B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5356/2018 U r t e i l v o m 1 6 . N o v e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richter Simon Thurnheer, Richterin Esther Marti, Gerichtsschreiber Olivier Gloor. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 15. August 2018 / N (…). E-5356/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess Syrien gemäss eigenen Angaben am 20. August 2015. Am 17. September 2015 reiste er in die Schweiz ein und suchte am 21. September 2015 um Asyl nach. Am 6. Oktober 2015 wurde er im Empfangs - und Verfahrenszentrum zur Person befragt (BzP). Die Vorinstanz hörte den Beschwerdeführer am 20. September 2016 zu seinen Asylgründen an. Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er sei Kurde und stamme aus B._______, Provinz C._______, wo auch seine Eltern und seine jüngere Schwester leben würden. Sein Vater sei Mitglied der D._______ Partei. Im Ausland, unter anderem in der Schweiz, würden wei- tere Geschwister leben. Er habe die Schule in der (…) Klasse abgebrochen und sei bisher keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen. Zum Zeitpunkt sei- nes Schulabbruches seien viele Leute verhaftet worden, um sie den Streit- kräften zuzuführen. Schulkollegen von ihm seien einfach verschwunden. Er selber sei im Alter von 1(…) oder 1(…) Jahren an einem Kontrollposten für (…) festgenommen worden und dank der Beziehungen seines Vaters wieder freigekommen. Nach diesem Erlebnis habe er sein Dorf nicht mehr verlassen. Er habe Angst davor gehabt, mit Erreichen seiner Volljährigkeit in den Militärdienst eingezogen zu werden. Nach seiner Ausreise habe ihn sein Vater darüber informiert, dass er einen Einberufungsbefehl erhalten habe. Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Identitätskarte sowie einen Einberufungsbefehl zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 15. August 2018 stellte die Vorinstanz fe st, der Be- schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge- such ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Vollzug jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. C. Mit Eingabe vom 17. September 2018 reichte der Beschwerdeführer gegen den Entscheid der Vorinstanz Beschwerde beim Bundes verwaltungsge- richt ein. Er beantragt, es sei ihm Einsicht – eventualiter das rechtliche Ge- hör – betreffend die Akten A4/7, A8/2, A9/2 und A19/12 zu gewähren und angemessene Frist zu B eschwerdeergänzung anzusetzen. Des Weiteren E-5356/2018 Seite 3 sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an die Vor - instanz zur vollständigen und richtig en Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Subeven- tualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und er sei als Flücht- ling zu anerkennen. Schliesslich sei er von der Bezahlung der Verfahrens- kosten – inklusive eines Kostenvorschusses – zu befreien. Als Beweismittel verweist der Beschwerdeführer in der Rechtsmit telein- gabe auf diverse Länderberichte und Zeitungsartikel im Internet. D. Mit Eingabe vom 19. September 2018 reichte der Beschwerdeführer meh- rere Unterlagen betreffend seinen Lehrvertrag sowie ein en Beleg betref- fend Unterstützungsleistungen durch die Sozialhilfebehörden zu den Ak- ten. E. Am 26. September 2018 gab der Beschwerdeführer zwei militärische Ein- berufungsbefehle mit Übersetzungen zu den Akten. F. Mit Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2018 wies die Instruktionsrichterin die Vorinstanz an, dem Beschwerdeführer in die Akten A8/2 und A9/2 Ein- sicht zu gewähren, wies das Einsichtsgesuch in Bezug auf die übrigen Ak- ten sowie den Antrag auf Beschwerdeergänzung ab, hiess des Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. In den Erwägungen hielt sie fest, die im Zusam- menhang mit dem Akteneinsichtsgesuch erhobene Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs erweise sich als unbegründet. G. In ihrer Vernehmlassung vom 19. Oktober 2018 äussert sich die Vorinstanz unter anderem zu den auf Beschwerdeebene eingereichten Marschbefeh- len sowie zum Flüchtlingsstatus der Brüder des Beschwerdeführers. H. Innert angesetzter Frist liess der Beschwerdefü hrer dem Bundesverwal- tungsgericht mit Eingabe vom 7. November 2018 seine Replik zukommen. E-5356/2018 Seite 4 I. Mit Eingabe vom 16. Oktober 2019 äussert e sich der Beschwerdeführer gegenüber dem Gericht zu aktuellen Geschehnissen in Syrien. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 2. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 105 Asylgesetz [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde- führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein- gereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 3. 3.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen- schaft, der Asylpunkt sowie die Wegweisung. Der Wegweisungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerdeführer zu- folge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläu fig aufgenommen hat. 3.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 4. Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz- lich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zu- gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi- schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün- dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 E-5356/2018 Seite 5 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei- bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg- lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexverfolgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Reflexverfol- gung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile mit beachtli- cher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3 S. 225, un- ter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl. ausserdem EMARK 1994 Nr. 17). 5. Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be- hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit f ür gege- ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft- machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2). 6. Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht- lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand. Vorab hält die Vorinstanz in ihrem Entscheid fest, dass Kurden in Syrien nicht einer Kollektivverfolgung ausgesetzt seien. Sodann sei die Möglich- keit, in den Armeedienst eingezogen zu werden, flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Aufgrund widersprüchlicher zeitlicher Angaben des Beschwerde- führers sowie der relativ leichten Fälschbarkeit sei dem eingereichten E-5356/2018 Seite 6 Marschbefehl ferner die Beweiskraft abzusprechen. Einer Wehrdienstver- weigerung oder Desertion wären im Übrigen die flüchtlingsrechtliche Rele- vanz abzusprechen, da in seinem Falle keine zusätzlichen Umstände hin- zutreten würden, welche befürchten liessen, allfälligen Sanktionen könnten flüchtlingsrechtliche Motive zugrundeliegen. 7. In der Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er werde aufgrund seiner Militärdienstverweigerung verfolgt. Zu- dem sei er illegal aus Syrien ausgereist. Somit sei davon auszugehen, er würde bei einer Rückkehr nach Syrien flüchtlingsrechtlich relevante Nach- teile erleiden. Sodann habe die Vorinstanz unter Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör unberücksichtigt gelassen, dass Schulkollegen ver- haftet worden und seither verschwunden seien. Weiter sei im angefochte- nen Entscheid nicht gewürdigt worden, dass ein er seiner Brüder in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei, er aus einer politischen Fa- milie stamme und sein Dorf während zweier Jahre nicht mehr verlassen habe. Weder aus der angefochtenen Verfügung noch aus dem Aktenver- zeichnis gehe eine eingehende Prüfung der konnexen Akten der Familien- angehörigen hervor. Namentlich sei die Möglichkeit einer Reflexverfolgung nicht geprüft worden. Sodann habe die Vorinstanz das Verfahren trotz sei- ner ausgewiesenen Minderjährigkeit verschleppt. Die Anhörung sei rund acht Monate nach Feststellung der Minderjährigkeit des Beschwerdefüh- rers durchgeführt worden. Des Weiteren habe die Vorinstanz in Verletzung ihrer Abklärungspflicht die eingereichten Dokumente nicht auf ihre Echtheit überprüft. Ferner habe er sich im Zusammenhang mit dem Marschbefehl – entgegen der Vorinstanz – auch nicht widersprochen, da sich seine Aus- führungen jeweils auf verschiedene Dokumente bezogen hätten. 8. In ihrer Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, dass behördlichen Do- kumenten im Syrienkontext allgemein ein geringer Beweiswert zukomme. Sodann sei zwei seiner Brüder in der Schweiz der Flüchtlingsstatus zuer- kannt worden, noch bevor der Beschwerdeführer Syrien verlassen habe. Er habe in diesem Zusammenhang nie geltend gemac ht, wegen seiner Brüder irgendwelchen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. 9. In seiner Replik macht der Beschwerdeführer geltend, entgegen den Aus- führungen der Vorinstanz stehe fest, dass er bei einer Rückkehr aufgrund E-5356/2018 Seite 7 des Profils seiner Brüder in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde. Sein familiäres Umfeld sowie seine Herkunft würden wesentliche Risikofaktoren darstellen, welche es bei der Prüfung der Flüchtlingseigen- schaft zu berücksichtigen gelte. 10. 10.1 Vorab ist festzuhalten, dass bezüglich der Anträge um Akteneinsicht und der damit zusammenhängenden Rüge der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehörs vollumfänglich auf die Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2018 verwiesen werden kann (vgl. auch Bst. F des Sachver- halts). 10.2 Aus den Schilderungen des Beschwerdeführers geht hervor, dass er das Land in erster Linie aus Furcht vor einer möglichen Einberufung in den Militärdienst verliess. Soweit der Beschwerdeführer Probleme und Befürchtungen im Zusam- menhang mit der Rekrutierung für den Militärdienst bis zum Zeitpunkt sei- ner Ausreise geltend macht, ist diesen Vorbringen die Flüchtlingsrelevanz abzusprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 4.3. ff sowie das Referenzurteil des BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3), zumal sich ihnen keine Anhaltspunkte für eine Verfolgung aus entsprechenden Motiven (vgl. oben E. 4) entnehmen lassen. Ferner vermag eine allfällige illegale Ausreise – entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers – ebenfalls keine flüchtlings- rechtliche Relevanz zu entfalten (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer D6503/2017 vom 16. Mai 2019 E. 6.4. m.w.H.). Im Zusammenhang mit der geltend gemachten Praxis der Vorinstanz ist festzuhalten, dass sich diese auf Personen mit einem spezifischen regimekritischen Profil bezieht, wel- ches beim Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner Ausreise nicht gegeben war. Allein wegen seines kurdischen Hintergrundes und dem Vorb ringen, der Vater gehöre der D._______ Partei an – was gemäss seinen Schilde- rungen zu keinen konkreten Problemen mit den Behörden geführt hat – ist nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer habe im Zeitpunkt seiner Ausreise ein entsprechendes Profil aufgewiesen. Sodann geht aus seinen Schilderungen nicht hervor, die (…) Anhaltung am Kontrollposten habe ei- nen politischen beziehungsweise flüchtlingsrechtlich relevanten Hinter- grund gehabt. Das Ereignis wird von ihm vielmehr im Kontext einer mögli- chen Rekrutierung vorgebracht, welcher die Flüchtlingsrelevanz – wie be- reits ausgeführt – abzusprechen ist. Bei dieser Ausgangslage ist nicht zu beanstanden, dass sich die Vorinstanz nicht vertieft mit den Vorbringen be-E-5356/2018 Seite 8 treffend die Verhaftung seiner Schulkollegen sowie dem geltend gemach- ten längeren Verbleib im Dorf auseinandersetzte, da sich auch diese Vor- bringen auf die Furcht vor einer möglichen Rekrutierung in den Militärdienst beziehen. Aus den unsubstantiierten Vorbringen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit dem "Verschwinden" seiner Schulkollegen geht so- dann nicht hervor, ob er diese aufgrund ihres Dienstes nicht mehr gesehen habe oder ob diesen von Seiten der Behörd en aus flüchtlingsrelevanten Motiven andere Nachteile zugefügt wurden. Die Rügen der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie der Pflicht zur sorgfältigen Sach- verhaltsfeststellung erweisen sich in diesem Zusammenhang als unbe- gründet (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Es ist nach dem Gesagten nicht mit der notwendigen hohen Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, die syri- schen Behörden hätten den Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ausreise als Regimegegner identifiziert, weshalb auch der Frage der Echtheit der eingereichten Marschbefehle beziehungsweise der Glaubhaftigkeit der dienstlichen Einberufung keine entscheidrelevante B edeutung zukommt, somit die diesbezüglichen Rügen im Ergebnis ebenfalls nicht verfangen. Aufgrund des Ausgeführten ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner Ausreise keiner flüchtlingsrechtlich relevanten Gefahr vor Verfolgung ausgesetzt war. 10.3 Für die Zeit nach seiner Ausreise macht der Beschwerdefüh rer gel- tend, die Vorinstanz habe sich nicht mit dem Umstand auseinandergesetzt, dass sein älterer Bruder in der Schweiz als Flüchtling vorläufig aufgenom- men worden sei und er dadurch möglicherweise einer Reflexverfolgung ausgesetzt sein könnte. 10.3.1 Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör folgt unter anderem die Pflicht der Behörden, sich mit den wesentlichen Gesichtspunkten ausei- nanderzusetzen und den Entscheid zu begründen ( vgl. BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.). 10.3.2 Den Unterlagen kann entnommen werden, dass die beiden älteren Brüder des Beschwerdeführers, E._______ (N […]) sowie F._______ (N […]) am (…) beziehungsweise am (…) aufgrund ihrer exilpolitischen Tä- tigkeiten als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen wurden. Der Status als vorläufig Aufgenommene wurde später bei beiden durch eine Aufenthalts- bewilligung gemäss Härtefallklausel ersetzt. E-5356/2018 Seite 9 10.3.3 Die Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher poli- tischer Oppositioneller durch d ie syrischen Behörden ist durch diverse Quellen dokumentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Person für ihre oppositionelle Gesinnung zu bestrafen, um Infor- mationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine Per- son zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu er- zwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehörige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen aufgrund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Personen zu- geschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische Armee und Milizen) setzen dabei die Strategie der Reflexverfolgung gezielt ein (vgl. Urteile des BVGer E-1175/2019 vom 24. September 2020 E. 6.3.1 sowie E734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2 ff.; vgl. ferner UNHCR, Inter- national Protection Considerations with regard to people fleeing the Syrian Arab Republic, Update III, vom 27.10.2014 und entsprechendes Update V vom 03.11.2017, <https://www.refworld.org/pdfid/59f365034.pdf>, abgeru- fen am 23.10.2020). 10.3.4 Nachdem unter den vorstehenden Ziffern Ausgeführten ist festzu- halten, dass es sich beim Umstand, dass zwei Brüder des Beschwerdefüh- rers in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt wurden, um ein wesentliches Sachverhaltselement handelt, welches in die Erwägungen der Vorinstanz hätte einfliessen müssen. Im angefochtenen Entscheid findet jedoch keine Auseinandersetzung damit statt, ob der Beschwerdeführer aufgrund seiner familiären Verbindungen gefährdet sein könnte. Der Umstand, dass er im Rahmen der Schilderung seiner Fluchtgründe seine Brüder nicht erwähnte, vermag – entgegen der in der Vernehmlassung vertretenen Meinung der Vorinstanz – die fehlende Auseinandersetzung nicht zu rechtfertigen , da eine solche von Amtes wegen hätte erfolgen müssen (vgl. ferner zum feh- lenden Einbezug konnexer Dossiers die Urteile des BVGer E -3270/2015 vom 29. November 2016 E. 3 sowie E-1417/2016 vom 6. Mai 2016 E. 6.3 m.w.H.). Die Vorinstanz hätte sich mit der Frage befassen müssen, ob der Beschwerdeführer angesichts der Flüchtlingseigenschaft seiner Brüder bei einer Rückkehr nach Syrien – unter anderem auch unter Berücksichtigung seines mittlerweile dienstpflichtigen Alters – in flüchtlingsrechtlich relevan- ter Weise in den Fokus der heimatlichen Machtträger geraten könnte. Die Vorinstanz hat es unterlassen, sich mit einem entscheidwesentlichen Um- stand auseinanderzusetzen, womit sie ihre Begründungspflicht bezie- hungsweise den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches G ehör verletzt hat (vgl. bereits E 10.3.1.). E-5356/2018 Seite 10 10.3.5 Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör führt – ange- sichts des formellen Charakters des Gehörsanspruchs unabhängig davon, ob die angefochtene Verfügung bei korrekter Verfahrensführung im Ergeb- nis anders ausgefallen wäre – grundsätzlich zur Kassation und Rückwei- sung der Sache an die Vorinstanz (Art. 61 VwVG). Der Möglichkeit der Hei- lung von Gehörsverletzungen aus prozessökonomischen Gründen (vgl. BVGE 2014/22 E. 5.3 m.w.H.) sind bereits angesichts der auf Beschwer- deebene eingeschränkten Kognition im Asylpunkt (vgl. E. 3.2) Grenzen ge- setzt. Somit scheint es angezeigt, die Sache zur vollständigen und rechts- genüglichen Entscheidbegründung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im Übrigen bleibt auf diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wich- tiger ist, als das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet. 11. Die Beschwerde ist nach dem Ausgeführten im Hauptbegehren gutzu- heissen. Die Verfügung vom 15. August 2018 ist aufzuheben und die Sa- che zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 12. 12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu auferlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit ist die mit Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung gegenstandslos geworden. 12.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Eine Kosten- note wurde bisher nicht zu den Akten gereicht. Auf die Nachforderung einer solchen wird indessen verzichtet und die Parteientschädigung auf Grund der Akten (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE) und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art . 8 ff. VGKE) festgesetzt. Demnach ist dem Beschwerdeführer zu Lasten der Vorinstanz eine Partei- entschädigung von Fr. 2'250.– zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-5356/2018 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutheissen. 2. Die Verfügung vom 15. August 2018 wird aufgehoben und die Sache zur neuen Entscheidung an das SEM zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2'250.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Gabriela Freihofer Olivier Gloor Versand: