Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 19. Juli 2018 (720 16 334 / 184) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Die Diagnose einer leichten Intelligenzminderung st ellt keine Beeinträchtigung der psy- chischen Gesundheit im Sinne von Art. 42 Abs. 3 IVG und Art. 38 Abs. 2 IVV dar. Für die Annahme einer Hilflosigkeit infolge Bedarfs an lebe nspraktischer Begleitung muss vor- liegend somit kein Anspruch auf mindestens eine Viertelsrente bestehen. Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Mar kus Mattle, Kantonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiberin Katja Wagner Parteien A.____, Beschwerdeführerin, vertreten durc h Stephan Müller, Advo- kat, c/o Procap Schweiz, Frohburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Rückweisung / Hilflosenentschädigung A.1 Die 1985 geborene A.____ meldete sich erstmals mit Gesuch vom 27. September 2000 unter Hinweis auf eine Minderintelligenz sowie einen Entwicklungsrückstand bei der Eid- genössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistun gsbezug an. Mit Verfügung vom 29. Mai 2001 wurde ihr eine Anlehre im Verkauf im Sinne ein er erstmaligen beruflichen Ausbildung zu- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht gesprochen. Diese Ausbildung schloss A.____ am 31. Juli 2003 erfolgreich ab. Am 24. August 2010 beantragte die Versicherte erneut Leistungen der IV. Mit Schreiben vom 7. März 2011 wurde ihr durch die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stel le) Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche zugesprochen. Am 19. August 2011 wurden die beruflichen Massnahmen mit der Begründung, dass die Betreuung der Kinder neben einer Erwerbstätigkeit vor Sommer 2012 nicht möglich sei, wieder abgeschlossen. A.2 Am 7. Juli 2014 meldete sich A.____ abermals zum Be zug von Leistungen bei der IV an, wobei sie im entsprechenden Anmeldeformular eine Hilflosenentschädigung beantragte. Mit Verfügung vom 13. Oktober 2014 sprach die IV-Stelle ihr eine Hiflosenentschädigung leichten Grades, rückwirkend ab 1. Juli 2013, zu. Die Versicherte e rhob hiergegen Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicheru ngsrecht (Kantonsgericht), wel- ches die Beschwerde mit Urteil vom 7. Mai 2015 insofern guthiess, als es feststellte, dass der Versicherten bereits ab 1. Juli 2009 eine Hilflosenentschädigung leichten Grades zuzusprechen sei. Die IV-Stelle zog dieses Urteil weiter vor das Bu ndesgericht, welches mit Urteil vom 19. September 2016 in teilweiser Gutheissung der Besch werde den Entscheid des Kantonsge- richts vom 7. Mai 2015 aufhob und die Angelegenheit zur Neubeurteilung an dieses zurückwies. Es erwog, das Kantonsgericht habe zwar die Voraussetzung en einer Hilflosenentschädigung leichten Grades bejaht. Der angefochtene Entscheid vom 7 . Mai 2015 enthalte indessen keine Ausführungen dazu, ob die diagnostizierte Intelligenzmi nderung (ICD-10 F70) eine Beeinträch- tigung der psychischen Gesundheit im Sinne von Art. 42 A bs. 3 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 und Art. 38 Abs. 2 der Verordnung über die In- validenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 darstelle. Gemäss Art. 42 Abs. 3 IVG und Art. 38 Abs. 2 IVV müsse für die Annahme einer Hilflosi gkeit wegen Bedarfs an lebensprakti- scher Begleitung gleichzeitig mindestens ein Anspruch auf eine Viertelsrente bestehen, sofern lediglich die psychische Gesundheit beeinträchtigt ist. W eil es indessen an einem rechtskräfti- gen Entscheid über den Rentenanspruch fehle, sei die Sache an das Kantonsgericht zurückzu- weisen, damit dieses das Verfahren bis zur Klärung der Re ntenfrage sistiere. Danach werde es allenfalls unter Beantwortung der Frage, ob es sich bei dieser Diagnose um eine Beeinträchti- gung der psychischen Gesundheit handle, neu über die Hil flosenentschädigung zu befinden haben. B. In Nachachtung des Urteils des Bundesgerichts vom 19. September 2016 sistierte das Kantonsgericht mit Verfügung vom 19. Oktober 2016 das v orliegende Verfahren. Nachdem die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 6. Juni 2017 der Versic herten in Anwendung der gemischten Methode (50% Haushalt / 50% Erwerb) mit Wirkung ab 1. August 2012 gestützt auf einen ermit- telten Invaliditätsgrad von 52% ab 1. August 2012 bzw. von 53% ab 22. April 2015 eine halbe Rente zugesprochen hatte, hob das Kantonsgericht am 29. September 2017 die Sistierung auf. Gleichzeitig forderte es die IV-Stelle auf, zu den Ausw irkungen des Rentenanspruchs auf den Anspruch auf Hilflosenentschädigung Stellung zu nehmen. C. In ihrer Stellungnahme vom 5. März 2018 teilte die IV-Stelle mit, dass nunmehr ein Anspruch auf Hilflosenentschädigung leichten Grades ab 1. August 2012 bestehe. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht D. Mit Eingabe vom 22. März 2018 beantragte die Beschw erdeführerin, ihr sei die Hilflo- senentschädigung leichten Grades bereits mit Wirkung ab 1. Juli 2009 zuzusprechen (im Sinne der Erwägungen des Urteils des Kantonsgerichts vom 7. Ma i 2015 zur rückwirkenden Ausrich- tung der Hilflosenentschädigung). Da es sich bei der di agnostizierten Intelligenzminderung (ICD-10 F70) nicht um einen psychischen, sondern um eine n geistigen Gesundheitsschaden handle, sei der Anspruch somit bereits per 1. Juli 2009 entstanden. E. In ihrer Eingabe vom 24. April 2018 hielt die IV -Stelle vollumfänglich an ihrem Stand- punkt fest. Sie führte im Wesentlichen aus, mit der B eeinträchtigung der "psychischen Gesund- heit" in Art. 42 Abs. 3 IVG seien die im ICD in Kapi tel V ″Psychische Erkrankungen und Verhal- tensauffälligkeiten“ unter der Kodierung F00-99 darg estellten Krankheiten gemeint. Demzufolge werde auch die unter dieser Kodierung aufgeführte Int elligenzminderung (ICD-10 F70) vom Be- griff der psychischen Gesundheit in Art. 42 Abs. 3 IVG e rfasst, womit es sich bei der besagten Diagnose um eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit handle. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Das Kantonsgericht erachtete sich im Urteil vom 7. M ai 2015 zuständig für die Behand- lung der Beschwerde vom 17. November 2014. Im Rückweisungsentscheid des Bundesgerichts vom 19. September 2016 wurde die örtliche und sachlich e Zuständigkeit des Kantonsgerichts nicht in Frage gestellt und die Sache zu neuer Beurte ilung an dieses zurückgewiesen. Auf die Beschwerde ist daher unbestrittenermassen neu einzutreten. 2.1 Nach Art. 42 Abs. 1 IVG haben Versicherte mit Wohnsi tz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die hilflos sind, Anspruch auf eine Hil flosenentschädigung. Nach Art. 9 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche rungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist eine Person hilflos, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für all- tägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritte r oder der persönlichen Überwachung bedarf. Das Gesetz unterscheidet zwischen schwerer, mittel schwerer und leichter Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 2 IVG). Als hilflos gilt ebenfalls eine P erson, welche zu Hause lebt und wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit dauernd auf lebenspr aktische Begleitung angewiesen ist. Ist nur die psychische Gesundheit beeinträchtigt, so muss für d ie Annahme einer Hilflosigkeit min- destens ein Anspruch auf eine Viertelsrente gegeben sein. Ist eine Person lediglich dauernd auf lebenspraktische Begleitung angewiesen, so liegt immer eine leichte Hilflosigkeit vor. Ist eine Person lediglich dauernd auf lebenspraktische Begleitung angewiesen, so liegt immer eine leichte Hilflosigkeit vor (Art. 42 Abs. 3 IVG). 2.2 Gemäss Art. 38 Abs. 1 IVV liegt ein Bedarf an lebe nspraktischer Begleitung im Sinne von Art. 42 Abs. 3 IVG vor, wenn eine volljährige versiche rte Person ausserhalb eines Heimes lebt und infolge Beeinträchtigung der Gesundheit ohne Begleitung einer Drittperson nicht selbstständig wohnen kann (lit. a), für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung auf Begleitung einer Drittperson angewiesen ist (lit. b) oder ernsthaft gefährdet ist, sich dauernd von Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Aussenwelt zu isolieren (lit. c). Zu berücksichtigen ist nur diejenige lebenspraktische Beglei- tung, die regelmässig und im Zusammenhang mit den in Abs. 1 erwähnten Situationen erforder- lich ist. Nicht darunter fallen insbesondere Vertretung s- und Verwaltungstätigkeiten im Rahmen von Massnahmen des Erwachsenenschutzes nach den Artikeln 390–398 des Zivilgesetzbuches (Art. 38 Abs. 3 IVV). Die lebenspraktische Begleitung stellt ein zusätzliches und eigenständiges Institut der Hilfe dar (BGE 133 V 466 E. 9). Sie ist notwendig, damit der Alltag selbstständig bewältigt werden kann und liegt vor, wenn die versicher te Person auf Hilfe bei der Tagesstruk- turierung, Unterstützung bei der Bewältigung von Allta gssituationen oder Anleitung zur Erledi- gung des Haushalts angewiesen ist. Bei ausserhäuslichen V errichtungen ist die lebensprakti- sche Begleitung notwendig, damit die versicherte Person in der Lage ist, das Haus für bestimm- te notwendige Verrichtungen und Kontakte (Einkaufen, Freizeitaktivitäten, Kontakte mit Amts- stellen oder Medizinalpersonen, Coiffeurbesuch, etc.) zu verlassen (KSIH Rz. 8050 f.; vgl. BGE 133 V 465 f. E. 8.2.3). Die Frage, ob eine entsprechende Hilfsbedürftigkeit besteht, ist objektiv, nach dem Zustand der versicherten Person, zu b eurteilen (BGE 133 V 461 E. 5 mit Hinweisen). Nicht erforderlich ist, dass die lebenspraktisch e Begleitung durch fachlich qualifi- ziertes oder speziell geschultes Betreuungspersonal erbracht wird (KSIH Rz. 8047). 3.1 Unter den Parteien zu Recht unbestritten geblieb en ist, dass die Voraussetzungen für eine Hilflosenentschädigung leichten Grades im Sinne vo n Art. 42 Abs. 3 IVG erfüllt sind. Fer- ner ist die aktuelle medizinische Situation der Beschwer deführerin unter den Parteien nicht streitig. Im angefochtenen Urteil des Kantonsgerichts vo m 7. Mai 2015 befasste sich das Ge- richt mit der im damaligen Verfahren umstrittenen Fra ge des Zeitpunktes, ab wann die Be- schwerdeführerin Anspruch auf eine Hilflosenentschädigu ng leichten Grades habe. Wie ein- gangs erwähnt, gelangte es hierbei zum Schluss, dass der Versicherten mit Wirkung ab 1. Juli 2009 eine Hilflosenentschädigung leichten Grades zuzusprechen sei. Es folgte damit weder der IV-Stelle, die den Anspruchsbeginn in ihrer Verfügung vom 13. Oktober 2014 auf den 1. Juli 2013 festgelegt hatte noch der Versicherten, die einen Anspruch ab 1. Januar 2007 verlangt hatte (vgl. hierzu ausführlich Urteil des Kantonsgerich ts vom 7. Mai 2015, 720 14 359, E. 4.1 ff.). Diese kantonsgerichtlichen Erwägungen wu rden im Verfahren vor Bundesgericht weder bestritten noch hat das Bundesgericht die diesbezüg lichen Ausführungen beanstandet. Für das Kantonsgericht besteht daher keine Veranlassun g, von dem von ihm im früheren Ver- fahren ermittelten frühestmöglichen Beginn des Anspr uchs auf eine Hilflosenentschädigung leichten Grades abzuweichen, zumal dieser von den Parteien nicht (mehr) bestritten wird. 3.2 Im bundesgerichtlichen Rückweisungsurteil vom 19. Sept ember 2016 beanstandet wurde indessen die fehlende Auseinandersetzung mit der Frage, ob die diagnostizierte Intelli- genzminderung (ICD-10 F70) eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit im Sinne von Art. 42 Abs. 3 IVG und Art. 38 Abs. 2 IVV darstelle. B ejahendenfalls muss für die Annahme ei- ner Hilflosigkeit wegen Bedarfs an lebenspraktischer Beg leitung gleichzeitig mindestens ein Anspruch auf eine Viertelsrente bestehen. Aus diesem Grund hob das Bundesgericht das Urteil des Kantonsgerichts auf und wies die Sache bis zum Vo rliegen eines rechtskräftigen Renten- entscheids und zur anschliessenden neuen Entscheidung an dieses zurück. Mit Verfügung vom 15. Januar 2018 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung ab 1. August 2012 eine hal- be Rente der Invalidenversicherung zu, welche unangefoch ten in Rechtskraft erwuchs. Damit Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht steht der Beschwerdeführerin ab diesem Zeitpunkt, ungea chtet der Qualifikation ihres Leidens, ein Anspruch auf Hilflosentschädigung leichten Grades zu. Beschränkt sich der Streitgegen- stand nach dem Gesagten somit auf den Anspruch im Zeitr aum vom 1. Juli 2009 bis 31. Juli 2012, ist in diesem Rahmen zu prüfen, ob die diagnost izierte leichte Intelligenzminderung eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit im Sinne vo n Art. 42 Abs. 3 IVG und Art. 38 Abs. 2 IVV darstellt. 4. Zur Beantwortung der vorliegend umstrittenen Frage gilt es zunächst den Begriff der psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung näher zu beleuchten: 4.1 Der Begriff spielt insbesondere im Rahmen der Lega ldefinitionen der zentralen Grund- begriffe des ATSG eine Rolle, welche im Sinne der Vereinheitlichung des materiellen Sozialver- sicherungsrechts für mehrere Bereiche Bedeutung haben. G emäss der Legaldefinition in Art. 3 Abs. 1 ATSG, der kraft Art. 2 ATSG i.V.m Art. 1 Abs. 1 IVG auch im Bereich der Invalidenversi- cherung Anwendung findet, gilt als Krankheit jede Bee inträchtigung der körperlichen , geistigen oder psychischen Gesundheit. Art. 3 Abs. 1 ATSG enthält eine Definiti on im Rahmen der Ge- setzgebung zum Sozialversicherungsrecht (vgl. U ELI KIESER , ATSG-Kommentar, 3. Aufl., Zü- rich/Basel/Genf 2015, N 8 zu Art. 3). Der Krankheitsbe griff ist eine rechtliche und keine medizi- nische Umschreibung, der Rechtsbegriff "Krankheit" deckt sich nicht notwendigerweise mit dem medizinischen Krankheitsbegriff (vgl. UELI KIESER , a.a.O, N 13 zu Art. 3). Auch der Invaliditäts- begriff in Art. 8 ATSG, auf den Art. 4 IVG verweist, enthält diese Dreiteilung der gesundheitli- chen Beeinträchtigung. Art. 8 ATSG umschreibt die Inval idität unter Bezugnahme auf die Er- werbsunfähigkeit, welche in Art. 7 ATSG als ganzer oder teilweiser Verlust der Erwerbsmöglich- keiten infolge einer Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit definiert wird (vgl. U ELI KIESER , ATSG-Kommentar, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2015, N 9 zu Art. 8). 4.2 Bis zum In-Kraft-Treten des ATSG wurde Krankheit i n aArt. 2 KVG (in der bis 31. De- zember 2002 gültig gewesenen Fassung) als Beeinträchtig ung der körperliche n und geistigen Gesundheit definiert. Auch im Invaliditätsbegriff in aA rt. 4 IVG (in der bis 31. Dezember 2002 gültig gewesenen Fassung) wurden als Ursachen einer Erwerbsunfähigkeit ausdrücklich körper- liche und geistige Gesundheitsschäden erwähnt. Rechtsprechungsgemäss wurden d ie psychi- schen Gesundheitsschäden den geistigen Gesundheitsschäden im weiteren Sinne zugeordnet (so etwa BGE 129 V 35 E. 3a). Obwohl im Gesetz nicht au sdrücklich erwähnt, wurden somit auch die psychischen Gesundheitsschäden als mögliche Invalidit ätsursache anerkannt (vgl. Botschaft über die 4. Revision des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung vom 21. Februar 2001 [4. Revision], BBl 2001 3263). Auch in der Literatur bestand schon im damali- gen Recht Einigkeit darüber, dass die geistige Gesundhei t unbestrittenermassen auch die psy- chische Gesundheit miteinschliesst (vgl. A LFRED MAURER , Das neue Krankenversicherungs- recht, Basel/Frankfurt a.M 1996, S. 29; vgl. auch UELI KIESER , a.a.O., N 26 zu Art. 3). 4.3 Im Rahmen der Ausarbeitung des ATSG hat der Gese tzgeber vorerst darauf verzichtet, die Dreiteilung der Krankheitsumschreibung in Art. 3 A bs. 1 ATSG aufzunehmen (vgl. U ELI KIESER , ATSG-Kommentar, Zürich/Basel/Genf 2015, N 24 zu Art. 3). Im Zuge der 4. IV-Revision Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht ist der Gesetzgeber aber auf diesen Entscheid zurückgekom men. In der hierzu ergangenen Botschaft zur 4. IV-Revision wird ausgeführt, dass geistig e und psychische Gesundheitsschä- den völlig unterschiedliche Schädigungen darstellen würde n. Als geistige Gesundheitsschäden im engeren Sinne würden mangelnde intellektuelle Ent wicklungen durch angeborene oder er- worbene Schädigungen gelten (z.B. Schwachsinn, Geistesschw äche). Demgegenüber spreche man bei emotionalen oder kognitiven (Wahrnehmungs-)S törungen von psychischen Gesund- heitsschäden (z.B. Schizophrenie, Depression, Persönlichkei tsstörungen). Die ausdrückliche Anerkennung der psychischen Gesundheitsschäden als – genauso wie die körperlichen und geistigen Gesundheitsschäden – mögliche Ursache der Invalid ität sei von grundlegender Be- deutung und solle deshalb im gesamten Sozialversicheru ngsrecht umgesetzt werden. Dies be- dinge auch eine Änderung des ATSG. Mit der ausdrücklich en Nennung der psychischen Ge- sundheitsschäden auf Gesetzesebene werde der gelebten V erwaltungs- und Gerichtspraxis Rechnung getragen (Botschaft über die 4. Revision des Bun desgesetzes über die Invalidenver- sicherung vom 21. Februar 2001 [4. Revision], BBl 2001 3225 und 3263 f.). 4.4 In pflichtgemässer Würdigung der vorstehend geschil derten Entstehungsgeschichte zur dreiteiligen Umschreibung der Gesundheitsbeeinträcht igung bzw. zur expliziten Aufnahme des Begriffs der psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung in die Sozialversicherungsges etz- gebung steht fest, dass der Begriff der geistigen Gesundheitsbeeinträchtigung aus sozialversi- cherungsrechtlicher Sicht auch die psychische Gesundheitsbeein trächtigung umfasst. Aufgrund dieser Tatsache sowie der Anerkennung der psychischen Gesun dheitsbeeinträchtigung als ei- genständige Krankheitskategorie steht weiter fest, dass vo m umfassenden Begriff der geistigen Gesundheitsbeeinträchtigung auch (weitere) sog. geistige Gesundheitsbeeinträchtigungen im engeren Sinne erfasst werden. Andernfalls käme dem Begr iff der geistigen Gesundheit neben der psychischen Gesundheit seit der Gesetzesrevision keine e igenständige Bedeutung mehr zu. Diese geistigen Gesundheitsbeeinträchtigungen im en geren Sinne unterscheiden sich den Ausführungen des Gesetzgebers zufolge von den psychischen G esundheitsbeeinträchtigungen namentlich durch ihre angeborenen oder im Verlaufe d er Entwicklung erworbenen Schädigun- gen. Während psychische Gesundheitsbeeinträchtigungen als kognitive oder emotionale (Wahrnehmungs-)Störungen umschrieben werden. 5.1 Zu prüfen ist weiter, welcher dieser Kategorien d ie diagnostizierte leichte Intelligenz- minderung (ICD-10 F70) zuzuweisen ist. 5.2 Nach der ICD-10-Klassifikation wird eine leichte In telligenzminderung (ICD-10 F70) definiert als eine sich in der Entwicklung manifestieren de, stehen gebliebene oder unvollständi- ge Entwicklung der geistigen Fähigkeiten mit besonderer Beeinträchtigung von Fertigkeiten, die zum Intelligenzniveau beitragen, wie z.B. Kognition, S prache, motorische und soziale Fähigkei- ten (H. DILLING /W.M OMBOUR /M.H. SCHMIDT [Hrsg.], Internationale Klassifikation psychischer Störungen, 8. Aufl., 2011 S. 308 [F70 Intelligenzminderung]). Auch in der aktuellen Ausgabe der ICD-10-Klassifikation, Version 2018 (abrufbar unter «ht tp://www.dimdi.de», zuletzt besucht am 6. September 2018), wurde an dieser Definition festgehalten. Die Intelligenzminderung wird dort als ein Zustand von verzögerter und unvollständiger Ent wicklung der geistigen Fähigkeiten um- schrieben. Als Ursache verzögerter oder unvollständiger E ntwicklungen geistiger Fähigkeiten Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht kommen genetische Faktoren, hirnorganische Entwicklungsdefi zite oder weitere prä- wie auch postnatale Schäden in Betracht. Mit anderen Worten ha ndelt es sich bei der Intelligenzminde- rung demnach unstreitig um eine mangelnde intellektuel le Entwicklung, deren Ursache in einer angeborenen bzw. im Verlaufe der Entwicklung erworbenen Schädigung liegt und die unter Be- rücksichtigung des vorstehend Dargelegten in rechtlicher H insicht somit unter die geistigen Ge- sundheitsschäden im engeren Sinne zu subsumieren ist. 5.3 Nach Art. 42 Abs. 3 IVG – der in seiner heute ge ltenden Fassung ebenfalls im Rahmen der 4. IV-Revision in Kraft getreten ist – wird für di e Annahme einer Hilflosigkeit wegen Bedarfs an lebenspraktischer Begleitung ein gleichzeitiger Anspru ch auf eine Viertelsrente nur voraus- gesetzt, wenn ausschliesslich die psychische Gesundheit beeinträchtigt ist (vgl. E. 2.1 hiervor). Seinem klaren Wortlaut zufolge ist damit, angesichts der Bedeutung des Begriffs der psychi- schen Gesundheitsbeeinträchtigung im Kontext der sozialve rsicherungsrechtlichen Gesetzge- bung, nicht die leichte Intelligenzminderung (ICD-10 F70) gemeint, welche – wie vorstehend dargelegt – den geistigen Gesundheitsschäden im engeren Sinne zuzuordnen ist. 5.4 Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin vermag daran auch nichts zu ändern, dass die Intelligenzminderung im Rahmen der ICD-10-Kla ssifikation unter dem Kapitel V "Psy- chische Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten" aufge führt wird. Wie unter Erwägung 5.1 hiervor dargelegt, deckt sich der Rechtsbegriff "Krankhei t" zum einen nicht notwendigerweise mit dem medizinischen Krankheitsbegriff. So verwendet di e Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine weite Umschreibung des Begriffs Krankheit , indem sie als Krankheit jede Störung des physischen oder psychischen Wohlbefindens versteht (vgl. UELI KIESER , ATSG-Kommentar, Zürich/Basel/Genf 2015, N 9 zu Art. 3). Zum anderen st eht bei der Definition des rechtlichen Krankheitsbegriffs – anders als im Bereich der Medizin – nicht das Auftreten von Symptomen, sondern deren medizinische Ursache für die Definition d es Krankheitsbegriffs im Vordergrund (vgl. etwa BGE 127 III 21 E, 2bb). Der Begriff „Stör ung“ wird im Rahmen des Kapitel V der ICD- 10-Klassifikation bspw. als klinisch erkennbarer Komplex von Symptomen oder Verhaltensauf- fälligkeiten definiert. Ferner wird nach dem System der WHO zur Beschreibung von Beeinträch- tigungen, Behinderungen und Handikaps eine Beeinträch tigung (Verlust oder Abweichung von Struktur oder Funktion) psychisch manifest durch Wechselwir kungen zwischen mentalen Funk- tionen, wie Gedächtnis und Aufmerksamkeit, und emotiona len Funktionen. In diesem Sinne wird denn auch dem Begriff der Behinderung, welche als verminderte Bewältigungsfähigkeit von Alltagsaktivitäten definiert wird, stets eine psychische Ursa che zugeschrieben (vgl. H. DILLING /W.M OMBOUR /M.H. SCHMIDT [Hrsg.], Internationale Klassifikation psychischer Störun - gen, 8. Aufl., 2011, S. 26 f.). Überdies wird einleitend zum Unterkapitel F00-F09, unter dem sich unter anderem auch die Demenz findet, von psychischen Kran kheiten mit einer nachweisbaren Ätiologie in einer zerebralen Krankheit oder einer Hirnverletzung gesprochen. Wie die Be- schwerdeführerin zutreffend ausführt, trifft die ICD diesen Ausführungen folgend wohl – anders als die Gesetzgebung – keine strikte Unterscheidung zwischen psychischen und geistigen Er- krankungen. Ausgehend von der Symptomatik einer Störung lässt sich auch ein fliessender Übergang zwischen geistigen und psychischen Beeinträchtigung en erkennen. Diese Tatsache ändert aber nichts an der sozialversicherungsrechtlichen Qua lifikation, wonach – ausgehend von der medizinischen Ursache einer Krankheit – eine Int elligenzminderung den geistigen Ge- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht sundheitsbeeinträchtigungen im engeren Sinne und nicht den psychischen Gesundheitsbeein- trächtigungen zuzuordnen ist. 6. Zusammenfassend liegt bei der Beschwerdeführerin mit der unbestrittenen Diagnose einer leichten Intelligenzminderung (ICD-10 F70) kein e (ausschliessliche) Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit im Sinne von Art. 42 Abs. 3 IVG u nd Art. 38 Abs. 2 IVV vor, womit für die Annahme einer Hilflosigkeit infolge Bedarfs an le benspraktischer Begleitung kein Anspruch auf mindestens eine Viertelsrente vorliegen muss. Folglich steht der Beschwerdeführerin bereits mit Wirkung ab 1. Juli 2009 eine Hilflosenentschädigung leichten Grades zu. Die Beschwerde ist somit gutzuheissen und die angefochtene Verfügung d er IV-Stelle vom 13. Oktober 2014 aufzuheben. 7.1 Es verbleibt, über die Kosten zu befinden. Gemäss Ar t. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Be- schwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von Leistungen aus der Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicher ungsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Kosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass aufer- legt. Vorliegend ist die Beschwerdegegnerin unterlege ne Partei, weshalb sie grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tragen hätte. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO der Vorinstanz bzw. den kan tonalen Behörden – vorbehältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VPO – keine Ve rfahrenskosten auferlegt werden. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Prozess keine Verfahrenskosten erhoben werden. 7.2 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende besch werdeführende Person Anspruch auf Ersatz ihrer Parteikosten. Der Beschwerdeführerin als obsiegende Partei ist demnach eine Par- teientschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. D er in der Honorarnote vom 17. Mai 2018 für das vorliegende Verfahren geltend gemachte Z eitaufwand von 4 Stunden erweist sich in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Recht sfragen als angemessen. Die Bemü- hungen sind zu dem in Sozialversicherungsprozessen praxisgem äss für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen (vgl. § 3 Abs. 1 der Tarifordnung für Anwältinnen und Anwälte vom 17. No vember 2003). Nicht zu beanstanden sind sodann die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslag en im Umfang von Fr. 29.80. Der Beschwerdeführerin ist demnach eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1‘109.40 (24 Minuten à Fr. 250.-- sowie 8% Mehrwertsteuer für die Bemühungen im Jahr 2017 und 3 Stunden und 36 Minuten à Fr. 250.-- zuzüglich Auslagen von Fr. 29.80 sowie 7.7% Mehrwert- steuer für die Bemühungen im Jahr 2018) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die Verfügu ng der IV-Stelle Basel- Landschaft vom 13. Oktober 2014 wird aufgehoben und es wird fest- gestellt, dass der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Juli 2009 eine Hilflosenentschädigung leichten Grades zusteht. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerde führerin eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 1‘098.90 (inkl. Auslagen und 8 % bzw. 7.7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Vermerk eines allfälligen Weiterzugs http://www.bl.ch/kantonsgericht