JAAC68.142 Auszug aus dem Urteil der Schweizerischen Asylrekurskommission vom 28. Januar 2004 i.S. X., Somalia, auch erschienen in Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 14 Art.3LAsi. Art.1AConv. surlestatutdesréfugiés. Art.1Conv. torture. Art.3CEDH.Mutilationsgénitalesdesjeunesfillesetdesfemmes. Questiondel’existenced’entitésquasiétatiquesenSomalie. 1. Mutilationsgénitalesdesfemmesetdesjeunesfilles: étatdes discussionsendroitd’asile(consid.5b-e). 2. L’exécutiondurenvoid’unerequéranted’asiledéboutéedansunpays oùelleestsérieusementmenacéed’unedesformestraditionnellesde mutilationsgénitalesn’estpascompatibleavecl’art.3CEDH;enpareil cas,l’exécutiondurenvoiserévèleàtoutlemoinsilliciteauregarddu droitinternational(consid.5b). 3. Laquestiondelanécessitéd’uneadaptationdelajurisprudence delaCRAconcernantl’existenced’entitésquasiétatiquesenSomalie peutdemeurerindécise(cf. JICRA1996n°18= JAAC61.4,JICRA1995 n°25; consid.6). Art.3AsylG.Art.1AFK.Art.1FoK.Art.3EMRK.Genitalverstümmelung beiMädchenundFrauen. FragederExistenzquasi-staatlicher GruppierungeninSomalia. 1. StandderasylrechtlichenDiskussionzurFrageder GenitalverstümmelungbeiMädchenundFrauen(E.5b-e). 12. DerVollzugderWegweisungeinerabgewiesenenAsylbewerberin ineinLand,indemihreinederüblichenFormender Genitalverstümmelungernsthaftdroht,istmitArt.3EMRKnicht vereinbar;derVollzugderWegweisungerweistsichinsolchenFällen zumindestalsvölkerrechtlichunzulässig(E.5b). 3. Quasi-staatlicheStruktureninSomalia: DieFragederNotwendigkeit einerAnpassungderbisherigendiesbezüglichenPraxisderARK(vgl. EMARK1996Nr.18= VPB61.4,EMARK1995Nr.25)wirdoffengelassen (E.6). Art.3LAsi. Art.1AConv. sullostatutodeirifugiati. Art.1Conv. tortura. Art.3CEDU.Mutilazionegenitalefemminile. Questione dell’esistenzad’entitàquasi-stataliinSomalia. 1. Statodelladiscussione,inmateriad’asilo,sullarilevanzadella mutilazionegenitalefemminile(consid.5b-e). 2. L’esecuzionedell’allontanamentodiunarichiedentel’asiloverso unPaeseincuièseriamenteminacciatad’esseresottopostaaduna qualsivogliaformadimutilazionegenitalefemminileèperlomeno illecitaaisensidell’art.3CEDU(consid.5b). 3. Laquestionedellanecessitàdell’adattamentodellagiurisprudenza dellaCRAsull’esistenzad’entitàquasi-statali(GICRA1996n.18= GAAC 61.4,GICRA1995n.25)èlasciataindecisa(consid.6). ZusammenfassungdesSachverhalts: DieBeschwerdeführerinmachtezurBegründungihresinderSchweiz gestelltenAsylgesuchsimWesentlichengeltend,bewaffneteundmaskierte MännerhättensiewährendeinerAbwesenheitdesEhemanneszuHause überfallenundberaubt;dieMännerhättensiegefesselt,miteinemMesser verletztundmitZigarettengebrannt. Demeinen,damalsfünfjährigenSohn, dernochheuteandenkörperlichenundpsychischenFolgenderschweren Verstümmelungleide,hättendieAngreifereinenTeildesPenisabgeschnitten; demdamalssechsjährigenBruderhättensiemitGewehrkolbendenKopf blutiggeschlagen. NachdiesenEreignissenhabeihrMann,derspätervorden KriegswirrennachJemengeflohensei,siezudenSchwiegerelterngeschickt. DortseisieinderFolgeerneutüberfallenworden,nachdemsievorhervon einemVerwandtenausSaudi-Arabienbesuchtwordensei,derihrGeldund KleiderfürdieKindergebrachthabe. SechsbewaffneteMänner,dieüberden BesuchjenesVerwandteninformiertgewesenseien,hättensieüberfallenund beraubt;sieseivondiesenMännernaufbrutalsteWeisevergewaltigtworden. AmWohnortderSchwiegerelternhabesichschliesslicheinVorfallereignet, beidemihreältesteTochtervomVatereinesNachbarskindesangeschossen undschwerverletztwordensei. DieBeschwerdeführerinmachteweitergeltend,ihredreikleinenTöchter hätten,wieesderClantraditionentspreche,beschnittenwerdensollen. Beider ältestenTochterseidieGenitalverstümmelungbereitsvorgenommenworden; 2fürdiedreijüngerenMädchenhättendieSchwiegerelterndiesenEingriff ebenfallsgeplant. SieseimitdenKindernschliesslichausSomaliageflohen, umdiedreiMädchenvorderBeschneidungzubewahren. DasBundesamtfürFlüchtlinge(BFF)lehntedasAsylgesuchder BeschwerdeführerinundihrerKinderabundordnetedieWegweisung an. GleichzeitigverfügtedasBFFwegenderzeitigerUnzumutbarkeitdes WegweisungsvollzugesdievorläufigeAufnahmederBeschwerdeführerinund ihrerKinder. GegendieseVerfügungliessdieBeschwerdeführerindurchihreVertreterin beiderSchweizerischenAsylrekurskommission(ARK)fürsichundihreKinder BeschwerdeerhebenunddieAufhebungderangefochtenenVerfügungund dieGewährungdesAsylsbeantragen. InzweiSchriftenwechselnschlossdieVorinstanzaufAbweisungder BeschwerdeundhieltendieBeschwerdeführerinnenanihrenAnträgenfest. DieARKweistdieBeschwerdeimAsylpunktab. AusdenErwägungen: 5.a. AlszentralenAsylgrundmachtedieBeschwerdeführerindieihren TöchterninSomaliadrohendeGenitalverstümmelunggeltend;sielegtedar, dieBeschneidungderMädchenentsprecheinihremClaneinerTradition,und insbesonderedieFamilieihresEhemanneshabedieProzedur,diebeider ältestenTochter[…]bereitsvorgenommenwordensei,auchbeidenjüngeren Töchterndurchführenwollen. InderangefochtenenVerfügungsprichtdasBFFdemVorbringenbetreffend diedrohendeGenitalverstümmelungdieAsylrelevanzmitderBegründung ab,inSomaliabestehewedereinestaatlichenocheinequasi-staatlicheGewalt, derallfälligeVerfolgungshandlungenzugerechnetwerdenkönnten;im RahmenderPrüfungderWegweisungshindernissewirdinderangefochtenen VerfügungdieFragederdrohendenGenitalverstümmelungnurinsofern angesprochen,alsaufdieBeantwortungderInterpellationCaspar-Hutter durchdenBundesratvom1.März1993verwiesenwird,derzufolgeinsolchen FällenvomWegweisungsvollzugabzusehensei. EinenähereBegründung wirdnichtskizziert. InseinerergänzendenVernehmlassungschliesslich hältdasBFFfest,mitdemVerweisaufdieerwähntebundesrätlicheAntwort sei«angedeutet»worden,dasseinWegweisungsvollzugbeidrohender Genitalverstümmelungunzulässigsei. b. DerKlarheithalberistindiesemZusammenhangFolgendesfestzuhalten: InseinerAntwortvom1.März1993aufdieInterpellationCaspar-Hutter, dieFragenderFrauen-undMädchenverstümmelungaufwarf,hieltder Bundesratunteranderemausdrücklichfest,”[d]ieKlitorisbeschneidung erfüll[e]imSchweizerischenStrafrechtdenTatbestandderschweren Körperverletzung-einTatbestand,dereinesderhöchstenRechtsgüter unsererRechtsordnung,diekörperlicheUnversehrtheit,schützt(…)»,und führteweiteraus: «InderSchweizwieauchimeuropäischenRaumwird eineKlitorisbeschneidungalsunmenschlicheBehandlungimSinnevon Art.3derEuropäischenMenschenrechtskonventionvom4.November1950 (EMRK,SR0.101)angesehen. LegtdahereinevoneinerWegweisungbedrohte Ausländerindar,dasssienachihrerWegweisungeinemtatsächlichenRisiko 3dieserunmenschlichenBehandlungunterworfenwürde,wärevomVollzug derbestehenden,rechtskräftigenWegweisungabzusehenundstattdessendie vorläufigeAufnahmezuverfügen.» DieserRechtsauffassungschliesstsichdieARKvollumfänglich an;dieAusführungenkönnengrundsätzlichfürjeglicheArtder Genitalverstümmelung,wiesieanMädchenundFrauenpraktiziert wird,Geltungbeanspruchen(zudenPraktikenderweiblichen Genitalverstümmelungvgl. M. Rosenke,DierechtlichenProblemeim ZusammenhangmitderweiblichenGenitalverstümmelung,Frankfurt a.M.2000,S.17ff.; A. Binder,FrauenspezifischeVerfolgungvordem HintergrundeinermenschenrechtlichenAuslegungdesFlüchtlingsbegriffs derGenferFlüchtlingskonventionunterbesondererBerücksichtigungder schweizerischen,deutschen,kanadischenundamerikanischenFlüchtlings- undAsylpraxis,Basel/Genf/München2001,S.316,319ff.). Anzufügen bleibteinzigderergänzendeHinweis,dassgemässkonstanterPraxisdes EuropäischenGerichtshofsfürMenschenrechte(beziehungsweiseauch derEuropäischenKommissionfürMenschenrechtevorInkrafttreten desProtokollsNr.11zurEMRK)dieAnwendungvonArt.3EMRKnicht voraussetzt,dasseinedrohendemenschenrechtswidrigeBehandlungvon staatlichen(oderquasi-staatlichen)Organenausgehenmüsse(vgl. diein ASYL1996/4S.129ff. dokumentiertenEntscheidesowiedenKommentar vonA. Achermann,a.a.O.,S.134;vgl. auch W. Kälin,Dasmenschenrechtliche VerbotderRückschiebungundseineBedeutungfürdasFlüchtlingsrecht,in ASYL1997/1S.3ff.,insbesondereS.4). DieARKhatdieseRechtsauffassung übernommen(vgl. ausführlichEntscheidungenundMitteilungender SchweizerischenAsylrekurskommission[EMARK]1996Nr.18,S.182ff. = VPB61.4). NachdemdenTöchternderBeschwerdeführerininSomalia-inwelchem LanddenimBeschwerdeverfahreneingereichtenUnterlagenzufolge98% allerFrauen,dasheisstpraktischalle,beschnittenwordensind-mitgrösster WahrscheinlichkeitdieProzedurderGenitalverstümmelungdrohenwürde, würdesichderWegweisungsvollzugfürsienichtnur alsunzumutbar,sondern alsmitArt.3EMRKunvereinbarunddemnachalsvölkerrechtlichunzulässig erweisen. c. ImHinblickaufdieFragederflüchtlingsrechtlichenAnerkennung drohenderGenitalverstümmelungreichtdieBeschwerdeführerin insbesondereeinediesbezüglichePositiondesHohenFlüchtlingskommissars derVereintenNationen(UNHCR)vom24.April1998(Stellungnahmedes UNHCRzuhandendesVerwaltungsgerichtsFrankfurtamMainbetreffend GenitaleVerstümmelunginCôted’Ivoire)zudenAktenundnimmt BezugaufGerichtsurteile(wiebeispielsweisedenUS-amerikanischen Entscheidi.S.FauziyaKASINGAausdemJahr1996,derauchinEuropa grosseAufmerksamkeitgefundenhat),dieinanderenSignatarstaatender FlüchtlingskonventionzudieserProblematikausgefälltwordensind. DasUNHCRgriffdieProblematikderGenitalverstümmelungbeiMädchen undFrauen(«femalegenitalmutilation»)auchinseinen«Guidelineson InternationalProtection: Gender-RelatedPersecutionwithintheContext ofArticle1A(2)ofthe1951Conventionand/orits1967Protocolrelatingto theStatusofRefugees»vom7.Mai2002(HCR/GIP/02/01)auf. Einaktueller 4ÜberblicküberentsprechendeEntscheideindenUSA,inKanada,Frankreich undÖsterreichfindetsichimAufsatz«AgeandGenderDimensionsin InternationalRefugeeLaw»von Alice Edwards (inE. Feller / V . Türk / F. Nicholson [Hrsg.],RefugeeProtectioninInternationalLaw. UNHCR’s GlobalConsultationsonInternationalProtection. Cambridge,2003,S.46ff., insbesondereS.54;zurPraxisderfranzösischenCommissiondesRecoursdes Réfugiés[CRR],vgl. auch T.A. Aleinikoff,ProtectedCharacteristicsandSocial Perceptions: anAnalysisoftheMeaningof<MembershipofaParticularSocial Group>,inFeller/Türk/Nicholson,a.a.O.,S.263ff.,insbesondereS.280ff.). AndreaBinderlegtausführlichdieUS-amerikanischeundkanadische flüchtlingsrechtlichePraxisdar(vgl. Binder,a.a.O.,S.371ff.,456ff.). BeiInke JensenfindetsichdieDarstellungderflüchtlingsrechtlichenPraxisderUSA, Kanadas,FrankreichsundDeutschlands(vgl. I. Jensen,FrauenimAsyl-und Flüchtlingsrecht,Baden-Baden2003,S.143ff.). Inflüchtlingsrechtlich-dogmatischerHinsichtwirdinder vorliegendenLiteraturundPraxisinsbesondereBezugaufFragender Verfolgungsmotivationgenommen;erörtertwirddieProblematik,inwieweit eineGenitalverstümmelungalsVerfolgungshandlungdenbetroffenen MädchenoderFrauen«wegenihrerRasse,Religion,Staatszugehörigkeit, ZugehörigkeitzueinerbestimmtensozialenGruppeoderwegenihrer politischenÜberzeugung»drohe. Diskutiertwirdnamentlichdie VerfolgungsmotivationderZugehörigkeitzueinersozialenGruppe(so etwainderobenerwähntenStellungnahmedesUNHCRvom24.April1998). DiesemAnsatzwirddasPostulatgegenübergestellt,beiFrauen,dieeine Genitalverstümmelungverweigern,seienihrepolitischenÜberzeugungen oderreligiösenHaltungenalsVerfolgungsmotivanzuerkennen(vgl. Edwards, a.a.O.,S.67ff.;vgl. auch T. Spijkerboer,GenderandRefugeeStatus,Aldershot 2000,S.115ff.; W. Kälin,DieBedeutungGeschlechtsspezifischerVerfolgung imSchweizerischenAsylrecht,inASYL2002/2S.7ff.,insbesondereS.12ff.; Binder,a.a.O.,S.438ff. und485ff.). d. ImVerfahrenderBeschwerdeführerinwäreinderTatohneweiteres zubejahen,dasssiemitihremEinsatz,ihreTöchtervoreinerdrohenden Genitalverstümmelungzubewahren,eine«politischeÜberzeugung»in jenemSinnegeäusserthat,dendasFlüchtlingsrechtinArt.1AAbkommen vom28.Juli1951überdieRechtsstellungderFlüchtlinge(FK,SR0.142.30) beziehungsweiseinArt.3Asylgesetzvom26.Juni1998(AsylG,SR142.31)als relevanteVerfolgungsmotivationnennt. SeitihrerEinreiseindieSchweiz hatdieBeschwerdeführerinsichkonsequentundmutigmitihrerMeinung -diedeninihremHeimatlandgesellschaftlich-sozialverankertenNormen zuwiderläuft-exponiertundsichauchöffentlich(namentlichineiner Fernsehsendung[…],SFDRS[…],zurProblematikderGenitalverstümmelung) pointiertunddezidiertgeäussert. ImBeschwerdeverfahrenzeigtdie Beschwerdeführeringlaubhaftauf,dassihreAussagendennauchvonihrenin derSchweizlebendenLandsleutenmitMissbilligungzurKenntnisgenommen undandieFamilienangehörigeninSomaliaweitergetragenwordensind. e. NebenderFragestellungbetreffenddasVorliegeneiner Verfolgungsmotivation,dieimVerfahrenderBeschwerdeführerinund ihrerTöchternachdemGesagtenohneweiteresmiteinemHinweisauf dieVerfolgungsmotivationder«politischenÜberzeugung»zubeantworten wäre,stelltsichbeiderPrüfungderflüchtlingsrechtlichenRelevanz 5drohenderGenitalverstümmelungdesWeiterendiedogmatischeFrage nachder(staatlichenoderquasi-staatlichen)UrheberschaftderVerfolgung beziehungsweisenachderSchutzwilligkeitundSchutzfähigkeitdes Heimatstaates(vgl. diebereitserwähntenGuidelinesdesUNHCRon InternationalProtectionzudenFragenvon«Gender-RelatedPersecution», Ziff.19;Edwards,a.a.O.,S.59ff.;Spijkerboer,a.a.O.,S.111ff.;Binder, a.a.O.,S.396ff.). MitdieserFragestellungbefassensichdienachfolgenden Erwägungen. 6.a. WasdieFragederstaatlichenoderquasi-staatlichenUrheberschaft vonVerfolgungshandlungeninSomaliabetrifft,hatdieARKletztmalsin denJahren1995und1996Entscheideveröffentlicht(vgl. EMARK1995 Nr.25,S.234ff.;1996Nr.18,S.159ff. = VPB61.4);dieARKlegtedarin ihredamaligeLageeinschätzungdar,dassesinSomaliazurZeitkeine funktionierendestaatlicheoderquasi-staatlicheGewaltgebe,unddass imLandeineSituationderAnarchieherrsche,inwelcherkeinederam MachtkampfbeteiligtenGruppierungen-derenAllianzenuntersichvon stetenVeränderungen,wechselndenKonstellationenundSpaltungengeprägt erschienen-alsOrganisationbetrachtetwerdenkönne,welche de facto in AusübungeineröffentlichenGewalthandelnwürdeundeinedauerhafte, effektivefaktischeHerrschaft,imSinnederRechtsprechungderARKzur Anerkennungquasi-staatlicherHerrschaft,fürsichbeanspruchenkönnte. AufdieserLagebeurteilungbasiertauchdieangefochteneVerfügung,soweit darindenVerfolgungshandlungen,diedieBeschwerdeführerinundihre KindervorihrerAusreiseausSomalianamentlichindenJahren1991, 1993und1995erlittenhaben,dieAsylrelevanzmangelseinerstaatlichen oderquasi-staatlichenZurechenbarkeitabgesprochenwird. Wiedie BeschwerdeführerininderkantonalenBefragungdarlegte,gingendiegegen sieundihreKinderverübtenVerfolgungen(gravierendsteMisshandlungen, VerletzungenundVergewaltigungen)vonbewaffnetenBandenaus,deren ZieloffenkundigvorabDiebstahlundPlünderungwar. Andersalsnoch inihrenAussagenanderEmpfangsstellegabdieBeschwerdeführerinin derkantonalenBefragungzuProtokoll,siekennedieClanzugehörigkeit derTäternicht. DassfürdiemassivengewalttätigenÜbergriffeaufdie BeschwerdeführerinundihreKinder,diesievorderAusreiseausSomalia erlebten,einestaatlicheoderquasi-staatlicheUrheberschaftanzuerkennensei, hatdieVorinstanz-auchangesichtsderpubliziertenPraxisderARK-inder angefochtenenVerfügungdemnachzuRechtverneint. b. ImBeschwerdeverfahrenwirdgeltendgemacht,diepolitischeLagein Somaliahabesichinzwischensoweitgefestigt,dassjedenfallsheutedas Bestehenquasi-staatlicherStrukturen-denenimasylrechtlichenSinnedie UrheberschaftvonflüchtlingsrechtlichrelevanterVerfolgungzukommen könne-anzuerkennensei. NebeneinemEntscheiddesösterreichischen UnabhängigenAsylsenatsvom16.November1998,indemdasBestehen quasi-staatlicherStruktureninSomaliathematisiertundanerkanntwird, reichtedieBeschwerdeführerindenEntscheiddesUN-Committeeagainst Torturevom25.Mai1999i.S.SadiqShekElmiv. AustralienzudenAkten (CommunicationNo120/1998,CAT/C/22/D/120/1998;derEntscheidfindet sich,samteinerKommentierungvon Alberto Achermann,auszugsweise publiziertauchinASYL2000/1S.31f.). ImHinblickaufArt.1Übereink. vom10.Dezember1984gegenFolterundanderegrausame,unmenschliche 6odererniedrigendeBehandlungoderStrafe(FoK,SR0.105)-welcherfürdie UmschreibungdesBegriffs«Folter»voraussetzt,dassdieentsprechenden Handlungen«voneinemAngehörigendesöffentlichenDienstesodereiner andereninamtlicherEigenschafthandelndenPerson»verantwortetwerden- hältderUN-FolterausschussinseinemEntscheidfest,inSomaliabestünden quasi-staatlicheFaktionen,diemiteinerstaatlichenRegierungdurchaus vergleichbarundunterdieAnforderungenandiestaatlicheUrheberschaft gemässderFolterkonventionsubsumierbarseien. DerUN-Folterausschuss führtaus: «InrelationtoSomalia,thereisabundantevidencethattheclans, atleastsince1991,have,incertainregions,fulfilledtherole,orexercised thesemblance,ofanauthoritythatiscomparabletogovernmentauthority. Theseclans,inrelationtotheirregions,haveprescribedtheirownlaws andlawenforcementmechanismsandhaveprovidedtheirowneducation, healthandtaxationsystems»(Ziff.5.5desEntscheids),undweiter: «The CommitteenotesthatforanumberofyearsSomaliahasbeenwithouta centralgovernment,thattheinternationalcommunitynegotiateswiththe warringfactionsandthatsomeofthefactionsoperatinginMogadishuhave setupquasi-governmentalinstitutionsandarenegotiatingtheestablishment ofacommonadministration. Itfollowsthenthat, de facto,thosefactions exercisecertainprerogativesthatarecomparabletothosenormallyexercised bylegitimategovernments. Accordingly,themembersofthosefactionscan fall,forthepurposesoftheapplicationoftheConvention,withinthephrase <publicofficialsorotherpersonsactinginofficialcapacity>containedin article1»(Ziff.6.5desEntscheids). c. ImvorliegendenVerfahren-wobetreffenddiePrüfungeinerbegründeten FurchtvorzukünftigerVerfolgungdiedenTöchternderBeschwerdeführerin drohendeGenitalverstümmelungimZentrumsteht-kanndieFrageletztlich offenbleiben,obdieARKzumheutigenZeitpunktaufihrepubliziertePraxis zurückzukommenunddasBestehenquasi-staatlicherStruktureninSomalia neuzubewertenhabe. AusdenAussagenderBeschwerdeführeringeht klarhervor,dassdieGenitalverstümmelungihrenTöchternseitensder eigenenFamilie(namentlichseitensderGrosselternväterlicherseitsund derGeschwisterdesEhemannesderBeschwerdeführerin)drohenwürde; diesePersonen(dieimÜbrigendenDarstellungenderBeschwerdeführerin zufolgeauchnichteinemmächtigenbeziehungsweisebewaffnetenClan angehören)stellenkeinequasi-staatlicheGruppierungdar;beidenvonihnen ausgehendenBedrohungenundGefährdungenhandeltessichoffenkundigim flüchtlingsrechtlichenSinneumeineBedrohungdurchPrivate. ZurDiskussionstündedemnachnichteinevomQuasi-Staatausgehende Verfolgung,sondernvielmehreine(fehlende)Schutzgewährungseitenseines allfälligenQuasi-StaatsgegenüberprivaterVerfolgung. WenndieAnerkennungvonflüchtlingsrechtlichbeachtlicher SchutzgewährungdurchQuasi-StaateninFragesteht,setztdieARK indessenhoheAnforderungenandieStabilität,Dauerhaftigkeitund internationalanerkannteAbstützungdesfraglichenQuasi-Staates;namentlich liegendieAnforderungenweithöher,alssiefürdieAnerkennungeiner quasi-staatlichenGruppierungimHinblickaufihreFähigkeit,Verfolgung auszuüben,praxisgemässerfülltwerdenmüssten. DieARKhatdiehier angesprocheneProblematik-imRahmenderPrüfungeinerinnerstaatlichen Fluchtalternative-imGrundsatzurteilvom12.Juli2000ausführlichbetreffend 7denNordirakuntersucht(vgl. EMARK2000Nr.15,S.107ff. = VPB65.3). Nach AuffassungderARKmussfürdenQuasi-Staat,dessenSchutzfähigkeitbejaht werdensoll,einezukünftigeDauerhaftigkeitgewährleistetsein,wiesie sichnamentlichausausdrücklichen,verbindlichenGarantienseitensder internationalenGemeinschaft,allenfallsauchausandereninnerstaatlichen odergeopolitischenFaktorenergebenkann(vgl. EMARK2000Nr.15,S.129f., mitweiterenHinweisen= VPB65.3);betreffendSomaliafehltesanFaktoren, einederartigeStabilitätderpolitischenVerhältnissefürdieZukunftzu bejahen,indessengänzlich. d. DiedenTöchternderBeschwerdeführerinimHeimatstaat drohendeGenitalverstümmelungstelltsichdemnachin flüchtlingsrechtlich-dogmatischerHinsichtalseinevonPrivatenausgehende VerfolgungimnichtschutzfähigenodergänzlichfehlendenStaat-allenfallsim schutzunfähigenQuasi-Staat-dar. DieschweizerischePraxishatdieflüchtlingsrechtlicheRelevanzgerade dieserKonstellationbisanhinverneint. Anerkanntwirdgemässbisheriger schweizerischerPraxiseineVerfolgungalsasylrelevant,wennsievom Staatausgeht,seiesunmittelbardurchdessenOrgane,seiesmittelbar durchDritte,derenHandlungenvomStaatangeregt,gebilligt,unterstützt oder-obwohlzurSchutzgewährunginderLage-tatenloshingenommen werden;einerstaatlichenVerfolgunggleichgesetztistdiejenigedurcheinen Urheberquasi-staatlicherQualität;hingegenwerdeninderbisherigen schweizerischenPraxisVerfolgungshandlungennichtalsflüchtlingsrechtlich relevantanerkannt,wennsiewederdirektnochindirekteinemstaatlichen oderquasi-staatlichenUrheberzugerechnetwerdenkönnen(vgl. etwaEMARK 2002Nr.16,1997Nr.6= VPB62.2,1996Nr.28,1995Nr.2= VPB60.30 und1995 Nr.25). DieflüchtlingsrechtlicheLiteraturerörtertdiesenvonderschweizerischen PraxisgewähltenAnsatzunterdemStichwortder«Zurechenbarkeitstheorie» («accountabilityview»),demandererseitsunterdemStichwortder «Schutzgewährungstheorie»oder«TheoriederSchutzbedürftigkeit» («protectionview»)diePraxisderweitüberwiegendenZahl derFK-Signatarstaatengegenübersteht,wonachVerfolgungim flüchtlingsrechtlichenSinnnichtvonderFrageihresUrhebers,sondernvom VorhandenseinadäquatenSchutzesdurchdenHeimatstaatabhängt. Diesen zweitgenanntenAnsatzzurAuslegungvonArt.1AFKvertrittseitlängerer ZeitauchdasUNHCR(vgl. UNHCR-Stellungnahmezuminternationalen Flüchtlingsschutz: AuslegungvonArtikel1desAbkommensvon1951über dieRechtsstellungderFlüchtlinge,April2001,in: EuropäischeAsylpolitik, VerlagÖsterreich,Wien2003,Ziff.19und36sowieHinweiseauffrühere entsprechendeStellungnahmendesUNHCRinFussnote44;vgl. auch W. Kälin, Non-StateAgentsofPersecutionandtheInabilityoftheStatetoProtect,in: InternationalAssociationofRefugeeLawJudges[IARLJ]:TheChangingNature ofPersecution,4 th Conference,October2000Berne,Switzerland,Bern2001, S.43ff.; W. Kälin,NichtstaatlicheVerfolgungundstaatlicheSchutzunfähigkeit, inASYL2001/3S.3ff.; Ch. von Gunten ,DieStaatlichkeitderVerfolgung-eine VoraussetzungderAnerkennungalsFlüchtling? -MaterialienundPosition derSchweizerischenFlüchtlingshilfe,inASYL2001/1,S.22ff.;vgl. auch R. Haines,Gender-relatedpersecution,inFeller/Türk/Nicholson,a.a.O.,S.319ff., 8insbesondereS.332; D. Anker,RefugeeStatusandViolenceagainstWomen inthe«Domestic»Sphere: TheNon-StateActorQuestion,in: International AssociationofRefugeeLawJudges,a.a.O.,S.92ff.). DieARKistsichderProblematikbewusst,hatsieaberbisheroffengelassen (vgl. EMARK2003Nr.10,S.63;2000Nr.15,S.115f. = VPB65.3). e. DieFragederflüchtlingsrechtlichenRelevanzdervonPrivaten ausgehendenVerfolgungimschutzunfähigenoderfehlendenStaatistinder SchweizzurzeitGegenstandgesetzgeberischerDiskussion. DasBFFlancierte imJahr2001entsprechendeDiskussionen,aufBestrebungendesUNHCR hinundinAnbetrachtdervondenanderenFK-Signatarstaatenverfolgten Praxis;dieDiskussionwurdeimParlamentnamentlichmitderDringlichen EinfachenAnfrageHeberleinvom7.Mai2001(«BundesamtfürFlüchtlinge. Praxisänderung»;01.1025)unddenInterpellationen(Ip)Heberleinvom 21.Juni2001sowieBeerlivom21.Juni2001(«BundesamtfürFlüchtlinge. AbklärungenzurSchutztheorie»;01.3352beziehungsweise01.3366) aufgenommen. InBeantwortungderbeidenerwähntenInterpellationen hieltderBundesratindiesemZusammenhangunteranderemFolgendesfest: «Weder die Genfer Flüchtlingskonvention noch das schweizerische Asylgesetz definieren explizit den Begriff des Verfolgers. In Auslegung der vorerwähnten Bestimmungen hat das BFF den Begriff des Verfolgers bisher so interpretiert, dass einer Person nur dann die Flüchtlingseigenschaft zukommt, wenn sie von staatlichen oder quasi-staatlichen Organen verfolgt wird. Diese Auffassung vertreten im europäischen Umfeld nur noch Deutschland, Frankreich und Italien. Frankreich und Italien sehen jedoch im Einzelfall durchaus Erleichterungen vor. Die andere grosse Mehrheit der westlichen Industriestaaten sind demgegenüber im Lauf der Zeit zur Schutztheorie übergegangen, indem sie auch dann Asyl gewähren, wenn eine Verfolgung durch private Dritte vorliegt. Angesichts der Entwicklung zur Anerkennung der nichtstaatlichen Verfolgung hat das BFF eine Überprüfung seiner bisherigen Praxis vorgenommen. Die Ergebnisse der eingangs erwähnten Abklärungen sollen in der Botschaft zur laufenden Asylgesetzrevision aufgenommen werden». InderBotschaftdesBundesratsvom4.September2002zurgegenwärtigim parlamentarischenProzessbefindlichenRevisiondesAsylgesetzes(Botschaft zurÄnderungdesAsylgesetzes,zurÄnderungdesBundesgesetzesüberdie KrankenversicherungsowiezurÄnderungdesBundesgesetzesüberdieAlters- undHinterlassenenversicherungvom4.September2002,BBl 2002 6845ff.) wirdFolgendesausgeführt: «Seit geraumer Zeit wird darüber diskutiert, ob das BFF, unterstützt durch die Eidgenössische Kommission für Flüchtlingsfragen (EKF), hinsichtlich der Anerkennung des Flüchtlingsstatus von der Zurechenbarkeitstheorie zur Schutztheorie wechseln soll. Dies würde bedeuten, dass künftig nicht nur die staatliche, sondern auch die Verfolgung durch Dritte/Private zur Anerkennung als Flüchtling führen soll. Alle Staaten sind vom UNHCR aufgefordert worden, die Schutztheorie anzuerkennen. Dies unter anderem deshalb, damit geschlechtsspezifische Verfolgung im Rahmen der bestehenden Flüchtlingsdefinition der Flüchtlingskonvention (…) besser erfasst werden kann. Diese Absicht des BFF, zur Schutztheorie zu wechseln, hat zu diversen parlamentarischen Vorstössen geführt (…). Obwohl bei der Behandlung der Ip 9Beerli im Ständerat klar gestellt wurde, dass eine solche Praxisänderung in der Kompetenz des BFF liege, wurde dem Rat gleichzeitig zugesichert, sie in der Botschaft zur Teilrevision des Asylgesetzes näher zu begründen.» InderFolgelegtdiebundesrätlicheBotschaftdieStaatenpraxisvon insgesamt18anderenAufnahmestaatendarundskizziertdieAuswirkungen einerallfälligenPraxisänderungaufdieSchweizundaufdiebetroffenen Asylsuchenden(Botschaft,a.a.O.,S.6858f.);dieAusführungenschliessenmit demHinweis,derBundesratbefürworteausdendargelegtenGründendie beabsichtigtePraxisänderungdesBFF(Botschaft,a.a.O.,S.6859). f. DieARKerachtetesangesichtsdesskizziertenDiskussionsstandesderzeit nichtalsangezeigt,dieFragederflüchtlingsrechtlichenRelevanzprivater VerfolgungimschutzunfähigenoderfehlendenStaat,diederzeitvordem Gesetzgeberaufgegriffenwordenist,imSinnegrundsätzlicherErwägungen undinallfälligerAbweichungvoneinerbisherigenPraxiszubeantworten. Gleichzeitigverbietetessichandererseits,dasvorliegende BeschwerdeverfahrenbiszumAbschlussdergesetzgeberischenArbeiten hängigzubelassen. DieBeschwerdeführerinhatbereitswiederholtum einenbeförderlichenAbschlussdesVerfahrensersuchtundnamentlich innachvollziehbarerWeiseaufdieandauerndeUnsicherheitdes Aufenthaltsstatushingewiesen,zumalbeihängigemBeschwerdeverfahren auchdievomBFFangeordnetevorläufigeAufnahmederBeschwerdeführerin undihrerKinderbishernichtinRechtskrafterwachsenkonnte. 7. Zusammenfassendistdaher,inWeiterführungderbisherigenPraxisder ARKbetreffenddieNichtanerkennungprivaterVerfolgungimschutzunfähigen Staat,festzuhalten,dassdieVorbringenderBeschwerdeführerinnendie VoraussetzungenderFlüchtlingseigenschaftnichtzuerfüllenvermögen. Die VerneinungderFlüchtlingseigenschaftderBeschwerdeführerinundihrer KinderunddieAblehnungihrerAsylgesuchedurchdasBFFsinddemnachzu bestätigen. AlsreguläreFolgederAsylgesuchsabweisungwurdeauchdieWegweisung alssolchezuRechtangeordnet,nachdemdieBeschwerdeführerüberkeine fremdenpolizeilicheAufenthaltsbewilligungverfügen(vgl. Art.44Abs.1 AsylG).DieFragedesWegweisungsvollzugesstehtdemgegenübernichtzur Diskussion;vielmehrerwächstmitErgehendesvorliegendenUrteilsdie vorläufigeAufnahmederBeschwerdeführerinundihrerKinder[…]nunmehr inRechtskraft. 10Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali JAAC 68.142 - Auszug aus dem Urteil der Schweizerischen Asylrekurskommission vom 28. Januar 2004 i.S. X., Somalia, auch erschienen in Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 14 In Verwaltungspraxis der Bundesbehörden Dans Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération In Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione Jahr 2004 Année Anno Band 68 Volume Volume Seite --- Page Pagina Ref. No 150 006 329 Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv und die Bundeskanzlei konvertiert. Le document a été digitalisé par les Archives Fédérales Suisses et la Chancellerie fédérale. Il documento è stato convertito dall'Archivio federale svizzero e della Cancelleria federale.