<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 9" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 9</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Steuern und Abgaben</span> <span class="page_no">79</span> </div> <div class="page" id="S79"> <div role="main"> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>9 </b> <b>Steuerrecht</b></span><br/> <span class="text">Keine Verwirkung des Besteuerungsanspruchs betreffend zu Unrecht</span><br/> <span class="text">erfolgte Kapitalzahlung aus 2. Säule, wenn Veranlagung betreffend</span><br/> <span class="text">Kapitalzahlung vor Einreichen der Steuererklärung (in welcher</span><br/> <span class="text">Auszahlungsgrund behauptet wurde, der nicht vorliegt) vorgenommen</span><br/> <span class="text">wurde. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 4. Juli 2019,</span><br/> <span class="text">in Sachen KStA und Gemeinderat X. gegen G. (WBE.2019.112).</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.</span><br/> <span class="text">2.1.</span><br/> <span class="text">Das Bundesgericht hat die Möglichkeit einer Revision der</span><br/> <span class="text">Veranlagung, mit welcher eine Jahressteuer auf einer Kapitalleistung</span><br/> <span class="text">festgesetzt wird, in einem Fall verneint, in dem der Steuerpflichtige</span><br/> <span class="text">von einer unselbstständigen Erwerbstätigkeit bei seinem bisherigen</span><br/> <span class="text">Arbeitgeber zu einer Anstellung bei einer von ihm beherrschten</span><br/> <span class="text">GmbH gewechselt und der Steuerbehörde gegenüber nie erklärt</span><br/> <span class="text">hatte, er nehme eine selbstständige Erwerbstätigkeit auf. Bei dem</span><br/> <span class="text">vom Bundesgericht beurteilten Sachverhalt war der Steuerbehörde</span><br/> <span class="text">bei Vornahme der Veranlagung betreffend die Kapitalleistung</span><br/> <span class="text">bekannt, dass der Steuerpflichtige keine selbstständige</span><br/> <span class="text">Erwerbstätigkeit aufgenommen hatte. Damit beruhte die Veranlagung</span><br/> <span class="text">der Jahressteuer nicht auf der Unkenntnis der Steuerbehörde von der</span><br/> <span class="text">Nichtverwirklichung des Auszahlungsgrunds (Aufnahme einer</span><br/> <span class="text">selbstständigen Erwerbstätigkeit gemäss Art. 5 Abs. 1 lit. b FZG),</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">80</span> </div> <div class="page" id="S80"> <div role="main"> <span class="text">sondern auf einem Subsumtionsirrtum bzw. auf einem rechtlichen</span><br/> <span class="text">Irrtum der Steuerbehörde (Urteil des Bundesgerichts 2C_200/2014</span><br/> <span class="text">vom 4. Juni 2015 E. 2.4.4.2 und 2.4.5.3). Auch wenn die Möglichkeit</span><br/> <span class="text">einer Revision der Veranlagung einer Jahressteuer von Amtes wegen</span><br/> <span class="text">bei Bekanntwerden der fehlenden Voraussetzungen für den Bezug</span><br/> <span class="text">des Vorsorgeguthabens bejaht wird, fällt damit eine Revision stets</span><br/> <span class="text">ausser Betracht, wenn der Steuerbehörde dieser Umstand bei</span><br/> <span class="text">Vornahme der Jahressteuerveranlagung bekannt war oder hätte</span><br/> <span class="text">bekannt sein müssen (vgl. Art. 51 Abs. 1 lit. a und Abs. 2 StHG und</span><br/> <span class="text">§ 201 Abs. 1 lit. a und Abs. 2 StG).</span><br/> <span class="text">2.2.</span><br/> <span class="text">Ein solcher Fall liegt hier indessen offensichtlich nicht vor. Der</span><br/> <span class="text">vorliegende Fall, bei dem der Kapitalbezug am 7. November 2013</span><br/> <span class="text">gemeldet wurde, die Veranlagung der Kapitalleistung am</span><br/> <span class="text">20. November 2014 erfolgte und die Steuererklärung 2013 erst am</span><br/> <span class="text">5. Januar 2015 eingereicht wurde, ist vielmehr in tatsächlicher</span><br/> <span class="text">Hinsicht weithin mit dem vom Bundesgericht im Urteil 2C_156/2010</span><br/> <span class="text">vom 7. Juni 2011 beurteilten Sachverhalt vergleichbar, bei dem die</span><br/> <span class="text">Auszahlung der Kapitalleistung am 30. November 2003 erfolgte, die</span><br/> <span class="text">Jahressteuer am 18. Februar 2004 veranlagt wurde und die</span><br/> <span class="text">Steuerpflichtigen die Steuererklärung am 4. März 2004 einreichten.</span><br/> <span class="text">In dieser Situation erklärte das Bundesgericht den Einwand des Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführers, wonach die Jahressteuerveranlagung rechtskräftig</span><br/> <span class="text">sei und der Besteuerung der Freizügigkeitsleistung zusammen mit</span><br/> <span class="text">dem übrigen Einkommen im Rahmen der ordentlichen Veranlagung</span><br/> <span class="text">entgegenstehe, ausdrücklich als unbehelflich, weil die</span><br/> <span class="text">Veranlagungsbehörde wegen Entdeckung einer erheblichen Tatsache</span><br/> <span class="text">revisionsweise auf die Veranlagung der Jahressteuer zurückkommen</span><br/> <span class="text">könne (Urteil 2C_156/2010 vom 7. Juni 2011 E. 3.2).</span><br/> <span class="text">Auch hier wusste die Veranlagungsbehörde um das Fehlen einer</span><br/> <span class="text">selbstständigen Erwerbstätigkeit zumindest bis zur Einreichung der</span><br/> <span class="text">Steuererklärung 2013 am 5. Januar 2015, d.h. einem Zeitpunkt, wo</span><br/> <span class="text">die Veranlagung der Jahressteuer vom 20. November 2014 bereits in</span><br/> <span class="text">Rechtskraft erwachsen gewesen sein dürfte bzw. deren Rechtskraft</span><br/> <span class="text">unmittelbar bevorstand, nichts. Einer Revision dieser Veranlagung</span><br/> <span class="text">im Anschluss an das mit der ordentlichen Veranlagung definitiv (und</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Steuern und Abgaben</span> <span class="page_no">81</span> </div> <div class="page" id="S81"> <div role="main"> <span class="text">damit auch erst definitiv bekannt) werdende Fehlen eines</span><br/> <span class="text">Barauszahlungsgrunds gemäss Art. 5 Abs. 1 lit. b FZG steht damit</span><br/> <span class="text">nichts entgegen. Damit steht die Jahressteuerveranlagung aber auch</span><br/> <span class="text">der Vornahme der ordentlichen Veranlagung unter Hinzurechnung</span><br/> <span class="text">des zu Unrecht erfolgten Bezugs des Vorsorgeguthabens nicht</span><br/> <span class="text">entgegen.</span><br/> <span class="text">Es geht zu weit, wenn die Vorinstanz in den fehlenden</span><br/> <span class="text">Nachforschungen der Steuerkommission über das allfällige Fehlen</span><br/> <span class="text">des mit der Meldung über Kapitalleistungen deklarierten</span><br/> <span class="text">Auszahlungsgrunds der Aufnahme einer selbstständigen</span><br/> <span class="text">Erwerbstätigkeit eine Verletzung der Untersuchungspflicht der</span><br/> <span class="text">Steuerbehörde erblicken will. Solange für die Steuerbehörde nicht</span><br/> <span class="text">offensichtlich erkennbar ist, dass es an einem Auszahlungsgrund</span><br/> <span class="text">fehlt, darf sie sich vielmehr auf die Steuermeldung verlassen und</span><br/> <span class="text">ohne weitere Untersuchungen eine Jahressteuerveranlagung</span><br/> <span class="text">vornehmen. Dies ergibt sich bereits aus der angeführten bundes-</span><br/> <span class="text">gerichtlichen Rechtsprechung und bedarf keiner weiteren</span><br/> <span class="text">Begründung. Der angefochtene Entscheid steht nicht im Einklang</span><br/> <span class="text">mit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung. Das führt zur</span><br/> <span class="text">teilweisen Gutheissung der Beschwerde und zur Aufhebung des</span><br/> <span class="text">angefochtenen Entscheids. Die Angelegenheit ist zur weiteren Be-</span><br/> <span class="text">handlung im Sinn der Erwägungen - insbesondere zur Untersuchung,</span><br/> <span class="text">ob der Auszahlungsgrund von Art. 5 Abs. 1 lit. b FZG verwirklicht</span><br/> <span class="text">ist - ans Spezialverwaltungsgericht zurückzuweisen.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>