<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 54 S.221</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">221</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>54 Anstaltseinweisung; Auslegung des Begriffs der schweren</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Verwahrlosung; Einweisung eines Jugendlichen in eine</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Arbeitserziehungsanstalt.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Stark einschränkende Auslegung des Begriffs der schweren Ver-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>wahrlosung (Erw. 2/a und b).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>-</b></span> <span class="ft1"><b>Berücksichtigung des jugendlichen Alters (Erw. 2/c).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Voraussetzungen für die Mitberücksichtigung der seelischen, sitt-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>lichen oder affektiven Verwahrlosung (Erw. 3/b/aa-cc).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>-</b></span> <span class="ft1"><b>Verhältnis zu anderen Einweisungstatbeständen (Erw. 3/c).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>-</b></span> <span class="ft1"><b>Bei einer drohenden Verwahrlosung muss nicht bis zum Eintritt eines</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nicht mehr verbesserbaren Zustandes gewartet werden (Erw. 3/d).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>-</b></span> <span class="ft1"><b>Arbeitserziehungsanstalt als geeignete Anstalt (Erw. 5).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 30. Mai 2001 in</span><br/> <span class="ft2">Sachen M.Z. gegen Verfügung des Bezirksamts Z.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2. a) Obwohl bei den Gesetzesberatungen eine gewisse Ab-</span><br/> <span class="ft4">schwächung erfolgte, indem statt der "völligen Verwahrlosung" im</span><br/> <span class="ft4">bundesrätlichen Entwurf (worauf sich die Botschaft bezieht) der</span><br/> <span class="ft4">Begriff der "schweren Verwahrlosung" gewählt wurde, hat das Ver-</span><br/> <span class="ft4">waltungsgericht den Begriff der "schweren Verwahrlosung" stark</span><br/> <span class="ft4">einschränkend ausgelegt. Es handelt sich hier um Fälle, wo jemand</span><br/> <span class="ft4">ohne die Versorgung in einen mit der Menschenwürde schlechter-</span><br/> <span class="ft4">dings nicht mehr zu vereinbarenden Zustand der Verkommenheit</span><br/> <span class="ft4">geraten würde (Botschaft des Bundesrates vom 17. August 1977</span><br/> <span class="ft4">[Botschaft], BBl 1977 II S. 25). Zu bejahen ist dies, wo jemand nicht</span><br/> <span class="ft4">mehr in der Lage ist, den minimalen Bedürfnissen in Bezug auf Er-</span><br/> <span class="ft4">nährung und Hygiene nachzukommen, aber auch dort, wo durch die</span><br/> <span class="ft4">mangelnde Selbstfürsorge die offensichtliche und akute Gefahr einer</span><br/> <span class="ft4">irreversiblen, schweren Gesundheitsschädigung besteht. Dieser Zu-</span><br/> <span class="ft4">stand der Verwahrlosung gründet in Hilflosigkeit oder in einem</span><br/> <span class="ft4">krankheitsähnlichen Verhalten, wodurch die Entscheidungsfreiheit</span><br/> <span class="ft4">des Betreffenden bereits eingeschränkt ist (Barbara Caviezel-Jost,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">222</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Die materiellen Voraussetzungen der fürsorgerischen Freiheitsentzie-</span><br/> <span class="ft4">hung, Stans 1988, S. 229 ff.; vgl. zum Ganzen AGVE 1981, S. 145 f.;</span><br/> <span class="ft4">1983, S. 117 f.; 1986, S. 196 f.; 1988, S. 253 f.; 1993, S. 313 f.).</span><br/> <span class="ft4">b) Eine weite Auslegung des Verwahrlosungsbegriffs - unter</span><br/> <span class="ft4">Einschluss seelischer, sittlicher oder affektiver Verwahrlosung (vgl.</span><br/> <span class="ft4">Entscheide der Gerichts- und Verwaltungsbehörden des Kantons</span><br/> <span class="ft4">Schwyz [EGV-SZ] 1983, S. 42) - erscheint problematisch, nament-</span><br/> <span class="ft4">lich angesichts der nicht rein medizinischen Auslegung der Begriffe</span><br/> <span class="ft4">Geisteskrankheit und Geistesschwäche (AGVE 1982, S. 140 ff.),</span><br/> <span class="ft4">wodurch sich auch krasse Auffälligkeiten seelischer und affektiver</span><br/> <span class="ft4">"Verwahrlosung" erfassen lassen. Es besteht sonst die Gefahr, dass</span><br/> <span class="ft4">eine Hintertür zur Umgehung der abschliessenden Umschreibung der</span><br/> <span class="ft4">Einweisungstatbestände geschaffen wird. Der Tatbestand ist also</span><br/> <span class="ft4">nicht schon dadurch erfüllt, dass eine Person von den hergebrachten</span><br/> <span class="ft4">Formen bürgerlicher Wohlanständigkeit abweicht (Botschaft, a.a.O.</span><br/> <span class="ft4">S. 25). Eine fürsorgerische Freiheitsentziehung, welche sich auf das</span><br/> <span class="ft4">Vorliegen einer seelischen, sittlichen oder affektiven Verwahrlosung</span><br/> <span class="ft4">stützt, müsste sich auf Fälle beschränken, wo sehr konkrete Aus-</span><br/> <span class="ft4">sichten bestehen, dem Betroffenen durch das Therapie- und Bil-</span><br/> <span class="ft4">dungsangebot der Anstalt entsprechend seinen eigenen (wenn auch</span><br/> <span class="ft4">nicht oder nur unklar geäusserten) Wünschen und Bedürfnissen zu</span><br/> <span class="ft4">helfen (Gottlieb Iberg, Aus der Praxis des fürsorgerischen Freiheits-</span><br/> <span class="ft4">entzuges, in: SJZ 79/1983, S. 295 f.; AGVE 1983, S. 117 f.).</span><br/> <span class="ft4">c) Die Frage, ob wegen der bei Jugendlichen und jungen Er-</span><br/> <span class="ft4">wachsenen am ehesten bestehenden Beeinflussungsmöglichkeit eine</span><br/> <span class="ft4">altersabhängige Interpretation des Verwahrlosungsbegriffs zu befür-</span><br/> <span class="ft4">worten sei, hat das Verwaltungsgericht bisher offengelassen (AGVE</span><br/> <span class="ft4">1983, S. 118). Es muss berücksichtigt werden, dass es sich dabei um</span><br/> <span class="ft4">einen unbestimmten Rechtsbegriff handelt (Eugen Spirig, Zürcher</span><br/> <span class="ft4">Kommentar Art. 397a - 397f, Zürich 1995, Art. 397d N 90). Ob eine</span><br/> <span class="ft4">schwere Verwahrlosung vorliegt, lässt sich nicht aufgrund messbarer</span><br/> <span class="ft4">Grössen feststellen, sondern muss gestützt auf die Bewertung der</span><br/> <span class="ft4">Einzelumstände und konkreter Vorkommnisse erfolgen; massgeblich</span><br/> <span class="ft4">ist immer der Zustand der im einzelnen Fall zu beurteilenden Person.</span><br/> <span class="ft4">Dabei ist auch das Alter derselben zu berücksichtigen. Jugendliche</span><br/> <span class="ft4">und junge Erwachsene sind stärker beeinflussbar als ältere Personen;</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">223</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">ihre Entwicklung hängt deshalb entscheidender von geeigneten pä-</span><br/> <span class="ft4">dagogisch-therapeutischen Massnahmen ab. Von daher gesehen kann</span><br/> <span class="ft4">unter Umständen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein</span><br/> <span class="ft4">fürsorgerisches Tätigwerden im Hinblick auf eine drohende schwere</span><br/> <span class="ft4">Verwahrlosung in einem früheren Stadium angezeigt sein (R. Furger,</span><br/> <span class="ft4">Unterbringung Jugendlicher und Erwachsener im Sinne der fürsorge-</span><br/> <span class="ft4">rischen Freiheitsentziehung aus psychiatrischer Sicht, in: ZVW</span><br/> <span class="ft4">38/1983, S. 44 f., 48 ff.; Caviezel-Jost, a.a.O., S. 222, 230 f.). In</span><br/> <span class="ft4">diesem Sinne ist der Verwahrlosungsbegriff "altersabhängig" auszu-</span><br/> <span class="ft4">legen.</span><br/> <span class="ft4">3. b) aa) Es stellt sich die Frage, ob nebst dem schlechten Zu-</span><br/> <span class="ft4">stand des Beschwerdeführers bezüglich Körperpflege, Kleidung,</span><br/> <span class="ft4">Ernährung und Hygiene auch dessen psychische Verfassung, Betäu-</span><br/> <span class="ft4">bungsmittelkonsum, aggressives Verhalten gegenüber seiner Mutter</span><br/> <span class="ft4">sowie der Umstand, dass er weder über eine Wohnmöglichkeit noch</span><br/> <span class="ft4">eine Arbeitsstelle verfügt, mitzuberücksichtigen sind. Eine weite</span><br/> <span class="ft4">Auslegung des Verwahrlosungsbegriffs - unter vorbehaltlosem Ein-</span><br/> <span class="ft4">schluss seelischer, sittlicher oder affektiver Verwahrlosung - ist</span><br/> <span class="ft4">problematisch. (Erw. 2/b vorstehend). Die fürsorgerische Freiheits-</span><br/> <span class="ft4">entziehung aufgrund einer Auslegung des Verwahrlosungsbegriffs,</span><br/> <span class="ft4">welcher auch die seelische, sittliche oder affektive Verwahrlosung</span><br/> <span class="ft4">berücksichtigt, darf nicht zur Umerziehung und Anpassung von Per-</span><br/> <span class="ft4">sonen, die in ihrer Lebensführung bewusst von den von gesellschaft-</span><br/> <span class="ft4">lich akzeptierten Verhaltensnormen abweichen und auch bereit sind,</span><br/> <span class="ft4">die Folgen ihres Verhaltens zu tragen, führen. Eine solche Auslegung</span><br/> <span class="ft4">des Verwahrlosungsbegriffs ist jedoch dann gerechtfertigt, wenn sie</span><br/> <span class="ft4">der Fürsorge von Personen dient, die aufgrund ihres psychischen</span><br/> <span class="ft4">Zustandes oder ihres sozialen Verhaltens in Schwierigkeiten geraten,</span><br/> <span class="ft4">hilfsbedürftig sind und an ihrem Zustand leiden. Bei einem Clochard</span><br/> <span class="ft4">oder einem Arbeitsscheuen darf nicht schon allein deswegen von</span><br/> <span class="ft4">schwerer Verwahrlosung gesprochen werden, weil dieser durch seine</span><br/> <span class="ft4">Lebensführung der Öffentlichkeit oder der Familie zur Last fällt.</span><br/> <span class="ft4">Eine schwere Verwahrlosung in seelischer, sittlicher oder affektiver</span><br/> <span class="ft4">Hinsicht kann jedoch u.U. dann angenommen werden, wenn die</span><br/> <span class="ft4">betroffene Person selber zu erkennen gibt, dass sie eigentlich ein</span><br/> <span class="ft4">anderes Leben führen möchte. Dabei muss sich eine solche fürsorge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">224</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">rische Freiheitsentziehung auf Fälle beschränken, wo sehr konkrete</span><br/> <span class="ft4">Aussichten bestehen, dem betroffenen durch das Therapie- und Bil-</span><br/> <span class="ft4">dungsangebot der Anstalt entsprechend seinen eigenen (wenn auch</span><br/> <span class="ft4">nicht oder nur unklar geäusserten) Wünschen und Bedürfnissen zu</span><br/> <span class="ft4">helfen (Gottlieb Iberg, Aus der Praxis des fürsorgerischen Freiheits-</span><br/> <span class="ft4">entzuges, a.a.O., S. 295 f.; vgl. Erw. 2/b vorstehend).</span><br/> <span class="ft4">bb) Der Beschwerdeführer möchte - im Unterschied zu einer</span><br/> <span class="ft4">Person, die bewusst von gewissen gesellschaftlich akzeptierten Ver-</span><br/> <span class="ft4">haltensnormen abweicht, wie z.B. einem Clochard oder einem Ar-</span><br/> <span class="ft4">beitsscheuen - ein von der Gesellschaft akzeptiertes Leben führen.</span><br/> <span class="ft4">An der Verhandlung erklärte er, dass er sich in der Rekrutenschule</span><br/> <span class="ft4">wohlgefühlt habe, weil er sich dort als vollwertiges Mitglied der</span><br/> <span class="ft4">Gesellschaft gefühlt habe. Der Aufenthalt in der Drogenentziehungs-</span><br/> <span class="ft4">anstalt Neuenhof habe ihm Mühe gemacht, da er nicht zu den</span><br/> <span class="ft4">"Schwerstsüchtigen", den "Leuten vom Letten", gehöre. Auch zu den</span><br/> <span class="ft4">Insassen des Kalchrain, "Leuten aus dem Gefängnis", passe er nicht.</span><br/> <span class="ft4">Der Beschwerdeführer erklärte, er wolle arbeiten und sich seinen</span><br/> <span class="ft4">Lebensunterhalt selber verdienen. Er wolle wie ein rechter Bürger</span><br/> <span class="ft4">seine Leistungen erbringen. Der Lebensstil und das soziale Verhal-</span><br/> <span class="ft4">ten, welches der Beschwerdeführer bisher zeigte, widerspricht somit</span><br/> <span class="ft4">seiner eigenen, erklärten Absicht. Da dem Beschwerdeführer die</span><br/> <span class="ft4">psychische Stabilität und die Entscheidungsfähigkeit abgeht, aus</span><br/> <span class="ft4">eigener Kraft eine Veränderung in seinem Verhalten herbeizuführen,</span><br/> <span class="ft4">könnte ihm durch die Einweisung in eine geeignete Anstalt (dazu</span><br/> <span class="ft4">Erw. 5 nachstehend) die nötige Hilfe angeboten werden, um sich</span><br/> <span class="ft4">entsprechend den von ihm selber geäusserten Vorstellungen zu än-</span><br/> <span class="ft4">dern.</span><br/> <span class="ft4">cc) Dem jugendlichen Alter des Beschwerdeführers ist dabei</span><br/> <span class="ft4">eine besondere Bedeutung beizumessen (Erw. 2/c vorstehend). Aus</span><br/> <span class="ft4">entwicklungspsychologischer Sicht kann gesagt werden, dass für den</span><br/> <span class="ft4">noch jugendlichen Beschwerdeführer bei einem raschen und geziel-</span><br/> <span class="ft4">ten Eingreifen mit den geeigneten pädagogisch-therapeutischen</span><br/> <span class="ft4">Möglichkeiten die Aussicht auf eine erhebliche Verbesserung seines</span><br/> <span class="ft4">Zustandes besteht. Dies wird auch Auswirkungen auf sein subjekti-</span><br/> <span class="ft4">ves Wohlbefinden haben. Mit zunehmendem Alter wird die Chance</span><br/> <span class="ft4">für eine Veränderung abnehmen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">225</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">(...) c) aa) aaa) Der Beschwerdeführer konsumierte seit seinem</span><br/> <span class="ft4">14. Lebensjahr regelmässig Cannabis. Die Psychiatrische Klinik</span><br/> <span class="ft4">Königsfelden (PKK) stellte ein Cannabisabhängigkeitssyndrom fest.</span><br/> <span class="ft4">Ein Entzugsversuch im Jahre 1999 scheiterte.</span><br/> <span class="ft4">(...)</span><br/> <span class="ft4">ddd) Ob die beim Beschwerdeführer diagnostizierte Cannabis-</span><br/> <span class="ft4">abhängigkeit den Tatbestand der "anderen Suchterkrankungen" er-</span><br/> <span class="ft4">füllt und damit als selbständiger Einweisungstatbestand in Frage</span><br/> <span class="ft4">kommt, kann offengelassen werden. Der langjährige Cannabiskon-</span><br/> <span class="ft4">sum, der mindestens an ein Suchtverhalten angrenzt, ist bei der Be-</span><br/> <span class="ft4">urteilung, ob eine schwere Verwahrlosung vorliegt, angemessen zu</span><br/> <span class="ft4">berücksichtigen. Dabei ist zu beachten, dass gerade Cannabis die</span><br/> <span class="ft4">dem Beschwerdeführer ohnehin schon fehlende persönliche Stärke</span><br/> <span class="ft4">(Erw. bb/aaa-ccc nachstehend) und Selbstdisziplin noch zusätzlich</span><br/> <span class="ft4">schwächt.</span><br/> <span class="ft4">bb) aaa) In der PKK wurde beim Beschwerdeführer bereits im</span><br/> <span class="ft4">Jahre 1999 eine "frühe emotionale Verwahrlosung" festgestellt. Die</span><br/> <span class="ft4">Diagnose lautete auf "graduelle depressive Entwicklung im Rahmen</span><br/> <span class="ft4">anhaltender affektiver Störungen (ICD-10 F.34) oder psychotische</span><br/> <span class="ft4">Störung, vorwiegend depressive Symptome durch psychotrope Sub-</span><br/> <span class="ft4">stanzen, Cannabinoide (ICD-10 F.54)". Unter Druck könne der Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerdeführer aufgrund seiner Selbstwertproblematik, Verlust-</span><br/> <span class="ft4">ängsten und traumatischen Erlebnissen aus der Kindheit auch fremd-</span><br/> <span class="ft4">oder selbstgefährdend werden, wenn er in die Enge getrieben bzw.</span><br/> <span class="ft4">unter Druck gesetzt werde. Die aktuelle Beurteilung lautete: "Ver-</span><br/> <span class="ft4">dacht auf kombinierte Persönlichkeitsstörung (emotional instabiler,</span><br/> <span class="ft4">impulsiver Typus und narzisstisch [ICD-10 F6.10])."</span><br/> <span class="ft4">bbb) Auch wenn die beim Beschwerdeführer festgestellten psy-</span><br/> <span class="ft4">chischen Probleme noch nicht den Tatbestand einer Geisteskrankheit</span><br/> <span class="ft4">oder Geistesschwäche erfüllen, sind sie angemessen bei der Beurtei-</span><br/> <span class="ft4">lung, ob eine schwere Verwahrlosung vorliegt, zu berücksichtigen.</span><br/> <span class="ft4">Aus den glaubwürdigen Aussagen der Zeugen und Auskunftsperso-</span><br/> <span class="ft4">nen an der Verhandlung wurde deutlich, dass dem Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft4">seine persönlichen Probleme zu schaffen machen. Der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft4">führer leidet an mangelndem Selbstwertgefühl. Dazu gehört auch das</span><br/> <span class="ft4">Männlichkeitsproblem. Die Mutter hatte in letzter Zeit den Eindruck,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">226</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">der Beschwerdeführer entwickle in Bezug auf sein körperliches Pro-</span><br/> <span class="ft4">blem (Hodenoperation) eine Art Wahnideen. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft4">selber gab in der Verhandlung zu, dass er in letzter Zeit von diesem</span><br/> <span class="ft4">Problem stark belastet war und deshalb Mühe hatte, sich um seine</span><br/> <span class="ft4">Wohnung und seinen Lebensunterhalt zu kümmern.</span><br/> <span class="ft4">ccc) Aufgrund des Alters des Beschwerdeführers wurde in der</span><br/> <span class="ft4">Klinik Königsfelden erst eine Verdachtsdiagnose erstellt, da noch die</span><br/> <span class="ft4">Chance besteht, dass durch Nacherziehung und Therapie an der Per-</span><br/> <span class="ft4">sönlichkeit des Beschwerdeführers gearbeitet werden kann. Ohne</span><br/> <span class="ft4">Nacherziehung und Therapie besteht - unter Mitberücksichtigung</span><br/> <span class="ft4">des anhaltenden Cannabiskonsums - die grosse Gefahr einer baldi-</span><br/> <span class="ft4">gen chronischen psychiatrischen Erkrankung (Persönlichkeitsstö-</span><br/> <span class="ft4">rung) mit schlechten Heilungschancen.</span><br/> <span class="ft4">cc) Für das Verwaltungsgericht steht fest, dass der anhaltende</span><br/> <span class="ft4">Cannabiskonsum und die psychischen Probleme den Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft4">rer in seiner weiteren persönlichen Entwicklung beeinträchtigen. Die</span><br/> <span class="ft4">Cannabiskonsum hindert ihn daran, selbständig und zuverlässig einer</span><br/> <span class="ft4">geregelten Arbeit nachzugehen und Ordnung in Bezug auf Kleidung,</span><br/> <span class="ft4">Wohnung und Hygiene zu halten. Die psychischen Probleme werden</span><br/> <span class="ft4">durch den Cannabiskonsum eher verstärkt. Dem Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft4">fehlt die Einsicht, dass ein Verzicht auf den Konsum von Cannabis</span><br/> <span class="ft4">notwendig ist. Die Entscheidungsfreiheit des Beschwerdeführers ist</span><br/> <span class="ft4">demnach eingeschränkt; der Beschwerdeführer ist nicht in der Lage,</span><br/> <span class="ft4">seine Lebensproblematik aus eigener Kraft anzugehen und seine</span><br/> <span class="ft4">Ziele zu verwirklichen.</span><br/> <span class="ft4">d) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerdeführer vor seiner Einweisung bezüglich Ernährung und</span><br/> <span class="ft4">Hygiene in bedenklichen Verhältnissen lebte. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft4">war offensichtlich nicht mehr in der Lage, für sich selber zu sorgen,</span><br/> <span class="ft4">was sich dadurch zeigte, dass er seine Mutter belästigte. Zudem ist</span><br/> <span class="ft4">zu befürchten, dass sich bei ihm ohne geeignete Fürsorge eine bal-</span><br/> <span class="ft4">dige chronische psychiatrische Erkrankung mit schlechten Hei-</span><br/> <span class="ft4">lungschancen einstellen würde. Beim Beschwerdeführer besteht auf-</span><br/> <span class="ft4">grund eines erheblichen psychischen Defizits und seines anhaltenden</span><br/> <span class="ft4">Cannabiskonsums eine krankheitsähnliche Einschränkung seiner</span><br/> <span class="ft4">Entscheidungsfreiheit und seines Durchhaltewillens. Diese Ein-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">227</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">schränkung führt dazu, dass ohne die zu beurteilende Fürsorge (An-</span><br/> <span class="ft4">staltseinweisung [Erw. 5 nachstehend]) in absehbarer Zeit ein Zu-</span><br/> <span class="ft4">stand eintreten würde, der mit der Menschenwürde schlechterdings</span><br/> <span class="ft4">nicht vereinbar wäre. Bei einer drohenden Verwahrlosung muss nicht</span><br/> <span class="ft4">bis zum Eintritt eines nicht mehr verbesserbaren Zustandes gewartet</span><br/> <span class="ft4">werden (Thomas Geiser, in: Basler Kommentar zum Schweizeri-</span><br/> <span class="ft4">schen Privatrecht, Basel/Genf/München 1999, Art. 397a ZGB N. 10).</span><br/> <span class="ft4">Aus diesem Grund steht für das Verwaltungsgericht fest, dass beim</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer der Einweisungstatbestand der schweren Ver-</span><br/> <span class="ft4">wahrlosung gegeben ist.</span><br/> <span class="ft4">5. a) Die Unterbringung muss in einer geeigneten Anstalt erfol-</span><br/> <span class="ft4">gen. Es handelt sich dabei um ein eigenes Tatbestandsmerkmal. Wo</span><br/> <span class="ft4">eine Anstaltsunterbringung zwar gerechtfertigt und angezeigt wäre,</span><br/> <span class="ft4">aber keine geeignete und zur Aufnahme des Betroffenen bereite oder</span><br/> <span class="ft4">verpflichtete Anstalt gefunden werden kann, ist die fürsorgerische</span><br/> <span class="ft4">Freiheitsentziehung unzulässig (AGVE 1993, S. 317; Iberg, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft4">S. 296 f. mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft4">b) Die Arbeitserziehungsanstalt Kalchrain ist eine sozialpäda-</span><br/> <span class="ft4">gogische Institution mit individueller pädagogischer und therapeu-</span><br/> <span class="ft4">tischer Ausrichtung in den Bereichen Verhaltensauffälligkeiten, Per-</span><br/> <span class="ft4">sönlichkeitsentwicklung, Suchtbehandlung und Berufsausbildung.</span><br/> <span class="ft4">Während der ersten beiden Stufen befinden sich die Insassen in einer</span><br/> <span class="ft4">geschlossenen Abteilung. Die Anstalt bietet starke Strukturen und</span><br/> <span class="ft4">Regeln. Für jeden Bewohner ist das Mitmachen im Therapiepro-</span><br/> <span class="ft4">gramm "Projekt Suchtgruppe" obligatorisch. Alkohol und illegale</span><br/> <span class="ft4">Drogen sind verboten. Die Anstalt bietet Möglichkeiten zur psychia-</span><br/> <span class="ft4">trischen Abklärung und Behandlung. Auch eine psychologische Auf-</span><br/> <span class="ft4">arbeitung des Mutter-Sohn-Konfliktes könnte durchgeführt werden.</span><br/> <span class="ft4">Die Anstalt bietet Möglichkeiten der Berufsausbildung. Sobald der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer in die Stufe des externen Wohnens oder Arbeitens</span><br/> <span class="ft4">käme, wäre die von ihm gewünschte Ausbildung zum Pfleger grund-</span><br/> <span class="ft4">sätzlich möglich. Die Anstalt ist zwar primär eine Massnahmeinsti-</span><br/> <span class="ft4">tution im Sinne des Strafgesetzbuches. Sie bietet aber auch Personen</span><br/> <span class="ft4">im Rahmen einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung Aufnahme.</span><br/> <span class="ft4">c) Aufgrund ihres Therapieangebotes, der Ausbildungsmög-</span><br/> <span class="ft4">lichkeiten und vor allem wegen des anfänglich geschlossenen Rah-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">228</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">mens mit starken Strukturen und Regeln ist die Arbeitserziehungsan-</span><br/> <span class="ft4">stalt Kalchrain zweifellos eine für den Beschwerdeführer geeignete</span><br/> <span class="ft4">Anstalt.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>