Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht Vom 8. August 2013 (720 13 83 / 183) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente; Beweiswert von medizinischen Gutachten Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter Yves Thommen, Kan- tonsrichter Markus Mattle, Gerichtsschreiber Martin Kaiser Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch R affaella Biaggi, Advoka- tin, Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der am 8. April 1971 geborene A.____ meldete sich am 4. Januar 2005 bei der IV- Stelle Kanton Basel-Landschaft (IV-Stelle) erstmals zum L eistungsbezug an. Er machte dabei geltend, wegen Rücken-, Bein und Fussschmerzen aufgrund eines Sturzes aus rund 3 Metern infolge einer LWK1-Fraktur, mehrfragmentärer Calcaneusfraktur rechts und einer subtrochantä- ren, mehrfragmentärer Femurfraktur vom 19. November 2002 sowie nach diversen Operationen nicht mehr arbeiten zu können. Die SUVA entrichtete Ta ggelder und die Kosten der Heilbe- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht handlung bis Ende 2006. Mit Verfügung von 23. Januar 2 007 legte sie den unfallbedingten IV- Grad auf 18 % fest und bezifferte eine Integritätsentschädigung auf 15 %. B. A.____ wurde im Rahmen der Abklärung durch die IV -Stelle von Dr. med. B.____, FMH Rheumatologie, begutachtet, welcher im Mai 2007 feststellte, dass neurologische und sensomotorische Defizite fehlen und für eine wechselbelas tende oder stehende Tätigkeit nur geringe sowie für rein sitzende Tätigkeiten keine Einsch ränkungen bestehen würden. Als Gip- ser sei er seit dem Unfallereignis vom 19. November 2002 nicht mehr arbeitsfähig gewesen. C. In der Folge wurde A.____ mehrfach operiert. Am 7 . Januar 2008 wurde eine Fenest- ration und Diskektomie L5/S1 rechts bei subligamentär se questrierter Diskushernie durchge- führt. Am 10. Juni 2008 teilte die IV-Stelle dem Besch werdeführer auf der Basis des Abschluss- berichts der IV-Stelle vom 9. Juni 2008 betreffend beru fliche Massnahmen mit, dass aufgrund des gesamten Gesundheitszustandes keine Arbeitsvermittlun g mehr durchgeführt werden kön- ne. D. Mit Verfügung vom 23. Juni 2008 sprach die IV-Stelle A.____ für die Zeit von Januar 2004 bis 31. Dezember 2006 eine ganze IV-Rente zu. Ab Januar 2007 wurde der IV-Grad auf 18 % festgesetzt. E. Am 21. November 2008 wurden A.____ wiederum beru fliche Massnahmen bewilligt und ein Arbeitstraining durchgeführt. F. Anlässlich einer Untersuchung vom 25. Mai 2009 durch C .____ wurde festgestellt, dass die Behandlung der Diskusproblematik bisher erfolgl os verlaufen und keine Besserung zu erwarten sei. A.____ sei als voll arbeitsunfähig anzus ehen, ausgenommen wären sehr leichte wechselbelastende Tätigkeiten von zwei bis drei Stunden p ro Tag. Im Weiteren sei die Anord- nung eines Verlaufsgutachtens notwendig. G. Am 12. August 2009 hielt Dr. B.____ in seinem Ve rlaufsgutachten fest, dass A.____ in seiner angestammten Tätigkeit voll arbeitsunfähig und i n einer alternativen Tätigkeit mit wech- selbelastand Sitzen, Stehen und Gehen zu 100 % arbeitsfähig sei. H. Am 16. Februar 2010 wurde A.____ durch Prof. Dr. med. D.____, FHM Psychiatrie und Psychotherapie , psychiatrisch und neurologisch begutachtet. Er diagnostizier te eine chro- nische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Antei len, wobei ein erheblicher so- matischer Kern vorhanden scheint mit nur geringer Überl agerung, was aber von somatischer Seite beurteilt werden müsse. Daneben liege eine mit telschwere depressive Episode vor mit gedrückter Stimmung, Neigung zum Weinen, Interesseverlu st, Freudlosigkeit, Rückzug, ver- minderter Antrieb, Schlafstörung mit erhöhter Ermüdba rkeit und Tagesmüdigkeit, negativ pes- simistische Zukunftsperspektive, die aber auch der Realität entsprechen würde. I. Mit Verfügung vom 14. Juni 2010 legte die IV-Stel le den IV-Grad von A.____ auf 36 % fest und lehnte dessen Anspruch auf eine Rente ab. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht J. Vom 1. Januar 2011 bis zum 30. Juni 2011 arbeitete A.____ im Rahmen eines Arbeits- trainings in einem Pensum von 50 % in der Cafeteria E. ____. Dabei sollte eruiert werden, wel- che Leistung und welche Tätigkeit er trotz seiner gesundhe itlichen Einschränkungen erbringen kann. Im Rahmen der Beobachtungszeit wurde er dabei al s sehr engagiert, motiviert, interes- siert und tüchtig bezeichnet. Er habe in den drei Monaten des Arbeitstrainings sein Pensum von 50 % konstant aufrechterhalten können. Seine Leistungsfä higkeit sei stabil gewesen und trotz psychischer Instabilität habe er sich täglich zwischen 80 un d 100 % bewegt. Gemäss dem Be- triebsleiter wurde seine wertvolle und pflichtbewusste u nd freundliche Art geschätzt. Die Schmerzen, unter welchen er nach seinen Äusserungen lei den soll, seien für Aussenstehende kaum bemerkbar gewesen. K. Am 20. Juli 2011 meldete sich A.____ erneut bei de r IV-Stelle zum Leistungsbezug an, da sich sein Gesundheitszustand gemäss Gutachten von Dr. me d. F.____, FMH Orthopädie, stv. Chefarzt Spital G.____, vom 17. Juni 2011 wesentlich verschlechtert haben soll. L. Im Schlussbericht vom 25. Juli 2011 des Vereins H.____ betreffend Arbeitstraining von A.____ in der Cafeteria E.____ wurde festgehalten, d ass eine wechselbelastende Tätigkeit in einem Pensum von 50 % ohne Heben und Tragen von mehr a ls 10 Kg als geeignet angesehen werden müsse. Eine Steigerung auf ca. 60 % würde zu ve rmehrten Beschwerden und zur Ver- minderung der Leistungsfähigkeit führen. Der Abschlussb ericht vom 8. August 2011 betreffend berufliche Massnahmen (mit Bezug auf den Schlussbericht vom 25. Juli 2011 des Vereins kie- bitz) dokumentierte, dass A.____ ein 50 %-iges Pensum gut bewältigen könne. Die Eingliede- rung in den ersten Arbeitsmarkt sei mangels geeigneter S telle aber nicht möglich gewesen. Hinzu komme, dass A.____ eine wesentliche Verschlechterung seines Gesundheitszustandes geltend gemacht habe. M. Am 25. August 2011 diagnostizierte PD Dr. med. I.__ __, FMH Neurologie, in seiner neurologischen Untersuchung eine Leistungsstörung des Nerv us ulnaris links im Sulcus Ab- schnitt. Es wurde eine sensomotorische Ulnarisneuropathie links im Sinne eines Sulcus ulnaris Syndroms ohne Zeichen relevanter axonaler Schädigung festgestellt. N. Aufgrund der Neuanmeldung vom 20. Juli 2011 von A._ ___ beauftragte die IV-Stelle am 28. Dezember 2011 Dr. B.____ mit der Erstellung ei nes Verlaufsgutachtens, welches er am 31. Januar 2012 erstellte. Dort kam er zum Schluss, dass A .____ als Gipser eingesetzt werden und dabei Flickarbeiten in selbständiger Regie ausüben könne. O. Mit Vorbescheid vom 24. Juli 2012 teilte die IV-St elle A.____ mit, dass es dessen An- spruch auf eine Rente ablehnen werde. Mit Brief vom 27 . August 2012 erhob A.____, vertreten durch Anwältin Raffaella Biaggi, gegen den Vorbescheid Einwand und reichte der IV-Stelle zur Begründung einen entsprechenden medizinischen Bericht vom 15. August 2012 von Dr. F.____, ein. Der Bericht vom 15. August 2012 von Dr. F .____ und das Schreiben von Anwältin Raffaella Biaggi wurden C.____ zur Stellungnahme unt erbreitet. C.____ äusserte sich dahinge- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht hend, dass dem Bericht von Dr. F.____ keine neuen me dizinischen Aspekte entnommen wer- den können, welche das Gutachten von Dr. B.____ in Frage stellen könnten. P. In einem weiteren Bericht vom 17. Oktober 2012 äusse rte sich Dr. F.____ erneut zum Gesundheitszustand von A.____, welcher wiederum C.____ v orgelegt wurde. Mit Stellungnah- me vom 24. Oktober 2012 hielt C.____ fest, dass aus medizinischer Sicht keine neuen, relevan- ten Erkenntnisse ersichtlich seien, welche geeignet wären , die ausschlaggebende Beweiskraft des Gutachtens von Dr. B.____ in Frage zu stellen, da kei ne neuen relevanten Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ausgemacht werden könnten. Q. Mit Verfügung vom 21. Februar 2013 legte die IV-S telle den IV-Grad gestützt auf das Gutachten von Dr. B.____ auf 8 % fest und lehnte das Leistungsbegehren von A.____ ab. R. Gegen diese Verfügung erhob Anwältin Raffaella B iaggi am 27. März 2013 namens und im Auftrag von A.____ beim Kantonsgericht Basel-L andschaft (Kantonsgericht), Abteilung Sozialversicherungsrecht, Beschwerde, mit dem Begehren, d ass die Verfügung vom 21. Februar 2013 aufzuheben und dem Beschwerdeführer die gesetzliche IV-Rente auszube- zahlen sei. Eventualiter sei ein Gutachten des Gerichts zur Feststellung des rechtserheblichen medizinischen Sachverhalts einzuholen. Im Weiteren sei die Verfügung vom 23. Juni 2008 wie- dererwägungsweise aufzuheben und dem Beschwerdeführer e ine ganze Rente für die Zeit von Januar bis März 2007 auszurichten. Dem Beschwerdeführer sei im Weiteren die unentgeltliche Verbeiständung für das Beschwerdeverfahren zu bewilligen. S. Am 18. April 2013 wurde das Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege bewilligt. T. In ihrer Vernehmlassung vom 6. Mai 2013 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die - im Übrigen frist- und formgerecht erhobene - Beschwerde des Versicherten vom 27. März 2013 ist demnach einzutreten. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.2 Soweit der Beschwerdeführer jedoch die zweifellose Unrichtigkeit der Verfügung vom 23. Juni 2008 rügt, weshalb die Verfügung in Anwendung von Art. 53 Abs. 2 ATSG aufzuheben bzw. in Wiedererwägung zu ziehen sei, kann auf die Beschwerde nicht eingetreten werden. Der Entscheid über die Vornahme der Wiedererwägung ist in das Ermessen des Versicherungsträ- gers gestellt und ist somit an den Versicherungsträger, vorliegend an die IV-Stelle, und nicht an das Kantonsgericht zu richten, weshalb das Kantonsgeric ht auf diese Rüge nicht einzutreten hat. 2. Als Invalidität gilt nach Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des So- zialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 die vora ussichtlich bleibende oder länge- re Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähig keit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursach- te und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Ver- lust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen den allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 3.1 Der Beschwerdeführer rügt die fehlende Beweiskraft des Gutachtens von Dr. B.____ und die unvollständige Abklärung des rechtserheblichen medizinischen Sachverhalts. Streitig und zu prüfen ist vorliegend die Frage der rechtsgen ügenden Feststellung des relevanten Ge- sundheitszustandes und die rechtsgenügende Beurteilung d er Arbeitsfähigkeit des Beschwer- deführers. 3.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und in sbesondere auch bei der Beur- teilung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde - die Verwaltung und im Streitfall das Gericht - auf Unterl agen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkei- ten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen S tellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, we lche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Perso n auf dem allgemeinen, ausgegliche- nen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frag e kommenden Arbeitsmarkt zumutba- rerweise noch verrichtet werden können (ULRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschätzung, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 3.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung ( vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widerspreche nden medizinischen Berichten den Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352 E. 3a; 122 V 160 E . 1c). Ausschlaggebend für den Beweis- wert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Bewe ismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnah me als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3 mit Hinweisen). 3.4 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspre chung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzu stellen (vgl. die ausführlichen Zusam- menstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit Hinweisen). So ist den im Rah- men des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten exte rner Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Unters uchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Bef unde zu schlüssigen Ergebnissen gelan- gen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 12 5 V 353 E. 3b/bb mit Hinweisen). Diese im Bereich der Unfallversicherung entwickelten Gru ndsätze finden für das IV- Verwaltungsverfahren sinngemäss Anwendung (Urteil des Bundesgerichts vom 9. August 2000, I 437/99, E. 4). So weicht der Richter etwa bei Gerich tsgutachten nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen Exp erten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfü gung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweich en kann vorliegen, wenn die Ge- richtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom G ericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelang t. Eine abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Mei nungsäusserungen anderer Fachex- perten dem Richter als triftig genug erscheinen, die S chlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass er die Überprüfung durch ei nen Oberexperten für angezeigt hält, sei es, dass er ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerich tsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 f. E. 3b mit Hinweisen). Was Parteigutachten anbe- langt, rechtfertigt der Umstand allein, dass eine ärztliche Stellungnahme von einer Partei einge- holt und in das Verfahren eingebracht wird, nicht Zw eifel an ihrem Beweiswert (ZAK 1986 S. 189 E. 2a in fine). Auch den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt schliesslich Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet so- wie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gege n ihre Zuverlässigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt in einem Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und au f Befangenheit schliessen. Es bedarf vielmehr besonderer Umstände, welche das Misstrauen in di e Unparteilichkeit der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen lassen. Im Hinblick auf die erhebliche Bedeutung, welche den Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Arztberichten im Sozialversicherungsrecht zukommt, ist an die Unparteilichkeit des Gutachters allerdings ein strenger Massstab anzulegen (BGE 125 V 353 E. 3b). 4.1 Das Gutachten von Dr. B.____ vom 31. Januar 2012 erscheint bezüglich der rheuma- tologischen Begutachtung als vollständig, umfassend und e s erfolgte unter Berücksichtigung der vom Beschwerdeführer dargelegten Beschwerden sowie in Kenntnis der Vorakten. Es hält diesbezüglich den (formellen) Anforderungen, die an d en Beweiswert von Arztberichten gestellt werden, stand. 4.2 Dr. B.____ gelangt inhaltlich, d.h. bezüglich des G esundheitszustandes des Be- schwerdeführers und der Auswirkung des Gesundheitszustandes a uf dessen Ar- beits(un)fähigkeit, zu einem anderen Ergebnis als namentlich Dr. F.____ und Dr. I.____. C.____ hat sich zu den intervenierenden Berichten von Dr. F.__ __ zweimal dahingehend geäussert, dass diesen Berichten keine neuen medizinischen Aspekte en tnommen werden könnten und diese somit nicht geeignet seien, die ausschlaggebende Be weiskraft des Gutachtens von Dr. B.____ in Frage zu stellen. Neue relevante Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit können gemäss C.____ im Gutachten von Dr. F.____ nicht ausgemacht werden könnten. 4.3 Auf Seite 13 („Stellungnahme zu allfälligen dive rgierenden Diagnosen und Beurteilun- gen anderer Ärzte / Institutionen“) äussert sich Dr. B.__ __ zum Resultat der Begutachtung durch Dr. F.____ dahingehend, dass er dessen Befund der Diskopathie, welche wegweisend für eine weitere Beurteilung der Rückenschmerzsymptomatik sei, nicht folgen könne. Er setzt sich aber nicht konkret damit auseinander und er begründet es auch nicht ausführlich(er), warum der Einschätzung von Dr. F.____ nicht zu folgen sei. Er äussert sich lediglich dahingehend, dass die entsprechenden Befunde nicht in den Mund eines Anw alts gelangen dürften, da dies zu Missverständnissen führen könnte, was einen riesigen administ rativen Stab in Bewegung set- zen würde. Ausserdem würde sich der Beschwerdeführer an sol che Hinweise klammern, wes- halb er sich definitiv als krank sehen würde. Zum neurolo gischen Befund von Dr. I.____ nahm Dr. B.____ - im Sinne einer Stellungnahme zu einer d ivergierenden Diagnose - an dieser Stelle in keiner Weise Bezug. 4.4 Auf Seite 14 äussert sich Dr. B.____ („Beeinträchti gung [qualitativ und quantitativ] auf- grund der festgestellten Störungen“) dann dahingehen d, dass sich gemäss der inzwischen ent- standenen Schmerzausbreitung mit Schmerzangabe im zervikal en Bereich keine spezifische Einschränkung erwähnen liesse. Die MRI Untersuchung vom 1 7. Juni 2011 von Dr. F.____ ha- be keinen Befund ergeben und die fachärztliche neurolog ische Untersuchung sei ebenfalls bland gewesen. Im Weiteren nimmt Dr. B.____ an dieser Stelle Bezug zum Gutachten von Dr. I.____, der am 25. August 2011 in der neurologischen Begutachtung des Beschwerdeführers eine Ulnarisneurophatie feststellte, und hält diesbezüg lich fest, dass die Epicondylopathien, die vom Beschwerdeführer eher überbewertet würden, nicht dem von Dr. I.____ festgestellten Be- fund im Sinne einer Sulcus Neuropathie entsprechen w ürden. Die Hauptsymptomatik bestünde nämlich am Epicondylus lateralis, wobei auch diese nach A ngabe des Beschwerdeführers nicht immer vorhanden sei. Er begründet diese Divergenzen aber nicht näher. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.5 Bezüglich Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tä tigkeit äussert sich Dr. B.____ auf Seite 14 („Arbeitsfähigkeit in angestammter Tätigkeit “) dahingehend, dass er erneut auf seinen Bericht aus dem Jahre 2009 verweise und den Beschwerdeführer im Baugewerbe oder als akti- ver Gipser als weiterhin arbeitsunfähig erachte. Er sei aber „nach reiflicher Überlegung“ nun zum Schluss gekommen, dass ein Einsatz des Beschwerdeführers als Kundengipser für kleine- re Arbeiten, welche auf dem Bau ebenfalls häufig erf orderlich sei, nun „doch noch möglich wä- re“. Eine ausführliche Begründung dieser zu seinem fr üheren Gutachten vorliegenden Diskre- panz bezüglich der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers fehlt jedoch, wie auch eine ausführ- liche Auseinandersetzung mit den Diagnosen von Dr. F._ ___ und Dr. I.____, insbesondere in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers. 4.6 Aus dem Gesagten kann festgestellt werden, dass bezü glich neurologischer Aspekte des Beschwerdeführers vorliegend ein insgesamt nur oberflä chliches und folglich rechtsunge- nügendes Gutachten von Dr. B.____ vorliegt. Sämtliche Aspekte sind zwar formell aktenkundig, nicht aber genügend begutachtet worden. Es fehlt eine ausführliche Auseinandersetzung mit abweichenden gutachterlichen Meinungen, insbesondere in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers. Zu bemerken ist im Weiteren, dass Dr. B.____ Spezialist für Rheumatolo- gie ist, weshalb vorliegend an sich in grundsätzlicher W eise fraglich ist, inwiefern von ihm eine rechtsgenügende Begutachtung bezüglich neurologischer Aspekte vorgenommen werden kann. Dr. B.____ nimmt vorliegend als Rheumathologe neurolo gische Wertungen vor, die vielmehr eine entsprechende (zusätzliche) neurologische Untersuchung durch einen Fachexperten nahe- legen. Insofern erscheint das Gutachten als nicht schlüssig, als nicht nachvollziehbar und folg- lich nicht als widerspruchslos. Die Erwägungen 4.2 – 4.4 sind als Indizien aufzufassen, welche im Sinn der Rechtsprechung (E. 3.4) gegen die Zuverlä ssigkeit des Gutachtens aus neurologi- scher Sicht schliessen lassen. 4.7 Im Weiteren diagnostizierte Dr. D.____ am 16. Feb ruar 2010 beim Beschwerdeführer eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Anteilen, wobei ein erhebli- cher somatischer Kern vorhanden schien mit nur geringer Ü berlagerung, was aber von somati- scher Seite beurteilt werden müsse. Daneben würde eine mittelschwere depressive Episode vorliegen mit gedrückter Stimmung, Neigung zum Weinen , Interesseverlust, Freudlosigkeit, Rückzug, verminderter Antrieb, Schlafstörung mit erhöhter Ermüdbarkeit und Tagesmüdigkeit, negativ pessimistische Zukunftsperspektive, die aber auch der Realität entsprechen würde. Der Bericht von Dr. D.____ wurde bereits im Rahmen der le tzten rentenabweisenden Verfügung vom 14. Juni 2010 berücksichtigt. 4.8 Im Gutachten vom 31. Januar 2012 erwähnt Dr. B. ____ auf Seite 5 die psychiatrische Begutachtung von Dr. D.____ vom 16. Februar 2010. Er n immt zu dieser Einschätzung jedoch keine Stellung, sondern hält unter "Kommentar" ledig lich fest, dass bei dieser Gelegenheit zu erwähnen sei, dass der Beschwerdeführer seit anfangs 2010 eine relativ hohe Dosis Targin (3-4 täglich - Morphiumpräparat) nehme. Zur psychischen Sit uation äusserte sich Dr. B.____ auf Seite 10 ("Psychische Situation") dahingehend, dass sich de r Beschwerdeführer während der gesamten Begutachtungsdauer sehr freundlich und kommuni kativ verhalten habe und das For- maldenken unauffällig gewesen sei und eine Depressivität nicht abzuleiten sei. Auch habe zu Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht keiner Zeit ein Leidensdruck bestanden. Er habe eher se hr entspannt gewirkt und seine Be- richterstattung bezüglich Schmerzsymptomatik sei eher untersch wellig gewesen. Im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung hat es damit nicht aufgedr ängt, den Beschwerdeführer psychiat- risch begutachten zu lassen, zumal damals keine Hinweise auf eine relevante psychiatrische Erkrankung vorgelegen haben und der Beschwerdeführer offenbar auch nicht in psychiatrischer Behandlung gewesen ist. Ob im Rahmen einer neuen Be gutachtung eine psychiatrische Unter- suchung notwendig sein wird, wird die Beschwerdegegnerin zu entscheiden haben. 4.9 Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Sach verhalt in medizinischer Hinsicht ungenügend abgeklärt ist. Die Beschwerdegegneri n wird eine erneute rheumatologi- sche und zusätzlich eine neurologische Untersuchung in die Wege zu leiten haben. Sie wird zudem zu entscheiden haben, ob eine psychiatrische Abklärun g notwendig ist. Die begutach- tenden Ärzte haben ihre Ergebnisse nach erfolgtem Aust ausch im Rahmen eine Gesamtbe- trachtung wiederzugeben. Da die Beschwerdegegnerin auf eigene neurologische Abklärungen verzichtet hat, rechtfertigt es sich, die Sache zur weiter en Abklärung an die Beschwerdegegne- rin zurückzuweisen. 5. Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Beschwerde im Si nne der Erwägungen gut- zuheissen und die Verfügung vom 21. Februar 2013 insof ern aufzuheben ist, als weitere Abklä- rungen vorzunehmen sind. 6.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens- und der Parteikosten ist grund- sätzlich auf den Prozessausgang abzustellen. Vorliegend ist der Beschwerdeführer obsiegende und die IV-Stelle unterliegende Partei. 6.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des kantonale n Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 in der Regel in angemesse- nem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. In casu hätte deshalb die IV-Stelle als unter- liegende Partei grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tr agen. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO d en Vorinstanzen - vorbehältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VPO - keine Ver fahrenskosten auferlegt werden. Auf- grund dieser Bestimmung hat die IV-Stelle als Vorinstanz trotz Unterliegens nicht für die Verfah- renskosten aufzukommen. Dies hat zur Folge, dass für den vorliegenden Prozess keine Verfah- renskosten erhoben werden. 6.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da der Beschwerdeführer obsiegende Partei ist, ist ihm eine Parteient- schädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Die Re chtsvertreterin des Beschwerdefüh- rers, Raffaella Biaggi, hat in ihrer Honorarnoten vo m 28. Mai 2013 für das vorliegende Verfah- ren einen Zeitaufwand von 9,67 Stunden geltend gema cht, was sich umfangmässig als ange- messen erweist. Die Bemühungen sind zu dem in Sozialversich erungsprozessen praxisgemäss für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu ent- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht schädigen. Nicht zu beanstanden sind sodann die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslagen in der Höhe von Fr. 84.50. Dem Beschwerdeführer ist des halb eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'702.15 (9,67 Stunden à Fr. 250.-- in kl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird und die angefochtene Verfüg ung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 21. Februar 2013 wird aufgehobe n. Die IV- Stelle Basel-Landschaft wird angewiesen, im Sinne der Erwägungen weitere Abklärungen vornehmen zu lassen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat dem Beschwerdefü hrer eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 2'702.15 (inkl. Ausl agen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen.