Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 17. Januar 2013 (720 12 224) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Medizinische Massnahmen für eine Psychotherapie bei Geburtsgebrechen Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Dieter F reiburghaus, Kantons- richter Daniel Noll, Gerichtsschreiberin Gisela Wartenweiler Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch B .____, Soziale Dienste, Rathausstrasse 36, 4410 Liestal gegen IV-Stelle Basel-Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff Medizinische Massnahmen A. Der 2001 geborene A.____ leidet seit seiner Gebu rt an einer frühkindlichen Deprivation mit Störungen, an einem Strabismus convergens und einer angeborenen Fehlbildung der Niere. Seine Mutter meldete ihn am 25. Oktober 2001 bei der IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) zum Leistungsbezug an, woraufhin die IV-Stelle am 6. un d 7. März 2002 für medizinische Massnahmen zur Behandlung der Geburtsgebrechen Nr. 496 und 497 Kostengutsprache erteil- te. Mit Schreiben vom 18. Oktober 2010 stellte der Kra nkenversicherer von A.____ einen An- trag auf Kostengutsprache für Psychotherapie nach Art. 1 2 des Bundesgesetzes über die Inva- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht lidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959. Die IV-Stel le wies das Leistungsbegehren nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren mit Verfügung vom 3 . Juli 2012 ab, weil die Psychothe- rapie nicht unmittelbar auf den schulischen Fähigkeitsbereich gerichtet sei. B. Gegen diese Verfügung erhob der behandelnde Psychiat er von A.____ Dr. med. C.____, FMH Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, am 3. August 2012 Beschwerde ans Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantons gericht). Nach Aufforderung des Kantonsgerichts um Zustellung einer Vollmacht, reichte B. ____, Beiständin von A.____, am 5. Oktober 2012 (Eingang) die von Dr. C.____ verfasste und von ihr unterzeichneten Be- schwerde vom 3. August 2012 samt der Verfügung der Vor mundschaftsbehörde Liestal betref- fend Ernennung zur Beiständin vom 18. September 2012 e in. In der Beschwerde wurde sinn- gemass die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Verpflichtung der IV-Stelle zur Kostengutsprache für die psychotherapeutische Behandlung b eantragt. Zur Begründung wurde im Wesentlichen geltend gemacht, dass der Versicherte vor e inem Schul- und Heimwechsel stehe und in der Pubertät sei. Aufgrund dieses Wendepu nkts in seinem Leben bestehe eine erhebliche schulische Gefährdung, welche zur Anspruchsberechtigung nach Art. 12 IVG führe. C. Mit Verfügung vom 17. Oktober 2012 bewilligte das Kantonsgericht dem Versicherten die unentgeltliche Prozessführung. D. Die IV-Stelle liess sich am 24. September 2009 zur B eschwerde vernehmen und bean- tragte unter Verweis auf die Stellungnahme von Dr. D. ____, FMH Kinder- und Jugendpsychiat- rie und -psychotherapie, Regionaler ärztlicher Dienst ( RAD), vom 6. November 2012 deren Ab- weisung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 12 IVG hat die versicherte Person Anspruch auf medizinische Massnah- men, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, s ondern unmittelbar auf die berufliche Eingliederung gerichtet und geeignet sind, die Erwerb stätigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor wesentlichen Beeinträchtigungen zu be wahren (vgl. BGE 105 V 19). Diese Bestimmung soll nach der Intention des Gesetzes die Aufg abenbereiche der Invalidenversiche- rung einerseits und der sozialen Kranken- und Unfallversi cherung andererseits voneinander abgrenzen. Die Abgrenzung beruht auf dem Grundsatz, dass die Behandlung einer Krankheit oder einer Verletzung ohne Rücksicht auf die Dauer des L eidens primär in den Aufgabenbe- reich der Kranken- und Unfallversicherung gehört (vgl. BG E 104 V 81 f.). Um die Behandlung des Leidens an sich geht es in der Regel bei der Heilung oder Linderung pathologischen Ge- schehens. Die Invalidenversicherung übernimmt in der Rege l nur solche medizinische Vorkeh- ren, die unmittelbar auf die Beseitigung oder Korre ktur stabiler oder wenigstens relativ stabili- sierter Defektzustände oder Funktionsausfälle hinzielen u nd welche die Wesentlichkeit und Be- ständigkeit des angestrebten Erfolges gemäss Art. 12 Ab s. 1 IVG voraussehen lassen (vgl. BGE 120 V 279 E. 3a, 115 V 194 f. E. 3, 112 V 349 E . 2, 105 V 19 und 149 E. 2a, 104 V 82 E. 1). Als medizinische Massnahmen im Sinne von Art. 12 IVG gelten in nicht abschliessender Weise namentlich chirurgische, physiotherapeutische und psychotherapeutische Vorkehren, die Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine als Folgezustand eines Geburtsgebrechens, einer Kr ankheit oder eines Unfalls eingetrete- ne Beeinträchtigung der Körperbewegung, der Sinneswa hrnehmung oder der Kontaktfähigkeit zu beheben oder zu verbessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren vermögen (vgl. Art. 2 Abs. 1 der Verordnung über die Invalide nversicherung [IVV] vom 17. Januar 1961). Medizinische Massnahmen gemäss Art. 12 IVG müssen nach bewährter Erkenntnis der medizi- nischen Wissenschaft angezeigt sein (vgl. Art. 2 Abs. 1 Satz 2 IVV). 1.2 Nicht erwerbstätige Personen vor dem vollendeten 20 . Altersjahr gelten als invalid, wenn die Beeinträchtigung ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit voraus- sichtlich eine ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit zu r Folge haben wird (Art. 5 Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allg emeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000). Bei diesen Versicherten können Massnahmen zur Verhü- tung einer Defektheilung oder eines stabilisierten Zusta ndes eine gewisse Zeit andauern. In diesem Fall ist von der strikten Voraussetzung der Korrekt ur stabiler Funktionsausfälle gegebe- nenfalls abzusehen (vgl. Art. 5 Abs. 2 IVG und Art. 8 Abs. 2 ATSG). Bei nicht erwerbstätigen Personen vor dem vollendeten 20. Altersjahr werden die Kosten für die Psychotherapie somit dann übernommen, wenn das psychische Leiden mit hinreich ender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behin- dernden stabilen pathologischen Zustand führen würde. D ies obschon das Leiden zunächst noch labilen Charakter haben kann (BGE 131 V 21 E. 4.2 mit Hinweisen). Hingegen fallen psy- chische Krankheiten, welche gemäss heutiger Erkenntnis der Wissenschaft ohne kontinuierliche Behandlung nicht dauerhaft gebessert werden können, ni cht in den Anwendungsbereich von Art. 12 IVG. Damit gemeint sind beispielsweise Schizophr enien oder manisch-depressive Psy- chosen, bei welchen die medizinische Massnahme nicht der Verhinderung eines Defektzustan- des, der sich in naher Zukunft einstellen würde, dient (BGE 105 V 20, 100 V 44). Eine Prognose kann dann als positiv bezeichnet werden, wenn erstellt ist , dass in naher Zukunft ohne die me- dizinische Massnahme eine bleibende Beeinträchtigung ein treten würde. Ebenso erforderlich für eine gute Prognose ist, dass durch die medizinische Ma ssnahme ein Zustand herbeigeführt werden kann, in welchem vergleichsweise erheblich verbessert e Konditionen für die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit bestehen (Urteil des damaligen Eidgenössischen Versiche- rungsgerichts (EVG); seit 1. Januar 2007: Bundesgerich t, sozialrechtliche Abteilung, vom 31. Oktober 2005, I 302/05 E. 3.2). Ob der Eingliede rungserfolg dauerhaft und wesentlich sein wird, muss prognostisch beurteilt werden (BGE 110 V 101 E. 2 mit Hinweis; AHI S. 299 E. 2b mit Hinweisen; Urteil des EVG vom 24. Juli 2003, I 29/02). Ob durch medizinische Massnahmen ein Defektzustand verhindert werden kann, welcher die Au sbildung oder Erwerbsfähigkeit be- einträchtigen würde, muss gemäss Rechtsprechung von ei nem Facharzt beurteilt werden. Ein pauschaler Hinweis auf die mögliche Verbesserung oder Erh altung von Berufs- oder Erwerbs- fähigkeit reicht nicht aus (Urteil des EVG vom 31. Oktober 2005, I 302/05 E. 3.2). 1.3 Die Rechtsprechung zu den medizinischen Massnahmen st ützt sich auf Art. 12 IVG, wonach nur solche Vorkehren von der Invalidenversicherung zu übernehmen sind, die "nicht auf die Behandlung des Leidens an sich", also nicht auf die Heilung oder Linderung labilen patholo- gischen Geschehens gerichtet sind. Bei Jugendlichen sind - ih rer körperlichen und geistigen Entwicklungsphase Rechnung tragend - medizinische Vorkehren trotz des einstweilen noch Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht labilen Leidenscharakters von der Invalidenversicherung zu übernehmen, wenn ohne diese in absehbarer Zeit eine Heilung mit Defekt oder ein sonst wie stabilisierter Zustand einträte, wo- durch die Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit ode r beide beeinträchtigt würden (BGE 98 V 214 E. 2 S. 214 f., 105 V 19 S. 20; Urteil des EVG vom 17. Juli 2003, I 165/03, E.4.2). Ein stabi- ler Defektzustand kann bereits dann zu befürchten sein, wenn das Gebrechen den Verlauf einer prägenden Phase der Kindesentwicklung derart nachhaltig stört, dass letztlich ein uneinholbarer Entwicklungsrückstand eintritt, welcher wiederum die Bildungs- und mittelbar auch die Erwerbs- fähigkeit beeinträchtigt. In diesem Sinne genügt es, w enn eine Psychotherapie einen psychisch oder psychosozialen Entwicklungsschritt ermöglicht, der se inerseits die Grundlage für den Er- werb wichtiger Fertigkeiten bildet, deren Fehlen sich s päter als ein nicht mehr korrigierbarer Defekt darstellen würde (Urteil des Bundesgerichts vom 1 2. August 2010, 8C_269/2010, E. 5.2). 1.4 Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) erliess im Kreisschreiben über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversiche rung (KSME), gültig ab 1. März 2012, unter anderem Ausführungsbestimmungen zu m Anspruch auf medizinische Massnahmen bei Psychopathien, Neurosen und Suchtkrankheite n (Rz. 645-647/845-847). Da- nach sind die Voraussetzungen zur Kostenübernahme für ei ne Psychotherapie gegeben, wenn nach intensiver fachgerechter Behandlung von einem Jah r keine genügende Besserung erzielt wurde und gemäss spezialärztlicher Feststellung bei eine r weiteren Behandlung erwartet wer- den kann, dass der drohende Defekt mit seinen negativen Wirkungen auf die Berufsbildung und Erwerbsfähigkeit zu einem grossen Teil verhindert wird. Die IV-Stelle verfügt, ob die Kosten- übernahme ab dem 2. Behandlungsjahr erfolgen soll ode r nicht. Die Psychotherapie ist dabei jeweils für maximal 2 Jahre zu verfügen. Psychotherapeuti sche Massnahmen gehen nicht zu Lasten der IV, wenn die Prognose unbestimmt ist und/o der die Behandlung eine medizinische Vorkehr von zeitlich unbegrenzter Dauer darstellt (vgl. Rz. 645-647/845-847.5). 1.5 Sowohl bei der Feststellung des Gesundheitszustande s einer versicherten Person als auch bei dessen rechtlicher Beurteilung ist die rechtsa nwendende Behörde - die Verwaltung und im Streitfall das Gericht - auf Unterlagen angewi esen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Es ist deren Aufgabe, den Gesundheitszustand zu beurteilen (vgl. BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Die ärztlichen Stellung- nahmen bilden eine wichtige Grundlage für die Beurteilung, ob und allenfalls welche Leistungen einer versicherten Person aufgrund ihrer gesundheitlich en Beeinträchtigung zustehen. Das Ge- richt hat die ihm vorliegenden medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversiche- rungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle anderen Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an fö rmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozi alversicherungsgericht alle Be- weismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Be urteilung des streitigen Rechtsan- spruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander wide rsprechenden medizinischen Berich- ten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Bewe ismaterial zu würdigen und die Grün- de anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist es entsche idend, ob der Bericht für die Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter suchungen beruht, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung de r medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des E xperten begründet sind. Ausschlagge- bend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag ge gebenen Stellungnahme als Bericht oder als Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 2. Vorliegend ist unbestritten, dass die psychotherapeuti sche Behandlung des Versicher- ten notwendig ist. Strittig ist jedoch, ob diese medi zinische Massnahme unmittelbar auf die Ein- gliederung ins Erwerbsleben bzw. in den Aufgabenbereic h gerichtet ist, oder aber die Leidens- behandlung an sich im Vordergrund steht. 2.1 Den Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführe r seit 8. Juni 2007 in psycho- therapeutischer Behandlung bei Dr. C.____ steht. In seinem Bericht vom 18. Februar 2012 hielt er als Diagnosen eine frühkindliche Deprivation mit Stör ungen nach F94.-, F94.1, F94.2, Status nach F93.3, F98.0, F.98.1 und drohende F30.1 nach IC D-10, einen Strabismus convergens sowie eine angeborene Fehlbildung der Niere fest. Der Beschwerdeführer wachse als Kind dro- genabhängiger Eltern in einem Kinderheim auf. Nach a nfänglich altersgerechter Sauberkeits- entwicklung habe sich eine sekundäre Enuresis und Enkopresi s eingestellt. Gleichzeitig hätten sich Verhaltensstörungen mit einer aggressiven Eifersuchtsp roblematik und überspielten Ängs- ten entwickelt. Die Kinderpsychotherapie auf tiefenpsychol ogischem Fundament habe die ver- schiedenen Problematiken verbessert und das emotionale Gleichgewicht sei stabiler geworden. Eine neuropädiatrische Untersuchung habe einen altersge mässen Status mit sehr guter Intelli- genz ergeben, was sich in den guten Schulleistungen zeige . Es persistiere jedoch noch eine bedenkliche Tendenz zur Selbstüberschätzung, was die Unfall gefährdung erhöhe und zu ent- mutigenden Enttäuschungen führe. Sowohl Grössenphanta sien als auch die Selbstüberschät- zung maskierten die unterschwellige Depression mit entspr echenden Verlustängsten und ihrer Pathogenität. Ziel sei es, die Gefährdung zu reduzieren, damit der Patient bei guter Gesundheit in die Adoleszenz übergehen und eine grösstmögliche Kont inuität im Beziehungsaufbau und deren Konsolidierung erreicht werden könne. Auf diese Weise bestehe die beste Aussicht auf einen erfolgreichen Abschluss in der Schule und Start ins Erwerbsleben. Die Prognose sei aus heutiger Sicht günstig (vgl. auch Bericht von Dr. C.____ vom 6. Juni 2010). 2.2 In seinem Bericht vom 4. April 2012 führte Dr. D. ____ aus, dass sich die beantragte Therapie auf das psychoreaktive Geschehen des Beschwerdeführ ers richte. Dabei würden die Grössenphantasien, die Tendenz zur Selbstüberschätzung und die dahinter liegende latente Depressivität behandelt und eine Kontinuität in den Be ziehungen aufgebaut. Diese Therapie stelle somit eine Behandlung des Leidens an sich dar, die nicht unmittelbar auf den schulischen Fähigkeitsbereich gerichtet sei. Dr. C.____ habe in seinem Arztbericht bestätigt, dass sich der Gesundheitszustand nicht auf den Schulbesuch auswirke. Damit seien die Voraussetzungen für die Zusprache von Leistungen der IV für medizinische Massna hmen nach Art. 12 IVG nicht er- füllt. Die Indikation für eine ambulante Psychotherap ie sei aufgrund der frühkindlichen Bin- dungsstörung zweifellos gegeben. Deren Finanzierung gehöre aber aus versicherungsmedizini- schen und rechtlichen Gründen in den Bereich der Krankenkasse. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.3 Dr. C.____ brachte in seinem Schreiben vom 3. Augu st 2012 vor, dass der nun 11-jährige Beschwerdeführer in der Schule bisher gut "funktioniert" habe, dies aber nur unter einer geduldigen, engen Betreuung und Unterstützung a ller Beteiligten. Es sei zu berücksichti- gen, dass der Beschwerdeführer im August 2012 in die Or ientierungsschule wechsle, was mit einer nicht gewohnten Anzahl fremder Lehrkräfte, einem anonymeren Umgang mit den Schulfä- chern und unvorhersehbaren Schülereinflüssen verbunden sei. Dazu komme, dass im Heim auch ein Wechsel der bisherigen Bezugsperson bevorsteh e. Ausserdem zeichne sich bei ihm die pubertäre Entwicklung ab. Es sei davon auszugehen, d ass sich der Beschwerdeführer im neuen Umfeld rasch den einflussreichsten Kindern anschliessen werde und den Helden spielen möchte oder zum Mitläufer werde. Dies umso mehr, als sein e Nachahmungstendenz sehr aus- geprägt sei. Damit sei am jetzigen Wendepunkt im Leben eine erhebliche schulische Gefähr- dung vorhanden. 2.4 Dr. D.____ nahm zum Bericht von Dr. C.____ am 6. November 2012 Stellung. Der Schwerpunkt der Behandlung beziehe sich auf die Folgen d er Bindungsstörung und das psy- choreaktive Geschehen im Zusammenhang mit der psychosoziale n Belastung. Erfahrungsge- mäss lasse sich bei Bindungsstörungen, die eine schwere Leidensform darstellten, keine siche- ren Prognosen stellen. Dr. C.____ argumentiere mit p rospektiv orientierten hypothetischen Be- fürchtungen im Hinblick auf den bevorstehenden Schulwechsel. Er halte deshalb an seinen bis- herigen Ausführungen fest. 3.1 Mit Verfügung vom 3. Juli 2012 verneinte die IV -Stelle die Voraussetzungen für die Übernahme der Psychotherapiekosten mit der Begründung, dass sich die Therapie aufgrund der medizinischen Abklärungen auf das psychoreaktive Geschehe n richte und deshalb eine Behandlung des Leidens an sich darstelle, welche nicht unmittelbar auf den schulischen Fähig- keitsbereich gerichtet sei. Dieser Auffassung kann nicht b eigepflichtet werden. Gemäss den Ausführungen von Dr. C.____ weist der Beschwerdeführer unbestrittenermassen Verhaltens- störungen auf. Er erklärt, dass aufgrund der bisherigen Kinderpsychotherapie einzelne Auffäl- ligkeiten eingedämmt und das emotionale Gleichgewicht verbessert hätten werden können. Der Beschwerdeführer neige aber weiterhin zur Selbstüberschätzung, welche die Unfallgefahr erhö- he. Zudem leide er an einer unterschwelligen Depressio n mit Verlustängsten und es bestände eine sehr ausgeprägte Nachahmungstendenz, die dazu führ e, dass er den Helden spielen möchte oder aber zum Mitläufer werde. Aufgrund dieser Umstände und der Tatsache, dass er sich in der Pubertät befinde und ein Wechsel der bisher igen Bezugsperson bevorstehe, sei die schulische Ausbildung erheblich gefährdet. Wenn der Versi cherte mit der angezeigten thera- peutischen Begleitung in die Mittelstufe übertreten kön ne, bestehe eine gute Prognose für eine berufliche und persönliche Weiterentwicklung. Gestützt au f den Ausführungen von Dr. C.____ ist festzustellen, dass bei der beantragten Psychotherapie bezweckt wird, den Versicherten auf den im August 2012 stattfindenden Schulwechsel vorzuber eiten und den neuen schulischen Herausforderungen auf positive und konstruktive Weise zu begegnen. Dr. C.____ bringt klar zum Ausdruck, dass der Versicherte im bisher gewohnten Umf eld den schulischen Anforderun- gen gerecht werden konnte. Da der Schulwechsel die Lebensumstände des Beschwerdeführers erheblich ändern, ist zu befürchten, dass er emotional a us dem Gleichgewicht geworfen wird, Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht was durch die prägende Phase der Kindheitsentwicklung de r Pubertät und den Bezugsperso- nenwechsel noch verstärkt wird. Ausserdem besteht ein gro sses Risiko, dass die bisherigen Verhaltensstörungen, welche durch die bisherigen psychothe rapeutischen Massnahmen einge- dämmt werden konnten, sowie die latent vorhandene De pression derart in Erscheinung treten, dass die Entwicklung des Beschwerdeführers nachhaltig beein trächtigt wird. Die bestehende ausgeprägte Nachahmungstendenz und die Selbstüberschät zung mit der damit verbundenen Unfallgefahr erhöhen diese Gefahr. Es ist daher einle uchtend, dass unter diesen Umständen das Leiden des Beschwerdeführers mit all seinen Störungen unmittelbare Auswirkungen auf die Schulausbildung hat. Es ist davon auszugehen, dass mit de r Psychotherapie ein psychischer sowie psychosozialer Entwicklungsschritt ermöglicht wird, der d ie Grundlage für die Erhaltung der Bildungsfähigkeit des Beschwerdeführers bildet. Oh ne diese vorbeugende Behandlung ist mit einem Entwicklungsrückstand zu rechnen. Gemäss der Beurte ilung des behandelnden Psy- chiaters besteht eine gute Prognose, dass die beruflich e und persönliche Weiterentwicklung des Beschwerdeführers mit der angezeigten therapeutisch en Begleitung ein drohender Defekt mit seinen negativen Auswirkungen auf die spätere Berufs bildung und Erwerbsfähigkeit ganz oder zumindest in wesentlichem Ausmass verhindern lässt. D ass es sich bei der beantragten Psychotherapie nicht um eine Dauerbehandlung handelt, e rgibt sich aus der Zielrichtung der Therapie. Denn die beantragte Massnahme beschränkt sich auf den Zeitraum, welcher benötigt wird, um den negativen Auswirkungen entgegen zu wirken, welche der Schulwechsel des Ver- sicherten mit sich bringen kann. 3.2 Daran ändert auch die Aktenbeurteilung des Vertra uensarztes der IV-Stelle nichts. Dr. D.____ weist zur Begründung seiner Auffassung, wo nach es sich bei der beantragten Psy- chotherapie um eine Behandlung des Leidens an sich handle, auf die von Dr. C.____ angeführ- ten Ziele der Massnahme hin. Er erklärt, dass sich die The rapie gemäss Dr. C.____ auf das psychoreaktive Geschehen (wie Grössenphantasien, Tendenz zur Selbstüberschätzung, latente Depressivität) richte und eine Kontinuität im Beziehung saufbau bewirken sollte. Die Therapie sei somit nicht unmittelbar auf den schulischen Fähigkeitsbereich gerichtet. Dabei fällt auf, dass er die Ausführungen von Dr. C.____ nur unvollständig wiedergibt. So ist dem Arztbericht von Dr. C.____ vom 18. Februar 2012 zu entnehmen, dass di e Psychotherapie auf den erfolgrei- chen Abschluss der Schule und Übertritt ins Erwerbsleben ausgerichtet sei (vgl. Ziffer 2.7). Dem Vorbringen von Dr. D.____, dass Dr. C.____ selbst bestät ige, dass der Gesundheitszustand keine Auswirkungen auf die schulische und berufliche Ausbil dung des Beschwerdeführers, ist entgegen zu halten, dass eine medizinische Massnahme, die an sich der Leidensbehandlung dient, von der Invalidenversicherung zu übernehmen ist, w enn sie dazu bestimmt ist, bei einer minderjährigen versicherten Person einen sich in naher Zukunft einstellenden Defektzustand mit seinen negativen Auswirkungen auf die Berufsbildung und Erwerbstätigkeit zu verhindern (vgl. Urteil des EVG vom 17. Juli 2003, I 165/03, E. 4 .2). Dr. C.____ begründet die Notwendig- keit der beantragten Psychotherapie in der Hauptsache mit dem bevorstehenden Schulwechsel. Damit steht primär die Schulbildung im Vordergrund u nd nicht die Behandlung des Leidens an sich. Zu den Auswirkungen des Gesundheitszustandes des Beschw erdeführers auf den Schul- besuch, gibt Dr. C.____ in seinem Arztbericht vom 18. Februar 2012 zwar an, dass die gesund- heitliche Situation zurzeit (noch) keinen Einfluss darau f habe (vgl. Ziffer 1.2). Aus den Ausfüh- rungen auf dem Beiblatt geht jedoch deutlich hervor, dass die Antwort lediglich im Zeitpunkt der Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Berichterstattung im Februar 2012 zutreffen kann. Die v on Dr. C.____ gewählte Formulierung ist deshalb dahingehend zu verstehen, dass das Leiden des Ve rsicherten spätestens ab Über- tritt in die Mittelstufe im August 2012 die Schulbildung beeinflusst. 3.4 Des Weiteren geht Dr. D.____ davon aus, dass eine B indungsstörung an sich eine schwere Leidensform darstelle, bei welcher keine sichere Prognose gestellt werden könne. Die- ser Ansicht ist zu entgegnen, dass der Versicherte mit Hilf e der bisherigen Psychotherapie dem Schulanforderungsprofil der Primarschule bisher mehr od er weniger gerecht werden konnte. Offensichtlich kann mit psychotherapeutischen Massnahmen tro tz der Schwere des Leidens eine erfolgreiche Schulausbildung begünstigt werden . Demzufolge ist anzunehmen, dass mit der angezeigten Psychotherapie vergleichsweise erheblich v erbesserte Voraussetzungen für die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit bestehen. Insofern ist die Prognose gut. Nicht ge- folgt werden kann dem Einwand von Dr. D.____, dass die von Dr. C.____ dargelegten Befürch- tungen, welche mit dem Schulwechsel zu erwarten seien, zu hypothetisch seien. Da der Über- tritt in die Orientierungsstufe zum Zeitpunkt der Beri chterstattung noch bevorstand, musste Dr. C.____ prospektiv beschreiben, mit welchen schulischen Auswirkungen er rechne. Die von ihm geschilderten Gefahren sind begründet und nachvoll ziehbar. Er unterstellte dabei nicht, dass das Schulsystem oder die neuen Mitschüler den Beschwerd eführer negativ beeinflussen könnten. Er erklärte lediglich, es sei zu erwarten, dass d er Beschwerdeführer auf das ihm un- bekannte schulische Umfeld problematisch reagiere. 3.5 Der Vollständigkeit halber ist anzufügen, dass Dr. D.____ seine Erkenntnisse nicht auf eigene Untersuchungen des Versicherten, sondern auf den Akten beruhen. Dieses Vorgehen ist zwar grundsätzlich zulässig (SVR 2009 IV Nr. 56 S. 174). Wenn aber aus den medizinischen Unterlagen von der Beurteilung des behandelnden Psychiat ers klar abweichende Schlüsse ge- zogen werden, ist dafür eine eigene Untersuchung durch den Psychiater des RAD oder eine Begutachtung durch einen externen Psychiater unabdingbar. In diesem Fall ist von einem noch nicht klar feststehenden und daher eine zusätzliche Abklär ung erfordernden medizinischen Sachverhalt auszugehen. Eine solche Untersuchung fand j edoch nicht statt, es wird aber vom Beschwerdeführer auch keine Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung beantragt. Unter diesen Umständen ist es zulässig, ohne weitere Sachverhalt sabklärungen auf die vom RAD- Arzt gegenteilige Erkenntnisse von Dr. C.____ abzustellen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 27. Juli 2011, 9C_89/2011, E. 4.1 mit Hinweisen). 4.1 In Bezug auf die Dauer der psychotherapeutischen Ma ssnahme ist zu beachten, dass die Kostenübernahme für eine Psychotherapie für maximal 2 Jahre erfolgt (vgl. Rz. 645– 647/845–847.5 KSME). Dr. C.____ macht keine konkreten Aussagen über die Dauer der Psy- chotherapie. Aufgrund der Zielrichtung der Therapie ist davon auszugehen, dass die psychothe- rapeutische Behandlung auf den Zeitraum zu beschränken ist, welcher mit dem Schulwechsel in Zusammenhang steht. Dabei ist anzunehmen, dass der Be schwerdeführer bis ein Jahr nach dem Schulwechsel, d.h. August 2013, mit Hilfe der Psycho therapie die mit dem Schulwechsel verbundenen neuen Herausforderungen bewältigen kann u nd damit die negativen Auswirkun- gen auf die schulische und berufliche Ausbildung beseit igt oder wesentlich reduziert werden konnten. Sollte sich dies nicht bewahrheiten und über den genannten Zeitpunkt hinaus eine Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Psychotherapie erforderlich werden, wird die IV-Stelle ein allfälliges erneutes Gesuch entspre- chend zu beurteilen haben. 4.2 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass der Beschw erdeführer Anspruch auf die Kostenübernahme der beantragten Psychotherapie ab Z eitpunkt der Gesuchseinreichung per 1. November 2010 bis 31. August 2013 hat. Die Beschwerde ist demgemäss gutzuheissen. 5. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis Satz 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistung en vor dem kantonalen Versicherungs- gericht kostenpflichtig. Nach § 20 Abs. 3 Satz 2 des Gesetze s über die Verfassungs- und Ver- waltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 wer den die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV- Stelle unterliegende Partei, weshalb sie grundsätzlich d ie Verfahrenskosten zu tragen hätte. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO den Vor- instanzen - vorbehältlich des hier nicht interessierende n § 20 Abs. 4 VPO - keine Verfahrens- kosten auferlegt werden. Aufgrund dieser Bestimmung hat die IV-Stelle als Vorinstanz trotz Un- terliegens nicht für die Verfahrenskosten aufzukommen. Dies hat zur Folge, dass für den vorlie- genden Prozess keine Verfahrenskosten erhoben werden. Di e ausserordentlichen Kosten sind wettzuschlagen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung der IV-Stelle vom 3. Juli 2012 aufgehoben und festgestell t, dass der Be- schwerdeführer Anspruch auf Übernahme der Kosten der Psych othe- rapie bei Dr. med. C.____, FMH Kinder- und Jugendpsychi atrie und - psychotherapie, für die Zeit vom 1. November 2010 bis 31. August 2013 hat. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht