Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 5. September 2019 (720 19 129 / 224) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Revisionsweise Reduktion der Invalidenrente nach Statuswechsel gestützt auf die ge- mischte Methode und gestützt auf die per 1. Januar 2018 in Kraft getretene Bestimmung von Art. 27 bis Abs. 2-4 IVV Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richter Markus Mattle, Gerichtsschreiber Daniel Gfeller Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Raffaella Biaggi, Advo- katin, St. Jakobs-Strasse 11, Postfach 3003, 4002 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1988 geborene A.____ hat zuletzt bis zum 31. Ma i 2016 in einem Pensum von 90 bzw. 70 % als B.____-Mitarbeiterin bei der C.____ ge arbeitet. Nachdem ihr die Eidgenössische Invalidenversicherung (IV) im Jahr 2003 Kostengutsprache für eine kieferorthopädische Behand- lung erteilt hatte, gelangte A.____ im Mai 2013 unter Hinweis auf eine seit April 2011 bestehende depressive Erkrankung erneut an die IV. Die in der Folg e geplanten beruflichen Massnahmen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht wurden aber auf Wunsch der Versicherten unterlassen, wor auf die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 10. Februar 2015 abwies. Mit Gesuch vom 16. Februar 2016 meldete sich A.____ unter Hinweis auf eine Depression und eine Angststörung erneut zum Leistungsbezug bei der lV an. Nach Vornahme der gesundheitlichen, erwerblichen und hauswirtschaftlichen Verhältnisse und durchgeführtem Vorbescheidverfahren hat die IV- Stelle mit Verfügung vom 16. April 2019 A.____ ab 1. Januar 2017 eine ganze und ab 1. Januar 2019 eine halbe Invalidenrente zugesprochen. Zur Begründung der Verfügung führte die IV-Stelle im Wesentlichen an, dass im Erwerbsbereich eine Arbeit sunfähigkeit von 100 % bestehe, dass aber im Teilbereich Haushalt keine Einschränkung beste he. Da sie nach Ablauf ihres Mutter- schaftsurlaubs ab Januar 2019 ohne Gesundheitsschaden nur n och zu 50 % arbeitstätig wäre, sei ab diesem Zeitpunkt die gemischte Methode anwendbar , so dass der lV-Grad ab 1. Januar 2019 nur noch 50 % betrage und sich daher der Leistung sanspruch auf eine halbe Rente redu- ziere. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten du rch Advokatin Raffaella Biaggi, mit Eingabe vom 29. April 2019 Beschwerde an das Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung So- zialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Sie beantragte, e s sei die IV-Stelle in Aufhebung der angefochtenen Verfügung zu verpflichten, ihr für die Zeit ab 1. Januar 2019 eine ganze Invaliden- rente auszurichten, unter o/e Kostenfolge. Zur Begründ ung wurde im Wesentlichen angeführt, dass sie im Gesundheitsfalle auch nach der Geburt des Kindes bzw. nach dem Mutterschaftsur- laub, also auch nach dem 1. Januar 2019, in einem Vol lpensum arbeiten würde. Die Beschwer- deführerin habe zwar eine Reduktion des Pensums auf 50 % nach der Geburt des Kindes er- wähnt, gleichzeitig aber auch darauf hingewiesen, dass ihr Ehemann im Homeoffice arbeiten und die Kinderbetreuung übernehmen könne. Diese Widersprüchlichkeit in ihren Angaben dürfe nicht zu ihren Lasten ausgelegt werden. lm Weiteren sei es a ufgrund des Urteils des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) vom 2. Februar 2016 in Sachen Di Trizio gegen die Schweiz nicht zulässig, eine Invalidenrente allein aufgrund des Statuswechsels einer Revision zu unterziehen. Genau dies habe die lV-Stelle aber getan. Sie sei weiterhin voll erwerbsunfähig, und die Revision sei ausschliesslich aufgrund des Wechsels der Bemessungsmethode nach der Ge- burt des ersten Kindes erfolgt. Ein solches Vorgehen ver letze das Diskriminierungsverbot und das Recht auf Schutz des Privat- und Familienlebens. lm Rahmen der Umsetzung des EGMR- Urteils habe das Bundesgericht in BGE 143 I 50 festge halten, dass eine Verletzung von Art. 14 und 8 EMRK dann gegeben sei, wenn die Geburt von Kindern und die damit verbundene teilzeit- liche Erwerbstätigkeit die einzigen Grundlagen für den Statuswechsel seien und dadurch anstelle