>Ordnungsbusse; Rückzug (§ 248 Abs. 1 StG)</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wird die Ordnungsbusse nach der Einspracheerhebung vorbehaltlos be-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zahlt, liegt ein Einspracherückzug vor. Die Ordnungsbusse wird mit dem</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Rückzug rechtskräftig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Steuern,</span><br/> <span class="ft3">vom 21. Februar 2013 in Sachen R.M. (3-RV.2012.207).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Das KStA hat mit dem angefochtenen Entscheid festgestellt,</span><br/> <span class="ft1">dass der mit Einsprache angefochtene Strafbefehl "mit der Busse von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 140.00 (...) zufolge Rückzug der Einsprache in Rechtskraft er-</span><br/> <span class="ft1">wachsen" ist. Der Rekurrent macht geltend, er habe die Busse nur be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">412</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zahlt, um keine weiteren Nachteile wie etwa eine Betreibung zu er-</span><br/> <span class="ft1">leiden. Er habe die Busse nicht anerkannt und die Einsprache nicht</span><br/> <span class="ft1">zurückgezogen. Er beantragt die Aufhebung der Busse und deren</span><br/> <span class="ft1">Rückzahlung (Rekurs).</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Das Spezialverwaltungsgericht hat zu prüfen, ob mit der Bezah-</span><br/> <span class="ft1">lung der Busse ein sinngemässer Einspracherückzug vorliegt. Wird</span><br/> <span class="ft1">diese Frage bejaht, muss weiter geprüft werden, ob der Einsprache-</span><br/> <span class="ft1">rückzug mit einem Willensmangel behaftet ist. Liegt ein wirksamer</span><br/> <span class="ft1">Einspracherückzug vor, muss der Rekurs abgewiesen werden. Er-</span><br/> <span class="ft1">weist sich der vorinstanzliche Entscheid als falsch, so ist er aufzuhe-</span><br/> <span class="ft1">ben und die Angelegenheit ist zur Behandlung der Einsprache im</span><br/> <span class="ft1">Sinne von § 247 Abs. 2 StG an die Vorinstanz zurückzuweisen. So</span><br/> <span class="ft1">oder anders hat sich das Spezialverwaltungsgericht im vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Verfahren mit der beantragten Aufhebung des Strafbefehls und der</span><br/> <span class="ft1">Rückerstattung der Busse nicht zu befassen. Darauf ist nicht einzu-</span><br/> <span class="ft1">treten.</span><br/> <br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Das Steuergesetz hält in § 248 StG zwar fest, dass im Falle ei-</span><br/> <span class="ft1">nes Einspracherückzuges vor der gerichtlichen Beurteilung der Straf-</span><br/> <span class="ft1">befehl rechtskräftig wird und als Urteil gilt. Über die Form der Rück-</span><br/> <span class="ft1">zugserklärung äussert sich das Steuergesetz jedoch weder in den</span><br/> <span class="ft1">§§ 235 ff. noch in den gemäss § 251 StG anwendbaren Bestimmun-</span><br/> <span class="ft1">gen über das Rekursverfahren bei ordentlichen Veranlagungen. In</span><br/> <span class="ft1">§ 197 Abs. 4 StG wird vielmehr auf die für das Verwaltungsgericht</span><br/> <span class="ft1">geltenden Verfahrensvorschriften verwiesen (vgl. auch § 53 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG).</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Das VRPG äussert sich nicht ausdrücklich zur Form eines Ein-</span><br/> <span class="ft1">spracherückzuges, verlangt aber bei der Anwendung des Gesetzes</span><br/> <span class="ft1">insbesondere ein Handeln nach Treu und Glauben (§ 3 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">Merker (Michael Merker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontroll-</span><br/> <span class="ft1">verfahren nach dem aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechts-</span><br/> <span class="ft1">pflege, Kommentar zu den §§ 38 - 72 VRPG, Zürich 1998, § 58</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">413</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">VRPG N 4) führt aus, der Rückzug habe ausdrücklich zu erfolgen</span><br/> <span class="ft1">und sei insbesondere vom Verzicht auf eine ursprünglich vorgebrach-</span><br/> <span class="ft1">te Argumentation zu unterscheiden. Stillschweigende Erklärungen</span><br/> <span class="ft1">gebe es nicht. Es seien jedoch für die Gültigkeit der Rückzugserklä-</span><br/> <span class="ft1">rung nicht auf jeden Fall die gleichen Formerfordernisse wie für das</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittel zu verlangen. Die Auslegung in AGVE 1985 S. 471 f.,</span><br/> <span class="ft1">wo uneingeschränkt ein schriftlicher Rückzug verlangt wird, sei zu</span><br/> <span class="ft1">eng.</span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">Das Spezialverwaltungsgericht hat entschieden, dass der Ein-</span><br/> <span class="ft1">sprecher seine Einsprache aufgrund der Dispositionsmaxime ganz</span><br/> <span class="ft1">oder teilweise zurückziehen kann (vgl. § 194 Abs. 3 StG e contrario).</span><br/> <span class="ft1">Der Rückzug hat dabei bedingungslos und ausdrücklich zu erfolgen.</span><br/> <span class="ft1">Die Rückzugserklärung ist unter anderem gültig, wenn sie mündlich</span><br/> <span class="ft1">zu Protokoll gegeben und von der protokollführenden Person sowie</span><br/> <span class="ft1">dem Steuerpflichtigen unterzeichnet wird (Kommentar zum Aargauer</span><br/> <span class="ft1">Steuergesetz, 3. Auflage, Muri-Bern 2009, § 194 StG N 12, mit Ver-</span><br/> <span class="ft1">weisen). Ein Widerruf der Rückzugserklärung ist nur möglich, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Rückzug auf einem wesentlichen Willensmangel beruht (RGE</span><br/> <span class="ft1">vom 9. August 2001 in Sachen F. + V.R.; Kommentar zum Aargauer</span><br/> <span class="ft1">Steuergesetz, a.a.O., § 194 StG N 14; RGE vom 25. August 2011 in</span><br/> <span class="ft1">Sachen E. + G.S.; RGE vom 15. November 2006 in Sachen G.D.).</span><br/> <span class="ft1">Der in AGVE 1985 S. 471 f. (RKE vom 22. November 1985 in</span><br/> <span class="ft1">Sachen K.) publizierte Entscheid der Steuerrekurskommission be-</span><br/> <span class="ft1">fasst sich mit einem "Teilrückzug" während einer Einsprachever-</span><br/> <span class="ft1">handlung (zur Differenzierung zwischen Teilrückzug und Teileini-</span><br/> <span class="ft1">gung im Einspracheverfahren: Bundesgerichtsurteil vom 22. Juni</span><br/> <span class="ft1">2010 [2C_769/2009 = StR 2010 S. 789]). Verlangt wurde eine</span><br/> <span class="ft1">schriftliche Rückzugserklärung. Mit dem in AGVE 2008 S. 311 pub-</span><br/> <span class="ft1">lizierten Entscheid des Verwaltungsgerichtes wurde ausdrücklich be-</span><br/> <span class="ft1">stätigt, dass eine Rückzugserklärung dieselben formellen Anforde-</span><br/> <span class="ft1">rungen zu erfüllen hat, wie sie an die Einlegung des Rechtsmittels</span><br/> <span class="ft1">gestellt werden. Es ist zu prüfen, ob das auch in Steuerstrafverfahren</span><br/> <span class="ft1">zu gelten hat.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">414</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.4.</span><br/> <span class="ft1">Das Verwaltungsgericht hat zur Verfahrensordnung in Steuer-</span><br/> <span class="ft1">strafverfahren ausgeführt, dass die Verfahrensregelung in enger An-</span><br/> <span class="ft1">lehnung an diejenige der Strafprozessordnung vom 11. November</span><br/> <span class="ft1">1958 (aStPO) erfolge, insbesondere an das dort in den §§ 194 ff. vor-</span><br/> <span class="ft1">gesehene Strafbefehlsverfahren (VGE vom 19. Dezember 2006 in</span><br/> <span class="ft1">Sachen S.S. [WBE.2006.394]). Mit dem Wechsel zur Schweizeri-</span><br/> <span class="ft1">schen Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 (StPO) entfällt zum</span><br/> <span class="ft1">Einen die Anwendung der Regeln der aStPO. Zum Anderen wird die</span><br/> <span class="ft1">direkte Anwendung der StPO mit § 1 Abs. 2 EG StPO eingeschränkt,</span><br/> <span class="ft1">indem die besonderen Bestimmungen der kantonalen Ordnungsbus-</span><br/> <span class="ft1">senverfahren und Steuerstrafverfahren vorbehalten werden. In</span><br/> <span class="ft1">Art. 356 Abs. 4 StPO (gleich Art. 355 Abs. 2 StPO) wird ein konklu-</span><br/> <span class="ft1">denter Einspracherückzug zugelassen, wenn die einsprechende Per-</span><br/> <span class="ft1">son ihren Mitwirkungspflichten (Erscheinen vor Gericht bzw. Fern-</span><br/> <span class="ft1">bleiben von Einvernahmen) nicht nachkommt. Insofern ist in sinnge-</span><br/> <span class="ft1">mässer Berücksichtigung strafprozessualer Grundsätze eine konklu-</span><br/> <span class="ft1">dente Rückzugserklärung möglich (a. M. Mark Schwitter, Der Straf-</span><br/> <span class="ft1">befehl im aargauischen Strafprozess, Aarau 1996, S. 325/326, wel-</span><br/> <span class="ft1">cher - wenn auch zur aStPO - aus Gründen der Rechtssicherheit für</span><br/> <span class="ft1">den Rückzug die Einhaltung der gleichen Formvorschriften, wie für</span><br/> <span class="ft1">die Einsprache selbst postuliert).</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">5.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Rekurrent hat gegen den Strafbefehl des KStA vom</span><br/> <span class="ft1">27. September 2012 mit Schreiben vom 15. Oktober 2012 Einspra-</span><br/> <span class="ft1">che erhoben. Mit Schreiben des KStA vom 18. Oktober 2012 wurde</span><br/> <span class="ft1">dem Rekurrenten der Eingang seiner Einsprache bestätigt. Mit</span><br/> <span class="ft1">Schreiben vom 23. Oktober 2012 wurde dem Rekurrenten die Ver-</span><br/> <span class="ft1">nehmlassung des Gemeindesteueramtes K. vom 23. Oktober 2012</span><br/> <span class="ft1">zur Stellungnahme innert 30 Tagen zugestellt. Weiter wurde in die-</span><br/> <span class="ft1">sem Schreiben, welches dem Rekurrenten am 24. Oktober 2012 zu-</span><br/> <span class="ft1">gestellt wurde, ausgeführt:</span><br/> <span class="ft1">"Falls wir innerhalb dieser Frist keine Eingabe erhalten, nehmen</span><br/> <span class="ft1">wir an, dass Sie auf eine Antwort verzichten. Danach wird aufgrund</span><br/> <span class="ft1">der Sach- und Rechtslage entschieden, ob wir in Anwendung von</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">415</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">§ 247 Abs. 3 des Steuergesetzes vom 15. Dezember 1998 eine An-</span><br/> <span class="ft1">klage beim Steuerrekursgericht des Kantons Aargau einreichen.</span><br/> <span class="ft1">Sollten Sie die verfügte Busse innert der genannten Frist bezah-</span><br/> <span class="ft1">len, erachten wir Ihre Einsprache als erledigt und es entstehen Ihnen</span><br/> <span class="ft1">keine zusätzlichen Kosten."</span><br/> <span class="ft1">Der Rekurrent reichte keine Stellungnahme ein und bezahlte die</span><br/> <span class="ft1">Busse per 30. Oktober 2012 vorbehaltslos.</span><br/> <span class="ft1">5.2.</span><br/> <span class="ft1">Es ist zu prüfen, ob die Einsprache - wie in der Verfügung des</span><br/> <span class="ft1">KStA vom 30. Oktober 2012 ausgeführt - durch Bezahlung zurück-</span><br/> <span class="ft1">gezogen wurde. Davon ist das KStA ausgegangen. Es hat dem</span><br/> <span class="ft1">Schreiben vom 23. Oktober 2012 entsprechend als Folge eines Rück-</span><br/> <span class="ft1">zuges die Rechtskraft des Strafbefehls festgestellt und auf die Erhe-</span><br/> <span class="ft1">bung zusätzlicher Kosten verzichtet.</span><br/> <span class="ft1">Vorab ist festzustellen, dass die Bezahlung der Busse inklusive</span><br/> <span class="ft1">Kosten vorbehaltlos erfolgte. Gestützt auf das Schreiben vom</span><br/> <span class="ft1">23. Oktober 2012, in dem ausdrücklich festgehalten wurde, dass mit</span><br/> <span class="ft1">der Bezahlung der Busse die Einsprache als erledigt betrachtet wer-</span><br/> <span class="ft1">de, durfte und musste das KStA davon ausgehen, dass der Rekurrent</span><br/> <span class="ft1">an seiner Einsprache nicht festhalten wollte. Das gebietet der Grund-</span><br/> <span class="ft1">satz des Handelns nach Treu und Glauben. Der Rekurrent hat nicht</span><br/> <span class="ft1">nur an der Einsprache nicht festgehalten, sondern weitergehend die</span><br/> <span class="ft1">Strafe (Busse) mit der vorbehaltlosen Zahlung anerkannt. Das Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahren war daher so oder anders einzustellen und die Rechtskraft des</span><br/> <span class="ft1">Strafbefehls festzustellen. Daran änderte auch die umgehende Er-</span><br/> <span class="ft1">hebung des Rekurses vom 6. November 2012 nichts mehr.</span><br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Begründung, er habe mit der Bezahlung der Busse Nachtei-</span><br/> <span class="ft1">le wie eine Betreibung verhindern wollen, vermag keinen wesent-</span><br/> <span class="ft1">lichen Willensmangel zu begründen. Mit der Einsprache wurde der</span><br/> <span class="ft1">Strafbefehl vielmehr aufgehoben und eine Einforderung der Busse</span><br/> <span class="ft1">und der Verfahrenskosten war damit nicht mehr möglich.</span><br/> <span class="ft1">5.4.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ergibt sich, dass der vorliegende Rekurs ab-</span><br/> <span class="ft1">zuweisen ist.</span><br/></div> </div> </body> </html>