<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">153</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> &lt;<span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>25</b></span> <span class="ft3"><b>Rechtliches Gehör; Beweiserhebung; Aktenführung; Zeugen- und</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Beweisaussagen im verwaltungsrechtlichen Verfahren</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Nach § 24 Abs. 1 VRPG kann sich die Behörde jener Beweismittel</b></span><br/> <span class="ft3"><b>bedienen, die sie nach pflichtgemässem Ermessen zur Ermittlung des</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Sachverhalts für erforderlich hält. Dabei darf sie sich aller (legaler)</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Mittel bedienen, die nach den Grundsätzen der Logik, nach allgemei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ner Erfahrung oder wissenschaftlicher Erkenntnis geeignet sind, den</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Sachverhalt zu erhellen.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Art. 190 Abs. 2 ZPO beschränkt die verwaltungsrechtlichen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Behörden bei der Beweiserhebung im erstinstanzlichen Verfahren</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nicht auf die schriftliche Auskunft durch Privatpersonen; sie dürfen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Auskünfte Dritter auch auf eine andere geeignete Art einholen.</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 29. Juni</span><br/> <span class="ft5">2016, in Sachen A. gegen das Amt für Migration und Integration</span><br/> <span class="ft5">(WBE.2015.511).</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz hätte in ihrem Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid weder die Auskunft seiner Ehefrau noch die Facebook-Ein-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">154</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">träge berücksichtigen dürfen, weil sie den Anforderungen von § 24</span><br/> <span class="ft1">Abs. 4 VRPG i.V.m Art. 190 Abs. 2 ZPO nicht genügen würden. Zu-</span><br/> <span class="ft1">dem seien ihm die in diesem Zusammenhang erstellten oder von sei-</span><br/> <span class="ft1">ner Ehefrau eingeforderten Aktenstücke nie zu einer konkreten Stel-</span><br/> <span class="ft1">lungnahme zugestellt worden. Es sei offensichtlich, dass die Aus-</span><br/> <span class="ft1">künfte seiner Ehefrau sowie die Facebook-Einträge zur Feststellung</span><br/> <span class="ft1">des rechtserheblichen Sachverhalts herangezogen worden seien. Mit</span><br/> <span class="ft1">diesem Vorgehen habe die Vorinstanz seinen Anspruch auf rechtli-</span><br/> <span class="ft1">ches Gehör verletzt.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ande-</span><br/> <span class="ft1">rerseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim</span><br/> <span class="ft1">Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung des Ein-</span><br/> <span class="ft1">zelnen eingreift. Dazu gehört u.a. das Recht der Verfahrensbeteilig-</span><br/> <span class="ft1">ten, sich vor Erlass eines in ihre Rechtsstellung eingreifenden Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Ein-</span><br/> <span class="ft1">sicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört</span><br/> <span class="ft1">zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mit-</span><br/> <span class="ft1">zuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn</span><br/> <span class="ft1">dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen (Urteil des Bun-</span><br/> <span class="ft1">desgerichts vom 15. April 2016 [6B_1247/2015], Erw. 2.2 und vom</span><br/> <span class="ft1">28. September 2012 [2C_50/2012], Erw. 3.2, je mit weiteren Hinwei-</span><br/> <span class="ft1">sen).</span><br/> <span class="ft1">Nach § 24 Abs. 1 VRPG kann sich die Behörde jener Beweis-</span><br/> <span class="ft1">mittel bedienen, die sie nach pflichtgemässem Ermessen zur Ermitt-</span><br/> <span class="ft1">lung des Sachverhalts für erforderlich hält. Sie kann u.a. Parteien und</span><br/> <span class="ft1">Drittpersonen befragen und Augenscheine vornehmen. Die Zeugen-</span><br/> <span class="ft1">einvernahme ist nur im Rechtsmittelverfahren, die formelle Parteibe-</span><br/> <span class="ft1">fragung nur vor Verwaltungsjustizbehörden zulässig (§ 24 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG). Die polizeiliche Vorführung ist unter den Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft1">von § 24 Abs. 3 VRPG zulässig. Im Übrigen gilt das Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft1">recht, wenn die Unterschiede der beiden Verfahrensarten dies nicht</span><br/> <span class="ft1">ausschliessen. Die Protokollierungsvorschriften des Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft1">rechts für die Zeugen- und Beweisaussagen sind jedoch nicht</span><br/> <span class="ft1">anwendbar (§ 24 Abs. 4 VRPG).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">155</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Verfahrensvorschriften des VRPG (§§ 7 ff.) gelten für die</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsbehörden grundsätzlich uneingeschränkt (§ 1 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">VRPG). Insbesondere die Bestimmungen über das rechtliche Gehör</span><br/> <span class="ft1">sind auch für die Beweiserhebung durch Verwaltungsinstanzen von</span><br/> <span class="ft1">Bedeutung (AGVE 2008, S. 315). Wo sich die kantonalen Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahrensvorschriften als unzureichend erweisen, greifen zudem die</span><br/> <span class="ft1">unmittelbar aus Art. 29 Abs. 2 BV folgenden bundesrechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Minimalgarantien Platz (BGE 116 Ia 98; AGVE 2008, S. 315; mit</span><br/> <span class="ft1">weiteren Hinweisen). Die Frage des rechtlichen Gehörs ist in den</span><br/> <span class="ft1">§§ 21 (Anhörung) und 22 (Akteneinsicht) VRPG geregelt. Das Recht</span><br/> <span class="ft1">auf Akteneinsicht setzt voraus, dass überhaupt Akten vorhanden sind,</span><br/> <span class="ft1">die eingesehen werden können, d.h. es begründet auch eine Aktener-</span><br/> <span class="ft1">stellungs- bzw. Aktenführungspflicht (vgl. BGE 130 II 477;</span><br/> <span class="ft1">124 V 375 f., 390; 115 Ia 99; AGVE 2001, S. 372; 2000, S. 343 f.; je</span><br/> <span class="ft1">mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Das MIKA gewährte dem Beschwerdeführer am 12. Juni 2015</span><br/> <span class="ft1">das rechtliche Gehör betreffend Widerruf seiner Aufenthaltsbewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung und Wegweisung aus der Schweiz. Aus Ziff. 2 dieses Schrei-</span><br/> <span class="ft1">bens geht unmissverständlich hervor, dass das MIKA gestützt auf die</span><br/> <span class="ft1">Auskünfte der Ehefrau des Beschwerdeführers sowie deren Verweis</span><br/> <span class="ft1">auf Facebook-Einträge zum Schluss kommt, der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">habe spätestens seit Oktober 2014 nur noch aus migrationsrecht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Gründen an seiner Ehe festgehalten. Aufgrund dieses miss-</span><br/> <span class="ft1">bräuchlichen Verhaltens werde in Erwägung gezogen, seine ablau-</span><br/> <span class="ft1">fende Aufenthaltsbewilligung zu widerrufen und ihn aus der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">wegzuweisen. Dem Beschwerdeführer wurde Gelegenheit gegeben,</span><br/> <span class="ft1">sich schriftlich zur vorgesehenen Massnahme zu äussern.</span><br/> <span class="ft1">Unter diesen Umständen ist nicht ersichtlich, inwiefern der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer keine Gelegenheit gehabt hätte, sich vor Erlass der</span><br/> <span class="ft1">Verfügung des MIKA vom 10. August 2015 zur Sache zu äussern</span><br/> <span class="ft1">respektive an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzu-</span><br/> <span class="ft1">wirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern. Mit Ge-</span><br/> <span class="ft1">währung des rechtlichen Gehörs wurde das vorliegende Verfahren</span><br/> <span class="ft1">angehoben. Es bestehen keinerlei Anhaltspunkte, dass dem Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer seither die gemäss den §§ 21 und 22 VRPG einge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">156</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">räumten Rechte versagt worden wären. Dies umso weniger, als der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer mit Eingabe seines damaligen Vertreters vom</span><br/> <span class="ft1">23. Juni 2015 von der Möglichkeit, zur vorgesehenen Massnahme</span><br/> <span class="ft1">Stellung zu nehmen, Gebrauch gemacht hatte. (...) Den Akten kann</span><br/> <span class="ft1">weiter nicht entnommen werden, dass seitens des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">Beweisanträge gestellt oder von ihm angebotene Beweise nicht abge-</span><br/> <span class="ft1">nommen worden wären. (...)</span><br/> <span class="ft1">Mit Blick auf die Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts</span><br/> <span class="ft1">ist darauf hinzuweisen, dass sich die Behörden gemäss § 24 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">VRPG jener Beweismittel bedienen, die sie nach pflichtgemässem</span><br/> <span class="ft1">Ermessen zur Ermittlung des Sachverhalts für erforderlich halten.</span><br/> <span class="ft1">Den in dieser Bestimmung genannten Beweismitteln kommt dabei</span><br/> <span class="ft1">lediglich exemplarischer Charakter zu, d.h. die Behörden dürfen sich</span><br/> <span class="ft1">aller (legaler) Mittel, die nach den Grundsätzen der Logik, nach all-</span><br/> <span class="ft1">gemeiner Erfahrung oder wissenschaftlicher Erkenntnis geeignet</span><br/> <span class="ft1">sind, den Sachverhalt zu erhellen, bedienen (Botschaft 07.27 des Re-</span><br/> <span class="ft1">gierungsrats des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 14. Feb-</span><br/> <span class="ft1">ruar 2007 zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Ziff. 2 zu</span><br/> <span class="ft1">§ 24).</span><br/> <span class="ft1">Zu Art. 190 Abs. 2 ZPO ist festzuhalten, dass das MIKA auf-</span><br/> <span class="ft1">grund von § 24 Abs. 2 VRPG gar nicht befugt gewesen wäre, die</span><br/> <span class="ft1">Ehefrau als Zeugin einzuvernehmen, womit fraglich ist, ob Art. 190</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 ZPO in Verwaltungsverfahren überhaupt zur Anwendung</span><br/> <span class="ft1">kommt (vgl. § 24 Abs. 4 VRPG). Abgesehen davon stellt Art. 190</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 ZPO keine Beweiserhebungsvorschrift dar, die das MIKA in</span><br/> <span class="ft1">der Art und Weise der Beweiserhebung gegenüber Privatpersonen</span><br/> <span class="ft1">einschränken würde. Die Möglichkeit (auch) von Privatpersonen</span><br/> <span class="ft1">schriftliche Auskünfte einholen zu können, eröffnet lediglich eine</span><br/> <span class="ft1">weitere Art der Beweiserhebung und normiert die Pflicht Privater,</span><br/> <span class="ft1">den Behörden in schriftlicher Form Auskunft zu geben. Eine Ver-</span><br/> <span class="ft1">pflichtung der Behörden, die Auskunft Privater einzig schriftlich</span><br/> <span class="ft1">oder mittels Zeugenbefragung zu erheben, liegt nicht vor. Vielmehr</span><br/> <span class="ft1">sind die Behörden frei, Auskünfte auch auf andere geeignete Art ein-</span><br/> <span class="ft1">zuholen.</span><br/> <span class="ft1">Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers liegen auch keine</span><br/> <span class="ft1">Anzeichen vor, dass das MIKA die dem Beschwerdeführer im Zu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">157</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sammenhang mit den erhobenen Informationen zustehenden Rechte</span><br/> <span class="ft1">verletzt hätte. Dem Beschwerdeführer wurden anlässlich des recht-</span><br/> <span class="ft1">lichen Gehörs die Angaben der Ehefrau mitgeteilt. Zudem wurden</span><br/> <span class="ft1">deren Aussagen vor Gewährung des rechtlichen Gehörs in der</span><br/> <span class="ft1">Telefonnotiz (recte: Aktennotiz) vom 26. Mai 2015 schriftlich festge-</span><br/> <span class="ft1">halten und zu den Akten genommen. Auch die von der Ehefrau ein-</span><br/> <span class="ft1">verlangten und eingereichten Unterlagen sind vollständig in den</span><br/> <span class="ft1">Akten abgelegt. Entsprechend ist das MIKA seiner Pflicht zur Akten-</span><br/> <span class="ft1">erstellung- bzw. Aktenführung, welche mit dem Recht auf Aktenein-</span><br/> <span class="ft1">sicht verbunden ist, nachgekommen. Hinsichtlich des Akteneinsichts-</span><br/> <span class="ft1">rechts bleibt festzuhalten, dass weder der Beschwerdeführer noch</span><br/> <span class="ft1">sein damaliger Vertreter - dessen Verhalten sich der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rer anrechnen lassen muss - einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt</span><br/> <span class="ft1">haben. Dass es einer Behörde nicht angelastet werden kann, wenn ein</span><br/> <span class="ft1">Betroffener darauf verzichtet, Beweisanträge zu stellen oder Einsicht</span><br/> <span class="ft1">in die Akten zu verlangen, ist offensichtlich und bedarf keiner weite-</span><br/> <span class="ft1">ren Ausführungen.</span><br/> <span class="ft1">Inwiefern das MIKA bei dieser Sachlage den Grundsatz des</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen Gehörs verletzt hätte, ist nicht nachvollziehbar. Dies</span><br/> <span class="ft1">umso weniger, als der neuen Vertreterin des Beschwerdeführers auf</span><br/> <span class="ft1">entsprechenden Antrag hin umgehend sämtliche Akten in elektro-</span><br/> <span class="ft1">nischer Form zugestellt wurden. Demnach bleibt festzuhalten, dass</span><br/> <span class="ft1">das MIKA entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers seinem An-</span><br/> <span class="ft1">spruch auf rechtliches Gehör in jeder Hinsicht Rechnung getragen</span><br/> <span class="ft1">hat.</span><br/> <span class="ft1">(Hinweis: Das Bundesgericht wies die gegen diesen Entscheid</span><br/> <span class="ft1">erhobene Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit</span><br/> <span class="ft1">Urteil vom 20. April 2017 [2C_671/2016] ab.)</span><br/></div> </div> </body> </html>