200 24 50 UV KOJ/SCC/LAB Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 27. Juni 2024 Verwaltungsrichter Kölliker, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Schwegler, Verwaltungsrichterin Mauerhofer Gerichtsschreiberin Schertenleib Gamero A.________ vertreten durch Rechtsanwältin B.________ Beschwerdeführerin gegen Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG Richtiplatz 1, 8304 Wallisellen Zustelladresse: Postfach, 8010 Zürich Beschwerdegegnerin betreffend Einspracheentscheid vom 1. Dezember 2023 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1967 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) war als ungelernte … in einem Pensum von 100 % für das C.________ tätig und dadurch bei der Elvia Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft Zürich ([Unfallversicherer]; heute: Allianz Suisse Versicherungs- Gesellschaft AG [Allianz bzw. Beschwerdegegnerin]) für die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert (Akten des Unfallversicherers [act. II] 1 ff.). Am TT August 1988 erlitt sie bei einem Motorradunfall eine drittgradig offene Subamputation des rechten Unterschenkels im distalen Drittel mit Durchtrennung der Gefässe und Muskeln sowie einen grossen Hautdefekt (act. II 1). Der Unfallversicherer gewährte mit (unangefochten gebliebener) Verfügung vom 26. August 1994 bei einem Integritätsschaden von 15 % eine Integritätsentschädigung von Fr. 12'240.-- (act. II 87). Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs (act. II 131 f.) sprach der Unfallversi- cherer der Versicherten mit (unangefochten gebliebener) Verfügung vom 26. September 2000 bei einem Invaliditätsgrad (IV-Grad) von 10 % ab 1. Mai 1998 eine UV-Rente von monatlich Fr. 460.-- und bei einem IV-Grad von 20 % ab 1. Januar 2001 eine UV-Rente von monatlich Fr. 920.-- zu (act. II 136). Mit Verfügung vom 9. Juli 2014 zog die Allianz – nach Gewährung des rechtlichen Gehörs (act. II 165, 168) – den Rentenentscheid vom 26. Sep- tember 2000 in Wiedererwägung; sie berechnete den versicherten Ver- dienst neu auf Fr. 47'818.-- und sprach der Versicherten ab 1. Mai 1998 bei einem IV-Grad von 10 % eine UV-Rente von Fr. 319.-- und ab 1. Januar 2001 bei einem IV-Grad von 20 % eine UV-Rente von Fr. 638.-- zu. Gleich- zeitig entzog sie einer Einsprache die aufschiebende Wirkung und verzich- tete auf eine Rückforderung der zu Unrecht erbrachten Rentenleistungen (act. II 169). Hiergegen erhob die Versicherte am 8. August 2014 Einspra- che (act. II 170). Mit Zwischenverfügung vom 19. August 2014 wies die Allianz den Antrag der Versicherten auf Wiederherstellung der aufschie- benden Wirkung der Einsprache ab (act. II 172). Es erfolgten mehrere Nachfragen der Versicherten zum Stand des Einspracheverfahrens Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 3 (act. II 178, 184, 186, 191). Die Allianz stellte am 10. Oktober 2016 eine Begutachtung in Aussicht (act. II 193). Am 11. November 2016 erhob die Versicherte beim Verwaltungsgericht des Kantons Bern Rechtsverzöge- rungsbeschwerde (Akten der Allianz [act. IIA] 2, 3). Mit Zwischenverfügung vom 15. Dezember 2016 ordnete die Allianz eine orthopädisch-chirurgische Begutachtung bei der Begutachtungsstelle D.________ an (act. IIA 6), was unangefochten blieb (act. II 17). Mit Urteil vom 9. Januar 2017 wies das Verwaltungsgericht des Kantons Bern die Rechtsverzögerungsbeschwerde ab (act. IIA 13). Mit Zwischenverfügung vom 27. Februar 2017 sistierte die Allianz das Einspracheverfahren (act. IIA 22). Die Versicherte meldete im Januar 2017 einen Rückfall (act. IIA 17, 19, 21, 24, 26), da am 6. März 2017 eine Implantation einer OSG-Prothese rechts erfolgte (act. IIA 27 ff.). Mit Zwischenverfügung vom 13. August 2020 hob die Allianz die Sistierung des Einspracheverfahrens wieder auf (act. IIA 55). Die Begutachtungsstelle D.________ reichte in der Folge das polydisziplinäre Gutachten vom 31. Januar 2023 ein (act. IIA 73). Mit Schreiben vom 10. August 2023 stell- te die Allianz eine Schlechterstellung in Aussicht und gab der Versicherten Gelegenheit zum Rückzug der Einsprache (act. IIA 79). Die Begutach- tungsstelle D.________ reichte sodann eine ergänzende Stellungnahme vom 24. August 2023 ein (act. IIA 80). Nach einer Stellungnahme der Ver- sicherten (Akten der Allianz [act. IIB] 2) wies die Allianz mit Entscheid vom 1. Dezember 2023 die Einsprache gegen die Verfügung vom 9. Juli 2014 ab und stellte die Rentenleistungen ex nunc et pro futuro per 31. Dezember 2023 ein (act. IIB 1). B. Mit Eingabe vom 18. Januar 2024 erhob die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin B.________, beim Verwaltungsgericht des Kantons Bern Beschwerde. Sie beantragt, der angefochtene Einspracheentscheid sei aufzuheben und ihr seien die gesetzlichen Unfallversicherungsleistungen zuzusprechen. Eventualiter sei die Sache im Sinne der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 4 Mit Beschwerdeantwort vom 14. Februar 2024 schliesst die Beschwerde- gegnerin auf Abweisung der Beschwerde. Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 58 ATSG). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet der Einspracheentscheid vom 1. Dezem- ber 2023 (act. IIB 1). Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin zu Recht wiedererwägungsweise die laufenden Rentenleistungen per 31. Dezember 2023 einstellte. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 5 2. 2.1Wird der Versicherte infolge des Unfalles invalid, so hat er Anspruch auf eine Invalidenrente (aArt. 18 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. März 1981 über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20; in der Fassung geltend bis 1. Juli 2001]). Als invalid gilt, wer voraussichtlich bleibend oder für län- gere Zeit in seiner Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt ist. Für die Bestimmung des IV-Grades wird das Erwerbseinkommen, das der Versicherte nach Ein- tritt der unfallbedingten Invalidität und nach Durchführung allfälliger Einglie- derungsmassnahmen durch eine ihm zumutbare Tätigkeit bei ausgegliche- ner Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbs- einkommen, das er erzielen könnte, wenn er nicht invalid geworden wäre (aArt. 18 Abs. 2 UVG [in der Fassung geltend bis 1. Juli 2001]). An dieser Formulierung hat sich mit Art. 16 ATSG (in Kraft seit 1. Januar 2003; BBl 2000 5041, AS 2002 3371) nichts geändert. Begrifflich wird unter Erwerbsunfähigkeit das Unvermögen des Versicher- ten verstanden, auf dem gesamten für ihn in Frage kommenden ausgegli- chenen Arbeitsmarkt die verbliebene Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise wirtschaftlich zu verwerten (BGE 121 V 331 E. 3b; ALEXANDRA RUMO- JUNGO, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 2. Aufl. 1995, S. 98, ALFRED MAURER, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. 1989, S. 351). Die Bestimmung der Erwerbsunfähigkeit und damit des IV-Grades erfolgt in der Regel durch einen Vergleich des hypothetischen Validen- mit dem hypothetischen Invalideneinkommen aufgrund einer ziffernmässig möglichst genauen Ermittlung (vgl. RUMO-JUNGO, a.a.O., S 98). 2.2Gemäss Art. 15 Abs. 1 UVG werden Taggelder und Renten nach dem versicherten Verdienst bemessen. Als versicherter Verdienst gilt für die Bemessung der Taggelder der letzte vor dem Unfall bezogene Lohn, für die Bemessung der Renten der innerhalb eines Jahres vor dem Unfall be- zogene Lohn (Art. 15 Abs. 2 UVG). Beginnt die Rente mehr als fünf Jahre nach dem Unfall oder dem Ausbruch der Berufskrankheit, so ist der Lohn massgebend, den der Versicherte ohne den Unfall oder die Berufskrankheit im Jahre vor dem Rentenbeginn bezogen hätte, sofern er höher ist als der letzte vor dem Unfall oder dem Ausbruch der Berufskrankheit erzielte Lohn Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 6 (Art. 24 Abs. 2 der Verordnung vom 20. Dezember 1982 über die Unfallver- sicherung [UVV; SR 832.202]). Nach der Rechtsprechung bezweckt diese Vorschrift die Anpassung des versicherten Verdienstes, d.h. des innerhalb eines Jahres vor dem Unfall bezogenen Lohnes nach Art. 15 Abs. 2 UVG an die allgemeine Lohnent- wicklung resp. die normale Lohnentwicklung im angestammten Tätigkeits- bereich. Andere Änderungen in den erwerblichen Verhältnissen (Karriere- schritte, Stellenwechsel etc.) seit dem Unfall haben unberücksichtigt zu bleiben ( BGE 127 V 171 ff. E. 3b, Entscheid des Eidg. Versicherungsge- richts [EVG; heute: BGer] vom 19. September 2006, U 79/06, E. 2). Art. 24 Abs. 2 UVV will einzig allfällige Nachteile als Folge der Verzögerung in der Rentenfestsetzung ausgleichen ( BGE 127 V 173 E. 3b). Dagegen sollen die Versicherten nicht so gestellt werden, wie wenn sich der Unfall unmit- telbar vor diesem Zeitpunkt ereignet hätte (EVG U 79/06, E. 4.2.1). 2.3Der Versicherungsträger kann auf formell rechtskräftige Verfügun- gen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Art. 53 Abs. 2 ATSG). Die Wiedererwägung dient der Korrektur einer an- fänglich unrichtigen Rechtsanwendung einschliesslich unrichtiger Feststel- lung im Sinne der Würdigung des Sachverhalts (BGE 148 V 195 E. 5.3 S. 202). Nach der Rechtsprechung besteht keine zeitliche Befristung der Wiedererwägungsmöglichkeit (BGE 149 V 91 E. 7.7 S. 96, 140 V 514). 2.3.1Die Wiedererwägung rechtskräftiger Verfügungen bzw. Einspra- cheentscheide kann praxisgemäss nur in Betracht kommen, wenn es sich um die Korrektur grober Fehler der Verwaltung handelt (ZAK 1988 S. 555 E. 2b). Zweifellos ist die Unrichtigkeit, wenn kein vernünftiger Zweifel daran möglich ist, dass die Verfügung unrichtig war. Es ist nur ein einziger Schluss – derjenige auf die Unrichtigkeit der Verfügung – denkbar. In die- sem Sinne qualifiziert unrichtig ist eine Verfügung, wenn die notwendigen (fachärztlichen) Abklärungen überhaupt nicht oder nicht mit der erforderli- chen Sorgfalt durchgeführt wurden, oder wenn eine Leistung aufgrund fal- scher Rechtsregeln bzw. ohne oder in unrichtiger Anwendung der massge- blichen Bestimmungen zugesprochen wurde. Zurückhaltung bei der An- nahme zweifelloser Unrichtigkeit ist stets dann geboten, wenn der Wieder-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 7 erwägungsgrund eine materielle Anspruchsvoraussetzung betrifft, deren Beurteilung massgeblich auf Schätzungen oder Beweiswürdigungen und damit auf Elementen beruht, die notwendigerweise Ermessenszüge auf- weisen. Eine vor dem Hintergrund der seinerzeitigen Sach- und Rechtslage einschliesslich der Rechtspraxis vertretbare Beurteilung der (invaliditäts- mässigen) Anspruchsvoraussetzungen kann nicht zweifellos unrichtig sein (BGE 141 V 405 E. 5.2 S. 414; SVR 2021 UV Nr. 1 S. 4 E. 6.1, 2019 IV Nr. 47 S. 153 E. 2.1). 2.3.2Um wiedererwägungsweise auf eine verfügte Leistung zurückkom- men zu können, genügt es nicht, wenn ein einzelnes Anspruchselement rechtswidrig festgelegt wurde. Vielmehr hat sich die Leistungszusprache auch im Ergebnis als offensichtlich unrichtig zu erweisen. So muss etwa, damit eine zugesprochene Rente wegen einer unkorrekten Invaliditätsbe- messung wiedererwägungsweise aufgehoben werden kann, erstellt sein, dass eine korrekte Invaliditätsbemessung hinsichtlich des Leistungsan- spruchs zu einem anderen Ergebnis geführt hätte (BGE 140 V 77 E. 3.1 S. 79; SVR 2019 IV Nr. 47 S. 154 E. 3.1.2). 2.3.3Bei der Beurteilung, ob eine Wiedererwägung wegen zweifelloser Unrichtigkeit zulässig ist, muss von der Sach- und Rechtslage ausgegan- gen werden, wie sie im Zeitpunkt des Verfügungserlasses bestanden hat, wozu auch die seinerzeitige Rechtspraxis gehört; eine Praxisänderung vermag kaum je die frühere Praxis als zweifellos unrichtig erscheinen zu lassen (BGE 144 I 103 E. 2.2 S. 106, 125 V 383 E. 3 S. 390). 2.3.4Die Wiedererwägung setzt voraus, dass die Berichtigung der zwei- fellos unrichtigen Verfügung von erheblicher Bedeutung ist. Massgebend für die Beantwortung dieser Frage sind nach der Rechtsprechung die ge- samten Umstände des Einzelfalls, zu denen auch die Zeitspanne gehört, die seit der zu Unrecht erfolgten Leistungsgewährung verstrichen ist. Eine allgemeingültige betragliche Grenze lässt sich allerdings nicht festlegen. Die Höhe des unrechtmässig ausbezahlten Betrages ist dabei insofern von Bedeutung, als das Interesse der Verwaltung an der richtigen Durchführung des objektiven Rechts gegenüber demjenigen an der Rechtssicherheit in der Regel umso weniger ins Gewicht fällt, je geringer die zu Unrecht ausge- richteten Leistungen sind. Bei periodischen Leistungen wird die Erheblich-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 8 keit praktisch immer bejaht, während bei punktuellen Leistungen die Gren- ze praxisgemäss bei einigen hundert Franken liegt. Die Voraussetzung der Erheblichkeit der Berichtigung dient im Übrigen der Verwaltungs- und Pro- zessökonomie (BGE 107 V 180 E. 2b S. 182; ARV 2000 S. 211 E. 3b; Ent- scheid des Bundesgerichts [BGer] vom 4. Mai 2017, 8C_18/2017, E. 3.2.2). 2.3.5Eine Wiedererwägung einer prozentgenauen Rente kann nur dann erfolgen, wenn die Differenz zu der als zweifellos unrichtig erkannten Ver- fügung mindestens 5 Prozentpunkte beträgt. Diese 5 %-Grenze ist nicht nur von der Verwaltung bei der Wiedererwägung im engeren Sinn zu be- achten, sondern auch von den Gerichten im Rahmen einer Substitution der Begründung einer Rentenanpassung im Sinne von BGE 125 V 368 E. 3 S. 369 (BGE 140 V 85 E. 4.4 S. 88). 3. 3.1Die unangefochten gebliebene Verfügung vom 26. September 2000, worin der Unfallversicherer bei einem Jahresverdienst von Fr. 68'926.-- und einem IV-Grad von 10 % bzw. 20 % der Beschwerdeführerin ab 1. Mai 1998 eine UV-Rente von monatlich Fr. 460.-- und ab 1. Januar 2001 eine UV-Rente von monatlich Fr. 920.-- zugesprochen hatte (act. II 136), zog die Beschwerdegegnerin verfügungsweise am 9. Juli 2014 in Wiedererwägung (act. II 169). Nach Androhung einer Schlechterstellung (act. IIA 79) vernein- te die Beschwerdegegnerin mit dem hier angefochtenen Einspracheent- scheid vom 1. Dezember 2023 den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Rente und stellte die Rentenleistungen ex nunc et pro futuro per 31. Dezember 2023 ein (act. IIB 1). Als Gründe für die Wiedererwägung nannte die Beschwerdegegnerin eine seinerzeitige unkorrekte Ermittlung des versicherten Verdienstes, eine Verletzung des Untersuchungsgrund- satzes sowie eine unzutreffende Ermittlung des IV-Grades. Die Beschwerdeführerin bringt dagegen u.a. vor, die Beschwerdegegnerin gehe fehl in der Annahme, dass die UV-Rente komplett entgegen der da- maligen Sach- und Rechtslage festgesetzt worden sei. Die Beschwerde- gegnerin habe bewusst im Sinne einer pragmatischen Lösung und in Kenntnis des medizinischen und rechtlichen Sachverhalts den versicherten Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 9 Verdienst auf Fr. 68'926.-- und den IV-Grad anhand des auf 90 % bzw. 80 % reduzierten Pensums in der Tätigkeit als … im C.________ festge- stellt. Es sei nicht vertretbar, dass im Nachhinein der IV-Grad beibehalten respektive fehlerhaft auf 0 % berechnet werde und der versicherte Ver- dienst als offensichtlich unrichtig in Wiedererwägung gezogen werde. Rückwirkend könne die Arbeitsunfähigkeit nicht mehr eruiert werden. Schliesslich habe der Unfallversicherer damals im Sinne einer vergleichs- weisen Regelung verfügt. 3.2 3.2.1Vorab umstritten ist, ob der vom Unfallversicherer in der ursprüngli- chen Verfügung vom 26. September 2000 festgelegte versicherte Verdienst von Fr. 68'926.-- zweifellos unrichtig war. Den Akten ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin von 1982 bis 1985 eine … Lehre absolvierte; danach erfolgte bis 1987 ein Aufenthalt in … (act. II 125). Im Unfallzeit- punkt vom TT. August 1988 war sie als ungelernte … für das C.________ tätig (act. II 1); diese Stelle kündigte sie per 31. März 1990 und ab 1. April 1990 bis 1993 absolvierte sie die … und arbeitete danach bis 1995 im E.________ (act. II 29, 45). In der Folge wechselte sie erneut ins C.________ und war zuerst als … und dann als … tätig; zudem absolvierte sie 1997 berufsbegleitend eine Ausbildung zur …. Im Mai 1998 reduzierte sie das Arbeitspensum auf 90 % und ab Januar 2000 auf 80 % (act. II 125 f.). In der Rückfallmeldung vom 5. März 1999 gab die Arbeitgeberin an, die Beschwerdeführerin arbeite in einem Pensum 90 % und erziele einen Grundlohn von Fr. 57'264.--, zuzüglich Wochenendzulagen von Fr. 398.75 und 13. Monatslohn von Fr. 4'772.-- (act. II 108). In der Verfügung vom 26. September 2000 berechnete die Beschwerde- gegnerin einen versicherten Verdienst von Fr. 68'926.--. Dabei ging sie indessen von der Situation der Beschwerdeführerin nach dem Unfall aus, als sie bereits weitere Karriereschritte (Ausbildung zur … bzw. …, Tätigkeit als … in einem …) unternommen hatte. Grundsätzlich gilt jedoch der inner- halb eines Jahres vor dem Unfall bezogene Lohn als versicherter Verdienst (E. 2.2 hiervor). Die von der Beschwerdeführerin angeführte Bestimmung von Art. 24 Abs. 2 UVV bezweckt lediglich die Anpassung der Rente an die normale Lohnentwicklung im angestammten Tätigkeitsbereich, andere den Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 10 versicherten Lohn beeinflussende Änderungen in den erwerblichen Ver- hältnissen werden aber nicht berücksichtigt. Der vor dem Unfall bezogene Lohn ist dabei an die geschlechtsspezifisch ausgewiesene Nominalloh- nentwicklung im angestammten Tätigkeitsbereich anzupassen, und es ist nicht auf die Lohnentwicklung beim konkreten Arbeitgeber abzustellen. Die Bestimmung will nicht durch Berücksichtigung individueller Lohnentwick- lungen versicherte Personen gegenüber solchen besserstellen, deren Ren- te innert fünf Jahren nach dem Unfall festgesetzt wurde (RUMO- JUNGO/HOLZER, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. 2012, S. 118). Bei der Ermittlung des versicherten Verdienstes hätte die Be- schwerdegegnerin somit auf den Lohn der im Unfallzeitpunkt ausgeübten Tätigkeit als ungelernte … abstellen und diesen indexieren sollen (vgl. zur Berechnung E. 5.1 hiernach). Indem sie auf ein später erzieltes höheres Einkommen abstellte und damit einen zu hohen versicherten Verdienst festsetzte, erweist sich die Verfügung vom 26. September 2000 insoweit als zweifellos unrichtig. 3.2.2Sodann nahm die Beschwerdegegnerin bei der Ermittlung des IV- Grades in der Verfügung vom 26. September 2000 keinen Einkommens- vergleich und keine Ermittlung des Validen- und des Invalideneinkommens vor (act. II 136), sondern setzte den IV-Grad dem damaligen Beschäfti- gungsgrad der Beschwerdeführerin von 90 % bzw. 80 % gleich. Damit liegt eine qualifiziert unrichtige Anwendung der obgenannten gesetzlichen Grundlagen (E. 2.1 hiervor) vor. Auch diesbezüglich ist die Verfügung vom 26. September 2000 zweifellos unrichtig. 3.2.3Gemäss den Angaben der Beschwerdeführerin reduzierte sie aus gesundheitlichen Gründen den Beschäftigungsgrad zuerst auf 90 % (ab Mai 1998) und danach auf 80 % (ab Januar 2000 [act. II 125 f., 133]). Im Unfallschein wurde jedoch bereits ab 30. Juli 1999 eine Arbeitsunfähigkeit von 0 % attestiert (act. II 128) und der behandelnde Orthopäde des Spitals F.________ führte im Bericht vom 3. Februar 2000 aus, die Reduktion des Pensums sei in der Kontrolluntersuchung vom 21. Januar 2000 nicht be- sprochen worden. Er attestierte sogar eine volle Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit, d.h. bei einer Arbeit mit nur wenig Belastung beim Gehen, Stehen und Heben/Tragen von Gewichten (act. II 127). Letztlich Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 11 kann die Frage, ob damals der medizinische Sachverhalt, insbesondere die Frage der Arbeitsfähigkeit und das Zumutbarkeitsprofil, rechtsgenüglich abgeklärt wurde oder eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes (vgl. BGE 117 V 282 E. 4a S. 283) vorlag, offenbleiben. Denn es ist erstellt, dass in der Verfügung vom 26. September 2000 mindestens zwei An- spruchselemente (versicherter Verdienst, Ermittlung des IV-Grads; vgl. E. 3.2.1 f. hiervor) qualifiziert unrichtig festgelegt wurden. 3.3Soweit die Beschwerdeführerin sinngemäss vorbringt, es liege eine vergleichsähnliche Verfügung vor, welche nicht zweifellos unrichtig sei, kann ihr, wie nachfolgend aufgezeigt, nicht gefolgt werden: Vor Erlass der rentenzusprechenden Verfügung vom 26. September 2000 gewährte der Unfallversicherer der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 10. Mai 2000 das rechtliche Gehör und stellte ihr bei einem IV-Grad von 10 % ab 1. Ja- nuar 2000 eine monatliche Rente von Fr. 460.-- in Aussicht (act. II 131). Die Beschwerdeführerin erklärte sich damit nicht einverstanden und infor- mierte den Unfallversicherer in Bezug auf die Reduktion des Pensums auf 80 % (act. II 132, 133). In der Folge gewährte der Unfallversicherer am 22. August 2000 der Beschwerdeführerin erneut das rechtliche Gehör und stellte ihr ab 1. Mai 1998 eine monatliche Rente von Fr. 460.-- und ab 1. Januar 2001 eine monatliche Rente von Fr. 920.-- in Aussicht (act. II 134), womit sich die Beschwerdeführerin am 11. September 2000 aus- drücklich einverstanden erklärte (act. II 135). Mit Verfügung vom 26. Sep- tember 2000 entschied der Unfallversicherer somit autoritativ-einseitig, oh- ne dass die Parteien zuvor Vergleichsverhandlungen geführt noch einen Vergleich (mit Unterzeichnung beider Parteien) abgeschlossen hätten. Es ist deshalb nicht zu prüfen, ob auch ein allfälliger Vergleich hätte in Wie- dererwägung gezogen werden können (vgl. dazu in BGE 149 V 91 nicht publ. E. 3.4 des BGer 8C_616/2022, 140 V 77 E. 3.2.2 S. 81, 138 V 147 E. 2.3 f. S. 149 f.). 3.4Vorliegend liegen periodische Rentenleistungen im Streit, weshalb die Berichtigung der zweifellos unrichtigen Verfügung vom 26. September 2000 von erheblicher Bedeutung ist (E. 2.3.4 hiervor). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 12 Wie nachfolgend aufzuzeigen ist, ist sodann auch die weitere Wiedererwä- gungs-Voraussetzung einer Differenz des IV-Grades von mindestens 5 % (vgl. E. 2.3.5 hiervor) erfüllt. 4. 4.1Im polydisziplinären Gutachten vom 31. Januar 2023 diagnostizier- ten Prof. Dr. med. G.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychothera- pie, sowie die Dres. med. H.________, Facharzt für Neurologie, und I.________, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, das Folgende (act. IIA 73/44 f., 73/47): •Stark eingeschränkte OSG-Beweglichkeit rechts bei in situ liegender OSG-Endoprothese, sowie Vernarbungen im Bereich des Unterschen- kels und Fusses nach: oVerkehrsunfall mit subtotaler Unterschenkel-Amputation rechts am TT.08.1988 oOsteosynthese Tibia und Fibula am TT.08.1988 oarterielle Re-Vaskularisierung mit Venen-Interponat aus dem linken Oberschenkel am TT.08.1988 oSehnen-Nähte und Weichteil-Débridement am TT.08.1988 oSpongiosa-Plastik aus dem linken Beckenkamm und die De- ckung mit dem linken Latissimus-dorsi-Lappen am TT.08.1988 oAnfrischung und Osteosynthese der rechten Fibula- Pseudarthrose mit Spongiosa aus dem rechten Becken-Kamm am TT.11.1990 oEntfernung des Osteosynthese-Materials, Weichteil- Débridement und Neurolyse des N. peroneus rechts am TT.10.1992 oSupra-malleoläre Valgisations-Osteotomie am TT.02.1999 oEntfernung des Osteosynthese-Materials und Implantation ei- ner OSG-Endoprothese am TT.03.2017 •Hypästhesie im Bereich des Ramus plantaris lateralis, Hyperästhesie und Hyperalgesie im Bereich des Ramus plantaris medialis nach: oVerletzung des Nervus tibialis rechts am TT.08.1988 •sensible Ausfälle am Fuss-Rist nach: oVerletzung des Nervus peroneus superficialis rechts am TT.08.1988 •leichte sudomotorische Veränderungen mit vermehrter Schweiss- Sekretion im Bereich des medialen Fussrandes nach: oVerletzung des Nervus tibialis am TT.08.1988 •diskrete motorische Ausfälle mit Ausfall der Zehenspreizer nach: oVerletzung des Nervus tibialis rechts am TT.08.1988 •Schmerzhafte Vernarbung und Muskeldefizit im Bereich des linken He- mithorax nach: oEntnahme des Latissimus-dorsi-Lappens am TT.08.1988 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 13 •ästhetisch auffällige flächige Narben an Gesäss und Oberschenkel beidseits onach Entnahme von Spalthaut am TT.08.1988 •leichte Arthrose des Grosszehen-Grundgelenkes •St. n. Knie-Distorsion rechts 2021 und arthroshopischer Teil-Resektion des lateralen Meniscus. In orthopädischer Sicht hielten die Gutachter namentlich fest, nach operati- ven Eingriffen nach dem Unfall sei die Tibia konsolidiert gewesen. Die wei- ter bestehende Fibula-Pseudarthrose sei am 8. November 1990 mit einer Platten-Osteosynthese und Spongiosa-Plastik saniert worden. Am 5. No- vember 1991 seien beide Unterschenkel-Knochen konsolidiert gewesen. Die Beschwerdeführerin sei zu diesem Zeitpunkt in der Ausbildung zur … gewesen und habe in einem vollen Pensum gearbeitet (act. IIA 73/39). Am 27. Oktober 1992 seien die Metallentfernung, die Narbenkorrektur, die Lappen-Ausdünnung und die Neurolyse des Nervus peronaeus superficialis rechts durchgeführt worden. Bei der Konsultation am 7. April 1994 sei die Behandlung abgeschlossen worden. Wegen einer schmerzhaften Arthrose des oberen Sprunggelenkes sei am 3. Februar 1999 die supra-malleoläre Valgisations-Osteotomie erfolgt. Bei ungestörter Osteotomie-Heilung habe die Beschwerdeführerin die Arbeit als … ab 3. Mai 1999 zu 50 % wieder- aufnehmen können. Wegen der zunehmenden schmerzhaften Arthrose seien am 6. März 2017 das Osteosynthese-Material entfernt und eine En- doprothese im rechten oberen Sprunggelenk implantiert worden. Der Ver- lauf habe sich komplikationsfrei gestaltet. Die Arbeit habe die Beschwerde- führerin wieder aufnehmen können. Wegen zunehmenden Vorfuss- Problemen sei am 17. März 2022 eine neurologische Abklärung erfolgt, die keine Morton-Neuralgie und kein Tarsal-Tunnel-Syndrom gezeigt habe. Das MRI vom 15. Juni 2022 habe eine leichte Arthrose des Grosszehen- Grundgelenkes bei ansonsten unauffälligem Vorfuss gezeigt (act. IIA 73/40). Die Beschwerdeführerin habe ihr ursprüngliches Berufsziel (…) geändert und eine Lehre als … angestrebt. Ab Oktober 1989 habe sie die Arbeit als … zu 50 % wiederaufnehmen können und die Ausbildung zur … im Jahr 1990 gestartet. Nach den operativen Eingriffen habe der Grad der Arbeitsfähigkeit jeweils gewechselt. Ab November 1991 respektive Novem- ber 1992 sei die Beschwerdeführerin vollumfänglich als … tätig gewesen (act. IIA 73/41).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 14 Die Gutachter führten in neurologischer Hinsicht aus, dass es infolge des Unfallereignisses vom TT. August 1988 mit subtotaler Unterschenkelampu- tation auch zu Läsionen peripherer Nerven gekommen sei, namentlich des Nervus tibialis sowie des Nervus peroneus superficialis mit entsprechen- dem Ausfallsmuster. Es fände sich einerseits eine sensible Läsion im Be- reich des Nervus peroneus superficialis mit sensiblen Ausfällen vor allem am Fussrist eher geringen Ausmasses. Im Bereich des distalen Nervus tibialis fänden sich wohl sensible Auffälligkeiten mit Hypästhesie im Bereich des Ramus plantaris lateralis mit Hyperästhesie und Hyperalgesie im Be- reich des Ramus plantaris medialis (act. IIA 73/42). Bezüglich der Nerven- läsion sei der Endzustand eingetreten (act. IIA 73/43). In psychiatrischer Hinsicht führten die Gutachter aus, es lasse sich über- wiegend wahrscheinlich keine im Kausalzusammenhang zum Unfall vom 15 August 1988 stehende psychische Störung postulieren (act. IIA 73/44). In der Gesamtbeurteilung führten die Sachverständigen zur Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit an, die Beschwerdeführerin sei als … daue- rhaft arbeitsunfähig. In einem administrativ sitzenden Beruf sei sie voll ar- beitsfähig. Die seit Jahren ausgeübte Tätigkeit in der J.________ von 30 % bis 40 % sei nachvollziehbar (act. IIA 73/49; vgl. auch act. IIA 73/42). Zum Zumutbarkeitsprofil hielten die Gutachter fest, der Beschwerdeführerin sei- en häufig sitzende administrative Tätigkeiten, mit selten Gehen auf ebenem Geländer und selten Treppen steigen zumutbar. Nicht zumutbar seien an- dauerndes Stehen (wegen des Lymphödems), Gehen auf unebenem an- steigenden Gelände und häufiges Treppensteigen, Arbeiten auf Leitern und Gerüsten (wegen der fehlenden Balancierbarkeit), das Heben und Tragen von Lasten über 15 kg (wegen den Vernarbungen am Thorax), Arbeiten in geschlossenen Schuhen (wegen der Tendenz zu Druckstellen und Blasen- bildung infolge Sensibilitätsstörung im rechten Fuss) sowie Arbeiten, die eine Betätigung eines Pedals mit dem rechten Fuss erfordern (act. IIA 73/50; vgl. auch act. IIA 73/42). Bei Einhaltung des Zumutbarkeitsprofils sei eine Tätigkeit aus orthopädisch-traumatologischer Sicht ganztags möglich (act. IIA 50). In der Stellungnahme vom 24. August 2023 hielten die Gut- achter fest, jede Arbeit – im konkreten Fall auch die Arbeit als Mitarbeitende Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 15 der J.________ – sei eine angepasste Tätigkeit, sofern das Zumutbar- keitsprofil eingehalten werde (act. IIA 80/3 Ziff. 6). 4.2Das polydisziplinäre Gutachten vom 31. Januar 2023 (act. IIA 73) erfüllt die Anforderungen an den Beweiswert eines medizinischen Berichts (vgl. BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 126, 134 V 231 E. 5.1 S. 232) und erbringt vollen Beweis. Die Sachverständigen setzten sich in orthopädischer, neuro- logischer und psychiatrischer Hinsicht einlässlich mit den Befunden sowie den gesundheitlichen Einschränkungen der Beschwerdeführerin auseinan- der und ihre Ausführungen sind in Kenntnis der Vorakten getroffen worden (act. IIA 73/2 ff., 73/16 ff.). Basierend darauf stellten sie die Diagnosen, die Schlussfolgerungen zur Arbeits- und Leistungsfähigkeit sowie zum Zumut- barkeitsprofil nachvollziehbar und einleuchtend dar (act. IIA 73/44 ff.). Ins- besondere setzte sich der orthopädische Gutachter in der Beurteilung und mit Blick auf die echtzeitlichen medizinischen Berichte mit der Ar- beits(un)fähigkeit der Beschwerdeführerin seit dem Ereignis vom TT. Au- gust 1988 chronologisch eingehend auseinander (act. IIA 73/39 ff.); seine Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit sowie des Zumutbarkeitsprofils über- zeugen. Die Gutachter attestieren nachvollziehbar und überzeugend eine Arbeitsfähigkeit von 100 % in einer angepassten (administrativen, sitzen- den) Tätigkeit (act. IIA 73/50). Es ist somit erstellt, dass die Beschwerdeführerin nach dem Unfallereignis vom TT. August 1988 und trotz der Unfallfolgen eine Ausbildung zur … absolvieren und ab November 1992 vollumfänglich als solche tätig sein konnte (act. IIA 73/41; vgl. auch act. II 78, 80). Im Jahr 1995 arbeitete sie als …, danach als … im C.________; Letzteres bedeutete für sie eine "ein- fachere" Tätigkeit, einen "…" wollte sie jedoch nicht (act. II 125). In den hier massgebenden Jahren 1998 und 2001 (vgl. E. 5.2 hiernach) war sie …, wobei sie ab Mai 1998 das Pensum auf 90 % reduzierte (act. II 125). Aus medizinischen Gründen erfolgte eine Korrektur-Osteotomie und die Be- schwerdeführerin war ab 6. April 1999 respektive ab 3. Mai 1999 wieder zu 50 % arbeitsunfähig (act. II 111; act. IIA 73/41); dann ab Juli 1999 wurde ihr eine Arbeitsunfähigkeit von 0 % attestiert, weshalb echtzeitlich kein Attest für eine reduzierte Arbeitsfähigkeit vorliegt (act. II 119, 128, act. IIA 73/41). Der Schadeninspektor des Unfallversicherers führte im Bericht vom Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 16 16. Dezember 1999 bezüglich der Arbeitszeitreduktion lediglich aus, die Beschwerdeführerin "stellte mit der Reduktion auf 90 % fest, dass die Be- schwerden weniger werden und sie durch die zusätzliche nicht Belastung des Beines weniger Probleme hatte. Entsprechend will sie nun einen weite- ren Schritt wagen und mit einem 80 % Pensum 4 Tage arbeiten und 3 Tage ausruhen, sodass sie sich verspricht, dass nochmals eine Verbesserung der Situation erzielt werden könnte" (act. II 125). Letztlich kann die Frage, ob die Reduktion des Pensums auf 90 % bzw. 80 % überhaupt medizinisch erforderlich war und nicht aus subjektiven Gründen erfolgte, hier offenblei- ben (vgl. E. 5.3 hiernach). Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit war die Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit den verschiedenen operativen Eingriffen zwar jeweils eingeschränkt arbeitsfähig (act. II 128, IIA 73/40 f.), jedoch nahm sie ihre Tätigkeit als … im … bzw. später als Mitarbeiterin der J.________ immer wieder auf. Gemäss der schlüssigen Begründung der Gutachter ist ihr eine angepasste (administrative, sitzende) Tätigkeit denn auch zumutbar (act. IIA 73/50). Dies gilt ebenfalls für die Arbeit als Mitar- beiterin der J.________, sofern das Zumutbarkeitsprofil eingehalten wird (vgl. act. IIA 73/19 f. und 73/31, wonach der Einsatz bei der J.________ in einem "Schonprogramm" nur Arbeiten ohne grössere körperliche Belastung enthält, sowie 80/3 Ziff. 6), und für die Arbeit als … im …, soweit sie nicht körperlich belastend ist (act. IIA 73/19 f., 73/23 und 73/30 mit Hinweis auf administrative Tätigkeiten). 5. 5.1Bezüglich des versicherten Verdienstes ist das Folgende erstellt: Die Beschwerdeführerin erzielte im Unfalljahr 1988 als ungelernte … in einem Pensum von 100 % einen Grundlohn von Fr. 2'633.-- (act. II 1), was pro Jahr Fr. 34'229.-- (13 x Fr. 2'633.--) ergibt. Gestützt auf die Akten hatte sie im C.________ einen Anspruch auf eine Wochenendzulage von Fr. 5.-- pro Stunde (vgl. act. II 124). Es liegt kein Nachweis der geleisteten Wo- chenendarbeiten vor, weshalb die Beschwerdegegnerin zu Gunsten der Beschwerdeführerin von einer Wochenendzulage von Fr. 2'016.-- ausging, was einen versicherten Verdienst von Fr. 36'245.-- ergibt und nicht zu be- anstanden ist (act. IIA 79/3, act. IIB 1/9).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 17 5.2Die Beschwerdegegnerin nahm im angefochtenen Entscheid vom 1. Dezember 2023 (act. IIB 1/9 Ziff. 32 ff.) einen ersten Einkommensver- gleich (vgl. E. 2.1 hiervor) für das Jahr 1998 vor und ein weiterer Einkom- mensvergleich erfolgte per 2001. 5.2.1Für die Bemessung des Valideneinkommens ist in der Unfallversi- cherung nach jenem hypothetischen Verdienst zu fragen, welchen die ver- sicherte Person ohne die unfallbedingte Schädigung wahrscheinlich erzie- len würde. Dieser kann sich zwar mit dem mutmasslichen Verdienst als gesunde Person decken, aber nur dann, wenn keine weiteren, nicht unfall- bedingten, leistungsschmälernden Beeinträchtigungen vorhanden sind (SVR 2018 UV Nr. 33 S. 115 E. 2.1). Die Beschwerdeführerin verlangt einerseits die Berücksichtigung der tatsächlich eingetretenen beruflichen Entwicklung mit den tatsächlich ein- getretenen Karriereschritten (Beschwerde S. 12 Rz. 47). Dies ist – abgese- hen von der allgemeinen Lohnentwicklung – gesetzlich nicht vorgesehen (Art. 24 Abs. 2 UVV; vgl. BGE 127 V 165 E. 3b S. 171 sowie E. 2.2 hier- vor). Es ist mangels relevanter unfallfremder Beeinträchtigungungen somit nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin bei der Ermittlung des Valideneinkommens den (auf eine Vollzeittätigkeit aufgerechneten) versi- cherten Verdienst von Fr. 36'245.-- heranzog und diesen jeweils auf die Vergleichsjahre 1998 und 2001 indexierte (Tabelle T39 Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und der Reallöhne, 1976-2015, Frauen; 1988: 1615; 1998: 2142; 2001: 2245), was ein Valideneinkommen für das Jahr 1998 von Fr. 48'072.30 (Fr. 36'245.-- / 1615 x 2142) und für das Jahr 2001 von Fr. 50'383.90 (Fr. 48'072.30 / 2142 x 2245) ergibt (vgl. act. IIB 1/9 Ziff. 32 ff.). Dem weiteren Vorbringen der Beschwerdeführerin, die hypothetische beruf- liche Entwicklung sei bei der Ermittlung des Valideneinkommens zu berücksichtigen, da sie den Beruf der … schon früher habe erlernen wollen, sie die Ausbildung ohne Unfall bereits im Frühjahr 1989 begonnen hätte und danach habe als … oder später evtl. als … tätig sein wollen (Be- schwerde S. 13 Ziff. 52, 54), kann ebenfalls nicht gefolgt werden. Eine hy- pothetische berufliche Entwicklung, wie sie ohne den Unfall eingetreten wäre, kann grundsätzlich berücksichtigt werden. Sie hat aber mit dem Be-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 18 weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt zu sein (Entscheid des EVG vom 19. August 2004, U 339/03, E. 1.2 und 1.3; Entscheid des BGer vom 21. Juli 2011, 8C_322/2011, E. 4.1). Anlässlich der Begutach- tung gab die Beschwerdeführerin an, sie habe sich für die Ausbildung zur … entschieden, u.a. aus Dankbarkeit dafür, was … für sie während der Zeit der diversen … geleistet hätten (act. IIA 73/23). Nach dem Aufenthalt in … im Jahr 1987 sowie dem Besuch bei einer Tante in … habe sie sich – nach einem Besuch der K.________ – für die Ausbildung als …/… interessiert und sich für einen … in … angemeldet, welcher im September 1988 hätte beginnen sollen (act. IIA 73/30). Entgegen der Darstellung der Beschwer- deführerin ist damit nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die nach dem Unfall absolvierte Ausbildung zur … (1990 bis 1993) und zur … in einem … bereits vor dem Unfall beabsichtigt gewesen war (vgl. auch Beschwerdeantwort S. 7 Ziff. 37 f.). 5.2.2Bei der Ermittlung des Invalideneinkommens stellte die Beschwer- degegnerin auf den konkreten Verdienst gemäss dem Anstellungsvertrag mit dem C.________ und zu Gunsten der Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung der Pensenreduktionen von 10 % bzw. 20 % (act. II 124) ab (vgl. BGE 148 V 174 E. 6.2 S. 181, 143 V 295 E. 2.2 S. 296). Die Be- schwerdeführerin erzielte ab Mai 1998 als … einen Grundlohn von monat- lich Fr. 4'772.-- (bei 100 %: Fr. 5'302.--), was ein Invalideneinkommen von Fr. 62'360.-- ergibt (Fr. 4'772.-- x 13). Für das Jahr 2001 ist vom selben Grundlohn auszugehen, dieser auf ein Jahr aufzurechnen und zu indexie- ren sowie ein Pensum von 80 % zu berücksichtigen, was ein Invalidenein- kommen von Fr. 57'792.15 ergibt ([Fr. 5’302.-- / 100 x 80] = Fr. 4'241.60 x 13 / 2142 x 2245). Die Ermittlung des Invalideneinkommens durch die Be- schwerdegegnerin ist somit ebenfalls nicht zu beanstanden. Offenbleiben kann die Frage, ob nicht von einer vollen zumutbaren Arbeitsfähigkeit aus- zugehen wäre (E. 4.2 hiervor). Unberücksichtigt bleiben kann sodann die Wochenend- und Spätdienstzulage von Fr. 5.-- pro Stunde, da für deren ausbezahlte Höhe keine Nachweise vorliegen und sich so oder anders nichts am Resultat änderte (vgl. E. 5.3 hiernach). 5.3Für das Jahr 1998 resultiert beim Vergleich des Valideneinkom- mens von Fr. 48'072.30 mit dem Invalideneinkommen von Fr. 62'360.-- Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 19 keine Erwerbseinbusse. Ebensowenig resultiert eine solche beim Einkom- mensvergleich im Jahr 2001 mit einem Valideneinkommen von Fr. 50'383.90 und dem Invalideneinkommen von Fr. 57'792.15. Bei einem IV-Grad von 0 % entfällt der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine UV-Rente. An diesem Ergebnis hat sich zwischenzeitlich nichts geändert, ist doch die Beschwerdeführerin in einer angepassten Tätigkeit (E. 4.2 hiervor) zu 100 % arbeitsfähig und sie kann (aktuell) unter Berücksichti- gung eines entsprechenden, auf statistischer Basis ermittelten Invaliden- einkommens (vgl. dazu BGE 148 V 174 E. 6.2 S. 181) in offensichtlich ren- tenausschliessendem Umfang erwerbstätig sein. Die erfolgreiche berufliche Neuausrichtung der Beschwerdeführerin nach dem Unfall zeigt denn auch gerade auf, dass sie durch denselben keine rentenbegründende erwerbli- che Einschränkung erlitten hat. 5.4 5.4.1Der Sachverhalt ist sowohl in medizinischer wie auch in erwerbli- cher Hinsicht rechtsgenüglich abgeklärt. Auf weitere Beweismassnahmen, namentlich die beantragte Partei- und Zeugenbefragungen (Beschwerde S. 14), kann in antizipierter Beweiswürdigung (BGE 144 V 361 E. 6.5 S. 368, 124 V 90 E. 4b S. 94, 122 V 157 E. 1d S. 162; SVR 2019 IV Nr. 50 S. 163 E. 4) verzichtet werden. 5.4.2Die Beschwerdegegnerin hat im angefochtenen Einspracheent- scheid vom 1. Dezember 2023 (act. IIB 1) die Rentenleistungen ex nunc et pro futuro aufgehoben, was nicht zu beanstanden ist, denn sie kann er- messensweise über die zeitlichen Wirkungen bestimmen (UELI KIESER, Kommentar zum ATSG, 4. Aufl. 2020, Art. 53 N. 77). 5.5Nach dem Dargelegten hat die Beschwerdegegnerin die laufende Rente der Beschwerdeführerin zu Recht per 31. Dezember 2023 aufgeho- ben. Der angefochtene Einspracheentscheid vom 1. Dezember 2023 (act. IIB 1) erweist sich als rechtens und die dagegen erhobene Beschwer- de ist abzuweisen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 27. Juni 2024, UV/24/50, Seite 20 6. 6.1In Anwendung von Art. 1 Abs. 1 UVG i.V.m. Art. 61 lit. f bis ATSG (Umkehrschluss; vgl. auch BBl 2018 1639) sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 6.2Bei diesem Ausgang des Verfahrens besteht kein Anspruch auf eine Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG [Umkehrschluss]). Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden weder Verfahrenskosten erhoben noch wird eine Parteien- tschädigung zugesprochen. 3. Zu eröffnen (R): - Rechtsanwältin B.________ z.H. der Beschwerdeführerin - Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG - Bundesamt für Gesundheit Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.