des Einkommensvergleichs die gemischte Bemessungsmethode für den Invaliditätsgrad zur An- wendung gelange. In diesem Falle wäre eine Aufhebung oder Reduktion der IV-Rente rechtswid- rig. Dass der Bundesrat in der Folge den Rentenbemessungsmodus bei der gemischten Methode angepasst habe, ändere daran nichts. C. Mit Vernehmlassung vom 13. Juni 2019 beantragte d ie IV-Stelle, die Beschwerde sei abzuweisen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über d ie Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungs- gericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anf echtungsobjekt des vorliegenden Verfah- rens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwer- den gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Be- schwerde der Versicherten ist demnach einzutreten. 2.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während ei- nes Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig ge- wesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 2.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähigk eit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähig- keit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berück- sichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Ge- burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verste- hen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück- sichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem n ur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 2.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Gr ad der Invalidität wie folgt abgestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindes- tens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 3.1 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen k önnte, in Beziehung gesetzt zum Er- werbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in valid geworden wäre. Dies ist die allgemeine Methode des Einkommensvergleichs (BGE 141 V 20 E. 3.2) mit den Untervarianten des Schätzungs- oder Prozentvergleichs (BGE 114 V 313 E. 3a) und der ausserordentlichen Me- thode (BGE 128 V 29). 3.2 Bei nicht erwerbstätigen Versicherten, die im Aufg abenbereich tätig sind und denen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht zugemutet werd en kann, wird für die Bemessung der In- validität in Abweichung von Art. 16 ATSG darauf abgestellt, in welchem Masse sie unfähig sind, sich im Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 28a Abs. 2 IVG). Dies ist die spezifische Methode der Invaliditätsbemessung (Betätigungsvergleich; BGE 141 V 20 E. 3.2). 3.3 Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig si nd oder die unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin mitarbeiten, wird für diesen Teil die Invalidität nach Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich t ätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach Absatz 2 festgelegt. In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der unentgeltlichen Mitarbeit im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu bemessen (Art. 28a Abs. 3 IVG). Dies ist die gemischte Methode der Inva liditätsbemessung (BGE 141 V 20 f. E. 3.2 mit Hinweisen). Ist bei diesen Versicherten anzunehmen, dass sie im Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs ohne Gesundheitsschaden ganztägig erwerbstätig wären, so ist die Inva- liditätsbemessung ausschliesslich nach den Grundsätzen für Er werbstätige zu bemessen (Art. 27 bis der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV] vom 17. Januar 1961). 3.4 Ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitw eilig erwerbstätig oder als nichter- werbstätig einzustufen ist, ergibt sich aus der Prüfung, was sie bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde (BGE 141 V 20 E. 3.1). Entscheidend ist somit nicht, welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicherten Person im Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in w elchem Pensum sie hypothetisch er- werbstätig wäre (BGE 133 V 507 E. 3.3 mit Hinweisen). Bei im Haushalt tätigen Versicherten im Besonderen sind die persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen Verhältnisse ebenso wie allfällige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen Fähigkeiten und die Ausbildung sowie die persönlichen Neigungen und Begabungen zu berück- sichtigen (BGE 125 V 150 E. 2c). 4. Vorliegend strittig und zu prüfen ist einerseits die Anwendbarkeit der gemischten Me- thode ab 1. Januar 2019 und anderseits die grundsätzliche Zulässigkeit der revisionsweisen Re- duktion der ganzen Invalidenrente. Unbestritten sind die medizinischen Grundlagen und die damit verbundenen Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit und Lei stungsfähigkeit im Haushalt. Sowohl die IV-Stelle wie auch die Beschwerdeführerin gehen von einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % im Erwerbsbereich und einer fehlenden Beeinträchtigung im Haushaltsbereich aus. 5. Die IV-Stelle ist davon ausgegangen, dass die Beschwer deführerin nach der Geburt ih- res Kindes ihr Arbeitspensum ab 1. Januar 2019 von 100 % auf 50 % reduziert hätte und sie hat Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht den IV-Grad ab diesem Zeitpunkt nach der gemischten Methode bemessen. Die Beschwerdefüh- rerin macht geltend, sie hätte entgegen der Annahme der IV-Stelle im Gesundheitsfalle ihr Pen- sum nach dem Mutterschaftsurlaub nicht reduziert, sondern weiterhin in einem Vollpensum gear- beitet. Ihre möglicherweise widersprüchlichen Angaben zu dieser Frage dürften nicht zu ihren Lasten ausgelegt werden. 5.1 Anlässlich der Haushaltsabklärung vom 6. Juli 2018 ha t sich die Beschwerdeführerin ausführlich zu ihrer beruflichen Entwicklung und ihrer beruflichen Tätigkeit im Gesundheitsfalle geäussert. Diese Äusserungen wurden protokolliert und i n den Fragebogen zur Ermittlung der Erwerbstätigkeit übertragen. Die Richtigkeit ihrer A ussagen ist von der Beschwerdeführerin am 16. Juli 2018 wie auch von der behandelnden Psychologin , welche bei der Haushaltsabklärung anwesend war, am 19. Juli 2018 unterschriftlich bestätigt worden. Gemäss ihren Aussagen wäre die berufliche Entwicklung ohne Gesundheitseinschränkung ziemlich sicher etwas anders verlau- fen als dies nun geschehen ist. Die Beschwerdeführerin h ätte bei guter Gesundheit die Weiter- bildung als B.____-Fachfrau nicht gemacht, sondern das Studium Soziale Arbeit weiter aufgebaut und wohl ein Psychologiestudium in Angriff genommen. Si cherlich hätte sie zunächst eine Er- werbstätigkeit im sozialpädagogischen Bereich in einem Pensum von 100 % ausgeübt, um Geld für ein Auto, Ferien und späteres Wohneigentum zu sparen. Auch nach der Geburt ihres Kindes, nach dem Mutterschaftsurlaub und allfälligem unbezahlten Urlaub hätte die Beschwerdeführerin bei guter Gesundheit wieder eine ausserhäusliche Tätig keit ausgeübt. Dabei hätte sie bei einer Institution als Sozialpädagogin am Abend (inkl. Nachtdienst oder am Wochenende gearbeitet und der Ehemann hätte in dieser Zeit die Kinderbetreuung übernommen. Der Ehemann habe ausser- dem die Möglichkeit, seine Tätigkeit teilweise im Homeoffice auszuüben. Die Beschwerdeführerin hätte somit bei guter Gesundheit bis zur Geburt ihres K indes eine ausserhäusliche Tätigkeit mit einem Pensum von 100% ausgeübt. Nach der Geburt, dem Mutterschaftsurlaub und einem all- fälligen unbezahlten Urlaub hätte sie erneut eine ausserhäusliche Tätigkeit ausgeübt, allerdings nicht mehr in einem Vollzeitpensum, sondern zu Gunsten des Haushalts und der Kinderbetreuung im reduzierten Rahmen eines Pensums von 50 %. 5.2 Entgegen den Ausführungen in der Beschwerde ist d iesen unterschriftlich bestätigten Aussagen der Beschwerdeführerin nirgends die Absicht ei ner vollschichtigen Tätigkeit nach der Geburt des Kindes zu entnehmen. Wenn die Beschwerdefü hrerin auf die Möglichkeit hinweist, dass der Ehemann teilweise zu Hause arbeiten könne, so w ird damit lediglich erklärt, dass die Kinderbetreuung während der teilzeitlichen Abwesenheit der Ehefrau gewährleistet sei. Es lässt sich aus dieser Anmerkung aber in keiner Weise ableiten, dass die Beschwerdeführerin im Ge- sundheitsfall auch nach der Geburt ihres Kindes in eine m Vollpensum arbeiten würde. Die Aus- sage der Beschwerdeführerin, dass sie nach der Geburt nur noch 50 % arbeiten würde, wird durch ihre weiteren Aussagen weder explizit noch implizit relativiert, so dass von widersprechen- den oder missverständlichen Aussagen in Bezug auf ihr Arbeitspensum ohne Gesundheitsscha- den keine Rede sein kann. Die IV-Stelle ist daher zu Rech t davon ausgegangen, dass die Be- schwerdeführerin ab 1. Januar 2019 nur noch zu 50 % arbeiten und sich in der restlichen Zeit um den Haushalt und das Kind kümmern würde. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6. Die Beschwerdeführerin macht des Weiteren geltend, dass selbst wenn im Gesundheits- falle von einer nur 50%igen Erwerbstätigkeit der Beschwerdeführerin nach der Geburt ihres Kin- des auszugehen wäre, die Reduktion der Rente nicht zulä ssig sei, da gemäss einer engeren Auslegung des EGMR-Urteils in Sachen Di Trizio die gemischte Bemessungsmethode des Ren- tenanspruchs menschenrechtsverletzend sei. 6.1 lm Urteil in Sachen Di Trizio gegen die Schweiz vo m 2. Februar 2016 ist der EGMR zum Schluss gekommen, dass die gemischte Methode zur Berechnung des Invaliditätsgrades Art. 14 in Verbindung mit Art. 8 EMRK verletzt. Der Gerichtshof führt in seiner Urteilbegründung aus, das Schweizerische Bundesgericht habe ausdrücklich eingestanden, dass die Wechselwirkung zwi- schen den Aspekten "Haushalt" und "bezahlte Beschäftigung " im Rahmen der gemischten Me- thode nicht ausreichend berücksichtigt würde und dass diese zum Verlust der ganzen Rente füh- ren könne, wenn die versicherte Person – häufig nach der Geburt eines Kindes – eine zuvor ausgeübte Erwerbstätigkeit beende oder reduziere. Diese Feststellung habe der Schweizerische Bundesrat bestätigt und hinzugefügt, dass man der gemischten Methode auch anlaste, den Um- stand der Teilzeitbeschäftigung zweimal zu berücksichtigen: zunächst bei der Bestimmung des Einkommens ohne Invalidität einerseits und bei der verhä ltnismässigen Gewichtung der beiden Bereiche andererseits, so dass sich die Frage stelle, ob diese Methode nicht zumindest indirekt eine Diskriminierung etabliere. Entsprechend kommt der EGMR zum Schluss, dass die geltende gemischte Methode zur Berechnung des Leistungsanspruchs di skriminierend sei und dass an- dere Berechnungsmethoden denkbar seien, die die Wahl der Frauen, nach der Geburt eines Kin- des in Teilzeit zu arbeiten, besser achten würden und da ss es so möglich wäre, das Ziel der Annäherung zwischen den Geschlechtern zu verfolgen, ohne deshalb das Ziel der Invalidenver- sicherung zu gefährden. 6.2 ln Nachachtung des EGMR-Urteils hat das Bundesgerich t entschieden, dass die revisi- onsweise Rentenherabsetzung oder -aufhebung dann EMRK -widrig sei, wenn allein familiäre Gründe (die Geburt von Kindern und die damit einhergehende Reduktion des Erwerbspensums) für einen Statuswechsel von "vollerwerbstätig" zu "te ilerwerbstätig" mit Aufgabenbereich spre- chen (BGE 144 I 103 E. 4.2., 143 I 60 E. 3.3.4 und 143 I 50 E. 4.1 und 4.2). Aufgrund dieser Sachlage hat der Bundesrat für die gemischte Methode ein neues Berechnungs- modell entwickelt, welches der Kritik des Europäischen Gerichtshof Rechnung trägt und nament- lich die doppelte Berücksichtigung der Teilerwerbstätigkeit zu Lasten der Versicherten beseitigt. Die entsprechende Verordnungsbestimmung (Art. 27 bis Abs. 2-4 IVV) wurde per 1. Januar 2018 in Kraft gesetzt. Gestützt auf diese Verordnungsbestimmung wird für die Bestimmung des Invali- ditätsgrads von Teilerwerbstätigen, die sich zusätzlich im Aufgabenbereich nach Art. 7 Abs.2 IVG betätigen, zwar wie bisher der entsprechend dem Status (Anteil Erwerbsbereich/Anteil Aufgaben- bereich) gewichtete Invaliditätsgrad in Bezug auf die Erwerbstätigkeit und in Bezug auf die Betä- tigung im Aufgabenbereich addiert. Geändert wurde jedoch die Berechnung des Invaliditätsgrads in Bezug auf die Erwerbstätigkeit vor Gewichtung. Während bisher das Valideneinkommen ledig- lich in dem Umfang berechnet wurde, in welchem die versi cherte Person tatsächlich noch tätig Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht wäre (also dem Anteil Erwerbsbereich), wird gemäss neuem Art.27 bis Abs. 3 IVV das Erwerbsein- kommen, das die versicherte Person durch die Teilerwerbst ätigkeit erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre, auf eine Vollerwerbstätigkeit hochgerechnet. Entsprechend hat das Bundesamt für Sozialversicherungen sein Rundschreiben Nr. 355 vom 31. Oktober 2016, in welchem es die Anwendung der gemischten Methode bei Rentenrevisionen aufgrund familiär bedingter Pensenreduktion aufgrund des EGMR-Urteils in Sachen Di Trizio aus- setzte, aufgehoben und mit Rundschreiben Nr. 372 vom 9. Januar 2018 ersetzt. Darin wurde ex- plizit festgehalten, dass der Statuswechsel einer versicherten Person zukünftig wieder als mögli- cher Revisionsgrund zähle, weil mit dem neuen Berechnungsmodell Teilerwerbstätige mit Aufga- benbereich grundsätzlich nicht mehr schlechter gestellt würden (vgl. zum Ganzen das Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons Aargau vom 12. Dezember 2018 [VBE 2018.385]). 7. Zunächst ist festzuhalten, dass sich den Erwägungen de s EGMR-Urteils klar entnehmen lässt, dass der damalige Berechnungsmodus der gemischten Methode diskriminierend war, nicht aber die gemischte Methode an sich oder die Reduktion einer Rente wegen Teilzeitarbeit zufolge Mutterschaft. Der EGMR führt denn auch aus, dass diskriminierungsfreie Berechnungsmethoden im Rahmen der gemischten Methode durchaus denkbar seien. Die neue Berechnungsmethode, die seit 1. Januar 2018 in Kraft ist und auch im vorliegenden Fall angewendet wurde, hat die als diskriminierend kritisierte doppelte Berücksichtigung der Teilerwerbstätigkeit zu Lasten der Ver- sicherten eliminiert, so dass davon auszugehen ist, dass die neue Berechnungsmethode nicht mehr EMRK-widrig ist. Entsprechend ist auch der Standpunkt der IV-Stelle nicht zu beanstanden, dass neu der Statuswechsel einer versicherten Person wied er als Revisionsgrund zulässig ist. Namentlich ist nicht einzusehen, weshalb eine Versicherte , die vor Eintritt der Invalidität wegen der Geburt eines Kindes ihr Pensum reduziert hat, anders behandelt werden soll als eine Versi- cherte, die bereits vor der Geburt invalid war und eine Rente bezog. Die Beschwerdeführerin beruft sich zur Begründung ihre r Beschwerde im Wesentlichen auf die BGE 143 I 50 ff. und 143 I 60 ff., wonach bei einem allein familiär bedingten Statuswechsel eine Rentenherabsetzung oder -aufhebung EMRK-widrig ist. Diese Urteile sind aber noch vor Inkraft- treten der neuen Berechnungsmethode ergangen und können deshalb für die vorliegende Kons- tellation keine Geltung mehr beanspruchen. Die Beschwe rdeführerin führt denn auch keine Gründe an, weshalb diese Entscheide nach der Revision der Berechnungsmethode weiterhin und unverändert Geltung beanspruchen könnten. 8. Zusammenfassend ergibt sich, dass der neue Berechnungsmo dus der gemischten Me- thode EMRK-konform ist und daher eine Rentenrevision alleine aufgrund eines familiär bedingten Statuswechsels zulässig ist. Nachdem aufgrund der klaren und unterschriftlich bestätigten Aus- sagen der Beschwerdeführerin anlässlich der Haushaltsabklär ung im Juli 2018 von einer Pen- senreduktion auf 50 % nach der Geburt des Kindes auszugehen ist, hat die IV-Stelle in korrekter Anwendung des neuen Berechnungsmodus’ der gemischten Methode die ganze Rente der Be- schwerdeführerin zu Recht ab 1. Januar 2019 auf eine h albe IV-Rente reduziert. Folglich ist die vorliegende Beschwerde abzuweisen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens ei nheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Reg el der unterliegenden Partei in ange- messenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die Beschwerdeführerin unterliegende Partei, wes- halb die Verfahrenskosten ihr zu auferlegen sind. Bei diesem Verfahrensausgang ist der Be- schwerdeführerin keine Parteientschädigung zuzusprechen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der Beschwer- deführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kosten vorschuss in Höhe von Fr. 800.-- verrechnet. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. http://www.bl.ch/kantonsgericht