Urteil des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 10. Januar 2017 (460 16 145) ____________________________________________________________________ Strafrecht Versuchter Betrug Besetzung Präsident Dieter Eglin, Richter Stephan Gass (Ref.), Richter Markus Mattle; Gerichtsschreiber Stefan Steinemann Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft, Allgemeine Haupt- abteilung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Anklagebehörde gegen A._____, vertreten durch Advokat Dr. Christian von Wartburg, Hauptstrasse 104, 4102 Binningen, Beschuldigter und Berufungskläger Gegenstand versuchter Betrug Berufung gegen das Urteil des Präsidenten des Strafgerichts vom 23. Mai 2016 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Mit Urteil vom 23. Mai 2016 erkannte der Präsident des Strafgerichts Folgendes: „1. A._____ wird in teilweiser Abänderung des Strafbefehls der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft, Allgemeine Hauptabteilung, vom 10. September 2015 des ve r- suchten Betrugs schuldig erklärt und verurteilt zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 70 Tagessätzen à Fr. 150.--, bei einer Probezeit von 2 Jahren, sowie zu einer Busse von Fr. 2‘000.--, bei schuldhaftem Nichtbezahlen der Busse tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheits- strafe von 20 Tagen, in Anwendung von Art. 146 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 34 StGB, Art. 42 Abs. 1 und Abs. 4 StGB, Art. 44 Abs. 1 StGB sowie Art. 106 StGB. 2. Die Verfahrenskosten, bestehe nd aus den Kosten des Vorverfahrens in der Höhe von Fr. 1‘274.-- sowie der Gerichtsgebühr von Fr. 2‘000.--, gehen gestützt auf Art. 426 Abs. 1 StGB zulasten von A._____. Wird mangels Berufung keine nachträgliche schriftliche Urteilsbegründung ausg e- fertigt, wird die Gerichtsgebühr auf Fr. 1‘000.-- ermässigt.“ B. Gegen dieses Urteil meldete A._____ (nachfolgend: „Beschuldigter“) mit Eingabe vom 1. Juni 2016 Berufung an. C. Mit Berufungserklärung vom 5. Juli 2016 begehrte der Beschuldigte, es sei das angefoch- tene Urteil aufzuheben und er sei vom Vorwurf des versuchten Betrugs freizusprechen; unter o/e-Kostenfolge für das erst- und zweitinstanzliche Verfahren zulasten des Staats. D. Mit Verfügung des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 4. Okt o- ber 2016 wurde festgestellt, dass der Beschuldigte auf eine schriftliche Berufungsbegründung verzichtet hat. E. Zur heutigen Berufungsverhandlung erscheinen der Beschuldigte und der Staatsanwalt Pascal Pilet. Der Beschuldigte besteht auf se inen Berufungsanträgen und die Staatsanwal t- schaft begehrt die Abweisung der Berufung. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Erwägungen I. EINTRETEN AUF DIE BERUFUNG (…) II. TATSÄCHLICHES A. Anklagevorwurf und Standpunkt des Beschuldigten 1. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten in dem als Anklage beim Strafgericht eingereichten Strafbefehl vom 10. September 2015 im Wesentlichen vor, er habe am Sonntag, dem 5. Oktober 2014, zwischen zirka 13:00 und 13:10 Uhr, an der B._____strasse 1 in C._____, mit einem Schraubenzieher sein en Personenwagen D._____ mit dem Kontrollschild BL 2._____ ringsum zerkratzt, wodurch ein Sachschaden von zirka Fr. 3‘900.-- entstanden sei. Sein Fahrzeug sei ein paar Tage zuvor auf den dortigen Parkplatz der Garage E._____ AG ab- gestellt worden. In der Absicht, sich unrechtmässig zu bereichern, habe er der I._____ Versi- cherung den angeblichen Vandalismus-Schaden bereits ein paar Tage zuvor gemeldet. Er habe so versucht, die I._____ Versicherung absichtlich durch Vorspiegelung falscher Tatsachen ar g- listig zu täuschen. Eine Vermögensdisposition habe nicht stattgefunden, da Anwohner ihn beim Zerkratzen des Fahrzeugs beobachtet und dies der Versicherung gemeldet hätten. 2. Der Beschuldigte macht im Berufungsverfahren insbesondere geltend, auf Nachfrage des Verteidigers hin sei sich die Zeugin F._____ vor den Schranken der Vorinstanz nicht mehr sicher gewe sen, ob sie Kratzg eräusche gehört habe. Der Zeuge G._____ habe bekundet, nachdem der Beschuldigte hinter dem Fahrzeug vorbeige gangen sei, habe seine Ehefrau F._____ das Fenster geöffnet und ihn angesprochen. Danach habe sie das Fenster wieder g e- schlossen. Trotzdem wollten G._____ und F._____ Kratzgeräusche gehört haben. G._____ habe im Gespräch mit dem Vertreter der I._____ Versicherung aussagt, er habe das Auto zuvor angeschaut und es habe noch gut ausgesehen . Anlässlich der Einvernahme durch die Staat s- anwaltschaft habe er unter Strafandrohung ausge führt, das Auto der Marke D._____ sei ihm nicht aufgefallen. Zwischen diesen Aussagen bes tehe ein eklatanter Widerspruch. Die Zeugen hätten sich in etwas hineingesteigert und könnten nicht mehr zurück. In Anbetracht all dessen lasse sich der Anklagesachverhalt nicht nachweisen. Im Übrigen könne sich niemand erlauben, am helllichten Tag zu einem Auto zu gehen, zu telefonieren und dieses zu zerkratzen. Wenn er es mit der Wahrheit nicht genau nehmen würde, wäre es nicht möglich, dass er 43 Jahre ohne Vorstrafen durchs Leben gegangen sei. B. Grundsätze des Sachverhaltsnachweises 1. Gemäss der aus Art. 32 Abs. 1 BV fliessenden und in Art. 6 Ziff. 2 EMRK sowie Art. 10 Abs. 3 StPO verankerten Maxime "in dubio pro reo" ist bis zum gesetzlichen Nachweis ihrer Schuld zu vermuten, dass die einer strafbaren Handlung beschuldigte Person unschuldig ist (Art. 10 Abs. 1 StPO). Der Grundsatz "in dubio pro reo" besagt, dass sich das Strafgericht nicht von einem für den Beschuldigten ungünstigen Sachverhalt überzeugt erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Vorausse tzungen der ang e- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht klagten Tat bestehen. Das Gericht darf sich nicht nach Gutdünken und rein subjektivem Em p- finden von der Schuld der beschuldigten Person überzeugt zeigen. Bloss abstrakte und theor e- tische Zweifel sind aber ohne Bedeutung. Es müssen vielmehr erhebliche und nicht zu unte r- drückende Zweifel vorliegen. Relevant sind mithin nur unüberwindliche Zweifel, d.h. solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen. Die Entscheidregel besagt indes nicht, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln u nbesehen auf den für den Beschuldigten günstigeren Beweis abzustellen ist. Der Grundsatz "in dubio pro reo" kommt nur zur Anwendung, wenn nach erfolgter Beweiswürdigung als Ganzem relevante Zweifel verbleiben (BGer. 6B_913/2015 vom 19. Mai 2016 E. 1.3.2). 2. Bedeutsam für die Wahrheitsfindung ist die Glaubhaftigkeit der konkreten Aussage, die durch methodische Analyse ihres Inhalts darauf überprüft wird, ob die auf ein bestimmtes G e- schehen bezogenen Angaben einem tatsächlichen Erleben des Zeugen entspringe n. Damit eine Aussage als zuverlässig gewürdigt werden kann, ist sie insbesondere auf das Vorhande n- sein von Realitätskriterien und umgekehrt auf das Fehlen von Phantasiesignalen zu überprüfen. Entscheidend ist, ob die aussagende Person unter Berücksichtigu ng der Umstände, ihrer inte l- lektuellen Leistungsfähigkeit und der Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen Erle b- nishintergrund machen könnte. Methodisch wird die Prüfung in der Weise vorgenommen, dass das im Rahmen eines hypothesengeleiteten Vorgehen s durch Inhaltsanalyse (aussageimm a- nente Qualitätsmerkmale, sogenannte Realkennzeichen) und Bewertung der Entstehungsg e- schichte der Aussage sowie des Aussageverhaltens insgesamt gewonnene Ergebnis auf Fe h- lerquellen überprüft und die persönliche Kompetenz d er aussagenden Person analysiert we r- den. Dabei wird zunächst davon ausgegangen, dass die Aussage gerade nicht realitätsbegrü n- det ist, und erst wenn sich diese Annahme (Nullhypothese) aufgrund der festgestellten Real i- tätskriterien nicht mehr halten lässt, wird geschlossen, dass die Aussage einem wirklichen Erle- ben entspricht und wahr ist (vgl. BGE 133 I 33 E. 4.3). Aus dem menschlichen Gedächtnis kön- nen nach einer längeren Zeit in der Regel nicht mehr sämtliche Einzelheiten einer früheren Handlung abgerufen werden. Kommt es indes zu wechselnden und widersprüchlichen Depositi- onen bezüglich von Punkten, an welche sich die aussagende Person erinnern können sollte, legt dies grundsätzlich nahe, dass nicht von wirklich Erlebtem berichtet wird. C. Eingestandene und bestrittene Tatsachen Der Beschuldigte anerkennt, auf dem Parkplatz der Garage E._____ AG an der B._____strasse 1 in C._____ an seinem Personenwagen D._____ mit dem Kontroll schild BL 2._____ hantiert zu haben. Indessen stellt der Beschuldigte in Abrede , dabei in betrügerischer Absicht den Lack seines Fahrzeugs zerkratzt zu haben. D. Schadensanzeige und Aussagen 1. Der Präsident des Strafgerichts gab die wesentlichen Aussagen des Beschuldigten und die Aussagen der Zeugen G._____ und F._____ korrekt wieder (Urteil des Präsidenten des Strafgerichts vom 23. Mai 2016 [Urt. SG] E. I/A /2). Darauf ist zwecks Vermeidung von unnöt i- gen Wiederholungen vorab zu verweisen ( Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgenden Bemerku n- gen sind bloss ergänzender Natur. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Am 3. Oktober 2014 um 13:40 Uhr meldete der Beschuldigte der I._____ Versicherung telefonisch einen Schaden an seinem Auto durch Zerkratzen (act. 155). In der undatierten Schadenanzeige gegenüber der I._____ Versicherung zeigte der Beschuldigte an, er h abe am Freitag, 26. September 2014 bei seinem in C._____ in der Garage an der B._____strasse ab- gestellten Auto festgestellt, dass dieses rundherum und auf der Motorhaube zerkratzt sei. Am Samstag sei er zum Auto gegangen, um die Kratzer mit einem Schrauben zieher zu prüfen und um einige persönliche Sachen wie z.B. den Ersatzschlüssel des Zweitwagens zu holen (act. 58). Bei der Besprechung mit dem Schadeninspektor der I._____ Versicherung vom 16. Januar 2015 machte der Beschuldigte geltend, nachdem er eine SM S erhalten habe, dass das Auto in der Schweiz abgeladen worden sei, habe er sich zum Auto begeben, um den zweiten Schlüssel vom Mini seiner Frau zu holen. Dabei habe er festgestellt, dass das Auto zerkratzt gewesen sei. Vier Tage später, am Samstag, 4. Oktober 2014 sei er nochmals zum Auto gefahren. Er habe einen Schraubenzieher dabei gehabt, um zu sehen, ob das Auto mit einem solchen zerkratzt worden sei. Erst zu diesem Zeitpunkt habe er im Übrigen gesehen, dass das Fahrzeug komplett zerkratzt gewesen sei. Er habe die ganze Breite des Autos geprüft. Er sei den Kratzern auf der Motorhaube nachgefahren (act. 135 ff.). In der Einvernahme vom 28. April 2015 bekundete der Beschuldigte, er sei mit einem Schraubenzieher auf den Parkplatz hinter der Garage E._____ AG gegangen, weil er sein Auto am vorherigen Mittwoch oder Donnerstag zerkratzt vorgefu n- den gehabt habe. Er habe feststellen wollen, ob die Kratzer mit einem Schlüssel, Schraube n- zieher oder ähnlichem Gegenstand verursacht worden seien. Den Schraubenzieher habe er seinem Auto entnommen. Weil das Fahrzeug mit der Front direkt an einem Geländer abgestellt gewesen sei, habe er nicht vor das Auto stehen können, um die Motorhaube auf ihrer ganzen Breite zerkratzen zu können (act. 165 ff.). Im Rahmen der Befragung vom 18. August 2015 gab der Beschuldigte an, am Montag, 29. September 2014 sei er zu Herr n E._____ von seiner Hausgarage gegangen. An diesem Tag sei das Auto noch nicht zerkratzt gewesen. Am Dien s- tagabend sei er nochmals vorbeigegangen, um seine Sache n abzuholen, und habe bemerkt, dass sein Auto zerkratzt gewesen sei. Am Sonntag, 5. Oktober 2014 sei er zum Auto gefahren, um den Ersatzschlüssel des Autos seiner Frau zu holen und dieses noch auszuräumen. Mit einem seinem Fahrzeug entnommenen Schraubenzieher und einem Schlüssel habe er g e- schaut, durch was die Kratzer verursacht worden seien. Er bestätigte weiter seine Deposition vom 28. April 2015, wonach das Auto mit der Front direkt an einem Geländer abgestellt gew e- sen sei, und er deswegen nicht vor das Fahr zeug habe stehen können, um dieses zu zerkra t- zen. Auf Vorhalt, dass er bei der Besprechung mit dem Schadeninspektor der I._____ Versiche- rung ausgeführt habe, die ganze Breite geprüft zu haben und mit einem Schraubenzieher auf der Motorhaube nachgefahren zu sein, entgegnete er, die Besprechung bei der I._____ Versi- cherung sei falsch protokolliert worden. Er habe dies nicht gesagt (act. 197 ff.). Vor Strafgericht gab er an, er sei von der Seite und bei der Motorhaube vorne den Kratzern nachgefahren. Er sei am Sonntag zur Garage gegangen , ha be dies jedoch nicht getan, um den Kratzspuren nachzufahren. Er habe sich dorthin begeben, um die Taschen seines Kollegen aus dem Auto zu holen (act. 331 ff.). Anlässlich der zweitinstanzlichen Hauptverhandlung gab der Beschuldigte an, er habe die Kratzer am Auto am Donnerstag , 2. Oktober 2014 festgestellt. Als er am Sam s- tag bzw. Sonntag das Auto habe ausräumen wollen, habe er diese richtig gesehen. Als er die Kratzer erstmals bemerkt habe, sei es am Abend um 6 Uhr gewes en und er habe es nicht ric h- tig angeschaut. Er habe einen Schraubenzieher im Handschuhfach gehabt. Da er habe wissen Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht wollen, wie tief die Kratzer seien, sei er damit diesen nachgefahren. Den Kratzern sei er auch bei der Motorhaube nachgefahren (Prot. HV KG vom 10.01.2017, S. 9 ff.). E. Würdigung des Sachverhalts 1. Zur allgemeinen Glaubwürdigkeit des Beschuldigten ist festzustellen, dass er als unmit- telbar von allfälliger Straffolge betroffene Person ein legitimes Interesse hat, sein Verhalten in einem für ihn möglichst günstigen Licht darzustellen. Seine Aussagen sind daher naturgemäss mit einer gewissen Vorsicht zu würdigen. Was die allgemeine Glaub würdigkeit der Zeugen G._____ und F._____ anbetrifft, ist auszuführen, dass sie als völlig unbeteiligte Dritte kein eige- nes Interesse am Ausgang des Strafverfahrens haben und bei der Staatsanwaltschaft und er s- ten Instanz unter der strengen Strafandrohung v on Art. 307 StGB einvernommen wurden. Demnach sind keine Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit der Zeugen G._____ und F._____ zu erheben. 2. Der Zeuge G._____ gab in seiner Einvernahme vom 8. Juli 2015 bei der Staatsanwalt- schaft zu Protokoll, dass der Beschuldigte einen Schraubenzieher in der Hand gehabt und Mus- ter in das Auto hineingekratzt habe. Das Geräusch hätten er und seine Ehefrau wahrgenom- men. Es habe in den Ohren wehgetan ; das Geräusch sei durch Magen und Beine gegangen. Damit schildert er realitätsn ah und glaubhaft, wie er das Kratzgeräusch wahrn ahm. Ebenso führte die Zeugin F._____ übereinstimmend in ihrer Befragung vom 8. Juli 2015 bei der Staats- anwaltschaft aus, dass der Beschuldigte einen Gegenstand mit einem roten Griff gehabt und damit Figuren auf das Auto gekratzt habe. Man habe gehört, wie es „chrost“ (act. 189). Es ist kaum anzunehmen, dass die beiden Zeugen die Dreistigkeit haben, den ihnen völlig unbekann- ten Beschuldigten wider besseres Wissen einer in Tat und Wahrheit nicht stattgefundenen Straftat zu bezichtigen. Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung gab die Zeugin F._____ auf Frage des Verteidigers des Beschuldigten zu Protokoll, sie habe das Gefühl g e- habt, sie habe das Geräusch vom Blech gehört und es habe wehgetan. Das Kratz en an Autos tue weh. Auf Nachfrage des Verteidigers des Beschuldigten bekundete sie, sie habe das Gefühl gehabt, sie habe es gehört. Wenn er sie frage, ob sie sicher sei, sei dies ein Problem, welches sie durcheinander bringe; dies sei ganz schwierig (act. 343). Bei der rund neun Monate nach dem Vorfall stattgefundenen Befragung durch die Staatsanwaltschaft bekundete die Zeugin F._____, das Kratzgeräusch wahrgenommen zu haben. Bei der rund 20 Monate nach dem frag- lichen Ereignis erfo lgten Einvernahme vor der ersten Instanz brachte die Zeugin F._____ zu- nächst zum Ausdruck, das Kratzgeräusch gehört zu haben. Erst auf Nachfrage des Verteidigers des Beschuldigten zeigte sie sich nicht mehr sicher, ob sie dieses wahrgenommen hatte. Zufo l- ge des langen Zeitablaufs seit dem Vorfall und des damit einhergehenden Verblassens von Erinnerungen kann aus dieser kundgetanen Unsicherheit indes nicht geschlossen werden, die besagte Deposition sei unwahr. Die prinzipielle Zurückhaltung und der fehlende Belastungseifer sprechen im Gegenteil vielmehr für die Glaubwürdigkeit der Aussage. Ebenso für die Glaubhaf- tigkeit der Depositionen der Zeugin F._____ spricht die anlässlich der erstinstanzlichen Haup t- verhandlung an den Tag gelegte Aussage, sie erkenne den Beschuldigten nicht mehr als jenen wieder, welcher die Beschädigungen vorgenommen habe. Nichts zu seinen Gunsten vermag der Beschuldigte sodann aus seinem Vorbringen abzuleiten, dass die Zeugen G._____ und F._____, nachdem die Zeugin F._____ das Fenster ge öffnet und wieder geschlossen gehabt Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht habe, dennoch die Kratzgeräusche gehört haben wollten. Der Zeuge G._____ führte nämlich nicht aus, er habe die Kratzgeräusche nach dem Schliessen des Fensters gehört. Vielmehr b e- kundete er, nachdem seine Frau das Fenster geschlossen habe, hätten sie beobachtet, wie der Beschuldigte weitergemacht habe (act. 177). Zudem sei angemerkt, dass als das Fenster offen war, die beiden Zeugen fraglos Kratzgeräusche am 10 - 12 Meter entfernten Auto wahrnehmen konnten. Im Weiteren ist der Hinweis des Beschuldigten korrekt, dass G._____ bei der Bespre- chung mit dem Schadeninspektor der I._____ Versicherung vom 16. Januar 2015 bekundete, er habe das Auto zuvor angeschaut und es habe noch gut ausgesehen (act. 143). Bei der Einve r- nahme durch die Staatsanwaltschaft gab der Zeuge G._____ indes zu Protokoll, er habe dieses Fahrzeug zuvor auf dem Parkplatz nicht wahrgenommen (act. 175). Zwischen diesen Aussagen scheint zwar auf den ersten Blick eine Divergenz zu bestehen. Allerdings ist zu beachten, dass aus der Aussage bei der I._____ Versicherung nicht hervorgeht, unter welchen Umständen der Zeuge G._____ das Auto angesehen haben will. Es kann durchaus sein, dass er mit seiner D e- position einfach meinte, er habe das Fahrzeug nochmals angeschaut , bevor der Beschuldigte mit dem Schraubenzieher darüberfuhr. Diesfalls wäre somit davon auszugehen, dass er dieses Auto vor dem streitgegenständ lichen Vorfall nicht beachtete. Ein Widerspruch ist diesfalls zu seiner Deposition bei der Staatsanwaltschaft ausgeschlossen. Insgesamt erweisen sich die von den Zeugen G._____ und F._____ während des Verfahrens gemachten Depositionen als real i- tätsnah, detailreich und in sich stimmig, weshalb prinzipiell darauf abgestellt werden kann. 3. Demgegenüber enthalten die Depositionen des Beschuldigten mannigfaltige Ungereim t- heiten und Widersprüche. So nannte d er Beschuldigte in den diversen Befragungen verschie- dene Tage, an welchen er die Kratzer auf seinem Auto das erste Mal gesehen haben will. Die erwähnten Tage lieg en zwischen Freitag, 26. September 2014 und Donnerstag, 2. Oktober 2014. Sodann führte er höchst unterschiedliche Gründe für die Fahrt am Sonntag, 5. Oktober 2014 zu seinem Auto an. So nannte er hierfür in der undatierten Schadenanzeige als Grund die Überprüfung von Kratzern mit einem Schraubenzieher und das Abholen von einigen persönli- chen Sachen wie z.B. den Ersatzschlüssel des Zweitwagens. Laut seinen Ausführungen bei der Besprechung mit der I._____ Versicherung soll er diese Fahrt unternommen haben, um den zweiten Schlüssel vom Mini seiner Frau zu holen. Laut seinen Depositionen in der ersten B e- fragung durch die St aatsanwaltschaft war der Anlass , den Ersatzschlüssel des Autos seiner Frau zu holen und sein Auto noch auszuräumen. Im klaren Widerspruch dazu bekundete er vor Strafgericht plötzlich, er habe sich am fraglichen Tag nicht zur Garage E._____ AG begeben, um den Kratzspuren nachzufahren. Er habe sich vielmehr dorthin begeben, um die Taschen seines Kollegen aus dem Auto zu holen. Ausserdem machte d er Beschuldigte bei der Bespr e- chung mit der I._____ Versicherung sowie im erst - und zweitinstanzlichen Gerichtsverfahren geltend, er sei den Kratzern vorne bei der Motorhaube nachgefahren. Im Vorverfahren gab er indes im Widerspruch dazu an, es sei nicht mög lich gewesen, vorne bei der Motorhaube den Kratzern nachzufahren, weil sein Auto direkt bei einem Geländer abgestellt gewesen sei. W i- dersprüchlich sind auch seine Depositionen zum Stellenwert des Autos für ihn. So sagte er im Gespräch mit der I._____ Versicherung, ein Auto sei ein Gegenstand mit vier Rädern und einer Heizung für den Transport von A nach B. Im Gegensatz dazu bekundete er in der zweiten B e- fragung durch die Staatsanwaltschaft, das Auto sei für ihn so wichtig wie eine Frau gewesen. Unstimmig ist zudem sein Aussageverhalten bei der zweiten Einvernahme durch die Staatsa n- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht waltschaft bezüglich des von ihm benutzten Fahrzeugs zur Anreise zur Garage E._____ AG in C._____ am fraglichen Sonntag. Zunächst bestritt er dezidiert, mit einem Fahrzeug mit eine r baselstädtischen Nummer in C._____ gewesen zu sein. Nachdem ihm der Halter des betreffen- den Autos vorgehalten wurde, räumte er indes ein, sich mit dem früher ihm gehörenden Auto der Marke D._____ mit baselstädtischem Kennzeichen, nunmehr eingelöst auf H._____, zu r Garage begeben zu haben (act. 209). Die Ausführungen des Beschuldigten weisen folglich zahlreiche und teilweise eklatante Widersprüche auf , was an der Glaubhaftigkeit der entspr e- chenden Depositionen erhebliche Zweifel aufkommen lässt. Im Weiteren erscheint es generell als lebensfremd, dass der Beschuldigte die Kratzer im Auto- lack mit dem Schraubenzieher und Autoschlüssel nachgefahren sein soll, um das Ausmass der Beschädigung feststellen zu können. Die Tiefe der Kratzer hätte vielmehr problemlos mit dem Daumen oder vo n blossem Auge überprüft werden können , anstatt mit einem spitzen Gege n- stand wie Schraubenzieher oder Autoschlüssel , was zudem noch die Gefahr von zu sätzlichen Beschädigungen mit sich brachte . Überdies ist es gänzlich unerklärlich, weshalb der Beschu l- digte für die Überprüfung der Beschädigung des Autos sämtlichen Kratzspuren auf allen Seiten hätte nachfahren müssen. Zudem ist nicht ersichtlich, weshalb der Beschuldigte am Sonntag, 5. Oktober 2014 den Schaden an seinem Auto selber in Erfahrung hätte bringen sollen. Er hätte naheliegenderweise einfach warten können, bis der Experte der I._____ Versicherung am 6. Oktober 2014 den Schaden begutachtet. Angesichts all des Dargestellten bestehen ganz erhebliche Zweifel an den Depositionen des Beschuldigten. Demgegenüber liegt es auf der Hand, dass die realitätsnahen, detailreich en und in sich stimmig en Aussagen der Zeugen G._____ und F._____ der Wahrheit entsprechen, zumal auch nicht ansatzweise ersichtlich ist, dass die Zeugen aus mutmasslich reiner Boshaftigkeit eine ihnen völlig unbekannte Person einer Straftat bezichtigen würden. 4. Der Präsident des Strafgerichts arbeitete überdies überzeugend heraus, weshalb eine unbekannte Dritttäterschaft als Urheber d er Kratzer am Auto des Beschuldigten ausgeschlo s- sen werden muss (Urt. SG E. I/A/3). Zur Vermeidung von überflüssigen Wiederholungen kann vollumfänglich auf diese unstrittigen Erwägungen verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). 5. Der Beschuldigte verlangte am 7. Oktober 2014 von der I._____ Versicherung die Au s- zahlung des vom Experten auf Fr. 3‘900.-- geschätzten Sachschadens an seinem Auto (act. 157). Das Zerkratzen des Autos durch den Beschuldigten am 5. Oktober 2014 lässt sich nicht anders erklären, als dass der Beschuldigte dies tat, um von der I._____ Versicherung den en t- sprechenden Schadenersatz beanspruchen zu können. Die Beteuerung des Beschuldigten, er verdiene gut und würde nie für knapp Fr. 4‘000.-- sein eigenes Auto zerkratzen, vermögen di e- se Sch lussfolgerung nicht zu erschüttern. Aufgrund der glaubhaften Aussagen der Zeugen G._____ und F._____ kann jedenfalls nur geschlossen werden, dass sich der Sachverhalt so zugetragen hat, wie er im Strafbefehl dargelegt wurde. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht III. RECHTLICHE WÜRDIGUNG Der Präsident des Strafgerichts qualifizierte das Verhalten des Beschuldigten als versuchten Betrug gemäss Art. 146 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB (Urt. SG E. I/B). Die rechtliche Würdigung ist korrekt und wird im Übrigen auch vom Beschuldigten nicht – auch nicht eventuali- ter – kritisiert. Zwecks Vermeidung von unnötigen Wiederholungen kann gänzlich auf die en t- sprechenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). IV. STRAFE Der Beschuldigte rügt für den Fall der Bestätigung des Schuldspruchs wegen versuchten B e- trugs die von der Vorinstanz ausgesprochene bedingt vollziehbare Geldstrafe von 70 Tagessä t- zen à Fr. 150.--, bei einer Probezeit von 2 Jahren, sowie die Busse von Fr. 2‘000.-- bzw. die Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen bei schuldhaftem Nichtbezahlen der Busse nicht. Auf die von der Vorinstanz für die Ausfällung dieser Strafe gemachten zutreffenden Ausführungen (Urt. SG E. II) kann somit vollumfänglich verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). V. KOSTEN UND ENTSCHÄDIGUNG Die Kosten des Berufungsverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Als unterliegend gilt auch die Partei, auf deren Rechtsmittel nicht eingetreten wird oder die das Rechtsmittel zurückzieht (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ausgangsgemäss sind die Kosten des Berufungsverfahrens von total Fr. 6‘100.-- (bestehend aus einer Urteilsgebühr von Fr. 6‘000.-- und Auslagen von pauschal Fr. 100.--) dem unterliegenden Beschuldigten aufzue r- legen. Für das Berufungsverfahren ist keine Parteientschädigung auszurichten. Demnach wird erkannt: ://: 1. Das Urteil des Strafgerichtspräsidenten vom 23. Mai 2016, lautend: „1. A._____ wird in teilweiser Abänderung des Strafbefehls der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft, Allgemeine Haupta btei- lung, vom 10. September 2015 des versuchten Betrugs schu l- dig erklärt und verurteilt zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 70 Tagessätzen à Fr. 150.--, bei einer Probezeit von 2 Jahren, sowie zu einer Busse von Fr. 2‘000.--, bei schuldhaftem Nichtbezahlen der Busse tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen, in Anwendung von Art. 146 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 34 StGB, Art. 42 Abs. 1 und Abs. 4 StGB, Art. 44 Abs. 1 StGB sowie Art. 106 StGB. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vo rver- fahrens in der Höhe von Fr. 1‘274.-- sowie der Gerichtsgebühr von Fr. 2‘000.--, gehen gestützt auf Art. 426 Abs. 1 StGB z u- lasten von A._____. Wird mangels Berufung keine nachträgliche schriftliche U r- teilsbegründung ausgefertigt, wird die Gerichtsgebühr auf Fr. 1‘000.-- ermässigt.“, wird in Abweisung der Berufung des Beschuldigten vollumfänglich bestätigt. 2. Die Kosten des Berufungsverfahrens von total Fr. 6‘100.-- (bestehend aus einer Urteilsgebühr von Fr. 6‘000.-- und Auslagen von pauschal Fr. 100.--) werden dem Beschuldigten A._____ auferlegt. Es wird für das Berufungsverfahren keine Parteientschädigung ausg e- richtet. Präsident Dieter Eglin Gerichtsschreiber Stefan Steinemann