B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3839/2020 U r t e i l v o m 1 5 . M ä r z 2 0 2 1 Besetzung Richterin Roswitha Petry (Vorsitz), Richter Simon Thurnheer, Richter Lorenz Noli, Gerichtsschreiberin Mara Urbani. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 29. Juni 2020 / N (…). E-3839/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am (…) September 2018 in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 25. Sep- tember 2018 machte sie im Wesentlichen Folgendes geltend: Sie sei irakische Staatsangehörige kurdischer Ethnie und sei in B._______ geboren und aufgewachsen. Nach ihrer Heirat sei sie mit ihrem nunmehr verstorbenen Ehemann nach C._______ umgezogen und seit dem Jahr 1980 bis zur Ausreise habe sie in D._______ gewohnt. Der Grund für ihre Ausreise seien Schwierigkeiten mit den Nachbarn gewesen, weil ihr Sohn E._______ ungefähr zwei bis drei Jahre vor ihrer Ausreise, mithin im Jahr 2015 oder 2016, zum Christentum konvertiert sei. Die Nachbarn hätten ihr die Schuld dafür gegeben, sie beleidigt und ihr vorgeworfen, ihren Sohn nicht korrekt erzogen zu haben. Sie hätten versucht, sowohl die Beschwer- deführerin als auch ihren Sohn umzubringen. Drei oder vier Personen seien in ihr Haus eingedrungen und hätten ihren Sohn geschlagen. Einer der Angreifer habe mehrmals auf ihn eingestochen . Ihr hätten sie ange- droht, sie auszuziehen und dann zu enthaupten. Es sei ihr gelungen, zu entkommen und sich bei ihrer Schwester zu verstecken. Ihr Sohn sei ins Krankenhaus eingeliefert worden. Sie vermute , dass er anlässlich dieses Angriffs im Krankenhaus eine Anzeige erstattet habe, jedoch sei man die- sem Verbrechen nicht nachgegangen. Eine Woche nach diesem Vorfall habe sie ihr Heimatland in Richtung Türkei verlassen. Nachdem sie sich eine Woche in der Türkei aufgehalten habe, habe sie angenommen, dass sich die Situation beruhigt habe , und sei deshalb nach Irak zu ihrer Schwester zurückgekehrt. Ungefähr eine Woche nach ihrer Rückkehr sei sie von einer Nachbarin davor gewarnt worden, in ihr eigenes Haus zurück- zukehren, da die Personen, welche sie hätten töten wollen, ihre geplante Tat dann umsetzen würden. Deshalb sowie aufgrund ihres schlechten Ge- sundheitszustands habe sie ungefähr zwei bis drei Tage darauf im Frühling 2018 das Land erneut verlassen. Anlässlich der Anhörung vom 19. Dezember 2019 brachte die Beschwer- deführerin zusätzlich vor, am (…) 2011 sei in der Zeitung die Information veröffentlicht worden, dass ihr Sohn E._______ ungläubig geworden sei und seine Tötung legitim wäre. Kurz nach seiner Konversion seien 30–40 Personen in ihr Haus eingedrungen, hätten ihn angegriffen und mit einem Schraubenzieher am ganzen Körper verletzt. Sie sei davongekommen und habe sich im Nachbarhaus bei ihrer Freundin versteckt. Bis spät in die E-3839/2020 Seite 3 Nacht sei sie dortgeblieben und dann zu ihrer Schwester gegangen. Da- nach hätten sie sich ins Krankenhaus begeben, um nach ihrem Sohn zu sehen. Er ha be dort aufgrund seiner Verletzungen notfallmässig operiert werden müssen. Er habe dann eine Anzeige gegen die Angreifer erstattet und dabei deren Namen genannt. Dann sei ihm aber angedroht worden, man werde ihn und seine ganze Familie töten, wenn er die A nzeige nicht zurückziehe. Daraufhin habe er die Anzeige zurückgezogen. Sie selbst habe sich nie an die Polizei gewandt, da dies für eine Frau beschämend wäre und die Frauen in Kurdistan keine Rechte hätten. Ihr Sohn E._______ habe dann aus Furcht vor weite ren Angriffen sein Heimatland verlassen und sei in die Schweiz gereist. Als er gemeint habe, die Situation habe sich beruhigt, sei er nach Irak zurückgekehrt. Dann sei er aber erneut angegrif- fen worden und habe mit seiner Familie das Land wieder verlassen müs- sen. Eines Tages seien Leute bei ihr zuhause erschienen und hätten an ihre Türe geklopft. Als sie die Türe nicht geöffnet habe, seien sie über den Zaun geklettert. Sie habe sich dann hinter ihrer (…) und unter dem (…) versteckt, bis die Leute das Haus w ieder verlassen hätten. Sie habe mit- bekommen, wie die Unbekannten gesagt hätten: "Wohin ist diese Ungläu- bige gegangen?". Als sie sich bei ihrer Schwester befunden habe, habe ihre Nachbarin sie darüber informiert, dass ihre Angreifer geschworen hät- ten sie zu töten, und dass ihr Haus geplündert worden sei. Sie habe es nicht mehr gewagt, nach Hause zu gehen und habe ein Haus in einem Quartier namens F._______ gemietet. Die Verfolger seien auch am neuen Wohnort mehrmals bei ihr erschienen, wobei sie einmal als Polizisten ver- kleidet gewesen seien. Ihre Untermieterin habe die Türe geöffnet und be- hauptet, dass sie nicht zuhause sei. Sie habe sich selten zuhause befun- den, da sie sich die meiste Zeit bei ihrer Schwester aufgehalten habe. An einem anderen Tag seien im Einkaufszentrum Personen zu ihr gekommen und hätten gefragt, ob sie A._______ sei. Sie habe sich als ihre grosse Schwester ausgegeben und sei dann in Ruhe gelassen worden . Als sie eines Tages im Auto unterwegs gewesen sei, sei sie von einem Fahrzeug verfolgt worden. Ihr Sohn G._______ habe ihr geraten, ihr Heimatland zu verlassen, weil sie sich alleine in Irak befinde und deshalb keinen Schutz erfahre. Die Verfolger seien auch drei bis vier Mal zum Haus ihrer Schwes- ter gegangen und hätten nach ihr gef ragt. Sie hätten ihrer Schwester ge- droht, sie mitzunehmen, wenn sie den Aufenthaltsort der Beschwerdefüh- rerin nicht herausgebe. Als Nachweis ihrer Identität reichte sie folgende Beweismittel zu den Akten: - Kopie der Rückseite ihrer Identitätskarte E-3839/2020 Seite 4 - Kopie ihres Nationalitätenausweises - Kopie ihres Passes Als Nachweis für ihre gesundheitlichen Probleme legte die Beschwerde- führerin einen Arztbericht vom 3. März 2020 ins Recht. B. Mit Verfügung vom 29. Juni 2020 – eröffnet am 30. Juni 2020 – verneinte die Vorinstanz das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft bei der Beschwer- deführerin und lehnte ihr Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ihre vorläufige Aufnahme an. C. Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin am 28. Juli 2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhe- bung der vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingsei- genschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei der Fall an die Vorinstanz zur erneuten Abklärung u nd Beurteilung der Flüchtlingseigen- schaft zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um unent- geltliche Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. Der Beschwerde legte sie Fotos eines Zeitungsartikels betreffend die Kon- version ihres Sohnes E._______ vom (…) 2011 auf Sorani, Fotos von des- sen (…) Aufenthaltsbewilligung, von der Vorderseite dessen (…) Reisedo- kuments sowie von den Reisedokumenten seiner Kinder bei. D. Mit Instruktionsverfügung vom 30. Juli 2020 bestätigte das Bundesverwal- tungsgericht den Eingang der Beschwerde. E. Mit Verfügung vom 13. August 2020 verzichtete die zuständige Instrukti- onsrichterin einstweilen auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und verschob die Entscheidung über das Gesuch um unentgeltliche Prozess- führung auf einen späteren Zeitpunkt. Gleichzeitig lud sie das SEM zur Ver- nehmlassung ein. F. Mit Vernehmlassung vom 28. August 2020 hielt das SEM an seiner Verfü- gung fest. E-3839/2020 Seite 5 G. Mit Instruktionsverfügung vom 1. September 2020 wurde der Beschwerde- führerin Gelegenheit zur Replik eingeräumt. H. Die Beschwerdeführerin reichte am 30. September 2020 (nach gewährter Fristerstreckung) eine Replik ein. I. Mit Eingabe vom 18. Januar 2021 reichte die Beschwerdeführerin Auszüge aus dem Facebookprofil ihres Sohnes E._______ betreffend seinen christ- lichen Glauben sowie seine Taufe ein. J. Auf die Ausführungen in der Beschwerdeschrift und der Replik sowie die Erwägungen in der vorinstanzlichen Verfügung und Vernehmlassung wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachstehenden Erwägun- gen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101; SR 142.31); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe- rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so wie auch vorliegend – end- gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, E-3839/2020 Seite 6 ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychis chen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Eine Reflexverfolgung liegt vor, wenn sich Verfolgungsmassnahmen abge- sehen von der primär betroffenen Person auch auf Familienangehörige und Verwandte erstrecken. Diese kann flüchtlingsrechtlich im Sinne von Art. 3 AsylG relevant sein, allerdings hängen die Wahrscheinlichk eit einer Re- flexverfolgung und deren Intensität stark von den konkreten Umständen des Einzelfalls ab. Die Annahme einer Reflexverfolgung erfordert eine sorgfältige Prüfung im Einzelfall. Es muss aufgrund der Umstände des Ein- zelfalls ermittelt werden, ob di e Furcht vor Verfolgung begründet ist. Die erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete Furcht vor zukünfti- ger (Reflex -)Verfolgung muss ferner sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. Dieser Nachweis muss durch die entsprechende Partei erbracht werden (vgl. Urteile des BVGer E-4779/2018 vom 16. November 2020 E. 4.2; E-1943/2020 vom 28. Mai 2020 E. 6.3; E-6470/2017 vom 6. Juni 2019 E. 5.2). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die E-3839/2020 Seite 7 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Gemäss Rechtsprechung des Bundesverw altungsgerichts beinhaltet die Glaubhaftigkeitsprüfung eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Überein- stimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben sowie persönliche Glaubwürdigkeit, wobei die Sachverhaltsdarstellung nur glaubhaft sein kann, wenn die positiven Elemente überwiegen [vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.]). Grund- sätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilde- rungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemei- nen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Be- weismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann nicht, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nach- schiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwir- kung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Bewei smass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie- gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverha ltsdarstellung spre- chen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). 4. 4.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin unglaubhaft seien. An einer Stelle habe sie ange- geben, dass ihr Sohn im Jahr 2010 (recte: 2011) zum Christentum konver- tiert sei. An einer anderen Stelle sei davon die Rede gewesen, dass er un- gefähr zwei Jahre vor ihrer Ausreise und somit i m Jahr 2016 konvertiert E-3839/2020 Seite 8 sei. Wäre es bereits im Jahr 2011 zur Konversion gekommen, bliebe schlei- erhaft, weshalb sie ihr Heimatland erst rund sieben Jahre später verlassen habe respektive weshalb ihre Verfolger ihrer in dieser Zeit nie hätten hab- haft werden können. Gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen spreche auch der Umstand, dass sowohl sie als auch ihr Sohn nac h den angebli- chen Behelligungen nach Irak zurückgekehrt seien. Die vorgebrachten Nachstellungen kurz vor der Ausreise (zuhause und im Einkaufszentrum) habe sie erst in der Anhörung genannt, weshalb sie als nachgeschobenes Sachverhaltskonstrukt zu qualifizieren seien. Zudem sei es nicht nachvoll- ziehbar, dass die Verfolger sie selbst nach jahrelang andauernden Nach- stellungen beim Vorfall im Einkaufszentrum nicht erkannt hätten und ihr deshalb die Flucht gelungen sei. 4.2 Dem entgegnet die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerdeschrift, sie sei eine betagte Frau aus einem kriegsgezeichneten Land mit geringer Schulbildung. Viele Fragen habe sie nicht verstanden und könne sich we- der Zahlen noch Daten merken. Die unterschiedlichen Angaben des Zeit- punkts der Konversion ihres Sohnes würden auf einem Missverständnis beruhen. Als sie bei der BzP den Zeitpunkt zwei bis drei Jahre vor ihrer Ausreise genannt habe, habe sie damit gemeint, dass ihr Sohn seit zwei bis drei Jahren in H._______ lebe und sich damit nicht auf dessen Konver- sion bezogen. Der eingereichte Zeitungsartikel belege die Konversion ihres Sohnes und den gegen ihn verübten Angriff. Betreffend die Ausführungen der Vorinstanz, zwischen der Konversion des Sohnes und ihrer Ausreise bestehe kein zeitlicher Kausalzusammenhang, erwähnt sie, dass sie durch Wohnortswechsel und längere Aufenthalte bei ihrer Schwester versucht habe, den Angreifern zu entkommen. Als ihr bewusst geworden sei, dass dies nichts nütze, sei sie schliesslich ausgereist. Ihr Sohn sei nach seinem Aufenthalt in der Schweiz nach Irak zurückgekehrt in der Hoffnung, nach seiner Abwesenheit dort nicht mehr verfolgt zu werden. Er sei inzwischen in H._______ als Flüchtling anerkannt worden und habe Asyl erhalten. Im Rahmen der BzP habe nicht von ihr erwartet werden können, dass sie die Nachstellungen vor der Ausreise von sich aus erwähn e. Bei den Verfol- gungshandlungen handle es sich um das Resultat des von ihr genannten Fluchtgrundes, nämlich der Konversion ihres Sohnes. Von dieser habe sie bereits in der BzP ausführlich berichtet. 4.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz fest, dass die nordiraki- schen Behörden gegenüber Christen und Konvertiten grundsätzlich schutzwillig und schutzfähig seien. Aus den Akten ergäben sich keine Hin- weise dafür, dass die Beschwerdeführerin versucht hätte, die heimatlichen E-3839/2020 Seite 9 Behörden um Schutz zu ersuchen. Die eingereichten Beweismittel seien wenig geeignet, die Erwägungen des SEM umzustossen. Sie seien nicht in einer der drei Landessprachen abgefasst, weshalb eine inhaltliche Prü- fung nicht möglich sei. 4.4 Mit Verweis auf einen Bericht des UNHCR macht die Beschwerdefüh- rerin in ihrer Replik geltend, dass in Irak Feindseligkeiten gegenüber Kon- vertiten weit verbreitet seien. Eine offene Konversion habe oft Ausgrenzung beziehungsweise Gewalt vonseiten der Gemeinschaft, des Stammes oder der Familie sowie durch bewaffnete islamistische Gruppen zur Folge. Es treffe nicht zu, dass die nordirakischen Behörden gegenüber Christen und Konvertiten schutzwillig und schutzfähig seien. Unter Bezugn ahme auf zwei Urteile von deutschen Verwaltungsgerichten bringt sie vor, dass Kon- vertiten in Nordirak häufig von spürbarer alltäglicher Intoleranz und massi- ver Diskriminierung bis hin zu physischen Übergriffen der mehrheitlich is- lamischen Bevölkerung gegen Konvertiten selbst und gegen Personen, die der Mitwirkung an Konversionshandlungen bezichtigt würden , berichten würden. Betroffene könnten auch keinen staatlichen Schutz erwarten, da die Behörden, welche mehrheitlich aus kurdischen Muslimen bestünden, Konversionen ebenfalls nicht tolerierten. Hinzu komme, dass aufgrund von patriarchalen Geschlechternormen der Zugang der Justiz für Frauen er- schwert sei. Ihr werde vorgeworfen, dass sie die Konversion ihres Sohnes zugelassen habe beziehungsweise, dass sie dafür verantwortlich sei. Des- halb werde sie in der gleichen Intensität verfolgt wie ihr Sohn und seine Familie. Die eingereichten Fotos der Flüchtlingsausweise ihres Sohnes und dessen Familie belegten, dass er in Irak einer asylrelevanten Bedro- hung ausgesetzt wäre. Damit werde auch ihre vorgebrachte Reflexverfol- gung untermauert. Aus den Fotos der Flüchtlingspässe gehe klar hervor, dass es sich um solche handle, zumal diese mit "Travel Document – Con- vention of 28 July 1951" angeschrieben seien. Mangels Zeit und Ressour- cen habe sie den ihren Sohn betreffenden Zeitungsartikel nicht übersetzen lassen können. Der Umstand, dass sie nach der ersten Flucht nochmals versucht habe, in ihre Heimat zurückzukehren, spreche für und nicht gegen die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen. Dieses Vorgehen zeige auf, dass sie sich erst zur endgültigen Ausreise entschieden habe, als sie keinen ande- ren Ausweg mehr gesehen habe. 5. 5.1 Zunächst ist festzustellen, dass auf die geltend gemachten Vorbringen vor der ersten Reise der Beschwerdeführerin in die Türkei nicht weiter ein- zugehen ist. Die Beschwerdeführerin ist ungefähr eine Woche nach ihrer E-3839/2020 Seite 10 Ausreise – wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen – wieder in den Irak zurückgekehrt (vgl. SEM-Akten A12/15 Ziffer 2.01 und 2.04). Damit wurde der flüchtlingsrechtlich erforderliche Kausalzusammenhang zwischen den Ereignissen zuvor (Angriff auf den Sohn sowie auf die Beschwerdeführerin) und der erneuten Ausreise aus dem Irak im Frühling 2018 unterbrochen. Weitere flüchtlingsrechtliche Erwägungen betreffend die Ereignisse vor ih- rer ersten Ausreise können somit unterbleiben. 5.2 Zentral für das vorliegende Asylgesuch sind die Vorbringen, welche sich nach der Rückkehr der Beschwerdeführerin in den Irak ereignet ha- ben. Die Vorinstanz hat zutreffend festgehalten, dass diese als unglaubhaft einzuschätzen sind. Zur Vermeidung von Wiederholungen ist auf die Erwä- gungen in der vorinstanzlichen Verfügung zu verweisen; diese sind nicht zu beanstanden. Ergänzend ist anzuführen, dass die Schilderungen der Beschwerdeführe- rin an einigen Stellen durchaus lebensnahe Details und Realkennzeichen enthalten (vgl. A29/17 F69, F81, F102). Jedoch stellte das SEM in der an- gefochtenen Verfügung zu Recht fest, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen der Anhörung Asylgründe anführte, die sie bei der BzP nicht an- satzweise erwähnt hatte. Zwar hatte sie dort die Schwierigkeiten nach der Konversion ihres Sohnes E._______ im Jahr 2011 erwähnt und zu Proto- koll gegeben, dass ihre Nachbarn ihr wegen der Konversion schwere Vor- würfe gemacht hätten, was sich nach ihrer Rückkehr aus der Türkei nicht geändert habe (vgl. A12/15 Ziffer 2.01 und 7.02). Sie äusserte sich aber an keiner Stelle zu den angeblichen Behelligungen vor der zweiten Ausreise (vgl. a.a.O.). Weder machte sie geltend, dass die Verfolger erneut in ihr Haus eingedrungen seien und sie ihnen nur habe entkommen können, weil sie sich vor den Eindringlingen versteckt habe, noch dass sie einmal von einem Fahrzeug verfolgt worden sei (vgl. A29/17 F65, F69). Auch die an- gebliche Suche nach ihr in ihrem neuen Zuhause im Quartier F._______ durch Personen, die sich einmal als Polizisten verkleidet hätten, blieb un- erwähnt (vgl. a.a.O. F77–82). Ebenfalls nicht zur Sprache kam der angeb- liche Vorfall im Einkaufszentrum, als die Verfolger sie angesprochen hätten und sie mit der Ausrede davongekommen sei, dass sie nicht A._______ (die Beschwerdeführerin), sondern deren ältere Schwester sei (vgl. a.a.O. F65). Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie diese Vorbringen spätestens bei der Frage, ob sie alle Gründe genannt habe, welche sie zur Ausreise aus ihrem Heimatland bewegt hätten, geltend gemacht hätte. Dies gilt ins- besondere vor dem Hintergrund, dass es sich dabei um Ereignisse handelt, E-3839/2020 Seite 11 welche sie zur zweiten und definitiven Ausreise aus ihrem Heimatland be- wegt haben sollen. Stattdessen bestätigte sie in der BzP , alle Gründe ge- nannt zu haben (vgl. a.a.O. Ziffer 7.02). Überdies erscheint es höchst un- wahrscheinlich, dass die Verfolger während sieben Jahren nach der Kon- version und rund zwei Jahre nach der erneuten Ausreise ihres Sohnes im- mer noch einen verhältnismässig grossen Aufwand betreiben würden, um dessen Mutter zu bestrafen beziehungsweise zu verfolgen. Gemäss den Aussagen der Beschwerdeführerin kannten die Verfolger auch ihren neuen Wohnort, weshalb es nicht nachvollziehbar ist, dass sie ihrer in den sieben Jahren nach der Konversion des Sohnes – wovon sie lediglich eine Woche ausserhalb von D._______ wohnte – nicht habhaft hätten werden können (vgl. A29/17 F66). Schliesslich gelang es der Beschwerdeführerin auch auf mehrere Nachfragen hin nicht, die vorgebrachten Ereignisse auch nur grob zeitlich einzuordnen (vgl. a.a.O. F103 –104, F108). Während an d er BzP der Anschein erweckt wurde, dass sich die Er eignisse kurz vor ihrer Aus- reise im Frühling 2018 abgespielt hätten, gab sie in der Anhörung zu Pro- tokoll, dass der Angriff auf sie und ihren Sohn "in der Nähe des Datums in der Zeitung" – mithin ungefähr im Jahr 2011 – erfolgt sei (vgl. a.a.O. F55). Die beigebrachten Beweismittel vermögen diese Einschätzung nicht um- zustossen, zumal sie lediglich geeignet sind, die Konversion des Sohnes E._______ im Jahr 2011 sowie seine Fluchtgründe zu untermauern, jedoch nicht die behauptungsgemäss im Verlauf der sieben darauffolgenden Jahre erfolgten, gegen die Beschwerdeführerin gerichteten Verfolgungshandlun- gen. Für Asylsuchende, die trotz Hinweises auf ihre Mitwirkungs - und Wahr- heitspflicht bei der BzP Asylgründe verschweigen und diese erst zu einem späteren Zeitpunkt nennen, gelten erhöhte Anforderungen an den Nach- weis oder die Glaubhaftmachung ihrer Vorbringen , da die Glaubhaftigkeit von Ereignissen oder Befürchtungen, welche erst später als zentrale Asyl- gründe genannt werden, grundsätzlich zu bezweifeln ist (vgl . statt vieler Urteil des BVGer E -6955/2019 vom 13. Februar 2020 E. 8.4). Der Be- schwerdeführerin ist es nicht gelungen, diese Zweifel auszuräumen . Sie konnte nicht glaubhaft machen, dass eine allfällig zuvor bestandene Ge- fahr der Reflexverfolgung zum Zeitp unkt ihrer Ausreise noch aktuell im Sinne der obengenannten Rechtsprechung war beziehungsweise dass die vorgebrachte Verfolgung aufgrund der Konversion ihres Sohnes kausal war für ihren Entschluss zur definitiven Ausreise (vgl. oben E. 3.1). Es macht vielmehr den Anschein, dass sie versuchte, nachträglich eine Ge- fährdungslage für den Zeitpunkt nach ihrer Rückkehr aus der Türkei zu E-3839/2020 Seite 12 konstruieren. Die entsprechenden Vorbringen sind als nachgeschoben und damit unglaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG zu erachten. Dieser Schlussfolgerung vermag die Beschwerdeschrift nichts Substanzi- elles entgegenzusetzen. Auch die eingereichten Arztzeugnisse vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Dar in wird der Beschwerdefüh- rerin nicht etwa eine fehlende Einvernahmefähigkeit attestiert. Auch aus dem Unterschriftenblatt der Hilfswerksvertretung geht solches nicht hervor (vgl. A29/17 S. 17). Somit liegen nach den Akten keine Hinweise dafür vor, dass ihre Aussagen in der Anhörung nicht verwertbar wären. Dem prekären Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin wurde sodann mit der Anord- nung der vorläufigen Aufnahme Rechnung getragen (vgl. E. 7). 5.3 Im Unterschied zum in der Beschwerde erwähnten Urteil E-2805/2019 ist vorliegend keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes durch die Vorinstanz festzustellen. Sie hat den Sachverhalt so präzise festgestellt, wie dies anlässlich der vagen Ausführungen der Beschwerdeführerin in Be- zug auf die Ereignisse vor ihrer zweiten Ausreise in casu möglich war (vgl. oben E. 6.2). Die Vorinstanz hat sich hinlänglich mit den geltend gemach- ten Asylgründen der Beschwerdeführerin befasst, ihr entsprechende De- tailfragen gestellt und ist in einer Gesamteinschätzung zum Schluss ge- kommen, dass ihre Vorbringen unglaubhaft sind. Dabei stellte die zutref- fende Feststellung, dass die Beschwerdeführerin wohl nicht in den Irak zu- rückgekehrt wäre, wenn sie dort tatsächlich in asylrelevanter Weise verfolgt worden wäre, nur ein Element von vielen dar , welches gegen die Glaub- haftigkeit ihrer Vorbringen zu werten war. 5.4 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht, was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumin- dest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat daher ihr Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). E-3839/2020 Seite 13 6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. Da das SEM in seiner Verfügung vom 29. Juni 2020 die vorläufige Auf- nahme der Beschwerdeführerin angeordnet hat, erübrigen sich praxisge- mäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde- führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da sich die Rechtsbegehren vorliegend nicht als aussichtslos erwiesen haben und aufgrund der Akten von der Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin auszugehen ist, ist das Ge- such um Gewährung der unentgeltlich en Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) gutzuheissen. Es sind demnach keine Verfahrenskosten aufzuer- legen. (Dispositiv nächste Seite) E-3839/2020 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Roswitha Petry Mara Urbani Versand: