<h2>SubmittedText<h2><p>Vergangenen Sommer verendeten in der Oder etwa 400 Tonnen Fisch. Grund dafür war eine giftige Brackwasseralge, deren rasante Vermehrung durch einen tiefen Wasserstand, hohe Wassertemperaturen sowie einen hohen Salz- und Nährstoffgehalt ausgelöst wurde. Die schädlichen Einträge stammen primär aus dem Bergbau, der Landwirtschaft, der Industrie und den Gemeinden.</p><p>Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin erklärt gegenüber SRF und der NZZ kürzlich, das Szenario drohe sich zu wiederholen, denn die Wasserstände würden wieder sinken. Zudem seien die Wassertemperaturen in "einem für das Algenwachstum hervorragenden Bereich". Verstärkt werde dies durch den katastrophenbedingten Wegfall von Grossmuscheln im letzten Jahr, welche effektive Nährstoff-Filtrierer seien.</p><p>Für die Regeneration und Erhaltung des Ökosystems Oder wäre entscheidend, dass es nicht erneut zu einem Massensterben kommt. Die deutsche Nachrichtenagentur RND beschreibt die Konsequenzen der Umweltkatastrophe so: "Vögeln wie Fischreihern fehlt eine wichtige Nahrungsgrundlage; grosse Fische, die nochmals hätten laichen können, sind verendet, sodass es nun an Nachfolgegenerationen mangelt. Und auch für den Menschen hat das Fischsterben Folgen: Die Fischerei kann nicht mehr so betrieben werden wie gewünscht. Es entsteht ein wirtschaftlicher Schaden".</p><p>Auf meine Frage 23.7436 zu Blaualgen in der Schweiz antwortete der Bundesrat: "Längerfristig die wichtigsten Massnahmen, um Blaualgen in den Seen zu reduzieren, sind die Eindämmung der Klimaerwärmung und die Reduktion der Nährstoffeinträge wie Stickstoff und Phosphor". Nun zeigen neuste Berechnungen von Agroscope, dass im Jahr 2020 rund 70 000 Tonnen Stickstoff in Schweizer Gewässer gelangten, knapp die Hälfte stammte aus der Landwirtschaft. Das Umweltziel Landwirtschaft wurde deutlich verfehlt.</p><p>Ich bitte den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:</p><p>1. Aufgrund von sinkenden Wasserständen, steigenden Wassertemperaturen und zu hohen Nährstoffeinträgen: Ist in der Schweiz ein ähnliches Szenario wie an der Oder denkbar? Wenn ja, welche Gewässer wären am meisten gefährdet? Wenn nein, warum nicht?</p><p>2. Was wären die Konsequenzen eines Kollabierens der Ökosysteme in Schweizer Flüssen und Seen?</p><p>3. Was ist erforderlich, um dies zu verhindern?</p><p>4. Was unternimmt der Bundesrat diesbezüglich und bis wann?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1) Gemäss den Informationen der deutschen Behörden ist die wahrscheinlichste Ursache für das Fischsterben in der Oder ein sprunghaft angestiegener Salzgehalt, der mit weiteren Faktoren (hohe Sonneneinstrahlung, tiefer Wasserstand, hohe Wassertemperaturen und hoher Nährstoffgehalt im Wasser) zu einer Vermehrung der Brackwasseralge Prymnesium parvum geführt hat. Die Alge erzeugt eine giftige Substanz, die für Fische und andere Wasserorganismen tödlich sein kann. Eine Massenvermehrung dieser Brackwasseralgen – die einen erhöhten Salzgehalt im Wasser benötigen – ist in den Schweizer Gewässern sehr unwahrscheinlich. Der Salzgehalt in Schweizer Gewässern ist um einiges tiefer als derjenige in der Oder. Weiter gibt es in der Schweiz keine industriellen Tätigkeiten, die vergleichbar grosse Salzmengen in die Gewässer freisetzen bzw. freisetzen könnten.&nbsp;</p><p>In der Schweiz sind Probleme mit anderen giftigen Algen (Cyanobakterien) auf Weiher, Tümpel und Seen beschränkt. Dabei sind nährstoffreiche Gewässer besonders gefährdet. Cyanobakterien können in Einzelfällen lokal zu Fischsterben führen. In der Schweiz wurden Fischsterben in den letzten Jahren durch Gülleeinträge oder hohe Wassertemperaturen verursacht. Diese sind im Ausmass aber nicht mit dem Fischsterben in der Oder vergleichbar.</p><p>2) Würde das Ökosystem eines grossen Sees oder eines grösseren Teils der Fliessgewässer kollabieren, könnte dies weitreichende Auswirkungen nicht nur auf die Biodiversität, sondern auch auf das Trinkwasser, den Tourismus und die Naherholung haben. Der Bundesrat sieht zurzeit keinerlei Anzeichen für eine solche Entwicklung.</p><p>3) und 4) Damit während Extremereignissen die Auswirkungen auf Natur und Menschen möglichst gering gehalten werden, müssen die Gewässer möglichst sauber und naturnah sein.</p><p>Das Schweizer Gewässerschutzrecht und die Umsetzung kürzlich überwiesener Motionen umfassen Massnahmen wie beispielsweise die Revitalisierung bis ca. 2080 von 4000 km begradigter und kanalisierter Gewässer, die verbindliche Festlegung von Gewässerräumen mit möglichst naturnaher Ufervegetation, die Sanierung der Wasserkraft oder Massnahmen zur noch stärkeren Reduktion der Nährstoffeinträge und Mikroverunreinigungen.</p>