B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1172/2020 U r t e i l v o m 2 3 . M ä r z 2 0 2 0 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter William Waeber, Richterin Daniela Brüschweiler, Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Derya Özgül, AD Consultancy, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 28. Januar 2020. D-1172/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine türkische Staatsangehörige kurdischer Eth- nie, verliess ihren Heimatstaat am 13. Juli 2019 und reiste am 18. Juli 2019 in die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. In der Folge wurde sie dem Bundesasylzentrum (BAZ) (…) zugewiesen und am 24. Juli 2019 zu ihrer Person und zum Reiseweg befragt (Personalienaufnahme [PA]). Am 3. und am 29. Oktober 2019 wurde sie eingehend anhört. Zur Begründung ihres A sylgesuchs machte sie im Wesentlichen geltend, sie stamme aus einem Dorf im Landkreis B._______ in der Provinz Van. Sie habe das Gymnasium abgeschlossen und studieren wollen, weshalb sie sich auf die Zulassungsprüfung vorbereitet habe. Um Geld zu verdienen habe sie zeitweise gearbeitet, beispielsweise im Service und auf einer Oli- venplantage. Ihre Familie sei politisch aktiv für die Demokratische Partei der Völker (HDP), insbesondere ihre Mutter sei als (…) der Frauenorgani- sation der HDP aktiv. Sie selber sei nie politisch aktiv gewesen, da sie mit den Vorbereitungen für die Universität beschäftigt gewesen sei, habe aber immer wieder an Kundgebungen, Protesten und sonstigen Anlässen teil- genommen. Ende 2018 sei sie eine Beziehung zu einem ehemaligen Gym- nasiumkollegen eingegangen. Durch ihn sei sie in Kontakt mit zwei Män- nern gekommen. Diese seien ihr eines Tages vermeintlich zufällig begeg- net und hätten sie eingeladen, mit ihnen etwas zu trinken. Im Laufe des Gesprächs hätten sie sich als M itarbeiter der Nationalen Nachrichten- dienstorganisation (MIT) herausgestellt und versucht, sie als Agentin zu rekrutieren damit sie ihnen Informationen aus der Partei beschaffe. Sie habe dies abgelehnt. Nach diesem Gespräch habe sie sich über die Fami- lie ihres Freundes informiert und erfahren, dass diese Anhänger der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) seien. Da sie davon ausgegan- gen sei, dass er mit den MIT -Leuten zusammenarbeite, habe sie die Be- ziehung und den Kontakt zu ihm abgebrochen. Ihren Eltern habe sie vor- erst nichts erzählt. Ungefähr einen Monat später habe der Quartiervorste- her ihrem Vater mitgeteilt, dass die Gendarmerie nach der Beschwerdefüh- rerin suchen würde. Diese sei in der Folge zu ihr nach Hause gekommen, habe das Haus kontrolliert und mit ihr über ihre Universitätsvorbereitungen gesprochen. Als sie sich zu einem späteren Zeitpunkt in der Stadt aufge- halten habe, seien die beiden MIT-Mitarbeitenden aufgetaucht und hätten sie gezwungen, in ihr Auto zu steigen. Dort hätten sie sie bedroht und da- rauf bestanden, dass sie als Agentin für den Staat fungieren solle. Ihr sei mit behördlichen Verurteilungen von ihr und ihren Familienangehörigen, D-1172/2020 Seite 3 insbesondere der Mutter, und mit Ehrverletzungen gedroht worden. Sie habe grosse Angst verspürt und deshalb zugesagt. Diese Männer hätten auch ihre Telefonnummer verlangt. Sie habe aber nie vorgehabt, diese Tä- tigkeit auszuführen , sondern habe zu Hause alles ihren Eltern erzählt. Diese hätten den Präsidenten der HDP ihres Landkreises informiert und es sei entschieden worden, dass es das Beste für sie sei wegzugehen. Ihr Vater habe sie zu einer Tante nach Istanbul geschickt. Ihr Mobiltelefon habe sie bei ihren Eltern zurückgelassen. Darauf seien in ihrer Abwesenheit mehrere Anrufe eingegangen, wenn der Vater abgenommen habe, habe sich aber niemand gemeldet. Als sie in Istanbul gewesen sei, habe sich die Gendarmerie nochmals telefonisch beim Quartiervorsteher erkundigt und mitgeteilt, dass gegen sie eine Anzeige eingeleitet worden sei, wobei ihr vorgeworfen werde, kurdische Lieder zu hören, Kindern im Dorf Sachen beizubringen und gegen den Staat das Wort «Feind» zu benutzen. Darauf- hin habe ihre Familie entschieden, dass sie die Türkei verlassen müsse. Da die Ausreise kurzfristig organisiert worden sei, habe der Schlepper sehr viel Geld dafür verlangt. Ihr Vater habe für die Finanzierung der Reise sein Service-Fahrzeug verkaufen müssen und von seinem Bruder Geld gelie- hen. Am 13. Juli 2019 habe sie die Türkei verlassen. Nach ihrer Ausreise hätten sich die Behörden einerseits beim Dorfvorsteher nach ihr erkundigt und andererseits bei ihrer Schwester in C._______ nach ihr gefragt, da sie dort offiziell gemeldet sei. Die Beschwerdeführerin machte weiter geltend, dass sie nicht wisse, ob tatsächlich eine Anzeige beziehungsweise ein Verfahren gegen sie einge- leitet worden sei. Sie habe diesbezüglich keine Beweise, werde sich jedoch darum bemühen, dies in Erfahrung zu bringen. Sie werde zu diesem Zweck ihr e-Devlet-Konto konsultieren. Ihr wurde anlässlich der Erstanhörung eine Frist von einer Woche angesetzt um allfällige Gerichtsakten, wenn möglich übersetzt, einzureichen. Anlässlich der Anhörung vom 29. Okto- ber 2019 informierte die Beschwerdeführerin darüber, dass der Zugang zu ihrem e-Devlet-Konto nicht funktioniere. Ihr Vater habe sich diesbezüglich bei den Behörden erkundigt und die Information erhalten, sie müsse per- sönlich erscheinen. Sie bemühe sich nun darum, einen Anwalt in der Türkei mit der Abklärung zu beauftr agen, die Vollmachtgabe gestalte sich aber sehr kompliziert. Ferner machte die Beschwerdeführerin geltend, sie be- nutze Twitter und werde seit dem 28. Oktober 2019 auf Seiten der Polizei etikettiert. Sie erscheine somit als Zielscheibe bei der Polizei, es gebe auch entsprechende Kommentare. D-1172/2020 Seite 4 Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin im vorinstanzlichen Ver- fahren verschiedene Dokumente und Fotografien betreffend die Parteitä- tigkeiten ihrer Mutter, gerichtliche Unterlagen über das hängige Verfahren ihres Bruders, Nachweise über die Arbeitssituation ihres Vaters sowie ein Schreiben des Quartiervorstehers ein. B. Am 5 . November 2019 wurde das Verfahren der Beschwerdeführerin zwecks abschliessender Sachverhaltserstellung dem erweiterten Verfah- ren zugewiesen. C. Mit Schreiben vom 12. Dezember 2019 setzte das SEM der Beschwerde- führerin Frist bis zum 6. Januar 2020 , allfällig vorliegende Dokumente in- klusive Übersetzung einzureichen. Bei unbenutztem Fristablauf oder nicht stichhaltiger Begründung werde das SEM aufgru nd der Aktenlage ent- scheiden. D. Mit Eingabe vom 30. Dezember 2019 liess die Beschwerdeführerin der Vo- rinstanz verschiedenen Beweismittel zukommen (Ausdrucke aus Twitter , die zeigten, dass sie mit dem Account/Portal der türkischen Polizei vernetzt werde sowie mehrmals massiv frauenspezifisch beleidigt und bedroht wor- den sei; ein Screenshot des e -Devlet-Kontos; eine Kopie der Legalisation ihrer Unterschrift mit Apostille; eine Kopie der Quittung der Postsendung vom 16. November 2019). Ferner führte sie aus, die Tatsache, dass unifor- mierte Polizisten in C._______ bei ihrer Schwester nach ihr gesucht hätten, würde zeigen, dass sie ernsthaft ins Visier der türkischen Behörden gera- ten sei. Diese hätten offensichtlich herausgefunden, dass sie sich in Van abgemeldet und in C._______ angemeldet habe. Betreffend die Möglich- keit, weitere Beweismittel einzureichen, wurde darüber informiert, dass die Legalisation ihrer Unterschrift noch nicht bei ihren Eltern eingetroffen sei. Sie bemühe sich weiter darum, so rasch als möglich eine rechtliche Vertre- tung in der Türkei zu ernennen. Weiter wurde das SEM um Mitteilung dar- über ersucht, ob eine ergänzende Anhörung vorgesehen sei und welche weiteren Schritte geplant seien. E. Mit Verfügung vom 28. Januar 2020 – eröffnet am 29. Januar 2020 – lehnte das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an. D-1172/2020 Seite 5 F. Mit Eingabe vom 27. Februar 2020 erhob die Beschwerdeführerin gegen die vorinstanzliche Verfügung Beschwerde beim Bundesv erwaltungsge- richt und beantragte die Aufhebung derselben, die Gutheissung ihres Asyl- gesuchs, eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz und subeventualiter die Anordnung der vorläufigen Aufnahme. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht , um Beiordnung der unter- zeichneten Rechtsanwältin als unentgeltliche Rechtsvertreterin sowie die Gewährung der aufschiebenden Wirkung. Zusammen mit der Beschwerde wurde eine Liste mit Links, welche die exil- politischen Tätigkeiten der Beschwerdeführerin sowie die Wahl zur (…) ih- rer Mutter belegen sollen, sowie ein Schreiben des Bündnis ses der kurdi- schen Frauen in der Schweiz vom 25. Februar 2020 als Beweismittel ein- gereicht. G. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 28. Februar 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG [SR 142.31]). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sin ne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). D-1172/2020 Seite 6 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4 Die Vorinstanz hat der Beschwerde die aufschiebende Wirkung nicht entzogen, weshalb die entsprechenden Anträge gegenstandslos sind, da die Beschwerdeführerin den Ausgang des Verfahrens ohnehin in der Schweiz abwarten darf (Art. 42 AsylG, SR 142.31). 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen der Beschwerdeführerin seien als nicht glaubhaft einzustufen. D-1172/2020 Seite 7 So sei angesichts der Tatsache, dass sie ihre Eltern und diese wiederum den HDP -Präsidenten des Landkreises B._______ über die Vorfälle mit den MIT-Mitarbeitenden informiert habe, nicht nachvollziehbar, weshalb sie weiterhin Befürchtungen habe, sanktioniert zu werden. Da sie gar nicht mehr als geheime Agentin fungieren könne, mache es keinen Sinn, dass der MIT weiterhin Interesse an ihr habe, zumal deren Absichten durch die Mitteilung an die Partei offensichtlich aufgeflogen wären. Weiter seien die Schilderungen über den Besuch der Gendarmerie anzuzweifeln. So wäre zu erwarten gewesen, dass anlässlich dieses Besuchs zumindest Andeu- tungen seitens der Gendarmerie gemacht worden wären, zumal im Zwei- ergespräch die Gelegenheit dazu vorhanden gewesen wäre. Ferner sei die Wiedergabe der Gespräche mit ihren Eltern erstaunlich unpersönlich und unsubstantiiert ausgefallen. Nicht nachvollziehbar sei denn auch, dass sie angegeben habe, kein Interesse daran gehabt zu haben, ihren damaligen Freund zur Rede zu stellen, zumal er der Grund sei, weshalb sie mit dem MIT in Kontakt gekommen sei. Schliesslich habe sie trotz mehrmaliger Auf- forderung keine behördlichen Dokumente eingereicht, welche ihre Befürch- tungen vor einer Sanktionierung hätten nachweisen können. Sollte tatsäch- lich eine Anzeige gegen sie erhoben worden sein, sollte es ihr möglich sein, über eine bevollmächtigte Person allfällige Unterlagen zu beschaffen. Da der Zusammenhang zwischen den MIT -Männern und dem Besuch der Gendarmerie unglaubhaft sei, sei nicht eindeutig, inwieweit das Schreiben des Quartiervorstehers mit ihren Vorbringen in Verbindung stehe. Auch die weiteren Beweismittel seien für ihr Verfahren nic ht wesentlich. Betreffend die eingereichten Screenshots von Twitter sei anzumerken, dass es sich bei den Kommentaren hauptsächlich nicht um politische Inhalte handle. Weiter legte die Vorinstanz dar, eine Person, die lediglich gegen das herr- schende Regime eingestellt sei, gelte nicht als im Sinne des Asylgesetzes verfolgt. Die Beschwerdeführerin sei in der Türkei nie politisch aktiv gewe- sen. Die eingereichten, nach Einreichung des Asylgesuchs getätigten Twit- ter-Beiträge und die erfolgten Reaktionen seien zw ar teilweise eindeutig frauenfeindlich, jedoch ebenfalls nicht asylbeachtlich. Es sei kein politi- sches Profil erkennbar, aufgrund dessen ihr bei einer Rückkehr in die Tür- kei eine asylrelevante Verfolgung durch die Behörden drohen könnte. Das Dossier ihrer sich in der Schweiz aufhaltenden Schwester gebe sodann keine Hinweise auf eine potentielle Reflexverfolgung. Die Vorbringen der Beschwerdeführerin seien somit nicht glaubhaft beziehungsweise nicht asylrelevant. 4.2 Dem hielt die Beschwerdeführerin entgegen, d ie Vorinstanz habe den Sachverhalt nicht richtig festgestellt und damit ihre Pflicht zur vollständigen D-1172/2020 Seite 8 und richtigen Prüfung der Asylgründe verletzt. Sie habe ihr Vorbringen äus- serst detailliert und emotional erzählt und an deren Glaubhaftigkeit sei nicht zu zweifeln. Betreffend die Frage, ob in der Türkei ein Verfahren gegen sie laufe, erklärte sie, sie habe versucht, eine Vollmacht ausstellen zu lassen um einen Anwalt in der Türkei mandatieren zu können, der dies in Erfah- rung bringen könnte. Dies sei ihr jedoch aufgrund von Schwierigkeiten mit dem türkischen Konsulat in Zürich nicht gelungen. Das Ausstellen von Voll- machten aus dem Ausland sei seit April 2019 fast unmöglich, da die Türki- schen Vertretungen ein QR-System entwickelt hätten und eine Vollmacht aus dem Ausland nur mit einem QR-Code Gültigkeit habe. Um diesen zu erhalten, müsste sie persönlich vorsprechen. Eine notarielle Bestätigung und Apostille würden nicht mehr ausreichen. Sie bemühe sich aber trotz- dem nach wie vor um die Mandatierung eines Anwaltes. Das SEM verneine ein politisches Profil der B eschwerdeführerin, obwohl offensichtlich sei, dass ihre patriotische Familie den türkischen Behörden bekannt sei und auch sie in der Türkei oft an Demonstrationen und Kundgebungen teilge- nommen habe. Dies würden die eingereichten Unterlagen betreffend ihre Eltern und ihren Bruder denn auch belegen. Schliesslich habe ihr die Vo- rinstanz keine Gelegenheit gegeben, ihre exilpolitischen Tätigkeiten darzu- legen. Mit der Beschwerde würden deshalb verschiedene Weblinks mit Fo- tografien und Videos eingereicht sowie ein Schreiben des kurdischen Frau- envereins. Die Beschwerdeführerin sei aktives Mitglied des Bündnisses der kurdischen Frauen in der Schweiz und eine patriotische Kurdin. Ihre Furcht vor asylrelevanter Verfolgung sei begründet, ihre Ausführungen re- alistisch und plausibel. Ausserdem bestehe zwischen den geltend gemach- ten Nachteilen und ihrer Flucht ein enger Kausalzusammenhang. Ihr sei Asyl zu gewähren. 5. 5.1 Im Verwaltungsverfahren gelten der Untersuchungsgrundsatz und die Pflicht zur vollständigen und richtigen Ab klärung des rechtserheblichen Sachverhalts (Art. 12 VwVG; vgl. auch Art. 49 Bst. b VwVG; für das Asyl- verfahren ausserdem Art. 6 AsylG). Mithin ist die zuständige Behörde ver- pflichtet, den für die Beurteilung eines Asylgesuchs relevanten Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen (vgl. zur Bedeutung des Untersuchungs - grundsatzes allgemein etwa ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHL- MANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 5. Aufl., Zürich/ St. Gallen 2010, S. 375 f.; PATRICK KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER, in: Bernhar d Wald- mann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, Zürich/ Basel/Genf 2009, Art. 12, N 15 ff.). Ferner haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), D-1172/2020 Seite 9 wobei dies alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, da- mit sie ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Dazu gehört insbesondere das Recht der Betroffenen, sich zur Sache zu äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden sowie Einsicht in die Akten zu nehmen. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü- fen und in ihrer Entscheidung angemessen zu berücksichtigen. 5.1 Die Vorinstanz hält die Vorbringen der Beschwerdeführerin für nicht glaubhaft. So seien diese teilweise nicht nachvollziehbar und realitäts- fremd, teilweise unpersönlich und unsubstanziiert. Ferner habe sie trotz mehrmaliger Aufforderung keine behördlichen Dokumente eingereicht, welche ihre Vorbringen belegen würden. Dieser Argumentation kann nicht gefolgt werden. So ist betreffend den Vorwurf , die Beschwerdeführerin habe trotz mehrfacher Aufforderung keine Dokumente eingereicht, darauf hinzuweisen, dass von ihr mehrmals erklärt wurde, weshalb entspre- chende, allenfalls existierende Beweismittel noch nicht erhältlich gemacht werden konnten. Sie erläuterte sowohl mündlich anlässlich der zweiten An- hörung (vgl. act. 29 F7 sowie F14f.) als auch schriftlich durch ihre Rechts- vertretung, dass ihr der Zugriff auf ihr e -Devlet-Konto nach wie vor nicht möglich sei und dass es aufwändig und mit Schwierigkeiten verbunden sei, einen Anwalt in der Türkei zu mandatieren (vgl. act. 1046647 -44/1, act. 1046647-46/20). In der Eingabe vom 30. Dezember 2019 wurde sodann beantragt, sie sei darüber zu informieren, welche weiteren Abklärungen durch das SEM geplant oder im Gange seien. Nicht ganz einen Monat spä- ter erfolgte – ohne weitere Korrespondenz mit der Beschwe rdeführerin – der abweisende Entscheid der Vorinstanz, wobei diese in der Zwischenzeit ein Consulting zum Thema e-Devlet getätigt hatte (vgl. act. 1046647-48/4, nachfolgend act. 48). Dieses Consulting enthält sodann unter anderem die Information, dass rechtlich gesehen Vollmachten aus dem Ausland von den Behörden in der Türkei akzeptiert würden. Allerdings sei ein Fall bekannt, in welchem eine solche – notariell beglaubigte und mit Apostille versehene – Vollmacht nicht akzeptiert worden sei. Die Schweizer Botschaft in Ankara könne sich deshalb vorstellen, dass es mit solchen Vollmachten zu Prob- lemen komme. Im Hinblick auf diese Verfahrensumstände kann d ie pau- schale Begründung in der vorinstanzlichen Verfügung, die Beschwerdefüh- rerin habe trotz mehrfacher Aufforderung keine Beweismittel bezüglich ei- nes allfälligen Verfahrens in der Türkei eingereicht, nicht gehört werden. So wäre die Vorinstanz unter diesen Umständen gehalten gewesen, w ei- tere Abklärungen vorzunehmen (beispielsweise über die Botschaft) oder D-1172/2020 Seite 10 zumindest vor Entscheiderlass noch einmal mit der Beschwerdeführerin in Kontakt zu treten . Auch wäre beispielsweise zu erwarten gewesen, dass abgeklärt würde, ob die Sperrung des e -Devlet-Kontos etwas mit einem allfälligen Interesse der türkischen Behörden an der Beschwerdeführerin zu tun haben könnte. Es ist nicht ersichtlich, weshalb der vorliegende Ent- scheid in einem solch engen zeitlichen Rahmen hätte gefällt werden müs- sen, zumal das Verfahren – richtigerweise – dem erweiterten Verfahren zu- geteilt wurde und der Vorinstanz die Probleme der Beschwerdeführerin bei der Mandatierung eines Anwaltes in der Türkei – sowie die allgemein schwierige Situation diesbezüglich – bekannt waren. Das SEM hat mit die- sem Vorgehen seine Abklärungspflicht verletzt. Der Vollständigkeit halber ist ferner zu den Ausführungen der Vorinstanz zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin folgendes fest- zuhalten: den Anhörungsprotokollen lässt sich ent nehmen, dass die Be- schwerdeführerin äusserst detailliert und ausführlich über ihre Vorbringen berichtet, so erzählt sie über mehrere Seiten hinweg frei (vgl. vorinstanzli- che Akten act. 1046647 -25/21 [nachfolgend act. 25] S. 8 ff. sowie act. 1046647-29/13 [nachfolgend act. 29] S. 4 ff.). Zudem vermögen die Argu- mentationen der Vorinstanz, gewisse Vorbringen seien unlogisch oder nicht nachvollziehbar, nicht zu überzeugen. So erscheint es als durchaus nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin Sanktionen der türkischen Behörden fürchten könnte, auch wenn, beziehungsweise gerade weil eine Tätigkeit als geheime Agentin nicht mehr in Frage kommt. Ferner sind die Ausführungen der Vorinstanz betreffend fehlendem Zusammenhang zwi- schen den Kontakten mit den MIT -Leuten und der Hausdurchsuchung durch die Gendarmerie nicht korrekt. So machte die Beschwerdeführerin anlässlich der zweiten Anhörung geltend, der Kommandant habe sie ge- fragt, ob sie sich das Angebot reiflich überlegt habe. Sie sei ein kluges Mädchen und solle das Angebot ernst nehmen beziehungsweise das Nö- tige machen (vgl. act. 29 F18). Ein Zusammenhang besteht somit zweifels- ohne. Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen, dass der vom SEM an dieser Stelle zitierte Abschnitt in act. 29 (F 71-74) nicht existiert zumal die zweite Anhörung lediglich 71 Fragen umfasst. 5.2 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge- stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-D-1172/2020 Seite 11 ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz- lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er- scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Vorliegend liegt der Mangel in einer Verletzung der Abklärungspflicht, welche einen schwer- wiegenden Mangel darstellt, der eine vernünftige Prozesserledigung der Rechtsmittelinstanz verunmöglicht. Es liegt nicht am Bundesverwaltungs- gericht, anstelle der Vorinstanz die entsprechenden Abklärungen vorzu- nehmen, und es ist auch nicht seine Aufgabe, Versäumnisse des SEM auf Beschwerdeebene systematisch zu beheben und damit die Vorinstanz gleichsam von einer sorgfältigen Verfahrensführung zu entbinden, zumal Beschwerdeführenden durch ein solches Vorgehen eine Instanz verloren ginge. Somit fällt eine Heilung der festgestellten Mängel in der angefoch- tenen Verfügung nicht in Betracht (vgl. zum Ganzen BVGE 2009/53 E. 7.3). Angesichts der Rückweisung der Sache erübrigt sich eine Auseinanderset- zung mit den in reformatorischer Hinsicht gestellten Rechtsbegehren und den dem Gericht zu den Akten gereichten Beweismitteln. Das Beschwer- dedossier wird nämlich ebenfalls Gegenstand des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahrens sein und das SEM wird sich damit zu befas- sen haben. 5.3 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die vorinstanzliche Verfügung aufzuheben und die Sache zur vollständigen Ab- klärung des Sachverhalts und erneuten Beurteilung im Sinne der Erwägun- gen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sind gegenstandslos geworden. 7. Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in An- wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die bei den Akten liegende Kostennote erscheint im Hinblick auf die Ver- fahrensumstände als überhöht und ist entsprechend zu kürzen . Die von D-1172/2020 Seite 12 der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist demn ach auf ins- gesamt Fr. 1'500.– (inkl. Auslagen ; die Parteientschädigung umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE. ) festzusetzen. Das Gesuch um Beiordnung der Rechtsvertreterin als amtli- cher Rechtsbeistand ist gegenstandslos geworden. (Dispositiv nächste Seite) D-1172/2020 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben und die Sache wird im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. Fr. 1'500.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Aglaja Schinzel Versand: