06/07 23 IV. Art. 8 Abs. 1 ATSG. Art. 4 Abs. 1 IVG . Eine diagnostizierte anhal- tende somatoforme Schmerzstörung allein vermag i.d. R. keine lang dauernde, zu einer Invalidität führende Einschränkung der Arb eitsfähigkeit i.S.v. Art. 4 Abs. 1 IVG zu bewirken. Umschreibung der Voraussetz ungen, unter denen ein Abweichen von diesem Grundsatz ausnahmsweise in Betracht fällt. In concreto besteht eine psychische Komorbidität von erhebliche r Schwere, Ausprägung und Dauer nicht. Die diagnostizierte somatoforme Sc hmerzstörung hat noch keine invalidisierende Wirkung. Es sind keine weite ren, zusätzlichen Faktoren gegeben, die ausnahmsweise zu einer Invalidität inf olge der somatoformen Schmerzstörung führen könnten. Obergericht, 29. Mai 2006, OG V 05 40 (Eine dagegen erhobene Verwaltungsgerichtsbeschwerd e hiess das Bundesgericht einzig betreffend Nichtbewilligung der unentgeltlichen Rec htspflege gut, BGE I 607/06 vom 09.01.2008) Aus den Erwägungen: 4. Die Beschwerdeführerin beantragt die Zusprechun g einer Invalidenrente. Gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG ist die Invalidität die voraussi chtlich bleibende oder längere Zeit andau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann nach Art. 4 Abs. 1 IVG Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein. Die E rwerbslosigkeit aufgrund von invalidi- tätsfremden Gründen vermag keinen Rentenanspruch zu begründen (BGE 107 V 21 E. 2c). … 6. Eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung ist dadurch gekennzeichnet, dass sich für geklagte körperliche Symptome trotz adäqua ter medizinischer (Differential- )Diagnostik keine eindeutigen körperlichen Ursachen finden lassen. Ihre Diagnose setzt laut ICD-10 Ziff. F45.4 im Einzelnen voraus, dass die vorherrschende Beschwerde ein andauern- der, schwerer und quälender Schmerz ist, der durch einen physiologischen Prozess oder eine körperliche Störung nicht vollständig erklärt werden kann. Der Schmerz trete in Verbin- dung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auf. Diese sollten schwer- wiegend genug sein, um als entscheidende ursächlich e Einflüsse zu gelten. Die Folge sei gewöhnlich eine beträchtliche persönliche oder medi zinische Betreuung oder Zuwendung. Nach dieser Definition sind also psychosoziale Prob leme oder emotionale Konflikte als ent- scheidende Krankheitsursache zu betrachten, damit d ie Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung gestellt werden kann (BGE 130 V 399 f. E. 6.1). Erforderlich ist aber jeden- fallls eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Diagnose nach einem wissenschaftlich aner- kannten Klassifikationssystem (BGE 131 V 50, 130 V 402 f. E. 6.3). 7. a) Zu den geistigen Gesundheitsschäden, welche in gleicher Weise wie die kör- perlichen eine Invalidität i.S. von Art. 4 Abs. 1 I VG zu bewirken vermögen, gehören neben den eigentlichen Geisteskrankheiten auch seelische Abwegigkeiten mit Krankheitswert. Nicht als Auswirkungen einer krankhaften seelischen Verfa ssung und damit invalidenversiche- rungsrechtlich nicht als relevant gelten Beeinträch tigungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Wille ns, Arbeit in ausreichendem Masse zu verrichten, zu vermeiden vermöchte, wobei das Mass des Forderbaren weitgehend objektiv bestimmt werden muss (BGE 131 V 50, 130 V 353 E. 2.2.1, 102 V 166 f.). b) Das Vorliegen eines fachärztlich ausgewiesenen psychischen Leidens mit Krankheitswert ist aus rechtlicher Sicht Voraussetz ung, nicht aber hinreichende Grundlage für die Annahme einer invalidisierenden Einschränku ng der Arbeitsfähigkeit. Namentlich vermag eine diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerzstörung als solche in der Re- gel keine lang dauernde, zu einer Invalidität führende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit i.S. von Art. 4 Abs. 1 IVG zu bewirken. Ein Abweichen vo n diesem Grundsatz fällt nur in jenen Fällen in Betracht, in denen die festgestellte soma toforme Schmerzstörung nach Einschät- zung des Arztes eine derartige Schwere aufweist, da ss der versicherten Person die Verwer- tung ihrer verbleibenden Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt bei objektiver Betrachtung sozial- praktisch nicht mehr zumutbar oder für die Gesellsc haft gar untragbar ist (BGE 130 V 353 f. E. 2.2.3). c) Die Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerz überwindung und eines Wie- dereinstiegs in den Arbeitsprozess setzt jedenfalls das Vorliegen einer mitwirkenden, psy- chisch ausgewiesenen Komorbidität von erheblicher S chwere, Ausprägung und Dauer oder aber das Vorhandensein anderer qualifizierter, mit gewisser Intensität und Konstanz erfüllter Kriterien voraus. So sprechen unter Umständen chron ische körperliche Begleiterkrankungen und mehrjähriger Krankheitsverlauf bei unveränderte r oder progredienter Symptomatik ohne längerfristige Remission, ein ausgewiesener sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens, ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr angehbar er innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktb ewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die Krankheit") oder schliesslich unbefr iedigende Behandlungsergebnisse trotz konsequent durchgeführter ambulanter oder stationär er Behandlungen und gescheiterte Re- habilitationsmassnahmen bei vorhandener Motivation und Eigenanstrengung der versicher- ten Person für die ausnahmsweise Unüberwindlichkeit der somatoformen Schmerzstörung. Je mehr diese Kriterien zutreffen und je ausgeprägt er sich die entsprechenden Befunde dar- stellen, desto eher sind ausnahmsweise die Voraussetzungen für eine zumutbare Willensan- strengung zu verneinen (BGE 131 V 50 f. m.H., 130 V 353 ff. E. 2.2.3 m.H.). d) Beruht die Leistungseinschränkung auf Aggravat ion oder einer ähnlichen Konstellation, liegt regelmässig keine versicherte Gesundheitsschädigung vor. Eine solche Ausgangslage ist etwa gegeben, wenn eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilder- ten Schmerzen und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese besteht; intensive Schmerzen angegeben werden, deren Charakterisierung jedoch vage bleibt; keine medizini- sche Behandlung und Therapie in Anspruch genommen w ird; demonstrativ vorgetragene Klagen auf den Sachverständigen unglaubwürdig wirke n; schwere Einschränkung im Alltag behauptet werden, das psychosoziale Umfeld jedoch w eitgehend intakt ist (BGE 131 V 51 m.H.). e) Die ärztliche Stellungnahme zum psychischen Ge sundheitszustand und zu dem aus medizinischer Sicht objektiv vorhandenen Le istungspotential bilden unabdingbare Grundlage für die Beurteilung der Rechtsfrage, ob u nd gegebenenfalls inwieweit einer versi- cherten Person unter Aufbringung allen guten Willens die Überwindung ihrer Schmerzen und die Verwertung ihrer verbleibenden Arbeitskraft zum utbar ist. Im Rahmen der freien Beweis- würdigung darf sich dabei die Verwaltung und im Str eitfall das Gericht weder über die medi- zinischen Tatsachenfeststellungen hinwegsetzen noch sich die ärztlichen Einschätzungen und Schlussfolgerungen zur Arbeitsfähigkeit unbesehen ihrer konkreten sozialversicherungs- rechtlichen Relevanz und Tragweite zu eigen machen. Letzteres gilt namentlich dann, wenn die begutachtende Fachperson allein aufgrund der Di agnose einer anhaltenden somatofor- men Schmerzstörung eine Einschränkung der Arbeitsfä higkeit attestiert. Die rechtsanwen- denden Behörden haben in diesem Fall mit besonderer Sorgfalt zu prüfen, ob die ärztliche Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit auch invaliditä tsfremde Gesichtspunkte (wie insbeson- dere soziokulturelle Belastungsfaktoren) mitberücks ichtigt, welche vom sozialversicherungs- rechtlichen Standpunkt aus unbeachtlich sind (BGE 1 27 V 299 f. E. 5a), und ob die von den Ärzten anerkannte Arbeitsunfähigkeit auch im Lichte der für eine Unüberwindlichkeit der Schmerz-symptomatik massgebenden rechtlichen Kriter ien standhält (BGE 130 V 355 f. E. 2.2.5).