200 20 183 ALV SCP/LUB/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil des Einzelrichters vom 18. August 2020 Verwaltungsrichter Schütz Gerichtsschreiber Lüthi A.________ Beschwerdeführerin gegen Amt für Arbeitslosenversicherung des Kantons Bern Rechtsdienst, Lagerhausweg 10, 3018 Bern Beschwerdegegner betreffend Einspracheentscheid vom 3. Februar 2020 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1974 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) meldete sich am 8. Januar 2019 beim Regionalen Arbeitsvermittlungszen- trum (RAV) zur Arbeitsvermittlung an (Akten des Amts für Arbeitslosenver- sicherung des Kantons Bern [AVA bzw. Beschwerdegegner], Dossier RAV- Region Seeland-Berner Jura [act. II] 158) und stellte am 23. Januar 2019 Antrag auf Arbeitslosenentschädigung (Akten des AVA, Dossier Arbeitslo- senkasse Biel [act. IIB] 173-176). Am 10. September 2019 forderte das RAV die Versicherte wegen fehlenden Nachweises von Arbeitsbemühun- gen für den Monat August 2019 zur Stellungnahme auf (act. II 71). Am 16. September 2019 teilte die Versicherte dem RAV mit, sie habe die Ar- beitsbemühungen zusammen mit dem Arztzeugnis (im selben Briefum- schlag) am 4. September 2019 im Briefkasten des RAV deponiert (act. II 69). Mit Verfügung vom 25. Oktober 2019 (act II 49-51) stellte das AVA die Versicherte wegen wiederholt fehlenden bzw. zu spät eingereich- ten Arbeitsbemühungen während der Arbeitslosigkeit (betreffend die Kon- trollperiode August 2019) ab dem 1. September 2019 für 19 Tage in der Anspruchsberechtigung ein. Daran hielt das AVA auf Einsprache hin (act. II 36) mit Entscheid vom 3. Februar 2020 (act. II 11-13) fest. B. Mit Eingabe vom 3. März 2020 (Postaufgabe) erhob die Versicherte Be- schwerde. Sie beantragte die ersatzlose Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, der Nachweis der Arbeitsbemühungen müsse verloren gegangen sein. Sie habe in das Couvert beide Sachen, sowohl das Arztzeugnis als auch das Blatt "Arbeitsnachweis", hineingetan und sie habe dieses rechtzeitig im Briefkasten des RAV hinterlegt. In seiner Beschwerdeantwort vom 30. März 2020 schloss der Beschwerde- gegner auf Abweisung der Beschwerde und informierte aufforderungs-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 3 gemäss über den zu protokollierenden Nachforschungsvorgang (vgl. pro- zessleitende Verfügung vom 5. März 2020) und hielt diesbezüglich u.a. fest, dass alle im Scan-Center am 6. September 2019 erfassten Dokumen- te überprüft und die Arbeitsbemühungen der Beschwerdeführerin bei dieser Kontrolle nicht aufgefunden worden seien. Bezugnehmend auf die prozessleitende Verfügung vom 2. April 2020 teilte der Beschwerdegegner am 27. Mai 2020 in Ergänzung der Beschwerde- antwort mit, dass nach Weisung des Staatssekretariats für Wirtschaft (se- co) die Dokumente im physischen Tagesarchiv, welches nicht Teil der massgebenden Akten und Daten sei und lediglich der Sicherheit diene, nach einer dreimonatigen Zwischenlagerungsfrist vernichtet würden, wes- halb weitere Nachforschungen im besagten Archiv (vom 4. und 5. Septem- ber 2019) nicht mehr möglich seien. Gemäss Scan-Auszug sei am 6. Sep- tember 2019 lediglich das von der Beschwerdeführerin erwähnte Arztzeug- nis eingescannt worden. Das Nachweisformular mit den Arbeitsbemühun- gen der Kontrollperiode August 2019 habe sich demnach nicht im Couvert mit dem Arztzeugnis befunden. Mit prozessleitender Verfügung vom 28. Mai 2020 forderte der Instruktions- richter den Beschwerdegegner auf, zum Ausschluss einer Unregelmässig- keit der im Scan-Protokoll dem Arztzeugnis der Beschwerdeführerin unmit- telbar folgende Scan, welcher Arbeitsbemühungen einer ebenfalls aus der Wohngemeinde der Beschwerdeführerin stammenden Person betreffe, zwecks Abgleich einzureichen. Dem kam der Beschwerdegegner mit Ein- gabe vom 8. Juni 2020 nach. In der prozessleitenden Verfügung vom 9. Juni 2020 stellte der Instrukti- onsrichter fest, dass es sich bei dem mit Eingabe des Beschwerdegegners vom 8. Juni 2020 zugestellten Dokument nicht um das Formular "Nachweis der persönlichen Arbeitsbemühungen" handle, welches die Beschwerde- führerin zusammen mit dem nachweislich eingereichten und eingescannten Arztzeugnis beim RAV, eingereicht haben wolle. Er räumte der Beschwer- deführerin die Möglichkeit ein, sich zum vorläufigen Beweisergebnis zu äussern und mitzuteilten, ob sie an der Beschwerde festhalte.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 4 Mit Eingabe vom 27. Juni 2020 teilte die Beschwerdeführerin mit, dass sie an ihrer Beschwerde festhalte, da sie sicher sei, das Blatt betreffend die Arbeitsbemühungen in den Briefumschlag gesteckt zu haben. Auch sei das Einstellmass von 19 Tagen nicht nachvollziehbar. Unter Bezugnahme auf die prozessleitende Verfügung vom 30. Juni 2020 reichte der Beschwerdegegner mit Stellungnahme vom 10. Juli 2020 u.a. die die Beschwerdeführerin in der massgebenden Beobachtungsperiode von zwei Jahren (6. September 2017 bis 5. September 2019) betreffenden früheren Sanktionsverfügungen (jeweils zwei Entscheide vom 6. und 21. November sowie je einer vom 12. Dezember 2017 und 30. Januar 2018) ein (Akten des AVA, Dossier RAV-Region Seeland-Berner Jura [act. IIC] 27,34. 36, 39, 45, 47) und hielt an den Ausführungen sowie am Antrag in der Beschwerdeantwort fest. In ihrer Stellungnahme vom 23. Juli 2020 machte die Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit den im Jahr 2017 verfügten Einstelltagen geltend, ab 6. April 2017 vollumfänglich arbeitsunfähig gewesen zu sein und bis zum April 2018 Taggelder der Krankentaggeldversicherung bezogen zu haben. Da die längere Dauer der Arbeitsunfähigkeit von Anfang an bekannt gewesen sei, habe sie sich gegenüber ihrer Beraterin von der ALV abge- meldet gehabt. In Bezug auf die prozessleitende Verfügung vom 27. Juli 2020 reichte der Beschwerdegegner mit Stellungnahme vom 11. August 2020 die Akten hinsichtlich der vorangegangenen Rahmenfrist (3. August 2016 bis 2. Au- gust 2018; Akten des AVA, Dossier RAV-Region Seeland-Berner Jura [act. IID] und Dossier Arbeitslosenkasse Biel [act. IIE]) ein und beantragte, die Einstellhöhe auf sechs Einstelltage zu reduzieren, da die Beschwerde- führerin im Jahr 2017 keine Arbeitslosenentschädigung geltend gemacht habe.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 5 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 100 Abs. 3 des Bundesgesetzes vom 25. Juni 1982 über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0] i.V.m. Art. 128 Abs. 2 der Verordnung vom 31. August 1983 über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolven- zentschädigung [AVIV; SR 837.02]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechts- pflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde ein- zutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet der Einspracheentscheid vom 3. Februar 2020 (act. II 11-13). Streitig und zu prüfen ist die Einstellung in der An- spruchsberechtigung ab 1. September 2019 im Umfang von 19 Tagen we- gen wiederholt fehlenden bzw. zu spät eingereichten Arbeitsbemühungen betreffend die Kontrollperiode August 2019. 1.3Da der Streitwert bei einer Einstelldauer von 19 Tagen und einer Taggeldhöhe von Fr. 148.40 (act. IIB 62) unter Fr. 20’000.-- liegt, fällt die Beurteilung der Beschwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 57 Abs. 1 GSOG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 6 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Nach Art. 17 Abs. 1 AVIG müssen Versicherte, die Versicherungs- leistungen beanspruchen wollen, mit Unterstützung des zuständigen Ar- beitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu vermei- den oder zu verkürzen. Insbesondere sind sie verpflichtet, Arbeit zu su- chen, nötigenfalls auch ausserhalb ihres bisherigen Berufs. Sie müssen ihre Bemühungen nachweisen können. Gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. c AVIG ist die versicherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie sich persönlich nicht genügend um zumutbare Arbeit bemüht (BGE 139 V 524 E. 2.1.1 S. 525 und E. 2.1.4 S. 528). 2.2Die versicherte Person muss den Nachweis der Arbeitsbemühun- gen für jede Kontrollperiode spätestens am fünften Tag des folgenden Mo- nats oder am ersten auf diesen Tag folgenden Werktag einreichen. Die Arbeitsbemühungen werden nicht mehr berücksichtigt, wenn sie die Frist verstreichen lässt und keinen entschuldbaren Grund geltend macht (Art. 26 Abs. 2 AVIV). 2.3Mit der Verknüpfung von Schadenminderungspflicht und Sanktion will das AVIG Arbeitslose zur Stellensuche anspornen und eine miss- bräuchliche Beanspruchung der Arbeitslosenversicherung verhindern. Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung unterliegt ausschliesslich den spezifischen Bestimmungen der Arbeitslosenversicherung (nicht Art. 43 Abs. 3 ATSG). Daraus folgt, dass vorbehältlich eines entschuldbaren Grundes eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung ausgesprochen werden kann, wenn die Nachweise der Arbeitsbemühungen nicht innert der Frist des Art. 26 Abs. 2 AVIV eingereicht werden, ohne dass eine zusätzli- che Frist gewährt werden müsste. Unerheblich ist, dass die Nachweise später erbracht werden, zum Beispiel in einem Einspracheverfahren (BGE 139 V 164).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 7 2.4Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nichts Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhaltes genügt die- sen Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachver- haltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 144 V 427 E. 3.2 S. 429). 2.5Der den Sozialversicherungsprozess beherrschende Untersu- chungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne einer Beweisführungs- last begriffsnotwendig aus, da es Sache des Gerichts – und der verfügen- den Behörde – ist, für die Zusammentragung des Beweismaterials besorgt zu sein. Die Parteien tragen mithin in diesem Verfahrensbereich in der Re- gel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Ent- scheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen geblie- benen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift aller- dings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, durch die Beweiswür- digung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlich- keit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 144 V 427 E. 3.2 S. 429, 138 V 218 E. 6 S. 222). 3. 3.1Der Beschwerdeführerin oblag es, den Nachweis der Arbeits- bemühungen für die Kontrollperiode August 2019 gemäss Art. 26 Abs. 2 AVIV spätestens am 5. September 2019 einzureichen (vgl. E. 2.2 hiervor). Schriftliche Eingaben müssen spätestens am letzten Tag der Frist dem Versicherungsträger eingereicht oder zu dessen Handen der Schweizeri- schen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsulari- schen Vertretung übergeben werden (Art. 39 Abs. 1 ATSG). Nach den Angaben der Beschwerdeführerin hat sie das Formular "Nach- weis der persönlichen Arbeitsbemühungen" für die Kontrollperiode August 2019 zusammen mit dem Arztzeugnis vom 17. Juli 2019 am 4. September Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 8 2019 in den Briefkasten des RAV eingeworfen (act. II 36, 69 und vgl. Be- schwerde). Der Beschwerdegegner gab auf Nachfrage des Instruktionsrich- ters im Rahmen der Beschwerdeantwort vom 30. März 2020 (S. 3 f. Art. 4) an, am 16. September 2019 habe die Beschwerdeführerin dem RAV- Berater per E-Mail mitgeteilt, sie habe am 4. September 2019 ihre Arbeits- bemühungen zusammen mit ihrem Arztzeugnis im Aussenbriefkasten des RAV hinterlegt. Das Arztzeugnis vom 17. Juli 2019 (act. II 72) trage den Scan-Stempel vom 6. September 2019. Am 22. Oktober 2019 sei der zu- ständigen Mitarbeiterin der Suchauftrag erteilt worden (act. II 53), woraufhin am 23. Oktober 2019 die verfügende Mitarbeiterin dahingehend informiert worden sei, dass alle im Scan-Center am 6. September 2019 erfassten Dokumente überprüft worden seien und dabei die Arbeitsbemühungen der Beschwerdeführerin nicht aufgefunden worden seien (act. II 52). 3.2Ob der Nachweis der persönlichen Arbeitsbemühungen für den Mo- nat August 2019 innert Frist – im selben Briefumschlag wie das Arztzeugnis vom 17. Juli 2019 (act. II 72) – eingereicht worden ist, lässt sich aufgrund des Umstands, dass der Beschwerdegegner die Originaldokumente zwi- schenzeitlich vernichtet hat (vgl. E. 3.3 hiernach), im Nachhinein nicht mehr eruieren. 3.2.1Gegen die rechtszeitige Einreichung der besagten Arbeits- bemühungen spricht, dass gemäss der Scan-Liste am 6. September 2019 im Ordner des elektronischen Dossiers der Beschwerdeführerin kein Do- kument mit dem Titel "Nachweis der persönlichen Arbeitsbemühungen" vermerkt bzw. abgelegt worden ist; aufgeführt ist einzig das Dokument "Arztzeugnis" (vgl. Eingabe vom 27. Mai 2020 S. 2 Ziff. II. 4 f. inkl. Beila- gen). Ausgeschlossen werden kann ebenfalls, dass das Nachweisformular im Rahmen des Scan-Prozesses einer anderen Person zugeteilt worden ist. Laut den zutreffenden Angaben des Beschwerdegegners sind die mo- natlich vom Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) den versicherten Perso- nen zugestellten Formulare mit einem Barcode versehen, welcher mitunter zur Identifikation der versicherten Person dient und gestützt darauf die Zu- ordnung zum entsprechenden Versichertendossier automatisch erfolgt (vgl. Eingabe vom 27. Mai 2020 S. 2 f. Ziff. II. 5). Zudem haben die auf Veran- lassung des Instruktionsrichters erfolgten Abklärungen (vgl. prozessleiten-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 9 de Verfügung vom 28. Mai 2020) ergeben, dass es sich bei dem in der Scan-Liste unmittelbar auf das Arztzeugnis der Beschwerdeführerin folgen- de Scan, nicht um deren Arbeitsbemühungen handelt, welche sie zusam- men mit dem Arztzeugnis am 4. September 2020 eingereicht haben will. 3.2.2Demgegenüber spricht für die pünktliche Einreichung der Arbeits- bemühungen, dass die Beschwerdeführerin seit ihrer Anmeldung beim RAV im Januar 2019 sämtliche Formulare die Arbeitsbemühungen betref- fend (Februar bis Dezember 2019) – mit Ausnahme dem hier im Streit lie- genden – vorschriftsgemäss eingereicht hat (act. II 28 f., 39 f., 47 f., 60 f., 81 f., 84 f. 92 f., 95 f., 112 f., 118 f.; vgl. dazu auch Stellungnahme zur Ein- sprache der RAV-Mitarbeiterin vom 6. Dezember 2019; act. II 33). Insbe- sondere hat die Beschwerdeführerin die Nachweise der Arbeitsbemühun- gen für die Monate Februar bis Juli 2019 stets zusammen mit ihren Ar- beitsunfähigkeitsattesten eingereicht (Arbeitsbemühungen und Arztzeugnis für Februar [act. II 117 f., 125]; März [act. II 112+111]; April [act. II 95 f.+94]; Mai [act. II 92 f.+91]; Juni [act. II 84 f.+86]; vgl. prozesslei- tende Verfügung vom 2. April 2020 S. 2 lit. c, h). Sodann spricht auch das nachweislich eingereichte und eingescannte Arztzeugnis vom 17. Juli 2019 (act. II 72) für die Darstellung der Beschwerdeführerin. Gemäss den be- schwerdegegnerischen Ausführungen zum Organisations- bzw. Erfas- sungsablauf werden die von einer versicherten Person im Briefkasten des RAV deponierten Unterlagen unmittelbar nach der Entnahme aus dem Briefkasten mit dem Eingangsstempel des zuständigen RAV versehen. Werden die Unterlagen am Abend nach der Schliessung des RAV im Brief- kasten hinterlegt, so wird der Eingangsstempel an dem Tag auf den Unter- lagen angebracht, an welchem sie aus dem Briefkasten entnommen wor- den sind. Die mit dem Eingangsstempel versehenen Unterlagen werden alsdann zur weiteren Bearbeitung in den Scan-Center gebracht, wo sie den Scan-Stempel erhalten (Beschwerdeantwort vom 30. April 2020 S. 3 Art. 4). Das Arztzeugnis vom 17. Juli 2019 (act. 72) wurde am 6. Septem- ber 2019 um 09.36 Uhr im Scan-Center erfasst bzw. gescannt und im elek- tronischen Ordner der Beschwerdeführerin abgelegt (vgl. Stellungnahme des Beschwerdegegners vom 27. Mai 2020 S. 2 Ziff. 3 [inkl. Scan-Liste]). Im Lichte des beschriebenen Erfassungsablaufs ist damit davon auszuge- hen, dass die Beschwerdeführerin innerhalb der massgeblichen Frist von Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 10 Art. 26 Abs. 2 AVIV eine Eingabe zu Handen des RAV getätigt hat, was im Übrigen vom Beschwerdegegner auch nicht bestritten wird. Aus den Akten ist kein Grund ersichtlich, weswegen die Beschwerdeführerin zu Beginn des Monats September 2019 im Briefkasten des RAV einzig das Arztzeug- nis vom 17. Juli 2019 hätte deponieren sollen, zumal sie dieses schon vor- her der Arbeitslosenkasse abgegeben hatte (Eingangsstempel der ALK vom 23. August 2019, Scan-Eingangsdatum 26. August 2019; act. IIB 55). Ebenso wenig musste die Beschwerdeführerin gegenüber dem RAV zu diesem Zeitpunkt darlegen, dass sie infolge Arbeitsunfähigkeit (von 20 %) ihre Kontrollvorschriften nicht hätte wahrnehmen können. Vielmehr war die Beschwerdeführerin einzig dazu verpflichtet, bis spätestens am 5. Septem- ber 2019 die Arbeitsbemühungen für die Kontrollperiode August 2019 ein- zureichen. Auch die Daten der auf dem Formular festgehaltenen Bewer- bungen sprechen nicht gegen die Darstellung der Beschwerdeführerin. Die letzte notierte Bewerbung (von insgesamt vier vereinbarten; act. II 20) da- tiert vom 21. August 2019 (act. II 70 und Akten der Beschwerdeführerin [act. I] 2). Die Beschwerdeführerin hatte somit schon früh die erforderliche Anzahl der Bewerbungen getätigt. Sodann ist festzuhalten, dass das von der Beschwerdeführerin beim RAV eingereichte Arztzeugnis vom 17. Juli 2019 (act. II 72) – entgegen den vom Beschwerdegegner beschriebenen Abläufen (vgl. Stellungnahme des Beschwerdegegners vom 27. Mai 2020 S. 2 Ziff. II Ziff. 2) – nicht mit dessen Eingangsstempel versehen wurde. Es trägt einzig, wie zuvor ausgeführt, das vom Scan-Center angebrachte Ein- gangsdatum vom 6. September 2019 (vgl. act. II 53, 33). Soweit die Leiterin Administration RAV davon ausgeht, falls sich die Arbeitsbemühungen im selben Couvert befunden hätten wie das Arztzeugnis, hätte sie dies ent- sprechend vermerkt (act. II 52), ist festzustellen, dass sich der Briefum- schlag, in welchem sich das gescannte Arztzeugnis befunden hat, nicht in den Akten des Beschwerdegegners befindet. Mithin ist anzunehmen, dass das Arztzeugnis nicht im Briefumschlag an den Scan-Center weitergeleitet worden ist, wofür auch der dargestellte Ablauf spricht (Öffnung des Cou- verts im RAV, damit der [vorliegend fehlende] Eingangsstempel angebracht werden kann, und Weiterleiten an den Scan-Center). Damit sind im Zu- sammenhang mit der Eingabe der Beschwerdeführerin vom 4. September 2019 zu Handen des RAV ebenfalls ablauforganisatorische Unregelmäs- sigkeiten ausgewiesen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 11 3.3Unter diesen Umständen ist mit grosser, wenn nicht sogar mit überwiegender Wahrscheinlichkeit (vgl. E. 2.4 hiervor) davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin den Nachweis der persönlichen Arbeits- bemühungen für den Monat August 2019 (act. I 2, act. II 70) dem RAV pünktlich, d.h. bis spätestens am 5. September 2019 eingereicht hat. Des Weiteren ist auch durchaus möglich, dass bei der Posterfassung bzw. der internen Verarbeitung durch das RAV menschliche oder technische Fehler aufgetreten sind – zumindest sind diesbezüglich Unregelmässigkei- ten ausgewiesen (vgl. E. 3.2.2 hiervor). Der Sachverhalt hätte somit weiter abgeklärt werden müssen. Zwar hat der Beschwerdegegner alle im Scan- Center am 6. September 2019 im physischen Tagesarchiv erfassten Do- kumente überprüft (act. II 52). Da die Beschwerdeführerin aber geltend macht, den Nachweis bereits am 4. September 2019 in den Briefkasten des RAV eingeworfen zu haben (act. II 36, 69 und vgl. Beschwerdeantwort), hätte zwingend auch der Posteingang vom 5. September und allenfalls derjenige vom 4. September 2019 durchforscht werden müssen. Und für den Fall, dass, wie vom Beschwerdegegner ausgeführt, ein Dokument auf den Boden gefallen und damit allenfalls erst später entdeckt und gescannt worden wäre (vgl. Stellungnahme des Beschwerdegegners vom 27. Mai 2020 S. 2 Ziff. II Ziff. 2), hätte überdies noch der dem 6. September 2019 nachfolgende Werktag überprüft werden müssen. Entsprechende Nachfor- schungen sind nicht eingeleitet worden (act. II 33) und können auch im vorliegenden Verfahren nicht mehr nachgeholt bzw. durch das Gericht ver- anlasst werden. Nach Auskunft des Beschwerdegegners sind die Doku- mente des physischen Tagesarchivs (nach einer dreimonatigen Zwischen- lagerungsfrist) vernichtet worden (vgl. Stellungnahme des Beschwerde- gegners vom 27. Mai 2020 S. 2 Ziff. II Ziff. 1). 3.4Rechtsprechungsgemäss obliegt der Beweis der Tatsache sowie des Zeitpunktes der Zustellung von Postsendungen dem Absender, welcher die entsprechende (objektive) Beweislast trägt. Wird die Tatsache oder das Datum der Zustellung uneingeschriebener Sendungen bestritten, muss im Zweifel auf die Darstellung des Empfängers abgestellt werden (vgl. BGE 124 V 400 E. 2a S. 402). Weil der Beschwerdegegner den rechtzeitigen Erhalt des Nachweises über die im August 2019 getätigten Arbeitsbemühungen bestreitet, wirkt sich die Beweislosigkeit vorderhand Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 12 zulasten der leistungsansprechenden Beschwerdeführerin aus (vgl. E. 2.5 hiervor; BORIS RUBIN, Commentaire de la loi sur l’assurance-chômage, 2014, Art. 17 N. 32 f.). Das Bundesgericht hat allerdings verschiedentlich festgehalten, dass eine Umkehr der Beweislast ausnahmsweise dann eintritt, wenn eine Partei einen Beweis aus Gründen nicht erbringen kann, welche nicht von ihr, sondern von der Behörde zu verantworten sind. Einen derartigen Fall von Beweislastumkehr erblickt die Rechtsprechung etwa bei der Beweislosigkeit der Rechtzeitigkeit eines Rechtsmittels, welche darauf zurückzuführen ist, dass die Verwaltung oder Behörde den Briefumschlag, in welchem das an sie gerichtete Rechtsmittel (uneingeschrieben) verschickt wurde, in Verletzung ihrer Aktenführungspflicht nicht zu den Akten genommen und damit die Beweiserbringung für die Rechtzeitigkeit des Rechtsmittels verunmöglicht hat (BGE 138 V 218 E. 8.8.1 S. 223). Dieser Praxis kommt generelle Bedeutung zu, sofern es um Unterlagen geht, welche die Rechtzeitigkeit einer Parteihandlung zu belegen vermögen (vgl. UELI KIESER, Kommentar zum ATSG, 4. Aufl. 2020, Art. 46 N. 12). Im Rahmen der Aktenführungspflicht hat die Behörde ein vollständiges Ak- tendossier über das Verfahren zu führen, um gegebenenfalls ordnungs- gemäss Akteneinsicht gewähren und bei einem Weiterzug diese Unterla- gen an die Rechtsmittelinstanz weiterleiten zu können. Die Behörde hat alles in den Akten festzuhalten, was zur Sache gehört. Der verfassungs- mässige Anspruch auf eine geordnete und übersichtliche Aktenführung verpflichtet die Behörden und Gerichte, die Vollständigkeit der im Verfahren eingebrachten und erstellten Akten sicherzustellen. Für die dem ATSG un- terstellten Versicherer wurde in Art. 46 ATSG die Aktenführungspflicht auf Gesetzesstufe konkretisiert. Danach sind für jedes Sozialversicherungsver- fahren alle Unterlagen, die massgeblich sein können, vom Versicherungs- träger systematisch zu erfassen (BGE 138 V 218 E. 8.1.2 S. 223). Im Zweig der Arbeitslosenversicherung wird der Vollzug unter anderem mit dem elektronischen Arbeitsvermittlungssystem AVAM unterstützt (vgl. <www.seco.admin.ch>, Rubrik: Das SECO/Direktion für Arbeit/Arbeitsmarkt und Arbeitslosenversicherung), wobei Dossiers stellensuchender Personen im Subsystem AVAM-DMS bearbeitet werden (vgl. Art. 2 lit. c der Verordnung vom 1. November 2006 über das Informationssystem für die Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 13 Arbeitsvermittlung und die Arbeitsmarktstatistik [AVAM-Verordnung, SR 823.114]). 3.5Vorab ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin den Beweis erbracht hat, dass sie im Briefkasten des Beschwerdegegners binnen der vorliegend interessierenden Frist eine Eingabe deponiert hat. Indem der Beschwerdegegner die Originalunterlagen bereits nach einer Aufbewah- rungszeit von drei Monaten vernichtet (vgl. Stellungnahme des Beschwer- degegners vom 27. Mai 2020 S. 2 Ziff. II Ziff. 2), verunmöglicht er in Anbe- tracht des vor dem Beschwerdeverfahren zwingend zu durchlaufenden Einspracheverfahrens dem Gericht in jedem Fall abzuklären, welchen In- halt eine vom Beschwerdegegner nachweislich empfangene Sendung hatte bzw. ob sich – wie im vorliegenden Fall geltend gemacht – ein Dokument, welches im elektronischen Dossier nicht erfasst ist, sich in physischer Form im nach Einscan-Daten geführten Archiv befindet. So ist denn auch im vor- liegenden Fall eine (vollumfängliche) gerichtliche Überprüfung der Sach- verhaltsdarstellung der Beschwerdeführerin nicht mehr möglich, womit sei- tens der Verwaltung eine Beweisvereitelung vorliegt, die zu Beweislastum- kehr führt (vgl. E. 3.4 hiervor). Demzufolge kann der Beschwerdeführerin nicht vorgeworfen werden, sie habe das Formular zum Nachweis der per- sönlichen Arbeitsbemühungen betreffend die Kontrollperiode August 2019 nicht bzw. verspätet eingereicht. Die allein damit begründete Einstellung in der Anspruchsberechtigung erweist sich damit nicht rechtens. 3.6Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde gutzuheissen und der angefochtene Einspracheentscheid vom 3. Februar 2020 (act. II 11-13) aufzuheben. Bei diesem Ergebnis bedarf es keiner weiteren Ausführungen zum Einstellmass, weshalb die Stellungnahme des Beschwerdegegners vom 11. August 2020 der Beschwerdeführerin bloss informationshalber zuzustellen ist. 4. 4.1In Anwendung von Art. 1 Abs. 1 AVIG i.V.m. Art. 61 lit. a ATSG sind keine Verfahrenskosten zu erheben.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 14 4.2Trotz ihres Obsiegens hat die nicht vertretene Beschwerdeführerin nach konstanter Praxis keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung, da der Aufwand zur Wahrung ihrer Interessen den Rahmen dessen nicht überschritten hat, was der Einzelne üblicher- und zumutbarerweise zur Be- sorgung seiner persönlichen Angelegenheiten auf sich zu nehmen hat (BGE 127 V 205 E. 4b S. 207; SVR 2019 KV Nr. 7 S. 51 E. 9.2.1). Dem Beschwerdegegner als kantonale Amtsstelle steht ebenfalls kein Anspruch auf Ersatz der Parteikosten zu (Art. 104 Abs. 3 VRPG). Demnach entscheidet der Einzelrichter: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der angefochtene Einspracheent- scheid des Amtes für Arbeitslosenversicherung des Kantons Bern vom 3. Februar 2020 aufgehoben. 2. Es werden weder Verfahrenskosten erhoben noch wird eine Parteien- tschädigung zugesprochen. 3. Zu eröffnen (R): - A.________ (mitsamt Kopie der Stellungnahme des Beschwerdegeg- ners vom 11. August 2020) - Amt für Arbeitslosenversicherung des Kantons Bern, Rechtsdienst - Staatssekretariat für Wirtschaft – seco Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Aug. 2020, ALV/20/183, Seite 15 fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.