<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 57 S.215</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">215</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>57</b></span> <span class="ft2"><b>Nutzungsplanung; Beschwerde an den Regierungsrat gemäss § 26 BauG.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Die Beschwerde an den Regierungsrat gilt auch dann als zweit-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>instanzliches Verfahren, wenn die Beschwerde erst durch den Ent-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>scheid des nach § 25 BauG zuständigen Organs veranlasst wurde.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 10. Dezember 2000 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen A.L. gegen Entscheid des Regierungsrats.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">216</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. Unbestritten ist, dass die im Beschwerdeverfahren vor dem</span><br/> <span class="ft1">Regierungsrat zu beurteilende Bestimmung in § 23 Abs. 3 der revi-</span><br/> <span class="ft1">dierten Bauordnung der Stadt B. auf einen Änderungsantrag im Ein-</span><br/> <span class="ft1">wohnerrat zurückging. In der öffentlichen Auflage und im Antrag des</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderates war diese Bestimmung nicht enthalten.</span><br/> <span class="ft1">a) Gemäss § 4 BauG bildet die Einsprache einen Bestandteil des</span><br/> <span class="ft1">erstinstanzlichen Verwaltungsverfahrens und dient zur Vorbereitung</span><br/> <span class="ft1">der noch nicht ergangenen Planungsmassnahme (vgl. Michael Mer-</span><br/> <span class="ft1">ker, Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren nach dem</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Kommentar</span><br/> <span class="ft1">zu den §§ 38 - 72 VRPG, Zürich 1998, § 45 N 11 mit Hinweisen;</span><br/> <span class="ft1">§ 24 Abs. 2 BauG). Die Einsprache hat nach der Konzeption des</span><br/> <span class="ft1">Baugesetzes nicht die Funktion eines "eigentlichen" Rechtsmittels,</span><br/> <span class="ft1">sondern dient der formalisierten Gewährung des Gehörsanspruches</span><br/> <span class="ft1">(Michael Merker, a.a.O., § 45 N 13). Durch die Einsprache sollen</span><br/> <span class="ft1">Fehlleistungen vermieden und eine einlässliche Prüfung der Ein-</span><br/> <span class="ft1">wände erwirkt werden. Sie dient der Vorbereitung eines Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsaktes. Es handelt sich bei den Einsprachen um eine Prohibitiv-</span><br/> <span class="ft1">massnahme (Erich Zimmerlin, Baugesetz des Kantons Aargau,</span><br/> <span class="ft1">Kommentar, 2. Auflage, Aarau 1985, § 4 N 1). Der durch die beab-</span><br/> <span class="ft1">sichtigte Nutzungsplanung in rechtlich geschützten Interessen Be-</span><br/> <span class="ft1">troffene muss zum Schutze des rechtlichen Gehörs die Möglichkeit</span><br/> <span class="ft1">haben, bereits von den Planentwürfen Kenntnis zu erhalten, sie ein-</span><br/> <span class="ft1">zusehen und dagegen Einwendungen zu erheben, bevor der Pla-</span><br/> <span class="ft1">nungsträger über die Nutzungsordnung entscheidet (Walter Hal-</span><br/> <span class="ft1">ler/Peter Karlen, Raumplanungs-, Bau- und Umweltrecht, 3. Auflage,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 1999, Rz. 406 ff.).</span><br/> <span class="ft1">Die Begründung des Regierungsrates, die Beschwerde gegen</span><br/> <span class="ft1">den Beschluss des zuständigen Gemeindeorgans im Sinne von § 25</span><br/> <span class="ft1">BauG eröffne ein "quasi-erstinstanzliches" Einspracheverfahren vor</span><br/> <span class="ft1">dem Regierungsrat oder ein erweitertes öffentliches Auflageverfah-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">217</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ren, erweist sich damit nach dem Wortlaut sowie dem Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck der gesetzlichen Bestimmung von § 24 BauG als unrichtig.</span><br/> <span class="ft1">Das Verfahren der kommunalen Raumplanung ist im Baugesetz ge-</span><br/> <span class="ft1">regelt. §§ 22 - 24 BauG bestimmen die Mitwirkungsrechte der Be-</span><br/> <span class="ft1">völkerung; der Gemeinderat hat dem Baudepartement die Entwürfe</span><br/> <span class="ft1">zur Genehmigung vorzulegen, anschliessend werden die Entwürfe</span><br/> <span class="ft1">mit den notwendigen Erläuterungen öffentlich aufgelegt. Wer ein</span><br/> <span class="ft1">schutzwürdiges eigenes Interesse besitzt, kann zu diesem Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">Einsprache erheben. Über die Einsprache entscheidet der Gemeinde-</span><br/> <span class="ft1">rat. Das Verfahren findet seine Fortsetzung, indem das nach der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meindeorganisation zuständige Organ die allgemeinen Nutzungs-</span><br/> <span class="ft1">pläne und -vorschriften erlässt. Der Gemeinderat legt seine Einspra-</span><br/> <span class="ft1">cheentscheide diesem Organ vor, welches aber nicht daran gebunden</span><br/> <span class="ft1">ist (§ 25 BauG). Damit ist das Verfahren zum Erlass von Nutzungs-</span><br/> <span class="ft1">plänen und -vorschriften auf kommunaler Ebene abgeschlossen. Das</span><br/> <span class="ft1">Verfahren wird einerseits durch das Genehmigungsverfahren fortge-</span><br/> <span class="ft1">setzt und abgeschlossen (§ 27 BauG). Anderseits ist der individuelle</span><br/> <span class="ft1">Rechtsschutz im Beschwerdeverfahren gemäss § 26 BauG gewähr-</span><br/> <span class="ft1">leistet, wobei die Unterlassung der Einsprache in der Regel zum</span><br/> <span class="ft1">Verlust der Beschwerdebefugnis führt (§ 4 Abs. 2 Satz 3 BauG).</span><br/> <span class="ft1">Beide Verfahren finden vor kantonalen Instanzen statt. Im vorliegen-</span><br/> <span class="ft1">den Fall hat sich das zuständige Gemeindeorgan, der Einwohnerrat,</span><br/> <span class="ft1">nicht an die Vorlage des Gemeinderates gehalten und den umstritte-</span><br/> <span class="ft1">nen § 23 Abs. 3 BNO, der für die Überbauung am B. Quartierricht-</span><br/> <span class="ft1">pläne verlangte, erlassen. Dies zwang den Beschwerdeführer, zu</span><br/> <span class="ft1">diesem Zeitpunkt mit einer Beschwerde an den Regierungsrat ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss § 26 BauG seine individuellen Interessen geltend zu machen.</span><br/> <span class="ft1">Der Zeitpunkt einer Intervention hat indessen keinen Einfluss auf die</span><br/> <span class="ft1">funktionale Verfahrensordnung der §§ 22 ff. BauG. Das erstinstanzli-</span><br/> <span class="ft1">che Verfahren vor den kommunalen Planungsträgern mit dem Ein-</span><br/> <span class="ft1">spracheverfahren fand ordnungsgemäss statt. Auch wenn ein Betrof-</span><br/> <span class="ft1">fener seine Anliegen erst mittels Beschwerde beim Regierungsrat</span><br/> <span class="ft1">geltend macht, ändert sich deshalb an der Verfahrensordnung des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">218</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Baugesetzes nichts. Das Beschwerdeverfahren vor dem Regierungs-</span><br/> <span class="ft1">rat bleibt gemäss Baugesetz funktional das zweitinstanzliche Verfah-</span><br/> <span class="ft1">ren.</span><br/> <span class="ft1">Abgesehen von diesen eindeutigen Zuständigkeitsvorschriften</span><br/> <span class="ft1">ist die Prüfungsbefugnis des Regierungsrates beschränkt und er ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidet nicht mit der umfassenden Kognition einer erstinstanzlich</span><br/> <span class="ft1">verfügenden Behörde (§§ 26 und 27 Abs. 2 BauG). Die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">instanz kann ihr Ermessen - trotz bestehender Ermessenskontrolle -</span><br/> <span class="ft1">nicht an die Stelle desjenigen der Gemeindebehörden setzen (vgl.</span><br/> <span class="ft1">auch Art. 2 Abs. 3 RPG, der den übergeordneten Planungsträgern ge-</span><br/> <span class="ft1">bietet, den nachgeordneten Behörden die nötige Freiheit zu belassen;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1994, S. 369; BGE 112 Ia 271).</span><br/> <span class="ft1">b) Vorliegend hat der Regierungsrat im Beschwerdeverfahren</span><br/> <span class="ft1">entschieden. Auch im Sinne von § 33 Abs. 1 VRPG, ist er funktional</span><br/> <span class="ft1">nicht "erste" Instanz. Wie das Verwaltungsgericht in AGVE 1992,</span><br/> <span class="ft1">S. 389 ff. (insbesondere Erw. 1/b) entschieden hat, ist § 33 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">VRPG dahingehend auszulegen, dass als erste Instanz die im betref-</span><br/> <span class="ft1">fenden Sachgebiet "als unterste Instanz wirkende Behörde" zu ver-</span><br/> <span class="ft1">stehen ist. Die "unterste" Instanz ist im kommunalen Nutzungsplan-</span><br/> <span class="ft1">verfahren das zuständige Gemeindeorgan (§ 25 BauG). Deshalb er-</span><br/> <span class="ft1">gibt sich auch aus § 33 Abs. 1 VRPG keine hinreichende Grundlage,</span><br/> <span class="ft1">das regierungsrätliche Beschwerdeverfahren allgemein oder in jenen</span><br/> <span class="ft1">Fällen, in denen von einem Betroffenen keine Einsprache vor dem</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat erhoben wurde, als erstinstanzlichen Verfahren zu qua-</span><br/> <span class="ft1">lifizieren. Die allgemeinen Verfahrensbestimmungen des VRPG sind</span><br/> <span class="ft1">gegenüber den baugesetzlichen Verfahrensregeln subsidiär (§ 4</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 BauG). Ebenfalls sprechen die Verfahrensregeln gemäss § 5</span><br/> <span class="ft1">ABauV, wonach der Beschluss des zuständigen Gemeindeorgans</span><br/> <span class="ft1">vom Gemeinderat zu publizieren ist und Eigentümer sowie weitere</span><br/> <span class="ft1">Betroffene über Änderungen unter Hinweis auf die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">möglichkeit an den Regierungsrat schriftlich zu informieren sind, für</span><br/> <span class="ft1">das Vorliegen eines Rechtsmittelverfahrens vor der übergeordneten</span><br/> <span class="ft1">Instanz (§ 45 VRPG).</span><br/></div> </div> </body> </html>