Gutachten VPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 1 2007.1 (S. 1–8) Die Informationspflicht des Bundesrates bei Abstimmungsvorlagen Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartement EJPD, Bundesamt für Justiz, Hauptabteilung Staats- und Ve rwaltungsrecht, Abteilung für Rechtsetzungsprojekte und –methodik, Bern EJPD, Bundesamt für Justiz (Gutachten vom 4. Dezember 2006) Stichwörter: Volksabstimmungen. Rolle des Bundesrates. Vertretung der Bundesversammlung durch den Bundesrat vor Volksabstimmungen. Abstimmungsempfehlung. Mots clés: Votations populaire. Rôle du Conseil fédéral. Représentation de l’Assemblée fédérale par le Conseil fédéral avant une votation populaire. Recommandation de vote. Termini chiave: Votazioni popolari. Ruolo del Consiglio federale. Rappresentanza dell'Assemblea federale da parte del Consiglio federale prima delle votazioni popolari. Raccomandazione di voto. Regeste: Informationspflicht des Bundesrates bezüg lich Abstimmungsvorlagen (Ziff. 3). Der Bundes- rat darf in den Abstimmungserläuterungen auch da rlegen, welche Haltung er ursprünglich vertreten hat und welche Argumente dafür sprechen (Ziff. 3). Der Bundesrat darf eine Abstimmungsempfehlung abgeben. Diese darf aber nicht von derjenigen des Parlaments abweichen (Ziff. 5). Regeste: Devoir d’information du Conseil fédéral concernant les objets soumis au vote (ch. 3). Dans sa brochure explicative, le Conseil fédéral a aussi le droit d’exposer la position qu’il a initialement dé- fendue et les arguments qui la justifient (ch. 3). Le Conseil fédéral a le droit de donner une recom- mandation de vote. Cette dernière ne doit toutefois pas s’écarter de celle du Parlement (ch. 5). Regesti: Obbligo d'informazione del Consiglio federale riguardo ai testi in votazione (cifra 3). Nelle spiegazioni di voto, il Consiglio federale può illustrare anche la sua posizione iniziale e gli argomenti a favore di tale posizione (cifra 3). Il Consiglio federale può emanare una raccomandazione di voto. Questa non può tuttavia divergere da quelle del Parlamento (cifra 5). Rechtliche Grundlagen: Art. 174, 180 Abs. 2, 182 Abs. 2 BV (SR 101); Art. 10 RVOG (SR 172.010); Art. 10, 11 BPR (SR 161.1) Base juridique: Art. 174, 180 al. 2, 182 al. 2 Cst. (RS 101); art. 10 LOGA (RS 172.010); art. 10, 11 LDP (RS 161.1) Base giuridico: Art. 174, 180 cpv. 2, 182 cpv. 2 Cost. (RS 101); art.10 LOGA (RS 172.010); art. 10, 11 LDP (RS 161.1) Gutachten VPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 2 1. Ausgangslage und Fragestellung Die Staatspolitische Kommission des Nati onalrates (SPK-N) hat dem Nationalrat mit ihrem Bericht vom 15. September 2006 den Entwurf für eine Änderung des Bundes- gesetzes vom 17. Dezember 19 76 über die politischen Rech te (BPR, SR 161.1) un- terbreitet.1 Gemäss dem von der SPK-N vorgeschlagenen Art. 10a BPR sollen die Grundsätze über die Information des Bund esrates vor Volksabstimmungen, die be- reits heute in einem Leitbild enthalten sind 2, bundesgesetzlich verankert werden. Konkret soll der Bundesrat verpflichtet werden, umfassend über eidgenössische Ab- stimmungsvorlagen zu informieren. Zusätzlic h schlägt die SPK-N vor, dass der Bun- desrat dabei die Haltung der Bundesversammlung vertreten soll.3 Der Bundesrat hat am 8. November 2006 zum Bericht der SPK-N Stellung genom- men. Er führte dabei aus, dass er sich vorbehält, «eine von der Parlamentsmehrheit abweichende Abstimmungsempf ehlung abzugeben». Zwar werde er dies «im Inte- resse eines einheitlichen Auftretens von Pa rlament und Exekutive nicht inflationär tun». Indes sei er «als eigenständige Gewalt gehalten, dem Souverän seiner eigenen Verantwortung notfalls abweichend von legi slativen Mehrheitsentscheiden Ausdruck zu verleihen». 4 Mit Beschluss vom 16. November 2006 ersuchte die SPK-N die Bundeskanzlei als federführende Stelle für die Stellungnahme des Bundesrates zur erwähnten parla- mentarischen Initiative, beim Bundesamt für Justiz ein Gutachten einzuholen. Darin soll aus verfassungsrechtlicher Sicht di e Frage beurteilt werden, «ob der Bundesrat verpflichtet ist, die Vorlagen des Parlament es vor Volksabstimmungen zu vertreten […] oder ob er befugt ist, eine von der Parlamentsmehrheit abweichende Abstim- mungsempfehlung abzugeben.» Das Bundesamt für Justiz äussert sich dazu wie folgt: 2. Informationspflicht des Bundesrates im Allgemeinen Die Bundesverfassung erteilt dem Bundesra t den Auftrag, die Öffentlichkeit rechtzei- tig und umfassend über seine Tätigkeit zu informieren, soweit nicht überwiegende öffentliche oder private Interessen entgegenstehen (Art. 180 Abs. 2 BV). Die Informa- tion der Öffentlichkeit bildet ein wichtiges Element der Staatsleitung und ist zudem Voraussetzung für die Mitwirkung der Bü rgerinnen und Bürger an den Entschei- dungsprozessen. 5 1 BBl 2006 9259. 2 Leitbild der Konferenz der Informationsdienste (KID): Information und Kommunikation von Bun- desrat und Bundesverwaltung, Januar 2003. 3 Art. 10a Abs. 1 Entwurf BPR: Der Bundesrat in formiert die Stimmberechtigten umfassend über die eidgenössischen Abstimmungsvorlagen. Er vertritt dabei die Haltung der Bundesversamm- lung. 4 BBl 2006 9279, 9281. 5 René Rhinow, Gründzüge des Schweizerischen Verfassungsrechts, Basel 2003, Rz. 2266. Gutachten VPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 3 Die Informationspflicht des Bundesrates wird auf Gesetzesstufe in Art. 10 des Regie- rungs- und Verwaltungsorganisationsgesetzes vom 21. März 1997 (RVOG, SR 172.010) konkretisiert. Nach Art. 10 Abs. 2 RVOG hat der Bundesrat für eine einheit- liche, frühzeitige und kontinui erliche Information über se ine Lagebeurteilungen, Pla- nungen, Entscheide und Vorkehren zu sorgen. Gestützt auf den Bericht «Das Engagement von Bundesrat und Bundesverwaltung im Vorfeld von eidgen össischen Abstimmungen»6 wurden die Grundsätze der Infor- mation und Kommunikation im Vorfeld ei dgenössischer Abstimmungen (Kontinuität, Transparenz, Sachlichkeit und Verhältnismässigkeit) in einem Leitbild festgehalten. 7 3. Informationspflicht des Bundesr ates bezüglich Abstimmungsvorlagen Der verfassungsrechtliche Informationsau ftrag gemäss Art. 180 Ab s. 2 BV obliegt dem Bundesrat auch im Vorf eld von Abstimmungen. Die In formation hat laut Art. 10 Abs. 2 RVOG kontinuierlich, also auch vo r Abstimmungen, zu erfolgen. Dies ist un- bestritten. Art. 10 RVOG präzisiert jedoch nicht, worüber der Bundesrat vor Abstim- mungen zu informieren hat. Die Bundesverfassung bezeichnet den Bun desrat als die oberste leitende und voll- ziehende Behörde des Bundes (Art. 174 BV). Als oberste leitende Behör de nimmt der Bundesrat insb esondere folgende Aufgaben wahr 8: Er legt die Regierungspolitik fest und plant und koordiniert die staatlichen Tä- tigkeiten (Art. 180 Abs. 1 BV), informiert die Öffentlichkeit (Art. 180 Abs. 2 BV), nimmt sein Initiativrecht wahr (Art. 181 BV) , erarbeitet den Finanzplan (Art. 183 BV), be- sorgt die auswärtigen Angelegenheiten (Art. 184 BV), trifft Massnahmen zur Wah- rung der äusseren und inneren Sicherheit (Art. 185 BV) und beaufsichtigt die Bun- desverwaltung (Art. 187 Abs. 1 Bst. a BV). Als oberste vollziehende Behörde hat der Bundesrat insbesondere für den Vollzug der Beschlüsse 9 der obersten Gewalt im Bund, der Bundesvers ammlung, zu sorgen (Art. 182 Abs. 2 BV), dies unter Vorbehalt der Rechte von Volk und Ständen (Art. 148 Abs. 1 BV). Die verfassungsrechtlichen Aufträge, die Be schlüsse des Parlamentes zu vollziehen (Art. 182 Abs. 2 BV) und die Öffentlichkeit zu informieren (Art. 180 Abs. 2 BV), wer- 6 Arbeitsgruppe der Konferenz der Inform ationsdienste (AG KID), November 2001. 7 Leitbild der Konferenz der Informationsdienste (KID) (Anm. 2). 8 Vgl. hierzu auch Pierre Tschannen, Staatsrecht der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bern 2004, S. 472. 9 Unter «Beschlüsse der Bundesversammlung» sind hier nicht nur die Endbeschlüsse zu verste- hen, also Beschlüsse, die abschliessend sind und – unter Vorbehalt eines allfälligen Referen- dumsrechts – in Kraft treten können, sondern alle Beschlüsse der Bundesversammlung, die den Bundesrat zum Handeln verpflichten, z.B. auch Aufträge nach Art. 171 BV. Vgl. Thomas Säges- ser, St. Galler Kommentar zu Art. 182 Abs. 2 BV, Rz. 13. Gutachten VPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 4 den im Bundesgesetz über die politischen Rechte (BPR) konkretisiert. Der Bundesrat hat die Abstimmung anzuordne n (Art. 10 BPR) und die Sti mmberechtigten über die Abstimmungsvorlage zu informieren (Art. 11 Abs. 1 und 2 BPR). Nach der Volksab- stimmung hat der Bundesrat das Absti mmungsergebnis, das auch gegen den Be- schluss der Bundesversammlung ausfallen k ann, zu vollziehen, da die Verfassung die Rechte des Stimmvolkes und der Stände als oberste Gewalt im Bunde vorbehält (Art. 148 Abs. 1 BV). Das primäre Mittel, mit dem der Bundes rat über einen Abstimmungsgegenstand in- formiert, stellen die Abstimmungserläuterungen dar. Gemäss Art. 11 Abs. 2 BPR gibt der Bundesrat den Abstimmung svorlagen eine kurze, sachliche Erläuterung bei, die auch den Auffassungen wesentlicher Mind erheiten Rechnung trägt. Die Abstim- mungserläuterungen haben eine wichtige Funk tion als Entscheidgrundlage für die Stimmberechtigten. Mit Hilf e der Erläuterungen können di ese sich ein Bild darüber machen, worum es bei der Abstimmungsvo rlage geht und welches die wichtigsten Argumente sind, die für oder gegen die Annahme sprechen. Abstimmungserläute- rungen leisten somit einen wesentlichen Beitrag an eine hinreichende Information der Stimmberechtigten. Die Garantie der politischen Rechte schützt die freie Willensbildung der Stimmbürge- rinnen und Stimmbürger (Art. 34 Abs. 2 BV). Die herrschende Lehre sieht in der frei- en Willensbildung nicht nur ein Informati onsrecht der Stimmbürgerinnen und Stimm- bürger, sondern auch eine Informationspflicht der Behörden. 10 Auch das Bundesge- richt bejaht in seiner neuer en Rechtsprechung gestützt auf die Abstimmungsfreiheit eine Informationspflicht der Behörden vor Abstimmungen. 11 Mit einer sachlichen In- formation, die sich an die Grundsätze der Objektivität und der Verhältnismässigkeit hält, leistet der Bundesrat einen wesentlich en Beitrag, damit sich die Stimmberech- tigten im Vorfeld einer Abstimmung eine umfassende Meinung bilden können. Zu einer sachlichen Information gehört, da ss der Bundesrat auch darlegt, welches ursprünglich seine Überlegungen zu der Abstimmungsvorl age waren. Die Stimmbür- gerinnen und Stimmbürger mü ssen in die Lage versetzt werden, ihre politischen Rechte auf der Grundlage sämtlicher rele vanter Informationen über den Abstim- mungsgegenstand auszuüben. Dürfte der B undesrat nicht auch sein Wissen und seine Vorschläge in d en Abstimmungserläuterungen kundtun, wü rde den Stimmbe- rechtigten ein wesentlicher Teil der Inform ationen vorenthalten, was der freien Mei- nungs- und Willensbildung abträglich wäre. 12 Die Stimmberechtigten haben einen Anspruch darauf zu erfahren, wie ihre Regierung über eine Vorlage denkt und warum sie im Verlauf des Gesetzgebungsprozesses diese oder jene Haltung vertrat. 10 Statt vieler: Michel Besson, Behördliche Information vor Volksabstimmungen, Bern 2003, S. 175. Vgl. auch Botschaft vom 29. Juni 2005 über die Volksinitiative „Volkssouveränität statt Behörden- propaganda“, BBl 2005 4385. 11 Vgl. beispielsweise BGE 129 I 244, E. 4. 12 Besson (Anm. 10), S. 164, verlangt sogar, dass ge stützt auf die Abstimmungsfreiheit «die Öffent- lichkeit grundsätzlich Zugang zu allen Informationen der Verwaltung haben muss, die in genü- gend engem Konnex zur Abstimmungsvorlage stehen». Gutachten VPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 5 Der Bundesrat ist folglich verpflichtet, die Beschlüsse der Bundesversammlung im Vorfeld der Abstimmung zu vollziehen. Er muss eine hinreichende, den Bedürfnissen der Stimmbürgerinnen und St immbürgern entsprechende Info rmation sicherstellen. Ob er sich darüber hinaus aktiv für die Annahme der Beschlüsse der Bundesver- sammlung in der Volksabstimmung einsetzen mu ss, selbst wenn er mit diesen Be- schlüssen nicht einverstanden ist, kann hier offen bleiben. Die Pflicht, die Vorlagen des Parlamentes vor Volksabstimmungen zu vertreten, könnte zwar unter Umstän- den so verstanden werden. Zwingend erscheint dies dem Bundesamt für Justiz je- doch nicht. Man kann sehr wohl auch den Standpunkt einnehmen, der Bundesrat komme seinem Vollzugs- und seinem Informationsauftrag genügend nach, wenn er sicherstellt, dass die Sti mmbürgerinnen und Stimmbürger gestützt auf die erforderli- che sachliche Information über eine Vorlag e des Parlamentes befinden können. In diesem Sinne verlangt die Pflicht zur Vertretung der Bundesversammlung vor Volks- abstimmungen nach Ansicht des Bundesamtes für Justiz nicht unbedingt, dass der Bundesrat sich gegen seine politische Überzeugung für eine Vorlage des Parlamen- tes engagieren muss. Der Bundesrat hat die Aufgabe, die Abstimmung anzuordnen und den Stimmberechtigten die abstimmungsre levanten Informationen, also insbe- sondere die vom Parlament beschlossene Vo rlage, zur Verfügung zu stellen. Als staatsleitendes Organ steht es ihm zu, in den Absti mmungserläuterungen seine Auf- fassung darzulegen und zu erläutern, welche Änderungen die Bundesversammlung aus welchen Gründen beschlossen hat. Die differenzierte Darlegung des gesamten Entscheidungsprozesses zu einer bestimmt en Vorlage entspricht dem Informations- auftrag des Bundesrates vor Abstimmungen. Zu diesem Schluss ist auch die SPK-N geko mmen, indem sie in der Kommentierung des von ihr vorgeschlagenen Art. 10a BPR festhält, dass der Bundesrat zwar zur Vertretung der Haltung der Bundesversammlung verpflichtet sei, die Formulierung des Abs. 1 Satz 2 jedoch nicht ausschli esse, dass der Bundesrat im Rahmen der Vertretung der Parlamentsbeschlüsse auc h berechtigt sei, den vorangehenden Ent- scheidungsprozess und damit eine frühere andere Position des Bundesrates trans- parent zu machen. 13 4. Abstimmungsempfehlungen Weder die Verfassung noch das Gesetz ent halten eine generelle Pflicht, Abstim- mungsempfehlungen abzugeben. Die BV nimmt einzig in Art. 139 Abs. 3 Bezug auf die Abstimmungsempfehlung: Be i einer formulierten Volksini tiative auf Teilrevision der BV hat die Bundesversammlung die Init iative zur Annahme oder zur Ablehnung zu empfehlen (Art. 139 Abs. 3 Satz 2 BV, vgl. auch Art. 100 ff. ParlG). Aufgrund der Verfassung gibt es demnach keine generelle Pflicht zur Abgabe einer Abstimmungsempfehlung. Es besteht aber auch kein verf assungsrechtliches Hinder- nis, aufgrund dessen das Parlament bei anderen Abstimmungsvorlagen keine Ab- 13 Bericht vom 15. September 2006 der SPK-N zur Pa.Iv. Rolle des Bundesrates bei Volksabstim- mungen, BBl 2006 9271. Gutachten VPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 6 stimmungsempfehlung abgeben dürfte. Wenn das Parlament den Stimmberechtigten eine Vorlage zur Abstimmung unterbreitet, ist damit mindestens implizit wohl auch eine Empfehlung zur Annahme dieser Vorlage verbunden.14 Die herrschende Lehre sowie die Behördenpraxis halten es für verfassungsrechtlich zulässig, dass sich auch der Bundesrat zu Vorlagen, die der Volksabstimmung unter- liegen, an das Volk wendet und die Annahm e oder Verwerfung in Übereinstimmung mit dem Beschluss der Bundesversammlung empfiehlt. 15 Dem Bundesrat das mei- nungsbildende Handeln gegenübe r dem Volk zu gestatten, begründe sich vornehm- lich darin, dass er damit keine eigene Polit ik im Sinne der Machtgewinnung, - steigerung und -erhaltung z. B. gegen die Mehrheit der Bundesversammlung betrei- be, sondern um einer «Sache» wil len, hinter der in aller Regel die Mehrheit der Bun- desversammlung stehe, auftrete. Der Bund esrat besorge damit auch nicht die Ge- schäfte einer politischen Partei oder In teressengruppe, sondernvertrete die behördli- chen Auffassungen.16 Aus verfassungsrechtlicher Sicht ist fo lglich nichts dagegen einzuwenden, dass Bun- desrat und Parlament den Stimmberechtigten generell eine Abstimmungsempfehlung abgeben. Ob es opportun ist, dass der Bundesrat zusätzlich zum Parlament eine Ab- stimmungsempfehlung abgibt, is t eine politische Frage, die hier offen gelassen wer- den kann. 5. Frage der Zulässigkeit einer abweichenden Abstimmungsempfehlung des Bundesrates Gemäss Art. 148 Abs. 1 BV übt die Bundesve rsammlung unter Vorbehalt der Rechte von Volk und Ständen die oberste Gewalt im Bunde aus. Dadurch wird ihr gegenüber den anderen Gewalten (Bundesrat und Bundes gericht) eine Vorrangstellung einge- räumt. Der erhöhte Stellenwer t des Parlamentes erklärt sich namentlich aus der di- rektdemokratischen Legitimation seiner Mitglieder. Demgegenüber bezeichnet Ar t. 174 BV den Bundesrat als die oberste leitende und vollziehende Behörde des Bundes. Al s oberste vollziehende Behörde des Bundes hat er die Beschlüsse der Bundesversammlung mitzutragen und für deren Vollzug zu sorgen. Als staatsleitendes Organ übt er aber auch vielfältige Regierungsfunktionen aus. 17 Dazu gehört insbesondere das Initiier en von Gesetzgebungsprozessen (Art. 181 BV). Kraft seines Initiativrechts kann der Bundesrat dem Parlament Entwürfe zu 14 Das Bundesgericht bestätigte dies für die Kantonsebene: Dem Parlament, «der aus demokrati- schen Wahlen hervorgegangenen Volksvertretung», dürfe nicht verwehrt werden, «in den Ab- stimmungserläuterungen die Annahme der Vorlage zu empfehlen und die Gründe klar darzule- gen, die seine Mehrheit zu deren Befürwortung veranlasst haben.» Vgl. BGE vom 19.10.1983, Bernische Verwaltungsrechtsprechung (BVR) 1984, S. 106. 15 Aus der neueren Literatur: Tschannen (A nm. 8) S. 648; Besson (Anm. 10), S. 249. 16 Vgl. Kurt Eichenberger, in Kommentar BV von 1874, Art. 95, Rz. 23. 17 Vgl. vorne, Ziff. 3. Gutachten VPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 7 Verfassungsänderungen und zu B undesgesetzen unterbreiten. Er leitet – ausser bei parlamentarischen Initiativen – das Vo rverfahren der Gesetzgebung (Art. 7 RVOG). Der Bundesrat verfügt zudem über ein Antragsrecht in den Verhandlungen der Bun- desversammlung und in den parlamentarischen Kommissionen (Art. 160 Abs. 2 BV). Der Bundesrat übt seine staatsleitenden Funktionen im Bereich der Gesetzgebung jedoch in der Regel zuhanden der Bundesversammlung aus. Er richtet seine Erlass- entwürfe und Anträge nie direkt ans Volk, sondern nur mittelbar über das Parlament. Das Parlament seinerseits ist durch die Entwürfe des Bundesrates und seine Anträge nicht gebunden, sondern kann materielle Änderungen beschliessen. Der Bundesrat ist damit zwar beim ganzen Gesetzgebungsverfahren mitbeteiligt und kann gestaltend Einfluss nehmen. Das letzte Wort hat jedoch, unter Vorbehalt der Rechte von Volk und Ständen, immer das Parlament. Dieses legt den für die Ab- stimmung massgeblichen Inhalt verbindlich fest. Formell ist es deshalb sein Be- schluss, mit dem sich die Stimmberechtigten im Vorfeld der Abstimmung zu befassen haben. Der Bundesrat kann dem Volk kein e eigenen Vorlagen unterbreiten und er kann, nachdem das Parlament über eine Vorlage beschlossen hat, sich diesbezüg- lich nur im Rahmen seiner Informationstätigk eit direkt ans Volk wenden. Er hat die Beschlüsse der Bundesversammlung zu respektieren und zu vollziehen. 18 Er darf keine eigene Politik gegen die Mehrhei t der Bundesversammlung betreiben. 19 Nach der verfassungsrechtlichen Ordnung des Ver hältnisses zwischen Exekutive und Le- gislative kann der Bundesrat das Volk (oder allenfalls das Volk und die Stände) somit nicht zum Schiedsrichter zwischen ihm und dem Parlament machen. Dies wäre sys- temfremd und mit der in den Art. 148 Abs. 1 und 174 BV angelegten Regelung nicht vereinbar. Es gibt denn auch in der Verfassungspraxis des Bundes kein einziges Bei- spiel für eine abweichende Abstimmungsempfehlung des Bundesrates. Damit ist nach Meinung des Bundesamtes für Justiz aus verfassungsrechtlicher Sicht ausgeschlossen, dass der Bundesrat dem Volk eine anders lautende Abstimmungs- empfehlung abgibt als das Parlament. 20 18 Vgl. einen Beschwerdeentschei d des Bundesrates aus dem Jahre 2000, in VPB 64.104, E. 3.5.1, S. 1081: Der Bundesrat hat «nicht seine eigenen Wünsche, sondern als oberste exekutive Be- hörde (Art. 174 BV) die Beschlüsse der unter Vorbehalt der Rechte von Volk und Ständen obers- ten Gewalt des Bundes, des Parlamentes (Art. 148 Abs. 1 BV), zu vollziehen.» 19 Vgl. auch Eichenberger. (Anm. 16), Art. 95, Rz. 23. 20 Vgl. auch Alfred Kölz, Die Abgabe separater Abstimmungsempfehlungen an die Stimmberechtig- ten durch den Zürcher Kantonsrat, ZBl 9/1998, S. 407: «Dagegen kann eine Abstimmungsemp- fehlung an die Stimmberechtigten, die dem Ergebnis der Schlussabstimmung im Kantonsrat wi- derspricht, nicht zulässig sein.» Hingegen darf auf die Abstimmungsempfehlung verzichtet wer- den, vgl. ZBl 9/1998, S. 410Besson (Anm. 10), S. 249 hält die Abgabe einer anders lautenden Stimmempfehlung durch die Regierung zumindest für fraglich; seiner Meinung nach müsste dies jedenfalls in den Erläuterungen sachlich begründet werden. Gutachten VPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 8 6. Schlussfolgerung – Der Bundesrat hat die verfassungsrech tliche Pflicht, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger über die Abstimmungsvorlage n hinreichend zu informieren und den Standpunkt der Bundesversammlung darzulegen. – In den Abstimmungserläuterungen kann er auch darlegen, welc he Haltung er ur- sprünglich vertreten hat und welche Argum ente dafür sprechen. Die Information über den gesamten Entscheidungsprozess bildet die Grundlage für die Meinungs- bildung der Stimmberechtigten. – Aus Sicht der Verfassung spricht nich ts dagegen, dass der Bundesrat zusammen mit der Bundesversammlung eine einheitliche Abstimmungsempfehlung abgibt. – Der Bundesrat kann jedoch keine Abst immungsempfehlung abgeben, die von der- jenigen des Parlaments abweicht. Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali JAAC 2007.1 - Die Informationspflicht des Bundesrates bei Abstimmungsvorlagen, Gutachten vom 4. Dezember 2006 In Verwaltungspraxis der Bundesbehörden Dans Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération In Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione Jahr 2007 Année Anno Band - Volume Volume Seite 1-8 Page Pagina Ref. No 150 000 032 Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv und die Bundeskanzlei konvertiert. Le document a été digitalisé par les Archives Fédérales Suisses et la Chancellerie fédérale. Il documento è stato convertito dall'Archivio federale svizzero e della Cancelleria federale.