B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4200/2015/pjn U r t e i l v o m 2 9 . J u l i 2 0 1 6 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______, geboren am [...], ungeklärter Staatsangehörigkeit (angeblich Somalia), [...], Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 4. Juni 2015 D-4200/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin stammt gemäss eigenen Angaben aus Somalia und ist demnach Angehörige der Minderheit der Midgan beziehungsweise Gaboye, des Clans B._______ und des Subclans C._______, mit letztem Wohnsitz in einem namenlosen Dorf in der Nähe der Stadt D._______ in der Region Lower Shabelle (somalisch: Shabeellaha Hoose). Gemäss ih- ren Angaben anlässlich der durchgeführten Befragungen verliess sie So- malia Ende November 2013 in Richtung Äthiopien. Über den Sudan und Libyen gelangte sie auf einem Migrantenboot nach Italien, und von hier reiste sie schliesslich am 30. September 2014 unkontrolliert in die Schweiz ein. Am 1. Oktober 2014 stellte sie beim Empfangs- und Verfahrenszent- rum Kreuzlingen ein Asylgesuch. Das damalige Bundesamt für Migration (BFM) beziehungsweise in der Folge das SEM befragten sie am 23. Okto- ber 2014 summarisch sowie am 7. Mai 2015 eingehend zu den Gründen ihres Asylgesuchs. Zwischenzeitlich wurde sie für die Dauer des Asylver- fahrens dem Kanton Zürich zugewiesen. B. Die Beschwerdeführerin machte im Rahmen der durchgeführten Befragun- gen im Wesentlichen geltend, sie habe mit ihrer Mutter und ursprünglich sechs Geschwistern zusammengelebt. Ihr Vater sei sei t einigen Jahren verschollen, nachdem ihn Vertreter der somalischen Behörden mitgenom- men hätten. Ihre Schwester und zwei ihrer Brüder seien durch die islamis- tische Miliz der Shabaab (Harakat al -Shabaab al-Mujahideen; Bewegung der Mujhahideen-Jugend) verschleppt worden. Die Schwester sei mit ei- nem Angehörigen der Shabaab zwangsverheiratet worden, und später habe man erfahren, dass sie von ihrem Ehemann verbrannt worden sei. Das dieser Zwangsehe entstammende Kind der Schwester sei nach deren Tod der Mutter der Beschwerdeführerin übergeben worden. Im Jahr 2013 sei sie selbst, die Beschwerdeführerin, durch den gleichen Angehörigen der Shabaab entführt und in dessen Haus festgehalten worden. D er Ge- nannte habe sie zur Heirat zwingen wollen und sie zu vergewaltigen ver- sucht. Nach zwei Tagen sei sie durch diesen Mann zu ihrer Mutter zurück- gebracht, nach weiteren zehn Tagen aber erneut verschleppt worden. Sie sei bereits als Kind, etwa im Alter von neun Jahren, beschnitten und zuge- näht (implizit: einer weiblichen Geni talverstümmelung beziehungsweise sogenannten Infibulation unterworfen) worden, und der Genannte habe mit D-4200/2015 Seite 3 einem Messer einen Teil der Naht geöffnet. Sie habe deswegen stark ge- blutet, der Mann habe von ihr abgelassen, und in der Folge sei ihr die Flucht gelungen. C. Mit Verfügung vom 4. Juni 2015 (Datum der Eröffnung: 9. Juni 2015) lehnte das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung der Ablehnung des Asylgesuchs führte das Staatssekretariat im Wesentlichen aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin seien nicht glaubhaft . Zwar spreche die Beschwerdeführerin Somali, weswegen von einem somali- schen Hintergrund auszugehen sei. Jedoch vermöge sie ausser ihrer an- geblichen Clanlinie keinerlei konkrete Angaben zu ihrer somalischen Her- kunft zu machen, und es sei deshalb davon auszugehen, dass sie ihre wahre Identität und Herkunft zu verheimlichen suche. Weiter hielt das SEM dafür, auch die geltend gemachte Vergewaltigung und die weitere sexuelle Misshandlung durch einen Angehörigen der Shabaab sei nicht glaubhaft. Hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung führte das Staatssekretariat zu- dem aus, die Identität und die Herkunft der Beschwerdeführerin stünden nicht fest, wobei sie ihre Mitwi rkungspflicht grob verletzt habe . Die Be- schwerdeführerin habe die Folgen ihrer unglaubhaften Identitätsangaben zu tragen, und es sei deshalb vermutungsweise davon auszugehen, dass keine Vollzugshindernisse bestünden. D. Mit Eingabe vom 6. Juli 2015 focht die Beschwerdeführerin die Verfügung des SE M beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragte sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlings- eigenschaft und die Gewährung des Asyls, eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit beziehungsweise allenfalls der Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Mit der Eingabe reichte die Beschwerdeführerin unter anderem eine von der somalischen Vertretung bei den Vereinten Nationen in Genf ausgestellte Bestätigung ihrer somali- schen Staatsangehörigkeit, ein ärztliches Zeugnis sowie eine Fürsorgebe- stätigung ein. Auf die Begründung der Beschwerde wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D-4200/2015 Seite 4 E. Mit Zwischenverfügung vom 10 . Juli 2015 hiess der zuständige Instrukti- onsrichter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und forderte das SEM zur Einrei- chung einer Vernehmlassung auf. F. Mit Vernehmlassung vom 13 . August 2015 hielt das SE M vollumfänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be- schwerde. G. Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2015 wurde der Beschwerdefüh- rerin in Bezug auf die Vernehmlassung die Gelegenheit zur Replik erteilt. H. Mit Eingabe vom 2. September 2015 nahm die Beschwerdeführerin zur Vernehmlassung Stellung. Dabei reichte sie die Kopie einer somalischen Geburtsurkunde ein. I. Mit Eingabe vom 7. Oktober 2015 übermittelte die Beschwerdeführerin das Original der erwähnten Geburtsurkunde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge- gen Verfügungen, die gestützt auf das Asylgesetz (AsylG; SR 142.31) durch das SEM erlassen worden sind , entscheidet das Bundesverwal- tungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Perso- nen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des Staates vorliegt, vor wel- chem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen- dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich D-4200/2015 Seite 5 Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. Die Beschwerdeführerin ist legitimiert; auf ihre frist- und formgerecht ein- gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz grundsätzlich Flücht- lingen Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re- ligion, Nationalität, Zugehöri gkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus - gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). Dabei ist auch den frauenspe- zifischen Fluchtgründen Rechnung zu tragen. 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachwei sen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flücht lings- eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor- bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi- dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.3 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesent- liche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschick- sals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte, im Wesent- lichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vor- kommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlitte- nen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalit ät, hinrei- chende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine D-4200/2015 Seite 6 Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüch- lichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurtei- lung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Ele- mente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Sub- stantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vor- bringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we- sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte S achver- haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1 S. 142 f., BVGE 2010/57 E. 2.3, Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1, EMARK 1996 Nr. 27 E. 3c/aa, EMARK 1996 Nr. 28 E. 3a). 3.4 Im vorliegenden Fall ist zunächst in Übereinstimmung mit der diesbe- züglichen Einschätzung der Vorinstanz festzustellen, dass die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrer örtlichen Herkunft aus einem namenlosen Dorf in der Nähe der Stadt D._______ in der Region Lower Shabelle nicht glaubhaft sind. In der angefochtenen Verfügung wird zutreffenderweise festgehalten, dass die Beschwerdeführerin zu den Lebensumständen in ih- rem Heimatdorf, in welchem sie sich seit frühester Kindheit bis unmittelbar vor ihrer Ausreise aus Somalia aufgehalten haben will, wie auch zu dessen örtlichen Lage keinerlei konkrete Angaben zu machen vermochte, die auf tatsächliche eigene Lebenserfahrungen am fraglichen Ort schliessen las- sen könnten. Dabei ist ausserdem zu erwähnen, dass die Beschwerdefüh- rerin einerseits bei der Einreichung ihres Asylgesuchs das Personalienblatt selbständig ‒ in lateinischer Schrift ‒ ausfüllte, andererseits bei der Erst- befragung angab, niemals eine Schule besucht zu haben, sondern das Le- sen und Schreiben durch einen Nachbarn erlernt zu haben. Angesichts ih- rer sonstigen Aussagen, wonach ihr Heimatdorf entfernt von jeglicher Zivi- lisation im Busch liege und lediglich von drei Familien bewohnt werde, sind diese Angaben zum Erwerb ihrer Lese- und Schreibkenntnisse nicht glaub- haft, zumal in Somalia die Illiteralität in ländlichen Gebieten weit verbreitet ist. Zwar ist ‒ wie die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung aner- kennt ‒ angesichts der sprachlichen Fähigkeiten der Beschwerdeführerin und ihrer Kenntnisse bezüglich ihrer Clanzugehörigkeit von einem somali- schen Hintergrund auszugehen. Jedoch ist die Frage, aus welcher Region in Somalia die Beschwerdeführerin ursprünglich stammt und ob sie im an- gegebenen Zeitraum tatsächlich in diesem Land gelebt hat, als offen zu bezeichnen. D-4200/2015 Seite 7 3.5 Ungeachtet ihrer tatsächlichen Herkunft und ihrer letzten Aufenthalts- orte stellt sich die weitere Frage, ob die Angaben der Beschwerdeführerin über die erlittenen Entführungen und Misshandlungen durch einen Ange- hörigen der islamistischen Miliz der Shabaab als glaubhaft zu beurteilen sind. 3.5.1 Die Beschwerdeführerin machte in diesem Zusammenhang gegen- über der Vorinstanz im Wesentlichen die folgenden Aussagen: Anlässlich der summarischen Erstbefragung gab sie zu Protokoll, ihr Entführer habe sie während ungefähr neun Tagen festgehalten, und dabei habe er sie ver- gewaltigt, geschlagen und mit einem Messer in den Oberschenkel gesto- chen. Im Rahmen ihrer eingehenden Anhörung machte die Beschwerde- führerin geltend, ihr Entführer habe sie dazu zwingen wollen, sie zu heira- ten (zum Folgenden das Protokoll der eingehenden Anhörung, S. 10, 13 f.). Bevor er den Imam geholt habe, habe er mit ihr schlafen wollen. Sie habe nein gesagt, worauf er es mit Zwang versucht habe. Darauf habe er sie mit einer Pistole bedroht und gesagt, er müsse sie „aufmachen“. Wäh- rend er ihr die Pistole auf die Brust gehalten habe, habe er mit einem Mes- ser zwei der drei Stiche aufgeschnitten, mit welchen sie als Kind anlässlich ihrer Beschneidung genäht worden sei. Sie habe deswegen viel Blut verlo- ren. Ihr Entführer habe ihr ausserdem gesagt, nach der Heirat und wenn sie ihm Kinder geboren habe, wolle er, dass sie Selbstmord begehe. Sie habe gewusst, dass es der gleiche Mann gewesen sei, der bereits ihre Schwester verschleppt und für deren Tod durch Verbrennung verantwort- lich gewesen sei. 3.5.2 Die Vorinstanz ging auf die Frage nach der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen in der angefochtenen Verfügung nur am Rand ein. Dabei führte das SEM aus, die Beschwerdeführerin habe anlässlich der summarischen Erstbefragung angegeben, sie sei durch ihren Entführer während ungefähr neun Tagen festgehalten und dabei vergewaltigt und mit einem Messer am Bein verletzt worden. Im Rahmen der eingehenden Anhörung habe sie demgegenüber ausgesagt, sie sei durch die genannte Person zweimal ent- führt worden, und zwar beim ersten Mal für zwei Tage und beim zweiten Mal für vier bis sechs Tage. Ausserdem habe sie bei dieser Gelegenheit vom Versuch ihres Entführers berichtet, ihre Naht im Genitalbereich aufzu- schneiden; die Vergewaltigung habe sie jedoch nicht mehr erwähnt. Diese Diskrepanz habe sie mit der Anwesenheit eines männlichen Dolmetschers anlässlich der Erstbefragung erklärt. Es sei verständlich, dass die Be- schwerdeführerin in dieser Situation die angebliche Verletzung an den Ge- nitalien verschweigen würde. Jedoch sei nicht nachvollziehbar, dass sie D-4200/2015 Seite 8 dabei aus Scham nicht auch die Vergewaltigung verschwiegen habe. Wei- ter sei die Aussage der Beschwerdeführerin, ihr Entführer habe zwei der aus drei Stichen bestehenden Naht aufgeschnitten und sie habe den Wunsch, durch einen Arzt auch den dritten verbleibenden Stich durchtren- nen zu lassen, nicht nur realitätsfremd, sondern stehe auch in krassem Wi- derspruch zu ihrer weiteren Erklärung, wonach bei ihr noch im Kindesalter die pharaonische Variante der Genitalverstümmelung angewandt worden sei. 3.5.3 Wie in der angefochtenen Verfügung auch von der Vorinstanz einge- räumt wurde, kann der Beschwerdeführerin angesichts ihrer Vorbringen in keiner Weise entgegengehalten werden, dass sie im Rahmen der summa- rischen Erstbefragung im Beisein eines männlichen Dolmetschers keine weitergehenden Angaben zur Art und zum Ausmass ihrer Misshandlungen machte. Zu erwähnen ist ausserdem ‒ was vom SEM unerwähnt geblieben ist ‒, dass sie zum Zeitpunkt der Erstbefragung minderjährig war. Im Übri- gen jedoch ist die Argumentation des SEM zur Frage, weshalb die von der Beschwerdeführerin vorgebrachte Misshandlung durch ihren Entführer nicht glaubhaft sei, in keiner Weise nachvollziehbar. Insbesondere ist im Zusammenhang mit der geltend gemachten Variation der Genitalverstüm- melung in den Aussagen der Beschwerdeführerin keinerlei Widerspruch zu erkennen. 3.5.4 Dabei ist zunächst ‒ soweit dies aufgrund der bislang vorhandenen Akten überhaupt möglich ist ‒ festzuhalten, welcher Art und welchen Aus- masses die von der Beschwerdeführerin behauptete Misshandlung ist. Die Beschwerdeführerin machte geltend (Protokoll der eingehenden Anhö- rung, S. 14 f.), als sie etwa neun Jahre alt gewesen sei, habe im Beisein ihrer Mutter und einer Nachbarin eine weitere Frau an ihr mit einer Klinge eine Beschneidung vorgenommen und sie anschliessend mit drei Stichen „zusammengenäht“. Es habe sich dabei um die sogenannte pharaonische Beschneidung gehandelt. Zwei dieser drei Nähte habe ihr Entführer mit ei- nem Messer wieder geöffnet, implizit zum Zweck ihrer Vergewaltigung. Mit- hin brachte die Beschwerdeführerin vor, es sei an ihr eine mit einer Infibu- lation verbundene Beschneidung ihrer Genitalien vorgenommen worden. Mit anderen Worten macht sie g eltend, sie habe die schwerstmögliche Form einer Genitalverstümmelung erlitten (vgl. dazu, in einem medizinisch ähnlichen Fall, BVGE 2014/27 E. 5.6). Weiter bringt sie vor, ihr Entführer habe sich an ihr vergangen, indem er die Infibulation mit einem Messe r teilweise geöffnet habe. Diese letztgenannte Misshandlung will sie im Jahr 2013, mithin im Alter von sechzehn Jahren, erlitten haben. D-4200/2015 Seite 9 3.5.5 Es ist als offensichtlich zu erachten, dass derartige Erlebnisse zumal in der Kindheit und im jugendlichen Alter zu ein er psychischen Traumati- sierung der betroffenen Person führen können. Ebenso liegt die Notwen- digkeit auf der Hand, diesen Umstand im Asylverfahren und bei der Beur- teilung der entsprechenden Vorbringen in angemessener Weise zu berück- sichtigen. Der Argumentation der Vorinstanz in der angefochtenen Verfü- gung bezüglich der geltend gemachten Misshandlungen ist in keiner Weise zu entnehmen, dass diese Aspekte die gebührende Berücksichtigung ge- funden haben. Vielmehr wird bezüglich der Vorbringen der Beschwerde- führerin, welche die geltend gemachten sexuellen Misshandlungen durch einen Angehörigen der Shabaab-Miliz betreffen, ein Widerspruch zwischen Erstbefragung und eingehender Anhörung behauptet, der mit der beson- deren Verletzlichkeit der Beschwerdef ührerin erklärt werden kann. Des Weiteren sind den vorinstanzlichen Akten auch keine Hinweise darauf zu entnehmen, es sei eine eingehende medizinische und ‒ angesichts der Möglichkeit einer Traumatisierung ‒ psychiatrische Untersuchung der Be- schwerdeführerin veranlasst worden. 3.6 Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Vorbringen der Beschwerde- führerin im Zusammenhang mit der geltend gemachten Entführung, Bedro- hung und Misshandlung durch einen Angehörigen der islamistischen Miliz der Shabaab keineswegs, wie durch die Vorinstanz angenommen, ohne weiteres als unglaubhaft zu bezeichnen sind. Die entsprechenden Aussa- gen im Rahmen der durchgeführten Anhörungen weisen eine erhebliche Detaillierung auf, und es erscheint durchaus als möglich, dass die Be- schwerdeführerin die geltend gemachten Ereignisse tatsächlich erlebt hat. Festzustellen ist weiter, dass diese Vorbringen grundsätzlich ‒ sofern sie sich als glaubhaft erweisen ‒ geeignet sind, eine asylrechtlich relevante Verfolgungssituation zu begründen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungsgericht in einem publizierten Ur- teil jüngeren Datums ‒ welches der Vorinstanz bekannt sein musste, je- doch in der angefochtenen Verfügung trotzdem keinerlei Berücksichtigung gefunden hat ‒ die Problematik der frauenspezifischen Verfolgung in So- malia ausführlich dargelegt hat (BVGE 2014/27). Zusammenfassend wurde dabei festgestellt, dass f ür alleinstehende Frauen und Mädchen in Somalia, die nicht unter dem Schutz eines männlichen Familienmitglieds stehen, ein hohes Risiko besteht, Opfer gezielter geschlechtsspezifischer Verfolgung zu werden ( ebd., E. 5.4). Eine spezielle Gefährdung besteht dabei für Frauen und Mädchen, wenn sie intern vertrieben sind oder einem Minderheitenclan angehören (ebd., E. 5.2 f.). Die Gewalt gegen Frauen D-4200/2015 Seite 10 kann von staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren gleichermassen ausge- hen, wobei zu den Tätern auch Mitglieder internationaler Schutztruppen gehören (ebd., E. 5.5). Eine Schutzgewährung durch die somalischen Be- hörden ist nicht gegeben. Insgesamt stellte das Bundesverwaltungsgericht eine gezielte Gefährdung fest, die weit über die allgemeinen Folgen des somalischen Bürgerkriegs hinausgeht und asylrelevant ist (ebd., E. 6). 3.7 In Bezug auf die Beschwerdeführerin im vorliegenden Fall ist festzu- stellen, dass die Vorinstanz den somalischen Hintergrund der Beschwer- deführerin nicht bestreitet und grundsätzlich auch die von ihr selbst geltend gemachte Clanzugehörigkeit anzuerkennen scheint. Indem die Beschwer- deführerin angibt, der Minderheit der Midgan beziehungsweise Gaboye an- zugehören, wäre sie einem jener Minderheitenclans zuzurechnen, die in Somalia gemäss Einschätzung des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, Op- fer von Vergewaltigungen, Übergriffen und Entführungen zu werden (vgl. ebd., E. 5.3 S. 439 f., m.w.N.). 3.8 Jedoch kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Frage der Glaubhaf- tigkeit der Asylvorbringen ebenso wenig abschliessend beurteilt werden wie die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Herkunft aus So- malia. Unklar ist insbesondere, wo sich die Beschwerdeführerin zum Zeit- punkt der geltend gemachten Entführung und Misshandlungen aufhielt. Hiervon lassen sich die weiteren Fragen nicht trennen, wer für die behaup- teten Übergriffe verantwortlich ist und ob damit eine asylrechtlich relevante Gefährdung verbunden ist. Das SEM hat sich im vorinstanzlichen Verfah- ren darauf beschränkt, die Beschwerdeführerin zweimal (im Rahmen einer summarischen Erstbefragung sowie einer eingehenden Anhörung) zu be- fragen. Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens hat es sich ausschliesslich zur Frage der Herkunft der Beschwerdeführerin aus dem behaupteten Hei- matdorf in der Umgebung der Stadt D._______ und zur Beweistauglichkeit der auf dieser Verfahrensebene eingereichten Beweismittel betreffend die somalische Staatsangehörigkeit geäussert. Angesichts der angeführten Zweifel an der tatsächlichen Herkunft der Beschwerdeführerin sowie in An- betracht der entscheidwesentlichen Bedeutung solcher Erkenntnisse im vorliegenden Fall ist jedoch nicht nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz keine entsprechenden weiteren Abklärungen durchgeführt hat. Insbeson- dere ist davon auszugehen, dass mögl icherweise aus einer sogenannten LINGUA-Analyse, mit welcher die landeskundlich-kulturellen und sprachli- chen Kenntnisse sowie die e ntsprechende Sozialisierung ana lysiert wer-D-4200/2015 Seite 11 den, spezifischere Schlüsse zur Herkunft der Beschwerdeführerin resultie- ren würden. Wie bereits ausgeführt wurde (E. 3.5.5), wäre angesichts der gegebenen Umstände auch eine eingehende medizinische und psychiatri- sche beziehungsweise traumaspezifische Statuserhebung der Beschwer- deführerin angezeigt gewesen, was jedoch ebenfalls unterblieb . Das im Beschwerdeverfahren eingereichte ärztliche Zeugnis des Kantonsspitals Winterthur, das sich auf kurz gefasste gynäkologische Erkenntnisse be- schränkt und auf keinerlei mögliche Ursachen der festgestellten Verletzun- gen an den Genitalien eingeht, bild et diesbezüglich keine ausreichende Grundlage. 3.9 Somit ist festzustellen, dass der entscheidwesentliche Sachverhalt nicht ausreichend und vollständig abgeklärt wurde und bei der Beurteilung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin nicht alle relevanten Aspekte be- rücksichtigt wurden. Das SEM ist daher aufzufordern, die entsprechenden Massnahmen durchzuführen und gestützt auf deren Ergebnisse das Asyl- gesuch neu zu beurteilen. 4. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als damit die Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 4. Juni 2015 beantragt wird, und die Sache ist zur erneuten Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. 5. 5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 5.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann der obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten zugespro- chen werden. Indessen hat die Beschwerdeführerin im vorliegenden Ver- fahren keine Rechtsvertretung bestellt, und es sind auch sonst keine Hin- weise auf entstandene Kosten aktenkundig. Somit ist keine Parteientschä- digung zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) D-4200/2015 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeh eissen, und die Verfügung des SE M vom 4. Juni 2015 wird aufgehoben. 2. Die Akten werden dem SEM zur erneuten Beurteilung der Sache im Sinne der Erwägungen überwiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand: