B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-342/2013 U r t e i l v o m 1 6 . O k t o b e r 2 0 1 3 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Walter Stöckli, Richter Gérald Bovier, Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren (…), Eritrea, zur Zeit in Israel vertreten durch lic. iur. Suzanne Stotz, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 20. Dezember 2012 / N (…). D-342/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Am 29. April 2011 gelangte d er in der Schweiz lebende Bruder des Beschwerdeführers mit einer als "Asylgesuch aus dem Ausland" bezeich- neten Eingabe einer Rechtsvertret ung an das BFM. Darin wurde Eintr e- ten auf das Asylgesuch, die Erteilung einer Einreisebewilligung und die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers bean - tragt. Zur Begründung machte die Rechtsvertretung geltend, der B e- schwerdeführer sei illegal von Eritrea nach Libyen ausgereist. In welchem Landesteil er sich aktuell aufhalte sei unklar. Wegen der illegalen Aus - reise habe er begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen. Ein weite rer Aufenthalt in Libyen sei in Anbetracht der bürgerkriegsähnlichen Situation nicht zumutbar. Das Land habe das Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) nicht unterzeichnet und verfüge über kein Asylsystem. Flüchtlinge seien schutzlos der Willkür der libyschen Behörden ausgeliefert. Sollte seine Ge fährdung in Libyen nicht bezweifelt werden, sei ihm die Einreise in die Schweiz aufgrund der Beziehungsnähe zu seinem mit einer B -Bewilligung in der Schweiz l e- benden Bruder zu bewilligen. A.b Der Eingabe lagen ein Taufsc hein des Beschwerdeführers und die von seinem Bruder unterzeichnete Vollmacht bei. B. Am 23. Januar 2012 teilte die Rechtsvertretung dem BFM mit, der Be - schwerdeführer befinde sich mittlerweile in Israel. Aufgrund einer Gese t- zesänderung hätten die israelisc hen Behörden die Möglichkeit, jede Pe r- son, die das Land ohne Erlaubnis betrete, festzunehmen und bis zu drei Jahre ohne Anklage oder Gerichtsprozess festzuhalten. Er habe in Is rael keine Unterkunft und lebe auf der Strasse. Es sei ihm weder er laubt, eine Wohnung zu mieten noch eine Arbeitsstelle anzunehmen; vor Ort bestehe auch kein soziales Netz. Ein dauerhafter Verbleib in diesem Land sei ihm entsprechend nicht zuzumuten. C. Mit Zwischenverfügung vom 14. Juni 2012 forderte das BFM die Recht s- vertretung a uf, eine schriftliche Vollmacht ihres Mandanten sowie eine vom Beschwerdeführer verfasste beziehungsweise unterzeichnete Ste l- lungnahme nachzureichen. Andernfalls ergehe ein Nichteintretensent - scheid wegen fehlender Vertretungsbefugnis. Im Zusammenhang mit der erwähnten Stellungnahme hielt die Vorinstanz fest, eine Anhörung des D-342/2013 Seite 3 Beschwerdeführers durch die schweizerische Vertretung in Tel Aviv sei aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Vor diesem Hintergrund habe er zur Vervollständigung des rechtserh eblichen Sachverhalts auf schriftlichem Weg eine Reihe von Fragen zu seinen persönlichen Verhält- nissen in Eritrea, zu allfälligen Beziehungen zu Drittstaaten oder der Schweiz, zu seinen Asylgründen sowie zu den Umständen seines Auf - enthalts in Israel zu beantworten. D. Mit Eingabe vom 13. Juli 2012 gab die Rechtsvertretung eine schriftliche Vollmacht ihres Mandanten und eine Kopie seiner "Temporary license" aus Israel zu den Akten. Für die Einreichung der Stellungnahme ersuchte sie um Fristverlängerung. E. Am 10. August 2012 übermittelte die Rechtsvertretung dem BFM eine von ihrem Mandanten verfasste und unterzeichnete Stellungnahme samt deutschsprachiger Übersetzung. Darin machte er geltend, in Eritrea aus dem Militärdienst desertiert zu sein. Wegen der Fl ucht sei seine Familie behördlich behelligt worden. Ferner schilderte er die Reiseetappen bis Is - rael. Im Sudan sei er entführt worden und gegen Lösegeld wieder freige - kommen. In Israel, wo er unter prekären Umständen lebe, versuche man, ihn nach Eritrea zu deportieren. F. Am 22. August 2012 forderte das BFM die Rechtsvertretung auf, zwei Passfotos ihres Mandanten zu übermitteln. Diese gingen am 30. August 2012 bei der Vorinstanz ein. G. Mit Verfügung des BFM vom 20. Dezember 2012 – eröffnet am 24. D e- zember 2012 – wurde dem Beschwerdeführer die Einreise in die Schweiz verweigert und sein Asylgesuch (aus dem Ausland) abgelehnt. Dabei hielt das Bundesamt im Wesentlichen fest, die Vorbringen des Be - schwerdeführers liessen zwar darauf schliessen, dass er ernst zuneh- mende Schwierigkeiten mit den heimatlichen Behörden habe. Für ihn sei es jedoch möglich und zumutbar, in Israel zu verbleiben. Es befänden sich rund 40'000 eritreische Flüchtlinge und Migranten in Israel. Seine Be- fürchtung, nach Eritrea zurückgeschafft zu werden, sei unbegründet. Ge - mäss gesicherten Kenntnissen des Amtes hätten eritreische Staatsang e- hörige im Allgemeinen wie auch der Beschwerdeführer persön lich in Is -D-342/2013 Seite 4 rael den Schutzstatus für Gruppen. Sie seien daher nicht von einer Rüc k- führung bedroht. Israel habe die FK wie auch deren Zusatz protokolle un- terzeichnet. Grundsätzlich respektiere Israel das Non -Refoulement-Prin- zip. Solange eritreische Staatsangehörige den subsidiä ren Schutz für Gruppen innehätten, werde in Israel kein indivi duelles Asyl verfahren durchgeführt. Erst nach Aufhebung dieses Schutzstatus bestehe die Mög- lichkeit, beim Innenministerium ein Asylverfahren zur Feststel lung der Flüchtlingseigenschaft durchführen zu lassen. Dies än dere jedoch nichts daran, dass der Beschwerdeführer (bereits) effektiven Schutz vor einer Rückführung nach Eritrea geniesse. Im Übrigen kenne auch die Schweiz ein vergleichbares Konzept mit Gewährung vorübergehen den Schutzes für Schutzbedürftige. Der Beschwerdeführer sei im Besitz einer t emporä- ren Aufenthaltsbewilligung, die ihm im Rah men des Schutzstatus für Gruppen zuerkannt worden sei und bei Bedarf verlängert werde. Entspre- chend sei er nicht auf den subsidiären Schutz der Schweiz angewiesen. Demgegenüber ergäben sich in Israel gewisse Schwierigkeiten für eritrei- sche Flüchtlinge namentlich bei der Arbeitssu che. Die eritreische G e- meinschaft in Israel sei indes gut vernetzt; auch Nichtregierungsorganisa- tionen kümmerten sich um deren Belange. Jedenfalls sei es für den B e- schwerdeführer möglich, vor Ort eine men schenwürdige Existenz zu fü h- ren. Im Weiteren wertete das BFM die Tatsache, dass ein Bruder des Be- schwerdeführers in der Schweiz lebe, nicht als besondere Bezie - hungsnähe zur Schweiz. H. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 22. Januar 2013 beantragte der Beschwerdeführer die Aufhe bung des vo rinstanzlichen Ent scheids, die Bewilligung zur Einreise in die Schweiz, die Gutheissung des Asylge - suchs sowie in pro zessualer Hin sicht die un entgeltliche Prozessführung samt En tbindung von der Vor schusspflicht. Zur Begründung machte er geltend, in Israel nur einen befristeten Schutzstatus zu haben. Die damit verbundene Aufenthaltsbewilligung werde jeweils lediglich für drei Monate erteilt. Es bestehe kein legaler Zugang zum Arbeitsmarkt und den Sozial- einrichtungen. Eine Sicherheit für die jeweilige Verlängerung des Do - kuments gebe es nicht. Zwar bestehe aufgrund der eritreischen Her kunft Schutz vor der Abschiebung ins Heimatland; das Verhalten der israeli - schen Behörden füh re aber zu grosser Rechtsunsicherheit bei den Be - troffenen. Sie lebten während Jahren unter prekären Bedingungen und hätten keine Möglichkeit, ihre Aufenthaltssituation rechtlich zu verbes - sern. Die Situation der Halblegalität im Arbeitsbereich führe dazu, dass die Betroffenen bei allfälligen Anstellungen finanziell ausgebeutet würden. D-342/2013 Seite 5 Der Beschwerdeführer habe keine Unterkunft und versuche als Taglöhner sein Glück. Problematisch sei die rassistische Haltung gewisser israeli - scher Kreise. Er habe vor Ort auch keine soziale Perspektive; dies im Ge- gensatz zur Schweiz, wo sein Bruder lebe. Auch wenn Israel das Non-Re- foulement-Gebot beachte, sei ihm ein dortiger Aufenthalt – so auch in Be- rücksichtigung der Beziehungsnähe zur Schweiz – nicht zuzumuten. I. Mit Zwischenverfügung vom 11. Februar 2013 hiess das Bundesverwal - tungsgericht das Gesuch im Sinne von 65 Abs. 1 des Ver waltungsverfah- rensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) gut und ver- zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses J. Mit Vernehmlassung vom 15. Februar 2013 beantragte das BFM die A b- weisung der Beschwerde. Die vorinstanzliche Stellungnahme wurde dem Beschwerdeführer am 18. Februar 2013 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwal tungsgericht ist unter anderem zuständig für die Behandlung von Beschwerden gegen Verfügungen des BFM; dabei ent - scheidet das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls en d- gültig, ausser – was vorliegend nicht der Fall ist – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdefüh - rende Person Schutz sucht (vgl. dazu Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 und 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32] sowie Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsges etzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Auf dem Gebiet des Asyls können mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des recht s- erheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt wer den (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). D-342/2013 Seite 6 1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und die Eingabe vom 24. Dezember 2012 frist - und formgerecht (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerde einzutreten ist. 2. Mit der Änderung des Asylgesetzes vom 28. September 2012 – von der Bundesversammlung als dringlich erklärt und am 29. September 2012 in Kraft getreten – ist die Möglichkeit der Einreichung eines Asylgesuches aus dem Ausland weggefallen (vgl. BB l 2012 5359). Das vorliegende Ur - teil – welches ein Asylgesuch aus dem Ausland nach altem Recht zum Gegenstand hat – ergeht demzufolge gestützt auf die Übergangsbestim - mung zur Änderung vom 28. September 2012, wonach für Asylgesuche, die im Ausland vor dem Inkrafttre ten der Änderung vom 28. September 2012 gestellt worden sind, die Artikel 12, 19, 20, 41 Abs. 2, 52 und 68 in der bisherigen Fassung des Gesetzes gelten. Wird demnach nachfolgend auf eine dieser Bestimmung oder auf die Asylverordnung 1 verwiesen, bezieht sich dies stets auf die bisherige Fassung der entsprechenden Be- stimmungen. 3. 3.1 Ein Asylgesuch kann gemäss Art. 19 Abs. 1 AsylG im Ausland bei ei - ner schweizerischen Vertretung gestellt werden, die es an das Bundes - amt überweist (Art. 20 Abs. 1 AsylG). Hinsicht lich des Verfahrens sieht Art. 10 Abs. 1 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) vor, dass die schweizerische Vertretung mit der asylsuchen- den Person in der Regel eine Befragung durchführt. Ist dies nicht mög - lich, sind die Asylgründe schriftlich festzuhalten (Art. 10 Abs. 2 AsylV 1). 3.2 Der Umstand, dass das vorliegende Asylgesuch nicht bei einer schweizerischen Vertretung im Ausland gestellt, sondern direkt beim BFM eingereicht wurde, ist nicht massgeblich (vgl. dazu BVGE 2011/39 E. 3). Das BFM hat die Eingabe vom 29. April 2011 zu Recht als Asylgesuch aus dem Ausland entgegengenommen. Ein grundsätzliche r Mangel des Gesuches vom 29. April 2011 – das Fehlen einer erkennbaren persönli - chen Willensbekundung des Beschwerdeführers – wurde im Ver lauf des erstinstanzlichen Verfahrens behoben, indem zuerst eine Voll macht des Beschwerdeführers und später ein persönliches Begründungsschreiben nachgereicht wurden (vgl. dazu BVGE 2011/39 E. 4). Im Weite ren ist vor dem Hintergrund der massgeb lichen Praxis zur Behandlung von Asylg e- suchen aus dem Ausland und Einreisebewilligung sowie unter Be -D-342/2013 Seite 7 rücksichtigung der Aktenlage festzustellen, dass in vorliegender Sache auf eine Befragung des Beschwerdeführers durch die schweizerische Vertretung in Tel Aviv verzichtet werden durfte und von der Vorinstanz mit der Einladung zur Stellungnahme vom 14. Juni 2012 den massgeblichen verfahrensrechtlichen Anforderungen Genüge getan wurde (vgl. dazu BVGE 2007/30 E. 5). Schliesslich wurde im Rahmen der Eingabe vo m 10. August 2012 zu dem vom Bundesamt aufgeworfenen Fragen einläss - lich Stellung genommen, womit der Beschwerdeführer die Möglichkeit ge- nutzt hat, seine Gesuchsgründe darzulegen. 4. 4.1 Das Bundesamt bewilligt Asylsuchenden die Einreise in die Schweiz zur Abkl ärung des Sachverhalts, wenn ihnen nicht zugemutet werden kann, im Wohnsitz- oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in einen ande - ren Staat auszureisen (Art. 20 Abs. 2 AsylG). Unzumutbar ist ein Verbleib namentlich dann, wenn die asylsuchende Person schutzb edürftig ist. Schutzbedürftig im Sinne des Asylgesetzes sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Ra s- se, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politis chen Anschauungen ernsthaften Nachtei- len ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge- fährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2 Das BFM kann einer Person, die sich im Ausland befindet, Asyl – und damit auch die Einreise in die Schweiz – verweigern, wenn keine Hin - weise auf eine aktuelle Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG vorliegen oder ihr zuzumuten ist, sich in einem Drittstaat um Aufnahme zu bemü - hen (Art. 52 Abs. 2 AsylG). 4.3 Der Beschwerdeführer macht eine eigene Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG i.V.m. Art. 20 AsylG geltend, indem er vorbringt, er sei aus dem Militärdienst de sertiert. Das BFM hält in der angefochtenen Verfü - gung, ohne auf diese Vorbringen näher einzugehen, fest, seine Vorbrin - gen würden darauf schliessen lassen, dass er in Eritrea ernstzuneh - mende Schwierigkeiten mit den heimatlichen Behörden gehabt habe. Die Vorinstanz geht mithin implizit vom Vorliegen einer Gefährdung im He i- matland im Sinne von Art. 3 AsylG aus. Bei der anschliessenden Prü fung des Asylausschlussgrundes von Art 52 Abs. 2 AsylG bejaht sie jedoch die Zumutbarkeit eines Verbleibs in Israel. D-342/2013 Seite 8 4.4 In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob d er Beschwerdeführer in Israel den Schutz eines Drittstaates geniesst und ih m zuzumuten ist, dort zu verbleiben. 4.4.1 Die Voraussetzungen für die Erteilung einer Einreisebewilligung sind grundsätzlich restriktiv umschrieben. Den Asylbehörden kommt da - bei ein weiter Ermessensspielraum zu. Neben der erforderlichen Gefähr - dung im Sinne von Art. 3 AsylG sind mit Blick auf den Ausschlussgrund von Art. 52 Abs. 2 AsylG namentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz und zu and eren Staaten, die Möglichkeit der Schutzgewährung durch ei - nen anderen Staat, die praktische und objektive Zumutbarkeit einer a n- derweitigen Schutzsuche sowie die voraussichtlichen Eingliederungs- und Assimilationsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen (vgl. BVGE 2011/10 E. 3.3, mit weiteren Hinweisen). 4.4.2 Hält sich die asylsuchende Person wie im vorliegenden Verfahren in einem Drittstaat auf, ist zwar im Sinne der Vermutung davon auszugehen, sie habe in diesem Drittstaat bereits Schutz vor Verfolgung gefunden oder könne ihn dort erlangen, weshalb auch anzunehmen ist, es sei ihr zuz u- muten, dort zu verbleiben beziehungsweise sich dort um Aufnahme zu bemühen. Diese Vermutung kann sich jedoch sowohl in Bezug auf die Schutzgewährung durch den Drittstaat (vgl. in Entscheidungen und Mittei- lungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 19 E. 5.1 S. 176 f.) wie auch auf die Zumutbarkeit der Inanspruch nahme des Schutzes im Drittstaat als unzutreffend erweisen. Es ist des halb zu pr ü- fen, ob die asylsuche nde Person im Drittstaat Schutz vor Verfol gung ge- funden hat oder erlangen kann, was in der Regel zur Ableh nung des Asylgesuchs und zur Verweigerung der Einreisebewilligung führt. In j e- dem Fall sind die Kriterien zu prüfen, welche die Zufluchtnahme in di e- sem Drittstaat als zumutbar erscheinen lassen, und diese sind mit ei ner allfälligen Beziehungsnähe zur Schweiz abzuwägen. Bei dieser Abwä - gung bildet die besondere Beziehungsnähe der asylsuchenden Per son zur Schweiz ein wesentliches Kriterium (vgl. BVGE 2011/10 E.5.1, mit weiteren Hinweisen). 4.4.3 Das Kriterium der besonderen Beziehungsnähe ist hinsichtlich des Verwandtschaftsgrades nicht auf den eng gefassten Personenkreis des Familienasyls gemäss Art. 51 AsylG beschränkt. Auch verwandtschaftli - che Beziehung en zu Personen ausserhalb der Kernfamilie sind in die Abwägung mit einzubeziehen. Ferner ist nicht ausgeschlossen, dass g e- gebenenfalls auch aus anderen Gründen als aufgrund einer Verwandt -D-342/2013 Seite 9 schaft zu in der Schweiz lebenden Personen eine enge Beziehung zur Schweiz anzuneh men sein könnte (vgl. EMARK 2004 Nr. 21. E. 4.b.aa S. 140, EMARK 1997 Nr. 15 E. 2g S. 132). Zu berücksichtigen sind zu - dem die Beziehungsnähe zum Drittstaat (oder zu anderen Staaten) sowie die voraussichtlichen Eingliederungs - und Assimilationsmöglichkeiten in der Schweiz beziehungsweise im Drittstaat (oder in anderen Staaten). Al - lein die Tatsache, dass die asylsuchende Person keine besondere Bezie - hungsnähe zur Schweiz hat, ist deshalb für die Ablehnung des Asylgesu - ches nicht ausschlagge bend (vgl. EMARK 1997 Nr. 15 E. 2 f. S. 131 f.). Hält sich die asylsuchende Person in einem Drittstaat auf, ist die Einreise in die Schweiz beispielsweise zu bewilligen, wenn der Drittstaat keine hin- reichende Gewähr für ein ordentliches Asylverfahren biet et und eine Ab - schiebung in den Heimatstaat nicht ausgeschlossen erscheint, auch wenn eine Beziehungsnähe der asylsuchenden Person zur Schweiz fehlt (vgl. EMARK 2005 Nr. 19 E. 4.3 S. 174 f.). Umgekehrt führt der Umstand, dass eine Beziehungsnähe zur Schweiz namentlich aufgrund von hier an- sässigen nahen Familienangehörigen gegeben ist, nicht zur Erteilung ei - ner Einreisebewilligung, wenn aufgrund einer Abwägung mit anderen Kr i- terien der Verbleib im Drittstaat objektiv als zumutbar zu erachten ist. 4.4.4 Das BFM führt in seiner Verfügung zur Situation des Beschwerd e- führers in Israel insbesondere aus, ge mäss gesicherten Kenntnissen des Amtes hätten eritreische Staatsangehö rige im Allgemeinen wie auch der Beschwerdeführer persön lich den Schutzstatus für Grup pen. Sie seien daher nicht von einer Rückführung bedroht. Grundsätzlich respektiere Is- rael das Non-Refoulement-Prinzip. Demgegenüber ergäben sich in Israel gewisse Schwierigkeiten für eritreische Flüchtlinge namentlich bei der Ar- beitssuche; insgesamt sei es für den Beschwerdeführer aber möglich, vor Ort eine menschenwürdige Existenz zu führen. 4.4.5 Der Beschwerdeführer macht zwar nicht geltend, es bestehe eine konkrete Gefahr der Abschiebung ins Heimatland. Das Verhalten der i s- raelischen Behörden führe aber zu grosser Rechtsunsicherheit in der erit- reischen Diaspora. Nebst prekären Aufenthaltsbedingungen sei nament - lich auch die rassistische Haltung gewisser israeli scher Kreise problema- tisch. 4.4.6 Was die Situation von Asylsuchenden und Flüchtlingen i n Israel an- belangt, lässt sich Folgendes festhalten: Bis 2005 gab es jährlich nur eine sehr geringe Anzahl Asylgesuche. Seither sind die Zahlen aber mar kant gestiegen. Im Jahr 2011 sollen knapp 17'000 Personen via Ägypten nach D-342/2013 Seite 10 Israel gelangt sein, davon 96% eritreische und sudanesische Staatsa n- gehörige. Das Land kennt erst seit 2009 ein nationales Asylverfahren; zu- vor war das UNHCR für die Gesuche zuständig. Seit der Gründung Isr a- els im Jahr 1948 haben 200 Personen einen Flüchtlingsstatus erhalten; seit 2005 wur den 30 Perso nen als Flüchtlinge anerkannt (vgl. SFH - Länderanalyse Eritrea: Situation eritreischer Flüchtlinge in Israel, vom 13. August 201 2 S. 1 f.). Neu ankömmlinge werden in Immigrationshaft g e- nommen. Die Zahl der Haftplätze wird kontinuierlich erhöht (a.a.O. S. 2). Gemäss UNHCR – verwiesen wird dabei allerdings nicht auf eine UNHCR-Publikation, sondern auf den Bericht von Human Rights Watch: Israel: Amend 'Anti -Infiltration-Law', vom 10. Juni 2012, welcher diese Auskunft dem UNHCR ohne Quellenangabe z uschreibt – wurden im Jahr 2011 4603 Asylgesuche geprüft und davon 3692 Gesuche abgelehnt; a n- deren Quellen zufolge wurden von 990 Gesuchen 8 positiv entschie den (a.a.O. S. 3). In den Jahren 2009 und 2010 war ebenfalls eine sehr geri n- ge Gutheissungsquote zu verzeich nen. Ohnehin haben aber der grösste Teil der Asylsuchenden keinen Zugang zur Asylprüfung. Personen aus Eritrea und dem Sudan erhalten zwar Schutz entsprechend dem Non - Refoulement-Gebot. Die damit verbundene Ausstellung einer "Conditional Release" ohne Arbeitserlaubnis ist jeweils für drei Monate gültig; die Ve r- längerung ist oftmals mit langen Wartezeiten und Schikanen der israeli - schen Behörden verbunden (vgl. a.a.O. S. 3 f.). Am 10. Januar 2012 verabschiedete das israelische Parlament Ergänzun- gen zum Prevention of Infiltration Law. In diesem Ges etz werden nun - mehr alle Ausländer, die illegal einreisen, als "Eindringlinge" bezeichnet. Das Gesetz erlaubt den israelischen Behörden, Asylsuchende und deren Kinder bis zu drei Jahren zu inhaftier en. Die Inhaftierten haben keinen Zugang zu einem Anwalt. Der Inhaftierungsentscheid wird erstmals nach 14 Tagen und in der Folge alle 60 Tage überprüft. Auch ein Asylsuchender kann wegen "Infiltration" strafrechtlich verfolgt und zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden (a.a.O. S. 6 f.). Gemäss Aussagen der israelischen Regierungsspitze kommen Deportati- onen von eritreischen Asylsuchenden zwar aktuell nicht in Be tracht. Für deren Unterbringung sollen indes die Kapazitäten im Saharo nim- Gefängnis von Negev vergrössert werden. Überdies äusserte sich ein anderes Regierungsmitglied in einem Radiointerview zur Situation der Eritreer; dabei legte e s dar, es gehe davon aus, dass deren Deportation in Zukunft möglich sein werde. Es bekräftigte seine Hoffnung, dass Eri t- reer, die ein Conditional-Release-Dokument hätten, bald aus Tel Aviv und D-342/2013 Seite 11 anderen Städten entfernt und im Haftzentrum von Negev untergebracht werden könnten . Generell haben Hetzkampagnen von Knesset - Abgeordneten und hochrangigen B eamten gegen Afrikaner erheblich z u- genommen. In der Folge kam es zu schwerwiegenden Übergriffen (a.a.O. S. 8 ff.; vgl. auch HRW, a.a.O.). Einer neusten Quelle zufolge hat sich die Situation für eritrei sche Asylsuchende in Israel offenbar noch verschärft. Wiederholt sollen Asylsuchende inhaftiert und unter Drohungen zur Au s- reise genötigt wor den sein. Auch Personen, welche schon während Ja h- ren dort lebten, sollen in Haft genommen worden sein (vgl. Human Rights Watch, Israel: Detai ned Asylum Seekers Pressu red to Leave , vom 13. März 2013). 4.4.7 Es ist mit dem BFM darin einig zu gehen, dass der Beschwerdefüh - rer – zumindest gemäss seinen Vorbringen – nicht konkret von einer Aus- schaffung nach Eritrea bedroht ist. Insoweit muss er zumindest vorläufig mutmasslich n icht mit einer Rückführung ins Heimatland rechnen. Die prekären Lebensumstände betreffend Wohnung und Arbeit vermögen für sich allein besehen die Unzumutbarkeit der Schutzinanspruchnahme vor Ort nicht zu begründen. Hingegen besteht gemäss verfügbaren Quellen die reale Gefahr, dass er in Haft genommen, in einem Haftzentrum für längere Zeit festgehalten und zur Ausreise genötigt wird (vgl. HRW vom 13. März 2013, a.a.O., wo von der beabsichtigten Inhaftierung von Ta u- senden von Eritreern die Rede ist). Demzufolge ist es ihm objektiv kaum zumutbar, weiterhin in Israel zu verbleiben (vgl. zum Ganzen auch EMARK 2005 Nr. 19 E. 5.3). Die voraussichtlichen Eingliederungs - und Assimilationsmöglichkeiten in Israel müssen jedenfalls als marginal b e- zeichnet werden. 4.4.8 Zu prüfen bleibt dabei, ob es aufgrund der gesamten Umstände g e- boten erscheint, dass es gerade die Schweiz ist, die dem Beschwerd e- führer den notwendigen Schutz zukommen lassen soll. Bei dieser Abw ä- gung bildet die besondere Beziehungsnähe der asylsuchenden Person zur Schweiz ein zentrales, wenn auch – wie vorne in E. 4.4.1 -4.4.3 aus- geführt – nicht das einzige Kriterium (vgl. EMARK 2004 Nr. 21 E. 4.b.aa). Der Beschwerdeführer hat in der Person seines zehn Jahre älteren Br u- ders, der seit fünf Jah ren in der Schweiz wohnt und hier aufenthaltsb e- rechtigt ist, einen Bezug zur Schweiz. Diese gewisse Beziehungsnähe zur Schweiz und die wegen der Beziehung zum Bruder anzunehmende erleichterte Assimilationsfähigkeit des (…)-jährigen Beschwerdeführers bilden in Verbindung mit seiner prekären Lebenssituation in Israel, welche faktisch als einziges Recht den Anspruch auf Einhaltung des Non -D-342/2013 Seite 12 Refoulement-Gebotes durch Israel beinhaltet, vorliegend eine genügende Grundlage, um seinen Verbleib in Israel als unzumutb ar zu qualifizieren. Das BFM hat die Ausschlussklausel nach Art. 52 Abs. 2 AsylG folglich zu Unrecht angewendet. 4.5 Aus den vorstehenden Erwägungen beziehungsweise dem ihnen zugrundeliegenden Sachverhalt geht hervor, dass dem Beschwerdeführer die Einreise i n die Schweiz zur Durchführung des ordentlichen Asylve r- fahrens zu bewilligen ist. 5. 5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 5.1 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 und 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der not wendige Vertre - tungsaufwand lässt sich aufgrund der Ak tenlage hinreichend zuverlässig abschätzen, weshalb sich die Nachreichung einer Kostennote erüb rigt. Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist unter Be- rücksichtigung der mass gebenden Be messungsfaktoren von Am tes w e- gen auf Fr. 1'200.– festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). (Dispositiv nächste Seite) D-342/2013 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 20. Dezember 2012 wird aufgehoben. 3. Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer die Einreise in die Schweiz zwecks Durchführung des Asylverfahrens zu bewilligen. 4. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 5. Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädi - gung in der Höhe von Fr. 1'200.– zu entrichten. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer und das BFM. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Contessina Theis Patrick Weber Versand: