B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3457/2019 U r t e i l v o m 11 . J u l i 2 0 1 9 Besetzung Einzelrichterin Susanne Genner, mit Zustimmung von Richter Markus König; Gerichtsschreiber Rudolf Grun. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Ver- fahren); Verfügung des SEM vom 27. Juni 2019 / […]. F-3457/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Gemäss eigenen Angaben verliess die Beschwerdeführerin ihren Heimat- staat am 27. Mai 2019, gelangte über Deutschland (Frankfurt) am 11. Juni 2019 in die Schweiz und ersuchte am 12. Juni 2019 im Bundesasylzentrum in Zürich um Asyl. Dabei reichte sie nebst ihrem syrischen Reisepass im Original auch einen Aufenthaltstitel aus Spanien zu den Akten (ausgestellt am 5. Juni 2018, gültig bis 9. Mai 2023). B. Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 21. Juni 2019 gewährte das SEM der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichtein- tretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Spanien, welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol- gend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung ihres Asylgesuchs zuständig sei. Sie machte geltend, dass sie im November 2017 von ihrem Ehemann, der in Spanien anerkannter Flüchtling sei, nach Spanien nach- geholt worden sei. Damals habe sie zunächst einen Aufenthaltstitel für zwei Jahre erhalten. Da ihr Mann sie täglich geschlagen und vergewaltigt habe, habe sie ihn nach sechs Monaten bei der Polizei angezeigt. Sie habe dann einige Zeit in einem Frauenhaus verbracht. Sie händigte der Vorinstanz ein Gerichtsurteil der spanischen Behörden aus, wonach sich ihr Mann nicht nähern dürfe. Als sie sich vom Ehemann habe trennen wollen, habe sie eine fünfjährige Aufenthaltsbewilligung erhalten. Im Juli 2018 sei sie nach Syrien zurückgereist. Sie hätte dort einen siebzigjährigen Mann heiraten sollen, damit sie keine Probleme mit der syrischen Regierung bekäme. Am 27. Mai 2019 sei sie dann von Syrien nach Frankfurt geflogen, wo sie von einer Freundin angerufen und gew arnt worden sei, dass zwölf Männer in Spanien auf sie warten würden, um sie umzubringen. Sie habe sehr grosse Angst vor ihrer Familie und derjenigen ihres Mannes, welche in Spanien lebe. Zu ihrem Gesundheitszustand gab die Beschwerdeführerin an, sie habe Augenschmerzen (sie sei an den Augen operiert worden). Ausserdem habe sie Magenschmerzen vom Stress. Sie würde in der Unterkunft einen (ärztlichen) Termin vereinbaren. Am 25. Juni 2019 diagnostizierte die untersuchende Ärztin bei der Be- schwerdeführerin Kopfschmerzen und Sodbrennen. Sie äusserte den Ver- dacht auf eine mittelgradige depressive Störung , differenzialdiagnostisch F-3457/2019 Seite 3 auf eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) und ordnete die An- meldung bei einem Psychiater an (vgl. SEM-act 27/3). C. Am 25. Juni 2019 ersuchte das SEM die spanischen Behörden um Über- nahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO. Die spanischen Behörden hiessen das Ersuchen am 26. Juni 2019 gut. D. Mit Verfügung vom 27. Juni 2019 (eröffnet am 1. Juli 2019) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl- gesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte ihre Überstellung nach Spanien und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Be- schwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kanton Zürich mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte der Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschie- bende Wirkung zukomme. E. Mit Beschwerde vom 5. Juli 2019 an das Bundesverwaltungsgericht beantragte die Beschwerdeführerin, die angefochtene Verfügung sei auf- zuheben und die Sache sei zur rechtsgenüglichen Erstellung des Sachver- halts wegen Verletzung der Untersuchungspflicht an die Vorinstanz zurück- zuweisen, eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen , auf ihr Asylgesuch einzutreten bzw. sich gestützt auf Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) für das vorliegende Asylverfahren als zuständig zu erklären, subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen bezüglich Anonymität und Opferschutz sowie adäquater medizinischer Versorgung und Unterbringung von den spani- schen Behörden einzuholen. In prozessualer Hinsicht beantragte die Beschwerdeführerin die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und die Anweisung an die Vollzugsbehörden, von einer Überstellung nach Spanien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über das vorliegende Rechtsmitte l ent- schieden habe. Zudem sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ihr die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren sowie eine angemessene Parteientschädigung zuzusprechen. Auf die Begründung wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägungen ein- gegangen. F-3457/2019 Seite 4 F. Am 8. Juli 2019 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus. Ebenfalls am 8. Juli 2019 trafen die vorinstanzlichen Akten beim Bundes- verwaltungsgericht ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG; Art. 31 und 33 Bst. d VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig(Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 52 VwVG). Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungs- adressatin zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vori nstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3. Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu- ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb auf einen F-3457/2019 Seite 5 Schriftenwechsel zu verzichten und der Beschwerdeentscheid nur summa- risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. 4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kr iterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän- digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An- nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An- tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu- ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän- dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglie dstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 4.3. Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge- stellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 2 9 Dublin-III-VO aufzuneh- men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO). F-3457/2019 Seite 6 4.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell- ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbseintrittsrecht). Diese Bestim- mung ist nicht unmittelbar anwendbar, sondern kann nur in Verbindung mit einer anderen Norm des nationalen oder internationalen Rechts angerufen werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 5). Droht ein Verstoss gegen übergeordnetes Recht, zum Beispiel gegen eine Norm des Völkerrechts, so besteht ein einklagbarer Anspruch auf Aus- übung des Selbste intrittsrechts (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2). Die Schweiz ist demnach zum Selbsteintritt verpflichtet, wenn andernfalls eine Verlet- zung des Non -Refoulement-Gebots nach Art. 33 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), Art. 3 EMRK, Art. 7 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politi- sche Rechte (UNO-Pakt II, SR 0.103.2) oder Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschli- che oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) droht (Ur- teil des BVGer D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.2.4). 5. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden grundsätzlich kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). Den vorliegenden Akten ist zu entnehmen, dass die spanischen Behörden der Beschwerdeführerin am 5. Juni 2018 eine Auf- enthaltsbewilligung (gültig bis 9. Mai 2023) erteilten. Daraus ergibt sich ge- mäss den Kriterien der Dublin -III-VO die Zuständigkeit Spaniens für die Durchführung ihres Asylverfahrens (vgl. Art. 12 Dublin-III-VO). Die spani- schen Behörden stimmten der Übernahme der Beschwerdeführerin zu, wo- mit die Zuständigkeit Spaniens grundsätzlich gegeben ist. Dies wird in der Beschwerde auch nicht bestritten. 6. 6.1. Das SEM begründete seinen Entscheid im Übrigen damit, dass Spa- nien sowohl Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention) als auch der EMRK sei. Es würden keine konkreten Anhaltspunkte dafür vorliege n, dass sich Spanien nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halten und das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführen würde. Es sei nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei einer Überstel- lung nach Spanien im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO und Art. 3 EMRK gravierenden Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, in eine F-3457/2019 Seite 7 existenzielle Notlage geraten oder ohne Prüfung ihres Asylgesuchs und unter Verletzung des Non-Refoulement-Gebots in ihren Heimats- oder Her- kunftsstaat überstellt werde. In Bezug auf die geltend gemachte Angst vor ihrem Mann und dessen Fa- milienangehörigen ("sie würden sie umbringen") führte die Vorinstanz aus, dass Spanien ein Rechtsstaat sei, welcher über eine funktionierende Poli- zeibehörde verfüge, die sowohl schutzwillig als auch schutzfähig sei. Die spanischen Behörden hätten denn auch schon Massnahmen zum Schutz der Beschwerdeführerin getroffen. Zudem habe sie in Spanien in einem Frauenhaus Zuflucht gefunden. Im Hinblick auf die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin hielt das SEM fest, dass Spanien über eine ausreichende medizinische Inf- rastruktur verfüge und verpflichtet sei, ihr die erforderliche medizinische Versorgung, welche zumindest die Notversorgung und die unbedingt erfor- derliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störun- gen umfasse, zu gewähren. Es würden keine Hinweise vorliegen, wonach Spanien der Beschwerdeführerin eine medizinische Behandlung verwei- gert hätte oder zukünftig verweigern würde. 6.2. In ihrer Rechtsm itteleingabe bringt die Beschwerdeführerin im We- sentlichen vor, die Vorinstanz habe ihre Verfahrensrechte in schwerwie- gendem Masse verletzt und angesichts ihres psychischen Zustandes eine fehlerhafte materielle Beurteilung der Zulässigkeit ihrer Rückführung nach Spanien vorgenommen. Insbesondere sei die häusliche Gewalt durch den Ex-Ehemann in Spanien durch die vorgelegten Akten erstellt. Auch aner- kenne die Vorinstanz, dass der Aufenthaltsort der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Spanien weder dem Ex-Ehemann noch seiner Fami- lie oder der eigenen Familie bekannt gegeben werden dürfe. Die Vor - instanz habe es jedoch unterlassen, die Auswirkungen einer Überstellung auf den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin – insbesondere eine mögliche Re -Traumatisierung – korrekt zu prüfen. Die aktenkundigen schwerwiegenden traumatischen Erlebnisse in Spanien und der ärztliche Bericht vom 25. Juni 2019 würde n darauf hinweisen, dass eine Rückkehr in Bezug auf den psychischen Gesundheitszustand der Beschwerdeführe- rin zu einer massiven Verschlechterung führen würde. Angesichts dieser Hinweise – die Beschwerdeführerin sei für den 16. Juli 2019 beim Psychi- ater zur weiteren Abklärung angemeldet worden – hätte die Vorinstanz zu- mindest die psychiatrische Abklärung abwarten und eine ärztliche Stellung- nahme zur psychischen Situation der Beschwerdeführerin einholen müs- sen. Auch wäre eine zusätzliche Befragung der Beschwerdeführerin zu den Traumatisierungen in Spanien angezeigt gewesen. Indem das SEM ohne F-3457/2019 Seite 8 Not nur zwei Tage nach dem Arztbesuch den Entscheid verfasst habe, habe es den rechtserheblichen Sachverhalt ungenügend abgeklärt. 7. 7.1. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichtes führt eine Überstellung in einen Dublin -Mitgliedstaat unter dem Aspekt der gesund- heitlichen Situation einer schutzsuchenden Person nur unter ganz ausser- gewöhnlichen Umständen zur Annahme eines Verstosses gegen Art. 3 EMRK, nämlich dann, wenn gewichtige Gründe dafür sprechen, dass eine tatsächliche Gefahr (real risk) einer solchen Verletzung besteht (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H.; Urteile des EGMR A.M. gegen Schweiz vom 3. November 2015, 37466/13, § 17; A.S. gegen Schweiz vom 30. Juni 2015, 3935 0/13, § 25 ff.). Ausgehend von seiner bisherigen Rechtspre- chung hat der EGMR hinsichtlich der Anforderungen an die Abschiebung schwerkranker Personen im Urteil P . gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, 41738/10, präzisierend festgehalten, eine Abschiebung sei nicht nur unzulässig, wenn der Tod der abzuschiebenden ausländischen Person un- mittelbar bevorstehe. Besondere Ausnahmefälle, die einer Abschiebung entgegenstehen könnten, seien auch dann anzunehmen, wenn schwer- kranken Personen im Falle einer Abschiebung eine baldige und wesentli- che Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes drohe (§ 183 ff.). Im Hinblick auf die anerkanntermassen geforderte Schwere der Beeinträchti- gung, die der EGMR für die Anwendbarkeit von Art. 3 EMRK unter dem Aspekt gesundheitlicher Gründe voraussetzt, verweist der EGMR explizit auf die Umstände des jeweiligen Einzelfalles (u.a. A.M.E. gegen Nieder- lande vom 13. Januar 2015, 51428/10, § 28 und A.S. a.a.O § 26). 7.2. Gemäss dem Bericht vom 25. Juni 2019 diagnostizierte die untersu- chende Ärztin bei der Beschwerdeführerin eine mittelgradige depressive Episode (ICD Code F32.1) und stellte die Differenzialdiagnose einer Post- traumatischen Belastungsstörung (PTSD). Ferner leidet die Beschwerde- führerein an Kopfschmerzen im Rahmen der psychischen Belastung (ICD Code R51). Zur psychischen Entspannung und zur Verbesserung des psy- chischen Wohlbefindens wurden ihr Medikamente (Relaxane und Redor- mine) verschrieben. Gleichzeitig meldete die untersuchende Ärztin die Be- schwerdeführerin für den 16. Juli 2019 b eim Psychiater zur weiteren Ab- klärung an. 7.3. Angesichts der – auch von der Vorinstanz unbestrittenen – Vorge- schichte (in Spanien erlittene Misshandlungen) und des ärztlichen Berichts vom 25. Juni 2019 geht auch das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass d er Beschwerdeführerin im Falle einer Überstellung nach Spanien F-3457/2019 Seite 9 eine wesentliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes drohen könnte, welche möglicherweise die geforderte Schwere der Beeinträchti- gung für die Anwendbarkeit von Art. 3 EMRK erfüllt. In die sem Fall wäre die Überstellung der Beschwerdeführerin mit den von der Schweiz einge- gangen völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht vereinbar. Auf die medizini- sche Situation in Spanien kommt es dabei nicht in erster Linie an. Insbe- sondere ist mit der Vorinstanz einig zu gehen, dass keine Hinweise vorlie- gen, wonach Spanien eine entsprechende medizinische Behandlung ver- weigert hätte oder zukünftig verweigern würde. Es stellt sich jedoch im kon- kreten Einzelfall die Frage, ob die zu erwartenden medizinischen Konse- quenzen für die Beschwerdeführerin bei einer Überstellung nach Spanien mit Art. 3 EMRK vereinbar wären (zur Verletzung von Art. 3 EMRK im Zu- sammenhang mit einer massiven psychischen Destabilisierung und Ver- schlechterung des Gesundheitszustandes bei einer Überstellung in einen Staat, in welchem die traumatisierenden Ereignisse stattgefunden haben, vgl. Urteil des BVGer D-768/2018 vom 21. März 2018 E. 6.1 ff.). 7.4. Die Frage, ob vorliegend mit einer Überstellung der Beschwerdeführe- rin nach Spanien Art. 3 EMRK verletzt würde, kann aufgrund der derzeiti- gen Aktenlage nicht abschliessend beantwortet werden. Zuerst ist die im ärztlichen Bericht vom 25. Juni 2019 angeordnete psychiatrische Begut- achtung abzuwarten. Gegebenenfalls sind auch noch weitere Abklärungen vorzunehmen, wobei diese weiterführenden Abklärungen den Rahmen des Beschwerdeverfahrens sprengen würden. Dies ist grundsätzlich Sache der Vorinstanz, die dies vor Erlass der Verfügung unterlassen hat . Zwar hatte die Vorinstanz zum Zeitpunkt des Erlasses der an gefochtenen Verfügung noch keine Kenntnis vom ärztlichen Bericht. Dieser gelangte nämlich erst am 1. Juli 2019 in die Akten. Die Vorinstanz wäre aber schon aufgrund des von der Beschwerdeführerin am 21. Juni 2019 geschilderten Sachverhalts verpflichtet gewesen, die bereits damals angekündigte ärztliche Untersu- chung abzuwarten. Indem sie dies nicht tat und ohne Kenntnisnahme der Ergebnisse der ärztlichen Untersuchung auf das Asylgesuch der Be- schwerdeführerin nicht eintrat und ihre Wegweisung nach Spanien anord- nete, hat sie den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig festgestellt (vgl. Art. 49 Bst. b VwVG). Dies gilt gleichermassen für die Frage, ob hu- manitäre Gründe i.S.v. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vorliegen: Auch diesbezüg- lich wird in der angefochtenen Verfügung nur die Behandelbarkeit der Be- schwerden in Spanien thamatisiert, nicht aber die Frage der Re-Traumati- sierung. Der Ermessensspielraum in diesem Bereich entbindet die Vori- natanz nicht davon, ärztliche Berichte auch in diesem Licht zu würdigen. F-3457/2019 Seite 10 8. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 27. Juni 2019 aufzuheben und die Sache in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG zwecks Vornahme der erforderlichen Abklärungen und anschliessender Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Bei diesem Ergebnis erübrigt es sich, auf die Eventualbegehren der Be- schwerdeführerin und die weitere Begründung einzugehen. 9. Mit dem vorliegenden Urteil werden das Gesuch um Erteilung der aufschie- benden Wirkung der Beschwerde sowie der am 8. Juli 2019 angeordnete Vollzugsstopp gegenstandslos. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), weshalb es sich erübrigt, über das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung zu befinden. Eine Parteient- schädigung ist der Beschwerdeführerin nicht zuzusprechen. Zwar hat sie die von ihr unterschriebene Beschwerde offensichtlich nicht selbst verfasst. Mangels ausgewiesener Rechtsvertretung dü rften ihr dabei jedoch keine notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) erwachsen sein. (Dispositiv nächste Seite) F-3457/2019 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung vom 27. Juni 2019 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Susanne Genner Rudolf Grun Versand: