<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">416</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>81</b></span> <span class="ft1"><b>Ermessensveranlagung; Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2</b></span><br/> <span class="ft1"><b>BV)</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Vor einer Ermessensveranlagung ist der steuerpflichtigen Person das</b></span><br/> <span class="ft1"><b>rechtliche Gehör zu gewähren.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Steuern,</span><br/> <span class="ft2">vom 21. März 2013 in Sachen A.L. (3-RV.2012.236).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2.</span><br/> <span class="ft4">2.1.</span><br/> <span class="ft4">Der Rekurrent ist selbständig erwerbend. In der Steuererklärung</span><br/> <span class="ft4">2011 deklarierte er ein Einkommen aus selbständiger Erwerbstätig-</span><br/> <span class="ft4">keit von CHF 5'705.00. Zudem gab er an, im Jahr 2011 von seinem</span><br/> <span class="ft4">Vater total mit "ca." CHF 12'000.00 unterstützt worden zu sein.</span><br/> <span class="ft4">2.2.</span><br/> <span class="ft4">Die Steuerkommission R. ermittelte das Einkommen aus selb-</span><br/> <span class="ft4">ständiger Erwerbstätigkeit des Rekurrenten im Veranlagungsverfah-</span><br/> <span class="ft4">ren wie folgt:</span><br/> <span class="ft4">Reingewinn 5'705.00</span><br/> <span class="ft4">Div.</span> <span class="ft4">Aufrechnungen</span> <span class="ft4">2'630.00</span><br/> <span class="ft4">fehlende Mittel Lebenshaltung</span> <span class="ft4">9'665.00</span><br/> <span class="ft4">Total</span> <span class="ft4">18'000.00</span><br/> <span class="ft4">2.3.</span><br/> <span class="ft4">Der Rekurrent liess in der Einsprache ausführen, er habe (unter</span><br/> <span class="ft4">Einbezug der Aufrechnungen von CHF 2'630.00) über Mittel von</span><br/> <span class="ft4">CHF 20'335.00 verfügt (CHF 5'705.00 + CHF 2'630.00 +</span><br/> <span class="ft4">CHF 12'000.00). Da er bei seinem Vater und der Stiefmutter wohne,</span><br/> <span class="ft4">und für Kost und Logis nichts abgeben müsse, reiche dies für die Le-</span><br/> <span class="ft4">benshaltungskosten aus. Er führe einen sehr bescheidenen Lebens-</span><br/> <span class="ft4">wandel.</span><br/> <span class="ft4">2.4.</span><br/> <span class="ft4">Im Einspracheentscheid hält die Steuerkommission R. fest, die</span><br/> <span class="ft4">Buchhaltung des Rekurrenten erfülle die Anforderungen an eine ord-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">417</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">nungsgemässe Buchhaltung nicht. Zudem könne der Steuererklärung</span><br/> <span class="ft4">nur die Schenkung von ca. CHF 12'000.00 entnommen werden. Wie</span><br/> <span class="ft4">sich diese materielle Hilfe konkret gestaltet habe oder wann sie in</span><br/> <span class="ft4">welcher Höhe geflossen sei, werde jedoch nicht weiter umschrieben.</span><br/> <span class="ft4">Es fehle an Aufzeichnungen über den Geldfluss.</span><br/> <span class="ft4">2.5.</span><br/> <span class="ft4">Im Rekurs liess der Rekurrent entgegnen, es sei unverständlich,</span><br/> <span class="ft4">dass die Bestätigung der Schenkung durch seinen Vater angezweifelt</span><br/> <span class="ft4">werde. Es sei auch nicht erforderlich, in der Steuererklärung die</span><br/> <span class="ft4">Geldflüsse genau mit Betrag und Datum anzugeben. Zudem hätte das</span><br/> <span class="ft4">Gemeindesteueramt R. eine solche Aufstellung verlangen können.</span><br/> <span class="ft4">Weiter führt der Rekurrent aus, bei der Berechnung der Lebenshal-</span><br/> <span class="ft4">tungskosten müsse vom betreibungsrechtlichen Existenzminimum</span><br/> <span class="ft4">ausgegangen werden, also von rund CHF 10'000.00 pro Jahr. In Be-</span><br/> <span class="ft4">zug auf die Buchführung wurde festgehalten, dass die Aufzeich-</span><br/> <span class="ft4">nungspflicht mit den eingereichten Unterlagen erfüllt werde. Dabei</span><br/> <span class="ft4">sei zu beachten, dass es sich um eine Nebenerwerbstätigkeit handle.</span><br/> <span class="ft4">2.6.</span><br/> <span class="ft4">Das Gemeindesteueramt R. hält in seiner Vernehmlassung fest,</span><br/> <span class="ft4">die Aufzeichnungen erfüllten die Anforderungen an Geschäftsbücher</span><br/> <span class="ft4">nicht, weshalb eine Einschätzung nach Ermessen erfolgen müsse. Es</span><br/> <span class="ft4">sei nicht bekannt, wann der Vater den Rekurrenten unterstützt habe.</span><br/> <span class="ft4">Die Stiefmutter des Rekurrenten habe auf diese Frage angesprochen</span><br/> <span class="ft4">am Telefon ausgesagt, sie wisse nicht mehr genau, wie hoch die fi-</span><br/> <span class="ft4">nanzielle Unterstützung im Jahr 2011 gewesen sei. Sie hätten einfach</span><br/> <span class="ft4">den Betrag von CHF 12'000.00 eingesetzt. Das Gemeindesteueramt</span><br/> <span class="ft4">R. führt weiter aus, es sei müssig, über die Höhe der Lebenshaltungs-</span><br/> <span class="ft4">kosten eine Aussage zu machen, wenn deren Finanzierung unklar sei.</span><br/> <span class="ft4">Jedoch sprächen die Auslagen für ein Generalabonnement der SBB</span><br/> <span class="ft4">und Kommunikationskosten von rund CHF 2'000.00 pro Jahr gegen</span><br/> <span class="ft4">einen bescheidenen Aufwand.</span><br/> <span class="ft4">3.</span><br/> <span class="ft4">3.1.</span><br/> <span class="ft4">3.1.1.</span><br/> <span class="ft4">Nach § 190 Abs. 1 StG prüft die Steuerbehörde die Steuererklä-</span><br/> <span class="ft4">rung und nimmt die erforderlichen Untersuchungen vor. Hat die steu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">418</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">erpflichtige Person trotz Mahnung ihre Verfahrenspflichten nicht er-</span><br/> <span class="ft4">füllt oder können die Steuerfaktoren mangels zuverlässiger Unterla-</span><br/> <span class="ft4">gen nicht einwandfrei ermittelt werden, wird die Veranlagung nach</span><br/> <span class="ft4">pflichtgemässem Ermessen vorgenommen. Bei der Ermessensveran-</span><br/> <span class="ft4">lagung können Erfahrungszahlen, Vermögensentwicklung und Le-</span><br/> <span class="ft4">bensaufwand der steuerpflichtigen Person berücksichtigt werden</span><br/> <span class="ft4">(§ 191 Abs. 3 StG).</span><br/> <span class="ft4">3.1.2.</span><br/> <span class="ft4">Resultiert aus der Steuererklärung ein Einkommen, das un-</span><br/> <span class="ft4">glaubwürdig ist und "so nicht stimmen kann", drängt sich die Über-</span><br/> <span class="ft4">prüfung durch einen Vermögensvergleich auf. Ergibt dieser, unter</span><br/> <span class="ft4">Berücksichtigung der für den Lebensunterhalt benötigten Mittel, ein</span><br/> <span class="ft4">erhebliches Manko und kann die steuerpflichtige Person nicht nach-</span><br/> <span class="ft4">weisen, dass ein Vermögenszuwachs ganz oder teilweise aus steu-</span><br/> <span class="ft4">erfreien Einkünften resultiert, ist eine Ermessensveranlagung vor-</span><br/> <span class="ft4">zunehmen (VGE vom 23. Januar 2008 in Sachen E.U.</span><br/> <span class="ft4">[WBE.2007.342]; AGVE 2005 S. 124 f., mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft4">3.1.3.</span><br/> <span class="ft4">Bei einem selbständig Erwerbenden ist eine Ermessensveranla-</span><br/> <span class="ft4">gung vorzunehmen, wenn die Buchhaltung nicht ordnungsgemäss</span><br/> <span class="ft4">geführt wurde.</span><br/> <span class="ft4">3.2.</span><br/> <span class="ft4">3.2.1.</span><br/> <span class="ft4">Der Einkommenssteuer unterliegen alle wiederkehrenden und</span><br/> <span class="ft4">einmaligen Einkünfte (§ 25 Abs. 1 StG). Nach dem solchermassen</span><br/> <span class="ft4">formulierten Grundsatz der Gesamtreineinkommenssteuer fallen alle</span><br/> <span class="ft4">Einkünfte, ob wiederkehrend oder einmalig, ob in der Form von Geld</span><br/> <span class="ft4">oder Naturalien, unter den Einkommenssteuerbegriff und unterliegen</span><br/> <span class="ft4">damit der Einkommenssteuer (VGE vom 4. November 2009 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen W. + M.J [WBE. 2009.18]; Kommentar zum Aargauer Steu-</span><br/> <span class="ft4">ergesetz, 3. Auflage, Muri-Bern 2009, § 25 StG N 7). Nicht der Ein-</span><br/> <span class="ft4">kommenssteuer unterliegt unter anderem der Geldzufluss aus von</span><br/> <span class="ft4">Dritten gewährten Darlehen, da damit das Reinvermögen der steuer-</span><br/> <span class="ft4">pflichtigen Person nicht zunimmt (vgl. zur Reinvermögenszugangs-</span><br/> <span class="ft4">theorie: Kommentar zum Aargauer Steuergesetz, a.a.O., § 25 StG</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">419</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">N 4 f.). Ebenso sind Schenkungen nicht der Einkommenssteuer</span><br/> <span class="ft4">unterworfen (§ 33 lit. a StG).</span><br/> <span class="ft4">3.2.2.</span><br/> <span class="ft4">Die Beweislast für das Vorliegen einer Schenkung obliegt als</span><br/> <span class="ft4">steuermindernde Tatsache der steuerpflichtigen Person (VGE vom</span><br/> <span class="ft4">4. November 2009 in Sachen W. + M.J. [WBE.2009.18]).</span><br/> <span class="ft4">3.2.3.</span><br/> <span class="ft4">Nach der Rechtsprechung des aargauischen Verwaltungsgerich-</span><br/> <span class="ft4">tes und des Spezialverwaltungsgerichtes genügen Bestätigungen von</span><br/> <span class="ft4">Familienmitgliedern nicht zum Nachweis von in bar ausgerichteten</span><br/> <span class="ft4">Darlehen oder Schenkungen. Der Zahlungsfluss ist zumindest glaub-</span><br/> <span class="ft4">haft zu machen, zum Beispiel mittels Belegen der Bankbezüge</span><br/> <span class="ft4">(AGVE 2008 S. 349; VGE vom 2. Dezember 2009 in Sachen O.S.</span><br/> <span class="ft4">[WBE.2009.102]).</span><br/> <span class="ft4">3.3.</span><br/> <span class="ft4">3.3.1.</span><br/> <span class="ft4">Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien Anspruch auf</span><br/> <span class="ft4">rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachauf-</span><br/> <span class="ft4">klärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwir-</span><br/> <span class="ft4">kungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechts-</span><br/> <span class="ft4">stellung eines Einzelnen eingreift.</span><br/> <span class="ft4">3.3.2.</span><br/> <span class="ft4">Zum Anspruch auf rechtliches Gehör zählt das Recht der Be-</span><br/> <span class="ft4">troffenen, sich vor Erlass eines in ihre Rechtsstellung eingreifenden</span><br/> <span class="ft4">Entscheids zur Sache zu äussern. Dies setzt voraus, dass sie die voll-</span><br/> <span class="ft4">ständigen Akten kennen können. Es soll verhindert werden, dass die</span><br/> <span class="ft4">Betroffenen durch die Verwendung von ihnen nicht bekannten Ak-</span><br/> <span class="ft4">tenstücken mit den sich daraus ergebenden Tatsachen und Folge-</span><br/> <span class="ft4">rungen überrascht werden. Zieht also die Behörde neue Akten bei,</span><br/> <span class="ft4">die ihr als Entscheidgrundlage dienen, ergibt sich aus der Konse-</span><br/> <span class="ft4">quenz des Äusserungsrechts, dass sie die Betroffenen darüber zu ori-</span><br/> <span class="ft4">entieren hat, jedenfalls soweit diese den Beizug nicht von sich aus</span><br/> <span class="ft4">voraussehen mussten (vgl. VGE vom 7. Dezember 2004 in Sachen</span><br/> <span class="ft4">H. + K.K. [BE.2004.00113]; RGE vom 20. September 2007 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen H. + L.L.).</span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">420</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">3.3.3.</span><br/> <span class="ft4">Zum Anspruch auf rechtliches Gehör bei der Beweiserhebung</span><br/> <span class="ft4">hat das Verwaltungsgericht Folgendes festgehalten (VGE vom 6. Mai</span><br/> <span class="ft4">2008 in Sachen R. + A.J. [WBE.2007.171], mit Hinweis auf</span><br/> <span class="ft4">AGVE 2002, S. 415 f.; siehe auch StE 2009 B 92.51 Nr. 13, mit Hin-</span><br/> <span class="ft4">wiesen):</span><br/> <span class="ft4">"Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs ergibt sich der An-</span><br/> <span class="ft4">spruch der Verfahrensbeteiligten, an der Erhebung wesentlicher Be-</span><br/> <span class="ft4">weise mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äus-</span><br/> <span class="ft4">sern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Münd-</span><br/> <span class="ft4">lich oder telefonisch eingeholte Auskünfte sind nur unter einschrän-</span><br/> <span class="ft4">kenden Bedingungen zulässig und beweistauglich. Jedenfalls müssen</span><br/> <span class="ft4">sie schriftlich in einer Aktennotiz festgehalten werden. Weil sie auch</span><br/> <span class="ft4">so einer Überprüfung durch die Betroffenen nur beschränkt zugäng-</span><br/> <span class="ft4">lich sind, sind sie nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nur</span><br/> <span class="ft4">insoweit zulässig, als damit blosse Nebenpunkte, namentlich Indizien</span><br/> <span class="ft4">und Hilfstatsachen, festgestellt werden. Beziehen sich die Auskünfte</span><br/> <span class="ft4">demgegenüber auf wesentliche Punkte des rechtserheblichen Sach-</span><br/> <span class="ft4">verhalts, ist grundsätzlich die Form einer schriftlichen Anfrage und</span><br/> <span class="ft4">Auskunft oder einer protokollierten mündlichen Einvernahme zu</span><br/> <span class="ft4">wählen.</span><br/> <span class="ft4">Ebenfalls aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör und aus dem</span><br/> <span class="ft4">Beweisführungsrecht ergibt sich die Aktenführungspflicht der Be-</span><br/> <span class="ft4">hörde, also die Pflicht, alles in den Akten festzuhalten, was zur Sache</span><br/> <span class="ft4">gehört und wesentlich ist."</span><br/> <span class="ft4">Weiter wurde ausgeführt, dass die entsprechende Aktennotiz</span><br/> <span class="ft4">den Steuerpflichtigen zur Kenntnis zu bringen sei.</span><br/> <span class="ft4">3.3.4.</span><br/> <span class="ft4">Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur. Wenn</span><br/> <span class="ft4">eine Gehörsverletzung festgestellt wird, ist der angefochtene Ho-</span><br/> <span class="ft4">heitsakt aufzuheben ohne Rücksicht darauf, ob die Anhörung für den</span><br/> <span class="ft4">Ausgang des Verfahrens relevant ist (Ulrich Häfelin/Georg Müller/</span><br/> <span class="ft4">Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Auflage, Zürich/</span><br/> <span class="ft4">Basel/Genf 2010, Rz. 1709 mit weiteren Hinweisen). Trotz der for-</span><br/> <span class="ft4">mellen Natur des Gehörsanspruchs kann ein Mangel in der Gehörs-</span><br/> <span class="ft4">gewährung geheilt werden, wenn die unterlassene Anhörung in ei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Abteilung Steuern</span> <span class="page_no">421</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">nem Rechtsmittelverfahren nachgeholt wird, das eine Prüfung im</span><br/> <span class="ft4">gleichen Umfang wie durch die Vorinstanz erlaubt. Das ist insbeson-</span><br/> <span class="ft4">dere dann geboten, wenn eine Rückweisung zu einem formalisti-</span><br/> <span class="ft4">schen Leerlauf und einer unnötigen Verlängerung des Verfahrens</span><br/> <span class="ft4">führen würde. Das Spezialverwaltungsgericht und das Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft4">gericht folgen dieser Praxis und nehmen im Einzelfall eine Inte-</span><br/> <span class="ft4">ressensabwägung vor, welche darüber entscheidet, ob Verletzungen</span><br/> <span class="ft4">des Anspruches auf rechtliches Gehör durch die Rechtsmittelinstanz</span><br/> <span class="ft4">geheilt werden sollen oder ob eine Rückweisung an die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft4">erfolgt (AGVE 2004 S. 158 ff.; RGE vom 19. November 2009 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen A. + J.E.; RGE vom 25. September 2008 in Sachen U. +</span><br/> <span class="ft4">G.W.).</span><br/> <span class="ft4">3.4.</span><br/> <span class="ft4">Die Steuerkommission R. hat in der Veranlagungsverfügung</span><br/> <span class="ft4">eine Aufrechnung "fehlende Mittel Lebenshaltung" von</span><br/> <span class="ft4">CHF 9'665.00 vorgenommen. Dabei ist unklar, gestützt auf welche</span><br/> <span class="ft4">Rechtsgrundlage diese Aufrechnung vorgenommen wurde. Obwohl</span><br/> <span class="ft4">die Veranlagung nicht als Ermessensveranlagung bezeichnet wurde,</span><br/> <span class="ft4">ist eine solche denkbar, da nach Ansicht der Steuerkommission R.</span><br/> <span class="ft4">keine ordnungsgemässe Buchhaltung vorliegt. Möglich wäre auch</span><br/> <span class="ft4">eine Ermessensaufrechnung aufgrund einer Vermögensvergleichrech-</span><br/> <span class="ft4">nung, wobei sich keine entsprechende Berechnung bei den Akten be-</span><br/> <span class="ft4">findet. Schliesslich ist es vorstellbar, dass die Steuerkommission R.</span><br/> <span class="ft4">die Schenkungen des Vaters nicht anerkannte und die grundsätzlich</span><br/> <span class="ft4">anerkannten Mittelzuflüsse (teilweise) als Einkommen aufrechnete.</span><br/> <span class="ft4">In diesen Fällen hätte die Steuerkommission R. indes nicht ohne</span><br/> <span class="ft4">weitere Abklärungen im Veranlagungsverfahren direkt eine Aufrech-</span><br/> <span class="ft4">nung vornehmen dürfen. Bei einer Ermessensveranlagung wegen un-</span><br/> <span class="ft4">genügender Buchführung fehlt es insbesondere an der Aufforderung</span><br/> <span class="ft4">(und Mahnung) zur Einreichung einer korrekten Buchhaltung. Eine</span><br/> <span class="ft4">allfällige Vermögensvergleichsrechnung wiederum ist dem Rekurren-</span><br/> <span class="ft4">ten nicht vorgängig zur Stellungnahme zugestellt worden. Bei einer</span><br/> <span class="ft4">Nichtanerkennung der Schenkung schliesslich wurde der ent-</span><br/> <span class="ft4">sprechende Nachweis vom Rekurrenten nicht einverlangt. Hinzu</span><br/> <span class="ft4">kommt allgemein, dass der Rekurrent nicht aufgefordert wurde, sich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">422</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">zur Höhe seiner Lebenshaltungskosten zu äussern. Damit wurde der</span><br/> <span class="ft4">Anspruch auf rechtliches Gehör des Rekurrenten verletzt.</span><br/> <span class="ft4">Im Einspracheverfahren wurde durch die Steuerkommission R.</span><br/> <span class="ft4">keine Stellungnahme zur Schenkung bzw. zu den Lebenshaltungs-</span><br/> <span class="ft4">kosten eingeholt. Dennoch wurde im Einspracheentscheid ausge-</span><br/> <span class="ft4">führt, der Rekurrent habe sich dazu nicht konkret geäussert. Die Ver-</span><br/> <span class="ft4">letzung des rechtlichen Gehörs wurde damit nicht geheilt. Zudem</span><br/> <span class="ft4">blieb weiterhin unklar, ob die Steuerkommission R. die Schenkung</span><br/> <span class="ft4">anerkannte und darüber hinaus eine Ermessensaufrechnung vorge-</span><br/> <span class="ft4">nommen hat, oder ob sie einen Teil der Schenkung (CHF 9'665.00</span><br/> <span class="ft4">von CHF 12'000.00) nicht anerkannte.</span><br/> <span class="ft4">Die Vernehmlassung des Gemeindesteueramtes R. im Rekurs-</span><br/> <span class="ft4">verfahren ist ebenfalls nicht klärend. Völlig unverständlich ist, dass</span><br/> <span class="ft4">vom Rekurrenten keine Stellungnahme zur Schenkung und zu den</span><br/> <span class="ft4">Lebenshaltungskosten eingeholt wurde, die Steuerkommission R.</span><br/> <span class="ft4">sich stattdessen aber telefonisch mit der Stiefmutter des Rekurrenten</span><br/> <span class="ft4">in Verbindung setzte. Eine Aktennotiz zu diesem Telefonat liegt nicht</span><br/> <span class="ft4">bei den Akten. So ist unklar, in welchem Zeitpunkt es erfolgte. Auch</span><br/> <span class="ft4">eine Zustellung an den Rekurrenten zur Stellungnahme erfolgte</span><br/> <span class="ft4">offensichtlich nicht. Damit liegt eine erneute Verletzung des Anspru-</span><br/> <span class="ft4">ches auf rechtliches Gehör des Rekurrenten vor.</span><br/> <span class="ft4">(...)</span><br/> <span class="ft4">3.5.</span><br/> <span class="ft4">Unklar ist weiter, wie die Steuerkommission R. die Aufrech-</span><br/> <span class="ft4">nung bzw. die Höhe der Lebenshaltungskosten berechnete. Fraglich</span><br/> <span class="ft4">ist hier wiederum, ob die Schenkung anerkannt wurde oder nicht.</span><br/> <span class="ft4">3.6.</span><br/> <span class="ft4">Der Anspruch auf rechtliches Gehör des Rekurrenten wurde da-</span><br/> <span class="ft4">mit durch die Steuerkommission R. mehrfach verletzt.</span><br/> <span class="ft4">Zudem ist es nicht möglich, den Einspracheentscheid der Steu-</span><br/> <span class="ft4">erkommission R. materiell zu überprüfen, da weder die Rechtsgrund-</span><br/> <span class="ft4">lage der Aufrechnung noch deren Berechnung bekannt ist.</span><br/> <span class="ft4">Im Ergebnis ist der Einspracheentscheid der Steuerkommission</span><br/> <span class="ft4">R. aufzuheben. Die Angelegenheit wird zur erneuten Durchführung</span><br/> <span class="ft4">des Einspracheverfahrens im Sinne der Erwägungen an die Steuer-</span><br/> <span class="ft4">kommission R. zurückgewiesen.</span><br/></div> </div> </body> </html>