Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 29. November 2012 (725 12 250 / 313) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Unfallbegriff nach Art. 4 ATSG Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter in Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Dieter Freiburghaus, Gerichtsschreiberin Barba- ra Vögtli Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch D r. Georg Gremmelspa- cher, Advokat, St. Jakobs-Strasse 11, Postfach, 4002 Basel gegen SUVA , Rechtsabteilung, Postfach 4358, 6002 Luzern, Beschwerde- gegnerin, vertreten durch Andrea Tarnutzer, Advokat, Güterstrasse 106, 4053 Basel Betreff Leistungen A. A.____ war bei der Öffentliche Arbeitslosenkasse d es Kantons X.____ zum Leistungs- bezug angemeldet und aufgrund dessen bei der Schweizer ischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gegen obligatorisch Unfallfolgen versichert. Am 2 0. Dezember 2011 verletzte er sich während einer Fahrt in einem öffentlichen Bus, nachd em dieser eine Vollbremsung einleiten musste. Mit Verfügung vom 13. Februar 2012 lehnte die SUVA Basel die Ausrichtung von Ver- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht sicherungsleistungen mit der Begründung ab, es sei weder ein Unfall noch eine unfallähnliche Körperschädigung gegeben. Die dagegen vom Versicherten e rhobene Einsprache wies die SUVA mit Einspracheentscheid vom 8. März 2012 ab und be stätigte ihre Rechtsauffassung, dass es sich beim Ereignis vom 20. Dezember 2011 weder um einen Unfall im Rechtssinne gehandelt habe noch sich der Versicherte eine unfallähnl iche Körperschädigung zugezogen habe. In der Begründung führte sie aus, dass gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung eine Vollbremsung im Strassenverkehr grundsätzlich nicht ausser gewöhnlich sei, weshalb sie den Unfallbegriff nicht erfülle. Der Einsprecher habe si ch gemäss Unfallmeldung an der Wirbelsäu- le/im Nacken-Rückenbereich eine Zerrung bzw. eine Stauchu ng zugezogen, als der Bus eine Vollbremsung einleiten habe müssen. In seinen untersch riftlich bestätigten Ergänzungen zur Schadenmeldung vom 29. Dezember 2011 habe er zusammenfassend ausgeführt, dass er sich im Bus mit der linken Hand an einer Stange festgehalt en habe, und diesen Halt trotz des Bremsmanövers des Busses nicht verloren habe. Er habe sich lediglich auf dem linken Bein abgedreht. Einen Sturz oder ein Anschlagen eines Körperteils mache er hingegen nicht geltend. Mit Blick auf die Darstellungen des Versicherten sei ein Unfall im Rechtssinne vorliegend nicht gegeben, zumal es angesichts der bundesgerichtlichen Recht sprechung an einem plötzlichen, ungewöhnlichen, äusseren Faktor fehle, welcher zur Erfüll ung des Unfallbegriffes unbedingt notwendig sei. Es habe sich nichts Spezielles, Ungewöhnl iches wie ein Sturz, Ausgleiten oder Abgleiten ereignet. Ebenfalls behaupte der Versicherte nicht, er habe sich irgendwo angeschla- gen oder wäre dagegen gestossen. Im Vorfall vom 20. D ezember 2011 sei daher kein unge- wöhnlicher äusserer Faktor im Sinne der Rechtsprechung zu erblicken. Es liege auch keine unfallähnliche Körperschädigung vor, da lediglich ein e Distorsion im Nacken- und Schulterbe- reich links diagnostiziert worden sei. Nach der Rechtspr echung des Bundesgerichts umfasse die Verrenkungen von Gelenken nur eigentliche Gelenksverrenkungen (Luxationen), aber keine Distorsionen. Es liege deshalb auch keine unfallähnliche Körperschädigung vor. B. Gegen diesen Einspracheentscheid erhob A.____, vertre ten durch Dr. Georg Grem- melspacher, Advokat in Basel, am 3. April 2012 Beschwer de beim Sozialversicherungsgericht Basel-Stadt. Darin beantragte er, es sei der Einsprac heentscheid aufzuheben und dem Be- schwerdeführer die gesetzlichen Leistungen gemäss dem Bun desgesetz über die Unfallversi- cherung zuzusprechen; unter o/e-Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin. In der Be- gründung wurde vorgebracht, dass der vorliegende Fall von den von der Beschwerdegegnerin zitierten Entscheiden des Bundesgerichts abweiche. Die Betroffenen hätten in diesen Fällen als Fahrer oder als Beifahrer im Fahrzeug gesessen und den Verkehr und die Gefahrensituation selber wahrgenommen. Ebenfalls sei diesen Fällen gemein sam, dass kein programmwidriger Bewegungsablauf stattgefunden habe. Der Beschwerdeführer habe sich jedoch stehend im Bus befunden, als dieser – für den Beschwerdeführer in unvo rhersehbarer Weise – eine Vollbrem- sung eingeleitet habe. Dieser in der Aussenwelt begrün dete Umstand bewirke einen pro- grammwidrigen Ablauf der Körperbewegung, d.h. der B eschwerdeführer sei in Fahrtrichtung bewegt worden und 250 Grad um die Stange, an der er sich festgehalten habe, geschleudert worden. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts sei bei einer solchen unkoordinierten Bewegung der ungewöhnliche Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor – Veränderung zwi- schen Körper und Aussenwelt – sei wegen der erwähnten P rogrammwidrigkeit zugleich ein un- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht gewöhnlicher Faktor. Da auch die restlichen Voraussetzungen vorliegen würden, seien die Ver- sicherungsleistungen gemäss UVG von der Beschwerdegegnerin zu erbringen. C. Mit Vernehmlassung vom 15. Juni 2012 beantragte die Beschwerdegegnerin, vertreten durch Andrea Tarnutzer-Münch, Advokat in Basel, die Abweisung der Beschwerde. D. Mit Replik vom 20. Juni 2012 hielt der Beschwerdefüh rer an der Auffassung fest, dass die von der Beschwerdegegnerin angeführte bundesgericht liche Rechtsprechung auf den vor- liegenden Fall nicht anwendbar sei. Es liege eine unko ordinierte Bewegung vor, denn durch die Beschleunigung des Körpers weg von der Stange habe er die Bewegungen nicht mehr beein- flussen können. Das Zusatzgeschehen liege im programmwidri gen Bewegungsablauf des Be- schwerdeführers. E. Mit Verfügung des instruierenden Präsidenten des Sozi alversicherungsgerichts Basel- Stadt vom 17. August 2012 wurde das Verfahren zuständig keitshalber an das Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht), weiter geleitet. F. Mit Duplik vom 31. August 2012 hielt die Beschwerde gegnerin an der Abweisung der Beschwerde fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes üb er den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, desse n Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetze s über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einspracheent- scheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen V ersicherungsgericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Ver sicherungsgericht desjenigen Kan- tons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwer deerhebung ihren Wohnsitz hat. Vor- liegend befindet sich dieser in Z.____, weshalb die ör tliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Ein- spracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 A TSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Au f die – im Übrigen frist- und form- gerecht erhobene – Beschwerde des Beschwerdeführers vom 3 . April 2012 ist demnach einzu- treten. 2. Zwischen den Parteien ist strittig, ob die Beschwerdeg egnerin zu Recht die Übernahme von Versicherungsleistungen im Zusammenhang mit dem Vorf all vom 20. Dezember 2011 ab- gelehnt hat. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Nach Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer in der obligatorischen Unfallversiche- rung, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Versicherungsleistungen bei Berufsunfäl- len, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten zu gewäh ren. Art. 10 Abs. 1 UVG gewährt der versicherten Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Heilbehand- lung). Ist die versicherte Person infolge des Unfalles v oll oder teilweise arbeitsunfähig, so hat sie gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG Anspruch auf ein Taggeld . Dieses beträgt bei voller Arbeitsun- fähigkeit 80 % des versicherten Verdienstes. Bei teilwei ser Arbeitsunfähigkeit wird es entspre- chend gekürzt (Art. 17 Abs.1 UVG). Der Anspruch entsteht gemäss Art. 16 Abs. 2 UVG am drit- ten Tag nach dem Unfalltag und erlischt mit der Wieder erlangung der vollen Arbeitsfähigkeit, mit dem Beginn einer Rente oder mit dem Tod der versicherten Person. 4.1 Als Unfall gilt gemäss Art. 4 ATSG die plötzliche, n icht beabsichtigte schädigende Ein- wirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den me nschlichen Körper, die eine Beein- trächtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (BGE 134 V 75 E. 2.3). 4.2.1 Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er den Rahmen des im jeweiligen Lebensbe- reich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Das Beg riffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit wur- de entwickelt, um die "tausendfältigen kleinen und klein sten Insulte des täglichen Lebens, die als solche gänzlich unkontrollierbar sind und deshalb nur beim Hinzutreten von etwas Besonde- rem Berücksichtigung finden", aus dem Unfallbegriff aus zuscheiden (Urteil des Bundesgericht vom 17. Dezember 2008, 8C_325/2008, E. 4.1.2, mit Hi nweis auf A LFRED BÜHLER , Der Unfall- begriff, in: Alfred Koller [Hrsg.], Haftpflicht- und Versicherungsrechtstagung 1995, S. 234). Ob dies zutrifft, beurteilt sich im Einzelfall, wobei grun dsätzlich nur die objektiven Umstände in Be- tracht fallen (BGE 134 V 76 E. 4.1, 129 V 402 E. 2.1 , 122 V 233 E. 1, 121 V 38 E. 1a, je mit Hinweisen). Nach der Rechtsprechung bezieht sich das Beg riffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selbst. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwar- tete Folgen nach sich gezogen hat. Ausschlaggebend ist, d ass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umwelteinwirkungen auf den menschlichen Kör per abhebt (BGE 134 V 80 E. 4.3.1). 4.2.2 Ein Unfall liegt nur vor, wenn ein äusserer Fakto r auf den Körper wirkt. Der äussere Fak- tor ist zentrales Begriffscharakteristikum eines jeden Unf allereignisses; er ist Gegenstück zur – den Krankheitsbegriff konstituierenden – inneren Ursach e (BGE 134 V 72 E. 4.1 und 4.3.2.1). Das Ereignis muss sich in der Aussenwelt zutragen. Die Fo lgen davon können sich aber unter Umständen ausschliesslich im Körperinnern zeigen. Das kann b ei einem Schlag ohne äusserli- che Verletzung der Fall sein. Das Merkmal des ungewöhnli chen Faktors kann nach Lehre und Rechtsprechung sogar in einer unkoordinierten Bewegung bestehen (BGE 130 V 117 E. 2.1). Bei Körperbewegungen gilt der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung ledig- lich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begr ündeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam "programmwidrig" beei nflusst hat. Bei einer solchen unkoor- dinierten Bewegung ist der ungewöhnliche äussere Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor – Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt – ist wegen der erwähnten Programmwidrig- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht keit zugleich ein ungewöhnlicher Faktor (BGE 130 V 117 E. 2.1). Als mittelbare oder unmittelba- re Unfallursachen fallen Bewegungen des Körpers mit de n damit verbundenen Belastungen verschiedenster Art in Betracht (Urteil des EVG vom 25. März 2004, U 131/03, E. 2.2-2.4). Dies trifft beispielsweise dann zu, wenn die versicherte Per son stolpert, ausgleitet oder an einem Gegenstand anstösst oder wenn sie, um ein Ausgleiten zu v erhindern, eine reflexartige Ab- wehrhaltung ausführt oder auszuführen versucht (BGE 99 V 138 E. 1; RKUV 2004 U 502 S. 183 E. 4.1). Die Annahme eines Unfalls im Rechtssinn setzt, neben den üblichen auf den Körper einwirkenden Kräften, somit ein schadenspezifisches Zusatz geschehen voraus (BGE 134 V 72 E. 4.3.2.1 mit Hinweisen). Ein solches Zusatzgeschehen – und mit diesem das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors im Sinne einer den norm alen Bewegungsablauf störenden Programmwidrigkeit – ist gegeben bei einem Skifahrer, der auf einer Buckelpiste auf einer ver- eisten Stelle ausgleitet, ohne zu stürzen, danach unkontrolliert einen Buckel anfährt, abgehoben wird und bei verdrehter Oberkörperhaltung hart auf d em Boden aufschlägt (RKUV 1999 Nr. U 345 S. 420), nicht aber, wenn beim Skifahren auf einer steilen, buckligen Piste und Kompres- sion in einer Wellenmulde eine Diskushernie auftritt ( vgl. SUVA-Bericht 1991 Nr. 3 S. 5 [U 16/91]). 4.2.3 Bei Schädigungen, die sich auf das Körperinnere beschränken, unterliegt der Nachweis eines Unfalls strengen Anforderungen, weil die unmitt elbare Ursache der Schädigung unter be- sonders sinnfälligen Umständen gesetzt werden muss; denn ei n Unfallereignis manifestiert sich in der Regel in einer äusserlich wahrnehmbaren Schädigu ng, während bei deren Fehlen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit rein krankheitsbedingter Ursa chen besteht (Urteil des Bundesge- richts vom 9. Juli 2010, 8C_189/2010, E. 3.2 mit Hinwe is auf BGE 99 V 136 E. 1). Ein gestei- gertes Abgrenzungsbedürfnis besteht somit dort, wo der G esundheitsschaden seiner Natur nach auch andere Ursachen als eine plötzliche schädigende Einwirkung haben kann, also keine gesicherte Zuordnung zum exogenen Faktor erlaubt. Dies gilt nach der Rechtsprechung insbe- sondere dann, wenn die Gesundheitsschädigung erfahrungsg emäss auch als alleinige Folge von Krankheit, insbesondere von vorbestandenen degenerat iven Veränderungen des Körper- teils, innerhalb eines durchaus normalen Geschehensablau fs auftreten kann. In solchen Fällen muss die unmittelbare Ursache der Schädigung unter beso nders "sinnfälligen" Umständen ge- setzt worden sein (BGE 99 V 136 E. 1). Ist eine Verletzu ng wiederholten Mikrotraumata des täglichen Lebens zuzuschreiben, welche zu einer allmäh lichen Abnützung geführt haben, so ist sie (im Bereich der obligatorischen Unfallversicherung un ter Vorbehalt von Art. 9 Abs. 2 der Verordnung über die Unfallversicherung [UVV]) vom 20. Dezember 1982) als Krankheitsfolge zu betrachten. 4.3 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die versicherte Person die Umstände des als Unfall gemeldeten Ereignisses glaubhaft zu machen hat. Unvollständige, ungenaue oder wider- sprüchliche Angaben zum Geschehensablauf können die Ve rneinung der Leistungspflicht der Unfallversicherung zur Folge haben. Im Streitfall hat das Sozialversicherungsgericht zu ent- scheiden, ob die einzelnen Merkmale des Unfallbegriffs, insbesondere die Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors, gegeben sind. Hiezu hat es im Rahme n des Untersuchungsgrundsatzes die notwendigen Beweise zu erheben (vgl. Art. 61 lit . c ATSG). Spricht der rechtserhebliche Sachverhalt nicht wenigstens mit Wahrscheinlichkeit für d as Vorliegen der einzelnen Begriffs- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht merkmale – die blosse Möglichkeit genügt nicht –, ist ein Unfall im Rechtssinne zu verneinen (Urteil des EVG vom 23. November 2006, U 258/04, E. 3 .1 mit zahlreichen Hinweisen). Zu er- gänzen ist, dass der mangelnde Nachweis eines die Merkmal e des Unfalles erfüllenden Ereig- nisses sich nur selten durch medizinische Feststellungen erset zen lässt. Diesen kommt im Rahmen der Beweiswürdigung für oder gegen das Vorliegen eines unfallmässigen Geschehens in der Regel nur die Bedeutung von Indizien zu. Dabei ist zu beachten, dass sich der medizini- sche Begriff des Traumas nicht mit dem Unfallbegriff deckt . Ein traumatisches Ereignis oder Trauma im medizinischen Sinne kann neben dem eigentlich en Unfall im Rechtssinne auch Er- eignisse umfassen, denen der Charakter der Ungewöhnlich keit und/oder der Plötzlichkeit ab- geht (Urteil des EVG vom 10. Mai 2004, U 199/03, E. 1). 5.1 Zu prüfen ist, ob das Ereignis vom 20. Dezember 2011 als Unfall im Rechtssinne zu qualifizieren ist. Es steht fest, dass vier der fünf Tatbest andsmerkmale des Unfallbegriffs – Kör- perverletzung, äussere Einwirkung, Plötzlichkeit und fehle nde Absicht – erfüllt sind. Uneinig sind sich die Parteien indessen, ob die erforderliche Ungewöhnlichkeit der äusseren Einwirkung vorliegend gegeben ist. 5.2.1 Laut den Angaben des erstbehandelnden Arztes Dr. B.____ (in Vertretung von Dr. G.____) im UVG-Arztzeugnis vom 27. Januar 2012 habe a m 21. Dezember 2011 eine Not- bremsung des Busses stattgefunden. Der Patient sei beim E ingang bei der Bustür gestanden und habe sich mit der linken Hand an der Haltestange f estgehalten. Da er aktuell ein verletztes linkes Knie gehabt habe, hätte er einen schlechten Stand gehabt. Aufgrund des ruckartigen Ausweichmanövers des Busses habe es einen starken Zug im Be reich der linken Schulter und des Nackens gegeben. Danach seien muskuläre Schmerzen aufget reten. Als Befund erhob Dr. B.____ eine Muskelverhärtung im Nackenbereich links und führte aus, dass die Halswirbelsäule (HWS) frei beweglich sei. Er diagnostizierte eine Distorsion des Nacken- und Schulterbereiches links. Eine Arbeitsunfähigkeit liege nicht vor. 5.2.2 Der Beschwerdeführer selbst gab auf Nachfrage a m 29. Dezember 2011 hin an, dass er am 20. Dezember 2011 als Fahrgast mit dem öffentlichen Verkehr in Richtung Z.____ auf der K.____-Strasse unterwegs gewesen sei (vgl. SUVA-Akte 7). Er habe sich kurz vor der Haltestel- le I.____ in Richtung Türe des Busses bewegt und sich mit der linken Hand an der Stange fest- gehalten. Wenige Sekunden später sei er in Fahrtrichtu ng beschleunigt worden. Glücklicher- weise habe er sich weiterhin an der Stange festhalten kö nnen. Aufgrund der Beschleunigung in Fahrtrichtung sei es jedoch zu einer Drehung von ca. 250 Grad auf dem linken Bein gekommen. Beim anschliessenden Blick aus dem Fenster habe er einen h ellblauen Personenwagen gese- hen, der parallel zum Bus auf dem Trottoir gestanden se i und mit grösster Wahrscheinlichkeit aus dem L.____-Weg herkommend auf die K.____-Strasse in Z.____ einbiegen habe wollen und den Bus nicht habe kommen sehen. Dies habe den Bus fahrer zu einer Gefahrenbremse und einem Ausweichmanöver nach rechts veranlasst. Seine ( gesundheitlichen) Beschwerden seien seiner Meinung nach durch die intensive Krafteinwirkung auf den linken Arm, Rücken und Nacken durch das Bremsmanöver und die Rotation auf dem linken Bein entstanden. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.3.1 Die Beschwerdegegnerin bezieht sich vorliegend zur Begründung ihrer Ablehnung der Leistungspflicht auf die bundesgerichtliche Praxis zu den Ereignissen mit Vollbremsung eines Lenkers in einem Personenwagen ohne Kollision, bei der sich der Beifahrer verletzt hat. Sie zieht ihre Schlüsse namentlich aus dem Urteil 8C_325/2008 vom 17. Dezember 2008. Nach der Rechtsprechung stellt die Hyperflexionsbewegung der H alswirbelsäule bei der Vollbremsung eines Autos ohne Kollision für sich allein genommen ke inen ungewöhnlichen äusseren Faktor und damit keinen Unfall im Rechtssinne dar, denn es hand elt sich um einen im betreffenden Lebensbereich alltäglichen und üblichen Vorgang. Im Ur teil 8C_325/2008 vom 17. Dezember 2008 hat der Lenker eines Personenwagens auf der Autoba hn abrupt bremsen müssen, die Beifahrerin hat die weggerutschte Handtasche zu greifen versucht und ist zunächst nach vorne in die Gurten gedrückt und anschliessend nach hinten geschleudert worden. Das Bundesgericht hat ein schadenspezifisches Zusatzgeschehen verneint. Es hat ausgeführt, dass der Anprall an der Kopfstütze kein solches Zusatzgeschehen sein könne, we il es im Anschluss an eine Voll- bremsung nicht selten vorkomme, dass die betroffene Person zunächst nach vorne und an- schliessend nach hinten geworfen werde. Der Zweck der Ko pfstütze bestehe gerade darin eine weitere Schleuderbewegung der HWS zu verhindern. Zu dem sei zu berücksichtigen, dass die aus der Bewegung der HWS resultierenden Verletzungen n icht Folge des Aufpralls an der Kopfstütze, sondern bereits Folge der vorangehenden Bewegung bilden würden. 5.3.2 Dieser Sachverhalt ist mit dem vorliegend zu beurt eilenden aus diversen Gründen nicht vergleichbar. Eine Übereinstimmung besteht lediglich dahin gehend, dass es zu einer Vollbrem- sung gekommen ist und eine Kollision zwischen Bus und Personenfahrzeug hat vermieden wer- den können. Abgesehen davon sind aber Buspassagiere, we lche im Bus stehen, im Gegensatz zu den Insassen eines Personenwagens nicht angegurtet. A usserdem werden sie – durch ihre stehende Position – bei einer Vollbremsung ganz anderen physikalischen Kräften ausgesetzt als sitzende Beifahrer in einem Personenwagen. Vorlieg end ist auch noch ein Ausweichmanö- ver des Busses hinzugekommen. Müssen die Buspassagiere stehen, halten sie sich mit Vorteil – aber mit Blick auf die grossen einwirkenden Kräfte bei m Brems- oder Ausweichmanövern sehr notdürftig – an Stangen fest. Ob sie sich bei ein em Bremsmanöver an der Stange halten können und allenfalls neben der Vor- und Rückwärtsbeweg ung auch noch seitlich abgedreht werden, oder ob sie sich nicht genügend fest halten könn en oder im entscheidenden Moment gar keine Stange greifen können, ist von Zufälligkeiten abhängig. Buschauffeure sind speziell geschult und wissen, dass sie durch vorsichtige Fahrweise gefährliche Situationen, wenn immer möglich, vermeiden müssen. Vollbremsungen eines Busses kön nen dennoch vorkommen, sie sind aber nicht als alltäglich, sondern als ungewöhnlich zu bezeichnen. 5.3.3 Der Beschwerdeführer hat eine unkoordinierte B ewegung vorgenommen, welche klar das Ergebnis eines äusseren Faktors ist. Sie ist die direkt e Folge des Brems- und Ausweich- manövers des Busses. Der Beschwerdeführer ist den physikalisc hen Kräften aus diesem Bremsmanöver ausgeliefert gewesen. Auch wenn er sich ni cht angeschlagen hat, gestolpert oder gestürzt ist, so liegen doch alle Merkmale eines Unf alles vor. Wäre er gestürzt, dann hätte er sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit Verletzunge n an anderen Körperstellen zugezo- gen, und es wäre wohl diskussionslos ein Unfall angenommen worden. Weil er sich aber an der Stange festgehalten hat, hat sich die Krafteinwirkung i m Arm-, Schulter- und Nackenbereich Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht durch ein sicher nicht alltägliches "Reissen" manifestiert. Eine solche Krafteinwirkung, die von aussen kommt, ist geeignet, eine Gesundheitsschädigung zu bewirken. Es besteht diesbezüg- lich keine Abgrenzungsschwierigkeit gegenüber der Krankheit, welche durch sogenannte Mikro- traumata entstehen kann. Weil der übliche Bewegungsabla uf durch eine Programmwidrigkeit gestört worden ist, ist das Merkmal des ungewöhnlichen äusse ren Faktors zu bejahen. Mit dem Herumschleudern an der Stange ist auch ein sinnfälliges u nd nicht regelmässig bei Buspassa- gieren vorkommendes Zusatzereignis gegeben, das für sich allein die Ungewöhnlichkeit des Geschehens begründet. Da die übrigen gesetzlichen Anspru chsvoraussetzungen ebenfalls er- füllt sind, trifft die Beschwerdegegnerin für das Erei gnis vom 20. Dezember 2011 eine Leis- tungspflicht. Aus diesem Grund wird der angefochtene E inspracheentscheid vom 8. März 2012 aufgehoben. Die dagegen erhobene Beschwerde wird gutgeheissen. 6.1 Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass das Verfahren vo r dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vo rliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. 6.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person An- spruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verfa hrens entsprechend ist dem Be- schwerdeführer deshalb eine angemessene Parteientschädigu ng zuzusprechen. Der Rechts- vertreter des Beschwerdeführers hat in seiner Honorarnote vom 18. September 2012 einen Zeitaufwand von insgesamt 10 Stunden und 10 Minuten g eltend gemacht, was sich umfang- mässig als angemessen erweist. Damit ist dem Beschwerdefüh rer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'918.30 (10.1 x Fr. 250.-- plus Ausl agen von Fr. 160.50 und 8 % Mehr- wertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Einsprache entscheid vom 8. März 2012 aufgehoben und es wird festgestellt, dass di e Be- schwerdegegnerin für den Unfall vom 20. Dezember 2011 Leistungen zu erbringen hat. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 2'918.30 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht