B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6584/2019 U r t e i l v o m 1 5 . O k t o b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Roswitha Petry (Vorsitz), Richter Yanick Felley, Richterin Christa Luterbacher, Gerichtsschreiberin Regina Goll. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch lic. iur. Kathrin Stutz, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 8. November 2019 / N (…). E-6584/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am (…) Dezember 2016 in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom (…) Dezem- ber 2016 und der Anhörung vom 11. Dezember 2017 machte sie im We- sentlichen Folgendes geltend: Sie sei eritreische Staatsangehörige tigrinischer Ethnie, in B._______ ge- boren und habe bis zum Einzug in den Militärdienst dort gewohnt. Im Juni (…) habe sie kurz vor Abschluss der elften Klasse die Schule abgebrochen, um der darauffolgenden militärischen Ausbildung in Sawa zu entgehen und ihre Eltern zuhause unterstützen zu können. (…) habe im Militärdienst (…), sei deshalb entlassen worden und habe sich bei ihren Eltern aufgehalten. Aufgrund des Betreuungsaufwands sei ihre Familie auf ihre Hilfe angewie- sen gewesen. Eines Tages seien Armeemitglieder bei ihr zuhause aufge- taucht und hätten sie zum Militärdienst aufgeboten. Ihre Mutter habe die Soldaten vergebens um Freistellung gebeten. Deshalb habe man sie mit- genommen und zuerst während einer Woche in C._______ inhaftiert. Da- nach habe man sie nach D._______ verlegt und während drei Monaten ausgebildet. Daraufhin sei sie nach E._______ ins Militärcamp F._______ verlegt worden. Sie sei dort als (…) eingeteilt worden und habe (…) müs- sen. An diesem Stützpunkt sei es besonders schwierig gewesen, Urlaub zu bekommen. Im Jahr 2014 sei ihre Mutter kra nk gewesen, weshalb sie sie habe besuchen wollen. Der Urlaub sei ihr jedoch nicht erlaubt worden. Da sie ihre Mutter habe unterstützen wollen, habe sie sich trotzdem vom Militärposten entfernt. Sie sei einen Tag lang bei ihrer Mutter geblieben. Dann habe sie sich aber zu sehr vor den Konsequenzen gefürchtet und sei daher sofort wieder nach F._______ zurückgekehrt. Nach ihrer Ankunft sei sie aufgrund des unerlaubten Entfernens vom Posten militärisch bestraft worden. Man habe ihre Hände hinter dem Rücken zusammengebunden, sie in der "Otto -Stellung" gefesselt und in die Sonne gelegt . So habe sie während 24 Stunden verharren müssen, bevor man sie wieder befreit habe. Danach habe sie wie zuvor ihre Funktion als (…) ausgeführt. Im Jahr 2016 habe sie erfahren, dass ihre Einheit nach G._______ verlegt werde. Dies habe ihr Angst gemacht, denn sie habe nicht – wie ihre Geschwister – das ganze Leben im Militärdienst verbringen wollen. Eine Freundin vom Militär habe ihr anvertraut, dass sie am Tag darauf flüchten wolle. Sie habe beschlossen, sich ihr a nzuschliessen. Während ihre Einheit sich auf die Verlegung nach G._______ vorbereitet habe, habe sie – in einem Moment, in dem der Wachposten unbesetzt gewesen sei – mit ihrer Freundin die E-6584/2019 Seite 3 Flucht ergriffen. Sie seien im (…) 2016 gemeinsam nach Tesseney und von dort illegal über die Grenze nach Kassala gereist. Nach ihrer Ausreise hät- ten Armeemitglieder ihre Familie zuhause aufgesucht und befragt. Ihre El- tern hätten aber nichts von ihrer Ausreise gewusst und den Soldaten mit- geteilt, dass sie nicht von zuhause, sondern aus deren "eigenen Händen" geflüchtet sei. Zum Nachweis ihrer Herkunft reichte die Beschwerdeführerin ihre eritrei- sche Identitätskarte im Original ein. In den Akten liegt ausserdem eine Skizze vom Ausbildungslager in D._______, welche sie während der An- hörung vom 11. Dezember 2017 angefertigt hat. B. Mit Schreiben vom 15. Dezember 2017 informierte die behandelnde Ärztin die Vorinstanz, dass bei der Beschwerdeführerin (…) diagnostiziert worden sei. C. Am 8. Januar 2019 teilte die Rechtsvertreterin der Vorinstanz mit, sie habe das Mandat für die Beschwerdeführerin übernommen. D. Mit Verfügung vom 8. November 2019 – eröffnet am 11. November 2019 – verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführe- rin und lehnte ihr Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie ihre Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an. E. Mit Beschwerde vom 10. Dezember 2019 an das Bundesverwaltungsge- richt beantragte die Beschwerdeführerin sinngemäss die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und di e Gewährung von Asyl. Eventualiter sei sie als Flüchtling vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. Subeventualiter sei d ie Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um die Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. E-6584/2019 Seite 4 Der Beschwerde legte sie das Zusatzblatt zum Kurzbericht der zur Beo - bachtung eines fairen Verfahrens an der Anhörung anwesenden Hilfs- werksvertretung (nachfolgend: HWV) bei. F. Mit Zwischenverfügung vom 19. Dezember 2019 hiess die zuständige In- struktionsrichterin des Bundesverwaltungsgericht s die Ges uche um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines K ostenvorschusses und ordnete der Beschwerdeführerin die obengenannte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei – jeweils unter Vorbehalt des fristgerechten Einrei- chens einer Fürsorgebestätigung . Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz ein, zum vorliegenden Beschwerdeverfahren Stellung zu nehmen. G. Die Beschwerdeführerin reichte mit Schreiben vom 3. Januar 2020 eine Fürsorgebestätigung vom 23. Dezember 2019 nach. H. Am 6. Januar 2020 liess sich die Vorinstanz nach gewährter Fristerstre- ckung zur Beschwerde vernehmen, worauf die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 21. Januar 2020 replizierte. Der Replik legte die Rechtsver- treterin ihre Kostennote bei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101; SR 142.31); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe- rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). E-6584/2019 Seite 5 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorins tanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungswei se Ände- rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteil en ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). E-6584/2019 Seite 6 4. 4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz aus, die Schilderungen der Beschwerdeführerin zur vorgebrachten Haft, zum Militärdienst in F._______, zur Bestrafung durch den Vorgesetzten so- wie zur Flucht aus dem Lager seien nicht ausre ichend substanziiert aus- gefallen und wirkten so, als hätte sie das Ganze nicht selber erlebt. Somit seien sie nicht glaubhaft. Ihre Angaben zur einwöchigen Haft in C._______ seien kurz sowie allgemein gehalten und eine persönliche Betroffenheit sei nicht erkennbar. Auch ihre Ausführungen zum sechsjährigen Militärdienst in F._______ seien sehr oberflächlich. Sie habe bei der Nennung ihrer mi- litärischen Einteilung Bataillon und Brigade nicht erwähnt, weshalb Zweifel daran bestünden, ob sie überhaupt je im Mil itärdienst gewesen sei. Nach ihrer Bestrafung durch ihren Vorgesetzten infolge des unerlaubten Entfer- nens vom Militärdienst gefragt, habe sie wieder ohne erkenntliche Betrof- fenheit geantwortet. Als sie zur Flucht aus dem Lager in F._______ befragt worden sei, sei sie zuerst ausgewichen. Dann seien ihre Antworten kurz und allgemein gehalten ausgefallen. Ihren diesbezüglichen Erzählungen seien wiederum kaum Details oder eine persönliche Betroffenheit zu ent- nehmen. Ausserdem habe die Beschwerdeführerin zu wes entlichen Punkten ihrer Vorbringen widersprüchliche Angaben gemacht. Sie habe i n der BzP er- klärt, im Juni des Schuljahres (…) die Schule beendet zu haben. In der Anhörung habe sie ausgesagt, (…) eingeschult worden zu sein, was be- deuten würde, dass sie das el fte Schuljahr (…) abgebrochen hätte. Sie habe jedoch in der Anhörung fälschlicherweise vorgerechnet, dass sie die elfte Klasse im Jahr (…) beendet habe. Später sei sie nach ihrer Rekrutie- rungsrunde gefragt worden und habe dies mit Runde (…) beantwortet. Diese Runde habe jedoch im Sommer (…) begonnen. Insgesamt kämen demnach als möglicher Zeitpunkt für den Schulabbruch die Jahre (…), (…), (…) (…) in Frage. In der BzP habe sie sodann angegeben, im Jahr (…) mit dem Militärdienst begonnen zu haben, wohingegen in der Anhörung vom Jahr (…) die Rede gewesen sei. Am Schluss der Anhörung habe sie – auf den Widerspruch angesprochen – erklärt, dass (…) korrekt sei und sie sich versprochen habe. Die Angabe n ihrer Routinearbeiten im Militärdienst seien ebenfalls widersprüchlich. An einer Stelle habe sie angegeben, die (…) zu haben. An anderer Stelle habe sie hingegen ausgesagt, sie sei in einem Zelt und der Vorgesetzte in einem (…) untergebracht gewesen. Zu ihren Aufgaben habe (…) gehört. Zudem habe sie zuerst angegeben, zu- sammen mit den Soldaten untergebracht gewesen zu sein, um danach E-6584/2019 Seite 7 auszusagen, sie sei von diesen getrennt untergebracht gewesen. Ein wei- terer Widerspruch ergebe sich aus ihren Schilderungen zur Flucht. Zuerst habe sie angegeben, am Tag nach dem Gespräch mit ihrer Freundin aus- gereist zu sein. Kurz darauf habe sie gleich zweimal ausgesagt, noch eine Woche im Heimatland beziehungsweise im Lager geblieben zu sein. Im Hinblick auf ihre Schilderung, sie sei vom Lager in F._______ aus innerhalb von nur zwei Tagen in den Sudan gelangt, sei diese Angabe ein klarer Wi- derspruch. Auf diesen angesprochen habe sie zuerst ausweichend geant- wortet und danach bestätigt, am Tag nach dem Gespräch mit der Freundin ausgereist zu sein. Bei der Angabe, eine Woche nach dem Gespräch aus- gereist zu sein, habe sie sich versprochen. Diese Argumentation über- zeuge nicht, zumal es sich bei der Flucht aus dem Heimatland um ein wich- tiges Lebensereignis handle, bei welchem man sich an Details erinnere. Zudem erscheine ihre Schilderung der Flucht aus dem Lager in F._______ beziehungsweise aus Eritrea als sehr unwahrscheinlich. Erstens erscheine es unglaubhaft, dass sich die Beschwerdeführerin innerhalb nur eines Ta- ges entschieden habe, sich der Freu ndin bei der Flucht anzuschliessen. Sodann sei nicht glaubhaft, dass die Freundin ein so grosses Risiko auf sich genommen habe, sie in ihre Fluchtpläne einzuweihen. Auch der ein- stündige Fussmarsch durch E._______ erscheine angesichts des damit verbundenen Risikos, gefasst zu werden, wenig plausibel. Vor diesem Hin- tergrund sei es nicht nachvollziehbar, weshalb der Schleuser sie nicht nä- her vom Lager abgeholt habe. Sehr unwahrscheinlich sei sodann, dass so- wohl der Wachposten im Lager F._______ als auch der of fizielle Grenz- übergang zum Sudan gerade in dem Moment, als sie habe fliehen wollen, unbewacht gewesen sei. Aus diesen Gründen erscheine eine illegale Aus- reise als unglaubhaft. In Bezug auf die Bemerkungen der HWV auf dem der Verfügung beiliegen- den Unterschriftenblatt hält das SEM fest, deren Interpretation, eine Trau- matisierung oder sonstige psychische beziehungsweise geistige Beein- trächtigung sei nicht auszuschliessen, sei rein spekulativ. Die Beschwer- deführerin habe nämlich keinerlei medizinische Akten vorgelegt, die diese Vermutungen stützen würden. 4.2 Auf Beschwerdeebene wird diesen Erwägungen entgegengehalten, die verfolgungsrelevanten Vorfälle seien detailliert, präzis e und somit hinrei- chend substanziiert geschildert worden. Ü bereinstimmend mit ihren Be- merkungen anlässlich der Anhörungen habe die HWV auch in ihrem Kurz- bericht festgehalten, dass die Beschwerdeführerin während der Befragung E-6584/2019 Seite 8 abwesend gewirkt habe und mit der Anhörungssituation überfordert gewe- sen sei. Sie habe trotz geheiztem Zimmer die ganze Zeit ihre Winterjacke anbehalten. Die Fachspezialisten des SEM sei zwar freundlich, jedoch auch starr und emotionslos gewesen. Die Anhörung sei durch einen männlichen Dolmetscher übersetzt worden, genau wie die ersten zwei Gespräche mit der Rechtsvertretung, als ihr (…) diese Rolle übernommen habe. Bei einem Folgegespräch mit einer weibli- chen Dolmetscherin habe sie erstmals über weitere Ereignisse im Militär- dienst gesprochen. Sie habe ihrer Rechtsvertreterin anlässlich dieses Ge- sprächs mitgeteilt, dass sie im Militär über Jahre hinweg von ihrem Aus- bildner missbraucht und vergewaltigt worden sei. Aus Scham habe sie nicht schon früher über gewisse Ereignisse sprechen können. Deshalb seien die Antworten betreffend Militärdienst kürzer ausgefallen. Bei der Durchsicht des Anhörungsprotokolls falle auf, dass die Beschwer- deführerin die Fragen zur Herkunft sowie zum Militärdienst gut und detail- liert beantwortet habe. Es sei aber auch ersichtlich, dass sie es nicht ge- wohnt sei, ausführlich auf Fragen zu antworten . Sie habe immer wieder gestikuliert, habe erst nach einer gewissen Zeit geantwortet, sei in Gedan- ken versunken und mit den Fragen offensichtlich überfordert gewesen . Deshalb habe sie teilweise auch seltsame Antworten gegeben. Allerdings habe sie die militärischen Befehle und ihre Einteilung nennen können, was offensichtlich beweise, dass sie im Militärdienst gewesen sei. Die von der Vorinstanz erwähnten Widersprüche würden vor allem Daten betreffen. Sie habe jedoch Schwierigkeiten mit Jahreszahlen. In der Anhörung habe sie die Jahreszahlen mittels Ereignissen herleiten müssen. In der BzP sei sie hingegen krank gewesen. Sie wisse nicht mehr, weshalb sie anlässlich der Anhörung angegeben habe, in der (…) Rekrutierungsrunde den Militär- dienst angetreten zu haben. Nach D._______ kämen nur die Schulabbre- cher und es gebe dort keine Rekrutierungsrunden. Die weiteren Widersprü- che habe sie in der Anhörung klären können. Die Beschwerdeführerin sei aus dem eritreischen Militärdienst desertiert und dort schwer traumatisiert worden. Bei einer Rückkehr habe sie erneut ernsthafte Nachteile zu befürchten. 4.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz an ihren bisherigen Erwä- gungen fest. Bezüglich des erst auf Beschwerdeebene angeführten Vor- bringens des jahrelangen sexuellen Missbrauchs sei festzuhal ten, dass dieses sehr unsubstanziiert ausgefallen sei, jegliche Details fehlen würden E-6584/2019 Seite 9 und es des halb als Schutzbehauptung einzuschätzen sei. Des Weiteren seien nicht nur ihre Ausführungen zum Militärdienst, welche angeblich di- rekt mit der Traumatisierung zusammenhingen, sondern auch diejenigen zur Haft in C._______ sowie zur Flucht aus dem Lager in F._______ sehr unsubstanziiert. Es sei zu erwarten, dass selbst eine traumatisierte Person detailliert über Ereignisse sprechen könne, welche nicht direkt mit der Trau- matisierung zusammenhängen würden. Dies sei vorliegend nicht der Fall, weshalb die Vorbringen der Beschwerdeführerin insgesamt als unglaubhaft zu erachten seien. 4.4 In ihrer Replik hält die Beschwerdeführerin an ihrer Beschwerde fest und erwähnt wieder, sie habe grosse Mühe, über den jahrelangen Miss- brauch zu sprechen. Sie versuche diese Erlebnisse zu verdrängen. Im Ge- spräch mit der Rechtsvertreterin weiche sie diesbezüglich aus, weine und versinke in Gedanken. Gemäss Berichten von Human Rights Watch, Am- nesty International und US Department of State seien Frauen im Rahmen des Nationaldienstes einem massiven Risiko von sexueller Gewalt durch Befehlshaber sowie Kameraden ausgesetzt. Diejenigen, die sich der sexu- ellen Gewalt widersetzten, würden oft mental und körperlich auf eine Weise misshandelt, die teilweise Folter gleichkomme. Auch die Beschwerde füh- rerin habe sich jahrelang nicht gegen diese Gewalt wehren können und es falle ihr sehr schwer, über diese Zeit nachzudenken sowie darüber zu be- richten. Ihr in der Schweiz anwesender (…) wisse nichts davon. Bis heute habe die Rechtsvertreterin sie nicht davon überzeugen können, sich psy- chiatrische Hilfe zu holen. 5. 5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers/der Gesuchstellerin. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung spre- chen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung ei- nes Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilde- rung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrekt- heit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Un- glaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wech-E-6584/2019 Seite 10 selnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbrin- gen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamt- beurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönli- che Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller /die Ge- suchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um- stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. Ur- teil des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.6.1 [als Referenz- urteil publiziert] m.w.H.). 5.2 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet die Vorbringen der Beschwer- deführerin angesichts zahlreicher Realkennzeichen insgesamt als über- wiegend glaubhaft gemacht. Nachfolgend wird auf die von der Vorinstanz angeführten Unglaubhaftigkeitselemente und die von der Beschwerdefüh- rerin diesbezüglich entgegneten Argumente beziehungsweise Aussagen eingegangen. 5.2.1 Der Einschätzung der Vorinstanz, wonach die Aussagen der Be- schwerdeführerin zur vorgebrachten Haft, zum Militärdienst in F._______ sowie zur Bestrafung durch den Vorgesetzten nicht substanziiert ausgefal- len seien, kann nicht gefolgt werden. Die Beschreibung der Haft enthält – entgegen der Ansicht der Vorinstanz – zahlreiche Realkennzeichen. Beispielsweise konnte die Beschwerdeführe- rin die Umgebung beschreiben, die die Gefangenen zu sehen bekamen, als sie für die Notdurft nach draussen gehen durften (vgl. A17/25 F80). Ih- ren Erzählungen ist zu entnehmen, dass sie die ganze Zeit nichts zu tun hatten, drinnen sitzen und auf die Entscheidung warten mussten, wohin sie als Nächstes verlegt würden (vgl. A17/25 F75 und F77). Ausser, dass sich die Gefangenen hin und wieder unterhalten haben, scheint in dieser Woche nichts geschehen zu sein. Dass sie deshalb nicht mehr von ihrer Haftzeit zu berichten wusste, kann ihr – auch in Anbetracht ihres durchgehend knappen Erzählstils – nicht entgegengehalten werden. Bemerkenswert ist, dass es der HWV durch das Stellen von alternativen Fragen gelang, in Be- zug auf die Haft mehr lebensnahe Details von der Beschwer deführerin zu erfahren als die Fachspezialistin . So führte die Beschwerdeführerin b ei- spielsweise aus, dass sie jeden Tag Linsensauce mit Brot und Tee zu Es- sen bekamen. An derselben Stelle erwähnte sie sodann erstmals und in E-6584/2019 Seite 11 Übereinstimmung mit den Herkunft sländerinformationen zu Eritrea , dass sie zum Verrichten der Notdurft barfuss abgeführt wurden (vgl. A17/25 F190–191; H._______. Ihre übrigen Aussagen zur Haft entsprechen eben- falls zugänglichen Herkunftsländerinformationen. So handelt es sich beim Gefängnis C._______ um einen Sammelort, wo sowohl Wehrdienstverwei- gerer/Wehrdienstverweigerinnen als auch andere Häftlinge festgehalten werden, bevor sie in verschiedene Militärcamps oder Gefängnisse weiter- verlegt werden (vgl. A17/25 F70, I._______. Auch wusste sie, dass Frauen in einer separaten Halle untergebracht werden (vgl. A17/25 F74; I._______). Das SEM schätzt weiter die Angaben der Beschwerdeführerin zum Militär- dienst in F._______ als unglaubhaft ein, da diese nicht ausreichend sub- stanziiert ausgefallen seien. Dieser Einschätzung kann ebenfalls nicht ge- folgt werden. Sie legte übereinstimmend und schlüssig dar, dass sie im Militärdienst mit anderen Frauen zusammen (…) musste (vgl. A6/11 Zif- fer 7.02; A17/25 F108, F110, F113, F116–117). Gemäss Herkunftsländer- informationen werden weiblichen Angehörigen der Armee tatsächlich oft Aufgaben zugeteilt, welche (…) (vgl. UN Human Rights Council, Report of the detailed findings of the Commission of Inquiry on Human Rights in Eri- trea, A/HRC/29/CRP .1, 5. Juni 2015. S. 379, http://www.refworld.org/ docid/55758bab4.html, abgerufen am 1. September 2020). Unbeachtlich ist, dass sie es betreffend militärische Einteilung zunächst unterliess, Bri- gade und Bataillon zu nennen, zumal sie diese auf Nachfrage bezeichnen konnte (vgl. A17/25 F100–104). Auch die Bestrafung nach dem unerlaub- ten Besuch ihrer kranken Mutter legte sie widerspruchsfrei und lebensnah dar (vgl. A6/11 Ziffer 7.01 f.; A17/25 F 121, F128 –132). An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass sie das Datum, an dem sie ihr e Mutter besucht habe, nicht angeben konnte, sondern – auch auf Nachfrage – lediglich zu Proto- koll gab, dieses Ereignis habe im Jahr 2014 stattgefunden. Im Anschluss wurde sie nicht danach gefragt, ob der Urlaub beispielsweise während der Regen- oder Trockenzeit gewesen sei, um den Vorfall auf eine andere Art als mittels Angabe eines präzisen Datums zeitlich einordnen zu können. Vor dem Hintergrund, dass das Ereignis zum Zeitpunkt der Anhörung rund drei Jahre zurücklag und nicht den zentralen Grund für die Ausreise dar- stellte sowie aufgrund des Umstandes, dass die Beschwerdeführerin im weiteren Verlauf der Anhörung nicht mehr aufgefordert wurde, die Angabe zu präzisieren, vermag dieses Element die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen nicht umzustossen. Überdies ist festzuhalten, dass das Eingestehen von Erinnerungslücken für die Glaubhaftigkeit einer Schilderung sprechen kann E-6584/2019 Seite 12 (vgl. REVITAL LUDEWIG u.a., Wie können aussagepsychologische Erkennt- nisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, AJP 2011, S. 1424). 5.2.2 Zur Einschätzung der Vorinstanz, als möglicher Zeitpunkt für den Schulabbruch kämen die Jahre (…), (…), (…) (…) in Frage, ist Folgendes festzuhalten: Die Beschwerdeführerin hat an keiner Stelle behauptet, die Schule im Jahr (…) abgebrochen zu haben. Das SEM erwähnt dieses Jahr, weil sie angegeben hat, zur (…) Rekrutierungsrunde gehört zu haben (vgl. A17/25 F98). Die Frage nach der Rekrutierungsrunde erscheint merkwür- dig, zumal der Vorinstanz bekannt sein sollte, dass nur Schüler/innen, wel- che nach Abschluss des elften Schuljahrs nach Sawa gebracht werden, in sogenannte Rekrutierungsrunden eingeteilt werden. In Milit ärcamps, wo Wehrdienstverweigerer und Wehrdienstverweigerinnen militärisch ausge- bildet werden, namentlich in D._______, gibt es keine Rekrutierungsrun- den. Die entsprechende Frage nach ihrer Rekrutierungsrunde konnte sie somit gar nicht richtig beantworten, weshalb ihre Antwort darauf im Rah- men der Glaubhaftigkeitsprüfung nicht zu ihren Ungunsten gewertet wer- den darf. Auch der Vorwurf, sie habe einmal angegeben, (…) die Schule abgebrochen zu haben, wirkt konstruiert. An der entsprechenden Stelle im Protokoll ist ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin aufgrund von Erinne- rungslücken zuerst berechnen musste, wann sie die Schule abgebrochen hat (vgl. A17/25 F50–51). Nachdem sie bei der vorangehenden Frage aus- gerechnet hat, dass sie im Jahre (…) eingeschult worden sein muss, be- antwortete sie die Frage nach dem Zeitpunkt des Abschlusses der elften Klasse wie folgt: "Bis (…) musste ich die (…) Klasse abgeschlossen haben, bis (…) musste ich die (…) Klasse abgeschlossen haben, bis (…) müsste die (…) Klasse abgeschlossen worden sein" (vgl. a.a.O. F51). Offensicht- lich unterläuft ihr ein Rechenfehler, welcher nicht als Unglaubhaftigkeitsele- ment gewertet werden kann. Somit ist der einzige diesbezügliche Wider- spruch darin zu erkennen, dass die Beschwerdeführerin in der BzP ange- geben hatte, (…) in den Militärdienst eingerückt zu sein, wohingegen in der Anhörung von (…) die Rede war (vgl. A6/11 Ziffer 7.02; A17/25 F54, F107). Auf den Widerspruch angesprochen, gibt sie zu Protokoll, sich versprochen zu haben, als sie (…) gesagt habe. Sie habe den Militärdienst im Jahr (…) angetreten (vgl. A17/25 F197). Angesichts der Zeitdauer von über sieben Jahren, die zwischen dem Abbruch der elften Klasse beziehungsweise dem Erhalt des Militärdienstaufgebotes und der Anhörung vergangen sind, ist dieser Widerspruch unbeachtlich. Hinsichtlich der Angabe ihrer Routinearbeiten im Militärdienst ist kein Wi- derspruch zu erkennen. Die Beschwerdeführerin sagte an einer Stelle, sie E-6584/2019 Seite 13 habe unter anderem (…) müssen (vgl. a.a.O. F110–111), obwohl die Ar- meemitglieder in (…) und Zelten untergebracht worden seien (vgl. a.a.O. F112). Auf Nachfrage erklärte sie dann, sie habe damit gemeint, sie habe das Zuhause, nicht das (…) müssen (vgl. a.a.O. F113). In Anbetracht der Tatsache, dass sowohl das Wort "Haus" als auch der Begriff "Zuhause" auf Tigrinya mit "geza" übersetzt werden können, sieht das Gericht keinen An- lass, ihre Erklärung in Zweifel zu ziehen (vgl. Online Übersetzung; https://www. geezexperience.com/index.php?dr=6&searchkey=Zuhause; https://www. geezexperience.com/index.php?dr=6&searchkey=Haus, beide abgerufen am 1. September 2020). Auch betreffend Unterbringung ist kein Wider- spruch ersichtlich: Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz gibt sie an keiner Stelle an, getrennt von den bewaffneten Soldaten untergebracht worden zu sein. Hingegen legt sie schlüssig dar, sie und die Soldaten seien zusammen in Zelten, jedoch getrennt vom Vorgesetzten – welcher sich im Container aufgehalten habe – untergebracht gewesen (vgl. A17/25 F110– 113). Angesichts des jahrelangen Militärdienstes und der damit verbund enen schwierigen Lebensumstände sowie der Erfahrung der Beschwerdeführe- rin, deren Geschwister bereits seit längerer Zeit im Militärdienst waren, ist ihre Aussage, sie habe schon lange geplant auszureisen, habe aber keine Gelegenheit dazu gehabt, nachvollziehbar (vgl. a.a.O. F145). Vor diesem Hintergrund ist es keinesfalls unwahrscheinlich, dass sie sich – als sie von der Verlegung ihrer Einheit nach G._______ erfuhr – dazu entschloss, aus- zureisen (vgl. a.a.O. F140–141). Auch glaubhaft erscheint sodann, dass sie sich nach dem Gespräch mit ihrer Freundin dafür entschied, sich ihr anzuschliessen (vgl. a.a.O. F142). Aus dem Protokoll ist ersichtlich, dass sie und ihre Fluchtgefährtin der gleichen Einheit zugeteilt waren und sie diese als Freundin beschrieb (vgl. a.a.O. F142–143). In Anbetracht des Schicksals, welches die beiden teilten, erscheint es durchaus glaubhaft , dass die Fluchtgefährtin ihr das nötige Vertrauen schenkte, um sie in ihre Fluchtpläne einzuweihen und sie mitzunehmen. Hinsichtlich der Umstände ihrer Flucht aus dem Militärcamp und ihrer Aus- reise ist anzumerken, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin teilweise widersprüchlich ausfallen. Einerseits führte sie aus, am Tag nach dem Ge- spräch über die Ausreise das Lager verlassen zu haben (vgl. a.a.O. F142 und F202). Andererseits sagte sie aus, nach dem Gespräch noch eine Wo- che im Heimatland geblieben zu sein (vgl. a.a.O. F146 und F148). Eine Durchsicht des Protokolls legt jedoch den Schluss nahe, dass bei ihr ein E-6584/2019 Seite 14 Missverständnis bezüglich des Verlaufs der eritreischen Grenze besteht. Nach dem Passieren der Grenze gefragt, sagt sie nämlich aus: "In Kassala blieb ich eine Woche, bis die Überweisung erledigt wurde. Nach einer Wo- che in Kassala bin ich in den Sudan gereist" (vgl. a.a.O. F175). Sie scheint also zu glauben, dass Kassala in Eritrea, nicht im Sudan liegt. Auch wenn sie an einer Stelle angibt, nach dem Gespräch mit der Freundin noch eine Woche lang im Militärlager geblieben zu sein, handelt es sich dabei um einen unbeachtlichen Widerspruch, zumal es keine Hinweise dafür gibt, dass die Beschwerdeführerin in der Lage gewesen wäre, Eritrea auf lega- lem Weg zu verlassen. Aus demselben Grund erscheint es sodann auch glaubhaft, dass die Grenze zum Zeitpunkt ihrer Ausreise unbewacht war (vgl. a.a.O. F176). Auch dass der Wachposten im Moment ihrer Flucht nicht besetzt gewesen war, erscheint nicht ungewöhnlich, zumal die Armeemit- glieder – wie die Besch werdeführerin schlüssig darlegt e – mit der Verle- gung nach G._______ beschäftigt waren (vgl. a.a.O. F146 –148, F151– 155). Dass sie nicht genau wusste, wie die Flucht organisiert war und ins- besondere weshalb der Schle user sie in E._______ abholte, erklärt sie überzeugenderweise damit, dass sie in die Planung nicht involviert gewe- sen war und sich äusserst kurzfristig einem bereits "ausgefertigtem" Plan ihrer Freundin anschloss (vgl. a.a.O. F165). Es ist der Vorinstanz dahinge- hend Recht zu geben, dass die Beschreibung der Flucht aus dem Militär- camp und aus Eritrea eher knapp ausgefallen ist. Die insgesamt stimmigen Schilderungen der Beschwerdeführerin waren indes auch in anderen Punkten kurz gehalten. Es ist überdies kein Bruch im Erzählstil zu verzeich- nen, so dass festgehalten werden kann, dass alle Ereignisse im selben etwas knappen Stil geschildert wurden. Das Bundesverwaltungsgericht sieht keinen Anlass, die Beschreibung der Flucht nicht als überwiegend wahrscheinlich zu betrachten. 5.3 Die Vorinstanz scheint bei der Prüfung der Asylgründe nur diejenigen Elemente gewichtet zu haben , die gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbrin- gen der Beschwerdeführerin sprechen. Stattdessen wäre sie gehalten ge- wesen, alle Faktoren der Glaubhaftigkeit zu berücksichtigen und gegenei- nander abzuwägen. Die Ausführungen der Beschwerdeführerin zur Haft in C._______, zum militäris chen Training in D._______ sowie zum Militär- dienst in F._______ weisen – entgegen der vorinstanzlichen Ausführungen – eine Vielzahl an Realkennzeichen auf. Bemerkenswert ist, dass sie in Bezug auf den Militärdienst äusserst detaillierte und realitätsnahe Aus- künfte geben konnte. Namentlich gab sie die militärischen Befehle korrekt wieder und konnte sogar Auskunft darüber geben, wie viele Schüsse das Magazin einer Kalaschnikow umfasst (vgl. A17/25 F89 und F93; Small E-6584/2019 Seite 15 Arms Survey, Kalashnikov AK -47, Weapon Identi fication Sheet, http://www.smallarmssurvey.org/fileadmin/docs/weapons/SAS-weapons- assault-rifles-Kalashnikov-AK-47.pdf, abgerufen am 1. September 2020). Sie g ab in der Anhörung an, das Militäraufgebot von der Gemeinde J._______ erhalten zu haben (vgl. A17/25 F53). Auch diese Aussage ent- spricht den Herkunftsländerinformationen zu Eritrea, gemäss welchen Schulabbrecher/innen von der lokalen Verwaltung aufgeboten werden (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Eritrea: Nationaldienst, Themenpa- pier der SFH-Länderanalyse, 30. Juni 2017). Zudem beschrieb sie die Um- gebung von D._______ korrekt und fertigte eine Skizze des Militärcamps an (vgl. A17/25 F96; K._______, abgerufen am 1. September 2020). Wäh- renddessen korrigierte sie sich selbst, was ebenfalls für ihre Glaubhaf- tigkeit spricht (vgl. A17 F94; REVITAL LUDEWIG u.a., Wie können aussage- psychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten hel- fen?, AJP 2011, S. 1424). Es besteht für d as Gericht kein Zweifel daran, dass die Beschwerdeführerin für die Militärausbildung in D._______ einge- zogen worden war, was denn von der Vorinstanz auch nicht explizit in Frage gestellt wurde. Auffallend ist, dass vorliegend die Substanziiertheit der Antworten meist der Genauigkeit der vorangehenden Fragestellung entspricht. Wurden der Beschwerdeführerin generelle Fragen gestellt, antwortete sie jeweils auf eine allgemeingehaltene und pauschale Weise (vgl. A17/ 25 F14–16, F75–78). Wurde sie jedoch konkret nach bestimmten Informationen ge- fragt, konnte sie diese im Detail und kohärent wiedergeben (vgl. a.a.O. F17–18, F79–80, F89, F96, F188–192). In einer Gesamtwürdigung sind die Vorbringen übereinstimmend und nachvollziehbar dargetan worde n. Die Angaben zeichnen sich insgesamt durch einige detailreiche und lebhaft be- schriebene Erfahrungen aus. Der Eindruck der HWV, die Beschwerdefüh- rerin habe abwesend gewirkt und sei mit der Anhörungssituation überfor- dert gewesen, ist – insbesondere im Hinblick auf die teils merkwürdig an- mutenden Antworten – ebenfalls zu berücksichtigen. Deren Vermutung, eine Traumatisierung oder sonstige psychische oder geistige Beeinträchti- gung sei nicht auszuschliessen, ist zwar nicht bewiesen; diese Einschät- zung ist jedo ch für eine Gesamtbeurteilung der Glaubhaftigkeit miteinzu- beziehen (vgl. a.a.O.: Unterschriftenblatt der HWV). Letztlich ist auch die lange Zeitspanne von fast zwei Jahren zwischen dem Erlebten und den Befragungen zu berücksichtigen. Die Gründe, welche für die Richtigkeit der vorgebrachten Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen; zudem be- stehen keine Anzeichen dafür, dass die Beschwerdeführerin bereits regulär E-6584/2019 Seite 16 aus dem Militärdienst entlassen worden sein könnte. Deshalb ist vom ein- gangs geschilderten Sa chverhalt (Bst. A) auszugehen und die Desertion sowie die damit verbundene illegale Ausreise aus Eritrea als überwiegend glaubhaft anzusehen. 6. 6.1 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs- sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige- rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei- nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven Dienst stand und des ertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sonde rn eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure /Deser- teurinnen regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regime- feindlichkeit aufgefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht haben, einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinn von Art. 1A Abs. 2 FK und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen (vgl. zum Ganzen Entscheidungen und Mitteilungen der ehemaligen Asylrekurs- kommission [EMARK] 2006 Nr. 3; jüngst beispielsweise bestätigt in den Ur- teilen des BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1 und E-6507/ 2016 vom 24. Juni 2019 E. 6.4). 6.2 Die Frage, ob die Beschwerdeführerin die erst auf Beschwerdeebene vorgebrachte sexuelle Gewalt tatsächlich erlebt hat, kann nach dem Ge- sagten offengelassen werden. Durch ihre glaubhaft gemachte Flucht aus dem Militärcamp und der anschliessenden Ausreise aus Eritrea hat sie sich der Desertion schuldig gemacht, weshalb sie als Regimegegnerin betrach- tet wird. 7. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführerin bei einer allfälligen Rückkehr nach Eritrea mit überwiegender Wahrscheinlichkeit die reelle Gefahr einer unverhältnismässig strengen Bestrafung wegen Deser- tion drohen würde. Eine innerstaatliche Fluchtalternative besteht nicht. Da- mit sind die Kriterien von Art. 3 AsylG als erfüllt zu betrachten und die Be- schwerdeführerin ist als Flüchtling anzuerkennen. Dementsprechend ist ihr E-6584/2019 Seite 17 mangels Anzeichen für das Vorliegen eines Ausschlussgrundes nach Art. 53 AsylG in der Schweiz Asyl zu gewähren. 8. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung vom 8. November 2019 ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuwei sen, die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin reichte am 21. Januar 2020 eine Kostennote ein. Der dari n für ihre Bemühungen ausgewiesene Auf- wand von 11 Stunden erscheint angemessen. Auch der Stundenansatz von Fr. 250.– ist angesichts des Ausgangs des Verfahrens nicht zu beanstan- den (vgl. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Nicht vollständig zu entschädigen ist aber die Spesenpauschale in der Höhe von Fr. 40.– für Auslagen, da vom Ge- richt nur effektiv ausgewiesene Kosten entschädigt werden, zumal keine besonderen Umstände vorliegen. Das Honorar der Rechtsvertreterin be- läuft sich folglich auf gerundet Fr. 2'770.–. Die Vorinstanz wird angewiesen, der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung in genannter Höhe aus- zurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-6584/2019 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung vom 8. November 2019 wird aufgehoben. Die Beschwerdeführerin wird als Flüchtling anerkannt und das SEM angewie- sen, ihr Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2770.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Roswitha Petry Regina Goll Versand: