B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-732/2023 U r t e i l v o m 1 5 . F e b r u a r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichter Simon Thurnheer, mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiberin Sarah Rutishauser. Parteien A._______, geboren am (…), Kongo (Kinshasa), (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 30. Januar 2023 / N (…). D-732/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am 9. November 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa -Informationssystem (CS- VIS) ergab, dass ihr von Italien ein vom 20. September 2022 bis 13. Okto- ber 2022 gültiges Visum ausgestellt worden war. B. Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 24. November 2022 wurde die Be- schwerdeführerin zu ihrem Reiseweg befragt. Sie gab im Wesentlichen an, mit Hilfe einer äthiopischen Flugbegleiterin als ebensolche gekleidet von Goma via Addis Abeba nach Italien geflogen zu sein, wo sie am 7. Novem- ber 2022 angekommen sei. Am 8. November 2022 sei sie mit einem Freund nach Chiasso gereist. Nach einem Anruf bei einem Herrn E. sei sie abge- holt worden beziehung sweise er habe sie zu sich nach Hause in die Schweiz mitgenommen. Auf das italienische Visum angesprochen teilte sie mit, dieses nicht benutzt zu haben. Sie habe verschiedene Schritte für dessen Erhalt unternommen, den Prozess jedoch aufgrund verschiedene r Probleme aufgegeben. Den Pass habe sie für den Erhalt des Visums abgeben müssen, jedoch sei sie vorher verschwunden, ohne ihre Unterlagen abzuholen. Nach Italien könne sie nicht zurück, weil sie dort niemanden kenne. Sie habe im Kongo ernst- hafte Probleme gehabt, weshalb sie in Italien nicht leben könne. Die Schweiz hingegen sei ein sicheres Land und sie kenne Herrn E ., der wie ein Vater für sie sei. Auf Nachfrage zur gesundheitlichen Situation erklärte die Beschwerdefüh- rerin, es gehe ihr aktuell gut. Sie sei beim Eintritt untersucht worden und erhalte Medikamente (gegen Hautausschlag, Blähungen). C. Das SEM ersuchte die italienischen Behörden gestützt auf das italienische Visum am 25. November 2022 um die Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 12 Abs. 4 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in e inem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die italienischen Behörden liessen sich inner- halb der festgelegten Frist nicht zum Übernahmeersuchen vernehmen. D-732/2023 Seite 3 D. Mit Verfügung vom 30. Januar 2023 (Eröffnung am 1. Februar 2023) trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdefü hrerin nicht ein, ordnete die Wegwei- sung aus der Schweiz nach Italien an und forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleich- zeitig beauftragte es den zuständigen Kanton Bern mit dem Wegweisungs- vollzug und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und verfügte die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an die Beschwer- deführerin. E. Mit Eingabe vom 7. Februar 2023 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung vom 30. Januar 2023 («recours contre la decision de secretariat d’etat aux migrations»). Sinngemäss beantragte sie deren Aufhebung und in verfah- rensrechtlicher Hinsicht die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. F. Am 14. Februar 2023 ging beim Bundesverwaltungsgericht ein Schreiben von Herrn E. (B._______) vom 10. Februar 2023 ein, welcher sich darin als Freund der Familie bezeichnet und im Wesentlichen von einer Ehe nach Brauch (mariage coutumier) mit der Beschwerdeführerin berichtet. Als Beilagen reichte er Kopien seiner Niederlassungsbewilligung C, den Auszug aus dem Todesregister seiner verstorbenen Ehefrau und ein Kran- kenkassenformular sowie drei Rechnungen der Beschwerdeführerin für ärztliche Untersuchungen ein. G. Die vo rinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 8. Februar 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 und 4 AsylG). D-732/2023 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwer- deführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist– und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 1.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 2. Die vorliegende Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summa- rischer Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2). 4. 4.1 Die Beschwerdeführerin rügt in formeller Hinsicht, die Vorinstanz habe ihr rechtliches Gehör verletzt, indem sie eine Verfügung erlassen habe, be- vor sie ihre Gründe genügend habe darlegen können. Sie habe in ihrer Anhörung einfach erzählen sollen , wie sie nach Europa gereist sei («de- mandé de leur raconter simplement comment je suis entrée en Europe») . Sinngemäss sei sie davon ausgegangen, «den Rest» beziehungsweise wie es ihr im Kongo ergangen sei und warum sie in die Schweiz gekommen sei, in einer zweiten, vertieften Anhörung erzählen zu können. D-732/2023 Seite 5 Damit macht die Beschwerdeführerin geltend, die Vorinstanz habe es zu Unrecht unterlassen, ihr Asylgesuch materiell zu prüfen beziehungsweise sie habe vor dem Entscheid ihre Asylgründe nicht vertieft vorbringen kön- nen. Wie bereits vorstehend in Erwägung 3 und von der Vorinstanz eben- falls in der angefochtenen Verfügung (S. 4) dargelegt, handelt es sich ent- gegen der Auffassung der Beschwerdeführerin vorliegend nicht um ein ma- terielles Asylverfahren, in welchem ihre Asylvorbringen massgeblich sind, sondern einzig um ein formelles Zuständigkeitsverfahren. Daher hat die Vorinstanz das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin nicht verletzt, in- dem sie auf eine weitere Anhörung verzichtete. Die Rüge der Beschwerde- führerin erweist sich als unbegründet. Es besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. 5. 5.1 Auf Asylgesuche ist in der Regel nicht einzutreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung dieses Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag ge- stellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahme- verfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zu- ständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Gan- zen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). 5.3 Besitzt ein Antragsteller ein gültiges Visum, so ist grundsätzlich derje- nige Mitgliedstaat für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zuständig, der das Visum erteilt hat (Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO). Das- selbe gilt, wenn das Visum seit weniger als sechs Monaten abgelaufen ist, sofern der Antragsteller das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten nicht verlas- sen hat (Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO). Die Dublin-III-VO kommt somit zur Anwendung, wenn die betroffene Person erstmals in der Schweiz ein Asyl- gesuch stellt, aber über ein gültiges oder abgelaufenes Visum eines ande- ren Mitgliedstaates verfügt (Art. 12 Dublin-III-VO). D-732/2023 Seite 6 Die Beschwerdeführerin verfügt über ein Visum in Italien, das erst am 13. Oktober 2022 und damit nicht vor mehr als sechs Monaten abgelaufen ist (A8/2). Nachdem sich die italienischen Behörden nicht fristgerecht zum Übernahmeersuchen der Vorinstanz gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III- VO geäussert haben, steht die Zuständigkeit Italiens gemäss Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO grundsätzlich fest. Die Beschwerdeführerin äusserte sich im Rahmen des rechtlichen Gehörs und in der Beschwerde dahingehend, sie sei als Flugbegleiterin der Ethio- pien Airline «verkleidet» von Addis Abeba nach Mailand geflogen und erst- mals am 8. November 2022 in Europa angekommen (Beschwerde, S. 2 f.). Ihr italienisches Visum habe sie nicht und Italien nur als Brücke für ihre Reise in die Schweiz benutzt . Die Vorinstanz hat sich mit diesen vorge- brachten Gründen in der angefochtenen Verfügung hinreichend und nach- vollziehbar auseinandergesetzt und aufgezeigt, dass es sich dabei um eine Schutzbehauptung zur Umgehung der Zuständigkeit Italiens handelt bezie- hungsweise dass sie nicht zum Erlöschen der Zuständigkeit Italiens führen. Sie ändern nichts an der festgestellten grundsätzlichen Zuständigkeit Itali- ens, räumt doch die Dublin -III-Verordnung den Sc hutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen. Die Be- schwerdeführerin vermag somit die Zuständigkeit Italiens nicht mit ihrem Einwand, dort niemanden zu kennen und in der Schweiz in Sicherheit zu sein, in Frage zu stellen, steht doch durch die (unbestrittene) und in der Beschwerde (S. 3) nochmals bestätigte Reise nach Italien fest, dass sie effektiv in Italien in das Gebiet der Schengen-Staaten gelangt war, was die Zuständigkeit Italiens ausgelöst hatte. 5.4 Die staatsvertragliche Zuständigkeit Italiens ist somit gegeben. 6. 6.1 Die Beschwerdeführerin macht keine systemischen Mängel im italieni- schen Asylsystem geltend. Dennoch ist im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin- III-VO zu prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asyl- verfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien wür- den systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer un- menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechtecharta mit sich bringen. Erweist es sich aufgrund sol- cher systemischer Schwachstellen als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaa t zu überstellen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat die Prüfung der in Kapi-D-732/2023 Seite 7 tel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzustellen, ob ein anderer Mitglied- staat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung ge- mäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III be- stimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prü- fende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin -III- VO). 6.2 Weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Europäische Gerichts- hof für Menschenrechte (EGMR) oder der Europäische Gerichtshof (EuGH) haben bislang systemische Schwachstellen im italienischen Asyl- system erkannt. Zwar stehen die Unte rstützung und die Einrichtungen für Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus in Italien in der Kritik. Ge- mäss den bisherigen Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts ist aber davon auszugehen, dass Italien die einschlägigen Verfahrens - und Aufnahmerichtlinien einhält (siehe das Referenzurteil des BVGer D - 4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10, bestätigt etwa in den Urteilen des BVGer F-5255/2021 vom 13. Dezember 2021 E. 6.2 und E-685/2021 vom 23. Februar 2021 E. 6). Am 20. Dezember 2020 ist das Umwandlungsge- setz Nr. 173/2020 zum Gesetzesdekret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2020 in Kraft getreten. Das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 sieht eine umfas- sende Reform des Aufnahmesystems für Asylsuchende in Italien vor, in- dem zentrale Bestimmungen des sog. Salvini -Dekrets geändert wurden und ein engverflochtenes Aufnahme - und Integrationssystem implemen- tiert wurde. Das neue Aufnahmesystem ist vergleichbar mit jenem, das vor Erlass des Salvini-Dekrets bestand und hat die Lebensbedingungen Asyl- suchender in Italien im Vergleich zur vorherigen Situation verbessert. Nach dem Anmeldeverfahren werden die Asylsuchenden in das Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazione) überführt, welches nunmehr wieder allen Asylsuchenden – also auch den im Rahmen des Dublin -Verfahrens nach Italien überstellten Personen – offensteht. Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfer- tigt. Nach dem Gesagten ist nicht von systemischen Schwachstellen im italie- nischen Asylsystem auszugehen. 7. 7.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in D-732/2023 Seite 8 dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). 7.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver- pflichtungen grundsätzlich nach. Zudem darf auch davon ausgegangen werden, Italien anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsu- chende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Ver fahren für die Zuer- kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (Verfahrensricht- linie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (Auf- nahmerichtlinie), ergeben. 7.3 Es ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass d ie Beschwerdeführerin kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan hat, die italienischen Be- hörden würden sich weigern, sie aufzunehmen und einen Antrag auf inter- nationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Es sind den Akten keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missach- ten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land ge- zwungen zu werden. Es gibt auch keinen Grund zur Annahme, ihre Über- stellung nach Italien würde zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen oder Italien würde ihr dauerhaft die ih r gemäss Aufnahmerichtlinie zu- stehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälli- gen vorübergehenden Einschränkung ist sie gehalten, sich an die italieni- schen Behörden zu wenden und gegebenenfalls die ihr zustehenden Auf- nahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern, zumal es sich bei Italien um einen funktionierenden Rechtsstaat handelt (vgl. Art. 26 Aufnah- merichtlinie). 7.4 Des Weiteren liegen keine Anhaltspunkte vor, wonach die Gesundheit der Beschwerdeführerin bei einer Überstellung nach Italien ernsthaft ge- fährdet würde, zumal sie selbst einräumt, nebst einem Hautauschlag und Blähungen, wogegen sie Medikamente erhalte, bei guter Gesundheit zu D-732/2023 Seite 9 sein (A11/2). Mit ihren Angaben zu ihr widerfahrenen Ereignissen (Verge- waltigung) in ihrem Heimatland vermag sie im vorliegenden Verfahren nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Sollte sich ein medizinisches Problem ergeben oder wäre eine Behandlung (beispielsweise eine Psychotherapie) weiterzuführen, ist darauf hinzuweisen, dass der Zugang von asylsuchen- den Personen zum italienischen Gesundheitssystem über die Notversor- gung hinaus derzeit grundsätzlich gewährleistet ist (vgl. Referenzurte il D- 4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10.4.3.2; Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.2.7). Es deutet nichts darauf hin, dass de r Be- schwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Italien eine Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde. Die von Herrn E. eingereichten medizinischen Dokumente (Rechnungen) vermögen an dieser Einschätzung nicht zu än- dern (beispielsweise Kosten diverser Gesundheitsabklärungen wie HIV, Hepatitis C und Durchfall; Rechnung des Centre de Psychothérapie des Toises vom 25. Januar 2023). 8. Aus den mit der Beschwerde eingereichten, handschriftlichen Dokument- kopien betreffend (behaupteter) Verlobung beziehungsweise einer Ehe- schliessung mit Herrn E. vom 5. Februar 2022 unter Bezahlung einer Mitgift kann sich die Beschwerdeführerin nich ts zu ihren Gunsten ableiten (Be- schwerde, S. 4; Beschwerdebeilagen bezeichnet als «Reconaissance de mon mariage coutumier par mon père par la dot») . Nebst der qualitativ schlechten Identifizierbarkeit (Handschrift) sind Kopien mangels Überprüf- barkeit auf ihre Echtheit von niedrigem Beweiswert. Überdies bezeichnete die Beschwerdeführerin beim Eintritt ins Bundesasylzentrum am 9. Novem- ber 2022 Herrn E. als «besten Freund ihres Vaters» (A3/2) und gab als Zivilstand «ledig» an (A2/2). Deshalb darf hierbei von einer weiteren (nach- geschobenen) Schutzbehauptung der Beschwerdeführerin zur versuchten Durchsetzung eines Verbleibs in der Schweiz ausgegangen werden. Gleiches gilt für das beim Bundesverwaltungsgericht eingereichte Schrei- ben von Herrn E. vom 10. Februar 2 023, welches als Gefälligkeitsschrei- ben zu betrachten ist. Ein gefestigtes Konkubinatsverhältnis im Sinne der Rechtsprechung zu Art. 8 EMRK wird darin jedenfalls nicht substanziiert dargetan. 9. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass kein Grund für die Anwe ndung der Souveränitätsklausel von Art. 17 Dublin -III-VO und Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vorliegt, zumal keine völkerrechtlichen Überstellungshindernisse D-732/2023 Seite 10 bestehen, die die Schweiz zum Selbsteintritt verpflichten würden, und, so- weit die Vorinstanz über Ermessen verfügt, keine rechtlichen Fehler bei der Ermessensbetätigung ersichtlich sind. Italien bleibt somit zuständiger Mit- gliedstaat gemäss Dublin-III-VO und ist verpflichtet, die Beschwerdeführe- rin aufzunehmen. 10. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31 a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten und hat – weil die Be- schwerdeführerin nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts - oder Nieder- lassungsbewilligung ist – in Anwendung von Art. 44 AsylG folgerichtig die Überstellung nach Italien angeordnet. 11. Die angefochtene Verfügung verletzt demnach Bundesrecht nicht und ist auch sonst nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist abzuweisen und die Verfügung der Vorinstanz zu bestätigen. 12. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei- sen, da das Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen ist. Die Verfahrenskosten sind der Be- schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-732/2023 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG wird abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Simon Thurnheer Sarah Rutishauser Versand: