B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2938/2019 U r t e i l v o m 1 4 . D e z e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Roswitha Petry (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter William Waeber, Gerichtsschreiberin Regina Seraina Goll. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. Othman Bouslimi, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (Mehrfachgesuch); Verfügung des SEM vom 10. Mai 2019 / N (…). E-2938/2019 Seite 2 Sachverhalt: I. A. A.a Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer seinen Hei- matstaat am (…) 2010 und gelangte am (…) 2010 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. A.b Er machte im Wesentlichen geltend, er sei syrischer Staatsangehöri- ger kurdischer Ethnie und habe bis zur Ausreise in B._______, bei Al-Ha- saka, Provinz Al -Hasaka gewohnt. Als Kurde sei er immer benachteiligt worden und habe insbesondere in beruflicher Hinsicht keine Chance ge- habt. Aufgrund seiner Ethnie sei er auch während des Militärdiensts immer wieder inhaftiert und später mehrmals von den "Amen-Leuten" (wohl Idārat al-Amn al-ʿĀmm, Direktion für allgemeine Sicherheit, ziviler Nachrichten- dienst Syriens) vorgeladen beziehungsweise mitgenommen und zu einer allfälligen politischen Tätigkeit befragt worden, weshalb er sich zur Aus- reise entschlossen habe. Hier in der Schweiz sei er stark politisch tätig. Er habe sich an mehreren regimekritischen Kundgebungen beteiligt und ver- wende sein Facebook-Konto auch aktiv für diese Interessen. A.c Mit Verfügung vom 22. November 2013 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft . Das Asylgesuch lehnte sie ab. Gleichzeitig verfügte sie die Wegweisung aus der Schweiz und nahm den Beschwerdeführer aufgrund der Unzulässigkeit des Weg- weisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz auf. Sie begründete ihren Entscheid mit der Unglaubhaftigkeit der geltend ge- machten Vorladungen und Befragungen durch die "Amen-Leute". Die vor- gebrachten Nachteile auf dem Arbeitsmarkt seien auf die allgemeinen wirt- schaftlichen Lebensbedingungen in Syrien zurückzuführen, von denen ein grosser Teil der Bevölkerung betroffen sei, und könnten nicht zur Asylge- währung führen. Das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft des Beschwer- deführers bejahte die Vorinstanz aufgrund dessen exilpolitischen Tätigkeit. Der Entscheid erwuchs am 30. Dezember 2013 unangefochten in Rechts- kraft. E-2938/2019 Seite 3 II. B. Am 10. Juni 2016 reichte der Beschwerdeführer beim SEM ein "qualifizier- tes Wiedererwägungsgesuch" ein und beantragte die Annahme seines Ge- suchs als formgerecht, die Anerkennung seiner Flüchtlingseigenschaft so- wie die Gewährung von Asyl. Zur Begründung seines Gesuchs führte er aus, er sei nach dem ergange- nen Asylentscheid in Syrien wegen seines exilpolitischen Engagements verurteilt worden. Das eingereichte Beweismittel unterstreiche sein politi- sches Profil und zeige, welcher Gefahr er sich im Falle einer Rückkehr aus- setzen würde. Ausserdem sei er als Reservist für den syrischen Militär- dienst aufgeboten worden. Seit Herbst 2014 hätten Beobachte r festge- stellt, dass das syrische Regime die Mobilisierungsmassnahmen in die sy- rische Armee für Rekruten und Reservisten intensiviert habe. Personen, die sich dem Militärdienst entziehen würden, müssten mit schwerwiegen- den Konsequenzen, das heisst mit Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren rech- nen. Wer das Land verlasse, ohne eine Adresse zu hinterlassen, und sich so der Einberufung entziehe, werde mit drei Monaten bis zu zwei Jahren Haft und einer Geldbusse bestraft. Vor diesem Hintergrund sei mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die syrischen Behörden seine Militärdienstverweigerung als Ausdruck feindlicher Ansichten betrachten und ihn – vor allem aufgrund seines exilpolitischen Engagements – als po- litischen Oppositionellen einstuf en würden. Er würde sich im Falle einer Rückkehr somit einer grossen Gefahr aussetzen und hätte eine flüchtlings- relevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG (SR 142.31) zu befürchten. Als Beweismittel legte er ein "Vorladungstelegramm" vom (…) 2015 sowie einen "Justizauszug" vom (…) 2016 (Bestätigung eines Urteils vom (…) 2012), jeweils im Original mit Übersetzung, bei. Ausserdem zitiert e er di- verse Länderberichte. C. Am 5. Mai 2017 wurde der Beschwerdeführer erneut zu seinen Asylgrün- den befragt. Dabei macht er im Wesentlichen Folgendes geltend: E-2938/2019 Seite 4 Dreieinhalb Jahre nach seiner Ankunft in der Schweiz habe er zusammen mit anderen Demonstrierenden die C._______. Sie hätten das Gebäude betreten und das Inventar zerstört. Vor der Flucht des Konsuls und der Mit- arbeiter der (…) hätten Letztere noch ein Video gedreht . Von diesem Er- eignis exist iere auch auf YouTube ein Video . Er sei deswegen in der Schweiz zusammen mit sechs ander en Personen verhaftet worden ; aus- serdem hätten die Mitarbeiter der (…) von ihren Namen Kenntnis erhalten. In Syrien sei er deswegen am (…) 2012 zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, was die beigebrach te Urteilsbestätigung vom (…) 2016, welche das syrische Aussenministerium beglaubigt habe, untermaure. Das Urteil selbst habe er nie erhalten. Er habe ausserdem am (…) 2015 eine Vorladung zum Reservedienst er- halten. Er sei bereits zuvor mehrmals vorgeladen worden, da er bei seiner Entlassung aus dem Militärdienst zum Reservedienst aufgeboten worden sei. Das eingereichte Beweismittel sei aber das einzige, das er habe er- hältlich machen können. Bereits nach seiner Ausreise aus Syrien habe der Geheimdienst nach ihm gesucht. Zum einen aufgrund seiner illegalen Aus- reise, zum anderen aufgrund seines Einzugs in den Reservedienst. Er hätte nach der Absolvierung des Militärdienstes das Land während fünf Jahren nicht verlassen dürfen, da er über militärisches Wissen verfüge und den Militärdienst in einem sensiblen Bereich absolviert habe. Einmal hätten sie bei einer Suche nach ihm seinen kranken Vater mitgenommen, inhaf- tiert, verhört und geschlagen. Dieser sei in Haft aufgrund der Schläge ge- storben. Das habe sich (…) nach seiner Einreise in die Schweiz zugetra- gen. Den Totenschein habe er bereits im ordentlichen Verfahren zu den Akten gereicht. Daraufhin sei auch seine Schwester zu einem Verhör mit- genommen worden. Seine ganze Familie habe schliesslich wegen ihm flie- hen müssen. Er habe durch seine Ausreise die gesamte Familie zerstört. Die beiden Beweismittel habe er durch Kontakte seines Onkels zu einer Person, welche für die syrische Regierung arbeite, erhältlich machen kön- nen. Er habe dafür bezahlen müssen. E-2938/2019 Seite 5 D. Die Vorinstanz nahm das Gesuch als Mehrfachgesuch entgegen und stellte mit Verfügung vom 10. Mai 2019 fest, dass der Beschwerdeführer bereits als Flüchtling anerkannt worden sei, und verwies dementsprechend auf die am 22. November 2013 angeordnete vorläufi ge Aufnahme. Sie lehnte auch sein zweites Asylgesuch ab und verfügte gleichzeitig die Weg- weisung aus der Schweiz. E. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer am 12. Juni 2019 Be- schwerde und beantragte die Annahme seiner Beschwerde als formge- recht, di e Anerkennung seiner Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewäh- rung von Asyl im Sinne von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG. Seiner Beschwerde legte er eine Kopie der bereits bei der Vorinstanz ein- gereichten Vorladung und Urteilsbestätigung sowie das Urteil des Bundes- verwaltungsgerichts E-7077/2014 vom 11. Mai 2015 betreffen den Famili- ennachzug seiner Geschwister bei. F. Mit Instruktionsverfügung vom 13. Juni 2019 bestätigte das Bundesverwal- tungsgericht den Eingang der Beschwerde. G. Mit Zwischenverfügung vom 20. Juni 2019 forderte die Instruktionsrichterin den Beschwerdeführer auf, innert Frist einen Kostenvorschuss zu leisten. Dieser Aufforderung kam der Beschwerdeführer fristgerecht nach. H. Mit Schreiben vom 29. Juli 2021 teilte der Beschwerdeführer dem Bundes- verwaltungsgericht mit, dass er sich seit seiner Einreise bemühe, sich zu integrieren, eine Arbeit zu suchen und sich weiterzubilden. E-2938/2019 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist dah er zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das vorliegende Verfahren richtet sich nach altem Recht (Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – unter nachfolgendem Vorbehalt – einzutreten. 1.5 Die Vorinstanz hatte mit Verfügung vom 22. November 2013 das Vor- liegen der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers bejaht und ihn aufgrund der damit zusammenhängenden Unzulässigkeit des Wegwei- sungsvollzugs vorläufig in der Schweiz aufgenommen. Auf das Begehren, seine Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen, ist folglich nicht einzutre- ten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. E-2938/2019 Seite 7 3. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. Ob die Vorinstanz die als «Wiedererwägungsgesuch» betitelte Eingabe des Beschwerdeführers vom 10. Juni 2016 zu Recht als Mehrfachgesuch entgegengenommen hat, muss nicht weiter erörtert werden, da dem Be- schwerdeführer aus der materiellen Behandlung seiner Eingabe als Mehr- fachgesuch keine Nachteile entstanden sind. Es ist deshalb auf die – im Übrigen unbestritten gebliebene – rechtliche Qualifizierung der Eingabe nicht weiter einzugehen. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG). Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat bestehen- den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom- mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG). E-2938/2019 Seite 8 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälsc hte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Die Vorinstanz kam in ihrem Asylentscheid zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer auch im Rahmen seines Mehrfachgesuchs nicht gelun- gen ist, die Suche nach ihm glaubhaft zu machen. Auch die Einberufung in den aktiven Reservedienst könne nicht geglaubt werden. Er habe auf mehrere Fragen bezüglich der Vorladung betreffend die Ein- berufung in den aktiven Reservedienst sehr ungenaue und widersprüchli- che Aussagen gemacht. Es fehle diesen an konkreten und substantiierten Hinweisen darauf, dass er nach seiner Ausreise in den aktiven Reserve- dienst aufgeboten worden sei. Er widerspreche sich insbesondere, indem er in der Anhörung vom 5. Mai 2017 ausführe, gleich nach dem Militärdienst aufgeboten worden zu sein, im ersten Asylverfahren hingegen ausgesagt habe, nach dem Militärdienst noch einige Monate in Syrien gearbeitet zu haben, ohne den Reservedienst überhaupt zu erwähnen. Der Erklärungs- versuch, wonach er vor dem Militärdienst gearbeitet habe und nicht da- nach, vermöge nicht zu überzeugen. Letztlich seien keine Gründe ersicht- lich, weshalb er erst im Jahr 2016 ein neues Asylgesuch eingereicht habe, obwohl die Behörden ihn bereits kurz nach seiner Ausreise im Jahr 2010 für den Reservedienst gesucht hätten. An der Feststellung der Unglaubhaf- tigkeit seiner Vorbringen vermöge auch die eingereichte militärische Vorla- dung nichts zu ändern. Das Dokument weise keinerlei fälschungssichere Merkmale auf und der Beschwerdeführer habe nicht genau erklären kön- nen, wie er in dessen Besitz gekommen sei. Es sei ausserdem allgemein bekannt, dass in Syrien praktisch jegliche Art von Dokumenten käuflich er- worben werden könne. Als entsprechend gering sei die Beweiskraft solcher Dokumente einzustufen. Hinsichtlich der geltend gemachten Verurteilung wegen exilpolitischer Tä- tigkeit in Syrien hielt das SEM fest, dass es bereits mit Verfügung vom E-2938/2019 Seite 9 22. November 2013 festgestellt habe, es bestehe ein begründeter Anlass zur Annahme, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner exilpol itischen Aktivitäten bei einer allfälligen Rückkehr nach Syrien mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu be- fürchten habe, weshalb er die Flüchtlingseigenschaft erfülle. Die einreichte Urteilsbestätigung beziehe sich auf sein exilpolitisches Wirken, welches bereits gewürdigt worden sei und kein neues Gefährdungselement zu be- gründen vermöge. Deshalb erübrige es sich, die eingereichte Bestätigung des Urteils auf deren Echtheit zu überprüfen. 6.2 Der Beschwerdeführer machte auf Beschwerdeebene geltend, er habe sein Heimatland im Jahr 2010 verlassen. Seine schwerwiegenden Prob- leme hätten allerdings erst danach begonnen. Das zentrale Problem sei seine Verurteilung zu sieben Jahren Freiheitsstrafe aufgrund des Vorfalls in der (…) in Genf. Er erfülle folglich die Flüchtlingseigenschaft. Ausserdem werde er aufgrund der Weigerung, Reservedienst zu leisten, gesucht. Im Übrigen wiederholte er die bereits in seinem Mehrfachgesuch vom 10. Juni 2016 gemachten Ausführungen zur Gefährdung von Wehrdienstverweige- rern. 7. 7.1 Es ist im Folgenden zu prüfen, ob das SEM die Vorbringen des Be- schwerdeführers, insbesondere hinsichtlich seiner Einberufung in den Re- servedienst, zu Recht als nicht glaubhaft erachtet hat. 7.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesent- liche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung einer Verfolgung ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen wider- spruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Er- lebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten E-2938/2019 Seite 10 oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftma- chung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Überei nstim- mung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdar- stellung, wenn die positiven Elemente ü berwiegen. Für die Glaubhaftma- chung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.). 7.3 Die Aussagen des Beschwerdeführers anlässlich der Anhörung im zweiten Asylverfahren sind an verschiedenen Stellen durchaus mit einigen Details versehen, die authentisch wirken, beispielsweise seine Schilderun- gen zur Reihenfolge, in welcher die Mitglieder des Geheimdienstes seine Familie jeweils aufgesucht hätten (vgl. SEM-Akten, Anhörung vom 5. Mai 2017, B9 F18), zum Vorgehen bei der Entlassung aus dem Militärdienst, bei welchem er bei verschiedenen Offizieren ein Papier habe unterschrei- ben müssen, um zu bestätigen, dass er für den Reservedienst zurückkom- men werde (vgl. B9 F41 ff.) , oder auch die Darlegung, wonach er nach Absolvierung des Militärdienstes gegen Abgabe seines militärischen Aus- weises seine Identitätskarte wiedererlangt habe (vgl. B9 F53 f.). Allerdings enthalten die Aussagen des Beschwerdeführers auch zahlreiche Unge- reimtheiten, welche im Folgenden erörtert werden. Der Beschwerdeführer hatte anlässlich der Anhörung vom 23. August 2010 im ordentlichen Verfahren angegeben, dass er im Alter von 17 oder 18 Jah- ren eine Anlehre als D._______ begonnen habe, welche zwei bis drei Jahre gedauert habe. Danach habe er im Alter von 19 oder 20 Jahren den Mili- tärdienst angetreten. Dieser habe zwei Jahre gedauert. Nach diesen zwei Jahren sei er "noch lange Zeit" in Syrien geblieben und habe verschiedene Arbeiten verrichtet (SEM-Akten, Anhörung vom 23. August 2010, A6 F57 ff. und F86 ff.). Neben der Arbeit habe er bis im Jahr (…) die Schule besucht (vgl. A6 F21). Als (…)-Jähriger habe er zwischendurch kurz in E._______ gearbeitet, sei aber auf Wunsch seiner Eltern wieder nach Hause zurück- gekehrt (vgl. A6 F99 ff.). Dort habe er unter anderem am (…) 2010 eine Arbeitsstelle in einem (…) angetreten (vgl. A6 F63 ff.) und danach in einer E-2938/2019 Seite 11 (…) gearbeitet (vgl. A6 F86 ff.). Da ihm die Stelle auf Druck des Geheim- dienstes wieder gekündigt worden sei, sei er nach einem Monat, den er bei seiner Schwester verbracht habe, ausgereist (vgl. A6 F 91 ff.). In der Anhörung vom 5. Mai 2017 gab er an, den Militärdienst im Jahr 2009 abgeschlossen zu haben und im folgenden Monat ausgereist zu sein (vgl. B9 F61). Selbst wenn man davon ausgeht, dass er im Alter von 19 oder 20 Jahren den zweijährigen Militärdienst angetreten hat (Jahr […]), hat der bei Ver- lassen des Heimatstaats (…)-jährige Beschwerdeführer nach dem (or- dentlichen) Militärdienst noch mindestens zwei Jahre in Syrien verbracht, bevor er ausgereist ist (Jahr 2010). Dies steht klar im Widerspruch zu sei- ner Aussage im aktuellen Asylverfahren, direkt nach dem Militärdienst aus- gereist zu sein (vgl. B9 F6 1 ff.). Sein Erklärungsversuch, wonach er vor dem Militärdienst gearbeitet habe und nicht danach (vgl. B9 F62 f.), vermag diesen Widerspruch nicht aufzulösen, sondern ist vielmehr al s unbehelfli- che Schutzbehauptung zu qualifizieren. Wie die Vorinstanz zudem zutref- fend ausführt, hat er d as Aufgebot in den Reservedienst im ordentlichen Asylverfahren zu keinem Zeitpunkt erwähnt, geschweige denn geltend ge- macht, dass die Behörden ihn in diesem Zusammenhang suchen würden. An der mangelnden Glaubhaftigkeit des Aufgebots zum Reservedienst ver- mögen auch die zitierten Länderberichte nichts zu ändern, zumal der Be- schwerdeführer neu geltend macht , im Jahr 2010 in den Reservedienst aufgeboten worden zu sein, wohingegen den Länderberichten zu entneh- men ist, dass das syrische Regime die Mobilisierungsmassnahmen erst im Jahr 2014 intensiviert habe. Sein neues Vorbringen, wonach er nach dem Militärdienst das Land wäh- rend fünf Jahren nicht hätte verlassen dürfen (vgl. B9 F22, F29), überzeugt ebenfalls nicht. Zum einen ist es nachgeschoben, zum anderen ist nicht davon auszugehen, dass die syrischen Behörden ihn mit einem fünfjähri- gen Ausreiseverbot belegen sollten, wenn er ohnehin nach eineinhalb Mo- naten wieder in den Reservedienst einrücken sollte , was an sich bereits einem Ausreiseverbot gleichkommen würde (vgl. B9 F40 ff. ). Ausserdem ist auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer ohne Weite- res einen Reisepass hätte ausstellen lassen können, wenn er tatsächlich einem solchen Ausreiseverbot unterlegen hätte (vgl. A1 Ziff. 13.1, B9 F36, E-2938/2019 Seite 12 F70). Dies gilt umso mehr, als er geltend macht, dass selbst die Personen an den Grenzposten von diesem Verbot in Kenntnis gesetzt worden seien (vgl. B9 F71). Ungereimtheiten weisen auch seine Aussagen bezüglich seines Tätigkeits- bereichs beim Militärdienst auf. Während er an der ersten Anhörung angab, im Militärdienst vor allem (…) übernommen zu haben (vgl. A6 F4 5, F50, F54), führte er im aktuellen Asylverfahren an, in einem sensiblen Bereich eingesetzt worden zu sein (vgl. B9 F29, […]). Letzteres erscheint indessen kaum nachvollziehbar, wenn ihm – wie von ihm in der ersten Anhörung be- hauptet – die Vorgesetzten aufgrund seiner Ethnie kein Vertrauen entge- gengebracht und ihn für Dinge beschuldigt hätten, die er nicht getan habe (vgl. A6 F49 und F53 ff.). Es ist schliesslich auch schlicht nicht nachvollziehbar, dass er im Jahr 2015 – fünf Jahre nach seiner Ausreise sowie mehrere Jahre nach der angebli- chen Verurteilung in Syrien wegen exilpolitischer Tätigkeit und der angeb- lichen Ausreise seiner gesamten Familie – von den syrischen Behörden, die offensichtlich von seinem Aufenthalt in der Schweiz Kenntnis hatten, zum Reservedienst aufgeboten werden sollte. Im Lichte der klar unglaubhaften Aussagen hinsichtlich des Aufgebots im Jahr 2010 und der eben genannten Überlegungen ist es überaus unwahr- scheinlich, dass es sich beim eingereichten "Vorladungstelegramm" um ein echtes Dokument handelt , zumal der Beschwerdeführer selbst einräumt, dieses gegen Entgelt erworben zu haben (vgl. B9 F8). Schliesslich ist auch unverständlich, weshalb er erst im Jahr 2016 ein weiteres Asylgesuch ge- stellt hat, obwohl er bereits zuvor mehrmals vorgeladen worden sei (vgl. B9 F35 ff.). Es ist der Vorinstanz daher beizupflichten, wenn sie von der Unglaubhaf- tigkeit der Einberufung des Beschwerdeführers in den Reservedienst aus- geht. In seiner Beschwerdeeingabe vermag der Beschwerdeführer diesen Argumenten nichts entgegenzusetzen, zumal er sich nicht mit der Begrün- dung des SEM auseinandersetzt, sondern lediglich den Sachverhalt und seine Vorbringen des Mehrfachgesuchs wiederholt. E-2938/2019 Seite 13 7.4 Hinsichtlich der angeblichen Verurteilung wegen exilpolitischer Tätig- keit kann auf die Ausführungen des SEM verweisen werden. Wie dieses zu Recht festhält, wurde dieser Aspekt bereits im ordentlichen Verfahren be- rücksichtigt und hat zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und der vorläufigen Aufnahme des Beschwerd eführers geführt. Die geltend ge- machte Verurteilung vermag nichts daran zu ändern, dass es sich um einen subjektiven Nachfluchtgrund handelt, welcher gemäss Art. 54 AsylG zwar zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft führt, aber auch zum Ausschluss von Asyl (vgl. Asylentscheid vom 22. November 2013, Kapitel II Ziff. 3). Auf die Ungereimtheiten bezüglich der Daten der Demonstration und des An- griffs auf C._______ – Verurteilung im Jahr 2012 (vgl. "Justizauszug" vom […] 2016), gemäss Aussagen des Beschwerdeführ ers fand der "Angriff" aber erst dreieinhalb Jahr nach seiner Einreise in die Schweiz, das heisst (…) Jahr 2014 statt (vgl. B9 F4) – ist daher nicht weiter einzugehen. 7.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer – wie vom SEM zutreffend erkannt – aus den im zweiten Asylgesuch geltend ge- machten Gründen keinen Anspruch auf Asylgewährung ableiten kann. 8. 8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Der Voll- zug der Wegweisung ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerdeführer infolge Unzulässigkeit vorläufig aufgenommen hat. 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. E-2938/2019 Seite 14 10. Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens sind die Verf ahrenskos- ten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.- festzusetzen (Art. 1 -3 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Sie sind mit dem am 2. Juli 2019 vom Beschwerdeführer in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss zu ver- rechnen. (Dispositiv nächste Seite) E-2938/2019 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Dem Bes chwerdeführer werden die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– auferlegt. Dieser Betrag wird mit dem einbezahlten Kostenvor- schuss verrechnet. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Roswitha Petry Regina Seraina Goll Versand: