<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 61</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">61</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>17</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 94 StPO</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Grobe Fehler der notwendigen Verteidigung, wie das Versäumen einer</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Frist, dürfen dem Beschuldigten auch unter der Schweizerischen Straf-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>prozessordnung nicht angerechnet werden, sofern er den Fehler selbst</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nicht erkannte oder erkennen konnte und eine Schadenersatzleistung für</b></span><br/> <span class="ft1"><b>eine Wiedergutmachung nicht geeignet ist, da eine unbedingte Freiheits-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>strafe auf dem Spiel steht (vgl. zur Praxis zur Strafprozessordnung des</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Kantons Aargau: AGVE 1997 Nr. 38 S. 116).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Strafkammer, vom 15. Dezember</span><br/> <span class="ft2">2011 i.S. Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach gegen M.M.B. (SST.2011.182).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1.1.</span><br/> <span class="ft4">Der Beschuldigte hat die Frist zur Begründung seiner Berufung</span><br/> <span class="ft4">verpasst. Mit Eingabe vom 11. November 2011 hat die amtliche Ver-</span><br/> <span class="ft4">teidigerin des Beschuldigten jedoch zusammen mit der Berufungs-</span><br/> <span class="ft4">begründung ein Gesuch um Wiederherstellung der Frist gestellt.</span><br/> <span class="ft4">Hat eine Partei eine Frist versäumt, so kann sie gemäss Art. 94</span><br/> <span class="ft4">StPO die Wiederherstellung der Frist verlangen. Dabei hat sie glaub-</span><br/> <span class="ft4">haft zu machen, dass sie an der Säumnis kein Verschulden trifft. Das</span><br/> <span class="ft4">Gesuch ist innert 30 Tagen seit Wegfall des Hindernisses zu stellen.</span><br/> <span class="ft4">Innert gleicher Frist muss die versäumte Verfahrenshandlung nach-</span><br/> <span class="ft4">geholt werden.</span><br/> <span class="ft4">Die amtliche Verteidigerin hat ausgeführt, in ihrer internen</span><br/> <span class="ft4">Kontrolle den 27. Oktober 2011 eingetragen zu haben. Sie sei davon</span><br/> <span class="ft4">überzeugt, dass die Berufungsbegründung versandt worden sei. Sie</span><br/> <span class="ft4">könne das aber nicht beweisen, da die Suche nach der Postquittung</span><br/> <span class="ft4">erfolglos verlaufen sei.</span><br/> <span class="ft4">Bei dieser Sachlage kann die amtliche Verteidigerin zweifellos</span><br/> <span class="ft4">nicht glaubhaft machen, dass sie kein Verschulden trifft. Die Einhal-</span><br/> <span class="ft4">tung und Kontrolle von Fristen gehört zu den Grundpflichten eines</span><br/> <span class="ft4">jeden Anwalts. Vorliegend ist jedoch zu beachten, dass die Staatsan-</span><br/> <span class="ft4">waltschaft eine unbedingte Freiheitsstrafe von 2 Jahren beantragt hat</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">62</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">und es sich deshalb um einen Fall notwendiger Verteidigung gemäss</span><br/> <span class="ft4">Art. 30 lit. b StPO handelt. Da die amtliche Verteidigerin die Frist zur</span><br/> <span class="ft4">Berufungsbegründung grob fahrlässig verpasst hat, der Beschuldigte</span><br/> <span class="ft4">dies weder erkennen konnte noch erkennen musste und eine Scha-</span><br/> <span class="ft4">denersatzleistung für eine Wiedergutmachung nicht geeignet scheint,</span><br/> <span class="ft4">da eine unbedingte Freiheitsstrafe auf dem Spiel steht (siehe zu den</span><br/> <span class="ft4">einzelnen Kriterien: R</span><span class="ft2">IEDO</span><span class="ft4">,</span> <span class="ft4">in:</span> <span class="ft4">Basler Kommentar, Strafprozessord-</span><br/> <span class="ft4">nung, 2010, N. 57 zu Art. 94 StPO), ist das Wiederherstellungsge-</span><br/> <span class="ft4">such in Übereinstimmung mit der bisherigen Praxis zur Strafprozess-</span><br/> <span class="ft4">ordnung des Kantons Aargau (siehe z.B. AGVE 1997 Nr. 38 S. 116:</span><br/> <span class="ft4">Grobe Fehler der notwendigen Verteidigung, wie das Versäumen</span><br/> <span class="ft4">einer Frist, dürfen dem Beschuldigten nicht angerechnet werden)</span><br/> <span class="ft4">gutzuheissen. Auf die Berufung ist somit einzutreten.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> </body> </html>