<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp322848"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>142 II 304<br/><br/><br/><div class="paraatf">26. Auszug aus dem Urteil der II. öffentlich-rechtlichen Abteilung i.S. A.A. gegen Steueramt des Kantons Aargau Sektion Verrechnungssteuer und Wertschriftenbewertung (Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten)</div> <div class="paraatf">2C_255/2016 vom 18. Juli 2016</div> <a name="idp324608"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf"><span class="artref"><artref id="CH/642.21/54" type="start"></artref>Art. 54 und 55 VStG</span><artref id="CH/642.21/55" type="end"></artref>; Steuerrückerstattung; Beschwerdefrist; Voraussetzungen für die Anwendung kantonaler Verfahrensvorschriften; Ausschluss einer analogen Anwendung der im VwVG und in der ZPO vorgesehenen Gerichtsferien. <div class="paratf">Gemäss <span class="artref">Art. 54 Abs. 1 VStG</span> kann gegen den Einspracheentscheid des kantonalen Verrechnungssteueramtes innert 30 Tagen nach der Eröffnung bei der kantonalen Rekurskommission schriftlich Beschwerde erhoben werden; die Beschwerde hat einen bestimmten Antrag zu enthalten und die zu seiner Begründung dienenden Tatsachen anzugeben. Vorbehalten bleibt <span class="artref">Art. 55 VStG</span> (E. 3.1). </div> <div class="paratf"><span class="artref">Art. 55 VStG</span> gestattet die Anwendung kantonaler Verfahrensvorschriften, wenn der Entscheid über den Rückerstattungsanspruch mit der Veranlagungsverfügung verbunden worden ist. Ist dies - wie hier - nicht der Fall, kommt das kantonale Verfahrensrecht nicht in Betracht und ist nur <span class="artref">Art. 54 Abs. 1 VStG</span> massgebend (E. 3.3). Eine (analoge) Anwendung der im VwVG und in der ZPO vorgesehenen Gerichtsferien ist auch ausgeschlossen (E. 3.4). </div> </div> </div> <a name="idp337728"></a> <a name="idp350992"></a> <br/><div> <a name="idp364144"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> <span class="small">ab Seite 305</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page305"></a><div class="center pagebreak">BGE 142 II 304 S. 305</div> </div> <div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp366352"></a><span class="bold" id="consideration_3.">3. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp367440"></a><span class="bold" id="consideration_3.1">3.1 </span>Gemäss Art. 54 Abs. 1 des Verrechnungssteuergesetzes vom 13. Oktober 1965 (VStG; SR 642.21) kann gegen den Einspracheentscheid des kantonalen Verrechnungssteueramtes innert 30 Tagen nach der Eröffnung bei der kantonalen Rekurskommission schriftlich Beschwerde erhoben werden; die Beschwerde hat einen bestimmten Antrag zu enthalten und die zu seiner Begründung dienenden Tatsachen anzugeben. Vorbehalten bleibt Art. 55 (ergänzendes kantonales Recht). Gemäss <span class="artref">Art. 55 VStG</span> kann der Kanton in seinen Vollzugsvorschriften bestimmen, dass sich das Einspracheverfahren und das Verfahren vor der kantonalen Rekurskommission nach den für die Anfechtung und Überprüfung der Steuerveranlagung massgebenden kantonalen Verfahrensvorschriften (einschliesslich der Fristen) richtet, wenn der Entscheid über den Rückerstattungsanspruch mit einer Veranlagungsverfügung verbunden worden ist.</div> <div class="paraatf">Bei der Frist nach <span class="artref">Art. 54 Abs. 1 VStG</span> handelt es sich wie bei allen Rechtsmittelfristen um eine gesetzliche Frist, die als solche, vorbehältlich einer anderen gesetzlichen Regelung, nicht erstreckbar ist. Auf Beschwerden, welche nach Ablauf der Rechtsmittelfrist erhoben worden sind, darf die Rekurskommission nicht eintreten. Dabei hat die angegangene Instanz von Amtes wegen zu prüfen, ob die Beschwerde innert der gesetzlichen Frist eingereicht worden ist. Raum für die Berücksichtigung der kantonalen Gerichtsferien in einem grundsätzlich durch bundesrechtliche Regeln normierten Verfahren <a name="page306"></a><div class="center pagebreak">BGE 142 II 304 S. 306</div>besteht nur dann, wenn der bundesgerichtliche Erlass hinsichtlich des Fristenlaufs keine abschliessende Regelung getroffen hat (Urteil A.363/1985 vom 13. Mai 1986, in: ASA 56 E. 2a S. 645).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp375344"></a><span class="bold" id="consideration_3.2">3.2 </span>Die Vorinstanz hält in ihrem Urteil fest, kantonales Verfahrensrecht könne lediglich in jenen Fällen zur Anwendung kommen, wo der Entscheid über den Rückerstattungsanspruch mit einer Veranlagungsverfügung verbunden worden ist.</div> <div class="paraatf">Da im Kanton Aargau der Entscheid über den Rückerstattungsanspruch nicht mit einer Veranlagungsverfügung verbunden wird, ist sie zum Schluss gekommen, für die Anwendung des kantonalen Steuerverfahrensrechts bzw. der kantonalen Gerichtsferien bestehe kein Raum.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp377840"></a><span class="bold" id="consideration_3.3">3.3 </span>Den Ausführungen des Spezialverwaltungsgerichts des Kantons Aargau ist beizupflichten.</div> <div class="paraatf">Gemäss dem klaren Wortlaut von <span class="artref">Art. 55 VStG</span>, von welchem bei der Gesetzesauslegung in erster Linie auszugehen ist (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2016&amp;to_year=2016&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-V-216%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page216">BGE 136 V 216</a> E. 5.1 S. 217; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=12&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2016&amp;to_year=2016&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F135-V-153%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page153">BGE 135 V 153</a> E. 4.1 S. 157), ist die Anwendung kantonaler Verfahrensvorschriften nur möglich, wenn der Entscheid über den Rückerstattungsanspruch mit der Veranlagungsverfügung verbunden worden ist (Urteile 2C_704/2014 vom 10. Februar 2015, in: StR 70/2015 E. 4.1 S. 541 und 2A.288/2003 vom 7. Mai 2004 E. 1.2; BRUNO KNÜSEL, in: Bundesgesetz über die Verrechnungssteuer, Zweifel/Beusch/Bauer-Balmelli [Hrsg.], 2. Aufl. 2012, N. 1 zu <span class="artref">Art. 55 VStG</span>; ARNOLD/MEIER/SPINNLER, Steuerpflicht bei Auslandbezug, ASA 70 S. 1 ff., 79-80). Ist dies - wie hier - nicht der Fall, kommt der in <span class="artref">Art. 54 Abs. 1 VStG</span> enthaltene Vorbehalt nicht in Betracht und ist nur die zuletzt erwähnte Bestimmung massgebend.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp389840"></a><span class="bold" id="consideration_3.4">3.4 </span>In diesem Zusammenhang und entgegen der Meinung des Beschwerdeführers muss gleichzeitig eine (analoge) Anwendung der im Bundesgesetz vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG; SR 172.021) und in der Zivilprozessordnung vom 19. Dezember 2008 (ZPO; SR 272) vorgesehenen Gerichtsferien ausgeschlossen werden.</div> <div class="paraatf"><span class="artref">Art. 54 Abs. 1 VStG</span>, der eine Beschwerdefrist von 30 Tagen vorsieht, verweist weder auf das VwVG noch auf die ZPO, sondern nur (und zwar bedingt) auf das kantonale Recht. Die einzige Bestimmung, die einen solchen Verweis enthält, ist <span class="artref">Art. 59 Abs. 1 VStG</span>. Diese betrifft aber die Revision und die Erläuterung von Entscheiden der Eidgenössischen Steuerverwaltung bzw. der kantonalen <a name="page307"></a><div class="center pagebreak">BGE 142 II 304 S. 307</div>Behörden und nicht die Regelung der Gerichtsferien. Eine (direkte) Anwendung von <span class="artref">Art. 22a VwVG</span> oder von <span class="artref">Art. 145 ZPO</span> scheidet hingegen bereits gemäss <span class="artref">Art. 1 Abs. 3 VwVG</span> bzw. gemäss <span class="artref">Art. 1 ZPO</span> aus.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp407360"></a><span class="bold" id="consideration_3.5">3.5 </span>Nach dem vorinstanzlich festgestellten Sachverhalt (<span class="artref">Art. 105 Abs. 1 BGG</span>) wurde der Einspracheentscheid am 12. August 2015 zugestellt. Die in <span class="artref">Art. 54 Abs. 1 VStG</span> vorgesehene Beschwerdefrist von 30 Tagen ist am 11. September 2015 abgelaufen.</div> <div class="paraatf">Die am 14. September 2015 der Schweizerischen Post übergebene Beschwerde war damit verspätet. (...)</div> </div></body></html>