B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4327/2018 U r t e i l v o m 1 7 . A p r i l 2 0 2 0 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richterin Roswitha Petry, Gerichtsschreiber Tobias Grasdorf. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), und ihre Kinder C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), Afghanistan, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 29. Juni 2018. E-4327/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden, afghanische Staatsangehörige, ersuchten am 29. November 2015 in der Schweiz um Asyl. B. Am 8. Dezember 2015 befragte die Vorinstanz sie zur Person (Protokolle in den SEM -Akten A14/15, Beschwerdeführer, und A15/14, Beschwerde- führerin) und am 12. Januar 2018 hörte die Vorinstanz sie vertieft zu ihren Asylgründen an (Protokolle in den SEM -Akten A31/16, Beschwerdeführe- rin, und A32/14, Beschwerdeführer). C. Mit Verfügung vom 29. Juni 2018 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwer- deführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylge- such ab und wies sie aus der Schweiz weg. Gleichzeitig ordnete die Vo- rinstanz wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden an. D. Mit Eingabe vom 25. Juli 2018 erhoben die Beschwerdeführenden gegen diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Dabei be- antragen sie, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, die Flüchtlings- eigenschaft anzuerkennen und ihnen Asyl zu gewähren. Zudem sei die Un- zulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit der Wegweisung (recte: des Wegweisungsvollzugs) festzustellen und die vorläufige Aufnahme an- zuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbein- standes. Eventualiter ersuchten sie um die Wiederherstellung der aufschie- benden Wirkung der Beschwerde. E. Mit Zwischenverfügung vom 6. August 2018 wies das Bundesverwaltungs- gericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses ab u nd forderte die Beschwerdeführenden auf, innert Frist einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– einzuzahlen, ansonsten auf die Beschwerde unter Kostenfolge nicht eingetreten werde. Zudem wies das Gericht das Gesuch um Beiord- nung eines amtlichen Rechtsbeistandes ab. E-4327/2018 Seite 3 F. In ihrer Eingabe vom 15. August 2018 machten die Beschwerdeführenden neue Sachverhaltselemente geltend und baten das Bundesverwaltungsge- richt, eine neue Chancenbeurteilung vorzunehmen und sie von der Kos- tenvorschusspflicht zu befreien. G. Mit Zwischenv erfügung vom 22. August 2018 wies das Bundesverwal- tungsgericht das Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführenden be- treffend die Abweisung des Gesuches um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie Erhebung des Kostenvorschusses ab und forderte sie auf, innert drei Tagen ab Erhalt der Verfügung den mit Zwischenverfü- gung vom 6. August 2018 geforderten Kostenvorschuss von Fr. 750.– ein- zuzahlen, ansonsten auf die Beschwerde unter Kostenfolge nicht eingetre- ten werde. H. Am 27. August 2018 wurde der verlangte Kostenvorschuss bezahlt. I. Mit Eingabe vom 11. September 2018 reichten die Beschwerdeführenden mehrere Beweismittel ein. J. Am 29. Januar 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein, in der sie implizit die Abweisung der Beschwerde beantragt. K. Am 13. Februar 2019 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein. L. Mit Eingabe vom 18. März 2019 machten die Beschwerdeführenden zu- sätzliche Ausführungen zu ihrem Asylgesuch und reichten mehrere Be- weismittel ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den E-4327/2018 Seite 4 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG [in der Fassung vom 1. Januar 2018], Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist – mit nachfol- gender Einschränkung – einzutreten. 1.5 Die Beschwerdeführenden beantragen die Feststellung, der Wegwei- sungsvollzug sei unzulässig, unzumutbar und unmöglich sowie die Anord- nung einer vorläufigen Aufnahme. Da die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden wegen Un- zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anordnete , und da die Wegwei- sungsvollzugshindernisse (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmög- lichkeit) alternativer Natur sind (BVGE 2009/51 E. 5.4), ist auf diese Rechtsbegehren mangels Beschwer nicht einzutreten. Streitig und zu prü- fen sind entsprechend lediglich die Flüchtlingseige nschaft der Beschwer- deführenden und, gegebenenfalls, die Gewährung von Asyl sowie die Weg- weisung. 2. Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). E-4327/2018 Seite 5 3. 3.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom- mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.). Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder inner er Merk- male, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers ver- bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An- erkennung der Flüchtlingseige nschaft ausserdem voraus, dass die be- troffene Person in ihrem Heimat - oder Herkunftsstaat keinen ausreichen- den Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2). Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung auf andau- ernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsu- chenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2010/9 E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder mas sgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Beschwerdeführenden bringen vor, sie hätten ihren Lebensunter- halt in E._______, Provinz Herat, in der Landwirtschaft verdient. Gemein- sam mit ihren beiden Kindern h ätten sie sich ein Haus mit der Schwester der Beschwerdeführerin, deren Ehemann und deren Kindern geteilt. Sie führen aus, i hre Asylgründe stünden im Zusammenhang mit dem Bruder E-4327/2018 Seite 6 M. der Beschwerdeführerin. Sie wüssten nicht, in was für Probleme M. ver- wickelt sei. Dessen Ehefrau und die gemeinsamen Kinder seien Mitte 2011 von F._______ nach Afghanistan zurückgeschafft worden. Sie seien in Le- bensgefahr gewesen und die Beschwerdeführenden seien von einem On- kel um Hilfe gebeten worden, um der Ehefrau von M. und ihren Kindern die Wiederausreise aus Afghanistan zu ermöglichen. Der Beschwerdeführer und sein Schwager (der Ehemann der im gleichen Haus lebenden Schwes- ter der Beschwerdeführerin) hätten daraufhin einen Teil ihres Landes ver- kauft, um diese Wiederausreise zu finanzieren. Unterdessen sei M. mit sei- ner Familie in der Schweiz und habe hier Asyl erhalten (N-Dossier […]). Nach der Ausreise der Ehefrau von M. und der Kinder aus Afghanistan seien insgesamt fünfmal unbekannte Männer zu den Beschwerdeführen- den nach Hause gekommen und hätten nach dem Verbleib von M. gefragt. Das erste Mal seien die Männer wahrscheinlich ungefähr Anfang 2014 ge- kommen. Obwohl der Beschwerdeführer und sein Schwager gesagt hät- ten, sie wüssten seit Jahren nichts von M., seien sie von den Männern zu- sammengeschlagen worden. Die Frauen und Kinder seien in separate Zim- mer gebracht und mit dem Tod bedroht worden für den Fall, dass sie schreien würden. Nach dem vierten Besuch der Männer, während dem die zweijährige Nichte der Beschwerdeführerin sich aus Angst unter dem Ofen versteckt und dabei tödliche Verbrennungen erlitten habe, hätten sie eine Anzeige bei der Polizei gemacht. Mangels Angaben zur Identität oder zum Aussehen der Männer habe die Polizei allerdings nichts unternehmen kön- nen; sie habe aber gesagt, sie werde eine Untersuchung einleiten. Als die Männer daraufhin zum fünften Mal gekommen seien, hätten sie von der Anzeige gewusst und seien sehr erbost gewesen. Sie hätten den Schwa- ger fast zu Tode geprügelt und die beiden Familien n och stärker bedroht. Daraufhin hätten sie Afghanistan Mitte 2014 verlassen. Im Beschwerdeverfahren machen die Beschwerdeführenden zudem neu geltend, im April 2018 sei der Vater des Beschwerdeführers, der bereits im Sommer 2015 entführt worden sei, in Afghanistan ermordet aufgefunden worden. Bei seiner Leiche sei ein gegen den Beschwerdeführer und seine Familie gerichteter Drohbrief gefunden worden. 4.2 Die Vorinstanz führt aus, den Ausführungen der Beschwerdeführenden seien keine Hinweise dafür zu entnehmen, dass die von ihnen geschilder- ten Übergriffe auf einem flüchtlingsrechtlich relevanten Grund beruht hät- ten. Vor dem Hintergrund, dass sie keine Kenntnis über die Identität oder die genauen Beweggründe der fremden Männer hätten, fehle es sowohl E-4327/2018 Seite 7 den bislang erlittenen als auch den künftig befürchteten Nachteilen an ei- nem für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft relevanten Verfol- gungsmotiv. An dieser Einschätzung ändere auch das beigezogene Dos- sier des Bruders M. der Beschwerdeführerin nichts. Demna ch vermöge selbst ein allfälliger Zusammenhang zwischen den Vorbringen zu keiner anderen Beurteilung der vorliegend geltend gemachten Verfolgungssitua- tion zu führen. Unter diesen Umständen erübrige es sich, auf allfällige Un- glaubhaftigkeitselemente in den Schilderungen einzugehen. 5. 5.1 Bezüglich des rechtserheblichen Sachverhaltes stellt das Bundesver- waltungsgericht fest, dass die Vorbringen der Beschwerdeführenden zu den geltend gemachten Ereignissen vor ihrer Ausreise aus Afghanistan grundsätzlich als glaubhaft anzusehen sind. Ihre Schilderungen sind aus- führlich und detailliert ausgefallen und enthalten keine Widersprüche. Auch wenn gewisse Zweifel bleiben – insbesondere aufgrund des Umstandes, dass die Ehefrau von M. und ihre Kinder Mitte 2011 nach Afghanista n zu- rückgeführt worden seien, die Überfälle auf die Beschwerdeführenden je- doch erst Anfang 2014 anfingen – ist deshalb für die Prüfung der Flücht- lingseigenschaft bezüglich der Ereignisse vor der Ausreise der Beschwer- deführenden aus Afghanistan auf den Sachverhalt wie die Beschwerdefüh- renden ihn vorbringen (vgl. E. 4.1) abzustellen. 5.2 Es ist damit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden vor ihrer Ausreise aus Afghanistan mehrmals von ihnen unbekannten Männern aufgesucht, bedroht und geschlagen sowie nach dem Verbleib von M. be- fragt wurden. Dabei handelt es sich zweifellos um Nachteile, die eine flücht- lingsrechtlich relevante Intensität erreichen. Zu prüfen ist jedoch, ob diese Verfolgungshandlungen aus einem flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv er- folgt sind. 5.3 5.3.1 Die Beschwerdeführenden bringen vor, die Überfälle durch die frem- den Männer stünden mit dem Bruder M. der Beschwerdeführerin in Zusam- menhang. Sie wüssten nicht, wer die Männer seien und weshalb sie nach M. gesucht hätten. Die Männer hätten während der Überfälle immer wieder danach gefragt, wo M. sei. Die Beschwerdeführenden gehen davon aus, dass sie von den Männern verfolgt wurden, weil sie der Frau von M. und ihren Kindern nach deren zwischenzeitlicher Rückkehr nach Afghanistan finanziell geholfen hätten. Die Beschwerdeführenden machen damit eine Reflexverfolgung aufgrund der Verfolgung von M. geltend. Sie geben an, E-4327/2018 Seite 8 nicht zu wissen, weshalb M. und damit auch sie von den fremden Männern verfolgt würden. 5.3.2 Dem SEM-Dossier von M. ist zu entnehmen, dass dieser (…) wäh- rend einer nächtlichen Fahrt zwischen G._______ und H._______ mit sei- nem Autobus, mit dem er beruflich Passagiere beförderte, von bewaffneten Männern überfallen w orden war. Er brachte vor, die Männer hätten die Passagiere ausgeraubt und ihn an der Hand verletzt. Er habe einem Mann mit einem Gegenstand über den Kopf geschlagen und sei dann geflüchtet. Die Männer hätten den zweiten Chauffeur des Autobusses entführt und später umgebracht. Der Bruder des Chauffeurs, ein regionaler Polizeikom- mandant, habe ihn, M., für dessen Tod verantwortlich gemacht. Er habe Angst gehabt, dass dieser sich an ihm für den Tod des Chauffeurs rächen würde. Der Bruder sei bereits am darauffolgenden Tag zu ihm nach Hause gegangen, habe nach ihm gesucht und ihn aufgefordert, sich bei ihm auf der Polizeistation zu melden. Er sei jedoch damals nicht zu Hause gewe- sen. Daraufhin habe er Afghanistan verlassen, ohne noch einmal nach Hause zurückzukehren. 5.3.3 Soweit davon auszugehen ist, dass sich der Polizeikommandant an M. für den Tod seines Bruders rächen wollte, beruht diese Gefährdung nicht auf einem flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv. Ein solches wird we- der von den Beschwerdeführenden geltend gemacht noch ergeben sich aus den Akten Hinweise darauf. Obwohl ein Schutz durch die staatlichen Behörden in Afghanistan unter den genannten Umständen kaum zu erwar- ten wäre, liegen auch keine Hinweise dafür vor, dass eine eventuelle Schutzverweigerung auf einem flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv beru- hen würde. Die Beschwerdeführenden führen aus, sie hätten die Überfälle der Polizei gemeldet; diese habe deshalb nichts tun können, weil sie nichts über die Identität der Männer gewuss t hätten. Die Beschwerdeführenden machen nicht geltend, dass die Polizei sie aus flüchtlingsrechtlich relevan- ten Motiven nicht geschützt habe, und dafür sind den Akten auch keine Hinweise zu entnehmen. M. machte bezüglich des Überfalls auf seinen Autobus n icht geltend, die Männer hätten es auf ihn persönlich abgesehen. Vielmehr lassen seine Ausführungen darauf schliessen, dass es sich bei den Männern um Krimi- nelle gehandelt hatte, die sich bereichern wollten. In der Kurzbefragung vom 7. Januar 2013 sprach M. einerseits von «Räubern» und andererseits von «Taliban» (SEM-Akte [N {…}] AA5/12 S. 7 f.). In der (französischspra- chigen) Anhörung sprach er allerdings nicht mehr von Taliban, sondern von E-4327/2018 Seite 9 «quelques personnes armées» (SEM-Akte [N {…}] A16/12 Q12). Unabhän- gig davon, lassen die Aussagen von M. ziemlich klar darauf schliessen, dass die Männer es auf Wertgegenstände abgesehen hatten ( vgl. SEM-Akte [N {…}] A16/12 Q12, Q30 f. und Q34) und es sich nicht um einen politisch oder religiös motivierten Überfall gehandelt hatte. M. macht denn auch im Asylverfahren nie ausdrücklich eine Verfolgung durch die Taliban geltend. Die Ausführungen von M. lassen damit nicht auf eine Verfolgung aufgrund eines flüchtlingsrechtlich relevanten Motivs schliessen. Die Flüchtlingsei- genschaft und die Asylanerkennung von M. und dessen Familie durch die Vorinstanz beruhen gemäss dem Dossier des SEM auf anderen Gründen, die bezüglich der geltend gemachten Reflexverfolgung der Beschwerde- führenden und damit für das vorliegende Verfahre n nicht relevant sind. Eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes von Art. 8 Abs. 1 BV liegt ent- sprechend ebenfalls nicht vor. 5.3.4 Mit ihrer Eingabe vom 18. März 2019 reichten die Beschwerd efüh- renden zudem mehrere Beweismittel inklusive Übersetzungen ein, die im Zusammenhang mit den von ihnen geltend gemachten Geschehnissen in Afghanistan stehen (gemäss Übersetzung handelt es sich dabei um: drei Formulare des Sicherheitskommandos H._______ mit Ausführungen zu ei- nem der Überfälle der fremden Männer, datiert vom 10. Februar 2014 res- pektive vom 11. Februar 2014, sowie zwei Schreiben des Sicherheitskom- mandos H._______, in denen um Hilfe für den Beschwerdeführer und sei- nen Schwager gebeten wird ). Sie führen jedoch nicht aus, was sie damit belegen möchten oder wie sie die Beweismittel aus Afghanistan erhalten haben. Unabhängig von der zweifelhaften Echtheit der eingereichten Do- kumente sind den Beweismitteln auch keine Hinweise auf eine flüchtlings- rechtlich relevante Motivation der von den Beschwerdeführenden erlittenen Verfolgungshandlungen zu entnehmen. 5.3.5 Insgesamt ist damit nicht davon auszugehen, dass die Beschwerde- führenden bei ihrer Ausreise aus Afghanistan einer flüchtlingsrechtlich re- levanten Verfolgung ausgesetzt waren 5.4 Auch der Tod des Vaters des Bes chwerdeführers im April 2018 legt nicht nahe, dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Af- ghanistan eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung zu befürchten hät- ten. E-4327/2018 Seite 10 Die Beschwerdeführenden geben nicht an, von wem der Vater getötet wor- den sei. Sie bringen auch nicht vor, der Tod des Vaters stehe in Zusam- menhang mit den Problemen von M. Dies erscheint auch eher unwahr- scheinlich, ist der Vater des Beschwerdeführers doch nicht mit M. ver- wandt, da M. der Bruder der Beschwerdeführerin ist . Zudem sind weder den Akten der Beschwerdeführenden noch denjenigen der Mutter des Be- schwerdeführers, I._______ (N-Dossier […] und Urteil des Bundesverwal- tungsgerichts E-4326/2018 vom heutigen Datum, E. 5.3), glaubhafte Hin- weise dafür zu entnehmen, dass die Entführung des Vaters des Beschwer- deführers im Sommer 2015 und dessen Tötung im April 2018 im Zusam- menhang mit den Problemen von M. stehen. Die Beschwerdeführenden reichten im Beschwerdeverfahren mehrere Be- weismittel inklusive Übersetzung en bezüglich des Todes des Vaters des Beschwerdeführers ein, ohne jedoch genauere Ausführungen dazu zu ma- chen. Bei den Beweismitteln handelt es sich um zwei undatierte und un- vollständig ausgefüllte Formulare, mit denen der Tod des Vaters des Be- schwerdeführers an zwei Behördenstellen in H._______ gemeldet wird; ein Zeitungsbericht vom 13. August 2018, in dem berichtet wird, der Vater des Beschwerdeführers sei am 25. April 2018 von Unbekannten erschossen aufgefunden worden, der Grund für seinen Tod sei im Dorf bekannt und sein Sohn habe Feinde gehabt; schliesslich ein Brief, der bei der Leiche des Vaters gefunden worden sei, und in welchem dem Beschwerdeführer gedroht wird (und der mit einem Stempel der Islamischen Republik Afgha- nistan versehen ist). Diese Beweismittel vermögen – selbst abgesehen von ihrer zweifelhaften Echtheit – keine flüchtlingsrechtlich relevante Motivation für den Tod des Vaters des Beschwerdeführers oder eine entsprechende Bedrohung für die Beschwerdeführenden aufzuzeigen. Insbesondere ist völlig unklar – und führen die Beschwerdeführenden auch nicht aus –, wo- rauf sich der Hinweis auf Feinde des Beschwerdeführers in dem einge- reichten Zeitungsartikel bezieht, macht der Beschwerdeführer doch nicht geltend, er habe Feinde, sondern lediglich, er werde aufgrund seines Schwagers M. verfolgt. Damit ist auch nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Afghanistan aufgrund des Todes des Vaters des Beschwerdeführers einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung ausge- setzt wären. 5.5 Insgesamt ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden bei ihrer Ausreise aus Afghanistan keiner flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung E-4327/2018 Seite 11 ausgesetzt waren und auch bei einer Rückkehr keine begründete Furcht vor einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung haben. Die Beschwer- deführenden erfüllen die Flüchtlingseigenschaft damit nicht, weshalb ihnen auch kein Asyl zu gewähren ist. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch entspre- chend zu Recht abgewiesen. 6. Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie darauf nicht ein, so verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; sie berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie. Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, jeweils m.w.H.). 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde- führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der am 27. August 2018 einbezahlte Kostenvor- schuss in der gleichen Höhe ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden. 8.2 Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 und 3 VGKE). (Dispositiv nächste Seite) E-4327/2018 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden den Beschwerdeführenden auferlegt. Der einbezahlte Kostenvorschuss wird zur Bezahlung der Ver- fahrenskosten verwendet. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Esther Marti Tobias Grasdorf Versand: