B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2783/2017 U r t e i l v o m 8 . A p r i l 2 0 1 9 Besetzung Richterin Barbara Balmelli (Vorsitz), Richter Jean-Pierre Monnet, Richterin Muriel Beck Kadima, Gerichtsschreiberin Nathalie Schmidlin. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 19. April 2017 / N (…). E-2783/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess Afghanistan nach eigenen Angaben am 1. November 2015. Am 28. November 2015 reiste er in die Schweiz ein und suchte gleichentags um Asyl nach. Am 4. Dezember 2015 wurde er im Empfangs- und Verfahrenszentrum zur Person befragt (BzP). Die Vor- instanz hörte ihn am 27. März 2017 zu den Asylgründen an. Dabei führte er aus, er stamme aus der Provinz B._______ und gehöre der Ethnie der Hazara an. Als Kleinkind habe er mit seiner Familie Afghanistan verlassen und sich nach C._______ begeben. Nach einem rund (…)jähri- gen Aufenthalt in C._______ sei die Familie zurück nach Mazar -i-Sharif gezogen, habe sich ein Grundstück gekauft und ein Haus gebaut. Er habe dort weiter die Schule besucht. Im Jahr (…) habe er die Matura bestanden und im Frühjahr (…) in Kabul ein (…)studium aufgenommen. Im (…) habe er anlässlich der (…)-Feier seine Familie in Mazar-i-Sharif besuchen wol- len. Zwei Tage vor den Feierlichkeiten habe er in Kabul den Bus bestiegen. Sein Sitznachbar sei ein bärtiger Mullah gewesen. Kurz vor Mazar-i-Sharif habe es einen Checkpoint gegeben. Wegen der bevorstehenden (…)-Feier hätten intensivere Kontrollen stattgefunden. Als die Beamten in Zivil die Tasche des Mullah geöffnet hätten, seien darin Bibeln und CDs gewesen, letztere vermutlich mit religiösem Inhalt. Auf die Frage der Beamten, wem die Tasche sei, habe der Mullah den Besitz verneint und gemeint, diese gehöre ihm – dem Beschwerdeführer. Dies habe er umgehend zu berichti- gen versucht, worauf der Mullah ihn beschimpft und geschlagen habe. Er habe die Beamten gebeten, seine Tasche zu öffnen, welche Studienlitera- tur enthalte. Zu seinem Erstaunen hätten sich darin mehrere Bibeln un d CDs befunden. Die übrigen Fahrgäste hätten ihn beschimpft und geschla- gen. Schliesslich sei er von zwei Beamten abgeführt und in ein Fahrzeug gebracht worden. Während der Fahrt sei er erneut beschimpft und geschla- gen worden. Der Beamte sei zu schnell gefahren, weshalb es zu einem Unfall gekommen sei. Da die zwei Beamt en bewusstlos gewesen seien, habe er die Gelegenheit zur Flucht genutzt. Er habe den nächsten Bus bestiegen und sei nach Kabul zurückgekehrt. Aus Angst vor einer Verhaf- tung und ungerechtfertigten Verurteilung, habe er Afghanistan illegal ver- lassen. B. Mit Verfügung vom 19. April 2017 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer- deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, E-2783/2017 Seite 3 verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug. Den zuständi- gen Kanton beauftragte sie mit dem Vollzug der Wegweisung. C. Mit Eingabe vom 15. Mai 2017 reichte der Beschwerdeführer beim Bun- desverwaltungsgericht eine fremdsprachige Beschwerde ein und gab eine Fürsorgebestätigung gleichen Datums zu den Akten. D. Mit Zwischenverfügung vom 18. Mai 2017 wurde der Be schwerdeführer aufgefordert, die Beschwerde innert sieben Tagen ab Eröffnung der Verfü- gung in eine Amtssprache zu übersetzen, wobei bei ungenutzter Frist auf die Beschwerde nicht eingetreten werde. E. Mit Eingabe vom 23. Mai 2017 reichte der Beschwerdeführer fristgerecht eine deutsche Übersetzung der Beschwerdebegründung ein. Nachdem sich die Anträge sinngemäss aus der Beschwerde ergeben, verzichtete die Instruktionsrichterin auf eine erneute Fristansetzung zur Übersetzung der Rechtsbegehren. Sinngemäss beantragt der Beschwerdeführer die Aufhe- bung der angefochtenen Verfügung und die Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführu ng. Ferner ersucht er darum, von einer Kontaktauf- nahme mit den heimatlichen Behörden und einer Datenweitergabe an sie abzusehen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le- gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 2. 2.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren E-2783/2017 Seite 4 gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än- derung des AsylG vom 25. September 2015). 2.2 Am 1. Januar 2019 wurde zudem das Ausländergesetz vom 16. De- zember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän- der- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwen- dende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Geset- zesbezeichnung verwenden wird. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 5. 5.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge- hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi- schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün- dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art 3. Abs. 2 AsylG). 5.2 Befürchtungen, künftig staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge- setzt zu werden, sind nur dann asylrelevant, wenn begründeter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss ent- fernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahr- scheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nach- vollziehbar erscheinen lassen. Ob eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung vorliegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu beurteilen. Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konk rete Be- drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in der gleichen Lage E-2783/2017 Seite 5 Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Die objektive Betrachtungsweise ist durch das vom Betroffenen bereits Erlebte und das Wissen um Konsequ enzen in vergleichbaren Fäl- len zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge- setzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. die vom Bundesverwaltungsgericht fortgeführte Rechtsprechung der [damaligen] Sch weizerischen Asylrekurskommission [ARK] in EMARK 2004/1 E. 6a; BVGE 2011/50 E. 3.1.1; 2011/51 E. 6, je m.w.H.). Relevanter Zeitpunkt für die Bestimmung der Flüchtlingseigenschaft ist demnach derjenige des Entscheides. Es ist festzustellen, ob die begrün- dete Furcht im Zeitpunkt des Entscheides (noch) besteht; die Veränderun- gen im Heimatland sind sowohl zugunsten als auch zulasten des Be- schwerdeführers zu berücksichtigen (BVGE 2010/57 E. 2.6). 6. 6.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht stand. Seine Aussagen wie- sen diverse unlogische Elemente auf. Er habe nicht plausibel darlegen kön- nen, weshalb sich ein Mullah für das Schmuggeln von Bibeln ausgerechnet einen Tag aussuchen sollte, an dem, wie allseits bekannt gewesen sei, lan- desweit verschärfte Kontrollen durchgeführt worden seien. Namentlich sei der Erklärungsversuch, der Mullah sei wohl aufgrund seiner Erscheinung davon ausgegangen, nicht durchsucht zu werden, nicht vereinbar mit der Aussage, es sei landesweit bekannt, dass in diesen Tagen verschärfte Si- cherheitskontrollen durchgeführt würden. Weiter sei nicht verständlich, dass er bis zum Zeitpunkt der Anhörung in der Schweiz mit niemandem über diesen Vorfall gesprochen habe. Inso- weit sei auch nicht nachvollziehbar, dass er Afghanistan verlassen haben soll, ohne seine Familie über die Ausreise in Kenntnis zu setzen, zumal er auf dem Weg zu seinen Angehörigen gewesen sei. Noch weniger nachvoll- ziehbar sei, dass er seine Familie bis zum heutigen Zeitpunkt nicht über die Gründe für seine abrupte Ausreise informiert habe. Die Erklärung für die Verschwiegenheit, nämlich den guten Ruf der Familie nicht zu schädi- gen, sei deshalb haltlos. Sodann sei seinen Angaben zu entnehmen, dass bis zum Zeitpunkt der Anhörung seitens der heimatlichen Behörden offen- sichtlich während anderthalb Jahren keinerlei Anstrengungen unternom- men worden seien, um seiner habhaft zu werden. Gemäss seinen Angaben hätte ihm seine Familie anlässlich der regelmässigen Telefonaten nichts E-2783/2017 Seite 6 solches erzählt. Ein letztes Indiz für die Unplausibilität seiner Vorbringen sei der Hinweis, wonach er bis vor drei Monaten unter seinem offiziellen Namen einen Facebook-Account gehabt habe. Jemand, der sich tatsäch- lich behördlich verfolgt wähne, meide öffentliche Internet -Auftritte bezie- hungsweise profiliere sich dort höchstens unter einem Synonym. Insge- samt seien seine Aussagen zu den Asylgründen unplausibel und damit als unglaubhaft zu beurteilen. 6.2 In der Rechtmitteleingabe hält der Beschwerdeführer an der Glaubhaf- tigkeit seiner Vorbringen fest und führt ergänzend aus, eine Straftat sei in Afghanistan etwas P ersönliches und nur der Täter werde verurteilt, nicht jedoch dessen Angehörigen. Zudem laute sein Facebook-Account nur auf seinem Vornamen A._______. Selbst wenn die afghanische Polizei seinen Wohnort in der Schweiz ausfindig machen könnte, könnten sie nichts tun. Sodann habe er den Mullah nicht gekannt, weshalb er keine Fragen z u dessen Beweggründen beantworten könne. Seine Familie habe er bisher nicht über den Vorfall informiert, weil seine Mutter an einer (…)erkrankung leide und nach dieser Nachricht einen (…) hätte erleiden können. 6.3 Entgegen den vorinstanzlichen Ausführungen sind die Vorbringen des Beschwerdeführers insgesamt betrachtet nicht als unplausibel, unlogisch und damit unglaubhaft zu erachten. Die Frage der Glaubhaftigkeit der Asyl- vorbringen kann vorliegend letztlich aber offen bleiben, wird doch nachfol- gend aufgezeigt, dass diese den Anforderungen an Art. 3 AsylG nicht ge- nügen. Der Beschwerdeführer befürchtet, dass er in Afghanistan verhaftet und für eine Tat verurteilt werde, die er nicht begangen habe. Anlässlich der Anhö- rung führte er aus, es wäre ein Verfahren ge gen ihn eingeleitet worden, wenn das Polizeiauto die Kommandantur erreicht hätte (A20/26 F204). Da- mit ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Afgha- nistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einem Strafverfahren und/oder einer Verurteilung ausgesetzt wäre, die eine Verfolgung im flüchtlingsrecht- lichen Sinn darstellt. Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer gemäss seinen An- gaben vor dem Vorfall mit den Bibeln keinen staatlichen Verfolgungsmass- nahmen ausgesetzt war. Weiter hat er sich nie politisch betätigt. Sodann hat er keine Beweismittel eingereicht, die darauf schliessen liessen, dass ein Verfahren gegen ihn eingeleitet worden wäre. Die Angst des Beschwer- deführers vor einem Strafverfahren mag zwar subjektiv nachvollziehbar E-2783/2017 Seite 7 sein, es liegen jedoch bis heute keine konkreten Umstände vor, wie zum Beispiel eingeleitete Vorbereitungshandlungen, Überwachung des Hau- ses, ein Haftbefehl oder eine Anklageerhebung, die auf eine unmittelbare oder in nächster Zukunft drohe nde Verfolgung hinweisen. Der Beschwer- deführer steht in regelmässigem telefonischem Kontakt mit seiner Familie (A20/26 F42) und mit seinen Freunden (A20/26 F160) . Auf die Frage an- lässlich der Anhörung, ob seine Familie Neuigkeiten für ihn habe, antwor- tete er mit der Gegenfrage: „Irgendetwas Neues? Was zum Beispiel? Nein, nein“. Später führte er aus, es sei nach ihm gefragt worden. Wer nach ihm gefragt habe, konnte er nicht beantworten (A20/26 F194 ff.). Indes ist da- von auszugehen, dass die Behörden den Beschwerdeführer bei seiner Fa- milie in Mazar-i-Sharif, im (…) oder (…) in Kabul aufgesucht hätten, wenn sie tatsächlich ein Interesse an ihm hätten. Weiter ist anzunehmen, dass seine Familie oder seine Freunde den Beschwerdeführer über die behörd- liche Suche informiert hätten, zumal er mit ihnen in regelmässigem Kontakt steht. Seine Angehörigen wurden indes nie von der Polizei befragt oder behelligt. Festzuhalten ist demnach, dass von Seiten der afghanischen Be- hörden auch drei Jahre nach dem Vorfall nichts unternommen wurden, um dem Beschwerdeführer hab haft zu werden . Konkrete Indizien, welchen den Eintritt der erwarteten Benachteiligung als wahrscheinlich und nach- vollziehbar erscheinen liessen, sind zu verneinen. Dem Beschwerdeführer ist es somit nicht gelungen, darzutun, inwiefern er aktuell konkret gefährdet sein soll. E s liegt somit keine objektiv begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG vor. Bei dieser Sachlage ist auf die Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe nicht weiter einzugehen. 6.4 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch im Ergebnis zu Recht abgelehnt. 7. Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylge- such ablehnt oder darauf nicht eintritt. Der Beschwerdeführer verfügt we- der über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9). E-2783/2017 Seite 8 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). 8.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.3 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völkerrecht- liche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen- stehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Da der Beschwerdefü hrer die Flüchtlingsei- genschaft nicht erfüllt, ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel- lung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestim mungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an- dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung od er Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er- geben sich konkrete Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus- schaffung nach Afghanistan dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus- gesetzt wäre. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 8.4 8.4.1 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. E-2783/2017 Seite 9 8.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Urteil D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 (zur Publikation als Refe renzurteil vorgesehen) die letzt- mals im Jahr 2011 vorgenommene Lageanalyse in Bezug auf die Stadt Mazar-i-Sharif (vgl. BVGE 2011/49) überprüft und aktualisiert. Dabei kam das Gericht zum Schluss, dass sich die Sicherheitslage in der Stadt Mazar- i-Sharif in den letzten Jahren verschlechtert hat, während sich im Bereich der humanitären Situation Verbesserungen und Rückschläge wohl etwa die Waage halten dürften. Im Vergleich zu anderen Regionen und Städten Afghanistans zählt die Stadt Mazar-i-Sharif immer noch zu den stabileren und ruhigeren Orten. Folglich rechtfertigt es sich insgesamt nicht, aktuell eine generelle Unzumutbarkeit der Rückkehr dorthin anzunehmen. Viel- mehr ist daran festzuhalten, dass bei Vorliegen begünstigender Umstände weiterhin von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Stadt Ma- zar-i-Sharif auszugehen ist. Allerdings ist mit Nachdruck daran zu erinnern, dass nicht jeder noch so schwache Bezugspunkt zu Mazar-i-Sharif für die Annahme begünstigender Umstände genügt. Vielmehr ist eine Gesamtbe- urteilung der verschiedenen Faktoren, wie sie bereits in BVGE 2011/49 er- wähnt wurden, vorzunehmen. Diese gesamthafte Betrachtung muss zum Schluss führen, im konkreten Einzelfall seien begünstigende Vorausset- zungen für eine Rückkehr nach Mazar-i-Sharif gegeben. Im Urteil BVGE 2011/7 hat das Bundesverwaltungsgericht dargelegt, wann vom Vorliegen begünstigender Faktoren auszugehen ist (E. 9.9.2). Solche können grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt. Ebenso ist ent- scheidrelevant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliede- rung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit einem tragfähigen Beziehungsnetz begünstigt werden kann. Unabdingbar ist in jedem Fall ausserdem ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig erweist. Dieses so- ziale Netz muss dem Rückkehrenden insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. 8.4.3 Der Beschwerdeführer ist (…)-jährig, alleinstehend, gesund und lebte gemäss eigenen Angaben seit dem Jahr (…) bis zu seiner Ausreise Ende 2015 zusammen mit seiner Familie im eigenen Haus in Mazar -i-Sharif. Seine Mutter und Geschwister leben nach wie vor dort. Demnach verfügt der Beschwerdeführer an seinem Herkunftsort über ein familiäres Bezie- hungsnetz und wird bei einer Rückkehr im familieneigenen Haus Aufnahme E-2783/2017 Seite 10 finden können. Da er in Mazar-i-Sharif das (…) besucht hat, ist auch davon auszugehen, dass er an diesem Ort über weitere soziale Beziehungen ver- fügt. Sodann hat er nach der (…) mit einem (…)studium begonnen, mithin ist es ihm zuzumuten, sich weiter um seine Ausbildung zu bemühen oder eine eigene wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Dabei wird er zumindest vorübergehend auf die finanzielle Unterstützung seiner Familie zählen kön- nen, welche gemäss seinen Angaben zur besser gestellten Gesellschaft gehört (vgl. A20/26 F35, F51, F74, F191 f. ). Damit liegen bezüglich des Beschwerdeführers b egünstigende Umstände im Sinne der Rechtspre- chung vor, und es ist nicht anzunehmen, dass er bei einer Rückkehr nach Mazar-i-Sharif in eine existenzielle Notlage geraten wird. Der Vollzug der Wegweisung ist daher als zumutbar zu erachten. 8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung Afghanistans die für eine Rückkehr notwendigen Reisedo- kumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2014/39 E. 9.5 S.703), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.6 Die Vorinstanz hat den Vollzug demnach zu Recht als zulässig, zumut- bar und möglich bezeichnet. Damit fällt die Anordnung der vorläufigen Auf- nahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. Mit dem Entscheid in der Hauptsache sind vorsorgliche Massnahmen im Zusammenhang mit einer Datenweitergabe an den Heimatstaat gegen- standslos geworden. Zudem geht aus den Akten nicht hervor, wonach be- reits Daten an den Heimatstaat übermittelt wurden. 11. Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren nicht von vornherein als aussichtlos betrachtet werden können. Zudem ist aufgrund der Akten nach wie vor von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers auszugehen (vgl. Fürsorgebestätigung vom E-2783/2017 Seite 11 15. Mai 2017). Den Akten sind sodann keine Hinweise auf eine massge- bende Veränderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen. Das Ge- such ist daher gutzuheissen. Es sind demnach keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) E-2783/2017 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Barbara Balmelli Nathalie Schmidlin