<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 44 S.259</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">259</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>44 Verwandtenunterstützungspflicht.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Eine Auflage / Weisung zur Abtretung eines nicht angefallenen Erb-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>teils ist ohne die freiwillige Zustimmung des Erblassers unzulässig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 23. Dezember 2008 in Sa-</span><br/> <span class="ft5">chen Einwohnergemeinde X. gegen das Bezirksamt Aarau (WBE.2008.157).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.2. (...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">260</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">3.2.1.</span><br/> <span class="ft1">In der Tat sehen die SKOS-Richtlinien, Kapitel F.1-1, grund-</span><br/> <span class="ft1">sätzlich vor, dass die Sozialhilfebehörde alle zulässigen finanziellen</span><br/> <span class="ft1">Ansprüche gegenüber Dritten geltend machen. Ein zukünftiger, <i>noch</i></span><br/> <span class="ft6"><i>nicht angefallener</i> Erbanteil ist aber keine finanzieller Anspruch des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdegegners, sondern eine blosse Anwartschaft. Diese An-</span><br/> <span class="ft1">wartschaft eines Erbanwärters kann auch nicht von den Sozialhilfe-</span><br/> <span class="ft1">behörden gegenüber dem potentiellen Erblasser geltend gemacht</span><br/> <span class="ft1">werden. Die Einwohnergemeinde X. zielt mit der Auflage auf die</span><br/> <span class="ft1">Rückerstattung der materiellen Hilfe, welche dem Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft1">bis anhin und in Zukunft ausgerichtet wurde bzw. wird. Vorschuss-</span><br/> <span class="ft1">leistungen der Sozialhilfe können gemäss § 12 Abs. 3 SPG von einer</span><br/> <span class="ft1">Abtretung von (Forderungs<i>-) Ansprüchen</i> der Hilfe suchenden Per-</span><br/> <span class="ft1">son abhängig gemacht werden. Auf diese Möglichkeit nehmen auch</span><br/> <span class="ft1">die SKOS-Richtlinien Bezug (vgl. Kapitel F.2-2). Wie erwähnt, ge-</span><br/> <span class="ft1">hören die Erbanwartschaften jedoch nicht zu diesen Ansprüchen.</span><br/> <span class="ft1">Nach Art. 636 Abs. 1 ZGB sind Verträge eines Erbanwärters</span><br/> <span class="ft1">über künftige Erbanwartschaften sittenwidrig und unverbindlich und</span><br/> <span class="ft1">nur ausnahmsweise dann zulässig, wenn der Erblasser am Vertrag</span><br/> <span class="ft1">mitwirkt und seine ausdrückliche Zustimmung erteilt. Aus dieser</span><br/> <span class="ft1">Regelung folgt, dass eine Abtretung ohne Mitwirkung des Erblassers</span><br/> <span class="ft1">ausgeschlossen ist und damit auch eine Auflage oder Weisung zur</span><br/> <span class="ft1">Abtretung eines nicht angefallenen Erbanteils an die Adresse eines</span><br/> <span class="ft1">unterstützten Erbanwärters nicht zulässig ist, da er sie ohne Mitwir-</span><br/> <span class="ft1">kung des (potentiellen) Erblassers gar nicht erfüllen kann. Im Rah-</span><br/> <span class="ft1">men der Subsidiarität haben hypothetische Ansprüche einer Hilfe su-</span><br/> <span class="ft1">chenden Person ausser Acht zu bleiben. Keinen Einfluss auf die An-</span><br/> <span class="ft1">spruchsvoraussetzungen hat sodann die Weigerung einer unterstütz-</span><br/> <span class="ft1">ten Person, Massnahmen zu ergreifen, die keinen sachlichen Zu-</span><br/> <span class="ft1">sammenhang mit der tatsächlichen Beendigung seiner Notlage haben</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Markus Schefer, Grundrechte der Schweiz, Ergänzungsband zur</span><br/> <span class="ft1">dritten Auflage, Bern 2005, S. 116 f. mit Hinweis). Voraussetzung</span><br/> <span class="ft1">einer Auflage oder Weisung ist, dass die Hilfe suchende Person durch</span><br/> <span class="ft1">eigenes Handeln die Notlage verhindern oder zumindest mildern</span><br/> <span class="ft1">kann.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">261</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">3.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem die Einwohnergemeinde X. nicht einmal abgeklärt</span><br/> <span class="ft1">hat, ob die Zustimmung des Vaters des Beschwerdegegners über-</span><br/> <span class="ft1">haupt erhältlich ist und der Einwohnergemeinde X. gegenüber dem</span><br/> <span class="ft1">Vater des Beschwerdegegners keinerlei Verfügungs- und damit Wei-</span><br/> <span class="ft1">sungsbefugnis hinsichtlich der Erbteilung oder der Verwandtenunter-</span><br/> <span class="ft1">stützung gemäss Art. 328 ZGB zusteht, erweist sich bereits die Auf-</span><br/> <span class="ft1">lage zur Abtretung eines nicht angefallenen Erbanteils als rechtswid-</span><br/> <span class="ft1">rig.</span><br/> <span class="ft1">Daran vermag auch die Zulässigkeit entsprechender Verträge</span><br/> <span class="ft1">nichts zu ändern. Die Unrechtmässigkeit der Auflage zur Unter-</span><br/> <span class="ft1">zeichnung eines Abtretungsvertrags bedeutet andererseits nicht, dass</span><br/> <span class="ft1">den Sozialhilfebehörden der Abschluss von Vereinbarungen über</span><br/> <span class="ft1">nicht angefallenen Erbanteile gemäss Art. 636 Abs. 1 ZGB verwehrt</span><br/> <span class="ft1">wäre. Sie haben die Möglichkeit, bei der Prüfung von Ansprüchen</span><br/> <span class="ft1">aus der Unterstützungspflicht der Verwandten entsprechende Verein-</span><br/> <span class="ft1">barungen mit dem Vater des Beschwerdegegners zu treffen (§ 7</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 SPG und § 6 SPV). Sofern dieser - freiwillig - seine Zustim-</span><br/> <span class="ft1">mung zu einer solchen Vereinbarung erteilt, kann vom Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">gegner die Unterzeichnung einer Abtretung auch verlangt werden.</span><br/> <span class="ft1">Für die Geltendmachung und zur Bestimmung der Höhe sind die ein-</span><br/> <span class="ft1">schlägigen Regelungen zur familienrechtlichen Unterstützungspflicht</span><br/> <span class="ft1">(Art. 328 und 329 ZGB) und die entsprechenden Regelungen im So-</span><br/> <span class="ft1">zialhilferecht zu beachten (vgl. auch SKOS-Richtlinien, Kapitel F.4-</span><br/> <span class="ft1">1 und die Richtlinien über die Geltendmachung von Verwandtenun-</span><br/> <span class="ft1">terstützung vom 12. März 2003 [Verwandtenunterstützungsrichtli-</span><br/> <span class="ft1">nien, VUR; SAR 851.251]).</span><br/> <span class="ft1">Kommt keine einvernehmliche Lösung zustande, ist beim zu-</span><br/> <span class="ft1">ständigen Bezirksgericht Klage zu erheben (§ 7 Abs. 2 SPG; Hand-</span><br/> <span class="ft1">buch Sozialhilfe, hrsg. vom Kantonalen Sozialdienst, 4. Auflage Au-</span><br/> <span class="ft1">gust 2003, Kapitel 6, S. 22). Die Gemeinde kann aber weder durch</span><br/> <span class="ft1">den Erlass einer Verfügung die Verwandtenunterstützung festlegen</span><br/> <span class="ft1">noch einen Unterstützungspflichtigen mittels indirektem Zwang</span><br/> <span class="ft1">- hier unter Androhung von Kürzungen der Hilfeleistungen an den</span><br/> <span class="ft1">Sozialhilfebezüger - zu erbrechtlichen Verfügungen oder zur Zustim-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">262</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mung von Vereinbarungen gemäss Art.</span> <span class="ft1">636 ZGB zwingen</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Handbuch Sozialhilfe, Kapitel 6, S. 18).</span><br/> <span class="ft1">3.2.3. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.4.</span><br/> <span class="ft1">Somit war bereits die am 22. Oktober 2007 erlassene Weisung,</span><br/> <span class="ft1">wonach eine Vereinbarung über die Abtretung eines Erbanteils vom</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdegegner und seinem Vater zu unterzeichnen sei, nicht</span><br/> <span class="ft1">rechtmässig.</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Unabhängig davon, dass die Nichtbefolgung einer unzulässigen</span><br/> <span class="ft1">Auflage keine Kürzung der Sozialhilfeleistung nach sich ziehen</span><br/> <span class="ft1">kann, können Sanktionen gegenüber Sozialhilfeempfängern i.S.v.</span><br/> <span class="ft1">§ 13 Abs. 2 SPG nicht durch die Nichtbefolgung von Weisungen</span><br/> <span class="ft1">durch Angehörige begründet werden (AGVE 2003, S. 286 f.). Beige-</span><br/> <span class="ft1">fügt sei in diesem Zusammenhang, dass eine Sanktion wegen Nicht-</span><br/> <span class="ft1">befolgung von Weisungen (§ 13 Abs. 2 SPG) nur in Frage kommt,</span><br/> <span class="ft1">wenn den Beschwerdegegner daran ein Verschulden trifft</span><br/> <span class="ft1">(vgl. SKOS-Richtlinien, Kapitel A.8.2).</span><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">Somit ist die am 29. November 2007 verfügte Kürzung der</span><br/> <span class="ft1">materiellen Hilfe der Monate November und Dezember 2007 zu Un-</span><br/> <span class="ft1">recht erfolgt und die Auffassung der Vorinstanz, wonach die Auflage</span><br/> <span class="ft1">und Kürzung der Rechtslage nicht entspricht, nicht zu beanstanden.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>