<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 109 S.463</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Direkzahlungen</span> <span class="page_no">463</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>109 Sanktionsschema (Richtlinien "Verwaltungsmassnahmen, Kürzung der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Direktzahlungen bei nicht vollständiger Erfüllung der Beitragsvor-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>aussetzungen" vom 1. Juli bzw. 1. November 1999).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Funktion und Bindungswirkung (Erw. 2.3.3.1. - 2.2.3.3.2).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Zulässigkeit einer Toleranz von 10 Punkten (Erw. 2.3.3.2.5.1.)</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus einem Entscheid der Landwirtschaftlichen Rekurskommission vom 19.</span><br/> <span class="ft3">Dezember 2000 in Sachen U. S. gegen Finanzdepartement (Abteilung Land-</span><br/> <span class="ft3">wirtschaft).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">...2.3.3.1. Art. 70 Abs. 1 DZV räumt den rechtsanwendenden</span><br/> <span class="ft1">Behörden ein grosses Ermessen hinsichtlich der auszufällenden</span><br/> <span class="ft1">Sanktion ein. Damit soll aber nicht der Willkür Tür und Tor geöffnet</span><br/> <span class="ft1">werden. Deshalb müssen die Behörden bei der Ausübung des</span><br/> <span class="ft1">pflichtgemässen Ermessens insbesondere das Rechtsgleichheitsge-</span><br/> <span class="ft1">bot, das Verhältnismässigkeitsprinzip, den Sinn und Zweck der ge-</span><br/> <span class="ft1">setzlichen Ordnung und die Pflicht zur Wahrung der öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Interessen beachten (Ulrich Häfelin/Georg Müller, Grundriss des</span><br/> <span class="ft1">Allgemeinen Verwaltungsrechts, Zürich 1998, 3. Auflage, N. 357).</span><br/> <span class="ft1">2.3.3.2.1. Um kantonale Unterschiede bei der Handhabung des</span><br/> <span class="ft1">Ermessens zu vermeiden, hiess die interkantonale Landwirtschaftsdi-</span><br/> <span class="ft1">rektorenkonferenz an der Sitzung vom 1. Juli 1999 die vom Bundes-</span><br/> <span class="ft1">amt für Landwirtschaft ausgearbeiteten Richtlinien "Verwaltungs-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Landwirtschaftliche Rekurskommission</span> <span class="page_no">464</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">massnahmen, Kürzung der Direktzahlungen bei nicht vollständiger</span><br/> <span class="ft1">Erfüllung der Beitragsvoraussetzungen" (nachfolgend: Sanktions-</span><br/> <span class="ft1">schema) grundsätzlich gut und empfahl sie den Kantonen zur An-</span><br/> <span class="ft1">wendung. Der Regierungsrat des Kantons Aargau erklärte dieses</span><br/> <span class="ft1">Sanktionsschema - einschliesslich der mit Schreiben des Bundesam-</span><br/> <span class="ft1">tes für Landwirtschaft vom 1. November 1999 präzisierenden Ände-</span><br/> <span class="ft1">rungen betreffend den biologischen Landbau - als für den Vollzug</span><br/> <span class="ft1">verbindlich und ermächtigte die Abteilung Landwirtschaft, die</span><br/> <span class="ft1">Richtlinien auf einzelne, nicht geregelte Fälle zu interpretieren (RRB</span><br/> <span class="ft1">vom 15. März 2000, Art. Nr. 2000-000484).</span><br/> <span class="ft1">2.3.3.2.2. Die Landwirtschaftliche Rekurskommission ist als</span><br/> <span class="ft1">Spezialverwaltungsgericht an Gesetz und Recht gebunden; Erlasse</span><br/> <span class="ft1">des Regierungsrates sind soweit verbindlich, als sie Verfassung und</span><br/> <span class="ft1">Gesetz entsprechen (§ 2 VRPG; Michael Merker, Rechtsmittel,</span><br/> <span class="ft1">Klage und Normkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz</span><br/> <span class="ft1">über die Verwaltungsrechtspflege, Zürich 1998, N. 23 zu § 53 VRPG,</span><br/> <span class="ft1">FN. 40).</span><br/> <span class="ft1">Das erwähnte Sanktionsschema dient, wie erwähnt</span><br/> <span class="ft1">(Erw. 2.3.3.2.1.), bloss (aber immerhin) der Schaffung einer einheit-</span><br/> <span class="ft1">lichen Verwaltungspraxis. Es stellt damit eine sog. Verwaltungsver-</span><br/> <span class="ft1">ordnung dar, welche den Bürger nicht direkt bindet. Da sie nicht vom</span><br/> <span class="ft1">verfassungsmässigen Gesetzgeber stammt, sondern von der Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsbehörde, kann sie keine von der gesetzlichen Ordnung abwei-</span><br/> <span class="ft1">chenden Bestimmungen vorsehen. Sie stellt lediglich eine Meinungs-</span><br/> <span class="ft1">äusserung über die Gesetzesanwendung dar. Das Gericht soll eine</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsverordnung bei seiner Entscheidfindung mitberücksich-</span><br/> <span class="ft1">tigen, aber nur falls sie eine dem Einzelfall angepasste und gerecht</span><br/> <span class="ft1">werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen</span><br/> <span class="ft1">zulässt (BGE 122 V 25, 121 II 478 ff., je mit weiteren Hinweisen;</span><br/> <span class="ft1">LKE DZ.99.50006 vom 27. April 2000 i. S. E. R., Erw. 2.3.3.4.4.).</span><br/> <span class="ft1">Die im Sanktionsschema vorgenommene Auslegung des LwG-CH</span><br/> <span class="ft1">und der DZV unterliegt also der richterlichen Nachprüfung, d.h. hier</span><br/> <span class="ft1">der Nachprüfung durch die Landwirtschaftliche Rekurskommission.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Direkzahlungen</span> <span class="page_no">465</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Landwirtschaftliche Rekurskommission hat sich an das Sankti-</span><br/> <span class="ft1">onsschema zu halten, soweit es den richtig verstandenen Sinn des</span><br/> <span class="ft1">Gesetzes wiedergibt.</span><br/> <span class="ft1">(....)</span><br/> <span class="ft1">2.3.3.2.5.1. Gemäss Sanktionsschema ist bei Verfehlungen im</span><br/> <span class="ft1">Zusammenhang mit dem ÖLN eine Toleranz von 10 Punkten zu</span><br/> <span class="ft1">gewähren (Sanktionsschema II.1, S. 5). Der Wortlaut von Art. 70</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 DZV lässt keinen Freiraum für eine Toleranz: Die Kantone</span><br/> <span class="ft1">kürzen oder verweigern die Beiträge, wenn eine der aufgelisteten</span><br/> <span class="ft1">Verfehlungen gegeben ist. Dagegen wurde Art. 170 LwG-CH, wel-</span><br/> <span class="ft1">cher die Grundlage für Art. 70 Abs. 1 DZV bildet, als Kann-Vor-</span><br/> <span class="ft1">schrift ausgestaltet: Die Beiträge können gekürzt oder verweigert</span><br/> <span class="ft1">werden, wenn der Gesuchsteller das LwG-CH oder die Ausführungs-</span><br/> <span class="ft1">bestimmungen verletzt. Eine Sanktion ist somit nicht in jedem Fall</span><br/> <span class="ft1">zwingend (Botschaft zur Agrarpolitik 2002, BBl 1996 IV 278</span><br/> <span class="ft1">[Ziff. 282, Erläuterungen zum Gesetzesentwurf Art. 167, entspricht</span><br/> <span class="ft1">heutigem Art. 170 LwG-CH]). Da das höherrangige LwG-CH also</span><br/> <span class="ft1">einen Spielraum gewährt, ob überhaupt eine Sanktion auszufällen ist,</span><br/> <span class="ft1">gilt dies auch für Art. 70 Abs. 1 DZV als tieferrangige Verordnung.</span><br/> <span class="ft1">In diesem Sinne liegt das Absehen von einer Beitragskürzung trotz</span><br/> <span class="ft1">festgestellter Verfehlung im pflichtgemässen Ermessen der Behörde</span><br/> <span class="ft1">(vgl. vorne Erw. 2.3.3.1.). Der Gesetzgeber räumt der rechtsanwen-</span><br/> <span class="ft1">denden Instanz regelmässig Ermessen ein, damit diese die Möglich-</span><br/> <span class="ft1">keit erhält, Entscheide zu fällen, die den konkreten Umständen des</span><br/> <span class="ft1">einzelnen Falles gerecht werden (vgl. Häfelin/Müller, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">N. 344). Problematisch erscheint daher, dass das Sanktionsschema</span><br/> <span class="ft1">ganz generell eine Toleranz von 10 Punkten hinsichtlich von Ver-</span><br/> <span class="ft1">fehlungen im Zusammenhang mit dem ÖLN vorsieht. Auf die Bei-</span><br/> <span class="ft1">träge umgerechnet (betreffs Umrechnungsmechanismus siehe Sank-</span><br/> <span class="ft1">tionsschema II.1, S. 5) ergibt das eine Toleranz im Umfang von 10%</span><br/> <span class="ft1">der allgemeinen und ökologischen Direktzahlungen, womit sich die</span><br/> <span class="ft1">Frage stellt, ob so die ÖLN-Vorschriften nicht in gewissem Sinne</span><br/> <span class="ft1">aufgeweicht werden. Andererseits dient die generelle Regel der 10-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Landwirtschaftliche Rekurskommission</span> <span class="page_no">466</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Punkte-Toleranz dem Rechtsgleichheitsprinzip, da jedem Gesuch-</span><br/> <span class="ft1">stellern die gleiche Spanne eingeräumt wird, bis zu welcher Verfeh-</span><br/> <span class="ft1">lungen folgenlos bleiben. Zusammenfassend ergibt sich daher, dass</span><br/> <span class="ft1">die 10-Punkte-Toleranz als nicht gegen das LwG-CH verstossend zu</span><br/> <span class="ft1">bezeichnen und daher zu berücksichtigen ist (Erw. 2.3.3.2.2.).</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>