<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 84 S.355</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Opferhilfe</span> <span class="page_no">355</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>84</b></span> <span class="ft2"><b>Rechtzeitigkeit des Gesuchs um Entschädigung und Genugtuung (Art. 16</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Abs. 3 OHG).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Nichtanwendbarkeit der 2-jährigen Verwirkungsfrist, wenn das Opfer</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nicht gehörig darauf hingewiesen wurde (Erw. 1, 2/a, b/aa).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Frist für die nachträgliche Einreichung des Gesuchs, nachdem das</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Opfer von der abgelaufenen Verwirkungsfrist Kenntnis erhalten hat?</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2/b/cc).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 18. Juni 2002 in Sa-</span><br/> <span class="ft3">chen E.S. gegen Verfügung des Kantonalen Sozialdienstes.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">E.S. wurde anlässlich eines Raubüberfalls auf die X.-Bank, wo</span><br/> <span class="ft1">sie als Kassierin arbeitete, am 18. Januar 1999 von den Tätern unter</span><br/> <span class="ft1">Waffengewalt gezwungen, den Tresor zu öffnen. Die Täter wurden</span><br/> <span class="ft1">vom Obergericht des Kantons Solothurn mit Urteil vom 22. Juni</span><br/> <span class="ft1">2001 u.a. des qualifizierten Raubes schuldig befunden und, unter</span><br/> <span class="ft1">solidarischer Haftung, zur Zahlung von Fr. 5'000.-- als Genugtuung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">356</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">an E.S. verurteilt. Mit Eingabe vom 22. November 2001 an den</span><br/> <span class="ft1">Kantonalen Sozialdienst (KSD) meldete E.S. vorsorglich ihre An-</span><br/> <span class="ft1">sprüche auf Genugtuung gemäss Art. 11 ff. OHG an. Sie führte aus,</span><br/> <span class="ft1">sie sei erst im April 2001 durch das Obergericht Solothurn auf ihren</span><br/> <span class="ft1">Anspruch aufmerksam gemacht worden, weshalb sie die Zweijahres-</span><br/> <span class="ft1">frist für die Anmeldung der Genugtuungsansprüche nicht habe ein-</span><br/> <span class="ft1">halten können. Mit Gesuch vom 21. Dezember 2001 beantragte sie</span><br/> <span class="ft1">die Ausrichtung der gerichtlich zugesprochenen Genugtuungssumme.</span><br/> <span class="ft1">Der KSD trat auf das Gesuch wegen Verspätung nicht ein.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. a) Gesuche um Entschädigung und Genugtuung sind gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 16 Abs. 3 OHG innert zwei Jahren nach der Straftat einzurei-</span><br/> <span class="ft1">chen; andernfalls verwirkt das Opfer seine Ansprüche. Dass diese</span><br/> <span class="ft1">Frist im vorliegenden Fall nicht eingehalten wurde, ist unbestritten.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Beratungsstellen leisten und vermitteln dem Opfer medi-</span><br/> <span class="ft1">zinische, psychologische, soziale, materielle und juristische Hilfe,</span><br/> <span class="ft1">und sie informieren über die Hilfe an Opfer (Art. 3 Abs. 2 OHG).</span><br/> <span class="ft1">Hierzu gehört auch die Information über die Verwirkungsfrist des</span><br/> <span class="ft1">Art. 16 Abs. 3 OHG (vgl. BGE 123 II 244 = Pra 86/1997, S. 797).</span><br/> <span class="ft1">Mangelt es an dieser Information und wird das Opfer dadurch</span><br/> <span class="ft1">schuldlos an der rechtzeitigen Geltendmachung seiner Entschädi-</span><br/> <span class="ft1">gungs- und Genugtuungsansprüche gehindert, so darf ihm nach der</span><br/> <span class="ft1">bundesgerichtlichen Rechtsprechung der unbenützte Ablauf der</span><br/> <span class="ft1">zweijährigen Verwirkungsfrist nach Treu und Glauben nicht entge-</span><br/> <span class="ft1">gengehalten werden (BGE 123 II 244 ff.).</span><br/> <span class="ft1">2. a) Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führerin weder durch die Polizei noch durch die Opferhilfe Aargau</span><br/> <span class="ft1">(als Beratungstelle im Sinne von Art. 3 OHG) auf die Verwirkungs-</span><br/> <span class="ft1">frist des Art. 16 Abs. 3 OHG hingewiesen wurde. Das Informations-</span><br/> <span class="ft1">schreiben der Opferhilfe Aargau vom 28. Januar 1999, das die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin erhielt, machte wohl auf die Hilfeleistungen der</span><br/> <span class="ft1">Opferhilfe und auf die Möglichkeit eines Beratungsgesprächs auf-</span><br/> <span class="ft1">merksam, enthielt aber keinen Hinweis auf die fragliche Frist.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Opferhilfe</span> <span class="page_no">357</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">b) aa) In der angefochtenen Verfügung wird die Ansicht vertre-</span><br/> <span class="ft1">ten, wenn die Beschwerdeführerin auf das angebotene Beratungsge-</span><br/> <span class="ft1">spräch verzichtet habe, sei sie selber schuld, dass sie nichts von der</span><br/> <span class="ft1">Zweijahresfrist erfahren habe. Damit setzt sich der KSD in offenen</span><br/> <span class="ft1">Widerspruch zur bundesgerichtlichen Rechtsprechung. Die Informa-</span><br/> <span class="ft1">tion ist eine "Bringschuld" der Beratungsstelle, nicht eine "Hol-</span><br/> <span class="ft1">schuld" des Opfers. Die Argumentation des KSD wäre höchstens</span><br/> <span class="ft1">dann nachvollziehbar, wenn im Informationsschreiben ausdrücklich</span><br/> <span class="ft1">darauf hingewiesen worden wäre (was indessen nicht zutrifft), dass</span><br/> <span class="ft1">beim angebotenen Beratungsgespräch auch wesentliche Informatio-</span><br/> <span class="ft1">nen für die Durchsetzung von Entschädigungs- und Genugtuungsan-</span><br/> <span class="ft1">sprüchen gegeben würden. Zu Recht weist die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">darauf hin, dass sie ein Beratungsgespräch für unnötig habe erachten</span><br/> <span class="ft1">dürfen, ohne damit auf Genugtuungsansprüche zu verzichten.</span><br/> <span class="ft1">Es geht nicht darum, der Opferhilfe Aargau Vorwürfe zu ma-</span><br/> <span class="ft1">chen - oder eben zu ersparen, indem die Schuld dem Opfer zuge-</span><br/> <span class="ft1">schoben wird. Entscheidend für die ausnahmsweise Nichtberücksich-</span><br/> <span class="ft1">tigung der Verwirkungsfrist ist nicht primär ein vorwerfbares Ver-</span><br/> <span class="ft1">schulden der Beratungsstelle oder einer anderen Behörde (hiervon</span><br/> <span class="ft1">scheint der KSD auszugehen), sondern die Schuldlosigkeit des Op-</span><br/> <span class="ft1">fers. Im Übrigen hat die Opferhilfe in der Zwischenzeit die Informa-</span><br/> <span class="ft1">tionslücke erkannt und auf vernünftige, einfache Weise Abhilfe ge-</span><br/> <span class="ft1">schaffen, indem das Informationsschreiben mit dem Hinweis auf die</span><br/> <span class="ft1">Zweijahresfrist ergänzt wurde.</span><br/> <span class="ft1">cc) In seiner Vernehmlassung verweist der KSD neu auf den</span><br/> <span class="ft1">Umstand, dass die Beschwerdeführerin spätestens anfangs April</span><br/> <span class="ft1">2001 auf die Bestimmungen von Art. 11 ff. OHG hingewiesen wor-</span><br/> <span class="ft1">den sei und danach noch über ein halbes Jahr zugewartet habe, bis</span><br/> <span class="ft1">sie ihre Ansprüche bei der zuständigen Opferhilfebehörde angemel-</span><br/> <span class="ft1">det habe. Die Beschwerdeführerin führte in ihrer Beschwerde dazu</span><br/> <span class="ft1">selber aus, sie habe am 7. April 2001 zusammen mit dem Aufgebot</span><br/> <span class="ft1">für die Hauptverhandlung im Strafverfahren ein Meldeblatt über die</span><br/> <span class="ft1">Opferhilfe erhalten zusammen mit der Aufforderung, allfällige An-</span><br/> <span class="ft1">sprüche gegenüber den Tätern schriftlich bekannt zu geben.</span><br/> <span class="ft1">Kommt dem Opfer, das Entschädigungs- und Genugtuungsan-</span><br/> <span class="ft1">sprüche geltend machen will, zur Kenntnis, dass die zweijährige</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">358</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Verwirkungsfrist bereits abgelaufen ist, kann es mit der Geltendma-</span><br/> <span class="ft1">chung seiner Ansprüche nicht beliebig lang zuwarten und sich noch</span><br/> <span class="ft1">nach Jahr und Tag auf ungenügende Information berufen. Das OHG</span><br/> <span class="ft1">statuiert für diesen Fall keine Nachfrist, und auch das Bundesgericht</span><br/> <span class="ft1">hat sich zu diesem Problem, soweit ersichtlich, noch nicht äussern</span><br/> <span class="ft1">müssen. Es könnte nahe liegen, die 60-tägige Nachfrist gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 139 OR heranzuziehen und analog anzuwenden. Im vorliegen-</span><br/> <span class="ft1">den Fall kann dies aus den nachfolgenden Gründen offen bleiben.</span><br/> <span class="ft1">Im Schreiben des Obergerichts des Kantons Solothurn vom</span><br/> <span class="ft1">3. April 2001 wurde der Beschwerdeführerin Frist angesetzt, um ihre</span><br/> <span class="ft1">allfälligen Ansprüche gegenüber den Tätern schriftlich bekannt zu</span><br/> <span class="ft1">geben. Im Zusammenhang damit wurde auf ein beigelegtes Merk-</span><br/> <span class="ft1">blatt des Obergerichts zum OHG verwiesen. In diesem Merkblatt</span><br/> <span class="ft1">(das für die Bedürfnisse des Strafverfahrens konzipiert ist) wird ein-</span><br/> <span class="ft1">leitend, bei der Umschreibung des Geltungsbereichs des OHG, in</span><br/> <span class="ft1">einem Satz darauf hingewiesen, dass das "Begehren um Entschädi-</span><br/> <span class="ft1">gung oder Genugtuung innert 2 Jahren nach der Tat in dem Kanton</span><br/> <span class="ft1">zu stellen (sei), in dem die Tat verübt wurde". Gerade in Verbindung</span><br/> <span class="ft1">mit der bereits erwähnten Aufforderung, (Entschädigungs- oder Ge-</span><br/> <span class="ft1">nugtuungs-)Ansprüche gegenüber den Tätern innert Frist beim Ober-</span><br/> <span class="ft1">gericht geltend zu machen, war dieser Hinweis jedoch nicht genü-</span><br/> <span class="ft1">gend klar, um eine Nachfrist in Gang zu setzen; es lässt sich nicht</span><br/> <span class="ft1">sagen, die Beschwerdeführerin als Nichtjuristin hätte daraus eindeu-</span><br/> <span class="ft1">tig schliessen müssen, dass sie neben der Eingabe ans Obergericht</span><br/> <span class="ft1">(als Forderung gegenüber den Tätern) auch noch eine solche an die</span><br/> <span class="ft1">Opferhilfe Aargau zu richten habe, um nicht der Möglichkeit, die</span><br/> <span class="ft1">Genugtuungsleistung subsidiär im Rahmen der Opferhilfe zu erhal-</span><br/> <span class="ft1">ten, definitiv verlustig zu gehen. Die Aufforderung des Obergerichts,</span><br/> <span class="ft1">adhäsionsweise Zivilansprüche geltend zu machen, verbunden mit</span><br/> <span class="ft1">dem Hinweis auf das OHG, war geeignet, bei der Beschwerdeführe-</span><br/> <span class="ft1">rin den Eindruck zu erwecken, es genüge, ihre Ansprüche insgesamt</span><br/> <span class="ft1">beim Obergericht anzubringen. (...). Es kann der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">daher nicht zum Verschulden gereichen, dass sie sich erst nach Zu-</span><br/> <span class="ft1">stellung des Strafurteils des Obergerichts, worin ihr eine - bei den</span><br/> <span class="ft1">Tätern nicht eintreibbare - Genugtuungssumme zugesprochen wurde,</span><br/> <span class="ft1">an den KSD wandte.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Opferhilfe</span> <span class="page_no">359</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">c) Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft1">der Ablauf der zweijährigen Verwirkungsfrist nicht entgegengehalten</span><br/> <span class="ft1">werden darf. Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde.</span><br/></div> </div> </body> </html>