Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 28. Oktober 2021 (720 21 108 / 290) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Hilfsmittel / Med. Massnahmen; Rückweisung zur weiteren Abklärung aufgrund von Zwei- feln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der von der Beschwerdegegnerin als mass- geblich erachteten versicherungsinternen Beurteilung sowie an den vom Beschwerdefüh- rer beigebrachten ärztlichen Berichten. Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter Beat Hersberger, Kan- tonsrichter Jürg Pulver, Gerichtsschreiber i.V. Benjamin Appius Parteien A.____ , Beschwerdeführer, vertreten durch B.____ gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff Hilfsmittel / Med. Massnahmen A. Dem 2015 geborenen A.____ wurden aufgrund der Ge burtsgebrechen Ziff. 182 (Pes equinovarus congenitus) und Ziff. 323 (angeborene hä molytische Anämien) diverse Leistungen in Form von medizinischen Massnahmen und Hilfsmittel durch die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV- Stelle) erbracht. Mit Verfügung vom 28. November 2019 stellte die IV-Stelle fest, dass das Ge- burtsgebrechen Ziff. 182 nicht mehr vorliege, weshalb nunmehr kein Anspruch auf medizinische Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Massnahmen bzw. Physiotherapie bestehe. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechts- kraft. Am 26. Oktober 2020 wurde ein Gesuch um Verläng erung der Kostengutsprache im Zu- sammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziff. 182 eingereicht. Nach Rücksprache mit Dr. med. C.____, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Dr. med. D.____, Facharzt für Physikali- sche und Rehabilitative Medizin sowie Orthopädie, Regio naler Ärztlicher Dienst (RAD), und Durchführung des Vorbescheidverfahrens wies die IV-Stelle mit Verfügung vom 2. März 2021 die Kostengutsprache für medizinische Massnahmen sowie mit Verfügung vom 8. März 2021 einen Anspruch auf Hilfsmittel in Form von Schuhzurichtungen ab. B. Gegen diese Verfügungen erhob A.____, vertreten d urch seine Mutter B.____, am 18. März 2021 Beschwerde beim Kantonsgericht des Kantons Basel-Landschaft, Abteilung Sozi- alversicherungsrecht (Kantonsgericht). Sinngemäss beantragte er, dass die Verfügungen vom 2. März 2021 und vom 8. März 2021 aufzuheben seien und di e IV-Stelle zu verpflichten sei, die Kosten für die medizinischen Massnahmen sowie die beantra gte Schuhzurichtung zu überneh- men. Zur Begründung wurde ein Bericht von Dr. med. E.____, FMH Orthopädie und Unfallchirur- gie, Oberarzt am Spital X.____, vom 18. März 2021 bei gelegt, wonach das Geburtsgebrechen Ziff. 182 weiterhin fortbestehe. C. Mit Gesuch vom 27. April 2021 beantragte der Beschwer deführer, es sei ihm die unent- geltliche Prozessführung zu bewilligen. Mit Verfügung vom 26. Mai 2021 gewährte das Kantons- gericht dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung für das vorliegende Verfahren. D. In ihrer Vernehmlassung vom 31. Mai 2021 schloss die IV-Stelle unter Berufung auf die erneute Bewertung durch Dr. D.____ vom 8. April 2021 und 20. Mai 2021 auf Abweisung der Beschwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 des Bundesgesetzes über die Invalidenve rsicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 in Verbindung mit Art. 60 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozi- alversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 kann gegen Verfügungen der IV-Stelle beim Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle innert 30 Ta gen Beschwerde erhoben werden. Zur Beurteilung der Beschwerde sachlich zuständig ist im Kant on Basel-Landschaft, gemäss § 54 Abs. 1 lit. d des Gesetzes über die Verfassungs- und Ver waltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 das Kantonsgericht, Abteilung Sozialver sicherungsrecht. Auf die beim zu- ständigen Gericht form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde vom 18. März 2021 kann dem- nach eingetreten werden. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Zu prüfen ist, ob die IV-Stelle den Anspruch von A .____ auf Kostengutsprache für medi- zinische Massnahmen sowie Schuhzurichtungen im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziff. 182 zu Recht abgelehnt hat. 3. Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (Art. 3 Abs. 2 ATSG) notwendigen medizinischen Massnahmen (Art. 13 Abs. 1 IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, fü r welche diese Massnahmen gewährt werden (Art. 13 Abs. 2 IVG). Als Geburtsgebrechen gelte n diejenigen Krankheiten, die bei voll- endeter Geburt bestehen (Art. 3 Abs. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 Satz 1 der Verord- nung über Geburtsgebrechen [GgV] vom 9. Dezember 1985). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Die Geburtsgebre chen sind in der Liste im Anhang zur GgV aufgeführt. Ziffer 182 des Anhangs zur GgV umfasst den sog. Klumpfuss. Es handelt sich bei der Fussfehlstellung in Form des Klumpfusses (Pes equinovarus congenitus) um ein zu Las- ten der Invalidenversicherung zu behandelndes Geburtsgebr echen (GgV-Anhang Ziff. 182; vgl. BGE 142 V 58 E. 2.1). 4.1 Die medizinischen Massnahmen im Sinne von Art. 13 IV G umfassen die Behandlung, die vom Arzt selbst oder auf seine Anordnung durch medizinische Hilfspersonen in Anstalts- oder Hauspflege vorgenommen wird und die Abgabe der vom A rzt verordneten Arzneien (Art. 14 Abs. 1 IVG). Als medizinische Massnahmen, die für die Beh andlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach b ewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 GgV). 4.2 In verfahrensrechtlicher Hinsicht ist darauf hinzuwe isen, dass das sozialversicherungs- rechtliche Verwaltungsverfahren und der Sozialversicherungsprozess vom Untersuchungsgrund- satz beherrscht sind. Danach haben Versicherungsträger und das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Feststellung des rechtserh eblichen Sachverhaltes zu sorgen. Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefa ll – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversi- cherungsrecht hat die rechtsanwendende Behörde ihren E ntscheid, sofern das Gesetz nicht et- was Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überw iegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Verwaltung und Gericht haben vielmehr jener Sach verhaltsdarstellung zu folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrsche inlichste würdigen (vgl. BGE 138 V 218 E. 6 mit weiteren Hinweisen). 4.3 Sowohl bei der Feststellung des Gesundheitszustande s einer versicherten Person als auch bei dessen rechtlicher Beurteilung ist die rechtsanwendende Behörde – die Verwaltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Es ist deren Aufgabe, den Gesundheitszustand zu beurteilen (vgl. BGE 105 V 156 E. 1 in fine , 140 V 193 E. 3.2, 132 V 93 E. 4, 115 V 133 E. 2, je mit weiteren Hinweisen). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Die ärztlichen Stellungnahmen bilden eine wichtige Grundlage für die Beurteilung, ob und allen- falls welche Leistungen einer versicherten Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchti- gung zustehen. Das Gericht hat die ihm vorliegenden medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen Beweismittel – frei, d.h. o hne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungs- gericht alle Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte B eweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach e ntscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Be- schwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anam nese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expe rtin oder des Experten begründet sind (vgl. BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c). 