Kantonsgericht von Graubünden Dretgira chantunala dal Grischun Tribunale cantonale dei Grigioni Entscheid vom 01. Juni 2022 ReferenzZK1 22 80 InstanzI. Zivilkammer BesetzungCavegn, Vorsitzender Michael Dürst und Hubert Eckstein, Aktuarin ad hoc ParteienA._____ Beschwerdeführer Gegenstandfürsorgerische Unterbringung Anfechtungsobj.ärztliche Einweisung Arzt/Ärztin (FU) vom 17.05.2022, mitgeteilt am 17.05.2022 Mitteilung08. Juni 20222 / 12 Sachverhalt A. A._____, geboren am _____ 1967, wurde mit ärztlicher Verfügung vom 20. April 2022 durch Prof. Dr. med. B._____, Kliniken D._____, für vier Wochen in der Klinik E._____ (nachfolgend: Klinik E._____) fürsorgerisch untergebracht. B. Am 11. Mai 2022 wurde A._____ auf freiwilliger Basis von der Klinik E._____ in die Akutstation F._____ der Klinik G._____ verlegt, welche er am 16. Mai 2022 auf eigene Veranlassung hin verliess. C. Nach erfolgreicher Fahndung wurde er in die Notfallstation H._____, Klinik E._____, gebracht und mit ärztlicher Verfügung vom 17. Mai 2022 durch med. pract. I._____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, für maxi- mal sechs Wochen in der Klinik E._____ fürsorgerisch untergebracht. D. Mit Eingabe vom 24. Mai 2022 erhob A._____ (nachfolgend: Beschwerde- führer) Beschwerde gegen die fürsorgerische Unterbringung beim Kantonsgericht von Graubünden (nachfolgend: Kantonsgericht). E. Mit Schreiben vom 25. Mai 2022 ersuchte der Vorsitzende der I. Zivilkam- mer des Kantonsgerichts die Klinik E._____ unter Fristansetzung bis zum 27. Mai 2022, 09.00 Uhr, um einen kurzen Bericht zum Gesundheitszustand des Be- schwerdeführers, zur Art der Behandlung und insbesondere darüber, inwiefern die Voraussetzungen für eine fürsorgerische Unterbringung aus ärztlicher Sicht gege- ben sind. Ferner forderte er die wesentlichen Klinikakten über den Beschwerde- führer an. F. Am 25. Mai 2022 reichte die Klinik E._____ den angeforderten Bericht und die wesentlichen Klinikakten ein, worauf mit prozessleitender Verfügung vom 27. Mai 2022 Dr. med. J._____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, gestützt auf Art. 439 Abs. 3 ZGB i.V.m. Art. 450e Abs. 3 ZGB mit der Begut- achtung des Beschwerdeführers beauftragt wurde. G. Der Gutachter reichte sein Gutachten am 30. Mai 2022 dem Kantonsgericht ein, woraufhin am 1. Juni 2022 die mündliche Hauptverhandlung vor der I. Zivil- kammer des Kantonsgerichts stattfand, an welcher der Beschwerdeführer persön- lich teilnahm und befragt wurde. H. Nach durchgeführter Beratung wurde das vorzeitige Entscheiddispositiv dem Beschwerdeführer, der Klinik E._____ sowie der Beiständin des Beschwerde- führers zugestellt.3 / 12 I. Auf die Aussagen des Beschwerdeführers anlässlich der richterlichen Be- fragung sowie auf die Ausführungen im Gutachten und in den beigezogenen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Erwägungen 1. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist eine fürsorgerische Unterbrin- gung gemäss Art. 426 ff. ZGB. Das Kantonsgericht von Graubünden ist hierfür einzige kantonale Beschwerdeinstanz (Art. 439 Abs. 1 Ziff. 1 ZGB i.V.m. Art. 60 Abs. 1 EGzZGB [BR 210.100]). Da es sich vorliegend um einen Entscheid auf dem Gebiet der fürsorgerischen Unterbringung handelt, muss die Beschwerde nicht begründet werden (Art. 450e Abs. 1 ZGB). Mit der Beschwerde vom 24. Mai 2022 gegen die ärztliche Einweisung durch med. pract. I._____ vom 17. Mai 2022 wurde die Beschwerdefrist von 10 Tagen eingehalten (vgl. Art. 450b Abs. 2 ZGB). Auf die im Übrigen formgerechte Beschwerde ist einzutreten. 2.1. Das Verfahren vor der gerichtlichen Beschwerdeinstanz richtet sich nach Art. 450 ff. ZGB. Zu beachten sind sodann die allgemeinen Verfahrensgrundsätze des erstinstanzlichen Verfahrens (Art. 443 ff. ZGB), die auch im Verfahren vor der gerichtlichen Beschwerdeinstanz anwendbar sind, soweit das Gesetz in den Art. 450 ff. ZGB keine abweichenden Vorschriften enthält (vgl. Lorenz Droe- se/Daniel Steck, in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zivilgesetz- buch I, 6. Aufl., Basel 2018, N 13 zu Art. 450 ZGB). Dies gilt namentlich für die in Art. 446 ZGB verankerte uneingeschränkte Untersuchungs- und Offizialmaxime und das an gleicher Stelle festgeschriebene Prinzip der Rechtsanwendung von Amtes wegen. Der Anwendungsbereich dieser zentralen Verfahrensgrundsätze bezieht sich auf sämtliche Verfahren vor der Kindes- und Erwachsenenschutz- behörde und erstreckt sich – wenn auch teilweise in abgeschwächter Form – nach dem Grundsatz der Einheit des Prozesses auch auf die Verfahren vor der gericht- lichen Beschwerdeinstanz (vgl. Luca Maranta/Christoph Auer/Michèle Marti, in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Aufl., Ba- sel 2018, N 1 f. zu Art. 446 ZGB m.w.H.). Aus Art. 450a ZGB ergibt sich schliess- lich, dass das Gericht Tat- und Rechtsfragen wie auch die Angemessenheit frei überprüft. 2.2. Das Gesetz schreibt ausdrücklich vor, dass das Gericht aufgrund eines Gutachtens entscheiden muss, wenn die betroffene Person an einer psychischen Störung leidet (Art. 439 Abs. 3 ZGB i.V.m. Art. 450e Abs. 3 ZGB). Das Gutachten muss von einer unabhängigen, im laufenden Verfahren noch nicht involvierten sachverständigen Person erstellt werden und in dem Sinne aktuell sein, dass es 4 / 12 sich zu den sich im gerichtlichen Verfahren stellenden Fragen äussern muss (BGE 143 III 189 E. 3.2 f.; Thomas Geiser/Mario Etzensberger, in: Gei- ser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Aufl., Basel 2018, N 48 ff. zu Art. 439 ZGB; Thomas Geiser, in: Geiser/Fountoulakis [Hrsg.], Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 6. Aufl., Basel 2018, N 19 zu Art. 450e ZGB). Vorliegend liegt ein Kurzgutachten vom 30. Mai 2022 von Dr. med. C._____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, welcher den Be- schwerdeführer am 27. Mai 2022 persönlich untersuchte, im Recht (act. 07). Dr. med. C._____ ist ein unabhängiger Gutachter, welcher im Gutachten diejenigen Fragen beantwortet hat, welche sich im vorliegenden Verfahren stellen. Überdies ist das Gutachten aktuell. Somit wurde den Anforderungen von Art. 450e Abs. 3 ZGB genüge getan. 2.3. Gemäss Art. 450e Abs. 4 Satz 1 ZGB muss die gerichtliche Beschwerdein- stanz die betroffene Person in der Regel als Kollegium anhören, was faktisch zwingend zur Durchführung einer mündlichen Hauptverhandlung führt (vgl. Chri- stof Bernhart, Handbuch der fürsorgerischen Unterbringung, Basel 2011, N 848 f.). Mit Durchführung der mündlichen Hauptverhandlung am 1. Juni 2022 wurde diese Vorgabe umgesetzt. 3.1. Neben der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde können gemäss Art. 429 Abs. 1 ZGB auch die von den Kantonen bezeichneten Ärztinnen und Ärz- te eine fürsorgerische Unterbringung, welche die Höchstdauer von sechs Wochen nicht überschreiten darf, anordnen. Dabei hat der einweisende Arzt die betroffene Person persönlich zu untersuchen, anzuhören und ihr anschliessend den Unter- bringungsentscheid mit den gesetzlich vorgeschriebenen Angaben auszuhändigen (Art. 430 ZGB). Dies bedeutet, dass die Untersuchung dem Einweisungsentscheid unmittelbar vorauszugehen hat (vgl. Geiser/Etzensberger, a.a.O., N 20 ff. zu Art. 429/430 ZGB). Der einweisende Arzt muss sich gestützt auf eine klinische Untersuchung und soweit möglich nach einem Gespräch mit der betroffenen Per- son eine Meinung bilden (vgl. Olivier Guillod, in: Büchler et al. [Hrsg.], FamKomm Erwachsenenschutz, Bern 2013, N 4 zu Art. 430 ZGB). 3.2. Med. pract. I._____ ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH in selbständiger Praxis. Damit war er gemäss Art. 51 Abs. 1 lit. a Ziff. 2 EGzZGB zur Anordnung einer fürsorgerischen Unterbringung legitimiert. Zudem enthält die Ver- fügung vom 17. Mai 2022 die gemäss Art. 430 Abs. 2 ZGB vorgeschriebenen Mi- nimalangaben (vgl. act. 01.1).5 / 12 4. Gemäss Art. 426 Abs. 1 ZGB darf eine Person, welche an einer psychi- schen Störung oder an geistiger Behinderung leidet oder verwahrlost ist, in einer geeigneten Einrichtung untergebracht werden, wenn die nötige Behandlung oder Betreuung nicht anders erfolgen kann. Die Belastung und der Schutz von Angehö- rigen und Dritten sind zu berücksichtigen (Abs. 2). Die betroffene Person wird ent- lassen, sobald die Voraussetzungen der Unterbringung nicht mehr erfüllt sind (Abs. 3). Die Massnahme gelangt zur Anwendung, wenn eine Person der persön- lichen Fürsorge oder Pflege bedarf (vgl. Geiser/Etzensberger, a.a.O., N 6 zu Art. 426–439 ZGB). Die fürsorgerische Unterbringung dient dem Schutz der betrof- fenen Person und nicht der Umgebung (vgl. dazu Botschaft zur Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches [Erwachsenenschutz, Personenrecht und Kin- desrecht] vom 28. Juni 2006, BBl 2006 7001, S. 7062 [zit.: Botschaft]). Eine Fremdgefährdung darf für sich alleine daher nie ausschlaggebend für eine fürsor- gerische Unterbringung sein (BGE 145 III 441 E. 8.3 f.). Erste gesetzliche Voraus- setzung für eine Anordnung der Massnahme ist einer der drei abschliessend ge- nannten Schwächezustände: psychische Störung, geistige Behinderung oder schwere Verwahrlosung. Erforderlich ist sodann eine sich aus dem Schwächezu- stand ergebende Notwendigkeit der Behandlung beziehungsweise Betreuung. Wei- tere Voraussetzung ist, dass der Person die nötige Behandlung oder Betreuung nicht auf andere Weise als durch eine Einweisung beziehungsweise Zurückbehal- tung in einer Einrichtung gewährt werden kann. Gesetzlich verlangt ist schliesslich eine geeignete Einrichtung (vgl. BGer 5A_228/2016 v. 11.7.2016 E. 3.1). Die ge- nannten Voraussetzungen bedingen sich gegenseitig und sind nur in ihrem Zu- sammenhang verständlich. Der Schwächezustand allein vermag eine fürsorgerische Unterbringung nie zu rechtfertigen, sondern immer nur zusammen mit der Notwen- digkeit einer Behandlung oder Betreuung. Selbst bei Vorliegen einer solchen ist die freiheitsbeschränkende Unterbringung aber nur gesetzeskonform, wenn der Zweck der Unterbringung nicht mit einer milderen Massnahme erreicht werden kann (Ver- hältnismässigkeitsprinzip) und die Unterbringung für den angestrebten Zweck auch tauglich ist (vgl. Geiser/Etzensberger, a.a.O., N 7 zu Art. 426 ZGB). 5.1. Zunächst ist zu prüfen, ob bei dem Beschwerdeführer einer der im Gesetz genannten Schwächezustände vorliegt, welcher die persönliche Fürsorge notwen- dig macht. Die psychische Störung umfasst die anerkannten Krankheitsbilder der Psychiatrie, d.h. Psychosen und Psychopathien, seien sie körperlich begründbar oder nicht (vgl. Botschaft, a.a.O., S. 7062). Psychische Störung ist ein Begriff des Rechts, der sich aber auf die medizinische Terminologie abstützt. Der Begriff ist aus der modernen Medizin entnommen und entspricht der Klassifikation der WHO 6 / 12 (ICD; International Classification of Disturbances [vgl. Geiser/Etzensberger, a.a.O., N 15 f. zu Art. 426 ZGB]). 5.2. Das Kurzgutachten von Dr. med. C._____ vom 30. Mai 2022 hält fest, dass beim Beschwerdeführer vom Vorliegen eines organischen Psychosyndroms bei Status nach schwerem Schädelhirntrauma (ICD 10 F07.2) ausgegangen werden müsse. Im Weiteren sei beim Beschwerdeführer eine psychische Verhaltens- störung durch Abhängigkeit von Alkohol und Cannabinoide (ICD 10 F10.2, F.12.1) sowie ein emotional instabiles Persönlichkeitssyndrom (ICD 10 F60.30) bekannt (act. 07, S. 3). Die Kriterien der ICD 10 sind erfüllt, weswegen ohne Weiteres ein Schwächezustand im Sinne von Art. 426 Abs. 1 ZGB vorliegt. 6.1. Dieser Schwächezustand des Beschwerdeführers vermag eine fürsorgeri- sche Unterbringung jedoch nur zu rechtfertigen, wenn er eine Behandlung oder Be- treuung in einer Einrichtung notwendig macht. Mit anderen Worten muss die Unter- bringung in einer Einrichtung geeignet sein, den Zweck der beabsichtigten Behand- lung zu erfüllen, ohne dass eine weniger einschneidende Massnahme genügen würde (vgl. dazu Geiser/Etzensberger, a.a.O., N 22 ff. zu Art. 426 ZGB; Olivier Guil- lod, in: Büchler et al. [Hrsg.], Erwachsenenschutz, FamKommentar, Bern 2013, N 64 f. zu Art. 426 ZGB). Eine Unterbringung fällt gemäss der Botschaft zum neuen Erwachsenenschutzrecht deshalb nur als ultima ratio in Betracht (Botschaft, a.a.O., S. 7062). Als leichtere Massnahme kommt den ambulanten Massnahmen und der Nachbetreuung sowie der freiwilligen Sozialhilfe entscheidende Bedeutung zu (Gei- ser/Etzensberger, a.a.O., N 24 zu Art. 426 ZGB). Der Grundsatz der Verhältnis- mässigkeit verlangt, dass eine fürsorgerische Unterbringung nur verfügt bzw. nur solange aufrechterhalten werden darf, als mit einer konkreten Selbst- oder Fremd- gefährdung von einem gewissen Ausmass zu rechnen ist. So hat das Bundesge- richt festgehalten, dass es für die Beurteilung des Behandlungs- bzw. Betreu- ungsbedarfs wesentlich sei, mit welcher konkreten Gefahr für die Gesundheit oder das Leben der betroffenen Person bzw. von Dritten zu rechnen sei, wenn die Be- handlung der gutachterlich festgestellten Krankheit bzw. die Betreuung unterbleibe (vgl. BGE 140 III 101 E. 6.2.2; 140 III 105 E. 2.4 m.H.). 6.2. Mit ärztlicher Verfügung vom 17. Mai 2022 wurde der Beschwerdeführer von med. pract. I._____ in die Klinik E._____ eingewiesen. Als Befund, Grund und Zweck der fürsorgerischen Unterbringung hielt der behandelnde Arzt in der Verfü- gung fest, dass Weglauftendenzen beim Beschwerdeführer bestünden – er wolle nach Thailand abreisen –, so dass ein Rückhalt und eine Verlegung auf die ge- schlossene Station erfolgt seien. Im Zeitpunkt der Untersuchung durch med. pract. I._____ sei er unscharf orientiert gewesen und sein formales Denken umständlich. 7 / 12 Er wolle eine private Physiotherapie für die physischen Beeinträchtigungen orga- nisieren, welche er durch seinen Unfall erlitten habe. Gemäss ärztlicher Verfügung handelt es sich dabei jedoch um zum Teil unrealistische Vorstellungen. Der Be- schwerdeführer sei leicht reizbar und zum Teil impulsiv. Ausserhalb des Rahmens der geschlossenen Station sei er derzeit nicht führbar. Aufgrund wechselhafter Stabilität und Impulsivität bestehe eine Eigen- und Fremdgefährdung, weswegen der Beschwerdeführer fürsorgerisch untergebracht werden müsse (act. 01.1). 6.3. Der Verlaufsbericht der Klinik E._____ vom 25. Mai 2022 empfiehlt die Fortsetzung der fürsorgerischen Unterbringung. Der Beschwerdeführer sei bereits am 20. April 2022 von den Kliniken D._____ per fürsorgerische Unterbringung, ausgestellt durch Prof. Dr. med. B._____, aufgrund potentieller Weglauftendenz, Auffassungsstörung und fremdaggressiven Tendenzen in die Klinik E._____ ver- legt worden. Der Beschwerdeführer habe sich auf der Notfallstation der Klinik E._____ zusehends stabilisiert und habe sich bereit erklärt, die Rehabilitation in den Kliniken D._____ fortzusetzen und im Anschluss in die WG K._____ in L._____ überzutreten. Am 11. Mai 2022 sei der Beschwerdeführer aus der ge- schlossenen Akutpsychiatrie der Klinik E._____ auf freiwilliger Basis in die Akut- station F._____ der Klinik G._____ zur weiteren Stabilisation verlegt worden. Er habe über mangelhafte Therapiemöglichkeiten in der Klinik E._____ geklagt und sei frustriert über die aus seiner Sicht erfolglose Behandlung gewesen. In der Kli- nik G._____ hätten sich zunehmend fehlende Kooperation und Einsicht manifes- tiert. Der Beschwerdeführer sei dysphorisch gereizt gewesen und habe eine weite- re Behandlung abgelehnt. Die Konzentrations- und Auffassungsfähigkeit hätten sich massiv verschlechtert. Der Beschwerdeführer habe austreten und nach Thai- land fliegen wollen. In der Folge habe er die Station ohne sein Gepäck verlassen und sei ziellos auf den Strassen umhergeirrt. Nach erfolgreicher Fahndung sei der Beschwerdeführer in die Notfallstation der Klinik E._____ gebracht worden. Es habe eine Eigengefährdung sowohl aufgrund der psychischen Dekompensation als auch aufgrund der somatischen Komplexität (Hemiparese) bestanden, so dass ein Rückbehalt erfolgt sei und der externe Gutachter med. pract. I._____ eine für- sorgerische Unterbringung für maximal sechs Wochen ausgestellt habe. Der Pati- ent könne aktuell ausserhalb des akutpsychiatrischen Settings seine persönliche Fürsorge nicht tragen. Er sei durch das organische Psychosyndrom selbstgefähr- det. Zusätzlich bestehe wieder ein erhöhter Suchtdruck. Nach Alkoholkonsum bei bestehender Hemiparese sei er stark sturzgefährdet. Ziel sei, dass der Beschwer- deführer nach psychischer Stabilisierung die Rehabilitation in den Kliniken D._____ wiederaufnehmen könne (zum Ganzen act. 03, S. 1).8 / 12 6.4. Dr. med. C._____ kommt in seinem Kurzgutachten vom 30. Mai 2022 eben- falls zum Schluss, dass die fürsorgerische Unterbringung aufrechtzuerhalten und eine Alternative, mithin eine mildere Massnahme, aktuell nicht auszumachen sei. Der Beschwerdeführer sei ein bewusstseinsklarer und allseits orientierter, alters- entsprechend aussehender, normgewichtiger und gepflegt wirkender Mann. Es lägen keine Gedächtnisstörungen vor, allerdings seien seine Aufmerksamkeit, sei- ne Konzentration und sein Auffassungsvermögen leicht bis mittelgradig einge- schränkt. Im formalen Denken sei der Beschwerdeführer leicht sprunghaft und umständlich. Hinsichtlich seiner psychischen Beschwerden fühle sich der Be- schwerdeführer gesund. Es fehle bei ihm die glaubwürdige Krankheits- und Be- handlungseinsicht (act. 07, S. 2). Der Beschwerdeführer sei der Ansicht, dass eine Verbesserung von allein kommen würde und gegenüber der aktuellen stationären Behandlung habe er sich eher skeptisch gezeigt. Er wolle die Klinik verlassen und nach Thailand fliegen, wo er eine Ehefrau und ein Kind habe (ibid., S. 4). In der aktuellen Situation könnten keine Hinweise für selbst- und/oder fremdgefährdetes Verhalten resp. Suizidalität ausgemacht werden (ibid., S. 2). Konkrete Gefahren an Leib und Leben für ihn selbst und für Dritte bestünden aber insofern, als dass der Beschwerdeführer in einem psychisch instabilen bzw. psychotischen Zustand entlassen werde. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich das Krankheitsbild rasch noch zusätzlich verschlechtern werde, wenn die notwendige Behandlung zum jet- zigen Zeitpunkt unterbleibe, weswegen eine Behandlung in einer geschlossenen Anstalt zu erfolgen habe. Die Behandlung sollte bei Erreichen einer gewissen Besserung des Beschwerdeführers schrittweise erweitert werden, zunächst sollte er auf die halbgeschlossene Abteilung verlegt werden. Nach der Entlassung aus der Klinik sei eine stationäre Behandlung in den Kliniken D._____ weiterhin drin- gend indiziert, um die bestehenden körperlichen Beschwerden nach dem Unfall von letztem Jahr zu verbessern (ibid., S. 3). 6.5.1. Die Beschwerdeinstanz hat bei der Entscheidfindung auf den Zustand des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung abzustellen. Anlässlich der Hauptverhandlung vom 1. Juni 2022 konnte sich die erkennende Kammer ein Bild über den Beschwerdeführer machen. Der Beschwerdeführer gab ein durch- schnittlich gepflegtes äusseres Erscheinungsbild ab. Die vom Unfall herrührende physische Beeinträchtigung zeigte sich deutlich in seinem Gang. Im sprachlichen Ausdruck bekundete er zuweilen Schwierigkeiten, konnte sich aber soweit ver- ständlich und konzis äussern. Hingegen hatte er teilweise Mühe, sowohl akustisch als auch inhaltlich die Fragen des Vorsitzenden zu verstehen. In seinen Antworten verstrickte er sich bisweilen in Widersprüche. Einen entsprechend volatilen Ein- druck hinterliess er bei der erkennenden Kammer. So brachte er einerseits vor, 9 / 12 dass er nicht in der Lage sei, für sich selbst zu sorgen und stimmte ausdrücklich dem Gutachten zu, welches der Vorsitzende erläuterte. Andererseits führte er kurz darauf aus, dass er bezweifle, dass er eine Gefährdung für sich selbst darstelle. Falls er aus der Klinik E._____ entlassen werde, würde er eine private Therapie aufnehmen und mit seinem Hausarzt in Kontakt treten (act. 09, S. 3). Ferner wehr- te er sich zunächst gegen das Vorbringen, dass er Alkohol konsumiert habe. Er habe bereits vor Jahren aufgehört, Alkohol zu konsumieren. Im folgenden Satz gibt er dann aber unumwunden zu, dass er letzthin "zwei Bierchen getrunken ha- be" und dann in einer Pfütze ausgerutscht sei. Aus den ins Recht gelegten Akten lässt sich allerdings entnehmen, dass der Beschwerdeführer mehr als "zwei Bier- chen" getrunken hat und infolge des übermässigen Alkoholkonsums gestürzt sein muss (siehe ibid., S. 3 in fine). Schliesslich zeigt sich seine volatile Haltung auch in Bezug auf seine fürsorgerische Unterbringung in der Klinik E._____. Einerseits hat er Beschwerde gegen die fürsorgerische Unterbringung erhoben und zeigt sich insofern damit nicht einverstanden (vgl. act. 01). Andererseits äusserte er sich an- lässlich der Hauptverhandlung am 1. Juni 2022 dahingehend, dass "es in Ordnung sei, wenn er in der Klinik verbleibe, bis er wieder nach D._____ könne" (act. 09, S. 4). 6.5.2. Im Rahmen der Hauptverhandlung konfrontierte der Vorsitzende den Be- schwerdeführer mit den im Gutachten festgehaltenen Diagnosen eines organischen Psychosyndroms, einer psychischen Verhaltensstörung durch Alkohol- und Canna- binoidabhängigkeit sowie eines emotional instabilen Persönlichkeitssyndroms. Der Beschwerdeführer war der Ansicht, dass die Beurteilung des Gutachters "übertrie- ben" und "nicht richtig" sei (act. 09, S. 3). Diese Antwort des Beschwerdeführers bestätigt zumindest die Aussage im Gutachten von Dr. med. C._____, wonach kei- ne Krankheitseinsicht betreffend die psychische Störung beim Beschwerdeführer vorhanden sei (vgl. act. 07, S. 3). 6.5.3. Würde der Beschwerdeführer aus der fürsorgerischen Unterbringung entlas- sen, ohne dass sich sein psychisches Zustandsbild stabilisiert hat, muss davon ausgegangen werden, dass er sich gegen die Fortsetzung der Rehabilitation in den Kliniken D._____ – welche angesichts der physischen Beeinträchtigung des Be- schwerdeführers dringend angezeigt ist – zur Wehr setzt. Ob der Beschwerdeführer eine Behandlung seiner physischen Beeinträchtigung selbständig organisieren könnte, so wie er anlässlich der Hauptverhandlung (vgl. act. 09, S. 3) und auch be- reits anlässlich der Untersuchung durch pract. med. I._____ vorgebracht hat (vgl. act. 01.1), ist äusserst fraglich, namentlich wenn in Betracht gezogen wird, dass er selbst Zweifel hat, ob er in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen (vgl. act. 09, S. 3). 10 / 12 In der Folge müsste in Übereinstimmung mit dem Gutachten (vgl. act. 07, S. 3) und dem Verlaufsbericht der Klinik E._____ (vgl. act. 03) damit gerechnet werden, dass der Beschwerdeführer zufolge seiner psychischen Störung eine Behandlung seiner physischen Beeinträchtigung unterlässt, was ohne Weiteres einer Selbstgefährdung entspricht. Dies gilt es mit allen Mitteln zu vermeiden, um bleibende physische Schäden – sofern möglich – zu verhindern und die Rehabilitation fortzusetzen. Der Gutachter erachtet ferner eine Drittgefährdung – jedoch ohne weitere Ausführungen – als gegeben (vgl. act. 07, S. 3); ebenso pract. med. I._____ (vgl. act. 01.1). Ob eine Drittgefährdung tatsächlich vorliegt, kann nach Ansicht der erkennenden Kammer angesichts des diesbezüglich illiquiden Sachverhalts nicht abschliessend beurteilt werden, zumal der Verlaufsbericht der Klinik E._____ einzig auf das Vorlie- gen einer Eigengefährdung abstellt (vgl. act. 03). Das Vorliegen einer Drittgefähr- dung kann vorliegend jedoch offen bleiben, da eine Selbstgefährdung für die Auf- rechterhaltung der fürsorgerischen Unterbringung ausreicht (vgl. vorstehend E. 4). 6.5.4. Das bestehende soziale Netz des Beschwerdeführers in der Schweiz, mithin seine Mutter und seine Schwester, scheint nicht in der Lage zu sein, dem Be- schwerdeführer die Unterstützung zu bieten, welcher er aktuell bedarf. So brachte er anlässlich der Hauptverhandlung vor, dass seine Mutter, bei welcher er momen- tan wohne, "bereits 80 Jahre alt sei und viel zu alt" sei (act. 09, S. 4). Seine Schwester, mit welcher er ein "gutes Verhältnis" habe (loc. cit.), wohne zwar eben- falls in L._____, welchen Kontakt er zu ihr pflegt, liess sich nicht abschliessend be- urteilen. Allerdings konnte er auf die Frage, ob seine Schwester eine eigene Familie habe, nicht mit Bestimmtheit antworten, weswegen nicht von einer engeren Bezie- hung auszugehen ist, welche ihm das Netz bieten könnte, damit er für sich selbst zu sorgen in der Lage wäre. In diesem Zusammenhang gilt es auch zu berücksichti- gen, dass den ins Recht gelegten Akten kein Hinweis auf die Schwester zu ent- nehmen ist. Ferner gestatten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse auch nicht (vgl. ibid., S. 2), auf entgeltliche Unterstützung ausserhalb des aktuellen Settings zurück- zugreifen. Deswegen hat der Beschwerdeführer zunächst im Rahmen der beste- henden fürsorgerischen Unterbringung in der Klinik E._____ zu verbleiben, bis er danach in die Kliniken D._____ zwecks Fortsetzung der Rehabilitation verlegt wer- den kann. 6.6. Entsprechend den vorstehenden Ausführungen sieht sich die erkennende Kammer nicht veranlasst, vom Gutachten von Dr. med. C._____ abzuweichen, des- sen Schlussfolgerungen nachvollziehbar sind. Es sind daher aktuell keine weniger einschneidende Massnahmen als die stationäre Unterbringung in der Klinik E._____ ersichtlich.11 / 12 7. Als letzte kumulative Voraussetzung für eine rechtmässige fürsorgerische Unterbringung erfordert Art. 426 Abs. 1 ZGB das Vorhandensein einer für die nöti- ge Behandlung und Betreuung geeigneten Einrichtung. Eine Legaldefinition des Begriffs der geeigneten Einrichtung existiert nicht. Eine Einrichtung gilt gestützt auf die höchstrichterliche Rechtsprechung als geeignet, wenn in ihr die für den Betrof- fenen konkret notwendige Fürsorge und Betreuung gewährt werden kann. Es gilt den Einzelfall zu prüfen (BGE 112 II 486 E. 3). Die Klinik E._____ ist als psychia- trische Einrichtung ohne Weiteres für die Behandlung des unter einem organi- schen Psychosyndrom leidenden Beschwerdeführers geeignet, unter der Voraus- setzung, dass – sofern es die psychische Stabilität des Beschwerdeführers gestat- tet – er baldmöglichst zwecks Rehabilitation in die Kliniken D._____ zurückverlegt werden wird. 8. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Voraussetzungen für die für- sorgerische Unterbringung erfüllt sind. Die Beschwerde gegen die fürsorgerische Unterbringung ist daher abzuweisen. 9. Im vorliegenden Verfahren betragen die Verfahrenskosten insgesamt CHF 2'625.00 (CHF 1'500.00 Gerichtskosten und CHF 1'125.00 Gutachterkosten). Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 5 EGzZGB i.V.m. Art. 106 Abs. 1 ZPO). Angesichts der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers rechtfertigt es sich vorliegend, im Sinne von Art. 63 Abs. 3 EGzZGB auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.12 / 12 Demnach wird erkannt: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Kosten des Beschwerdeverfahrens von insgesamt CHF 2'625.00 (CHF 1'500.00 Gerichtsgebühr und CHF 1'125.00 Gutachterkosten) gehen zu Lasten des Kantons Graubünden. 3. Gegen diese Entscheidung kann gemäss Art. 72 BGG Beschwerde in Zivil- sachen an das Schweizerische Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, geführt werden. Die Beschwerde ist dem Bundesgericht schriftlich, innert 30 Tagen seit Eröffnung der vollständigen Ausfertigung der Entscheidung in der gemäss Art. 42 f. BGG vorgeschriebenen Weise einzureichen. Für die Zulässigkeit, die Beschwerdelegitimation, die weiteren Voraussetzungen und das Verfahren der Beschwerde gelten die Art. 29 ff., 72 ff. und Art. 90 ff. BGG. 4. Mitteilung an: