B u n d e s p a t e n t g e r i c h t T r i b u n a l f é d é r al d e s b r ev e t s T r i b u n a l e f e d e r al e d ei b r e v e t t i T r i b u n a l f e d e r al d a p a t en t a s F e d e r a l P a t e n t C o u r t S2018_006 U r t e i l v o m 8 . F e b r u a r 2 0 1 9 Besetzung Präsident Dr. iur. Mark Schweizer Richter Dr. phil. nat., dipl. phys. Philipp Rüfenacht (Referent), Richter Dr. sc. nat. EPFL Lorenzo Parrini Erste Gerichtsschreiberin lic. iur. Susanne Anderhalden Verfahrensbeteiligte CSEM Centre Suisse d’Electronique et de Microtech- nique SA - Recherche et Développement, rue Jaquet-Droz 1, 2000 Neuchâtel, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Andri Hess, Homburger AG, Prime Tower, Hardstrasse 201, 8005 Zürich, Klägerin gegen 1. Cendres+Métaux Microtech SA, Fuchsenried 10, 2504 Biel/Bienne, 2. Cendres+Métaux SA, Rue de Boujean 122, 2504 Biel/Bienne, beide vertreten durch die Rechtsanwälte Dr. iur. Demian Stauber und lic. iur. Fabio Versolatto, Rentsch Partner AG, Bellerivestrasse 203, Postfach, 8034 Zürich, Beklagte Gegenstand Gesuch um Erlass einer vorsorglichen Massnahme; Spiral- feder S2018_006 Seite 2 Das Bundespatentgericht zieht in Erwägung: Prozessgeschichte 1. Mit Eingabe vom 13. September 2018 stellte die Kläg erin das folgen- de Begehren um Erlass vorsorglicher Massnahmen: „1. Es sei den Gesuchsgegnerinnen unter Androhung e iner Ordnungs- busse von CHF 1‘000 für jeden Tag der Nichterfüllung nach Art. 343 Abs. 1 lit. c ZPO, mindestens aber CHF 5'000 gemäss Art. 343 Abs. 1 lit. b ZPO, sowie der Bestrafung ihrer Organe nac h Art. 292 StGB mit Busse im Widerhandlungsfall einstweilen im Sinn e einer vor- sorglichen Massnahme zu verbieten, zur Ausrüstung e iner Unruh einer mechanischen Uhr bestimmte Spiralfedern sowie damit aus- gerüstete mechanische Uhrwerke in der Schweiz herzustellen, herstellen zu lassen, zu lagern, anzu- bieten, zu verkaufen oder auf andere Weise in Verke hr zu bringen, in die Schweiz einzuführen, aus der Schweiz auszufü hren, oder bei einer dieser Handlungen mitzuwirken, soweit die Spiralfedern folgende Merkmale aufweise n: - sie werden gebildet aus einem spiralförmigen, dur ch Aus- schneiden aus einer Einkristall-Silizium platte {11 0 } oder {001} erhaltenen Stab; - der Stab weist einen Kern aus Silizium aus; - der Stab umfasst eine den Kern aus Silizium umsch liessen- de Aussenschicht aus amorphem Siliziumoxid. 2. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu lasten der Ge- suchsgegnerinnen.“ 2. Die Massnahmeantwort erfolgte mit Eingabe vom 23. Oktober 2018, womit die Beklagten beantragten, das Gesuch um Erla ss vorsorglicher Massnahmen sei abzuweisen, soweit darauf einzutrete n sei, unter Kos- ten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Klägerin. Am 23. November 2018 reichte die Klägerin die Stellungnahme zur Mass- nahmeantwort, insbesondere zur Einrede der Nichtigkeit, ein. Am 4. Dezember 2018 nahmen die Beklagten Stellung z ur Eingabe der Klägerin vom 23. November 2018. S2018_006 Seite 3 Am 18. Dezember 2018 erstattet der Referent ein Fachrichtervotum. Am 17. Januar 2019 fand die Hauptverhandlung statt. Prozessuales 3. Die Parteien haben alle ihren Sitz in der Schweiz. Verlangt werden vorsorgliche Massnahmen wegen angeblicher Verletzun g des Schweizer Teils eines europäischen Patents. Die Zuständigkeit des Bundespatentge- richts ist daher sachlich und örtlich gegeben (Art. 26 Abs. 1 lit. b PatGG). 4. In Anwendung von Art. 23 Abs. 1 lit. b i.V.m. Abs. 3 PatGG entschei- det das Gericht in Dreierbesetzung. 5. Die Beklagten beantragen, die Ausführungen der Kl ägerin in ihrer Stellungnahme zur Massnahmeantwort vom 23. November 2018 seien nicht zu beachten, soweit sie nicht die Rechtsbestä ndigkeit des Mass- nahmepatents beträfen. Die Klägerin sei ausdrücklic h aufgefordert wor- den, nur zur Rechtsbeständigkeit Stellung zu nehmen . Weitere Ausfüh- rungen zu neuen Behauptungen in der Massnahmeantwor t würden im Rahmen des unbedingten Replikrechts erfolgen, und d ie praxisgemässe Frist von 10 Tagen zur Stellungnahme im Rahmen des unbedingten Rep- likrechts habe die Klägerin verpasst. 6. Die „Frist“ von 10 Tagen, binnen derer eine Parte i unabhängig vom Verfahrensstadium und unabhängig von einer entsprec henden Fristan- setzung durch das Gericht auf jede Eingabe der Gege npartei replizieren kann, ist trotz ihrer häufigen Bezeichnung als „Fri st“ keine Frist im Rechtssinne. Sie kann weder angesetzt noch erstreck t werden. Es han- delt sich vielmehr um die Dauer, während der das Ge richt mit der Urteils- fällung zuwarten muss, nachdem eine Eingabe zur Sac he mit neuen Be- hauptungen eingegangen ist, damit das rechtliche Gehör der Gegenpartei gewahrt ist. Das Bundesgericht führt dazu aus: 1 „[Es] ist klarzustellen, dass es bei der von der Rechtsprechung praxisgemäss angewendeten Zeitdauer, während der das Gericht die allfällige W ahrnehmung des sog. unbedingten Replikrechts (aus Art. 29 Abs. 1 und 2 BV und Art. 6 EMRK) abwarten muss, nicht darum geht, dass eine nach ein er solchen Zeit- spanne eingegangene nachträgliche Eingabe vom Gericht nicht mehr be- rücksichtigt werden darf. Eine Partei, der eine Ein gabe der Gegenseite mit Hinweis auf den Aktenschluss zur Wahrung dieses Replikrechts zuge- stellt wird, weiss damit regelmässig, dass das Geri cht die Sache als 1 BGer, Urteil 4A_61/2017 vom 31. August 2017, E. 6.2.2. S2018_006 Seite 4 spruchreif erachtet; sie geht damit das Risiko eine s raschen Entscheids ein. Aus dem Umstand aber, dass ein Gericht nach Ab lauf dieser Dauer zu urteilen berechtigt ist, ohne sich dem Vorwurf e iner Gehörsverletzung auszusetzen, kann nicht umgekehrt abgeleitet werden , dass nach dem fraglichen Zeitpunkt, aber vor der Urteilsfällung e intreffende Stellungnah- men generell zufolge Verspätung unberücksichtigt zu bleiben hätten.“ Das Gericht ist daher nicht gehindert, die Ausführu ngen der Klägerin in der Stellungnahme zur Massnahmeantwort, soweit sie durch neue Tatsa- chenbehauptungen der Beklagten in der Massnahmeantw ort veranlasst wurden, zu beachten, auch wenn diese Ausführungen m ehr als 10 Tage nach der Massnahmeantwort gemacht wurden. Es gibt k eine „Frist“ im Rechtssinne, die die Klägerin hätte verpassen können. Unstrittiger Sachverhalt 7. Die Klägerin ist Inhaberin des schweizerischen Tei ls von EP 1 422 436 mit dem Titel „Ressort spiral de montre et son procédé de fabrication“ (Spiraluhrwerkfeder und Verfahren zu deren Herstellung; „Massnahmepa- tent“). Das Massnahmepatent ist in der Schweiz form ell in Kraft. Die Klä- gerin hat das Massnahmepatent der ETA SA Manufactur e Horlogère Suisse, Grenchen, der Patek Philippe SA, Genf, der Rolex SA, Genf, und der Manufacture des Montres Rolex SA, Biel, lizenziert. Das Massnahmepatent war Gegenstand eines vor dem Bu ndespatentge- richt unter der Verfahrensnummer O2012_015 geführte n Nichtigkeitsver- fahrens. Aus dem Nichtigkeitsverfahren O2012_015 existieren zwei Fach- richtervoten des zweiten hauptamtlichen Richters Tobias Bremi. In beiden Fachrichtervoten kam der zweite hauptamtliche Richt er zum Schluss, dass das Klagepatent neu, nicht naheliegend und nic ht unzulässig erwei- tert sei. Nach Erstattung der Fachrichtervoten wurd e das Verfahren O2012_015 vergleichsweise erledigt. 8. Das Massnahmepatent betrifft die Unruh, ein Bautei l eines mechani- schen Uhrwerks, das einen Teil eines Schwingungssys tems bildet, das als Gangregler für das Uhrwerk dient. Das Bauteil u mfasst die eigentliche Unruh bzw. Unruhring und die Spirale bzw. Spiralfeder, die mit einem En- de über eine Spiralrolle mit der Unruhwelle und mit dem anderen Ende an der Unruhbrücke befestigt ist. Die Unruh oszilliert um ihre Gleichge- wichtsposition. Die Spiralfeder besteht aus einem a ufgerollten bandarti- gen Element. Gemäss dem Massnahmepatent (Abs. [0006 ]) war es vor- bekannt, als Material für das bandartige Element ko mplexe Legierungen S2018_006 Seite 5 einzusetzen, um eine Selbstkompensation der Variati on des Elastizitäts- moduls des verwendeten Materials zu erreichen, inde m zwei konträre Einflüsse kombiniert werden, nämlich derjenige der Temperatur und der- jenige der Magnetokonstriktion (also der Kontraktio n eines magnetischen Körpers aufgrund seiner Magnetisierung). Gemäss dem Massnahmepatent (Abs. [0007]) sind bishe r verwendete Spiralen aus Metallen schwierig zu fabrizieren, wei l komplexe Prozesse beherrscht werden müssen und die mechanischen Eigenschaften der Me- talle von einer Charge zur nächsten nicht konstant sind. Die nachfolgende Regulierung der Uhr ist langwierig und erfordert me hrfache manuelle Ein- griffe, zudem müssen viele fehlerhafte Teile elimin iert werden. All dies führt zu einer kostspieligen Produktion. Entsprechend setzt sich das Massnahmepatent (Abs. [ 0009]) zum Ziel, diese Nachteile zu vermeiden, indem eine Spirale vo rgeschlagen wird, bei der die Empfindlichkeit auf thermische Veränder ungen und auf Mag- netfelder minimiert wird. Ferner werde dank Herstel lungsverfahren, die eine perfekte Reproduzierbarkeit sicherstellen, err eicht, dass die Qualität der hergestellten Spiralen keine Fluktuation aufweist. 9. Der erteilte Anspruch 1 des Massnahmepatents lautet in der mass- geblichen französischen Anspruchsfassung und in der Gliederung ge- mäss Massnahmebegehren RZ 19 (akzeptiert in Massnah meantwort RZ 58) wie folgt: 1. Ressort spiral destiné à équiper le balancier d’ une pièce d’horlogerie mécanique et 2. formé d’un barreau (10) en spirale issu du décou page d’une plaque {001} de silicium monocristallin 3. présentant des premier (C 1) et deuxième (C 2) coefficients thermiques de sa constante de rappel C, 4. les spires dudit ressort spiral ayant une largeur w et une épaisseur t, 5. ledit barreau comportant une âme (12) en silicium et 6. une couche externe (14) d’épaisseur ξ formée aut our de l’âme en si- licium et 7. constituée d’un matériau présentant un premier c oefficient thermique du module d'Young de signe opposé à celui du silicium. S2018_006 Seite 6 Die Klägerin macht weiter die Verletzung des abhäng igen Anspruchs 2 geltend, der den obigen Merkmalen das Merkmal „ladi te couche externe (14) est réalisée en oxyde de silicium (SiO 2) amorphe“ hinzufügt. 10. Die Klägerin wirft den Beklagten vor, durch die He rstellung und das Anbieten des Uhrwerks „K1/CMK1“ das Massnahmepatent zu verletzen, da dieses Uhrwerk eine anspruchsgemässe Spiralfeder enthalte. Das be- sagte Uhrwerk wurde von der Momo Plus AG, Biel, ent wickelt, die 2016 von der Beklagten 2 erworben und in „Cendres+Métaux Microtech SA“ (Beklagte 1) umfirmiert wurde. Die Beklagten bestre iten nicht, dass das Uhrwerk „K1/CMK1“ eine Spiralfeder enthält, die all e Merkmale der erteil- ten Ansprüche 1 und 2 aufweist, mit der Ausnahme, d ass die Spiralfeder nicht aus einer Siliziumplatte „ausgeschnitten“ („i ssu du découpage“) werde und die verwendete Einkristall-Siliziumplatte keine {001}- Orientierung der Kristalle aufweise. Es ist unstrit tig, dass die Silizium- wafer, aus denen die in dem Uhrwerk „K1/CMK1“ entha ltenen Spiralfe- dern hergestellt werden, eine {110}-Orientierung der Kristalle aufweisen. 11. Unbestritten ist, dass die Spiralfedern, die in den Uhrwerken „K1/CMK1“ enthalten sind, einen monokristallinen Siliziumkern aufweisen, der von einer rund 3,6 µm dicken Schicht aus amorph em Siliziumoxid (SiO 2) umgeben ist (in der Abbildung 1 ist die äussere S chicht heller dar- gestellt). Siliziumoxid hat einen ersten Temperatur koeffizienten des Y- oung-Moduls mit einem dem Silizium entgegengesetzten Vorzeichen (vgl. Abs. [0068] und [0069] Massnahmepatent). Abbildung 1: Links rund 4‘000-fach vergrösserte Ans icht einer gebrochenen Spiralfeder; rechts rund 15'000-fach vergrösserte Aufnahme der Bruchstelle (Fig. 2) S2018_006 Seite 7 Unbestritten respektive gerichtsnotorisch ist, dass zerstörungsfrei nicht festgestellt werden kann, ob die Merkmale 5-7 beim Verletzungsobjekt vorliegen. Die Siliziumspirale muss dazu zerbrochen /zerschnitten und die Bruchstelle/Schnittstelle mikroskopisch untersucht werden. Bestritten wird von den Beklagten die Beteiligung d er Beklagten 2 an den Verletzungshandlungen. Diese sei bloss Muttergesellschaft der Beklagten 1 und nehme nicht an den Verletzungshandlungen teil. Auf diese und wei- tere bestrittene Behauptungen wird im Rahmen der Be urteilung einge- gangen. Voraussetzungen für den Erlass vorsorglicher Massnahmen 12. Das Gericht trifft gemäss Art. 77 PatG i.V.m. Art. 261 Abs. 1 ZPO die notwendigen vorsorglichen Massnahmen, wenn die gesu chstellende Par- tei glaubhaft macht, dass ein ihr zustehender Anspr uch verletzt ist oder eine Verletzung zu befürchten ist (lit. a, „Verfügu ngsanspruch“) und ihr aus der Verletzung ein nicht leicht wiedergutzumach ender Nachteil droht (lit. b, „Verfügungsgrund“). Glaubhaft gemacht ist eine Tatsachenbehauptung, wen n für deren Vor- handensein gewisse Elemente sprechen, selbst wenn d as Gericht noch mit der Möglichkeit rechnet, dass sie sich nicht ve rwirklicht haben könn- te. 2 Die Anforderungen an die Glaubhaftmachung hängen von der Schwe- re des verlangten vorsorglichen Eingriffs in die Ha ndlungssphäre des Be- klagten ab. Wenn die beantragten vorsorglichen Mass nahmen die Be- klagte schwer beeinträchtigen, sind die Anforderung en höher als wenn die Beklagte nur gering beeinträchtigt wird, was na mentlich bei blossen Sicherungsmassnahmen der Fall ist. 3 13. Nach herrschender Lehre und Rechtsprechung ist der Anspruch auf Erlass einer vorsorglichen Massnahme verwirkt, wenn der Gesuchsteller, nachdem er in der Lage ist, das Gesuch einzureichen , mit dessen Einrei- chung so lange zuwartet, dass ein ordentliches Verf ahren, das er im frü- hesten möglichen Zeitpunkt eingeleitet hätte, eher abgeschlossen wäre als das (verspätet) eingeleitete Massnahmeverfahren (so genannte „rela- tive Dringlichkeit“). 4 Bei einer durchschnittlichen Dauer von ordentliche n 2 BGE 130 III 321 E. 3.3 (st. Rsp.). 3 BPatGer, Urteil S2018_003 vom 24. August 2018, E. 7 – „chaudière miniature“. 4 BGer, Urteil vom 6. Oktober 1981, E. 3, in: SMI 19 83, 148 ff.; HGer ZH, ZR 1996 306 ff., 308 – „Leki-Skistöcke“; HGer AG, U rteil vom 19. Dezember 2001, E. 5 – „Jet-Reactor“, in: sic! 2002, 353 ff.; Rüetschi, Die Verwirkung des S2018_006 Seite 8 Verletzungsverfahren vor dem Bundespatentgericht von rund zwei Jahren bis zum Abschluss der ersten Stufe und einer durchs chnittlichen Dauer von auf Unterlassung gerichteten Massnahmeverfahren von rund acht bis zehn Monaten ergibt sich daher, dass der Anspruch a uf Erlass vorsorgli- cher Massnahmen prozessual verwirkt ist, wenn er mi t der Geltendma- chung rund 14 Monate von dem Zeitpunkt an, in dem e in ordentliches Verfahren hätte eingeleitet werden können, zuwartet. 14. Nach allgemeinen Grundsätzen der Verwirkung eines i mmaterialgü- terrechtlichen Unterlassungsanspruchs durch Zuwarte n genügt für den Beginn der massgeblichen Zeitdauer, wenn der Gesuch steller bei pflicht- gemässer Sorgfalt in der Lage gewesen wäre, ein ord entliches Verlet- zungsverfahren einzuleiten. 5 Tatsächliche Kenntnis von der Patentverlet- zung wird nicht verlangt, sondern es genügt, wenn e r bei der Aufmerk- samkeit, die ein sorgfältiger Marktteilnehmer aufbr ingen muss, hätte Kenntnis haben können. 6 Die Anforderungen an die Marktbeobachtungsobliegenh eit dürfen dabei nach der Lehre nicht überspannt werden (Schweizer Rechtsprechung gibt es dazu ersichtlich keine; die deutsche Rechtsprech ung lehnt eine Markt- beobachtungsobliegenheit grundsätzlich ab 7). Den Patentinhaber trifft nach der Lehre keine Obliegenheit, Konkurrenzproduk te zu zerlegen, um festzustellen, ob sie von der patentgemässen Lehre Gebrauch machen. Nur wo die Patentverletzung bereits aufgrund der äu sserlich wahrnehm- baren Form eines Produkts erkennbar und ohne Erwerb des Produktes feststellbar ist und der Patentinhaber aufgrund der Umstände vom Kon- kurrenzprodukt Kenntnis haben muss, kann man ihm eine Verletzung sei- ner Sorgfaltspflicht vorwerfen, wenn er eine solch offensichtliche Verlet- zung nicht erkennt.8 Anspruchs auf vorsorglichen Rechtsschutz durch Zeit ablauf, sic! 2002, 416 ff., 422. 5 Zum Grundsatz, dass fahrlässige Unkenntnis bei der Verwirkung materieller Ansprüche genügt siehe BGE 117 II 575 E. 4b – „Iba/ Iba.com“; Brauchbar, Die Verwirkung im Kennzeichenrecht unter Berücksichtigu ng der Regelung in der Europäischen Union, Diss. Basel 2001, 82 ff. 6 Ebenso HGer AG, Urteil vom 19. Dezember 2001, E. 5 c) dd) – „Jet-Reactor“, in: sic! 2002, 353 ff. 7 LG Düsseldorf, GRUR 1990, 117, 119 – „Strickwarenhandel II“. 8 Schweizer, Verwirkung patentrechtlicher Ansprüche, sic! 2009, 325 ff., 330. S2018_006 Seite 9 15. Die Beweislast für die Umstände, die auf Rechtsmiss brauch schlies- sen lassen, trägt derjenige, der sich auf Rechtsmissbrauch beruft.9 Da die Verwirkung des Anspruchs auf Erlass vorsorglicher M assnahmen durch Zuwarten ein Ausfluss des (prozessualen) Rechtsmiss brauchsverbots ist, 10 tragen die Beklagten die Beweislast für das Vorliegen der Umstände, die auf ein übermässig langes Zuwarten bis zur Einr eichung des Mass- nahmegesuchs schliessen lassen. Verfügungsanspruch 16. Die Klägerin muss glaubhaft machen, dass sie Inhabe rin (allenfalls ausschliessliche Lizenznehmerin, Art. 75 PatG) eine s in der Schweiz for- mell in Kraft stehenden Patents ist und dass die Be klagte durch ihr zuzu- rechnende Handlungen in den Schutzbereich dieses Pa tents eingreift oder in den Schutzbereich einzugreifen droht. Wende t die Beklagte ein, dass das Massnahmepatent nicht rechtsbeständig sei, so prüft das Bun- despatentgericht im Massnahmeverfahren, ob die Rech tsbeständigkeit des Massnahmepatents unter Berücksichtigung der Einrede glaubhaft ist. Die Beweislast für das Vorliegen von Nichtigkeitsgründen trägt die Partei, die die Feststellung der Nichtigkeit eines Patents einrede- oder widerkla- geweise verlangt; 11 im vorliegenden Fall also die Beklagten. Die Behau p- tungslast folgt nach allgemeiner Regel der Beweislast. 17. Soweit sich die Parteien über das Verständnis des Anspruchs nicht einig sind, ist der geltend gemachte Patentanspruch aus der Sicht des massgebenden Fachmanns im Lichte der Beschreibung u nd der Zeich- nungen auszulegen (Art. 51 Abs. 3 PatG / Art. 69(1) EPÜ). Dazu ist vorab der massgebliche Fachmann zu definieren. Massgeblicher Fachmann 18. Die Kenntnisse und Fähigkeiten des massgeblichen Fa chmannes sind in zwei Schritten zu bestimmen: Zuerst ist das für die zu beurteilende Erfindung massgebliche Fachgebiet, anschliessend Ni veau und Umfang der Fähigkeiten und Kenntnisse des Fachmannes des e ntsprechenden Fachgebiets zu bestimmen. Das massgebliche Fachgebi et bestimmt sich 9 BGE 138 III 425 E. 5.2. 10 Rüetschi, a.a.O., 421. 11 Heinrich, PatG/EPÜ, 3. Aufl. 2018, Art. 26 N 45; F ritz Blumer, in: Bertschinger/Münch/Geiser (Hrsg.), Patentrecht (Han dbücher für die Anwaltspraxis), Basel 2002, Rz. 18.49; CR PI-LBI-Scheuchzer, Art. 26 N 14. S2018_006 Seite 10 nach dem technischen Gebiet, auf dem das von der Er findung gelöste Problem liegt. 12 Die Fähigkeiten und Kenntnisse des Fachmannes umsch reibt das Bun- desgericht mit der Formulierung, der durchschnittli ch gut ausgebildete Fachmann, auf den bei der Beurteilung der erfinderi schen Tätigkeit abge- stellt werde, sei „weder ein Experte des betreffend en technischen Sach- gebiets noch ein Spezialist mit hervorragenden Kenn tnissen. Er muss nicht den gesamten Stand der Technik überblicken, jedoch über fundierte Kenntnisse und Fähigkeiten, über eine gute Ausbildu ng sowie ausrei- chende Erfahrung verfügen und so für den in Frage s tehenden Fachbe- reich gut gerüstet sein“. 13 Was dem fiktiven Fachmann fehlt, ist jede Fä- higkeit des assoziativen oder intuitiven Denkens. 14 19. Die Beklagten definieren den massgeblichen Fachmann wie folgt: „Team au s ei nem In gen ieur mit Ke nntni ss en in der Mikromechanik , welch er in der Uhrenindust rie t ätig i st, und einem Physike r mit Kenntnissen in der Festkörperphysik, insbesondere a uf d em Geb iet der Halbleitermaterialien.“ Die Klägerin definiert den Fachmann dagegen in ihre r Stellungnahme zur Einrede der Nichtigkeit wie folgt: „ein auf dem Gebiet der mechanischen Uhrmacherei sp ezialisierter Mikromechaniker, allenfalls im Team mit einem Physiker mit Spezia- lisierung im Bereich Mikrofabrikationstechniken (Ät zverfahren und Auftragen von dafür geeigneten Schichten auf Substrate)“ 20. Umstritten ist insbesondere, ob sich die Kenntniss e des Fachmanns auf die elektronische Uhrmacherei und Halbleitermat erialien erstrecken. Die Klägerin bestreitet dies namentlich mit dem Hin weis, weder der von den Beklagten vorgebrachte nächstliegende Stand der Technik EP 0 732 635 A1 („EP 635“) noch das Massnahmepatent hätten mit Halbleitermate- rialien zu tun, und mechanische Uhrwerke einerseits und elektronische Uhrwerke andererseits würden in Unternehmen gängigerweise von unter- schiedlichen technischen Teams entwickelt bzw. hergestellt. 12 BPatGer, Urteil S2017_001 vom 1. Juni 2017, E. 4.4. 13 BGE 120 II 71 E. 2. 14 BGE 120 II 312 E. 4b – „cigarette d‘un diamètre in férieur“; CR-PI-LBI- Scheuchzer, Art. 1 N 122. S2018_006 Seite 11 Tatsächlich bezieht sich das Massnahmepatent offensichtlich ausschliess- lich auf mechanische Uhrwerke, Elektronik ist darin nicht angesprochen. Silizium ist zwar ein Halbleiter, im vorliegenden F all spielen jedoch die entsprechenden elektrischen Eigenschaften, die in d er Halbleitertechno- logie zur Herstellung von elektronischen Bauelement en ausgenutzt wer- den, keine Rolle. Das für die Herstellung von elektronischen Baugrupp en wie elektroni- schen Uhrwerken benötigte Know-how unterscheidet si ch fundamental vom Know-how, das zur Herstellung mechanischer Uhrw erke zum Ein- satz kommt (behauptet in der Stellungnahme zur Mass nahmeantwort: ganz andere technische Herausforderungen und Proble me). Daran än- dert nichts, dass in Nischenbereichen Uhrwerke herg estellt werden, die Elemente eines mechanischen Uhrwerks und elektronis che Komponen- ten kombinieren, z. B. Quarzuhren mit automatischer Energieerzeugung oder mechanische „Smart Watches“. Wenn (grössere) Unternehmen überhaupt sowohl mechan ische als auch elektronische Uhrwerke entwickeln und herstellen, s o ist davon auszuge- hen, dass daran unterschiedliche Teams beteiligt si nd (so zutreffend in der Stellungnahme zur Massnahmeantwort; die Behaupt ung der Beklag- ten anlässlich der mündlichen Verhandlung, dies sei nicht behauptet wor- den, ist falsch). Somit handelt es sich beim Fachmann im vorliegenden Fall um einen auf dem Gebiet der mechanischen Uhrmacherei spezialisie rten Mikromecha- niker, im Team mit einem Physiker mit Spezialisieru ng im Bereich Mikro- fabrikationstechniken. Es ist davon auszugehen, das s der Fachmann über keine besonderen Kenntnisse der elektronischen Uhrmacherei ver- fügt. Auslegung des geltend gemachten Patentanspruchs 21. Geltend gemacht werden die erteilten Ansprüche 1 u nd 2. Ausge- hend vom Schriftenwechsel scheint der Begriff „issu du découpage“ im Merkmal 2 auslegungsbedürftig zu sein. Im Merkmal 2 ist festgehalten, dass der spiralförmi ge Stab durch Aus- schneiden aus einer Einkristall-Siliziumplatte {001} erhalten wird („issu du découpage d‘une plaque {001} de silicium monocristallin“). S2018_006 Seite 12 Die Beklagten führen in ihrer Massnahmeantwort aus, die angegriffene Siliziumspirale werde nicht „ausgeschnitten“, sonde rn durch ein Plasma- Ätzverfahren hergestellt. Damit implizieren sie, der Begriff „Ausschneiden“ im Merkmal 2 umfasse diese Herstellungsweise nicht. Wie der Begriff kor- rekt auszulegen ist, tragen die Beklagten hingegen ebenso wenig wie die Klägerin vor. Da die Auslegung des Patentanspruchs eine Rechtsfrage ist, 15 geht die Annahme der Beklagten fehl, das Gericht d ürfe den An- spruch mangels entsprechenden Vortrags der Klägerin nicht so auslegen, dass er auch etwas anderes als einen Schneidprozess erfasst. 22. Die Bedeutung des Begriffs „découpage“ im Merkmal 2 ist nicht ein- deutig, so kann damit ein Schneidprozess im engeren Sinn gemeint sein, wobei z. B. eine Drahtsäge, ein Laserstrahl oder ei n Wasserstrahl- Schneidsystem zum Einsatz gelangt. Es kann aber auc h in einem weite- ren Sinn verstanden werden, wonach es nur darauf an kommt, dass das Bauteil aus einem Material herausgearbeitet wird. Der Fachmann wird somit zur Auslegung die Beschreib ung des Mass- nahmepatents konsultieren. Dort ist im Abs. [0019] ausdrücklich die Plasmabearbeitung als Beispiel für einen Schneidpro zess genannt (“un barreau découpé en spirale issu de l‘usinage, par e xemple par plasma, d‘une plaque {001} de silicium monocristallin“). Zw ar existiert auch ein „Plasmaschneidprozess“ („découpage plasma“) nebst d en plasmaunter- stützten Ätzverfahren, dieser Plasmaschneidprozess ist aber primär für metallische Materialien (insbesondere Stahl) bestim mt, während bei der Verarbeitung von Silizium-Substraten plasma-unterst ützte Ätzverfahren zum Einsatz gelangen. Dies ergibt sich beispielswei se auch aus der von den Beklagten vorgelegten EP 635. Der Fachmann wird somit davon ausgehen, dass im Abs . [0019] ein plasma-unterstütztes Ätzverfahren gemeint ist. Ents prechend wird er den Begriff „ausgeschnitten“ bzw. „découpage“ nicht in einem engen Sinn auf- fassen, sondern analog zu „herausarbeiten“, so dass auch der plasma- unterstützte Ätzprozess als Beispiel für ein solche s „Ausschneiden“ un- mittelbar vom Merkmal 2 erfasst ist. 15 BGer, Urteil 4A_142/2011 vom 31. Mai 2011, E. 1.3 – „antimykotischer Stift“. S2018_006 Seite 13 Rechtsbeständigkeit 23. Was sich in nahe liegender Weise aus dem Stand der Technik ergibt, ist keine patentierbare Erfindung (Art. 1 Abs. 2 Pa tG / Art. 56 EPÜ). Um eine unzulässige ex-post-Betrachtung auszuschliesse n, verlangt das Bundesgericht eine nachvollziehbare Methode der Beurteilung. 16 Dazu bedarf es mindestens der Feststellung der Erfi ndung, des Standes der Technik sowie des massgeblichen Fachmannes und seines Wissens und Könnens. 17 Es ist dann zu fragen, „ob ein Fachmann nach all d em, was an Teillösungen und Einzelbeiträgen den Stand d er Technik aus- macht, schon mit geringer geistiger Anstrengung auf die Lösung des Streitpatents kommen kann oder ob es dazu zusätzlic hen schöpferischen Aufwandes bedarf. [_] Es sollen keine Lehren patent iert werden, die der Fachmann in Kenntnis des Standes der Technik und ge stützt auf seine durchschnittlichen Fähigkeiten folgerichtig aus dem Stand der Technik entwickeln kann; [_]“. 18 Das Bundespatentgericht wendet bei der Beurteilung der erfinderischen Tätigkeit konsequent den vom Europäischen Patentamt (EPA) entwickel- ten Aufgabe-Lösungs-Ansatz an. 19 Der Aufgabe-Lösungs-Ansatz gliedert sich in drei Phasen: i) Ermittlung des „nächstliege nden Stands der Tech- nik“, ii) Bestimmung der zu lösenden „objektiven te chnischen Aufgabe“ und iii) Prüfung der Frage, ob die beanspruchte Erf indung angesichts des nächstliegenden Stands der Technik und der objektiv en technischen Auf- gabe für die Fachperson naheliegend gewesen wäre. 20 Unter dem nächstliegenden (auch „nächstkommenden“) Stand der Tech- nik ist die in einer einzigen Quelle offenbarte Kombination von Merkmalen zu verstehen, die den erfolgversprechendsten Ausgan gspunkt für eine Entwicklung darstellt, die zur beanspruchten Erfind ung führt. 21 Der nächstliegende Stand der Technik sollte auf einen ä hnlichen Zweck oder 16 BGer, Urteil 4C.52/2005 vom 18. Mai 2005, E. 2.3 – „Kunststoffdübel“. 17 BGer, a.a.O. 18 BGE 138 III 111 E. 2.1 – „Induktionsherd“; Urteil 4A_541/2013 vom 2. Juni 2014, E. 5.2.1 – „Fugenband“; Urteil 4A_541/2017 vo m 8. Mai 2018, E. 2 – „Fulvestrant II“ (zur Publikation vorgesehen). 19 BPatGer, Urteil O2013_008 vom 25. August 2015, E. 4.4 – „elektrostatische Pulversprühpistole“; Urteil S2017_001 vom 1. Juni 2 017, E. 4.6 – „Valsartan/Amlodipin Kombinationspräparat“; Urteil O2015_011 vom 29. August 2017, E. 4.5.1 – „Fulvestrant“. 20 Richtlinien für die Prüfung im EPA, Ausgabe November 2017, G-VII, 5. 21 Beschwerdekammer des EPA, Entscheidung T 606/89 vo m 18. September 1990. S2018_006 Seite 14 eine ähnliche Wirkung wie die Erfindung gerichtet s ein. 22 Die Wahl des Ausgangspunkts ist zu begründen. 23 Den Aufgabe-Lösungs-Ansatz bezeichnet das Bundesger icht als nützli- ches Werkzeug, um die Beurteilung der erfinderischen Tätigkeit zu objek- tivieren und eine rückschauende Betrachtungsweise s oweit möglich zu vermeiden, seine Anwendung ist aber nicht zwingend.24 24. Die Beklagten machen in der Massnahmeantwort die f ehlende Rechtsbeständigkeit der massgeblichen Ansprüche des Massnahmepa- tents mangels erfinderischer Tätigkeit geltend. Als nächstliegender Stand der Technik wird die EP 635 herangezogen. Diese wir d mit der US 5,783,973 A („US 973“) und der US 2002/0104475 A1 ( „US 475“) kombi- niert. Die Beklagten behaupten, dass die EP 635 kumulativ die Merkmale 1 bis 6 des Massnahmepatents offenbare. Die Klägerin ist demgegenüber der Ansicht, in der E P 635 sei nicht expli- zit offenbart, dass eine Spiralfeder aus einem durc h Ausschneiden aus einer Einkristall-Siliziumplatte erhaltenen Stab ge bildet wird (Merkmal 2, 5). Man gelange erst durch eine Auswahl aus mehrere n Listen zu einer monokristallinen Siliziumspiralfeder. Auch eine ein en Siliziumkern um- schliessende Aussenschicht aus einem Oxid sei nicht offenbart. Die Spi- ralfeder müsse zudem zunächst aus einer Liste genannter Uhrenbestand- teile ausgewählt werden, so dass auch das Merkmal 1 ein Unterschei- dungsmerkmal darstelle. Die Klägerin behauptet zwar , dass EP 635 „ein denkbar ungeeigneter Ausgangspunkt“ für die Beurtei lung der erfinderi- schen Tätigkeit sei. Sie schlägt aber keinen andere n Ausgangspunkt vor. EP 635 ist zumindest nicht derart ungeeignet, dass eine Prüfung der er- finderischen Tätigkeit ausgehend von dieser Entgege nhaltung zu einer rückschauenden Betrachtung führen würde, weshalb di e Entgegenhal- tung angesichts der bundesgerichtlichen Rechtsprech ung 25 als Aus- gangspunkt zu akzeptieren ist. Unbestritten ist, dass die EP 635 weder das Merkmal 7 offenbart, wonach die Aussenschicht aus einem Material besteht, das einen ersten Tempera- 22 BPatGer, Urteil S2017_001 vom 1. Juni 2017, E. 4.6. 23 BGer, Urteil 4A_282/2018 vom 4. Oktober 2018, E. 4 .3 – „balancier de montre“. 24 BGE 138 III 111 E. 2.2; Urteil 4A_541/2013 vom 2. Juni 2014, E. 5.2.1 – „Fugenband“. 25 BGer, Urteil 4A_391/2011 vom 23. Dezember 2011, E 2.2 – „Induktionsherd“. S2018_006 Seite 15 turkoeffizienten des Young-Moduls mit einem dem Sil izium entgegenge- setzten Vorzeichen aufweist, noch das Merkmal des a bhängigen An- spruchs 2, wonach die Aussenschicht aus amorphem Si liziumoxid (SiO 2) erzeugt wird bzw. besteht. 25. Die EP 635 betrifft mikromechanische Teile, insbes ondere für me- chanische Uhrwerke (EP 635, Sp. 1:3-12). Als Nachte ile der vorbekann- ten metallischen Teile werden a) erhebliche Träghei ten bzw. Trägheits- momente, b) hohe Reibungskoeffizienten, c) die Oxid ation gewisser me- tallischer Oberflächen und damit einhergehende Reibung, d) hohe lineare Ausdehnungskoeffizienten und e) die Magnetisierung gewisser metalli- scher Teile genannt (EP 635, Sp. 1:30-50). Jeder di eser Faktoren könne bei mechanischen Uhrwerken zu einer Beeinträchtigun g der Ganggenau- igkeit führen (EP 635, Sp. 1:51-54). Die EP 635 setzt sich vor dem Hintergrund dieser Na chteile zur Aufgabe, mikro-mechanische Teile zu schaffen, deren intrinsi sche Eigenschaften die Herstellung besonders leistungsfähiger Mechanis men ermöglichen (EP 635, Sp. 1:55-58). Die Aufgabe wird gelöst, indem Teile aus einer Grun dplatte eines ersten kristallinen Materials durch anisotropisches Trocke nätzen („attaque (à sec) anisotropique“) in Richtung der Materialdicke mittels eines plasma- angeregten Gases ausgeschnitten werden (EP 635, Sp. 2:1-6). Diejeni- gen Abschnitte der Teile, die mit anderen Teilen zu sammenwirken sollen, werden anschliessend durch chemische Gasphasenabsch eidung mit ei- ner Schicht eines zweiten Materials versehen, das e ine hohe Beständig- keit und vorgegebene Reibungskoeffizienten aufweist (EP 635, Sp. 2:6- 10). In Bezug auf das erste kristalline Material wird eine Liste mit acht Materia- lien angegeben, die u. a. monokristallines Silizium , polykristallines Silizi- um, Siliziumoxid und Siliziumnitrid umfasst (EP 635, Sp. 2:11-16; Sp. 6:1- 8). Beim zweiten Material für die Beschichtung handelt es sich bevorzugt um in Diamantform kristallisierten Kohlenstoff, dessen Oberfläche gegebe- nenfalls mit Sauerstoff versetzt („oxygénée“), hydr iert oder fluoriert sein kann. Ebenso möglich sind amorphe Kohlenstoffschich ten (DLC), Titan- carbid oder -nitrid, Siliziumcarbid oder -nitrid, B ornitrid in hexagonaler o- der kubischer Form oder Titandiborid (Sp. 2:17-24). S2018_006 Seite 16 Keines dieser Materialien scheint einen Youngschen Modul zu haben, der ein gegenüber Silizium umgekehrtes Vorzeichen aufwe ist. Zudem kann festgehalten werden, dass Siliziumoxid weder in der Liste für das zweite Material enthalten ist noch sonst irgendwo in der E P 635 als Material für eine dauerhafte Beschichtung des zu schaffenden mikro-mechanischen Teils vorgeschlagen wird. Als Vorteile der verwendeten Materialien erwähnt si nd namentlich die ge- ringe Dichte, der geringe Ausdehnungskoeffizient un d der Amagnetismus (EP 635, Sp. 2:37-41) bzw. die reduzierte Trägheit, eine reduzierte Sensi- bilität in Bezug auf die Temperatur und natürliche Magnetfelder (EP 635, Sp. 4:44-48). Als mikromechanische Teile, auf welche die beschriebene Lehre anwend- bar ist, explizit genannt sind Zahnräder, Ritzel, S piralfedern, Anker und Hebel (EP 635, Sp. 4:8-13, 40-44). Die Detailbeschreibung bezieht sich beispielhaft auf die Herstellung eines Ankers für das Uhrwerk. Mit wenigen Anpassungen las se sich das be- schriebene Verfahren auch auf andere Uhrwerksteile wie z. B. die Spiral- feder bzw. die Unruh übertragen (EP 635, Sp. 4:49-59). Zur Herstellung des Ankers wird eine Platte aus ein em kristallinen Grundmaterial mit einem Substrat verschweisst (EP 6 35, Sp. 5:51-54). Als mögliche Materialien sind wieder die acht vorst ehend genannten er- wähnt, es wird dann aber im Ausführungsbeispiel weiter von einer (mono- kristallinen oder polykristallinen) Siliziumplatte ausgegangen (EP 635, Sp. 6:1-13). Die Platte wird mit Siliziumoxid besch ichtet (EP 635, Sp. 6:17-18). Diese Schicht wird anschliessend bere ichsweise entfernt, so dass entsprechend der Form des herzustellenden A nkers eine Maske für das nachfolgende Plasmagravur-Verfahren gebildet wird (EP 635, Sp. 6:24-43). Nach erfolgter Plasmagravur lässt sich de r Anker vom Substrat lösen, anschliessend wird die auf der oberen Fläche des Ankers verblie- bene Oxidschicht der Maske chemisch entfernt, und d as Teil wird che- misch gereinigt (EP 635, Sp. 7:48-56). Auf das Teil können anschliessend komplementäre Beh andlungsschritte angewandt werden, z. B. ein Beschichtungsverfahren mit einem zweiten, harten Material mit vorgegebenem Reibungskoeffizien ten, das auf das ganze Teil oder – mittels einer Maske – auf diejeni gen Bereiche ange- wandt wird, die mit anderen Teilen zusammenwirken s ollen (EP 635, Sp. 8:3-15). S2018_006 Seite 17 Der Fachmann entnimmt der EP 635 somit, dass mikro- mechanische Tei- le für mechanische Uhrwerke, z. B. Spiralfedern, au s kristallinen Materia- lien gefertigt werden können, wobei eine Auswahl au s acht Materialien konkret angegeben ist. Die Teile werden mit Vorteil mit einer tribologi- schen Beschichtung versehen, wobei hierzu ebenfalls mehrere Materia- lien vorgeschlagen werden. Vorteile bieten die Teile, die gemäss der Leh- re der EP 635 gefertigt werden, insbesondere in Bezug auf eine geringere Trägheit (aufgrund reduzierter Dichte), eine reduzi erte Sensibilität in Be- zug auf die Temperatur (aufgrund eines geringeren ( linearen) Ausdeh- nungskoeffizienten) und auf natürliche Magnetfelder (aufgrund amagneti- scher Eigenschaften). Wird zudem eine tribologische Schicht aufge- bracht, ergeben sich ausserdem verbesserte Reibungs eigenschaften beim mechanischen Zusammenwirken mit weiteren Teilen. Eine Beschichtung aus Siliziumoxid ist ausschliesslich in Bezug auf einen Zwischenschritt bei der Herstellung erwähnt, die da nach verbliebene Schicht soll wieder entfernt werden. Für die tribol ogische Beschichtung wird Siliziumoxid als Material nicht vorgeschlagen. In Bezug auf Metalle werden in der EP 635, Sp. 1:39-42, Oxidschichten, d ie sich durch natürli- che Oxidation auf Metalloberflächen bilden, als ung ünstig für die Rei- bungseigenschaften beschrieben. Wenn eine weitere Schicht aus der in der EP 635 vor geschlagenen Aus- wahl aufgebracht wird, ergibt sich beim fertigen Teil auch aufgrund der zu erwartenden Oxidation keine Aussenschicht aus Siliz iumoxid. Wird das Teil aus Silizium hergestellt, dürfte sich im Fall, dass keine weitere tribo- logische Schicht aufgebracht wird, aufgrund der Oxi dation eine sehr dün- ne Siliziumoxidschicht auf der (gesamten) Oberfläch e ausbilden. Der Fachmann erkennt aber ohne weiteres, dass die Stärk e einer solchen Schicht derart gering sein wird, dass sie keinen me ssbaren Einfluss auf das thermische Verhalten des gesamten Teils haben w ird, dass es sich also nicht um eine „Aussenschicht“ im Sinn des Mass nahmepatents han- delt. Somit offenbart die EP 635 u. a. eine zur Ausrüstun g einer Unruh einer mechanischen Uhr bestimmte Spiralfeder (Merkmal 1). Diese wird not- wendigerweise aus einem „Stab“ mit einem ersten und zweiten Tempera- turkoeffizienten der Rückholkonstante der Spiralfed er bestehen (Merk- mal 3) und Windungen mit einer gewissen Breite und Dicke aufweisen (Merkmal 4). Ebenso sind ein Kern und eine (tribolo gische) Aussen- schicht erwähnt (Merkmal 6). S2018_006 Seite 18 26. Nicht unmittelbar aus der EP 635 geht hervor, dass die Spiralfeder aus einem durch Ausschneiden aus einer Einkristall- Siliziumplatte {001} erhaltenen Stab gebildet ist (Merkmal 2). Dazu muss zunächst Silizium aus einer Auswahl von acht Materialien ausgewählt w erden, anschlies- send noch die Kristallorientierung {001} aus den dr ei entsprechenden Möglichkeiten. Zwar werden mono- und polykristallin es Silizium als be- vorzugte Materialien bezeichnet, eine Auswahl von m onokristallinem Sili- zium und der geforderten Orientierung ist aber auch ausgehend davon noch notwendig. Die Aussenschicht weist keinen erst en Temperaturkoef- fizienten auf, der dem Merkmal 7 entspricht, und be steht nicht aus Silizi- umoxid (Merkmal gemäss abhängigem Anspruch 2; im Fo lgenden zu- sammen die „ Unterscheidungsmerkmale “). Die Unterscheidungsmerkmale sollen gemäss dem Massn ahmepatent – aufgrund der Kompensation der Youngschen Module – e ine Minimierung der Empfindlichkeit auf äussere Temperatureinflüsse bewirken. Dies ist der primäre technische Effekt, der sich aus den Unterscheidungsmerkma- len ergibt. Er soll zur Folge haben, dass das mecha nische Uhrwerk als Ganzes eine erhöhte Ganggenauigkeit aufweist. 27. Die objektive Aufgabe, welcher der zu beurteilenden Merkmalskom- bination zugrunde liegt, muss nun so formuliert wer den, dass sie keine technischen Lösungsansätze enthält, damit eine rück schauende Betrach- tungsweise vermieden wird. Bei der von den Beklagte n formulierten Auf- gabe sind diese Erfordernisse nicht erfüllt: Zum einen wird dort bereits auf eine Spiralfeder aus Silizium abgestellt, zum anderen regt die Aufgabe den Fachmann bereits an, die Lösung im Bereich der Temperaturempfind- lichkeit (bzw. -unempfindlichkeit) der Rückholkonstante zu suchen. Ausgehend vom genannten technischen Effekt und unte r Berücksichti- gung der Unterscheidungsmerkmale ergibt sich vielme hr die objektive technische Aufgabe , die Spiralfeder einer Unruh weiterzubilden im Hin - blick auf eine Erhöhung der Ganggenauigkeit eines d amit ausgestatteten mechanischen Uhrwerks auch bei äusseren Einflüssen auf dasselbe. Die Aufgabe wird gemäss Anspruch 1 gelöst, indem di e Spiralfeder einen Kern aus monokristallinem Silizium {001} umfasst un d eine Beschichtung aus einem Material, das einen ersten Temperaturkoeffizienten des Young- Moduls mit einem dem Silizium entgeg engeset zten Vorzeichen aufweist. Gemäss Anspruch 2 besteht die Beschichtung zudem au s amorphem Si- liziumoxid. S2018_006 Seite 19 28. Die Beklagten machen nun geltend, der Gegenstand de r Ansprüche 1 und 2 ergebe sich in naheliegender Weise aus der Kombination der EP 635 in einem ersten Schritt mit der US 973 und i n einem zweiten Schritt mit der US 475. 29. Ausgehend von der Lehre der EP 635 selbst hat der Fachmann keine Veranlassung, zur Lösung der gestellten Aufgabe Mas snahmen in Bezug auf die Temperaturempfindlichkeit der Spiralfeder v orzunehmen, denn er erfährt aus der EP 635 u. a. dass die mit dem vorgeschlagenen Verfahren hergestellten Bauteile nebst anderen Vorteilen bere its unempfindlich auf Temperatureinflüsse sein sollen (EP 635, Sp. 4:45-48). Ohnehin beziehen sich die detaillierten Ausführungen der EP 635 prim är auf einen Anker ei- nes mechanischen Uhrwerks, der in vielerlei Hinsich t andere Anforderun- gen in Bezug auf Faktoren wie Trägheit, Tribologie, Magnetismus und Temperatur stellt als die Spiralfeder einer Unruh. Aus den Hinweisen in der Detailbeschreibung der EP 635 kann der Fachmann somit nicht auf bei einer Spiralfeder zu treffende Massnahmen schliessen. Die Offenbarung der EP 635 selbst bringt den Fachma nn somit bei der Lösung der objektiven technischen Aufgabe nicht weiter. 30. Die von den Beklagten ins Feld geführte US 973 bef asst sich mit Frequenz- und Spannungsreferenzen, insbesondere tem peraturunemp- findlichen Oszillatoren und gegen Strahlung geschüt zten, durch ein mik- ro-mechanisches Gyroskop gebildeten Präzisionsspann ungsreferenzen (US 973, Sp. 1:6-9). Ausgegangen wird von Quarz-Oszillatoren, wie sie in Uhren und Computern eingesetzt werden (US 973, Sp. 1:13-14). Tempe- raturunempfindliche Quarz-Oszillatoren seien aber nur von wenigen Quel- len zu beziehen, ausserdem seien Quarz-Oszillatoren typischerweise zu gross (3-5mm lang) für mikromechanische Anwendungen (US 973, Sp. 1:21-27). Weiter seien bekannte Quarz-Resonatoren nicht als strahlungs- gehärtete Präzisionsspannungsreferenzen („radiation hard precision vol- tage references (PVRs)“) geeignet, namentlich würden sie entsprechende Bedingungen für den Einsatz in strategischen Raketenlenksystemen nicht erfüllen (US 973, Sp. 1:28-38). Entsprechend schlägt die US 973 vor, mikromechanisc h gefertigte, ther- misch unempfindliche Resonatoren aus Silizium einzusetzen, und zwar in Form eines Stimmgabel-Gyroskops (US 973, Sp. 1:43-5 2). Dabei handelt es sich um eine auf einem Glassubstrat ausgebildete Struktur, die eine Probemasse aufweist, die durch eine Kraftelektrode bewegt und durch eine Detektionselektrode erfasst wird (US 973:53-59 ; Anspruch 1). Die S2018_006 Seite 20 Kraftelektrode wird durch eine Spannungsquelle gesp eist, die Detekti- onselektrode liefert ein Bewegungssignal der Probemasse an eine Detek- tionselektronik, letztere generiert daraus eine Ref erenzfrequenz (US 973, Sp. 2:56 bis Sp. 3:3; Anspruch 1). Mechanisch umfassen die offenbarten Stimmgabel-Gyro skope jeweils kammartig mit der über einer Glasplatte aufgehängte n Probemasse zu- sammenwirkende Strukturen (US 973, Fig. 3 – 5; Sp. 4:1-4, 18-46). Die Probemasse wird aus Silizium, das Substrat aus Glas (z. B. Pyrex o. ä.) gefertigt (US 973, Sp. 5:25-28). Dadurch ergibt sic h eine Kompensation des Youngschen Moduls in Bezug auf die Elemente aus Silizium einer- seits und das Glassubstrat andererseits (US 973, Sp. 5:29-35). Obwohl sich die US 973 mit mikromechanischen Elemen ten aus Silizium und der Reduktion einer Temperaturempfindlichkeit d amit versehener Baugruppen befasst, würde sie der Fachmann nicht zu r Lösung der ge- stellten Aufgabe heranziehen: Zunächst betrifft sie ein entferntes techno- logisches Gebiet und einen ganz anderen Anwendungsb ereich. Dem Fachmann wäre somit die Literatur aus diesem Gebiet gar nicht bekannt, und er würde nicht erwarten, aus Veröffentlichungen zu diesem Anwen- dungsbereich Hinweise auf die Lösung eines Problems im Zusammen- hang mit mechanischen Uhrwerken zu erhalten; dies s chon deshalb, weil die zu erwartenden Temperaturbereiche und die Zeits kalen der Tempera- turänderungen bei Lenkwaffen einerseits und bei mec hanischen Uhren andererseits ganz unterschiedlich sein dürften. Selbst wenn dem Fachmann die US 973 bekannt sein sollte, würde er die Anwendung ihrer Lehre auf die aus der EP 635 bekann ten Silizium- Spiralfedern für den Uhrenbereich nicht in Betracht ziehen, denn die Ge- ometrie der Stimmgabelgyroskope unterscheidet sich fundamental von derjenigen einer Spiralfeder und der Fachmann erwar tet nicht, dass Massnahmen in Bezug auf Stimmgabelgyroskope unverändert auf Spiral- federn übertragen werden können. Schliesslich lehrt die US 973, ein Substrat aus einem Material, namentlich Glas, herzustellen, dessen Youngscher Modul – vergl ichen mit demjeni- gen eines über dem Substrat aufgehängten Silizium-Bauteils – einen der- artigen Wert hat, dass sich eine thermische Autokompensation ergibt. Die Spiralfeder der EP 635 wirkt aber nicht in der Art des Stimmgabel- Gyroskops mit einem Substrat zusammen, das in Bezug auf den Youngschen Modul ausgewählt oder modifiziert werden könnte. Der Fachmann erhielte aus der US 973 somit keinen Hinwe is, wie er deren S2018_006 Seite 21 Lehre überhaupt auf die Spiralfeder des nächstliege nden Standes der Technik anwenden könnte. Ergänzend ist anzumerken, dass die US 973 ohnehin k eine äussere Schicht auf einem massgeblichen Element aus Siliziu m offenbart und auch nicht, dass dieses Element aus monokristalline m Silizium gefertigt ist. Die US 973 vermag den Fachmann somit ausgehend vom nächstliegen- den Stand der Technik nicht in Richtung des Gegenst andes des An- spruchs 1 des Massnahmepatents zu führen. 31. Auch die weiter zitierte US 475 vermag diese Lücken nicht zu füllen: Sie bezieht sich auf ein Verfahren zur Herstellung eines Blocks aus kris- tallinem Material mit einer <110>-Kristallrichtung und mit grossem Durchmesser (US 475, Abs. [0001]). Sie vermag dem F achmann somit keine Hinweise in Bezug auf die Lösung der gestellten Aufgabe zu vermit- teln. Somit erscheint der Gegenstand des Anspruchs 1 des Massnahmepa- tents erfinderisch. Dieses Ergebnis überträgt sich automatisch auf den vom Anspruch 1 abhängigen Anspruch 2. Verletzung 32. Die Klägerin macht im Massnahmegesuch vom 13. Sept ember 2018 geltend, die Siliziumspiralfeder der Beklagten weis e die Merkmale 1, 3-7 sowie das Merkmal gemäss abhängigem Anspruch 2 wort sinngemäss auf. In Bezug auf das Merkmal 2 macht die Klägerin eine Verletzung in äquivalenter Weise geltend: Die Siliziumspiralfeder der Beklagten sei aus einem {110}-Wafer aus monokristallinem Silizium geschnitten worden. Ei- ne derartige Spiralfeder erziele objektiv die gleic he Wirkung für die Ver- wirklichung der technischen Lehre wie die im Massna hmepatent bean- spruchte Spiralfeder aus einer Einkristall-Siliziumplatte {001}, weshalb die Gleichwirkung zu bejahen sei. Es sei für den Fachma nn im Lichte der Lehre des Massnahmepatents naheliegend gewesen, das s im Rahmen der Erfindung die Spiralfeder aus einem {110}-Wafer objektiv dieselbe Funktion erfüllt wie eine Feder aus einem {001}-Waf er, weshalb auch die Auffindbarkeit zu bejahen sei. Der Fachmann hätte z udem bei Orientie- rung im Anspruchswortlaut im Lichte der Beschreibun g das ersetzte Merkmal als gleichwertige Lösung in Betracht gezoge n. Somit sei auch die Gleichwertigkeit zu bejahen. S2018_006 Seite 22 In der Massnahmeantwort vom 23. Oktober 2018 bestre iten die Beklag- ten die Verletzung des Merkmals 2: Zum einen werde die Siliziumspiral- feder nicht ausgeschnitten, sondern durch ein Plasm a-Ätzverfahren her- gestellt, zum anderen stelle die aus Siliziumwafern der Orientierung {110} hergestellte Spiralfeder keine äquivalente Verwirklichung des Merkmals 2 dar. Die äquivalente Verletzung scheitere am Kriter ium der Gleichwertig- keit – entsprechend wird denn in Bezug auf die Äqui valenz auch nur die- ser Punkt substanziiert bestritten. 33. Was das Teilmerkmal „durch Ausschneiden aus einer E inkristall - Siliziumplatte“ betrifft, so geht der Fachmann, wie vorne in E. 23 disku- tiert, davon aus, dass „Ausschneiden“ („découpage“) nicht in einem en- gen Sinn aufzufassen ist, sondern analog zu „heraus arbeiten“ und dass entsprechend auch ein plasma-unterstützter Ätzproze ss vom Merkmal 2 erfasst ist. Dieses Teilmerkmal ist somit wortsinngemäss verwirklicht. 34. Der Schutzbereich des Patents wird durch die Patent ansprüche be- stimmt (Art. 51 Abs. 2 PatG / Art. 69(1) EPÜ). Das Auslegungsprotokoll zu Art. 69 EPÜ (SR 0.232.142.25) hält fest, dass bei d er Bestimmung des Schutzbereichs des europäischen Patents solchen Elementen gebührend Rechnung zu tragen ist, die Äquivalente der in den Patentansprüchen genannten Elemente sind. Das Patentgesetz bestimmt in Art. 66 lit. a, dass nicht nur Nachmachungen, sondern auch Nachahmu ngen von pa- tentierten Erfindungen als widerrechtliche Benutzun gen der Erfindung gelten, womit die Benutzung durch äquivalente Mittel gemeint ist. 26 Ob eine Verletzung durch äquivalente Mittel gegeben ist, bestimmt sich nach den folgenden drei Fragen, von denen die erste n zwei bejaht und die letzte verneint werden muss, damit eine Verletzung vorliegt:27 1. Erfüllt das abgewandelte Merkmal im Zusammenwirk en mit den übri- gen technischen Merkmalen des Patentanspruchs objektiv die gleiche Funktion wie das beanspruchte Merkmal? 28 2. Ist die Gleichwirkung für den Fachmann bei objek tiver Betrachtung unter Berücksichtigung der Lehre des Patents offensichtlich, wenn die Merkmale ausgetauscht sind?29 26 BGE 143 III 666 E. 4.5 – „Pemetrexed“. 27 BPatGer, Urteil O2015_018 vom 15. Juni 2018, E. 60 – „instrument d’écriture“. 28 BGE 143 III 666 E. 5.3.3 – „Pemetrexed“; BPatGer, Urteil S2013_001 vom 21. März 2013, Leitsatz; Urteil O2014_002 vom 25. Janua r 2016, E. 6.5.2.3 – „Urinalventil“. S2018_006 Seite 23 3. Gelangt der Fachmann bei objektiver Lektüre der Patentschrift zum Schluss, der Patentinhaber habe den Anspruch – aus welchen Grün- den auch immer – so eng formuliert, dass er den Sch utz für eine gleichwirkende und auffindbare Ausführung nicht beansprucht? 30 Die Entstehungsgeschichte bzw. das Erteilungsverfah ren ist für die Aus- legung der Patentansprüche und damit auch für die B estimmung des Schutzbereichs grundsätzlich nicht massgebend.31 Selbst aus einer Änderung der ursprünglich eingerei chten Ansprüche, die dazu führt, dass eine von den ursprünglich angemeldeten Ansprüchen er- fasste Ausführungsform von den geänderten Ansprüche n nicht mehr wortsinngemäss erfasst wird, kann nicht automatisch geschlossen wer- den, dass der Patentanmelder auf den Schutz für die se Ausführungsform verzichten wollte. Vielmehr ist der Grund für die Änderung von Bedeu- tung. Nur wenn die Änderung Einwänden Rechnung getr agen hat, die sich auf den Patentschutz für die umstrittene Ausfü hrung beziehen – z.B. den Patentanspruch im Hinblick auf den freien Stand der Technik für die umstrittene Ausführung eingeschränkt hätte –, kann daraus abgeleitet werden, dass der Patentanmelder auf den Schutz für Äquivalente für das geänderte Merkmal verzichtet hat. 32 Auf einen Verzicht auf den Schutz für Äquivalente k ann weiter geschlos- sen werden, wenn „in der Beschreibung des Patents ( mindestens) zwei konkrete Ausführungsformen aufgezeigt werden, mit denen die erfin- dungsgemässe Wirkung erzielt werden kann, jedoch nu r eine dieser Aus- führungsformen im Patentanspruch Niederschlag fand“. 33 Das Bundesge- richt verweist in diesem Zusammenhang auf das Urtei l „Pemetrexed“ des deutschen Bundesgerichtshofs. 34 In dem vom Bundesgericht zustimmend zitierten Urteil führt der deutsche Bundesgerichtsh of aus, „wenn die Kon- kretisierung im Hinblick auf formelle Anforderungen vorgenommen wurde [_] oder wenn nicht hinreichend deutlich wird, aus welchem Grund sie er- folgt ist, kann in der Regel nicht von einer Auswah lentscheidung [_] aus- gegangen werden“. 35 29 BPatGer, Urteil O2014_002 vom 25. Januar 2016, E. 6.5.2.4 – „Urinalventil“. 30 BGE 143 III 666 E. 5.5.1 – „Pemetrexed“; BPatGer, Urteil O2015_018 vom 15. Juni 2018, E. 60 – „instrument d’écriture“. 31 BGE 143 III 666 E. 4.3. 32 BGE 143 III 666 E. 5.5.4 (Hervorhebung hinzugefügt). 33 BGE 143 III 666 E. 5.5.4 (Hervorhebung hinzugefügt). 34 BGH, Urteil X ZR 29/15 vom 14. Juni 2016, RZ. 52 – „Pemetrexed“. 35 BGH, Urteil X ZR 29/15 vom 14. Juni 2016, RZ. 68. S2018_006 Seite 24 35. Im vorliegenden Fall bestreitet die Beklagte bewuss t nicht substanzi- iert, dass die ersten beiden Fragen nach der Gleich wirkung und der Auf- findbarkeit zu bejahen sind. Sie stellt sich aber a uf den Standpunkt, dass auch die dritte Frage zu bejahen und die Äquivalenz folglich zu verneinen sei. Zu prüfen ist somit in Bezug auf die vom Anspruch geforderte Einkris- tall -Siliziumplatte {001} (Teilmerkmal des Merkmals 2), ob die Patentinha- berin bei objektiver Lektüre der Patentschrift den Anspruch so formuliert hat, dass sie Schutz für die Verwendung einer Einkr istall-Siliziumplatte {110} nicht beansprucht. 36. Dazu wird der Fachmann zunächst die Beschreibung ko nsultieren, um näheren Aufschluss über die Bedeutung der Orient ierung {001} der Einkristall -Siliziumplatte im Rahmen der Erfindung zu erhalten. Im Abs. [0008], der sich mit der JP 06-117470 A bef asst, wird nur das monokristalline Silizium erwähnt, auf eine Orientie rung wird nicht einge- gangen. In den Abs. [0010] und [0011] wird die erfindungsge mässe Lösung ange- geben. Diese umfasst sowohl das Ausschneiden aus ei nem {001}-Wafer als auch die Aussenschicht aus einem Material mit e inem Youngschen Modul mit umgekehrten Vorzeichen zu Silizium. Es ist nicht ausgewiesen, welche Merkmale die Erfindung vom Stand der Technik unterscheiden, welche Effekte sie haben und worin genau die Erfindung bestehen soll. Die Orientierung wird in der Patentschrift weiter wie folgt angesprochen: - Im Abs. [0019] wird nochmals angegeben, die Spira lfeder werde aus einer monokristallinen Siliziumplatte der Orientier ung {001} erhalten. Dieses Material sei amagnetisch, gut bearbeitbar und kostengünstig. - Im Abs. [0023] wird die kristalline Anisotropie a ngesprochen: In der Ebenenschar {001} sei die Richtung <110> steifer al s die Richtung <100>, was einen Einfluss auf die Biegesteifigkeit der Spirale habe. - Im Abs. [0024] wird dann auch im Zusammenhang mit der Entwick- lung des Young-Moduls auf die Orientierung verwiesen. - Im Abs. [0025] wird ein Nominalwert des Youngsche n Moduls in Rich- tung <100> der Ebene {001} angegeben. - Gemäss Abs. [0028] kann gezeigt werden, dass eine Spirale aus ei- nem {001}-Wafer eine optimale Minimierung des erste n thermischen S2018_006 Seite 25 Koeffizienten C 1 aufweise, wenn die Dicke der Oxidschicht ca. 6% der Breite der Spiralfeder betrage. - Gemäss Abs. [0030] wird eine Modulation der Spira lenbreite vorge- nommen, wobei die Breite in der steifen Richtung <1 10> grösser ist als in der weniger steifen Richtung <100>. So könne die Anisotropie des Siliziums kompensiert werden. - Im Abs. [0031] wird für die Definition einer Refe renzbreite wiederum auf die Ebenenschar {001} verwiesen. Der Fachmann ordnet die Ausführungen in den Abs. [0 023], [0025], [0028], [0030] und [0031] dem konkret offenbarten A usführungsbeispiel zu. Er wird sie als nicht unmittelbar relevant für die Bemessung des Schutzumfangs erachten. Dem Abs. [0019] kann der Fachmann Vorteile entnehme n, die monokris- tallines Silizium {001} bietet. Es ist allerdings n icht angegeben, welche Vorteile sich spezifisch auf die Orientierung beziehen und welche generell mit der Verwendung monokristallinen Siliziums einhergehen. Im Abs. [0024] ist zwar die Orientierung genannt. D er Fachmann erkennt aber ohne weiteres, dass es sich bei der Entwicklun g des Youngschen Moduls um eine übliche Taylor-Approximation handelt , die sich für alle Ebenen in gleicher Weise anwenden lässt (wobei aber voraussichtlich un- terschiedliche Koeffizienten resultieren werden). Was die im Abs. [0019] dem Material zugeordneten Vorteile betrifft, so er- kennt der Fachmann ohne weiteres, dass es in Bezug auf die amagneti- schen Eigenschaften zwar auf das gewählte Material, aber nicht auf die Kristallorientierung ankommt, zumal zumindest bei e xternen Magnetfel- dern deren Richtung in Bezug auf das Uhrwerk und da mit die Spiralfeder nicht bekannt ist bzw. ständig wechseln kann. Weil schon in Bezug auf dieses Merkmal die Orientierung irrelevant ist, wir d der Fachmann auch nicht automatisch davon ausgehen, dass die weiteren Vorteile zwingend mit der gewählten Orientierung verbunden sind. Da es sich beim Fachmann um ein Team aus einem auf dem Gebiet der mechanischen Uhrmacherei spezialisierten Mikromecha niker und einem Physiker mit Spezialisierung im Bereich Mikrofabrik ationstechniken han- delt, wird zumindest dem zweitgenannten Physiker be kannt sein – und zwar auch unabhängig von der JP 06-117470 A (in der englischen Über- setzung) oder anderem spezifischen Stand der Technik –, dass sich zwar S2018_006 Seite 26 der Youngsche Modul in Bezug auf die verschiedenen Kristallebenen mo- nokristallinen Siliziums unterscheidet, dass er abe r für alle Ebenen in derselben Grössenordnung liegt und immer dasselbe V orzeichen hat. Er erkennt ohne weiteres, dass der Kernaspekt der Erfi ndung, thermische Stabilität durch die Aufbringung einer Schicht mit einem Youngschen Modul mit umgekehrten Vorzeichen zu erre ichen, unabhän- gig von der Orientierung der Kristallebenen realisierbar ist. Somit erhält der Fachmann aus der Patentschrift selbst keine Hinweise darauf, dass der Patentinhaber den Anspruch so eng formuliert hat, dass er den Schutz für eine gleichwirkende und auffindba re Ausführung nicht beansprucht. Namentlich ist dem Patentanspruch – au ch unter Berück- sichtigung der Beschreibung – aus fachmännischer Si cht nicht zu ent- nehmen, dass die Übereinstimmung mit dem primären W ortlaut zu den wesentlichen Erfordernissen der Erfindung gehört. 37. Als nächstes ist zu prüfen, ob die im Prüfungsverfa hren vorgenom- mene Einschränkung des Anspruchs 1 bei objektiver B etrachtung darauf schliessen lässt, der Patentschutz werde nicht bean sprucht für Ausfüh- rungen, die der Fachmann in Kenntnis der Erfindung als gleichwirkend zum geänderten Merkmal auffinden kann. 38. Dazu ist zunächst zu klären, ob vorliegend der Fall einer „Auswahl- entscheidung“ vorliegt. Wie in E. 34 erwähnt, ist d ies gemäss bundesge- richtlicher Rechtsprechung namentlich dann der Fall , wenn in der Be- schreibung des Patents (mindestens) zwei konkrete A usführungsformen aufgezeigt werden, mit denen die erfindungsgemässe Wirkung erzielt werden kann, jedoch nur eine dieser Ausführungsform en im Patentan- spruch Niederschlag fand. Diese Bedingung ist vorliegend nicht erfüllt: In de r Würdigung der JP 06- 117470 A wird die Orientierung der Kristallebenen n icht angesprochen (vgl. Abs. [0008]). Was den Inhalt dieser Druckschrift betrifft, ist festzuhal- ten, dass eine Bezugnahme im Massnahmepatent nicht automatisch ei- ner direkten Offenbarung einer im referenzierten Do kument beschriebe- nen Ausführungsform entspricht. Dies wäre allenfalls dann der Fall, wenn die Bezugnahme derart detailliert erfolgen würde, dass der Fachmann der Patentschrift unmittelbar entnehmen könnte, welche Merkmale der refe- renzierten Druckschrift (und welche weiteren Merkma le des Massnahme- patents) die entsprechende Ausführungsform aufweise n würde – analog zu den Bedingungen für die Aufnahme von Merkmalen b zw. Merkmals- S2018_006 Seite 27 gruppen aus referenzierten Dokumenten. 36 Dies ist hier vorliegend nicht der Fall, zumal die JP 06-117470 A weder eine für ein Uhrwerk bestimmte Spiralfeder offenbart noch Spiralfedern mit einer B eschichtung zur Kom- pensation der thermischen Einflüsse. Somit offenbart das Massnahmepatent nicht mindesten s zwei konkrete Ausführungsformen. Die einzige konkrete Ausführungs form, die offenbart ist, verwendet Silizium-Wafer der Orientierung {001 }. Die Beklagten wei- sen darauf hin, dass die Klägerin zugestanden habe, dass das Mass- nahmepatent in Verbindung mit JP 06-117470 A den Fa chmann lehre, dass die drei Kristallorientierungen der Siliziumpl atte für die Zwecke der Erfindung gleichwirkend seien. Das belegt aber nur, dass die Gleichwir- kung für den Fachmann auffindbar war. Es bedeutet nicht, dass in der Pa- tentschrift drei konkrete Ausführungsformen offenba rt wurden. Dass die Anmelderin hätte erkennen können, dass Siliziumplatten der Orientierung {110} für die Erfindung gleich wirken wie solche de r Orientierung {001}, genügt nicht. Denn sonst wäre ein äquivalenter Schutz für gleichwirkende Lösungen, die für den Fachmann auffindbar waren, we gen der dritten Frage ausgeschlossen, was dazu führen würde, dass e s keine auffindba- ren gleichwirkenden Lösungen gäbe, die als äquivale nt zur beanspruch- ten Lösung zu betrachten wären. Es liegt somit keine Auswahlentscheidung im Sinne d er Rechtsprechung vor. 39. Im vorliegenden Fall ist nicht hinreichend deutlic h, weshalb im Prü- fungsverfahren die Einschränkung auf eine bestimmte Orientierung, ent- sprechend dem ursprünglich eingereichten Anspruch 2 , erfolgt ist. Zu- nächst einmal fehlt in der entsprechenden Eingabe a n das europäische Patentamt vom 12. November 2004 jegliche Begründung . Zudem trifft es zwar zu, dass die Einschränkung nach Erhalt des Rec hercheberichts er- folgt ist, der zwei Dokumente der Kategorie X nennt , darunter die JP 06- 117470 A; die Einschränkung des Anspruchs 1 umfasst e aber auch die weiteren Merkmale der Ansprüche 3 und 4. Weil die beiden X-Dokumente nach Ansicht des Rechercheurs als relevant für die Patentfähigkeit der Ansprüche 1 und 2 erachtet wurden (was darauf hinde utet, dass die Merkmale des Anspruchs 2 als nicht zur ausreichende n Abgrenzung ge- eignet erschienen) und weil nur die Merkmale des An spruchs 4 in das Kennzeichen des neuen Anspruchs aufgenommen wurden, kann der Fachmann nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass d ie Beschränkung 36 vgl. EPA, Entscheidung T 689/90. S2018_006 Seite 28 auf die Orientierung {001} vorgenommen wurde, um den Gegenstand des Patents vom Stand der Technik abzugrenzen. Dazu hät te die Aufnahme der Merkmale gemäss den Ansprüchen 3 und 4 unter We glassung der Merkmale gemäss Anspruch 2 genügt. Mit der weiterge henden Abgren- zung wollte der Patentinhaber möglicherweise Einwän den der ungenü- genden Offenbarung (Art. 123(2) EPÜ) oder fehlenden Ausführbarkeit (Art. 83 EPÜ) vorgreifen. Es wird mithin nicht hinreichend deutlich , wes- halb die Konkretisierung erfolgt ist. Entscheidend ist zudem, dass die Einschränkung nich t wie von der bun- desgerichtlichen Rechtsprechung verlangt den Anspru ch in Hinblick auf den freien Stand der Technik für die hier umstrittene Ausführung einge- schränkt hat. Die JP 06-117470 A offenbart keine Aussenschicht, die den Kern aus Silizium umschliesst, wie sie die angegrif fene Ausführungsform aufweist. Sie bildet somit keinen freien Stand der Technik für die angegrif- fene Ausführungsform. Selbst wenn man annehmen würde, dass die Ein- schränkung als Abgrenzung gegenüber dem Stand der T echnik JP 06- 117470 A erfolgt wäre – was wie ausgeführt nicht hi nreichend deutlich ist – kann auf jeden Fall nicht gesagt werden, dass die Abgrenzung im Hin- blick auf den freien Stand der Technik für die hier umstrittene Ausführung eingeschränkt wurde. Der Fachmann muss und darf somit nicht annehmen, da ss der Patent- schutz für Ausführungen, die er als gleichwirkend a ufgrund seines allge- meinen Fachwissens in Kenntnis der Erfindung auffin den kann, nicht be- ansprucht wird. 40. Entsprechend ist die die dritte Frage, ob der Paten tinhaber den An- spruch so eng formuliert habe, dass er den Schutz f ür eine gleichwirken- de und auffindbare Ausführung nicht beansprucht, zu verneinen. Daher ist glaubhaft gemacht, dass das Massnahmepate nt rechtsbestän- dig ist und der Vertrieb etc. der im Uhrwerk „K1/CM K1“ verbauten Spiral- federn das Massnahmepatent verletzt. 41. Nicht glaubhaft gemacht ist jedoch, dass die Bekla gte 2 (Mutterge- sellschaft der Beklagten 1) als Mittäterin, Anstift erin oder Gehilfin an der Patentverletzung mitwirkt. Die Beklagten bestreiten, dass die Beklagte 2 an de r Patentverletzung mitwirkt. Die Klägerin behauptet dazu nur, dass die Beklagte 2 mit Uhren- bestandteilen handle und die Uhrenindustrie beliefe re. Fotografien eines S2018_006 Seite 29 Messestandes, die von den Beklagten eingereicht wur den, würden unter anderem das Uhrwerk „K1/CMK1“ oberhalb des Schriftz ugs „Cen- dres+Métaux Group“ zeigen, was darauf schliessen la sse, dass dieses Uhrwerk auch von der Muttergesellschaft (Beklagte 2) angeboten würde. 42. Die von der Klägerin gemachten Behauptungen und an gerufenen Beweismittel vermögen die Teilnahme der Beklagten 2 an der Patentver- letzung nicht glaubhaft zu machen. Dass die Beklagte 2 Uhrenbestandtei- le anbietet, bedeutet nicht, dass sie patentgemässe Siliziumspiralfedern anbietet. Der Schriftzug „Cendres+Métaux Group“ unt er einer Abbildung eines Uhrwerks „K1/CMK1“ wird von einem vernünftige n Adressaten so verstanden, dass irgendeine Gesellschaft der Gruppe derartige Uhrwerke anbietet, aber nicht so, dass die Muttergesellschaft diese selbst anbietet. Daher ist das Massnahmegesuch bezüglich der Beklagt en 2 mangels Glaubhaftmachung, dass die Beklagte 2 einen der Klä gerin zustehenden Anspruch verletzt oder eine Verletzung zu befürchte n ist (Art. 261 Abs. 1 lit. a ZPO), abzuweisen. Verfügungsanspruch 43. Die Klägerin muss glaubhaft machen, dass sie ohne Erlass vorsorgli- cher Massnahmen einen nicht leicht wiedergutzumache nden Nachteil er- leidet (Art. 261 Abs. 1 lit. b ZPO), d.h. einen Nac hteil, der insbesondere nicht durch ein für sie günstiges Urteil in der Hau ptsache wieder gut ge- macht würde. Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundespatentger ichts genügt es zur Verneinung des nicht leicht wiedergutzumachende n Nachteils nicht, dass dem Patentinhaber finanzielle Wiedergutmachung sansprüche zu- stehen, da es notorisch schwierig ist, diese in der Höhe rechtsgenügend zu beweisen. 37 Entsprechend ist ein nicht leicht wiedergutzumache nder Nachteil in der Regel gegeben, wenn ein patentverle tzendes Produkt auf dem Markt erhältlich ist oder die Markteinführung u nmittelbar bevorsteht und der Patentinhaber die geschützte Lehre praktiziert. 44. Die Beklagten bestreiten den nicht leicht wiedergu tzumachenden Nachteil mit dem Argument, der Klägerin würde überh aupt kein Nachteil entstehen, weil sie selbst die patentgemässe Lehre nicht praktiziere und 37 BPatGer, Urteil S2013_004 vom 12. Mai 2014, E. 4.7 ; Urteil S2017_006 vom 30. August 2017, E. 6; Urteil S2017_006 vom 12. Okt ober 2017, E. 26 – „ESZ Kombinationspräparat“. S2018_006 Seite 30 auch nicht praktizieren dürfe, ohne gegen die ertei lten ausschliesslichen Lizenzen am Massnahmepatent zu verstossen. Eine Bel ieferung der Li- zenznehmer mit patentgemässen Spiralfedern sei nich t nachgewiesen. Ein Nachteil würden allenfalls die ausschliessliche n Lizenznehmer erlei- den, die aber nicht Prozesspartei seien. Die Klägerin wendet ein, sie habe eine Stücklizenzg ebühr vereinbart, weshalb sie einen nicht leicht beweisbaren finanzie llen Schaden erleide, wenn ihre Lizenznehmer wegen der Patentverletzungen der Beklagten weniger Uhrwerke mit anspruchsgemässen Siliziumspir alfedern verkau- fen würden. Zudem beliefere sie ihre Lizenznehmer a ls „seconde source“ selbst mit patentgemässen Spiralfedern und erleide einen Minderumsatz, wenn diese weniger Uhrwerke verkauften. 45. Aus dem – bis an die Grenze der Verständlichkeit g eschwärzten – Li- zenzvertrag, der im Oktober/November 2003 zwischen der Klägerin und der ETA SA Manufacture Horlogère Suisse, Patek Phil ippe SA, Rolex SA und der Manufacture des Montres Rolex SA abgeschlos sen wurde, ist nicht ersichtlich, dass eine Lizenzgebühr vereinbar t wurde, die in irgend- einer Form mengenabhängig ist. Ersichtlich ist, dass eine Herstellung und Lieferung von patentgemässen Siliziumspiralen durch die Klägerin an die Lizenznehmer vorgesehen war. Diese Lieferungen soll ten Gegenstand separater Verträge sein, wobei sich die Klägerin verpflichtete, alle Lizenz- nehmer zu gleichen Bedingungen zu beliefern. Die Klägerin reicht hierzu eine „offre pour la prod uction en seconde source de wafers spiraux de type SP[geschwärzt]“ vom 30. April 2015 ein. Zweck ist die Herstellung von Spiralfedern (Ziff. 2). Vereinbart ist ein Preis pro Wafer (Ziff. 4.1). Der Adressat der Offerte ist geschwärzt, was eini- germassen unverständlich ist, nachdem es sich nach eigenem Vortrag der Klägerin um einen der vier Lizenznehmer handelt . Nach der Offerte wurde offenbar auch mindestens eine Bestellung erte ilt. Aus dem Liefer- schein ergibt sich, dass die Wafer eine Oxydschicht aufweisen („oxyde thickness“). Aus den eingereichten Unterlagen ergibt sich nicht zweifelsfrei, dass die Lieferungen patentgemässe Spiralfedern (oder Ausgan gsmaterialien zu deren Herstellung) betreffen und dass die Lieferung an einen Lizenzneh- mer erfolgt wäre. Vor dem Hintergrund von Ziff. 5.6 .2 des Lizenzvertrags, der eine Lieferung von patentgemässen Spiralen durc h die Klägerin an die einzelnen Lizenznehmer für deren Uhrwerke („opt imalisés pour les calibres de chaque partenaire“) vorsieht, ist es ab er zumindest glaubhaft, S2018_006 Seite 31 dass die Klägerin ihren Lizenznehmern gemäss deren Bedürfnissen pa- tentgemässe Spiralfedern liefert. Die Lieferungen e rfolgen dabei gemäss einzelnen Bestellungen und sind somit mengenabhängi g. Damit ist glaubhaft gemacht, dass die Klägerin einen Minderum satz erzielt, wenn ihre Lizenznehmer wegen patentverletzender Ausführu ngsformen selbst weniger Uhrwerke mit Siliziumspiralfedern absetzen und daher auch we- niger Siliziumspiralfedern bei der Klägerin bestellen. Die Beklagte 1 bietet zumindest seit 2018 Siliziums piralfedern an, die in den äquivalenten Schutzbereich von Anspruch 1 des M assnahmepatents fallen. Daher hat die Klägerin glaubhaft gemacht, d ass ihr ein nicht wie- dergutzumachender Nachteil entsteht, wenn die Bekla gte 1 während der Dauer eines ordentlichen Verfahrens weiterhin paten tverletzende Ausfüh- rungsformen anbieten kann. Relative Dringlichkeit 46. Die Beklagten bringen vor, die streitgegenständlic hen Siliziumspiral- federn seien bereits seit mindestens 2015 in Uhrwer ke verbaut worden, die frei auf dem Markt erhältlich waren. Zudem seie n einer Tochtergesell- schaft einer Lizenznehmerin, der Montres Tudor SA, Genf, bereits 2013 Prototypen eines Uhrwerks („K1“) mit patentgemässen Siliziumspiralfe- dern zur Verfügung gestellt worden. Die Lizenznehmerin sei aufgrund des Lizenzvertrags vom Oktober/November 2003 verpflicht et gewesen, die Klägerin über Patentverletzungen zu informieren. Ei ner der Entwickler des Uhrwerks K1 bei der Rechtsvorgängerin der Beklagten 1 sei seit Feb- ruar 2014 Arbeitnehmer der Lizenznehmerin ETA SA Ma nufacture Hor- logère Suisse. Das Uhrwerk mit Siliziumspirale sei Gegenstand mehr erer Fundraising- Kampagnen auf der Plattform „kickstarter.com“ in de n Jahren 2015 bis 2017 gewesen. Die Horage SA biete das Uhrwerk „K1“ seit 2015 auf ihrer Website zum freien Verkauf an. Das Uhrwerk K1 mit patentgemässer Spi- ralfeder sei auch mindestens seit Juni 2017 an Fach messen ausgestellt und beworben worden. Die Klägerin weist darauf hin, dass die Rechtsvorgä ngerin der Beklag- ten 1 der Swatch Group im Januar 2013 mitgeteilt ha be, dass sie einen Weg gefunden habe, Siliziumspiralfedern ohne Verlet zung der klägeri- schen Patente herzustellen. Die Klägerin habe in der Folge keinen Anlass gehabt, eine Patentverletzung zu vermuten. Der ehem alige Mitarbeiter der Rechtsvorgängerin der Beklagten 1 sei nachvertr aglich zur Geheim- S2018_006 Seite 32 haltung verpflichtet gewesen und habe der ETA SA Ma nufacture Hor- logère Suisse weder Informationen mitgeteilt noch m itteilen dürfen. Die Klägerin bestreitet, dass es möglich war, von der H orage SA Uhren mit Uhrwerken mit Siliziumspiralen tatsächlich zu beste llen. Entsprechende Versuche im Herbst 2018 seien erfolglos geblieben. Auch auf bekannten Online-Börsen für gebrauchte Uhren seien keine „Hor age“ Uhren erhält- lich, was darauf hindeute, dass diese nie verkauft worden seien. Die Ro- lex SA habe den ihr zur Verfügung gestellten Protot ypen zerstörungsfrei auf Ganggenauigkeit geprüft und keine Veranlassung gehabt, die Silizi- umspiralfeder genauer zu untersuchen. Aus den Kicks tarter-Kampagnen ergebe sich, dass das Uhrwerk sich offenbar noch 20 17 in Entwicklung befunden habe und kein marktreifes Produkt vorlag. 47. Die Rechtsvorgängerin der Beklagten 1 teilte Herrn Hanspeter Rentsch von The Swatch Group AG am 17. Januar 2013 mit, sie habe ei- nen Weg gefunden, Siliziumspiralfedern ohne Verletzung der Patente der Klägerin herzustellen. Dasselbe ergibt sich aus einer Aussage von August 2013 von Andreas Felsl, einem der Entwickler des Uh rwerks „K1/CMK1“, die in einem Artikel, der im Internet zugänglich is t, publiziert ist. Gemäss der Aussage hat die Rechtsvorgängerin nach aufwendi ger Forschung ei- nen Weg gefunden, Siliziumspiralen herzustellen „th at did not encroach on existing patents. We did all we could to avoid b eing taken to court, [_]”. Soweit der Klägerin, die nicht Teil der Swatch Gruppe ist, diese Aussagen bekannt waren, hatte sie keinen Anlass, die Siliziu mspiralen in den Uhr- werken „K1“ näher zu untersuchen. Aus den öffentlic h verfügbaren Infor- mationen zum Uhrwerk „K1“ ergibt sich zwar, dass di eses eine Silizium- spirale aufweist. Es ergibt sich jedoch nicht, dass diese Siliziumspirale mit einer Aussenschicht versehen ist, die einen ersten Temperaturkoeffizien- ten des Young-Moduls mit einem dem Silizium entgege ngesetzten Vor- zeichen aufweist. Dasselbe gilt für die Präsentatio n des Uhrwerks an Fachmessen. Auch die Rolex SA, eine weitere Lizenznehmerin der Klägerin, war nicht verpflichtet, die Siliziumspiralfeder, die sich in dem Uhrwerk befand, das ihr im Sommer 2013 zu Testzwecken überlassen wurde, auf eine mögli- che Patentverletzung hin zu untersuchen. Die Rolex SA hat, dies ist glaubhaft, den Uhrwerk-Prototypen auf seine Ganggen auigkeit getestet und den Prototypen anschliessend an die Rechtsvorgä ngerin der Beklag- ten 1 zurückgegeben. Dabei konnte sie eine patentge mässe Ausführung der Spiralfeder nicht ohne weiteres erkennen, da dies wie in E. 12 ausge- S2018_006 Seite 33 führt nur durch Zerstörung der Spiralfeder und mikr oskopische Analyse möglich ist. Eine Bestellung von zehn Uhrwerken aus der Vorserie wurde offenbar nie geliefert. Es ist weiter glaubhaft, dass die Verkäufe von Uhre n durch die Horage SA, wenn solche überhaupt stattgefunden haben, sehr gering waren. Die Klägerin war nicht verpflichtet, aufgrund der wirtschaftlich unbedeutenden Aktivitäten der Horage SA weitere Abklärungen zu tr effen. Dass noch 2017 eine Kickstarter-Kampagne durchgeführt wurde, um das Uhrwerk K1 weiterzuentwickeln, deutet ebenfalls darauf hin, dass bis Ende 2017 noch kein für die Fertigung in Grossserie geeignete s Uhrwerk vorhanden war. Schliesslich geht es nicht an, aus dem Wechsel eine s Arbeitnehmers der Rechtsvorgängerin der Beklagten 1 zu einer Lizenznehmerin der Klägerin abzuleiten, dass die Lizenznehmerin (und in der Fol ge die Klägerin) posi- tive Kenntnis von erfolgten oder bevorstehenden Pat entverletzungen der Rechtsvorgängerin der Beklagten 1 gehabt habe. Das Handelsgericht Aargau hat in einem Urteil vom 19. Dezember 2001 zwar das Wissen von Arbeitnehmern, die von der damaligen Beklagten zur damaligen Klägerin gewechselt hatten, der neuen Arbeitgeberin angerech net. Dazu war aber „nicht erforderlich, dass die betreffenden Personen in Verletzung ihrer nachvertraglichen Treuepflicht Geschäftsgeheimnisse der Gesuchsgeg- nerin offenbarten. Denn die Gesuchstellerin beruft sich selber darauf, dass die in den öffentlichen Prospekten der Gesuchs gegnerin enthalte- nen Informationen für die Feststellung der geltend gemachten Patentver- letzung ausschlaggebend waren“. 38 Im vorliegenden Fall ist die Patentver- letzung aber aus öffentlichen Unterlagen nicht ersi chtlich, und die Kläge- rin wäre darauf angewiesen gewesen, dass der ehemal ige Arbeitnehmer der Rechtsvorgängerin der Beklagten 1 ihr Geschäfts geheimnisse seiner ehemaligen Arbeitgeberin in Verletzung nachvertragl icher Treuepflichten mitteilt. Dies kann ohne konkrete Anhaltspunkte nicht unterstellt werden. 48. Es ergibt sich daher, dass nicht glaubhaft gemacht ist, dass die Klä- gerin vor August 2018 positive Kenntnis von der Pat entverletzung durch die Beklagte 1 hatte. Ihre Unkenntnis ist auch nich t sorgfaltswidrig, da sie aufgrund der Aussage der Rechtsvorgängerin der Beklagten 1, eine Mög- lichkeit gefunden zu haben, Siliziumspiralen ohne V erletzung der klägeri- schen Patente herzustellen, keinen Anlass hatte, we itere Abklärungen zu 38 HGer AG, Urteil vom 19. Dezember 2001, E. 5 c) dd) – „Jet-Reactor“, in: sic! 2002, 353 ff. S2018_006 Seite 34 treffen. Die Patentverletzung ist aus öffentlichen Unterlagen nicht offen- sichtlich erkennbar. Es besteht, wie in E. 14 ausge führt, keine Obliegen- heit, mögliche Verletzungsformen am Markt zu erwerb en und zu zerstö- ren, um eine Verletzung nachweisen zu können. Der Klägerin kann daher nicht vorgeworfen werden, mit der Einreichung ihres Massnahmegesuchs im September 2018 rechtsmissbräuchlich zugewartet u nd ihren Anspruch auf vorsorglichen Rechtsschutz dadurch verwirkt zu haben. Verhältnismässigkeit 49. Vorsorgliche Massnahmen dürfen nicht weiter gehen, als zur Verhin- derung des Eintritts des nicht leicht wiedergutzuma chenden Nachteils notwendig ist. 39 50. Im vorliegenden Fall verlangt die Klägerin unter anderem, es sei den Beklagten zu verbieten, patentgemässe Ausführungsfo rmen in der Schweiz „herzustellen, herstellen zu lassen, zu lagern , anzubieten, zu verkaufen oder auf andere Weise in den Verkehr zu b ringen“ (Hervorhe- bung hinzugefügt). Die Beklagten machen geltend, in sbesondere das La- gerverbot sei unverhältnismässig, da es einer vorso rglichen Vernich- tungsanordnung gleichkäme. Ein Verbot des Lagerns ist nicht notwendig, um den Eintritt des nicht leicht wiedergutzumachenden Nachteils zu verhindern , denn durch das Lagern alleine, ohne anschliessendes in den Verkehr bringen, kann sich der Umsatz der Klägerin nicht verringern. Das Lager verbot käme – wie die Beklagten zu Recht geltend machen – einer Verni chtung gleich, die erst im Endentscheid des ordentlichen Verfahrens anzuordnen ist. Es be- stehen auch keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Beklagte 1 nicht an ein Vertriebsverbot halten wird, die es rechtfertig en könnten, bereits die abstrakte Gefährdungshandlung des Lagerns zu verbieten. Das Massnahmegesuch ist daher insoweit abzuweisen, als es sich auf das blosse Lagern patentgemässer Ausführungsformen bezieht. 51. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist das Begeh ren um Erlass vorsorglicher Massnahmen sowie die beantragten Voll streckungsmass- nahmen gegenüber der Beklagten 1 im dargelegten Umf ang gutzuheis- sen und gegenüber der Beklagten 2 abzuweisen. 39 BSK ZPO-Sprecher, Art. 261 N 112. S2018_006 Seite 35 Kosten- und Entschädigungsfolgen 52. Die Gerichtskosten (Gerichtsgebühr und Dolmetscher innenkosten) sind der Klägerin aufzuerlegen und mit dem von ihr geleisteten Kosten- vorschuss zu verrechnen; der Fehlbetrag ist von der Klägerin nachzufor- dern (Art. 111 Abs. 1 ZPO). Die endgültige Kosten- und Entschädigungs- regelung bleibt dem ordentlichen Verfahren vorbehal ten (Art. 104 Abs. 3 ZPO). 53. Ausgehend von einem Streitwert von CHF 250‘000 für das vorläufige Vertriebsverbot ist die Gerichtsgebühr auf CHF 12‘0 00 festzusetzen (Art. 1 i.V.m. Art. 2 KR-PatGer). Die Auslagen für die Dolmetscherinnen betragen CHF 3‘030.65. 54. Die Klägerin hat das ordentliche Verfahren bereits mit Klage vom 19. Dezember 2018 (Verfahrens-Nr. O2018_022) anhäng ig gemacht, weshalb sich eine Fristansetzung zur Einleitung des ordentlichen Verfah- rens erübrigt (Art. 263 ZPO). Das Bundespatentgericht erkennt: 1. Der Beklagten 1 wird unter Androhung einer Ordnu ngsbusse von CHF 1‘000 für jeden Tag der Nichterfüllung nach Art . 343 Abs. 1 lit. c ZPO, mindestens aber CHF 5‘000 gemäss Art. 343 Abs. 1 lit. b ZPO, sowie der Bestrafung ihrer Organe nach Art. 292 StG B mit Busse im Widerhandlungsfall vorsorglich verboten, zur Ausrüs tung einer Unruh einer mechanischen Uhr bestimmte Spiralfedern sowie damit ausge- rüstete mechanische Uhrwerke in der Schweiz herzust ellen, herstel- len zu lassen, anzubieten, zu verkaufen oder auf an dere Weise in Verkehr zu bringen, in die Schweiz einzuführen, aus der Schweiz auszuführen, oder bei einer dieser Handlungen mitzu wirken, soweit die Spiralfedern folgende Merkmale aufweisen: - sie werden gebildet aus einem spiralförmigen, du rch Aus- schneiden aus einer Einkristall-Siliziumplatte {110 } oder {001} erhaltenen Stab; - der Stab weist einen Kern aus Silizium aus; - der Stab umfasst eine den Kern aus Silizium umsc hliessende Aussenschicht aus amorphem Siliziumoxid. S2018_006 Seite 36 2. Im weiteren Umfang wird das Massnahmegesuch abge wiesen. 3. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf CHF 12‘0 00; die weiteren Kosten betragen CHF 3‘030.65. 4. Die Gerichtsgebühr sowie die weiteren Kosten wer den der Klägerin auferlegt und mit dem von ihr geleisteten Kostenvor schuss verrech- net. Der Fehlbetrag von CHF 3‘030.65 wird von der K lägerin nachge- fordert. 5. Die endgültige Kosten- und Entschädigungsregelun g bleibt dem or- dentlichen Verfahren vorbehalten. 6. Schriftliche Mitteilung an die Parteien unter Be ilage des Verhand- lungsprotokolls, an die Klägerin unter Beilage der Rechnung 1185001199, sowie nach Eintritt der Rechtskraft an das Eidgenössi- sche Institut für Geistiges Eigentum, je gegen Empfangsbestätigung. Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in Zivi lsachen geführt werden (Art. 72 ff., 90 ff. und 100 des Bundesgeric htsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Die Rechtsschrift ist in einer Amts- sprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begr ündung mit Anga- be der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalt en. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel sind beizulegen, sow eit sie die be- schwerdeführende Partei in Händen hat (vgl. Art. 42 BGG). St. Gallen, 8. Februar 2019 Im Namen des Bundespatentgerichts Präsident Erste Gerichtsschreiberin Dr. iur. Mark Schweizer lic. iur. Susanne Anderhald en Versand: 11. Februar 2019