B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3636/2021 U r t e i l v o m 3 0 . N o v e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richter Markus König, Gerichtsschreiberin Alexandra Püntener. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Joana Mösch, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 14. Juli 2021 / N (…). E-3636/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger, paschtuni- scher Ethnie aus B._______, C._______, Provinz Laghman – suchte am 3. Mai 2021 in der Schweiz um Asyl nach. Am 17. Mai 2021 fand im Bun- desasylzentren (BAZ) (…) die Erstbefragung für unbegleitete minderjäh- rige Asylsuchende (UMA EB) statt . Eine forensische Lebensaltersschät- zung durch das Institut für Rechtsmedizin der Universität D._______ vom 28. Juni 2021 ergab, dass sein angegebenes Alter von (…) Jahren und (…) Monaten mit den erhobenen Befunden zu vereinbaren sei. Am 5. Juli 2021 folgte eine Anhörung des Beschwerdeführers gemäss Art. 29 AsylG (SR 142.31). Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentlichen geltend, seine Ver- wandten hätten Ländereien gehabt, die seine Grosseltern auf seinen Vater überschrieben hätten. Nach dessen gewaltsame n Tod (etwa ein Jahr vor seiner Anhörung [vgl. Akte A42 F49]), für den dessen Brüder und die Tali- ban verantwortlich seien, habe die Regierung die Ländereien auf ihn (den Beschwerdeführer) überschrieben. Seither hätten seine Onkel väterlicher- seits (vs) damit begonnen, ihn unter Druck zu setzen. Sie hätten ihn zwin- gen wollen, seinen Fingerabdruck zu geben und damit Unterlagen zu un- terschreiben. Er habe sich jedoch geweigert, da sein Onkel mütterlicher- seits (ms) und seine Mutter gegen eine solche La ndabtretung gewesen seien. Man habe ihn und seine Mutter geschlagen. Schliesslich hätten die Taliban im Auftrag seiner Onkel vs sein Haus angezündet und ihn in die Berge entführt. Seine Mutter habe seither bei seinem O nkel ms gewohnt. Zudem hätten die Taliban ihn gezwungen, seine Fingerabdrücke zu geben und das Land auf seine Onkel vs zu überschreiben. Sie hätten ihn nicht mehr ins Dorf zurückkehren lassen, da er Talib hätte werden sollen. Es sei ihm mit seinem Tod und demjenigen seiner Mutter gedroht worden. Er sei während eines Monats unter anderem an der Waffe ausgebildet worden. Als die Taliban einen Angriff auf das Lycée seines Heimatdorfs geplant hät- ten, sei ihm die Flucht zu seinem Onkel ms gelungen. Als er dort von seinen Onkeln vs zwecks Übergabe an die Taliban gesucht worden sei, habe er sich in den zwei nächsten Tagen im Tanur (Brotofen) versteckt. Er habe seinem Onkel ms und seiner Mutter vorgeschlagen, sich zu stellen, um weitere Probleme zu vermeiden. Stattdessen habe sein Onkel ms Land verkauft und ihm damit die Ausreise finanziert. Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen. E-3636/2021 Seite 3 Der Beschwerdeführer reichte zum Nachweis seiner Identität eine Tazkira in Kopie ein. B. Der Beschwerdeführer wurde im vorinstanzlichen Verfahren aufgrund von psychischen Beschwerden ärztlich abgeklärt. Zudem folgten wiederholt notfallmässige ärztliche Behandlungen respektive H ospitalisierungen, nachdem der Beschwerdeführer das Bewusstsein verloren habe. C. Das SEM händigte der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers den auf den 12. Juli 2021 datierten Entscheidentwurf zwecks Stellungnahme aus und gewährte Einsicht in die verfahrenswesentlichen Akten. Die Rechts- vertretung reichte am 13. Juli 2021 eine Stellungnahme ein, worin ausge- führt wurde, der Beschwerdeführer habe anlässlich der Besprechung des Entscheidentwurfs suizidale Absichten geäussert und kurz darauf das Be- wusstsein verloren. Solche Anfälle seien bereits mehrfach aufgetreten und dem SEM bekannt. Trotzdem sei keine Sonderunterbringung erfolgt. Seine psychischen Beschwerden seien im Entscheidentwurf nicht erwähnt wor- den. Zudem sei seinem freien Bericht keine Rechnung getragen worden. Diesem seien nachvollziehbare und lebhafte Schilderungen sowie ausser- gewöhnlich viele Realkennzeichen zu entnehmen. Bei der Beurteilung sei- ner Aussagen seien seine Minderjährigkeit und seine Traumatisierung zu berücksichtigen. D. Mit Verfügung vom 14. Juli 2021 stellte das SEM fest, der Beschwerdefüh- rer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus der Schweiz an, schob de- ren Vollzug aber zufolge Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Auf- nahme auf. Es begründete seine Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden weder den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft noch denjenigen an die Glaubhaftigkeit stand- halten. E. Mit Eingabe vom 13. August 2021 erhob der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht dage gen Be- schwerde und beantragte die Aufhebung der Ziffern 1 bis 3 der angefoch-E-3636/2021 Seite 4 tenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Ge- währung von Asyl , eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks Neubeurteilung. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Gewährung der unen tgeltlichen Prozessfüh- rung. F. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 16. August 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG). Gleichentags bestätigte das Bundesverwaltungsgericht dem Beschwerde- führer den Eingang seiner Beschwerde. G. Mit Verfügung vom 19. August 2021 hiess die Instruktionsrichterin das Ge- such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung – unter Vorbehalt der Nachreichung einer Fürsorgebestätigung und einer nachträglichen Ver- änderung der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers – gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. H. Die Vorinstanz reichte mit Eingabe vom 2. September 2021 ihre Vernehm- lassung zu den Akten. I. Am 9. September 2021 wurde eine Unterstützungsbestätigung nachge- reicht. J. Am 24. September 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den E-3636/2021 Seite 5 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 Covid-19-Verordnung Asyl [142.318]; Art. 48 Abs. 1 so- wie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen R ügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Eingangs ist festzuhalten, dass vorliegend ein Altersgutachten die Minder- jährigkeit des Beschwerdeführers bestätigt (vgl. Akte A40) und dies von der Vorinstanz anerkannt wurde. Vorab ist daran zu erinnern, dass das SEM in Verfahren von minderjährigen Asylsuchenden an gewisse Anforderungen gebunden ist. Wird von der Minderjährigkeit ausgegangen und handelt es sich um eine unbegleitete minderjährige Pe rson, muss das SEM geeignete Massnah- men ergreifen, um den Schutz derer Rechte zu gewährleisten (vgl. Art. 17 Abs. 3 AsylG und Art. 7 Abs. 2 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]; siehe auch Art. 64 Abs. 4 AIG). Nachdem das in Auftrag gegebene Altersgutachten die Minderjährigkeit de s Beschwerde- führers bestätigt hatte (vgl. Akte A40), wurde er im Verfahren als solche r behandelt. E-3636/2021 Seite 6 4. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei- sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Be- schwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläu- fig aufgenommen hat. 5. 5.1 Der Beschwerdeführer rügt zunächst , die Vorinstanz habe den Sach- verhalt nur ungenügend erstellt und ihren Entscheid ungenügend begrün- det. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie geeignet sein könnten, die Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 5.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge- listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Dazu gehört, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und in der Anhörung die Asylgründe darzulegen sowie allfällige Beweismittel vollstän- dig zu bezeichnen und unverzüglich einzureichen (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4). Die unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Ver- letzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwer- degrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, V erwaltungsverfahren und Verwal- tungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043). 5.2.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, für minderjährige Asylsu- chende gelte ein tieferer Beweismassstab. Die Vorinstanz habe den Sach- verhalt in Missachtung seiner gesundheitlichen Situation (psychische Be- lastung nebst seiner Jugendlichkeit, mehrfache Zusammenbrüche) unvoll- ständig erstellt. Er sei – nach einer weitergehenden Therapie und sobald er für eine vertiefte Erzählung bereit sei – erneut anzuhören. Die Vorinstanz führt in ihrer Vernehmlassung demgegenüber aus, sie gehe von Rahmenbedingungen an der Anhörung aus, die es dem minderjähri- gen Beschwerdeführer ermöglicht hätten, effektiv erlebte Geschehnisse hinreichend zu begründen und allfällige Gedächtnislücken un d Unsicher- heiten offenzulegen. Die Rechtsvertretung habe auch keine Bemerkungen zum Anhörungssetting geäussert. Ferner weise unter Berücksichtigung der E-3636/2021 Seite 7 Minderjährigkeit und in Anbetracht seiner psychischen Belastungssituation die Erzählstruktur in der Anhö rung keine entscheidenden Auffälligkeiten auf. Die Qualität der Anhörung habe sich sowohl bei den Vorfragen als auch bei den Asylvorbringen gleichermassen knapp und unsubstanziiert gestaltet. Es sei dem Beschwerdeführer nach einem emotionalen Moment erfolgreich gelungen, sich wieder auf das Wesentliche zu fokussieren und die Anhörung ohne weitere Schwierigkeiten fortzuführen und zu beenden. Dem wird in der Replik entgegengehalten, die Befragerin sei knapp und unpersönlich auf den minderjährigen Beschwerdefü hrer eingegangen. Er habe während der gesamten Pause geweint. Anstatt auf seine Bedürfnisse einzugehen, habe die Befragerin die Frage F49 zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters gestellt. Oftmals sei es ihr um zeitliche Angaben zulasten des asylrelevanten In halts gegangen. Schliesslich spreche sein Zustand für eine Zuweisung in das erweiterte Verfahren. Seit er sich in einer sozialpä- dagogischen Struktur befinde, wo er intensiv begleitet und betreut werde, sei er langsam in der Lage, über das Vorgefallene im Heimatstaat zu spre- chen. 5.2.2 Der Einwand der Verletzung der Untersuchungspflicht ist unbegrün- det. Vorab ist festzustellen, dass die Vorinstanz dem Umstand der Minder- jährigkeit des Beschwerdeführers grundsätzlich Rechnung getragen hat, indem er anlässlich der Befragung und der Anhörung durchwegs als – da- mals beinahe (…)-jähriger – Minderjähriger behandelt worden ist. Anläss- lich der Anhörung wurde er einleitend zu seiner gesundheitlichen Situation inklusive ärztliche und therapeutische Behandlung, seinen Rechten und Pflichten, seinem Befinden – diesbezüglich auch im Verlaufe der weiteren Anhörung (vgl. A42 F50) – , seinem (wissenschaftlich bestätigten) Alter so- wie nach seinem Herkunftsort und den dortigen Begebenheiten, Kontak- ten, und weiteres befragt (vgl. A42 F2 ff.). Damit wurde im Sinne der Recht- sprechung eine vertrauensbildende Befragungssituation geschaffen (vgl. BVGE 2014/30 E.2.3.3.2f.). Er erhielt anschliessend Gelegenheit, seine Asylgründe umfassend vorzutragen (F45). In einem weiteren Abschnitt der Anhörung wurde er zu Einzelheiten der von ihm vorgebrachten Asylgründe (Zeitangaben, Personen, die ihn unter Druck gesetzt hätten, Umstände der Fingerabdrücke und der Festhaltung durch die Taliban, Ausreiseumstände, etc.), auch mit offenen Fragen, befragt. Nachdem er während der Pause geweint hatte und auf die nach der Pause gestellte Frage im Zusammen- hang mit dem Tod seines Vaters erneut weinte, zeigte die Befragerin Em- pathie (vgl. A42 F50f.), worauf er sich ohne Weiteres auf die Fortsetzung der Anhörung einlassen und auf die ihm gestellten Fragen konzentrieren E-3636/2021 Seite 8 konnte. Jedenfalls hinterliess er fortan nicht den Eindruck, dass er aus emotionalen Gründen dazu nicht in der Lage gewesen wäre. Die von der Befragerin formulierten Fragen erscheinen zudem weder knapp noch un- persönlich, sondern insgesamt altersgerecht. Dem Protokoll (A42) ist zwar zu entnehmen, dass bei der Frage 55 tatsächlich auf seine Antwort auf die Frage 54 hätte eingegangen werden können, nachdem er in der freien Schilderung seine Angst vor Hunden zum Ausdruck gebracht hatte (vgl. F45). Indes ist dem Protokoll nicht zu entnehmen, dass die tatsächlich ge- stellte Frage 55 den Beschwerde führer emotional destabilisiert hätte. Die an der Anhörung anwesende Rechtsvertreterin stellte ihrerseits ergän- zende Fragen (F77 ff.). Schliesslich bejahte der Beschwerdeführer die Frage, ob er alles Wesentliche habe sagen können (F90) und verneinte die Frage nach weiteren, noch nicht erwähnten Gründen, die gegen eine Rück- kehr nach Afghanistan sprechen würden (F91). Dem Wunsch des Be- schwerdeführers nach einer erneuten Anhörung, sobald er therapiert sei, ist nach dem Gesagten nicht stattzugeben. Nach Ansicht des Gerichts be- stand für das SEM keine Veranlassung, den Beschwerdeführer zu den von ihr in Zweifel gezogenen Vorbringen erneut anzuhören, zumal die psychi- schen Beschwerden gemäss Angaben des Beschwerdeführers nicht auf die Erlebnisse bei den Taliban zurückzuführen sind, sondern nach dem Hinscheiden des Vaters und Verlassen des Dorfes und insbesondere wäh- rend der Flucht im Ausland auftraten (vgl. A 42 F18f.). Ob das SEM den verfahrensrechtlichen Anforderungen hinsichtlich des Beweiswerts der Aussagen des Beschwerdeführers genügend Rechnung getragen hat, ist eine Frage der Glaubhaftigkeitseinschätzung, also hiernach bei der mate- riellen Prüfung zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2014/30 E. 2.3.2, E. 2.3.3.2 und E. 2.3.4). 5.3 Im Weiteren ist auch eine Verletzung der Begründungspflicht zu vernei- nen. Aus der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs ergibt sich, dass die Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermögli- chen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechte n, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können. Die Begründungs- dichte richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfah- rensumständen und den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwerwie- genden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffenen – und um solche geht es bei Verfahren betreffend Asyl und Wegweisung – eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4 .1; BVGE 2008/47 E. 3.2). E-3636/2021 Seite 9 Das SEM hat in seiner Verfügung nachvollziehbar und hinreichend diffe- renziert aufgezeigt, von welchen Überlegungen es sich leiten liess. Es hat sich auch mit sämtlichen wesentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers unter Berücksichtigung seiner Minderjährigkeit und seiner psychischen Be- schwerden auseinandergesetzt. Der blosse Umstand, dass er die Auffas- sung und Schlussfolgerungen des SEM nicht teilt, stellt keine Verletzung der Begründungspflicht dar, sondern eine materielle Frage. Da es dem Be- schwerdeführer offensichtlich ohne Weiteres möglich war, die angefoch- tene Verfügung sachgerecht anzufechten (vgl. Art. 13 EMRK), ist die Rüge der Verletzung der Begründungspflicht unberechtigt. 5.4 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un- begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzuheben und zur Behandlung im erweiterten Verfahren an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbezügliche Eventualbegehren ist so- mit abzuweisen. 6. 6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten s ozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub - haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kan n hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie BVGE 2013/11 E. 5.1; ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick E-3636/2021 Seite 10 über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5). Dabei sind die kognitiven Fähigkeiten von – insbesondere unter 12- jährigen – Minderjährigen zu beachten (vgl. BVGE 2014/30 E.2.3.3.2 und 2.3.4. 7. 7.1 Die Vorinstanz begründet ihre Verfügung zunächst damit, bei der von den Onkeln vs ausgehenden Druckausübung auf den – damals etwa (…) und einige Monate alten – Beschwerdeführer, seine Mutter und seinen On- kel ms aufgrund von Landstreitigkeiten nach dem Tod seines Vaters und der nicht auszuschliessenden Mobilisierung der Taliban, um ihn zur Land- übertragung zu zwingen, handle es sich um Absichten und Handlungen von Verwandten sowie Drittpersonen, deren Verfolgungsmotive nicht in ei- nem in Art. 3 AsylG genannten Grund liegen würden und damit flüchtlings- rechtlich nicht relevant seien. Weiter erachtet die Vorinstanz die geltend gemachte (Zwangs -)Rekrutie- rung durch die Taliban als unglaubhaft. Dabei führt sie aus, es sei aufgrund der widersprüchlichen und ausweichenden Antworten des Beschwerdefüh- rers unklar, ob die Ländereien tatsächlich an di e Onkel vs überschrieben worden seien oder ob es diesen unter Mithilfe der Taliban misslungen sei, auch nur einen Teil der Ländereien an sich zu reissen, zumal seine Familie weiterhin im Besitz der rund 20'000 m2 sei. Ferner seien seinen unsubstan- ziierten Schilderungen über den Aufenthalt bei den Taliban keinerlei Real- kennzeichen zu entnehmen. Er habe weder aussergewöhnliche Eindrücke noch persönliche Gedankengänge im Zusammenhang mit diesen Erlebnis- sen aufzeigen können. Insbesondere habe er den erwartungsgemäss ein- schneidenden Moment der Fingerabdruck -Abgabe bei den Taliban trotz Aufforderung, alles von Anfang bis Schluss zu erzählen, in nur drei Sätzen beschrieben. Angesichts seines gesetzmässigen Anspruchs auf die Län- dereien seines verstorbenen Vaters sei anzunehmen, dass er von der ad- ministrativen und offiziellen Übertragung durch die afghanische Regierung gesprochen habe. Weiter habe er die einmonatige Trainings- und Ausbildungszeit ohne jegli- che Details oder nachvollziehbare Erklärungen geschildert. Auf die Frage, was ihm von seinem Aufenthalt bei den Taliban besonders in Erinnerung geblieben sei, habe er nur knappe Erklärungen gemacht (Hunde auf ihn losgelassen und Waffe in die Hand gegeben). Seine diesbezüglichen Ge- fühlsäusserungen würden nicht überze ugen. Auch auf Nachfrage seiner Rechtsvertretung seien seine Antworten auffallend oberflächlich und ohne E-3636/2021 Seite 11 individuellen Bezug ausgefallen. Es wäre zu erwarten gewesen, dass er viel mehr Eindrücke im Detail und auch seine inneren emotionalen Vor- gänge über eine derart einschneidende Zeitspanne hätte wiedergeben können. Deshalb könne nicht geglaubt werden, dass er einen Monat lang bei den Taliban gewesen und dort ausgebildet worden sei. Schliesslich sei auch der Bericht zum geplanten Überfall auf das Lycée in B._______ und seine anschliessende Flucht konstruiert und widersprüchlich ausgefallen. Auch gebe es in seinem kurzen Bericht über die Flucht keinerlei Hinweise auf eine akute Gefahr oder eine begründete Dringlichkeit zur Ausreise. 7.2 Der Beschwerdeführer führt demgegenüber aus, die Vorinstanz habe die Entführung und die Landübernahme durch die Taliban respektive die Onkel vs, bei denen es sich um kriminelle Absichten und Handlungen von Verwandten und Drittpersonen handle, zu Recht als flüchtlingsrechtlich nicht relevant bezeichnet. Indes habe sie diesbezüglich die Glaubhaftigkeit nicht vertieft geprüft und seine weiteren Vorbringen zu Unrecht in Frage gestellt, zumal sie die gesundheitliche S ituation des Beschwerdeführers und sein juge ndliches Alter nicht berücksichtigt habe. Diese hätten dazu geführt, dass er die schwierige Situation, welcher er in Afghanistan ausge- setzt gewesen sei, nicht detailliert habe schildern können. 8. 8.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers im Ergebnis zu Recht abgelehnt hat. Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffenden Erkenntnis gelangt, dass die unmittelbar vor der Ausreise geschilderten Verfolgungsvorbringen des Beschwerdeführers betreffend eine Trainings- und Ausbildungszeit bei den Taliban sowie einen Überfall auf eine Dorfschule den Anforderungen an die Glaubhaftmachung und die Vorbringen betreffend die Auseinandersetzungen mit den Onkeln vs und den Taliban wegen Ländereien den Anforderungen an die Flüchtlingseigen- schaft nicht genügen. Die Entgegnungen des Beschwerdeführers vermö- gen zu keiner anderen Betrachtungsweise zu führen. Währenddem seine Angaben zu den Vorgängen rund um den Übergang der Ländereien seines Vaters auf ihn (Druckausübung, Schläge, etc.) einen gewissen Detailreichtum aufweisen, sind seine Angaben zur Zwangsrekru- tierung durch die Taliban und zu dem bei ihnen verbrachten Aufenthalt von einem Monat, welche zu seiner Ausreise geführt haben so ll, oberflächlich und unsubstanziiert ausgefallen (vgl. A42 F45). Auch die wenigen Ausfüh- rungen anlässlich der Anhörung ( vgl. F69 und F79) sprechen nicht dafür. E-3636/2021 Seite 12 Jedenfalls hinterlassen sie nicht den Eindruck von tatsächlich Erlebtem und wirklichen Begebenheiten. Auch sind seine Antworten auf die ihm gestell- ten nachfolgenden Fragen der Befragerin zu den Ereignissen in diesem Zeitraum (Aufenthalt, Kontrolle, Training, Angriff auf Schule, etc.) auswei- chend, oberf lächlich und unsubstanziiert ausgefallen und haben damit nicht zur Klärung des Sachverhalts bei getragen (vgl. F54 ff.). Dabei hätte dies selbst vor dem Hintergrund seines noch jungen Alters im Zeitpunkt der Anhörung und seiner psychischen Verfassung erwartet werden dürfen. Es kann offen bleiben, ob er allenfalls von den Taliban im Zusammenhang mit der Überschreibung der Ländereien auf seine Onkel vs und diesbezüglich benötigten Unterschrift seinerseits unter Druck gesetzt wurde, wobei auch Hunde auf ihn gehetzt worden sein könnten. Nachdem der Beschwerde- führer die Unterschrift offenbar geleistet hat, ist nicht von einem weiterge- henden Interesse seitens der Taliban an ihm auszugehen. Seine Angaben zu einem angeblichen Verfolgungsinteresse der Taliban an seiner Person wegen Informationen, die er angeblich besitzen sollte, sind sehr vage aus- gefallen (vgl. F45). Es ist nicht nachvollziehbar, wie er überhaupt an solche gelangt sein könnte, zumal die vorgebrachte Zwangsrekrutierung und der einmonatige Aufenthalt bei den Taliban unglaubhaft ausgefallen sind. Ab- gesehen davon ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Taliban ihm vertraut haben sollten und welche Informationen er über sie erlangt haben könnte (vgl. F48, F61 und F63), zumal er sich ihnen gegenüber nicht kooperativ gezeigt haben will (vgl. F45, F57). 8.2 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer we- der eine konkrete Verfolgung noch eine begründete Furcht vor einer sol- chen zum Zeitpunkt der Ausreise im Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konnte und deshalb nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. Das SEM hat sein Asylgesuch somit zu Recht abgelehnt. 9. 9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisu ng aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). E-3636/2021 Seite 13 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfüg ung Bundesrecht nicht verletzt sowie den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu- weisen. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit Verfügung vom 19. August 2021 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung gutgeheissen und ist den Akten keine Änderung seiner finan- ziellen Lage zu entnehmen, womit keine Verfahrenskosten zu erheben sind. (Dispositiv nächste Seite) E-3636/2021 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Alexandra Püntener Versand: