Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 14. November 2013 (720 13 170 / 270) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Berufliche Massnahmen, Umschulung; Voraussetzung der Invalidität im Sinne einer dau- ernden Erwerbseinbusse Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Markus Mat tle, Kantonsrichte- rin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiberin Tina Gerber Parteien A.____ , Beschwerdeführerin , ve rtreten durch Nicolai Fullin , Advokat , indemnis Rechtsanwälte, Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Berufliche Massnahmen (756.8527.4594.71) A. Die 1957 geborene A.____ war zuletzt vom 1. April 2010 bis zum 30. September 2010 bei der B.____ AG als Senior-Kundenberaterin angestellt. Am 24. Januar 2011 meldete sie sich unter Hinweis auf eine Erschöpfungsdepression bei der IV-Stelle des Kantons Basel-Landschaft (IV-Stelle) zum Bezug von Leistungen an. Die IV-Stell e klärte in der Folge die erwerblichen und gesundheitlichen Verhältnisse ab. Am 2. November 2012 b eantragte die Versicherte zur Wie- dereingliederung in den Berufsalltag von der IV-Stel le die Übernahme der Kurs- und Material- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht kosten für eine Weiterbildung zur Sachbearbeiterin Rec hnungswesen/Treuhand, die sie seit April 2012 absolvierte. Mit Verfügung vom 30. April 20 13 wies die IV-Stelle das Kostengut- sprachegesuch für berufliche Massnahmen ab, da die angestrebte Ausbildung eine Höherquali- fizierung sei. Ausserdem sei die Versicherte arbeitsfähig. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat N icolai Fullin, am 3. Juni 2013 Be- schwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Sie bean- tragte darin, es sei die Beschwerdegegnerin in Aufhebu ng der angefochtenen Verfügung zu verpflichten, ihr berufliche Massnahmen zu gewähren und insbesondere die Kosten für den Ausbildungsgang an der Handelsschule C.____ im Bereich „Sachbearbeiterin mit Vertiefung Rechnungswesen, Steuern oder Treuhand“ zu übernehmen; u nter o/e Kostenfolge. Die Be- schwerdegegnerin bestreite den Anspruch der Beschwerdeführerin auf berufliche Massnahmen nicht grundsätzlich, mache jedoch geltend, die angestreb te Ausbildung führe zu einer höher qualifizierten Tätigkeit. Entscheidend sei beim Begrif f der annähernden Gleichwertigkeit indes- sen nicht in erster Linie das Ausbildungsniveau als solches, sondern die nach erfolgter Einglie- derung zu erwartende Verdienstmöglichkeit. Unter diesem Blickwinkel handle es sich bei der begehrten Ausbildung nicht um eine höherwertige Qua lifikation. Die Ausbildung sei nötig, damit die Beschwerdeführerin als Selbstständigerwerbende wied er im Berufsleben Fuss fassen kön- ne. C. In ihrer Vernehmlassung vom 13. August 2013 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde. Die Beschwerdeführerin habe aufgrund des ermittelten Invalidi- tätsgrades von 10% keinen Anspruch auf Umschulung. Sie ha be mit ihrem Anforderungsprofil intakte Chancen auf eine Anstellung auf dem ausgegliche nen Arbeitsmarkt, da es ihr neben verschiedenen Tätigkeiten im kaufmännischen Bereich auch mö glich sei, im angestammten Erwerbsbereich zu arbeiten. D. Mit Replik vom 5. September 2013 reichte die Beschwe rdeführerin ein Arztzeugnis der behandelnden Psychiaterin ein. Aus diesem ginge hervor , dass die Beschwerdeführerin in der Zeit vom 5. Juli 2010 bis zum 30. September 2011 vollst ändig, vom 1. Oktober 2011 bis zum 31. Oktober 2012 zu 50% und ab dem 1. November 2012 n och zu 20% arbeitsunfähig sei. Da- mit bestehe nach wie vor eine Teilarbeitsunfähigkeit. Di e entsprechende Erwerbseinbusse be- trage damit mindestens 20%, da sich die Teilarbeitsunfä higkeit bei Selbstständigerwerbenden aufgrund der bestehenden Fixkosten überproportional auswirke. E. Die Beschwerdegegnerin hielt in ihrer Duplik vom 25 . September 2013 fest, dass das psychiatrische Gutachten vom 30. August 2012 keine Einschränku ng der Arbeitsfähigkeit attes- tiert habe. Es hätten keine psychopathologischen Symptome festgestellt werden können. Der ermittelte Invaliditätsgrad erweise sich damit als korrekt. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes üb er die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als ein zige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stell e. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Beschwerde vom 4. März 2013 ist demnach einzut reten. 2. Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführe rin Anspruch auf berufliche Mass- nahmen, namentlich auf die Kostenübernahme für die vo n ihr besuchte Ausbildung zur „Sach- bearbeiterin mit Vertiefung Rechnungswesen, Steuern oder Treuhand“, hat. 3.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 Satz 1 IVG haben invalide oder von einer Invalidität unmittelbar bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahme n, soweit diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit , sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern. Die Eingliederungsmassnahmen umfas- sen gemäss Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG insbesondere Massnahm en beruflicher Art wie Berufsbera- tung (Art. 15 IVG), erstmalige berufliche Ausbildung (Art. 16 IVG), Umschulung (Art. 17 IVG) und Arbeitsvermittlung (Art. 18 Abs. 1 IVG). 3.2 Die versicherte Person hat nach Art. 17 Abs. 1 IVG A nspruch auf Umschulung in eine neue Erwerbstätigkeit, wenn diese infolge Invalidität notwendig ist und dadurch die Erwerbsfä- higkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann. Laut Art. 6 Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 19 61 gelten als Umschulung Ausbil- dungsmassnahmen, die Versicherte nach Abschluss einer erstmal igen beruflichen Ausbildung oder nach Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ohne vorgängige berufliche Ausbildung wegen ihrer Invalidität zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwer bsfähigkeit benötigen. Nach der Recht- sprechung wiederum ist unter Umschulung grundsätzlich die S umme der Eingliederungsmass- nahmen berufsbildender Art zu verstehen, die notwendig und geeignet sind, dem vor Eintritt der Invalidität bereits erwerbstätig gewesenen Versicherten eine seiner früheren annähernd gleich- wertige Erwerbsmöglichkeit zu vermitteln. Dabei bezieht sich der Begriff der "annähernden Gleichwertigkeit" nicht in erster Linie auf das Ausbildu ngsniveau als solches, sondern auf die nach erfolgter Eingliederung zu erwartende Verdienstm öglichkeit. In der Regel besteht nur ein Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungszweck ange messenen, notwendigen Mass- nahmen, nicht aber auf die nach den gegebenen Umständ en bestmöglichen Vorkehren. Dies deshalb, weil die Eingliederung nach dem Willen des Gesetzgebers lediglich so weit sicherzu- stellen ist, als dies im Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist (BGE 130 V 489 f. E. 4.2). Im Einzelfall kann jedoch auch eine Ausbildung, die eine – verglichen mit der Arbeit vor Invalidi- tätseintritt – anspruchsvollere Tätigkeit erlaubt, üb ernommen werden, wenn Art und Ausmass Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Invalidität und deren berufliche Auswirkungen so schw erwiegend sind, dass die Arbeitsleis- tung nur auf dieser höheren Berufsstufe optimal verwert et werden kann (Urteil des Bundesge- richts vom 5. Juni 2013, 9C_122/2012, E. 5.2.1 mit Hin weis; vgl. Art. 6 Abs. 1bis IVV). Schliess- lich setzt der Anspruch auf Umschulung voraus, dass die versicherte Person wegen der Art und Schwere des Gesundheitsschadens in den für sie ohne zusätzli che berufliche Ausbildung noch offen stehenden zumutbaren Tätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbs- einbusse von etwa 20% erleidet, wobei es sich um einen b lossen Richtwert handelt (BGE 130 V 489 f. E. 4.2 mit Hinweisen; vgl. auch Sozialversich erungsrecht – Rechtsprechung [SVR] 2006 IV Nr. 15 E. 2). 3.3 Ausgangspunkt jedes Anspruchs auf berufliche Massnah men der Invalidenversicherung ist das Vorhandensein eines (drohenden) invalidisierende n Gesundheitsschadens. Als Invalidi- tät im Sinne von Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 6 . Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) in Verbindung mi t Art. 4 Abs. 1 IVG gilt die voraus- sichtliche bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit als Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall. Un ter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psych ischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleib ende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allg emeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 3.4 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psychi schen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 50 E. 1. 