Abteilung V E-3485/2006/sca {T 0/2} U r t e i l v o m 2 . A p r i l 2 0 0 8 Richter Markus König (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richterin Marianne Teuscher, Gerichtsschreiberin Eveline Chastonay X._______, geboren (...), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Dominique Düby, (...), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM) , Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz, Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. Mai 2004 / N _______ B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandE-3485/2006 Sachverhalt: A. Der aus der Provinz A._______ stammende Beschwerdeführer, Angehöriger der Ethnie der Hazara, verliess den Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im (...). Er gelangte zunächst nach B._______. Nach etwa zwei Monaten Aufenthalt in B._______ reiste der Beschwerdeführer (...) am 23. August (...) in die Schweiz ein und stellte tags darauf ein Asylgesuch. Im Empfangszentrum (vormals Empfangsstelle) C._______ wurde der Beschwerdeführer am 2. September 2002 erstmals befragt. Für die Dauer des Verfahrens wurde er dem Kanton D._______ zugewiesen. Die zuständige kantonale Behörde befragte den Beschwerdeführer am 13. September 2002 zu seinen Asylgründen. Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er sei im Frühjahr (...) von Leuten der K._______ während fünf Monaten im E._______ festgehalten worden; durch die Bezahlung von Bestechungsgeldern sei er freigekommen. Er gehöre dem Stamm der F._______ an, welche mit demjenigen der G._______ im Dorf verfeindet gewesen sei. Aus diesem Grund habe die Familie (...) nach H._______ flüchten müssen. Nach der Machtübernahme durch die Taliban sei er mit der Familie ins Dorf zurückgekehrt. Hier hätten sie feststellen müssen, dass die Leute des G._______-Stammes inzwischen ihre Häuser besetzt hätten. Mit Hilfe der Taliban hätten sie die Häuser zurückerhalten. Etwa vier Monate vor der Ausreise sei er (...) entführt worden, habe aber kurz darauf flüchten können. Nachdem verschiedene Stammesangehörige nach I._______ geflüchtet seien, habe sich der Beschwerdeführer mit seiner Familie anlässlich (...) ebenfalls nach I._______ begeben. Dort hätten sie sich etwa zwei Wochen aufgehalten. Aus Angst vor Verfolgung durch den verfeindeten Stamm hätten sie Afghanistan im (...) verlassen. Der Beschwerdeführer sei allein in die Schweiz gelangt, die weiteren Familienmitglieder habe er aus den Augen verloren, diese – die Mutter und Geschwister – hätten beabsichtigt, nach J._______ auszuwandern. B. Das Bundesamt stellte mit Verfügung vom 28. Mai 2004 – eröffnet am 1. Juni 2004 – fest, die Vorbringen des Beschwerdeführers genügten weder den Anforderungen an das Glaubhaftmachen eines asylrelevan- Seite 2E-3485/2006 ten Sachverhalts noch denjenigen an die Flüchtlingseigenschaft und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und ordnete den Wegwei- sungsvollzug an. C. Mit Beschwerde vom 24. Juni 2004 an die vormals zuständige Schwei- zerische Asylrekurskommission (ARK) beantragte der Beschwerdefüh- rer durch seine Rechtsvertreterin die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewäh- rung des Asyls. Eventualiter sei die Unzulässigkeit und Unzumutbar- keit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und als Folge davon von Amtes wegen die vorläufige Aufnahme zu gewähren. In formeller Hinsicht wurde die unentgeltliche Rechtspflege, insbesondere der Ver- zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, beantragt. Auf die Begründung der Rechtsbegehren im Einzelnen wird in den nachfolgen- den Erwägungen eingegangen. D. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 5. Juli 2004 verzichtete der zu- ständige Instruktionsrichter auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses; hinsichtlich des Gesuchs um unentgeltliche Prozessführung wur- de auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen. Soweit die unentgeltliche Rechtsverbeiständung betreffend, wurde das Gesuch durch den Inst- ruktionsrichter abgewiesen. E. Mit Schreiben vom 30. Juli 2004 legte der Beschwerdeführer erneut seine Situation und Ausreisegründe dar. F. Mit Eingabe vom 12. August 2004 liess der Beschwerdeführer einen ärztlichen Bericht einreichen und ausführen, aufgrund der darin diag- nostizierten posttraumatischen Belastungsstörung sei der Vollzug sei- ner Wegweisung aus medizinischen Gründen nicht zumutbar. G. Das Bundesamt hielt in der Vernehmlassung vom 2. September 2004 an seiner Verfügung – soweit die Frage der Flüchtlingseigenschaft und des Asyls betreffend – fest; soweit die Frage des Vollzugs der Wegwei- sung betreffend kam die Vorinstanz auf ihre Verfügung vom 28. Mai Seite 3E-3485/2006 2004 zurück und verfügte zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers. H. Mit verfahrensleitender Verfügung vom 9. September 2004 wurde der Beschwerdeführer in der Folge angefragt, ob er aufgrund der verfügten vorläufigen Aufnahme an der Beschwerde festhalten oder diese allen- falls zurückziehen wolle. Der Beschwerdeführer äusserte sich mit Schreiben vom 16. Septem- ber 2004 dahingehend, über die Gründe der vorläufigen Aufnahme nicht im Bilde zu sein, weshalb er keinen Entscheid hinsichtlich eines allfälligen Beschwerderückzugs fällen könne. Am 20. September 2004 (Telefax) teilte der Instruktionsrichter dem Be- schwerdeführer mit, die Vorinstanz habe die vorläufige Aufnahme mit den von ihm geltend gemachten medizinischen Umständen begründet. Mit Eingabe vom 27. September 2004 liess der Beschwerdeführer mit- teilen, er halte an der Beschwerde fest; gleichzeitig wurde eine Hono- rarnote zu den Akten gereicht. I. Am 22. März 2007 wurde der Beschwerdeführer dahingehend infor- miert, dass sein Verfahren per 1. Januar 2007 vom Bundesverwal- tungsgericht übernommen worden war. J. Am 16. September 2007 liess der Beschwerdeführer zwei Fotografien sowie einen Auszug aus dem Schreiben seines Arbeitgebers in der Schweiz vom 19. April 2006 zu den Akten reichen. Zudem ersuchte er um Mitteilung für den Fall, dass das Verfahren noch längere Zeit in An- spruch nehmen sollte. Mit Schreiben vom 11. Oktober 2007 teilte der zuständige Instruktions- richter dem Beschwerdeführer mit, dass aufgrund der Geschäftslast kein verbindlicher Entscheidzeitpunkt genannt werden könne und wies nochmals darauf hin, dass die Vorinstanz ihn im Rahmen der Ver- nehmlassung vom 2. September 2004 wiedererwägungsweise vorläu- fig aufgenommen habe, womit die Fragen der Wegweisung und deren Vollzugs nicht mehr Gegenstand des noch hängigen Beschwerdever- fahrens bilden würden. Seite 4E-3485/2006 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsge- richt Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgeset- zes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das Bundesamt für Migration (BFM) gehört zu den Be- hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundes- verwaltungsgerichts. Eine Ausnahme, was das Sachgebiet angeht, ist nicht gegeben (Art. 32 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und ent- scheidet in diesem Bereich endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Die Beurtei- lung erfolgt nach neuem Verfahrensrecht (vgl. Art. 53 Abs. 2 VGG). 1.2 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrich- tige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. Die Beschwerde ist form- und fristgerecht eingereicht; der Beschwer- deführer ist legitimiert (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48, 50 und 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist mithin einzutreten. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine ausländische Person aner- kannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu ei- ner bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen An- schauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). Seite 5E-3485/2006 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachwei- sen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrschein- lichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wider- sprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz hielt in ihrer Verfügung fest, zentrale Asylvorbringen seien vom Beschwerdeführer nachgeschoben worden und deshalb als wenig plausibel zu beurteilen. So habe er in der Empfangsstelle weder die angebliche Entführung durch Angehörige des feindlichen Stammes etwa vier Monate vor Verlassen des Heimatdorfs noch die angebliche Gefangennahme durch K._______ im Jahr (...) erwähnt. Im Weiteren würden auch die Angaben zur Entführung durch drei Personen der Plausibilität entbehren, namentlich seien die geschilderten Fluchtum- stände als wenig wahrscheinlich und konstruiert zu qualifizieren. Zu- dem erscheine wenig nachvollziehbar, dass die ganze Familie im (...) I._______ verlassen habe und ins Ausland ausgereist sei, obwohl ihre wirtschaftliche Lage dort gut gewesen sein solle. Ungeachtet der Frage der Glaubhaftigkeit sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer Nachteile geltend mache, die sich aus lokal oder re- gional beschränkten Verfolgungsmassnahmen ableiten würden. Diesen Nachteilen habe er sich durch Wegzug in einen anderen Teil des Hei- matstaates entziehen können, mithin sei der Beschwerdeführer nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. Vorliegend habe sich der Be- schwerdeführer durch einen Wegzug (...) vor den regionalen oder lokalen Verfolgungsmassnahmen schützen können. Die Übergangsregierung sei gewillt, Personen, die von Trägern staatlicher Macht, lokalen Machthabern oder Dritten verfolgt würden, zu schützen. Damit komme den Vorbringen keine Asylrelevanz zu. 4.2 In der Rechtsmitteleingabe wird dagegen ausgeführt, der Be- schwerdeführer habe die Entführung durch Angehörige des feindlichen Stammes der G._______ auch beim Kanton erst auf spezifische Fragen hin erzählt. Dieses Ereignis sei somit nicht nachgeschoben, zumal diese Entführung allein für den Beschwerdeführer nicht ausschlaggebend für die Flucht gewesen sei. Dies werde dadurch Seite 6E-3485/2006 bestätigt, dass der Beschwerdeführer nach der Entführung noch etwa vier Monate im Dorf geblieben und erst mit dem Rückzug der Taliban geflüchtet sei. Hätte der Schutz durch die Taliban weiter bestanden, hätten er und seine Angehörigen das Dorf nicht verlassen. Die Gefangennahme durch die K._______ habe (...) stattgefunden und sei somit nicht mehr asylrelevant, mithin sei unerheblich, dass der Beschwerdeführer diese in der Empfangsstelle nicht erwähnt habe. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz seien zudem die geschilderten Umstände der Flucht anlässlich der Entführung durch Leute des G._______-Stammes nicht konstruiert ausgefallen. Da der Beschwerdeführer vermutlich gewusst habe, dass auch er – wie zuvor andere Familienmitglieder seines Stammes – durch die G._______- Leute getötet werden würde, habe er den risikoreichen Fluchtversuch in Kauf genommen (...). Nicht haltbar sei die Argumentation des BFM, wonach es nicht nach- vollziehbar sei, dass die Familie des Beschwerdeführers I._______ verlassen habe, obwohl es ihr dort wirtschaftlich gut gegangen sei. Vielmehr sei der Umstand, dass die Familie trotz der guten wirtschaftli- chen Lage I._______ verlassen habe, als Zeichen dafür zu werten, dass tatsächlich eine akute Bedrohungssituation für die Familie bestanden habe. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz habe der Beschwerdeführer anlässlich der kantonalen Befragung die unmittelbare Gefahr genannt, welche I._______ gedroht habe. So sei er Gefahr gelaufen, durch seine Feinde vom G._______ Clan auf offener Strasse ermordet zu werden. Diese hätten den Beschwerdeführer und seine Familie überall in Afghanistan gefunden, weshalb sie den Heimatstaat hätten verlassen müssen. Insgesamt seien die Vorbringen nachvollziehbar und glaubhaft. Die Vorinstanz habe es unterlassen eine Gesamtbeurteilung der Glaubhaf- tigkeit der Vorbringen vorzunehmen. Die überprüfbaren Angaben des Beschwerdeführers seien vom BFM nicht gewürdigt und im Entscheid nicht erwähnt worden. Dabei wäre namentlich die genannte Feind- schaft zwischen den beiden genannten Stämmen sowie diverse na- mentlich genannte Personen überprüfbar gewesen. Der Beschwerdeführer werde in seinem Heimatstaat wegen seiner eth- nischen Zugehörigkeit zum hazarischen Stamm der F._______ gezielt verfolgt. Die Intensität der Verfolgung sei eindeutig gegeben. Ausge- Seite 7E-3485/2006 hend von der Tatsache, dass in Afghanistan zahlreiche "De-facto- Regionalautoritäten" herrschten und die Übergangsregierung die Si- cherheit der Zivilbevölkerung nicht einmal in I._______ gewährleisten könne, müsse bei den Übergriffen durch den G._______-Stamm von einer quasi-staatlichen Verfolgung ausgegangen werden. Ungeachtet dessen seien die Vorbringen vor dem Hintergrund des Schutzgedankens – welcher davon abrücke, dass eine Verfolgung vom Staat ausgehen müsse oder diesem mindestens anzulasten sei – ohnehin asylrelevant. Vorliegend sei sowohl unter dem Gesichtspunkt der Zurechnungstheo- rie als auch der Schutztheorie davon auszugehen, dass der Beschwer- deführer asylrelevante Verfolgungsmassnahmen erlitten habe. Sein Asylgesuch sei daher gutzuheissen. 4.3 Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung bestehen an der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen des Beschwerdeführers auch nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts erhebliche Zweifel. 4.3.1So hat der Beschwerdeführer im Empfangszentrum dargelegt, er habe sich wegen Problemen mit einem anderen Stamm des Dorfes letztlich zur Ausreise veranlasst gesehen. Die Frage nach anderen Ausreisegründen verneinte er ausdrücklich (vgl. Protokoll Empfangs- zentrum S. 4). Bei der zweiten ausführlicheren Befragung führte der Be schwerdeführer neu aus, er sei etwa vier Monate vor dem Verlassen der Heimat von einem respektive drei Angehörigen des verfeindeten Stammes in den Wald entführt worden, wo er hätte getötet werden sol- len, respektive es sei ihm die Flucht gelungen, bevor sie den Wald er- reicht hätten, indem er (...) (vgl. Protokoll Amt für Migration S. 13). Der Beschwerdeführer hat weder diesen angeblichen Vorfall noch denjenigen einer Entführung eines Angehörigen seines Stammes etwa drei Monate vor seiner Ausreise im Empfangszentrum erwähnt und erst auf Vorhalt hin neu behauptet, er habe bei der Befragung in der Empfangsstelle "viele Sachen" nicht gesagt (vgl. a.a.O. S. 12). Dieses Aussageverhalten wäre unter den gegebenen Umständen schwer nachvollziehbar. Im Übrigen hat der Beschwerdeführer die angeblich erlebte Entführung bei der kantonalen Befragung nicht erst auf gezielte Fragen hin, sondern im Zusammenhang mit einer diesbezüglich "sachfremden" Frage ("Hat Ihnen persönlich jemand gesagt, dass Sie Afghanistan verlassen müssten?", vgl. a.a.O. S. 12) zu Protokoll gegeben. Seite 8E-3485/2006 4.3.2Weiter hat der Beschwerdeführer einerseits dargelegt, die Fami- lie habe zwischen (...) in H._______ gelebt und sei zurück in ihr Heimatdorf in A._______ gekehrt, nachdem die Taliban H._______ erobert und dort viele Leute getötet hätten. Andererseits führte er aus, bei der Rückkehr aus H._______ ins Heimatdorf nur mit Hilfe der Taliban ihre – inzwischen von Angehörigen des feindlich gesinnten Stammes der G._______ – besetzten Häuser und Ländereien zurückerhalten zu haben. Die Taliban hätten ihre Sicherheit gewährleistet, weshalb er mit seiner Familie das Dorf auch erst nach (...) verlassen habe. Diese Aussagen erscheinen namentlich vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Taliban bei der Einnahme von H._______ Massaker insbesondere an den einheimischen Hazara angerichtet haben (vgl. etwa Gesellschaft für bedrohte Völker in: Pogrom Nr. 202, Februar/März 1999), kaum nachvollziehbar. 4.3.3Auch seine Angaben bezüglich der Ereignisse zur Zeit L._______ müssen als ungereimt eingestuft werden. So hat der Be- schwerdeführer einerseits angegeben, nachdem Angehörige seines Stammes (...) einen Kommandanten der G._______ getötet hätten, hätten die Soldaten das Dorf eingekesselt (...) festgenommen. Im Sommer desselben Jahres (...) hätten Feinde der K._______ seinen Bruder und drei weitere Stam-mesangehörige getötet, ein paar Tage später seien (...) nochmals (...) getötet worden. Nach der Machtübernahme durch M._______ und namentlich nachdem N._______ an die Spitze der K._______ gekommen sei, habe dieser die verbliebenen Gefangenen freigelassen (Protokoll Amt für Migration S. 8 und 11). Zu diesen protokollierten Angaben stehen diejenigen in der schriftli- chen Eingabe vom 30. Juli 2004 einerseits offenbar in zeitlicher Hin- sicht in Widerspruch – gemäss dieser Eingabe soll sich der besagte Vorfall (...) ereignet haben. Sodann ist insbesondere festzuhalten, dass N._______ Gründer der K._______ in Afghanistan war und als solcher (...) den Vorsitz dieser Partei innehatte, weshalb nicht von einer Machtübernahme durch N._______ (...) die Rede sein kann. Von einem angeblichen Angehörigen des "N._______flügels der K._______" (Protokoll Amt für Migration S. 14) wären präzisere Kenntnisse mindestens über die Führungsspitze zu erwarten. 4.4 Selbst bei unterstellter Glaubhaftigkeit der Vorbringen wäre zudem Folgendes festzustellen: 4.4.1Soweit der Beschwerdeführer argumentiert, er sei auch I._______ nicht vor Übergriffen seitens des verfeindeten Stammes der Seite 9E-3485/2006 G._______ in Sicherheit gewesen, mithin die fehlende Schutzfähigkeit oder gar den fehlenden Schutzwillen der örtlichen Behörden bei Über- griffen Dritter auf Angehörige der Hazara geltend zu machen scheint, könnte dieser Einschätzung nicht gefolgt werden: Die Vorinstanz hat zu Recht festgehalten, dass die seit Dezember 2001 an der Macht stehende Regierung gewillt ist, Personen zu schüt- zen, die von lokalen Machthabern oder Organisationen verfolgt wer- den. Die Sicherheitskräfte und zuständigen Behörden in I._______ sind bestrebt, die Sicherheit ihrer Bevölkerung zu gewährleisten. Afghanistan hat zahlreiche Konventionen und internationale Übereinkommen, wie beispielsweise die Genfer Konvention von 1949, das Internationale Übereinkommen vom 21. Dezember 1965 zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung oder das Übereinkommen vom 10. Dezem ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe ratifiziert (vgl. ausführlich Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht 65 [2005], Justizreform und Islam in Afghanistan, S. 262). Den Angaben des Beschwerdeführers ist zu entnehmen, dass er gar nicht den ernsthaften Versucht unternommen hat, (...) bei den zu- ständigen Behörden Schutz zu beanspruchen. Unter den geschilderten Umständen, kann er sich deshalb nicht auf eine Verletzung der be- hördlichen Schutzpflicht berufen. 4.4.2Den Akten ist auch nicht zu entnehmen, dass sich der Be- schwerdeführer durch Aktivitäten zugunsten O._______, die (...), oder als Angehöriger des "N._______flügels der K._______" in besonderer Weise persönlich exponiert hätte. Er weist damit kein aussergewöhnliches Persönlichkeitsprofil auf, das ihn allenfalls einem zusätzlichen Gefährdungsrisiko aussetzen würde (vgl. EMARK 2003 Nr. 10 E. 8c S. 64). Vor diesem Hintergrund erschiene auch die geltend gemachte Furcht des Beschwerdeführers vor Racheakten seitens des G._______- Stammes nicht als objektiv begründet. Dies umso weniger, nachdem seit den geltend gemachten Vorfällen inzwischen mehrere Jahre vergangen wären, so dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ohnehin davon auszugehen wäre, dem Beschwerdeführer drohten zum heutigen Zeitpunkt seitens der lokalen Bevölkerung keine Nachteile flüchtlingsrechtlich relevanter Intensität mehr. Seite 10E-3485/2006 An dieser Feststellung vermögen die am 16. September 2007 einge- reichten Fotografien sowie der Hinweis auf (...) nichts zu ändern, zumal allein aufgrund der Fotografien und der diesbezüglichen Ausführungen des Beschwerdeführers nicht bereits darauf zu schliessen ist, (...) einem Racheakt des G._______-Stammes zum Opfer gefallen. Der Vollständigkeit halber ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass der Beschwerdeführer diesen Vorfall, von dem er – gemäss eingereichtem Auszug aus einem Schreiben (...) – bereits seit 2005 Kenntnis gehabt hatte, der zur Behandlung seiner Asylbeschwerde zuständigen ARK erstaunlicherweise erst Ende 2007 zur Kenntnis brachte. 4.4.3Nach dem oben Gesagten ist auch nicht davon auszugehen, die (...) Behörden (...) würden den Angehörigen der Hazara generell den Schutz verweigern, oder diese gar selbst bedrohen. Die ethnische Gruppe der Hazara stellt zwar eine Minderheit im afghanischen Vielvölkerstaat dar und ist nach Kenntnis des Bundesverwaltungsge- richts mitunter gewissen Diskriminierungen ausgesetzt. Sie ist jedoch in die Regierung eingebunden und verfügt im afghanischen Parlament über 26 Mandate. Von einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung des Beschwerdeführers allein aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Eth- nie der Hazara ist damit nicht auszugehen. 4.4.4Zusammenfassend ist festzustellen, dass dem Beschwerdefüh- rer I._______ jedenfalls eine unter dem Gesichtspunkt der Verfolgungssicherheit innerstaatliche Fluchtalternative offen stand und steht (die er ja auch kurzfristig genutzt habe), welche gemäss Praxis die Anerkennung als Flüchtling und somit die Asylgewährung aus- schliesst (vgl. weiterhin geltende Rechtsprechung in EMARK 1996 Nr. 1 S. 6 f. E. 5c). Die Frage, ob sich der Beschwerdedeführer tatsächlich in I._______ hätte niederlassen und sich dort eine neue Existenz hätte aufbauen können, ist beziehungsweise wäre praxisgemäss unter dem Aspekt der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung zu prüfen (vgl. EMARK 2001 Nr. 13 S. 105 E. 4c mit Hinweisen). Diese Prüfung entfällt vor- liegend aufgrund der durch die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung vom 2. September 2004 wiedererwägungsweise verfügten vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers. 5. Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, Seite 11E-3485/2006 so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ord- net den Vollzug an; dabei ist der Grundsatz der Einheit der Familie zu berücksichtigen (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Ist der Vollzug der Wegweisung nicht möglich, nicht zulässig oder nicht zumutbar, so regelt das Bun- desamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestim- mungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG; SR 142.20]). 5.1 Der Beschwerdeführer ist nicht im Besitz einer Aufenthaltsbewilli- gung und verfügt und auch keinen Anspruch auf eine solche. Die von der Vorinstanz ausgesprochene Wegweisung steht deshalb im Ein- klang mit den gesetzlichen Bestimmungen und ist zu bestätigen (Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfah- rensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). 5.2 Da das Bundesamt im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens wiedererwägungsweise die vorläufige Aufnahme des Beschwerdefüh- rers angeordnet hat, erübrigen sich Erwägungen hinsichtlich der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Die von der Vorinstanz angeordnete vorläufige Aufnahme erwächst mit heutigem Urteilsdatum in Rechtskraft. 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be- schwerde ist, soweit die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung als solche betreffend, nach dem Gesagten abzu- weisen; soweit die Fragen des Wegweisungsvollzugs betreffend, ist die Beschwerde als gegenstandslos geworden abzuschreiben. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens, dem faktischen teilweisen Obsiegen des Beschwerdeführers im Wegweisungs- respektive Voll- zugspunkt, sind dem Beschwerdeführer nur reduzierte Verfahrenskos- ten von Fr. 300.-- aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG ; Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG und Art. 2 und 3 des Reglements über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 11. Dezem - ber 2006 [VGKE]). Seite 12E-3485/2006 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist ab- zuweisen, nachdem der Beschwerdeführer in der Schweiz während längerer Zeit erwerbstätig ist, mithin nicht von seiner prozessualen Be- dürftigkeit ausgegangen werden kann. Die reduzierten Kosten des Ver- fahrens sind nach dem Gesagten auf Fr. 300.-- festzusetzen. 7.2 Für das teilweise Obsiegen ist dem Beschwerdeführer eine redu- zierte Parteientschädigung für die erwachsenen notwendigen und ver- hältnismässig hohen Kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG i.V.m. Art. 7 VGKE). Der Beschwerdeführer liess am 27. November 2004 eine Kostennote zu den Akten reichen. Im Nachgang dazu ist noch eine Eingabe vom 16. September 2007 zu den Akten gereicht worden. Die von der Vorinstanz zu tragende anteil- mässige Parteientschädigung ist vorliegend unter Würdigung aller massgebenden Umstände auf insgesamt Fr. 1'100.-- festzulegen. (Dispositiv nächste Seite) Seite 13E-3485/2006 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit sie nicht – den Vollzug der Wegweisung betreffend – als gegenstandslos geworden abzuschrei- ben ist. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird ab- gewiesen. 3. Die reduzierten Verfahrenskosten von Fr. 300.-- werden dem Be- schwerdeführer auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Die Vorinstanz hat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung in Höhe von ins- gesamt Fr. 1'100.-- auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an: - die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers (Einschreiben; Beila- gen: zwei Fotografien, Einzahlungsschein) - die Vorinstanz, Abteilung Aufenthalt und Rückkehrförderung, mit den Akten Ref.-Nr. N _______ (in Kopie) - D._______ (in Kopie) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Eveline Chastonay Versand: Seite 14