200 19 279 IV SCP/SVE/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 14. Oktober 2019 Verwaltungsrichter Schütz, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Jakob, Verwaltungsrichter Schwegler Gerichtsschreiberin Schwitter A.________ vertreten durch Rechtsanwältin B.________ Beschwerdeführer gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 8. März 2019 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 2 Sachverhalt: A. Der 1962 geborene A.________ (nachfolgend Versicherter bzw. Be- schwerdeführer), gelernter ... (Akten der IV-Stelle Bern [nachfolgend IVB oder Beschwerdegegnerin; act II] 13.1/117), leidet seit Geburt an Gehörlo- sigkeit (act II 2). Durch die IV-Stelle ... bzw. damalige IV-Kommission wur- den mehrfach berufliche Massnahmen gewährt. Diese blieben ohne lang- fristigen Erfolg (act. II 13.1). Der Versicherte meldete sich bei der IVB am 11. Mai 2012 (act. II 2) zum Hilfsmittelbezug und am 14. Mai 2012 (act. II 8) zur Unterstützung bei der Stellenvermittlung an. Diese gewährte in der Folge Hilfsmittel (act. II 26) und berufliche Massnahmen (act. II 12 und Akten der IVB [act. IIA] 68, 74, 75, 81, 82, 82, 83, 86, 87, 88, 120). Per 6. November 2017 fand der Versi- cherte bei der Abklärungsstelle C.________ eine Anstellung zu 50% im geschützten Rahmen (act. IIA 107). Mit Mitteilung vom 8. November 2017 (act. IIA 108) teilte die IVB dem Versicherten mit, dass die Arbeitsvermitt- lung abgeschlossen sei und mit Mitteilung vom 28. November 2017 (act. IIA 109), dass nun weitere (Renten-) Leistungen geprüft würden. Sie tätigte in der Folge medizinische Abklärungen. Gestützt auf den Bericht des Regio- nalen Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 27. März 2018 (act. IIA 125) stellte die IVB mit Vorbescheid vom 16. Mai 2018 (act. IIA 126/2) in Aussicht, bei einem Invaliditätsgrad von 20% einen Rentenanspruch zu verneinen. Nach hiergegen erhobenem Einwand (act. IIA 128, 132) holte die IVB beim Hausarzt des Versicherten, Dr. med. E.________, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, den Bericht vom 19. Oktober 2018 (act. IIA 135) ein. Mit neuem Vorbescheid vom 13. November 2018 (act. IIA 136/2) stellte die IVB dem Versicherten in Aussicht, das Leistungsbegehren bei einem Inva- liditätsgrad von 20% abzuweisen. Nach hiergegen erhobenem Einwand (act. IIA 137, 140) verfügte sie am 8. März 2019 (act. IIA 141) dem Vorbe- scheid entsprechend.Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 3 B. Hiergegen erhob der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin B.________, am 10. April 2019 Beschwerde. Er stellt den Antrag, in Aufhe- bung der angefochtenen Verfügung vom 8. März 2019 sei die Beschwer- degegnerin zu verpflichten, ihm, soweit rechtens, eine Invalidenrente zu gewähren. Eventualiter sei die Verfügung vom 8. März 2019 aufzuheben und über die gesetzlichen Ansprüche des Beschwerdeführers neu zu be- finden. Mit Beschwerdeantwort vom 8. Mai 2019 schliesst die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde. Mit prozessleitender Verfügung vom 20. Mai 2019 wurde der Beschwerde- gegnerin Gelegenheit zur Ergänzung der Beschwerdeantwort gewährt. Mit Eingabe vom 29. Mai 2019 ergänzte die Beschwerdegegnerin die Be- schwerdeantwort. Im Rahmen der Replik vom 18. Juli 2019 reichte der Beschwerdeführer einen Bericht, ausgestellt durch den ihn behandelnden Psychologen D.________, eidg. anerkannter Psychotherapeut, Fachpsychologe für Psy- chotherapie FSP, kant. Erziehungsberater & Schulpsychologe, vom 10. Juli 2019 ein und hielt im Übrigen an den gestellten Rechtsbegehren fest. Mit Duplik vom 31. Juli 2019 bestätigte die Beschwerdegegnerin ihre bishe- rigen Ausführungen und den gestellten Antrag. Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 4 (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Der Beschwerdeführer ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwal- tungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Be- schwerde einzutreten. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 8. März 2019 (act. IIA 141). Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf eine Invalidenrente. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Er- werbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar- beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 2.2Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 5 ATSG). Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG so- wie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische Be- fundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheits- beeinträchtigung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 141 V 281 E. 2.1 S. 285). Es ist dem klaren Willen des Gesetzgebers gemäss Art. 7 Abs. 2 ATSG Rechnung zu tragen, wonach im Zuge einer objektivierten Betrachtungsweise von der grundsätzlichen „Validität“ der versicherten Person auszugehen ist (BGE 141 V 281 E. 3.7.2 S. 295). Die Sachverständigen sollen die Diagnose so begründen, dass die Rechtsan- wender nachvollziehen können, ob die klassifikatorischen Vorgaben tatsächlich eingehalten sind (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 141 V 281 E. 2.1.1 S. 285). Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung erfolgt die Prüfung, ob ein psychischer Gesundheitsschaden eine rentenbegründende Invalidität zu bewirken vermag, schliesslich anhand eines strukturierten normativen Prüfungsrasters (BGE 143 V 418 E. 7 S. 427, 141 V 281 E. 4.1 S. 296). Dies gilt für sämtliche psychischen Störungen (BGE 143 V 418 E. 7.2 S. 429). 2.3Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherten Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbe- reich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a) und die zusätz- lich während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind und nach Ab- lauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. b und c). Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70%, derjenige auf eine Dreivier- telsrente, wenn sie mindestens 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein solcher auf eine Viertelsrente. 2.4Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen ha- ben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 6 beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und be- züglich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weite- ren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195, 132 V 93 E. 4 S. 99; SVR 2018 IV Nr. 27 S. 87 E. 4.2.1). 3. 3.1Was den Gesundheitszustand im hier massgeblichen Zeitraum be- trifft, ist den Akten im Wesentlichen das Folgende zu entnehmen: 3.1.1Dr. med. E.________ diagnostizierte im Bericht vom 30. Januar 2018 (act. IIA 118) mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine depressive Episode bei psychosozialer Problematik, eine Gehörlosigkeit seit Geburt und ein Status nach Inguinalhernienoperationen beidseits 2003 sowie ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine CTS-Operation beidseits (rechts 1/11, links 10/11; S. 2 Ziff. 3). Von Seiten der somatischen Gesundheit sei die Prognose des Versicherten gut (S. 3 Ziff. 9). Er habe in den letzten Jahren keine Arbeitsunfähigkeit für diesen ausgestellt (Ziff. 11). Seit der Geburt bestehe eine Gehörlosigkeit, so dass die Kommunikation etwas erschwert sei. Der Versicherte sollte nicht schwere Gewichte über 20 Kilogramm tra- gen (Ziff. 12). Jegliche berufliche Tätigkeit ohne schwere körperliche Belas- tung sei dem Versicherten zumutbar (Ziff. 13). Es bestünden ausser der schweren körperlichen Belastung in der beruflichen Tätigkeit keine Ein- schränkungen (Ziff. 14). 3.1.2Im Bericht des RAD vom 27. März 2018 (act. IIA 125) diagnostizier- te Dr. med. F.________, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, mit Aus- wirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Gehörlosigkeit seit der Geburt und eine Inguinalhernienoperation beidseits sowie ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein Auftreten von Nausea und Erbrechen im Kontakt zu … und … im Beruf als ... ohne konkrete Angaben in den Akten (1988) und ein rezidivierendes Lumbovertebralsyndrom (1988; S. 4). Aus Sicht des RAD seien keine Einschränkungen beschrieben, welche eine Tätigkeit im ge- schützten Rahmen rechtfertigen könnten, was auch der aktuellen Einschät-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 7 zung der Arbeitsfähigkeit durch den Hausarzt entspreche. Dem Versicher- ten seien mit Ausnahme von körperlich schweren Tätigkeiten alle Tätigkei- ten zumutbar, welche einem gesunden Mann im selben Alter wie dem des Versicherten entsprächen. Ausgewiesen sei lediglich eine seit Geburt be- stehende Hörbehinderung. Diese Diagnose sei ausreichend belegt. Gemäss den Akten habe beim Versicherten vom 11. Mai 2012 bis zum 30. November 2012 eine vom Hausarzt attestierte 100%-ige Arbeitsun- fähigkeit aufgrund einer „Erschöpfungsdepression“ bestanden. Angaben zur weiteren Arbeitsunfähigkeit lägen in den Akten nicht vor. Gemäss dem Bericht des Hausarztes vom 30. Januar 2018 bestünden Einschränkungen für körperlich schwere Tätigkeiten aufgrund der Inguinalhernienoperation beidseits (2003). Andere Einschränkungen würden in den vorliegenden Akten nicht beschrieben, insbesondere nicht solche, welche eine Tätigkeit in geschütztem Rahmen notwendig machten (S. 6). 3.1.3Dr. med. E.________ hielt in seiner Stellungnahme vom 19. Okto- ber 2018 (act. IIA 135) auf Frage der Beschwerdegegnerin fest, dass der Versicherte unter einer depressiven Episode bei psychosozialer Problema- tik gelitten habe. Der Gesundheitszustand habe sich etwas verbessert seit er eine Arbeitsstelle bei der Abklärungsstelle G.________ in … habe (...). Diese habe er seit etwa sieben Monaten. Der Schweregrad habe sich et- was gebessert (aktuell ICD-10 F32.0). Die Arbeitsfähigkeit sei bei Gehörlo- sigkeit seit Geburt und entsprechend massiver Kommunikationserschwer- nis in etwa unverändert. Der Versicherte sei nicht bei einem Psychiater gewesen. Wie bereits erwähnt sei bei Gehörlosigkeit seit Geburt eine psy- chotherapeutische Behandlung ohne dauernde Übersetzung praktisch nicht möglich. Die berufliche Tätigkeit in ... in einer ... sei für den Versicherten eine speziell günstige Stelle gewesen. Nach Verlust dieser Stelle habe we- gen den bestehenden gesundheitlichen Einschränkungen keine weitere Stelle in der freien Wirtschaft gefunden werden können (langfristig). Gemäss Dr. med. E.________ scheine nur noch eine berufliche Tätigkeit in geschütztem Rahmen möglich zu sein (massive Probleme in der Kommu- nikation, Rückensituation, depressive Episode). Ihm lägen keine fachspezi- fischen Einschätzungen bezüglich Arbeitsfähigkeit aufgrund der Gehörlo- sigkeit vor. Die Arbeits- und Leistungsfähigkeit aufgrund der Gehörlosigkeit scheine ihm im Allgemeinen stark vermindert zu sein. In der Sprechstunde Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 8 mit dem Patienten erfolge jede Kommunikation schriftlich. Dies müsse auch in der beruflichen Tätigkeit mit den Mitarbeitern oder Vorgesetzten gemacht werden. Auch ein Einarbeiten in eine neue Stelle sei durch diese Kommu- nikationsproblematik massiv erschwert. Dadurch werde auch die Leistungs- fähigkeit massiv vermindert. 3.1.4Im Bericht von D.________ (Akten des Beschwerdeführers [act. I] 3) wurden beim Versicherten folgende Diagnosen nach ICD-10 gestellt: •Gehörlosigkeit seit Geburt; •Zyklothymia (ICD-10 F34.0); •Bipolare affektive Störung, gegenwärtig gemischte Episode (ICD-10 F31.6); oStatus nach drei Burn-outs; oStatus nach L[e]isten-OP Juli 2001 bds.; oStatus nach Karpaltunnelsyndrom-OP Januar 2011 links, Oktober 2011 rechts; •Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4); onicht näher bezeichnete Rückenschmerzen (ICD-10 M54.9) chroni- scher Art (ICD-10 R52.2), seit 15-jährig, Schmerzen in Schulter und Nacken, Ausstrahlung in Hüfte, Rheuma, Verknorpelung Rippen rechts; oStatus nach Unfall mit 18-jährig, von einem Gerüst gefallen; oStatus nach physischen, traumatisierenden Erziehungsmassnahmen in Pflegefamilie (mit Teigwalze auf Rücken geschlagen), sexueller Missbrauch in Lehrlingszeit; •Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) mit Flashbacks, Träumen und nächtlichem Erschrecken; •Emetophobie (ICD-10 F40.2, spezifisch auf Gerüche). Der Versicherte sei durch seine Gehörlosigkeit und Lebensgeschichte mit traumatisierenden Erfahrungen immer wieder ausgegrenzt geworden. Der sexuelle Missbrauch sei in der noch kurzen therapeutischen Beziehung aufgebrochen. Er sei sehr enttäuscht über die Urteile von sogenannt hörenden Menschen und wie Chefs mit gehörlosen Mitarbeitenden umgin- gen. Auch in der Abklärungsstelle G.________, einer geschützten Instituti- on, habe es diesbezüglich schon mehrere Vorfälle und enttäuschende Kon- frontationen gegeben. Die aktuelle Arbeitsfähigkeit des Versicherten um- fasse ein Pensum von maximal 50% und dies wohlverstanden im zweiten (geschützten) Arbeitsmarkt. Er arbeite regelmässig am Vormittag von 07.30 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 9 Uhr bis 11.45 Uhr. Am Mittag sei seine Reizüberflutung erreicht und er brauche viel mehr Zeit, um sich von einem halben Tag Arbeit erholen zu können. Der Versicherte habe eindeutig ausgewiesene gesundheitliche Probleme mit einem Invaliditätsgrad von mindestens 50%. Seine Erwerbs- fähigkeit betrage maximal 40 bis 50% (S. 2 f.). 3.2Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge- ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 127, 125 V 351 E. 3a S. 352). Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi- nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag- gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei- nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 143 V 124 E. 2.2.2 S. 126, 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352). Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweis- wert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverläs- sigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt in einem An- stellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen. Gleiches gilt, wenn ein frei praktizierender Arzt von einer Versicherung wiederholt für die Erstellung von Gutachten beigezogen wird (SVR 2008 IV Nr. 22 S. 70 E. 2.4). Es bedarf vielmehr besonderer Umstände, welche das Misstrauen in Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 10 die Unparteilichkeit der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen las- sen. Im Hinblick auf die erhebliche Bedeutung, welche den Arztberichten im Sozialversicherungsrecht zukommt, ist an die Unparteilichkeit des Gutach- ters allerdings ein strenger Massstab anzulegen (BGE 125 V 351 E. 3b ee S. 354). Sofern RAD-Untersuchungsberichte den Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352) genügen, auch hinsichtlich der erforderlichen ärztlichen Qualifikationen, haben sie einen vergleichbaren Beweiswert wie ein anderes Gutachten (SVR 2018 IV Nr. 4 S. 12 E. 3.2, 2009 IV Nr. 53 S. 165 E. 3.3.2). Soll allerdings ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Insbesondere sind die von der versicherten Person aufgelegten Berichte der behandelnden Ärz- tinnen und Ärzte mitzuberücksichtigen. Wird die Schlüssigkeit der Feststel- lungen der versicherungsinternen Fachpersonen durch einen nachvollzieh- baren Bericht eines behandelnden Arztes in Zweifel gezogen, so genügt der pauschale Hinweis auf dessen auftragsrechtliche Stellung (BGE 125 V 351 E. 3a cc S. 353) nicht, um solche Zweifel auszuräumen. Vielmehr wird das Gericht entweder ein Gerichtsgutachten anzuordnen oder die Sache an den Versicherungsträger zurückzuweisen haben, damit dieser im Verfahren nach Art. 44 ATSG eine Begutachtung veranlasst (BGE 142 V 58 E. 5.1 S. 65, 135 V 465 E. 4.4 - 4.6 S. 469). 3.3Die Beschwerdegegnerin stützte die vorliegend angefochtene Ver- fügung vom 8. März 2019 (act. IIA 141) auf den RAD-Bericht von Dr. med. F.________ vom 27. März 2018 (act. IIA 125) sowie auf den Bericht von Dr. med. E.________ vom 30. Januar 2018 (act. IIA 118) und dessen er- gänzende Stellungnahme vom 19. Oktober 2018 (act. IIA 135). Der Be- schwerdeführer wendet dagegen ein, die im Bericht des RAD angenomme- ne Leistungsfähigkeit von 80% sei nicht gegeben, bestünde allenfalls im geschützten Rahmen und lasse sich nicht mit den medizinischen Akten in Einklang bringen. Es bestünden damit erhebliche Zweifel an der Zuverläs- sigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellun- gen, weshalb sich weitergehende medizinische Abklärungen aufdrängten (Beschwerde S. 4). Wie nachfolgend dargelegt wird, erweist sich dieser Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 11 Einwand, der medizinische Sachverhalt sei ungenügend abgeklärt, als be- gründet: 3.3.1Die Diagnosen der Gehörlosigkeit sowie der Status nach Inguinal- hernienoperation sind vom RAD-Arzt Dr. med. F.________ in dessen Be- richt vom 27. März 2018 (act. IIA 125) berücksichtigt worden. In Bezug auf die seit der Geburt bestehende Gehörlosigkeit kann von einem stationären Zustand ausgegangen werden. Die daraus allgemein und spezifisch resul- tierenden Einschränkungen bzw. Anforderungen an einen potenziellen Ar- beitgeber können als notorisch vorausgesetzt werden. Dr. med. F.________ teilt weiter die Ansicht des behandelnden Arztes, Dr. med. E.________ (vgl. act. IIA 118), wonach dem Beschwerdeführer aufgrund der erfolgten Inguinalhernienoperationen keine beruflichen Tätigkeiten mit schwerer körperlicher Belastung mehr zumutbar sind. Hinsichtlich der in der Beschwerde geltend gemachten massiven Rückenbeschwerden (S. 5) sowie dem Lumbovertebralsyndrom (S. 6) ist festzuhalten, dass aufgrund fehlender Erwähnung in den zahlreichen Eingliederungsberichten, insbe- sondere im Bericht des Personenschaden-Inspektors des Krankentaggeld- versicherers vom 25. Juli 2012 (act. II 40.6), im Bericht von Dr. med. E.________ vom 24. August 2012 (act. II 40.9) und vom 30. Januar 2018 (act. IIA 118) diese Schmerzproblematik vom Beschwerdeführer offensicht- lich nicht mehr beklagt wurde. Gerade weil Dr. med. E.________ im Bericht vom 30. Januar 2018 (act. IIA 118 S. 3 Ziff. 9) von einer guten Prognose hinsichtlich der somatischen Gesundheit ausging, ist denn auch nicht er- sichtlich, weshalb die - nicht weiter umschriebene - „Rückensituation“ in dessen Bericht vom 19. Oktober 2018 (act. IIA 135) erwähnt wurde. Somit kann jedenfalls gestützt auf die derzeitige Aktenlage hinsichtlich des soma- tischen Gesundheitsschadens von einem hinreichend geklärten Sachver- halt ausgegangen werden. 3.3.2Der Beschwerdeführer rügt zudem (Beschwerde S. 6), dass die psychische Erkrankung, welche von Dr. med. E.________ mit dem „ICD- Diagnoseschlüssel“ F32.0 beschrieben worden sei, nicht weitergehend abgeklärt worden sei, obschon der Hausarzt eine depressive Episode als Diagnose mit Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit genannt habe. Die Beschwerdegegnerin hält in ihrer Beschwerdeantwort (S. 3) hierzu fest, Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 12 beim Beschwerdeführer sei aus psychiatrischer Sicht lediglich vom behan- delnden Arzt Dr. med. E.________ eine depressive Episode bei psychoso- zialer Problematik diagnostiziert worden, welche mit dem Verlust seiner Arbeitsstelle begründet worden sei. Die Diagnose sei somit von keinem Facharzt gestellt worden. Zudem könne ein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden nur gegeben sein, wenn das klinische Beschwerde- bild nicht einzig in psychosozialen und soziokulturellen Umständen seine Erklärung finde, sondern davon psychiatrisch unterscheidbare Befunde umfasse. Auf eine umfassende Indikatorenprüfung könne verzichtet wer- den, weil es an einer fachmännisch gestellten Diagnose fehle. Die Beschwerdegegnerin lässt in diesem Zusammenhang ausser Acht, dass bereits im Schlussbericht der Eingliederungsstätte H.________ vom 6. März 1991 (act. II 13.1/73) eine Persönlichkeitsproblematik erwähnt und diese auch im Bericht des Personenschaden-Inspektors des KTG- Versicherers vom 25. Juli 2012 (act. II 40.6) thematisiert wurde. Im Zu- sammenhang mit der Darstellung des Sachverhaltes des Beschwerdefüh- rers (act. II 23, 27) kann entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin noch nicht abschliessend davon ausgegangen werden, dass das Arbeits- verhältnis mit der I.________ AG nach 22 Jahren einzig aus IV-fremden Gründen aufgelöst wurde. Dass im vorliegenden Fall Anhaltspunkte bestehen, welche auf eine mit der Gehörlosigkeit allenfalls zusammenhängende Persönlichkeitsproblematik bzw. psychische Komorbidität hinweisen, ergibt sich nicht bloss aufgrund von Berichten der beruflichen Eingliederung und des Psychotherapeuten D.________ (act. I 3), sondern auch aufgrund der medizinischen IV-Akten selbst. So wird im Kurzbericht der Psychiatrischen Klinik J.________ (act. II 13.1/28) ausgeführt, dass der Beschwerdeführer im Jahre 2002 und damit bereits während des langjährigen Arbeitsverhältnisses bei der Firma I.________ AG wegen psychischer Beschwerden hospitalisiert (gemäss Bericht von Herr D.________ [act. I 3] während sieben Wochen) und in der Folge zur Stabilisierung und Stützung im Arbeitsprozess auf psychothera- peutische Betreuung angewiesen gewesen sei, womit die anderslautende Annahme der Beschwerdegegnerin, wonach die Persönlichkeitsproblematik bzw. psychische Verfassung zu keiner Zeit Auswirkungen auf die Arbeits-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 13 fähigkeit gehabt hätten (Beschwerdeantwort S. 3 Ziff. 7 und Ergänzung der Beschwerdeantwort S. 2), den Akten widerspricht. 3.3.3Im Lichte der behinderungsspezifischen Einschränkungen und der psychiatrisch dokumentierten Vulnerabilität des Beschwerdeführers kann entgegen der Annahme der Beschwerdegegnerin nicht ohne weitere medi- zinische Abklärungen das Fehlen einer invalidenversicherungsrechtlich relevanten psychischen Störung angenommen werden. Somit hat die Be- schwerdegegnerin den rechtserheblichen medizinischen Sachverhalt un- genügend abgeklärt. Damit erübrigen sich Ausführungen zu der von der Beschwerdegegnerin vorgenommenen Berechnung des Invaliditätsgrades bzw. zu den entsprechenden Vergleichseinkommen. Die angefochtene Verfügung vom 8. März 2019 (act. IIA 141) ist somit in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die Sache geht zurück an die Beschwerde- gegnerin, damit sie die medizinischen Akten mit allfälligen weiteren Be- handlungsunterlagen, namentlich betreffend der im Jahre 2002 erfolgten psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen, vervollständige sowie ein verwaltungsexternes psychiatrisches Gutachten veranlasse und hier- nach über die Leistungsansprüche des Beschwerdeführers neu verfüge. 4. 4.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festzulegen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, hat bei diesem Ausgang des Verfahrens die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG; BVR 2009 S. 186 E. 4). Der geleistete Kostenvor- schuss von Fr. 800.-- ist dem Beschwerdeführer nach Eintritt der Rechts- kraft des Urteils zurückzuerstatten. 4.2Die obsiegende Beschwerde führende Person hat Anspruch auf Ersatz der Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG). Nach der Rechtsprechung gilt Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 14 es unter dem Gesichtspunkt des (bundesrechtlichen) Anspruchs auf eine Parteientschädigung im Streit um eine Sozialversicherungsleistung bereits als Obsiegen, wenn die versicherte Person ihre Rechtsstellung im Ver- gleich zu derjenigen nach Abschluss des Administrativverfahrens insoweit verbessert, als sie die Aufhebung einer ablehnenden Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zu ergänzender Abklärung und neuer Beurteilung erreicht (BGE 137 V 57 E. 2.1 S. 61). Dies gilt unabhän- gig davon, ob die Rückweisung beantragt oder ob das entsprechende Be- gehren im Haupt- oder im Eventualantrag gestellt wird (SVR 2017 KV Nr. 9 S. 43 E. 9.1). Rechtsanwältin B.________ macht in ihrer Kostennote vom 12. September 2019 ein Honorar von Fr. 4‘185.-- geltend, entsprechend einem Aufwand von 15.5 Stunden à Fr. 270.--, zuzüglich Auslagen von Fr. 131.60 und 7.7% Mehrwertsteuer von Fr. 332.40. Der geltend gemachte Aufwand erscheint unter den gegebenen Umständen (doppelter Schriftenwechsel aufgrund der Instruktionsverfügung vom 20. Mai 2019 sowie der erschwerten Umstände hinsichtlich der Kommunikation mit der Klientschaft) als vertretbar. Gestützt auf die eingereichte Kostennote wird die Parteientschädigung somit auf Fr. 4‘649.-- (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt. Diesen Betrag hat die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer zu ersetzen. Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Bern vom 8. März 2019 aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen, damit sie - nach Vornahme der Abklärungen im Sinne der Erwägungen - neu verfüge. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt. Der vom Beschwerdeführer geleistete Kos-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 14. Okt. 2019, IV/2019/279, Seite 15 tenvorschuss von Fr. 800.-- wird ihm nach Rechtskraft des Urteils zurückerstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer die Parteikosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 4‘649.-- (inkl. Auslagen und MWSt.), zu er- setzen. 4. Zu eröffnen (R): - Rechtsanwältin B.________ z.H. des Beschwerdeführers - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.