Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 16. September 2021 (720 21 63 / 259) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Die Aktenlage lässt keine erhebliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit der Beschwer- deführerin bei der Einreise in die Schweiz erkennen. Mangels in Betracht fallender zu- sätzlicher Abklärungsmassnahmen liegt Beweislosigkeit vor, deren Folgen die IV-Stelle zu tragen hat. Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Kan- tonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Katrin Plattner, Behin- dertenforum, Bachlettenstrasse 12, 4054 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1980 geborene, aus X.____ stammende A.____ rei ste am 9. Januar 2004 in die Schweiz ein und war verschiedentlich als Mitarbeiterin in der Gastronomie tätig. Am 15. Januar 2017 meldete sie sich unter Hinweis auf psychische Beschwerde n bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Die IV- Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht klärte die erwerblichen, hauswirtschaftlichen und gesundh eitlichen Verhältnisse ab, wobei sie die Versicherte durch Dr. med. B.____, FMH Physikalische Me dizin und Rehabilitation sowie Rheumatologie, und Dr. med. C.____, FMH Psychiatrie un d Psychotherapie, bidisziplinär be- gutachten liess (Expertisen vom 10./15. Juni 2020). Nach Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) lehnte sie das Rentenbegehren mi t Verfügung vom 12. Januar 2021 ab. Begründend führte sie aus, A.____ sei bereits invalid in die Schweiz eingereist, weshalb die versicherungsmässigen Voraussetzungen für eine Leistungszusprache fehlen würden. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Katrin P lattner, Rechtsdienst Behindertenfo- rum, am 12. Februar 2021 Beschwerde beim Kantonsgeric ht Basel-Landschaft, Abteilung Sozi- alversicherungsrecht (Kantonsgericht). Sie beantragte, in Gutheissung der Beschwerde sei die Verfügung vom 12. Januar 2021 aufzuheben und die IV- Stelle zu verpflichten, ihr ab dem 1. Februar 2016 eine unbefristete ganze Rente, minde stens aber für den Zeitraum vom 1. Feb- ruar 2016 bis 31. Juli 2018 eine ganze Rente und ab d em 1. August 2018 eine Viertelsrente auszurichten; unter o/e-Kostenfolge. In verfahrensrechtli cher Hinsicht beantragte sie die Bewil- ligung der unentgeltlichen Prozessführung. Zur Begrün dung brachte sie im Wesentlichen vor, dass die versicherungsmässigen Voraussetzungen erfüllt seien und die Bemessung des Invali- ditätsgrads nach der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs zu erfolgen habe. C. Mit Verfügung vom 16. Februar 2021 wurde der Beschw erdeführerin für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Prozessführung bewilligt. D. In ihrer Vernehmlassung vom 3. März 2021 schloss die I V-Stelle auf Abweisung der Be- schwerde. E. Am 30. April 2021 reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht der Klinik D.____ vom 21. April 2021 zu den Akten. Die Beschwerdegegnerin v erzichtete am 5. März 2021 auf eine weitere Stellungnahme. F. Mit Instruktionsverfügung vom 7. Mai 2021 wurde die Angelegenheit der Dreierkammer zur Beurteilung überwiesen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfas- sungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantons- gericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtlich e Instanz des Kantons Beschwerden ge- gen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vor- liegenden Beschwerde zuständig. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 1.2 Soweit die Versicherte in ihrer Beschwerde beantra gt, es sei ihr eine Rente zuzuspre- chen, ist sie darauf hinzuweisen, dass im versicherungsge richtlichen Beschwerdeverfahren grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu überprüfen und zu beurteilen sind, zu denen der zu- ständige Versicherungsträger vorgängig verbindlich – in Form einer Verfügung – Stellung ge- nommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den beschw erdeweise weiterziehbaren Anfech- tungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtung sgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfüg ung ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1, 125 V 413 E. 1a mit Hinweisen). Vorliegend e nthält die angefochtene Verfügung weder einen Einkommensvergleich noch Angaben zum Status der Ve rsicherten. Somit fehlt es in Be- zug auf dieses Rechtsbegehren der Versicherten an einem tauglichen Anfechtungsobjekt, wes- halb auf die Beschwerde in diesem Punkt nicht eingetreten werden kann. 1.3 Einzutreten ist demgegenüber auf die im Übrigen frist- und formgerecht erhobene Be- schwerde vom 12. Februar 2021, soweit sich die darin ge stellten Rechtsbegehren auf die versi- cherungsmässigen Voraussetzungen beziehen. 2.1 Gemäss Art. 6 Abs. 1 IVG haben schweizerische und au sländische Staatsangehörige sowie Staatenlose Anspruch auf Leistungen der Invaliden versicherung. Versichert sind laut Art. 1b IVG Personen, die gemäss Art. 1a und Art. 2 d es Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) vom 20. Dezember 1946 obligatorisch oder freiwillig versi- chert sind. Obligatorisch versichert sind unter anderem d ie natürlichen Personen mit Wohnsitz in der Schweiz (Art. 1a Abs. 1 lit. a AHVG). 2.2 Art. 6 Abs. 2 IVG bestimmt, dass ausländische Staatsan gehörige anspruchsberechtigt sind, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz haben und sofern sie bei Eintritt der Invalidität während mindestens ein es vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben. Die besonderen Voraussetzungen des Anspruchs auf eine ordentliche Rente setzen unter anderem voraus, dass die versicherte Person bei Eintritt der Invalidität während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet hat (vgl. Art. 36 Abs. 1 IVG). Auf eine ausse rordentliche Rente Anspruch haben invali- de Ausländer und Staatenlose, die als Kinder die Vora ussetzungen von Art. 9 Abs. 3 IVG erfüllt haben (Art. 39 Abs. 3 IVG). Vorbehalten bleiben abwe ichende zwischenstaatliche Vereinbarun- gen (vgl. Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und X.____ über sozia- le Sicherheit vom Y.____) 2.3 Die Invalidität gilt als eingetreten, sobald sie d ie für die Begründung des Anspruchs auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und Schwere erreicht hat (Art. 4 Abs. 2 IVG). Im Falle einer Rente gilt die Invalidität in dem Zeitpunkt als eingetreten, in dem der Anspruch nach Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 und Art. 4 Abs. 2 in Verbindung m it Art. 28 ff. IVG entsteht, das heisst frühestens, wenn die versicherte Person während eines J ahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen und nach Ablauf die- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht ses Jahres zu mindestens 40 % bleibend oder für längere Z eit erwerbsunfähig (Art. 7 und 8 ATSG) ist (vgl. BGE 137 V 417 E. 2.2.1). 2.4 Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die d urch eine Beeinträchtigung der körperli- chen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, vo lle oder teilweise Unfähigkeit, im bis- herigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem andern Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im I V-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein- trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge sundheit verursachte und nach zu- mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende g anze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorlie gens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesund heitlichen Beeinträchtigung zu be- rücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zu dem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 2.5 Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und insbe sondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person i st die rechtsanwendende Behörde – die Verwaltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterl agen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkei- ten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1). Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellungn ahmen eine wichtige Grundlage für die Be- urteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche an deren Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem allgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch verrichtet werden können (vgl. ULRICH MEYER -BLASER, Zur Prozentgenauigkeit in der Inva- liditätsschätzung, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 3.1 Die Verwaltung als verfügende Instanz und im Beschwe rdefall das Gericht dürfen eine Tatsache erst und nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 29. Januar 2009, 8C_552/2008, E. 2 mit Hinweis). Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid nach dem Beweisgrad der überwie- genden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichke it eines bestimmten Sachverhaltes genügt diesen Beweisanforderungen nicht. Es ist vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die das Gericht von allen möglichen Geschehensa bläufen als die wahrscheinlichste würdigt (vgl. BGE 126 V 360 E. 5b). 3.2 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrund satz beherrscht. Danach hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und v ollständige Abklärung des rechtserhebli- chen Sachverhaltes zu sorgen. Der Untersuchungsgrundsat z schliesst die Beweislast im Sinne Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht einer Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozi alversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofer n, als im Falle der Beweislosigkeit der Ent- scheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem u nbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift aller dings erst Platz, wenn es sich als unmög- lich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf Grund einer Beweiswürdigung ei- nen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (vgl. BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen). 4.1 Die IV-Stelle ging davon aus, dass die Versicherte se it ihrer Jugend im Umfang von 40 % arbeits- und erwerbsunfähig gewesen und der Versich erungsfall deshalb bereits vor ihrer Einreise in die Schweiz eingetreten sei. Demgegenübe r stellt sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, dass die rentenbegründende Beeinträcht igung der Arbeitsfähigkeit erst im Februar 2015 dokumentiert sei. Die medizinische Aktenlag e präsentiert sich im Wesentlichen wie folgt: 4.2 Im Bericht der Klinik D.____ vom 3. Juli 2017 wurde n mit Auswirkung auf die Arbeitsfä- higkeit eine seit dem jungen Erwachsenenalter bestehen de emotional instabile Persönlichkeits- störung vom Borderline-Typ (ICD-10 F60.31), wahrscheinlich mit mässig- bis gering integriertem Strukturniveau nach OPD-2, eine rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33.8), ätiologisch in engem Zusammenhang zur ersten Diagnose stehend, ein e seit der Kindheit bestehende ein- fache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ADHS; ICD-10 F90.0), eine seit dem 26. Le- bensjahr bestehende psychische Verhaltensstörung durch Alkoh ol (ICD-10 F10.21), eine seit mehreren Jahren bestehende psychische und Verhaltensstörung durch Kokain (ICD-10 F14.11) und seit Jahren Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung (ICD-10 Z73) diagnostiziert. Die Versicherte berichte, schon imme r etwas nervös gewesen zu sein und sich zur Linderung der Nervosität selbst kräftig gebissen z u haben. Zudem habe sie seit jeher unter Schlafstörungen gelitten mit nur wenig Schlaf un d häufigem Aufstehen. Schon früher sei- en eine emotional instabile Symptomatik mit Kippen der Stimmung und Krisen mit Suizidgedan- ken vorgekommen. Weiter berichte sie über Phasen der Euphorie und depressive Phasen. Eine erste stationäre Unterbringung sei vom 27. Februar 20 15 bis 6. März 2015 erfolgt. Seit dem 16. April 2015 stehe die Versicherte in ambulanter Beh andlung. Weitere stationäre Aufenthalte in der Klinik D.____ seien vom 3. November 2016 bis 9. Dezember 2016 und vom 6. Februar 2017 bis 17. März 2017 erfolgt. Zudem sei sie vom 5. Ma i 2015 bis 3. Juli 2015, vom 7. März 2016 bis 4. April 2016 und vom 3. Mai 2016 bis 17. Mai 2016 in der Klinik E.____ stationär be- handelt worden. Seit dem 17. März 2017 befinde sich die Versicherte in der Therapieeinrichtung F.____. In der bisherigen Tätigkeit als Servicekraft in der Gastronomie bestünde seit dem 27. Februar 2015 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. 4.3 Die IV-Stelle liess die Versicherte durch die Dre s. B.____ und C.____ bidiziplinär begut- achten. Am 15. Juni 2020 hielt Dr. B.____ fest, dass au s rheumatologischer Sicht weder aktuell noch retrospektiv eine Einschränkung der Arbeitsfähigkei t bestünde. Dr. C.____ diagnostiziere am 15. Juni 2020 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigke it eine emotional instabile Persönlich- keitsstörung vom Borderline-Typ (ICD-10 F60.31), psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom mit gegenwärtig sporadischem Konsum (ICD-10 F10.24), ein Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht ADHS (ICD-10 F90.0) und einen schädlichen Gebrauch von Cannabis (ICD-10 F12.1). In der Kindheit hätten sich psychopathologische Befunde nachwei sen lassen, welche als Ausdruck einer frühen Entwicklungsstörung betrachtet werden könn ten. Aus psychiatrischer Sicht sei seit der ersten Hospitalisation in der Klinik D.____ vom 27. Februar 2015 bis zur achten Hospitalisa- tion am 17. April 2018 von einer vollständigen Einschrä nkung der Arbeitsfähigkeit auszugehen. Hernach sei die Versicherte zu 60 % arbeitsfähig. Retr ospektiv lasse sich vor dem Jahr 2015 aufgrund der diesbezüglich unpräzisen Angaben der Versich erten keine verlässlichen Aussa- gen betreffend den Verlauf der Arbeitsfähigkeit mach en. Es würden auch keine echtzeitlichen Arztberichte vorliegen. Die Versicherte leide seit ihrer Jugend, eventuell seit der Kindheit an den Folgen der Persönlichkeitsstörung und der ADHS. Diese d ürften schon immer zu einer gewis- sen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit geführt ha ben, allerdings lasse sich dies retrospektiv nicht genau beziffern, zumal die Versicherte angebe, in der Schweiz nur zweimal kurzzeitig in einem Vollzeitpensum gearbeitet zu haben. 4.4 Am 30. Juni 2020 nahm Dr. G.____ Stellung. Sie n ahm an, dass aufgrund der Ausfüh- rungen im Gutachten von Dr. C.____ vom 16. Juni 2020 davon auszugehen sei, dass die Versi- cherte bereits vor der Einreise in die Schweiz in der an gestammten Tätigkeit eine Einschrän- kung der Arbeitsfähigkeit von 40 % aufgewiesen habe. 4.5 Am 2. Dezember 2020 führte Dr. G.____ weiter au s, auch wenn Dr. C.____ die Ein- schränkung der Arbeitsfähigkeit nicht genau beziffert h abe, könne aus Sicht des RAD dennoch davon ausgegangen werden, dass die Versicherte mit eine r Arbeitsunfähigkeit von mindestens 40 % in die Schweiz eingereist sei. Aufgrund der Tatsa che, dass die Versicherte erst im Jahr 2015 eine Therapie aufgenommen habe, könne nicht geschl ossen werden, dass sie zuvor voll- ständig arbeitsfähig gewesen sei. 5.1 Die IV-Stelle ging gestützt auf die Beurteilung der RAD-Ärztin Dr. G.____ vom 30. Juni 2020 und 2. Dezember 2020 davon aus, dass die Versicher te bereits vor der Einreise in die Schweiz in der angestammten Tätigkeit eine Einschränku ng der Arbeitsfähigkeit von 40 % auf- gewiesen habe. Dieser vorinstanzlichen Beweiswürdigung ka nn nicht gefolgt werden. Die nicht weiter begründete eigene Einschätzung der RAD-Ärztin D r. G.____ entbehrt jeglicher Grundla- ge in den Akten und wurde auch von der Beschwerdegegn erin in keiner Weise beweismässig untermauert. Echtzeitliche medizinische Berichte mit exp liziter Erwähnung einer entsprechen- den Arbeitsunfähigkeit, die die Einschätzung RAD-Ärztin Dr. G.____ stützen könnten, liegen nicht vor. Vielmehr hielt der psychiatrische Gutachter Dr . C.____ explizit fest, dass für die Zeit vor dem Jahr 2015 keine verlässlichen Angaben zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit gemacht wer- den könnten. Dies zeigt die Schwierigkeit der rückwirkenden Festsetzung der Arbeitsunfähigkeit für eine Zeit auf, in welcher die Beschwerdeführerin nach den Akten noch nicht in psychiatri- scher Behandlung stand. Der Grad der Arbeitsunfähigkeit im Zeitpunkt der Einreise im Jahr 2004 kann daher nur durch spekulative Annahmen und Üb erlegungen festgelegt werden, was aber dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (vgl. E. 3.1 hiervor) keinesfalls zu genügen vermag. Zwar ist aufgrund der Ang aben im Bericht der Klinik D.____ vom 3. Juli 2017 und im Gutachten von Dr. C.____ vom 15. Juni 2020 davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin mit einem psychischen Gesundheitsschaden (ADHS, emotional instabi- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht le Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ) in die Sch weiz einreiste. Zu beachten ist aber, dass allein aufgrund der Diagnosen nicht auf das Ausma ss der Beeinträchtigung der Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit geschlossen werden kann (vgl. BGE 1 43 V 409 E. 4.2.1). Zudem spricht die Tatsache, dass die Versicherte – wie sich aus dem Ber icht der Klinik D.____ vom 3. Juli 2017 weiter ergibt – erst seit dem Jahr 2015 wegen de r psychischen Beschwerden ambulanter und wiederholter stationärer Behandlungen bedurfte, gegen ein schwerwiegendes Ausmass der Erkrankung im Zeitpunkt der Einreise. Dies gilt vorli egend umso mehr, als sie bereits im Jahr der Einreise verschiedentlich als Mitarbeiterin in der Gastronomie tätig war. Auch wenn auf- grund der Lohnmeldungen im Auszug aus dem Individuelle n Konto (IK) nicht davon ausgegan- gen werden kann, dass die Versicherte in der Schweiz ein er mehrjährigen hochprozentigen Erwerbstätigkeit nachging, ist darauf hinzuweisen, dass die Einkommenszahlen keine gesicher- ten Erkenntnisse betreffend den Grad der Arbeitsfähig keit zulassen. Da die Aktenlage keine erhebliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit der Beschw erdeführerin bei der Einreise in die Schweiz im Jahr 2004 erkennen lässt, und der Gutachter Dr. C.____ hierzu keine verlässlichen Aussagen machen konnte, liegt diesbezüglich mangels in Be tracht fallender zusätzlicher Abklä- rungsmassnahmen Beweislosigkeit vor, deren Folgen die IV-S telle zu tragen hat (vgl. E. 3.2 hiervor). 5.2 Aufgrund des IK-Auszugs ist erstellt, dass die Versich erte bei Eintritt der Invalidität, wel- cher frühestens ins Jahr 2016 (Ablauf des Wartejahrs) zu liegen kommt, während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet hat. Damit haben die versicherungsmässigen Voraussetzungen als erfüllt zu gelten. Bei dieser Feststellung muss es im vorliegenden Verfahren sein Bewenden haben, denn die Beschwerdegegnerin hatte sich in der an gefochtenen Verfügung vom 12. Ja- nuar 2021 zur Bemessung der Invalidität nicht geäussert . Demnach ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen, als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 12. Januar 2021 aufgehoben und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung des Leistungsan- spruchs und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-S telle Basel-Landschaft zurückge- wiesen wird. 6.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwer- deverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung od er die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfah- rensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festge- legt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand ent- standen ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Ber ücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrens- kosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten ihr aufzuerlegen sind. 6.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die Beschwerde führ ende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt un d ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schw ierigkeit des Prozesses bemessen. Nach ständiger Praxis des Bundesgerichts genügt für den bundesrechtlichen Anspruch auf eine Parteientschädigung auch ein formelles Obsiegen in dem S inne, dass der Beschwerde führen- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht den Person durch die Aufhebung der angefochtenen Verf ügung und der Rückweisung der Sa- che an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neue n Beurteilung alle Rechte im Hinblick auf eine beanspruchte Leistung gewahrt bleiben (BGE 132 V 215 E. 6.2). Nachdem die Be- schwerde gutzuheissen und die Sache zu weiteren Abklärung en an die Vorinstanz zurückzu- weisen ist, hat diese der Beschwerdeführerin eine Partei entschädigung auszurichten. Ihre Rechtsvertreterin machte in ihrer Honorarnote vom 20. Mai 2021 einen Zeitaufwand von 12 Stunden geltend, was in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen ange- messen ist. Die Bemühungen sind zu dem von der Rechtsvertre terin geltend gemachten Stun- denansatz von Fr. 200.-- zu entschädigen. Nicht zu beanst anden sind sodann die in der Hono- rarnote ausgewiesenen Auslagen von Fr. 100.--. Der Be schwerdeführerin ist deshalb eine Par- teientschädigung in der Höhe von Fr. 2‘500.-- (12 Stu nden à Fr. 200.-- + Auslagen von Fr. 100.--) zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. 7.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenh eiten an das Bundesgericht zulässig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbst ändig eröffnete Zwischenentscheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zus tändigkeit und über Ausstandsbe- gehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in ö ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an- fechtbar, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nach teil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Besch werde sofort einen Endentscheid her- beiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Ze it oder Kosten für ein weitläufiges Be- weisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG ). Nach der bundesgerichtlichen Recht- sprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid a n den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BG G. Dies gilt auch für einen Rückwei- sungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiell-rechtlichen Anspruchsvoraussetzungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). 7.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vo- raussetzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet d as Bundesgericht. Die nachstehen- de Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird, soweit darauf eingetrete n werden kann, in dem Sinne gutgeheissen, als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 12. Januar 2021 aufgehoben und di e Angele- genheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägung en und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle Basel-L andschaft zu- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht rückgewiesen wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerdefü hrerin eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 2'500.-- (inkl. Ausla gen) zu bezah- len. http://www.bl.ch/kantonsgericht