<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">341</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>61</b></span> <span class="ft2"><b>Vereinfachtes Verfahren (§ 61 BauG); Anstösser</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Wird ein Bauvorhaben im vereinfachten Verfahren beurteilt, muss</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der Gemeinderat die einwendungsberechtigten Anstösser vorgängig</b></span><br/> <span class="ft2"><b>informieren, es sei denn, diese haben dem Bauvorhaben zugestimmt.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Definition des Begriffs "direkte Anstösser"</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt vom 11. Juli 2012</span><br/> <span class="ft5">(BVURA.12.185)</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">7.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 61 BauG (in der Fassung mit Gültigkeit bis 31. Au-</span><br/> <span class="ft1">gust 2012) kann der Gemeinderat Bauvorhaben, die weder nachbar-</span><br/> <span class="ft1">liche noch öffentliche Interessen berühren, nach schriftlicher Mittei-</span><br/> <span class="ft1">lung an direkte Anstösser ohne Auflage, Veröffentlichung und Profi-</span><br/> <span class="ft1">lierung bewilligen. Aus dem eindeutigen Wortlaut ergibt sich klar,</span><br/> <span class="ft1">dass der Gemeinderat die Anstösser benachrichtigen muss.</span><br/> <span class="ft1">Der Anzeigesteller kritisiert, dass der Gemeinderat im umstrit-</span><br/> <span class="ft1">tenen Beschluss in Ziffer 2 zwingend verlangt, dass die direkten An-</span><br/> <span class="ft1">stösser die Baupläne unterschreiben müssen. Er macht geltend, es sei</span><br/> <span class="ft1">gesetzeswidrig, wenn sich der Gemeinderat weigere, die direkten</span><br/> <span class="ft1">Anstösser zu benachrichtigen und das Einholen der Unterschriften</span><br/> <span class="ft1">der Bauherrschaft überbinde.</span><br/> <span class="ft1">Der Gemeinderat argumentiert, es dürfe nicht sein, dass die</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde die Anstösser informiere, ihnen das Bauvorhaben erläu-</span><br/> <span class="ft1">tere, die 30-tägige Frist für allfällige Einwendungen abwarte und die</span><br/> <span class="ft1">Bauherrschaft die Publikation einsparen könne. Die Vorgehensweise</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">342</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mit dem Einholen der Unterschrift werde im Handbuch zum Bau-</span><br/> <span class="ft1">und Nutzungsrecht (BNR) ausdrücklich erwähnt.</span><br/> <span class="ft1">Es trifft zwar zu, dass diese Vorgehensweise im BNR erwähnt</span><br/> <span class="ft1">wird. Jedoch wird das Einholen der Unterschriften richtigerweise le-</span><br/> <span class="ft1">diglich als freiwillige Alternative für die Bauherrschaft beschrieben.</span><br/> <span class="ft1">In der aktuellen 3. Auflage steht in Rz. 506 und 507, S. 121 ff.:</span><br/> <span class="ft5">"Der Gemeinderat kann ein vereinfachtes Verfahren durchführen,</span><br/> <span class="ft5">wenn das Bauvorhaben von geringer Bedeutung ist und höchstens die di-</span><br/> <span class="ft5">rekten Anstösser vom Vorhaben betroffen sind. In diesem Verfahren kann er</span><br/> <span class="ft5">das Bauprojekt nach schriftlicher Mitteilung an die direkten Anstösser ohne</span><br/> <span class="ft5">Auflage, Veröffentlichung und Profilierung bewilligen. (...) Die schriftliche</span><br/> <span class="ft5">Mitteilung an die direkten Anstösser schliesst die 30-tägige Einwendungs-</span><br/> <span class="ft5">frist nicht aus. Bauwillige können jedoch diese Frist sparen, indem sie die</span><br/> <span class="ft5">Zustimmung der Anstösser direkt auf dem Baugesuch unterschriftlich be-</span><br/> <span class="ft5">stätigen lassen."</span><br/> <span class="ft1">Obwohl es sich bei § 61 BauG um eine Kann-Vorschrift han-</span><br/> <span class="ft1">delt, muss sie der Gemeinderat - wie bereits erwähnt - pflichtgemäss</span><br/> <span class="ft1">anwenden. Es ist ihm somit nicht erlaubt, für die Durchführung des</span><br/> <span class="ft1">vereinfachten Verfahrens zwingend die Unterschrift aller direkten</span><br/> <span class="ft1">Anstösser zu verlangen anstelle des im Gesetz vorgeschriebenen</span><br/> <span class="ft1">Vorgehens der schriftlichen Mitteilung. Mit der vom Gemeinderat</span><br/> <span class="ft1">beschlossenen Handhabung des vereinfachten Verfahrens verletzt er</span><br/> <span class="ft1">sein Ermessen. ...</span><br/> <span class="ft1">Die sinngemässe Argumentation des Gemeinderats, er habe die</span><br/> <span class="ft1">ganze Arbeit (durch die Mitteilung), während sich der Bauge-</span><br/> <span class="ft1">suchsteller die Publikationskosten spare, ist unbehelflich. Die Publi-</span><br/> <span class="ft1">kationskosten sind als durchlaufende Kosten (Auslagen, die weiter-</span><br/> <span class="ft1">belastet werden) ohne Einfluss auf die Kosten der Gemeinde. Es</span><br/> <span class="ft1">steht der Gemeinde frei, ein Gebührenreglement zu beschliessen, das</span><br/> <span class="ft1">auch im vereinfachten Verfahren angemessene Gebühren unter Wah-</span><br/> <span class="ft1">rung des Kostendeckungs- und des Äquivalenzprinzips vorsieht. ...</span><br/> <span class="ft1">8.</span><br/> <span class="ft1">Der Anzeigesteller verlangt in seinem Antrag 2, dass der Begriff</span><br/> <span class="ft1">"direkte Anstösser" in § 61 BauG eindeutig definiert wird. Der Be-</span><br/> <span class="ft1">griff sei nirgends definiert. Der Anzeigesteller befürchtet, dass</span><br/> <span class="ft1">Nachbarn, die an und für sich einwendungsberechtigt wären, vom</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">343</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Verfahren ausgeschlossen werden, weil ihre Liegenschaft nicht un-</span><br/> <span class="ft1">mittelbar angrenzend ist, sondern durch beispielsweise eine Quartier-</span><br/> <span class="ft1">strasse oder einen Fussweg von der Bauparzelle getrennt ist. ...</span><br/> <span class="ft1">Beim Begriff "direkter Anstösser" gemäss § 61 BauG handelt es</span><br/> <span class="ft1">sich um einen kantonal abschliessend bestimmten Begriff, der ein-</span><br/> <span class="ft1">heitlich auszulegen ist. Jedoch dürfen die konkreten Umstände des</span><br/> <span class="ft1">Einzelfalls nicht ausser Acht gelassen werden. ...</span><br/> <span class="ft1">Direkte Anstösser sind zweifellos vorab diejenigen, deren Par-</span><br/> <span class="ft1">zelle direkt an die Bauparzelle angrenzt (vgl. auch § 54 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">BauV). Die beiden Parzellen müssen sich wenigstens an einem Punkt</span><br/> <span class="ft1">berühren.</span><br/> <span class="ft1">Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass ein Grundeigen-</span><br/> <span class="ft1">tümer von einem Bauvorhaben auch dann betroffen sein kann, wenn</span><br/> <span class="ft1">seine Parzelle nicht unmittelbar an die Nachbarparzelle grenzt, etwa</span><br/> <span class="ft1">dann, wenn die zwei Parzellen lediglich durch einen schmalen Zu-</span><br/> <span class="ft1">fahrtsweg oder einen Fussweg voneinander getrennt sind. In diesem</span><br/> <span class="ft1">Fall wären wohl diejenigen Grundeigentümer über das Bauvorhaben</span><br/> <span class="ft1">zu informieren, deren Parzellen unmittelbar gegenüber dem Bauvor-</span><br/> <span class="ft1">haben auf der anderen Seite des Wegs liegen (vgl. auch § 95 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">BauG). Es ist Sache des Gemeinderats, im konkreten Einzelfall zu</span><br/> <span class="ft1">entscheiden, welche Grundeigentümer anzuschreiben sind oder wel-</span><br/> <span class="ft1">che das Bauprojekt unterschreiben müssen. Grundsätzlich gilt: Je</span><br/> <span class="ft1">mehr direkte Anstösser bei einem Bauvorhaben im Hinblick auf die</span><br/> <span class="ft1">Durchführung des vereinfachten Verfahrens anzuschreiben wären</span><br/> <span class="ft1">und je eher auch ein durch einen Weg von der Bauparzelle getrennter</span><br/> <span class="ft1">Grundeigentümer betroffen sein könnte, desto eher fragt es sich, ob</span><br/> <span class="ft1">für das betreffende Bauprojekt nicht das ordentlichen Baubewilli-</span><br/> <span class="ft1">gungsverfahren durchzuführen wäre. Im Zweifel ist das ordentliche</span><br/> <span class="ft1">Verfahren zu wählen. Insofern kann in der vorliegenden Beantwor-</span><br/> <span class="ft1">tung der Aufsichtsanzeige offenbleiben, ob generell auch ein Grund-</span><br/> <span class="ft1">eigentümer, dessen Grundstück durch einen Weg von der Bauparzelle</span><br/> <span class="ft1">getrennt ist, noch direkter Anstösser ist oder nicht, und wenn ja, wie</span><br/> <span class="ft1">breit der Weg höchstens sein darf. Die Materialien äussern sich zu</span><br/> <span class="ft1">dieser Frage nicht. Den Wortlaut "direkte Anstösser" verwendete</span><br/> <span class="ft1">schon das alte Baugesetz in § 153 ("geringfügige Bauvorhaben").</span><br/> <span class="ft1">Der Kreis der Anstösser wurde damals bewusst auf die Eigentümer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">344</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">und Besitzer der direkt an das Baugrundstück stossenden, also nicht</span><br/> <span class="ft1">sämtlicher benachbarter Parzellen, beschränkt; damit wurde der nor-</span><br/> <span class="ft1">male Anstösser- und Nachbarbegriff bewusst räumlich eingeschränkt</span><br/> <span class="ft1">(E</span><span class="ft5">RICH</span> <span class="ft1">Z</span><span class="ft5">IMMERLIN</span><span class="ft1">, Baugesetz des Kantons Aargau, 2. Aufl., Aarau</span><br/> <span class="ft1">1985, N 1 zu § 153).</span><br/> <span class="ft1">Umgekehrt gibt es auch konkrete Situationen, in denen der</span><br/> <span class="ft1">Kreis der direkten Anstösser einzuschränken ist, obwohl alle unmit-</span><br/> <span class="ft1">telbar angrenzende Parzellen haben: Das Verhältnismässigkeitsprin-</span><br/> <span class="ft1">zip gebietet, dass nur anzuschreiben ist, wer überhaupt legitimiert</span><br/> <span class="ft1">sein kann. ... Dies kann beispielsweise bei sehr grossen Parzellen</span><br/> <span class="ft1">fraglich sein, wenn ein Bauvorhaben zwar auf der Nachbarparzelle</span><br/> <span class="ft1">verwirklicht wird, diese aber so gross ist, dass die Nachbarn durch</span><br/> <span class="ft1">die baulichen Massnahmen in ihrem Eigentum nicht beeinträchtigt</span><br/> <span class="ft1">werden. Ebenso kann dies fraglich sein, wenn es um ein kleines,</span><br/> <span class="ft1">emissionsloses Vorhaben geht, das unmittelbar auf der Rückseite ei-</span><br/> <span class="ft1">nes grösseren Gebäudes geplant ist. In diesen Fällen wäre ein Nach-</span><br/> <span class="ft1">bar auf der Vorderseite nicht als direkter Anstösser im Sinn von § 61</span><br/> <span class="ft1">BauG anzusehen.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> </body> </html>