B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5597/2018 U r t e i l v o m 2 9 . A p r i l 2 0 2 1 Besetzung Richterin Mia Fuchs (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), und die Kinder B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), alle Syrien, vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Advokatur Kanonengasse, (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 23. August 2018 / N (…). D-5597/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerinnen sind syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in D._______ (arabisch: E._______). Sie ver- liessen ihren Heimatstaat in Richtung Libanon und gelangten von dort aus mit einem humanitären Visum auf dem Luftweg am (…) September 2015 in die Schweiz. Am 14. September 2015 stellten sie im Empfangs- und Ver- fahrenszentrum F._______ ein Asylgesuch. Auf die Durchführung einer Be- fragung zur Person wurde verzichtet und es fand lediglich eine Schnellre- gistrierung statt. Das SEM hörte A._______ (nachfolgend Beschwerdefüh- rerin) am 21. Juni 2016 einlässlich zu ihren Asylgründen an. B. B.a Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie stamme aus dem Dorf G._______ nahe E._______ (Gouvernement H._______) und habe die Schule bis zur 12. Klasse besucht. Nach ihrer Heirat im Jahr (…) habe sie mit ihrem Ehemann in I._______ gelebt und diesem bei der Arbeit in der Landwirtschaft geholfen. Ihr Ehemann habe aktiv an Demonstrationen teil- genommen und sei deshalb Drohungen ausgesetzt gewesen. Aus diesem Grund seien sie im August 2011 nach J._______ gezogen, wo sie gemein- sam regelmässig an Demonstrationen teilgenommen hätten. Infolge seines politischen Engagements sei ihr Ehemann ins Visier der Behörden geraten. Eine erste telefonische Drohung habe er nicht ernst genommen und seine Aktivitäten fortgesetzt. Nachdem er eine zweite Drohung erhalten habe, seien eines Tages bewaffnete Personen zu ihnen nach Hause gekommen und hätten ihn mitgenommen. Zehn Tage später sei er tot auf einem Feld aufgefunden worden. Es sei ihr sehr schwer gefallen, dies psychisch zu verarbeiten. Schliesslich habe sie sich aber entschieden, in die Fussstap- fen ihres Mannes zu treten und seine Tätigkeiten weiterzuführen. In diesem Sinne habe sie wieder an Demonstrationen teilgenommen, wobei sie auch einmal zum Mikrofon gegriffen und das Regime kritisiert habe. Daraufhin habe sie auf das Telefon ihres verstorbenen Mannes einen Anruf erhalten, in welchem ihr und ihren Kindern gedroht worden sei. Sie habe Angst be- kommen und sei z u ihren Eltern zurück nach G._______ gezogen. Zwei Monate später, im (…) 2013, hätten syrische Regierungstruppen einen Bombenangriff auf ihr Heimatdorf verübt. Bei diesem Massaker seien zehn Zivilpersonen getötet und zahlreiche weitere verletzt worden. Auch ihr Sohn habe schwere Verletzungen erlitten und sei auf dem Weg ins Spital verstorben. Zwei ihrer Brüder hätten in der Folge im Fernsehen die Regie- rung kritisiert. Nach der Attacke seien "Havala", kurdische Einheiten, zu D-5597/2018 Seite 3 ihrem Dorf gekommen, um dieses insbesondere gegen die Al Nusra-Front zu beschützen. Sie habe für diese Truppen gekocht und Verletzte gepflegt. In der Gegend hätten aber viele Araber gelebt, darunter auch Spitzel für die Al Nusra-Front, weshalb letztere erfahre n habe, dass ihre Familie die Havala unterstütze. Sie seien daher wiederum bedroht worden, diesmal von Seiten der Al Nusra-Front. Ihre Familie habe deshalb im Juni 2013 be- schlossen, in die Türkei zu gehen. Von dort aus sei ihr Bruder K._______ in die Schweiz weitergereist, woraufhin sie finanziell nicht mehr in der Lage gewesen seien, für das Leben in der Türkei aufzukom men. Etwa im No- vember 2013 sei sie mit ihren Kindern und ihren Eltern nach D._______ zurückgekehrt. Zwischenzeitlich hätten kurdische Kräfte die Kontrolle über ihre Region übernommen, weshalb sie nichts zu befürchten gehabt habe. Sie habe sich dort bei der Partei (…) engagiert und an Sitzungen teilge- nommen. Die Sicherheitslage sei aber anhaltend prekär gewesen und es habe tagtäglich in der Nähe Detonationen gegeben. Schliesslich habe sie die Situation nicht mehr ausgehalten, da sie bereits ihren Mann und ihren Sohn verloren habe. K._______ habe schliesslich veranlassen können, dass ihnen ein Visum für die Schweiz ausgestellt worden sei. B.b Zum Nachweis ihrer Identität legten die Beschwerdeführerinnen ihre syrischen Pässe im Original vor. Zudem wurden folgende Beweismittel zu den Akten gereicht: USB-Stick mit Video- und Fotoaufnahmen, Polizeirap- port betreffend den Tod ihres Sohnes (Kopie), Registrierungsbestätigung der Ehe (Kopie) mit englischer Übersetzung, Einreisegesuch von K._______ zugunsten der Beschwerdeführerinnen, Übersetzung des syri- schen Familienausweises, Todesurkunde n des Sohnes sowie des Ehe- manns mit Übersetzungen (Kopie), Sorgerechtsübertragung auf die Be- schwerdeführerin durch den Schwiegervater (Original), UNHCR-Rations- karte, drei Auszüge aus dem