B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4169/2022 U r t e i l v o m 2 2 . S e p t e m b e r 2 0 2 2 Besetzung Richterin Constance Leisinger, mit Zustimmung von Richterin Susanne Genner, Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 12. September 2022 / N (…). E-4169/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 2. August 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Am gleichen Tag wurden durch das SEM seine Personalien aufge- nommen und ein entsprechendes Protokoll erstellt. Zum Beweis seiner Identität reichte er beim SEM eine Identitätskarte ein. B. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit de r europäischen Fingerabdruck- Datenbank (Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 4. November 2021 in Deutschland um Asyl ersucht hatte. C. Der Beschwerdeführer reichte beim SEM ein Schreiben vom 12. Juli 2022 aus seinem deutschen Asylverfahren (Vollzug des deutschen Aufenthalts- gesetzes betreffend die Ablehnung des Antrags des Beschwerdeführers auf Asylanerkennung/Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft) zu den Ak- ten. D. Am 8. August 2022 wurde dem Beschwerdeführer eine Rechtsvertretung gemäss Art. 102f ff. AsyIG (SR 142.31) beigeordnet. E. Am 17. August 2022 wurde mit dem Beschwerdeführer das sogenannte Dublin-Gespräch geführt und ihm das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Zuständigkeit Deutschlands für die Prüfung seines Asylgesuchs gewährt. Im Rahmen dieses Gesprächs gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, er habe in Deutschland ein Asylgesuch stellen müssen. Das Gesuch sei ab- gelehnt worden und er sei aufgefordert worden, Deutschland zu verlassen, deshalb sei er in die Schweiz gereist. Nach Deutschland wolle er nicht zu- rückkehren, da die Schweiz von Anfang an sein Zielland gewesen sei. Die deutschen Behörden hätten ihn nicht gerecht behandelt, insbesondere die Behörden des Sozialamtes. Ausserdem sei er seit zehn Jahren psychisch angeschlagen. F. Am 22. August 2022 richtete das SEM an die deutschen Behörden ein Ge- such um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und E-4169/2022 Seite 3 Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol- gend: Dublin-III-VO). Diesem entsprachen die deutschen Behörden am 25. August 2022. G. Mit Verfügung vom 12. September 2022 – eröffnet am gleichen Tag – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge- such des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung nach Deutschland, welches gemäss Dublin -III-VO für die Behandlung seines Asylgesuches zuständig sei. Gleichzeitig beauftragte es den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. Dem Beschwerdeführer wurden die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt. H. Am 13. September 2022 erklärte die mandatierte Rechtsvertretung die Nie- derlegung des Mandats. I. Der Beschwerdeführer erhob gegen de n Entscheid des SEM beim Bun- desverwaltungsgericht mit Eingabe vom 19. September 2022 Beschwerde und beantragte, auf sein Asylgesuch sei einzutreten und dieses durch die Schweiz zu prüfen. J. Die Vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 20. September 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden ge- gen Verfügungen des SEM (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). E-4169/2022 Seite 4 1.3. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die Sa- churteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind erfüllt. 1.4. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, o b die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 2. 2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtig e oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet. Sie wird deshalb im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung ei- nes zw eiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summa- rischer Begründung behandelt (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn As ylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah- men eines – wie vorliegend – Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dub- lin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). 3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche E-4169/2022 Seite 5 Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte- charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied- staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu- stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstell ung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit- gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige M itgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 3.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu- manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III- VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 4. 4.1. Der Beschwerdeführer hat in Deutschland ein Asylgesuch eingereicht, das die deutschen Behörden abgelehnt haben. Nachdem die deutschen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zugestimmt haben, ist die Zustän- digkeit Deutschlands grundsätzlich gegeben. 4.2. 4.2.1. Der Beschwerdeführer macht zu Recht nicht geltend, das Asylver- fahren und die Aufnahmebedingungen in Deutschland würden systemische Schwachstellen aufweisen. Die Vorbringen des Beschwerdeführers sind sodann nicht geeignet, an der Zuständigkeit Deutschlands etwas zu än- dern. Sie begründen aus den nachfolgenden Gründen keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der Schweiz. E-4169/2022 Seite 6 4.2.2. Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Ver- pflichtungen nach. 4.2.3. Aufgrund der vom Beschwerdeführer eingereichten deutschen Asyl- unterlagen ist nicht davon auszugehen, dass dem ablehnenden Entscheid hinsichtlich Flüchtlingseigenschaft und Abschiebung nicht ein rechtsstaat- liches Verfahren zu Grunde gelegen ha t. Es gibt keinen Hinw eis darauf, Deutschland würde in seinem Fall den Grundsatz des Non -Refoulement (Art. 33 FK) missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in wel- chem ihm eine asylrelevante Verfolgung nach Art. 3 Abs. 1 AsylG oder die Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde. 4.2.4. Der Beschwerdeführer hat dem SEM gegenüber geltend gemacht , seit Jahren unter psychischen Problemen zu leiden. Diese liess er jedoch bei der zuständigen Pflege in der Asylunterkunft unerwähnt, sondern liess lediglich eine Narbe sowie seine Zähne behandeln. Auch machte er nicht geltend, dass er in Deutschland wegen psychische r Probleme behandelt worden wäre. Selbst wenn eine solche Behandlung nötig wäre, sei in die- sem Zusammenhang auf die vorhandene medizinische Infrastruktur in Deutschland hingewiesen, die er bei Bedarf in Anspruch nehmen könnte. Es droht ihm somit auch in dieser Hinsicht keine Verletzung von Art. 3 EMRK, weshalb auch diesbezüglich kein Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO in Betracht fällt. 4.2.5. Deutschland ist sodann ein Rechtsstaat mit einem funktionierenden Justizsystem. Wenn der Beschwerdeführer als abgewiesener Asylsuchen- der seine Unterkunftssituation in Deutschland als nicht zufriedenstellend empfindet, so kann er sich bei Bedarf zur Durchsetzung der ihm mit diesem Status zustehenden Minimalstrukturen an die zuständigen Behörden wen- den. 4.3. Dem SEM kommt bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Er- messen zu (BVGE 2015/9 E. 7 f.) und den Akten sind keine Hinweise auf eine rechtswidrige Ermessensausübung durch die Vorinstanz zu entneh- men (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG). E-4169/2022 Seite 7 5. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31 a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat die Überstellun g nach Deutschland angeordnet. Die Beschwerde ist abzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh- rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest- zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 7. Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). (Dispositiv nächste Seite) E-4169/2022 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Claudia Jorns Morgenegg Versand: