<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 116 S.533</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Ausländerrecht</span> <span class="page_no">533</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>116 Ausweisung eines Drittstaatsangehörigen wegen häuslicher Gewalt</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Auszug aus dem Entscheid des Rechtsdienstes des Migrationsamts Kanton</span><br/> <span class="ft3">Aargau vom 3. Juni 2004 in Sachen F.G., bestätigt durch Urteil des Bundesge-</span><br/> <span class="ft3">richts 2A.131/2005 vom 14. September 2005</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">534</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">Der Einsprecher ist Bürger eines Nicht-EG/EFTA-Staates und</span><br/> <span class="ft1">hat daher kein originäres Aufenthaltsrecht gestützt auf das Abkom-</span><br/> <span class="ft1">men zwischen der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitglied-</span><br/> <span class="ft1">staaten einerseits und der Schweizerischen Eidgenossenschaft ande-</span><br/> <span class="ft1">rerseits über die Freizügigkeit vom 21. Juni 1999 (Freizügigkeits-</span><br/> <span class="ft1">abkommen, FZA; SR 0.142.112.681). Er ist indessen mit einer</span><br/> <span class="ft1">deutschen Staatsangehörigen verheiratet. Solange diese Ehe rechtlich</span><br/> <span class="ft1">nicht aufgelöst ist, erlischt das Aufenthaltsrecht des Einsprechers</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich nicht (Weisungen und Erläuterungen des Bundesamtes</span><br/> <span class="ft1">für Zuwanderung, Integration und Auswanderung [IMES] über die</span><br/> <span class="ft1">schrittweise Einführung des freien Personenverkehrs zwischen der</span><br/> <span class="ft1">Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen Gemein-</span><br/> <span class="ft1">schaft und ihren Mitgliedstaaten sowie den EFTA-Mitgliedstaaten</span><br/> <span class="ft1">Norwegen, Island und dem Fürstentum Liechtenstein [nachfolgend</span><br/> <span class="ft1">Weisungen VEP], Ziff. 8.6; Rundschreiben des IMES vom 16. Januar</span><br/> <span class="ft1">2004 Ziff. 4). Nachdem der Einsprecher aber wegen Straftaten zum</span><br/> <span class="ft1">Nachteil seiner Ehefrau rechtskräftig verurteilt ist, diese die Wie-</span><br/> <span class="ft1">deraufnahme der Ehe kategorisch ausschliesst und die Gründe für die</span><br/> <span class="ft1">Weigerung, das Eheleben wieder aufzunehmen, objektiv begründet</span><br/> <span class="ft1">erscheinen, ist das Festhalten des Einsprechers an dieser Ehe als</span><br/> <span class="ft1">rechtsmissbräuchlich zu taxieren (grundsätzlich: Urteil 2A.246/2003</span><br/> <span class="ft1">vom 19. Dezember 2003; BGE 128 II 145 E. 2 und 3 S. 151 ff.; 127</span><br/> <span class="ft1">II 49 E. 5 S. 56 ff.). Entsprechend kann sich der Einsprecher nicht</span><br/> <span class="ft1">mehr auf den Schutz des Familienlebens nach den Bestimmungen</span><br/> <span class="ft1">des FZA oder nach Art. 8 der Konvention zum Schutze der</span><br/> <span class="ft1">Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950</span><br/> <span class="ft1">(EMRK; SR 0.101) berufen (Weisungen VEP Ziff. 8.6, in fine). Folg-</span><br/> <span class="ft1">lich ist die Ausweisung ausschliesslich nach innerstaatlichem Recht</span><br/> <span class="ft1">zu prüfen.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">(...) Der hier mit einer Aufenthaltsbewilligung lebende Einspre-</span><br/> <span class="ft1">cher erfüllt den Ausweisungsgrund gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. a</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Ausländerrecht</span> <span class="page_no">535</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ANAG, nachdem er rechtskräftig zu einer Gefängnisstrafe von sechs</span><br/> <span class="ft1">Wochen verurteilt worden ist.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1 Ausgangspunkt für die Schwere des Verschuldens gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 16 Abs. 3 ANAV ist das ausgefällte Strafmass. Das Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richt legt eine Grenze von zwei Jahren Freiheitsstrafe fest, von der an</span><br/> <span class="ft1">in der Regel keine Aufenthaltsbewilligung mehr zu erteilen ist. Dies</span><br/> <span class="ft1">betrifft straffällige, mit einer Schweizerin verheiratete Ausländer,</span><br/> <span class="ft1">wenn sie um eine erstmalige Bewilligung nachsuchen oder nach</span><br/> <span class="ft1">bloss kurzer Aufenthaltsdauer die Erneuerung der Bewilligung bean-</span><br/> <span class="ft1">tragen (mit BGE 110 Ib 201, Reneja, eingeleitete Praxis zu Art. 7</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 ANAG; BGE 120 Ib 6 E. 4b S. 13 f.; diese Praxis ist - eine in-</span><br/> <span class="ft1">takte Ehe vorausgesetzt - auch bei Ehegatten von EG/EFTA-Staats-</span><br/> <span class="ft1">angehörigen anwendbar, Urteil des Bundesgerichts 2A.273/2003</span><br/> <span class="ft1">vom 7. April 2004, E. 4.1).</span><br/> <span class="ft1">3.2 (...)</span><br/> <span class="ft1">3.2.3 Unter häuslicher Gewalt wird die Anwendung oder</span><br/> <span class="ft1">Androhung physischer, psychischer oder sexueller Gewalt nament-</span><br/> <span class="ft1">lich unter Paaren in bestehender oder aufgelöster Ehe sowie zwi-</span><br/> <span class="ft1">schen Eltern und Kindern verstanden. Häusliche Gewalt als solche ist</span><br/> <span class="ft1">kein strafrechtliches Delikt. Darunter sind aber strafrechtlich eindeu-</span><br/> <span class="ft1">tige Delikte zu subsumieren wie zum Beispiel Tätlichkeiten, Körper-</span><br/> <span class="ft1">verletzung, Drohung, sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung. Auf-</span><br/> <span class="ft1">gabe aller kantonalen Behörden ist es, häusliche Gewalt zu stoppen,</span><br/> <span class="ft1">Eskalationen zu verhindern sowie Opfer maximal und nachhaltig zu</span><br/> <span class="ft1">schützen. Täter sind zudem zur Verantwortung zu ziehen (weiterfüh-</span><br/> <span class="ft1">rend: http://www.ag.ch/interventionsprojekt), wobei sie in erster Li-</span><br/> <span class="ft1">nie strafrechtlich zu belangen sind. In diesem Zusammenhang ist auf</span><br/> <span class="ft1">die per 1. April 2004 in Kraft gesetzte Änderung des Strafgesetzbu-</span><br/> <span class="ft1">ches vom 3. Oktober 2003 (Amtliche Sammlung des Bundesrechts</span><br/> <span class="ft1">2004, S. 1403 - 1407) hinzuweisen, wonach Gewalt in Ehe und Part-</span><br/> <span class="ft1">nerschaft neu von Amtes wegen verfolgt wird. Der eidgenössische</span><br/> <span class="ft1">Gesetzgeber setzt mit dieser Änderung die Strafverfolgungsschran-</span><br/> <span class="ft1">ken tiefer und bietet den Kantonen eine wichtige Hilfestellung in ih-</span><br/> <span class="ft1">ren Bemühungen, die häusliche Gewalt wirksam zu bekämpfen. Die</span><br/> <span class="ft1">Täter zur Verantwortung zu ziehen erschöpft sich jedoch nicht darin,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">536</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sie nur strafrechtlich zu belangen. Gegen sie ist im Rahmen der</span><br/> <span class="ft1">bestehenden Gesetzgebung und Rechtsprechung ebenfalls die Ver-</span><br/> <span class="ft1">hängung ausländerrechtlicher Massnahmen zu prüfen. Insofern ist</span><br/> <span class="ft1">nicht zu beanstanden, wenn die Sektion eine härtere Gangart bei der</span><br/> <span class="ft1">ausländerrechtlichen Sanktionierung von Tätern einschlägt, die De-</span><br/> <span class="ft1">likte im Kontext der häuslichen Gewalt begangen haben. Einschrän-</span><br/> <span class="ft1">kend ist allerdings festzuhalten, dass die Weg- oder Ausweisung ei-</span><br/> <span class="ft1">nes Täters nicht ausschliesslich mit generalpräventiven Überlegun-</span><br/> <span class="ft1">gen begründet werden darf. Zu fragen ist in erster Linie, wie schwer</span><br/> <span class="ft1">das Verschulden aus fremdenpolizeilicher Sicht wiegt.</span><br/> <span class="ft1">3.2.4 Der Einsprecher wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt,</span><br/> <span class="ft1">die deutlich unter dem Richtwert von zwei Jahren liegt. Bei den zwei</span><br/> <span class="ft1">Jahren handelt es sich allerdings nur um einen Richtwert; bezüglich</span><br/> <span class="ft1">des Strafmasses wird keine feste Grenze gezogen (BGE 120 Ib 6</span><br/> <span class="ft1">E. 4b S. 14). Entscheidend ist - wie bereits erwähnt - das individuelle</span><br/> <span class="ft1">Verschulden des Täters. Im vorliegenden Fall liegt keine Begründung</span><br/> <span class="ft1">des Strafmasses gemäss Art. 63 des Schweizerischen Strafgesetzbu-</span><br/> <span class="ft1">ches vom 21. Dezember 1937 (StGB; SR 311.0) vor, da der Einspre-</span><br/> <span class="ft1">cher den Strafbefehl akzeptiert hat. Indessen sind die zum Nachteil</span><br/> <span class="ft1">seiner Ehefrau begangenen Straftaten gravierend und verabscheu-</span><br/> <span class="ft1">ungswürdig. Erschwerend kommt das weitgehend fehlende Un-</span><br/> <span class="ft1">rechtsbewusstsein des Einsprechers hinzu (vgl. Kurzeinvernahme:</span><br/> <span class="ft1">"Eheleben: zwischendurch Streit aber sonst ist alles gut" und act. X</span><br/> <span class="ft1">wo er die Auseinandersetzung als "Unfall" bezeichnet), was eine</span><br/> <span class="ft1">ungünstige Legalprognose für künftiges Wohlverhalten impliziert.</span><br/> <span class="ft1">Insgesamt wiegt das Verschulden des Einsprechers aus fremden-</span><br/> <span class="ft1">polizeilicher Sicht nicht mehr leicht. Entsprechend besteht ein</span><br/> <span class="ft1">wesentliches öffentliches Interesse, den Einsprecher auszuweisen</span><br/> <span class="ft1">(vgl. BGE 122 II 433 E. 2c S. 436 f., wo das Bundesgericht bei</span><br/> <span class="ft1">"schweren Straftaten, insbesondere bei Gewalt-, Sexual- und schwe-</span><br/> <span class="ft1">ren Betäubungsmitteldelikten, und erst recht bei Rückfall bzw.</span><br/> <span class="ft1">wiederholter Delinquenz [...] ein wesentliches öffentliches Interesse</span><br/> <span class="ft1">an einer Ausweisung" bejaht).</span><br/> <span class="ft1">4. (...)</span><br/> <span class="ft1">4.2 Der heute 31 ½ Jahre alte Einsprecher hält sich knapp ein</span><br/> <span class="ft1">Jahr in der Schweiz auf und beherrscht die deutsche Sprache kaum.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Ausländerrecht</span> <span class="page_no">537</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Er gab zwar anlässlich seiner polizeilichen Anhaltung in der Coop X.</span><br/> <span class="ft1">am 24. März 2004 an, deutsch zu verstehen, erfasste aber den</span><br/> <span class="ft1">Sachverhalt erst, nachdem eine spanisch sprechende Angestellte</span><br/> <span class="ft1">beigezogen worden war. Weiter teilte er am 7. April 2004 mit, bei der</span><br/> <span class="ft1">Garage Y. in Z. zu arbeiten. Gemäss Beschluss der Kerngruppe für</span><br/> <span class="ft1">das Sozialwesen der Stadt X. vom 26. März 2004 ist der Einsprecher</span><br/> <span class="ft1">allerdings arbeits- und mittellos und bezieht rückwirkend ab 1. April</span><br/> <span class="ft1">2004 Sozialhilfe. Der Einsprecher ist nach dem Gesagten nicht integ-</span><br/> <span class="ft1">riert. Deswegen kann er unter diesem Titel nichts zu seinen Gunsten</span><br/> <span class="ft1">ableiten.</span><br/> <span class="ft1">5.</span><br/> <span class="ft1">Drohende Nachteile gemäss Art. 16 Abs. 3 ANAV, die es abzu-</span><br/> <span class="ft1">wehren gilt, sind keine ersichtlich und werden auch nicht vorge-</span><br/> <span class="ft1">bracht. Festzuhalten ist vielmehr, dass der Einsprecher die prägenden</span><br/> <span class="ft1">Jahre als Jugendlicher in der Dominikanischen Republik verbrachte,</span><br/> <span class="ft1">wo er auch die Schulen besuchte. Dort war er auch erwerbstätig; ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss seinen Aussagen sei seine "wirtschaftliche Lage [...] durch</span><br/> <span class="ft1">meine Arbeit als Aufseher einer Tankstelle abgesichert". Zwar dürfte</span><br/> <span class="ft1">es ihm nicht leicht fallen, dorthin zurückzukehren, da er sich auf ein</span><br/> <span class="ft1">Leben in der Schweiz eingestellt hat. Hier hat er ebenfalls die besse-</span><br/> <span class="ft1">ren wirtschaftlichen Perspektiven. Allerdings wird er - Arbeitswille</span><br/> <span class="ft1">vorausgesetzt - in seinem Herkunftsland beruflich schnell wieder</span><br/> <span class="ft1">Fuss fassen können. Für eine allfällige Übergangszeit kann er nöti-</span><br/> <span class="ft1">genfalls Unterhaltszahlungen von seiner Ehefrau erwirken. Schliess-</span><br/> <span class="ft1">lich blieb die Ehe kinderlos. Unter diesen Umständen ist dem Ein-</span><br/> <span class="ft1">sprecher eine Rückkehr in die Dominikanische Republik problemlos</span><br/> <span class="ft1">zumutbar.</span><br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend wiegt das Verschulden des Einsprechers aus</span><br/> <span class="ft1">fremdenpolizeilicher Sicht nicht mehr leicht. Folglich besteht ein we-</span><br/> <span class="ft1">sentliches öffentliches Interesse, ihn zum Schutz der öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Ordnung und Sicherheit auszuweisen. Sein privates Interesse am</span><br/> <span class="ft1">wieteren Verbleib in der Schweiz erschöpft sich darin, dass er hier</span><br/> <span class="ft1">die besseren wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten als in der</span><br/> <span class="ft1">Dominikanischen Republik hat. Dieses private Interesse vermag</span><br/> <span class="ft1">indessen das öffentliche bei weitem nicht aufzuwiegen. Die Auswei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">538</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sung erweist sich, gemessen am nationalen Recht, als verhältnismäs-</span><br/> <span class="ft1">sig. Sie hält ebenfalls vor Art. 8 EMRK stand, da die Ehe als endgül-</span><br/> <span class="ft1">tig gescheitert zu betrachten ist. Im Übrigen kann dem Einsprecher</span><br/> <span class="ft1">für die Teilnahme an einer allfälligen Scheidungsverhandlung ein</span><br/> <span class="ft1">Einreisevisum ausgestellt werden, falls der Richter das persönliche</span><br/> <span class="ft1">Erscheinen des Einsprechers als notwendig erachtet. Die Einsprache</span><br/> <span class="ft1">(Haupt- und Eventualantrag) ist nach dem Gesagten als unbegründet</span><br/> <span class="ft1">abzuweisen.</span><br/></div> </div> </body> </html>