B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6340/2016 U r t e i l v o m 3 . M a i 2 0 1 8 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richterin Barbara Balmelli, Richter Jean-Pierre Monnet, Gerichtsschreiberin Blanka Fankhauser. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 9. September 2016 / N (…). E-6340/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess Eritrea eigenen Angaben zufolge im Feb- ruar 2011 in Richtung Sudan, wo er sich über längere Zeit aufgehalten habe. Schliesslich sei er über Libyen und Italien am 6. September 2013 in die Schweiz gereist, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 20. Sep- tember 2013 wurde er im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ zur Person befragt (BzP). Eine vertiefte Anhörung zu seinen Asylgründen fand am 27. Januar 2015 und eine ergänzende Anhörung am 8. Februar 2016 statt. Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er habe die Schule im Jahr 2006 abgebrochen, weil viele Schüler in dieser Zeit zwangsrek rutiert worden seien beziehungs- weise weil sein Bruder zwangsrekrutiert worden sei. Als er mit seinem Cousin auf dem Weg zur Feldarbeit in C._______ gewesen sei, habe der Fahrer des Wagens nicht anhalten wollen, also sei er aus dem Fenster des Minibusses gesprungen und vor den plötzlich auftauchenden Soldaten ge- flüchtet. Auf der Suche nach seinem Cousin sei er an einem Kontrollposten von Soldaten festgenommen und zu einer Geheimdienststelle in C._______ gebracht worden. Ihm sei vorgeworfen worden, er habe seinen Cousin in den Sudan mitnehmen wollen. Er sei deswegen verhört und ge- schlagen worden, bevor man ihn achtzehn Tage in D._______ festgehalten und anschliessend in die militärische Grundausbildung nach E._______ geschickt habe. Nach einem Monat und drei W ochen sei ihm die Flucht gelungen. Weil er seine Familie nicht habe gefährden wollen, sei er nach einiger Zeit erneut in Richtung C._______ aufgebrochen. Dabei sei er von derjenigen Person, welche ihn bereits im Rahmen seiner ersten Inhaftie- rung festgenommen habe, wiedererkannt worden. Da er mit anderen Per- sonen unterwegs gewesen sei, habe man ihm wieder vorgeworfen, als Schlepper tätig zu sein. Nach einer eintägigen Festhaltung beziehungs- weise einer Nacht in C._______ sowie einer Woche in F._______ sei er drei Monate im Gefängnis beziehungsweise der Polizeidienststell e von G._______ gewesen. Im Oktober 2007 sei er z u einer fünfjährigen Haft- strafe verurteilt und nach H._______ gebracht worden, von wo aus er mit weiteren Personen nach ungefähr zweieinhalb beziehungsweise drei Jah- ren und einigen Monaten habe fliehen können. Er habe sich daraufhin ver- steckt aufgehalten, da man ihn im Dorf gesucht habe. Schliesslich sei er mit seinem Bruder illegal in den Sudan ausgereist. E-6340/2016 Seite 3 Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer Kopien der Identitätskarten seiner Eltern, Kopien von sogenannten Residence-Cards (Einwohnerbe- stätigungskarten) sowie eine Kopie eines Schulzeugnisses zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 9. September 2016 stellte das SEM fest, der Beschwer- deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an. C. Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerd eführer am 14. Oktober 2016 durch seinen Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwaltungs- gericht und beantragte in materieller Hinsicht, die Verfügung der Vorinstanz sei vollumfänglich aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzu- stellen und es s ei ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, um Verzicht auf die Erhebung eines Kos- tenvorschusses sowie um Beiordnung des Unterzeichnenden als unent- geltlicher Rechtsbeistand. D. Mit Zwischenverfügung vom 26. Oktober 2016 hielt die Instruktionsrichterin fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. E. Mit Schreiben vom 18. November hielt das SEM – unter zusätzlichen An- merkungen – an seinen Erwägungen vollumfänglich fest. F. Mit Verfügung vom 23. November 2016 bot das Gericht dem Beschwerde- führer Gelegenheit, sich zur Vernehmlassung des SEM vom 18. November 2016 zu äussern. G. Mit Eingabe vom 8. Dezember 2016 reichte der Beschwerdeführ er eine entsprechende Replik sowie ein Schulzeugnis (im Original, inkl. Couvert) zu den Akten. E-6340/2016 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsg erichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die E inhaltung E-6340/2016 Seite 5 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein V erhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im S inne von Art. 54 AsylG gel- tend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Perso nen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 4. 4.1 Das SEM begründet seine Verfügung im Wesentlichen damit, dass be- reits Zweifel an der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Biographie bestünden. So habe er einerseits unterschiedliche Angaben zu seinem Bruder im Sudan gemacht, andererseits würden seine Angaben auch nicht mit den eingereichten Residence -Cards übereinstimmen. Gemäss dieser Einwohnerbestätigungskarte sei sein Bruder im Jahre (…) geboren und da- mit zum Zeitpunkt der Befragung bereits (…) und nicht, wie vom Beschwer- deführer vorgebracht, (…) alt gewesen. Auch bei den anderen Geschwis- tern würden beträchtliche Unterschiede zwischen seinen Ausführungen und den Angaben auf der Karte bestehen. Ein Bruder werde auf der Karte nicht erwähnt, dafür sei ein anderer Name aufgeführt, welcher vom Be- schwerdeführer nicht genannt worden sei. Diese Zweifel würden durch seine widersprüchlichen Aussagen zu seiner Schulbildung bestätigt. Über den Zeitpunkt, wann er die Schule abgebrochen habe und zwangsrekrutiert worden sei, habe er unterschiedliche Angaben gemacht. Ferner würden auch seine zeitlichen Angaben nicht aufgehen. Wenn er die Schule tat- sächlich erst mit (…) Jahren begonnen und für (…) Jahre besucht habe, sei es nicht möglich, dass er diese bereits im Jahre (…) beendet habe. Die E-6340/2016 Seite 6 Schule müsste er dann mit ungefähr (…)Jahren begonnen haben. Die Al- tersdiskrepanzen seien nicht erklärbar. Durch diese Widersprüche sei seine persönliche Glaubwürdigkeit in Frage gestellt. Entsprechend seien auch seine Asylvorbringen widersprüchlich ausgefallen. So habe er sich widersprüchlich dazu geäussert, ob er zum Zeitpunkt sei- ner Verhaftung im (…) 2007 noch Schüler gewesen sei und ob er sich be- reits in C._______ aufgehalten habe (oder erst auf dem Weg dorthin ge- wesen sei). Weiter habe er auch seinen Cousin, welcher angeblich mit ihm verhaftet worden sei, sowie den Gefängnisaufenthalt in G._______ erst an- lässlich der Anhörung erwähnt. Dasselbe gelte für den Vorwurf des Schlep- pertums. Ausserdem habe er unterschiedliche Angaben gemacht, was ihm im Rahmen dieser Anschuldigung genau vorgeworfen worden sei. Bezüg- lich der geltend gemachten Flucht aus der Haft habe er anlässlich der BzP noch angegeben, er sei mit vier anderen Personen geflohen. Im Rahmen der Anhörung habe er jedoch zu Protokoll gegeben, es habe ihn lediglich ein Mann namens I._______ begleitet. Unterschiedliche Angaben habe er im Übrigen auch bezüglich der Anzahl Personen gemacht, welche mit ihm im (…) 2007 verhaftet worden seien. Dies erstaune, zumal er diese Perso- nen anlässlich der ergänzenden Anhörungen namentlich genannt und an- gegeben habe, diese sehr gut zu kennen. Schliesslich habe er sich auch hinsichtlich seiner zweiten V erhaftung widersprochen. Die Widersprüche habe er – trotz der geltend gemachten sprachlichen Schwierigkeiten – nicht aufklären können, zumal er an der BzP angegeben habe, den Dolmetscher gut zu verstehen und in der Lage zu sein, eine Anhörung in Tigre oder Tigri- nya durchzuführen. Es sei weiter erstaunlich, dass die Ausführungen zu seinem angeblich mehr als (…) Jahre dauernden Gefängnisaufenthalt äus- serst oberflächlich und gehaltlos ausgefallen seien. Anzeichen, die auf per- sönliches Erleben dieser Haftstrafe hindeuten würden, seien vergebens zu suchen. Es sei ihm auch nicht gelungen, die geltend gemachten Verhör e nur annähernd glaubhaft zu machen und zudem würde die Beschreibung der Umstände seiner zweiten Festnahme jeglicher Substanz entbehren. Seinen Schilderungen zum Aufenthalt in E._______ würden überdies per- sönliche Aspekte fehlen. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass er Kenntnisse von den beschriebenen Gegenden, Verhältnissen und Situati- onen habe. Es sei ihm aber nicht gelungen, glaubhaft zu machen, dass er in der von ihm beschriebenen Weise davon Kenntnis erlangt habe. Insge- samt seien seine Vorbringen nicht überzeugend, da sie als Ganzes nicht stimmig seien. E-6340/2016 Seite 7 4.2 Schliesslich müsse – aufgrund der widersprüchlichen Aussagen des Beschwerdeführers – auch an seiner illegalen Ausreise gezweifelt werden. Seine diesbezüglichen Vorbringen seien aber ohnehin asylrechtlich unbe- achtlich, da er gemäss den vorliegenden Akten weder den Nationaldienst verweigert noch aus diesem desertiert sei beziehungsweise seine diesbe- züglichen Ausführungen nicht glaubhaft seien. Damit habe er nicht gegen die Proclamation on National Sevi ce von 1995 verstossen und es seien den Akten auch sonst keine Hinweise zu entnehmen, wonach er bei einer Rückkehr nach Eritrea ernsthafte Nachteile zu befürchten habe. 4.3 Der Beschwerdeführer bringt dagegen im Wesentlichen vor, es gebe in Eritrea für (…) keine Taufscheine oder ähnliches, welche das Geburtsda- tum festhalten würden. Es sei deshalb verständlich, dass er die genauen Geburtsdaten und damit auch das Alter seiner Geschwister nicht genau benennen könne. Er habe mit dem Dolmetscher der ersten Anhörung Ver- ständigungsprobleme gehabt, beherrsche Tigrinya nicht gut und habe als ethnischer Bilen auch kein Vertrauen zum Tigrinyavolk. Zwar habe er an- gegeben, dass er den Dolmetscher gut verstehe und dass er die Befragung auch in Tigrinya durchführen könne, die se Aussagen habe er aber ge- macht, bevor er erstmals in einer Anhörungssituation gewesen sei. Die Vorinstanz schenke den sprachlichen Problemen somit zu Unrecht keiner- lei Beachtung. Er könne den wesentlichen Teil seiner schulischen Biogra- phie übereinstimmend schildern, hinsichtlich der verbleibenden Ungereimt- heiten sei auf die Verständigungsprobleme verwiesen. Dasselbe gelte für die Frage, ob er zum Zeitpunkt der ersten Verhaftung noch Schüler gewe- sen sei. Bezüglich seines Alters sei festzuhalten, dass er d ieses selber nicht genau kenne. Fakt sei, dass er erst später eingeschult worden sei. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz seien seinen Ausführungen hinsicht- lich der ersten Verhaftung nicht widersprüchlich ausgefallen. Sodann schil- dere er in beiden Anhörungen seine Flucht vor den Soldaten des Kontroll- postens, die Suche nach seinem Cousin und die anschliessende Verhaf- tung übereinstimmend und substantiiert. Der Umstand, dass er seinen Cousin und den Vorwurf, als Schlepper tätig gewesen zu sein, erst anläss- lich der Anhörungen erwähnt habe, sei auf die summarische Natur der BzP zurückzuführen. Ebenfalls könne ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass er in beiden Anhörungen nicht exakt die gleichen Worte und dieselben Formulierungen benutzt habe. Er sei im Dezember 2010 nur mit I._______ aus der Haft geflohen. Auch dieser Widerspruch sei auf die Verständi- gungsschwierigkeiten mit dem Dolmetscher zurückzuführen. Die Vo- rinstanz lege den Fokus auf Details, die nicht von Relevanz seien. E-6340/2016 Seite 8 Seine Ausführungen zu den Umständen seiner Haft seien keinesfalls ober- flächlich ausgefallen. Als Realkennzeichen zu werten seien seine Ausfüh- rungen zum Grenzk onflikt zwischen Eritrea und Dschibuti. Es sei zudem schwierig, die Unterschiede zwischen den Verhören nach so einer langen Zeit genau benennen zu können. Seine Ausführungen zu der Grundausbil- dung in E._______ würden – entgegen der Auffassung der Vorinstanz – durchaus auf persönlich Erlebtes schliessen lassen. Das SEM habe dieje- nigen Schilderungen, die sich als roter Faden durch alle drei Befragungen ziehen würden, sowie die Komplexität des Sachverhalts, die seither ver- strichene Zeit, seinen schlechten Bildungsgrad sowie die sprachlichen Schwierigkeiten zu wenig berücksichtigt. Die geltend gemachten Vorbrin- gen würden den Anforderungen an die Glaubhaftigkeitsprüfung genügen und es würden weder eindeutige Beweise noch einschlägige Indizien vor- liegen, dass er seinen Militärdienst mit Zustimmung der Militärbehörde be- endet habe. 4.4 Der Praxisänderung betreffend illegale Ausreise könne schon deshalb nicht gefolgt werden, weil keine neuen Herkunftsländerinformationen vor- liegen würden. Das SEM habe die geltenden COI -Standards nicht einge- halten und stütze sich auf eine äusserst dünne und fragwürdige Quellen- lage. Es müsse davon ausgegangen werden, dass illegal ausgereiste Per- sonen vom Regime weiterhin als Regimegegner betrachtet und bei einer Rückkehr Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden. 4.5 In ihrer Vernehmlassung vom 18. November 2016 hält die Vorinsta nz fest, dem Beschwerdeführer hätte spätestens nach der Rückübersetzung auffallen müssen, dass der Name des im Sudan lebenden Bruders nicht stimme. Dass er und seine Geschwister über keine Geburtsurkunden ver- fügen würden, vermöge höchstens zu erklären, wes halb er die genauen Geburtsdaten nicht kenne. Der Beschwerdeführer habe – entgegen der Auffassung in der Rechtsmitteleingabe – den wesentlichen Teil seiner schulischen Biographie eben gerade nicht übereinstimmend und kohärent schildern können. Was die diesbezüglich geltend gemachten Sprachprob- leme betreffe, so zeige bereits die Antwort auf die erste Frage, dass er diese verstanden habe. Es sei weiter nicht auf den summarischen Charak- ter der BzP zurückzuführen, dass er den Vorwurf der Schleppertätigkeit erst anlässlich der Anhörung erwähnt habe. Hinsichtlich der ersten Verhaf- tung beziehungsweise des Vorwurfs der Schleppertätigkeit ignoriere er zu- dem die Argumentationsweise des SEM. E-6340/2016 Seite 9 4.6 In der Replik vom 8. Dezember 2016 hält der Beschwerdeführer daran fest, dass ihm der Fehler hinsichtlich des Namens des im Sudan lebenden Bruders auch bei der Rückübersetzung nicht aufgefallen sei. Es spiele für seine asyl- und flüchtlingsrechtlichen Vorbringen aber keine Rolle, welcher Bruder heute im Sudan lebe. Das eingereichte Schulzeugnis bestätige seine schulischen Eckdaten. 5. 5.1 Vorab ist festzuhalten, dass aufgrund der widersprüchlichen Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem familiären Verhältnissen (Alter, Namen und Aufenthaltsort seiner Geschwister) und zu seiner Biographie Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Person bestehen. Es mag zwar vorkommen, dass im Rahmen einer Befragung ein Name verwechselt wird, spätestens bei der Rückübersetzung sollte dies jedoch auffallen . Weiter stimmt, wie die Vorinstanz zutreffend feststellte, die eingereichte Residence-Card nicht mit den Ausführungen des Beschwerdeführers zu seinen Geschwistern überein. 5.2 Vor dem Hintergrund der von der vormaligen Schweizerischen Asylre- kurskommission (ARK) begründeten und vom Bundesverwaltungsgericht weitergeführten Rechtsprechung (Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 2006 Nr. 3) ist festzustellen, dass Dienstverweigerung und Desertion in Eritrea unverhältnismässig streng bestraft werden. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweigerung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in einem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven Dienst stand und desertierte. Da - rüber hinaus ist jegli cher Kontakt zu den Behörden relevant, aus dem er- kennbar wird, dass die betroffene Person rekrutiert werden sollte (z.B. Er- halt eines Marschbefehls). In diesen Fällen droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung unter unmensc hlichen Bedin- gungen und Folter, wobei Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vorge- setzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst. Demzufolge sind Perso- nen, die begründete Furcht haben, einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinne von Art. 1A Abs. 2 FK und Art. 3 Abs. 1-3 AsylG anzuerkennen. Bei Personen, die erst nach Leistung ihrer Dienstpflicht ausgereist sind – insbesondere verheiratete Frauen und Personen, die Eritrea erst mit Mitte 20 oder älter verlassen haben –, ist im Falle der Rückkehr nicht von einer E-6340/2016 Seite 10 konkreten Gefahr des erneuten Einzugs in den Nationaldienst oder der Be- strafung wegen Missachtung einer Dienstpflicht auszugehen (vgl. Urteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 12 i.V.m. E. 13.3 [als Referenzurteil publiziert]). 5.3 Wie sich nach Durchsicht der Akten erschliesst, ist es dem Beschwer- deführer nicht gelungen, eine asylrechtlich relevante Gefährdung im Zeit- punkt seiner Ausreise aus Eritrea aufzuzeigen. Betreffend die geltend gemachten Verständigungsschwierigkeiten mit dem Dolmetscher ist vorweg festzuhalten, dass der Beschwerdeführer das Pro- tokoll der BzP nicht nur unterzeichnet hat, sondern auf die Frage zu Beginn und am Ende der Befragung auch angab, den Dolmetscher gut zu verste- hen. Auch die Lektüre des Protokolls erweckt nicht den Eindruck, der Be- schwerdeführer und der Dolmetscher hätten sich nicht richtig verstanden. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Erklärungen für die widersprüchli- chen Angaben als blosse Schutzbehauptungen. 5.4 Mit Blick auf die Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen fällt zunächst auf, dass der im Jahr (…) beziehungsweise (…) (gemäss Residence-Card) ge- borene Beschwerdeführer im Jahr (…) die sechste Klasse abgebrochen habe und im (…) 2007 zwangsrekrutiert und nach E._______ gebracht worden sei. Gemäss den vom Gericht konsultierten Quellen werden Kinder in Eritrea im Alter zwischen sechs und sieben Jahren schulpflichtig und sind in der zwölften Klasse zwischen dem späten Teenageralter und Anfang zwanzig (vgl. United Kingdom Home Office, Report of a Home Office Fact- Finding Mission, Eritrea: Illegal Exit and National Service, Conducted 7-20 February 2016, Rz. 9.9.1; Amnesty International [AI], Just Deserters: Why Indefinite National Service in Eritrea Has Created a Generation of Refu- gees, Dezember 2015, S. 19; United Nations Human Rights Council [HRC], Report of the Detailed Findings of the Commission of Inquiry on Human Rights in Eritrea [A/HRC/29/CRP .1], 5. Juni 2015, S. 61). Demzufolge wirft bereits seine Behauptung, er habe die Schule erst mit ungefähr (…) bezie- hungsweise (…) Jahren begonnen, Fragen auf, zumal die eritreische Re- gierung bereits zum Zeitpunkt, als der Beschwerdeführer die Schule be- sucht haben will, Schüler im militärdienstpflichten Alter von den Schulen zu holen pflegte (Human Rights Watch (HRW), Service for Life - State Repres- sion and Indefinite Conscription in Eritrea, 16. April 2009 , http://www.hrw.org/reports/2009/04/16/service-life-0, zuletzt aufgerufen am 10.04.2018). Die Erklärung in der Rechtsmitteleingabe, er sei sich be-E-6340/2016 Seite 11 züglich seines Alters nicht sicher, vermag nicht zu überzeugen. Es ist da- von auszugehen, dass der Beschwerdeführer, welcher immerhin (…) Jahre die Schule besucht habe, sein damaliges Alter einzuschätzen vermag (zu- mal er anlässlich der BzP auch das genaue Alter seiner Geschwister an- gab). Hinzu kommt, dass es ihm offenbar möglich war, entsprechende Do- kumente zu beschaffen, und demzufolge auch genaue Angaben zu seinem Alter, beispielweise bei Schulbeginn, möglich gewesen wären (vgl. die ein- gereichten Einwohnerbestätigungskarten, welche ansc heinend die Ge- burtsdaten aller Familienmitglieder enthalten). Ferner ist dem SEM zuzustimmen, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, seine Asylvorbringen glaubhaft zu machen. Insbesondere die Schilderungen zu den Umständen seiner ersten und zweiten Inhaftierung sowie zu seiner angeblichen Flucht aus dem Gefängnis im Jahr 2010 ver- mögen nicht zu überzeugen. So gab er anlässlich der BzP an, er sei zum Zeitpunkt seiner Zwangsrekrutierung noch (beziehungsweise wieder) Schüler gewesen (vgl. Akten des Asylverfahrens, A4/11, S. 7). Bei der An- hörung erwähnte er dies hingegen nicht mehr. Anlässlich der BzP gab er sodann zu Protokoll, er habe sich in C._______ aufgehalten, als er zwangsrekrutiert worden sei. Später führte er aus, er sei auf dem Weg nach C._______ gewesen und habe vor den Soldaten flüchten müssen (vgl. Ak- ten des Asylverfahrens, A4/11, S. 7 und A17/15, F 24). Dass er dabei mit seinem Cousin unterwegs gewesen und ihm bereits nach seiner ersten Festnahme eine Schleppertätigkeit vorgeworfen worden sei, erwähnte er anlässlich der BzP mit keinem Wort. Dies erstaunt, zumal der Beschwer- deführer – anstatt sich vor den Soldaten zu verstecken – nach seinem Cousin gesucht habe (vgl. Akten des Asylverfahrens, A17/15, F 24) und ihn der Vorwurf der Schleppertä tigkeit angeblich stark beschäftigt habe (vgl. Akten des Asylverfahrens, A17/15, F 51). Unter diesen Umständen ist da- von auszugehen, dass er diese für ihn doch sehr wesentlichen Elemente, hätten sie sich tatsächlich wie geschildert abgespielt, bereits anlässlich der BzP vorgebracht hätte. Ferner machte der Beschwerdeführer im Rahmen der Anhörungen unterschiedliche Angaben dazu, w as ihm genau vorge- worfen worden sei. Im Rahmen der ersten Anhörung gab er zu Protokoll, man habe ihm vorgeworfen, den (…) Jungen (seinen Cousin) in den Sudan mitnehmen zu wollen. Anlässlich der ergänzenden Anhörung gab er hinge- gen an, es sei ihm vorgeworfen worden, „Leuten“ bei der Flucht geholfen zu haben (vgl. Akten des Asylverfahrens, A17/15, F 24 und A21/15, F 56). Auch bezüglich seiner zweiten Festnahme machte er sodann widersprüch- liche Angaben. So gab er anlässlich der BzP an, er sei mit (…) Personen unterwegs gewesen und von Einheitsmitgliedern aufgegriffen worden. E-6340/2016 Seite 12 Dann sei er von derjenigen Person erkannt worden, welche ihn bereits frü- her einmal verhaftet habe (vgl. Akten des Asylverfahrens, A4/11, S. 8). Im Rahmen der ergänzenden Anhörung führte er hingegen aus, sie seien zu (…) gewesen und die Person, welche ihn bereits von der ersten Verhaftung gekannt habe, habe ihn im Fahrzeug entdeckt (vgl. Akten des Asylverfah- rens, A21/15, F 48, 69). Schliesslich machte er auch unterschiedliche An- gaben zum Ablauf des angeblichen Verhörs durch diese Person (mit Spitz- namen J._______). Einerseits gab er an, dieser J._______ habe gewusst, dass er ihn damals nach E._______ geschickt habe und er aus dem Dienst geflohen sei, andererseits will der Beschwerdeführer dies selber gesagt haben (vgl. Akten des Asylverfahrens, A17/15, F 26 und A21/15, F 67). Im Übrigen ist bezüglich seiner angeblichen Flucht aus dem Gefängnis im (…) 2010 festzuhalten, dass der Beschwerdeführer während der BzP noch gel- tend machte, er sei mit (…) anderen Personen aus der Haft geflohen (vgl. Akten des Asylverfahrens, A4/11, S. 7), anlässlich der Anhörung jedoch an- gab, mit nur einem Mann namens I._______ geflohen zu sein (vgl. Akten des Asylverfahrens, A17/15, F 26, 54, 66; A21/15, F 84). Schliesslich fielen auch seine Schilderu ngen, wie er die angeblich mehrjährige Haft erlebt habe, mehrheitlich oberflächlich aus und erwecken nicht den Eindruck von persönlich Erlebtem (vgl. beispielhaft Akten des Asylverfahrens, A17/15, F 46, 48 f.). 5.5 Zusammenfassend kann angesichts der grossen Anzahl an Widersprü- chen und Ungereimtheiten nicht davon ausgegangen werden, dass der Be- schwerdeführer wahrheitsgemässe Angaben zu seiner Biografie respektive zu den Jahren vor seiner Ausreise gemacht hat. Weder vermochte er glaubhaft zu machen, dass er zwangsrekrutiert wurde noch dass er deser- tiert und im Rahmen eines Fluchtversuchs erneut und für längere Zeit in- haftiert wurde. Daran vermögen nach dem Gesagten auch die Vorbringen auf Beschwerdeebene nichts zu ändern. Die geltend gemachten Asyl- gründe sind nic ht geeignet, eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG beziehungsweise eine begründete Furcht vor einer solchen Verfolgung glaubhaft zu machen. 5.6 In Bezug auf die geltend gemachte illegale Ausreise aus Eritrea lässt sich festhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht seine bisherige Erit- rea-Praxis aktualisiert hat. Im Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil publiziert) hat es unter Bezugnahme auf die konsultierten Quellen festgestellt, dass die bisherige Praxi s, wonach eine illegale Aus- reise per se zur Flüchtlingseigenschaft führe, nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Aus der im Urteil vorgenommenen Analyse ergebe sich, E-6340/2016 Seite 13 dass zahlreiche Personen, welche illegal aus Eritrea ausgereist seien, re- lativ probleml os in ihre Heimat hätten zurückkehren können. Daher sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asy lrele- vante Verfolgung drohe. Eine geltend gemachte Furcht vo r ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG erscheine allein aufgrund einer ille- galen Ausreise nicht mehr als objektiv begründet . Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den National- dienst eingezogen werde, da e s sich dabei nicht um eine Massnahme handle, die aus asylrechtlich relevanten Motiven erfolge; ob eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von Art. 3 EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Ein erhebli- ches Risiko einer Bestrafung bei einer Rückkehr gestützt auf asylrelevante Motive sei nur dann anzunehmen, wenn neben der illegalen Ausreise wei- tere Faktoren zu bejahen seien, welche die asy lsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen würden (vgl. a.a.O. E. 5.1). In Anbetracht der geänderten Rechtsprechung kann die Frage nach der Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise des Beschwerdeführers v orliegend offen gelassen werden, da in seinem Fall zusätzliche Faktoren, welche sein Profil schärfen könnten, zu verneinen sind. Wie ausgeführt, ist nicht glaub- haft, dass er vor seiner Ausreise zwangsrekrutiert wurde, anschliessend desertierte und schliess lich inhaftiert wurde. Andere Anknüpfungspunkte, welche ihn in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, sind nicht ersichtlich. Die Furcht vor einer zu- künftigen flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung wegen il legaler Aus- reise erweist sich daher als unbegründet. 5.7 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Recht so- wohl die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint als auch sein Asylgesuch abgelehnt hat. 6. 6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). E-6340/2016 Seite 14 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die We gweisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.2 Der Vollzug der Wegweisung ist nach Art. 83 Abs. 3 AuG unzulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den H eimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem si e Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erheb- liche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann d er in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Die Zulässigkeit des Vollzuges beur- teilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs - und völkerrechtli- chen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) müsste der Besch werdeführer eine konkrete Gefahr („real risk“) nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde. E-6340/2016 Seite 15 7.2.1 Im Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 befasste sich das Bundesverwaltungsgericht eingehend mit der Frage, ob im Zusam- menhang mit dem eritreischen Nationaldienst eine Verletzung von Art. 3 EMRK drohe. Bei der Beantwortung der Frage, ob abgewiesenen eritrei- schen Asylsuchenden, die in ihren Heimatstaat zurückkehren, grundsätz- lich eine Einziehung in den Nationaldienst drohen würde, gelte es zwischen verschiedenen Personengruppen zu unterscheiden. Namentlich bei Perso- nen, die noch keinen Dienst geleistet hätten, ohne davon befreit worden zu sein, – insbesondere solchen, die vor Vollendung des 18. Altersjahres aus- gereist seien – sei davon auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr einge- zogen würden. Dabei könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass sie vorgängig mit Haft dafür bestraft würden, dass sie sich nicht für den Dienst bereitgehalten hätten. Allerdings sei wohl nicht von einer systematischen Inhaftierung aller Rückkehrenden auszugehen, wobei auch darauf hinzu- weisen sei, dass Rückkehrende ihr Verhältnis zum eritreischen Staat oft durch die Bezahlung der 2%-Steuer und die Unterzeichnung eines Reue- briefes geregelt hätten. Die Frage, ob der genannten Personengruppe an- gesichts der eventuell drohenden Haft und des Einzugs in den National- dienst die Gefahr einer unmenschlichen Behandlung nach Art. 3 EMRK oder eine Verletzung des Verbots de r Zwangsarbeit im Sinne von Art. 4 Abs. 2 EMRK drohe, wurde im konkreten Fall jedoch offen gelassen (vgl. Referenzurteil D-2311/2016 E. 13.2). Demgegenüber bestehe bei Personen, welche die Dienstpflicht bereits er- füllt hätten, keine ernsthafte Gefahr, bei einer Rückkehr wieder in den Na- tionaldienst eingezogen zu werden. Ferner gebe es auch andere Gründe, aufgrund welcher nicht davon auszugehen sei, dass bei einer Rückkehr der Einzug in den Nationaldienst drohe, zumal gewisse Personengruppen existieren würden, die vom Nationaldienst befreit werden könnten. Diesbe- züglich müssten sich allerdings konkrete Hinweise ergeben. Weiter könn- ten darunter auch Personen fallen, die sich bereits seit mehr als drei Jahren im Ausland aufhalten würden und bei denen davon auszugehen sei, dass sie ihre Situation mit dem Heimatstaat durch die Bezahlung der 2%-Steuer und die Unterzeichnung eines Reuebriefes geregelt hätten (sog. Diaspora- Status), weshalb ihnen in absehbarer Zeit ebenfalls kein Einzug drohe (vgl. ebd. E. 13.3 f.). 7.2.2 Wie bereits ausgeführt wurde, sind sowohl die geltend gemachte Zwangsrekrutierung, als auch die Desertion, die Inhaftierungen und die Flucht aus dem Gefängnis unglaubhaft . Aufgrund seiner unglaubhaften E-6340/2016 Seite 16 Ausführungen bleibt aber unklar, ob der Beschwerdef ührer den National- dienst bereits absolviert hat und aus diesem entlassen wurde, womit er in jene Personenkategorie fiele, die nach Erfüllung ihrer Dienstpflicht ausge- reist ist und daher in diesem Zusammenhang bei einer Rückkehr wohl keine Strafe zu gewärtigen hätte. Es ist den Asylbehörden vorliegend nicht möglich, sich in voller Kenntnis von den tatsächlichen persönlichen Ver- hältnissen des Beschwerdeführers zur Zulässigkeit des Vollzugs der Weg- weisung zu äussern, weil dieser unglaubhafte Angaben zu r angeblichen Zwangsrekrutierung sowie zu seinen Lebensumständen in den Jahren vor seiner Ausreise gemacht hat. Er hat indes die Folgen seiner mangelhaften Mitwirkung zu tragen, weshalb – unter Berücksichtigung des von ihm an- gegebenen Alters bei der Ausreise sowie mangels gegenteiliger Anhalts- punkte – davon auszugehen ist, er habe seine Dienstpflicht im Rahmen des eritreischen Nationaldienstes bereits erfüllt und sei erst danach aus Eritrea ausgereist. Sodann hält sich der Beschwerdeführer auch seit mehr als drei J ahren im Ausland auf und würde, sofern er seine Situation mit Eritrea regelt, die Voraussetzungen für den Erhalt des Diaspora-Status er- füllen. Es ist jedenfalls nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass dem Beschwerdeführer bei eine r Rückkehr in seinen Heimatstaat eine (erneute) Einziehung in den Nationaldienst droht (vgl. ähnlich begründete Urteile des BVGer D-4472/2017 vom 26. März 2018 E. 7.5; D-1888/2017 vom 7. Dezember 2017 E. 7.3.3; D -2784/2016 vom 30. November 2017 E. 5.2.3). 7.2.3 Offenbleiben kann somit die Frage, ob der Nationaldienst in Eritrea gegen Art. 3 EMRK oder gegen das Verbot der Zwangsarbeit nach Art. 4 Abs. 2 EMRK verstösst. Sodann ergeben sich aus den Akten auch keine anderen Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand- lung ausgesetzt wäre. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung ist somit sowohl nach den asyl- als auch den völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. E-6340/2016 Seite 17 7.3.1 Zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Eritrea hat das Bundesverwaltungsgericht kürzlich eine aktualisierte Lageanalyse vorgenommen (ebenfalls Referenzurteil D-2311/2016 E. 16 f.). Zusammen- fassend gelangte das Gericht dabei zum Schluss, dass in Eritrea weiterhin nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs ausgegangen werden könne. Aus den im Gesetz genannten Gefähr- dungssituationen ergebe sich, dass nicht beliebige Nachteile oder Schwie- rigkeiten die Annahme einer konkreten Ge fährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG rechtfertigen würden, sondern ausschliesslich Gefahren für Leib und Le ben. Eine konkrete Gefährdung liege folglich im Allgemeinen nicht schon deshalb vor, weil die wirtschaftliche Situation und damit die all- gemeinen Lebensbedingungen im Heimat staat schwierig seien und dort beispielsweise Wohnungsnot oder hohe Arbeitslosigkeit herrsche. Die Le- bensbedingungen in Eritrea hätten sich in den vergangenen Jahren in ei- nigen Bereichen verbessert. Zwar sei die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig. Die medizinische Grundver sorgung, die Ernährungssituation, der Zugang zu Wasser un d zur Bildung hätten sich aber stabilisiert. Der Krieg sei seit vielen Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte seien nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen seien auch die umfang- reichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Bevöl- kerung profitiere. Vor diesem Hintergrund seien die erhöhten Anforderun- gen an den Wegweisungsvollzug gemäss bisheriger Praxis nicht mehr ge- rechtfertigt. Auch die Situation in Bezug auf die anhaltende Überwachung der Bevölkerung vermöge nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs zu führen. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes müsse jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorlägen. Die Zumut- barkeit des Wegweisungsvollzugs bleibe im Einzelfall zu prüfen. 7.3.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen heute über (…) Mann, der an keinen aktenkundigen gesundheitlichen Problemen leidet. Er hat mindestens (…) Jahre die Schule besucht und im (…) Bereich gearbei- tet. Seine Eltern sowie zahlreiche Geschwister leben noch immer in Eritrea. Er verfügt somit in der Heimat über ein familiäres Beziehungsnetz, welches ihn bei einer Wiedereingliederung unterstützen kann. Aus den Akten sind keine konkreten Gründe oder besonderen Umstände ersichtlich, aufgrund derer von einer Existenzbedrohung des Beschwerdeführers ausgegangen werden müsste. Somit erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar. E-6340/2016 Seite 18 7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 13 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2 ]). Mit Zwischenverfügung vom 26. Oktober 2016 wurden indes die Gesuche um unentgeltliche Rechts- pflege sowie um unentgeltliche Rechtsverbeiständung gutgeheissen. Dem Beschwerdeführer sind dementsprechend keine Verfa hrenskosten aufzu- erlegen und dem amtlich bestellten Rechtsbeistand ist zulasten der Ge- richtskasse ein Honorar für seine Bemühungen auszurichten. 9.2 Der amtliche Rechtsbeistand hat keine Kostennote eingereicht. Auf entsprechende Nachforderung kann verzichtet werden, da sich die Vertre- tungskosten aufgrund der Akten abschätzen lassen (Art. 14 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Dem amtli- chen Beistand ist durch das Bundesverwaltungsgericht ein amtliches Ho- norar gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) in der Höhe von Fr. 1‘000. – (inkl. Auslagen und Mehr- wertsteuerzuschlag) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-6340/2016 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird durch das Bundesverwaltungsgericht eine Entschädigung von Fr. 1‘000.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Blanka Fankhauser Versand: