Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 19. Mai 2022 (720 21 301 / 111) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Prüfung des Anspruchs auf eine Invalidenrente bei Einarmigkeit unter Würdigung der Be- richte des Regional Ärztlichen Dienstes (RAD) und des behandelnden Arztes Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richter Jürg Pulver, Gerichtsschreiberin i.V. Andrina Lang Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Katrin Plattner, Rechts- dienst Behindertenforum, Bachlettenstrasse 12, 4054 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.1 A.____, geboren 1981 in Y.____, ist 17-jährig al s Asylsuchende in die Schweiz gekom- men. Im November 1998 erlitt sie bei einem schweren Au tounfall eine traumatische Amputation des rechten Vorderarmes, eine offene Fraktur des recht en Ellbogens und eine offene AC- Luxation rechts. Mit erstem Gesuch vom 4. Januar 2000 m eldete sie sich zum Bezug von Leis- tungen bei der Schweizerischen Invalidenversicherung (IV ) an. In der Folge führte die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) zunächst Eingliederungsmassnahmen durch, verneinte aber einen Rentenanspruch mangels Erfüllen der versicherungsrechtl ichen Voraussetzungen. Im Rahmen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht der beruflichen Massnahmen erhielt die Versicherte von der IV-Stelle Unterstützung bei der BBT- Anlehre zur Mitarbeiterin im Grosshaushalt. Danach ar beitete sie bis Ende Mai 2011 in einem 50 % Pensum bei der B.____ AG als Lagermitarbeiterin. A.2 Aufgrund Konkursanmeldung der B.____ AG verlor A. ____ ihre Stelle, worauf sie sich mit Gesuch vom 3. November 2011 erneut zum Leistungsbezu g bei der IV anmeldete. Die IV- Stelle sprach ihr in der Folge berufliche Massnahmen in Form von Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche zu, später auch in Form von Arbeitstraining. Die Massnahmen wurden ohne weitere Rentenprüfung mit Verfügung vom 14. April 2013 beendet. A.3 Am 26. Juli 2017 stellte die Versicherte unter Hi nweis auf eine dauernde Verschlechte- rung ihres Gesundheitszustands bei der IV erneut ein Leistungsgesuch, welches mit Vorbescheid vom 8. April 2019 abgewiesen wurde. Nachdem die Versiche rte im Vorbescheidverfahren zwei- mal Einwand erhoben hatte, ging die IV-Stelle zwar weiterhin von einer vollen Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit aus, anerkannte aber einen leidensbedingten Abzug von 20 % und ermittelte einen Invaliditätsgrad von 20 %. Unter Hinweis auf eine aktuelle rheumatologische Be- urteilung erhob die Versicherte erneut Einwand gegen den Vorbescheid und beantragte eine Re- duktion der Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit auf 50 %. In der Folge holte die IV-Stelle bei der asim (Academy of Swiss Insurance Medicine) ein rheumato logisches Gutachten (vom 17. Juli 2020, act. 229) ein. Gestützt darauf ging die IV-Stelle schliesslich von einer Arbeitsunfä- higkeit von 20 % in adaptierter Tätigkeit aus, so dass in Beachtung des leidensbedingten Abzugs von 20 % ein Invaliditätsgrad von 36 % resultierte. E ntsprechend verneinte die IV-Stelle einen Rentenanspruch mit Verfügung vom 20. August 2021. B. Dagegen erhob A.____, vertreten durch Katrin Plat tner, Rechtsdienst des Behinderten- forums, mit Eingabe vom 17. September 2021 Beschwerde b eim Kantonsgericht Basel-Land- schaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht), und liess die Aufhebung der ange- fochtenen Verfügung sowie die Zusprache einer Dreiviertelsrente ab 1. November 2017 beantra- gen; eventualiter sei ein rheumatologisches Gerichtsgutachten einzuholen. C. Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung bewillig te das Kantonsgericht mit präsi- dialer Verfügung vom 23. September 2021. D. Mit Vernehmlassung vom 7. Dezember 2021 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. E. Mit Verfügung vom 10. Dezember 2021 überwies die in struierende Präsidentin der Ab- teilung Sozialversicherungsrecht des Kantonsgerichts die Ang elegenheit der Dreierkammer zur Beurteilung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über di e Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungs- gericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anf echtungsobjekt des vorliegenden Verfah- rens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwer- den gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die im Übrigen f rist- und formgerecht eingereichte Be- schwerde vom 17. September 2021 ist demnach einzutreten. 1.2 Am 1. Januar 2022 trat die vom Gesetzgeber am 19 . Juni 2020 beschlossene Änderung des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 ("Weiterentwick- lung der IV", WEIV) in Kraft. Die vorliegend angefo chtene Verfügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich massge- benden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3 .1, 129 V 354 E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 sowie des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialver- sicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendbar (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Februar 2022, 8C_455/2021, E. 2). Sie werden im Folgenden jeweils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet. 2. Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob die IV-Stelle das Ge- such um Ausrichtung einer Invalidenrente zu Recht abgewiesen hat. 3.1 Gemäss Art. 6 Abs. 1 IVG haben schweizerische und ausl ändische Staatsangehörige so- wie Staatenlose Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung. Versichert sind laut Art. 1b IVG Personen, die gemäss Art. 1a und Art. 2 des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlas- senenversicherung (AHVG) vom 20. Dezember 1946 obligatorisch oder freiwillig versichert sind. Obligatorisch versichert sind unter anderem die natürli chen Personen mit Wohnsitz in der Schweiz (Art. 1a Abs. 1 lit. a AHVG). 3.2 Art. 6 Abs. 2 IVG bestimmt, dass ausländische Staatsan gehörige anspruchsberechtigt sind, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz haben und sofern sie bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz auf gehalten haben. Die besonderen Vo- raussetzungen des Anspruchs auf eine ordentliche Rente setzen unter anderem voraus, dass die versicherte Person bei Eintritt der Invalidität während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet hat (Art. 36 Abs. 1 IVG). Auf eine ausserordentliche Rente Anspruch haben invalide Ausländer und Staatenlose, die als Kinder die Voraussetzungen von Art. 9 Abs. 3 IVG erfüllt haben (Art. 39 Abs. 3 IVG). Vorbehalten bleiben abweichende zwischenstaatliche Vereinbarungen. 3.3 Die Invalidität gilt als eingetreten, sobald sie d ie für die Begründung des Anspruchs auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und Schwere erreicht hat (Art. 4 Abs. 2 IVG). Im Falle einer Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Rente gilt die Invalidität in dem Zeitpunkt als ein getreten, in dem der Anspruch nach Art. 8 Abs. 1 ATSG und Art. 4 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 28 ff. IVG entsteht, das heisst frühestens, wenn die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min- destens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen und nach Ablauf dieses Jahres zu mindes- tens 40 % bleibend oder für längere Zeit erwerbsunfähig (Art. 7 und 8 ATSG) ist (BGE 137 V 417 E. 2.2.1). 3.4 Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die du rch eine Beeinträchtigung der körper- lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bis- herigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebre- chen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). U nter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be- einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorlie gens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück- sichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 3.5 Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Er- werbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), die wäh- rend eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfä- hig (Art. 6 ATSG) gewesen (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Die durchschnittliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit während eines Jahres und die nach Ablauf der Wartezeit bestehende Erwerbsunfähigke it müssen kumulativ und in der für die einzelnen Rentenabstufungen erforderlichen Mindesthöhe gegeben sein, damit eine Rente im entsprechenden Umfang zugesprochen werden kann (Urteile des Bundesgerichts vom 21. Okto- ber 2013, 8C_174/2013, E. 3.2 und vom 5. Mai 2011, 9C_996/2010, E. 7.1, je mit Hinweisen). Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG). 3.6 Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invalidi tätsgrades verweigert, so wird nach Art. 87 Abs. 3 IVV eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat. Tritt die Ver- waltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu verge- wissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gem achte Veränderung des Invaliditäts- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht grades auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revi- sionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (BGE 133 V 108 E. 5, 117 V 198 E. 3a). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Verände- rung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefal l obliegt die gleiche materielle Prü- fungspflicht auch dem Gericht (Urteil des Bundesgerich ts vom 20. Juni 2003, I 285/02, E. 4.1; BGE 117 V 198 E. 3a und 109 V 108 E. 2b). 4.1 Im vorliegenden Fall wurde der Rentenanspruch mi t Verfügung vom 20. Mai 2003 letzt- mals geprüft und abgelehnt. Allerdings kam es damals zu keiner materiellen Prüfung des Leis- tungsanspruchs, da die IV-Stelle diesen bereits aufgrund der fehlenden versicherungsmässigen Voraussetzungen gemäss Art. 6 Abs. 2 IVG abgelehnt hatte. Wie in Erwägung 3.2 bereits erläu- tert, sind ausländische Staatsangehörige anspruchsberechtigt, sofern sie bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleiste t oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben. Im Zei tpunkt des Unfalls erfüllte die Beschwer- deführerin keine der beiden Bedingungen. Fraglich ist jedoch, ob der Unfall zur Invalidität führte. Falls dem so wäre, würde die Beschwerdeführerin die versicherungsmässigen Voraussetzungen auch heute noch nicht erfüllen, weil die Mindestbeitr agszeit vor Eintritt der Invalidität geleistet werden muss (Urteil des Bundesgerichts vom 4. März 2019, 8C_721/2013, E. 4.1. 4.2 Die Invalidität gilt gemäss Art. 4 Abs. 2 IVG als e ingetreten, sobald sie die zur Begrün- dung des Anspruchs auf die jeweilige Leistung erforder liche Art und Schwere erreicht hat (vgl. Erwägung 3.3 hiervor). Im Austrittsbericht vom 25. Januar 2000 der Rehaklinik X.____ wurde der Beschwerdeführerin seinerzeit für leichte Tätigkeiten m it der adominanten Hand ganztags eine Arbeitsfähigkeit von 100 % attestiert (vgl. auch Erwäg ung 6.1 hiernach). Damit lag die für einen Rentenanspruch erforderliche Schwere des Gesundheitsschad ens damals noch nicht vor, so dass noch keine Invalidität im Sinne des IVG eingetreten war. Der heute zu prüfende Eintritt der Invalidität fällt somit auf einen Zeitpunkt, in dem die Beschwerdeführerin schon mehr als ein Jahr Beiträge bezahlt hat und mehr als 10 Jahre in der Schweiz ist. Somit sind die versicherungsmäs- sigen Voraussetzungen inzwischen als erfüllt zu betrachten. 4.3 Die Beschwerdeführerin erhielt auf Gesuch vom 4. Januar 2000 erstmals Unterstützung von der IV-Stelle in Form von Integrationsmassnahmen. D ie auf das Gesuch vom 3. November 2011 gewährten beruflichen Massnahmen (vgl. Ausführungen in Erwägung A.2 hiervor) wurden im April 2013 abgeschlossen. Folglich ist das erneute Leist ungsgesuch vom 26. Juli 2017 als Neuanmeldung zu betrachten, da die Beschwerdeführerin Leistungen für einen noch nicht beur- teilten Zeitraum beantragt. 5.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und in sbesondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde – die Ver- waltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterla gen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurtei- len und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beur- teilung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt aus- geübte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem allgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch ver- richtet werden können (U LRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschät- zung, in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen d er Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 5.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche B eweisregeln, sowie umfassend und pflicht- gemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, un- abhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die ver- fügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt- nis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam- menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfol- gerungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der einge- reichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 5.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 469 E. 4.4 und 4.5). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche au fgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Beri cht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Be richten versicherungsinterner medizini- scher Fachpersonen und (Akten-)Berichten von Sachverständigen, die nicht im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholt werden, erkennt die Rechtsprechung ebenfalls Beweiswert zu. Es ist al- lerdings zu betonen, dass ihnen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versich erungsträger in Auftrag gegebenen Gutachten zukommt (BGE 135 V 469 ff. mit Hinweis). In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten darf und soll das Gericht schliesslich der Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass diese Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Guns- ten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 125 V 353 E. 3b/cc). 6. Zur Beurteilung des vorliegenden Falls liegen verschi edene medizinische Unterlagen vor, die vom Gericht gesamthaft gewürdigt wurden. Im Folgenden werden diejenigen Gutachten und Berichte wiedergegeben, welche sich als zentral erweisen. 6.1 Nach dem Autounfall vom 2. November 1998 war die Beschwerdeführerin vom 15. De- zember 1999 bis 21. Januar 2000 zwecks Prothesentraining , Narbenbehandlung, Umschulung rechte Hand auf links und Anpassung einer elektromechanischen Vorderarmprothese rechts mit Silikon-Liner zur stationären Behandlung in der Rehaklinik X.____. Gemäss Austrittsbericht vom 25. Januar 2000 sei der Gesundheitszustand stationär un d bedürfe keiner weiteren medizini- schen Abklärung. Die traumatische Unterarmamputation rechts (dominante Seite) habe eine Aus- wirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Da die Versicherte b isher jedoch keiner beruflichen Tätigkeit nachgegangen sei, könne hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit in angestammter Tätigkeit keine Aus- sage gemacht werden. Jedenfalls sei das Verrichten von leichten Tätigkeiten mit der adominan- ten Hand ganztags zumutbar. 6.2 Dr. med. C.____, FMH Allgemeine Innere Medizin, hält im Bericht vom 16. Juni 2019 fest, es sei aufgrund der Amputation des rechten domina nten Vorderarmes zu einer massiven Überbeanspruchung der linken Seite gekommen. Da die re chte, dominante Hand fehle, könne die Patientin keine feinmotorischen Arbeiten ausüben. Mit der Prothese vermöge sie praktisch nichts zu machen, so dass die rechte Seite kaum als Hilfshand eingesetzt werden könne. Die seit über 20 Jahre andauernde Überbelastung führe zu starke n Verspannungen, Schmerzen, einer falschen Körperhaltung bzw. zu Abnutzungserscheinungen im Schulter-, Arm- und Handbereich links, weshalb keine mittleren bis schweren Lasten mehr gehoben bzw. getragen werden können. Überdies sei die Patientin aufgrund der andauernden Überbelastung stark erschöpft, weshalb sie beim Erledigen jeglicher Arbeit deutlich verlangsamt u nd auf regelmässige, mindestens halb- stündliche und 10-minütige Pausen angewiesen sei. Folglich bestehe auch in einer bestmöglich leidensangepassten Tätigkeit nur noch eine 50%ige Arbeitsfähigkeit bei einem zeitlichen Pensum von 100 %. 6.3 Im ärztlichen Bericht zur Sprechstunde vom 19. Novemb er 2019 diagnostiziert Dr. med. D.____, FMH Rheumatologie, ein chronisches zer vicothorakobrachiales Schmerzsyn- drom links in Folge der Überbelastung des linken Armes. Die Muskulatur des linken Oberkörpers, die Funktion des linken Schultergelenks und der linke Ellbogen seien jedenfalls stark belastet. Es hätten sich eine chronische Tendinose der Supraspinatussehne sowie eine Epikondylitis humeri radialis entwickelt. Abschliessend hält er fest, dass die P atientin maximal zu 50 % arbeitsfähig sei. Dabei müsse sie immer wieder kleine Pausen machen kö nnen, um den linken Arm zu ent- lasten und die Schmerzen zu beruhigen. 6.4.1 Prof. Dr. med. E.____, FMH Orthopädische Chiru rgie und Traumatologie des Bewe- gungsapparates, führt im monodisziplinären orthopädisch en asim-Gutachten vom 17. Juli 2020 Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht aus, dass sich die Situation der Explorandin im Vergleich zur Beurteilung in X.____ im Ja- nuar 2000 verändert habe: Einerseits scheine die Ellbogenbeweglichkeit rechts etwas verbessert zu sein. Andererseits sei es zu einer deutlichen Verkürzun g der Muskulatur im Schulterbereich der Trapezius- und Deltoideus-Muskulatur und einer Ausgleichsskoliose der Wirbelsäule gekom- men. Es bestehe auch eine eindrückliche Atrophie der Muskulatur im Bereich des rechten Armes. Der Oberarm rechts sei schmerzhaft und die Umfangdiffer enz am Oberarm betrage 7 cm. Die Haut am Vorderarmstumpf sei atroph und kaum verschieblich. Auf der linken Seite sei die Trape- zius- und Nackenmuskulatur verspannt. Es bestehe eine Druckdolenz in der Fossa supraspinata am Coracoid und entlang der langen Bicepssehne. Auch der Epikondylus radialis sei schmerzhaft im Sinne eines Tennisellbogens. Prof. E.____ hält fe st, dass es somit zwar zu einer gewissen Überbelastung der linken Seite gekommen sei und Komp ensationsmechanismen ausgebildet worden seien. Jedoch sei die Verschlimmerung nicht so gra vierend, dass eine Abweichung von der bisher attestierten Arbeitsfähigkeit von 50 % angezeigt wäre. Die Explorandin könne aufgrund der Einarmigkeit mit Verlust des dominanten Armes keine feinmotorischen Tätigkeiten mehr aus- üben. Das Heben von Gegenständen mit dem linken Arm sei auf maximal 10 kg beschränkt und Überkopfarbeiten seien nur sehr eingeschränkt, d.h. nur einarmig möglich. Die Einschätzung ei- ner 50%igen Arbeitsfähigkeit gelte für alle Tätigkeiten, welche im Rahmen des definierten Tätig- keitsbereichs ausgeführt werden können. Als angepasste Tätigkeit könne sowohl die erlernte Tä- tigkeit als Hauswirtschafterin als auch die zuletzt ausgeü bte Tätigkeit als Lagermitarbeiterin er- achtet werden. Einfache Büroarbeiten seien ebenfalls möglich. 6.4.2 Mit Schreiben vom 22. Februar 2021 beantwortet Prof. E.____ die Rückfrage der IV- Stelle zum asim Gutachten und bestätigt die 50%ige Arbeitsfähigkeit der Explorandin in ganztä- giger Präsenz. Hierbei seien die im Gutachten erwähn ten funktionellen Einschränkungen sowie der deutlich erhöhte Pausenbedarf aufgrund der überl astungsbedingten Schmerzen zu berück- sichtigen. 6.5 In der RAD-Stellungnahme vom 25. Februar 2021 ko mmt Dr. med. F.____, FMH Ortho- pädie und Physikalische und Rehabilitative Medizin, zum Schluss, dass sich der gesundheitliche Zustand der Beschwerdeführerin gesamtheitlich weder eindeutig verbessert noch verschlechtert habe. Angesichts der zunehmenden Probleme im Bereich des Schultergürtels und des langjähri- gen Verlaufs einer funktionellen Einarmigkeit dürfe die Verschlechterung tendenziell überwiegen. Einigkeit bestehe dahingehend, dass die Versicherte leichte Arbeiten mit der adominanten linken Hand ausführen und die rechte prothesenversorgte Hand als Gegenhand verwenden könne. Ent- sprechend seien Überkopfarbeiten nur sehr beschränkt ausführbar, während das (einseitige) Tra- gen von Lasten über 10 kg sowie feinmotorische Tätigkeiten gar nicht möglich seien. Ebenso sei das Arbeiten in Zwangshaltungen zu vermeiden. Dafür kön ne jedoch stehend, gehend oder sit- zend gearbeitet werden. Somit seien einfache Büroarbeiten möglich. Die zuletzt ausgeübten Tä- tigkeiten als Hauswirtschafterin und Lagermitarbeiterin seien keine leidensangepassten Tätigkei- ten, da dabei unter anderem auch mit beiden Armen gearbeitet werden müsse. Da eine gutachter- liche Stellungnahme von Prof. E.____ zu leidensangepassten Tätigkeiten fehle, sei diese aus den Akten zu eruieren. Die Versicherte habe angegeben, dass sie in ihrem Alltag insbesondere den Haushalt erledige, für ihren Sohn und sich koche, auf freiwilliger Basis für das Sozialamt arbeite sowie sich in der christlichen Gemeinde engagiere. Unter Berücksichtigung, dass die Versicherte, Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht im Gegensatz zu den Arbeiten in einer leidensangepasst en Tätigkeit, die Arbeiten im Haushalt zeitlich frei einteilen könne, sei ein erhöhter Pausenbedarf von 20 % nachvollziehbar. Insgesamt attestiert Dr. F.____ eine Arbeitsfähigkeit von 80 % in einer leidensangepassten Verweistätigkeit. 7. Die IV-Stelle gelangte in der angefochtenen Verf ügung in Würdigung der medizinischen Aktenlage zur Auffassung, dass anhand der sporadischen ärztlichen Behandlungen seit dem Jahr 2000 der gesundheitliche Verlauf über die vergangenen Jahre sehr konstant gewesen sei. Ferner habe keiner der behandelnden Ärzte die damalig attestierte Arbeitsfähigkeit durch die Rehaklinik X.____ in Frage gestellt. Die von Dr. C.____ in seiner Stellungnahme vom 17. Juni 2019 neu gestellten Diagnosen betreffend Abnutzungserscheinungen im Schulter-, Arm- und Handbereich seien ohne klinischen oder radiologischen Befund ungenügend belegt und somit lediglich als sub- jektive Aussage zu qualifizieren. Ferner könnten die beschriebenen Verspannungen sowie mus- kulären Leiden gut mit Physiotherapie behandelt werden; dies sei jedoch nicht erfolgt. Das Leis- tungsbild für die leidensangepasste Tätigkeit sei auf leichte Tätigkeiten begrenzt, weshalb bereits berücksichtigt werde, dass aufgrund der fehlenden domin anten Hand rechts keine feinmotori- schen Arbeiten erledigt werden könnten. Längere Pausen bei der Arbeit seien nur bei nicht lei- densangepasster Tätigkeit nachvollziehbar. Die angesproche ne deutliche Verlangsamung sei aus medizinischer Sicht unbegründet. Hinsichtlich des Gut achtens vom 17. Juli 2020 sei zu be- merken, dass Prof. E.____ sowohl die erlernte Tätigkeit als Hauswirtschafterin als auch die zu- letzt ausgeübte Stelle als Lagermitarbeiterin als angestammte Tätigkeit erachte. Da der Gutachter es auch nach erneutem Rückfragen unterlassen habe, Stellung zur Arbeitsfähigkeit in einer Ver- weistätigkeit zu nehmen, müsse der Sachverhalt anhand d er Unterlagen abgeleitet werden. Hierzu seien die beschriebenen Alltagsaktivitäten der Versicherten heranzuziehen. Da sie sämt- liche Hausarbeiten selber erledige, vormittags oft Fre iwilligenarbeit für das Sozialamt verrichte und sich für die christliche Gemeinde engagiere, könne sie ebenfalls ganztägig einer Tätigkeit nachgehen. In der Folge fasste die IV-Stelle zusammen , dass die Beeinträchtigung des Leis- tungsbildes, ganz im Sinne der Aussage von Dr. C.____ vom 31. Januar 2018, wonach die Prog- nose stationär sei, seit dem Unfallereignis im Jahre 19 98 unverändert geblieben sei. Entspre- chend weise die Versicherte bei ganztägiger Präsenz in angestammter Tätigkeit zwar lediglich eine Arbeitsfähigkeit von 50 % auf, jedoch sei in ei ner leidensangepassten Tätigkeit noch eine 80%ige Arbeitsfähigkeit vorhanden. Hinsichtlich der fakt ischen Einarmigkeit sei mit einem lei- densbedingten Abzug von 20 % den Einschränkungen Genüge getan. 8. Wie die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerdeschrif t zutreffend vorbringt, attestieren nicht nur die behandelnden Ärzte Dr. C.____ und Dr. D .____, sondern auch der Gutachter Prof. E.____ eine dauerhafte Verschlechterung des Gesun dheitszustandes. Dies wird insofern auch von Dr. F.____ anerkannt, als er im Rahmen des Vor bescheidverfahrens neu von einer Verminderung der Arbeitsfähigkeit im Umfang von 20 % ausging. 8.1 Dr. F.____ begründet seine Einschätzung damit, d ass sich die gutachterliche Zumutbar- keitsbeurteilung von 50 % auf die angestammte Tätigkeit beziehe. Damit impliziert er jedoch, dass auch der Gutachter für leidensangepasste Tätigkeiten von einer Arbeitsfähigkeit ausgehen würde, die über der attestierten Arbeitsfähigkeit vo n 50 % läge. Dieser Auffassung ist zu wider- sprechen. Die gutachterliche Aussage hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit ist in sich stimmig und klar. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Im Gutachten hält Prof. E.____ auf S. 12 unter Ziff. 8.2 fest, dass die Einschätzung einer Arbeits- fähigkeit von 50 % für alle Tätigkeiten mit dem defi nierten Anforderungsprofil gelten würde. Bei Beantworten der Ergänzungsfragen konzediert er lediglich, dass die Beschwerdeführerin zu einer ganztägigen Arbeitspräsenz fähig sei. Die Arbeitsleistung liege dabei jedenfalls nach wie vor bei 50 %. Hiernach ist klar ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin nach gutachterlicher Beurteilung in keiner noch so angepassten Tätigkeit eine Arbeitsf ähigkeit von über 50 % erreichen kann. Folglich ist unerheblich, ob Prof. E.____ möglicherweise zu Unrecht davon ausgeht, dass die angestammte Tätigkeit dem Anforderungsprofil entspricht und daher als angepasst erscheint. 8.2 Weiter setzt sich Dr. F.____ über die ärztlichen Zum utbarkeitsbeurteilungen hinweg und schlussfolgert, dass mit Blick auf die verschiedenen Alltag saktivitäten eine höhere Arbeitsfähig- keit gegeben sein müsse. Diese Begründung des RAD-Arztes überzeugt nicht. Weder das Enga- gement in der christlichen Gemeinde noch das selbständige Erledigen von Haushaltsarbeiten noch das Leisten von Freiwilligendienst für den Sozialdienst lassen den Rückschluss zu, dass die Beschwerdeführerin zu 80 % arbeitsfähig wäre. Insbesondere bleibt völlig unklar, in welcher Ka- denz und in welchem Tempo die Beschwerdeführerin ihre Aufgaben erledigt. 8.3 Damit ist zum Schluss zu gelangen, dass keine konkrete n Indizien vorliegen, welche die Beweiskraft des Gutachtens von Prof. E.____ vom 17. Juli 2020 in Zweifel ziehen würden. Die Beurteilung von Dr. F.____ ist nicht nachvollziehbar, d a die attestierte 80%ige Arbeitsfähigkeit ungenügend medizinisch begründet wurde und überdies im Widerspruch mit der Zumutbarkeits- beurteilung, welche zwei Ärzte und der Gutachter nach einer persönlichen Untersuchung der Be- schwerdeführerin übereinstimmend abgegeben und nachvollziehbar begründet haben, steht. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades ist folglich von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % in einer optimal leidensangepassten Tätigkeit auszugehen. 9. Das Validen- und Invalideneinkommen wurde von der I V-Stelle korrekt veranschlagt und ist nicht bestritten. Hinsichtlich des gewährten leidensb edingten Abzugs von 20 % bleibt zu er- wähnen, dass die IV-Stelle diesen bereits unter Berücksich tigung des erhöhten Pausenbedarfs und der reduzierten Arbeitsfähigkeit eingeräumt hatte . Dieser Abzug entspricht der bundesge- richtlichen Rechtsprechung, wonach eine faktische Einhändigkeit oder Beschränkung der domi- nanten Hand als Zudienerhand einen Abzug von 20-25 % zu rechtfertigen vermag und der Be- schwerdeführerin kein Vollpensum mehr zumutbar ist (BGE 126 V 75 E. 5a/bb; Urteile des Bun- desgerichts vom 17. September 2008, 9C_418/2018, E. 3.3.2 und 3.3.3 und vom 7. August 2018, 8C_58/2018, E. 5.2 und 5.3 mit weiteren Hinweisen). Nach ständiger Rechtsprechung darf das (kantonale) Sozialversicherungsgericht sein Ermessen bei de r Beurteilung des Tabellenlohnab- zuges nicht ohne triftigen Grund an die Stelle desjenig en der Verwaltung setzen; es muss sich auf Gegebenheiten abstützen können, welche seine abwei chende Ermessensausübung als na- heliegender erscheinen lassen (BGE 137 V 71 E. 5.2 un d 126 V 75 E. 6). Wie dargelegt, ent- spricht der von der IV-Stelle eingeräumte leidensbedin gte Abzug von 20 % der bundesgerichtli- chen Rechtsprechung, weshalb vorliegend keine solch triftigen Gründe ersichtlich sind. Folglich resultiert bei einer 50%igen Arbeitsfähigkeit ein Inva liditätsgrad von 60.1 % und damit ein An- spruch auf eine Dreiviertelsrente. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht 10.1 Die Beschwerdeführerin beantragt die Ausrichtung der Leistungen gestützt auf Art. 88a Abs. 2 und Art. 88 bis Abs. 1 lit. a IVV ab 1. November 2017. Die Anwendung dieser Nor- men setzt jedoch ein Revisionsverfahren voraus. Wie in Erw ägung 4 erwähnt, handelt es sich beim Leistungsgesuch vom 26. Juli 2017 um eine Neuanmeldung, weshalb nach bundesgericht- licher Rechtsprechung die durchschnittliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit während eines Jahres und die nach Ablauf der Wartezeit bestehende Er werbsunfähigkeit kumulativ und in der für die einzelnen Rentenabstufungen erforderlichen Mi ndesthöhe gegeben sein müssen, damit eine Rente im entsprechenden Umfang zugesprochen werden kann (vgl. Erwägung 3.5 hiervor). Gemäss Prof. E.____ gilt seine medizinische Einschätzung sei t Einreichen des Leistungsge- suchs. Die Invalidität gilt ab diesem Zeitpunkt im Sinne von Art. 4 Abs. 2 IVG als eingetreten (vgl. Erwägung 3.3 hiervor). Folglich besteht der Leistungsa nspruch auf eine Dreiviertelsrente erst nach Ablauf des ordentlichen Wartejahres ab dem 1. Juli 2018. 10.2 Damit ergibt sich aus dem Gesagten, dass die Beschw erdeführerin ab 1. Juli 2018 An- spruch auf eine Dreiviertelsrente hat. Die angefochtene Verfügung vom 20. August 2021 wird aufgehoben und die Beschwerde wird in diesem Sinne gutgeheissen. 11. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemes- senem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, weshalb die Verfah- renskosten ihr aufzuerlegen sind. 12. Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und na ch der Schwierigkeit des Prozesses be- messen. Die Rechtsvertreterin machte in der Honorarnote vom 20. Dezember 2021 einen Zeit- aufwand von 15 Stunden und 25 Minuten geltend, welcher sich in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen als angemessen erweist. Die Bemühungen sind zu dem in So- zialversicherungsprozessen praxisgemäss für Verbandsangestellte von gemeinnützigen Organi- sationen bei durchschnittlichen Fällen zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 150.- - zu entschädigen. Nicht zu beanstanden sind die geltend gemachten Auslagen in der Höhe von Fr. 150.--. Die IV-Stelle hat der Beschwerdeführerin somit eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'462.50 (15 Stunden und 25 Minuten à Fr. 15 0.-- plus Fr. 150.-- für Auslagen) zu bezahlen. Demgemäss wird e r k a n n t : Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 20. August 2021 aufge- hoben und festgestellt wird, dass die Beschwerdeführer in ab 1. Juli 2018 Anspruch auf eine Dreiviertelsrente hat. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerdefü hrerin eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 2'462.50 (inkl. Ausl agen) zu bezah- len. http://www.bl.ch/kantonsgericht