B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2832/2018 law/fes U r t e i l v o m 22 . J a n u a r 20 20 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Roswitha Petry, Richterin Mia Fuchs, Gerichtsschreiberin Sarah Ferreyra. Parteien A._______, geboren am (…), dessen Ehefrau B._______, geboren am (…), sowie deren Kinder C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), F._______, geboren am (…), G._______, geboren am (…), Irak, alle vertreten durch lic. iur. Z.________, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl; Verfügung des SEM vom 11. April 2018 / N (…). D-2832/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden, irakische Staatsangehörige, arabischer Ethnie aus H._______, verliessen mit ihren vier älteren Kindern ihren Heimatstaat legal im August 2015 auf dem Luftweg via Ägypten und von dort mit dem Schiff nach Italien. Am 19. August 201 5 reisten sie mit dem Zug in die Schweiz ein, wo sie gleichentags bei der Grenzbehörde um Asyl nachsuch- ten. B. Am 31. August 2015 erhob das SEM die Personalien der Beschwerdefüh- renden und befragte sie zum Reiseweg und summarisch zu den Gründen für das Verlassen des Heimatlandes (sog. Befragung zur Person, BzP). C. Am (…) gebar die Beschwerdeführerin den jüngsten Sohn. D. Das SEM hörte die Beschwerdeführenden am 9. Februar 2017 einlässlich zu den Asylgründen an. Am 4. Mai 2017 wurde der Beschwerdeführer er- gänzend angehört. Zur Begründung ihres Asylgesuches gaben die Beschwerdeführenden an, im Jahr 2006 seien bewaffnete Milizen in ihr Haus in I._______ eingedrun- gen. Es habe damals Krieg zwischen den Religionen gegeben und ein grosser Teil der Sunniten sei aus ihrem Quartier I._______, welches sich im (…) H._______ befinde und gut situiert sei, vertrieben oder getötet wor- den. Die Milizen hätten bereits ihr Auto beschlagnahmt und sie hätten es auch auf ihr Haus abgesehen. Sie hätten den Beschwerdeführer geschla- gen und beschimpft, weil er Sunnit sei , und ihm gedroht, sie würden ihn töten. Ausserdem sei ihre Tochter, welche damals noch ein Baby gewesen sei, von Milizionären herumgeworfen worden; sie habe dadurch eine Kopf- verletzung erlitten. Er (der Beschwerdeführer) habe bereits damals die Po- lizei um Hilfe gebeten, welche ihm aber mitgeteilt habe, gegen die Milizen könnten sie nichts machen. Sie seien daraufhin für mehrere Monate nach Syrien gegangen, wo ihre Tochter medizinisch behandelt worden sei. Als sich die Lage beruhigt habe, seien sie nach H._______ zurückgekehrt und hätten eine Zeit lang keine Probleme gehabt. Ab dem Jahr 2010 bezie- hungsweise 2015 seien sie jedoch wieder belästigt worden. Insbesondere zwischen dem Jahr 2 014 und ihrer Ausreise im Juli 2015 hätten wieder D-2832/2018 Seite 3 mehrfach bewaffnete Gruppen, schiitische Milizen ihr Haus gestürmt. Schi- itische Gruppen, wie die Asa’ib Ahl al-Haqq, würden heute al-Haschd asch- Schaʿbī (Volksmobilmachungskräfte) genannt und vom Staat unte rstützt. Diese Leute hätten den Beschwerdeführer beschimpft, weil er Sunnit sei , und weil die beiden Mütter der Beschwerdeführenden bei der Ba’ath Partei gewesen seien. Sie hätten von ihnen Geld verlangt mit der Begründung, sie würden sie vor dem Islamischen Staat (IS) und anderen sunnitischen Gruppen verteidigen und sie würden dafür ansonsten keinen Lohn bekom- men. Die Gruppe sei im Irak bekannt und alle hätten Angst vor ihnen. Als sie kein Geld und Gold mehr gehabt hätten, habe die Gruppe sie aufgefor- dert, das Haus zu verlassen , ansonsten würden sie ihre Kinder töten . Ihr Auftreten sei immer schlimmer geworden. Das letzte Mal, bevor sie das Haus verlassen hätten, sei die Beschwerdeführerin von Milizionären von ihrer Familie getrennt und belästigt worden. Sie sei überall angefasst und gefragt worden, wo ihr Geld und ihr Schmuck sei. Einer dieser Männer habe ihr die Kleider ausgezogen, worauf sie angefangen habe, nach ihrem Mann zu rufen. Am folgenden Tag hätten sie (die Beschwerdeführenden) das Haus verlassen und sich zu Verwandten des Beschwerdeführers be- geben. Der Beschwerdeführer habe ohne Erfolg eine Anzeige bei den ira- kischen Behörden eingereicht. Daraufhin seien sie nach J._______ gereist, von wo aus sie den Irak verlassen hätten. Nach der Ankunft in der Schweiz habe der Beschwerdeführer von seinen ehemaligen Kollegen erfahren, dass gegen ihn ein Haftbefehl erlassen worden sei, weil er seinen Dienst bei der Polizei unerlaubt verlassen habe. Die Beschwerdeführenden reichten verschiedene p ersönliche Ausweise (Nationalitätenausweise, Identitätskarten, Auszug aus dem Generalregis- ter, Heiratsschein, Führerausweis), eine Anzeige vom 3. Juli 2015 und ei- nen Gerichtsentscheid vom 5. Juli 2015 wegen der vorgebrachten Über- griffe gegen die Familie in klusive Übersetzung, einen Drohbrief, zwei Dienstausweise, zwei Ausbildungsdiplome, drei Verwaltungsbefehl e be- treffend Beförderung, drei Haftbefehle wegen des Verlassens des Polizei- dienstes, einen Verwaltungsbefehl betreffend die Kündigung des Arbeits- verhältnisses sowie verschiedene ärztliche Berichte ein. E. Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 11. April 2018 stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigenschaft nicht er-D-2832/2018 Seite 4 füllen, lehnte ihre Asylgesuche vom 19. August 2015 ab, verfügte die Weg- weisung aus der Schweiz, schob den Vollzug der Wegweisung jedoch we- gen Unzumutbarkeit auf und ordnete die vorläufige Aufnahme an. F. Mit Eingabe vom 11. Mai 2018 (Datum Poststempel) liessen die Beschwer- deführenden durch ihren Rechtsvertreter gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es seien die Dispositivziffern 1-3 der angefochtenen Verfügung aufzuheben, die Be- schwerdeführenden als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen Asyl zu ge- währen. In verfahren srechtlicher Hinsicht liessen sie zudem beantragen, es sei ihnen die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren. Mit der Beschwerde wurden je ein Auszug aus Wikipedia, aus www.glo- balsecurity.org und aus www.rawabetcenter.com zu r al-Haschd asch - Schaʿbī, je eine Kopie des Aufenthaltstitels der Mutter und der beiden Halb- schwestern der Beschwerdeführerin als Flüchtlinge in der Schweiz sowie eine Fürsorgebestätigung vom 2. Mai 2018 eingereicht. G. Mit Verfügung vom 30. Mai 2018 hiess der zuständige Instruktionsrich ter des Bundesverwaltungsgerichts das Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung unter dem Vorbehalt einer nachträglichen Ver- änderung der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführenden gut, ver- zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusse s und gab dem SEM Gelegenheit, zur Beschwerde Stellung zu nehmen. H. In der Vernehmlassung vom 14. Juni 2018 hielt das SEM fest, es l ägen keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel vor, die eine Ände- rung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten. I. Am 28. Juli 2018 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den D-2832/2018 Seite 5 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde un d entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31], Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil- genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs- weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti- miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Die Akten der Mutter (N […]) und der beiden Halbschwestern (N […], N […]) der Beschwerdeführerin wurden beigezogen. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen a usgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). D-2832/2018 Seite 6 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu - chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei- matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie- hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Auf- grund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Aner- kennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be- troffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Aus- gangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün- deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent- scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach d er Aktualität der Verfol- gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns- ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4, WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 5. 5.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen aus, das Vorbringen, wonach die Beschwerdeführenden im Jahr 2006 ein erstes Mal ihre Heimat verlassen hätten, nachdem ihre Tochter bei einem Über- griff durch Milizen verletzt worden sei, vermöge keine Asylrelevanz zu ent- falten. So hätten beide zu Protokoll gegeben, sie hätten sich etwa sechs (vgl. Akte A9/14 Ziff. 2.04) beziehungsweise sieben oder acht Monate (vgl. Akte A10 /14 Ziff. 2.04) in Syrien aufgehalten und seien dann nach H._______ zurückgekehrt. Dort hätten sie in der Folge bis ins Jahr 2010 (vgl. Akte A36/20 F115 f.) beziehungsweise 2015 (vgl. Akte A46 /23 F54) ohne weitere Probleme gelebt. Zwar seien sie gemäss ihren Angaben da-D-2832/2018 Seite 7 nach wieder von Milizen aufgesucht worden. Jedoch lasse sich weder auf- grund ihrer Angaben noch aus den Akten ein direkter Zusammenhang zwi- schen den von ihnen vorgebrachten Geschehnissen in den Jahren 2006 und den angeblichen Ereignissen vor ihrer Ausreise erkennen. Einen sol- chen Zusammenhang hätten sie im Übrigen auch nicht geltend gemacht. Aufgrund des Umstandes, dass zwischen ihrer Rückkehr aus Syrien und ihrer endgültigen Ausreise aus dem Irak rund acht Jahre vergangen seien, sei nicht davon auszugehen, dass die von ihnen vorgebrachten Übergriffe im Jahre 2006 einen direkten Einfluss auf ihre Ausreise im Juli 2015 gehabt hätten. Daraus folge, dass ihre früheren Probleme im Jahr 2006 infolge fehlenden Kausalzusammenhangs nicht als asylrelevant einzustufen seien. Die Beschwerdeführenden hätten Probleme gehab t, weil ihre Mütter bei der Ba’ath Partei gewesen seien und w eil der Beschwerdeführer Sunnit sei. Die religiöse Zugehörigkeit und die damit verbundenen Anfeindungen und Diskriminierungen vermöchten die Flüchtlingseigenschaft nicht zu be- gründen. So seien die hohen Anforderungen, die gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts für die Annahme einer Kollektivverfolgung gegeben sein müssen, im Falle von Sunniten und ehemaligen Ba’athisten im Irak nicht erfüllt. Darauf angesprochen, inwiefern die Parteizugehörigkeit der Mütter und die Besuche der Gruppe miteinander zusammenhängen würden, habe die Be- schwerdeführerin lediglich angegeben, dass sie als Tochter eines Mitglieds der Partei bezeichnet worden sei. Dies sei ihr als Beleidigung vorgeworfen worden (vgl. Akte A36/20 F106-108). Eine solche Vorhaltung möge schika- nös sein, sie sei jedoch bei Weitem nicht als genügend intensiv zu werten, um einen asylrelevanten Nachteil zu begründen. Vielmehr seien solche Machtdemonstrationen vor dem Hintergrund der anhalt enden Konflikte in ihrer Heimatregion zu sehen. Darauf angesprochen, inwiefern die Besuche dieser Gruppe mit der Konfession des Beschwerdeführers zu tun gehabt hätten, habe die Beschwerdeführerin angegeben, diese Leute hätten Geld verlangt, weil sie die Ge gend verteidigen würden, ohne dafür einen Lohn zu erhalten. Wie das mit der Konfession des Beschwerdeführers zusam- menhänge, habe sie indes nicht beantwortet (vgl. Akte A36/20 F109 f.). Auch der Beschwerdeführer habe angegeben, er sei unter Druck geraten, weil diese Gruppierung für ihren Kampf gegen den IS Geld von ihm ver- langt habe. Ihm sei zuletzt fast nichts mehr geblieben. Schliesslich hätten diese Leute ihr Haus verlangt (vgl. Akte A46/23 F48, F69). Insgesamt sei D-2832/2018 Seite 8 daher festzustellen, dass die von den Be schwerdeführenden vorgebrach- ten Belästigungen nach ihrer Rückkehr aus Syrien aus finanziellen Motiven erfolgt seien. Damit seien ihre Vorbringen nicht als asylrelevante Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu werten. Da ihre Vorbringen den Anforderun- gen von Art. 3 AsylG nicht standhalten würden, könne an dieser Stelle auf eine ausführliche Prüfung der Glaubhaftigkeit verzichtet werden. Es sei je- doch angemerkt, dass diesbezüglich unter anderem aufgrund ihrer stereo- typen Angaben und wegen mehrerer Ungereimthei ten erhebliche Zweifel anzubringen seien. Vor diesem Hintergrund könne auch auf eine einge- hende Würdigung der eingereichten Dokumente verzichtet werden. Es sei jedoch anzufügen, dass Dokumente wie die von ihnen beigebracht en, käuflich erwerbbar und aufgrun d mangelnder Sicherheitsmerkmale leicht fälschbar seien. Der Beschwerdeführer mache geltend, nach seiner Ausreise sei ein Haft- befehl gegen ihn erlassen worden, weil er seine Arbeitsstelle bei der Polizei unerlaubt verlassen habe. Laut seinen Angaben würden Personen, die ih- ren Dienst bei den Behörden ohne Kündigung verlassen, gemäss den ira- kischen Gesetzen verfolgt. Solche Personen würden festgenommen und mit einer Freiheitsstrafe belegt (vgl. Akte A46/23 F111). Die Flucht vor einer rechtsstaatlich legitimen Strafverfolgung im Heimatland bilde grundsätzlich keinen Grund für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und für die Asylgewährung. Dies gelte auch für die staatliche Ahndung von militärstraf- rechtlichen Delikten oder Delikten im Zusammenhang mit eine r Dienst- pflicht bei den Sicherheitskräften. Zwar mache der Beschwerdeführer gel- tend, Schiiten würden bei einer Verurteilung eher begnadigt als Sunniten (vgl. Akte A46/23 F124). Seinen Angaben liesse sich jedoch nicht entneh- men, dass er wegen seiner Religionszugehörigkeit Nachteile zu befürchten hätte, die über die gesetzlich vorgesehenen Massnahmen hinausgehen würden. Es lägen somit keine Hinweise vor, dass die dem Beschwerdefüh- rer angedrohte Strafverfolgung illegitim wäre, weil die Tatbegehung unter- geschoben worden, die Strafe nicht verhältnismässig sei oder, weil das Strafverfahren klarerweise rechtsstaatlichen Ansprüchen nicht zu genügen vermöchte beziehungsweise im Rahmen der Strafverbüssung eine Verlet- zung fundamentaler Menschenrechte drohen würde. Inso fern die ihm an- gedrohte Haftstrafe demnach einem rechtsstaatliche n legitimen Zweck diene, vermöge sein Vorbringen keine Asylrelevanz entfalten. Auf eine ein- gehende Prüfung der Glaubhaftigkeit könne daher verzichtet werden. Es sei jedoch angemerkt, dass die sbezüglich unter anderem Zweifel bestün- den, weil er seine angebliche Ausbildung und den jahrelangen Dienst bei D-2832/2018 Seite 9 der Polizei bei der BzP nicht erwähnt habe, obwohl er zu seiner Arbeitstä- tigkeit und seiner Ausbildung befragt worden sei. Ausserdem seien auf- grund der Beschaffenheit der eingereichten Beweismittel Vorbehalte be- züglich der Authentizität anzubringen. Insgesamt sei festzustellen, dass die Vorbringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten würden. 5.2 In der B eschwerde wird demgegenüber im Wesentlichen geltend ge- macht, die al-Haschd asch-Schaʿbī sei immer ein Teil der irakischen Si- cherheitskräfte gewesen. Es handle sich um eine der wichtigsten Sicher- heitstruppen des irakischen Staates, welche militärische Aufgaben mit Er- folg ausgeführt habe, wie die Vertreibung des IS aus dem irakischen Staatsgebiet. Sie bestehe aus 40 fast ausschliesslich schiitischen Milizen, welche sehr gut ausgerüstet seien und vom Staat ein offizielles Budget und monatlich gut bezahlte Einkommen und Entschädigungen erhielten. Ge- mäss Amnesty International hätten die schiitischen Milizen mehrere Sunni- ten entführt, gefoltert und getötet. Das SEM habe nicht berücksichtigt, dass es sich bei al-Haschd asch -Schaʿbī um staatliche Sicherheitstruppen handle. Es habe damit den Sachverhalt ungenügend festgestellt. Die Mut- ter sowie die beiden Halbschwestern der Beschwerdeführerin hätten aus denselben Gründen, wie sie von den Beschwerdeführenden geltend ge- macht würden, einen positiven Asylentscheid erhalten. Im Irak herrsche zwischen Schiiten und Sunniten ein Konfessionskrieg. Die al-Haschd asch- Schaʿbī versuche, die Sunniten aus dem Irak zu vertreiben. Insbesondere versuche sie, das von wohlhabenden Personen bewohnte, im Herzen von H._______ gelegene Quartier I._______ von Sunniten zu befreien. Sie hät- ten schon seit 2006 versuch t, die Beschwerdeführenden von dort zu ver- treiben. Ohne die im Jahr 2006 versuchte Tötung des Kindes durch die schiitischen Milizen und die weiteren Drohungen wie die damit verbundene Lebensgefahr für die Beschwerdeführenden hätten sie kein Asylgesuch in der Schweiz gestellt. Folglich sei ein adäquater Sachverhalt zur Flucht schon seit 2006 gegeben. Der irakische Staat habe die Beschwe rdefüh- renden durch die schiitischen Milizen massiv verfolgt. Die Verfolgung der Beschwerdeführenden durch die schiitischen Milizen sei von der Vo- rinstanz nicht in Frage gestellt worden. Diesen gehe es nicht um die finan- ziellen Vorteile, weil sie vom irakischen Staat vorfinanziert und Löhne und Entschädigungen erhalten würden. Es sei ihnen um das Vertreiben, Dro- hen, Töten und Verfolgen von Sunniten gegangen. Die Beschwerdeführen- den würden zu jener Konfession gehören und zudem in Mitten von H._______ in einem sehr angesehenen Quartier wohnen. Die eingereich- ten Dokumente seien echt. Die Vorinstanz behaupte, es handle sich um D-2832/2018 Seite 10 Fälschungen, liefere dafür aber keinen Beweis. Der Beschwerdeführer sei wegen seiner sunnitischen Konfession vom irakischen Staat verfolgt wor- den. Es sei auch darauf hinzuweisen, dass sich die Vorinstanz mit den ein- gereichten Dokumenten des Beschwerdeführers und seiner Position bei der Polizei gar nicht auseinandergesetzt habe. 5.3 In der Vernehmlassung führt das SEM aus, es werde in d er Be- schwerde bemängelt, das SEM habe sich im Entscheid vom 11. April 2018 nicht damit befasst, dass die al-Haschd asch-Schaʿbī als Teil des iraki- schen Staatsapparates anzusehen seien. In diesem Zusammenhang seien mehrere Ausdrucke aus dem Internet beigelegt worden. Das SEM bestreite nicht, dass die mehrheitlich – aber nicht ausschliesslich – schiitischen Mi- lizen der Volksmobilmachungskräfte von der irakischen Regierung unter- stützt würden. Der Beschwerde und den genannten Artikeln sei jedoch nicht zu entnehmen, inwiefern dieser Umstand begründen solle, dass die Handlungen dieser Gruppierung aus asylrelevanten Motiven erfolgen wür- den. Es sei vielmehr festzuhalten, dass die Beiträge keine Anhaltspunkte für eine systematische Verfolgung von Sunniten durch die g enannten Gruppierungen liefern würden. Ebenso vermöchten diese Artikel keine kon- krete asylrelevante Verfolgung der Beschwerdeführenden zu belegen. In- sofern in der Beschwerdeschrift vorgebracht werde, es seien vor der Aus- reise der Beschwerdeführenden i m Jahr 2015 im Quartier I._______ vor allem Sunniten belästigt und verfolgt worden, stelle dies eine nachträgliche Behauptung dar, die sich aufgrund der Angaben in den Bundesanhörungen nicht nachvollziehen l asse. Ausserdem werde in der Beschwerde aufge- worfen, dass die Mutter sowie die beiden Halbschwestern der Beschwer- deführerin aufgrund des gleichen Sachverhalts positive Asylentscheide er- halten hätten. Dazu sei festzuhalten, dass sowohl die Mutter als auch eine der beiden Schwestern der Beschwerdeführerin (N […]) bereits im Jahr 2011 in die Schweiz eingereist und gemäss Art. 56 AsylG als Flüchtlinge anerkannt worden seien. Ihre Anerkennung sei damals in Folge eines UN- HCR-Kontingents ohne Prüfung der Asylgründe in der Schweiz erfolgt. Die Akten würden zudem keine Hinweise darauf enthalten, dass die Beschwer- deführenden aufgrund der vorgebrachten politischen Aktivitäten der Mutter der Beschwerdeführerin konkrete Probleme zu gewärtigen gehabt hätten. Zu den eingereichten Dokumenten sei festzuhalten, dass es sich überwie- gend um Kopien handle, deren Echtheit naturgemäss nicht überprüft wer- den könne. Ihnen komme daher kein beachtlicher Beweiswert zu. Zur ein- gereichten Anzeige vom 3. Juli 2015 sei anzumerken, dass das Dokument Auffälligkeiten aufweise. So enthalte dieses angeblich amtliche Dokument beispielsweise keine Nassstempel. Bei den beiden blauen Stempeln D-2832/2018 Seite 11 handle es sich vielmehr offensichtlich um eine gedruckte Vorlage. Grund- sätzlich sei zudem anzumerken, dass es logisch nicht nachvollziehbar sei, dass der Beschwerdeführer angeblich wegen seiner sunnitischen Konfes- sion durch den Staat in jeder Hinsicht benachteiligt ode r gar verfolgt wor- den sei, es ihm jedoch möglich gewesen sein soll, genau wegen dieser Verfolgung eine Anzeige einzureichen und die entsprechenden Dokumente ausgehändigt zu bekommen. Hinsichtlich der in der Verfügung vom 11. Ap- ril 2018 angemerkten Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen sei Fol- gendes zu präzisieren: Die Angaben der Beschwerdeführenden zu den an- geblichen Übergriffen bei ihnen zuhause seien insgesamt wenig substanti- iert ausgefallen. So seien beispielsweise die Angaben zu den Männern, die mehrfach vorbeigekommen seien, lediglich stereotyp ausgefallen und wür- den eine Ungereimtheit aufweisen (vgl. Akte A36/20 F111 -F114, F149; A46/23 F49-F53). Die Schilderungen der Übergriffe würden nur wenige Re- alkennzeichen enthalten und sich weitgehend in der Wiedergabe von Handlungsabfolgen erschöpfen. Ausserdem würden die Aussagen meh- rere Ungereimtheiten aufweisen. So habe die Beschwerdeführerin anläss- lich der Anhörung angegeben, die Milizen seien ab dem Jahr 2010, vor allem aber in den Jahren 2014 bis 2015 vorbeigekommen. Der Beschwer- deführer habe hingegen angegeben, die Familie sei erst im dritten oder vierten Monat des Jahres 2015 belästigt worden, davor sei nichts gesche- hen. Auch wenn die Beschwerdeführerin mit dem Jahr 2010 etwas durch- einandergebracht hätte, erkläre dies nicht die grosse Abweichung der An- gaben (vgl. Akte A46 /23 F144). Auch bezüglich der letzten Tage, die die Familie in H._______ verbracht habe, lägen unterschiedliche Angaben vor. So habe die Beschwerdeführerin angegeben, die ganze Familie habe sich vor der Ausreise einen Tag bei einem Onkel des Beschwerdeführers auf- gehalten. Der Beschwerdeführer hingegen habe angegeben, er sei acht oder neun Tage bei seinem Onkel gewesen. Insofern sich der Erklärungs- versuch für diese unterschiedlichen Angaben lediglich darin erschöpfe, das Erinnerungsvermögen der Beschwerdeführerin anzuzweifeln, vermöge er nicht zu überzeugen (vgl. Akte A46/23 F143). 5.4 In der Replik wird geltend gemacht, im Irak herrsche ein Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten, der vom Iran und Saudi-Arabien angelei- tet und finanziert werde. Erst bei der Entstehung des IS im Irak und Syrien sei der Druck auf die irakische Regierung erhöht worden, damit die Verfol- gung der Sunniten ein Ende habe und der Zulauf zum IS gedrosselt werde. Die Beschwerdeführenden hätten in H._______ in I._______ gewohnt. Es sei deshalb nicht nachvollziehbar, dass die schiitische n Milizen in ihnen D-2832/2018 Seite 12 das ideale Opfer gesehen hätten. Deshalb seien die Ausführungen der Be- schwerdeführenden glaubhaft und lebensnah . Die Beschwerdeführenden hätten nicht gewusst, dass das SEM keine Akten über ihre Verwandten führe. Fakt sei, dass die Verwandten der Beschwerd eführerin in der Schweiz Asyl erhalten hätten, weil die Mutter der Beschwerdeführerin in der Ba’ath-Partei sei. Die Asylgründe des Beschwerdeführers seien diesel- ben wie jene der Mutter und Schwester der Beschwerdeführerin. Eine Gleichbehandlung sei somit e rforderlich. Die eingereichten Dokumente seien echt und die Zahl der eingereichten Dokumente zeige, dass eine Fäl- schung auszuschliessen sei. Das SEM hätte auch die Schweizer Botschaft in Jordanien beauftragen können, die Angaben der Beschwerdeführenden abzuklären, zumal es die Echtheit der Dokumente in Frage stelle. Der On- kel des Beschwerdeführers wohne in H._______. Die Beschwerdeführen- den seien einen Tag bei ihm gewesen, dann habe die Reise von H._______ nach Kurdistan ungefähr acht Tage gedauert, weil an vielen Stellen Sicher- heitskräfte stationiert gewesen seien. Der Beschwerdeführer beklage so- dann, dass bei der zweiten Anhörung eine Dolmetscherin anwesend gewe- sen sei, die aus Marokko stamme. Während der Anhörung habe die Dol- metscherin mehrfach mit dem Beschwerdeführer über Begriffe diskutieren müssen. Die Beschwerdeführerin sei am Tag der Anhörung zudem frisch operiert und erschöpft gewesen. Die Anhörung habe mehrfach unt erbro- chen werden müssen, damit d ie Beschwerdeführerin das Neugeborene habe stillen können, und habe vom Morgen bis am Abend gedauert, was merkwürdig sei. 6. 6.1 Die Asylbehörde hat den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes we- gen festzustellen (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt weiter, dass sich die Behörde mit den wesentlichen Vorbringen der Rechtssuchenden zu befassen und den Entscheid zu begründen hat (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Dies gilt für alle form- und fristgerechten Äusserun- gen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streitfrage ge- eignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass der oder die Betroffene den Entscheid gegebenenfalls sachge- recht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegungen nen- nen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vor- bringen ausdrücklich widerlegt. Somit darf die Vorinstanz sich bei der Be-D-2832/2018 Seite 13 gründung der Verfügung auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichts- punkte beschränken und ist nicht gehalten, sich ausdrücklich mit jeder tat- bestandlichen Behauptung auseinander zu setzen (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b). 6.2 In der Beschwerde wird gerügt, bei der Anhörung sei eine Dolmetsche- rin anwesend gewesen, mit welcher über Begriffe habe diskutiert werden müssen. Die Beschwerdeführerin sei schöpft gewesen, habe das Baby stil- len müssen und die Anhörung habe den ganzen Tag gedauert. Es trifft zu, dass die Beschwerdeführerin (…) Tage nach der Geburt des jüngsten Kindes angehört worden ist. Sie wurde jedoch anlässlich der An- hörung vom 9. Februar 2017 zu ihrem Befinden befragt und auch danach, ob sie sich für die Anhörung genug fit fühle , was sie bejahte (vgl. Akte A36/20 F7-F14). Die Anhörung der Beschwerdeführerin dauerte von 10:00 bis 15:15 Uhr wobei es eine Pause von 15 Minuten und eine Mittagspause von 45 Minuten gegeben hat. Dass es dabei zu Missverständnis sen auf- grund von Übersetzungsschwierigkeiten gekommen ist, geht aus dem Pro- tokoll nicht hervor. Auch die Hilfswerkvertretung hat keine Beobachtungen oder Einwände zur Anhörung zu Protokoll gegeben (vgl. Akte A36/20 S. 20). Schliesslich bestätigte die Beschwerdeführerin mit ihrer Unter- schrift, dass das ihr rückübersetzte Protokoll vollständig sei und ihren freien Äusserungen entspreche. Bezüglich der Anhörung der Beschwerdeführe- rin ist nach dem Gesagten keine Verletzung des rechtlichen Gehörs fest- zustellen. Die Anhörung des Beschwerdeführers fand im Anschluss an die Anhörung der Beschwerdeführerin statt. Bezüglich der geltend gemachten Überset- zungsschwierigkeiten lässt sich zwar aus der ersten Antwort des Be- schwerdeführers auf die Frage nach dem Verstehen der Dolmetscherin er- ahnen, dass diese nicht denselben Dialekt spricht wie dieser (vgl. Akte A37/14 F1). Aus dem Protokoll geht jedoch nicht hervor, dass es Probleme bei der Verständigung gegeben hat. Auch die Hilfswerkvertretung stellte nichts dergleichen fest. Schliesslich bestätigte der Beschwerdeführer un- terschriftlich, dass das Protokoll vollständig sei und seinen freien Äusse- rungen entspreche (vgl. Akte A37/14 S. 13). Er wurde sodann auch nach seinem Befinden als frischgebackener Vater befragt und danach, ob er für die Anhörung genügend fit sei (vgl. Akte A37/14 F8-F10). Die Hilfswerkver- tretung stellte fest, dass der Beschwerdeführer aufgrund der langen War- tezeit während der Anhörung seiner Frau und der schlaflosen Nächte sicht- lich müde gewesen sei und gefragt habe, wie lange die Anhörung noc h D-2832/2018 Seite 14 daure. Aus zeitlichen Gründen wurde die Anhörung um 18:35 Uhr abgebro- chen. Zu den Fluchtgründen und der Ausreise wurde der Beschwerdefüh- rer erst an der ergänzenden Anhörung eingehend befragt, weshalb sein ermüdeter Zustand keinen Einfluss auf seine Schil derung hinsichtlich der Asylvorbringen hatte. Anlässlich der ergänzenden Anhörung hatte der Be- schwerdeführer angegeben, er verstehe die Dolmetscherin sehr gut, und die Hilfswerkvertretung brachte keine Beobachtungen oder Einwände an (vgl. Akte A46/23 F1 un d S. 23). Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs kann auch in Bezug auf die Anhörung des Beschwerdeführers nicht fest- gestellt werden. 6.3 In der Beschwerde wird ferner geltend gemacht, das SEM habe den Sachverhalt ungenügend festgestellt, weil es nicht berücks ichtigt habe, dass es sich bei al -Haschd asch -Schaʿbī um einen staatlichen Akteur handle. Das SEM bezweifelt jedoch nicht, dass die schiitischen Milizen der Volksverteidigungseinheiten von der irakischen Regierung unterstützt wer- den und hat den Sachverhalt insofern richtig festgestellt. Es sprach jedoch dem Vorbringen die Asylrelevanz mit der Begründung ab, die schiitischen Milizen hätten aus finanziellen Motiven gehandelt. 6.4 Weiter wird gerügt, das SEM habe den Wohnort I._______ und die Tat- sache, dass die Sunniten aus dem Quartier vertrieben worden seien , un- berücksichtigt gelassen. Dies trifft nicht zu. Das SEM erwähnte im Sach- verhalt, dass die Beschwerdeführenden in I._______ gewohnt hätten (vgl. angefochtene Verfügung S. 3 Ziff. 2), und hielt in der Begründung fest, dass die Beschwerdeführenden geltend gemacht hätten, dass in jenem Quartier reiche Leute wohnen würden (vgl. ebenda S. 6). Dass es sich hin- sichtlich der Vertreibung der Sunniten aus dem Quartier um eine – wie vom SEM in der Vernehmlassung festgehalten – nachträgliche Behauptung handelt, trifft zwar nicht zu, denn d er Beschwerdeführer fü hrte anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen aus, dass ein Ziel der Milizen auch ge- wesen sei, die Sunniten aus dem Quartier zu vertreiben (vgl. Akte A46/23 F23). Das SEM stellte aber in der Verfügung einerseits fest, dass die hohen Anforderungen an eine Kollektivverfolgung bezüglich der Sunniten im Irak nicht erfüllt seien, und andererseits, dass die Beschwerdeführenden aus finanziellen und nicht religiösen Motiven von den Milizen aufgesucht wor- den seien. Alleine im Umstand, dass das SEM die Gründe für die von den Beschwerdeführenden geltend gemachte Verfolgung anders würdigte als die Beschwerdeführenden, ist weder eine ungenügende Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts noch eine Verletzung der Begründungs- pflicht zu erblicken. D-2832/2018 Seite 15 6.5 6.5.1 Ferner wird eingewendet, das SEM habe nicht berücksichtigt, dass die Mutter und die beiden Halbschwestern der Beschwerdeführerin positive Asylentscheide erhalten hätten, obwohl sie dieselben Asylgründe geltend gemacht hätten wie die Beschwerdeführenden. 6.5.2 In der Rechtsanwendung gebietet der verfassungsrechtliche Gleich- behandlungsgrundsatz (Art. 8 Abs. 1 BV) in der Tat, dass zwei tatsächlich gleiche Situationen nicht ohne sachlichen Grund unterschiedlich zu behan- deln sind (vgl. BGE 137 V E. 5.3). 6.5.3 Es trifft zu, dass das SEM in der Verfügung keinen Bezug zu den Asylgewährungen der Familienangehörigen der Beschwerdeführerin ge- nommen hat. Es hat aber die von der Beschwerdeführerin geltend gemach- ten Schikanen aufgrund der Zugehörigkeit ihrer Mutter zur Ba ’ath-Partei als zu wenig intensiv erachtet , um einen asylrelevanten Nachteil zu be- gründen. Aus den Akten der Mutter (N […]) und der einen Halbschwester (N […]) der Beschwerdeführerin geht hervor, dass diese ab dem Jahr 2006 in Syrien lebten, bis im Jahr 2011 gelegentlich im Irak in K._______ gewe- sen sind und am 10. August 2011 in die Schweiz einreisten, wo sie als Kontingentsflüchtlinge Asyl erhalten haben. Es hat deshalb keine Anhörung zu den Fluchtgründen stattgefunden. Die andere Halbschwester (N […]) hat die Flüchtlingseigenschaft mit Verfügung vom 14. November 2016 de- rivativ von ihrem Ehemann erhalten. Jene Verfahren sind deshalb nicht mit demjenigen der Beschwerdeführenden vergle ichbar. Das Gebot der Gleichbehandlung ist mithin nicht verletzt. 6.6 Insofern in der Beschwerde vorgebracht wird, das SEM habe es unter- lassen, die eingereichten Beweismittel und die Position des Beschwerde- führers als Polizist konkret zu würdigen, ist festzus tellen, dass das SEM die von den Beschwerdeführenden eingereichten Beweismittel im Sach- verhalt aufgeführt hat (vgl . angefochtene Verfügung S. 5). Ferner hat es sich zu den eingereichten Dokumenten dahingehend geäussert, dass diese käuflich erwerbbar und auf grund mangelnder Sicherheitsmerkmale leicht fälschbar seien. Zu seiner Position als Polizist und dem erlassenen Haftbefehl gegen ihn, weil er den Dienst ohne Kündigung verlassen habe, führte das SEM aus, weshalb dem Beschwerdeführer im Irak keine illegi- time Strafverfolgung drohe. Zudem äusserte es diesbezüglich erhebliche Zweifel am Vorbringen (vgl. angefochtene Verfügung S. 7 Ziff. 3). Die Be- gründungspflicht ist damit auch in diesem Punkt nicht verletzt worden. D-2832/2018 Seite 16 6.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass keine Gründe ersichtlich sind, wel- che eine Rückweisung der Sache an das SEM zur Neubeurteilung recht- fertigen. Der entsprechende Antrag ist folglich abzuweisen. 7. 7.1 Die Beschwerdeführenden fürchten sich einerseits vor einer Verfolgung durch die schiitischen Milizen, weil der Beschwerdeführer Sunnit sei und weil die beiden Mütter der Beschwerdeführenden bei der Ba’ath-Partei ge- wesen seien. Andererseits fürchten sie sich vor einer Verfolgung durch die irakischen Behörden, weil der Beschwerdeführer seinen Dienst als Polizist ohne Kündigung verlassen habe. 7.2 Die Beschwerdeführenden machen einen ersten Übergriff schiitischer Milizen im Jahre 2006 geltend, wobei ihre Tochter schwer verletzt worden sei. Das SEM hat diesbezüglich – entgegen der anderslautenden Auffas- sung in der Beschwerde – zu Recht ausgeführt, dass dieser Vorfall für die Ausreise im Jahre 2015 nicht kausal gewesen ist. Die Beschwerdeführen- den reisten aufgrund dieses Vorfalls zwar nach Syrien, sie kehrten im Jahre 2007 aber in den Irak zurück, nachdem sich dort die Lage wieder beruhigt habe. Nachdem die Beschwerdeführenden nach ihrer Rückkehr eigenen Angaben zufolge mehrere Jahre ohne Probleme in ihrem Haus wohnten, bis es zu erneuten Vorfällen kurz vor der Ausreise gekommen sei (vgl. Akte A9/14 Ziff.7.02, A36/20 F115 f., A46/23 F54, F144), ist ein Kausalzusam- menhang zwischen dem Vorfall im Jahre 2006 und der Ausreise im Jahre 2015 offensichtlich weder zeitlich noch sachlich gegeben. Dieses Vorbrin- gen ist deshalb asylrechtlich nicht relevant. 7.3 Das SEM hat in der Vernehmlassung zutreffend festgestellt, die Schil- derungen der Belästigungen durch die Milizen im Jahr 2014 beziehungs- weise 2015 würden nur wenige Realkennzeichen und darüber hinaus auch Ungereimtheiten aufweisen, insbesondere die zeitliche Situierung der gel- tend gemachten Behelligungen durch schiitische Milizen betreffend sowie auch in Bezug auf die Schilderungen der letzten Tage, die die Familie in H._______ verbracht habe (vgl. E. 5.3). Darüber hinaus liegen auch diver- gierende Schilderungen betreffend das Verhalten des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit dem Übergriff der Milizen auf die Beschwerdefüh- rerin in einem Zimmer vor. So gab die Beschwerdeführerin anlässlich ihrer Anhörung an, nachdem sie nach ihrem Mann gerufen habe, habe dieser an die Milizen appelliert und gesagt, er sei bereit, ihnen Geld zu geben und alles, was sie wollten – sie sollen nur seine Frau in Ruhe lassen (vgl. Akte A36/20 F73 S. 8 f.). Demgegenüber gab der Beschwerdeführer anlässlich D-2832/2018 Seite 17 seiner ergänzenden Anhörung an, er habe ih r Schreien und Stimmen ge- hört, aber nichts machen können. Diese Leute seien bewaffnet gewesen. Deshalb habe er nichts machen können und versucht, ruhig zu bleiben (vgl. Akte A46/23 F59 und F65). Nicht ohne weiteres nachvollziehbar ist schliesslich, warum ausgerechnet die Familie des Beschwerdeführers von vom irakischen Staat unterstützten Milizen bedrängt worden sein soll , obschon der Beschwerdeführer als Polizist im Dienst des Staates stand. In diesem Zusammenhang sind auch seine Ausführungen bei der Anzeigeer- stattung realitätsfremd. Das SEM weist sodann in der Vernehmlassung zu Recht auf Auffälligkeiten bezüglich der Beschaffenheit der eingereichten Anzeige vom 3. Juli 2015 hin (vgl. E. 5.3), welche gegen die Authentizität des Dokuments spreche. Der Einwand in der Replik, bereits die grosse An- zahl von eingereichten Dokumenten spreche gegen eine Fälschung, erklärt jedoch die festgestellten Auffälligkeiten keineswegs. Zudem handelt es sich beim Grossteil der eingereichten Dokumente um Kopien. Es ist des- halb zweifelhaft, dass sich die Belästigungen der Beschwerdeführenden durch schiitische Milizen im geltend gemachten Ausmass zugetragen ha- ben. 7.4 Zudem ist beim Vorbringen, wonach die Milizen 2014 beziehungsweise 2015 die Beschwerdeführenden mehrmals unter Druck g esetzt und Geld gefordert haben, übereinstimmend mit dem SEM davon auszugehen, dass ihr Handeln nicht asylrechtlich motiviert war. Der Beschwerdeführer machte anlässlich der BzP geltend, die schiitischen Milizen hätten Geld von ihnen gefordert, weil sie die sunnitischen Zonen befreien würden (vgl. Akte A10/14 Ziff. 7.01). Die Beschwerdeführerin führte im Einklang mit dem Be- schwerdeführer aus, die Milizen hätten Geld für ihren Kampf gefordert und auch für den Schutz der Beschwerdeführenden. Sie hätten zudem ge- wusst, dass sie die Tochter eines Ba’ath-Mitglieds und ihr Mann Sunnit sei, weshalb sie von ihnen Geld gefordert hätten (vgl. Akte A9/14 Ziff. 7.01). Anlässlich der Anhörung wurde die Beschwerdeführerin gefragt, was denn das Ziel der Gruppen gewesen sei, worauf die Beschwerdeführerin antwor- tete, sie hätten Geld gewollt (vgl. Akte A36/20 F90). Vor diesem Hinter- grund ist davon auszugehen, dass die Milizen die Beschwerdeführenden aus finanziellen Motiven unter Druck gesetzt haben und nicht aus religiö- sen ode r politischen Gründen. Die gegenteiligen Einwände in der Be- schwerde vermögen vor diesem Hintergrund nicht zu überzeugen. 7.5 Auch die vom SEM erhobenen Zweifel bezüglich der jahrelangen Tä- tigkeit des Beschwerdeführers als Polizist sind berechtigt. Der Beschwer- deführer erwähnte anlässlich der BzP weder seine Tätigkeit als Polizist D-2832/2018 Seite 18 noch den Umstand, dass er für die Ausbildung im Jemen gewesen sei (vgl. Akte A10/14 Ziff.1.17.04 und 2.04). Insofern er ein Diplom der (…) im Jahre 2009 und ein Diplom eines (…) aus dem Jahre 2004 einreichte, steht dies im Widerspruch zu seiner Aussage anlässlich der BzP , wonach er nie ein Diplom erhalten habe (vgl. Akte A10/14 Ziff. 1.17.04). Auffällig bezüglich des späten Vorbringens seiner Tätigkeit als Polizist ist sodann, dass dem Ehemann der Halbschwester und dessen Familie (N […]) zwei Monate vor- her, am 14. November 2016 Asyl gewährt worden ist, weil dieser als Poli- zist von den irakischen Behörden verfolgt worden ist. Das SEM hat zudem zu Recht festgestellt, dass es sich bei den eingereichten Beweismitteln im Zusammenhang mit dem Verlassen des Dienstes ohne Kündigung betref- fend den Beschwerdeführer um Kopien handelt, deren Echtheit nicht über- prüft werden könne. Bezüglich des angeblichen Erhalts der Dokumente durch einen Kollegen namens L._______ ist schliesslich nicht nachvoll- ziehbar, warum der Beschwerdeführer einerseits vier bis fünf Monate nach seiner Einreise in die Schweiz von diesem Kollegen erfahren haben will, dass er von den irakischen Behörden gesucht werde, andererseits aber erst rund ein Jahr später beim SEM die entsprechenden Dokumente in Ko- pie einreichte (vgl. Akte A46/23 F129). Insgesamt ist deshalb nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer von den irakischen Behörden verfolgt worden ist, weil er seinen Dienst als Polizist nicht kündigte. Im Üb- rigen hat das SEM in diesem Zusammenhang zu Recht festgehalten, dass keine Hinweise auf eine illegitime Strafverfolgung des Beschwerdeführers vorliegen. 7.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführenden keine asylrechtlich relevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder zumindest glaubhaft machen konnte n und deshalb nicht als Flücht- linge anerkannt werden können. Die Vorinstanz hat somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden vern eint und ihre Asyl- gesuche abgelehnt. 8. 8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer D-2832/2018 Seite 19 solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde- führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen indes mit Verfü- gung vom 30. Mai 2018 die unentgeltliche Prozessführung gewährt worden ist, werden keine Verfahrenskosten erhoben (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-2832/2018 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Ferreyra Versand: