B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1881/2016 U r t e i l v o m 7 . M a i 2 0 1 9 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter Gérald Bovier, Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, (…) Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 22. Februar 2016 / N (…). D-1881/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsbürger und ethnischer Ha- zara – verliess Afghanistan im Juni 2015 und gel angte über den Iran, die Türkei und verschiedene europäische Staaten am 14. Oktober 2015 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl ersuchte. Am 4. November 2015 wurde er im Empfangs- und Verfahrenszentrum B._______ summarisch zu Identität und Reiseweg befragt (Befragung zur Person [BzP]) und am 11. Februar 2016 einlässlich zu seinen Asylgründen angehört. B. Da der Beschwerdeführer anlässlich der Gesuchstellung geltend machte, minderjährig zu sein, liess die Vorinstanz am 21. Oktober 2015 durch (…) C._______ eine Handknochenanalyse durchführen, welche für den Be- schwerdeführer ein Knochenalter gemäss Greulich und Pyle von 19 Jahren oder mehr ergab. Anlässlich der BzP bestätigte der Beschwerdeführer die- ses Alter. C. Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er sei im Dorf D._______ ([…] E._______, […] F._______) geboren. Sein Vater sei ums Leben gekommen als seine Mut- ter mit seiner jüngeren Schwester schwanger gewesen sei. Im Alter von drei oder vier Jahren sei er mit seiner Familie für ein paar Monate nach Pakistan gegangen, daraufhin aber nach Afghanistan zurückg ekehrt, wo sie sich in Mazar -i-Sharif niedergelassen hätten. Er habe dort während zehn Jahren die Schule besucht. In Mazar-i-Sharif verfüge der Beschwer- deführer – abgesehen von seiner betagten Mutter – heute noch über einige Geschwister sowie über verschiedene Onkel und Tanten mütterlicherseits. Nach den Gründen für seine Ausreise gefragt, machte der Beschwerdefüh- rer die schlechte Sicherheitslage in Afghanistan geltend. Obwohl ihm sel- ber nie etwas zugestossen sei, habe er immer Angst gehabt nach draussen zu gehen und einem Attentat zum Opfer zu fallen. Gerade er als Hazara sei besonders gefährdet. Er sei bereits im Jahr 2014 sechs oder sieben Monate im Iran gewesen und habe gearbeitet , habe sich dort aber auch nicht frei bewegen können. Deshalb sei er wieder nach Hause zu seiner Familie zurückgekehrt. Die Sicherheitslage sei in Afghanistan aber nach wie vor prekär gewesen, weshalb er im Juni 2015 erneut die Ausreise an- getreten habe. D-1881/2016 Seite 3 D. Mit Verfügung vom 22. Februar 2016 – eröffnet am 24. Februar 2016 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die W egweisung und deren Vollzug an. E. Mit Eingabe vom 22. März 2016 erhob der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsg ericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Gewährung von Asyl, eventualiter die Anordnung der vorläufigen Aufnahme sowie die Gewäh- rung der aufschiebenden Wirkung . In formeller Hinsicht ersuchte er um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Mit der Eingabe reichte der Beschwerdeführer folgende Beweismittel zu den Akten: eine Kopie seiner afghanischen Identitätskarte (Tazkara), eine Kopie seines Abschlusszeugnisses sowie Kopien verschiedener Zertifikate zur Bestätigung der Teilnahme an verschiedenen von nationalen und inter- nationalen Organisationen organisierten Aktivitäten und Workshops. F. Mit Zwischenverfügung vom 30. März 2016 stellte die zuständige Instrukti- onsrichterin fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfah- rens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig schrieb sie das Gesuch um Er- teilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde als gegenstandslos ab. Ferner wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess- führung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung und unter Vorbehalt der Verän- derung der finanziellen Lage des Beschwerdeführers gutgeheissen, wobei der Beschwerdeführer – unter Androhung des Nichteintretens – aufgefor- dert wurde, innert Frist entweder eine solche Fürsorgebestätigung beizu- bringen oder aber einen Kostenvorschuss von Fr. 600.– zu leisten. G. Mit Eingabe vom 1 . April 2016 reichte der Beschwerdeführer eine Unter- stützungsbestätigung zu den Akten. H. Mit Verfügung vom 18. April 2016 lud die zuständige Instruktionsrichterin die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen. D-1881/2016 Seite 4 I. In seiner Vernehmlassung vom 26. April 2016 stellte das SEM fest, die Be- schwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweis- mittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Im Übrigen werde auf die Erwägungen der angefochtenen Verfügung ver- wiesen, an welchen vollumfänglich festgehalten werde. J. Mit Verfügung vom 27. Mai 2016 gab die zuständige Instruktionsrichter in dem Beschwerdeführer Gelegenheit, sich mittels Replik zur Vernehmlas- sung zu äussern. K. Am 13. Juni 2016 reichte der Beschwerdeführer seine Replik zu den Akten. Mit dieser Eingabe legte er ein weiteres Beweismittel – einen Kurzfilm über das Thema Selbstmordattentäter – ins Recht. L. Mit Eingabe vom 6. November 2018 erkundigte sich der Beschwerdeführer nach dem Stand des Verfahrens. M. Am 12. Februar 2019 wurde die Vorinstanz auf das Urteil des Bundesver- waltungsgerichts D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 (zur Publikation vor- gesehen) hingewiesen, mit welchem eine aktualisierte Lageanalyse betref- fend die Sicherheitslage und die humanitäre Situation in Mazar-i-Sharif vor- genommen wurde, und zur Einreichung einer Stellungnahme aufgefordert. N. Mit Vernehmlassung vom 26. Februar 2019 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde. O. Am 13. März 2019 machte der Beschwerdeführer von seinem Replikrecht Gebrauch und beantragte die Gutheissung der Beschwerde. Gleichzeitig reichte er eine Bestätigung eines Ausbildungsvertrags per 1. August 2019 der (…) G._______ bei H._______ vom 12. März 2019 sowie eine Kopie des Lehrvertrags mit dieser Firma und einen Lebenslauf zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: D-1881/2016 Seite 5 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz F lüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung D-1881/2016 Seite 6 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, di e einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz stellte in ihrer Verfügung im Wesentlichen fest, die Vor- bringen des Beschwerdeführers seien nicht asylrelevant. Zwar solle die schwierige Situation in Afghanistan vorliegend nicht verkannt werden und seien die Ängste des Beschwerdeführers insofern nachvollziehbar. Indes- sen würden die von ihm geltend gemachten Nachteile viele Leute in Afgha- nistan gleichermassen betreffen und seien Ausdruck der derzeitigen wirt- schaftlichen und sozialen Lage in seinem Heimatland. Den Akten seien keine Hinweise zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer gezielt gegen ihn gerichteten Verfolgungsmassnahmen im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG ausgesetzt gewesen wäre. Damit hielten seine Vorbringen den Anforderun- gen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. 4.2 Dem hielt der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde lediglich allge- meine Ausführungen zur Lage in Afghanistan und Mazar-i-Sharif entge- gen, auf welche – soweit entscheidrelevant – später im Rahmen der Prü- fung des Wegweisungsvollzugspunkts näher einzugehen sein wird (vgl. unten E. 7.3). Auch der Replik vom 13. Juni 2016 sind keine Ausführungen zur individuell- konkreten Situation des Beschwerdeführers zu entnehmen. Neben den be- reits früher geltend gemachten allgemeinen Ausführungen gibt der Be- schwerdeführer lediglich seine im Rahmen der Anhörung protokollierten Aussagen zu den Gesuchsgründen wieder. 5. Insgesamt enthalten weder die Befragungs- und Anhörungsprotokolle noch die Eingaben auf Beschwerdeebene Hinweise auf eine gezielte und gegen den Beschwerdeführer persönlich gerichtete Verfolgung. Diesbezüglich D-1881/2016 Seite 7 kann vollumfänglich auf die entsprechenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (vgl. die angefoc htene Verfügung sowie oben, E. 4 .1). Mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrelevante Verfolgung glaubhaft darzulegen. Somit hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch richtigerweise abgelehnt. 6. 6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu R echt angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das hei sst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7.2 7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). D-1881/2016 Seite 8 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmens chlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigensc haft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorlie genden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müssten die Beschwerdeführerinnen eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschie- bung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Weg- weisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim- mungen zulässig. 7.3 7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. D-1881/2016 Seite 9 7.3.2 Vorliegend führte die Vorinstanz zur Zumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs aus, eine Rückkehr nach Mazar -i-Sharif sei gemäss Rechtspre- chung des Bundesverwaltungsgerichts nicht generell unzumutbar sondern könne unter begünstigenden Umständen als zumutbar erk annt werden. Beim Beschwerdeführer handle es sich um einen jungen, gesunden Mann mit einer guten Schulbildung. Er habe sodann im Iran bereits Berufserfah- rung sammeln können. Gemäss eigenen Angaben würden die Mutter so- wie die Mehrzahl der Geschwister und we itere Verwandte des Beschwer- deführers in Mazar-i-Sharif leben. Die älteren Brüder seien erwerbstätig. Er verfüge somit über ein ausgedehntes familiäres Beziehungsnetz in Mazar- i-Sharif, welches ihn bei der Reintegration unterstützen könne. Hinsichtlich der Wiedereingliederung in den heimatlichen Arbeitsmarkt sei auf die Mög- lichkeit hinzuweisen, einen Antrag auf Rückkehrhilfe zu stellen. Der Vollzug der Wegweisung erweise sich somit als zumutbar. 7.3.3 In seiner Beschwerde legte der Beschwerdeführer dar, wie prekär die Lage in Afghanistan im Allgemeinen sei. Diese habe sich auch mit der mi- litärischen Niederlage der Taliban nicht verbessert. Es gebe kaum eine staatliche Ordnung, weshalb ein einigermassen geordnetes ziviles Leben unmöglich sei. Die Rückkehrenden würden ihre Familien nur noch zusätz- lich belasten. 7.3.4 In der Vernehmlassung vom 26. Februar 2019 führte die Vorinstanz aus, auch unter Berücksichtigung des aktuellsten Urteils des Bundesver- waltungsgerichts D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 (zur Publikation vor- gesehen) erachte sie den Wegweisungsvol lzug im vorliegenden Fall als zumutbar, da vom Vorliegen von begünstigenden Faktoren im Sinne des zitierten Urteils auszugehen sei. Der Beschwerdeführer verfüge über ein ausgedehntes familiäres Beziehungsnetz in Mazar -i-Sharif, wo er den grössten Teil seines Lebens verbracht habe. Er sei jung und gesund, habe für afghanische Verhältnisse eine gute S chulbildung genossen und habe im Iran Berufserfahrung sammeln können. Im Zusammenspiel mit einem tragfähigen Beziehungsnetz sei dies als günstige Voraussetzung fü r die wirtschaftliche Wiedereingliederung anzusehen. Der Vollzug der Wegwei- sung sei somit zumutbar. 7.3.5 In der Replik vom 13. März 2019 entgegnete der Beschwerdeführer, es treffe zwar zu, dass er ein ausgedehntes Familiennetz in Afghanistan und auch in Mazar -i-Sharif habe, dieses sei jedoch nicht tragfähig. Seine Mutter lebe mit seiner jüngeren Schwester bei der Familie der älteren D-1881/2016 Seite 10 Schwester, welche selber einen Mann und drei Kinder habe, in sehr be- scheidenen Verhältnissen. Für den Lebensunterhalt seiner Mutter komme er zusammen mit seinem Bruder, der mit seiner Familie im Iran lebe, auf. Somit sei seine Mutter bestimmt nicht in der Lage, ihn bei einer Rückkehr zu unterstützen. Auch seinen Geschwistern sei es offensichtlich nicht mög- lich, ihn zu unterstützen, da sie selber in prekären Verhältnissen leben wür- den. Im Gegenteil werde von ihm erwartet, dass er seine Schulden, die er für die Ausreise gemacht habe, zurückzahle. Das Geld habe er sich von seiner Mutter, welche dafür ihre einzige Kuh verkauft habe, einem Onkel, einem älteren Halbbruder sowie einem Cousin in Kanada ausgeliehen. Ferner spiele auch seine fortgeschrittene Integration in der Schweiz eine Rolle. So habe er hier Deutsch gelernt und verfüge ab Sommer 2019 sogar über eine Lehrstelle. Ausserdem spiele er im Verein Volleyball und habe viele Freunde gefunden. Eine Rückkehr nach Afghanistan und damit das Herausreissen aus seinem hiesigen Beziehungsnetz würde eine un- menschliche Härte darstellen. 7.3.6 Betreffend die allgemeine Lage in Afghanistan ist vorab auf die vom Bundesverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung im Koordina- tionsurteil BVGE 2011/7 zu verweisen. Die Sicherheitslage sowie die hu- manitären Bedingungen in weiten Teilen Afghanistans – ausser allenfalls in den Grossstädten – wird als äusserst schlecht bezeichnet. Die Situation in Afghanistan wurde praktisch flächendeckend als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG qualifiziert (vgl. BVGE 2011/7 E. 9.3 ff.). Diese Einschätzung wurde im Referenzurteil D -5800/2016 vom 13. Okto- ber 2017 grundsätzlich bestätigt, wobei generell von einer “deutlichen Ver- schlechterung“ der Situation ausgegangen wurde. In weiten Teilen Afgha- nistans bestünden unverändert eine derart sch lechte Sicherheitslage so- wie derart schwierige humanitäre Bedingungen, dass die Situation als exis- tenzbedrohend einzustufen und der Wegweisungsvollzug nach wie vor als unzumutbar zu beurteilen sei. 7.3.7 Das Bundesverwaltungsgericht hat nun im Urteil D -4287/2017 vom 8. Februar 2019 eine Analyse der Situation in Mazar -i-Sharif vorgenom- men. Zusammenfassend hielt es fest, dass sich die Sicherheitslage in der Stadt Mazar-i-Sharif in den letzten Jahren verschlechtert habe, während sich im Bereich der humanitären Situ ation Verbesserungen und Rück- schläge die Waage halten dürften. Im Vergleich zu anderen Regionen und Städten Afghanistans zähle die Stadt Mazar -i-Sharif immer noch zu den stabileren und ruhigeren Orten. Folglich rechtfertige es sich insgesamt D-1881/2016 Seite 11 nicht, aktuell eine generelle Unzumutbarkeit der Rückkehr dorthin anzu- nehmen. Vielmehr sei daran festzuhalten, dass bei Vorliegen begünstigen- der Umstände weiterhin von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Stadt Mazar -i-Sharif auszugehen sei. Allerdings sei mi t Nachdruck daran zu erinnern, dass nicht jeder noch so schwache Bezugspunkt zu Ma- zar-i-Sharif für die Annahme begünstigender Umstände genüge. Vielmehr sei eine Gesamtbeurteilung der verschiedenen Faktoren, wie sie bereits in BVGE 2011/49 erwähnt worden se ien, vorzunehmen. Diese gesamthafte Betrachtung müsse zum Schluss führen, im konkreten Einzelfall seien be- günstigende Voraussetzungen für eine Rückkehr nach Mazar -i-Sharif ge- geben (vgl. a.a.O. E. 6.2.3.5). 7.3.8 Im Urteil BVGE 2011/7 hat das Bundesverwaltungsgericht dargelegt, wann vom Vorliegen begünstigender Faktoren auszugehen ist (E. 9.9.2). Solche können grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden Mann handelt. Ebenso ist entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliede- rung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit einem tragfähigen Beziehungsnetz begünstigt werden kann. Unabdingbar ist in jedem Fall ausserdem ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als tragfähig erweist. Dieses so- ziale Netz muss dem Rückkehrenden insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. 7.3.9 Wie von der Vorinstanz bereits festgestellt, handelt es sich beim Be- schwerdeführer um einen jungen gesunden Mann, welcher über ein aus- gedehntes familiäres Beziehungsnetz in Mazar-i-Sharif verfügt, wo er auch aufgewachsen ist. Zwar machte der Beschwerdeführer geltend, sein fami- liäres Beziehungsnetz sei nicht tragbar, da seine Verwandten selber in sehr knappen Verhältnissen leben würden. Da der Beschwerdeführer jedoch jung, gesund und allein ist, ist dennoch davon auszugehen, dass ihm eine Rückkehr in seine Heimatstadt zuzumuten ist. Es kann angenommen wer- den, dass er dort in der Lage sein wird, sich beruflich zu integrieren, auch wenn seine Verwandten selber in ärmlichen Verhältnissen leben, zumal auch diese beruflich tätig sind. Diesbezüglich ist er erneut auf die Möglich- keit der Rückkehrhilfe hinzuweisen (vgl. vorinstanzliche Verfügung). Ferner ist auch davon auszugehen, dass er bei seiner Rückkehr von seinen Ver- wandten aufgenommen wird und diese die Grundversor gung gewährleis- ten können, wenn auch auf tiefem Niveau. Ihm kann folglich zugemutet D-1881/2016 Seite 12 werden, sich mit Hilfe seines Beziehungsnetzes seine Existenz in Mazar-i- Sharif aufzubauen. Auch wenn die dargelegte Integration des Beschwer- deführers in der Schweiz nicht zu verkennen ist, ist zusammenfassend von begünstigenden Umständen im Sinne der Praxis des Gerichts auszugehen und der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Mazar -i- Sharif erweist sich als zumutbar. 7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) (Art. 1–3 des Reg- lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm mit Zwi- schenverfügung vom 30. März 2016 jedoch die unentgeltliche Prozessfüh- rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt worden und nicht von einer Veränderung der finanziellen Verhältnisse auszugehen ist, sind trotz Un- terliegens keine Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-1881/2016 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Aglaja Schinzel Versand: