<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 144 S.629</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">629</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>144</b></span> <span class="ft2"><b>Ruhestörung; Musizieren in der Nachbarschaft; Einschreiten der Polizei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>behörden.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Departements des Innern vom 20. November 2002 in Sachen</span><br/> <span class="ft3">M.W. gegen den Gemeinderat G.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Mit Eingabe an den Regierungsrat vom 18. Juni 2002 reicht M.</span><br/> <span class="ft1">W. eine Beschwerde ein, welche zuständigkeitshalber dem Departe-</span><br/> <span class="ft1">ment des Innern zur Erledigung überwiesen worden ist. Darin bean-</span><br/> <span class="ft1">standet sie das Verhalten der Gemeinde G., welche trotz verschiede-</span><br/> <span class="ft1">ner Anzeigen wegen Ruhestörung (laute Blasmusik eines Nachbarn</span><br/> <span class="ft1">mit Trompete innerhalb der vom kommunalen Polizeireglement ge-</span><br/> <span class="ft1">schützten Zeiten) untätig geblieben sei und stellt das Begehren, die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">630</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Gemeinde G. sei zur Einhaltung und Kontrolle ihres Polizeiregle-</span><br/> <span class="ft1">ments anzuhalten.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Das Nachbarrecht regelt in Art. 684 ZGB die Immissionen,</span><br/> <span class="ft1">d.h. die Einwirkungen die mit der Benützung der Grundstücke ver-</span><br/> <span class="ft1">bunden sind, sich aber nicht in bestimmte Grenzen bannen lassen. Da</span><br/> <span class="ft1">ein absolutes Verbot solcher Einwirkungen das Grundeigentum ent-</span><br/> <span class="ft1">wertet und damit dem Eigentümer die einfachsten und wichtigsten</span><br/> <span class="ft1">Benützungsmöglichkeiten genommen würden, ist eine Vorschrift</span><br/> <span class="ft1">notwendig, wonach die Grundeigentümer gegenseitig verpflichtet</span><br/> <span class="ft1">werden, Einwirkungen bis zu einem gewissen Grad zu dulden. Die-</span><br/> <span class="ft1">sem Interessenausgleich dient der Art. 684 ZGB. Demnach müssen</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich Einwirkungen, selbst lästige, geduldet werden, über-</span><br/> <span class="ft1">mässige dagegen nicht (Berner Kommentar, Band IV, Das Sachen-</span><br/> <span class="ft1">recht, Bern 1975, N 1 zu Art. 684). Dem durch übermässige Lärm-</span><br/> <span class="ft1">einwirkungen Gestörten steht ein auf dem Zivilrechtsweg einklagba-</span><br/> <span class="ft1">rer Unterlassungsanspruch zu (Art. 679, 928 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">b) Die Polizei darf in die Freiheit und in das Eigentum der Bür-</span><br/> <span class="ft1">gerin und des Bürgers nur eingreifen, wenn es gilt, Gefahren abzu-</span><br/> <span class="ft1">wehren, die der öffentlichen Sicherheit und Ordnung drohen. Die</span><br/> <span class="ft1">Interessen, die durch Lärm verletzt werden, sind meist Privatinteres-</span><br/> <span class="ft1">sen. Diese sind grundsätzlich bei den zivilen Gerichten durchzuset-</span><br/> <span class="ft1">zen. Diese Regel gilt aber nicht uneingeschränkt. Die Polizei schützt</span><br/> <span class="ft1">die Bürger vor eindeutig unzulässigen Immissionen auch dann, wenn</span><br/> <span class="ft1">nur wenige betroffen sind und hilft damit die durch das Privatrecht</span><br/> <span class="ft1">aufgestellte Ordnung zu garantieren. Sie darf aber nur tätig werden,</span><br/> <span class="ft1">wenn diese Ordnung eindeutig verletzt ist, d.h. wenn an der</span><br/> <span class="ft1">Übermässigkeit des Lärms kein Zweifel besteht (Peter Hafter, Das</span><br/> <span class="ft1">Lärmproblem in der Praxis der Gerichts- und Verwaltungsbehörden,</span><br/> <span class="ft1">Diss. Zürich 1957, S. 97 ff.).</span><br/> <span class="ft1">c) Wie oben aufgezeigt, verfolgen Privat- und öffentliches</span><br/> <span class="ft1">Recht unterschiedliche Zwecke. Es ist aufgrund der konkreten Inte-</span><br/> <span class="ft1">ressenlage zu urteilen, ob im vorliegenden Fall polizeiliche Bestim-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">631</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mungen anzuwenden sind. Der Gemeinderat G. stützt seine Auffas-</span><br/> <span class="ft1">sung, es sei kein öffentliches Interesse für ein Einschreiten der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde gegeben, richtigerweise auf quantitative und qualitative</span><br/> <span class="ft1">Aspekte. Seine Erwägungen bezüglich der quantitativen Aspekte,</span><br/> <span class="ft1">vermögen aber nicht recht zu überzeugen. So ist nach dem vom</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat zitierten Entscheid (ZBl 1985, S. 216 ff. [= AGVE</span><br/> <span class="ft1">1984, S. 373 ff.]) in quantitativer Hinsicht zu beachten, ob nur ein</span><br/> <span class="ft1">einzelner Nachbar bzw. eine oder einzelne Parzellen betroffen sind.</span><br/> <span class="ft1">Nachdem der Gemeinderat zuvor selbst festgestellt hat, dass sich ein</span><br/> <span class="ft1">Teil der Nachbarschaft durch das Musizieren gestört fühlt - mit dem</span><br/> <span class="ft1">Hinweis auf die eingegangen Strafanzeigen und Klagen sowie der</span><br/> <span class="ft1">von 15 Mitunterzeichner eingereichten Beschwerde - kann kaum von</span><br/> <span class="ft1">einer nur geringer Zahl Betroffener im Sinne der Überlegungen des</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgerichts gesprochen werden. Auch relativiert bereits der</span><br/> <span class="ft1">Entscheid seine eigene Überlegung, indem er ausführt, es könne</span><br/> <span class="ft1">nicht ausgeschlossen werden, dass auch die Störung eines Einzelnen</span><br/> <span class="ft1">das Eingreifen der Öffentlichkeit notwendig mache (vgl. dazu auch</span><br/> <span class="ft1">oben Erw. 2.b. und ZBl 1985, S. 219: "Mag die lärmende Tätigkeit</span><br/> <span class="ft1">Privatsache sein, der Schutz des Nachbarn vor ihren Einwirkungen</span><br/> <span class="ft1">ist es deshalb nicht notwendigerweise ebenfalls"). Es ist deshalb auf</span><br/> <span class="ft1">den qualitativen Aspekt abzustellen, also auf die Intensität und die</span><br/> <span class="ft1">Art der Störung unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse</span><br/> <span class="ft1">und des Zeitpunkts der Einwirkung. Dabei können besonders emp-</span><br/> <span class="ft1">findliche Menschen nicht der Massstab sein. Es kommt vielmehr</span><br/> <span class="ft1">darauf an, wie sich die Immissionen auf einen durchschnittlich emp-</span><br/> <span class="ft1">findsamen Menschen auswirken (AGVE 1978, S. 253).</span><br/> <span class="ft1">d) Aus den Akten ist zu entnehmen, dass sich sowohl der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meindeammann als auch die Gemeindepolizei verschiedentlich vor</span><br/> <span class="ft1">Ort ein Bild von der Situation machen konnten. Es liegt nun im</span><br/> <span class="ft1">pflichtgemässen Ermessen der Gemeindebehörden zu beurteilen, ob</span><br/> <span class="ft1">die Art und die Intensität der Störung derart ausgeprägt ist, dass an</span><br/> <span class="ft1">der Übermässigkeit des Lärms kein Zweifel besteht. Ein öffentliches</span><br/> <span class="ft1">Interesse ist zweifellos zu bejahen und damit ein Vorgehen nach Po-</span><br/> <span class="ft1">lizeireglement angebracht, wenn in einem Wohnquartier während</span><br/> <span class="ft1">den üblichen Nachtruhezeiten von 22.00 bis 7.00 Uhr musiziert wird.</span><br/> <span class="ft1">Gleiches dürfte für das Musizieren bei offenem Fenster während den</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">632</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">im kommunalen Polizeireglement festgelegten übrigen Ruhezeiten</span><br/> <span class="ft1">gelten. Die Familie B./M. hat allerdings immer bestritten, bei</span><br/> <span class="ft1">offenem Fenster musiziert zu haben, was mithin zur Aufhebung des</span><br/> <span class="ft1">Strafbefehls geführt hat. Hier ist der gegenteilige Beweis durch die</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde oder die Beschwerdeführer zu erbringen. Wird hingegen</span><br/> <span class="ft1">während den übrigen Ruhezeiten bei geschlossenem Fenster musi-</span><br/> <span class="ft1">ziert, so ist eine Beurteilung der Intensität der Störung nach objekti-</span><br/> <span class="ft1">ven Kriterien durch die Gemeindebehörden vorzunehmen. Eine</span><br/> <span class="ft1">Lärmmessung dürfte dabei wenig zweckdienlich sein, da die Qualität</span><br/> <span class="ft1">der Lärmeinwirkung in Relation zur Umgebung zu setzen ist und die</span><br/> <span class="ft1">Übermässigkeit des Lärms damit nur unzureichend erfasst werden</span><br/> <span class="ft1">kann. Gelangen die Gemeindebehörden bei dieser Einschätzung aber</span><br/> <span class="ft1">zur Auffassung, die Verletzung der privaten Rechte sei nicht</span><br/> <span class="ft1">eindeutig feststellbar, weil es an der notwendigen Intensität der</span><br/> <span class="ft1">Störung fehle, so bleibt dem vom Lärm Betroffenen einzig der Weg</span><br/> <span class="ft1">der Zivilklage offen. Da im Polizeirecht das Opportunitätsprinzip</span><br/> <span class="ft1">gilt, wonach die Polizei selbst zu entscheiden hat, ob sie eingreifen</span><br/> <span class="ft1">soll oder nicht, steht dem Privaten kein erzwingbarer Anspruch auf</span><br/> <span class="ft1">polizeilichen Schutz zu (Peter Hafter, a.a.O., S. 102).</span><br/> <span class="ft1">e) Gleiches gilt für das von der Gemeinde eingestellte Strafbe-</span><br/> <span class="ft1">fehlsverfahren. Das Gemeindegesetz mit dem gestützt darauf erlas-</span><br/> <span class="ft1">senen Polizeireglement sieht zur Ahndung von Übertretungen in</span><br/> <span class="ft1">§ 112 GG ausdrücklich nur die Anfechtung von Strafbefehlen des</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderats durch Einsprache und deren Erledigung in einem</span><br/> <span class="ft1">eigens dafür geregelten Verfahren vor dem Gemeinderat (Abs. 1 und</span><br/> <span class="ft1">2) sowie die Anfechtung von Strafentscheiden des Gemeinderats</span><br/> <span class="ft1">durch</span> <span class="ft1">Beschwerde</span> <span class="ft1">an</span> <span class="ft1">das</span> <span class="ft1">hierüber</span> <span class="ft1">endgültig</span> <span class="ft1">urteilende</span><br/> <span class="ft1">Bezirksgericht vor (Abs. 3). Damit ist die Anfechtung anderer</span><br/> <span class="ft1">Entscheide des Gemeinderats im Sinne von § 112 GG, d.h. solcher,</span><br/> <span class="ft1">mit denen nach erfolgter Einsprache ein Verfahren eingestellt oder</span><br/> <span class="ft1">die Freisprechung des Einsprechers angeordnet wird, ausgeschlossen.</span><br/> <span class="ft1">Ebenso</span> <span class="ft1">ist</span> <span class="ft1">die</span> <span class="ft1">Anfechtung</span> <span class="ft1">von</span> <span class="ft1">Nichteintretens-</span> <span class="ft1">und</span><br/> <span class="ft1">Einstellungsbeschlüssen des Gemeinderats, mit denen einer Anzeige</span><br/> <span class="ft1">nicht stattgegeben bzw. das Verfahren ohne Tatbeurteilung eingestellt</span><br/> <span class="ft1">wird, gemäss klarer Gesetzesregelung des § 112 GG ausgeschlossen</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 2001, S. 92). Demnach sind der Beschluss des Gemeinderats</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">633</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">G. vom 15. April 2002, womit das Verfahren gegen C.M. wegen</span><br/> <span class="ft1">Widerhandlung gegen § 9 des Polizeireglements eingestellt wurde</span><br/> <span class="ft1">und der Beschluss vom 24. Juni 2002, auf die eingegangenen</span><br/> <span class="ft1">Anzeigen nicht einzutreten, endgültig und nicht mit einem</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittel anfechtbar.</span><br/> <span class="ft1">3. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Gemeinderat die</span><br/> <span class="ft1">Angelegenheit in seinem Beschluss vom 24. Juni 2002 zu aus-</span><br/> <span class="ft1">schliesslich als reine Privatrechtssache betrachtet. Er ist demnach</span><br/> <span class="ft1">gehalten, im Sinne der oben ausgeführten Erwägungen, bei künftigen</span><br/> <span class="ft1">Anzeigen auch die polizeilichen Aspekte entsprechend zu berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigen. Eine Rechtsverletzung kann ihm aber nicht vorgeworfen</span><br/> <span class="ft1">werden. Eine Veranlassung für ein aufsichtsrechtliches Einschreiten</span><br/> <span class="ft1">besteht somit nicht, weshalb der Aufsichtsbeschwerde keine Folge zu</span><br/> <span class="ft1">geben ist.</span><br/></div> </div> </body> </html>