Interpellation Loeb 914 N 7 juin 1990 Das Ganze ist in Form eines Postulates gestaltet, in dem Sinne, dass der Bundesrat die Möglichkeit hätte, sich aus- drücklich dazu zu äussern, was er beim heutigen Stand der Dinge von der Neutralität hält. Es Ist ein merkwürdiges Fak- tum: Es wurde schon im Vorfeld der ganzen Europa- und EG- Frage ein Gutachten von Professor Schindler erstellt. Ich habe versucht, dieses Gutachten zu bekommen. Zuerst hiess es, das sei streng vertraulich, das sei nur gerade für eine Kommis- sion erstellt worden. In der Zwischenzeit habe ich dieses Gut- achten doch bekommen, mit einem Zusatzschreiben, wo drin steht, es sei nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt. Ich frage Sie, ob es Sie nicht ein bisschen bedenklich stimmt, dass ein Sachverhalt, der einen denkbar öffentlichen Charak- ter hat, nämlich die Neutralität eines Volkes, zur Geheim- oder Vertrauenssache deklariert werden soll. Ich frage Sie, ob Sie das in dieser Frage nicht auch ein bisschen kritisch macht. Es ist auch erstaunlich, dass dieses Geschäft im Sektor der Aus- senpolitik eingereiht wurde. Es wäre doch vielmehr ein enorm innenpolitisches Thema, wo wir Schweizerinnen und Schwei- zer uns Gedanken machen sollten, wie es nach 700 Jahren weitergehen sollte. Ist es wirklich so, wie einer von uns öffent- lich gesagt hat, dass die Neutralität etwas sei, worauf wir in Zu- kunft pfeifen könnten, sie interessiere niemanden mehr? Ist es nicht so, dass wir Anlass hätten, gerade im Hinblick auf das Jahr 1991, uns dazu Gedanken zu machen? Es ist doch etwas billig vom Bundesrat, wenn er erklärt, man habe, keine Zeit für solche Sachen, es qebe Wichtigeres-obwohl das Schweizer- volk, das noch einen gesunden Instinkt bei derartigen Abstim- mungen (Uno usw.) hat, in der Regel betont: Wir wollen unab- hängig bleiben. Ich bitte Sie, dem Bundesrat mit einem Postulat Gelegenheit zu geben, sich zu den Fragen der Neutralität in einem offiziel- len Bericht- und nicht nur in einem geheimen Gutachten, das nicht herausgegeben wird - zu äussern, so dass wir im Jahr 1991 die Gelegenheit haben, eine umfassende Schau der Neutralität zu haben. Wenn der Bundesrat schreibt, das sei zu kurzfristig, dann ist dazu zu sagen, dass ich das nicht auf An- fang des nächsten Jahres verlangt habe, sondern dass das im Laufe des nächsten Jahres geschehen könnte; und dazu ist es nicht zu spät. M. Felber, conseiller fédéral: J'aimerais d'abord rappeler que le Conseil fédéral n'a à aucun moment, dans aucun rapport, dans aucun développement de quelque discours que ce soit mis en cause le principe de la neutralité suisse. C'est impor- tant à souligner car on a quelquefois tendance, dans cette en- ceinte, à nous faire des procès d'intention et dire que l'on ne prend pas les choses au sérieux. Au contraire nous prenons ça très au sérieux. Mais nous faisons une différence considéra- ble entre le principe de neutralité que nous devons respecter et la politique de neutralité qui n'est pas celle du repli sur soi- même et qui doit être active. C'est celle-là que nous devons en permanence repenser, rediscuter, appliquer et qui nous per- met de nous inscrire dans la communauté internationale dont nous ne pouvons pas nous extraire. Deuxièmement, un rapport tel que celui demandé par M. Haf- ner n'est pas élaboré en une année et demie, même si c'est pour la fin de 1991. Aujourd'hui on ne peut pas se contenter d'un rapport strictement laudatif, Monsieur Hafner, nous se- rons obligés, dans ce cas, de faire appel à des spécialistes qui donneront des avis pour ou contre, qui choisiront des voies de développement de la neutralité afin de faire un travail sérieux et scientifique. Par conséquent, je doute fort que ce soit le peu- ple suisse qui bénéficie des effets de ce rapport. C'est la réflexion du Conseil fédéral qui dit: «nous allons expli- quer ce qu'est la politique de neutralité que nous entendons défendre dans l'avenir», mais nous ne pensons pas utile de réaliser un vaste rapport complet sur l'histoire de la neutralité. Au contraire, nous demanderons à une série de spécialistes, 'dont nous ne cacherons pas les avis - si c'est cela que vous voulez - d'exprimer leurs sentiments positifs ou négatifs dans les rapports avec l'Europe en particulier et nous agirons de même devant le Conseil fédéral. C'est donc pour éviter un double emploi et un travail qui nous paraît extrêmement long à préparer que nous vous proposons de refuser le postulat. Hafner Rudolf: Sie haben jetzt gehört, dass Bundesrat Felber die Sache ernst nehmen will; er hat gesagt, die Neutralität sei nichts, was so leichthin zu «erledigen» wäre. Es brauche für ei- nen wirklich umfassenden Bericht viele Experten, die sich da- mit beschäftigen. Also ich möchte in dem Sinne mein Postulat präzisieren, dass ich den Bericht nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt verlange, sondern einfach auf den Zeitpunkt, der möglich ist. Ich trage dem Bedenken von Bundesrat Felber Rechnung. Also das kann - wenn nötig - ein paar Jahre gehen. Präsident: Ich mache darauf aufmerksam, dass bei einem Vorstoss der Text nicht verändert werden kann. Sie schreiben im Text: «möglichst rasch beziehungsweise vor der Eröffnung der 700-Jahr-Feier des Bundes». Abstimmung - Vote Für Ueberweisung des Postulates Dagegen 22 Stimmen 53 Stimmen #ST# 90.460 Interpellation Loeb Einhaltung der Menschenrechte in Tibet Respect des droits de l'homme au Tibet Wortlaut der Interpellation vom 21. März'l 990 Nach der Verhängung des Kriegsrechts in Tibet im Jahre 1987 sind die Verbindungen von Tibet zur Aussenwelt äusserst spärlich. Immerhin dringen immer wieder Meldungen von Menschenrechtsverletzungen zu uns. Ich frage den Bundesrat an, ob er über die aktuelle Menschen- rechtssituation in Tibet Auskunft geben kann und was er im Falle von Menschenrechtsverletzungen von seilen unseres Landes vorgekehrt hat oder vorkehren wird. Texte de l'interpellation du 21 mars 1990 Depuis la promulgation de la loi martiale en 1987, les relations du Tibet avec le monde extérieur sont extrêmement limitées. Toutefois, des informations font régulièrement état de viola- tions des droits de l'homme. Le Conseil fédéral est-il en mesure de renseigner sur le res- pect des droits de l'homme au Tibet et sur les mesures prises ou envisagées par notre pays à l'occasion de violations de ces droits? Mitunterzeichner-Cosignataires: Aguet, Aliesch, Allenspach, Ammann, Antille, Aregger, Aubry, Auer, Baggi, Basler, Bäum- lin Ursula, Berger, Biel, Bircher, Blatter, Blocher, Bonny, Borei, Bremi, Brügger, Bundi, Burckhardt, Bürgi, Büttiker, Carobbio, Cavadini, Cincera, Columberg, Cotti, Couchepin, Coutau, Daepp, Danuser, David, Déglise, Dietrich, Dormann, Ducret, Dünki, Eggly, Eisenring, Engler, Eppenberger Susi, Etique, Fäh, Fehr, Fischer-Sursee, Frey Claude, Friderici, Früh, Giger, Graf, Grassi, Grendelmeier, Gros, Guinand, Gysin, Hafner Ru- dolf, Hafner Ursula, Houmard, Jeanneret, Jeanprêtre, Kohler, Kühn, Kühne, Leuba, Leuenberger Moritz, Longet, Loretan, Luder, Maeder, Massy, Mauch Rolf, Meier-Glattfelden, Mühle- mann, Müller-Aargau, Müller-Meilen, Nabholz, Nebiker, Neu- komm, Ott, Paccolat, Petitpierre, Philipona, Pidoux, Pini, Pitte- loud, Rebeaud, Reich, Rohrbasser, Rüttimann, Rychen, Sal- vioni, Scheidegger, Schmid, Schmidhalter, Schule, Schwab, Seiler Hanspeter, Seiler Rolf, Spalti, Spoerry, Stamm, Stap-7. Juni 1990 N 915 Postulat Ott pung, Stocker, Stucky, Theubet, Ulrich, Wanner, Weber- Schwyz, Weder-Basel, Wellauer, Wiederkehr, Wyss Paul, Zbin- den Hans, Zölch, Züger, Zwingli.Zwygart (119) Schriftliche Begründung - Développement par écrit Der Urheber verzichtet auf eine Begründung und wünscht eine schriftliche Antwort. Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 16. Mail990 Rapport écrit du Conseil fédéral du 16 mai 1990 In der Folge von Demonstrationen für die Unabhängigkeit Ti- bets, welche massiv unterdrückt worden waren und zwischen 17 (offizielle Quellen) und 60 Tote und mehr als 200 Verletzte (andere Quellen) verursacht hatten, wurde am 7. März 1989 das Kriegsrecht über Lhasa und Umgebung verhängt. Trotz ei- ner sehr restriktiven Informationspolitik der chinesischen Be- hörden berichten zahlreiche vertrauenswürdige Quellen ver- schiedener Herkunft, dass seit Verhängung des Kriegsrechts rund 1000 Personen wegen «konterrevolutionärer Aktivitäten» verhaftet worden sind. Die meisten von ihnen hatten in friedli- cher Weise Gebrauch von ihrer Meinungsäusserungsfreiheit gemacht. Obwohl die Gemeindebehörden von Lhasa mitteil- ten, dass fast alle zwischen Märzund Mai 1989 Verhafteten frei- gelassen worden seien, geben andere Quellen an, dass noch immer 250 Personen in Haft seien, ohne dass je ein Verfahren eröffnet worden wäre. Im weiteren sollen etwa 50 Personen im Rahmen von administrativen Massnahmen zur «Umerziehung durch Arbeit» festgehalten werden, ohne dass sie verurteilt worden wären, und andere sollen in summarischen Verfahren zu Gefängnisstrafen oder zu «Besserung durch Arbeit» zwi- schen 4 Jahren und lebenslänglich verurteilt worden sein. Ei- nige Gefangene sollen gefoltert oder misshandelt worden sein. In Lhasa sind Polizeiposten im Abstand von 500 Metern auf den wichtigen Strassen, auf fast allen Kreuzungen und vor den öffentlichen Gebäuden, Tempeln und Klöstern eingerichtet worden. Dies erlaubt es den Ordnungskräften, die Lage in der Hand zu behalten und jeden Manifestationsversuch im Keim zu ersticken. Die Kontrolle der religiösen Aktivitäten derTibete- rinnen und Tibeter ist spürbar verstärkt worden. So werden die Mönche überwacht, und das öffentliche Feiern religiöser Feste ist stark eingeschränkt, sogar verboten. Die Autonomie der «autonomen Region Tibet» ist noch beschränkter als vorher. Die Assimilierung der tibetischen Bevölkerung und die Förde- rung chinesischer Einwanderung in Tibet geht weiter, die wirt- schaftliche Entwicklung, welche gemäss den chinesischen Behörden das tibetische Problem lösen sollte, stagniert. Am 1. Mai 1990 hat nun die chinesische Führung das Kriegs- recht in Lhasa formell aufgehoben. Wiesich dieser Entscheid, welcher eine positive Entwicklung erhoffen lässt, auf die Lage in Tibet auswirken wird, lässt sich heute noch nicht beurteilen. China hat die Charta der Vereinten Nationen, deren Artikel 1 und 55 die universelle und effektive Achtung der Menschen- rechte als eines der Ziele der Vereinten Nationen definieren, unterzeichnet und das UN-Uebereinkommen gegen die Folter im Jahr 1988 ratifiziert. In der Praxis jedoch anerkennen die chinesischen Behörden die universelle Konzeption der Men- schenrechte nicht, weisen jede Kritik an der Menschenrechts- situation in ihrem Territorium zurück und verweigern jeden Dialog auf diplomatischer Ebene über diese Frage, indem sie sich auf das Prinzip der Nichteinmischung in interne Angele- genheiten berufen. Ueber das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten hatte der Bundesrat dennoch Gelegenheit, die chinesischen Behörden sowohl auf bilatera- ler wie auf multilateraler Ebene (UN-Menschenrechtskommis- sion, Session 1990) wissen zu lassen, dass seiner Meinung nach die Achtung der Menschenrechte und der Rechte natio- naler Minderheiten als Faktoren von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit einen wesentlichen Beitrag zu Frieden und Si- cherheit in jeder Region der Welt, China Inbegriffen, darstellt. Präsident: Der Interpellant ist von der Antwort des Bundes- rates befriedigt. #ST# 90.461 Postulat Ott Gute Dienste der Schweiz zugunsten des tibetischen Volkes Avenir du Tibet. Bons Offices de la Suisse Wortlaut des Postulates vom 21. März 1990 Im September 1987 hat das geistliche Haupt des tibetischen Volkes, der XIV. Dalai Lama, seinen 5-Punkte-Plan zur Lösung des tibetischen Problems vorgelegt. Darin ist nicht von Souve- ränität oder Sezession Tibets die Rede, sondern es geht um Gesichtspunkte des Friedens, der Oekologie, der Menschen- rechte und der kulturellen Identität und Autonomie. Die mode- rate und dem Prinzip der Gewaltlosigkeit verpflichtete Politik des Dalai Lama ist von der Weltöffentlichkeit durch die Verlei- hung des Friedensnobelpreises anerkannt worden. Obschon von seilen der Volksrepublik China Verhandlungen mit dem Dalai Lama über die Zukunft Tibets in Aussicht gestellt wurden, ist es zu solchen bisher immer noch nicht gekom- men. Der Bundesrat wird eingeladen, zu prüfen, ob und in welcher Weise die Schweiz - allein oder gemeinsam mit den anderen Neutralen Europas - ihre Guten Dienste zur Verfügung stellen könnte, um diese Verhandlungen mit der Volksrepublik China in Gang zu bringen. Texte du postulat du 21 mars 1990 En septembre 1987, le XlVe dalaï-lama, autorité spirituelle du peuple tibétain, a présenté son plan en cinq points visant à résoudre le problème tibétain. Ce document ne parle pas de souveraineté ou de sécession du Tibet, mais se réfère aux no- tions de paix, d'équilibre, de droits de l'homme, d'identité cul- turelle et d'autonomie. La politique du dalaï-lama, empreinte de modération et de non-violence, a reçu l'approbation de la communauté internationale par l'attribution du prix Nobel de la paix. La République populaire de Chine a bien annoncé des négo- ciations avec le dalaï-lama à propos de l'avenir du Tibet, mais ces pourparlers n'ont pas encore eu lieu. Le Conseil fédéral est invité à examiner si et de quelle manière la Suisse - seule ou associée aux autres pays neutres d'Eu- rope - peut offrir ses bons services en vue de la matérialisation de ces négociations avec la République populaire de Chine. Mitunterzeichner - Cosignataires: Aguet, Aliesch, Ammann, Antille, Aregger, Auer, Baggi, Basler, Bäumlin Ursula, Berger, Biel, Bircher, Blatter, Bonny, Borei, Braunschweig, Bremi, Brügger, Bundi, Burckhardt, Bürgi, Büttiker, Carobbio, Cava- dini, Cincera, Columberg, Cotti, Couchepin, Coutau, Daepp, Danuser, David, Déglise, Dietrich, Dormann, Ducret, Dünki, Eggènberg-Thun, Eggly, Eisenring, Engler, Eppenberger Susi, Etique, Fäh, Fehr, Fischer-Sursee, Friderici, Früh, Giger, Graf, Grassi, Grendelmeier, Gros, Guinand, Gysin, Haering Binder, Hafner Rudolf, Hafner Ursula, Humbel, Jeanneret, Jeanprêtre, Keller, Kohler, Kühne, Ledergerber, Leuba, Leuen- berger-Solothurn, Leuenberger Moritz, Loeb, Longet, Loretan, Luder, Maeder, Massy, Mauch Rolf, Mauch Ursula, Meier- Glattfelden, Müller-Aargau, Müller-Meilen, Nabholz, Nebiker, Neukomm, Paccolat, Petitpierre, Philipona, Pidoux, Pini, Pitte- loud, Rebeaud, Rohrbasser, Rüttimann, Rychen, Scheideg- ger, Schmid, Schmidhalter, Schule, Seiler Rolf, Spalti, Spoerry, Stappung, Stocker, Stucky, Theubet, Ulrich, Wanner, Weber-Schwyz, Weder-Basel, Widmer, Wiederkehr, Wyss Paul, Zbinden Hans, Zölch, Züger, Zwygart (114) Schriftliche Begründung - Développement par écrit Der Urheber verzichtet auf eine Begründung und wünscht eine schriftliche Antwort.Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali Interpellation Loeb Einhaltung der Menschenrechte in Tibet Interpellation Loeb Respect des droits de l'homme au Tibet In Amtliches Bulletin der Bundesversammlung Dans Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale In Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale Jahr 1990 Année Anno Band III Volume Volume Session Sommersession Session Session d'été Sessione Sessione estiva Rat Nationalrat Conseil Conseil national Consiglio Consiglio nazionale Sitzung 04 Séance Seduta Geschäftsnummer 90.460 Numéro d'objet Numero dell'oggetto Datum 07.06.1990 - 15:00 Date Data Seite 914-915 Page Pagina Ref. No 20 018 646 Dieses Dokument wurde digitalisiert durch den Dienst für das Amtliche Bulletin der Bundesversammlung. Ce document a été numérisé par le Service du Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale. Questo documento è stato digitalizzato dal Servizio del Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale.