B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3969/2018 U r t e i l v o m 2 6 . A u g u s t 2 0 1 9 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, geboren am (…), Marokko, vertreten durch MLaw Annalena von Allmen, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende - Testbetrieb VZ Zürich, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 27. Juni 2018. D-3969/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ist Staatsange höriger von Marokko und stammt nach eigenen Angaben aus B._______. Er suchte am 21. März 2018 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) C._______ um Asyl nach. Glei- chentags wurde er informiert, dass sein Asylverfahren im Rahmen der Test- phase des Verfahrenszentrums Zürich (VZ) durchgeführt werde. B. Kurz nach der Ankunft in Zürich wurde der Beschwerdeführer wegen seiner gesundheitlichen Probleme an das (…) weitervermittelt, wo er wiederholt untersucht wurde. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zu einer möglichen Dublin-Überstellung vom 3. April 2018 wies er auf psychische Probleme hin. Anlässlich eines Konsiliums durch (…) vom 10. April 2018 wurde eine schwere multiple Abhängigkeit von (…) diagnostiziert und festgestellt, er leide an psychischen und Verhaltens -Störungen, deren Ursache wahr- scheinlich sein langjähriger Drogenmissbrauch sei, wobei eine posttrauma- tische Belastungsstörung, ausgelöst durch traumatische Erlebnisse, nicht ausgeschlossen werden könne. In der Folge war der Beschwerdeführer zur Stabilisierung und zum Entzug vom 16. Mai bis zum 11. Juni 2018 in d er städtischen Suchtbehandlung (…) hospitalisiert. C. Am 18. Juni 2018 wurde der Beschwerdeführer im Beisein seiner zugewie- senen Rechtsvertreterin vom SEM angehört. Er brachte im Wesentlichen vor, seine Eltern hätten ihn ausgesetzt, er sei in einem Karton g efunden worden und eine ältere Frau habe ihn zunächst aufgenommen. Nach fünf Jahren habe sie sich nicht mehr um ihn kümmern können und er sei weg- gegangen und habe von da an auf der Strasse gelebt. Er habe deshalb nie eine Schule besucht und sei schon früh Opfer von sexueller Gewalt und Ausbeutung geworden. Als Kind sei er hübsch gewesen und alle hätten es auf ihn abgesehen gehabt. Leute hätten ihn mit nach Hause genommen und da habe alles bei ihm angefangen; er habe nicht mehr gewusst, ob er zu den Männern oder zu den Frauen gehöre. Seine Ängste habe er mit Drogen betäubt. Er habe in verschiedenen Grossstädten gelebt, darunter Casablanca und Ouja , und sich mit Gelegenheitsjobs und Prostitution durchgeschlagen. Manchmal habe er sich geschminkt und Frauenkleid er getragen. Immer wieder sei er in gewaltsame Auseinandersetzungen mit (homosexuellen) Männern geraten, dabei sei er schwer misshandelt wor- den, was seine Narben am Körper bezeugten . Obwohl er ein Mann sei, D-3969/2018 Seite 3 fühle er sich wie eine Frau, könne so aber in Mar okko nicht leben. Er sei dort immer erniedrigt worden, sein Leben sei ein Albtraum gewesen. Schliesslich habe er sich im April 2017 auf den Weg nach Europa begeben, wobei er zum Schluss einfach auf dem Meer habe sterben wollen. Erst in der Schweiz habe er angefangen, wirklich zu leben und sich als Mensch zu fühlen. D. Am 25. Juni 2018 übermittelte das SEM der Rechtsvertretung den Entwurf des ablehnenden Asylentscheids. Eine ihm drohende asylbeachtliche Ver- folgung habe der Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen können. Seine Vorbringen seien sehr pauschal und unsubstanziiert ausgefallen und zu- dem voller Widersprüche. Die Schilderungen seine r Familienverhältnisse und seines Lebens als Homosexueller seien nicht plausibel und könnten nicht geglaubt werden. Das SEM gehe davon aus, er habe seine wahren Lebensumstände und Erlebnisse in Marokko nicht preisgeben wollen. Der Vollzug der Wegweisung müsse unter diesen Umständen als zulässig, zu- mutbar und möglich erachtet werden. Zudem habe er auch in Marokko Zu- gang zur nö tigen medizinischen Betreuung, zumal er vorgebracht habe, bereits früher von einem Psychiater untersucht worden zu sein. E. In ihrer Stellungnahme vom 26. Juni 2018 entgegnete die Rechtsvertrete- rin, das SEM habe bei seiner Beurteilung der Glaubhaftigkeit die individu- ellen Umstände des Beschwerdeführers hinsichtlich seines psychopatho- logischen Befundes und seiner mangelnden Schulbildung ausser Acht ge- lassen. Das ihm vorgeworfene Aussageverhalten erkläre sich durch seine krankheitsbedingten Einschränkungen. Aus den unsubstanziierten und teil- weise pauschalen Schilderungen des Gesuchstellers allein dürfe deshalb nicht der Schluss gezogen werden, er habe das Erzählte nicht erlebt. Tat- sächlich habe er – im Rahmen seiner Möglichkeiten – glaubhaft sein Leben als drogenabhängiger Homo- bzw. Transsexueller geschildert, der sein e Existenz in verschiedenen Grossstädten gefristet habe. Zudem entsprä- chen die von ihm gelieferten Informationen den Erkenntnissen über das Leben Homosexueller in Marokko. Angesichts dieser glaubhaften Vorbrin- gen, seines schlechten Gesundheitszustands – der weiterer Abklärungen bedürfe – und dem mangelnden sozialen Netz sei nicht nachvollziehbar, weshalb das SEM den Vollzug der Wegweisung als zumutbar erachte und davon ausgehe, der Beschwerdeführer könne sich in Marokko eine Exis- tenz aufbauen. D-3969/2018 Seite 4 F. Mit Verfügung vom 27. Juni 2018 (gleichentags eröffnet durch Zustellung an die Rechtsvertretung) lehnte das SEM das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und beauftragte den Kanton Zürich mit dem Vollzug. In Ergänzung der oben gemachten Ausführungen zur Glaubhaf- tigkeit der Vorbringen (vgl. Bst. D), erwähnte das SEM in seinem Entscheid ausdrücklich, der Auffassung der Rechtsvertreterin zum Aussageverhalten des Beschwerdeführers in der Stellungnahme vom 26. Juni 2018 könne nicht gefolgt werden. Der Beschwerdeführer sei im Rahmen der Anhörung lediglich aufgefordert worden, eig ene Erlebnisse zu schildern. Bei der Schilderung der Fluchtgründe handle es sich nicht um komplizierte theore- tische Sachverhalte, sondern um die Darlegung von selber Erlebtem. Das SEM erwarte daher von Gesuchstellenden eine in den wesentlichen Sach- verhaltselementen substantiierte und widerspruchsfreie Darlegung. Dieser Verpflichtung sei der Beschwerdeführer nicht nachgekommen. Das SEM gehe deshalb davon aus, er habe seine wahren Lebensumstände und Er- lebnisse nicht preisgeben wollen. Zwar sei er unbestritten drogenabhängig, jedoch könne dies seine widersprüchlichen oder substanzlosen Aussagen nicht erklären, zumal den vorliegenden Arztberichten keine Hinweise zu entnehmen seien, wonach er nicht urteilsfähig wäre. In der Anhörung sei er durchaus imstande gewesen, Fragen zu beantworten. G. In der Beschwerde vom 9. Juli 2018 beantragte die Rec htsvertreterin die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen Sachverhaltsabklärung. In prozessua- ler Hinsicht beantragte sie die unentgeltliche Prozessführung , einherge- hend mit dem Verzicht auf d ie Erhebung eines Kostenvorschusses. Zur Begründung brachte sie vor, offenkundig habe der Beschwerdeführer in der Anhörung grosse Mühe gehabt, sich strukturiert auszudrücken und sich auf die gestellten Fragen einzulassen. Immer wieder sei er zu den Themen Gewalt, Drogen und Obdachlosigkeit abgedriftet, weshalb er mehrfach un- terbrochen worden sei. Er sei nicht in der Lage gewesen, seine Erlebnisse chronologisch zu ordnen. Er habe sich durchgehend einer einfachen Spra- che mit kurzen Sätzen bedient und , selbst auf entsprechende Nachfrage hin, Erlebnisse nicht lebensnah und reflektiert beschreiben können. Dieses Verhalten spiegle auch den Befund der (…) vom 10. April 2018, wonach er formalgedanklich eingeengt sei und ein mittelgradiges Gedankenkreisen vorliege. Eine ergänzende Abklärung in der (…) vom 5. Juli 2018 habe auf- gezeigt, dass die kognitiv -affektiven Symptome des Beschwerdeführers D-3969/2018 Seite 5 höchstwahrscheinlich auf eine irreversible hirnorganische Beeinträchti- gung infolge des jahrelangen massiven Drogenkonsums zurü ckgeführt werden müssten. Die Klinik habe deshalb eine neuropsychologische Tes- tung angeregt. Trotz dieser offenkundigen kognitiven Einschränkungen habe der Beschwerdeführer im Rahmen seiner Möglichkeiten konsistent und glaubhaft über sein Leben als obdachloser und drogenabhängiger Ho- mosexueller in Marokko berichtet. Aus seinen Schilderungen und den do- kumentierten Umständen ergebe sich ein widerspruchsfreies Gesamtbild. Aufgrund der bestehenden Hinweise auf seine schwere kognitive Beein- trächtigung und der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen, dränge sich eine er- neute Überprüfung durch die Vorinstanz auf. Zu r Untermauerung der Be- schwerde reichte die Rechtsvertreterin Fotos der Narben des Beschwer- deführers, eine Länderauskunft der SFH zur Situation Homosexueller i n Marokko vom 6. November 2014 sowie den Arztbericht der (…) vom 5. Juli 2018 zu den Akten. H. Mit Zwischenverfügung vom 12. Juli 2018 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Proz essführung gut, ver- zichtete auf die Erhebun g eines Kostenvorschusses und lud die Vor - instanz zur Vernehmlassung innert Frist ein. I. In seiner Stellungnahme vo m 17. Juli 2018 hielt das SEM a m Entscheid fest. Zu den Beschwerdevorbringen führte es aus, es sei fraglich, woher die Rechtsvertreterin die Sicherheit nehme, dass die gesundheitliche Ver- fassung und die geringe Schulbildung ursächlich für die nicht nachvollzieh- baren Angaben des Beschwerdeführers zu Identität, Lebenslauf und Asyl- vorbringen seien. Aus dem Anhörungsprotokoll gehe vielmehr hervor, dass der Beschwerdeführer die ihm gestellten Fragen sehr wohl verstanden habe und dem Aufbau der Anhörungen habe folgen können. Der Bericht der Psychiatrischen Poliklinik vom 5. Juli 2018 attestiere denn auch keine Urteilsunfähigkeit. Zudem werde dort nur auf explizite Nachfrage der Rechtsvertretung die Vermutung angestellt, die Polytoxikomanie könnte eine Traumafolgestörung sein. All dies deute darauf hin, der Beschwerde- führer habe der Anhörung sehr wohl folgen können. Hinsichtlich der Poly- toxikomanie führte das SEM unter Berufung auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts aus, eine Substanzabhängigkeit alleine führe nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen Gründen, es sei den Betroffenen zumutbar, sich im Heimatland um einen D-3969/2018 Seite 6 Entzug zu bemühen. Die nötigen medizinischen Strukturen seien in Ma- rokko vorhanden. J. In der Replik vom 31. Juli 2018 erklärte die Rechtsvertreterin, aus dem Protokoll der Anhörung vom 18. Juli 2018 seien die geschilderten Ein- schränkungen des Beschwerdeführers ersichtlich, jedoch schliesse sie nicht daraus, sondern insbesondere aus dem psychiatrischen Konsilium vom 10. April 2018, dass das Aussageverhalten des Beschwerdeführers durch objektive Gründe erklärbar sei. Allen Arztberichten seien Hinweise auf sein eingeschränktes Aussagevermögen zu entnehmen, wobei die kog- nitiven Beeinträchtigungen die an der Anhörung beobachteten Einschrän- kungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erklären vermögen würden . Die Schlussfolgerung der Vorinstanz, der Beschwerdeführer sei nicht willens, seine wahren Lebensumstände in der Heimat preiszugeben, gehe daher fehl. Der aktuelle Verfahrensstand erlaube keine zuverlässige Entschei- dung über die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. An den Beschwer- debegehren werde festgehalten. K. Am 24. August 2018 wurde der Beschwerdeführer dem Kanton Zürich zu- gewiesen. L. Am 29. August 2018 ging bei den Asylbehörden ein Polizeirapport der Stadtpolizei Zürich ein, wonach der Beschwerdeführer am 26. Juni 2018 zwei Frauen durch Exhibitionismus sexuell belästigt habe, weshalb ent- sprechende Ermittlungen eingeleitet wurden. M. Am 10. Dezember 2018 ging bei den Asylbehörden ein Strafbefehl betref- fend illegale Einreise ein. N. Am 18. Dezember 2018 beziehungsweise am 22. Februar 2019 gingen bei den Asylbehörden ein Strafbefehl betreffend Diebstahl sowie ein Polizei- rapport der Stadtpolizei Winterthur betreffend Hausfriedensbruch und ge- ringfügiger Ladendiebstahl ein. D-3969/2018 Seite 7 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde i st frist - und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 38 der Verordnung über die Durchführung von Testphasen zu den Beschleuni- gungsmassnahmen im Asylbereich [TestV, SR 142.318.1] i.V.m. Art. 112b Abs. 3 AsylG ; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). D-3969/2018 Seite 8 3. 3.1 3.1.1 In der Beschwerde wurde die f ormelle Rüge erhoben, die Vor - instanz habe den Anspruch auf das rechtliche Gehör und den Untersu- chungsgrundsatz beziehungsweise die Pflicht zur vollständigen und richti- gen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts verletzt. Diese Rüge ist vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vor- instanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2015/4 E. 3.1; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Ver- waltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1156 m.w.H.). 3.1.2 Das Bundesverwaltungsgericht kann den rechtserheblichen Sach- verhalt, wie ihn die Vorinstanz festgestellt hat, uneingeschränkt überprüfen (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Es ist dazu in dem Masse verpflichtet, als die Be- schwerdepartei die Sachverhalts feststellungen oder die ihr zugrunde lie- gende Beweiswürdigung als fehlerhaft rügt und sich mit der angefochtenen Verfügung sachbezogen auseinandersetzt (vgl. CHRISTOPH AUER, Streitge- genstand und Rügeprinzip im Spannungsfeld der verwaltungsrechtlichen Prozessmaximen, Diss. Bern 1997, S. 79 f.; Urteil des Bundesverwaltungs- gerichts E-36/2008 vom 30. November 2011, E. 5.1). 3.1.3 Beschwerden gegen Verfügungen des SEM betreffend die Verweige- rung des Asyls und die Anordnung der Wegweisung haben grundsätzlich reformatorischen und nur ausnahmsweise kassatorischen Charakter (Art. 105 AsylG sowie Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 61 Abs. 1 VwVG). Eine Kas- sation und Rückweisung ans SEM ist insbesondere angezeigt, wenn wei- tere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein umfassendes Beweis- verfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungs- reife kann grundsätzlich auch durch die Beschwerdeinstanz selbst herge- stellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint. 3.2 3.2.1 In der Beschwerde wird dem SEM vorgeworfen, es habe ungenügend be- ziehungsweise gar nicht berücksichtigt, dass der Beschwerdeführer aus objektiven Gründen nur eingeschränkt aussagefähig gewesen sei. Folglich habe es die Vorbringen unter völlig falschen Vorzeichen gewürdigt und die nötigen Abklärungen nicht vorgenommen. Die vorliegenden medizinischen Diagnosen hätten weitere medizinische Abklärungen zum Gesundheitszu- stand des Beschwerdeführers nach sich ziehen müssen, bevor das SEM D-3969/2018 Seite 9 einen Entscheid hätte treffen können. Damit habe das SEM seine Abklä- rungspflicht verletzt. 3.2.2 Vorliegend erachtet das Gericht das Verfahren als entscheidreif. Der Beschwerdeführer hat Berichte betreffend seinen Gesundheitszustand ein- gereicht und die Vorinstanz hat diese gewürdigt und sich mit seiner ge- sundheitlichen Situation auseinandergesetzt. Weitere Abklärungen diesbe- züglich erscheinen nicht notwendig. Die formellen Rügen des Beschwer- deführers erweisen sich somit als unbegründet. 3.3 Nach dem Gesagten ist d er Antrag auf Rückweisung des Verfahr ens an die Vorinstanz abzuweisen. 4. 4.1 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduzier- tes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Gesuch- stellers sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaft- machung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse be- treffende, substantiierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schil- derung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstim- mung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des we- sentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1 S. 142 f., BVGE 2010/57 E. 2.3, EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1, EMARK 1996 Nr. 27 E. 3c/aa, EMARK 1996 Nr. 28 E. 3a). D-3969/2018 Seite 10 4.2 In ihrer Begründung führt die Vorinstanz an, die Vorbringen des Be- schwerdeführers seien unglaubhaft, da sie sehr pauschal und unsubstan- ziiert ausgefallen und zudem voller Widersprüche seien. Eine nachvollzieh- bare und chronologische Abfolge biographischer Elemente sei deshalb nur schwer abzuhandeln. Tatsächlich fallen die Aussagen des Beschwerdefüh- rers teilweise pauschal aus und lassen keine Erstellung einer nachvollzieh- baren und chronologischen Biographie zu. Dies lässt sich jedoch zumin- dest teilweise damit erklären, dass der Beschwerdeführer beschreibt, zu einem grossen Teil seines Lebens auf der Strasse gelebt zu haben. So antwortet er auf die Frage nach dem Wohnort während des letzten Jahres vor der Ausreise damit, er habe jahrelang gelitten, nicht nur ein Jahr, und die letzten fünf Jahre auf der Strasse gelebt. Zwar entstehen betreffend die Zeit davor, namentlich seine Aussagen zu seiner Kindheit, aufgrund der mangelnden Substanz und einiger Widersprüche Zweifel an deren Glaub- haftigkeit. Dass er aber während der letzten fünf Jahre vor seiner Ausreise auf der Strasse gelebt hat und es ihm deshalb nicht möglich ist, Adressen anzugeben, erscheint glaubhaft. Es liegt im Lebenswandel des Beschwer- deführers selbst, dass sich keine chronologische Biographie der letzten Jahre nachvollziehen lässt. Dieser hat während mehrerer Jahre und immer wieder auf der Strasse, an verschiedenen Orten und in vers chiedenen Städten gelebt. Dazu kommt, wie von der Rechtsvertretung richtig ange- führt, dass der Beschwerdeführer während all dieser Jahre Drogen konsu- mierte. Es ist sehr wohl nachvollziehbar, dass ihm bei einem solchen Le- benswandel eine chronologische Aufzählung seiner verschiedenen Aufent- haltsorte nicht möglich ist, zumal er sich jeweils nur einige Wochen am gleichen Ort aufgehalten habe (vgl. vorinstanzliche Akten A34 F44). Sein jahrelanger Drogenkonsum und seine daraus resultierenden gesundheitli- chen und kognitiven Einschränkungen sind sodann belegt und stehen aus- ser Frage. Der Beschwerdeführer erklärt sein mangelndes Erinnerungsver- mögen immer wieder damit (vgl. A34 F12, F43). Auch dem Vorwurf des SEM, der Beschwerdeführer habe nicht schlüssig erklären können, welche Schwierigkeiten oder Gefahren homosexuelle Personen in Marokko zu ge- wärtigen hätten, kann nicht gefolgt werden, beschreibt doch dieser seine Probleme als Homosexueller und die damit einhergehenden Misshandlun- gen an verschiedenen Stellen der Anh örung (vgl. A34 F10, F27ff., F45, F53f., F74, F79 ). Die Aussagen des Beschwerdeführers fallen sodann auch nicht durchs Band pauschal und unsubstanziiert aus, er erzählt immer wieder gewisse Dinge von sich aus, wie beispielsweise die Misshandlun- gen in seiner Kindheit (A34 F25ff.). Insbesondere die Aussagen des Be- schwerdeführers zur Lage der Homosexuellen in Marokko fallen treffend und glaubhaft aus. So erklärte er, von Seiten der Polizei würde ihm keine D-3969/2018 Seite 11 Gefahr drohen, allerdings könne er auch keine Hilfe erwarten. Ferner ver- weist er immer wieder auf die gesellschaftliche Äch tung und Gewalt und beschreibt treffend, dass es in grossen Städten Cabarets und Bars als Treffpunkte für Homosexuelle gebe, während in kleinen Städten wie B._______ das Ausleben der Homosexualität nicht möglich sei. Diese Aus- sagen stimmen mit den Kenntnissen des Gerichts überein. Allgemein kann festgehalten werden, dass die Aussagen des Beschwerdeführers, werden sie unter Berücksichtigung seiner gesundheitlichen Verfassung und seiner daraus resultierenden kognitiven Einschränkungen analysiert, zumindest soweit sie sich auf die letzten Jahre vor seiner Ausreise beziehen, als über- wiegend glaubhaft und nachvollziehbar zu beurteilen sind. 4.3 Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht aufgrund des Gesundheitszustandes und des Bildungsstandes, der Erkenntnisse des Gericht s betreffend die Lage in Marokko sowie der dokumentierten Umstände (Drogenkonsum, Narben am Körper) zum Schluss, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend Dro genabhängigkeit, Ho- mosexualität und Obdachlosigkeit – zumindest während der letzten Jahre – als glaubhaft zu beurteilen sind. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solche n Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. 5.2 Der Beschwerdeführer machte im Verlaufe des Asylverfahrens aus- schliesslich Probleme im Zusammenhang mit seiner Homosexualität und seiner Obdachlosigkeit geltend. Homosexuelle Handlungen sind in Ma- rokko grundsätzlich illegal und können mit Haft bis zu drei Jahren bestraft werden. Gemäss den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts wird die strafrechtliche Bestimmung (Artikel 489 des marokkanischen Strafge- setzbuches) jedoch von den marokkanischen Behörden pragmatisch an- gewandt. Anders als in den konservativeren ländlichen Gebieten Ma rok- kos, wo eine gewisse Homophobie der dortigen Bevölkerung nicht in Ab- rede zu stellen ist, stellt sich die Situation in den grösseren Städten des D-3969/2018 Seite 12 Landes (insbesondere auch in Casablanca) weitaus offener dar. So gibt es für Homosexuelle zahlreiche Treffpunkte und Bars, wo sie sich auch von privaten Dritten unbehelligt treffen können. Allein wegen homosexuellen Neigungen oder gar wegen "weiblichen" Aussehens wird in Marokko nie- mand verhaftet. Homosexuelle Personen oder Paare riskieren nur dann eine Festnahme, wenn sie im öffentlichen Raum intim werden oder durch „provozierendes Verhalten“ Passanten und Nachbarn auf sich aufmerksam machen. Diese Einschätzung stimmt sodann auch mit den Aussagen des Beschwerdeführers überein. Dieser machte keine Probleme mit den hei- matlichen Behörden geltend. Zwar beschreibt er, er habe sich einmal an die Polizei gewendet und keine Hilfe erhalten, jedoch ergibt sich aus seinen Aussagen auch kein Anlass für die Annahme, dass er aufgrund dieser Mel- dung mit Nachteilen oder Strafen der Behörden zu rechnen hätte. Die vom Beschwerdeführer geschilderten Vorfälle und auch der soziale Druck, wel- chem homosexuelle Personen in Marokko unter Umständen ausgesetzt sind, vermögen sodann nicht die von Art. 3 Abs. 2 AsylG geforderte Inten- sität zu erreichen. Auch seine belegten gesundheitlichen Probleme lassen nicht den Schluss zu, er sei in Marokko einem nach objektiven Kriterien zu messenden unerträglichen psychischen Druck ausgesetzt gewesen, wel- chem er nur durch Verlassen seines Heimatstaates hätte entkommen kön- nen. 5.3 In Würdigung der gesamten Aktenlage kommt das Bundesverwaltungs- gericht zusammenfassend zum Schluss, dass der Beschwerdeführer keine Gründe nach Art. 3 AsylG nachweisen konnte. Das SEM hat sein Asylge- such demzufolge zu Recht abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu R echt angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis D-3969/2018 Seite 13 nach den gesetzlichen Bestimmu ngen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind al- ternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Weg- weisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4, 2011/7 E. 8). Weil sich vorliegend der Vollzug der Wegweisung aus den nachfolgend aufgezeigten Gründen als unzumutbar erweist, kann auf eine Erörterung der beiden anderen Kriterien – insbesondere der Zulässigkeit des We gweisungsvollzuges – verzichtet werden. 7.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Verzicht auf den Wegweisungsvollzug erfolgt im Anwendungsbereich von Art. 83 Abs. 4 AIG – im Unterschied zum Un- zulässigkeitstatbestand von Art. 83 Abs. 3 AIG – nicht wegen völkerrechtli- cher Verpflichtungen, sondern aus humanitären Gründen. Eine konkrete Gefährdung kann sich für eine ausländische Person somit nicht nur als Folge exzessiver Gewalt ergeben, sondern etwa auch deshalb, weil ihr auf- grund einer desolaten humanitären Lage im Heimat - oder Herkunftsstaat die materiellen Lebensgrundlagen entzogen sind (vgl. BVGE 2011/7 E. 9.9.1). Eine solche Situation liegt insbesondere vor, wenn die ausländische Person bei einer Rückkehr „wegen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich in völlige Armut gestossen würde, dem Hunger und somit einer ernsthaften Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, der Invalidit ät oder sogar dem Tod ausgeliefert wäre“ (vgl. BVGE 2011/24 E. 11.1; 2009/52 E.10.1; 2009/51 E.5.5; 2009/28 E. 9.3.1). Der Hinweis auf eine medizinische Notlage in Art. 83 Abs. 4 AIG D-3969/2018 Seite 14 verdeutlicht, dass eine konkrete Gefährdung nicht zwingend in der allge- meinen Situation im Heimat - oder Herkunftsstaat begründet sein muss. Eine ausländische Person kann auch aus individuellen Gründen wirtschaft- licher, sozialer oder gesundheitlicher Natur konkret gefährdet sein (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3; BVGE 2014/26 E.7.5). Die Beantwortung der Frage, ob die Ausländerin oder der Ausländer im Falle des Vollzugs der Weg- oder Ausweisung im Heimat- oder Herkunftsstaat konkret gefährdet wäre, erfor- dert eine Prognose, welche vor dem länderspezifischen Hintergrund im Rahmen einer Ein zelfallbeurteilung unter Berücksichtigung der Verhält- nisse vor Ort und der individuellen Lebensumstände der betroffenen Per- son vorzunehmen ist (vgl. BVGE 2014/26 E.7.7.4). 7.3 Die Vorinstanz befand den Wegweisungsvollzug des Beschwerdefüh- rers nach Marokko für zumutbar mit der Begründung, weder die dort herr- schende politische Situation noch andere Gründe würden gegen die Zu- mutbarkeit sprechen. So sei davon auszugehen, dass es dem Beschwer- deführer möglich sein werde, die notwendigen ärztlichen Behandlungen zu erhalten, zumal es ihm bereits früher möglich gewesen sei, einen Psychia- ter zu konsultieren. Ausserdem habe sich sein Gesundheitszustand im Ver- laufe des Aufenthaltes in der Schweiz verbessert. Die Aufnahme einer Er- werbstätigkeit dürfte angesichts des Suchtve rhaltens zwar nicht einfach sein, es könne jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass ihm der Zu- gang zum Arbeitsmarkt langfristig verwehrt bleibe. Zudem stehe es ihm of- fen, medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen. Das SEM gehe somit da- von aus, dass eine Rückkehr nach Marokko keine lebensgefährdende Be- einträchtigung des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers nach sich ziehe und erachte eine Rückkehr aus medizinischer Sicht als zumut- bar. Konkrete Hinweise auf weitere Wegweisungsvollzugshindernisse wür- den angesichts der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen fehlen. 7.4 Nachdem das Bundesverwaltungsgericht betreffend Glaubhaftigkeit zu einem anderen Ergebnis gekommen ist als die Vorinstanz und die Aussa- gen des Beschwerdeführers als glaubhaft einschätzt, ist zu beurteilen, ob in Marokko angesichts der Lebensumstände des Beschwerdeführers als obdachloser Homo- beziehungsweise Transsexueller ohne familiäres oder soziales Netz, ohne Weiteres angenommen werden kann, er könne in sei- nem Heimatland Zugang zu einer minimalen Sozialstruktur im Sinne eines Auffangnetzes für Obdachlose finden. Zudem ist abzuklären, ob ihm in Ma- rokko Zugang zu einer medizinischen Behandlung betreffend seine Sucht sowie die posttraumatischen Belastungsstörung offen stehen würde. D-3969/2018 Seite 15 7.5 7.5.1 Allgemein liegen wenige und teilweise widersprüchliche Informatio- nen betreffend Anzahl und staatliche Unterstützung von Obdachlosen in Marokko vor. Gemäss Jood, einer marokkanischen Nichtregierungsorgani- sation, die sich für obdachlose Personen einsetzt, würden diese neben der Armut auch unter der Indifferenz und Gering schätzung der Bevölkerung leiden. Aufgrund ihrer negativen Erfahrungen würden sie sich sogar gegen- über Helfern misstrauisch und aggressiv verhalten. Im Dezember 2018 hielt die Huffington Post g estützt auf Angaben von Mitarbei tern von Jood fest, eigentliche Empfangszentren für obdachlose Personen würden nicht existieren (The Huffington Post Maghreb, À Casablanca, l’association Jood réchauffe la vie des sans -abris, 25.12.2018, https://www.Huffpost- maghreb.com/entry/reportage-a-casablanca-lassociation-jood-rechauffe- la-vie-des-sans-abris_mg_5c1d1514e4b08aaf7a88446a, abgerufen am 11.02.2019). Gemäss Jood haben obdachlose Personen ferner keinen Zu- gang zu medizinischer Grundversorgung (Jood [Casablanca ], Santé, un- datiert, http://www.jood.ma/sante/, abgerufen am 11.02.2019). Quellen hal- ten fest, dass regelmässiger Drogenkonsum mit einer Reihe sozio-ökono- mischer Faktoren in Verbindung gebracht wird. So ist gemäss Erhebungen die Zahl der Arbeitslosen mehr als dreimal höher bei Drogenabhängigen (ANIS SFENDLA et al., Risk an protective factors for drug dependence in two Moroccan high-risk male populations, PeerJ – the Journal of Life and En- vironmental Sciences, 08.11.2018, https://peerj.com/articles/5930/, abge- rufen am 06.02.2019). In einem Bericht des Gesundheitsministeriums von 2018 heisst es, dass Drogenabhängige sozial marginalisiert, diskriminiert und isoliert sein können. Gemäss Gesundheitsministerium verfügt Ma- rokko für die mehr als 35 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner über 15 auf Suchtbehandlung spezialisierte Zentren (Royaume du Maroc – Mi- nistère de la Santé, Célébration de la Journée Internationale contre l’abus et le trafic de drogues, 26.06.2018, https://www.sante.gov.ma/pages/actu- alites.aspx?IDActu=274, abgerufen am 06.02.2019). Das marokkanische Observatoire National des Drogues et Addictions (ONDA, neu: Obser- vatoire Marocain des Drogues et Addictions, OMDA) bezeichnete die zur Verfügung stehenden Ressourcen in diesem Bereich im Jahresbericht 2014 als ungenügend (Observatoire National des Drogues et Addictions (ONDA), Rapport Annuel de l’Observatoire National des Drogues et Addic- tions 2014, undatiert, abgerufen auf https://rm.coe.int/rapport-annuel- 2014-de-l-observatoire-national-des-drogues-et-addictio/168075f742, ab- gerufen am 06.02.2019). Gemäss Online-Magazin La Vie Éco aus Casab- lanca ist die Behandlung für Drogenabhängige Arme nicht zugänglich. Es gebe sehr wenige entsprechend spezialisierte Gesundheitszentren und die D-3969/2018 Seite 16 Behandlung sei kostenpflichtig. Damit würden junge Abhängige aus schlechter gestelltem sozialem Umfeld von der Behandlung ausgeschlos- sen. Die staatlichen Zentren würden hauptsächlich durch Familien genutzt, die die Behandlung bezahlen könnten und sich f rüher in privaten Zentren hätten behandeln lassen (La Vie Éco [Casablanca], La lutte contre l’addic- tion aux drogues nécessite une stratégie nationale !, 25.01.2018, https://la- vieeco.com/news/maroc/societe/la-lutte-contre-laddiction-aux-drogues- necessite-une-strategie-nationale.html, abgerufen am 06.02.2019). 7.5.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, er sei schon früh Opfer von sexueller Gewalt und Ausbeutung geworden und habe sich mit Gelegen- heitsjobs und Prostitution durchgeschlagen. Durch seine Drogenabhängig- keit hat sich seine Lage zusätzlich verschlechtert . Als homo - und/oder transsexueller drogenabhängiger Obdachloser wurde er sozial ausge- grenzt und verfügte über kein stabiles, andauerndes soziales Beziehungs- netz. Ganz im Gegenteil wurde er von seinen Mitmenschen in einem Aus- mass gemieden und nicht geduldet, dass er seinen Aufenthaltsort alle paar Wochen ändern musste. Er verfügte während der letzten Jahre somit auch über keine stabile Wohnsituation in Marokko . Auch wenn seine Aussage, er habe nie über eine Familie verfügt, nicht zu überzeugen vermag, ist auf- grund seiner Schilderungen davon auszugehen, dass er – möglicherweise aufgrund seiner Homosexualität oder seiner Drogenprobleme – zum Zeit- punkt seiner Ausreise über kein familiäres Netz mehr verfügt hat, welches ihn unterstützen könnte. Vor diesem Hintergrund sowie aufgrund der hoff- nungslosen Lebensumstände und seinen daraus sowie aus dem Drogen- konsum resultierenden gesundheitlichen, psychischen und kognitiven Ein- schränkungen erachtet es das Gericht als mit überwiegender Wahrschein- lichkeit unmöglich, dass ihm eine Reintegration in die Gesellschaft gelin- gen würde, insbesondere zumal ihm eine erfolgreiche soziale, geschweige denn berufliche Eingliederung auch in der Vergangenheit nie gelungen ist. Da es ferner gemäss den Abklärungen des Gerichts (vgl. oben E. 7.5.1) äusserst fraglich beziehungsweise unwahrscheinlich ist, ob der Beschwer- deführer Zugang zu einer minimalen Sozialstruktur im Sinne eines Auffang- netzes für Obdachlose sowie zur gesundheitlichen Grundversorgung hätte, ist bei einer Rückkehr nach Marokko von einer konkreten Gefährdung aus individuellen Gründen auszugehen . Vor dem länderspezifischen Hinter- grund im Rahmen einer Einzelfallbeurteilung unter Berücksichtigung der Verhältnisse vor Ort und der individuellen Lebensumstände des Beschwer- deführers ist der Wegweisungsvollzug somit zum heutigen Zeitpunkt als unzumutbar zu beurteilen. D-3969/2018 Seite 17 7.6 Den Akten lassen sich, auch unter Berücksichtigung der beiden Poli- zeirapporte betreffend geringfügiger Ladendiebstahl und Hausfriedens- bruch beziehungsweise Exhibitionismus sowie dem Strafbefehl betreffend Diebstahl, keine hinreichend schwerwiegenden Umstände entnehmen, wo- nach der Beschwerdeführer einen der Tatbestände von Art. 83 Abs. 7 AuG (Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme) erfüllen würde. Nach der vo- rangehenden Erwägung erweist sich der Vollzug seiner Wegweisung aus der Schweiz demzufolge zurzeit als unzumutbar. Die Beschwerde ist dies- bezüglich gutzuheissen und das SEM anzuweisen ihn in der Schweiz vor- läufig aufzunehmen. Der Beschwerdeführer ist indessen darauf aufmerk- sam zu machen, dass die vorläufige Aufnahme für höchstens zwölf Monate ausgestellt und unter Vorbehalt von Art. 84 AIG verlängert wird (Art. 85 Abs. 1 AIG). Das SEM überprüft periodisch, ob die Voraussetzungen für die vorläufige Aufnahme noch gegeben sind und hebt diese auf, sobald die Anspruchsvoraussetzungen hierfür nicht mehr gegeben sind (Art. 84 Abs. 1 und 2 AIG). Dies kann der Fall sein bei weiteren strafrechtlich relevanten Verfehlungen oder dissozialem Verhalten anderer Art. In diesem Zusam- menhang ist der Beschwerdeführer aufzufordern, seine Drogensucht sowie seine psychischen Probleme anzugehen. 8. 8.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung wären grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen – vorliegend praxisgemäss hälftig – dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Nachdem aber mit Zwischenverfügung vom 12. Juli 2018 das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gutgeheissen wurde, sind kei ne Verfah- renskosten aufzuerlegen. 8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer wäre im Umfang seines Obsie- gens – hier also hälftig – in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi- gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) grund- sätzlich eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Er war jedoch auf Beschwerdeebene durch eine zugewiesene Rechtsvertretung im Sinne von Art. 25 TestV vertreten. Nach Art. 28 TestV richtet das SEM dem Leistungserbringer – der nach Art. 26 TestV für die Sicherstellung, Organisation und Durchführung der Rechtsvertretung zuständig ist – eine Entschädigung aus für die Wahrneh- mung der Rechtsvertretung im Beschwerdeverfahren , insbesondere das D-3969/2018 Seite 18 Verfassen einer Beschwerdeschrift. Es ist deshalb keine Parteientschädi- gung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-3969/2018 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird betreffend Vollzug der Wegweisung (Dispositivziffern 4‒5 der angefochtenen Verfügung) gutgeheissen. Betreffend Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, Gewährung von Asyl und Anordnung der Weg- weisung wird die Beschwerde abgewiesen. 2. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführer vorläufig aufzuneh- men. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Aglaja Schinzel Versand: