Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 10. Januar 2017 (470 16 286) ____________________________________________________________________ Strafprozessrecht Verfahrenseinstellung Anforderungen an die Vollständigkeit der Untersuchung bei Fahrlässigkeitsdelikten Untersuchungsbeauftrage und Polizei (im Falle der Delegation) haben unter der Leitung der zuständigen Staatsanwältin resp. des zuständigen Staatsanwalts Untersuchungs- handlungen vorzunehmen. Besetzung Präsident Enrico Rosa, Richter Peter Tobler (Ref.), Richter Stephan Gass; Gerichtsschreiberin Nicole Schneider Parteien A.____ vertreten durch Fürsprecher Herbert Bracher, Bielstrasse 9, Postfach 1953, 4502 Solothurn, Beschwerdeführer gegen Staatsanwaltschaft Basel -Landschaft , Allgemeine Hauptabteilung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Beschwerdegegnerin Gegenstand Verfahrenseinstellung Beschwerde gegen die Verfügung der Staatsanwaltschaft Basel- Landschaft vom 2. November 2016 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Am 25. August 2014 um ca. 8:00 Uhr stürzte A.____ w ährend der Arbeit auf einer Bau- stelle der B.____ AG in X.____ wegen zwei fehlender Bodenkonsolen vom Baugerüst etwa 6 Meter in die Tiefe und zog sich dabei schwere Ver letzungen zu. Die Staatsanwaltschaft Ba- sel-Landschaft (nachfolgend Staatsanwaltschaft) ste llte das im Zusammenhang mit diesem Ar- beitsunfall eröffnete Strafverfahren mit Verfügung vom 2. November 2016 in Anwendung von Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO ein und verwies die Zivilklage auf den Zivilweg. Die Verfahrenskosten wurden dem Staat auferlegt. Mit Bezug auf die Entsc hädigung des unentgeltlichen Rechtsbei- standes ordnete die Staatsanwaltschaft an, dass in einer separaten Verfügung darüber ent- schieden werde. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten durc h Fürsprecher Herbert Bracher, mit Eingabe vom 14. November 2016 Beschwerde. Er beantr agt, es sei die Einstellungsverfügung aufzuheben und die Staatsanwaltschaft anzuweisen, d ie Strafuntersuchung betreffend den Ar- beitsunfall vom 25. August 2014 in X.____ beförderl ich an die Hand zu nehmen, unter o/e Kos- tenfolge. Eventualiter sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. C. Die Staatsanwaltschaft beantragte mit Stellungnahm e vom 25. November 2016 die Be- schwerde abzuweisen und die Kosten des Beschwerdeve rfahrens dem Beschwerdeführer auf- zuerlegen. Auf die Begründung der angefochtenen Verfügung sowi e die Ausführungen der Parteien wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Erwägungen I. Formelles 1. Die Beschwerde ist gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. a S tPO zulässig gegen Verfügungen und Verfahrenshandlungen von Polizei, Staatsanwaltschaf t und Übertretungsstrafbehörden. Ge- mäss Art. 393 Abs. 2 StPO können Rechtsverletzungen , die falsche Feststellung des Sachver- halts sowie Unangemessenheit gerügt werden. Da mit der Beschwerde alle Mängel des ange- fochtenen Entscheides geltend gemacht werden können , verfügt die Rechtsmittelinstanz über volle Kognition (P ATRICK GUIDON , Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 393 N 15). Die Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beschwerdefrist gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide beträgt zehn Tage, wobei die Beschwerde schriftlich und begründet bei der Be schwerdeinstanz einzureichen ist (Art. 322 Abs. 2 i.V.m. Art. 396 Abs. 1 StPO). Zur Beschwerde berechtigt ist jede Partei, die ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Abänder ung der angefochtenen Verfügung hat (Art. 322 Abs. 2 i.V.m. Art. 382 Abs. 1 StPO). 2. Die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft v om 2. November 2016 stellt ein taug- liches Anfechtungsobjekt dar. Sie wurde dem Beschwe rdeführer am 3. November 2016 zuge- stellt. Die 10-tägige Beschwerdefrist endete gestüt zt auf Art. 90 Abs. 2 StPO am Montag, 14. November 2016. Die Beschwerdefrist wurde demnach mi t der Eingabe des Beschwerdeführers vom 14. November 2016, die auch gleichentags bei de r Post zum Versand aufgegeben wurde, gewahrt. Mit Eingabe vom 2. November 2015 konstituierte sich der Beschwerdeführer im vorlie- genden Strafverfahren als Privatkläger (act. 161). Er ist daher durch die angefochtene Verfü- gung offensichtlich beschwert und mithin zur Beschw erde berechtigt. Die Zuständigkeit der Dreierkammer des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, als Beschwer- deinstanz ist gemäss § 15 Abs. 2 des Einführungsgesetzes zur Strafprozessordnung (EG StPO; SGS 250) ebenfalls gegeben. Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. II. Materielles 1. Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Einstellungsver fügung vom 2. November 2016 auf Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO. In der Begründung dies er Verfügung weist sie zunächst darauf hin, dass als Hauptursache des Unfalls vom 25. August 20 14 unbestrittenermassen das Fehlen von Bodenkonsolen im ungesicherten Gerüstbereich auf de n Etagen 3 - 5 anzusehen sei. Durch diese Lücke im Gerüst sei der Privatkläger hinunter gefallen. Aufgrund der unterschiedlichen Aussagen habe im Untersuchungsverfahren aber nicht geklärt werden können, wie resp. von wo aus der Privatkläger auf die Innenseite des Gerü sts (zur Fassade hin) gelangt sei und vor allem weshalb er sich für die Erledigung seiner Auf gabe ohne eine persönliche Schutzausrüs- tung in diesem ungesicherten Bereich des Gerüsts au fgehalten habe. Es stehe indessen fest, dass sich der Privatkläger vor dem Betreten des ung eschützten Bereichs nicht vergewissert habe, ob sämtliche Bodenkonsolen im Gerüst eingebracht gewesen seien. Gemäss Art. 49 Abs. 1 der Bauarbeitenverordnung (BauAV) seien Baugerüst e durch jeden Benützer täglich einer Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Sichtkontrolle zu unterziehen und dürften bei Mänge ln nicht benützt werden. Gemäss Art. 11 der Verordnung über die Unfallverhütung (VUV) müsse sodann ein Arbeitnehmer die allgemein anerkannten Sicherheitsregeln berücksichtigen und Mängel, welche die Arbeitssicherheit beein- trächtigen könnten, sogleich nach deren Feststellun g beheben bzw. unverzüglich dem Arbeit- geber melden. Die beiden auf der 5. Gerüstetage feh lenden jeweils 30 cm breiten Bodenkonso- len seien auf dem gesicherten Bereich des Gerüsts a bgelegt worden. Dies sei selbst für Laien unübersehbar gewesen. Der Privatkläger habe zum Unf allzeitpunkt bereits seit mehreren Jah- ren auf Baustellen gearbeitet. Es sei ihm daher bek annt gewesen, dass es in der Praxis häufig zu Veränderungen am Baugerüst komme. Aufgrund seine r langjährigen Erfahrung auf Baustel- len und Gerüsten seien ihm auch die Gefährlichkeit der Arbeit auf Baugerüsten und die prinzipi- elle Gefahr eines Absturzes bekannt gewesen. Deshal b hätte der Privatkläger besonders um- sichtig sein sollen, als er vom gesicherten zum ung esicherten Bereich gegangen sei. Der Pri- vatkläger hätte gestützt auf die beiden erwähnten Vorschriften das Gerüst vor Arbeitsbeginn auf allfällige augenscheinliche Mängel überprüfen müssen. Der Privatkläger habe am Unfalltag sel- ber gegen elementare Sicherheitsvorschriften verstossen. Das Fehlen von zwei Bodenkonsolen stelle überdies eine derart offensichtliche Gefahre nquelle dar, dass es schlicht nicht nachvoll- ziehbar sei, weshalb der Privatkläger sie übersehen habe. Das Verhalten des Privatklägers - nämlich das äusserst unvorsichtige Betreten des ung esicherten Gerüstbereichs, ohne vorher zumindest eine visuelle Kontrolle der Bodenkonsolen vorzunehmen - sei als wesentlichste und unmittelbarste Ursache des Unfalls anzusehen. Weder die Bauführung noch der Vorgesetzte hätten vom berufserfahrenen Privatkläger mit einem solch unachtsamen Verhalten auf dem Baugerüst rechnen müssen. Das erhebliche Mitverschu lden des Verletzten lasse eine allfällige Sorgfaltspflichtverletzung der Bauführung bzw. seines Vorgesetzten oder anderer Drittpersonen derart in den Hintergrund treten, dass der adäquate Kausalzusammenhang unterbrochen wer- de. Ein Drittverschulden im strafrechtlichen Sinne, das ursächlich für die Verletzungen des Pri- vatklägers sei, liege nicht vor. Es sei also kein S traftatbestand, insbesondere auch nicht Art. 125 StGB erfüllt, weshalb das Strafverfahren in Anw endung von Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO ein- zustellen sei. 2. Der Beschwerdeführer wehrt sich gegen diese Einste llung. Im Wesentlichen macht er geltend, dass im strafrechtlichen Untersuchungsverfahren abzuklären sei, ob sich eine Drittper- son für den Unfall vom 25. August 2014 resp. für di e damals erlittenen Verletzungen und damit Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung gemäss Art. 125 StGB zu verantworten habe. Dieser Straftatbestand setze voraus, dass der Täter seine Sorgfaltspflicht verletzt habe und dass sein Verhalten geeignet sei, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen herbe izuführen oder zu begünstigen. Der Be- schwerdeführer stellt sich auf den Standpunkt, dass sein Arbeitgeber sowie die weiteren für die Sicherheit der Arbeitnehmer auf der Baustelle zuständigen Personen gemäss Art. 6 Abs. 1 VUV für Massnahmen zur Verhütung eines Absturzes zu sor gen hätten. Der Arbeitgeber habe ge- mäss Art. 6 Abs. 3 VUV auch dafür zu sorgen, dass s eine Arbeitnehmer alle Arbeitssicher- heitsmassnahmen strengstens einhalten. Trotz dieser Verpflichtung seien die notwendigen Massnahmen zur Unfallverhütung weder von seinem Arb eitgeber resp. von seinem Vorgesetz- ten, noch von den verantwortlichen Personen der Fir ma C.____ AG, der D.____ GmbH bzw. vom Bauführer, E.____, getroffen worden. Damit hätt en sie aber ihre Sorgfaltspflicht verletzt. Die Staatsanwaltschaft habe es im vorliegenden Fall gänzlich unterlassen, ein allfälliges pflichtwidriges Fehlverhalten der zuvor genannten V erantwortlichen zu prüfen. Ohne vollständi- ge Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts dü rfe aber nicht einfach ein den Kausalzu- sammenhang unterbrechendes Selbstverschulden angenommen werden. 3.1 Gemäss Art. 319 Abs. 1 StPO stellt die Staatsanwal tschaft ein Strafverfahren vollständig oder teilweise ein, wenn sich kein Tatverdacht erhärtet, der eine Anklage rechtfertigt (lit. a), kein Straftatbestand erfüllt ist (lit. b), Rechtfertigun gsgründe einen Straftatbestand unanwendbar machen (lit. c), Prozessvoraussetzungen definitiv n icht erfüllt werden können oder Prozesshin- dernisse aufgetreten sind (lit. d) oder nach gesetz licher Vorschrift auf Strafverfolgung oder Be- strafung verzichtet werden kann (lit. e). Dabei han delt es sich nicht um eine abschliessende Aufzählung von Einstellungsgründen. Erscheint ein Gerichtsverfahren aus anderen Gründen als aussichtslos, ist dieses einzustellen. Im Übrigen v erstehen sich die Gründe gemäss Art. 319 Abs. 1 lit. a - d StPO als zwingend und führen somi t ausnahmslos zur Einstellung des Verfah- rens (R OLF GRÄDEL /MATTHIAS HEINIGER , Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 319 N 5 f.). 3.2 Eine Einstellung gemäss Art. 319 Abs. 1 lit. b StP O ist dann zu verfügen, wenn kein Straftatbestand erfüllt ist, wenn also das inkrimin ierte Verhalten, selbst wenn es nachgewiesen wäre, den objektiven und subjektiven Tatbestand einer Strafnorm nicht erfüllt und deshalb nach der gesamten Aktenlage ein Freispruch zu erwarten i st. Die Einstellung kann namentlich auch Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht dann erfolgen, wenn bloss ein Tatbestandselement ga nz offensichtlich nicht gegeben ist. Bei der Prüfung dieser Voraussetzungen hat die Staatsan waltschaft den Grundsatz „ in dubio pro duriore“ zu beachten, d.h. sie muss im Zweifelsfalle, insbesond ere bei Ermessensfragen und bei rechtlich nicht klar gelösten Streitfragen, Ank lage erheben. Gleich verhält es sich, wenn Auslegungs- oder Wertungsfragen zu beurteilen sind. Solche Fragen sind vom Strafgericht zu entscheiden (N ATHAN L ANDSHUT /THOMAS BOSSHARD , Zürcher Kommentar StPO, Art. 319 N 19 f.; ROLF GRÄDEL /MATTHIAS HEINIGER , a.a.O., Art. 319 N 9). Im vorliegenden Fall ist also zu prüfen, ob tatsäch lich kein Straftatbestand erfüllt resp. ob - in Anbetracht der Verletzungen, die der Beschwerdeführ er erlitten hat - Art. 125 StGB oder ein Tatbestandselement dieser Strafnorm ganz offensichtlich nicht gegeben ist. 4.1 Fahrlässige Körperverletzung gemäss Art. 125 StGB liegt dann vor, wenn ein Mensch am Körper oder an der Gesundheit geschädigt wird. Der Täter ist diesfalls auf Antrag zu bestra- fen (Abs. 1). Ist die Schädigung schwer, so wird de r Täter von Amtes wegen verfolgt (Abs. 2). Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder ein Vergehen, wer die Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rücksicht nimmt. Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht beachtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Verhältnissen verpflic htet ist (Art. 12 Abs. 3 StGB). Der Aus- gangspunkt aller Vorsichts- bzw. Sorgfaltspflichten liegt im prinzipiellen Verbot, fremde Rechts- güter zu gefährden. Wo besondere Normen ein bestimm tes Verhalten gebieten, bestimmt sich das Mass der im Einzelfall zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie nach diesen Vorschriften. Das Gleiche gilt für entsprechende allgemein anerka nnte Verhaltensregeln (in Form von Emp- fehlungen, Richtlinien, Merkblättern usw.), auch we nn diese keine Rechtsnormen darstellen. Das schliesst nicht aus, dass der Vorwurf der Fahrl ässigkeit auch auf allgemeine Rechtsgrund- sätze wie etwa den allgemeinen Gefahrensatz gestütz t werden kann. Danach hat derjenige, welcher eine gefährliche Handlung ausführt, alles Z umutbare vorzukehren, damit die Gefahr nicht zu einer Verletzung fremder Rechtsgüter führt (BGE 134 IV 193 E. 7.2). Das Verhalten des Täters ist dann sorgfaltswidrig, wenn er im Zei tpunkt der Tat aufgrund der Umstände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten die Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte vorausse- hen bzw. erkennen können und müssen (vgl. BGE 135 IV 56 E. 2 f.). Für die Beantwortung die- ser Frage gilt der Massstab der Adäquanz. Der adäqu ate Kausalzusammenhang ist dann ge- geben, wenn das Verhalten des Täters nach dem gewöh nlichen Lauf der Dinge und den Erfah- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht rungen des Lebens geeignet ist, einen Erfolg wie de n eingetretenen herbeizuführen oder min- destens zu begünstigen. Die Adäquanz ist nur dann z u verneinen, wenn ganz aussergewöhnli- che Umstände, wie das Mitverschulden des Opfers bez iehungsweise eines Dritten oder Materi- al- oder Konstruktionsfehler, als Mitursache hinzut reten, mit denen schlechthin nicht gerechnet werden musste und die derart schwer wiegen, dass si e als wahrscheinlichste und unmittelbars- te Ursache des Erfolgs erscheinen und so alle ander en mitverursachenden Faktoren, nament- lich das Verhalten des Beschuldigten, in den Hinter grund drängen (vgl. BGE 135 IV 56 E. 2 f. und 134 IV 193 E. 7.3). 4.2 Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat der Beschw erdeführer ein derart erhebliches Mitverschulden an den Tag gelegt, dass alle anderen mitverursachenden Faktoren, namentlich allfällige Sorgfaltspflichtverletzungen der Bauführ ung oder seines Vorgesetzten in den Hinter- grund getreten sind und der adäquate Kausalzusammen hang unterbrochen worden ist. Zur Be- gründung hält sie in der angefochtenen Einstellungs verfügung zunächst unter Hinweis auf Art. 49 Abs. 1 BauAV, wonach Baugerüste durch jeden Benü tzer täglich einer Sichtkontrolle zu un- terziehen sind und bei Mängeln nicht benützt werden dürfen, fest, dass der Beschwerdeführer sich im Missachtung dieser Norm vor dem Betreten de s ungeschützten Bereichs nicht verge- wissert habe, ob sämtliche Bodenkonsolen im Gerüst eingebracht waren. Die Staatsanwalt- schaft erwähnt indessen nicht, dass gemäss der besa gten Verordnung über die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmerinnen und Arb eitnehmer bei Bauarbeiten (Bauarbei- tenverordnung; BauAV; SGS 832.311.141) die Bauarbei ten so geplant werden müssen, dass das Risiko von Berufsunfällen, Berufskrankheiten od er Gesundheitsbeeinträchtigungen mög- lichst klein ist und die notwendigen Sicherheitsmas snahmen eingehalten werden können. Ge- mäss Art. 3 Abs. 2 BauAV hat der Arbeitgeber, der s ich im Rahmen eines Werkvertrags als Un- ternehmer zur Ausführung von Bauarbeiten verpflichten will, vor dem Vertragsabschluss zu prü- fen, welche Massnahmen notwendig sind, um die Arbei tssicherheit und den Gesundheitsschutz bei der Ausführung seiner Arbeiten zu gewährleisten. Der Arbeitgeber hat gemäss Art. 3 Abs. 5 BauAV namentlich dafür zu sorgen, dass geeignete Ma terialien, Installationen und Geräte zur Verfügung stehen, die sich in betriebssicherem Zust and befinden und den Anforderungen der Arbeitssicherheit entsprechen. Die Bauarbeitenveror dnung enthält sodann weitere Bestimmun- gen zur Organisation der Arbeitssicherheit (vgl. Ar t. 4 BauAV) resp. zur Sicherheit der Arbeits- plätze (Art. 8 BauAV) und ganz konkret zu den Anfor derungen an Baugerüste (Art. 46 BauAV), Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht die in der Einstellungsverfügung nicht aufgeführt u nd damit bei der Prüfung der Verantwortlich- keiten für den Unfall vom 25. August 2014 offenbar vollkommen ausser Acht gelassen worden sind. Die Staatsanwaltschaft verweist stattdessen a uf Art. 11 VUV, wonach ein Arbeitnehmer die allgemein anerkannten Sicherheitsregeln berücksichtigen und Mängel, welche die Arbeitssi- cherheit beeinträchtigen könnten, nach deren Festst ellung beheben bzw. unverzüglich dem Arbeitgeber melden müsse. Sie versäumt auch hier, d iejenigen Bestimmungen in der Verord- nung über die Verhütung von Unfällen und Berufskran kheiten (Verordnung über die Unfallver- hütung; VUV; SGS 832.30) zu erwähnen, die den Arbei tgeber in die Pflicht nehmen resp. die sich explizit an den Arbeitgeber und an weitere inv olvierte Personen oder Betriebe richten (vgl. Art. 1, 3, 5 ff. VUV). Dabei wären einige Vorschrif ten der Verordnung über die Unfallverhütung für den vorliegenden Fall von besonderer Bedeutung. Art. 6 Abs. 1 VUV sieht nämlich Folgen- des vor: „Der Arbeitgeber sorgt dafür, dass alle in seinem Betrieb beschäftigten Arbeitnehmer, einschliesslich der dort tätigen Arbeitnehmer eines anderen Betriebes, ausreichend und ange- messen informiert und angeleitet werden über die be i ihren Tätigkeiten auftretenden Gefahren sowie über die Massnahmen der Arbeitssicherheit. Di ese Information und Anleitung haben im Zeitpunkt des Stellenantritts und bei jeder wesentl ichen Änderung der Arbeitsbedingungen zu erfolgen und sind nötigenfalls zu wiederholen.“ Gem äss Art. 6 Abs. 3 VUV hat der Arbeitgeber sodann dafür zu sorgen, dass die Arbeitnehmer die M assnahmen der Arbeitssicherheit einhal- ten. Die Information und die Anleitung müssen währe nd der Arbeitszeit erfolgen und dürfen nicht zu Lasten der Arbeitnehmer gehen (Art. 6 Abs. 4 VUV). Schliesslich ist in Art. 9 Abs. 1 VUV Folgendes geregelt: „Sind an einem Arbeitsplatz Arbeitnehmer mehrerer Betriebe tätig, so haben deren Arbeitgeber die zur Wahrung der Arbeits sicherheit erforderlichen Absprachen zu treffen und die notwendigen Massnahmen anzuordnen. Sie haben sich gegenseitig und ihre jeweiligen Arbeitnehmer über die Gefahren und die M assnahmen zu deren Behebung zu infor- mieren.“ 4.3 Die Vorschriften in der Bauarbeitenverordnung und der Verordnung über die Unfallver- hütung müssen also nicht nur vom Arbeitnehmer, sond ern genauso vom Arbeitgeber resp. den übrigen am fraglichen Bauvorhaben mitwirkenden Pers onen beachtet werden. Ob dies in casu der Fall ist, ob also die für den Neubau der B.____ AG in X.____ verantwortlichen Firmen und Personen die massgebenden Bestimmungen eingehalten haben und den sich daraus ergeben- den Sorgfaltspflichten nachgekommen sind, ist hier vollkommen unklar, weil dies - soweit er- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht sichtlich - nicht untersucht worden ist. Nach Ansicht des Kantonsgerichts geht es nun aber nicht an, die Verantwortung für den Unfall vom 25. August 2014 mit dem Hinweis auf vereinzelte, den Arbeitnehmer betreffende gesetzliche Vorschriften a lleine und ausschliesslich auf den Be- schwerdeführer abzuwälzen und dabei diejenigen Norm en, die vom Arbeitgeber resp. von den anderen für die Baustelle zuständigen Personen zu befolgen sind, völlig ausser Acht zu lassen. 4.4 Die Staatsanwaltschaft weist weiter auf die langjäh rige Erfahrung des Beschwerdefüh- rers hin. Die Gefährlichkeit der Arbeit auf Baugerüsten sei ihm deshalb bekannt gewesen und er habe auch gewusst, dass es immer wieder zu Veränder ungen am Baugerüst komme. Ausser- dem sei der Mangel am Baugerüst offensichtlich und selbst für Laien unübersehbar gewesen sei. Diese Argumente gelten für alle am fraglichen Bau beschäftigten Handwerker, namentlich für seinen Vorgesetzten, der - wie nachfolgend darg elegt wird - dem Beschwerdeführer am be- sagten Morgen die konkreten Anweisungen für die zu erledigenden Arbeiten gegeben hatte. Es ist nämlich anzunehmen, dass auch sie über eine lan gjährige Erfahrung verfügten und über mögliche resp. erfolgte Veränderungen am Gerüst sog ar besser Bescheid wussten, als der Be- schwerdeführer selbst. 4.5 Die Staatsanwaltschaft führt in der Einstellungsve rfügung ebenfalls aus, dass unklar geblieben sei, wie resp. von wo aus der Privatkläge r auf die zur Fassade hinreichende Innen- seite des Gerüsts gelangt sei. Dies ist nach Auffas sung des Kantonsgerichts nicht von beson- derer Bedeutung, zumal der Vorgesetzte des Beschwer deführers, F.____, gar nie behauptet, dass er seinem Angestellten genau erklärt habe, wie resp. von wo aus er auf das Gerüst stei- gen und dann zum konkreten Arbeitseinsatzort gelang en solle. Der Beschwerdeführer hatte diesbezüglich also keine konkreten Vorgaben. 4.6 Gemäss Staatsanwaltschaft habe auch nicht geklärt werden können, weshalb A.____ sich für die Erledigung seiner Aufgabe ohne eine pe rsönliche Schutzausrüstung im ungesicher- ten Bereich des Gerüsts aufgehalten habe. Dem ist e ntgegenzuhalten, dass sich zumindest prima vista aus den Aussagen des Beschwerdeführers sowie seines Vorgesetzten, F.____, Vorarbeiter bei der Firma G.____ AG, durchaus ergib t, warum er sich dort aufgehalten hatte. Anlässlich der ersten Einvernahme von F.____, die a m Unfalltag, um 13:40 Uhr stattfand, gab dieser nämlich zu Protokoll, dass er am Morgen um c a. 07:50 Uhr mit A.____ auf die Baustelle Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht gekommen sei und ihm dann die zu erledigende Arbeit erklärt habe. Dabei seien sie zwischen Gerüst und Fassade gestanden. Zur Zeit des Unfalls sei ein Geländer montiert gewesen. Er habe dieses selber überwinden müssen (act. 339 ff.; vgl. auch Polizeirapport act. 15). In der Einvernahme vom 13. August 2015 erklärte der Beschw erdeführer ebenfalls, dass sein Chef das Geländer überstiegen habe, um ihm zu zeigen, was er zu tun habe. Er selber sei zu diesem Zeitpunkt auf der gesicherten Seite geblieben, um v on da aus den Instruktionen seines Chefs zu folgen (act. 365). F.____ bestätigte in der Einv ernahme vom 1. September 2015, dass er A.____ am besagten Morgen die Arbeit erklärt habe ( act. 381), stellte dann aber in Abrede, da- für über das Geländer auf den ungesicherten Bereich des Gerüsts gestiegen zu sein. Er sei davon ausgegangen, dass A.____ die Arbeiten vom ges icherten Bereich des Gerüsts aus erle- digen werde (act. 383). Es kann hier offen bleiben, ob auf die ersten, unmittelbar nach dem Un- fall erfolgten Aussagen des Vorgesetzten oder auf s eine spätere Deposition abzustellen ist. Unabhängig davon, ob F.____ nun für seine Instrukti onen selber über ein Geländer gestiegen war oder ob er dem Beschwerdeführer die Arbeiten vo m gesicherten Bereich aus erklärt hatte, steht aufgrund seiner unbestrittenen Angaben nämlic h fest, dass eine konkrete Instruktion be- treffend die zu erledigenden Arbeiten erfolgt war u nd der Beschwerdeführer die Montagearbei- ten an den Fensterrahmen nicht einfach von sich aus resp. ohne entsprechenden Auftrag, son- dern in Erfüllung seiner Pflichten als Angestellter in Angriff genommen hatte. Es gibt keinerlei Hinweise dafür, dass der Beschwerdeführer die Instr uktionen seines Vorgesetzten nicht befolgt hätte. F.____ macht auch nicht geltend, dass er den Beschwerdeführer angewiesen habe, das Gerüst vorab auf allfällige Mängel zu kontrollieren resp. dass dies auch ohne entsprechende Aufforderung üblich sei. Es ist deshalb davon auszu gehen, dass der Beschwerdeführer am be- sagten Morgen ganz einfach die ihm übertragene Arbe it erledigen wollte und dabei den ihm erteilten Anweisungen nachgekommen ist. Bei dieser Sachlage ist es nun aber nicht nachvoll- ziehbar, weshalb die Staatsanwaltschaft von ganz aussergewöhnlichen Umständen resp. einem derart schwerwiegenden Mitverschulden des Beschwerd eführers ausgeht, dass alle anderen mitverursachenden Faktoren in den Hintergrund trete n. Diese Voraussetzungen sind nicht er- füllt. Es gibt nämlich keine konkreten Anhaltspunkt e dafür, dass der Beschwerdeführer - wie in der Einstellungsverfügung unterstellt wird - das Ge rüst äusserst unvorsichtig betreten hätte. Dabei handelt es sich um eine nicht weiter belegte Mutmassung der Staatsanwaltschaft. Die blosse Tatsache, dass der Beschwerdeführer bei der Verrichtung seiner Arbeit das Fehlen der beiden Bodenkonsolen nicht bemerkt hat, ist jedenfa lls nicht geeignet, ein derart schwerwie- Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht gendes, den adäquaten Kausalzusammenhang unterbrechendes Mitverschulden des Verletzten zu bejahen. 4.7 Hauptgrund für den Sturz des Beschwerdeführers war - wie auch in der Einstellungsver- fügung festgehalten wird - das Fehlen von zwei Bode nkonsolen. Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens kann ein d erartiger Mangel am Baugerüst, einen Unfall, wie er sich vorliegend ereignet hat, zur Fo lge haben. Der adäquate Kausalzusammen- hang ist damit gegeben. Verschiedene Firmen, wie na mentlich die Arbeitgeberin des Be- schwerdeführers, die G.____ AG, die C.____ AG sowie die D.____ GmbH und weitere Perso- nen, insbesondere der Bauführer, E.____, wirkten am Neubau mit. Wer für das Fehlen der bei- den Bodenkonsolen verantwortlich war, wurde im eing estellten Strafverfahren nicht näher ab- geklärt. Stattdessen wurde der Fokus auf den Beschw erdeführer gelegt und dieser sogar als Beschuldigter befragt (act. 345 ff.). Ansonsten wur de nur sein Vorgesetzter, F.____, einmal unmittelbar nach dem Unfall (act. 339 ff.) und dana ch noch einmal am 1. September 2015 (act. 379 ff.) einvernommen (vgl. dazu auch die undatiert e Stellungnahme der Staatsanwaltschaft; act. 313). Die vom Beschwerdeführer resp. seinem Ve rtreter mit Eingabe vom 2. November 2015 beantragten Beweisanträge (act. 161 ff.) wie a uch die mit Schreiben vom 25. Mai 2016 unterbreiteten Beweis- und Verfahrensanträge des Be schwerdeführers (act. 185 ff.) wurden mit Verfügung vom 22. Januar 2016 (act. 171 f.) resp. v om 17. Oktober 2016 (act. 329 f.) allesamt abgewiesen. Es fand also keine Befragung weiterer P ersonen statt, die für den Mangel verant- wortlich sein könnten und es wurde auch kein Gutach ten über Arbeitssicherheit eingeholt. Nach einer derart rudimentären Arbeit, die de facto eine r Nichtanhandnahme des Verfahrens gleich- kommt, darf aber ein Vorverfahren nicht in dieser F orm abgeschlossen werden. Bei schweren Unfällen resp. bei Ereignissen mit gravierenden Ver letzungen für die Betroffenen darf vielmehr erwartet werden, dass die Staatsanwaltschaft das Ve rfahren vom ersten Tag an selber und be- förderlich anhand nimmt, die notwendigen Beweissich erungsmassnahmen anordnet und die sonstigen erforderlichen Abklärungen in die Wege le itet. In solch schweren Fällen stellen sich nämlich oft hochkomplexe Fragen, insbesondere in ta tsächlicher und beweismässiger Hinsicht, die dringend und so rasch als möglich durch die ver fahrensleitende Staatsanwältin oder den verfahrensleitenden Staatsanwalt geklärt werden müs sen, weil sie bei Versäumnis nicht oder kaum mehr nachgeholt werden können. Im vorliegenden Fall wurden die Abklärungen weitge- hend an die Polizei delegiert. Die staatsanwaltschaftlichen Einvernahmen erfolgten erst ein Jahr Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht später, nämlich ab dem 13. August 2015 und selbst d iese wurden vom Untersuchungsbeauf- tragten und nicht von der zuständigen Staatsanwältin selber durchgeführt. Aus den Akten ergibt sich im Übrigen auch nicht, ob resp. inwiefern die zuständige Staatsanwältin tatsächlich die Lei- tung des Verfahrens innehatte. Die Einstellungsverfügung ist daher aufzuheben und die Staats- anwaltschaft anzuweisen, die vom Beschwerdeführer b eantragten Einvernahmen unter Wah- rung der Verfahrensrechte der befragten Personen du rchzuführen und die sonstigen notwendi- gen und heute noch möglichen Beweiserhebungen vorzunehmen. III. Kosten Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Die Bes chwerde ist vorliegend gutzuheissen. Die Kosten des Beschwerdeverfahrens von Fr. 1'050.- -, bestehend aus einer Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- sowie Auslagen von Fr. 50.--, gehe n zu Lasten des Staates. Dem Beschwerde- führer wird sodann für das Beschwerdeverfahren eine Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- zu- züglich Mehrwertsteuer von Fr. 120.--, total Fr. 1'620.--, zu Lasten des Staates ausgerichtet. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die Eins tellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 2. November 2016 aufgehoben und die An- gelegenheit im Sinne der Erwägungen an die Vorinsta nz zurückge- wiesen. 2. Die ordentlichen Kosten des Beschwerdeverfahren s in der Höhe von Fr. 1'050.--, bestehend aus einer Gerichtsgebühr vo n Fr. 1'000.-- sowie Auslagen von Fr. 50.--, gehen zu Lasten des Staates. 3. Dem Beschwerdeführer wird für das Beschwerdever fahren eine Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- zuzüglich Mehr wertsteuer von Fr. 120.--, total Fr. 1'620.--, zu Lasten des Staates ausgerichtet. 4. Dieser Beschluss wird den Parteien sowie der Er sten Staatsanwältin schriftlich eröffnet. Präsident Enrico Rosa Gerichtsschreiberin Nicole Schneider