4.4 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzu stellen (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen). Stützt sich ein Entscheid im Wesentlichen auf versicherungsinterne ärzt- liche Feststellungen, und wurden durch die versicherungsinterne Fachperson keine eigenen Un- tersuchungen durchgeführt, handelt es sich weder um ein medizinisches Gutachten nach Art. 44 ATSG noch um Untersuchungsberichte des RAD im Sinne von Art. 49 Abs. 2 IVV. In diesen Fäl- len werden nicht selber medizinische Befunde erhoben, sondern die vorhandenen Befunde wer- den von einem praktischen Arzt mit fachärztlicher Spezia lisierung gewürdigt. Ihre Funktion be- steht darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als H ilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entschei- den haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufasse n und zu würdigen. Es handelt sich dabei mithin um eine Empfehlung zur weiteren Bea rbeitung des Leistungsbegehrens aus medizinischer Sicht im Sinne von Art. 59 Abs. 2bis IVG u nd Art. 49 Abs. 1 IVV (vgl. BGE 142 V 58, E. 5.1; vgl. auch die Urteile des Bundesgerichts vo m 24. Juli 2012, 8C_724/2011, E. 5.3.3 und vom 4. Juni 2009, 8C_756/2008, E. 4.4). Nach de r Rechtsprechung ist es dem Sozialversi- cherungsgericht nicht verwehrt, im Wesentlichen gestützt auf solche versicherungsinternen Be- richte zu entscheiden. In diesen Fällen sind jedoch an die Beweiswürdigung strenge Anforderun- gen in dem Sinne zu stellen, dass bei auch nur geringen Zweifeln der Zuverlässigkeit und Schlüs- sigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen eine versicherungsexterne Begutach- tung anzuordnen ist (vgl. BGE 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4 in fine ; vgl. auch das Urteil des Bundesgerichts vom 12. April 2017, 8C_839/2016, E. 3.2). Die Stellungnahmen haben den allge- meinen beweisrechtlichen Anforderungen an einen ärztli chen Bericht zu genügen und die Arzt- person hat über die notwendigen fachlichen Qualifikationen zu verfügen. Bezüglich dieser mate- riellen und formellen Anforderungen sind sie im Beschwerdefall gerichtlich überprüfbar (vgl. BGE Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 137 V 210 E. 1.2.1; vgl. auch das Urteil des Bundesger ichts vom 14. Juli 2009, 9C_323/2009, E. 4.3.1). 4.5 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteil ung einer Streitsache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verwaltungsverfügung eingetretenen Sach- verhalt ab; vorliegend also auf den 2. bzw. 8. März 2021. Tatsachen, die jenen Sachverhalt seit- her verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsverfügung sein (vgl. BGE 143 V 409 E. 2.1, 134 V 392 E. 6, 121 V 36 2 E. 1b). Tatsachen, die sich erst später verwirklichen, sind jedoch insoweit zu berücksichtigen, als sie mit dem Streitgegenstand in einem engen Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die B eurteilung im Zeitpunkt des Verfü- gungserlasses zu beeinflussen (vgl. Urteile des Bundesgeri chts vom 12. Juni 2007, 9C_101/2007, E. 3.1 und vom 27. Mai 2008, 9C_24/200 8, E. 2.3.1). Medizinische Berichte und Gutachten, die nach Erlass der angefochtenen Verfügung vorgebracht werden und in einem en- gen Sachzusammenhang mit dem streitigen Leistungsanspr uch stehen, sind daher zu berück- sichtigen, soweit sie Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand zur Zeit des Verfügungserlasses zulassen (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts vom 2 6. April 2016, C-2263/2014, E. 2.1 und vom 16. November 2015, C-3733/2014, E. 2.2). 5. Zur Beurteilung des medizinischen Sachverhalts liege n zahlreiche ärztliche Unterlagen vor, welche vom Gericht gesamthaft gewürdigt wurden. Na chfolgend werden die für den vorlie- genden Fall entscheidrelevanten Berichte aufgeführt. 5.1 Am 23. März 2017 berichtete das Spital X.____, dass ein Status nach Klumpfüsse beid- seitig sowie ein Status nach Ponseti-Therapie ohne Tenotomie vorliege. Der Explorand setze die Füsse flach auf und habe ein relativ breitbasiges, jedoch flüssiges Gangbild. Er habe sehr schöne weiche Füsse mit einer Dorsalextension von 30 Grad und einer Aussenrotation von 45 Grad. Die Füsse seien weiterhin sehr schön korrigiert, wobei kein Hinweis auf ein Rezidiv bestehe. Hinsicht- lich des Laufens bedürfe er keiner physiotherapeutischen Unterstützung. 5.2 Oberarzt Dr. med. F.____, FMH Orthopädische Chiru rgie und Traumatologie des Bewe- gungsapparates, Spital X.____, beschrieb im Bericht vom 3. Januar 2019, teilweise falle die Ten- denz zum Zehenspitzengang auf, jedoch sei der Fersenballengang gut möglich. Der Versicherte habe leichte Knicksenkfüsse beidseitig mit abgeflachtem Fusslängsgewölbe und verbreiterte la- terale Fersenfettpolster. Im Zehenspitzgang sei eine komplette Aufrichtung des Fusslängsgewöl- bes möglich. Es bestünde eine Dorsalextension beidseitig von 20 Grad und eine Aussenrotation von 60 Grad, mithin liege kein Hinweis auf ein Rezidiv vor. Die Nachtschienen könnten nun weg- gelassen werden. 5.3 Im Bericht vom 9. Mai 2019 führte Dr. F.____ aus, dass der Versicherte im Zweibeinstand eine annährend normale Fussform aufweise, eine leicht vermehrte Fussabflachung habe, im Ze- henspitzgang eine komplette Aufrichtung möglich sei, die Fussaussenränder gerade seien und kein Hinweis auf ein Klumpfussrezidiv bestehe. Während d er Untersuchung sei er überwiegend auf Zehenspitzen gegangen. Die Kombination von Zehenspitzengang und Klumpfuss erhöhe et- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht was das Risiko auf ein Rezidiv. Deshalb sei Physiotherapie im Rahmen der allgemeinen Förde- rung angebracht, wobei auch die Achillessehnenlänge g efördert werde. Ansonsten seien keine besonderen Massnahmen notwendig. 5.4 Mit Verlaufsbericht vom 11. November 2020 stellten Oberarzt Dr. E.____ und Dr. med. G.____, Spital X.____, folgende Diagnosen f est: habitueller Zehenspitzgang, Klump- füsse beidseitig (Geburtsgebrechen Ziff. 182) mit Verkür zung des Musculus triceps surae beid- seitig und Status nach Ponseti-Therapie ohne Tenotomie, kombinierte Entwicklungsverzögerung (Sprachentwicklungsverzögerung, kognitive Entwicklungsverzögerung, fein- und grobmotorische Entwicklungsverzögerung), Status nach hämolytischer Anämie unklarer Ätiologie, persistieren- des Foramen ovale, kleine Bronchialarterie ohne hämodynamische Relevanz sowie Status nach physiologischer peripherer Pulmonalstenose. Die dynamische Untersuchung habe sich als schwierig gestaltet, da der Explorand den Aufforderun gen nicht Folge habe leisten können. Er gehe kontinuierlich auf den Zehenspitzen, obwohl die Mutter angegeben habe, dass dies zu Hause nur intermittierend der Fall sei. Beide Füsse würden eine gute Konfiguration mit geradem Fussaussenrand, nicht übermässig akzentuiertem Fusslängsgewölbe und sehr guter subtalarer Abduktion zeigen. Die Dorsalextension im oberen Sprunggelenk beidseitig sei knapp bei 90 Grad Knieflexion bei ca. 0 - 5 Grad mit weichem Widerstand. Somit würden eine generalisierte Verkür- zung des Musculus triceps surae beidseitig, gerade Beinachsen, ausgeglichene Beinlängen, freie Beweglichkeit in Hüft- und Kniegelenken bestehen. Zwar bestehe bis auf die Verkürzung des Musculus triceps surae beidseitig eine sehr gute Konfiguration beider Füsse, allerdings gehe der Junge meistens auf Zehenspitzen, was sich ungünstig auf die Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs bei Klumpfuss auswirke. Deshalb werde zur Rezidivprophylaxe nach Klumpfuss beidseitig ortho- pädische Schuhzurichtungen mit einer Pyramide unter dem Vorfuss empfohlen. Des Weiteren solle in der Winterzeit ausprobiert werden, mit stabilen knöchelübergreifenden Schuhen das Ze- henspitzengehen zu vermeiden. Insgesamt solle die Physiotherapie fortgeführt werden. 5.5 Mit Aktennotiz vom 14. Januar 2021 hielt die IV-St elle fest, dass gemäss Rücksprache mit der RAD-Ärztin Dr. C.____ vom 13. Januar 2021 keine Ver längerung der Kostengutsprache für das Geburtsgebrechen Ziff. 182 erfolgen könne. Die An passung der Schuhe sei eine rezidive Profilaxe. Der habituelle Zehenspitzgang und die Entwicklungsverzögerung stünden nicht im Zu- sammenhang mit dem Geburtsgebrechen. 5.6 Der Aktennotiz der IV-Stelle vom 21. Januar 2021 ist zu entnehmen, dass gemäss Rück- sprache mit RAD-Arzt Dr. D.____ kein Grund für eine Hilfsmittelversorgung bestehe. Eine ortho- pädische Schuhzurichtung aufgrund des Klumpfusses könne kla r ausgeschlossen werden. Re- zidiv prophylaktische Behandlungen würden nicht zu Lasten d er Invalidenversicherung gehen. Weiter habe sich der Zehenspitzgang seit 2017 aufgrund einer falschen Gangart entwickelt. Die- ser liege vermutlich in der Entwicklungsverzögerung begrü ndet. Die Schuhzurichtung sei nicht notwendig, vielmehr könne die Problematik mit einer f unktionellen Behandlung (z.B. Physiothe- rapie) therapiert werden oder es würde ein Konfektio nsschuh ausreichen, weil der Fuss normal aussehe. Damit handle es sich um einen Zustand, der ver bessert werden könne, weshalb emp- fohlen werde, die Leistung abzulehnen. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.7 Zusammen mit der Beschwerde reichte die Mutter ein Schreiben von Oberarzt Dr. E.____, Spital X.____, vom 18. März 2021 ein. Darin führte dieser aus, dass die Klumpfüsse nicht geheilt seien. Der Klumpfuss sei eine genetisch determinierte Erkr ankung und beziehe sich nicht auf eine Fussfehlstellung, sondern auf eine generalisierte Hypoplasie der Unterschenkelmuskulatur, Fibrosierung der Sehnen und Bänder sowie des Kapselapp arates. Deshalb sei der Klumpfuss eine Diagnose, welche bis zum Lebensende bestehen bleibe. Nicht jeder Klumpfuss rezidiviere. Die Behandlung müsse allerdings gerade im Laufe des Wa chstumsalters darauf abzielen, ein Rezidiv zu vermeiden, damit aufwändige Operationen nicht mehr nötig seien. Weiter sei die Be- gleiterkrankung des habituellen Zehenspitzengangs bereits unter physiotherapeutischer Behand- lung. Dabei verbessere sich die Situation nicht, sondern werde eher schlimmer. Es bestehe eine strukturelle Verkürzung der Wadenmuskulatur, welche durch den Klumpfuss mitbedingt sein könne. Eine Verkürzung trete aber auch im Rahmen des Zehenspitzengangs ein. Somit sei nicht klar, ob diese eine Folge des Klumpfusses oder des Zehenspitzengangs sei. Jedoch könne eine strukturelle Verkürzung der Achillessehne im Sinne eines Sp itzfusses zu einem Rezidiv des Klumpfusses führen. Deshalb sei die ausgedehntere Behan dlung des habituellen Zehenspitz- gangs empfohlen, um ein Rezidiv des Klumpfusses zu vermeiden. Läge die Diagnose der Klump- füsse beidseitig nicht vor, wären diese Überlegungen so nicht erforderlich – der Klumpfuss sei conditio sine qua non. 5.8 Mit Bericht vom 8. April 2021 nahm der RAD-Arzt D r. D.____ Stellung dazu. Es hätten sich in der orthopädischen Kontrolle des Spital X.____ vom 23. März 2017 sehr schöne weiche Füsse, aber keine Hinweise auf ein Rezidiv, Spitzfuss oder eine verkürzte Achillessehne gezeigt. Folgerichtig sei von einem Status nach Klumpfüssen beid seitig gesprochen worden. Auch die Kontrolle des Spital X.____ vom 3. Januar 2019 habe keine Hinweise auf ein Rezidiv der Klump- füsse gezeigt. Damit sei die Klumpfussbehandlung nach der Ponseti-Therapie erfolgreich abge- schlossen worden. Der vermehrte Zehenspitzgang sei in der kombinierten Entwicklungsverzöge- rung begründet. Dr. D.____ führte aus, wenn sich der Befund des habituellen Zehenspitzgangs unter der Therapie verschlechtere, müsse über die Technik und die Durchführung der Physiothe- rapie nachgedacht werden. Gegebenenfalls müssten auch Aspekte der Neurophysiologie berück- sichtigt werden. Weiter würden sich keine Hinweise finden lassen, dass sich die Wadenmuskula- tur aufgrund der Klumpfüsse verkürzt habe. Schliesslich sei die Achillessehne nicht verkürzt. Hierzu hätte sich in der Untersuchung des Spital X.____ e in harter Endanschlag bei maximaler Dorsalextension finden lassen müssen. 5.9 Am 20. Mai 2021 nahm Dr. D.____ein weiteres Mal Stellung zur Beschwerde des Versi- cherten vom 18. März 2021, wobei er im Wesentlichen seine Ausführungen vom 8. April 2021 wiederholte. In Bezug auf die Kostengutsprache für Schuhzurichtungen führte er aus, dass keine Argumente für eine Verlängerung der Kostengutsprache d es Geburtsgebrechens Ziff. 182 be- stünden, weshalb auch eine Kostengutsprache für Schuhzu richtungen entfalle, die sich auf die- ses Krankheitsbild bezögen. Schliesslich habe die orthopädische Schuhzurichtung mit einer Py- ramide unter dem Vorfuss eher einen experimentellen C harakter, wobei versucht werde, einen schmerzhaften Druckpunkt unter den Fussballen zu platzieren, um zu verhindern, dass überhaupt auf Zehenspitzen gegangen werde. Dieser Therapieansatz müsste zuerst im Rahmen einer kon- trollierten Physiotherapie auf ihre Alltagstauglichkeit/Akzeptanz überprüft werden. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.1 Die IV-Stelle lehnte den Anspruch auf medizinische Massnahmen sowie Schuhzurichtung im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziffer 182 gestützt auf die Rücksprache mit den Dres. C.____ und D.____ ab. Diese begründeten ihre Schlussfolgerungen auf der Basis der ihnen vorliegenden Aktenlage. Eine persönliche Untersuchung des Beschwerdeführers durch den RAD hat weder vor noch nach Einreichung des Gesuchs um Kosteng utsprache stattgefunden. Nach den in Erwägung 4.4 dargelegten Prinzipien sind in diesen Fällen strenge Anforderungen an den versicherungsinternen Bericht zu stellen, sodass auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit genügen, um von der Einschätzung der RAD-Ärzte abzuweichen. 6.2 Die Frage, ob der Beschwerdeführer weiterhin am G eburtsgebrechen der Klumpfüsse lei- det und dazu ein unmittelbarer Zusammenhang zum habituellen Zehenspitzengang besteht, lässt sich anhand der vorliegenden medizinischen Berichte nicht zuverlässig klären. Es handelt sich um einen veritablen Expertenstreit, bei welchem die Meinungen weit auseinandergehen und we- der auf die eine noch auf die andere vorbehaltslos abgestellt werden kann. Erstens herrschen unterschiedliche Auffassungen über das Vorl iegen der Klumpfüsse. Die Be- schwerdegegnerin stützte sich auf die Einschätzung des RAD, wonach keine Klumpfüsse mehr vorliegen würden. So sei den Akten zu entnehmen, dass d as Spital X.____ im Bericht vom 23. März 2017 von einem Status nach Klumpfüssen beidseitig ausging und in den beiden späteren Berichten vom 3. Januar 2019 sowie vom 9. Mai 2019 kei nen Hinweis auf ein Rezidiv erblickte. Indessen revidierte das Spital X.____ mit Verlaufsbericht vom 11. November 2020 ihre Einschät- zung, indem erneut Klumpfüsse diagnostiziert wurden. Dazu hielt Dr. E.____ im Schreiben vom 18. März 2021 an dieser Diagnose fest und führte ausdrü cklich aus, dass die Klumpfüsse nicht geheilt seien. Dennoch ist auch seine Begründung nur allgemein und summarisch gehalten und legt nicht hinreichend nachvollziehbar dar, inwiefern beim Beschwerdeführer Klumpfüsse vorlie- gen. Demnach stehen sich diagnostisch die fachärztliche Aktenbeurteilung des RAD und die Ein- schätzung des Spital X.____ – wiedergegeben durch Dr. E.____– gegenüber. In diesem Zusam- menhang fällt auf, dass der RAD sich vollumfänglich auf die älteren Berichte des Spital X.____ abstützt, während er den neueren keine Bedeutung zumisst. Eine diesbezügliche Begründung ist vorliegend jedoch nicht ersichtlich. Zweitens besteht Un klarheit über den Zusammenhang zwi- schen den Klumpfüssen und dem habituellen Zehenspitzgang . In den von einer verwaltungsin- ternen Sachbearbeiterin verfassten Aktennotizen habe die RAD-Ärztin Dr. C.____ diesen verneint und RAD-Arzt Dr. D.____ habe den Grund für den Zehenspitzengang in der Entwicklungsverzö- gerung vermutet. In der Stellungnahme vom 8. April 20 21 geht Dr. D.____ davon aus, dass der vermehrte Zehenspitzgang in der kombinierten Entwicklungsv erzögerung begründet sei. Dr. E.____ vermag jedoch geringe Zweifel an dieser Ei nschätzung zu wecken, indem er einen diesbezüglichen Zusammenhang nicht ausschliesst. So bezeichn et er den habituellen Zehen- spitzgang als Begleiterkrankung. Auch führt er aus, die Verkürzung der Wadenmuskulatur könne durch den Klumpfuss mitbedingt sein, diese könne auch ein Rezidiv des Klumpfusses verursa- chen, weshalb der Klumpfuss conditio sine qua non für seine Überlegungen sei. Da bereits diese Zweifel genügen, um die Beweistauglichkeit einer internen Aktenbeurteilung ausser Kraft zu set- zen, fehlt vorliegend eine rechtsgenügliche Grundlage fü r die Beantwortung der vorliegenden Fragen. Schliesslich fällt auf, dass sich die Verfügungen vom 2. und 8. März 2021 lediglich auf Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht die eher kurz gehaltenen verwaltungsinternen Aktennotize n vom 14. und 21. Januar 2021 ab- stützten. Dabei ist fraglich, ob die Aktennotiz, welche die Einschätzung von Dr. C.____ wiedergibt, den bundesgerichtlichen formellen Anforderungen hinsic htlich des Beweiswerts eines Arztbe- richts genügt (vgl. E. 4.3 hiervor). Da bereits aus den genannten Gründen die hier entscheiden- den geringen Zweifel an der Schlüssigkeit und Zuverlässigkeit der RAD-Beurteilungen vorliegen, kann diese Frage offen bleiben. 6.3 Da Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der von der Beschwerdegegnerin ein- geholten und als massgeblich erachteten versicherungsinte rnen Beurteilung von Dres. C.____ und D.____ bestehen, kann nach dem oben Gesagten bei d iesem Beweisergebnis nicht darauf abgestellt werden. So wie sich die Aktenlage präsentiert, kann keine verlässliche Aussage zu den entscheidenden Fragen gemacht werden, ob die Klumpfüss e geheilt sind und ob der habituelle Zehenspitzengang in unmittelbaren Zusammenhang mit der Diagnose der Klumpfüsse steht. Die Angelegenheit ist daher zu weiteren Abklärungen und N euverfügung an die Vorinstanz zurück- zuweisen. 6.4 Zusammenfassend ist die Beschwerde demnach in dem Sin ne gutzuheissen, als die an- gefochtenen Verfügungen aufzuheben und die Sache zur e rgänzenden Abklärung im Sinne der Erwägung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist. 7. Nach Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitw ert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1‘000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfah- rensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bun- desrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Hebt das Kantonsgericht eine bei ihm angefochtene Verfügung auf und weist es die Angelegen- heit zum weiteren Vorgehen im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurück, so gilt in prozessualer Hinsicht die Beschwerde führende Partei als (voll- ständig) obsiegende und die IV-Stelle als unterliegend e Partei (vgl. BGE 137 V 57 E. 2.1 und 2.2, BGE 132 V 215 E. 6.2, je mit Hinweisen). Beim vorliegenden Prozessausgang sind deshalb die Verfahrenskosten der IV-Stelle zu auferlegen. Ein e Parteientschädigung wird dem nicht an- waltlich vertretenen Beschwerdeführer nicht ausgerichtet. 8.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesgeri cht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht zulässig ge- gen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbständig eröffnete Zwischenentscheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständi gkeit und über Ausstandsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öffentlich- rechtlichen Angelegenheiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil bewir ken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort e inen Endentscheid herbeiführen und Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren er- sparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid , sondern um einen Zwischenent- scheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch f ür einen Rückweisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvorausset- zungen) beantwortet wird (vgl. BGE 133 V 477 E. 4.2). 8.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es si ch somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn ein e Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Voraus- setzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bundesgericht. Die nachstehende Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde vom 18. März 2021 wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtenen Verfügungen vom 2. und 8. März 2 021 aufge- hoben werden und die Angelegenheit an die Beschwerde gegnerin zu- rückgewiesen wird, damit diese, nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen, über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers neu verfüge. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- w erden der Beschwer- degegnerin auferlegt. http://www.bl.ch/kantonsgericht