<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 94 S.333</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</span> <span class="page_no">333</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>94</b></span> <span class="ft2"><b>Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung; Recht auf Achtung des</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Familienlebens gemäss Art. 8 EMRK</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung stellt i.c. keinen Ein-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>griff in das durch Art. 8 EMRK geschützte Familienleben dar, da es bei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>den Kindern zumutbar ist, ihrer Mutter ins Ausland zu folgen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. II./4.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 30. März</span><br/> <span class="ft3">2007 in Sachen S.T. betreffend Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung</span><br/> <span class="ft3">(1-BE.2005.21). Bestätigt durch den unveröffentlichten Entscheid des Bun-</span><br/> <span class="ft3">desgerichts vom 12. Juni 2007 (2C_185/2007).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 4. Zu prüfen bleibt, ob die Verweigerung der Aufenthaltsbe-</span><br/> <span class="ft1">willigung vor Art. 8 EMRK stand hält.</span><br/> <span class="ft1">4.1.1. Die Beschwerdeführerin bringt vor, dadurch, dass die</span><br/> <span class="ft1">Kinder die Schweiz zusammen mit der Beschwerdeführerin verlas-</span><br/> <span class="ft1">sen müssten, werde Art. 8 EMRK verletzt. Auch in diesem Zusam-</span><br/> <span class="ft1">menhang verwies die Beschwerdeführerin auf die innige Beziehung</span><br/> <span class="ft1">zwischen ihrem Ehemann und den Kindern, ohne dafür irgendwelche</span><br/> <span class="ft1">Beweise zu offerieren. Der vorliegende Fall entspreche nicht demje-</span><br/> <span class="ft1">nigen von BGE 122 II 289, in dem das Bundesgericht davon ausging,</span><br/> <span class="ft1">es bestehe zwischen Vater und Kind keine tatsächliche gelebte Be-</span><br/> <span class="ft1">ziehung, so dass die Verweigerung einer Aufenthaltsbewilligung</span><br/> <span class="ft1">Art. 8 EMRK nicht tangiere.</span><br/> <span class="ft1">4.1.2. Art. 8 Ziff. 1 EMRK garantiert den Schutz des Familien-</span><br/> <span class="ft1">lebens. Wird einem Betroffenen die Anwesenheit in der Schweiz</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">334</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">untersagt, kann dies einen Verstoss gegen Art. 8 EMRK bedeuten.</span><br/> <span class="ft1">Ein Berufen auf Art. 8 EMRK ist nur dann möglich, wenn ein Fami-</span><br/> <span class="ft1">lienleben im Sinne der Rechtsprechung des Europäischen Gerichts-</span><br/> <span class="ft1">hofs für Menschenrechte (EGMR) vorliegt und dieses Familienleben</span><br/> <span class="ft1">zudem durch die gerügte Verfügung tangiert wird (vgl. Urteil des</span><br/> <span class="ft1">Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 12. September 2006,</span><br/> <span class="ft1">1-BE.2005.54, E. 4.2.2.).</span><br/> <span class="ft1">Da der Ehemann der Beschwerdeführerin nach wie vor gesetzli-</span><br/> <span class="ft1">cher Vater ihrer Kinder ist, liegt ein Familienleben im Sinne der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsprechung des EGMR vor.</span><br/> <span class="ft1">Das jüngere der beiden Kinder verfügt lediglich über eine Auf-</span><br/> <span class="ft1">enthaltbewilligung und teilt damit das Schicksal seiner Mutter. Die</span><br/> <span class="ft1">Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">würde damit bedeuten, dass auf jeden Fall auch das jüngere der bei-</span><br/> <span class="ft1">den Kinder ausreisen müsste, womit das Familienleben zwischen</span><br/> <span class="ft1">ihm und dem gesetzlichen Vater tangiert würde. Die Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin kann sich damit indirekt auf Art. 8 EMRK berufen.</span><br/> <span class="ft1">4.1.3. Nachfolgend ist zu klären, ob die Verweigerung der Auf-</span><br/> <span class="ft1">enthaltsbewilligung effektiv zu einem Eingriff in das durch Art. 8</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 1 EMRK geschützte Familienleben führt. Kein Eingriff liegt</span><br/> <span class="ft1">vor, wenn es den Betroffenen zumutbar ist, ihr Familienleben im</span><br/> <span class="ft1">Ausland zu führen (Entscheid des Rekursgerichts vom 12. September</span><br/> <span class="ft1">2006, 1-BE.2006.5, E. 4.3., S. 17).</span><br/> <span class="ft1">Da die Kinder nicht beabsichtigen, künftig mit ihrem gesetzli-</span><br/> <span class="ft1">chen Vater zusammenzuleben, stellt sich nicht primär die Frage, ob</span><br/> <span class="ft1">es den Betroffenen zumutbar ist, das Familienleben im Ausland zu</span><br/> <span class="ft1">führen, sondern ob es ihnen zumutbar ist, die bisher gepflegte famili-</span><br/> <span class="ft1">äre Beziehung künftig vom Ausland aus aufrecht zu erhalten. Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidend ist dabei, wie intensiv die Beziehung bislang insbesondere</span><br/> <span class="ft1">in affektiver Hinsicht geführt wurde und ob der Vater seinen Unter-</span><br/> <span class="ft1">stützungspflichten nachkam. In affektiver Hinsicht liegt ein Eingriff</span><br/> <span class="ft1">in das geschützte Familienleben nur dann vor, wenn es dem Betroffe-</span><br/> <span class="ft1">nen verunmöglicht würde, eine überdurchschnittlich intensive Bezie-</span><br/> <span class="ft1">hung weiterzuführen oder wenn ein im üblichen Rahmen ausgeübtes</span><br/> <span class="ft1">Besuchsrecht gänzlich verunmöglicht würde.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</span> <span class="page_no">335</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht führte zum Aufenthaltsrecht eines ausländi-</span><br/> <span class="ft1">schen Elternteils, dessen Kinder in der Schweiz leben, aus: "Der</span><br/> <span class="ft1">nicht sorgeberechtigte Ausländer kann die familiäre Beziehung zu</span><br/> <span class="ft1">seinen Kindern von vornherein nur in einem beschränkten Rahmen,</span><br/> <span class="ft1">nämlich durch Ausübung des ihm eingeräumten Besuchsrechts, le-</span><br/> <span class="ft1">ben. Hierzu ist nicht unabdingbar, dass er dauernd im gleichen Land</span><br/> <span class="ft1">wie das Kind lebt und dort über eine Aufenthaltsbewilligung verfügt.</span><br/> <span class="ft1">Ein solches Besuchsrecht gegenüber einem in der Schweiz fest an-</span><br/> <span class="ft1">wesenheitsberechtigten Kind verschafft dem ausländischen Elternteil</span><br/> <span class="ft1">daher im Allgemeinen noch keinen Anspruch auf dauernde Anwe-</span><br/> <span class="ft1">senheit; den Anforderungen von Art. 8 EMRK ist Genüge getan,</span><br/> <span class="ft1">wenn das Besuchsrecht im Rahmen von Kurzaufenthalten vom Aus-</span><br/> <span class="ft1">land her ausgeübt werden kann, wobei allenfalls dessen Modalitäten</span><br/> <span class="ft1">entsprechend auszugestalten sind. Ein weiter gehender Anspruch</span><br/> <span class="ft1">kann bestehen, wenn in wirtschaftlicher und affektiver Hinsicht eine</span><br/> <span class="ft1">besonders enge Beziehung zu den Kindern besteht, diese Beziehung</span><br/> <span class="ft1">wegen der Distanz zum Heimatland des Ausländers praktisch nicht</span><br/> <span class="ft1">aufrecht erhalten werden könnte und das bisherige Verhalten des</span><br/> <span class="ft1">Ausländers in der Schweiz zu keinerlei Klagen Anlass gegeben hat</span><br/> <span class="ft1">(...)" (BGE 2A.473/2006 vom 24. Januar 2007, E. 3.1.). Gleiches</span><br/> <span class="ft1">gilt, wenn die Kinder die Schweiz verlassen müssen und die bisher</span><br/> <span class="ft1">gepflegte familiäre Beziehung künftig vom Ausland aus aufrechter-</span><br/> <span class="ft1">halten werden muss.</span><br/> <span class="ft1">Aus den Akten ist nicht ersichtlich, dass der Ehemann der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin eine überdurchschnittlich intensive Beziehung zu</span><br/> <span class="ft1">seinen Kindern pflegt und zum Beispiel massgeblich an der Be-</span><br/> <span class="ft1">treuung der Kinder beteiligt ist. Dies umso weniger, als der Ehemann</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin eine Klage auf Anfechtung des Kindsver-</span><br/> <span class="ft1">hältnisses eingereicht hat. Sollte diese erfolglos bleiben, wird dem</span><br/> <span class="ft1">Ehemann gegebenenfalls ein im üblichen Rahmen auszuübendes Be-</span><br/> <span class="ft1">suchsrecht eingeräumt. Da dieses Besuchsrecht in modifizierter Form</span><br/> <span class="ft1">zum Beispiel im Rahmen von Ferienaufenthalten oder verlängerten</span><br/> <span class="ft1">Wochenenden auch dann ausgeübt werden könnte, wenn die Kinder</span><br/> <span class="ft1">ausreisen müsste, liegt kein Eingriff in das durch Art. 8 EMRK ge-</span><br/> <span class="ft1">schützte Familienleben vor.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">336</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.2. Zu berücksichtigen ist weiter, dass der ältere Sohn der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin über eine Niederlassungsbewilligung verfügt und</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich berechtigt ist, sich weiterhin in der Schweiz aufzuhal-</span><br/> <span class="ft1">ten. Es ist deshalb zu prüfen, ob sich daraus für die Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt auf Art. 8 EMRK ergibt.</span><br/> <span class="ft1">4.2.1. Dass zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Sohn</span><br/> <span class="ft1">ein Familienleben im Sinne von Art. 8 EMRK besteht, ist offensicht-</span><br/> <span class="ft1">lich und bedarf keiner weiteren Ausführungen (vgl. Urteil des EGMR</span><br/> <span class="ft1">i.S. Gül gegen die Schweiz vom 19. Februar 1996, Application Nr.</span><br/> <span class="ft1">23218/94, § 32).</span><br/> <span class="ft1">4.2.2. Nachdem der ältere Sohn der Beschwerdeführerin auf-</span><br/> <span class="ft1">grund seiner Niederlassungsbewilligung nicht verpflichtet ist, die</span><br/> <span class="ft1">Schweiz zu verlassen, erscheint klar, dass die Wegweisung der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin ihr durch Art. 8 Ziff. 1 EMRK geschütztes Famili-</span><br/> <span class="ft1">enleben tangieren könnte, sollte der ältere Sohn effektiv in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz bleiben wollen. Die Beschwerdeführerin kann sich damit</span><br/> <span class="ft1">auf Art. 8 EMRK berufen.</span><br/> <span class="ft1">4.2.3. Dies bedeutet jedoch noch nicht, dass die Wegweisung</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführerin effektiv zu einem Eingriff in das durch</span><br/> <span class="ft1">Art. 8 EMRK geschützte Familienleben führt. Ein Eingriff im Sinne</span><br/> <span class="ft1">von Art. 8 Ziffer 2 EMRK liegt nur dann vor, wenn das Familienle-</span><br/> <span class="ft1">ben durch die Wegweisung der Mutter künftig verunmöglicht würde.</span><br/> <span class="ft1">Wie bereits ausgeführt, liegt kein Eingriff vor, wenn es den Betroffe-</span><br/> <span class="ft1">nen zumutbar ist, ihr Familienleben im Ausland zu führen (Entscheid</span><br/> <span class="ft1">des Rekursgerichts vom 12. September 2006, 1-BE.2006.5, E. 4.3.,</span><br/> <span class="ft1">S. 17).</span><br/> <span class="ft1">4.2.4. Nachdem es dem älteren Sohn der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">zuzumuten ist, zwecks Weiterführung seines Familienlebens mit sei-</span><br/> <span class="ft1">ner Mutter ins Heimatland zu übersiedeln, liegt auch hier kein Ein-</span><br/> <span class="ft1">griff in das durch Art. 8 Ziff. 1 EMRK geschützte Familienleben vor.</span><br/> <span class="ft1">Die Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung hält damit vor Art. 8</span><br/> <span class="ft1">EMRK stand.</span><br/></div> </div> </body> </html>