Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 18. Juni 2020 (720 20 28 / 136) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Würdigung des medizinischen Sachverhalts. Die IV-Stelle hat diesen hinreichend abge- klärt. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Jürg Pulver, Kantons- richter Daniel Noll, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Dr. Patrick Somm , Advo- kat und Notar, Steinenvorstadt 73, Postfach, 4002 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.1 Der 1976 geborene A.____ war zuletzt vom 1. Janu ar 2000 bis 31. Dezember 2007 bei der B.____AG als Betriebsmitarbeiter angestellt. Am 1 8. Mai 2009 meldete er sich unter Hin- weis auf Rückenschmerzen und Schlafstörungen bei der Eidge nössischen Invalidenversiche- rung (IV) zum Bezug von Leistungen an. Nachdem die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) die gesundheitlichen und erwerblichen Verhältnisse abgeklärt und zudem berufliche Massnahmen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht durchgeführt hatte, ermittelte sie beim Versicherten ei nen Invaliditätsgrad von 20 %. Gestützt auf dieses Ergebnis wies sie mit Verfügung vom 19. März 2013 einen Anspruch von A.____ auf eine Rente ab. Die hiergegen erhobene Beschwerde wie s das Kantonsgericht, Abteilung Sozi- alversicherungsrecht (Kantonsgericht), gestützt auf ein po lydisziplinäres Gerichtsgutachten der MEDAS Zentralschweiz vom 22. Mai 2014 mit Urteil vom 1 1. Dezember 2014, KGSV 720 13 133, ab. Dieser Entscheid erwuchs in Rechtskraft. A.2 Am 23. Januar 2018 meldete sich A.____ unter Hin weis auf eine seit dem Jahr 2012 bestehende Depression erneut bei der IV-Stelle zum Leist ungsbezug an. Nachdem diese bei der MediCore (Bad Ragaz) AG (nachfolgend: MediCore) ein polydisziplinäres Gutachten (Ex- pertise vom 8. Juli 2019) eingeholt hatte, wies sie nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren einen Anspruch von A.____ auf eine Rente mit Verfügung vom 4. Dezember 2019 abermals ab. Zur Begründung hielt sie fest, dass keine Diagnose mit Krankheitswert und Relevanz für die Arbeits- und Leistungsfähigkeit festgestellt worden sei. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Dr . Patrick Somm, am 16. Januar 2020 Beschwerde beim Kantonsgericht. Er beantragte, in Gutheissung der Beschwerde sei die Verfügung vom 4. Dezember 2019 aufzuheben und es sei i hm unter o/e- Kostenfolge eine gan- ze Rente zuzusprechen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht be antragte er die Bewilligung der un- entgeltlichen Rechtspflege mit Advokat Dr. Somm als Rechtsvertreter. Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, dass der angefochtene Entscheid auf un zureichenden medizinischen Un- terlagen beruhe. C. Mit Verfügung vom 21. Januar 2020 wurde dem Beschw erdeführer die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung m it Advokat Dr. Patrick Somm als Rechtsvertreter bewilligt. D. In ihrer Vernehmlassung vom 5. März 2020 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Gleichzeitig legte sie ihren Ausführungen eine Beurteilung von Dr. med. C.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ä rztlicher Dienst (RAD), vom 3. März 2020 bei. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes übe r die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf d ie im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde vom 16. Januar 2020 ist demnach einzutreten. 2. Streitig ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführer s. Massgebend ist der Sachver- halt, wie er sich bis zum Erlass der angefochtenen Verfü gung vom 4. Dezember 2019 entwi- ckelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemä ss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 129 V 4 E. 1.2 mit Hinweis). Spätere Arztberichte (und andere ein- schlägige Dokumente) sind allerdings in die Beurteilung mit einzubeziehen, soweit sie Rück- schlüsse auf die im Zeitpunkt des Abschlusses des Verwaltung sverfahrens gegebene Situation erlauben (Urteil des Bundesgerichts vom 10. August 200 9, 9C_136/2009, E. 2.5; BGE 131 V 242 E. 2.1). 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 des Bundesgesetzes übe r den Allgemeinen Teil des Sozi- alversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 die vora ussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Ge- burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommende n allgemeinen Arbeitsmarkt zu ver- stehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach dem im Rahmen der 5. IV-Revision am 1. Januar 200 8 in Kraft gesetzten Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein trächtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor , wenn sie aus objektiver Sicht nicht über- windbar ist (Satz 2). 3.3 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt d er Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Der Einkomm ensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werde n. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditätsgrad bestimmen (BGE 128 V 30 E. 1). 3.4 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person A nspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente , wenn sie zu mindestens 60 %, auf Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf e ine Viertelsrente, wenn sie zu min- destens 40 % invalid ist. 3.5 Auf ein Revisionsgesuch oder eine Neuanmeldung nach rechtskräftiger Verneinung ei- nes Rentenanspruchs hat die Verwaltung nur einzutreten , wenn die versicherte Person glaub- haft macht, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise ge- ändert hat (Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die I nvalidenversicherung [IVV] vom 17. Januar 1961). Erheblich ist eine Sachverhaltsänderung, wenn angenommen werden kann, der An- spruch auf eine Invalidenrente (oder deren Erhöhung) sei begründet, falls sich die geltend ge- machten Umstände als richtig erweisen sollten (SVR 2014 IV Nr. 33 E. 2). Tritt die Verwaltung auf ein Revisionsgesuch oder eine Neuanmeldung ein, so h at sie die Sache materiell abzuklä- ren und sich zu vergewissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Verände- rung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich eingetreten ist (SVR 2011 IV Nr. 2 E. 3.2; BGE 117 V 198 E. 4b). Stellt sie fest, dass der Invalid itätsgrad seit Erlass der früheren rechts- kräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andern- falls hat sie zu prüfen, ob die festgestellte Veränder ung genügt, um nunmehr eine rentenbe- gründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschl iessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (SV R 2008 IV Nr. 35 E. 2.1; BGE 117 V 198 E. 3a). 4.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrade s bildet die Frage, in welchem Aus- mass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig ist. 4.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und insb esondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit der versicherten Person ist di e Verwaltung – und im Beschwerdefall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fach- leute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arzte s oder der Ärztin ist es, den Gesund- heitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 99 E. 4 f. mit weiteren Hinweisen). 4.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (v gl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experti n oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 4.4 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem G rundsatz der freien Beweiswürdi- gung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen me dizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 ff. E. 3b und in AHI-Praxis 2001 S. 114 E. 3b, jeweils mit weiteren Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwalt ungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund e ingehender Beobachtungen und Unter- suchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befun- de zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswür digung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlä ssigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellu ng in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ih- rer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 125 V 353 E. 3b/cc). Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach- )Arztes einerseits und von Begutach- tungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits (vgl. BGE 124 I 175 E. 4; Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteilungen] vom 13. Juni 2001, I 506/ 00, E. 2b) lässt nicht zu, ein Administra- tiv- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen un d zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautende n Einschätzungen gelangen. Vorbe- halten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behan- delnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver är ztlicher Interpretation entspringende – As- pekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkan nt oder ungewürdigt geblieben sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). 5. Das Administrativverfahren und der kantonale Sozialve rsicherungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1 ATSG und Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die Verwaltung und das Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungs- pflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteil ung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht (Urteil des Bu ndesgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. 6.1 Zur Beurteilung des vorliegenden Falles liegen za hlreiche medizinische Unterlagen vor, die vom Gericht gesamthaft gewürdigt wurden. Im Folge nden sollen indessen lediglich diejeni- gen Gutachten und Berichte wiedergegeben werden, wel che sich für den vorliegenden Ent- scheid als zentral erweisen. 6.2 In der Verfügung vom 19. März 2013, mit welcher e in Rentenanspruch des Beschwerde- führers abgewiesen wurde, stützte sich die IV-Stelle bei der Beurteilung des Gesundheitszu- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht stands und der Arbeitsfähigkeit des Versicherten auf das Gutachten von Dr. med. D.____, FMH Innere Medizin und Rheumatologie, vom 22. November 20 10 und Dr. med. E.____, FMH Psy- chiatrie und Psychotherapie, vom 21. November 2011. Anlä sslich der Parteiverhandlung vom 7. November 2013 gelangte das Kantonsgericht jedoch zur Auffassung, dass diesem Gutachten keine ausschlaggebende Beweiskraft zukomme. In der Folge stellte es den Fall aus und beauf- tragte die MEDAS Zentralschweiz mit der Begutachtung des Beschwerdeführers. Das Gerichts- gutachten wurde am 22. Mai 2014 erstattet. Darin wurd en mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches unspezifisches thorakolumbales Schmerzsyndrom, eine chronische Schmerz- störung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41), eine andauernde Persön- lichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom (ICD-10 F62.80) und eine chronische de- pressive Störung, gegenwärtig leichte depressive Episode oh ne somatisches Syndrom (ICD-10 F32.0), diagnostiziert. In somatischer Hinsicht seien weder eine ISG-Arthritis noch eine Entzün- dung der Sehnenansätze eindeutig dokumentiert noch erh öhte Entzündungsparameter nach- gewiesen worden. Ausserdem liesse sich keine erhebliche B elastung mit entzündlich- rheumatischen Erkrankungen nachweisen und der Versicherte spreche auf entzündungshem- mende Medikamente nicht an. Weiter seien nie andere m ögliche Manifestationen einer ent- zündlich-rheumatischen Affektion nachgewiesen worden. Die immer als gleicher Dauerschmerz geklagten Rückenbeschwerden seien nicht typisch entzündl ich und würden auch nicht speziell dort empfunden, wo die fraglichen MRT-Befunde vorlieg en würden. Insgesamt sei davon aus- zugehen, dass keine rheumatische Erkrankung resp. entzündli ch-rheumatische Affektion vorlie- ge. In psychiatrischer Hinsicht liessen sich in Anlehnung an das Mini-ICF-Instrumentarium keine schweren Einschränkungen feststellen. In Bezug auf die A npassung an Regeln und Routinen, Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, Durchhalte- un d Selbstbehauptungsfähigkeit, Kontaktfä- higkeit zu Dritten und ausserberuflichen Spontanaktivität en sei der Versicherte mittelschwer eingeschränkt. Leicht beeinträchtigt sei er bei der Pl anung und Strukturierung von Aufgaben, der Anwendung fachlicher Kompetenz, der Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, der Gruppenfä- higkeit, der familiären bzw. intimen Beziehungen und b ei der Verkehrsfähigkeit. Bei der Selbst- pflege sei keine Einschränkung feststellbar. Aus gesamtme dizinischer Sicht sei dem Versicher- ten die bisherige Tätigkeit in der Grossmetzgerei nicht mehr möglich. Angepasste Verweistätig- keiten seien ihm aber im Umfang von 80 % zumutbar. 6.3 Gemäss Austrittsbericht vom 29. Oktober 2015 war der Versicherte vom 8. bis 27. Juni 2015 in der Klinik F.____ hospitalisiert. Diagnostiziert wurde eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41), eine depressive Entwicklung, ak- tuell schwere Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F33.2), ein Asthma bronchiale, eine Schwerhörigkeit, eine Mittelmeeranämie, ein Ver dacht auf eine abgelaufene Tuberkulose und ein Vitamin D Mangel. Die Aufnahme in die Klinik sei aufgrund einer chronischen Schmerz- störung mit Beschwerden im Bereich der Schultern und de r gesamten Wirbelsäule nach erfolg- loser ambulanter Behandlung und mittlerweile bestehen der psychischer Begleiterkrankung er- folgt. Er habe vom multimodalen Therapieansatz stark p rofitieren können. Es seien physiothe- rapeutische und psychiatrische Behandlungen vorgesehen; bis 31. Juli 2015 bestünde eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.4 Vom 9. bis 14. November 2015 war der Versicherte erneut in der Klinik F.____ hospitali- siert. Im Bericht vom 23. Dezember 2015 wurde festgeha lten, dass er sich bei der Aufnahme in einem deutlich stabileren psychischen Zustand präsentiert h abe. Therapeutisch sei es um die belastende soziale Situation, schmerzverstärkende und schme rzmodulierende Faktoren, die in diesem Zusammenhang bestehende depressive Entwicklung so wie die aktive Neuorientierung auf andere gesundheitliche, berufliche und soziale Pers pektiven gegangen. Bis 15. November 2015 bestünde eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. 6.5 Gemäss Bericht der Klinik G.____ vom 27. Dezember 2 016 befand sich der Versicherte vom 31. Oktober 2016 bis 15. Dezember 2016 in stationä rer Behandlung. Diagnostiziert wurde eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwe re Episode ohne psychotische Symptome mit somatischem Syndrom (ICD-10 F33.21), und eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) . Der Versicherte habe an einer schweren depressiven Episode gelitten mit Verlust des Selbstvertrauens, wiederkehrenden Sui- zidgedanken, vermindertem Denk- und Konzentrationsvermög en, psychomotorischer Agitiert- heit, Schlafstörungen, Appetitverlust, deutlichem Inter essensverlust, Mangel einer emotionalen Reaktion auf Ereignisse und Früherwachen. Die Symptomatik habe sich im Verlauf der Behand- lung objektiv und subjektiv deutlich gebessert. 6.6 Die behandelnde Ärztin Dr. med. H.____, FMH Psychi atrie und Psychotherapie, diag- nostizierte am 1. März 2018 eine rezidivierende depressive Störung, aktuell schwere Episode (ICD-10 F33), eine chronische Schmerzstörung mit somatisch en und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41), eine ängstliche Persönlichkeitsstörung n ach angsterregenden Erlebnissen in der Kindheit (ICD-10 Z61.1) und differentialdiagnost isch eine Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung bei längerandauernder schwerer körperli cher Misshandlung als Kind (ICD-10 Z61.6). Sie behandle den Versicherten seit dem 29. Au gust 2017. Die Sitzungen würden zwei- mal pro Monat durchgeführt. Der Versicherte habe von 1988 bis 1994 als Arbeitskraft bei sei- nem Onkel auf dem Bauernhof gearbeitet. Er sei jede n Tag geschlagen und mit dem Stock misshandelt worden. Sein Onkel sei unberechenbar gewese n und er hätte in ständiger Angst vor ihm gelebt sowie Hunger leiden müssen. Er habe bis heute regelmässig Albträume und schäme sich, darüber zu sprechen. Es bestünde ein depres sives Syndrom mit depressiver Grundstimmung, Energielosigkeit, Anhedonie, Gedankenkre isen um das eigene Versagen, ein totaler sozialer Rückzug, Interessenslosigkeit, ein Lebens überdruss, Ein- und Durchschlafstö- rungen und ein Schmerzsyndrom mit Rücken- und Gelenkbesch werden. In geschütztem Rah- men betrage die Arbeitsfähigkeit höchstens 25 %. 6.7 Dr. med. I.____, FMH Physikalische Medizin und Rehab ilitation sowie Rheumatologie, diagnostizierte am 23. April 2018 mit Auswirkung auf d ie Arbeitsfähigkeit eine Spondyloarthritis (Typ Morbus Bechterew) sowie eine Druck-Urtikaria mit S tatus nach Angio-Oedem-Episode der Zunge und attestierte dem Versicherten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. 6.8 Die IV-Stelle veranlasste eine polydisziplinäre (in ternistisch-psychiatrisch- rheumatologisch-dermatologische) Begutachtung bei der MediCore. Die untersuchende Ärzte- schaft stellte am 8. Juli 2019 keine Diagnose mit Einfl uss auf die Arbeitsfähigkeit fest. Ohne Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestünden eine ge genwärtig remittierte rezidivierende de- pressive Störung (ICD-10 F33.4), eine psychische und Verha ltensstörung durch andere Stimu- lanzien, schädlicher Gebrauch (ICD-10 F15.1), ein Statu s nach einem Angioödem der Zunge und nach Druckurtikaria, eine chronisch spontane Urtikaria, Knieschmerzen, eine anamnestisch gestellte, aber nicht zu bestätigende oder inaktive Diag nose einer HLA-B27-negativen Spondyl- arthropathie und eine Schwerhörigkeit. Aus rheumato logischer Sicht seien seit der Begutach- tung durch die MEDAS Zentralschweiz im Jahr 2014 keine neuen Befunde festzustellen. Die Diagnose einer seronegativen Spondylarthropathie (Morb us Bechterew) sei äussert unwahr- scheinlich. So würden die unauffällige Familienanamnes e, die fehlende genetische Konstellati- on (HLA-B27 negativ), die Konstanz über 12 Jahre ohne Progredienz, die heute fehlenden klini- schen Zeichen wie eingeschränkte lumbale Seitneigung, p athologische Befunde am Sakroilial- gelenk, verminderte Atemexkursion oder Einschränkung der HWS-Beweglichkeit im Verlauf von 12 Jahren, das Fehlen von Zusatzsymptomen wie das Nichtan sprechen von Biologika gegen das Vorliegen einer klinisch relevanten Spondylarthropath ie sprechen. Die international aner- kannten ASAS-Kriterien für eine Spondylarthritis seien nicht erfüllt. Rheumatologisch bedingte Einschränkungen seien nicht zu bestätigen. In dermatolog ischer Hinsicht seien aktuell keine relevanten Beschwerden und Befunde festzustellen. Aus ps ychiatrischer Sicht sei eine Depres- sivität unwahrscheinlich. Eine Traurigkeit und Antriebsl osigkeit sei nicht mehr evident. Ange- sichts der psychiatrischen Vorbehandlung könne ein depres sives Syndrom erwogen werden, der aktuelle Befund spreche aber für eine weitgehend e Remission. Eine schmerzbedingte psy- chische Beeinträchtigung liege ebenfalls nicht vor. Der V ersicherte wirke durchgehend dyna- misch und nicht schmerzgequält. Den beklagten Schmerzen zugr undeliegende innerseelische Konflikte oder eine gravierende psychische Belastungssituat ion seien nicht zu eruieren. Es sei aber davon auszugehen, dass aufgrund von Eheproblemen eine psychosoziale Belastung vor- liege. Gegenüber der Expertise der MEDAS Zentralschweiz vom 22. Mai 2014 sei keine mass- gebliche Veränderung des Gesundheitszustands festzustell en. Eine Beeinträchtigung der Ar- beitsfähigkeit bestünde nicht. Aufgrund der Dekonditionierung empfehle sich aber keine körper- lich schwere Tätigkeit. Der Versicherte präsentiere sich im Gespräch mit der weiblichen Gutach- terin unzufrieden und aggressiv. Das Verhalten und die anschaulichen Ausführungen des Ver- sicherten würden es erlauben, diesen als eine entscheidungs- und handlungsfähige Persönlich- keit zu beurteilen. Die exekutiven Funktionen scheinen sehr gut entwickelt zu sein. Die Diskre- panz zwischen den reklamierten Schmerzen und dem unbeeintr ächtigten klinischen Eindruck spreche für eine demonstrierte Darbietung von Einschränk ungen und Beschwerden. Der Versi- cherte scheine in der Lage zu sein, ein schwer depressives Zustandsbild zu präsentieren. Ent- gegen der Verneinung bei konkreter Fragestellung zeig e der labortechnische Befund einen Wert von Alkohol und Ecstasy. 6.9 Am 9. Januar 2020 nahm Dr. H.____ zum psychiatrische n Teilgutachten Stellung. Sie hielt fest, dass die Befunde korrekt erhoben worden seien. Hingegen seien die Exploration nicht vollständig und die im Gutachten gezogenen Schlüsse hin sichtlich der Diagnosen nicht korrekt. Die Aussage, wonach keine depressive Störung oder höchste ns eine weitgehende Remission eines depressiven Syndroms vorliege, und ansonsten keine weiteren psychiatrischen Diagno- sen vorliegen würden, sei unzutreffend. Bei Männern, die an Depressionen erkranken, stünden häufig nicht die klassischen Symptome wie Freudlosigkeit, Niedergeschlagenheit oder An- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht triebsmangel im Vordergrund, sondern Gereiztheit, Agg ressivität und Ärgerattaken. Depressive Männer mit Reizbarkeit und Zorn würden schwerere und h äufig chronische Verläufe und hin- sichtlich Remission eine schlechtere Prognose sowie eine K omorbidität mit Substanzmiss- brauch (Alkohol, Drogen) oder zumindest einen schädlich en Gebrauch zeigen. Auf das Vorlie- gen einer eventuellen akzentuierten Persönlichkeitsstöru ng oder -veränderung nach Extrembe- lastung bei längerdauernder schwerer körperlicher Misshand lung als Kind werde im Gutachten nicht näher eingegangen. Zu beachten sei, dass sich der Versicherte gegenüber einer Frau in einer Gutachtersituation aus Scham oder Misstrauen nic ht äussere. Selbst sie als behandelnde Ärztin kenne nur bruchstückhafte Äusserungen und wisse nicht , inwiefern ein eventueller sexu- eller Missbrauch in der durch körperliche Gewalt und Dem ütigungen gekennzeichneten Zeit beim Onkel relevant sein könnte. Zudem sei die Guta chterin auf die von der Klinik F.____ ge- stellte und von der Klinik G.____ bestätigte Diagnose einer chronischen Schmerzstörung nicht näher eingegangen. Ihres Erachtens sollte ein männlicher Gutachter die sensiblen Fragen zur Kindheit, den traumatischen Erlebnissen und der Sexualit ät stellen. Weiter sollte sich dieser auch zur Verdachtsdiagnose einer längerdauernden Persön lichkeitsveränderung äussern und die Diagnose einer längerdauernden depressiven Erkranku ng überprüfen. Dabei sollte er sich weder vom sicherlich theatralischen Verhalten beeinflusse n noch von der Aggressivität des Versicherten einschüchtern lassen. Ausserdem sollte sicherge stellt werden, dass der beigezo- gene Dolmetscher Kurde sei, sofern es sich bewahrheite, dass der Versicherte ebenfalls Kurde sei. Auf jeden Fall sollte ein Gegengutachten erstellt werden. 6.10 In einem weiteren Bericht vom 9. Januar 2020 dia gnostizierte Dr. H.____ eine rezidivie- rende depressive Störung mit Episoden unterschiedlichen A usmasses (ICD-10 F33), eine chro- nische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren ( ICD-10 F45.41), eine ängstliche Persönlichkeitsstörung nach angsterregenden Erl ebnissen in der Kindheit (ICD-10 F60.6) und differentialdiagnostisch eine Persönlichkei tsveränderung nach Extrembelastung bei längerdauernder schwerer körperlicher Misshandlung als K ind (ICD-10 F60.2). Die Arbeitsfä- higkeit sei derzeit schwer einzuschätzen, da es dem Versiche rte noch nicht gelinge, eine Ta- gesstruktur aufrechtzuerhalten und alle Medikamente zu verlässig sowie in der vorgeschriebe- nen Menge einzunehmen. Realistisch sei eine Arbeitsfähigkeit von höchstens 25 % bis 30 %. 6.11 Am 3. März 2020 hielt der RAD-Arzt Dr. C.____ fe st, dass die psychiatrische Gutachterin die von den behandelnden Ärzten gestellten psychiatrische n Diagnosen berücksichtigt habe. In der aktuellen Untersuchung habe sie diese aber nicht me hr feststellen können. Dem auffälligen Verhalten des Versicherten anlässlich der Exploration hab e die Gutachterin keinen Krankheits- wert beigemessen. Weiter sei den Berichten der Klinik F.____ zu entnehmen, dass der Versi- cherte jeweils gut auf die psychiatrischen Behandlungen an gesprochen habe. Das Vorliegen einer rezidivierenden depressiven Störung sei im Gutacht en nicht grundsätzlich in Frage ge- stellt, deren gegenwärtigen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit aber verneint worden. Die Aussage, dass der Versicherte auf dem freien Arbeitsmarkt keine verwertbare Arbeitsleistung erbringen könne, sei nicht nachvollziehbar. Die nicht weiter begründ ete Behauptung von Dr. H.____, die Beurteilung der psychiatrischen Gutachterin sei «falsch» , könne nicht nachvollzogen werden. Hinweise auf allgemeine Sachverhalte oder Studien sei en für die Beurteilung des konkreten Falls nicht hilfreich, ebenso wenig das Hypothetisieren ü ber «eventuellen sexuellen Miss- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht brauch» in der Vorgeschichte des Versicherten. Zudem ne hme die Gutachterin zur Persönlich- keitsstruktur Stellung. Sie komme aber begründet und e inleuchtend zu einem anderen Schluss als die behandelnde Psychiaterin. Zwar treffe zu, dass i m Gutachten auf die Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen F aktoren nicht eingegangen worden sei. Allerdings hätten sich aus der Untersuchung un d der Anamnese auch keine Hin- weise auf eine solche Störung gezeigt. Das demonstrative Verhalten des Versicherten sei viel- mehr als inkonsistent eingeordnet worden, weshalb die entsprechende Diagnose plausibel nicht gestellt worden sei. Die von der behandelnden Ärztin at testierte Arbeitsfähigkeit im Umfang von 25 % bis 30 % sei nicht nachvollziehbar. 7.1 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ve rfügung vom 4. Dezember 2019 bei der Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbei tsfähigkeit des Versicherten vollum- fänglich auf die Ergebnisse im Gutachten der MediCore vom 8. Juli 2019. Sie ging demzufolge davon aus, dass dem Beschwerdeführer die bisherige Tätigkeit sowie angepasste Verweistätig- keiten zu 100 % zumutbar seien. Diese vorinstanzliche Bewe iswürdigung ist trotz der Kritik des Beschwerdeführers am Gutachten (vgl. dazu die nachstehend en Erwägungen) im Ergebnis nicht zu beanstanden. Wie in Erwägung 4.3 hiervor aus geführt, prüft das Gericht frei, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung d es streitigen Rechtsanspruchs gestat- ten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist demna ch entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen U ntersuchungen beruht, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge ein- leuchtet und seine Schlussfolgerungen begründet sind. V orliegend sind keine Gründe ersicht- lich, die Anlass geben könnten, die Ergebnisse im Gutach ten der MediCore vom 8. Juli 2019 in Frage zu stellen oder gar davon abzuweichen. Es ist vielmehr festzuhalten, dass das Gutachten die rechtsprechungsgemässen Voraussetzungen an eine medi zinische Beurteilungsgrundlage erfüllt. So weist es weder formale noch relevante inhaltliche Mängel auf. Zwar weist das psychi- atrische Teilgutachten gewisse Schwächen auf. So ist zum Be ispiel die Schlussfolgerung, wo- nach der Beschwerdeführer Ecstasy und Alkohol konsumiere, nicht überzeugend dargelegt. Eine positive Analyse auf Ecstasy kann nämlich gemäss Labo rbericht auch gestützt auf das dem Beschwerdeführer verschriebene Antidepressivum Tritti co resultieren. Zudem erscheinen die Angaben betreffend sein Verhalten anlässlich der U ntersuchung widersprüchlich und die Annahme, dass er nicht immer ehrlich und glaubhaft gea ntwortet habe, vage. Schliesslich fällt auf, dass die Diskussion der divergierenden Akteninformationen sowie die Beurteilung des Ver- laufs knapp ausgefallen sind. Diese Unzulänglichkeiten ver mögen aber letztlich am Beweiswert des Gutachtens nichts zu ändern, weshalb darauf abgestellt werden kann. 7.2.1 Die Vorbringen des Beschwerdeführers sind nicht ge eignet, dieses Beweisergebnis in Frage zu stellen. Wenn er zunächst vermutet, dass sich die p sychiatrische Gutachterin nicht in ein zweckführendes Gespräch habe einlassen können oder w ollen, kann ihm nicht gefolgt wer- den. Inwiefern ihre Befunderhebung mangelhaft sein soll, um hieraus zuverlässige Schlüsse auf die Arbeitsfähigkeit ziehen zu können, legt der Beschwerdeführer jedenfalls nicht stichhaltig dar. Anhaltspunkte dafür, dass sich die Gutachterin nicht von o bjektiven Kriterien hätte leiten lassen sowie Grund zur Annahme, dass die Kommunikation nicht a usreichend und eine zuverlässige Beurteilung deshalb nicht möglich gewesen wäre, sind ebenfalls nicht ersichtlich. Vielmehr diffe- Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht renziert die Gutachterin zwischen den subjektiv empfunden en Beschwerden und den objektiv feststellbaren Befunden. Sie kam aufgrund der bisher d urchgeführten Abklärungen, der vorlie- genden Berichte sowie ihrer Erkenntnisse aus der Untersuc hung zum überzeugenden Schluss, dass der Beschwerdeführer derzeit keine Diagnose mit Ein fluss auf die Arbeitsfähigkeit aufwei- se. Ihre Beurteilung, wonach die Diskrepanz zwischen den g eltend gemachten Schmerzen und dem unbeeinträchtigten klinischen Eindruck für eine de monstrierte Darbietung von Einschrän- kungen und Beschwerden spreche, deckt sich insofern mit dem Hinweis der behandelnden Psychiaterin, als diese selbst das Verhalten des Versicherte n als «sicherlich theatralisch» be- schrieb. Soweit sich der Beschwerdeführer auf die abwei chenden Beurteilungen in den Berich- ten der Klinik F.____ vom 29. Oktober 2015 und der K linik G.____ vom 27. Dezember 2016 beruft und geltend macht, dass sich darin ein anderes Bild zeige, ist ihm entgegenzuhalten, dass die psychiatrische Gutachterin die Diagnose einer rezi divierenden depressiven Störung nicht in Frage stellte. Sie legte aber unter Verweis auf die Erkenntnisse aus der Exploration und die erhobenen Befunde nachvollziehbar dar, weshalb im Zeitpunkt der Begutachtung keine die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigende psychische Erkrankung auszumachen war. 7.2.2 Auch die weiteren Vorbringen des Beschwerdeführ ers sind nicht geeignet, Zweifel an der Beweiskraft des Gutachtens der MediCore vom 8. Ju li 2019 zu wecken. Soweit er sich auf die abweichende Beurteilung der behandelnden Psychiate rin Dr. H.____ beruft, ist zunächst in Erinnerung zu rufen, dass es die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag der therapeu- tisch tätigen (Fach-)Person einerseits und Begutachtung sauftrag des amtlich bestellten fach- medizinischen Experten anderseits (BGE 124 I 170 E. 4) n icht zulässt, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anl ass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Arztpersonen bzw. Therapiekräfte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen. Weiter ist zu beachten, dass eine Exploration von der Natur der Sache her nicht er- messensfrei erfolgen kann. Sie eröffnet den Gutachtern praktisch immer einen Spielraum für verschiedene medizinische Interpretationen, was zulässig un d zu respektieren ist, sofern die Gutachter – wie hier – lege artis vorgegangen sind. Vor behalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil diese w ichtige – und nicht rein subjektiver Inter- pretation entspringende – Aspekte benennen, die bei d er Begutachtung unerkannt oder unge- würdigt geblieben sind (Urteil des Bundesgerichts vom 23 . Mai 2018, 8C_874/2017, E. 5.2.2). Was die behandelnde Psychiaterin Dr. H.____ gegen die Zuverlässigkeit des psychiatrischen Gutachtens vorträgt, ist unbehelflich. Zunächst sind ihre i nsgesamt wenig begründeten und un- präzis formulierten Einwände, wonach die Exploration « nicht vollständig» und «die in den Gut- achten erzielten Schlüsse bezüglich Diagnosen nicht korrekt» seien, nicht geeignet, die Be- weiskraft des psychiatrischen Teilgutachtens in Zweifel zu zie hen. Auch der Hinweis auf die medizinische Literatur, wonach bei Männern, die an De pressionen erkranken, häufig nicht die klassischen Symptome wie Freudlosigkeit, Niedergeschlagenhei t und Antriebsstörungen im Vordergrund stehen würden, sondern Gereiztheit, Aggressivität und Ärgerattaken, verfängt nicht und wirft insofern Fragen auf, als sie in ihrem Beri cht vom 1. März 2018 bei den objektiven Be- funden noch die klassischen Symptome (u.a. depressive Grundstimmung, Energielosigkeit, Ge- dankenkreisen, sozialer Rückzug, Interesselosigkeit, Lebensüberdruss) aufführte. Dazu kommt, dass sich die Begutachtung nicht an der medizinischen Lite ratur oder an Studien, sondern an wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystemen (ICD-10; DSM-5) orientieren muss und diese keine entsprechende Varianz vorsehen. Wenn Dr. H.____ weiter davon ausgeht, dass die Gutachterin das Beschwerdebild des Beschwerdeführers nich t hinreichend habe erfassen kön- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht nen, da dieser gegenüber einer Frau in einer Gutacht ersituation aus Scheu oder Misstrauen nicht hinreichend offen kommuniziere, ist ihr entgegenz uhalten, dass sich den Gutachtern über die Akten häufig so viele Anhaltspunkte für ihre Beurteilung erschliessen, dass der in der Unter- suchung gewonnene Eindruck vor allem bestätigend wirkt (U rteil des Bundesgericht vom 10. Februar 2012, 9C_747/2011, E. 2.2.2). Auch im vor liegenden Fall konnte die psychiatrische Gutachterin ihre Schlussfolgerung, es sei im Zeitpunkt der Begutachtung keine relevante Diag- nose gegeben, auf vorhandene anamnestische Daten und e ine reichhaltige medizinische Ak- tenlage (inkl. Gerichtsgutachten vom 22. Mai 2014) stütz en, die nicht in mehreren ausgedehn- ten Explorationsgesprächen von Grund auf erarbeitet we rden mussten. Hinweise für eine schwere körperliche Misshandlung als Kind – wie Dr. H.___ _ nunmehr zu bedenken gibt – er- geben sich aus den übrigen medizinischen Unterlagen nicht, obwohl der Versicherte seit Jahren in psychiatrischer Behandlung steht und im Jahr 2014 im Rahmen einer Gerichtsbegutachtung umfassend abgeklärt wurde. Im Gegenteil gab der Beschw erdeführer damals an, eine schöne und glückliche Kindheit gehabt zu haben, wobei der Onk el gut zu ihm und seinen Brüdern ge- schaut habe (vgl. Gutachten von Dr. med. J.____, FMH Psych iatrie und Psychotherapie, vom 20. Mai 2014, Ziff. 1). Weiter nahm die Gutachterin auch zur Persönlichkeitsstruktur des Versi- cherten Stellung, kam aber begründet und nachvollziehba r zu einem anderen Schluss als die behandelnde Psychiaterin. Zwar trifft zu, dass im Gutachten auf die Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren nicht eingegangen wurde. Dies vermag die Aussagekraft des Gutachtens indes nicht zu schmä lern, da sich aus der Untersu- chung und der Anamnese keine entsprechenden Hinweise au f eine solche Störung gezeigt ha- ben. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang ferner, da ss nicht die Diagnosen sondern die funktionellen Einschränkungen und die damit einhergeh enden Auswirkungen auf das Leis- tungsvermögen der versicherten Person ausschlaggebend sind (Urteil des Bundesgerichts vom 6. August 2009, 9C_617/2008, E. 4.5). Insgesamt ergibt sich aus den Akten nichts, was geeig- net wäre, den Beweiswert des Gutachtens der MediCore vom 8. Juli 2019 in Zweifel zu ziehen, weshalb in antizipierter Beweiswürdigung (BGE 126 V 130 E. 2a mit zahlreichen Hinweisen) auf die beantragte zusätzliche Abklärung verzichtet werden kann. 8. Nach dem Gesagten ist im Ergebnis nicht zu beanstande n, dass die IV-Stelle bei der Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfäh igkeit des Beschwerdeführers gestützt auf das Gutachten der MediCore vom 8. Juli 2019 davon au sgegangen ist, dass sich im Ver- gleich zur Verfügung vom 19. März 2013 resp. dem Urtei l des Kantonsgerichts vom 11. Dezember 2014 keine massgebliche Veränderung des G esundheitszustands eingestellt hatte und der Beschwerdeführer weiterhin ein rentenau sschliessendes Erwerbseinkommen er- zielen könnte. Die angefochtene Verfügung vom 4. Dezemb er 2019, mit welcher ein Rentenan- spruch des Beschwerdeführers abgewiesen wurde, ist im Erg ebnis nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen. 9.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis Satz 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkei ten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistung en vor dem kantonalen Versicherungs- gericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ve rfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist der Beschwerdeführer unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten ihm zu auferlege n sind. Da ihm mit Verfügung vom 21. Januar 2020 die unentgeltliche Prozessführung bewilligt wurde, gehen die Verfahrenskosten vorläufig zu Lasten der Gerichtskasse. 9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird keine Par teientschädigung ausgerichtet. Da dem Beschwerdeführer ebenfalls mit Verfügung vom 21. Ja nuar 2020 die unentgeltliche Ver- beiständung mit seinem Rechtsvertreter bewilligt wurde, ist dieser für seine Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Der Rechtsvertreter des Versicherten wurde mit Verfügung des Kantonsgerichts vom 10. März 2020 aufgefordert, inne rt unerstreckbarer Frist bis zum 24. März 2020 seine detaillierte Honorarnote nach Zeit aufwand mit Deservitenkarte einzu- reichen. Gleichzeitig wurde er darauf hingewiesen, da ss das Honorar nach Ermessen festge- setzt werde, falls bis zum genannten Termin keine Honorar note eingehen sollte. In der Folge liess der Rechtsvertreter dem Kantonsgericht keine Kostennote zukommen, weshalb das Hono- rar nach Ermessen festzusetzen ist. In Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen erscheint es angemessen, einen Aufwand von i nsgesamt 10 Stunden zu ent- schädigen. Gemäss § 3 Abs. 2 der Tarifordnung für die A nwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003 beträgt das Honorar bei unentgeltl icher Verbeiständung Fr. 200.-- pro Stunde. Dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ist desh alb ein Honorar in der Höhe von Fr. 2'154.-- (10 Stunden à Fr. 200.-- zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse auszurichten. 9.3 Der Beschwerdeführer wird ausdrücklich auf § 53a Ab s. 1 des Gesetzes über die Orga- nisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 aufm erksam gemacht, wonach eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zu r Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- w erden dem Be- schwerdeführer auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführun g werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständun g wird dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ein Honorar in der Höhe von Fr. 2’154.-- (inkl. Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse ausgerichtet. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht http://www.bl.ch/kantonsgericht