<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">430</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>78</b></span> <span class="ft4"><b>Bauen ohne Baubewilligung; Rechtsschutz Dritter; Anmerkung der</b></span><br/> <span class="ft4"><b>fehlenden Besitzstandsgarantie im Grundbuch</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Wer nicht innert drei Monaten seit Kenntnisnahme einer Baurechts-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>widrigkeit interveniert, verliert seinen Rechtsschutzanspruch</b></span><br/> <span class="ft4"><b>(Erw. 4.4).</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Die fehlende Besitzstandsgarantie einer (materiell) rechtswidrigen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Baute ist als Eigentumsbeschränkung gemäss § 163 BauG im Grund-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>buch anzumerken (Erw. 5.3).</b></span><br/> <span class="ft8">Aus dem Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt vom</span><br/> <span class="ft8">6. März 2015 (BVURA.14.333).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">431</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft10"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">4.4</span><br/> <span class="ft1">4.4.1</span><br/> <span class="ft1">...</span><br/> <span class="ft1">Wer als Nachbar von einem Bau- oder Nutzungsvorhaben be-</span><br/> <span class="ft1">troffen ist, kann seinen Rechtsschutzanspruch bei eigenmächtigem</span><br/> <span class="ft1">Vorgehen des Bauherrn zwar auch später noch durchsetzen. Die Pra-</span><br/> <span class="ft1">xis bindet die Geltendmachung dieses Anspruchs jedoch an Fristen,</span><br/> <span class="ft1">namentlich aus der Überlegung heraus, dass der Rechtsuchende auch</span><br/> <span class="ft1">im ordentlichen Rechtsschutzverfahren auf befristete Rechtsmittel</span><br/> <span class="ft1">verwiesen ist. Im geltenden kantonalen Recht ist die Situation, wo</span><br/> <span class="ft1">keine Baubewilligung vorliegt, verfahrensrechtlich nicht geregelt.</span><br/> <span class="ft1">Unter der Geltung des alten Verwaltungsrechtspflegegesetzes und</span><br/> <span class="ft1">des alten Baugesetzes lautete die Rechtsprechung wie folgt:</span><br/> <span class="ft1">Liegt überhaupt keine baupolizeiliche Bewilligung vor, so hat</span><br/> <span class="ft1">die Intervention des Betroffenen innert nützlicher Frist, das heisst</span><br/> <span class="ft1">ebenfalls in Anlehnung an die ordentlichen Beschwerdefristen innert</span><br/> <span class="ft1">20 Tagen (§ 40 Abs. 1 aVRPG) seit der Kenntnisnahme vom Bau-</span><br/> <span class="ft1">vorhaben zu erfolgen. Reagiert der Betroffene nicht innert dieser</span><br/> <span class="ft1">Frist, befindet er sich in der gleichen Position wie ein Nicht-</span><br/> <span class="ft1">legitimierter, das heisst es steht ihm dann lediglich zu, nach Mass-</span><br/> <span class="ft1">gabe von § 59a aVRPG (heute § 38 VRPG) bei der Behörde Auf-</span><br/> <span class="ft1">sichtsanzeige zu erheben. Er hat dann einzig Anspruch auf eine</span><br/> <span class="ft1">behördliche Antwort, doch kann er die Behörde nicht dazu verhalten,</span><br/> <span class="ft1">in dem von ihm anbegehrten Sinn tätig zu werden (zum Ganzen:</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1994, S. 365 f. mit Hinweisen; vgl. bezüglich der Stellung als</span><br/> <span class="ft1">Aufsichtsanzeigeerstatter auch VGE III/27 vom 30. März 2005,</span><br/> <span class="ft1">S. 7). Andernfalls hätte es der Nachbar in der Hand, eine von ihm bis</span><br/> <span class="ft1">dahin widerspruchslos geduldete Baute bis zum Ablauf der gemäss</span><br/> <span class="ft1">bundesgerichtlicher Rechtsprechung für ein behördliches Einschrei-</span><br/> <span class="ft1">ten geltenden Maximalfrist von 30 Jahren (vgl. BGE 107 Ia 121; 105</span><br/> <span class="ft1">Ib 265) jederzeit wieder infrage zu stellen, was auch unter dem Ge-</span><br/> <span class="ft1">sichtswinkel der Rechtssicherheit als fragwürdig erscheint.</span><br/> <span class="ft1">4.4.2</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">432</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die genannte Rechtsprechung regelt das Verhältnis zwischen</span><br/> <span class="ft1">der Nachbarschaft und der Bauherrschaft, wenn keine Baubewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung vorliegt. Sie begrenzt den Anspruch der Nachbarn, die Durch-</span><br/> <span class="ft1">führung eines nachträglichen Baugesuchsverfahrens eigenständig zu</span><br/> <span class="ft10"><i>erzwingen</i>. Das Verhältnis zwischen Baupolizeibehörde und Bauherr-</span><br/> <span class="ft1">schaft ist davon nicht direkt betroffen; der Gemeinderat kann (allen-</span><br/> <span class="ft1">falls durch eine Aufsichtsanzeige der Nachbarn aufmerksam ge-</span><br/> <span class="ft1">macht) auch später noch gegen das eigenmächtige Handeln der Bau-</span><br/> <span class="ft1">herrschaft vorgehen.</span><br/> <span class="ft1">Wie bereits ausgeführt, wurde die Herleitung der 20-tägigen</span><br/> <span class="ft1">Frist für die Intervention des Nachbarn bei eigenmächtigem Vorge-</span><br/> <span class="ft1">hen des Bauherrn damit begründet, dass die Nachbarn auch bei ei-</span><br/> <span class="ft1">nem ordentlichen Verfahren an eine (Einwendungs-)Frist gebunden</span><br/> <span class="ft1">sind. In den Fällen, in denen zwar eine Baubewilligung vorliegt,</span><br/> <span class="ft1">diese aber mit einem Verfahrensmangel behaftet ist, weil der Nach-</span><br/> <span class="ft1">bar zu Unrecht nicht in das Verfahren einbezogen worden ist, geht je-</span><br/> <span class="ft1">doch die neuere Praxis in Anlehnung an § 27 aVRPG (Wiederauf-</span><br/> <span class="ft1">nahme) von einer dreimonatigen Frist ab Möglichkeit der Kenntnis-</span><br/> <span class="ft1">nahme von der betreffenden Baute aus (zum Ganzen: AGVE 1988,</span><br/> <span class="ft1">S. 400 ff.; VGE III/27 vom 30. März 2005, S. 7). Vor dieser Praxis-</span><br/> <span class="ft1">änderung wurde auch in diesen Fällen noch von einer 20-tägigen</span><br/> <span class="ft1">Frist ausgegangen (vgl. AGVE 1978, S. 234). Diese neuere Praxis</span><br/> <span class="ft1">wurde mit dem neuen Verwaltungsrechtspflegegesetz ins Gesetz</span><br/> <span class="ft1">überführt, wonach die Wiederaufnahme auch verlangen kann, wer zu</span><br/> <span class="ft1">Unrecht nicht in ein Verfahren einbezogen wurde oder wem ein Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid zu Unrecht nicht eröffnet worden ist (§ 65 Abs. 2 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">Allerdings wurde damit die Praxis im Ergebnis verschärft, denn pra-</span><br/> <span class="ft1">xisgemäss wurde nur eine fristgerechte Intervention beim Gemeinde-</span><br/> <span class="ft1">rat verlangt, etwa indem mündlich gegen die Baute Protest eingelegt</span><br/> <span class="ft1">und Einsicht in die Pläne und die Baubewilligung verlangt worden</span><br/> <span class="ft1">war. § 65 VRPG verlangt demgegenüber nun ein formelles Wiederer-</span><br/> <span class="ft1">wägungsbegehren, das innert Frist schriftlich mit Antrag und Be-</span><br/> <span class="ft1">gründung einzureichen ist (vgl. § 66 Abs. 1 VRPG). Mit § 65 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG hat der Gesetzgeber die bisherige Praxis abgelöst, allerdings</span><br/> <span class="ft1">ohne in den Materialien auf sie und die Unterschiede einzugehen</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aargau an den Gros-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">433</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sen Rat vom 14. Februar 2007 [07.27], S. 78: "Wie zu verfahren ist,</span><br/> <span class="ft1">wenn ein solcher Mangel entdeckt wurde, war aber nicht klar. Neu</span><br/> <span class="ft1">wird das Problem über die Wiederaufnahme gelöst [...]").</span><br/> <span class="ft1">Die genannte Änderung der Rechtsprechung hinsichtlich der</span><br/> <span class="ft1">nützlichen Frist (drei Monate; AGVE 1988, S. 396 ff.) rechtfertigt</span><br/> <span class="ft1">sich auch für den Fall des eigenmächtigen Vorgehens des Bauherrn.</span><br/> <span class="ft1">Es wäre nicht nachvollziehbar, weshalb ein Bauherr, der eine Baube-</span><br/> <span class="ft1">willigung hat und demnach gewichtige Interessen am Rechtsschutz</span><br/> <span class="ft1">geltend machen kann, sich länger in Unsicherheit wiegen muss als</span><br/> <span class="ft1">einer, der eigenmächtig ohne Baubewilligung gehandelt hat. Dem-</span><br/> <span class="ft1">nach hat der Nachbar auch in den Fällen eigenmächtigen Vorgehens</span><br/> <span class="ft1">des Bauherrn innert drei Monaten zu intervenieren, seit er vom Bau-</span><br/> <span class="ft1">vorhaben Kenntnis nehmen konnte, das heisst seit er Kenntnis</span><br/> <span class="ft1">genommen hat oder bei Anwendung der gebotenen Sorgfalt hätte</span><br/> <span class="ft1">nehmen können (vgl. bezüglich des behördlichen Beseitigungsan-</span><br/> <span class="ft1">spruchs A</span><span class="ft8">NDREAS</span> <span class="ft1">B</span><span class="ft8">AUMANN</span><span class="ft1">, in: Kommentar zum Baugesetz des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Aargau, Bern 2013, § 159 N 55). Die Möglichkeit der</span><br/> <span class="ft1">Kenntnisnahme besteht dabei spätestens in dem Zeitpunkt, in wel-</span><br/> <span class="ft1">chem die Dimensionen der (bewilligungslosen) Baute für den Nach-</span><br/> <span class="ft1">barn sichtbar und die Baubewilligungspflicht für ihn somit erkennbar</span><br/> <span class="ft1">geworden ist (vgl. bezüglich des Fristbeginns auch AGVE 1978,</span><br/> <span class="ft1">S. 234 sowie BGer 1C_150/2012 vom 6. März 2013, Erw. 2.4). Im</span><br/> <span class="ft1">Übrigen hat sich ein allfälliger Erwerber der betroffenen Liegen-</span><br/> <span class="ft1">schaft die Kenntnis beziehungsweise die Möglichkeit der Kenntnis-</span><br/> <span class="ft1">nahme des Rechtsvorgängers anrechnen zu lassen.</span><br/> <span class="ft1">4.4.3</span><br/> <span class="ft1">Der Nachbar hat somit auch in den Fällen eigenmächtigen</span><br/> <span class="ft1">Vorgehens des Bauherrn innert drei Monaten, seit er vom Bauvorha-</span><br/> <span class="ft1">ben Kenntnis nehmen konnte, zu intervenieren. Was mit intervenie-</span><br/> <span class="ft1">ren gemeint ist, ist nachfolgend zu präzisieren.</span><br/> <span class="ft1">Klar ist, dass es in diesen Fällen (im Gegensatz zu den Fällen,</span><br/> <span class="ft1">wo eine Baubewilligung vorliegt, der Nachbar jedoch nicht in das</span><br/> <span class="ft1">Verfahren einbezogen worden ist) nicht erforderlich ist, dass der</span><br/> <span class="ft1">Nachbar innert der Frist von drei Monaten ein förmliches Wiederauf-</span><br/> <span class="ft1">nahmebegehren beim Gemeinderat stellt. Dies rechtfertigt sich schon</span><br/> <span class="ft1">deshalb nicht, da noch gar kein Baubewilligungsverfahren durchlau-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">434</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">fen wurde, welches wiederaufgenommen werden könnte. Auch kann</span><br/> <span class="ft1">es nicht Aufgabe des Nachbarn sein, ein Verfahren formell in Gang</span><br/> <span class="ft1">zu setzen, das der Bauherr bewusst unterlassen hat und das sich pri-</span><br/> <span class="ft1">mär zwischen der Bauherrschaft und dem Gemeinderat abspielt.</span><br/> <span class="ft1">Schliesslich stellt es ein unter Nachbarn übliches und schutzwürdiges</span><br/> <span class="ft1">Vorgehen dar, Differenzen vorerst untereinander zu klären und erst</span><br/> <span class="ft1">im Fall der Nichteinigung (beispielsweise hier hinsichtlich der</span><br/> <span class="ft1">Versetzung der Baute) beim Gemeinderat zu intervenieren. Es muss</span><br/> <span class="ft1">in den Fällen eigenmächtigen Vorgehens des Bauherrn daher als</span><br/> <span class="ft1">genügend erachtet werden, wenn der betroffene Nachbar innert drei</span><br/> <span class="ft1">Monaten beim Bauherrn interveniert. Diese Intervention ist formlos</span><br/> <span class="ft1">möglich, doch empfiehlt sich aus Beweisgründen Schriftlichkeit.</span><br/> <span class="ft1">Einigen sich Nachbar und Bauherr in der Folge nicht hinsichtlich der</span><br/> <span class="ft1">Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands respektive hinsicht-</span><br/> <span class="ft1">lich der Duldung der Baute oder handelt der Bauherr einer allfällig</span><br/> <span class="ft1">erzielten Einigung zuwider, so hat der Nachbar wiederum innert</span><br/> <span class="ft1">nützlicher Frist (deren Dauer hier offen gelassen werden kann) beim</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderat schriftlich die Durchführung eines nachträglichen Bau-</span><br/> <span class="ft1">bewilligungsverfahrens zu verlangen. Alternativ steht es dem Nach-</span><br/> <span class="ft1">barn selbstverständlich offen, direkt beim Gemeinderat innert der</span><br/> <span class="ft1">Frist von drei Monaten (schriftlich) die Durchführung eines nach-</span><br/> <span class="ft1">träglichen Baubewilligungsverfahrens zu beantragen.</span><br/> <span class="ft1">Macht der Nachbar beim Gemeinderat geltend, er habe An-</span><br/> <span class="ft1">spruch auf Durchführung eines nachträglichen Baubewilligungs-</span><br/> <span class="ft1">verfahrens, so muss der Gemeinderat darüber als Baubewilli-</span><br/> <span class="ft1">gungsbehörde innert angemessener Frist und in anfechtbarer Form</span><br/> <span class="ft1">entscheiden. Beschliesst der Gemeinderat, kein nachträgliches Bau-</span><br/> <span class="ft1">bewilligungsverfahren durchzuführen, weil er den Rechtsschutz-</span><br/> <span class="ft1">anspruch des Nachbarn als verwirkt erachtet, kann dieser den Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid anfechten. Leitet der Gemeinderat demgegenüber das nach-</span><br/> <span class="ft1">trägliche Baubewilligungsverfahren (auf Gesuch des Nachbarn oder</span><br/> <span class="ft1">von Amtes wegen) ein, hat der Nachbar später die Möglichkeit, eine</span><br/> <span class="ft1">Einwendung einzureichen (vgl. VGE III/27 vom 30. März 2005,</span><br/> <span class="ft1">S. 7 f.). Tut er das, hat er Anspruch auf Zustellung des Entscheids</span><br/> <span class="ft1">über das Baugesuch und kann gegen diesen wiederum Beschwerde</span><br/> <span class="ft1">erheben. Weigert sich der Gemeinderat dagegen bereits, über den</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">435</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nachträglichen Rechtsschutzanspruch des Nachbarn überhaupt zu</span><br/> <span class="ft1">verfügen, obwohl dieser ausdrücklich einen Anspruch auf nachträgli-</span><br/> <span class="ft1">che Durchführung eines Baubewilligungsverfahrens geltend macht,</span><br/> <span class="ft1">steht dem betroffenen Nachbarn die Rechtsverweigerungsbeschwer-</span><br/> <span class="ft1">de offen (vgl. § 41 Abs. 2 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">4.4.4</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend wurde die Pergola vom Beschwerdegegner im Jahr</span><br/> <span class="ft1">1995 erstellt. Trotz der Tatsache, dass die Pergola entgegen der Bau-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung unmittelbar an die Grenze zur Parzelle 172 gesetzt, das</span><br/> <span class="ft1">heisst sowohl formell wie auch materiell rechtswidrig erstellt wurde,</span><br/> <span class="ft1">intervenierte der damalige Eigentümer der Parzelle 172 nie gegen</span><br/> <span class="ft1">das Bauvorhaben (weder beim Gemeinderat noch bei der Bauherr-</span><br/> <span class="ft1">schaft). Er duldete also die rechtswidrig erstellte Baute über Jahre</span><br/> <span class="ft1">und verwirkte somit gemäss der dargelegten Rechtsprechung seinen</span><br/> <span class="ft1">Rechtsschutzanspruch. Folglich war der Rechtsschutzanspruch des</span><br/> <span class="ft1">Grundeigentümers der Parzelle 172 im Zeitpunkt des Liegenschafts-</span><br/> <span class="ft1">erwerbs durch die Beschwerdeführerin im Jahr 1999 bereits verwirkt.</span><br/> <span class="ft1">Hinzukommt, dass auch die Beschwerdeführerin selbst erst mit</span><br/> <span class="ft1">Eingabe vom 14. Juni 2007, das heisst nach rund 12 Jahren seit der</span><br/> <span class="ft1">rechtswidrigen Erstellung der Pergola durch den Beschwerdegegner</span><br/> <span class="ft1">respektive nach rund 8 Jahren seit dem Liegenschaftserwerb und der</span><br/> <span class="ft1">Kenntnisnahme der Unterschreitung des Grenzabstands, beim Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinderat erstmals schriftlich die Anordnung der Entfernung der</span><br/> <span class="ft1">Baute beantragte. Auch die Beschwerdeführerin selbst duldete die</span><br/> <span class="ft1">rechtswidrig erstellte Pergola also über Jahre. In Anbetracht dieser</span><br/> <span class="ft1">Tatsache erscheint es denn auch als wider Treu und Glauben,</span><br/> <span class="ft1">erstmals rund 8 Jahre nach Kenntnisnahme der Grenzabstandun-</span><br/> <span class="ft1">terschreitung die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands zu</span><br/> <span class="ft1">verlangen (vgl. diesbezüglich auch EBVU 06.41 vom 24. März 2006,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 4c sowie den Entscheid des Verwaltungsgerichts Zürich [VB]</span><br/> <span class="ft1">2009.00018 vom 16. Dezember 2009, Erw. 2).</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsschutzanspruch der Beschwerdeführerin bereits im Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">des Erwerbs der Liegenschaft verwirkt war. Die Duldung des rechts-</span><br/> <span class="ft1">widrigen Zustands durch den vormaligen Eigentümer der Parzelle</span><br/> <span class="ft1">172 muss sich die Beschwerdeführerin als dessen Rechtsnachfolgerin</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">436</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">anrechnen lassen (vgl. vorstehend Erw. 4.4.2). Im Übrigen duldete</span><br/> <span class="ft1">auch die Beschwerdeführerin selbst über Jahre hinweg den rechts-</span><br/> <span class="ft1">widrigen Zustand, weshalb es aus diesem Grund auch als wider Treu</span><br/> <span class="ft1">und Glauben erscheint, nun die Wiederherstellung des rechtmässigen</span><br/> <span class="ft1">Zustands respektive die Durchführung eines nachträglichen Baube-</span><br/> <span class="ft1">willigungsverfahrens zu verlangen. Der Gemeinderat war folglich</span><br/> <span class="ft1">nicht verpflichtet, auf das Gesuch vom 14. Juni 2007 hin ein nach-</span><br/> <span class="ft1">trägliches Baubewilligungsverfahren einzuleiten. Insofern ist der</span><br/> <span class="ft1">Entscheid vom 22. Januar 2008 nicht zu beanstanden ...</span><br/> <span class="ft1">5.3</span><br/> <span class="ft1">Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass die Pergolabaute trotz</span><br/> <span class="ft1">Duldung durch den Gemeinderat keinen Besitzstandsschutz im Sinn</span><br/> <span class="ft1">von § 68 BauG geniesst. Besitzstand würde voraussetzen, dass die</span><br/> <span class="ft1">Pergola formell oder materiell rechtmässig erstellt wurde</span><br/> <span class="ft1">(vgl. AGVE 2000, S. 255), was vorliegend nicht der Fall ist. Ein für</span><br/> <span class="ft1">die Anrufung der Besitzstandsgarantie ausreichender Rechtstitel liegt</span><br/> <span class="ft1">zwar auch vor, wenn die betreffende Baute zwar nicht nach den er-</span><br/> <span class="ft1">wähnten Kriterien rechtmässig ist, sich der Bauherr aber aufgrund</span><br/> <span class="ft1">der langjährigen Duldung der rechtswidrigen Baute durch die Be-</span><br/> <span class="ft1">hörde auf den Vertrauensschutz berufen kann (vgl. AGVE 2000,</span><br/> <span class="ft1">S. 256). Auf den Vertrauensschutz kann sich jedoch nur berufen, wer</span><br/> <span class="ft1">guten Glaubens von der Rechtmässigkeit des Zustands ausgeht. So-</span><br/> <span class="ft1">bald sich die Bauherrschaft der Rechtswidrigkeit ihres Tuns bewusst</span><br/> <span class="ft1">ist, kann sich diese nicht mehr auf den Vertrauensschutz berufen</span><br/> <span class="ft1">(A</span><span class="ft8">NDREAS</span> <span class="ft1">B</span><span class="ft8">AUMANN</span><span class="ft1">, a.a.O., § 159 N 7). Vorliegend geht aus den</span><br/> <span class="ft1">Akten hervor, dass sich der Beschwerdegegner der Rechtswidrigkeit</span><br/> <span class="ft1">seines Tuns offensichtlich bewusst war, hatte er doch zunächst ein</span><br/> <span class="ft1">Projekt direkt an der Parzellengrenze und nach Hinweis der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinde auf die Abstandsregeln ein neues Projekt mit einem Grenzab-</span><br/> <span class="ft1">stand eingereicht, weshalb er sich auch nicht auf den Grundsatz des</span><br/> <span class="ft1">Vertrauensschutzes berufen kann. Gegenteiliges wurde von ihm denn</span><br/> <span class="ft1">auch nie behauptet. Somit kann der Beschwerdegegner vorliegend le-</span><br/> <span class="ft1">diglich darauf vertrauen, dass die Pergola vom Gemeinderat auch</span><br/> <span class="ft1">weiterhin geduldet wird, eigentlichen Besitzstandsschutz geniesst sie</span><br/> <span class="ft1">jedoch nicht. Aus diesem Grund sind keinerlei Erneuerungen, Ände-</span><br/> <span class="ft1">rungen oder Wiederaufbauten (auch im Falle von Zerstörungen ir-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">437</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gendwelcher Art) zulässig (vgl. RRB Nr. 2009-000186 vom 18. Feb-</span><br/> <span class="ft1">ruar 2009, S. 6). Der Gemeinderat hat diese Eigentumsbeschränkung</span><br/> <span class="ft1">(fehlende Besitzstandsgarantie) - analog der neueren Praxis der</span><br/> <span class="ft1">Abteilung für Baubewilligungen BVU (vgl. RRB Nr. 2014-001387</span><br/> <span class="ft1">vom 17. Dezember 2014, S. 7) - auf Kosten des Beschwerdegegners</span><br/> <span class="ft1">im Grundbuch anmerken zu lassen (vgl. betreffend die Anmerkung</span><br/> <span class="ft1">von öffentlich-rechtlichen Eigentumsbeschränkungen im Grundbuch</span><br/> <span class="ft1">auch Art. 962 ZGB sowie § 163 BauG). ...</span><br/> <span class="ft12"><i>Bemerkung: Die Belastung ist im Grundbuch wie folgt angemerkt worden:</i></span><br/> <span class="ft12"><i>"(L) Eigentumsbeschränkung gem. § 163 BauG (fehlende Besitzstandsgarantie</i></span><br/> <span class="ft12"><i>Pergolabaute)"</i></span><br/></div> </div> </body> </html>