<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 23 S.75</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">75</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>23</b></span> <span class="ft2"><b>Streitwert im Arbeitsgerichtsverfahren</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Massgebend für den Streitwert im Arbeitsgerichtsverfahren ist der einge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>klagte Betrag, unabhängig davon, ob es sich um den Brutto- oder Netto-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>lohn handelt.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid der Inspektionskommission vom 18. November 2002</span><br/> <span class="ft3">i.S. S. S. gegen Arbeitsgericht des Bezirks Muri</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Das Bundesrecht sieht in Art. 343 Abs. 2 und 3 OR vor,</span><br/> <span class="ft1">dass die Kantone das Arbeitsgerichtsverfahren bis zu einem Streit-</span><br/> <span class="ft1">wert von Fr. 30'000.-- als einfaches und rasches Verfahren auszuge-</span><br/> <span class="ft1">stalten haben, in welchem keine Gerichtskosten auferlegt werden</span><br/> <span class="ft1">dürfen, unter Vorbehalt mutwilliger Prozessführung. Bei der Streit-</span><br/> <span class="ft1">wertberechnung nicht zu berücksichtigen ist ein allfälliges Widerkla-</span><br/> <span class="ft1">gebegehren. Bezüglich der Parteikosten enthält das Bundesrecht</span><br/> <span class="ft1">keine Regelung.</span><br/> <span class="ft1">b) § 369 ZPO übernimmt die Regelung gemäss Art. 343 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">OR und hält fest, dass bis zu einem Streitwert von Fr. 20'000.-- (der</span><br/> <span class="ft1">Betrag im OR wurde per 1. Juni 2001 auf Fr. 30'000.-- erhöht) keine</span><br/> <span class="ft1">Gerichtskosten erhoben werden. Über die bundesrechtliche Regelung</span><br/> <span class="ft1">hinaus wird ausserdem festgehalten, dass bis zum Betrag von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 20'000.-- auch keine Parteikosten ersetzt werden. Dieser Betrag</span><br/> <span class="ft1">gilt bezüglich der Parteikosten - trotz Änderung des Bundesrechts -</span><br/> <span class="ft1">weiterhin, da das Bundesrecht diesbezüglich, wie bereits erwähnt,</span><br/> <span class="ft1">keine Regelung enthält.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">76</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">c) Für die Berechnung des massgeblichen Streitwertes ist</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich kantonales Recht massgebend, mit Ausnahme der im</span><br/> <span class="ft1">Bundesrecht vorgesehenen Nichtberücksichtigung von Widerklage-</span><br/> <span class="ft1">begehren (Art. 343 Abs. 2 a.E. OR; A. Bühler / A. Edelmann / A.</span><br/> <span class="ft1">Killer, Kommentar zur aargauischen ZPO, Aarau 1998, § 369 N 1;</span><br/> <span class="ft1">a.M. Zürcher Kommentar, Der Arbeitsvertrag [Art. 319 - 362 OR],</span><br/> <span class="ft1">3. A., Zürich 1996, Art. 343 N 22 [vollumfänglich nach unge-</span><br/> <span class="ft1">schriebenem Bundesrecht]). Abzustützen ist demnach auf die §§ 16 -</span><br/> <span class="ft1">23 ZPO. Sowohl § 16 ZPO wie auch Art. 343 Abs. 2 OR verweisen</span><br/> <span class="ft1">für den Streitwert auf die "angehobene Klage" bzw. die "eingeklagte</span><br/> <span class="ft1">Forderung". Gemäss Lehre ist dabei vom eingeklagten Bruttolohn,</span><br/> <span class="ft1">also ohne Abzug der Arbeitnehmerbeiträge auszugehen. Allerdings</span><br/> <span class="ft1">hielt Rehbinder fest, der Bruttolohn sei mit dem Hinweis zuzuspre-</span><br/> <span class="ft1">chen, dass sich dieser Betrag reduziere, soweit der Arbeitgeber nach-</span><br/> <span class="ft1">weise, dass und in welchem Umfang er Sozialabzüge an die zu-</span><br/> <span class="ft1">ständigen Instanzen abgeführt habe (M. Rehbinder, Berner Kom-</span><br/> <span class="ft1">mentar, Der Arbeitsvertrag [Art. 331-355 OR], Bern 1992, Art. 343</span><br/> <span class="ft1">N 13 a.E.; ebenso U. Streiff / A. von Kaenel, Arbeitsvertrag, 5. A.,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 1992, Art. 343 N 6 a.E.; Zürcher Kommentar, a.a.O., Art. 343</span><br/> <span class="ft1">N 22).</span><br/> <span class="ft1">Weiter ist zu beachten, dass das Aargauische Obergericht in ei-</span><br/> <span class="ft1">nem im Vergleich zu den erwähnten Kommentaren neueren Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid von 1999 zum Schluss kam, die Pflicht des Arbeitgebers, die</span><br/> <span class="ft1">Arbeitnehmerbeiträge an die Sozialwerke weiterzuleiten, bestehe ge-</span><br/> <span class="ft1">genüber den Sozialwerken. Nicht der Arbeitnehmer sei Gläubiger,</span><br/> <span class="ft1">sondern die Sozialwerke. Demzufolge könne dem Arbeitnehmer im</span><br/> <span class="ft1">Urteil nur der Nettolohn zugesprochen werden (AGVE 1999 S. 40).</span><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht hat sich, soweit ersichtlich, zu dieser Frage bis</span><br/> <span class="ft1">jetzt noch nie geäussert.</span><br/> <span class="ft1">Es ist somit in Fällen, in welchen der Bruttolohn eingeklagt</span><br/> <span class="ft1">wurde, von diesem eingeklagten Bruttolohn als Streitwert auszuge-</span><br/> <span class="ft1">hen. An diesem Grundsatz ändert der Entscheid des Aargauischen</span><br/> <span class="ft1">Obergerichts nichts, denn auch in anderen Fällen mit Überklagung,</span><br/> <span class="ft1">sei dies nun mangels Aktivlegitimation oder mangels materieller Be-</span><br/> <span class="ft1">gründung des Anspruchs, ist immer der eingeklagte Betrag für die</span><br/> <span class="ft1">Streitwertberechnung massgebend.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">77</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Das im Vergleich zur einschlägigen Literatur zeitlich jüngere</span><br/> <span class="ft1">aargauische Urteil muss jedoch konsequenterweise zur Folge haben,</span><br/> <span class="ft1">dass sich der Streitwert nach dem eingeklagten Nettolohn bemisst,</span><br/> <span class="ft1">wenn nur dieser eingeklagt wurde. Massgebend ist immer der einge-</span><br/> <span class="ft1">klagte Betrag, erst recht, wenn die Sozialabzüge, welche ohnehin</span><br/> <span class="ft1">nicht zugesprochen werden können, nicht eingeklagt wurden.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">3. a) Der Beschwerdeführer reichte am 16. November 2001</span><br/> <span class="ft1">beim Arbeitsgericht Muri Klage ein. Es ging dabei grundsätzlich um</span><br/> <span class="ft1">seinen Lohn für die Zeit von Juli bzw. September 2001 bis Januar</span><br/> <span class="ft1">2002. Er beschränkte aber seine Klage ausdrücklich auf den Septem-</span><br/> <span class="ft1">ber-Lohn. Bei einem Bruttomonatseinkommen von Fr. 30'769.-- er-</span><br/> <span class="ft1">rechnete er einen Netto-Lohnanspruch von zwischen Fr. 26'153.--</span><br/> <span class="ft1">und Fr. 28'753.--, welchen er im Klagebegehren geltend machte, zu-</span><br/> <span class="ft1">züglich Verzugszinsen. Von diesen Zahlen ist für die Berechnung des</span><br/> <span class="ft1">Streitwertes auszugehen, wobei gemäss § 18 Abs. 2 ZPO die Ver-</span><br/> <span class="ft1">zugszinsen als Nebenforderung bei der Bestimmung des Streitwertes</span><br/> <span class="ft1">nicht in Betracht fallen.</span><br/></div> </div> </body> </html>