<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para"> </div> <div class="para">Bundesgericht </div> <div class="para">Tribunal fédéral </div> <div class="para">Tribunale federale </div> <div class="para">Tribunal federal </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <img height="74" src="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/displayimage.php?id=2021-08-25-9C_303-2021.1&amp;type=gif" width="95"/> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>9C_303/2021</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Urteil vom 25. August 2021</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>II. sozialrechtliche Abteilung</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Besetzung </div> <div class="para">Bundesrichter Parrino, Präsident, </div> <div class="para">Bundesrichter Stadelmann, </div> <div class="para">Bundesrichterin Moser-Szeless, </div> <div class="para">Gerichtsschreiberin Keel Baumann. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Verfahrensbeteiligte </div> <div class="para">Ausgleichskasse Arbeitgeber Basel, Viaduktstrasse 42, 4051 Basel, </div> <div class="para">Beschwerdeführerin, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">gegen </div> <div class="para"> </div> <div class="para">A.________, </div> <div class="para">vertreten durch Advokat Dr. Philipp Ziegler, </div> <div class="para">Beschwerdegegnerin. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Gegenstand </div> <div class="para">Alters- und Hinterlassenenversicherung, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts Basel-Landschaft vom 11. Februar 2021 (710 20 219 / 40). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Sachverhalt:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.a.</b> A.________ (geboren 1962) wurde der Ausgleichskasse Arbeitgeber Basel (nachfolgend: Ausgleichskasse) im Jahr 2005 als Selbständigerwerbende angeschlossen. Ihr Ehemann B.________ (geboren 1952) geht seit Oktober 2014 keiner Erwerbstätigkeit mehr nach. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.b.</b> Mit Verfügungen vom 9. und 16. Oktober 2017, 8. Oktober 2018 sowie 19. Februar 2020 erhob die Ausgleichskasse die persönlichen Beiträge der A.________ für die Jahre 2015 bis 2018. Am 8. Januar 2019 stellte sie für 2019 entsprechende Akontobeiträge für Selbständigerwerbende in Rechnung. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.c.</b> Am 25. Februar 2020 erliess die Ausgleichskasse für die Jahre 2015 bis 2018 weitere Verfügungen, mit welchen sie A.________ als nicht dauernd voll Erwerbstätige qualifizierte und von ihr Nichterwerbstätigenbeiträge erhob, d.h. auf der Grundlage der Hälfte des ehelichen Vermögens und Renteneinkommens. Gleichzeitig setzte sie auch die entsprechenden Akontobeiträge für die Jahre 2019 und 2020 fest. Die sowohl gegen die Verfügungen (betreffend die Jahre 2015 bis 2018) als auch gegen die Rechnungen (betreffend die Jahre 2019 und 2020) erhobene Einsprache wies die Ausgleichskasse ab, soweit sie darauf eintrat (Entscheid vom 28. April 2020). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.</b> </div> <div class="para">Beschwerdeweise liess A.________ die Aufhebung des Einspracheentscheides und sämtlicher Verfügungen (bzw. Akontorechnungen) vom 25. Februar 2020 beantragen. Mit Urteil vom 11. Februar 2021 hiess das Kantonsgericht Basel-Landschaft die Beschwerde teilweise gut; es hob den Einspracheentscheid vom 28. April 2020 insofern auf, als es die Beitragsverfügungen vom 25. Februar 2020 für die Jahre 2015 bis 2017 aufhob (Dispositiv Ziffer 1 Satz 1). Es wies die Beschwerde insoweit ab, als es den Einspracheentscheid betreffend die für 2018 erhobenen Nichterwerbstätigenbeiträge bestätigte (Satz 2). In Bezug auf die für die Jahre 2019 und 2020 in Rechnung gestellten Akontobeiträge für Nichterwerbstätige trat es auf die Beschwerde nicht ein (Satz 3). Des Weitern verpflichtete es die Kasse, A.________ eine reduzierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 4366.35 (d.h. im Umfange ihres Obsiegens) zu bezahlen (Dispositiv Ziffer 3). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>C.</b> </div> <div class="para">Die Ausgleichskasse führt Beschwerde mit dem Rechtsbegehren, das kantonale Urteil sei insoweit aufzuheben, als die Beitragsverfügungen vom 25. Februar 2020 für die Jahre 2015 bis 2017 aufgehoben worden seien. Der Einspracheentscheid vom 28. April 2020 sei vollumfänglich zu bestätigen und die Verfügungen vom 25. Februar 2020 betreffend die Beitragsjahre 2015 bis 2017 seien wieder in Kraft zu setzen. Zudem sei das angefochtene Urteil auch insoweit aufzuheben, als das kantonale Gericht sie zur Ausrichtung einer Parteientschädigung an A.________ verpflichtet habe. </div> <div class="para">Während A.________ auf Abweisung der Beschwerde schliessen lässt, verzichtet das Bundesamt für Sozialversicherungen auf eine Stellungnahme. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Erwägungen:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten kann wegen Rechtsverletzungen gemäss <span class="artref"><artref id="CH/173.110/95" type="start"></artref>Art. 95 und 96 BGG</span><artref id="CH/173.110/96" type="end"></artref> erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (<span class="artref">Art. 106 Abs. 1 BGG</span>). Es legt seinem Urteil den Sachverhalt zugrunde, den die Vorinstanz festgestellt hat (<span class="artref">Art. 105 Abs. 1 BGG</span>), und kann deren Sachverhaltsfeststellung von Amtes wegen nur berichtigen oder ergänzen, wenn sie offensichtlich unrichtig ist oder auf einer Rechtsverletzung im Sinne von <span class="artref">Art. 95 BGG</span> beruht (<span class="artref">Art. 105 Abs. 2 BGG</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Im angefochtenen Entscheid werden die Beitragspflicht der erwerbstätigen (<span class="artref">Art. 4 ff. AHVG</span>), der nichterwerbstätigen sowie insbesondere auch der nicht dauernd voll erwerbstätigen Versicherten (<span class="artref">Art. 10 AHVG</span>; vgl. auch <span class="artref"><artref id="CH/831.101/28" type="start"></artref>Art. 28 und 28bis AHVV</span><artref id="CH/831.101/28^bis" type="end"></artref>; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=29&amp;from_date=19.08.2021&amp;to_date=07.09.2021&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-V-338%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page338">BGE 140 V 338</a> E. 1) zutreffend wiedergegeben. Richtig dargestellt wurde auch, dass der Rückkommenstitel der Wiedererwägung oder der prozessualen Revision gegeben sein muss, damit eine Kasse auf eine formell rechtskräftige Verfügung zurückkommen kann (<span class="artref">Art. 53 ATSG</span>). Dieser Grundsatz findet rechtsprechungsgemäss auch Anwendung, wenn eine Kasse auf eine formell rechtskräftige Verfügung, mit welcher sie von einer Person Beiträge als Selbständigerwerbende gefordert hat, zurückkommen und die Person neu aufgrund nicht dauernd voller Erwerbstätigkeit zur Bezahlung von Nichterwerbstätigenbeiträgen verpflichten will (Urteil 9C_910/2007 vom 6. Juni 2008 E. 4; vgl. auch Urteile des Eidg. Versicherungsgerichts H 318/01 vom 10. Juli 2003 E. 4 und H 64/98 vom 14. September 1999 E. 3a). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.1.</b> Streitig ist aufgrund der Vorbringen in der Beschwerde allein die Beitragspflicht der Beschwerdegegnerin in den Jahren 2015 bis 2017, worauf sich Dispositiv Ziffer 1 Satz 1 des angefochtenen Urteils bezieht. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.2.</b> Das kantonale Gericht erwog, die Kasse habe die Beschwerdegegnerin in den hier streitigen Jahren 2015 bis 2017 zwar - entgegen ihren früheren Verfügungen - zu Recht als nicht dauernd voll erwerbstätig qualifiziert, weil eine Erwerbstätigkeit während mindestens der halben üblichen Arbeitszeit nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sei. Die Verwaltung hätte aber nicht wiedererwägungsweise auf die ursprünglichen Verfügungen vom 9. und 16. Oktober 2017 sowie 8. Oktober 2018 betreffend persönliche Beiträge für die Jahre 2015 bis 2017 zurückkommen und diese durch die Verfügungen vom 25. Februar 2020 ersetzen dürfen, da die Voraussetzung der zweifellosen Unrichtigkeit (<span class="artref">Art. 53 Abs. 2 ATSG</span>) nicht erfüllt gewesen sei. Es sei weder eine gesetzwidrige Verfügung aufgrund falscher oder unzutreffender Rechtsregeln erlassen noch eine massgebende Bestimmung nicht oder unrichtig angewandt noch eine klare höchstrichterliche Praxis nicht beachtet worden. Aus diesem Grund seien die Beitragsverfügungen vom 25. Februar 2020 betreffend die Jahre 2015 bis 2017 bzw. der sie bestätigende Einspracheentscheid vom 28. April 2020 aufzuheben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.3.</b> Dieser Auffassung kann nicht beigepflichtet werden. Die Verfügungen vom 9. und 16. Oktober 2017 sowie 8. Oktober 2018, mit welchen die Kasse von der Beschwerdegegnerin Beiträge aufgrund ihres Einkommens aus selbständiger Erwerbstätigkeit erhob, waren nach der massgebenden Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt des damaligen Verfügungserlasses (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=29&amp;from_date=19.08.2021&amp;to_date=07.09.2021&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-V-177%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page177">BGE 143 V 177</a> E. 3.5) zweifellos unrichtig: Dass ihr derart tiefe Einkommen (Fr. 22'063.- [2015], Fr. 27'359.- [2016] und Fr. 23'163.- [2017]) gemeldet worden waren, hätte die Kasse veranlassen sollen, die Frage nach dem Vorliegen einer dauernden vollen Erwerbstätigkeit zu prüfen und, da sie zu verneinen war, eine Vergleichsrechnung nach <span class="artref">Art. 28bis Abs. 1 AHVV</span> vorzunehmen. Diese hätte klar ergeben, dass die von der Beschwerdegegnerin in den Jahren 2015 bis 2017 als Selbständigerwerbende zu entrichtenden Beiträge (2015: Fr. 1274.40; 2016: Fr. 1686.-; 2017: Fr. 1358.40) nicht mindestens der Hälfte der von ihr als Nichterwerbstätige geschuldeten Beiträge (2015: Fr. 24'000.-; 2016: Fr. 23'900.-; 2017: Fr. 23'900.-) entsprachen, so dass die Beschwerdegegnerin Beiträge wie eine Nichterwerbstätige zu zahlen gehabt hätte. Neben der Wiedererwägungsvoraussetzung der zweifellosen Unrichtigkeit ist auch jene der Erheblichkeit der Berichtigung erfüllt, übersteigen doch die als Nichterwerbstätige geschuldeten Beiträge die auf dem Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit erhobenen um mehr als Fr. 20'000.- pro Jahr. Es war damit korrekt, dass die Kasse wiedererwägungsweise auf die Verfügungen vom 9. und 16. Oktober 2017 sowie 8. Oktober 2018 zurückkam und diese durch die Verfügungen vom 25. Februar 2020 (bestätigt mit Einspracheentscheid vom 28. April 2020) ersetzte (wobei sie die Beiträge, welche die Beschwerdegegnerin als Selbständigerwerbende bereits bezahlt hatte, in Abzug brachte; <span class="artref">Art. 10 Abs. 3 AHVG</span> in Verbindung mit <span class="artref">Art. 30 AHVV</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.4.</b> Bei dieser Sachlage hält die vorinstanzliche Aufhebung des Einspracheentscheides vom 28. April 2020, soweit dieser die Beitragsverfügungen vom 25. Februar 2020 betreffend die Jahre 2015 bis 2017 zum Gegenstand hatte (Dispositiv Ziffer 1 Satz 1 des angefochtenen Urteils), vor Bundesrecht nicht stand. Gleichzeitig entfällt damit eine Grundlage für die der Beschwerdegegnerin im vorinstanzlichen Verfahren zugesprochene Parteientschädigung (Dispositiv Ziffer 3 des angefochtenen Urteils). Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde der Ausgleichskasse. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>4.</b> </div> <div class="para">Entsprechend dem Prozessausgang werden die Gerichtskosten der Beschwerdegegnerin auferlegt (<span class="artref">Art. 66 Abs. 1 BGG</span>). Der obsiegenden Ausgleichskasse steht keine Parteientschädigung zu (<span class="artref">Art. 68 Abs. 3 BGG</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b> Demnach erkennt das Bundesgericht:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Die Beschwerde wird gutgeheissen. Das Urteil des Kantonsgerichts Basel-Landschaft vom 11. Februar 2021 wird betreffend die Beitragsjahre 2015 bis 2017 (Dispositiv Ziffer 1 Satz 1) sowie betreffend die Parteientschädigung (Dispositiv Ziffer 3) aufgehoben. Der Einspracheentscheid der Ausgleichskasse Arbeitgeber Basel vom 28. April 2020 wird betreffend die Beitragsjahre 2015 bis 2017 bestätigt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Die Gerichtskosten von Fr. 4000.- werden der Beschwerdegegnerin auferlegt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Dieses Urteil wird den Parteien, dem Kantonsgericht Basel-Landschaft und dem Bundesamt für Sozialversicherungen schriftlich mitgeteilt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Luzern, 25. August 2021 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Im Namen der II. sozialrechtlichen Abteilung </div> <div class="para">des Schweizerischen Bundesgerichts </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Der Präsident: Parrino </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Die Gerichtsschreiberin: Keel Baumann </div> </div></body></html>