B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-809/2023 U r t e i l v om 2 7 . A p r i l 2 0 23 Besetzung Einzelrichter Lorenz Noli, mit Zustimmung von Richterin Jenny de Coulon Scuntaro, Gerichtsschreiber Daniel Merkli. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), und deren Kinder C._______, geboren am (…), und D._______, geboren am (…), Afghanistan, alle vertreten durch Raffaella Massara, Rechtsanwältin, Advokaturbüro Massara, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 1. Februar 2023 / N (…). E-809/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden suchten am 14. Dezember 2020 erstmals in der Schweiz um Asyl nach. B. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentralein- heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 19. November 2020 in Italien daktyloskopisch erfasst worden war. C. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur allfälligen Wegweisung nach Italien gaben die Beschwerdeführenden an, Afghanistan vor rund zwei Jahren verlassen und in der Türkei geheiratet zu haben. Von dort aus seien sie auf dem Seeweg nach Italien gelangt, wo man ihnen die Fingerab drücke ab- genommen und sie für 21 Tage in Quarantäne gesetzt habe. Anschliessend seien sie in die Schweiz gereist. Eine Überstellung nach Italien lehnten die Beschwerdeführenden ab. Sie begründeten dies mit der damals unmittel- bar bevorstehenden Geburt ihres Kindes. D. Am 24. Dezember 2020 wurde das erste Kind in der Schweiz geboren. E. Die italienischen Behörden äusserten sich innerhalb der festgelegten Frist nicht zum Übernahmeersuchen des SEM vom 21. Dezember 2020 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO), stimmten jedoch am 5. Mai 2021 nachträglich zu. F. Mit Verfügung vom 6. Mai 2021 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Beschwerdefüh- renden nicht ein, verfügte die Überstellung nach Italien und forderte die Beschwerdeführenden dazu auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Be- schwerdefrist zu verlassen. E-809/2023 Seite 3 G. Mit Urteil D-2327/2021 vom 18. November 2021 wies das Bundesverwal- tungsgericht eine gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde ab, wo- mit die Verfügung des SEM vom 6. Mai 2021 in Rechtskraft erwuchs. H. Am 1. März 2022 wurden die Beschwerdeführenden nach Italien überstellt. I. Mit als «Wiedererwägungsgesuch» bezeichneter schriftlicher Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 27. Mai 2022 ersuchten die in der Zwischenzeit in die Schweiz zurückgekehrten Beschwerdeführenden um wiedererwä- gungsweise Aufhebung des Nichteintretensentscheides vom 6. Mai 2021 und um Eintreten auf die Asylgesuche. In ihrem Gesuch wiesen sie auf die prekären Lebens- und Wohnbedingungen in Italien hin. Hierbei verwiesen sie auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hin, das bestätigt habe, dass vulnerable Asylsuchende, die bereits einen Asylantrag in Italien ge- stellt hätten, das Recht auf Unterkunft und Betreuung verloren haben könn- ten und deshalb in diesen Fällen eine vorgängige Zusicherung der italieni- schen Behörden eingeholt werden müsse. Mit dieser Eingabe wurde ein ärztliches Zeugnis von Dr. med. E._______ vom 17. Mai 2022 eingereicht, worin festgestellt wird, dass die Beschwerdeführerin in der fünfzehnten Woche schwanger sei und es sich hierbei aufgrund des labilen psychi- schen Gesundheitszustands um eine Risikoschwangerschaft handle. J. Mit Schreiben vom 3. Juni 2022 an die Rechtsvertretung teilte das SEM mit, dass der Vollzug der Wegweisung am 1. März 2022 bereits erfolgt sei, eine Wiedererwägung des Nichteintretensentscheides vom 6. Mai 2022 nicht mehr möglich sei, und das Gesuch vom 27. Mai 2022 als Mehrfach- gesuch im Sinne von Art. 111c AsylG entgegengenommen werde. Im Weiteren habe ein aktueller Abgleich mit der europäischen Fingerab- druck-Datenbank (Eurodac) ergeben, dass die Beschwerdeführenden le- diglich am 14. Dezember 2020 in der Schweiz um Asyl ersucht hätten, wes- halb weiterhin Italien für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver- fahrens zuständig sei. K. Die italienischen Behörden äusserten sich zuerst nicht zum Übernahmeer- suchen des SEM vom 7. Juni 2022 (worin dieses darüber informierte, dass E-809/2023 Seite 4 es sich bei den Beschwerdeführenden um eine Familie handle und eine erneute Schwangerschaft bestehe), stimmten diesem jedoch (gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. a AsylG) unter namentlicher Erwähnung der Beschwer- deführenden mit Mitteilung vom 4. September 2022 nachträglich zu, wobei sie auf das Rundschreiben vom 8. Februar 2021 hinwiesen, wonach die Beschwerdeführenden in einer dem Alter des Kindes angemessenen SAI- Struktur untergebracht würden. L. Mit Verfügung vom 9. September 2022 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Be- schwerdeführenden nicht ein, verfügte die Überstellung nach Italien und forderte die Beschwerdeführenden dazu auf, die Schweiz am Tag nach Ab- lauf der Beschwerdefrist zu verlassen. M. Gegen diesen Entscheid erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 19. September 2022 Beschwerde. N. Mit Urteil E-4159/2022 vom 9. November 2022 (Berichtigung vom 1. De- zember 2022 unter E-5491/2022) hiess das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und gegebenenfalls zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück. O. Am 27. November 2022 wurde das zweite Kind in der Schweiz geboren. Die italienischen Behörden wurden am 12. Dezember 2022 über die Geburt in Kenntnis gesetzt. P. Am 12. Dezember 2022 richtete das SEM ein Informationsersuchen an die italienischen Behörden. Diese hielten i m Antwortschreiben vom 1 5. De- zember 2022 fest, dass die Beschwerdeführenden («Beschwerdeführerin und ihr Ehemann») in Italien noch keinen Asylantrag gestellt hätten. Q. Am 16. Januar 2023 garantierten die italienischen Behörden unter Bezug- nahme des Rundschreibens vom 8. Februar 202 1 und namentlicher Er- wähnung der Beschwerdeführenden die Einheit der Familie («nucleo fami- liare») und die familiengerechte Unterkunft in Italien. E-809/2023 Seite 5 R. Mit Verfügung vom 1. Februar 2023 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche der Be- schwerdeführenden nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz nach Italien an und forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus- händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be- schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. S. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 10. Februar 2023 erhoben die Be- schwerdeführenden gegen diesen Entscheid Beschwerde. Es wurd e die Aufhebung des angefochtenen Entscheids und das Eintreten auf das Asyl- gesuch, eventualiter die Rückweisung an die Vorinstanz zur rechtsgenüg- lichen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung beantragt. Subeventua- liter sei die Vorinstanz anzuweisen, indiv iduelle Zusicherungen bezüglich Unterkunft und medizinischer Versorgung von den italienischen Behörden einzuholen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte die Rechtsvertre- tung um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde (wobei die Vollzugsbehörden im Sinne einer superprovisorischen vorsorglichen Mas- snahme unverzüglich anzuweisen seien, von einer Wegweisung der Be- schwerdeführenden nach Italien abzusehen) und um Befreiung von der Be- zahlung von Verfahrenskosten inklusive des Kostenvorschusses. T. Mit Schreiben vom 14. Februar 2023 wurde der Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen ausgesetzt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer- deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten. E-809/2023 Seite 6 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vor- instanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG) ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2). 3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche , weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver- zichtet. 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Jeder Asylantrag wird von einem einzigen Mitglied- staat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels II I Dublin-III-VO als zu- ständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zustän- digen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erst- mals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Eur opäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29. Juni 2013 [Dublin-III-VO]). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-VO) genannten Kri- terien in der dort aufgefüh rten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der E-809/2023 Seite 7 Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals ei- nen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO [sog. Versteinerungsprinzip]; vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2; FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K4 zu Art. 7). Führt die Zuständigkeitsprüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mit- gliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt die Vo- rinstanz, nachdem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat – oder bei fingierter Zustimmung – auf das Asylgesuch grundsätzlich nicht ein. 4.2 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dubli n-III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts- recht). Liegen hingegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder- nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1 und 2011/9 E. 4.1 m.w.H.). 4.3 In der Beschwerde wurde eingewandt, es sei fraglich, ob das Übernah- meersuchen des SEM an die italienischen Behörden vom 7. Juni 2022 überhaupt rechtsgültig sei, da sich dieses auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin- III-VO statt auf Bst. a dieser Bestimmung beziehe. Werde von einer ungül- tigen Anfrage ausgegangen, sei die Frist zur Stellung einer (weiteren) An- frage «schon längst abgelaufen» und die Vorinstanz deshalb anzuweisen, auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden einzutreten. Im Weiteren stelle sich vorliegend die Frage der Verletzung des Beschleuni gungsge- bots, hätten die Beschwerdeführenden doch am 14. Dezember 2020 und damit vor mehr als zwei Jahren in der Schweiz um Asyl nachgesucht. Da- her rechtfertige es sich auch aus diesem Grund die Anweisung an das SEM, das nationale Asylverfahren aufzunehmen (vgl. hierzu auch das Ur- teil D-5927/2015 vom 28. Januar 2016 E.5.7). Ohnehin sei die angefochtene Verfügung wegen unzureichender Feststel- lung des Sachverhalts und Verletzung des rechtlichen Gehörs aufzuheben. Die italienischen Behörden hätten auf Anfrage des SEM vom 12. Dezem- ber 2022 in ihrem Antwortschreiben vom 15. Dezember 2022 lediglich in Bezug auf die Beschwerdeführerin ausdrücklich bestätigt, dass sie kein Asylgesuch in Italien gestellt habe. Ferner falle auf, dass die Vorinstanz statt eine Einzelfallprüfung vorzunehmen in der angefochtenen Verfügung E-809/2023 Seite 8 überwiegend Textbausteine verwendet und die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführenden keiner Gesamtwürdigung unterzogen habe. So habe sie sich damit begnügt, einzelne Passagen der eingereichten Arztbe- richten zu zitieren, wobei sie die Feststellungen im ärztlichen Bericht von F._______ vom 10. Januar 2023, wonach eine zwangsweise Überstellung nach Italien zu einer Verschlechterung der Symptomatik und einer deutli- chen Risikoerhöhung einer Selbstgefährdung führen könne, nicht erwähnt und sich damit nicht mit den möglichen Folgen einer drohenden Abschie- bung befasst. Es sei in diesem Kontext nicht nachvollziehbar, wie die Vo- rinstanz zum Schluss komme, dass der Beschwerdeführerin in Italien keine Retraumatisierung drohe, da dem Arztbericht zufolge ihre psychische Er- krankung auf Erlebnisse im Heimatstaat zurückzuführen sei. Die Be- schwerdeführerin habe in Afghanistan und auf dem Reiseweg sexuelle, körperliche und psychische Gew alt erfahren, was zu einer Dekompensa- tion auch ohne Bezug auf ihren Heimatstaat Afghanistan führen könne. Be- zeichnenderweise habe die Beschwerdeführerin gegenüber dem behan- delnden Psychiater unter anderem ausgeführt, dass sie die Ausschaffung nach Italien «als erneute Katastrophe für sich, ihren Ehemann und das Kind erlebt habe» (vgl. Arztbericht vom 4. Juni 2022). Das SEM habe auch nicht gewürdigt, dass sie in Italien über kein Beziehungsnetz verfügten, je- doch in der Schweiz drei Brüder der Beschwerdeführe rin lebten. Auch sei das Kindeswohl nicht hinreichend berücksichtigt worden. 5. 5.1 Was die beantragte Aufhebung der angefochtenen Verfügung aus for- malrechtlichen Gründen betrifft, ist festzuhalten, dass sich die entspre- chenden Rügen als offensichtlich unbegründet erweisen. 5.1.1 In der Beschwerde wurde eingewandt, es sei fraglich, ob das Über- nahmeersuchen des SEM an die italienischen Behörden vom 7. Juni 2022 überhaupt rechtsgültig sei, da sich dieses auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin- III-VO statt auf Bst. a dieser Bestimmung beziehe. Aus den Akten ergibt sich, dass die italienischen Behörden in ihrer Mittei- lung vom 4. September 2022 ausdrücklich in Anwendung von Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin -III-VO dem (gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b) gestellten Übernahmeersuchen des SEM vom 7. Juni 2022 unter Erwähnung der Be- schwerdeführenden und unter Hinweis auf das Rundschreiben vom 8. Feb- ruar 2021 zustimmten. Angesichts der offenen Frage, ob die italienischen Behörden aufgrund einer noch nicht erfolgten Asylgesuchseinreichung in Italien (oder eines allfälligen Versehens) einer Übernahme der E-809/2023 Seite 9 Beschwerdeführenden in Anwendung von Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin -III- VO zugestimmt hatten, wies das Bundesverwaltungsgericht in seinem Kas- sationsurteil E-4159/2022 vom 9. November 2022 die Vorinstanz an, die notwendigen Abklärungen hinsichtlich der Asyleinreichung bei den italieni- schen Behörden zu tätigen. Dieser Aufforderung kam das SEM in der Folge nach, indem es am 12. Dezember 2022 ein entsprechendes Informations- ersuchen an die italienischen Behörden richtete. Diese hielten in ihrem Ant- wortschreiben vom 15. Dezember 2022 klar fest, dass die Beschwerdefüh- renden («Beschwerdeführerin und ihr Ehemann») in Italien noch keinen Asylantrag gestellt hätten. Damit hat das SEM den Sachverhalt in dieser Hinsicht vollständig festgestellt. Die Behauptung in der Beschwerde, die italienischen Behörden hätten auf Anfrage des SEM vom 12. Dezember 2022 in ihrem Antwortschreiben vom 15. Dezember 2022 lediglich in Bezug auf die Beschwerdeführerin ausdrücklich bestätigt, dass sie kein Asylge- such in Italien gestellt habe, erweist sich als unzutreffend. Im Weiteren ist bei dieser Sachlage nicht nachvollziehbar und wird auch nicht näher dargelegt, inwiefern die Tatsache, dass das SEM sein Über- nahmeersuchen vom 7. Juni 2022 auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin -III-VO gestützt hat, vorliegend irgendwie von Belang sein sollte. Der zugrunde liegende Sachverhalt und die Sachumstände waren für die italienischen Behörden jederzeit vollständig und klar bekannt. Ihre Zustimmung fusst so- mit auf dem zutreffenden Sachverhalt und in voller Kenntnis sämtlicher Sa- chumstände des vorliegenden Einzelfalls. Vor diesem Hintergrund verfängt die vorgebrachte Rüge offenkundig nicht. 5.1.2 Im Weiteren wurde in der Beschwerde geltend gemacht, es stelle sich die Frage der Verletzung des Beschleunigungsgebots, hätten die Be- schwerdeführenden doch am 14. Dezember 2020 und damit vor meh r als zwei Jahren in der Schweiz um Asyl nachgesucht. Daher rechtfertige sich die Anweisung an das SEM, das nationale Asylverfahren aufzunehmen. Mit dieser Argumentation werden in der Beschwerde wesentliche Sachver- haltselemente ausgeblendet. Wie sich aus dem vorstehend wiedergegebe- nen Sachverhalt ergibt, wurden die Beschwerdeführenden nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2327/2021 vom 18. November 2021 am 1. März 2022 nach Italien überstellt. Es waren die Beschwerdeführenden selbst, die dann aus eigenem Antrieb heraus wieder in die Schweiz zurück- kehrten und mit als «Wiedererwägungsgesuch» bezeichneter schriftlicher Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 27. Mai 2022 um wiedererwägungs- weise Aufhebung des Nichteintretensentscheides vom 6. Mai 2021 und um E-809/2023 Seite 10 Eintreten auf die Asylgesuche ersuchten. Die bisherige Gesamtdauer der (mehreren) Verfahren ist somit auf die Verhaltensweise der Beschwerde- führenden selbst zurückzuführen, indem diese nach ihrer Überstellung ein- fach wieder in die Schweiz zurückkehrten und hier mit ausserordentlichen Rechtsmitteln die Zuständigkeit Italiens erneut in Frage stellten. Auf das als Mehrfachgesuch entgegengenommene Gesuch trat das SEM mit Entscheid vom 9. September 2022 in erneuter Anwendung von Art. 31 Abs. a AsylG nicht ein. Zudem entschied es nach erfolgter Aufhebung die- ses Entscheids durch das Urteil des Bundesverwaltungsgericht s vom 9. November 2022 (unter Vornahme der notwendigen Abklärungen) mit Nichteintretensentscheid vom 1. Februar 2023 innert nützlicher Frist. Von einer Verletzung des Beschleunigungsgebots oder einer behördlichen Ver- zögerung kann vor diesem Hintergrund schlicht keine Rede sein. 5.1.3 Zudem habe die Vorinstanz statt eine Einzelfallprüfung vorzunehmen in der angefochtenen Verfügung überwiegend Textbaus teine verwendet und die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführenden keiner Ge- samtwürdigung unterzogen habe. So habe sie sich damit begnügt, ein- zelne Passagen der eingereichten Arztberichten zu zitieren, wobei sie die Feststellungen im ärztlichen Bericht von F._______ vom 10. Januar 2023, wonach eine zwangsweise Überstellung nach Italien zu einer Verschlech- terung der Symptomatik und einer deutlichen Risikoerhöhung einer Selbst- gefährdung führen könne, nicht erwähnt und sich damit nicht mit den mög- lichen Folgen einer drohenden Abschiebung befasst. Auch dieser sinngemässe Vorwurf der Verletzung der Begründungspflicht erweist sich als offensichtlich unbegründet. Die Vorinstanz hat in der ange- fochtenen Verfügung die aufgrund der eingereichten ärztlichen Zeugnisse feststehenden gesundheitlichen Beschwerden der Beschwerdeführenden benannt und insbesondere im Zusammenhang mit der Behandelbarkeit in Italien sogar sehr vertieft und umfassend gewürdigt, wobei es sich entge- gen der Behauptung in der Beschwerde auch mit den möglichen unmittel- baren Folgen einer Überstellung nach Italien befasst hat. Es kann hierbei auf die entsprechenden Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden, auf die nachfolgend noch eingegangen wird. 5.1.4 Schliesslich wird in der Beschwerde gerügt, das SEM habe nicht ge- würdigt, dass die Beschwerdeführenden in Italien über kein Beziehungs- netz verfügten, jedoch in der Schweiz drei Brüder der Beschwerdeführerin lebten. auch sei ihrer Auffassung zufolge das Kindeswohl zu weni g E-809/2023 Seite 11 berücksichtigt worden. Auch diese Rüge n erweisen sich im Ergebnis als haltlos. Zum einen hatte die geltend gemachte Anwesenheit von drei Brü- dern der Beschwerdeführerin in der Schweiz bereits im Nichteintretensent- scheid vom 6. Mai 2021 Eingang gefunden, wobei darauf hinzuweisen ist, dass nach dem Protokoll des genannten Dublin -Gesprächs vom 21. De- zember 2020 die namentlich genannten Brüder im ZEMIS offenbar nicht aufgefunden worden waren. Ohnehin können die Beschwerdeführenden vom allfälligen Umstand, dass sich drei Brüder der Beschwerdeführerin in der Schweiz aufhalten könnten, nichts zu ihren Gunsten ableiten, handelt es sich doch hierbei nicht um nahe Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g VO Dublin und bestehen keine Hinweise auf ein besonderes Ab- hängigkeitsverhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und besagten Ver- wandten. Zum anderen hat das SEM in der angefochtenen Verfügung in Bezug auf die Kinder der Beschwerdeführenden festgehalten, dass es sich hierbei um sehr kleine Kinder handle, die aufgrund ihres Alters noch nicht eingeschult seien. Es gebe keine Hinweise dafür, dass sie im Fall einer Überstellung nach Italien aus der Schweiz entwurzelt würden. Darüber hin- aus gewährleiste die KRK lediglich, dass für das Kind die tatsächliche Mög- lichkeit bestehe, den Kontakt zu den beiden Elternteilen zu pflegen (Art. 9 Abs. 3 KRK). Dem werde entsprochen, indem sie mit ihren Eltern zusam- men als Familie nach Italien überstellt würden. Somit hat das SEM das Kindeswohl hinreichend berücksichtigt. 5.2 Aus den genannten Gründen ist der Antrag um Aufhebung der ange- fochtenen Verfügung abzuweisen. 5.3 Das Ersuchen des SEM vom 7. Juni 2022 an die italienischen Behör- den um Aufnahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 18 Dublin- III-VO blieb innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit Italien seine Zuständigkeit implizit anerkannte (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Zudem hiessen die italienischen Behörden das Übernahmeersuchen am 5. September 2022 (ausdrücklich gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO) nachträglich gut. Mit Mitteilung vom 16. Januar 2023 gar antierten die italienischen Behörden zusätzlich unter Bezugnahme des Rundschreibens vom 8. Februar 2021 und namentlicher Erwähnung der Beschwerdeführenden die Einheit der Familie («nucleo fa- miliare») und die familiengerechte Unterkunft in Italien. Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit gegeben. Der geäusserte Wunsch nach einem Verbleib in der Schweiz vermag an der festgestellten Zuständigkeit Italiens nichts zu ändern, räumt doch die E-809/2023 Seite 12 Dublin-III-Verordnung den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren An- trag prüfenden Staat selbst auszuwählen. Mit dem Hinweis auf die in der Schweiz wohnhaften, nicht zur Kernfamilie gehörenden Brüdern vermag die Beschwerdeführerin mangels Abhängigkeitsverhältnisses keine An- sprüche aus Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO darzulegen. 6. 6.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU -Grund- rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit- gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest- zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied- staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 6.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass es sei- nen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf ausserdem davon ausgegangen werden, dass Italien die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. 6.3 Weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Europäische Gerichts- hof für Me nschenrechte (EGMR) oder der Europäische Gerichtshof (EuGH) haben bislang systemische Schwachstellen im italienischen Asyl- system erkannt. Zwar stehen die Unterstützung und die Einrichtungen für E-809/2023 Seite 13 Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus in Italien in der K ritik. Ge- mäss den bisherigen Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts ist aber davon auszugehen, dass Italien die Verfahrens- und Aufnahmerichtli- nien einhält (siehe etwa Referenzurteile des BVGer E -962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3 und F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 oder Urteile des BVGer F -5255/2021 vom 13. Dezember 2021 E. 6.2 und E - 685/2021 vom 23. Februar 2021 E. 6). Im Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 hielt das Bundes- verwaltungsgericht fest, dass bei der Überstellung vulnerable r Personen wie den Beschwerdeführenden vorab Zusicherungen der italienischen Be- hörden hinsichtlich angemessener Unterbringung und medizinischer Ver- sorgung einzuholen seien (vgl. insbesondere E.6.2.9 des zitierten Referen- zurteils. An dieser Praxis hielt das Bundesverwaltungsgericht auch nach Inkrafttreten des neuen Umwandlungsgesetzes Nr. 173/2020 zum Geset- zesdekret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2020 im Hinblick auf die Frage der Umsetzung dieses Dekretes in der Praxis vorerst fest. Das Gesetzes- dekret Nr. 130/2020 sieht eine umfassende Reform des Aufnahmesystems für Asylsuchende in Italien vor, indem zentrale Bestimmungen des sog. Sal- vini-Dekrets geändert wurden und ein engverflochtenes Aufnahme- und In- tegrationssystem implementiert wurde. Das neue Aufnahmesystem ist ver- gleichbar mit jenem, das vor Erlass des Salvini -Dekrets bestand und hat die Lebensbedingungen Asylsuchender in Italien im Vergleich zur vorheri- gen Situation tatsächlich verbessert. Nach dem Anmeldeverfahren werden die Asylsuchenden in das Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazione) überführt, welches nunmehr wieder allen Asylsuchenden – also auch den im Rahmen des Dublin -Verfahrens nach Italien überstellten Personen – offensteht. In seinem Referenzurteil F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gelangt, dass die von den italienischen Behörden abgegebenen Garantien in Bezug auf die Wahrung der Familieneinheit sowie eine fami- liengerechte Unterkunft hinreichend konkret und individualisiert seien, ins- besondere durch die Übermittlung des Formulars «nucleo familiare» sowie aufgrund der italienischen Rundschreiben vom 8. Februar 2021 und 23. März 2021, welche den Zugang zu einer Zweitaufnahmestruktur des Sys- tems SAI für Familien bestätigen. Vorliegend ergibt sich aus den Akten, dass die italienischen Behörden in ihrer Mitteilung vom 4. September 2022 ausdrücklich in Anwendung von Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO dem Übernahmeersuchen des SEM vom 7. Juni 2022 unter Erwäh nung der Beschwerdeführenden und unter E-809/2023 Seite 14 Hinweis auf das Rundschreiben vom 8. Februar 2021 zustimmten. Ange- sichts der danach noch offenen Frage, ob die italienischen Behörden auf- grund einer noch nicht erfolgten Asylgesuchseinreichung in Italien einer Übernahme der Beschwerdeführenden unter Hinweisweis Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO zugestimmt hatten oder ob es sich hierbei bloss um ein behördliches Versehen handelte , wies das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil E-4159/2022 vom 9. November 2022 die Vorinstanz an, hierzu noch die notwendigen Abklärungen hinsichtlich der Asyleinreichung bei den italienischen Behörden zu tätigen. Dieser Aufforderung kam das SEM in der Folge nach, indem es am 12. Dezember 2022 ein entsprechen- des Informationsersuchen an d ie italienischen Behörden richtete. Diese hielten in ihrem Antwortschreiben vom 15. Dezember 2022 fest, dass die Beschwerdeführenden («Beschwerdeführerin und ihr Ehemann») in Italien noch keinen Asylantrag gestellt hätten. Damit steht fest, dass die Be- schwerdeführenden in Anwendung des Referenzurteils D-4235/2021 vom 19. April 2022, wonach Personen, welche bisher noch kein Asylgesuch ein- gereicht haben und im Rahmen der Dublin -Verordnung dorthin überstellt werden sollten [sogenanntes Aufnahmeverfahren] nach ihrer Ankunft in Ita- lien grundsätzlich Zugang zu der erforderlichen medizinischen Versorgung sowie angemessener Unterkunft haben (vgl. a.a.O. E. 10.4.3.3). Im Weiteren hat das SEM die italienischen Behörden am 12. Dezember 2022 über die Geburt des Sohnes der Beschwerdeführenden in Kenntnis gesetzt und sie darüber informiert, dass sie eine Familie bilden würden. Die italienischen Behörden ihrerseits haben in ihrer mit «nucleo familiare» be- zeichneten Mitteilung vom 16. Januar 2023 die Beschwerdeführenden und deren Kinder namentlich erwähnt und mitgeteilt, dass die Überstellung über den Flughafen Rom erfolgen müsse. Gleichzeitig garantierten sie, dass die Beschwerdeführenden gemäss Rundschreiben vom 8. Februar 2021 in einer dem Alter des Kindes angemessenen SAI-Struktur unterge- bracht werden würden, wo auch die Einheit der Familie gewährleistet sei. Somit stehen die Garantien im Einklang mit der Rechtsprechung des Bun- desverwaltungsgerichts und es ist entgegen der Auffassung in der Be- schwerde keine weitere Zusicherung der italienischen Behörden einzuho- len. Eine Überstellung der Beschwerdeführenden nach Italien stellt dem- nach keine Verletzung von Art. 3 EMRK dar. Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist nicht gerechtfertigt. 6.4 Die Beschwerdeführenden haben keine konkreten Hinweise für die An- nahme dargetan, Italien würde ihnen dauerhaft die ihnen gemäss Aufnah- merichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. E-809/2023 Seite 15 Die explizite Zusicherung zur Aufnahme in eine Unterkunft im SAI liegt vor- liegend vor und reicht aus (vgl. u.a. Urteil des BVGer E -3911/2022 vom 20. September 2022 E. 5.3 f. m.w.H.; zudem Verfügung des SEM S. 4-7). Es ist mithin unter diesem Aspekt nicht davon auszugehen, dass eine Über- stellung nach Italien (s elbst bei einer vorübergehenden Unterbringung in einem Erstaufnahmezentrum) eine Verletzung von Art. 3 EMRK nach sich ziehen würde (vgl. a.a.O. E. 5.6). Bei einer allfälligen vor übergehenden Einschränkung sind die Beschwerdeführenden im Übrigen gehalten, sich nötigenfalls an die dortigen Behörden zu wenden und die ihr zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Auf- nahmerichtlinie). Es bestehen keinerlei Hinweise dafür, dass sie den benö- tigten Schutz dort nicht erhalten würden. 7. 7.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert; gemäss dieser Be- stimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin -III-VO ein anderer Staat zu- ständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder- nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 7.2 Hinsichtlich gesundheitlicher Beschwerden der Beschwerdeführenden ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass sich diese direkt auf die Aufnah- merichtlinie berufen können, wonach Italien verpflichtet ist, die allenfalls erforderliche medizinische V ersorgung zu gewähren. Es bestehen keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass Italien den Beschwerdeführerinnen dauerhaft eine möglicherweise erforderliche medizinische Behandlung ver- weigern würde. Wie bereits obenstehend dargelegt, verneint das Bundes- verwaltungsgericht in ständiger Rechtsprechung die Existenz systemischer Schwachstellen des italienischen Asylsystems im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO. Es geht auch, wie erwähnt, davon aus, dass Italien seinen völker- und gemeinschaftsrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. In sei- nem Referenzurteil D-4235/2021 vom 19. April 2022 gelangte das Bundes- verwaltungsgericht zum Schluss, dass das SEM vor Anordnung einer Überstellung nach Italien nicht mehr systematisch individuelle Garantien E-809/2023 Seite 16 für alle Asylsuchenden mit schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen bei den italienischen Behörden einholen muss (vgl. E.10.4.3.3). 7.3 In Bezug auf den medizinischen Sachverhalt ist im Weiteren anzumer- ken, dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheit- lichen Problemen nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellt. Nach der Rechtsprechung des EGMR ist dies bei schwerkranken Personen der Fall, welche durch eine Abschiebung – mangels angemes- sener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem reale n Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichem Ver- schlechterung ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar- tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.). Dies ist vorliegend nicht der Fall. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass der medizinische Sach- verhalt, wie bereits vorstehend festgehalten, entgegen der A uffassung in der Beschwerde von der Vorinstanz vollständig festgestellt wurde. In der angefochtenen Verfügung hielt das SEM fest, dass beim Beschwerdefüh- rer gemäss dem eingereichten Arztbericht von G._______ vom 4. Juni 2022 eine mittelgradige Depression diagnostiziert worden sei. Die ganze Familie benötige eine stabile und sichere Umgebung. Dem Bericht zufolge sei die Behandlung der Depression indiziert. Hinsichtlich der Beschwerde- führerin seien mehrere Arztberichte eingereicht worden. Dem Arztbericht von Frau H._______ vom 17. Mai 2022 zufolge befinde sie sich in der 15. Schwangerschaftswoche mit Geburtstermin 14. November 2022. Es handle sich um eine Risiko -Schwangerschaft bei depressiver Erkrankung und Verdacht auf PTBS sowie aufgrund Ihres Untergewichts bei vermuteter Fehl- oder Mangelernährung. Es seien regelmässige Kontrollen zum Schwangerschaftsverlauf sowie zur Kontrolle der Dysplasie vorgesehen. Eine regelmässige psychiatrische Konsultation sei empfohlen. Eine sowohl psychische Stabilisierung sowie körperlicher Stabilisierung (gesunde Er- nährung, Bewegung) sei relevant zur Vermeidung möglicher Schwanger- schafts-Komplikationen. Im ärztlichen Bericht von Herrn G._______ vom 4. Juni 2022 sei bei der Beschwerdeführerin eine schwere Depression mit ernstzunehmender Suizidalität und der Verdacht einer Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Aufgrund der Suizidalität müsse die Betreuung engmaschig sein. Gemäss dem ärztlichen Bericht des I._______ vom 27. Juni 2022 werde die Beschwerdeführerin aufgrund der Verschlechterung des Allgemeinzustands ein ambulantes Aufgebot für eine E-809/2023 Seite 17 psychiatrische Begleitung erhalten. Dem Bericht des J._______ vom 28. Juni 2022 sei im Wesentlichen zu entnehmen, dass die Beschwerdeführe- rin die Gesundheitsversorgung fü r Sans-Papiers Anfang April 2022 erst- mals aufgesucht habe. Im Rahmen einer medizinischen Soforthilfe sei die medikamentöse Behandlung wieder begonnen, sowie eine gynäkologische Erstkontrolle der Schwangerschaft organisiert worden. Das SEM sei daher der An sicht, dass die gesundheitlichen Beschwerden der Beschwerdeführerin - mittelgradige Depression sowie schwere De- pression, Verdacht auf PTBS und ernstzunehmende Suizidalität - nicht von einer derartigen Schwere und insbesondere mit Blick auf die benötigten Behandlungen - regelmässige ambulante psychiatrische Begleitung - nicht derart spezifisch seien, dass eine Überstellung nach Italien einen Verstoss gegen internationale Verpflichtungen der Schweiz bedeuten würde. Die be- nötigte psychologische Betreuung oder medikamentöse Behandlung stehe auch in Italien zur Verfügung und könne auch in Italien in Anspruch genom- men werden. Für das weitere Dublin -Verfahren sei einzig die Reisefähig- keit ausschlaggebend. Diese werde erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt werden. Zudem trage das SEM dem aktuellen Gesundheitszu- stand bei der Organisation der Überstellung nach Italien Rechnung, indem es die italienischen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 VO Dublin vor der Überstellung über Ihren Gesundheitszustand u nd die notwendige medizinische Behandlung informiere. Ferner weise die Suizidalität keine derartigen Schweregrad auf, dass eine Überstellung nach Italien gegen Art. 3 EMRK verstossen würde. Allfällige suizidale Absichten könnten le- diglich ein temporäres Vollzugshindernis darstellen. 7.4 Die Ausführungen des SEM sind zu bestätigen und es kann zur Ver- meidung von Wiederholungen auf diese verwiesen werden, welche in der Beschwerde nicht in Frage gestellt werden. 7.5 Soweit moniert wird, eine Überstellung sei nicht mit der KRK vereinbar, ist festzustellen, dass sich das SEM hinreichend mit der Frage befasst hat. 7.6 Nach dem Gesagten besteht auch kein Anlass zur Einholung individu- eller Zusicherungen. Der Subeventualantrag auf Einholung individueller Garantien ist daher abzuweisen. 7.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass kein Grund für die Anwen- dung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin -III-VO oder von Art. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vorliegen. Italien ist somit zuständiger E-809/2023 Seite 18 Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO und ist verpflichtet, die Beschwerdefüh- renden aufzunehmen. 7.8 Auch ansonsten steht die angefochtene Verfügung in Einklang mit der einschlägigen aktuellen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. hierzu beispielhaft die Urteile des BVGer D-1687/2023 vom 31. März 2023, D-1612/2023 vom 28. März 2023, E-1438/2023 vom 27. März 2023, E-1403/2023 vom 22. März 2023). 8. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31 a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche nicht eingetreten und hat in Anwendung von Art. 44 AsylG folgerichtig die Überstellung nach Italien angeordnet. 9. Die angefochtene Verfügung verletzt demnach Bundesrecht nicht und ist auch sonst nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist abzuweisen und die Verfügung der Vorinstanz zu bestätigen. 10. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes- halb sich die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses als gegenstands- los erweisen. 11. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei- sen, da das Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen ist. Die Verfahrenskosten sind den Be- schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge- samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs- gericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-809/2023 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung wird abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden den Beschwerdeführenden auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zuguns- ten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Daniel Merkli Versand: