B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-215/2017 U r t e i l v o m 2 7 . S e p t e m b e r 2 0 1 7 Besetzung Einzelrichterin Jeannine Scherrer-Bänziger, mit Zustimmung von Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner; Gerichtsschreiber Fabian Füllemann. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch Patrizia Carù, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Anerkennung als Flüchtling; Verfügung des SEM vom 13. Dezember 2016 / N (…). D-215/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein der Ethnie der Tigrinya angehörender eritrei- scher Staatsangehöriger, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im Oktober 2014. Er gelangte am 8. Juni 2015 in die Schweiz, wo er tags darauf um Asyl nachsuchte. B. Mit Schreiben vom 10. Juni 2015 ordnete das SEM eine Knochenanalyse zur Altersbestimmung an. Als Resultat der tags darauf beim Beschwerde- führer durchgeführten radiologischen Untersuchung wurde i m entspre- chenden Bericht vom 12. Juni 2015 ein wahrscheinliches Al ter von (…) Jahren und (…) Monaten festgehalten. C. Am 23. Juni 2015 wurde der Beschwerdeführer im Empfangs- und Verfah- renszentrum (EVZ) B._______ zu seiner Person, zu seinem Reiseweg und summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). D. Mit Schreiben vom 23. Juni 2015 orientierte das SEM die zuständige kan- tonale Behörde, dass es sich beim Beschwerdeführer um eine unbegleitete minderjährige asylsuchende Person handle. Gleichzeitig wurde der Kanton darum ersucht, die entsprechenden Schutz massnahmen bei Minderjähri- gen anzuordnen und die gesetzliche Vertretung nach Ernennung mitzutei- len. E. Am 9. Juli 2015 teilte Patrizia Carú, (…), die Übernahme der Vertret ung des unbegleiteten minderjährigen Beschwerdeführers mit. F. Am 1. Februar 2016 wurde der Beschwerdeführer eingehend zu den Grün- den seines Asylgesuchs angehört. G. Mit Verfügung vom 13. Dezember 2016 – tags darauf eröffnet – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfü lle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Vollzug jedoch wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläu- figen Aufnahme auf. D-215/2017 Seite 3 H. Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Beistän- din und Rechtsvertreterin vom 11. Januar 2017 beim Bundesverwaltungs- gericht an. Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die vorläufige Aufnahme als Flüchtling. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. Der Beschwerde waren Länderberichte zu Eritrea, eine Fürsorgebestätigung vom 19. Dezember 2016 sowie eine Ernennungsurkunde zur Beiständin vom 23. Oktober 2015 beigelegt. I. Mit Instruktionsverfügung vom 23. Januar 2017 hiess der damalige Instruk- tionsrichter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachg ebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren rich- tet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. D-215/2017 Seite 4 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Mit der vorliegenden Beschwerde wird einzig die Überprüfung der Flücht- lingseigenschaft beantragt. Damit ist die vorinstanzliche Verfügung im Asyl- punkt (vgl. Ziffer 2 des Verfügungsdispositivs) in Rechtskraft erwachsen. Die von der Vorinstanz angeordnete Wegweisung an sich (vgl. Ziffer 3 des Verfügungsdispositivs) wird ebenfalls nicht angefochten. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet demnach lediglich die Frage, ob die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint hat oder nicht. 4. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt wird, handelt es sich hier um eine Beschwerde, die durch einen Koordinationsentscheid des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 [als Referenzurteil publiziert]) offen- sichtlich unbegründet geworden ist. Das Urteil ist deshalb nur summarisch zu begründen (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfüh- rung eines Schriftenwechsels verzichtet. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freihei t sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die D-215/2017 Seite 5 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er stamme aus C._______, Eritrea, und sei zu- letzt in D._______, Eritrea, wohnhaft gewesen. Als er ungefähr einjährig gewesen sei, seien seine Eltern verstorben. Danach habe sich seine Grossmutter um ihn gekümmert. Im Jahr (…) habe er die Schule abgebro- chen, da er als Waisenkind keine Eltern gehabt habe, die ihn zum Schul- besuch hätten motivieren können. Nachdem die Grossmutter krank gewor- den sei und seine Verwandten sich nicht um ihn hätten kümmern können, habe er sich zur Ausreise aus Eritrea entschieden und sein Heimatland im Oktober 2014 verlassen. 6.2 Das SEM verneinte in seiner Verfügung vom 13. Dezember 2016 die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers. Es führte im Wesentlichen aus, die vorgebrachte fehlende Bildungsmöglichkeit sowie die illegale Aus- reise des Beschwerdeführers w ürden den Anforderungen an die Flücht- lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Es könne deshalb darauf verzichtet werden, auf vorhandene Unglaubhaftigkeitselemente der Vorbringen genauer einzugehen. 6.3 In der Beschwerde wird demgegenüber im Wesentlichen geltend ge- macht, dass gemäss der ständigen Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe in Bezug auf il- legal aus Eritrea ausgereiste eritreische Staatsangehörige zu bejahen sei. Ferner sei das Vorgehen des SEM in Bezug auf die Praxisänderung unzu- lässig, da keine Gründe für eine solche Praxisänderung bestehen würden. Die Vorinstanz habe es in der Folge versäumt, die Glaub haftigkeit seiner Aussagen zur illegalen Ausreise aus Eritrea zu prüfen. Er sei daher als Flüchtling anzuerkennen und vorläufig aufzunehmen. D-215/2017 Seite 6 7. 7.1 Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden aber als Flüchtlinge vorläufig aufgenom- men. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten insbesondere das illegale Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht), d as Einreichen eines Asylgesuchs im Ausland oder exilpolitische Betätigungen, wenn sie die Ge- fahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Durch Republikflucht zum Flüchtling wird, wer wegen illegaler Ausreise Sanktionen des Heimatstaa- tes befürchten muss, die bezüglich ihrer Intensität ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen (BVGE 2009/29). 7.2 Im Referenzurteil D -7898/2015 gelangte das Bundesverwaltungsge- richt zum Schluss, dass im Kontext von Eritrea die illegale Ausreise allein zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht ausreicht. Vielmehr be- darf es hierzu zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person er- scheinen lassen und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Ver- folgungsgefahr führen könnten (vgl. a.a.O. E. 5). 7.3 Im Falle des Beschwerdeführers ist das Vorliegen solcher zusätzlicher Faktoren zu verneinen. Der Beschwerdeführer macht keinen eigenen Kon- takt mit dem Militär geltend, und auch andere Anknüpfungspunkte, welche ihn in den Augen des eritreischen Regimes als Person mit geschärftem Profil erscheinen lassen könnten, sind nicht ersichtlich. Somit bleibt festzu- halten, dass die illegale Ausreise allein keine Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfolgung zu begründen vermag. Die Frage der Glaubhaf- tigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers kann deshalb – wie vom SEM zutreffend festgehalten – offenbleiben. 7.4 Die in der Beschwerde erhobenen Einwände gegen die vom SEM vor- liegend angewandte Praxisänderung sind – nachdem das Bundesverwal- tungsgericht diese im Referenzurteil D-7898/2015 gestützt hat – durch die- ses Urteil als unbehelflich einzustufen. Es erübrigt sich, vorliegend einge- hend auf die im Rahmen des Beschwerdeverfahrens erhobenen Einwände gegen die Praxisänderung sowie die in der angefochtenen Verfügung auf- gezeigte Argumentation einzugehen, da diesbezüglich vollumfänglich auf das zitierte Urteil verwiesen werden kann (zur Vornahme einer Praxisän- derung siehe auch Urteil des BVGer E-5296/2016 vom 17. Mai 2017 E. 7). Der Eventualantrag, die Sache sei zur weiteren Feststellung des Sachver- halts und neuen Entscheidung an das SEM zurückzuweisen, ist demnach abzuweisen. Der rechtserhebliche Sachverhalt ist sowohl in individueller D-215/2017 Seite 7 Hinsicht als auch in B ezug auf die Frage der Bedeutung der geltend ge- machten illegalen Ausreise im Allgemeinen hinreichend erstellt. 8. Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass keine asylrecht- lich relevanten Verfolgungsgründe im Sinne von Art. 3 respektive von Art. 54 AsylG ersichtlich sind, weshalb die Vorinstanz die Flüchtlingseigen- schaft zu Recht verneint hat. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts- pflege mit Verfügung vom 23. Januar 2017 gutgeheissen wurde, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite) D-215/2017 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Jeannine Scherrer-Bänziger Fabian Füllemann Versand: