<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Personalrecht</span> <span class="page_no">533</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Personalrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>102 Entbindung</b></span> <span class="ft2"><b>vom</b></span> <span class="ft2"><b>Amtsgeheimnis</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Amtsgeheimnisentbindung einer Lehrperson, die in einem Strafver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fahren als Zeugin angerufen wurde, darf dann verweigert werden, wenn</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wichtige Interessen des Kantons, der Gemeinden oder Gemeindeverbän-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>de es verlangen oder wenn die Ermächtigung den Schulbetrieb wesentlich</b></span><br/> <span class="ft2"><b>beeinträchtigen würde. Nicht berücksichtigen darf die über die Amtsge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>heimnisentbindung entscheidende vorgesetzte Behörde die persönlichen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Schutzinteressen der aussagepflichtigen Person; ob der Lehrperson ein</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Zeugnisverweigerungsrecht wegen Gefahr für Leib und Leben zusteht,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>haben die zuständigen Strafverfolgungsbehörden zu entscheiden.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 22. Mai 2013 i.S. Staatsanwalt-</span><br/> <span class="ft3">schaft B. gegen den Entscheid des Departements Bildung, Kultur und Sport</span><br/> <span class="ft3">(RRB Nr. 2013-000558).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">2.1</span><br/> <span class="ft5">Gemäss Art. 163 StPO ist jede zeugnisfähige - d.h. mehr als 15</span><br/> <span class="ft5">Jahre alte und hinsichtlich des Einvernahmegegenstands urteilsfähige</span><br/> <span class="ft5">- Person zum wahrheitsgemässen Zeugnis verpflichtet. Diese sog.</span><br/> <span class="ft5">Zeugnispflicht beinhaltet nicht nur eine Wahrheitspflicht, sondern</span><br/> <span class="ft5">auch eine Erscheinenspflicht sowie eine Aussagepflicht (vgl. Kom-</span><br/> <span class="ft5">mentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung [nachstehend:</span><br/> <span class="ft5">Kommentar StPO], herausgegeben von Andreas Donatsch/Thomas</span><br/> <span class="ft5">Hansjakob/Viktor Lieber, Zürich 2010, N. 9 ff. zu Art. 163). Die</span><br/> <span class="ft5">Aussagepflicht besteht allerdings nur insoweit, als der betreffenden</span><br/> <span class="ft5">Person kein Zeugnisverweigerungsrecht zusteht.</span><br/> <span class="ft5">Neben den in Art. 168 StPO geregelten Zeugnisverweigerungs-</span><br/> <span class="ft5">gründen aufgrund persönlicher Beziehungen, den in Art. 169 StPO</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">534</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">statuierten Zeugnisverweigerungsgründen zum eigenen (d.h. des</span><br/> <span class="ft5">Zeugen) Schutz oder zum Schutz nahe stehender Personen sowie den</span><br/> <span class="ft5">in den Art. 171 bis 173 StPO erwähnten Zeugnisverweigerungsgrün-</span><br/> <span class="ft5">den aufgrund einer bestimmten beruflichen Tätigkeit nennt Art. 170</span><br/> <span class="ft5">StPO den Zeugnisverweigerungsgrund des Amtsgeheimnisses: Be-</span><br/> <span class="ft5">amtinnen und Beamte im Sinne von Art. 110 Abs. 3 StGB - wozu</span><br/> <span class="ft5">auch Lehrpersonen zählen - sowie Mitglieder von Behörden können</span><br/> <span class="ft5">das Zeugnis über Geheimnisse verweigern, die ihnen in ihrer amtli-</span><br/> <span class="ft5">chen Eigenschaft anvertraut worden sind oder die sie bei der Aus-</span><br/> <span class="ft5">übung ihres Amtes wahrgenommen haben (Abs. 1). Die Aussage-</span><br/> <span class="ft5">pflicht lebt aber wieder auf, wenn die betreffenden Personen von ih-</span><br/> <span class="ft5">rer vorgesetzten Behörde zur Aussage schriftlich ermächtigt worden</span><br/> <span class="ft5">sind (Abs. 2). Diese Ermächtigung ist zu erteilen, wenn das Interesse</span><br/> <span class="ft5">an der Wahrheitsfindung das Geheimhaltungsinteresse überwiegt</span><br/> <span class="ft5">(Abs. 3).</span><br/> <span class="ft5">Das kantonale Recht regelt die Entbindung vom Amtsgeheimnis</span><br/> <span class="ft5">für die Lehrpersonen explizit in § 27 VALL. Von Interesse für das</span><br/> <span class="ft5">vorliegende Verfahren ist insbesondere Abs. 3 dieser Norm; danach</span><br/> <span class="ft5">darf die Ermächtigung zur Äusserung verweigert werden, wenn</span><br/> <span class="ft5">wichtige Interessen des Kantons, der Gemeinden oder Gemeindever-</span><br/> <span class="ft5">bände es verlangen oder wenn die Ermächtigung den Schulbetrieb</span><br/> <span class="ft5">wesentlich beeinträchtigen würde.</span><br/> <span class="ft5">2.2</span><br/> <span class="ft5">Das Departement Bildung, Kultur und Sport hat seinen abwei-</span><br/> <span class="ft5">senden Entscheid im Wesentlichen mit dem Schutz der Lehrperson</span><br/> <span class="ft5">vor möglichen Repressionen durch den Beschuldigten bzw. dessen</span><br/> <span class="ft5">Familie begründet; eine Beeinträchtigung von Leben, Gesundheit</span><br/> <span class="ft5">und persönlicher Integrität einer Lehrperson wirke sich denn auch</span><br/> <span class="ft5">auf den Schulbetrieb aus. Die von X.Y. geäusserte Angst sei ange-</span><br/> <span class="ft5">sichts der dem Beschuldigten zur Last gelegten Tatbestände Dro-</span><br/> <span class="ft5">hung, Nötigung und Körperverletzung nachvollziehbar. Die Interes-</span><br/> <span class="ft5">sen des Schutzes der Lehrperson und des geordneten Schulbetriebs</span><br/> <span class="ft5">würden vorliegend das Interesse an der Aufklärung einer Straftat um-</span><br/> <span class="ft5">so mehr überwiegen, als X.Y. nicht in der Lage sei, irgendwelche</span><br/> <span class="ft5">eigenen Wahrnehmungen zu äussern, sondern lediglich das aussagen</span><br/> <span class="ft5">könne, was ihr die Tochter des Beschuldigten anvertraut habe; genau</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Personalrecht</span> <span class="page_no">535</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">dies werde aber die Tochter, die ja ihren Vater angezeigt habe, auch</span><br/> <span class="ft5">gegenüber der Polizei und der Staatsanwaltschaft dargelegt haben,</span><br/> <span class="ft5">sodass aus der Zeugenaussage keine neuen Erkenntnisse zu erwarten</span><br/> <span class="ft5">seien.</span><br/> <span class="ft5">Die Staatsanwaltschaft B. kritisiert in ihrer Beschwerde, diese</span><br/> <span class="ft5">Nichtbefreiung vom Amtsgeheimnis stütze sich allein auf diffuse</span><br/> <span class="ft5">Ängste einer nicht aussagewilligen Person; für eine unmittelbare und</span><br/> <span class="ft5">konkrete Gefährdung von X.Y. oder anderer Drittpersonen beständen</span><br/> <span class="ft5">jedoch keinerlei Anzeichen. Zudem treffe nicht zu, dass X.Y. keine</span><br/> <span class="ft5">Aussagen zu eigenen Wahrnehmungen machen könne; ihre Aussagen</span><br/> <span class="ft5">könnten vielmehr wichtige Hinweise für die Glaubwürdigkeit der</span><br/> <span class="ft5">Tochter liefern. Die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach vertritt so-</span><br/> <span class="ft5">dann die Auffassung, dass eine vorgesetzte Behörde nicht befugt sei,</span><br/> <span class="ft5">zum Schutz einer Beamtin oder eines Beamten eine Befreiung vom</span><br/> <span class="ft5">Amtsgeheimnis zu verweigern; für die Beurteilung der Gefährdungs-</span><br/> <span class="ft5">lage von Personen, die dem Amtsgeheimnis unterstehen, seien nicht</span><br/> <span class="ft5">deren vorgesetzte Behörde, sondern vielmehr die Strafuntersu-</span><br/> <span class="ft5">chungs- bzw. strafrichterlichen Behörden zuständig.</span><br/> <span class="ft5">In seiner Vernehmlassung zur Beschwerde macht demgegen-</span><br/> <span class="ft5">über das Departement Bildung, Kultur und Sport geltend, dass das</span><br/> <span class="ft5">Bundesrecht offen lasse, worin das Geheimhaltungsinteresse bestehe,</span><br/> <span class="ft5">welches gegen das Interesse an der Wahrheitsfindung abzuwägen sei;</span><br/> <span class="ft5">folglich dürften auch die privaten Interessen der Lehrperson auf</span><br/> <span class="ft5">Schutz von Gesundheit und Leben berücksichtigt werden. Die Angst</span><br/> <span class="ft5">von X.Y. sei denn auch durchaus nachvollziehbar, zumal Racheakte</span><br/> <span class="ft5">nicht nur durch den inhaftierten Beschuldigten, sondern auch durch</span><br/> <span class="ft5">Verwandte oder beauftragte Dritte bzw. auch noch Jahre später ver-</span><br/> <span class="ft5">übt werden könnten. Die Staatsanwaltschaft habe es verpasst, X.Y.</span><br/> <span class="ft5">eine in der Strafprozessordnung vorgesehene Schutzmassnahme (z.B.</span><br/> <span class="ft5">Zusicherung der Anonymität oder Geheimhaltung der Personalien)</span><br/> <span class="ft5">zuzusichern; daher bleibe die Nichtentbindung vom Amtsgeheimnis</span><br/> <span class="ft5">die einzige Möglichkeit, die privaten Interessen der Lehrperson auf</span><br/> <span class="ft5">Schutz von Leib und Leben und das öffentliche Interesse an einem</span><br/> <span class="ft5">geordneten Schulbetrieb zu schützen. Zu verhindern sei insbeson-</span><br/> <span class="ft5">dere, das sich Lehrpersonen, die oftmals ein besonderes Vertrauen ih-</span><br/> <span class="ft5">rer Schülerinnen und Schüler genössen, wegen der Möglichkeit, un-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">536</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">ter Androhung von Strafe zur Aussage in einem Strafverfahren ge-</span><br/> <span class="ft5">zwungen zu werden, davor hüten, ihren Schülerinnen und Schülern</span><br/> <span class="ft5">nur schon zuzuhören.</span><br/> <span class="ft5">X.Y. schliesst sich in ihrer Stellungnahme zur Beschwerde der</span><br/> <span class="ft5">Auffassung des Departements Bildung, Kultur und Sport an. Es sei</span><br/> <span class="ft5">offensichtlich, dass eine Gefahr nicht nur vom Beschuldigten selbst,</span><br/> <span class="ft5">sondern auch von seinem Umfeld ausgehe. Dies ergebe sich schon</span><br/> <span class="ft5">aus dem Umstand, dass auch das Opfer sich in eine geheime und ge-</span><br/> <span class="ft5">schützte Umgebung habe flüchten müssen, obwohl ihr Vater sich in</span><br/> <span class="ft5">Untersuchungshaft befinde. Es gehe denn auch nicht einfach um</span><br/> <span class="ft5">diffuse Ängste; immerhin handle es sich bei den untersuchten Delik-</span><br/> <span class="ft5">ten um Drohung, Nötigung und Körperverletzung. Auch wenn die</span><br/> <span class="ft5">Aufklärung dieser Delikte für das Opfer wichtig sei, dürfe dies doch</span><br/> <span class="ft5">nicht schwerer gewichtet werden als ihre (d.h. X.Y.'s) körperliche In-</span><br/> <span class="ft5">tegrität. Zu berücksichtigen sei des Weiteren, dass sich betroffene</span><br/> <span class="ft5">Opfer oftmals nur deswegen ihren Lehrpersonen anvertrauen wür-</span><br/> <span class="ft5">den, weil diese zur Verschwiegenheit verpflichtet seien; bei einer Be-</span><br/> <span class="ft5">freiung vom Amtsgeheimnis sei diese Vertrauensstellung künftig</span><br/> <span class="ft5">nicht mehr gewährleistet.</span><br/> <span class="ft5">2.3</span><br/> <span class="ft5">Es steht ausser Frage, dass dem Schutz von Zeuginnen und Zeu-</span><br/> <span class="ft5">gen ein hoher Stellenwert einzuräumen ist und der Staat das ihm</span><br/> <span class="ft5">Mögliche vorzukehren hat, damit Personen wegen ihrer Aussage im</span><br/> <span class="ft5">Rahmen einer Strafuntersuchung oder einem Strafprozess nicht zu</span><br/> <span class="ft5">Schaden kommen; letztlich ist dies nichts anderes als die Kehrseite</span><br/> <span class="ft5">der vom Staat statuierten "allgemeinen Bürgerpflicht" zur Zeugen-</span><br/> <span class="ft5">aussage. Dieser Schutzanspruch steht allerdings allen Personen zu,</span><br/> <span class="ft5">die als Zeugin oder Zeuge in einem Strafverfahren auszusagen ha-</span><br/> <span class="ft5">ben, ganz gleichgültig, ob sie eine amtliche Funktion wahrnehmen</span><br/> <span class="ft5">oder nicht. Besteht ein Grund zur Annahme, eine Zeugin oder Zeuge</span><br/> <span class="ft5">setze sich einer erheblichen Gefahr für Leib und Leben oder einem</span><br/> <span class="ft5">andern schweren Nachteil aus, so hat die Verfahrensleitung - d.h. in</span><br/> <span class="ft5">der Strafuntersuchung die Staatsanwaltschaft und nach der Ankla-</span><br/> <span class="ft5">geerhebung das mit der Sache befasste Gericht - auf Gesuch hin oder</span><br/> <span class="ft5">von Amtes wegen die notwendigen Schutzmassnahmen zu treffen</span><br/> <span class="ft5">(Art. 149 StPO). Reichen diese Schutzmassnahmen nicht aus, darf</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Personalrecht</span> <span class="page_no">537</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">die betreffende Person das Zeugnis verweigern (Art. 169 Abs. 3</span><br/> <span class="ft5">StPO). Über die Zulässigkeit der Zeugnisverweigerung entscheidet</span><br/> <span class="ft5">im Vorverfahren die einvernehmende Behörde und nach der Ankla-</span><br/> <span class="ft5">geerhebung das Gericht, wobei die Zeugin oder der Zeuge sofort</span><br/> <span class="ft5">nach der Eröffnung des Entscheids die Beurteilung durch die Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeinstanz verlangen kann; bis zum Vorliegen des Beschwer-</span><br/> <span class="ft5">deentscheids besteht das Zeugnisverweigerungsrecht in jedem Falle</span><br/> <span class="ft5">fort (Art. 174 StPO).</span><br/> <span class="ft5">Aus dieser kaskadenartigen Regelung der Massnahmen zum</span><br/> <span class="ft5">Schutze von Zeuginnen und Zeugen sowie aus der vom Bundesrecht</span><br/> <span class="ft5">selbst vorgegebenen Zuständigkeitsordnung ergibt sich klar, dass -</span><br/> <span class="ft5">entgegen der im vorinstanzlichen Entscheid vertretenen Auffassung</span><br/> <span class="ft5">und auch entgegen der Meinung von X.Y. - die über eine Amtsge-</span><br/> <span class="ft5">heimnisentbindung befindende vorgesetzte Behörde bei der vorzu-</span><br/> <span class="ft5">nehmenden Interessenabwägung wegen fehlender Zuständigkeit die</span><br/> <span class="ft5">Schutzinteressen des Beamten bzw. der Beamtin nicht berücksichti-</span><br/> <span class="ft5">gen darf. Einerseits statuieren die genannten Bestimmungen der</span><br/> <span class="ft5">StPO in Fällen der vorliegenden Art eine andere Zuständigkeit für</span><br/> <span class="ft5">den Entscheid über Zeugenverweigerungsrecht. Andererseits käme es</span><br/> <span class="ft5">ansonsten zu einer von der Strafprozessordnung nicht vorgesehenen</span><br/> <span class="ft5">Privilegierung von Beamtinnen und Beamten gegenüber den "ge-</span><br/> <span class="ft5">wöhnlichen" Zeuginnen und Zeugen. Es wäre nicht nachvollziehbar,</span><br/> <span class="ft5">wenn der Staat von Beamtinnen und Beamten weniger verlangen</span><br/> <span class="ft5">würde als von der übrigen Bevölkerung, obwohl die Interessenlage</span><br/> <span class="ft5">bzw. das Schutzbedürfnis als Zeugin oder Zeuge gleich gelagert ist.</span><br/> <span class="ft5">Nichts am eben Gesagten ändert auch die personalrechtliche</span><br/> <span class="ft5">Pflicht des Arbeitgebers und der für diesen handelnden Stellen, die</span><br/> <span class="ft5">zum Schutze von Leben, Gesundheit und persönlicher Integrität der</span><br/> <span class="ft5">Lehrpersonen erforderlichen Massnahmen zu treffen (vgl. § 16 des</span><br/> <span class="ft5">Gesetzes über die Anstellung von Lehrpersonen [GAL] vom 17. De-</span><br/> <span class="ft5">zember 2002). Dieselben Pflichten haben denn auch die privatrechtli-</span><br/> <span class="ft5">chen Arbeitgeber gegenüber ihren Angestellten (vgl. Art. 328 Abs. 2</span><br/> <span class="ft5">OR), ohne dass sie deswegen diese von der "allgemeinen Bürger-</span><br/> <span class="ft5">pflicht" zur Zeugenaussage befreien könnten. Im Übrigen würde der</span><br/> <span class="ft5">personalrechtlichen Fürsorgepflicht bereits damit Genüge getan,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">538</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">wenn der Lehrperson Hilfestellung bei der Beantragung von Schutz-</span><br/> <span class="ft5">massnahmen nach Art. 149 StPO angeboten bzw. geleistet würde.</span><br/> <span class="ft5">2.4</span><br/> <span class="ft5">Das vorstehend Gesagte bedeutet nun allerdings nicht, dass bei</span><br/> <span class="ft5">der vorzunehmenden Interessenabwägung nur öffentliche Interessen</span><br/> <span class="ft5">zu gewichten wären und jegliches private Interesse ausser Acht ge-</span><br/> <span class="ft5">lassen werden müsste. Vielmehr wird sowohl in der vorinstanzlichen</span><br/> <span class="ft5">Stellungnahme zur Beschwerde als auch in der Vernehmlassung von</span><br/> <span class="ft5">X.Y. zu Recht darauf hingewiesen, dass das Amtsgeheimnis insbe-</span><br/> <span class="ft5">sondere auch die Privatsphäre derjenigen Personen schützt, die sich</span><br/> <span class="ft5">einer zur Amtsverschwiegenheit verpflichteten Person anvertrauen.</span><br/> <span class="ft5">Deren Interessen sind daher in jedem Fall mitzuberücksichtigen.</span><br/> <span class="ft5">Im vorliegenden Fall präsentiert sich die Interessenlage nun</span><br/> <span class="ft5">allerdings so, dass die betroffene Schülerin A. selbst Strafanzeige ge-</span><br/> <span class="ft5">genüber ihrem Vater erhoben hat und sich dabei zum Beweis ihrer</span><br/> <span class="ft5">Schilderungen auf ihre Gespräche mit ihrer Lehrerin X.Y. berufen</span><br/> <span class="ft5">hat. Es ist daher offenkundig, dass genau diejenige Person, deren Pri-</span><br/> <span class="ft5">vatsphäre durch das Amtsgeheimnis geschützt werden soll, ein emi-</span><br/> <span class="ft5">nentes Interesse an einer Aussage von X.Y. hat. Aus ihrer Sicht lässt</span><br/> <span class="ft5">sich die Nichtentbindung vom Amtsgeheimnis deshalb in keiner</span><br/> <span class="ft5">Weise rechtfertigen</span><br/> <span class="ft5">2.5</span><br/> <span class="ft5">Nicht zu überzeugen vermag der vorinstanzliche Entscheid auch</span><br/> <span class="ft5">insoweit, als die Entbindung vom Amtsgeheimnis mit dem angeblich</span><br/> <span class="ft5">fehlenden Beweiswert einer Zeugenaussage von X.Y. begründet</span><br/> <span class="ft5">wird. Ob eine Zeugenaussage einen Beweiswert besitzt bzw. welcher</span><br/> <span class="ft5">Beweiswert ihr zukommt, kann und darf nicht die für eine Amtsge-</span><br/> <span class="ft5">heimnisentbindung zuständige (Verwaltungs-)behörde beurteilen,</span><br/> <span class="ft5">sondern ausschliesslich die für das betreffende Verfahren sachzustän-</span><br/> <span class="ft5">dige Strafbehörde. Letztlich spricht die vorinstanzliche Argumenta-</span><br/> <span class="ft5">tion vielmehr für als gegen eine Amtsgeheimnisentbindung: Wenn</span><br/> <span class="ft5">X.Y. tatsächlich nur das aussagen können sollte, was ohnehin bereits</span><br/> <span class="ft5">bekannt ist, ist ein öffentliches Interesse an einer Geheimhaltung von</span><br/> <span class="ft5">vornherein zu verneinen.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Personalrecht</span> <span class="page_no">539</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">2.6</span><br/> <span class="ft5">Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die im vorin-</span><br/> <span class="ft5">stanzlichen Entscheid angeführten Gründe nicht genügen, um die</span><br/> <span class="ft5">Lehrerin von A., X.Y., nicht vom Amtsgeheimnis zu entbinden. Mit</span><br/> <span class="ft5">der Staatsanwaltschaft B. ist von einem sehr gewichtigen Interesse an</span><br/> <span class="ft5">der Wahrheitsfindung auszugehen: Nur durch eine konsequente</span><br/> <span class="ft5">Strafverfolgung lässt sich Fällen von häuslicher Gewalt und von</span><br/> <span class="ft5">Zwangsverheiratungen wirksam begegnen; umgekehrt sind auch</span><br/> <span class="ft5">Fälle von falscher Anschuldigung konsequent zu ahnden. Demge-</span><br/> <span class="ft5">genüber sind keine wichtigen öffentlichen oder privaten Interessen</span><br/> <span class="ft5">ersichtlich, welche für eine Geheimhaltung sprechen. Besonders zu</span><br/> <span class="ft5">betonen ist, dass die Berücksichtigung der Schutzinteressen der aus-</span><br/> <span class="ft5">sagepflichtigen Person nicht in die Kompetenz der für die Amtsge-</span><br/> <span class="ft5">heimnisentbindung zuständigen Behörde fällt. Nach der StPO oblie-</span><br/> <span class="ft5">gen diese Entscheide den Strafbehörden; gegen deren Entscheide</span><br/> <span class="ft5">bestehen besondere Rechtsschutzverfahren. Es kommt hinzu, dass</span><br/> <span class="ft5">die Interessen derjenigen Person, welche durch das Amtsgeheimnis</span><br/> <span class="ft5">geschützt werden sollen, geradezu eine Aussage der Lehrerin gebie-</span><br/> <span class="ft5">ten.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>