2024 1 Fehlende Beweiskraft eines Administrativgutachtens mangels nachvollzieh- barer Begründung der Arbeitsfähigkeit – Art. 28 Abs. 1; 29 Abs. 1 IVG ; Art. 4 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 1 ATSG; Art. 6 f. ATSG. Ein Administrativgutachten, welches gescheiterte Arbeitsversuche einer als moti- viert und arbeitswillig beschriebenen Beschwerdeführerin nicht berücksichtigt, ist nicht beweiskräftig (E. 6.1). OGE 63/2023/3 vom 30. April 2024 Keine Veröffentlichung im Amtsbericht Aus den Erwägungen 6. Zu prüfen ist, ob die IV -Stelle zu Recht basierend auf dem vom RAD als beweiskräftig erachteten zweiten Administrativgutachten v on einer 70%igen Ar- beitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten ausgegangen ist und im Einkommensver- gleich einen rentenausschliessenden IV-Grad von 38% ermittelt hat. 6.1. Mit Bezug auf die Beweiskraft des SMAB -Gutachtens ist zunächst festzu- stellen, dass das Gutachten unter Einbezug der Vorakten und basierend auf einer umfassenden Anamneseerhebung sowie eigenen Befunden beruht. Die Herleitung der Diagnosen wurde begründet. Nicht nachvollziehbar erscheint allerdings die Ar- beitsunfähigkeitsbeurteilung. Aus den Akten ergibt sich, dass die Beschwerdefüh- rerin seit vielen Jahren in fachlicher Behandlung steht, einschliesslich medikamen- töser Therapie, ohne dass sich ihre Belastbarkeit nachhaltig hätte steigern lassen. Sie unternahm zahlreiche Versuche – teilweise unterstützt durch die IV –, um sich beruflich wieder einzugliedern, wobei den dokumentierten Bemühungen kein län- gerfristiger Erfolg beschieden war. Auch wenn Berichte behandelnder Ärzte ge- mäss Bundesgerichtspraxis mit Zurückhaltung zu würdigen sind darf gleich wohl nicht ausgeblendet werden, dass der behandelnde Psychiater Dr. med. A. mehr- fach einlässlich von einer Symptomverstärkung durch berufliche Belastungen be- richtet hatte. Im SMAB-Gutachten fehlt dagegen jegliche Auseinandersetzung mit dem Umstand, dass di e verschiedenen Arbeitsversuche der als motiviert und ar- beitswillig beschriebenen Beschwerdeführerin gescheitert waren. Der psychiatri- sche SMAB-Teilgutachter beschrieb eine spürbar nachlassende berufliche Leis- tungsfähigkeit in den letzten Jahren sowie eine Zunahme der Intensität der Panik- störung und – parallel dazu – des neurasthenen Erschöpfungssyndroms. Er bestä- tigte die von Dr. med. A. erhobenen Diagnosen (schwere Panikstörung [ICD -10 F41.0] und Neurasthenie) und hielt ausserdem fest, es gelinge der Besc hwerde- führerin vor dem Hintergrund der psychophysischen Erschöpfung nicht, den Alltag 2024 2 mit positiven ressourcenvermittelnden Aktivitäten zu füllen. Insgesamt habe sich die gesundheitliche Situation nicht stabilisieren können. Weshalb es der Beschwer- deführerin möglich sein sollte, ein Arbeitspensum von (stabil) 70% zu bewältigen, legten die SMAB -Gutachter allerdings nicht schlüssig dar. Soweit sie festhielten, dass vorhandene Ressourcen in den komplexen Ich-Funktionen gemäss Mini-ICF- APP keine Arbeitsunfähigk eit von mehr als 30% begründeten, vermag dies nicht zu überzeugen, weil damit die auch vom psychiatrischen Teilgutachter erhobenen Befunde nur unvollständig abgebildet werden. Namentlich blieben die (unbestrit- tene) Panikstörung und die Neurasthenie unberüc ksichtigt. Ausserdem hatte die neuropsychologische Abklärung im Rahmen der SMAB-Begutachtung zwar nur ge- ringe kognitive Beeinträchtigungen, aber eine deutlich verminderte psychische Be- lastbarkeit ergeben. Konkret fanden sich mittelschwere Auffälligkeiten i m affekti- ven, Persönlichkeits - und Verhaltensbereich, deren Auswirkungen gemäss den Ausführungen der Neuropsychologin psychiatrisch oder gegebenenfalls neurolo- gisch zu beurteilen seien. Wenn der psychiatrische Gutachter in der Folge im We- sentlichen gestützt auf die nur minimen kognitiven Beeinträchtigungen eine 70% - ige Arbeitsfähigkeit attestierte, überzeugt dies folglich nicht, umso weniger als auch nach Beurteilung des psychiatrischen Administrativgutachters arbeitsfähigkeitsre- levante Einschränkungen best anden und entsprechende Diagnosen des behan- delnden Psychiaters bestätigt wurden. Insgesamt erlaubt das SMAB-Gutachten so- mit keine verlässliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit.