<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">25</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zivilrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>A. Familienrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>1</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 137 ZGB; Unterhalt im Präliminarverfahren</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Nur bei der erstmaligen Festsetzung von vorsorglichem Unterhalt nach</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Rechtskraft der Scheidung bedarf es einer positiven Prognose im Unter-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>haltspunkt im Hauptverfahren. Bei der Festsetzung von Unterhaltsbeiträ-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gen für die Dauer des Scheidungsverfahrens vor rechtskräftiger Schei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dung werden hingegen keine ehebedingten Nachteile vorausgesetzt. Die</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Höhe des vorsorglichen Unterhalts richtet sich in beiden Fällen nach den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Art. 163 bis 165 ZGB, wobei dem mit der Auflösung des gemeinsamen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Haushaltes verfolgten Zweck der Aufhebung der Lebensgemeinschaft in-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sofern Rechnung zu tragen ist, als der wirtschaftlichen Selbständigkeit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Eigenversorgungskapazität) grösseres Gewicht zugemessen wird.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 5. Zivilkammer, vom 21. September</span><br/> <span class="ft3">2009 i.S. M.F. gegen M.K.F.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">3.1.</span><br/> <span class="ft5">Der Kläger macht in der Beschwerde unter Berufung auf Six</span><br/> <span class="ft5">(Eheschutz, Bern 2008, N 2.67), der auf das Urteil des Obergerichts</span><br/> <span class="ft5">des Kantons Aargau vom 12. März 2007 (ZSU.2005.421) verweist,</span><br/> <span class="ft5">und Gloor (Basler Kommentar, N 10 zu Art. 137 ZGB) geltend, der</span><br/> <span class="ft5">Eheschutz- resp. Präliminarrichter habe insbesondere von der Zu-</span><br/> <span class="ft5">sprechung von Ehegattenunterhaltsbeiträgen abzusehen, wenn mit</span><br/> <span class="ft5">einer Wiederherstellung des gemeinsamen Haushaltes nicht mehr zu</span><br/> <span class="ft5">rechnen ist und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch im Scheidungs-</span><br/> <span class="ft5">verfahren kein nachehelicher Unterhalt nach Art. 125 ZGB zu erwar-</span><br/> <span class="ft5">ten ist. Das Scheidungsurteil vom 30. April 2009 verpflichte den Klä-</span><br/> <span class="ft5">ger zu keinen nachehelichen Unterhaltszahlungen, zumindest sofern</span><br/> <span class="ft5">und so lange sich seine finanzielle Lage nicht wesentlich verbessere.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">26</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Damit habe die Unterhaltspflicht des Klägers bereits ab dem Zeit-</span><br/> <span class="ft5">punkt zu entfallen, an dem mit einer Wiederaufnahme des gemeinsa-</span><br/> <span class="ft5">men Haushaltes nicht mehr ernsthaft zu rechnen gewesen sei. Dies</span><br/> <span class="ft5">sei mindestens ab Einreichung der Abänderungsklage vom 25. Januar</span><br/> <span class="ft5">2008 anzunehmen. Zudem hätten die Parteien bereits seit dem</span><br/> <span class="ft5">November 2003 getrennt gelebt, bei Klageeinreichung also bereits</span><br/> <span class="ft5">seit über vier Jahren.</span><br/> <span class="ft5">3.2.</span><br/> <span class="ft5">Dem zitierten Urteil der 5. Zivilkammer des Obergerichts vom</span><br/> <span class="ft5">12. März 2007 (ZSU.2005.421) lag die Situation zu Grunde, dass die</span><br/> <span class="ft5">Ehe der Parteien zur Zeit des Beschwerdeentscheides des Oberge-</span><br/> <span class="ft5">richts im Präliminarverfahren bereits rechtskräftig geschieden, im</span><br/> <span class="ft5">Hauptverfahren im Unterhaltspunkt aber noch eine Appellation hän-</span><br/> <span class="ft5">gig war. Das Obergericht führte in diesem Zusammenhang aus,</span><br/> <span class="ft5">Art. 137 Abs. 2 Satz 2 ZGB sehe vor, dass vorsorgliche Massnahmen</span><br/> <span class="ft5">auch dann angeordnet werden können, wenn die Ehe aufgelöst ist,</span><br/> <span class="ft5">aber das Verfahren über die Scheidungsfolgen fortdauert. Entspre-</span><br/> <span class="ft5">chend der allgemeinen Voraussetzung für den Erlass vorsorglicher</span><br/> <span class="ft5">Massnahmen sei erforderlich, dass der Ansprecher auf vorsorglichen</span><br/> <span class="ft5">Unterhalt angewiesen ist, wobei sich nach ausdrücklicher gesetzli-</span><br/> <span class="ft5">cher Bestimmung (Art. 137 Abs. 2 Satz 3 ZGB) die Höhe des</span><br/> <span class="ft5">vorsorglichen Unterhalts grundsätzlich am ehelichen (Art. 163 ZGB)</span><br/> <span class="ft5">und nicht am nachehelichen (Art. 125 ZGB) Unterhalt orientiere. Für</span><br/> <span class="ft5">die Zusprechung von vorsorglichem Unterhalt über die rechtskräftige</span><br/> <span class="ft5">Scheidung hinaus bedürfe es zusätzlich einer gewissen Prognose im</span><br/> <span class="ft5">Unterhaltspunkt im Hauptverfahren; dem Massnahmegericht müsse</span><br/> <span class="ft5">die Möglichkeit zugestanden werden, vorsorgliche Unterhaltsbei-</span><br/> <span class="ft5">träge zu verweigern, wenn mit grosser Wahrscheinlichkeit auch im</span><br/> <span class="ft5">Scheidungsverfahren kein nachehelicher Unterhalt nach Art. 125</span><br/> <span class="ft5">ZGB zu erwarten sei (Erw. 3.3.2). Im vorliegenden Fall geht es dem-</span><br/> <span class="ft5">gegenüber um die Festsetzung von Unterhaltsbeiträgen bis zur</span><br/> <span class="ft5">Rechtskraft der Scheidung. Diese Ansprüche wurden auch im Ober-</span><br/> <span class="ft5">gerichtsurteil vom 12. März 2007 unabhängig von einer Prognose</span><br/> <span class="ft5">hinsichtlich des nachehelichen Unterhalts im Hauptverfahren beur-</span><br/> <span class="ft5">teilt. Der Kläger kann daher aus diesem Urteil nichts für seinen</span><br/> <span class="ft5">Standpunkt herleiten. Gleich verhält es sich mit der vom Kläger zi-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">27</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">tierten Lehrmeinung. Gloor (Basler Kommentar, Basel/Genf/Mün-</span><br/> <span class="ft5">chen 2006, 3. Aufl., N 10 zu Art. 137 ZGB) differenziert zwar nicht</span><br/> <span class="ft5">zwischen vorsorglichen Massnahmen vor und nach Rechtskraft der</span><br/> <span class="ft5">Scheidung, verweist für seine Auffassung, die Zusprechung vor-</span><br/> <span class="ft5">sorglicher Unterhaltsbeiträge könne verweigert werden, wenn mit</span><br/> <span class="ft5">grosser Wahrscheinlichkeit auch im Endurteil kein Unterhaltsbeitrag</span><br/> <span class="ft5">nach Art. 125 ZGB zu erwarten ist, aber auf ZR 100 Nr. 4 und Sut-</span><br/> <span class="ft5">ter/Freiburghaus (Kommentar zum neuen Scheidungsrecht, Zürich</span><br/> <span class="ft5">1999, N 41 und 45 f.). Beide Zitatstellen befassen sich ebenfalls mit</span><br/> <span class="ft5">der Zusprechung vorsorglicher Unterhaltsbeiträge nach rechtskräfti-</span><br/> <span class="ft5">ger Scheidung. Im vorliegenden Fall kommt hinzu, dass das Schei-</span><br/> <span class="ft5">dungsgericht eine lebensprägende Ehe und einen auf zwei Jahre be-</span><br/> <span class="ft5">fristeten Unterhaltsanspruch der Beklagten bejaht (vgl. Schei-</span><br/> <span class="ft5">dungsurteil, Erw. 5.6.2), zur Zeit aber mangels Leistungsfähigkeit</span><br/> <span class="ft5">des Klägers von der Zusprechung eines Unterhaltsbeitrages abgese-</span><br/> <span class="ft5">hen (Scheidungsurteil, Erw. 5.5.5) und einen Vorbehalt gemäss</span><br/> <span class="ft5">Art. 129 Abs. 3 ZGB ins Urteil aufgenommen hat.</span><br/> <span class="ft5">Bei der Festsetzung von Unterhaltsbeiträgen für die Dauer des</span><br/> <span class="ft5">Scheidungsverfahrens vor rechtskräftiger Scheidung können insbe-</span><br/> <span class="ft5">sondere bei der Frage der Wiederaufnahme oder Ausdehnung der Er-</span><br/> <span class="ft5">werbstätigkeit die für den nachehelichen Unterhalt geltenden Krite-</span><br/> <span class="ft5">rien (Art. 125 ZGB) mit einbezogen werden (BGE 128 III 65 ff.).</span><br/> <span class="ft5">Diese Mitberücksichtigung der Kriterien für den Scheidungsunterhalt</span><br/> <span class="ft5">bedeutet nun jedoch nicht, dass der eheliche Unterhalt bereits nach</span><br/> <span class="ft5">den Regeln über den nachehelichen Unterhalt bemessen wird.</span><br/> <span class="ft5">Art. 125 ZGB kommt nicht direkt zur Anwendung; Grundlage des</span><br/> <span class="ft5">Unterhaltsanspruchs eines Ehegatten während der ganzen Dauer der</span><br/> <span class="ft5">Ehe bleibt ausschliesslich Art. 163 bis 165 ZGB und bemisst sich</span><br/> <span class="ft5">dieser nach der Auflösung des gemeinsamen Haushaltes nach wie</span><br/> <span class="ft5">vor nach diesen Bestimmungen. Während der Ehe haben beide Ehe-</span><br/> <span class="ft5">gatten Anspruch auf grundsätzlich gleiche Teilhabe an der vereinbar-</span><br/> <span class="ft5">ten Lebenshaltung (BGE 119 II 314 Erw. 4b/aa) und auch während</span><br/> <span class="ft5">des Scheidungsverfahrens nicht nur auf Ausgleich ehebedingter</span><br/> <span class="ft5">Nachteile. Dem mit der Auflösung des gemeinsamen Haushaltes ver-</span><br/> <span class="ft5">folgten Zweck der Aufhebung der Lebensgemeinschaft wird aber</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">28</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">insofern Rechnung getragen, als der wirtschaftlichen Selbständigkeit</span><br/> <span class="ft5">(Eigenversorgungskapazität) grösseres Gewicht zugemessen wird.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>