200 16 935 IV FUR/JAP/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 2. März 2017 Verwaltungsrichterin Fuhrer, Kammerpräsidentin Verwaltungsrichter Knapp, Verwaltungsrichter Kölliker Gerichtsschreiber Jakob A.________ Beschwerdeführerin gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 19. August 2016 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 2 Sachverhalt: A. Die 1964 geborene A.________ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) meldete sich am 15. April 2015 bei der IV-Stelle Bern (IVB bzw. Beschwer- degegnerin) zum Leistungsbezug an (Akten der IVB, Antwortbeilage [AB] 1). Diese stellte ihr mit Vorbescheid vom 11. Mai 2016 (AB 22) die Abweisung des Leistungsgesuchs mangels eines invalidisierenden Ge- sundheitsschadens in Aussicht. Nach erhobenem Einwand (AB 25 f.) und Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD; AB 29) vernein- te die IVB entsprechend dem Vorbescheid mit Verfügung vom 19. August 2016 (AB 30) einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung. B. Mit einer an die IVB gerichteten und von dieser zuständigkeitshalber an das Verwaltungsgericht weitergeleiteten Eingabe vom 16. September 2016 zeigte sich die Versicherte mit der Verfügung nicht einverstanden und be- antragte sinngemäss deren Aufhebung sowie die Gewährung von Invali- denversicherungsleistungen, insbesondere Eingliederungsmassnahmen. Nach einer Aufforderung zur Beschwerdeverbesserung reichte der behan- delnde Psychiater dem Gericht auf Veranlassung der Beschwerdeführerin eine Stellungnahme vom 5. November 2016 (in den Gerichtsakten; AB 34/3-6) ein. In ihrer Beschwerdeantwort vom 28. Dezember 2016 schloss die Be- schwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 3 Erwägungen: 1. 1.1Die angefochtene Verfügung ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Verfügun- gen. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträgen nicht durchgedrungen, durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gege- ben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungs- rechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwer- de einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 19. August 2016 (AB 30). Strittig und zu prüfen ist der Anspruch auf Leistungen der Invali- denversicherung, insbesondere auf Eingliederungsmassnahmen. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 4 2. 2.1Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Massgebend ist – im Unterschied zur Ar- beitsunfähigkeit – nicht die Arbeitsmöglichkeit im bisherigen Tätigkeitsbe- reich, sondern die nach Behandlung und Eingliederung verbleibende Er- werbsmöglichkeit in irgendeinem für die betroffene Person auf dem ausge- glichenen Arbeitsmarkt in Frage kommenden Beruf. Der volle oder bloss teilweise Verlust einer solchen Erwerbsmöglichkeit gilt als Erwerbsunfähig- keit (BGE 130 V 343 E. 3.2.1 S. 346). 2.2Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 ATSG). 2.2.1Nach ständiger Rechtsprechung begründen Alkoholismus, Medika- mentenmissbrauch und Drogensucht für sich allein keine Invalidität im Sin- ne des Gesetzes. Vielmehr wird eine solche Sucht invalidenversicherungs- rechtlich erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher, geistiger oder psychischer, die Er- werbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsschadens ist, dem Krankheitswert zukommt (BGE 124 V 265 E. 3c S. 268; SVR 2016 IV Nr. 3 S. 7 E. 2.2.1). 2.2.2Psychosoziale und soziokulturelle Faktoren lassen sich oft nicht klar vom medizinisch objektivierbaren Leiden trennen. Trotzdem können solche äusseren Umstände nicht als gesundheitliche Beeinträchtigungen im Sinne des Gesetzes verstanden werden, weil der gesetzliche Invaliditätsbegriff klar zwischen dem Gesundheitsschaden, an dem die versicherte Person leidet, und der durch ihn verursachten Erwerbsunfähigkeit unterscheidet. Infolgedessen können psychische Störungen, welche durch soziale Um-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 5 stände verursacht werden und bei Wegfall der Belastung wieder ver- schwinden, nicht zur Invalidenrente berechtigen. Zwar kann einer fachge- recht diagnostizierten psychischen Krankheit der invalidisierende Charakter nicht mit dem blossen Hinweis auf eine bestehende psychosoziale Belas- tungssituation abgesprochen werden. Je stärker aber psychosoziale und soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein (BGE 127 V 294 E. 5a S. 299; SVR 2012 IV Nr. 52 S. 189 E. 3.2). Nur wenn und soweit psychosoziale und soziokulturelle Faktoren einen derart verselbst- ständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder seine – unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden – Folgen verschlim- mern, können sie sich mittelbar invaliditätsbegründend auswirken (BGE 139 V 547 E. 3.2.2 S. 552; SVR 2010 IV Nr. 19 S. 59 E. 5.2). In diesem Sinn werden Wechselwirkungen zwischen sich körperlich und psychisch manifestierenden Störungen und der sozialen Umwelt berücksichtigt, wenn auch bedeutend weniger stark als nach dem in der Medizin verbreiteten bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell (SVR 2008 IV Nr. 62 S. 204 E. 4.2). 2.3Gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG haben invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmass- nahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustel- len, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a) und die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b). Die Eingliede- rungsmassnahmen bestehen unter anderem in Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (Abs. 3 lit. a bis) sowie in Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbil- dung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe [Abs. 3 lit. b]). 2.4Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüg- lich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 6 sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99). 3. 3.1Die angefochtene Verfügung vom 19. August 2016 (AB 30) stützt sich in medizinischer Hinsicht auf die RAD-Stellungnahmen vom 3. Mai 2016 (AB 21) und 16. August 2016 (AB 29). 3.1.1Der RAD-Arzt Dr. med. B.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vermerkte im Aktenbericht vom 3. Mai 2016 (AB 21) als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Alkoholabhängig- keit (ICD-10: F10.25) sowie eine Anpassungsstörung mit depressiven Re- aktionen in Phasen der Alkoholintoxikation (ICD-10: F43.21). Er gelangte zum Schluss, dass im Zusammenhang mit der Alkoholabhängigkeit bisher keine irreversiblen geistigen, psychischen oder körperlichen Folgeschäden eingetreten seien. Nach einer zumutbaren Entzugs- und nachfolgenden mehrmonatigen Entwöhnungsbehandlung sowie einer psychiatrisch- psychotherapeutischen Nachsorge sei medizinisch-theoretisch mit über- wiegender Wahrscheinlichkeit eine deutliche Verbesserung der Leistungs- fähigkeit bis hin zu einer vollständigen Normalisierung anzunehmen. Bei dauerhafter Abstinenz bestünden aus versicherungsmedizinischer Sicht keinerlei Einschränkungen in der bisherigen Tätigkeit. 3.1.2In der Stellungnahme vom 16. August 2016 (AB 29) hielt Dr. med. B.________ an seiner früheren Beurteilung fest, ging von einer primären Alkoholabhängigkeit aus und verneinte dementsprechend das Vorliegen einer invalidisierenden Diagnose. 3.2Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu- chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt- nis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Aus-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 7 schlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her- kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 137 V 210 E. 6.2.2 S. 269, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweis- wert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverläs- sigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt in einem An- stellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen. Gleiches gilt, wenn ein frei praktizierender Arzt von einer Versicherung wiederholt für die Erstellung von Gutachten beigezogen wird (SVR 2008 IV Nr. 22 S. 70 E. 2.4). Es bedarf vielmehr besonderer Umstände, welche das Misstrauen in die Unparteilichkeit der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen lassen. Im Hinblick auf die erhebliche Bedeutung, welche den Arztberichten im Sozialversicherungsrecht zukommt, ist an die Unparteilichkeit des Gut- achters allerdings ein strenger Massstab anzulegen (BGE 125 V 351 E. 3b ee S. 354). 3.3Die fachärztlichen Beurteilungen von Dr. med. B.________ (AB 21, 29) erfüllen die vorerwähnten höchstrichterlichen Beweisanforderungen (vgl. E. 3.2 hiervor) und erbringen vollen Beweis. 3.3.1Der kritisierte Umstand, dass der RAD-Arzt keinen direkten Kontakt mit der Beschwerdeführerin hatte (AB 34/3) – sie insbesondere nicht kli- nisch explorierte – ist nicht geeignet, den Beweiswert seiner Schlussfolge- rungen zu erschüttern, konnte er sich anhand der wesentlichen Vorakten doch ein insgesamt lückenloses Bild verschaffen (vgl. RKUV 2006 U 578 S. 175 E. 3.4, 1988 U 56 S. 371 E. 5b). 3.3.2Dass Dr. med. B.________ die Alkoholabhängigkeit als primäre Suchterkrankung qualifizierte und keine Hinweise für eine eigenständige rezidivierende depressive Störung fand (AB 21/4), ist nachvollziehbar und überzeugend. So ist eine langjährige Belastung durch psychosoziale Fakto- ren aktenkundig (Ehekonflikte mit häuslicher Gewalt, Erkrankung des frühe-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 8 ren Ehegatten, Trennung vom Ehegatten und «Kampfscheidung», Kon- taktabbruch seitens der Kinder, schwerer Drogenkonsum und Suizidver- such eines Sohnes, Arbeitsplatzverlust, Überforderung mit Bürokratie, Ver- lust des Führerscheins, schwierige Wohnsituation mit alkoholabhängigem Lebenspartner, finanzielle Nöte [AB 9.2/1 Ziff. 3, 9.2/3 Ziff. 13, 9.2/4 Ziff. 8, 9.4/2 f., 10/10 f., 12/2 Ziff. 4, 12/6, 12/9, 12/11, 12/17, 14/2 Ziff. 4 f. 14/3 Ziff. 9, 19.2/1 Ziff. 2, 31/2, 34/4]). Aus den Vorakten geht zudem hervor, dass diese krankheitsfremden Faktoren jeweils zu depressiven Verstim- mungszuständen und ausgeprägtem Alkoholkonsum führten. Beispielswei- se ist dem Konsiliarbericht des Ambulatoriums C.________ vom 15. April 2015 (AB 12/11 f.) zu entnehmen, dass die Alkoholabhängigkeit wohl im Zusammenhang mit der Eskalation ehelicher Konflikte entstanden sein soll. Auch im Austrittsbericht der psychiatrischen Dienste D.________ vom 16. Mai 2015 (AB 12/5-7) über die fürsorgerische Unterbringung (FU) im Nachgang zur akuten Intoxikation vom 9. Mai 2015 (AB 18/8 f.) gaben die Ärzte an, das depressive Zustandsbild mit gedrückter Stimmung bestehe insbesondere aufgrund der vielfachen psychosozialen Probleme (AB 12/6). Der vom 21. April bis 18. Mai 2015 behandelnde Dr. med. E.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, gab die Schilderungen der Beschwerdeführerin wieder, wonach die Suchtproblematik bzw. der häufi- gere Alkoholkonsum in emotionalen Belastungssituationen aufträten (AB 14/2 Ziff. 4). Er ging zudem von einem depressiven psychoreaktiven Syndrom aus, welches er – wie Dr. med. B.________ die Anpassungs- störungen (AB 21/4) – unter ICD-10: F43.21 kodierte (AB 14/2 Ziff. 3). Da- bei handelt es sich um eine längere depressive Reaktion, welche definiert ist als ein leichter depressiver Zustand als Reaktion auf eine länger anhal- tende Belastungssituation (vgl. DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT [Hrsg.], Interna- tionale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch diagnostische Leitlinien, 10. Aufl. 2015, S. 210). Aufgrund der schlüssigen Beurteilung von Dr. med. B.________ und der damit korrelierenden medi- zinischen Aktenlage ist nach dem massgebenden Beweisgrad der über- wiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 138 V 218 E. 6 S. 221) in tatsächli- cher Hinsicht erstellt, dass sowohl die psychischen Beeinträchtigungen als auch die damit einhergehende Alkoholabhängigkeit durch die dominieren- den sozialen Umstände verursacht worden sind und bei Wegfall der Belas- tung wieder verschwinden (vgl. E. 2.2.2 hiervor), mithin ein reaktives Ge-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 9 schehen vorliegt, welches keinen invalidisierenden Gesundheitsschaden darstellt (vgl. Entscheid des Bundesgerichts [BGer] vom 17. Februar 2016, 9C_668/2015, E. 3). Zudem ist anzumerken, dass seit der Anmeldung bei der Beschwerdegegnerin im April 2015 (AB 1) einzig am 9. Mai 2015 im Zusammenhang mit der akuten Intoxikation eine schwere depressive Epi- sode diagnostiziert wurde (AB 12/8), bereits im Austrittsbericht der psychia- trischen Dienste D.________ vom 16. Mai 2015 (AB 12/5-7) wurde die re- zidivierende depressive Störung dagegen als remittiert beschrieben und danach gingen die depressiven Episoden – selbst in Phasen der Alkoholin- toxikation – nie über eine mittelgradige Ausprägung hinaus (AB 14/2 Ziff. 3). Weil nach der diesbezüglich unwidersprochen gebliebenen und einleuchtenden Beurteilung des RAD-Arztes wirksame Behandlungsoptio- nen offen stehen (AB 21/5, 29/2), wäre bzw. ist die höchstens mittelschwe- re Störung aus dem depressiven Formenkreis nicht therapieresistent und würde mit Blick auf die bundesgerichtliche Praxis ohnehin zu keiner Ein- schränkung der Arbeitsfähigkeit führen (vgl. SVR 2016 IV Nr. 51 S. 174 E. 5.3.1). 3.3.3Des Weiteren ist ebenfalls ausgewiesen, dass der Alkoholabusus keinen körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsschaden be- wirkt hat, welcher die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt (vgl. E. 2.2.1 hiervor). Dr. med. B.________ schloss irreversible Folgeschäden der Alkoholabhän- gigkeit in körperlicher wie psychisch-kognitiver Hinsicht aus (AB 21/4), was mit den Feststellungen im Ambulatorium C.________ übereinstimmt, des- sen Ärzte die Beschwerdeführerin als körperlich gesund beschrieben und keine äusseren Hinweise auf alkoholbedingte Schädigungen fanden (AB 12/13). Wohl gingen die Ärzte des Spitals F.________ anlässlich der Hospitalisation im Februar 2015 davon aus, dass höchstwahrscheinlich eine alkoholische Hepathopathie vorliege (AB 12/15 Ziff. 3), diese Vermu- tung verifizierten sie aber nicht durch entsprechende fachärztliche Ab- klärungen und sie postulierten auch keine diesbezügliche Arbeitsunfähig- keit. Dasselbe gilt für die vom Hausarzt Dr. med. G.________, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, ohne nähere Spezifizierung in Betracht gezo- genen somatischen und psychosozialen Folgeschäden der Alkoholkrank- heit (AB 12/2 Ziff. 3).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 10 3.3.4Die seitens des ab Oktober 2015 behandelnden med. pract. H.________ in seinen Berichten vom 9. Juni 2016 (AB 25/2 f.), 10. Juni 2016 (AB 26), 17. September 2016 (AB 31) und 5. November 2016 (AB 34/3-6) an der RAD-Beurteilung geübte Kritik verfängt nicht. Vorab bezieht sich die von ihm im Rubrum seiner Briefe verwendete Bezeichnung «Psychiatrie und Psychotherapie FMH» gemäss FMH-Index (<www.doctor fmh.ch>) lediglich auf ein Fortbildungsdiplom, während er laut Medizinalbe- ruferegister (<www.medregom.admin.ch>) nicht über einen Facharzttitel verfügt. Dieses Fehlen einer einschlägigen Facharztqualifikation stellt ein Indiz gegen die Zuverlässigkeit und damit den Beweiswert seiner ärztlichen Berichte dar (vgl. Entscheid des BGer vom 18. Juni 2014, 9C_196/2014, E. 5.1.2 mit Hinweisen). Sodann vermögen die besagten Berichte auch inhaltlich keine Zweifel an der schlüssigen RAD-Beurteilung zu begründen. Ob die Alkoholproblematik bereits seit zehn Jahren oder höchstens seit 2013 besteht (AB 25/3, 31/3, 34/3), ist im vorliegenden Kontext letztlich nicht entscheidend und kann offen bleiben. Immerhin ist anzufügen, dass Dr. med. I.________, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, im Juni 2013 zwar noch keine Suchterkrankung erwähnte (AB 25/4 f.), sie be- handelte die Beschwerdeführerin jedoch erst seit Mai 2012 und zudem fin- den sich in den übrigen Akten sehr wohl Anhaltspunkte dafür, dass die Be- schwerdeführerin bereits seit längerer Zeit übermässig dem Alkohol «zuge- sprochen» hatte. Der von der Kollektiv-Krankentaggeldversicherung einge- setzte Case-Manager gab im Situationsbericht vom 7. April 2015 (AB 9.3) an, die Beschwerdeführerin habe erstmals im Jahr 2006 Probleme mit dem Alkoholkonsum gehabt (AB 9.3/5 f.; vgl. auch AB 18/3 Ziff. 2, 18/4 Lem- ma 1). Auch seitens des Ambulatoriums C.________ wurde am 15. April 2015 angegeben, die schwere Alkoholabhängigkeit habe sich in den letzten fünf bis zehn Jahren entwickelt (AB 12/12). Ebenso ging Dr. med. E.________ diagnostisch von einer seit zehn Jahren bestehenden Alko- holabhängigkeit aus (AB 14/2 Ziff. 3, 19.2/1 Ziff. 1). Med. pract. H.________ nimmt nunmehr an, es bestünden seit der Kindheit und auch aktuell noch Angststörungen in Form von Trennungsangst (ICD-10: F93.0) und einer Panikstörung (ICD-10: F41.0; AB 34/3). Soweit er damit das Be- stehen eines invalidisierenden oder für sich allein suchtauslösenden Ge- sundheitsschadens postuliert, überzeugt dies nicht. Die unter F93.0 der ICD-10 kodierte emotionale Störung mit Trennungsangst bezieht sich spe-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 11 zifisch auf das Kindesalter (vgl. DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT [Hrsg.], a.a.O., S. 372 f.; SILVIA SCHNEIDER, Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen, 2004, S. 105 ff.) und schliesst die von den Dres. med. E.________ und B.________ diagnostizierte Anpassungsstörung (ICD-10: F43.21; AB 14/2 Ziff. 3, 21/4) aus (DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT [Hrsg.], a.a.O., S. 211). Zu- dem war es der Beschwerdeführerin trotz schwieriger Kindheit (AB 31/2, 34/4) möglich, eine normale Berufsausbildung zu erlangen und den erlern- ten Beruf in der Folge auszuüben (AB 1/4 Ziff. 5.2, 7/3, 18/3 f. Ziff. 2) bzw. während der späteren Ehe im Betrieb des Ehegatten mitzuarbeiten (AB 12/6, 12/13). Was die bereits von Dr. med. I.________ diagnostizierte Panikstörung (ICD-10: F41.0; AB 25/4) anbelangt, zeigte Dr. med. B.________ in seiner Stellungnahme vom 16. August 2016 (AB 29) schlüs- sig auf, dass einzelne Panikattacken erst ab dem Jahr 2011 auftraten und die Störung ohne weiteres einer gezielten sowie erfolgversprechenden Be- handlung zugänglich wäre. Im Übrigen kann med. pract. H.________ nicht gefolgt werden, wenn er – ohne einen Zusammenhang mit den damals vorherrschenden zahlreichen psychosozialen Belastungen zu diskutieren – ausführt, die Panikattacke im Herbst 2011 sei aus dem «Nichts» heraus aufgetreten (AB 26/2). 3.4Nach dem Dargelegten besteht basierend auf der beweiskräftigen RAD-Beurteilung überwiegend wahrscheinlich weder ein invalidisierender Gesundheitsschaden noch war die Beschwerdeführerin bis zur Verfügung vom 19. August 2016 (AB 30), die den zeitlichen Prüfungshorizont (vgl. BGE 131 V 242 E. 2.1 S. 243, 130 V 138 E. 2.1 S. 140) markiert, von einer Invalidität bedroht. Dies gilt umso mehr, als es ihr noch vor Erlass der an- gefochtenen Verfügung gelungen sein soll, abstinent zu werden und wieder mit einem Pensum von 80 % einer Erwerbstätigkeit nachzugehen (AB 31/3). Es besteht folglich kein Anspruch auf Leistungen der Invaliden- versicherung und somit auch nicht auf die beantragten Eingliederungs- massnahmen; die Beschwerde ist abzuweisen.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 12 4. 4.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festzulegen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, werden entspre- chend dem Ausgang des Verfahrens der Beschwerdeführerin zur Bezah- lung auferlegt und dem geleisteten Kostenvorschuss entnommen. 4.2Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (Umkehrschluss aus Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG). Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdeführerin zur Bezahlung auferlegt und dem geleisteten Kostenvorschuss in glei- cher Höhe entnommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 4. Zu eröffnen (R): - A.________ - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Die Kammerpräsidentin: Der Gerichtsschreiber:Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 2. März 2017, IV/16/935, Seite 13 Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.