Zivilstandsregister (Originale mit Überset- zung), Mitgliedsbestätigung der (…) vom 27.06.2016 (Original). C. Mit Verfügung vom 23. August 2018 – eröffnet am 1. September 2018 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerinnen erfüllten die Flüchtlings- eigenschaft nicht. Es lehnte ihre Asylgesuche ab und wies sie aus der Schweiz weg, schob den Vollzug der Wegweisung aber wegen Unzumut- barkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. D. Mit Eingabe vom 1. Oktober 2018 erhoben die Beschwerdeführerinnen – handelnd durch ihren Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht D-5597/2018 Seite 4 Beschwerde gegen diesen Entscheid und beantragte n, die Sache sei zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur erneuten Entschei- dung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Verfügung der Vorinstanz in den Dispositivziffern 1-3 aufzuheben, subeventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren, subsub- eventualiter sei die Unzulässigkeit anstatt der blossen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er- suchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführ ung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie Beiordnung eines un- entgeltlichen Rechtsbeistands in der Person des unterzeichnenden Rechtsvertreters. Zudem hätten sie bei der Vorinstanz um Einsicht in die Akten betreffend ihre legale Einreise in die Schweiz ersucht. Es werde da- her beantragt, nach deren Eingang eine angemessene Nachfrist zur Be- schwerdeergänzung anzusetzen. Als Beschwerdebeilagen wurden – ne- ben einer Vollmacht, der angefochtenen Verfügung sowie einer Sozialhil- febestätigung – Kopien von Ausländerausweisen sowie Asylentscheiden von verschiedenen Familienangehörigen eingereicht. E. Mit Instruktionsverfügung vom 8. Oktober 2018 wurde das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Den Beschwerdeführerinnen wurde lic.iur. LL.M. Tarig Hassan als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet und ihnen wurde die Gelegenheit eingeräumt, nach Gewährung der Akten- einsicht durch die Vorinstanz eine Beschwerdeergänzung einzureichen. F. Mit Eingabe vom 17. Oktober 2018 teilten die Beschwerdeführerinnen dem Gericht mit, sie hätten zwischenzeitlich vom SEM die beantragte Aktenein- sicht erhalten. Es würden sich indessen keine weiteren Bemerkungen auf- drängen, weshalb auf eine Beschwe rdeergänzung verzichtet werde. Zu- dem reichte der Rechtsvertreter eine Honorarnote zu den Akten. G. Das SEM liess sich mit Schreiben vom 14. November 2018 zur Be- schwerde vom 1. Oktober 2018 vernehmen. H. Mit Eingabe vom 17. Dezember 2018 liessen die Beschwerdeführerinnen eine Replik einreichen. Dieser lag eine aktuelle Honorarnote des Rechts- vertreters bei. D-5597/2018 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (S R 142.31) in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia len Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung D-5597/2018 Seite 6 des Leibes, d es Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, es gelinge der Beschwerdeführerin nicht, glaubhaft zu machen, dass sie sich nach dem Tod ihres Ehemannes politisch engagiert habe und deswegen bedroht wor- den sei. So sei sie nicht in der Lage gewesen, genauer zu bezeichnen, wer sie bedroht haben könnte. Bei ihrer Angabe, dass ihr Ehemann von den syrischen Behörden getötet worden sei, handle es sich nur um eine Ver- mutung, welche sie nicht nachvollziehbar habe begründen könne n. Der Umstand, dass ihr Mann an Demonstrationen teilgenommen habe, be- deute noch nicht, dass er ins Visier der Behörden geraten sei. Ihre diesbe- zügliche Aussage, es gebe in ihrer Region viele Informanten, reiche dafür nicht aus. Zudem habe sie zu seiner Festnahme lediglich ausgeführt, er sei von vermummten, bewaffneten Personen abgeholt worden. Insgesamt seien ihre Aussagen zum politischen Engagement ihres Ehemannes und zu seiner Verhaftung äusserst vage und spekulativ ausgefallen, was Zwei- fel daran wecke, ob er tatsächlich auf die von ihr geltend gemachte Art ums Leben gekommen sei. Ihre persönliche Bedrohungslage ersc heine daher ebenfalls fraglich. Bei ihren Schilderungen falle zudem ein markanter Strukturbruch ins Auge. Die Ausführungen zu ihrem politischen Engage- ment, ihrer Motivation dafür und zur anschliessenden Verfolgung seien we- nig substanziiert, während ihr Bericht zum erlebten Angriff auf G._______ äusserst überzeugend ausgefallen sei. Letzterer enthalte eine Vielzahl an Details, persönlichen Eindrücken und Nebenschauplätzen. Diese unter- schiedliche Erzählweise bestätige den Verdacht, dass es sich bei den tele- fonischen Drohungen durch Unbekannte um ein konstruiertes Vorbringen handle. Dasselbe gelte auch für die Drohungen durch die Al Nusra -Front, welche sie im freien Bericht nur mit einem einzigen Satz erwähnt habe, nachdem sie zuvor über zwei Protokollseiten hinweg den Angriff auf G._______ geschildert habe. Als sie später weiter dazu befragt worden sei, D-5597/2018 Seite 7 habe sie weder die Täter noch die Form der Drohungen genauer bezeich- nen können. Aufgrund ihrer oberflächlichen Angaben könne nicht davon ausgegangen werden, dass sie persönlich ernsthaft Massnahmen von Sei- ten der Al Nusra-Front zu befürchten gehabt hätte. Sodann habe die Be- schwerdeführerin geltend gemacht, dass ihr Dorf von der syrischen Regie- rung bombardiert worden und es während ihres Aufenthalts in D._______ häufig zu Detonationen gekommen sei. Diese Ereignisse seien auf die all- gemeine Kriegssituation in Syrien zurückzuführen und daher nicht asylre- levant. Schliesslich sei sie aufgrund des vorgebrachten Engagements für die (…) keinerlei Nachteilen ausgesetzt gewesen und es gebe keine Hin- weise darauf, dass sie deswegen verfolgt worden wäre od er begründete Furcht vor einer zukünftigen Verfolgung haben müsste. Die Vorbringen der Beschwerdeführerin vermöchten folglich weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch jenen a n die Flüchtlingseigen- schaft nach Art. 3 AsylG zu genügen. 4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, dass es entgegen der Auffassung der Vorinstanz verschiedene Indizien dafür gebe, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin tatsächlich im Visier des R egimes ge- standen habe. Er habe gegen das Regime gerichtete Kundgebungen und Veranstaltungen organisiert und andere Menschen motiviert, sich ebenfalls zu engagieren. Bei den Demonstrationen habe er eine aktive Rolle einge- nommen, indem er ins Mikrofon gespro chen oder Bilder des Präsidenten zerrissen habe. Das syrische Regime habe überall seine Spitzel, welche an den Demonstrationen teilgenommen und die dabei gesammelten Infor- mationen an die Behörden weitergeleitet hätten. Die Beschwerdeführerin habe auch ausführliche Angaben zur Festnahme ihres Ehemannes ge- macht. Diese seien weder vage noch spekulativ, sondern erlebnisbasiert und detailliert ausgefallen. Sie habe nachvollziehbar dargelegt, dass die Motivation für ihr eigenes politisches Engagement die Fortsetzung der Tä- tigkeiten ihres Ehemannes gewesen sei, weshalb sie aktiv an Demonstra- tionen teilgenommen habe. Zudem habe sie erklärt, dass jede Person, die sich an diesen Kundgebungen beteiligt habe, ins Visier des Regimes gera- ten sei. Die Argumentation, dass die Darlegung der Drohungen verglichen mit den Ausführungen zum Massaker in G._______ eine andere Erzähl- struktur aufweise, sei sehr gesucht. Die Beschwerdeführerin habe die er- haltene telefonische Drohung ebenfalls äusserst präzise geschildert. Dabei sei es nachvollziehbar, dass die Beschreibung eines traumatischen Erleb- nisses, welches sich über mehrere Stunden hinweggezogen und bei dem sie ihren Sohn verloren habe, detaillierter ausfalle als die Ausführungen zu D-5597/2018 Seite 8 einer einzelnen Drohung. Insgesamt sei von der Glaubhaftigkeit ihrer An- gaben auszugehen. Als politisch aktive Kurdin, die sich bei Demonstratio- nen gegen das Regime engagiert habe, gehöre die Beschwerdeführerin einer besonders gefährdeten Gruppe an. In den Augen der Behörden habe sie sich durch ihre Aktivitäten klar als Regimegegnerin hervorgetan. Hinzu kämen die telefonischen Drohungen, die Entführung und Tötung ihres Ehe- manns sowie der Fernsehauftritt ihrer Brüder, welche sie zusätzlich gefähr- deten. Nicht zuletzt sei ihr bereits telefonisch damit gedro ht worden, sie und ihre Kinder würden dasselbe Schicksal erleiden wie ihr Ehemann. Sie sei aufgrund ihrer politischen Anschauungen unmittelbar an Leib und Le- ben bedroht, da sie bei einer Rückkehr nach Syrien Gefahr liefe, verhaftet, gefoltert und gar mit d em Tod bestraft zu werden. Nachdem sie vor der Ausreise ins Visier der Al Nusra-Front geraten sei, hätte sie auch mit einer gezielten Verfolgung durch islamistische Gruppierungen zu rechnen. Das Bundesverwaltungsgericht habe in diesem Zusammenhang bereits festge- halten, dass in den nordsyrischen Regionen nicht von einer stabilen Schutzinfrastruktur ausgegangen werden könne, welche einen adäquaten Schutz vor Verfolgung durch Akteure wie dem Islamischen Staat (IS) zu bieten vermöge. Zudem sei darauf hinzuweisen, dass die Türkei in der Zwi- schenzeit eine Offensive in Nordsyrien gestartet habe. Von deren Auswir- kungen hätten vor allem extremistische Kräfte profitiert. Die Beschwerde- führerin habe auch von Seiten der türkischen Streitkräfte und d eren is- lamistischen Verbündeten ernsthafte Nachteile zu befürchten, da diese nach dem militärischen Vorgehen gegen Afrin weitere nordsyrische Regio- nen ins Visier nähmen. Schliesslich müsste sie aufgrund ihrer politisch ak- tiven Familienangehörigen – ihres Ehemannes und ihrer Brüder – mit einer Reflexverfolgung rechnen. Ihre Geschwister hätten Syrien wegen ihres po- litischen Engagements sowie der damit verbundenen Verfolgung bereits verlassen und – wie sich den Ausweiskopien in der Be schwerdebeilage entnehmen lasse – in verschiedenen europäischen Staaten Schutz ge- sucht. Insgesamt erfülle die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft und es sei ihr Asyl zu gewähren. Weiter habe die Vorinstanz die eingereichten Beweismittel nicht gewürdigt und lediglich pauschal festgehalten, dass diese an ihrer Einschätzung nichts ändern würden. Obwohl die Beweismittel die Darstellung der Be- schwerdeführerin klar bestätigten, sei das SEM nicht darauf eingegangen. In diesem Sinne sei die angefochtene Verfügung auch mangelhaft begrün- det und der Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt worden. D-5597/2018 Seite 9 Sodann habe die Beschwerdeführerin ihr politisches Engagement für die (…) in der Schweiz fortgesetzt und an entsprechenden Demonstrationen teilgenommen. Es sei bekannt, dass d as syrische Regime die Aktivitäten seiner Staatsangehörigen im Ausland überwache. Nachdem es zahlreiche Gebiete in Syrien zurückerobert und zunehmend an Stärke gewonnen habe, sei davon auszugehen, dass es seine Überwachungstätigkeiten aus- gebaut habe und diese nicht nur auf exponierte Personen beschränke. Da die Beschwerdeführerin bereits in der Heimat politisch tätig und als Mitglied der (…) aufgefallen sei, bestehe eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass ihre exilpolitischen Tätigkeiten vom Regime registriert worden seien. Es lägen somit auch subjektive Nachfluchtgründe vor. 4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, dass K._______, der Bruder der Beschwerdeführerin, insbesondere aufgrund seiner regierungs- kritischen Äusserungen im Fernsehen nach dem Massaker von G._______ in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei. Sie selbst habe aber nicht angegeben, dass sie auf der betreffenden Videoaufnahme zu sehen gewesen sei oder namentlich genannt worden wäre. Es sei deshalb nicht davon auszugehen, dass diesbezüglich eine Bedrohungslage bestehe. Die beigezogenen Akten des Bruders bestätigten vielmehr die Zweifel an der Glaubhaftigkeit, nachdem dieser ausgesagt habe, sein Schwager – der Ehemann der Beschwerdeführerin – sei eines natürlichen Todes gestor- ben. Die eing ereichten Beweismittel würden teilweise Sachverhaltsele- mente belegen, welche zwar nicht bezweifelt würden, aber – wie nament- lich das Massaker von G._______ – nicht asylrelevant seien. Die anderen Beweismittel würden keine Beweiskraft entfalten; so sei beispielsweise auf der Todesurkunde des Ehemannes die Todesursache nicht aufgeführt und die blosse Mitgliedschaft bei der (…), welche sie mit einer entsprechenden Bestätigung zu belegen suche, vermöge noch keine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung zu begründen. Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin von der Intervention der türkischen Streit- kräfte nicht individuell berührt worden sei und diese als eine Situation all- gemeiner Gewalt im Rahmen der Kriegssituation zu betrachten sei. Davon sei indessen die gesamte Bevölkerung gleichermassen betroffen. Zur gel- tend gemachten Reflexverfolgung sei festzuhalten, dass das politische En- gagement des Ehemannes als unglaubhaft eingestuft worden sei. Eine Re- flexverfolgung wegen ihrer Brüder habe die Beschwerdeführerin nicht gel- tend gemacht. Zudem verfügten die Brüder über kein exponiertes Profil, weshalb nicht automatisch von einer Reflexverfolgung ausgegangen wer- den könne. Der Umstand, dass K._______ in der Schweiz Asyl gewährt D-5597/2018 Seite 10 worden sei, vermöge daran nichts zu ändern. Sodann stelle sich die Be- schwerdeführerin auf den Standpunkt, dass das syrische Regime die Über- wachung seiner Staatsangehörigen im Ausland ausgebaut habe und auch wenig profilierte exilpolitische Aktivisten in dessen Fokus geraten könnten. Diese Behauptung werde aber in keiner Weise belegt. Angesichts der nie- derschwelligen politischen Tätigkeiten der Beschwerdeführerin sei nicht davon auszugehen, dass sie deswegen bei einer Rückkehr begründete Furcht vor einer Verfolgung haben müsste. 4.4 In der Replik wurde geltend gemacht, es sei unerheblich, dass die Be- schwerdeführerin auf der Videoaufnahme mit den regimekritischen Aussa- gen ihres Bruders nicht erwähnt werde. Vielmehr sei es das Ziel einer Re- flexverfolgung, eine politisch aktive Person von weiteren Tätigkeiten abzu- halten, indem ihre Familienangehörigen bedroht würden. Das verfolgte Fa- milienmitglied müsse dabei nicht selbst politisch aktiv sein; alleine die Ver- wandtschaft zur betreffenden Person reiche aus. Die Beschwerdeführerin könne als Schwester der Person auf der Aufnahme identifiziert werden, da sie denselben Nachnamen wie ihr Bruder trage, zu jenem Zeitpunkt im glei- chen Dorf gewohnt und sich ebenfalls politisch engagiert habe. Soweit die Vorinstanz ausführe, der Bruder habe im Rahmen seines Asylverfahrens von einer natürlichen Todesursach e seines Schwagers gesprochen, sei festzuhalten, dass der Rechtsvertreter keine Einsicht in dessen Akten habe. Telefonisch habe K._______ ihm gegenüber aber erklärt, er könne sich nicht daran erinnern, von einer natürlichen Todesursache des Ehe- mannes seiner Schwester gesprochen zu haben; dieser sei zweifelsohne vom syrischen Regime getötet worden. Er stehe voll und ganz hinter der Aussage der Beschwerdeführerin und sei bereit, dies auch schriftlich dar- zulegen. Weiter seien ihre Brüder in einem Ausmass politisch aktiv, dass sie in der Schweiz und anderen Ländern den Flüchtlingsstatus erhalten hätten. Ihre Familie sei dem syrischen Regime somit als oppositionell ein- gestellt bekannt, weshalb sie bei einer Rückkehr eine asylrelevante Verfol- gung zu befürchten hab e. Das Bundesverwaltungsgericht habe im syri- schen Kontext in anderen Fällen bereits eine drohende Reflexverfolgung von Geschwistern politisch aktiver Personen bejaht. 5. In der Beschwerdeschrift wird in formeller Hinsicht gerügt, die Vorinstanz habe das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerinnen verletzt, indem sie die vorgelegten Beweismittel nicht ausreichend gewürdigt habe. Es ist je- doch festzuhalten, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung sämtli-D-5597/2018 Seite 11 che der eingereichten Beweismittel aufgeführt und sich zumindest zusam- menfassend dazu geäussert hat. Im Rahmen der Vernehmlassung legte es weiter dar, dass diese teilweise nur Sachverhaltselemente zu belegen ver- möchten, welche nicht bezweifelt würden . Andere Beweismittel würden keine Beweiskraft entfalten, da sich aus diesen keine asylrelevante Verfol- gung ableiten lasse. Von einer mangelhaften Würdigung der Beweismittel durch die Vorinstanz ist daher nicht auszugehen. Allein der Umstand, dass die Vorinstanz aus den eingereichten Unterlagen andere Schlüsse zieht als die Beschwerdeführerinnen, stellt keine Verletzung des rechtlichen Gehörs oder der Begründungspflicht dar. Die formelle Rüge erweist sich als unbe- gründet und es besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. 6. 6.1 Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zwei- fel an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt be- reits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völ- lig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdi- gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge- gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, üb erwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1). 6.2 6.2.1 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung zutreffend ausgeführt, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin zu den politischen Aktivitäten ihres Ehemannes sowie den Drohungen, welche dieser erhalten haben soll, äusserst vage ausgefallen sind. So gab sie an, ihr Ehemann sei poli- tisch sehr aktiv gewesen und habe oft an Demonstrationen teilgenommen. Auf Nachfrage präzisi erte sie dies dahingehend, dass er seine Freunde stets aufgefordert habe, sich ebenfalls an den Kundgebungen zu beteiligen (vgl. A11, F102). Er habe auch Fotos des Präsidenten zerrissen, durch Lautsprecher gesprochen und bei den Demonstrationen immer in der ers- ten Reihe gestanden (vgl. A11, F105). Diese Ausführungen erweisen sich als sehr knapp, insbesondere vor dem Hintergrund, dass es sich dabei um den Anlass für die geltend gemachte Entführung und Tötung des Eheman- nes handeln soll. Ebenso kurz äusserte sich die Beschwerdeführerin dazu, D-5597/2018 Seite 12 wie ihr Mann ins Visier der Behörden geraten sei. So soll es in der Region viele Spitzel gegeben haben, welche dem Regime Informationen weiterge- leitet hätten (vgl. A11, F106 f.). Auf die Frage, ob auch die Freunde des Ehemannes – welche er zur Teilnahme an den Demonstrationen animiert habe – ins Visier der Behörden geraten seien, erklärte die Beschwerdefüh- rerin ausweichend, es seien viele Personen mitgenommen und ermordet worden (vgl. A11, F104). Insgesamt bleiben ihre Angaben zu den politi- schen Aktivitäten des Ehemannes und zur damit zusammenhängende n Bedrohungslage sehr oberflächlich. Im Rahmen des freien Berichts sprach sie pauschal davon, dass unbekannte Personen ihrem Mann gedroht hät- ten, seine Familie auszulöschen, ohne zu präzisieren, von wem diese Dro- hungen ausgegangen und auf welche Art diese ausgesprochen worden seien. Ferner erwähnte sie, dass er – vor seiner Mitnahme – "eine zweite Drohung" bekommen habe (vgl. A11, F99 S. 11). Auf entsprechende Nach- frage erklärte sie später, ihr Mann habe nie erwähnt, wer ihn bedroht habe. Er habe ihr nur gesagt, er bekomme "immer wieder" Telefonate von Leuten, die für das Regime arbeiteten. Woher er letzteres gewusst habe, konnte die Beschwerdeführerin nicht näher ausführen. Vielmehr gab sie in allge- meiner Weise an, dass diejenigen, welche an Demonstrationen teilgenom- men hätten, ins Visier der Behörden geraten seien (vgl. A11, F112 ff.). So- mit handelt es sich bei der Annahme, dass Regierungsleute hinter den Dro- hungen stünden, offenbar lediglich um vage Vermutungen der Beschwer- deführerin, welche die Vorinstanz zu Recht als spekulativ bezeichnet hat. Auch die Mitnahme des Ehemannes selbst schilderte sie lediglich sehr kurz (vgl. A11, F99). Ihre Beschreibung der Entführer beschränkt sic h im We- sentlichen darauf, dass diese vermummt, schwarz gekleidet sowie bewaff- net gewesen seien (vgl. A11, F109 ff.). In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass in den Ausführungen der Beschwerdeführerin – wie das SEM zutreffend feststellte – tatsächlich ein markanter Stilbruch ins Auge sticht. Ihre Aussagen zum erlebten Angriff auf die Zivilbevölkerung in G._______ sind nicht nur sehr detailliert, sie enthalten auch zahlreiche Re- alkennzeichen. Sie beschreibt namentlich verschiedene untergeordnete Sachverhaltselemente und Aspekte, welche nicht mit dem Kerngeschehen zusammenhängen, beispielsweise betreffend das Frühstück ihres Sohnes (vgl. A11, F99 S. 13 ff.). Selbstverständlich kann nicht erwartet werden, dass die anderen von der Beschwerdeführerin geschilderten Ereignisse ebenso ausführlich dargelegt werden wie dieser offensichtlich sehr prä- gende Vorfall, bei welchem sie ihren Sohn verloren hat. Nichtsdestotrotz darf davon ausgegangen werden, dass sie einerseits substanziierte Anga- ben zu den Umständen machen kann, welche zum Tod ihres Ehemannes D-5597/2018 Seite 13 geführt haben, und andrerseits in der Lage ist, eine selbst erlebte Bedro- hungslage nachvollziehbar zu beschreiben. Das Ausmass, in welchem sich die Erzähldichte der Ausführungen zum Massaker in G._______ von jener betreffend die anderen Vorbringen der Beschwerdeführerin unterscheiden, ist jedoch gravierend. Einem mehrseitigen Bericht zu ersterem stehen we- nige Sätze zu den politischen Aktivitäten, den erhaltenen Drohungen und deren Hintergrund gegenüber. Ebenso knapp schilderte die Beschwerde- führerin, wie sie selbst auf das Telefon ihres verstorbenen Mannes einen Drohanruf erhalten habe. Ihre Angaben beschränken sich im Wesentlichen darauf, dass sie danach fürchterliche Angst bekommen, ihren Vater ange- rufen und ihn gebeten habe, sie ins Dorf zu bringen (vgl. A11, F99, S. 12 f.). Die präzisierenden Nachfragen in diesem Zusammenhang beantwortete sie in einigen kurzen, teilweise ausweichenden Sätzen (vgl. A11, F121 ff.). Der Kontrast zu den vorangehenden Ausführungen zum Bombenangriff, in welchen sie präzise und nachvollziehbar beschreibt, wie sie die Situation wahrgenommen und was sie genau gemacht habe, ist augenfällig. 6.2.2 Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung ist festzuhalten, dass die An- gaben der Beschwerdeführerin zum erlebten Bombenangriff auf G._______ klar als glaubhaft einzustufen sind. Ihre diesbezüglichen A us- sagen sind detailliert, von Realkennzeichen geprägt und werden durch die vorgelegten Beweismittel – namentlich die Video- und Fotoaufnahmen so- wie den Polizeirapport zum Tod ihres Sohnes – untermauert. Demgegen- über sind die Vorbringen zu den politischen Tätigkeiten ihres Ehemannes, den Drohungen welche er – und später auch sie selbst – erhalten habe sowie zu dessen Entführung und Tötung vage, oberflächlich und auswei- chend. Aufgrund der fehlenden Substanz der diesbezüglichen Ausführun- gen sowie des massiven Bruchs in der Erzählstruktur ist festzuhalten, dass es der Beschwerdeführerin nicht gelingt, diese Vorbringen glaubhaft zu machen. Die genauen Umstände, welche zum Tod des Ehemannes geführt haben – und ob er möglicherweise gar eines natürlichen Todes gestorben ist, wie die Angaben des Bruders K._______ nahelegen (vgl. Akten N […], B19 F31) – bleiben somit unklar. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin sich in der Folge exponiert politisch betätigt hätte und daher selbst von denselben Personen, welche ihren Man n auf dem Gewissen hätten, bedroht worden sei. 6.3 Die Beschwerdeführerin machte weiter geltend, sie habe in G._______ die Havala unterstützt, indem sie für sie gekocht und Verletzte gepflegt habe. Dadurch seien sie und ihre Familie ins Visier der Al Nusra-Front ge- raten und von dieser bedroht worden, wodurch sie gezwungen gewesen D-5597/2018 Seite 14 seien, von dort wegzugehen (vgl. A11, F100). Wiederum erweisen sich ihre Angaben zu den erhaltenen Drohungen als äusserst vage. So soll der Vater der Beschwerdeführerin von befreundeten Arabern mit Verbindungen zur Al Nusra-Front gewarnt worden sei n (vgl. A11, F138 f.). Gleichzeitig er- wähnte sie, auch die anderen Dorfbewohner hätten die Havala unterstützt und seien ebenfalls bedroht worden (vgl. A11, F140 f.). Sie war jedoch nicht in der Lage, konkret darzulegen, in welcher Form diese angeblichen Dro- hungen ausgesprochen respektive überbracht worden seien (vgl. A11, F154 ff.). Die Aussagen der Beschwerdeführerin vermitteln den Eindruck, als habe es sich nicht um gezielt gegen sie und ihre Familie gerichtete Dro- hungen der Al Nusra-Front, sondern um eine latente Bedrohung durch die islamistische Miliz, von welcher alle (kurdischen) Dorfbewohner gleicher- massen betroffen waren, gehandelt. In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin zwar – eigenen Anga- ben zufolge aufgrund dieser Drohungen – vorübergehend in die Türkei ging, wenige Monate später aber zusammen mit ihren Eltern in dieselbe Gegend (D._______) zurückkehrte (vgl. A11, F100 S. 16). Weiter machte die Beschwerdeführerin geltend, sie seien nach der Rück- kehr trotz des Umstands, dass die kurdischen Kräfte das Gebiet kontrolliert hätten, nicht sicher gewesen, da es immer wieder zu Detonationen gekom- men sei. Das SEM wies indessen zutreffend darauf hin, dass dies auf die allgemeine Kriegssituation zurückzuführen war und es sich nicht um eine gezielte Verfolgung aus einem der in Art. 3 AsylG genannten Gründe ge- handelt hat. Auf Beschwerdeebene wird dargelegt, die Beschwerdeführerin habe nach wie vor von islamistischen Gruppierungen eine Verfolgung zu befürchten, da die kurdischen Behörden in Nordsyrien keinen ausreichen- den Schutz vor diesen bieten könnten. Angesichts der obigen Ausführun- gen ist jedoch davon auszugehen, dass sie selbst gar nie direkt von Ange- hörigen der Al Nusra-Front bedroht worden war, sondern lediglich im glei- chen Ausmass wie alle anderen Einwohner der Region, welche mehrheit- lich die kurdischen Kämpfer unterstützt haben, einer gewissen Gefährdung durch islamistische Milizen ausgesetzt war. Eine konkrete Bedrohung in dem Sinne, dass die Beschwerdeführerin und ihre Familie diesen nament- lich bekannt waren und auch zum heutigen Zeitpunkt noch damit rechnen müssten, von der Nachfolgerorganisation der Al Nusra gezielt verfolgt zu werden, liegt indessen nicht vor. Die geltend gemachte Gefährdung durch islamistische Extremisten erweist sich nach dem Gesagten als nicht asyl- relevant. Dasselbe gilt auch für die häufigen Detonationen in D._______, da diese mit der allgemeinen Kriegssituation zusammenhingen. In Bezug D-5597/2018 Seite 15 auf die in der Beschwerdeschrift vorgebrachte Bedrohung infolge der türki- schen Offensive in Nordsyrien ist darauf hinzuweisen, dass – selbst wenn dies zu einer Stärkung der islamistischen Gru ppierungen geführt haben sollte – nicht ersichtlich ist, inwiefern extremistische Milizen oder die türki- schen Truppen gezielt gegen die Beschwerdeführerin vorgehen sollten. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie von deren Handlungen mehr als an- dere (kurdische) Einwohner von Nordsyrien betroffen wäre. Folglich erwei- sen sich diese Vorbringen insgesamt als nicht asylrelevant. 6.4 Auf Beschwerdeebene wird zudem geltend gemacht, die Beschwerde- führerin habe aufgrund ihrer politisch aktiven Familie – ihres Ehemannes und ihrer Brüder – ernsthafte Nachteile zu befürchten, zumal ihre Ge- schwister infolge ihres politischen Engagements in verschiedenen europä- ischen Staaten Schutz gesucht hätten. Eine Reflexverfolgung liegt übli- cherweise vor, wenn Familienangehörige von politischen Aktivisten und Ak- tivistinnen flüchtlingsrechtlich relevanten staatlichen Repressalien ausge- setzt sind. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Anschlussverfolgung und deren Intensität hängen stark von den konkreten Umständen und vom Län- derkontext ab, was in jedem Einzelfall individuell zu beurteilen ist. Die auf derartige Weise erlittenen Nachteile beziehungsweise d ie begründete Furcht vor zukünftiger (Reflex-)Verfolgung muss sachlich und zeitlich kau- sal für die Ausreise aus dem Heimat - oder Herkunftsstaat und grundsätz- lich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin in der An- hörung nicht vorbrachte, sie habe infolge der politischen Tätigkeiten ihrer Geschwister befürchtet, Opfer einer Reflexverfolgung zu werden. Es ist da- rauf hinzuweisen, dass K._______ insbesondere deshalb in der Schweiz Asyl erhielt, weil er in einem Fernsehinterview seines Bruders L._______ zu sehen gewesen war, in welchem dieser die syrische Regierung und die islamistischen Milizen kritisiert hatte. Die Beschwerdeführerin reiste da- nach zwar in die Türkei aus, kehrte aber kurz darauf zusammen mit den Eltern wieder zurück. Es erscheint unwahrscheinlich, dass sie dies getan hätte, wenn sie aufgrund der politischen Tätigkeiten ihrer Geschwister kon- kret eine Reflexverfolgung von Seiten der syrischen Behörden befürchtet hätte. Zudem ist anzumerken, dass ihre Eltern und eine Schwester nach wie vor in D._______ respektive J._______ leben (vgl. A11, F87) und nicht geltend gemacht wurde, diese seien infolge der politischen Tätigkeiten ih- rer Angehörigen behelligt worden. Die Beschwerdeführerin legt auch nicht dar, inwiefern ihre Brüder ein besonderes Profil aufweisen würden, welches eine Reflexverfolgung als wahrscheinlich erscheinen lassen würde. Es ist daher trotz des Umstands, dass verschiedene ihrer Geschwister in Europa D-5597/2018 Seite 16 um Schutz nachgesucht – und teilweise auch erhalten – haben, nicht an- zunehmen, dass ihr wegen deren Aktivitäten von Seiten der syrischen Be- hörden eine Verfolgung gedroht hätte oder zukünftig drohen würde . Ab- schliessend ist festzuhalten, dass es ihr nicht gelang, ein massgebliches politisches Engagement ihres Ehemannes und eine daraus resultierende Gefährdung glaubhaft zu machen. Entsprechend ist auch nicht davon aus- zugehen, dass sie in diesem Zusammenhang eine Reflexverfolgung zu be- fürchten hätte. 6.5 Weiter brachte die Beschwerdeführerin vor, sie habe sich in der Heimat auch politisch engagiert, indem sie während ihrer Zeit in D._______ als Mitglied der (…), einer Frauenorganisation, an Versammlungen teilgenom- men habe. Dabei sei sie zu Familien nach Hause gegangen und habe bei- spielsweise Frauen unterstützt, die misshandelt worden seien oder be- stimmte Medikamente benötigt hätten (vgl. A11, F167 ff.). Sie machte je- doch nicht geltend, in diesem Zusammenhang Probleme mit den heimatli- chen Behörden erhalten zu haben. Ihr dahingehendes Engagement ist denn auch als niederschwellig anzusehen und es ist nicht davon auszuge- hen, dass dieses dem syrischen Regime bekannt geworden wäre und sie deswegen eine Verfolgung zu befürchten hätte. Ihre exilpolitischen Tätig- keiten beschränken sich auf die anhaltende Mitgliedschaft bei der (…) und die einfache Teilnahme an Demonstrationen (vgl. A11, F171). Konkrete An- haltspunkte dafür, dass die syrischen Behörden – wie auf Beschwerde- ebene behauptet – ihre Überwachungstätigkeiten von im Ausland lebenden Staatsbürgern ausgeweitet hätten und deshalb angenommen werden müsste, die Beschwerdeführerin sei in deren Visier geraten, liegen nicht vor. Vielmehr setzt die Bejahung einer begründeten Furcht vor Verfolgung wegen exilpolitischer Tätigkeiten gemäss der Rechtsprechung des Bun- desverwaltungsgerichts nach wie vor eine gewisse Exponierung voraus (vgl. zum Ganzen Referenzurteil des BVGer D-3829/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.3 sowie in jüngerer Zeit Urteile des BVGer E -1167/2020 vom 20. März 2020 E. 10.5.1 und D-1155/2020 vom 8. Mai 2020 E. 7.8). Es ist folglich nicht davon auszugehen, dass die als sehr niederschwellig einzu- stufenden (exil-)politischen Tätigkeiten der Beschwerdeführerin dazu füh- ren, dass sie mit einer Verfolgung von Seiten der heimatlichen Behörden zu rechnen hätte. 6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin nen nichts vorgebracht haben, was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Das SEM hat ihre Asylgesuche daher zu Recht abgelehnt. D-5597/2018 Seite 17 7. Lehnt das SEM ein Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländer- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange- ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. Das SEM hat in seiner Verfügung vom 23. August 2018 die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festgestellt und eine vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerinnen in der Schweiz angeordnet. Wie die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung zutreffend ausführte, sind die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung – Unzulässigkeit, Unzu- mutbarkeit und Unmöglichkeit – alternativer Natur (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4; Referenzurteil D-3839/2013 E. 8.4.1). Praxisgemäss erübrigen sich daher weitere Ausführungen zur Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. Auf das entsprechende Eventualbegehren ist mangels Rechtsschutzinte- resses nicht einzutreten. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt. Die Beschwerde ist daher abzuweisen, soweit auf diese einzutreten ist. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer- deführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf die Erhebung von Kosten ist indessen angesichts der mit Verfügung vom 8. Oktober 2018 gewährten unentgeltlichen Prozessführung zu verzichten , zumal trotz der Aufnahme einer Tätigkeit als Haushalthilfe in einem Alterszentrum im No- vember 2020 nicht davon auszugehen ist, dass sich die finanziellen Ver- hältnisse der Beschwerdeführerin grundlegend verbessert hätten. 10.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde den Beschwerdeführerin- nen lic.iur. LL.M. Tarig Hassan als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Dieser reichte mit der Replik eine Honorarnote vom 17. Dezember 2018 zu den Akten, in welcher er einen Aufwand von 14.30 Stunden à Fr. 300.– und Auslagen in Höhe vo n Fr. 20.90 geltend machte, insgesamt Fr. 4'642.85. D-5597/2018 Seite 18 Der zeitliche Aufwand erscheint vorliegend überhöht und ist zu reduzieren. Zudem beträgt der Stundenansatz für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter – wie bereits in der Verfügung vom 8. Oktober 2018 dargelegt – praxisgemäss Fr. 150.– und ist entsprechend anzupassen. Als angemes- sen ist ein Aufwand von elf Stunden zu erachten, weshalb das amtliche Honorar auf Fr. 1'800.– (gerundet, inklusive Auslagen und Mehrwertsteu- erzuschlag) festzusetzen ist. (Dispositiv nächste Seite) D-5597/2018 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dem amtlichen Rechtbeistand lic.iur. LL.M. Tarig Hassan wird vom Bun- desverwaltungsgericht ein Honorar in Höhe von Fr. 1'800.– ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die zu- ständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Regula Aeschimann Versand: