Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 8. Oktober 2020 (720 18 339 / 236) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Bestimmung des massgebenden medizinischen Sachverhalts aufgrund eines Gerichts- gutachtens Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Kan- tonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Dr. Claude Schnüriger, Advokat, Lange Gasse 90, Postfach 335, 4010 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.1 Die 1969 geborene A.____ war zuletzt von Dezember 2002 bis Februar 2004 bei der B.____AG als Raumpflegerin angestellt. Danach war sie als Hausfrau und Mutter tätig. Am 24. Januar 2008 meldete sie sich bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leis- tungsbezug an. Nach Abklärung der gesundheitlichen, er werblichen und hauswirtschaftlichen Verhältnisse verneinte die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) mit Verfügung vom 16. Februar Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2010 einen Rentenanspruch mit der Begründung, der mit tels gemischter Methode berechnete Invaliditätsgrad liege bei lediglich 9 %. Dieser Entscheid erwuchs in Rechtskraft. A.2 Am XX.XX.XXXX kam es im damaligen Wohnhaus von A._ ___ zu einer Gasexplosion, wobei sie und ihre Kinder verschüttet wurden. Am 20. März 2013 meldete sie sich unter Hinweis auf eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und einer Depression erneut bei der IV- Stelle zum Leistungsbezug an. Diese klärte in der Folge die gesundheitlichen und erwerblichen Verhältnisse ab, wobei sie die Versicherte bidisziplinär durch Prof. Dr. med. C.____, FMH Neu- rologie sowie Psychiatrie und Psychotherapie, und Dr. med . D.____, FMH Psychiatrie und Psy- chotherapie, Klinik E.____ (Expertise vom 15. Juli 2014 ), sowie durch Dr. med. F.____, FMH Physikalische Medizin und Rehabilitation, Rheumatolog ie und Allgemeine Innere Medizin, Spital G.____, (Expertise vom 17. September 2015/26. Oktober 2015) begutachten liess. Da der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) beider Basel das psychiatrische Gutachten der Klinik E.____ vom 15. Juli 2014 als nicht beweistauglich qualifi zierte (Beurteilung von Dr. med. H.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie), veranlasste di e IV-Stelle ein Gutachten bei Dr. med. I.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, welches am 5. September 2016 erstattet wurde. Gestützt auf die daraus gewonnenen Erkenntnisse ermittelte sie nunmehr in Anwendung der allgemeinen Bemessungsmethode des Einkommensverglei chs einen Invaliditätsgrad von 50 % und sprach der Versicherten mit Verfügungen vom 12 . September 2018 resp. 9. Oktober 2018 rückwirkend ab 1. September 2013 eine halbe Rente zu. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Dr . Claude Schnüriger, am 11. Okto- ber 2018 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozi alversicherungsrecht (Kantonsge- richt). Sie beantragte, in Gutheissung der Beschwerde seien die Verfügungen vom 12. Septem- ber 2018 resp. 9. Oktober 2018 aufzuheben und die Beschwerdegegnerin unter o/e-Kostenfolge zu verpflichten, ihr mit Wirkung ab 1. September 2013 eine ganze Rente auszurichten. Zudem sei ihr für das Vorbescheidverfahren und das Beschwerdever fahren die unentgeltliche Rechts- pflege mit Advokat Dr. Claude Schnüriger als Rechtsvertr eter zu bewilligen. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass der angefochtene E ntscheid auf unzureichenden medizi- nischen Unterlagen beruhe. C. Mit Verfügung vom 1. November 2018 wurde der Beschw erdeführerin für das vorliegen- de Verfahren die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Ad- vokat Dr. Claude Schnüriger als Rechtsvertreter bewilligt und auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses verzichtet. D. In ihrer Vernehmlassung vom 26. November 2018 beant ragte die IV-Stelle die Abwei- sung der Beschwerde. Gleichzeitig legte sie ihren Ausfüh rungen eine Beurteilung des RAD- Arztes Dr. med. J.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 13. November 2018 bei. E. Anlässlich einer ersten Urteilsberatung vom 24. Janua r 2019 gelangte das Kantonsge- richt zur Auffassung, dass eine abschliessende Beurteilun g der Angelegenheit gestützt auf die vorhandenen medizinischen Akten nicht möglich sei. In der Folge stellte es das Verfahren aus und ordnete ein Gerichtsgutachten an. Am 11. März 2019 beauftragte es Dr. med. K.____, FMH Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Psychiatrie und Psychotherapie, mit einer Begutachtung de r Versicherten. Zum Gutachten vom 14. Oktober 2019 und den Auswirkungen der medizinischen B eurteilung auf den Leistungsan- spruch nahmen die Beschwerdegegnerin unter Hinweis auf e ine Stellungnahme des RAD- Arztes Dr. J.____ vom 23. Oktober 2019 am 28. Oktober 2 019 und die Beschwerdeführerin un- ter Verweis auf eine Stellungnahme des behandelnden Arztes Dr. med. L.____, FMH Psychiat- rie und Psychotherapie, vom 10. November 2019 am 18. November 2019 Stellung. F. Im Rahmen einer weiteren Urteilsberatung vom 16. Ja nuar 2020 kam das Kantonsge- richt zum Schluss, dass das Gerichtgutachten vom 14. Oktober 2019 Fragen aufwerfe, weshalb zur abschliessenden Klärung der medizinischen Sachlage ei ne Nachfrage bei Dr. K.____ erfor- derlich sei. Zu seinem Ergänzungsbericht vom 25. Mai 2 020 nahmen die Beschwerdegegnerin unter Verweis auf die Angaben des RAD-Arztes Dr. J.____ vom 4. Juni 2020 am 8. Juni 2020 und die Beschwerdeführerin unter Hinweis auf eine E-M ail ihrer Tochter, M.____, vom 6. Juni 2020 am 3. August 2020 Stellung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit örtlich und sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. 1.2 Soweit die Versicherte in ihrer Beschwerde beantra gt, es sei ihr für das Vorbescheids- verfahren die unentgeltliche Rechtspflege mit Advokat Dr. Claude Schnüriger als Rechtsvertre- ter zu bewilligen, ist sie darauf hinzuweisen, dass im ver sicherungsgerichtlichen Beschwerde- verfahren grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu überp rüfen und zu beurteilen sind, zu denen der zuständige Versicherungsträger vorgängig verbindlich – in Form einer Verfügung – Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den be schwerdeweise weiterziehbaren An- fechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfüg ung ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1, 125 V 413 E. 1a mit Hinweisen). Vorliegend bildet ein allfälliger Anspruch auf unentgelt- liche Rechtspflege im Vorbescheidsverfahren nicht Gegen stand der angefochtenen Verfügung. Somit fehlt es in Bezug auf dieses Rechtsbegehren an einem tauglichen Anfechtungsobjekt, weshalb auf die Beschwerde in diesem Punkt nicht einget reten werden kann. Im Übrigen kann aber auf die frist- und formgerecht erhobene Beschwerd e vom 11. Oktober 2018 eingetreten werden. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Streitig ist der Rentenanspruch der Beschwerdeführe rin. Massgebend ist der Sachver- halt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfügungen vom 12. September 2018 resp. 9. Oktober 2018 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (vgl. BGE 129 V 4 E. 1.2 mit Hinweis). 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen T eil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähigk eit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen de r gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti- ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 3.3 Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sin ne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychi- sche Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidi- tät. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung d er Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhän- gig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätio logie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem wei tgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zum utbar ist, eine Arbeitsleistung zu er- bringen (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG). Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfah ren nach BGE 141 V 281 zu un- terziehen (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.1). Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztliche n Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbei tsunfähigkeit schliessen lassen (vgl. BGE 143 V 418 E. 7.1). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.1 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Grad der Invalidität wie folgt abge- stuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 4.2 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt d er Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs (vgl. BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Unte rvarianten des Schätzungs- oder Pro- zentvergleichs (vgl. BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausser ordentlichen Methode (vgl. BGE 128 V 29). 5.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrade s bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. 5.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls a uch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (vgl. BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 5.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (v gl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.4 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspre chung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3 b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 469 E. 4.4 und 4.5). So weicht das Ger icht bei Gerichtsgutachten nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung d es medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsb arkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorlie- gen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist, oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schluss folgerungen gelangt. Eine abwei- chende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig genug ersche inen, die Schlüssigkeit des Gerichts- gutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise v om Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (vgl. BGE 125 V 352 E. 3b/aa mit Hinweisen). Im Weite- ren ist laut diesen Richtlinien den im Rahmen des Ver waltungsverfahrens eingeholten Gutach- ten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrun d eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht e rstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Be weiswürdigung volle Beweiskraft zu- zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuv erlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 6. Das Kantonsgericht besitzt in Sozialversicherungssachen di e vollständige Überprü- fungsbefugnis und ist in der Beweiswürdigung frei (§ 57 VPO in Verbindung mit Art. 61 Satz 1 ATSG; Art. 61 lit. c ATSG). Die Verwaltung als verfüg ende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache sodann nur dann als b ewiesen annehmen, wenn sie von ih- rem Bestehen überzeugt sind (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Januar 2009, 8C_552/2008, E. 2 mit Hinweis). Im Sozialversicherungsrecht hat das Geri cht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Bewei sgrad der überwiegenden Wahr- scheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines besti mmten Sachverhalts genügt den Be- weisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jene r Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrschei nlichste würdigt (vgl. BGE 126 V 360 E. 5b mit Hinweisen). 7. Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ver fügung vom 12. September 2018 bei der Beurteilung des medizinischen Sachverhalts auf die Gutachten der Dres. F.____ und I.____ vom 17. September 2015/26. Oktober 2015 und 5. Septem ber 2016. Sie ging demzufolge da- von aus, dass die Versicherte in somatischer Hinsicht keine E inschränkung der Arbeitsfähigkeit aufweise. Hingegen seien ihr aus psychischen Gründen nur n och angepasste Tätigkeiten im Umfang von 50 % zumutbar. Wie oben ausgeführt (vgl. E. 5.4 hiervor), ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spe zialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, sol ange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen. Anlässlich d er ersten in dieser Angelegenheit er- folgten Urteilsberatung vom 24. Januar 2019 gelangte das Kantonsgericht zur Auffassung, dass dem Gutachten von Dr. I.____ vom 5. September 2016 ke ine ausschlaggebende Beweiskraft zukomme. So würden sich im Vergleich zum Gutachten der Kli nik E.____ vom 15. Juli 2014 unüberwindbare Diskrepanzen in Bezug auf die Einschätzu ng der Leistungsfähigkeit ergeben. Während Dr. I.____ der Beschwerdeführerin eine Einschr änkung der Arbeitsfähigkeit von 50 % attestiere, seien die Gutachter der Klinik E.____ run d zweieinhalb Jahre zuvor zum Schluss gekommen, dass die Versicherte eine bedeutend höhere Ei nschränkung der Arbeitsfähigkeit von 75 % aufweise. Zwar sei die Beurteilung der Arbeit sfähigkeit im Gutachten der Klinik E.____ vom 15. Juli 2014 wegen dem deutlich positiv ausg efallenen Rey-Memory-Test (RMT) zur Detektion von Aggravation und Simulation mit Unsiche rheiten behaftet. Zweifel an der Ver- lässlichkeit der Einschätzung des Gesundheitszustands und d er Restarbeitsfähigkeit der Be- schwerdeführerin bestünden aber auch beim Gutachten vo n Dr. I.____. Zunächst erscheine seine Aussage, wonach die diagnostizierte anhaltende som atoforme Schmerzstörung keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit habe, in einem Wi derspruch zu stehen zu seiner Beurtei- lung, wonach sich die PTBS und die anhaltende Schmerzst örung mutmasslich gegenseitig be- günstigen würden. Damit sei unklar, ob und gegebenenfa lls wie sich die Schmerzstörung auf die Arbeitsfähigkeit auswirken würden. Auch seine Beu rteilung der Leistungsfähigkeit werfe Fragen auf. So attestiere Dr. I.____ in einer angep assten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 50 %, weise aber gleichzeitig darauf hin, dass sie aktu ell und ohne vorgängige intensive psy- chotherapeutische und psychopharmakologische Behandlung nicht in der Lage sei, Eingliede- rungsmassnahmen zu prästieren, was wohl mit einer hochg radigen bis vollständigen Arbeitsun- fähigkeit gleichzusetzen sei. Dieser Widerspruch lasse ern sthafte und erhebliche Zweifel auf- kommen. Dies gelte umso mehr, als Dr. I.____ davon ausge he, dass die vorhandenen Proble- me bei der Eingliederung durch das Störungsbild selbst bedingt seien. Schliesslich enthalte das Gutachten von Dr. I.____ keine nachvollziehbare Begründ ung zur abweichenden Beurteilung der Leistungsfähigkeit im Gutachten der Klinik E.____ vom 15. Juli 2014. Der blosse Hinweis auf die Tatsache, dass die Versicherte in der Lage gew esen sei, während zwei Wochen Ferien in Italien zu verbringen, eine neue partnerschaftliche Beziehung einzugehen, Sport zu treiben und an der Haushaltsführung teilzunehmen, liessen für sich allein keine gesicherten Schlüsse auf die Ressourcen der Beschwerdeführerin zu. Somit würde n konkrete Indizien gegen die Zu- verlässigkeit des Gutachtens von Dr. I.____ sprechen, wesha lb in Anwendung der gefestigten bundesgerichtlichen Praxis zum Beweiswert externer Gutachte n nicht darauf abgestellt werden könne. Da auch die übrigen bei den Akten liegenden me dizinischen Berichte keine verlässliche Entscheidungsgrundlage bilden würden, seien die Abklä rungsergebnisse aus dem Verwal- tungsverfahren nicht beweiskräftig. Damit präsentierte si ch der massgebende medizinische Sachverhalt im Sinne von Art. 43 Abs. 1 ATSG als nicht genügend abgeklärt. Das Kantonsge- richt beschloss deshalb, den Fall auszustellen und zur wei teren Abklärung des medizinischen Sachverhalts bei Dr. K.____ ein psychiatrisches Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. 8.1.1 Dr. K.____ diagnostizierte am 14. Oktober 2019 m it Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine langjährige Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10 F40.01) mit ausgeprägter Chronifizie- rung, eine sonstige Angststörung mit Zügen einer sozialen Phobie, Angst unter Brücken, anam- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht nestisch Höhenangst (ICD-10 F41.8), eine im Verlauf g ebesserte PTBS (ICD-10 F43.1) nach Gasexplosion mit Verschüttung der Versicherten und ihrer Kinder am XX.XX.XXXX und eine gegenwärtig leicht ausgeprägte rezidivierende depressive Episode (ICD-10 F33.0) bei ängstlich vermeidender Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.6). Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestünden chronische Schmerzen mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41). Es sei davon auszugehen, dass die im Zusammenhang mit d em Explosionstrauma bestehende PTBS-Symptomatik zum jetzigen Zeitpunkt nachgelassen hab e, was mit dem natürlichen De- crescendo-Verlauf nach einem schicksalhaften Typ-I-Trauma du rchaus übereinstimme. Das Vermeidungsverhalten der Versicherten weise nur zum Tei l einen Bezug zum erlittenen Explo- sionstrauma auf. Vielmehr meide sie vor allem eine Partizipation am sozialen Alltag im Zuge der bereits vorbestehenden Agoraphobie mit dem Ziel, Kont rollverlust zu vermeiden. Hinweise auf eine ausgebaute Angststörung würden sich aber hauptsächl ich aus der Anamnese und der Fremdanamnese ergeben. Eine Depression lasse sich bei d er Versicherten nur in leichtgradi- gem Ausmass, aber dafür mit Konstanz, objektivieren. Im Vordergrund stünde die geäusserte Angst. Dabei würden Panikattacken, gerichtete Ängste (Hö henangst, agoraphobische Ängste), agoraphobische Befürchtungsängste und soziale Ängste (Sche u, Meidung ihr unbekannter Gruppen, distanziertes Verhalten gegenüber unvertraut en Personen) angegeben. Sie gehe oh- ne Begleitung kaum noch aus dem Haus. Sowohl das schon vo r der Explosion bestehende ängstliche Rückzugs- und Vermeidungsverhalten und ein eher auf Erduldung ausgerichteter Bewältigungsstil in verschiedenen Lebensbezügen als auc h die Art der auf Sicherheit und Skepsis aufbauenden Beziehungsgestaltung spreche am ehesten für eine ängstlich vermeiden- de Persönlichkeitsstörung. Zur aktuellen Schwere des Zu standsbilds trage das Ausmass der Chronifizierung der erstmals seit 2007 aktenkundigen psyc hischen Problematik mit Angst und Depression bei. Ferner würden neben den psychosozialen Umständen auch die Einstellung der Versicherten selbst, ihr Krankheitsverständnis und die Erwa rtungen an eine Behandlung eine Rolle spielen. Bezüglich der Ressourcen der Versicherten würden die Kinder eine wesentliche Rolle spielen. Zudem spreche die Tatsache, dass sie über viele Jahre eine Partnerschaft auf- rechterhalten konnte, für vorhandene Beziehungsfähigkeit. Hinweise für Simulation bestünden nicht. Die Aussagen von Dr. I.____ zum Leistungsbild seien teilweise nicht nachvollziehbar. Der Versicherten sei eine leidensangepasste Tätigkeit (wohlw ollendes Umfeld, kleines Team, Ar- beitsplatz nahe am Wohnort) zumutbar. In Frage kommen würden etwa Haushalts- resp. Reini- gungsarbeiten. Da die Versicherte jedoch kaum Erfahrung mit der Arbeitswelt habe und deutlich dekonditioniert sein dürfte, wäre ein Arbeitstraining und – wegen des ausgeprägten Vermei- dungsverhaltens – parallel ein psychotherapeutisches Exp ositionstraining zur Überwindung ih- rer Angst, die Wohnung zu verlassen, angebracht. 8.1.2 Am 25. Mai 2020 hielt Dr. K.____ präzisierend f est, aufgrund der Akten sei davon aus- zugehen, dass die Versicherte nach dem Explosionsereignis am XX.XX.XXXX während einiger Monate (auch) aus psychischen Gründen weitgehend arbeitsu nfähig gewesen sei. Bereits im Jahr 2014 (Gutachten der Klinik E.____ vom 15. Juli 2 014) sei eine Besserung eingetreten. Seither, spätestens aber seit dem Jahr 2016 (Gutachten von Dr. I.____ vom 5. September 2016) sei von einer Einschränkung der Arbeitsunfähigkeit von nunmehr noch 50 % auszugehen. Die Umsetzung der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähig keit wäre vermutlich bereits etwa Mitte 2014, spätestens aber Mitte 2016 möglich gewesen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.2 In ihrer Eingabe vom 8. Juni 2020 erachtete die IV-Stelle unter Hinweis auf die Stellung- nahme des RAD-Arztes Dr. J.____ vom 4. Juni 2020 die Ge richtsexpertise als beweistaugliche Entscheidgrundlage und beantragte gestützt darauf die Abweisung der Beschwerde. Demge- genüber stellte sich die Beschwerdeführerin am 3. August 2020 unter Hinweis auf eine E-Mail ihrer Tochter, M.____, vom 6. Juni 2020 und den Berich t des behandelnden Psychiaters Dr. L.____ vom 10. November 2019 auf den Standpunkt, d ass die Beurteilung im Gerichtsgut- achten unzutreffend sei. In der Folge erneuerte sie die in der Beschwerde gestellten Anträge. 8.3 Wie oben ausgeführt (vgl. E. 5.4 hiervor), weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizini schen Experten oder Expertinnen ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerich tsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Vorli egend sind keine Gründe ersicht- lich, die Anlass geben könnten, die Ergebnisse im Gericht sgutachten von Dr. K.____ vom 14. Oktober 2019 und im ergänzenden Bericht vom 25. Ma i 2020 in Frage zu stellen oder gar davon abzuweichen. Es ist vielmehr festzuhalten, dass das Gutachten die rechtsprechungsge- mässen Voraussetzungen an eine medizinische Beurteilungsg rundlage in jeder Hinsicht erfüllt. So weist es weder formale noch inhaltliche Mängel auf und ist – wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 5.3 hiervor) – für die streitig en Belange umfassend. Sodann ergeben sich daraus keine Widersprüche von entscheidrelevanter Bedeutung. Es beinhaltet eine eingehende Erörterung der Befunde, berücksichtigt die vorhandenen (abweichenden) Berichte, setzt sich mit den Kriterien gemäss ICD-10 vertieft auseinander, b asiert auf diversen testpsychologischen Abklärungen, berücksichtigt fremdanamnestische Angaben der Tochter der Beschwerdeführerin sowie des behandelnden Psychiaters Dr. L.____ und beruht auf zwei ausgedehnten Explorati- onsgesprächen. Insgesamt ist die Beurteilung im Gutac hten überzeugend. Es wird deutlich, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der Symptome einer langjährigen Agoraphobie mit Pa- nikstörung mit ausgeprägter Chronifizierung, einer sonst igen Angststörung mit Zügen sozialer Phobie, einer im Verlauf gebesserten PTBS, einer rezid ivierenden depressiven Episode und einer ängstlich vermeidenden Persönlichkeitsstörung in der Leistungsfähigkeit erheblich beein- trächtigt ist. Auch die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit ist nachvollziehbar begründet. So führte Dr. K.____ am 25. Mai 2020 – unter Bezugnahme der G utachten der Klinik E.____ vom 15. Juli 2014 und Dr. I.____ vom 5. September 2016 – nachvollzi ehbar aus, dass die Versicherte nach dem Explosionsereignis am XX.XX.XXXX während einiger M onate (auch) aus psychischen Gründen weitgehend arbeitsunfähig war, sich dann aber eine Besserung einstellte, sodass ihr spätestens aber Mitte 2016 eine angepasste Tätigkeit im U mfang von 50 % möglich war. Hin- weise dafür, dass der Gerichtsgutachter die verbleibenden Ressourcen der Versicherten als zu gering einschätzte, liegen nicht vor. Vielmehr korrespo ndieren die aufgezeigten Ressourcen vollends mit der attestierten Arbeitsunfähigkeit und ergeben ein stimmiges Gesamtbild. 8.4 Daran vermag die wenig begründete Kritik der Beschw erdeführerin am Gerichtsgutach- ten nichts zu ändern. Soweit sie sich auf die E-Mail ihrer Tochter vom 6. Juni 2020 beruft, worin diese die Situation der Beschwerdeführerin aus ihrer ei genen Wahrnehmung darstellt, und gel- tend macht, das Gutachten stelle eine (nicht zuverlässige) Momentaufnahme dar, ist ihr entge- genzuhalten, dass die Beobachtungen der Tochter als med izinische Laiin die fachärztliche Be- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht urteilung von vornherein nicht in Frage zu stellen ve rmögen. Auch der Hinweis auf die Stellung- nahme des behandelnden Arztes Dr. L.____ vom 10. Nove mber 2019, wonach fraglich sei, wie sie bei ihrem angstbedingten Vermeidungsverhalten eine r Arbeit nachgehen soll, wenn sie den Arbeitsweg nicht alleine meistern könne, ist unbehelfl ich, ist es ihr doch – wie sich aus der prä- zisierenden Stellungnahme des Gerichtsgutachters vom 25. Mai 2020 ergibt – trotz der noch vorhandenen Restsymptomatik der PTBS und des sich verfestigten Vermeidungsverhalten spä- testens seit Mitte 2016 möglich, ihre Restarbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt umzusetzen. In diesem Zusammenhang ist in Erinnerung zu rufen, dass e s die unterschiedliche Natur von Be- handlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Person einerseits und Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten ander seits (BGE 124 I 170 E. 4) ohnehin nicht zulässt, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten ste ts in Frage zu stellen und zum An- lass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandeln den Arztpersonen bzw. Therapie- kräfte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen. Weite r ist zu beachten, dass eine Explo- ration von der Natur der Sache her nicht ermessensfre i erfolgen kann. Sie eröffnet den Gutach- tern praktisch immer einen Spielraum für verschiedene m edizinische Interpretationen, was zu- lässig und zu respektieren ist, sofern der Gutachter – wie hier – regelgerecht vorgegangen ist. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweiche nde Beurteilung aufdrängt, weil diese wichtige – und nicht rein subjektiver Interpretation e ntspringende – Aspekte benennen, die bei der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. Mai 2018, 8C_874/2017, E. 5.2.2). Die Beschwer deführerin legt nicht substanziiert dar und es ist auch nicht ersichtlich, dass aus dem Bericht des b ehandelnden Arztes Dr. L.____ vom 10. November 2019 Gesichtspunkte hervorgingen, die vo m Gerichtsgutachter nicht be- rücksichtigt worden wären. Anhaltspunkte dafür, dass die kl inische Untersuchung mit Anam- neseerhebung, Symptomerfassung und Verhaltensbeobachtun g als wichtigste Grundlage gut- achtlicher Feststellungen und Schlussfolgerungen nicht regelgerecht erfolgt wäre, sind nicht ersichtlich. Zudem erfolgte die Beurteilung der Leistun gsfähigkeit unter Hinweis auf einen aktu- ellen Mini-ICF-APP-Rating-Bogen. Vor diesem Hintergr und kann nicht gesagt werden, der Ge- richtsgutachter habe die realen Verhältnisse völlig au sser Acht gelassen. Insgesamt liegt nichts vor, was die Beurteilung im Gerichtsgutachten in Zweif el ziehen könnte. Ausserdem ergeben sich aus den vorliegenden Unterlagen keine Anhaltspunkt e dafür, dass sich der somatische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit der Begu tachtung durch Dr. F.____ vom 17. September 2015/26. Oktober 2015 bis zum Erlass der a ngefochtenen Verfügung vom 12. September 2018 verändert hätte, weshalb in antizi pierter Beweiswürdigung (vgl. BGE 126 V 130 E. 2a mit zahlreichen Hinweisen) au f weitere somatische Abklärungen verzichtet werden kann. 9. Wie oben ausgeführt (vgl. E. 4.2 hiervor), ist gem äss Art. 16 ATSG der Invaliditätsgrad bei erwerbstätigen Versicherten aufgrund eines Einkommen svergleichs zu bestimmen. Nach- dem sich aus den Akten keine Hinweise ergeben, dass im Rah men der Rechtsanwendung von Amtes wegen durch das Gericht eine andere Einschätzung d er Vergleichseinkommen vorzu- nehmen wäre und die Berechnung auch von der Versicherten nicht beanstandet wurde, erübrigt sich eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem durc h die IV-Stelle angestellten Einkom- mensvergleich. Im Lichte des gutachterlich definierten Zumutbarkeitsprofils wonach "vermutlich" bereits Mitte 2014, "spätestens" aber Mitte 2016 die U msetzung der medizinisch-theoretischen Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Arbeitsfähigkeit möglich gewesen wäre, ist davon auszug ehen, dass die Versicherte überwie- gend wahrscheinlich bis Mitte 2016 vollständig arbeitsunfähig war, danach aber in angepassten Verweistätigkeiten eine verwertbare Arbeitsfähigkeit von 50 % aufwies. In diesem Zusammen- hang gilt es die Bestimmung von Art. 88a Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 zu beachten, wonach bei eine r Verbesserung der Erwerbsfähigkeit die anspruchsbeeinflussende Änderung für die Herabsetzung oder Aufhebung der Leistung von dem Zeitpunkt an zu berücksichtigen ist, in welchem ange nommen werden kann, dass sie vo- raussichtlich längere Zeit dauern wird. Sie ist in jede m Fall zu berücksichtigen, nachdem sie ohne wesentliche Unterbrechung drei Monate angedauer t hat und voraussichtlich weiter an- dauern wird. Unter Berücksichtigung von Art. 29 Abs. 1 I VG und der Anmeldung zum Leis- tungsbezug am 20. März 2013 hat die Beschwerdeführerin demnach ab 1. September 2013 – unter Berücksichtigung der dreimonatigen Übergangsfrist (Art. 88a Abs. 1 IVV) – bis 31. Dezember 2016 (Begutachtung bei Dr. I.____ am 2. September 2016) Anspruch auf eine ganze Rente und ab 1. Januar 2017 Anspruch auf eine halbe Rente. Die Beschwerde ist dem- nach, soweit darauf eingetreten werden kann, teilweise gutzuheissen. 10.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festge legt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstan den ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Gemäss der ab 1. Januar 2019 neu in Kraft getret enen Bestimmung von § 20 Abs. 3 VPO sind die ordentlichen Kosten neuerdings auch den unterli egenden Vorinstanzen zu auferlegen. Vorliegend dringt die Beschwerdeführerin mit ihrem R echtsbegehren insofern teilweise durch, als sie für die Zeit vom 1. September 2013 bis 31. Dez ember 2016 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat. Entsprechend rechtfertigt es sich, ihr die Hälfte der Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 400.-- zu auferlegen. Da der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 1. November 2018 die unentgeltliche Prozessführung bewilligt wurde, wird ihr Anteil an den Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. Gemäss § 20 Abs. 3 VPO sind die verbleibenden ordentlichen Kosten im Umfang von Fr. 400.-- der tei lweise unterliegenden IV-Stelle aufzuerle- gen. 10.2.1 Nach Art. 45 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungst räger die Kosten der Abklärung zu übernehmen, soweit er die Massnahmen angeordnet hat. Hat er keine Massnahmen angeord- net, so hat er deren Kosten dennoch zu übernehmen, w enn die Massnahmen für die Beurtei- lung des Anspruchs unerlässlich waren oder Bestandteil n achträglich zugesprochener Leistun- gen bilden. Wie das Bundesgericht in BGE 137 V 210 f f. entschieden hat, sind in jenen Fällen, in denen zur Durchführung der vom Gericht als notwendig erachteten Beweismassnahme an sich eine Rückweisung in Frage käme, eine solche indessen mit Blick auf die Wahrung der Ver- fahrensfairness entfällt, die Kosten der durch das Ger icht in Auftrag gegebenen Begutachtung den IV-Stellen aufzuerlegen. Dies sei, so das Bundesger icht weiter, mit der zitierten Bestim- mung von Art. 45 Abs. 1 ATSG durchaus vereinbar (vgl. BG E 137 V 265 f. E. 4.4.2). In BGE 139 V 496 hat das Bundesgericht präzisierend Kriterien aufgestellt, die bei der Beurteilung Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Frage, ob die Kosten eines Gerichtsgutachtens der Verwaltung auferlegt werden können, zu berücksichtigen sind. Es erwog, es müsse ein Zusammenhang bestehen zwischen dem Unter- suchungsmangel seitens der Verwaltung und der Notwendigke it, eine Gerichtsexpertise anzu- ordnen. Dies sei namentlich in folgenden Konstellatio nen der Fall: Wenn ein manifester Wider- spruch zwischen den verschiedenen, aktenmässig belegten ärztl ichen Auffassungen bestehe, ohne dass die Verwaltung diesen durch objektiv begründet e Argumente entkräftet habe; wenn die Verwaltung zur Klärung der medizinischen Situation notwendige Aspekte unbeantwortet gelassen oder wenn sie auf eine Expertise abgestellt ha be, welche die Anforderungen an eine medizinische Beurteilungsgrundlage nicht erfülle (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a). Wenn die Verwal- tung dagegen den Untersuchungsgrundsatz respektiert und ihre Auffassung auf objektive kon- vergente Grundlagen oder auf die Ergebnisse einer rec htsgenüglichen Expertise gestützt habe, sei die Überbindung der Kosten des erstinstanzlichen Geri chtsgutachtens an sie nicht gerecht- fertigt, aus welchen Gründen dies auch immer erfolge (zum Beispiel aufgrund der Einreichung neuer Arztberichte oder eines Privatgutachtens; zum Ganze n: BGE 139 V 502 E. 4.4 mit Hin- weisen). 10.2.2 Vorliegend ist das Kantonsgericht anlässlich der Urteilsberatung vom 24. Januar 2019 zum Ergebnis gelangt, dass ein Sachentscheid gestützt auf die damals vorhandene Aktenlage nicht möglich war. Wie vorstehend in Erwägung 7 ausge führt, kam dem Gutachten von Dr. I.____ vom 5. September 2016 mit Blick auf die Anf orderungen an den Beweiswert ärztli- cher Berichte und Gutachten keine ausschlaggebende Beweiskr aft zu. Da auch die übrigen bei den Akten liegenden medizinischen Berichte keine verlässli che Entscheidungsgrundlage bilde- ten, waren die Abklärungsergebnisse aus dem Verwaltung sverfahren nicht ausreichend be- weiskräftig. Demnach wies das Verwaltungsverfahren Unter suchungsmängel auf, die eine Ge- richtsexpertise notwendig machten. Die Kosten des Geri chtsgutachtens, welche sich gemäss der eingereichten Honorarnote vom 29. Oktober 2019 a uf Fr. 6'621.75 belaufen, sind unter die- sen Umständen der Vorinstanz aufzuerlegen. 10.3.1 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende B eschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsge richt festgesetzt und ohne Rück- sicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In Würdigung der vorstehend geschilderten Umstände ist es ex aequo et bono angemessen, der Beschwerdeführerin eine reduziert e Parteientschädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen, welche der Hälfte des zu berü cksichtigenden Aufwands entspricht. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat in seinen Ho norarnoten vom 17. Dezember 2018, 4. Dezember 2019 und 5. August 2020 für das vorliegend e Verfahren einen Zeitaufwand von insgesamt 22 Stunden und 50 Minuten zu einem Stundena nsatz von Fr. 200.-- sowie Auslagen von Fr. 374.50 geltend gemacht, was in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen angemessen ist. Der Beschwerdeführerin ist demnach eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'660.45 ([22,83 Stunden x Fr. 2 00.-- + Auslagen von Fr. 374.50] x 50 %; inkl. 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Im Übrigen sind die ausserordentlichen Kosten wettzuschlagen. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht 10.3.2 Da der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 1. November 2018 die unentgeltliche Verbeiständung mit Advokat Dr. Claude Schnüriger bewi lligt wurde, ist dieser für den von der obigen Parteientschädigung nicht erfassten Anteil des geltend gemachten Aufwands und der ausgewiesenen Auslagen aus der Gerichtskasse zu entschädig en. Gemäss § 3 Abs. 2 der Ta- rifordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17. N ovember 2003 beträgt das Honorar bei unentgeltlicher Verbeiständung Fr. 200.-- pro Stunde. Dem Rechtsvertreter der Beschwerdefüh- rerin ist deshalb ein Honorar in der Höhe von Fr. 2'6 60.45 ([22,83 Stunden x Fr. 200.-- + Ausla- gen von Fr. 374.50] x 50 % inkl. 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse auszurichten. 10.3.3 In Bezug auf die vorläufig auf die Gerichtskasse genommenen Verfahrenskosten und das aus der Gerichtskasse ausgerichtete Honorar des Rechtsve rtreters wird die Beschwerde- führerin ausdrücklich auf § 53a Abs. 1 des Gesetzes über d ie Organisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 aufmerksam gemacht, wonach eine Par tei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird, soweit darauf eingetrete n werden kann, in dem Sinne teilweise gutgeheissen, als die Verfügungen der IV-Stelle Basel- Landschaft vom 12. September 2018 und 9. Oktober 2018 aufgehoben und festgestellt wird, dass die Beschwerdeführerin ab 1 . September 2013 Anspruch auf eine ganze Rente und ab 1. Januar 2017 Anspruch auf eine halbe Rente hat. 2. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung in de r Höhe von Fr. 6‘621.75 werden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von insgesamt Fr. 800.-- werden im Umfang von Fr. 400.-- der Beschwerdeführerin und im U mfang von Fr. 400.-- der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführun g wird der der Beschwerdeführerin auferlegte Anteil an den Verfahre nskosten in der Höhe von Fr. 400.-- vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerdefü hrerin eine redu- zierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'660.4 5 (inkl. Ausla- gen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Im Übrigen werden die ausserordentlichen Kosten wettgeschlagen. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständun g wird dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ein Honorar in d er Höhe von Fr. 2'660.45 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Ge- richtskasse ausgerichtet. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht http://www.bl.ch/kantonsgericht