B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5943/2016 U r t e i l v o m 3 0 . M a i 2 0 1 8 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw Alexander Graber, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 29. August 2016 / N (…). D-5943/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 16. März 2015 in der Schweiz um Asyl nach. A.a Er wurde am 1. April 2015 im Empfangs - und Verfahrenszentrum B._______ zur Person befragt und am 14. Januar 2016 durch das SEM vertieft zu seinen Asylgründen angehört. Er machte im Wesentlichen gel- tend, er sei eritreischer Staatsangehöriger und ethnischer Tigriner. Er sei in C._______ (D._______) aufgewachsen und habe dort die Schule bis zur fünften respektive sechsten Klasse besucht. Danach sei er mit seiner Mut- ter und den Geschwistern nach E._______ (F._______) gezogen und habe die Schule fortgesetzt. Sein Vater sei beim Militär gewesen. Er s ei jeweils nur einmal im Jahr für ein paar Tage zu Besuch gekommen und habe die Familie kaum unterstützt. Seine Mutter, die früher auch Soldatin gewesen sei, habe an den Folgen einer Kriegsverletzung gelitten. Aufgrund der schwierigen familiären Situation habe er die Sch ule in der ac hten Klasse abgebrochen. Er habe sich danach im eritreisch-äthiopischen Grenzgebiet als Schmuggler betätigt. Dabei sei er wiederholt von eritreischen Grenzsol- daten aufgegriffen worden. Diese hätten die illegal eingeführte Ware (Kaf- feebohnen, Kleidung, Gewürze) mehrmals konfisziert. Im Juli 2011 sei er wegen der Schmuggeltätigkeit sogar zwei bis drei respektive fünf Tage in E._______ in Haft gewesen. Im August 2012 sei ihm ein Aufgebot für den Nationaldienst zugestellt worden. An den genauen Inh alt des Schreibens könne er sich nicht erinnern. Er habe sich für ungefähr zwei Wochen bei einer Bekannten in G._______ versteckt und sei danach nach E._______ zurückgekehrt und habe die Schmuggeltätigkeit fortgesetzt. Im Ok tober 2013 habe er Eritrea endgültig verlassen, nachdem ihm Grenzsoldaten we- nige Tage zuvor nebst der Ware auch noch die gesamten Ersparnisse weg- genommen hätten. Dies sei das fluchtauslösende Ereignis gewesen. Be- ziehungsweise die letzte Konfiszierung sei erfolgt, bevor er das militärische Aufgebot erhalten habe. Nach Erhalt des Aufgebots habe er sich zwei Mo- nate lang versteckt und Eritrea dann im Oktober 2012 endgültig illegal in Richtung Äthiopien verlassen. Während er sich versteckt habe, hätten Sol- daten bei seiner Mutter zuhause nach ihm gesucht. Wie oft wisse er nicht; seine Mutter habe ihm nur von einer Suche erzählt. Er selbst habe keinen Kontakt mit den Behörden gehabt. Seine Mutter sei nie wegen ihm verhaf- tet worden. Respektive als er sich versteckt habe beziehungsweise n ach seiner Ausreise sei die Mutter seinetwegen eine Woche inhaftiert worden. In einem Flüchtlingslager in Äthiopien habe er seine heutige Partnerin, die D-5943/2016 Seite 3 auch eritreische Staatsangehörige sei (Anmerkung Gericht: Beschwerde- verfahren […]), kennengelernt. Gemeinsam seien sie via den Sudan, Li- byen und Italien am 16. März 2015 in die Schweiz gelangt. Hierzulande sei am (…) ihr gemeinsames Kind zur Welt gekommen. Er leide an (…) und werde medikamentös behandelt. Identitätspapiere könne er nicht einrei- chen. Einen Pass habe er nie gehabt und d ie Identitätskarte habe er in Eritrea zurückgelassen. Sie sei nach seiner Ausreise bei einem Hausbrand zerstört worden. Er habe sich die Identitätskarte im Alter von 18 Jahren ausstellen lassen. R espektive er habe diese bereits mit 14 Jahren in der achten Klasse erhalten; er habe damals bei der zuständigen Behörde ein- fach gesagt, bereits 18 Jahre alt zu sein. A.b Bezüglich der weiteren Aussagen beziehungsweise der Einzelheiten des rechtserheblichen Sachverhalts wird auf die Protokolle und die einge- reichten Beweismittel (Taufschein des Beschwerdeführers und Kopie der eritreischen Identitätskarte der Mutter) verwiesen (vgl. vorinstanzliche Ak- ten A3, A17 und A18). B. B.a Mit Verfügung vom 29. August 2016 – eröffnet am 30. August 2016 – stellte das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen- schaft nicht erfülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegwei- sung aus der Schweiz an, wobei es den Vollzug als unzumutbar erachtete und zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob. B.b Zur Begründung führte das SEM im Wesentlichen aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers vermöchten weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch jenen an die Flüchtlingseigen- schaft gemäss Art. 3 AsylG standzuhalten. Für die detaillierten Ausführun- gen der Vorinstanz wird auf die angefochtene Verfügung verwiesen. C. C.a Mit Eingabe vom 28. September 2016 erhob der Beschwerdeführer durch seinen am 15. September 2016 mandatierten Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde , worin um Aufhebung der vor - instanzlichen Verfügung und um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie (sinngemäss) um Gewährung des Asyls, eventualiter um Feststel- lung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund eines subjektiven Nachflucht- grunds (illegale Ausreise) und um Gewährung der vorläufigen Aufnahme als Flüchtling, eventualiter um Rückweisung der Sache an das SEM wegen Unzulässigkeit dessen Praxisänderung betreffend die Frage der illegalen D-5943/2016 Seite 4 Ausreise aus Eritrea ersucht wurde. In verfahrensrechtlicher Hin sicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsver- beiständung ersucht. C.b Zur Begründung brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er habe die zeitliche Abfolge des Geschehens in monatlicher Hinsicht über- einstimmend geschildert (Militäraufgebot: August; Ausreise: Oktober) und sich lediglich bei der Jahresnennung geirrt (2012 statt 2013). Er habe das militärische Aufgebot effektiv im August 2013 erhalten und sei im Oktober 2013 aus Eritrea ausgereist. Es sei zwar nachvollziehbar, dass das SEM aufgrund seiner vagen Angaben zum Erhalt des militärischen Aufgebots auf die Unglaubhaftigkeit des entsprechenden Vorbringens schliesse, aber es sei zu berücksichtigen, dass jedem Eritreer grundsätzlich die Einberu- fung drohe, weshalb die gena ue Kenntnis über die entsprechenden Ab- läufe respektive den Inhalt eines schriftlichen Aufgebots nur eine unterge- ordnete Rolle spiele. Er sei im dienstpflichtigen Alter und daher grundsätz- lich zum Dienstantritt verpflichtet. Sollte ihm kein Asyl gewährt werden, er- fülle er die Flüchtlingseigenschaft zumindest aufgrund des subjektiven Nachfluchtgrunds de r illegalen Ausreise . Gemäss bisheriger Rechtspre- chung gelte die illegale Ausreise aus Eritrea – sofern glaubhaft gemacht – als subjektiver Nachfluchtgrund. Die in dieser Hinsicht vom SEM nun vor- genommene Praxisänderung sei nicht zu gestatten. D. Am 29. September 2016 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang der Beschwerde. E. E.a Mit Zwischenverfügung vom 10. Oktober 2016 hiess die Instruktions- richterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung von Alexander Graber als unentgeltlicher Rechtsbei- stand unter Vorbehalt der Nachreichung einer Fürsorgeabhängigkeitsbe- stätigung bis zum 25. Oktober 2016 gut. E.b Mit Eingabe vom 21. Oktober 2016 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung vom 19. Oktober 2016 nach. D-5943/2016 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist zur Einrei- chung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung D-5943/2016 Seite 6 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie- hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht, vielmehr müssen konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht so- genannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Solche begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, un- abhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig auf- genommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Entscheidend ist, ob eine Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Rich- tigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Gesuchstellers sprechen, bei einer objektivierten Sich tweise überwiegen oder nicht (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2). 5. 5.1 Das SEM erachtete die Vorbringen des Beschwerdeführers, welche ihn zur Flucht aus Eritrea bewogen hätten, als den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG (Einberufung in den Militärdienst/Re- fraktion) respektive an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG (schwierige finanzielle Lage nach Konfiszierung Schmuggelware/ -erlös) nicht genügend. Dieser Einschätzung ist im Ergebnis beizupflichten. Den D-5943/2016 Seite 7 erlittenen Nachteilen aufgrund der Schmuggeltätigkeit ist – ungeachtet der Frage der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen – in Ermangelung eines flücht- lingsrechtlich relevanten Verfolgungsmotivs im Sinne von Art. 3 AsylG die Asylrelevanz abzusprechen. Auch die geschilderten allgemeinen Lebens- bedingungen in Eritrea und der geltend gemachte Mangel an Zukunftsper- spektiven vermögen keine Asylrelevanz im Sinne von Art. 3 AsylG zu ent- falten. Die Schilderungen des Beschwerdeführers bezüglich des Erhalts ei- nes Aufgebots zur Leistung des Militärdienstes im August 2012 (respektive laut Beschwerdeschrift 2013) vermögen nicht zu überzeugen. Die diesbe- züglichen Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe vom 28. September 2016 sind nicht geeignet, dieses Vorbringen in einem glaubhafteren Licht erscheinen zu lassen beziehungsweise eine gegen ihn gerichtete Verfol- gung asylbeachtlichen Ausmasses im Sinne von Art. 3 AsylG zu begrün- den. Der Einwand des Beschwerdeführers, jedem Eritreer sei bewusst, dass ihm früher oder später die Einberufung drohe, vermag die gänzliche Unsubstanziiertheit seiner Angaben zum erhaltenen Aufgebot und die Wi- dersprüche in seinen Ausführungen zu seinem anschliessenden Verhalten, der behördlichen Suche nach ihm und der Festnahme seiner Mutter nicht zu erklären. Die Einberufung des Beschwerdeführers in den Militärdienst und die Refraktion vor der Ausreise aus Eritrea sind nicht glaubhaft. 5.2 Dem Beschwerdeführer ist es damit nicht gelungen, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Eritrea bestehende oder ihm drohende Gefährdung nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Im Ausreisezeitpunkt erfüllte er die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht. 5.3 Somit bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer wegen der Ausreise aus Eritrea, die illegal erfolgt sei, bei einer Rückkehr dorthin – mithin wegen subjektiver Nachfluchtgründe gemäss Art. 54 AsylG – befürchten muss, ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. 5.3.1 Durch Republikflucht wird zum Flüchtling, wer wegen illegaler Aus- reise Sanktionen des Heimatstaats befürchten muss, die bezüglich ihrer Intensität ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen (vgl . BVGE 2009/29). 5.3.2 Gemäss langjähriger früherer Praxis der schweizerischen Asylbehör- den begründete bereits eine (glaubhaft gemachte) ille gale Ausreise aus Eritrea ohne W eiteres die Flüchtlingseigenschaft. Das SEM verschärfte diese Praxis im Sommer 2016, wovon auch der Beschwerdeführer betrof-D-5943/2016 Seite 8 fen war. Die Frage nach der vom S EM eingeleiteten und seitens des Be- schwerdeführers beanstandeten Praxisänderung hat das Bundesverwal- tungsgericht im Rahmen des (in seinen beiden Asylabteilungen koordiniert behandelten) Urteils D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil publiziert) entschieden. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht die vor - instanzliche Praxisänderung demnach mittlerweile bestätigt hat, ist die vom Beschwerdeführer erhobene Rüge, diese Praxisänderung sei unzulässig gewesen, obsolet geworden. Im besagten Referenzurteil D -7898/2015 vom 30. Januar 2017 hat sich das Bundesverwaltungsgericht mit der Frage befasst, ob Eritreerinnen und Eritreer, die ihr Land illegal verlassen haben, allein deswegen bei eine r Rückkehr Verfolgung zu befürchten haben. Unter Bezugnahme auf die konsultierten Quellen hat es festgestellt, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft führe, nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Aus der im Urteil vorgenommenen Analyse ergebe sich, dass zahlreiche Personen, welche illegal aus Eritrea ausge- reist seien, relativ problemlos in ihre Heimat hätten zurückkehren können. Daher sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Verfolgung drohe. Eine geltend gemachte Furcht vor ernst- haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG erscheine allein aufgrund einer illegalen Ausreise nicht mehr als objektiv begründet. Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den National- dienst eingezogen werde, da es sich dabei nicht um eine Massnahme handle, die aus asylrechtlich relevanten Motiven erfolge; ob eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von Art. 3 EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Ein erhebli- ches Risiko einer Bestrafung bei einer Rückkehr gestützt auf asylrelevante Motive sei nur dann anzunehmen, wenn neben der illegalen Ausreise wei- tere Faktoren zu bejahen seien, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen würden (vgl. a.a.O. E. 5.1). 5.3.3 Vorliegend kann die Frage der Glaubhaftigkeit der vom Beschwerde- führer geltend gemachten illegalen Ausreise aus Eritrea mangels flücht- lingsrechtlicher Relevanz offenbleiben. Wie erwähnt, vermag die illegale Ausreise allein keine Furcht vor einer zukünftigen flüchtlingsrechtlich rele- vanten Verfolgung zu begründen, und zusätzliche Gefährdungsfaktoren D-5943/2016 Seite 9 sind vorliegend nicht ersichtlich. Aufgrund des zuvor Gesagten ist nicht an- zunehmen, dass der Beschwerdeführer vor der Ausreise in den Militär- dienst einberufen wurde respektive sich seiner Diens tpflicht entzogen hat (vgl. E. 5.1 – 5.2). Die blosse Möglichkeit einer künftigen Rekrutierung für den Nationaldienst ist jedoch – wie soeben ausgeführt – asylrechtlich nicht relevant. Andere Anknüpfungspunkte, welche den Beschwerdeführer in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen beziehungsweise zu einer Schärfung seines Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten, ge- hen aus den Akten nicht hervor. 5.3.4 Der Beschwerdeführer erfüllt damit die Flüchtlingseigenschaft ge- mäss Art. 3 AsylG auch unter dem Aspekt subjektiver Nachfluchtgründe (Art. 54 AsylG) nicht. 5.4 Zusammenfassend hat das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Be- schwerdeführers zu Recht verneint und dessen Asylgesuch zutreffend ab- gelehnt. 6. Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine aus- länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er- teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeord- net (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). 7.2 Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 29. August 2016 die vor- läufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit, Zu- mutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. Mit dem vorliegen- den Entscheid tritt die vorläufige Aufnahme formell in Kraft. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung D-5943/2016 Seite 10 Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätz- lich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch am 10. Oktober 2016 die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und weiterhin von der prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist, ist von der Kostenerhebung abzusehen. 9.2 Die amtliche Rechtsvertretung ist unbesehen des Aus gangs des Ver- fahrens zu entschädigen. Bei der Bemessung des Honorars wird nur der notwendige Aufwand entschädigt (vgl. Art. 8 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) und der Rechtsbeistand wurde in der Ernennungsverfügung vom 10. Oktober 2016 über den Kostenrahmen in- formiert. Der Rechtsvertreter reichte keine Kostennote ein. Auf die Nachforderung einer solchen wird verzichtet, da sich der Aufwand zuverlässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Unter Berücksichtigung der in Betracht zu zie- henden Berechnungsfaktoren (Art. 9-13 VGK) ist das amtliche Honorar auf insgesamt Fr. 450.– festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) D-5943/2016 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem Rechtsvertreter wird zu Lasten der Gerichtskasse ein amtliches Ho- norar von Fr. 450.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Susanne Burgherr Versand: