B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2277/2023 U r t e i l v o m 4 . O k t o b e r 2 0 2 3 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), sowie deren Kind C._______, geboren am (…), Afghanistan, alle vertreten durch MLaw Daniela Candinas, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 17. April 2023 / N (…). D-2277/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden suchten am 23. Februar 2023 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Daten- bank (Eurodac) ergab, dass sie am 13. Februar 2023 in Polen um Asyl ersucht hatten. B. Am 8. und 14. März 2023 wurde ihnen mündlich das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Polens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver- fahrens gemäss der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Par- laments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem D rittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufas- sung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dublin-III-VO) gewährt. Dabei machten sie geltend, sie seien wochenlang in ei nem Wald unter- wegs gewesen, ohne Gepäck und Verpflegung. Der Schlepper habe sie zu einer Grenze gebracht, wo sie über eine Mauer hätten klettern müssen. Dabei sei die Beschwerdeführerin hängen geblieben und habe grosse Schwierigkeiten gehabt, die polnische Polizei habe ihr jedoch trotz Hilferu- fen nicht geholfen. In der Folge seien sie befragt worden, wobei der Be- schwerdeführer geschlagen worden sei. Dies obwohl er sich sein Kind auf den Rücken gebunden gehabt habe. Er habe sich um dieses grosse Sor- gen gemacht, zum Glück sei es durch die Schläge und Tritte nicht verletzt worden. Dann habe man sie nach Warschau geschickt, von wo aus sie mit Hilfe des Schleppers in die Schweiz gereist seien. Sie hätten heute noch Albträume davon, wie schlecht sie von den polnischen Behörden behandelt worden seien. Der Beschwerdeführer habe 12 Jahre lang mit Nato-Kräften zusammengearbeitet und sei Universitätsprofessor gewesen. Er habe die Polizisten in Polen um Hilfe angefleht, habe aber keine erhalten. Die schwangere Beschwerdeführerin habe Blut erbrochen und ebenfalls keine Hilfe erhalten. Sie hätten mehrmals um ärztliche Hilfe geben, dies sei aber ignoriert worden. Auch hätten sie kein Wasser und keine Nahrung erhalten. Auch das Kind sei dort die ganze Zeit hungri g und durstig gewesen. Man habe ihnen aber zu verstehen gegeben, dass man ihnen etwas zu essen und zu trinken geben würde, wenn sie etwas unterschreiben würden, was sie nicht verstanden. Alle Beschwerdeführenden machten zudem psychi- sche Probleme geltend. D-2277/2023 Seite 3 C. Gestützt auf den Eurodac-Abgleich ersuchte das SEM am 14. März 2023 die polnischen Behörden um Übernahme der Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin -III-VO. Die polnischen Behörden hiessen das Ersuchen des SEM betreffend den Beschwerd eführer am 15. März, betreffend die Beschwerdeführerin und das gemeinsame Kind am 16. März 2023 gut. D. Die Beschwerdeführenden haben während des vorinstanzlichen Verfah- rens gesundheitliche Probleme geltend gemacht und verschiedene Arztbe- richte eingereicht (Betreffend die Beschwerdeführerin: Zuweisung zur me- dizinischen Abklärung vom 23. Februar 2023; Verordnung zur Physiothe- rapie; Ambulanter Bericht vom 15. März 2023; Konsultationsbericht vom 11. April 2023 . Betreffend den Beschwerdeführer: Ärztlicher Kurzbericht vom 15. März 2023; Ärztliche Kurzberichte vom 24. und 30. März 2023 . Betreffend das Kind: Ambulanter Bericht vom 30. März 2023). Diesen Be- richten ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin schwanger sei, un- ter starken Schmerzen im Unterleib sowie i n den Beinen leide und Atem- probleme habe. Für ihre Bein- und Rückenschmerzen (Lumbospondyloge- nes Syndrom mit Ausstrahlung in die Beine) wurde sie zur Physiotherapie überwiesen. Ausserdem leide sie unter Schlafstörungen, habe Flashbacks und leide an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Der Be- schwerdeführer leide ebenfalls an einer PTBS, differentialdiagnostisch an einer Anpassungsstörung, sowie Vitamin -D-Mangel und werde medika- mentös behandelt. Betreffend die psychischen Leiden werde die regelmäs- sige Einnahme der verschriebenen Medikamente empfohlen. Eine regel- mässige ambulante psychiatrisch -psychotherapeutische Behandlung sei zwar indiziert, jedoch aktuell vermutlich nicht zeitnah umsetzbar aufgrund der Wartezeiten. Das Kind leide an einem viralen Atemwegsinfekt, anam- nestischer Gewichtsabnahme, Nachtschweiss seit ungefähr einem Monat, Verdacht auf Traumafolgestörung, Obstipation und Vitamin -D-Mangel. Eine Zuweisung an die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psy- chotherapie ( KJPP) erfolge für eine supportive Gesprächstherapie. Die weiteren Leiden wurden medikamentös behandelt. E. Mit Verfügung vom 17. April 2023 – eröffnet am 18. April 2023 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein und ordnete die Wegwei- sung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. D-2277/2023 Seite 4 F. Mit Eingabe vom 25. April 2023 erhoben die Beschwerdeführenden (eigen- händig) beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfü- gung. Dabei wurde beantragt, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuhe- ben und die Vorinstanz anzuweisen, ihr Recht zum Selbsteintritt auszu- üben und auf die Asylgesuche einzutreten, eventualiter sei die Verfügung vollständig aufzuheben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück- zuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, der Be- schwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbe- hörden seien anzuweisen, von einer Wegweisung der Beschwerdeführen- den nach Polen abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe, sowie den Be- schwerdeführenden sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. G. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 26. April 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). H. Mit superprovisorischer Massnahme vom 27. April 2023 setzte die Instruk- tionsrichterin den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus. I. Ebenfalls am 27. April 2023 ging beim Bundesverwaltungsgericht eine von der zugewiesenen Rechtsvertretung verfasste Beschwerdeschrift ein. Da- rin wurde beantragt, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, die Vo- rinstanz sei anzuweisen, auf die Asylgesuche einzutreten, eventualiter sei die Sache zwecks vollständiger Abklärung des Sachverhalts und Neubeur- teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, subeventualiter sei die Vo- rinstanz anzuweisen, von den polnischen Behörden individuelle Garantien betreffend Zugang zum Asylverfahren, adäquate Unterbringung und gege- benenfalls notwendige fachärztliche Behandlung einzuholen. In verfah- rensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, der Beschwerde sei die aufschie- bende Wirkung zu erteilen, die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, jegliche Vollzugshandlungen zu unterlassen und den Be- schwerdeführenden sei die unentgeltl iche Prozessführung zu gewähren sowie von der Erhebung eines Kostenvorschusses sei abzusehen. J. Mit Eingabe vom 17. Mai 2023 reichten die Beschwerdeführenden einen D-2277/2023 Seite 5 Arztbericht des Stadtspitals Triemli in Zürich vom 26. April 2023 betreffend die Beschwerdeführerin ein. K. Mit Zwischenverfügung vom 24. Mai 2023 erkannte die Instruktionsrichterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu, hiess das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig setzte sie der Vorinstanz Frist zur Einreichung einer Vernehmlassung. L. Mit Vernehmlassung vom 7. Juni 2023 stellte das SEM fest, die Beschwer- deschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten und hielt vollumfänglich an seinen Erwägungen fest. Am 4. Juli 2023 replizierten die Beschwerdeführenden. M. Am 12. Juni 2023 wurde ein Konsultationsbericht vom 8. Juni 2023 betref- fend die Beschwerdeführerin nachgereicht. Am 4. sowie 13. Juli 2023 wur- den weitere Konsultationsberichte und eine Ultraschalldiagnostik betref- fend die Beschwerdeführerin eingereicht. Am 25. Juli 2023 wurden zwei ärztliche Bestätigungen der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) vom 13. und 17. Juli 2023 betreffend das Kind der Beschwerdefüh- renden sowie ein Konsultationsbericht vom 20. Juli 2023 betreffend die Be- schwerdeführerin eingereicht. Am 28. Juli 2023 wurde ein ausführlicher Arztbericht der PUK vom 17. Juli 2023 betreffend das Kind der Beschwer- deführenden zu den Akten gereicht. Am 15. August 2023 wurden zwei Kon- sultationsberichte betreffend den Beschwerdeführer vom 4. und 10. August 2023 nachgereicht. N. Mit Eingabe vom 22. August 2023 machten die Beschwerdeführenden in einem eigenhändig verfassten Schreiben auf ihre schwierige gesundheitli- che Situation sowie auf eine Aktualisierung eines AIDA -Berichtes betref- fend Polen aufmerksam. O. Mit Verfügung vom 3. August 2023 lud die Instruktionsrichterin das SEM aufgrund der in der Zwischenzeit eingereichten Arztberichte zu einer er- gänzenden Vernehmlassung ein und bat explizit darum, sich zur Gefahr D-2277/2023 Seite 6 einer möglichen Retraumatisierung bei einer Rückführung nach Polen zu äussern, entsprechend den diesbezüglichen Aussagen in den Arztberich- ten. P. Mit ergänzender Vernehmlassung vom 31. August 2023 stellte das SEM fest, es bestehe kein «real risk» einer Verletzung von Art. 3 EMRK oder anderer völkerrechtlich bindender Verpflichtungen und hielt vollumfänglich an seinen Erwägungen fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Be- schwerdeführung legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein- schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un- richtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblich en Sachver- halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be schwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs hat die V orinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das D-2277/2023 Seite 7 Bundesverwaltungsgericht diese Punkte insoweit ohne Einschränkung prüft. 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingelei tet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO; vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). Erweist es sich als unmöglich, Antragstellende in den eigentlich zuständi- gen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An- nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An- tragstellende in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitg lied- staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). D-2277/2023 Seite 8 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin -III-VO). Dies gilt auch, wenn der zuerst gestellte Antrag zurückgezogen wurde (Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO). 4.3 Gemäss der Ermessensklausel von Art. 17 Abs . 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO beschlies- sen, einen bei ihm von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell- ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist. Diese Bestimmung ist jedoch im Beschwerdeverfahren nicht direkt an- wendbar und kann nur in Verbindung mit einer anderen Norm des nationa- len oder internationalen Rechts angerufen werden (BVGE 2010/45 E. 5). 4.4 Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO wird im schweizerischen Recht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) umgesetzt und konkretisiert. Wie das Bundesverwaltungsgericht in BVGE 2015/9 festhielt, verfügt das SEM bezüglich der Anwendung der Souveränitätsklausel aus humanitären Gründen gestützt auf Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessenspielraum, der es ihm erlaubt zu er- mitteln, ob humanitäre Gründe vorliegen, welche einen Selbsteintritt der Schweiz rechtfertigen. Aufgrund der Kognitionsbeschränkung des Bundes- verwaltungsgerichts infolge der Aufhebung von Art. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG muss dieses den genannten Ermessenspielraum der Vorinstanz respektie- ren. Das Bundesverwaltungsgericht kann und muss jedoch nach wie vor überprüfen, ob das SEM sein Ermessen gesetzeskonform ausgeübt hat. Dies ist nur dann der Fall, wenn das SEM – bei den von der gesuchstellen- den Person geltend gemachten Umständen, die eine Überstellung auf- grund ihrer individuellen Situation oder der Verhältnisse im zuständigen Staat problematisch erscheinen lassen – in nachvollziehbarer Weise prüft, ob die Ausübung der Souveränitätsklausel aus humanitären Gründen an- gezeigt ist. Dazu muss die Vorinstanz in ihrer Verfügung wiedergeben, aus welchen Grü nden sie auf einen Selbsteintritt aus humanitären Gründen verzichtet. Tut sie dies nicht, liegt eine Ermessensunterschreitung vor (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8). 5. 5.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, der Abgleich der Fingerabdrücke zeige, dass die Beschwerdeführenden in D-2277/2023 Seite 9 Polen registriert worden seien und die polnischen Behörden hätten dem Übernahmeersuchen zugestimmt, womit deren Zuständigkeit feststehe. Der geäusserte Wunsch nach einem Verbleib in der Schweiz habe keinen Einfluss auf diese Zuständigkeit. Es sei grundsätzlich nicht Sache der be- troffenen Person, den für ihr Asylverfahren zuständigen Staat selber zu wählen. Es gebe sodann keine wesentlichen Gründe für die Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Polen Schwachstellen auf weisen würden, die die Gefahr einer un- menschlichen oder entwürdigenden Behandlung mit sich bringen würden. Polen habe die relevanten Richtlinien ohne Beanstandung von Seiten der Europäischen Kommission umgesetzt. Auch sei Polen Signatarstaat der FK und der EMRK. Es würden keine konkreten Anhaltspunkte dafür vorlie- gen, dass sich Polen nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen hal- ten und die Asyl - und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführen würde. Das Bundesverwaltungsgericht gehe in konstanter Rechtsprechung davon aus, dass gegenwärtig keine Hinweise darauf bestehen, die Aufnah- mebedingungen für Asylsuchende in Polen würden systemische Schwach- stellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO aufweisen. Es bestehe kein ernsthaftes und konkretes Risiko, dass sich die polnischen Behörden wei- gern würden, die Beschwerdeführenden wiederaufzunehmen und in der Folge ihre Anträge auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Verfah- rensrichtlinie zu prüfen. Den Zustimmungsschreiben sei zu entnehmen, dass die Asylgesuche der Beschwerdeführenden als zurückgezogen gel- ten würden. Polen bleibe jedoch gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO weiterhin für die Verfahren zuständig und habe nach erfolgter Überstellung die Weiterführung der Prüfung der Asylgründe s icherzustellen. Das SEM bezweifle nicht, dass sie sich bei der Einreise nach Polen und der dortigen Registrierung sehr schwierigen Umständen ausgesetzt gesehen hätten. Diese Umstände seien jedoch nicht mit der Situation vergleichbar, welche sie nach einer Überstellung nach Polen im Rahmen des Dublin-Verfahrens zu erwarten hätten. Es würden keine Hinweise dafür bestehen, dass sie nach einer Überstellung nach Polen im Rahmen des Dublin-Verfahrens kei- nen Zugang zu einer asylrechtlichen Aufnahmestruktur und dam it einher- gehend zu den Leistungen gemäss den Bestimmungen aus der Aufnah- merichtlinie erhalten würden. Polen sei ein Rechtsstaat mit funktionieren- dem Justizsystem. Auch angesichts der zusätzlichen Belastung im Zusam- menhang mit der Flüchtlingsbewegung aus der Ukraine würden sich keine begründeten Hinweise für eine Überlastung des polnischen Asyl- oder Ge- sundheitssystems erkennen lassen. Es sei deshalb nicht davon auszuge- hen, dass die Beschwerdeführenden bei einer Überstellung nach Polen gravierenden Menschenr echtsverletzungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 D-2277/2023 Seite 10 Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK ausgesetzt würden, in eine existenzielle Notlage geraten oder ohne Prüfung ihres Asylgesuchs und unter Verlet- zung des Non -Refoulement-Gebots in ihren Heimat - oder Herkunftsstaat überstellt würden. Ferner würden auch keine Gründe gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vorliegen, die die Schweiz verpflichten würden, ihr Asylge- such zu prüfen. Aus dem Umstand, dass der Bruder des Beschwerdefüh- rers in der Schweiz lebe, könnten sie nichts zu ihren Gunsten ableiten, da dieser nicht als Familienangehöriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin -III- VO gelte. Zudem würden keine Hinweise auf ein besonderes Abhängig- keitsverhältnis zu diesem bestehen, auch nicht betreffend das Kind der Be- schwerdeführenden. Ferner betrachte das SEM den medizinischen Sach- verhalt als ausreichend erstellt um die Zulässigkeit einer Wegweisung nach Polen bestätigen zu können und um festzustellen, dass vorliegend keine ausreichenden Gründe für die Anwendung der Souveränitätsklausel vorlie- gen würden. Polen verfüge über eine ausreichende medizinische Infra- struktur und sei verpflichtet, ihnen die erforderliche medizinische Versor- gung zu gewähren. Es sei im Rahmen des Dublin -Systems davon auszu- gehen, dass der zuständige Dublin-Staat angemessene medizinische Ver- sorgungsleistungen erbringen könne und den Zugang zu notwendiger me- dizinischer Behandlung gewährleiste. Es würden keine Hinweise vorliegen, wonach Polen eine aus ärztlicher Sicht indizierte Behandlung verweigern würde. Es werde davon ausgegangen, dass die bisher mangelhafte Ge- sundheitsversorgung dort im Zusammenhang damit stehe, dass die Be- schwerdeführenden bis anhin nicht in asylrechtlichen Aufnahmestrukturen untergebracht gewesen seien. Zwar werde nicht ausgeschlossen, dass sich ihr psychischer Gesundheitszustand im Hinblick auf eine mögliche Überstellung verschlechtern könnte. Dem könne aber mit einer adäquaten psychiatrisch-psychologischen Betreuung im Vorfeld und während der Überstellung Rechnung getragen werden. Schliesslich wurde festgehalten, dass Polen Signatarstaat des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (nachfolgend: KRK, SR 0.107) sei, weshalb bei einer Überstellung des Kindes nach Polen keine Verletzung von Art. 3 KRK zu erwarten sei. Hierzu sei ausschlaggebend, dass die benötigte Wei- terbehandlung auch in Polen möglich sei. Für das weitere Dublin-Verfahren sei einzig die Reisefähigkeit ausschlaggebend, welche erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt werde. Somit bestehe keine Verpfl ichtung, die Souveränitätsklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO oder jene nach Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) anzuwenden. D-2277/2023 Seite 11 5.2 Dem wurde in der Beschwerde entgegnet, als direktes Nachbarland der Ukraine sei Polen von der Kriegssituation dort besonders betroffen. Kein anderes Land habe so viele ukrainische Flüchtlinge aufgenommen wie Polen, die Bevölkerung sei um mehr als zehn Prozent gewachsen. Da- mit sei Polen bereits massiv belastet mit ankommenden Geflüchteten. Uk- rainische Geflüchtete würden bevorzugt behandelt, Menschen aus ande- ren Staaten demgegenüber erheblich benachteiligt. Polen versuche , tau- sende von Migranten aus dem Nahen Osten und anderen Ländern von ei- ner Einreise abzuhalten, dies nicht selten unt er der Anwendung von Ge- walt. Am 28. Februar 2022 habe Polen deshalb erklärt , es bestehe keine Übernahmebereitschaft von Personen im Rahmen des Dublin -Verfahrens mehr. Seit dem 1. August 2022 nehme Polen wieder Flüchtlinge auf im Zuge der Dublin-Verordnung. Seither gebe es aber Berichte über frappie- rende rechtsstaatliche Mängel bei Dublin-Rückführungen. Die Situation in den sogenannten «bewachten Lagern für Ausländer» gleiche jener in ei- nem Gefängnis, es herrsche ein gravierender Ärztemangel und die rechtli- che Beratung sei nicht gewährleistet. Aus den Aussagen der Beschwerde- führenden – welche von der Vorinstanz nicht angezweifelt worden seien – ergebe sich, dass die Familie als Ganzes, insbesondere jedoch das Kind und die schwangere Beschwerdeführerin, als be sonders schutzwürdig zu gelten hätten, weshalb die menschenrechtsverletzende Behandlung ihnen gegenüber besonders schwer wiege n würden . Das Vorgehen der Vo- rinstanz sei willkürlich, wenn sie aufgrund der tatsächlichen Erlebnisse in Polen annehme, dass den B eschwerdeführenden bei ihrer Rückkehr ein rechtsgenügender Zugang zu einer asylrechtlichen Aufnahmestruktur ge- währt werde. Vielmehr müsse befürchtet werden, dass sie bei einer Rück- weisung erneut einer völkerrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt wür- den, insbesondere wenn man sich die momentane Situation in Polen vor Augen führe. Ferner ergebe sich aus den eingereichten Arztberichten, dass die gesamte Familie aufgrund ihrer Erlebnisse in Polen an PTBS leide. Sie hätten in Polen mehrfach versucht, medizinische Hilfe in Anspruch zu neh- men, diese sei ihnen aber kategorisch verwehrt worden. Es sei damit of- fensichtlich, dass die polnischen Behörden nicht nur nicht Willens und nicht in der Lage seien die medizinische Behandlung der Beschwerdeführenden zu gewährleisten, sondern sich für deren Situation vorwiegen d nicht ver- antwortlich zeigen würden. Es widerspreche den tatsächlichen und fakti- schen Erlebnissen der Beschwerdeführenden, wenn die Vorinstanz an- nehme, dass bei einer Rückkehr nach Polen plötzlich umgekehrte Verhält- nisse vorliegen würden. Eine Reise nach Polen hätte für sie unweigerlich eine zusätzliche psychische Belastung und Verstärkung der Symptomatik ihrer Leiden zur Folge, was noch erschwerend dazukomme. Aus diesen D-2277/2023 Seite 12 Gründen sei von einer Rückweisung dorthin abzusehen. Diese würde im Einzelfall eine Verletzung von Art. 3 EMRK darstellen und wäre für die Fa- milie mit einer erheblichen und untragbaren Gefährdung verbunden. Aus- serdem könne die Schweiz aus humanitären Gründen die Souveränitäts- klausel anwenden. Es handle sich bei den Beschwerdeführenden um eine junge Familie, welche aufgrund ihrer Erlebnisse in Polen mit nachhaltigen psychischen Problemen zu kämpfen habe. Die Familie stamme aus Afgha- nistan und sehe sich seit der Rückkehr der Taliban an die Macht mit stän- diger Gewalt konfrontiert. Das vierjährige Kind der Familie sei in den letzten Monaten mit mehreren schwerwiegenden psychischen Belastungen kon- frontiert und auch sonst gesundheitlich stark angeschlagen. Die Kindsmut- ter sei schwanger und leide an PTBS sowie weiteren Gesundheitsproble- men. Es handle sich somit um eine sehr vulnerable Personengruppe. Die Anwendung der Souveränitätsklausel sei deshalb angezeigt. Schliesslich wurde der Eventualantrag auf Rückweisung an die Vorinstanz damit be- gründet, diese habe den medizinischen Sachverhalt nicht hinreichend ab- geklärt. So seien für Mutter und Kind weitere medizinische Untersuchun- gen angedacht und notwendig, um die Anamnese zu erstellen. Bevor diese Untersuchungen nicht abgeschlossen seien, s ei der medizinische Sach- verhalt nicht abschliessend erstellt. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden fünf Ärztliche Berichte zu den Akten, wobei vier davon bereits im vo- rinstanzlichen Verfahren eingereicht worden waren (vgl. Sachverhalt). Dem erstmals eingereichten Psychiatrischen Konsilium vom 30. März 2023 be- treffend den Beschwerdeführer ist zu entnehmen, dieser leide unter Angstattacken, sei bedrückt, niedergestimmt und angespannt. Die geäus- serten Beschwerden würden für eine PTBS sprechen, differenzialdiagnos- tisch komme eine Anpassungsstörung in Frage. 5.3 In seiner Vernehmlassung legte das SEM im Wesentlichen dar, es halte weiterhin an seiner Einschätzung fest, dass sich vorliegend keine begrün- deten Hinweise für die Annahme ergeben würden, die Beschwerdeführen- den würden nach einer Rücküberstellung nach Polen keinen Zugang zum Asylverfahren oder zu asylrechtlichen Aufnahmestrukturen in Polen erhal- ten. Aufgrund des Ortes, wo die Beschwerdeführenden registriert worden seien, sei es möglich, dass sie nach der Einreichung ihrer Asylgesuche in einem «detention centre» untergebracht gewesen seien. Sie hätten jedoch geltend gemacht, dass sie nach ungefähr eineinhalb Tagen freigelassen und nach Warschau geschickt worden seien. Es sei davon auszugehen, dass dies im Zusammenhang mit einer Verlegung in ein offenes «reception D-2277/2023 Seite 13 centre» gestanden habe. Es sei naheliegend, dass sie als Zugehörige ei- ner vulnerablen Gruppe identifiziert worden seien und deshalb zur weiteren Unterbringung in ein solches verwiesen worden seien. Das SEM werde die polnischen Behörden im Rahmen der Ankündigung der Überstellung dar- über informieren, dass es sich bei der Beschwerdeführerin um eine schwangere Frau handle sowie über den aktuellen Gesundheitszustand aller Beschwerdeführenden. Somit sei ausreichend sichergestellt, dass sie in Polen als Angehörige einer vulnerablen Gruppe identifiziert und unter Berücksichtigung ihrer besonderen Bedürfnisse Zugang zu einem «recep- tion centre» erhalten würden. Ferne r seien ihre gesun dheitlichen Be- schwerden nicht von einer derartigen Schwere, dass eine Überstellung nach Polen einen Verstoss gegen internationale Verpflichtungen bedeuten würde. Betreffend einen allfälligen Verstoss gegen die KRK hielt die Vo- rinstanz fest, dass alle Dublin-Mitgliedstaaten die KRK ratifiziert hätten. Es werde davon ausgegangen, dass sich Polen als Ratifikationsstaat der KRK und als EU -Land an die daraus fliessenden Verpflichtungen halte. Diese könnten dort auch auf dem Rechtsweg geltend gemacht werden. Soda nn werde das Kind mit beiden Eltern nach Polen zurückkehren. Was die mög- liche Verschlechterung des psychischen Zustandes beziehungsweise Ge- fährdung des Kindeswohls angelange, sei darauf hinzuweisen, dass die polnischen Behörden gegebenenfalls gehalten seien, entsprechende Mas- snahmen zu ergreifen. Schliesslich sei der medizinische Sachverhalt aus- reichend erstellt und weitere Abklärungen würden die Einschätzung des SEM betreffend Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs sowie Anwendung der Souveränitätsklausel nicht zu ändern vermögen. 5.4 Dem entgegneten die Beschwerdeführenden in ihrer Replik, die Vor- instanz verliere sich hinsichtlich Unterbringung der Beschwerdeführenden und Identifizierung als Zugehörige zu einer vulnerablen Gruppe durch die polnischen Behörden i n reinen Mutmassungen. Ihre diesbezügliche Be- gründung werde den Anforderungen an eine rechtmässige Sachverhalts- feststellung durch eine rechtsanwendende Behörde nicht gerecht. Trotz der bestehenden Möglichkeit von Informationsersuchen im Rahmen eines Dublin-Verfahrens habe die Vorinstanz keine Abklärungen getätigt. Tat- sächlich würden sich keinerlei Hinweise dafür finden, dass die Beschwer- deführenden von den polnischen Behörden als Zugehörige zu einer vul- nerablen Gruppe identifiziert worden wären. Es sei somi t auch nicht ohne Weiteres davon auszugehen, die Beschwerdeführenden würden bei einer Rückkehr nach Polen Zugang zu einem «reception centre» erhalten. So sei Polen schon mehrfach dafür kritisiert worden, dass auch vulnerable Personen wie Familien mit Kinde rn von Inhaftierungen betroffen seien. D-2277/2023 Seite 14 Auch das Kindswohl werde bei der Unterbringung nicht berücksichtigt. Die Beschwerdeführenden seien in Polen in ihren elementaren Rechten ver- letzt worden. Im Falle einer Wegweisung würden ihnen erneut Grund- rechtsverletzungen drohen, insbesondere eine Retraumatisierung, eine massive Verschlechterung der gesundheitlichen Verfassung sowie eine Verletzung des Kindeswohls. Ein Selbsteintritt der Schweiz sei zwingend. 5.5 Den eingereichten ärztlichen Berichten betreffend die Beschwerdefüh- rerin sind im Wesentlichen Informationen über den Verlauf ihrer Schwan- gerschaft zu entnehmen. In am 4. und 25. Juli 2023 eingereichten Konsul- tationsbericht wurde ferner darüber informiert, dass es ihr psychisch schlecht gehe, sie nicht schlafen k önne und suizidale Krisen erlebe. Be- treffend das Kind der Beschwerdeführenden ist den Berichten zu entneh- men, dieses befinde sich seit dem 29. Juni 2023 in psychiatrischer Behand- lung in der PUK, nachdem der Kinderarzt den Verdacht auf eine Traumati- sierung geäussert habe. Weiter wurde ausgeführt, bei einer stationären Aufnahme der Mutter sei auch das Kind aufzunehmen, eine Trennung sei zu vermeiden. Das Kind zeige eine massive posttraumatische Belastungs- reaktion auf zahlreiche traumatisierende Ereignisse auf der Flucht von Af- ghanistan in die Schweiz, insbesondere die gesehenen, massiven Gewalt- handlungen an den Eltern bei einem Grenzübertritt seien für dieses nicht zu verkraften. Es zeige zahlreiche Symptome einer Posttraumatischen Be- lastungsstörung (PTBS), unter anderem eine sehr hohe vegetative Über- reagierbarkeit, Panik bei der Trennung von den Eltern, diverse massive Ängste, Appetitverlust, Schlafstörungen, permanentes Jammern, häufiges Weinen, sozialer Rückzug, Konzentrationsstörungen, hohe Schreckhaf- tigkeit und starkes Vermeiden von Triggern. Es wurde die Diagnose einer PTBS gestellt. Da auch die Mutter schwere Symptome einer PTBS zeige, sei eine Einweisung zur Krisenintervention auf eine Mutter -Kind-Einrich- tung zur Stabilisierung dringend indiziert. Bei einer Rückkehr ins Heimat- land oder einer Umplatzierung nach Polen liege eine klare Gefährdung der Entwicklung des Kindes vor. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit ei- ner erneuten Traumatisierung. Zudem würde de r zwingend notwendige Stabilisierungsprozess abgebrochen, was eine Chronifizierung der Symp- tomatik weiter begünstigen würde. Den Berichten betreffend den Be- schwerdeführer ist zu entnehmen, er sei niedergestimmt, habe ein Gefühl von Angst, Anspannung und Un ruhe. Ferner sei eine Antriebsminderung vorhanden sowie Ein- und Durchschlafstörung und verminderte Konzent- rations- und Merkfähigkeit. Ferner verspüre er ein starkes Gefühl von Wut, vor allem gegen sich selbst, und leide an Flashbacks. D-2277/2023 Seite 15 5.6 In seiner ergänzenden Vernehmlassung führte die Vorinstanz im We- sentlichen aus, besonders sei der ärztliche Bericht vom 17. Juli 2023 be- treffend das Kind der Beschwerdeführenden zu beachten. Dazu führte das SEM aus, die gesundheitlichen Beschwerden der Beschwerdeführenden seien im Wesentlichen bereits zum Zeitpunkt des Nichteintretensentschei- des bekannt gewesen, eine wesentliche Verschlechterung gehe aus den neuen Berichten nicht hervor. Ferner sei festzuhalten, dass sich die Be- schwerdeführenden lediglich einen bis zwei Tage in Polen aufgehalten hät- ten und sich ihre Schilderungen einzig auf die Umstände an der polnischen Grenze beziehen würden. Sie könnten nicht mit Rückführungen nach Po- len gestützt auf die Dublin -III-VO in Verbindung gebracht werden. Somit würden sie nicht mit derselben Situation konfrontiert sein, wie bei ihrer ers- ten Einreise. Zwar werde nicht in Abrede gestellt, dass sich eine Retrau- matisierung alleine aus dem Umstand ergeben könne, dass die Beschwer- deführenden in jenen Staat zurückkehren müssten, in dem sich die geschil- derten Erlebnisse zugetragen hätten. Relevant sei diesbezüglich, ob die schweizerischen und die polnischen Behörden einer solchen Retraumati- sierung insoweit begegnen könnten, als dass ein «real risk» einer Verlet- zung von Art. 3 EMRK beziehungsweise der einschlägigen Bestimmungen der KRK ausgeschlossen werden könne. Im Weiteren seien die Beschwer- deführenden bereits in psychi atrisch-psychologischer Behandlung und könnten dort auf eine Überstellung nach Polen vorbereitet werden, um ei- ner Retraumat isierung entgegenzuwirken. Das SEM komme somit zum Schluss, dass die bei den Beschwerdeführenden festgestellten gesund- heitlichen Beschwerden nicht von einer derartigen Schwere seien, dass eine Überstellung nach Polen einen Verstoss gegen internationale Ver- pflichtungen der Schweiz bedeuten würde. Schliesslich könne die Behand- lung auch in Polen erfolgen, welches über eine angemessene Gesund- heitsversorgung verfüge. Das SEM werde die polnischen Behörden bereits vor der Überstellung über die gesundheitlichen Bes chwerden der Be- schwerdeführenden und ihre Bedürfnisse informieren. 6. 6.1 Gemäss den Erkenntnissen und der aktuellen Rechtsprechung des Gerichts gibt es keine wesentlichen Gründe für die Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragste ller in Polen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dub- lin-III-VO aufweisen würden. Polen ist Signatarstaat der EMRK, des Über- einkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der D-2277/2023 Seite 16 Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völ- kerrechtlichen Verpflichtungen nach. Ausserdem darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) so- wie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt . Für eine Änderung der Rechtsprechung besteht auch in Würdigung der von den Beschwerdefüh- renden gemachten Äusserungen zu ihrer Behandlung und Unterbringung in Polen keine Veranlassung. Insbesondere ist auf die Problematik zu Push-Backs an der polnischen Grenze und zu Verweigerung des Zugangs zum Asylverfahren nicht näher einzugehen, gaben die Beschwerdeführen- den doch zu Protokoll, dass sie in Polen gar nicht hätten um Asyl ersuchen wollen und gegen ihren Willen registriert worden seien. 6.2 Die Beschwerdeführenden führen sinngemäss an, aufgrund der sich im Zusammenhang mit den Flüchtlingsströmen aus der Ukraine zuspitzenden Situation sei davon auszugehen, dass sich Mängel im polnischen Asylsys- tem häufen würden und es zu dessen Überlastung komme. Zurzeit sind in Polen zwar rund 1.6 Millionen ukrainische Schutzsuchende registriert (UN- HCR, Pesel Registration by Voivodeship and Povyat, < https://data.un- hcr.org/en/situations/ukraine/location/10781 >, abgerufen am 03.10.2023). Zu berücksichtigen ist aber, dass diese aufgrund des Durchführungsbe- schlusses (EU) 2022/382 des Rates der Europäischen Union vom 4. März 2022 zur Feststellung des Bestehens eines Massenzustroms von Vertrie- benen aus der Ukraine im Sinne des Artikels 5 der Richtlinie 2001/55/EG und zur Einführung eines vorübergehenden Schutzes nicht das üblicher- weise vorgesehene Asylverfahren durchlaufen müssen, sondern in einem vereinfachten Verfahren einen europaweit gültigen vorübergehenden Schutz erhalten können. Des Weiteren werden die Schutzsuchenden aus der Ukraine in Polen zu einem beachtlichen Teil in privat organisierten Un- terkünften untergebracht, was im März 2022 dazu führte, dass die von lo- kalen polnischen Behörden eingerichteten Unterkunftszentren mit einer Kapazität für ca. 280.000 Menschen weitgehend unbewohnt geblieben sind (UNHCR, Situation in der Ukraine: Flash -Update Nr. 1 vom 8. März 2022, S. 4, < https://data.unhcr.org/en/documents/details/91208 >, abge- rufen am 03.10.2023). Zudem haben die zuständigen polnischen Behörden mit Rundschreiben vom 23 . Juni 2022 mitgeteilt, ab dem 1. August 2022 D-2277/2023 Seite 17 (Dublin-)Transfers nach Polen wieder anzunehmen, nachdem sie diese mit Rundschreiben vom 25. Februar 2022 suspendiert hatten. Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist folglich nicht gerechtfertigt. 7. 7.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob – wie beantragt – vorliegend die Anwen- dung der Ermessensklauseln von Art. 16 f. Dublin-III-VO respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 angezeigt gewese n wäre und die Vorinstanz von ihrem diesbezüglichen Ermessenspielraum angemessen Gebrauch gemacht hat. 7.2 Die Beschwerdeführenden erachten die Voraussetzungen für eine An- wendung der Souveränitätsklausel als gegeben, da es sich bei ihnen um eine junge Familie handle, welche aufgrund ihrer Erlebnisse in Polen mit nachhaltigen psychischen Problemen zu kämpfen ha be. Das vierjährige Kind sei in den letzten Monaten mit mehreren schwerwiegenden psychi- schen Belastungen konfrontiert gewesen und sei gesundheitlich stark an- geschlagen. Die Kindsmutter sei ausserdem schwanger und habe eben- falls Gesundheitsprobleme, weshalb es sich um eine sehr vulnerable Per- sonengruppe handle. Das SEM anerkennt in seiner Verfügung, dass es sich bei der Familie um eine vulnerable Personengruppe handelt. Dennoch führt es aus, dass sich keine Gründe ergeben würden, die die Anwendung der Souveränitätsklausel anzeigen würden, da davon ausgegangen wer- den könne, dass die Beschwerdeführenden nicht in die gleiche Situation zurückkehren würden, die si e bei der Einreise nach Polen erlebt hätten, sondern nach der Dublin-Überstellung eine Unterbringung in Übereinstim- mung mit den ihnen zustehenden Rechten aus der Aufnahmerichtlinie vor- finden würden. Ihre gesundheitlichen Beschwerden seien zudem nicht von einer derartigen Schwere, dass in ihrem Fall aus humanitären Gründen von einer Wegweisung abgesehen werden müsste. Schliesslich würden die polnischen Behörden frühzeitig über ihre gesundheitlichen Beschwerden informiert und über ein intaktes medizinisches V ersorgungssystem verfü- gen. Einer Retraumatisierung könne mit einer guten Vorbereitung auf die Überstellung entgegengewirkt werden. 7.3 Dieser Einschätzung beziehungsweise Ermessensprüfung kann das Gericht nicht folgen. So erscheint insbesondere die Prüfung betreffend das Kind unter dem Aspekt des Kindesinteresses als sehr oberflächlich. Ob- wohl explizit darauf hingewiesen wurde, es sei eine ergänzende Vernehm- lassung zur Frage der drohenden Retraumatisierung des Kindes be -D-2277/2023 Seite 18 ziehungsweise eine Prüfung der Anwendung eines Selbsteintrittes im Inte- resse des Kindes vorzunehmen, wird lediglich ausgeführt, eine Retrauma- tisierung sei möglich, würde allerdings keinen Grund für einen Selbsteintritt darstellen. Relevant sei diesbezüglich, ob die schweizerischen und die pol- nischen Behörden einer solchen Retraumatisierung insoweit begegnen könnten, als dass ein «real risk» einer Verletzung von Art. 3 EMRK bezie- hungs-weise der einschlägigen Bestimmungen der KRK ausgeschlossen werden könne. Diese Frage wird von der Vorinstanz jedoc h im Weiteren nicht beantwortet, sondern lediglich ausgeführt, eine Behandlung des Kin- des sei auch in Polen möglich. Die gesundheitlichen Beschwerden der Be- schwerdeführenden seien sodann im Wesentlichen bereits zum Zeitpunkt des Nichteintretensentscheides bekannt gewesen, eine wesentliche Ver- schlechterung gehe aus den neuen Berichten nicht hervor. Was die mögli- che Verschlechterung des psychischen Zustandes beziehungsweise Ge- fährdung des Kindeswohls an belange, sei darauf hinzuweisen, dass die polnischen Behörden gegebenenfalls gehalten seien, entsprechende Mas- snahmen zu ergreifen. Jedoch enthält die vorinstanzliche Verfügung kei- nerlei Ausführungen zur Vereinbarkeit mit dem Kindswohl. Die Vorinstanz hat aber bei ihrem Entscheid das Kindswohl zu berücksichtigen. Art. 3 KRK sieht vor, dass bei allen Massnahmen, die Kinder betreffen, das Kindes- wohl vorrangig zu berücksichtigen ist. Den ärztlichen Berichten betreffend das Kind ist zu entnehmen, dass dieses nachts immer wieder aufwache und schreie und weine. Tagsüber sei es ängstlich und erinnere sich an dra- matische Episoden von der Flucht. Anamnestisch zeige sich eine deutliche Gewichtsabnahme bei schlechterem Essverhalten. Zudem sei nächtliches Schwitzen beobachtet worden. Die Ursache der Gewichtsabnahme sei un- klar, am ehesten zu begründen mit den extrem belastenden Ereignissen und den damit verbundenen Schlafproblemen. Zum Ausschluss von Diffe- rentialdiagnosen seien weitere Untersuchungen geplant. In einem neueren Bericht ist von einer massiven posttraumatischen Belastungsreaktion auf zahlreiche traumatisierende Ereignisse auf der Flucht von Afghanistan in die Schweiz die Rede, wobei insbesondere die gesehenen, massiven Ge- walthandlungen an den Eltern bei einem Grenzübertritt für dieses nicht zu verkraften seien. Es zeige zahlreiche Symptome einer PTBS, unter ande- rem eine sehr hohe vegetative Übererregbarkeit, Panik bei der Trennung von den Eltern, diverse mass ive Ängste, Appetitverlust, Schlafstörungen, permanentes Jammern, häufiges Weinen, sozialer Rückzug, Konzentrati- onsstörungen, hohe Schreckhaftigkeit und starkes Vermeiden von Trig- gern. Bei einer Überstellung nach Polen liege eine klare Gefährdung der Entwicklung des Kindes vor. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass beide Eltern selber psychisch stark belastet sind, die Mutter durch ihre D-2277/2023 Seite 19 Schwangerschaft noch zusätzlich. Bei dieser Sachlage ist davon auszuge- hen, dass sie ihrem Kind nicht den nötigen Halt und die Stabilität geben können, die dieses benötigt. Bei Vorliegen eines solchen Berichts, insbe- sondere vor dem Hintergrund des vorliegenden Sachverhaltes, welcher nahelegt, dass die Ereignisse in Polen zu einer Traumatisierung beigetra- gen haben und eine Rückkehr dorthin zu einer Retraumatisierung und ei- ner klaren Gefährdung der Entwicklung beim Kind führt, wäre eine einge- hende Auseinandersetzung mit dem Kindswohl zu erwarten gewesen. Die Vorinstanz erklärt in keiner Weise, weshalb es die in den Berichten aufge- führte Symptomatik und insbesondere die gemäss ärztlicher Einschätzung klare Gefährdung der Entwicklung ohne Weiteres in Kauf nimmt bezie- hungsweise warum unter diesen Umständen nicht vom Selbsteintrittsrecht Gebrauch gemacht werden sollte. Im Rahmen der Überprüfung der Verein- barkeit einer Wegweisung nach Polen mit dem Kindswohl ist auch die Tat- sache zu berücksichtigen, dass das Kind in der Schweiz über einen Onkel verfügt, zu welchem es eine starke Bindung hat, wobei ihm der Kontakt zu diesem offensichtlich sehr guttut. Zwar kann der Vorinstanz darin zuge- stimmt werden, dass sich aufgrund dieser Beziehung kein Abhängigkeits- verhältnis im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin -III-VO zu ergeben vermag, dennoch ist diese Tatsache im Rahmen einer – bis anhin nicht erfolgten – Prüfung des Kindswohls zu berücksichtigen. 7.4 Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid ungenügend begründet, weshalb die massive Traumatisierung eines vier- jährigen Kindes und die klare Gefährdung der Entwicklung desselben bei einer Überstellung unter dem Gesichtspunkt der vorrangigen Berücksichti- gung des Kindeswohls nicht zu einer Verletzung der KRK führen würde. Das SEM hat sein Ermessen in Bezug auf die Prüfung des Kindswohls faktisch nicht ausgeübt (Ermessensunterschreitung; vgl. BVGE 2015/9 E. 61. m.w.H.). Die Vernehmlassung vom 31. August 2023 wird den Beschwerdeführenden mit vorliegendem Urteil zur Kenntnisnahme zugestellt. Aufgrund des Ver- fahrensausgangs entsteht ihnen dadurch kein Nachteil. 8. Die Beschwerde ist gutz uheissen, soweit die Aufhebung der vorinstanzli- chen Verfügung beantragt wird. Eine Heilung im Rahmen des Beschwer- deverfahrens ist schon deshalb ausgeschlossen, weil das Gericht im An- wendungsbereich der hier relevanten Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV1 nicht über volle Kognition verfügt (vgl. hierzu etwa BVGE 2014/22 D-2277/2023 Seite 20 E. 5.8). Die Akten sind der Vorinstanz zur korrekten Weiterführung des Ver- fahrens zu überweisen. Die Verfügung des SEM vom 17. April 2023 ist auf- zuheben und die Sache ist zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Den vertretenen Beschwerdeführenden ist keine Parteientschädigung aus- zurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG). (Dispositiv nächste Seite) D-2277/2023 Seite 21 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der vorinstanz- lichen Verfügung beantragt wird. 2. Die Verfügung des SEM vom 17. April 2023 wird aufgehoben und die Sa- che im Sinne der Erwägungen und zur Neubeurteilung an das SEM zurück- gewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Aglaja Schinzel Versand: