B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4377/2017 U r t e i l v o m 1 5 . M a i 2 0 1 8 Besetzung Richterin Esther Marti (Vorsitz), Richter Simon Thurnheer, Richter Jean-Pierre Monnet, Gerichtsschreiber Peter Jaggi. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, amtlich verbeiständet durch lic. iur. Okan Manav, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 30. Juni 2017 / N (…). E-4377/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess Afghanistan eigenen Angaben zufolge im (…) oder (…) (…) und gelangte am 14. Dezember 2015 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 4. Januar 2016 wurde er im Emp- fangs- und Verfahrenszentrum B._______ summarisch zu seiner Person befragt (BzP; Protokoll in den SEM-Akten […]) und nach Beendigung des Dublin-Verfahrens am 6. Juni 2017 zu seinen Asylgründen angehört (An- hörung; Protokoll in den SEM-Akten […]). Zur Begründung führte er im Wesentlichen an, er sei afghanischer Staats- angehöriger (…) Glaubens und ethnischer (...) aus Kabul, wo er geboren sei und bis zu seinem (…) oder (…) Lebensjahr zusammen mit seinen El- tern und Geschwistern (…) gelebt habe. Danach hätten sie (…) oder (…) Jahre im Dorf C._______ (phonetisch) im Bezirk D._______ in der Provinz E._______ gewohnt. (…) oder (…) sei er zusammen mit seiner Familie nach Kabul zurückgekehrt, weil sein Vater dort gearbeitet habe. Die Schule habe er in (…) (Provinz E._______) und danach in Kabul besucht. Nach dem Schulabbruch in der (…) Klasse sei er in Kabul bis zu seiner Ausreise verschiedenen bezahlten Tätigkeiten nachgegangen. So habe er unter an- derem in den Bereichen (…) und in einer (…), zuletzt als (…) im (…)dienst seines Vaters, gearbeitet. Ungefähr (…) habe sein Vater in Kabul bei einer von Kanadiern und Europäern unterstützen Firma namens (…) eine Arbeit als (…) und danach als (…) angenommen. (…) Jahr später hätten sich un- bekannte bewaffnete Personen in Zivil im Bezirk D._______ bei Cousins seines Vaters, deren Enkelkindern und anderen Dorfbewohnern nach sei- ner Familie und auch nach ihm (Beschwerdeführer) erkundigt. Nach ent- sprechenden Recherchen sei die Suche bestätigt worden. Er vermute, dass sein Vater aufgrund seiner Tätigkeit von entfernten Familienmitglie- dern aus Neid oder Eifersucht bei (…) denunziert worden sei. Nach der (…) erfolgten Schliessung der Firma habe sein Vater einen (…) gekauft und zusätzlich einen (…)laden eröffnet. Seine Familie habe in Kabul selber keine Probleme gehabt. Die Lage in Afghanistan sei jedoch allgemein un- sicher. Für (…) sei es lediglich in Kabul möglich, unbehelligt zu leben. Die dortige Situation habe sich jedoch zunehmend verschlechtert, weil immer mehr Leute auf der Suche nach Sicherheit und einer Arbeit nach Kabul gezogen seien. Er habe keinen spezifischen Beruf erlernen können, son- dern immer Gelegenheitsarbeiten nachgehen müssen. Zudem vermute er, auch in Kabul von feindlich gesinnten Verwandten, die ebenfalls dort leb-E-4377/2017 Seite 3 ten, gesucht worden zu sein. (…) oder (…) habe er auf eigene Faust er- folglos einen Ausreiseversuch unternommen. Danach sei er nach Kabul zurückgekehrt und habe wieder im Betrieb seines Vaters gearbeitet. Im (…) oder (…) (…) sei er schliesslich mit der Einwilligung seines Vaters ausge- reist. B. Mit am 5. Juli 2017 eröffneter Verfügung vom 30. Juni 2017 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung führte es aus, er habe sein behauptetes Alter nicht glaubhaft machen können, weshalb sein mutmassliches Ge- burtsdatum praxisgemäss auf den (…) angepasst worden sei. Seine Vor- bringen vermöchten den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht zu genügen. Da sein Asylgesuch abgelehnt werde, sei er grundsätzlich zur Ausreise aus der Schweiz verpflichtet. Er erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, weshalb der Grundsatz der Nichtrückschiebung nicht zur Anwendung gelange. Ferner ergäben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass ihm im Falle einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Seine Furcht vor Verfolgung durch (…) in Kabul beruhe ausschliesslich auf Mutmassungen und sei des- halb in objektiver Hinsicht nicht begründet. Die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Kabul wurde damit be- gründet, dass eine Rückkehr nach Kabul gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts nicht generell unzumutbar sei; unter begünsti- genden Umständen könne sie – auch im Sinne einer allfälligen Aufenthalts- alternative – als zumutbar erkannt werden. Der Beschwerdeführer stamme aus Kabul und habe dort den Grossteil seines Lebens gewohnt. Er sei ein junger, gesunder Mann mit (…) und Arbeitserfahrung in verschiedenen Be- reichen. Er verfüge in Kabul über intakte und tragfähige Familienverhält- nisse. Sein Vater führe einen (…)- und (…)betrieb, in dem er bis kurz vor seiner Ausreise tätig gewesen sei. Somit sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Kabul in eine existenzbedrohende Situation gera- ten sollte. Demzufolge erweise sich der Vollzug der Wegweisung auch in individueller Hinsicht als zumutbar. Er sei ausserdem technisch möglich und praktisch durchführbar. C. Mit Rechtsmitteleingabe vom 4. August 2017 gelangte der Beschwerdefüh- rer durch seinen Rechtsvertreter an das Bundesverwaltungsgericht und E-4377/2017 Seite 4 beantragte in materieller Hinsicht unter Aufhebung der Dispositivziffern 4 und 5 dieser Verfügung die Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs und als Folg e davon die Anordnung der vorläufigen Auf- nahme. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Bewilligung der unent- geltlichen Prozessführung und die Bestellung eines amtlichen Rechtsbei- standes in der Person seines Rechtsvertreters. Als Beilagen liess er nebst einer Vollmacht eine Schnellrecherche der Schweizerischen Flüchtlings- hilfe (SFH) vom 19. Juni 2017 zur Sicherheitslage in der Stadt Kabul und einen weiteren Bericht der SFH vom 22. März 2017 zur Situation in Afgha- nistan einreichen. Auf die Begründung der Rechtsbegehren und die eingereichten Doku- mente wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachfolgenden Er- wägungen eingegangen. D. Mit Zwischenverfügung vom 17. August 2017 teilte die Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer mit , er dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Den Entscheid über die Anträge auf Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und auf Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistandes in der Person des Rechtsvertreters (Art. 110a Abs. 1 AsylG) verlegte sie auf einen späteren Zeitpunkt und ver- zichtete vorbehältlich des Nachreichens des in der Beschwerde in Aussicht gestellten Bedürftigkeitsnachweises bis am 1. September 2017 auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses. E. Mit Eingabe vom 18. August 2017 reichte der Beschwerdeführer eine Un- terstützungsbestätigung vom 17. Juli 2017 zu den Akten. F. Mit Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2017 hiess die Instruktionsrichterin unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses die Anträge auf Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und amtliche Rechtsverbeiständung – unter Vorbehalt einer nach- träglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdefüh- rers – gut und bestellte den Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand im Sinne von Art. 110a Abs. 1 AsylG. Die Vorinstanz lud sie ein, sich bis am 17. Oktober 2017 zur Beschwerde vernehmen zu lassen. E-4377/2017 Seite 5 G. Das SEM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 16. Oktober 2017, die dem Beschwerdeführer am 19. Oktober 2017 zur Kenntnis gebracht wurde, die Abweisung der Beschwerde. H. H.a In ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom 28. November 2017 hielt die Vorinstanz an der angefochtenen Verfügung fes t. Zur Begründung führte sie aus, die im Referenzurteil D -5800/2016 vom 13. Oktober 2017 erwähnten begünstigenden Umstände seien vorliegend zu bejahen. Der Beschwerdeführer stamme aus Kabul und habe dort den Grossteil seines Lebens gewohnt, so auch die letzten Jahre vor seiner Ausreise aus Afgha- nistan. Er sei jung, gesund und verfüge über Arbeitserfahrung in verschie- denen Bereichen. Zudem habe er ein intaktes und tragfähiges familiäres Beziehungsnetz, das ihm bei seiner sozialen und wirtschaftlichen Rein- tegration unterstützend zur Seite stehen könne. Sein Vater führe in Kabul einen (…)- und (…)betrieb, in dem der Beschwerdeführer bis kurz vor sei- ner Ausreise tätig gewesen sei. H.b In der Replik vom 15. Dezember 2017 wurde an den gestellten Rechts- begehren festgehalten. Zur Begründung wurde im Wesentlichen unter Ver- weis auf die Rechtsprechung des Gerichts ausgeführt, Kabul könne keine innerstaatliche Fluchtalternative (recte: Aufenthaltsalternative) sein . Das SEM habe Kabul im Wegweisungspunkt unter Ziff. (…) sowohl als inner- staatliche Flucht- als auch Aufenthaltsalternative bezeichnet. Es bleibe im Dunkeln, inwiefern man daraus etwas für die Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs nach Kabul ableiten könne. Es sei aber anzunehmen, dass auch die Vorinstanz Kabul im bes ten Fall lediglich als Aufenthaltsalterna- tive betrachte, zumal der Beschwerdeführer aus der Provinz E._______ und nicht aus Kabul komme. Die Anforderungen an die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss dem Referenzurteil seien unzureichend ge- prüft worden. Die Situation der in Kabul verbliebenen Familie müsse selbst- verständlich zu Ungunsten der Zumutbarkeit gewertet werden. Zwar werde nicht in Abrede gestellt, dass der Beschwerdeführer während seiner Schul- zeit einige Bekanntschaften gepflegt habe. Heute aber könnten diese Per- sonen ohne Beleg nicht ernsthaft als tragfähiges soziales Beziehungsnetz bezeichnet werden. Es handle sich dabei bestenfalls um „lose Kontakte zu Bekannten“ im Sinne der Rechtsprechung, bei denen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen und die Unterbringung ungeklärt seien. E-4377/2017 Seite 6 Der Beschwerdeführer meine nun, dass seine Familie in Kabul in einer sehr prekären Situation lebe. Sein Vater sei alt und schwach. Er sei nicht mehr in der Lage, sein eigenes (…)- und (…)geschäft aufrecht zu erhalten. Seit Jahren schreibe sein Geschäft nur noch Verluste. Hinzu komme, dass sich die zahlreichen Anschläge in Kabul sehr negativ auf den Betrieb ausgewirkt hätten. So habe der (…) des Beschwerdeführers bereits aus Afghanistan flüchten müssen und befinde sich nun seit (…) in (…). Die noch in Kabul wohnhafte Familie (…) plane ebenfalls ihre Ausreise. Der Vater habe sein Geschäft mittlerweile gänzlich aufgeben müssen. Die Familie sei auf die finanzielle Unterstützung der sich bereits im Ausland befindenden (…) an- gewiesen. Sie schaffe es nur knapp, die Miete für die Wohnung in Kabul zu bezahlen. Es könne deshalb nicht von einem tragfähigen Beziehungs- netz ausgegangen werden. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. E-4377/2017 Seite 7 2. Mit Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht können im Asylbereich die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschrei- ten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländerrechts richtet sich die Kognition nach Art. 49 VwVG, weshalb die Rüge der Unangemessenheit in diesem Bereich zuge- lassen wird (Art. 112 AuG [SR 142.20]; BVGE 2014/26 E. 5). 3. Die Beschwerde richtet sich entsprechend de n Rechtsbegehren aus- schliesslich gegen den Vollzug der Wegweisung. Die Ziffern 1 (Verneinen der Flüchtlingseigenschaft), 2 (Ablehnung des Asylgesuchs) und 3 (Weg- weisung aus der Schweiz) sind mangels Anfechtung in Rechtskraft erwach- sen. 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 4.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AuG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent- gegenstehen. Vorliegend wurde rechtskräftig festgestellt, dass der Be- schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt. Das flüchtlings- rechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist deshalb nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzu- ges beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völker- rechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschli- che oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). E-4377/2017 Seite 8 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er- geben sich konkrete Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus- schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei- sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124– 127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit als zulässig. 4.3 4.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. 4.3.2 Im Referenzurteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 hat das Bun- desverwaltungsgericht eine neue Lageeinschätzung zu Afghanistan, ins- besondere auch zu Kabul, vorgenommen. Daraus ergibt sich eine seit BVGE 2011/7 nochmals deutlich verschlechterte Sicherheitslage über alle Regionen hinweg. Das Gericht erkennt in der schlechten Sicherheitslage und den schwierigen humanitären Bedingungen eine existenzbedrohende Situation und qualifiziert den Wegweisungsvollzug dorthin somit nach wie vor als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG. Hingegen sei die Si- cherheitslage und die allgemeine humanitä re Situation in Kabul aus ver- schiedenen Gründen differenziert und gesondert zu analysieren (a.a.O. E. 8.2 f.). Auch in Kabul habe sich die Situation im Vergleich zu der in BVGE 2011/7 beschriebenen klar verschlechtert und sei grundsätzlich existenz- bedrohend. Von dieser Beurteilung könne abgewichen werden, wenn be- sonders begünstigende Faktoren vorl ägen, aufgrund derer ausnahms- weise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausgegangen werden könne (a.a.O. E. 8.4). Solche günstigen Voraussetzungen seien grundsätzlic h namentlich dann gegeben, wenn es sich bei der rückkehrenden Person um einen jungen, gesunden Mann handle. Unabdingbar sei in jedem Fall ein soziales Netz, E-4377/2017 Seite 9 das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung als tragfä- hig erweise. Es müsse insbe sondere eine angemessene Unterkunft, die Grundversorgung sowie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegra- tion bieten können. Alleine aufgrund loser Kontakte zu Bekannten, Ver- wandten oder auch Mitgliedern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen sowie die Unterbringung ungeklärt seien, sei nicht von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. Es liege in der Natur der Sache, dass bei Personen, bei welchen Kabul ledig- lich eine Aufenthaltsalternative darstelle , und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt hätten, eine Bejahung eines solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grösserer Zurückhaltung bedürfe. Für die Beurteilung sei ebenso relevant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfüge, respektive inwiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung auf- grund einer bezahlten Arbeit in Verbindung mit dem Beziehungsnetz be- günstigt werden könne. Angesichts der Verschlechterung der Lage in Kabul seien diese strengen Anforderungen in jedem Einzelfall sor gfältig zu prü- fen, und sie müssten erfüllt sein, um einen Wegweisungsvollzug nach Ka- bul als zumutbar qualifizieren zu können (a.a.O. E. 8.4.1). 4.3.3 Vorliegend gelangt das Bundesverwaltungsgericht in Übereinstim- mung mit dem SEM zum Schluss, dass diese besonders günstigen Voraus- setzungen erfüllt sind. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann vollum- fänglich auf die Ausführungen in der ergänzenden Vernehmlassung ver- wiesen werden. Der junge , gesunde Beschwerdeführer ist alleinstehend, hat eine durchschnittliche Schulbildung und verfügt in Kabul, wo er den Grossteil seines Lebens verbracht hat, über ein tragfähiges verwandt- schaftliches Beziehungsnetz, das ihm bei seiner Reintegration behilflich sein wird. Zudem ist er in verschiedenen Bereichen einer Erwerbstätigkeit, zuletzt im (…)- und (…)betrieb seines Vaters, nachgegangen. Es ist des- halb davon auszugehen, dass er in Kabul über eine gesicherte Wohnsitu- ation verfügt und auch die Möglichkeit hat, sein Existenzminimum z u si- chern. Die Entgegnungen auf Beschwerdeebene sind mangels Stichhaltig- keit nicht geeignet, zu einer anderen Beurteilung zu führen. Insbesondere erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit den Ausführungen in der Replik zur innerstaatlichen Flucht - respektive Aufenthaltsalternative, zumal der Beschwerdeführer aus der Hauptstadt Kabul stammt und dort den Gross- teil seines Lebens verbracht hat. Das Vorbringen, das SEM habe im Weg- weisungspunkt unter Ziff. (…) Kabul als innerstaatliche Fluchtalternative – und ebenfalls als Aufenthaltsalternative – bezeichnet, erweist sich als ak- tenwidrig. Zudem handelt es sich beim weiteren Vorbringen, die in Kabul verbliebene Familie lebe in prekären Verhältnissen und plane ihre Ausreise E-4377/2017 Seite 10 aus Afghanistan, ein (…) halte sich seit (…) in (…) auf, um eine nicht weiter substanziierte Behauptung, die darüber hinaus erst im Rahmen der Replik während des zweiten Schriftenwechsels eingebracht wird. Ferner wäre es dem Beschwerdeführer im Rahmen der ihm obliegenden Mitwirkungs- pflicht auch zumutbar und möglich gewesen, dieses neue Vorbringen mit entsprechenden Beweismitteln zu belegen oder wenigstens seine erfolglos gebliebenen Bemühungen für deren Beschaffung nachzuweisen, was er indessen unterlassen hat. Angesichts dieser Sachlage ist davon auszuge- hen, dass seine Familie nach wie vor in Kabul wohnt und er dort über ein tragfähiges Beziehungsnetz im Sinne der Rechtsprechung verfügt. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich folglich als zumutbar. 4.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 4.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 5. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da der Antrag auf Bewilli- gung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2017 wurde, und sich aus den Akten keine Hinweise auf eine nachträgliche Veränderung der finanzi- ellen Verhältnisse ergeben, sind keine Verfahrenskosten zu erheben. 6.2 Da dem Beschwerdeführer mit derselben Zwischenverfügung auch die amtliche Rechtsverbeiständung gewährt wurde, hat das Bundesverwal- tungsgericht dem Rechtsbeistand ein amtliches Honorar auszurichten (vgl. Art. 110a Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–14 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320. 2]). Vom Rechtsbeistand wurde keine E-4377/2017 Seite 11 Kostennote eingereicht. Auf das Nachfordern einer solchen kann indes ver- zichtet werden, weil sich der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund der Akten hinreichend zuverlässig abschätzen lässt (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE). Dem amtlich bestellten Rechtsbeistand ist zu Lasten des Bundesverwal- tungsgerichts ein amtliches Honorar von pauschal Fr. (…) (inkl. Auslagen und allfälliger Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-4377/2017 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlich bestellten Rechtsbeistand wird zu Lasten der Gerichtskasse ein Honorar von Fr. (…) ausgerichtet. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Esther Marti Peter Jaggi Versand: