B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6782/2019 U r t e i l v o m 11 . M ä r z 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichterin Jeannine Scherrer-Bänziger, mit Zustimmung von Richter Walter Lang; Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren am (...), Afghanistan, vertreten durch Ralph Wiedler Friedmann, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 19. November 2019. D-6782/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer suchte am (...) in die Schweiz um Asyl nach. Am 11. Mai 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) statt und am 5. No- vember 2019 wurde er vom SEM zu seinen Asylgründen angehört. A.b Er führte in der BzP an, er sei (...) Ethnie und stamme aus B._______. Infolge der sc hlechten Sicherheitslage sei er im Alter von (...) Jahren zu- sammen mit seiner Familie nach Kabul umgezogen, wo er das zwölfte Schuljahr abgeschlossen und ab dem Jahr (...) auf dem Markt selbststän- dig (Nennung Tätigkeit) habe. Im g leichen Jahr hätten die Taliban einen Angriff auf diesen Markt durchgeführt. Im Verlauf der Attacke hätten Regie- rungsleute den Markt umstellt und beim anschliessenden Schusswechsel seien die Angreifer der Taliban wie auch Zivilisten getötet worden. Zudem seien die Läden niedergebrannt. Etwa (Nennung Dauer) nach diesem Vor- fall habe er seinen Laden wiedereröffnet und bis Anfang des Jahres (...) dort gearbeitet. Mit der Zeit sei es auch in Kabul sehr unsicher geworden. Der Vorfall im Jahr (...) habe seine Psyche tiefgreifend belastet. Konkrete Probleme mit den staatlichen Behörden, mit Privatpersonen oder mit den Taliban habe er keine gehabt. A.c Anlässlich der Anhörung brachte der Beschwerdeführer im Wesentli- chen vor, er habe keinen glücklichen Tag in B._______ erlebt. Die Taliban hätten regelmässig Leute geschlagen und die jungen Männer gezwungen bei ihnen mitzumachen. So sei auch er von den Taliban zu einem Ausbil- dungszentrum gebracht und dort (Nennung Dauer) trainiert worden. Es habe religiösen Unterricht gegeben und danach sei meistens Propaganda gemacht worden; an Kampfhandlungen hätten die Jugendlichen nicht mit- gemacht. Zudem hätten die Taliban mit den jungen Männern "Bacha Bazi" gemacht. Sie hätten auch ihn am Gesicht berührt und am Körper ange- fasst. Sein Bruder C._______ sei Soldat in der afghanischen Armee gewe- sen und wegen den Taliban nur selten nach Hause gekommen. Nach ei- nem heimlichen Besuch des Bruders habe jemand die Taliban darüber in- formiert, worauf diese am nächsten Morgen bei ihnen zuhause erschienen seien, seinen Vater und ihn geschlagen und nach seinem Bruder gefragt hätten. Auch am folgenden Tag, als er sich im Geschäft seines Vaters auf- gehalten habe, sei er nach seinem Bruder gefragt und geschlagen worden; man habe ihn umbringen wollen. Schliesslich sei seiner Familie von Mit- gliedern der Gemeindeversammlung, die den Taliban in Aussicht gestellt hätten, dass sie der Sache nachgehen würden , geholfen worden . Am D-6782/2019 Seite 3 nächsten Tag sei seine Familie als Folge dieser Ereignisse aus B._______ nach Kabul umgezogen, wo sie ein Haus gemietet hätten. Nach (Nennung Zeitpunkt) habe er seinen (Nennung Geschäft) eröffnet. Danach sei das Marktzentrum von den Taliban angegriffen worden . Dabei sei er verletzt worden, worauf er sich während (Nennung Dauer) im Spital habe pflegen lassen müssen. Anschliessend habe er sein Geschäft wieder eröffnet und versucht, ein normales Leben zu führen. In Kabul sei es wiederholt zu An- schlägen gekommen, welche jedoch allgemeiner Natur gewesen seien und die ganze Bevölkerung betroffen hätten. In Kabul hätten sie wiederholt An- rufe von Unbekannten – bei welchen es sich vermutlich um Angehörige der Taliban gehandelt habe – erhalten, bei denen sie zur Kooperation aufge- fordert worden seien, ansonsten ihnen d er Tod drohe. Dabei habe man ihnen gute Verdienstmöglichkeiten in Aussicht gestellt. Am (...) habe sein Vater einen Brief von den Taliban erhalten, worin man sie darüber informiert habe, dass sie auf einer schwarzen Liste stünden. Deswegen habe er am (...) bei der Polizei von B._______ eine Anzeige eingereicht. Die Polizei habe ihm (Nennung Zeitpunkt) den Eintrag auf einer solchen schwarzen Liste bestätigt und mitgeteilt, dass kein Schutz gewährt werden könne. Da- nach habe seine Familie in Angst gelebt. Am (...) hätten die Ältesten der Gemeinde die schwarze Liste mit ihren Namen bestätigt und gesagt, dass die Taliban entschieden hätten, alle auf der Liste befindlichen Personen zu töten. Daraufhin habe er sich zur Flucht aus Afghanistan entschieden. Der Beschwerdeführer reichte (Aufzählung Beweismittel) zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 19. Nov ember 2019 stellte das SEM fest, der Be- schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung des Beschwerde- führers aus der Schweiz sowie den Vollzug derselben an. C. Mit Eingabe vom 19. Dezember 2019 erhob der Beschwerdeführer dage- gen beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, es sei die Verfügung der Vorinstanz aufzuheben und ihm Asyl, eventualiter die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde lagen (Nennung Beweismittel) bei. D-6782/2019 Seite 4 D. Mit Zwischenverfügung vom 24. Januar 2020 wies die Instruktionsrichterin das Gesuch um Erlass des Kostenvorschusses ab und forderte den Be- schwerdeführer auf, bis zum 10. Februar 2020 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten. Der Kostenvorschuss wurde am 3. Februar 2020 bezahlt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh- rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zw eiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung ein es Schriftenwechsels verzichtet. D-6782/2019 Seite 5 4. 4.1 Der Beschwerdeführer rügt, das SEM habe den Grundsatz von Treu und Glauben sowie den Untersuchungsgrundsatz verletzt beziehungs- weise den Sachverhalt unrichtig oder unvollständig festgestellt. Diese ver- fahrensrechtlichen Rügen sind vorab zu prüfen. 4.1.1 Hinsichtlich des Grundsatzes von Treu und Glauben geht es einer- seits um die Frage, wie weit sich der Private auf eine im Widerspruch zum geltenden Recht stehende behördliche Auskunft verlassen kann, und an- dererseits sollen die Behörden nicht ohne sachlichen Grund einen einmal in einer Sache eingenommenen Standpunkt wechseln können (vgl. BGE 138 I 49 E. 8.3.1; TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER, Allgemeines Verwal- tungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 22 Rz. 1 ff. und 21 f.) . Das gerügte Verhalten des SEM, wonach der Beschwerdeführer mit geringer Schulbildung anläss- lich der BzP erst ganz am Ende zu den zentralen asylrelevanten Fragen zu Wort gekommen sei, die Asylgründe lediglich auf einer Seite protokolliert worden seien und er zu Beginn der BzP dara uf hingewiesen worden sei, nur die wichtigsten Fluchtvorbringen zu nennen, liegt offensichtlich nicht im Anwendungsbereich dieses Grundsatzes. 4.1.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be- hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zu- sätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie auf- grund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu AUER/BINDER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Rz. 16 zu Art. 12). Soweit der Beschwerdeführer in der (in E. 4.1.1, 2. Satz hievor) dargeleg- ten Art und Weise der Durchführung der BzP eine Verletzung der Abklä- rungspflicht erblickt, kann dieser Ansicht nicht beigepflichtet werden. Die BzP dient in erster Linie der Feststell ung der Personalien und des Reise- weges; die Asylgründe werden – in aller Regel erst gegen Ende der Befra- gung – in summarischer Form erhoben (vgl. Art. 26 Abs. 3 aAsylG). Der Beschwerdeführer verfügt sodann nicht über eine bloss geringe Schulbil-D-6782/2019 Seite 6 dung, wie er in seiner Rechtsmitteleingabe zu suggerieren versucht. Viel- mehr besuchte er während (Nennung Dauer) den Schulunterricht. Es be- stehen keine Anhaltspunkte, dass er in verstandesmässiger Hinsicht oder aus anderen Gründen nicht befähigt gewesen wäre, sich erst gegen Ende der BzP zu seinen Asylgründen zu äussern. Es sind überdies keine Um- stände ersichtlich, die an der Verwertbarkeit des Protokolls der BzP irgend- welche Zweifel aufkommen lassen würden. Insbesondere erweist sich sein Einwand, er sei anlässlich der BzP wiederholt in seinem Rede- und Gedan- kenfluss unterbrochen und dadurch an der Darlegung weiterer Details ge- hindert worden, als nicht stichhaltig, zumal sich weder aus dem protokol- lierten Inhalt noch aus dem Verlauf der BzP irgendwelche Bemerkungen oder Auffälligkeiten entnehmen lassen. Der Beschwerdeführer bestätigte denn auch am Schluss der BzP nach Rückübersetzung mit seiner Unter- schrift, dass das Protokoll seinen Aussagen und der Wahrheit entspr icht, ohne dass er von der Möglichkeit Gebrauch machte, im Rahmen der Frage zu Ziffer 9.01 Zusatzbemerkungen anzubringen (vgl. act. A5/12, S. 9). Soweit der Beschwerdeführer – unter dem Titel einer unrichtigen bezie- hungsweise unvollständigen Feststellung des Sachverhalts – die inkor- rekte Würdigung des psychosozialen Kontextes bezüglich Afghanistan im Zusammenhang mit der geltend gemachten Rekrutierung und sexuellen Einschüchterungen durch die Taliban rügt, stellt alleine die Tatsache, dass die Vorinstanz aus sachlichen Gründen zu einer anderen Würdigung der Vorbringen gelangt, als vom Beschwerdeführer gefordert, keine unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung dar. Diesbezüglich vermengt der Beschwerdeführer die Frage der Feststellung des Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen Würdigung der Sache. 4.2 Zusammenfassend erweisen sich die f ormellen Rügen als unbegrün- det. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). D-6782/2019 Seite 7 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen). 6. 6.1 Das SEM führte zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids aus, die Asylvorbringen des Beschwerdeführers würden weder die Anforderun- gen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch diejenigen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllen. Im Einzelnen hielt es fest, das Vorbringen, wonach der Beschwerdeführer Afghanistan wegen der Bedrohung durch die Taliban verlassen habe, sei als unglaubhaft einzustufen, zumal dieses als nachgeschoben und krass widersprüchlich qualifiziert werden müsse. Nachdem der Beschwerdefüh- rer in der BzP persönliche Probleme mit den Taliban explizit verneint habe, habe er in der Anhörung einen gänzlich anderen Sachverhalt vorgetragen und geltend gemacht, er habe bereits Probleme während des Aufenthalts in B._______ gehabt und er sei auch in Kabul von den Taliban bedroht worden. Er sei aussers tande gewesen, für dieses Aussageverhalten eine plausible Erklärung abzugeben. Seine stereotype Begründung, wonach er nur kurz habe erzählen können, ein Übersetzungsfehler vorliegen müsse und er unterbrochen worden sei, als er weitere Details habe schildern wol- len, vermöge nicht zu überzeugen. Die BzP sei verhältnismässig ausführ- lich ausgefallen und der Beschwerdeführer habe die Richtigkeit des Proto- kolls anlässlich der Rückübersetzung mit seiner Unterschrift bestätigt. Er müsse sich daher bei seinen Aussagen behaften lassen. Vielmehr entstehe der Eindruck, dass er durch die zusätzlichen Vorbringen in der Anhörung habe versuchen wollen, seine Chancen auf eine Asylgewährung zu erhö- hen. Dies sei ihm nicht gelungen, könne doch die Schilderung sämtlicher relevanter Ereignisse bereits bei der Erstbefragung erwartet werden, wenn vor seiner Ausreise tatsächlich eine konkrete Bedrohung an Leib und Le- ben bestanden hätte. Aus den eingereichten Beweismitteln könne er nichts zu seinen Gunsten ableiten. Sowohl die (Nennung Beweismittel) seien handgeschriebene Dokumente, die in Kopie eingereicht worden seien, und ebenso leicht gefälscht wie käuflich erworben werden könnten. Diese seien daher ohne Beweiswert. Die übrigen, aus der Schweiz stammenden Be- weismittel stünden in keinem Zusammenhang zu den Asylvorbringen. So- dann sei der Hinweis auf die allgemein schlechte Sicherheitslage in Afgha- nistan asylirrelevant. Von der allgemeinen Lage seien alle Bewohner D-6782/2019 Seite 8 gleichermassen betroffen, weshalb sie in keinem konkreten Zusammen- hang zu seiner Person stehe. 6.2 In der Rechtsmitteleingabe äusserte sich der Beschwerdeführer in ma- terieller Hinsicht einlässlich zum Begriff der Glaubhaftigkeit respektive der Frage der Glaubwürdigkeit im Asylverfahren. Weiter hielt er fest, dass das SEM den Beweisschwierigkeiten im Verfahren keine Rechnung trage, wenn es ohne zwingenden Grund Ausführungen als zu vage oder zu ober- flächlich bezeichne, ohne dass entsprechend intensive Nachfragen gestellt worden wären. Zudem habe bereits die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Nationalrates die Praxis, wonach bei der Begründung von Asyl- entscheiden Widersprüche zwischen der Erstbefragung und der späteren Anhörung herangezogen würden, kritisiert. Für die Beurteilung der Glaub- haftigkeit sei auf die objektivierte Sicht eines verständigen Dritten abzustel- len. Hinsichtlich des Vorhalts nachgeschobener Asylvorbringen wendete der Beschwerdeführer ein, der Zweck der BzP und der Anhörung sei je- weils ein gänzlich anderer, weshalb ihm aufgrund unterschiedlicher Aussa- gen kein Nachteil erwachsen könne. So diene die BzP naturgemäss ledig- lich der Triage und dem Entscheid, wie das Verfahren weiter zu führen sei. Zudem habe man ihm dort zu verstehen gegeben, keine weiterführenden Ausführungen zu machen. Ausserdem schaffe die afghanische Kultur der Höflichkeit, insbesondere bei einer Behördenvorsprache in einem fremden Land, ein zusätzliches Klima der Zurückhaltung. Eine objektive Lektüre der beiden Befragungsprotokolle ergebe in Berücksichtigung der vorgenann- ten Umstände, dass er seine Flüchtlingseigenschaft habe glaubhaft ma- chen können. Im Weiteren setze sich die Vorinstanz bei der Relevanzprü- fung nicht damit auseinander, dass er nicht blosse Allgemeinplätze von sich gegeben, sondern konkret die Bedrohungen und sexuellen Einschüch- terungen durch die Taliban benannt habe. 7. 7.1 Die Ausführungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung sind nicht zu beanstanden, weshalb zunächst auf diese zu verweisen ist. Auch das Gericht erachtet die Asylvorbringen des Beschwerdeführers aufgrund nachgeschobener und widersprüchlicher Aussagen einerseits als unglaub- haft und andererseits in Ermangelung einer ihn betreffenden persönlichen Bedrohung als asylirrelevant. 7.1.1 Gemäss ständiger Rechtsprechung ist es zulässig, Widersprüche für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit heranzuziehen, wenn klare Aussagen im Empfangszentrum – respektive in der BzP – in wesentlichen Punkten D-6782/2019 Seite 9 der Asylbegründung von den späteren Aussagen in der Anhörung bei der Vorinstanz diametral abweichen, oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht bereits im Empfangszentrum zumindest ansatzweise erwähnt werden (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D -3114/2018 vom 28. Juni 2019 E. 5.1 m.w.H; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs- kommission [EMARK] 1993 Nr. 3). In der angefochtenen Verfügung hat sich das SEM nicht in unzulässiger Weise auf das Protokoll der BzP abge- stützt und zu Recht angeführt, dass sich der Beschwerdeführer im Gegen- satz zur späteren Anhörung zum Bestehen einer ihn persönlich betreffen- den Bedrohung und Verfolgung durch die Taliban – sowohl in B._______ als auch in Kabul – entscheidend widersprochen hat (vgl. act. A5/12, S. 8; A24/14, S. 6, F36 ff.). Der Beschwerdeführer vermag in der Rechtsmitte- leingabe mit Blick auf dieses Aussageverhalten keine plausiblen Erklärun- gen zu seiner Entlastung vorzubringen (vgl. act. A24/14, S. 11, F71 ff.; vgl. auch E. 4.1.2 hievor). Das SEM hat – entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht – dem Protokoll der BzP keine unrechtmässige Bedeu- tung beigemessen. Vielmehr hat die Vorinstanz aus den zentralen Aussa- gen des Beschwerdeführers in der BzP , er sei wegen der schlechten Si- cherheitslage am Herkunftsort B._______, dem Gefühl einer Unsicherheit und der psychischen Belastung als Folge eines Attentats auf dem Markt in Kabul im Jahr (...) aus Afghanistan ausgereist, zu Recht auf einen diamet- ralen Widerspruch gegenüber der Anhörung – wo er seine Ausreisegründe im Wesentlichen mit Aufdringlichkeiten und der (tödlichen) Bedrohung durch die Taliban begründete – schloss. 7.1.2 Bezüglich der Rüge einer fehlenden Prüfung der Asylrelevanz ist da- rauf hinzuweisen, dass nach der gesetzlichen Konzept ion bei Asylgesu- chen die Gesuchsteller verpflichtet sind, die Flüchtlingseigenschaft nach- zuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen (vgl. Art. 7 Abs. 1 AsylG). Gelingt es den Gesuchstellern jedoch nicht, auch nur die herabgesetzten Beweisanforderungen der Glaubhaftmachung der Flüchtlingseigenschaft zu erfüllen, so ist die Vorinstanz logischerweise nicht gehalten, die ohnehin nicht glaubhaften Schilderungen noch zusätzlich auf ihre Asylrelevanz zu prüfen. Das SEM hat demnach folgerichtig im angefochtenen En tscheid darauf verzichtet, die geltend gemachte Verfolgung durch die Taliban auch noch auf ihre Asylrelevanz zu prüfen, da sich die Schilderungen bereits als unglaubhaft erwiesen (vgl. act. A27/8, S. 4). Sodann ist das Vorbringen an der Anhörung, die Talib an hätten mit ihm eines Abends in B._______ "Bacha Bazi" gemacht und ihn "berührt und angefasst " (vgl. act. 24/14, D-6782/2019 Seite 10 S. 6, F36), auch deshalb als unglaubhaft zu erachten, weil unter den Tali- ban sowohl Homosexualität als auch "Bacha Bazi" verboten war (vgl. Aus- kunft der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) Länderanalyse, Afghanis- tan: Bacha Bazi, vom 11. März 2013, S. 3). Nachdem die geltend gemachte Verfolgung und Bedrohung durch die Taliban vorliegend als unglaubhaft zu qualifizieren ist, ist der Hinweis in der Rechtsmitteleingabe, dass der af- ghanische Staat nicht in der Lage sei, seine Bevölkerung zu schützen, wenn wie hier ein junger Mann zum Dienst bei den Taliban gezwungen werde oder auf deren Todesliste stehe, als nicht stichhaltig zu erachten. 7.1.3 Weiter erweist sich das Vorbringen des Beschwerdeführers, wonach er Afghanistan (auch) wegen der allgemein schlechten Sicherheitslage ver- lassen habe, um eine alle Bewohner gleichermassen treffende Realität im Kontext der bewaffneten Auseinandersetzungen in seiner Heimat, weshalb diesem Vorbringen keine Asylrelevanz im Sinne von Art. 3 AsylG beige- messen werden kann. 7.1.4 Die vom Beschwerdeführer bei der Vorinstanz eingereichten Beweis- mittel vermögen an dieser Erkenntnis nichts zu ändern, da sie lediglich in Kopie vorliegen. Aufgrund deren leichten Manipulierbarkeit kommt ihnen deshalb keine rechtserhebliche Beweiskraft zu. 7.2 Die Vorinstanz hat die Flüchtlingseigenschaft daher im Ergebnis zutref- fend verneint und das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abge- lehnt. 8. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9. 9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegwei-D-6782/2019 Seite 11 sungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsge- richts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung d er Flüchtlingsei- genschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis mög- lich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). 9.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Das flüchtlingsrecht- liche Refoulement-Verbot schützt nur Personen, welche die Flüchtlingsei- genschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen- den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerde- führenden nach Afghanistan ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 9.2.2 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmensc hlicher oder erniedri- gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten An- haltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung nach Kabul dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen D-6782/2019 Seite 12 würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Zwar hat sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert, die allgemeine Menschenrechtssituation in Kabul lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt jedoch nicht als un- zulässig erscheinen, da jedenfalls dort nicht von einer derart desolaten Si- cherheitslage ausgegangen werden muss, dass die hohen Anforderungen des „real risk“ einer unmenschlichen Behandlung erfüllt wären. 9.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vo llzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 9.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil D -5800/2016 vom 13. Oktober 2017 eine ausführliche Lageanalyse zur Situation in der afghanischen Hauptstadt Kabul vorgenommen (vgl. E. 6.3 ff.). Danach stellt sich zum heutigen Zeitpunkt sowohl die Sicherheitslage, welche als volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen ist, als auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7 be- schriebenen Situation klar verschlechtert dar. Die Lage in Kabul ist daher grundsätzlich als existenzbedrohend und somit unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Von dieser Regel kann abgewichen wer- den, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen werden kann. Solche günstigen Voraussetzungen können grundsätzlich nament- lich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt. Unabdingbar ist in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rück- kehrenden als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkeh- renden insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung so- wie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Al- lein aufgrund von losen Kontakten zu Bekannte n, Verwandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbringung ungeklärt sind, ist nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. D-6782/2019 Seite 13 9.3.2 Angesichts der Schulbildung und der Be rufserfahrungen des Be- schwerdeführers sowie eines bestehenden familiären und sozialen Bezie- hungsnetzes – in Kabul leben (Nennung Beziehungsnetz) (vgl. act. A24 F14 ff., A5 Pt. 3) – ist auf der Grundlage der Überlegungen des SEM in der angefochtenen Verfügung (vgl. act. A27/8, S. 5, Ziff. 2) zu schliessen, dass hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung nach Kabul besonders begüns- tigende Umstände vorliegen. Daran vermag die dargelegte und erkennbare Integration des Beschwerdeführers in der Schweiz nichts zu ändern. Nach- dem der Beschwerdeführer in der Rechtsmitteleingabe den Ausführungen der Vorinstanz zum Vollzug der Wegweisung nichts Substanzielles entge- genhält, kann zur Vermeidung von Wiederholungen auf die detaillierten Ausführungen des SEM verwiesen werden. 9.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Kabul auch als zumutbar. 9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zus tändi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefoc htene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh- rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und praxisgemäss auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der am 3. Februar 2020 in der gleichen Höhe ge- leistete Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu ver- wenden. (Dispositiv nächste Seite) D-6782/2019 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Der in gleicher Höhe einbezahlte Kostenvorschuss wird zur Bezahlung der Verfahrenskosten verwendet. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Jeannine Scherrer-Bänziger Stefan Weber