B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2284/2021 U r t e i l v o m 2 . A u g u s t 2 0 2 1 Besetzung Richterin Mia Fuchs (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Sophie Frühauf, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 13. April 2021 / N (…). D-2284/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer Ethnie, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge etwa im No- vember 2020. Mithilfe eines Schleppers gelangte er über den Iran in die Türkei und von dort mit einem Schiff nach Italien. Am 24. Februar 2021 erreichte er mit dem Zug die Schweiz und stellte gleichentags im Bundes- asylzentrum B._______ ein Asylgesuch. Aufgrund seines Alters wurde am 10. März 2021 eine Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige ( UMA) durchgeführt. Dabei wurde er von seiner Rechtsvertreterin und seiner Tante mütterlicherseits, welche Schweizer Bürgerin ist, begleitet. Beide wa- ren auch bei der einlässlichen Anhörung des Beschwerdeführers am 31. März 2021 anwesend. B. B.a Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei im Dorf C._______ (Dis- trikt D._______, Provinz E._______) geboren und aufgewachsen. Er habe die Schule bis zur 7. Klasse besucht und daneben auf den Ländereien der Familie arbeiten müssen. Er habe es zu Hause sehr schwer gehabt, da sein Vater drogenabhängig gewesen sei und ihn geschlagen habe. Seine Mutter sei infolge eines Hirnschlags halbseitig gelähmt gewesen, weshalb der Va ter erneut geheiratet habe. Die zweite Ehefrau, eine junge Paschtunin, habe sich ihm, seinen Geschwistern und seiner Mutter gegen- über sehr schlecht verhalten und sie immer wieder geschlagen. Sein Vater habe nie etwas dagegen unternommen und nur noch auf seine junge Ehe- frau gehört. Auf Wunsch seiner Stiefmutter habe er regelmässig in deren Heimatdorf F._______ gehen müssen, um ihrem Vater bei der Bewirtschaf- tung seiner Ländereien zu helfen. Dieses Dorf sei von den Taliban kontrol- liert worden. Als er sich ei nmal allein auf dem Feld befunden habe, seien zwei Taliban auf ihn zugekommen. Sie hätten unanständige Sachen gesagt und ihn aufgefordert, zu ihrem Kommandanten mitzukommen. Er habe sich geweigert, woraufhin sie ihn heftig verprügelt hätten. Erst als ihm der Vater der Stiefmutter zu Hilfe gekommen sei , hätten sie von ihm abgelassen. Schliesslich sei es zu Hause zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwi- schen ihm und seiner Stiefmutter gekommen, weil diese seine kleine Schwester geschlagen habe. Aufgrund dieses Vorfalls habe sein Vater ihn mit einem Holzstock so stark ins Gesicht geschlagen, dass seine Verlet- zungen von einem Arzt hätten genäht werden müssen. Da seine Stiefmut- ter der Ansicht gewesen sei, dass er auf ihren Ländereien arbeiten solle, habe ihn sein Vater danach nicht mehr zur Schule gehen lassen. Er habe D-2284/2021 Seite 3 immer nur arbeiten müssen und sei von der Stiefmutter geschlagen und schikaniert worden. Als der Sohn seines Nachbarn den Plan gefasst habe, auszureisen, hab e er sich ebenfalls Gedanken über eine Ausreise ge- macht. Er habe mit seiner Mutter darüber gesprochen, welche gesagt habe, dass er aus seinem Leben dort nichts machen könne und es besser sei, wenn er woanders hingehe. Sie habe deshalb mit ihrem Bruder – sei- nem Onkel – geredet, welcher einen Schlepper gefunden und die Ausreise finanziert habe. B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Tazkara im Ori- ginal, die Kopie eines Personalienblattes aus Italien, drei Videos und vier Fotos von seiner Überfahrt nach Italien, einen afghanischen Impfausweis sowie ein Video mit einem TV-Bericht betreffend die Festnahme von zwei Taliban zu den Akten. C. Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 13. April 2021 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die F lüchtlingseigenschaft nicht. Es lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg, ordnete je- doch eine vorläufige Aufnahme infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs an. D. Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 12. Mai 2021 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid. Darin beantragte er, die Ziffern 1 -3 der angefochtenen Verfü- gung seien aufzuheben, er sei als Flüchtling an zuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren, e ventualiter sei die Sache zur Ne ubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde lagen – nebst einer Vollmacht und der angefochtenen Verfügung – zwei Berichte der Schwei- zerischen Flüchtlingshilfe (SFH) über die Lage in Afghanistan bei. E. Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh- rung mit Zwischenverfügung vom 25. Mai 20 21 gut und forderte die Vor - instanz zur Einreichung einer Vernehmlassung auf. D-2284/2021 Seite 4 F. Das SEM liess sich mit Schreiben vom 9. Juni 2021 zur Beschwerde vom 12. Mai 2021 vernehmen. G. Mit Eingabe vom 1. Juli 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusam- menhang mit dem Coronavirus [SR 142.3 18]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schw eiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer D-2284/2021 Seite 5 politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahme n, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer- deführer mache geltend, er sei zu Hause geschlagen und schikaniert wor- den, habe auf den Ländereien der Familie mithelfen müssen und schliess- lich nicht mehr zur Schule gehen dürfen. Diese Probleme gründeten jedoch in seinen familiären Verhältnissen und seien den allgemeinen wirtschaftli- chen und sozialen Lebensbedingungen in A fghanistan geschuldet. Dabei handle es sich nicht um eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG, weshalb diese Vorbringen nicht asylrelevant seien. Weiter bringe der Beschwerde- führer vor, dass er einmal von den Taliban angesprochen und verprügelt worden sei. Dieser einmalige Vorfall sei aber auf die zurzeit in Afghanistan herrschende Situation allgemeiner Gewalt zurückzuführen und beruhe nicht auf einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motive. Die Ausfüh- rungen des Beschwerdeführers liessen vielmehr darauf schliessen, dass die Taliban in seinem Dorf nicht präsent gewesen seien, sondern vor allem die Gegend um F._______ kontrolliert hätten. Bei den Taliban handle es sich um eine nichtstaatliche Organisation, welche an seinem Herkunftsort nicht als quasistaatliche Machthaber angesehen werden könnten. Zudem habe eine mögliche Rekrutierung des Beschwerdeführers durch die Tali- ban nicht unmittelbar bevorgestanden. Das eingereichte Video mit einem Fernsehbericht über die Verhaftung von zwei Taliban in D._______, welche junge Leute hätten rekrutieren wollen, vermöge zu keiner anderen Ein- schätzung zu führen. Es gebe keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass er in absehbarer Zukunft eine Zwangsrekrutierung durch die Taliban zu befürchten gehabt hätte. Vielmehr habe er sich weiterhin frei bewegen können und sei nach dem Vorfall noch mehrmals auf den Feldern in D-2284/2021 Seite 6 F._______ gewesen, was gegen ein gezieltes Interesse der Taliban an sei- ner Person spreche. Eine objektiv begründete Furcht vor einer Zwangsrek- rutierung lasse sich den Akten nicht entnehmen. 4.2 In der Beschwerdeschrift wurde vorgebracht, die Vorinstanz gehe zu Unrecht davon aus, den vom Beschwerdeführer geschilderten Problemen mit den Taliban und der befürchteten Zwangsrekrutierung liege kein flücht- lingsrechtlich relevantes Motiv zugrunde. Diesbezüglich sei auf das neuere Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E -5072/2018 vom 17. Dezember 2020 zu ve rweisen. Darin habe das Gericht festgestellt, eine drohende Zwangsrekrutierung durch eine private Miliz, welche an bestimmte unver- änderbare Merkmale der betroffenen Person (Alter, Geschlecht, Herkunft) anknüpfe, könne als Verfolgung aufgrund der Zugehörigk eit zu einer be- stimmten sozialen Gruppe gewe rtet werden . Die Vorins tanz sei der An- sicht, dass sich dies e Rechtsprechung nicht auf den vorliegenden Fall übertragen lasse, da es sich bei den Taliban nicht um eine quasistaatliche, sondern um eine nichtstaatli che Organisation handle. Sie habe sich aber nicht eingehend mit dem Ausmass der aktuellen Herrschaft der Taliban im Distrikt D._______ – insbesondere in den Orten C._______ und F._______ – auseinandergesetzt und geprüft, wie verbreitet die Zwangsrekrutierung von Minderjährigen dort sei. Ein Bericht der SFH zeige auf, dass die Taliban noch immer die grösste und bestorganisierte regierungsfeindliche Gruppie- rung in Afghanistan seien. Zudem seien sie e inem Report des European Asylum Support Office zufolge in der Provinz E._______ die dominierende Kraft und könnten frei operieren. Abgelegene Distrikte wie D._______ ge- hörten zu den unsichersten Gegenden der Provinz und insbesondere für Knaben bestehe ein hohes Risiko, von bewaffneten Streitkräften rekrutiert zu werden. Die Vorinstanz habe es unterlassen abzuklären, wie sich die tatsächlichen Verhältnisse bezüglich der Herrschaft der Taliban in der Her- kunftsregion des Beschwerdeführers darstellten. Damit habe sie den ent- scheidrelevanten Sachverhalt ungenügend er stellt und ihre Untersu- chungspflicht verletzt. Ungeachtet der Frage, ob es sich bei den Taliban um eine quasistaatliche oder eine nichtstaatliche Organisation handle, habe der Beschwerdeführer befürchten müssen, von diesen für illegitime Kampfhandlungen eingezogen zu werden, woraus sich – gemäss der neuen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts – ein flüchtlings- rechtlich relevantes Verfolgungsmotiv ableiten lasse. Der Beschwerdeführer habe angegeben, dass er regelmässig in F._______ auf den Feldern der Familie der Stiefmutter habe arbeiten müs- sen. Die Taliban seien dort sehr präsent gewesen und er sei einmal von D-2284/2021 Seite 7 ihnen angesprochen und aufgefordert worden, mitzukommen. Er stamme aus einer Gegend in Afghanistan, in welcher Zwangsrekrutierungen von Minderjährigen durchaus üblich seien. Es handle sich bei ihm um einen jungen, gesunden Mann, weshalb er zu einer bestimmen Gruppe gehöre, an welcher die Taliban ein Interesse hätten. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz könne aus der Tatsache, dass er nach dem Vorfall mit den Tali- ban noch einige Male nach F._______ gegangen und nicht erneut behelligt worden sei, nicht ohne Weiteres der Schluss gezogen werden, dass keine konkrete und unmittelbare Gefahr einer Zwangsrekrutierung bestanden habe. Vielmehr gebe es verschiedene Hinweise darauf, dass ihm in naher Zukunft eine Zwangsrekrutierung gedroht hätte. So habe er angegeben, dass es in letzter Zeit Rekrutierungen durch die Taliban und den Islami- schen Staat (IS) gegeben habe. Viele junge Männer hätten nichts zu tun gehabt und es sei versucht worden, diese anzuwerben. Weiter habe er ausgeführt, wenn er mit den Taliban mitgegangen wäre, hätten sie ihn ent- weder zum bewaffneten Kampf gegen die Regierung gezwungen oder se- xuell missbraucht. Die Tatsache, dass seine Mutter und sein Onkel nach diesem Vorfall unverzüglich die Ausreise organisiert und ihn als Minderjäh- rigen allein auf die Flucht geschickt hätten, spreche ebenfalls dafür, dass die Gefahr durch die Taliban sehr konkret gewesen sei. Schliesslich sei die Vorinstanz ihrer Untersuchungspflicht auch dahingehend nicht nachge- kommen, dass sie die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem be- fürchteten sexuellen Missbrauch durch die Taliban nicht ausreichend ge- würdigt habe. 4.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, den Akten liessen sich keine Hinweise darauf entnehmen , dass die vom Beschwerdeführer gel- tend gemachten Probleme aus einem flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv erfolgt seien respektive drohten. Angriffe der Taliban auf die Zivilbevölke- rung sowie Zwangsrekrutierungen von Jugendlichen könnten nicht als ziel- gerichtete Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG angesehen werden. Viel- mehr wäre eine in diesem Zusammenhang drohende Gefahr für Leib und Leben im Hinblick auf die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs rele- vant, wobei unter diesem Gesichtspunkt auch zu prüfen wäre, ob der af- ghanische Staat in der Lage und willens sei, Schutz vor allfälligen Vergel- tungsmassnahmen der Taliban zu gewähren. Angesichts der vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers wegen Unzumutbarkeit erübrige sich eine solche Prüfung im vorliegenden Fall. D-2284/2021 Seite 8 4.4 In seiner Replik verwies der Beschwerdeführer erneut darauf, dass ver- schiedene Quellen von einer Gefahr der Zwangsrekrutierung – unter ande- rem durch die Taliban – von afghanischen Kindern, Jugendlichen und Män- nern im wehrfähigen Alter berichteten. Der UNHCR bezeichne diese Per- sonen denn auch als eigene Risikogruppe, welche für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft in Frage komme. Ebenso halte Amnesty Internatio- nal in einem Bericht fest, dass Minderjährigen in Afghanistan angesichts des dort herrschenden Konflikts eine Zwangsrekrutierung durch bewaff- nete Gruppierungen drohe. Dabei liefen sie Gefahr, bestraft oder gar getö- tet zu werden, wenn sie sich der Rekrutierung widersetzten. Der Beschwer- deführer habe glaubhaft dargelegt, dass er begründete Furcht vor einer Zwangsrekrutierung durch die Taliban, einer quasistaatlichen Organisation, gehabt habe. Er habe deshalb befürchten müssen, aufgrund seiner Zuge- hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe für illegitime Kampfh and- lungen rekrutiert zu werden. 5. 5.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft, wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft Nachteile von bestimmter Intensität befürchten muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen. Von einer b egründeten Furcht vor Verfolgung ist na- mentlich dann auszugehen, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – in naher Zukunft verwirklicht. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Ver- folgung genügt dabei nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten ernsthaften Nachteile als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar er- scheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2.5 je m.w.H.). Des Weit eren bildet d ie unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersu- chungspflicht einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Un- richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Ve rfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind. Von einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung ist auszugehen, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sa- chumstände berücksi chtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal- tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). D-2284/2021 Seite 9 5.2 Der Beschwerdeführer machte geltend , dass er sowohl familiäre Schwierigkeiten als auch Probleme mit den Taliban gehabt habe. Seine Ausführungen lassen jedoch darauf schliessen, dass er seine Heimat auf- grund der Lebensbedingungen in Afghanistan und nicht wegen einer kon- kret drohenden Zwangsrekrutierung durch die Taliban verlassen hat. So erklärte er bei der Erstbefragung, sein Hauptproblem sei die Heirat seines Vaters mit der Stiefmutter gewesen. Er sei in der Folge jeden Tag schika- niert und geschlagen worden , habe nicht mehr zur Schule gehen dürfen und nur noch arbeiten müssen (vgl. Akten SEM 1089056-18/18 [nachfol- gend Akte 18] , Ziff. 7.01). Als er bei der Anhörung nach dem Grund für seine Ausreise gefragt wurde, gab er an, dass die Situation in Afghanistan sehr prekär gewesen sei. Zudem habe er jeden Tag arbeiten müssen und nicht zur Schule gehen können (vgl. Akten SEM 1089056 -28/16 [nachfol- gend Akte 28], F7). Auch wenn der Beschwerdeführer durchaus Probleme mit den Taliban erwähnte, scheint es sich dabei nicht um den eigentlichen Auslöser für die Ausreise gehandelt zu haben. Vielmehr sah er in der Hei- mat keine Zukunft für sich, nachdem er nicht einmal mehr die Schule be- suchen durfte. Er erwähnte denn auch mehrmals, es gebe keine Perspek- tiven in Afghanistan, weshalb Jugendliche, die keine Arbeit fänden, entwe- der zu Gruppierungen wie den Taliban gingen oder drogenabhängig wür- den (vgl. Akte 28, F81 und F84). Aus den Angaben des Beschwerdeführers geht hervor, dass seine Ausreise nicht direkt mit einer konkret drohenden Rekrutierung durch die Taliban zusammenhing, sondern mit den allgemei- nen Lebensbedingungen und seiner familiären Situation. Da ihn sein Vater – auf Wunsch der Stiefmutter hin – nicht mehr zur Schule gehen liess (vgl. Akte 18, Ziff. 7.01 S. 13 und Akte 28, F56 f.), sah er sich jeder Möglichkeit beraubt, etwas aus seinem Leben zu machen. 5.3 5.3.1 Im Rahmen der Befragungen brachte d er Beschwerdeführer vor, dass er im Frühjahr 2020 von zwei Angehörigen der Taliban aufgefordert worden sei, mit ihnen mitzukommen. Entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Auffassung kann daraus nicht geschlossen werden, dass ihm an seinem Herkunftsort unmittelbar eine Zwangsrekrutierung durch die Ta- liban gedroht hätte. Es handelte sich um einen einmaligen Vorfall, welcher sich nicht an seinem Wohnort, sondern in F._______ ereignete. Dieser hatte weder für ihn noch für den Va ter seiner Stiefmutter, welcher damals intervenierte, Konsequenzen (vgl. Akte 28, F77). Sowohl vor diesem Ereig- nis als auch danach hat der Beschwerdeführer mehrmals auf den Feldern in F._______ gearbeitet, ohne dass er dabei von den Taliban angesprochen oder behelligt worden wäre. Ebenso traf er auf dem Weg nach F._______ D-2284/2021 Seite 10 verschiedentlich auf einige Taliban, wobei er manchmal habe angeben müssen, wer er sei und wohin er gehe (vgl. Akte 28, F62). Andere Probleme mit den Taliban habe er indessen nicht gehabt (vgl. Akte 28, F66). Diese Umstände lassen weder auf eine gezielte Verfolgung seiner Person noch auf konkrete Rekrutierungsbemühungen schliessen. In dieser Hinsicht un- terscheidet sich der vorliegende Fall denn auch klar von der Konstellation im Verfahren E -5072/2018. Der Beschwerdeführer in jenem Fall war – ebenso wie alle anderen kampffähigen jungen Männer des Dorfes – aus- drücklich aufgefordert worden, sich einer Miliz für den Kampf gegen die Taliban zur Verfügung zu stellen. Die in diesem Zusammenhang drohende Zwangsrekrutierung knüpfte an das Alter, das Geschlecht sowie die Zuge- hörigkeit zu einer bestimmten Dorfbevölkerung an (vgl. a.a.O. E. 5.3). Demgegenüber machte der Beschwerdeführer gerade nicht geltend, dass die Taliban in seiner Herkunftsregion zwangsweise Rekrutierungen vorge- nommen hätten, von welch en eine bestimmte Personengruppe betroffen gewesen wäre. Er erwähnte zwar, dass von Seiten der Taliban sowie der IS-Truppen versucht worden sei, junge Männer zu rekrutieren (vgl. Akte 28, F67). Persönlich habe er aber niemanden gekannt, der rekrutiert worden sei. Abgesehen von jenem Vorfall auf dem Feld habe er auch nie einen solchen Rekrutierungsversuch erlebt oder ein entsprechendes Angebot er- halten. Weiter führte er aus, dass die Jugendlichen teilweise gar nicht re- krutiert werden müssten, da sie – weil sie nichts anderes zu tun und keine Perspektive hätten – freiwillig zum IS oder d en Taliban gingen (vgl. Akte 28, F79 ff.). 5.3.2 Aus den Ausführungen des Beschwerdeführers geht hervor, dass kei- neswegs alle jungen Männer aus seinem Herkunftsgebiet gefährdet waren, Opfer von Zwangsrekrutierungen zu werden. Die Taliban waren in C._______ nicht präsent (vgl. Akte 18, Ziff. 7.01) und ihm waren auch keine Personen bekannt, die – zwangsweise oder freiwillig – von diesen rekrutiert worden waren. Der Beschwerdeführer brachte nicht vor, dass zu irgendei- nem Zeitpunkt eine gezielte Aufforderung an ihn selbst respektive an sämt- liche jungen, gesunden Männer des G ebiets ergangen wäre, wonach er sich den Taliban anschliessen müsse. Es kann daher nicht davon ausge- gangen werden, dass ihm als Teil einer bestimmten sozialen Gruppe – be- stehend aus den jungen, gesunden Männern seiner Herkunftsregion – ge- droht hätte, von d en Taliban zwangsrekrutiert zu werden. Angesichts der konkreten Situation des Beschwerdeführers, welche sich nicht mit jener im Verfahren E-5072/2018 vergleichen lässt, war die Vorinstanz nicht gehal- ten, weitergehende Abklärungen über den Machtbereich der Taliban in der D-2284/2021 Seite 11 Provinz E._______ zu tätigen. Es ist nicht entscheidend, inwiefern die Ta- liban die Kontrolle über den Distrikt D._______ ausübten und ob sich ihr Einfluss bis auf das Dorf C._______ erstreckte. Massgebend ist vielmehr, ob am Herkunftsort des Beschwerdeführers die Gefahr bestand, dass er wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe in ab- sehbarer Zukunft Opfer einer Zwangsrekrutierung geworden wäre. Auf- grund der Aussagen des Beschwerdeführers kann davon jedoch nicht aus- gegangen werden, da nie gezielte Rekrutierungsbemühungen gegen seine Person respektive gegen eine soziale Gruppe, welcher er angehört e, er- folgt sind. Es sind auch keine konkreten Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass der Beschwerdeführer d amit hätte rechnen müssen, in diesem Zu- sammenhang zukünftig ins Visier der Taliban zu geraten. 5.4 Weiter ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer sich erst ei- nige Monate nach dem Vorfall mit den Taliban entschied, Afghanistan zu verlassen (vgl. Akte 28, F54). Dies deutet ebenfalls darauf hin, dass er eine Mitnahme beziehungsweise Rekrutierung durch die Taliban nicht als unmit- telbare Gefahr wahrgenommen hat. Es trifft im Übrigen auch nicht zu, dass seine Mutter und sein Onkel – wie auf Beschwerdeebene geltend gemacht wird – nach dem Ereignis in F._______ unverzüglich die Ausreise organi- siert und ihn als Minderjährigen allein auf die Flucht geschickt hätten. Nicht nur fiel der Entschluss zur Ausreise erst mehrere Monate später, der Be- schwerdeführer erwähnte auch, er selbst habe seine Mutter auf eine mög- liche Ausreise angesprochen, als der Sohn des Nachbarn vorgehabt habe, auszureisen. Seine Mutter habe daraufhin gemeint, es sei besser, wenn er das Land verlasse, da er dort nicht zur Schule gehen dürfe und nichts aus seinem Leben machen könne. Zudem habe sie Angst gehabt, dass er spä- ter drogenabhängig werden könnte (vgl. Akte 18, Ziff. 7.01). Diesen Aussa- gen ist klar zu entnehmen, dass die allgemein schlechte Lage und die feh- lenden Zukunftsperspektiven nac h dem erzwungenen Schulabbruch ent- scheidend waren für den Entschluss zur Ausreise und nicht eine drohende Rekrutierung durch die Taliban. 5.5 Soweit auf Beschwerdeebene geltend gemacht wird, die Vorinstanz sei ihrer Untersuchungspflicht nicht nachgekommen, indem sie die Aussagen des Beschwerdeführers hinsichtlich eines befürchteten sexuellen Miss- brauchs durch die Taliban nicht ausreichend gewürdigt habe , ist nicht er- sichtlich, inwiefern sich diesbezüglich weitere Abklärungen aufgedrängt hätten. Das SEM wies de n Beschwerdeführer ausdrücklich darauf hin, dass er das Recht habe, von einem reinen Männer- oder Frauenteam an- gehört zu werden, woraufhin er angab, dass es für ihn keinen Unterschied D-2284/2021 Seite 12 mache (vgl. Akte 18 , Ziff. 7.01 S. 13). Zwar lässt sich den Ausführungen des Beschwerdeführers entnehmen, d ass die beiden Taliban ihm gegen- über sexuelle Anspielungen gemacht haben und er bereits davon gehört hatte, dass Jugendliche vergewaltigt worden seien (vgl. Akte 28, F68, F83 und F86 ff.). Dies ändert aber nichts daran, dass es sich beim betreffenden Vorfall in F._______ um ein einmaliges Ereignis gehandelt hat und der Be- schwerdeführer nicht gezielt von den Taliban verfolgt worden ist. Es wird denn auch nicht dargelegt, welche weiteren Untersuchungsmassnahme n in diesem Zusammenhang erforderlich gewesen sein sollen. Der Sachver- halt erweist sich vorliegend richtig und vollständig festgestellt und es be- steht keine Veranlassung, die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 5.6 Zusammenfassend ist in den Vorbringen des Beschwerdeführers keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung erkennbar. Das SEM hat somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 6. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet. 7. Das SEM hat wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vor- läufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl . BVGE 2009/51 E. 5.4), erübrigen sich weitere Ausführungen zur Frage der Durch- führbarkeit des Vollzugs. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist da- her abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-D-2284/2021 Seite 13 deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch mit Zwi- schenverfügung vom 25. Mai 2021 das Gesuch um unentgeltliche Prozess- führung gutgeheissen wurde, ist auf die Auferlegung von Kosten zu ver- zichten. (Dispositiv nächste Seite) D-2284/2021 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Mia Fuchs Regula Aeschimann Versand: