B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2791/2019 U r t e i l v o m 2 2 . J u n i 2 0 2 0 Besetzung Richter Lorenz Noli (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner, Richterin Muriel Beck Kadima, Gerichtsschreiber Kevin Schori. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 29. April 2019 / N (…). E-2791/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 22. Oktober 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 27. Oktober 2015 und der Anhörung vom 8. März 2018 machte er im Wesentlichen Fol- gendes geltend: Er sei kurdischer Ethnie, stamme aus B._______ und habe etwa seit der fünften Klasse bis zu seiner Ausreise in C._______ gelebt. Nach Abschluss des Gymnasiums habe er drei Jahre lang in D._______ gelebt und an der Fakultät (…) studiert. Am (…) 2011 sei ihm das Militärbüchlein der syri- schen Armee ausgestellt worden. Im (…) 2011 habe er an Demonstratio- nen teilgenommen, was jedoch niemand mitbekommen habe. Aufgrund seines Studiums habe er den Militärdienst insgesamt (…) Mal – zuletzt bis (…) 2016 – aufschieben können. Im (…) 2015 habe er sich zusätzlich ein Militärbüchlein der YPG (Yekîneyên Parastina Gel, kurdische Volksvertei- digungseinheiten) ausstellen lassen müssen; aufgrund seines Studiums sei ihm ebenfalls ein Aufschub bis (…) 2016 gewährt worden. Da der so- genannte Islamische Staat (IS) versucht habe , D._______ einzunehmen, sei er im (…) 2015 nach C._______ zurückgekehrt. Da er weder in den Militärdienst der YPG noch in denjenigen der Regierung habe Einrücken wollen, habe er am (…) 2015 Syrien legal mit seinem Pass in Richtung Türkei verlassen. Über B ulgarien und diver se weitere Länder sei er am (…) 2015 illegal in die Schweiz gelangt. Nach seiner Ausreise sei seinem Vater im (…) 2016 ein militärisches Auf- gebot des Rekrutierungsbüros in C._______ ausgehändigt worden, ge- mäss dem er (der Beschwerdeführer) sich am (…) 2016 im Rekrutierungs- büro in E._______ hätte melden und am (…) 2016 in den Militärdienst hätte einrücken müssen. Der Beschwerdeführer reichte seine Identitätskarte, Kopien seines Passes und Familienbüchleins, einen Auszug aus dem Zivilregiste r, sein Militär- büchlein der Regierung, einen Marschbefehl, sein YPG -Militärbüchlein, Kopien von Fotos von Märtyrern, Quittungen von Studiengebühren, Prü- fungsergebnisse, seine Studentenkarte sowie seine Impfkarte zu den Ak- ten. E-2791/2019 Seite 3 B. Mit Verfügung vom 29. April 2019 – eröffnet am 7. Mai 2019 – verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz, deren Vollzug es aufgrund der Unzulässigkeit des Wegweisungs- vollzugs jedoch aufschob. C. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 5. Juni 2019 be- antragte der Beschwerdeführer in der Hauptsache die Gewährung der voll- umfänglichen Einsicht in die Akten A5/5, in die Auflistung des Beweismit- telumschlags gemäss Akte A11, in die Akte A31/1 sowie in die vom SEM genannten «Quellen» (Rechtsbegehren 1). Eventualiter sei ihm zu diesen Akten das rechtliche Gehör zu gewähren (Rechtsbegehren 2) und ihm eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzuset- zen (Rechtsbegehren 3). Weiter sei die angefochtene Verfügung aufzuhe- ben und die Sache dem SEM zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurtei- lung zurückzuweisen (Rechtsbegehren 4), eventualiter sei seine Flücht- lingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren (Rechtsbegehren 5), respektive sei er eventualiter als Flüchtling anzuerkennen (Rechtsbe- gehren 6). In prozessualer Hinsicht beantragte er weiter die Gewährung der unentgeltlichen Prozessf ührung inklusive Kostenvorschussverzicht (Rechtsbegehren 7 und 8) sowie eventualiter die Ansetzung einer ange- messenen Frist zur Bezahlung des Kostenvorschusses (Rechtsbegehren 9). Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer Ko- pien der Aufenthaltsbewilligungen seines (…), seiner beiden (…) und sei- ner (…) sowie diverse Internetartikel ins Recht. D. Mit Zwischenverfügung vom 19. Juni 2019 wies das Bundesverwaltungs- gericht die Vorinstanz an, dem Beschwerdeführer im Sinne der Erwäg un- gen Akteneinsicht zu gewähren und räumte gleichzeitig dem Beschwerde- führer die Gelegenheit ein, innert 15 Tagen ab Gewährung der Aktenein- sicht durch die Vorinstanz seine Beschwerdebegründung gutscheinend zu ergänzen. E-2791/2019 Seite 4 E. Mit Fristge recht erfolgter Eingabe vom 16. Juli 2019 ergänzte der Be- schwerdeführer seine Beschwerdeeingabe vom 5. Juni 2019. Dabei reichte er die von der Vorinstanz im Rahmen der gewährten Einsicht in ihre «Quellen» zugestellten Akten ins Recht. F. Mit Zwischenverfügung vom 29. Juli 2019 lud das Bundesver waltungsge- richt die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. Ein Frister- streckungsgesuch der Vorinstanz vom 5. August 2019 hiess das Bundes- verwaltungsgericht mit Zwischenverfügung vom 7. August 2019 gut. G. In ihrer Stellungnahme vom 22. August 2019 hielt die Vorinstanz fest, dass keine neuen und erheblichen Tatsachen oder Beweismittel vorlägen, wel- che eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnte. Sie äusserte sich überdies zur Konsultation der in der Beschwerdeschrift genannten Verweisdossiers und zur Praxis bezüglich syrischer Dienstverweigerer. H. Mit Zwischenverfügung vom 27. August 2019 hiess das Bundesverwal- tungsgericht das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Pro- zessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvo rschus- ses. Gleichzeitig lud es den Beschwerdeführer zur Einreichung einer Rep- lik ein. I. In seiner Replik vom 12. September 2019 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest. J. Für das vorliegende Verfahren wurden die vorinstanzlichen Akten des (…) des Beschwerdeführers (N […]) beigezogen. E-2791/2019 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül- tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG ; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtli ngen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung E-2791/2019 Seite 6 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG). Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise e ntstanden sind und weder Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat bestehen- den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom- mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vorbehal- ten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das SEM begründete seinen Entscheid mit der fehlenden Asylrelevanz der Vorbringen des Beschwerdeführers gemäss Art. 3 AsylG. Es treffe zwar zu, dass in jenen Gebieten Nordsyriens, die durch die PYD (Partiya Yekitîya Demokrat, Partei der Demokratischen Union) und die YPG kontrolliert werden, Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienstpflicht ergingen. Diese Rekrutierungsbemühungen entfalteten gemäss der Recht- sprechung des Bundesverwaltungsgerichts mangels eines Verf olgungs- motivs im Sinne von Art. 3 AsylG und mangels hinreichend er Intensität aber keine Asylrelevanz. Es sei nicht davon auszugehen, dass eine Wei- gerung asylrelevante Sanktionen nach sich ziehe. Betreffend seine Verweigerung des Dienstes in der syrischen Armee hielt das SEM mit Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge- richts fest, dass eine Wehrdienstverweigerung oder Desertion im syrischen Kontext eine Bestrafung wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion nur dann aus Gründen im Sinne von Art. 3 AsylG erfolge, wenn zusätzliche E-2791/2019 Seite 7 einzelfallspezifische Risikofaktoren vorlägen. In seinem Fall lägen keine einzelfallspezifischen Risikofaktoren vor, welche ein politisches Profil be- gründen könnten. So habe er an der Anhörung gesagt, dass niemand ge- sehen habe, dass er im (…) 2011 an Demonstrationen teilgenommen habe. Allfällige Strafmassnahmen infolge seiner Wehrdienstverweigerung wür- den somit keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen. Da sich aus den Akten jedoch eine konkrete Gefahr («real risk») dafür er- gebe, dass ihm im Falle einer Rückk ehr nach Syrien eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe, sei er wegen Unzulässig- keit des Vollzugs der Wegweisung vorläufig aufzunehmen. 4.2 4.2.1 Zur Begründung seine r Beschwerde brachte der Beschwerdeführer zunächst vor, dass die Praxisänderung des SEM bezüglich syrischer Mili- tärdienstverweigerer und Deserteure widersprüchlich, willkürlich und nicht konkret begründet sei und der Rechtsprechung des Bundesverwaltungs- gerichts zuwiderlaufe. Es sei offensichtlich, dass die Abgrenzung zwischen gegen Art. 3 E MRK verstossende Strafmassnahmen und asylrelevanter Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG im vorliegenden Fall willkürlich sei. Diese Abgrenzung sei sehr schwierig und kompliziert – hierzu bedürfe es einer umfassenden und detaillierten Würdigung. Insbesondere seien auch die politischen Profile seiner in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannten Familienmitglieder ([…], […], […]) nicht gewürdigt worden, weshalb die an- gefochtene Verfügung im zentralen Punkt weder begründet noch abgeklärt und somit sein Anspruch auf rechtliches Gehör schwerwiegend verletzt worden sei. Die Abklärungspflicht des SEM sei überdies auch dadurch verletzt worden, dass einerseits die Anhörung erst rund zweieinhalb Jahre nach Einrei- chung des Asylgesuchs durchgeführt worden und nach der Anhörung grundlos ein weiteres Jahr bis zum Erlass der angef ochtenen Verfügung vergangen sei sowie andererseits die Anhörung selber viel zu lange ge- dauert habe. Das SEM habe überdies den Endzeitpunkt der Anhörung nicht erfasst, weshalb die gesamte Anhörungsdauer nicht abschliessend beurteilt werden könne. 4.2.2 Zur verweigerten Akteneinsicht hielt der Beschwerdeführer F olgen- des fest: E-2791/2019 Seite 8 Bei der Akte A5/5 handle es sich um einen «Fragekatalog Syrien», welcher offengelegt werden müsse. Weiter habe das SEM zwar Einsicht in die Akte A30 inklusive Beweismittel gewährt. Auch sei Einsicht in weitere Beweis- mittel gewährt worden, welche sich offenbar unter Akte A11 befänden. Das SEM habe es jedoch unterlassen, Einsicht in das Beweismittelverzeichnis zu gewähren. Überdies seien nicht sämtliche dem Rechtsvertreter zuge- stellten Kopien d er Beweismittel nummeriert gewesen. Damit sei es un- möglich, sich einen vollständigen Überblick zu verschaffen und zu kontrol- lieren, ob wirklich sämtliche Beweismittel vom SEM erfasst worden seien. Weiter handle es sich bei der Akte A31/1 offenbar um eine «Aktennotiz Ver- weiserdossier», welche fälschlicherweise mit «B» als interne Akte paginiert worden sei. Es sei offensichtlich, dass es sich dabei um eine entscheidre- levante Akte handle und nicht lediglich um eine interne Akte. Insbesondere wiege schwer, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung das angeb- liche Verweisdossier mit keinem Wort erwähnt habe. Es sei auch nicht er- sichtlich, welches Verweisdossier überhaupt beigezogen worden sei, zu- mal er in seinen Befragungen auf mehrere Verwandte verwiesen habe . Frappant sei auch, dass das SEM offenbar lediglich ein einziges Verweis- dossier beigezogen habe, obwohl mehrere beizuziehen gewesen wären. Der Beschwerdeführer rügt weiter, dass sich das SEM auf eine «Quellen- analyse» berufe, ohne die entsprechenden Quellen zu nennen. Es sei nicht denkbar, dass sich das SEM dabei lediglich auf die zwei in der angefoch- tenen Verfügung erwähnten Quellen gestützt habe. Den Akten sei jedoch kein einziger Hinweis enthalten, wie das SEM wann welche Quellen her- beigezogen und gewürdigt habe. Es sei ihm deshalb Einsicht in diese in der angefochtenen Verfügung erwähnte «Quellenanalyse» zu gewähren. 4.2.3 In materieller Hinsicht stellte der Beschwerdeführer zunächst fest, dass das SEM zu Recht nicht an der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen ge- zweifelt habe, zumal er zahlreiche Beweismittel eingereicht habe, deren Echtheit vom SEM auch nicht bestritten worden sei. Daraus ergebe sich, dass er sowohl für die syrische Armee als auch für die YPG Militärdi enst leisten müsste. Er habe zudem einen Marschbefehl respektive ein Aufge- bot erhalten und dieses im Original eingereicht. Aufgrund seiner Flucht aus Syrien habe er sich seiner Dienstpflichten entzogen und werde nun sowohl vom syrischen Regime als auch von den YPG asylrelevant verfolgt. In Ver- bindung mit seinem Profil – als militärdienstfähiger, kurdischer Mann, der aus einer als regimekritisch bekannten Familie stamme, bereits in Syrien politisch aktiv gewesen sei und sich im für das Regime kritischen Jahr 2015 dem Reservedienst durch illegale Ausreise entzogen habe – gelte er als E-2791/2019 Seite 9 Regimefeind und Landesverräter. Ebenso werde er von der PYD/YPG – welche mit dem syrischen Regime zusammenarbeiteten – als politischer Gegner betrachtet und asylrelevant verfolgt. 4.3 Nach gewährter Akteneinsicht durch die Vorinstanz ergänzte der Be- schwerdeführer seine Beschwerde wie folgt: Das SEM habe es versäumt, nach Erhalt des unbeschrifteten Beweismit- telumschlags seiner Aktenführungspflicht nachzukommen, da offensicht- lich die Beweismittel nicht richtig erfasst und damit auch nicht richtig abge- klärt und gewürdigt worden seien. Auch sei offensichtlich, da ss das SEM Einsicht in die Akte A5 hätte gewähren müssen. Bei der Akte A31 handle es sich um eine Notiz betreffend den angeblichen Beizug des Dossiers sei- nes (...). Diese Notiz enthalte lediglich die pauschale Standardform ulie- rung, dass die Akten des (...) keine entscheidrelevanten Informationen ent- hielten. Daraus gehe jedoch nicht hervor, ob die Akten des (...) wirklich in- haltlich berücksichtigt worden seien, weshalb das SEM mit dieser Notiz weder der Abklärungs- noch der Begründungspflicht nachgekommen sei. Auch seien die Akten der übrigen Verwandten offenbar nicht konsultiert worden. Weiter sei das SEM seiner Pflicht zur Gewährung der Einsicht in die auf die in der angefochtenen Verfügung verwiesenen «Quellen» wei- terhin nicht nachgekommen – die entsprechenden vom SEM zugestellten Unterlagen seien nicht genau bezeichnet und unvollständig. 4.4 In Ihrer Vernehmlassung vom 22. August 2019 hielt die Vorinstanz an ihrem Standpunkt fest. Zur Rüge betreffend die Konsultation der Verweisdossiers hielt das SEM fest, dass der Beschwerdeführer in seinen Befragungen mit keinem einzi- gen Satz eine Reflexverfolgung aufgrund eines asylrelevanten Motivs gel- tend gemacht habe. Dennoch habe das SEM das Dossier seines engsten Verwandten in der Schweiz – das seines (...) – beigezogen. Dieser sei auf- grund einer früheren Praxis des SEM einzig aufgrund seiner Dienstverwei- gerung in Syrien in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden. Im Weiteren erläuterte das SEM seine Praxisanpassung betreffend syri- sche Deserteure und Dienstverweigerer. Betreffend den Beschwerdeführer führte es hierzu aus, dass seinem (…) alleine aufgrund seiner Verweige- rung des Wehrdienstes und ohne Vorliegen spezifischer politischer Fakto- ren Asyl gewährt worden sei. Daraus könne der Beschwerdeführer keine Reflexverfolgung für sich ableiten. Auch in der Beschwerdeschrift werde E-2791/2019 Seite 10 nicht erwähnt, inwiefern die Verweisdossiers für den Asylentscheid des Be- schwerdeführers von Belang sein sollten und worin genau die erwähnte Asylrelevanz der Verfolgung der Verwandten bestehe. 4.5 In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen vollum- fänglich fest. Er führte überdies aus, dass es nicht angehe, dass das SEM sich erstmals auf Vernehmlassungsstufe betreffend den (…) und der übri- gen Verwandten äussere. Vielmehr hätte es den entsprechenden Sachver- halt vor Erlass des Asylentscheids vertieft abklären und den Entscheid in diesem Punkt ausführlich begründen müssen. Die Argumentation des SEM bezüglich der veränderten Praxis zu Militärdienstverweigerern überzeuge nicht. Es sei offensichtlich, dass er bei seiner Rückkehr nach Syrien a ls Staatsfeind betrachtet werde. 5. 5.1 Der Beschwerdeführer rügt in formel ler Hinsicht eine Verletzung des Anspruchs auf Akteneinsicht und auf rechtliches Gehör, der Verletzung der Aktenführungspflicht sowie der Untersuchungs- beziehungsweise Begrün- dungspflicht. Die von der Vorinstanz nachträglich gewährte Akteneinsicht sei ungenügend gewesen und sie habe insbesondere ihre Quellen weiter- hin nicht genau bezeichnet, die Beweismittel nicht richtig erfasst u nd ge- würdigt sowie die Verweis dossiers in der angefochtenen V erfügung nicht gewürdigt, respektive gehe aus der entsprechenden Aktennotiz nicht her- vor, ob das Verweis dossier tatsächlich berücksichtigt worden sei . Diese Rügen sind vorab zu behandeln, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kas- sation der angefochtenen Verfügung zu bewirken. 5.2 5.2.1 Der mit Grundrechtsqualität ausgestattete Grundsatz des rechtlichen Gehörs fordert, dass die verfügende Behörde die Vorbringen der Betroffe- nen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfin- dung berücksichtigt, was sich entsprechend in einer sachgerecht anfecht- baren Entschei dbegründung niederzuschlagen hat (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.3 m.w.H.). Dem Bundesverwaltungsgericht obliegt gemäss Art. 49 Bst. b VwVG (bzw. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) eine umfassende Sach- verhaltskontrolle (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.188). Ermittelt das Bun- desverwaltungsgericht eine fehler - oder lückenhafte Feststellung des Sachverhalts, hebt es die Verfügung auf und weist die Sache an die Vorin- stanz zurück, damit diese den rechtserheblichen Sachverhalt neu und voll- ständig feststellt (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 2.191; E-2791/2019 Seite 11 KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1155). Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemei nen Grundsätzen des Verwaltungs - beziehungs- weise Asylverfahrens (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri- ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder wenn die Vorinstanz nicht alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts prüfte, etwa weil sie die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneinte. Unvoll- ständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wurden (vgl. KÖLZ/ HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043). 5.2.2 Es trifft zu, dass in der angefochtenen Verfügung keine expliziten An- haltspunkte dafür ersichtlich sind, dass das SEM insbesondere das Dos- sier des (...) des Beschwerdeführers (N […]) vor dem Entscheid über sein Asylgesuch beigezogen hat ; trotz entsprechender Aktennotiz (vgl. vo- rinstanzliche Akten A31). Wenn die Vorinstanz ein Dossier eines Verwand- ten beigezogen und berücksichtigt hat, wäre es indes angezeigt, dass ein solcher Beizug und die Begründung des Beizugsergebnisses auch ihren Niederschlag im Asylentscheid finden (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E- 4122/2016 vom 16. August 2016 E. 6.2.4). Indes hat das SEM im Rahmen der Vernehmlassung den Beizug der in der Beschwerde genannten Verfahrensakten inklusive deren Berücksichtigung für den Asylentscheid ausführlich begründet. Zwar kann sich, wenn die asylsuchende Person ausdrücklich und glaubhaft einen Zusammenhang zwischen der eigenen und der Verfolgung von als Flüchtlinge anerkannten Familienangehörigen geltend macht – oder aus anderen objektiven Grün- den – ein Beizug der entsprechenden Dossiers aufdrängen (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-4122/2016 vom 16. August 2016 E. 6.2.4). Diese Kons- tellation trifft vorliegend jedoch nicht zu. Zum einen hat sich der Beschwer- deführer im Zusammenhang mit einer (allfälligen) Reflexverfolgung in der Anhörung ausschliesslich auf seinen (…) bezogen. Zum anderen ist das SEM in seiner Vernehmlassung eingehend auf die Asylgründe des (...) ein- gegangen und hat deutlich festgehalten, dass diesem einzig aufgrund der damals herrschenden Praxis – wonach alleine der Umstand, den Wehr-E-2791/2019 Seite 12 dienst in der syrischen Armee verweigert zu haben respektive daraus de- sertiert zu sein, zur Asylgewährung führte – Asyl gewährt worden sei und keine zusätzlichen politischen Risikofaktoren vorgelegen hätten. Ohnehin machte der Beschwerdeführer an der Anhörung nicht geltend, wegen sei- nes (...) – welcher Syrien bereits im (…) 2011 verlassen habe – konkrete Probleme gehabt zu haben. Er mutmasste lediglich, dass man ihn womög- lich aufgrund dessen Refraktion in den Militärdienst habe einziehen wollen (vgl. A29, F114 ff.). Ausserdem hat das SEM zu Recht erwogen, dass der Beschwerdeführer bezüglich seiner (…) respektive seiner (…) keinerlei Verfolgungsgründe vorgebracht, sondern sich einzig auf persönliche Ver- folgungsgründe respektive die Wehrdienstverweigerung seines (...) bezo- gen hatte (vgl. A29, F113 ff.). Nach dem Ausgeführten liegt bezüglich des Beizugs von Dossiers von Ver- wandten weder eine Gehörsverletzung, noch eine Verletzung der Abklä- rungs- und Begründungspflicht vor. 5.3 5.3.1 Mit Zwischenverfügung vom 22. Mai 2019 wurde der Antrag auf voll- ständige Akteneinsicht mit der Begründung abgewiesen, es handle sich bei den Aktenstücken A2, A3, A6, A8, A9, A31 und A33 um interne Akten sowie um Akten, deren Geheimhaltung wesentliche öffentliche oder private Inte- ressen erfordern (vgl. A36). Dabei wurde nicht spezifiziert, welche Akten aus welchem Grund nicht ediert wurden. In der Folge wies das Bundesver- waltungsgericht das SEM an, dem Beschwerdeführer Einsicht in die Akten A5 (Fragenkatalog Syrien), A31 (Aktennotiz Verweisdossier) und in die Auf- listung des Beweismittelumschlags gemäss Akte A11 zu gewähren. Dieser Anweisung ist die Vorinstanz mit Schreiben vom 27. Juni 2019 – mit nach- folgend in E. 5.3.2 berücksichtigter Einschränkung – nachgekommen. Zu- sätzlich wurde ihm ein nachträgliches Inhaltsverzeichnis zugestellt. Die Verletzung des Akteneinsichtsrechts wurde mithin – mit erwähnter Ein- schränkung – geheilt. Zur in der ergänzenden Beschwerdeeingabe erhobenen Rüge, die von der Vorinstanz nachträglich gewährte Akteneinsicht sei ungenügend gewesen, da sie ihre Quellen weiterhin nicht genau bezeichnet habe und die entspre- chenden Unterlagen nicht vollständig gewesen seien , ist Folgendes fest- zuhalten: E-2791/2019 Seite 13 In der angefochtenen Verfügung verwies das SEM unter Angabe zweier Internetadressen sowie der Fundstellen in den entsprechenden Dokumen- ten auf zwei Berichte (vgl. a.a.O. E. II S . 4). Dem rubrizierten Rechtsver- treter zufolge erhielt er vom SEM bezüglich dieser Quellen lediglich unbe- zeichnete Auszüge, wovon einer in Schwedischer Sprache verfasst worden sei. In seiner Vernehmlassung äusserte sich das SEM nicht weiter hierzu. Dabei handelt es sich jedoch exakt um die im Asylentscheid zitierten Fund- stellen in den entsprechenden Berichten (mithin S. 18 des Berichts des österreichischen Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl [BFA] sowie S. 43-46 des Lifos-Berichts). Weiter ist mit aller Deutlichkeit darauf hinzuwei- sen, dass es für den Beschwerdeführer respektive seinen Rechtsvertreter ein Leichtes gewesen wäre, die im Internet öffentlich zugänglichen Quellen als Ganzes aufzurufen. Das Bundesverwaltungsgericht hielt denn auch be- reits in der Zwischenverfügung vom 19. Juni 2019 fest, dass die vom SEM zitierten Quellen lediglich «der guten Ordnung halber» als Kopien der Sen- dung zur Gewährung der Akteneinsicht beigelegt werden sollten. Eine dies- bezügliche Verletzung des Rechts auf Akteneinsicht ist zu verneinen. 5.3.2 Der Beschwerdeführer macht überdies geltend, die Vorinstanz habe ihre Aktenführungspflicht verletzt, indem sie die in Beweismittelumschlag A11 enthaltenen Beweismittel nicht richtig erfasst und damit auch nicht ge- würdigt habe. Aus den Akten geht hervor, dass die Vorinstanz den Beweismittelumschlag A11 tatsächlich nicht beschriftete und das genaue Eingangsdatum der Be- weismittel nachträglich nicht mehr eruieren konnte (vgl. A42). Das SEM er- stellte jedoch im Rahmen der nachträglichen Gewährung der Akteneinsicht ein Inhaltsverzeichnis zu m Beweismittelumschlag A11 und stellte dieses dem Beschwerdeführer zusammen mit Kopien der darin enthaltenen Do- kumente sowie einer Kopie der Vorderseite des Umschlags zu. Nach dem Grundsatz der tr ansparenten Aktenführung hat die Vorinstanz die Pflicht, über die von ihr angelegten Akten ein vollständiges und nach- vollziehbares Aktenverzeichnis zu führen und alle Akten in dieses einzufü- gen sowie zu paginieren (vgl. dazu ausführlich BVGE 2011/37 E. 5.4.1). Die ungeordnete Ablage ins Recht gereichter Beweismittel mit einfacher Beschriftung mittels Post -It unter teilweiser Verwendung von Stichworten und Abkürzungen (bspw. «MB», was – vermutungsweise – für «Militär- büchlein» steht) genügt diesem Gebot nicht. Sie ist indessen nicht als rechtswidrig zu bezeichnen, wenn die Abgabe der Beweismittel an anderer Stelle aus den Akten hervorgeht. Das Militärdienstbüchlein der YPG wurde E-2791/2019 Seite 14 vom Beschwerdeführer selbst durch seinen Rechtsvertreter am 2. August 2018 zu den Akten gereicht (vgl. A28). Ebenso die (auszugsweise) Über- setzung des Militärdienstbüc hleins der syrischen Armee (14. Juni 2017, vgl. A23), der Marschbefehl (12. Mai 2017, vgl. A17) sowie dessen Über- setzung (19. Mai 2017, vgl. A21). Dem Anhörungsprotokoll ist des Weiteren zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer am Anhörungstermin eine Ko- pie seines Familienbüchleins, zwei Fotos seiner verstorbenen Freunde so- wie im November 2015 diverse Schul - und Universitätszeugnisse, eine Impfkarte, ein Zivilstandsregisterauszug (allesamt mit deutscher Überset- zung) sowie ein Auszug aus dem Zivilregister und Quittungen über die Be- zahlung der Studiengebühren zu den Akten reichte (vgl. A29, F6 ff., F138). Überdies stellte das SEM dem rubrizierten Rechtsvertreter bereits am 24. Mai 2017 Kopien sämtlicher bis dato erhaltener Beweismittel zu (vgl. A22). Damit ist die Verletzung der Aktenführungspflicht (betreffend die Beweis- mittel, deren genaues Eingangsdatum nicht mehr festgestellt werden konnte) als doch sehr geringfügig zu betrachten, zumal dem Beschwerde- führer hieraus auch keinerlei Rechtsnachteil erwuchs. Eine Kassation ist unter diesen Umständen sicherlich nicht angezeigt. Nichtsdestotrotz ist das SEM mit Nachdruck an die Erwägungen im Urteil des BVGer E-4122/2016 vom 16. August 2016 (insb. E. 6.2.3) zu erinnern und aufzufordern, den darin enthaltenen Empfehlungen betreffend Paginierungs - und Aktenfüh- rungspflicht zu folgen (vgl. Urteil des BVGer D -763/2017 vom 4. Septem- ber 2017 E. 5.3.2. m.w.H.). 5.4 Im Weiteren ergeben sich entgegen der Ansicht des Beschwerdefüh- rers aus den Akten auch keine Anhaltspunkte dafür, dass diese Beweismit- tel von der Vorinstanz nicht gewürdigt wurden. Im Asylentscheid wurden sämtliche eingereichten Beweismittel aufgeführt (vgl. dort E. I Ziff. 3 und 4). Das SEM ging in der Folge zu Gunsten des Beschwerdeführers implizit von der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen aus, weshalb es sich verständli- cherweise nicht zusätzlich auch noch explizit mit den Bewe ismitteln (die die Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen untermauern sollen) auseinanderzu- setzen brauchte. Eine Verletzung von Verfahrensvorschriften ist auch in dieser Hinsicht nicht ersichtlich. 5.5 Ferner habe die Vorinstanz seine Abklärungspflicht und damit da s rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt, indem es die Anhörung erst rund zweieinhalb Jahre nach Gesuchseinreichung durchgeführt und diese viel zu lange gedauert habe. E-2791/2019 Seite 15 Hinsichtlich des zeitlichen Abstandes zwischen Gesuchseinreichung und Anhörung ist festzuhalten, dass es zwar durchaus wünschenswert ist, wenn zwischen der Einreichung des Asylgesuchs respektive der Befragung und der Anhörung ein relativ kurzer Zeitraum liegt. Jedoch gibt es keine zwingende, mit Rechtsfolgen versehene gesetzliche Ve rpflichtung des SEM, die Anhörungen innerhalb eines gewissen Zeitraums durchzuführen. Der Länge des zwischen den einzelnen Anhörungen verstrichenen Zeit- raums ist indes bei der Würdigung der Aussagen des Beschwerdeführers Rechnung zu tragen. Gemäss Protokoll der Anhörung begann diese um 09:30 Uhr. Tatsächlich fehlt eine Angabe über den Endzeitpunkt der Anhörung (vgl. A29, S . 22). Die Dauer der Anhörung lässt sich somit nicht beurteilen. Es ist denn auch nicht ersichtlich, worauf der Beschwerdeführer seine Behauptung stützt, die Anhörung habe «viel zu lange» gedauert. Während der Anhörung wur- den in regelmässigen Abständen insgesamt drei Pausen (zwei kurze à 15 Minuten sowie eine 45-minütige Mittagspause) eingelegt, womit selbst eine effektiv längere Anhörung nicht als problematisch zu bezeichnen wäre. Im Übrigen ist festzuhalten, dass seitens des Beschwerdeführers kein Rechts- anspruch auf eine kurze Anhörung und einen Abbruch besteht, wenn sich abzeichnet, dass ein höherer Zeitbedarf bestünde. In erster Linie massge- bend ist, ob die angehörte Person in der Lage ist, der Anhörung zu folgen, was nicht vordringlich anhand von starren zeitlichen Kriterien, sondern im Rahmen einer individuellen Einschätzung ihrer Befindlichkeit zu beurteilen ist. Zudem ergeben sich weder aus dem Anhörungsprotokoll noch aus dem Bestätigungsblatt der zur Beobachtung eines korrekten Verfahrens anwe- senden Hilfswerksvertretung Hinweise auf kognitive Beeinträchtigungen beim Beschwerdeführer oder dass er aufgrund der Dauer der Befragung nicht mehr hätte folgen können. Selbst unter Annahme einer langen Anhö- rungsdauer im vorliegenden Fall begründet dies weder eine Verletzung der Untersuchungspflicht noch des rechtlichen Gehörs. 5.6 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen erweisen sich die formellen Rügen insgesamt als unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzuheben. 6. 6.1 Was die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Wehrdienst - verweigerung betrifft, ist auf die diesbezüglichen Erwägungen des Bundesverwaltungsgerichts in seinem Grundsatzurteil BVGE 2015/3 (ins -E-2791/2019 Seite 16 besondere dortige E. 5) zu verweisen. Demnach vermag eine Wehrdienst- verweigerung oder Desertion nicht allein, sondern nur verbunden mit einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG die Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Mit anderen Worten muss die betroffene Person aus einem in dieser Norm genannten Grund (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörig - keit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen haben, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. In Bezug auf die spezifische Situation in Syrien erwog das Gericht, die genannten Voraussetzungen seien im Falle e ines syrischen Refraktärs erfüllt, welcher der kurdischen Ethnie angehöre, einer op - positionell aktiven Familie entstamme und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen hatte (BVGE 2015/3 E. 6.7.3; kürzlich u.a. bestätigt im Urteil des BVGer E-5457/2018 vom 29. April 2020 E. 9.5.2 ). Das Bundesver - waltungsgericht geht in ständiger Praxis davon aus, dass bei Wehrdienstverweigerung und Desertion im syrischen Kontext nur dann eine asylrelevante Strafe zu befürchten ist, wenn zusätzliche exponierende Faktoren gegeben sind. Hingegen droht Wehrdienstverweigerern und Deserteuren, die nicht zusätzlich politisch exponiert sind, nicht mit genügender Wahrscheinlichkeit eine Strafe, welche die Schwelle der Asylrelevanz erreichen würde (vgl. statt vieler Urteile des BVGer D - 3914/2018 vom 19. August 2019 E. 4.2.4; E-234/2019 vom 25. November 2019 E. 7.3.1; E-4648/2019 vom 2. Dezember 2019 S. 9; E-194/2020 vom 4. Februar 2020 E. 8.2). 6.2 Im vorliegenden Fall liegt keine Konstellation vor, die mit jener im Urteil BVGE 2015/3 vergleichbar wäre. Der Beschwerdeführer ist zwar kurdischer Ethnie, stammt jedoch weder aus einer oppositionell tätigen, regimekritischen Familie, noch verfügt er über ein eigenes politisches Profil. Der blosse Umstand, dass einige Angehörige Syrien ebenfalls verlassen haben, reicht nicht aus, um die Familie als regimekritisch erscheinen zu lassen. An der Anhörung machte der Beschwerdeführer zwar geltend, im (…) 2011 an Demonstrationen teilgenommen zu haben; dabei habe ihn je doch niemand gesehen (vgl. A29, F148 ). Dass er aufgrund dessen bereits in den Fokus der syrischen Behörden gelangte, ist nicht anzunehmen , zumal er bis zu seiner Ausreise diesbezüglich Probleme ausdrücklich verneinte und au s den Akten nichts auf allfällig erlittene Nachteile schliessen lässt. Die Verschiebung des Militärdienstes aufgrund seines Studiums sei ihm (…) problemlos möglich gewesen ; zuletzt sei ihm ein Aufschub bis zum (…) 2016 gewährt worden (vgl. A29, E-2791/2019 Seite 17 F42, F76) . Während seines Studiums sei es ihm überdies möglich gewesen, sich einen Pass ausstellen zu lassen (vgl. A29, F91 ff.) und er sei über den (…)-Flughafen per Flugzeug in den Libanon gereist. Er habe zwar angeblich einem Flughafenbeamten Bestechungsgeld für den Ausreisestempel bezahlt , da er aber offizielle Dokumente und Papiere besessen und einen Aufschub gehabt habe, hätten sie ihn nicht anhalten können (vgl. A29, F116 ff.). Weder seine Ausreise noch diejenige seines (...) habe für seine Familie in Syrien Konsequenzen gehabt (vgl. A29, F20, F53, F112). Sein Vater sei im (…) 2016 von den Behörden lediglich zu seinem Aufenthaltsort befragt worden und man habe ihm ein militärisches Aufgebot ausgehändigt (vgl. A29, F101 ff.), weiter sei nichts vorgefallen. Er gab überdies zu Protokoll, dass er in Syrien geblieben und sein Studium fortgeführt hätte, wenn es keine «Probleme» gegeben hätte. Danach gefragt, was er mit «Probleme» genau meine, bezog er sich in seiner Antwort auf den drohenden Militärdienst sowie die al lgemein schwierige Kriegssituation in Syrien (vgl. A29, F154). Nach dem Ausgeführten liegen beim Beschwerdeführer keine zusätzlichen exponierenden Faktoren vor. Mit Blick auf die oben dargestellte Rechtspre- chung ist nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, er würde bei einer Rückkehr nach Syrien durch die staatlichen syrischen Sicherheitsbehörden als Regimegegner betrachtet und hätte als solcher eine politisch motivierte Bestrafung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürch- ten. 6.3 Der Beschwerd eführer macht im Weiteren geltend, aufgrund seiner Wehrdienstverweigerung bei einer Rückkehr von der YPG asylrelevante Strafe oder Behandlung zu fürchten. In dem territorialen Bereich in Nordsyrien, der seit einiger Zeit von der sy- risch-kurdischen Partei P YD und deren bewaffneten Organisation YPG kontrolliert wird („Demokratische Föderation Nordsyrien“), besteht seit Juli 2014 eine Dienstpflicht in den lokalen Selbstverteidigungseinheiten, die grundsätzlich für alle (männlichen) Bürger zwischen achtzehn und dreissig Jahren gilt. Dieser Umstand als solcher ist aus asylrechtlicher Sicht nicht als grundsätzlich problematisch zu erachten. Es ist davon auszugehen, dass zwar Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienstpflicht in den er- wähnten Selbstverteidigungseinhe iten ergehen, eine Weigerung jedoch keine asylrelevanten Sanktionen nach sich zieht (vgl. Referenzurteil des BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3). Den Aussagen des Be- schwerdeführers im vorinstanzlichen Verfahren ist nicht zu entnehmen, dass ihm in d iesem Zusammenhang konkrete Verfolgungsmassnahmen E-2791/2019 Seite 18 gedroht hätten. Auch seitens der YPG sei ihm aufgrund seines Studiums ein Aufschub bis zum (…) 2016 gewährt worden (vgl. A29, F62, F69). Seine Ausreise sei für seine Familie ohne Konsequenzen geblieben (vgl. entspre- chende Ausführungen in E. 6.2). Folglich ist nicht davon auszugehen, dass er aufgrund seiner Wehrdienst- verweigerung bei den YPG bei einer allfälligen Rückkehr nach Syrien in flüchtlingsrelevanter Weise verfolgt würde. 6.4 Weiter beruft sich der Besch werdeführer auf Beschwerdeebene erst- mals auf eine Reflexverfolgung, die darin begründet liege, dass sowohl sei- nem (…) als auch seinen (…) und seiner (…) in der Schweiz Asyl gewährt worden sei. Wie bereits in E. 5.2.2 ausgeführt, ergeben sich aus den vorin stanzlichen Akten und insbesondere den Befragungsprotokollen keine Anzeichen für eine Reflexverfolgung. Ferner beruft sich der Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeeingabe zwar pauschal auf das Vorhandensein einer Re- flexverfolgung «wegen seines (...)», zeigt dabei aber nicht auf, wie sich eine solche geäussert hätte oder im Falle einer Rückkehr äussern würde (vgl. Beschwerdeeingabe Art. 69 sowie Art. 15 f.). Die Asylgewährung sei- ner Verwandten in der Schweiz soll vielmehr im Sinne eines zusätzlichen Risikofaktors bei der Beurteilung seiner Flüchtlingseigenschaft berücksich- tigt werden (vgl. Beschwerdeeingabe Art. 18, Art. 68). In E. 6.2 wurde be- reits aufgezeigt, dass die Desertion respektive Asylgewährung seines (...) nicht zu einer Schärfung seines Profils führt. Im Übrigen ergeben sich aus den Akten seines (...) – wie von der Vorinstanz zutreffend festgestellt – auch keine Anhaltspunkte für die Annahme einer Reflexverfolgung. Inwie- fern ihm nun aufgrund der Asylgewährung seiner (…) respektive seiner (…) – in Ermangelung konkreter Probleme bis zu seiner Ausreise und der in der Heimat gänzlich unbehelligt gebliebenen Familie – in Syrien Nachteile dro- hen könnten, zeigt er in seiner Beschwerdeeingabe nicht auf. Auch das pauschale Vorbringen, er stamme aus einer den syrischen Behörden poli- tisch bereits bekannten Familie, findet zum einen in den Akten keine Stütze und reicht zum anderen alleine nicht aus, um gestützt darauf eine Verfol- gung (respektive Reflexverfolgung) des Beschwerdeführers anzunehmen. Nach dem Ausgeführten sind keine konkreten Anhaltspunkte für eine Re- flexverfolgung ersichtlich. E-2791/2019 Seite 19 6.5 Schliesslich führen weder eine illegale Ausreise aus Syrien noch die blosse Tatsache der Asylgesuchstellung in der Schweiz zur Annahme, dass einer syrischen Person bei einer Rückkehr in ihr Heimatland mit be- achtlicher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung droht. Zwar ist aufgrund der illegalen Ausreise und der längeren Landes- abwesenheit davon auszugehen, dass bei einer Wiedereinreise nach S y- rien eine Befragung durch die heimatlichen Behörden stattfindet. Da der Beschwerdeführer aber keine Vorverfolgung erlitten hat und nicht davon auszugehen ist, dass er vor dem Verlassen Syrie ns als regimefeindliche Person ins Blickfeld der syrischen Behörd en geraten ist, kann mit hinrei- chender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass er als staatsge- fährdend eingestuft würde. Ferner ist auch nicht aktenkundig, dass er sich seit seiner Ausreise exilpolitisch betätigt hätte. Somit ist nicht davon aus- zugehen, er könnte nach einer (hypothetischen) Rückkehr als regimefeind- liche Person ins Blickfeld der syrischen Behörden geraten (vgl. Urteil des BVGer D‑3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.4.3 [als Referenzurteil pu- bliziert]). 6.6 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Es bestehen insgesamt keine konkreten Anhalts- punkte dafür, dass er im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Syrien einer asylre- levanten Verfolgung ausgesetzt war. Gleichzeitig ist auch nicht davon aus- zugehen, dass er im Falle einer Wiedereinreise nach Syrien eine asylrele- vante Verfolgung zu befürchten hätte. Die Vorinstanz hat daher sein Asyl- gesuch zu Recht abgelehnt. 6.7 Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass der anerkannten kon- kreten Gefährdung aufgrund des in Syrien herrschenden Bürgerkrieges mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz Rechnung getragen worden ist. 7. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent- haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die E-2791/2019 Seite 20 Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet ( vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit Zwi- schenverfügung vom 27. August 2019 das Gesuch um Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung gutgeheissen worden ist und keine Verände- rung seiner finanziellen Verhältnisse ersichtlich sind, sind indes keine Kos- ten zu erheben. 10. Praxisgemäss ist sodann eine anteilmässige Parteientschädigung zuzu- sprechen, wenn – wie vorliegend – eine Verfahrensverletzung (fehlender Hinweis auf Beizugsdossier im Asylentscheid, fehlerhafte Akteneinsicht und Verletzung der Aktenführungspflicht) auf Beschwerdeebene geheilt wird. Diese Parteientschädigung ist auf G rund der Akten (Art. 14 Abs. 2 VGKE) und unter Berücksichtigung der Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) auf insgesamt Fr. 150.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzu- schlag) festzusetzen. Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerdefüh- rer diesen Betrag als Parteientschädigung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-2791/2019 Seite 21 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das SEM hat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundes- verwaltungsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 150.– zu entrichten. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Kevin Schori Versand: