Abteilung IV D-7000/2006 {T 0/2} U r t e i l v o m 6 . F e b r u a r 2 0 0 9 Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richter Gérald Bovier, Richter Martin Zoller; Gerichtsschreiber Martin Maeder. A._______, geboren (...), Beschwerdeführerin, deren Kinder B._______, geboren (...), und C._______, geboren (...), Jemen, alle vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, gegen Bundesamt für Migration (BFM), vormals Bundesamt für Flüchtlinge (BFF), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFF vom 30. Januar 2002 / N (...). B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandD-7000/2006 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin verliess ihr Heimatland nach eigener Aussage am 27. September 2001 mit einem im Juli 2001 legal erwor- benen Pass über den Flughafen von Sana'a. Nach der Landung in ei- ner ihr nicht bekannten italienischen Stadt sei sie in Begleitung des Schleppers mit dem Zug weitergereist, bis sie – ohne auf der Fahrt einen Grenzübertritt zu bemerken – am 1. Oktober 2001 in einem ihr nicht bekannten Bahnhof in der Schweiz eingetroffen und dort von ihrem Verlobten empfangen worden sei. A.b Am 2. Oktober 2001 suchte die Beschwerdeführerin in der Emp- fangsstelle (seit 1. Januar 2005: Empfangs- und Verfahrenszentrum [EVZ]) Kreuzlingen um Asyl nach. Das damalige BFF (seit dem 1. Ja- nuar 2005 Bestandteil des BFM) befragte sie dort am 4. Oktober 2001 sum marisch zum Reiseweg und zu den Gründen für das Verlassen des Heimatlandes. An gleicher Stätte führte es am 9. Oktober 2001 im Beisein eines Hilfswerksvertreters die Anhörung zu den Asylgründen durch. A.c Bei der Erhebung ihrer Personalien gab die Beschwerdeführerin zu Protokoll, sie sei sunnitische Araberin und habe seit ihrer Geburt ununterbrochen in Aden gelebt. Die Adresse in Aden, an der sie zu- sam men mit ihren Eltern, dem Bruder und den beiden Schwestern wohnhaft gewesen sei, habe sie ungefähr eine Woche vor der Aus- reise verlassen. Sie sei seit fünf Jahren mit D._______ verlobt, welcher ebenfalls als Asylsuchender in der Schweiz weile (Asylgesuch vom [...], Anm. dieses Gerichts). Weil ihr Verlobter wegen Problemen mit den Behörden nicht habe nach Jemen zurückkehren können und sie selber den viel älteren Mann, der ihr Vater für sie ausgesucht habe, nicht habe heiraten mögen, habe sie sich schliesslich hierher begeben. Ihre Probleme seien ausschliesslich im familiären Umfeld angesiedelt; Schwierigkeiten mit den Behörden oder irgendwelchen Organisationen habe sie persönlich nicht gehabt. Ihr Vater hingegen sei während des Bürgerkriegs von 1994 mehrmals vom Sicher- heitsdienst festgenommen worden. Durch die in der Haft gemachten Gewalterfahrungen sei er psychisch krank geworden. So habe er nach der Freilassung unter Depressionen gelitten und sei gegen sie und ihre Geschwister schnell gewalttätig geworden. Weil sie einer ärmli- chen Familie entstamme, habe man sie jung verlobt. Nachdem ihr Ver- Seite 2D-7000/2006 lobter im Jahre 1999 plötzlich verschwunden gewesen sei, habe sie sich an dessen Mutter gewandt, welche jedoch nichts Genaues über den Verbleib ihres Sohnes gewusst habe. Drei oder vier Monate später habe ihr Verlobter seine Mutter angerufen und ihr mitgeteilt, dass er sich im Ausland befinde und wegen Problemen mit dem Gericht, die auf seine frühere oppositionelle Tätigkeit zurückgingen, unmög lich nach Jemen zurückkehren könne. Auf ihre Frage hin, ob sie ihm in die Schweiz folgen solle, habe ihr Verlobter dazumal noch abgewunken. Weil ihr Vater sie des spärlichen Geldes wegen lieber früher als später habe verheiraten wollen, habe er bald nach einem Ersatz für den weg- gezogenen Verlobten gesucht. Den ausgewählten Mann habe sie je- doch unter keinen Umständen ehelichen wollen, weil dieser viel älter gewe sen sei als sie. Auf ihre Weigerung, das Verlöbnis aufzulösen und eine Vermählung mit dem älteren Mann einzugehen, habe der Vater mit Zorn und Schlägen reagiert. Ihre Mutter habe sie daraufhin im Au- gust 2001 bei ihrer Schwester in Sicherheit gebracht. Bei dieser Tante habe sie in den nächsten zwei Wochen wohnen können. In dieser Zeit habe sie nochmals mit ihrem Verlobten telefoniert, der jedoch seine Bedenken bezüglich eines Zusammenlebens in der Schweiz noch nicht abgelegt gehabt habe. Auf ihr Zureden hin habe der Verlobte ihr schliesslich geraten, die von der Tante angebotene Hilfe auszuschöp- fen und ihr Schicksal in Allahs Händen zu belassen. Währenddessen habe ihre Tante alles in die Wege geleitet, damit sie schliesslich habe ausreisen und zu ihrem Verlobten in die Schweiz gelangen können. B. Mit Verfügung vom 30. Januar 2002 - eröffnet am 6. Februar 2002 - stellte das BFF fest, die Beschwerdeführerin erfüllte die Flüchtlings- eigenschaft nicht, lehnte mit dieser Begründung das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Als Grund für die Nichtzuerkennung der Flüchtlingseigenschaft führte das BFF an, die Beschwerdeführerin berufe sich ausschliesslich auf Be helligungen durch den Vater, die jedoch als Übergriffe eines privaten Dritten zu werten seien. Weil die Behelligungen somit nicht von Organen eines die Herrschaft ausübenden Staates ausgegangen seien, führten sie nach der Praxis der schweizerischen Asylbehörden nicht zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31). Seite 3D-7000/2006 C. Am (...) schloss die Beschwerdeführerin in E._______ die Ehe mit D._______. D. Mit Eingabe vom 8. März 2002 (Poststempel) liess die Beschwerdefüh- rerin durch ihre damalige Rechtsvertreterin bei der Schweizerischen Asylrekurskom mission (ARK) Beschwerde gegen die Verfügung des BFF vom 30. Januar 2002 erheben. Als hauptsächliches Begehren brachte sie ein, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr in der Schweiz Asyl zu ge- währen. Im Eventualpunkt stellte sie den Antrag, es die Unzumutbar- keit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und als Folge davon ihre vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen. Daneben er- suchte sie in prozessualer Hinsicht um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. Zusammen mit der Beschwerdeschrift reichte die Beschwerdeführerin verschiedene Dokumente zur Bestätigung der seit dem (...) bestehenden Ehe mit D._______ sowie der bei ihr vorliegenden Schwangerschaft ein. E. Mit Zwischenverfügung vom 18. April 2002 bestätigte der Instruktions- richter der ARK die Berechtigung der Beschwerdeführerin zum Wei- terverbleib in der Schweiz bis zum Abschluss des Beschwerdeverfah- rens. Gleichzeitig verlegte er den Entscheid über das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungs- verfahren (VwVG, SR 172.021) auf einen späteren Zeitpunkt und ver- zichtete antragsgemäss auf die Erhebung eines Verfahrenskostenvor- schusses. F. In seiner Vernehmlassung vom 7. Mai 2002 schloss das BFF auf Ab- weisung der Beschwerde. G. Am (...) und (...) brachte die Beschwerdeführerin in (...) ihre beiden Kinder B._______ und C._______ zur Welt. Seite 4D-7000/2006 H. Mit Folgeeingabe vom 18. März 2004 gab die Beschwerdeführerin als weitere Beweismittel einen an ihren Ehemann gerichteten Brief ihres Schwagers sowie zwei ärztliche Berichte vom 5. März 2004 und 14. Juli 2004 betreffend die Tochter B._______ zum Dossier. I. Am 1. Januar 2007 übernahm das Bundesverwaltungsgericht das Be- schwerdeverfahren von der ARK. J. J.a Mit Urteil vom 19. Februar 2008 trat das Bundesverwaltungsge- richt wegen Nichtwahrens der gesetzlichen Eingabefrist auf eine Be- schwerde des Ehemannes der Beschwerdeführerin nicht ein, welche dieser gegen die Ablehnung seines am 23. November 1999 einge- reichten Asylgesuchs durch Verfügung des BFM vom 20. Dezember 2007 erhoben hatte. J.b Mit schriftlicher Eingabe seines Rechtsvertreters vom 13. März 2008 stellte der Ehemann der Beschwerdeführerin beim BFM ein zwei- tes Asylgesuch. Zu dessen Begründung machte er im Kern geltend, er setze sich seit seiner Ankunft in der Schweiz für das Selbstbestim- mungs recht der Südjemeniten ein und habe seine politischen Aktivitä- ten hierzulande auch nach der Ablehnung seines Asylgesuchs weiter- geführt. Weil er mit seiner Mitgliedschaft bei der (...), seinen Publika- tionen im Internet und der Platzierung seiner Unterschrift an einer auf- fälligen Stelle des am (...) herausgegebenen Communiqués der (...) in der Schweiz ein ausgesprochen markantes politisches Profil aufweise, sei damit zu rechnen, dass er in den Fokus der jemenitischen Behörden geraten sei. Deswegen und aufgrund der aktuellen Situation, wie sie sich namentlich im Südjemen präsentiere, laufe er Gefahr, nach einer Rückkehr einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung ausgesetzt zu werden. Weil sich in seinem Fall die Flüchtlingseigenschaft auf subjektive Nachfluchtgründe stütze, sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. J.c Im vorliegenden Verfahren zeigte die Beschwerdeführerin mit Ein- gabe vom 13. März 2008 das mit Vollmacht vom 26. Februar 2008 eingegangene Mandatsverhältnis mit dem rubrizierten Rechtsvertreter an. Gleichtzeitig machte sie unter Hinweis auf das zweite Asylgesuch ihres Ehemannes geltend, abgesehen von den bereits geltend ge- machten eigenen Verfolgungsgründen unterliege sie seit ihrer Heirat Seite 5D-7000/2006 mit D._______ bei einer allfälligen Rückkehr dem Risiko einer Reflex- verfolgung. Auch aus diesem Grund erfülle sie selbständig die Flücht- lingseigenschaft. Weil die Reflexverfolgung unabhängig von ihrem nach der Ausreise gezeigten Verhalten zustande gekommen sei, beru- he diese auf objektiven Nachfluchtgründen. Im Unterscheid zu ihrem Ehemann falle auf ihrer Seite kein Asylausschlussgrund in Betracht, so dass ihr das Asyl zu gewähren sei. J.d Mit Verfügung vom 8. Dezember 2008 lehnte das BFM auch das zweite Asylgesuch des Ehemannes der Beschwerdeführerin ab, stellte hingegen die Flüchtlingseigenschaft aufgrund subjektiver Nachflucht- gründe fest und ordnete die vorläufige Aufnahme als Ersatz für den als unzulässig erachteten Wegweisungsvollzug an. Zur Begründung der Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft führte das BFM aus, nach Prüfung der Akten und im Sinne einer Gesamtwürdigung aller wesent- lichen Umstände erachte es das Profil des Ehemannes der Beschwer- deführerin als geeignet, um die Aufmerksamkeit der jemenitischen Be- hörden auf sich zu lenken. Damit bestehe begründeter Anlass zur An- nahme, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin bei einer allfälli- gen Rückkehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nach- teile im Sinne von Art. 3 AsylG zu gewärtigen habe. J.e Mit Eingabe vom 9. Dezember 2008 ersuchte die Beschwerde- führerin unter Hinweis auf den am Vortag ergangenen Entscheid be- treffend ihren Ehemann um beförderliche Behandlung der Beschwer- de. K. Mit Telefax vom 8. Januar 2009 wurde der Rechtsvertreter der Be- schwerdeführerin unter der Androhung, dass im Unterlassungsfall eine allfällige Parteienschädigung von Amtes wegen auf Grund der Akten- lage festzusetzen sein werde, aufgefordert, bis am 15. Januar 2009 eine Kostennote einzureichen. Eine Kostennote ist bis zum heutigen Datum beim Gericht nicht eingegangen. Seite 6D-7000/2006 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Als eine der Beschwerdeinstanzen im Verwaltungsverfahren des Bun des (vgl. Art. 47 Abs. 1 Bst. b VwVG) beurteilt das Bundesverwal- tungsgericht gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG , sofern keine Ausnahme nach Art. 32 VGG vorliegt. Un ter die Vorinstanzen fallen die in Art. 33 und 34 VGG genannten Be- hörden, zu welchen auch das BFM (Art. 33 Bst. d VGG) zählt. Art. 32 VGG sieht für Verfügungen auf dem Gebiet des Asyls keine Ausnahme vor, womit die Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts als Be- schwerdeinstanz im Asylverfahren gegeben ist (Art. 105 AsylG). Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110]) bestätigt diese Zuständigkeit und schliesst gleichzeitig die Weiterzugsmöglichkeit an das Bundesgericht aus. Als Folge der so definierten Zuständigkeit (vgl. Art. 53 Abs. 2 VGG) hat das Bundesverwaltungsgericht per 1. Januar 2007 die Beurteilung der seit dem 8. März 2002 bei der ARK hängig gewesenen Beschwerde der Beschwerdeführerin gegen einen Entscheid des BFF – als Vor- gänger des BFM auf dem Gebiet des Asyls – übernommen (vgl. Bst. I hiervor). Diese Beurteilung geschieht nach neuem Verfahrensrecht (vgl. Art. 53 Abs. 2 in fine VGG; BVGE 2007/11 E. 4.2 S. 119), wobei sich das Verfahren nach dem VwVG richtet, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). Auf die am 1. Januar 2007 bereits hängigen Asylverfahren sind zudem die in diesem Zeitpunkt bezie- hungsweise am 1. Januar 2008 in Kraft getretenen Bestimmungen der Asylgesetzänderung vom 16. Dezember 2005 anwendbar (Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 16. Dezember 2005; AS 2006 4767 und 2007 5573). 1.2 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrich- tige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. 2.1 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor dem Bundesamt teilgenommen, ist durch die am 30. Januar 2002 ergangene Verfügung Seite 7D-7000/2006 besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Auf- hebung beziehungsweise Änderung. Damit ist sie zur Einreichung ei- ner dagegen gerichteten Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). 2.2 Die Eingabefrist sowie die Anforderungen an Form und Inhalt der Beschwerdeschrift sind gewahrt (Art. 50 und Art. 52 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2.3 Die am (...) und (...) geborenen Kinder B._______ und C._______werden in das vorliegende Urteil miteinbezogen. 3. Die Schweiz gewährt Flüchtlingen unter Vorbehalt von Ausschluss- gründen auf Gesuch hin Asyl (vgl. Art. 2 Abs. 1 und Art. 49 AsylG). Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Die Flüchtlingsei- genschaft erfüllen Personen, welche in ihrem Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg- lichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Flucht- gründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.1 Die im Gesetz so definierte Flüchtlingseigenschaft erfüllt eine asylsuchende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründe- terweise befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Heimat- (Person mit einer Staatsangehörigkeit) oder Herkunftsstaates (Person ohne Staatsange- hörigkeit) oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind be- ziehungsweise zugefügt zu werden drohen. Die erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete Furcht vor künftiger Verfolgung muss sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylent- scheids noch aktuell sein. Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlings- rechtlichen Schutzes setzt die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person im Heimat- oder Her- Seite 8D-7000/2006 kunftsstaat keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. zum Gan- zen BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37 f.; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskom mission [EMARK ] 2006 Nr. 32 E. 5 S. 339 f., EMARK 2006 Nr. 18 E. 7 S. 190 ff., E. 8.3. S. 200 und E. 10 S. 201 ff., EMARK 2005 Nr. 21 E. 7.3. S. 194 und E. 11.1. S. 201 f.). 3.2 Glaubhaft sind die Vorbringen eines Asylsuchenden grundsätzlich dann, wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in we- sentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfah- rung widersprechen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Be- weismittel abstützt, aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen un- terdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vor- bringen auswechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt, man- gelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung ver- weigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz zum strik- ten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstel- lers. Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Asylsu- chenden sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objekti- vierte Sichtweise abzustellen (vgl. Art. 7 Abs. 2 und 3 AsylG; EMARK 2005 Nr. 7 E. 6 S. 64 ff., EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1. S. 190 f., EMARK 1996 Nr. 27 E. 3c.aa S. 263 f., EMARK 1996 Nr. 28 E. 3a S. 270). 4. Zur Begründung ihres Asylgesuchs berief sich die Beschwerdeführerin auf gewaltsame Übergriffe ihres Vaters im Zusammenhang mit dessen Vorhaben, sie anstelle des in die Schweiz gezogenen langjährigen Verlobten – und nunmehr Ehemannes (vgl. vorne, Bst. C) – gegen ihren Willen mit einem weitaus älteren Mann zu verheiraten. Ob ihre diesbezüglichen Aussagen die gelockerten Beweisanforderungen des Glaubhaftmachens nach Art. 7 AsylG erfüllen und – bejahendenfalls – für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG ausreichen, kann dahin gestellt bleiben. Wie sogleich zu zeigen sein wird, erfüllt die Beschwerdeführerin nämlich allein schon aufgrund ihres in der Schweiz eingegangenen Eheverhältnisses mit D._______ selbständig die Flüchtlingseigenschaft, ohne durch einen gesetzlichen Seite 9D-7000/2006 Ausschlussgrund am Erhalt des Asyls gehindert zu werden (Art. 49 AsylG). 4.1 In seiner Verfügung vom 8. Dezember 2008 erkannte das BFM dem Ehemann der Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft auf- grund subjektiver Nachfluchtgründe zu. Nach einer Gesamtwürdigung aller wesentlichen Umstände erachtete es – so der Wortlaut seiner Begründung – das Profil des Ehemannes der Beschwerdeführerin als geeignet, um die Aufmerksamkeit der jemenitischen Behörden auf sich zu lenken. Es bestehe damit begründeter Anlass zur Annahme, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin bei einer allfälligen Rückkehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu gewärtigen habe. Bei dieser Sachlage hätte die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG grundsätzlich einen Anspruch auf Einbezug in die Flücht- lingseigenschaft ihres Ehemannes (vgl. EMARK 2006 Nr. 7 E. 5.6. S. 79). Gemäss Art. 37 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311) hat indessen der Einbe- zug in die Flüchtlingseigenschaft eines Ehegatten nach Art. 51 Abs. 1 AsylG erst dann zu erfolgen, wenn die einzubeziehende Person die Flüchtlingseigenschaft nicht selbstständig nach Art. 3 AsylG erfüllt (vgl. auch Art. 5 AsylV 1). Vorliegend sieht sich das Bundesverwal- tungsgericht mangels entsprechender Anhaltspunkte in den Akten nicht veranlasst, mit Bezug auf die Rückkehrgefährdung des Eheman- nes der Beschwerdeführerin infolge exilpolitischer Aktivitäten in der Schweiz eine andere Einschätzung als das BFM vorzunehmen. So hat es in einem Urteil vom 30. Januar 2008 (E-6990/2006 E. 8.3 S. 20) sel- ber den Standpunkt vertreten, dass das Erscheinen der von zahlrei- chen, in der Exilopposition engagierten Südjemeniten – darunter dem Ehe mann der Beschwerdeführerin (vgl. act. B1/9, S. 3) – unterzeich- neten Erklärung vom (...) von den jemenitischen Behörden im Internet kaum unbeach tet geblieben sei und konkrete Hinweise darauf bestünden, dass der jemenitische Staat oppositionelle Landsleute im Exil aktiv beobachte, vor allem in Grossbritannien, in beschränkterem Masse aber auch in der Schweiz, weshalb anzunehmen sei, dass hierzulande ausgeübte Aktivitäten für die (...) zur Kenntnis genommen würden. In Berücksichtigung der aktuellen politischen und menschenrechtlichen Situation in Jemen kam das Bundesverwaltungs- gericht im besagten Urteil vom 30. Januar 2008 zum Schluss, dass ein in der südjemenitischen Exilopposition engagierter Aktivist der (..) bei Seite 10D-7000/2006 einer Rückkehr nach Jemen landesweit in flüchtlingsrechtlich erheblicher Weise gefährdet sei, wobei es in der militärischen Ver- gangenheit des betreffenden Beschwerdeführers als ranghoher Ange- höriger der südjeme nitischen Armee einen zusätzlichen Risikofaktor erblickte (vgl. BVGE E-6990/2006 E. 8.4 S. 20 ff. und E. 8.5 S. 22). Nicht anders als in jenem Urteil ist alsdann mit erheblicher Wahr- scheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin auf- grund der politischen Aktivitäten ihres Ehemannes in der Schweiz bei einer Rückkehr nach Jemen persönlich gefährdet wäre, sich mithin einer so genannten Reflexverfolgung ausgesetzt sehen würde (vgl. hierzu BVGE E-6990/2006 E. 9 S. 24, mit Hinweisen und Quellenanga- ben zu Meldungen über sippenhaftartige Behelligungen in Jemen). Die Be schwerdeführerin erfüllt damit selbständig die Flüchtlingseigen- schaft nach der Definition von Art. 3 AsylG. Hinweise auf ein schweres Fehlverhalten ihrerseits, welches unter einen oder mehrere der von Art. 1 F des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) umfassten Fälle zu subsumieren wäre, finden sich in den Akten nicht. Eine tatbeständliche Grundlage, welche den Ausschluss der Beschwerdeführerin vom Flüchtlingsbegriff zur Folge hätte (vgl. EMARK 1996 Nr. 18 E. 5-7 S. 173 ff.), ist somit nicht zu erkennen. Als (...)- beziehungsweise (...)jährige Nachkommen der Beschwerdeführerin laufen die beiden in der Schweiz geborenen Kinder B._______ und C._______ aller Voraussicht nach nicht Gefahr, von der ihrer Mutter drohenden Reflexverfolgung ebenfalls erfasst zu werden. Dem zufolge sind die beiden Kinder auf der Grundlage von Art. 51 Abs. 1 AsylG als Flüchtlinge anzuerkennen; gegen einen Ein- bezug sprechende Um stände sind nicht ersichtlich. 4.2 Bei der Anerkennung einer asylsuchenden Person als Flüchtling, die erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise im Falle einer Rückkehr in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat verfolgt würde, ist zwi- schen objektiven und subjektiven Nachfluchtgründen zu unterschei- den. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von einer Verfolgung bedrohten Person ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Subjektive Nachfluchtgründe sind gemäss Art. 54 AsylG dann anzunehmen, wenn eine asylsuchende Person erst durch die unerlaubte Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Seite 11D-7000/2006 Vorliegend fehlt es aufseiten der Beschwerdeführerin an Anzeichen dafür, dass sie irgendwelchen Einfluss auf die exilpolitischen Tätigkei- ten ihres Ehemannes ausgeübt hat. Mit derselben Gewissheit lässt sich ausschliessen, dass sie mit dem Eheschluss am (...) eine politi- sche Haltung ausdrücken wollte, zumal sie glaubhaft darlegen konnte, mit ihrem heutigen Ehemann lange Zeit vor dessen Ausreise im Jahre 1999 verlobt gewesen zu sein. Die soeben erläuterte Gefahr einer Reflexverfolgung ist daher unabhängig von ihrem Verhalten nach der Ausreise entstanden und bildet entsprechend einen objektiven Nachfluchtgrund. Hinweise darauf, dass auch sie selber in der Schweiz in irgendeiner Form eine kritische Einstellung gegenüber dem Regime in Jemen gegen aussen manifestiert hat, fehlen gänzlich. Es liegen demnach ihrerseits keinerlei Anhaltspunkte für eine Verwirklichung von subjektiven Nachfluchtgründen nach Art. 54 AsylG vor, die neben der erwähnten Gefahr einer Reflexverfolgung für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft bestimmend wären. Andere Asylausschluss- gründe fallen ebenso wenig in Betracht. Der Beschwerdeführerin und den Kindern B._______ und C._______ ist demzufolge in der Schweiz Asyl zu gewähren (Art. 2 Abs. 1, Art. 49 und Art. 51 Abs. 1 AsylG). 5. In Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung auf- zuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin und ihre Kinder B._______ und C._______ als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen in der Schweiz Asyl zu gewähren. 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind weder der Beschwerde- führerin (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG), der keine Verletzung von Verfah- renspflichten vorzuwerfen ist (vgl. Art. 63 Abs. 3 VwVG), noch der un- terliegenden Vorinstanz (vgl. Art. 63 Abs. 2 VwVG) Kosten aufzuerle- gen. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist bei dieser Sachlage als gegen- standslos zu betrachten. 6.2 Der Beschwerdeführerin ist – als vollständig obsiegender Partei – für die ihr im Beschwerdeverfahren erwachsenen notwendigen Kosten eine Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Fe- bruar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Ihr Rechtsvertreter hat innert Frist Seite 12D-7000/2006 keine Honorarnote eingereicht, weshalb die Parteientschädigung von Amtes wegen festzusetzen ist. Die ihr vom BFM geschuldete Parteient- schädigung ist in Berücksichtigung der massgebenden Bemessungs- faktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE ) auf insgesamt Fr. 1'000.-- (inkl. Auslagen und MwSt.) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) Seite 13D-7000/2006 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung vom 30. Januar 2002 wird aufgehoben und das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin und ihren beiden Kindern B._______ und C._______ Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin eine Parteient- schädigung von Fr. 1'000.-- auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an: - den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin (Einschreiben) - das BFM, Abteilung Aufenthalt, mit den Akten Ref.-Nr. N (...) (per Kurier; in Kopie) - (...) (in Kopie) Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Robert Galliker Martin Maeder Versand: Seite 14