<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">161</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>27</b></span> <span class="ft4"><b>Mobilfunkantenne; ideelle Immissionen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Standortbeschränkungen (Kaskadenmodell) finden einzig auf visuell</b></span><br/> <span class="ft4"><b>wahrnehmbare Antennen Anwendung.</b></span><br/> <span class="ft6">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 1. Mai 2014 in Sachen</span><br/> <span class="ft6">Einwohnergemeinde A. gegen B. und Regierungsrat (WBE.2009.17).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">§ 79a BNO lautet:</span><br/> <span class="ft6">"</span><span class="ft10"><sup>1</sup></span> <span class="ft6">Für die Erstellung von Mobilfunkantennen, welche in der Umgebung als</span><br/> <span class="ft6">solche erkennbar sind, werden die Bauzonen in verschiedene Prioritäten eingeteilt.</span><br/> <span class="ft10"><sup>2</sup></span> <span class="ft6">Eine Mobilfunkantenne in Bauzonen, welche in der Umgebung als solche</span><br/> <span class="ft6">erkennbar ist, darf</span><br/> <span class="ft6">In erster Priorität in den Gewerbezonen G und in den Zonen für öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Bauten entlang der Suhre,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">162</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">In zweiter Priorität in den Wohn- und Gewerbezonen WG3 und in den</span><br/> <span class="ft6">Kernzonen K,</span><br/> <span class="ft6">In dritter Priorität in den Wohnzonen W1, W2, W3, in der Spezialzone Becket</span><br/> <span class="ft6">SP, in den übrigen Zonen für öffentliche Bauten und in den Zonen für öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Anlagen</span><br/> <span class="ft6">erstellt werden. In den Bauzonen untergeordneter Priorität kann eine als sol-</span><br/> <span class="ft6">che erkennbare Mobilfunkantenne nur erstellt werden, wenn ihre Erstellung in den</span><br/> <span class="ft6">Bauzonen übergeordneter Priorität nicht möglich ist. Zudem kann in den Wohnzonen</span><br/> <span class="ft6">W1, W2, W3 und in der Spezialzone Becket eine als solche erkennbare Mobil-</span><br/> <span class="ft6">funkantenne nur erstellt werden, wenn sie vorwiegend die Versorgung dieser Zonen</span><br/> <span class="ft6">bezweckt.</span><br/> <span class="ft10"><sup>3</sup></span> <span class="ft6">Eine neue Mobilfunkantenne in Bauzonen, welche in der Umgebung als sol-</span><br/> <span class="ft6">che erkennbar ist, muss mit einer bestehenden Antenne koordiniert werden, falls dies</span><br/> <span class="ft6">möglich ist. Falls die neue Antenne auch in einer Bauzone übergeordneter oder glei-</span><br/> <span class="ft6">cher Priorität möglich wäre, ist - unter Beachtung der rechtlichen Rahmenbedingun-</span><br/> <span class="ft6">gen - in umfassender Interessenabwägung zu entscheiden, ob sie dort zu erstellen</span><br/> <span class="ft6">oder mit der bestehenden Antenne zu koordinieren ist. (...)"</span><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss dem ursprünglich von der Gemeindeversammlung A.</span><br/> <span class="ft1">beschlossenen § 79 Abs. 3 BNO sollten Mobilfunkanlagen nur in der</span><br/> <span class="ft1">Gewerbezone C. mit mindestens 60 m Abstand zu den übrigen</span><br/> <span class="ft1">Bauzonen zulässig sein. Die dagegen erhobenen Beschwerden hiess</span><br/> <span class="ft1">der Regierungsrat gut und wies die Bestimmung zur Neubeurteilung</span><br/> <span class="ft1">an den Gemeinderat zurück. Laut Planungsbericht erwog der Regie-</span><br/> <span class="ft1">rungsrat, die Versorgungssicherheit sei zwar durch die Standortbe-</span><br/> <span class="ft1">schränkung nicht gefährdet, dennoch stelle die Beschränkung einen</span><br/> <span class="ft1">unverhältnismässigen Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdegegnerin dar. Der Regierungsrat lehnte sich u.a. an das Ur-</span><br/> <span class="ft1">teil des Bundesgerichts vom 21. Mai 2012 (1C_51/2012,</span><br/> <span class="ft1">1C_71/2012). Gestützt auf den Entscheid des Regierungsrats be-</span><br/> <span class="ft1">schloss der Gemeinderat am 10. Dezember 2012 den neuen Art. 79a</span><br/> <span class="ft1">BNO.</span><br/> <span class="ft1">Im genannten Urteil vom 21. Mai 2012 hatte das Bundesgericht</span><br/> <span class="ft1">die von der Gemeinde Hinwil erlassene Regelung bezüglich</span><br/> <span class="ft1">Standortsteuerung von Mobilfunkanlagen zu beurteilen. Die ange-</span><br/> <span class="ft1">fochtene Bestimmung sollte auf alle - visuell wahrnehmbare und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">163</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nicht erkennbare - Mobilfunkantennen Anwendung finden. Laut</span><br/> <span class="ft1">Bundesgericht treffe es zwar zu, dass auch das blosse Wissen um</span><br/> <span class="ft1">eine kaschierte, nicht wahrnehmbare Anlage in der unmittelbaren</span><br/> <span class="ft1">Nachbarschaft unerwünschte Auswirkungen habe. In diesen Fällen</span><br/> <span class="ft1">erscheine jedoch das öffentliche Interesse an der Verhinderung ideel-</span><br/> <span class="ft1">ler Immissionen derart gering, dass die Beschränkung der Standort-</span><br/> <span class="ft1">wahl unverhältnismässig werde. Es mache psychologisch einen</span><br/> <span class="ft1">Unterschied, ob die Mobilfunkanlage den Bewohnern unmittelbar</span><br/> <span class="ft1">vor Augen stehe oder nicht. Auch kaschierte Mobilfunkanlagen</span><br/> <span class="ft1">könnten Angst machen, wenn man ihren Standort kenne und sich vor</span><br/> <span class="ft1">ihrer Strahlung fürchte. Es gehe aber gerade nicht um den Schutz vor</span><br/> <span class="ft1">nichtionisierender Strahlung für welchen die Gemeinde nicht zustän-</span><br/> <span class="ft1">dig sei, sondern um den Schutz vor ideellen Immissionen. Diese</span><br/> <span class="ft1">knüpften nicht an die Strahlungsintensität, sondern in erster Linie an</span><br/> <span class="ft1">den für die Anwohner wahrnehmbaren Antennenstandort an, der</span><br/> <span class="ft1">negative Empfindungen und Reaktionen hervorrufen könne.</span><br/> <span class="ft1">Der Planungsbericht zu § 79a BNO verweist auf die Erwägun-</span><br/> <span class="ft1">gen des Bundesgerichts und hält ausdrücklich fest, die neue Rege-</span><br/> <span class="ft1">lung bzw. die Standortbeschränkung solle einzig auf die visuell</span><br/> <span class="ft1">wahrnehmbaren Antennen Anwendung finden. Soweit der Gemein-</span><br/> <span class="ft1">derat nun in seiner Eingabe vom 16. Dezember 2013 erklärt, die neue</span><br/> <span class="ft1">Bestimmung müsse umfassender ausgelegt werden und nicht nur auf</span><br/> <span class="ft1">visuell wahrnehmbare Antennen beschränkt werden, widerspricht er</span><br/> <span class="ft1">der im Planungsbericht eindeutig wiedergegebenen Auffassung des</span><br/> <span class="ft1">kommunalen Gesetzgebers. Festgehalten wurde, dass die Gemeinde</span><br/> <span class="ft1">die höchstrichterlichen Ausführungen zu den ideellen Auswirkungen</span><br/> <span class="ft1">von Mobilfunkanlagen zwar nicht teile, jedoch eine mit der bun-</span><br/> <span class="ft1">desgerichtlichen Rechtsprechung konforme Regelung erlassen wolle.</span><br/> <span class="ft1">Eine Auslegung, wie sie der Gemeinderat nun im konkreten Fall gel-</span><br/> <span class="ft1">tend macht, wäre mit dem Wortlaut sowie mit Sinn und Zweck der</span><br/> <span class="ft1">Norm deshalb nicht vereinbar. Die Unterscheidung zwischen "visuell</span><br/> <span class="ft1">wahrnehmbare" und "in der Umgebung als solche erkennbare" Anla-</span><br/> <span class="ft1">gen, wie sie der Gemeinderat zur Begründung seines Standpunktes</span><br/> <span class="ft1">vorträgt, erscheint mit Blick auf die im Planungsbericht klar</span><br/> <span class="ft1">wiedergegebene Absicht des kommunalen Gesetzgebers als rabulis-</span><br/> <span class="ft1">tisch. Schliesslich kann der Gemeinderat auch aus dem Wortlaut von</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">164</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">§ 79a Abs. 4 BNO, welcher das Verfahren der Standortevaluation</span><br/> <span class="ft1">nach § 79 Abs. 1 - 3 BNO regelt, nichts zu seinem Gunsten ableiten.</span><br/> <span class="ft1">Gleiches gilt für den Hinweis auf § 26 EG UWR, welcher im Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt der Gesuchseinreichung noch nicht in Kraft war und für das</span><br/> <span class="ft1">vorliegende Verfahren ohne Belang ist.</span><br/> <span class="ft1">3.5.</span><br/> <span class="ft1">Massgebend ist nach dem Gesagten, ob die streitbetroffene</span><br/> <span class="ft1">Mobilfunkanlage in der Umgebung als solche erkennbar ist oder</span><br/> <span class="ft1">nicht. Nur wenn sie als Antenne visuell wahrnehmbar ist, kommt</span><br/> <span class="ft1">§ 79a BNO zur Anwendung.</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss den Baugesuchsunterlagen soll die Mobilfunkanlage</span><br/> <span class="ft1">auf dem Dach des Mehrfamilienhauses neben dem Dachfirst als</span><br/> <span class="ft1">sogenannte Rohrantenne realisiert werden. Diese besteht aus einem</span><br/> <span class="ft1">ca. 2 m hohen Mast mit drei Antennen. Letztere sind nicht extern am</span><br/> <span class="ft1">Mast befestigt, sondern in eine zylinderförmige, glasfaserverstärkte</span><br/> <span class="ft1">Kunststoffummantelung gehüllt, welche einen Durchmesser von bis</span><br/> <span class="ft1">zu 28 cm aufweist. In rund 11 m Distanz auf gleicher Höhe sind auf</span><br/> <span class="ft1">dem Giebeldach zwei trommelförmige Richtstrahlantennen vorgese-</span><br/> <span class="ft1">hen. Die Trommeln sollen mit einer blassbraunen 75 cm breiten,</span><br/> <span class="ft1">1.55 m langen und bis zu 1.30 hohen Haube eingekleidet werden.</span><br/> <span class="ft1">Die geplante Mobilfunkanlage unterscheidet sich in Form und</span><br/> <span class="ft1">Gestalt grundsätzlich von herkömmlichen Mobilfunkantennen. An-</span><br/> <span class="ft1">statt die einzelnen Antennenkörper mehr oder weniger entfernt von</span><br/> <span class="ft1">einem Antennenmast gut sichtbar zu installieren, sind die Antennen-</span><br/> <span class="ft1">module im Mast bzw. als Rohrantenne integriert. Dadurch sind sie</span><br/> <span class="ft1">als solche nicht wahrzunehmen und treten visuell nicht in Erschei-</span><br/> <span class="ft1">nung. Das neue Element auf dem Dach erscheint als vertikaler Dach-</span><br/> <span class="ft1">aufbau, der in seiner Wirkung an einen runden Kamin erinnert. Auch</span><br/> <span class="ft1">die eingekleideten Richtfunkantennen sind nicht als solche zu erken-</span><br/> <span class="ft1">nen. Durch die Ummantelung tritt die typische Trommelform der</span><br/> <span class="ft1">Richtfunkantenne äusserlich nicht in Erscheinung. Sie wird aus der</span><br/> <span class="ft1">Umgebung als Dachaufbau, z.B. als Kamin, Lüftungseinrichtung,</span><br/> <span class="ft1">Liftaufbau usw. wahrgenommen.</span><br/> <span class="ft1">Die geplante Mobilfunkanlage ist weniger auffällig als</span><br/> <span class="ft1">herkömmliche Mobilfunkanlagen. Die Projektpläne, insbesondere</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">165</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">die Seitenansichten zeigen, dass der sichtbare Teil der Anlage in ei-</span><br/> <span class="ft1">ner normalen Dachlandschaft als übliche Dachaufbaute, als Kamin,</span><br/> <span class="ft1">Lüftungseinrichtung oder andere technische Dachaufbaute in</span><br/> <span class="ft1">Erscheinung tritt. Ist die Mobilfunkanlage in der Umgebung nicht als</span><br/> <span class="ft1">solche erkennbar, kommt § 79a BNO nicht zur Anwendung und die</span><br/> <span class="ft1">in diesem Zusammenhang vom Gemeinderat vorgebrachten Rügen</span><br/> <span class="ft1">sind folglich hinfällig.</span><br/></div> </div> </body> </html>