B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1422/2014 U r t e i l v o m 3 1 . J u l i 2 0 1 4 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiberin Sarah Straub. Parteien A._______, geboren (…), Iran, vertreten durch Magda Zihlmann, Rechtsantwältin, Advokatur Aussersihl, (…) Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl; Verfügung des BFM vom 19. Februar 2014 / N (…). E-1422/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein ethnischer Perser ursprünglich schiitischen Glaubens mit letztem Wohnsitz in B._______, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im (…) und gelangte auf dem Landweg per Au- to und zu Fuss in die Türkei. Am (…) habe er (…) in einem Lastwagen verlassen; am 7. September 2009 sei er in die Schweiz gelangt . Gle i- chentags suchte er um Asyl nach. Die Befragung zur Person (BzP) fand am 15. September 2009 statt, die Anhörung zu den Asylgründen am 18. Mai 2010. Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer gel- tend, er habe (…) an Demonstrationen gegen die Wahl von Präsident Ahmadinejad teilgenommen. Die Basidsch-e Mostaz'afin (kurz: Basid- schi)-Sicherheitskräfte hätten auf die Demonstranten geschossen ; er ha- be geholfen, Verletz te in Spitäler zu bringen. Am (…), als er Verletzten habe helfen wollen, hätten die Sicherheitskräfte versucht, ihn und andere Leute festzunehmen. Er habe Blut a uf dem Hemd gehabt , sei geflohen und habe dabei seine Identitätskarte verloren . Am übernächsten Tag sei er wieder an einer Demonstration gewesen, und als er nach Hause z u- rückgekehrt sei, habe er gesehen, dass ein Mitglied der Basidschi, seine Mutter und eine weitere Person vor dem Haus gestanden seien. Er habe seinen Bruder angerufen, welcher ihm die Adresse einer Klientin gegeben und ein Treffen mit einem Angestellten veranlasst habe. Danach habe er B._______ verlassen und sei bald darauf ausgereist. Er sei homosexuell, was jedoch nicht der Grund für seine Ausreise gewesen sei. Anlässlich der Anhörung präzisierte er, am (…) habe sich ein angeschossener D e- monstrant in seine Arme geworfen, und er sei nicht in der Lage gewesen, dem Verletzten zu helfen, da sich Basid schi auf Motorrädern genähert hätten. Ein Basidschi habe ihn an den Kleidern gezerrt, so dass sein Po r- temonnaie aus der Tasche gefallen sei. Er sei nach Hause gerannt; seine Kleider seien blutverschmiert gewesen. In der Schweiz sei er zum Chris- tentum konvertiert. Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er seinen Geburtsschein, seinen Identitätsausweis, ein Ledigkeitszeugnis, seinen iranischen und interna - tionalen Führerschein, diverse Unterlagen seiner Firma, seinen Tau f- schein und eine CD mit Bi ldern von Demonstrationen in Bern und (…) zu den Akten. E-1422/2014 Seite 3 B. Am 6. September 2012 ging der Beschwerdeführer eine eingetragene Partnerschaft mit einem in der Schweiz niedergelassenen tschechischen Staatsbürger ein. In der Folge wurde ihm am 11. Oktober 2012 eine Auf- enthaltsbewilligung erteilt. C. Mit Schreiben vom 4. November 2013 teilte das BFM dem Beschwerd e- führer mit, es bestehe kaum Aussicht auf Gewährung von Asyl, und schlug ihm vor, sein Asylgesuch zurückzuziehen. Der Beschwerdeführer ersuchte am 19. November 2013 um Akteneinsicht sowie Gewährung des rechtlichen Gehörs und bat darum , ihm unter An- gabe des vorläufigen Beweisergebnisses beziehungsweise der vorläuf i- gen Begründung Frist zur Stellungnahme anzusetzen. Am 26. November 2013 gewährte das B undesamt die beantragte Akten- einsicht und teilte mit, es sei damit keine Frist zur Stellungnahme verbu n- den, weil nach Abschluss der amtlichen Untersuchung grundsätzlich kein Anspruch auf Durchführung eines Schriftenwechsels bestehe. Verspätete Parteivorbringen, welche ausschlaggebend erscheinen und vor dem En t- scheid eingehen würden, könnten aber berücksichtigt werden. Der Beschwerdeführer reichte am 3. Dezember 2013 eine Stellungnahme und den Kurzbericht der Hilfswerkvertretung zu seiner Anhörung vom 18. Mai 2010 ein. D. Mit am 20. Februar 2014 eröffneter Verfügung vom 19. Februar 2014 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingse i- genschaft, lehnte dessen Asylgesuch vom 7. September 2009 indessen ab und merkte an, er verfüge über eine Aufenthaltsbewilligung. E. Der Beschwerdeführer liess diesen Entscheid mit Eingabe seiner Recht s- vertreterin vom 17. März 2014 beim Bundesverwaltungsgericht anfech- ten. Er beantr agte in materieller Hinsicht, die Dispositivziffer 2 der ang e- fochtenen Verfügung sei aufzuheben, es sei ihm Asyl zu gewähren, even- tualiter sei die Sache zur ergänzenden Abklärung des Sachverhaltes an die Vorinstanz zurückzuweisen. E-1422/2014 Seite 4 F. Mit Zwischenverfügung vom 27. März 2014 wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, innert Frist zugunsten der Gerichtskasse einen Kostenvo r- schuss einzuzahlen. Die Bezahlung des Kostenvorschusses erfolgte fristgerecht. G. Das BFM hielt in seiner Vernehmlassung vom 23. April 2014 an se inen Erwägungen fest und nahm Stellung zur Asylrelevanz der als nicht glau b- haft eingestuften politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers in seinem Heimatland und zum Vorbestehen einer Verfolgungsgefahr im Heimatland aufgrund dessen Homosexualität. H. In se iner Replik vom 5. Mai 2014 äusserte sich der Beschwerdeführer ebenfalls zur Asylrelevanz seiner Aktivitäten und zum Vorbestehen einer Verfolgungsgefahr im Heimatland. I. Am 20. Mai 2014 nahm das Bundesamt erneut Stellung zu den Vorbri n- gen des Beschwerdeführers. J. Der Beschwerdeführer hielt mit Eingabe vom 5. Juni 2014 an seinen Vor- bringen fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bu n- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel und so auch vorlie- gend endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). E-1422/2014 Seite 5 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nicht s anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an de ren Aufhebung beziehungsweise Änderung ; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslic h Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Der Beschwerdeführer rügt Verfahrensmängel, insbesondere die Verle t- zung des rechtlichen Gehörs und die unvollständige respektive unrichtige Abklärung des Sachverhaltes. Diese Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [ vormaligen] Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 38 und 1994 Nr. 1; A LFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren und Verwa l- tungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, S. 225, m.w.H.). 4. 4.1 4.1.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ande r- seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ei n- greift. Dazu gehört insbesondere das Recht der Betroffenen, sich vor E r- lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Bewe i- se beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen B e- weisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher B e- weise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle E-1422/2014 Seite 6 Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfah- ren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1 S. 293; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbri n- gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfi n- dung angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form - und fristge- rechten Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkre- ten Streitfrage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so abgefasst sein , dass der oder die Betroffene den Entscheid g e- gebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlich - en Überlegungen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass s ich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1 S. 188). 4.1.2 In der Beschwerde wird vorgebracht, das BFM habe die Begrü n- dungspflicht verletzt, da aus der Verfügung nicht ersichtlich sei, welche Elemente zum Asylausschluss geführt hätten. Die Vorinstanz gehe davon aus, dass der Beschwerdeführer unter anderem aufgrund seiner Hom o- sexualität eine asylrelevante Verfolgung zu gewärtigen hätte und daher als Flüchtling anerkannt werden müsse. Sie nehme jedoch an, die flücht- lingsrelevanten Elemente seien erst nach der Ausreise aus dem Iran g e- schaffen worden. Der Beschwerdeführer sei bereits vor seiner Ausreise homosexuell gewesen. Er sei zw ar nie erwischt worden, aber mehrmals gezwungen gewesen, seine Homosexualität zu verleugnen. Das Bundesverwaltungsgericht kann aufgrund der Vorbringen in der B e- schwerde nicht erkennen, inwiefern das BFM seine Pflicht zur angeme s- senen Begründung des Entscheides verletzt haben soll. In der angefoch- tenen Verfügung wird ausgeführt, aufgrund der gesamten Aktenlage, in Würdigung seiner langen Anwesenheit und des freien Auslebens der Ho- mosexualität in der Schweiz sowie seiner Konversion zum Christentum sei nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in den Iran asylrelevante Nachteile zu befürchten hätte. Diese Elemente seien jedoch erst nach seiner Ausreise aus dem Iran geschaffen worden. Bezüglich der Homosexualität ist dieser Begründung k lar zu entnehmen, dass die Gefährdung wegen de s freien Auslebens der Homosexualität in der Schweiz bejaht wurde. Eine Verletzung der Begründungspflicht liegt demnach nicht vor. E-1422/2014 Seite 7 4.2 4.2.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von A m- tes wegen fest un d bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismi t- tel (Bstn. a–e). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Dazu gehört, die Identität offenzulegen und vorhandene Identitätspapiere abzu- geben, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und in der A n- hörung die Asylgründe darzulegen, allfällige Beweismittel vollständig zu bezeichnen und unverzüglich einzureichen sowie bei der Erhebung der biometrischen Daten mitzuwirken (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4). Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwi d- riger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄ- NER, a.a.O., Rz. 630). Das Bundesverwaltungsgericht kann den rechtserheblichen Sachverhalt, wie ihn die Vorinstanz festgestellt hat, uneingeschränkt überprüfen (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Es ist dazu in dem Masse verpflichtet, als die Be- schwerdepartei die Sachverhaltsfeststellungen oder die ihr zugrunde li e- gende Beweiswürdigung als fehlerhaft rügt und sich mit der angefocht e- nen Verfügung sachbezogen auseinandersetzt (vgl. CHRISTOPH AUER, Streitgegenstand und Rügeprinzip im Spannungsfeld der verwaltung s- rechtlichen Prozessmaximen, Diss. Bern 1997, S. 79 f.; Urteil des Bu n- desverwaltungsgerichts E-36/2008 vom 30. November 2011, E. 5.1). 4.2.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Vorinstanz habe den Sachverhalt unrichtig und unvollständig festgestellt, indem si e fälschl i- cherweise davon aus gegangen sei, seine Vorbringen würden den Anfo r- derungen an die Glaubhaftmachung nicht genügen. Weiter weist er da r- auf hin, die Anhörung sei gemäss Angaben des Hilfswerkvertreters tei l- weise nicht korrekt protokolliert worden und gebe seine Antworten unvoll- ständig wieder. Gemäss dem Hilfswerkvertreter habe der Protokollführer weder vorbereitet noch sachkundig gewirkt. Bezüglich dieser Rüge ist zunächst festzuhalten, dass die Einschätzung, ob die Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit zu genügen E-1422/2014 Seite 8 vermögen, nicht die richtige und vollständige Feststellung des Sachve r- haltes beschlägt, sondern die Würdigung der Vorbringen, wie sie im Rahmen der Sachverhaltsfeststellung dargelegt wurden. In diesem Sinne ist keine unvollständ ige oder unrichtige Feststellung d es Sachverhaltes feststellbar. Vielmehr hatte der Beschwerdeführer Gelegenheit, sich zu seinen Asylgründen, den politischen Aktivitäten und de n Problemen auf- grund seiner Homosexualität einlässlich zu äussern. Das Bundesver wal- tungsgericht nimmt zur Kenntnis, dass die Anhörung teilweise offenbar nicht einwandfrei verlaufen ist, und der Beschwerdeführer, wie dies die Hilfswerksvertretung moniert, in engagierte Redeflüsse gekommen ist, welche nicht rechtzeitig unterbrochen worden sind, um eine korrekte Pr o- tokollierung sicherzustellen (vgl. Akten BFM A27/18 S. 18). Dies ist zwar bedauerlich, aber es ist festzustellen, dass die Angaben des Beschwerde- führers gemäss Protokoll weder lückenhaft noch unvollständig erscheinen und mit de n Vorbringen auf Beschwerdeebene übereinstimmen, so dass die Feststellung des Sachverhaltes offensichtlich nicht beeinträchtigt wur- de. 4.3 Zusammenfassend sind der angefochtenen Verfügung und den Akten keine hinreichenden Anhaltspunkte zu entnehmen, welche den Schluss zuliessen, das BFM habe den Sachverhalt unvollständig abgeklärt oder seine Begründungspflicht verletzt. Bei dieser Sachlage besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen au f- zuheben. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die G e- fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freihei t sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i-E-1422/2014 Seite 9 chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Das BFM führte zur Begründung seines angefochtenen Entscheides aus, bezüglich der geltend gemachten Verfolgung aufgrund der Teilnahme an Demonstrationen gegen die Wahl Ahmadine jads (…) habe der B e- schwerdeführer widersprüchliche Angaben gemacht . In der BzP habe er ganz allgemein von verletzten Personen gesprochen, denen er geholfen habe, während er bei der Anhörung ausschliesslich von einem einzigen angeschossenen Demonstranten erzählt habe, der sich ihm in die Arme geworfen habe. Weiter habe er in der BzP lediglich angegeben, seinen Identitätsausweis verloren zu haben, bei der Anhörung dagegen habe er nicht nur vom Identitätsausweis gesprochen , sondern auch ausgeführt , dass sein Portemonnaie zu Boden gefallen sei, weil Basidschi-Milizen an seinen Kleidern gezerrt hätten. Weiter habe er auch die Szene vor se i- nem Haus widersprüchlich geschildert. In der BzP habe er gesagt, er h a- be gesehen, wie seine Mutter mit einem Basidschi aus dem Haus g e- kommen sei, bei der Anhörung habe jedoch gesagt, sein Bruder sei eben- falls vor dem Haus am sprechen gewesen. Schliesslich habe er anläss- lich der BzP zu Protokoll gegeben , er habe seinen Bruder angerufen, doch sei dieser abwesend gewesen, worauf dessen Ehefrau ihm geraten habe, das Haus nicht zu betreten, so dass er sich in ein anderes Viertel begeben und i m Wohnhaus einer Kundin versteckt habe. Bei der Anh ö- rung habe er abweichend dazu ausgeführt, seine Schwägerin habe ihm gesagt, er solle später noch einmal anrufen, da der Bruder vor dem Haus sei; dieser sei jedoch zurückgekehrt und habe ihm mitgeteilt, dass die S i- tuation ernst sei und er untertauchen solle . Wenig später habe er als dri t- te Version vorgebracht, er habe immer wieder versucht, den Bruder zu er- reichen, was ihm erst nach ungefähr einer halben Stunde gelungen sei. Diese Vorbringen hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht stand, so dass deren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Zu den exilpolitischen Aktivitäten des Beschwerdeführers hielt das BF M fest, angesichts der hohen Zahl der im Ausland lebenden iranischen Staatsangehörigen könnten die iranischen Behörden nicht jede Person überwachen und identifizieren. Sie hätten nur dann ein Interesse an der Identifizierung, wenn Aktivitäten als konkrete Bedrohung für das politische System wahrgenommen würden. Die Aktivitäten des Beschwerdeführers E-1422/2014 Seite 10 vermöchten keine konkrete Gefährdung im Falle einer Rückkehr in den Iran zu begründen. Aufgrund der gesamten Aktenlage, in Würdigung seiner langen Anw e- senheit und des freien Auslebens seiner Homosexualität in der Schweiz sowie seiner Konversion zum Christentum sei nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in den Iran asylrelevante Nachteile zu befürchten hätte. Die flüchtlingsrelevanten E lemente seien indessen erst nach seiner Ausreise aus dem Iran geschaffen worden und als subjektive Nachfluchtgründe zu qualifizieren. Es sei deshalb festz u- stellen, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft erfülle, ihm jedoch kein Asyl zu gewähren sei. 6.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, die Angaben des Be- schwerdeführers enthielten keine Widersprüche. Seine Aussagen anläss- lich der Anhörung seien lediglich ausführlicher gewesen, während die Vorbringen bei der BzP stets summarisch bleiben würden. Wie an der Anhörung dargelegt, habe er während zahlreichen Demonstrationen auch beim Abtransport von Verletzten mitgeholfen. Bei der Demonstration vom (…) jedoch sei eine Person in seiner unmittelbaren Nähe angeschossen worden und auf ihn gefallen, worauf sein Hemd voller Blut gewesen sei , was er auch anlässlich der BzP erwähnt habe. Diese Aussagen seien nicht widersprüchlich, sondern würden einen unterschiedlichen Detail lie- rungsgrad aufweisen. Gleiches gelte für das Vorbringen der verlorenen Ausweise, da er anlässlich der BzP nur den zentralen Verlust des Pers o- nalausweises erwähnt und die Ereignisse bei der Anhörung ausführlicher geschildert habe. Hinsichtlich der Szene vor seinem Haus sei festzuha l- ten, dass er zwei Brüder habe. Als er zu Hause ange rufen habe, sei sein älterer Bruder abwesend gewesen, während sein jüngerer Bruder g e- mäss den Angaben der Schwägerin mit den Basidschi gesprochen habe. Es sei daher kein Widerspruch erkennbar , und es sei auch nicht wide r- sprüchlich, dass er seinen Bruder vo r dem Haus nicht gesehen habe, da er die Beobachtung aufgegeben habe, um sich zu einer Telefonkabine zu begeben. Erst als er zu Hause angerufen habe, habe ihm die Schwägerin mitgeteilt, dass der kleinere Bruder mit den Basidschi am Reden sei. Selbst wenn die vom BFM angeführten Widersprüche bestehen würden, wären sie als marginal zu bezeichnen und vermöchten an der Glaubha f- tigkeit der Vorbringen nichts zu ändern. Die Aussagen seien überaus d e- tailliert, konzis und stimmig und würden zahlreiche Realkennzeichen auf- weisen. Unaufgefordert habe er viele Details wiedergegeben, wie be i- spielsweise, dass der angeschossene Demonstrant am Oberkörper links E-1422/2014 Seite 11 geblutet habe oder dass er seine blutverschmierten Kleider im Keller ausgewechselt habe. Zudem habe er eigene psychische Vorgänge ge- schildert, als er angegeben habe, dass es etwas gebe, was er nicht ve r- gessen könne und ihn bis heute verfolge, und dass er sich fassungslos und feige gefühlt habe, als er den Verletzten zurückgelassen habe. Weiter habe er zahlreiche Einzelheiten angegeben, so zum Beispiel, dass er auf dem Heimweg Tränengas eingeatmet habe und deshalb nicht wie üblich (…) nach Hause gefahren sei. Er habe auch Komplikationen bei der S u- che nach der Adresse der Kundin geschildert. Seine Aussagen se ien lo- gisch konsistent und würden räumlich-zeitliche Verknüpfungen aufweisen. Er habe die Geschehnisse in freier Erzählung wiedergegeben und nicht nur die äusseren Umstände, sondern auch seine Gedanken und Emoti o- nen geschildert. Zudem seien seine Aussagen widerspruchsfrei und plau- sibel. Da er in guten Verhältnissen gelebt habe, seien keine nicht - asylrelevanten Ausreisegründe ersichtlich. Der Beschwerdeführer sei bereits vor der Ausreise homosexuell gew e- sen. Zwar sei er nie erwischt worden, aber mehrmals gezwungen gewe- sen, zu fliehen und seine Homosexualität zu verleugnen. Homosexuelle seien nicht nur eine soziale Gruppe, die sexuelle Ausrichtung sei auch ein bedeutendes Merkmal der Identität einer Person. Man dürfe daher von einer homosexuellen Person nicht erwarten, dass sie ihre sexuelle Orien- tierung verberge, um der Verfolgung zu entkommen. Das Nichtausleben der Sexualität sei für sich bereits eine gravierende Konsequenz, der Ve r- zicht auf Partnerschaft, Liebe, Sexualität und Familie stelle ein en ernst- haften Nachteil dar und rechtfertige eine Flucht. Es könne von keiner g e- suchstellenden Person erwartet werden, dass sie im Verfolgerstaat ble i- be, bis sie inhaftiert oder misshandelt werde. Deshalb bezeichne das Asylgesetz auch Personen als Flüchtlinge, welche begründete Furcht hät- ten, ernsthaften Nachteilen ausgesetzt zu werden. Dies sei im Falle des Beschwerdeführers gegeben; auf homosexuelle Akte stehe im Iran die Todesstrafe, welche auch effektiv verhängt und vollzogen werde. Bei Aus- leben seiner Sexualität ha be er die Verhängung der Todesstrafe zu b e- fürchten und damit die begründete Furcht gehabt, ernsthaften Nachteilen ausgesetzt zu sein. Das Verfolgungsmotiv habe damit bereits vor seiner Ausreise bestanden, weshalb ihm Asyl zu gewähren sei. 6.3 In der Vernehmlas sung und der ergänzenden Stellungnahme führte das BFM aus, den Akten seien keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer über ein politisches Profil verfüge, welches ein ernsthaftes Vorgehen der iranischen Behörden bewirken könnte. An E-1422/2014 Seite 12 den Demonstrationen gegen die Wahl Ahmadine jads hätten tausende junge Iranerinnen und Iraner teilgenommen. Es sei nicht auszuschlie s- sen, dass selbständig und unabhängig voneinander agierende Milizen einzelne Teilnehmer beobachtet und teilweise zu Hause aufgespü rt hät- ten, doch könnten die iranischen Behörden angesichts der hohen Zahl von Demonstrationsteilnehmenden nicht jede einzelne Person überw a- chen und identifizieren. Sie hätten nur ein Interesse an der Identifizierung von Personen, welche als Kadermitglieder oppositioneller Organisationen bekannt seien oder neue Mitglieder anwerben, bei der Organisation von Versammlungen und Kundgebungen mithelfen oder Flugblätter und Inte r- netartikel verfassen würden, und damit ins Blickfeld der Behörden gelang- ten und eine konkrete Bedrohung für das System darstellten. Die geltend gemachten politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers seien deshalb nicht asylrelevant. Im Iran habe der Beschwerdeführer seine Homosexualität nie öffentlich gezeigt und keine ernsthaften Nachteile infolge seiner Homosexualität er- litten. Seine sexuelle Ausrichtung sei auch nicht der Grund für die Ausre i- se gewesen. Ausserdem seien Bezeugungen von Zuneigung in der iran i- schen Öffentlichkeit ohnehin verboten, und zwei Männer, welche gemei n- sam in der Öff entlichkeit unterwegs seien, dürften eher noch weniger Probleme haben als ein unverheiratetes heterosexuelles Paar. Vom Nichtausleben der Sexualität seien im Iran sämtliche unverheirateten h e- terosexuellen ebenso betroffen wie die homosexuellen Paare. Aufgr und der restriktiven Gesetzgebung seien zahlreiche junge Iranerinnen und Iraner gezwungen, ihre Partnerschaften und ihren modernen Lebensstil lediglich im privaten Rahmen auszuleben. Obgleich sie gravierende Ko n- sequenzen haben könne, f ühre die restriktive Gesetzgebung nicht per se zur Gewährung von Asyl, da solche Nachteile in der allgemeinen polit i- schen Situation im Iran begründet seien und grosse Teile der Bevölkerung in ähnlicher Weise treffen würden. 6.4 Der Beschwerdeführer hielt in seinen Eingaben vom 5. Mai 2014 und 5. Juni 2014 fest, er sei aus verschiedenen Gründen ins Visier der iran i- schen Behörden geraten. Einerseits habe er als Geschäftsmann, welcher Werbung für die Opposition gemacht und an entsprechenden Treffen und Demonstrationen teilgenommen hab e, durchaus ein relevantes polit i- sches Profil, anderseits sei er durch den Verlust seines Portemonnaies als unmittelbarer Augenzeuge identifiziert worden , welcher bezeugen könne, dass der Demonstrant neben ihm angeschossen worden sei. D a- mit stelle er eine Gefahr für die iranischen Behörden dar, welche den Ein-E-1422/2014 Seite 13 satz solcher Gewalt gegen Demonstranten stets abgestritten habe. Es sei eine Tatsache, dass er von den Behörden gesucht worden sei, und er ha- be ohne Zweifel deren Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Auch eine Ver- folgung durch die Milizen habe Asylrelevanz, da vor diesen quasi -staat- lichen Einheiten im Herkunftsstaat kein adäquater Schutz bestehe. Hätte der Beschwerdeführer seine Homosexualität offen ausgelebt, würde er heute nicht mehr leben. Es sei nicht n ur unmöglich, öffentlich Zune i- gung zu zeigen, sondern es sei ihm auch verwehrt, sich zu seiner Hom o- sexualität zu bekennen oder diese im Geheimen auszuleben, da es den sicheren Tod bedeuten würde, entdeckt zu werden. Demgegenüber stehe es heterosexuellen Pa aren frei, zu heiraten und so Liebe, Partnerschaft und Sexualität im Privaten legal zu leben und eine Familie zu gründen. Ausserdem bestehe die Möglichkeit einer sogenannten Zeitehe, welche zeitlich begrenzt sei und keine Verpflichtungen nach sich ziehe. 7. 7.1 In der angefochtenen Verfügung erachtet das BFM die Vorbringen des Beschwerdeführers zu seinen politischen Aktivitäten im Iran als nicht glaubhaft. Dieser Einschätzung kann sich das Bundesverwaltungsgericht nur teilweise anschliessen. Der Beschwerdeführer machte anlässlich der Anhörung ausführliche A n- gaben zur Demonstration vom (…) und insbesondere zu der Szene, als ein anderer Demonstrant angeschossen wurde und er floh, ohne diesem helfen zu können. Zu Recht wird in der Beschwerde darauf hingewiesen, dass diese Angaben stimmig sind, Details und Realkennzeichen entha l- ten, wobei besonders die Schilderung seiner Emotionen zu nennen sind. Hinsichtlich der Teilnahme an der Demonstration (…) und der von ihm ge- leisteten Hilfe an Verletzten, welche a n jenem Tag dur ch die Basidschi verhindert worden sei, kann das Gericht entgegen dem B undesamt auch keine Widersprüche feststellen. Es wird vom Gericht nicht bezweifelt, dass der Beschwerdeführer an Demonstrationen beteiligt war , und es schliesst auch nicht aus, dass er bei dem geschilderten Vorfall seinen Identitätsausweis verloren hat, wobei der Umstand, dass er bei der BzP im Gegensatz zur Anhörung nicht von seinem Portemonnaie sprach, nicht als erheblicher Widerspruch gewertet wird. Hingegen ist mit dem Bundesamt festzustellen, dass er sich bezüglich der Szene vor seinem Haus und des Telefonates respektive der Telefonate mit der Schwägerin und dem Bruder widersprochen hat und diese Wide r-E-1422/2014 Seite 14 sprüche weder auf Rückfrage noch in der Beschwerde aufzuklären ve r- mochte. Die Erklärung, sein älterer Bruder sei abwesend gewesen, wä h- rend sein jüngerer Bruder vor der Tür mit den Basidschi gesprochen h a- be, kann mit seinen Aussagen nicht vereinbart werden. Es bestehen demnach Zweifel am Wahrheitsgehalt der Behauptung, er sei von den Basidschi gesucht worden. 7.2 Der Beschwerdeführer hat eigenen Angaben zufolge nach den Wah- len (…) an Demonstrationen teilgenommen. Davor habe er ab und zu bei Freunden und Bekannten diskutiert und seine Mitarbeiter motiviert, (…) zu wählen. Entgegen der Beha uptung in der Replik kann die von ihm a n- lässlich der Anhörung geltend gemachte Aktivität nicht als gezielte We r- bung bezeichnet werden (vgl. A27/18 S. 5). Es ist daher nicht von einem ausgeprägten politischen Profil des Beschwerdeführers auszugehen, z u- mal seine Aussagen bezüglich eines über die Teilnahme an Demonstrati- onen hinausgehenden politischen Engagements allgemein und oberfläch- lich ausgefallen sind. Angesichts der Zweifel an der angeblichen Suche nach ihm durch die Basidschi geht das Gericht auch nich t ohne Weiteres davon aus, er sei von diesen identifiziert worden. Nach den Wahlen im Iran (…) haben zehntausende von Iranerinnen und Iranern an den g e- nannten Demonstrationen teilgenommen. Wie das BFM in seiner Ve r- nehmlassung richtig feststellte, haben die iranischen Behörden nur Int e- resse an der Identifizierung von Personen, welche durch ihre politischen Aktivitäten in ihr Blickfeld geraten und als Bedrohung wahrgenommen werden. Beim Beschwerdeführer ist angesichts seiner marginalen polit i- schen Tätigkeit nicht anzunehmen, er wäre als gewichtiger und staatsg e- fährdender Aktivist wahrgenommen worden. Selbst wenn er damals von den Basidschi identifiziert w orden ist , muss nicht davon ausgegangen werden, die iranischen Behörden hätten heute ein darauf gründendes Verfolgungsinteresse an seiner Person. Hinsichtlich seiner exilpolitischen Aktivität in der Schweiz (im Rahmen des ordentlichen Verfahrens hatte der Beschwerdeführer geltend gemacht, an Demonstrationen teilgenommen zu haben) machte er auf Beschwerd e- ebene k eine Verfolgungsgefahr beziehungsweise kein exponiertes oder fortgeführtes Engagement geltend. 7.3 Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass es dem Beschwerd e- führer nicht gelungen ist, eine drohende asylrelevante Verfolgung wegen seiner politischen Aktivitä ten im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. E-1422/2014 Seite 15 8. 8.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aufgrund seiner Homosexualität bereits vor seiner Ausreise aus dem Heimatland begrü n- dete Furcht vor einer asylrelevanten Verfolgung hatte. 8.2 Gemäss Art. 233 ff. des neuen iranischen Strafgesetztes (durch den Wächterrat am 1. Mai 2013 ratifiziert und durch die Regierung am 29. Mai 2013 für eine Versuchsperiode von fünf Jahren in Kraft gesetzt) zieht der homosexuelle Geschlechtsverkehr für den "aktiven" Partner die Tode s- strafe nach sich, wenn er verheiratet ist oder den Geschlechtsverkehr e r- zwungen hat, und wenn er nicht Muslim ist und der Geschlechtsverkehr mit einem Muslimen stattfand, diesfal ls selbst wenn es nicht zur Penetr a- tion kam. Für den "passiven" Partner ist die Strafe in jedem Fall die T o- desstrafe. In den übrigen Fällen, also wenn der aktive Partner die qualif i- zierenden Umstände nicht erfüllt und für den passiven Partner, falls es nicht zur Penetration kam, sind als Strafe hundert Peitschenhiebe vorg e- sehen. Weiter werden Küssen und Berühren aus Lust als homosexuelle Akte mit einunddreissig bis vierundsiebzig Peitschenhieben bestraft. Demgegenüber wurde gemäss Art. 108 ff. des vormalige n iranischen Strafgesetzes die Todesstrafe verhängt, wenn die Täter (aktiv oder pa s- siv) mündig sowie geistig gesund waren und aus freiem Willen handelten. Die vormalige ARK hatte in ihrer Rechtsprechung, welcher sich das Bu n- desverwaltungsgericht anschloss, keine Kollektivverfolgung von Homose- xuellen im Iran anerkannt; in diesem Zusammenhang wurde dar auf hin- gewiesen, gemäss Erkenntnissen der schweizerischen Asylbehör den ge- he die Praxis der iranischen Strafbehörden dahin, Strafverfolgun gen we- gen Homosexualität soweit als möglich zu verhindern, wobei die Parteien häufig zu einer gütlichen Beilegung des Streites gedrängt wür den. In die- sem Zusammenhang wiesen die Richter nicht selten auf die schwere B e- weisführung (vier Zeugen) und auf die möglichen Konseq uenzen für die Zeugen (80 Peitschenhiebe) hin, falls sich die Anklage nicht erhärten soll- te. Überdies seien in der Vergangenheit weder strafrechtliche Verurteilun- gen noch Exekutionen bekannt, die ausschliess lich auf dem Anklag e- punkt der Homosexualität beruht hätten (vgl. BVGE D -7284/2006 vom 31. März 2009 E. 5.2 m.w.H.). 8.3 In Berücksichtigung neuster Berichte ist davon auszugehen, dass sich die Situation Homosexueller im Iran eher verschlechtert hat und offen ge- lebte Homosexualität – insbesondere von Mä nnern – eine beachtliche Wahrscheinlichkeit asylrelevanter Bedrohung mit sich bringen kann. E-1422/2014 Seite 16 Gemäss dem Country of Origin Information (COI) Report des Home O f- fice, UK Border Agency, Iran, vom 16. Januar 2013, welcher sich auf brei- te Quellen stützt, sollen Anfang September 2011 zum ersten Mal seit lä n- gerer Zeit drei Männer explizit wegen ihrer Sexualität hingerichtet worden sein. Es sei jedoch immer wieder vorgekommen, dass Personen mit Aff i- nität zu Homosexualität wegen angeblicher Vergewaltigungsdelikte verur- teilt worden seien. Generell seien in Sodomie -Verfahren die Rechte der Angeschuldigten immer wieder massiv verletzt worden. Genaue Zahlen, wie viele Iraner wegen ihrer sexuellen Orientierung in Verfahren verwi - ckelt und exekutiert w orden seien, seien zwar kaum erhältlich. Es sei je- doch von mindestens 1000 beziehungsweise 400 bis 5000 Opfern seit der Revolu tion von 1979 auszugehen. Die genannte Taktik der Verfo l- gungsorgane, Homosexuellen in Verfahren auch andere Delikte unterz u- schieben, verun mögliche eine genaue Statistik. Im Jahr 2011 seien bei einer Organisation der Homosexuellen indes sen zahlreiche Berichte von Exekutionen gestützt auf Art. 108 des Strafgesetzbuches eingegangen. Exekutionen, welche im Zusammenhang mit der sexuellen Orientie rung der Betroffenen stünden und bekannt würden, machten nur die Spitze e i- nes Eisberges aus; auf jeden bekannt gewordenen Fall kämen zwölf we i- tere, nicht öffentlich bekannt gewordene Fälle (vgl. a.a.O. S. 180 f.). Die schwierige Lage von Homosexuellen im Iran dürfte sich mit der neuen strafrechtlichen Regelung, welche für eine Vielzahl von homosexuellen Akten nach wie vor die Todesstrafe vorsieht, in absehbarer Zukunft nicht verbessern. Wie im Bericht "Death penalty in Iran – A State terror policy" der League for the Defence of Human Rights in Iran vom Oktober 2013 zusammenfassend festgehalten wird, ist im Iran nach wie vor für eine grosse Anzahl von Delikten die Todesstrafe vorgesehen, auch für sog e- nannte Sexualdelikte. Diesbezüglich habe das neue Strafgesetz ver- säumt, den Delikt skatalog einzuschränken. Ob sich die angespannte S i- tuation nach dem Machtwechsel im Iran wieder verbessern wird, ist aus- serdem schon insofern fraglich, als die weit verbreitete Homophobie n a- mentlich auch staatlicher Stellen bestehen ble iben dürfte (vgl. zum Ga n- zen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D -891/2013 vom 17. Januar 2014 E. 4.1 ff.). 8.4 Im vorgenannten Urteil D -891/2013 vom 17. Januar 2014 hat das Bundesverwaltungsgericht das Vorliegen einer Kollektivverfolgung der Homosexuellen im Iran geprüft (vgl. a.a.O. E. 5 ff.) und kam zum Schluss, dass die hohen Anforderungen an eine Kollektivverfolgung aus heutiger Sicht nicht erfüllt sind. E-1422/2014 Seite 17 Die Anforderungen an die Feststellung einer Kollektivverfolgung sind g e- mäss der Rechtsprechung des B undesverwaltungsgerichts sehr hoch (vgl. BVGE 2013/21 E. 9.1 m.w.H.). Eine s olche liegt vor, wenn eine rela- tiv grosse Anzahl Personen eines bestimmt en Kollektivs einer flüchtlings- relevanten Verfolgung ausgesetzt sind. Als erstes, unbestrittenes Erfo r- dernis wird der Betroffene die Zugehörigkeit zum entsprechenden Kolle k- tiv nachweisen müssen. Sodann müssen die flüchtlingsrechtlich zu beur- teilenden Massnahmen in gezielter Art und Weise gegen das Kollektiv ge- richtet sein, eine gewisse Intensität aufweisen und über das hinausgehen, was andere Teile der Bevölkerung an Nachteilen und Übergriffen hinzu - nehmen haben. Aus der Verfolgung einzelner, zum Kollektiv gehörenden Personen kann dabei nicht ohne weiteres auf die Verfolgung des Kolle k- tivs geschlossen werden. Die gezielten und intensiven Nachteile müssen vielmehr zum Ziel haben, möglichst alle Mitglieder des Kollektivs zu tre f- fen, und sie müssen in Relation zur Grösse des Kollektivs eine bestimmte Dichte aufweisen, so dass der Einzelne aus der erheblichen Wahrsche in- lichkeit heraus, selbst verfolgt zu werden, objektiv begründete Furcht hat. Erheblich ist eine solche Wahrscheinlichkeit vor Verfolgung dann, wenn in der Vergangenheit ein beträchtlicher Anteil des Kollektivs tatsächlich ernsthafte Nachteile zu erleiden hatte. Dies steht im Ergebnis auch in Übereinstimmung mit der jüngeren Recht- sprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 7. November 2013 (C -199/12, C-200/12, C-201/12). Darin wurde festgehalten, hom o- sexuelle Asylsuchende könnten eine bestimmte sozi ale Gruppe bilden, die der Verfolgung wegen ihrer sexuellen Ausrichtung ausgesetzt sei. So sei die sexuelle Orientierung ein bedeutendes Merkmal der Identität, weshalb von einem Asylsuchenden nicht erwar tet werden könne, dass er seine Homosexualität geheim halte oder sich beim Ausleben dieser sexu- ellen Ausrichtung zurückhalte, um eine Verfol gung zu vermeiden. Ein strafrechtliches Verbot der Homosexua lität beziehungsweise eine Fre i- heitsstrafe für homosexuelle Handlungen stelle aber nur dann einen g e- nügend schwerwiegenden Ein griff in die Grundrechte des Betroffenen dar, wenn die Strafen in der Pra xis auch verhängt würden. Entsprechend müssten die nationalen Ge richte künftig herausfinden, wie oft eine Fre i- heitsstrafe tatsächlich ausgesprochen werde. Im Iran kann Homosexuellen auch nach neuem Recht nicht nur eine Fre i- heitsstrafe, sondern die Todesstrafe drohen. Die asylrechtlich relevante Motivation, die Gezieltheit und die Intensität solcher Verfolgung wird nicht infrage gestellt. Inwiefern und wie oft die Todesstrafe oder Freiheitsstrafen E-1422/2014 Seite 18 (einzig) wegen Homosexualität verhängt werden, ist aber kaum festzu- stellen, und die strengen Anforderungen an eine Kollektivverfolgung in dem Sinne, dass jeder Homosexuelle im Iran wegen seiner sexuellen Ausrichtung mit erheblicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile zu gewärtigen hat, erscheinen nicht als erfüllt. Obwohl es in jüngerer Zeit zu Verurteilungen wegen homosexueller Handlungen gekommen ist, hatte – selbst in Berücksichtigung der erwähnten Schwierigkeit b ei der Quantif i- zierung – nicht ein beträchtlicher Anteil des Kollektivs tatsächlich erns t- hafte Nachteile zu erleiden. Vielmehr ist in Anbetracht der geschilderten, grundsätzlich sehr repressiven Lage vor Ort die Homosexualität eines iranischen Beschwerdeführers als erhebliches Risiko für eine mögliche r- weise drohende Verfolgung zu werten. Ob diese im Falle der Rückkehr des Betroffenen mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit tatsächlich eintreten wird, ist im Einzelfall sorgfältig zu prüfen (vgl. a.a.O. E. 5.3). 8.5 Die Homosexualität des Beschwerdeführers ist vom BFM nicht b e- zweifelt worden, und es besteht auch für das Bundesverwaltungsgericht kein Anlass, an seiner sexuellen Ausrichtung zu zweifeln. Anlässlich der BzP führte er aus, er habe keine persönlichen Proble me gehabt desw e- gen, und seine Homosexualität sei kein Ausreisegrund gewesen (vgl. A4/10 S. 6). Bei der Anhörung schilderte er einen Vorfall in einem Restau- rant, wo die Sittenpolizei ein Treffen von Homosexuellen aufgelöst habe, bestätigte jedoch, er habe wegen seiner Homosexualität niemals Kons e- quenzen tragen müssen, da er nicht festgenommen worden sei. Ein Au s- reisegrund sei sie nicht gewesen (vgl. A27/18 S. 12 f.). Auf Beschwerdeebene wird geltend gemacht, das Nicht -Ausleben der Sexualität stelle bereits für sich eine gravierende Konsequenz dar und sei ein ernsthafter Nachteil, welcher eine Flucht rechtfertige. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die Verheimlichung der sexuellen Ausrichtung und der damit einhergehende Verzicht auf Partnerschaft, Liebe, S exualität und Familie zweifellos ein Nachteil für die betroffenen Personen darstellt und sie in wesentlichen Lebensbereichen beeinträchtigt. Die Einschrä n- kungen, mit welchen sich Homosexuelle konfrontiert sehen, können en t- gegen der Argumentation des BFM nicht mit denjenigen für unverheirat e- te heterosexuelle Paare verglichen werden , zumal diesen offensteht, ihre Beziehung durch eine Heirat offiziell zu machen und eine Familie zu grün- den. Indessen stellt eine solche Beeinträchtigung gemäss der Rechtspr e- chung noch kein ernsthafter Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG dar. Das Vorliegen ernsthafter Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG setzt eine g e- wisse Intensität der Eingriffe voraus, wobei grundsätzlich hohe Anford e-E-1422/2014 Seite 19 rungen an solche Verfolgungsmassnahmen zu stell en sind; sie müssen derart ernsthaft und intensiv sein, dass damit dem Betroffenen ein me n- schenwürdiges Leben verunmöglicht wird (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2009, Rz. 11.13 ff.). Dies war beim Bes chwerdeführer nicht der Fall. Die geltend gemac h- ten Nachteile sind nicht als genügend intensiv im Sinne von Art. 3 AsylG einzustufen, und es ist nicht davon auszugehen, er habe im Zeitpunkt seiner Ausreise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit damit rechnen müs- sen, seine Homosexualität werde entdeckt und in asylrelevanter Weise geahndet. 9. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdefüh rer nicht gelungen ist, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise aus dem Iran bestehende oder unmittelbar drohende asyl relevante Verfolgungsge fahr nachzuwei - sen oder glaubhaft zu machen. Somit hat die Vorinstanz sein Asylgesuch zu Recht und mit zutreffender Begründung abgewiesen. Mit Entscheid vom 19. Februar 2014 wurde die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers fe stgestellt. Ausführungen zum Bestehen von Nachfluchtgründen erübrigen sich demnach. 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (A rt. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 600.– festzusetzen (Art. 1 –3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Sie sind mit dem am 2 . April 2014 bezahlten Kostenvo r- schuss gedeckt. (Dispositiv nächste Seite) E-1422/2014 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Kosten des Verfahrens in der Höhe von Fr. 600. – werden dem Be - schwerdeführer auferlegt. Sie si nd mit dem in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss gedeckt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und (…). Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Bruno Huber Sarah Straub