B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5377/2015 U r t e i l v o m 2 6 . F e b r u a r 2 0 1 8 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richterin Mia Fuchs, Richterin Esther Marti, Gerichtsschreiberin Blanka Fankhauser. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Klausfranz Rüst-Hehli, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 4. August 2015 / N (…). E-5377/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger der Ethnie der Hazara aus der Provinz B._______ – gelangte eigenen Angaben zu- folge im Jahre 2007 über Griechenland und Ungarn nach Deutschland, wo er festgenommen und einen Monat lang inhaftiert worden sei. Anschlies- send sei er nach Ungarn über stellt worden, wo er sechs Monate im Ge- fängnis verbracht habe. Dort und ebenfalls in Österreich habe er um Asyl nachgesucht, bevor er unter Umgehung der Grenzkontrolle am 17. Februar 2012 in die Schweiz einreiste, wo er am darauffolgenden Tag im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) C._______ um Asyl nachsuchte. Dort wurde er am 20. März 2017 zu seinen Personalien und zum Reiseweg befragt und e s wurde ihm zu einer allfälligen Wegweisung nach Ungarn bezie- hungsweise Österreich das rechtliche Gehör gewährt. B. Das vormalige BFM (heute SEM) trat auf das Asylgesuch des Beschwer- deführers im Rahmen eines Dublin-Verfahrens mit Verfügung vom 17. April 2012 nicht ein und ordnete die Überstellung nach Ungarn an. Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 30. April 2012 wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-2354/2012 vom 27. März 2014 gutge- heissen, soweit darauf ein getreten wurde , die an gefochtene Verfügung wurde aufgehoben und das BFM angewiesen , das Asylgesuch des Be- schwerdeführers materiell zu prüfen. C. Am 25. September 2014 führte das BFM die Anhörung durch. Dabei machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, sein Vater, der in Moskau studiert und gearbeitet habe, sei im Jahre 2005 definitiv nach Af- ghanistan zurückgekehrt. Er habe in Russland zum Christentum konvertiert und habe diese Religion der Familie näher gebracht. Er (der Beschwerde- führer) und sein Bruder hätten zum Christentum konvertiert, während die Mutter sich geweigert habe. Der Vater habe mit Hilfe andere r Personen, darunter einem gewissen D._______, heimlich die Bibel von Pakistan nach Afghanistan bringen lassen, um sie unter die Leute zu verteilen. Seine El- tern seien kurz nach diesem Ereignis (…), ums Leben gekommen. Er habe nie erfahren aus welchem Grunde dies geschehen sei, vermute aber, dass es sich um ein Attentat gehandelt habe. Nach diesem Ereignis habe er mit seinem Bruder den Kiosk (wohl ein Laden; Anmerkung des Gerichts) sei- nes Vaters, in welchem (…) verkauft worden sei, weitergeführt. Dabei habe E-5377/2015 Seite 3 sein Bruder den Leuten, die etwas gekauft h ätten, eine Bibel oder einen Film gegeben und auch noch etwas über das Christentum erzäh lt. In den Jahren 2006 – 2007 hätten sie den Kiosk problemlos führen können . Im April/Mai 2007 sei es zu einem Vorfall gekommen. Als er (der Beschwer- deführer) in den zweiten Stock des Ladens Bücher holen gegangen sei, sei sein Bruder vom Mullah der Dorfmoschee angeschossen worden. Darauf- hin sei er sofort nach Hause zum Onkel gerannt und habe mit ihm an- schliessend den Bruder nach B._______ ins Spital gebracht, wo dieser während dreier Monate in Behandlung gewesen sei. In dieser Zeit sei er (der Beschwerdeführer) nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Anschlies- send seien sie über den Iran in die Türkei gegangen, wo sie erfahren hät- ten, dass ihr Kiosk abgebrannt sei. In der Türkei hätten sie sich getrennt und der Bruder sei nach E._______ gegangen. Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Tazkara, ein Schreiben der evangelischen Freikirche F._______ vom Juli 2012 und ein Foto, auf welchem seine Taufe dokumentiert werde, zu den Akten. D. Am 30. Juli 2015 reichte der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungs- gericht eine Rechtsverzögerungsbeschwerde ein. E. Mit Verfügung vom 4. August 2015 – eröffnet am 5. August 2015 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweis ung aus der Schweiz, schob deren Vollzug jedoch zufolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. F. Mit Abschreibungsentscheid des Bundesverwaltungsgerichts E-4663/2015 vom 5. August 2015 wurde die Rechtsverzögerungsbeschwerde als gegen- standslos geworden abgeschrieben. G. Mit Eingabe vom 3. September 2015 liess der Beschwerdeführer gegen die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, diese sei vollumfänglich aufzuheben, seine Flüchtlingsei- genschaft sei festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Eventuell sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Ent-E-5377/2015 Seite 4 scheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In formeller Hinsicht er- suchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Si nne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. H. Mit Zwischenverfügung vom 16. September 2015 wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege abgewiesen und der Be- schwerdeführer wurde aufgefordert, bis zum 2. Oktober 2015 einen Kos- tenvorschuss von Fr. 600.– zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. I. Mit Eingabe vom 2. Oktober 2015 reichte der Beschwerdeführer durch sei- nen Rechtsvertreter verschiedene Schriften zum Christentum, einen Aus- zug aus einem Buch, in welchem ein Konvertit die Talibanherrschaft über- lebt habe, eine Berichtigung seiner Aussagen bei der Bundesanhörung, da der Dolmetscher als Moslem diese nicht korrekt übersetzt habe, und eine Fürsorgebestätigung des Sozialamtes (…) vom 17. September 2015 ein. Zudem ersuchte er das Gericht wiedererwägungsw eise um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. J. Mit weiteren Eingaben vom 6., 8., 13., 17. und 19. Oktober 2015 wurden verschiedene Schreiben des Beschwerdeführers, in welchen er seine Glaubwürdigkeit beteuert und auf das missliche Leben der Christen in Af- ghanistan hinweist, eingereicht. K. Mit Zwischenverfügung vom 21. Oktober 2015 hiess die zuständige In- struktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts- pflege wiedererwägungsweise gut, verzichtete wiedererwägungsweise auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und überwies die Akten der Vor - instanz zur Vernehmlassung. L. Mit Eingaben vom 22. und 26. Oktober 2015 äusserte sich der Beschwer- deführer erneut zu christlichen Themen und übermittelte dem Gericht einen Auszug aus einem Buch über das Christentum. M. Das SEM reichte am 5. November 2015 eine Vernehmlassung zu den Ak-E-5377/2015 Seite 5 ten und beantragte dabei die Abweisung der Beschwerde. Die Vernehm- lassung wurde dem Beschwerdeführer am 10. November 2015 zur Kennt- nisnahme zugestellt. N. Mit einer weiteren Eingabe vom 13. November 2015 äusserte sich der Be- schwerdeführer zum schiitischen Islam und erneut zur Konversion zum Christentum. O. Mit Eingabe vom 25. September 2017 reichte er ein Schreiben des Schwei- zerischen Roten Kreuzes vom 16. J uni 2017 ein, wonach die vom Be- schwerdeführer eingeleitete Suchanfrage, seinen Bruder in E._______ ausfindig zu machen, gescheitert sei. P. Mit Schreiben vom 25. September 2017 wurden Auszüge aus einem Text zur Apostasie eingereicht. In Schreiben vom 10., 11., und 15. November 2017 wurde erneut auf seine angeblich glaubhaften Vorbringen und die re- ligiöse Problematik in Afghanistan hingewiesen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsg ericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist E-5377/2015 Seite 6 durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwalt ungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachte ilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüc htlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Zur Begründung seiner Verfügung machte das SEM im Wesentlichen geltend, die Schilderungen des Beschwerdeführers über seine missionie- rende Tätigkeit in Afghanistan, wonach er religiöses Material an Kunden abgegeben habe, laufe der allgemeinen Erfahrung zuwi der. Nach seinen Aussagen habe er keine Konvertiten im Dorf gekannt, weil es nicht üblich sei, sich gegenseitig über Religionswechsel auszutauschen. Diese Darstel- lung der Allgemeingegenwärtigkeit des Islam im Dorf und d es zurückhal- tenden Verhaltens der Dorfbewohner stehe im krassen Gegensatz zu sei- nen Schilderungen zur Verteilung von Bibeln und Filmmaterial. Das Bild, E-5377/2015 Seite 7 welches er von der gespannten Atmosphäre in seinem Heimatland betref- fend Religion gezeichnet habe, die Art u nd Weise, wie sein Vater seinen neuen Glauben gelebt habe sowie öffentlich zugängliche Quellen würden den Schilderungen zu seiner missionierenden Tätigkeit grundlegend ent- gegenlaufen. Am 29. März 2006 sei in der Onlineversion der Zeitschrift „Spiegel“ ein Artikel zu afghanischen Staatsangehörigen erschienen, wel- che zum Christentum konvertiert seien. Ein langjähriger Konvertit habe das tägliche Versteckspiel im Namen des Glaubens, w elches Christen in Af- ghanistan zu ihrer Sicherheit betreiben müssten, beschrieben. Dabei habe er auch ausgesagt, dass aus Sicherheitsgründen bei den meisten Messen keine Bibel dabei sei. Anderen öffentlichen Quellen seien gleiche oder bis- weilen ähnliche Informationen zu entnehmen. Zwar habe der Bruder den Beschwerdeführer darüber informiert, dass die- ses Material s ehr gefährlich sei , und er sei sich bewusst gewesen, dass ihre Handlungen sogar mit dem Tod bestraft werden könnten. Sicherheits- vorkehrungen hätten sie aber – ausser das Material in ein em separatem Schrank aufzubewahren – keine getroffen. Weiter habe der Beschwerde- führer angeführt, dass sich diejenigen Personen, die eine Bibel mitgenom- men hätten, im Fall einer Anzeige bei den Behörden selbst in Gefahr ge- bracht hätten. Gemäss weiteren Aussagen habe es auch Leute ge geben, die keine religiösen Unterlagen hätten mitnehmen wollen. Diese Personen hätten den Beschwerdeführer sehr wohl bei den Behörden oder religiösen Institutionen anzeigen können. Ebenfalls befremdlich sei die Aussage, dass der Beschwerdeführer nicht gewusst habe, ob bestimmte Personen nach Durchsicht der ausgehändig- ten religiösen Unterlagen Interesse an einer Konversion gezeigt hätten. Es wirke stossend, dass der Beschwerdeführer durch das Verteilen der Bibeln und Filme im Namen seiner Religion einerseits ein sehr grosses Risiko ein- gegangen sein wolle, andererseits sich gar nicht dafür interessieren würde, ob irgendeine dieser Personen schliesslich dieselben Vorstellungen wie er angenommen habe oder sogar einen Glaubenswechsel vollziehen würde. Sodann erstaune, dass der Mullah, der den Bruder des Beschwerdeführers angeschossen habe, nicht bereits früher von seiner Tätigkeit in der kleinen Ortschaft erfahren habe, da der Beschwerdeführer gemäss seinen Aussa- gen durchschnittlich zwei bis drei Bibeln pro Tag verschenkt habe, was bei einer fünf-Tage-Woche rund 780 Bibeln pro Jahr ergeben würde. Auch das Vorgehen des Mullahs widerspreche der allgemeinen Handlungslogik, wäre eine öffentliche Anklage und ein entsprechender Prozess vor einem E-5377/2015 Seite 8 weltlichen oder religiösen Gericht doch wesentlich effektiver gewesen als ein misslungener Mordversuch. Schliesslich sei es zu mehrere n kleinen Ungereimtheiten gekommen, die zum bereits entstandenen Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Vorbingen beitragen würden. Die geltend gemachten Ereignisse betreffend das Ver- teilen der religiösen Unterlagen sowi e den Anschlag auf das Leben des Bruders würden nämlich zahlreiche schwer nachvollziehbare und der all- gemeinen Handlungslogik widersprechende Komponenten aufweisen . Dass (…) der Eltern ein religiös motivierter Anschlag gewesen sei, sei le- diglich eine Verm utung des Beschwerdeführers. Diese Vorbringen seien somit als unglaubhaft zu werten. Die Tatsache, dass sich der Beschwerdeführer vom Islam abgewendet und im Christentum eine neue Orientierung gefunden habe, habe er indes glaubhaft vermittelt. Allerdings ergebe sich aus der Konversion an sich ge- mäss Rechtsprechung keine Asylrelevanz. Der Beschwer deführer habe zwar geltend gemacht, dass er sich in der Schweiz bei der Evangelischen Freikirche in F._______ engagiere und die Taufe empfangen habe. Aller- dings habe er auch ausgesagt, dass er dies vor den anderen afghanischen Staatsangehörigen geheim halte. Da ihm die missionierende Tätigkeit im Heimatland nicht geglaubt w erden könne und er keine glaubhaften Hin- weise dazu habe li efern können, dass die Behörden in Afg hanistan auf seine Konversion und seine Handlungen aufmerk sam gem acht worden seien, bestünden keine subjektiven Nachfluch tgründe, welche zu r Zuer- kennung der Flüchtlingseigenschaft führen würden. 4.2 In der Beschwerde und der Vielzahl weiterer Schreiben des Rechtsver- treters wurde im Wesentlichen festgehalten, dass der Beschwerdeführer sehr differenziert seine Zuwendung zum christlichen Glauben als kontinu- ierlichen, innerfamiliären Prozess geschildert habe. Der angefochtenen Verfügung könne auch nicht entnommen werden, dass sich die reli giöse Neuorientierung des Vaters und das religiöse Denken nicht so zugetragen hätten, was die Vorinstanz auch zu Recht nicht in Frage gestellt habe. In der angefochtenen Verfügung werde kein Grund erwähnt, warum die Kon- version nicht in Afghanistan stattgefunden haben sollte , und zwar una b- hängig davon, ob sein Vater tatsächlich einem religionspolitisch motivierten Verbrechen zum Opfer gefallen sei oder nicht. Der Tod des Vaters habe seine religiöse Überzeugung nicht erschüttert, sondern bestärkt. Die Vor- instanz zweifle zu Unrecht an der missionierenden Tätigkeit, ohne den ide-E-5377/2015 Seite 9 ologisch hochbefrachteten Begriff der M ission im Sinne eines Sendungs- auftrags mit der nötigen Sorgfalt zu analysieren und zu rechtfertigen. Der Beschwerdeführer habe immer wieder Angst erwähnt und mehrmals ge- schildert, dass das Angebot einer Bibel nicht wahllos, sondern aufgrund eines gezielten Wahlvorgangs getätigt worden sei. Missverständlich sei so- dann die Verwendung des Begriffs „Dorf“, das heisse, eine Ortschaft mit 7000 Haushalten und mehr als 20‘000 Einwohnern, wie dies der Beschwer- deführer beschrieben habe, als Dorf zu bezeichnen. Dies sei klar auf eine undeutliche Übersetzung zurückzuführen, ebenso wie die Verwendung des Wortes „Kiosk“, das keinesfalls zu der hier damit verbundenen Assoziation zu dieser Art von Verkaufslokal passe. Der Umstand, das s sich der Be- schwerdeführer bei den Empfängern der geschenkten Bibeln später nicht über deren Reaktion interessiert und nachgefragt habe , sei keineswegs stossend. Es sei ein differenzier tes Persönlichkeitsmerkmal, ob sich je- mand nach der Wirkung des eigenen Verhaltens erkundige oder nicht. Dies lasse nicht auf die Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen schliessen. Auch beim Tötungsversuch des Mullahs trage die Vorinstanz der Unterschied- lichkeit der Denk-, Empfindungs-, Motivations- oder Handlungsweise ein- zelner geprägter Individuen in keiner Weise R echnung. Insgesamt seien die Aussagen des Beschwerdeführers kohärent und ohne Stilbrüche. Mit der Tatsache, dass sich die Vorinstanz auf die fehlende Logik des Handelns berufe, baue sie in ihrem Entscheid eine nicht t ragfähige und reflexiv ab- gestützte Konstruktion auf. Sodann wurde darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer den Kon- takt zu seinem in E._______ lebenden, ebenfalls konvertierten, Bruder ver- loren habe, da dieser ihn angesichts des in Ungarn erlittenen Gefängni s- aufenthalts eines entehrenden Deliktes verdächtigt habe. Dieser Bruder habe in E._______ Asyl erhalten. Auf die weiteren Vorbringen und Beweismittel auf Beschwerdeebene, in welchen vorwiegend in repetitiver Weise auf die Gefährdungslage der Christen und Konvertiten in Afghanistan hingewiesen wird, wird – soweit entscheidwesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. 5. 5.1 Im Folgenden ist zunächst zu prüfen, ob das SEM betreffend die gel- tend gemachten Vorfluchtgründe die Flüchtlingseigenschaft des Beschwer- deführers im Sinne von Art. 7 und 3 AsylG zu Recht verneint hat. E-5377/2015 Seite 10 5.1.1 Vorab ist festzuhalten, dass gemäss den Aussagen des Beschwer- deführers sein Vater im Jahre 2005 von Moskau, wo er zum Christentum konvertiert sei, nach Hause zurückgekehrt sei und seinen Söhnen diese Religion vorgestellt und näher gebracht habe, so dass beide zum Christen- tum konvertiert seien. Im gleichen Jahr seien Vater und Mutter (…) umge- kommen. Der Beschwerdeführer gab sodann an, niemand, ausser viel- leicht andere Konvertiten, habe Kenntnis vo n seiner Konversion gehabt. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass der (…) einen religiösen Hin- tergrund hatte beziehungsweise auf die Abwendung des Vaters vom mus- limischen Glauben zurückzuführen ist (vgl. B7/25 Antwort 101). Im Übrigen hat der Beschwerdeführer selbst angegeben, dies sei nur eine Vermutung (vgl. B7/25 Antwort 126). 5.1.2 Der Beschwerdeführer konnte sodann überzeugend darlegen, dass seine Mutter gegen eine Konversion war, da sie offenbar als Analphabetin den Islam nicht hinterfragte, und dass sein Vater ihm den Unterschied zwi- schen den beiden Religionen beibrachte, indem er ihm erklärte, der Islam fordere zur Gewalt auf, während das Christentum einen liebevollen Um- gang miteinander predige. Weiter konnte der Beschwerdeführer glaubhaft machen, dass er in der Bibel gelesen und sich in mancher Hinsicht mit den christlichen Grundsätzen auseinander gesetzt hat (vgl. B7/25, Antworten 80, 83 f. 116 und 190). Wie er jedoch mehrmals betonte, wusste über diese Konversion niemand Bescheid. Demnach lebte er seinen christlichen Glau- ben nicht öffentlich, sondern lediglich ausschliesslich in privaten Sphären aus. Zudem konnte er, trotz der von der Vorinstanz zu Recht geschilderten Allgegenwärtigkeit des Islam, offenbar immer begründen, warum er nicht in die Moschee gegangen sei, ohne dass andere Verdacht geschöpft hät- ten (vgl. B7/25 Antwort 114). Insgesamt erscheint daher der vom Be- schwerdeführer geschilderte Ablauf der Konversion stimmig und frei von Widersprüchen, weshalb das Gericht nach Prüfung der Akten in Überein- stimmung mit der Vorinstanz zum Schluss kommt, dass die diesbezügli- chen Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaub- haftigkeit (Art. 7 AsylG) genügen, mithin davon auszugehen ist, dass sich der Beschwerdeführer vom Islam abgewendet und dem Christentum zuge- wendet hat. 5.1.3 Demgegenüber kann die missionierende Tätigkeit des Beschwerde- führers nicht geglaubt werden. Er war sich offensichtlich der grossen Ge- fährlichkeit eines solchen Handelns bewusst und gab denn auch an, dass sie gesteinigt worden wären, hätte man sie dabei erwischt. Überdies sei das Material deswegen auch von seinem Bruder in einem separaten E-5377/2015 Seite 11 Schrank aufbewahrt worden. Dass er und sein Bruder trotz dieser Gefahr während zweier Jahre täglich Bibeln und Filme so wie religiöses Material auch an Fremde verschenkt haben wollen, ohne dabei irgendwelche Si- cherheitsvorkehrungen getroffen zu haben (vgl. B7/25 Antworten 147 f.) , erscheint gerade auch vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich . Auf die entsprechenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung kann im Üb- rigen vollumfänglich verwiesen werden (vgl. Verfügung des SEM, Ziff. II, 1.b und c ). Die Ausführungen auf Beschwerdeebene vermögen diese Schlussfolgerung nicht umzustossen. So vermag insbesondere die Beteu- erung in der Beschwerde, Christen würden ihr Leben gerne riskieren und den Märtyrertod auf sich nehmen, nicht zuletzt aufgrund des damals noch jungen Alters des Beschwerdeführers von (…) Jahren, nicht zu überzeu- gen. zumal er erklärte, die ganze Zeit grosse Angst geh abt zu haben. Unglaubhaft wurde zudem auch der Vorfall geschildert, wonach der Bruder vom Mullah angeschossen worden sein soll, da der Beschwerdeführer das Ereignis bei der Anhörung anders darstellte (B7/25 Antworten 79 und 153 ff.) als in seiner ersten Beschwerde vom 30. April 2012 (A18/6). So gab er anlässlich der Anhörung an, im siebten oder achten respektive im vierten oder fünften Monat des Jahres 2007 im zweiten Stock des Ladens gewe- sen zu sein, als er einen Knall gehört habe. Anschliessend habe er de n Mullah, der allein gewesen sei , aus dem Haus kommen und ins Auto ein- steigen sehen, worauf er im zweiten Stock aus dem Fenster gesprungen respektive nach unten gegangen und durch das hinterste Fenster geflüch- tet sei. In der erwähnten Beschwerde machte er hingegen geltend, dass er gegen Ende des Jahres 2007, er sei gerade im ersten Stock des Ladens beschäftigt gewesen, durch einen grossen Lärm aufgeschreckt worden sei. Der bewaffnete Imam sei mit einer Schar erboster Männer ins Haus ge- stürmt, worauf er aus dem Fenster gesprungen sei. Diese divergierenden Darstellungen lassen darauf schliessen, dass sich der Vorfall nicht ereignet hat. 5.1.4 Nach dem Gesagten steht fest, dass der Beschwerdeführer im Zeit- punkt seiner Ausreise keine asylrecht lich relevante Gefährdung erlitten hatte. 5.2 Zu prüfen bleibt somit, ob aufgrund der Konversion des Beschwerde- führers zum Christentum auf eine begründete Furcht vor künftiger Verfol- gung im Sinne von Art. 3 AsylG zu schliessen ist. E-5377/2015 Seite 12 5.2.1 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zu- kunft verwirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleich- barer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht her- vorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer ob- jektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen, und sie ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Kon- sequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 mit weiteren Hinweisen). 5.2.2 In einem als Referenzurteil publizierten U rteil des Bundesverwal- tungsgerichts D -4952/2014 vom 23. August 2017 wurde unter anderem festgehalten, dass Gläubige anderer Religionen als des Islams gemäss der afghanischen Verfassung ihren Glauben innerhalb der gesetzlichen Gren- zen frei ausüben könnten. Die afghanische Verfassung bezeichne den Is- lam jedoch gleichzeitig explizit als offizi elle Staatsreligion und bestimme , dass keine andere Religion den Grundsätzen und Regeln des Islams zu- widerlaufen dürfe. Zwar werde Apostasie im afghanischen Strafgesetzbuch nicht als Straftat definiert, falle aber nach afghanischer Rechtsauffassung unter die nicht weiter definierten ‚ungeheuerlichen Straftaten‘, die laut Strafgesetzbuch nach der Hanafi -Rechtslehre bestraft würden. Gemäss dieser Hanafi-Rechtslehre würden Frauen lebenslang respektive bis zum Widerruf der Konversion in Haft genommen und Männer enthauptet. Werde die Todesstrafe nicht verhängt, seien die daneben vorgesehenen straf- rechtlichen sowie auch gesellschaftlichen Konsequenzen aber äusserst hart. Die Äusserung von nicht-religiösen Überzeugungen werde verfolgt o- der schlicht durch soziale Zwänge verunmöglicht , wobei die soziale Kon- trolle und der soziale Druck in Afghanistan gross seien (vgl. Referenzurteil D-4952/2014 E. 7.5.2). 5.2.3 Im genannten Referenzurteil wurde der Schluss gezogen, dass Per- sonen, deren Apostasie öffentlich bekannt werde, objektiv begründete Furcht vor Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG hätten. Es sei zu prüfen, inwieweit von einer Person vernünftigerweise erwartet werden könne, die drohende Verfolgung durch das eigene (diskrete) Verhalten abzuwenden E-5377/2015 Seite 13 oder ob solches für sie zu einem unerträglichen psychischen Druck führe (vgl. Referenzurteil D-4952/2014 E. 7.5.5 f.). 5.3 Vorliegend ergeben sich aufgrund der Aktenlage keine hinreichend konkreten Anhaltspunkte für die Annahme einer begründeten Furcht, ernst- haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt zu werden. Anders als im zitierten Referenzurteil D-4952/2014 weist der Beschwerde- führer in casu ein deutlich schwächeres persönliches Profil auf. So hielt er seine Konversion während Jahren offenbar geheim und konnte damit in Afghanistan unbehelligt leben. Er äusserte sich nicht öffentlich kritisch zum Islam und widersetzte sich auch nicht ausdrücklich grundsätzlichen isalmi- schen Sitten, Gebräuchen und Glaubensregeln. Er fiel aufgrund seiner Art und Persönlichkeit in keiner Weise auf. Auch seine im Zusammenhang mit seinem christlichen Glauben vorgenommenen Tätigkeiten in der Schweiz machte der Beschwerdeführer anderen afghanischen Staatsangehörigen gegenüber bisher offenbar nicht bekannt, wie bereits die Vor-instanz unter Verweis auf die entsprechende Protokollstelle zu Recht festhielt. Daher ist es ihm zumutbar, seine Konversion auch in Zukunft geheim zu halten, ohne dass dies für ihn einen unerträglichen psychischen Druck bedeuten würde. 5.4 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die Flücht- lingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und das Asyl- gesuch abgelehnt hat. 5.5 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 5.6 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 5.7 Aus den vorangegangenen Erwägungen kann indes nicht geschlossen werden, der Beschwerdeführer sei angesichts der aktuellen Lage in Afgha- nistan dort nicht gefährdet. Eine solche Gefährdung ist aber nur unter dem Aspekt von Art. 83 Abs. 3 oder 4 AuG (SR 142.20) zu prüfen, wonach der Wegweisungsvollzug für ausländische Personen nicht zulässig ist, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise in den Hei- mat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen, beziehungsweise E-5377/2015 Seite 14 unzumutbar sein kann, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini- scher Notlage konkret ge fährdet sind. Der Gefährdung des Beschwerde- führers aufgrund der aktuellen Situation in Afghanistan wurde durch das SEM mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen. Da die Vollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4), ist vorliegend die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs nicht zu prüfen. Im Rahmen einer allfälligen späteren Aufhebung der vorläufigen Aufnahme wäre dannzumal ex nunc zu prüfen, ob der Vollzug der Wegwei- sung völkerrechtlich zulässig, zumutbar und möglich ist (vgl. Art. 84 Abs. 2 i.V.m. Art. 83 AuG; zum Prüfungsmassstab in Bezug auf konvertierte Chris- ten vgl. Urteil des EGMR [Grosse Kammer] vom 23. März 2016, F.G. gegen E._______, (Nr. 43611/11), § 144, §§ 156-157). 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm mit Zwischenverfü- gung vom 21. Oktober 2015 die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wor- den ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) E-5377/2015 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Blanka Fankhauser Versand: