B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3799/2020 U r t e i l v o m 11 . M ä r z 2 0 2 1 Besetzung Richterin Barbara Balmelli (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richterin Déborah D’Aveni; Gerichtsschreiber Olivier Gloor. Parteien A._______, geboren am (…), Iran, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 22. Juni 2020 / N (…). E-3799/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reiste am 6. Juni 2017 in die Schweiz ein und suchte am 22. Januar 2018 um Asyl nach. Am 25. Januar 2018 fand die Befragung zur Person (BzP) und am 6. Mai 2019 die Anhörung zu den Asylgründen statt. Im Wesentlichen gab sie zu ihrer Person an, sie sei ira- nische Staatsangehörige, persischer Ethnie und stamme aus B._______. Dort habe sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder zusammengelebt. Sie habe (…) studiert, aber die Abschlussarbeit nicht abgegeben. Zudem habe sie (…) absolviert. In beruflicher Hinsicht habe sie in einer (…), im (…) sowie im (…) eines (…) gearbeitet. Zuletzt habe sie mit (…) ein (…) geführt. Zu ihren Asylgründen führte die Beschwerdeführerin aus, als sie (…) Jahre alt gewesen sei , hätten drei Männer sie mit einem Auto e ntführt und zu einem Garten gebracht. Dort seien zwei weitere Personen dazugekom- men. Die Männer hätten sie vergewaltigt. Während der Tat hätten sich die Männer beim Namen genannt. Deshalb wisse sie, dass drei der Männer C._______ (Rufname D._______), E._______ und F._______ (Rufname G._______) heissen würden. Nach ungefähr sechs Stunden hätten die Männer sie freigelassen. Als sie ihrem Vater von der Entführung erzählt habe, habe er ihr nicht geglaubt. (…) Jahre später habe sie zufälligerweise in der Einkaufspassage, in welcher sie (…), einen der Täter, G._______, entdeckt. Ihr Bruder habe ihn festhalten wollen, aber er habe sich losreis- sen können. Deshalb habe ihr Bruder gepfiffen und Sicherheitskräfte vor dem Ausgang hätten G._______ festgehalten und auf einen Polizeiposten gebracht. Dort habe sie Anzeige erstattet. Ein Mann sei erschienen und habe für G._______ Kaution leisten wollen, was der anwesende Poli- zeioberst ohne Einwilligung eines Richters habe zulassen wollen. Sie und ihr Vater seien dagegen gewesen. Als der Polizist realisiert habe, dass es zu einem Streit kommen würde, habe er G._______ nicht gehen lassen. Die Revolutionsstaatsanwaltschaft habe den Fall an die Hand genommen. Ein Richter habe in der Folge eine ärztliche Unt ersuchung von ihr veran- lasst. Die Ärztin habe schriftlich bestätigt, wonach sie ihre Jungfräulichkeit vor ungefähr (…) Jahren verloren habe. Nach einem Jahr in Haft habe G._______ ein Geständnis abgelegt und die Polizei und sie zum Tatort ge- führt. Eines Tages sei sie von einem Polizisten kontaktiert und aufgefordert worden, zum Polizeiposten zu kommen. Sie sei mit ihrem Vater dorthin ge- gangen. Der anwesende Polizeimajor habe ihnen mitgeteilt, G._______ streite ab, einen E._______ zu kennen. Auf entsprechendes Angebot des Polizisten habe ihr Vater G._______ geschlagen. G._______ habe E-3799/2020 Seite 3 schliesslich zugegeben, einen (…) namens E._______ zu haben. Ein Rich- ter habe ihr Frist gesetzt, um E._______ zu finden. Ihr Vater habe ihn auf- spüren können. Die beiden Männer hätten dann behauptet, sie hätte gegen Bezahlung Geschlechtsverkehr mit ihnen gehabt. Der Richter habe ihr da- raufhin erklärt, sie müsse entweder die Anzeige zurücknehmen oder einen der Männer heiraten. Gegen E._______ und G._______ seien noch wei- tere Strafverfahren hängig gewesen und einer der weiteren Täter sei be- reits aufgrund anderer Straftaten erhängt worden. E._______ und G._______ habe ebenfalls die Todesstrafe gedroht. Ihr Vater habe ihr aus Mitleid geraten, die Anzeige zurückziehen, was sie getan habe. Im Februar oder März 20(…) seien die beiden aus dem Gefängnis entlassen worden. Deren einflussreiche und wohlhabende Familie habe danach Drohungen gegen sie ausgesprochen (Aussage an BzP). (…) Monate später, ungefähr (…) vor der Ausreise, seien von Unbekannten die Fenster ihres (…) sowie die Frontscheibe ihres Autos eingeschlagen worden. Als sie ihrem Vater davon erzählt habe, habe er von mehreren Telefonanrufen während der vergangenen Monate berichtet, gemäss welchen sie ein Verhältnis mit ei- nem verheirateten Mann habe und aufpassen solle. An der Anhörung ergänzte die Beschwerdeführerin hinsichtlich ihrer Asyl- gründe, im März oder April 20(…) sei sie um (…) Uhr mit (…) verabredet gewesen. Statt der Frau seien zwei Männer gekommen. Ihr Bruder sei im Auto gewesen. Die Männer hätten ihn geschlagen und ihm etwas injiziert, sodass er bewusstlos geworden sei. Die zwei Männer hätten sich zunächst als (…) ausgegeben. Dann hätten sie von ihr verlangt, sich auszuziehen, und Nacktfotos von ihr gemacht. Als ihre Mutter (…) aufgetaucht sei, seien die Männer geflüchtet. Mit Hilfe ihres Vaters habe sie Anzeige erstattet. Ein paar Tage danach habe sie eine Vorladung betreffend ein Strafverfahren wegen (…) und (…) erhalten. Sie habe realisiert, dass wegen des Überfalls (…) eine Anzeige gegen sie eingereicht worden sei . Der Richter habe zu ihr gesagt, es sei alles bewiesen. Am (…) April 20(…) habe sie ihren Hei- matstaat illegal mit einem gefälschten (…) Reisepass und einem gekauften Visum verlassen. Sie habe sich ungefähr zwei Monate bei (…) in H._______ aufgehalten, bevor sie nach I._______ weitergereist sei. Ei- gentlich habe sie nach J._______ gehen wollen. Als sie in der Schweiz angekommen sei, habe es Probleme mit der Weiterreise gegeben. Zu- nächst habe sie «(…)» und schliesslich ein Asylgesuch eingereicht. Am (…) Mai 20(…) habe ihre Familie einen Brief erhalten, wonach sie – die Beschwerdeführerin – sich bei der Staatsanwaltschaft melden müsse. Schliesslich habe sie im Iran ein paar Mal eine Hauskirche besucht. E-3799/2020 Seite 4 B. Mit Verfügung vom 22. Juni 2020 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwer- deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. C. Mit Eingabe vom 24. Juli 2020 erhob die Beschwerdeführerin gegen diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragt, ihr sei vollumfänglich Einsicht in die Akte A20/2 sowie in sämtliche Beweismit- tel inklusive aktualisiertem Beweismittelverzeichnis zu gewähren. Eventu- aliter sei das rechtliche Gehör zur Akte A20/2 zu gewähren. Nach der Ge- währung der Akteneinsicht und eventualiter des rechtlichen Gehörs sei ihr eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung an- zusetzen. Die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache dem SEM zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und sie als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvoll- zugs festzustellen und sie vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die Un- zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und sie vorläufig auf- zunehmen. Eventualiter sei die Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und sie vorläufig aufzunehmen. Auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses sei zu verzichten. Sie sei weiter von der Bezahlung der Verfahrenskosten zu befreien. Eventualiter sei eine angemessene Frist zur Bezahlung eines Gerichtskostenvorschusses anzusetzen. Als Beweismittel lagen der Beschwerde folgende Dokumente bei: eine Be- stätigung der Asylsozialhilfe vom 23. Juli 2020, ein Schreiben von K._______ vom 21. Juli 2020 sowie eine E -Mail vom 22. Juli 2020, eine Kopie sowie ein Foto eines Dokuments auf Persisch, ein Unterstützungs- schreiben von "(…)" vom 19. Juli 2020, Fotos der Beschwerdeführerin bei einer Kundgebung, Zeitungsberichte, ein Printscreen der Facebook -Seite von L._______, ein Dokument betreffend ein (…)-Schulprojekt, ein Printscreen eines Instagram-Profils, Printscreens des Facebook-Profils der Beschwerdeführerin, Printscreens des Facebook-Profils von (…), ein Do- kument mit drei Internetlinks, die zu persischen Internetseiten führen mit einer Google-Übersetzung eines Beitrags von "(…)" auf Instagram, eine E- Mail von M._______, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, E-3799/2020 Seite 5 an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin vom 21. Juli 2020, ein Be- stätigungsschreiben von N._______, Ärztezentrum O._______, bezüglich Betreuung als Hausarzt vom 8. Juli 2020 sowie ein Überweisungsschrei- ben an M._______ vom 9. März 2020 sowie ein Austrittsbericht des Spitals (…) vom 11. Februar 2020, ein Verlegungsbericht des Spitals (…) vom 3. Februar 2020 sowie zwei Berichte des Notfallzentrums des (…) vom 1. No- vember 2018 und 3. September 2018. D. Mit Zwischenverfügung vom 20. August 2020 stellte die Instruktionsrichte- rin fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess den Antrag auf Einsicht in das Aktenstück A20/2 gut, lehnte den Antrag auf Einsicht in sämtliche Beweismittel inklusive ak- tualisiertem Beweismittelverzeichnis ab und lehnte den Antrag auf Anset- zung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung ab. E. Mit Eingabe vom 17. September 2020 reichte die Beschwerdeführerin ver- schiedene Internetartikel ein. F. Am 14. Oktober 2020 gab die Beschwerdeführerin einen Arztbericht von M._______ vom 30. September 2020 zu den Akten. G. Mit Schreiben vom 19. Oktober 2020 informierte die Beschwerdeführerin das Gericht über neue Ereignisse betreffend ihre Asylgründe. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än- derung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und E-3799/2020 Seite 6 Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge- setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom- men worden. 2. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh- rerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 5. Zunächst ist auf die formellen Rügen in der Beschwerde einzugehen, da diese bei berechtigtem Vorbringen zur Kassation der angefochtenen Ver- fügung führen können. 6. 6.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü- fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein- lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi- derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 6.2 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung des Anspruchs auf recht- liches Gehör. Zur Begründung führt si e aus, die Vorinstanz habe das Ak-E-3799/2020 Seite 7 teneinsichtsrecht verletzt, da sie die Akte A20/2 («interne Dokumentenana- lyse») zu Unrecht nicht ediert habe. Weiter liege eine Verletzung der Ak- tenführungspflicht vor, da dem Aktenverzeichnis nicht zu entnehmen sei, welches Dokument von der Vorinstanz untersucht worden sei, zumal in der angefochtenen Verfügung acht Beweismittel, auf dem Beweismittelum- schlag hingegen sieben Beweismittel aufgelistet seien. In der Zwischenverfügung vom 20. August 2020 hielt die Instruktionsrich- terin fest, die Vorinstanz habe das Aktenstück A20/2 zu Unrecht von der Einsicht ausgenommen. Insofern lag diesbezüglich eine Verletzung des Akteneinsichtsrechts vor. Für eine Aufhebun g der angefochtenen Verfü- gung besteht deswegen kein Grund. Das Aktenstück wurde der Beschwer- deführerin als Beilage der genannten Zwischenverfügung mit den notwen- digen Anonymisierungen in Kopie zugestellt. Für das vorliegende Verfah- ren war es sodann nicht wesentlich und die Vorinstanz hat sich in der Be- gründung der angefochtenen Verfügung nicht zu Lasten der Beschwerde- führerin auf dieses abgestützt. Vor diesem Hintergrund bestand auch keine Veranlassung, der Beschwerdeführerin Frist zur Einreichung einer Be- schwerdeergänzung anzusetzen. Dass aus der Bezeichnung «interne Do- kumentenanalyse» nicht hervorgeht, welches Dokument untersucht wor- den ist, stellt keine Verletzung der Aktenführungspflicht dar (vgl. zur Akten- führungspflicht im Allgemeinen BGE 138 V218 E. 8.1.2). Was die Beweis- mittel betrifft, führte die Instruktionsrichterin in der genannten Zwischenver- fügung aus, die Vorinstanz habe in der angefochtenen Verfügung das Be- weismittel 3 doppelt aufgeführt. Die eingereichten Beweismittel seien im Beweismittelverzeichnis vollständig erfasst worden. Eine Verletzung der Aktenführungspflicht ist demnach zu verneinen. Die Rüge ist unbegründet. 6.3 Eine weitere Verletzung des rechtlichen Gehörs erblickt die Beschwer- deführerin darin, dass die Vorinstanz die Dokumentenanalyse (Akte A20/2) in der angefochtenen Verfügung nicht erwähnt und die eingereichten Be- weismittel nicht gewürdigt habe. Die Analyse ergab, dass bei der Personenstandsurkunde keine objektiven Fälschungsmerkmale festgestellt werden konnten. Insofern gab es fü r die Vorinstanz keinen Grund, auf dieses Aktenstück näher einzugehen. Die Rüge geht fehl. Soweit die Beschwerdeführerin mit der materiellen Würdi- gung der Beweismittel durch die Vorinstanz nicht einverstanden ist, betrifft dies nicht das rechtliche Gehör. E-3799/2020 Seite 8 6.4 6.4.1 Die Beschwerdeführerin macht im Weiteren geltend, die Vorinstanz habe Art. 16 Abs. 2 und 3 AsylG verletzt. Die Amtssprache an ihrem Wohn- sitz im Kanton P ._______ sei Deutsch, womit die angefochtene Verfügung ebenfalls auf Deutsch hätte ergehen müssen. D ie Vorinstanz habe den Asylentscheid auf Französisch erlassen. Die Voraussetzungen von Art. 16 Abs. 3 lit. b AsylG seien nicht erfüllt gewesen. Die Eingänge von Asylgesu- chen seien seit Jahren tief und die Personalsituation könne nicht zur Be- gründung herangezogen werden. Die Verfahrensdauer bei Altfällen sei auf die Fehlplanung des SEM zurückzuführen und stelle keinen objektiven Um- stand im Sinne der Gesetzesbestimmung dar. 6.4.2 Vorliegend gelangt aArt. 16 Abs. 2 AsylG – und nicht die mit der jüngsten Asylgesetze srevision vorgenommene Neuformulierung von Art. 16 AsylG – zur Anwendung (vgl. E. 1.1). In der Regel ist dem in aArt. 16 Abs. 2 AsylG statuierten Grundsatz Rechnung zu tragen, wonach die Ver- fügung in der Sprache erlassen wird, die am Wohnsitz der asylsuchenden Person Amtssprache ist. Eine Verfügung kann indes ausnahmsweise in ei- ner anderen Amtssprache ergehen, wenn im Gegenzug gleichzeitig geeig- nete Korrektiv-Massnahmen getroffen werden, die das Recht auf eine wirk- same Beschwerde und auf einen fairen Prozess gewährleisten. Soweit die Vorinstanz keine geeigneten Korrektiv-Massnahmen ergriffen hat und auch im Beschwerdeverfahren das Versäumnis nicht nachholt, obwohl aus der Beschwerdeschrift ersichtlich ist, dass die Partei den Entscheid nicht ge- nügend verstanden hat, ist die angefochtene Verfüg ung grundsätzlich zu kassieren. Die Kassation der angefochtenen Verfügung einzig wegen der nicht beachteten Regeln betreffend die anzuwendende Verfahrenssprache kommt demgegenüber dann nicht in Frage, wenn die beschwerdeführende Person im Beschwerdeverfahren von einem professionellen Rechtsvertre- ter vertreten wird (vgl. dazu ausführlich Urteil des BVGer E-5882/2019 vom 2. März 2020 E. 6.6 f.). 6.4.3 Die Beschwerdeführerin hat ihren Wohnsitz in O._______, Verwal- tungsregion Bern-Mittelland. Die dortige Amtssprache ist Deutsch (vgl. Art. 6 Abs. 2 lit. c der Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 [SR 131.212]). Es wäre mithin der Erlass einer Verfügung in deutscher Sprache die Regel gewesen. Die Vorinstanz beruft sich in der angefochte- nen Verfügung auf eine Situation, die es in Anwendung von aArt. 16 Abs. 3 Bst. b AsylG rechtfertige, die Verfügung ausnahmsweise in einer anderen als der am Wohnort gesprochenen Sprache zu erlassen, vorliegend Fran-E-3799/2020 Seite 9 zösisch. Als Korrektivmassnahme wurden das Dispositiv der angefochte- nen Verfügung sowie die Rechtsmittelbelehrung in deutscher Sprache aus- gefertigt. Eine Übersetzung der Erwägungen der angefochtenen Verfügung erfolgte nicht. Ob das von der Vorinstanz gewählte Vorgehen als ausreichend anzusehen ist, um den in Art 29a BV und Art. 13 EMRK garantierten Anspruch auf ef- fektiven gerichtlichen Rechtsschutz genügend Rechnung zu tragen, kann offenbleiben. Der Beschwerdeführerin war es mit Hilfe des von ihr manda- tierten Rechtsvertreters möglich, eine rechtsgenügliche sowie fristgerechte Beschwerde einzureichen. Eine Verletzung von Verfahrensrechten liegt nicht vor. 6.5 Schliesslich moniert die Beschwerdeführerin, die zuständige Sachbe- arbeiterin sei bei der Ausarbeitung des Asylentscheides befan gen gewe- sen. Die Argumentation, die Beschwerdeführerin habe absichtlich de- monstrativ geweint, weise auf Befangenheit hin. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin ist alleine aufgrund einer möglichen Fehlinterpretation ihres Verhaltens durch die Sachbe arbeiterin noch nicht auf deren Voreingenommenheit zu schliessen. Es besteht kein genügender Anlass für die Annahme des Anscheins der Befangenheit oder Voreingenommenheit der Sachbearbeiterin der Vorinstanz (vgl. zur Befan- genheit im Allgemeinen: STEPHAN BREITENMOSER/MARION SPORI FEDAIL in: Bernhard Waldmann /Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 10 N 17). Die Rüge ist unbegründet. 7. 7.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge- listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsver fahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). E-3799/2020 Seite 10 7.2 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung von Art. 12 VwVG . Die Vorinstanz habe ihre gesundheitlichen Probleme nicht abgeklärt. Anläss- lich der Anhörung habe sie angegeben, in der Psychiatrischen Klinik in Q._______ in Behandlung zu sein. Zudem hätte sie aufgrund der zahlreich eingereichten Akten der iranischen Behörden eine Botschaftsabklärung so- wie eine ergänzende Anhörung durchführen müssen. Bei der BzP wurde die Beschwerdeführerin darauf hingewiesen, dass sie melden solle, wenn sich in gesundheitlicher Hinsicht etwas ergebe (vgl. SEM-Akte A6/16 Ziff. 8.02). Anlässlich der Anhörung gab die Beschwerde- führerin an, in Q._______ in psychologischer Behandlung gewesen zu sein (vgl. a.a.O. F123). Indes führte sie dazu auch aus, a ufgrund eines Zwi- schenfalls mit dem behandelnden Arzt habe sie die Behandlung von sich aus abgebrochen (vgl. a.a.O. F122). Betreffend diese Therapie reichte sie kein ärztliches Zeugnis ein. Sodann verneinte sie anlässlich der Anhörung auf die konkrete Frage nach ihrem gesundheitlichen Befinden im Nach- gang zur (…) entsprechende Leiden (vgl. SEM-Akte A19/24 F129). Ge- mäss Art. 8 AsylG obliegt es der Beschwerdeführerin während des Asylver- fahrens im Rahmen ihrer Mitwirkungspflichten, allfällige gesundheitliche Probleme sowie Behandlungen zu erwähnen und entsprechende Arztzeug- nisse einzureichen. Aus dem Protokoll der Anhörung geht nicht hervor, dass die Beschwerdeführerin einen gesundheitlich derart angeschlagenen Eindruck vermittelt hätte, dass die Vorinstanz von Amtes wegen hätte Ab- klärungen einleiten müssen. Auch das Bundesverwaltungsgericht sieht keine Veranlassung, Arztberichte einzufordern. Wie bereits festgehalten, ist es an der Beschwerdeführerin, solche einzureichen . Soweit sie vor- bringt, sie sei in der Schweiz erneut Opfer sexuellen Missbrauchs gewor- den, steht es ihr offen, sich an die Schweizer Just izbehörden zu wenden. Ferner substantiiert die Beschwerdeführerin nicht, inwiefern eine Bot- schaftsabklärung zur Erstellung des rechtserheblichen Sachverhalts not- wendig gewesen wäre. Bei dieser Sachlage bedarf es auch keiner ergän- zenden Anhörung. Die Rüge ist unbegründet. 7.3 Weiter moniert die Beschwerdeführerin, die Vorinstanz habe die Abklä- rungspflicht verletzt, da sie statt einer reinen Dublin-Befragung am 25. Ja- nuar 2018 eine «Mischbefragung» durchgeführt habe. Es hätte nicht sum- marisch nach den Asylgründen gefragt werden dürfen. E-3799/2020 Seite 11 Inwiefern aufgrund der anlässlich der BzP summarisch erfragten Asyl- gründe eine unvollständige respektive falsche Sachverhaltsfeststellung ge- geben sein soll, begründet die Beschwerdeführerin nicht. Entsprechendes ist auch nicht ersichtlich. Die Rüge geht fehl. 7.4 Ferner bringt die Beschwerdeführerin vor, die Vorinstanz habe das Ver- fahren während zweieinhalb Jahren verschleppt. Zudem habe die Anhö- rung zu lange gedauert, nämlich neun Stunden und 45 Minuten, und die Hilfswerksvertretung (HWV) habe die Rückübersetzung um 18.40 Uhr ver- lassen müssen. Bei der Durchführung der Anhörung habe die Vorinstanz ihre Traumatisierung nicht berücksichtigt. Inwiefern die Verfahrensdauer eine Verletzung des Untersuchungsgrund- satzes darstellen soll, wird in der Beschwerde nicht substantiiert. Insbeson- dere führt die Beschwerdeführerin nicht aus, weshalb aus der Dauer des Verfahrens sowie der Zeitspanne zwischen den Befragungen nachteilige Folgen bezüglich ihres Asylgesuches resultierten. Im Übrigen hätte es ihr offen gestanden, eine Rechtsverzögerungsbeschwerde einzureichen. Was die Dauer der Anhörung betrifft, so begann diese um 9.30 Uhr und endete um 19.15 Uhr. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, wurde um 11.00 Uhr eine Pause von 20 Minuten, um 12.50 Uhr eine Pause von 55 Minuten, um 14.30 Uhr eine Pause von 15 Minuten sowie um 16.40 Uhr wiederum eine Pause von 15 Minuten eingelegt. Die reine Anhörungsdauer betrug somit acht Stunden. Bei dieser Länge wäre es durchaus wünschenswert gewesen, die Befragung zu unterbrechen und an einem anderen Tag fort- zusetzen. Allerdings ist anzunehmen, dass die Dolmetscherin interveniert hätte, wäre sie zu müde für eine Fortführung der Anhörung gewesen. Dem Protokoll lassen sich auch keine Hinweise dafür entnehmen, dass die Be- schwerdeführerin ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr in der Lage war, der Anhörung konzentriert zu folgen. Die anwesende HWV hat die Dauer der Anhörung ebenfalls nicht beanstandet. Die Beschwerdeführerin legt zudem nicht dar, welchen Nachteil das frühzeitige Verlassen der Rück- übersetzung der HWV für ihr Asylverfahren hatte. Entsprechendes ist auch nicht ersichtlich. Insgesamt zeigt die Beschwerdeführerin nicht auf, inwie- fern das Aufgeführte zu einer unvollständigen respektive falschen Sachver- haltsfeststellung geführt hat. Die Rüge ist unbegründet. E-3799/2020 Seite 12 8. Insgesamt besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzu- weisen. 9. 9.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie M assnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 9.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft- machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.). 10. 10.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zunächst zum Schluss, der Vorfall mit den Männern , als die Beschwerdeführerin (…) Jahre alt gewesen sei, genüge den Anforderungen an die Flüchtlingseigen- schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht. Die iranischen Behörden hätten jene Tä- ter festgenommen, die fassbar gewesen seien. Deren Entlassung sei nur möglich gewesen, weil die Beschwerdeführerin formell auf die Anklage ver- zichtet habe. Der Vorfall habe sich sodann vor über (…) Jahren zugetragen und sei demnach nicht die Ursache für die Ausreise gewese n. Die er- wähnte Konversion zum Christentum sei für sich alleine nicht asylrelevant. E-3799/2020 Seite 13 Die Beschwerdeführerin habe nicht angedeutet, die iranischen Behörden hätten Kenntnis davon. 10.2 Im Weiteren kommt die Vorinstanz zum Schluss, die Vorbringen der Beschwerdeführerin genügten den Anforderungen an das Glaubhaftma- chen nach Art. 7 AsylG nicht. Was die Gruppenvergewaltigung betreffe, seien ihre Ausführungen – abgesehen von demonstrativem Weinen zur Un- terstreichung – emotionslos, stereotyp und nicht detailliert gewese n. Zum Erlebten seien keine Gefühle wahrzunehmen gewesen, beispielsweise ihre Reaktion auf den Angriff oder mögliches Zögern, der Familie davon zu be- richten. Stattdessen habe sie einfach ihre Geschichte (…) Jahre später fortgesetzt. Sie ha be an der Anhörun g lediglich die Vornamen und keine zusätzlichen Informationen über die Täter nennen können, obwohl diese ihr Leben geprägt hätten. Bei der BzP habe sie demgegenüber noch spe- zifiziert gehabt, diese Personen stammten aus angesehenen Familien mit einflussreichen Positionen und guten Beziehungen. Es sei unlogisch, dass sich diese Personen nach ihrer Auslieferung an die Polizei im Gefängnis wiedergefunden hätten und Schlägen durch sie sowie ihres Vaters ausge- setzt gewesen seien, nachdem der Polizeichef ihnen die Möglichkeit dazu gegeben habe. Zudem spreche die Tatsache nicht für die Glaubhaftigkeit, dass sie den Namen ihres Anwaltes im Iran auf dem Mobiltelefon habe nachschauen müssen, nachdem sie während Monaten in einem schwieri- gen Verfahren gewesen sei. Ebenso sei unlogisch, dass sie die Vornamen und die Spitznamen der Tä- ter gewusst habe, als ob es Personen gewesen wären, die sie gut gekannt hätte. Es sei nicht anzunehmen, dass Personen sich beim Vornamen nen- nen, die eine solche Tat begehen. Auffallend sei auch, dass ihr Vater auf- grund ihrer Beschreibung (…) Jahre nach dem Vorfall einen der Angreifer habe festnehmen können. Darüber hinaus sei im iranischen Kontext er- staunlich, dass es ihr als Frau problemlos möglich gewesen sei, hochran- gige Personen inhaftieren zu lassen. Gemäss Bericht der finnischen Mig- rationsbehörden hätten Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden seien, lediglich eine kleine Chance, Gerechtigkeit zu erlangen. Die Be- schwerdeführerin habe gemäss ihren Angaben im ersten Verfahren keiner- lei Schwierigkeiten mit den Polizei - und Justizbehörden gehabt. Gemäss ihren späteren Vorbringen im Verlauf der Anhörung seien die Behörden dann nicht mehr kooperativ gewesen. Die Richter hätten sich plötzlich mit den Beschuldigten verbündet und sich gegen sie gestellt. Es könne ledig- lich gemutmasst werden, weshalb die Justiz in den Jahren zuvor so hart mit den anderen Tätern umgegangen sei und ihre mächtige Familie keinen E-3799/2020 Seite 14 Einfluss habe nehmen können. Ferner sehr sei fraglich, ob ein Arzt die Um- stände des Verlusts der Jungfräulichkeit feststellen könne, insbesondere, wenn seither (…) Jahre vergangen seien. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz habe sie ihre (…) auf die Gruppenvergewaltigung im Jahr (…) zu- rückgeführt. Dieses vorübergehende Leiden sei umgehend behandelt wor- den, wie es auch im Iran möglich gewesen wäre. Es entspreche keiner Rechtspraxis, auch nicht jener des Iran, dass ein Beamter auf einer Poli- zeistation in der Nacht und in Abwesenheit eines Richters einer wegen Ver- gewaltigung verhafteten Person Kaution gewähren könne. Die Darlegun- gen der Beschwerdeführerin zu den Gerichtsverfahren seien zusammen- hangslos und nicht nachvollziehbar gewesen, genauso wie das Angebot des Polizisten, sie könne den Verdächtigen schlagen. Der Vorschlag des Richters sei abwegig , einen der Beschuldigten zu heiraten, um dessen Freilassung zu bewirken. Zwar habe die Beschwerdeführerin angegeben, ihre Anzeige schliesslich zurückgezogen zu haben. Es sei aber anzuneh- men, dass dies bei solch schweren Anschuldigungen nicht ohne Weiteres möglich gewesen wäre, zumal unwahrscheinlich sei, dass ein solcher Schritt kein Strafverfahren wegen falscher Anschuldigung oder ein Gesuch um Schadenersatz seitens der Beschuldigten nach sich gezogen hätte. Die Vorbringen der Beschwerdeführerin enthielten sodann gewichtige Un- gereimtheiten. Einerseits habe sie angegeben, aufgrund der Probleme mit den Familien der Täter nicht in der Lage gewesen zu sein, die Abschluss- arbeit an der (…) abzugeben und das Haus zu verlassen. Kurz danach habe sie aber erklärt, im letzten Jahr vor der Ausreise an einem (…) gear- beitet zu haben. Anlässlich der Anhörung habe sie als zentrale Ausreise- gründe ein hängiges Strafverfahren wegen eines (…) und (…) sowie den Überfall im (…) angegeben. Davon habe sie bei der BzP nichts gesagt. Es sei nicht nachvollziehbar, dass sie davon nicht als Erstes berichtet habe . Auffällig sei auch, dass sie bei der Anhörung erst bei der die Frage nach Risiken bei einer Rückkehr angegeben habe, wegen (…) angezeigt zu sein. Wären dies ihre hauptsächlichen Asylgründe, hätte sie diese gleich zu Beginn angeführt. Ihr Erklärungsversuch überzeuge nicht, sie habe bei der BzP nicht über alles berichten können. Dabei handle es sich nicht um das einzig verspätete Vorbringen. Sie habe nach ihrer Ankunft zunächst auch nicht erwähnt, dass sie ihre Anzeige betreffend die Vergewaltigung zurückgezogen und die beschuldigten Personen entlastet worden seien. Was schliesslich die eingereichten Beweismittel betreffe, so belegten diese keine Tatsachen, die nicht glaubhaft gemacht worden seien. Zudem seien diese leicht käuflich erwerbbar sowie fälschbar. Deren Inhalt sei übersetzt E-3799/2020 Seite 15 worden. Die Beweismittel seien aber nicht geeignet, die Vorbringen zu be- legen respektive glaubhaft zu machen. 11. Die Beschwerdeführerin rügt in der Rechtsmitteleingabe eine Verletzung von Art. 3 AsylG sowie Art. 7 AsylG. Die Vorinstanz habe bei der Beurtei- lung der Glaubhaftigkeit ihre Traumatisierung nicht berücksichtigt. Sie habe detaillierte und widerspruchsfreie Ausführungen mit Realkennzeichen ge- macht. Bei der Anhörung habe sie über sieben Seiten respektive stunden- lang in freier Rede gesprochen. Die Konstruktion der Unglaubhaftigkeit durch die Vorinstanz beruhe darauf, eine Verfolgerlogik anzuwenden und ihr zu unterstellen, sie lüge betreffend die sexuellen Misshandlungen. Es handle sich um einen häufigen Fehler der Vorinstanz, die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen mit der Unlogik von Drittverhalten zu begründen. Die Vor- instanz habe die zahlreichen Realkennzeichen ignoriert. Sie sei nicht auf- gefordert worden, nähere Angaben zu den Tätern zu machen. Letztlich habe sie sich, ohne im Mobiltelefon nachzuschauen, an den Namen ihres Anwaltes im Iran erinn ert, wie sic h dem Protokoll entnehmen lasse . So- dann habe sie detailliert geschildert, dass sie mit Hilfe ihres Bruders und ihres Vaters habe Anzeige erstatten können und gegen die Betroffenen be- reits andere Strafverfahren hängig gewesen seien. Betreffend die gynäko- logische Untersuchung könne es nicht zu ihren Ungunsten ausgelegt wer- den, dass dies die Vorgehensweise der iranischen Behörden sei. Nicht sie habe behauptet, durch die Untersuchung habe der Zeitpunkt des Verlusts der Jungfräulichkeit festgestellt werden können. Vielmehr handle es sich wahrscheinlich um die Logik der Behörden, dass eine unverheiratete irani- sche Frau zwingend noch Jungfrau sein müsse, ausser sie sei vergewaltigt worden oder habe ausserehelichen Geschlechtsverkehr gehabt. Ausser- dem habe sie Unterleibsschmerzen. Eine nachträgliche medizinische Un- tersuchung sei somit nicht undenkbar. Im Weiteren sei im Wesentlichen genau das eingetreten, was die Vorinstanz aufgeführt habe. Der Täter habe sich nach dem Rückzug der Anzeige mit Hilfe der iranischen Behörden ge- gen sie gewendet. Bei der BzP habe sie zudem den Wunsch geäussert, in einem Frauen-Team angehört zu werden. Es sei willkürlich, ihr vorzuwer- fen, die geschlechtsspezifischen Asylgründe bei der BzP nicht genannt zu haben. Die Beweismittel habe die Vorinstanz weitgehend ignoriert. Es sei falsch, dass diese die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen behaupte und die Beweismittel nur noch dahingehend würdige, ob sie geeignet seien, die Unglaubhaftigkeit zu widerlegen. Aus den auf Beschwerdeebene einge- reichten Dokumenten gehe hervor, dass der Anwalt im Iran seinen Namen E-3799/2020 Seite 16 geändert habe. Offenbar sei es schwierig gewesen, an diese Unterlagen zu gelangen. Zu Art. 3 AsylG hält die Beschwerdeführerin fest, was die nach Ansicht der Vorinstanz fehlende Asylrelevanz der Gruppenvergewaltigung anbelange, verkenne sie, dass diese die Ursache für die asylrelevante Verfolgung im Zeitpunkt der Flucht gewesen sei. Die iranischen Behörden hätten auf- grund einer jahrelangen Vorgeschichte betreffend die Gruppenvergewalti- gung sowie aufgrund einer Vergeltungsaktion der Täter ein Strafverfahren gegen sie eingeleitet. Sie werde aus asylrelevanten Gründen wegen (…) und wegen einer (…) gesucht. Schliesslich habe sie sich vom Islam abge- wandt und sei (…). Sie befinde sich in einem (…). Auf Facebook sei sie mit L._______ befreundet, die an (…) (Englische Abkürzung für «[…]») betei- ligt sei. Zudem tausche sie mit einer Bekannten erotische Fotos auf Insta- gram aus. Sie sei politisch aktiv. 12. 12.1 Die Beschwerdeführerin verliess den Iran gemäss ihren Angaben am (…) April 20(…). Die vorgebrachte Entführung sowie Vergewaltigung datie- ren im Jahr (…). (…) Jahre später erstattete sie Anzeige, nachdem sie ei- nen der Täter zufälligerweise gesehen habe, und es wurde ein Strafverfah- ren durchgeführt. Diese Ereignisse veranlassten die Beschwerdeführerin demnach offensichtlich nicht, ihr Heimatland zu verlassen. Mithin fehlt es diesen am flüchtlingsrechtlich relevanten Kausalzusammenhang. Darüber hinaus liegt diesen Vorbringen kein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv nach Art. 3 AsylG zu Grunde. Ein solches wird in der Bes chwerde auch nicht aufgezeigt. Da die Asylrelevanz dieses Vorkommnisses zu verneinen ist, erübrigt es sich, auf die Glaubhaftigkeit und die entsprechenden Aus- führungen in der Beschwerde einzugehen. 12.2 Wie die Beschwerdeführerin in der Rechtsmitteleingabe zutreffend festhält, nannte sie an der Anhörung den Namen des Anwaltes im Iran, ohne die entsprechende Information auf dem Mobiltelefon gefunden zu ha- ben (vgl. SEM-Akte A19/24 F111). Was den Überfall im (…) sowie das da- rauf gegen sie eingeleitete Strafverfahren betrifft, so äussert sie sich dazu in der Beschwerde nicht substantiiert. Sie hält le diglich fest, ihre Schilde- rungen seien ausführlich sowie detailliert gewesen und enthielten Real- kennzeichen. Sie zeigt nicht differenziert auf, weshalb ihre Aussagen ent- gegen der vorinstanzlichen Würdigung als glaubhaft zu erachten sind. Aus dem blossen Umstand, dass sie lange gesprochen hat, lässt sich nicht auf E-3799/2020 Seite 17 Glaubhaftigkeit der Vorbringen schliessen. Anzeichen dafür, dass sie auf- grund ihrer psychischen Verfassung beeinträchtigt war, ihre Asylgründe darzulegen, bestehen nicht. Zwar ist an einigen Stellen des Protokolls fest- gehalten, dass die Beschwerdeführerin weinte. Es ist aber nicht ersichtlich, dass dies einen Einfluss auf die Schilderung ihrer persönlichen Ausreise- gründe hatte. Insbesondere vermag sie nicht hinreichend darzulegen, wes- halb sie bei der BzP diese Sachverhaltselemente nicht erwähnt hat, haben doch diese gemäss den Ausführungen in der Anhörung zur Ausreise ge- führt. Wäre sie tatsächlich aufgrund eines hängigen Strafverfahrens wegen (…) und (…) ausgereist und würde sie behördlich gesucht, hätte sie dies von Anfang an und bereits bei der BzP zu Protokoll gegeben und nicht erst bei fortgeschrittener Anhörung zur Sache (vgl. SEM-Akte A19/24 F103). In der Beschwerde versucht sie zwar, eine Begründung für das nachträgliche Vorbringen zu darzutun. Dazu ist aber festzustellen, dass sie bei der sum- marischen Schilderung der Asylgründe ohne Zögern von sich aus auf die Entführung und Vergewaltigung einging («…das passiert, was nicht pas- sieren sollte»; vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 7.01). Angesprochen darauf, ob sie bei der Anhörung lieber ein reines Frauen-Team möchte, antwortete sie zunächst, sie habe sich daran gewöhnt, vor Männer n zu sprechen; es sei aber angenehmer, vor Frauen sprechen zu können (vgl. a.a.O. Ziff. 8.01). Ihr Erklärungsversuch in der B eschwerde, wonach ihr nicht vorgeworfen werden könne, die geschlechtsspezifischen Asylgründe bei der BzP nicht genannt zu haben, überzeugt deshalb vor diesem Hintergrund nicht. Die Beschwerdeführerin bringt sodann vor, die Täter hätten sich nach dem Rückzug der Anzeige mit den iranischen Behörden gegen sie gewendet. Wie aber ihren Schilderungen zu entnehmen ist , handelte es sich bei der Entführung im Jahr 20(…) sowie dem sich rund (…) Jahre später zugetra- genen Vorfall im (…) um zwei voneinander losgelöste Ereignisse mit unter- schiedlicher Täterschaft. Anlässlich der Anhörung gelang es ihr nicht, in überzeugender Weise einen konkreten Zusammenhang zwischen diesen Vorkommnissen aufzeigen (vgl. SEM -Akte A19/24 F105). Sie hat auch nicht geltend gemacht, es habe sich bei den Tätern um die gleichen Män- ner gehandelt (vgl. a.a.O. F86). Weiter bestehen auch Zweifel hinsichtlich der Beschaffung der Beweismittel aus dem Iran. Einerseits ist unklar, wes- halb der Anwalt seinen Namen geändert haben soll. Andererseits zeigt die Beschwerdeführerin nicht substantiiert auf, wie es diesem gelungen sein soll, an dieses Dokument (Beschwerde Beilage 4) zu gelangen. Im Übrigen kann Kopien grundsätzlich ohnehin nur ein eingeschränkter Beweiswert at- testiert werden. E-3799/2020 Seite 18 Ergänzend ist festzuhalten, dass Ungereimtheiten in den Aussagen der Be- schwerdeführerin betreffend ihre Ausreise aus dem Iran bestehen. Bei der BzP gab sie an, am (…) April 20(…) den Iran mit einem gefälschten (…) Reisepass verlassen zu haben (vgl. SEM -Akte A6/13 Ziff. 5.01). Demge- genüber geht aber aus den vorinstanzlichen Akten hervor (Treffer CS-VIS), dass sie am (…) Juni 20(…) mit einem iranischen Reisepass ein Schen- gen-Visum für I._______ beantragte, welches in R._______ ausgestellt wurde und vom (…) Juni 20(…) bis zum (…) Juli 20(…) gültig war (vgl. SEM-Akte A3/2). Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist nicht auszuschliessen, dass die Beschwerdeführerin tatsächlich Opfer von sexuellem Missbrauch ge- worden ist, aber nicht im von ihr geltend gemachten Zusammenhang. Mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass die Vorbringen der Beschwerdeführe- rin bezüglich des Vorfalls im (…) sowie des darauf eingeleiteten Strafver- fahrens unglaubhaft sind. 12.3 Was den Besuch von Hauskirchen im Iran betrifft, ging die Beschwer- deführerin lediglich ein paar Mal dorthin und bekam deswegen gemäss ih- ren eigenen Angaben keine Schwierigkeiten mit den heimatlichen Behör- den (vgl. SEM-Akte A19/24 F126). Auch macht sie nicht geltend, tatsäch- lich zum Christentum konvertiert zu sein oder in exponierter Weise das Christentum hier in der Schweiz auszuleben (vgl. dazu BVGE 2009/28). Das Vorbringen ist nicht asylrelevant. 12.4 Soweit die Beschwerdeführerin in der Beschwerde neu vorbringt, sie sei (…) sowie politisch aktiv, substantiiert sie dieses Vorbringen nicht. Ins- besondere begründet sie auch nicht, weshalb sie dies erst auf Rechtsmit- telebene erwähnt. Auf den Fotos , die sie an einer Kundgebung in der Schweiz zeig en, ist sie nicht in exponierter Position erkennbar. Zudem macht sie auch nicht geltend, sie sei im Vergleich zu anderen in herausste- chendem Masse aktiv. Aus dem beigelegten Printscreen des Facebook - Profils von L._______ geht sodann entgegen der Angaben der Beschwer- deführerin nicht hervor, dass die beiden auf Facebook befreundet sind. Vielmehr ist ersichtlich, dass L._______ die Beschwerdeführerin noch zu ihrem Freundeskreis hinzufügen müsste. Ebenso wenig äussert sich die Beschwerdeführerin zum Austausch erotischer Fotos. Weder legt sie dar, um wen es sich bei dieser Bekannten genau handelt noch reicht sie ent- sprechende Belege hierfür ein. Schliesslich ist auch nicht erstellt, dass es sich beim Printscreen des Instagram -Profils «(…)» tatsächlich um jenes der Beschwerdeführerin sowie um ihre Telefonnummer handelt. E-3799/2020 Seite 19 12.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft weder nachweisen noch glaubhaft machen kann. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch der Beschwerdeführerin demnach zu Recht abgelehnt. 13. 13.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 13.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 14. 14.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 14.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). E-3799/2020 Seite 20 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Fol ter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 14.3 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per- sonen schützt, die die Flüch tlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be - schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den Iran ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus- schaffung in den Iran dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge- setzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men- schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter oder un- menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge- gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Iran lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erschei- nen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 14.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 14.4.1 Im Iran herrscht weder Krieg oder Bürgerkrieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, aufgrund derer eine Rückkehr generell unzumutbar wäre (vgl. u.a. Urteil des BVGer E -3673/2018 vom 10. Dezember 2020 E. 8.4.1). E-3799/2020 Seite 21 14.4.2 In individueller Hinsicht macht die Beschwerdeführerin psychische Probleme geltend, die der Zumutbarkeit des Vollzugs entgegenstehen wür- den. Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen Gründen ist nach Lehre und konstanter Praxis dann zu schliessen, wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfü- gung steht und die Rückkehr zu ei ner raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person führen würde (vgl. etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je m.w.H.). Aus dem aktuellsten Arztbericht vom 30. September 2020 von M._______ geht hervor, dass die Beschwerdeführerin seit dem 31. März 2020 in (…) sowie (…) sei und eine (…), eine mittelgradige, (…), ein (…), (…), (…) (u.a. […], […], […], gelegentlich […]) sowie (…) (seit ungefähr dem […] Alters- jahr) diagnostiziert wurden. Hinweise auf eine akute Selbst - oder Fremd- gefährdung würden aktuell nicht vorliegen. Die Beschwerdeführerin wird mit (…) gegen die Depressionen sowie (…) medikamentös behandelt. Neu- ere Berichte über den weiteren Behandlungsverlauf hat die anwaltlich ver- tretene Beschwerdeführerin im Rahmen ihrer Mitwirkungspflicht bis heute nicht eingereicht. Bei dieser Sachlage ist nicht von einer medizinischen Notlage im Sinne der vorstehend dargelegten Rechtsprechung auszugehen. Sofern die Be- schwerdeführerin weiterhin einer Behandlung der (…) bedarf, ist anzuneh- men, dass dies auch im Heimatstaat möglich ist. Gemäss ihren Angaben hatte sie vor ihrer Ausreise aus dem Iran dort Zugang zu medizinischer Versorgung (vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 8.02). Das Gesundheitssystem im Iran weist denn auch ein relativ hohes Niveau auf (vgl. WHO, Health profile 2015, Islamic Republic of Iran, S. 21 ff., https://rho.emro.who.int/si- tes/default/files/Profiles-briefs-files/EMROPUB_ EN_19265-IRN.pdf, ab- gerufen am 11. Februar 2021). Dies gilt auch für die Behandlung psychi- scher Krankheiten. Im Iran arbeiten mehr als 1'800 Psychiater und es gibt über 200 psychiatrische Kliniken respektive psychiatrische Spitalabteilun- gen ( vgl. BEHZAD DAMARI ET AL ., Transition of Mental Health to a More Responsible Service in Iran, in: Iranian Journal of Psychiatry 2017 Vol. 12/1, S. 36 ff.). Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin im Iran me dizinische und psychotherapeutische Behandlung erhalten kann (vgl. u.a. Urteil des BVGer E -5337/2018 vom 25. Juli 2020 E. 8.5.3). Allfälligen spezifischen Bedürfnissen der Beschwer- deführerin kann im Rahmen der medizinischen Rückkehrhilfe Rechnung getragen werden (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverord- nung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Zudem kann sie sich E-3799/2020 Seite 22 mit der sie behandelnden Fachärztin auf eine Rückkehr in den Heimatstaat vorbereiten. Einer möglichen vorübergehenden Verschlechterung des Ge- sundheitszustandes kann durch entsprechende Ausgestaltung der Voll- zugsmodalitäten Rechnung getragen werden (vgl. Urteil des BVGer E - 4643/2020 vom 23. Oktober 2020 E. 8.5.5). Es ist deshalb nicht anzuneh- men, eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den Iran würde zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung ihres Gesundheitszu- standes führen. 14.4.3 Auch sonst liegen keine Gründe vor, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen. Die Beschwerdeführerin hat das (…) abgeschlossen. Zudem hat sie mehrere Semester (…) studiert, das Stu- dium indes nicht abgeschlossen. Gemäss ihren Angaben hätte sie noch ihre Abschlussarbeit einreichen müssen (vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 1.17.04 und SEM-Akte A19/24 F62). Ferner hat sie (…)- sowie (…) absolviert (vgl. SEM-Akte A19/24 F76). In beruflicher Hinsicht war sie in einer (…), im (…) eines (…) sowie im Bereich (…) tätig und führte vor der Ausreise ein eige- nes (…) (vgl. a.a.O. F58). Mit ihrem Bruder und ihre Eltern hat sie ein trag- fähiges familiäres Umfeld (vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 3.01), welches sie bei der Wiedereingliederung unterstützen kann. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. 14.5 Ferner obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise- dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 14.6 Schliesslich steht auch die Covid -19-Pandemie dem Wegweisungs- vollzug nicht entgegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um ein temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vol lzugsmo- dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Iran angepasst wird (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis- sion [EMARK ] 1995 Nr. 14 E. 8d und e sowie das Urteil des BVGer D-4796/2019 vom 27. April 2020 E. 8.9 m.w.H.). 14.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). E-3799/2020 Seite 23 15. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Da keine Bundesrechtsverletzung vorliegt, ist ein Verstoss gegen das Willkürverbot nach Art. 9 BV ausgeschlossen. Die Beschwerde ist abzuweisen. 16. 16.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich der Beschwerdeführerin aufz uerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Be- schwerdeführerin beantragt aber die Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung. Gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG befreit die Beschwerdeinstanz eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren nicht aussichts- los erscheint. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht als aussichtslos zu beurteilen waren. Ihre Bedürftigkeit ist durch die eingereichte Bestätigung der Asylsozialhilfe vom 23. Juli 2020 belegt. Damit sind die kumulativ zu erfüllenden Vorausset- zungen zur Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung erfüllt. Das Gesuch ist gutzuheissen, weshalb keine Verfahrenskosten aufzuerlege n sind. 16.2 Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden. (Dispositiv nächste Seite) E-3799/2020 Seite 24 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Barbara Balmelli Olivier Gloor