B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6417/2013 U r t e i l v o m 1 0 . S e p t e m b e r 2 0 1 4 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter William Waeber, Gerichtsschreiberin Alexandra Püntener. Parteien A._______, B._______, Mazedonien, beide vertreten durch Donato Del Duca, Rechtsanwalt, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Aargau, (…), Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Oktober 2013 / N (…). E-6417/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine mazedonische Staatsangehörige albani- scher Ethnie und muslimischen Glaubens aus C._______ (Gemeinde […]), reiste eigenen Angaben zufolge am 22. Juni 2013 von Pristina (K o- sovo) kommend zusammen mit [ihrem Kind] auf dem Luftweg in die Schweiz ein. Am 26. Juni 2013 suchte sie im Empfangs- und Verfahrens- zentrum (EVZ) Basel um Asyl nach. Anlässlich der summarischen Befragung vom 18. Juli 2013 gab sie zu Protokoll, sie könne nicht mehr genau sagen, wann sie sich das letze Mal in Mazedonien aufgehalten habe. Nach der Heirat sei sie zu ihrem Ehe- mann nach Kosovo gezogen, wo sie sich fortan – bis auf (…) Jahre, in denen sie in der Schweiz gelebt habe – im Raume D._______ aufgehal- ten habe. Ihr Ehemann arbeite nämlich seit (…) Jahren in der Schweiz, […]. Vor vier Monaten habe sie sich von ihrem Ehemann getrennt. Nach der Trennung habe sie ihr Ehemann mit dem Tod bedroht. Er habe ihr das Kind wegnehmen wollen. Die Eheprobleme hätten bereits nach der G e- burt des Kindes in (…) im (…) 2011 begonnen, als sich herausgestellt ha- be, dass sie an [sexuell übertragbare Erkrankung] leide. Seither habe ihr Ehemann ihr vorgeworfen, ihn betrogen z u haben. Sie sei danach z u- sammen mit ihrem Ehemann nach Kosovo gereist, wo sie von ihm aber ständig als Hure beschimpft und immer wieder verprügelt worden sei. Einmal habe sie nach Schlägen zwei Wochen lang das Bett hüten mü s- sen. Ihr Ehemann habe eine Person nach Hause geholt, die sie dort g e- pflegt und ihr Spritzen und Infusionen verabreicht habe. Ihr Bruder habe ihren Ehemann einmal zur Rede gestellt, nachdem sie diesem am Telefon von den Schlägen ihre Ehemannes erzählt habe . Dieser habe jedoch be- hauptet, sie sei ihm untreu gewesen. Daraufhin sei sie auch von ihrer e i- genen Familie verstossen worden. Seither sei sie ihrem Ehemann total ausgeliefert gewesen. Sie habe sich nicht mehr wehren können. Vom Bruder ihres Ehemannes sei sie zudem nach der Geburt i hres Kindes mit der Pistole bedroht und zweimal vergewaltigt worden. Sie habe desw e- gen eine Anzeige wegen illegalen Waffenbesitzes erstattet. Dabei habe sie jedoch nichts von der Gewaltanwendung erwähnen können . Vor 14 Monaten habe sie zudem gegen ihren Wi llen und unter Druck ihres Eh e- mannes in (…) ein Kind abtreiben lassen. Inzwischen sei sie psychisch und physisch am Ende. Sie könne auf keinen Fall nach Kosovo zurück- kehren. Sie sei müde und erschöpft und habe Suizidgedanken. Ausser [ihrem Kind] habe sie niemanden mehr. Von der Familie stehe einzig noch E-6417/2013 Seite 3 ihre in [Schweiz] wohnhafte Schwester zu ihr. Ihr Ehemann habe ihr mehrmals angedeutet, dass er beabsichtige, sie umzubringen und ihr so [das Kind] wegzunehmen. Sie sehe das Asylgesuch als ihre letzte Cha n- ce. Dem Protokoll ist zu entnehmen, dass die Befragung der Beschwe r- deführerin von heftigem Weinen begleitet gewesen sei. Die Beschwerdeführerin reichte ihren mazedonischen Reisepass, ausge- stellt am (…) 2009, sowie den Reisepass ihres Kindes zu den Akten. B. Am 30. Juli 2013 fand die einlässliche Anhörung der Beschwerdeführerin statt. Aus dem entsprechenden Protokoll geht hervor, dass sie (…) 2010 in Kosovo geheiratet habe und nach vier Monaten Aufenthalt bei der Fa- milie ihres Ehemannes zusammen mit diesem im (…) 2011 in die Schweiz gereist sei, wo sie fortan (…) in (..) gewohnt hätten. In (…) sei im (…) 2011 auch [ihr Kind] zur Welt gekommen. Bei der Ehe habe es sich um eine von ihren Verwandten arrangierte Ehe gehandelt. Sie habe ihren Ehemann im (…) 2010 kennengelernt und sich kurz darauf verlobt. Die Eheprobleme hätten damit begonnen, dass bei ihr [sexuell übertragbare Erkrankung] diagnostiziert worden sei und ihr Ehemann geglaubt habe, sie habe ihn betrogen. Seit der Diagnose sei sie täglich von ihm geschl a- gen worden. [des Kindes] wegen sei sie weiterhin bei ihrem Ehemann geblieben, habe d ieser doch gedroht, dass sie die Schweiz verlassen müsse und er ihr [das Kind] wegnehme. Als [ihr Kind] acht Monate alt ge- worden sei, sei sie wieder schwanger geworden. Ihr Ehemann habe sie zu einer Abtreibung gezwungen und sie in (…) ins Spital gebracht. Sie habe ihre Geschichte niemandem anvertrauen können, da sie immer von ihrem Ehemann begleitet worden sei und dieser das Wort übernommen habe. Nach der Abtreibung seien sie nach Kosovo zurückgekehrt. Dort sei sie von ihrem Ehemann derart heftig geschlagen worden, dass sie das Bett während zweier Wochen nicht habe verlassen können. Ihr Ehe- mann habe ihr bei diesem Streit erneut erklärt, dass sie eine Hure sei und er sie nicht mehr als seine Ehefrau betrachte. Er habe ihr auch verboten zu fragen, wo er sich jeweils aufhalte. Er habe sie aufgefordert, das Haus zu verlassen und ihr erneut gedroht, ihr [das Kind] wegzunehmen. Die Schläge habe sie jeweils in Anwesenheit der Schwiegerfamilie erhalten. Die Brüder ihres Ehemannes hätten sich bloss dahingehend geäussert, dass ihr Ehemann dies tun und sie gar töten dürfe; die Schwiegermutter ihrerseits habe ihr gesagt, sie habe diese Behandlung verdient. Ihr Ehe- mann habe nach den Schlägen für sie eine Art Krankenschwester organi- siert. Ihr verheirateter Schwager, mit welchem sie in Kosovo unter einem E-6417/2013 Seite 4 Dach gewohnt habe, habe sie in dieser Zeit zweimal in Anwesenheit ihres Kindes mit Pistolen gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Zuvor habe er jeweils seine Ehefrau zu seinen Eltern gebracht. Er habe ihr g e- sagt, dass sie sowieso eine Hure sei und dies keine Rolle spielen würde. Sie habe den Schwager wegen Waffengewalt bei der Polizei zwar ange- zeigt. Sie habe sich aber nicht getraut, über die weiteren Geschehnisse zu sprechen. Sie habe die Lust auf das Leben verloren, sei nicht mehr in der Lage, etwas zu tun. Sie sei in diesem Zeitraum oft ohnmächtig ge- worden, wenn sie geschlagen worden sei . Zwar sei sie einmal wegen Schmerzen im Brustbereich zum Arzt gegangen ; sie habe sich jedoch nicht getraut, ihm von den Schlägen zu erzählen, da ihr Ehemann neben ihr gestanden sei. Sie habe ihm lediglich erklärt, dass sie traurig sei, wo r- auf sie Medikament e erhalten habe. Schliesslich habe sie einem ihrer Brüder telefonisch mitgeteilt, dass sie geschlagen werde. Als dieser aber vom Ehemann erfahren habe, dass sie krank sei und von ihm als Hure betrachtet werde, hätten ihre Familienangehörige bis auf die Schwester in [Schweiz] alle den Kontakt zu ihr abgebrochen. Dem Protokoll kann entnommen werden, dass die Anhörung nach der Mittagspause in Absprache mit der Hilfswerksvertretung ohne deren A n- wesenheit und derjenigen der Protokollführerin fortgesetzt wurde. Z udem regte die Hilfswerksvertreterin dringend weitere Abklärungen an, da die Beschwerdeführerin traumatisiert sei, gezittert und viel geweint habe. Gemäss einer separaten Aktennotiz der Befragerin vom 7. August 2013 soll es bei der Anhörung trotz identischer Muttersprache von Dolmetsche- rin und Beschwerdeführerin zu Verstän digungsschwierigkeiten geko m- men sein. Die Befragerin führte dies darauf zurück, dass die Beschwerde- führerin komplexere Begriffe auch in der Muttersprache nicht verstand en habe. Daher sei i n der Folge eine einfachere Sprache gewählt worden. Der Notiz ist weiter zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin an Schwindel gelitten habe und in den Pause nicht sofort habe aufstehen können. C. Den Akten kann bezüglich der gesundheitlichen Situation der Beschwer- deführerin ferner entnommen werden, dass sie am (…) 2013 nach einem Ohnmachtsanfall mit der Ambulanz ins Spital gebracht werden musste. Der behandelnde Arzt äusserte in seinem Bericht den Verdacht auf einen psychogenen Krampfanfall. Nachdem sich der Zustand der Beschwerde-E-6417/2013 Seite 5 führerin im Verlaufe des Tages besserte, wurde sie noch gleichentags nach mehrstündiger Überwachung entlassen (vgl. Akte A8). Am 7. August 2013 wurde der Beschwerdeführerin vom Zentrumsarzt das Beruhigungsmittel Insidon verabreicht. Gemäss einer weiteren Aktennotiz der Befragerin vom 30. September 2013 wurden ihr zwei rezeptpflichtige Antidepressiva sowie ein rezeptpflichtiges Schmerzmittel verschrieben. Aus der Notiz geht weiter hervor, dass die Beschwerdeführerin in de n letzten fünf Wochen zweimal einen Arzt aufgesucht habe. Ein weiterer Arzttermin sei nicht geplant. D. Mit Verfügung vom 15. Oktober 2013 – eröffnet 16. Oktober 2013 – lehnte das BFM das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung der B e- schwerdeführerin aus de r Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Das BFM begründete seinen ablehnenden Asylentscheid damit, dass die Vorbringen die Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) nicht zu erfüllen vermögen. Den Wegweisungsvollzug b e- zeichnete das BFM sodann als zulässig, zumutbar und möglich. E. Mit Beschwerde vom 15. November 2013 focht die Beschwerdeführerin die Verfügung an und beantragte, es sei ihr und ihrem Kind Asyl zu g e- währen. Event ualiter sei die Verfügung des Bundesamtes aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei festzustellen, dass die Wegweisung unzulässig und unzumutbar sei; in der Folge sei ihr und ihrem Kind die vorläufige Au f- nahme zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsi cht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege samt Beiordnung einer amt- lichen Rechtsvertretung und um Verzicht auf die Erhebung eines Koste n- vorschusses. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die kantonalen Behörden seien anzuweisen, von Vollzugshandlungen abzusehen, bis über die Beschwerde entschieden sei. Der Beschwerde lagen ein Schreiben der Beschwerdeführerin an den Kantonalen Sozia l- dienst betreffend Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit sowie ein Au s- trittsbericht der Psychiatrischen Dienste (…) vom 12. November 2013 bei. F. Mit Eingabe vom 19. November 2013 wurde eine Fürsorgebestätigung des zuständigen kantonalen Sozialdienstes vom 18. November 2013 zu den Akten gereicht. E-6417/2013 Seite 6 G. Mit Zwischenverfügung vom 25. November 2013 teilte die Instruktion s- richterin der Beschwerdeführerin mit, dass sie und ihr Kind den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könnten. Das Gesuch um G e- währung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne vo n Art. 65 Abs. 1 und Abs. 2 VwVG hiess s ie gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Sodann wurde die Beschwerdeführerin aufgefordert, innert Frist Name und Anschrift des von ihr gewünschten amtlichen Rechtsbeistandes bekanntzugeben. Des Weiteren wurde in der Zw i- schenverfügung festgehalten, dass die bisher eingereichte Beschwerde als rechtsgenüglich erachtet werde. H. Mit Eingabe vom 9. Dezember 2013 zeigte der im Rubrum erwähnte Rechtsanwalt die Übernahme der Rechtsvertretung als unentgeltlicher Rechtsbeistand der Beschwerdeführerin und ihres Kindes an und reichte eine Vollmacht ein. I. Das BFM beantragte i n seiner Vernehmlassung vom 9. Januar 2014 die Abweisung der Beschwerde. Gleichzeitig nahm es insbesondere zur g e- sundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin sowie zur Schutz willig- keit und Schutzfähigkeit des mazedonischen Staates bei Übergriffen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt Stellung. Dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin wurde in der Folge ein Replikrecht eingeräumt. J. Der amtliche Rechtsbeistand nahm zur Vernehmlassung innert erstreck- ter Frist mit Eingabe vom 19. Februar 2014 Stellung. Unter anderem wies er auf eine erneute Hospitalisierung der Beschwerdeführerin am (…) Feb- ruar 2014 nach einem Kollaps sowie auf den Umstand hin, dass vorli e- gend auch dem Kin dswohl Beachtung zu schenken sei, da das Kind au f- grund der Instabilität der Beschwerdeführerin in der Schweiz mehrfach von deren Schwester habe betreut werden müssen . Der Eingabe lag ein Schriftenwechsel mit der Polizei in (…) und (…) betreffend Anzeige sei- tens der Beschwerdeführerin gegen ihren Ehemann bei. Das Bundesver- waltungsgericht wurde aufgefordert, die Polizeiakten von Amtes wegen beizuziehen. Auf den weiteren Inhalt der Eingabe wird, soweit entschei d- wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. E-6417/2013 Seite 7 K. Mit Eingabe vom 27. Februar 2014 reichte der amtliche Rechtsbeistand einen ärztlichen Bericht samt zahlreiche n Labordaten, datierend vom 18. Februar 2014, sowie eine Kostennote zu den Akten. L. Mit Eingabe vom 26. August 2014 wurde ein aktuelles A rztzeugnis vom 13. August 2014 eingereicht, mit welchem der betreuende psychiatrische Facharzt die weiterhin andauernde psychotherapeutische und medik a- mentöse Behandlung der Beschwerdeführerin bestätigt. Es wird eine schwere depressive Episode (ICD-10 F32.2) sowie eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) diagnostiziert und namentlich auf die Gefahr einer deutlichen psychischen Dekompensation und Suizidalität im Falle einer Wegweisung der Patientin Bezug genommen. Der Rechtsve r- treter unterstrich im weiteren erneut die zu berücksichtigenden Aspekte des Kindswohls, des fehlenden familiären Beziehungsnetzes im Heima t- staat und der Tatsache, dass die in der Schweiz lebende Schwester der Beschwerdeführerin auch für das Kind zu einer wichtige n Bezugsperson geworden sei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vori nstanz des Bu n- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asy ls endgültig, ausser bei Vorliegen e i- nes Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerd e- führende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG, Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführerin und ihr Kind haben am Verfahren vor der Vorinstanz E-6417/2013 Seite 8 teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung bezi e- hungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4 Am 1. Februar 2014 trat die Revision des Asylgesetzes vom 14. D e- zember 2012 in Kraft. Gemäss Abs. 1 der diesbezüglichen Übergangsb e- stimmungen gilt für im Zeitpunkt des Inkrafttretens hängige Verfahren – mit vorliegend nicht einschlägigen Ausnahmen – das neue Recht. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz- lich Asyl. Flüchtlin ge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, National i- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt si nd oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauensp ezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das BFM begründete seinen ablehnenden Entscheid damit, die Vor- bringen der Beschwerdeführerin würden die Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht erfüllen. Im Detail führte es zur Begründung seines negativen Ents cheides an, es könne zwar nicht au s- geschlossen werden, dass die Beschwerdeführerin Probleme mit ihrem E-6417/2013 Seite 9 Ehemann gehabt habe. Indessen erachtete es d as Vorbringen, wonach sie von diesem verstossen worden sei und er ihr [das Kind] habe weg- nehmen wollen, als nicht glaubhaft. Ihre Angaben dazu seien zu vage und zu wenig konkret ausgefallen. So habe sie ihre eigenen Aussagen im Laufe der Anhörung relativiert. Zuerst habe sie angegeben, sie sei vo m Ehemann aus dem Haus geworfen worden, später habe sie ausgesa gt, ihr Ehemann habe ihr nur angedroht, sie aus dem Haus zu werfen. Weiter führte das BFM an, das angebliche Verhalten des Ehemannes widerspre- che der Logik und sei daher nicht glaubhaft. So sei anzunehmen, dass der Ehemann den Pass des Kindes seiner Ehefrau nicht überlassen hät- te, wenn er ihr [das Kind] tatsächlich hätte wegnehmen wollen. Schliess- lich seien ihre Angaben zu ihrer Flucht unsubstanziiert. Sie habe nicht plausibel erklären können, weshalb sie sich gerade an diesem Tag zur Flucht entschieden habe. Sie habe dazu angegeben, es habe einen Streit gegeben und ihr Ehemann habe das Haus verlassen , worauf s ie die Chance zum Weggehen genutzt habe. Solche Situationen seien jedoch öfters vorgekommen. Weshalb sie gerade an diesem Tag geflohen sei, habe sie nicht erklären können. Weiter erachtete das BFM auch die Ve r- gewaltigungen durch den Schwager der Beschwerdeführerin als u n- glaubhaft. Auch hier habe sie nicht plausibel erklären können, woher sie sogleich gewusst habe, dass dieser sie vergewaltigen wolle. In sgesamt habe sie zudem nur stereotype Aussagen zu den Vergewaltigungen g e- macht und die jeweilige Vergewaltigungssituation nicht genau zu schi l- dern ver mocht. Auch habe sie ausweichend auf die Frage nach dem Verbleib der Waffe während der Vergewaltigung geantwortet. Weiter seien die Angaben zur Anzeige des Schwagers nach der Flucht vage geblieben, habe sie doch nicht sagen können, was sie auf dem Posten unterschri e- ben habe, was nach der Ausreise mit der Anzeige geschehen sei und wie viel später sie ausgereist sei. Ferner sei es der Beschwerdeführerin auch nicht gelungen, die Verstossung durch den eigenen Bruder beziehung s- weise ihre Reaktion (in Form von Akzeptanz) darauf plausibel zu erklären. Das BFM erachtete als unglaubhaft, dass die Beschwerdeführerin nicht von sich aus versucht habe, mit jemandem aus der Familie in Kontakt zu treten, da sie zuvor doch regelmässigen Kontakt zur Familie gehabt habe. Ihre ausweichenden Antworten und der Umstand, dass ihr der Bruder die Kontaktaufnahme zur Familie verboten habe, seien nicht überzeugend. Schliesslich habe sich die Beschwerdeführerin auch unstimmig darüber geäussert, bei welchem Telefonat sie vom Bruder verstossen worden sei. 4.2 In der Beschwerdeschrift wird vorab auf die schlechte psychische Ver- fassung der Beschwerdeführerin – diese habe während der Anhörung viel E-6417/2013 Seite 10 geweint und gezittert – sowie den von der Hilfswerksvertretung beschri e- benen Umstand hingewiesen. Bezüglich des ihr vorg ehaltenen Wide r- spruchs im Zusammenhang mit dem Rauswurf aus der Wohnung i n Ko- sovo machte die Beschwerdeführerin ferner geltend, aus ihrer Aussage, sie sei mehrmals aus dem Haus geworfen worden, werde offensichtlich, dass sie nicht im eigentlichen Sinne hinausgeworfen worden sei, sondern mehrere Aufforderungen zum Verlassen des Hauses erhalten und diese (des Kindes wegen) jeweils ignoriert habe. Auch das Überlassen des Passes könne nicht als Unglaubhaftigkeitsfaktor betr achtet we rden. Ihr Ehemann habe offenbar nie ernsthaft in Betracht gezogen, dass sie ihn verlassen könnte, erst recht nicht mehr, nachdem die eigene Familie sie ebenfalls verstossen habe. Er habe sie auch immer als dumme Frau b e- zeichnet. Auch dass sie den genauen Zeitpunkt nicht habe beschreib en können, sei vor dem Hintergrund, dass sie so viel Gewalt erlebt habe, nicht gegen sie zu werten. Sie sei an diesem Tag einmal mehr geschl a- gen und mit dem Tod bedroht worden; da sei in ihr auf einmal der "Schal- ter gekippt". Sie wisse heute nicht mehr, wo her sie die Kraft genommen habe, das Haus mit dem Kind zu verlassen, es sei eine spontane Flucht gewesen, die sie schon in der Anhörung als ziellos beschrieben habe. Zudem sei ihr Ehemann an diesem Tag ausser Haus gewesen. Zu den von der Vorinstanz festgestellten Zweifeln an der Vergewaltigung durch den Schwager führte sie aus, als dieser nachts in Abwesenheit ihres Ehemannes ihr Zimmer betreten habe, habe sie gewusst, was dieser im Sinne habe, habe dieser in ihrem Zimmer schliessl ich nichts zu suchen und aufgrund der Beschimpfungen des Ehemannes als Hure keinen R e- spekt mehr vor ihr gehabt. Sie habe zuerst noch in Erwägung gezogen, ihrer Schwiegermutter von der Vergewaltigung zu erzählen, d och habe sie sich nicht getraut, hätte dies e ihr wohl ohnehin nicht geglaubt. Das BFM habe verkannt, dass sie traumatisiert sei und es ihr schwer falle, über das Erlebte zu sprechen. Sie habe Mühe, sich zu konzentrieren und ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Ihre Vorbringen seien ke i- neswegs stereotyp, sondern geprägt von ihren rastlosen Gedanken. Dass sie nicht sagen könne, was ihr Schwager mit der Waffe gemacht habe, wenn er sie ihr nicht gerade auf ihren Mund oder Hals gerichtet habe, sei auf ihre Todesangst zurückzuführen. Schliesslich habe er ihr gedroht, sie zu töten, falls sie sich wehre oder die Sache erzähle. Auch sei zu berüc k- sichtigen, dass sie in diesem Zeitpunkt ihren Körper sinnbildlich verlassen habe, da sie es sonst nicht ausgehalten hätte. Was im Weiteren ihre An- zeige, die sie in Kosovo eingereicht habe, betreffe, so sei zu berücksichti- gen, dass sie damals sehr verängstigt gewesen sei, nur vier Jahre Schul- bildung habe und kurz darauf aus Kosovo ausgereist sei. Vermutlich habe E-6417/2013 Seite 11 sie auf dem Polizeiposten ihre Anzeige unterschrieben. Die Polizei habe ihr in Aussicht gestellt, dass sie das Haus ihrer Familie nach Waffen durchsuchen werde. Das BFM habe schliesslich z u Unrecht die Versto s- sung durch die eigene Familie in Mazedonien in pauschaler Weise von der Hand gewiesen. Es sei bekannt, dass in Mazedonien noch sehr patri- archalische Verhältnisse herrschen würden. Da ihr Vater verstorben sei, träfen nun die Brüder die Entscheidungen für die Familie. Einer ihrer Brü- der habe mit dem Entscheid, sie zu verstossen, einen Entscheid für die ganze Familie getroffen. Die Brüder hätten den Aussagen ihre s Eheman- nes, dass sie ihn betrogen habe, of fenbar mehr geglaubt als den ihrigen. Sie gelte als Schande für die Familie. Ihre Angehörigen hätten ihr gesagt, dass sie tot sei, weil sie Schande über die Familie gebracht habe. Mit i h- rer Mutter könne sie nur via ihre Brüder telefonisch Kontakt aufnehmen. Auch ihre Schwester habe nur sehr selten Kontakt mit der Mutter. Schliesslich seien auch in den Aussagen zum Telefonat mit ihrem Bruder und dessen Verstos sung am Telefon keine Unstimmigkeit zu erkennen. Insgesamt verkenne das BFM die Tragweite ihrer Traumatisierung. Prob- lematisch sei sodann, dass die Anhörung ab Frage 172 ohne Hilfswerk s- vertretung und ohne Protokollführerin stattgefunden habe. Die Beschwer- deführerin habe bei den Befragungen mehrmals erwähnt, dass sie suiz i- dal sei, worauf das BFM jedoch nicht eingegangen sei. Die vorgebrachten Widersprüche seien bei genauer Betrachtung gar nicht vorhanden. Das BFM habe sodann auch verkannt, dass sie in Mazedonien keinen Schutz vor ihrem Ehemann erhalten werde. Dieser könne jederzeit ungehindert nach Mazedonien einreisen. Ihre Verfolgung sei als geschlechtsspezif i- sche Verfolgung anzuerkennen, sei doch der mazedonische Staat weder fähig noch willens, sie vor weiteren Übergriffen zu schützen. Zu beachten sei auch, dass sie über kein familiäres Netz verfüge, welches ihr Schutz gewähren könne. Dem zu den Akten eingereichten Austrittsbericht der psychiatrischen Dienste (…) vom (…) November 2013 kann entnommen werden, dass sich die Beschwerdeführerin nach einem Suizidversuch vom (…) Oktober 2013 erstmals in stationärer Behandlung befa nd. Dabei wurde eine A n- passungsstörung mit kurzer depressiver Reaktion (F43.20) und ana m- nestisch eine Misshandlung durch den Ehemann diagnostiziert. 4.3 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung vom 9. Januar 2014 an ihrem Standpunkt fest. Dabei führte sie aus, die Beschwerdeführerin h a- be ihren Heimatstaat Mazedonien bisher nie um Schutzgewährung e r- sucht. Angesichts der Tatsache, dass der Bundesrat Mazedonien am E-6417/2013 Seite 12 1. August 2003 als verfolgungssicheren Staat bezeichnet habe, könne davon ausgegangen werden, da ss der mazedonische Staat schutzfähig wäre, sollte die Beschwerdeführerin diesen Schutz benötigen. Bezüglich der Wegweisung kam die Vorinstanz zum Schluss , dass keine akute Su i- zidalität bestehe und gemäss den Erkenntnissen des BFM psychiatrische Erkrankungen in Mazedonien behandelt werden könnten. Weiter wurde festgehalten, ein depressives Zustandsbild sei bei Personen, deren Asy l- gesuche abgewiesen worden seien und die eine Ausweisung befürcht e- ten, nicht selten zu beobachten. Dies stehe jedoch dem Wegweisun gs- vollzug nicht entgegen. 4.4 In ihrer Replik vom 19. Februar 2014 führte die Beschwerdeführer in dazu aus, die Vorinstanz habe es unterlassen, auf die geltend gemachte Verfolgungsgefahr durch ihren Ehemann und dessen Familie in Mazed o- nien, in Kosovo und in der Schweiz einzugehen. Sie habe in Mazedonien kein tragendes Bezie hungsnetz. Im W eiteren habe sich ihr psychische r Zustand nicht weiter verbessert. Am (…) Februar 2014 habe sie nach e i- ner Kollabierung notfallmässig hospitalisiert werden müssen und sei dort bis am (…) Februar 2014 stationär behandelt worden. Sie habe immer wieder angegeben, von ihrem Ehemann bedroht zu werden. Dieser suche sie nach wie vor und wolle sie töten und ihr das Kind wegnehmen. Dies stelle für ihren Gesundheitszustand eine massive Be lastung dar. Der b e- handelnde Psychiater habe zu einem Eintritt ins Frauenhaus angeregt, dies sei aber an der negativen Kostengutsprache gescheitert. Im provis o- rischen Austrittsbericht des Kantonsspitals (…) sei der behandelnde Hausarzt aufgefordert worden, eine Überweisung in die Tagesklinik der Psychiatrischen Klinik in (…) vorzunehmen. Im Weiteren habe die B e- schwerdeführerin in Begleitung ihrer Schwester bei der Polizei in (…) eine Anzeige gegen ihren Ehemann erstattet. Die polizeilichen Akten seien vorliegend beizuziehen. Schliesslich sei die Erkrankung der Beschwerd e- führerin an [sexuell übertragbare Erkrankung] im Arztbericht des Ka n- tonsspitals (…) vom 17. Februar 2014 bestät igt worden. Im Übrigen sei die Situation des Kindes unter dem Gesichtspunkt des Kindeswohls zu berücksichtigen. Im (provisorischen) Arztbericht vom 17. Februar 2014 respektive im (defi- nitiven) Arztbericht des Kantonsspitals (…) vom 18. Februar 2014 wurden bei der Beschwerdeführerin insbesondere Bewusstlosigkeit unklarer Ätio- logie, ein Status nach Synkope mit Vigilanzminderung, eine Belastungssi- tuation mit Status nach Suizidalität sowie eine [sexuell übertragbare E r- krankung] diagnostiziert. Es wurde vorgeschlagen, die Beschwerdeführe-E-6417/2013 Seite 13 rin in der Tagesklinik (…) bei einer albanisch sprechenden Person ps y- chiatrisch zu betreuen. Zudem sei sie weiterhin medikamentös zu beha n- deln. Aus dem aktuellen Arztzeugnis vom 13. August 2014 geht hervor, dass die Beschwerdeführerin weiterhin in psychotherapeutische r und medika- mentöser Behandlung steht und dass bei ihr eine schwere depressive Episode sowie eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden ist, wobei im Falle einer Wegweisung die Gefahr einer deutlich en psychischen Dekompensation und Suizidalität bestehe. 5. 5.1 Angesichts der seitens des BFM bestrittenen Glaubhaftigkeit sind die Vorbringen der Beschwerdeführerin vorab auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. In einem zweiten Schritt wird zu beurteilen sein, ob mit der gegebenenfalls glaubhaft geschilderten Verfolgungssituation die Kriterien der im Gesetz definierten Flüchtlingseigenschaft erfüllt sind. Die nachfo l- gende Glaubhaftigkeitsprüfung des Bundesverwaltungsgerichts beschlägt vorab die innere und ä ussere Konsistenz der Aussagen. Zu beurteilen ist nachfolgend, ob die Vorbringen der Beschwerdeführerin tatsachengerecht sind und objektiv prüfbaren Begebenheiten standhalten sowie, ob sie l o- gisch und plausibel erscheinen und sich in einen Kontext einbette n las- sen, in dem Ort, Zeit, Umstände und Handlungsablauf in einem deutlich feststellbaren Zusammenhang stehen. Weiter ist dem Umstand Rec h- nung zu tragen, dass bei der Beurteilung psychisch belastender Ereignis- se, worunter die vorliegend geltend gemachten g eschlechtsspezifischen Vorbingen zu subsumieren sind, nicht allein auf die Schilderung des b e- lastenden Ereignisses abgestellt werden darf . Ebenso müssen die se in einen nachvollziehbaren Kontext gebracht werden können, wobei die Umstände den tatsächlichen B egebenheiten des Landes, namentlich auch den gesellschaftlichen Normen im Land, entsprechen müssen. 5.2 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet es daher als sinnvoll, einlei- tend die Rolle der Ehefrau in der kosovo-albanischen Gesellschaft zu um- reissen. Die heutigen Familienverhältnisse in Kosovo sind nach wie vor patriarchalisch geprägt. Die traditionellen Verhaltensregeln samt Rolle n- teilung, welche weitgehend durch den Kanun (Verhalt enskodex) geprägt sind, sind für die weiblichen Familienmitglieder weiterhin verbindlich. Zwar haben die Frauen im Vergleich zu früher grundsätzlich ein deutlich grösseres Mitspracherecht, doch nehmen sie dieses aus Angst, die Fami- lie zu entehren, oft nicht wahr. Mit der Heirat tritt die Frau in den Famil i-E-6417/2013 Seite 14 enverband ihres Ehemannes über, dennoch "gehört" die Frau lebenslang ihrer Herkunftsfamilie. Das bedeutet, dass sie beispielsweise dann dor t- hin zurückgeschickt wird, wenn sie nicht die von der Tradition für sie vo r- gesehene Rolle einnimmt. Die Unterstützung der Herkunftsfamili e gilt j e- doch nur so lange, als d ie Frau sich innerhalb der für s ie vorgesehenen Rolle bewegt. Ist das nicht mehr der Fall, droht ihr die Statuslosigkeit. Die Berechtigung zum Wohnen im Haushalt der Familie des Ehemannes ver- schafft sich die Frau durch die Arbeit im Haushalt und das Gebären von Söhnen. Nach den Normen des Gewohnheitsrechts sind die Ehefrauen vollständig von ihren Männern abhängig. In den ländlichen und schwer zugänglichen Regionen ist die Analphabetismusquote unter Frauen i m- mer noch hoch. Die wenigsten Frauen haben eine Berufsausbildung. Selbst erwerbstätige und als emanzipiert geltende Frauen halten zu Hau- se die Rollenteilung und die traditionellen Verhaltensregeln für weibliche Familienmitglieder ein. Verwandte in der Diaspora und Bildungsg rad der Frau sind Faktoren, die Einfluss auf die Position der Frau haben. Au f- grund der grossen Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern ist die Scheidungsrate unter ethnischen Albanern sehr tief. Der im ruralen B e- reich niedrige Bildungsstand der Frauen, i hre ökonomische Abhängigkeit und der traditionelle Gehorsam der Frau gegenüber dem Ehemann sind Faktoren, die es einer Frau schwer machen, eine Trennung in Betracht zu ziehen oder zu initiieren. Viele der Frauen, die die Initiative ergriffen h a- ben, sich zu trennen, kehren auf Druck von verschiedener Seite hin wi e- der zu ihren Männern zurück. Für eine in einem traditionellen Umfeld l e- bende Frau ist eine Trennung/Scheidung mit einem erheblichen Ans e- hensverlust verbunden. Die Frau ist in der Regel gezwungen, zu ihrer Herkunftsfamilie zurückzukehren. Dort ist sie nicht unbedingt willkommen. Ihre Kinder werden von ihrer Herkunftsfamilie als "fremdes Blut" betrach- tet und sind unerwünscht. Gleichzeitig ist der Druck beider Familien und des Umfeldes so gross, dass die Frau selbst bei gerichtlichem Zuspruch des Sorgerechtes die Kinder dem früheren Ehemann herauszugeben hat. Gewalttätigkeit der Männer, wel che nach dem Krieg des Jahres 1999 markant zugenommen hat und welche ihre Legitimation ebenfalls im K a- nun findet, ist sodann einer der häufigsten Scheidungsgründe. Innerfam i- liäre Gewalt wird jedoch häufig noch als familieninterne Angelegenheit wahrgenommen und wurde in der Vergangenheit nur dann von Gerichten zu Gunsten der Frau beachtet, wenn die Verletzungen sichtbar waren. Träger der Ehre ist nach der Logik des Kanuns der Ehemann. Die Ehre der Frau ist aber Bestandteil der Ehre des Ehemannes. Seine Ehre hängt unmittelbar vom Verhalten der ihm anvertrauten Ehefrau oder auch Schwester ab. Aussereheliche Beziehungen und gar ein uneheliches Kind E-6417/2013 Seite 15 werden als Schande betrachtet und führen zur Verstossung der Ehefrau oder aber Abtreibung des Kindes. Auch Vergewaltigungen sind ein gros- ses Tabu und werden immer mit der Ehre des für die Frau zuständigen Ehemannes in Verbindung gesetzt. Deshalb wird seitens der Frau alles daran gesetzt zu verhindern, dass solche Vorgänge bekannt werden . Auch hier muss sie mit der Zerstörung der Fa milie und dem Ausschluss aus der Gesellschaft rechnen. Ohnehin hindern Gefühle von Scham und Schuld sie, sich zu äussern. Die Folgen der Verstossung durch den Ehe- mann und insbesondere die eigene Familie sind gravierend. Oft verliert die Frau a uch das Recht auf Rückkehr in die Herkunftsfamilie . Das hat zur Folge, dass sie fortan gesellschaftlich isoliert leben muss. Die Ver- stossung einer Tochter erfolgt häufig mit den Worten des V a- ters/Haushaltsvorstandes, er habe keine Tochter mehr. Die anderen F a- milienmitglieder äussern sich in ähnlicher Weise. Von ihnen wird erwartet, jeglichen Kontakt zur Tochter oder Schwester abzubrechen. Diese wird keinerlei Hilfe seitens der Familie mehr erwarten können. Zwar besteht die theoretische Möglichkeit, sich an Frauenorganis ationen zu wenden, doch sind deren Möglichkeiten sehr limitiert (Unterbringung smöglichkeit nur für wenige Wochen, ständige Überfüllung). Zudem beinhalten die meisten Interventionen dieser Einrichtungen einzig die Verhandlung über die Rückkehr der Frau (vgl. zum Ganzen: Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Kosovo: Bedeutung der Tradition im heutigen Kosovo, Rainer Mat- tern, 24. November 2004; BFM Themenpapier, Kosovo / Jugoslawien, Die kosovo-albanische Frau in Fa milie und Gesellschaft , 25. Oktober 2000 , <http://www.refworld.org/docid/466fe34d2.html>, zuletzt abgerufen am 28.08.2014). 5.3 Angesichts dieser Ausführungen können d ie vom BFM im angefoc h- tenen Entscheid angeführten Plausibilitätsüberleg ungen nicht gestützt werden. Für das Bundesverwaltungsgericht ersc heinen die Vorbringen der Beschwerdeführerin aufgrund ihrer eigenen Herkunft (vgl. E. 7.5 hi e- nach) sowie derjenigen ihres Ehemannes a us einer traditionellen Familie realitätsnah und weitestgehend als stimmig . Sie spiegeln sich im ang e- führten Abriss der sozialen Rolle der Frau i n Kosovo wider. Unsicherhei- ten in ihren Aussagen betreffend Datierung gewisser repetitiver Ereignis- se sind für das Gericht durchaus nachvollziehbar, wobei auch de n in den eingereichten Arztberichten bestätigten psychischen Beschwerden, der emotionalen Verfassung während der Anhörung und der bescheidenen Bildung der Beschwerdeführerin Rechnung zu tragen ist . Die Beschwer- deführerin hat ihre Erlebnisse anlässlich der über mehrere Stunden da u- ernden Anhörungen unter Emotionen und körperl ichen Reaktionen in E-6417/2013 Seite 16 überwiegend überzeugender Weise geschildert. Ihre Erzählung ist ge- prägt von diversen Realkennzeichen (Wiedergabe von Gesprächen, Schilderung eigener psychischer Vorgänge, Eingeständnis von Erinn e- rungslücken, logische Konsistenz) und hin terlässt auch unter diesem Ge- sichtspunkt einen authentischen Eindruck. Die vom BFM geäusserten Zweifel müssen vor dem Hintergrund der Situation, wie sie sich für eine die Trennung initiierende Ehe frau in Kosovo darstellt, überwiegend als unberechtigt bezeichnet werden. Dass der Ehemann die Beschwerdefüh- rerin als Folge seines mit der [sexuell übertragbare Erkrankung] begrün- deten Verdachts von Untreue verstossen und des Hauses verwiesen hat, muss nach den obigen Ausführungen zur sozio-kulturellen Situation der Ehefrau in der kosovo-albanischen Gesellschaft (Kanun) als durchaus re- alistisch und nachvollziehbar bezeichnet werden. Die Beschwerdeführerin hat in ihrer Beschwerdeschrift zu Recht darauf verwiesen, dass ihre Aus- sagen im Lichte des mehrmaligen Verweises aus dem Haus bei gleichzei- tiger, wiederholter Weigerung, das Haus zu verlassen, zu betrachten se i- en. Im Wissen um die grosse Abhängigkeit seiner Ehefrau und der tradit i- onellen Sorgerechtsverteilung beziehungsweise der durch den gesel l- schaftlichen Druck bewirkten Chancenlosigkeit der Beschwerdeführerin , das Sorgerecht zu erhalten, erscheint dem Gericht auch keineswegs (wie vom BFM eingewendet) zwingend, dass der Ehemann den Pass [seines Kindes] bestimmt b ereits vorso rglich entzogen hätte. Die Drohung , das Kind wegzunehmen, ist in Kenntnis der oben beschriebenen Tradition in Kosovo auch unter Belassen von Reisedokumenten als realistisch zu be- zeichnen. Auch der weitere Vorhalt, dass die Beschwerdeführerin nicht habe erklären können, weshalb sie gerade an diesem Tag den Wegzug aus dem Haus der Schw iegerfamilie gewagt habe, erweist sich für das Gericht als ungerechtfertigt. Die massive Gewalt, die sie im Vorfeld s o- wohl seitens ihres Ehemannes als auch seitens ihres Schwage rs erlebt hat, der wiederholte Verweis aus dem Haus, die Verständnislosigkeit b e- ziehungsweise die Schuldzuweisungen seitens der Familienangehörigen (insbesondere auch diejenigen der eigenen Familie) lassen das Reifen ih- res Entschlusses durchaus als nachvollziehbar erscheinen. Dass es dann noch eines weiteren, aussergewöhnlichen Ereignisses und nicht bloss e i- nes zusätzlichen Streites bedurft hätte, damit der Auszug glaubhaft e r- scheine, kann vom Gericht nicht geteilt werden. Die Beschwerdeführerin hat im Übrigen nachvollziehbar beschrieben, dass ihr Ehemann an jenem Tag an einer (…) teilgenommen und die Schwiegermutter [ausser Hauses gewesen ist]. E-6417/2013 Seite 17 Nicht zu überzeugen vermag das Gericht sodann auch die Argumentation des BFM zur geltend gemachten Vergewaltigung durch den Schwager. Die diesbezüglichen Erwägungen, welche die subjektive W ahrnehmung der Vergewaltigungssituation durch die Beschwerdeführerin in Frage stel- len, sind einerseits als spekulativ zu bezeichnen und tun anderseits nichts zur Sache . So kann im Rahmen der Glaubwürdigkeitsbeurteilung nicht von Relevanz sein, ob die Beschwerdeführerin bereits bei m Erscheinen des Schwagers im Schlafzimmer oder erst zu einem späteren Zeitpunkt erkannt hat, was dieser im Schilde führe. Auch dass die Beschwe rdefüh- rerin nicht nahtlos anzugeben vermochte, was der Schwager mit der Waf- fe angestellt habe, wenn sie nicht auf sie gerichtet gewesen sei, erweist sich angesichts der nachvollziehbaren Angst und der Sorge um ihr anw e- sendes Kind nicht als überzeugende r Unglaubhaftigkeitsfaktor. Insoweit ihr das BFM im Zusammenhang mit de n Vergewaltigungen vage Aussa- gen vorhält, hat es weder der emotionalen Situation noch den oben b e- schriebenen Gefühlen von Scham und Schande missbrauchter alban i- scher Frauen Rechnung getragen. Letztlich hat das BFM die Reaktion der Beschwerdeführerin auf die Verstossung durch die eigene Familie zu Un- recht als nicht nachvollziehbar bezeichnet . Die Verstossung, wie sie von der Beschwerdeführerin beschrieben wurde, und die Pflicht der Familie n- angehörigen, sich an ein durch das Oberhaupt (vorliegend einer der Br ü- der) ausgesprochenes Verdikt zu halten, erweisen sich im oben beschrie- benen Kontext (vgl. E. 5.2) als plausibel. Die Aussagen der Beschwerde- führerin, wonach bezüglich ihrer Schuld und ihres Schicksals in der Fami- lie (bis auf die in der Schweiz lebende Schwester , auf deren Rückhalt sie weiterhin zählen kann) Einigkeit geherrscht habe, und wonach sie pflich t- gemäss die Kontakte abgebrochen habe, sind mit den realen Begebe n- heiten vereinbar. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Argumentation des BFM, welche sich weitgehend darauf beschränkt hat, d en Vorbringen der Beschwerdeführerin die Plausibilität ab zusprechen, nicht zu überzeugen vermögen. Vielmehr erachtet d as Bundesverwaltungsgericht die Vorbrin- gen der Beschwerdeführerin in ihrer Gesamtheit als glaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG. 5.4 5.4.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Vorbringen der Beschwerdefü h- rerin die Kriterien von Art. 3 AsylG erfüllen. Bei der Prüfung ist insbeson- dere dem Umstand Rechnung zu tragen, dass si ch die geltend gemac h-E-6417/2013 Seite 18 ten Eheprobleme nicht in ihrem Heimatland Mazedonien abgespielt h a- ben, die asylrechtliche Prüfung aber hinsichtlich dieses Landes zu erfol- gen hat. 5.4.2 In der Rechtsmitteleingabe wird in d iesem Zusammenhang vorg e- bracht, die Vorbringen der Beschwerdeführerin seien als geschlechts- be- ziehungsweise frauenspezifische Verfolgung zu werten. Der mazedon i- sche Staat sei nämlich weder fähig noch willens, sie vor weiteren Übe r- griffen durch ihren Ehemann, der jederzeit nach Mazedonien einreisen könne, zu schützen. Als Folge davon sei ihr Asyl zu gewähren. 5.4.3 Unter frauenspezifischer Verfolgung sind unter anderem Massnah- men zu verstehen, die Frauen aufgrund ihrer besonderen gesellschaftl i- chen Stellung treff en. Diese sind gekennzeichnet durch eine mehr oder minder rigide Vorbestimmung ihrer Geschlechterrolle und umfassen in der Regel die Zurückbindung der Frau in den privaten Einflussbereich der Familie, eine Verminderung der Möglichkeiten zur Selbstentfaltung b e- züglich Bildung, Arbeit, finanzielle Unabhängigkeit und insbesondere eine Zweitrangigkeit, was die Rechte der Frauen betrifft. Frauenspezifisch ist im Weiteren das Ausmass an sexueller Gewalt, das mit der Verfolgung von Frauen einhergeht. Frauenspezifische Verfolgung ist namentlich dann zu bejahen, wenn die Frage, ob eine Verfolgungsart im selben Ausmass auch Männer treffen würde, verneint werden muss (vgl. zur Tragweite von Art. 3 Abs. 2 AsylG, wonach "den frauenspezifischen Fluchtgründen … Rechnung zu tragen" ist, namentlich im Zusammenhang mit der Prüfung eines flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmotivs ausführlich Ent- scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre kurskommissi- on [EMARK] 2006 Nr. 32 E. 8). Asylrechtlich von Relevanz ist eine schwerwiegende geschlechtsspezif i- sche Diskriminierung oder Gewalt durch Dritte dann, wenn diese Mas s- nahmen mit ausdrücklicher oder stillschweigender Duldung des Staates Bestandteil eines gesellschaftliche n, zumeist jahrhundertalten Verstän d- nisses über die Rollenzuteilung der Frau darstellen. Darunter fällt ein brei- tes Spektrum an Massnahmen, so beispielsweise auch das Züchtigung s- recht des Ehemannes. Demgegenüber ist eine geschlec htsspezifische Verfolgung asylrechtlich nicht relevant, wenn die betroffenen Frauen g e- nügend Schutz in ihrem Heimatland finden können. 5.4.4 Vorliegend steht fest, dass die Beschwerdeführerin keine Nachteile in Mazedonien geltend gemacht hat. Indessen befürchtet sie, ihr Ehe-E-6417/2013 Seite 19 mann könnte sie bei einer Rückkehr dorthin weiter bedrohen . Dazu ist festzustellen, dass der Bundesrat Mazedonien mit Beschluss vom 1. August 2003 als verfolgungssicheren Staat (safe country) im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG bezeichnet hat. Dies stellt eine gesetzliche Regelvermutung dar, dass eine asylrelevante staatliche Verfolgung nicht besteht und Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung gewährleistet ist. Di e- se Vermutung kann im Einzelfall aufgrund konkreter und substanziierter Hinweise umgestossen werden. Die pauschalen Einwände der B e- schwerdeführerin, wonach der mazedonische Staat weder schutzfähig noch schutzwillig sei, vermögen indessen die erwähnte Regelvermutung nicht umzustossen. Vorliegend sind überdies auch keine Hinweise daf ür vorhanden, wonach die Beschwerdeführerin als Angehörige der alban i- schen Ethnie im Heimatland allgemein benachteiligt würde. 5.4.5 Die Asylvorbringen sind nach dem Gesagten als nicht asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG zu qualifizieren. Die Vorinstanz hat aus diesem Grund zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden verneint und ihr Asylgesuche abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das BFM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführerin besitzt keine Aufenthalts - oder Niederlas - sungsbewilligung oder einen entsprechenden Anspruch, weshalb die Vor- instanz gestützt auf Art. 44 AsylG zu Recht ihre Wegweisung verfügt hat (vgl. EMARK 2001 Nr. 21). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt g e- mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und seiner Vo r- gängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüch t- lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn d er strikte B e- weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2, m.w.H.). E-6417/2013 Seite 20 7.2 Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Voll zug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmög lichkeit) sind a lternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwe- senheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4, 2011 /7 E. 8, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 ff.). Weil sich vorliegend der Vollzug der Wegweisung aus den nachfolgend aufgezeigten Gründen als unzumutbar erweist, kann auf eine Erörterung der beiden anderen Kriterien – insbesondere der Zulässig keit des Weg weisungsvollzuges – verzichtet werden. 7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Neben den im Gesetz be i- spielhaft aufgezählten Faktoren können namentlich auch die fehlenden oder mangelhaften medizinischen Behandlungsmöglichkeiten, die Beei n- trächtigung des Kindeswohls bei minderjährigen Gesuchstellern oder eine Kombination von Faktoren wie Alter, Beeinträchtigung der Gesundheit, fehlendes Beziehungsnetz, düstere Aussichten für das wirtschaftliche Fortkommen von Bedeutung sein, immer vorausgesetzt, dass sie zu einer konkreten Gefährdung führen. Wird ei ne solche festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Auslä n- der vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 7.4 In Mazedonien – ein verfolgungssicherer Staat gemäss Art. 6a Abs. 2 AsylG – herrscht keine Situation allgemeiner Gewalt, weshalb in konstan- ter Praxis von der generellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen wird. Es bleibt zu prüfen, ob vorliegend individuelle Vol l- zugshindernisse zu berücksichtigen sind. 7.5 Bezüglich der persönlichen Situation der Beschwerdeführenden geht aus den Akten hervor, dass die Beschwerdeführerin eine (…)-jährige ma- zedonische Staatsangehörige albanischer Ethnie [mit einem Kleinkind] ist. Ihren Angaben zufolge lebte sie seit ihrer Geburt bis zu ihrer Heirat im (…) 2010 zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern im Dorf C._______, Gemeinde (…). Sie verfügt über eine minimale Schulbildung, da sie ihre Eltern nicht mehr zur Schule schicken wollten, weil sie ein Mädchen war. Sie half im Haushalt und ihren Brüdern beim Holzfällen E-6417/2013 Seite 21 und ging nie einer bezahlten Arbeit nach; einen Beruf hat sie nicht erlernt. Ihr Vater starb, als sie 17 Jahre alt war. Ihre Angehörigen hatten ihre Hei- rat mit einem kosovarischen Staatsangehörigen arrangiert. Seit ihrer Zivil- trauung in Mazedonien respektive dem Hochzeitsfest in Kosovo lebte sie mit Unterbrüchen, in denen sie sich zusammen mit ihrem Ehemann in der Schweiz aufhielt, in (…), Kosovo. Wie den weiteren hievor als glaubhaft erachte ten Vorbringen entnommen werden kann, wurde bei der Beschwerdeführerin anlässlich der Geburt [ihres Kindes] in (…) [sexuell übertragbare Erkrankung] nachgewiesen. Seither machte ihr Ehemann ihr das Leben schwer und schlug sie unzäh- lige Male, drohte ihr damit, sie zu töten und ihr [das Kind] wegzunehmen. Nach einer Kontaktaufnahme mit ihrem Bruder und dessen Erkundigu n- gen bei ihrem Ehemann wurde ihr seitens ihrer Familie erklärt, dass sie eine Schande für die Familie dar stelle und nie wieder Kontakte mit ihr aufnehmen solle . Nachdem sie wiederum schwanger geworden war, zwang sie ihr Ehemann zu einer Abtreibung in (…), wogegen sie sich aufgrund der Sprache und der ständigen Anwesenheit ihres Ehemannes nicht habe wehren können. Nach ihrer Rückkehr nach Kosovo lag sie nach Schlägen seitens ihres Ehemannes während zwei er Wochen im Bett, wobei ihr eine herbeigeholte Person mit Spritzen und Infusionen verabreichte. Meist wurde sie in Anwesenheit ihrer Schwager und ihrer Schwiegermutter von ihrem Ehemann geschlagen, welche diesen jeweils in Schutz nahmen und ihr die Schuld dafür gaben. Zudem wurde sie von ihrem Schwager unter Androhung, sie zu erschiessen, zweimal vergewal- tigt. Die Beschwerdeführerin wies weiter darauf hin, sie habe weder mit ihrer Mutter noch mit ihrer Freundin in Mazedonien, zu der sie ab und zu Kontakt hatte, über ihr Leiden sprechen können. Selbst an ihren Bruder in (…) könne sie sich nicht wenden , da ihre Brüder zusammenhielten. Ein- zig ihre Schwester in [der Schweiz] stehe zu ihr und könne sich um sie und [ihr Kind] kümmern. Sie sei müde und des Lebens überdrüs sig, phy- sisch und psychisch am Ende und fühle sich krank und traumatisiert. Bei einer Durchsicht der Protokolle der Befragung vom 18. Juli 2013 s o- wie der Anhörung vom 30. Juli 2013 fällt a uf, dass die Beschwerdeführe- rin häufig weinte und über gesundheitliche Probleme klagte, weswegen sie Medikamente einnehme (vgl. BFM -Akten A5 S. 28; A3 S. 7). Zudem hielt die bei der Anhörung anwesende Hilfswerksvertreterin, welche diese nach dreieinhalb Stunden verliess, auf einem Beiblatt fest, die Beschwe r- deführerin sei stark traumatisiert, zittere und weine viel. Gleichzeitig regte sie an, die Beschwerdeführerin sei dringend psychologisch zu betreuen. E-6417/2013 Seite 22 Sie sei stark bedroht von ihrem Ehemann und (…); die Hilfswerkvertrete- rin befürwortete Schutzmassnahmen für die Beschwerdeführerin und [ihr Kind]. Auch die Befragerin wies in einer separaten Aktenn otiz vom 7. Au- gust 2013 auf Schwindel während der Befragung hin (vgl. A10). Wie den eingereichten Arztberichten der psychiatrischen Dienste (…) vom 12. November 2013 und des Kantonsspitals (…) vom (…) Februar 2014 entnommen werden kann, wurde die Beschwerdeführerin vom (…) bis (…) Oktober 2013 sowie vom (…). bis (…) Februar 2014 hospita- lisiert. Diese Hospitalisierun gen erfolgten nach suizidalen Handlungen sowie nach Bewusstlosigkeit /Kollabierung der Beschwerdeführerin , we l- che im Zusammenhang mit dem negativen Asylentscheid und den gro s- sen Ängsten vor ihrem Ehemann stehen sollen. Im aktuellen psychiatr i- schen Arztzeugnis vom 13. August 2014 wird eine schwere depressive Episode sowie eine posttraumatische Belastungstötung diagnostiziert und die Gefahr einer deutlichen psychischen Dekompensation und Suizidalität im Falle einer Wegweisung angesprochen. Im Beschwerdeverfahr en (Eingabe vom 19. Februar 2014 ) wurde weiter vorgebracht, die B e- schwerdeführerin fürchte sich davor, dass ihr Ehemann, gegen den sie im (…) 2013 in (…) eine Anzeige eingereicht habe, ihr [das Kind] wegneh- men und sie töten wolle. Diese Bedrohungssituation stelle für ihre G e- sundheit eine massive Belastung dar. Deswegen sei vom behandelnden Psychiater des Kantonsspitals (…) dazu angeregt worden, dass sie in ein Frauenhaus eintreten solle. Das Kind der Beschwerdeführerin soll au f- grund deren gesundheitlichen I nstabilität und den damit verbundenen Hospitalisierungen mehrfach von ihrer Schwester betreut worden sein. Angesichts der Schilderungen der Besch werdeführerin zu ihrer Herkunft und den Lebensumständen, ihrer sehr bescheidenen Bildung – welche sich in ihren Aussagen widerspiegelt und offenbar der Grund für Verstän- digungsschwierigkeiten war (vgl. A5 und A10) – und der auch von der Vorinstanz nicht in Frage gestellten arrangierten Heirat ist die von der Be- schwerdeführerin geltend gemachte Verstossung aus ihrer eigenen Fami- lie, welche o ffensichtlich durch die patriarchalische Tradition geprägt ist, nicht von der Hand zu weisen. Dafür spricht auch der Umstand, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer sprachlichen Barriere und ihrem tiefen Bildungsstand anlässlich der Anhörung oft Mühe hatte, die Fragen richtig einzuordnen und sich auszudrücken, wobei auch Hemmungen und Schamgefühle sie daran gehindert haben dürften. Die Anzeige gegen i h- ren Ehemann soll sie überdies erst auf dringenden Rat anlässlich der B e- fragung im EVZ und im Beisein ihrer Schwester in (…) gemacht haben E-6417/2013 Seite 23 (vgl. A3 S. 8 und Beschwerdeschrift S. 3). Das genaue Datum dafür steht zwar nicht eindeutig fest, indessen soll dies entsprechend de n auf B e- schwerdeebene eingereichten Unterlagen nach eine m (nicht näher u m- schriebenen) Vorfall vom (…) August 2013 gewesen sein. Weiter ist zu berücksichtigen, dass sich die Beschwerdeführerin in einem sehr labilen Gesundheitszustand befindet, der zusätzlich von ihrer Angst um [ihr Kind] und durch die sei tens ihres Ehemannes ausgehende Bedrohungssituati- on schwer belastet ist. Zudem sind ihre Situation als alleinstehende ungebildete Frau und Mutter [eines Kindes] im Falle einer Rückkehr in ihren Heimatstaat, wo ihr wohl nichts anderes übrig bliebe, als in ihr Heimatdorf zurückzukehren und die diesbezüglich geäus serten Befürchtungen ernst zu nehmen. Nachdem die Verstossung aus ihrer Familie als glaubhaft zu erachten ist, könnte sie im Falle einer Rückkehr mit [ihrem Kind] nach Mazedonien nicht auf ein Beziehungsnetz zurückgreifen, sondern wäre auf sich allein gestellt, was angesichts ihrer angeschlagenen Gesundheit und ihrer bescheidenen Bildung ein zusätzliches nicht zu unterschätzendes Erschwernis darste l- len dürfte. Dies wiederum würde absehbarerweise zu starken Belastun- gen in den kindlichen Entwick lungen [des Kindes] führen, die mit dem Schutzanliegen des Kindeswohls nicht zu ver einbaren wären. Insgesamt ist aufgrund der geschilderten Umstände im vorliegenden Fall davon aus- zugehen, dass es der Beschwerdeführerin als alleinstehender Frau mit einem Kleinkind im Falle der Rückkehr ins Heimatland nicht gelingen wird, sich in die Gesellschaft zu integrieren und ein die Existenz sicher n- des Einkommen zu erzielen. Bei einer Rüc kschaffung würden somit auch die im Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) umschriebenen Anforderungen, die für das Kindeswohl als vorrangig zu berücksichtigen sind, nicht erfüllt . Demgegenüber kann sie m it ihrer in der Schweiz wohnhaften Schwester auf eine ihr vertraute Person zurückgreifen, die ihr bereits in der Verga n- genheit eine wichtige Stütze war, sei es in Krisensituationen bei der Betreuung [ihres Kindes] und bei der Bewältigung ihrer Ängste , und die auch für das Kind zu einer wichtigen Bezugsperson geworden sei. Eine Kombination der geschilderten gesundheitlichen, sozialen , wirt- schaftlichen und auf das Kindswohl bezogenen Aspekte führt zum Schluss, dass der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdefüh renden nach Mazedonien im Rahmen einer Gesamtwürdigung als unzumutbar zu erachten ist. E-6417/2013 Seite 24 7.6 Nachdem sich aus den Akten keine Hinweise auf das Vorliegen von Ausschlussgründen im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG ergeben, sind die Voraussetzungen für die Anordnung der vorläufigen Aufnahme gemäss Art. 83 Abs. 1 und 4 AuG erfüllt. 8. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit sie die Frage des Wegweisungsvollzugs betrifft. Die Ziffern 4 und 5 des Dispos i- tivs der Verfügung der Vorinstanz vom 15. Oktober 2013 sind demnach aufzuheben und d as BFM ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin und [ihr Kind] in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Im Übrigen ist die B e- schwerde abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Verfahrensausgang, der ein hälftiges Obsiegen der B e- schwerdeführerin darst ellt, wären ihr die reduzierten Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch m it Zwischenver- fügung vom 25. November 2013 das Gesuch um Gewährung der unen t- geltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen worden ist, sind keine Kosten aufzuerlegen. 9.2 Der vollumfänglich oder teilweise obsiegenden Partei, der ein unen t- geltlicher Rechtsbeistand im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG beigeordnet worden ist, ist bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen eine Pa r- teientschädigung zu Lasten der Vorinstanz im Umfang des Obsiegens zu entrichten (Art. 7 des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE; SR 173.320.2]). Für den Teil des Unterliegens (vorliegend teilweise ) ist dem amtlich eingesetzten Anwalt eine Entschädigung zu Lasten des G e- richts auszurichten. 9.3 Der Rechtsvertreter hat am 27. Februar 2014 eine Kostennote einge- reicht. Darin weist er für das vorliegende Beschwerdeverfahren einen Aufwand von 8.25 Stunden (à Fr. 250.–), sowie Auslagen von Fr. 40.50 aus (total mithin Fr. 2'103. –). Der geltend gemachte Aufwand inklusive Auslagen erscheint aufgrund der Aktenlage angemessen ; er ist sodann noch mit dem von Amtes wegen festzusetzenden Aufwand für die Eing a- be vom 26. August 2014 zu ergänzen, wobei diesbezüglich ein Aufwand von einer Stunde als angemessen erachte t wird (total mithin Fr. 2'358. –). Dem als unentgeltlicher Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertreter ist demnach in Anwendung von Art. 65 Abs. 2 VwVG sowie A rt. 7 ff. VGKE E-6417/2013 Seite 25 für den Teil des Unterliegens vom Gericht ein amtliches Honorar in der Höhe von Fr. 1'179.– (inkl. Auslagen) auszurichten. Für den Teil des Ob- siegens ist ihm in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parte i- kosten durch das BFM zu entrichten , welche auf Fr. 1'179.– (inkl. Ausla- gen) festgesetzt wird. Das BFM ist zu verpflichten, den Beschwerde - führenden diesen Betrag als Parteientschädigung zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) E-6417/2013 Seite 26 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird den Vollzug der Wegweisung betreffend gutgeheis- sen. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. 2. Die Ziffern 4 und 5 der vorinstanzlichen Verfügung vom 15. Oktober 2013 werden aufgehoben. Das BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführen- den in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden eine reduzierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1'179.– auszurichten. 5. Dem als unentgeltlicher Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertreter wird in Anwendung von Art. 65 Abs. 2 VwVG für den Teil des Unterliegens ein amtliches Honorar von Fr. 1'179.– zugesprochen. 6. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das BFM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Alexandra Püntener Versand: