B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-8067/2016 U r t e i l v o m 2 2 . A u g u s t 2 0 1 7 Besetzung Einzelrichterin Esther Marti, mit Zustimmung von Richter Walter Lang; Gerichtsschreiber Peter Jaggi. Parteien A._______, geboren am (…), Beschwerdeführerin, und (…) B._______, geboren am (…), Nigeria, beide vertreten durch Sandra Künzi, Fürsprecherin, (…), gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung Dublinverfahren (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des SEM vom 23. November 2016 / N (…). E-8067/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Mit Verfügung vom 17. Juni 2016 trat das SEM gestützt auf Art. 31 a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdefüh- rerin vom 10. April 2016 nicht ein und ordnete die Wegweisung nach Ita- lien und den Vollzug an. Mit Urteil vom 5. Juli 2016 (E -4045/2016) wies das Bundesverwaltungsgericht die gegen diese Verfügung eingereichte Beschwerde ab. B. B.a Mit schriftlicher Eingabe vom 2. No vember 2016 gelangte die Be- schwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin an das SEM und beantrag- te aufgrund der veränderten Sachlage die wiedererwägungsweise Aufhe- bung dieser Verfügung und das Eintreten auf ihr Asylgesuch. Eventualiter seien die Dispositiv ziffern 2, 3, 4 und 6 der Verfügung aufzuheben und der Vollzug der Wegweisung nach Italien bis zur konkreten Klärung der individuellen Garantien für sie und das ungeborene Kind, eventualiter bis zu ihrer Heirat mit dem Kindsvater (…), aufzuschieben. In ver fahrens- rechtlicher Hinsicht beantragte sie die Erteilung der aufschiebenden Wir- kung des Gesuchs mit der Anweisung an das Migrationsamt des Kantons C._______, den Wegweisungsvollzug für die Dauer des Verfahrens aus- zusetzen. Zudem sei das Migrationsamt des K antons C._______ im Sin- ne einer vorsorglichen Massnahme umgehend anzuweisen, bis zum Ent- scheid über das Gesuch von Vollzugshandlungen abzusehen. Des Weite- ren sei ihr die unentgeltliche Prozessführung und die anwaltliche Rechts- verbeiständung in der Person i hrer Rechtsvertreterin zu gewähren. Als Beilagen liess sie die auf Seite 8 der Rechtsschrift aufgeführten Doku- mente einreichen. Zur Begründung wurde angeführt, die Beschwerdeführerin habe am (…) erfahren, dass sie schwanger sei. Im Arztzeugnis vom (…) seien ihr mit der Schwangerschaft einhergehende Schwangerschaftsbeschwerden at- testiert worden. Sie befinde sich mittlerweile am Anfang des (…) Schwangerschaftsmonats. Mit Schreiben vom (...) sei sie vom Zivil- standskreis D._______ darüber informiert worden, dass ihr Gesuch um Ehevorbereitung mangels Nachweises ihres rechtmässigen Aufenthalts nicht weiter bearbeitet werden könne. Beide Dokumente würden die gel- tend gemachten Wiedererwägungsgründe belegen. Die Frist von 30 Ta- gen sei m ithin gewahrt. Die Beschwerdeführerin sei zum Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung vom 17. Juni 2016 bereits mit dem Kindsvater E-8067/2016 Seite 3 zusammen gewesen. Sie leide unter (…). Mit Schreiben vom (…) habe ihr der (…) mitgeteilt, man habe für den (…) einen Rückführungsflug nach (…) gebucht. Ihre aufenthaltsrechtliche Situation, der Druck des (…) und das Schreiben des Zivilstandskreises D._______ vom (...), wonach man das Ehevorbereitungsverfahren nicht fortführen könne, würden ihr enorm zusetzen. Sie sei verängstigt, b edrückt und erschöpft. Sie sei mit dem Kindsvater verlobt. Er leide an (…) und sei als (…) unzumutbaren Re- pressalien in seinem Heimatland ausgesetzt, weshalb ihm die Schweiz zu Recht den nötigen Schutz gewährt und ihn (…) vorläufig aufgenommen habe. Er abs olviere zurzeit eine Ausbildung als (…) und schliesse diese im (…) ab. Die baldige Ablösung vom Sozialdienst habe für ihn oberste Priorität. Es sei davon auszugehen, dass er die nächsten Jahre auf den Schutz der Schweiz angewiesen sei und längerfristig hie r bleiben werde. Mit der Schwangerschaft und dem eingeleiteten Ehevorbereitungsverfah- ren hätten sich die Verhältnisse wesentlich geändert, womit die materiel- len Voraussetzungen für eine Wiedererwägung der Verfügung vom 17. Juni 2016 gegeben seien. Gemäss BVGE 2015/4 sei vor einer Dublin-Überstellung von Familien mit Kindern von den italienischen Behörden eine individuelle Garantie über die kindgerechte und die Einheit der Familie wahrende Unterbringung einzuholen. Eine solche Garantie stelle keine blosse Üb erstellungsmoda- lität dar, sondern sei eine materielle Voraussetzung für die völkerrechtli- che Zulässigkeit einer Überstellung nach Italien. Die Beschwerdeführerin sei schwanger und das Kind werde im (…) oder (…) zur Welt kommen. Mit Blick auf die völkerrech tlichen Verpflichtungen und den besonderen Schutzbedarf von Schwangeren und ungeborenen Kindern dürfe deren Überstellung an ein anderes Land nur erfolgen, wenn eine bedarfsge- rechte Unterbringung und eine entsprechende medizinische Versorgung sichergestellt seien. Diese Bedingungen müssten in Form von individuel- len Garantien erfüllt sein. Vorliegend bestätige das „Ministero dell’Interno“ mit Schreiben vom 17. Juni 2016 die Rückübernahme der Beschwerde- führerin lediglich mit dem Hinweis, die Überstellung habe über den Flug- hafen von (…) zu erfolgen, wo sie sich beim „Ufficio di Polizia di Frontier- a“ melden solle. Weitere Unterlagen der italienischen Behörden oder Ab- klärungsergebnisse durch (…) lägen nicht vor. Es sei weder geprüft noch irgendwo erwähnt worden, w as mit der Beschwerdeführerin nach einer Überstellung nach Italien geschehen werde, wo und in welcher Form sie untergebracht werde, und wie dort eine medizinische Betreuung für sie und das ungeborene Kind sichergestellt werden solle. Aus dem aktuellen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom August 2016 ge-E-8067/2016 Seite 4 he hervor, dass für Dublin -Rückkehrende ein festgelegtes, einheitliches Vorgehen fehle. Viele Personen würden in der Obdachlosigkeit oder in besetzten Häusern landen, die besonders für allein stehende Frauen mit Kindern gefährlich seien. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung sei mangelhaft, weil Asylsuchende die nötige Bestätigung zur Befreiung vom Selbstbehalt oft monatelang nicht erhalten würden und deshalb keine un- entgeltliche Untersuchung in Anspruch nehmen könnten. Gestützt auf diese aktuellen Ergebnisse sei festzustellen, dass Italien vorliegend keine ausreichenden individuellen Garantien geli efert habe und die Schweizer Behörden auch keine solchen eingefordert h ätten. Damit liege eine Ver- letzung von Art. 3 EMRK und Art. 4 der EU -Grundrechtecharta vor. Die Schweiz müsse klären, ob eine angemessene Unterbringung und medizi- nische Versorgung für die Beschwerdeführerin und ihr erwartetes Kind in Italien konkret garantiert sei und bis dahin vom Wegweisungsvollzug ab- sehen. Sollten entsprechende Garantien nicht geliefert werden, werde die Schweiz zum zuständigen Staat für die Behandlung des Asylgesuchs. Des Weiteren bestehe ein Anspruch auf Eheschliessung. Die Ehevorbe- reitung sei bereits weit fortgeschritten, es werde nur noch der Nachweis des legalen Aufenthaltes in der Schweiz benötigt. Das Interesse der Ver- lobten an einer Eheschliessung sei angesicht s der Schwangerschaft und der Mitgliedschaft der Beschwerdeführerin bei der Pfingstgemeinde (…) besonders gross und nachvollziehbar. Eine Hochzeit könne wegen de s Ausweises F des Verlobten vernünftigerweise nicht ausserhalb der Schweiz erfolgen. Ob die Beschwerdeführerin tatsächlich keinen An- spruch auf Erteilung einer Kurzaufenthaltsbewilligung zwecks Heirat ha- be, weil sie sowieso keinen Anspruch auf Verbleib beim Ehemann hätte, werde von den kantonalen Behörden noch zu prüfen sein. Aber selbst wenn eine so lche nicht erteilt werden könne, müsse die Heirat doch mit einer anderen provisorischen Bewilligung ermöglicht werden, wenn sie , wie vorliegend, in keinem anderen Land zumutbar durchgeführt werden könne. Es gehe nicht an, die schwangere, heiratswillige Beschwerdefüh- rerin als ledige Frau nach Italien abzuschieben und damit bis auf weiteres eine Ehe mit ihrem Verlobten und dem Kindsvater zu vereiteln. Daher müsse im Rahmen der Wiedererwägung mindestens der Vollzug der Wegweisung aufgeschoben werden. Ausserdem sei die Migrationsbehör- de anzuweisen, der Beschwerdeführerin eine provisorische Aufenthalts- bewilligung zwecks Heirat auszustellen. Die Mitgliedstaaten der Dublin-Verordnung seien gehalten, die Einheit der Familie und das Wohl des Kindes uneingeschränkt zu achten. Ein Abhän-E-8067/2016 Seite 5 gigkeitsverhältnis zwischen dem Kindsvater und seinem Kind gelte als verbindliches Zuständigkeitskriterium. Es werde bereits durch die Schwangerschaft begründet. Vorliegend sei unbestritten, dass der Verlob- te der Beschwerdeführerin der Vater des ungeborenen Kindes sei. Das Anerkennungsverfahren stehe kurz vor dem Abschluss. Mit einer Rück- führung der Beschwerdeführerin nach Italien würde ihm die Teilhabe an der Geburt wie auch der Kontakt zu seinem Kind auf ungewisse Zeit un- tersagt. Das Abh ängigkeitsverhältnis begründe ein verbindliches Zustän- digkeitskriterium. Die Schweizer Behörden sollten daher mit Blick auf das Kindeswohl und die Familieneinheit auf das Asylgesuch der Beschwerde- führerin eintreten und ihren Anspruch prüfen. Sie seien aufg rund der Souveränitätsklausel ohnehin dazu berechtigt. Zudem werde in der Dub- lin-Verordnung festgehalten, dass die Mitgliedstaaten gehalten seien, aus humanitären Gründen oder in Härtefällen von den Zuständigkeitskriterien abzuweichen, um Familienangehörig e zusammenzuführen. Diese Mög- lichkeit sei ebenfalls in Art. 29 a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) vorgesehen. B.b Mit Zwischenverfügung vom 3. November 2016 forderte das SEM die Beschwerdeführerin unter Androhung des Nichtei ntretens auf das Wie- dererwägungsgesuch im Unterlassungsfall auf, bis zum 17. November 2016 einen Betrag von Fr. (…) als Gebührenvorschuss zu bezahlen. Gleichzeitig verfügte es, der Vollzug der Wegweisung werde nicht ausge- setzt, und wies das Gesuch um unent geltliche Rechtspflege samt anwalt- licher Verbeiständung ab. Der Kostenvorschuss wurde am (…) fristgerecht bezahlt. B.c Mit Eingabe vom 15. November 2016 teilte die Rechtsvertr eterin mit, der Gebührenvorschuss sei aus formellen Gründen geleistet worden. Sie gehe jedoch davon aus, dass das Begehren ihrer Mandantin nicht aus- sichtslos sei, weshalb auf die Erhebung eines Gebührenvorschusses hät- te verzichtet und das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege hätte gut- geheissen werden müssen. Aus den gleichzeitig eingereic hten Unterla- gen ergebe sich, dass das Zivilstandsamt die Verlobten auffordere, einen Termin zu vereinbaren, um die Kindsanerkennung und die gemeinsame elterliche Sorge zu erklären, die ihnen zustehe. Eine Ausschaffung nach Italien würde die Kindsmutter davon abhalten, was einschneidende recht- liche Konsequenzen für sie, den Kindsvater und das ungeboren Kind hät- te. Ein derart einschneidender Eingriff in die betroffenen Interessen lasse sich vorliegend nicht rechtfertigen. Es wäre für das Paar aus Kostengrün-E-8067/2016 Seite 6 den einfacher, die vorbereitete Ehe schliessen zu können. Aus der Bestä- tigung des Zivilstandskreises C._______ vom (…) gehe hervor, dass ei- ner Hochzeit lediglich noch der Nachweis eines legalen Aufenthaltes ent- gegenstehe. Eine Heirat im Ausland sei nicht möglich, weshalb die Ver- lobten einen Anspruch auf Eheschliessung in der Schweiz hätten. Dies gelte selbst dann, wenn man zum Schluss komme n sollte, dass ein an- schliessendes Zusammenleben in der Schweiz nicht möglich sei. Somit sei das Eventualbegehren gemäss Ziffer 3 des Wiedererwägungsgesuchs alles andere als aussichtslos. Der Wegweisungsvollzug sei deshalb we- nigstens bis zur Hochzeit aufzu schieben und (…) des Kantons C._______ anzuweisen, sämtliche Vollzugshandlungen bis auf weiteres zu stoppen und der Beschwerdeführerin einen (befristeten oder provisori- schen) Aufenthalt für die Eheschliessung zu bewilligen. Des Weiteren ergebe sich aus der beigelegten E-Mail von (…) vom (…), dass der Verlobte die Beschwerdeführerin regelmässig in E._______ be- sucht und ihn sowie andere Mitarbeitende kennengelernt habe. Er bestä- tige, dass die Beschwerdeführerin so oft wie möglich während mehreren Tagen bei ih rem Verlobten gewohnt habe. Es gebe vorliegend keinen Grund zur Annahme, dass es sich nicht um eine verbindliche Beziehung zwischen zwei angehenden Eltern handle. Des Weiteren ergebe sich die Mittellosigkeit der Beschwerdeführerin aus der beigelegten Unter stüt- zungsbestätigung der (…) vom (…). Eine weitere Bestätigung könne sie aufgrund ihrer aktuellen aufenthaltsrechtlichen Situation nicht beibringen. Zur finanziellen Situation des Verlobten könne unter Verweis auf seine beigelegte Bewerbung vom (…) erwähnt werden, dass er von der Stiftung (…) zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen worden sei. Schliesslich werde die Begründung des Wiedererwägungsgesuchs wie folgt ergänzt: Der Verlobte habe eine (…) und könne als (…) nicht in sei- nen Heimatstaat weggewiesen werden, weil ihm dort unzumutbare Re- pressalien durch seine Landsleute drohen würden. Die Schweiz habe ihm aus diesem Grund den Schutzstatus der vorläufigen Aufnahme erteilt. Damit sei er Begünstigter von internationalem Schutz. Mit der schrift li- chen Kundgabe des entsprechenden Wunsches der Betroffenen sei die Schweiz für die Durchführung des Asylverfahrens der Beschwerdeführe- rin zuständig, weil sie als Verlobte des Schutzinhabers und Mutter des gemeinsamen Kindes als Familienangehörige zu gelten habe. B.d Am 10. November 2016 informierte das SEM die italienischen Behör- den dahingehend, die Beschwerdeführerin sei untergetaucht, weshalb es E-8067/2016 Seite 7 um eine Verlängerung der Überstellungsfrist von 6 auf 18 Monate ersu- che. C. Mit am 29. November 2016 eröffneter Verfügung vom 23. November 2016 wies das SEM das Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführerin vom 2. November 2016 ab und stellte fest, die Verfügung vom 17. Juni 2017 sei rechtskräftig und vollstreckbar. Des Weiteren erhob es eine Gebühr von Fr. 600.–, die durch den am 14. November 2016 geleis- teten Gebührenvorschuss vollumfänglich gedeckt sei, wies das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung samt anwaltlicher Verbeiständung ab und wies darauf hin, einer allfälligen Beschwerde gegen diese Verfügung komme keine aufschiebende Wirkung zu. Zur Begründung führte es an, aufgrund der Aktenlage müsse davon aus- gegangen werden, dass sich die Beschwerdeführerin und ihr Verlobter in der Schweiz kennengelernt hätten. Die Personen seien an unterschiedli- chen Adressen gemeldet und es sei keine finanzielle Abhängigkeit er- sichtlich. Die nachgereichte Bestätigung des Durchgangszentrums E._______ vermöge an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Beziehung zu ihrem Verlobten könne somit nicht als dauerhafte Beziehung im Sinne von Art. 8 EMRK gewertet werden, womit die Zuständigkeit Italiens bestehen bleibe. Folg- lich bestehe keine Pflicht, die Souveränitätsklausel gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO anzuwenden. Schliesslich sei festzuhalten, dass sich eine Person gemäss ständiger Rechtsprechun g des Bundesverwaltungsge- richts nur dann auf den Schutz des Familienlebens nach Art. 8 EMRK be- rufen könne, wenn sie eine Beziehung zu einer Person mit gefestigtem Aufenthaltsrecht (Bürgerrecht oder Niederlassungsbewilligung) habe. Diese Voraussetzung sei vorliegend nicht erfüllt. Der Beschwerdeführerin sei es zuzumuten, das Ehevorbereitungsverfahren in Italien weiterzufüh- ren. Auch die Tatsachen, dass die Beschwerdeführerin seit kurzem schwanger sei und ihr Verlobter seine Vaterschaft anerkenne, vermöchten an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Zur angeblich fehlenden individuellen Garantie der italienischen Behör- den in Bezug auf die kindsgerechte und die Einheit der Familie wahrende Unterbringung sei festzuhalten, dass es den italienischen Behörden zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich sei, dem SEM die erwähnten indi- viduellen Garantien zukommen zu lassen, zumal das Kind noch nicht ge- boren sei. Das sogenannteTarakhel -Urteil des Europäischen Gerichtsho-E-8067/2016 Seite 8 fes für Menschenrechte (EGMR) habe für das vorliegende Verfahren zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine weitergehende Bewandtnis. Sollte das Kind der Beschwerdeführerin noch vor der Überstellung nach Italien ge- boren werden, werde das SEM der neuen familiären Situation Rechnung tragen und die italienischen Behörden im Vorfeld einer Überstellung nach Italien um Zustellung der erforderlichen Garantien bitten. Letztlich sei festzustellen, dass die Beschwerdeführerin seit dem (…) als verschwunden gelte. Gemäss Art. 8 AsylG hätten sich Asylsuchende den Behörden von Bund und Kanton zur Verfügung zu halten. Jede Adress- änderung sei der kantonalen Behörden sofort mitzuteilen. Dieser Pflicht sei die Beschwerdeführerin nicht nachgekommen. Zusammenfassend sei festzuhalten, dass keine Gründe vorliegen würden, die die Rechtskraft der Verfügung vom 17. Juni 2016 beseitigen könnten. Das Widererwä- gungsgesuch sei deshalb abzuweisen. D. Mit Rechtsmitteleingabe vom 28. Dezember 2016 gelangte die Be- schwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin an das Bundesverwal- tungsgericht und beantragte in materieller Hinsicht unter Aufhebung die- ser Verfügung die Anweisung an die Beschwerdegegnerin, sich für ihr Asylgesuch zuständig zu erklären und dieses im nationalen Verfahren zu prüfen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie, der vorliegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und der Be- schwerdegegner sowie das Migrationsamt ( …) des Kantons C._______ seien anzuweisen, den Vollzug der Wegweisung während des hängigen Verfahrens auszusetzen. Des Weiteren seien sie im Sinne einer vorsorg- lichen Massnahme unverzüglich anzuweisen, bis zum Entscheid über die vorliegende Beschwerde von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen, eventualiter das Beschwerdeverfahren bis zu ihrer Heirat mit ihrem Ver- lobten (...) zu sistieren. Zudem sei sie g estützt auf Art. 65 Abs. 1 VwVG von der Bezahlung der Verfahrenskosten zu befreien und ihre Rechtsver- treterin sei ihr gestützt auf Art. 65 Abs. 2 VwVG als amtliche Anwältin bei- zuordnen. Als Beilagen liess sie die im separaten Verzeichnis zur Be- schwerde aufgeführten Dokumente einreichen. Auf die Begründung der Rechtsbegehren und die eingereichten Doku- mente wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. E-8067/2016 Seite 9 E. Mit Verfügung vom 29. Dezember 2016 setzte das Bundesverwaltungsge- richt den Vollzug der der Wegweisung gestützt auf Art. 56 VwVG per so- fort einstweilen aus. F. Mit Zwischenverfügung vom 4. Januar 2017 forderte die Instruktionsrich- terin die Rechtsvertreterin auf, bis am 13. Januar 2017 den gegenwärti- gen Aufenthaltsort der Beschwerdeführerin bekanntzugeben und eine ak- tuelle, von ihrer Mandantin persönlich unterzeichnete Erklärung einzu- reichen, aus der ihr Interesse an der Fortführung des Verfahrens hervor- gehe. G. Mit Eingabe vom 11. Januar 2017 teilte die Rechtsvertreterin unt er Ver- weis auf eine gleichzeitig eingereichte handschriftliche Erklärung ihrer Mandantin gleichen Datums die aktuelle Adresse der Beschwerdeführerin mit. Der Verlobte sei aktuell dabei, (…). Die Vollmacht vom (…) habe nach wie vor Gültigkeit. Die Beschwerd eführerin und ihr Verlobter hätten sich (…) zu einer Besprechung in (…) eingefunden, anlässlich derer sie die handschriftliche Erklärung erstellt und unterzeichnet habe. Als weitere Beilage werde ein Auszug aus dem Zivilstandsregister betreffend Kindsa- nerkennung eingereicht, den der Verlobte (...) am (…) beim Zivilstands- kreis C. abgegeben habe. H. Mit Eingabe vom 28. März 2017 liess die Beschwerdeführerin nebst ei- nem (aktualisierten) Beilagenverzeichnis zur Beschwerde einen Bericht der Frauenklinik C._______ vom (…) einreichen. I. Am 26. Juli 2017 beantwortete die Instruktionsrichterin eine Anfrage des (…) zum Verfahrensstand gleichen Datums. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden g egen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bun-E-8067/2016 Seite 10 desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wiedererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfü- gung auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden kön- nen, ist d as Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegen- den Beschwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterli- cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs- weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, wes- halb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durch- führung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge- regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift- lich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren E-8067/2016 Seite 11 nach den revisio nsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG (Art. 111b Abs. 1 AsylG). In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs- gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderu ng der Sachlage (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unan- gefochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi- onsgründe einen Anspruch auf Wie dererwägung begründen (zum soge- nannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch " vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.). 4.2 Nachdem die Vorinstanz den Anspruch der Beschwerdeführerin auf Behandlung ihres Wiedererwägungsgesuchs nicht in Abrede gestellt hat und darauf e ingetreten ist, hat das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen, ob sie in zutreffender Weise das Bestehen der geltend gemachten Wie- dererwägungsgründe verneint und an ihrer ursprünglichen Verfügung festgehalten hat, wobei praxisgemäss der sich präsentierende Sa chver- halt im Urteilszeitpunkt massgebend ist (vgl. statt vieler: Urteil des Bun- desverwaltungsgerichts D-4909/2016 vom 5. September 2016 E. 4.3). 5. 5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat gestützt auf das Tarakhel -Urteil (vgl. Urteil des EGMR Tarakhel gegen die Sch weiz vom 4. November 2014, Grosse Kammer 29217/12) in einem Grundsatzurteil festgehalten, dass vor einer Dublin -Überstellung von Familien mit Kindern nach Italien von den italienischen Behörden individuelle Garantien einzuholen sind (vgl. BVGE 2015/4 E. 4.1). Diese Garantien einer kindgerechten und die Einheit der Familie respektierenden Unterbringung stellen keine blosse Überstellungsmodalität dar, sondern sind eine materielle Voraussetzung der völkerrechtlichen Zulässigkeit einer Überstellung nach Italien (vgl. BVGE 2015/4 E. 4.3). Aus inhaltlicher Sicht wurde festgestellt, dass eine generelle Absichtserklärung seitens Italiens nicht ausreiche. Um eine Ver- letzung von Art. 3 EMRK ausschliessen zu können, "muss im Zeitpunkt der Verfügung vom SEM eine konkret e und individuelle Zusicherung – insbesondere unter Namens - und Altersangaben der betroffenen Perso- nen – vorliegen, mit welcher namentlich garantiert wird, dass eine dem Al- ter der Kinder (oder des Kindes) entsprechende Unterkunft bei der An- kunft der Famili e in Italien zur Verfügung steht, und dass die Familie bei der Unterbringung nicht getrennt wird" (vgl. BVGE 2015/4 E. 4.3). E-8067/2016 Seite 12 5.2 Vorliegend ist im Sinne einer wesentlich veränderten Sachlage seit dem Erlass der Verfügung vom 17. Juni 2016 festzustellen, dass (…) der Beschwerdeführerin und ihres Verlobten (...) (…) am (…) in der Frauen- klinik C._______ zur Welt gekommen ist. Wie bereits in E. 5.1 ausgeführt worden ist, müsste für eine Überstellung der Beschwerdeführerin und (…) in der Schweiz geborenen (…) im Zeitpunkt der Verfügung des SEM eine konkrete und individuelle Zusicherung – insbesondere unter Namens - und Altersangaben der betroffenen Personen – vorliegen, mit welcher namentlich garantiert wird, dass eine dem Alter (…) entsprechende Un- terkunft bei der Ankunft der Familie in Italien zur Verfügung steht, und dass die Familie bei der Unterbringung nicht getrennt wird. Dies ist offen- sichtlich nicht der Fall, zumal die Vo rinstanz im Dublin -Verfahren keine Kenntnis von der Schwangerschaft der Beschwerdefü hrerin hatte und sich deshalb auch nicht veranlasst sah, vor dem Erlass ihrer Verfügung entsprechende Garantien bei den italienischen Behörden einzuholen. An- gesichts dieser Sachlage erweist sich die Aussage in der Verfügung vom 17. Juni 2016, sollte das Ki nd der Beschwerdeführerin noch vor der Überstellung nach Italien geboren werden, werde das SEM der neuen familiären Situation Rechnung tragen und die italienischen Behörden im Vorfeld einer Überstellung um Zustellung der erforderlichen Garantien bit- ten, als nicht vereinbar mit BVGE 2015/4, wonach diese Garantien einer kindgerechten und die Einheit der Familie respektierenden Unterbringung keine blosse Überstellungsmodalität, sondern eine materielle Vorausset- zung der völkerrechtlichen Zulässigkeit einer Über stellung nach Italien (vgl. BVGE 2015/4 E. 4.3) darstellen. 5.3 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde im Sinne der Erwägungen gutzuheissen. Die Verfügungen vom 17. Juni 2016 und vom 23. Novem- ber 2016 sind aufzuheben und die Sache ist zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Das SEM ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin den am (…) geleisteten Gebührenvorschuss von Fr. (…) zurückzuerstat- ten. 5.4 Angesichts der Rückweisung der Sache an die Vorinstanz erübrigt es sich, auf die weiteren Vorbringen im Wiedererwägung sverfahren, insbe- sondere auch auf die Ausführungen zur Einheit der Familie und zum Kin- deswohl, und auf die eingereichten Dokumente einzugehen, weil sie ebenfalls Gegenstand des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Ver - fahrens – sei es in einem erneuten D ublin-Verfahren oder in einem natio- nalen Asyl- und Wegweisungsverfahren – sein werden und die Vorinstanz sich damit zu befassen haben wird. E-8067/2016 Seite 13 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), womit der Antrag auf Befreiung von der Be- zahlung der Verfahrenskosten im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gegen- standslos wird. 6.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 200 8 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen , womit auch der Antrag auf anwaltliche Rechtsverbeiständung in der Person der Rechtsvertreterin (Art. 65 Abs. 2 VwVG) gegenstandslos wird. Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht , weshalb die notwendigen Par- teikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteie ntschädigung wird in Anwendung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren demnach von Amtes wegen auf insgesamt Fr. (…) (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festge- legt. (Dispositiv nächste Seite) E-8067/2016 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2. Die Verfügungen vom 17. Juni 2016 und vom 23. November 2016 werden aufgehoben und die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückge- wiesen. Das SEM wird angewiesen, de r Beschwerdeführerin den am (…) geleisteten Gebührenvorschuss von Fr. (…) zurückzuerstatten. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM hat der Beschwerdeführerin für das Rechtsmittelverfahren eine Parteientschädigung von Fr. (…) auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantona- le Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Esther Marti Peter Jaggi Versand: