B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4626/2012 U r t e i l v o m 1 2 . S e p t e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Einzelrichter Martin Zoller, mit Zustimmung von Richter Markus König; Gerichtsschreiber Daniel Widmer. Parteien A._______, Türkei, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 27. August 2012 / (…). D-4626/2012 Seite 2 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge seinen Heimatstaat am 7. Juni 2012 verliess und (…) am 11. Juni 2012 illegal in die Schweiz gelangte, dass er gleichentags im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ um Asyl nachsuchte und dort am 26. Juni 2012 zur Person und summarisch zu den Fluchtgründen befragt wurde, dass das BFM mit Verfügung vom 27. August 2012 – eröffnet am 3. September 2012 – gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. c des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf d as Asylgesuch de s B e- schwerdeführers nicht eintrat und de ssen Wegweisung aus der Schweiz anordnete, wobei er diese am Tag nach Eintritt der Rechtskraft zu verlas- sen habe, dass – so das BFM im Sachverhalt der genannten Verfügung – dem Be- schwerdeführer die Einladung zur Anhörung nicht habe zugestellt werden können, da er gemäss einer Mitteilung der Fremdenpolizei (…) unbe- kannten Aufenthalts sei, dass das BFM sodann in den Erwägungen im Wesentlichen ausführte, gemäss Art. 8 Abs. 3 AsylG seien Asylsuchende in der Schweiz verpflic h- tet, sich während des Verfahrens den kantonalen Behörden oder dem BFM zur Verfügung zu halten und insbesond ere jede Änderung ihrer A d- resse sofort den kantonalen Behörden mitzuteilen, dass der Beschwerdeführer weder die kantonalen Behörden noch das Bundesamt über seinen gegenwärtigen Aufenthalt, wo er ordentlich e r- reichbar ist, in Kenntnis gesetzt habe, weshalb ihm das rechtliche Gehör zu seinem Verschwinden nicht habe gewährt werden können, dass er wegen seines Verhaltens dem BFM nicht mehr für weitere Abkl ä- rungen im Rahmen des Asylverfahrens zur Verfügung stehe, dass er dadurch seine Mitwirkungspflicht schuldha ft in grober Weise ve r- letzt und klar zu erkennen gegeben habe, an einer Fortsetzung des Asy l- verfahrens nicht interessiert zu sein, weshalb ihm auch das erforderliche Rechtsschutzinteresse abzusprechen und somit in Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. c AsylG auf das Asylgesuch nicht einzutreten sei, D-4626/2012 Seite 3 dass der Vollzug der Wegweisung zulässig, zumutbar und möglich sei, dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 5. September 2012 (Datum des Poststempels) beim Bundesverwaltungsgericht gegen diesen En t- scheid Beschwerde erhob und beantragte, es sei auf das Asylgesuch ein- zutreten und die Wegweisungsverfügung bis zum Abschluss des Be- schwerdeverfahrens ausser Kraft zu setzen, dass die vorinstanzlichen Akten am 10. September 2012 vollständig beim Bundesverwaltungsgericht eintrafen (Art. 109 Abs. 2 AsylG), und zieht in Erwägung: dass das Bundesverwaltungsgericht im Bereich des Asyls endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 des Verwaltungsverfahrensge- setzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021]) des BFM en t- scheidet, ausser – was in casu nicht zutrifft – bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33 des Verwaltungsge- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom - men ha t, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung hat und daher zur Einreichung der Be schwerde legitimiert ist, wes- halb auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde – unter Vor- behalt der nachstehenden Erwägung – einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG), dass der Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung z u- kommt (Art. 55 Abs. 1 VwVG), und das BFM in der angefochtenen Verf ü- gung einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung nicht en t- zogen hat (Art. 55 Abs. 2 VwVG), weshalb auf das Begehren, die We g- weisungsverfügung sei bis zum Abschluss des Beschwerdeverfahrens ausser Kraft zu setzen, mangels Rechtsschutzinteresses nicht einzutr e- ten ist, D-4626/2012 Seite 4 dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu übe r- prüfen (Art. 32-35a AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwerd e- instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2011/9 E. 5 S. 116 m. w. H.), dass sich demnach die Beschwerdeinstanz – sofern sie den Nichteintr e- tensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstständigen mat e- riellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung aufhebt und die S a- che zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweist (vgl. Entsche i- dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1. S. 240 f.), dass die Vorinstanz die Frage der Wegweisung und des Vollzugs mate - riell prüft, weshalb dem Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich volle Kognition zukommt, dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich vorliegend, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG vorliegend auf einen Schrifte n- wechsel verzichtet wurde, dass auf ein Asylgesuch nicht eingetreten wird, wenn Asylsuchende auf andere Weise als den in Art. 32 Abs. 2 Bstn. a und b AsylG genannten Gründen ihre Mitwirkungspflicht schuldhaft und in grober Weise verletzen (Art. 32 Abs. 2 Bst. c AsylG), dass die Mitwirkungspflicht im Asylverfahren unter anderem beinhaltet, dass sich Asylsuchende – unter anderem zwecks Durchführung einer An- hörung – jederzeit zur Verfügung zu halten und ihre Adresse sowie jede Änderung den (nach kantonalem Recht) zuständigen Behörden (des Kan- tons oder der Gemeinde) sofort mitzuteilen haben (Art. 8 Abs. 3 AsylG), D-4626/2012 Seite 5 dass bei einem vorgesehenen Nichteintretensentscheid die Gewährung des rechtlichen Gehörs zwingend ist (Art. 36 Abs. 2 AsylG), und zwar auch dann, wenn zwe ifelhaft ist, ob sich die a sylsuchende Person noch am zugewiesenen Ort aufhält (vgl. EMARK 2003 Nr. 21 E. 3e S. 136 f.), dass das Bundesamt dieser Verpflichtung offensichtlich nicht nachg e- kommen ist, dass sich in den Akten ein Formular (…) befindet, in welchem die Rubrik (…) angekreuzt ist und im Weiteren die bisherige Adresse (…), die neue Adresse (…) sowie das Datum der Änderung (…) vermerkt worden sind, dass darauf je ein Eingangsstempel der Fremdenpolizei Biel (19. Juli 2012) und des BFM (26. Juli 2012) angebracht ist, dass mithin der Aufenthaltsort des Beschwerdeführers seit (…) zweifel- haft und dieser Umstand dem BFM seit dem (…) bekannt war, dass das BFM gestützt auf die erwähnte Praxis der vormaligen Schweize- rischen Asylrekurskommission (ARK), welche vom Bundesverwaltungsge- richt weitergeführt wird, trotz des zweifelhaften Aufenthaltsorts des B e- schwerdeführers gehalten gewesen wäre, diesem (…) eine Aufforderung für eine Anhörung an die letzte bekannte Adresse (Art. 12 Abs. 1 AsylG) zuzustellen, dass das BFM eine solche Zustellung unzulässigerweise unterliess, dass im Übrigen der Aufenthalt des Beschwerdeführers entgegen dem erwähnten Mutationsformular vom (…) nicht unbekannt war, zumal ab diesem Datum im Zentralen Migrationssystem (ZEMIS) dessen aktuelle Adresse, an welche die angefochtene Verfügung zugestellt wurde, ve r- zeichnet ist, dass diese Mutation am (…) vorgenommen wurde, welche Tatsache dem BFM bei besserer Sorgfalt nicht hätte entgehen dürfen, dass schliesslich bei unbekanntem Aufenthalt einer a sylsuchenden Per- son die zutreffende verfahrensrechtliche Konsequenz nicht ein Nichtei n- tretensentscheid wegen Verletzung der Mitwirkungspflicht, sondern die Abschreibung des Verfahrens als gegenstandslos wäre (vgl. EMARK a.a.O. E. 4 S. 139), D-4626/2012 Seite 6 dass zwar eine Missachtung von Verfahrensvorschriften durch das BFM aufgrund der umfassenden Kognition des Bundesverwaltungsgerichts in bestimmten Schranken geheilt werden kann, dass das BFM indessen vorliegend den Anspruch de s Beschwerdefüh- rers auf rechtliches Gehör in schwerwiegender Weise verletzt hat, we s- halb eine Heilung auf Beschwerdeebene nicht möglich ist, dass bei dieser Sachlage offen bleiben kann, ob der Beschwerdeführer durch das von ihm in der Beschwerde geschilderte Verhalten (…) seine Mitwirkungspflicht schuldhaft grob verletzt hat, dass in diesem Zusammenhang immerhin festgehalten werden darf, dass eine grobe Verletzung der Mitwirkungspflicht nach konstanter Praxis nur vorliegen kann, wenn dadurch eine bestimmte, konkret vorgesehene Ve r- fahrenshandlung verhi ndert wird, während die Verunmöglichung einer theoretisch denkbaren Amtshandlung nicht ausreicht (vgl. EMARK 2001 Nr. 19 S. 141 ff. mit weiteren Hinweisen), dass das BFM in der angefochtenen Verfügung mit keinem Wort darlegt, welche prozessuale Vorkehr der Vorinstanz der Beschwerdeführer durch die angebliche Verletzung seiner Mitwirkungspflicht denn konkret verhi n- dert habe (und das BFM insoweit auch seine Begründungspflicht verletzt hat), dass zusammenfassend das BFM zu Unrecht einen Nichteintretens - entscheid gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. c AsylG erlassen und damit Bundesrecht verletzt hat (Art. 106 AsylG), dass die Beschwerde somit im Sinne der Erwägungen gutzuheissen ist, soweit darauf einzutreten ist, die Verfügung vom 27. August 2012 aufz u- heben und die Sache zur weiteren Behandlung an die Vorinstanz zurüc k- zuweisen ist, dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Kosten aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), dass der Beschwerdeführer im Beschwerdeverfahren nicht anwaltlich ver- treten wurde, weshalb nicht davon auszugehen ist, ih m seien durch die Beschwerdeführung Kosten erwachsen, D-4626/2012 Seite 7 dass deshalb de m Beschwerdeführer keine Parteientschädigung zuz u- sprechen ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kost en und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-4626/2012 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen , soweit darauf einzutreten ist. 2. Die Verfügung des BFM vom 27. August 2012 wird aufgehoben und die Sache zur weiteren Behandlung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Martin Zoller Daniel Widmer Versand: