<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">156</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>32 Erschliessungsplanung;</b></span> <span class="ft2"><b>Gemeindeautonomie</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die verkehrstechnische Dimensionierung einer Erschliessungsstrasse</b></span><br/> <span class="ft2"><b>steht nicht im "freien Ermessen" der Gemeinde.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bedeutung der "Sockellinie".</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Rechtsgrundsätze für die Interessenabwägung.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 30. Juni 2009 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">A.M. gegen den Regierungsrat (WBE.2007.134).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Erschliessungsplan "Gatterächer" sieht u.a. den teilweisen</span><br/> <span class="ft1">Ausbau des südlichen Teils der (bestehenden) Haselstrasse auf eine</span><br/> <span class="ft1">Breite von 5 m vor. Entlang der West- und Nordseite des auszubau-</span><br/> <span class="ft1">enden Teils soll ein 2 m breites Trottoir, abgetrennt durch einen 1 m</span><br/> <span class="ft1">breiten Grünstreifen und von 6 Parkplätzen, erstellt werden. An-</span><br/> <span class="ft1">schliessend sind Trottoir und Haselstrasse rund 83 m ungetrennt ge-</span><br/> <span class="ft1">führt und die Strasse (ohne Trottoir) geht weiter in eine Ringstrasse,</span><br/> <span class="ft1">welche in süd- bzw. westlicher und nördlicher Richtung wieder in die</span><br/> <span class="ft1">Haselstrasse einmündet und ebenfalls eine Breite von 5 m aufweisen</span><br/> <span class="ft1">soll. Das Trottoir wird demgegenüber als Rad- und Fussweg-</span><br/> <span class="ft1">verbindung in die Gatterächerstrasse weitergeführt (Erschliessungs-</span><br/> <span class="ft1">plan "Gatterächer", Situationsplan 1:500, vom Regierungsrat geneh-</span><br/> <span class="ft1">migt am 14. März 2007).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Bau-,Raumplanungs-undUmweltschutzrecht</span> <span class="page_no">157</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Die im umstrittenen Perimeter des Erschliessungsplans "Gat-</span><br/> <span class="ft1">terächer" zu erschliessenden Parzellen sind zur Hauptsache den</span><br/> <span class="ft1">Wohnzonen E2 und anfangs Haselstrasse der W2 und der Dorfzone,</span><br/> <span class="ft1">zugewiesen. Die Haselstrasse dient auch der Erschliessung des Kin-</span><br/> <span class="ft1">dergartens in der Zone für öffentliche Bauten (Bauzonenplan vom</span><br/> <span class="ft1">5. März 2002 vom Grossen Rat genehmigt [Stand 15. Februar</span><br/> <span class="ft1">2005]).</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer beanstandet die geplante Breite der Ha-</span><br/> <span class="ft1">sel- und der Ringstrasse von 5 m. Er anerkennt, dass die Breite der</span><br/> <span class="ft1">Ringstrasse bzw. der Haselstrasse so beschaffen sein müsse, dass die</span><br/> <span class="ft1">Interessen aller Verkehrsteilnehmer gewahrt seien. Mit einer Breite</span><br/> <span class="ft1">von 4 m für die Ring- bzw. 4,5 m für die Haselstrasse, wie dies die</span><br/> <span class="ft1">VSS-Normen maximal vorsähen, sei diesen Interessen genüge getan.</span><br/> <span class="ft1">Es bedürfe überzeugender Argumente, um von den Normen abzu-</span><br/> <span class="ft1">weichen. Sowohl der Gemeinderat X. als auch der Regierungsrat,</span><br/> <span class="ft1">welcher im Übrigen auch keine Ermessensüberprüfung vorgenom-</span><br/> <span class="ft1">men habe, hätten es unterlassen, eine umfassende Abwägung der</span><br/> <span class="ft1">beteiligten Interessen vorzunehmen. Im Weiteren sei dem Grundsatz</span><br/> <span class="ft1">der Verhältnismässigkeit mangelhaft Rechnung getragen worden.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Die Gemeinde X. macht geltend, die Schätzung der Fachperson</span><br/> <span class="ft1">der Abteilung Verkehr des BVU, wonach höchstens 30 Wohnein-</span><br/> <span class="ft1">heiten zu erschliessen seien, habe sich nur auf die Ring-, nicht auf</span><br/> <span class="ft1">die Haselstrasse bezogen. Die Haselstrasse werde im Endausbau des</span><br/> <span class="ft1">Gebiets offensichtlich mehr als 30 Wohneinheiten erschliessen. Die</span><br/> <span class="ft1">Ringstrasse weise enge Kurven und relativ kurze gerade Teilstücke</span><br/> <span class="ft1">auf. Ausweich- und Abstellmöglichkeiten für Lastwagen seien keine</span><br/> <span class="ft1">vorgesehen. Es sei unübersehbar, dass sich in Wohnquartieren -</span><br/> <span class="ft1">abgesehen von den kommunalen Ver- und Entsorgungsfahrzeugen -</span><br/> <span class="ft1">mehr und mehr auch Lastwagen bewegten und abgestellt werden</span><br/> <span class="ft1">müssten, so z.B. Umzugs-, Zuliefer- und Servicefahrzeuge. Im Übri-</span><br/> <span class="ft1">gen lasse die Zonenordnung auch nicht störendes Gewerbe zu. Zur</span><br/> <span class="ft1">Breite von 5 m führt der Gemeinderat X. aus, auf Erschlies-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">158</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sungsstrassen sei der Sicherheit der Fussgänger und Radfahrer Vor-</span><br/> <span class="ft1">rang einzuräumen. Dies sei vorliegend umso mehr geboten, als aus</span><br/> <span class="ft1">Süden und Osten Fussgängerverbindungen in die Ringstrasse ein-</span><br/> <span class="ft1">mündeten. Mit zu geringen Erschliessungsstrassenbreiten habe der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat X. schlechte Erfahrungen gemacht.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Der Regierungsrat stützt sich in seinem Beschwerdeentscheid</span><br/> <span class="ft1">auf die Ausführungen der Gemeinde X. ab, wonach diese mit Stras-</span><br/> <span class="ft1">senbreiten von 4,5 m schlechte Erfahrungen gemacht habe, den</span><br/> <span class="ft1">Schutzbedürfnissen der Fussgänger und Fahrradfahrer Rechnung ge-</span><br/> <span class="ft1">tragen werden solle und sich in unmittelbarer Nähe des streitigen Be-</span><br/> <span class="ft1">reichs ein Kindergarten befinde. Zudem werde der bestehende Geh-</span><br/> <span class="ft1">weg entlang der Bahnlinie aufgehoben und durch den neuen Gehweg</span><br/> <span class="ft1">ersetzt, welcher insbesondere für den Kindergarten und die darin</span><br/> <span class="ft1">situierte Mütterberatung wichtig sei. Die Ausführungen der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde seien nachvollziehbar und in sich schlüssig. Des Weiteren sei</span><br/> <span class="ft1">zu berücksichtigen, dass 5 m breite Strassen zwar zu einer Erhöhung</span><br/> <span class="ft1">der Geschwindigkeit verleiten könnten, die Anordnung des Erschlies-</span><br/> <span class="ft1">sungsrings und die Kürze des vom Ausbau betroffenen Teils der</span><br/> <span class="ft1">Haselstrasse jedoch eine starke Erhöhung der Geschwindigkeiten</span><br/> <span class="ft1">verhinderten. Insgesamt sei die Erschliessungsplanung im Bereich</span><br/> <span class="ft1">der Haselstrasse und des Erschliessungsrings zwar als eher gross-</span><br/> <span class="ft1">zügig einzustufen, die Gemeinde X. habe ihr Ermessen aber nicht</span><br/> <span class="ft1">überschritten.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Erschliessung hat grundsätzlich im Rahmen von Sondernut-</span><br/> <span class="ft1">zungsplänen zu erfolgen, damit der Boden umweltschonend,</span><br/> <span class="ft1">landsparend und wirtschaftlich genutzt wird (§ 33 Abs. 1 BauG;</span><br/> <span class="ft1">siehe auch § 16 Abs. 1 Satz 1 BauG; Art. 19 Abs. 2 RPG). Der Er-</span><br/> <span class="ft1">schliessungsplan im Besonderen bezweckt, Lage und Ausdehnung</span><br/> <span class="ft1">von Erschliessungsanlagen und Bahngleisen festzulegen und das</span><br/> <span class="ft1">hiezu erforderliche Land auszuscheiden. Erschliessungspläne können</span><br/> <span class="ft1">Bau-, Strassen-, Niveau- und Leitungslinien sowie Sichtzonen</span><br/> <span class="ft1">enthalten (§ 17 Abs. 1 und 2 BauG). Sodann können Erschliessungs-</span><br/> <span class="ft1">pläne mit der Erschliessung zusammenhängende Anordnungen ent-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Bau-,Raumplanungs-undUmweltschutzrecht</span> <span class="page_no">159</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">halten, insbesondere über die Erstellung von Fuss- und Radweg-</span><br/> <span class="ft1">verbindungen, über die Gestaltung und Bepflanzung des Strassen-</span><br/> <span class="ft1">raumes und der Abstellplätze, über Lärmschutzmassnahmen sowie</span><br/> <span class="ft1">über Ver- und Entsorgungseinrichtungen (§ 1 ABauV i.V.m. § 17</span><br/> <span class="ft1">Abs. 4 BauG). Mit der Genehmigung von Erschliessungs- und Ge-</span><br/> <span class="ft1">staltungsplänen ist das Enteignungsrecht für die darin mit genügen-</span><br/> <span class="ft1">der Bestimmtheit festgelegten, im öffentlichen Interesse liegenden</span><br/> <span class="ft1">Werke erteilt (§ 132 Abs. 1 BauG).</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Land ist erschlossen, wenn die für die betreffende Nutzung hin-</span><br/> <span class="ft1">reichende Zufahrt besteht (Art. 19 Abs. 1 RPG; § 32 Abs. 1 lit. b</span><br/> <span class="ft1">BauG). Das Erfordernis der genügenden strassenmässigen Erschlies-</span><br/> <span class="ft1">sung (Art. 19 Abs. 1 RPG; § 32 Abs. 1 lit. b BauG) soll den An-</span><br/> <span class="ft1">schluss der Bauten an das öffentliche Strassennetz unter ver-</span><br/> <span class="ft1">kehrs-, feuer-, sicherheits- und gesundheitspolizeilichen sowie raum-</span><br/> <span class="ft1">planerischen Gesichtspunkten sicherstellen (AGVE 1999, S. 202 mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen). Richtschnur für die Beurteilung, ob eine Erschliessung</span><br/> <span class="ft1">als genügend zu beurteilen ist, bildet der Grundsatz der Verhält-</span><br/> <span class="ft1">nismässigkeit (Art. 5 Abs. 2 BV; § 2 Satz 2 KV; § 3 Abs. 1 aVRPG,</span><br/> <span class="ft1">wobei die Erschliessungsanforderungen je nach Nutzungszone unter-</span><br/> <span class="ft1">schiedlich sein können (Peter Hänni, Planungs-, Bau- und besonderes</span><br/> <span class="ft1">Umweltschutzrecht, 5. Auflage, Bern 2008, S. 269 f.). Einerseits be-</span><br/> <span class="ft1">stimmt sich die Erschliessung nach der beanspruchten Grundstücks-</span><br/> <span class="ft1">nutzung, andererseits nach den massgeblichen Umständen des Ein-</span><br/> <span class="ft1">zelfalls (BGE 116 Ib 159 Erw. 6b; Walter Haller / Peter Karlen,</span><br/> <span class="ft1">Raumplanungs-, Bau- und Umweltrecht, Band I, 3. Auflage, Zürich</span><br/> <span class="ft1">1999, Rz. 575).</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Eine Erschliessung hat im Weiteren das in § 33 Abs. 1 Satz 2</span><br/> <span class="ft1">BauG festgehaltene Gebot zu beachten, wonach der Boden umwelt-</span><br/> <span class="ft1">schonend, landsparend und wirtschaftlich zu nutzen ist. Im gleichen</span><br/> <span class="ft1">Sinne hält § 92 Abs. 1 Satz 1 BauG fest, dass Strassen möglichst</span><br/> <span class="ft1">flächensparend zu erstellen, zu ändern und zu erneuern sind.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">160</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Massstab für die Anforderungen an die strassenmässige Er-</span><br/> <span class="ft1">schliessung bestimmt sich im Rahmen der jeweiligen Verkehrsver-</span><br/> <span class="ft1">hältnisse und des Standes der Strassenbautechnik nach den VSS-</span><br/> <span class="ft1">Normen (AGVE 2005, S. 203 ff. mit Hinweisen, siehe auch § 92</span><br/> <span class="ft1">Abs. 4 BauG i.V.m. § 44a Abs. 1 ABauV). Die VSS-Normen sind je-</span><br/> <span class="ft1">doch nicht völlig schematisch und stur zu übernehmen; deren An-</span><br/> <span class="ft1">wendung muss im Einzelfall vor den allgemeinen Rechtsgrundsät-</span><br/> <span class="ft1">zen, insbesondere dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit, stand-</span><br/> <span class="ft1">halten. Das Erfordernis Land sparender und wirtschaftlicher Lösun-</span><br/> <span class="ft1">gen lässt Ausnahmen zu (Entscheid des Bundesgerichts vom</span><br/> <span class="ft1">26. Oktober 2004 [1P.40/2004], Erw. 3.2.1; AGVE 2005, S. 204;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1990, S. 251). Da es vorliegend um die Erschliessung eines</span><br/> <span class="ft1">Wohnquartiers geht, ist mit der Vorinstanz auf die VSS-Norm</span><br/> <span class="ft1">640'045 "Strassentyp Erschliessungsstrasse" abzustellen (lit. A Zif-</span><br/> <span class="ft1">fer 4). Diese unterscheidet zwischen den Typen Quartiererschlies-</span><br/> <span class="ft1">sungsstrasse, Zufahrtsstrasse und Zufahrtsweg. Die Zufahrtsstrasse</span><br/> <span class="ft1">ist zur Erschliessung von Siedlungsgebieten in der Grösse bis zu 150</span><br/> <span class="ft1">Wohneinheiten oder bei Verkehrsaufkommen gleichwertiger Quellen</span><br/> <span class="ft1">anzuwenden (lit. C Ziffer 8 Abs. 2); er weist einen oder zwei Fahr-</span><br/> <span class="ft1">streifen auf, ist in der Regel nicht durchgehend befahrbar, basiert be-</span><br/> <span class="ft1">züglich Wegbreite auf dem Grundbegegnungsfall Personenwagen/</span><br/> <span class="ft1">Personenwagen und kann einen durchschnittlichen stündlichen Ver-</span><br/> <span class="ft1">kehr von 100 Fahrzeugen verkraften (Tabelle 1). Der Typ Zufahrts-</span><br/> <span class="ft1">weg ist zur Erschliessung von Siedlungsgebieten in der Grösse bis zu</span><br/> <span class="ft1">30 Wohneinheiten anzuwenden (lit. C Ziffer 8 Abs. 5); er weist einen</span><br/> <span class="ft1">Fahrstreifen auf, ist nicht durchgehend befahrbar, basiert bezüglich</span><br/> <span class="ft1">der Wegbreite auf dem Grundbegegnungsfall Personenwagen/Fahr-</span><br/> <span class="ft1">rad und kann einen durchschnittlichen stündlichen Verkehr von 50</span><br/> <span class="ft1">Fahrzeugen verkraften (Tabelle 1; AGVE 1999, S. 206 f.).</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Ausbau der Haselstrasse mit der geplanten Ringstrasse</span><br/> <span class="ft1">dient der Erschliessung der Parzellen in der östlichen Hälfte des Er-</span><br/> <span class="ft1">schliessungsperimeters. Anlässlich der Augenscheinsverhandlung vor</span><br/> <span class="ft1">der Vorinstanz führte die Fachperson des BVU, Abteilung Verkehr,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Bau-,Raumplanungs-undUmweltschutzrecht</span> <span class="page_no">161</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">aus, bei der Ringstrasse handle es sich um eine Erschliessungs-</span><br/> <span class="ft1">strasse. Da nicht mehr als 30 Wohneinheiten erschlossen seien, genü-</span><br/> <span class="ft1">ge ein Zufahrtsweg mit einer Breite von 3 bis 3,5 m. Laut der Richt-</span><br/> <span class="ft1">linie müsse aber bei einem Begegnungsfall Personenwagen/Perso-</span><br/> <span class="ft1">nenwagen (PW/PW) das angrenzende Land, d.h. Land eines Priva-</span><br/> <span class="ft1">ten, beansprucht werden. Dies sei nicht erwünscht, weshalb von der</span><br/> <span class="ft1">nächst höheren Strassenkategorie mit 4 bis 4,5 m auszugehen sei. In</span><br/> <span class="ft1">der Gemeinde X. sei zudem eine Strassenbreite von 4,5 m üblich.</span><br/> <span class="ft1">Die vorgesehene Breite von 5 m sei ein Grenzfall. Auch der von der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde X. beauftragte Planer führte aus, östlich der Haselstrasse</span><br/> <span class="ft1">sei mit etwa 15 zusätzlichen Wohneinheiten zu rechnen, wobei eher</span><br/> <span class="ft1">nicht mit über 30 Wohneinheiten zu rechnen sei. Der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer räumt ein, dass die Zufahrt Haselstrasse und die Ringstrasse</span><br/> <span class="ft1">die Interessen aller Verkehrsteilnehmer zu berücksichtigen habe,</span><br/> <span class="ft1">sieht aber diese Interessen mit einer Breite von 4 m (Ringstrasse)</span><br/> <span class="ft1">bzw. 4,5</span> <span class="ft1">m (Zufahrt Haselstrasse), wie dies die VSS-Normen</span><br/> <span class="ft1">maximal vorsehen, als ausreichend gewahrt.</span><br/> <span class="ft1">4.3.</span><br/> <span class="ft1">4.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Verfahrensbeteiligten sind sich mit dem Sachverständigen</span><br/> <span class="ft1">dahingehend einig, dass im vorliegenden Fall vom Grundbegeg-</span><br/> <span class="ft1">nungsfall PW/PW auszugehen ist. Das Verwaltungsgericht hat keine</span><br/> <span class="ft1">Veranlassung von dieser Beurteilung abzuweichen.</span><br/> <span class="ft1">Die Hasel-, mit der Ringstrasse, ist rund 350 m lang und er-</span><br/> <span class="ft1">schliesst Wohneinheiten in der Wohnzone E2, welche für den Bau</span><br/> <span class="ft1">von alleinstehenden Ein-, Zwei- und Doppeleinfamilienhäusern be-</span><br/> <span class="ft1">stimmt ist und in der auch nichtstörende Betriebe zulässig sind (§ 11</span><br/> <span class="ft1">der Bau- und Nutzungsordnung der Gemeinde X. vom 26. Oktober/</span><br/> <span class="ft1">12. Dezember 2000, genehmigt durch den Grossen Rat am 5. März</span><br/> <span class="ft1">2002 [BNO]). Der auszubauende Teil der Haselstrasse dient zudem</span><br/> <span class="ft1">der Erschliessung von Parzellen in der Dorfzone (D) und der Zone</span><br/> <span class="ft1">für öffentliche Bauten und Anlagen (ÖB), auf der sich der Kinder-</span><br/> <span class="ft1">garten befindet. Die Dorfzone ist für Wohnbauten, Kleingewerbe,</span><br/> <span class="ft1">Dienstleistungsbetriebe, Landwirtschaft und öffentliche Dienste be-</span><br/> <span class="ft1">stimmt. Mässig störende Betriebe werden unter Berücksichtigung der</span><br/> <span class="ft1">örtlichen Verhältnisse zugelassen (§ 9 Abs. 2 und 3 BNO). Aus den</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">162</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Nutzungsbestimmungen der BNO lässt sich nicht zwingend ein</span><br/> <span class="ft1">Grundbegegnungsfall Lastwagen/Personenwagen (LW/ PW) an-</span><br/> <span class="ft1">nehmen, zumal nur kleinere Gewerbe- bzw. Dienstleistungsbetriebe</span><br/> <span class="ft1">zugelassen sind. Es ist daher höchstens mit gelegentlichem Lieferwa-</span><br/> <span class="ft1">genverkehr zu rechnen und Lastwagenverkehr ist allenfalls im Zu-</span><br/> <span class="ft1">sammenhang mit der Kehrichtabfuhr oder einem Umzugstransport zu</span><br/> <span class="ft1">erwarten. Diese seltenen Liefer- oder Lastwagenfahrten können kei-</span><br/> <span class="ft1">nen Grundbegegnungsfall LW/PW begründen, auch wenn berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigt wird, dass grosse Fahrzeuge nach der Einfahrt in die Hasel-</span><br/> <span class="ft1">strasse mangels Wendemöglichkeit über die Ringstrasse ausfahren</span><br/> <span class="ft1">müssen. Im Gebiet "Gatterächer" ist auf sämtlichen Erschliessungs-</span><br/> <span class="ft1">strassen, d.h. u.a. auch auf der Hasel- und der Ringstrasse, ein Ge-</span><br/> <span class="ft1">schwindigkeitslimit von 30 km/h geplant.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist sowohl für den auszubauenden Teil der</span><br/> <span class="ft1">Haselstrasse als auch für die Ringstrasse vom Grundbegegnungsfall</span><br/> <span class="ft1">PW/PW auszugehen. Eine Erschliessungstrasse, welche im überbau-</span><br/> <span class="ft1">ten bzw. überbaubaren Abschnitt eine Länge von über 300 m, enge</span><br/> <span class="ft1">Kurven mit kurzen geraden Abschnitten aufweist, muss gewährleis-</span><br/> <span class="ft1">ten, dass sich zwei PW gefahrlos kreuzen können.</span><br/> <span class="ft1">Das Verwaltungsgericht berechnete gestützt auf die VSS-Norm</span><br/> <span class="ft1">640'201 in AGVE 1999, S. 208 für den Grundbegegnungsfall von</span><br/> <span class="ft1">zwei Personenwagen 4,40 m als Mindestbreite, wobei es zum</span><br/> <span class="ft1">Schluss kam, dass auch 4 m genügen würden, sofern die Seitenfrei-</span><br/> <span class="ft1">heit gewährleistet sei bzw. der Fahrbahnrand ausgefahren werden</span><br/> <span class="ft1">könne. Eine unter diesem Mindestmass liegende Breite hielt es in der</span><br/> <span class="ft1">Regel für nicht verantwortbar. An dieser Rechtsprechung hat das Ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgericht auch in neueren Entscheiden festgehalten (AGVE</span><br/> <span class="ft1">2005, S. 203 ff.; VGE III/65 vom 21. August 2002</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2001.389]). Üblich ist für diesen Grundbegegnungsfall eine</span><br/> <span class="ft1">Strassenbreite von 4,5 m, die auch vom BVU empfohlen wird. Ent-</span><br/> <span class="ft1">gegen der Ansicht des Beschwerdeführers und der Gemeinde X. be-</span><br/> <span class="ft1">steht, soweit es um die verkehrstechnische Dimensionierung einer</span><br/> <span class="ft1">Erschliessungsstrasse nach den VSS-Normen geht, kein "freies" Er-</span><br/> <span class="ft1">messen der Gemeinde. Abweichungen von den verkehrtechnisch er-</span><br/> <span class="ft1">forderlichen Strassenbreiten erfordern vielmehr eine sachliche Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Bau-,Raumplanungs-undUmweltschutzrecht</span> <span class="page_no">163</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gründung und die Abwägung der involvierten Interessen</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 2005, S. 203 f.; siehe auch AGVE 1990, S. 251).</span><br/> <span class="ft1">4.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Nach § 111 Abs. 1 lit. c BauG haben Einfriedungen bis 80 cm</span><br/> <span class="ft1">Höhe gegenüber Gemeindestrassen einen Abstand von 60 cm einzu-</span><br/> <span class="ft1">halten. Für Einfriedungen von mehr als 80 cm bis zur Höhe von 180</span><br/> <span class="ft1">cm und einzelne Bäume beträgt der Abstand vom Strassenmark ge-</span><br/> <span class="ft1">genüber Gemeindestrassen ebenfalls 60 cm (§ 111 Abs. 1 lit. d</span><br/> <span class="ft1">BauG). Diese gesetzlichen Abstandsvorschriften haben zur Folge,</span><br/> <span class="ft1">dass gegenüber der Strasse eine Seitenfreiheit von je 60 cm besteht</span><br/> <span class="ft1">und eine Mindestbreite der befahrbaren und mit Belag versehenen</span><br/> <span class="ft1">Verkehrsfläche von 4 m ausreichen würde. Die Strassenabstände</span><br/> <span class="ft1">können gemäss § 111 Abs. 2 BauG u.a. durch Nutzungspläne erhöht,</span><br/> <span class="ft1">herabgesetzt oder aufgehoben werden.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Erschliessungsplan sind die Strassenlinien gleichzei-</span><br/> <span class="ft1">tig sogenannte Sockellinien (Legende zum Erschliessungsplan</span><br/> <span class="ft1">"Gatterächer", Situationsplan 1:500, vom Regierungsrat genehmigt</span><br/> <span class="ft1">am 14. März 2007). Der Begriff "Sockellinie" ist allerdings weder in</span><br/> <span class="ft1">der ABauV, noch in den kommunalen Bauvorschriften näher defi-</span><br/> <span class="ft1">niert. Zum Genehmigungsinhalt des Erschliessungsplanes "Gatter-</span><br/> <span class="ft1">ächer" gehören nebst den Strassen- und Sockellinien auch Baulinien</span><br/> <span class="ft1">gemäss § 111 Abs. 1 lit. a BauG (vgl. Erschliessungsplan). Diese</span><br/> <span class="ft1">Baulinien setzen ausdrücklich den Abstand für Bauten gegenüber der</span><br/> <span class="ft1">Hasel- und Ringstrasse fest und folgen teilweise den bisherigen</span><br/> <span class="ft1">Baulinien im aufgehobenen Überbauungsplan "Zelgli/Gatter-Äcker"</span><br/> <span class="ft1">oder wurden zum Teil neu im Abstand von drei bis vier Metern von</span><br/> <span class="ft1">der Strassenlinie festgelegt. Die Sockellinien in der Sonder-</span><br/> <span class="ft1">nutzungsplanung "Gatterächer" haben daher nur die Herabsetzung</span><br/> <span class="ft1">der Abstandsvorschriften für Einfriedungen und einzelne Bäumen</span><br/> <span class="ft1">gemäss §§ 111 Abs. 1 lit. c und d BauG zum Inhalt, mit dem Ergeb-</span><br/> <span class="ft1">nis, dass Einfriedungen und einzelne Bäume gegenüber dem befahr-</span><br/> <span class="ft1">baren und mit Belag versehenen Strassenraum von 5 m keinen (zu-</span><br/> <span class="ft1">sätzlichen) Abstand einzuhalten haben. Diese Sockellinien sind somit</span><br/> <span class="ft1">besondere Baulinien für Einfriedungen und Bäume. Die Möglichkeit</span><br/> <span class="ft1">neben den klassischen Baulinien, welche den Mindestabstand be-</span><br/> <span class="ft1">zeichnen, "weitere" Baulinien vorzuschreiben, ist im Baugesetz vor-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">164</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gesehen (§ 18 Abs. 2 BauG) und solche Baulinien können Bestand-</span><br/> <span class="ft1">teil einer Sondernutzungsplanung sein (§ 17 Abs. 2 und § 111 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">BauG). Die Sicherstellung des Strassenraumes mit zusammenfal-</span><br/> <span class="ft1">lenden Strassen- und Sockellinien für Einfriedungen und Bäume im</span><br/> <span class="ft1">angefochtenen Erschliessungsplan bedeutet, dass im Perimeter des</span><br/> <span class="ft1">Erschliessungsplanes "Gatterächer" Einfriedungen und einzelne</span><br/> <span class="ft1">Bäume an die Strassenlinie gebaut bzw. gepflanzt werden dürfen und</span><br/> <span class="ft1">die Einhaltung von Abständen gemäss § 111 Abs. 1 lit. c und d BauG</span><br/> <span class="ft1">die Änderung des Erschliessungsplanes erfordert. Nachdem für Ein-</span><br/> <span class="ft1">friedungen und einzelne Bäume die gesetzlichen Abstände von</span><br/> <span class="ft1">60 cm gegenüber dem Strassenmark der projektierten Hasel- und</span><br/> <span class="ft1">Ringstrasse nicht eingehalten werden muss, ist - mangels Seitenfrei-</span><br/> <span class="ft1">heit - verkehrtechnisch eine Strassenbreite von mindestens 4,5 m er-</span><br/> <span class="ft1">forderlich.</span><br/> <span class="ft1">4.4.</span><br/> <span class="ft1">4.4.1.</span><br/> <span class="ft1">Als Begründung für die Strassenbreite von 5 m führt die Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde X. an, dem Gebot flächensparender Erschliessung gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 92 Abs. 1 BauG stehe die Anweisung des Abs. 2 gegenüber, wo-</span><br/> <span class="ft1">nach auf Erschliessungsstrassen der Sicherheit der Fussgänger und</span><br/> <span class="ft1">Radfahrer Vorrang einzuräumen sei. Der Gemeinderat gewichte im</span><br/> <span class="ft1">Zweifelsfall Letzteres höher. Dies sei im vorliegenden Fall umso</span><br/> <span class="ft1">mehr geboten, als in die Ringstrasse aus Richtung Süden und Osten</span><br/> <span class="ft1">auch Fussgängerverbindungen einmündeten. Sodann führt die Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde an, die ausgeschiedene Ringstrasse weise enge Kurven und</span><br/> <span class="ft1">relativ kurze gerade Teilstücke auf. Ausweich- und Abstellmöglich-</span><br/> <span class="ft1">keiten für Lastwagen seien keine vorgesehen. Es sei unübersehbar,</span><br/> <span class="ft1">dass sich in Wohnquartieren mehr und mehr auch Lastwagen be-</span><br/> <span class="ft1">wegten und abgestellt werden müssten.</span><br/> <span class="ft1">4.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Eine Erschliessungsstrasse hat grundsätzlich eine Vielzahl von</span><br/> <span class="ft1">Anforderungen zu erfüllen. So muss sie die örtlichen Verhältnisse</span><br/> <span class="ft1">berücksichtigen und die Verkehrssicherheit aller Benutzer (Fussgän-</span><br/> <span class="ft1">ger, Radfahrer, Personenwagen, öffentliche Dienste wie Sanität,</span><br/> <span class="ft1">Feuerwehr, Kehrichtabfuhr) gewährleisten (Haller / Karlen, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 577). Des Weiteren sind die Anforderungen des Natur- und Hei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Bau-,Raumplanungs-undUmweltschutzrecht</span> <span class="page_no">165</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">matschutzes, des Umweltschutzes sowie weitere wichtige Anforde-</span><br/> <span class="ft1">rungen der Raumplanung, insbesondere die haushälterische Boden-</span><br/> <span class="ft1">nutzung, zu berücksichtigen (Art. 1 und 3 RPG; Art. 11 und 25</span><br/> <span class="ft1">USG). Die genannten Erfordernisse können im Einzelfall miteinan-</span><br/> <span class="ft1">der kollidieren. Da keinem von ihnen ein absoluter Vorrang zu-</span><br/> <span class="ft1">kommt, ist eine Interessenabwägung vorzunehmen. Unter verschie-</span><br/> <span class="ft1">denen möglichen Varianten ist jene zu wählen, welche unter Berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigung aller Umstände den Verhältnissen am Besten angepasst</span><br/> <span class="ft1">ist. Dabei kommt den Gemeinden ein grosser Ermessensspielraum zu</span><br/> <span class="ft1">(Art.</span> <span class="ft1">2 Abs.</span> <span class="ft1">3 RPG; zum Ganzen: BGE vom 6.</span> <span class="ft1">Mai 1993</span><br/> <span class="ft1">[1P.115/1992], in: ZBl, S. 91; VGE IV/32 vom 1. September 2005</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2003.347], S. 15 f.). Das heisst allerdings nicht, dass beliebige</span><br/> <span class="ft1">Anforderungen gestellt werden dürfen, die Planungsbehörde ist an</span><br/> <span class="ft1">Gesetz und Recht gebunden (§ 2 Abs. 1 aVRPG). Auch dort, wo eine</span><br/> <span class="ft1">Norm der rechtsanwendenden Behörde Ermessen einräumt, besteht</span><br/> <span class="ft1">eine Bindung der Ermessensbetätigung an das Gesetz und die</span><br/> <span class="ft1">Verfassung (Ulrich Häfelin / Georg Müller / Felix Uhlmann, All-</span><br/> <span class="ft1">gemeines Verwaltungsrecht, 5.</span> <span class="ft1">Auflage, Zürich 2006, Rz. 441;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2005, S. 152; AGVE 2003, S. 190 mit Hinweis). Trotz ihrer</span><br/> <span class="ft1">durch die Kantonsverfassung begründeten autonomen Stellung müs-</span><br/> <span class="ft1">sen die Gemeinden die Nutzungsplanung in ihrem Gemeindegebiet</span><br/> <span class="ft1">daher nach den bundesrechtlichen Grundsätzen und Zielen sowie den</span><br/> <span class="ft1">kantonalen Vorgaben der Raumplanung ausrichten. Die auch durch</span><br/> <span class="ft1">Art. 2 Abs. 3 RPG normierte Zurückhaltung verlangt von den Ge-</span><br/> <span class="ft1">nehmigungs- und Rechtmittelinstanzen nicht, bei Planungsentschei-</span><br/> <span class="ft1">den der Gemeinden erst einzuschreiten, wenn sich diese als unsach-</span><br/> <span class="ft1">lich oder unhaltbar erweisen. Korrekturen sind vielmehr schon dann</span><br/> <span class="ft1">möglich, wenn sich die gemeindeseitig getroffene Lösung auf Grund</span><br/> <span class="ft1">überkommunaler Interessen als unzweckmässig erweist oder wenn</span><br/> <span class="ft1">sie den wegleitenden Grundsätzen und Zielen der Raumplanung</span><br/> <span class="ft1">nicht entspricht oder diesen unzureichend Rechnung trägt (Wald-</span><br/> <span class="ft1">mann Bernhard / Hänni Peter, Handkommentar Raumplanungsge-</span><br/> <span class="ft1">setz, Art. 33 N 64 f. mit Hinweisen; BGE 127 II 238 Erw. 3.b.aa;</span><br/> <span class="ft1">BGE 119 Ia 321 Erw. 5.a). Auch die Genehmigungsbehörde hat die</span><br/> <span class="ft1">Nutzungsplanung der Gemeinde vollumfänglich, aber differenzie-</span><br/> <span class="ft1">rend nach Massgabe der Rolle, die sie im betreffenden Sachzusam-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">166</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">menhang sachlich und institutionell erfüllt, zu prüfen. Die Über-</span><br/> <span class="ft1">prüfung hat sich dabei in dem Umfang zurückzuhalten, als es um rein</span><br/> <span class="ft1">lokale Anliegen und örtlich spezifische Interessen geht und weder</span><br/> <span class="ft1">überörtliche Interessen noch überwiegende Rechtsschutzanliegen</span><br/> <span class="ft1">berührt sind (AGVE 1994, S. 369 f.).</span><br/> <span class="ft1">Im Rechtsschutzverfahren schreibt § 26 BauG eine vollum-</span><br/> <span class="ft1">fängliche Überprüfung des Planungsentscheides der Gemeinde ein-</span><br/> <span class="ft1">schliesslich der Ermessenskontrolle vor (Art. 33 Abs. 3 lit. b RPG;</span><br/> <span class="ft1">§ 26 i.V.m. § 4 Abs. 1 BauG und § 49 aVRPG). Auch die Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deinstanz ist indessen und insbesondere bei der Beurteilung von</span><br/> <span class="ft1">kommunalen Interessen zur Zurückhaltung verpflichtet, was bedeu-</span><br/> <span class="ft1">tet, dass der Gemeinde ihre Gestaltungsfreiheit in der Planung auch</span><br/> <span class="ft1">im Rechtsmittelverfahren zu belassen ist (Art.</span> <span class="ft1">2 Abs.</span> <span class="ft1">3 RPG;</span><br/> <span class="ft1">BGE 121 I 117 Erw. 4.c; BGE 116 Ia 221 Erw. 2; Pierre Tschannen,</span><br/> <span class="ft1">in: Heinz Aemissegger / Alfred Kuttler / Pierre Moor / Alexander</span><br/> <span class="ft1">Ruch [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über die Raumplanung,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 1999 [im Folgenden: Kommentar RPG], Art. 2 N 60 f.). Die</span><br/> <span class="ft1">Gestaltungsfreiheit konkretisiert sich daher bei der Wahl unter meh-</span><br/> <span class="ft1">reren zur Verfügung stehenden angemessenen Vorkehren und soll</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich der Gemeinde als nachgeordnete Behörde überlassen</span><br/> <span class="ft1">bleiben (Art. 2 Abs. 3 RPG). Der Regierungsrat als übergeordnete</span><br/> <span class="ft1">Behörde darf im Beschwerdeverfahren auch eine unangemessene</span><br/> <span class="ft1">Lösung der Gemeinde nicht aus ihrem eigenen Ermessen ersetzen,</span><br/> <span class="ft1">solange sachliche Gründe für den Entscheid der Planungsbehörde</span><br/> <span class="ft1">vorliegen (Tschannen, a.a.O., Art. 2 N 64; AGVE 1996, S. 307;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2002, S. 286; VGE IV/67 vom 13.</span> <span class="ft1">November 2001</span><br/> <span class="ft1">[BE.1996.284], S.</span> <span class="ft1">15; VGE IV/52 vom 11. Dezember 2002</span><br/> <span class="ft1">[WBE.2000.271], S. 33 f.).</span><br/> <span class="ft1">Entsprechend kann der Planungsentscheid der Gemeinde X. auf</span><br/> <span class="ft1">Erweiterung der Strassenbreite um 50 cm nicht bereits unter Verweis</span><br/> <span class="ft1">auf ihre verfassungsrechtlich garantierte Entscheidungsfreiheit sank-</span><br/> <span class="ft1">tioniert werden. Vielmehr müssen sich sowohl Genehmigungsbehör-</span><br/> <span class="ft1">de wie auch Beschwerdeinstanz auf der Grundlage der bundes- und</span><br/> <span class="ft1">kantonalrechtlichen Planungs- und Erschliessungsgrundsätze mit</span><br/> <span class="ft1">dem Sondernutzungsplan auseinandersetzen und entsprechend ihren</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Bau-,Raumplanungs-undUmweltschutzrecht</span> <span class="page_no">167</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Funktionen das kommunale Planungsermessen zwar beachten, aber</span><br/> <span class="ft1">die Rechtmässigkeit der Ermessensbetätigung prüfen.</span><br/> <span class="ft1">4.4.3.</span><br/> <span class="ft1">Zum Vornherein wenig überzeugend ist das Argument der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde, der Erschliessungsplan lege die Maximaldimensionierung</span><br/> <span class="ft1">fest und schaffe einen Planungsspielraum. Zwar trifft es zu, dass über</span><br/> <span class="ft1">die definitive Strassenbreite erst anhand der konkreten Überbauung</span><br/> <span class="ft1">und Nutzung definitiv entschieden wird. Der Erschliessungsplan mit</span><br/> <span class="ft1">den Strassen- und Baulinien verschafft der Gemeinde das Enteig-</span><br/> <span class="ft1">nungsrecht (§ 132 Abs. 1 BauG) und hat u.a. den Zweck die Ausdeh-</span><br/> <span class="ft1">nung von Strassen festzulegen und das hierzu erforderliche Land</span><br/> <span class="ft1">auszuscheiden (§ 17 Abs. 1 BauG). Mit dem Eingriff in das Eigen-</span><br/> <span class="ft1">tum nicht vereinbar ist daher die Ausscheidung von Land zur</span><br/> <span class="ft1">Schaffung eines Planungsspielraums.</span><br/> <span class="ft1">Die Gemeinde führt zur Begründung der Erweiterung der Stras-</span><br/> <span class="ft1">senbreite ihre (schlechten) Erfahrungen in anderen Quartieren mit</span><br/> <span class="ft1">Strassenbreiten unter 5 m an. Insbesondere für die Ringstrasse</span><br/> <span class="ft1">(Schlaufe) wird sodann auf das fehlende Trottoir hingewiesen. Er-</span><br/> <span class="ft1">gänzend wird angeführt, mit den Fahrbahnbreiten sollen auch die</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzungen für Strassen als "Begegnungszonen" geschaffen</span><br/> <span class="ft1">werden. Betont wird weiter das Schutzbedürfnis der Fussgänger und</span><br/> <span class="ft1">Radfahrer, insbesondere zur Erschliessung des Kindergartens und der</span><br/> <span class="ft1">darin situierten Mütterberatung.</span><br/> <span class="ft1">4.4.4.</span><br/> <span class="ft1">Das Gebiet "Gatterächer" liegt zentral im Siedlungsgebiet der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde X.. Die Haselstrasse dient in nordsüdlicher Richtung als</span><br/> <span class="ft1">zentrale Fuss- und Radwegachse für die Schüler aus dem Gebiet</span><br/> <span class="ft1">"Flüh" und "Zelgli" zu den Schulhäusern "Ländli". Die mit 5 m vor-</span><br/> <span class="ft1">gesehene Strassenbreite für die Haselstrasse und dem zusätzlichen</span><br/> <span class="ft1">Trottoir dient auch der Erschliessung des Kindergartens, dabei ist</span><br/> <span class="ft1">dem erhöhten Schutzbedürfnis der Kinder Rechnung zu tragen. Das</span><br/> <span class="ft1">Trottoir wurde in der Breite auf 2 m reduziert, weshalb der Fahr-</span><br/> <span class="ft1">radverkehr auf die Strasse verwiesen wird. Geplant sind auch in Ost-</span><br/> <span class="ft1">Westrichtung durchgehende Fuss- und Radwege zur Verbindung der</span><br/> <span class="ft1">östlich an den Perimeter angrenzenden Wohngebiete mit dem</span><br/> <span class="ft1">Zentrum an der Kantonsstrasse. Diese Argumente sind nachvollzieh-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">168</span></div> <div class="page" id="S13"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">bar. Zunächst stellt das Gesetz selber den Grundsatz auf, dass auf</span><br/> <span class="ft1">Strassen, die vorwiegend der Erschliessung dienen, die verschiede-</span><br/> <span class="ft1">nen Verkehrsteilnehmer grundsätzlich gemischt werden (§ 92 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">Satz 1 BauG). Der Sicherheit der Fussgänger und Radfahrer ist</span><br/> <span class="ft1">zudem Vorrang einzuräumen (§ 92 Abs. 2 BauG). Im Weiteren</span><br/> <span class="ft1">erscheint die Annahme, dass mit der Aufhebung des Gehwegs</span><br/> <span class="ft1">entlang der Bahnlinie, der Fuss- und Fahrradverkehr von den</span><br/> <span class="ft1">östlichen Wohngebieten vermehrt von der neuen Erschliessung</span><br/> <span class="ft1">aufgenommen werden muss, nicht abwegig. In zentral gelegenen</span><br/> <span class="ft1">Wohngebieten besteht auch an der Schaffung von "Begegnungs-</span><br/> <span class="ft1">zonen" im Interesse der Kinder ein legitimes Interesse. Das</span><br/> <span class="ft1">Argument der erhöhten Sicherheitsanforderungen der Fussgänger</span><br/> <span class="ft1">und Radfahrer, rechtfertigt daher die Verbreiterung um 50 cm, auch</span><br/> <span class="ft1">soweit es um die Ringstrasse geht. Zusätzlich zu berücksichtigen</span><br/> <span class="ft1">sind hier die Fusswegverbindung, die von der Strasse "Am Bach" in</span><br/> <span class="ft1">die Ringstrasse führt und auch der Nord-Süd-Verbindung dient,</span><br/> <span class="ft1">sowie die engen Kurven. Auch wenn die schlechten Erfahrungen der</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde X. im Einsprache- und den Rechtsmittelverfahren nicht</span><br/> <span class="ft1">substantiiert wurden, bestehen hinreichend sachliche Argumente für</span><br/> <span class="ft1">eine Verbreiterung um 0,5 m. Der Beschwerdeführer wendet zwar</span><br/> <span class="ft1">mit Recht ein, dass auch das Interesse an einem Landflächen</span><br/> <span class="ft1">sparenden und wirtschaftlichen Strassenbau ein gewichtiges öffent-</span><br/> <span class="ft1">liches Interesse darstellt (§ 92 Abs. 1 BauG). Es ist aber nicht zu</span><br/> <span class="ft1">beanstanden, dass die Gemeinde X. die Sicherheitsaspekte und die</span><br/> <span class="ft1">Siedlungsgestaltung im Vergleich zu den in Frage stehenden rund</span><br/> <span class="ft1">175 m</span><span class="ft7"><sup>2</sup></span> <span class="ft1">höher gewichtet. Sie folgt damit bei der Interessenabwägung</span><br/> <span class="ft1">den Zielvorstellungen des Gesetzgebers (siehe vorne Erw. 4.4.2) und</span><br/> <span class="ft1">entscheidet mit haltbaren Gründen, wenn sie dem Sicherheits-</span><br/> <span class="ft1">bedürfnis der Radfahrer und Fussgänger, insbesondere den Kindern,</span><br/> <span class="ft1">ein relativ starkes Gewicht beimisst. Eine solche Entscheidung muss</span><br/> <span class="ft1">der Gemeinde X. infolge ihrer Sachnähe, Ortskenntnis, und auch der</span><br/> <span class="ft1">Gemeindeautonomie zugebilligt werden. Sind solche lokalen Aspek-</span><br/> <span class="ft1">te von Bedeutung, hat sich die Planprüfung im Beschwerdeverfahren</span><br/> <span class="ft1">auf die Frage zu beschränken, ob eine angemessene Lösung getroffen</span><br/> <span class="ft1">wurde (Heinz Aemisegger / Stephan Haag, in: Kommentar RPG,</span><br/> <span class="ft1">Art. 33 N 61 f.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Bau-,Raumplanungs-undUmweltschutzrecht</span> <span class="page_no">169</span></div> <div class="page" id="S14"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">4.4.5.</span><br/> <span class="ft1">In der Interessenabwägung sind auch die privaten Interessen des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführers und der betroffenen Grundeigentümer einzube-</span><br/> <span class="ft1">ziehen. Hinsichtlich des Schopfes auf Parzelle Nr. Y. ist festzuhalten,</span><br/> <span class="ft1">dass dieser selbst bei einer Strassenbreite von 4,5 m und einer Re-</span><br/> <span class="ft1">duktion der Breite auf dieser Seite der Ringstrasse dem Er-</span><br/> <span class="ft1">schliessungsvorhaben weichen muss. Gewichtiger erscheint das In-</span><br/> <span class="ft1">teresse des Beschwerdeführers, soweit die Parzelle Nr. Y. direkt ent-</span><br/> <span class="ft1">eignungsrechtlich tangiert wird. Die zusätzliche Breite von 50 cm</span><br/> <span class="ft1">beansprucht eine zusätzliche Fläche von ca. 42 m</span><span class="ft7"><sup>2</sup></span> <span class="ft1">dieses Grund-</span><br/> <span class="ft1">stücks bzw. insgesamt von rund 175 m</span><span class="ft7"><sup>2</sup></span><span class="ft1">. Das Interesse des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers und der übrigen Grundeigentümer ist damit nicht als</span><br/> <span class="ft1">derart erheblich einzustufen, dass die Gemeinde X. mit der vor-</span><br/> <span class="ft1">genommenen Interessenabwägung ihr Ermessen überschritten hat.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>