B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2504/2016 U r t e i l v o m 6 . J u l i 2 0 1 6 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiber Philippe Baumann. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), Äthiopien, beide vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan (substituiert durch MLaw Jan Bächli), Advokatur Kanonengasse, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Wegweisung und Wegweisungsvollzug; Verfügung des SEM vom 23. März 2016 / N (…). E-2504/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin stellte am 25. Februar 2013 im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel ein Asylgesuch. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 5. März 2013 im EVZ und der Anhörung vom 13. November 2014 zu den Asylgründen machte sie im Wesentlichen Folgendes geltend: Sie sei in C._______, Äthiopien, geboren und ethnische Tigrinya. Wie ihre beiden Eltern sei sie eritreischer Staats- angehörigkeit. Als sie acht Monate alt gewesen sei, sei ihr Vater aufgrund einer Herzschwäche gestorben. Im Jahr 1998 sei ihre Mutter nach Eritrea deportiert worden . Danach habe sie nichts mehr von ihr gehört. In der Folge sei sie von ihrer Patentante grossgezogen worden. Geschwister habe sie keine. In den Jahren 2004 bis 2007 habe die äthiopische Regie- rung insbesondere junge Eritreer festgenommen und hingerichtet oder in- haftiert. Aus Angst um ihr Leben habe sie Äthiopien im Juli 2007 verlassen und sei nach Khartoum, Sudan, gereist. Nach zweieinhalb Jahren sei sie über die Türkei nach Griechenland gelangt, wo sie am 1. Januar 2010 ge- heiratet habe. Ihr Ehemann sei später verhaftet worden, da er keinen gül- tigen Aufenthaltstitel gehabt habe. Am 25. Februar 2013 sei sie illegal in die Schweiz gelangt. Bei ihrer Ausreise aus Griechenland sei ihr Ehemann noch im Gefängnis gewesen und seit dann habe er sie lediglich einmal angerufen. Sie wisse nicht, wo er sich zurzeit aufhalte. B. Am (…) gebar die Beschwerdeführerin ihren Sohn. C. Am 22. November 2015 ersuchte das SEM die schweizerische Botschaft in Addis Abeba um Abklärung der Angaben der Beschwerdeführerin. Die Botschaftsantwort vom 16. Februar 2016 ergab, dass die Beschwerdefüh- rerin zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder an der von ihr erwähnten Adresse in C._______ gelebt habe. Im betreffenden Haus würde nun ihr Bruder mit seiner Familie leben. Ihre Eltern seien äthiopische Staatsange- hörige und würden inzwischen gemeinsam an einer anderen Adresse in C._______ leben. Ihr Vater leide an akuten Herzproblemen. Sowohl die Angabe der Beschwerdeführerin, die Mutter sei deportiert worden, als auch der angebliche Tod des Vaters im Jahr 1987 seien falsch. E-2504/2016 Seite 3 D. Mit Schreiben vom 23. Februar 2016 gewährte das SEM den Beschwerde- führenden mit Frist bis zum 15. März 2016 das rechtliche Gehör zu den Abklärungsergebnissen. E. Mit Schreiben vom 29. Februar 2016 ersuchten die Beschwerdeführenden das SEM um Zustellung sämtlicher Verfahrensakten. Mit Zwischenverfü- gung vom 2. März 2016 wurde dieses Gesuch einstweilen abgelehnt, weil die Untersuchungen zu den Asylvorbringen noch nicht abgeschlossen seien. Das SEM stellte ein Rückkommen auf das Gesuch zu einem späte- ren Zeitpunkt in Aussicht. F. Mit Schreiben vom 15. März 2016 führte die Beschwerdeführerin betreffend die Botschaftsantwort aus, ihr sei auf der Reise gesagt worden, sie habe bessere Chancen auf Asylgewährung, wenn sie den Behörden angebe, sie stamme aus Eritrea. In Wirklichkeit sei sie (…) in C._______ geboren, in armen Verhältnissen aufgewachsen und nur wenig gebildet. Sie sei äthio- pische und nicht eritreische Staatsangehörige. Ihr Vater leide an einer chro- nischen Herzkrankheit sowie an Diabetes und habe im Krieg ein Bein ver- loren. Daher sei es ihm seit Längerem unmöglich, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Auch die Mutter sei zufolge Nierenproblemen arbeitsunfä- hig. Der von der Botschaft erwähnte Bruder sei ein Halbbruder väterlicher- seits, den sie noch nie gesehen habe. Er sei zusammen mit seiner Mutter in einem anderen Landesteil von Äthiopien aufgewachsen und spreche le- diglich die Sprache Oromo. Von seiner Existenz habe sie erst in der Schweiz erfahren. So würde sie in Äthiopien neben den erkrankten Eltern über kein soziales Netzwerk verfügen. Um die dringend benötigten Medi- kamente der Eltern finanzieren zu können, habe sie als schlecht bezahlte Hausangestellte bei einem alleinstehenden Mann gearbeitet. Aufgrund der fehlenden Ausbildung habe sie keine andere berufliche Möglichkeit gehabt. Anfang 2006 sei sie vom Arbeitgeber vergewaltigt worden und schwanger geworden. Da sie deswegen ernsthafte gesellschaftliche Nachteile be- fürchtet habe, sei sie in den Sudan geflüchtet und habe einen Abort her- beigeführt. Die erlebte Vergewaltigung und der Abort hätten sie psychisch stark belastet. Im Sudan habe sie drei Jahre im Haushalt einer muslimi- schen Familie gearbeitet. Dabei sei sie schlecht behandelt und unter Druck gesetzt worden, zum Islam zu konvertieren. So habe sie den Sudan ver- lassen und sei nach Griechenland gereist , wo sie ihren äthiopischen Freund kennengelernt habe, von dem sie dann auch schwanger geworden E-2504/2016 Seite 4 sei. Da ihr Fre und keine griechische Aufenthaltsbewilligung gehabt habe, sei er inhaftiert worden. Daher habe sie Griechenland im (…) Schwanger- schaftsmonat verlassen und sei in die Schweiz eingereist. Bei einer Rück- kehr nach Äthiopien drohe ihr als alleinstehende Frau un d aufgrund des ausserehelichen Kindes die soziale Isolation. Aufgrund dieser Umstände sei sie zu sämtlichen für den Entscheid wesentlichen Sachumstände n er- neut zu befragen. Die Beschwerdeführerin reichte als Beweismittel Unterlagen bezüglich der gesundheitlichen Probleme des Vaters ein. G. Am 18. März 2016 gewährte das SEM den Beschwerdeführenden Einsicht in das Aktenverzeichnis und die editionspflichtigen Verfahrensakten. H. Mit Verfügung vom «23. März 2016 » (Datum Ausgang SEM: 22. März 2016; eröffnet tags darauf) verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden und lehnte deren Asylgesuche ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an. I. Mit Eingabe vom 22. April 2016 reichten die Beschwerdeführenden beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung ein. Darin beantragten sie die Aufhebung der Ziffern 3 bis 4 des Dispositivs und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Eventualiter sei die Sach e zur weiteren Sachver- haltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Weiter beantragten sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die Bestellung eines unentgelt- lichen Rechtsbeistandes in der Person des rubrizierten Rechtsvertreters. Auf die Begründung und eingereichten Beweismittel (zwei Fotos des Va- ters, ein Medical Certificate und ein Cash Receipt Voucher) wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. K. Mit Verfügung vom 26. April 2016 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Beschwerdeführenden den Eingang der Beschwerde und teilte ihnen mit, dass sie den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz ab- warten dürften. E-2504/2016 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahm e im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet gemäss den Beschwerdeanträgen die Prüfung der Rechtmässigkeit der verfügten Weg- weisung und des angeordneten Wegweisungsvollzugs. Die Dispositivzif- fern 1 und 2 der vorinstanzlichen Verfügung (Verneinung der Flüchtlingsei- genschaft und Ablehnung des Asylgesuch es) sind unangefochten in Rechtskraft erwachsen. E-2504/2016 Seite 6 4. 4.1 Vorab sind die formellen Einwände der Beschwerdeführenden zu prü- fen. In ihr er Rechtsmitteleingabe rügen sie eine unvollständige Sachver- haltsfeststellung der Vorinstanz. So wären genauere Abklärungen zu einer allfälligen Unzumutbarkeit des Wegweisungs vollzugs, insbesondere hin- sichtlich des sexuellen Übergriffs auf die Beschwerdeführerin und den da- raus resultierenden Folgen und Gefahren sowie zum Vorhandensein einer kindergerechten Betreuung des Beschwerdeführers bei einer Rückkehr , angezeigt gewesen. 4.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Be- weise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sach umstände berücksichtigt wer- den. Der Untersuchungsgrundsatz gilt indes nicht uneingeschränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG). 4.3 Aufgrund von Zweifeln an der Identität der Beschwerdeführeri n er- suchte das SEM die schweizerische Botschaft in Addis Abeba um Überprü- fung ihrer Angaben. Dabei stellte die Vorinstanz unter anderem Fragen zur Familie, Schulbildung und Wohnadresse der Beschwerdeführerin. Der Bot- schaftsbericht nahm zu den gestellten Fr agen konkret Stellung. Den Be- schwerdeführenden wurde anschliessend die Möglichkeit gewährt zur Stel- lungnahme zur Botschaftsantwort. In der vorinstanzlichen Verfügung setzte sich das SEM bezüglich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs mit dem familiären Hintergrund – und damit auch mit der möglichen Betreuung des Beschwerdeführers – sowie der Schulbildung und Arbeitserfahrung der Beschwerdeführerin auseinander. Somit hat die Vorinstanz die rechtswe- sentlichen Sachumstände berücksichtigt. Das Vorbringen in der Beschwer- deschrift, das SEM hätte hinsichtlich des sexuellen Übergriffs auf die Be- schwerdeführerin und den daraus resultierenden Folgen und Gefahren ge- nauere Abklärungen tätigen müssen, wurde nicht weiter begründet. An die- ser Stelle ist hervorzuheben, dass die Beschwerdeführerin durch ihre vor- angegangenen wahrheitswidrigen Angaben ihre Mitwirkungspflicht in er- heblicher Weise verletzte. Aufgrund dessen wäre sie umso mehr angehal- ten gewesen, etwaige Hindernisse des Wegweisungsvollzugs im weiteren Verlauf ihres Asylverfahrens substantiiert darzutun und allenfalls mittels Beweismitteln zu belegen. Die bloss allgemein begründete Rüge einer un- vollständigen Sachverhaltsfeststellung wird diesem Erfordernis klarerweise E-2504/2016 Seite 7 nicht gerecht. Folglich erachtet das Bundesverwaltungsgericht den Sach- verhalt als vollständig erstellt und es erübrigen sich weitere Abklärungen. 5. 5.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 5.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Dies wird von den Beschwerdeführenden denn auch nicht substanziell bestritten. 6. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 7. 7.1 Das SEM führte in seinen Erwägungen zum Vollzug der Wegweisung aus, der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung finde vorliegend mangels Erfüllung der Flüchtli ngseigenschaft keine Anwen- dung. Zudem ergäben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass der Wegwei- sungsvollzug aufgrund einer Verletzung von Art. 3 EMRK unzulässig sei. Hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs stellte das SEM fest, seine Abklärungen hätten ergeben, dass die Beschwerdeführerin ent- gegen ihren Angaben mit ihrem Bruder zusammen gelebt habe. Da die Be- schwerdeführerin das SEM über ihr Beziehungsnetz zu täuschen versucht habe, sei davon auszugehen, dass sie in Äthiopien über ein intaktes v er- wandtschaftliches Beziehungsnetz verfügen würde und in einen Familien- verbund zurückkehren könne. Überdies habe sie in Äthiopien die Schule E-2504/2016 Seite 8 neun Jahre besucht und sei in den letzten Jahren immer wieder einer Tä- tigkeit nachgegangen. Aufgrund des Lebenslaufs sei zu schliessen , dass es sich bei ihr um eine unabhängige, selbständige und junge Frau handle. Mit ihrer Schulbildung, der Arbeitserfahrung und dem familiären Bezie- hungsnetz sollte eine Reintegration möglich sein und es ergäben sich aus den Akten keine Hinweise darauf, dass sie bei einer Rückkehr in eine exis- tenzielle Notlage geraten würde. Hinsichtlich des dreijährigen Beschwer- deführers fügte das SEM an, dass er aufgrund seines jungen Alters noch vollständig an die Beschwerdeführerin gebunden und noch nicht von einer fortgeschrittenen Integration in der Schweiz auszugehen sei. Weiter herr- sche in Äthiopien weder Krieg noch Bürgerkrieg noch eine Situation der allgemeinen Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG. Somit würden sich keine Gründe ergeben, die d er Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs entgegenstehen würden. Zudem sei der Wegweisungsvollzug technisch möglich und praktisch durchführbar. 7.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe hielten die Beschwerdeführenden unter Verweis auf BVGE 2011/25 vom 7. Juli 2011 fest, dass der Vollzug der Wegweisung für die Beschwerdeführerin als alleinstehende, ungebildete Frau ohne tragfähiges Beziehungsnetz unzumutbar sei. Sie würde wegen ihrer schlechten Ausbildung, fehlenden Berufserfahrung und nicht vorhan- denen Kinderbetreuung durch ihre kranken Eltern keiner Erwerbstätigkeit nachgehen können, die genügend Geld abwerfe. Ihre psychisch starke Be- lastung (Vergewaltigung, Abort, U nterdrückung während der Arbeit ) er- schwere ihre Situation, insbesondere bezüglich einer Arbeitsstelle als Hausangestellte, zusätzlich. Ohne männliche Bezugsperson und ohne Un- terstützung in finanzieller und sozialer Hinsicht werde es für sie unmöglich sein, eine Arbeitsstelle oder auch Wohnung zu finden. Es bestünde ge- mäss steter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts eine hohe Wahrschein- lichkeit, dass sie in die Prostitution abgleiten würde oder als Haushaltshilfe physischer und sexueller Gewalt ausgesetzt wäre. Überdies könne nicht von einem intakten Familienverbund ausgegangen werden. Zum Einen stamme der von der Vorinstanz erwähnte Bruder von einer anderen Mutter, sei in einem anderen Landesteil aufgewachsen und spreche die Sprache Oromo. Als ethnische Tigrinya spreche sie diese Sprache jedoch nicht. Zu- dem habe sie ihren Halbbruder noch nie gesehen und würde ih n kaum kennen, da dieser erst nach ihrer Flucht aus Äthiopien an die Familienad- resse gezogen sei. Zum anderen könnten die Eltern der Beschwerdefüh- rerin aufgrund deren schlechte r gesundheitlichen Situation keine r Arbeit nachgehen und auch keine Hilfe bei einer Reintegration in Äthiopien bie- ten. Weitere Verwandte seien in der Botschaftsantwort nicht angeführt. E-2504/2016 Seite 9 Ausserdem wäre sie als alleinstehende, unverheiratete Frau mit einem dreijährigen Sohn der Gefahr der gesellschaftlichen Isolation und der er- neuten sexuellen Gewalt ausgesetzt. Ferner bestünden Gründe, dass das in Art. 3 Abs. 1 KRK festgehaltene und bei der Beurteilung der Zumutbar- keit des Wegweisungsvollzugs zu berücksichtigende Kindeswohl des Be- schwerdeführers bei einer Rückkehr nach Äthiopien stark gefährdet wäre (keinerlei Kenntnisse der äthiopischen Kultur, ungewisse Unterstützungs- möglichkeit durch die Mutter, fragliche Betreuung und Bildungschancen, benötigte medizinische Behandlung aufgrund seines […]). So wäre er bei einer Rückkehr gezwungen in einem nicht kindergerechten, armen Umfeld aufzuwachsen, was eine gesunde Entwicklung verunmöglichen würde. Da- bei wäre auch aufgrund der landesweiten Nahrungsmittelengpässe und der drohenden Hungersnot seine – und die der Beschwerdeführerin – Nah- rungsmittelzufuhr nicht gewährleistet. Aufgrund des Erwähnten würde den Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Äthiopien eine konkrete Gefährdung drohen, womit der Wegweisungsvollzug unzumutbar sei. Zur Stützung ihrer Beschwerderügen reichten die Beschwerdeführenden zwei Fotoabzüge, auf denen der Vater der Beschwerdeführerin zu sehen sei, eine Geburtsortbestätigung ihres Bruders in Kopie, ein Arztzeugnis be- züglich der medizinischen Probleme ihrer Mutt er im Original, eine Zah- lungsbestätigung des «Addis Cardiac Hospital» für ihren Vater im Original sowie ein ärztliches Schreiben bezüglich des (…) des Beschwerdeführers in Kopie ein. 8. 8.1 8.1.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an- dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiter- oder Rückreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 8.1.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung zutreffend er- kannt, dass der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschie- bung vorliegend mangels Erfüllung der Flüchtlingseigensc haft keine An- wendung findet und der Wegweisungsvollzug auch unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK zulässig ist. Auch anderweitige völkerrechtliche Vollzugshin- dernisse sind nicht erkenn bar. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der E-2504/2016 Seite 10 Wegweisung sowohl im Sinne der asyl - als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 8.2 8.2.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Sind Kinder von einem allfälligen Wegweisungsvollzug betroffen, so bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichts- punkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art . 83 Abs. 4 AuG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind demnach sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf einen Wegwe isungsvollzug wesentlich erscheinen (BVGE 2009/51 E. 5.6 m.w.H.). 8.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Äthiopien aus (vgl. bereits EMARK 1998 Nr. 22). Die sozioökonomische Situation al- leinstehender Frauen in Äthiopien muss jedoch als schlecht bezeichnet werden. Die Arbeitslosigkeit von Frauen in Addis Abeba wird auf 40 bis 55 % geschätzt. Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine Frau in Äthiopien einer eigenst ändigen Erwerbstätigkeit nachgehen kann, sind insbesondere eine höhere Schulbildung, das Leben in der Stadt, das Verfügen über finanzielle Mittel und die Unterstützung durch ein sozi- ales Netzwerk. Ohne diese Voraussetzungen bleiben Frauen oft nur beruf- liche Aktivitäten – wie namentlich Prostitution – die aus ethischer Sicht oder mit Blick auf gesundheitliche Risiken nicht zumutbar wären (vgl. ALE- XANDRA GEISER, SFH, Äthiopien: Rückkehr einer jungen alleinstehenden Frau, Bern, 13. Oktober 2009). Für alleinstehende, nach Äthiopien zurück- kehrende Frauen ist es nach Kenntnis des Bundesverwaltungsgerichts schwierig, sozialen Anschluss zu finden, da unverheiratete und allein le- bende Frauen von der Gesellschaft – auch der städtischen – nicht akzep- tiert werden, weil die kulturelle Norm für Frauen ein Leben in der Familie vorsieht (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.5 S. 521 f. m.w.H.). E-2504/2016 Seite 11 8.2.3 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt mit der Vorinstanz überein- stimmend zur Auffassung, dass sich der Vollzug der Wegweisung der Be- schwerdeführenden als zumutbar erweist. Von einer konkreten Gefähr- dung bei einer Rückkehr nach Äthiopien ist insbesondere vor dem Hinter- grund der Verletzung der asylrechtlichen Mitwirkungspflicht durch die Be- schwerdeführerin nicht auszugehen. Aufgrund der Abklärungsergebnisse der Botschaftsanfrage ist als erstellt zu betrachten, dass die Beschwerde- führerin ihren Bruder – entgegen ihren noch in der Beschwerdeschrift ge- machten Angaben – gut kennt und mit ihm in ihrer Kindheit zusammen- lebte. Auch hinsichtlich der Herzprobleme des Vaters der Beschwerdefüh- rerin deutet das beim SEM eingereichte Arztzeugnis darauf hin, dass der Vater entgegen ihren Angaben erst seit 2014 – und nicht schon seit vor ihrer Ausreise im 2006 – an Herzproblemen leidet. Die schon aufgrund der wahrheitswidrigen Angaben anlässlich des erstinstanzlichen Verfahrens zweifelhafte persönliche Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin ist somit stark beeinträchtigt. Dieser Umstand ist bei der Beurteilung der Zumutbar- keit des Wegweisungsvollzugs zu berücksichtigen. Bezüglich der Schulbildung der Beschwerdeführerin ist festzuhalten, dass sie gemäss ihren Angaben immerhin die neunte Klasse abschloss. Sie ist demnach nicht als ungebildet zu erachten. Weiter verfügt sie, wie oben dargelegt, in C._______ über einen Bruder und Eltern. Dem Einwand, die Beschwerdeführerin könne aufgrund der gesundheitlichen Probleme ihrer Eltern nicht auf deren Unterstützung bei der Kinderbetreuung zählen, kann nicht gefolgt werden. Die gesundheitlichen Probleme der Eltern erweisen sich nicht als derart einschneidend, als dass sie die Kinderbetreuung nicht zumindest teilweise übernehmen können. Es erübrigt sich daher, näher auf die entsprechenden Beweismittel einzugehen. Zusätzliche Unterstützung kann die Beschwerdeführerin von ihrem Bruder und ihrer Schwägerin, die gemeinsam im ursprünglichen Familienhaus wohnen, erfahren. Hinsicht- lich der finanziellen Situation der Familie der Beschwerdeführenden ist her- vorzuheben, dass die Elt ern gemäss Botschaftsabklärung aus dem ur- sprünglichen Familienhaus auszogen, jedoch weiterhin in C._______ le- ben. Das Familienhaus wird jetzt vom Bruder der Beschwerdeführerin be- wohnt. Zudem ergeht aus der am 15. März 2016 beziehungsweise 22. April 2016 eingereichten Kostenabrechnung und Zahlungsbestätigung des «Ad- dis Cardiac Hospital», dass der Vater der Beschwerdeführerin die totalen medizinischen Behandlungskosten von 21‘524.83 Birr (entsprach dem Ge- genwert von Fr. 987.20) zahlen konnte. Diese Umstände deuten darauf hin, dass die Familie der Beschwerdeführenden über gewisse finanzielle Res-E-2504/2016 Seite 12 sourcen verfügt. Des Weiteren ist anzumerken, dass die Beschwerdefüh- rerin anlässlich der Anhörung vom 13. November 2014 zwei nach Eritrea abgeschobene Tanten mütterlicherseits erwähnte, die früher in Addis Ab- eba gelebt hätten. Da sich aufgrund der Botschaftsabklärung herausstellte, dass weder die Beschwerdeführerin noch deren Eltern die eritreische Staatsangehörigkeit besitzen, darf davon ausgegangen werden, dass die erwähnten Tanten ebenfalls aus Äthiopien stammen und weiterhin dort le- ben. Die Behauptung in der Beschwerdeschrift, in Äthiopien trüge lediglich die Verwandtschaft ersten Grades untereinander eine soziale und finanzi- elle Verantwortung, ist erfahrungswidrig. Somit ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz von einem tragfähigen familiären Beziehungsnetz auszuge- hen. Das Vorbringen der problematischen Nahrungsmittelbeschaffung und Hungersnot kann aus diesen Gründen, aber auch aufgrund der geografi- schen Lage der Stadt C._______, nicht gehört werden (vgl. UN Of fice for the Coordination of Humanitarian Affairs, Ethiopia: Humanitarian Snap- short [as of 31 May 2016 ], abgerufen am 06.06.2016 ). Die vorgebrachte starke psychische Belastung der Beschwerdeführerin bleibt unbelegt, so dass sich daraus eine Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eben- falls nicht ableiten lässt. Der Vollzug der Wegweisung des minderjährigen Beschwerdeführers er- weist sich ebenfalls als zumutbar. Aufgrund seines sehr jungen Alters wird er sich ohne grössere Probleme in die äthiopische Gesellschaft eingliedern können. Bezüglich seiner Betreuung und Unterstützung sowie den Bil- dungsmöglichkeiten kann auf die obigen Erwägungen zu m familiären Be- ziehungsnetz und dem Vorhandensein von gewissen finanziellen Ressour- cen verwiesen werden. Hinsichtlich seines (...) ist festzuhalten, dass dieses relativ häufige Geburtsgebrechen, welches auch in Äthiopien behandelbar sein dürfte, für sich alleine kein Vollzugshindernis darzustellen vermag. Folglich sprechen aus den oben genannten Erwägungen auch keine indi- viduellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Äthiopien. 8.3 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän- digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegw eisung unbestritte- nermassen auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). E-2504/2016 Seite 13 8.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 10. Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses hinfällig geworden. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die Beschwerdeführenden gemäss Auskunft der zuständigen kantonalen Behörde bedürftig sind und sich die Beschwerde nicht als aussichtslos präsentierte, sind die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und Beiordnung ei- nes amtlichen Rechtsbeistandes (Art. 110 a AsylG) gutzuheissen. Somit sind keine Verfahrens kosten zu erheben. Der rubrizierte Rechtsvertreter erfüllt die Voraussetzungen von Art. 110a Abs. 3 AsylG und ist somit nach Art. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG als amtlicher Rechtsbeistand beizuordnen. In der Beschwerde werden ein zeitlicher Aufwand von rund 6 1/2 Stunden durch den Substituten, der im Anwaltsbüro des rubrizierten Rechtsvertre- ters als Praktikant tätig ist , zu einem Stundenansatz von Fr. 200. – (exkl. Mehrwertsteuer) sowie Auslagen von Fr. 26.30.–, total Fr. 1‘421.60.–, aus- gewiesen. Aufgrund der Akten erscheint die Kostennote als überhöht und es ist ein Aufwand von fünf Stunden zu entschädigen. Praxisgemäss ist der Stundenansatz für das Honorar von amtlich bestellten Rechtsbeiständen im Zeitpunkt der Beiordnung gestützt auf Art. 12 i.V.m. Art. 10 de s Regle- ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) in der Regel zu be- grenzen, wobei für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte ein Stundenan- satz von Fr. 200. – bis 220.– und für nichtanwaltliche Rechtsvertretungen ein Stundenansatz von Fr. 100.– bis 150.– vorzusehen ist. Aufgrund des- sen wird dem nichtanwaltlichen Rechtsvertreter für die amtliche Verbei- ständung der Beschwerdeführenden vorliegend eine Entschädigung von Fr. 850.– ausgerichtet (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer). E-2504/2016 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. Es werden keine Verfahrenskos- ten erhoben. 3. Das Gesuch um amtliche Verbeiständung durch Tarig Hassan, Advokatur Kanonengasse, wird gutgeheissen. 4. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird zu Lasten der Gerichtskasse eine Ent- schädigung von Fr. 850.– zugesprochen. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Regula Schenker Senn Philippe Baumann