2, 130 V 398 ff. E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass belastenden psychosozialen Faktoren sow ie soziokulturellen Umständen bei psychischen Leiden kein Krankheitswert zukommt. Ein i nvalidisierender Gesundheitsscha- den im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medi- zinisches Substrat voraus, das die Arbeits- und Erwerbsfähig keit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt , kommt der weiteren Frage zent- rale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann, zu arbeiten und einem Erwerb nachzugehen (BGE 127 V 299 E. 5a mit Hi nweisen). Zur Annahme einer durch eine psychische Gesundheitsbeeinträchtigung verursachten Erw erbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwe rbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehmen ist, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zu- mutbar oder – als alternative Voraussetzung – sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; vgl. auch BGE 127 V 298 E. 4c in fine). 4.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes ist die rechtsanwendende Behörde – die Verwaltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die vorab von Ärz- tinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszu- stand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in we lchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (vgl . BGE 132 V 99 f. mit weiteren Hinwei- sen). Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellungnah men eine wichtige Grundlage für die Be- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht urteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche an deren Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem allgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch verrichtet werden können (vgl. ULRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Inva- liditätsschätzung, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (v gl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversi cherungsgericht alle relevanten Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objekti v zu prüfen und danach zu entschei- den hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässi ge Beurteilung des streitigen Rechtsan- spruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander wide rsprechenden medizinischen Berich- ten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Bewe ismaterial zu würdigen und die Grün- de anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entsche idend, ob der Bericht für die strei- tigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchun gen beruht, auch die geklagten Be- schwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamn ese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der E xpertin oder des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist somit grundsätzlich weder die Herkunft eines Be- weismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c; AHI-Praxis 2001 S. 113 E. 3a). 4.3 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem G rundsatz der freien Beweiswürdi- gung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen me dizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 ff. E. 3b und in AHI-Praxis 2001 S. 114 E. 3b, jeweils mit weiteren Hinweisen). So ist den im Rahmen des Verwaltu ngsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund e ingehender Beobachtungen und Unter- suchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befun- de zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswür digung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässi gkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). Di ese im Bereich der Unfallversicherung entwickelten Grundsätze finden für das IV-Verwaltungsverf ahren sinngemäss Anwendung (vgl. Urteil des EVG vom 9. August 2000, I 437/99 und I 575/99, E. 4b/bb). 4.4 In Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten dar f und soll das Gericht der Erfah- rungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ih rer Patientinnen und Patienten aussa- gen (BGE 125 V 353 E. 3b/cc). Die unterschiedliche Natu r von Behandlungsauftrag des thera- peutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und von Begutacht ungsauftrag des amtlich bestellten Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht fachmedizinischen Experten anderseits (vgl. BGE 124 I 17 5 E. 4; Urteil des EVG vom 13. Juni 2001, I 506/00, E. 2b) lässt nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine ab- weichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjek- tiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutach- tung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai 2007, I 514/06, E. 2.2.1, mit Hinweisen). 5.1 Die IV-Stelle holte zur Abklärung des medizinischen Sachverhalts zunächst einen Be- richt bei Dr. med. D.____, FMH Psychiatrie und Psychothera pie, der behandelnden Ärztin der Beschwerdeführerin, ein. Diese hielt in ihrem Bericht vom 24. September 2011 als Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eine depressiv e Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, seit 2010 (ICD-10: F32.11); ängstlich-depressive Persönlichkeitszüge (ICD-10: Z73); Belastungen in Verbindung mit der familiären Situat ion (ICD-10: Z63); Arbeitslosigkeit (ICD-10: Z56); Ausgrenzung aufgrund der rechtsseitigen Blindhe it mit Augenprothese sowie aufgrund des Grosswuchses und Mobbing am Arbeitsplatz (jeweils ICD-1 0: Z60); emotionale Vernach- lässigung (ICD-10: Z62.4); ungenügende familiäre Unte rstützung (ICD-10: Z63.2); Migräne (ICD-10: G43) sowie Rückenschmerzen seit fünf Jahren fest. Aufgrund der zunehmenden Rückbildung der depressiven Symptomatik unter ambulanter und stationärer Behandlung wurde die Prognose, insbesondere auch bezüglich der Arbeitsf ähigkeit, als günstig eingeschätzt. Die Patientin sei aktuell zu 100% arbeitsunfähig, eine Ste igerung der Arbeitsfähigkeit auf 50% sei jedoch auf den 1. Oktober 2011 voraussehbar. 5.2 In einem weiteren Bericht an die IV-Stelle vom 27 . Februar 2012 führte Dr. D.____ aus, dass die Patientin seit dem 1. Oktober 2011 zu 50% arbe itsfähig sei. In der angestammten Tä- tigkeit als Versicherungsmaklerin könne sie aus gesundheit lichen Gründen nicht mehr tätig sein. Hinsichtlich ihrer Berufserfahrung wäre jedoch ei ne Umschulung zur Liegenschaftsverwal- terin oder Buchhalterin sinnvoll. In Ergänzung zu den bereits gestellten Diagnosen wird zu den festgestellten ängstlich-depressiven Persönlichkeitszügen d ie Differenzialdiagnose einer ab- hängigen Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.7) gestellt . Die Prognose sei aufgrund diverser depressiver Einbrüche als ungünstig einzuschätzen. 5.3 Die Beschwerdegegnerin gab in der Folge ein psychi atrisches Gutachten in Auftrag. Mit Gutachten vom 30. August 2012 stellte Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, als Diagnosen ein Status nach Anpassungsstörung mit länge rer depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21) sowie abhängige und teils paranoide Persönlich keitszüge (ICD-10: Z73.1) fest. Diese Diagnosen hätten indessen keine Auswirkungen auf die Arb eitsfähigkeit. Die Explorandin habe sich seit 2011 weitgehend von der depressiven Krise erholt. Anlässlich der psychiatrischen Un- tersuchung sei die Stimmung der Explorandin ausgegliche n gewesen; die Psychomotorik leb- haft. Die Konzentration, Merkfähigkeit und Gedächtnislei stungen seien intakt. Sie sei allseits orientiert gewesen, habe einen guten Bezug zur Realität und zu ihrer Person gezeigt und könne sich gegenüber ihrer Umgebung gut abgrenzen. Ängste o der Phobien, Gedankenausbreitung oder Fremdbeeinflussungserlebnisse würden nicht beklagt. Es lägen ferner keine Anhaltspunkte Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht für eingeengtes Denken, überwertige Gedanken, Zwangsha ndlungen, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen vor. Aus den Schilderungen der Exploran din hätten sich keine Hinweise auf Veränderungen der Stimmung oder des Antriebs im Laufe des Tages ergeben. Lebensverleider, Suizidgedanken oder Suizidfantasien würden ausdrücklich ver neint. Es hätten insgesamt keine psychopathologischen Symptome festgestellt werden können. D ie schwierige Situation an den letzten beiden Arbeitsplätzen sowie die anschliessende int ensive und erfolglose Suche nach einer neuen Stelle hätten zu einer depressiven Entwicklu ng geführt, weshalb eine Anpassungs- störung mit längerer depressiver Reaktion diagnostiziert werden könne. Es sei zu erwähnen, dass keine medikamentöse antidepressive Therapie durchgef ührt worden sei und sich die Ex- plorandin kurz nach der Entlassung intensiv auf Stellensu che begab. Rückwirkend könne nicht davon gesprochen werden, dass eine längerdauernde mit telgradige oder schwere depressive Störung vorgelegen habe. Die depressiven Verstimmungen h ätten sich grundsätzlich vollstän- dig zurückgebildet. Die Explorandin habe es erfolgrei ch geschafft, sich selbstständig zu ma- chen, besuche einen Buchhaltungskurs, pflege einige sozia le Kontakte, gehe erfolgreich ihren geschäftlichen Tätigkeiten nach und versorge ihren Hausha lt selbstständig. Die gelegentlichen leichten depressiven Stimmungsschwankungen könne sie mit s portlicher Betätigung, Spazier- gängen und Schwimmen, günstig beeinflussen. Eine eige ntliche depressive Störung könne nicht mehr diagnostiziert werden, die depressive Anpassung sstörung sei remittiert. Aufgrund des deutlich übersteigerten Misstrauens könnten paranoide Persönlichkeitszüge festgestellt werden. Da diese die privaten wie auch die beruflichen Bezüge der Explorandin seit Eintritt des Erwachsenenalters nie erheblich beeinträchtigt hätten, könne jedoch keine Diagnose einer Per- sönlichkeitsstörung gestellt werden. Aus psychiatrischer Sich t könne damit keine Arbeitsunfä- higkeit attestiert werden. Die Explorandin sei sowohl in der bisherigen Tätigkeit als Versiche- rungsmaklerin wie auch in der neuen Tätigkeit als Buchhalterin sowie in jeder beruflichen Tätig- keit, welche ihren Neigungen und Begabungen entspreche , aus psychiatrischer Sicht vollstän- dig arbeitsfähig. Aufgrund der vorhandenen Akten könne vom 27. Juni 2010 bis 30. September 2011 eine Arbeitsunfähigkeit von 100% und vom 1. Oktobe r 2011 bis zum 28. Februar 2012 eine Arbeitsunfähigkeit von 50% attestiert werden. Ab dem 1. März 2012, als die Explorandin in einem Pensum von 50% die Tätigkeit als selbstständige Versicherungsberaterin und Buchhalte- rin aufgenommen habe, könne keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mehr attestiert werden. 5.4 In seiner Stellungnahme vom 4. Februar 2013 führ t Dr. F.____ des Regionalen Ärztli- chen Dienstes (RAD), FMH Allgemeine Innere Medizin, aus, dass zwischen den Parteien Einig- keit darüber bestehe, dass bis zum Februar 2012 eine 50% ige Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. Unbestritten sei auch, dass ab dem Zeitpunkt der Begutachtung durch Dr. E.____ eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestehe. Dr. E.____ begrün de die seit 1. März 2012 attestierte volle Arbeitsfähigkeit mit der Aufnahme der selbstständigen Erwerbstätigkeit. Richtigerweise sei je- doch unter Berücksichtigung des 50%igen Erwerbspensums un d der daneben absolvierten Ausbildung ab März 2012 von einem Beschäftigungsgrad von 60% auszugehen und somit von einer Arbeitsunfähigkeit von April 2012 bis August 2012 von 40%. Aufgrund des Verlaufs und des gutachterlich festgestellten Psychostatus könne drei Woc hen vor der Exploration am 23. August 2012, somit ab 1. August 2012, von einer voll en Arbeitsfähigkeit ausgegangen wer- den. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.1 Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei der Beurteil ung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten vollumfänglich a uf das Gutachten von Dr. E.____ ab. Sie ging folglich davon aus, dass die Beschwerdeführerin ab 1. März 2012 in jeder Tätigkeit voll- ständig arbeitsfähig sei und damit keine anspruchsbegr ündende Invalidität vorliege. Wie in Er- wägung 4.3 hiervor ausgeführt, ist den im Rahmen des V erwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht er statten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Bew eiswürdigung volle Beweiskraft zu- zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuve rlässigkeit der Expertisen spre- chen. Solche Indizien liegen hier grundsätzlich keine vor . Das Gutachten von Dr. E.____ vom 30. August 2012 weist weder formale noch inhaltliche Mängel auf, es ist – wie dies vom Bun- desgericht verlangt wird (vgl. Erwägung 4.2 hiervor) – für die streitigen Belange umfassend, beruht auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt di e Ausführungen der Beschwerdeführe- rin, ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden und leuchtet in der Darlegung der medizini- schen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der medizinische n Situation ein. Ferner setzt es sich mit den vorhandenen abweichenden ärztlichen Einschätzungen auseinander und ist in den Schlussfolgerungen überzeugend. Insbesondere zeigt das Gutachten auch nachvollziehbar auf, dass die depressive Symptomatik remittiert ist, die Beschwe rdeführerin gelegentlichen depres- siven Verstimmungen entgegenwirken kann und zum Zeitpunkt der Untersuchung keine psy- chopathologischen Beschwerden mehr festzustellen sind. 6.2 Daran vermag auch der von der Beschwerdeführerin eingereichte Arztbericht der be- handelnden Psychiaterin Dr. D.____ vom 4. November 2012 nichts zu ändern. Danach sei die Beschwerdeführerin ab dem 1. November 2011 bis zum heu tigen Zeitpunkt zu 20% in ihrer Ar- beitsfähigkeit eingeschränkt. Dr. D.____ betont in ihre m Bericht die Bedeutung der beruflichen Neuorientierung im Rahmen der integrativen psychiatrischen Behandlung. Es ist ohne Weiteres einleuchtend, dass die Erarbeitung neuer Zukunftspersp ektiven – wie von Dr. D.___ ausge- führt – bei der Stabilisierung des Gesundheitszustands de r Beschwerdeführerin eine massge- bliche Rolle spielen. Aus dieser Tatsache lassen sich jedo ch keine Rückschlüsse auf die vorlie- gend massgebliche Arbeitsfähigkeit ziehen. Da der Arztbe richt indessen keine Angaben zu all- fällig noch bestehenden psychopathologischen Symptomen e nthält und die attestierte Arbeits- unfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht begründet, ver mag er die gutachterliche Beurteilung Dr. E.____ grundsätzlich nicht in Frage zu stellen. 6.3 Lediglich in Bezug auf den Anfangszeitpunkt der Wie dererlangung der vollständigen Arbeitsfähigkeit erweist sich das Gutachten vom 20. August 2012 als nicht ohne Weiteres nach- vollziehbar. Aus diesem Grund hat der RAD-Arzt Dr. F.__ __ empfohlen, erst ab dem 1. August 2012 von einer Arbeitsfähigkeit von 100% auszugehen un d nicht – wie dies Dr. E.____ tat – auf den Zeitpunkt der Aufnahme der selbstständigen Erw erbstätigkeit am 1. März 2012 abzu- stellen. Die Rentenverfügung der IV-Stelle stellte de nn auch auf diesen späteren Zeitpunkt ab, obwohl deutliche Hinweise dafür bestünden, dass bereits vor diesem Zeitpunkt die volle Arbeits- fähigkeit wieder bestanden habe. Die Frage kann im vorl iegenden Verfahren aus den nachfol- genden Gründen letztlich offen gelassen werden. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.4 Die Beschwerdeführerin hat nach dem soeben Ausgef ührten eventuell im März 2012, spätestens jedoch im August 2012 wieder ihre volle Arbeitstätigkeit – sowohl in der angestamm- ten wie auch in einer Verweistätigkeit – erlangt. Vor aussetzung für die Gewährung beruflicher Massnahmen ist das Vorhandensein einer (drohenden) Invali dität, also eine voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde, gesundheitsbedingte Erwerbsunfähigkeit im Umfang von ungefähr 20%. Diese Voraussetzung muss im Zeitpunkt der Gewährung der beruflichen Mass- nahme voraussichtlich während der gesamten Dauer der Umsc hulung gegeben sein. Die Be- schwerdeführerin hat die Ausbildung an der Handelsschule C.____ im April 2012 begonnen. Selbst wenn sie entgegen dem Gutachten Dr. E.____ zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder vollständig arbeitsfähig gewesen sein sollte, kann die daraus folgende Invalidität nicht als blei- bend oder voraussichtlich länger dauernd angesehen werde n. Vielmehr hätte die Beschwerde- führerin im ersten Semester ihrer Weiterbildung und noch vor ihrem Antrag auf Übernahme der Kurs- und Materialkosten an die Beschwerdegegnerin vom 2. November 2012 wieder ihre volle Arbeitsfähigkeit erlangt. Betreffend die aus der Arb eits(un)fähigkeit resultierende Erwerbsein- busse kann auf die von der IV-Stelle in der Rentenver fügung vom 7. August 2013 ermittelten Vergleichseinkommen und den ermittelten Invaliditätsgrad von 10% verwiesen werden. Die Be- schwerdeführerin hätte somit spätestens ab August 2012 und damit noch zu Beginn ihrer Wei- terbildung auch in ihrer angestammten Tätigkeit als Ver sicherungsmaklerin wieder zu 100% erwerbstätig sein und damit ein anspruchsausschliessendes Einkommen erzielen können. Von einer Invalidität im Sinne einer längerdauernden, kr ankheitsbedingten Erwerbseinbusse kann folglich nicht ausgegangen werden. Für eine in diesem Zeitpunkt noch drohende Invalidität lie- gen keine Anhaltspunkte vor. Die Beschwerdeführerin hat ihre Rückkehr ins Berufsleben mit einer beruflichen Weiterbildung und dem Aufbau ihre r selbstständigen Erwerbstätigkeit in be- wundernswerter Weise eigenständig ermöglicht. Indessen fehlt es an der Voraussetzung der dauernden Erwerbseinbusse und damit an einer (drohend en) Invalidität, weshalb der Anspruch auf berufliche Massnahmen der Invalidenversicherung, name ntlich die Kostenübernahme für eine Umschulung, zu verneinen ist. Damit kann die Frage d er Höherwertigkeit der Ausbildung offengelassen werden. Eine Übernahme der Kurskosten wäre ferner auch im Rahmen einer Frühintervention nicht zu erwirken, da auf solche Massnahm en gemäss Art. 7d Abs. 3 IVG kein Rechtsanspruch besteht. Die angefochtene Verfügung er weist sich somit im Ergebnis als rechtmässig und die Beschwerde ist abzuweisen. 7. Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 VPO in der Reg el in angemessenem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt. Vorliegend ist die Beschwerdeführerin unterliegende Partei, weshalb die Verfahrenskosten, die praxisgemäss auf Fr. 600.– festgesetzt werden, ihr zu aufer- legen sind. Die ausserordentlichen Kosten sind entsprech end dem Ausgang des Verfahrens wettzuschlagen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 600.-- wer den der Be- schwerdeführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kos tenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- verrechnet. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht