<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp339248"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>141 IV 203<br/><br/><br/><div class="paraatf">25. Auszug aus dem Urteil der Strafrechtlichen Abteilung i.S. X. gegen Departement Volkswirtschaft und Inneres, Amt für Justizvollzug und Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau (Beschwerde in Strafsachen)</div> <div class="paraatf">6B_798/2014 vom 20. Mai 2015</div> <a name="idp340832"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf">Art. 56 Abs. 6 und Art. 65 Abs. 1 i.V.m. <span class="artref">Art. 59 StGB</span>. <div class="paratf">Damit eine stationäre therapeutische Massnahme nach Art. 65 Abs. 1 i.V.m. <span class="artref">Art. 59 StGB</span> nachträglich (überhaupt) angeordnet und - a fortiori - weitergeführt werden kann, setzt <span class="artref">Art. 65 Abs. 1 StGB</span> voraus, dass der Täter zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt wurde (E. 3.2). </div> </div> </div> <a name="idp347840"></a> <a name="idp354960"></a> <br/><div> <a name="idp361840"></a><span class="big bold" id="sachverhalt">Sachverhalt</span> <span class="small">ab Seite 203</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page203"></a><div class="center pagebreak">BGE 141 IV 203 S. 203</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp363504"></a><span class="bold">A. </span>X. wurde mit zwei Strafbefehlen vom 9. September 2010 und 17. März 2011 zu Geldstrafen von 30 bzw. 150 Tagessätzen verurteilt. Die beiden Geldstrafen wurden am 3. Januar 2012 in eine Ersatzfreiheitsstrafe umgewandelt. Während ihres Vollzugs ordnete das Bezirksgericht Bremgarten am 5. Juli 2012 auf Antrag des Amts für Justizvollzug eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 65 Abs. 1 in Verbindung mit <span class="artref">Art. 59 StGB</span> an. Das bezirksgerichtliche Urteil erwuchs unangefochten in Rechtskraft.</div> <div class="paraatf"> Die stationäre therapeutische Massnahme wurde in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg und im Therapiezentrum Im Schache <a name="page204"></a><div class="center pagebreak">BGE 141 IV 203 S. 204</div>vollzogen. Am 15. Juli 2013 verweigerte das Amt für Justizvollzug des Kantons Aargau (AJV) die bedingte Entlassung von X. Am 23. Dezember 2013 ordnete es dessen vorübergehende Unterbringung im Zentralgefängnis Lenzburg an. Am 3. März 2014 wurde X. zum Massnahmenvollzug in die psychiatrische Klinik Königsfelden eingewiesen. </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp369056"></a><span class="bold">B. </span>Am 16. Dezember 2013 ersuchte X. um Aufhebung der stationären therapeutischen Massnahme. Das AJV lehnte das Gesuch am 25. Februar 2014 ab. Die dagegen gerichtete Beschwerde wies das Verwaltungsgericht des Kantons Aargau am 4. Juni 2014 ab.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp370592"></a><span class="bold">C. </span>Mit Beschwerde in Strafsachen vom 18. August 2014 beantragt X., das verwaltungsgerichtliche Urteil vom 4. Juni 2014 und die angeordnete stationäre therapeutische Massnahme seien aufzuheben. Eventualiter sei die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. X. ersucht überdies um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung. (...)</div> <div class="paraatf">In Gutheissung der Beschwerde weist das Bundesgericht die Angelegenheit zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück.</div> <div class="paraatf"> <i>(Auszug)</i> </div> <br/><div> <a name="idp377696"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> </div> <br/><div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp378656"></a><span class="bold" id="consideration_3.">3. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp379696"></a><span class="bold" id="consideration_3.2.1">3.2.1 </span>Grundlage der nachträglichen Massnahmenanordnung bzw. der Massnahmenfortführung und der damit einhergehenden Freiheitsentziehung bilden zwei in eine Ersatzfreiheitsstrafe umgewandelte Geldstrafen.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp381184"></a><span class="bold" id="consideration_3.2.2">3.2.2 </span><span class="artref">Art. 65 Abs. 1 StGB</span> regelt die nachträgliche stationäre therapeutische Massnahme. Diese bildet eine sehr eingriffsintensive Intervention zu Lasten des Verurteilten. Damit eine solche Massnahme (überhaupt) angeordnet und - a fortiori - weitergeführt werden kann, setzt die genannte Gesetzesbestimmung in formeller Hinsicht voraus, dass der Täter zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt wurde (vgl. SCHWARZENEGGER/HUG/JOSITSCH, Strafen und Massnahmen, 8. Aufl. 2007, S. 224 f.). Gemeint ist damit eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe im Sinne von <span class="artref">Art. 40 StGB</span>.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp385984"></a><span class="bold" id="consideration_3.2.3">3.2.3 </span>Eine im Strafbefehlsverfahren ergangene Verurteilung zu einer Geldstrafe gemäss <span class="artref">Art. 34 StGB</span> erfüllt diese Voraussetzung offenkundig nicht, auch wenn sie ersatzweise als Freiheitsstrafe vollzogen wird (<span class="artref">Art. 36 StGB</span>). Denn die Geldstrafe wird in Ersatzfreiheitsstrafe nur umgewandelt, wenn der Verurteilte sie nicht bezahlt und <a name="page205"></a><div class="center pagebreak">BGE 141 IV 203 S. 205</div>diese auch auf dem Betreibungsweg uneinbringlich ist. Trotz Umwandlung kann der Verurteilte durch nachträgliche vollständige oder teilweise Bezahlung der Geldstrafe den Vollzug der Ersatzfreiheitsstrafe in entsprechendem Umfang vermeiden. Darin zeigt sich, dass die Ersatzfreiheitsstrafe ihrer Natur nach lediglich Geldstrafenvollzug ist. Sie ist mit andern Worten nur Behelf zur Durchsetzung des primär auf Geldleistung gerichteten Strafanspruchs des Staates (siehe <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=18&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2015&amp;to_year=2015&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-IV-212%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page212">BGE 129 IV 212</a> E. 2.3; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=18&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2015&amp;to_year=2015&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F124-IV-205%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page205">BGE 124 IV 205</a> E 8b; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=18&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2015&amp;to_year=2015&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F105-IV-14%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page14">BGE 105 IV 14</a> E. 2 zur Umwandlungsstrafe bei Nichtbezahlung der Busse unter altem Recht; vgl. ANNETTE DOLGE, Basler Kommentar, Strafrecht, Bd. I, 3. Aufl. 2013, N. 5 und 16 zu <span class="artref">Art. 36 StGB</span>; SANDRO CIMICHELLA, Die Geldstrafe im Schweizer Strafrecht, 2006, S. 250; YVAN JEANNERET, in: Commentaire romand, Code pénal, Bd. I, 2009, N. 1 zu <span class="artref">Art. 36 StGB</span>).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp402400"></a><span class="bold" id="consideration_3.2.4">3.2.4 </span>Eine Ersatzfreiheitsstrafe bildet demnach nicht Freiheitsstrafe im Sinne von <span class="artref">Art. 40 StGB</span>. Auf ihrer Grundlage kann eine nachträgliche stationäre therapeutische Massnahme gemäss <span class="artref">Art. 65 Abs. 1 StGB</span> damit von vornherein offensichtlich weder angeordnet noch weitergeführt werden. Der hier zu beurteilenden Massnahme fehlt(e) es damit von Anfang an einer Grundvoraussetzung. Sie ist daher im Sinne von <span class="artref">Art. 56 Abs. 6 StGB</span> aufzuheben.</div> </div></body></html>