Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 12. April 2012 (725 12 12 /96) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Unfallbegriff Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richter Michael Guex, Gerichtsschreiber Daniel Scheuner Parteien A.____, Beschwerdeführer gegen SUVA , Rechtsabteilung, Postfach 4358, 6002 Luzern, Beschwerde- gegnerin Betreff Leistungen A. Der 1967 geborene A.____ war seit 1. Mai 2010 be i der B.____ AG als Servicetechniker beschäftigt und in dieser Eigenschaft bei der Schweizer ischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen u nd Berufskrankheiten versichert. Laut Unfallmeldung vom 4. August 2011 habe der Versicherte a m 28. Juli 2011 beim Anheben eines Kalibrierwagens einen Schmerz im Rücken verspürt. Laut Bericht von Dr. med. C.____ vom 29. August 2011 wurde beim Versicherten eine Lumbalgie sowie eine degenerierte Bandschei- be auf der Höhe der Segmente L5/S1 diagnostiziert. Mit Verfügung vom 17. Oktober 2011 lehn- te die SUVA die Übernahme einer Leistungspflicht ab. Zur Begründung machte sie insbesonde- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht re geltend, dass es sich beim gemeldeten Schadenfall nich t um einen Unfall im rechtlichen Sin- ne gehandelt habe. Vielmehr liege eine auf degenera tive Veränderungen der Wirbelsäule zu- rückzuführende Gesundheitsschädigung und somit eine Krank heit vor. Für die Kostenübernah- me derartiger Ereignisse seien die Krankenversicherer zu ständig. Die gegen die Verfügung ge- richtete Einsprache wies die SUVA mit Entscheid vom 9. Dezember 2011 ab. B. Am 10. Januar 2012 reichte A.____ beim Kantonsgeri cht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht), Beschwerde ein und beantragte im Hauptbegehren, es sei festzustellen, dass es sich beim Schadenereignis vom 28. Juli 2011 um einen Unfall ge- handelt habe und die SUVA sei dementsprechend zu verpfli chten, die gesetzlichen Leistungen zu erbringen. Mit Eingabe vom 26. Januar 2012 reichte der Versicherte zusätzliche Unterlagen ein. C. In ihrer Vernehmlassung vom 6. Februar 2012 hielt d ie SUVA an ihrem Standpunkt fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 6 des Bundesgesetzes über die Unfallver sicherung (UVG) 20. März 1981 werden - soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt - die Versicherungsleistungen bei Berufs- unfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gew ährt (Abs. 1). Ein Unfall ist gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 die plötzliche, nicht beabsichtigte sch ädigende Einwirkung eines unge- wöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der kör- perlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (BGE 129 V 402 E. 2.1). 1.2 Gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG kann der Bundesrat Körpersch ädigungen, die den Folgen eines Unfalles ähnlich sind, in die Versicherung einbezieh en. Von dieser Kompetenz hat er in Art. 9 Abs. 2 der Verordnung über die Unfallversicheru ng (UVV) vom 20. Dezember 1982 Gebrauch gemacht und im Rahmen einer abschliessenden Au flistung Knochenbrüche (lit a), Verrenkungen von Gelenken (lit. b), Meniskusrisse (lit. c), Muskelrisse (lit. d), Muskelzerrungen (lit. e), Sehnenrisse (lit. f), Bandläsionen (lit. g) und Trommelfellverletzungen (lit. h) auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung den Unfällen gleichgest ellt, sofern diese Körperschädigun- gen nicht eindeutig auf eine Erkrankung oder eine Degeneration zurückzuführen sind. 2.1 Zu prüfen ist vorerst, ob das Ereignis vom 28. Juli 2 011 als Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG zu qualifizieren ist. Mit Unfallmeldung vom 4. A ugust 2011 (act. 1) wurde das Ereignis, welches nach Ansicht des Versicherten zu einer Rückenverletzung geführt habe, wie folgt be- schrieben: "[der Versicherte] war bei einem Kunden am A rbeiten und hat den Kalibrierwagen gehoben. Dabei hat es ihm eine in seinen Rücken gehau en". Auf dem von der SUVA vorgeleg- ten Fragebogen, hat der Versicherte die Frage, ob sich etwas Besonderes - wie insbesondere ein Ausgleiten oder ein Sturz - ereignet habe, vernein t (vgl. act. 2 vom 18. August 2011). Ge- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht mäss einer an die SUVA gerichteten E-Mail vom 30. Augus t 2011 (vgl. act. 4) schilderte der Versicherte die Umstände des Schadenereignisse wie folgt: "J'ai du soulever ce chariot, pour pouvoir fermer la porte du sas (dans un sas en pharma on ne peut ouvrir une porte sans que l'autre soit fermer). Le sas est relativement petit et en le soulevant , j'ai ressenti un crack dans le bas de mon dos et une douleur intense. Je n'arrivais plus bouger". Nachdem die SUVA am 2. sowie noch einmal am 14. September 2011 mitgeteil t hatte, dass sich gestützt auf die ver- fügbaren Unterlagen kein Unfall im Rechtssinne ereignet habe (vgl. act. 5 und 7), machte der Versicherte mit Eingabe vom 15. September 2011 (vgl. ac t. 8) folgende Angaben zum Gesche- hen: "…je l'ai soulevé [le chariot] mon dos a craquer cer te mais je me suis retrouver a terre, je pense que cela est du au sur-chaussure". Anlässlich einer B esprechung zwischen dem Versi- cherten und der SUVA vom 3. Oktober 2011 schilderte der Versicherte, dass er beim Anheben des Kalibrierwagens mit dem rechten Fuss nach vorne geru tscht sei und einen stichartigen Schmerz im unteren Rücken verspürt habe (vgl. act. 13). I n seiner Einsprache vom 25. November 2011 machte der Versicherte erneut gelten d, er habe mit einem Kalibrierwagen eine enge Schleuse passieren müssen. Diesen Wagen habe e r hochheben müssen. Beim He- ben sei er mit dem rechten Fuss gerutscht. Im selben Auge nblick habe es "Crack" im Rücken gemacht. Er sei gegen die Wand gefallen und habe ansch liessend nach seinem Kollegen geru- fen, welcher den Wagen schliesslich weggehoben habe (vgl. act. 20). 2.2 Im Rahmen der Beschwerde macht der Versicherte gelt end, es sei nicht auf seine an- fänglich gemachten Aussagen abzustellen. Vielmehr sei de n späteren Darstellungen zu folgen, wonach er beim Heben des Kalibrierwagens ausgerutscht sei . Zur Begründung führte er aus, dass die erste Unfallmeldung vom 4. August 2011 möglicherweise für Verwirrung gesorgt habe. Er habe der Personalabteilung im damaligen Zeitpunkt nicht alle Details genannt, was sicherlich auch auf seine mangelhaften Deutschkenntnisse zurückzuführ en sei. So sei er nicht ohne wei- teres in der Lage, auf deutsch einen Sachverhalt korrekt wiederzugeben. Den von der SUVA zugestellten Fragebogen habe er ebenfalls nicht richtig verstanden. 2.3 Der Auffassung des Beschwerdeführers kann nicht gef olgt werden. Er äusserte sich zu- nächst in der Unfallmeldung vom 4. August 2011 dahing ehend, dass beim Anheben des Kalib- rierwagens ein Schmerz im Rücken aufgetreten sei, ohne das Vorliegen eines besonderen Er- eignisses zu erwähnen. Diese Aussage bestätigte er schliessl ich, als er von der SUVA aufge- fordert wurde, Zusatzfragen zu beantworten (vgl. act. 2 ). Dabei ist insbesondere zu berücksich- tigen, dass die SUVA in ihrem Fragenkatalog ausdrücklich d anach fragte, ob "etwas Besonde- res" passiert sei, wobei sie ein Ausgleiten und einen Stu rz explizit als Beispiele anführte, und der Beschwerdeführer dies ausdrücklich verneinte. Diese Darstellung bekräftigte und wiederhol- te er in einer an die SUVA gerichteten E-Mail vom 30. August 2011, wobei diese in seiner fran- zösischen Muttersprache abgefasst war und abermals lediglich das Anheben des Kalibrierwa- gens mit dem anschliessenden Auftreten von Schmerzen ohn e Hinweise auf das Vorliegen be- sonderer Umstände nannte. Erst nachdem die SUVA dem Be schwerdeführer die Definition des Unfallbegriffes im Rechtssinne mit E-Mail vom 14. Septem ber 2011 darlegte, führte dieser tags darauf erstmals aus, er habe sich nach dem Anheben des Kal ibrierwagens und dem Auftreten eines Rückenschmerzes auf dem Boden wiedergefunden (… je me suis retrouver a terre…). In diesem Zusammenhang wies er auf rutschige Plastiküberschu he hin, die am Unfallort hätten Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht getragen werden müssen. Erstmals am 3. Oktober 2010 er klärte der Versicherte sodann, dass er beim Anheben des Kalibrierwagens ausgerutscht sei (vgl. act. 13). Auch das Argument des Beschwerdeführers, es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass die SUVA sämtliche Einzelheiten wissen müsse, kann angesichts d es ihm zugestellten, ausführli- chen Fragenkatalogs nicht gelten. Mit diesem Fragebogen machte die Beschwerdegegnerin klar, dass die ihr bis zu jenem Zeitpunkt zur Verfügung st ehenden Informationen nicht ausrei- chend beziehungsweise unklar und deshalb weitere Details nötig waren. Der Beschwerdeführer hatte genügend Zeit, die Fragen sorgfältig zu beantw orten. Ebenfalls nicht gelten kann der Hin- weis auf sprachliche Schwierigkeiten. In der bereits ge nannten E-Mail vom 30. August 2011 schilderte der Versicherte den Hergang des Schadenereign isses in seiner französischen Mut- tersprache und erwähnte keinerlei besondere Umstände w ie ein Stürzen, Ausgleiten oder der- gleichen. Es kann somit nicht davon die Rede sein, dass ih m aufgrund sprachlicher Schwierig- keiten eine sorgfältige und umfassende Beantwortung de r von der SUVA vorgelegten Fragen sowie die Schilderung des Ereignisses nicht möglich gewes en sei. Nicht weiter hilft in diesem Zusammenhang die Bestätigung der Einsatzfirma des Beschw erdeführers vom 24. Januar 2012, wonach der Versicherte ausgerutscht sei; beruht di ese Bestätigung doch auf der nach- träglichen Schilderung des Beschwerdeführers selbst. Auch h at der Versicherte mehrfach aus- geführt, dass es für das Ereignis selber keine Zeugen gebe. Die erst im späteren Verlauf vom Beschwerdeführer gemachten Aussagen vermögen somit sei- ne früheren, kurze Zeit nach dem Unfall und im Anschlu ss daran mehrfach bestätigten Schilde- rungen nicht zu entkräften. Es besteht kein Anlass, die Glaubwürdigkeit der Aussagen in Zwei- fel zu ziehen, die der Beschwerdeführer noch unter dem Eindruck des tatsächlichen Gesche- hens abgegeben hatte. Dies entspricht auch dem Grundsat z, dass auf die Schilderungen des Beschwerdeführers abzustellen ist, die unmittelbar nach dem Unfall erfolgten (Aussage der ers- ten Stunde), da diese ersten Aussagen erfahrungsgemäss zuve rlässiger sind als eine abwei- chende spätere Sachdarstellung im Rahmen des Rechtsmittel verfahrens, die bewusst oder un- bewusst durch nachträgliche - allenfalls versicherungsrechtlich geprägte - Überlegungen beein- flusst sein kann (vgl. BGE 121 V 47 E. 2a und 115 V 143 E. 8c; RKUV 1988 S. 363 E. 3b/aa). Es ist somit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, dass kein ungewöhnlicher äusserer Faktor vorgelegen hat, weshalb der fragliche Vorfall ni cht als Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG zu qualifizieren ist. Ergänzend sei anzumerken, dass der un gewöhnliche äussere Faktor auch nicht in einem ausserordentlichen Kraftaufwand besteht (BGE 116 V 139). Das Hochheben des Kalibrierwagens mit einem Gewicht von rund 50 kg gehör te zu den normalen Tätigkeiten des Beschwerdeführers, ohne dass es dazu eines ausserordentlichen Kraftaufwandes bedurfte. 3. Zu prüfen ist im Weiteren, ob das Ereignis vom 28. J uli 2011 als unfallähnliche Körper- schädigung im Sinne von Art. 9 Abs. 2 UVV zu qualifizier en ist. Die Beschwerdegegnerin ver- neinte dies mit der Begründung, dass es sich bei der vorli egend diagnostizierten dorsalen Diskusprotrusion nicht um eine unfallähnliche Körperschäd igung laut der abschliessenden Auf- zählung solcher Verletzungen gemäss Art. 9 Abs. 2 lit. a-h UVV handle. Dieser Auffassung ist beizupflichten. Auf die Prüfung des für die Bejahung e iner unfallähnlichen Körperschädigung Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht nebst der Körperverletzung zusätzlichen Erfordernisses des ä usseren schädigenden Faktors kann somit vorliegend verzichtet werden. 4. Nach dem Gesagten liegt weder ein Unfall noch eine unfallähnliche Körperschädigung vor. Die SUVA hat demnach ihre Leistungspflicht für das Ereignis vom 28. Juli 2011 zu Recht verneint, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist. 5. Gestützt auf Art. 61 lit. a ATSG sind für das vorlie gende Verfahren keine ordentlichen Kosten zu erheben. Die ausserordentlichen Kosten werden dem Verfahrensausgang entspre- chend wettgeschlagen. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen.