B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3922/2019 U r t e i l v o m 2 5 . F e b r u a r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Simon Thurnheer, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren am (...), und deren Tochter B._______, geboren am (...), Venezuela, beide vertreten durch Rechtsanwältin Ana Moncada, Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 15. Juli 2019 / N_______. D-3922/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a A._______ (Beschwerdeführerin) suchte am 9. September 2016 in der Schweiz um Asyl nach. Am 28. September 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) statt und am 18. Oktober 2016 wurde sie vom SEM angehört. A.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte die Beschwerdeführerin an, sie sei in C._______ (Bundesstaat D._______) geboren. Ihre Eltern hätten sich scheiden lassen, als sie (Nennung Zeitpunkt) gewesen sei. Ihr (Nen- nung Verwandter) habe nach Erreichen der Volljährigkeit Venezuela ver- lassen. Ihr (Nennung Verwandter), zu dem sie eine distanzierte Beziehung habe, sowie (Nennung Verwandte) würden im (...) Autostunden von ihrem Wohnort E._______ (Bundesstaat F._______) entfernten G._______ (Bun- desstaat H._______) leben. Sie habe in den Jahren (...) bis (...) an der Uni- versität in E._______ (Nennung Studienrichtung) studiert, allerdings ohne Abschluss. Ihre Mutter habe (Nennung Erwerbstätigkeiten). Sowohl ihre Mutter als auch sie seien in der Oppositionspartei I._______ eingeschrie- ben gewesen. Bei Wahlen habe sie am Wahlprozess teilgenommen und sich ansonsten an Kundgebungen beteiligt, die sich gegen die sozialen und wirtschaftlichen Missstände beziehungsweise gegen die Repression und die Nahrungs - oder Medikamentenknappheit gerichtet hätten . Beispiels- weise sei ihr (Nennung Verwandter) nur deshalb verstorben, weil er die benötigten Medikamente zu spät erhalten habe. Wenn sie an Demonstra- tionen teilgenommen habe, seien die Teilnehmenden der Kundgebung re- gelmässig von Angehörigen der Nationalgarde oder den "Colectivos" mit Tränengas beschossen und angegri ffen worden. Wenn die Leute nicht weggerannt seien, seien sie verhaftet und anschliessend gefoltert worden oder verschwunden. Die Tochter einer Kollegin ihrer Mutter sei vergewaltigt und der Sohn einer anderen Kollegin sei getötet worden. Zudem habe man ihrer Mutter das Auto zerkratzt und die Reifen zerstochen. Während etwa (Nennung Dauer) hätten ihre Mutter und sie mehrmals Drohanrufe von Sei- ten der "Colectivos" erhalten. Man habe ihnen gesagt, dass sie beobachtet würden und sie auf der Hut sein sollten. Die Drohworte seien in der Folge schlimmer geworden und man habe ihnen mit dem Tod oder mit Vergewal- tigung gedroht. Zudem sei sie aufgefordert worden, ihre politische Tätigkeit aufzugeben. Die Anrufer seien über (Nennung persönliche Verhältnisse) im Bilde gewesen. Aufgrund der Drohungen sei sie von ihrer Mutter jeweils zur Universität gefahren und von dort wieder abgeholt worden. (Nennung Zeitpunkt) habe sie zusammen mit (Nennung Person) beim Eingang der Universität auf ihre Mutter gewartet, als eine Gruppe von "Colectivos" – bei D-3922/2019 Seite 3 denen es sich in Wirklichkeit um Kriminelle handle – auf Motorrädern her- angefahren sei. Diese Männer hätten sie fahrend umkreist und dabei Steine und Stöcke auf sie geworfen und sie geschubst. Sie sei dabei von einem Stein (Nennung Verletzung) worden. Dies sei das einzige Mal ge- wesen, dass sie persönlich und direkt angegriffen worden sei. Wenn bei der Polizei Anzeige erstattet werde, werde die Situation nur noch schlim- mer. Sie denke nicht, dass ihre Situation schl echter gewesen sei, als die- jenige von anderen Oppositionellen. Da der Druck auf sie zugenommen habe und sie in Venezuela um ihr Leben fürchten müsse, habe sie schliess- lich ihre Heimat legal in Richtung J._______ verlassen, wo sie sich zu- nächst während (Nennung Dauer) in K._______ bei Bekannten ihrer evan- gelischen Glaubensbrüder aus Venezuela aufgehalten habe. Dort habe sie auf eine Nachricht ihrer – sich bereits in der Schweiz aufhaltenden – Mutter zum weiteren Vorgehen respektive zum Stand deren Asylverfah rens ge- wartet. A.c Die Beschwerdeführerin reichte (Nennung Beweismittel) zu den Akten. A.d Am (...) brachte die Beschwerdeführerin (Nennung Kind) zur Welt. B. Mit Verfügung vom 15. Juli 2019 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh- rerin und ihre Tochter erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete gleichzeitig die Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an. C. Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 13. August 2019 für sich und die rubrizierte (Nennung Kind) Beschwerde beim Bundesver- waltungsgericht. Sie beantragte, es sei der angefochtene Entscheid voll- umfänglich aufzuheben und die Sache zur Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner sei die Unzulässigkeit, die Unzumut- barkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung samt Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses und um Beiordnung ihrer Rechtsvertre- terin als unentgeltliche Rechtsbeiständin. Sodann sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien im Sinne einer superprovisorischen Massnahme anzuweisen, für die Dauer des Beschwerdeverfahrens von jeglichen Wegwe isungs- und Vollzugs- massnahmen abzusehen. D-3922/2019 Seite 4 Der Beschwerde lagen (Aufzählung Beweismittel) bei. D. Mit Zwischenverfügung vom 21. August 2019 teilte die Instruktionsrichterin der Beschwerdeführerin mit, sie und die Tochter dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, und räumte ihr innert gesetzter Frist die Gelegenheit zur Beschwerdeverbesserung zwecks Klarstellung der Rechtsbegehren ein, wobei im Unterlassungsfall davon auszugehen sei, dass sie sich auf die Geltendmachung von formellen Rügen und Wegwei- sungsvollzugshindernissen beschränke. E. Mit Eingabe vom 28. August 2019 reichte die Beschwerdeführerin eine Be- schwerdeverbesserung zu den Akten, worin sie ihre in der Beschwerde- schrift gestellten Rechtsbegehren dahingehend ergänzte, dass ihr und der Tochter die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren sei. F. Mit Zwischenverfügung vom 30. August 2019 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver- zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete – in Gut- heissung des entsprechenden Gesuchs – der Beschwerdeführerin eine amtliche Rechtsbeiständin in der Person von Rechtsanwältin Ana Moncada bei. G. In seiner Vernehmlassung vom 3. September 2019 hielt das SEM – nach einigen ergänzenden Bemerkungen – an seinen Erwägungen im angefoch- tenen Entscheid vollumfänglich fest. H. Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 24. September 2019. Beigelegt war (Nennung Beweismittel). I. Am 26. September 2019 ging beim Gericht (Nennung Beweismittel) ein. D-3922/2019 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). 1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Überg angsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerdeführerinnen sind als Verfügungsadressatinnen zur Be- schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form- gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Die Besc hwerdeführerinnen rügen mit Blick auf den in Ziffer 1 der Rechtsbegehren formulierten Rückweisungsantrag eine unrichtige und un- vollständige Sachverhaltsfeststellung sowie sinngemäss eine Verletzung der Begründungspflicht, mithin des rechtlichen Gehörs. Diese Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vor - instanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal- tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.). 3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5. 3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be- hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, D-3922/2019 Seite 6 dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei- nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts in Verletzung der behördlichen Unt ersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver- haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach- verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal- tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043). 3.3 3.3.1 Zur Begründung der formellen Rüge wird vorgebracht, das SEM habe in seinem Asylentscheid weder die politischen Aktivitäten der Beschwerde- führerin noch die deswegen ausgesprochenen Drohungen gegen ihre Per- son berücksichtigt. Die Vorinstanz erkenne im angefochtenen Entscheid die ernsthafte Gefahr für ihre Person nicht. Zudem seien weder die Aussa- gen noch die vorgelegten Beweismittel richtig geprüft beziehungsweise überhaupt berücksichtigt worden. 3.3.2 Die Vorinstanz kam hinsichtlich der Vorfluchtgründe der Beschwer- deführerin zum Schluss, diese sei en nicht geeignet die Flüchtlingseigen- schaft zu begründen beziehungsweise die dargelegten Benachteiligungen seien nicht gegen sie gezielt gerichtet gewesen und seien auch nicht als ernsthaft im Sinne des Asylgesetzes zu werten. Des Weiteren bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, dass sie vor ihrer Ausreise die Aufmerk- samkeit der Behörden auf sich gelenkt habe und sie bei einer Rückkehr nach Venezuela mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu- kunft asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt wür de. Das SEM prüfte zu- nächst die geltend gemachten Behelligungen im Rahmen ihrer Demonst- rationsteilnahmen und im Zusammenhang mit einem Übergriff vor dem Ein- gang der Universität sowie hinsichtlich der fehlenden medizinischen Ver- sorgung ihres (Nennung Verwandter), die zu dessen Tod geführt habe. In einem weiteren Schritt prüfte und würdigte es die vorgebrachten Behelli- gungen durch die "Colectivos". Dabei kam das SEM zum Schluss, dass eine zielgerichtete Verfolgungsabsicht weder seitens der "Colectivos" noch der heimatlichen Behörden anzunehmen sei, da sich die geltend gemach-D-3922/2019 Seite 7 ten Behelligungen nicht gegen die Beschwerdeführerin als Person, son- dern gegen alle Oppositionellen beziehungsweise Protestierenden richten würden, und die erlittenen Nachteile auch zu wenig intensiv seien, um als ernsthafter Nachteil im Sinne des Asylgesetzes zu gelten. Ausserdem könne nicht von einer begründeten Furcht vor staatlichen Verfolgungs- massnahmen ausgegangen werden. Dabei hat das SEM, welches die von der Beschwerdeführerin eingereichten Beweismittel auf Seite 2 unten sei- nes Entscheids aufführte und die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin auch nicht bezweifelte, nachvollziehbar und hinreichend differenziert auf- gezeigt, von welchen Überlegungen es sich vorliegend leiten liess und sich auch mit sämtlichen wesentlichen Vorbringen der Beschwerdeführerin aus- einandergesetzt (vgl. act. A22/8, S. 3 f.). Die Rüge, das SEM habe weder ihre politischen Aktivitäten noch die gegen sie gerichteten Drohungen be- rücksichtigt, erweist sich demnach als nicht stichhaltig. Somit liegt eine Ver- letzung der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs – wel- che es aufgrund der Ausgestaltung der Begründung der Betroffenen er- möglichen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl die Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2) – nicht vor. Dabei musste sich das SEM nicht ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen, sondern durfte sich auf die we- sentlichen Gesichtspunkte beschränken. Der blosse Umstand, dass die Beschwerdeführerin die Auffassung und Schlussfolgerungen des SEM nicht teilt, ist keine Verletzung der Begründungspflicht, sondern eine mate- rielle Frage. Sodann zeigt die ausführliche Beschwerdeeingabe deutlich auf, dass eine sachgerechte Anfechtung ohne weiteres möglich war. Im Weiteren spricht alleine die Tatsache, dass die Vorinstanz in ihrer Länder- praxis zu Venezuela einer anderen Linie folgt, als von den Beschwerdefüh- rerinnen vertreten, und sie aus sachlichen Gründen auch zu einer anderen Würdigung der Vorbringen gelangt, als von ihnen gewünscht, nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung. Es ergeben sich denn auch nach Prüfung der Akten keine hinreichenden Anhaltspunkte, welche den Schluss zulassen würden, das SEM habe den Sachverhalt unvollständig oder un- richtig abgeklärt. 3.4 Zusammenfassend erweist sich die Rüge, die Vorinstanz habe d en rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig und unrichtig abgeklärt und das rechtliche Gehör verletzt, als unbegründet. Der gestellte Rückwei- sungsantrag ist daher abzuweisen. D-3922/2019 Seite 8 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychi schen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m. Verw.). 4.3 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, wel che den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2.5; 2010/44 E. 3.). 5. 5.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vorbringen der Beschwerdeführerin (und ihres Kindes) hielten den Vo- raussetzungen der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. Die angeführten Geschehnisse seien nicht auf eine gezielte Verfolgung, sondern auf die allgemeinen politischen und sozialen Missstände in Vene- zuela zurückzuführen. Bei den "Colectivos" handle es sich um regierungs-D-3922/2019 Seite 9 nahe Schlägertrupps, die schon unter Hugo Chavez als parallele Sicher- heitskräfte eingesetzt und unter anderem als Eingreiftruppe bei Demonst- rationen mobilisiert worden seien. Inzwischen seien sie oft zu kriminellen Gangs geworden, welche Stadtviertel beherrschen und in vielen Städten den Drogenhandel, teilweise Waffengeschäfte und den Handel mit gestoh- lenen Autos kontrollieren würden. Die angeführten Behelligungen seien nicht gegen die Beschwerdeführerin als Person, sondern gegen alle Oppo- sitionellen beziehungsweise Protestierenden gerichtet gewesen. Zudem seien die g eltend gemachten Nachteile aufgrund ihrer Art und Intensität auch nicht als ernsthaft im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG zu werten, da sie der Beschwerdeführerin ein menschenwürdiges Leben im Heimatstaat we- der verunmöglicht noch erschwert hätten. Soweit die Beschwerdeführerin anführe, dass sie keinesfalls nach Vene- zuela zurückkehren könne, weil sie dort um ihr Leben fürchten müsse, De- monstrationsteilnehmer verhaftet und danach gefoltert oder einfach ver- schwinden würden, und sie selbst vor der Ausreise wiederholt bedroht wor- den sei, sei zu schliessen, dass sie sich – abgesehen von Teilnahmen an Demonstrationen – kaum politisch betätigt und auch ihre Mutter sich nicht politisch exponiert habe. Den Akten seien auch keine anderen Anhalts- punkte für die Annahme zu entnehmen, dass sie vor ihrer Ausreise die Auf- merksamkeit der Behörden auf sich gelenkt habe. Überdies liege ihre Aus- reise bereits (...) Jahre zurück, so dass eine zielgerichtete Verfolgungsab- sicht seitens der venezolanischen Behörden oder der "Colectivos" als un- wahrscheinlich zu erachten sei. Es sei demnach nicht von einer begründe- ten Furcht vor staatlichen Verfolgungsmassnahmen auszugehen. Da die Vorbringen nicht asylrelevant seien, könne auf eine vertiefte Prüfung ihrer Glaubhaftigkeit verzichtet werden. 5.2 Die Beschwerdeführerin wiederholte in ihren Beschwerdeeingaben in materieller Hinsicht unter Hinweis auf die diesbezüglich ins Recht gelegten Beweismittel den bereits vorgebrachten Sachverhalt und wendete gegen die vorinstanzliche Einschätzung ein, dass sie aufgrund ihrer oppositionel- len politischen Aktivitäten in ihrer Heimat ernsthaft gefährdet beziehungs- weise ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sei. 6. 6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Abwägung der Argu- mente, die f ür oder gegen die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft sprechen, und nach Berücksichtigung der eingereichten Beweismittel zum Schluss, dass die Vorinstanz die Asylgesuche der Beschwerdeführerin und D-3922/2019 Seite 10 ihrer Tochter zu Recht abgelehnt hat. Zudem ist die getr offene Einschät- zung, dass bei einer Rückkehr nach Venezuela keine beachtliche Wahr- scheinlichkeit einer zukünftigen asylrelevanten Massnahme für die Be- schwerdeführerinnen besteht, zu bestätigen. Die Entgegnungen auf Be- schwerdestufe vermögen die vom SEM getroffene Einschätzung nicht um- zustossen. 6.2 Vorweg ist anzuführen, dass Nachteile, die auf die allgemeinen politi- schen, wirtschaftlichen oder sozialen Lebensbedingungen in einem Staat zurückzuführen sind, keine Asylrelevanz zu entfalten vermögen, da sie keine individuelle Verfolgung darstellen, sondern die ganze Bevölkerung oder einen grossen Teil derselben in gleichem Ausmass treffen. Soweit die Beschwerdeführerin diverse Behelligungen durch Angehörige der Sicher- heitskräfte respektive von Angehörigen der "Colectivos" anlässlich von De- monstrationsteilnahmen oder vor dem Eingang der von ihr besuchten Uni- versität anführt, ist festzuhalten, dass die geschilderten Vorkommnisse – so unangenehm sie für die Beschwerdeführerin auch gewesen sein müs- sen – entweder nicht gezielt gegen ihre Person gerichtet waren oder in ihrer Art und Dauer nicht als genügend intensiv zu erachten sind, um ernst- hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG darzustellen. Vielmehr sind sol- che Vorfälle auf die allgemeine politische Situation in Venezuela zurückzu- führen. So hat das Land insbesondere seit dem Jahr 2014 wiederholt De- monstrationen und Streiks erlebt, die hauptsächlich von der parlamentari- schen Opposition, Studentenvereinigungen, Gewerkschaftsorganisationen und anderen sozialen Gruppen organisiert wurden und welche sich gegen die Regierungspolitik und die zunehmende Verschlechterung der wirt- schaftlichen Bedingungen beziehungsweise der Infrastruktur richten, die Absetzung von Präsident Maduro und/oder den Rücktritt von seinem Re- gime fordern. Diese Proteste, die bis heute andauern, sind teilweise ge- walttätig und werden oft von venezolanischen Sicherheitskräften und/oder bewaffneten zivilen Gruppen, die für die Regierung arbeiten, unter dem Namen "Colectivos" unterdrückt oder niedergeschlagen (vgl. dazu ausführ- lich Urteil des BVGer D-4465/2019 vom 2. Oktober 2019 E. 9.2.1). Die von der Beschwerdeführerin vorgebrachten, seit (...) andauernden ver- einzelten telefonischen Drohungen, deren Intensität zugenommen habe (vgl. act. A10/12, S. 5, F37), vermögen sodann im geschilderten Kontext keine asylrelevante Furcht vor künftiger Verfolgung zu begründen. Hätten die venezolanischen Behörden respektive die "Colectivos" die Beschwer- deführerin individuell und gezielt verfolgen wollen, hätten sich diese n icht D-3922/2019 Seite 11 über die angeführte lange Zeit von (Nennung Dauer) mit einigen Telefon- anrufen begnügt. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie aktiv gesucht worden wäre oder man ihr geplant im öffentlichen Raum nachgestellt hätte. An dieser Einschätzung vermag auch d er Vorfall im (...) vor dem Eingang der Universität, als sie und (Nennung Person) beim Warten auf ihre Mutter von vorbeifahrenden "Colectivos" überrascht, mit Gegenständen beworfen und geschubst worden sei, angesichts des zufälligen Charakters dieser für die Beschwerdeführerin zweifellos unerfreulichen Begegnung, nichts zu ändern. Ferner war es ihr möglich, während vielen Jahren unbehelligt die Schule respektive die Universität zu besuchen. Sodann hat die Beschwer- deführerin, die sich politisch nicht exponierte und selber eingestand, dass ihre Situation nicht schlimmer sei, als diejenige von anderen Leuten bezie- hungsweise von anderen gegen die Regierung Protestierenden (vgl. act. A10/12, S. 8, F53), keine gegen sie in der Zwischenzeit eingeleitete be- hördliche Massnahmen erwähnt. Nachdem aus den Akten ihrer Mutter (N_______) ersichtlich ist, dass diese mit Angehörigen in der Heimat in Kontakt steht (vgl. Anhörungsprotokoll im Verfahren der Mutter: act. A10/11, S. 4, F17), und davon auszugehen ist, dass ihr oder ihrer Mutter seitens der Familienangehörigen mitgeteilt worden wäre, hätten die hei- matlichen Behörden behördliche Schritte gegen sie eingeleitet , und auch ihre in der Heimat verbliebenen Familienangehörigen selber offenbar keine behördlichen Nachfragen nach ihrer Person oder andere Behelligungen über sich ergehen lassen mussten, ist der Schluss zu ziehen, dass die Be- schwerdeführerin nicht im Visier der Behörden ihres Heimatlandes steht und diese a uch kein tatsächliches und gezieltes Verfolgungsinteresse an ihrer Person haben. Diese Einschätzung wird auch dadurch gestützt, dass die Beschwerdeführerin Venezuela gemäss dem Eintrag in ihrem Reise- pass am (...) offenbar problemlos über einen kontrollierten Grenzübergang verlassen hat, was als starkes Indiz gegen ein Verfolgungsinteresse der heimatlichen Behörden zu werten ist. Aufgrund ihrer Asylvorbringen kann sie sich nicht darauf berufen, sie habe begründete Furcht gehabt, asylrele- vanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu werden, zumal es nicht genügt, bloss auf Vorkommnisse zu verweisen, welche sich früher oder später eventuell ereignen könnten (vgl. BVGE 2010/44 E. 3.3 f. S. 620 f.), auch wenn sie sich in subjektiver Hinsicht vor einer Verhaftung oder ander- weitigen behördlichen Nachteilen gefürchtet haben mag. Überdies ist an- zufügen, dass die Beschwerdeführerin nach ihrer Ausreise auf dem Weg in die Schweiz zunächst (Nennung Dauer) in J._______ verbrachte, wo sie bei Angehörigen ihrer Glaubensgemeinschaft in K._______ wohnhaft war und sich offensichtlich nicht veranlasst sah, in dieser Zeit bei den Behörden von J._______ um Asyl zu ersuchen. Dieses Verhalten widerspiegelt nicht D-3922/2019 Seite 12 dasjenige einer Person, die vorgibt, aus Furcht vor Verfolgung aus ihrer Heimat geflüchtet zu sein . Vielmehr wäre andernfalls zu erwarten gewe- sen, dass die Beschwerdeführerin nach ihrer Ankunft in J._______ – ein Land, das sie von einer Ferienreise bereits gekannt habe (vgl. act. A10/12, S. 5, F34) und dessen Landessprache sie sp richt – bestrebt gewesen wäre, möglichst rasch um Asyl zu ersuchen. Ihre auf Vorhalt abgegebene Erklärung, wonach sie in J._______ nicht viel getan, das Kind einer Frau ihrer Glaubensgemeinschaft gehütet und gewartet habe, bis ihr ihre Mutter mitteile, wie es weitergehe (vgl. act. A10/12, S. 8, F54), stützt nach Ansicht des Gerichts obige Einschätzung einer fehlenden Verfolgungsfurcht. 6.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass es de r Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, ihre Flüchtlingseigenschaft oder jene der Tochter nachzuwei- sen oder zumindest glaubhaft zu machen, weshalb das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und die Asylgesuche abgelehnt hat. 7. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländer- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshin- dernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenste hen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, D-3922/2019 Seite 13 zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 geg en Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie- mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be- handlung unterworfen werden. 8.3 8.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be- schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin und ihres Kindes nach Venezuela ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 8.3.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdefüh- rerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie oder ihr Kind für den Fall einer Ausschaffung nach Venezuela dort mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung, sei es aufgrund v on Handlungen des Staatspersonals oder von Mitgliedern verschiedener anderer paramilitärischen Gruppen, ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei- sen oder glaubhaft machen, dass ihr und/oder ihrem Kind im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Weder die weiterhin bestehenden politi- schen und sozialen Spannungen in Venezuela noch die allgemeine Men- schenrechtssituation in der Herkunftsregion der Beschwerdeführerin nen lassen den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzulässig er- scheinen. So muss jedenfalls dort nicht von einer derart desolaten Sicher- heitslage ausgegangen werden, dass die hohen Anfor derungen des „real risks“ einer unmenschlichen Behandlung erfüllt wären. D-3922/2019 Seite 14 8.3.3 Schliesslich berufen sich die Beschwerdeführerinnen auf Art. 8 EMRK als beachtliches Vollzugshindernis, da der Vater der rubrizierten Tochter ein Staatsbürger von L._______ sei, die Vaterschaft anerkannt habe und die schweizerischen Zivilstandsbehörden die Registrierung bald abgeschlossen hätten. Da der Vater nicht in Venezuela lebe, würde mit ei- nem Vollzug der Wegweisung das Familienleben und die Aufrechterhaltung der Beziehung zum Vater verunmöglicht. Altersgemäss benötige das Kind jedoch beide Elternteile für eine normale Entwicklung und der in dieser Hin- sicht notwendigen Stabilität der Verhältnisse sei gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts Rechnung zu tragen. Das SEM hielt dazu i n seiner Vernehmlassung fest, da der Vater des Kindes ein Staatsangehöriger von L._______ mit Wohnsitz in L._______ sei, vermöge die fast (...) Jahre nach der Geburt geschehene Vaterschaftsanerkennung den weiteren Verbleib der Beschwerdeführerinnen in der Schweiz offensichtlich nicht zu begrün- den. Der Kontakt zwischen Vater und Tochter könne mittels elektronischer Medien und gegenseitiger Besuche aufrechterhalten werden. In ihrer Rep- lik wenden die Beschwerdeführerinnen ein, aufgrund der Distanz zum Hei- matland sei die Aufrechterhaltung einer Beziehung zum Vater nicht mög- lich. Der Kontakt mittels elektronischer Medien komme wegen des Alters der Tochter nicht in Frage und das Internet werde durch die häufigen Stromunterbrüche in Venezuela stark beeinträchtigt. Gemäss Art. 273 ZGB hätten Eltern, denen die elterliche Sorge oder Obhut nicht zustehe, und das minderjährige Kind Anspruch auf angemessenen persönlichen Ver- kehr. Daher werde der persönliche Verkehr in der Schweiz geregelt. Der Vater und dessen Eltern wür den in (...) wohnen, weshalb eine sehr gute Möglichkeit bestehe, den Kontakt zu halten. Die Tochter benötige aufgrund ihres Alters Zeit, um die Beziehung zu ihrem Vater zu vertiefen. 8.3.4 Das Recht auf Achtung des Familienlebens gemäss Art. 8 EMRK schützt bestehende Familien. Der Begriff Familienleben umfasst unter an- derem die Beziehungen zwischen Partnern, ob ehelich oder nicht, also auch die Beziehungen zwischen Personen, die eine De -facto-Familie bil- den, die zusammenleben und bei denen also eine enge persönliche Bezie- hung besteht (vgl. BVGE 2013/49 E. 8.4.1 mit zahlreichen Hinweisen). Ge- mäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung ergibt sich indessen lediglich dann ein Aufenthaltsan spruch, wenn nahe Familienangehörige über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz (das heisst die Schweizer Staatsangehörigkeit, eine Niederlassungsbewilligung oder eine Aufenthaltsbewilligung mit Anspruch auf Verlängerung) verfügen (vgl. statt vieler BGE 130 II 281 E. 3, m.w.H.). Das Bundesverwaltungsgericht hat sich dieser Praxis angeschlossen (vgl. BVGE 2012/4 E. 4.3, BVGE D-3922/2019 Seite 15 2013/24 E. 5.2). Diese Voraussetzungen sind vorliegend, da der Kindsva- ter in L._______ lebt, bereits deswegen klarerweise nicht erfüllt respektive durch die Schweizer Behörden gar nicht zu prüfen. Es erübrigt sich unter diesen Umständen auch darauf einzugehen, ob überhaupt ein Familienle- ben im Sinne der zitierten Rechtsprechung vorliegen könnte. Mit Blick auf das Gesagte vermögen die Beschwerdeführerinnen auch aus dem zu den Akten gerichteten Schreiben der (Nennung Verwandte) des Kindsvaters nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. 8.3.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.4.1 Trotz der nach wie vor angespannten Situation im Heimatland der Beschwerdeführerinnen besteht in Venezue la keine Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt, die bei einer Rückkehr eine konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu begründen vermöchte (vgl. dazu ausführlich: Urteil des BVGer D -4465/2019 vom 2. Oktober 2019 E. 9.2.1). 8.4.2 Auch liegen keine individuellen Gründe wirtschaftlicher und sozialer Natur vor, die der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs entgegenste- hen würden. Die Beschwerdeführerin verfügt über eine – wenn auch nicht abgeschlossene – universitäre Ausbildung (vgl. act. A8/10 S. 4; A 10/12, S. 3, F7 ff.). Sodann stammt sie aus überdurchschnittlich guten wirtschaft- lichen Verhältnissen (vgl. Anhörungsprotokoll im Verfahren der Mutter: act. A10/11, S. 7, F32) und wurde auch während ihres Universitätsstudiums noch immer vom (Nennung Verwandter) finanziell unterstützt (vgl. act. A 10/12, S. 4, F23 ff.). Zudem verfüg en sie und ihre Tochter in ihrer Her- kunftsregion über ein soziales Beziehungsnetz ([...]), mit welchem ein Kon- takt besteht (vgl. act. A8/10, S. 4; A10/12, S. 5). Da die Asylbeschwerde der Mutter respektive Grossmutter der Beschwerdeführerinnen (Ge- schäfts-Nr. D-3919/2019) mit Urteil gleichen Datums entschieden wurde , besteht die Möglichkeit, dass die Beschwerdeführerin bei der Betreuung ihrer Tochter von ihrer Mutter unterstützt wird und sie aufgrund der guten D-3922/2019 Seite 16 finanziellen Situation der Familie allenfalls auch ihr Studium wieder aufneh- men und beenden kann. Es ist daher – in Übereinstimmung mit den vor - instanzlichen Erwägungen – davon auszugehen, dass die Beschwerdefüh- rerin und ihre Tochter bei der Rückkehr nicht in eine existenzbedrohende Situation geraten werden, wobei allein wirtschaftliche Probleme ohnehin nicht zur Annahme der Unzumutbarkeit führen. 8.4.3 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet das Kindeswohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung einen Ge- sichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Unter dem Aspekt des Kindes- wohls sind sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen. In Be zug auf das Kindeswohl können namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer ge- samtheitlichen Beurteilung von Bedeutung sein: Alter des Kindes, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugsperso nen (insbes. Unterstützungsbereit- schaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbil- dung, Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Insbesondere der letztgenannte Aspekt, die Dauer des Aufent- halts in der Schweiz, ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen und Hin- dernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem einmal ver- trauten Umfeld herausgerissen werden sollten. Dabei ist aus entwicklungs- psychologischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige soziale Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine re- ziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine starke Assimilierung in der Schweiz mithin eine Entwur- zelung im Heimatstaat zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVG E 2009/51 E. 5.6, mit weiteren Hinweisen). Vorliegend kann mit Blick auf den Aufent- halt und eine damit verbundene Integration der Tochter B._______ in der Schweiz kein Verstoss gegen das Kindeswohl erblickt werden. Das Kind ist etwas mehr als (...) Jahre alt und – auch wenn es in der Schweiz geboren wurde –aufgrund seines Alters noch in erster Linie an seiner Mutter und Grossmutter orientiert. Es hat daher auch noch keine derartige Integration in der Schweiz erfahren, dass daraus zu schliessen wäre, eine Rü ckkehr nach Venezuela sei unter dem Aspekt des Kindeswohls unzumutbar. In Be- zug zum in L._______ lebenden Kindsvater ist auf das unter E. 8.3.4 Aus- geführte zu verweisen. D-3922/2019 Seite 17 8.4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerinnen nach Venezuela insgesamt als zumutbar. 8.5 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente für sich und ihre Tochter zu beschaffen beziehungsweise ih- ren am (...) abgelaufenen Reisepass verlängern zu lassen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer- deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit Zwi- schenverfügung vom 30. August 2019 das Gesuch um Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheis sen und es ist den Akten nicht zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin zwischenzeitlich nicht mehr bedürftig wäre, weshalb keine Verfahrenskos- ten aufzuerlegen sind. 10.2 Mit derselben Verfügung wurde ausserdem das Gesuch um amtliche Verbeiständung gutgeheisse n und de n Beschwerdeführerinnen ihre Rechtsvertreterin als Rechtsbeiständin bestellt. Demnach ist dieser ein amtliches Honorar für ihre notwendigen Aufwendungen im Beschwerdever- fahren auszurichten. Seitens der Rechtsvertreterin wurde keine Kosten- note eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann indes verzich- tet werden, da der Aufwand für die Rechtsvertreterin zuverlässig abge- schätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In Anwendung der mas- sgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8–11 VGKE) ist das Honorar auf Fr. 1500.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzusetzen. Dieser Betrag ist Rechtsanwältin Ana Moncada als amtliches Honorar zu Lasten des Gerichts auszurichten. D-3922/2019 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Der amtlichen Rechtsbeiständin wird zulasten der Gerichtskasse eine Ent- schädigung von Fr. 1500.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die zu- ständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Jeannine Scherrer-Bänziger Stefan Weber Versand: