<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 19 S.68</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">68</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>19</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 12 lit. a BGFA</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Unzulässigkeit der Rechnungsstellung für im Aufsichts- / Disziplinarver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fahren getätigte Aufwendungen gestützt auf das ursprüngliche Mandats-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>verhältnis.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid der Anwaltskommission vom 30. April 2003 i.S. P. W.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">A. Der beanzeigte Anwalt hatte den Anzeiger in Sachen ,,Unfall</span><br/> <span class="ft1">vom 16.2.1999" betreffend haftpflicht- und sozialversicherungs-</span><br/> <span class="ft1">rechtlichen Folgen vertreten. In der Vollmacht vom 26. September</span><br/> <span class="ft1">2001 wurden betreffend Honorar die Richtlinien des Aargauischen</span><br/> <span class="ft1">Anwaltsverbandes anwendbar erklärt, soweit nicht zwingend der</span><br/> <span class="ft1">staatliche Anwaltstarif anwendbar wäre. Ausserdem wurde der bean-</span><br/> <span class="ft1">zeigte Anwalt ausdrücklich ermächtigt, bei ihm eingegangene Zah-</span><br/> <span class="ft1">lungen zu verrechnen.</span><br/> <span class="ft1">B. Mit Schreiben vom 30. Oktober 2002 wandte sich der Anzei-</span><br/> <span class="ft1">ger an die Anwaltskommission und führte aus, der beanzeigte Anwalt</span><br/> <span class="ft1">habe eine Überweisung auf sein Konto als Fehler der Helsana be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">69</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zeichnet, obwohl er der Helsana ausdrücklich die entsprechende An-</span><br/> <span class="ft1">weisung erteilt habe. Ausserdem habe er Fr. 2'000.-- von der Zahlung</span><br/> <span class="ft1">der Helsana zurückbehalten, ohne ihn, den Anzeiger, vorher zu be-</span><br/> <span class="ft1">nachrichtigen und ohne vorgängig Rechnung gestellt zu haben. Der</span><br/> <span class="ft1">Anzeiger führte weiter aus, obwohl er mit vielen Punkten der Rech-</span><br/> <span class="ft1">nung des beanzeigten Anwalts nicht einverstanden sei, werde er diese</span><br/> <span class="ft1">bezahlen. Er wolle aber darauf hinweisen, dass nach seiner Ansicht</span><br/> <span class="ft1">dem Ansehen des Anwaltsberufes durch solch willkürliche Handlun-</span><br/> <span class="ft1">gen geschadet werde.</span><br/> <span class="ft1">C. Am 6. November 2002 erstattete der beanzeigte Anwalt seine</span><br/> <span class="ft1">Stellungnahme. Mit Schreiben vom gleichen Datum stellte er dem</span><br/> <span class="ft1">Anzeiger weitere Fr. 330.20 in Rechnung. Er begründete dies mit</span><br/> <span class="ft1">zwei Briefen vom 18. und 28. Oktober 2002 an den Anzeiger sowie</span><br/> <span class="ft1">seiner Stellungnahme an die Anwaltskommission.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">4. (...)</span><br/> <span class="ft1">c) (...) Nicht angehen kann es, dass der beanzeigte Anwalt ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt auf das ursprüngliche Mandat betreffend Unfall vom 16. Fe-</span><br/> <span class="ft1">bruar 1999 dem Klienten seine Aufwendungen im Aufsichts- / Diszi-</span><br/> <span class="ft1">plinarverfahren in Rechnung stellt, denn der ursprünglich durch den</span><br/> <span class="ft1">Klienten erteilte Auftrag deckt die hier in Rechnung gestellten Auf-</span><br/> <span class="ft1">wendungen nicht mehr ab. Es ist auch nicht zulässig, dass diese Auf-</span><br/> <span class="ft1">wendungen als ,,Nachbetreuung" bezeichnet und auf diese Weise</span><br/> <span class="ft1">zum Auftrag geschlagen werden (so aber der beschuldigte Anwalt in</span><br/> <span class="ft1">seiner Stellungnahme vom 19. November 2002).</span><br/> <span class="ft1">Der beanzeigte Anwalt war somit zweifellos nicht berechtigt,</span><br/> <span class="ft1">die Stellungnahme an die Anwaltskommission dem Anzeiger gestützt</span><br/> <span class="ft1">auf den ursprünglichen Auftrag in Rechnung zu stellen. Es stellt sich</span><br/> <span class="ft1">deshalb die Frage, ob er damit auch gegen eine der in Art. 12 BGFA</span><br/> <span class="ft1">aufgeführten Berufspflichten verstossen hat.</span><br/> <span class="ft1">d) Art. 12 lit. a BGFA verpflichtet den Anwalt, seinen Beruf</span><br/> <span class="ft1">sorgfältig und gewissenhaft auszuüben. Diese Bestimmung stellt</span><br/> <span class="ft1">gemäss Botschaft zum BGFA eine Generalklausel dar. Die Pflicht zur</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">70</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit betrifft sowohl das Verhältnis zum</span><br/> <span class="ft1">Klienten wie auch das Verhalten gegenüber Gerichtsbehörden. Von</span><br/> <span class="ft1">den Anwälten wird in ihrer gesamten Anwaltstätigkeit ein korrektes</span><br/> <span class="ft1">Verhalten verlangt (Botschaft des Bundesrates zum BGFA vom</span><br/> <span class="ft1">28. April 1999 [Botschaft], Ziff. 233.21). Sinngemäss entspricht</span><br/> <span class="ft1">diese Bestimmung in etwa dem bisher in § 14 Abs. 1 und 2 AnwG</span><br/> <span class="ft1">enthaltenen Leitsatz, wonach der Anwalt sich in seinem Verhalten in</span><br/> <span class="ft1">der Ausübung des Berufes sowie durch sein sonstiges Geschäftsge-</span><br/> <span class="ft1">baren der Achtung würdig zeigen soll, die sein Beruf erfordert und</span><br/> <span class="ft1">das Interesse seines Auftraggebers gewissenhaft und nach Recht und</span><br/> <span class="ft1">Billigkeit zu wahren hat. Die bisherige Lehre und Rechtsprechung zu</span><br/> <span class="ft1">§ 14 Abs. 1 und 2 AnwG kann deshalb grösstenteils auf den neuen</span><br/> <span class="ft1">Art. 12 lit. a BGFA übernommen werden, wobei auch die in lit. b bis</span><br/> <span class="ft1">j dieser Bestimmung enthaltenen Konkretisierungen mitzuberück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigen sind.</span><br/> <span class="ft1">Die Sorgfaltspflichten des Anwaltes beinhalten nicht nur Geset-</span><br/> <span class="ft1">zeskenntnisse sowie Kenntnisse der Judikatur und Literatur, er muss</span><br/> <span class="ft1">auch Instruktionsgespräche und Prozesse führen sowie dabei Rechts-</span><br/> <span class="ft1">probleme erkennen und seine Rechtskenntnisse anwenden können.</span><br/> <span class="ft1">Der Klient darf vom Anwalt besondere Zuverlässigkeit erwarten, wo-</span><br/> <span class="ft1">bei "gewisse menschliche Unvollkommenheiten" toleriert werden.</span><br/> <span class="ft1">Das Mass der geforderten Sorgfalt bestimmt sich nach dem Durch-</span><br/> <span class="ft1">schnittsverhalten, gemessen an Personen der gleichen Berufsgruppe</span><br/> <span class="ft1">in der gleichen Situation. Entscheidend sein können der Schwierig-</span><br/> <span class="ft1">keitsgrad und die Natur des Mandates sowie die zur Ausführung</span><br/> <span class="ft1">desselben notwendigen Fachkenntnisse (G. A. Testa, Die zivil- und</span><br/> <span class="ft1">standesrechtlichen Pflichten des Rechtsanwaltes gegenüber dem</span><br/> <span class="ft1">Klienten, Zürich 2001, S. 51).</span><br/> <span class="ft1">e) Die (teilweise) Rechnungsstellung für Aufwendungen in ei-</span><br/> <span class="ft1">nem Verfahren, das noch nicht abgeschlossen ist, ist nur insofern zu-</span><br/> <span class="ft1">lässig, als der Anwalt effektiv im Interesse des Mandanten, also ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt auf ein Mandat, tätig ist. Testa befürwortet in solchen Fällen</span><br/> <span class="ft1">sogar eine periodische Abrechnung der Teilaufwendungen (Testa,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., S. 74).</span><br/> <span class="ft1">Bei Aufwendungen, welche der Anwalt in einem ihn selber be-</span><br/> <span class="ft1">treffenden Aufsichts- bzw. Disziplinarverfahren tätigt, sieht die Si-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">71</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">tuation dagegen anders aus. Solche Aufwendungen erfolgen nicht im</span><br/> <span class="ft1">Interesse des Klienten und lassen sich nicht mehr auf das ursprüngli-</span><br/> <span class="ft1">che Mandat zurückführen. (...)</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">Mit seinem Verhalten schadet der beanzeigte Anwalt dem Anse-</span><br/> <span class="ft1">hen des Anwaltsstandes. Ein solches Verhalten ist eines Anwaltes</span><br/> <span class="ft1">nicht würdig und verstösst gegen die sich aus Art. 12 lit. a BGFA</span><br/> <span class="ft1">ergebende Pflicht zu sorgfältiger und gewissenhafter Berufsausübung</span><br/> <span class="ft1">sowie korrektem Verhalten.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>