2005 1 Art. 35 Abs. 1 lit. i StG. Steuerliche Abzugsfähigk eit der Kosten für eine In-Vitro-Fertilisation (IVF) (OGE 66/2004/26 vom 23. September 2005) 1 Keine Veröffentlichung im Amtsbericht. Bei entsprechender Indikation bildet die IVF-Behan dlung eine legale ärztliche Behandlung zur Überwindung der Kinderlosi gkeit, weshalb die ent- sprechenden Kosten als Krankheitskosten anzuerkennen sind. Aus den Erwägungen: 2.– Umstritten ist vorliegend, ob die von den Rekurrent en geltend ge- machten Kosten für eine In-Vitro-Fertilisation (IVF ) zum Abzug von den steuerbaren Einkünften zugelassen werden können. a) Gemäss Art. 35 Abs. 1 lit. i des Gesetzes über die direkten Steuern vom 20. März 2000 (StG, SHR 641.100) können die Kra nkheits-, Unfall- und Invaliditätskosten der steuerpflichtigen Person und der von ihr unterhaltenen Personen von den Einkünften abgezogen werden, sowei t die steuerpflichtige Person die Kosten selber trägt und diese 5 % der um die Aufwendungen (Art. 28–34 und 35 lit. a–h StG) verminderten steuerbaren Einkünfte übersteigen. Die Kantonale Steuerkommission hat den Abzug abgel ehnt, da die IVF- Behandlung nicht der Erhaltung oder Wiederherstellung der körperlichen oder psychischen Gesundheit diene. Die Kinderlosigkeit s elbst stelle keine Krank- heit dar, sondern höchstens die Folge einer solchen . Auch in mehreren ande- ren Kantonen werde die Abzugsfähigkeit von IVF-Beha ndlungen daher ab- gelehnt. b) Es trifft zu, dass die Frage der steuerlichen Abzug sfähigkeit von IVF- Behandlungen bisher umstritten war. So hat namentli ch das Steuergericht So- lothurn noch mit Entscheid vom 22. Oktober 2001 die steuerliche Abzugsfä- higkeit einer IVF-Behandlung aus den von der Kanton alen Steuerkommission dargelegten Gründen abgelehnt (StE 2002, B 27.5 Nr. 4). Andererseits hat das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich in einem einl ässlich begründeten Entscheid vom 4. Juli 2001 die steuerliche Abzugsfä higkeit von IVF- 1 Das Obergericht entschied am 23. September 2005 in gleichem Sinn auch das parallele Beschwerdeverfahren 66/2004/24 zu Art. 33 Abs. 1 li t. h des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer vom 14. Dezember 1990 (DBG, SR 642.11). 2005 2 Behandlungen grundsätzlich bejaht (Zürcher Steuerpr axis 2001, S. 288 ff.). Das Zürcher Verwaltungsgericht hat dabei darauf hin gewiesen, dass Sterilität nach der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versich erungsgerichts als Krankheit gelte, die zu Pflichtleistungen der Krank enkassen Anlass gebe. Nach der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts würden sodann nicht nur ärztliche Vorkehren, welche auf ei ne Heilung gesundheitli- cher Störungen gerichtet seien, sondern auch solche , die einen Krankheitszu- stand durch Ersatzmassnahmen beheben (z.B. homologe künstliche Insemina- tion), zu den Pflichtleistungen der Krankenkassen g ehören. Es bestehe keine Veranlassung, den Krankheitsbegriff bzw. den Begrif f der Krankheitskosten im Steuerrecht ohne sachlichen Grund anders als im Krankenversicherungs- recht zu definieren. Die IVF-Behandlung bilde zwar nach der Rechtsprech ung des Eidgenös- sischen Versicherungsgerichts keine Pflichtleistung der obligatorischen Kran- kenversicherung, dies jedoch nur deshalb, weil dies e Behandlung gewisse zu- sätzliche Anforderungen des Krankenversicherungsrec hts (wissenschaftlich anerkannte Therapiemassnahme, welche wirksam, zweck mässig, wirtschaft- lich und nicht mit Risiken verbunden ist) nicht erf ülle (vgl. auch BGE 125 V 21 ff.). Ob diese zusätzlichen Anforderungen erfüll t seien, könne jedoch für die Frage der steuerlichen Abzugsfähigkeit dieser K osten nicht massgebend sein. Entscheidend könne einzig sein, ob eine legal e ärztliche Behandlung medizinisch indiziert sei und zur Beseitigung oder Linderung des Krankheits- zustands bzw. zu dessen Überwindung führen könne. D ies aber sei bei der IVF-Behandlung grundsätzlich der Fall, bilde sie do ch nun auch im Rahmen des Bundesgesetzes über die medizinisch unterstützt e Fortpflanzung vom 18. Dezember 1998 (Fortpflanzungsmedizingesetz, FMedG, SR 810.11; in Kraft seit 1. Januar 2001) ein erlaubtes Fortpflanzungsverfahren. Wenn die Sterilität nachgewiesen und die IVF-Behandlung medizinisch ind iziert sei, seien daher die dafür aufgewendeten Leistungen als steuerlich a bzugsfähige Krankheits- kosten zu qualifizieren. Dieser überzeugend begründeten Auffassung des Zürc her Verwaltungs- gerichts hat sich neuerdings auch die Verwaltungsrekurskommission des Kan- tons St. Gallen in einem Entscheid vom 26. Februar 2004 angeschlossen (St. Galler Steuerentscheide 2004 Nr. 3), und die Eidgen össische Steuerverwal- tung anerkennt nunmehr für den Bereich der direkten Bundessteuer die IVF- Behandlung ebenfalls als steuerlich abzugsfähige Kr ankheitskosten (vgl. Kreisschreiben Nr. 11 "Abzug von Krankheits- und Un fallkosten sowie von behinderungsbedingten Kosten" vom 31. August 2005, Ziff. 3.2.8, S. 5, ...). Es erscheint daher sachgerecht, diese Praxis auch f ür die Auslegung des auf das Bundesrecht abgestimmten Art. 35 Abs. 1 lit. i StG zu übernehmen. 2005 3 c) Da die medizinische Indikation der IVF-Behandlung i m Fall der Re- kurrenten unbestritten ist, ist somit der 5 % des R eineinkommens überstei- gende Betrag von Fr. 4'953.– der nachgewiesenen Beh andlungskosten in Gut- heissung des vorliegenden Rekurses zum Abzug von de n steuerbaren Ein- künften zuzulassen.