<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 16 S.65</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">65</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>16</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 122, 124, 135 Abs. 1 ZGB</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Untersteht das Ganze oder ein Teil des Vorsorgeguthabens eines Ehegat-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ten ausländischem Recht, entsteht Teilungsunmöglichkeit, weshalb der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Scheidungsrichter anstelle der Teilung der Freizügigkeitsleistungen eine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>angemessene Entschädigung an den berechtigten Ehegatten festzulegen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>hat. Das Versicherungsgericht ist zur Festsetzung der Entschädigung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sachlich nicht zuständig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 3. Kammer, vom 9. Januar</span><br/> <span class="ft3">2007 i.S. St. gegen M.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">66</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend liegen auf Klägerseite ein ausländischer und schwei-</span><br/> <span class="ft1">zerischer Vorsorgeträger vor, während von Seiten der Beklagten kein</span><br/> <span class="ft1">schweizerischer, sondern gemäss Angaben des Klägers ein deutscher</span><br/> <span class="ft1">Vorsorgeträger vorliegt.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Anwendung von Art. 122 ZGB setzt voraus, dass eine Tei-</span><br/> <span class="ft1">lung der Austrittsleistung technisch möglich ist. Ist z.B. bereits ein</span><br/> <span class="ft1">Vorsorgefall eingetreten, besteht kein Anspruch mehr auf eine Aus-</span><br/> <span class="ft1">trittsleistung. Auf Grund der Gegenseitigkeit der in den Art. 122 ff.</span><br/> <span class="ft1">ZGB festgesetzten Ansprüche kann nach der starren, in Art. 122 ZGB</span><br/> <span class="ft1">vorgesehenen Regel schon dann nicht mehr vorgegangen werden,</span><br/> <span class="ft1">wenn bloss bei einem Ehegatten die Teilungsmöglichkeit entfallen</span><br/> <span class="ft1">ist. Untersteht eine Vorsorgeeinrichtung ausländischem Recht, sind</span><br/> <span class="ft1">die Regeln des schweizerischen Scheidungsrechts über die Teilung</span><br/> <span class="ft1">der beruflichen Vorsorge nicht anwendbar. Der Versorgungsausgleich</span><br/> <span class="ft1">untersteht dem auf die Vorsorgeeinrichtung anwendbaren Recht. Das</span><br/> <span class="ft1">bedeutet aber, dass auf die Vorsorge jedes Ehegatten ein anderes</span><br/> <span class="ft1">Recht Anwendung finden kann. Die Altersvorsorge des einen</span><br/> <span class="ft1">Ehegatten untersteht ausländischem Recht (hier die der Beklagten</span><br/> <span class="ft1">und zum Teil auch diejenige des Klägers), jene des anderen (Teil der</span><br/> <span class="ft1">Vorsorgegelder, die Kläger in der Schweiz erworben hat) den</span><br/> <span class="ft1">Art. 122 ff. ZGB. Weil Art. 122 ZGB von einer starren Aufteilung</span><br/> <span class="ft1">der Ansprüche beider Ehegatten ausgeht, kann diese Bestimmung</span><br/> <span class="ft1">dann auch auf die dem schweizerischen Recht unterstehende</span><br/> <span class="ft1">Altersvorsorge (hier: Vorsorgegelder, die der Kläger in der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">erworben hat) nicht angewendet werden. In diesem Fall ist für die</span><br/> <span class="ft1">dem schweizerischen Recht unterstehende Vorsorgeeinrichtung eben-</span><br/> <span class="ft1">falls auf Art. 124 ZGB zurückzugreifen (Thomas Geiser, Berufliche</span><br/> <span class="ft1">Vorsorge im neuen Scheidungsrecht, in: Vom alten zum neuen Schei-</span><br/> <span class="ft1">dungsrecht, Bern 1999, Note 2.99). Gleicher Ansicht ist Thomas Sut-</span><br/> <span class="ft1">ter-Somm: Eine direkte Anwendung des schweizerischen Rechts</span><br/> <span class="ft1">(Art. 122 ZGB; Art. 22 ff. FZG) auf den ausländischen Vorsorgeträ-</span><br/> <span class="ft1">ger ist von der Sache her aus diversen Gründen in der Regel unmög-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">67</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">lich: Das Recht des betreffenden ausländischen Staates wird es kaum</span><br/> <span class="ft1">zulassen, dass der möglicherweise rein öffentlich-rechtlich organi-</span><br/> <span class="ft1">sierte Vorsorgeträger (z.B. deutsche Bundesversicherungsanstalt) am</span><br/> <span class="ft1">schweizerischen Verfahren teilnehmen und noch viel weniger sich</span><br/> <span class="ft1">später dem schweizerischen Urteil unterziehen muss. Als Lösung im</span><br/> <span class="ft1">Vordergrund steht die Festlegung einer angemessenen Entschädigung</span><br/> <span class="ft1">durch das Scheidungsgericht in Anwendung von Art. 124 ZGB we-</span><br/> <span class="ft1">gen der fehlenden Teilungsmöglichkeit. Damit die Angemessenheit</span><br/> <span class="ft1">beurteilt werden kann, ist eine Rückfrage beim ausländischen</span><br/> <span class="ft1">Vorsorgeträger über den Wert der dort vorhandenen Vorsorge nötig.</span><br/> <span class="ft1">Damit ist es zugleich unerheblich, ob sich die Parteien einig sind</span><br/> <span class="ft1">oder nicht. Es findet keine Prozessüberweisung im Sinne von Art.</span><br/> <span class="ft1">142 ZGB an ein schweizerisches Sozialversicherungsgericht oder an</span><br/> <span class="ft1">ein ausländisches Gericht für den Vorsorgeausgleich statt, sondern</span><br/> <span class="ft1">das Scheidungsgericht bleibt umfassend zuständig. Das hat erstens</span><br/> <span class="ft1">den Vorteil, dass der Verfahrensgrundsatz der Einheit des Schei-</span><br/> <span class="ft1">dungsurteils zum Tragen kommt. Zweitens stellt sich nicht die Frage,</span><br/> <span class="ft1">inwiefern das Urteil gegen die nicht am Verfahren beteiligte auslän-</span><br/> <span class="ft1">dische Einrichtung Rechtskraftwirkung entfaltet. Dieses Vorgehen ist</span><br/> <span class="ft1">der einzig gangbare Weg, wenn zugleich in der Schweiz (oder in ei-</span><br/> <span class="ft1">nem Drittstaat) Vorsorgegelder vorhanden sind (Thomas Sutter-</span><br/> <span class="ft1">Somm, Ausgewählte Verfahrensfragen im neuen Scheidungsrecht bei</span><br/> <span class="ft1">internationalen Verhältnissen, insbesondere bei der beruflichen Vor-</span><br/> <span class="ft1">sorge, in: Aktuelle Probleme des nationalen und internationalen Zi-</span><br/> <span class="ft1">vilprozessrechts, Zürich 2000, S. 95 f.; Veterli/Keel, Die Aufteilung</span><br/> <span class="ft1">der beruflichen Vorsorge in der Scheidung, AJP 1999 S. 1619).</span><br/> <span class="ft1">Vetterli/Keel sehen alternativ die Beschränkung auf die hälftige Tei-</span><br/> <span class="ft1">lung der in der Schweiz erworbenen Austrittsleistungen vor, sofern</span><br/> <span class="ft1">das Recht des Staates, in dem ein Ehepartner während der Ehezeit</span><br/> <span class="ft1">Vorsorgeansprüche begründete, ausnahmsweise einen echten und</span><br/> <span class="ft1">vollständigen Ausgleich kenne wie z.B. Deutschland. Der Versor-</span><br/> <span class="ft1">gungsausgleich könne dann im betreffenden Land auf Antrag eines</span><br/> <span class="ft1">Ehegatten nachgeholt werden (Vetterli/Keel, a.a.O., S. 1619). Die</span><br/> <span class="ft1">erstgenannte Lösung erscheint sachgerechter, da durch die Anwen-</span><br/> <span class="ft1">dung von Art. 124 ZGB vermieden wird, dass ein Ehegatte mit der</span><br/> <span class="ft1">schlechteren Vorsorge dennoch die in der Schweiz erworbenen Aus-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">68</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">trittsleistungen zu teilen hat und unter Umständen in der Folge kein</span><br/> <span class="ft1">Ausgleich im Ausland mehr stattfindet.</span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">(...) Die Beklagte hat ausschliesslich in Deutschland gearbeitet</span><br/> <span class="ft1">und war demzufolge bei einem ausländischen Vorsorgeträger versi-</span><br/> <span class="ft1">chert. Da sie gemäss Angaben des Klägers zu 100 % gearbeitet hat,</span><br/> <span class="ft1">ist davon auszugehen, dass Alters-Vorsorgebeiträge geäufnet wurden.</span><br/> <span class="ft1">Bei der Beklagten liegt demzufolge Teilungsmöglichkeit vor, wes-</span><br/> <span class="ft1">halb nicht mehr nach Art. 122 ZGB geteilt werden kann, sondern</span><br/> <span class="ft1">dem anspruchsberechtigten Ehegatten eine angemessene Entschädi-</span><br/> <span class="ft1">gung nach Art. 124 Abs. 1 ZGB zuzusprechen ist.</span><br/> <span class="ft1">1.3.</span><br/> <span class="ft1">Somit liegt bei dieser Fallkonstellation die sachliche Zuständig-</span><br/> <span class="ft1">keit zur Festsetzung einer angemessenen Entschädigung nach</span><br/> <span class="ft1">Art. 124 ZGB beim nach Art. 135 Abs. 1 ZGB zuständigen Zivilge-</span><br/> <span class="ft1">richt und nicht beim Sozialversicherungsgericht, auch wenn sich die</span><br/> <span class="ft1">Parteien nicht einig sind (Sutter-Somm, a.a.O., S. 95). Eine solche</span><br/> <span class="ft1">Zuständigkeitsordnung ist auch deshalb sinnvoll, weil bei der Be-</span><br/> <span class="ft1">stimmung des angemessenen Ausgleichsanspruches nach Art. 124</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 ZGB dem Ergebnis der güterrechtlichen Auseinandersetzung</span><br/> <span class="ft1">sowie den übrigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Parteien gebüh-</span><br/> <span class="ft1">rend Rechnung getragen werden muss (BGE 127 III 439 Erw. 3),</span><br/> <span class="ft1">was einzig das Zivilgericht im Rahmen eines umfassenden Schei-</span><br/> <span class="ft1">dungsverfahrens tun kann. Es ergibt sich, dass das angerufene</span><br/> <span class="ft1">Sozialversicherungsgericht zur Beurteilung der ihm unterbreiteten</span><br/> <span class="ft1">Angelegenheit sachlich nicht zuständig ist. (...)</span><br/></div> </div> </body> </html>