<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">36</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>3</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 65 Abs. 1 StPO; Art. 329 Abs. 2 StPO; Art. 356 Abs. 5 StPO; Art. 393</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Abs. 1 lit. b StPO</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Eine mit der Ungültigkeit eines Strafbefehls begründete Rückweisung des</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Falls an die Staatsanwaltschaft (Art. 356 Abs. 5 StPO) ist gleich wie eine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Anklagerückweisung nach Art. 329 Abs. 2 StPO ein verfahrensleitender</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Entscheid i.S.v. Art. 393 Abs. 1 lit. b 2. Teilsatz StPO. Sie ist daher nur</b></span><br/> <span class="ft3"><b>mit Beschwerde anfechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzumachenden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Nachteil bewirken kann. Dies ist bei einer Rückweisung einzig zur rechts-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>genüglichen Unterzeichnung eines Strafbefehls nicht der Fall.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid der Vizepräsidentin der Beschwerdekammer in Strafsa-</span><br/> <span class="ft4">chen des Obergerichts vom 26. September 2017 i.S. Staatsanwaltschaft Lenz-</span><br/> <span class="ft4">burg-Aarau gegen D.G. (SBE.2017.31).</span><br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt (Zusammenfassung)</i></span><br/> <span class="ft1">Der Präsident des Bezirksgerichts Aarau wies mit Verfügung</span><br/> <span class="ft1">vom 7. Juni 2017 einen am 22. Juni 2016 erlassenen und in Vertre-</span><br/> <span class="ft1">tung unterschriebenen Strafbefehl zur Durchführung eines neuen</span><br/> <span class="ft1">Vorverfahrens an die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau zurück.</span><br/> <span class="ft1">Gleichzeitig sistierte er das Hauptverfahren und ordnete er die Rück-</span><br/> <span class="ft1">übertragung der Rechtshängigkeit an die Staatsanwaltschaft Lenz-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">37</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">burg-Aarau an. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau beantragte</span><br/> <span class="ft1">mit am 22. Juni 2017 erhobener Beschwerde die Aufhebung dieser</span><br/> <span class="ft1">Verfügung.</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Frage der Zulässigkeit der Beschwerde der Staatsanwalt-</span><br/> <span class="ft1">schaft gegen eine gestützt auf Art. 329 Abs. 2 StPO erfolgte</span><br/> <span class="ft1">Rückweisung wurde mit Entscheid der Beschwerdekammer in</span><br/> <span class="ft1">Strafsachen des Obergerichts vom 7. September 2011 (unpublizierte</span><br/> <span class="ft1">E. 1.1. von AGVE 2011 Nr. 21) bisher bejaht. Dasselbe gilt auch für</span><br/> <span class="ft1">die im Strafbefehlsverfahren dazu im Wesentlichen analoge Bestim-</span><br/> <span class="ft1">mung von Art. 356 Abs. 5 StPO (vgl. S</span><span class="ft4">CHMID</span><span class="ft1">, Schweizerische Straf-</span><br/> <span class="ft1">prozessordnung, Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, N. 2 zu Art. 356</span><br/> <span class="ft1">StPO). Hinsichtlich der Wirkungen bzw. prozessualen Folgen unter-</span><br/> <span class="ft1">scheiden sich Art. 329 Abs. 2 und Art. 356 Abs. 5 StPO nicht, ist das</span><br/> <span class="ft1">Verfahren doch sowohl im einen wie auch im anderen Fall von der</span><br/> <span class="ft1">Staatsanwaltschaft fortzuführen. Nichtsdestotrotz wurden derartige</span><br/> <span class="ft1">Entscheide bisher von der Beschwerdekammer in Strafsachen des</span><br/> <span class="ft1">Obergerichts mit der Begründung, dass mit ihnen die anhängig ge-</span><br/> <span class="ft1">machten erstinstanzlichen Hauptverfahren faktisch beendet würden,</span><br/> <span class="ft1">als verfahrenserledigend und folglich gestützt auf Art. 393 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">lit. b 1. Teilsatz StPO als mit Beschwerde anfechtbar erachtet.</span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht hat im Entscheid 1B_171/2017 vom 21. Au-</span><br/> <span class="ft1">gust 2017 E. 2.3 mit Hinweis auf BGE 140 IV 202 E. 2.1 sowie</span><br/> <span class="ft1">143 IV 175 E. 2.2 (im Zusammenhang mit einem Strafbefehl) den</span><br/> <span class="ft1">Rückweisungsbeschluss eines Gerichts als verfahrensleitenden Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid im Sinne von Art. 393 Abs. 1 lit. b 2. Teilsatz StPO qualifi-</span><br/> <span class="ft1">ziert. Begründet wird dies damit, dass Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO im</span><br/> <span class="ft1">Zusammenhang mit Art. 65 Abs. 1 StPO zu lesen sei, wonach verfah-</span><br/> <span class="ft1">rensleitende Anordnungen nur mit dem Endentscheid angefochten</span><br/> <span class="ft1">werden könnten. Nach der Rechtsprechung sei die unmittelbare Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">38</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schwerdeführung nach Art. 65 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 393 Abs. 1 lit.</span><br/> <span class="ft1">b 2. Teilsatz StPO bei Entscheiden, die den Gang des Verfahrens</span><br/> <span class="ft1">beträfen, ausgeschlossen. Dabei handle es sich insbesondere um alle</span><br/> <span class="ft1">Entscheide, welche sich auf die Fortführung und den Ablauf des Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahrens vor und während der Hauptverhandlung bezögen. Bei Anord-</span><br/> <span class="ft1">nungen über den Verfahrensgang, die vor Eröffnung der Hauptver-</span><br/> <span class="ft1">handlung getroffen würden, beschränke die Rechtsprechung den</span><br/> <span class="ft1">Ausschluss der Beschwerde auf Entscheide, welche keinen nicht</span><br/> <span class="ft1">wieder gutzumachenden Nachteil bewirken könnten. Diese seien we-</span><br/> <span class="ft1">der mit der StPO-Beschwerde noch unmittelbar mit Beschwerde an</span><br/> <span class="ft1">das Bundesgericht anfechtbar.</span><br/> <span class="ft1">Die vorliegende Verfügung wirkt sich auf den Ablauf und die</span><br/> <span class="ft1">Fortführung des Verfahrens aus. Wenngleich die Rückweisung</span><br/> <span class="ft1">vorliegend mit der Ungültigkeit des Strafbefehls begründet wird, än-</span><br/> <span class="ft1">dert dies nichts daran, dass mit dem angefochtenen Entscheid der</span><br/> <span class="ft1">Vorinstanz das Verfahren nicht beendet wird. Vielmehr hat das Ge-</span><br/> <span class="ft1">richt den Strafbefehl in diesem Fall aufzuheben und die Sache zur</span><br/> <span class="ft1">Durchführung eines neuen Vorverfahrens an die Staatsanwaltschaft</span><br/> <span class="ft1">zurückzuweisen (Art. 356 Abs. 5 StPO). Entsprechend dieser Vor-</span><br/> <span class="ft1">gabe hat die Vorinstanz denn auch entschieden (Dispositiv-Ziffer 2).</span><br/> <span class="ft1">Damit hat sie (analog Art. 329 Abs. 2 StPO) gleichzeitig zum Aus-</span><br/> <span class="ft1">druck gebracht, dass derzeit kein Urteil ergehen kann, das Verfahren</span><br/> <span class="ft1">jedoch nicht abgeschlossen, sondern fortzuführen ist. Gestützt auf die</span><br/> <span class="ft1">oben zitierte bundesgerichtliche Rechtsprechung ist die Verfügung</span><br/> <span class="ft1">vom 7. Juni 2017 daher nicht als verfahrenserledigend, sondern als</span><br/> <span class="ft1">verfahrensleitend im Sinne von Art. 393 Abs. 1 lit. b 2. Teilsatz StPO</span><br/> <span class="ft1">zu qualifizieren.</span><br/> <span class="ft1">1.3.</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensleitende Entscheide eines erstinstanzlichen Gerichts</span><br/> <span class="ft1">können nur mit Beschwerde angefochten werden, wenn sie einen</span><br/> <span class="ft1">nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne von Art. 93 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">lit. a BGG bewirken können (Urteil des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft1">1B_171/2017 vom 21. August 2017 E. 2.4). Dies ist beispielsweise</span><br/> <span class="ft1">bei einer Rückweisung des Strafverfahrens zur weiteren Untersu-</span><br/> <span class="ft1">chung in der Regel nicht der Fall. Kein solcher Nachteil ist zudem in</span><br/> <span class="ft1">einer Verzögerung des Strafverfahrens oder einer möglichen Erhö-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">39</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">hung der Geschäftslast für die Staatsanwaltschaft zu erblicken. Ein</span><br/> <span class="ft1">nicht wieder gutzumachender Nachteil liegt hingegen etwa bei Haft-</span><br/> <span class="ft1">entlassungsentscheiden vor oder wenn sich die Staatsanwaltschaft</span><br/> <span class="ft1">aufgrund eines Verwertungsverbots von Beweisen und deren Entfer-</span><br/> <span class="ft1">nung aus den Strafakten gezwungen sieht, das Strafverfahren einzu-</span><br/> <span class="ft1">stellen (E. 2.4 und 2.5 des erwähnten Urteils).</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend dürfte es einzig darum gehen, den Strafbefehl im</span><br/> <span class="ft1">von der Vorinstanz verlangten Sinne unterzeichnen zu lassen und den</span><br/> <span class="ft1">Parteien erneut zuzustellen. Darin ist kein nicht wieder gutzuma-</span><br/> <span class="ft1">chender Nachteil zu erblicken. Andere Umstände, welche auf einen</span><br/> <span class="ft1">nicht wieder gutzumachenden Nachteil schliessen liessen, werden</span><br/> <span class="ft1">von der Staatsanwaltschaft nicht geltend gemacht und sind auch</span><br/> <span class="ft1">nicht ersichtlich. Folglich ist auf die Beschwerde nicht einzutreten.</span><br/></div> </div> </body> </html>