Seite 1 Entscheid vom 24. Februar 2017 (530 16 38) __________________________________________________ ___________________ Fristwiederherstellung Besetzung Steuergerichtspräsident C. Baader, Steuer richter S. Schmid, J. Felix, Gerichtsschreiberin I. Wissler Parteien A.____ , vertreten durch B. ____ Beschwerdeführerin gegen Steuerverwaltung des Kantons Basel -Landschaft , Rheinstrasse 33 , 4410 Liestal, Beschwerdegegnerin betreffend direkte Bundessteuer 2013 Revisions -Entscheid Seite 2 Sachverhalt: 1. Mit Veranlagungsverfügung der direkten Bundessteuer 2013 vom 23. Juli 2015 wurde die Pflichtige zu einem steuerbaren Einkommen in Höhe von Fr. 72‘000.00 amtlich veranlagt. 2. Gegen diese Veranlagung erhob der Sohn der Pflicht igen mit Schreiben vom 21. August 2015 Einsprache. Zur Begründung führte er aus, dass es der Pflichtigen aus gesundheitlichen Gründen zurzeit nicht möglich sei, sich um ihre administ rativen Angelegenheiten zu kümmern. Gegenwärtig würde er die Steuererklärung 2013 aufarb eiten und die Steuerverwaltung sobald wie möglich betreffend allfällige Korrekturen informieren. 3. Mit Einsprache-Entscheid vom 22. September 2015 trat die Steuerverwaltung auf die Einsprache nicht ein. Zur Begründung führte sie aus, die Einsprache des Sohnes der Pflichtigen sei zwar rechtzeitig im Namen und Auftrag der Pflichti gen ergangen, doch sei die Einsprache ohne Begründung erfolgt. Dem Erfordernis der Begründ ung sei gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung genüge getan, wenn sämtliche Beweismitte l innert dieser Frist beigebracht würden. Darauf sei in der Rechtsmittelbelehrung der Ve ranlagungsverfügung hingewiesen wor- den. Im vorliegenden Fall seien mit Einsprache vom 21 . August 2015 keine Beweismittel einge- reicht worden, welche die Unrichtigkeit der amtlichen Ve ranlagung zu widerlegen vermögen würden. Demgemäss werde auf die Einsprache aus Mangel an rechtzeitig eingereichten Be- weismitteln nicht eingetreten. 4. Mit Eingabe vom 21. April 2016 reichte der Sohn d er Pflichtigen die Steuererklärung 2013 sowie ein Arztzeugnis ein und führte aus, der Bru der der Pflichtigen habe im Juli 2015 festgestellt, dass die Pflichtige nicht mehr in der Lag e sei, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Für die Einsprache gegen die amtliche V eranlagung, ohne Unterschrifts- berechtigung, seien ihnen weniger als 5 Tage gebliebe n, nachdem sie die Situation erkannt hätten. Die Einhaltung der 30-tägigen Frist sei in Anbetracht der angetroffenen Situation (Säcke voller Rechnungen) unrealistisch gewesen. Die Steuererkl ärung 2013 sei im Rahmen der Auf- arbeitung komplett erstellt worden. Der Sohn sowie der Bruder der Pflichtigen seien aufgrund eines Gespräches mit der Steuerverwaltung davon ausgega ngen, dass die Steuererklärung 2013 angenommen würde. Es sei unschön, dass bei der Ein schätzung einer nicht mehr hand- Seite 3 lungsfähigen Person die Aktienerträge berücksichtigt würd en, die Verrechnungssteuer aber vergessen gehe. Es sei aufgrund eines Schreibens vor neun M onaten bekannt gewesen, dass die Pflichtige aus gesundheitlichen Gründen die Steuererklärung nicht einreichen könne. Mit Eingabe vom 20. Juni 2016 führte der Sohn der Pf lichtigen aus, dass die Bundesver- fassung Willkür und wissentliche Vorenthaltung bei nicht m ehr handlungsfähigen Personen ver- biete. Zudem schütze sie explizit nicht mehr handlungsfähige Personen. Die Bundesverfassung sei zwingendes Recht. Mit Schreiben vom 28. Juni 2016 tei lte die Steuerverwaltung dem Sohn der Pflichtigen mit, dass seine Eingabe vom 20. Juni 201 6 als Revisionsgesuch gegen die amt- liche Veranlagung der direkten Bundessteuer 2013 vom 23. Juli 2015 entgegengenommen werde. 5. Mit Revisions-Entscheid vom 29. August 2016 wies die St euerverwaltung das Begehren ab. Zur Begründung machte sie geltend, dass eine Revision ausgeschlossen sei, wenn der An- tragsteller als Revisionsgrund vorbringe, was er bei der ihm zumutbaren Sorgfalt schon im or- dentlichen Verfahren hätte geltend machen können. Zude m müsse ein Revisionsbegehren in- nert 90 Tagen nach Entdeckung des Revisionsgrundes, spät estens jedoch innert 10 Jahren nach Eröffnung der Verfügung oder des Entscheides ein gereicht werden. Vorliegend habe der Sohn der Pflichtigen mit Schreiben vom 21. August 2015 darüber informiert, dass es der Pflich- tigen aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich sei, sich um ihre administrativen Angelegen- heiten zu kümmern. Demnach habe er Kenntnis dieser Ve ranlagungsverfügung gehabt. Mit Einsprache-Entscheid der direkten Bundessteuer 2013 vom 22. September 2015 sei dem Sohn der Pflichtigen eröffnet worden, dass auf die Einsprache infolge unvollständig ausgefüllter Steu- ererklärung nicht eingetreten werden könne. Das Wieder eintretensgesuch vom 21. April 2016, das als Revisionsgesuch entgegen genommen worden sei, sei rund sieben Monate nach Eröff- nung des Einsprache-Entscheides bei der Steuerverwaltun g eingegangen und demgemäss nach Ablauf der 90-tägien Frist seit Entdeckung des Re visionsgrundes. Alsdann sei das mit dem Revisionsgesuch eingereichte ärztliche Zeugnis vom 4. April 2016 mit Rückwirkung ab Mai 2013 ausgestellt worden. 6. Gegen diesen Revisions-Entscheid erhob der Sohn der P flichtigen mit Schreiben vom 31. August 2016 Beschwerde. Zur Begründung machte er u .a. geltend, dass die Bundes- verfassung über den kantonalen Regelungen stehen würde und nicht wegbedungen werden könne. Die Bundesverfassung würde die Schwachen, die sich nicht wehren könnten, schützen. Seite 4 Die Rechte der Pflichtigen habe er ohne offizielle L egitimation 5 Tage vor Ablauf der letzten Frist wahrgenommen. Er lehne wegen Nichteintreten auf die Frage der Verfassungswidrigkeit jede Kostenfolge dieser Beschwerde ab. Es sei klar, dass e s keinen Ansatz der Verantwor- tungsübertragung an ihn gebe. Kein Schreiben von ihm sei rechtsgültig, da er zum Zeitpunkt der Einsprache nicht handlungsbevollmächtigt gewesen sei. Zudem sei ihm die Erkrankung der Pflichtigen an Demenz vorher nicht bekannt gewesen. 7. Mit Schreiben vom 21. September 2016 machte das St euergericht den Sohn der Pflich- tigen darauf aufmerksam, dass das Verfahren vor dem Steu ergericht kostenpflichtig sei. Es for- derte ihn auf, dass er im Namen der Pflichtigen dem S teuergericht die Kostenvorschüsse be- treffend die direkte Bundessteuer in Höhe von Fr. 500. 00 sowie der Staatssteuer in Höhe von Fr. 1‘000.00 bis zum 24. Oktober 2016 zu leisten habe. Mit Schreiben vom 3. Oktober 2016, eingegangen am 11 . Oktober 2016, führte der Sohn der Pflichtigen aus, dass die Aktienerträge doppelt beste uert worden seien. Auf die äusserst problematische Situation habe er bereits hingewiesen. In der Beilage retournierte der Sohn der Pflichtigen die Kostenvorschussverfügung. 8. Mit Schreiben vom 4. November 2016 machte das Steuer gericht den Sohn der Pflichti- gen darauf aufmerksam, dass der Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 500.00 betreffend die direkte Bundessteuer noch nicht eingegangen sei und setzt e ihm eine Nachfrist bis zum 21. November 2016 zur Zahlung mit der Androhung, dass das S teuergericht das Beschwerdever- fahren als gegenstandslos abschreiben werde, falls der Betrag bis zum genannten Termin nicht überwiesen sei. Mit Schreiben vom 3. Oktober 2016, ein gegangen am 16. November 2016, führte der Sohn der Pflichtigen aus, dass er den Kostenvorschuss von Fr. 500.00 leisten werde. 9. Mit Vernehmlassung vom 7. November 2016 beantragte die Steuerverwaltung die Gut- heissung der Beschwerde. Zur Begründung führte sie u.a . aus, es handle sich bei der Einspra- che vom 21. August 2015 nicht um eine „klassische“ Einsprach e gegen eine amtliche Veranla- gung, sondern um ein Gesuch um Fristwiederherstellung zu r Einreichung der Steuererklärung 2013. Bei einer möglichen Rechtsmittelkonkurrenz zwischen W iederherstellung der Frist und der Revision müsse zuerst die Frage der Fristwiederherstell ung geprüft werden. Eine versäum- te Frist könne sodann wiederhergestellt werden, wenn di e steuerpflichtige Person oder ein an- Seite 5 derer Verfahrensbeteiligter aufgrund erheblicher Grü nde an der Einhaltung der Frist gehindert worden sei. Krankheit gelte hierbei als Hinderungsgrund . Massgebend sei, dass der erhebliche Grund objektiv daran gehindert habe, die Frist einzuha lten bzw. die steuerpflichtige Person deshalb nicht in der Lage gewesen sei, die nötigen H andlungen wahrzunehmen. Altersdemenz sei nach aussen nicht immer leicht erkennbar und sie könn e sich schleichend verstärken. Das rückwirkend ausgestellte ärztliche Zeugnis erscheine bei d iesem Krankheitsverlauf und der nachträglichen diagnostizierten Altersdemenz glaubhaft. Der vorliegende Fall sei an die Steuer- verwaltung zurückzuweisen. 10. Anlässlich der heutigen Verhandlung hielten die P arteien an ihren Begehren fest. Das Steuergericht zieht in Erwägung: 1. Das Steuergericht ist gemäss Art. 140 des Bundesgesetz es über die direkte Bundes- steuer (DBG) vom 14. Dezember 1990 zur Anhandnahme der vorliegenden Streitsache zustän- dig, wobei gemäss § 4 der Vollzugsverordnung DBG vom 13. Dezember 1994 i.V.m. § 129 Abs. 1 des Gesetzes über die Staats- und Gemeindesteuern (Ste uergesetz, StG) vom 7. Februar 1974 Beschwerden, deren umstrittener Steuerbetrag wie im vorliegenden Fall Fr. 8’000.-- nicht übersteigt, vom Präsidenten und zwei Richterinnen und R ichtern des Steuergerichts beurteilt werden. Da die in formeller Hinsicht an eine Beschwerde zu ste llenden Anforderungen erfüllt sind, ist ohne weiteres darauf einzutreten. 2. Der Sohn und Vertreter der Pflichtigen beantragt im Wesentlichen die Wiederherstellung der Frist. a) Gemäss Art. 132 Abs. 1 DBG kann der Steuerpflichti ge gegen die Veranlagungs- verfügung innert 30 Tagen nach Zustellung bei der Vera nlagungsbehörde schriftlich Ein- sprache erheben. Seite 6 Eine Veranlagung nach pflichtgemässem Ermessen kann d er Steuerpflichtige nur wegen offensichtlicher Unrichtigkeit anfechten. Die E insprache ist zu begründen und muss all- fällige Beweismittel nennen (Abs. 3). b) Gemäss Art. 133 Abs. 3 DGB wird auf verspätete Ein sprachen nur eingetreten, wenn der Steuerpflichtige nachweist, dass er durch Milit är- oder Zivildienst, Krankheit, Landes- abwesenheit oder andere erhebliche Gründe an der rech tzeitigen Einreichung verhindert war und dass die Einsprache innert 30 Tagen nach Wegfall d er Hinderungsgründe eingereicht wur- de. c) Auf Wiederherstellung der Frist ist nur zu erkennen, wenn die Säumnis auf ein unverschuldetes Hindernis, also auf die objektive und sub jektive Unmöglichkeit, rechtzeitig zu handeln, zurückzuführen ist. Die Wiederherstellung ist n ach der bundesgerichtlichen Praxis nur bei klarer Schuldlosigkeit des Gesuchstellers und seines Vertreters zu gewähren bzw. wenn der Rechtssuchende verhindert ist, selber zu handeln und er in nach den Umständen zumutbarer Weise keinen Dritten mit der Interessenwahrung beauftr agen konnte. Die Wiederherstellung kann nicht gewährt werden, wenn die Partei den Beizug eines Vertreters versäumt hat (vgl. Entscheid des Bundesgerichts 2C_401/2007 vom 21. Januar 2 008, E. 3.3). Somit rechtfertigen nur erhebliche Hinderungsgründe wie etwa eine ernstlich e Erkrankung, Unglücks- oder Todes- fälle in der Familie, Militärdienst, nicht vorsehbare Landesabwesenheit oder Ähnliches, welche ein fristgerechtes Handeln praktisch verunmöglichen, ei ne Restitution (vgl. Entscheid der Steu- errekurskommission des Kantons Basel-Stadt Nr. 114/2000 vom 14. Dezember 2000, E. 4b, publ. in: Basellandschaftliche und Baselstädtische Steu erpraxis [BStPra], Bd. XVI, S. 218 ff.). Als erheblich sind damit nur solche Gründe zu betrachten, die der ersuchenden Partei auch bei Aufwendung der üblichen Sorgfalt die Wahrung ihrer Interessen verunmöglicht oder unzumut- bar erschwert hätten (Urteil des Bundesverwaltungsgerich ts [BVGE] vom 5. Januar 2012, A- 5707/2011, E. 2.1.) Bei Gewährung der Fristwiederherstellung wird die v ersäumte Rechtshandlung als rechtzeitig behandelt, d.h. z.B. auf die Einsprach e, den Rekurs oder die Beschwerde einge- treten oder die Steuererklärungspflicht als gehörig er füllt betrachtet. Bei Ablehnung der Frist- wiederherstellung treten die Folgen der Fristversäumni s ein, indem z.B. auf die verspätete Ein- sprache nicht eingetreten oder bei Nichtwiederherstellun g der Mahnfrist zur Einreichung der Steuererklärung eine Ermessensveranlagung vorgenommen w ird (Zweifel/Casanova, Schwei- zerisches Steuerverfahrensrecht, § 9 Rz. 17). Seite 7 d) Die Steuerverwaltung nahm das Schreiben des Vertre ters vom 20. Juni 2016 als Revisionsgesuch entgegen und fällte in der Folge mit Verfügung vom 29. August 2016 einen abweisenden Revisionsentscheid. Mit dem ausserordentlichen Rechtsmittel der Revision wi rd die Unabänderlichkeit und Massgeblichkeit eines rechtskräftigen Beschwerdeentsche ides angefochten, im Hinblick darauf, dass die Rechtskraft beseitigt wird und über di e Sache neu entschieden werden kann (BVGE vom 5. Januar 2012, A-5707/2011, E. 1.2.2). Ni cht nach den Vorschriften der Revision, sondern nach den Bestimmungen über die Fristwiederherstellung zu beurteilen ist eine Fristver- säumnis, die - wie z.B. bei Krankheit oder Landesabwese nheit - ihren Grund in den persönli- chen Verhältnissen des Steuerpflichtigen hat. Wenn ein Steuerpflichtiger aufgrund seines psy- chischen Zustands die entsprechende Frist zur Erhebung eine r Einsprache verpasst hat, liegt darin kein Mangel der betreffenden Verfügungen, der im Revisionsverfahren korrigiert werden könnte. Es kann sich vielmehr nur die Frage stellen, ob di e einschlägigen Verfahrensbestim- mungen die Wiederherstellung der versäumten Fristen gestatten (vgl. BGE 2A.288/2003 vom 7. Mai 2004, E. 2). Damit ist zuerst die Frage der Wiede rherstellung der Frist zu prüfen, bevor auf die Voraussetzungen der Revision einzugehen ist. e) Hinsichtlich der Erkrankung der Pflichtigen ist auszufü hren, dass gemäss der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10 , International Classification of Diseases) Code F00-F09 Demenz (F00-F03) ein Syndrom als Folge e iner meist chronischen oder fort- schreitenden Krankheit des Gehirns ist mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, ein- schließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, R echnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Di e kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf. Dieses Syndrom kommt bei Alzheimer-Krankheit, bei zerebrovaskulären Störungen un d bei anderen Zustandsbildern vor, die primär oder sekundär das Gehirn betreffen (ICD-10 F00-F03). 3. a) Im Hinblick auf den vorliegenden Fall ergibt sich damit folgendes: Die Ein- sprachefrist gegen die amtliche Veranlagung vom 23. Juli 2015 hat der Vertreter mit Schreiben vom 21. August 2015 gewahrt. Die Steuerverwaltung tra t in der Folge mangels Belege und auf- grund erhöhter Anforderungen an eine amtliche Veranlagung mit Entscheid vom 22. September 2015 nicht auf die Eingabe ein. Dieses Vorgehen ist i nsoweit zu beanstanden, als dass bereits der Sohn als Vertreter seiner Mutter, welcher als jurist ischer Laie anzusehen ist, in seiner Ein- Seite 8 sprache vom 21. August 2015 ausgeführt hat, dass die Mu tter aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sei, sich um ihre administrativen Angel egenheiten zu kümmern. Aufgrund des Jahrgangs 1936 der Mutter ist davon auszugehen, dass dies e aufgrund ihres Alters und ihres Gesundheitszustandes Unterstützung braucht. Dies zeigte sich darüber hinaus bereits darin, dass die Mutter keine Steuererklärung mehr für das Jah r 2013 eingereicht hat und deswegen hat amtlich veranlagt werden müssen. In einem solchen Fall, und nur wenn tatsächlich entspre- chende (nicht zwangsläufig begründete) Anhaltspunkte oder Vermutungen vorliegen (hier Hin- weis des Sohnes auf den Gesundheitszustand der Mutter im Schreiben vom 21. August 2015), dass eine steuerpflichtige Person selbst nicht mehr in der Lage ist, ihren Verpflichtungen nach- zukommen, ist die Steuerverwaltung gehalten, die entspre chenden Beweise (Aufforderung zur Einreichung von Belegen sowie einer entsprechenden är ztlichen Bestätigung zum Gesund- heitszustand der steuerpflichtigen Person oder ein ärztli ches Zeugnis) auch im Falle einer amt- lichen Veranlagung zu verlangen. b) Aufgrund des Schreibens des Vertreters an die Steue rverwaltung vom 21. April 2016, welchem die Steuererklärung sowie ein Arztzeugnis vom 4. April 2016 beigelegen hat, welches bestätigt, dass die Pflichtige bereits seit Mai 2 013 an einem dementiellen Syndrom leidet, wäre in erster Linie die Prüfung der Wiederherstellung der Beschwerdefrist angestanden. Aufgrund des Fortschritts und der allgemein bekannten sich schleichenden Verschlimmerung der Krankheit war auch nicht davon auszugehen, dass die Pflichtige selbst je wieder in der Lage sein wird, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Damit ist im Gegensatz zu anderen Fällen, das erst im Nachhinein ausgestellte Arztzeugnis vom 4. A pril 2016 dennoch zu beachten. Zu- dem ist allgemein bekannt, dass der Krankheitsverlauf bei einer Demenzerkrankung schlei- chend ist und über Jahre hinweg unentdeckt bleiben kann. Insofern wird in den meisten Fällen mit einem ähnlichen Krankheitsbild das Arztzeugnis erst ein e gewisse Zeit nach dem Ausbruch der Krankheit ausgestellt werden können. Das Arztzeugnis datiert vom 4. April 2016. Ab diesem Z eitpunkt hatte der Sohn Gewissheit darüber, dass die Mutter an Demenz erkrankt und damit nicht in der Lage war, sich selbst um ihre Angelegenheiten zu kümmern. In der Folg e reichte er die Steuererklärung mit Datum vom 21. April 2016 und damit innerhalb der 30 tägigen Frist nach Wegfall des „Hinde- rungsgrundes“ ein. 4. a) Hinsichtlich der Rolle des Sohnes, welcher als Vertr eter der Mutter agiert hat, dies hingegen in seinen Schreiben vom 20. Juni und 31. August 2016 als nicht rechtsgültig er- Seite 9 folgt betrachtet, ist zu erwähnen, dass sich aus Art. 272 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB) vom 10. Dezember 1907 genau das Gegenteil ergib t. Danach sind Eltern und Kinder einander allen Beistand, alle Rücksicht und Achtung schuld ig, die das Wohl der Gemeinschaft erfordert. Artikel 272 ZGB hat primär als Generalkla usel Leitbildfunktion für eine partnerschaftli- che Eltern-Kind-Beziehung. Über die Unterhalts- und Un terstützungspflicht hinausgehend sind Eltern und Kinder einander zu Beistand in Form von Gel d-, Natural- oder Dienstleistungen ver- pflichtet. Auf geistig-sittlicher Ebene besteht die Pfli cht zur psychischen Unterstützung bei All- tagsproblemen und in Krankheits- und Notsituationen (vgl. BSK ZGB I - Schwenzer/Cottier, Art. 272 N 1ff.). Schliesslich ist diesbezüglich auch festzuhalten, dass e s Angehörigen in solchen Fällen aufgrund der Generalklausel und damit offenen Formulierung von Art. 272 ZGB möglich sein muss stellvertretend und ohne Vollmacht im Sinne der Betroffenen zu handeln, solange die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) noch nicht o ffiziell verfügt hat, sofern eine solche Anordnung überhaupt nötig ist. Das Abwarten eine r solchen Verfügung kann in Fällen, wo die Betroffenen dadurch Rechtsnachteile zu erwarten haben, nicht zugemutet werden. b) Vorliegend hat der Sohn der Pflichtigen die Roll e des Vertreters übernommen und die Behörde darüber informiert, dass die Mutter a n Demenz erkrankt ist. Darüber hinaus hat er alles Weitere veranlasst, um auch in rechtlich anerkannter Weise die Rolle des Vertreters übernehmen zu können. An der heutigen Verhandlung rei chte der Sohn einen öffentlich beur- kundeten Vorsorgeauftrag, eine Generalvollmacht, eine Patientenverfügung und eine Vollmacht der Helsana Versicherungen ein. Insofern ist die Rolle des Sohnes als Vertreter der Mutter nicht ex Post zu hinterfragen, sondern es kann von Anfang an da rauf abgestellt werden, dass er die Beistandspflicht gegenüber der an Demenz erkrankten Mutt er in der vom Gesetz geforderten Weise übernommen hat und auch übernehmen wollte, was genau der Intention des Gesetzge- bers entspricht. Was die vom Sohn der Pflichtigen einge reichten Dokumente angeht ist festzu- halten, dass die Mutter trotz ihrer Erkrankung und der damit einhergehenden kognitiven Beein- trächtigung aufgrund ihrer familiären Bindung zum Sohn in der Lage war, diesen wenigstens für ihre administrativen Belange rechtsgültig zu bevollmä chtigen. Die Pflichtige lebte bisher allein und zog aufgrund ihrer Krankheit erst vor kurzem in ein Pflegeheim. Damit sind ihr aufgrund ihrer Erkrankung nicht grundsätzlich sämtliche kognitiven Fä higkeiten abzusprechen. Auch wenn ihr die Einsicht gefehlt hat, sich um ihre steuerl ichen Angelegenheiten kümmern zu müs- sen. Letztlich ist festzuhalten, dass es allgemein bekannt ist, dass der Gesundheits- sowie Geisteszustand einer betagten Person und zusätzlich aufgru nd einer Demenzerkrankung tägli- Seite 10 chen Schwankungen unterliegen kann. Dies wirkt sich wied erum auch auf die Fähigkeit aus, sich im täglichen Leben zurechtzufinden. c) Aufgrund dieser Ausführungen ist somit festzustelle n, dass die mit Schreiben vom 21. April 2016 nachgereichte Steuererklärung als re chtzeitig erfolgt und die Frist als wie- derhergestellt zu betrachten ist. Der Rekurs ist damit gutzuheissen, der Revisionsentscheid vom 29. August 2016 sowie der Einsprache-Entscheid vom 22 . September 2015 sind aufzuhe- ben, die eingereichte Steuererklärung ist demzufolge ma teriell zu prüfen und die amtliche Ver- anlagung vom 23. Juli 2015 unter Berücksichtigung eine r allfälligen Rückerstattung der Ver- rechnungssteuer entsprechend anzupassen. 5. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind der Be schwerdeführerin nach Art. 144 Abs. 1 DBG keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Seite 11 Demgemäss w i r d e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen g utgeheissen. 2. Der Revisions-Entscheid vom 29.08.2016 und der Einspr ache-Entscheid vom 22.09.2015 werden aufgehoben. 3. Die Steuerverwaltung wird angewiesen, die nacht räglich am 21.04.2016 eingereichte Steuererklärung entgegenzunehmen und als Einsprache gege n die amtliche Veranla- gung vom 23.07.2015 materiell zu behandeln, inkl. Rücker stattung der Verrechnungs- steuer. 4. Es werden keine Kosten erhoben. Der bereits bezahlt e Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 500.-- wird der Beschwerdeführerin zurückerstattet. 5. Mitteilung an den Vertreter, für sich und zhd. d er Beschwerdeführerin (2), die Eidge- nössische Steuerverwaltung, Bern (1) und die Steuerverwa ltung des Kantons Basel- Landschaft (3).