<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 78 S.390</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">390</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>78 Ausschaffungshaft; Beschleunigungsgebot und Zusammenarbeit mit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ausländischen Behörden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Das Beschleunigungsgebot ist verletzt, wenn das Bundesamt für Migra-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tion betreffend Papierbeschaffung während über drei Monaten untätig</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bleibt und sich bei der ausländischen Behörde auch nicht nach den hängi-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gen Herkunftsabklärungen erkundigt. Dies auch wenn bei der konkreten</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ausländischen Behörde eine gewisse Zurückhaltung beim Nachfragen an-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gebracht ist (E. II./4.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">20. Februar 2008 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen J.G.</span><br/> <span class="ft3">betreffend Haftverlängerung (1-HA.2008.3).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 4. Nachdem die Schweizer Behörden seit dem 8. November</span><br/> <span class="ft1">2007 keine weiteren Bemühungen im Hinblick auf die Ausschaffung</span><br/> <span class="ft1">des Gesuchsgegners unternommen haben, stellt sich die Frage, ob</span><br/> <span class="ft1">das Beschleunigungsgebot ausreichend beachtet wurde. Gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 76 Abs. 4 AuG sind die für den Vollzug der Weg- oder Auswei-</span><br/> <span class="ft1">sung notwendigen Vorkehren umgehend zu treffen. In konstanter</span><br/> <span class="ft1">Praxis hat das Bundesgericht das Beschleunigungsgebot wie folgt</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">391</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">konkretisiert (vgl. den unveröffentlichten Entscheid vom 24. Januar</span><br/> <span class="ft1">2008, 2C_9/2008, E. 2.3.1):</span><br/> <span class="ft5">"Das Beschleunigungsgebot ist nach der Rechtsprechung verletzt,</span><br/> <span class="ft5">wenn die Behörden während mehr als zwei Monaten keine konkreten</span><br/> <span class="ft5">(möglichen) Vorkehrungen mehr im Hinblick auf die Ausschaffung getrof-</span><br/> <span class="ft5">fen haben und die Verzögerung nicht auf ein Verhalten der ausländischen</span><br/> <span class="ft5">Behörde oder des Betroffenen selber zurückzuführen ist (BGE 124 II 49 ff.</span><br/> <span class="ft5">E. 4). Die Behörden dürfen nicht über längere Zeit untätig bleiben, auch</span><br/> <span class="ft5">wenn der Ausländer sich unkooperativ zeigt; Art. 5 Ziff. 1 lit. f EMRK setzt</span><br/> <span class="ft5">für die Rechtmässigkeit der Haft ein "schwebendes" Ausweisungsverfahren</span><br/> <span class="ft5">voraus. Für die Behörden besteht jedoch keine Pflicht, in jedem Fall sche-</span><br/> <span class="ft5">matisch bestimmte Handlungen vorzunehmen. Es ist jeweils aufgrund der</span><br/> <span class="ft5">Umstände im Einzelfall zu beurteilen, ob sie mit dem nötigen Nachdruck</span><br/> <span class="ft5">auf den Vollzug der Wegweisung hingearbeitet haben; dabei kommt ihnen</span><br/> <span class="ft5">ein gewisser Spielraum bei der Einschätzung der Geeignetheit der erforder-</span><br/> <span class="ft5">lichen (weiteren) Schritte zu (vgl. das Urteil 2A.489/1999 vom 7. Oktober</span><br/> <span class="ft5">1999, E. 2a)."</span><br/> <span class="ft1">Das Migrationsamt ist der Ansicht, dass das Beschleunigungs-</span><br/> <span class="ft1">gebot ausreichend beachtet worden sei. Die Verzögerung der Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffung sei einerseits auf den Gesuchsgegner zurückzuführen, wel-</span><br/> <span class="ft1">cher sich nicht bereit zeige, bei der Papierbeschaffung mitzuwirken.</span><br/> <span class="ft1">Andererseits seien beim algerischen Konsulat zwei Anfragen bezüg-</span><br/> <span class="ft1">lich der Ausstellung eines Laissez-Passer pendent. Die diplomatische</span><br/> <span class="ft1">Zusammenarbeit mit Algerien erfordere viel Fingerspitzengefühl,</span><br/> <span class="ft1">weshalb ein Nachfragen alle zwei Monate nicht sinnvoll sei und die</span><br/> <span class="ft1">algerischen Behörden bloss verärgere.</span><br/> <span class="ft1">Obwohl die Behörden gestützt auf das Beschleunigungsgebot</span><br/> <span class="ft1">nicht gehalten sind, in jedem Fall schematisch bestimmte Handlun-</span><br/> <span class="ft1">gen vorzunehmen, dürfen sie nicht untätig bleiben. Die Behörden</span><br/> <span class="ft1">müssen versuchen, die für die Ausschaffung erforderlichen Papiere</span><br/> <span class="ft1">auch ohne Mitwirkung der betroffenen Person zu beschaffen. Dabei</span><br/> <span class="ft1">müssen sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Massnahmen ergrei-</span><br/> <span class="ft1">fen (vgl. Hugi Yar, in: Uebersax/Münch/Geiser/Arnold (Hrsg.), Aus-</span><br/> <span class="ft1">länderrecht, Handbücher für die Anwaltspraxis, Bd.</span> <span class="ft1">VIII, Ba-</span><br/> <span class="ft1">sel/Genf/München 2002, Rz. 7.71).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">392</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Dem BFM liegen bezüglich der Identität des Gesuchgegners</span><br/> <span class="ft1">mehrere Hinweise vor: In Belgien trat der Gesuchsgegner unter dem</span><br/> <span class="ft1">Namen H.M., geboren 1. Februar 1973, aus der Provinz M. auf, in</span><br/> <span class="ft1">Deutschland ist er unter dem Namen K.S., geboren 9. Juli 1984, aus</span><br/> <span class="ft1">der Provinz O. erfasst und in der Schweiz gab er an, J.G., geboren</span><br/> <span class="ft1">9. Juli 1982, aus der Provinz B. zu sein.</span><br/> <span class="ft1">Zur Abklärung der Personalien bei den algerischen Behörden</span><br/> <span class="ft1">sind gemäss Migrationsamt insbesondere der Fingerabdruck und die</span><br/> <span class="ft1">Angabe der Provinz, in welcher der Betroffene seinen letzten Wohn-</span><br/> <span class="ft1">sitz hatte, massgebend. Der Name sowie das Geburtsdatum sind bei</span><br/> <span class="ft1">den Abklärungen zweitrangig. Das BFM stellte beim algerischen</span><br/> <span class="ft1">Konsulat bislang drei Gesuche um Ausstellung eines Ersatzreisedo-</span><br/> <span class="ft1">kuments für den Gesuchsgegner. Die erste Anfrage vom 27. März</span><br/> <span class="ft1">2007 für die Provinz B. wurde von den algerischen Behörden negativ</span><br/> <span class="ft1">beantwortet. Die zweite Anfrage vom 17. Juli 2007 sowie die dritte</span><br/> <span class="ft1">Anfrage vom 8. November 2007 wurden für die Provinz O. einge-</span><br/> <span class="ft1">reicht und sind im heutigen Zeitpunkt noch pendent. Seit diesem</span><br/> <span class="ft1">dritten Vorstoss vom 8. November 2007 wurde vom BFM im Hin-</span><br/> <span class="ft1">blick auf die Ausschaffung des Gesuchsgegners nichts weiter unter-</span><br/> <span class="ft1">nommen.</span><br/> <span class="ft1">Auch wenn die Erfahrung mit den algerischen Behörden zeigt,</span><br/> <span class="ft1">dass eine gewisse Zurückhaltung beim Nachfragen angebracht ist, so</span><br/> <span class="ft1">darf dennoch erwartet werden, dass nach über drei bzw. sieben Mo-</span><br/> <span class="ft1">naten beim algerischen Konsulat nachgefragt wird. Hinzu kommt,</span><br/> <span class="ft1">dass das BFM dem Hinweis, dass der Gesuchsgegner möglicher-</span><br/> <span class="ft1">weise aus der Provinz M. stammen könnte, bisher nicht nachgegan-</span><br/> <span class="ft1">gen ist. Das BFM blieb seit dem 8. November 2007, also während</span><br/> <span class="ft1">über drei Monaten, untätig, obwohl es, wie soeben aufgezeigt, wei-</span><br/> <span class="ft1">tere Massnahmen hätte treffen können. Die Verzögerung der Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffung ist im vorliegenden Fall deshalb nicht in erster Linie auf</span><br/> <span class="ft1">das Verhalten der ausländischen Behörden bzw. des Betroffenen sel-</span><br/> <span class="ft1">ber zurückzuführen. Insofern wurde das Beschleunigungsgebot in</span><br/> <span class="ft1">diesem Fall verletzt, weshalb der Gesuchsgegner aus der Haft zu</span><br/> <span class="ft1">entlassen ist.</span><br/></div> </div> </body> </html>