<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">94</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>12</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 446 Abs. 1 ZGB; Art. 447 ZGB, Art. 428 ZGB</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft1"><b>Die Möglichkeit zur nachträglichen Stellungnahme stellt grundsätz-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>lich keine den Anforderungen von Art. 447 Abs. 2 ZGB genügendene</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Anhörung dar (Erw. II/2.2 und II/3).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft1"><b>Ist primär eine kurzzeitige Klinikeinweisung anvisiert, erscheint es</b></span><br/> <span class="ft1"><b>zwingend, dass entweder eine Übertragung der Entlassungszustän-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>digkeit an die Einrichtung erfolgt oder in Kürze eine erneute gericht-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>liche Überprüfung der fürsorgerischen Unterbringung vorgesehen</b></span><br/> <span class="ft1"><b>wird (Erw. II/5.2).</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 25. August</span><br/> <span class="ft5">2015 in Sachen A. gegen das Familiengericht X. (WBE.2015.338).</span><br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft9">II.</span><br/> <span class="ft9">2.2.</span><br/> <span class="ft9">2.2.1.</span><br/> <span class="ft9">Die Erwachsenenschutzbehörde erforscht den Sachverhalt von</span><br/> <span class="ft9">Amtes wegen (Art. 446 Abs. 1 ZGB). Sie zieht die erforderlichen Er-</span><br/> <span class="ft9">kundigungen ein und erhebt die notwendigen Beweise. Sie kann eine</span><br/> <span class="ft9">geeignete Person oder Stelle mit Abklärungen beauftragen. Nötigen-</span><br/> <span class="ft9">falls ordnet sie das Gutachten einer sachverständigen Person an</span><br/> <span class="ft9">(Art. 446 Abs. 2 ZGB).</span><br/> <span class="ft9">2.2.2.</span><br/> <span class="ft9">Ein erstes wichtiges Mittel der Sachverhaltserhebung sind Aus-</span><br/> <span class="ft9">künfte der Beteiligten. Die Behörde kann solche Auskünfte schrift-</span><br/> <span class="ft9">lich einholen, sich die nötigen Informationen aber auch durch münd-</span><br/> <span class="ft9">liche Befragungen verschaffen. Abklärungen in Form von persön-</span><br/> <span class="ft9">lichen Befragungen haben den Vorteil, dass sie unter Umständen ein</span><br/> <span class="ft9">differenzierteres Bild über bestimmte Sachverhaltselemente vermit-</span><br/> <span class="ft9">teln. Zudem gewinnt die Behörde einen unmittelbaren, persönlichen</span><br/> <span class="ft9">Eindruck von der befragten Person und deren Einstellung. Persön-</span><br/> <span class="ft9">liche Befragungen sind vor allem dort nützlich, wo ein auch persön-</span><br/> <span class="ft9">liche Aspekte umfassendes Bild einer Person oder Situation erhoben</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">95</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">werden muss (C</span><span class="ft5">HRISTOPH</span> <span class="ft9">A</span><span class="ft5">UER</span><span class="ft9">/M</span><span class="ft5">ICHLE</span> <span class="ft9">M</span><span class="ft5">ARTI</span><span class="ft9">, in: Basler Kom-</span><br/> <span class="ft9">mentar, Zivilgesetzbuch I, Art. 1-456 ZGB, 5. Auflage, Basel 2014,</span><br/> <span class="ft9">Art. 446 N 11). Gesetzlich vorgeschrieben ist eine persönliche münd-</span><br/> <span class="ft9">liche Anhörung der betroffenen Person; vorbehalten sind Fälle, in</span><br/> <span class="ft9">denen eine solche Anhörung unverhältnismässig wäre (Art. 447</span><br/> <span class="ft9">Abs.1 ZGB). Die persönliche Anhörung verfolgt - wie der Anspruch</span><br/> <span class="ft9">auf rechtliches Gehör - zwei Ziele: Zum einen stellt sie ein Mitwir-</span><br/> <span class="ft9">kungsrecht der betroffenen Person dar. Zum anderen bildet sie ein</span><br/> <span class="ft9">Mittel zur Sachverhaltsabklärung. Das Mitwirkungsrecht ist umfas-</span><br/> <span class="ft9">send: Der betroffenen Person ist im Rahmen der persönlichen Anhö-</span><br/> <span class="ft9">rung nicht nur in allgemeiner Form von der in Aussicht genommenen</span><br/> <span class="ft9">Massnahme Kenntnis zu geben. Vielmehr sind ihr sämtliche</span><br/> <span class="ft9">Einzeltatsachen bekannt zu geben, auf die sich die Kindes- und Er-</span><br/> <span class="ft9">wachsenenschutzbehörde bei ihrem Entscheid stützen will. Soweit</span><br/> <span class="ft9">die Anhörung der Sachverhaltsfeststellung dient, kann auf sie nicht</span><br/> <span class="ft9">verzichtet werden, selbst wenn sich die betroffene Person wider-</span><br/> <span class="ft9">setzen sollte. Die Behörde hat sich anhand der persönlichen Anhö-</span><br/> <span class="ft9">rung einen umfassenden Eindruck von den Zukunftsaussichten und</span><br/> <span class="ft9">der jüngeren Vergangenheit der betroffenen Person zu verschaffen,</span><br/> <span class="ft9">der ihr mit Blick auf die Geeignetheit, die Notwendigkeit und die</span><br/> <span class="ft9">Angemessenheit der Massnahme als Entscheidungsgrundlage dient</span><br/> <span class="ft9">(C</span><span class="ft5">HRISTOPH</span> <span class="ft9">A</span><span class="ft5">UER</span><span class="ft9">/M</span><span class="ft5">ICHLE</span> <span class="ft9">M</span><span class="ft5">ARTI</span><span class="ft9">, a.a.O., Art. 447 N 4 ff.). Für</span><br/> <span class="ft9">den Fall, dass eine fürsorgerische Unterbringung in Frage steht, hat</span><br/> <span class="ft9">die persönliche Anhörung der betroffenen Person gemäss Art. 447</span><br/> <span class="ft9">Abs. 2 ZGB in der Regel durch das Kollegium (der entscheidenden</span><br/> <span class="ft9">Behörde) zu erfolgen.</span><br/> <span class="ft9">Von einer persönlichen Anhörung der betroffenen Person kann -</span><br/> <span class="ft9">wie erwähnt - wegen Unverhältnismässigkeit ausnahmsweise abge-</span><br/> <span class="ft9">sehen werden (Art. 447 Abs. 1 ZGB). Ob die Anhörung unverhält-</span><br/> <span class="ft9">nismässig erscheint, ist stets im konkreten Einzelfall unter Berück-</span><br/> <span class="ft9">sichtigung der gesamten Umstände zu beurteilen. Unverhältnis-</span><br/> <span class="ft9">mässigkeit im Sinne von Art. 447 Abs. 1 ZGB kann etwa bei beson-</span><br/> <span class="ft9">derer Dringlichkeit vorliegen. In einem solchen Fall ist die Anhörung</span><br/> <span class="ft9">bei nächster Gelegenheit nachzuholen. Unverhältnismässig kann die</span><br/> <span class="ft9">Anhörung auch dann sein, wenn sich eine urteilsfähige Person einer</span><br/> <span class="ft9">solchen widersetzt und sich die Anhörung in der Gewährung des Mit-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">96</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">wirkungsrechts erschöpfen würde, d.h. nicht gleichzeitig der</span><br/> <span class="ft9">Sachverhaltsabklärung dient. Die blosse Passivität der betroffenen</span><br/> <span class="ft9">Person entbindet jedoch nicht von der Pflicht zur Anhörung. Eine</span><br/> <span class="ft9">persönliche Anhörung kann ferner aufgrund einer Krankheit oder</span><br/> <span class="ft9">anderer persönlichkeitsbedingter Gründe des Betroffenen unterblei-</span><br/> <span class="ft9">ben. Kommt es auf den persönlichen Eindruck des Betroffenen nicht</span><br/> <span class="ft9">(mehr) an, was beispielsweise zutrifft, wenn eine Massnahme aufge-</span><br/> <span class="ft9">hoben wird oder wenn bloss ergänzende Anordnungen getroffen wer-</span><br/> <span class="ft9">den müssen, braucht es nicht notwendigerweise eine (weitere) Anhö-</span><br/> <span class="ft9">rung (C</span><span class="ft5">HRISTOPH</span> <span class="ft9">A</span><span class="ft5">UER</span><span class="ft9">/M</span><span class="ft5">ICHLE</span> <span class="ft9">M</span><span class="ft5">ARTI</span><span class="ft9">, a.a.O., Art. 447 N 25 ff.).</span><br/> <span class="ft9">Ein anderer Ausnahmetatbestand könnte darin erblickt werden, dass</span><br/> <span class="ft9">die letzte Anhörung noch nicht lange zurückliegt und sich die</span><br/> <span class="ft9">Verhältnisse in der Zwischenzeit kaum verändert haben. Hier ist</span><br/> <span class="ft9">allerdings bei fürsorgerischen Unterbringungen Zurückhaltung gebo-</span><br/> <span class="ft9">ten, weil sich die Verhältnisse sehr schnell auch grundlegend verän-</span><br/> <span class="ft9">dern können.</span><br/> <span class="ft9">2.2.3. (...)</span><br/> <span class="ft9">3.</span><br/> <span class="ft9">3.1.</span><br/> <span class="ft9">B. von den sozialen Diensten C. führte Gespräche mit dem</span><br/> <span class="ft9">Vater, der Mutter und der Schwester des Beschwerdeführers sowie</span><br/> <span class="ft9">mit der pro infirmis. Im Wesentlichen gaben die Auskunftspersonen</span><br/> <span class="ft9">an, der Beschwerdeführer sei cannabisabhängig und benötige</span><br/> <span class="ft9">Fr. 1'500.00 bis Fr. 2'000.00 pro Monat, um seine Sucht zu befriedi-</span><br/> <span class="ft9">gen. Zudem betreibe er Medikamentenmissbrauch. Er lebe bei der</span><br/> <span class="ft9">Mutter, welche jedoch grosse Angst vor ihm habe, da er sich aggres-</span><br/> <span class="ft9">siv verhalte, ihr drohe und das Mobiliar zerschmettere. Er drohe re-</span><br/> <span class="ft9">gelmässig mit Selbstmord und mit vorgängigem Mord an seinen Fa-</span><br/> <span class="ft9">milienangehörigen. Niemand wolle dem Beschwerdeführer eröffnen,</span><br/> <span class="ft9">dass er bald aus der Wohnung in C. ausziehen müsse, weil die Mutter</span><br/> <span class="ft9">in ein Pflegeheim übertrete. Die Selbst- und Fremdgefährdung wurde</span><br/> <span class="ft9">von allen Auskunftspersonen als hoch eingestuft. Aufgrund dieser</span><br/> <span class="ft9">Aussagen lud B. von den Sozialen Diensten C. den Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft9">rer und seinen Vater, D., mit Schreiben vom 6. August 2015 zu einem</span><br/> <span class="ft9">Gespräch bei den Sozialen Diensten in C. am 11. August</span> <span class="ft5">2015</span> <span class="ft9">ein.</span><br/> <span class="ft9">Der Beschwerdeführer sagte dieses Gespräch am Vortag ab.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">97</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">In der Folge ordnete das Familiengericht X. am 11. August</span><br/> <span class="ft9">2015 die fürsorgerische Unterbringung des Beschwerdeführers an.</span><br/> <span class="ft9">Gleichentags wurde er um 15.10 Uhr von der Gerichtspräsidentin,</span><br/> <span class="ft9">einem Fachrichter und der Gerichtsschreiberin in Begleitung von</span><br/> <span class="ft9">zwei Stadtpolizisten zuhause besucht. Gemäss der Besprechungsno-</span><br/> <span class="ft9">tiz habe der Beschwerdeführer zuerst geweckt werden müssen und es</span><br/> <span class="ft9">habe im Anschluss ein Gespräch im Wohnzimmer stattgefunden. Die</span><br/> <span class="ft9">Gerichtspräsidentin habe den Beschwerdeführer und die Anwesenden</span><br/> <span class="ft9">vorgestellt. Der Fachrichter habe ihm erklärt, es habe von Seiten des</span><br/> <span class="ft9">Familiengerichts X. Abklärungen gegeben. Die Mitglieder des Ge-</span><br/> <span class="ft9">richts seien bei ihm, um ihm den Entscheid zu eröffnen. Zudem</span><br/> <span class="ft9">werde er Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten. Der Fachrichter</span><br/> <span class="ft9">erklärte dem Beschwerdeführer, dass die Mutter Ende August in ein</span><br/> <span class="ft9">Pflegeheim ziehen werde. Er könne dorthin nicht mit. Die Stadtpoli-</span><br/> <span class="ft9">zei sei anwesend, um ihn zur weiteren Abklärung der Betreuung und</span><br/> <span class="ft9">Behandlung in die Psychiatrische Klinik Königsfelden zu bringen.</span><br/> <span class="ft9">Zudem werde ein Beistand eingesetzt, welcher sich unter anderem</span><br/> <span class="ft9">um seine Finanzen kümmern werde, da die Mutter das nicht mehr</span><br/> <span class="ft9">übernehmen könne. Der Beschwerdeführer habe während des ganzen</span><br/> <span class="ft9">Gesprächs schläfrig gewirkt, geseufzt und gemeint, das alles werde</span><br/> <span class="ft9">gemacht, ohne dass er etwas sagen könne. Auf die entsprechende</span><br/> <span class="ft9">Frage hin habe er gesagt, er habe alles verstanden. Als ihm Gelegen-</span><br/> <span class="ft9">heit zur Stellungnahme und zum Stellen von Fragen gegeben worden</span><br/> <span class="ft9">sei, habe er zu Protokoll gegeben, er sei mit dem Entscheid nicht ein-</span><br/> <span class="ft9">verstanden. Anschliessend habe der Fachrichter das weitere Vorge-</span><br/> <span class="ft9">hen erklärt. In der Folge wurden dem Beschwerdeführer Handschel-</span><br/> <span class="ft9">len für den Transport angelegt und er wurde in die Psychiatrische</span><br/> <span class="ft9">Klinik Königsfelden gebracht. Die Anhörung endete um 15.25 Uhr.</span><br/> <span class="ft9">3.2.</span><br/> <span class="ft9">Der Beschwerdeführer wurde bis zum Hausbesuch am</span><br/> <span class="ft9">11. August 2015 nie angehört. Beim Gespräch, das von 15.10 Uhr bis</span><br/> <span class="ft9">15.25 Uhr dauerte, wurde der Beschwerdeführer vor vollendete Tat-</span><br/> <span class="ft9">sachen gestellt (vgl. Besprechungsnotiz: "Man sei hier, um ihm den</span><br/> <span class="ft9">Entscheid zu eröffnen") und konnte nur noch eine nachträgliche Stel-</span><br/> <span class="ft9">lungnahme abgeben. Es erfolgte somit keine den Anforderungen von</span><br/> <span class="ft9">Art. 447 ZGB genügende Anhörung. Eine der in Erw. 2.2.2 vorne an-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">98</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">geführten Ausnahmesituationen, in welchen auf eine Anhörung ver-</span><br/> <span class="ft9">zichtet werden kann, lag nicht vor. Weder bestand besondere Dring-</span><br/> <span class="ft9">lichkeit noch standen - soweit aus den Akten ersichtlich - einer</span><br/> <span class="ft9">Anhörung persönlichkeitsbedingte Hindernisse auf Seiten des Be-</span><br/> <span class="ft9">schwerdeführers entgegen. Die einmalige Absage des Gesprächs bei</span><br/> <span class="ft9">den Sozialen Diensten C. kann auch nicht als Verweigerung gewertet</span><br/> <span class="ft9">werden, an einer Anhörung durch das Familiengericht teilzunehmen.</span><br/> <span class="ft9">Da somit feststeht, dass das Gespräch am 11. August 2015 nicht als</span><br/> <span class="ft9">Anhörung gemäss Art. 447 ZGB qualifiziert werden kann, erübrigen</span><br/> <span class="ft9">sich Ausführungen dazu, dass nur (aber immerhin) die Mehrheit des</span><br/> <span class="ft9">entscheidenden Kollegiums anwesend war. Entscheidend ist, dass</span><br/> <span class="ft9">aufgrund der zeitlichen Abfolge die mitwirkenden Richter keine Ge-</span><br/> <span class="ft9">legenheit hatten, den Beschwerdeführer vor der Entscheidfindung</span><br/> <span class="ft9">persönlich kennenzulernen und auf diese Weise einen eigenen, un-</span><br/> <span class="ft9">mittelbaren Eindruck von seinem Wesen sowie seiner gesundheitli-</span><br/> <span class="ft9">chen und sozialen Situation zu erlangen bzw. sich so von der Richtig-</span><br/> <span class="ft9">keit und Angemessenheit der angeordneten Massnahme zu überzeu-</span><br/> <span class="ft9">gen. Dadurch sind die Parteirechte des Beschwerdeführers in grund-</span><br/> <span class="ft9">legender Weise missachtet worden; zudem konnte durch dieses Vor-</span><br/> <span class="ft9">gehen der Sachverhalt nicht korrekt abgeklärt werden. Demzufolge</span><br/> <span class="ft9">ist der angefochtene Entscheid des Familiengerichts X. in Gutheis-</span><br/> <span class="ft9">sung der vorliegenden Beschwerde aufzuheben.</span><br/> <span class="ft9">4. (...)</span><br/> <span class="ft9">5.</span><br/> <span class="ft9">5.1.</span><br/> <span class="ft9">Festzuhalten ist des Weiteren Folgendes: Die Zuständigkeit für</span><br/> <span class="ft9">die Entlassung aus einer fürsorgerischen Unterbringung richtet sich</span><br/> <span class="ft9">danach, wer die Unterbringung angeordnet hat. Hat die Kindes- und</span><br/> <span class="ft9">Erwachsenenschutzbehörde die Unterbringung verfügt, ist sie ge-</span><br/> <span class="ft9">mäss Art. 428 Abs. 1 ZGB grundsätzlich auch für die Entlassung zu-</span><br/> <span class="ft9">ständig. Wurde die Unterbringung von einem Arzt angeordnet, ent-</span><br/> <span class="ft9">scheidet die Einrichtung über die Entlassung (Art. 429 Abs. 3 ZGB).</span><br/> <span class="ft9">Im Gesetz ist vorgesehen, dass die Kindes- und Erwachsenenschutz-</span><br/> <span class="ft9">behörde im Einzelfall die Zuständigkeit für die Entlassung der Ein-</span><br/> <span class="ft9">richtung übertragen kann (Art. 428 Abs. 2 ZGB). Die Möglichkeit</span><br/> <span class="ft9">der Delegation der Entlassungszuständigkeit entspricht der geltenden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">99</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">Praxis. Damit soll sichergestellt werden, dass der Patient sofort ent-</span><br/> <span class="ft9">lassen wird, wenn dies aus medizinischer Sicht möglich ist und die</span><br/> <span class="ft9">Klinik nicht zuerst einen Antrag an die Kindes- und Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft9">schutzbehörde stellen muss. Die Übertragung kann nur im Einzelfall</span><br/> <span class="ft9">erfolgen und nicht in einer generell-abstrakten Norm festgehalten</span><br/> <span class="ft9">werden (Botschaft Erwachsenenschutz, BBl 2006, S. 7064; T</span><span class="ft5">HOMAS</span><br/> <span class="ft9">G</span><span class="ft5">EISER</span><span class="ft9">/M</span><span class="ft5">ARIO</span> <span class="ft9">E</span><span class="ft5">TZENSBERGER</span><span class="ft9">, in: Basler Kommentar, Zivilgesetz-</span><br/> <span class="ft9">buch I, Art. 1-456 ZGB, 5. Auflage, Basel 2014, Art. 428 N 8 f.).</span><br/> <span class="ft9">Weitere Hinweise, unter welchen Voraussetzungen die Entlassungs-</span><br/> <span class="ft9">zuständigkeit im Einzelfall an die Einrichtung übertragen werden</span><br/> <span class="ft9">kann, lassen sich aus dem Bundesrecht nicht ableiten.</span><br/> <span class="ft9">5.2.</span><br/> <span class="ft9">Die fürsorgerische Unterbringung wurde vorliegend primär an-</span><br/> <span class="ft9">geordnet, um dem Beschwerdeführer die Kündigung der Wohnung</span><br/> <span class="ft9">und den Wegzug der Mutter zu vermitteln bzw. um seine Reaktion,</span><br/> <span class="ft9">die als schwer abschätzbar taxiert wurde, in einem stationären Rah-</span><br/> <span class="ft9">men auffangen zu können. Es kann vorliegend offen gelassen wer-</span><br/> <span class="ft9">den, ob aufgrund dieser speziellen Konstellation, verbunden mit der</span><br/> <span class="ft9">befürchteten Fremd- und Selbstgefährdung (vgl. die entsprechenden</span><br/> <span class="ft9">Aussagen der Familienangehörigen, vorne Erw. 3.1), ausnahmsweise</span><br/> <span class="ft9">auf die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens verzichtet wer-</span><br/> <span class="ft9">den durfte. Jedenfalls erscheint es zwingend, dass in derartigen</span><br/> <span class="ft9">Fällen, die primär auf eine kurzzeitige Klinikeinweisung abzielen,</span><br/> <span class="ft9">entweder eine Übertragung der Entlassungszuständigkeit an die Psy-</span><br/> <span class="ft9">chiatrische Klinik Königsfelden erfolgt oder in Kürze eine erneute</span><br/> <span class="ft9">gerichtliche Überprüfung der fürsorgerischen Unterbringung vorge-</span><br/> <span class="ft9">sehen wird.</span><br/> <span class="ft9">Das Familiengericht verzichtete explizit auf die Übertragung</span><br/> <span class="ft9">der Entlassungszuständigkeit an die Psychiatrische Klinik Königsfel-</span><br/> <span class="ft9">den und ordnete an, dass eine erneute gerichtliche Überprüfung erst</span><br/> <span class="ft9">nach der maximalen Dauer von sechs Monaten erfolgen werde. Die-</span><br/> <span class="ft9">ses Vorgehen lässt sich mit dem Ziel, das mit der fürsorgerischen Un-</span><br/> <span class="ft9">terbringung angestrebt wurde, nicht vereinbaren. Der angefochtene</span><br/> <span class="ft9">Entscheid erweist sich folglich auch aus diesem Grund als unverhält-</span><br/> <span class="ft9">nismässig.</span><br/></div> </div> </body> </html>