<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">51</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>7</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 253 StGB, Art. 260 ff. ZGB</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Anerkennung der Vaterschaft gemäss Art. 260 ZGB beweist nur, dass</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ein Kind anerkannt worden ist, nicht aber die biologische Vaterschaft</b></span><br/> <span class="ft2"><b>selbst. Das Zivilrecht lässt es zu, dass der nicht genetische Vater ein Kind</b></span><br/> <span class="ft2"><b>anerkennt. Die Anerkennung trotz fehlender biologischer Vaterschaft</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kann deshalb nicht unter Strafe gestellt sein.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft3">vom 13. September 2012 i.S. E. M. und P. G. gegen Staatsanwaltschaft Brugg-</span><br/> <span class="ft3">Zurzach (SBK.2012.211).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">52</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Zur Aufklärung eines Verbrechens oder eines Vergehens kann</span><br/> <span class="ft1">von einer beschuldigten Person oder von anderen Personen eine</span><br/> <span class="ft1">Probe genommen und ein DNA-Profil erstellt werden, soweit es</span><br/> <span class="ft1">notwendig ist, um von ihnen stammendes biologisches Material von</span><br/> <span class="ft1">jenem der beschuldigten Person zu unterscheiden (Art. 255 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">lit. a und b StPO).</span><br/> <span class="ft1">Die Staatsanwaltschaft ist zuständig zur Anordnung einer DNA-</span><br/> <span class="ft1">Probe (F</span><span class="ft3">RICKER</span><span class="ft1">/M</span><span class="ft3">AEDER</span><span class="ft1">, in: Basler Kommentar, Schweizerische</span><br/> <span class="ft1">Strafprozessordnung, 2011, N. 22 zu Art. 255 StPO mit Verweis auf</span><br/> <span class="ft1">Art. 198 StPO). Als Zwangsmassnahmen müssen DNA-Anordnun-</span><br/> <span class="ft1">gen und -Analysen die allgemeinen Voraussetzungen nach Art. 197</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 StPO erfüllen. Das heisst sie müssen a) gesetzlich vorgesehen</span><br/> <span class="ft1">sein, b) es muss ein hinreichender Tatverdacht vorliegen, c) die damit</span><br/> <span class="ft1">angestrebten Ziele dürfen nicht durch mildere Massnahmen erreicht</span><br/> <span class="ft1">werden können und d) die Bedeutung der Straftat muss die Zwangs-</span><br/> <span class="ft1">massnahme rechtfertigen (vgl. F</span><span class="ft3">RICKER</span><span class="ft1">/M</span><span class="ft3">AEDER</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 1 und</span><br/> <span class="ft1">4 ff. zu Art. 255 StPO).</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">2.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Wie aus den Ausführungen der Staatsanwaltschaft hervorgeht,</span><br/> <span class="ft1">beabsichtigt sie, die DNA-Profile als Beweismittel zur Abklärung</span><br/> <span class="ft1">des den Beschwerdeführern vorgeworfenen Verbrechens des Er-</span><br/> <span class="ft1">schleichens einer falschen Beurkundung gemäss Art. 253 StGB zu</span><br/> <span class="ft1">verwenden. Wie sich aus dem Folgenden ergibt, kann nun aber von</span><br/> <span class="ft1">vornherein von keinem entsprechenden Tatverdacht gemäss Art. 253</span><br/> <span class="ft1">StGB für die Anordnung der Abnahme von DNA-Proben ausgegan-</span><br/> <span class="ft1">gen werden.</span><br/> <span class="ft1">2.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 253 Abs. 1 StGB wird wegen Erschleichung einer</span><br/> <span class="ft1">falschen Beurkundung bestraft, wer durch Täuschung bewirkt, dass</span><br/> <span class="ft1">ein Beamter oder eine Person öffentlichen Glaubens eine rechtlich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">53</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">erhebliche Tatsache unrichtig beurkundet, namentlich eine falsche</span><br/> <span class="ft1">Unterschrift oder eine unrichtige Abschrift beglaubigt. Art. 253</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 StGB regelt einen Spezialfall der mittelbaren Falschbeurkun-</span><br/> <span class="ft1">dung. Die Tathandlung besteht im Bewirken einer inhaltlich unwah-</span><br/> <span class="ft1">ren Beurkundung durch Täuschung, wobei die Täuschung den Vor-</span><br/> <span class="ft1">satz der Urkundsperson ausschliessen muss (Urteil des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts 6S.258/2006 vom 3. November 2006 E. 4.1).</span><br/> <span class="ft1">Was eine rechtlich erhebliche Tatsache nach Art. 253 StGB ist,</span><br/> <span class="ft1">bestimmt sich somit nach Art. 251 StGB (M</span><span class="ft3">ARKUS</span> <span class="ft1">B</span><span class="ft3">OOG</span><span class="ft1">, in: Basler</span><br/> <span class="ft1">Kommentar, Strafrecht II, 2. Aufl. 2007, N. 5 zu Art. 253 StGB).</span><br/> <span class="ft1">Eine Urkunde kann nur für den in ihr bezeugten Sachverhalt, niemals</span><br/> <span class="ft1">für dessen tatsächliche oder rechtliche Voraussetzungen Beweis er-</span><br/> <span class="ft1">bringen, auf welche bloss mittelbar aus den beurkundeten Tatsachen</span><br/> <span class="ft1">geschlossen werden kann. Diese sind nicht konkludent mitbeurkun-</span><br/> <span class="ft1">det. So beweist die Anerkennung der Vaterschaft (Art. 252 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">und 260 ZGB) nur die Anerkennung, nicht aber die Vaterschaft selbst</span><br/> <span class="ft1">(B</span><span class="ft3">OOG</span><span class="ft1">, a.a.O., N. 45 zu Art. 251 StGB).</span><br/> <span class="ft1">2.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend erklärte der Beschwerdeführer 2 am 20. April 2011</span><br/> <span class="ft1">vor dem Zivilstandsamt die Anerkennung des Kindes M. Entgegen</span><br/> <span class="ft1">der Auffassung der Staatsanwaltschaft erklärte er damit nicht, dass es</span><br/> <span class="ft1">sich bei M. um seinen leiblichen Sohn handle. Mit der blossen Aner-</span><br/> <span class="ft1">kennung im Sinne von Art. 252 Abs. 2 und Art. 260 ZGB liegen ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss den obigen Ausführungen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer 2 eine inhaltlich unwahre Beurkundung er-</span><br/> <span class="ft1">wirkt bzw. dass die Beschwerdeführerin 1 ihn dazu angestiftet hätte.</span><br/> <span class="ft1">Die Anerkennung beweist nicht, dass der Beschwerdeführer 2 auch</span><br/> <span class="ft1">tatsächlich der Vater ist, sondern nur die Tatsache, dass ein Kind</span><br/> <span class="ft1">anerkannt wurde.</span><br/> <span class="ft1">Dies ergibt sich auch aus der zivilrechtlichen Rechtslage: Zur</span><br/> <span class="ft1">Anerkennung berechtigt ist gemäss Wortlaut von Art. 260 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">ZGB "der Vater". Aus dieser Formulierung darf aber nicht geschlos-</span><br/> <span class="ft1">sen werden, nur der genetische Vater könne das Kind anerkennen.</span><br/> <span class="ft1">Das Zivilstandsamt darf denn auch keinen Nachweis der genetischen</span><br/> <span class="ft1">Vaterschaft verlangen. Die bewusst falsche Anerkennung ist deshalb</span><br/> <span class="ft1">möglich und wirksam, was sich bereits aus Art. 260b Abs. 1 ZGB</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">54</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ergibt, der in Bezug auf die Anfechtung einer Anerkennung festhält,</span><br/> <span class="ft1">dass der Kläger zu beweisen habe, dass der Anerkennende nicht der</span><br/> <span class="ft1">Vater des Kindes ist. Erst im Falle der Anfechtung der Vermutung</span><br/> <span class="ft1">spielt die biologische Vaterschaft eine Rolle. Richtigerweise bejaht</span><br/> <span class="ft1">ein Teil der Lehre deshalb die Zulässigkeit der Anerkennung im Wis-</span><br/> <span class="ft1">sen um die fehlende genetische Vaterschaft, während ein anderer Teil</span><br/> <span class="ft1">der Lehre dem Zivilstandsamt das Recht zugesteht, die Anerkennung</span><br/> <span class="ft1">abzuweisen, wenn sie offensichtlich falsch ist. Die Anerkennung sei</span><br/> <span class="ft1">dann rechtsmissbräuchlich, und es wird darauf hingewiesen, dass sie</span><br/> <span class="ft1">einen Straftatbestand darstelle (Übersicht bei T</span><span class="ft3">HOMAS</span> <span class="ft1">G</span><span class="ft3">EISER</span><span class="ft1">,</span> <span class="ft1">Kind</span><br/> <span class="ft1">und Recht - von der sozialen zur genetischen Vaterschaft?, in:</span><br/> <span class="ft1">FamPra.ch 1/2009 S. 41 ff., 47). Letztere Lehrmeinung kann zumin-</span><br/> <span class="ft1">dest hinsichtlich der strafrechtlichen Folgen nicht zutreffen. Das</span><br/> <span class="ft1">Zivilrecht lässt es zu, dass der nicht genetische Vater ein Kind aner-</span><br/> <span class="ft1">kennt. Wird ein Kind während der Ehe geboren, so gilt der Ehemann</span><br/> <span class="ft1">sogar von Gesetzes wegen als Vater, auch wenn er nachweislich nicht</span><br/> <span class="ft1">der genetische Vater ist. Das Gesetz misst der rechtlichen Vaterschaft</span><br/> <span class="ft1">ein höheres Gewicht als der biologischen Vaterschaft bei. Erfolgt</span><br/> <span class="ft1">keine Anfechtung der Anerkennung oder der Vaterschafts-Vermu-</span><br/> <span class="ft1">tung, so bleibt es bei der Vaterschaft, was - Extremfälle vorbehalten</span><br/> <span class="ft1">- durchaus auch dem Kindeswohl entspricht. Wenn es nun aber für</span><br/> <span class="ft1">die zivilrechtliche Anerkennung oder Vermutung nicht auf die gene-</span><br/> <span class="ft1">tische Vaterschaft ankommt, so kann eine Anerkennung ohne biolo-</span><br/> <span class="ft1">gische Vaterschaft auch nicht unter Strafe gestellt sein.</span><br/> <span class="ft1">Damit ist kein Tatverdacht gegeben und die Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft1">für die Abnahme von DNA-Proben sind nicht erfüllt, so dass diese</span><br/> <span class="ft1">nicht rechtmässig wären. Die Verfügung der Staatsanwaltschaft</span><br/> <span class="ft1">Brugg-Zurzach vom 7. August 2012 ist somit ersatzlos aufzuheben.</span><br/></div> </div> </body> </html>