Verwaltungsgericht des Kantons Schwyz Kammer I I 2022 17 Entscheid vom 8. Juli 2022 Besetzung lic.iur. Gion Tomaschett, Vizepräsident Dr.med. Urs Gössi, Richter Dr.med. Pierre Lichtenhahn, Richter MLaw Manuel Gamma, Gerichtsschreiber Parteien A.________, gesetzlich vertreten durch B.________, beide vertreten durch Advokatin lic.iur. C.________, gegen IV-Stelle Schwyz, Rechtsdienst, Postfach 53, 6431 Schwyz, Vorinstanz, Gegenstand Invalidenversicherung (Hilflosenentschädigung für Minderjährige und Intensivpflegezuschlag)2 Sachverhalt: A.A.________ ist der Sohn von B.________ und D.________. Nach der Ge- burt (_____2018) wurde er bis zum 15. März 2018 im Kinderspital E.________ betreut. Vom 30. April 2018 bis 15. Mai 2018 war er im Kinderspital F.________ hospitalisiert (IV-act. 7 und 38). In der IV-Anmeldung wurden die gesundheitli- chen Beeinträchtigungen mit "Herzfehler (VSD), weitere neurologische Proble- me" umschrieben (IV-act. 14-5/7). Die IV-Stelle erteilte Kostengutsprache für die Behandlung der Geburtsgebrechen Ziff. 281, 303, 313, 395 und 498 (IV-act. 63- 66 und 79). Im Bericht zur Hospitalisation vom 2. bis 14. August 2018 im Kinder- spital F.________ werden folgende Diagnosen aufgeführt (IV-act. 73): Übergeordnete syndromale Erkrankung -Genetische Mutation: heterozygote Duplikation (8.9Bb) im 13q12.11 bis 12.3., sowie heterozygote Deletionen (je 890 Kb und 13.6 Mb) der Banden 13q12.3 bis q14.11 Kardial: Mittelgrosser perimembranös-muskulärer Ventrikelseptumdefekt (VSD) mit: -leichter hämodynamischer Relevanz -leicht erhöhtem pulmonalem Druck VSD-Patchverschluss, PDA Verschluss und PFO Direktverschluss am 03.08.2018 -therapiebedürftige postoperative Anämie (67 mg/l) Wundrevision bei Blutung nach Deinstallation der Pacerdrähte und Perikarddraina- ge 05.08.2018 Gastroenterologisch: -Vd. auf anteriorer Zwerchfellhernie (Morgagni), DD relaxatio diaphragmati- ce (ED 09.05.2018) -Trinkschwäche mit Erbrechen und Würgen -Gastroösophagealer Reflux -Ernährung mittels nasogastraler Sonde Neurologisch: -Small for Gestational Age, primäre Mikrocephalie -Hyperkinetisches Bewegungsmuster Opthalmologisch: -Nicht altersentsprechendes Fixationsverhalten, verzögerte visuelle Reifung -Leichte Lidspaltenasymmetrie links<rechts, intermittierend, keine signifi- kante Anisokorie, daher kein Hinweis auf Horner-Syndrom -Intermittierender Strabismus convergens Orthopädisch: -Schmetterlingswirbel Weitere Aufenthalte im Kinderspital F.________ folgten am 20. September 2018 (bis 21.9.2018) und am 27. September 2018 (bis 12.10.2018, IV-act. 82). Unter anderem übernahm die IV-Stelle die Kosten für Kinderspitexleistungen (IV-act. 89). Am 27. Juni 2019 verfügte die IV-Stelle, dass ab 1. Dezember 2018 An- spruch auf eine Entschädigung wegen leichter Hilflosigkeit bestehe (IV-act. 119). 3 B.Nach einer Überprüfung teilte die IV-Stelle am 2. April 2020 mit, dass wei- terhin (unverändert) Anspruch auf eine Entschädigung wegen leichter Hilflosig- keit bestehe (IV-act. 164). Sodann übernahm die IV-Stelle gemäss Mitteilungen vom 20. April 2020 und 15. Mai 2020 weiterhin die Kosten für Physiotherapie (in- kl. Domizilbehandlung), für Ernährungsberatung und für Kinderspitexleistungen (IV-act. 172, 175, 180). Mit Verfügung vom 21. September 2020 lehnte es die IV-Stelle ab, die Hilflosen- entschädigung zu erhöhen sowie einen Intensivpflegezuschlag zu gewähren (IV- act. 193). C.Dagegen liess der Kindsvater am 22. Oktober 2020 beim Verwaltungsge- richt Beschwerde erheben (IV-act. 199). Vom 23. November 2020 bis 24. No- vember 2020 war A.________ erneut im Kinderspital hospitalisiert (IV-act. 205). Nach mehrfachem Schriftenwechsel hat das Verwaltungsgericht mit Entscheid I 2020 93 vom 17. Mai 2021 wie folgt entschieden: Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen teilweise gutgeheissen. Der Be- schwerdeführer hat mit Wirkung ab Februar 2020 Anspruch auf eine Hilflosenent- schädigung wegen mittelschwerer Hilflosigkeit und Anspruch auf einen Intensiv- pflegezuschlag ausgehend von einem Mehraufwand für die Intensivpflege von über vier und unter sechs Stunden. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. D.In der Zwischenzeit eröffnete die IV-Stelle am 18. Februar 2021 von Amtes wegen ein Revisionsverfahren zur Prüfung des Leistungsanspruchs bezüglich der Hilflosigkeit des Versicherten (IV-act. 227). Nach entsprechenden Abklärungen kündigte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 11. Juni 2021 an, ab 1. Februar 2021 nebst einer Entschädigung wegen Hilflo- sigkeit mittleren Grades einen Intensivpflegezuschlag von über 6 Stunden zu gewähren (IV-act. 261). Dagegen gingen am 13. Juli 2021 bei der IV-Stelle Ein- wände des Kindsvaters bzw. der Rechtsvertreterin ein (IV-act. 263). Am 10. August 2021 ging bei der IV-Stelle ein zusätzliches Gesuch um Ge- währung eines IV-Assistenzbeitrages ein (IV-act. 268). Am 2. Februar 2022 verfügte die IV-Stelle, dass (sinngemäss) A.________ ab- gesehen von der laufenden Entschädigung wegen Hilflosigkeit mittleren Grades ab 1. Februar 2021 Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag von über 6 Stun- den habe (IV-act. 291). E.Gegen diese am 7. Februar 2022 eingegangene Verfügung lassen die El- tern fristgerecht am 9. März 2022 Beschwerde ans Verwaltungsgericht erheben mit den folgenden Rechtsbegehren:4 1. In Abänderung der Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 02.02.2022 sei dem Beschwerdeführer rückwirkend ab 01.02.2021 neben der Hilflosenent- schädigung mittleren Grades ein Intensivpflegezuschlag für einen Betreuungs- mehraufwand von über 8 statt nur 6 Stunden pro Tag zuzusprechen. 2. Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die Beschwer- degegnerin zurückzuweisen. 3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zuzüglich der gesetzlichen Mehr- wertsteuer) zulasten der Beschwerdegegnerin. F.Mit Vernehmlassung vom 6. April 2022 beantragt die IV-Stelle, die Be- schwerde sei abzuweisen, unter Kostenfolge zulasten des Beschwerdegegners. Mit Replik vom 25. April 2022 hält der Beschwerdeführer bzw. seine Rechtsver- treterin an den in der Beschwerde gestellten Anträgen fest. Die IV-Stelle verzich- tet am 12. Mai 2022 auf die Erstattung einer weiteren Stellungnahme. Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.1Im konkreten Fall sind sich die Parteien einig, dass der Versicherte An- spruch auf eine Hilflosenentschädigung mittleren Grades hat. Dazu erübrigen sich weitere Ausführungen. Streitig und nachfolgend zu prüfen ist der Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag (IPZ). Während die Vorinstanz in der angefoch- tenen Verfügung vom 2. Februar 2022 eine IPZ-Entschädigung auf der Basis eines täglichen invaliditätsbedingten Betreuungsaufwands von mehr als 6 Stun- den zugesprochen hat, wird in der Beschwerde ein Betreuungsmehraufwand von über 8 Stunden pro Tag geltend gemacht. Im Übrigen bildet die Fragestellung, ob gegebenenfalls zusätzlich Anspruch auf Assistenzbeitrag besteht, nicht Gegen- stand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens. 1.2Die Voraussetzungen für einen Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag im Sinne von Art. 42 ter Abs. 3 IVG wurden den gleichen Parteien im Entscheid I 2020 93 vom 17. Mai 2021 (IV-act. 250) im Einzelnen dargelegt. Es kann darauf verwiesen werden, ohne dass diese Ausführungen hier nochmals zu wiederholen wären. 2.1.1 Am 4. Mai 2021 ermittelte die IV-Abklärungsperson einen relevanten Be- treuungsaufwand von insgesamt 6 Stunden und 47 Minuten (vgl. IV-act. 260), worauf im Vorbescheid vom 11. Juni 2021 eine geplante IPZ-Entschädigung von über 6 Stunden angekündigt wurde (IV-act. 261). Daraufhin gingen bei der IV- Stelle am 13. Juli 2021 Einwände vom 11. und 12. Juli 2021 ein (IV-act. 263), welchen in der Folge in der angefochtenen Verfügung mindestens teilweise statt-5 gegeben wurde (IV-act. 291). Die hier interessierenden Angaben (in Minuten) zum jeweiligen Betreuungsmehraufwand lauten wie folgt: Bereiche Abklärungs- bericht 4.5.21 Bf-Standpunkt vom Bf ver- langte Kor- rekturen Anpassungen in der Verfügung vom 2.2.22 An-/Auskleiden 20 30 + 10 + 10 Aufstehen/Abliegen 26 86 + 60 + 30 Essen 160 160 - - Verrichten Notdurft 30 35 + 5 - Behandlungspflege 43 63 + 20 + 20 Begleitung Arztbesuche 10 10 - - (zusätzl.) Überwachung (abzügl. Spitex) 120 (- 02) 120 (- 02) - - Total 407 (bzw. 6h 47M.) 502 (bzw. 8h 22M.) + 95 (6h 47M. + 60 M.) (bzw. 7h 47M.) 2.1.2 Nachdem die Divergenz hinsichtlich des Bereichs "Notdurft" (von 5 Minu- ten) in der vorliegenden Beschwerde auch nicht ansatzweise thematisiert wird, mit anderen Worten diesbezüglich vor Gericht keine Korrektur gefordert wird, be- steht hier kein Anlass, darauf näher einzugehen. Damit beschränkt sich die gerichtliche Prüfung auf den Bereich "Aufstehen/ Ab- sitzen/ Abliegen" und namentlich auf Fragen des Mehraufwandes im Zusammen- hang mit Schlafproblemen (siehe nachfolgend). Für diesen Bereich rechnete die Abklärungsperson ursprünglich 20 Minuten für Positionswechsel/Transfer sowie 6 Minuten für Umlagerungen (Total 26 Minuten) an, derweil für Einschlafrituale und Zusatzaufwand in der Nacht ("aufstehen, beruhigen, medizinisch bedingt") im Abklärungsbericht kein Zeitmehraufwand bzw. keine Minuten berücksichtigt wurden (IV-act. 260-2/5 oben). 2.2In der angefochtenen Verfügung werden hinsichtlich des Bereichs "Aufste- hen/ Absitzen/ Abliegen" zusätzlich 30 Minuten angerechnet mit der folgenden Begründung (IV-act. 291-2/7 oben): Neben dem Zusatzaufwand in der Nacht von 120 Minuten wird ein Zusatzaufwand für Einschlafrituale geltend gemacht. Gemäss Verwaltungsgerichtsurteil vom Mai 2021 sind die Schlafstörungen ausgewiesen. Entgegen dem KSIH wird im Aus- nahmefall von … bereits mit 3 Jahren der Zusatzaufwand in der Nacht mit 30 Minu- ten berücksichtigt. Im Zusammenhang mit den Einschlafstörungen haben wir weitere medizinische Abklärungen vorgenommen. Diese haben gezeigt, dass keine Einschlafstörungen ausgewiesen sind und somit kein Zusatzaufwand für Einschlafrituale gewährt wer- den kann.6 2.3In der Tat hat das Gericht im Entscheid I 2020 93 vom 17. Mai 2021 das Vorliegen von massiven Schlafproblemen anerkannt. In Erwägung 9.3 (S. 21) wird dazu u.a. ausgeführt: Hinzu kommen massive Schlafprobleme. Gemäss den medizinischen Akten leidet der Versicherte an Apnoen; er kann nicht tief einschlafen und bleibt auch nachts unruhig. Auch nachts können zudem Schmerzkrisen und Schreiattacken auftreten und der Versicherte benötigt deshalb auch nachts eine intensive Betreuung. Die zur Verbesserung der Schlafproblematik eingeleitete medikamentöse Therapie blieb erfolglos. (…) Die ständige und belastende Bereitschaft, bei der Gefahr von Selbstverletzung, bei Schmerzattacken, bei Würgeanfällen oder bei Schreiattacken infolge häufiger Apnoen nachts eingreifen zu müssen, geht klar über den Betreu- ungsbedarf eines gleichaltrigen Kleinkindes hinaus, welches in Hörweite im häusli- chen Umfeld bereits eine gewisse Selbständigkeit besitzt, welches in die alltägli- chen Haushaltarbeiten integriert werden kann und welches nicht an pathologischen Schlafstörungen leidet (…). 2.4.1 Im Rahmen des Abklärungsberichts vom 4. Mai 2021 notierte die zustän- dige Mitarbeiterin der IV-Stelle im Zusammenhang mit der Schlafthematik (IV-act. 260-2/5 oben): (…) Der Vater sagt aus, dass er im Durchschnitt 20mal pro Nacht aufwache und beruhigt werden müsse. Manchmal schlafe er nach zwei Minuten wieder ein, ande- re Male erst nach 15 Minuten. Auch gebe es Nächte, in denen … sehr früh aufste- hen wolle und sich nicht beruhigen lasse. 2.4.2 Am 11. Juli 2021 ergänzte der Kindsvater die Angaben zum Bereich "Auf- stehen/ Absitzen/ Abliegen" unter anderem wie folgt (IV-act. 263-4f./7): Ich hatte Ihnen auch gesagt, dass … einige Male im Monat plötzlich 2 Stunden wach bleibe und nicht mehr einschlafen kann oder möchte. Dies geschieht öfters gegen 2 Uhr morgens. (…) … braucht eine überdurchschnittliche Unterstützung zum Einschlafen und während dem Schlaf. Die Neurologen vermuten, dass er (recte wohl: es) hier wegen seinen chromosomalen Fehlern Störungen gibt. Mehrere medizinische Behandlungs- massnahmen wurden schon in Betracht gezogen (einige Beweise dazu: Arztbericht Neurologie vom 05.02.2019 und 17.04.2019, Neurologie Bestätigung "Novalgin" vom 09.03.2021 u.a.), sowie auch schon probiert. Wegen den Atempausen gehen wir hier aber sehr vorsichtig vor mit Einsetzen von Medikamenten die beruhigen. Es sind weitere Untersuchungen geplant, um alles rund um den Schlaf besser zu verstehen. Meiner Meinung nach hat … ernste Schlafstörungen seit Jahren, wel- cher aber noch nicht medizinisch "gelöst" werden konnten, wo aber klar die not- wendige Dokumentation vorliegt, damit man es jetzt schon anerkennen kann und nicht erst mit 8 Jahren. Dasselbe gilt auch für die Berechnung "aufstehen, beruhi- gen (medizinisch bedingt)". (Die IV sollte für das Einschlafen sowie auch unter "aufstehen, beruhigen" den Mehraufwand als Sonderfall jetzt schon anerkennen, die notwendigen Beweise sind vorhanden).7 2.5.1 Am 13. September 2021 unterbreitete die für die Sachbearbeitung zustän- dige IV-Mitarbeiterin dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) folgende Frage- stellungen (IV-act. 272): Gemäss KSIH ist die Anrechnung eines medizinisch-bedingten Zusatzaufwands in der Nacht (aufstehen, beruhigen) erst ab 4 Jahren möglich. Einschlafrituale sind gemäss KSIH bis zum Alter von 8 Jahren bis zu 45 Minuten altersentsprechend. Nun stellt sich uns die Frage, ob in diesem speziellen Fall eine Anrechnung ab dem 3. Geburtstag gerechtfertigt ist und wir somit von den Vorgaben nach KSIH abweichen können/müssen. Die Zeiten im Abklärungsbericht sind 1:1 die Zeiten, welche die Eltern bei der Ab- klärung ausgesagt haben. Sie können von uns nicht überprüft werden. Fragen an den RAD -Genügen die vorhandenen medizinischen Unterlagen, um diese Frage zu klären? -Ist aus medizinischer Sicht der von den Eltern angegebene zeitliche Mehr- aufwand nachvollziehbar? -Wenn ja, mit welcher medizinischen Begründung könnte in diesem Aus- nahmefall der Zeitaufwand für Schlafritual/ Zusatzaufwand in der Nacht begründen werden? 2.5.2 In der Antwort vom 21. September 2021 führte die RAD-Fachärztin G.________ (Allgem. Innere Medizin FMH) u.a. was folgt aus (IV-act. 274, Fett- druck nicht im Original): Die Eltern veranschlagen einen zeitlichen Mehraufwand für Einschlafrituale von 90 min und einen Zusatzaufwand in der Nacht von 120 min. Diese Zeiten wurden nicht objektiviert, sind aber in Anbetracht der komplexen verschiedenen Erkran- kungen bei Dysmorphie - Retardierungssyndrom aus medizinischer Sicht völlig nachvollziehbar. (…) 2.6.1 Nachdem Dr.med. H.________ (Oberärztin Kinderspital F.________) im Beschwerdeverfahren I 2020 93 in einem Schreiben vom 26. Januar 2021 an die Eltern zu zwei in der vorinstanzlichen Vernehmlassung thematisierten Aspekten Stellung genommen hatte (= IV-act. 225-13/18), folgerten die zuständigen Mitar- beiter der IV-Stelle in einer Aktenbeurteilung vom 21. Dezember 2021 daraus, dass (sinngemäss) der Versicherte gar keine Einschlaf- sondern lediglich Durch- schlafstörungen aufweise (mithin eine Diskrepanz zwischen der Fachärztin und den Eltern hinsichtlich geltend gemachten Einschlafstörungen bestünde). Für das weitere Vorgehen wurden ergänzende, von dieser Oberärztin zu beantwortende Fragen formuliert (vgl. IV-act. 278). 2.6.2 Die Antworten der angefragten Oberärztin Dr.med. H.________ vom 5. Januar 2022 lauten u.a. folgendermassen (IV-act. 284):8 1. Wenn offenbar kein medizinischer Behandlungsbedarf für die Einschlafstörun- gen besteht, haben sich die seitens der Eltern geltend gemachten Ein- schlafstörungen (zeitlicher Aufwand 90 Min.) zwischenzeitlich namhaft verbes- sert? Bei … bestehen Ein- und Durchschlafstörungen. Diese sind fluktuierend, ha- ben sich zwischenzeitlich nicht namhaft verbessert. 2. Gehen Sie aktuell weiterhin von Durchschlafstörungen anstelle von Ein- schlafstörungen aus? Bei … liegt beides vor. 3. Wie bewerten Sie aktuell die Einschlafstörungen? Auf was sind diese zurück- zuführen? Schmerz? Apnoe? Die Einschlafstörungen sind bei … am ehesten auf die genetische Grunder- krankung zurückzuführen. Die Durchschlafstörungen sind wahrscheinlich zu einem grossen Teil durch epileptische Anfälle verursacht, welche mit wieder- holten Arousals vergesellschaftet sind. (…) 4. Inwieweit sind die Einschlafstörungen aus medizinischer Sicht behandlungs- bedürftig? Die Einschlafstörungen sind vor allem aus sozialer Hinsicht behandlungsbe- dürftig, um der Familie einen etwas geregelteren Tagesablauf zu geben. Die Durchschlafstörungen sind aus medizinischer Sicht eindeutig behandlungsbe- dürftig, wir haben diesbezüglich nun eine antiepileptische Therapie gestartet. 5. Wie hat sich das Schlafverhalten seit Januar 2021 verändert? Keine Änderung. 2.6.3 Am 17. Januar 2022 unterbreitete die zuständige Sachbearbeiterin dem RAD einen neuen Fragenkatalog (IV-act. 286), worauf die RAD-Fachärztin in der Stellungnahme vom 25. Januar 2022 u.a. (sinngemäss) festhielt (IV-act. 288); -dass keine weitere medizinische Stellungnahme eines Pädiaters einzuholen sei; -dass keine Einschlafstörungen bestünden; massgeblich sei der eingereichte Po- lygraphiebefund, in welchem keine Einschlafstörungen dokumentiert würden; un- ter idealen Bedingungen (Licht aus) könne das Kind sofort einschlafen; -Zusammenfassend sei nicht von medizinisch notwendigen Einschlafritualen aus- zugehen. 3.1Bei dieser Sachlage verhält es sich so, dass die Vorinstanz in der ange- fochtenen Verfügung vom 2. Februar 2022 für den Mehraufwand der Eltern im Zusammenhang mit den Durchschlafstörungen des Versicherten 30 Minuten an- gerechnet hat, hingegen die Angaben der behandelnden Oberärztin des Kinder- spitals F.________ dahingehend beurteilte, dass keine Einschlafstörungen aus- gewiesen seien (siehe vorstehend).9 3.2Im vorliegenden Beschwerdeverfahren wurde ein zusätzlicher Kurzbericht vom 7. März 2022 eingereicht, in welchem die Oberärztin Dr.med. H.________ zur Thematik der Schlafstörungen wie folgt Stellung nimmt (Bf-act. 3): Wie im letzten Bericht vom 05.01.2022 beschrieben, bestehen bei … sowohl Ein- als auch Durchschlafstörungen. Im Bericht vom 26.01.2021 habe ich mich zwar nur zu den Durchschlafstörungen konkret geäussert, dies heisst aber nicht, dass … keine Einschlafstörungen hat. Die Einschlafstörungen sind definitiv vorhanden und fluktuierend und können bis zu 90 Minuten andauern. Oft gehen die Ein- schlafstörungen mit einer vermehrten Unruhe und früher auch Selbstverletzungen einher, welche eine vermehrte Überwachung und Kontrolle erfordern. Melatonin hat bezüglich Einschlafstörungen keine Wirkung erbracht. Dies ist aber bei geneti- schen Erkrankungen nicht selten zu sehen. Die Diagnose einer Einschlafstörung beruht nicht auf einer einzelnen Nacht und einem einzigen Polysomnographiebefund. Im Übrigen schlief … am Abend der Po- lysomnographie 90 Minuten NACH seiner normalen Einschlafzeit bei Ausschalten des Lichtes ein. In der letzten EEG-Untersuchungen vom 13.12.2021 konnten wir keinen Schlaf aufzeichnen, da … nicht einschlafen konnte, in der dafür vorgesehe- nen Zeitspanne. Die Einschlafstörungen sind mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die genetische Grunderkrankung zurückzuführen. Dies ist eine häufige Problematik und oft medizinisch-therapeutisch schwierig anzugehen. Mit Einschlafritualen kann versucht werden, die Situation zu verbessern. (…) 3.3Im Lichte dieser ergänzenden Angaben der behandelnden Fachärztin kann die Existenz von relevanten Einschlafproblemen beim Versicherten entgegen der Argumentation der Vorinstanz nicht verneint werden. Daran vermögen die Aus- führungen der Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung (Ziff. 6) nichts zu ändern. 3.3.1 Soweit die Vorinstanz dieser Fachärztin vorhält, dass sie in zwei Stellung- nahmen unterschiedliche Formulierungen verwendet habe, drängen sich folgen- de Bemerkungen auf. In der Tat trifft es zu, dass diese Fachärztin zum einen in ihrer Antwort an die IV-Stelle am 5. Januar 2022 ausführte (IV-act. 284-1/15): "die Einschlafstörungen sind … am ehesten auf die genetische Grunderkrankung zurückzuführen". Zum andern machte die gleiche Fachärztin in ihrer Stellung- nahme vom 7.3.2022 geltend, "die Einschlafstörungen sind mit grösster Wahr- scheinlichkeit auf die genetische Grunderkrankung zurückzuführen". Mit diesen beiden Formulierungen brachte diese Fachärztin grundsätzlich zum Ausdruck, dass nach ihrer Einschätzung ein enger Konnex zwischen der genetischen Grunderkrankung einerseits und den von ihr anerkannten Einschlafstörungen andererseits besteht. 3.3.2 Eine eigene fachärztliche Stellungnahme, welche diesen vorerwähnten Konnex in Frage stellen könnte, hat die Vorinstanz weder in Auftrag gegeben, noch dem Gericht eingereicht. Dem Vorhalt der Vorinstanz in ihrer Vernehmlas- sung (Ziff. 6), wonach diese Fachärztin keine alternativen Ursachen diskutiert 10 habe, ist entgegenzuhalten, dass diese Fachärztin gestützt auf ihre Einschätzung dazu keinen Anlass sah. Soweit aber die Vorinstanz diesen Konnex bezweifelt, wäre es an ihr gelegen, diesbezügliche fachärztliche Abklärungen zu veranlas- sen, was nicht aktenkundig ist. 3.3.3 In diesem Zusammenhang fällt (zu Ungunsten der Vorinstanz) massgeb- lich ins Gewicht, dass die konsultierte RAD-Fachärztin in ihrer Einschätzung vom 21. September 2021 den geltend gemachten zeitlichen Mehraufwand für Ein- schlafrituale "in Anbetracht der komplexen verschiedenen Erkrankungen bei Dysmorphie-Retardierungssyndrom aus medizinischer Sicht" als "völlig nachvoll- ziehbar" beurteilt hat (siehe IV-act. 274). Eine plausible Erklärung, weshalb diese eigene Beurteilung nachträglich nicht mehr gelten soll, hat die Vorinstanz vor Ge- richt nicht vorgebracht. Soweit die Vorinstanz aus dem erwähnten Bericht vom 26. Januar 2021 etwas für ihren nachträglichen Standpunkt ableiten will (IV-act. 278), verkennt sie insbesondere, dass aus einer ausdrücklich als Stellungnahme "zu zwei Punkten der Vernehmlassung" verfassten Erklärung nicht tel quel die Nichtexistenz von anderen Punkten hergeleitet werden kann. Sodann hat die er- wähnte Fachärztin in ihrer Stellungnahme vom 7. März 2022 überzeugend die dargelegte Herleitung der Vorinstanz als unzutreffend beanstandet. 3.3.4 Nicht zu hören ist namentlich auch der Einwand der Vorinstanz, unklar sei, was mit "fluktuierend" gemeint sei, jedenfalls seien "fluktuierende Einschlaf- störungen" nicht objektiviert worden (vgl. Vernehmlassung, Ziff. 6). Dass der Ver- sicherte nicht durchwegs immer gleich lange dauernde Einschlafprobleme hat, sondern wechselnde bzw. schwankende im Sinne von einmal mehr, und einmal weniger, dokumentieren nachgerade die beiden aktenkundigen Polysomnogra- phiebefunde (vom 5.7.2021 [= IV-act. 284-3ff/15] und vom 13.12.2021 [inkl. EEG- Befund vom 13.12.2021]). 3.3.5 Soweit die Vorinstanz in der Vernehmlassung (Ziff. 6) einwendet, dass die Eltern anlässlich der Abklärung vor Ort vom 3. März 2020 keine Einschlafstörun- gen erwähnt hätten (IV-act. 163), übersieht sie, dass die Eltern nach der Akten- lage hinreichend auf Einschlafprobleme hingewiesen haben (vgl. IV-act. 181 und 187 unten), wie auch in der Replik vom 25. April 2022 zutreffend hervorgehoben wurde. Abgesehen davon wurde bereits erwähnt, dass die RAD-Fachärztin in ih- rer Stellungnahme vom 21. September 2021 das Vorliegen von relevanten Ein- schlafproblemen anerkannt hat (IV-act. 274). 3.4Aus all diesen Gründen rechtfertigt es sich, in diesem konkreten Einzelfall für den Betreuungsmehraufwand im Zusammenhang mit den glaubhaften rele-11 vanten Einschlafstörungen mindestens 15 Minuten anzurechnen, womit die Schwelle von 8 Stunden (unbestrittene 7h und 47 Minuten) überschritten wird. 3.5Zum gleichen Ergebnis, wonach ein Anspruch auf einen Intensivpflegezu- schlag für einen Betreuungsmehraufwand von über 8 Stunden besteht, würde schliesslich auch die Eventualbegründung führen, wonach - falls entgegen den vorstehenden Erwägungen kein Betreuungsmehraufwand für Einschlafstörungen angerechnet würde - stattdessen für die massiven Durchschlafstörungen des Versicherten mindestens 45 (statt 30) Minuten angerechnet würden. 4.Nach dem Gesagten erweist sich die Beschwerde als begründet. Diesem Ergebnis entsprechend werden die Verfahrenskosten der Vorinstanz auferlegt. Zudem wird dem beanwalteten Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung zugesprochen. Das Honorar richtet sich nach dem Ge- bührentarif für Rechtsanwälte (GebTRA; SRSZ 280.411). § 2 des Gebührentarifs sieht als Bemessungskriterien die Wichtigkeit der Streitsache, ihre Schwierigkeit, den Umfang und die Art der Arbeitsleistung sowie den notwendigen Zeitaufwand vor. Das Honorar beträgt für die Vertretung vor Verwaltungsgericht Fr. 300.-- bis Fr. 8'400.-- (§ 14 GebTRA). Eine allfällige Kostennote ist zu spezifizieren und vor Fällen des Entscheides einzureichen; andernfalls wird die Vergütung nach freiem Ermessen festgesetzt (§ 6 Abs. 1 GebTRA). Das Verwaltungsgericht befolgt bei der Entschädigungsbemessung praxisgemäss eine zurückhaltende Praxis. Dies entspricht § 74 Abs. 1 VRP, welcher nur von einer angemessenen Entschädi- gung spricht (vgl. dazu Art. 105 f. ZPO). Im Lichte all dieser Aspekte wird das Honorar ermessensweise auf Fr. 2'400.-- festgelegt. 12 Demnach erkennt das Verwaltungsgericht: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung dahin- gehend abgeändert, dass dem Versicherten (abgesehen von der unbestrit- tenen Entschädigung wegen Hilflosigkeit mittleren Grades) mit Wirkung ab 1. Februar 2021 ein Intensivpflegezuschlag von über 8 Stunden zusteht. 2. Die Verfahrenskosten werden auf Fr. 500.-- festgelegt und der Vorinstanz auferlegt. Diese Kosten werden so abgewickelt, dass das Gericht den vom Beschwerdeführer bezahlten Kostenvorschuss einbehält und seiner Rechtsvertreterin Fr. 500.-- durch die Vorinstanz zu bezahlen sind. 3. Dem Beschwerdeführer wird zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädi- gung von Fr. 2'400.-- (inkl. MwSt und Auslagen) zugesprochen. 4. Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit Zustellung Beschwer- de* in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht, Schwei- zerhofquai 6, 6004 Luzern, erhoben werden (Art. 42 und 82ff. des Bundes- gesetzes über das Bundesgericht [BGG; SR 173.110] vom 17.6.2005). 5. Zustellung an: -die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers (2/R) -die Vorinstanz (R) -und das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV, 3003 Bern (A). Schwyz, 8. Juli 2022 Im Namen des Verwaltungsgerichts Der Vizepräsident: Der Gerichtsschreiber: *Anforderungen an die Beschwerdeschrift Die Beschwerdeschrift ist in einer Amtssprache (Deutsch, Französisch, Italienisch, Ru- mantsch Grischun) abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. In der Begründung ist in gedrängter Form darzulegen, inwiefern der angefochtene Entscheid Recht verletzt. Die Urkunden, auf die sich die Partei als Beweismittel beruft, sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat; der angefochtene Entscheid ist beizulegen. Versand: 12. Juli 2022