Zwangsmassnahmengericht Basel-Landschaft www.bl.ch/zmg 7. Februar 2012 Geheime Überwachung Zufallsfund Übergangsrechtliche Fragen betreffen Genehmigung eine s Zufallsfunds. Zuständigkeit für die Genehmigung eines Zufallsfunds, wenn die ursprüngl iche Überwachung in einem anderen Kanton oder durch den Bund erfolgt ist (1.2 ). Zeitpunkt der Genehmigung eines Zufallsfunds (1.3). Folgen der verspäteten Einreichung eines Genehmigungsgesuchs (1.3.1). Sachverhalt Die Bundesanwaltschaft führte gegen A.____ ein Verfahren wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, versuch ter Tötung, Gefährdung durch Sprengstoffe in verbrecherischer Absicht und Beteiligung an einer verbrecherischen Organisation. Im Rahmen dieses Verfahrens wurde die Rufnummer x von B.____ überwacht. Am 15. November 2010 verfasste die Bundeskriminalpolizei eine Strafanzeige gegen A.____ wegen Versicherungsbetrugs und Urkundenfälschung. Diese A nzeige wurde im November/Dezember 2011 an den Kanton Basel-Landschaft abgetreten. Die Staatsanwaltschaft hat am 1. Februar 2012 ein Gesuch u m Genehmigung der Erkenntnisse (Zufallsfund) aus der Überwachung von B.____ im Verfahren gegen A.____ wegen Versicherungsbetrugs und Urkundenfälschung beantragt. Erwägungen 1.2 Im vorliegenden Fall ist die Überwachung der Rufnumme r x von B.____ am 18. Juli 2008 durch die Bundesanwaltschaft angeordnet und am 22 . Juli 2008 durch das Bundesstrafgericht genehmigt worden (Art. 5 lit. a Ziff. 1 BÜPF und Art. 6 Abs. 1 lit. a BÜPF). Gemäss Art. 448 StPO werden Verfahren, welche bei Inkr afttreten dieses Gesetzes hängig sind, nach neuem Recht durchgeführt, soweit nichts and eres vorgesehen ist. Verfahrenshandlungen, die vor Inkrafttreten dieses Ges etzes angeordnet oder durchgeführt worden sind, behalten ihre Gültigkeit. Verfahren, die bei Inkrafttreten dieses Gesetzes hängig sind, werden von den nach neuem Recht zuständigen Behör den weitergeführt, soweit nicht anderslautende Bestimmungen bestehen (Art. 449 Abs. 1 StPO). Sollen die Ergebnisse einer Telefonüberwachung aus einem Kanton in einem anderen Kanton verwendet werden und ist diesbezüglich die Genehmigung eines Zufallsfunds notwen dig, so ist das Zwangsmassnahmengericht am Ort, wo das neue Verfahren geführt werden soll, für die Genehmigung des Zufallsfunds zuständig (THOMAS HANSJAKOB , Andreas Donatsch / Thomas Hansjakob / Viktor Lieber [Herausgeber], Kommentar zu r Schweizerischen Strafprozessordnung, Zürich 2010, Art. 278 N 18). Diese Zuständigkeitsvorschrift muss auch im Verkehr zwischen der Bundesanwaltschaft und den kanton alen Staatsanwaltschaften gelten. 1.3 Die Genehmigung kann auch noch nach Einstellung der Überwachung beantragt werden, wenn erst die weiteren Ermittlungen, z.B. die Befragung der überwachten beschuldigten Person einen konkreten Tatverdacht gegen eine Drittperson ergeben und die Überwachungsergebnisse auch im Verfahren gegen diese verwendet werden sollen bzw. weitere Ermittlungsergebnisse auf einen Verdacht bezü glich eines neuen Delikts hinweisen. Auf jeden Fall ist die Genehmigung vor Einleitung we iterer Ermittlungen und bevor die Ergebnisse der beschuldigten Person vorgehalten werden , einzuholen. Im Fall von sofort erforderlichen Massnahmen kann sie auch nachträglich inner t der Frist von Art. 274 StPO (Genehmigungsverfahren) eingeholt werden (R OLAND WOLTER , in: Peter Goldschmid / Thomas Maurer / Jürg Sollberger, Kommentierte Textau sgabe zur schweizerischen Strafprozessordnung, Bern 2008, S. 267 f.). Die Staat sanwaltschaft hat das Genehmigungsverfahren spätestens dann einzuleiten, we nn sie die mit der Auswertung der laufenden Überwachungsmassnahme betraute Person instruie rt, auch auf den neuen Tatverdacht zu achten (interne Anweisung), oder wenn si e zur Klärung des neuen Tatverdachts weitere Untersuchungshandlungen veranlasst (externe Anordnung; M ARC JEAN -RICHARD -DIT -BRESSEL , in: Marcel Alexander Niggli / Marianne Heer / Hans Wiprächtiger [Herausgeber], Basler Kommentar, Schweizerische Strafpro zessordnung, Jugendstrafprozessordnung, Basel 2011, Art. 278 RN 27). 1.3.1 Der Genehmigungsbedarf der Überwachungsmassnahme ist e ine klare, sofort feststellbare Voraussetzung, nach welcher sich die Strafv erfolgungsbehörden zu richten haben. Was als Zufallsfund zu gelten hat, wirft hingegen komplexe Fragen auf und ist nicht in jedem Fall eindeutig zu beantworten. Verkennt die Sta atsanwaltschaft deshalb, dass eine Erkenntnis als Zufallsfund zu würdigen und mithin geneh migungsbedürftig ist, begeht sie einen weit weniger schwerwiegenden Fehler als wenn sie eine Überwachung anordnet, ohne eine Genehmigung einzuholen. Während des Vorverfahren s ist die Aktenlage denn auch ständig im Fluss und bei veränderten Verhältnissen muss es möglich bleiben, die Genehmigung zur Verwendung des Zufallsfundes - nach e inem allfällig zunächst durch das Zwangsmassnahmengericht verneinten Verdacht auf eine schw ere Katalogtat - erneut zu beantragen (JEAN -RICHARD -DIT -BRESSEL , a.a.O., Art. 278 N 31/32). Art. 278 Abs. 3 StPO impliziert, dass die Staatsanwaltsch aft unverzüglich bzw. spätestens zum Zeitpunkt, in welchem sie die Erkenntnisse aus einer g enehmigten Überwachung verwenden will, beim Zwangsmassnahmengericht eine Zufall sfundgenehmigung einzuholen hat. Das Erfordernis der Genehmigung ist am ehesten eine Gül tigkeitsvorschrift i.S.v. Art. 141 Abs. 2 StPO (vgl. J EAN -RICHARD -DIT -BRESSEL , a.a.O., Art. 278 N 30), welche vom Sachrichter bei der Beurteilung der Verwertbarkeit von Beweisen zu beachten ist. Dieser hat schlussendlich zu prüfen, ob es sich allenfalls um einen Zuf allsfund handelt und für diesen eine Genehmigung der zuständigen Instanz vorliegt oder nicht. Die Genehmigungsfrist gemäss Art. 278 Abs. 3 StPO hin gegen stellt eine Ordnungsfrist dar, deren Verletzung durch das Zwangsmassnahmengericht festgest ellt werden kann. Eine Nichtgenehmigung eines Zufallsfundes wegen dieser Besti mmung bzw. ein Nichteintreten auf einen verspäteten Genehmigungsantrag erscheint jedo ch nur dann angebracht, wenn festzustellen ist, dass das Untersuchungsverfahren nahezu b eendet ist, sodass kein Platz mehr besteht für die Verwendung von Zufallsfunden. Im vorliegenden Fall kann festgestellt werden, dass die Bundesanwaltschaft - soweit dies aus den wesentlichen Akten ersichtlich wird - gestützt au f die Anzeige der Bundeskriminalpolizei vom 15. November 2010 wegen Versi cherungsbetrugs und Urkundenfälschung keine Ermittlungshandlungen vorgenommen hat. Die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft hat sich nach Eingang der Strafanzeig e der Bundeskriminalpolizei am 10. November 2011 mit Schreiben an die Bundesanwaltschaft v om 30. Dezember 2011 nach einer Zufallsfundgenehmigung erkundigt und erhielt m it E-Mail vom 31. Januar 2012 die Rückmeldung, dass keine Zufallsfundgenehmigung eingehol t worden sei. Insofern liegt eine Verletzung der Ordnungsfrist gemäss Art. 278 Abs. 3 StPO vor. Auch wenn festgestellt werden muss, dass der Genehmigungs antrag zu spät eingereicht worden ist, ist auf den entsprechenden Antrag einzutre ten, ist doch von einem Versehen der zuständigen Behörden im vom Kanton Basel-Landschaft nun mehr an Hand genommenen Verfahren auszugehen. Inwieweit der vorliegende Zufallsfund vor Einleitung des Genehmigungsverfahrens bereits im Verfahren gegen A.____ wegen Betrugs und Urkundenfälschung verwendet wurde un d allenfalls unter einem Verwertungsverbot im Sinne von Art. 141 StPO unterliegt, ist nicht durch dieses Gericht zu beurteilen. Entscheid des Zwangsmassnahmengerichts vom 7. Februar 2012 (350 12 50)