<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 30</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">30</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>3</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 124 Abs. 1 ZPO</b></span><br/> <span class="ft2"><b>1. Das Gericht hat dafür zu sorgen, dass einer Partei jede Eingabe der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>anderen vollständig und zuverlässig zugeht und sie Gelegenheit hat,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>darauf zu antworten. Wird die Klageantwort dem Kläger erst zusammen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mit dem Entscheid zugestellt, ist dessen rechtliches Gehör verletzt.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>2. Die Verletzung des rechtlichen Gehörs kann im Beschwerdeverfahren</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nach Art. 319 ff. ZPO aufgrund der eingeschränkten Kognition nicht ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>heilt werden, wenn Tatfragen streitig sind.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Zivilkammer vom 20. Juni 2011,</span><br/> <span class="ft3">i.S. B.R. ca. N.F. (ZSU.2011.117).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">Rechtsöffnungsentscheide können mit Beschwerde angefochten</span><br/> <span class="ft1">werden (Art. 319 lit. a i.V.m. Art. 309 lit. b Ziff. 3 ZPO). Mit der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde kann die unrichtige Rechtsanwendung sowie die offen-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich unrichtige Feststellung des Sachverhaltes geltend gemacht</span><br/> <span class="ft1">werden (Art. 320 ZPO). Neue Anträge, neue Tatsachenbehauptungen</span><br/> <span class="ft1">und neue Beweismittel sind im Beschwerdeverfahren ausgeschlossen</span><br/> <span class="ft1">(Art. 326 Abs. 1 ZPO). Das Obergericht kann aufgrund der Akten</span><br/> <span class="ft1">entscheiden (Art. 327 Abs. 2 ZPO).</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">2.1.1.</span><br/> <span class="ft1">Aus dem verfassungsmässigen Anspruch auf rechtliches Gehör</span><br/> <span class="ft1">(Art. 29 Abs. 2 BV) folgt das Recht einer Partei, sich im Rahmen</span><br/> <span class="ft1">eines Gerichtsverfahrens zu den Eingaben der anderen Verfahrens-</span><br/> <span class="ft1">partei zu äussern. Dies bedeutet auch, dass ein Gericht jede bei ihm</span><br/> <span class="ft1">eingereichte Stellungnahme den Beteiligten zur Kenntnis zu bringen</span><br/> <span class="ft1">hat (BGE 133 I 98 ff. Erw. 2.1 und 2.2). Dieses Äusserungsrecht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">31</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">steht einer Prozesspartei unabhängig davon zu, ob die Eingabe neue</span><br/> <span class="ft1">Tatsachen oder rechtliche Argumente enthält und ob sie im Einzelfall</span><br/> <span class="ft1">geeignet ist, den richterlichen Entscheid zu beeinflussen, denn es ist</span><br/> <span class="ft1">Sache der Parteien und nicht des Gerichts zu beurteilen, ob eine neue</span><br/> <span class="ft1">Eingabe oder ein neues Beweismittel Bemerkungen erfordert oder</span><br/> <span class="ft1">nicht (BGE 133 I 100 Erw. 4.3; vgl. auch Mazan, Basler Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">Basel 2010, N. 15 zu Art. 253 ZPO; Chevalier, in: Sutter-Somm/</span><br/> <span class="ft1">Hasenböhler/Leuenberger [Hrsg], Kommentar zur Schweizerischen</span><br/> <span class="ft1">Zivilprozessordnung [ZPO-Kommentar], Zürich 2010, N. 12 zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 253 ZPO). Diese Verfahrensansprüche gelten auch im Rechtsöff-</span><br/> <span class="ft1">nungsverfahren (BGE 5A_151/2007 Erw. 3.2; Daniel Staehelin, Bas-</span><br/> <span class="ft1">ler Kommentar zum SchKG, 2. Aufl., Basel 2010, N. 49 zu Art. 84</span><br/> <span class="ft1">SchKG).</span><br/> <span class="ft1">2.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Beklagte erstattete am 11. März 2011 eine Klageantwort.</span><br/> <span class="ft1">Am 18. März 2011 erging der Entscheid der Vorinstanz, welcher der</span><br/> <span class="ft1">Klägerin zusammen mit der Klageantwort zugestellt wurde. Die</span><br/> <span class="ft1">Klägerin konnte sich somit vor Vorinstanz nicht mehr zur Klageant-</span><br/> <span class="ft1">wort äussern. Damit hat die Vorinstanz den Anspruch der Klägerin</span><br/> <span class="ft1">auf rechtliches Gehör verletzt. Die Prozessleitung ist Aufgabe des</span><br/> <span class="ft1">Gerichts (Art. 124 Abs. 1 ZPO), d.h. dieses hat die prozessualen Vor-</span><br/> <span class="ft1">schriften von Amtes wegen zur Anwendung zu bringen, soweit die</span><br/> <span class="ft1">Prozessordnung nicht einen entsprechenden Parteiantrag voraussetzt</span><br/> <span class="ft1">(Guldener, Schweizerisches Zivilprozessrecht. 3. Aufl., Zürich 1979,</span><br/> <span class="ft1">S. 179). Das Gericht hat deshalb selbst dafür zu sorgen, dass einer</span><br/> <span class="ft1">Partei jede Eingabe der anderen vollständig und zuverlässig zugeht</span><br/> <span class="ft1">und sie Gelegenheit hat, darauf zu antworten.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">2.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur. Seine</span><br/> <span class="ft1">Verletzung führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in</span><br/> <span class="ft1">der Sache selbst zur Aufhebung des angefochtenen Entscheides. Vor-</span><br/> <span class="ft1">behalten bleiben praxisgemäss Fälle, in denen die Verletzung nicht</span><br/> <span class="ft1">besonders schwer wiegt und dadurch geheilt wird, dass die Partei,</span><br/> <span class="ft1">deren rechtliches Gehör verletzt wurde, sich vor einer Instanz äus-</span><br/> <span class="ft1">sern kann, welche sowohl die Tat- als auch die Rechtsfragen un-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">32</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">eingeschränkt überprüft (BGE 132 V 387 Erw. 5.1), oder wenn bei-</span><br/> <span class="ft1">spielsweise nur Rechtsfragen streitig sind, die - wie im Rahmen der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde nach Art. 319 ff. ZPO (Freiburghaus/Afheldt, ZPO-</span><br/> <span class="ft1">Kommentar, a.a.O., N. 4 zu Art. 320 ZPO) - von der Rechtsmit-</span><br/> <span class="ft1">telinstanz mit freier Kognition beurteilt werden können (BGE 133 I</span><br/> <span class="ft1">100 Erw. 4.9; von Werdt, Die Beschwerde in Zivilsachen, Bern 2010,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 879).</span><br/> <span class="ft1">2.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Beklagte führte in der Klageantwort aus, die Klägerin habe</span><br/> <span class="ft1">die von ihr unterzeichnete Bestätigung nachträglich eigenmächtig</span><br/> <span class="ft1">um Fr. 4'179.00 für Geschenke, die die Klägerin ihr damals gemacht</span><br/> <span class="ft1">habe, auf den Betrag von insgesamt Fr. 14'179.00 erhöht. Die Klä-</span><br/> <span class="ft1">gerin macht demgegenüber in der Beschwerde geltend, bei den auf</span><br/> <span class="ft1">der Bestätigung oben aufgeführten Beträgen handle es sich keines-</span><br/> <span class="ft1">wegs um Geschenke, wie von der Beklagten behauptet, sondern um</span><br/> <span class="ft1">Rechnungen und Einkäufe, die die Beklagte nicht habe bezahlen</span><br/> <span class="ft1">können, weshalb die Beklagte sie gebeten habe, diese auf der Bestä-</span><br/> <span class="ft1">tigung nachzutragen.</span><br/> <span class="ft1">Streitig sind somit Tatfragen. Aufgrund der Beschränkung auf</span><br/> <span class="ft1">die Rüge der offensichtlich unrichtigen Feststellung des Sachverhal-</span><br/> <span class="ft1">tes ist aber die Kognition der Rechtsmittelinstanz bei der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">de in tatsächlicher Hinsicht auf eine Willkürprüfung reduziert</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Freiburghaus/Afheldt, ZPO-Kommentar, a.a.O., N.5 zu Art. 320</span><br/> <span class="ft1">ZPO). Damit steht dem Obergericht vorliegend nicht dieselbe Kog-</span><br/> <span class="ft1">nition zu wie der Vorinstanz und die Gehörsverletzung kann nicht</span><br/> <span class="ft1">geheilt werden. Der Entscheid der Vorinstanz ist daher aufzuheben</span><br/> <span class="ft1">und die Streitsache ist an diese zur Neubeurteilung unter Berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigung der Ausführungen der Klägerin in der Beschwerde zu-</span><br/> <span class="ft1">rückzuweisen.</span><br/></div> </div> </body> </html>