<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 107 S.413</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">413</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>107 Nachträgliche Kostenauflage im Einspracheverfahren; Zulässigkeit der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Erläuterung, der Berichtigung und des Widerrufs einer Abschreibungs-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>verfügung.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die Abschreibungsverfügung war weder offensichtlich unrichtig</b></span><br/> <span class="ft2"><b>noch unvollständig, daher kommt eine Berichtigung oder Ergänzung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der Verfügung nicht in Frage (Erw. II/2a-c).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Ein Widerruf der Abschreibungsverfügung ist ausgeschlossen, da die</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Kostenfragen im Einspracheverfahren einlässlich behandelt wurde</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. II/2d).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 28. März</span><br/> <span class="ft5">2003 in Sachen C.R. gegen einen Entscheid des Migrationsamts</span><br/> <span class="ft5">(BE.2002.00041).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">414</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">A. Mit Verfügung vom 28. Juni 2001 wies die Fremdenpolizei,</span><br/> <span class="ft1">Sektion Aufenthalt, (heute Migrationsamt, Sektion Einreise und Ar-</span><br/> <span class="ft1">beit) das Familiennachzugsgesuch des Beschwerdeführers für seine</span><br/> <span class="ft1">drei ausserehelichen Kinder ab.</span><br/> <span class="ft1">B. Mit Einsprache vom 18. bzw. 23. Juli 2001 gelangte der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer an die Vorinstanz und verlangte die Aufhebung des</span><br/> <span class="ft1">erstinstanzlichen Entscheids sowie die Gutheissung seines Familien-</span><br/> <span class="ft1">nachzugsgesuchs.</span><br/> <span class="ft1">Nach wiederholtem Schriftenwechsel überwies der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer den von der Vorinstanz einverlangten Kostenvorschuss an</span><br/> <span class="ft1">die Amtskasse, worauf die Schweizer Botschaft in S. die Kinder am</span><br/> <span class="ft1">12. Februar 2002 befragte. Am 30. April 2002 wurden der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer als Partei und seine Ehefrau als Zeugin befragt.</span><br/> <span class="ft1">Gestützt auf die Ergebnisse der Befragung des Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rers und seiner Ehefrau fragte die Vorinstanz die Sektion Aufenthalt</span><br/> <span class="ft1">an, ob aus deren Sicht eine Wiedererwägung in Frage käme. Mit</span><br/> <span class="ft1">Schreiben vom 7. Mai 2002 zog die Sektion Aufenthalt ihre ur-</span><br/> <span class="ft1">sprüngliche Verfügung in Wiedererwägung und bewilligte den Fami-</span><br/> <span class="ft1">liennachzug der drei Kinder des Beschwerdeführers. Daraufhin</span><br/> <span class="ft1">schrieb die Vorinstanz das Einspracheverfahren am 24. Mai 2002 als</span><br/> <span class="ft1">erledigt von der Kontrolle ab (Zustellung der Abschreibungsverfü-</span><br/> <span class="ft1">gung am 31. Mai 2002). Es wurden unter Hinweis auf § 8 Abs. 2 des</span><br/> <span class="ft1">Einführungsgesetzes zum Ausländerrecht (EGAR) vom 14. Januar</span><br/> <span class="ft1">1997 keine Gebühren erhoben und verfügt, der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">habe seine Parteikosten selbst zu tragen.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 5. Juni</span><br/> <span class="ft1">2002 die Rückerstattung des von ihm geleisteten Kostenvorschusses</span><br/> <span class="ft1">verlangt hatte, verfügte die Vorinstanz am 18. Juni 2002, der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer habe die angefallenen Auslagen von CHF 1'028.40</span><br/> <span class="ft1">zu bezahlen. Offen und noch zu begleichen seien nach der Verrech-</span><br/> <span class="ft1">nung mit dem geleisteten Vorschuss von CHF 1'000.-- noch CHF</span><br/> <span class="ft1">28.40.</span><br/> <span class="ft1">C. Mit Eingabe vom 10. Juli 2002 erhob der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">dagegen Beschwerde.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">415</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 2. a) Das VRPG enthält keine Bestimmungen zur Wir-</span><br/> <span class="ft1">kung eines eröffneten Urteils bzw. Einspracheentscheides auf die</span><br/> <span class="ft1">eröffnende Behörde; nur die Möglichkeiten der Adressaten, sich im</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelverfahren gegen einen Entscheid zu wehren, werden im</span><br/> <span class="ft1">VRPG geregelt. Es ist daher auf die entsprechenden Bestimmungen</span><br/> <span class="ft1">des Zivilrechtspflegegesetzes (ZPO) vom 18. Dezember 1984 zu-</span><br/> <span class="ft1">rückzugreifen, die analog zur Anwendung kommen. Gemäss § 280</span><br/> <span class="ft1">ZPO ist der Richter - unabhängig von der formellen Rechtskraft</span><br/> <span class="ft1">(Alfred Bühler/Andreas Edelmann/Albert Killer, Kommentar zur</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Zivilprozessordnung, Aarau 1998, Rz 1 zu § 280) - an</span><br/> <span class="ft1">das eröffnete Urteil gebunden. Vorbehalten bleiben die gesetzlichen</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmen.</span><br/> <span class="ft1">b) Eine derartige Ausnahme besteht zunächst in der Figur der</span><br/> <span class="ft1">Erläuterung, Berichtigung oder Ergänzung. Obwohl sich auch dazu</span><br/> <span class="ft1">keine Bestimmung im VRPG finden lässt, ist deren grundsätzliche</span><br/> <span class="ft1">Zulässigkeit unbestritten (Michael Merker, Rechtsmittel, Klage und</span><br/> <span class="ft1">Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über die</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsrechtspflege, Zürich 1998, Rz 43 zu § 45). Im konkreten</span><br/> <span class="ft1">Fall kann es nur um eine Berichtigung oder Ergänzung des Ab-</span><br/> <span class="ft1">schreibungsbeschlusses vom 24. Mai 2002 gehen. § 281 ZPO be-</span><br/> <span class="ft1">stimmt hiezu, dass ein Urteil von Amtes wegen berichtigt oder er-</span><br/> <span class="ft1">gänzt werden kann, wenn es Schreib- oder Rechnungsfehler oder</span><br/> <span class="ft1">andere offenbare Unrichtigkeiten enthält oder wenn es unvollständig</span><br/> <span class="ft1">ist. Berichtigungsfähig sind aber nur Flüchtigkeitsfehler oder Un-</span><br/> <span class="ft1">achtsamkeiten. Die Berichtigung oder Ergänzung dient jedoch nicht</span><br/> <span class="ft1">dazu, fehlerhafte Willensbildung der entscheidenden Behörde nach-</span><br/> <span class="ft1">träglich zu korrigieren. In jedem Fall muss sich die Unrichtigkeit</span><br/> <span class="ft1">oder Unvollständigkeit des Urteilsspruchs aus dem Entscheid selbst</span><br/> <span class="ft1">ergeben (Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., Rz 4</span> <span class="ft1">f. zu § 281;</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1993, S. 102).</span><br/> <span class="ft1">c) Aus den Akten geht hervor, dass die im vorinstanzlichen Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahren angefallenen Auslagen (CHF 970.-- für die Befragung der</span><br/> <span class="ft1">Kinder in M. und CHF 58.40 Zeugengeld, gesamthaft CHF 1'028.40)</span><br/> <span class="ft1">im Zeitpunkt des Erlasses der Abschreibungsverfügung vom 24. Mai</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">416</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2002 bekannt waren. Ob und allenfalls wie sie beim Erlass der Ab-</span><br/> <span class="ft1">schreibungsverfügung in die Überlegungen einbezogen wurden, kann</span><br/> <span class="ft1">dieser selbst nicht entnommen werden, da sie nur ein Dispositiv, aber</span><br/> <span class="ft1">keine Begründung enthält. Ferner ist festzuhalten, dass die fragliche</span><br/> <span class="ft1">Abschreibungsverfügung einen Entscheid über die Verfahrenskosten</span><br/> <span class="ft1">(mit Hinweis auf § 8 Abs. 2 EGAR) enthält, so dass - entgegen den</span><br/> <span class="ft1">Andeutungen der Vorinstanz (vgl. deren Schreiben vom 18. Juni</span><br/> <span class="ft1">2002) - nicht angenommen werden kann, die Vorinstanz habe den</span><br/> <span class="ft1">Kostenentscheid vergessen. Insgesamt erscheint die Abschreibungs-</span><br/> <span class="ft1">verfügung selbst nicht als offensichtlich unrichtig oder unvollständig.</span><br/> <span class="ft1">Sie ist daher weder der Berichtigung noch der Ergänzung zugänglich.</span><br/> <span class="ft1">d) Nachdem die Vorinstanz an den von ihr eröffneten Entscheid</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich gebunden ist und dieser in casu nicht berichtigt oder</span><br/> <span class="ft1">ergänzt werden kann, ist ein Zurückkommen auf den Abschrei-</span><br/> <span class="ft1">bungsbeschluss nur unter den Voraussetzungen des Widerrufs gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 26 VRPG möglich.</span><br/> <span class="ft1">aa) Verfügungen und Entscheide, die der Rechtslage oder den</span><br/> <span class="ft1">sachlichen Erfordernissen nicht entsprechen, können durch die erlas-</span><br/> <span class="ft1">sende Behörde abgeändert oder aufgehoben werden, wenn wichtige</span><br/> <span class="ft1">öffentliche Interessen es erfordern (§ 26 Abs. 1 VRPG). Der Wider-</span><br/> <span class="ft1">ruf setzt zunächst voraus, dass die aufzuhebende Verfügung der</span><br/> <span class="ft1">Rechtslage nicht entspricht. Sodann hängt er von einer Interessenab-</span><br/> <span class="ft1">wägung ab, d.h. die Interessen an der Durchsetzung des objektiven</span><br/> <span class="ft1">Rechts und diejenigen am Fortbestand der bisherigen Ordnung be-</span><br/> <span class="ft1">ziehungsweise an der Rechtssicherheit sind gegeneinander abzuwä-</span><br/> <span class="ft1">gen. Das Gewicht des öffentlichen Interesses an der Durchsetzung</span><br/> <span class="ft1">des objektiven Rechts hängt von der Art und vom Ausmass der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsverletzung ab. Die Rechtsprechung hat das Interesse seiner Art</span><br/> <span class="ft1">nach als hoch eingestuft, wenn Erfordernisse der polizeilichen</span><br/> <span class="ft1">Gefahrenabwehr, des Landschaftsschutzes, des Ortsbildschutzes usw.</span><br/> <span class="ft1">auf dem Spiel stehen. Ferner hat die Praxis Fallgruppen entwickelt,</span><br/> <span class="ft1">wo das Interesse an der Rechtssicherheit generell überwiegt. Dazu</span><br/> <span class="ft1">gehören insbesondere Verfügungen, die auf einem Einspracheverfah-</span><br/> <span class="ft1">ren beruhen (AGVE 1994, S. 429, mit weiteren Hinweisen). Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidend ist in diesen Fällen aber, dass es sich nicht einfach nur um</span><br/> <span class="ft1">ein beliebiges Einspracheverfahren handelt, sondern dass die Auf-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <div class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</div> <span class="page_no">417</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gabe des Verfahrens eben gerade in der allseitigen Prüfung der öf-</span><br/> <span class="ft1">fentlichen Interessen und ihrer Abwägung gegenüber den entgegen-</span><br/> <span class="ft1">gesetzten Privatinteressen besteht. Dies ist insbesondere dort der</span><br/> <span class="ft1">Fall, wo explizit der zum Widerruf Anlass gebende Mangel der Ver-</span><br/> <span class="ft1">fügung Gegenstand der besonders eingehenden Ermittlungen war</span><br/> <span class="ft1">(Ulrich Häfelin/Georg Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht,</span><br/> <span class="ft1">4. Auflage, Zürich 2002, Rz 1014).</span><br/> <span class="ft1">bb) In casu handelt es sich um eine Verfügung, die auf einem</span><br/> <span class="ft1">Einspracheverfahren beruht. Der strittige Punkt, die Kostenverle-</span><br/> <span class="ft1">gung, wurde seitens der Vorinstanz bereits in ihrer ersten Verfügung</span><br/> <span class="ft1">nach Eingang der Einsprache thematisiert. Nachdem die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft1">unter Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall die Be-</span><br/> <span class="ft1">zahlung eines Kostenvorschusses angeordnet hatte, fand ein eigentli-</span><br/> <span class="ft1">cher Schriftenwechsel zum Thema Kostentragungspflicht statt, der in</span><br/> <span class="ft1">sehr detaillierten Ausführungen der Vorinstanz zur Rechtslage gipfel-</span><br/> <span class="ft1">te. Damit aber wird deutlich, dass die Kostenfrage zwar nicht</span><br/> <span class="ft1">Hauptthema des Verfahrens bildete, jedoch im Vorfeld des Einspra-</span><br/> <span class="ft1">cheentscheides einlässlich geprüft wurde, auch wenn dies nicht Ein-</span><br/> <span class="ft1">gang in den Abschreibungsbeschluss fand. Dementsprechend ist die</span><br/> <span class="ft1">konkrete Abschreibungsverfügung nicht widerrufbar.</span><br/> <span class="ft1">cc) Neben der Tatsache, dass die fragliche Verfügung auf einem</span><br/> <span class="ft1">Einspracheverfahren beruht, das sich (auch) mit der Kostenfrage</span><br/> <span class="ft1">befasste, spricht zudem das auf dem Spiel stehende öffentliche</span><br/> <span class="ft1">Interesse gegen den Widerruf. Unabhängig von der noch offenen</span><br/> <span class="ft1">Frage, ob die Abschreibungsverfügung vom 24. Mai 2002 im Kos-</span><br/> <span class="ft1">tenpunkt der Rechtslage entspricht oder nicht, kann festgehalten</span><br/> <span class="ft1">werden, dass das öffentliche Interesse an der Durchsetzung des ob-</span><br/> <span class="ft1">jektiven Rechts in casu nur in der Einforderung von CHF 1'028.40</span><br/> <span class="ft1">besteht. Dieses öffentliche Anliegen ist in seiner Intensität aber in</span><br/> <span class="ft1">keiner Weise mit den oben beispielhaft angeführten Interessen, die</span><br/> <span class="ft1">einen Widerruf rechtfertigen können (vgl. lit. aa hievor), vergleich-</span><br/> <span class="ft1">bar. Es erscheint daher höchst fraglich, ob eine reine Geldforderung</span><br/> <span class="ft1">des Staates in der fraglichen Höhe den Widerruf rechtfertigen könnte.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem dieser aufgrund des konkreten Einspracheverfahrens ohne-</span><br/> <span class="ft1">hin unzulässig ist (vgl. lit. bb hievor), kann dieser Punkt aber offen</span><br/> <span class="ft1">gelassen werden.</span><br/></div> </div> </body> </html>