19. März 1993 N 613 Interpellation Strahm Rudolf Soll der neue Gatt-Vertrag der Volksabstimmung unterbreitet werden? Wenn ja, soll er dem fakultativen oder dem obligatori- schen Referendum unterstellt werden? Texte de l'interpellation du 1er décembre 1992 Avec la conclusion prochaine du cycle de l'Uruguay, l'accord sur le Gatt sera considérablement élargi. Il en résultera princi- palement une importante diminution de la souveraineté des Etats en matière de politique agricole. En outre, les nouvelles dispositions remettront en question les exigences élevées de la législation suisse sur les denrées alimentaires et autorise- ront sans doute le «brevetage» d'organismes vivants. Le Gatt devrait par ailleurs être transformé en une organisation inter- nationale ou supranationale. Au niveau de la politique inté- rieure, le nouvel accord aura des conséquences plus impor- tantes que l'Accord sur l'EEE. C'est pourquoi je prie le Conseil fédéral de répondre aux questions suivantes: Le nouvel accord sur le Gatt sera-t-il mis en votation popu- laire? Si oui, sera-t-il soumis au référendum facultatif ou obli- gatoire? Mitunterzeichner-Cosignataires: Blatter, Bühler Simeon, Dor- mann, Grossenbacher, Hildbrand, Iten Joseph, Jäggi Paul, Leu Josef, Ruckstuhl, Schnider, Stamm Judith, Wyss William (12) Schriftliche Begründung - Développement par écrit Der Urheber verzichtet auf eine Begründung und wünscht eine schriftliche Antwort. Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 17. Februar 1993 Rapport écrit du Conseil fédéral du 17 février 1993 Der Gatt-Vertrag definiert die grundsätzlichen aussenwirt- schaftlichen Rahmenbedingungen für die konkrete Ausgestal- tung der nationalen Politiken. Er lässt den einzelnen Vertrags- parteien genügend Spielraum, um diese den eigenen Bedürf- nissen anzupassen, solange der Handel dadurch nicht mass- geblich beeinträchtigt wird. Die Souveränität der einzelnen Vertragsparteien wird durch das Resultat der Uruguay-Runde somit nicht in Frage gestellt. Die Frage, ob das Resultat der Uruguay-Runde einem Refe- rendum zu unterstellen ist und, wenn ja, welcher Art von Refe- rendum, wird - ausgehend von den nachfolgenden Verfas- sungsbestimmungen - nach Vorlage der definitiven Verhand- lungsresultate zu beantworten sein. Der Bundesrat wird dem Parlament diesbezüglich einen Bundesbeschluss über die Genehmigung dieser Resultate unterbreiten. Artikel 89 der Bundesverfassung siehtfolgende Möglichkeiten mit Bezug auf ein eventuelles Referendum vor: Dem fakultativen Referendum unterstehen gemäss Artikel 89 Absatz 3 völkerrechtliche Verträge, sofern sie a) unbefristet und unkündbar sind (Bst a); b) den Beitritt zu einer internationalen Organisation vorsehen (Bst. b); c) eine multilaterale Rechtsvereinheitlichung herbeiführen (Bst. c). Durch Beschluss beider Räte können nach Artikel 89 Absatz 4 weitere völkerrechtliche Verträge dem fakultativen Referen- dum unterstellt werden, wenn sie von besonderer Tragweite sind, aber keines der genannten Kriterien erfüllen. Dem obli- gatorischen Referendum untersteht schliesslich nach Artikel 89 Absatz 5 der Beitritt zu Organisationen für kollektive Sicher- heit oder zu supranationalen Gemeinschaften. Im heutigen Zeitpunkt steht noch nicht endgültig fest, wie die materiellen Ergebnisse der Uruguay-Runde vertraglich und in- stitutionell verankert werden sollen. Die zurzeit im Vorder- grund stehende Schaffung einer multilateralen Handelsorga- nisation zur Ueberführung des immer noch provisorisch ange- wandten Gatt-Vertrages in eine permanente Struktur einer in- ternationalen Organisation böte die Möglichkeit, die Weiter- entwicklung und Ueberwachung der zahlreichen im Rahmen des Gatt bestehenden Spezialabkommen in kohärenter Weise sicherzustellen. Je nach vertraglicher Ausgestaltung wäre ein Beitritt der Schweiz zu einer solchen Institution nach Artikel 89 Absatz 3 Buchstabe b gegebenenfalls dem fakultativen Staatsvertragsreferendum zu unterstellen. Eine Umwandlung des Gatt in eine supranationale Organisa- tion steht nicht zur Diskussion. Damit sind auch die Vorausset- zungen für ein obligatorisches Referendum nicht gegeben. In- wiefern die Ergebnisse der Uruguay-Runde- im Gegensatz zu den bisherigen im Rahmen des Gatt abgeschlossenen Ueber- einkommen - eine multilaterale Rechtsvereinheitlichung ge- mäss Artikel 89 Absatz 3 Buchstabe c der Bundesverfassung herbeiführen werden, kann erst nach Abschluss der Verhand- lungen definitiv beurteilt werden. Festzuhalten ist jedoch be- reits heute, dass alle Abkommen im Rahmen des Gatt jeder- zeit kündbar sind. Diese Möglichkeit wird durch die Verhand- lungen im Rahmen der Uruguay-Runde nicht eingeschränkt Erst nach Abschluss der Verhandlungen wird es möglich sein, zu beurteilen, welche Aenderungen die möglichen Resultate der Uruguay-Runde, namentlich im Landwirtschaftsbereich, für die schweizerische Gesetzgebung erfordern werden und ob allenfalls Artikel 89 Absatz 2 der Bundesverfasssung (fakul- tatives Referendum für Bundesgesetze und allgemeinverbind- liche Bundesbeschlüsse) anzuwenden wäre. Erklärung des Interpellanten: teilweise befriedigt Déclaration de l'interpellateur: partiellement satisfait #ST# 92.3425 Interpellation Strahm Rudolf Haltung der Schweiz in der Uruguay-Runde des Gatt Cycle de l'Uruguay du Gatt. Position de la Suisse Wortlaut der Interpellation vom 7. Oktober 1992 Der Bundesrat wird gebeten, zur Verhandlungsführung in der Uruguay-Runde des Gatt folgende Fragen zu beantworten: 1. Die amerikanische Regierung, die im Gatt am meisten auf den Abbau der Agrarsubventionen drängte, hat im September 1992 im Sinne eines Wahlgeschenks an die Landwirte 1 Milli- arde Dollar zur Subventionierung der Getreideausfuhren und weitere 755 Millionen Dollar an Agrarzahlungen beschlossen. Diese produktebezogene Exportsubventionierung durch die Bush-Administration steht im krassen Gegensatz zu ihrer Ver- handlungsposition gegenüber den Europäern. - Wie stellt sich der Bundesrat zu dieser Exportsubventions- politik der Amerikaner? Hat er den Mut, im Rahmen der Uru- guay-Verhandlungen einen Protest einzulegen, oder wie ge- denkt er sich zu verhalten? 2. In zahlreichen Ländern, auch in schweizerischen Industrie- kreisen, wird es heute als eine grundsätzlich falsche Weichen- stellung betrachtet, dass die Agrarmärkte überhaupt je in die Uruguay-Runde einbezogen worden sind. Dies basierte auf ei- ner Konzession der republikanischen Administration gegen- über den amerikanischen Farmern und den amerikanischen Konzernen, die in den Cairns-Ländern operieren. -Wie steht heute der Bundesrat zum Agrarpaket in der Uru- guay-Runde? Sieht er die Möglichkeit, dass nach einem Re- gierungswechsel in den USA das Agrarhandelspaket aus dem Uruguay-Paket herausgelöst werden kann? Wäre der Bundes- rat bereit, diesbezügliche Initiativen zu ergreifen? 3. Im Dezember 1990 hat Bundesrat Delamuraz in Brüssel eine schweizerische Initiative zum Einbezug der Thematik Handel/Oekologie in die «green box» der Uruguay-Runde an- gekündigt: - Was sind die bisherigen Resultate dieser Verhandlungsin- itiative? Wie gedenkt sie der Bundesrat weiterzuführen?Interpellation Strahm Rudolf 614 N 19 mars 1993 4. In Gatt-Kreisen ist festgestellt worden, dass die Schweiz seit der Deponierung ihres Gesuchs zum EG-Beitritt verhand- lungstechnisch als Anhängsel der Europäischen Gemein- schaft betrachtet wird. - Wie gedenkt der Bundesrat im Rahmen des Gatt eine eigen- ständige Position der Schweiz wahrzunehmen? Texte de l'interpellation du 7 octobre 1992 Le Conseil fédéral est prié de répondre aux questions suivan- tes concernant les négociations menées dans le cadre du cy- cle de l'Uruguay du Gatt: 1. Alors qu'il a été, au Gatt, le plus ardent défenseur d'une ré- duction des subventions agricoles, le gouvernement améri- cain vient de faire cadeau électoral aux agriculteurs en déblo- quant, en septembre 1992, un milliard de dollars pour subven- tionner les exportations de céréales et 755 millions de dollars destinés à indemniser ces mêmes agriculteurs. Ces subven- tions à l'exportation liées au produit sont en totale contradic- tion avec la position adoptée par l'administration Bush vis-à- vis des Européens. - Que pense le Conseil fédéral de cette politique de subven- tions à l'exportation pratiquée par les Américains? Aura-t-il le courage, dans le cadre des négociations du Gatt, de protester contre de tels agissements; sinon, quelle sera son attitude? 2. Dans de nombreux pays, ainsi que dans les milieux indus- triels suisses, on considère aujourd'hui que l'intégration du dossier agricole dans les négociations du cycle de l'Uruguay a été une erreur dès le départ Cette intégration découlait, à l'ori- gine, d'une concession faite par l'administration républicaine aux «farmers» et aux grands groupes industriels américains qui déploient leurs activités dans les pays du groupe de Cairns. - Que pense aujourd'hui le Conseil fédéral de l'intégration de la question agricole dans les négociations du cycle de l'Uru- guay? Est-il d'avis qu'un changement de gouvernement aux Etats-Unis pourrait entraîner le retrait du dossier agricole de ces négociations? Le Conseil fédéral serait-il prêt à faire des propositions dans ce sens? 3. En décembre 1990, Monsieur Delamuraz avait annoncé à Bruxelles que la Suisse lancerait une initiative visant à faire entrer la question de la relation entre environnement et com- merce dans la «green box» de l'Uruguay Round: - Quels sont aujourd'hui les résultats de cette initiative? Com- ment le Conseil fédéral entend-il la poursuivre? 4. Au Gatt, on a constaté que, depuis le dépôt de sa demande d'adhésion à la CE, la Suisse est considérée, dans les négo- ciations, comme plus ou moins rattachée à la Communauté. - Que pense faire le Conseil fédéral pour garantir à la Suisse une position indépendante dans les négociations du Gatt? Mitunterzeichner - Cosignataires: Aguet, Bäumlin, Béguelin, Bodenmann, Brügger Cyrill, Brunner Christiane, Bundi, Ca- robbio, Danuser, Eggenberger, Fankhauser, von Feiten, Goll, Gross Andreas, Haering Binder, Hämmerle, Herczog, Jean- prêtre, Ledergerber, Leemann, Leuenberger Ernst, Marti Wer- ner, Meyer Theo, Steiger, Tschäppät Alexander, Vollmer (26) Schriftliche Begründung-Développement par écrit Der Urheber verzichtet auf eine Begründung und wünscht eine schriftliche Antwort. Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 17. Februar 1993 Rapport écrit du Conseil fédéral du 17 février 1993 1. Der Bundesrat hat sich im Gatt wiederholt gegen die aus- ufernde Exportsubventionierung ausgesprochen, weil sie eine der Hauptursachen für die Zerrüttung der Weltagrarmärkte darstellt Die subventionierten Exporte tragen zum Zusam- menbruch der Weltmarktpreise für Agrargüter bei und vertie- fen damit die Kluft zwischen diesen und dem hohen schweize- rischen Preisniveau, welches auf die Gegebenheiten des schweizerischen Binnenmarktes zurückzuführen ist. Es scheint jedoch angebracht, sich seitens der Schweiz primär auf die Durchsetzung der schweizerischen Agraranliegen in den Gatt-Verhandlungen zu konzentrieren. Es geht dabei darum, die Aenderungsvorschläge (Implementierungsfrist von zehn statt sechs Jahren, allgemeine Tarifizierung erst am Ende der Uebergangsfrist, Verankerung der Multifunktionalität der Landwirtschaft in der Fortsetzungsklausel, Verbesserung des Schutzklauselmechanismus für tarifizierte Produkte), wel- che die Schweiz in ihrer Offerte vom 3. April 1992 gemacht hat, weiterhin geltend zu machen. 2. Die am 20. September 1986 in Punta del Este lan- cierte 8. Welthandelsrunde stützt sich auf das Prinzip der Glo- balität. Die fünfzehn Bereiche der Uruguay-Runde bilden ein Ganzes. Unter den breitgefächerten Verhandlungsthemen nahm dabei die Landwirtschaft von Beginn weg den zentralen Platz ein. Dies traf und trifft nach wie vor insbesondere für die USA zu. Aus diesen Gründen wäre ein Herauslösen des Agrar- paketes aus der Runde mit grosser Wahrscheinlichkeit gleich- bedeutend mit deren Scheitern. Der Bundesrat bedauert, dass diese komplexe, alle handelspolitisch relevanten Themen um- fassende multilaterale Verhandlung von der Agrarverhand- lung dominiert wird, um so mehr, als der Handel mit Agrargü- tern nur knapp 10 Prozent des gesamten Welthandels beträgt 3. Der Bundesrat hat im Dezember 1990 in Brüssel die Initia- tive ergriffen, im Gatt die Arbeiten zum Thema Handel/Oekolo- gie aufzunehmen. Dieser von allen Efta-Staaten mitgetragene Vorschlag hat, trotz anfänglichem Widerstand der Entwick- lungsländer, zu einem Arbeitsprogramm über handelsbezo- gene Massnahmen in internationalen Umweltabkommen, über Transparenz beim Erfassen von Umweltvorschriften und über Verpackungs- und Etikettierungsvorschriften geführt. In dieser ersten Phase geht es dem Bundesrat um eine ver- stärkte Zusammenarbeit zwischen Handels- und Umweltex- perten, damit künftige Umweltregelungen nicht unnötiger- weise mit Gatt-Regeln kollidieren. Es geht aber auch darum, nach Wegen zu suchen, die es dem multilateralen Handelssy- stem ermöglichen sollten, das zukünftige Handelswachstum, das zur Förderung des weltweiten Wohlstandes notwendig ist, so umweltschonend wie möglich zu erreichen. Der Bundesrat wird sich weiterhin aktiv dafür einsetzen, die Thematik Han- del/Umwelt im Gatt sowie in der OECD weiterzuentwickeln, da- mit den ökologischen Anliegen im Aussenwirtschaftsbereich in Zukunft ein höherer Stellenwert eingeräumt wird. Der Entwurf der Schlussakte der Uruguay-Runde vom 20. De- zember 1991 sieht bereits heute in verschiedenen Bereichen einen verstärkten Einbezug der Umweltaspekte vor, so z. B. im Entwurf für ein Abkommen über den Handel mit Dienstleistun- gen, im Entwurf für ein Abkommen über die technischen Han- delshemmnisse und im Entwurf des Abkommens über sani- täre und phytosanitäre Massnahmen. Die vom Interpellanten angesprochene «green box» ist ein Bestandteil des Landwirt- schaftsabkommens im Entwurf der Schlussakte. Die «green box» (grüne Kategorie) umfasst dabei alle internen Stützungs- massnahmen, welche keiner Reduktionspflicht unterliegen, da sie bestimmten Kriterien entsprechen. Zu diesen Mass- nahmen gehören auch die ökologisch motivierten Direkt- zahlungen. 4. Die Schweiz vertritt in allen Fragen ihre eigenständige Posi- tion, obwohl mit zunehmendem Gewicht der EG vor allem bei nichteuropäischen Partnern der Eindruck entstanden ist, die EG spreche für das ganze Europa Dies ist auch im Gatt der Fall. Erklärung des Interpellanten: teilweise befriedigt Déclaration de l'interpellateur: partiellement satisfaitSchweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali Interpellation Strahm Rudolf Haltung der Schweiz in der Uruguay-Runde des Gatt Interpellation Strahm Rudolf Cycle de l'Uruguay du Gatt. Position de la Suisse In Amtliches Bulletin der Bundesversammlung Dans Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale In Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale Jahr 1993 Année Anno Band I Volume Volume Session Frühjahrssession Session Session de printemps Sessione Sessione primaverile Rat Nationalrat Conseil Conseil national Consiglio Consiglio nazionale Sitzung 16 Séance Seduta Geschäftsnummer 92.3425 Numéro d'objet Numero dell'oggetto Datum 19.03.1993 - 08:00 Date Data Seite 613-614 Page Pagina Ref. No 20 022 482 Dieses Dokument wurde digitalisiert durch den Dienst für das Amtliche Bulletin der Bundesversammlung. Ce document a été numérisé par le Service du Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale. Questo documento è stato digitalizzato dal Servizio del Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale.