<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 82 S.379</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">379</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>82</b></span> <span class="ft1"><b>Jahressteuer; Entschädigung mit Vorsorgecharakter (§ 45 Abs. 1 lit. e</b></span><br/> <span class="ft1"><b>StG).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Eine Abgangsentschädigung hat keinen Vorsorgecharakter, wenn die</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Empfängerin im Zeitpunkt der Auszahlung vermittlungsfähig und be-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>reit war, eine neue Arbeit anzunehmen und auch danach suchte.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">17. November 2005 in Sachen W. + F.K., RV.2004.50394/K 9184</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2. Die Rekurrentin arbeitete seit August 1994 in einer Vollzeit-</span><br/> <span class="ft4">stelle als Sekretärin/Sachbearbeiterin bei der H. AG in S. Ihr Ehe-</span><br/> <span class="ft4">mann erlitt im März 1997 einen Schlaganfall, ist seither zu 100 % in-</span><br/> <span class="ft4">valid und wird von der Rekurrentin betreut. Per 1. August 2002</span><br/> <span class="ft4">wurde die Verwaltung der H. AG im Zuge einer Umstrukturierung</span><br/> <span class="ft4">nach Z. verlegt. Dabei wurde auch die Stelle der Rekurrentin gestri-</span><br/> <span class="ft4">chen. Die Geschäftsleitung bot ihr aber eine Ersatzstelle in Z. an. Da</span><br/> <span class="ft4">die Rekurrentin ihren Ehemann allein betreut, ist sie darauf angewie-</span><br/> <span class="ft4">sen, dass sie über Mittag nach Hause gehen kann, was von Z. aus</span><br/> <span class="ft4">nicht möglich gewesen wäre. Die Rekurrentin konnte daher die ihr</span><br/> <span class="ft4">angebotene Ersatzstelle nicht annehmen. Die H. AG und die</span><br/> <span class="ft4">Rekurrentin schlossen in der Folge die folgende Vereinbarung:</span><br/> <span class="ft5">"Aufhebung des Arbeitsvertrages</span><br/> <span class="ft5">Der seit dem 15. August 1994 bestehende Arbeitsvertrag wird hiermit</span><br/> <span class="ft5">per 31. Juli 2002 aufgelöst.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">Des weiteren wird folgendes vereinbart:</span><br/> <span class="ft5">1.</span> <span class="ft5">Das Ferienguthaben ist bis Ende Juli 2002 zu beziehen.</span><br/> <span class="ft5">2.</span> <span class="ft5">Auf den Austrittszeitpunkt hin erhält Frau K. eine[n] Abgangs-</span><br/> <span class="ft5">entschädigung in Höhe von CHF 40'000.--. Die Abgangsent-</span><br/> <span class="ft5">schädigung ist jedoch nur geschuldet, wenn bis zum Austritt</span><br/> <span class="ft5">kein Wechsel auf eine ihr zusagende Stelle innerhalb des Kon-</span><br/> <span class="ft5">zerns erfolgt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Steuerrekursgericht</span> <span class="page_no">380</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">3.</span> <span class="ft5">Falls wi[e]der erwarten die Arbeitslosenversicherung eine</span><br/> <span class="ft5">Sperrfrist verhängt, entschädigt H. AG während der Sperrfrist</span><br/> <span class="ft5">die Höhe des Arbeitslosentaggeldes."</span><br/> <span class="ft4">Die Vorinstanz hat die Abgangsentschädigung von Fr. 40'000.--</span><br/> <span class="ft4">in die ordentliche Steuerveranlagung 2002 einbezogen, weil die</span><br/> <span class="ft4">Bedingungen, damit die Abgangsentschädigung steuerlich als Vorsor-</span><br/> <span class="ft4">geleistung betrachtet werden könne, nicht erfüllt seien.</span><br/> <span class="ft4">Die Vertreterin der Rekurrenten beantragt demgegenüber eine</span><br/> <span class="ft4">separate Besteuerung gemäss § 45 Abs. 1 lit. e StG unter</span><br/> <span class="ft4">Berücksichtigung des Freibetrages gemäss Abs. 5.</span><br/> <span class="ft4">3. a) Gemäss § 45 Abs. 1 lit. e StG unterliegen Entschädigun-</span><br/> <span class="ft4">gen mit Vorsorgecharakter bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses,</span><br/> <span class="ft4">insbesondere Abgangsentschädigungen bei vorzeitiger Pensionie-</span><br/> <span class="ft4">rung, der getrennt vom übrigen Einkommen berechneten Jahressteuer</span><br/> <span class="ft4">zu 40 % des Tarifs. Auf Entschädigungen im Sinne von Absatz 1</span><br/> <span class="ft4">lit. e wegen Betriebsschliessungen und Umstrukturierungen wird ein</span><br/> <span class="ft4">Freibetrag von Fr. 30'000.-- gewährt (Abs. 5).</span><br/> <span class="ft4">b) § 45 Abs. 1 lit e StG hat den gleichen Wortlaut wie § 34</span><br/> <span class="ft4">Abs. 3 lit. e (in der Fassung gemäss Gesetz vom 18. Januar 1994, in</span><br/> <span class="ft4">Kraft seit 1. Januar 1995) des bis Ende 2000 geltenden aStG. Es ist</span><br/> <span class="ft4">daher für die Beurteilung des vorliegenden Falles die dazu ergangene</span><br/> <span class="ft4">Rechtsprechung des Steuerrekursgerichts und des Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft4">richts zu berücksichtigen.</span><br/> <span class="ft4">4.</span> <span class="ft4">a) Zu entscheiden ist, ob eine Entschädigung mit</span><br/> <span class="ft4">Vorsorgecharakter vorliegt. Fest steht, dass nicht jede Entschädigung</span><br/> <span class="ft4">bei Beendigung eines Arbeitsverhältnisses Vorsorgecharakter im</span><br/> <span class="ft4">Sinne von § 45 Abs. 1 lit. e StG hat. Je nach den Umständen kann es</span><br/> <span class="ft4">sich um eine Lohnnachzahlung für jahrelange Dienstleistungen han-</span><br/> <span class="ft4">deln oder aber um Entschädigungen für das Ausbleiben künftiger</span><br/> <span class="ft4">Lohnzahlungen. Bei den letzteren stellt sich die Frage der Abgren-</span><br/> <span class="ft4">zung zu den Zahlungen mit "Vorsorgecharakter" (Baur/Klöti/Koch/</span><br/> <span class="ft4">Meier/Ursprung, Kommentar zum Aargauer Steuergesetz, 1. Auflage,</span><br/> <span class="ft4">Muri-Bern 1991, § 34 aStG N 13).</span><br/> <span class="ft4">b) Bis Ende 1994 lautete der entsprechende § 34 Abs. 3 lit. c</span><br/> <span class="ft4">aStG wie folgt:</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">381</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">"zu 40 % des Tarifs A:</span><br/> <span class="ft5">a)</span> <span class="ft5">...</span><br/> <span class="ft5">b)</span> <span class="ft5">...</span><br/> <span class="ft5">c) Entschädigungen mit Vorsorgecharakter bei Beendigung des</span><br/> <span class="ft5">Arbeitsverhältnisses."</span><br/> <span class="ft4">In der seit dem 1. Januar 1995 bis Ende 2000 geltenden Fassung</span><br/> <span class="ft4">von § 34 Abs. 3 lit. e aStG wird neu ausdrücklich festgehalten, dass</span><br/> <span class="ft4">unter Entschädigungen mit Vorsorgecharakter insbesondere</span><br/> <span class="ft4">Abgangsentschädigungen bei vorzeitiger Pensionierung fallen. Dazu</span><br/> <span class="ft4">kann den Materialien zur Teilrevision 1995 des Steuergesetzes fol-</span><br/> <span class="ft4">gendes entnommen werden (Botschaft des Regierungsrates des Kan-</span><br/> <span class="ft4">tons Aargau an den Grossen Rat vom 11. November 1992, S. 23):</span><br/> <span class="ft5">"In der Veranlagungspraxis führt die Abgrenzung von Kapitalzahlun-</span><br/> <span class="ft5">gen nach § 34 Abs. 1 lit. a und § 34 Abs. 3 lit. c aStG bisweilen zu Ab-</span><br/> <span class="ft5">grenzungsproblemen. Oft wird eine solche Zahlung zum Teil als Über-</span><br/> <span class="ft5">brückungsentschädigung (finanzielle Erleichterung bis zum Antritt ei-</span><br/> <span class="ft5">ner neuen Stelle) voll, zum andern Teil als Zahlung mit Vorsorgecha-</span><br/> <span class="ft5">rakter zu 40 % des Tarifs besteuert. Abgangsentschädigungen bei vor-</span><br/> <span class="ft5">zeitiger Pensionierung haben in der Regel Vorsorgecharakter, weshalb</span><br/> <span class="ft5">dem in den Vernehmlassungen geäusserten Wunsch nach einer ent-</span><br/> <span class="ft5">sprechenden gesetzlichen Konkretisierung nachgekommen werden</span><br/> <span class="ft5">kann."</span><br/> <span class="ft4">Der neue Zusatz in § 34 Abs. 3 lit. e aStG zeigt, dass der</span><br/> <span class="ft4">Gesetzgeber vor allem Abgangsentschädigungen bei vorzeitiger</span><br/> <span class="ft4">Pensionierung steuerlich privilegieren will. Die Aufzählung der unter</span><br/> <span class="ft4">§ 34 Abs. 3 lit. e aStG fallenden Tatbestände ist allerdings nicht ab-</span><br/> <span class="ft4">schliessend. Der Wortlaut des Zusatzes ("insbesondere") lässt auch</span><br/> <span class="ft4">bei anderen, mit einer vorzeitigen Pensionierung vergleichbaren Fäl-</span><br/> <span class="ft4">len eine steuerliche Privilegierung zu. Anderseits ist aufgrund der</span><br/> <span class="ft4">oben erwähnten Ausführungen in der Botschaft, wo sowohl die</span><br/> <span class="ft4">"Überbrückungsentschädigungen" als auch die "Abgangsentschädi-</span><br/> <span class="ft4">gungen bei vorzeitiger Pensionierung" erwähnt werden, und dem</span><br/> <span class="ft4">Umstand, dass der Gesetzgeber in der Folge im Sinne einer</span><br/> <span class="ft4">Konkretisierung (und nicht einer Änderung der [vom Gesetzgeber</span><br/> <span class="ft4">geschilderten] Praxis) nur die "Abgangsentschädigungen bei</span><br/> <span class="ft4">vorzeitiger Pensionierung" ausdrücklich ins Gesetz aufnahm, davon</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Steuerrekursgericht</span> <span class="page_no">382</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">auszugehen, dass er die "Überbrückungsentschädigungen" (weiter-</span><br/> <span class="ft4">hin) steuerlich nicht privilegieren will. Andernfalls hätte er letztere</span><br/> <span class="ft4">mit Sicherheit als weiteres Beispiel in § 34 Abs. 3 lit. e aStG eben-</span><br/> <span class="ft4">falls ausdrücklich aufgeführt (RGE vom 30. Juni 1999 in Sachen</span><br/> <span class="ft4">K.B.).</span><br/> <span class="ft4">c) Das Verwaltungsgericht hat sich diesen Ausführungen ange-</span><br/> <span class="ft4">schlossen und folgendes hinzugefügt (VGE vom 28. Februar 2000 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen K. + R.B.):</span><br/> <span class="ft5">"Nach der zuvor geltenden Rechtsprechung kam denjenigen Zahlun-</span><br/> <span class="ft5">gen 'Vorsorgecharakter' zu, die dazu dienten, 'im Vorsorgefall (Tod,</span><br/> <span class="ft5">Alter, Invalidität) dem Empfänger die Fortsetzung seiner gewohnten</span><br/> <span class="ft5">Lebenshaltung in angemessener Weise sicherzustellen', also nament-</span><br/> <span class="ft5">lich den bei Einstellung der Erwerbstätigkeit oder bei dauerhafter Ein-</span><br/> <span class="ft5">schränkung der Leistungsfähigkeit oder der Einkommenserzielung</span><br/> <span class="ft5">ausgerichteten Zahlungen (vgl. Koch, a.a.O., § 34 N 40 ff.), nicht aber</span><br/> <span class="ft5">blossen 'Überbrückungsentschädigungen' für die Zeit der Suche nach</span><br/> <span class="ft5">einer neuen Stelle. Hätte der Gesetzgeber beabsichtigt, neu auch die</span><br/> <span class="ft5">Letzteren dem günstigeren Steuersatz des § 34 Abs. 3 StG zu</span><br/> <span class="ft5">unterstellen, so müsste dies in den Materialien zur Gesetzesänderung</span><br/> <span class="ft5">seinen Ausdruck gefunden haben. Dies gilt umso mehr, als sich eine</span><br/> <span class="ft5">derartige Privilegierung von Überbrückungsentschädigungen sachlich</span><br/> <span class="ft5">keineswegs aufdrängt."</span><br/> <span class="ft4">d) Gemäss Merkblatt "Kapitalleistungen (zeitliche Bemessung</span><br/> <span class="ft4">und mehrfache Kapitalleistungen)" vom 30. September 2001 des</span><br/> <span class="ft4">KStA müssen die folgenden Bedingungen, nämlich</span><br/> <span class="ft5">-</span> <span class="ft5">die steuerpflichtige Person verlässt das Unternehmen ab dem</span><br/> <span class="ft5">vollendeten 55. Altersjahr;</span><br/> <span class="ft5">-</span> <span class="ft5">die Haupterwerbstätigkeit wird definitiv aufgegeben;</span><br/> <span class="ft5">-</span> <span class="ft5">durch den Austritt aus der Vorsorgeeinrichtung des bisherigen</span><br/> <span class="ft5">Arbeitgebers bzw. der Arbeitgeberin entsteht eine Vorsorge-</span><br/> <span class="ft5">lücke</span><br/> <span class="ft4">kumulativ erfüllt sein, damit eine Abgangsentschädigung Vor-</span><br/> <span class="ft4">sorgecharakter aufweist.</span><br/> <span class="ft4">5. Die Rekurrentin war im Zeitpunkt, als sie aus der H. AG aus-</span><br/> <span class="ft4">schied und die Vereinbarung vom 29. Januar 2002 über die Abgangs-</span><br/> <span class="ft4">entschädigung abgeschlossen wurde, gut 56 Jahre alt. Dass in jenem</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">383</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Zeitpunkt eine vorzeitige Pensionierung für sie kein Thema war zeigt</span><br/> <span class="ft4">der Umstand, dass die Rekurrentin zwei Jahre lang eine neue Stelle</span><br/> <span class="ft4">gesucht hat. Da sie jedoch keine neue Anstellung fand, erhielt die</span><br/> <span class="ft4">Rekurrentin Taggelder aus der Arbeitslosenversicherung (steuerbarer</span><br/> <span class="ft4">Betrag 2002: Fr. 24'001.-- ; 2003: Fr. 45'832.--).</span><br/> <span class="ft4">Wer Arbeitslosengelder bezieht, muss vermittlungsfähig, d.h.</span><br/> <span class="ft4">bereit sein, eine zumutbare Arbeit anzunehmen (Art. 8 Abs. 1 lit. f</span><br/> <span class="ft4">i.V.m. Art. 15 Abs. 1 AVIG [Stand am 22. März 2005]). Bei der Re-</span><br/> <span class="ft4">kurrentin, welche im Zeitpunkt der Auszahlung der Abgangsentschä-</span><br/> <span class="ft4">digung bereit war, eine neue Arbeit anzunehmen und auch danach</span><br/> <span class="ft4">suchte, kann rein begrifflich gesehen keine vorzeitige Pensionierung</span><br/> <span class="ft4">im Sinne von § 45 Abs. 1 lit. e StG vorliegen, denn eine (vorzeitig)</span><br/> <span class="ft4">pensionierte Person will (oder kann) nicht mehr arbeiten. Ausserdem</span><br/> <span class="ft4">stellen Arbeitslosengelder steuerbare Erwerbsersatzeinkünfte im</span><br/> <span class="ft4">Sinne von § 32 lit. a StG dar. Mindestens bis zum Zeitpunkt des</span><br/> <span class="ft4">Versiegens der Arbeitslosengelder kann daher bei der Rekurrentin</span><br/> <span class="ft4">nicht von einer vorzeitigen Pensionierung gesprochen werden. Es</span><br/> <span class="ft4">kommt hinzu, dass die Abgangsentschädigung aufgrund des (der</span><br/> <span class="ft4">H. AG bekannten) fehlenden Willens der Rekurrentin zur vorzeitigen</span><br/> <span class="ft4">Pensionierung wohl als "Überbrückungsentschädigung" bis zum</span><br/> <span class="ft4">Antritt einer neuen Stelle dienen sollte.</span><br/> <span class="ft4">Der Rekurs erweist sich somit als unbegründet und ist abzuwei-</span><br/> <span class="ft4">sen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>