B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2085/2019 U r t e i l v o m 2 5 . N o v e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter William Waeber, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren am (…), Staat unbekannt (angeblich Somalia), vertreten durch MLaw Lukas Marty, Rechtsschutz für Asylsuchende, Bundesasylzentrum, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 29. März 2019 / N (…). E-2085/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reiste gemäss seiner Darstellung am 15. Juni 2016 in die Schweiz ein und stellte am 16. Juni 2016 im Empfangs- und Verfah- renszentrum (EVZ) B._______ ein Asylgesuch. B. Mit Zwischenverfügung vom 17. Juni 2016 eröffnete das SEM dem Be- schwerdeführer, dass er in Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der Verordnung über die Durchführung von Testphasen zu den Beschleunigungsmassnah- men im Asylbereich vom 4. September 2013 (TestV; SR 142.318.1) dem Verfahrenszentrum C._______ zugewiesen und sein Asylgesuch dort be- handelt werde. C. Am 28. Juni 2016 fand die Befragung zur Person des Beschwerdeführers und am 12. Juli 2016 eine vertiefte Anhörung zu seinen Asylgründen ge- mäss Art. 17 Abs. 2 Bst. b TestV statt. D. Mit Eingabe vom 19. Juli 2016 reichte der Beschwerdeführer ein äthiopi- sches Identitätsdokume nt (Mustawaqa) seiner Mutter , ein somalisches Schuldokument seines Vaters, beide in Kopie, sowie einen Zettel mit dem Namen seiner Facebook-Seite zu den Akten. E. Mit Zuweisungsentscheid vom 21. Juli 2016 wurde der Beschwerdeführer in das erweiterte Verfahren ausserhalb der Testphasen zugewiesen. F. Am 21. März 2018 führte das SEM eine ergänzende Anhörung des Be- schwerdeführers durch. G. Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im Wesentlichen vor, er sei somalischer Staatsangehöriger, sei aber in D._______, Äthiopien, geboren worden und aufgewachsen. Seine Eltern und seine Schwester würden nach wie vor dort leben. Er gehöre dem Clan Ogaden, (…) an. Seine Mutter habe die äthiopische Staatsangehörigkei t erworben, als er (…) Jahre alt gewesen sei. Sein Vater sei hingegen So- malier. E-2085/2019 Seite 3 Ende 2014 sei er (Beschwerdeführer) in D._______ zusammen mit einer Gruppe von Freunden von Soldaten angehalten und verprügelt worden. Da sie sich danach laut über das Verhalten der Soldaten beschwe rt und die äthiopische Regierung kritisiert hätten, seien sie bald darauf von einer an- deren Soldatengruppe erneut angehalten, geschlagen und schliesslich ver- haftet worden. Er sei mit s ieben weiteren Personen im Gefängnis " (…)" inhaftiert worden und dort währen fünf bis sechs Monaten festgehalten und unter dem Vorwurf der Tätigkeit für die Oppositionsgruppe UBO respektive ONLF wiederholt verhört, geschlagen und mit Strom gefoltert worden. Nachdem sich seine Eltern für seine Freilassung eingesetzt hätten, sei er schliesslich einem Gericht vorgeführt und durch den Richter unter Hinweis auf seine Minderjährigkeit freigelassen worden. Danach habe er jedoch er- neut eine amtliche Vorladung erhalten, wonach er sich innert einer Woche hätte auf dem Polizeiposten melden und den Behörden Informationen über Mitglieder der oppositionellen UBO -Bewegung hätte geben müssen. Vor diesem Termin sei er am (…) 2015 nach E._______ geflohen und von dort via Sudan und Libyen, wo er sich ein Jahr lang aufgehalten habe, nach Italien weitergereist. Nach seiner Flucht sei sein Vater einen Monat in Haft gewesen. Die Zuständigen ih res Quartiers hätten sich zudem wiederholt nach ihm erkundigt und das Haus seiner Familie durchsucht. H. Mit Schreiben vom 29. Januar 2019 gewährte das SEM dem Beschwerde- führer das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Erfassung seiner Nationali- tät als "Staat unbekannt". I. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 6. Februar 2018 (recte: 2019) hielt der Beschwerdeführer unter Hinweis auf die somalische Staatsange- hörigkeit seines Vaters daran fest, somalischer Staatsangehörigkeit zu sein. Gemäss dem "Ethiopian Nationality Law" seien doppelte Staatsange- hörigkeiten nicht erlaubt, und die äthiopische Staatsbürgerschaft gelte als vermutungsweise aufgegeben, soba ld eine ander e Staatsangehörigkeit erworben werde. Es müsse ferner im Zentralen Migrationsinformations- system (ZEMIS) ein Bestreitungsvermerk angebracht werden und die Än- derung der ZEMIS-Daten habe in Form einer anfechtbaren Verfügung zu ergehen. Im Weiteren wurde ein Bericht des UNHCR über die somalische Staatsangehörigkeit vom 9. März 2018 sowie ein Ausdruck der äthiopi- schen Proclamation No. 378/2003 eingereicht. E-2085/2019 Seite 4 J. Mit Verfügung vom 29. März 2019 (eröffnet am 4. April 2019) stellte das SEM fest, d er Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. K. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 2. Mai 2019 erhob der Be- schwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die teilweise Aufhebung dieses Entscheids sowie die Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme ; eventualiter sei die Sache zur erneuten Überprüf ung an die Vorinstanz zurückzuweisen . Ferner bean- tragte er, die Vorinstanz sei anzuweisen, die Erfassung seiner Nationalität von "Staat unbekannt" in "Somalia" zu ändern . I n verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Gewährung der unen tgeltli- chen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er Kopien einer somali- schen Identitätskarte mit Ausstelldatum (…) ein, die seinem Vater gehöre. L. Mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2019 forderte der Instruktionsrichter den Beschwerdeführer auf, die von ihm geltend gemachte Mittellosigkeit zu belegen, stellte fest, dass über das um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung zu einem späteren Zeitpunkt befunden werde, und ver- zichtete vorderhand auf die Erhebung eines Kostenvorschusses; zudem wurde die Vorinstanz zu Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen. M. Mit Eingabe vom 21. Mai 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsor- gebestätigung des Kantonalen Sozialdiensts vom 13. Mai 2019 nach. N. Innert erstreckter Frist hielt die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung vom 4. Juni 2019 an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Be- schwerde. E-2085/2019 Seite 5 O. Mit Zwischenverfügung vom 6. Juni 2019 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch um unen tgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete definitiv auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. Ferner wurde dem Beschwerdeführer das Recht der Einrei- chung einer Replik zur Vernehmlassung eingeräumt. P. Mit Eingabe vom 21 . Juni 2019 nahm der Beschwerdeführer zu den Aus- führungen in der vorinstanzlichen Vernehmlassung Stellung und hielt an seinen Beschwerdeanträgen fest. Zudem wurde eine am (…) durch die so- malische Botschaft in der Schweiz ausgestellte Geburtsurkunde (Certificat de naissance) ins Recht gelegt. Q. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 19. November 2020 erkundigte der Beschwerdeführer sich nach dem Stand des Beschw erdeverfahrens. Zudem wies er darauf hin, dass er sich aktiv um eine Integrati on in der Schweiz bemühe und reichte diesbezüglich mehrere Dokumente ein (Lehr- vertrag der (…) vom 7. August 2019, Zeugnis der Berufsschule F._______ vom 22. Juni 2020, Schreiben einer ehem aligen Berufsbetreuerin vom 23. Oktober 2020, Zeitungsartikel vom 22. Oktober 2020). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). E-2085/2019 Seite 6 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.5 Auf die Beschwerde ist – unter Vorbehalt der Ausführungen in E. 9 – einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den von der Vorinstanz angeordneten Vollzug der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1–3 der an- gefochtenen Verfügung des SEM sind – wie bereits vom Instruktionsrichter in seiner Zwischenverfügung vom 8. Mai 2019 festgestellt – mangels An- fechtung in Rechtskraft erwachsen und bilden nicht Gegenstand des Ver- fahrens. 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so reg elt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 4.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). E-2085/2019 Seite 7 4.3 Der Vollzug ist nicht mög lich, wenn der Ausländer weder in den Her- kunfts- oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat verbracht werden kann. Er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in seinen Heimat -, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen. Der Vollzug kann insbesondere nicht zumutbar sein, wenn er für den Ausländer eine konkrete Gefährdung dar- stellt (Art. 83 Abs. 2–4 AIG). 5. 5.1 Zur Begründung ihrer Verfügung stellte die Vorinstanz zunächst fest, die Identität des Beschwerdeführers stehe nicht fest. Er habe keine Doku- mente eingereicht, welche die von ihm behauptete somalische Staats - angehörigkeit belegen könnten. Seine Zugehörigkeit zur somalischen Ethnie sei hierfür kein Beleg, und die eingereichte Kopie eines Schulzeug- nisses seines Vaters sei nicht geeignet, die aktuelle Staatsangehörigkeit von ihm oder seinem Vater zu belegen. Der Beschwerdeführer habe keine substanziierten und korrekten Angaben zu seiner Clanzugehörigkeit ma- chen können. Dass er sich zu e inem Clan gezählt habe, dessen Stamm- gebiet ausschliesslich in Äthiopien liege, spreche gegen eine somalische Staatsangehörigkeit. Zudem habe er ausgesagt, dass sein Vater respek- tive seine Familie bei den lokalen Behörden in D._______ registriert seien und beide Elternteile über eine Mustawaqa (äthiopisches Identitätsdoku- ment) verfügen würden. Ausländer mit regulärem Aufenthalt in Äthiopien würden aber nicht registriert. Dies weise darauf hin, dass beide Eltern des Beschwerdeführers äthiopische Staatsangehör ige seien , was durch die eingereichte Kopie eines äthiopischen Identitätsdokuments der Mutter des Beschwerdeführers bestätigt werde. Gemäss der äthiopischen Verfassung gelte jede Person, deren Eltern oder ein Elternteil Äthiopier seien, als Äthi- opier. Dass der Beschwerdeführer keine äthiopische Identitätskarte be- sitze, spreche nicht gegen seine äthiopische Staatsangehörigkeit, zumal Minderjährigen in Äthiopien in der Regel keine Identitätspapiere ausgestellt würden. Die Ausführungen in der Stellungnahme vom 6. Februar 2019 seien nicht stichhaltig. Der Beschwerdeführer habe keine Belege für einen Erwerb der somalischen Staatsbürgerschaft eingereicht. Es entstehe der Eindruck, dass er versucht habe, seine Staatsangehörigkeit sowie seine Lebensumstände zu versc hleiern. Seine Aussagen betreffend seine feh- lende Schulbildung seien wenig plausibel. Er verfüge offensichtlich über eine solide Ausbildung. Durch seine ungenügenden und widersprüchlichen Angaben habe der Beschwerdeführer eine vollständige Erhebung des Sachverhalts sowie die Etablierung seiner Staatsangehörigkeit verhindert. E-2085/2019 Seite 8 Das SEM sei nicht verpflichtet, diesbezüglich weitere Abklärungen zu tref- fen, da die Untersuchungspflicht ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht finde. Da es nicht möglich sei, die Staa tsangehörigkeit des Beschwerde- führers festzustellen, werde er als Person mit unbekannter Staatsangehö- rigkeit betrachtet. Die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs seien zwar grundsätzlich von Amtes wegen zu prü- fen, den Asylsuchenden komme aber eine Substanziierungslast zu. Es sei nicht Sache der Asylbehörden, bei fehlenden Hinweisen seitens der Ge- suchstellenden nach etwaigen Wegweisungshindernissen in hypotheti- schen Herkunftsländern zu forschen. Aufgrund der unglaubhaften Ident i- tätsangaben des Beschwerdeführers und des unglaubhaften Sachverhalts- vortrags sei vermutungsweise davon auszugehen, es stünden einer Weg- weisung an seinen bisherigen Aufenthaltsort keine Vollzugshindernisse entgegen. 5.2 5.2.1 Zur Begründung der Beschwerde wurde ausgeführt, der Vorwurf der versuchten Verschleierung der Staatsangehörigkeit und der wahren Le- bensumstände sei nicht haltbar. Der Beschwerdeführer habe von Anfang an angegeben, in Äthiopien geboren zu sein und dort gelebt zu haben, und habe das äthiopische Identitätsdokument seiner Mutter selber zu den Ak- ten gereicht. Der Vorwurf der fehl enden Länderkenntnisse betreffend So- malia sei daher seltsam. Auch der Vorhalt der fehlenden Kenntnisse zu sei- ner Clanherkunft sei nicht stichhaltig. Viele junge Somalier würden sich nicht besonders für die Clanstrukturen interessieren. Der (…) Clan, dem er angehöre, habe bereits in den 70er -Jahren sein Einflussgebiet nach So- malia verschoben. Der Subclan (…) sei tatsächlich in Äthiopien beheima- tet, was aber ein In diz dafür sei, dass er seine wahre Herkun ft nicht ver- schleiert habe. Zudem liege die Zone, in welcher die (…) leben würden, direkt an der Grenze zu Somalia und es sei nicht zwingend, dass man im jeweiligen Heimatgebiet seines Clans gelebt habe. Die Clanzugehörigkeit könne somit nicht als Indiz gegen seine somalische Staatsangehörigkeit bewertet werden. Das Argument, Ausländer mit regulärem Aufenthalt wür- den in Äthiopien nicht registriert, stelle einen unzulässigen Umkehrschluss dar. In diesem Fall sei es durchaus wahrscheinlich, dass seine Eltern kei- nen regulären Aufenthalt in Äthiopien hätten. Im Weiteren sei während des erstinstanzlichen Verfahrens die somalische Staatsangehörigkeit seines Vaters nie in Zweifel gezogen worden. Da d ies nun der Fall sei, würden Fotos der s omalischen Identitätskarte des Vaters nachgereicht. Der Vor- wurf, seine Fähigkeiten seien zu gut für die geschilderten Lebensverhält- nisse, sei seltsam, da er nie geltend gemacht habe, aus einem besonders E-2085/2019 Seite 9 bildungsfernen Umfeld zu stammen. Die gegenteilige Annahme werde durch das Schulzeugnis seines Vaters, der ein ehemaliger hochrangi ger Militärangehöriger sei, gestützt. 5.2.2 Die Behauptung, der Sachverhalt habe aufgrund widersprüchlicher und ungenügender Angaben nicht vollständig erhoben werden können, sei nicht haltbar. Er habe sich nicht widersprüchlich geäussert und es sei ab- surd, ihm ungenügende Angaben vorzuwerfen, habe er doch alle ihm ge- stellten Fragen hinreichend beantwortet. Damit habe er seine Mitwirkungs- pflicht erfüllt. Es komme der Verdacht einer vorgefassten Meinung des zu- ständigen Sachbearbeiters des SEM auf, was insbesondere durch die For- mulierung der Frage F206 in der Zweitanhörun g vom 21. März 2018 ver- deutlicht werde. Es treffe nicht zu, d ass er eine v ernünftige Prüfung von Wegweisungshindernissen verunmöglicht habe. Er habe seine Herkun ft aus Somalia plausibel dargelegt, und es gebe keine Indizien, die gegen die von ihm geltend gemachte Herkunft sprächen. Er habe sich darum bemüht, die Identität seiner Familie offenzulegen. Es könne ihm keine Verschleie- rung seiner Identität nachgewiesen werden, und es liege keine Verletzung der Mitwirkungspflicht vor. 5.2.3 Es sei davon auszugehen, dass seine Familie aus Somalia stamme. Während seine Mutter eine äthiopische Mustawaqa erworben h abe, sei sein Vater somalischer Staatsangehöriger geblieben. Gemäss äthiopischer Gesetzgebung würden min derjährige Kinder natur alisierter Eltern nicht automatisch die äthiopische Staatangehörigkeit erhalten. Bei volljährigen Kindern sei eine nachträgliche Natur alisierung nicht mehr möglich. Ge- mäss dem somalischen "Citizenship Law" sei jeder von Gesetzes wegen somalischer Staatsbürger, dessen Vater die somalische Staatsangehörig- keit besitze und der Willens sei, jegliches Bürgerrecht eines anderen Staats aufzugeben. Er lehne eine äthiopische Staatsbürgerschaft entschieden ab. Gemäss dem " Ethiopian Nationality Law" seien doppelte St aatsbürger- schaften nicht zulässig. Die äthiopische Staatsbürgschaft werde vermu- tungsweise aufgegeben, sobald eine andere Staatsbürgerschaft erworben werde. Demnach sei davon auszugehen, dass er sowohl nach somali- schem als auch nach äthiopischem Recht als somalischer Staatangehöri- ger gelte. E-2085/2019 Seite 10 5.2.4 Eine Wegweisung nach Somalia sei in der Regel als unzumutbar zu erachten. Praxisgemäss seien Wegweisungen nach Somaliland, Puntland oder Mogadischu zumutbar, sofern begünstigende Faktoren vorliegen wür- den. Da er sich noch nie in Somalia aufgehalten habe, seien solche Fakto- ren in seinem Fall nicht gegeben. Die Festlegung seiner Staatsangehörig- keit als "Staat unbekannt" durch die Vorin stanz sei missbräuchlich und in seinem Fall besonders stossend, weil damit die begonnene Integration zu- nichtegemacht werde, ohne dass ein Wegweisungsvollzug faktisch über- haupt möglich wäre. Das SEM sei daher anzuweisen, seine Nationalität auf "Somalia" zu ändern. 5.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, die Argumentation in der Beschwerdeeingabe erschöpfe sich in Aussagen, die bereits während des erstinstanzlichen Verfahrens gemacht worden se ien. Dass der Be- schwerdeführer behaupte, somalischer Staatsangehöriger zu sein und den äthiopischen Staat nicht anerkenne, sei kein Beleg für seine somalische Staatsangehörigkeit. Die eingereichten Dokumente betreffend seinen Va- ter würden nur darauf hindeuten, dass dieser vor Jahrzehnten somalischer Staatsbürger gewesen sein könnte, nicht aber, dass der Vater oder der Be- schwerdeführer diese Staatsangehörigkeit im heutigen Zeitpunkt immer noch besitzen würden. Er habe trotz entsprechender Aufforderung auch keine amtlichen äthiopischen Dokumente zum Beleg der Staatsangehörig- keit des Vaters eingereicht. Es sei davon auszugehen , dass er dies be- wusst unterlassen habe, um seine wahre Identität zu verschleiern. Es sei nicht nachvollziehbar, dass ein aktuelles (äthiopisches) Identitätsdokument der Mutter, nicht aber ein solches des Vaters eingereicht worden sei, son- dern nur eine vor 50 Jahren ausgestellte somalische Identitätskarte. An- lässlich der Befragungen habe der Beschwerdeführer ausgeführt, dass beide Elternteile über eine Mustawaqa verfügen würden und wie der admi- nistrative Prozess zur Erlangung solcher Dokumente ablaufe. Es könne angenommen werden, dass der Vater für die ganze Fam ilie äthiopische Ausweispapiere beantragt habe, und es wäre deshalb umso mehr zu er- warten gewesen, dass solche Dokumente eingereicht worden wären. An- gesichts dessen, dass der Beschwe rdeführer zwischenzeitlich volljährig geworden sei, hätte er selber über seinen Vater eine Mustawaqa beantra- gen und damit Zweifel über seine Identität ausräumen können. Da er die von ihm behauptete somalische Staatsangehörigkeit an diejenige seines Vaters anknüpfe, spreche die Einreichung von Identitätsdokumenten der Mutter nicht für eine transparente Offenlegung seiner Identität. E-2085/2019 Seite 11 Die in der Beschwerde zitierten somalischen und äthiopischen G esetzes- bestimmungen würden ebenfalls wenig zur Klärung seiner Staatsangehö- rigkeit oder der Glaubhaftmachung seiner Vorbringen beitragen. Vorausge- setzt der Vater des Beschwerdeführers sei tatsächlich somalischer Staats- angehöriger, wäre es ihm möglich, die somalische Sta atsbürgerschaft zu beantragen. Hie rfür bedürfe es aber eines admin istrativen Prozesses. Es sei weder ein Beleg für den Widerruf einer möglichen äthiopi schen Staatangehörigkeit noch für den Erwerb der somalischen Sta atsbürger- schaft eingereicht worden. E s sei schwer nachvol lziehbar, dass der Be- schwerdeführer weder die somalischen Behörden noch seine zahlreichen Verwandten kontaktiert habe, um sich als Bürger Somalias registrieren zu lassen. Es fehlten jegliche Hinweise dafür, dass er sich jemals um die An- erkennung als somalischer Staatsangehöriger bemüht h abe. Dies erscheine umso befremdlicher, als er angeblich den äthiopischen Staat ab- lehne. Das Verhalten des Beschwerdeführers könne auch durch sein jugendliches Alter nicht erklärt werden. Die Rechtsvertretung habe die von ihr zitierten Gesetzesbestimmungen aufgrund hypothetischer Annahmen − namentlich was die somalische Staatsangehörigkeit des Vaters des Be- schwerdeführers betreffe – interpretiert. Es sei auch nicht nachvollziehbar, auf welcher Grundlage eine Einbürgerung der Mutter in Äthiopien ange- nommen werde. Ob eine nachträgliche Einbürgerung des Beschwerdefüh- rers möglich wäre und ob es dazu eines speziellen Verfahrens bedürfe, sei nicht relevant, da nichts darauf hinweise, dass er üb erhaupt in Äthiopien eingebürgert werden müsste. Die Einschätzung, dass die geltend ge- machte somalische Staatsangehörigkeit wenig glaubhaft sei, werde durch weitere Ungereimtheiten in den Angaben des Beschwerdeführe rs ver- stärkt. Wäre er tatschlich somalischer Staatsangehöriger und hätte eine entsprechende Bindung zu diesem Staat, so wäre – namentlich unter Be- rücksichtigung seines behaupteten guten Bildungsstandes – zu erwarten gewesen, dass er mehr und präzisere Angaben zu Somalia hätte machen können. Zudem habe er unglaubhafte Asylgründe vorgebracht, was in der Beschwerdeschrift nicht bestritten werde. Sein allgemeines Aussagever- halten spreche nicht für die Glaubhaftigkeit der geltend gemachten soma- lischen Staatsangehörigkeit. Es sei davon auszugehen, dass er versucht habe, mit unwahren und ungenauen Angaben ein Bleiberecht in der Schweiz zu erwirken. Im Weiteren vermöge eine somalische Staatsange- hörigkeit nicht automatisch die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu begründen. Selbst wenn der Beschwerdefüh rer somalischer Staatsan- gehöriger wäre, stünde einer Rückkehr nach Äthiopien aus heutiger Sicht nichts entgegen. E-2085/2019 Seite 12 Die Argumentation betreffend den Vorwurf einer Voreingenommenheit des zuständigen SEM -Sachbearbeiters sei konstruiert und un sachlich. Dem Beschwerdeführer sei im Rahmen der Anhörung vom 21. März 2018 das rechtliche Gehör zu einer Änderung der Nationalität auf "Äthiopien" ge- währt worden. Die da gegen erhobenen Einwände hätten zu einer neuen Erwägung der Sachlage geführt. Da die somalische Staatsang ehörigkeit nicht glaubhaft gemacht worden sei und eine äthiopische Staatsangehörig- keit bestritten werde sowie nicht abschliessend nachgewiesen werden könne, sei die Staatsangehörigkeit schliesslich mit "Staat unbekannt" erfasst worden. Im Übrigen sei es die Pflicht d es Sachbe arbeiters, der gesuchstellenden Person Gelegenheit zu bieten, Unklarheiten und Wider- sprüche in ihren Aussagen klarzustellen respektive auszuräumen. 5.4 In der Replik wurde ausgeführt, das in der Vernehmlassung vorge- brachte Argument, der Beschwerdeführer sehe sich als Somalier, weil er die äthiopische Staatsbürgerschaft ablehne, sei eine starke Verzerrung des Sachverhalts. Seine Ableh nung Äthiopiens habe nichts mit der Staa ts- angehörigkeit zu tun. Im Wei teren sei er nie konkret zur Einreichung der Mustawaqa seines Vaters aufgefordert worden, sondern ledig lich dazu, Papiere seiner Eltern sowie deren Niederlassun gsbewilligung nach - zureichen. Dass er dieser Verpflichtung mit der darauffolgenden Nach - reichung der Mustawaqa seiner Mutter sowie ein es Schuldiploms seines Vaters nicht ausreichend nachgekommen sei, sei nie angedeutet worden. Auch bei der Zweitanhörung habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass die Staatsangehörigkeit des Vaters bezweifelt werde, sondern erst im Rah- men der Gewährung des rechtlichen Gehörs zur Änderung der Personalien vom 29. Januar 2019. Hie raus werde e rsichtlich, dass es nicht zutreffe, dass er den Aufforderungen des SEM nicht nachgekommen sei, sondern dass die Vorin stanz ihr e Vorwürfe nach Beli eben zu seinen Ungun sten anpasse. Es komme der Verdacht auf, dass diese den Sachverhalt nicht neutral und objektiv beurteile, sondern eine schon früh gefasste Beu rtei- lung mit dem Sachverhalt in Einklang zu bringen versuche. Die Annahme, der Vater habe für die ganze Familie äthiopische Aus weispapiere bean- tragt, entbehre jeder Grundlage und stehe im klaren Widerspruch zu seiner Aussage, wonach seine Mutter Äthi opierin geworden sei, als er etwa (…) Jahre alt gewesen sei, sein Vater aber Somalier geblieben sei. Der Vorwurf der Täuschung werde allein aus de m Umstand abgeleitet, dass er eine Mustawaqa der Mutter, nicht aber eine solche des Vaters vorgelegt habe. Es sei ihm logischerweise nicht möglich, die Nichtexistenz eines entspre-E-2085/2019 Seite 13 chenden Dokuments seines Vaters zu belegen. Dieser habe keine Musta- waqa mehr, weil er sich mittlerweile wieder grösstenteils in Mogadischu aufhalte. Die Vorinstanz gehe in ihrem Gedankenspiel davon aus, dass sein Vater ein Somalier sein könnte, er selber aber nicht, weshalb er ei nen Beleg für den Erwerb der somalischen Staat sangehörigkeit oder den Widerruf der äthiopischen bräuchte. Für eine sol che Annahme fehle aber jede Grund- lage. Es sei nicht in Betracht gezogen worden, dass zwar möglicherweise ein administrativer Prozess zur Erlangung von somalischen Papieren von- nöten sei, de jur e aber seine somalische Staatsangehörigkeit feststehe. Der Vorhalt, er habe sich nicht um d as Beibringen von Belegen für die behauptete somalische Staatsangehörigk eit bemüht, sei durch die zwischenzeitlich bei der somalischen Botschaft in Genf beschaffte und mit der Replik ins Recht gelegte Bescheinigung hinfällig. Die nicht mit seinen Aussagen übereinstimmende Angabe des Geburtsorts (G._______, Soma- lia) basiere vermutlich auf einem Versehen. Es handle sich jedenfalls um ein offizielles Dokument der somalischen Behörden, worin bescheinigt werde, dass er als Bürger des Staates Somalia angesehen werde. Im Üb- rigen könnten auch bei etwas besserem Bildungsstand von einem nicht im Heimatstaat aufgewachsenen Jugendlichen grundsätzlich keine besseren Länderkenntnisse erwartet werden. Die Frage der Glaubhaftigkeit der Asyl- vorbringen habe nicht automatisch einen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit der vorgebrachten Nationalität. Es müssten diesbezüglich alle für oder ge- gen die behauptete Staatsangehörigkeit sprechenden Punkte des Sach- verhalts objektiv und neutral gegeneinander abgewogen werden. Die Vorinstanz habe aber nur nicht oder wenig begründet e Vorwürfe auf- gelistet, die sie zudem im Laufe des Verfahrens angepasst habe. Das SEM sei von Anfang an ohne faktische Grundlage von einer Identitätstäuschung ausgegangen. Mit ihre m Vorgehen habe die Vorinstanz mehrfach das rechtliche Gehör verletzt und den Sachverhalt missbräuchlich festgestellt. Damit habe sie ihr Ermessen missbraucht. 6. Zunächst hält das Gericht fest, dass die vom Beschwerdeführer geäusserte grundsätzliche Kritik am Vorgehen der Vorinstanz sich als unbegründet er- weist. Sie hat in der angefochtenen Verfügung seine Vorbringen hinrei- chend geprüft und in der Entscheidungsbegründung angemessen berück- sichtigt. Der aus mehreren Teilfragen bestehende Vorhalt in der Frage 206 im Rahmen der Zweitanhörung vom 21. März 2018 ( vgl. Protokoll A31 S. 22) war zwar in dieser komplexen Form vom Beschwerdeführer kaum E-2085/2019 Seite 14 beantwortbar. Indem ihm nachträglich schriftlich das rechtliche Gehör zu den Zweifeln an der von ihm geltend gemachten Staatsangehörigkeit und der beabsichtigten Änderung des ZEMIS -Eintrags gewährt wurde, erhielt er aber hinreichend Gelegenheit, sich zu diesen Aspekten zu äussern. Den sich aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergebenden Verpflichtungen wurde damit Genüge getan. Der Vorwurf der Voreingenommenheit der Vor- instanz ist ebenso ungerechtfertigt. Es liegen keine stichhaltigen Hinweise dafür vor, dass die vorinstanzliche Verfügung durch eine vorgefestigte Mei- nung der daran beteiligten SEM -Sachbearbeitenden beeinflusst worden wäre. Schliesslich erweist sich auch die Rüge der missbräuchlichen Sach- verhaltsfeststellung und der willkürlichen Argumentation als nicht stichhal- tig. 7. 7.1 Der Beschwerdeführer brachte in Bezug auf seine Identität und Her- kunft vor, seine Eltern würden aus Somalia stammen und seien aufgrund der nach dem R egierungssturz ausgebrochenen Kämpfe nach Äthiopien geflüchtet (vgl. Protokoll Anhörung vom 12. Juli 2016, A18 S. 18 F128 ff.). Er selber sei in D._______, Äthiopien geboren worden und habe dort bis zur Ausreise im Jahr 2015 gelebt. Er habe nie irgendwelche Identitätsdo- kumente besessen. 7.2 Die vom Beschwerdeführer eingereichten Dokumente sind nicht geeig- net, die behauptete somalische Staatsangehörigkeit von ihm beziehungs- weise seinem Vater zu belegen: 7.2.1 Der von der somalischen Botschaft in Genf am 31 . Mai 2019 unter unbekannten Umständen ausgestellten Geburtsbescheinigung kann im Hinblick auf die Identität und die behauptete somalische Herkunft des Be- schwerdeführers kein Beweiswert beigemessen werden. Somalia verfügt über keine Personenregister, mit deren Hilfe die somalischen Behörden die Identität vorsprechender Personen überprüfen könnten (vgl. Urteile des BVGer D -2481/2017 vom 3. August 2018 E. 4 und E -1432/2017 vom 17. März 2017 E. 3.2, mit weiteren Hinweisen). Die Einschätzung, dass die eingereichte Bescheinigung nicht gestützt auf ei n bestehendes Register erstellt wurde, wird dadurch erhärtet, dass der Beschwerdeführer im erst- instanzlichen Verfahren zu Protokoll gab, er verfüge über keine Geburtsur- kunde, weil er zu Hause geboren worden sei (vgl. Protokoll BzP A16 S. 7). E-2085/2019 Seite 15 Zudem steht der in diesem Dokument vermerkte Geburtsort (G._______, Somalia) in klarem Gegensatz zu seinen Angaben, w onach er in D._______, Äthiopien geboren sei. Die Erklärung in der Replik, es handle sich hierbei um ein blosses Versehen, vermag diese massive Ungereimt- heit nicht überzeugend zu erklären. 7.2.2 Die Identitätskarte des Vaters des Beschwerdeführers liegt lediglich in Form einer Kopie vor und weist zudem kein Foto des Inhabers auf, was ihren Beweiswert erheblich reduziert. Zudem vermöchte dieses Dokument selbst unter Annahme seiner Authentizität nur zu belegen, dass der Vater des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Ausstellung ([…]) somalischer Staatsangehöriger war, was aber keineswegs ausschliesst, dass er zu ei- nem späteren Zeitpunkt die äthiopische Staatangehörigkeit erworben und entsprechend die somalische aufgegeben oder verloren haben könnte. Im Übrigen fällt auf, dass der in diesem Dokument vermerkte Name des Inhabers (H._______) nicht mit dem vom Beschwerdeführer in der BzP ge- nannten und in der von ihm eingereichten Geburtsbescheinigung genann- ten Namen seines Vaters (I._______) übereinstimmt. Das ebenfalls nur in Form einer Kopie vorliegende Schulzeugnis ist bestenfalls geeignet, einen Schulbesuch des Vaters in Somalia zu belegen, enthält aber keine Aussa- gen zu dessen Staatsangehörigkeit. 7.3 Sodann erweisen sich die Aussagen des Beschwerdeführers betref- fend seine Staat sangehörigkeit im Rahmen der Befragungen als wider- sprüchlich. In der BzP gab er zunächst auf die Frage na ch seiner Staats- angehörigkeit bei der Geburt zu Protokoll: "Somalia", führte in der Folge aber aus, er habe keine Staatsangehörigkeit und sei nirgendwo registriert (vgl. A16 S. 3 Pkt. 1.11; ebenso Protokoll Zweitanhörung, A31 S. 19 F188). Ferner brachte er v or, seine Eltern würden beide über eine äthiopische Mustawaqa verfügen, und er werde im Alter von 18 Jahren auch Anspruch auf Ausstellung eines derartigen Dokuments haben (vgl. A16 S. 7; A18 S. 13 F80 f.). Diese Aussagen deuten eher auf eine äthiopische Staatsan- gehörigkeit des Beschwerdeführers hin. Die Zweifel an der von ihm be- haupteten somalischen Staatsangehörigkeit werden dadurch erhärtet, dass er – wie ihm die Vorinstanz zu Recht vorhielt − ohne plausible Be- gründung keine aktuellen Identit ätsdokumente seines Vaters einge reicht hat, von welchem er seine somalische Staatsbürgerschaft ableitet. Die Er- klärung in der Replik, sein Vater sei nicht mehr im Besitz seiner Musta- waqa, weil er sich inzwischen grösstenteils in Mogadischu aufhalte, vermag nicht zu überzeugen. Es erscheint nicht nachvollziehbar, dass der E-2085/2019 Seite 16 Vater einen mutmasslich früher bestehenden Anspruch auf ein äthiopi- sches Identitätsdokument aufgrund eines Auslandsaufenthalts in Somalia verloren haben soll. Zudem erklärt dies nicht , weshalb keine anderen ak- tuellen, namentlich somalische n, Identitätspapiere des Vaters vorgelegt werden konnten. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass der Beschwerde- führer die wahre Staatsangehörigkeit von ihm und seinem Vater zu ver- schleiern versucht. 7.4 Nach Würdigung aller Umstände ist es dem Beschwerdeführer dem- nach nicht gelungen, nachzuweisen oder glaubhaft zu machen , dass er somalischer Staatsbürger ist, respektive aufgrund einer somalischen Staatsangehörigkeit seines Vaters Anspruch auf Anerkennung als solcher hat. Der Verweis auf das somalische "Citizenship Law" erweist sich als nicht schlüssig, da der Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht hat, dass er die darin genannten Voraussetzungen zur Anerkennung als soma- lischer Staatsbürger erfüllt. 7.5 Aufgrund der Aktenlage kann aber auch eine äthiopische Staatangehö- rigkeit des Beschwerdeführers nicht als gesichert angesehen werden: 7.5.1 Unbestritten ist, dass seine Mutter im Besitz eines in Äthiopien aus- gestellten Identitätsdokuments (Mustawaqa) ist, welches in Kopie zu den Akten gereicht wurde. Zudem lassen die Aussagen des Beschwerdefüh- rers im Asylverfahren darauf schliessen, dass auch sein Vater ein solches Dokument besitzt oder besessen haben dürfte. 7.5.2 In der Verwaltungsregion Somali Äthiopiens wird die Identi tätskarte umgangssprachlich Mustawaqa genannt (vgl. Neuseeland, Refugee Status Appeals Authority, Wellington. Refugee Appeal No. 76311, 18.06.2009, N 60, http://www.refworld.org/docid/4a5ddbc22.html, abgerufen am 06.09. 2019). Sie wird grundsätzlich nur an volljährige, äthiopische Staatsange- hörige ausgestellt (vgl. Country Policy and Information Note, Ethiopia: Background information, including actors of protection and internal reloca- tion, October 2017, Ziff. 16.2.1 https://assets.publishing.service.gov.uk/ government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/655462/Ethiop ia_-_Background_-_CPIN_-_v1.0_pdf.pdf, abgerufen am 09.09.2019). In- des kommt es im Regionalstaat Somali offenbar vor, dass die Kebele Iden- titätskarten an Personen ausstellt, die keinen A nspruch auf diese hätten, so beispielsweise an somalische Staatsangehörige. Die Unterscheidung zwischen ethnischen Somalis aus Äthiopien und jenen aus Somalia ist selbst für die Einheimischen schwierig. Zudem arbeiten häufig ethnische E-2085/2019 Seite 17 Somalis auf den Verwaltungen, die anderen Somalis gegenüber loyal sind und ihnen Identitätskarten ausstellen (vgl. Landinfo, Respons Etiopia: So- maliere i Etiopia [Anfragebeantwortung Äthiopien: Somalier in Äthiopien], 11.02.2009, http://landinfo.no/asset/814/1/814_1.pdf, abger ufen am 06.09.2019; Urteil BVGer E-3557/2019 vom 30. September 2019, E. 6.2). 7.5.3 Demnach kann aus dem Umstand, dass die Eltern des Beschwerde- führers äthiopische Mustawaqas besitzen oder besessen haben, nicht ohne Weiteres darauf geschlossen werden, dass sie ü ber die äthiopische Staatsangehörigkeit verfügen. Zudem steht nicht fest, ob sie im Zeitpunkt der Geburt des Beschwerdeführers im Besitz der äthiopischen Staats - angehörigkeit waren und er demnach einen Anspruch auf Anerkennung als äthiopischer Staatsbürge r durch Abstammung ( "Ethiopian national by descent") geltend machen könnte (vgl. Art. 3 der Nationality Proclamation aus dem Jahr 2003). Der Beschwerdeführer gab zu Protokoll, seine Mutter sei Äthiopierin geworden, als er (…) Jahre alt g ewesen sei (A31 S. 19 F 187). Wann sein Vater eine Mustawaqa und damit allenfalls die äthiopi- sche Staatsangehörigkeit erworben hat, lässt sich den Akten nicht entneh- men. 7.5.4 Angesichts dieser Umstände, der nur in Kopie vorliegenden Musta- waqa der Mutter des Beschwerdeführers sowie seinen vagen Angaben hin- sichtlich der Staatsangehörigkeit seiner Eltern kann somit auch nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass zumindest ein Elternteil im Be- sitz der äthiopischen Staatsangehörigkeit ist und der Beschwerdeführer hieraus einen Anspruch auf dieselbe ableiten kann. 7.6 Zusammenfassend gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass aufgrund der bestehenden Aktenlage die Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers nicht abschliessend beurteilt werden kann. Bei dieser Ausgangslage erweist sich auch sein Argument, er könne keinen Anspruch auf Anerkennung als äthiopischer Staatsbürger erheben, weil das äthiopische Bürgerrechtsgesetz Doppelbürgerschaften ausschliesse, als nicht schlüssig. 8. 8.1 Die Zulässigkeit, Zumutb arkeit und Möglichkeit eines Wegweisungs- vollzugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, aber die Untersuchungs- pflicht findet ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht des Beschwerdefüh- rers. Es ist nicht Aufgabe der Behörden, bei fehlenden, womöglich gezielt E-2085/2019 Seite 18 vorenthaltenen, Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernis- sen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 und 6). 8.2 Der Beschwerdeführer hat keine rechtsgenüglichen Identitätspapiere eingereicht und seine Angaben zu seiner Herkunft sind – wie vorstehend ausgeführt – unglaubhaft ausgefallen. Dies stellt eine Verletzung der den Beschwerdeführenden gemäss Art. 8 AsylG obliegenden Mitwirkungs- pflicht dar. Seine Staatsangehörigkeit steht mithin nicht fest. Durch die Ver- letzung se iner Mitwirkungspflicht respektive die Verheimlichung seiner wahren Herkunft verunmöglicht er die Prüfung, welche Staatsangehörigkeit er besitzt und welchen Status er an seinem bisherigen Aufenthaltsort hatte. Der Beschwerdeführer hat die Folgen seiner fehlenden Mitwirkung insofern zu tragen, als seitens der Asylbehörden der Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufent- haltsort, da er keine konkreten, glaubhaften Hinweise geliefert habe, die gegen eine entsprech ende Rückkehr sprechen würden (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10). 8.3 Die geltend gemachten Integrationsbemühungen des Beschwerdefüh- rers (vgl. Eingabe vom 19. November 2020) vermögen an dieser Einschät- zung nichts zu ändern. Der Grad der Integration bildet grundsätzli ch kein Kriterium für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG (vgl. BVGE 2009/52 E. 10.3). Die Beurtei- lung einer Härtefallsituation infolge fortgeschrittener Integration im Sinne von Art. 14 Abs. 2 Bst. c AsylG fällt in die Zuständigkeit der kantonalen Mig- rationsbehörden (vgl. BVGE 2009/52 E. 10.3). 8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung de s Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög- lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). E-2085/2019 Seite 19 9. Soweit in der Beschwerdeeingabe beantragt wird, die Vorinstanz sei anzu- weisen, die Nationalität des Beschwerdeführers (im ZEMIS) von "Staat un- bekannt" auf "Somalia" zu ändern, ist Folgendes festzustellen: Die vom Beschwerdeführer in seiner Stellungnahme vom 6. Februar 2019 gestell- ten Anträge auf Erlass einer anfechtbaren Verfügung betreffend die Ände- rung der ZEMIS -Daten respektive auf Anbringung eines Bestreitungsver- merks wurden vom SEM in der angefochtenen Verfügung vom 29. März 2019 nicht behandelt, waren mithin nicht Gegenstand derselben. Demnach besteht kein Raum, die vom Beschwerdeführer beantragte Änderung der ZEMIS-Daten im Rahmen des vorliegenden Beschwerdeverfahr ens zu prüfen. Auf den entsprechenden Antrag ist nicht einzutreten. Es bleibt dem Beschwerdeführer unbenommen, bei der Vorinstanz die Behandlung sei- ner bisher unbeurteilt gebliebenen Anträge betreffend die im ZEMIS einge- tragene Nationalität einzufordern. 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt und angemessen ist. Für die eventualiter bean- tragte Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht keine Veranlas- sung. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem der Instruktions- richter sein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 6. Juni 2019 gut- geheissen hatte und den Akten keine Hinweise auf eine massgebende Ver- änderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, ist auf eine Kos- tenauflage zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) E-2085/2019 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain