2014 Anwaltsrecht 407 Die Rolle einer Mutter ist in jedem Strafverfahren, welches ge - gen ihren Partner wegen sexuellen Missbrauchs der Tochter geführt wird, ein Thema (Einvernahme als Zeugin, Auskunftsperson, etc.). Nicht auszuschliessen ist, dass die beanzeigte Anwältin von der E In- formationen hinsichtlich des Verhaltens der Mutter anlässlich des an- gezeigten Missbrauchs erhält, welche allenfalls sogar eine Strafan - zeige gegen die Mutter (wegen Beihilfe o.ä.) nötig machen könnten. Im Verfahren betreffend A bänderung des Schei dungsurteils vertritt die beanzeigte Anwältin die Mutter und hat in diesem Zu sammen- hang gegen den V orwurf, dass diese die Tochter vernachlässigt, res- pektive nicht ge nügend vor den Übergriffen ihres Lebenspartners R geschützt hab e, vor zugehen. Diese Interessenlage führt aber dazu, dass sie es dann im Straf verfahren notgedrungen unterlässt bzw. un - terlassen muss, als Opfervertreterin und/oder als Vertreterin der Pri - vatklägerin das Augenmerk auf eine allenfalls unrühmliche Rolle der Mutter im Zu sammenhang mit den Übergriffen auf E zu legen (z.B. durch kritische Fragen, einen ent sprechenden Beweisantrag auf Ein - vernahme der Mutter oder durch Einreichen einer Strafanzeige gegen diese). Damit liegt aber ein konkreter Interesse nkonflikt vor. Dieser konkrete Interessenkonflikt musste der beanzeigten Anwältin spätes - tens ab Kenntnis vom V orwurf des Anzeigers bewusst gewesen sein. So warf der Anzeiger V vor, sie sei nicht imstande, sich ausrei chend um die Be dürfnisse der Kinde r zu kümmern und habe Kennt nis davon gehabt, dass R bereits ein Sexualdelikt begangen habe, die Beziehung zu diesem aber nicht beendet habe. Ob die beanzeigte Anwältin die Interessen ihrer Mandantinnen schlussendlich genügend wahrgenommen hat, ist dabei nicht ent - scheidend. 83 Art. 12 lit. g BGFA Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte haben sich im Rahmen der unent- geltlichen Rechtsvertretung mit der staat lichen Entschädigung zu begnü - gen, sofern die Gegenpartei nicht kostenpflichtig wird oder die eigen e 408 Anwaltskommission 2014 Klientschaft nicht zu Vermögen gelangt. Auch der amtlichen Verteidige- rin, bzw. dem amtlichen Verteidiger ist es nicht gestattet, zusätzlich zur Entschädigung aus der Staatskasse von der Klientschaft ein Honorar zu fordern. Zusätzliche Leistungen könne n der Klientschaft nur in Rech - nung gestellt werden, wenn zusätzliche Tätigkeiten geleistet wurden, die nicht zum Mandat, für welches die unentgeltliche Rechtspflege ge währt wurde, gehören, und darüber eine entsprechende Vereinbarung abgeschlossen worden ist. Entscheid der Anwaltskommission vom 14. Oktober 2014 (A VV .2014.9). Sachverhalt 1. […] Der Anzeiger führte sinngemäss und zusammenfassend aus, das Gerichtspräsidium habe die beanzeigte Anwältin mit Verfügung vom 6. Juni 2012 im Verfahren betreffend Aufhebung des gemeinsamen Haushalts/Präliminar zur unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Ehe - frau ernannt. Mit Verfügung vom 29. Oktober 2013 sei die Gerichts - kasse angewiesen worden, der beanzeigten Anwältin einen Honorar - vorschuss auszuzahlen. Denno ch habe sie ihre Klientin mit Schrei - ben vom 26. November 2013 dazu aufgefordert, ihr – trotz knapper Verhältnisse – monatlich CHF 50.00 abzubezahlen. Die Geltendmachung von zusätzlichem Honorar gegenüber der unentgeltlich prozessierenden Klientin könnte im konkreten Fall ge - gen die Be rufsregeln der Anwälte verstossen haben, zumal sich die finanzielle Situa tion der unentgeltlich prozessierenden Ehefrau im Laufe des Verfahrens (soweit ersichtlich) nicht verbessert habe. Aus den Erwägungen […] 2.2. 2014 Anwaltsrecht 409 Bei der unentgeltlichen Rechtsvertretung hat sich der Anwalt mit der staat lichen Entschädigung zu begnügen, sofern die Gegen - partei nicht kostenpflichtig wird oder sein eigener Klient nicht zu Vermögen gelangt. Auch dem amtlichen Verteidiger ist es nicht g e- stattet, zusätzlich zur Ent schädigung aus der Staatskasse vom Klien - ten ein Honorar zu fordern, selbst wenn der Klient ihm von sich aus ein solches anbietet (vgl. Walter Fellmann in: Walter Fell mann / Gaudenz G. Zindel [Hrsg.], Kommentar zum Anwaltsgesetz, 2. Auf- lage, Zürich 2011, N 149 zu Art. 12 [zit. Name, BGFA-Kommentar]). Gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung stellt die Rech - nungsstellung an eine Partei, welcher die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, eine Berufspflichtverletz ung dar (vgl. Urteil des Bundesgerichtes vom 26. September 2005, 2A.196/2005, E.2.1 und 3.2.). Das Verbot, dem Klienten Bemühungen in Rechnung zu stel - len, die das Gericht im Rahmen der unentgeltlichen Rechts pflege bei der Festset zung der Entschädigung b ereits berücksichtigt hat, ist dieses Verbot Ausfluss der Be rufspflicht des Art. 12 lit. g BFFA, amtliche Pflichtverteidigungen zu über nehmen und im Rah men der unentgeltlichen Rechts pflege Rechtsvertre tungen zu überneh men. Wenn sich ein Anwalt nic ht mit der amtlich zuge sprochenen Vergütung begnügt, verletzt er da her nicht Art. 12 lit. a son dern Art. 12 lit. g BGFA (vgl. Walter Fellmann , BGFA -Kommentar, a.a.O., N. 149b zu Art. 12). 2.3. Kein Verstoss gegen das Verbot, dem Klienten zusätzlich Bemü- hungen in Rechnung zu stellen, liegt vor, wenn der Anwalt dem Klienten diejenigen Bemühungen in Rechnung stellt, welche das Ge- richt bei Festsetzung der Entschädigung nicht berücksichtigt hat. In Betracht fallen namentlich pro -zessfremde Bemühungen, wi e bei - spielsweise Vergleichsverhandlungen, die geführt wurden, bevor der Entschluss zur Prozessführung gefasst wurde und bevor der Rechts - anwalt als unentgeltlicher Rechtsvertreter in Aussicht genom men wurde. Auch die persönliche Betreuung eines Klien ten oder die Be - treuung von dessen Angehörigen durch den unentgeltli chen Rechts- vertreter werden als prozessfremde Bemühungen vom Ge richt nicht 410 Anwaltskommission 2014 honoriert (vgl. Walter Fellmann, BGFA-Kommentar, a.a.O., N. 149c zu Art. 12). Zusätzliche Leistungen des Anwalt es können dem Klienten so - mit nur in Rechnung gestellt werden, wenn zusätzliche Tätigkeiten geleistet wurden, die nicht zum Mandat, für welches die unentgelt - liche Rechtspflege ge währt wurde, gehören, und darüber mit der Mandantin/dem Mandanten eine ent sprechende Vereinbarung abge - schlossen worden ist. […] 3.3 […] Wie oben dargelegt (vgl. E. 2.3.), dürfen nur prozess fremde Bemühungen zusätzlich in Rechnung gestellt werden. Wie die bean - zeigte Anwältin in ihrer Stel lungnahme ausführt, rief ihre Klientin zwar ständig an, jedoch ist den Ausführungen zu entnehmen, dass sie Fragen stellte, die vielleicht unnötig waren, aber dennoch stets im Zusammenhang mit dem Eheschutzverfahren, insbesondere mit den Kinderbelangen standen. Es handelte sich som it nicht um pro zess- fremde Bemühungen, wie von der beanzeigten Anwältin geltend ge - macht wird. Die ent sprechenden Aufwendungen hat die bean zeigte Anwältin in ihrer Kosten note an das Bezirksgericht dann auch in Rechnung gestellt und in ihrer Stellungnahme sogar als teilweise not- wendige Aufwendungen begründet. Für die ses Verfahren wurde die beanzeigte Anwältin mit Verfügung des Be zirksgerichts vom 26. März 2014 auch entschädigt und sie durfte deshalb – unabhängig da- von, ob dies mit der Klientin vereinbart wurde oder nicht – von der Klientin für die gestellten Fragen und die Korrespondenz keine zu - sätzliche Ent schädigung verlangen, auch wenn die staatliche Ent - schädigung tiefer ausfiel. Sofern sie tatsächlich prozessfremde Auf - wendungen gehabt hätte, davon ist vorliegend aber nicht auszugehen, hätte die beanzeigte Anwältin mit ihrer Klientin diesbezüglich nicht nur eine separate Vereinbarung treffen müssen, sondern sie hätte diese auch als prozessfremde Leistungen gegenüber ihrer Klientin ausweisen und auch separat in Rechnung stellen müssen. Die bean - zeigte Anwältin hat jedoch von ihrer Klientin die Vergütung genau jener Positionen verlangt, die durch die staatliche Entschädigung 2014 Anwaltsrecht 411 nicht gedeckt wurden, respektive um welche ihre Kostennote durch das Bezirksgericht gekürzt wurde. Damit handelte es sich bei diesen Positionen zweifelsohne nicht um prozessfremde Aufwendungen, an- dernfalls sie dafür wohl kaum eine staatliche Entschädigung bean - tragt hätte. […] Die beanzeigte Anwältin hat demnach, inde m sie zugestan de- nermassen das ihr vom Gericht gekürzte Honorar zumin dest teilwei- se ihrer Klientin in Raten à CHF 50.00 in Rech nung ge stellt hat, gegen die Berufspflicht im Sinne des Art. 12 lit. g BGFA verstossen. 84 Art. 12 lit. a BGFA Zu den allgemeinen und vom Gebot einer sorgfältigen und ge wissenhaf- ten Berufsausübung erfassten Pflichten gehört auch die Pflicht zur Füh - rung einer Kanzlei. Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sind nament- lich verpflichtet, die für die Berufsausübung erforder lichen sachlichen, personellen und or ganisatorischen Voraussetzungen zu schaffen. Rechts- anwältinnen und Rechtsanwälte haben jedenfalls die Erreichbar keit für Klientschaft, Gerichte und Behörden sicherzustellen. Sie müssen sich so organisieren, d ass Telefonanrufe und sonstige Mitteilungen innert an- gemessener Frist beantwortet werden können. Entscheid der Anwaltskommission vom 16. Oktober 2014 (A VV .2014.22). Sachverhalt 1. […] Mit Mitteilung vom 5. März 2014 teilte die beanzeigte An - wältin dem Bezirksgericht die Vertretung einer Prozesspartei mit. Im Anschluss habe das Bezirksgericht zwei Schreiben an die beanzeigte Anwältin geschickt. Diese seien mit dem Vermerk "Empfänger konnte unter angegebener Adresse nicht ermittelt werden" von der Post zurüc kgeschickt worden. Bei ihren Briefen hätten sie die von