<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 22 S.75</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">75</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>22</b></span> <span class="ft2"><b>§ 56 Ziff. 3, 100 und 102 StPO. Art. 19 ZGB.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Die Geltendmachung des Zeugnisverweigerungsrechts steht dem ur-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>teilsfähigen Unmündigen selbständig zu (Erw. 2 c/cc).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Für die Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen bedarf der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>urteilsfähige Unmündige - im Gegensatz zur Erhebung von Genugtu-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ungsansprüchen - der Zustimmungserklärung des gesetzlichen Vertre-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ters (Erw. 2 c/cc).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- § 102 StPO schliesst die Einvernahme eines Zeugen, welcher die Aus-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sagen anderer Personen zum gleichen Fall hat mitverfolgen können,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nicht aus (Erw. 2 c/dd).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 27. September</span><br/> <span class="ft3">2000 in Sachen StA gegen R.F.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2c/cc) Entgegen der Auffassung des Angeklagten konnte die</span><br/> <span class="ft1">Zivilklägerin ohne Zustimmung ihres Beistands über das ihr zuste-</span><br/> <span class="ft1">hende Zeugnisverweigerungsrecht entscheiden.</span><br/> <span class="ft1">Nach Art. 19 Abs. 2 ZGB können urteilsfähige Unmündige oder</span><br/> <span class="ft1">Entmündigte selbständig Rechte ausüben, die ihnen um ihrer Per-</span><br/> <span class="ft1">sönlichkeit willen zustehen. Volle Geschäftsfähigkeit kommt den</span><br/> <span class="ft1">beschränkt Handlungsunfähigen somit im gesamten Bereich zu, der</span><br/> <span class="ft1">eine besondere Beziehung zur Persönlichkeit des Handelnden auf-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">76</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">weist. Unter Ausübung der Rechte wird nicht nur die Geltendma-</span><br/> <span class="ft1">chung eines subjektiven Rechtes verstanden, sondern die Gesamtheit</span><br/> <span class="ft1">der Rechtsgeschäfte, der rechtsgeschäftlichen Handlungen und Wil-</span><br/> <span class="ft1">lenserklärungen, die in irgendeiner Weise die Rechtsbeziehung des</span><br/> <span class="ft1">Erklärenden oder eines Dritten beeinflussen. Dazu zählt insbesondere</span><br/> <span class="ft1">auch die prozessuale Geltendmachung der höchstpersönlichen</span><br/> <span class="ft1">Rechte. Der urteilsfähige Unmündige oder Entmündigte ist daher in</span><br/> <span class="ft1">allen Streitigkeiten über höchstpersönliche Ansprüche im Sinne von</span><br/> <span class="ft1">Art. 19 Abs. 2 ZGB prozessfähig (Pedrazzini/Oberholzer, Grundriss</span><br/> <span class="ft1">des Personenrechts, 4.A., Bern 1993, S. 87 f.; Bucher, Berner Kom-</span><br/> <span class="ft1">mentar, Das Personenrecht, Die natürlichen Personen, Kommentar zu</span><br/> <span class="ft1">den Art. 11 - 26 ZGB, Bern 1976, N. 196 f. zu Art. 19 Abs. 2 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">Auch die Berufung auf das Zeugnisverweigerungsrecht im Strafpro-</span><br/> <span class="ft1">zess steht dem Urteilsfähigen jeden Alters selbständig zu, da die</span><br/> <span class="ft1">Gründe der Gewährung eines solchen in der Person der Berechtigten</span><br/> <span class="ft1">liegen und als höchstpersönlich gelten müssen (Bucher, Berner</span><br/> <span class="ft1">Kommentar, a.a.O., N. 316 zu Art. 19 Abs. 2 ZGB; Hauser, Der Zeu-</span><br/> <span class="ft1">genbeweis im Strafprozess mit Berücksichtigung des Zivilprozesses,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 1974, S. 147).</span><br/> <span class="ft1">Im Bereich der Ausübung höchstpersönlicher Rechte kann der</span><br/> <span class="ft1">Betroffene einen Vertreter bestellen, insbesondere durch Vollmacht-</span><br/> <span class="ft1">erteilung einen Anwalt zur Interessenwahrung ausserhalb wie im</span><br/> <span class="ft1">Rahmen eines Prozesses ermächtigen (BGE 112 IV 9 ff.; Bucher,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., N. 196 ff. und 313 zu Art. 19 Abs. 2 ZGB). Für die Geltend-</span><br/> <span class="ft1">machung von Schadenersatzansprüchen, sei es ausserprozessual, im</span><br/> <span class="ft1">Zivilprozess oder adhäsionsweise im Strafprozess, bedarf die urteils-</span><br/> <span class="ft1">fähige unmündige oder entmündigte Person indessen - dies im Ge-</span><br/> <span class="ft1">gensatz zur Erhebung von Genugtuungsansprüchen - der Zustim-</span><br/> <span class="ft1">mung des gesetzlichen Vertreters, da hier nicht mehr die Wahrung</span><br/> <span class="ft1">höchstpersönlicher Rechte, sondern der Ausgleich für eine vermö-</span><br/> <span class="ft1">gensmässige Einbusse angestrebt wird (Pedrazzini, a.a.O., S. 87;</span><br/> <span class="ft1">Bucher, a.a.O., N. 323 zu Art. 19 Abs. 2 ZGB; ZBJV 99, S. 107). Die</span><br/> <span class="ft1">Zustimmungserklärung des gesetzlichen Vertreters ist selbst bei</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">77</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">formbedürftigen Geschäften an keine besondere Form gebunden. Sie</span><br/> <span class="ft1">kann explizit oder auch durch konkludentes Handeln erfolgen. Die</span><br/> <span class="ft1">Zustimmung kann im Voraus erteilt werden, sie kann gleichzeitig mit</span><br/> <span class="ft1">der Vornahme des Geschäftes erfolgen oder sie kann auch im Nach-</span><br/> <span class="ft1">hinein geäussert werden (Pedrazzini, a.a.O., S. 90).</span><br/> <span class="ft1">Aus diesen Ausführungen folgt, dass die Zivilklägerin ohne Zu-</span><br/> <span class="ft1">stimmung ihres Beistands auf das ihr zustehende Zeugnisverweige-</span><br/> <span class="ft1">rungsrecht verzichten konnte. Sie wäre auch berechtigt gewesen, die</span><br/> <span class="ft1">Psychologin B. vom Berufsgeheimnis zu entbinden, sofern letztere</span><br/> <span class="ft1">einem solchen unterstanden hätte. Gemäss den obigen Ausführungen</span><br/> <span class="ft1">durfte sie auch selbständig einen Rechtsvertreter bzw. -vertreterin</span><br/> <span class="ft1">beauftragen. Einzig für die Geltendmachung der Zivilforderung be-</span><br/> <span class="ft1">nötigte sie die Zustimmung ihres Beistands. Aus einem Schreiben der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsvertreterin an das Bezirksgericht B. ergibt sich, dass am</span><br/> <span class="ft1">8. September 1999 und somit kurz vor der vorinstanzlichen Verhand-</span><br/> <span class="ft1">lung eine ausführliche Besprechung zwischen der Rechtsvertreterin</span><br/> <span class="ft1">und der Zivilklägerin stattfand, an welcher auch ihr Beistand teil-</span><br/> <span class="ft1">nahm. Zudem erklärte die Zivilklägerin vor Vorinstanz, dass ihr Bei-</span><br/> <span class="ft1">stand über die Verhandlung orientiert sei. Es ist daher davon auszu-</span><br/> <span class="ft1">gehen, dass dieser über das vorliegende Verfahren im Bilde war und</span><br/> <span class="ft1">zudem mit der Geltendmachung der Zivilforderung einverstanden</span><br/> <span class="ft1">war. Es liegt somit zumindest eine konkludente Zustimmung des</span><br/> <span class="ft1">Beistands zur Geltendmachung der gestellten Schadenersatzforde-</span><br/> <span class="ft1">rung vor, weshalb die Vorinstanz zu Recht auf diese eingegangen ist.</span><br/> <span class="ft1">dd) Im Weiteren macht die Verteidigung mit Hinweis auf § 102</span><br/> <span class="ft1">StPO geltend, die Einvernahme von H. und A. sei nicht zulässig, weil</span><br/> <span class="ft1">sie bei der Einvernahme der Zivilklägerin anwesend gewesen seien</span><br/> <span class="ft1">und H. die gesamte Verhandlung vom 31. August 2000 mitverfolgt</span><br/> <span class="ft1">habe.</span><br/> <span class="ft1">Entgegen den Ausführungen der Verteidigung schliesst § 102</span><br/> <span class="ft1">StPO die Einvernahme eines Zeugen, welcher die Aussagen anderer</span><br/> <span class="ft1">Personen zum gleichen Fall hat mitverfolgen können, nicht aus. Eine</span><br/> <span class="ft1">solche Zeugeneinvernahme ist ohne weiteres dann zulässig, wenn</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sich (wie hier) ihre Notwendigkeit erst im Verlaufe des Verfahrens</span><br/> <span class="ft1">herausstellt; allerdings sind die erwähnten Kenntnisse des Zeugen bei</span><br/> <span class="ft1">der Würdigung seiner Aussagen entsprechend zu berücksichtigen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>