B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2101/2023 U r t e i l v om 2 5 . A p r i l 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Jeannine Scherrer-Bänziger, mit Zustimmung von Richter Simon Thurnheer; Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Lukas James Koeberl, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 5. April 2023 / N (…). D-2101/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer suchte am 29. Dezember 2022 in der Schweiz um Asyl nach. A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentral- einheit-Eurodac) vom 5. Januar 2023 ergab, dass er am 23. Dezember 2022 bereits in Österreich um Asyl ersucht hatte. A.c Am 6. Januar 2023 mandatierte der Beschwerdeführer die ihm zuge- wiesene Rechtsvertretung. A.d Das SEM ersuchte die österreichischen Behörden am 1. März 2023 um Rückübernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge- stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend Dub- lin-III-VO). Die österreichischen Behörden nahmen zum Rückübernahme- ersuchen keine Stellung. A.e Mit Eingabe vom 17. März 2023 ersuchte die Rechtsvertretung um Durchführung des bevorstehenden Dublin-Gesprächs in ausschliesslicher Anwesenheit von Personen weiblichen Geschlechts, damit der Beschwer- deführer sich angstfrei zu seinen gesundheitlichen Problemen, die mit den Fluchtgründen aus Afghanistan zusammenhängen würden, äussern kön - ne. A.f lm Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 20. März 2023 brachte der Be- schwerdeführer zu seinem Reiseweg vor, er sei im September 2021 von Afghanistan nach B._______ gereist und via C._______, D._______, E._______, F._______, G._______, H._______, I._______ und Österreich in die Schweiz gelangt. In I._______ sei er fälschlicherweise in den Zug Richtung Österreich statt J._______ eingestiegen, weshalb ihm die öster- reichischen Behörden die Fingerabdrücke abgenommen hätten. Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer im Rahmen des Dublin -Gesprächs das rechtliche Gehör zur voraussichtlichen Zuständigkeit Österreichs zur Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens. Der Beschwerde- führer machte geltend, in Österreich würden sich Angehörige von Leuten, mit denen er in Afghanistan Probleme gehabt habe, aufhalten . Er könne D-2101/2023 Seite 3 nicht nach Österrei ch zurück, ansonsten würde er getötet. Nach seinem Gesundheitszustand gefragt gab er an, er leide an psychischen Problemen und starken Kopfschmerzen. Die gesundheitlichen Probleme würden sich bei einer Rückkehr nach Österreich verschlimmern. A.g Gemäss Verlaufsblatt von Medic-Help wurden dem Beschwerdeführer im Zeitraum vom 7. Januar bis 27. März 2023 wiederholt Schmerzmittel gegen die vorgebrachten (…) sowie die Schlafprobleme verabreicht. B. Mit Verfügung vom 5. April 2023 (eröffnet am 11. April 2023) trat die Vorin- stanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete des- sen Wegweisung aus der Schweiz nach Österreich an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Der Kanton K._______ wurde mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt. Im Weiteren händigte sie dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, dass eine allfällige Be- schwerde gegen die Verfügung keine aufschiebende Wirkung habe. C. Gegen diesen Entsch eid erhob der Beschwerdeführer m it Eingabe vom 18. April 2023 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantrag- te, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuwei- sen, auf sein Asylgesuch einzutreten, eventualiter sei die Sache zur voll- ständigen Sachverhaltsfeststellung und rechtsgenüglichen Wahrnehmung des rechtlichen Gehörs an das SEM zur Neubeurteilung zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Anordnung sofortiger vollzugs- hemmender Massnahmen und um Gewährung der aufschiebenden Wir- kung sowie der unentgeltlichen Prozessführung samt Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde waren beigelegt: die angefochtene Verfügung, eine Voll- macht sowie das Protokoll des Dublin-Gesprächs vom 20. März 2023, die Eingabe der Rechtsvertretung an das SEM vom 17. März 2023 (vgl. Bst. A.e. hievor) und zwei EURODAC-Auszüge, je vom 5. Januar 2023. D. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 19. April 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG [SR 142.31]). Gleichentags setzte die Instruktionsrichterin mit superprovisori- scher Massnahme den Vollzug der Überstellung einstweilen aus. D-2101/2023 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch hier – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun- gen (Art. 5 VwVG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bes timmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 105 und 108 Abs. 3 AsylG so- wie Art. 52 VwVG) ist einzutreten. 2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver- fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weite- rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 4. 4.1 Der Beschwerdeführer beanstandet in formeller Hinsicht unter Beru- fung auf Art. 37 Abs. 1 und 3 AsylG eine verspätete Entscheideröffnung . Ferner rügt er, das SEM habe das Dublin -Gespräch erst nach dem Wie- deraufnahmeersuchen an die österreichischen Behörden durchgeführt, zu einem Zeitpunkt, als die Zuständigkeit zur Prüfung seines Asylgesuchs in- folge Verfristung bereits eindeutig auf Österreich übergegangen sei. Das D-2101/2023 Seite 5 Dublin-Gespräch habe bloss noch der Form halber stattgefunden, eine un- voreingenommene Bearbeitung und Würdigung des ihm beim Dublin -Ge- spräch gewährten rechtlichen G ehörs sei zu bezweifeln. Das SEM habe ferner das Dublin-Gespräch entgegen seinem vorab geäusserten Wunsch nicht in einem reinen Frauenteam durchgeführt . Während des Gesprächs sei er zudem nicht ausreichend angehört und der Sachverhalt sei in Bezug auf sein e psychischen Probleme – die sich nicht allein in starken Kopf- schmerzen erschöpfen würden – unvollständig und unrichtig festgestellt worden. Obwohl er seine psychischen Probleme erst auf mehrmaliges Nachfragen näher thematisiert und in diesem Zusammenhang wiederholt geweint habe, habe das SEM seine psychischen Beschwerden in der an- gefochtenen Verfügung nur textbausteinartig mit dem Verweis auf die me- dizinische Versorgung und Schutzwillig - und -fähigkeit Österreichs abge- handelt, ohne zu prüfen, inwieweit seine Probleme spezifisch mit einer Rückkehr nach Österreich zusammenhängen würden. 4.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 VwVG umfasst als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.). Mit dem Ge- hörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist dagegen, dass sich die Begrün- dung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts kann nach Art. 106 Abs. 1 AsylG gerügt werden. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten- widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid we- sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT- SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). 4.3 Art. 37 Abs. 1 AsylG bezieht sich laut Wortlaut auf Konstellationen, in denen der angefragte Dublin -Staat dem Ersuchen um Überstellung aus - drücklich zustimmte. Vorliegend liessen die österreichischen Behörden das ihnen übermittelte Übernahmeersuchen vom 1. März 2023 innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist von zwei Wochen unbe- antwortet. Unabhä ngig davon erscheint die Zeitspanne bis zu dem am D-2101/2023 Seite 6 11. April 2023 eröffneten Nichteintretensentscheid vom 5. April 2023 im Kontext von Art. 37 AsylG zwar vergleichsweise lang, es ist jedoch nicht angezeigt, die angefochtene Verfügung deswegen aus formellen Gründen an das SEM zurückzuweisen (vgl. auch Urteil des BVGer F-1978/2023 vom 18. April 2023 E. 4.1). 4.4 4.4.1 Die Durchführung des persönlichen Gesprächs im Sinne von Art. 5 Dublin-III-VO (sog. Dublin -Gespräch) erst nach Einleitung beziehungs- weise Durchführung eines Konsultationsverfahrens führt entgegen der Auf- fassung des Beschwerdeführers nicht per se zu einer Aufhebung des Nichteintretensentscheids des SEM (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Das Euro- päische Asylzuständigkeitssystem, Stand 1.2.2014, K6 zu Art. 5). Die Ver- fristung als Konsequenz der Nichtbeantwortung eines Wiederaufnahmeer- suchens ist zwar die (Wieder)Aufnahmeverpflichtung des ersuchten Mit- gliedstaats, hier Österreich, gegenüber dem Beschwerdeführer, mithin die grundsätzliche Zuständigkeit des ersuchten Mit gliedstaates zur Prüfung des Asylgesuchs. Vorbehalten bleibt jedoch stets die Prüfung der (gegebe- nenfalls zwingenden) Anwendung des Selbsteintrittsrechts nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO durch den Aufenthaltsmitgliedstaat (vgl. FILZWIE- SER/SPRUNG, a.a.O., K12-15 zu Art. 22). 4.4.2 Den Akten sind keine Hinweise zu entnehmen, dass das SEM den Sachverhalt, namentlich betreffend einen allfälligen Selbsteintritt, nicht richtig oder unvollständig erstellt und seine Abklärungspflicht nicht wahrge- nommen hätte. So wurde dem Beschwerdeführer gemäss Protokoll des Dublin-Gesprächs die Möglichkeit eingeräumt, allfällige Gründe gegen eine Wegweisung nach Österreich sowie Vorbringen zum medizinischen Sach- verhalt darzulegen. Davon machte er auch Gebrauch und seine ebenfalls anwesende Rechtsvertretung erklärte am Ende des Gesprächs, keine wei- teren Fragen zu haben. Vor diesem Hintergrund vermag der Beschwerde- führer mit der Behauptung, das rechtliche Gehör sei ihm lediglich pro forma gewährt worden, die befragende SEM -Fachspezialistin habe kein Inte- resse an der Sachverhaltsermittlung gezeigt und sie sei voreingenommen gewesen, nicht durchzudringen. Er vermag auch nichts aus dem Umstand abzuleiten, dass das Dublin-Gespräch nicht durch ein reines Frauenteam geführt wurde, zumal er die Nachfrage seines Rechtsvertreters, ob er sich lieber in einem Frauenteam äussern wolle, verneinte (SEM -Akten 20/3 S. 2). Des Weiteren ergibt sich aus den Akten, dass das SEM sich beim zuständigen Gesundheitsdienst des BAZ über den medizinischen Sachver- halt betreffend den Beschwerdeführer erkundigt hat (vgl. SEM-Akten 22/1 D-2101/2023 Seite 7 – 24/1; Bst. A.g. hievor). Es ist nicht ersichtlich, welche weiteren Abklärun- gen es noch hätte tätigen sollen, zumal der Beschwerdeführer auf Be- schwerdeebene weder weitere Ausführungen dazu machte noch entspre- chende ärztliche Berichte zu den Akten reichte (vgl. Art. 8 AsylG). 4.5 Der Sachverhalt wurde demnach vollständig erstellt und das SEM hat sich in der angefochtenen Verfügung zu einem möglichen Selbsteintritt rechtsgenüglich geäussert (vgl. angefochtene Verfügung S. 3 ff.). Nach- dem der Beschwerdeführer in der Eingabe vom 17. M ärz 2023 (SEM-Akt. 21/1) vorbrachte, seine (psychische) Krankheit hänge mit den Fluchtgrün- den aus Afghanistan zusammen, war das SEM auch nicht gehalten abzu- klären, inwieweit seine gesundheitlichen Probleme «spezifisch mit einer Rückkehr nach Österreich zusammenhängen» könnten (vgl. Beschwerde S. 6). Der Umstand, dass der Beschwerdeführer die Schlussfolgerungen in der angefochtenen Verfügung nicht teilt, stellt keine Verletzung des rechtli- chen Gehörs oder der Pflicht zur vollständigen Sachverhaltsabklärung dar, sondern betrifft eine materielle Frage über die vorgebrachten Überstel- lungshindernisse. 4.6 Damit erweisen sich die formellen Rügen als unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entsprechende Eventualbegehren ist abzuweisen. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchen- de in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, de r nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). 5.3 Der als zuständige Staat bestimmte Mitgliedstaat ist gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin -III-VO verpflichtet, einen Antragsteller, der währen d der Prüfung seines Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag D-2101/2023 Seite 8 gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen. Diese Pflicht erlischt, wenn der zuständige Mitglied- staat nachweisen kann, dass der Antragsteller, um dessen Wiederaufnah- me ersucht wurde, das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten für mindestens drei Monate verlassen hat, es sei denn, die betreffende Person ist im Besitz eines vom zuständigen Mitgliedstaat ausgestellten gültigen Aufenthaltsti- tels (vgl. Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO). 6. 6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu- rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 23. Dezember 2022 in Österreich ein Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die österrei- chischen Behörden am 1. März 2023 um Wiederaufnahme des Beschwer- deführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die österreichi- schen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert de r in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie die Zu- ständigkeit Österreichs implizit anerkannten (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO). Vor diesem Hintergrund ist die grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gegeben. 6.2 6.2.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesent- liche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Asylsuchende in Österreich würden systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechte- charta mit sich bringen würden. 6.2.2 Österreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich- tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutz suchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von D-2101/2023 Seite 9 Personen, die internationalen Schutz beantragen , (sog. Aufnahmerichtli- nie) ergeben. Ferner bestehen keine Gründe für die Annahme, das Asyl- verfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Österreich würden systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen. 6.2.3 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar- getan, die österreichischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder auf- zunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der erwähnten Konventionen und Richtlinien zu prüfen. 6.2.4 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin- III-VO nicht gerechtfertigt. 6.3 6.3.1 Indem der Beschwerdeführer darlegt, Angehörige von Leuten, mit denen er in Afghanistan Probleme gehabt habe, würden sich in Österreich befinden, weshalb sein Leben dort in Gefahr sei, fordert er implizit die An- wendung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respek- tive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden – Be- stimmung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss welcher das SEM das Asylgesuch "aus hu- manitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dub- lin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Es gilt die Vermutung, dass Österreich – als Dublin-Mitgliedstaat – bei der Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens die einschlägigen völkerrechtlichen Verpflichtungen respektiert. Der Beschwerdeführer bringt in seiner Beschwerde nichts Substanzielles vor, was diese Vermutung wi- derlegen könnte, und auch eine Durchsicht der Akten fördert keinerlei Hin- weise auf das Bestehen eines völkerrechtlichen Vollzugshindernisses im Sinne von Art. 3 EMRK – welches zwingend zu einem Selbsteintritt führen müsste – zutage. Es ist daher davon auszugehen, dass der Beschwerde- führer in Österreich ein faires Asyl- und Wegweisungsverfahren unter Be- achtung des Non -Refoulement-Gebots erwarten kann und adäquate Un- terstützung und Unterbringung erhalten wird . Darüber hinaus verfügt Österreich über ein funktionierendes Polizei- und Justizsystem (vgl. etwa Urteil des BVGer F -5549/2022 vom 28. Februar 2023 E. 4.2) und der Beschwerdeführer kann sich bei allfälligen Bedrohungen durch Dr itte an die österreichischen Behörden wenden. D-2101/2023 Seite 10 6.3.2 Eine Anwendung der Ermessensklausel ist auch mit Blick auf Art. 37 AsylG nicht angezeigt. Zwar ist d ie Dauer des Verfahrens (beziehungs- weise der Anwesenheit in der Schweiz) – soweit sie nicht von den betroffe- nen Personen selbst verursacht oder verschuldet worden ist – einer der Faktoren, die bei der Prüfung des humanitären Selbsteintritts in Betracht zu ziehen sind (vgl. JEAN-PIERRE MONNET, La jurisprudence du Tribunal administratif fédéral en matière de transferts Dublin, in: Breitenmo- ser/Gless/Lagodny, [Hrsg.], Schengen und Dublin in der Praxis, Aktuelle Fragen, 2015; S. 427 f.). Vorliegend kann jedoch von einer Verschleppung der Verfahrensfristen (vgl. Beschwerde S. 8) nicht die Rede sein. Auch wenn – wie unter E. 4.3 ausgeführt – die Zeitspanne zwischen Verfristung (am 16. März 2023) und Eröffnung des Nichteintretensentscheids des SEM (am 11. April 2023) im Kontext von Art. 37 Abs. 1 AsylG vergleichsweise lang erscheint, steht hier die Verfahrensdauer des Wiederaufnahmeverfah- rens der Idee des Dublin-Systems, der antragstellenden Person innert ver- nünftiger Frist einen effektiven Zugang zum Asylverfahren in einem der Dublin-Staaten zu gewährleisten (vgl. zum historischen Hintergrund des Dublin-Systems BVGE 2010/27 E. 6.4.6.1 und 6.4.6.3), nicht entgegen. 6.3.3 Bei der Anwendung der Kann -Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 verfügt das SEM über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Vorliegend bestehen keine Hinweise auf eine nicht geset- zeskonforme Ausübung des Ermessens (Ermessensmissbrauch, Über - oder Unterschreitung des Ermessens). Bei dieser Sachlage enthält sich das Gericht in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 6.3.4 Zusammenfassend besteht kein Grund für eine Anwendung der Er- messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO; andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben könnten, von ihrem Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Dublin-III-VO Gebrauch zu machen, wurden weder geltend ge- macht noch sind solche ersichtlich. 7. Nach dem Gesagten bleibt Österreich der für die Behandlung des Asylge- suchs des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III- VO. 8. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da der Beschwerdef ührer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts - oder D-2101/2023 Seite 11 Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Österreich in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Abs. 1 Bst. a AsylV 1). 9. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). 10. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 11. 11.1 Das Beschwerdeverfahren ist mit dem vorliegenden Urteil abge- schlossen. Die Anträge, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu er- teilen, sind damit gegenstandslos geworden, und der am 1 9. April 2023 angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin. 11.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist ungeachtet der geltend gemachten prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen, da sich die Beschwerdebegehren entsprechend den vorstehenden Erwägungen von vornhe rein als aussichtslos erwiesen haben. 11.3 Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1‒3 des Reg- lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-2101/2023 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Jeannine Scherrer-Bänziger Karin Schnidrig Versand: