200 20 322 IV KOJ/PRN/ARJ Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 9. Februar 2021 Verwaltungsrichter Kölliker, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Knapp, Verwaltungsrichter Jakob Gerichtsschreiberin Prunner A.________ vertreten durch Rechtsanwältin Dr. iur. B.________ Beschwerdeführer gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Bundesgerichtsentscheid vom 8. April 2020 (Rückweisung an Vorinstanz IV 160/19) Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 2 Sachverhalt: A. Der 1954 geborene A.________ (Versicherter bzw. Beschwerdeführer) arbeitete seit 1977 zunächst als … und später als … (Akten der IV-Stelle Bern [IVB bzw. Beschwerdegegnerin], Antwortbeilage [AB] 8). Diese Stelle wurde durch die Arbeitgeberin wegen dreimaligem Verstoss gegen die IT- Regeln unter Einhaltung der Kündigungsfrist im August 2011 gekündigt (AB 8, S. 7). Im Januar 2012 meldete sich der Versicherte bei der IVB zum Leistungsbezug an. Als Art der Behinderung gab er ein Burnout-Syndrom sowie eine akute Depression an (AB 2). Nach Abbruch eines Aufbautrai- nings in der Abklärungsstelle C.________, im Dezember 2012 (vgl. AB 43 f.) und Abschluss der beruflichen Eingliederung (AB 52) veranlasste die IVB insbesondere eine Begutachtung durch Dr. med. D.________, Fach- arzt für Neurologie sowie Psychiatrie und Psychotherapie (psychiatrisches Gutachten vom 4. November 2013, AB 60.1). Nach durchgeführtem Vorbe- scheidverfahren (AB 63) und Einholung einer Stellungnahme des Regiona- len Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 30. Januar 2014 (AB 76) verneinte die IVB mit Verfügung vom 5. Februar 2014 den Anspruch auf eine Invaliden- rente (AB 79). Die hiergegen erhobene Beschwerde (AB 85) wies das Ver- waltungsgericht mit Urteil vom 8. April 2015 ab (AB 136; IV/2014/239). Vom 21. Juli 2014 bis am 18. Februar 2015 (Abbruch des Arbeitstrainings, AB 132, 135) und vom 18. Mai bis am 17. August 2015 erfolgten weitere berufliche Massnahmen im E.________ (AB 141, 159). B. Auf eine Neuanmeldung im Juni 2015 (vgl. AB 149) bzw. Oktober 2015 (AB 162) trat die IVB nach Einholung eines Berichts des RAD vom 29. Ok- tober 2015 (AB 160) mit Verfügung vom 25. Januar 2016 nicht ein (AB 175). Im daraufhin folgenden Beschwerdeverfahren (vgl. AB 186) wur- de die Verfügung vom 25. Januar 2016 wiedererwägungsweise aufgeho- ben (AB 197; 199, S. 3 f.). Das Verwaltungsgericht schrieb das Beschwer-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 3 deverfahren mit Urteil vom 23. Mai 2016 als gegenstandslos geworden vom Geschäftsverzeichnis ab (AB 200; IV/2016/261). Nach einem weiteren Arbeitstraining im E.________ vom 11. Januar bis 10. Juli 2016 (AB 172, 195, 202, 209) holte die IVB unter anderem ein Gut- achten vom 15. August 2017 (AB 241.1) sowie zwei Stellungnahmen vom 9. Januar (AB 255) und 18. Mai 2018 (AB 271) der psychiatrischen Klinik F.________ ein. Mit Vorbescheid vom 6. Juni 2018 stellte die IVB dem Be- schwerdeführer den Anspruch auf eine Viertelsrente ab 1. April 2016 in Aussicht (AB 275). Auf den daraufhin erfolgten Einwand (AB 278) hin holte die IVB eine Stellungnahme des RAD vom 4. Oktober 2018 (AB 283) ein und verneinte – nach erneut durchgeführtem Vorbescheidverfahren (AB 285, 288) – mit Verfügung vom 18. Januar 2019 den Anspruch auf eine Invalidenrente (AB 292). Mit Urteil vom 27. August 2019 (IV/2019/160) wies das Verwaltungsgericht die gegen die Verfügung vom 18. Januar 2019 erhobene Beschwerde (AB 294, S. 4 ff.) ab. Die hiergegen erhobene Beschwerde hiess das Bun- desgericht (BGer) mit Entscheid vom 8. April 2020 (8C_664/2019) unter Bejahung des Vorliegens eines Revisionsgrundes teilweise gut, hob das Urteil des Verwaltungsgerichts vom 27. August 2019 auf und wies die Sa- che zu neuer Entscheidung an dieses zurück; im Übrigen wies es die Be- schwerde ab. C. Unter der Verfahrensnummer IV/2020/322 nahm der Instruktionsrichter mit prozessleitender Verfügung vom 12. Mai 2020 das Verfahren wieder auf und gab dem Beschwerdeführer Gelegenheit, zu der gemäss BGer vorzu- nehmenden Indikatorenprüfung und der diesbezüglichen Beweiswertigkeit des F.________-Gutachtens vom 15. April 2017 Stellung zu nehmen. In der Stellungnahme vom 23. Juli 2020 führte der Beschwerdeführer aus, er habe bereits vor Erlass der angefochtenen Verfügung unter invalidisie- renden, degenerativen HWS-Beschwerden und rechtsseitigen Waden- schmerzen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gelitten. Diese Komor-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 4 biditäten seien ganz sicher zusätzlich ressourcenraubend und das HWS- Leiden wirke sich gemäss der hausärztlichen Einschätzung vor Erlass der angefochtenen Verfügung auf die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit aus. Dies werde von beiden psychiatrischen Gutachten nicht berücksichtigt, weshalb nicht darauf abgestellt werden könne. Im Übrigen habe das F.________-Gutachten die Indikatoren sorgfältig geprüft. Sowohl im Privat- als auch im Arbeitsbereich bestünden „dekompensierte Ein- schränkungen“, trotz jahrelangen Therapien, Psychiatriespitex und Einglie- derungsmassnahmen. Da er mittlerweile 65-jährig sei und die in den Akten liegenden Gutachten die physischen Komorbiditäten nicht berücksichtigten, sei eine ganze Rente zuzusprechen, eventualiter sei ein polydisziplinäres Gerichtsgutachten bei der asim oder der MEDAS Luzern anzuordnen. Mit Stellungnahme vom 2. September 2020 führte die Beschwerdegegnerin aus, das psychiatrische Gutachten der psychiatrischen Klinik F.________ vom 15. August 2017 erfülle die von der Rechtsprechung an eine solche Expertise gestellten beweisrechtlichen Anforderungen. Nach der Prüfung der Indikatoren ergebe sich, dass aus versicherungsrechtlicher Sicht kein IV-relevanter Gesundheitsschaden ausgewiesen sei. Mit Eingabe vom 23. September 2020 bestätigte der Beschwerdeführer seine Ausführungen in der Stellungnahme vom 23. Juli 2020. Gleichentags reichte er weitere Unterlagen zu den Akten (Beschwerdebeilage [BB]). Die- se Eingaben wurden der Beschwerdegegnerin mit prozessleitender Verfü- gung vom 25. September 2020 zur Kenntnis gebracht.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 5 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Der Beschwerdeführer ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde grundsätzlich (vgl. E. 1.2 hiernach) einzutreten. 1.2Angefochten ist (weiterhin) die Verfügung der IVB vom 18. Januar 2019 (AB 292). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdefüh- rers auf eine Invalidenrente. Nicht Teil des Anfechtungsobjekts bilden be- rufliche Massnahmen. Soweit der Beschwerdeführer solche beantragt, kann darauf vorliegend nicht eingetreten werden (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1 S. 164). 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 6 2. 2.1Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 2.2Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 ATSG). 2.2.1Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische Befund- lage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann an- spruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchtigung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 145 V 215 E. 5.1 S. 221). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch nicht gesagt, dass dieser auch invalidisierenden Charakter hat. Ob dies zutrifft, beurteilt sich gemäss dem klaren Gesetzeswortlaut nach dem Einfluss, den der Gesund- heitsschaden auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit hat. Entscheidend ist, ob der versicherten Person wegen des geklagten Leidens nicht mehr zu- mutbar ist, ganz oder teilweise zu arbeiten. Deshalb gilt eine objektivierte Zumutbarkeitsprüfung unter ausschliesslicher Berücksichtigung von Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung (BGE 142 V 106 E. 4.4 S. 110). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit inva- lidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könn- te; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2 S. 50, 130 V 352 E. 2.2.1 S. 353; SVR 2014 IV Nr. 2 S. 5 E. 3.1).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 7 2.2.2Eine invalidenversicherungsrechtlich erhebliche Gesundheitsbeein- trächtigung liegt nur vor, wenn die Diagnose im Rahmen einer Prüfung auf der ersten Ebene auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe nach BGE 131 V 49 standhält. Danach liegt regelmässig keine versicherte Gesundheitsschädigung vor, soweit die Leistungseinschränkung auf Ag- gravation oder einer ähnlichen Erscheinung beruht. Hinweise auf solche und andere Äusserungen eines sekundären Krankheitsgewinns ergeben sich namentlich, wenn eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschil- derten Schmerzen und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese be- steht, intensive Schmerzen angegeben werden, deren Charakterisierung jedoch vage bleibt, keine medizinische Behandlung und Therapie in An- spruch genommen wird, demonstrativ vorgetragene Klagen auf den Sach- verständigen unglaubwürdig wirken oder schwere Einschränkungen im Alltag behauptet werden, das psychosoziale Umfeld jedoch weitgehend intakt ist. Nicht per se auf Aggravation weist blosses verdeutlichendes Ver- halten hin. Besteht im Einzelfall Klarheit darüber, dass nach plausibler ärzt- licher Beurteilung die Anhaltspunkte auf eine Aggravation eindeutig über- wiegen und die Grenzen eines bloss verdeutlichenden Verhaltens klar überschritten sind, ohne dass das aggravatorische Verhalten auf eine ver- selbständigte, krankheitswertige psychische Störung (vgl. BGE 127 V 294 E. 5a S. 299) zurückzuführen wäre, fällt eine versicherte Gesundheitsschä- digung ausser Betracht und ein Rentenanspruch ist ausgeschlossen, selbst wenn die klassifikatorischen Merkmale einer psychischen Störung gegeben sein sollten (vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG erster Satz). Soweit die betreffenden Anzeichen neben einer ausgewiesenen verselbständigten Gesundheits- schädigung (BGE 127 V 294 E. 5a S. 299) auftreten, sind deren Auswir- kungen derweil im Umfang der Aggravation zu bereinigen (BGE 141 V 281 E. 2.1.1 S. 285 und E. 2.2 S. 287; SVR 2016 UV Nr. 25 S. 83 E. 6). Liegt auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe eine versicher- te Gesundheitsschädigung vor, erfolgt schliesslich auf der zweiten Ebene anhand eines normativen Prüfungsrasters mit einem Katalog von Indikato- ren eine ergebnisoffene symmetrische Beurteilung des – unter Berücksich- tigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – tatsächlich erreich- baren Leistungsvermögens (BGE 141 V 281 E. 3.6 S. 294). Es gilt im Re-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 8 gelfall nach gemeinsamen Eigenschaften systematisierte Standardindikato- ren zu beachten (E. 4.1.3 S. 297), welche sich in die Kategorien „funktionel- ler Schweregrad“ (E. 4.3 S. 298) und „Konsistenz“ einteilen lassen (E. 4.4 S. 303). Der Prüfungsraster ist rechtlicher Natur (E. 5 S. 304). Die Aner- kennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten ge- sundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindi- katoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen der Beweislosigkeit die materiell beweisbelastete versicherte Person zu tragen (E. 6 S. 308). 2.3Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherten Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbe- reich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a) und die zusätz- lich während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind und nach Ab- lauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. b und c). Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70%, derjenige auf eine Dreivier- telsrente, wenn sie mindestens 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein solcher auf eine Viertelsrente. 2.4 2.4.1Wird ein Gesuch um Revision eingereicht, so ist darin glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität oder der Hilflosigkeit oder die Höhe des invaliditätsbedingten Betreuungsaufwands oder Hilfebedarfs des Versicherten in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (Art. 87 Abs. 2 der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenver- sicherung [IVV; SR 831.201]). 2.4.2Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung oder das Revisionsge- such ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewis- sern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Veränderung Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 9 des Invaliditätsgrades auch tatsächlich eingetreten ist. Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zusätzlich noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine rentenbegründende (bzw. anspruchsrelevant höhere) Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a S. 198; SVR 2008 IV Nr. 35 S. 117 E. 2.1). 2.4.3Liegt eine erhebliche Änderung des Sachverhalts vor, ist der Ren- tenanspruch in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht allseitig, d.h. unter Berücksichtigung des gesamten für die Leistungsberechtigung ausschlag- gebenden Tatsachenspektrums neu und ohne Bindung an frühere Invali- ditätsschätzungen zu prüfen (BGE 141 V 9 E. 2.3 S. 11, 117 V 198 E. 4b S. 200; SVR 2019 IV Nr. 39 S. 124 E. 5). 2.5Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüg- lich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99; SVR 2018 IV Nr. 27 S. 87 E. 4.2.1). 3. 3.1Im Entscheid vom 8. April 2020 (8C_664/2019) hat das BGer das Vorliegen eines Revisionsgrundes bejaht. Insbesondere hielt es fest, die F.________-Gutachterin Dr. med. G.________, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, bekräftige in der Stellungnahme vom 18. Mai 2018, der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich seit der Begut- achtung durch Dr. med. D.________ im Jahre 2010 (richtig: 2013) ver- schlechtert, was u.a. im Mini-ICF-APP erfasst sei. Angesichts dieser Aus-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 10 führungen der Administrativgutachterin, namentlich der von ihr erhobenen Dekompensation der kombinierten Persönlichkeitsstörung und der im Mini- ICF-APP festgestellten Beeinträchtigungen, sei von einer Verschlechterung der Befundlage seit dem Gutachten des Dr. med. D.________ vom 4. No- vember 2013 auszugehen (E. 4.3.3). Die Sache sei an das kantonale Ge- richt zurückzuweisen, damit es die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in psychischer Hinsicht anhand der Indikatoren nach BGE 141 V 281 und 143 V 418 beurteile. Dabei werde es zu prüfen haben, ob das F.________- Gutachten vom 15. August 2017 eine schlüssige und vollständige Beurtei- lung im Lichte dieser Indikatoren erlaube oder ob diesbezüglich weitere Abklärungen notwendig seien (E. 4.4). 3.2Das F.________-Gutachten vom 15. August 2017 (AB 241.1) samt ergänzenden Stellungnahmen vom 9. Januar und 18. Mai 2018 (AB 255, 271) hat vollen Beweiswert. Die entsprechende Feststellung im Urteil des Verwaltungsgerichts vom 27. August 2019 (IV/2019/160, E. 3.5.1) wurde vom BGer denn auch nicht relativiert. Vielmehr hat das BGer in der Be- gründung des Urteils vom 8. April 2020 seinerseits massgeblich auf dieses Gutachten abgestellt (BGer 8C_664/2019, E. 4.3.1 und 4.3.3). Wie nachfolgend aufzuzeigen ist, ist die vom BGer verlangte Beurteilung anhand der massgebenden Indikatoren (vgl. dazu E. 2.2.2 hiervor) gestützt auf das F.________-Gutachten vom 15. August 2017 (samt ergänzenden Stellungnahmen vom 9. Januar und 18. Mai 2018 [AB 255, 271]) möglich. 3.3Zunächst sind Ausschlussgründe im Sinne von BGE 131 V 49 (vgl. E. 2.2.2 hiervor) vorliegend zu verneinen. Zwar wird im F.________- Gutachten ein sekundärer Krankheitsgewinn erwähnt (AB 241.1, S. 36) und in der Testsituation zeigte der Beschwerdeführer offenbar punktuell eine sehr unspezifische Aggravation bzw. eine grosse Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbeurteilungen (AB 241.1, S. 32). Im Gutachten wird die- ses Verhalten jedoch als Ausdruck der Persönlichkeitsstörung und des Ver- langens nach Anerkennung des subjektiven Leidens gewertet (AB 241.1, S. 32 f.). Es liegen denn auch keine Hinweise für eine darüber hinausge- hende Aggravation oder gar Simulation vor und es besteht keine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilderten Beschwerden und dem übrigen Verhalten des Beschwerdeführers. Die Prüfung der ersten Ebene schliesst Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 11 damit einen invalidisierenden Gesundheitsschaden nicht aus, womit auf der zweiten Ebene anhand der Standardindikatoren die ergebnisoffene symme- trische Beurteilung des tatsächlich erreichbaren Leistungsvermögens zu erfolgen hat (vgl. E. 2.2.2 hiervor). 3.4Zu prüfen sind vorab die einzelnen Komplexe der Kategorie „funkti- oneller Schweregrad“ (BGE 141 V 281 E. 4.3 S. 298 ff.): 3.4.1Mit Bezug auf den Komplex Gesundheitsschädigung (BGE 141 V 281 E. 4.3.1 S. 298 ff.) ergibt sich Folgendes: 3.4.1.1Beim Indikator der Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome gilt es unter anderem, die Schwere des Krankheitsgesche- hens anhand aller verfügbaren Elemente aus der diagnoserelevanten Ätio- logie und Pathogenese zu plausibilisieren (BGE 141 V 281 E. 4.3.1.1 S. 298 f.). Zwar wird im F.________-Gutachten auf beträchtliche krank- heitsfremde Faktoren, namentlich schlechte Aussichten auf dem Arbeits- markt zufolge des Alters des Beschwerdeführers und mittlerweile langjähri- ger Absenz, ein ausgesprochen hoher Krankheitsgewinn sowie Verlangen nach Anerkennung des Leidens, hingewiesen, welche kaum oder gar nicht veränderbar seien und daher eine Genesung langfristig erschweren wür- den. Neben diesen invaliditätsfremden, bei der Beurteilung nicht zu berück- sichtigenden Faktoren steht jedoch gutachterlich die Persönlichkeitsstörung im Vordergrund (vgl. auch Stellungnahme der psychiatrischen Klinik F.________ vom 9. Januar 2018; AB 255, S. 2). Diese habe sich durch das gesamte Leben des Beschwerdeführers gezogen und vielfältige Beein- trächtigungen mit sich gebracht. Zwar habe er den Grossteil seines Lebens einer Arbeit nachgehen, sich im Jahr 2004 einer neuen firmeninternen Ar- beit anpassen und diese jahrelang zur Zufriedenheit der Vorgesetzten aus- üben können. Auf die mit der Kündigung eingetretenen Veränderungen habe er jedoch nicht adaptiv reagieren können und die Dekompensation der Persönlichkeitsstörung habe schwere Defizite zur Folge gehabt. Der Leidensdruck sei subjektiv stark mit den nächtlichen Panikattacken und den darauf folgenden Schlafstörungen und der Tagesmüdigkeit verbunden. Dies werde durch die Behandlung mit Benzodiazepinen und der Entspan- nungsmethode (Fesselung) aufrechterhalten (AB 241.1, S. 36; vgl. auch Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 12 AB 255, S. 2). Unter diesen Umständen ist insgesamt von einer aktuell deutlich ausgeprägten gesundheitlichen Beeinträchtigung auszugehen. 3.4.1.2Hinsichtlich des Indikators „Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz“ (BGE 141 V 281 E. 4.3.1.2 S. 299 f.) ist den Akten zu ent- nehmen, dass sich der Beschwerdeführer seit Jahren in ambulanter ärztli- cher bzw. medikamentöser Behandlung befindet (AB 116; 153; 176, S. 4 f.; 245, S. 5 f.). Nach Angaben im F.________-Gutachten sind die den subjek- tiven Leidensdruck prägenden Faktoren therapeutisch behandelbar und eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit ist möglich. Eine schlechte Progno- se ist namentlich durch krankheitsfremde Faktoren bedingt. Eine Therapie der Hauptdiagnose Persönlichkeitsstörung sei zwar langwierig und schwie- rig, eine Verbesserung des Zustandes und der Arbeitsfähigkeit sei aber durch einen Benzodiazepinentzug sowie eine Behandlung der Sexu- alstörung zu erwarten (AB 241.1, S. 36 f.). In der Stellungnahme der psych- iatrischen Klinik F.________ vom 9. Januar 2018 heisst es ergänzend, eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit sei auf jeden Fall möglich (Antwort zu Frage 2), eine überwiegend wahrscheinliche Verbesserung könne aber nicht bejaht werden (Antwort zu Frage 3; AB 255, S. 2). Letzteres ist hier jedoch nicht entscheidend; massgebend ist – umgekehrt – vielmehr, ob eine Therapieresistenz überwiegend wahrscheinlich ist (Entscheid des BGer vom 15. März 2017, 8C_14/2017, E. 4.2). Davon kann hier nicht ge- sprochen werden, es bestehen nach wie vor therapeutische Optionen. In Bezug auf die Eingliederung war der Beschwerdeführer gemäss Bericht des E.________ vom 10. Juli 2016 (AB 209) aktuell nicht vermittelbar. In jenem Bericht wurde der Beschwerdeführer zwar als „Asperger-Betroffener“ bezeichnet und die festgestellten eingliederungsspezifischen Einschrän- kungen wurden in einen Zusammenhang mit dem Asperger-Syndrom ge- stellt. Diese Diagnose wurde indessen bereits von Dr. med. D.________ verworfen (AB 60.1, S. 18 ff.) und gemäss F.________-Gutachten stellen die neuen Fakten jene Ausführungen nicht in Frage (AB 241.1, S. 33). All das ändert jedoch nichts daran, dass die von den Eingliederungsfachper- sonen festgestellten Einschränkungen in offensichtlichem Zusammenhang mit dem psychischen Gesundheitsschaden des Beschwerdeführers (anstatt dem Asperger-Syndrom eben der Persönlichkeitsstörung) stehen. Auf den Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 13 Bericht des E.________ kann daher insgesamt abgestellt werden. Gestützt darauf ist tendenziell von einer Eingliederungsresistenz auszugehen. 3.4.1.3Hinsichtlich des Indikators Komorbiditäten (BGE 143 V 418 E. 8.1 S. 429 f., 141 V 281 E. 4.3.1.3 S. 300 ff.) ist festzustellen, dass der Be- schwerdeführer im Beschwerdeverfahren bereits vor Verfügungserlass be- stehende HWS-Beschwerden sowie Wadenschmerzen geltend macht (Ein- gabe vom 19. Mai 2019 im Verfahren IV/2019/160; vgl. auch Stellungnah- me vom 23. Juli 2020, S. 1). Die Beschwerdegegnerin hält in der Stellung- nahme vom 2. September 2020 zu Recht fest, dass bis zur Verfügung vom 18. Januar 2019 keine einschränkenden somatischen Beschwerden akten- kundig sind (S. 2 Ziff. 5). Die vom Beschwerdeführer dem Verwaltungsge- richt eingereichten Arztberichte datieren denn auch vom 4. März 2019 und 29. April 2019 (samt Röntgenbefund vom 26. Februar 2019; BB 8a, 8b und 9 im Verfahren IV/2019/160). Die vom Beschwerdeführer im Beschwerde- verfahren vor dem Verwaltungsgericht angegebenen somatischen Be- schwerden sind auch eher geringfügiger Natur und nicht geeignet, eine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu bewirken. Ferner hat der Beschwerdeführer anlässlich der psychiatrischen Begutachtung keine ak- tuellen somatischen Beschwerden angegeben (AB 241.1, S. 19). Als Ko- morbiditäten zu berücksichtigen sind indes die weiteren Diagnosen Psychi- sche und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika: schädlicher Gebrauch (ICD-10: F13.1) und Dysthymie (ICD-10: F34.1; AB 241, S. 29), soweit ihnen ressourcenhemmende Wirkung zukommt (vgl. BGE 143 V 418 E. 8.1 S. 430). Dies ist mit Blick auf die entsprechenden Wechselwirkungen klarerweise zu bejahen (vgl. AB 241.1, S. 36 f. sowie auch Stellungnahmen der psychiatrischen Klinik F.________ vom 9. Januar und 18. Mai 2018; AB 255, S. 2 und 271, S. 2). 3.4.2Betreffend den Komplex Persönlichkeit (BGE 141 V 281 E. 4.3.2 S. 302) liegen mit der diagnostizierten, im Vordergrund stehenden kombi- nierten Persönlichkeitsstörung offensichtlich erhebliche Defizite und wenig bis keine Ressourcen vor. Gemäss dem F.________-Gutachten seien Schwierigkeiten in Verhaltensmustern seit dem Schulalter ausgeprägt. Die inneren Erfahrungsmuster würden stark von den Normen abweichen, sei es in der Erfahrung der Sexualität (Fesselung, eine Annäherung mündet in Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 14 den Vorwurf versuchter Vergewaltigung), der sozialen Kontakte (Einzel- gängertum, Aggression gegenüber anderen), der Arbeit (nur alleine mög- lich), der Wahrnehmung der Welt, die von paranormalen Affinitäten geprägt sei, und der Selbstwahrnehmung (AB 241.1, S. 32). Auf die Veränderung, die mit der Kündigung eingetreten sei, habe der Beschwerdeführer nicht adaptiv reagieren können und der darauffolgende Verlauf veranschauliche die aufgrund der Persönlichkeitsstörung fehlenden Ressourcen zur Anpas- sungsfähigkeit. Aufgrund der Dekompensation der Persönlichkeitsstörung seien schwere Defizite im Bereich der Anpassung, Flexibilität, Proaktivität, Selbstbehauptungs- und Gruppenfähigkeit entstanden (AB 241.1, S. 36; vgl. AB 255, S. 1). 3.4.3Was den Komplex Sozialer Kontext (BGE 141 V 281 E. 4.3.3 S. 303) betrifft, ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer praktisch nur noch Kontakt mit der Ehefrau hat. Gegenüber dem Gutachter gab er an, er sei immer ein Eigenbrötler gewesen und habe nie viele Kontakte zu ande- ren gehabt. Heute sei er am liebsten alleine und vermeide Menschenmen- gen (AB 241.1, S. 21). Dass eine Person schon immer wenige soziale Kon- takte pflegte, fällt an sich nicht bereits aus der Norm; unter Berücksichti- gung des Umstandes, dass die Persönlichkeitsstörung gemäss dem F.________-Gutachten seit der Adoleszenz besteht (AB 241.1, S. 29), ist allerdings festzuhalten, dass der soziale Kontext vorliegend nur geringe mobilisierbare Ressourcen bereit hält. 3.5Beweisrechtlich entscheidend ist die Kategorie "Konsistenz". Darun- ter fallen verhaltensbezogene Kategorien (BGE 141 V 281 E. 4.4.1 S. 303 f.). 3.5.1Betreffend den Indikator der gleichmässigen Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen (BGE 141 V 281 E. 4.4.1 S. 303 f.) postulierten die Gutachter eine aktuelle Arbeitsun- fähigkeit von 40% (AB 241.1, S. 37) mit möglicher Verbesserung durch eine Therapie, welche allerdings mehrere Jahre in Anspruch nehmen könn- te (AB 255, S. 2). Dazu ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer gemäss Gutachten ein bis zwei Stunden pro Tag Hausarbeiten verrichtet, abwechselnd mit seiner Ehefrau das Mittagessen zubereitet, am Nachmit- tag liest, und in den Wald oder in den Garten geht. Am Abend hört er Mu-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 15 sik, liest Bücher oder schaut DVD's (AB 241.1, S. 20 f.). Damit ist ein ge- wisses Aktivitätsniveau erstellt, welches mit der gutachterlich festgestellten Arbeitsunfähigkeit von 40% durchaus vereinbar ist (vgl. Entscheid des BGer vom 9. Mai 2018, 9C_899/2017, E. 4.2.5). 3.5.2Was den behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewie- senen Leidensdruck (BGE 141 V 281 E. 4.4.2 S. 304) angeht, ist festzuhal- ten, dass sich der Beschwerdeführer – wie bereits erwähnt – seit 2014 in psychiatrischer Behandlung befindet (AB 116; 153; 176, S. 4 f.; 245, S. 5 f.), was grundsätzlich für einen erheblichen Leidensdruck spricht. Die den subjektiven Leidensdruck prägenden Faktoren (Schlafstörungen und Ta- gesmüdigkeit, aufrechterhalten durch die Behandlung mit Benzodiazepinen und die Entspannungsmethode der Fesselung; AB 241.1, S. 36) wurden jedoch nicht spezifisch (mittels Benzodiazepinentzug sowie Behandlung der Sexualstörung) angegangen, obwohl dadurch eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit möglich wäre (AB 241.1, S. 37). Ein therapeutisches Vor- gehen wurde auch vom RAD-Arzt Dr. med. H.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, im Bericht vom 1. Dezember 2017 emp- fohlen (AB 248, S. 36 f.). Obwohl der Beschwerdeführer von der Be- schwerdegegnerin in diesem Zusammenhang sogar wiederholt zur Scha- denminderung aufgefordert wurde (AB 242, 249), sind in der Folge ent- sprechende therapeutische Vorkehren unterblieben. Insbesondere erfolgte keine stationäre Behandlung, obwohl diese für einen Benzodiazepinentzug von den F.________-Gutachtern (AB 241.1, S. 36 f.) wie auch vom RAD- Arzt (AB 248, S. 4) befürwortet und von den behandelnden Ärzten des Spi- tals I.________ grundsätzlich als zumutbar erachtet worden war (AB 247, S. 5). Diese Nichtbeanspruchung von ausdrücklich empfohlenen, mögli- chen und auch zumutbaren therapeutischen Optionen spricht gegen einen hohen Leidensdruck. Es ist diesbezüglich jedoch zu berücksichtigen, dass es sich – auch im Hinblick auf die Wechselwirkung mit der Persönlich- keitsstörung – um eine schwierige Therapie handelt, welche unter Umstän- den Jahre in Anspruch nehmen kann (Stellungnahme der psychiatrischen Klinik F.________ vom 9. Januar 2018, S. 2). Ein Leidensdruck an sich ist zweifellos gegeben.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 16 3.6In der Gesamtbetrachtung sind die geltend gemachten funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten psychischen Beeinträchtigung anhand der Standardindikatoren überwiegend wahrscheinlich erstellt, wes- halb das Vorliegen eines invalidisierenden Gesundheitsschadens zu beja- hen ist. Vor diesem Hintergrund ist aus rechtlicher Sicht auf die gutachter- lich bzw. fachpsychiatrisch attestierte Arbeitsunfähigkeit von 40% abzustel- len. Die hier interessierenden Fragen können nach dem Erwähnten gestützt auf die Akten, insbesondere das F.________-Gutachten vom 15. August 2017, abschliessend beurteilt werden. Der Sachverhalt ist demnach rechtsgenüg- lich abgeklärt und auf weitere Beweismassnahmen – insbesondere auf die Einholung eines polydisziplinären Gutachtens (Stellungnahme des Be- schwerdeführers vom 23. Juli 2020, S. 2) – ist in antizipierter Beweiswürdi- gung zu verzichten (vgl. BGE 144 V 361 E. 6.5 S. 368, 124 V 90 E. 4b S. 94, 122 V 157 E. 1d S. 162; SVR 2019 IV Nr. 50 S. 163 E. 4). 4. 4.1Die hier massgebende Neuanmeldung erfolgte im Oktober 2015 (AB 162). Die Eingabe vom 4. Juni 2015 (AB 149) stellt keine Neuanmel- dung dar, da darin auf das damals aktuelle Arbeitstraining Bezug genom- men wurde. Dementsprechend ist denn auch im Briefkopf der angefochte- nen Verfügung als Gesuchsdatum der 30. Oktober 2015 aufgeführt (vgl. in diesem Zusammenhang auch die Verfügungen vom 25. Januar 2016 [AB 175] und vom 28. April 2016 [AB 197]). Demnach – und unter Berück- sichtigung des Wartejahres (vgl. dazu AB 60.1, S. 23 f.) – ist der frühest- mögliche Rentenbeginn grundsätzlich April 2016 (Art. 28 Abs. 1 lit. b und Art. 29 Abs. 1 IVG). Durch den Taggeldbezug vom 11. Januar bis 10. Juli 2016 (AB 182, 198) konnte ein Rentenanspruch jedoch erst ab Juli 2016 entstehen (Art. 29 Abs. 2 IVG; vgl. dazu auch Rz. 1054 des Kreisschrei- bens über die Taggelder der Invalidenversicherung [KSTI]). Auf diesen Zeitpunkt ist der Invaliditätsgrad des Beschwerdeführers zu bestimmen, wobei grundsätzlich (vgl. aber E. 4.2 ff. hiernach) die allgemeine Methode Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 17 des Einkommensvergleichs (vgl. BGE 128 V 29 E. 1 S. 30, 104 V 135 E. 2b S. 136) anwendbar ist. 4.2Mit Bezug auf die Invaliditätsbemessung macht der Beschwerdefüh- rer geltend, er könne seine Restarbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt wegen seines Alters realistischerweise nicht mehr verwerten (Stellungnahme vom 23. Juli 2020; in den Gerichtsakten). Das gilt es nach- folgend zu prüfen. 4.2.1Das trotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung zumutbarerweise erzielbare Einkommen ist bezogen auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu ermitteln. Dieser theoretische und abstrakte Begriff dient dazu, den Leis- tungsbereich der Invalidenversicherung von jenem der Arbeitslosenversi- cherung abzugrenzen. Ein ausgeglichener Arbeitsmarkt ist gekennzeichnet durch ein gewisses Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften und weist einen Fächer verschiedenster Tätigkeiten auf und zwar sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes. Er um- fasst auch sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsan- gebote, bei welchen Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können. Dabei ist nicht von realitätsfrem- den Einsatzmöglichkeiten auszugehen. Es können nur Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung der gesamten objektiven und subjekti- ven Gegebenheiten des Einzelfalles zumutbar sind. An die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten sind jedoch rechtspre- chungsgemäss keine übermässigen Anforderungen zu stellen (BGE 138 V 457 E. 3.1 S. 459; SVR 2019 IV Nr. 21 S. 66 E. 4.2). Nach diesen Ge- sichtspunkten bestimmt sich im Einzelfall, ob die invalide Person die Mög- lichkeit hat, ihre restliche Erwerbsfähigkeit zu verwerten und ob sie ein ren- tenausschliessendes Einkommen zu erzielen vermag oder nicht (BGE 110 V 273 E. 4b S. 276; ZAK 1991 S. 320 E. 3b). 4.2.2Erwerbslosigkeit aus invaliditätsfremden Gründen vermag keinen Rentenanspruch zu begründen. Die Invalidenversicherung hat nicht dafür einzustehen, dass Versicherte infolge ihres Alters, wegen mangelnder Ausbildung oder Verständigungsschwierigkeiten keine entsprechende Ar-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 18 beit finden; die hieraus sich ergebende "Arbeitsunfähigkeit" ist nicht invali- ditätsbedingt (BGE 107 V 17 E. 2c S. 21; AHI 1999 S. 238 E. 1). Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Fak- tor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, welches zusammen mit weiteren persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt realistischerweise nicht mehr nachge- fragt wird, und dass ihr deren Verwertung auch gestützt auf die Selbstein- gliederungslast nicht mehr zumutbar ist. Der Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leistungsvermögen auf dem ausgegliche- nen Arbeitsmarkt zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Re- gel bemessen, sondern hängt von den Umständen des Einzelfalls ab. Massgebend können die Art und Beschaffenheit des Gesundheitsschadens und seiner Folgen, der absehbare Umstellungs- und Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch Persönlichkeitsstruktur, vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher Werdegang oder Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich sein. Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine gan- ze Invalidenrente begründet (BGE 145 V 2 E. 5.3.1 S. 16, 138 V 457 E. 3.1 S. 460; SVR 2020 IV Nr. 5 S. 20 E. 7.1). Die Möglichkeit, die verbliebene Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, hängt nicht zuletzt davon ab, welcher Zeitraum der versicherten Person für eine berufliche Tätigkeit und vor allem auch für einen allfälligen Berufswechsel noch zur Verfügung steht. Massgeblicher Stichtag für die Beantwortung der Frage nach der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter ist der Zeitpunkt, in welchem die medizinische Zumutbarkeit einer (Teil-)Erwerbstätigkeit feststeht. Dies ist der Fall, sobald die medizinischen Unterlagen diesbezüglich eine zuver- lässige Sachverhaltsfeststellung erlauben (BGE 146 V 16 E. 7.1 S. 25, 138 V 457 E. 3.2 S. 460 und E. 3.3 S. 462; SVR 2020 IV Nr. 5 S. 20 E. 7.1 und Nr. 44 S. 156 E. 4.2). 4.3Massgeblicher Stichtag für die Beantwortung der Frage nach der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit ist vorliegend das Datum des Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 19 F.________-Gutachtens vom 15. August 2017 (AB 241.1). Dem am ... Juni 1954 geborenen Beschwerdeführer (AB 6, S. 1) verblieben ab feststehen- der Zumutbarkeit einer Resterwerbstätigkeit im August 2017 noch rund ein Jahr und zehn Monate bis zum Erreichen des AHV-Alters von 65 Jahren (Art. 21 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1946 über die Alters- und Hinterlassenenversicherung [AHVG; SR 831.10]). Aufgrund dieser nur noch geringen Aktivitätsdauer sowie unter gleichzeitiger Berück- sichtigung des massgebenden Zumutbarkeitsprofils, wonach eine Tätigkeit im angestammten Beruf als … bzw. in einer angepassten Tätigkeit mit we- nig Kontakt zu vielen Menschen, mit gleichbleibenden Bezugspersonen und einer repetitiven Arbeit zu 60% weiterhin möglich ist (AB 241.1, S. 37), muss der Zugang zum Arbeitsmarkt vorliegend verneint werden. So ist ins- besondere darauf hinzuweisen, dass es sich bei der angestammten Tätig- keit um eine Nischenarbeit handelt (vgl. AB 241.1, S. 29) und eine ange- passte Tätigkeit mit weitgehenden Einschränkungen verbunden ist. Gemäss F.________-Gutachten resultiert die Persönlichkeitsstörung in einem Verhalten, das in vielen persönlichen und sozialen Situationen unfle- xibel, unangepasst oder auch auf andere Weise unzweckmässig ist, was die Fähigkeit des Beschwerdeführers, sich in neue Situationen mit neuen, ihm unbekannten Menschen einzufinden, oder sich an neue Situationen zu gewöhnen, die nicht seinen Vorstellungen entsprechen, stark beeinträchtigt (AB 241.1, S. 37). Nach dem Gesagten würde die Restarbeitsfähigkeit für die kurze Zeit bis zum Beginn der Altersrente auf dem ausgeglichenen Ar- beitsmarkt realistischerweise nicht mehr nachgefragt. In der Folge kann auf die Durchführung eines Einkommensvergleichs (Art. 16 ATSG) verzichtet werden, da wegen der nicht verwertbaren Restarbeitsfähigkeit eine vollständige Invalidität vorliegt, und der Beschwerdeführer hat ab 1. Juli 2016 (vgl. E. 4.1 hiervor) Anspruch auf eine ganze Invalidenrente. 4.4Nach dem Dargelegten ist, soweit darauf einzutreten ist, in Gutheis- sung der Beschwerde die angefochtene Verfügung vom 18. Januar 2019 (AB 292) aufzuheben und dem Beschwerdeführer ab 1. Juli 2016 eine gan- ze Invalidenrente zuzusprechen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 20 5. 5.1Gemäss aArt. 69 Abs. 1 bis IVG in der bis 31. Dezember 2020 gültig gewesenen und hier anwendbaren Fassung (vgl. Art. 83 ATSG) ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitig- keiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kosten- pflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festzulegen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, hat bei diesem Ausgang des Verfahrens die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG; BVR 2009 S. 186 E. 4). Der geleistete Kostenvor- schuss von Fr. 800.-- ist dem Beschwerdeführer nach Eintritt der Rechts- kraft des Urteils zurückzuerstatten. 5.2Die obsiegende Beschwerde führende Person hat Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsgericht festge- setzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit- sache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der mit Eingabe vom 23. September 2020 eingereichten Kostennote (da- tiert vom 1. Februar 2019) macht Rechtsanwältin Dr. iur. B.________ für das ganze kantonale Verfahren (inklusive IV/2019/160) ein Honorar von Fr. 2'800.-- (11.2h x Fr. 250.--) zuzüglich Auslagen von Fr. 61.30 geltend, was nicht zu beanstanden ist. Für die Mehrwertsteuer sind gestützt auf den Eintrag der Rechtsvertreterin im UID-Register, wonach sie ab 1. Januar 2020 mehrwertsteuerpflichtig ist, einzig die im Verfahren IV/2020/322 ent- standenen Aufwendungen zu berücksichtigen. Gegenüber der im Verfahren IV/2019/160 eingereichten Kostennote sind ein zusätzlicher Zeitaufwand von 0.95 Stunden (entsprechend Fr. 237.50 [0.95h x Fr. 250.--]) und Ausla- gen von Fr. 5.50 ausgewiesen; auf dieser Basis ergibt sich ein Mehrwert- steuerbetrag von Fr. 18.70 (7.7% von Fr. 243.-- [Fr. 237.50 + Fr. 5.50]), womit sich die Parteientschädigung auf total Fr. 2'880.-- beläuft. Diesen Betrag hat die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer zu ersetzen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 9. Feb. 2020, IV/20/322, Seite 21 Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Soweit darauf einzutreten ist, wird in Gutheissung der Beschwerde die Verfügung der IV-Stelle Bern vom 18. Januar 2019 aufgehoben und dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Juli 2016 eine ganze Invali- denrente zugesprochen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt. Der vom Beschwerdeführer geleistete Kos- tenvorschuss von Fr. 800.-- wird ihm nach Rechtskraft des Urteils zurückerstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer die Parteikosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 2'880.-- (inkl. Auslagen und MWSt.), zu er- setzen. 4. Zu eröffnen (R): - Rechtsanwältin Dr. iur. B.________ z.H. des Beschwerdeführers - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.