<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">41</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Sozialversicherungsrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>5</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 16b Abs. 3 EOG; Art. 29 lit. a und b EOV; Art. 27 Abs. 2 lit. b und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Abs. 5</b></span><span class="ft3"><sup><b>bis</b></sup></span> <span class="ft2"><b>AVIG</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Anspruch einer unter 25-jährigen Mutter auf Mutterschaftsentschädi-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gung bei zuvor bestehender Arbeitslosigkeit.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 1. Kammer, vom 26. März</span><br/> <span class="ft4">2013 in Sachen A.B. gegen Ausgleichskasse C. (VBE.2012.752).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1.</span><br/> <span class="ft6">1.1.</span><br/> <span class="ft6">(...)</span><br/> <span class="ft6">1.2.</span><br/> <span class="ft6">Gemäss Ingress von Art. 16b Abs. 3 EOG und Art. 29 EOV ist</span><br/> <span class="ft6">Voraussetzung für den ausnahmsweisen Leistungsanspruch trotz Feh-</span><br/> <span class="ft6">lens einer Erwerbstätigkeit, dass die Mutter im Zeitpunkt der Geburt</span><br/> <span class="ft6">arbeitslos ist. Nach der Entstehungsgeschichte von Art. 16b Abs. 3</span><br/> <span class="ft6">EOG soll allerdings nicht verlangt werden, dass eine Frau im Zeit-</span><br/> <span class="ft6">punkt der Niederkunft auch tatsächlich Arbeitslosenentschädigung</span><br/> <span class="ft6">bezieht. Ein Anspruch soll auch dann bestehen, wenn ohne Bezug</span><br/> <span class="ft6">von Arbeitslosenentschädigung im Zeitpunkt der Geburt eine Rah-</span><br/> <span class="ft6">menfrist für den Leistungsbezug eröffnet ist, unabhängig davon, ob</span><br/> <span class="ft6">unmittelbar vor der Niederkunft Arbeitslosenentschädigung bezogen</span><br/> <span class="ft6">wird, oder wenn unmittelbar vor oder unmittelbar nach der Nieder-</span><br/> <span class="ft6">kunft eine nach dem AVIG genügende Beitragszeit vorliegt. Im Sinne</span><br/> <span class="ft6">einer konsequenten Leistungsabgrenzung zwischen AVIG und EOG</span><br/> <span class="ft6">soll damit vermieden werden, dass sich Versicherte zur Wahrung</span><br/> <span class="ft6">ihrer Ansprüche auf Mutterschaftsentschädigung zum Bezug von</span><br/> <span class="ft6">Arbeitslosenentschädigung anmelden müssen (BGE</span> <span class="ft6">136 V 239</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">42</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">E. 2.1 S. 242). Eine Abweichung ist jedoch nur vom formellen Er-</span><br/> <span class="ft6">fordernis der Anmeldung beim Arbeitsamt zulässig. Materiell muss</span><br/> <span class="ft6">Arbeitslosigkeit vorliegen. Nach Art. 10 Abs. 1 und 2 AVIG gilt als</span><br/> <span class="ft6">ganz bzw. teilweise arbeitslos, wer in keinem oder nur in einem teil-</span><br/> <span class="ft6">zeitlichen Arbeitsverhältnis steht und eine Vollzeit- bzw. eine weitere</span><br/> <span class="ft6">Teilzeitbeschäftigung sucht.</span><br/> <span class="ft6">1.3.</span><br/> <span class="ft6">Vorausgesetzt ist des Weiteren für die Mutter, die nicht bis zur</span><br/> <span class="ft6">Geburt ein Taggeld der Arbeitslosenversicherung bezogen hat</span><br/> <span class="ft6">(Art. 29 lit. a EOV), dass sie am Tag der Geburt die für den Bezug</span><br/> <span class="ft6">eines Taggeldes nach dem AVIG erforderliche Beitragsdauer erfüllt</span><br/> <span class="ft6">(Art. 29 lit. b EOV). Unter Beitragsdauer ist nur diejenige, die in der</span><br/> <span class="ft6">ordentlichen zweijährigen Rahmenfrist zurückgelegt wurde, zu ver-</span><br/> <span class="ft6">stehen. Eine Verlängerung der Rahmenfrist analog zu Art. 9b Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">AVIG fällt daher ausser Betracht (BGE 136 V 239 E. 2.4 S. 243).</span><br/> <span class="ft6">Das AVIG unterscheidet zwei Arten von Rahmenfristen: die Rah-</span><br/> <span class="ft6">menfrist für den Leistungsbezug und die Rahmenfrist für die Bei-</span><br/> <span class="ft6">tragszeit. Art. 29 lit. b EOV setzt einzig die Rahmenfrist der Bei-</span><br/> <span class="ft6">tragszeit als Anspruch auf die Entschädigung voraus, d.h. jenen Zeit-</span><br/> <span class="ft6">rahmen, innerhalb welchem die Mindestbeitragszeit oder die Befrei-</span><br/> <span class="ft6">ungstatbestände erfüllt sein müssen. Somit haben Mütter, welche ihre</span><br/> <span class="ft6">ordentlichen Beiträge innerhalb der Rahmenfrist der Beitragsdauer</span><br/> <span class="ft6">geleistet haben, gemäss Art. 29 lit. b EOV Anspruch auf Mutter-</span><br/> <span class="ft6">schaftsentschädigung. Gemäss Rz. 1073 des Kreisschreibens über die</span><br/> <span class="ft6">Mutterschaftsentschädigung (KS MSE; Stand 1. Januar 2011) hat</span><br/> <span class="ft6">eine Frau keinen Anspruch auf die Entschädigung, wenn sie den ma-</span><br/> <span class="ft6">ximalen Taggeldbezug der Arbeitslosenversicherung im Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft6">der Geburt bereits ausgeschöpft hat. Damit entspricht Rz. 1073 KS</span><br/> <span class="ft6">MSE dem Prinzip der Mutterschaftsentschädigung, da diese als Er-</span><br/> <span class="ft6">satz für den niederkunftsbedingten Erwerbsausfall aufzukommen hat.</span><br/> <span class="ft6">Indem eine Mutter bereits ihren Anspruch gegenüber der Arbeits-</span><br/> <span class="ft6">losenversicherung innerhalb der Rahmenfrist des Leistungsbezuges</span><br/> <span class="ft6">voll ausgeschöpft hat, kann sie keine Entschädigung aus der Mut-</span><br/> <span class="ft6">terschaftsversicherung geltend machen, denn diese fungiert unter</span><br/> <span class="ft6">anderem als Ersatz für den nichtbezogenen Beitrag aus der</span><br/> <span class="ft6">Arbeitslosenversicherung (vgl. Art. 16g Abs. 1 lit. a EOG).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Sozialversicherungsrecht</span> <span class="page_no">43</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">2.1.</span><br/> <span class="ft6">(...)</span><br/> <span class="ft6">2.2.</span><br/> <span class="ft6">Die 1990 geborene Beschwerdeführerin hatte vorerst als unter</span><br/> <span class="ft6">25-Jährige ohne Unterhaltspflichten gestützt auf Art. 27 Abs. 5</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span><br/> <span class="ft6">AVIG einen Höchstanspruch von 200 Taggeldern. Dieser Anspruch</span><br/> <span class="ft6">wurde mit Auszahlung vom 26. Juni 2012 ausgeschöpft. Am Tag der</span><br/> <span class="ft6">Geburt ihrer Tochter hatte die Beschwerdeführerin zwar das 25. Al-</span><br/> <span class="ft6">tersjahr nach wie vor nicht zurückgelegt, jedoch wurde sie infolge</span><br/> <span class="ft6">Elternschaft gegenüber dem neugeborenen Kind unterhaltspflichtig</span><br/> <span class="ft6">(vgl. Art. 276 ZGB). Damit war Art. 27 Abs. 5</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span> <span class="ft6">AVIG nicht mehr</span><br/> <span class="ft6">auf sie anwendbar. Vielmehr galt fortan Art. 27 Abs. 2 lit. b AVIG,</span><br/> <span class="ft6">womit bei Nachweis einer Beitragszeit von insgesamt 18 Monaten</span><br/> <span class="ft6">ein Anspruch auf höchstens 400 Taggelder bestand. Die Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführerin weist nach ihren unbestritten gebliebenen Angaben eine</span><br/> <span class="ft6">Beitragszeit von 19.513 Monaten nach. Damit erhöhte sich - inner-</span><br/> <span class="ft6">halb der Rahmenfrist für den Leistungsbezug - ihre Höchstzahl der</span><br/> <span class="ft6">Arbeitslosen-Taggelder von 200 auf 400, wie dies richtig im</span><br/> <span class="ft6">Schreiben der X. Arbeitslosenkasse festgehalten wurde. Die Arbeits-</span><br/> <span class="ft6">losen-Taggelder waren damit am Tag der Geburt noch nicht</span><br/> <span class="ft6">ausgeschöpft, weshalb ein Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung</span><br/> <span class="ft6">zu bejahen ist.</span><br/> <span class="ft6">2.3.</span><br/> <span class="ft6">(...)</span><br/> <span class="ft6">Der Anspruch auf eine Mutterschaftsentschädigung bei arbeits-</span><br/> <span class="ft6">losen Müttern ist einzig davon abhängig, ob der Versicherten ein</span><br/> <span class="ft6">Anspruch aus der Arbeitslosenversicherung zukommt. Wie gesehen,</span><br/> <span class="ft6">ist ein solcher Anspruch zu bejahen in Konstellationen, bei denen</span><br/> <span class="ft6">eine Mutter unter 25 Jahre alt ist und eine Beitragszeit von insgesamt</span><br/> <span class="ft6">18</span> <span class="ft6">Monaten nachweisen kann, da sich in solchen Fällen die</span><br/> <span class="ft6">Höchstzahl der Taggelder aufgrund der Unterhaltspflicht gegenüber</span><br/> <span class="ft6">dem neugeborenen Kind von 200 auf 400 Taggelder erhöht. Zwar</span><br/> <span class="ft6">trifft es wohl zu, dass bei tot geborenen Kindern aufgrund der fehlen-</span><br/> <span class="ft6">den Unterhaltspflicht keine Erhöhung der Höchstzahl der Taggelder</span><br/> <span class="ft6">stattfinden würde, was aufgrund der menschlichen Tragik einer sol-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">44</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">chen Situation als befremdlich erscheinen könnte. Allerdings hat der</span><br/> <span class="ft6">Gesetzgeber für die Anwendbarkeit von Art. 27 Abs. 5</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span><span class="ft6">AVIG aus-</span><br/> <span class="ft6">drücklich das Alter (25-Jährige) und die fehlende Unterhaltspflicht</span><br/> <span class="ft6">gegenüber Kindern als kumulative Voraussetzungen vorgesehen, so</span><br/> <span class="ft6">dass bei Wegfallen einer dieser Anwendbarkeitsvoraussetzungen</span><br/> <span class="ft6">wieder die generelle Bestimmung von Art. 27 Abs. 2 AVIG zur An-</span><br/> <span class="ft6">wendung gelangt. Schliesslich ist zu bemerken, dass die Argumenta-</span><br/> <span class="ft6">tion der Beschwerdegegnerin vorliegend sachfremd anmutet, da hier</span><br/> <span class="ft6">kein Fall einer Totgeburt zu beurteilen ist.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>