<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 142 S.613</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Waffenrecht</span> <span class="page_no">613</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VII. Waffenrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>142 Waffenerwerbsschein.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Bei der Prüfung des Gesuchs auf Erteilung eines Waffenerwerbs-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>scheins kann nicht ausser Acht gelassen werden, ob bereits im</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Beurteilungszeitpunkt deutliche Anhaltspunkte dafür bestehen, dass</b></span><br/> <span class="ft3"><b>bei einem allfälligen späteren Hantieren mit der erworbenen Waffe</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Situationen entstehen werden, die zu einer Selbst- oder Dritt-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gefährdung führen könnten (Erw. 2 b aa).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Der "Anlass zur Annahme" einer Selbst- oder Drittgefährdung setzt</b></span><br/> <span class="ft3"><b>weniger als das Vorliegen eines hieb- und stichfesten Beweises, aber</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mehr als einen blossen vagen Verdacht, d.h. die ernsthafte Möglich-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>keit, voraus (Erw. 2 b aa und c).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Ein bereits früher erteilter Waffenerwerbsschein ist beim Wegfall der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>für die Bewilligung notwendigen Voraussetzungen zu widerrufen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 2 b bb und c).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Regierungsrates vom 7. Juni 2000 in Sachen E.B. gegen Po-</span><br/> <span class="ft4">lizeikommando.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2. (...)</span><br/> <span class="ft6">b) aa) Mit dem gestützt auf Art. 40</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span> <span class="ft6">der Bundesverfassung der</span><br/> <span class="ft6">Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 29. Mai 1874 (aBV) erlas-</span><br/> <span class="ft6">senen Bundesgesetz über Waffen, Waffenzubehör und Munition</span><br/> <span class="ft6">(Waffengesetz, WG) vom 20. Juni 1997 sind die Handänderungen</span><br/> <span class="ft6">von Waffen im gewerbsmässigen Handel erstmals im Rahmen einer</span><br/> <span class="ft6">gesamtschweizerischen Regelung einer generellen Bewilligungs-</span><br/> <span class="ft6">pflicht unterstellt worden. Demgemäss brauchen diejenigen Perso-</span><br/> <span class="ft6">nen, welche eine Waffe bei einem Waffenhändler oder einer Waffen-</span><br/> <span class="ft6">händlerin, bei einem Büchsenmacher oder einer Büchsenmacherin</span><br/> <span class="ft6">erwerben wollen, dazu Waffenerwerbsscheine, die von der zuständi-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">614</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">gen kantonalen Behörde dann erteilt werden, wenn das dafür vorge-</span><br/> <span class="ft6">sehene Antragsformular vollständig und wahrheitsgetreu ausgefüllt</span><br/> <span class="ft6">eingereicht wird und keine der im Waffengesetz abschliessend auf-</span><br/> <span class="ft6">gezählten Negativvoraussetzungen erfüllt sind. Massgebend ist im</span><br/> <span class="ft6">letztgenannten Zusammenhang die Regelung in Art. 8 WG. Gemäss</span><br/> <span class="ft6">Abs. 2 dieser Bestimmung erhalten diejenigen Personen keinen Waf-</span><br/> <span class="ft6">fenerwerbsschein, welche das 18. Altersjahr noch nicht vollendet</span><br/> <span class="ft6">haben (lit. a); entmündigt sind (lit. b); zur Annahme Anlass geben,</span><br/> <span class="ft6">dass sie sich selbst oder Dritte mit der Waffe gefährden (lit. c) oder</span><br/> <span class="ft6">wegen einer Handlung, die eine gewalttätige oder gemeingefährliche</span><br/> <span class="ft6">Gesinnung bekundet, oder wegen wiederholt begangener Verbrechen</span><br/> <span class="ft6">oder Vergehen im Strafregister eingetragen sind, solange der Eintrag</span><br/> <span class="ft6">nicht gelöscht ist (lit. d).</span><br/> <span class="ft6">Im Kanton Aargau entscheidet das Polizeikommando über die</span><br/> <span class="ft6">Erteilung des Waffenerwerbsscheins (§ 5 der Vollziehungsverord-</span><br/> <span class="ft6">nung zur Bundesgesetzgebung über Waffen, Waffenzubehör und</span><br/> <span class="ft6">Munition vom 25. November 1998). Die Behörde prüft hiezu, ob die</span><br/> <span class="ft6">von der gesuchstellenden Person gemachten Angaben glaubhaft sind</span><br/> <span class="ft6">(Art. 10 Abs. 2 der bundesrätlichen Verordnung über Waffen, Waf-</span><br/> <span class="ft6">fenzubehör und Munition [Waffenverordnung, WV] vom 21. Sep-</span><br/> <span class="ft6">tember 1998). Im Bezug auf die vorliegend interessierende Selbst-</span><br/> <span class="ft6">oder Drittgefährdung gemäss Art. 8 Abs. 2 lit. c WG wird von der</span><br/> <span class="ft6">prüfenden Behörde zwar kein strikter Nachweis der Gefährdung</span><br/> <span class="ft6">verlangt, die bloss nur vage Wahrscheinlichkeit einer Selbst- oder</span><br/> <span class="ft6">Drittgefährdung ist für das Verweigern des Waffenerwerbsscheins</span><br/> <span class="ft6">jedoch nicht ausreichend. Der verlangte "Anlass zur Annahme" einer</span><br/> <span class="ft6">Selbst- oder Drittgefährdung setzt demgemäss weniger als das Vor-</span><br/> <span class="ft6">liegen eines hieb- und stichfesten Beweises, aber mehr als einen</span><br/> <span class="ft6">blossen Verdacht voraus. Dementsprechend hat sich die das Gesuch</span><br/> <span class="ft6">prüfende Behörde zumindest von der ernsthaften Möglichkeit des</span><br/> <span class="ft6">Vorliegens einer konkreten Selbst- oder Drittgefährdung zu überzeu-</span><br/> <span class="ft6">gen. Ein "Anlass zur Annahme" einer Selbst- oder Drittgefährdung</span><br/> <span class="ft6">kann insbesondere hinsichtlich jenen Personen gegeben sein, bei</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Waffenrecht</span> <span class="page_no">615</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">welchen aufgrund ihrer Verhaltensweisen in der Vergangenheit bzw.</span><br/> <span class="ft6">ihrer allgemeinen psychischen Verfassung entsprechende Indizien</span><br/> <span class="ft6">vorliegen. Dabei ist zu bedenken, dass bereits der Bundesgesetzgeber</span><br/> <span class="ft6">zwecks präventiver Bekämpfung des Waffenmissbrauchs eine</span><br/> <span class="ft6">strenge - wenn im Vergleich zur Frage des Waffentragens auch weni-</span><br/> <span class="ft6">ger restriktive - Handhabe der gesetzlichen Voraussetzungen im</span><br/> <span class="ft6">Auge hatte (vgl. hiezu auch die Botschaft zum Waffengesetz vom</span><br/> <span class="ft6">24. Januar 1996, BBl 1996 I, Übersicht, Art. 8 und 15, S. 1054, 1061</span><br/> <span class="ft6">f. und 1065).</span><br/> <span class="ft6">bb) Gemäss § 26 Abs. 1 VRPG können Verfügungen und Ent-</span><br/> <span class="ft6">scheide, die der Rechtslage oder den sachlichen Erfordernissen nicht</span><br/> <span class="ft6">entsprechen, durch die erlassende Behörde oder die Aufsichtsbehörde</span><br/> <span class="ft6">auch abgeändert oder aufgehoben werden, wenn wichtige öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Interessen es erfordern. Bewilligungen, mit denen einer Person nicht</span><br/> <span class="ft6">nur ein einmaliges Verhalten, sondern eine dauernde Tätigkeit</span><br/> <span class="ft6">gestattet worden ist, sind widerruflich, wenn sie infolge Änderung</span><br/> <span class="ft6">der tatsächlichen Verhältnisse nicht mehr gerechtfertigt sind,</span><br/> <span class="ft6">insbesondere wenn der Bewilligungsinhaber oder die Bewilli-</span><br/> <span class="ft6">gungsinhaberin die für die Bewilligung notwendigen Voraussetzun-</span><br/> <span class="ft6">gen nicht mehr erfüllt (vgl. Imboden/Rhinow, Schweizerische Ver-</span><br/> <span class="ft6">waltungsrechtsprechung, 6. Auflage, Basel 1986, Nr. 45 B. II.3; BGE</span><br/> <span class="ft6">100 Ib 303 f.). Analog zu den zweitgenannten Fällen sind auch jene</span><br/> <span class="ft6">Konstellationen zu behandeln, bei welchen Personen durch Bewilli-</span><br/> <span class="ft6">gungen - wie im Falle des Waffenerwerbsscheins - ermächtigt wer-</span><br/> <span class="ft6">den, eine bestimmte Handlung innerhalb einer festgesetzten Frist</span><br/> <span class="ft6">vorzunehmen, von der betreffenden Bewilligung jedoch noch kein</span><br/> <span class="ft6">Gebrauch gemacht worden ist.</span><br/> <span class="ft6">c) In Übereinstimmung mit der Vorinstanz kommt der Regie-</span><br/> <span class="ft6">rungsrat vorliegend ebenfalls zum Schluss, dass es im vorweg be-</span><br/> <span class="ft6">schriebenen Sinne tatsächlich ernsthaften Anlass zur Annahme gege-</span><br/> <span class="ft6">ben hat bzw. gibt, dass die Beschwerdeführerin sich selbst oder</span><br/> <span class="ft6">Dritte mit der Waffe gefährden könnte. Dabei ist mit der Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführerin zwar zunächst festzustellen, dass es im Rahmen der Er-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">616</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">teilung eines Waffenerwerbsscheins grundsätzlich nicht auf die</span><br/> <span class="ft6">fachtechnischen Fähigkeiten im Umgang mit einer Waffe ankommen</span><br/> <span class="ft6">kann. Das Waffengesetz sieht dementsprechend auch nicht vor, die</span><br/> <span class="ft6">Erteilung eines</span> <span class="ft6">Waffenerwerbsscheins vom Vorliegen eines diesbe-</span><br/> <span class="ft6">züglichen Fähigkeitsbeleges abhängig zu machen. Dennoch kann es</span><br/> <span class="ft6">bei der Prüfung des Gesuches auf Erteilung eines Waffenerwerbs-</span><br/> <span class="ft6">scheins im Hinblick auf Art. 8 Abs. 2 lit. c WG nicht ausser Acht</span><br/> <span class="ft6">gelassen werden, ob bereits im Beurteilungszeitpunkt deutliche An-</span><br/> <span class="ft6">haltspunkte dafür bestehen, dass bei einem allfälligen späteren Han-</span><br/> <span class="ft6">tieren mit der erworbenen Waffe Situationen entstehen werden, die</span><br/> <span class="ft6">zu einer Selbst- oder Drittgefährdung führen könnten. Vorliegend ist</span><br/> <span class="ft6">in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung, dass nach der</span><br/> <span class="ft6">Beurteilung des Bezirksarzt-Stellvertreters Dr. med. L.W. die Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführerin angesichts ihrer starken Sehbehinderung (praktisch</span><br/> <span class="ft6">blind auf einem Auge, ein Restvisus von lediglich knapp 20 % auf</span><br/> <span class="ft6">dem andern) schon aus medizinischen Gründen nicht in der Lage ist,</span><br/> <span class="ft6">mit einer Waffe zu hantieren bzw. eine solche mit der gebotenen</span><br/> <span class="ft6">Sicherheit einzusetzen. An der deutlichen Aussagekraft dieser ärztli-</span><br/> <span class="ft6">chen Einschätzung hat vorliegend auch die eingereichte Bestätigung</span><br/> <span class="ft6">des Leiters des Schiesskellers K. in S. nichts zu ändern vermocht.</span><br/> <span class="ft6">Der auf Ersuchen der Beschwerdeführerin ausgestellten Bestätigung</span><br/> <span class="ft6">lässt sich denn grundsätzlich auch nur entnehmen, dass nach Auffas-</span><br/> <span class="ft6">sung von H.K. die Beschwerdeführerin trotz der fehlenden normalen</span><br/> <span class="ft6">Sehkraft - zumindest unter den Bedingungen eines Schiesskellers -</span><br/> <span class="ft6">den Umgang mit der Waffe beherrsche.</span><br/> <span class="ft6">Im Rahmen der vorliegenden Prüfung ist im Weiteren zu be-</span><br/> <span class="ft6">rücksichtigen, dass sich die Vorinstanz unabhängig vom vorweg</span><br/> <span class="ft6">Gesagten auch durch verschiedene weitere Umstände bzw. Gescheh-</span><br/> <span class="ft6">nisse zu Recht veranlasst gesehen hat, die Wiederaushändigung des</span><br/> <span class="ft6">Waffenerwerbsscheins zu verweigern bzw. die Erteilung des Waf-</span><br/> <span class="ft6">fenerwerbsscheins zu widerrufen. Dementsprechend hat denn auch</span><br/> <span class="ft6">erst die Gesamtheit der gewonnenen Erkenntnisse die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft6">letztlich zum Schluss geführt, dass es zumindest derzeit zur präventi-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Waffenrecht</span> <span class="page_no">617</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ven Vermeidung eines Waffenmissbrauchs sowie auch allfälliger mit</span><br/> <span class="ft6">dem Waffenbesitz verbundener Unfallrisiken angezeigt sei, den Waf-</span><br/> <span class="ft6">fenerwerbsschein der Beschwerdeführerin weiterhin einzubehalten.</span><br/> <span class="ft6">So hat sich zum einen dem Informationsbericht der Kantonspolizei</span><br/> <span class="ft6">vom 16. November 1999 entnehmen lassen, dass der den Bericht</span><br/> <span class="ft6">verfassende Polizist (...) aufgrund seines persönlichen Gesprächs mit</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdeführerin den Eindruck gewonnen habe, dass diese</span><br/> <span class="ft6">psychisch krank oder zumindest angeschlagen sei. Zwar ist einzu-</span><br/> <span class="ft6">räumen, dass diesen Eindrücken kein medizinisch diagnostischer</span><br/> <span class="ft6">Charakter zukommt, hingegen belegen sie gewisse offensichtliche</span><br/> <span class="ft6">Verhaltensauffälligkeiten, die für die vorliegend zu beurteilenden</span><br/> <span class="ft6">Fragen relevant sind. Überdies ist auch im</span> <span class="ft6">Journalauszug des Poli-</span><br/> <br/> <span class="ft6">zeikommandos A. vom 29. Oktober 1999 festgehalten worden, dass</span><br/> <span class="ft6">die Beschwerdeführerin bereits am 22. Oktober 1999 innerhalb von</span><br/> <span class="ft6">nur 30 Minuten zweimal "in verwirrtem Zustand" bei der Kan-</span><br/> <span class="ft6">tonspolizei B. vorgesprochen und dabei mit wenig glaubhaften An-</span><br/> <span class="ft6">gaben angezeigt habe, sie werde von Sekten ("Christen") verfolgt.</span><br/> <span class="ft6">Schliesslich haben auch die im Rahmen der Anzeige "B." (vgl. ...) -</span><br/> <span class="ft6">wenn auch nie nachweislich substanziiert - erhobenen Vorwürfe (Le-</span><br/> <span class="ft6">bensgefährdung des Chefs) nicht dazu beitragen können, die bereits</span><br/> <span class="ft6">durch die vorgenannten Umstände gewonnene Überzeugung der</span><br/> <span class="ft6">Vorinstanz zu zerstreuen, dass vorliegend ernsthaft Anlass zur An-</span><br/> <span class="ft6">nahme bestehe, die Beschwerdeführerin könnte sich selbst oder</span><br/> <span class="ft6">Dritte durch eine Waffe gefährden.</span><br/> <span class="ft6">3. Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz das Gesuch der Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführerin auf Wiederaushändigung des Waffenerwerbs-</span><br/> <span class="ft6">scheins im Sinne einer durch den Bundesgesetzgeber angestrebten,</span><br/> <span class="ft6">einheitlich strengen Bewilligungspraxis zu Recht abgelehnt bzw. die</span><br/> <span class="ft6">früher erteilte Bewilligung wegen Wegfalls der für die Bewilligung</span><br/> <span class="ft6">notwendigen Voraussetzungen widerrufen. (...)</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>