B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6907/2016 E-6909/2016 U r t e i l v o m 3 0 . A u g u s t 2 0 1 8 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richter Jürg Tiefenthal, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiber Peter Jaggi. Parteien A._______, geboren am (…), seine Lebenspartnerin B._______, geboren am (…), Beschwerdeführende, und ihr Sohn C._______, geboren am (…), Eritrea, amtlich verbeiständet durch Ass. iur. Christian Hoffs, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (…), (…), gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Wegweisungsvollzug; Verfügungen des SEM vom 12. Oktober 2016 / N (…) und N (…). E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer verliess Eritrea eigenen Angaben zufolge am (…) und gelangte am (…) in die Schweiz, wo er am 18. September 2014 um Asyl nachsuchte. Am 3. Oktober 2014 wurde er summarisch zu seiner Person befragt (BZP; Protokoll in den SEM -Akten […]) und am 14. Juni 2016 nach Beendigung des Dublin-Verfahrens zu seinen Asylgründen an- gehört (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten […]). Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er im Wesentlichen aus, er sei eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer Ethnie aus D._______, Sub- zoba (…), wo er geboren sei und die Schule besucht habe. (…) habe er die 10. Klasse wegen familiärer Probleme verlassen müssen. (…) habe er die militärische Grundausbildung absolviert, ohne danach einer Einheit zu- geteilt worden zu sein. Am (…) sei er für militärdienstuntauglich befunden worden. Von (…) bis zu seiner Ausreise habe er in E._______ gelebt und seinen Lebensunterhalt als (...) verdient. Im (…) 2013 oder (…) 2014 habe er trotz seines Untauglichkeitszertifikates ein militärisches Aufgebot erhal- ten. Deshalb sei er untergetaucht und nach einer mehrmonatigen Flucht schliesslich illegal ausgereist. Der Beschwerdeführer reichte am 20. Juli 2015 Kopien einer Vaterschafts- bestätigung und eines Ausweises der Beschwerdeführerin (E-6907/2016) ein. Am 19. Juli 2016 reichte er (…) zu den Akten. A.b Mit am 18. Oktober 2016 eröffneter Verfügung vom 12. Oktober 2016 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtling seigen- schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung führte es aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers zu seinen Vorfluchtgründen vermöchten den Anforderungen an die Glaubhaf- tigkeit nicht zu genügen. So habe er bei der BzP geltend gemacht, 2013 habe es eine allgemeine Aufforderung gegeben, wieder in den Militärdienst einzurücken. Die Untauglichen hätten erst im (…) 2014 ein solches Aufge- bot erhalten. Bei der Anhörung habe er indessen ausgeführt, er habe im (…) 2013 eine solche Aufforderung erhalten. Auf Vorhalt hin habe er ledig- lich erklärt, er müsse die Aufforderung im (…) 2013 erhalten haben. Bei der BzP habe er angegeben, ein Freund habe ihm geraten, auszureisen, weil man ihm in seiner Abwesenheit die Vorladung persönlich habe überbringen E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 3 wollen. Demgegenüber habe er bei der Anhörung ausgesagt, ein unbe- kannter Soldat habe ihm die Vorladung persönlich überreicht. Weiter habe er ausgeführt, er habe sich danach in der Wildnis aufgehalten und sei beim Anblick von Soldaten immer geflüchtet. Er sei noch kurz zu Hause gewe- sen. Während dieser Zeit habe ein Freund ihm telefonisch mitgeteilt, er habe die Information erhalten, dass die Behörden beabsichtigen würden, ihn festzunehmen, woraufhin er ausgereist sei. Des Weiteren habe er bei der BzP erklärt, (…) geboren zu sein. Auf seiner Identitätskarte stehe aber (…) als Geburtsjahr. Dies habe er damit erklärt, im Militärdienst ein anderes Geburtsjahr angegeben zu haben, um nicht eine anspruchsvollere militärische Ausbildung absolvieren zu müssen. Auf der Untauglichkeitsbestätigung stehe (…) als Geburtsjahr. Mit dieser Be- stätigung habe er sich Ende (…) 2009 seine Identitätskarte ausstellen las- sen. Auf Nachfrage hin habe er angegeben, er habe die Id entitätskarte nach dem Vorweisen seines Untauglichkeitszertifikates erhalten. Weiter habe er bestätigt, dass dies seine erste Identitätskarte gewesen sei. Ge- mäss Erkenntnissen des SEM werde die unten auf der Vorderseite der Karte festgehaltene Nummer fortlaufend ausgegeben und jeweils mit der Karte ausgestellt. Auf dem Untauglichkeitszertifikat, das gemäss den An- gaben des Beschwerdeführers bereits vor der Identitätskarte ausgestellt worden sei, sei jedoch die Kartennummer bereits festgehalten. Aufgrund dieser Unstimmigkeiten in zentralen Punkten bestünden begrün- dete Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen. Dem Beschwerdefüh- rer könne nicht geglaubt werden, dass er nach dem Erhalt des Untauglich- keitszertifikates erneut ein Aufgebot für den Militärdienst erhalten habe. Zur illegalen Ausreise und der Befürchtung, deswegen bei einer Rückkehr ernsthaften Nachteilen ausgesetzt zu werden, sei festzuhalten, dass die Behandlung der Rückkehrenden nach den aktuellen Erkenntnissen des SEM hauptsächlich davon abhänge, ob die Rückkehr freiwillig oder unter Zwang erfolge und welchen Nationaldienststatus die zurückkehrende Per- son vor ihrer Ausreise inne gehabt habe. Bei einer freiwilligen Rückkehr würden die eritreischen Straftatbestände nicht zur Anwendung gelangen. Interne Richtlinien sähen für freiwillige Rückkehrer dann Straffreiheit vor, wenn sie zuvor gewisse behördliche Forderungen (Bezahlung der Diaspo- rasteuer, Unterzeichnung des Reueformulars bei dienstpflichtigen Perso- nen) erfüllt hätten. Davon befreit seien insbes ondere Personen, die aus dem Nationaldienst entlassen oder davon befreit worden seien. Zwangs- weise zurückgeführte Personen könnten ihren Status bei den eritreischen E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 4 Behörden nicht regeln. Die wenigen vorhandenen Informationen würden darauf hindeuten, dass ähnlich wie bei einem Aufgriff im Inland (beispiels- weise bei Giffas) oder an der Grenze vorgegangen werde. Dabei werde der Nationaldienststatus geprüft. Dieser sei somit das wichtigste Kriterium für den Umgang der eritreischen Behörden mit zwangsweise zurückgeführten Personen. Die illegale Ausreise spiele dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Der Beschwerdeführer habe weder den Nationaldienst verweigert noch sei er daraus desertiert. Vielmehr habe er am 16. Juli 2016 per Post eine am (…) 2009 in (…) ausgestellte Unfähigkeitsbescheinigung für den Nationaldienst eingereicht. Sein Vorbringen, vor seiner Ausreise erneut zum Militärdienst aufgeboten worden zu sein, sei, wie bereits ausgeführt, unglaubhaft. Somit habe er nicht gegen die Proclamation on National Ser- vice von 1995 verstossen . Vor diesem Hintergrund sei die geltend ge- machte illegale Ausreise asylrechtlich unbeachtlich. Auch sonst würden die Akten keine Hinweise darauf enthalten, dass er bei einer Rückkehr ernst- hafte Nachteile zu gewärtigen hätte. B. B.a Die Beschwerdeführerin verliess Eritrea eigenen Angaben zufolge am (…) und gelangte am (…) in die Schweiz, wo sie am 29. Juni 2015 um Asyl nachsuchte. Am 3. Juli 2015 wurde sie summarisch zu ihrer Person befragt (BZP; Protokoll in den SEM-Akten […]) und am 4. Oktober 2016 nach Be- endigung des Dublin -Verfahrens zu ihren Asylgründen angehört (Anhö- rung; Protokoll in den SEM-Akten […]). Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte sie im Wesentlichen aus, sie sei eritreische Staatsangehöriger tigrinischer Ethnie aus F._______, Sub Zoba (…), Zoba (…), wo sie geboren sei und die Schule besucht habe. (…) habe sie die 6. Klasse abgebrochen. 2012 sei sie mit ihrer Familie nach G._______, Sub Zoba (…), Zoba (…), gezogen. Im gleichen Jahr sei sie mit dem Beschwerdeführer zusammen gezogen und habe am (…) ihre ge- meinsame Tochter (…) zur Welt gebracht. 2013 habe der Beschwerdefüh- rer von den eritreischen Behörden die Aufforderung erhalten, in den Mili- tärdienst einzurücken. Er habe dieser Aufforderung jedoch keine Folge ge- leistet und sei untergetaucht. Im (…) oder (…) sei er ausgereist. Sechs Monate nach seiner Ausreise seien Soldaten vorbeigekommen und hätten sich nach seinem Verbleib erkundigt. Ausserdem hätten sie ihr mit ihrer Inhaftierung gedroht für den Fall, dass sich der Beschwerdeführer nicht bei den Behörden melden würde. Des Weiteren hätten sie ihr untersagt, das Land zu bestellen. Deshalb sei auch sie untergetaucht und schliesslich ausgereist. Ihre Tochter (…) habe sie in Eritrea zurückgelassen. Anlässlich E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 5 der Anhörung vom 4. Oktober 2016 teilte der Befrager der Hilfswerkvertre- tung auf die Frage nach dem neugeborenen Kind mit, dem SEM würden die Akten vorliegen. Die Beschwerdeführerin reichte (…) zu den Akten. B.b Mit am 18. Oktober 2016 eröffneter Verfügung vom 12. Oktober 2016 stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung führte es aus, die Beschwerdeführerin habe zu den gel- tend gemachten Vorfluchtgründen widersprüchliche Aussagen gemacht , weshalb diese den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht zu genügen vermöchten. So habe sie zu Beginn der Anhörung einerseits erwähnt, „Tegadelti“ respektive Soldaten seien zu ihr nach Hause gekommen und hätten sich nach dem Verbleib des Beschwerdeführers erkundigt. Danach habe sie sich bei ihren Eltern versteckt. Anschliessend habe man ihr das Land weggenommen. Andererseits habe sie im weiteren Verlauf der Anhö- rung ausgeführt, die Soldaten seien (…) 2014 zu ihr gekommen und hätten ihr mit ihrer Inhaftierung gedroht für den Fall, dass sich der Beschwerde- führer nicht bei den Behörden melde. Zudem habe sie ausgesagt, die Ver- waltung habe ihr bereits im (…) 2014, also noch vor dem Besuch der Sol- daten, mitgeteilt, dass sie das Land nicht mehr bestellen dürfe. Des Weite- ren habe sie geltend gemacht, sich bereits vor dem Besuch der Soldaten versteckt zu haben. Wenig später habe sie diese Aussage zurückgenom- men und zu Protokoll gegeben, sich erst nach dem Besuch der Soldaten versteckt zu haben. Mit ihrem Vorbringen auf entsprechenden Vorhalt hin, die Soldaten seien sechs Monate nach der Ausreise des Beschwerdefüh- rers bei ihr vorbeigekommen, worauf sie sich versteckt habe, habe sie die- sen Widerspruch nicht zufriedenstellend erklären können. Bei der BzP habe sie vorgebracht, ihre Identitätskarte (…) in ihrem Dorf verloren zu haben. Sie habe damals keine neue Identitätskarte beantragt, weil die Behörden die alten Karten durch neue ersetzen würden und des- halb die Ausstellung gestoppt hätten. Bei der Anhörung habe sie dagegen erklärt, die Identitätskarte sei (…) beim Brand der Wohnung ihrer (…) zer- stört worden. Seither habe sie keine Identitätskarte mehr. Ihr (…) gestellter Antrag für eine neue Identitätskarte sei abgelehnt worden mit der Begrün- dung, es würden in Zukunft neue Identitätskarten ausgestellt. Auf Vorhalt E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 6 hin habe sie lediglich an ihrer Aussage bei der BzP festgehalten. Auf Nach- frage hin habe sie ausgesagt, sie würde dies jetzt auch nicht verstehen, sie habe bei der ers ten Befragung ausgesagt, die Karte verloren zu haben. Ihre Erklärungen seien nicht geeignet, die aufgetretenen Unstimmigkeiten aufzulösen. Ausserdem habe sie auch widersprüchliche Angaben zur illegalen Ausreise gemacht. Bei der BzP habe sie die Reisedauer zu Fuss von G._______ bis nach H._______, Sudan, auf (…) Stunden beziffert. Bei der Anhörung habe sie ausgesagt, man brauche für diese Strecke normalerweise (…) Stunden zu Fuss. Sie sei jedoch weitaus länger unterwegs gewesen, weil sie sich nicht ausgekannt habe. Sie sei von (…) Uhr bis (…) Uhr zu Fuss unterwegs gewesen, habe dann geschlafen und die Reise um (…) Uhr fortgesetzt. Auf Vorhalt hin habe sie verneint, so etwas bei der BzP gesagt zu haben, man schaffe diese Strecke nicht in (…) Stunden. Nach dem Hinweis, sie habe das BzP-Protokoll nach der Rückübersetzung unterzeichnet, habe sie er- wähnt, sie glaube nicht, so eine Aussage gemacht zu haben. Die Be- schwerdeführerin sei nicht in der Lage gewesen, die ihr vorgehaltenen Wi- dersprüche zu entkräften. Die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen sei deshalb stark anzuzweifeln. Ausserdem habe sie zur angeblich illegal erfolgten Ausreise derart widersprüchliche Angaben gemacht, dass davon auszuge- hen sei, sie habe Eritrea nicht wie von ihr geschildert verlassen. Für die Erkenntnisse des SEM zur illegalen Ausreise kann zur Vermeidung von Wiederholungen auf die Ausführungen unter Buchstabe A.b vorste- hend verwiesen werden. In individueller Hinsicht wurde erwogen, die Be- schwerdeführerin habe weder den Nationaldienst verweigert noch sei sie desertiert. Ihre diesbezüglichen Vorbringen seien unglaubhaft. Da sie nicht gegen die Proclamation on National Service von 1995 ver stossen habe, und den Akten auch sonst nichts zu entnehmen sei, wonach sie bei einer Rückkehr nach Eritrea ernsthafte Nachteile zu gewärtigen hätte, seien die Anforderungen an eine objektiv begründete Furcht vor zukünftiger Verfol- gung nicht erfüllt. Ihr e Vorbringen zur illegalen Ausreise seien somit asyl- rechtlich unbeachtlich. C. Mit gemeinsamer Rechtsmitteleingabe vom 9. November 2016 gelangte n die Beschwerdeführenden durch ihren Rechtsvertreter an das Bundesver- waltungsgericht und beantragte n in materieller Hinsicht, die Dispositivzif- fern 1, 4 und 5 der Verfügungen vom 12. Oktober 2016 seien aufzuheben, E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 7 ihre Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen und sie seien wegen Unzu- lässigkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz als Flüchtlinge vorläu- fig aufzunehmen. Eventualiter seien die Verfügungen in den Dispositivzif- fern 4 und 5 aufzuheben, und sie seien wegen Unzulässigkeit oder Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzuneh- men. Subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vo rinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie die ge- meinsame Behandlung und Vereinigung ihrer Verfahren und unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses die Bewilligung der unentgelt- lichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und Art. 110a Abs. 1 Bst. a sowie Abs. 3 AsylG (SR 142.31). Als Beilagen liess en sie die auf Seite 12 der Beschwerde aufgeführten Dokumente einreichen. Auf die Begründung der Rechtsbegehren und die eingereichten Doku- mente wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Er- wägungen eingegangen. D. Mit Zwischenverfügungen vom 14. Dezember 2016 stellte die Instruktions- richterin das Anwesenheitsrecht der Beschwerdeführenden in der Schweiz gestützt auf Art. 42 AsylG fest und koordinierte die Verfahren antragsge- mäss. Die Anträge auf Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und auf amtliche Rechtsverbeiständung hiess sie – unter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung der finanzi- ellen Verhältnisse de r Beschwerdeführenden – gut und bestellte den Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand im Sinne von Art. 110 a AsylG. E. Mit Eingabe vom 27. Juni 2017 reichte der Rechtsvertreter eine Kopie der Erklärung des Beschwerdeführers betreffend Anerkennung seines am (...) in (…) geborenen Sohnes und einen Auszug aus dem Geburtsregister ein. Die Mutter des Beschwerdeführers habe diesem telefonisch mitgeteilt, dass sie vor ungefähr sechs Monaten von den Militärbehörden aufgesucht worden sei. In der Folge sei sie mit (…) und seiner in Eritrea verbliebenen Tochter (…) aus Angst vor Repressionen nach (…) umgezogen. F. Mit Eingabe vom 15. November 2017 reichten die Beschwerdeführenden zwei Online-Artikel vom (…) 2017 ein und teilten mit, der Beschwerdeführer sorge sich sehr um seine in Eritrea zurückgebliebene Tochter. In (…) sei E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 8 es kürzlich zu einer Demonstration gekommen, die von den Militärbehör- den gewaltsam beendet worden sei. Die Situation in (…) sei sehr ange- spannt. G. Mit Eingabe vom 21. März 2018 liessen die Beschwerdeführenden unter Bezugnahme auf das als Referenzurteil publizierte Urteil des Bundesver- waltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 mit teilen, vorliegend seien solche zusätzlichen Gefährdungsfaktoren vorha nden, weil der Be- schwerdeführer dem erneuten militärischen Aufgebot keine Folge geleistet habe. Er sei nach seiner Ausreise wiederholt von Soldaten gesucht wor- den. Wie bereits erwähnt, sei seine Mutter (…) 2017 erneut von den Mili- tärbehörden aufgesucht worden. Somit seien die Voraussetzungen für die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft erfüllt. Der Beschwerdeführer be- finde sich seit dem 17. September 2014, die Beschwerdeführerin seit dem 29. Juni 2015 in der Schweiz. Sie hätten prägende Jahre in der Schw eiz verbracht. Ihr gemeinsamer Sohn sei in der Schweiz zur Welt gekommen. Der Beschwerdeführer verfüge über ein (…), habe eine Weiterbildung zum (…) absolviert und betätige sich freiwillig im (…) sowie bei den (…). Er sei Mitglied (…). Sie würden eine starke Verwurzelung in der Schweiz aufwei- sen. Diesbezüglich werde auf das Urteil D -7177/2006 vom 2. April 2007 verwiesen. Es sei ihnen deshalb eventualiter die vorläufige Aufnahme zu- folge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu gewähren. Als Beila- gen reichten sie (…) zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 9 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formge recht eingereicht. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Die formelle Rüge der Beschwerdeführenden, das SEM habe in Bezug auf seine Praxisanpassung zur illegalen Ausreise aus Eritrea nicht das in BVGE 2010/54 vorgesehene korrekte Vorgehen befolgt, erweist sich als unbegründet. Das Gericht befasste sich in diesem Grundsatzurteil mit der Verbindlichkeit seiner publizierten Koordinationsentscheide für das SEM, wenn diese Fragen der generellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs in Herkunftsländer abgewiesener Asylsuchender betreffen. Dabei wurde festgestellt, dass in diesem Kontext für die Vorinstanz rechtlich kein Raum für eine eigene Länderpraxis bestehe, die der publizierten oder auf andere Weise kommunizierten offiziellen Praxis des Bundesverwaltungs- gerichts widerspreche (vgl. BVGE 2010/ 54 E. 7 f.). Falls die Vorinstanz dem Gericht, nach einer gewissen Zeit, eine Änderung der Praxis beantra- gen wolle, stehe es ihr frei, in einzelnen Asylverfahren von der Praxis der Beschwerdeinstanz abzuweichen. Bei derartigen Verfügungen sei jedoch unter Bezugnahme auf die geltende Praxis und mit einlässlicher Begrün- dung klarzustellen, dass es sich um so genannte Pilotverfahren handle, bei denen bewusst von der publizierten Praxis des Gerichts abgewichen werde (vgl. a.a.O. E. 9.2.1). Diese Regeln waren indessen bei der Praxisänderung vom Sommer 2016 entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin für das SEM aus meh- reren Gründen nicht massgebend. So ist festzuhalten, dass die vom SEM vorgenommene Praxisanpassung nicht die in BVGE 2010/54 interessie- rende (ausländerrechtliche) Frage der Voraussetzungen der Zumutbarkeit E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 10 des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG (SR 142.20), sondern diejenige der Voraussetzungen für die Anerkennung der Flücht- lingseigenschaft gemäss Art. 3 und Art. 54 AsylG beschlägt. Hinzu kommt, dass die bis Mitte 2016 geübte Praxis des SEM die asylsuchenden Perso- nen begünstigte und deshalb in den letzten Jahren vom Bundesverwal- tungsgericht nur in wenigen Urteilen thematisiert wurde (vgl. etwa den im Referenzurteil D-7898/2015 erwähnten Entscheid D-3892/2008 vom 6. Ap- ril 2010). Die langjährige Praxis der Vorinstanz basierte aber nicht auf ei- nem in der amtlichen Sammlung publizierten Grundsatz- oder Länderurteil des Bundesverwaltungsgerichts (respektive der vormaligen Schweizeri- schen Asylrekurskommission, ARK). Dies im entscheidenden Gegensatz zu den in BVGE 2010/54 angesprochenen Konstellationen, bei denen das damalige Bundesamt für Migration (BFM) jeweils einer durch publizierte Koordinationsentscheide definierten Praxis der Beschwer deinstanz still- schweigend die Anwendung versagt hatte (vgl. BVGE 2010/54 E. 6.1 und 6.3). Des Weiteren können den angefochtenen Verfügungen auch Hinweise auf die Praxisänderung des SEM entnommen werden (vgl. S. 4 f.). Hinzu kommt, dass die Praxisänderung – wiederum in auffälligem Gegensatz zu dem in BVGE 2010/54 zu beurteilenden Verhalten des damaligen Bundes- amts für Migration (BFM) – dem Gericht vorgängig kommuniziert worden war. Der Öffentlichkeit wurde sie durch eine Medienkonferenz vo m 23. Juni 2016 bekannt gemacht, die eine umfassende Berichterstattung in den elektronischen Medien und in de r Presse zur Folge hatte (vgl. statt vieler etwa die entsprechenden Berichte in der Neuen Zürcher Zeitung und im Tagesanzeiger vom 24. Juni 2016 oder die Medienmitteilung der SFH vom 27. Juli 2016). Überdies wurde die veränderte Einschätzung der Situ- ation in Eritrea dem Gericht im Beschwerdeverfahren D -7898/2015, das zum Koordinationsurteil vom 30. Januar 2017 führte, in einer ausführlichen Vernehmlassung vorgelegt. Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Vorgehen des SEM im Zu- sammenhang mit der Praxis änderung vom Sommer 2016 nicht zu bean- standen ist. 4. In materieller Hinsicht ist aufgrund der gestellten Rechtsbegehren festzu- stellen, dass Gegenstand des vorliegenden Verfahrens die Prüfung der Fragen bildet, ob das SEM in seinen angefochtenen Verfügungen zu Recht unter Verneinung der Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 11 (Dispositivziffer 1) den Vollzug als durchführbar qualifiziert hat (Dispositiv- ziffern 4 und 5). Die Dispositivziffern 2 (Ablehnung der Asylgesuche) und 3 (Wegweisungen aus der Schweiz) der Verfügungen vom 12. Oktober 2016 sind unangefochten in Rechtskraft erwachsen. 5. 5.1 Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden aber als Flüchtlinge vorläufig aufgenom - men. Als subjektive Nachfluchtg ründe gelten insbesondere das illegale Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht), das Einreichen eines Asylgesuchs im Ausland oder exilpolitische Betätigungen, wenn sie die Ge- fahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Durch Republikflucht zum Flüchtling wird, wer wegen illegaler Ausreise Sanktionen des Heimatstaa- tes befürchten muss, die bezüglich ihrer Intensität ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen (BVGE 2009/29). Die Beschwerdeführenden machen geltend, Eritrea illegal verlassen zu ha- ben, weshalb sie bei einer Rückkehr dorthin mit flüchtlingsrelevanten Nach- teilen zu rechnen hätten. 5.2 Gemäss früherer Rechtsprechung wurde davon ausgegangen, dass mit einer illegale Ausreise aus Eritrea ein subjektiver Nachfluchtgrund ge - schaffen werde, weil illegal Ausreisende bei einer Rückkehr nach Eritrea mit erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG rechnen müssten (vgl. Urteil des BVGer D-3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.3). Diese Rechtsprechung wurde aufgegeben. Das Bundesverwaltungsgericht gelangte im Koordinationsurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Re- ferenzurteil publiziert) nach einer eingehenden quellengestützten La- geanalyse (E. 4.6 – 4.11) zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Fl üchtlingseigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Es sei nicht mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine flüchtlingsrelevante Verfolgung drohe. Nicht flüchtlingsrechtlich relevant sei auch die Möglichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werde. Ob letzterer Umstand unter dem Blickwinkel von Art. 3 EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zuläss igkeit respektive Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Ein erhebliches Risiko einer Bestrafung bei ei- ner Rückkehr gestützt auf flüchtlingsrelevante Motive sei im Kontext von Eritrea nur dann anzunehmen, wenn nebst der illegalen Ausreise weitere E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 12 Faktoren hinzutreten würden, welche die asylsuchende Person in den Au- gen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen liessen. Es bedürfe zusätzlicher Anknüpfungspunkte, die zu einer Schärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsge- fahr führen könnten (E. 5). 5.3 Vorliegend sind keine solchen zusätzlichen Gefährdungsfaktoren er- sichtlich. Insbesondere ist aufgrund der von der Vorinstanz zu Recht als nicht glaubhaft erachteten Aussagen der Beschwerdeführenden zu ihren geltend gemachten Vorfluchtgründen nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer trotz der zu den Akten gereichten Unfähigkeitsbeschei- nigung der eritreischen Behörden nochmals zum Militärdienst einberufen worden ist . Der Beschwerdeführerin ist es nicht gelungen, die nach der Ausreise des Beschwerdeführers geltend gemachte Suche der eritreischen Behörden nach ihm glaubhaft zu machen. In der Beschwerde werden die Erwägungen der Vorinstanz zur fehlenden Glaubhaftigkeit der diesbezüg- lichen Aussagen denn auch nicht in Frage gestellt. Das nicht weiter sub- stanziierte Vorbringen in der Eingabe vom 27. Juni 2018, die eritreischen Militärbehörden seien vor ungefähr sechs Monaten bei der Mutter des Be- schwerdeführers vorstellig geworden und hätten sich nach seinem Verbleib erkundigt, ist nicht geeignet, die Vorfluchtgründe glaubhafter erscheinen zu lassen. Gleich verhält es sich mit dem Verweis in der Eingabe vom 21. März 2018 auf die vom SEM zu Recht als nicht glaubhaft qualifizierten Aussagen der Beschwerdeführenden zu ihren Vorfluchtgründen. Ihre Be- fürchtung, der Beschwerdeführer könnte bei einer Rückkehr nach Eritrea in den Fokus der Militärbehörden geraten, erweist sich deshalb als in ob- jektiver Hinsicht unbegründet und vermag keine Schärfung ihrer Profile res- pektive eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsgefahr zu begrün- den. Wie bereits vorstehend in E. 5.2 ausgeführt, ist auch die Möglichkeit für sich alleine, dass jemand nach der Rückkehr in den Nationaldienst ein- gezogen wird, flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Ob letzterer Umstand un- ter dem Blickwinkel von Art. 3 EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betrifft die Frage der Zulässigkeit respektive Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs. Schliesslich ergeben sich weder aus den Aussagen der Be- schwerdeführenden noch aus den Akten andere Anknüpfungspunkte, die sie in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erschei- nen lassen könnten. Wie bereits erwähnt, vermag eine illegale Ausreise alleine keine Furcht vor einer zukünftigen flüchtlingsrelevanten Verfolgung zu begründen. Angesichts dieser Sachlage kann offenbleiben, zu welchem E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 13 Zeitpunkt und auf welche Weise die Beschwerdeführenden Eritrea verlas- sen haben. Die Frage der Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise kann man- gels flüchtlingsrechtlicher Relevanz offenbleiben. 5.4 Somit ist zusammenfassend festzustellen, dass es den Beschwerde - führenden nicht gelungen ist, Vorfluchtgründe oder subjektive Nachflucht- gründe darzutun. 6. 6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 6.2 Das SEM geht in der angefochtenen Verfügung von der Zulässigkeit, Zumutbarkeit sowie Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs aus. 6.3 Dem Beschwerdeführer ist es nicht gelungen, glaubhaft zu machen, dass er trotz der Unfähigkeitsbescheinigung der eritreischen Militär behör- den erneut zum Militärdienst aufgeboten wurde. Die Beschwerdeführerin selber macht in Bezug auf ihre Person keine Rekrutierungsversuche sei- tens der eritreischen Behörden geltend. Es kann indessen dennoch nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass die Beschwerdeführenden nach ih- rer Rückkehr zum Nationaldienst aufgeboten werden könnten (vgl. zur erit- reischen Musterungspraxis auch das Referenzurteil D -2311/2016 vom 17. August 2017, E. 13.2 – 13.4). 7. 7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich kürzlich in einem Koordina- tionsentscheid mit der Frage befasst, ob der Vollzug der Wegweisung auch angesichts einer drohenden Einziehung in den eritreischen Nationaldienst als zulässig (Art. 83 Abs. 3 AuG) und zumutbar (Art. 83 Abs. 4 AuG) quali- fiziert werden könne (Urteil E-5022/2017 vom 10. Juli 2018 [zur Publikation vorgesehen]). Beides hat das Gericht nach einer ausführlichen Auswertung der zur Verfügung stehenden Länderinformationen mit den folgenden Er- wägungen bejaht: E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 14 7.2 7.2.1 Die Verpflichtung eritreischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, Nationaldienst zu leisten, kann nach Auffassung des Gerichts nicht als Aus- übung quasi-eigentumsrechtlicher Befugnisse gegenüber der betreffenden Person durch den eritreischen Staat bezeichn et werden. Zudem kann, auch wenn der Nationaldienst formal nicht befristet ist und sich teilweise über Jahre hinweg erstreckt, nicht von jenem dauerhaften Zustand ausge- gangen werden, der für die Annahme von Leibeigenschaft vorausgesetzt wäre. Beim eritreischen Nationaldienst handelt es sich demnach weder um Sklaverei noch um Leibeigenschaft im Sinn von Art. 4 Abs. 1 EMRK (vgl. Urteil E-5022/2017 E. 6.1 insbes. 6.1.4). 7.2.2 In seiner heutigen Ausgestaltung (namentlich angesichts seiner Zweckentfremdung als Mittel zur Arbeitskraftbeschaffung für das gesamte Wirtschaftssystem und der unabsehbaren Dauer) kann der eritreische Na- tionaldienst nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts zwar nicht als "übliche Bürgerpflicht" im Sinn von Art. 4 Abs. 3 Bst. d EMRK verstan- den werden. Die Bedingungen im Nationaldienst sind folglich grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifizieren. Für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs reicht diese Ein- schätzung jedoch nicht aus. Vielmehr wäre hierfür erforderlich, dass durch die Einziehung das ernsthafte Risiko einer flagranten Verletzung von Art. 4 Abs. 2 EMRK bestünde, der eritreische Nationaldienst mithin diese Bestim- mung ihres essenziellen Inhalts berauben würde. Eine solche Situation liegt indessen – auch unter Berücksichtigung der Dienstdauer, der niedri- gen Besoldung und der Berichte über Misshandlungen und Übergriffe wäh- rend der Dienstzeit – nach Auffassung des Gerichts nicht vor (vgl. a.a.O. E. 6.1 insbes. 6.1.5). 7.2.3 In der Folge befasste sich das Bundesverwaltungsgericht in seinem Koordinationsentscheid mit der Frage, ob bei einer Rückkehr nach Eritrea aufgrund der Verhältnisse im Nationaldienst oder im Zusammenhang mit einer allfälligen Inhaftierung – beispielsweise aufgrund einer illegalen Aus- reise – eine Verletzung des konventionsrechtlichen Verbots von Folter oder unmenschlicher Behandlung (Art. 3 EMRK) drohen könnte. Auch in diesem Zusammenhang ging das Gericht davon aus, dass in Eritrea Misshandlun- gen und sexuelle Übergriffe während der Dienstzeit oder im Fall einer In- haftierung nicht derart flächendeckend sind (auch für Frauen nicht), dass jede nach Eritrea zurückkehrende dienstpflichtige Person dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden. Es bestehe E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 15 daher auch insoweit kein ernsthaftes Risiko von Folter oder einer un- menschlichen Behandlung (vgl. a.a.O. E. 6.1 insbes. 6.1.6 und E. 6.1.8). 7.3 Anschliessend stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, dass die dro- hende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst mangels einer hinrei- chend konkreten Gefährdung auch nicht generell zur Feststellung der Un- zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG führe (vgl. a.a.O. E. 6.2). 8. 8.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtunge n der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 8.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Die Vorinstanz hat in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin- gewiesen, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non -Refoulement nur Personen schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft erfül len. Da es den Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich er- hebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen- den Verfahren keine Anwendung fin den. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden und ihres Sohnes nach Eritrea ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 8.1.2 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri- gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhal- tet die Verbote der Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der Zwangs- oder Pflichtarbeit (Abs. 2 und 3). Nach dem unter E. 7.2.1 und E. 7.2.2 Ausgeführten stehen einerseits das Verbot der Sklaverei und der Leibeigenschaft (Art. 4 Abs. 1 EMRK) dem E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 16 Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden selbst bei einer allfäl- lig drohenden Einziehung in den Nationaldienst nicht entgegen. Anderer- seits ist aufgrund der verfügbaren Quellen auch nicht davon auszugehen, es bestehe generell das ernsthafte Risiko einer krassen Verletzung de s Verbots der Zwangs- und Pflichtarbeit während des Nationaldiensts (Art. 4 Abs. 2 EMRK). Aus den Akten ergeben sich sodann keine Anhaltspunkte für die Annahme, die Beschwerdeführenden müssten bei einer Rückkehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung befürchten. Schliesslich führt auch die problematische allgemeine Menschenrechtssituation in Eritrea im heutigen Zeitpunkt praxisgemäss nicht zur Annahme der Unzulässig keit des Wegweisungsvollzugs. 8.2 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden erweist sich damit – sowohl im Sinn der asyl - als auch der völkerrechtlichen Bestim- mungen – als zulässig. 9. 9.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art . 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 9.2 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bil- det im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichts- punkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 der Konvention vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind dem- nach sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.6 S. 749, BVGE 2009/28 E. 9.3.2 S. 367 f.; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 6 E. 6. S. 55 ff.). E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 17 9.3 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter dieser Norm aufgeliste- ten Beweismittel. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der Untersuchungspflicht bil- det einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri- ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ents cheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt wer- den (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs- rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). 9.4 Art. 35 Abs. 1 VwVG verpflichtet die Behörden, schriftliche Verfügun- gen zu begrü nden. Die Begründungspflicht konkretisiert den Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV). Sie ermöglicht es den Verfü- gungsadressaten, wirksam Beschwerde zu führen, und verhindert, dass sich die Behörden von unsachgemässen Motiven leiten lassen (vgl. ALF- RED KÖLZ/ISABELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, RZ. 354 ff.). 10. 10.1 Vorliegend ist in Übereinstimmung mit den diesbezüglichen Ausfüh- rungen in der Beschwerde festzustellen, dass die Begründung zur Zumut- barkeit des Wegweisungsvollzugs in de n angefochtenen Verfügung en keine Hinweise darauf enthält, die Vorinstanz habe überhaupt Kenntnis da- von genommen, dass die Beschwerdeführerin am (...) in der Schweiz ihren Sohn (...) zur Welt brachte. Die Verfügungen beziehen sich lediglich auf die Beschwerdeführenden, eine Würdigung der Situation ihres g emeinsamen Sohnes (...) unter dem Blickwinkel des Kindeswohles im Sinne der vorge- nannten Erwägung (E. 9.2) unterbleibt gänzlich. Damit hat die Vorinstanz den Sachverhalt unrichtig respektive unvollständig festgestellt und ihre Be- gründungspflicht verletzt. 10.2 Beschwerden gegen Verfügungen des SEM betreffend die Verweige- rung des Asyls und die Anordnung der Wegweisung haben grundsätzlich reformatorischen und nur ausnahmsweise kassatorischen Charakter (Art. 105 AsylG sowie Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 61 Abs. 1 VwVG). Eine refor- matorische Entscheidung setzt indessen voraus, dass die Sache ent- scheidreif ist; dazu muss insbesondere der rechtserhebliche Sachverhalt richtig und vollständig festgestellt worden sein. Dies ist vorliegend nicht der Fall. Es kann nicht Sinn des Beschwerdeverfahrens sein, für eine vollstän- dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen, wenn im E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 18 vorinstanzlichen Verfahren die erforderlichen Sachverhaltsabklärungen unterblieben sind (EMARK 2004 Nr. 38 E. 7). Abgesehen davon ginge den Beschwerdeführenden dadurch eine Überprüfungsinstanz verloren. Vor diesem Hintergrund bleibt kein Raum für eine Heilung des als schwerwie- gend zu qualifizierenden Verfahrensmangels, weshalb die angefochtene Verfügung hinsichtlich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs zu kas- sieren ist. 10.3 Die Beschwerde ist somit insoweit gutzuheissen, als die Dispositivzif- fern 4 und 5 der Verfügungen vom 12. Oktober 2016 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung des Wegweisungsvollzugs im Sinne der Erw ä- gungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist. Soweit weitergehend ist die Beschwerde abzuweisen. 11. 11.1 Nachdem das Bundesverwaltungsgericht mit Zwischenverfügungen vom 14. Dezember 2016 die Anträge auf Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege und Bestellung einer amtlichen Rechtsbeistandschaft in der Person des Rechtsvertreters gutgeheissen hat und sich aus den Akten keine Hinweise auf eine Änderung der finanziellen Verhältnisse der Be - schwerdeführenden ergeben, ist auf die Erhebung von (reduzierten) Ver- fahrenskosten zu verzichten. 11.2 11.2.1 Soweit die Beschwerde gutzuheissen ist (Kassation im Vollzugs- punkt), ist das Honorar des amtlichen Rechtsbeistandes praxisgemäss dem SEM zur Vergütung als Parteientschädigung aufzuerlegen (Art. 64 Abs. 1 VwVG). Entsprechend dem Grad des Durchdringens ist diese Ent- schädigung um die Hälfte zu reduzieren. Der verbleibende Honoraranteil ist durch das Gericht zu vergüten. 11.2.2 Der in der eingereichten Kostennote vom 9. November 2016 geltend gemachte Arbeitsaufwand von (…) Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 200.– erscheint unter Berücksichtigung von Umfang sowie Schwierig- keit des vorliegenden Verfahrens und der bis zur Urteilsfällung erfolgten weiteren Eingaben des Rechtsvertreters angemessen. Den Beschwerde- führenden ist zulasten der Vorinstanz eine um die Hälfte reduzierte Partei- entschädigung von insgesamt Fr. (…) (inklusive Auslagen von Fr. […]) zu- zusprechen. Der verbleibende Honoraranteil ([…] Stunden zu einem Stun- denansatz von Fr. 150.–) in der Höhe von Fr. (…) ist durch das Gericht zu vergüten. Der amtliche Rechtsbeistand ist aufzufordern, dem Gericht seine E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 19 Zahladresse mitzuteilen. Da der Rechtsvertreter nicht mehrwertsteuer- pflichtig ist, umfassen die Parteientschädigung und das amtliche Honorar keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE. (Dispositiv nächste Seite) E-6907/2016 / E-6909/2016 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird insoweit gutgeheissen, als damit die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung im Wegweisungsvollzugspunkt beantragt wird. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. 2. Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügungen vom 12. Oktober 2016 wer- den aufgehoben. Die Sache wird zur Neubeurteilung des Wegweisungs- vollzugs im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM hat den Beschwerdeführenden für das Rechtsmittelverfahren eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. (…) auszurichten. 5. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird durch das Bundesverwaltungsgericht ein Honorar in der Höhe von Fr. (…) ausgerichtet. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Esther Marti Peter Jaggi Versand: