<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 5" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 5</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">60</span> </div> <div class="page" id="S60"> <span class="text"><b>5 </b> <b>Schwerwiegende Verletzung des Beschleunigungsgebots</b></span><br/> <span class="text">Die unverhältnismässig lange Verfahrensdauer von mehr als sieben Jah-</span><br/> <span class="text">ren seit der letzten Widerhandlung sowie der Umstand, dass der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführer mittlerweile seit mehr als acht Jahren keine strassenver-</span><br/> <span class="text">kehrsrechtlichen Widerhandlungen mehr begangen hat, führen dazu,</span><br/> <span class="text">dass ein Warnungsentzug keine spezialpräventive beziehungsweise er-</span><br/> <span class="text">zieherische Wirkung mehr entfaltet. Es ist von der Anordnung einer</span><br/> <span class="text">Administrativmassnahme abzusehen. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 31. Januar</span><br/> <span class="text">2018, in Sachen Y. gegen das Strassenverkehrsamt des Kantons Aargau und</span><br/> <span class="text">das Departement Volkswirtschaft und Inneres (WBE.2017.381).</span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">61</span> </div> <div class="page" id="S61"> <div role="main"> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">II.</span><br/> <span class="text">1.</span><br/> <span class="text">1.1.</span><br/> <span class="text">Dem angefochtenen Entscheid liegt im Wesentlichen folgender</span><br/> <span class="text">Sachverhalt zugrunde:</span><br/> <span class="text">a)</span><br/> <span class="text">Am 30. Juli 2006 missachtete der Beschwerdeführer auf der Autobahn A2</span><br/> <span class="text">in Basel die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um netto 29 km/h.</span><br/> <span class="text">b)</span><br/> <span class="text">Am 16. September 2007, 20.01 Uhr, überschritt der Beschwerdeführer in</span><br/> <span class="text">Dürrenäsch die allgemeine Höchstgeschwindigkeit ausserorts von 80 km/h um</span><br/> <span class="text">netto 32 km/h.</span><br/> <span class="text">c)</span><br/> <span class="text">Am 8. Dezember 2007 war der Beschwerdeführer um ca. 17.20 Uhr in</span><br/> <span class="text">Seon, ausserorts, mit seinem Personenwagen mit ca. 80 km/h unterwegs. Als</span><br/> <span class="text">er aus der Mittelkonsole Kaugummis behändigen wollte oder aus einem ande-</span><br/> <span class="text">ren Grund abgelenkt war und seine Aufmerksamkeit nicht mehr der Strasse</span><br/> <span class="text">zugewandt hatte, geriet er auf die Gegenfahrbahn. Der Lenker des entgegen-</span><br/> <span class="text">kommenden Personenwagens konnte eine Frontalkollision nur durch ein Aus-</span><br/> <span class="text">weichmanöver in den an die Strasse angrenzenden Acker verhindern, als er</span><br/> <span class="text">bemerkt hatte, dass der Beschwerdeführer die Gefahr seines Manövers nicht</span><br/> <span class="text">erkannt hatte und keine Korrektur vornahm.</span><br/> <span class="text">d)</span><br/> <span class="text">Am 22. April 2009 um 8.50 Uhr herrschte in Spreitenbach auf der Auto-</span><br/> <span class="text">bahn A1 in Fahrtrichtung Zürich Staulage mit Stop and Go -Verkehr auf</span><br/> <span class="text">allen drei Fahrstreifen. Mindestens 300-400 m vor der Ausfahrt Dietikon fuhr</span><br/> <span class="text">der Beschwerdeführer mit seinem Personenwagen auf dem Pannenstreifen mit</span><br/> <span class="text">einer Geschwindigkeit von ca. 50-60 km/h an der auf der rechten Fahrspur</span><br/> <span class="text">sich gebildeten Kolonne rechts vorbei, wobei er die Warnblinkanlage einge-</span><br/> <span class="text">schaltet hatte. Der Polizeifunktionär eines überholten zivilen Polizeifahrzeugs</span><br/> <span class="text">nahm unverzüglich die Verfolgung des Beschwerdeführers auf, worauf dieser</span><br/> <span class="text">trotz eingeschaltetem Blaulicht und der Matrix Stopp Polizei erst anhielt,</span><br/> <span class="text">nachdem er auf dem Pannenstreifen weitere geschätzte 20 Autos überholt</span><br/> <span class="text">hatte.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">62</span> </div> <div class="page" id="S62"> <div role="main"> <span class="text">1.2.</span><br/> <span class="text">Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der mit Verfü-</span><br/> <span class="text">gung des Strassenverkehrsamtes vom 5. August 2016 angeordnete</span><br/> <span class="text">und von der Vorinstanz mit Entscheid vom 3. Juli 2017 bestätigte</span><br/> <span class="text">dreimonatige Warnungsentzug des Führerausweises. Der Sachverhalt</span><br/> <span class="text">sowie dessen Qualifikation sind unbestritten und zutreffend.</span><br/> <span class="text">2.</span><br/> <span class="text">(...)</span><br/> <span class="text">3.</span><br/> <span class="text">3.1.</span><br/> <span class="text">3.1.1.</span><br/> <span class="text">Die Vorinstanz führte im Wesentlichen aus, dass die Verwal-</span><br/> <span class="text">tungsbehörde grundsätzlich mit dem Erlass einer Administrativmass-</span><br/> <span class="text">nahme zuzuwarten habe, bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliege.</span><br/> <span class="text">Das Abwarten des rechtskräftigen Abschlusses des Strafverfahrens</span><br/> <span class="text">durch das Strassenverkehrsamt, das eine Gesamtmassnahme erwogen</span><br/> <span class="text">habe, sei nicht zu beanstanden. Die lange Dauer des Strafverfahrens</span><br/> <span class="text">sei nicht absehbar gewesen und das Strassenverkehrsamt habe sich</span><br/> <span class="text">regelmässig um Akteneinsicht bemüht. Die lange Verfahrensdauer sei</span><br/> <span class="text">vorliegend insbesondere auf das Strafverfahren zurückzuführen, wo-</span><br/> <span class="text">bei eine Verletzung des Beschleunigungsgebots bereits festgestellt</span><br/> <span class="text">und das Strafmass entsprechend reduziert worden sei. Ab Eingang</span><br/> <span class="text">der Strafakten beim Strassenverkehrsamt habe dieses innerhalb eines</span><br/> <span class="text">halben Jahres die Verfügung erlassen. Die Verletzung des Anspruchs</span><br/> <span class="text">auf Beurteilung innert angemessener Frist wiege deshalb insgesamt</span><br/> <span class="text">nicht derart schwer, dass auf den Entzug des Führerausweises</span><br/> <span class="text">verzichtet werden könne. Der Verletzung des Beschleunigungsgebots</span><br/> <span class="text">werde dadurch Rechnung getragen, dass die Mindestentzugsdauer</span><br/> <span class="text">nicht erhöht worden sei. Schliesslich sei auch nicht ersichtlich, dass</span><br/> <span class="text">der Entzug des Führerausweises unter den gegebenen Umständen</span><br/> <span class="text">wegen des Zeitablaufs keine erzieherische Wirkung mehr zeitigen</span><br/> <span class="text">würde.</span><br/> <span class="text">3.1.2.</span><br/> <span class="text">Der Beschwerdeführer macht geltend, die Verfahrensdauer vor</span><br/> <span class="text">dem Strassenverkehrsamt sei für sich allein genommen irrelevant.</span><br/> <span class="text">Massgebend sei die gesamte Dauer von Straf- und Mass-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">63</span> </div> <div class="page" id="S63"> <div role="main"> <span class="text">nahmeverfahren. Das Verfahren habe seit der dritten Widerhandlung</span><br/> <span class="text">vom 8. Dezember 2007 und der vierten Widerhandlung vom</span><br/> <span class="text">22. April 2009 die Grenze zur schweren Verletzung des Beschleu-</span><br/> <span class="text">nigungsgebots deutlich überschritten, weshalb keine behördliche</span><br/> <span class="text">Bindung an die Mindestentzugsdauer angezeigt sei. Aufgrund der</span><br/> <span class="text">grossen Zeitspanne könne die Massnahme ihren Sinn und Zweck -</span><br/> <span class="text">die Erziehung und Besserung des Beschwerdeführers - nicht mehr</span><br/> <span class="text">erfüllen. Vielmehr habe sich der verkehrserzieherische Zweck</span><br/> <span class="text">vorliegend bereits erfüllt, da sich der Beschwerdeführer in den</span><br/> <span class="text">letzten siebeneinhalb Jahren klaglos und gesetzestreu verhalten habe.</span><br/> <span class="text">Ausserdem seien gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung</span><br/> <span class="text">die strafrechtlichen Verjährungsregeln heranzuziehen, da das SVG</span><br/> <span class="text">die Verjährung für den Warnungsentzug nicht regle. Gemäss Art. 97</span><br/> <span class="text">lit. c StGB sei die strafrechtliche Verfolgungsverjährung nach sieben</span><br/> <span class="text">Jahren eingetreten. Dies habe zur Folge, dass im Zeitpunkt der</span><br/> <span class="text">Verfügung vom 5. August 2016 die massnahmerechtliche Verfol-</span><br/> <span class="text">gungsverjährung eingetreten gewesen sei. Konsequenterweise müsse</span><br/> <span class="text">deshalb von einer Massnahme abgesehen werden, da der mass-</span><br/> <span class="text">nahmerechtliche Sanktionsanspruch des Staates untergangen sei.</span><br/> <span class="text">3.2.</span><br/> <span class="text">Jede Person hat in Verfahren vor Gerichts- und Verwaltungs-</span><br/> <span class="text">instanzen Anspruch auf gleiche und gerechte Behandlung sowie auf</span><br/> <span class="text">Beurteilung innert angemessener Frist (Art. 29 Abs. 1 BV). Ein sol-</span><br/> <span class="text">ches Recht ergibt sich auch aus Art. 6 Ziff. 1 EMRK. Die Beurtei-</span><br/> <span class="text">lung der angemessenen Verfahrensdauer entzieht sich starren Regeln.</span><br/> <span class="text">Es ist in jedem Einzelfall zu prüfen, ob sich die Dauer unter den kon-</span><br/> <span class="text">kreten Umständen als angemessen erweist. Der Streitgegenstand und</span><br/> <span class="text">die damit verbundene Interessenlage können raschere Entscheide er-</span><br/> <span class="text">fordern oder längere Behandlungsperioden erlauben. Zu berück-</span><br/> <span class="text">sichtigen ist der Umfang und die Komplexität der aufgeworfenen</span><br/> <span class="text">Sachverhalts- und Rechtsfragen, das Verhalten des Beschuldigten</span><br/> <span class="text">und dasjenige der Behörden (z.B. unnötige Massnahmen oder Lie-</span><br/> <span class="text">genlassen des Falles) sowie die Zumutbarkeit für den Beschuldigten.</span><br/> <span class="text">Die Parteien dürfen von ihren prozessualen Rechten Gebrauch ma-</span><br/> <span class="text">chen, müssen sich aber dadurch verursachte Verfahrensverzöge-</span><br/> <span class="text">rungen anrechnen lassen. Von den Behörden und Gerichten kann zu-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">64</span> </div> <div class="page" id="S64"> <div role="main"> <span class="text">dem nicht verlangt werden, dass sie sich ständig einem einzigen Fall</span><br/> <span class="text">widmen. Zeiten, in denen das Verfahren stillsteht, sind unumgäng-</span><br/> <span class="text">lich. Wirkt keiner dieser Zeitabschnitte stossend, ist eine Gesamtbe-</span><br/> <span class="text">trachtung vorzunehmen. Dabei können Zeiten mit intensiver behörd-</span><br/> <span class="text">licher oder gerichtlicher Tätigkeit andere Zeitspannen kompensieren,</span><br/> <span class="text">in denen aufgrund der Geschäftslast keine Verfahrenshandlungen er-</span><br/> <span class="text">folgten (Urteil des Bundesgerichts vom 19. März 2012</span><br/> <span class="text">[1C_486/2011], Erw. 2.2.).</span><br/> <span class="text">Das Administrativmassnahmenrecht des Strassenverkehrsge-</span><br/> <span class="text">setzes wurde per 1. Januar 2005 verschärft. Gemäss Art. 16 Abs. 3</span><br/> <span class="text">Satz 2 SVG darf die Mindestentzugsdauer nun nicht mehr unter-</span><br/> <span class="text">schritten werden. Ziel der Revision war eine einheitlichere und</span><br/> <span class="text">strengere Ahndung von schweren und wiederholten Widerhand-</span><br/> <span class="text">lungen gegen Strassenverkehrsvorschriften (Botschaft vom</span><br/> <span class="text">31. März 1999 zur Änderung des Strassenverkehrsgesetzes [SVG],</span><br/> <span class="text">BBl 1999 4485). Die besonderen Umstände des Einzelfalls, nament-</span><br/> <span class="text">lich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der</span><br/> <span class="text">Leumund als Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendig-</span><br/> <span class="text">keit, ein Motorfahrzeug zu führen, sollen nur bis zur gesetzlich</span><br/> <span class="text">vorgeschriebenen Mindestentzugsdauer berücksichtigt werden kön-</span><br/> <span class="text">nen (vgl. Art. 16 Abs. 3 Satz 1 SVG). Zu den bei der Festsetzung des</span><br/> <span class="text">Führerausweisentzugs zu berücksichtigenden Umständen zählt wie</span><br/> <span class="text">unter dem früheren Recht auch die Verletzung des Anspruchs auf Be-</span><br/> <span class="text">urteilung innert angemessener Frist (Art. 29 Abs. 1 BV, Art. 6 Ziff. 1</span><br/> <span class="text">EMRK; siehe auch BBl 1999 4486, wo auf die entsprechende frühere</span><br/> <span class="text">Bundesgerichtspraxis, eingeführt mit BGE 120 Ib 504 hingewiesen</span><br/> <span class="text">wird). Entsprechend kommt die Unterschreitung der Mindestentzugs-</span><br/> <span class="text">dauer wegen einer Verletzung dieses Anspruchs nicht in Frage. Eine</span><br/> <span class="text">andere Frage ist, ob bei einer schweren Verletzung des Anspruchs auf</span><br/> <span class="text">Beurteilung innert angemessener Frist, der nicht in anderer Weise</span><br/> <span class="text">Rechnung getragen werden kann, ausnahmsweise gänzlich auf eine</span><br/> <span class="text">Massnahme verzichtet werden kann. Diese Frage ist vom Bundesge-</span><br/> <span class="text">richt bis anhin offen gelassen worden (BGE 135 II 334, Erw. 2 mit</span><br/> <span class="text">Hinweisen).</span><br/> <span class="text">3.3.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 6 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">65</span> </div> <div class="page" id="S65"> <div role="main"> <span class="text">Eine Unterschreitung der Mindestentzugsdauer wegen Verlet-</span><br/> <span class="text">zung des Anspruchs auf Beurteilung innert angemessener Frist ist ge-</span><br/> <span class="text">mäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht zulässig. Des-</span><br/> <span class="text">halb ist die Frage zu beurteilen, ob es sich vorliegend um eine</span><br/> <span class="text">schwere Verletzung des Anspruchs auf Beurteilung innert angemes-</span><br/> <span class="text">sener Frist handelt und somit zu prüfen ist, ob ein gänzlicher Verzicht</span><br/> <span class="text">auf die Anordnung einer Massnahme in Betracht kommt.</span><br/> <span class="text">Vorliegend wurde die leichte Widerhandlung vom 30. Juli 2006</span><br/> <span class="text">mit Strafbefehl vom 14. August 2007 rechtskräftig abgeurteilt. Das</span><br/> <span class="text">Strafverfahren dauerte etwas mehr als ein Jahr. Die Strafakten zu die-</span><br/> <span class="text">sem Vorfall gingen am 15. Januar 2008 beim Strassenverkehrsamt</span><br/> <span class="text">ein. Weil aber der Beschwerdeführer in der Zwischenzeit bereits</span><br/> <span class="text">zwei weitere Widerhandlungen begangen hatte, erwog das Strassen-</span><br/> <span class="text">verkehrsamt den Erlass einer Gesamtmassnahme. Bis zur (zweitin-</span><br/> <span class="text">stanzlichen) Beurteilung der drei schweren Widerhandlungen mit Ur-</span><br/> <span class="text">teil vom 12. November 2015 vergingen - ausgehend vom ersten Vor-</span><br/> <span class="text">fall vom 16. September 2007 - insgesamt rund acht Jahre und zwei</span><br/> <span class="text">Monate. Die lange Dauer des Verfahrens ist insbesondere auf die auf-</span><br/> <span class="text">wendige, sechs Jahre dauernde Untersuchung bis zur Anklageerhe-</span><br/> <span class="text">bung zurückzuführen, wobei die lange Dauer auf die vorgeworfenen</span><br/> <span class="text">Delikte, die ausserhalb des Strassenverkehrsrechts liegen, zurück-</span><br/> <span class="text">zuführen ist. Anschliessend verstrichen weitere anderthalb Jahre bis</span><br/> <span class="text">zum erstinstanzlichen Strafurteil. Sowohl das Strafgericht als auch</span><br/> <span class="text">das Kantonsgericht stellten eine Verletzung des Beschleunigungs-</span><br/> <span class="text">gebots durch die Anklagebehörde fest. Das Urteil des Kantons-</span><br/> <span class="text">gerichts Schwyz ging am 17. Februar 2016 beim Strassenverkehrs-</span><br/> <span class="text">amt ein. In der Folge wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche</span><br/> <span class="text">Gehör am 26. Februar 2016 gewährt, wobei der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="text">am 23. Mai 2016 zu der in Aussicht gestellten Massnahme Stellung</span><br/> <span class="text">nahm. In der Folge erliess das Strassenverkehrsamt die angefochtene</span><br/> <span class="text">Verfügung am 5. August 2016.</span><br/> <span class="text">Auch wenn das Strassenverkehrsamt mit seinem Entscheid über</span><br/> <span class="text">eine Warnungsmassnahme grundsätzlich zuzuwarten hat, bis ein</span><br/> <span class="text">rechtskräftiges Strafurteil vorliegt (BGE 119 IB 158, Erw. 2c/bb), be-</span><br/> <span class="text">steht diese Pflicht gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung je-</span><br/> <span class="text">doch nicht, wenn im zu beurteilenden Fall hinsichtlich des Sachver-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 7 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">66</span> </div> <div class="page" id="S66"> <div role="main"> <span class="text">halts keine ernsthaften Zweifel ersichtlich sind und die Strafbehörde</span><br/> <span class="text">innert vernünftiger Frist nicht reagiert bzw. sich das Strafverfahren</span><br/> <span class="text">so lange verzögert, dass möglicherweise nicht vor Eintritt der Verjäh-</span><br/> <span class="text">rung mit einem rechtskräftigen Strafurteil zu rechnen ist (Urteil des</span><br/> <span class="text">Bundesgerichts vom 7. Juni 2001 [6A.121/2000], Erw. 3). Der Sach-</span><br/> <span class="text">verhalt des Vorfalls vom 30. Juli 2006 war nicht umstritten, lag doch</span><br/> <span class="text">mit Datum vom 14. August 2007 ein rechtskräftiger Strafbefehl vor.</span><br/> <span class="text">Auch die Sachverhalte, die das Kantonsgericht zu beurteilen hatte,</span><br/> <span class="text">waren zumindest vor Kantonsgericht nicht umstritten und aufgrund</span><br/> <span class="text">der Polizeirapporte konnte das Strassenverkehrsamt keine ernsthaften</span><br/> <span class="text">Zweifel an den Sachverhalten haben. Aufgrund der langen Verfah-</span><br/> <span class="text">rensdauer und insgesamt achtzehn Akteneinsichtsgesuchen des</span><br/> <span class="text">Strassenverkehrsamts an die Strafverfolgungs- und Gerichtsbehörden</span><br/> <span class="text">des Kantons Schwyz war für das Strassenverkehrsamt ausserdem</span><br/> <span class="text">nicht absehbar, ob das Strafurteil vor Eintritt der Verjährung ergehen</span><br/> <span class="text">würde, weshalb es ausnahmsweise eine Administrativmassnahme vor</span><br/> <span class="text">der strafrechtlichen Beurteilung hätte anordnen können und müssen.</span><br/> <span class="text">Dies gilt im vorliegenden Fall unabhängig von einem Sistierungs-</span><br/> <span class="text">gesuch, ist es doch das Strassenverkehrsamt, dem die Hoheit über</span><br/> <span class="text">das Verfahren zukommt und das für die Erledigung der Verfahren</span><br/> <span class="text">innert angemessener Frist zu sorgen hat.</span><br/> <span class="text">Durch das Verstreichen von sieben Jahren und dreieinhalb Mo-</span><br/> <span class="text">naten, die zwischen der letzten Widerhandlung und dem Erlass der</span><br/> <span class="text">Verfügung des Strassenverkehrsamts liegen, verliert das öffentliche</span><br/> <span class="text">Interesse an einer Sanktionierung des fehlbaren Verhaltens stark an</span><br/> <span class="text">Bedeutung (BERNHARD RÜTSCHE, in: MARCEL ALEXANDER</span><br/> <span class="text">NIGGLI/THOMAS PROBST/BERNHARD WALDMANN [Hrsg.], Basler</span><br/> <span class="text">Kommentar zum Strassenverkehrsgesetz, Basel 2014, Art. 16 N 94).</span><br/> <span class="text">Der spezialpräventive Zweck im Sinne einer abschreckenden Wir-</span><br/> <span class="text">kung nimmt mit fortschreitender zeitlicher Distanz zum Vorfall ab</span><br/> <span class="text">(PHILIPPE WEISSENBERGER, Kommentar Strassenverkehrsgesetz und</span><br/> <span class="text">Ordnungsbussengesetz, Zürich/St. Gallen 2015, Art. 16 N 33). Dem</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführer kann die lange Verfahrensdauer nicht vorgeworfen</span><br/> <span class="text">werden. In Anbetracht des geschilderten Verfahrenslaufs ist der An-</span><br/> <span class="text">spruch auf Beurteilung innert angemessener Frist schwer verletzt,</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 8 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Strassenverkehrsrecht</span> <span class="page_no">67</span> </div> <div class="page" id="S67"> <div role="main"> <span class="text">wie das bereits das erstinstanzliche Strafgericht sowie das Kantons-</span><br/> <span class="text">gericht Schwyz festgestellt haben.</span><br/> <span class="text">Zu diesem Ergebnis führt auch ein Vergleich mit den</span><br/> <span class="text">strafrechtlichen Verjährungsfristen (vgl. BGE 120 Ib 504, Erw. 4d,</span><br/> <span class="text">sowie 127 II 297, Erw. 3d, wonach die fehlende Regelung der Folgen</span><br/> <span class="text">eines langen Zeitablaufs auf den Führerausweisentzug eine echte</span><br/> <span class="text">Lücke darstellt; vgl. auch AGVE 2012, S. 93, wonach die sinnge-</span><br/> <span class="text">mässe Anwendung der strafrechtlichen Verjährungsfristen geboten</span><br/> <span class="text">ist, solange nicht eindeutig einer Behörde ein krasser Verstoss gegen</span><br/> <span class="text">das Beschleunigungsgebot vorgeworfen werden kann), beträgt doch</span><br/> <span class="text">die Verfolgungsverjährung für eine Verletzung der Verkehrsregeln im</span><br/> <span class="text">Sinne von Art. 90 Ziff. 2 aSVG sieben Jahre (Art. 97 Abs. 1 lit. c</span><br/> <span class="text">StGB i.V.m. Art. 90 Ziff. 2 aSVG).</span><br/> <span class="text">Im Sinne der herrschenden Lehre sollte zumindest in einem</span><br/> <span class="text">schweren Fall der Verletzung des Beschleunigungsgebots auf eine</span><br/> <span class="text">Massnahme verzichtet werden können (WEISSENBERGER, a.a.O.,</span><br/> <span class="text">Art. 16 N 32 f.; HANS GIGER, SVG Kommentar, Zürich 2014, Art. 16</span><br/> <span class="text">N 25). Die unverhältnismässig lange Verfahrensdauer sowie der Um-</span><br/> <span class="text">stand, dass der Beschwerdeführer mittlerweile seit mehr als acht Jah-</span><br/> <span class="text">ren keine strassenverkehrsrechtlichen Widerhandlungen mehr be-</span><br/> <span class="text">gangen hat, führen dazu, dass durch den verfügten Warnungsentzug</span><br/> <span class="text">Sinn und Zweck der Massnahme nicht mehr erfüllt werden und ein</span><br/> <span class="text">Warnungsentzug nach so langer Dauer keine spezialpräventive bezie-</span><br/> <span class="text">hungsweise erzieherische Wirkung mehr entfaltet. Folglich sind in</span><br/> <span class="text">Gutheissung der Beschwerde der angefochtene Entscheid vom 3. Juli</span><br/> <span class="text">2017 und damit auch die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom</span><br/> <span class="text">5. August 2016 aufzuheben und ist von der Anordnung einer Admi-</span><br/> <span class="text">nistrativmassnahme abzusehen.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>