B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-2028/2015 U r t e i l v o m 2 3 . J a n u a r 2 0 1 7 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Daniel Willisegger, Richter David R. Wenger, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren am (…), gemäss ihren Angaben China, (…), Beschwerdeführerin, Gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 2. März 2015 / N (…). E-2028/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin stellte am (…) November 2014 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ ein Asylgesuch. Am 1. Dezember 2014 fand die Kurzbefragung zur Person im EVZ und am 8. Dezember 2014 die Anhöru ng zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt. B. Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs vor, sie sei tibetischer Ethnie und stamme aus dem Dorf C._______ , Gemeinde D._______, Bezirk Kharze/Kanze beziehungsweis e Präfektur Kharze/Kanze, Region/Provinz Situan/Situen. Ihr Ehemann sei ungefähr am (…) 2013 auf dem Markt in Kanze von der Polizei festgenommen wor- den, weil er gegen die Chinesen demonstriert habe. Sie habe dies von ei- nem ihrer Nachbarn erfahren. Zusammen mit ihrem Vater habe sie sich auf dem Polizeiposten in Kanze nach ihrem Ehemann erkundigt, habe jedoch keine Auskunft erhalten. Ein bis zwei Wochen nach der Festnahme ihres Ehemanns hätten drei chinesische Polizisten sie zu Hause aufgesucht und eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Dabei hätten sie ein Bild des Dalai Lama gefunden und zerrissen und ihr stattdessen ein Bild des chinesi- schen Staatsoberhaupts gegeben. Zudem hätten die Polizisten ihre Fami- lie beschimpft und sie separatistischer Aktivitäten bezichtigt. Daraufhin sei es zum Streit zwischen ihr und den Polizisten gekommen, wobei diese sie mit einem Küchenmesser verletzt und sie und ihren Vater geschlagen hät- ten. Die Polizisten hätten sie noch zwei weitere Male, 15 Tage nach dem ersten Besuch sowie zwei bis drei Tage nach dem zweiten , aufgesucht; dabei hätten sie wiederum das Haus durchsucht und sie sowie ihre Familie wegen der politischen Tätigkeit ihres Ehemannes beschimpft und bedroht. Am (…) 2013 habe in Kanze ein (…) stattgefunden, welches sie mit ihrem Sohn habe besuchen wollen. Am Morgen seien jedoch die Polizisten wie- derum erschienen und hätten ihr die Teilnahme an diesem Anlass mit der Begründung verboten, sie habe gegen die Chinesen demonstriert. Zudem hätten sie ihre Identitätskarte und das Familienbüchlein ("Fuku") ihrer Fa- milie konfisziert. Sie sei trotz dieses Verbots mit ihrem Sohn zum Ort des (…) gegangen, jedoch hätten Polizisten ihr den Zutritt (…) verweigert. Aus Verärgerung darüber habe sie sich mit den Sicherheitskräften gestritten und sich lauthals über die Diskriminierung der tibetischen Bevölkerung be- schwert, worauf es zu einer Menschenansammlung gekommen sei, welche ebenfalls gegen die Chinesen protestiert habe. Die Sicherheitskräfte hätten E-2028/2015 Seite 3 daraufhin versucht, sie fest zunehmen. Ein älterer Mann habe ihr aber rechtzeitig geraten, zu fliehen , und habe auch angeboten, sich um ihren Sohn zu kümmern. Sie habe den Polizisten entkommen können und sei zunächst per Auto zu ihrer im Dorf E._______ lebenden Schwester ge- flüchtet. Einige Tage später, am (…) Juni 2013, sei sie nach Lhasa weiter- gereist, wo sie sich etwa 15 Tage lang bei einem aus ihrem Heimatdorf stammenden Bekannten aufgehalten habe. Ungefähr am (…) Juni 2013 sei sie von Schleppern per Lastwagen und Auto nach Dram an der Grenze zu Nepal gefahren worden. Sie habe von dort zu Fuss den Grenzfluss nach Nepal überquert und sei anschliessend von zwei Schleppern auf einer mehrtägigen Wanderung ins Landesinnere gebracht worden. In der Folge habe sie etwa eineinhalb Jahre lang bei einem mit ihrem in Lhasa lebenden Bekannten befreundeten Händler in "F._______" verbracht, bis ihre Reise- papiere erstellt worden seien. Am 19. November 2014 sei sie mit einem gefälschten nepalesischen Reisepass von Nepal aus auf de m Luftweg in ein ihr nicht bekanntes europä isches Land und gereist und von dort per Zug in die Schweiz gebracht worden. C. Mit Verfügung vom 2. März 2015 (eröffnet am 4. März 2015) stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, wies sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an, wobei der Vollzug der Wegweisung in die Volksre- publik China ausgeschlossen wurde. D. Mit Eingabe vom 30. März 2015 erhob die Beschwerdeführerin Be- schwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz und beantragte, diese sei aufzuheben und die Sache neu zu beurteilen. Es sei ihr die Flüchtlingsei- genschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Eventualiter sei ihr die vor- läufige Aufnahme als Flüchtling aufgrund des Vorliegens eines subjektiven Nachfluchtgrundes zu gewähren, subeventualiter sei die Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläu- fige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. F erner ersuchte sie darum, die zuständige Behörde sei vorsorglich anzuweisen, die Kontaktaufnahme mit den Behörden des Heimats- oder Herkunftsstaates sowie jegliche Da- tenweitergabe an dieselben zu unterlassen und bei bereits erfolgter Daten- weitergabe sei sie darüber in einer separaten Verfügung zu informieren. E-2028/2015 Seite 4 E. Der Instruktionsrichter hiess mit Zwischenverfügung vom 2. April 2015 das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung im Sinne vo n Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ferner wurde das SEM zur Einreichung einer Vernehmlassung innert Frist eingeladen. F. In ihrer Vernehmlassung vom 14. April 2015 hielt die Vorinstanz an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwe rde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. E-2028/2015 Seite 5 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat bestehen- den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom- mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz stellte sich auf den Standpunkt, die Vorbringen der Be- schwerdeführerin vermöchten den A nforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht zu genügen. 4.1.1 Vorab s ei aufgrund ihrer fehlenden Kenntnisse der chinesi schen Sprache zu bez weifeln, dass sie seit ihrer Geburt und bis zur angeblich illegalen Ausreise in Tibet gelebt habe . Ihre Erklärung für die fehlenden Sprachkenntnisse, sie habe ihr Dorf nie verlassen, sei nicht überzeugend, E-2028/2015 Seite 6 da von im Tibet lebenden Personen erwartet werden könne, dass sie sich zumindest auf Alltags-Chinesisch verständigen könnten. Ferner habe die Beschwerdeführerin widersprüchliche Angaben zum Ausstellungsdatum ihrer angeblich beschlagnahmten Identitätskarte gemacht, und ihre Aussa- gen zu deren Gültigkeitsdauer und dem Verfahren für deren Ausstellung seien tatsachenwidrig. Ihre Aussagen zu ihrem Heimatdort C._______ seien kurz und oberflächlich ausgefallen , und sie habe ungereimte Anga- ben zur Dauer einer Reise in den Nachbarort Kanze gemacht. Auch die Fragen zum Alltagswissen habe sie nicht überzeugend beantworten kön- nen; namentlich habe sie den Gouverneur der a utonomen Region Tibet nicht benennen können und kenne die Telefonvorwahl ihres Orts, die Hauptstadt der Provinz Sichuan und den Preis eines Sack s Weizen oder Reis nicht, was angesichts ihrer angeblichen Tätigkeit in der Landwirtschaft erstaune. 4.1.2 Ihre Begründung, sie sei nie zur Schule gegangen und ihre Eltern hätten sie nicht in die Schule geschickt, weil Frauen im Tibet keine Rechte hätten, überzeuge nicht. Gemäss gesicherten Erkenntnissen gelte in China die Schulpflicht unabhängig vom Geschlecht. Sie habe auch nicht gewusst, ob die Schule in China kostenpflichtig sei und habe die chinesische Be- zeichnung für die Grundschule nicht angeben können. Es erstaune ferner, dass sie ihren Sohn ebenfalls nicht in die Schule geschickt habe, ohne deswegen Probleme mit den Behörden gehabt zu haben. 4.1.3 Im Weiteren ha be die Beschwerdeführerin nicht plausib el erklären können, wie es ihr gelungen sei, in Kanze vor den Polizisten zu fliehen und derart schnell ein Fahrzeug zu organisieren. 4.1.4 Ferner sei sie nicht in der Lage gewesen, ihren Aufenthaltsort in Lhasa zu benennen. Ihre Angaben zur Dauer des Fussmarsches nach Ne- pal sowie zu dem dabei durchquerten Gelände seien vage und oberfläch- lich. Über die Schlepper habe sie nichts sagen können, obwohl sie mit die- sen angeblich mehrere Tage unterwegs gewesen sei. Sie habe auch nicht plausibel erklären können, wie ihre Reise finanziert worden sei; insbeson- dere habe sie nicht angeben können, woher ihre Eltern das Geld gehabt hätten und wie die Finanzierung organisiert worden sei. 4.1.5 Da nach dem Gesagten der Aufenthalt der Beschwe rdeführerin im Tibet als unglaubhaft zu erachten sei, seien auch ihre Vorbringen zu den Ereignissen, welche angeblich zu ihrer Ausreise geführt hätten, anzuzwei- feln. Diese Einschätzung werde durch zahlreiche Ungereimtheiten in ihren E-2028/2015 Seite 7 diesbezüglichen Ausführungen gestützt. So habe sie nicht nachvollziehbar erklären können, weshalb sie das Dat um der Demonstration, welche zur Festnahme ihres Ehemannes geführt habe, anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen habe angeben können, bei der Befragung zur Person je- doch nicht. Die Aussagen der Beschwerdeführerin zu den drei Besuchen von Angehörigen der Sicherheitskräfte bei ihr zu Hause seien über weite Strecken unsubstanziiert. Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie hierüber ausführlicher berichten könnte. Sie habe auch nicht einleuchten erklären können, wieso die chine sischen Polizei an ihr interessiert g ewesen sei, nachdem ihr Mann ja bereits im März festgenommen worden sei. Ebenso habe sie nicht plausibel erklären können, weshalb die Sicherheitskräfte ihr den Zutritt zum (…) in Kanze verwehrt hätten, und sie habe die Ereignisse auf dem (…) nicht detailliert schildern können. Es mangle ihre Darstellung am persönlichen Bezug und de r erforderlichen Substanz. Sie habe nicht angeben können, wie viele Polizisten sie hätten festnehmen wollen, und es leuchte nicht ein, wieso sie ihren Sohn ohne weiteres bei einem fremden Mann zurückgelassen habe. Sie habe auch nicht beschreiben können, wie ihr Sohn hierauf reagiert habe und wie es ihr gelungen sei, den Polizisten zu entkommen. Es müsse hieraus der Schluss gezogen werden, dass sie das Berichtete nicht tatsächlich selber erlebt habe. 4.1.6 Es sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin nicht in der von ihr angegebenen Herkunftsregion sozialisiert worden sei und demnach dass sie nicht chinesische Staatsangehörige sei. 4.2 4.2.1 Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihrer Beschwerde zunächst vor, es sei ihr nicht möglich, gültige Identitätspapiere zu beschaf- fen. Die Beschaffung von Identitätsdokumenten sei für Tibeter allgemein schwierig. Zudem würde sie ihre Familienangehörigen einer zusätzl ichen Gefahr aussetzten, wenn sie diese kontaktieren würde. In ihrem Dorf wür- den die Bewohn er nur die tibetische Sprache verwenden, auch um ihre Kultur zu erhalten. Ein weiterer Grund für ihre fehlenden Kennt nisse des Chinesischen sei, dass sie keine Schule besucht h abe. Ihre beschlag- nahmte Identitätskarte sei tatsächlich im Jahr (…) ausgestellt worden. Sie halte daran fest, dass diese eine Gültigkeitsdauer von zwanzig Jahren ge- habt habe. Dies sei in ihrer Herkunftsregion üblich. Die Vorin stanz habe nicht aufgezeigt, in welcher Hinsicht ihre Angaben zu ihrem Dorf un genü- gend gewesen seien. Sie habe dieses so genau wie möglich beschrieben. Auch ihre Angaben zur für eine Reise von ihrem Dorf nach Kanze benötig- ten Zeit seien klar gewesen. Es gebe keine feste Haltestelle für die Taxis E-2028/2015 Seite 8 und es sei bei deren Fahrzeit zu berücksichtigen, dass sie zwischendurch anhalten würden. 4.2.2 Den Gouverneur der Autonomen Region Tibet kenne sie nicht, weil sie nicht aus dieser stamme. Es sei zu beachten, dass ihre Familie kein Fernsehgerät besitze und sie nur selten ein Telefon benutzt habe. Zudem habe sie keine Schulbildung, habe in einem kleinen Dorf gelebt und sei nur für die Hausarbeit zuständig gewesen. Ihre fehlenden allgemeinen Kennt- nisse über die Landesgegebenheiten liessen sich durch diese Umstände erklären. 4.2.3 In ihrem Dorf würden die meisten Leute die Schule nicht besuchen. Sie sei vermutlich nicht in die Schule geschickt worden, weil die Frauen generell nur für die Heimarbeit zuständig seien. Ihr Vater und ihr Ehemann hätten ihren Sohn auch nicht in die Schule gehen lassen wollen, um zu verhindern, dass er durch da s chine sische Gedankengut beeinflusst werde. Sie habe für die Grundschule den Begriff genannt, welcher in ihrem Dort benutzt werde. 4.2.4 Im Weiteren sei es ihr gelungen , vor den Polizisten auf dem (…) zu fliehen, weil diese von ihren Landsleuten, die sich dort versammelt hätten, abgelenkt worden seien. Sie habe dann ein Mietauto – solche seien ge- wöhnlich bei solchen Anlässen zugegen ‒ bestiegen. Während ihres Auf- enthalts in Lhasa habe sie sich in einem Haus versteckt und habe es, da sie auf der Flucht gewesen sei, nicht gewagt, die Umgebung zu erkunden. Es könne ferner nicht verlangt werden, dass sie sich an alle Details ihres Fluchtweges nach Nepal erinnern könne. Ihre Ausreise sei nicht geplant gewesen, und sie sei damals emotional stark belastet gewesen und habe ständig befürchten müssen, verhaftet zu werden. Sie habe das, was ihr in Erinnerung geblieben sei, so gut wie möglich geschildert, so namentlich das Erscheinungsbild der Schlepper, ihre Sprache und ihren Charakter. Die von ihr erwähnte Kaserne habe sie nur aus der Ferne gesehen und könne sie daher nicht genau beschreiben. Ihre Sch wester und ihr Vater hätten ihre Reise durch den Verkauf von Landstücken finanziert. Die Details des Verkaufs und die erzielte Summe seien ihr aber nicht bekannt. 4.2.5 Während der Befragung zur Person sei sie nicht nach dem Datum der Demonstration, an welcher ihr Ehemann teilgenommen habe, gefragt worden und sie sei wiederholt angehalten worden, sich kurz zu fassen. Da- her habe sie dieses Detail erst bei der ausführlicheren Anhörung genannt. Auch die dreimaligen Polizeibesuche habe sie so d etailliert wie möglich E-2028/2015 Seite 9 geschildert; namentlich habe sie die G efühle ihrer F amilienangehörigen beschrieben. Wegen der beim ersten Besuch erlittenen Schnittver letzung habe sie drei Tage im Spital verbringen müssen. Es sei bei jedem dieser Besuche zu einem Streit gekommen und die Polizisten seien immer lauter und aggressiver geworden. 4.2.6 Die Argumentation des Staatssekretar iats, welches ihr unterstelle, nicht aus Tibet zu stammen und dass ihre Kennt nisse des Sachverhalts mangelhaft seien, sei nicht begründet. Unter Berücksichtigung der Tatsa- che, dass sie bei den Befragungen aufgrund ihrer langen Flucht nervös und verunsichert gewesen sei, sowie dass es möglicherweise durch eine unge- naue Übersetzung zu Fehlern gekommen sei, seien ihre Aussagen äus- serst glaubhaft. Zudem habe die Vorin stanz behauptet, sie stamme nicht aus dem Tibet, ohne eine genaue und vollständige Prüfung vorzunehmen, beispielsweise mittels einer Lingua-Analyse. 4.2.7 Im Übrigen liege bei ihr ein subjektiver Nachfluchtgrund im Sinne von Art. 54 AsylG vor, da sie illegal aus der Volksrepublik China ausgereist sei und in der Schweiz um Asyl ersucht habe. Die vormalige Asylrekurskom- mission habe in ihrer vom Bundesverwaltungsgericht übernommenen Rechtsprechung festgehalten, dass Asylsuchende tibetischer Ethnie, wel- che illegal aus China nach Nepal oder Indien ausgereist seien, und – ohne sich dort während längerer Zeit aufgehalten zu haben – in die Schweiz wei- tergereist seien, wo sie um Asyl ersucht hätten und während längerer Zeit verblieben seien, mit Verfolgungsmassnahmen in flüchtlingsrechtlich rele- vantem Ausmass rechnen müssten. Namentlich würden solche Personen, festgenommen, verhört und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. 4.2.8 Falls ihr die Flüchtlingseigenschaft nicht zuerkannt werde, sei festzu- stellen, dass der Wegweisungsvollzug undurchführbar sei und eine vorläu- fige Aufnahme anzuordnen. Sie wisse nicht, in welches Land sie ausreisen sollte, da sie bis zu ihrer Fluch t in China gelebt habe und vorher noch nie im Ausland gewesen sei. Sie besitze folglich keine Bewilligung zum Aufent- halt in einem Drittstaat. Im Übrigen habe sich die Lage für die Tibeter im Tibet seit ihrer Ausreise weiter dramatisch verschlechtert. E-2028/2015 Seite 10 5. 5.1 Das SEM hat einerseits die Pflicht, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig abzuklären (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG) und hierzu alle für das Verfahren rechtlich relevanten Umstände abzuklären so- wie ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen ; dabei hat es alle sach - und entscheidwesentlichen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten fest- zuhalten (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Andererseits ergibt sich aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 20 Abs. 2 BV) das Recht der Parteien auf vorgängige Äusserung und Anhörung, welches den Betroffe- nen Einfluss auf die Ermittlung des wesentlichen Sachverhalts sichert, so- wie die Pflicht der Behörde, die Vorbringen sorgfältig und ernsthaft zu prü- fen sowie in der Entscheidfindung zu berücksichtigen. Unerlässliches Ge- genstück dazu bildet die Pflicht der Parteien, an der Feststellung des Sach- verhalts mitzuwirken (Art. 8 AsylG). 5.2 Mit Urteil BVGE 2015/10 hat das Bundesverwaltungsgericht sich zur Frage geäussert, unter welchen Voraussetzungen bei tibetischen Asyl - suchenden, deren Herkunft aus der Volksrepublik China in Zweifel gezo- gen wird, im Rahmen der Anhörung zu den Asylgründen durchgeführter Test zum Länder - und Alltagswissen den Anforderungen des Anspruchs auf rechtliches Gehör und der Untersuchungspflicht gen ügt (vgl. a.a.O., insb. E. 5.2). Dabei hat das Bundesverwaltungsgericht entsprechende Min- deststandards festgelegt. Auch bei diesem Vorgehen ist das SEM – um dem Untersuchungsgrund- satz und dem Anspruch auf rechtliches Gehör gerecht zu werden – ver- pflichtet, die Vorbringen der Betroffenen in einer auch für die Beschwer- deinstanz nachvollziehbaren Weise sorgfältig und ernsthaft zu prüfen (vgl. E. 5.2.2.1 m.w.H.). Bei Abklärungen des Länder - und Alltagswissens von Asylsuchenden an der einlässlichen Anhörung müssen zudem den Akten Informationen ent- nommen werden können, die es dem Gericht erlauben, zuverlässig zu er- mitteln, inwiefern die asylsuchende Person hinreichende Angaben über das behauptete Herkunftsland machen konnte. Da bei dieser neuen Me- thode der Vorinst anz kein amtsexterner Sachverständiger mehr mitwirkt, sind die zutreffenden Antworten – unter Beachtung der hier üblichen Stan- dards – mit Informationen zum Herkunftsland (Country of Origin Informa- tion, COI) zu belegen (vgl. E. 5.2.2.1 f. m.w.H.). E-2028/2015 Seite 11 Der wesentliche Inhalt der Herkunftsanalyse muss der betroffenen Person sodann zur rechtsgenüglichen Gewährung der Akteneinsicht – entweder in einer zu protokollierenden mündlichen Anhörung oder in einer aktenkundi- gen schriftlichen Notiz – zur Kenntnis gebracht und ihr muss die Möglich- keit eingeräumt werden, sich insbesondere zu den als unzureichend ein- gestuften Antworten zu äussern. Dabei sind die als tatsachenwidrig, falsch oder unzureichend erachteten Antworten unter Angabe der dazugehörigen Fragen so detailliert aufzuzeigen, dass die betroffene Person hierzu kon- krete Einwände anbringen kann. Es genügt somit nicht, die Schlussfolge- rungen der Herkunftsabklärung in einer pauschalen Zusammenfassung darzulegen, ohne der betroffenen Person die ihr konkret vorgeworfenen Falschangaben in geeigneter Weise erkennbar zu machen (vgl. E. 5.2.2.3 f. m.w.H.). Sind die genannten Mindestanforderungen nicht erfüllt, verletzt das SEM die Untersuchungspflicht und den Anspruch auf rechtliches Gehör, weshalb die Sache in der Regel zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei- sen ist. Davon ausgenommen sind jene Fälle, in denen die Vorbringen der asylsuchenden Person – aufgrund gänzlich fehlender Plausibilität, Sub- stanzarmut oder Widersprüchlichkeit – offensichtlich unzulänglich und so- mit derart haltlos sind, dass deren Beurteilung keiner weiteren fachlichen Abklärungen mehr bedarf (vgl. a.a.O., E. 5.2.3.1). 5.3 Nach Durchsicht der Vorakten ist vorab festzuhalten, dass der von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Herkunftsort sich mit den protokol- lierten Formulierungen der Ortsnamen nicht mit Sicherheit feststellen lässt. Unter Berücksichtigung aller Ortsbezeichnungen ist zu vermuten, dass die Beschwerdeführerin vorbringt, sie habe im Bezirk Garzê gelebt (auch Kardze genannt – lokale ti betische Aussprache offenbar Kandse [vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Garz%C3%AA#Administrative_Gliederung; besucht am 19. Januar 2017]), der im Nordwesten der chinesischen Pro- vinz Sichuan liegt. Das SEM ging indessen davon aus, die Beschwerde- führerin mache geltend, sie habe "ihr ganzes Leben in C._______ [Dorf], in Tibet, gelebt " (angefochtene Verfügung S. 3 [Hervorhebung BVGer ]). Offenbar beruhte die Herkunftsanalyse der Vorinstanz auf der falschen An- nahme, die Beschwerdeführerin wolle aus der – an die Provinz Sichuan angrenzenden – Autonomen Region Tibet stammen. E-2028/2015 Seite 12 5.4 Die Vorinstanz äusserte in der angefochtenen Verfügung Zweifel an der von der Beschwerdeführerin angegebenen Herkunft (aus dem Tibet) auf- grund ihrer fehlenden Kenntnisse der chinesischen Sprache, ihrer wider- sprüchlichen und tatsachenwidrigen Angaben bezüglich ihrer Identitäts- karte, sowie ihrer oberflächlichen und ungereimten Angaben zu ihrem an- geblichen Herkunftsort C._______. Ferner wurde ihr vorgehalten, sie habe Fragen hinsichtlich des Alltags- und Länderwissens nicht beantworten kön- nen. So habe sie etwa den Gouverneur der autonomen Region Tibet, die Telefonvorwahl ihres Ortes oder den Preis eines Sacks Weizen oder Reis nicht nennen können. Ihre Angabe, sie sei nie zur Schule gegangen , ver- möge nicht zu überzeugen und sie habe nicht gewusst, ob die Schule kos- tenpflichtig sei sowie die chine sische Bezeichnung für die Grundschule nicht gekannt. 5.5 Dem Protokoll der Anhörung vom 8. Dezember 2014 ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführerin abgesehen von den Fragen zum Verfahren zwecks Beschaffung einer identitätskarte und deren Aussehen rund 20 Fra- gen zwecks Abklärung ihres Alltags - und Länderwissens gestellt wurden (vgl. A5/25 S. 18 ff.). 5.5.1 Ihre Angaben sollen gemäss SEM teilweise unzutreffend gewesen sein respektive seien ihre fehlenden Kenntnisse schwer nachvollziehbar (vgl. angefochtene Verfügung S. 3 f.). 5.5.2 Andererseits hat sie aber auch mehrere Fragen nach Kenntnis des Gerichts zutreffend beantwortet ( etwa das Aussehen der Identitätskar te und des Familienbüchleins, die chinesische Bezeichnung des Tibets). Dass sie den Namen des Gouverneurs der Autonomen Region Tibet nicht kannte, kann ihr offensichtlich nicht vorgeworfen werden, da sie nicht aus dieser Region, sondern der angrenzenden Provinz Sichuan stammt. 5.5.3 Ob die von der Beschwerdeführerin angegebene Bezeichnung "Awaishong" für die Grundschule (vgl. Protokoll Anhörung A5 S. 20 F 194) korrekt ist oder nicht, lässt sich für das Gericht aufgrund der vorliegenden Akten ebenso wenig überprüfen, wie ob der von ihr angegebene Preis von höchstens 6 bis 8 Yuan für ein "Gyama" (500 Gramm) Weizen (vgl. a.a.O. S. 21 F209) den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht. Ihre Ausführun- gen zu ihrem Herkunftsort C._______ sowie ihrem Alltag kö nnen nicht a priori als unglaubhaft eingestuft werden. Vor dem Hintergrund der verfüg- baren Berichte zu den Alphabetisierungsraten in den tibetisch besiedelten Regionen Chinas kann der Behauptung der Beschwerdeführerin, weder sie E-2028/2015 Seite 13 noch ihr Sohn hätten je die Schule besucht, nicht als gänzlich unrealistisch bezeichnet werden. Schliesslich sind nach Erkenntnissen des Gerichts all- gemeingültige Aussagen betreffend die Kenntnisse der chinesischen Spra- che von Tibeterinnen und Tibeter schwierig, und ‒ insbesondere im Falle von aus ländlichen Gebieten stammenden Personen ‒ lassen fehlende Kenntnissen des Chinesi schen nicht automatisch auf eine Herkunft aus- serhalb der Volksrepublik schliessen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], ADRIAN SCHUSTER, China/Tibet: Tibetische Sprachen und Kenntnis der chinesischen Sprache Bern, 10. Dezember 2015; vgl. auch Entscheid E-5846/2014 vom 4. August 2015 E. 6.3.2). 5.6 In Würdigung sämtlicher Umstände kann anhand der vorliegenden Ak- tenlage eine Sozialisation der Beschwerdeführeri n in China nicht mit Si- cherheit ausgeschlossen werden. Ihre Aussagen können klarerweise auch nicht als geradezu haltlos (im Sinne von BVGE 2015/10 E. 5.2.3.1 ) be- zeichnet werden. Aufgrund der ungenügenden Sachverhaltsabklärung ist der vorliegende Fall daher an die Vorinstanz zurückzuweisen zur Vor- nahme der erforderlichen ergänzenden Abklärungen hinsichtlich der Her- kunft und Sozialisation der Beschwerdeführerin ( wie namentlich Erteilung eines Auftrags an die Fachstelle "Lingua" zur Herkunftsabklärung). Sollten diese Abklärungen die in der angefochtenen Verfügung gezogenen Schlüsse einer Herkunftsverschleierung nicht erhärten, wäre das SEM – würden die Vorfluchtgründe weiterhin als unglaubhaft qualifiziert – gehal- ten, das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe zu prüfen. 5.7 Die Vorinstanz hat nach dem Gesagten den Untersuchungsgrundsatz verletzt sowie den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig abgeklärt respektive falsch festgestellt. 6. Die Beschwerde ist demnach insoweit gutzuheissen, als damit die Aufhe- bung der angefochtenen Verfügung vom 2. März 2015 beantragt wurde. Die vorinstanzliche Verfügung vom 2015 ist aufzuheben und die Sache (samt Akten) in Anwendung zur vollständigen Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuwei- sen. E-2028/2015 Seite 14 7. Bei dieser Sachlage erübrigt es sich, auf die weiteren Ausführungen in der Beschwerdeschrift näher einzugehen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9. Der im Verfahren nicht vertretenen Beschwerdeführerin sind gemäss den Akten keine notwendigen und verhältnismässig hohen Parteikosten ge- mäss Art. 64 Abs. 1 VwVG entstanden, weshalb ihr keine Parteientschädi- gung zuzusprechen ist. (Dispositiv nächste Seite) E-2028/2015 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der angefochte- nen Verfügung beantragt worden ist. 2. Die Verfügung des BFM vom 2. März 2015 wird aufgehoben. Die Akten werden zur vollständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorin stanz zurück- gewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain Versand: