B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-7571/2024 U r t e i l v o m 2 2 . J a n u a r 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichterin Regina Derrer, mit Zustimmung von Richter Manuel Borla, Gerichtsschreiberin Janine Sert. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), und ihre Kinder C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), Türkei, alle vertreten durch MLaw Saban Murat Özten, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung (Wiedererwägung); Verfügung des SEM vom 30. Oktober 2024. E-7571/2024 Seite 2 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass die Beschwerdeführenden, türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in F._______ (Provinz G._______), am 7. März 2023 in der Schweiz um Asyl ersuchten, dass das SEM die Asylgesuche mit Verfügung vom 3. Mai 2024 ablehnte und die Wegweisung der Beschwerdeführenden aus der Schweiz sowie den Vollzug anordnete, und eine dagegen erhobene Beschwerde vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E -3663/2024 vom 18. September 2024 abgewiesen wurde, dass die Beschwerdeführenden durch ihren Rechtsvertreter am 16. Okto- ber 2024 eine als «Wiedererwägungsgesuch» bezeichnete Eingabe an das SEM richteten und darin das Eintreten auf ihr Wiedererwägungsgesuch so- wie die vorläufige Aufnahme infolge Unzulässigkeit beziehungsweise Un- zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs beantragten, dass dieser Eingabe Kopien eines ärztlichen Berichts vom (…) Oktober 2024 betreffend die Beschwerdeführerin sowie eines Schreibens eines tür- kischen Rechtsanwalts vom 11. Oktober 2024 betreffend den Beschwerde- führer beigelegt waren, dass das SEM mit Verfügung vom 30. Oktober 2024 – eröffnet am 4. No- vember 2024 – das Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführenden abwies und di e Rechtskraft sowie die Vollstreckbarkeit seiner Verfügung vom 3. Mai 2024 feststellte, dass die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 2. Dezember 2024 durch ihren Rechtsvertreter gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsge- richt Beschwerde erheben liessen und beantragten, die angefochtene Ver- fügung sei aufzuheben, es sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegwei- sung unzulässig beziehungsweise unzumutbar sei, und die Vorinstanz sei anzuweisen, die vorläufige Aufnahme zu verfügen, eventualiter sei die Sa- che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, dass sie in prozessualer Hinsicht um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand ersuchten, dass sie mit ihrer Beschwerde eine Kopie eines Referenzschreibens des Vereins H._______ vom 29. November 2024 zu den Akten reichten, E-7571/2024 Seite 3 dass das Bundesverwaltungsgericht mit Verfügung vom 4. Dezember 2024 die Vollzugsbehörden im Sinne einer superprovisorischen Massnahme an- wies, einstweilen keine Vollzugshandlungen vorzunehmen, und das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung, dass es auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) der Vo- rinstanz entscheidet (Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31‒33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG), dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG), dass die Beschwerdeführenden legitimiert sind und auf ihre frist- und form- gerecht eingereichte Beschwerde einzutreten ist (Art. 105 und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG), dass der Prozessgegenstand gemäss dem – durch die professionelle Vertretung – explizit darauf beschränkten Rechtsbegehren im Wiedererwä- gungsgesuch vom 16. Oktober 2024 lediglich die Frage des Vollzugs der Wegweisung betrifft, dass sich die Kognition des Gerichts im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG richtet (vgl. BVGE 2014/26 E. 5), dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um ein solches Rechtsmittel handelt, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf die Durchführung eines Schrif- tenwechsels verzichtet wird, dass das Wiedererwägungsverfahren im Asylrecht spezialgesetzlich gere- gelt ist (vgl. Art. 111b ff. AsylG), dass mit einem Wiedererwägungsgesuch in der Regel die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfü gung an eine nachträglich eingetretene E-7571/2024 Seite 4 erhebliche Veränderung der Sachlage bezweckt wird (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.) und ein solches Gesuch der Vorinstanz innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und begründet einzureichen ist (Art. 111b Abs. 1 AsylG), dass die Vorinstanz die Eingabe vom 16. Oktober 2024 zu Recht als Wie- dererwägungsgesuch qualifizierte und darauf eintrat, da die Beschwerde- führenden nachträglich eingetretene Tatsachen betreffend den Wegwei- sungsvollzug vorbrachten, nämlich den verschlechterten psychischen Ge- sundheitszustand der Beschwerdeführerin und , in Kombination mit einer allfälligen Verhaftung des Beschwerdeführers bei einer Rückkehr in die Türkei, die damit einhergehende Gefährdung des Kindeswohls gemäss Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (SR 0.107, Kinderrechtskonvention, KRK), weil sich dann niemand um die Kinder kümmern könne, dass vorab festzustellen ist, dass der Eventualantrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung (vgl. Rechtsbegehren 4) ab- zuweisen ist, da die Beschwerdeführen den dieses Begehren in der Be- schwerde nicht weiter begründet, sondern diesbezüglich lediglich pauschal vorgebracht haben, das SEM habe den Sachverhalt unrichtig festgestellt, sich aus den Akten jedoch weder eine Verletzung der Untersuchungspflicht noch ein e Verletzung anderer Verfahrensrechte durch die Vorinstanz ergibt, dass durch das Gericht folglich zu prüfen bleibt, ob die materielle Beurtei- lung des SEM zutrifft, dass die Vorinstanz zur Begründung der angefochtenen Verfügung im We- sentlichen ausführte, die gemäss ärztlichem Bericht vom (…) Oktober 2024 bei der Beschwerdeführerin diagnostizierte n Krankheiten ([…] und […]) würden zwar eine nicht zu verkennende gesundheitliche Beeinträchtigung darstellen, jedoch in der Regel nicht zu einer lebensbedrohlichen medizini- schen Notlage im Sinne von Art. 3 EMRK führen, womit der Wegweisungs- vollzug im heutigen Zeitpunkt nach wie vor als zulässig zu erachten sei, dass die Vorinstanz hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs zunächst feststellte, betreffend die geltend gemachte Retraumatisie- rung bei einer Rückkehr der Beschwerdeführerin an den Ort der traumati- schen Erlebnisse sei festzuhalten, dass die geltend gemachte Ver folgung (namentlich die Razzien), die angeblich zur Traumatisierung der Be- schwerdeführerin geführt habe, im ordentlichen Verfahren, namentlich E-7571/2024 Seite 5 auch im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-3663/2024, als nicht glaubhaft erachtet wurde, dass die Vorinstanz mit Blick auf die Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs weiter erwog, die Türkei verfüge über ein gut ausgebautes Gesund- heits- und Krankenversicherungssystem, und eine hinreichende medizini- sche und psychiatrische Versorgung sei dort grundsätzlich gewährleistet, dass es sich bei den der Beschwerdeführerin verschriebenen Arzneimitteln ([…] und […]) sodann um gängige Standardmedikamente im Bereich der Psychopharmaka handle, weshalb davon auszugehen sei, dass die (…) und die (…) in der Türkei adäquat behandelt werden könnten, womit keine medizinische Notlage vorliege, dass das SEM hinsichtlich des Kindeswohls darauf hinwies, dass mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-3663/2024 bereits rechtskräftig festge- stellt worden sei, dass im Fall des Beschwerdeführers nicht von vornherein vom Ausfällen einer unbedingten mehrjährigen Freiheitsstrafe auszugehen sei, und dass auch das in Kopie eingereichte Schreiben des türkischen An- walts an dieser Einschätzung nichts zu ändern vermöge, da dieses ledig- lich auf Parteibehauptungen beruhe, dass gemäss den Angaben der Beschwerdeführenden überdies nahe Ver- wandte in der Umgebung leben würden, so dass von einem tragfähigen sozialen Netzwerk in der Türkei auszugehen sei, welches sie bei der Be- treuung ihrer Kinder zusätzlich unte rstützen und zu einer sicheren und stabilen Umgebung beitragen könne, womit unter dem Aspekt des Kindes- wohls keine Gründe ersichtlich seien, die einer Rückkehr in die Türkei ent- gegenstünden, dass diesen Ausführungen der Vorinstanz in der Beschwerdeschrift (vgl. S. 10 f.) nichts Neues entgegnet wurde, sondern im Wesentlichen erneut vorgebracht wurde , aus dem bereits mit dem Wiedererwägungsgesuch eingereichten ärztlichen Bericht vom (…) Oktober 2024 ergebe sich, dass ein Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführerin in die Türkei medizinisch nicht vertretbar sei, dass bei einem Wegweisungsvollzug in die Türkei eine Inhaftierung des Beschwerdeführers zudem höchstwahrscheinlich sei, und die Beschwer- deführerin aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme nicht in der Lage sei, sich alleine um die gemeinsamen Kinder zu kümmern, wodurch die psychi- sche und physische Gesundheit der Kinder schwer geschädigt würde, E-7571/2024 Seite 6 weshalb der angefochtene Entscheid wegen der Verletzung des Kind es- wohls aufzuheben sei, dass die Vorbringen der Beschwerdeführenden die zuvor wiedergegebe- nen, überzeugenden vorinstanzlichen Ausführungen, auf die das Gericht vollumfänglich verweist, nicht zu entkräftigen vermögen, zumal gestützt auf die vorliegenden Akten nicht damit zu rechnen ist, der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin würde bei einer Rückkehr rasch und lebensge- fährdend beeinträchtigt werden, dass das Gericht vielmehr in Übereinstimmung mit der Vorinstanz davon ausgeht, dass die notwendigen Beh andlungen der Beschwerdeführerin auch in der Türkei möglich sein werden (vgl. Urteile des BVGer D-1554/2022 vom 29. Juli 2022 E. 9.3.4 und D-7282/2023 vom 6. Februar 2024 E. 8.3.5 je m.w.H.), zumal auch in der Beschwerde nichts Gegentei- liges vorgebracht wird, dass den Akten sodann keine Hinweise darauf zu entnehmen sind, dass das Kindeswohl nach Art. 3 KRK dem Wegweisungsvollzug der Beschwer- deführenden entgegenstehen würde (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.2 m.w.H.), zumal die Einwände in der Beschwerde, eine Inhaftierung des Beschwer- deführers bei einer Rückkehr in die Türkei sei höchstwahrscheinlich, womit sich – in Kombination mit der verschlechterten gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin – niemand mehr um die Kinder kümmern könne , den Feststellungen in Erwägung 6.3 des U rteils des Bundesverwaltungs- gerichts E-3663/2024 widersprechen, wonach im Fall des Beschwerdefüh- rers nicht vom Ausfällen einer unbedingten mehrjährigen Freiheitsstrafe auszugehen sei, dass an dieser Einschätzung auch das in Kopie einger eichte Referenz- schreiben H._______ vom 29. November 2024 nichts zu ändern vermag, da dieses als Gefälligkeitsschreiben mit geringem Beweiswert zu werten ist, dass somit keine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage zu bejahen ist, weshalb keine Gründe vorliegen, die eine Wie- dererwägung der Verfügung vom 3. Mai 2024 rechtfertigen würden, wes- halb die Vorinstanz das Wiedererwägungsgesuch zurecht abgewiesen so- wie ihre Verfügung vom 3. Mai 2024 als rechtskräftig und vollstreckbar be- zeichnet hat, E-7571/2024 Seite 7 dass nach den vorstehenden Erwägungen die angefochtene Verfügung zu bestätigen und die Beschwerde vom 2. Dezember 2024 als offensichtlich unbegründet abzuweisen ist, dass mit vorliegendem Urteil das Beschwerdeverfahren abgeschlossen ist, womit der am 4. Dezember 2024 angeordnete provisorische Vollzugsstopp dahinfällt, dass das in der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Rechtspflege inklusive Verbeiständung unbesehen der finanziel- len Verhältnisse der Beschwerdeführenden abzuweisen ist, weil die Rechtsbegehren – ex tunc betrachtet – aussichtslos waren (Art. 65 Abs. 1 VwVG), dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten den Beschwerdefüh- renden aufzu erlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und praxisgemäss auf Fr. 2’000.– festzusetzen sind (Art. 1 –3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs- gericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-7571/2024 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive Verbeiständung wird abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 2'000.– werden den Beschwerdeführenden auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zuguns- ten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Regina Derrer Janine Sert Versand: