200 22 500 IV ACT/SCM/WSI Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 1. Dezember 2022 Verwaltungsrichter Ackermann, Kammerpräsident Verwaltungsrichterin Mauerhofer, Verwaltungsrichter Knapp Gerichtsschreiberin Schädeli A.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 29. Juni 2022 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1967 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) meldete sich im Juli 2013 unter Hinweis auf eine Depression und Ess- störung erstmals bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (Akten der IV, Antwortbeilage [AB] 1). Am 30. April 2015 (AB 87) bzw. 6. Mai 2015 (AB 88) verfügte die IV-Stelle Bern (IVB bzw. Beschwerdegegnerin) die Abweisung des Leistungsbegehrens. Auf zwei Neuanmeldungen zum Leistungsbezug vom September 2015 (AB 93) und August 2017 (AB 132) hin verfügte die IVB am 19. Juli 2016 (AB 116) den Abschluss der zunächst gewährten (AB 106) beruflichen Massnahmen (vgl. auch AB 112) und am 28. März 2017 (AB 127) sowie am 24. Oktober 2017 (AB 142) die Renten- bzw. Leistungsablehnung mittels Nichteintre- tens. Nach Eingang eines neuen Leistungsbegehrens vom Juni 2018 (AB 146) zog die IVB unter anderem das polydisziplinäre Gutachten der MEDAS B.________ (B.________ bzw. MEDAS) vom 28. April 2022 (AB 257.1; samt Teilgutachten [AB 257.3-257.5]) bei und wies das Leistungsgesuch nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens (AB 259) mit Verfügung vom 29. Juni 2022 (AB 262) mangels eines Gesundheitsschadens mit inva- lidisierender Wirkung ab. B. Hiergegen erhob die Versicherte am 30. August 2022 Beschwerde. Sie beantragt die Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie die Zuspra- che von IV-Leistungen, insbesondere einer Invalidenrente. Gleichzeitig stellt sie ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege. Mit Beschwerdeantwort vom 20. September 2022 schliesst die Beschwer- degegnerin auf Abweisung der Beschwerde. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 3 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversi- cherungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 29. Juni 2022 (AB 262). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf IV-Leistungen. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Am 1. Januar 2022 sind die Änderungen vom 19. Juni 2020 des IVG (Weiterentwicklung der IV) und weiterer Erlasse (insbesondere des Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 4 ATSG) in Kraft getreten (AS 2021 705). In zeitlicher Hinsicht sind – vor- behältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen – grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgeblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1 S. 370, 144 V 210 E. 4.3.1 S. 213). Zwar datiert die angefochtene Verfügung vom 29. Juni 2022 (AB 262), indessen liegt der Zeitpunkt der potentiellen Entstehung des Rentenanspruchs mit Blick auf die Neuanmeldung vom Juni 2018 (AB 146) vor dem 1. Januar 2022 (vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. b und Art. 29 Abs. 1 IVG), weshalb die Bestimmungen des IVG und diejenigen der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invali- denversicherung (IVV, SR 831.201) in der bis 31. Dezember 2021 gültigen Fassung (fortan: aArt.) massgebend sind (vgl. auch Rz. 9100 f. des Kreis- schreibens des Bundesamts für Sozialversicherungen [BSV] über Invalidität und Rente in der Invalidenversicherung [KSIR]; zur Bedeutung von Verwal- tungsweisungen vgl. BGE 147 V 79 E. 7.3.2 S. 82, 146 V 224 E. 4.4.2 S. 228). 2.2Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Massgebend ist – im Unterschied zur Ar- beitsunfähigkeit – nicht die Arbeitsmöglichkeit im bisherigen Tätigkeitsbe- reich, sondern die nach Behandlung und Eingliederung verbleibende Er- werbsmöglichkeit in irgendeinem für die betroffene Person auf dem ausge- glichenen Arbeitsmarkt in Frage kommenden Beruf. Der volle oder bloss teilweise Verlust einer solchen Erwerbsmöglichkeit gilt als Erwerbsunfähig- keit (BGE 130 V 343 E. 3.2.1 S. 346). 2.3Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden kön- nen auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 ATSG). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch nicht gesagt, dass dieser auch invalidisierenden Charakter hat. Ob dies zutrifft, beurteilt sich Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 5 gemäss dem klaren Gesetzeswortlaut nach dem Einfluss, den der Gesund- heitsschaden auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit hat. Entscheidend ist, ob der versicherten Person wegen des geklagten Leidens nicht mehr zu- mutbar ist, ganz oder teilweise zu arbeiten. Deshalb gilt eine objektivierte Zumutbarkeitsprüfung unter ausschliesslicher Berücksichtigung von Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung (BGE 142 V 106 E. 4.4 S. 110). Die Sachverständigen sollen die Diagnose so begründen, dass die Rechtsan- wender nachvollziehen können, ob die klassifikatorischen Vorgaben tatsächlich eingehalten sind (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 141 V 281 E. 2.1.1 S. 285). Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung erfolgt die Prüfung, ob ein psychischer Gesundheitsschaden eine rentenbegründende Invalidität zu bewirken vermag, schliesslich anhand eines strukturierten normativen Prüfungsrasters (BGE 143 V 418 E. 7 S. 427, 141 V 281 E. 4.1 S. 296). Dies gilt für sämtliche psychischen Störungen (BGE 143 V 418 E. 7.2 S. 429). 2.4 2.4.1Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades bereits einmal verweigert, so wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die versicherte Person glaubhaft macht, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (Art. 87 Abs. 2 und 3 IVV). Dies gilt analog, wenn die versicherte Person nach vorausge- gangener rechtskräftiger Ablehnung erneut eine Eingliederungsmassnah- me beantragt (BGE 113 V 22 E. 3b S. 27; ZAK 1991 S. 262 E. 1a). Erheb- lich ist eine Sachverhaltsänderung, wenn angenommen werden kann, der Anspruch auf eine Invalidenrente (oder deren Erhöhung) sei begründet, falls sich die geltend gemachten Umstände als richtig erweisen sollten (SVR 2014 IV Nr. 33 S. 121 E. 2). 2.4.2Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung oder das Revisions- gesuch ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu verge- wissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Verände- rung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich eingetreten ist. Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andern- falls hat sie zusätzlich noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 6 genügt, um nunmehr eine rentenbegründende (bzw. anspruchsrelevant höhere) Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Be- schwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Ge- richt (BGE 117 V 198 E. 3a S. 198; SVR 2008 IV Nr. 35 S. 117 E. 2.1). Liegt eine erhebliche Änderung des Sachverhalts vor, ist der Rentenan- spruch in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht allseitig, d.h. unter Berück- sichtigung des gesamten für die Leistungsberechtigung ausschlaggeben- den Tatsachenspektrums neu und ohne Bindung an frühere Invaliditäts- schätzungen zu prüfen (BGE 141 V 9 E. 2.3 S. 11, 117 V 198 E. 4b S. 200; SVR 2021 IV Nr. 36 S. 110 E. 3.1). 2.4.3Ob eine anspruchsbegründende Änderung in den für den Invali- ditätsgrad erheblichen Tatsachen eingetreten ist, beurteilt sich im Neuan- meldungsverfahren – analog zur Rentenrevision nach Art. 17 Abs. 1 ATSG – durch Vergleich des Sachverhaltes, wie er im Zeitpunkt der letzten mate- riellen Beurteilung und rechtskräftigen Ablehnung bestanden hat, mit demjenigen zur Zeit der streitigen neuen Verfügung (BGE 133 V 108 E. 5.3 S. 112; 130 V 71 E. 3.2.3 S. 77; AHI 1999 S. 84 E. 1b). 2.5Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüg- lich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99; SVR 2021 IV Nr. 54 S. 181 E. 2.3). 3. 3.1Die Beschwerdegegnerin ist auf die Neuanmeldung vom Juni 2018 (AB 146) eingetreten, weshalb die Eintretensfrage praxisgemäss nicht zu überprüfen ist (BGE 109 V 108 E. 2b S. 114). Indes ist durch einen Ver-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 7 gleich des Sachverhalts im Zeitpunkt der leistungsabweisenden Verfügung vom 6. Mai 2015 (AB 88) mit demjenigen bei Erlass der nunmehr angefoch- tenen Verfügung vom 29. Juni 2022 (AB 262) zu prüfen, ob in den tatsäch- lichen Verhältnissen eine wesentliche Änderung eingetreten ist, die geeig- net ist, den Invaliditätsgrad in anspruchsbegründender Weise zu beeinflus- sen (vgl. E. 2.4.2 hiervor). Es kann offenbleiben, ob Vergleichszeitpunkt allenfalls die Verfügung vom 28. März 2017 (AB 127) bildet, welche eine Leistungsverweigerung wegen nicht erfüllter Mitwirkungspflicht beinhaltete (mit der Folge, dass die nun erfolgte Mitwirkung Neuanmeldungsgrund wä- re [vgl. Entscheid des Bundesgerichts {BGer} vom 22. März 2022, 8C_404/2021, E. 5.2.1]), da dies am Ergebnis nichts ändert (E. 3.6 hier- nach). Revisionsrechtlich nicht massgebend ist jedenfalls die Verfügung vom 24. Oktober 2017 (AB 142), da damals ein Nichteintreten, mithin keine materielle Beurteilung, erfolgte (vgl. E. 2.4.3 hiervor). 3.2Zur Zeit der leistungsabweisenden Verfügung vom 6. Mai 2015 (AB 88) präsentierte sich der medizinische Sachverhalt hauptsächlich wie folgt: Nach einer psychiatrischen Untersuchung durch den Regionalen Ärzt- lichen Dienst (RAD) vom 16. Januar 2014 (AB 38), einer erfolgten Arbeits- marktlichen Abklärung (AMA; AB 70) sowie einer weiteren psychiatrischen RAD-Stellungnahme vom 23. Juli 2014 (AB 58) hielt die RAD-Ärztin Dr. med. C.________, Fachärztin für Arbeitsmedizin und praktische Ärztin, in der medizinischen Dokumentation zur AMA vom 6. August 2014 nachste- hende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (AB 63/3): •rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert, ICD-10 F33.4 •Status nach Essattacken bei anderen psychischen Störungen ICD-10 F50.4, Binge-Eating Symptomatik, gegenwärtig remittiert •Status nach zweimaligem Suizidversuch (02/2012, 04/2013) •akzentuierte perfektionistische Persönlichkeitszüge ICD-10 Z73.1 Die angestammte Tätigkeit als ... sei weiterhin zumutbar, wobei die Be- schwerdeführerin in einem Bereich eingesetzt werden sollte, in dem es nicht um ... oder ... gehe, in dem kein hoher Anspruch bestehe, Schönheits- idealen gerecht zu werden, und aufgrund der durchlaufenen Essstörung ohne Einsatz im Bereich von Lebensmitteln. Die Beschwerdeführerin brau- che ein wertschätzendes Umfeld, es müsse darauf geachtet werden, dass sie sich aufgrund ihrer eigenen hohen Ansprüche an sich selbst nicht über- fordere, da sonst die Gefahr einer erneuten depressiven Dekompensation Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 8 mit suizidalen Krisen und erneutem Auftreten einer Essstörung bestehe. Alle Arbeiten mit einer hohen emotionalen Belastung und Stress seien wei- terhin nicht zumutbar, daher seien auch Tätigkeiten im sozialen Bereich nicht geeignet. Die funktionellen Einschränkungen wirkten sich in unter- schiedlichen Arbeitsbereichen gleichartig aus. Ein Ganztagespensum sei weiterhin medizinisch-theoretisch zumutbar (AB 63/5). 3.3Der angefochtenen Verfügung vom 29. Juni 2022 (AB 262) lag in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen das MEDAS-Gutachten vom 28. April 2022 (AB 257.1) samt Teilgutachten (AB 257.3-257.5) zugrunde. Nach Untersuchungen im internistischen, neurologischen und psychiatri- schen Fachbereich stellten die Expertinnen im Rahmen der interdiszi- plinären Gesamtbeurteilung die folgenden Diagnosen (AB 257.1/6 Ziff. 4.2): Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: •Rezidivierende depressive Störung, derzeit remittiert (ICD-10 F33.4) Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: •Episodische Migräne ohne Aura •Anamnestisch radikuläre Schmerzen und sensible Reizsymptomatik L5 links (November 2020) bei degenerativen Veränderungen der LWS •Binge-Eating-Disorder, derzeit remittiert (ICD-10 F50.9) •Metabolisch assoziierte Fettlebererkrankung (MASLD) •Metabolisches Syndrom •Makrozytose und Hyperchromie •Folsäuremangel •Vitamin D-Mangel •Verdacht auf Food Protein Induced Enterocolitis Syndrom auf Muscheln und Crevetten Die Arbeitsfähigkeit betrage seit dem Jahr 2012 sowohl in der bisherigen wie auch in einer angepassten Tätigkeit 50 % (4.25 Stunden ohne Leis- tungsminderung), wobei während der folgenden Zeiträume jeweils im Rahmen der stationären bzw. teilstationären Behandlungen eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden habe: vom 22. bis 26. Februar 2012, vom 22. April bis 27. Mai 2013, vom 29. Mai bis 2. Oktober 2013, vom 7. Okto- ber 2013 bis 7. Februar 2014 und vom 21. März bis 10. August 2018. Aus- serdem sei in der bisherigen Tätigkeit von Oktober 2020 bis Januar 2021 sowie in einer angepassten Tätigkeit von Dezember 2020 bis März 2021 je von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen (AB 257.1/8 Ziff. 4.7 und 4.8). Die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit leite sich ausschliesslich aus dem psychiatrischen Fachgebiet ab (AB 257.1/8 Ziff. 4.9).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 9 3.4Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strit- tigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einan- der widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledi- gen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 125 V 351 E. 3a S. 352). Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi- nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag- gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei- nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 126, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). 3.5Das MEDAS-Gutachten vom 28. April 2022 (AB 257.1) samt Teilgutachten (AB 257.3-257.5) erfüllt hinsichtlich Befunde und Diagnosen die Anforderungen an den Beweiswert einer medizinischen Expertise (E. 3.4 hiervor). Die darin enthaltenen Ausführungen und Feststellungen beruhen auf eingehenden fachärztlichen Abklärungen und sind in Kenntnis der Vorakten sowie unter Berücksichtigung der geklagten Beschwerden getroffen worden. Basierend darauf haben die Expertinnen die medizini- schen Befunde und die zu stellenden Diagnosen nachvollziehbar und ein- leuchtend dargestellt. Der gutachterlichen Beurteilung kommt insoweit volle Beweiskraft zu und es kann grundsätzlich darauf abgestellt werden. 3.5.1Zwischen den Parteien ist zu Recht unbestritten, dass die Be- schwerdeführerin aus somatischen Gründen nicht in der Arbeits- und Leis- tungsfähigkeit eingeschränkt ist (AB 257.1/8 Ziff. 4.9). Schlüssig und nach- vollziehbar hielten die Gutachterinnen fest, dass den internistischen und Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 10 neurologischen Diagnosen kein Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit beizumes- sen ist (AB 257.3/7 Ziff. 6, 257.4/7 Ziff. 6). 3.5.2In psychischer Hinsicht führte die MEDAS-Expertin nach sorgfäl- tiger Anamnese- und Befunderhebung (AB 257.5/2 ff. Ziff. 3 f.) samt zu- sätzlich durchgeführter Testverfahren (AB 257.5/8 f.) einleuchtend und nachvollziehbar aus, dass im Gutachtenszeitpunkt ein blander psychopa- thologischer Befund vorlag (AB 257.5/10). Die Beschwerdeführerin berich- tete von einer positiven Stimmung, davon, Freude zu empfinden und sich für unterschiedliche Dinge zu interessieren; der Antrieb sei nicht reduziert und sie könne sich (wieder) relativ gut konzentrieren. Ausserdem nannte sie keine Besonderheiten bezüglich Appetit, Essen oder Schlaf (AB 257.5/4; vgl. hierzu auch DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT/SCHULTE- MARKWORT [Hrsg.], Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Diagnostische Kriterien für Forschung und Praxis, 6. Aufl. 2016, S. 117 f.; DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT [Hrsg.], Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch- diagnostische Leitlinien, 10. Aufl. 2015, S. 169 ff.). Ebenfalls in schlüssiger und nachvollziehbarer Weise führte die MEDAS-Expertin aus, dass im Jahr 2012 erstmalig eine depressive Episode aufgetreten sei, in welchem Zu- sammenhang es zu einem ersten und nachfolgend ein halbes bis ein Jahr später zu einem zweiten Suizidversuch gekommen sei (AB 257.5/9 Ziff. 6, vgl. hierzu AB 13/6, 28/3 Ziff. 1.4, 34/2). Gleichsam zu überzeugen vermag die gutachterliche Einschätzung, wonach die aktenanamnestisch im weite- ren Verlauf diagnostizierten depressiven Episoden jeweils nachvollziehbar seien (AB 257.5/10), steht dies doch in Einklang mit den jeweiligen Be- handlungsunterlagen (vgl. AB 18/1, 25/2, 25/6, 28/2 Ziff. 1.1, 105/1, 156/1, 208/1). Schliesslich ist auch die von der MEDAS-Expertin gestellte Diagno- se einer rezidivierenden depressiven Störung, derzeit remittiert (ICD-10 F33.4; AB 257.5/10), schlüssig dargetan. 3.5.3Mit der als einzigen Diagnose «mit Einfluss auf die Arbeitsfähig- keit» gestellten remittierten depressiven Störung (AB 257.1/6 Ziff. 4.2.1) und einem blanden psychopathologischen Befund (AB 257.5/10) liegt kein Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (vgl. BGE 148 V 49) und in der Folge keine Invalidität im Sinne des Gesetzes vor, da Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 11 die Invalidität gemäss Art. 4 Abs. 1 IVG Folge eines Gesundheitsschadens sein muss. Insoweit besteht von vornherein kein Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung. 3.5.4Die Gutachterin begründet die von ihr trotz des relativ stabilen Befundes attestierte 50%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit damit, dass die bisher nach psychischen Dekompensationen jeweils eingetrete- nen Remissionen lediglich phasenweise bestanden hätten und hielt fest, für eine erneute Dekompensation scheine jeweils eine vermehrte Belastungs- situation mit schnellem Überforderungserleben und zu hohen eigenen An- sprüchen im Rahmen von Arbeitsversuchen verantwortlich zu sein (AB 257.5/10, 257.5/12 Ziff. 7.4, 257.5/15). Eine schlüssige Begründung für eine medizinische Basis einer allfälligen neuerlichen Dekompensation ist nicht ersichtlich. Eingliederungsmassnahmen können gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG zwar auch für von einer Invalidität bedrohte Versicherte in Betracht fallen, indessen muss der hierfür vorausgesetzte Eintritt einer Erwerbsun- fähigkeit (E. 2.2 hiervor) überwiegend wahrscheinlich erstellt sein (Art. 1novies IVV; vgl. zum Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlich- keit BGE 144 V 427 E. 3.2 S. 429), was hier nicht der Fall ist, denn gemäss den Gutachterinnen "scheint" es allein, dass eine vermehrte Belastungssi- tuation für eine Dekompensation verantwortlich sei (AB 257.1/7 Ziff. 4.3); damit ist jedoch der notwendige Beweisgrad für das Bestehen dieses Um- standes nicht erreicht. Aus dem gleichen Grund ist nicht mit dem notwendi- gen Beweisgrad erstellt, dass die Beschwerdeführerin die berufliche Tätig- keit nur unter der Gefahr, ihren Gesundheitszustand zu verschlimmern, verrichten könnte und deshalb als arbeitsunfähig zu gelten hätte (vgl. BGE 130 V 343 E. 3.1 S. 345; SVR 2021 IV Nr. 47 S. 153 E. 6.1). 3.6Zusammenfassend ist das Vorliegen eines invalidisierenden Ge- sundheitsschadens zu verneinen, womit die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung hat. Dies gilt auch für die Zeit der Hospitalisationen, massgeblich für diejenige des Aufenthaltes in den psychiatrischen Diensten D.________ vom 13. Oktober 2020 bis 19. Januar 2021 (AB 208), war doch das sogenannte Wartejahr als eine der Voraussetzungen zur Entstehung eines Rentenanspruchs nicht erfüllt, weil die Beschwerdeführerin nicht während eines Jahres ohne wesentli-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 12 chen Unterbruch durchschnittlich zu mindestens 40 % arbeitsunfähig ge- wesen war (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG), während Eingliederungsmassnahmen nicht rückwirkend gewährt werden können. Die Frage, ob vorliegend der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (vgl. E. 2.4.1 hiervor), stellt sich deshalb hier gar nicht. Im Übrigen be- darf es bei dieser Ausgangslage auch keiner abschliessenden Prüfung an- hand des strukturierten normativen Prüfungsrasters (vgl. E. 2.3 hiervor). Immerhin sei diesbezüglich erwähnt, dass sich erhebliche tägliche Akti- vitäten finden (vgl. AB 257.3/4, 257.4/4, 257.5/6), die Beschwerdeführerin regelmässig ... macht (vgl. AB 257.3/5, 257.4/5, 257.5/6) und diverse Res- sourcen bestehen (vgl. AB 208/2, 257.3/9 Ziff. 7.4). Zudem liesse sich die psychiatrische Therapie – namentlich auch vorbeugend mit dem Ziel des frühzeitigen Erkennens und Verhinderns bzw. besseren Bewältigens einer drohenden bzw. eingetretenen Überforderungssituation – intensivieren und optimieren. 4. Nach dem Dargelegten ist die angefochtene Verfügung vom 29. Juni 2022 (AB 262) nicht zu beanstanden und die dagegen erhobene Beschwerde abzuweisen. 5. 5.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unab- hängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festzule- gen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, werden entspre- chend dem Ausgang des Verfahrens der Beschwerdeführerin – vorbehält- lich der Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (vgl. E. 5.3 hiernach) – zur Bezahlung auferlegt (Art. 108 Abs. 1 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 13 5.2Bei diesem Verfahrensausgang besteht kein Anspruch auf eine Par- teientschädigung (Umkehrschluss aus Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG). 5.3Auf Gesuch hin befreit die Verwaltungsjustizbehörde eine Partei von den Kosten- und allfälligen Vorschuss- sowie Sicherstellungspflichten, wenn die Partei nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und ihr Rechts- begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 111 Abs. 1 VRPG). Die Prozessarmut ist ausgewiesen (Beschwerdebeilage [BB] 2). Weiter ist die Beschwerde nicht als aussichtslos zu qualifizieren, womit die Voraus- setzungen für die Erteilung des Rechts auf unentgeltliche Rechtspflege betreffend die Verfahrenskosten erfüllt sind. Demnach ist das entsprechen- de Gesuch gutzuheissen und die Beschwerdeführerin – unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht gemäss Art. 123 der Schweizerischen Zivilprozess- ordnung vom 19. Dezember 2008 (ZPO; SR 272) – von der Zahlungspflicht der Verfahrenskosten (vgl. E. 5.1 hiervor) zu befreien (Art. 113 VRPG). Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege betreffend die Verfah- renskosten wird gutgeheissen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdeführerin zur Bezahlung auferlegt. Aufgrund der gewährten unentgeltlichen Rechtspflege wird die Beschwerdeführerin – unter Vorbehalt der Nach- zahlungspflicht gemäss Art. 123 ZPO – jedoch von der Zahlungspflicht befreit. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Zu eröffnen (R):Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Dez. 2022, IV/22/500, Seite 14 - A.________ - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen - Steuerverwaltung des Kantons Bern, Bereich Inkasso, Postfach 8334, 3001 Bern Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.