<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Bau-,Raumentwicklungs-u.Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">175</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>32</b></span> <span class="ft2"><b>Gebäudeabstand nach § 20 Abs. 2 ABauV.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wo besondere Gemeindevorschriften fehlen, bleibt es bei der kantonalen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Grundordnung, wonach der Gebäudeabstand der Summe der Grenzab-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>stände entsprechen muss.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 21. September 2010 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen A. und B. gegen X. und Y. (WBE.2010.123).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">Streitgegenstand bildet die Einhaltung des Gebäudeabstands des</span><br/> <span class="ft1">projektierten Einfamilienhauses der Beschwerdegegner auf der Par-</span><br/> <span class="ft1">zelle Nr. (...) zum Wohnhaus (Gebäude Nr. [...]) der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer auf der nördlich angrenzenden Parzelle Nr. (...).</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Bestimmung der Gebäudeabstände liegt in der Kompetenz</span><br/> <span class="ft1">der Gemeinden (§ 47 Abs. 1 BauG). Die Bau- und Nutzungsordnung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">176</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der Gemeinde Rohr (nach Gemeindefusion per 1. Januar 2010:</span><br/> <span class="ft1">Aarau, Ortsteil Rohr; BNO) vom 22. Oktober 2007 / 27. Februar</span><br/> <span class="ft1">2008 enthält keine entsprechenden Normen. Fehlen besondere Vor-</span><br/> <span class="ft1">schriften, ist der Gebäudeabstand gleich der Summe der vorgeschrie-</span><br/> <span class="ft1">benen Grenzabstände (§ 20 Abs. 2 ABauV). Ein vereinbartes Näher-</span><br/> <span class="ft1">baurecht (vgl. § 47 Abs. 2 BauG) besteht zwischen den Partei-en</span><br/> <span class="ft1">nicht.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss geltendem Bauzonenplan der Gemeinde Rohr (ab 1. Ja-</span><br/> <span class="ft1">nuar 2010: Aarau, Ortsteil Rohr) liegen die beiden Parzellen in der</span><br/> <span class="ft1">Wohnzone W2. Nach § 4 Abs. 1 BNO beträgt in dieser Zone der klei-</span><br/> <span class="ft1">ne Grenzabstand 4 m und der grosse 6 m.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">Unbestrittenermassen beträgt der Abstand des projektierten</span><br/> <span class="ft1">Bauvorhabens zur nördlichen, mit den Beschwerdeführern gemein-</span><br/> <span class="ft1">samen Grenze 4 m und hält den vorgeschriebenen kleinen Grenzab-</span><br/> <span class="ft1">stand ein. Deren Wohnhaus auf der nördlichen Parzelle weist an der</span><br/> <span class="ft1">engsten Stelle einen Abstand von 5,25 m zu dieser Grenze auf. Der</span><br/> <span class="ft1">Abstand zwischen dem projektierten Gebäude der Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft1">und dem Wohnhaus der Beschwerdeführer beträgt somit 9,25 m. Die</span><br/> <span class="ft1">Südfassade des Wohnhauses der Beschwerdeführer liegt auf der</span><br/> <span class="ft1">Hauptwohnseite, die für den grossen Grenzabstand massgebend ist</span><br/> <span class="ft1">(§ 17 Abs. 2 ABauV). Das Wohnhaus der Beschwerdeführer unter-</span><br/> <span class="ft1">schreitet gegen Süden den heute massgebenden Grenzabstand von</span><br/> <span class="ft1">6 m um 0.75 m.</span><br/> <span class="ft1">Zu klären ist, ob die Beschwerdegegner mit ihrem Vorhaben um</span><br/> <span class="ft1">0.75 m zurückweichen müssen, obwohl sie den Grenzabstand ein-</span><br/> <span class="ft1">halten.</span><br/> <span class="ft1">4. (...)</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">5.1.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Wortlaut von § 20 Abs. 2 ABauV, der mit § 164</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 Satz 1 aBauG in der bis 31. Dezember 1993 geltenden Fas-</span><br/> <span class="ft1">sung wörtlich übereinstimmt, ist der Gebäudeabstand in Ermange-</span><br/> <span class="ft1">lung besonderer Vorschriften gleich der Summe der vorgeschriebe-</span><br/> <span class="ft1">nen Grenzabstände. Die Vorinstanz geht indessen davon aus, dass die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Bau-,Raumentwicklungs-u.Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">177</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Norm in jenen Fällen nicht bzw. nie anwendbar sei, in denen ein Alt-</span><br/> <span class="ft1">bau mit zu geringem Grenzabstand vorhanden sei. Es entspreche</span><br/> <span class="ft1">Sinn und Zweck von § 20 Abs. 2 ABauV sowie der gängigen Praxis</span><br/> <span class="ft1">der kantonalen Verwaltung, dass ein Zweitbau "so oder so" - unter</span><br/> <span class="ft1">Vorbehalt eines zwingenden entgegenstehenden Interesses - nur den</span><br/> <span class="ft1">Grenzabstand und nicht den vollen Gebäudeabstand (als Summe der</span><br/> <span class="ft1">Grenzabstände) einzuhalten habe. Dies gelte auch, wenn die kom-</span><br/> <span class="ft1">munale Nutzungsordnung wie hier keine anders lautende Bestim-</span><br/> <span class="ft1">mung enthalte. Mit "besonderen Vorschriften" seien primär zonen-</span><br/> <span class="ft1">spezifische abweichende Werte bzw. Berechnungen in der BNO ge-</span><br/> <span class="ft1">meint. Die Vorinstanz stützt sich bei ihrer Auffassung über Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck der Bestimmung massgeblich auf eine Kommentarstelle bei</span><br/> <span class="ft1">Zimmerlin zu § 164 Abs. 2 aBauG, wonach der Grund der Ab-</span><br/> <span class="ft1">hängigkeit zwischen Gebäude- und Grenzabständen darin liege, dass</span><br/> <span class="ft1">jeder Bauherr auf seinem Grundstück die Grenzabstände einhalten</span><br/> <span class="ft1">müssen solle, also nicht "auf Kosten des Nachbarn" bauen dürfe.</span><br/> <span class="ft1">Habe ein Altbau einen zu geringen Grenzabstand, müsse ein Neubau</span><br/> <span class="ft1">auf der Nachbarparzelle seinerseits nicht einen grösseren als den</span><br/> <span class="ft1">vorgeschriebenen Grenzabstand einhalten, was bewirke, dass bis zur</span><br/> <span class="ft1">Ersetzung des Altbaus ein kürzerer Gebäudeabstand als Summe der</span><br/> <span class="ft1">Grenzabstände in Kauf genommen werde (Erich Zimmerlin, Kom-</span><br/> <span class="ft1">mentar zum Baugesetz des Kantons Aargau vom 2. Februar 1971,</span><br/> <span class="ft1">2. Auflage, Aarau 1985; §§ 163-165 N 9).</span><br/> <span class="ft1">Auch die Beschwerdegegner berufen sich zu ihren Gunsten auf</span><br/> <span class="ft1">diese Literaturstelle. Es sei unerheblich, ob die Unterschreitung des</span><br/> <span class="ft1">Grenzabstands der bestehenden Baute infolge einer Rechtsänderung</span><br/> <span class="ft1">oder infolge einer Veränderung des Sachverhalts (Parzellierung) er-</span><br/> <span class="ft1">folgt sei. Es sei nicht ersichtlich, weshalb der Eigentümer der bereits</span><br/> <span class="ft1">erstellten Baute in der einen Konstellation den Nachteil zu tragen</span><br/> <span class="ft1">habe und in der andern nicht. In beiden Fällen müsse der Zweit-</span><br/> <span class="ft1">bauende nur den Grenzabstand einhalten. Diese Rechtsauffassung</span><br/> <span class="ft1">gehe auch aus der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts, etwa aus</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2003, S. 233, AGVE 2001, S. 294, sowie dem Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">gerichtsentscheid VGE III/77 vom 2.</span> <span class="ft1">November 2009</span><br/> <span class="ft1">(WBE.2008.378), S. 5, hervor.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">178</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Der Stadtrat Aarau (vormals Rohr) hält sogar dafür, § 20 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">ABauV entfalte überhaupt keine Wirkung, weil in der BNO Rohr</span><br/> <span class="ft1">keine Gebäudeabstände festgelegt seien. Der Gebäudeabstand habe</span><br/> <span class="ft1">für das vorliegende Verfahren keinerlei Bedeutung.</span><br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">6.1.</span><br/> <span class="ft1">Die bisherige Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts zur Ab-</span><br/> <span class="ft1">hängigkeit von Gebäude- und Grenzabstand hatte stets einen Bezug</span><br/> <span class="ft1">zu besonderen Gemeindevorschriften. Bei der Beurteilung, ob der</span><br/> <span class="ft1">Gebäudeabstand als Summe der Grenzabstände eingehalten werden</span><br/> <span class="ft1">musste, prüfte das Verwaltungsgericht jeweils Anwendbarkeit und</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzungen der massgeblichen Gemeindebestimmung:</span><br/> <span class="ft1">6.2.</span><br/> <span class="ft1">Bereits im Entscheid III/21 vom 22. April 1977 (S. 18 ff.) stellte</span><br/> <span class="ft1">das Verwaltungsgericht fest, dass der Gebäudeabstand (als Summe</span><br/> <span class="ft1">der Grenzabstände) des umstrittenen Bauvorhabens unterschritten</span><br/> <span class="ft1">war, erachtete dieses aber dennoch als bewilligungsfähig, da beson-</span><br/> <span class="ft1">dere Verhältnisse im Sinne von § 44 Abs. 3 (Satz 2) der Bauordnung</span><br/> <span class="ft1">der Gemeinde vorlagen, der wie folgt lautete:</span><br/> <span class="ft3">"Stehen auf anstossenden Grundstücken schon Bauten mit geringeren</span><br/> <span class="ft3">als den angegebenen Grenzabständen, so muss ein Neubau in der Re-</span><br/> <span class="ft3">gel den Gebäudeabstand einhalten. Werden die Überbauungsmöglich-</span><br/> <span class="ft3">keiten des Grundstückes durch diese Regelung zu stark eingeschränkt,</span><br/> <span class="ft3">so kann der Gemeinderat auf Antrag der Baukommission Näherbau auf</span><br/> <span class="ft3">den vorgeschriebenen Grenzabstand bewilligen, wenn inbezug auf Be-</span><br/> <span class="ft3">sonnung und Einsicht einwandfreie Verhältnisse geschaffen werden</span><br/> <span class="ft3">und wenn kein öffentliches Interesse verletzt wird, es sei denn, die</span><br/> <span class="ft3">Beteiligten einigen sich mit Zustimmung des Gemeinderates auf di-</span><br/> <span class="ft3">rekten Anbau."</span><br/> <span class="ft1">6.3.</span><br/> <span class="ft1">Auch in AGVE 2001, S. 293 ff., stand der Gebäudeabstand ei-</span><br/> <span class="ft1">ner Zweitbaute gegenüber einer bestehenden, den Grenzabstand</span><br/> <span class="ft1">unterschreitenden Baute auf dem Nachbargrundstück in Frage. Das</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgericht hielt zunächst fest, dass der Gebäudeabstand</span><br/> <span class="ft1">nach § 20 Abs. 2 ABauV des Bauvorhabens nicht eingehalten sei und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Bau-,Raumentwicklungs-u.Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">179</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">prüfte daher, ob die Voraussetzungen von § 67 Abs. 2 der Bauord-</span><br/> <span class="ft1">nung der Gemeinde vorlagen, welcher wie folgt lautete (S. 294):</span><br/> <span class="ft3">"Wenn auf Nachbargrundstücken bereits Bauten mit zu geringem</span><br/> <span class="ft3">Grenzabstand stehen, kann der Gebäudeabstand verringert werden,</span><br/> <span class="ft3">falls seine Einhaltung zu Härten führen würde. Der Grenzabstand ist</span><br/> <span class="ft3">dabei in jedem Fall einzuhalten. Die gesundheits-, feuer- und sicher-</span><br/> <span class="ft3">heitspolizeilichen Anforderungen müssen gewahrt bleiben."</span><br/> <span class="ft1">Das Verwaltungsgericht betonte den Ausnahmecharakter der</span><br/> <span class="ft1">Bestimmung und kam zum Schluss, dass kein Fall gegeben war, in</span><br/> <span class="ft1">dem die Einhaltung des Gebäudeabstands zu den erforderlichen</span><br/> <span class="ft1">Härten führte. Daher erachtete es das Bauvorhaben als nicht bewilli-</span><br/> <span class="ft1">gungsfähig (S. 296 ff.).</span><br/> <span class="ft1">6.4.</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2003, S. 227 ff., handelt anders als der vorliegende Fall</span><br/> <span class="ft1">vom Gebäudeabstand einer Kleinbaute (Pferdestall) im Sinne von</span><br/> <span class="ft1">§ 18 Abs. 1 ABauV. Auch in diesem Entscheid ergab sich im Übrigen</span><br/> <span class="ft1">aus der Anwendung der kommunalen Bauordnung, dass die</span><br/> <span class="ft1">Kleinbaute lediglich den Grenzabstand, nicht aber den Gebäudeab-</span><br/> <span class="ft1">stand zu dem vor Inkrafttreten der Bauordnung erstellten Nachbarge-</span><br/> <span class="ft1">bäude einhalten musste (S. 233 f.; vgl. auch § 18 Abs. 2 Satz 2</span><br/> <span class="ft1">ABauV, welcher nur auf Klein- und Anbauten anwendbar ist).</span><br/> <span class="ft1">6.5.</span><br/> <span class="ft1">Der Entscheid des Verwaltungsgerichts vom 2. November 2009</span><br/> <span class="ft1">(VGE III/77 [WBE.2008.378]), S. 5, betraf § 29 Satz 1 der Bauord-</span><br/> <span class="ft1">nung der Gemeinde Seon, welcher wie folgt lautet:</span><br/> <span class="ft3">"Für einen Neubau muss lediglich der vorgeschriebene Grenzabstand,</span><br/> <span class="ft3">nicht aber der Gebäudeabstand zu einem vor Inkrafttreten dieser Bau-</span><br/> <span class="ft3">ordnung erstellten Nachbargebäude eingehalten werden, wenn die ar-</span><br/> <span class="ft3">chitektonischen, gesundheits-, feuer- und sicherheitspolizeilichen An-</span><br/> <span class="ft3">forderungen gewahrt bleiben."</span><br/> <span class="ft1">Das Verwaltungsgericht schloss in diesem Entscheid darauf,</span><br/> <span class="ft1">dass kein Anwendungsfall dieser Bestimmung vorlag, da der Gebäu-</span><br/> <span class="ft1">deabstand eingehalten war.</span><br/> <span class="ft1">6.6.</span><br/> <span class="ft1">Aus der bisherigen Praxis des Verwaltungsgerichts lässt sich</span><br/> <span class="ft1">somit für den vorliegenden Fall, in dem es an besonderen Gemeinde-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">180</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">vorschriften fehlt, nichts ableiten. Dieser Rechtsprechung lässt sich</span><br/> <span class="ft1">ebenso wenig entnehmen, dass § 20 Abs. 2 ABauV die Anwendung</span><br/> <span class="ft1">zu versagen ist, wenn Gemeindevorschriften fehlen.</span><br/> <span class="ft1">7.</span><br/> <span class="ft1">7.1.</span><br/> <span class="ft1">Obschon besondere Vorschriften vorliegend fehlen, wendet die</span><br/> <span class="ft1">Vorinstanz § 20 Abs. 2 ABauV unter Berufung auf dessen Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck nicht an. Eine solche vom Wortlaut nicht mehr gedeckte Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzesinterpretation ist entgegen der Ansicht der Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft1">nicht mehr Erkenntnis teleologischer Auslegung, sondern Lücken-</span><br/> <span class="ft1">füllung. Eine Lücke setzt jedoch eine planwidrige Unvollständigkeit</span><br/> <span class="ft1">des Gesetzes voraus, so dass anzunehmen ist, der Gesetzgeber hätte,</span><br/> <span class="ft1">wäre er sich dieser Tatsache bewusst gewesen, anders entschieden</span><br/> <span class="ft1">(Entscheid des Verwaltungsgericht vom 11. Dezember 1986, in:</span><br/> <span class="ft1">ZBl 88/1987, S. 556 f.; AGVE 1976, S. 258; Ulrich Häfelin / Georg</span><br/> <span class="ft1">Müller / Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 5. Auflage,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 2006, Rz. 243 ff.).</span><br/> <span class="ft1">7.2.</span><br/> <span class="ft1">7.2.1.</span><br/> <span class="ft1">§ 20 Abs. 2 ABauV weist indes keine Lücke auf, was eine</span><br/> <span class="ft1">Auslegung nach Sinn und Zweck belegt: Abstandsvorschriften wie</span><br/> <span class="ft1">§ 20 Abs. 2 ABauV dienen einerseits den Interessen des Nachbarn</span><br/> <span class="ft1">am Schutz vor rechtserheblichen Einflüssen von Bauten und ihrer</span><br/> <span class="ft1">Benutzung (z.B. vor Beeinträchtigungen der Belichtung, Besonnung,</span><br/> <span class="ft1">Belüftung und Aussicht oder zu weitgehender Einsehbarkeit). An-</span><br/> <span class="ft1">dererseits verwirklichen sie öffentliche Interessen, namentlich solche</span><br/> <span class="ft1">der Feuerpolizei, der Wohnhygiene, der Siedlungsgestaltung und der</span><br/> <span class="ft1">Ästhetik (AGVE 2001, S. 298; Zimmerlin, a.a.O., §§ 163-165 N 3).</span><br/> <span class="ft1">Die Gewährleistung dieser Anliegen macht gerade dann Sinn, wenn</span><br/> <span class="ft1">eine benachbarte Altbaute den Grenzabstand zur Bauparzelle nicht</span><br/> <span class="ft1">einhält. Der Zweck der Vorschrift spricht somit in solchen Fällen für</span><br/> <span class="ft1">die Anwendung von § 20 Abs. 2 ABauV.</span><br/> <span class="ft1">Der Zweck von § 20 Abs. 2 ABauV kann sinnvollerweise nur</span><br/> <span class="ft1">darin erblickt werden, eine Rechtsfolge vorzusehen, die über die</span><br/> <span class="ft4"><i>Grenz</i>abstandsvorschriften hinausgeht. Hält nämlich ein benach-</span><br/> <span class="ft1">barter Altbau den Grenzabstand ein, gelangen ohne Weiteres die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Bau-,Raumentwicklungs-u.Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">181</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Grenzabstandsvorschriften zur Anwendung. Das gälte auch dann,</span><br/> <span class="ft1">wenn dies in § 20 Abs. 2 ABauV nicht speziell erwähnt würde. Für</span><br/> <span class="ft1">diesen Fall hätte diese Bestimmung lediglich deklaratorische Be-</span><br/> <span class="ft1">deutung. Eine normative Wirkung entfaltet sie nur dann, wenn eine</span><br/> <span class="ft1">benachbarte Altbaute den geltenden Grenzabstand unterschreitet.</span><br/> <span class="ft1">Weil Gesetzesvorschriften normalerweise auf eine Rechtsgestaltung</span><br/> <span class="ft1">ausgelegt sind, handelt es sich hierbei um den Hauptanwendungsfall</span><br/> <span class="ft1">von § 20 Abs. 2 ABauV. Diese Vorschrift in sämtlichen Fällen eines</span><br/> <span class="ft1">Unterabstands nicht anzuwenden, hiesse, sie im Hinblick auf den</span><br/> <span class="ft1">Hauptanwendungsfall ihres Sinngehalts zu entleeren.</span><br/> <span class="ft1">§ 20 Abs. 2 ABauV lässt den Gemeinden Raum zum Erlass be-</span><br/> <span class="ft1">sonderer Vorschriften, um lokalen Besonderheiten Rechnung zu tra-</span><br/> <span class="ft1">gen. Wie die vorerwähnte Praxis belegt, haben zahlreiche Gemeinden</span><br/> <span class="ft1">von dieser Rechtsetzungsbefugnis Gebrauch gemacht. Beispielsweise</span><br/> <span class="ft1">enthielt auch die Bauordnung der Gemeinde Rohr vom 27. Juni 1977</span><br/> <span class="ft1">/ 5. Juni 1978 noch eine entsprechende Bestimmung: "Wenn auf</span><br/> <span class="ft1">Nachbargrundstücken bereits Bauten mit zu geringem Grenzabstand</span><br/> <span class="ft1">stehen, kann der Gebäudeabstand verringert werden, falls seine</span><br/> <span class="ft1">Einhaltung zu Härten führen würde. Der Grenzabstand ist dabei in</span><br/> <span class="ft1">jedem Fall einzuhalten" (Art.</span> <span class="ft1">51). Wo besondere Gemeinde-</span><br/> <span class="ft1">vorschriften jedoch fehlen, muss es bei der kantonalen Grundord-</span><br/> <span class="ft1">nung bleiben, wonach der Gebäudeabstand der Summe der Grenzab-</span><br/> <span class="ft1">stände entsprechen muss. Die kantonale Grundordnung führt auch</span><br/> <span class="ft1">nicht zu übertriebenen Härten, kann doch bei ausserordentlichen</span><br/> <span class="ft1">Verhältnissen immer noch eine Ausnahmebewilligung nach § 67</span><br/> <span class="ft1">BauG erteilt werden. Als unzutreffend erweist sich somit die An-</span><br/> <span class="ft1">nahme, § 20 Abs. 2 ABauV wolle sicherstellen, dass jeder Bauherr</span><br/> <span class="ft1">auf seinem Grundstück die Grenzabstände wahren müsse und nicht</span><br/> <span class="ft1">"auf Kosten des Nachbarn" bauen dürfe. Ein solches Ziel ergibt sich</span><br/> <span class="ft1">nicht aus der kantonalen Grundordnung, sondern wäre mit besonde-</span><br/> <span class="ft1">ren Gemeindevorschriften zu verfolgen.</span><br/> <span class="ft1">7.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Im Lichte dieser Überlegungen sind auch die Ausführungen von</span><br/> <span class="ft1">Zimmerlin zu würdigen, der im Grundsatz ebenfalls davon ausgeht,</span><br/> <span class="ft1">dass der Zweitbauende hinter seinen Grenzabstand zurückweichen</span><br/> <span class="ft1">muss (Zimmerlin, a.a.O., §§ 163-165, N 9 Kleingedrucktes, Satz 1).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">182</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Dazu kommt es nur dann, wenn der benachbarte Altbau den Grenz-</span><br/> <span class="ft1">abstand gegenüber der Bauparzelle unterschreitet. Auf die Aussage</span><br/> <span class="ft1">von Zimmerlin, wonach "bei Vergrösserung der Abstände durch Bau-</span><br/> <span class="ft1">rechtsänderung [...] der Eigentümer einer früher rechtmässig er-</span><br/> <span class="ft1">richteten, nach den neuen Vorschriften nun aber zu nahe an die</span><br/> <span class="ft1">Grenze gestellten Baute nicht von dem zu seinen Gunsten nachträg-</span><br/> <span class="ft1">lich vergrösserten Grenzabstand profitieren" könne, folgt der Hin-</span><br/> <span class="ft1">weis auf den Entscheid des Verwaltungsgerichts (VGE) III/106 vom</span><br/> <span class="ft1">13. Dezember 1983 (richtig: 1982). Im besagten Entscheid hielt das</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgericht lediglich fest, dass sich eine solche Vorrangstel-</span><br/> <span class="ft1">lung des Eigentümers der Altbaute nicht aus der Besitzstandsgarantie</span><br/> <span class="ft1">ergebe (Erw. II 3 b). Im Folgenden prüfte das Verwaltungsgericht</span><br/> <span class="ft1">aber die Voraussetzungen von § 36 Abs. 1 der lokalen Bauordnung,</span><br/> <span class="ft1">wonach gegenüber Gebäuden, die <i>schon vor Inkrafttreten der Bau-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>ordnung bestanden</i>, die Gebäudeabstände unterschritten werden</span><br/> <span class="ft1">konnten, sofern dies städtebaulich tragbar und für den Nachbarn zu-</span><br/> <span class="ft1">mutbar war (Erw. III c). Aus der erwähnten Kommentarstelle lässt</span><br/> <span class="ft1">sich somit nicht ableiten, dass die Einhaltung der Grenzabstandsvor-</span><br/> <span class="ft1">schriften auch dann genügt, wenn die Gemeinde keine besonderen</span><br/> <span class="ft1">Vorschriften erlassen hat.</span><br/> <span class="ft1">7.3.</span><br/> <span class="ft1">Dem Gesetz lassen sich ebenso wenig Hinweise für die Auffas-</span><br/> <span class="ft1">sung der Beschwerdegegner entnehmen, dass mit den vorgeschriebe-</span><br/> <span class="ft1">nen Grenzabständen nach § 20 Abs. 2 ABauV nicht die heutigen,</span><br/> <span class="ft1">sondern jene zur Zeit der Realisierung des jeweiligen Bauvorhabens</span><br/> <span class="ft1">gemeint seien. Wäre es die Absicht des Gesetzgebers gewesen, nicht</span><br/> <span class="ft1">mehr in Kraft stehende Bestimmungen für massgebend zu erklären,</span><br/> <span class="ft1">hätte er dies im Wortlaut der Bestimmung zum Ausdruck gebracht.</span><br/> <span class="ft1">Ohne anderslautende Hinweise ist davon auszugehen, dass die</span><br/> <span class="ft1">Grenzabstandsvorschriften des geltenden Rechts gemeint sind.</span><br/> <span class="ft1">7.4.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführer machen somit zu Recht geltend, dass die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdegegner mit ihrem Vorhaben hinter den Grenzabstand zu-</span><br/> <span class="ft1">rückweichen müssen. Ein rechtsmissbräuchliches Verhalten kann</span><br/> <span class="ft1">darin nicht erblickt werden.</span><br/></div> </div> </body> </html>