<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 38" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 38</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">242</span> </div> <div class="page" id="S242"> <div role="main"> <br/> <span class="text"><b>38 </b> <b>Art. 401 Abs. 1 ZGB; Art. 404 Abs. 1 ZGB; § 14 Abs. 1 V KESR</b></span><br/> <span class="text">Ein Wechsel des Berufsbeistandes bei einem Wohnsitzwechsel der von der</span><br/> <span class="text">Beistandschaft betroffenen Person in einen anderen Bezirk ist nicht</span><br/> <span class="text">zwingend. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde kann den bishe-</span><br/> <span class="text">rigen Beistand beibehalten, falls das Interesse der betroffenen Person dies</span><br/> <span class="text">erheischt oder die betroffene Person im Sinne ihres Vorschlagsrechts</span><br/> <span class="text">nach Art. 401 Abs. 1 ZGB dies ausdrücklich wünscht. Der Wunsch der</span><br/> <span class="text">betroffenen Person im Sinne von Art. 401 Abs. 1 ZGB ist dabei nur be-</span><br/> <span class="text">achtlich, wenn er im Interesse des Schutzbedarfs objektiv erforderlich er-</span><br/> <span class="text">scheint. Bezüglich der Tragung der Kosten der Mandatsführung bei</span><br/> <span class="text">Wohnsitzwechsel der verbeiständeten Person in einen anderen Bezirk</span><br/> <span class="text">sind bei fehlender Einigung unter den Gemeinden die unter dem Titel</span><br/> <span class="text">Information zur Kostentragung der Mandatsführung bei Wegzug einer</span><br/> <span class="text">Person erlassenen Empfehlungen der drei Gemeinde-Vereinigungen</span><br/> <span class="text">vom 1. September 2017 zu beachten. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="text">nenschutz, vom 17. Januar 2019, i.S. I.V. (XBE.2018.66)</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">3.3.</span><br/> <span class="text">Wird ein Mandat durch einen Berufsbeistand geführt, führt der</span><br/> <span class="text">Wohnsitzwechsel der betroffenen Person in einen anderen Bezirk in</span><br/> <span class="text">der Regel zu einem Mandatsträgerwechsel, denn der Berufsbeistand</span><br/> <span class="text">ist zur Führung von Mandaten nur in seiner Gemeinde oder im Zu-</span><br/> <span class="text">ständigkeitsgebiet des entsprechenden Gemeindeverbands angestellt.</span><br/> <span class="text">Allerdings ist der Wechsel des Mandatsträgers nicht zwingend: Die</span><br/> <span class="text">Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde kann den alten Beistand</span><br/> <span class="text">beibehalten, falls das Interesse der betroffenen Person z.B. wegen der</span><br/> <span class="text">Kontinuität ihrer Betreuung dies erheischt oder die betroffene Person</span><br/> <span class="text">im Sinne ihres Vorschlagrechts nach Art. 401 Abs. 1 ZGB dies aus-</span><br/> <span class="text">drücklich wünscht (vgl. WIDER, in: FamKomm-Erwachsenenschutz,</span><br/> <span class="text">2. A. 2016, Art. 442 N. 16; siehe auch Merkblatt der Kammer für</span><br/> <span class="text">Kindes- und Erwachsenenschutz des Obergerichts Aargau zur Tra-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">243</span> </div> <div class="page" id="S243"> <div role="main"> <span class="text">gung der Kosten der Mandatsführung bei Wohnsitzwechsel einer</span><br/> <span class="text">verbeiständeten Person [nachfolgend: Merkblatt] Ziff. 2.2.). Der</span><br/> <span class="text">Wunsch der betroffenen Person im Sinne von Art. 401 ZGB ist dabei</span><br/> <span class="text">kein freies Wahlrecht, sondern nur beachtlich, wenn er im Interesse</span><br/> <span class="text">des Schutzbedarfs objektiv erforderlich erscheint.</span><br/> <span class="text">3.4.</span><br/> <span class="text">Aufgrund dieser Rechtslage könnte dem Antrag der Beschwer-</span><br/> <span class="text">deführerin auf Beibehaltung ihrer bisherigen Beiständin auch nach</span><br/> <span class="text">dem Wohnortswechsel nur gefolgt werden, wenn die Beibehaltung</span><br/> <span class="text">für den Erfolg der Beistandschaft unerlässlich wäre. In Anbetracht</span><br/> <span class="text">dessen, dass die Anordnung der Vertretungsbeistandschaft mit Ein-</span><br/> <span class="text">kommens- und Vermögensverwaltung und die Einsetzung von X. als</span><br/> <span class="text">Berufsbeiständin erst mit Entscheid des Familiengerichts B, vom</span><br/> <span class="text">7. November 2017 erfolgten, dauerte das Mandatsverhältnis bis zum</span><br/> <span class="text">Wohnortswechsel der Beschwerdeführerin gerade einmal vier Mona-</span><br/> <span class="text">te. Nach einer solch kurzen Dauer kann noch nicht von einem stark</span><br/> <span class="text">gefestigten Vertrauensverhältnis ausgegangen werden, welches gegen</span><br/> <span class="text">einen Wechsel der Mandatsträgerin sprechen würde. Der Wunsch der</span><br/> <span class="text">Beschwerdeführerin, die bisherige Beiständin X. beizubehalten, gilt</span><br/> <span class="text">ausserdem nicht absolut, sondern muss objektiv begründet und aus-</span><br/> <span class="text">gewiesen sein. Angesichts ihrer Bindungsstörung fällt es der Be-</span><br/> <span class="text">schwerdeführerin gemäss ihrer Beiständin schwer, Verbindungen zu</span><br/> <span class="text">Drittpersonen aufzubauen oder Vereinbarungen verbindlich einzuhal-</span><br/> <span class="text">ten. Doch auch unter Berücksichtigung dieser Bindungsstörung</span><br/> <span class="text">drängt die kurze Dauer des Mandatsverhältnisses den Schluss auf,</span><br/> <span class="text">dass der Erfolg der Massnahme nicht von der Beistandsperson ab-</span><br/> <span class="text">hängig ist und die Beschwerdeführerin auch zu einer neuen Bei-</span><br/> <span class="text">standsperson wieder innert kurzer Zeit ein tragfähiges Vertrauens-</span><br/> <span class="text">verhältnis finden kann. Der Beschwerdeführerin ist bei einem selbst-</span><br/> <span class="text">gewählten Wohnsitzwechsel daher zuzumuten, sich auf eine neue</span><br/> <span class="text">Beistandsperson einzustellen. Ihr Antrag auf Beibehaltung ihrer bis-</span><br/> <span class="text">herigen Beiständin X. ist demnach abzuweisen.</span><br/> <span class="text">(...)</span><br/> <span class="text">4.2.</span><br/> <span class="text">Die Weigerung einer Gemeinde, die zur Deckung der Vollkos-</span><br/> <span class="text">ten entstehenden Ausgleichskosten mitzutragen, kann für den Ent-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">244</span> </div> <div class="page" id="S244"> <div role="main"> <span class="text">scheid, ob eine Beistandschaft mit der bisherigen Berufsbeiständin</span><br/> <span class="text">aus einem anderen Gemeindeverband weiterzuführen ist, nicht mass-</span><br/> <span class="text">gebend sein.</span><br/> <span class="text">4.2.1.</span><br/> <span class="text">Gemäss Art. 404 Abs. 1 ZGB hat der Beistand oder die Beistän-</span><br/> <span class="text">din Anspruch auf eine angemessene Entschädigung und auf Ersatz</span><br/> <span class="text">der notwendigen Spesen aus dem Vermögen der betroffenen Person.</span><br/> <span class="text">Bei einem Berufsbeistand oder einer Berufsbeiständin fallen die Ent-</span><br/> <span class="text">schädigung und der Spesenersatz an den Arbeitgeber. Gemäss § 14</span><br/> <span class="text">Abs. 1 V KESR trägt die Gemeinde die Entschädigung sowie den</span><br/> <span class="text">Spesen- und Auslagenersatz, wenn das Vermögen im Zeitpunkt der</span><br/> <span class="text">Rechnungsablage und unter Berücksichtigung der Belastung der Ent-</span><br/> <span class="text">schädigung den Betrag von Fr. 15'000.00 unterschreitet.</span><br/> <span class="text">4.2.2.</span><br/> <span class="text">Sofern bei einem Wohnsitzwechsel die Beibehaltung der bishe-</span><br/> <span class="text">rigen Beistandsperson notwendig erscheint, und es sich dabei um</span><br/> <span class="text">einen Berufsbeistand handelt, hat die Arbeitgeberin des Berufs-</span><br/> <span class="text">beistands, d.h. in der Regel die bisherige Wohnsitzgemeinde, weiter-</span><br/> <span class="text">hin Anspruch auf die vom Familiengericht festgelegte Mandats-</span><br/> <span class="text">trägerentschädigung. Soweit die Vollkosten für die Mandatsführung</span><br/> <span class="text">die Mandatsträgerentschädigung übersteigen, hat die bisherige</span><br/> <span class="text">Wohnsitzgemeinde dann einen Anspruch auf einen zusätzlichen fi-</span><br/> <span class="text">nanziellen Ausgleich, wenn dies mit der neuen Wohnsitzgemeinde so</span><br/> <span class="text">vereinbart ist (vgl. Merkblatt Ziff. 4.).</span><br/> <span class="text">4.2.3.</span><br/> <span class="text">Die Gemeindeammänner-Vereinigung des Kantons Aargau, der</span><br/> <span class="text">Verband Aargauischer Gemeindeschreiberinnen und Gemeinde-</span><br/> <span class="text">schreiber und der Verband Aargauer Gemeindesozialdienste haben</span><br/> <span class="text">am 1. September 2017 unter dem Titel Information zur Kostentra-</span><br/> <span class="text">gung der Mandatsführung bei Wegzug einer Person Empfehlungen</span><br/> <span class="text">erlassen, wie ein finanzieller Ausgleich der von einer nicht kosten-</span><br/> <span class="text">pflichtigen Gemeinde geführten Beistandschaft unter den Gemeinden</span><br/> <span class="text">hergestellt werden kann. Diese Empfehlungen schlagen vor, die vom</span><br/> <span class="text">Familiengericht festgelegte Pauschalentschädigung mit einem Zu-</span><br/> <span class="text">schlag von 150% der Pauschale zu ergänzen, damit so mutmasslich</span><br/> <span class="text">eine Vollkostenentschädigung resultiert. Von dieser Empfehlung</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">245</span> </div> <div class="page" id="S245"> <div role="main"> <span class="text">kann im gegenseitigen Einvernehmen abgewichen werden, sie geht</span><br/> <span class="text">aber bei fehlender Einigung als Empfehlung der kantonalen Gemein-</span><br/> <span class="text">deverbände den Abrechnungsmodalitäten einzelner Verbände oder</span><br/> <span class="text">Gemeinden vor.</span><br/> <span class="text">4.3.</span><br/> <span class="text">Als Fazit gilt festzuhalten, dass fiskalische und organisatorische</span><br/> <span class="text">Gemeindeinteressen als Kriterien für die Nichtberücksichtigung des</span><br/> <span class="text">objektiv gerechtfertigten Willens der betroffenen Person, seine Bei-</span><br/> <span class="text">standsperson auch nach einem Wohnsitzwechsel in einen anderen</span><br/> <span class="text">Bezirk beizubehalten, nicht ausschlaggebend sind. Für die Regelung</span><br/> <span class="text">der Ausgleichszahlungen unter den Gemeinden ist bei fehlender Eini-</span><br/> <span class="text">gung das Empfehlungsschreiben der Gemeinde-Vereinigungen vom</span><br/> <span class="text">1. September 2017 zu beachten.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>