<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">451</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Anwaltsrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>92</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 12 lit. a BGFA</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte dürfen bei ihrer Tätigkeit Kritik</b></span><br/> <span class="ft2"><b>an der Rechtspflege üben, und es ist ihr Recht und ihre Pflicht, allfällige</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Missstände aufzuzeigen und Mängel des Verfahrens zu rügen. Rechtsan-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wältinnen und Rechtsanwälte müssen aber im Kontakt mit der Gegen-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>partei und den Behörden sachlich bleiben. Persönliche Beleidigungen,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verunglimpfungen und Beschimpfungen sind zu unterlassen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid der Anwaltskommission vom 23. Mai 2013 (AVV.2012.30).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">1.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">Die beanzeigte Anwältin wurde betreffend folgender Äusserung</span><br/> <span class="ft5">in ihrem Schreiben vom 31. Januar 2010 an Rechtsanwalt X wegen</span><br/> <span class="ft5">übler Nachrede schuldig gesprochen: "In meiner langen beruflichen</span><br/> <span class="ft5">Tätigkeit bin ich selten mit einem Verfahren konfrontiert worden, bei</span><br/> <span class="ft5">der sich die Familie so manipulativ und charakterlos verhalten hat,</span><br/> <span class="ft5">wie die Mitglieder der Familie S.."</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">2.2.2.</span><br/> <span class="ft5">Eine sorgfältige und gewissenhafte Berufsausübung bedingt,</span><br/> <span class="ft5">dass sich der Rechtsanwalt - seiner besonderen Stellung in der</span><br/> <span class="ft5">Rechtspflege entsprechend - einer gewissen Zurückhaltung befleis-</span><br/> <span class="ft5">sigt, um einer Eskalation der Streitigkeit entgegenzuwirken (vgl.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">452</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">BGE 130 II 270 E. 3.2.2 S. 277); er soll die Auseinandersetzung mit</span><br/> <span class="ft5">dem Gegner oder dessen Rechtsvertreter nicht auf persönlicher Ebe-</span><br/> <span class="ft5">ne austragen. Vom Rechtsanwalt darf erwartet werden, dass er auch</span><br/> <span class="ft5">im Kontakt mit der Gegenpartei und den Behörden sachlich bleibt</span><br/> <span class="ft5">und auf persönliche Beleidigungen, Verunglimpfungen und Be-</span><br/> <span class="ft5">schimpfungen verzichtet (BGE 131 IV 154 E. 1.3.2 S. 158). Im Übri-</span><br/> <span class="ft5">gen bleibt es dem Rechtsanwalt aber unbenommen, bei seiner Tä-</span><br/> <span class="ft5">tigkeit Kritik an der Rechtspflege zu üben; es ist sein Recht und seine</span><br/> <span class="ft5">Pflicht, allfällige Missstände aufzuzeigen und Mängel des Verfahrens</span><br/> <span class="ft5">zu rügen (BGE 106 Ia 100 E. 8b S. 107 f.). Er darf insoweit durchaus</span><br/> <span class="ft5">energisch auftreten und sich den Umständen entsprechend scharf</span><br/> <span class="ft5">ausdrücken, wobei von ihm nicht verlangt werden kann, jedes Wort</span><br/> <span class="ft5">genau abzuwägen (vgl. Urteil des Bundesgerichtes 2A.499/2006 vom</span><br/> <span class="ft5">11. Juni 2007). Im Kontakt mit Gegenparteien hat sich der Anwalt</span><br/> <span class="ft5">aber stets so zu verhalten, dass das Vertrauen in seine Person und die</span><br/> <span class="ft5">Anwaltschaft insgesamt gewahrt bleibt (F</span><span class="ft3">ELLMANN</span> <span class="ft5">BGFA-Kom-</span><br/> <span class="ft5">mentar, N 49 zu Art. 12). Er darf keine Aussagen machen, die für den</span><br/> <span class="ft5">Prozess sachlich bedeutungslos sind und nur die Gegenpartei demüti-</span><br/> <span class="ft5">gen sollen. Beleidigungen mittels Anzüglichkeiten, die nicht zur Sa-</span><br/> <span class="ft5">che gehören, und unnötig ehrverletzende Äusserungen gegenüber</span><br/> <span class="ft5">Gegnern und Dritten sind zu unterlassen (F</span><span class="ft3">ELLMANN</span> <span class="ft5">BGFA-Kom-</span><br/> <span class="ft5">mentar, N 50 zu Art. 12).</span><br/> <span class="ft5">2.3.</span><br/> <span class="ft5">Mit Urteil des Obergerichtes des Kantons Aargau vom 14. Feb-</span><br/> <span class="ft5">ruar 2012 wurde die beanzeigte Anwältin der üblen Nachrede gemäss</span><br/> <span class="ft5">Art. 173 Ziff.1 StGB schuldig gesprochen. Diesem ist zu entnehmen,</span><br/> <span class="ft5">dass sich die beanzeigte Anwältin auf den Rechtfertigungsgrund der</span><br/> <span class="ft5">gesetzlich erlaubten Handlung (Art. 14 StGB) berief.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">2.5.2</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">Zwar ist die Anwaltskommission an einen strafrechtlichen Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheid nicht gebunden (vgl. Walter Fellmann , Anwaltsrecht, Bern</span><br/> <span class="ft5">2010, N 608 [zit. Fellmann, Anwaltsrecht]), vorliegend erachtet die</span><br/> <span class="ft5">Anwaltskommission die Ausführungen des Obergerichtes, wonach</span><br/> <span class="ft5">der Rechtfertigungsgrund der gesetzlich erlaubten Handlung gemäss</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">453</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Art. 14 StGB nicht gegeben ist, als zutreffend. Zudem lässt sich der</span><br/> <span class="ft5">Stellungnahme der beanzeigten Anwältin vom 20. August 2012</span><br/> <span class="ft5">nichts entnehmen, was nicht auch schon dem Obergericht des Kan-</span><br/> <span class="ft5">tons Aargau zum Zeitpunkt der Urteilsfällung bekannt war. Zwar darf</span><br/> <span class="ft5">die beanzeigte Anwältin wie bereits ausgeführt durchaus energisch</span><br/> <span class="ft5">auftreten, sich den Umständen entsprechend scharf ausdrücken, Kri-</span><br/> <span class="ft5">tik an der Rechtspflege üben und allfällige Missstände aufzeigen. In-</span><br/> <span class="ft5">dem die beanzeigte Anwältin jedoch die Gegenpartei sowie deren Fa-</span><br/> <span class="ft5">milie in ihrem Schreiben vom 31. Januar 2010 an den Rechtsanwalt</span><br/> <span class="ft5">eines manipulativen und charakterlosen Verhaltens bezichtigte, über-</span><br/> <span class="ft5">schritt sie diese Grenze, zumal die Familie der Gegenpartei mit dem</span><br/> <span class="ft5">Verfahren nichts zu tun hatte und nicht daran beteiligt war. Die</span><br/> <span class="ft5">Äusserung der beanzeigten Anwältin war ohne sachlichen Bezug und</span><br/> <span class="ft5">dürfte ihrem Klienten wenig gedient haben. Die beanzeigte Anwältin</span><br/> <span class="ft5">hat sich mit dieser Äusserung nicht nur rechtswidrig verhalten, son-</span><br/> <span class="ft5">dern auch die in Art 12 lit. a BGFA statuierte Pflicht zu einer sorgfäl-</span><br/> <span class="ft5">tigen und gewissenhaften Berufsausübung verletzt. Soweit die bean-</span><br/> <span class="ft5">zeigte Anwältin in ihrer Stellungnahme auf ihr grosses Engagement</span><br/> <span class="ft5">verweist, ist zu betonen, dass nicht ihr Engagement beanstandet wird,</span><br/> <span class="ft5">sondern der Umstand, dass sie im Rahmen ihres Engagements unnö-</span><br/> <span class="ft5">tige ehrverletzende Äusserungen gemacht hat. Ein grosses Enga-</span><br/> <span class="ft5">gement bei der Wahrung der Interessen eines Mandanten oder einer</span><br/> <span class="ft5">Mandantin ist auch ohne ehrverletzende Äusserung möglich.</span><br/></div> </div> </body> </html>