Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 9. Juli 2020 (725 20 111 / 169) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Zahnschaden aufgrund eines Kirschensteins in einem mit entsteinten Früchten zuberei- teten Desserts. Der Unfallbegriff ist erfüllt. Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Gerichtsschrei berin Daniela Buser Parteien A.____, Beschwerdeführer gegen Allianz Suisse Versicherungs -Gesellschaft AG , Postfach, 8010 Zürich, Beschwerdegegnerin Betreff Leistungen A. Der 1968 geborene A.____ ist bei der B.____ AG in X.____ als Projektleiter in einem Vollzeitpensum arbeitstätig und in dieser Eigenschaft be i der Allianz Suisse Versicherungs- Gesellschaft AG (Allianz) gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert. Mit Unfallmeldung vom 2. September 2019 liess A.____ der Allianz durch seine Arbeitgeberin einen Nichtberufsunfall melden. Danach sei der Versicherte am 17. August 2019 einer privaten Einla- dung zum Nachtessen gefolgt, bei welchem zum Dessert «ha usgemachte Glacé mit einem Kirschencoulis» serviert worden sei. Beim Nachschlag habe er auf einen «Kirschenstein» ge- bissen und dabei einen Zahnschaden erlitten. Nachdem di e Allianz bei A.____ zusätzliche An- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht gaben eingeholt hatte, lehnte sie nach durchgeführtem Einspracheverfahren ihre Leistungs- pflicht mit Entscheid vom 7. Februar 2020 ab. Zur Begrü ndung führte sie an, es bestehe ledig- lich eine Vermutung, dass ein Fremdkörper Ursache des Zahnschadens gewesen sei. Damit sei der Nachweis eines Unfalles nicht erbracht. Der Versiche rte habe daher die Folgen dieser Be- weislosigkeit zu tragen. B. Gegen diesen Einspracheentscheid erhob A.____ am 8. März 2020 Beschwerde am Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kanton sgericht). Er beantragte, in Aufhe- bung des angefochtenen Entscheids vom 11. November 2019 ( recte: 7. Februar 2020) seien ihm die vollen Leistungen aus dem Unfallereignis vom 17. August 2019 auszurichten. Eventuali- ter seien weitere Abklärungen zum Unfallhergang vorzune hmen. Seine Anträge begründete er damit, dass der erlittene Zahnschaden auf einen Unfall im Rechtssinne zurückzuführen sei. In verfahrensrechtlicher Sicht beantragte er die Durchführu ng einer Parteiverhandlung mit Zeu- geneinvernahme. C. Die Allianz schloss mit Vernehmlassung vom 3. April 202 0 auf Abweisung der Be- schwerde. Sie verwies dabei vollumfänglich auf ihre Ausf ührungen im Einspracheenscheid vom 7. Februar 2020. Ergänzend führte sie aus, dass kein u ngewöhnlicher äusserer Faktor vorliege und der Unfallbegriff demzufolge nicht erfüllt sei. D. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 12. Juni 2020 wurde auf die Durchführung einer Parteiverhandlung mit Zeugeneinvernahme verzichtet und die Angelegenheit dem Präsidium zum Entscheid überwiesen. Die Präsidentin zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, desse n Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetze s über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einspracheent- scheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen V ersicherungsgericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Ve rsicherungsgericht desjenigen Kan- tons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwer deerhebung ihren Wohnsitz hat. Vor- liegend befindet sich dieser in Y.____ (BL), weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kantonsge- richts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfas- sungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantons- gericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtlich e Instanz des Kantons Beschwerden ge- gen Einspracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Ar t. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zustä ndig. Auf die - im Übrigen frist- und formgerecht erhobene - Beschwerde des Versicherten vom 8. März 2020 ist demnach ein- zutreten. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.2 Gemäss § 55 Abs. 1 VPO entscheidet die Präsidentin d er Abteilung Sozialversiche- rungsrecht des Kantonsgerichts Streitigkeiten bis zu einem Streitwert von Fr. 20'000.-- durch Präsidialentscheid. Streitgegenstand des vorliegenden Ve rfahrens bildet die Kostenübernahme für eine Zahnbehandlung. Gemäss der Kostenschätzung des behandelnden Zahnarztes Dr. med. dent. C.____ vom 11. September 2019 (act. 00 6) belaufen sich die Kosten für die Zahnbehandlung auf Fr. 3'776.80. In Anbetracht der Höhe dieses Betrags ist die präsidiale Zu- ständigkeit begründet. 2. Strittig ist vorliegend, ob die Beschwerdegegnerin die Kosten der Behandlung des vom Beschwerdeführer geltend gemachten Zahnschadens zu übe rnehmen hat. Zu prüfen ist dabei insbesondere, ob der Zahnschaden auf die Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors zurückzuführen ist. 2.1 Nach Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer in der obligatorischen Unfallversiche- rung, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Versicherungsleistungen bei Berufsunfäl- len, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten zu gewähren. 2.2 Als Unfall gilt gemäss Art. 4 ATSG die plötzliche, n icht beabsichtigte schädigende Ein- wirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den m enschlichen Körper, die eine Beein- trächtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (BGE 134 V 72 E. 2.2). Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ob dies zutrifft, beurteilt sich im Einzel- fall, wobei grundsätzlich nur die objektiven Umstände in Betracht fallen (BGE 134 V 72 E. 4.1, 129 V 402 E. 2.1, 122 V 230 E. 1, 121 V 35 E. 1a, j e mit Hinweisen). Nach der Rechtsprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selbst. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich gezogen hat. Ausschlaggebend ist, dass sich der äussere Faktor vom Normal mass an Umwelteinwirkungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswi rkungen allein begründen keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 82 E. 4.3.1). 2.3 Im Zusammenhang mit Zahnschädigungen, die sich beim Essen ereignen, ist das Be- griffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors zu bejahen, wenn sie durch einen Gegenstand verursacht werden, welcher üblicherweise nicht in dem betreffenden Nahrungsmit- tel vorhanden ist (Sozialversicherungsrecht - Rechtsprech ung [SVR] 1999, UV Nr. 9, S. 28 E. 3c/cc). In der Rechtsprechung wurden als solche ungewöhn liche Faktoren beispielsweise eine Nussschale in einem Nussbrot (BGE 114 V 169 E. 2; Kr anken- und Unfallversicherung – Rechtsprechung und Verwaltungspraxis [RKUV] 1988 K 787 S. 419 ff.), ein Knochensplitter in einer Wurst (BGE 112 V 201 E. 3b; RKUV 1992 U 144 S. 82 ff.) oder ein Olivenstein in einer Olive, wenn die versicherte Person bewusst eine Packung en tsteinter Oliven gekauft hat (Urteil des Bundesgerichts vom 20. April 2011, 9C_985/2010, E . 5.4), anerkannt. Demgegenüber wur- de die Ungewöhnlichkeit verneint bei der Figur im Dre ikönigskuchen (BGE 112 V 205 E. 3b), bei einem Kirschenstein in einem bewusst mit nichtentste inten Früchten zubereiteten Kirschen- kuchen (BGE 112 V 201 E. 3b), bei einem harten Biskuit wie z.B. einem “Totenbeinli“ und bei Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht einem Stück Nuss-Schokolade (BGE 103 V 177 E. 4b) oder b ei einem Muschelschalensplitter auf einer Meeresfrüchte-Pizza, welche mit Muschelschale n zubereitet wurde (Urteil des Bun- desgerichts vom 2. Februar 2004, U 305/02, E. 2.3). 3.1 Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungsverfahren u nd der Sozialversicherungs- prozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach haben Versicherungsträger und das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollst ändige Feststellung des rechtserhebli- chen Sachverhaltes zu sorgen. Die Verwaltung als verfügen de Instanz und - im Beschwerdefall - das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewies en annehmen, wenn sie von ihrem Be- stehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat die rechtsanwendende Behörde ihren Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes v orsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sach- verhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Verwalt ung und Gericht haben vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die sie von allen mög lichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigen (BGE 138 V 218 E. 6 mit Hinweisen). Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne der Beweisführungslast be griffsnotwendig aus, da es Sache des Sozialversicherungsgerichts (oder der verfügenden Ver waltungsstelle) ist, für die Zusam- mentragung des Beweismaterials besorgt zu sein. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofer n, als im Falle der Beweislosigkeit der Ent- scheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem u nbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift aller dings erst Platz, wenn es sich als unmög- lich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes au fgrund einer Beweiswürdigung ei- nen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 138 V 218 E. 6 mit Hinweisen). 3.2 Was speziell den Unfallbeweis anbelangt, sind die ei nzelnen Umstände des Unfallge- schehens vom Leistungsansprecher bzw. der Leistungsanspreche rin glaubhaft zu machen. Kommt er bzw. sie dieser Forderung nicht nach, indem un vollständige, ungenaue oder wider- sprüchliche Angaben gemacht werden, die das Bestehen ein es unfallmässigen Schadens als unglaubwürdig erscheinen lassen, besteht keine Leistungspfl icht des Versicherers (SVR 2001, KV Nr. 50, S. 146 E. 4c). Das damalige Eidgenössische Ve rsicherungsgericht (EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteilungen) hat in ständiger Rechtsprechung erkannt, dass die blosse Vermutung, der Zahnschaden sei durch einen Frem dkörper verursacht worden, nicht für die Annahme eines ungewöhnlichen äusseren Faktors genü gt (TURTÈ BAER , Die Zahnschädi- gung als Unfall in der Sozialversicherung, in: Schweizeri sche Juristen-Zeitung [SJZ] 88 [1992], S. 324 mit Hinweisen). In diesen Fällen liegt Bewei slosigkeit vor, deren Folgen die versicherte Person zu tragen hat, welche aus dem unbewiesen geblie benen Sachverhalt Rechte ableiten wollte, und es besteht keine Leistungspflicht des Unfa llversicherers (BGE 138 V 218 E. 6). In diesem Sinne entschied das damalige EVG, wenn die versi cherte Person lediglich geltend ma- chen konnte, auf "etwas Hartes" oder "einen Fremdkörper " gebissen zu haben, den Gegen- stand jedoch nicht genauer beschreiben konnte (vgl. Urte ile des Bundesgerichs vom 21. Februar 2003, U 229/0, vom 26. April 2000, U 33/ 00, und vom 17. Januar 2000, U 268/99). Eine blosse Vermutung, dass der Schaden durch einen ung ewöhnlichen äusseren Faktor ein- getreten sei, lag nach der Rechtsprechung aber auch dann vor, wenn der fragliche Gegenstand Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht zwar benannt wurde, der entsprechende Nachweis aber n icht erbracht werden konnte (Urteil des Bundesgerichts vom 4. Juni 2013, 8C_215/2013, E. 3 mit weiteren Hinweisen). 4.1 In der Unfallmeldung vom 2. September 2019 (act. 001) erklärte der Beschwerdefüh- rer, er habe beim Genuss von «hausgemachter Glacé mit ei nem Kirschencoulis» auf einen «Kirschenstein» gebissen. In der Folge stellte die Alli anz dem Versicherten zur ergänzenden Sachverhaltsabklärung das Frageblatt Zahnschaden zu, we lches der Beschwerdeführer am 12. September 2019 ausgefüllt retournierte (act. 00 5). Darin gab er zum Unfallhergang an, er habe beim Essen von Amaretto-Glacé an einem Kirschencoul is auf etwas Hartes gebissen, woraufhin der Zahn abgebrochen sei. Auf die Frage n ach dem Gegenstand, auf den er gebis- sen habe, gab der Versicherte an, es habe sich dabei «wahrscheinlich» um einen Kirschenstein gehandelt. Da er den Mund voller Teile gehabt habe, sei er zur Toilette gegangen und habe diese ausgespuckt und sich den Mund gespült. 4.2.1 Die Allianz begründete die Ablehnung ihrer Lei stungspflicht im angefochtenen Ent- scheid vom 7. Februar 2020 damit, dass es sich bei den Schi lderungen des Beschwerdefüh- rers, wonach der Zahnschaden durch einen Fremdkörper ve rursacht worden sei, lediglich um eine Vermutung handle. Demzufolge schloss sie auf eine Beweislosigkeit, weshalb sich die Prü- fung der einzelnen Tatbestandsmerkmale von Art. 4 ATSG erübrigte. Zunächst ist somit zu prü- fen, ob sich die Allianz zu Recht auf diese Beweislosigkeit berufen hat, respektive ob der Be- schwerdeführer die Umstände des Unfallhergangs glaubhaft dargelegt hat. 4.2.2 Wie bereits in Erwägung 3.2 dargelegt, hat die ungenügende Glaubhaftmachung der Umstände des Unfallhergangs durch den Versicherten, ind em dieser unvollständige, ungenaue oder widersprüchliche Angaben macht, die das Bestehen eines unfallmässigen Schadens als unglaubwürdig erscheinen lassen, eine Beweislosigkeit z ur Folge. Liegt Beweislosigkeit vor, besteht keine Leistungspflicht des Unfallversicherers. Nach der bundesgerichtlichen Rechtspre- chung genügt dabei die blosse Vermutung, der Zahnschaden sei durch einen Fremdkörper ver- ursacht worden, den Anforderungen an die Glaubhaftmac hung nicht. Auch liegt in jenen Fällen Beweislosigkeit vor, in welchen die versicherte Person le diglich geltend machen kann, auf «et- was Hartes» oder «einen Fremdkörper» gebissen zu haben , den Gegenstand jedoch nicht ge- nauer beschreiben kann. Soweit sich die Allianz nun auf eine angeblich vorliegende Beweislo- sigkeit stützt, geht sie fehl. Sie übersieht, dass der Besch werdeführer nicht nur auf die Aussa- gen im Frageblatt Zahnschaden behaftet werden darf. V ielmehr sind im Rahmen der Beurtei- lung, ob der Unfallhergang rechtsgenügend geschilder t wurde, sämtliche Akten und Umstände des Einzelfalles zu würdigen. So trifft es zwar zu, da ss der Beschwerdeführer im Frageblatt Zahnschaden angab, dass es sich beim Fremdkörper «wahrscheinlich» um einen Kirschenstein gehandelt habe. Dagegen führte er jedoch bereits mit Unfallmeldung vom 2. September 2019 aus, er habe beim Genuss eines hausgemachten Desserts auf einen Kirschenstein gebissen. Gestützt auf diese eher zurückhaltende Formulierung des Beschwerdeführers kann mit Blick auf die Gesamtumstände nicht auf eine Beweislosigkeit geschlo ssen werden. Schliesslich hat der Beschwerdeführer den Fremdkörper als Kirschenstein ident ifiziert, was in Anbetracht der Um- stände des vorliegenden Einzelfalles überzeugt. Insbesondere erweisen sich die Schilderungen zu den Umständen des Unfallhergangs in Anbetracht des kred enzten Desserts – Amaretto- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Glacé mit einem Kirschencoulis – als plausibel. Darüber h inaus hat der Beschwerdeführer den Fremdkörper während des Kauvorgangs zerbissen und die E inzelteile anschliessend auf der Toilette entsorgt. Es war ihm somit möglich, aufgrund der Einzelteile auf die Beschaffenheit des Fremdkörpers zu schliessen. Insofern ist es auch nachvoll ziehbar, dass er den zerbrochenen Fremdkörper dahingehend beschrieb, dass es sich «wahrscheinli ch» um einen Kirschenstein gehandelt habe. Letztlich vermag auch die Argumentation der Allianz nicht zu überzeugen, wo- nach der Beschwerdeführer das Corpus Delicti nicht beig ebracht habe. Obwohl der Fremdkör- per von zentraler Bedeutung ist, muss dieser nicht zwing end vorgewiesen werden können, da- mit ein Unfall als erstellt erachtet werden kann. Vie lmehr genügt eine genaue und detaillierte Beschreibung desselben (M ARKUS HÜSLER , Zahnschaden als Unfall, in: Luzerner Beiträge zur Rechtswissenschaft [LBR] 2008 Nr. 27, S. 27). Nach dem G esagten hat der Beschwerdeführer die Umstände des Unfallhergangs glaubhaft dargelegt. E ine Beweislosigkeit liegt demnach – entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin – nicht vor. 4.3 Im vorliegenden Fall steht fest, dass der Zahnschade n des Beschwerdeführers durch eine plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirku ng verursacht worden ist. Näher zu prüfen ist jedoch, ob der in den Unfallhergang involvi erte Fremdkörper in Form eines Kirschen- steins einen ungewöhnlichen äusseren Faktor im Sinne von Art. 4 ATSG darstellt. Ein äusserer Faktor ist gegeben, wenn äussere, vom menschlichen Körper unabhängige Kräfte auf diesen einwirken (U ELI KIESER , Kommentar zum ATSG, 4. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2 020, Art. 4, Rz. 86). Eine derartige Einwirkung auf den Zahn ist vo rliegend durch den sich im Dessert be- findlichen Kirschenstein erfolgt, auf welchen der Besch werdeführer unverhofft gebissen hat. Ohnehin bestätigt auch der behandelnde Zahnarzt Dr. C.____ in seiner Stellungnahme vom 17. Februar 2020, dass der Zahnschaden auf die Einwirku ng eines äusseren Faktors zurückzu- führen sei. Denn eine Querfraktur eines Zahns – wie i m vorliegenden Fall – sei ohne äussere Gewalteinwirkung oder das Aufbeissen auf einen harten Gegenstand sehr unwahrscheinlich. Damit ist die Einwirkung eines äusseren Faktors schlüssig erstellt. 4.4.1 Die Ungewöhnlichkeit dieses äusseren Faktors kann b ejaht werden, wenn sich dieser üblicherweise nicht im betreffenden Nahrungsmittel findet (vgl. Erwägung 2.3 hiervor). Damit ein Faktor als ungewöhnlich gilt, ist hingegen nicht erford erlich, dass mit diesem sicherlich nicht gerechnet werden muss. Schliesslich kann wohl nie gänzlich a usgeschlossen werden, dass diese unbemerkt in die Nahrungsmittel gelangen (RKUV 1 988 K 786 S. 420 E. 3b mit Hinwei- sen). Ob und gegebenenfalls wie häufig dieser äussere F aktor in einem bestimmten Nah- rungsmittel auftreten könnte, ist dabei unerheblich (R KUV 1992 U 144 S. 84 E. 2c). Wie in Er- wägung 2.3 hiervor ausgeführt, hat sich das Bundesgericht bereits mehrfach mit der Frage nach der Ungewöhnlichkeit eines äusseren Faktors auseinanderge setzt. So hat es die Ungewöhn- lichkeit namentlich bei einer Nusschale im Nussbrot oder e inem Olivenstein in einer Packung voller entsteinter Oliven bejaht. Um einen ebenfalls ungewöhnlichen äusseren Faktor handelt es sich bei einem Knochensplitter in einer Wurst. Diesbezüglich führte das Bundesgericht an, dass im Rahmen des Trennungsprozesses selbst bei Anwendung g rösster Sorgfalt nicht gänzlich vermieden werden könne, dass hin und wieder Knochente ile in die Wurstmasse gelangen wür- den. Für die Beurteilung der Ungewöhnlichkeit sei da her entscheidend, ob Knochen selbst als Grundmaterial für die Wurstzubereitung Verwendung fä nden, was offensichtlich nicht der Fall Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht sei (RKUV 1992 U 144 S. 84 E. 2c). Demgegenüber hat d as Bundesgericht die Ungewöhnlich- keit bei Dekorationsperlen auf einem Kuchen verneint, d a es sich um essbare Kugeln handle, welche keine Fremdkörper wie beispielsweise Kirschensteine in einem Fruchtkuchen oder Kno- chensplitter in einer Wurst darstellen würden (RKUV 19 85 K 614 S. 26 E. 3a). Ebenfalls ver- neinte es den ungewöhnlichen äusseren Faktor bei einem K irschenstein im Kirschenkuchen, der bewusst mit nicht entsteinten Früchten zubereitet wu rde. Die Steine im nicht entsteinten Fruchtkuchen würden keine Fremdkörper darstellen, mit denen nicht gerechnet werden müsse, sondern bildeten Teile des Kuchens (BGE 112 V 201 E. 2 f.). 4.4.2 Wie sich den Akten entnehmen lässt, wurde im Rahm en des Abendessens, während dem sich der Unfall mit Zahnschaden ereignete, als Desse rt ein hausgemachtes Amaretto- Glacé mit Kirschencoulis serviert. Bei einem «Coulis» handelt es sich um erfrischende, fruchtige Saucen, die als sogenannte Spiegel unter oder als Sauc en zu einem Dessert serviert werden. Die Früchte werden dabei zuerst zerdrückt oder püriert und meistens durch ein feines Sieb ge- strichen, damit alle Schalenteile und Kerne zurückbleibe n (vgl. https://www.bettybossi.ch/de/ Magazin/Display/1065125/Coulis-Co-fruchtiger-Sommergenuss [25. Juni 2020]). Üblicherweise werden somit sowohl die Amaretto-Glacé als auch das K irschencoulis mit entsteinten Kirschen zubereitet. In Anlehnung an die in Erwägung 4.4.1 au sgeführte bundesgerichtliche Rechtspre- chung ist es dabei unerheblich, dass beim Entsteinen der Kirschen selbst bei Anwendung grösstmöglicher Sorgfalt nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann, dass ein Kirschenstein im Dessert landet. Der Beschwerdeführer musste folglich beim Genuss des Desserts nicht mit Kir- schensteinen rechnen, die sich allenfalls darin befinden könnten. Mit der vorstehend erläuterten Zubereitungsart eines Coulis wird zudem sichergestellt, d ass keine Fruchtsteine ins Dessert gelangen. Das Auftreten eines Kirschensteins in einem mi t entsteinten Kirschen zubereiteten Amaretto-Glacé mit Kirschencoulis ist daher ungewöhnlich. 4.5 Damit ist die plötzliche, nicht beabsichtigte Einwir kung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors in Form eines Kirschensteins mit überwiegender Wah rscheinlichkeit ausgewiesen. Die- se Einwirkung führte letztlich zur Querfraktur des Zahns des Beschwerdeführers. Beim Ereignis vom 17. August 2019 handelt es sich somit um einen Unf all im Rechtssinne. Weitere Abklärun- gen – wie sie der Beschwerdeführer verlangt – erübrige n sich demzufolge. 5. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht im angefochtenen Entscheid vom 7. Februar 2020 zu Unrecht abgelehnt hat. In Anbetracht der vorstehenden Ausführungen hat die Beschwerdegegnerin di e gesetzlichen Leistungen für das Unfallereignis vom 17. August 2019 zu erbringen. Die B eschwerde ist in diesem Sinne gutzu- heissen. 6. Abschliessend bleibt über die Kosten zu befinden. Ar t. 61 lit. a ATSG bestimmt, dass das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorliegende Verfahren keine Ko sten zu erheben. Eine Parteientschädi- gung wird dem anwaltlich nicht vertretenen Beschwerdeführer nicht zugesprochen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der angefoch tene Einspracheent- scheid vom 7. Februar 2020 aufgehoben und die Beschwerde gegnerin verpflichtet, die gesetzlichen Leistungen für das Unfaller eignis vom 17. August 2019 zu erbringen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Eine Parteientschädigung wird nicht zugesprochen.