<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">334</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>69 Ausschaffungshaft;</b></span> <span class="ft2"><b>Wegweisungsentscheid;</b></span> <span class="ft2"><b>Untertauchensgefahr.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Unter der Voraussetzung, dass ein erstinstanzlicher Wegweisungsent-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>scheid rechtsgültig eröffnet wurde und noch Bestand hat, stellt er auch</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dann eine rechtsgenügliche Grundlage für die Anordnung einer Ausschaf-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fungshaft dar, wenn er noch nicht in Rechtskraft erwachsen und auf-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>grund eines hängigen Verfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht vor-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>erst nicht vollziehbar ist (E. II./2.2.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Solange aufgrund eines laufenden Beschwerdeverfahrens der Vollzug der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wegweisung vorsorglich ausgesetzt wurde, ist die Weigerung eines Be-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>troffenen, in einen Staat zurückzukehren, der nach Massgabe der Dub-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>lin II-Verordnung zu seiner Rückübernahme verpflichtet ist, nicht als An-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zeichen für das Bestehen einer Untertauchensgefahr zu werten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(E. II./3.4. -3.5.).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">335</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">29. April 2010 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen B.G. be-</span><br/> <span class="ft3">treffend Haftüberprüfung (1-HA.2010.49).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 2.2. Der Haftrichter hat sich im Rahmen der Prüfung, ob die</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffungshaft rechtmässig ist, Gewissheit darüber zu verschaf-</span><br/> <span class="ft1">fen, ob ein Weg- oder Ausweisungsentscheid vorliegt</span><br/> <span class="ft1">(vgl. BGE 128 II 193, E. 2.2.2, S. 198).</span><br/> <span class="ft1">Mit Entscheid vom 9.</span> <span class="ft1">April 2010 trat das [Bundesamt für</span><br/> <span class="ft1">Migration (BFM)] auf das Asylgesuch des Gesuchsgegners nicht ein</span><br/> <span class="ft1">und verfügte seine sofortige Wegweisung nach Spanien. Gegen die-</span><br/> <span class="ft1">sen Entscheid erhob der Gesuchsgegner am 15. April 2010 eine Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde, die am 19.</span> <span class="ft1">April 2010 beim BFM einging. Am</span><br/> <span class="ft1">28. April 2010 leitete das BFM die Beschwerde wegen Unzuständig-</span><br/> <span class="ft1">keit dem Bundesverwaltungsgericht weiter. Dieses setzte noch glei-</span><br/> <span class="ft1">chentags den Vollzug der Wegweisung bis zum Entscheid über die</span><br/> <span class="ft1">aufschiebende Wirkung der Beschwerde aus.</span><br/> <span class="ft1">Entgegen der Ansicht des Gesuchsgegners stellt ein Wegwei-</span><br/> <span class="ft1">sungsentscheid auch dann eine rechtsgenügliche Grundlage für die</span><br/> <span class="ft1">Anordnung einer Ausschaffungshaft dar, wenn er noch nicht in</span><br/> <span class="ft1">Rechtskraft erwachsen ist (vgl. Thomas Hugi Yar, Zwangsmassnah-</span><br/> <span class="ft1">men im Ausländerrecht, in: Handbücher für die Anwaltspraxis,</span><br/> <span class="ft1">Band VIII, Ausländerrecht, Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi</span><br/> <span class="ft1">Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 10.79). Voraus-</span><br/> <span class="ft1">gesetzt ist einzig, dass der erstinstanzliche Wegweisungsentscheid</span><br/> <span class="ft1">dem Gesuchsgegner rechtsgültig eröffnet wurde und noch Bestand</span><br/> <span class="ft1">hat. Mit Zustellung des Nichteintretensentscheids am 13. April 2010</span><br/> <span class="ft1">wurde dem Gesuchsgegner die vom BFM verfügte Wegweisung nach</span><br/> <span class="ft1">Spanien korrekt eröffnet. Mit der verfahrensleitenden Anordnung des</span><br/> <span class="ft1">Bundesverwaltungsgerichts vom 28. April 2010 wurde der Nichtein-</span><br/> <span class="ft1">tretensentscheid vom 9. April 2010 nicht aufgehoben, sondern ledig-</span><br/> <span class="ft1">lich dessen Vollziehbarkeit gehemmt.</span><br/> <span class="ft1">Damit liegt ein rechtsgenüglicher Wegweisungsentscheid vor.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">336</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">3.4. Der Gesuchsgegner gab sowohl im Rahmen des rechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Gehörs betreffend die Anordnung einer Ausschaffungshaft als auch</span><br/> <span class="ft1">anlässlich der heutigen Verhandlung wiederholt zu Protokoll, er sei</span><br/> <span class="ft1">nicht bereit, nach Spanien zurückzukehren. Nachfolgend ist zu klä-</span><br/> <span class="ft1">ren, ob diese Weigerung ein konkretes Anzeichen für das Vorliegen</span><br/> <span class="ft1">einer Untertauchensgefahr darstellt.</span><br/> <span class="ft1">Der Gesuchsgegner wehrt sich gegen eine Rückführung nach</span><br/> <span class="ft1">Spanien und hat den entsprechenden Wegweisungsentscheid des</span><br/> <span class="ft1">BFM beim Bundesverwaltungsgericht angefochten, womit dieser</span><br/> <span class="ft1">noch nicht in Rechtskraft erwachsen ist. Er befindet sich mithin in</span><br/> <span class="ft1">einer ähnlichen Situation, wie ein erstinstanzlich abgewiesener Asyl-</span><br/> <span class="ft1">bewerber, der in sein Heimatland ausreisen muss, jedoch den Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid anficht. Diesem wird gemäss bundesgerichtlicher Recht-</span><br/> <span class="ft1">sprechung zugestanden, dass er sich bis zum rechtskräftigen Ab-</span><br/> <span class="ft1">schluss des Asylverfahrens weigern darf, in seinen Heimatstaat zu-</span><br/> <span class="ft1">rückzukehren, ohne dass ihm dies als Anzeichen für das Bestehen ei-</span><br/> <span class="ft1">ner Untertauchensgefahr ausgelegt werden könnte. Hintergrund die-</span><br/> <span class="ft1">ser Rechtsprechung ist, dass ein Betroffener nicht dazu gezwungen</span><br/> <span class="ft1">werden darf, seine Position durch widersprüchliche Aussagen zu</span><br/> <span class="ft1">kompromittieren (Thomas Hugi Yar, a.a.o., Rz. 10.92).</span><br/> <span class="ft1">Fraglich ist, ob diese Rechtsprechung unbesehen auf den vorlie-</span><br/> <span class="ft1">genden Fall übertragen werden kann. Immerhin liegt der bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richtlichen Rechtsprechung auch der Gedanke zu Grunde, dass ein</span><br/> <span class="ft1">Betroffener mit hängigem Asylverfahren einen Anspruch auf Aufent-</span><br/> <span class="ft1">halt hat. Dagegen ist ein Betroffener, der gestützt auf das Dublin-Ab-</span><br/> <span class="ft1">kommen in einen Dublin-Staat ausreisen muss, grundsätzlich ver-</span><br/> <span class="ft1">pflichtet, das Rechtsmittelverfahren im Ausland abzuwarten, da einer</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde gegen den Dublin-Wegweisungsentscheid gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 19 Abs. 2 bzw. Art. 20 Abs. 1 lit. e der [Verordnung (EG)</span><br/> <span class="ft1">Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 (Dublin II-Verord-</span><br/> <span class="ft1">nung; ABl. L 50 vom 25. Februar 2003, S. 1 ff.)] von Gesetzes we-</span><br/> <span class="ft1">gen keine aufschiebende Wirkung zukommt. Er darf sich damit trotz</span><br/> <span class="ft1">Einreichung einer Beschwerde grundsätzlich nicht weigern, in den</span><br/> <span class="ft1">Dublin-Staat auszureisen. Tut er dies trotzdem, liegt ein konkretes</span><br/> <span class="ft1">Anzeichen für eine Untertauchensgefahr vor.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">337</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Anders liegt der Fall jedoch, wenn das Bundesverwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richt den Vollzug der Wegweisung im Rahmen des Beschwerdever-</span><br/> <span class="ft1">fahrens aussetzt oder der Beschwerde die aufschiebende Wirkung</span><br/> <span class="ft1">zuerkennt. In einer solchen Konstellation kann dem Betroffenen mit</span><br/> <span class="ft1">Blick auf eine allfällige Untertauchensgefahr nicht vorgeworfen wer-</span><br/> <span class="ft1">den, er weigere sich auszureisen, da bis zu einem anderslautenden</span><br/> <span class="ft1">Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts gar keine Verpflichtung</span><br/> <span class="ft1">zur Ausreise besteht.</span><br/> <span class="ft1">3.5. Vorliegend hat das Bundesverwaltungsgericht den Vollzug</span><br/> <span class="ft1">der Wegweisung vorsorglich ausgesetzt. Dem Gesuchsgegner kann</span><br/> <span class="ft1">unter diesen Umständen nicht vorgehalten werden, es bestehe Unter-</span><br/> <span class="ft1">tauchensgefahr, weil er sich weigere, auszureisen.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem die Vorinstanz einzig aufgrund der Weigerung des</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegners auszureisen auf das Bestehen einer Untertauchens-</span><br/> <span class="ft1">gefahr schliesst und den Akten auch nichts anderes zu entnehmen ist,</span><br/> <span class="ft1">was auf eine Untertauchensgefahr hindeuten würde, ist der Haft-</span><br/> <span class="ft1">grund von Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 [des Bundesgesetzes über Aus-</span><br/> <span class="ft1">länderinnen und Ausländer (AuG) vom 16. Dezember 2005] nicht er-</span><br/> <span class="ft1">füllt.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>