B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung I A-4225/2021 U r t e i l v o m 2 2 . M ä r z 2 0 2 2 Besetzung Richterin Christine Ackermann (Vorsitz), Richterin Claudia Pasqualetto Péquignot, Richter Maurizio Greppi, Gerichtsschreiberin Rahel Gresch. Parteien A._______, , vertreten durch MLaw Dimitri Witzig, Rechtsschutz für Asylsuchende, Bundesasylzentrum Region Zürich, Förrlibuckstrasse 110, 8005 Zürich, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Datenschutz; Datenänderung im ZEMIS. A-4225/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Am 16. April 2021 reichte A._______, afghanische Staatsbürgerin, in der Schweiz ein Asylgesuch ein. Sie gab auf dem Personalienblatt des Staats- sekretariats für Migration (SEM) als Geburtsdatum den 1. Januar 2006 an. B. Am 10. Mai 2021 wurde A._______ vom SEM im Rahmen der Erstbefra- gung zu ihr en persönlichen Umständen sowie summarisch zu den Asyl- gründen befragt. Auf die Frage nach ihrem Alter gab sie an, 15 Jahre und ungefähr vier oder fünf Monate alt zu sein. Auf die Nachfrage, ob der 1. Ja- nuar 2006 ihr ungefähres oder das exakte Geburtsdatum sei, antwortete sie, dass dies ihr exaktes Geburtsdatum sei. Ihr Vater habe es ihr gesagt. Sie reichte ihre Tazkira im Original ein, welche am 1. Dezember 2020 in Athen ausgestellt worden war. Auf der Tazkira ist das Geburtsdatum 1. Ja- nuar 2006 vermerkt. C. Um den Sachverhalt in Bezug auf das Alter zu vervollständigen, liess das SEM mit Auftrag vom 12. Mai 2021 ein Altersgutachten durch das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern erstellen. Das Gutachten vom 25. Mai 2021 ergab ein wahrscheinliches Alter von 19 bis 20 Jahren und ein Mindestalter von 18 Jahren. Das von A._______ angegebene Alter von 15 Jahren und 4 Monaten erscheine deshalb nicht plausibel. D. Am 1. Juni 2021 stellte das SEM A._______ aufgrund des Altersgutachtens in Aussicht, ihr Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) vom 1. Januar 2006 auf den 1. Januar 2002 anzupassen und ge- währte ihr das rechtliche Gehör. Davon machte sie am 9. Juni 2021 durch eine Vertreterin Gebrauch und beantragte, von der vorgesehenen Ände- rung abzusehen sowie stattdessen den 1. Januar 2006 mit einem Bestrei- tungsvermerk einzutragen. In der Folge trug das SEM als Geburtsdatum den 1. Januar 2002 im ZEMIS ein und versah den Eintrag mit e inem Be- streitungsvermerk. E. Am 8. Juli 2021 reichte die Vertreterin von A._______ deren am 18. Juni 2021 ausgestellten afghanischen Reisepass ein, der als Geburtsdatum den 1. Januar 2006 aufführt. A-4225/2021 Seite 3 F. Am 12. August 2021 hörte das SEM A._______ vertieft zu ihren Asylgrün- den an. G. Mit Verfügung vom 23. August 2021 hielt das SEM in Dispositivziffer 1 fest, dass das Geburtsdatum von A._______ im ZEMIS auf den 1. Januar 2002 laute. Es lehnte ihr Asylgesuch ab und wies sie aus der Schweiz weg. Da der Vollzug der Wegweisung zurzeit nicht zumutbar sei, wurde sie vorläufig aufgenommen (Dispositivziffern 2-8). H. Gegen die Verfügung des SEM vom 23. August 2021 erhebt A._______ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 22. September 2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. D ie Beschwerdeführerin beantragt, Dis- positivziffer 1 der angefochtenen Verfügung sei aufzuheben. Das SEM (nachfolgend Vorinstanz) sei anzuweisen, das Geburtsdatum im ZEMIS auf den 1. Januar 2006 anzupassen. Es sei ihr die unentgeltliche Rechts- pflege in Form des Verzichts auf einen Kostenvorschuss und auf die Be- zahlung von Verfahrenskosten zu bewilligen. I. Am 28. September 2021 gewährt die Instruktionsrichterin der Beschwerde- führerin die unentgeltliche Prozessführung. J. Die Vorinstanz hält in ihrer Vernehmlassung vom 5. Oktober 2021 an der angefochtenen Verfügung fest. K. Auf die weiteren Vorbringen und die sich bei den Akten befindenden Unter- lagen wird – soweit entscheidrelevant – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Beim angefochtenen Entscheid handelt es sich um eine Verfügung im Sinne von Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember A-4225/2021 Seite 4 1968 (VwVG, SR 172.021), die von einer Vorinstanz im Sinne von Art. 33 Bst. d des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) erlassen wurde. Da keine Ausnahme nach Art. 32 VGG vorliegt, ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung der vorlieg enden Be- schwerde zuständig (vgl. Art. 31 VGG; statt vieler: Urteil des Bundesver- waltungsgerichts [BVGer] A-4775 vom 31. März 2021 E. 1.1). Das Verfah- ren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, so- fern das VGG nichts anderes vorsieht (Art. 37 VGG). 1.2 Zur Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht ist nach Art. 48 Abs. 1 VwVG berechtigt, wer vor der Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit zur Teilnahme erhalten hat (Bst. a), durch die ange- fochtene Verfügung besonders berührt ist (Bst. b) und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat (Bst. c). Die Beschwer- deführerin hat sich am vorinstanzlichen Verfahren beteiligt und ist als Ad- ressatin des angefochtenen Asylentscheides, mit dem ihr Geburtsdatum im ZEMIS ihrer Ansicht nach unzutreffend abgeändert wurde, sowohl formell als auch materiell beschwert, weshalb sie zur Beschwerde legitimiert ist. 1.3 Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (vgl. Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 VwVG) ist demnach einzutreten. 2. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet grundsätzlich mit uneinge- schränkter Kognition. Es überprüft die angefochtene Verfügung auf Rechtsverletzungen – einschliesslich unrichtiger oder unvollständiger Fest- stellung des rechtserheblichen Sachverhalts und Rechtsfehler bei der Er- messensausübung – sowie auf Angemessenheit hin (Art. 49 VwVG). Es wendet das Recht von Amtes wegen an und ist an die Begründung der Parteien nicht gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Ferner würdigt es die Be- weise frei, ohne Bindung an förmliche Beweisregeln sowie umfassend und pflichtgemäss (Grundsatz der freien Beweiswürdigung; vgl. Art. 40 des Bundesgesetzes über den Bundeszivilprozess vom 4. Dezember 1947 [BZP , SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG). 3. Umstritten ist vorliegend der Eintrag des Geburtsdatums der Beschwer- deführerin im ZEMIS. 3.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer- und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes A-4225/2021 Seite 5 über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom 20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent- rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (ZEMIS -Verord- nung, SR 142.513) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord- nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus- kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa- tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten, nach den Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Datenschutz vom 19. Juni 1992 (DSG, SR 235.1) und des VwVG. 3.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver- gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga- nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25 Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein absoluter und uneingeschränkter Anspruch (statt vieler BVGE 2018 VI/3 E. 3.2, Urteil des BVGer A -7615/2016 vom 30. Januar 2018 E. 3.2). Die ZEMIS-Verordnung sieht im Übrigen in Art. 19 Abs. 3 ausdrücklich vor, dass unrichtige Daten von Amtes wegen zu berichtigen sind. 3.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be- streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen- daten zu beweisen (Urteil des BGer 1C_240/2012 vom 13. August 2012 E. 3.1; Urteil des BVGer A -3051/2018 vom 12. März 2019 E. 5.3). Nach den massgeblichen Beweisregeln des VwVG gilt eine Tatsache als bewie- sen, wenn sie in Würdigung sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist da- gegen nicht erforderlich. Die mit dem Berichtigungsbegehren konfrontierte Behörde hat zwar nach dem Untersuchungsgrundsatz den Sachverhalt grundsätzlich von Amtes wegen abzuklären (Art. 12 VwVG); die gesuch- stellende Person ist jedoch gemäss Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG verpflichtet, an dessen Feststellung mitzuwirken (zum Ganzen BVGE 2018 VI/3 E. 3.3; Urteile des BVGer A -7588/2015 vom 26. Februar 2016 E. 3.3 und A-7822/2015 vom 25. Februar 2016 E. 3.3). 3.4 Amtliche Dokumente ausländischer Staaten, d eren Zweck es ist, die Identität ihres Inhabers nachzuweisen, gelten nicht als öffentliche Urkun- den im Sinne von Art. 9 des Zivilgesetzbuches (ZGB, SR 210), weshalb ihnen nicht ohne Weiteres ein erhöhter Beweiswert zukommt und sie wie andere Urkunden einer freien Beweiswürdigung zu unterziehen sind (Urteil A-4225/2021 Seite 6 des BVGer A-4234/20220 vom 8. Juli 2021 E. 3.4 und A-7588/2015 vom 26. Februar 2016 E. 3.3). 3.5 Kann bei einer verlangten bzw. von Amtes wegen beabsichtigten Be- richtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenige der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1 DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Personendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendigerweise bearbeitet werden, was namentlich auch für im ZEMIS erfasste Daten gilt. In solchen Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der Bearbeitung möglicher- weise unzutreffender Daten das Interesse an deren Richtigkeit. Unter die- sen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb die Anbringung eines Vermerks vor, in dem darauf hingewiesen wird, dass die Richtigkeit der be- arbeiteten Personendaten bestritten ist. Spricht dabei mehr für die Richtig- keit der neuen Daten, sind die bisherigen Angaben zunächst zu berichtigen und die neuen Daten anschliessend mit einem derartigen Vermerk zu ver- sehen. Ob die vormals eingetragenen Angaben weiterhin abrufbar bleiben sollen oder ganz zu löschen sind, bleibt grundsätzlich der Vorinstanz über- lassen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also die Richtigkeit der bisher eingetragenen Daten als wahrscheinlicher oder zumindest nicht als un- wahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit einem Bestreitungsver- merk zu versehen. Über dessen Anbringung ist jeweils von Amtes wegen und unabhängig davon zu entscheiden, ob ein entsprechender Antrag ge- stellt worden ist (zum Gan zen BVGE 2018 VI/3 E. 3; Urteil des BVGer A-3051/2018 vom 12. März 2019 E. 5.4). 3.6 Im vorliegenden Fall obliegt es demnach grundsätzlich der Vorinstanz zu beweisen, dass das aktuell im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum der Beschwerdeführerin (1. Januar 2002) korrekt ist. Die Beschwerdeführerin hat hingegen nachzuweisen, dass das von ihr geltend gemachte Geburts- datum (1. Januar 2006) richtig ist. Gelingt keiner Partei der sichere Nach- weis des Geburtsdatums, ist dasjenige Datum im ZEMIS zu belassen oder einzutragen, dessen Richtigkeit wahrscheinlicher ist (BVGE 2018 VI/3 E. 3.5, Urteile des BVGer A-3183/2018 vom 22. November 2018 E. 3.2 und A-4603/2017 vom 11. April 2018 E. 4). 4. Die Beschwerdeführerin beantragt, ihr Geburtsdatum sei auf den 1. Januar 2006 festzulegen. A-4225/2021 Seite 7 4.1 Die Vorinstanz führt diesbezüglich im Wesentlichen aus, dass die von der Beschwerdeführerin im Laufe des Asylverfahrens eingereichten Identi- tätsdokumente – eine originale Tazkira und ein originaler afghanischer Rei- sepass, denen keine objektiven Fälschungsmerkmale zu entnehmen seien – zwar gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung ein star- kes Indiz für die geltend gemachte Minderjährigkeit bilden würden. Den- noch seien aufgrund der ungereimten Angaben betreffend Geburtsdatum und insbesondere aufgrund der Ausstellungsmodalitäten der Tazkira bzw. des Passes Zweifel an den darin festgehaltenen Geburtsdaten anzubrin- gen, was den Beweiswert des afghanischen Passes hinsichtlich ihres Al- ters erheblich abschwäche. Das angegebene Alter in der Tazkira dürfte ins- besondere nicht der Wahrheit entsprechen, da die Beschwerdeführerin zwar anlässlich der Erstbefragung bestätigt habe, der 1. Januar 2006 sei ihr exaktes Geburtsdatum. Demgegenüber habe sie erklärt, die griechi- schen Behörden hätten ihr Geburtsdatum erfasst, sie habe es nicht selber ausgewählt. Die Tatsache, dass ihre drei Geschwister ebenfalls mit dem- selben Geburtstag, d.h. dem 1. Januar, erfasst seien, weise auf letztere Version hin. Konkret bedeute dies, dass das angebliche Geburtsdatum der Beschwerdeführerin, der 1. Januar 2006, bei ihrer Einreise in Griechenland erfasst worden sei, obwohl es sich dabei nicht um das wahre Geburtsda- tum handle. Dieses Datum sei bei der Ausstellung der Tazkira übernommen worden und sei folglich ebenfalls im afghanischen Reisepass wiederzufin- den, da die Tazkira das zentrale Dokument für dessen Ausstellung dar- stelle. Es würden somit Zweifel bestehen, ob das in der Tazkira angege- bene Alter dem tatsächlichen Alter entspreche. Es sei deshalb von einer verminderten Beweiskraft des Reisepasses in Bezug auf die Altersanga- ben auszugehen. Zudem sei das Altersgutachten, das der Beschwerdeführerin ein Mindest- alter von 18 Jahren attestiere, ein starkes Indiz für die Volljährigkeit. Es bestätige die Zweifel am Wahrheitsgehalt der geltend gemachten Minder- jährigkeit, auch wenn die Aussagen in Bez ug auf Schulbildung, das Alter der Geschwister und die Ausreise konsistent ausgefallen seien. Die Resul- tate der medizinischen Altersabklärung liessen ein Alter von 15 Jahren und acht Monaten unglaubhaft erscheinen. In Anbetracht der Befragungsproto- kolle sowie unter Würdigung aller Beweismittel und Indizien sei die Volljäh- rigkeit wahrscheinlicher als die Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin. 4.2 Die Beschwerdeführerin entgegnet hierzu, im Asylentscheid zur ZEMIS Anpassung werde ersichtlich, dass sich die Altersanpassung einzig auf das Resultat des Altersgutachtens stütze. Den übrigen Indizien, welche für die A-4225/2021 Seite 8 Glaubhaftigkeit der von ihr geltend gemachten Altersangaben sprächen, werde die Beweiskraft abgesprochen. Der eingereichte, originale afghani- sche Reisepass stelle ein starkes Indiz für das von ihr angegebene Ge- burtsdatum, den 1. Januar 2006 dar. Das Resultat des Altersgutachtens sei grundsätzlich nicht zu beanstanden, weshalb dieses als starkes Indiz für das von der Vorinstanz eingetragene Geburtsdatum vom 1. Januar 2002 zu werten sei. Es sei jedoch darauf hinzuweisen, dass die Frage zum "exakten Geburt sdatum" in Erstbefragungen häufig falsch ve rstanden werde. Ebenfalls würden die direkten Folgefragen bezüglich der weiteren Identitätsdokumente zeigen, dass M issverständnisse durch die Überset- zung und Fragestellung schnell passiert seien. Vor diesem Hintergrund er- staune deshalb die Bestätigung des 1. Januar 2006 als "genaues Geburts- datum" auch nicht weiter. Sie habe sich nach den ersten Fragen durchge- hend konsistent und überzeugend geäussert. Ihre Aussagen seien deshalb als starkes Indiz für das von ihr angegebene Alter zu werten. Sie habe mit grossem Erstaunen und Unglauben auf die Altersanpassung reagiert und ihr psychischer Zustand habe sich verschlechtert. Die emotionale Reak- tion, welche auch nach der erfolgreichen Familienzusammenführung in der Schweiz bestanden habe, sei als weiteres Indiz für das angegebene Alter, den 1. Januar 2006, zu werten. Schliesslich seien die Altersangaben ihrer Geschwister als Indiz für die Richtigkeit des angegebenen Geburtsdatums zu werten, da ihre ältere Schwester mit dem Geburtsdatum 1. Januar 2002 erfasst worden sei. 4.3 Die Beschwerdeführerin reichte sowohl einen originalen afghanischen Reisepass als auch eine originale Tazkira ein. Beide Dokumente führen als Geburtsdatum den 1. Januar 2006 auf. Die Vorinstanz fand zwar in diesem afghanischen Reisepass keine Fälschungshinweise und zweifelt auch nicht an dessen formalen Echtheit. Doch wendet sie zutreffenderweise ein, dass nicht nur das Dokument, sondern auch die darin verbriefte Identität korrekt sein müssen (vgl. Urteil des BVGer A-3511/2020 vom 8. März 2021 E. 5.3). Insbesondere stellt sie zu Recht fest, dass die Ausstellung des Pas- ses auf der Basis der Tazkira beruht, deren Be weiswert beschränkt ist , selbst wenn sie im Original vorliegt (vgl. Urteil des BVGer A-6821/2018 vom 4. Juli 2019 E. 6.3 m.w.H.). Dabei bestehen keine Hinweise darauf, dass die afghanischen Behörden bei der Ausstellung des Reisepasses der Be- schwerdeführerin deren Geburtsdatum selbst überprüft hätten. Die Beschwerdeführerin gab währe nd der Anhörung gegenüber der Vo r- instanz an, sie und ihre Familie hätten bei der Ankunft in Griechenland die Geburtsdaten nur nach dem persischen Kalender gekannt, daher hätten A-4225/2021 Seite 9 die griechischen Behörden diese nach dem abendländischen Kalender er- fasst. Auf Nachfrage führte sie aus, das Geburtsdatum sei für sie von den griechischen Behörden erfasst worden und sie h abe dieses nicht selber ausgewählt. Auf die Frage, weshalb in der T azkira dennoch dieses Ge- burtsdatum (1. Januar 2006) stehe, das von den griechischen Behörden festgehalten worden war, erklärte die Beschwerdeführerin, die Dokumente hätten übereinstimmen müssen und die afghanischen Behörden hätten dieses Geburtsdatum übern ommen. Obwohl dem echten Reisepass grundsätzlich eine hohe Beweiskraft zukommt, ist vorliegend zweifelhaft, ob das darin aufgeführte Geburtsdatum der Wahrheit entspricht, zumal der Reisepass auf den Angaben der Tazkira beruht, deren Beweiskraft wie er- wähnt eher niedrig ist. Auch die Angaben über das Alter der Geschwister der Beschwerdeführerin lassen keine Rückschlüsse über ihr genaues Ge- burtsdatum zu. Ebenfalls vermögen die in den Befragungen gemachten konzisen Angaben über ihre Schulbildung und Ausreise aus dem Iran an den unklaren Umständen rund um die Ausstellung des Reisepasses und Erfassung des Geburtsdatums nichts zu ändern. 4.4 Die eingereichte Tazkira und d er eingereichte Reisepass der Be- schwerdeführerin vermögen deshalb nur ein schwaches Indiz für das von ihr angegebene Geburtsdatum zu bilden. Somit kann die Beschwerdefüh- rerin keine hinreichenden Beweise vorlegen, die auf den 1. Januar 2006 als exaktes Datum bzw. Jahr hinweisen oder zumindest nahelegen, dass dieses als überwiegend wahrscheinliches Geburtsdatum anzusehen wäre. 4.5 Ebenso wenig vermag die Vorinstanz das Geburtsdatum mit der dafür nötigen Schlüssigkeit zu beweisen . Es legt mit Verweis auf das in ihrem Auftrag erstellte Altersgutachten vom 25. Mai 2021 ledigl ich Indizien vor, die gewisse Hinweise auf das tatsächliche Alter der Beschwerdeführerin geben und entsprechende Rückschlüsse zulassen. 4.6 Es ist deshalb zu prüfen, welches Geburtsjahr als wahrscheinlicher zu betrachten ist, 2002 oder 2006. 4.6.1 Im Folgenden ist auf die medizinische Altersschätzung näher einzu- gehen. 4.6.2 Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts stellen medizinische Altersabklärungen je nach Ergebnis unterschiedlich zu ge- wichtende Indizien für das Alter einer Person dar. Die Schlüsselbein- resp. A-4225/2021 Seite 10 Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung sind dabei grund- sätzlich, anders als die Handknochenanalyse und die ärztliche Untersu- chung, zum Beweis geeignet. Das Bundesverwaltungsgericht hat in dieser Hinsicht Grundsätze zur Gewichtung der Resultate der Untersuchungen definiert (eingehend hierzu: BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1 f.; vgl. Urteile des BVGer A-904/2021 vom 17. Januar 2022 E. 5.4.2, A-4775/2020 vom 31. März 2021 E. 6.2.4 und A-1455/2020 vom 13. Oktober 2020 E. 6.1.1). Darüber hinaus sin d die üblichen verfahrensrechtlichen Regeln der Be- weiswürdigung zu beachten, wobei es umso weniger auf eine Gesamtwür- digung der Beweise ankommt, je stärker die medizinischen Abklärungen ein Indiz für das Vorliegen des streitigen Alters darstellen (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2 f., 2019 I/6 E. 6.1 ff.). 4.6.3 Das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern vom 25. Mai 2021 beinhaltet eine körperliche Untersuchung, eine radiolo- gische Untersuchung der linken Hand und der medialen Anteile der Schlüs- selbeine sowie eine zahnärztliche Beurteilung. 4.6.3.1 Die körperliche Untersuchung ergab, dass keine Hinweise auf das Vorhandensein von aktuellen und "stattgehabten" Krankheiten oder Medi- kamenteneinnahmen vorlägen, die das Wachstum und die Entwicklung be- einflusst haben könnten. 4.6.3.2 Nach den Ergebnissen der zahnärztlichen Untersuchung (Ortho- pantomogramm) nach MINCER ET AL . (1993) würden unter Berücksichti- gung der Zähne #38 und #48 resp. #18 und #28 weibliche Individuen mit dem Stadium H nach DEMIRJIAN (1973) ein Durchschnittsalter von 20.9 Jahren mit einer Abweichung von 2.01 Jahren resp. 20.6 Jahren mit einer Abweichung von 2.01 Jahren zeigen. Die Beschwerdeführerin dürfte zwi- schen 18.8 und 22.9 Jahre alt sein mit einem Durchschnitt salter von 20.9 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass das 18. Lebensjahr erreicht worden sei, betrage nach MINCER ET AL. (1993) 92.2 % resp. 89.6 %. Nach GUNST und MESOTTEN (2003) betrage die Wahrscheinlichkeit, dass das 18. Le- bensjahr erreicht worden sei 95.1 %. 4.6.3.3 In Bezug auf die Handkno chenanalyse wird im Gutachten ausge- führt, dass das skelettale Alter der linken Hand und des linken Handgelenks nach GREULICH und PYLE (2nd edition) einem Standard von 31 bzw. einem Alter von 19 Jahren entspreche. Gemäss TISÈ ET AL . (2011) entspreche dies einem medianen Alter von 18.8 Jahren (min. 16.1 Jahre – max. 19.9 A-4225/2021 Seite 11 Jahre). Der Schichtröntgenscan (CT) der medialen Anteile der Schlüssel- beine entspreche gemäss KELLINGHAUS ET AL. (2010) dem Stadium 3b, was gemäss WITTSCHIEBER ET AL. (2014) ein medianes Alter von 20.6 Jahren (min. 17.6 Jahre – max. 36.5 Jahre) ergäbe. 4.6.4 Gestützt auf die erhobenen Befunde ergebe sich im Rahmen einer zusammenfassenden Beurteilung ein wahrscheinliches Alter von 19 bis 20 Jahren. Das Mindestalter sei mit 18 Jahren zu benennen. Das von der Be- schwerdeführerin angegebene Alter von 15 Jahren und vier Monaten er- scheine deshalb nicht plausibel. 4.6.5 Beim medizinischen Gutachten handelt es sich nicht um eine zwei- felsfreie Altersbestimmung, sondern um eine Altersschätzung (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 6.1). Das Gutachten vom 25. Mai 2021 ist von ärztlichen Fachpersonen verfasst und folgt den Empfehlungen der Arbeitsgemein- schaft für Forensische Altersdiagnostik der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (AGFAD). Es wurde nach wissenschaftlichen Kriterien er- stellt und basiert nicht auf einer einzelnen, sondern auf mehreren Einzel- untersuchungen. Eine Gesamtschau der Befunde hat zum dargelegten Er- gebnis geführt. Laut dem vorliegenden Gutachten lässt die Röntgenunter- suchung der Ha nd auf ein Alter der Beschwerdeführerin von 19 Jahren bzw. auf ein medianes Alter von 18.8 Jahren, die Computertomografie der Schlüsselbeine auf ein medianes Alter von 20.6 Jahren schliessen und ge- mäss der zahnärztlichen Untersuchung ist die Wahrscheinlich keit, dass das 18. Lebensjahr erreicht wurde, knapp oder sogar über 90 %. Das be- antragte Geburtsdatum bzw. -jahr liegt damit gänzlich und mit einer Abwei- chung von 2.5 bis 3.5 Jahren deutlich ausserhalb der im Gutachten ermit- telten Altersspanne. Insbesondere sprechen die Analysen der Schlüssel- beine und die zahnärztliche Untersuchung für die Volljährigkeit der Be- schwerdeführerin. 4.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das geltend gemachte Ge- burtsdatum weder durch die Aussagen der Beschwerdeführerin noch durch die vorgelegten Identitätsdokumente in massgeblicher Weise untermauert wird. Darüber hinaus ist es mit den Ergebnissen der medizinischen Alters- einschätzung nicht in Übereinstimmung zu bringen. Dabei wird von der Be- schwerdeführerin nicht bestritten, dass das Resultat des Altersgutachtens als starkes Indiz für das eingetragene Geburtsdatum zu werten ist. Gestützt auf eine Gesamtwürdigung der vorstehend genannten Umstände ist somit zu erkennen, dass weder die Vorinstanz noch die Beschwerdeführerin ei- nen sicheren Nachweis des jeweils behaupteten Geburtsdatums erbringen A-4225/2021 Seite 12 konnten. Angesichts der aufgezeigten Indizien erscheint das im ZEMIS ein- getragene Geburtsdatum (1. Januar 2002) als wahrscheinlicher als das be- antragte Geburtsdatum (1. Januar 2006). 5. Nach dem Gesagten ist der bestehende ZEMIS-Eintrag mit dem Geburts- datum 1. Januar 2002 (mit Bestreitungsvermerk) unverändert zu belassen. Die Beschwerde ist entsprechend abzuweisen. 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (vgl. Art. 63 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihr die un- entgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gew ährt wurde, sind jedoch keine Verfahrenskosten zu erheben. 6.2 Aufgrund des Unterliegens der Beschwerdeführerin ist ihr von vornhe- rein keine Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 VGKE). Ebenso wenig hat die obsiegende Vorin stanz einen Anspruch auf eine Parteientschädigung (vgl. Art. 7 Abs. 3 VGKE). 7. Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten- schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993 zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge- nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) bekannt zu geben. A-4225/2021 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin und die Vorinstanz. Für die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christine Ackermann Rahel Gresch A-4225/2021 Seite 14 Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun- desgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in öffentlich -rechtlichen An- gelegenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 BGG). Die Frist ist gewahrt, wenn die Beschwerde spätestens am letzten Tag der Frist beim Bundesgericht eingereicht oder zu dessen Handen der Schweizerischen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsularischen Ver- tretung übergeben worden ist (Art. 48 Abs. 1 BGG). Die Rechtsschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der ange- fochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie die beschwerde- führende Partei in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG). Versand: A-4225/2021 Seite 15 Zustellung erfolgt an: – die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde) – die Vorinstanz (Ref-Nr. […]; Einschreiben) – das Generalsekretariat EJPD (Gerichtsurkunde) – den EDÖB (zur Kenntnis)