<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 55 S.271</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">271</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>55 Zwangsmassnahmen;</b></span> <span class="ft3"><b>Abgrenzung</b></span> <span class="ft3"><b>formeller</b></span> <span class="ft3"><b>Zwangsmassnahmen-Ent-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>scheid und Zwangsmassnahmen im Notfall; rechtliches Gehör; Rechts-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mittelbelehrung.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Zwangsmassnahmen dürfen grundsätzlich nur schriftlich unter Ge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>währung des rechtlichen Gehörs sowie mit Begründung und Rechts-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mittelbelehrung versehen durch einen Arzt in leitender Stellung ange-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ordnet werden (Erw. 1.2.).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- In medizinischen Notfällen darf - u.U. auch ohne Einbezug eines</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Arztes - sofort und ohne Formalien gehandelt werden. Die Massnah-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>men sind nachträglich in einem Zwangsmassnahmen-Protokoll</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schriftlich festzuhalten (Erw. 1.2.).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Gerichtliche Überprüfung bereits vollzogener Zwangsmassnahmen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 1.3.).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Anwendungsfall Zwangsmedikation (Erw. 2.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 30. August 2005 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen M.St. gegen Zwangsmedikationen.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1. Grundsätzlich dürfen Untersuchungen, Behandlungen, me-</span><br/> <span class="ft1">dizinische Eingriffe und Pflege nur mit Zustimmung des Patienten</span><br/> <span class="ft1">erfolgen. In Notfällen darf die Zustimmung vermutet werden (§ 15</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 und 3 PD). Gestützt auf § 67e</span><span class="ft2"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">EGZGB dürfen jedoch im</span><br/> <span class="ft1">Rahmen einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung in der Psychiatri-</span><br/> <span class="ft1">schen Klinik Königsfelden Behandlungen und andere Vorkehrungen,</span><br/> <span class="ft1">die nach Massgabe des Einweisungsgrundes medizinisch indiziert</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">272</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sind, auch gegen den Willen der betroffenen Person vorgenommen</span><br/> <span class="ft1">werden, wenn die notwendige Fürsorge auf andere Weise nicht</span><br/> <span class="ft1">gewährleistet werden kann. Solche Zwangsmassnahmen sind nicht</span><br/> <span class="ft1">auf eigentliche Notfälle und Akutsituationen beschränkt. Vielmehr</span><br/> <span class="ft1">darf auch ohne oder gegen den Willen der betroffenen Person eine</span><br/> <span class="ft1">längerdauernde Behandlung vorgenommen werden (AGVE 2000,</span><br/> <span class="ft1">S. 174 f.). Beim Entscheid über den Einsatz von Zwangsmassnahmen</span><br/> <span class="ft1">kann auch das Schutzbedürfnis Dritter in die Beurteilung miteinbe-</span><br/> <span class="ft1">zogen werden. Ziel und Zweck jeder Zwangsmassnahme ist der</span><br/> <span class="ft1">Schutz der betroffenen Person und deren Mitmenschen vor körper-</span><br/> <span class="ft1">lichen und seelischen Schäden. In Anwendung des Verhältnismäs-</span><br/> <span class="ft1">sigkeitsprinzips muss sie "ultima ratio" sein, indem der betroffenen</span><br/> <span class="ft1">Person die notwendige Fürsorge nicht auf andere Weise gewährleistet</span><br/> <span class="ft1">werden kann. Eine Zwangsmassnahme ist namentlich dann</span><br/> <span class="ft1">unverhältnismässig, wenn eine ebenso geeignete mildere Anordnung</span><br/> <span class="ft1">für den angestrebten Erfolg ausreicht (AGVE 2000, S. 168).</span><br/> <span class="ft1">1.2. Eine Zwangsmassnahme bedarf grundsätzlich einer aus-</span><br/> <span class="ft1">drücklichen schriftlichen Anordnung und darf gemäss § 67 e</span><span class="ft2"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">EG ZGB nur durch Entscheid eines Facharztes in leitender Stellung</span><br/> <span class="ft1">unter Gewährung des rechtlichen Gehörs angeordnet werden (AGVE</span><br/> <span class="ft1">2000, S. 180 f.). Sodann ist der Betroffene über die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">möglichkeit gemäss § 67 e</span><span class="ft2"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Abs. 4 EGZGB zu informieren. In me-</span><br/> <span class="ft1">dizinischen Notfällen i.S.v. § 15 Abs. 3 PD darf hingegen aufgrund</span><br/> <span class="ft1">der zeitlichen Dringlichkeit sofort gehandelt werden, unter Umstän-</span><br/> <span class="ft1">den auch ohne dass ein Arzt beigezogen wird. Es handelt sich dabei</span><br/> <span class="ft1">um akute Gefährdungssituationen, in denen sich ein Patient in einem</span><br/> <span class="ft1">psychischen Ausnahmezustand befindet, verzögertes Eingreifen</span><br/> <span class="ft1">schweren Schaden für den Patienten oder die Umgebung (gegebe-</span><br/> <span class="ft1">nenfalls auch an Gegenständen) zur Folge hätte und der Patient auf</span><br/> <span class="ft1">der Basis der Vernunft nicht ansprechbar ist, weshalb auch auf die</span><br/> <span class="ft1">Zustimmung des Patienten verzichtet werden darf (§ 15 Abs. 3 PD).</span><br/> <span class="ft1">In diesen Fällen bleibt keine Zeit für Formalien wie Anhören des</span><br/> <span class="ft1">Patienten oder schriftliches Eröffnen der Massnahme in einem for-</span><br/> <span class="ft1">mellen Zwangsmassnahmen-Entscheid mit Begründung und Rechts-</span><br/> <span class="ft1">mittelbelehrung (AGVE 2003, S. 142). Die Massnahmen sind jedoch</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">273</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nachträglich in einem Zwangsmassnahmen-Protokoll (ZM-P)</span><br/> <span class="ft1">schriftlich festzuhalten.</span><br/> <span class="ft1">1.3. Wird der Entscheid der Klinik über den Einsatz von</span><br/> <span class="ft1">Zwangsmassnahmen mit Beschwerde angefochten, so hat das Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgericht zu überprüfen, ob die Zwangsmassnahme nach</span><br/> <span class="ft1">Massgabe des Einweisungsgrundes medizinisch indiziert und ob sie</span><br/> <span class="ft1">verhältnismässig ist, d.h. ob dem Patienten die nötige persönliche</span><br/> <span class="ft1">Fürsorge nicht auf eine weniger einschneidende Weise gewährleistet</span><br/> <span class="ft1">werden kann. Zur Beurteilung der konkreten ärztlichen Anordnung</span><br/> <span class="ft1">(Wahl des Medikamentes, Dosierung, Wahl der Abteilung, etc.) ist</span><br/> <span class="ft1">das Verwaltungsgericht dagegen grundsätzlich nicht zuständig, dies</span><br/> <span class="ft1">gehört in den Fachbereich der Ärzte (AGVE 1987, S.</span> <span class="ft1">217;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1989, S. 198 f.; Eugen Spirig, in: Zürcher Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">Art. 397 a - 397 f ZGB, Zürich 1995, Art. 397d N 42 mit Hin-</span><br/> <span class="ft1">weisen). Ausnahmen von diesem Grundsatz sind namentlich in jenen</span><br/> <span class="ft1">Fällen denkbar, in denen das Gericht - dem ja auch ein Fachrichter</span><br/> <span class="ft1">angehört - eine angeordnete Massnahme als klar unangemessen oder</span><br/> <span class="ft1">gar missbräuchlich beurteilt (AGVE 2000, S. 168 f.).</span><br/> <span class="ft1">Sind - wie vorliegend - die angefochtenen Zwangsmassnahmen</span><br/> <span class="ft1">bereits vollzogen, fehlt es grundsätzlich an einem aktuellen Rechts-</span><br/> <span class="ft1">schutzinteresse und damit an der Beschwerdelegitimation (§ 38</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 VRPG). Das Verwaltungsgericht lässt in diesem Bereich aber</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmen relativ grosszügig zu, namentlich wenn die Person mit</span><br/> <span class="ft1">weiteren Zwangsmassnahmen zu rechnen hat (AGVE 2001, S. 213</span><br/> <span class="ft1">f.). Weil die Beschwerdeführerin weiterhin in der Klinik bleibt und</span><br/> <span class="ft1">weitere Zwangsmassnahmen nicht ausgeschlossen sind, haben so-</span><br/> <span class="ft1">wohl die Beschwerdeführerin wie auch die Klinik ein Interesse an</span><br/> <span class="ft1">der gerichtlichen Feststellung, ob die angeordneten Zwangsmedika-</span><br/> <span class="ft1">tionen gerechtfertigt und verhältnismässig waren.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1. Im vorliegenden Fall wurde die Beschwerdeführerin am</span><br/> <span class="ft1">12., 14. und 17.</span> <span class="ft1">August 2005 mit Clopixol accutard 150 mg</span><br/> <span class="ft1">zwangsmediziert. Es wurde hiefür kein formeller Zwangsmassnah-</span><br/> <span class="ft1">men-Entscheid i.S.v. § 67 e</span><span class="ft2"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">EGZGB erlassen, sondern die Zwangs-</span><br/> <span class="ft1">massnahmen wurden in Protokollen (ZM-P) nachträglich schriftlich</span><br/> <span class="ft1">festgehalten, die Massnahmen somit als Notfälle deklariert und mit</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">274</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Selbstgefährdung, am 14. August 2005 zusätzlich mit Vital- und</span><br/> <span class="ft1">Fremdgefährdung begründet.</span><br/> <span class="ft1">2.2. Aus der Krankengeschichte und dem Pflegebericht sind je-</span><br/> <span class="ft1">doch keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Notfallsituation</span><br/> <span class="ft1">i.S.v. § 15 Abs. 3 PD zu entnehmen. Die Umstände im Zusammen-</span><br/> <span class="ft1">hang mit den vorliegend zu beurteilenden Zwangsmedikationen</span><br/> <span class="ft1">deuten vielmehr darauf hin, dass diese Massnahmen als solche i.S.v.</span><br/> <span class="ft1">§ 67 e</span><span class="ft2"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">EGZGB beabsichtigt wurden. Bei der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">wurde noch am Eintrittstag am 12. August 2005 eine Gemeinsame</span><br/> <span class="ft1">mit dem stellvertretenden Oberarzt durchgeführt. Dieser ordnete die</span><br/> <span class="ft1">medikamentöse Behandlung der Beschwerdeführerin an, bei Ver-</span><br/> <span class="ft1">weigerung der oralen Medikation auch die Zwangsmedikation mit</span><br/> <span class="ft1">Clopixol accutard 150 mg sowie Temesta. Der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">wurde eröffnet, dass die medikamentöse Behandlung unerlässlich sei</span><br/> <span class="ft1">und im Falle der Verweigerung der oralen Medikation zwangsweise</span><br/> <span class="ft1">erfolge. Damit wurde ihr das rechtliche Gehör gewährt. Eine</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelbelehrung war dem unmittelbar nach der Zwangsmedi-</span><br/> <span class="ft1">kation ausgestellten Zwangsmassnahmen-Protokoll zu entnehmen.</span><br/> <span class="ft1">Auch die folgenden Zwangsmedikationen am 14. und 17. August</span><br/> <span class="ft1">2005 standen in direktem Zusammenhang mit der Anordnung des</span><br/> <span class="ft1">stellvertretenden Oberarztes vom 12. August 2005.</span><br/> <span class="ft1">2.3. Formell korrekt wäre es gewesen, am 12. August 2005 ei-</span><br/> <span class="ft1">nen Zwangsmassnahmen-Entscheid (ZM-E) zu erlassen. Die zu-</span><br/> <span class="ft1">ständigen Klinikärzte anerkannten dies an der heutigen Verhandlung.</span><br/> <span class="ft1">Gleichzeitig kann aber festgehalten werden, dass die mit einem ZM-</span><br/> <span class="ft1">E verbundenen Verfahrensgarantien eingehalten wurden, sodass der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin durch die Benützung des Formulars ,,Zwangs-</span><br/> <span class="ft1">massnahmen-Protokoll (ZM-P Notfall)" im Ergebnis kein Nachteil</span><br/> <span class="ft1">entstand.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>