B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2704/2015, D-2707/2015 pjn U r t e i l v o m 1 6 . M ä r z 2 0 1 7 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiberin Sara Steiner. Parteien A._______, geboren am (…), und deren Sohn B._______, geboren (…), Eritrea, vertreten durch MLaw Angela Stettler, Advokatur Kanonengasse, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 27. März 2015 / N (…). D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin verliess Eritrea zusammen mit ihrem Sohn eige- nen Angaben zufolge im Jahre 2010 und gelangte in den Sudan, wo sie etwas mehr als vier Jahre geblieben sei en. Von da gelangten sie über Li- byen und Italien am 27. Juni 2014 in die Schweiz, wo sie gleichentags ein Asylgesuch stellten. Am 25. Juli 2014 wurden sie summarisch befragt und am 23. Februar 2015 einlässlich angehört. Zur Begründung ihres Gesuchs gab die Beschwerdeführerin im Wesentli- chen an, der Sohn ihres verstorbenen Bruders habe seit seinem dritten Lebensjahr bei ihr gelebt. Im Juli sei er zum zwölften Schuljahr nach Sawa gegangen. Danach habe sie nichts mehr von ihm gehört. Sie habe sich gefürchtet, weil sie gesehen habe, dass andere Frauen verhaftet worden seien, nachdem ihre Kinder verschwunden seien. Deshalb habe sie begon- nen, ihre Ausreise vorzubereiten. Sie sei dann von den Behörden schriftlich aufgefordert worden, bei ihnen zu erscheinen. Man habe sie gefragt, ob sie eine Nachricht von ihm bekommen habe. Als sie dies verneint habe, sei sie aufgefordert worden, darüber nachzudenken. Aus Angst vor einer Verhaf- tung und einer Busse sei sie ausgereist. Sie selber habe nie Nationaldienst geleistet und habe auch nicht Angst gehabt, eingezogen zu werden. Ve r- mutlich habe man sie wegen des Alters in Ruhe gelassen. Der Beschwer- deführer gab an, keine eigenen Probleme gehabt zu haben, e r sei seiner Mutter gefolgt. B. Mit Verfügungen vom 27. März 2015 – eröffnet am 30. März 2015 – wies das SEM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden ab, ordnete die Weg- weisung an und nahm sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs in der Schweiz vorläufig auf. C. Mit Eingabe vom 29. April 2015 (Poststempel) erhoben die Beschwerde- führenden gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde und beantragten die Aufhebung der Dispositivziffern 1-3 der an- gefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung. In formeller Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 VwVG i.V.m. Art. 110a AsylG (SR 142.31) und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 3 D. Mit Zwischenverfügungen vom 6. Mai 2015 stellte die Instruktionsrichterin fest, die Beschwerd eführenden könnten den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. Den Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgelt- lichen Prozessführung und Verbeiständung verschob sie auf einen späte- ren Zeitpunkt und forderte die Beschwerdeführenden auf, eine Fürsorge- bestätigung einzureichen. E. Mit Eingabe vom 6. Mai 2015 wurde die eingeforderte Fürsorgebestätigung vom 4. Mai 2015 zu den Akten gereicht. F. In seiner Vernehmlassung vom 21. Mai 2015 hielt das SEM vollumfänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwer- de. G. Mit Replik vom 8. März 2016 nahmen die Beschwerdeführenden zur Ver- nehmlassung des SEM Stellung. Gleichzeitig wurde eine Kostennote zu den Akten gereicht. H. Mit Zwi schenverfügung vom 7. April 2016 hiess die Instruktionsrichterin das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung und Verbeiständung gut und ordnete die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 4 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwe rde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Das SEM hat die Verfahren der Beschwerdeführerin und ihres Sohnes ge- trennt geführt und zwei Verfügungen erlassen. Die Beschwerde vom 29. April 2015 wurde im Namen beider gleichzeitig geführt. Es stellt sich somit vorab die Frage ob die Verfahren D-2704/2015 und D-2707/2015 zu vereinigen sind. Der Sohn der Beschwerdeführerin ist zwar volljährig aufgrund seiner Er- krankung entsprachen seine intellektuellen Leistungen Anfang 2016 jedoch im Durchschnitt knapp denjenigen eines (…)jährigen Jungen. Es ist des- halb fraglich, ob er als urteils- und somit als handlungs- und prozessfähig (vgl. Art. 13 und 16 ZGB) zu bezeichnen ist, bedingt doch die Urteilsfähig- keit einerseits als intellektuelle Voraussetzung die Fähigkeit, Sinn, Zweck- mässigkeit und Wirkungen einer bestimmten Handlung einsehen und ab- wägen zu können und andererseits ein Willens- bzw. Charakterelement in Form der Fähigkeit, gemäss der vernünftigen Erkenntnis nach seinem freien Willen zu handeln und allfälliger fremder Willensbeeinflussung in nor- maler Weise Widerstand zu leisten (vgl. Urteil des BVGer B-565/2015 vom 4. Oktober 2016 E. 7.2 mit Hinweis auf BGE 134 II 235 E. 4.3.2). Vor die- sem Hintergrund ist der Sohn der Beschwerdeführerin in deren Asylverfah- ren miteinzubeziehen, zumal er selber gar keine eigenen Asylgründe gel- tend machte und lediglich ausführte, seine Mutter habe ihn mitgenommen. Die Verfahren D-2704/2015 und D-2707/2015 werden vereinigt. Über die Beschwerde wird somit in einem einzigen Urteil befunden. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 5 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin seien nicht glaubhaft. An der Befragung habe sie ausgesagt, die Behörden hätten sie bei ihr zu Hause nach ihrem Neffen befragt, während sie an der Anhörung angegeben habe, sie sei schriftlich aufgefordert worden, sich auf der Verwaltung zu melden, wo sie dann nach ihrem Neffen befragt worden sei. Auf Vorhalt des Widerspruchs habe sie lediglich auf der zweiten Version beharrt, was den Widerspruch nicht auf- zulösen vermöge. Weiter habe sie an der Anhörung angegeben, sie h abe bereits vor ihrer Vorsprache bei der Verwaltung ihre Ausreise zu organisie- ren begonnen. Sie habe sich nach dem Verschwinden ihres Neffen für die Flucht bereitgehalten, sobald die Behörden auf sie zukommen würden. In Anbetracht dessen sei nicht nachvollziehbar, weshalb sie dem schriftlichen Aufruf überhaupt noch gefolgt sei. Nach dem Gesagten könne ihr nicht ge- glaubt werden, dass sie nach der angeblichen Desertion ihres Neffen be- hördlich gesucht worden sei. Die Aussagen ihres Sohnes vermöchten diese Zweifel nicht zu zerstreuen. Die von den Beschwerdeführenden weiter geltend gemachte illegale Aus- reise sei als nicht glaubhaft und in Bezug auf den Beschwerdeführer ohne- hin auch nicht als asylrelevant zu bewerten. D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 6 5.2 Die Beschwerdeführerin wies in ihrer Rechtsm itteleingabe zunächst auf ihre fehlende Bildung und ihre verminderte Auffassungsgabe hin. Sie könne sich beispielsweise keine Daten merken und habe die Krankheit ih- res Sohnes nicht erkannt. Bezüglich der Vorladung in Bezug auf ihren Nef- fen gelte es festzuhalten, dass sie an der Anhörung zunächst fast identisch wie an der Befragung ausgesagt habe, die Behörden seien zu ihr gekom- men und hätten sie gefragt, wohin ihr „Sohn“ verschwunden sei. Erst auf genaues Nachfragen, ob sie den Behördenbesuch detailliert sc hildern könne, habe sie die weiterführenden Angaben gemacht und erklärt, dass sie mittels eines Schreibens zu den Behörden gerufen worden sei. Dass sie aufgrund ihrer beschränkten Auffassungsgabe hier keine Unterschei- dung gemacht habe, gehe aus ihrer naiv anmutenden Antwort hervor, als sie auf den Widerspruch angesprochen worden sei: „Als ich das Schreiben bekam, bin ich ja dorthin gegangen und wurde befragt. Ja das Schreiben kam ja zu mir nach Hause. Ich bin dann dorthin gegangen und wurde be- fragt. Aber das Schreiben kam ja zu mir nach Hause.“ (vgl. Akten des SEM A17 F71). In der Folge stimmten ihre Angaben an der Anhörung wieder mit denjenigen der Befragung überein, indem sie angegeben habe, man habe sie aufgefordert, sie solle sich über den Aufenthalt ihres Sohnes Gedanken machen. Bezeichnend sei auch, dass sie das Schreiben mehrfach als Auf- ruf bezeichnet und die Beweggründe ihres Neffen nicht aufgebauscht habe. Schliesslich zeige ihr Verhalten an der Anhörung klare Realitäts- kennzeichen. So sei notiert worden, dass sie sichtlich berührt gewesen sei, als sie über den Verbleib ihres Neffen gesprochen habe. Weiter sei die geltend gemachte illegale Ausreise als glaubhaft und auch als asylrelevant zu bewerten. 5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, das Argument, dass sich die Widersprüche in den Aussagen der Beschwerdeführerin auf deren tie- fes Bildungsniveau und verminderte Auffassungsgabe zurückführen lies- sen, müsse als Schutzbehauptung gewertet werden. Auch wenn sie eine einfache Ausdrucksweise besitze, gehe aus den Protokollen klar hervor, dass sie durchaus in der Lage sei, sich verständlich und präzis zu äussern. Sie habe jeweils gezielt auf die gestellten Fragen geantwortet und es habe somit keinen Anlass zur Annahme gegeben, dass sie diese nicht ver stan- den habe. Auch die Hilfswerksvertreterin habe keine entsprechende Be- merkung notiert. Entgegen der Aussage in der Beschwerde, sei die Be- schwerdeführerin gut in der Lage gewesen, verschiedene Ereignisse zeit- lich einzuordnen. Es entstehe nicht der Eindruc k, dass sie ein schlechtes D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 7 Zeitgefühl besitze. Hinzu komme, dass die Beschwerdeführerin zwar an- gegeben habe, Analphabetin zu sein, sich im Verlauf der Anhörung jedoch herausgestellt habe, dass sie gemäss ihre n eigenen Angaben „ein biss- chen Tigrinya lesen“ könne und ihr das Lesen lediglich aufgrund ihrer Kurz- sichtigkeit zunehmend schwerer falle. Die Schilderungen bezüglich der Vorladung seien unsubstanziiert und widersprüchlich. Sie habe den Erhalt der Vorladung in sehr allgemeiner Art beschrieben und sich beispielsweise nicht dazu geäussert, wie sie als vermeintliche Analphabetin die Vorladung überhaupt habe lesen können. Danach gefragt, habe sie angegeben, die Vorladung ihrem Sohn gezeigt zu haben, wobei sie aber im weiteren Ver- lauf der Anhörung ausgesagt h abe, Passanten hätten sie ihr vorgelesen. Insgesamt wiesen die Schilderungen keinerlei Realitätskennzeichen im Sinne von Detailreichtum, freiem assoziativen Erzählen, Interaktionsschil- derungen oder inhaltlichen Besonderheiten auf. So schildere sie den Ab- lauf der behördlichen Befragung sowohl an der Befragung wie auch an der Anhörung in derselben stereotypen Weise: Die Behörden hätten sie nach dem Aufenthalt ihres Neffen gefragt, sie habe geantwortet, dass sie es nicht wisse, worauf die Behörden sie aufgefordert hätten, darüber nachzu- denken. Ihre Antworten auf die an der Anhörung gestellten Fragen lieferten keine detailliertere Darstellung und liessen den Sachverhalt konstruiert er- scheinen. 5.4 Dem hielt die Beschwerdeführerin entgegen, sie habe nie ausgesagt, dass ihr Sohn ihr die Vorladung vorgelesen habe. In der vom SEM zitierten Passage stehe lediglich geschrieben: „Ich fragte ihn, dass er mir das vor- lesen soll.“ (vgl. A17 F70). Sie habe nicht erwähnt, wer mit ihm gemeint gewesen sei und es seien ihr keine Ergänzungsfragen gestellt worden. Sie habe jedoch mehrmals klargestellt, dass sie die Vorladung Passanten zum Vorlesen gegeben habe. 6. 6.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge- gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass u nd lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der Gesuchstellerin. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesent- liche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschick- sals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesent- lichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vor-D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 8 kommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlitte- nen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinrei- chende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüch- lichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurtei- lung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Ele- mente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Sub- stanziiertheit und Plaus ibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inh alt der Vor- bringen zwar möglich ist, aber in Wür digung der gesamten Aspekte we- sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver- haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3). 6.2 Erste Zwe ifel an den Aussagen der Beschwerdeführerin entstehen durch ihre widersprüchlichen Angaben in Bezug auf die Vorladung der Be- hörden. So wies das SEM richtigerweise daraufhin, dass die Beschwerde- führerin an der Befragung angab, die Behörden seien zu ihr nach Hause gekommen, während sie an der Anhörung aussagte, sie sei nach einer schriftlichen Aufforderung zu ihnen gegangen. Dass sie an der Anhörung zu Beginn wie an der Befragung aussagte, die Behörden seien zu ihr ge- kommen, vermag den Wider spruch nicht aufzulösen . Weiter hat die Be- schwerdeführerin in der Replik zwar zu Recht moniert , sie habe nicht ge- sagt, ihr Sohn habe ihr die Vorladung vorgelesen. Hingegen sagte sie zu- erst, „er“ habe es ihr vorgelesen und später, sie habe „Leute, die mit mir da waren“ beziehungsweise Passanten gefragt, was das Schreiben zu bedeu- ten habe (vgl. A17 F70, F72 und F146), sodass ein Widerspruch bestehen bleibt. Bezeichnenderweise wird dieser denn auch in der Replik nicht auf- gelöst, wo lediglich festgehalten wird, sie habe nicht erwähnt, wer mit ihm gemeint gewesen sei und es seien keine Ergänzungsfragen gestellt wor- den. Der Einwand in der Beschwerde wonach sich die Widersprüche durch die fehlende Bildung und verminderte Auffassungsgabe der Beschwerde- führerin erklären liessen, kann nicht gehört werden. Diesbezüglich ist auf die richtigen Entgegnungen in der Vernehmlassung des SEM zu verwei- sen. Die Antwort der Beschwerdeführerin, als sie auf den Widerspruch be- züglich der Vorladung angesprochen wurde, ist weniger als Hinweis auf eine beschränkte Auffassungsgabe zu werten. Vielmehr wiederholt die Be- schwerdeführerin zweimal die gleiche Aussage, was eher auf eine gewisse Nervosität angesichts eines erkannten Fehlers schliessen lässt : „Als ich D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 9 das Schreiben bekam, bin ich ja dorthin gegangen und wurde befragt. Ja das Schreiben kam ja zu mir nach Hause. Ich bin dann dorthin gegangen und wurde befragt. Aber das Schreiben kam ja zu mir nach Hause.“ (vgl. Akten des SEM A17 F71). 6.3 Dezidiert gegen die Glaubhaftigkeit der Beschwerdeführerin spricht je- doch die Argumentation des SEM rund um ihren Behördengang. So scheint in keiner Weise nachvollziehbar, weshalb sie, nachdem sie ihre Ausreise für den Fall, dass sich die Behörden bei ihr melden, schon vorbereitet hatte, dem Aufruf der Behörden dann doch noch gefolgt ist, hätte sie doch be- fürchten müssen, bei dieser Gelegen heit schon verhaftet zu werden. So sagte sie selber: „Ich habe mir einfach gedacht, ich werde still sein, wenn sie nichts zu mir sagen. Aber falls sie mich ansprechen würden, hatte ich alles für die Ausreise vorbereitet“ (vgl. A17 F 97). In Anbetracht dieser Aus- sage, wäre zu erwarten gewesen, dass sie dem Aufruf der Behörden si- cherlich nicht gefolgt wäre. Bezeichnenderweise werden in der Beschwer- de hierzu keine Ausführungen gemacht. Zudem hat das SEM richtigerwei- se darauf hingewiesen, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin unsub- stanziiert waren und sie die Ereignisse an der Befragung und der Anhörung kurz und allgemein beschrieben hat. Insbesondere kamen die Gefühle der Beschwerdeführerin während dem Erhalt der Vorladung und der behördli- chen Befragung in keiner Weise zum Ausdruck. Dies erstaunt umso mehr vor dem Hintergrund, dass sie sich schon davor vor diesem Aufruf gefürch- tet und ihre Flucht vorbereitet hatte. Das genannte Realitätskennzeichen, dass die Beschwerdeführerin sichtlich berührt gewesen sei, als sie über den Verbleib ihres Neffen gesprochen habe, bezieht sich nur auf dessen Verschwinden, nicht aber auf die behördliche Suche wegen ihm. Überdies gilt es festzuhalten, dass der Beschwerdeführerin von den Behörden keine konkrete Strafe angedroht worden war und sie lediglich aufgefordert wor- den war, über den Aufenthaltsort ihres Neffen nachzudenken. Dass der ei- gentliche Grund für ihre Ausreise denn auch ein ande rer gewesen sein könnte, lässt ihre Aussage an der Befragung vermuten, ihr Hauptanliegen sei die ärztliche Behandlung ihres Sohnes gewesen (vgl. A17 F153). 6.4 Nach dem Gesagten kann der Beschwerdeführerin nicht geglaubt wer- den, dass sie aufgrund einer allfälligen Desertion ihres Neffen von den Be- hörden gesucht worden war. 7. Bleibt abzuhandeln, ob die Beschwerdeführenden infolge illegaler Ausreise aus Eritrea die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 10 7.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe geltend. Subjektive Nachflucht- gründe begründen zwar die Flücht lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, un- abhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgrün- de nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 7.2 Die am 1. Februar 2014 in Kraft getretene Bestimmung von Art. 3 Abs. 4 AsylG hält zwar fest, dass Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden und weder Aus- druck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat be- stehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, nicht als Flüchtlinge gelten können; diese einschränkende Feststellung wurde vom Gesetzgeber aller- dings durch den ausdrücklichen Hinweis auf den Vorbehalt der Geltung der FK relativiert (vgl. Art. 3 Abs. 4 in fine AsylG). 7.3 Im Referenzurteil D -7898/2015 gelangte das Bundesverwaltungsge- richt zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft führt, nicht mehr aufrechterhalten werden kann. So sei bereits fraglich, inwiefern die Strafbestimmungen der illegalen Ausreise überhaupt noch zur Anwendung gelangten, zumal – wohl auch durch den massiven „Braindrain“, mit welchem sich Eritrea derzeit konfron- tiert sehe – ein gewisses Umdenken der Behörden stattgefunden zu haben scheine und gegen Rückkehrer nicht mehr rigoros vorgegangen werde. Unbestritten und auch von regimekritischen Quellen bestätigt sei z udem, dass Personen aus der Diaspora in nicht unerheblichem Ausmass (für kurze Aufenthalte) relativ problemlos nach Eritrea zurückkehren könnten. Es sei ferner anzunehmen, dass sich unter diesen Personen auch solche befänden, welche Eritrea illegal verlassen hätten. Vor diesem Hintergrund lasse sich die Annahme, dass sich Eritreer und Eritreerinnen aufgrund der unerlaubten Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert se- hen, die bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation des Staa- tes ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen würden, nicht mehr aufrechterhalten. Insbesondere fehle es an einem politischen Motiv, zumal bei einer problemlosen Rückkehr, sei es auch nur für einen kurzen Aufenthalt, nicht davon gesprochen w erden könne, illegal ausge- reiste Personen würden generell als Verräter betrachtet. Dafür spreche D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 11 auch, dass illegal ausgereiste Personen nach einer gewissen Zeit den Diaspora-Status erhielten, welcher eine gefahrlose (vorübergehende) Rückkehr ermögliche. Ferner sei zu beachten, dass eine etwaige Bestra- fung aufgrund des Umstandes, dass der Status mit den eritreischen Behör- den vor der Rückkehr nicht geregelt worden sei, insbesondere die 2% - Steuer nicht entrichtet worden sei, nicht auf ein asylrelevantes Motiv (Po- litmalus) zurückgehen würde. Somit sei auch der Einwand verfehlt, eine kurze Rückkehr könne nicht mit einer permanenten Rückkehr gleichgesetzt werden, zumal die Grundannahme, dass illegal ausgereiste Personen nicht allein aufgrund der Ausreise als Verräter betrachtet und aus asylrelevanten Motiven einer harten Bestrafung zugeführt würden, dieselbe bleibe. Eben- falls nicht asylrelevant sei die Möglichkeit einer Einziehung in den Natio- naldienst nach der Rückkehr, da es sich dabei ebenfalls nicht um eine Mas- snahme handle, die aus asylrechtlich relevanten Motiven erfolge. Ob eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK oder des Verbots der Sklaverei und der Zwangsarbeit gemäss Art. 4 EMRK relevant sein könne, betreffe jedoch die Frage der Zulässigkeit bzw. Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Ein erhebliches Risiko einer Bestrafung bei einer Rückkehr gestützt auf asylrelevante Motive sei nur dann anzunehmen, wenn nebst der illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzuträten, wel che die asylsuchende Person in den Augen der eritrei- schen Behörden als missliebige Person erscheinen liessen (vgl. Referenz- urteil des Bundesverwaltungsgericht D -7898/2015 vom 30. Januar 2017, E. 5.1). 7.4 Das Vorliegen solcher zusätzlicher Faktoren ist im Falle der Beschwer- deführenden zu verneinen. Die Beschwerdeführerin gibt an, sie habe sel- ber nie Nationaldienst geleistet und habe auch nicht Angst gehabt, einge- zogen zu werden. Vermutlich habe man sie wegen des Alters in Ruhe ge- lassen. Vor diesem Hintergrund kann sie nicht als Deserteurin oder Refrak- tärin gelten. Auch der Sohn der Beschwerdeführerin macht nicht gelten d, dass er vor seiner Ausreise mit den Militärbehörden in Kontakt gekommen sei. Er ist denn auch im Alter von (…) Jahren aus Eritrea ausgereist und leidet zudem an einer Krankheit, die sein Wachstum und seine Entwicklung extrem beeinträchtigen. Andere Anknüpfungspunkte, welche die Be- schwerdeführenden in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Personen erscheinen lassen könnten, sind ebenfalls nicht ersichtlich. So- mit bleibt festzuhalten, dass die illegale Ausreise allein keine Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfolgung zu begründen vermag. Die Frage der Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise kann daher mangels Asyl- relevanz offenbleiben. D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 12 8. Nach dem Gesagten ist festzuhal ten, dass die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen. Das SEM hat deshalb ihre Asylgesu- che zu Recht abgelehnt. 9. 9.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 9.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9.3 Da die Beschwerdeführenden mit der angefochtenen Verfügung vom 27. März 2015 wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges in der Schweiz vorläufig aufgenommen wurde n, erübrigen sich praxisgemäs s Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzu- ges. 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 11. 11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer- deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) . Nachdem jedoch das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 7. April 2016 gutgeheissen wurde, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 11.2 Ebenfalls mit Zwischenverfügung vom 7. April 2016 wurde die rubri- zierte Vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Sie ist unbe- sehen des Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen. In ihrer Kostennote vom 8. März 2016 weist sie Parteikosten von insgesamt Fr. 1‘886.65 aus, wobei sie von einem Stundenansatz von Fr. 300.– und insgesamt 5.9 Stun- den Aufwand ausging. Wie in der Zwischenverfügung vom 7. April 2016 erwähnt ist bei amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 13 von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter auszugehen ist (Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE [SR 173.320.2]), wobei nur der notwendige Aufwand entschädigt wird (Art. 8 Abs. 2 VGKE). Das Honorar ist vorliegend entsprechend zu kürzen. Der Rechtsvertreterin ist ein Honorar von insgesamt Fr. 973.– zuzusprechen. Das amtliche Honorar gilt auch für ihren Aufwand im Beschwerdeverfahren D-2707/2015, da nur eine Beschwerde eingereicht wurde. (Dispositiv nächste Seite) D-2704/2015, D-2707/2015 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Der rubrizierten Rechtsvertreterin wird vom Bundesverwaltungsgericht ein Honorar in der Höhe von Fr. 973.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Sara Steiner Versand: