Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 12. September 2019 (720 19 192 / 228) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Würdigung der Arztberichte Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Daniel Noll, Kantons- richterin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiber Daniel Gfeller Parteien A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Markus Schmid, Rechtsanwalt, Lange Gasse 90, 4052 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1964 geborene A.____ war seit Februar 2013 be i der B.____ SA im Stundenlohn als Gastro-Stewardess angestellt, als sie sich mit Gesuch vom 14 . April 2014 unter Hinweis auf ein seit November 2013 bestehendes Rückenleiden zum Leistungs bezug bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) angemeldet hat. Nach Durchfü hrung eines Arbeitstrainings beim C.____-Verein hat die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) mit Verfügung vom 5. Oktober 2015 die beruflichen Massnahmen mit der Feststellung, dass di e Versicherte ihr Arbeitspensum nicht Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht über 50 % habe steigern können, abgeschlossen. In der Fol ge hat sie zur Prüfung der Renten- frage erwerbliche und gesundheitliche Abklärungen vor genommen. Nach Erlass eines ersten Vorbescheids im September 2016 hat die IV-Stelle auf Einsprache hin ein orthopädisches Gut- achten eingeholt und der Versicherten gestützt auf diese s Gutachten und nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren mit Verfügung vom 8. Mai 2019 eine befristete ganze Invalidenrente vom 1. November 2014 bis 31. Juli 2015 gestützt auf einen IV-Grad von 100 % zugesprochen. Für die Zeit ab 1. August 2015 hat die IV-Stelle einen Leistungsanspruch verneint. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch Advokat Markus Schmid, mit Schreiben vom 3. Juni 2019 Beschwerde beim Kantonsger icht, Abteilung Sozialversicherungs- recht (Kantonsgericht). Darin beantragte sie, die ang efochtene Verfügung sei aufzuheben und die IV-Stelle zu verpflichten, ihr über den 30. Nov ember 2014 hinaus bis mindestens Ende Juli 2015 eine ganze Invalidenrente und ab dem 1. August 2015 mindestens eine halbe Invalidenrente auszurichten. Eventualiter sei zur Beurteilung des Leist ungsanspruchs ein gerichtliches medizi- nisches Gutachten einzuholen, subeventualiter sei die St reitsache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen und diese zu verpflichten, ein medizinische s Gutachten einzuholen und nach Vorliegen des Gutachtens neu über den Leistungsanspruch zu entscheiden. Ausserdem sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen. C. Mit Verfügung vom 18. Juni 2019 wurde der Beschwer deführerin für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Advokat Markus Schmid als Rechtsvertreter bewilligt. D. In ihrer Vernehmlassung vom 17. Juli 2019 beantrag te die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungs- gericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anf echtungsobjekt des vorliegenden Verfah- rens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kan- tonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vor- liegenden Beschwerde zuständig. Auf die im Übrigen fo rm- und fristgerecht eingereichte Be- schwerde ist demnach einzutreten. 2.1 Vorweg erhebt die Beschwerdeführerin den Einwand , ihr rechtliches Gehör sei dadurch verletzt worden, dass ihr mit der angefochtenen Verfügung ohne nähere Begründung lediglich für den Monat November 2014 eine befristete ganze Rente zugesprochen worden sei, obwohl ihr mit Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Vorbescheid vom 28. August 2018 noch eine ganze Rente vo n November 2014 bis Juli 2015 zugesprochen worden sei. 2.2 Mit diesem Einwand übersieht die Beschwerdeführerin , dass die Verfügung vom 8. Mai 2019 lediglich bei der Auszahlung die Leistung auf den Monat November 2014 beschränkt. In der Verfügung selbst wird aber klarerweise eine ganze Rente für den Zeitraum vom 1. November 2014 bis 31. Juli 2015 zugesprochen. Dass der Beschwerdeführerin lediglich Zahlungen für den Monat November 2014 ausgerichtet werden, liegt daran, dass die Beschwerdeführerin in den Monaten Dezember 2014 bis Juli 2015 Taggelder von der IV bezogen hat, welche vom Betrag her höher waren als der Rentenanspruch. Daher sind Re ntenleistungen lediglich für den Monat November 2014 geschuldet. Insgesamt entsprechen somit die mit der angefochtenen Verfügung zugesprochenen Leistungen entgegen der Auffassung der Be schwerdeführerin den Leistungen gemäss Vorbescheid. Folglich kann von einer Verletzung des rechtlichen Gehörs keine Rede sein. 3. Streitig und im Folgenden zu prüfen ist, ob die I V-Stelle der Beschwerdeführerin zu Recht lediglich eine vom 1. November 2014 bis 31. Juli 2 015 befristete ganze IV-Rente zuge- sprochen hat. 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während ei- nes Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig ge- wesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähigk eit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähig- keit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutb are Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berück- sichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Ge- burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verste- hen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück- sichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 4.1 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem Gr ad der Invalidität wie folgt abgestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindes- tens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 4.2 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die B estimmung des Invaliditätsgrades das Er- werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumut- bare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Be- ziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid gewor- den wäre (Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfol- gen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden. Aus der Einkommensdifferenz lässt sich der Invaliditäts- grad bestimmen (allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 128 V 30 E. 1). 4.3 Vorliegend hat die IV-Stelle den Invaliditätsgra d der Versicherten nach der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs bemessen, was von der Beschwerdeführerin – zu Recht – nicht bestritten wird. 5. Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrades im Erwerbsbereich bildet die Frage, in welchem Ausmass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträch- tigungen arbeitsunfähig ist. 5.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und in sbesondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde – die Ver- waltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterla gen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurtei- len und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beur- teilung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt aus- geübte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem allgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarer-weise noch ver- richtet werden können (U LRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschät- zung, in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen d er Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 5.2 Geht es um psychische Erkrankungen wie eine anhaltend e somatoforme Schmerzstö- rung, ein damit vergleichbares psychosomatisches Leiden (vg l. BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3) oder depressive Störungen leicht- bis mittelgradiger Natur ( BGE 143 V 409 und 143 V 418), sind für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit systematisierte I ndikatoren beachtlich, die – unter Berück- sichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktor en einerseits und Kompensationspo- tentialen (Ressourcen) anderseits – erlauben, das tats ächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2., E. 3.4-3.6 und 4.1 ). Gemäss altem Verfahrensstandard (z.B. BGE 130 V 352) eingeholte Gutachten verlieren nicht per se ihren Beweiswert. Vielmehr ist Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Einzelfall s mit seinen spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rügen entscheidend, ob ein abschliessendes Abstellen auf die vorhandenen Beweisgrundlagen vor Bundesrecht standhält (BGE 141 V 281 E. 8). 6.1 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmli che Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestat- ten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, wa- rum es auf die eine und nicht auf die andere medizinisc he These abstellt. Hinsichtlich des Be- weiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, o b dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berück- sichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der me- dizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Expert en begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 6.2 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem Gr undsatz der freien Beweis-würdi- gung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richt- linien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b und in AHI-Praxis 2 001 S. 114 E. 3b, jeweils mit weiteren Hinweisen). In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten darf und soll das Gericht der Erfah- rungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Ver- trauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen. Bei der Abschätzung des Beweiswerts im Rahmen einer freien und umfassenden Beweiswürdigung dürfen allerdings auch die potentiellen Stärken der Berichte behandelnder Ärzte nicht vergessen werden. Der Umstand allein, dass eine Einschätzung vom behandelnden Mediziner stammt, darf nicht dazu führen, sie als von vornherein unbeachtlich einzustufen; die einen längeren Zeitraum abdeckende und umfassende Betreuung durch behandelnde Ärzte bringt oft wertvolle Erkennt- nisse hervor. Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gut achten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Ein- sicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnis- sen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskra ft zuzuerkennen, solange nicht kon- krete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise s prechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Zur Frage der beweisrechtlichen Verwertbarkeit der Berichte und Gutachten versicherungsinterner Fachpersonen wird der Grundsatz betont, wonach ein Anstellungsverhält- nis dieser Person zum Versicherungsträger alleine nicht scho n auf mangelnde Objektivität und Befangenheit schliessen lässt (BGE 125 V 353 E. 3b/ee). D iesen Berichten kommt allerdings nicht derselbe Beweiswert wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht externer Fachpersonen oder gar wie einem Gerichtsgutachten zu, sie sind aber soweit zu berück- sichtigen, als auch nicht geringe Zweifel an der Richtig keit ihrer Schlussfolgerungen bestehen (BGE 135 V 471 E. 4.7). 7. Zur Beurteilung des Gesundheitszustandes der Beschwer deführerin hat die Beschwer- degegnerin ein orthopädisches Fachgutachten bei Dr. med. D.____, FMH Orthopädische Chirur- gie, eingeholt. 7.1 Dr. D.____ diagnostiziert in seinem Gutachten vom 2 8. April 2017 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein thorakolumbospondylogenes Synd rom bei Status nach posterolateraler Fusion BWK 12/LWK 1 mit USS II & Grafton am 22. April 2014 sowie bei ISG-Dysfunktion rechts. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit sei der Statu s nach Sturz auf einer Wiese vom 17. Dezember 2016 mit Schulterdistorsion rechts und undislozie rten Rippenfrakturen IV-VI rechts. Nach akutesten Rückenschmerzen Mitte November 2013 und einer stationären Hospitalisation seien histologisch benigne degenerative Veränderungen festgestellt worden. Es habe damit eine Indikation für eine posterolaterale Fusion des 12. Brustwirbels mit dem 1. Lendenwirbel vorgele- gen. Postoperativ sei bildgebend eine regelrechte und unauffällige thoracolumbale Situation do- kumentiert. Subjektiv habe die Beschwerdeführerin aber persistierende Beschwerden beklagt, so dass die attestierte Arbeitsunfähigkeit mehrmals verlängert worden sei, ohne dass die Beschwer- den auf ein pathomorphologisches Korrelat zurückzuführen gewesen seien. Prima vista bestehe nicht der Eindruck einer offensichtlichen Aggravation. Retrospektiv müsse dennoch von einer Diskrepanz zwischen den subjektiv empfundenen thoracolumbalen Beschwerden und den objek- tivierbaren Befunden ausgegangen werden. Bildgebend habe eine relevante Pathologie wie In- fektion, Schraubenlockerung, Pseudoarthrose oder Metal l-Malpositionierung etc. ausgeschlos- sen werden können. Aktuell diskrepant seien die unauffälligen, flüssigen und nicht wirbelsäulen- schonenden Bewegungsabläufe im spontanen Verhalten de r Beschwerdeführerin, namentlich beim An- und Ausziehen oder sich Hinlegen und Aufstehen. Während das vornübergebeugte Öffnen der Reissverschlüsse der Stiefel problemlos möglich gewesen sei, sei es beim Testen des Finger-Boden-Abstandes zu einem abrupten Aufschleudern unter Angabe massiver thoracolum- baler Schmerzen gekommen. Ähnlich diskrepant stehe das problemlose An- und Ausziehen zum subjektiv schmerzhaften Nackengriff bei der Untersuchung. Gesamthaft könnten die subjektiv ge- klagten Beschwerden im Rahmen der Begutachtung aus orth opädischer Sicht nicht auf ein pa- thomorphologisches Korrelat zurückgeführt werden. Trotz der geschilderten, chronisch-therapie- refraktären Beschwerden erscheine insgesamt wenig Leidensdruck zu bestehen. Der orthopädi- sche Alltag zeige, dass nach einer komplikationslos durchge führten und durchgebauten Eineta- genspondylodese thoracolumbal mit einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % von maximal zwölf Mo- naten zu rechnen sei für adaptierte Tätigkeiten. Es se i plausibel, dass die von der Beschwerde- führerin zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Bahn-Stewardess nicht mehr als ideales Tätigkeitsfeld angesehen werden könne. Für leichte und intermittierend mittelschwere, wechselbelastende Tä- tigkeiten ohne Überkopfarbeiten, ohne häufiges Bücken, ohne Zwangshaltung, ohne Tätigkeiten in absturzgefährdeter Position wie Gerüste, Leitern etc. sollte die Beschwerdeführerin jedoch aus orthopädischer Sicht medizinisch-theoretisch spätestens ein Jahr postoperativ wieder vollum- fänglich einsetzbar sein. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.2 Mit Schreiben vom 28. November 2018 führt PD Dr. med. E.____, Oberarzt Spinale Chi- rurgie F.____Spital, aus, er sei mit der Expertise insofern einverstanden, als dass bei der Versi- cherten bildgebend und in der klinischen Untersuchung die Beschwerden, die die Arbeitsfähigkeit zu 50 % einschränken würden, kaum eruierbar seien. Kraf t und Sensibilität seien intakt und die Bewegungsabläufe seien flüssig. Trotzdem bestehe ein Sta tus nach Stabilisation bei schmerz- haften Schmorl-Knoten und dank dieser Operation habe zwar das Schmerzniveau gesenkt wer- den können, es persistiere aber ein Residuum. Da sich di eses nun in der Untersuchung nicht objektivieren lasse, sei man effektiv auf die anamnestischen Angaben der Patientin angewiesen, um ihren Zustand beurteilen zu können. Erst nach Belast ungen komme sie an ihre Grenzen, weshalb sie ja auch 50 % arbeitsfähig sei. In der Praxis sei es ein häufiges Problem, dass insbe- sondere Rückenschmerzen weder in der klinischen Untersuchung noch in der Bildgebung objek- tiviert werden könnten. Hier stelle sich das Problem, dass die heute verfügbaren Verfahren in Bezug auf objektivierbare Schmerzen auf Frakturen und N ervenkompressionen limitiert seien. D.h. viele Patienten, für welche dies nicht zutreffe, die aber trotzdem an Rückenschmerzen leiden würden, würden durch die Maschen der Bildgebung fallen. Bei der Versicherten sei es nicht ganz so. Bei ihr bestehe ein Zustand nach einer Operation, w elche allerdings auch keine 100%ige Restitutio ad integrum habe herstellen können. Er möge zwar als behandelnder Arzt befangen sein, trotzdem nehme er der Patientin ihre Schilderun gen ab und er sei eher positiv überrascht, dass sie noch zu 50 % arbeite, als enttäuscht, dass sie zu 50 % arbeitsunfähig sei. 7.3 Dr. med. G.____, Leitender Arzt Wirbelsäulenchirur gie, H.____-Spital, führt in seiner Be- urteilung vom 28. November 2018 aus, dass die gutachterliche Behauptung eines fehlenden pa- thomorpholigischen Korrelats falsch sei. Die regelrechte Röntgenbildgebung sei keine Beurtei- lung des Schmerzsyndroms. In jeder Bildgebung werde die S pondylodese Th12/L1 angeführt. Das Korrelat der Schmerzen sei immer die zugrundeliegen de Erkrankung, welche durch die Spondylodese eine Ruhigstellung erfahren habe, die ab er noch immer zugrunde liege und als objektivierbares pathomorphologisches Korrelat zu werten sei. Ziel der Operation sei es gewe- sen, die Bewegung herauszunehmen, damit die Aktivierung und das Schmerzsyndrom abneh- men würden. Dies sei teilweise, aber nicht vollständig gelungen. 7.4 Mit Schreiben vom 6. Juni 2019 nimmt der RAD-Arzt Dr. med. I.____, FMH Orthopädi- sche Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Stellung. Er führt im Wesentlichen aus, Dr. G.____ stelle in rein deskriptiver Weise auf die subjektiven Beschwerdepräsentationen der Versicherten ab. Diese liessen sich jedoch laut dem behandelnden Arzt Dr. E.____ und auch gemäss Dr. D.____ eben nicht mit den objektiven Befunden klinischer wie auch bildgebender Art hinlänglich erklären. Aus den Ausführungen Dr. D.____' s liessen sich nicht andeutungsweise eine Generalisierung und Verallgemeinerung des speziell en Falles nachvollziehen. Weiter wür- den sich auch die klinischen Eckbefunde der Untersuchung im Verlaufsbericht von Dr. E.____ nicht massgeblich von denen unterscheiden, die im ausfüh rlichen und gutachterlich umfassen- den, klinischen Untersuchungsgang von Dr. D.____ notiert seien. 8.1 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ver fügung vom 8. Mai 2019 bei der Be- urteilung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten vollumfänglich auf Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Beurteilungen des Gutachters Dr. D.____. Sie gin g demzufolge davon aus, dass die Versi- cherte postoperativ – maximal zwölf Monate nach erfolgte r Operation am 22. April 2014 – für adaptierte Tätigkeiten wieder vollumfänglich arbeitsfähig sei. Bis zwölf Monate nach der Opera- tion bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Gegen die Beurteilung von Dr. D.____ wendet die Beschwerdeführerin ein, der Gutachter trage der individuellen Situation keine Rechnung, sondern stütze seine Zumutbarkeitsbeurteilung auf einen allgemeinen Erfahrungswert, was nicht zulässig sei. Dr. D.____ weist daraufhin, dass nach dem erfolgten Ei ngriff im weiteren Verlauf immerzu über eine insbesondere auch bildgebend unauffällige Situat ion thoracolumbal berichtet worden sei. Die subjektiv geklagten Beschwerden könnten aus orthopädisc her Sicht organisch nicht auf ein pathomorphologisches Korrelat zurückgeführt werden. Es trifft zwar zu, dass sich Dr. D.____ auf die Erfahrungstatsache stützt, dass zwölf Monate nach einer Spondylodese-Operation eine voll- schichtige angepasste Tätigkeit zumutbar sei. Aus dem Gutachten geht aber hervor, dass bei der Beurteilung der individuellen Schmerzsituation der Besch werdeführerin nicht auf ihre Angaben abgestellt werden kann, da ihr spontanes Bewegungsverhal ten sich als diskrepant zum Bewe- gungsverhalten in der Untersuchungssituation erweist. Let ztlich würdigt der Gutachter also mit seiner Zumutbarkeitsbeurteilung sehr wohl die individuel le objektiv sichtbare Schmerzsituation, die nachvollziehbar eine vollschichtige angepasste Täti gkeit als zumutbar erscheinen lässt und sich damit mit der postulierten Erfahrungstatsache deckt. Auch Dr. G.____ behauptet nicht, dass nach einer Spondylodese-Operation zwingend eine Schmerzintensität verbleibt, welche eine voll- schichtige Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigke it ausschliesst. Mit seiner Einschätzung stellt er letztlich auch bloss auf die subjektive Schmerzä usserung der Beschwerdeführerin ab. Dass darauf aber nicht abgestellt werden kann, hat Dr. D.____ nachvollziehbar begründet. Als Indiz dafür, dass die Schmerzsituation der Beschwerdeführerin nicht derart gravierend sein kann, dass sie nur noch zu 50 % arbeitsfähig ist, kann auch di e Aussage der Beschwerdeführerin ge- würdigt werden, dass sie keine Schmerzmittel einnehme ( vgl. S. 8 des Gutachtens von Dr. D.____). Was die Äusserung von Dr. G.____ betrifft, wo nach die der Operation zu Grunde lie- gende Erkrankung der Osteochondrose/des aktivierten Schmorl Th12/L1 auch nach der Opera- tion als objektivierbares Korrelat zu werten sei, ist auf die Stellungnahme von Dr. I.____ vom 6. Juni 2019 bzw. die Ausführungen von Dr. E.____ hinzuweisen. Dr. I.____ hält zu Recht fest, dass auch der behandelnde Wirbelsäulenchirurgen PD Dr. E .____ im Arztbericht vom 28. November 2018 angebe, dass bildgebend und in der klinischen Unte rsuchung die Beschwerden, die die Arbeitsfähigkeit zu 50 % einschränken würden, kaum er uierbar seien. Damit widerspreche PD Dr. E.____ auch Dr. G.____ und bestätige die Meinung von Dr. D.____, wonach eben die Rest- schmerzsymptomatik der Versicherten nicht objektivierbar sei. 8.2 Insgesamt entspricht das Gutachten von Dr. D.____ den bundesgerichtlichen Anforde- rungen an ein beweistaugliches Gutachten, insbesondere sind die getroffenen Schlussfolgerun- gen schlüssig und nachvollziehbar (vgl. oben E. 6.1 und 6 .2). Es ist deshalb nicht zu beanstan- den, dass die Vorinstanz darauf abgestellt hat Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9. Des Weiteren bringt die Beschwerdeführerin vor, da ss bei einer fehlenden Aggravation und bei fehlender objektiver Erklärbarkeit der Schmer zen eine psychische Überlagerung anzu- nehmen sei, sodass zwingend eine psychiatrische Abklärung vorzunehmen wäre. Es trifft zwar zu, dass gemäss Dr. D.____ prima vista nicht der Eindruck einer offensichtlichen Aggravation besteht. Aufgrund der von ihm beschriebenen Diskrepanzen ist aber zumindest von einer Verdeutlichungstendenz auszugehen. Nachdem ansonst en aus den Akten keinerlei Hin- weise ersichtlich sind, dass bei der Beschwerdeführerin eine psychiatrische Problematik besteht, gibt es keinen Grund eine psychiatrische Abklärung vorzunehm en. Es ist somit auch nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin lediglich ein monodisziplinäres – orthopädisches – Gutachten erstellen liess und auf dieses abgestellt hat. 10. Schliesslich kann auch dem Einwand der Beschwerdeführ erin, für den Einkommensver- gleich sei auf das aktuell erzielte Einkommen als Invalideneinkommen abzustellen, nicht gefolgt werden. Damit das aktuell erzielte Einkommen als Invalid eneinkommen herangezogen werden kann, muss die versicherte Person ihre Restarbeitsfähigk eit voll verwerten. Nachdem auf das Gutachten von Dr. D.____ abzustellen ist, ist von einer Arbeitsfähigkeit von 100 % in einer ange- passten Tätigkeit auszugehen. Die Beschwerdeführerin arbeitet zurzeit jedoch lediglich in einem 50 %-Pensum als persönliche Assistentin eines Geschäftsmann s und schöpft demzufolge ihre Restarbeitsfähigkeit nicht voll aus. Folglich kann ihr aktueller Verdienst auch nicht als Grundlage für das Invalideneinkommen dienen. Weitere Einwände in Bezug auf die Berechnung des IV- Grades bringt die Beschwerdeführerin zu Recht keine vor . Damit erweist sich der von der IV- Stelle errechnete IV-Grad von 0 % als korrekt, weshalb die vorliegende Beschwerde abzuweisen ist. 11.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom S treitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnitt- licher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksich- tigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich a uf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unte rliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die Beschwerdeführerin unterliegende Partei, weshalb die Ver- fahrenskosten ihr zu auferlegen sind. Der Beschwerdeführ erin ist nun allerdings mit Verfügung vom 18. Juni 2019 die unentgeltliche Prozessführung bewilligt worden. Aus diesem Grund werden die Verfahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 11.2 Entsprechend dem Prozessausgang wird keine Parteien tschädigung zugesprochen. Da der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 18. Juni 201 9 auch die unentgeltliche Verbeistän- dung mit ihrem Rechtsvertreter bewilligt worden ist, ist dieser für seine Bemühungen aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Gemäss § 3 Abs. 2 der Tarif ordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003 beträgt das Honorar bei unentgeltlicher Verbeiständung Fr. 200.-- pro Stunde. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat in seiner Honorarnote vom Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 25. März 2019 für das vorliegende Verfahren einen Zei taufwand von 13,2 Stunden geltend ge- macht, was sich in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen als angemes- sen erweist. Nicht zu beanstanden sind sodann die ausgew iesenen Auslagen von Fr. 228.60. Dem Rechtsvertreter ist deshalb ein Honorar in der Höhe von Fr. 3'089.50 (13,2 Stunden à Fr. 200.-- und Auslagen von Fr. 228.60 zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse aus- zurichten. 11.3 Die Beschwerdeführerin wird ausdrücklich auf § 53a Abs. 1 des Gesetzes über die Or- ganisation der Gerichte (GOG) vom 22. Februar 2001 aufmerksam gemacht, wonach eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zu r Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- w erden der Beschwer- deführerin auferlegt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung werden die Ver- fahrenskosten vorläufig auf die Gerichtskasse genommen. 3. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Verbeiständun g wird dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ein Honorar in der Höhe von Fr. 3'089.50 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichts- kasse ausgerichtet. http://www.bl.ch/kantonsgericht