<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">86</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>16</b></span> <span class="ft3"><b>Einschränkung der Bewegungsfreiheit</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung ist die Einschränkung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Bewegungsfreiheit auch bei urteilsfähigen Personen möglich.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Urteil des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 14. Mai 2013 in Sachen</span><br/> <span class="ft2">M.P. gegen den Entscheid der Klinik Königsfelden (WBE.2013.263; publiziert</span><br/> <span class="ft2">in: CAN - Zeitschrift für kantonale Rechtsprechung 2013 Nr. 57 S. 142).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">87</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Art. 438 ZGB sind auf Massnahmen, die die Bewe-</span><br/> <span class="ft1">gungsfreiheit einschränken, die Bestimmungen über die Einschrän-</span><br/> <span class="ft1">kung der Bewegungsfreiheit in Wohn- und Pflegeeinrichtungen</span><br/> <span class="ft1">sinngemäss anwendbar (vgl. Art. 383 ff. ZGB).</span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Begriff der Einschränkung der Bewegungsfreiheit gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 383 ZGB ist gemäss Botschaft zur Änderung des Schweizeri-</span><br/> <span class="ft1">schen Zivilgesetzbuches (Erwachsenenschutz, Personenrecht und</span><br/> <span class="ft1">Kindesrecht) vom 28. Juni 2006 (nachfolgend: Botschaft Erwachse-</span><br/> <span class="ft1">nenschutz) weit zu verstehen. Als Beispiel werden elektronische</span><br/> <span class="ft1">Überwachungsmassnahmen, das Abschliessen von Türen oder das</span><br/> <span class="ft1">Anbringen von Bettgittern aufgeführt (Botschaft Erwachsenenschutz,</span><br/> <span class="ft1">BBl 2006 7039). Als bewegungseinschränkende Massnahmen gelten</span><br/> <span class="ft1">somit sachliche Mittel mechanischer, elektronischer oder anderer Art,</span><br/> <span class="ft1">die betroffene Personen daran hindern, sich frei zu bewegen oder die</span><br/> <span class="ft1">ihren Bewegungsradius einschränken (BÜCHLER ANDREA ET AL.</span><br/> <span class="ft1">[Hrsg.], Familienrechtskommentar [FamKomm] Erwachsenen-</span><br/> <span class="ft1">schutz, Art. 428 N 5).</span><br/> <span class="ft1">1.3.</span><br/> <span class="ft1">Der zuständige Oberarzt entschied sich am 13. Mai 2013 für die</span><br/> <span class="ft1">Aufrechterhaltung der Isolation des Beschwerdeführers, was bedeu-</span><br/> <span class="ft1">tet, dass dieser sich weiter in einem verschlossenen Zimmer aufhal-</span><br/> <span class="ft1">ten muss. Diese Massnahme schränkt die Bewegungsfreiheit des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers ein und ist daher unter Art. 383 ZGB bzw. § 67q</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. f EG ZGB zu subsumieren. Das Verwaltungsgericht ist</span><br/> <span class="ft1">folglich zur Beurteilung der Beschwerde gemäss Art. 439 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 5 ZGB zuständig.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">Mit der Beschwerde können Rechtsverletzungen, die unrichtige</span><br/> <span class="ft1">oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts</span><br/> <span class="ft1">und Unangemessenheit gerügt werden (Art. 450a Abs. 1 ZGB). So-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">88</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">weit das ZGB und das EG ZGB keine Regelungen enthalten, sind die</span><br/> <span class="ft1">Bestimmungen der Zivilprozessordnung anwendbar (Art. 450f ZGB).</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">Grundlage für die Isolation des Beschwerdeführers ist Art. 383</span><br/> <span class="ft1">ZGB, welcher folgendermassen lautet:</span><br/> <span class="ft1">"1 Die Wohn- oder Pflegeeinrichtung darf die Bewegungsfrei-</span><br/> <span class="ft1">heit der urteilsunfähigen Person nur einschränken, wenn weniger ein-</span><br/> <span class="ft1">schneidende Massnahmen nicht ausreichen oder von vornherein als</span><br/> <span class="ft1">ungenügend erscheinen und die Massnahme dazu dient:</span><br/> <span class="ft1">1. eine ernsthafte Gefahr für das Leben oder die körperliche Integri-</span><br/> <span class="ft1">tät der betroffenen Person oder Dritter abzuwenden; oder</span><br/> <span class="ft1">2. eine schwerwiegende Störung des Gemeinschaftslebens zu beseiti-</span><br/> <span class="ft1">gen.</span><br/> <span class="ft1">2 Vor der Einschränkung der Bewegungsfreiheit wird der be-</span><br/> <span class="ft1">troffenen Person erklärt, was geschieht, warum die Massnahme ange-</span><br/> <span class="ft1">ordnet wurde, wie lange diese voraussichtlich dauert und wer sich</span><br/> <span class="ft1">während dieser Zeit um sie kümmert. Vorbehalten bleiben Notfall-</span><br/> <span class="ft1">situationen.</span><br/> <span class="ft1">3 Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit wird so bald wie</span><br/> <span class="ft1">möglich wieder aufgehoben und auf jeden Fall regelmässig auf ihre</span><br/> <span class="ft1">Berechtigung hin überprüft."</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">Zunächst ist zu bemerken, dass die gesetzlich verlangten</span><br/> <span class="ft1">formellen Anforderungen erfüllt sind: Im Kanton Aargau sind die</span><br/> <span class="ft1">diensthabenden Kaderärztinnen und Kaderärzte, das heisst Oberärzte</span><br/> <span class="ft1">und höhere Chargen, zur Anordnung einer Einschränkung der Bewe-</span><br/> <span class="ft1">gungsfreiheit im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung zu-</span><br/> <span class="ft1">ständig (§ 67g Abs. 1 EG ZGB; vgl. Botschaft des Regierungsrats</span><br/> <span class="ft1">des Kantons Aargau an den Grossen Rat vom 27. April 2011,</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 9.4.2). Bei Dr. med. X. handelt es sich um einen in der Klinik</span><br/> <span class="ft1">Königsfelden angestellten Oberarzt, welcher die Verantwortlichkeit</span><br/> <span class="ft1">der Akutstation Y. innehat und der befugt ist, eine solche Einschrän-</span><br/> <span class="ft1">kung der Bewegungsfreiheit anzuordnen.</span><br/> <br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">89</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">5.1.</span><br/> <span class="ft1">In Anlehnung an den Gesetzestext ist zunächst zu prüfen, ob</span><br/> <span class="ft1">eine ernsthafte Gefahr für das Leben oder die körperliche Integrität</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers oder Dritter vorlag (Art. 383 Abs. 1 Ziff. 1),</span><br/> <span class="ft1">oder (alternativ) ob eine schwerwiegende Störung des Gemein-</span><br/> <span class="ft1">schaftslebens beseitigt werden musste (Art. 383 Abs. 1 Ziff. 2).</span><br/> <span class="ft1">Für den ersten Fall (Ziff. 1) wird verlangt, dass auf eine ausser-</span><br/> <span class="ft1">gewöhnliche Situation reagiert werden muss (DANIEL STECK, in:</span><br/> <span class="ft1">Geiser/Reusser [Hrsg.], Basler Kommentar, Erwachsenenschutz, Ba-</span><br/> <span class="ft1">sel 2012, Art. 383 N 12). Erforderlich ist eine ernsthafte, erhebliche,</span><br/> <span class="ft1">gegenwärtige respektive zumindest unmittelbar bevorstehende Ge-</span><br/> <span class="ft1">fahr. Die Gefährdung kann sowohl physischer (Gewalt, Weglaufen</span><br/> <span class="ft1">etc.) oder psychischer Art (Belästigungen etc.) sein (KOKES -</span><br/> <span class="ft1">Praxisanleitung Erwachsenenschutzrecht, Zürich/St. Gallen 2012,</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 11.17). Im letzteren Fall (Ziff. 2) ist das Mass an Verständnis</span><br/> <span class="ft1">und Toleranz, das von anderen Bewohnern und Bewohnerinnen der</span><br/> <span class="ft1">Einrichtung verlangt werden kann, entscheidend (Botschaft Er-</span><br/> <span class="ft1">wachsenenschutz, BBl 2006 7040).</span><br/> <span class="ft1">5.2.</span><br/> <span class="ft1">Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Bewegungsfreiheit</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers seit seinem Eintritt am 2. Mai 2013 einge-</span><br/> <span class="ft1">schränkt wurde. So war er vom 2. Mai bis zum 11. Mai 2013 isoliert</span><br/> <span class="ft1">und fixiert; am 11. Mai 2013 wurde die Fixation gelöst. Der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer erhob keine Beschwerde gegen diese Massnahme.</span><br/> <span class="ft1">Zu prüfen ist im Folgenden somit ausschliesslich, ob die am 13. Mai</span><br/> <span class="ft1">2013 bis zum 21. Mai 2013 angeordnete Weiterführung der Isolation</span><br/> <span class="ft1">rechtmässig ist.</span><br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">5.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Der zuständige Oberarzt schilderte anlässlich der Verhandlung</span><br/> <span class="ft1">vom 14. Mai 2013, es sei wichtig, dass weder dem Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">noch dem Klinikpersonal und den Mitpatienten etwas passiere. Der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer könne auch heute noch sehr schnell aggressiv</span><br/> <span class="ft1">werden, wenn ihm etwas nicht passe. Man werde umgehend</span><br/> <span class="ft1">Lockerungen vornehmen, wenn es ihm besser gehe. Beim letzten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">90</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Mal habe die Klinik beim Öffnen des Settings schlechte Erfahrungen</span><br/> <span class="ft1">gemacht; es sei zu Konflikten mit den Mitpatienten gekommen. Der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer brauche Reizabschirmung und Beruhigung. Am</span><br/> <span class="ft1">letzten Freitag sei er aggressiv und bedrohlich gewesen, als man ur-</span><br/> <span class="ft1">sprünglich die Fixation habe lösen wollen. Seit heute komme er drei</span><br/> <span class="ft1">Mal eine halbe Stunde pro Tag aus der Isolation heraus; eine totale</span><br/> <span class="ft1">Öffnung der Isolation wäre jedoch zu früh, zumal es gefährlich wer-</span><br/> <span class="ft1">den könne und die Leute Angst vor ihm hätten. Er sei so lange fixiert</span><br/> <span class="ft1">worden, weil sich niemand ins Isolationszimmer getraut habe. Die</span><br/> <span class="ft1">Situation sei nicht einschätzbar gewesen. Es habe Beschimpfungen</span><br/> <span class="ft1">und Drohungen gegeben. Es sei zu brutalen Aggressionen gekommen</span><br/> <span class="ft1">und es sei eine grosse Impulsivität vorhanden gewesen, wie man es</span><br/> <span class="ft1">beim Beschwerdeführer zum ersten Mal erlebt habe.</span><br/> <span class="ft1">Auch die anwesende Pflegefachfrau bestätigte, anlässlich eines</span><br/> <span class="ft1">früheren Klinikaufenthalts sei das Setting zu schnell gelockert wor-</span><br/> <span class="ft1">den; dies sei "nicht gut rausgekommen". Sie schilderte, sie habe den</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer in der vergangenen Woche sehr wechselhaft er-</span><br/> <span class="ft1">lebt; heute jedoch habe er sich tiptop an die Abmachungen gehalten.</span><br/> <span class="ft1">Man habe auch die Verantwortung für die Mitpatienten, welche</span><br/> <span class="ft1">Angst vor dem Beschwerdeführer hätten. Gewisse Pflegepersonen</span><br/> <span class="ft1">hätten selbst Angst gehabt, als er fixiert war, weil er unberechenbar</span><br/> <span class="ft1">gewesen sei.</span><br/> <span class="ft1">5.3.2.</span><br/> <span class="ft1">In den Klinikakten findet sich am 13. März 2013 ein Eintrag,</span><br/> <span class="ft1">wonach beim Beschwerdeführer eine ausgeprägte Stimmungslabilität</span><br/> <span class="ft1">bestehe; Gespräche mit dem Beschwerdeführer würden sich schwie-</span><br/> <span class="ft1">rig gestalten, da er schnell gereizt werde. Der Affekt sei sehr</span><br/> <span class="ft1">wechselhaft, von angepasst und freundlich bis angespannt und verbal</span><br/> <span class="ft1">bedrohlich. Psychomotorisch sei er unruhig; aufgrund des weiterhin</span><br/> <span class="ft1">angespannten Zustands sei eine Fremdgefährdung nicht auszuschlies-</span><br/> <span class="ft1">sen.</span><br/> <span class="ft1">In den Tagen zuvor finden sich wiederholt Einträge, wonach der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer "zuerst ruhig, dann sehr laut, fordernd und</span><br/> <span class="ft1">beleidigend" und "verbal bedrohlich", "im Arztgespräch sehr aggres-</span><br/> <span class="ft1">siv (verbal)", bzw. "angespannt und gereizt" war. Entsprechende Ein-</span><br/> <span class="ft1">träge finden sich seit Beginn der Hospitalisation in der Pflegedoku-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">91</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mentation. Speziell zu erwähnen sind zudem diverse Einträge zu Be-</span><br/> <span class="ft1">ginn der Hospitalisation, wonach der Beschwerdeführer dem Pflege-</span><br/> <span class="ft1">personal gedroht hat, die Pflegefachperson umzubringen, bzw. ange-</span><br/> <span class="ft1">kündigt hat, er werde das nächste Mal mit einer Waffe kommen. Am</span><br/> <span class="ft1">6. Mai 2013 findet sich ein Eintrag, wonach der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">verbal aggressiv und zudem bedrohlich war, er zunehmend ange-</span><br/> <span class="ft1">spannter wurde und der anwesenden Pflegefachfrau bei deren Ver-</span><br/> <span class="ft1">such, die rechte Hand des Beschwerdeführers aus der Fixation zu lö-</span><br/> <span class="ft1">sen, auf das Schlüsselbein geschlagen habe (dieser Vorfall wurde</span><br/> <span class="ft1">vom Beschwerdeführer anlässlich der Verhandlung bestritten).</span><br/> <span class="ft1">5.4.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der Schilderungen des Oberarztes und der zu einem</span><br/> <span class="ft1">Grossteil übereinstimmenden Wahrnehmung der Pflegefachfrau so-</span><br/> <span class="ft1">wie unter Würdigung der Einträge in den Krankenakten kann davon</span><br/> <span class="ft1">ausgegangen werden, dass das Verhalten des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">rund um den 13. Mai 2013 nach wie vor unberechenbar war. Es er-</span><br/> <span class="ft1">scheint nachvollziehbar, dass von der Einrichtung angenommen</span><br/> <span class="ft1">wurde, dass der Beschwerdeführer (erneut) fremdaggressives Verhal-</span><br/> <span class="ft1">ten hätte zeigen können. Dabei ist allerdings auch zu berücksichti-</span><br/> <span class="ft1">gen, dass er bereits elf Tage im Intensivzimmer eingeschlossen und</span><br/> <span class="ft1">davon neun Tage mit Gurten an das Bett fixiert war, was durchaus</span><br/> <span class="ft1">auch Aggressionen hervorrufen kann. Eine ernsthafte und unmittel-</span><br/> <span class="ft1">bar bestehende Gefahr für das Leben oder die körperliche Integrität</span><br/> <span class="ft1">Dritter war nicht auszuschliessen. Der Beschwerdeführer war bereits</span><br/> <span class="ft1">mehrfach in der Klinik Königsfelden hospitalisiert. Es war bekannt,</span><br/> <span class="ft1">dass es schon mehrfach zu Aggressionsausbrüchen auch in der Klinik</span><br/> <span class="ft1">gekommen war. Im Übrigen hat der Beschwerdeführer selbst zuge-</span><br/> <span class="ft1">standen, dass es schon sehr aggressiv werden könne.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend war die Voraussetzung nach Art. 383 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 1 ZGB noch knapp erfüllt; die Fortsetzung der Isolation des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers wurde am 13. Mai 2013 zu Recht angeordnet,</span><br/> <span class="ft1">insbesondere da es angezeigt war, die Isolation in kleinen Schritten</span><br/> <span class="ft1">zu öffnen.</span><br/> <br/> <br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">92</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">5.5.</span><br/> <span class="ft1">5.5.1.</span><br/> <span class="ft1">Sodann ist zu prüfen, ob der Grundsatz der Verhältnismässigkeit</span><br/> <span class="ft1">hinreichend beachtet wurde. Die Bewegungsfreiheit darf gemäss Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzestext nur eingeschränkt werden, "wenn weniger einschneidende</span><br/> <span class="ft1">Massnahmen nicht ausreichen oder von vornherein als ungenügend</span><br/> <span class="ft1">erscheinen" (Art. 383 Abs. 1 ZGB).</span><br/> <span class="ft1">5.5.2.</span><br/> <span class="ft1">Insbesondere aufgrund der möglichen Gefährdung Dritter - also</span><br/> <span class="ft1">Klinikpersonal und Mitpatienten - war es notwendig, den Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer von anderen Personen abzuschirmen. Es ist nicht er-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich, welche weniger einschneidende Massnahme hätte ergriffen</span><br/> <span class="ft1">werden können, um Dritte vor dem Beschwerdeführer zu schützen.</span><br/> <span class="ft1">Die Massnahme war denn auch genügend geeignet, das beabsichtigte</span><br/> <span class="ft1">Ziel zu erreichen. Der Entscheid, den Beschwerdeführer in ein</span><br/> <span class="ft1">Zimmer zu bringen, welches abgeschlossen wurde, ist somit unter</span><br/> <span class="ft1">den gegebenen Umständen als verhältnismässig anzusehen.</span><br/> <span class="ft1">5.6.</span><br/> <span class="ft1">5.6.1.</span><br/> <span class="ft1">Schliesslich wird in Art. 383 Abs. 1 ZGB die Urteilsunfähigkeit</span><br/> <span class="ft1">der betroffenen Person als Voraussetzung genannt. Gemäss Art. 16</span><br/> <span class="ft1">ZGB ist jede Person urteilsfähig, der nicht wegen ihres Kindesalters,</span><br/> <span class="ft1">infolge geistiger Behinderung, psychischer Störung, Rausch oder</span><br/> <span class="ft1">ähnlicher Zustände die Fähigkeit mangelt, vernunftgemäss zu han-</span><br/> <span class="ft1">deln. Urteilsfähig ist, wer einerseits über die Fähigkeit verfügt, den</span><br/> <span class="ft1">Sinn und Nutzen sowie die Wirkungen eines bestimmten Verhaltens</span><br/> <span class="ft1">einsehen und abwägen zu können. Andererseits muss ein Willensmo-</span><br/> <span class="ft1">ment gegeben sein, nämlich die Fähigkeit, gemäss der Einsicht nach</span><br/> <span class="ft1">freiem Willen handeln zu können (MARGRITH BIGLER-</span><br/> <span class="ft1">EGGENSBERGER, in: Honsell/Vogt/Geiser [Hrsg.], Basler Kom-</span><br/> <span class="ft1">mentar, Zivilgesetzbuch I, Basel 2010, 4. Aufl., Art. 16 N 3). Dabei</span><br/> <span class="ft1">beurteilt sich die Urteilsfähigkeit nach konstanter Rechtsprechung</span><br/> <span class="ft1">und Lehre nie abstrakt oder ein für alle Mal gleich bezüglich einer</span><br/> <span class="ft1">Person, sondern stets relativ. Es kommt somit darauf an, ob die</span><br/> <span class="ft1">Urteilsfähigkeit für eine konkrete Handlung und zu einem bestimm-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">93</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ten Zeitpunkt gegeben ist (MARGRITH BIGLER-EGGENS-</span><br/> <span class="ft1">BERGER, a.a.O., Art. 16 N 34).</span><br/> <span class="ft1">Für Art. 383 ZGB kann dies nur bedeuten, dass die betroffene</span><br/> <span class="ft1">Person bezüglich der Notwendigkeit der Anordnung und Umsetzung</span><br/> <span class="ft1">der bewegungseinschränkenden Massnahme urteilsunfähig sein</span><br/> <span class="ft1">muss, und zwar in dem Zeitpunkt, in welchem die Massnahme ange-</span><br/> <span class="ft1">ordnet und umgesetzt wird. Eine allgemeine Urteilsunfähigkeit exis-</span><br/> <span class="ft1">tiert nicht und kann daher auch nicht vorausgesetzt werden (vgl. auch</span><br/> <span class="ft1">Art. 434 Abs. 1 Ziff. 2 ZGB, wo Urteilsunfähigkeit betreffend Be-</span><br/> <span class="ft1">handlungsbedürftigkeit vorausgesetzt wird).</span><br/> <span class="ft1">5.6.2.</span><br/> <span class="ft1">Wie bereits erwähnt, bestimmt Art. 438 ZGB, dass auf Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahmen, die die Bewegungsfreiheit der betroffenen Personen in der</span><br/> <span class="ft1">Einrichtung einschränken, die Bestimmungen über die Einschrän-</span><br/> <span class="ft1">kung der Bewegungsfreiheit in Wohn- oder Pflegeeinrichtungen -</span><br/> <span class="ft1">also Art. 383 ff. ZGB - sinngemäss anwendbar sind. Ob das Krite-</span><br/> <span class="ft1">rium der Urteilsunfähigkeit (Art. 383 Abs. 1 ZGB) auch bei der</span><br/> <span class="ft1">Einschränkung der Bewegungsfreiheit im Rahmen einer fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft1">schen Unterbringung Geltung hat, wird in der Literatur kontrovers</span><br/> <span class="ft1">diskutiert. Die Botschaft äussert sich nicht explizit dazu.</span><br/> <span class="ft1">Der Basler Kommentar zum Erwachsenenschutz vertritt die</span><br/> <span class="ft1">Auffassung, dass die bewegungseinschränkenden Massnahmen im-</span><br/> <span class="ft1">mer voraussetzen, dass die betroffene Person urteilsunfähig ist, sie</span><br/> <span class="ft1">damit keine Rechtsgrundlage für die Bewegungsfreiheit einer Person</span><br/> <span class="ft1">darstellen, welche auf ihrer Bewegungsfreiheit besteht und insoweit</span><br/> <span class="ft1">als urteilsfähig angesehen werden muss (a.a.O., Art. 438 N 5). Auch</span><br/> <span class="ft1">der Familienrechtskommentar Erwachsenenschutz spricht sich dafür</span><br/> <span class="ft1">aus, dass Massnahmen zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit</span><br/> <span class="ft1">auch bei fürsorgerisch untergebrachten Personen nur bei Urteilsunfä-</span><br/> <span class="ft1">higkeit zulässig ist, mit der Begründung, dass Art. 383 ZGB, auf den</span><br/> <span class="ft1">Art. 438 ZGB verweist, ausschliesslich urteilsunfähige Personen er-</span><br/> <span class="ft1">wähne (a.a.O., Art. 438 N 15).</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Praxisanleitung zum Erwachsenenschutzrecht der</span><br/> <span class="ft1">KOKES hingegen können bewegungseinschränkende Massnahmen</span><br/> <span class="ft1">im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung auch bei einer</span><br/> <span class="ft1">urteilsfähigen Person angeordnet werden können (KOKES - Praxis-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">94</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">anleitung Erwachsenenschutzrecht, a.a.O., Ziff. 11.12). Auch Dr. iur.</span><br/> <span class="ft1">Patrick Fassbind gelangt in seinem Werk zur Überzeugung, dass</span><br/> <span class="ft1">anders als bei Art. 383 ff. ZGB bei Art. 438 ZGB die Urteilsunfä-</span><br/> <span class="ft1">higkeit der betroffenen Person kein Erfordernis darstellt (P</span><span class="ft2">ATRICK</span><br/> <span class="ft1">F</span><span class="ft2">ASSBIND</span><span class="ft1">, Erwachsenenschutz, Zürich 2012, S. 349). Auch der</span><br/> <span class="ft1">Erwachsenenschutz-Kommentar von Daniel Rosch et al. hält explizit</span><br/> <span class="ft1">fest, dass die Bestimmungen des Art. 383 ff. sinngemäss anwendbar</span><br/> <span class="ft1">seien: Abweichend von diesen Bestimmungen sei u.a., dass die</span><br/> <span class="ft1">Einschränkung der Bewegungsfreiheit im Rahmen einer FU nicht</span><br/> <span class="ft1">von der Urteilsfähigkeit abhänge (DANIEL ROSCH ET AL. (Hrsg.),</span><br/> <span class="ft1">Das neue Erwachsenenschutzrecht, Einführung und Kommentar zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 360 ff. ZGB, Basel 2011, Art. 438 N 2).</span><br/> <span class="ft1">5.6.3.</span><br/> <span class="ft1">Art. 438 i.V.m. Art. 383 ZGB erfasst ausschliesslich Massnah-</span><br/> <span class="ft1">men, die keine Behandlung sind (Botschaft Erwachsenenschutz,</span><br/> <span class="ft1">BBl 2006 7039; Basler Kommentar, Erwachsenenschutz, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Art. 438 N 3). Bei einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit</span><br/> <span class="ft1">handelt es sich demnach in aller Regel nicht um eine therapeutische</span><br/> <span class="ft1">Massnahme für den Betroffenen. Vielmehr geht es insbesondere um</span><br/> <span class="ft1">den Schutz Dritter und darum, dass das Gemeinschaftsleben auf der</span><br/> <span class="ft1">Abteilung nicht schwerwiegend gestört wird.</span><br/> <span class="ft1">Im Gegensatz dazu geht es bei der Behandlung ohne Zustim-</span><br/> <span class="ft1">mung gemäss Art. 434 ZGB ausschliesslich um therapeutische Mass-</span><br/> <span class="ft1">nahmen gemäss Behandlungsplan, nämlich um eine medizinische</span><br/> <span class="ft1">Behandlung im eigentlichen Sinne. Hier wird denn auch zu Recht</span><br/> <span class="ft1">beim Betroffenen die Urteilsunfähigkeit betreffend Behandlungsbe-</span><br/> <span class="ft1">dürftigkeit vorausgesetzt (Art. 434 Abs. 1 Ziff. 2).</span><br/> <span class="ft1">Wenn der Basler Kommentar anfügt, eine bewegungseinschrän-</span><br/> <span class="ft1">kende Massnahme bei einem urteilsfähigen Betroffenen müsse ent-</span><br/> <span class="ft1">weder als Vollstreckung der fürsorgerischen Unterbringung angese-</span><br/> <span class="ft1">hen werden oder Teil einer Behandlung nach Art. 434 f. ZGB</span><br/> <span class="ft1">darstellen (Basler Kommentar, Erwachsenenschutz, a.a.O., Art. 438</span><br/> <span class="ft1">N 5), überzeugt dies nach dem hiervor Ausgeführten nicht, nachdem</span><br/> <span class="ft1">der Kommentar in N 3 und 4 zu Art. 438 - zutreffenderweise - aus-</span><br/> <span class="ft1">führt, die blosse Umsetzung der Anordnungen nach Art. 426 - 429</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Fürsorgerische Unterbringung</span> <span class="page_no">95</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ZGB werde nicht von Art. 438 ZGB erfasst, und Art. 438 ZGB er-</span><br/> <span class="ft1">fasse ausschliesslich Massnahmen, die keine Behandlung seien.</span><br/> <span class="ft1">Es drängt sich daher die Frage auf, wie die Einrichtung reagie-</span><br/> <span class="ft1">ren kann, wenn jemand im Rahmen einer fürsorgerischen Unter-</span><br/> <span class="ft1">bringung in der Klinik hospitalisiert ist und die Voraussetzungen ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss Art. 383 ZGB erfüllt sind, der Betroffene jedoch gleichzeitig</span><br/> <span class="ft1">urteilsfähig ist bezüglich der Notwendigkeit der Anordnung und Um-</span><br/> <span class="ft1">setzung der bewegungseinschränkenden Massnahme. Folgt man der</span><br/> <span class="ft1">Lehrmeinung gemäss Basler Kommentar und Familienrechtskom-</span><br/> <span class="ft1">mentar, könnte die Einrichtung keine Einschränkung der Bewe-</span><br/> <span class="ft1">gungsfreiheit zum Schutz Dritter bzw. zur Beseitigung einer schwer-</span><br/> <span class="ft1">wiegende Störung des Gemeinschaftslebens auf der Abteilung anord-</span><br/> <span class="ft1">nen, und es blieben wohl nur strafrechtliche Sanktionen. Dies kann</span><br/> <span class="ft1">nicht Sinn und Zweck sein, wenn eine Person zur Behandlung einer</span><br/> <span class="ft1">psychischen Störung per fürsorgerischer Unterbringung in eine</span><br/> <span class="ft1">Einrichtung eingewiesen ist. Deshalb ist das Verwaltungsgericht</span><br/> <span class="ft1">davon überzeugt, dass das Kriterium der Urteilsunfähigkeit bei der</span><br/> <span class="ft1">Einschränkung der Bewegungsfreiheit im Rahmen einer fürsorgeri-</span><br/> <span class="ft1">schen Unterbringung keine Geltung haben kann (so auch KOKES-</span><br/> <span class="ft1">Praxisanleitung, a.a.O., Ziff. 11.12, PATRICK FASSBIND, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">S. 349, DANIEL ROSCH ET AL., a.a.O., Art. 438 N 2).</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>