<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para"> </div> <div class="para">[AZA] </div> <div class="para">C 301/98 Vr </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <u>I. Kammer </u> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Präsident Lustenberger, Bundesrichter Spira, Bundesrich- </div> <div class="para">terin Widmer, Bundesrichter Meyer und Ferrari; Gerichts- </div> <div class="para">schreiber Maillard </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <u>Urteil vom 21. Januar 2000 </u> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">in Sachen </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Staatssekretariat für Wirtschaft, Abteilung Arbeitsmarkt, </div> <div class="para">Bundesgasse 8, Bern, Beschwerdeführer, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">gegen </div> <div class="para"> </div> <div class="para">H.________, 1950, Beschwerdegegnerin, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">und </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Verwaltungsgericht des Kantons Bern, Bern </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> A.- Am 8. August 1996 gewährte die Arbeitslosenkasse </div> <div class="para">des Kantons Bern der 1950 geborenen H.________, die seit </div> <div class="para">1. Juni 1996 arbeitslos war, einen Vorschuss von Fr. 1000.- </div> <div class="para">an die zu erwartende Arbeitslosenentschädigung. Nachdem </div> <div class="para">feststand, dass sie bis zur Aufnahme einer Stelle im </div> <div class="para">November 1996 insgesamt Anspruch auf Arbeitslosenent- </div> <div class="para">schädigung in der Höhe von Fr. 80.- hatte, forderte die </div> <div class="para">Arbeitslosenkasse am 27. Juni 1997 verfügungsweise von </div> <div class="para">H.________ den Restbetrag des Vorschusses von Fr. 920.- </div> <div class="para">zurück. Die Versicherte focht diese Verfügung nicht an, er- </div> <div class="para">suchte jedoch um Erlass der Rückerstattung, was die Ar- </div> <div class="para">beitslosenkasse mit Verfügung vom 25. Februar 1998 mangels </div> <div class="para">guten Glaubens ablehnte. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> B.- In Gutheissung der hiegegen erhobenen Beschwerde </div> <div class="para">bejahte das Verwaltungsgericht des Kantons Bern mit Ent- </div> <div class="para">scheid vom 27. Juli 1998 zunächst den guten Glauben von </div> <div class="para">H.________, sah von der Prüfung der zweiten Erlassvor- </div> <div class="para">aussetzung der grossen Härte ab und bewilligte ihr Gesuch </div> <div class="para">um Erlass der Rückforderung von Fr. 920.-. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> C.- Gegen diesen Entscheid führt das Bundesamt für </div> <div class="para">Wirtschaft und Arbeit (seit 1. Juli 1999 Staatssekretariat </div> <div class="para">für Wirtschaft [seco]) Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit </div> <div class="para">dem Begehren, der kantonale Entscheid sei aufzuheben und </div> <div class="para">die Sache sei zur Abklärung, ob die Rückerstattung für </div> <div class="para">H.________ eine grosse Härte bedeuten würde, an die </div> <div class="para">Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei festzustellen, dass die </div> <div class="para">für einen Erlass kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen </div> <div class="para">des guten Glaubens und der grossen Härte im Bereich der </div> <div class="para">Arbeitslosenversicherung weiterhin erfüllt sein müssten. </div> <div class="para"> Das Kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit </div> <div class="para">des Kantons Bern (KIGA) widersetzt sich diesem Begehren und </div> <div class="para">beantragt Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde. </div> <div class="para">H.________ lässt sich nicht vernehmen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> D.- Da die Zulässigkeit der Anwendung von <span class="artref">Art. 79 </span></div> <div class="para">Abs. 1quater AHVV im Bereich der Arbeitslosenversicherung </div> <div class="para">strittig ist und die Gesetzmässigkeit besagter Bestimmung </div> <div class="para">in Frage steht, hat die Instruktionsrichterin das Bundesamt </div> <div class="para">für Sozialversicherung (BSV) zur Vernehmlassung eingeladen. </div> <div class="para">Dieses hat am 24. Dezember 1998 Stellung genommen und Ab- </div> <div class="para">weisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde beantragt. </div> <div class="para"> <u>Das Eidg. Versicherungsgericht zieht in Erwägung: </u> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> 1.- a) Nach <span class="artref">Art. 95 AVIG</span> hat die Kasse Leistungen der </div> <div class="para">Versicherung, auf die der Empfänger keinen Anspruch hatte, </div> <div class="para">zurückzufordern (Abs. 1 Satz 1). War der Leistungsempfänger </div> <div class="para">beim Bezug gutgläubig und würde die Rückerstattung eine </div> <div class="para">grosse Härte bedeuten, so wird sie auf Gesuch hin ganz oder </div> <div class="para">teilweise erlassen (Abs. 2 Satz 1). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> b) Bereits unter der Herrschaft des Bundesgesetzes </div> <div class="para">über die Arbeitslosenversicherung vom 22. Juni 1951 hat das </div> <div class="para">Eidgenössische Versicherungsgericht entschieden, dass im </div> <div class="para">Gebiet der Arbeitslosenversicherung die Regeln über den Er- </div> <div class="para">lass unrechtmässig bezogener Renten und Hilflosenentschädi- </div> <div class="para">gungen, welche durch die Praxis in der AHV entwickelt </div> <div class="para">worden sind, sinngemäss angewandt werden müssen (ARV 1978 </div> <div class="para">Nr. 20 S. 73 Erw. 1). Daran hat sich mit Inkrafttreten des </div> <div class="para">Arbeitslosenversicherungsgesetzes vom 25. Juni 1982 auf den </div> <div class="para">1. Januar 1984 nichts geändert, ist doch die zu <span class="artref">Art. 47 </span></div> <div class="para">Abs. 1 AHVG ergangene Rechtsprechung auch im arbeitslosen- </div> <div class="para">versicherungsrechtlichen Erlassverfahren nach <span class="artref">Art. 95 AVIG</span> </div> <div class="para">anwendbar (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=02.01.2000&amp;to_date=21.01.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F116-V-290%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page292">BGE 116 V 292</a> f. Erw. 2b). </div> <div class="para"> Vor dem 1. Januar 1997 enthielten weder die AHV-Ge- </div> <div class="para">setzgebung noch die anderen Sozialversicherungsgesetze Aus- </div> <div class="para">führungsbestimmungen zum unbestimmtem Gesetzesbegriff </div> <div class="para">"grosse Härte". Das Eidgenössische Versicherungsgericht hat </div> <div class="para">daher diesen Begriff in Weiterführung der im Wesentlichen </div> <div class="para">auf das Urteil N. vom 16. März 1972 (ZAK 1973 S. 198) zu- </div> <div class="para">rückgehenden und nach grundsätzlicher Überprüfung in BGE </div> <div class="para">107 V 79 nur mehr hinsichtlich des prozentualen Zuschlags </div> <div class="para">modifizierten Rechtsprechung für alle Sozialversicherungs- </div> <div class="para">zweige gleich bestimmt und erkannt, dass eine grosse Härte </div> <div class="para">im Sinne von <span class="artref">Art. 47 Abs. 1 AHVG</span> vorliegt, wenn zwei Drit- </div> <div class="para">tel des anrechenbaren Einkommens (und der allenfalls hinzu- </div> <div class="para">zurechnende Vermögensteil) die nach <span class="artref">Art. 42 Abs. 1 AHVG</span> (in </div> <div class="para">der bis 31. Dezember 1996 in Kraft gewesenen Fassung) an- </div> <div class="para">wendbare und um 50 % erhöhte Einkommensgrenze nicht errei- </div> <div class="para">chen (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=02.01.2000&amp;to_date=21.01.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F122-V-221%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page225">BGE 122 V 225</a> Erw. 5a mit Hinweisen). </div> <div class="para"> Mit der auf 31. Dezember 1996 im Rahmen der 10. AHV- </div> <div class="para">Revision erfolgten Streichung der einkommensabhängigen aus- </div> <div class="para">serordentlichen AHV-Renten aus dem Gesetz sind die Einkom- </div> <div class="para">mensgrenzen nach <span class="artref">Art. 42 AHVG</span> als Bezugspunkte für die Ver- </div> <div class="para">deutlichung des unbestimmten Rechtsbegriffes der grossen </div> <div class="para">Härte weggefallen. Der Bundesrat hat mit Wirkung ab 1. Ja- </div> <div class="para">nuar 1997 den Begriff der grossen Härte auf Verordnungsstu- </div> <div class="para">fe geregelt. Da mit der Aufhebung der ausserordentlichen </div> <div class="para">Renten mit Einkommensgrenzen die bisher für die Prüfung der </div> <div class="para">grossen Härte massgebende Einkommensgrenze als Vergleichs- </div> <div class="para">grösse wegfiel, führte er dafür den ergänzungsleistungs- </div> <div class="para">rechtlichen Grenzbetrag (bundesrechtlicher Höchstansatz) </div> <div class="para">und das nach den Bestimmungen über die Ergänzungsleistungen </div> <div class="para">ermittelte Jahreseinkommen ein (AHI 1996 S. 43 f.). Nach </div> <div class="para"><span class="artref">Art. 79 Abs. 1bis AHVV</span> (in der am 1. Januar 1998 in Kraft </div> <div class="para">getretenen und vorliegend anwendbaren Fassung) liegt eine </div> <div class="para">grosse Härte im Sinne von <span class="artref">Art. 47 Abs. 1 AHVG</span> vor, wenn die </div> <div class="para">vom Bundesgesetz vom 19. März 1965 über die Ergänzungsleis- </div> <div class="para">tungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversiche- </div> <div class="para">rung (ELG) anerkannten Ausgaben die nach ELG anrechenbaren </div> <div class="para">Einnahmen übersteigen. Laut Abs. 1ter dieses Artikels </div> <div class="para">gelten jeweils die bundesrechtlichen Höchstansätze. Nach </div> <div class="para"><span class="artref">Art. 79 Abs. 1quater AHVV</span> ist bei Vorliegen der Gutgläu- </div> <div class="para">bigkeit die Rückerstattung unabhängig davon, ob eine grosse </div> <div class="para">Härte vorliegt, zu erlassen, wenn die Rückerstattungsschuld </div> <div class="para">den Betrag der halben jährlichen Minimalrente (im Zeitpunkt </div> <div class="para">der Verfügung vom 25. Februar 1998 Fr. 5970.-) nicht </div> <div class="para">übersteigt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> 2.- Die Rückforderungsverfügung der Arbeitslosenkasse </div> <div class="para">vom 27. Juni 1997 ist unangefochten in Rechtskraft erwach- </div> <div class="para">sen. Streitig ist einzig, ob der Beschwerdegegnerin die </div> <div class="para">Rückerstattung zu erlassen ist. Nachdem ihr der gute Glaube </div> <div class="para">beim Bezug des Vorschusses von Fr. 1000.- unbestrittener- </div> <div class="para">massen zugebilligt werden kann, bleibt einzig die zweite </div> <div class="para">Erlassvoraussetzung der grossen Härte zu prüfen. Dabei </div> <div class="para">stellt sich die Frage, ob die vom Bundesrat erlassene neue </div> <div class="para">Regelung, insbesondere <span class="artref">Art. 79 Abs. 1quater AHVV</span>, auch im </div> <div class="para">Bereich der Arbeitslosenversicherung anwendbar und bejahen- </div> <div class="para">denfalls, ob sie gesetz- und verfassungskonform sei. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> a) Das kantonale Gericht hat ohne weiteres <span class="artref">Art. 79 </span></div> <div class="para">Abs. 1quater AHVV angewendet und - da der zurückgeforderte </div> <div class="para">Betrag die Grenze nach <span class="artref">Art. 79 Abs. 1quater AHVV</span> nicht </div> <div class="para">überstieg - von einer Prüfung der grossen Härte abgesehen </div> <div class="para">und somit die Rückforderung erlassen. </div> <div class="para"> Das seco führt im Wesentlichen aus, ob <span class="artref">Art. 79 </span></div> <div class="para">Abs. 1quater AHVV für den Bereich der Alters- und Hinter- </div> <div class="para">lassenenversicherung rechtsgültig erlassen worden sei, lie- </div> <div class="para">ge nicht an ihm zu prüfen. Hingegen lasse sich diese Be- </div> <div class="para">stimmung im Bereich der Arbeitslosenversicherung, in Zu- </div> <div class="para">rückdrängung von <span class="artref">Art. 95 Abs. 2 AVIG</span>, nicht anwenden. </div> <div class="para"> Sowohl das KIGA als auch das BSV erachten die Bestim- </div> <div class="para">mung von <span class="artref">Art. 79 Abs. 1quater AHVV</span> als gesetzeskonform. </div> <div class="para">Letzteres Amt beruft sich auf verwaltungsökonomische Über- </div> <div class="para">legungen, die zum Erlass der neuen Bestimmung geführt ha- </div> <div class="para">ben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> b) Auszugehen ist davon, dass trotz Wegfall der aus- </div> <div class="para">serordentlichen Renten mit Einkommensgrenzen der Begriff </div> <div class="para">"grosse Härte", der bisher durch die Rechtsprechung ein- </div> <div class="para">heitlich definiert worden war, im Sinne der weiterzuführen- </div> <div class="para">den harmonisierten Rechtsprechung für alle Sozialversiche- </div> <div class="para">rungsbereiche der gleiche bleiben soll (AHI 1996 S. 44). </div> <div class="para">Dies wird dadurch erreicht, dass <span class="artref">Art. 79 AHVV</span> auch in den </div> <div class="para">Sozialversicherungszweigen, in welchen keine Norm direkt </div> <div class="para">auf <span class="artref">Art. 47 AHVG</span> verweist (beispielsweise <span class="artref">Art. 52 UVG</span>, </div> <div class="para"><span class="artref">Art. 95 AVIG</span>), analog anzuwenden ist. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> 3.- a) Zu prüfen ist somit, ob der hier analog anzu- </div> <div class="para">wendende <span class="artref">Art. 79 Abs. 1quater AHVV</span> gesetzmässig ist. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> b) Nach der Rechtsprechung kann das Eidgenössische </div> <div class="para">Versicherungsgericht Verordnungen des Bundesrates grund- </div> <div class="para">sätzlich, von hier nicht in Betracht fallenden Ausnahmen </div> <div class="para">abgesehen, auf ihre Rechtmässigkeit hin überprüfen. Bei </div> <div class="para">(unselbstständigen) Verordnungen, die sich auf eine gesetz- </div> <div class="para">liche Delegation stützen, prüft es, ob sie sich in den </div> <div class="para">Grenzen der dem Bundesrat im Gesetz eingeräumten Befugnisse </div> <div class="para">halten. Wird dem Bundesrat durch die gesetzliche Delegation </div> <div class="para">ein sehr weiter Spielraum des Ermessens für die Regelung </div> <div class="para">auf Verordnungsebene eingeräumt, muss sich das Gericht auf </div> <div class="para">die Prüfung beschränken, ob die umstrittenen Verordnungs- </div> <div class="para">vorschriften offensichtlich aus dem Rahmen der dem Bundes- </div> <div class="para">rat im Gesetz delegierten Kompetenzen herausfallen oder aus </div> <div class="para">andern Gründen verfassungs- oder gesetzwidrig sind. Es kann </div> <div class="para">jedoch sein eigenes Ermessen nicht an die Stelle desjenigen </div> <div class="para">des Bundesrates setzen und es hat auch nicht die Zweckmäs- </div> <div class="para">sigkeit zu untersuchen. </div> <div class="para"> Nach ständiger Rechtsprechung unter der Herrschaft der </div> <div class="para">bis Ende 1999 in Kraft gestandenen Bundesverfassung (aBV) </div> <div class="para">verstiess eine vom Bundesrat verordnete Regelung allerdings </div> <div class="para">dann gegen deren Art. 4, wenn sie sich nicht auf ernsthafte </div> <div class="para">Gründe stützen liess, wenn sie sinn- oder zwecklos war oder </div> <div class="para">wenn sie rechtliche Unterscheidungen traf, für die sich ein </div> <div class="para">vernünftiger Grund nicht finden liess. Gleiches galt, wenn </div> <div class="para">die Verordnung es unterliess, Unterscheidungen zu treffen, </div> <div class="para">die richtigerweise hätten berücksichtigt werden sollen (BGE </div> <div class="para">125 V 30 Erw. 6a, 124 II 245 Erw. 3, 583 Erw. 2a, 124 V 15 </div> <div class="para">Erw. 2a, 194 Erw. 5a, je mit Hinweisen). </div> <div class="para"> Auf den 1. Januar 2000 ist die neue Bundesverfassung </div> <div class="para">vom 18. April 1999 in Kraft getreten (Art. 1 des Bundesbe- </div> <div class="para">schlusses vom 28. September 1999 über das Inkraftreten der </div> <div class="para">neuen Bundesverfassung vom 18. April 1999; AS 1999 </div> <div class="para">S. 2555). Das bei bundesrätlichen Verordnungen zu beachten- </div> <div class="para">de allgemeine Rechtsgleichheitsgebot leitet sich nunmehr </div> <div class="para">aus <span class="artref">Art. 8 Abs. 1 BV</span> ab, wonach alle Menschen vor dem Ge- </div> <div class="para">setz gleich sind. Mit Blick auf die Rechtsnatur der Über- </div> <div class="para">prüfung unselbstständigen Verordnungsrechts als Form der </div> <div class="para">verfassungsrechtlichen Normenkontrolle rechtfertigt es </div> <div class="para">sich, die neue Bundesverfassung im Rahmen anhängiger Ver- </div> <div class="para">fahren selbst dann anzuwenden, wenn - wie im vorliegenden </div> <div class="para">Fall - der angefochtene Entscheid vor dem 1. Januar 2000 </div> <div class="para">ergangen ist. Da indessen das Rechtsgleichheitsgebot des </div> <div class="para"><span class="artref">Art. 8 Abs. 1 BV</span> gegenüber der bisherigen Regelung, mit </div> <div class="para">Ausnahme der Angleichung des Textes an die Verfassungswirk- </div> <div class="para">lichkeit (alle Menschen statt bisher nur Schweizer), keine </div> <div class="para">materielle Änderung erfahren hat (vgl. Botschaft des Bun- </div> <div class="para">desrates vom 20. November 1996 über eine neue Bundesverfas- </div> <div class="para">sung, Separatdruck, S. 142) und die diesbezügliche Nach- </div> <div class="para">führung in den Räten denn auch unbestritten war (Amtl. </div> <div class="para">Bull. BV 1998 [Separatdruck], N 152 ff. und S 33 ff.), gilt </div> <div class="para">die bisherige Rechtsprechung zur vorfrageweisen Prüfung </div> <div class="para">unselbstständigen Verordnungsrechts auch unter der neuen </div> <div class="para">Bundesverfassung. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> c) Der Bundesrat ist gestützt auf die Delegationsnorm </div> <div class="para">von <span class="artref">Art. 47 Abs. 3 AHVG</span> nur befugt, das Rückerstattungs- </div> <div class="para">und Erlassverfahren zu ordnen. Ob es sich bei den Absätzen </div> <div class="para">1 bis und 1ter von <span class="artref">Art. 79 AHVV</span> um solche Bestimmungen des </div> <div class="para">Verfahrens handelt, kann offen bleiben. Jedenfalls klar </div> <div class="para">nicht mehr verfahrensrechtlicher Natur ist Abs. 1quater von </div> <div class="para"><span class="artref">Art. 79 AHVV</span>. Weil bis zu einem Grenzbetrag nicht geprüft </div> <div class="para">werden muss, ob eine grosse Härte vorliegt, wird das for- </div> <div class="para">mell-gesetzliche Erfordernis der kumulativen Voraussetzung </div> <div class="para">des guten Glaubens <u>und</u> der grossen Härte gemäss <span class="artref">Art. 47 </span></div> <div class="para">Abs. 1 AHVG verletzt, sodass sich <span class="artref">Art. 79 Abs. 1quater AHVV</span> </div> <div class="para">als gesetzwidrig erweist. Eine gegenüber <span class="artref">Art. 47 Abs. 3 </span></div> <div class="para">AHVG weitergehende Kompetenz räumt dem Bundesrat auch die </div> <div class="para">allgemeine Delegationsnorm des <span class="artref">Art. 154 Abs. 2 AHVG</span>, wonach </div> <div class="para">er mit dem Vollzug beauftragt ist und hiezu die erforder- </div> <div class="para">lichen Verordnungen erlässt, nicht ein. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> d) Der verordnete Schematismus, bis zu einem bestimm- </div> <div class="para">ten Grenzbetrag von der Prüfung der grossen Härte abzuse- </div> <div class="para">hen, führt auch zu einem Verstoss gegen <span class="artref">Art. 8 Abs. 1 BV</span>. </div> <div class="para">Nach allgemeiner Lebenserfahrung fällt die Begleichung </div> <div class="para">einer Schuld umso schwerer, je höher der Betrag ist. Eine </div> <div class="para">Rückzahlungspflicht unterhalb der Limite des <span class="artref">Art. 79 </span></div> <div class="para">Abs. 1quater AHVV dürfte einen Versicherten daher weit </div> <div class="para">seltener in eine finanzielle Notlage bringen, als die </div> <div class="para">Begleichung eines über diesem Grenzwert liegenden Ausstan- </div> <div class="para">des, was insbesondere auch in der Möglichkeit des Teiler- </div> <div class="para">lasses (vgl. dazu <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=02.01.2000&amp;to_date=21.01.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F116-V-12%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page12">BGE 116 V 12</a>) zum Ausdruck kommt. Die </div> <div class="para">Bestimmung entbindet die Verwaltung somit von der Prüfung </div> <div class="para">einer Erlassvoraussetzung sinnwidrigerweise gerade in </div> <div class="para">Fällen, in denen das Vorliegen der grossen Härte zumindest </div> <div class="para">fraglich (und daher prüfenswert) erscheint. Es ist zudem </div> <div class="para">schlechterdings nicht einsehbar, weshalb einem Versicherten </div> <div class="para">- ohne Rücksicht auf seine allenfalls guten finanziellen </div> <div class="para">Verhältnisse - die unterhalb des verordneten Grenzbetrages </div> <div class="para">liegende Rückerstattung zu erlassen wäre, während ein </div> <div class="para">Pflichtiger, eine bereits nur einen Franken darüber </div> <div class="para">liegende Schuld vollumfänglich zurückzuzahlen hätte, sobald </div> <div class="para">seine finanziellen Verhältnisse die Annahme einer grossen </div> <div class="para">Härte auch nur knapp ausschliessen. Ein - wie hoch auch im- </div> <div class="para">mer angesetzter - absoluter Grenzbetrag, bis zu dem eine </div> <div class="para">Prüfung der grossen Härte entfällt, trifft damit eine Un- </div> <div class="para">terscheidung, für die sich kein vernünftiger Grund finden </div> <div class="para">lässt. Es haben denn auch einzig verwaltungsökonomische </div> <div class="para">Überlegungen zum Erlass der fraglichen Vorschrift geführt, </div> <div class="para">wie das BSV in seiner Stellungnahme selbst einräumt (siehe </div> <div class="para">auch AHI 1996 S. 44). Dazu ist der Vollständigkeit halber </div> <div class="para">darauf hinzuweisen, dass der Verwaltung bereits bei der </div> <div class="para">Prüfung der Rückerstattungspflicht an sich ein verwaltungs- </div> <div class="para">ökonomische Überlegungen ausreichend berücksichtigendes </div> <div class="para">Korrektiv zur Seite steht, ist doch eine nach den Regeln </div> <div class="para">der Wiedererwägung vorzunehmende Rückerstattung (vgl. dazu </div> <div class="para">ARV 1996/97 Nr. 43 S. 237 Erw. 3b; siehe auch <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=02.01.2000&amp;to_date=21.01.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F122-V-367%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page368">BGE 122 V 368</a> </div> <div class="para">Erw. 3) nur anzuordnen, wenn die Berichtigung der ursprüng- </div> <div class="para">lichen Verfügung unter anderem von <u>erheblicher</u> Bedeutung </div> <div class="para">ist (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=02.01.2000&amp;to_date=21.01.2000&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F122-V-19%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page21">BGE 122 V 21</a> Erw. 3a, 173 Erw. 4a, 271 Erw. 2, </div> <div class="para">368 Erw. 3, 121 V 4 Erw. 6, je mit Hinweisen). So hat das </div> <div class="para">Eidgenössische Versicherungsgericht im nicht veröffentlich- </div> <div class="para">ten Urteil W. vom 2. Februar 1989, C 57/88, die Erheblich- </div> <div class="para">keit einer Rückforderung von fünf Taggeldern der Arbeitslo- </div> <div class="para">senversicherung unabhängig vom konkret in Frage stehenden </div> <div class="para">Betrag verneint. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> e) Steht die Verfassungs- und Gesetzwidrigkeit des </div> <div class="para"><span class="artref">Art. 79 Abs. 1quater AHVV</span> nach dem Gesagten fest, ist der </div> <div class="para">diese Bestimmung anwendende vorinstanzliche Entscheid bun- </div> <div class="para">desrechtswidrig und demzufolge insoweit aufzuheben, als er </div> <div class="para">von der Prüfung der grossen Härte absieht. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> 4.- Da im vorliegenden Verfahren nicht die Bewilligung </div> <div class="para">oder Verweigerung von Versicherungsleistungen streitig war, </div> <div class="para">fällt es nicht unter die Kostenfreiheit gemäss <span class="artref">Art. 134 OG</span>. </div> <div class="para">Entsprechend dem Verfahrensausgang werden die Gerichtskos- </div> <div class="para">ten der Beswchwerdegegnerin auferlegt (Art. 135 in Verbin- </div> <div class="para">dung mit <span class="artref">Art. 156 OG</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <u>Demnach erkennt das Eidg. Versicherungsgericht: </u> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">I.In Gutheissung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird </div> <div class="para"> der Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern </div> <div class="para"> vom 27. Juli 1998 insoweit aufgehoben, als er die Not- </div> <div class="para"> wendigkeit der Prüfung der grossen Härte verneint, und </div> <div class="para"> es wird die Sache an die Arbeitslosenkasse des Kantons </div> <div class="para"> Bern zurückgewiesen, damit sie diese Prüfung vornehme </div> <div class="para"> und danach über den Erlass neu verfüge. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">II.Die Gerichtskosten von Fr. 200.- werden der Beschwer- </div> <div class="para"> degegnerin auferlegt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">III.Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungs- </div> <div class="para"> gericht des Kantons Bern, Sozialversicherungsrecht- </div> <div class="para"> liche Abteilung, dem Kantonalen Amt für Industrie, </div> <div class="para"> Gewerbe und Arbeit, Abteilung Arbeitsmarkt, Bern, dem </div> <div class="para"> Kantonalen Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit, </div> <div class="para"> Abteilung Arbeitslosenkasse, Bern, und dem Bundesamt </div> <div class="para"> für Sozialversicherung zugestellt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Luzern, 21. Januar 2000 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Im Namen des </div> <div class="para">Eidgenössischen Versicherungsgerichts </div> <div class="para">Der Präsident der I. Kammer: </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Der Gerichtsschreiber: </div> </div></body></html>