<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 20" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 20</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">240</span> </div> <div class="page" id="S240"> <span class="text"><b>20 </b> <b>Nutzungsplanung; </b> <b>Beschwerdelegitimation </b> <b>zur Anfechtung </b> <b>der </b></span><br/> <span class="text"><b>Zonierung einer fremden Parzelle</b></span><br/> <span class="text">Darf die Bauzone einer Gemeinde gemäss Richtplan nicht vergrössert</span><br/> <span class="text">werden und erfolgt im Rahmen einer Nutzungsplanungsrevision ein Flä-</span><br/> <span class="text">chenabtausch in dem Sinne, dass im Gegenzug zu einer Neueinzonung ein</span><br/> <span class="text">flächengleiches Grundstück aus der Bauzone entlassen wird, ist der von </span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">241</span> </div> <div class="page" id="S241"> <div role="main"> <span class="text"><b>der Auszonung betroffene Grundeigentümer auch zur Beschwerde gegen</b></span><br/> <span class="text">die Zonierung des fremden Grundstücks legitimiert. Nur auf diese Weise</span><br/> <span class="text">kann er verhindern, dass Fakten geschaffen werden, die einer Belassung</span><br/> <span class="text">seines eigenen Grundstücks in der Bauzone entgegenstehen. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 22. Novem-</span><br/> <span class="text">ber 2018, in Sachen A. gegen Einwohnergemeinde B. und Regierungsrat</span><br/> <span class="text">(WBE.2018.181).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">2.1.</span><br/> <span class="text">2.1.1.</span><br/> <span class="text">Zur Beschwerde ist befugt, wer ein schutzwürdiges eigenes In-</span><br/> <span class="text">teresse an der Aufhebung oder Änderung des Entscheids hat (§ 42</span><br/> <span class="text">lit. a VRPG i.V.m. § 4 Abs. 1 BauG; § 28 BauG).</span><br/> <span class="text">Die Beschwerdeführerin ist Miteigentümerin der Parzelle</span><br/> <span class="text">Nr. UUU, die von der angefochtenen Nutzungsplanung unmittelbar</span><br/> <span class="text">betroffen ist. Im Verfahren der allgemeinen Nutzungsplanung hat die</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführerin somit ein schutzwürdiges eigenes Interesse an</span><br/> <span class="text">der Prüfung der Rechtmässigkeit der auf die Parzelle Nr. UUU an-</span><br/> <span class="text">wendbaren Nutzungsvorschriften. Entsprechend ist die Beschwerde-</span><br/> <span class="text">führerin befugt, den Genehmigungsentscheid anzufechten und in Be-</span><br/> <span class="text">zug auf die Parzelle Nr. UUU eine Änderung der Zonierung zu ver-</span><br/> <span class="text">langen. Ebenso ist die Beschwerdeführerin befugt, eine Änderung</span><br/> <span class="text">von § 11 und § 48 Abs. 2 BNO zu beantragen, da neu die Parzelle</span><br/> <span class="text">teilweise der Wohn-Arbeitszone 3 zugewiesen ist.</span><br/> <span class="text">2.1.2.</span><br/> <span class="text">Fraglich ist hingegen, ob die Beschwerdeführerin zusätzlich zur</span><br/> <span class="text">Anfechtung der Zonierung einer fremden Parzelle (Nr. VVV) legiti-</span><br/> <span class="text">miert ist. Sie leitet ihre diesbezügliche Beschwerdelegitimation da-</span><br/> <span class="text">raus ab, dass die Einzonung der Parzelle Nr. VVV zulasten ihrer Par-</span><br/> <span class="text">zelle Nr. UUU gehe. Es sei zwar richtig, dass der Richtplan des Kan-</span><br/> <span class="text">tons Aargau im Jahr 2017 genehmigt worden und insofern Art. 38a</span><br/> <span class="text">Abs. 2 RPG mit dem darin vorgesehenen übergangsrechtlichen Ein-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">242</span> </div> <div class="page" id="S242"> <div role="main"> <span class="text">zonungsmoratorium nicht mehr massgebend sei. Das ändere jedoch</span><br/> <span class="text">nichts daran, dass der gemäss Art. 9 Abs. 1 RPG behördenverbind-</span><br/> <span class="text">liche Richtplan selbst (vgl. Richtplankapitel S 1.2, Planungsanwei-</span><br/> <span class="text">sung 1.2 lit. a) festhalte, dass die Gesamtfläche des Siedlungsgebiets</span><br/> <span class="text">nicht vergrössert werden dürfe. Wenn also die Parzelle Nr. VVV ein-</span><br/> <span class="text">gezont werde, habe dies zwingend zur Folge, dass die Parzelle</span><br/> <span class="text">Nr. UUU ausgezont werden müsse. Oder anders herum gesagt: Wenn</span><br/> <span class="text">sie (die Beschwerdeführerin) die Einzonung der Parzelle Nr. VVV</span><br/> <span class="text">nicht anfechte, sei sie faktisch davon ausgeschlossen, sich erfolgreich</span><br/> <span class="text">gegen die Auszonung der Parzelle Nr. UUU zu wehren. Damit sei sie</span><br/> <span class="text">in einem höheren Mass als die Allgemeinheit von der Zonierung der</span><br/> <span class="text">Parzelle Nr. VVV betroffen. Die Zonierung ihrer Parzelle Nr. UUU</span><br/> <span class="text">hänge direkt von derjenigen der Parzelle Nr. VVV ab.</span><br/> <span class="text">Nach langjähriger gefestigter Praxis des Verwaltungsgerichts</span><br/> <span class="text">muss ein Beschwerdeführer in den eigenen Interessen tatsächlich</span><br/> <span class="text">berührt sein , d.h. durch den angefochtenen Rechtsakt in irgendei-</span><br/> <span class="text">ner Art und Weise in seiner Interessensphäre in höherem Masse als</span><br/> <span class="text">die Allgemeinheit beeinträchtigt sein und ein Interesse an der Aufhe-</span><br/> <span class="text">bung oder Änderung haben. Dieses Interesse kann rechtlicher oder</span><br/> <span class="text">bloss tatsächlicher Natur sein. Ein schutzwürdiges Interesse liegt</span><br/> <span class="text">dann vor, wenn die tatsächliche oder rechtliche Situation des Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführers durch den Ausgang des Verfahrens beeinflusst wer-</span><br/> <span class="text">den kann. Wird ein Verwaltungsentscheid in materiellem Sinne nicht</span><br/> <span class="text">von den direkt betroffenen Verfügungsadressaten, sondern von Drit-</span><br/> <span class="text">ten angefochten, hat die Legitimationsfrage insofern eine besondere</span><br/> <span class="text">Bedeutung, als mit den gestellten Anforderungen Popularbeschwer-</span><br/> <span class="text">den ausgeschlossen werden sollen. Ist in solchen Fällen ein Berührt-</span><br/> <span class="text">sein oder die spezifische Beziehungsnähe gegeben, hat der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführer ein ausreichendes Rechtsschutzinteresse, dass der</span><br/> <span class="text">Entscheid aufgehoben oder abgeändert wird. Das Interesse besteht</span><br/> <span class="text">letztlich im praktischen Nutzen, den eine erfolgreiche Beschwerde</span><br/> <span class="text">dem Beschwerdeführer einbringen wird, indem ein materieller oder</span><br/> <span class="text">ideeller Nachteil des angefochtenen Entscheides für ihn abgewendet</span><br/> <span class="text">wird. Diese Grundsätze gelten auch in Nutzungsplanverfahren (zum</span><br/> <span class="text">Ganzen: AGVE 2002, S. 279 f. mit Hinweisen; siehe auch Urteil des</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">243</span> </div> <div class="page" id="S243"> <div role="main"> <span class="text">Bundesgerichts vom 3. Januar 2005 [1A.105/2004, 1P.245/2004],</span><br/> <span class="text">Erw. 3 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="text">Das in der Richtplan-Gesamtkarte des Kantons Aargau festge-</span><br/> <span class="text">legte Siedlungsgebiet umfasst gemäss den (behördenverbindlichen)</span><br/> <span class="text">Planungsgrundsätzen (Bst. A) im Richtplankapitel S 1.2: (a) die</span><br/> <span class="text">überbauten Bauzonen, in denen die bauliche Entwicklung primär in</span><br/> <span class="text">der Verdichtung und Aufwertung besteht; (b) die unüberbauten Bau-</span><br/> <span class="text">zonen, in denen eine dichte und qualitativ hochwertige Überbauung</span><br/> <span class="text">angestrebt wird; (c) Flächen, in denen im Nutzungsplanungsverfah-</span><br/> <span class="text">ren neue Bauzonen ausgeschrieben werden können (inklusive Ver-</span><br/> <span class="text">schiebungen gemäss den Beschlüssen 1.2 und 4.2); (d) Flächen von</span><br/> <span class="text">Infrastrukturanlagen des Verkehrs, die durch Bauzonen eingeschlos-</span><br/> <span class="text">sen sind beziehungsweise an Bauzonen angrenzen; (e) nicht überbau-</span><br/> <span class="text">te Grün-, Park-, Erhaltungs-, Schutz- und andere Spezialzonen, die</span><br/> <span class="text">innerhalb der Bauzonenaussengrenzen liegen. Im Nutzungsplanver-</span><br/> <span class="text">fahren können die Gemeinden das in der Richtplan-Gesamtkarte fest-</span><br/> <span class="text">gesetzte, noch nicht eingezonte Siedlungsgebiet in Abstimmung mit</span><br/> <span class="text">den beteiligten regionalen Planungsverbänden räumlich kommunal</span><br/> <span class="text">oder überkommunal anders anordnen. Voraussetzung dafür ist insbe-</span><br/> <span class="text">sondere, dass die Gesamtfläche des Siedlungsgebiets nicht vergrös-</span><br/> <span class="text">sert werden darf (Richtplankapitel S 1.2, Beschluss 1.2 lit. a [Pla-</span><br/> <span class="text">nungsanweisungen und örtliche Festlegungen]). Für die Gemeinde</span><br/> <span class="text">B., in der sich das Siedlungsgebiet gemäss Richtplan-Gesamtkarte</span><br/> <span class="text">und das Baugebiet gemäss Bauzonenplan decken, bedeutet dies, dass</span><br/> <span class="text">keine Reserveflächen ausserhalb der Bauzone für Einzonungen zur</span><br/> <span class="text">Verfügung stehen, mithin Einzonungen - während des Richtplanhori-</span><br/> <span class="text">zonts (bis 2040) - grundsätzlich nur im Rahmen von Verschiebungen</span><br/> <span class="text">zulasten eines auszuzonenden Baugrundstücks in B. selber, in einer</span><br/> <span class="text">anderen Gemeinde derselben Region oder - in begründeten Fällen -</span><br/> <span class="text">in einer anderen Region vorgenommen werden dürfen (Richtplanka-</span><br/> <span class="text">pitel S 1.2, Beschlüsse 1.2 und 4.2). Insofern ist der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="text">rerin darin beizupflichten, dass ihre Parzelle Nr. UUU respektive der</span><br/> <span class="text">südliche und westliche Teil davon nur in der Bauzone belassen wer-</span><br/> <span class="text">den darf, wenn im Gegenzug auf die Einzonung eines anderen</span><br/> <span class="text">Grundstücks vergleichbarer Grösse verzichtet wird (oder - was vor-</span><br/> <span class="text">liegend ausser Diskussion steht - ein anderes Grundstück ausgezont</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">244</span> </div> <div class="page" id="S244"> <div role="main"> <span class="text">wird). Alles andere wäre nicht richtplankonform, es sei denn, es kä-</span><br/> <span class="text">me zu einem überkommunalen oder überregionalen Ausgleich, was</span><br/> <span class="text">indessen nicht geltend gemacht wird.</span><br/> <span class="text">Im Rahmen der aktuellen Gesamtrevision der Nutzungsplanung</span><br/> <span class="text">wurde lediglich die Parzelle Nr. VVV neu einer Bauzone zugewie-</span><br/> <span class="text">sen, und zwar im Austausch gegen die Auszonung von ungefähr flä-</span><br/> <span class="text">chengleichen Teilen der Parzelle Nr. UUU. Die Interdependenz zwi-</span><br/> <span class="text">schen der Auszonung von Teilen der Parzelle Nr. UUU und der Ein-</span><br/> <span class="text">zonung der Parzelle Nr. VVV ergibt sich unzweifelhaft aus dem Pla-</span><br/> <span class="text">nungsbericht vom 8. August 2016 sowie aus Erw. 2.3 des vorinstanz-</span><br/> <span class="text">lichen Genehmigungsentscheids, wo von einem flächengleichen Ab-</span><br/> <span class="text">tausch zwischen der Zentrumszone I an der C.-Strasse (wo sich die</span><br/> <span class="text">Parzelle Nr. VVV befindet) und weniger gut gelegenen randlichen</span><br/> <span class="text">Gebieten der Wohnzone W2 und der Mischzone WG3 (gemeint sind</span><br/> <span class="text">die ausgezonten Teile der Parzelle Nr. UUU) gesprochen wird. Es</span><br/> <span class="text">liegt daher auf der Hand, dass die Gemeinde eine allfällige Belas-</span><br/> <span class="text">sung der fraglichen Teile der Parzelle Nr. UUU in der Bauzone mit</span><br/> <span class="text">dem Verzicht auf die Einzonung der Parzelle Nr. VVV und nicht mit</span><br/> <span class="text">der Auszonung eines anderen Grundstücks kompensieren würde.</span><br/> <span class="text">Anders als im Fall, welchen das Verwaltungsgericht im von der</span><br/> <span class="text">Vorinstanz im Beschwerdeentscheid zitierten Urteil vom 2. Juni 2006</span><br/> <span class="text">zu beurteilen hatte, hat die Beschwerdeführerin somit ein sehr spezi-</span><br/> <span class="text">fisches und aktuelles Interesse daran, dass die Parzelle Nr. VVV</span><br/> <span class="text">nicht eingezont wird. Nur auf diese Weise könnte ein Verbleib des</span><br/> <span class="text">südlichen und westlichen Teils ihrer Parzelle Nr. UUU in der Bauzo-</span><br/> <span class="text">ne gewährleistet werden. Sie wehrt sich nicht generell gegen eine</span><br/> <span class="text">überdimensionierte Bauzone, welche der Zuweisung des eigenen</span><br/> <span class="text">Grundstücks zum Baugebiet entgegensteht (oder ihr in Zukunft ent-</span><br/> <span class="text">gegenstehen könnte), sondern gegen einen bereits beschlossenen</span><br/> <span class="text">Flächenabtausch zu ihren Lasten, der ausschliesslich sie und den</span><br/> <span class="text">anderen Miteigentümer der Parzelle Nr. UUU betrifft. Dabei tut</span><br/> <span class="text">nichts zur Sache, dass ihr Grundstück unabhängig von der Einzonung</span><br/> <span class="text">der Parzelle Nr. VVV (aus anderen Gründen) ausgezont worden wä-</span><br/> <span class="text">re. Entscheidend ist vielmehr, dass ein Verbleib in der Bauzone auf-</span><br/> <span class="text">grund des im Richtplan statuierten Verbots der Siedlungsvergrösse-</span><br/> <span class="text">rung ausgeschlossen ist, wenn das Baugebiet ohne Kompensation</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 6 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">245</span> </div> <div class="page" id="S245"> <div role="main"> <span class="text">andernorts auf die Parzelle Nr. VVV ausgedehnt wird. Hätte die Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführerin diese Neuzonierung nicht angefochten und die Er-</span><br/> <span class="text">teilung der aufschiebenden Wirkung beantragt (was die Gemeinde B.</span><br/> <span class="text">von sich aus umsetzte), wären theoretisch Vorbereitungsmassnahmen</span><br/> <span class="text">zur Überbauung der Parzelle Nr. VVV möglich gewesen und damit</span><br/> <span class="text">Fakten gegen die Zuweisung der eigenen Grundstücksteile zur</span><br/> <span class="text">Bauzone geschaffen worden. Folglich ist in der vorliegenden Kon-</span><br/> <span class="text">stellation die Beschwerdeführerin durch den Beschluss, die Parzelle</span><br/> <span class="text">Nr. VVV neu einer Bauzone zuzuweisen, materiell beschwert; ihr</span><br/> <span class="text">schutzwürdiges Interesse an der Nichteinzonung dieses Grundstücks</span><br/> <span class="text">ist ausgewiesen.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>