Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht vom 17. Juli 2012 (460 11 226) ____________________________________________________________________ Strafrecht Einfache Körperverletzung Besetzung Präsident Thomas Bauer, Richter Stephan Gass (Ref.), Richter Beat Hersberger, Gerichtsschreiber Pascal Neumann Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Hauptabteilung Liestal, Rheinstrasse 27, 4410 Liestal, Anklagebehörde A.____ , vertreten durch Advokat Dr. Christian von Wartburg, Hauptstrasse 104, 4102 Binningen, Opfer gegen B.____, vertreten durch Advokat Roman Felix, Hauptstrasse 8, Postfach 732, 4153 Reinach, Beschuldigter und Berufungskläger Gegenstand Einfache Körperverletzung (Berufung gegen das Urteil des Strafgerichtspräsidiums Basel- Landschaft vom 19. September 2011) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Mit Urteil vom 19. September 2011 erklärte das Strafg erichtspräsidium Basel-Landschaft B.____ in teilweiser Abänderung des Strafbefehls des Statthalteramtes Liestal vom 4. Novem- ber 2009 der einfachen Körperverletzung schuldig und verurteilt ihn zu einer bedingt vollziehba- ren Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu jeweils CHF 70.--; dies bei einer Probezeit von zwei Jah- ren und in Anwendung von Art. 123 Ziff. 1 StGB, Art. 34 StGB, Art. 42 Abs. 1 StGB und Art. 44 Abs. 1 StGB. Vom Vorwurf der Teilnahme an einem Rauf handel wurde der Beschuldigte freige- sprochen und das Verfahren betreffend Verstoss gegen das richterliche Verbot Nr. 8/2003 wur- de zufolge Verjährung eingestellt. Die Schadenersatz forderung von A.____ wurde gemäss Art. 38 Abs. 3 aOHG dem Grundsatz nach bei einer Quo te von 100% zu Lasten des Beschul- digten gutgeheissen, wobei sie für die Bemessung der Höhe auf den Zivilweg verwiesen wurde. Des Weiteren wurde der Beschuldigte dazu verurteilt, A .____ eine Genugtuung in Höhe von CHF 8'000.-- zuzüglich 5% Zins seit dem 25. Februar 200 7 zu bezahlen, während die Mehrfor- derung in der Höhe von CHF 12'000.00 abgewiesen wurde. In Anwendung von § 31 Abs. 1 und Abs. 2 BL-StPO wurden die Verfahrenskosten in der Höhe von CHF 4'523.95 im Verhältnis von ¼ zu Lasten des Beschuldigten zu 3/4 zu Lasten des Staates verteilt. Schliesslich gingen die Kosten des Privatverteidigers des Beschuldigten in der Höh e von insgesamt CHF 4'701.10 (inklusive Hauptverhandlung, Auslagen und Mehrwertsteuer) in Anwendung von § 3 Abs. 1 BL- StPO zur Hälfte zu Lasten des Staates. Auf die Begründ ung dieses Urteils sowie der nachfol- genden Eingaben der Parteien wird, soweit erforderl ich, im Rahmen der Erwägungen des vor- liegenden Entscheides eingegangen. B. Mit Schreiben vom 23. September 2011 reichte der Besch uldigte die Berufungsanmel- dung ein. In seiner Berufungserklärung vom 10. Januar 2012 führte er was folgt aus: "1. ad Art. 399 Abs. 3 lit. a: Der Berufungskläger f icht das Urteil vollumfänglich an. 2. ad Art. 399 Abs. 3 lit. b: Der Berufungskläger be antragt die vollumfängliche Aufhe- bung des angefochtenen Urteils (mit Ausnahme von Ziffer 2. a) und b) des Erkennt- nisses) und einen vollumfänglichen Freispruch, unter o/ e Kostenfolge für das erstin- stanzliche und zweitinstanzliche Verfahren. 3. ad Art. 399 Abs. 3 lit. c: Der Berufungskläger be antragt die Einvernahme folgender Zeugen: - C.____; - D.____; - E.____." Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht C. In seiner Berufungsbegründung vom 13. April 2012 stel lte der Beschuldigte die folgenden Rechtsbegehren: Es sei das Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 19. September 2011 mit Ausnahme von Ziffer 2. a) und b) vollumfänglich au fzuheben und der Berufungskläger sei vollumfänglich freizusprechen (Ziff. 1); dies alles unt er o/e Kostenfolge für das erst- und zwei- tinstanzliche Verfahren (Ziff. 2). Im Sinne eines Verfa hrensantrags wurde begehrt, es seien die Zeugen C.____, D.____ und E.____ zur Hauptverhandlung vorzuladen und zu befragen. D. Demgegenüber beantragte die Staatsanwaltschaft in ih rer Berufungsantwort vom 16. Mai 2012, es sei die Berufung des Beschuldigten vollumfängli ch abzuweisen und es sei das ange- fochtene Urteil zu bestätigen (Ziff. 1). Des Weiteren s ei auch der Verfahrensantrag des Be- schuldigten abzuweisen (Ziff. 2). Überdies sei die Staat sanwaltschaft von der Teilnahme an einer allfälligen mündlichen Hauptverhandlung vor dem Kantonsgericht zu dispensieren (Ziff. 3). E. Mit Verfügung des Kantonsgerichts vom 6. Juni 2012 wurd en die Beweisanträge des Be- rufungsklägers abgewiesen, das mündliche Verfahren angeo rdnet, der Beschuldigte zum per- sönlichen Erscheinen an der Berufungsverhandlung verpfli chtet, dem Verletzten das Erschei- nen freigestellt und die Staatsanwaltschaft von der Teilnahme dispensiert. F. Anlässlich der heutigen Parteiverhandlung erscheinen d er Beschuldigte und Berufungs- kläger B.____ mit seinem Rechtsvertreter Roman Felix. Au f die von den Anwesenden getätig- ten Ausführungen wird ebenfalls, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägun- gen eingegangen. Erwägungen 1.1 Die Zuständigkeit der Dreierkammer des Kantonsgerichts, Abteilung Strafrecht, als Beru- fungsgericht zur Beurteilung der vorliegenden Berufung ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 lit. a EG StPO. Nach Art. 398 Ab s. 1 StPO ist die Berufung zulässig ge- gen Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Ver fahren ganz oder teilweise abge- schlossen worden ist. Gemäss Abs. 3 von Art. 398 StPO könne n mit der Berufung gerügt wer- den: Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung un d Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (lit. a), die unvollständige oder unrichtige Feststel- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht lung des Sachverhaltes (lit. b) sowie Unangemessenheit (lit. c), wobei das Berufungsgericht das Urteil in allen angefochtenen Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 398 Abs. 2 StPO). Nach Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Berufu ng dem erstinstanzlichen Gericht innert 10 Tagen seit Eröffnung des Urteils schriftlich oder mü ndlich anzumelden und danach dem Be- rufungsgericht innert 20 Tagen seit der Zustellung des begründeten Urteils eine schriftliche Be- rufungserklärung einzureichen. Nach Art. 404 Abs. 1 St PO überprüft das Berufungsgericht das erstinstanzliche Urteil nur in den angefochtenen Punkte n. Die Legitimation des Beschuldigten zur Ergreifung des Rechtsmittels schliesslich wird in Art. 3 82 Abs. 1 StPO normiert. Nachdem das angefochtene Urteil ein taugliches Anfechtungsobjekt darstellt, der Beschuldigte berufungs- legitimiert ist, eine zulässige Rüge erhebt und die Re chtsmittelfrist gewahrt hat sowie der Erklä- rungspflicht nachgekommen ist, ist ohne Weiteres auf die Berufung einzutreten. 1.2 Aufgrund des Umstandes, dass weder die Staatsanwaltschaf t noch A.____ ein Rechtsmit- tel gegen das Urteil des Strafgerichtspräsidiums Basel -Landschaft vom 19. September 2011 ergriffen haben und der Beschuldigte seine Berufung n ach dem Freispruch vom Vorwurf der Teilnahme an einem Raufhandel und nach der Einstellun g des Verfahrens betreffend Verstoss gegen das richterliche Verbot Nr. 8/2003 zufolge Verj ährung lediglich gegen die Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung (und damit zusammenhän gend die Beurteilung der Zivilan- sprüche des Verletzten sowie die Kostenfolge) richtet, sind auch nur diese Punkte Gegenstand des vorliegenden Urteils. 2.1 Der Beschuldigte führt zur Begründung seiner Berufun g im Hinblick auf die Kausalität zwi- schen dem inkriminierten Schlag und der diagnostizierten Verletzung im Wesentlichen aus, es sei der von der Polizei aufgenommenen Anzeige zu entneh men, dass bei A.____ keine äusser- lichen Verletzungen hätten festgestellt werden können. Dieser habe beim Sprechen keine Prob- leme bekundet und der Polizei gegenüber nur von leichte n Schmerzen berichtet. Des Weiteren sei dem Notfallbericht des Kantonsspitals Liestal zu entnehmen, dass lediglich eine Unterkiefer- kontusion mit einer Druckdolenz über dem Kiefergelenksköp fchen habe festgestellt werden können. Der Kieferschluss sei problemlos möglich und der Un terkiefer seitlich frei beweglich gewesen. Der erst am 16. November 2007 durch das Kanto nsspital Liestal beantwortete Fra- genkatalog stütze sich offenbar auf Angaben, welche zu e inem späteren Zeitpunkt von dritter Seite eingeholt worden seien. Diese Tatsachen, insbesondere die im Notfallbericht nicht festge- stellten Verletzungen, würden deutlich machen, dass A.__ __ sich die erst am nächsten Tag durch das Universitätsspital Basel diagnostizierte doppelte Unterkieferfraktur nach dem Besuch Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht in der Notfallstation zugezogen habe. Es sei erstellt , dass A.____ noch rund eine Stunde nach dem inkriminierten Schlag beträchtlich alkoholisiert ge wesen sei, so habe der auf dem Polizei- posten durchgeführte Alkoholtest 1.44‰ ergeben. Unter di esen Umständen dränge sich der Schluss auf, dass A.____ sich die Verletzung auf dem Nachh auseweg zugezogen habe. Die Frage, wie dies geschehen sei, könne letztlich offen b leiben. Zum selben Schluss würden im Übrigen auch die Aussagen des Beschuldigten führen. 2.2 Demgegenüber ist die Staatsanwaltschaft im Wesentliche n der Ansicht, der Umstand, wonach die doppelte Unterkieferfraktur erst am folgende n Tag diagnostiziert worden sei, ver- möge die durch den Beschuldigten aufgeworfene These ni cht zu erklären. Es stehe fest, dass sich A.____ unmittelbar nach der Anzeigeerstattung bei der Polizei in Spitalpflege begeben ha- be und dass dort eine Unterkieferkontusion, eine Kieferg elenksluxation sowie eine Kieferge- lenksköpfchenfraktur festgestellt worden seien. Um weit ere Verletzungen zu diagnostizieren, seien für den nächsten Tag die Aufnahme von Röntgenbil dern geplant und eine CT- Untersuchung in Erwägung gezogen worden. Es sei absolut unwahrscheinlich und dem ge- wöhnlichen Lauf der Dinge widersprechend, wenn angeno mmen würde, dass A.____ am glei- chen Abend kurz hintereinander in zwei derart heftige S chlägereien verwickelt gewesen sei, sei doch davon auszugehen, dass er sich nach der erlittenen schmerzhaften Verletzung von jegli- chen Streitereien fernhalten würde. Auch ein selbstversch uldeter Sturz, welcher zur Kieferfrak- tur geführt haben soll, könne gänzlich ausgeschlossen werden. Weder aus dem Arztbericht des Kantonsspitals Liestal noch aus dem des Universitätsspitals Ba sel würden weitere äusserlich sichtbare Verletzungen wie Hämatome, Schürfungen oder Prellungen hervorgehen. Aufgrund seiner Kampfsport-Erfahrung sei es dem Beschuldigten im Übrigen durchaus möglich, eine der- art heftige Bewegung auszuführen, dass mit einem Schlag ein doppelter Unterkieferbruch ent- standen sei, womit davon ausgegangen werden müsse, dass d er durch den Beschuldigten ausgeführte Schlag kausal für die diagnostizierte Verletzung gewesen sei. 3.1 Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 1 0 Abs. 2 StPO) hat das urteilende Gericht frei von Beweisregeln und nur nach seiner persö nlichen Überzeugung aufgrund gewis- senhafter Prüfung darüber zu entscheiden, ob es eine Ta tsache für bewiesen hält. Das Gericht trifft sein Urteil unabhängig von der Zahl der Beweism ittel, welche für eine bestimmte Tatsache sprechen, und ohne Rücksicht auf die Form des Beweismittels (Robert Hauser/Erhard Schwe- ri/Karl Hartmann , Schweizerisches Strafprozessrecht, 6. Auflage, Basel 2005, § 54 N 3 f.; mit Hinweisen). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung i st gemäss der aus Art. 32 Abs. 1 Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht BV (bzw. Art. 4 aBV) fliessenden und in Art. 6 Ziff. 2 EMRK verankerten Maxime „in dubio pro reo“ bis zum gesetzlichen Nachweis seiner Schuld zu vermute n, dass der wegen einer strafba- ren Handlung Angeklagte unschuldig ist (vg. Art. 10 Abs. 1 StPO). Als Beweiswürdigungsregel besagt die Maxime, dass sich der Strafrichter nicht von der Existenz eines für den Angeklagten ungünstigen Sachverhalts überzeugt erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat (vg l. Art. 10 Abs. 3 StPO). Die Beweis- würdigungsregel ist verletzt, wenn der Strafrichter an d er Schuld des Angeklagten hätte zwei- feln müssen. Dabei sind bloss abstrakte und theoretische Zweifel nicht massgebend, weil sol- che immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verla ngt werden kann. Es muss sich um erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel handeln, d.h. um solche, die sich nach der ob- jektiven Sachlage aufdrängen (BGE 124 IV 87 E. 2a; mit Verweis auf BGE 120 Ia 31). Dem Sachgericht steht im Bereich der Beweiswürdigung ein erheblicher Ermessensspielraum zu (BGE 134 IV 132 E. 4.2; 129 IV 6 E. 6.1). Das Bundesg ericht greift auf Beschwerde hin nur ein, wenn das Sachgericht diesen missbraucht, insbesondere offe nsichtlich unhaltbare Schlüsse zieht, erhebliche Beweise übersieht oder solche willkürl ich ausser Acht lässt (BGE 132 III 209 E. 2.1). 3.2 Im vorliegenden Fall stehen dem Kantonsgericht bei der konkreten Prüfung des rechtlich relevanten Sachverhaltes die Anzeige von A.____ wegen K örperverletzung bei der Polizei Ba- sel-Landschaft, Polizeiposten Bubendorf, vom 4. April 2 007 (act. 1117 f.), die Aussagen des Beschuldigten anlässlich seiner Einvernahme durch das Sta tthalteramt Liestal vom 31. Juli 2007 (act. 37 ff., 1225 ff.), anlässlich seiner Einvern ahme durch die Polizei Basel-Landschaft, Hauptabteilung Kriminalitätsbekämpfung, vom 20. Oktober 2007 (act. 1255), anlässlich seiner Einvernahme durch das Statthalteramt Liestal vom 8. Deze mber 2008 (act. 1257 ff.) sowie an- lässlich der Hauptverhandlung vor dem Strafgericht (act. 2019 ff.) und anlässlich der Hauptver- handlung vor dem Kantonsgericht (Protokoll KG), die A ussagen von A.____ anlässlich seiner Einvernahme durch das Statthalteramt Liestal vom 16. Au gust 2007 (act. 61 ff., 1243 ff.), die Aussagen von C.____ anlässlich ihrer Anzeige gegen A.____ wegen sexueller Belästigung beim Polizeistützpunkt Liestal vom 25. Februar 2007 (a ct. 5 ff.) sowie anlässlich ihrer Einver- nahme durch das Statthalteramt Liestal vom 14. Juni 2007 (act. 25 ff., 1213 ff.), der Notfallbe- richt des Kantonsspitals Liestal, Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäss- und Thoraxchirurgie, vom 26. Februar 2007 (act. 1743), der vom Kantonsspital Liestal, Chirurgische Klinik, beantwor- tete Fragenkatalog vom 16. November 2007 (act. 1157 f f.) und die medizinischen Berichte des Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Universitätsspitals Basel, Kiefer- und Gesichtschirurgie, vom 21. März 2007 (act. 51 f., 1137 f., 1149 f.) sowie vom 11. Juni 2009 (act. 1739 f.) zur Verfügung. Gestützt auf die Akten ergibt sich, dass der inkriminierte Sachverhalt grundsätzlich unbestritten ist. Demnach ist gemäss dem von der Staatsanwaltschaft in d er Anklageschrift geschilderten Sachverhalt auszugehen, wonach der Beschuldigte im Rahmen einer Auseinandersetzung mit A.____, nachdem Letzterer mutmasslich die Freundin des B ruders des Beschuldigten sexuell belästigt hatte, am Abend des 25. Februar 2007 zwischen 22:20 Uhr und 22:30 Uhr im Restau- rant F.____ in G.____ in angetrunkenem Zustand (0.8 6‰ um 00:02 Uhr) einmal ins Gesicht schlug. Bestritten wird in diesem Zusammenhang vom Beschu ldigten lediglich, dass der Schlag mit der Faust erfolgt sein soll, vielmehr sei er mit de r offenen Hand geführt worden. Angesichts der konstanten und glaubhaften Aussagen des Beschuldigten zu dieser Frage und in Ermange- lung anderweitiger Beweise muss zu dessen Gunsten davon ausgegangen werden, dass dieser in der Tat nur mit der offenen Hand zugeschlagen hat. Wiederum unbestritten ist in der Folge die am 26. Februar 2007 durch das Universitätsspital Ba sel diagnostizierte doppelte Unterkie- ferfraktur bei A.____. Fraglich ist hingegen die Kausalität zwischen dem eingestandenen Schlag und der diagnostizierten Verletzung. Diesbezüglich kommt das Kantonsgericht bei Würdigung de r vorgenannten Beweise und Indi- zien im Gegensatz zur Vorinstanz zum Schluss, dass eine al ternative Entstehung der Verlet- zung nicht ausgeschlossen ist und demzufolge erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel an der Kausalität zwischen dem inkriminierten Verhalten des Beschuldigten und der festgestell- ten Verletzung bestehen, was sich wie folgt begründet. Zunächst geht das Kantonsgericht mit der Vorinstanz einig, dass der Beschuldigte aufgrund seiner Kampfsporterfahrung grundsätzlich in der Lage ist, mit einem gezielten Schlag eine doppe lte Unterkieferfraktur zu verursachen. Ob dies in der konkreten Situation tatsächlich möglich gewe sen ist, ergibt sich hingegen aus der Darlegung des Beschuldigten, wie er den Schlag ausgefüh rt haben will, indem er sich zuerst aus dem Griff von A.____ habe losreisen müssen, mit dem Oberkörper nach hinten und zugleich reflexartig mit der linken offenen Hand nach v orne gegangen sei (Protokoll KG S. 3), nicht in schlüssiger Weise. Es ist davon auszugehen, dass der Getroffene – zumal so stark al- koholisiert wie A.____ in vorliegendem Fall (1.44‰ um 2 3:27 Uhr) – bei einem solch heftigen Schlag, welcher direkt zu einem doppelten Kieferbruch führt, sich nicht mehr hätte auf den Bei- nen halten können. Dass A.____ nach dem Schlag zu Boden gegangen wäre, ist jedoch nicht dokumentiert. Ausschlaggebend ist aber der Umstand, wona ch sich A.____ unmittelbar nach Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht der polizeilichen Einvernahme am gleichen Abend bzw. fr ühen Morgen auf die Notfallstation des Kantonsspitals Liestal begeben hat und dort untersu cht worden ist, wobei anlässlich dieser Untersuchung keinerlei gravierende Verletzungen und insb esondere auch keine Kieferfraktur beim Verletzten festgestellt worden sind. Insofern sind d ie Erwägungen der Vorinstanz und der Staatsanwaltschaft, wonach das Kantonsspital Liestal be reits am 26. Februar 2007 um 00:30 Uhr eine Unterkieferkontusion, eine Kiefergelenksluxatio n und eine Kiefergelenksköpfchenfrak- tur diagnostiziert habe, unzutreffend. So wurde im No tfallbericht (act. 1743) lediglich eine Kon- tusion des Unterkiefers diagnostiziert. Weiter wurde fest gestellt, dass eine Druckdolenz über den Kiefergelenksköpfchen beidseits bestehe, der Kiefersch luss problemlos und in der norma- len Achse ohne Verschiebungen möglich sei, hingegen die Mundöffnung schmerzbedingt nicht vollständig möglich, der Unterkiefer jedoch seitlich frei beweglich sei. Erst in seinem Bericht vom 16. November 2007 (act. 1157 ff.) führte das Kan tonsspital Liestal im Fragenkatalog unter Ziffer 3 aus, es seien eine Kontusion des Unterkiefers, e ine Luxation des Kiefergelenkköpf- chens und eine Fraktur des Kiefergelenkköpfchens festgestel lt worden. Auch seien Röntgenbil- der und gegebenenfalls eine CT-Untersuchung für den n ächsten Tag geplant gewesen. Diese Diagnose steht jedoch in klarem Widerspruch zur Diagnose der gleichen Ärztin im Notfallbericht vom 26. Februar 2007 und berücksichtigt ganz offensichtli ch die zu einem späteren Zeitpunkt festgestellten Erkenntnisse des Universitätsspitals Basel, zum al A.____ nach der Erstversor- gung zu keiner Nachbehandlung im Kantonsspital Liesta l erschienen ist. Somit steht fest, dass das Kantonsspital Liestal in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 2007 keine gravierenden Verletzungen bei A.____ festgestellt und erst das Univer sitätsspital Basel ein paar Stunden später im Verlaufe des 26. Februars 2007 die Diagnose einer doppelten Unterkieferfraktur auf- gestellt hat. Gestützt wird die Diagnose im Notfallbericht nach Ansich t des Kantonsgerichts des Weiteren durch den Umstand, wonach es nicht nachvollziehbar erschein t, dass weder A.____ – trotz sei- ner Alkoholisierung und der damit einhergehenden verm inderten Schmerzempfindlichkeit – noch die Polizeibeamten oder das Spitalpersonal eine derart gravierende Verletzung nicht be- merkt haben sollen, hätte sie denn vorgelegen. Ganz off ensichtlich ist der Verletzte in der Lage gewesen, während mindestens zwei Stunden ohne äusserlich wahrgenommene Einschränkun- gen mit diversen Personen zu kommunizieren. In der Anzeige wird denn durch die Polizei ledig- lich festgehalten, dass A.____ über leichte Schmerzen ge klagt habe, äusserlich seien jedoch keine Verletzungen festzustellen gewesen (act. 1119). Ni cht zuletzt aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung ergibt sich für das Kantonsgericht, dass der Bruch eines Knochens bzw. eines Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gelenks mit grossen Schmerzen und unmittelbaren Einschränkungen des entsprechenden Kör- perteils verbunden ist. Nicht vorstellbar ist für das Kan tonsgericht, dass bei einer doppelten Un- terkieferfraktur der Unterkiefer seitlich frei beweglich sein kann, wie dies vom Kantonsspital Liestal im Notfallbericht festgestellt worden ist. Da be im Verletzten weder durch ihn selbst noch durch Dritte besondere Schmerzen oder über die Folge n einer durchschnittlichen Ohrfeige hi- nausgehende Kieferbeeinträchtigungen am Abend des 25. Februars 2007 wahrgenommen wor- den und auch im Notfallbericht des Kantonsspitals Liesta l vom gleichen Abend nur eine Kontu- sion und eine Druckdolenz beschrieben sind, muss dies im Er gebnis dazu führen, dass die Kausalität zwischen dem am 25. Februar 2007 zwischen 22:2 0 Uhr und 22:30 Uhr unbestritte- nermassen ins Gesicht des Verletzten erfolgten Schlages und der erst im Verlaufe des folgen- den Tages diagnostizierten doppelten Unterkieferfraktur nicht zuletzt unter Berücksichtigung der Beweiswürdigungsregel "in dubio pro reo" nicht erstellt ist. Hinsichtlich der von der Vorinstanz verneinten alternativ en Verletzungsmöglichkeit ist darauf hinzuweisen, dass nicht lediglich der Zeitraum zwischen dem inkriminierten Schlag und der ca. zwei Stunden später erfolgten ärztlichen Untersuchung a uf der Notfallstation in Liestal in Frage kommt, sondern vielmehr der Zeitraum zwischen dem Schlag und dem Aufsuchen des Universi- tätsspitals Basel im Verlaufe des nächsten Tages. In die ser Zeitspanne scheint die Möglichkeit, dass A.____ in eine weitere tätliche Auseinandersetzung geraten ist, zwar nicht als zwingend, ist aber aufgrund seiner starken Alkoholisierung und ang esichts seines mutmasslich respektlo- sen Verhaltens, welches sich bereits bei der Auseinande rsetzung mit dem Beschuldigten mani- festiert hat, auch nicht ausgeschlossen. Ebenso vermag d as allfällige Fehlen von typischen Sturzverletzungen wie Hämatomen, Schürfungen und der gleichen zwar als Indiz eher gegen einen selbstverschuldeten Sturz sprechen, es schliesst eine n solchen aber nicht a priori aus, abgesehen davon, dass auch keine Klarheit darüber besteh t, ob der Verletzte im Universitäts- spital Basel überhaupt auf solche Verletzungen untersuc ht worden wäre. Im Resultat können somit weder der alternative Sachverhalt einer Verletzung durch einen Dritten noch die Alternati- ve einer Selbstverletzung durch einen Sturz von vornherein ausgeschlossen werden. Demzufolge ist das Urteil des Strafgerichtspräsidiums Basel -Landschaft vom 19. September 2011 in Gutheissung der Berufung des Beschuldigten auf zuheben und dieser vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung freizusprechen. Nachdem der Beschuldigte bereits von der Vorin- stanz vom Vorwurf der Teilnahme an einem Raufhandel f reigesprochen worden und das Ver- fahren betreffend Verstoss gegen das richterliche Verbot Nr. 8/2003 zufolge Verjährung rechts- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht kräftig eingestellt worden ist, ist er mit heutigem Ur teil von allen Anklagepunkten freizuspre- chen. Zufolge des vollumfänglichen Freispruchs und der en tsprechenden Aufhebung des ange- fochtenen Urteils erübrigen sich schliesslich an vorliegend er Stelle weitere Ausführungen zur Schadenersatz- und Genugtuungsforderung des Verletzten. 4. Bei diesem Verfahrensausgang gehen in Anwendung von Art. 428 Abs. 1 und Abs. 3 StPO die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahrens in der Höhe von CHF 3'900.-- (beinhal- tend eine Gebühr von CHF 3'800.-- sowie Auslagen von CHF 100.--) ebenso zu Lasten des Staates wie die ordentlichen Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens in der Höhe von insge- samt CHF 4'523.95 (beinhaltend eine Gebühr von CHF 2 '000.-- sowie die Kosten des Vorver- fahrens von CHF 2'523.95). Ausserdem wird dem Beschuldi gten gemäss Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO für das Berufungsverfahren eine Parteientschädigung in der Höhe von CHF 3'093.65 (12.35 Stunden [inklusive drei Stunden Hauptverhandlung ] Aufwand zu jeweils CHF 230.-- plus CHF 24.-- Auslagen und CHF 229.15 Mehrwertsteuer) un d für das erstinstanzliche Verfahren eine solche in der Höhe von CHF 4'701.10 (inklusive Hau ptverhandlung, Auslagen und Mehr- wertsteuer) zu Lasten des Staates ausgerichtet. Die Erwä gungen der Vorinstanz zur Honorar- forderung des Rechtsvertreters des Verletzten schliesslich werden mit vorliegendem Urteil nicht tangiert. Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichtspräsidiums Basel-Land schaft vom 19. September 2011, lautend: "1. B.____ wird in teilweiser Abänderung des Strafbef ehls des Bezirksstatthalteramtes Liestal vom 4. November 2009 der einfachen Körperverletzung schuldig erklärt und verurtei lt zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 90 Tagessätzen z u je Fr. 70.00 , bei einer Probezeit von 2 Jahren, in Anwendung von Art. 123 Ziff. 1 StGB, Art. 34 St GB, Art. 42 Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Abs. 1 StGB und Art. 44 Abs. 1 StGB. 2.a) B.____ wird vom Anklagevorwurf der Teilnahme an einem Raufhandel freigesprochen . b) Das Verfahren betreffend Verstoss gegen das richter liche Verbot Nr. 8/2003 wird zufolge Verjährung eingestellt . 3.a) Die Schadenersatzforderung von A.____ wird gemäss Art. 38 Abs. 3 aOHG dem Grundsatz nach bei einer Quote von 100% zu Lasten des Angeschuldigten gutgeheissen . Für die Bemessung der Höhe wird die Schadenersatzforderung a uf den Zivilweg verwiesen . b) B.____ wird dazu verurteilt , A.____ eine Genugtuung in Höhe von Fr. 8'000.00 zzgl. 5% Zins seit dem 25. Februar 2 007 zu bezahlen. Die Mehrforderung in Höhe von Fr. 12'000.0 0 wird abgewiesen . 4.a) Die Honorarforderung von Dr. Christian von Wartb urg in Höhe von Fr. 2'204.20 (inkl. Hauptverhandlung, Auslagen und Mehrwertsteuer) für die Opfervertretung wird gutgeheissen . b) Auf die Honorarforderung von Dr. Christian von W artburg für die Verteidigung von A.____ in dessen mittlerweile ei ngestell- tem Strafverfahren in Höhe von Fr.1'377.10 wird zufo lge res iudicata nicht eingetreten (vgl. Beschluss der Staatsanwalt- schaft vom 8. Dezember 2008). 5. In Anwendung von § 31 Abs. 1 und 2 aStPO gehen 1/4 der Verfahrenskosten zu Lasten von B.____, 3/4 der Verfahrens- kosten gehen zu Lasten des Staates. Die Verfahrenskosten bestehen aus den Kosten des Vorver- fahrens in Höhe von Fr. 2'523.95 und einer pauschalen G e- richtsgebühr von Fr. 2'000.00. Wird mangels Ergreifung eines Rechtsmittels keine nacht rägli- che schriftliche Urteilsbegründung ausgefertigt (§ 176 A bs. 1 aStPO), wird die strafgerichtliche Gebühr auf Fr. 1'00 0.00 er- mässigt (§ 4 Abs. 1 GebT). 6. Die Kosten des Privatverteidigers von B.____ in Höhe von insgesamt Fr. 4'701.10 (inklusive Hauptverhandlung, Auslagen Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht und Mehrwertsteuer) gehen in Anwendung von § 3 Abs. 1 aStPO zur Hälfte zu Lasten des Staates." wird in Gutheissung der Berufung des Beschuldigten aufgehoben und der Beschuldigte wird von allen Anklagepunkten freigespro- chen . Das Verfahren betreffend Verstoss gegen das richterliche V erbot Nr. 8/2003 wird zufolge Verjährung eingestellt. Die ordentlichen Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens i n der Höhe von insgesamt CHF 4'523.95 gehen zu Lasten des Staates . Ebenso gehen die Kosten des Privatverteidigers für das e rstinstanz- liche Verfahren in der Höhe von CHF 4'701.10 (inklusive Hauptver- handlung, Auslagen und Mehrwertsteuer) zu Lasten des Staates . II. Die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahrens in der Höhe von CHF 3'900.-- (beinhaltend eine Gebühr von CHF 3'800. -- sowie Auslagen von CHF 100.--) gehen zu Lasten des Staates. III. Dem Beschuldigten wird eine Parteientschädigung in der Höhe von CHF 3'093.65 (inklusive CHF 24.-- Auslagen und CHF 229. 15 Mehrwertsteuer) zu Lasten des Staates ausgerichtet. Präsident Thomas Bauer Gerichtsschreiber Pascal Neumann