<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">110</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>14</b></span> <span class="ft1"><b>Ausschaffungshaft; Verhältnismässigkeit; Haftvollzug; medizinische Ver-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>sorgung</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft1"><b>Unter Umständen kann eine Ausschaffungshaft, welche lediglich</b></span><br/> <span class="ft1"><b>zwecks Sicherstellung der für die Reisefähigkeit notwendigen medi-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>zinischen Versorgung angeordnet wird, verhältnismässig sein</b></span><br/> <span class="ft1"><b>(Erw. 5.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft1"><b>Vor der Inhaftierung hat die haftanordnende Behörde die medizi-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nisch notwendigen Abklärungen vorzunehmen und dem Vollzugs-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>personal betreffend medizinische Versorgung klare Anweisungen zu</b></span><br/> <span class="ft1"><b>erteilen. Während des Haftvollzugs muss die durch den Amtsarzt</b></span><br/> <span class="ft1"><b>angeordnete medizinische Behandlung eingehalten werden. Wird</b></span><br/> <span class="ft1"><b>von der angeordneten medizinischen Behandlung ohne Rücksprache</b></span><br/> <span class="ft1"><b>mit dem Amtsarzt abgewichen, ist die medizinische Versorgung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>während des Haftvollzugs nicht hinreichend gewährleistet und der</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Betroffene aus der Haft zu entlassen (Erw. 6.).</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft5">vom 11. April 2014 in Sachen Amt für Migration und Integration gegen A.</span><br/> <span class="ft5">(WPR.2014.70).</span><br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft9">5.</span><br/> <span class="ft9">Eine Haftanordnung ist dann nicht zu bestätigen, wenn sie im</span><br/> <span class="ft9">konkreten Fall gegen das Prinzip der Verhältnismässigkeit verstossen</span><br/> <span class="ft9">würde. Die Vertreterin des Gesuchsgegners rügt, die Anordnung</span><br/> <span class="ft9">einer Haft einzig zur Sicherstellung einer korrekten Medikation sei</span><br/> <span class="ft9">unverhältnismässig.</span><br/> <span class="ft9">Im vorliegenden Fall musste ein erster unbegleiteter Ausschaf-</span><br/> <span class="ft9">fungsversuch abgebrochen werden, weil der Gesuchsgegner seine</span><br/> <span class="ft9">Medikamente nicht ordnungsgemäss zu sich genommen hatte.</span><br/> <span class="ft9">Hierauf organisierte das MIKA für den Gesuchsgegner eine Unter-</span><br/> <span class="ft9">stützung durch die Spitex und das Spital R.. Nachdem der Gesuchs-</span><br/> <span class="ft9">gegner jedoch nachweislich weder mit der Spitex noch mit dem</span><br/> <span class="ft9">Spital R. kooperierte als es darum ging, den richtigen Umgang mit</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">111</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">der Diabetes-Erkrankung zu erlernen, erscheint fraglich, welches</span><br/> <span class="ft9">andere Mittel den Gesuchsgegner dazu verhalten würde, seine Medi-</span><br/> <span class="ft9">kation so einzunehmen, dass er am Tag der Ausschaffung flug-</span><br/> <span class="ft9">tauglich ist. Eine mildere Massnahme zur Sicherstellung des Voll-</span><br/> <span class="ft9">zugs der Wegweisung ist damit nicht ersichtlich bzw. muss als bereits</span><br/> <span class="ft9">gescheitert bezeichnet werden. (...)</span><br/> <span class="ft9">6.</span><br/> <span class="ft9">Gemäss Art. 80 Abs. 4 AuG hat der Richter bei der Überprüfung</span><br/> <span class="ft9">des Entscheids über die Anordnung, Fortsetzung und Aufhebung der</span><br/> <span class="ft9">Haft unter anderem auch die Umstände des Haftvollzugs zu berück-</span><br/> <span class="ft9">sichtigen.</span><br/> <span class="ft9">Dazu gehört insbesondere die medizinische Versorgung der In-</span><br/> <span class="ft9">haftierten. Dieser ist bei bekannten und vor allem bei gravierenden</span><br/> <span class="ft9">gesundheitlichen Problemen von Beginn an bzw. bereits im Zusam-</span><br/> <span class="ft9">menhang mit der Festnahme Rechnung zu tragen. Eine freiheitsent-</span><br/> <span class="ft9">ziehende Massnahme ist für einen kranken Insassen um ein Vielfa-</span><br/> <span class="ft9">ches einschneidender als für eine gesunde Person. Der gesundheitlich</span><br/> <span class="ft9">beeinträchtigte Inhaftierte muss und darf sich jederzeit darauf verlas-</span><br/> <span class="ft9">sen können, dass er die notwendigen Medikamente erhält, wobei</span><br/> <span class="ft9">dem Gefängnispersonal eine erhöhte Verantwortung zukommt. Diese</span><br/> <span class="ft9">Verantwortung allein dem Gefängnispersonal aufzubürden, geht je-</span><br/> <span class="ft9">doch nicht an. Vielmehr ist es insbesondere bei der erstmaligen In-</span><br/> <span class="ft9">haftierung eines bekanntermassen gesundheitlich angeschlagenen In-</span><br/> <span class="ft9">haftierten hinsichtlich der zu treffenden medizinischen Vorkehrungen</span><br/> <span class="ft9">Aufgabe der haftanordnenden Behörde, sämtliche notwendigen Ab-</span><br/> <span class="ft9">klärungen zu treffen und der Haftanstalt klare Anweisungen betref-</span><br/> <span class="ft9">fend die medizinische Versorgung des Inhaftierten zu übermitteln.</span><br/> <span class="ft9">Das MIKA hat von der Diabetes-Erkrankung des Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft9">ners gewusst und ihn zur Prüfung der Hafterstehungsfähigkeit dem</span><br/> <span class="ft9">Amtsarzt zugeführt. Nach der medizinischen Abklärung bestätigte</span><br/> <span class="ft9">der Amtsarzt die Hafterstehungsfähigkeit des Gesuchsgegners trotz</span><br/> <span class="ft9">Diabetes-Erkrankung mit dem Hinweis auf die Betreuung durch die</span><br/> <span class="ft9">Spitex und erteilte den Auftrag, die Spitex habe "allabendlich" für</span><br/> <span class="ft9">eine korrekte Medikation zu sorgen und insbesondere die adäquate</span><br/> <span class="ft9">Applikation von Insulin sicherzustellen. Die exakte Medikation</span><br/> <span class="ft9">wurde in einem separaten Dokument festgehalten. Hierauf wurde der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">112</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">Gesuchsgegner in die Ausschaffungshaft überführt. Eine weitere</span><br/> <span class="ft9">Rücksprache des MIKA oder des Gefängnispersonals mit dem Amts-</span><br/> <span class="ft9">arzt erfolgte offenbar nicht.</span><br/> <span class="ft9">Gemäss Aussage des Gesuchsgegners anlässlich der heutigen</span><br/> <span class="ft9">Verhandlung erhielt er seit seiner Inhaftierung, d.h. seit dem</span><br/> <span class="ft9">10. April 2014, 14.30 Uhr, keine Insulinspritze. Zudem wurde ihm</span><br/> <span class="ft9">weder gestattet, seinen Zuckerwert zu bestimmen, noch sich selbst</span><br/> <span class="ft9">Insulin zu spritzen, obschon er sich regelmässig am Abend Insulin</span><br/> <span class="ft9">spritzen müsse. Die hierauf durchgeführte Befragung des Leiters des</span><br/> <span class="ft9">Ausschaffungszentrums Aarau ergab, dass der diensthabende Mitar-</span><br/> <span class="ft9">beiter mit dem Gesuchsgegner am Abend des 10. Aprils 2014 über</span><br/> <span class="ft9">die Medikamentenabgabe gesprochen und der Gesuchsgegner das</span><br/> <span class="ft9">Medikamentenabgabeprotokoll unterzeichnet habe. Dem Protokoll</span><br/> <span class="ft9">ist zwar zu entnehmen, dass geplant war, dem Gesuchsgegner um</span><br/> <span class="ft9">20.00 Uhr durch die Spitex Insulin zu verabreichen. Dies unterblieb</span><br/> <span class="ft9">jedoch offensichtlich. Auf dem Protokoll wurde vielmehr vermerkt,</span><br/> <span class="ft9">die Insulinabgabe sei durch den Amtsarzt erfolgt. Nachdem den Ak-</span><br/> <span class="ft9">ten kein Hinweis zu entnehmen ist, dass der Amtsarzt effektiv Insulin</span><br/> <span class="ft9">verabreicht hatte und dies auch höchst unwahrscheinlich ist, da Insu-</span><br/> <span class="ft9">lin üblicherweise zu genau bestimmten Zeiten einzunehmen ist, und</span><br/> <span class="ft9">der Amtsarzt die Insulinabgabe durch die Spitex sogar schriftlich</span><br/> <span class="ft9">verordnet hatte und zudem auch kein Hinweis dafür vorliegt, dass</span><br/> <span class="ft9">das Gefängnispersonal mit dem Amtsarzt Rücksprache genommen</span><br/> <span class="ft9">hatte, wurde der Vermerk durch den Journalführer offenbar aufgrund</span><br/> <span class="ft9">des mit dem Gesuchsgegner geführten Gesprächs über die Medika-</span><br/> <span class="ft9">mentenabgabe angefügt. Anlässlich der heutigen Verhandlung wurde</span><br/> <span class="ft9">der Leiter des Ausschaffungszentrums aufgefordert, das Gespräch</span><br/> <span class="ft9">nachzustellen und sich mit dem Gesuchsgegner über die Medikamen-</span><br/> <span class="ft9">tenabgabe zu unterhalten. Nachdem sich der Leiter des Ausschaf-</span><br/> <span class="ft9">fungszentrums zunächst weigerte, der Aufforderung nachzukommen,</span><br/> <span class="ft9">zeigte sich rasch, dass eine Verständigung mit dem Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft9">auf Englisch gar nicht möglich ist.</span><br/> <span class="ft9">Damit steht fest, dass das MIKA seiner Pflicht, vor der Inhaftie-</span><br/> <span class="ft9">rung die medizinisch notwendigen Abklärungen zu tätigen und dem</span><br/> <span class="ft9">Gefängnispersonal zukommen zu lassen, nachgekommen ist. Ob-</span><br/> <span class="ft9">schon das Ausschaffungszentrum über das Aufbieten der Spitex und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">113</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft9">die notwendige Medikamentenabgabe schriftlich orientiert worden</span><br/> <span class="ft9">war, unterblieb die Medikamentenabgabe am Abend des 10. April</span><br/> <span class="ft9">2014 und wurde die Spitex offenbar erst auf den 11. April 2014</span><br/> <span class="ft9">aufgeboten. Dies ist nicht akzeptabel, weshalb der Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft9">mangels hinreichender medizinischer Versorgung unverzüglich aus</span><br/> <span class="ft9">der Ausschaffungshaft zu entlassen ist.</span><br/> <span class="ft9">Anzumerken bleibt, dass es in Fällen wie dem Vorliegenden</span><br/> <span class="ft9">dem Gefängnispersonal nicht frei steht, nach eigenem Gutdünken</span><br/> <span class="ft9">über eine Medikamentenabgabe zu entscheiden und es höchst fahr-</span><br/> <span class="ft9">lässig ist, gestützt auf Aussagen eines Inhaftierten, mit dem man sich</span><br/> <span class="ft9">offensichtlich nur bruchstückhaft und damit nur unzureichend unter-</span><br/> <span class="ft9">halten kann, eine verordnete Medikation auszusetzen. Kann kein</span><br/> <span class="ft9">Dolmetscher beigezogen werden, der für eine klare Verständigung</span><br/> <span class="ft9">mit dem Betroffenen sorgt, ist auf jeden Fall mit dem zuständigen</span><br/> <span class="ft9">Arzt Rücksprache zu nehmen.</span><br/></div> </div> </body> </html>