Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht vom 28. Januar 2013 (460 12 144) ____________________________________________________________________ Strafrecht mehrfache fahrlässige Körperverletzung Besetzung Präsident Thomas Bauer, Richter Stephan Gass (Ref.), Richter Beat Hersberger; Gerichtsschreiber Marius Vogelsanger Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft, Hauptabteilung Sissach , Hauptstrasse 2, 4450 Sissach, Anklagebehörde A.____ , vertreten durch Advokat Roman Felix, Hauptstrasse 8, Postfach 732, 4153 Reinach, Privatklägerin und Berufungsklägerin gegen B.____ , vertreten durch Advokat Dr. Urs Beat Pfrommer, Aeschenvorstadt 67, 4010 Basel, Beschuldigter Gegenstand mehrfache fahrlässige Körperverletzung Berufung gegen das Urteil des Strafgerichtspräsidiums B asel- Landschaft vom 4. April 2012 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Sachverhalt A. Mit Urteil des Strafgerichtspräsidiums Basel-Landschaft v om 4. April 2012 wurde B.____ der fahrlässigen Körperverletzung zum Nachteil von C.____ schuldig erklärt und zu einer be- dingt vollziehbaren Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je CH F 70.–, bei einer Probezeit von 2 Jahren, verurteilt (Ziff. 1 des Urteilsdispositivs). Von der Anklage der fahrlässigen Körperver- letzung zum Nachteil von A.____ wurde B.____ freigespr ochen (Ziff. 2) und das Verfahren we- gen mehrfacher einfacher Verletzung von Verkehrsregel n wurde aufgrund des Eintritts der Ver- jährung eingestellt (Ziff. 3). Hinsichtlich der Entsche ide bezüglich der Zivilforderungen kann an dieser Stelle auf Ziff. 4 des vorinstanzlichen Urteilsdisp ositivs verwiesen werden. Die Verfah- renskosten, bestehend aus den Kosten des Vorverfahrens in Hö he von CHF 870.80 und der Gerichtsgebühr in Höhe von CHF 2'000.–, wurden gemäss Z iff. 5 dem Beurteilten in Anwen- dung von Art. 426 Abs. 1 StPO zu ¼ und zu ¾ dem Staat auferlegt. Auf die Begründung dieses Urteils sowie der nachfolgenden Eingaben der Parteien wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen des vorliegenden Urteils eingegangen. B. Gegen dieses Urteil hat die Privatklägerin A.____, vertreten durch Advokat Roman Felix, nach Eröffnung des Urteilsdispositivs die Berufung angemeldet. Mit Berufungserklärung vom 4. Juli 2012 beantragt sie die Aufhebung von Ziff. 2 des Erkennt- nisses (Freispruch hinsichtlich des Tatvorwurfs der fahrlä ssigen einfachen Körperverletzung zum Nachteil von A.____) und die Verurteilung des Ange schuldigten gemäss den gesetzlichen Bestimmungen im Zusammenhang mit dem Vorfall vom 5. Mä rz 2009. Im Weiteren beantragt die Berufungsklägerin, in Abänderung von Ziff. 5 des E rkenntnisses seien sämtliche Verfah- renskosten dem Beschuldigten aufzuerlegen und dieser habe der Berufungsklägerin für das erst- wie auch zweitinstanzliche Verfahren eine Parteientschädigung auszurichten. C. Mit Schreiben vom 30. Juli 2012 führte der Beschuldigt e aus, dass er – sofern die Beru- fungserklärung gültig sei – weder einen Nichteintreten santrag stelle noch die Anschlussberu- fung erkläre. Mit Stellungnahme vom 22. November 2012 zur Berufungsbegründung stellte der Beschuldigte den Antrag, der von der Vorinstanz ausgesprochene Freispruch sei zu bestätigen. Betreffend die Kosten sei auf den Entscheid der Vorinst anz zu verweisen. Für das Verfahren vor Kantonsgericht seien die o/e-Kosten auf die Staatskasse zu übertragen. D. Die Staatsanwaltschaft ihrerseits erklärte mit Schreiben vom 12. Juli 2012, dass sie weder die Anschlussberufung erkläre noch einen Antrag auf Nic hteintreten stelle. Mit Stellungnahme vom 23. November 2012 beantragte sie, die Berufung ge gen das Urteil des Strafgerichts vom 4. April 2012 betreffend Ziff. 2 und Ziff. 5 sei mit entsprechender Kostenfolge abzuweisen. E. Anlässlich der heutigen Hauptverhandlung vor dem Kant onsgericht, Abteilung Strafrecht, erscheinen der Beschuldigte mit seinem Verteidiger Dr. U rs Beat Pfrommer, die Privatklägerin Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht A.____ mit Advokat Roman Felix sowie der Staatsanwalt D .____. Die Parteien halten an den bereits schriftlich gestellten Anträgen fest. Auf die A ussagen des Beschuldigten sowie auf die weiteren Ausführungen der Parteien wird, soweit erf orderlich, in den nachfolgenden Erwägun- gen eingegangen. Erwägungen I. Formelles 1.1 Die Berufung ist gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO zulässig g egen Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise a bgeschlossen worden ist. Es können Rechtsverletzungen, die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden, wobei das Berufungsg ericht das Urteil in allen angefochte- nen Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 398 Abs. 2 und Abs. 3 StPO). Gemäss Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Be rufung dem erstinstanzlichen Ge- richt innert 10 Tagen seit Eröffnung des Urteils schriftl ich oder mündlich anzumelden und da- nach dem Berufungsgericht innert 20 Tagen seit der Zu stellung des begründeten Urteils eine schriftliche Berufungserklärung einzureichen. Das Berufun gsgericht überprüft das erstinstanzli- che Urteil nur in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO). Gemäss Art. 382 Abs. 1 StPO ist jede Partei, die ein rechtlich geschütztes Int eresse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, zur Berufung legitimiert. 1.2 Vorliegend wird das Urteil der Strafgerichtspräsidium s Basel-Landschaft vom 4. April 2012 angefochten, welches ein taugliches Anfechtungsobj ekt darstellt. Mit ihren Erklärungen vom 4. April 2012 respektive vom 4. Juli 2012 hat die B erufungsklägerin die Rechtsmittelfrist gewahrt und ist der Erklärungspflicht nachgekommen. Die Zuständigkeit der Dreierkammer des Kantonsgerichts, Abteilung Strafrecht, als Berufungsger icht zur Beurteilung der vorliegenden Berufung ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 lit. a des Einführungs- gesetzes zur Schweizerischen Strafprozessordnung (EG StP O; SGS 250). Auf die Berufung ist somit einzutreten. 2. Gegenstand der Berufung Die Berufung beschränkt sich auf die Frage, ob der Besc huldigte gemäss Ziff. 2 des Erkennt- nisses vom Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung freiz usprechen ist sowie auf die davon abhängigen Kostenfolgen (Ziff. 5 des Urteilsdispositivs). II. Materielles 1. Im Sinne einer einleitenden Bemerkung ist auf den Gr undsatz der freien Beweiswürdi- gung hinzuweisen, der in Art. 10 Abs. 2 StPO gesetzli ch verankert ist. Danach würdigt das Ge- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht richt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Ver fahren gewonnenen Überzeugung. Weder die Anzahl noch die Art der Beweismittel ist m assgebend, sondern allein deren Stichhal- tigkeit. Es besteht keine Rangfolge der Beweise (vgl. R IEDO /F IOLKA /N IGGLI , Strafprozessrecht sowie Rechtshilfe in Strafsachen, 2011, S. 37 N 234). Mit Blick auf die Prozessökonomie erlaubt es Art. 82 Abs . 4 StPO den Rechtsmittelinstanzen, für die tatsächliche und rechtliche Würdigung des in Fr age stehenden Sachverhalts auf die Be- gründung der Vorinstanz zu verweisen, wenn sie dieser be ipflichten. Hingegen ist auf neue tat- sächliche Vorbringen und rechtliche Argumente einzugehen, die erst im Rechtsmittelverfahren vorgetragen werden (B RÜSCHWEILER , Zürcher Kommentar StPO, 2010, Art. 82 N 9). 2.1 Am 5. März 2009 ereignete sich kurz vor 8.00 Uhr in Aesch ein Verkehrsunfall. Der Be- schuldigte B.____ fuhr mit seinem Lastwagen rückwärts aus dem Birkenweg in die Stein- ackerstrasse. Ungefähr zur selben Zeit fuhr die Privatkläge rin A.____ auf ihrem Kleinmotorrad in der Steinackerstrasse in Richtung Herrenweg. Als sich das Heck des Lastwagens etwa in der Hälfte der Steinackerstrasse befand, kollidierte die Priva tklägerin mit der Seite des Lastwagens (Unfallrapport der Polizei Basel-Landschaft, act. 97). Die Privatklägerin zog sich dabei gemäss Arztbericht von Dr. med. E.____ vom 18. Juli 2009 eine Gehirnerschütterung, eine Platzwunde am Hinterkopf, ein Schleudertrauma Halswirbelsäule, ein e Zerrung am rechten Knie, eine Zer- rung am linken Ellbogen sowie eine Gelenkkapselverletz ung an der linken Schulter zu (act. 159). 2.2 Die Vorinstanz sprach den Beschuldigten vom Anklagevorw urf der fahrlässigen Körper- verletzung zum Nachteil von A.____ frei. Die Privatklä gerschaft kritisiert am angefochtenen Ur- teil zunächst, es sei festzuhalten, dass der Lastwagen des Beschuldigten im Zeitpunkt der Kolli- sion nicht etwa stillgestanden sei, sondern sich noch in Bew egung befunden habe. Dies ergebe sich aus den Aussagen sowohl des Beschuldigten (act. 103, 1 63 ff.) wie auch denjenigen der Zeugin F.____ (act. 111). In rechtlicher Hinsicht verkenn e die Vorinstanz, dass das Vortritts- recht selbst durch ein allfälliges pflichtwidriges Verha lten des Berechtigten, also der Berufungs- klägerin, nicht aufgehoben werde. Zudem sei der Rückwärt sfahrer immer vortrittsbelastet, ins- besondere auch auf Verzweigungen gegenüber von links kom menden Vorwärtsfahrern. Da- durch, dass der Beschuldigte sozusagen „blind“ rückwärts auf die Kreuzung hinaus gefahren sei und entgegen den sich aus Art. 17 Abs. 1 der Verkehrsre gelverordnung [VRV, SR 741.11] er- gebenden Pflicht keine Hilfsperson beigezogen habe, s ei durch ihn das konkrete Risiko ge- schaffen worden, andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden, was er auch in Kauf genommen habe. Des Weiteren sei der Beizug einer Hilfsperson nu r dann sinnvoll, wenn sie mithelfe‚ das Manöver zu erleichtern und zu sichern. Der fehlende Beizu g einer Hilfsperson stelle neben der Missachtung des Vortrittsrechts eine weitere Pflichtverle tzung dar, welche zum eingetretenen Erfolg geführt habe. 2.3 Soweit die Privatklägerin in tatsächlicher Hinsicht vor bringt, der Lastwagen des Be- schuldigten habe sich im Zeitpunkt der Kollision in Beweg ung befunden und sei nicht etwa, wie die Vorinstanz festhalte, gestanden, erweist sich ihr Ei nwand als berechtigt. Auch die Staats- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht anwaltschaft vertritt in ihrer Stellungnahme vom 23. November 2012 die Auffassung, dass der Beschuldigte seinen Lastwagen erst angehalten habe, nachdem er die Kollision mit dem Motor- roller gehört hatte. Aus den Aussagen der Zeugin F.___ _ sowie denjenigen des Beschuldigten selbst ist im Weiteren zu schliessen, dass dieser sich im Schri tttempo – somit mit höchstens 5 km/h – nach hinten bewegte (act. 111, 775 ff.). Hiervon abgesehen erweist sich das vorinstanzliche Beweiserge bnis indessen als vollumfäng- lich zutreffend. Das Strafgericht nahm einen Augenschein an der Unfallstelle und hat die sich in den Akten befindlichen Fotografien, die Aussagen der P arteien, der Zeugin F.____ sowie die übrigen objektiven Beweise ausführlich und korrekt gewür digt, so dass – abgesehen von der erwähnten Berichtigung – auf die Zusammenstellung der Beweismittel sowie das Beweisergeb- nis der Vorinstanz verwiesen werden kann (Urteil der Vorinstanz, S. 5-10). Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass unter der Annahme eines Reifendurchmessers von etwa 0.9 bis 1 m sich die Hinterachse des Lastwagens etwa 1.5 m und das Lastwagenh eck zum Zeitpunkt der Kollision etwa 3 m in der Steinackerstrasse befunden hat. Der Lastwagen des Beschuldigten befand sich mindestens 1.8 m weit in der Fahrbahn der Privatkläge rin und ragte somit weit über die Stras- senmitte der Steinackerstrasse hinaus. Zu Gunsten des Besch uldigten ist hierbei davon auszu- gehen, dass die Unfallendstellung aufgrund der fehlen den Schleifspuren sowie des Schritttem- pos des Lastwagens mit wenigen Zentimetern Differenz mi t der Kollisionsstelle übereinstimmt. Weiter ist davon auszugehen, dass die Privatklägerin mit m indestens Tempo 20 km/h gefahren ist. 3.1 Gemäss Art. 125 StGB macht sich strafbar, wer fahrlässig einen Menschen am Körper verletzt. Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rücksicht nimmt. Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht beachtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Verhältnissen verpflichtet i st (Art. 12 Abs. 3 StGB). Ein Schuld- spruch wegen fahrlässiger Körperverletzung setzt somit vora us, dass der Täter den Erfolg durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht verursacht hat ( BGE 127 IV 34 E. 2a mit Hinweisen). Sorgfaltswidrig ist ein Verhalten, wenn der Täter zum Zeitpunkt der Tat aufgrund der Umstände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten die damit bewi rkte Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte erkennen können und müssen und wenn er zugl eich die Grenzen des erlaubten Risikos überschritten hat. Wo besondere Normen ein besti mmtes Verhalten gebieten, bestimmt sich das Mass der zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie n ach diesen Vorschriften. Dies schliesst nicht aus, dass der Vorwurf der Fahrlässigkeit auch auf allgemeine Rechtsgrundsätze wie etwa den allgemeinen Gefahrensatz gestützt werden k ann. Die Vorsicht, zu der ein Täter verpflichtet ist, wird letztlich durch die konkreten Umstände und seine persönlichen Verhältnisse bestimmt, weil naturgemäss nicht alle tatsächlichen Gegebenheiten in Vorschriften gefasst wer- den können (zum Ganzen BGE 133 IV 158 E. 5.1; BGE 130 IV 7 E. 3.2; BGE 127 IV 62 E. 2d; Urteil 6S.8/2007 vom 24. April 2007 E. 6.1.1). Grund voraussetzung für das Bestehen einer Sorgfaltspflichtverletzung und mithin für die Fahrlässi gkeitshaftung bildet die Vorhersehbarkeit des Erfolgs. Die zum Erfolg führenden Geschehensabläuf e müssen für den konkreten Täter mindestens in ihren wesentlichen Zügen voraussehbar s ein. Zunächst ist daher zu fragen, ob Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Täter eine Gefährdung der Rechtsgüter des Opfer s hätte voraussehen beziehungsweise erkennen können und müssen. Für die Beantwortung diese r Frage gilt der Massstab der Adä- quanz. Danach muss das Verhalten geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den einge tretenen herbeizuführen oder mindes- tens zu begünstigen. Die Adäquanz ist nur zu verneinen, wenn ganz aussergewöhnliche Um- stände, wie das Mitverschulden des Opfers beziehungsweise ein es Dritten oder Material- oder Konstruktionsfehler, als Mitursache hinzutreten, mit den en schlechthin nicht gerechnet werden musste und die derart schwer wiegen, dass sie als wahrschei nlichste und unmittelbarste Ursa- che des Erfolgs erscheinen und so alle anderen mitverursac henden Faktoren – namentlich das Verhalten des Angeschuldigten – in den Hintergrund dr ängen (BGE 131 IV 145 E. 5.1 und E. 5.2; BGE 130 IV 7 E. 3.2; BGE 128 IV 49 E. 2b; B GE 127 IV 62 E. 2d; je mit Hinweisen). Damit der Eintritt des Erfolgs auf das pflichtwidrige V erhalten des Täters zurückzuführen ist, genügt allerdings seine Voraussehbarkeit nicht. Weitere Voraussetzung ist vielmehr, dass der Erfolg auch vermeidbar war. Dabei wird ein hypothetischer Kausalverlauf untersucht und ge- prüft, ob der Erfolg bei pflichtgemässem Verhalten de s Täters ausgeblieben wäre. Für die Zu- rechnung des Erfolgs genügt, wenn das Verhalten des Täte rs mindestens mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit die Ursache des Erfolgs bilde te (BGE 130 IV 7 E. 3.2; BGE 127 IV 34 E. 2a; je mit Hinweisen). 3.2 In rechtlicher Hinsicht steht vorliegend die Frage im Vordergrund, ob der Beschuldigte eine Sorgfaltspflichtverletzung beging, welche adäquat kausal zu den Verletzungen der Beru- fungsklägerin führte. Eine Sorgfaltspflichtverletzung de s Beschuldigten sieht die Privatklägerin darin, dass dieser keine Hilfsperson für das Rückwärtsfah ren aus dem Birkenweg in die Stein- ackerstrasse beigezogen sowie dass er das Vortrittsrecht der Privatklägerin missachtet habe. Der Lenker, der sein Fahrzeug in den Verkehr einfügen, wenden oder rückwärts fahren will, darf nach Art. 36 Abs. 4 SVG andere Strassenbenützer nicht b ehindern; diese haben den Vortritt. Diese Bestimmung wird in Art. 17 VRV dahingehend konkr etisiert, dass bei Fahrzeugen mit beschränkter Sicht nach hinten zum Rückwärtsfahren eine Hi lfsperson beizuziehen ist, wenn nicht jede Gefahr ausgeschlossen ist. Vorliegend war sowohl nach hinten als auch zur Seite h in durch die mindestens zwei Meter ho- he Hecke zwischen dem Birkenweg und der Steinackerstrasse so wie durch Bäume (act. 133, 137, 775 ff.) der Blick des Beschuldigten auf die Steina ckerstrasse beschränkt. Somit hätte der Beschuldigte für das Rückwärtsfahren eine Hilfsperson be iziehen müssen. Beim Rückwärtsfah- ren ist zudem eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber d em herannahenden Verkehr zu be- achten. Das Vortrittsrecht ist hierbei beim Einfügen in den Verkehr gegenüber allen übrigen Verkehrsteilnehmern zu gewähren (vgl. Art. 36 Abs. 4 SVG und Art. 17 VRV), was der Beschul- digte nicht tat. Allerdings ist aufgrund des Beweisergebnisses unklar, wie weit sich die Privatklägerin im Zeit- punkt des Hinausfahrens des Beschuldigten auf die Kreuzu ng der Unfallstelle bereits angenä- hert hatte. In dubio pro reo ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte sein Manöver zur Ein- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht gliederung in den Verkehr hätte durchführen können und die Privatklägerin erst nachfolgend auf die betreffende Kreuzung zufuhr, auf welcher sich der Beschuldigte bereits für die Privatklägerin gut sichtbar befand. Aufgrund des Beweisergebnisses ist überdies davon auszugehen, dass der Lastwagen bereits vor dem Zeitpunkt der Kollision über die Strassenmitte der Steinackerstrasse hinausragte. Das Manöver des Beschuldigten, welcher rückwär ts auf die Kreuzung hinausfuhr, war demnach bereits abgeschlossen, ohne dass sich der fehle nde Beizug einer Hilfsperson bzw. die Nichtgewährung des Vortrittsrechts bereits ausgewirkt hätte. Von dem Zeitpunkt an, zu welchem sich der Lastwagen des Beschuldigten auf der Kre uzung befand und bereits gut sicht- bar und deutlich in die Fahrbahn der Privatklägerin hi neinragte, ist von einer neuen Situation auszugehen, in welcher der Beschuldigte aufgrund seines e igenen, nunmehr korrekten Verhal- tens darauf vertrauen durfte, dass ihm niemand mehr die bereits in Beschlag genommene Fahrbahnhälfte streitig machen würde. Er konnte daher die entsprechende Rücksicht von der mit ihrem Motorroller sich seinem Lastwagen nähernden P rivatklägerin erwarten, zumal diese mit von rechts kommenden und somit vortrittsberechtigten Fahrzeugen hätte rechnen müssen und daher zumindest Bremsbereitschaft hätte einnehmen m üssen. Dies gilt umso mehr, da es zum Zeitpunkt des Unfalls regnete und die Fahrbahn nass war (act. 95). Hinzuweisen ist des Weiteren auf die in Art. 14 Abs. 2 der Verkehrsregelverordnung (VRV, SR 741.11) festgehaltene Pflicht des Vortrittsberechtigte n auf Strassenbenützer Rücksicht zu neh- men, welche die Strassenverzweigungen erreichten, bevor sie ihn erblicken konnten. Die vor- liegende Konstellation ist insofern vergleichbar mit d erjenigen im BGE 120 lV 252, bei dem es um eine schwere Kollision zweier Fahrzeuge beim Einbiegen in eine vortrittsberechtigte Strasse ging. Das Bundesgericht kam zum Schluss, wenn die Verke hrslage dem Wartepflichtigen das Einbiegen ohne Behinderung eines Vortrittsberechtigte n erlaube, sei diesem auch dann keine Vortrittsverletzung vorzuwerfen, wenn dadurch ein Vor trittsberechtigter in seiner Weiterfahrt behindert werde, weil dieser sich in einer für den Wa rtepflichtigen nicht vorhersehbaren Weise verkehrswidrig verhalte (BGE 120 IV 252 S. 254). Der Be schuldigte durfte vorliegend demnach, als er sich auf der Kreuzung befand, darauf vertrauen, dass die Berufungsklägerin ihn sehen würde und nicht weitgehend ungebremst (vgl. die Fotoau fnahmen der Unfallstelle [act. 133 ff.], auf welchen keine Bremsspuren ersichtlich sind) in seinen Lastwagen fahren würde. 3.3 Von Bedeutung ist zudem, dass die Privatklägerin den be reits deutlich auf der betreffen- den Kreuzung stehenden Lastwagen hätte erkennen müsse n, bevor sie diese erreichte. Der Beschuldigte hatte die Warnblinkanlage eingeschaltet. Dieses Hindernis von beachtlicher Grös- se war für sie – wie erwähnt – bereits zu einem Zeitpun kt sichtbar, als sie auf die Kreuzung zu- fuhr und noch ein Brems- oder Ausweichmanöver hätte ei nleiten können. Diese Annahme wird erhärtet durch die Aussage der Zeugin F.____, welche sich gleich im Anschluss an die Kollision fragte, wieso die Privatklägerin den Lastwagen nicht ge sehen habe (act. 111). Aus der Tatsa- che, dass die Zeugin den Lastwagen von ihrem Standpunk t aus deutlich sah, ist zu schliessen, dass dieser für die Privatklägerin – trotz ihres leicht an deren Blickwinkels – ebenso hätte er- sichtlich sein müssen. Dies führt – im Rahmen einer strafr echtlichen Beweiswürdigung des Ver- haltens des Beschuldigten – zum Schluss, dass nicht auszuschliesse n ist, dass die Privatkläge- rin aus mangelnder Aufmerksamkeit in den Lastwagen des Beschuldigten gefahren ist. Im vor- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht liegenden Fall kann demnach – zumindest unter Berücksicht igung des strafprozessualen Grundsatzes in dubio pro reo – nicht gesagt werden, dass der fehlende Beizug einer Hilfsper- son bzw. die Nichtgewährung des Vortrittsrechts mit einem hohen Grad der Wahrscheinlichkeit oder gar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Ursache des Verkehrsunfalls bil- dete. Vielmehr ist die mangelnde Aufmerksamkeit der Pri vatklägerin als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache der Kollision zu sehen. 3.4 Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass die vom Beschu ldigten durch das Rückwärtsfahren ohne Beizug einer Hilfsperson bzw. durch eine Nichtgewährung des Vortritts- rechts geschaffene Risiko sich vorliegend nicht verwirklicht hat, denn der Beschuldigte befand sich im Zeitpunkt, als die Berufungsklägerin mit ihrem M otorroller herannahte, bereits auf der Kreuzung und ragte deutlich in die Fahrbahn der Priva tklägerin hinein. Dieser durfte unter die- sen Umständen darauf vertrauen, dass ihm niemand mehr die bereits in Beschlag genommene Fahrbahnhälfte streitig machen würde. Zudem ist die wahrscheinlichste Ursache der Kollision vom 4. März 2009 zumindest in dubio pro reo darin zu seh en, dass die Privatklägerin den sich bereits gut sichtbar auf ihrer Fahrbahn befindlichen La stwagen infolge Unaufmerksamkeit über- sah. Folglich hat der Beschuldigte den Tatbestand von Ar t. 125 Abs. 1 StGB mangels adäqua- ter Kausalität bzw. mangels Vermeidbarkeit nicht erfüllt und wurde demnach von der Vorinstanz in diesem Punkt zu Recht freigesprochen. III. Kosten (…) Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichtspräsidiums Basel-Lan dschaft vom 4. April 2012, auszugsweise lautend: "1. B.____ wird der fahrlässigen Körperverletzung zu m Nachteil von C.____ schuldig erklärt und zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 20 Tag essätzen zu je CHF 70.-- , bei einer Probezeit von 2 Jahren, verurteilt, in Anwendung von Art. 125 Abs. 1 StGB, Art. 34 StGB, Art. 42 Abs. 1 StGB und Art. 44 StGB. 2. B.____ wird von der Anklage der fahrlässigen Körp erverletzung zum Nachteil von A.____ freigesprochen . 3. Das Verfahren wegen mehrfacher einfacher Verletz ung von Ver- kehrsregeln wird aufgrund des Eintritts der Verjährun g einge- stellt ." wird in Abweisung der Berufung der Privatklägerin bestätigt. II. Die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahrens in der Höhe von CHF 2'500.–, beinhaltend eine Urteilsgebühr von CHF 2 '250.– sowie Ausla- gen von CHF 250.–, gehen zu Lasten des Staates. Der Berufungsklägerin wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. Advokat Dr. Urs Beat Pfrommer wird für das Berufungsve rfahren ein Honorar in der Höhe von CHF 1'380.– (inkl. Auslagen) zuzüglich 8% MWSt (CHF 120.–), somit insgesamt CHF 1'500.–, aus der Gerich tskasse ausgerich- tet. Präsident Thomas Bauer Gerichtsschreiber Marius Vogelsanger