Zollzahlungspflicht des « Vorfahrers » 2023 III/1 BVGE / ATAF / DTAF III 1 2023 III/1 Auszug aus dem Urteil der Abteilung I i.S. A. gegen Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit A-2087/2021 vom 8. Februar 2023 Zollzahlungspflicht des « Vorfahrers ». Art. 21 Abs. 1, Art. 26, Art. 70 Abs. 2 und Abs. 3 ZG. Art. 75 ZV . 1. Zollzahlungspflichtig ist insbesondere , wer Waren ins Zollgebiet verbringt oder verbringen lässt, unter anderen die Auftraggeberin oder der Auftraggeber. Als Auftraggeberin gilt jede Person, die die Wareneinfuhr tatsächlich veranlasst (E. 2.5). 2. Dazu gehört auch j ene Person, die einer anderen Person, die die Ware über die Grenze bringt, voranfährt und dieser anderen Per- son im Wissen um die anstehende Wareneinfuhr « grünes Licht » gibt, wenn der Grenzübergang unbesetzt ist (der « Vorfahrer »; E. 4.1 und 4.2.3). Assujettissement aux droits de douane de l'« éclaireur». Art. 21 al. 1, art. 26, art. 70 al. 2 et al. 3 LD. Art. 75 OD. 1. Est, entre autres, assujetti aux droits de douane quiconque intro- duit ou fait introduire des marchandises dans le terri toire doua- nier, notamment le mandant. On entend par mandant toute personne qui prend réellement l 'initiative d'importer une mar - chandise (consid. 2.5). 2. Est également considéré comme mandant quiconque précède une autre personne qui passe la frontière avec les marchandises et, sachant que les marchandises sont destinées à être introduites, donne le « feu vert » lorsque le poste frontière n'est pas occupé (l'« éclaireur »; consid. 4.1 et 4.2.3). Obbligo di pagamento dei tributi doganali per « l'apripista ». Art. 21 cpv. 1, art. 26 e art. 70 cpv. 2 e cpv. 3 LD. Art. 75 OD. 1. È soggetto all 'obbligo di pagare i tributi doganali chiunque, in particolare, introduce o fa introdurre merci nel territorio doganale, tra cui il mandante. Per mandante si intende chiun- que causi effettivamente l'importazione di merci (consid. 2.5). 2023 III/1 Zollzahlungspflicht des « Vorfahrers » 2 III BVGE / ATAF / DTAF 2. È considerato mandante anche chi precede un 'altra persona che trasporta merci attraverso il confine e, sapendo che la merce sta per essere importata, la informa dandole il « via libera » quando il valico non è presidiato (« apripista », consid. 4.1 e 4.2.3). Die Eidgenössische Zollverwaltung ( EZV , heute Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit [BAZG]), Direktionsbereich Strafverfolgung, Zollfahn - dung Ost (nachfolgend: Zollfahndung), leitete aufgrund von Überwa - chungsmassnahmen am 27. Februar 2017 eine Zollstrafuntersuchung wegen des dringenden Verdachts der fortgesetzten, gewohnheits - und ge- werbsmässigen illegalen Einfuhr von Lebensmitteln in die Schweiz ein. Im Rahmen dieser Zollstrafuntersuchung ermittelte die Zollfahndung auch gegen A. Am 12. März 2021 nahm die Zollfahndung das Schlussprotokoll auf und erliess gegenüber A. gleichentags die Verfügung über die Leis - tungspflicht, worin sie diesen zur Zahlung von Fr. 59 674.05 (Zoll: Fr. 52 508.55; Einfuhrsteuer: Fr. 2 056.75; Zins: Fr. 5 108.75) verpflich - tete. Die Zollfahndung wirft A. im Wesentlichen vor, im Zeitraum vom 24. Au- gust 2016 bis 31. Oktober 2017 Lebensmittel illegal und ohne Zoll - anmeldung aus Österreich in die Schweiz eingeführt zu haben. Ebenfalls an diesen Einfuhren beteiligt gewesen seien insbesondere B. und C. Mit Eingabe vom 30. April 2021 lässt A. (nachfolgend: Beschwerde - führer) Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht gegen die Leistungs - verfügung der Zollfahndung beziehungsweise des BAZG (nachfolgend auch: V orinstanz) vom 12. März 2021 erheben und in der Hauptsache be- antragen, die Leistungsverfügung sei aufzuheben. Mit Vernehmlassung vom 28. Juni 2021 beantragt die V orinstanz, die Be- schwerde sei im Umfang von Fr. 18 219.25 gutzuheissen. Im Übrigen sei die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Soweit hier interess ierend weist das Bundesverwaltungsgericht die Be - schwerde ab, soweit es darauf eintritt. Das Bundesgericht schreibt mit Urteil vom 2. Mai 2023 (9C_231/2023) die Sache infolge Rückzugs der Beschwerde ab. Zollzahlungspflicht des « Vorfahrers » 2023 III/1 BVGE / ATAF / DTAF III 3 Aus den Erwägungen: 2.5 Gemäss Art. 50 MWSTG (SR 641.20; « Einfuhrsteuer ») gilt für die Steuer auf der Einfuhr von Gegenständen grundsätzlich die Zollgesetz- gebung. Steuerpflichtig ist, wer « nach Art. 70 Abs. 2 und 3 ZG Zoll - schuldner oder Zollschuldnerin ist » (Art. 51 Abs. 1 MWSTG). Zum ent - sprechenden Kreis gehören jene Person, welche die Waren über die Zollgrenze bringt oder bringen lässt, sowie die Person, die zur Zollanmel- dung verpflichtet beziehungsweise damit beauftragt ist oder auf deren Rechnung die Ware ein - oder ausgeführt wird (Art. 70 Abs. 2 des Zoll - gesetzes vom 18. März 2005 [ ZG, SR 631.0] ). Zur Zollanmeldung ver - pflichtet sind gemäss Art. 26 ZG die zuführungspflichtigen Personen (Bst. a), die mit der Zollanmeldung beauftragten Personen (Bst. b) und Personen, die den Verwendungszweck der Ware ändern (Bst. d). Zufüh - rungspflichtig ist, wer Waren ins Zollgebiet verbringt, verbringen lässt oder sie danach übernimmt (Art. 21 Abs. 1 ZG). Art. 75 der Zollver - ordnung (ZV, SR 631.01) präzisiert, dass als zuführungspflichtige Perso - nen namentlich (also nicht ausschliesslich) gelten: die Warenführerin oder der Warenführer (Bst. a), die mit der Zuführung beauftragte Person (Bst. b), die Importeurin oder der Importeur (Bst. c), die Empfängerin oder der Empfänger (Bst. d), die Versenderin oder der Versender (Bst. e) und die Auftraggeberin oder der Auftraggeber (Bst. f). Als Auftraggeberin gilt nicht nur die (natürliche oder juristische) Person, die im zivilrechtlichen Sinne mit dem Transporteur einen Frachtvertrag abschliesst, sondern jede Person, welche die Wareneinfuhr tatsächlich veranlasst (zu Letzterem: Urteil des BGer 2C_420/2013 vom 4. Juli 2014 E. 3.4, teilweise noch mit Bezug zum alten Zollgesetz vom 1. Oktober 1925 [aZG, AS 42 287] sowie Hinweisen auf die entsprechende Rechtsprechung). Die Zollschuldnerinnen und Zollschuldner haften für die Zollschuld soli - darisch. Der Rückgriff unter ihnen richtet sich nach dem Obligationenrecht (Art. 70 Abs. 3 ZG). 2.6–3.3 (…) 4. 4.1 Bisher noch nicht von der Rechtsprechung geklärt ist die Frage, ob ein « V orfahrer » zollzahlungspflichtig ist. Mit « V orfahrer » ist im vor- liegenden Kontext eine Person gemeint, die jener Person, die die Ware über die Grenze bringt, voranfährt und dieser Person im W issen um die anstehende Wareneinfuhr « grünes Licht » gibt, wenn der Grenzübergang unbesetzt ist. 2023 III/1 Zollzahlungspflicht des « Vorfahrers » 4 III BVGE / ATAF / DTAF 4.2 4.2.1 Zum Kreis der Zollzahlungspflichtigen gehören diverse Personen (E. 2.5). Eingehender zu prüfen ist dabei, ob der V orfahrer im Sinne der oben (E. 4.1) genannten Konstellation als Person anzusehen ist, die Waren über die Zollgrenze bringt (Art. 70 Abs. 2 Bst. a ZG) beziehungsweise ins Zollgebiet verbringen lässt (Art. 70 Abs. 2 Bst. b i.V .m. Art. 26 Bst. a i.V .m. Art. 21 Abs. 1 ZG), also als Auftraggeber im Sinn e der oben ge - nannten Rechtsprechung (E. 2.5). 4.2.2 Das Bundesgericht führte noch zu Art. 9 Abs. 1 und Art. 13 Abs. 1 aZG aus, dass es « im Interesse der V ollstreckung der Zollabgabe [geboten ist, den] Kreis der Zahlungspflichtigen in dem Sinne weit zu zie- hen, als die an der Erfüllung des der Warenbewegung zugrunde liegenden Rechtsgeschäfts wirtschaftlich interessierten Personen für die Zollabgaben haften. Es lässt sich folglich nicht vertreten, Art. 13 Abs. 1 [a]ZG eng aus- zulegen. Die fragliche Bestimmung bez ieht sich insbesondere nicht nur auf die Person, welche sich im Innenverhältnis zur Bezahlung der Zollab - gaben verpflichtet » (BGE 107 Ib 198 E. 6b). Der noch vor Inkrafttreten des Bundesgesetzes vom 22. März 1974 über das Verwaltungsstrafrecht (VStrR, SR 313.0) ergangene BGE 89 I 542 be- schäftigte sich mit der Frage, ob jene Person, die den Auftrag gegeben hat- te, Waren über die Grenze zu schmuggeln, für die Zollabgaben hafte. Ein Auftrag im Sinne des Zivilrechts lag nicht vor, weil dieser Auftrag auf - grund seines rechtswidrigen Inhalts gemäss Art. 20 OR nichtig war. Wie sich der E . 4 dieses BGE (am Ende) entnehmen lässt, gelangte das Bun - desgericht zum Schluss, dass « [m]it der weiten Umschreibung des Kreises der Zollzahlungspflichtigen […] die Zahlung der Abgaben vor allem gera- de für den Fall des Schmuggels gesichert werden [soll], in dem ein Bedürf- nis danach in besonderem Masse besteht. Diese Auslegung drängt sich um- so mehr auf, als der im Urteil Ischy [BGE 62 I 28, in dem das BGer noch zum gegente iligen Schluss gelangte] zitierte Art. 99 [a]ZG (solidarische Haftung mehrerer Angeschuldigter) nur die Busse betrifft und hinsichtlich der Abgabe eine entsprechende Bestimmung fehlt .» In seinem Urteil 2C_747/2009 vom 8. April 2010 ging das Bundesgericht dann gar so weit, nicht nur (wiederum bezogen auf das aZG) festzuhalten, der Gesetzgeber habe den Kreis der Zollzahlungspflichtigen weit gezogen, um die Einbringlichkeit der Zollforderung sicherzustellen, sondern hielt in E. 4.2 unter Hinweis auf den zuvor genannten BGE 89 I 542 fest: « Es geht unter anderem darum, die illegale Einfuhr zu unterbinden » (s. auch den Zollzahlungspflicht des « Vorfahrers » 2023 III/1 BVGE / ATAF / DTAF III 5 Hinweis auf dieses Urteil im Urteil des BGer 2C_363/2010 vom 6. Okto- ber 2010 E. 5.1, wo dies allerdings nicht explizit festgehalten ist). Diese r Satz ist insofern fragwürdig, als es eigentlich Sache des Straf - und nicht des Abgaberechts ist, Straftaten zu verhindern. Nichtsdestotrotz wird hier aber ersichtlich, wie weit das Bundesgericht den Kreis der Zollzahlungs - pflichtigen ziehen will; dies, obwohl es im genannten bundesgerichtlichen Verfahren um die Frage ging, ob der Geschäftsführer und Verwaltungsrat einer Gesellschaft, in deren Namen und auf deren Rechnung der Import erfolgt war, zollzahlungspflichtig sei (was das BGer bejahte). Die Rechtsprechung hat auch festgehalten, dass Angestellte und Hilfsper- sonen des eigentlichen Auftraggebers zollzahlungspflichtig sind (vgl. das schon zuvor genannte Urteil 2C_747/2009 E. 5.3, wobei das BGer hier auf seine nicht publizierte Rechtsprechung verwies, in welcher es die Ansicht verworfen hatte, das Handeln des Organs oder von Angestellten sei der juristischen Person zuzurechnen und nur diese sei als Auftraggeberin zu betrachten; vgl. auch: Urteil des BVGer A-6977/2009 vom 29. November 2010 E. 3.2). Als Au ftraggeberin wird auch eine Person betrachtet, die einen Dritten dazu bringt, ihr eine Ware zu liefern, von der sie weiss oder annehmen muss, dass sie sich im Ausland befindet und zur Lieferung in die Schweiz eingeführt werden muss; dies gilt auch dann, we nn Waren ohne vorgängige Bestellung der betreffenden Person in die Schweiz ge - bracht werden, diese zuvor aber ihre generelle Bereitschaft zur Abnahme solcher Waren kundgetan hat (Urteil A -6977/2009 E. 3.2 m.w.H.). Diese weite Auslegung des Begriffs des Auftraggebers wird in der Lehre biswei- len kritisiert (OESTERHELT/FRACHEBOUD, in: Basler Kommentar VStrR, 2020, Art. 12 N. 24), gibt aber die geltende Rechtsprechung wieder. 4.2.3 Der V orfahrer (immer im Sinne der in E. 4.1 genannten Konstel- lation) veranlasst die Einfuhr einer Ware in unmittelbarer Weise dadurch, dass er den Wagenführer direkt zum Grenzübertritt bewegt. Ohne sein Zu- tun hätte der Warenführer die Grenze nicht oder zumindest nicht an dieser Stelle überquert. Seine Stellung lässt sich insofern unter die des Auftragge- bers subsumieren. Dabei ist dem V orfahrer bekannt, dass sich die Ware im Ausland befindet und in die Schweiz eingeführt werden muss. Er hat zwar – im Gegensatz zum « klassischen » Auftraggeber – möglicherweise kein wirtschaftliches Interesse an der Ware selbst; diese Eigenschaft teilt er aber wohl mit den meisten Angestellten und Hilfspersonen von Auftrag- gebern, die dennoch als zollzahlungspflichtig angesehen werden, sowie mit den meisten Wagenführern, für die das Gesetz die Zollzahlungspflicht 2023 III/1 Zollzahlungspflicht des « Vorfahrers » 6 III BVGE / ATAF / DTAF explizit statuiert. Schliesslich steht auch in der Botschaft, Träger der Zoll- meldepflicht (und damit zollpflichtig; E. 2.5) seien grundsätzlich nur Personen, die zum Grenzübertritt als einem äusseren V organg in tatsäch- licher Beziehun g stünden, wobei wiederum die Waren führerin oder der Warenführer genannt werden (Botschaft vom 15. Dezember 2003 über ein neues Zollgesetz, BBl 2004 567 606). Auch der V orfahrer, der das « Okay » zum Grenzübertritt gibt, steht mit diesem Übertritt in tatsä chli- cher Beziehung, indem er bewusst die Wareneinfuhr tatsächlich veranlasst. 4.3 Insgesamt ist damit festzuhalten, dass ein V orfahrer zollzahlungs- pflichtig ist, wenn er weiss, dass sein « Okay » dazu führt, dass der Waren- führer die Ware über die Grenze bringen wird.