<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 76 S.353</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Submissionen</span> <span class="page_no">353</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>76</b></span> <span class="ft2"><b>Wiederherstellung der Offerteingabefrist.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Es ist von einer stillschweigenden Anordnung im SubmD auszugehen,</b></span><br/> <span class="ft2"><b>die eine Fristwiederherstellung grundsätzlich ausschliesst; ausge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nommen sind diejenigen Fälle, in denen die Gründe für die Verspä-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tung einer Eingabe ausschliesslich bei der Vergabestelle liegen (Erw.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>3/b).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Trotz grundsätzlicher Unzulässigkeit der Wiederherstellung einer</b></span><br/> <span class="ft2"><b>verpassten Eingabefrist bleibt die Berücksichtigung einer verspätet</b></span><br/> <span class="ft2"><b>eingereichten Offerte gestützt auf das Verbot des überspitzten For-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>malismus denkbar; ein überspitzter Formalismus ist jedoch, gerade</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wenn es um die Einhaltung von Fristen geht, nicht leichthin anzu-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nehmen (Erw. 3/c).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 1. November 2001 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen ARGE K. AG/E. AG gegen den Entscheid des Abwasserverbands M.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Die Anbietenden müssen ihre Anträge auf Teilnahme und</span><br/> <span class="ft1">ihr Angebot schriftlich, vollständig und fristgerecht einreichen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">354</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Massgebend ist das Datum des Poststempels (§ 14 Abs. 1 SubmD).</span><br/> <span class="ft1">Verspätet eingelangte Eingaben müssen ausgeschieden und den An-</span><br/> <span class="ft1">bietenden umgehend zurückgegeben werden (§ 15 Abs. 3 SubmD).</span><br/> <span class="ft1">b) Eingabetermin für die Offerten war im vorliegenden Fall der</span><br/> <span class="ft1">11. Juli 2001, Poststempel A-Post. Das Angebot der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerinnen weist den Poststempel vom 13. Juli 2001 auf. Es ist unbe-</span><br/> <span class="ft1">stritten, dass die Offerte erst nach Ablauf der Eingabefrist der Post</span><br/> <span class="ft1">übergeben wurde. Die Beschwerdeführerinnen sind der Meinung, die</span><br/> <span class="ft1">Vergabestelle hätte ihr Angebot trotz der Verspätung mitberücksich-</span><br/> <span class="ft1">tigen sollen. Zur Begründung ihres Standpunkts führen sie aus, die</span><br/> <span class="ft1">K. AG habe das Angebot ihrer ARGE-Partnerin E. AG am 6. Juli</span><br/> <span class="ft1">2001 mit A-Post zur Unterzeichnung und Eingabe an den Verband</span><br/> <span class="ft1">zugestellt. Der Geschäftsführer der K. AG sei am 8. Juli 2001 für</span><br/> <span class="ft1">drei Wochen in den Urlaub verreist. Der Geschäftsführer der E. AG</span><br/> <span class="ft1">habe am 7. Juli 2001 einen Herzinfarkt erlitten, und am 8. Juli 2001</span><br/> <span class="ft1">habe sich in der Firma überdies ein tragischer Todesfall ereignet.</span><br/> <span class="ft1">Diese Ereignisse hätten den Arbeitsablauf in den folgenden Tagen</span><br/> <span class="ft1">stark durcheinander gebracht, weshalb der Eingabetermin vom</span><br/> <span class="ft1">11. Juli 2001 verpasst worden sei. Sinngemäss verlangen die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerinnen damit, dass die Vergabestelle in ihrem Fall die</span><br/> <span class="ft1">verpasste Offerteingabefrist hätte wiederherstellen müssen.</span><br/> <span class="ft1">3. Zu prüfen ist zunächst, ob die Wiederherstellung der Offert-</span><br/> <span class="ft1">eingabefrist grundsätzlich zulässig ist.</span><br/> <span class="ft1">a) aa) (Nichtstreitiges) Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">rechtpflegeverfahren werden vorbehältlich von Sonderbestimmungen</span><br/> <span class="ft1">in andern Erlassen durch das VRPG geregelt (§ 1 Abs. 1 und 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG). Die Bestimmungen über die Fristen befinden sich in den</span><br/> <span class="ft1">§§ 31 und 32 VRPG. Gemäss § 31 VRPG gelten für die "Wiederher-</span><br/> <span class="ft1">stellung gegen die Folgen der Säumnis ... sinngemäss die Vorschrif-</span><br/> <span class="ft1">ten der Zivilprozessordnung". Die Wiederherstellung einer Frist setzt</span><br/> <span class="ft1">demnach voraus, dass "eine Partei oder ihr Vertreter ohne Verschul-</span><br/> <span class="ft1">den verhindert war, eine Frist einzuhalten" (§ 98 Abs. 1 ZPO i.V.m.</span><br/> <span class="ft1">§ 31 Satz 1 VRPG). Gegenstand der Wiederherstellung nach § 98</span><br/> <span class="ft1">ZPO sind die gesetzlichen und richterlichen Fristen des kantonalen</span><br/> <span class="ft1">Prozessrechts (Alfred Bühler/Andreas Edelmann/Albert Killer, Kom-</span><br/> <span class="ft1">mentar zur Aargauischen Zivilprozessordnung, Aarau 1998, § 98</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Submissionen</span> <span class="page_no">355</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">N 1). Die Verweisnorm von § 31 befindet sich im mit "Allgemeine</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensvorschriften" überschriebenen 2. Abschnitt des VRPG; sie</span><br/> <span class="ft1">gilt somit grundsätzlich auch für das Verfahren vor den Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">behörden des Kantons und der Gemeinden (vgl. § 1 Abs. 1 und 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG). Jedenfalls im Grundsatz sind daher nicht nur gesetzliche und</span><br/> <span class="ft1">richterliche, sondern auch die von kantonalen und kommunalen</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsbehörden gesetzten Fristen wiederherstellbar.</span><br/> <span class="ft1">Wiederherstellbar sind nicht nur Rechtsmittelfristen, sondern</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich auch verpasste materiellrechtliche Fristen, d.h. Fristen,</span><br/> <span class="ft1">bei deren Ablauf ein materieller Rechtsanspruch verwirkt, sofern</span><br/> <span class="ft1">keine gewichtigen öffentlichen Interessen entgegenstehen (Ulrich</span><br/> <span class="ft1">Häfelin/Georg Müller, Grundriss des Allgemeinen Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">rechts, 3. Auflage, Zürich 1998, Rz. 586; offen gelassen in BGE 105</span><br/> <span class="ft1">Ib 157). Bei der Offerteingabefrist handelt es sich um eine von der</span><br/> <span class="ft1">Vergabebehörde in Berücksichtung von § 13 SubmD und gegebenen-</span><br/> <span class="ft1">falls § 34 Abs. 1 SubmD i.V.m. Anhang 6 bestimmte Frist. Ist sie</span><br/> <span class="ft1">ungenutzt abgelaufen, ist das Recht der Anbieter, für die ausge-</span><br/> <span class="ft1">schriebene Leistung ein Angebot einzureichen (ein solches "Recht</span><br/> <span class="ft1">zum Offerieren" lässt sich aus § 7 SubmD herleiten), verwirkt. Inso-</span><br/> <span class="ft1">weit handelt es sich bei der Offerteingabefrist um eine materiell-</span><br/> <span class="ft1">rechtliche Frist.</span><br/> <span class="ft1">bb) Als Hinderungsgründe werden nach der Rechtsprechung des</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsgerichts etwa anerkannt: Ernstliche Erkrankung des</span><br/> <span class="ft1">Verfügungsadressaten, Unglücks- oder Todesfall in dessen Familie,</span><br/> <span class="ft1">Militärdienst und nicht voraussehbare Landesabwesenheit, aber auch</span><br/> <span class="ft1">weitere in der Regel subjektive Gründe, welche die objektiv nicht</span><br/> <span class="ft1">unausweichliche Fristversäumnis als entschuldbar erscheinen lassen.</span><br/> <span class="ft1">Daraus folgt, dass nicht jede Verhinderung im Laufe der Einsprache-</span><br/> <span class="ft1">oder Beschwerdefrist eine Wiederherstellung zu rechtfertigen ver-</span><br/> <span class="ft1">mag. Es muss entscheidend darauf ankommen, wie sich der geltend</span><br/> <span class="ft1">gemachte Hinderungsgrund im konkreten Fall ausgewirkt hat. Dabei</span><br/> <span class="ft1">können im Einzelfall verschiedene Kriterien eine Rolle spielen, so</span><br/> <span class="ft1">etwa die Voraussehbarkeit des Hinderungsgrundes, die vor dem Ein-</span><br/> <span class="ft1">tritt oder nach Wegfall des Hinderungsgrundes verbleibende Zeit-</span><br/> <span class="ft1">spanne zur Abfassung der Beschwerde, allenfalls die Komplexität</span><br/> <span class="ft1">des Falles wie auch der Umstand, ob der säumige Beschwerdeführer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">356</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">anwaltlich vertreten ist oder nicht oder ob ihm zuzumuten ist, sonst</span><br/> <span class="ft1">eine Drittperson mit der Vornahme der Prozesshandlung zu betrauen.</span><br/> <span class="ft1">Das Gesetz stellt die Wiederherstellung unter die Voraussetzung der</span><br/> <span class="ft1">Schuldlosigkeit (§ 98 Abs. 1 ZPO), verlangt also, dass der säumigen</span><br/> <span class="ft1">Partei kein Vorwurf gemacht werden kann; ein Verschulden ist nur zu</span><br/> <span class="ft1">verneinen, wenn die Säumnis auch bei der vom Säumigen zu erwar-</span><br/> <span class="ft1">tenden Sorgfalt und unter den gegebenen Umständen nicht abgewen-</span><br/> <span class="ft1">det werden konnte (vgl. zum Ganzen: BGE 112 V 255 f. mit Hinwei-</span><br/> <span class="ft1">sen; AGVE 1992, S. 386 f. mit Hinweisen; Kurt Eichenberger, Zivil-</span><br/> <span class="ft1">rechtspflegegesetz des Kantons Aargau, Textausgabe mit Kommen-</span><br/> <span class="ft1">tar, Aarau 1987, § 98 N 2; Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., § 98</span><br/> <span class="ft1">N 7 ff.).</span><br/> <span class="ft1">b) aa) Das SubmD verweist nun allerdings lediglich für den</span><br/> <span class="ft1">Rechtsschutz auf die allgemeinen kantonalen Verfahrensvorschriften</span><br/> <span class="ft1">des VRPG, nicht aber für das (erstinstanzliche) Verfügungsverfahren</span><br/> <span class="ft1">(§ 23 SubmD). Das erstinstanzliche Vergabeverfahren untersteht in</span><br/> <span class="ft1">erster Linie den spezialgesetzlichen Vorschriften des SubmD. Somit</span><br/> <span class="ft1">gilt § 31 VRPG bzw. der darin in Bezug auf die Fristwiederherstel-</span><br/> <span class="ft1">lung enthaltene Verweis auf § 98 ZPO zwar für das (verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richtliche) Rechtsmittelverfahren, darf aber nicht - jedenfalls nicht</span><br/> <span class="ft1">unbesehen - auf das Verfahren vor den Vergabebehörden übertragen</span><br/> <span class="ft1">werden. Das SubmD selbst äussert sich zur Frage, ob eine versäumte</span><br/> <span class="ft1">Eingabefrist wiederhergestellt werden kann, nicht explizit. Das Feh-</span><br/> <span class="ft1">len einer entsprechenden ausdrücklichen Bestimmung kann entweder</span><br/> <span class="ft1">ein qualifiziertes Schweigen (im Sinne einer bewusst negativen Ant-</span><br/> <span class="ft1">wort des Dekrets), eine stillschweigende Anordnung (welche mittels</span><br/> <span class="ft1">der Auslegungsregeln aus dem Gesetz zu ermitteln ist) oder eine</span><br/> <span class="ft1">ausfüllungsbedürftige Lücke darstellen. Welche der möglichen Be-</span><br/> <span class="ft1">deutungen dem Fehlen einer ausdrücklichen Regelung zukommt, ist</span><br/> <span class="ft1">durch Auslegung zu ermitteln (vgl. Häfelin/Müller, a.a.O., Rz. 192</span><br/> <span class="ft1">ff.; Ulrich Häfelin/Walter Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht,</span><br/> <span class="ft1">5. Auflage, Zürich 2001, Rz. 143 mit Hinweis).</span><br/> <span class="ft1">bb) Das SubmD hat u.a. die Umsetzung des übergeordneten</span><br/> <span class="ft1">Submissionsrechts, d.h. des GATT/WTO-Übereinkommen über das</span><br/> <span class="ft1">öffentliche Beschaffungswesen vom 15. April 1994, der Interkanto-</span><br/> <span class="ft1">nalen Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen (IVöB)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Submissionen</span> <span class="page_no">357</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">vom 25. November 1994 und des Bundesgesetzes über den Binnen-</span><br/> <span class="ft1">markt (BGBM) vom 6. Oktober 1995 zum Ziel (Botschaft 1, S. 4).</span><br/> <span class="ft1">Im Rahmen der (systematischen) Auslegung sind deshalb auch diese</span><br/> <span class="ft1">Erlasse heranzuziehen. Das BGBM und die IVöB bzw. die Vergabe-</span><br/> <span class="ft1">richtlinien (VRöB) aufgrund der IVöB vom 1. Dezember 1995 (vgl.</span><br/> <span class="ft1">§ 21 Abs. 1 VRöB) äussern sich zur Frage der Fristwiederherstellung</span><br/> <span class="ft1">ebenfalls nicht. Das GATT/WTO-Übereinkommen hingegen be-</span><br/> <span class="ft1">stimmt in Art. XIII Ziff. 2, dass einem Anbieter kein Nachteil entste-</span><br/> <span class="ft1">hen darf, wenn ein Angebot bei der in den Vergabeunterlagen ange-</span><br/> <span class="ft1">gebenen Stelle nach Ablauf der Frist eintrifft, sofern die Verzögerung</span><br/> <span class="ft1">ausschliesslich der Beschaffungsstelle zuzuschreiben ist. Angebote</span><br/> <span class="ft1">können auch in anderen aussergewöhnlichen Fällen in Betracht ge-</span><br/> <span class="ft1">zogen werden, wenn dies in den Verfahren der Beschaffungsstellen</span><br/> <span class="ft1">vorgesehen ist. Das GATT-WTO-Übereinkommen schliesst die Wie-</span><br/> <span class="ft1">derherstellung einer verpassten Offerteingabefrist somit grundsätz-</span><br/> <span class="ft1">lich nicht aus, setzt aber eine generelle Regelung im untergeordneten</span><br/> <span class="ft1">Vergaberecht voraus.</span><br/> <span class="ft1">Eine solche Regelung, allerdings im negativen Sinn, enthält das</span><br/> <span class="ft1">Vergaberecht des Bundes. Art. 26 Abs. 1 des Bundesgesetzes über</span><br/> <span class="ft1">das öffentliche Beschaffungswesen (BoeB) vom 16. Dezember 1994</span><br/> <span class="ft1">verweist für das Verfahren auf die allgemeinen Bestimmungen über</span><br/> <span class="ft1">die Bundesverwaltungsrechtspflege, "soweit dieses Gesetz nichts</span><br/> <span class="ft1">anderes bestimmt". Zur Anwendung gelangen somit grundsätzlich</span><br/> <span class="ft1">die Vorschriften des VwVG. In Art. 26 Abs. 2 BoeB wird weiter be-</span><br/> <span class="ft1">stimmt, für das Verfügungsverfahren nach dem 4. Abschnitt, d.h. für</span><br/> <span class="ft1">das eigentliche Vergabeverfahren, seien zudem die Art. 22a, 24 - 28,</span><br/> <span class="ft1">30, 30a und 31 VwVG nicht anwendbar. Der ausdrücklich für nicht</span><br/> <span class="ft1">anwendbar erklärte Art. 24 VwVG regelt die Wiederherstellung. Ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss Art. 24 Abs. 1 VwVG kann Wiederherstellung einer Frist erteilt</span><br/> <span class="ft1">werden, wenn der Gesuchsteller oder sein Vertreter unverschuldet</span><br/> <span class="ft1">abgehalten worden sind, innert der Frist zu handeln. Für das öffent-</span><br/> <span class="ft1">lichen Beschaffungsrecht des Bundes ist die Wiederherstellung einer</span><br/> <span class="ft1">vom Anbieter unverschuldet verpassten Offerteingabefrist mit der</span><br/> <span class="ft1">Regelung von Art. 26 Abs. 2 BoeB bewusst ausgeschlossen worden.</span><br/> <span class="ft1">Im SubmD hingegen fehlt eine Umsetzung von Art. XIII Ziff. 2</span><br/> <span class="ft1">des GATT-WTO-Übereinkommens. Über die Gründe geben die ein-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">358</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schlägigen Materialien zum Dekret keinen Aufschluss. Diese ent-</span><br/> <span class="ft1">halten zur Wiederherstellung der Offerteingabefrist generell keine</span><br/> <span class="ft1">Hinweise. Die Problematik wurde weder in der vorberatenden Kom-</span><br/> <span class="ft1">mission noch im Plenum des Grossen Rats thematisiert. Es bleibt</span><br/> <span class="ft1">damit als Zwischenergebnis festzuhalten, dass vom Fehlen einer</span><br/> <span class="ft1">expliziten Bestimmung nicht auf ein qualifiziertes Schweigen (im</span><br/> <span class="ft1">Sinne eines bewussten und absoluten Ausschlusses der Wiederher-</span><br/> <span class="ft1">stellung) geschlossen werden darf.</span><br/> <span class="ft1">cc) Ist das Vorliegen eines qualifizierten Schweigens zu vernei-</span><br/> <span class="ft1">nen, bleibt zu prüfen, ob sich mit Hilfe der Auslegungsregeln dem</span><br/> <span class="ft1">Gesetz eine stillschweigende Anordnung entnehmen lässt (Häfe-</span><br/> <span class="ft1">lin/Müller, a.a.O, Rz. 192).</span><br/> <span class="ft1">aaa) Im Rahmen der systematischen Auslegung unter Mitbe-</span><br/> <span class="ft1">rücksichtigung des übergeordneten Rechts ist vorab die Regelung</span><br/> <span class="ft1">von Art. XIII Ziff. 2 des GATT-WTO-Übereinkommens von Bedeu-</span><br/> <span class="ft1">tung. Aus dieser Regelung, welche eine Wiederherstellung einer</span><br/> <span class="ft1">verpassten Offerteingabefrist nicht grundsätzlich ausschliesst, aber</span><br/> <span class="ft1">eine generelle Regelung im untergeordneten Vergaberecht voraus-</span><br/> <span class="ft1">setzt, lässt sich eine Vermutung der Unzulässigkeit einer Wiederher-</span><br/> <span class="ft1">stellung der verpassten Frist ableiten, sofern das Vergaberecht diese</span><br/> <span class="ft1">nicht ausdrücklich vorsieht. Diese Vermutung greift somit bezogen</span><br/> <span class="ft1">auf das SubmD.</span><br/> <span class="ft1">Die Verfahrensvorschriften des Submissionsrechts sind nicht</span><br/> <span class="ft1">Selbstzweck. Sie stehen vielmehr im Dienste der Verwirklichung des</span><br/> <span class="ft1">materiellen Vergaberechts (vgl. Urteil des Verwaltungsgerichts des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Graubünden, 2. Kammer, vom 14. März 2000, U 00 6,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 1). § 1 Abs. 1 SubmD statuiert ausdrücklich die Gleichbehand-</span><br/> <span class="ft1">lung der Anbietenden in allen Phasen des Vergabeverfahrens. Eine</span><br/> <span class="ft1">formell richtige Abwicklung des Vergabeverfahrens ist eine Grund-</span><br/> <span class="ft1">voraussetzung für die Gleichbehandlung der Anbietenden (Anmer-</span><br/> <span class="ft1">kung von Peter Gauch zum Entscheid der Eidgenössischen Rekurs-</span><br/> <span class="ft1">kommission für das öffentliche Beschaffungsrecht vom 13. August</span><br/> <span class="ft1">1998, in: Baurecht 1998, S. 127). Ein fairer und transparenter Wett-</span><br/> <span class="ft1">bewerb ist nur möglich, wenn für alle Bewerber die gleichen Wett-</span><br/> <span class="ft1">bewerbsbedingungen bestehen. Zur Gewährleistung dieser Grundsät-</span><br/> <span class="ft1">ze dienen u.a. Verfahrensvorschriften, insbesondere auch die ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Submissionen</span> <span class="page_no">359</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schiedenen Fristbestimmungen des SubmD. Bei jeder Submission</span><br/> <span class="ft1">bedarf es eines einheitlichen Eingabetermins, ansonsten der Wettbe-</span><br/> <span class="ft1">werbscharakter nicht gewahrt ist. Es gilt auch als allgemein aner-</span><br/> <span class="ft1">kannte Submissionsregel, dass allen Submittenten gleich viel Zeit zur</span><br/> <span class="ft1">Ausarbeitung und Einreichung der Offerte einzuräumen ist (Marco</span><br/> <span class="ft1">S. Stoffel, Die Submission nach schweizerischem Baurecht, Diss.</span><br/> <span class="ft1">Zürich 1981, S. 53). Entsprechend setzt gemäss § 13 SubmD die</span><br/> <span class="ft1">Vergabestelle die Frist für das Einreichen der Angebote so fest, dass</span><br/> <span class="ft1">allen Anbietenden genügend Zeit für die Ausarbeitung des Angebots</span><br/> <span class="ft1">bleibt; Fristverlängerungen gelten stets für alle Anbietenden. § 15</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 SubmD bestimmt, dass alle Eingaben bis nach Ablauf der</span><br/> <span class="ft1">Eingabefrist verschlossen aufzubewahren sind. Die Bestimmung von</span><br/> <span class="ft1">§ 15 Abs. 3 SubmD, wonach verspätet eingelangte Eingaben ausge-</span><br/> <span class="ft1">schieden werden müssen, ist in diesem Kontext zu sehen. Die Eidge-</span><br/> <span class="ft1">nössische Rekurskommission für das öffentliche Beschaffungsrecht</span><br/> <span class="ft1">bezeichnet die Verletzung der Eingabefrist als schweren Mangel und</span><br/> <span class="ft1">stellt zur Begründung Folgendes fest: "Il faut toutefois souligner que</span><br/> <span class="ft1">l'exigence du respect des délais revêt précisément une grande im-</span><br/> <span class="ft1">portance, notamment pour assurer l'égalité de traitement des soumis-</span><br/> <span class="ft1">sionaires (art. 8 al. 1 let. a LMP). Il convient en effet de protéger les</span><br/> <span class="ft1">intérêts directs des differents soumissionnaires en excluant les offres</span><br/> <span class="ft1">formulées hors délai (cf. ATF 115 Ia 79 consid. 2)" (erwähnter Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid vom 13. August 1998, in: Baurecht 1998, S. 126 Nr. 336).</span><br/> <span class="ft1">bbb) Aus den vorstehenden (teleologischen) Ausführungen</span><br/> <span class="ft1">folgt, dass der Wiederherstellung einer verpassten Offerteingabefrist</span><br/> <span class="ft1">bzw. der Berücksichtigung einer der Vergabestelle verspätet zuge-</span><br/> <span class="ft1">gangenen Offerte vor allem zwei Argumente entgegenstehen, die</span><br/> <span class="ft1">allerdings eng zusammenhängen. Einerseits spricht der Grundsatz</span><br/> <span class="ft1">der Gleichbehandlung der Anbietenden gegen eine Fristwiederher-</span><br/> <span class="ft1">stellung, anderseits das Gebot der Gewährleistung eines fairen und</span><br/> <span class="ft1">transparenten Wettbewerbs. Es muss auf jeden Fall die Möglichkeit</span><br/> <span class="ft1">ausgeschlossen werden, dass es durch die Zulassung verspäteter Of-</span><br/> <span class="ft1">ferten zur Ungleichbehandlung der Anbietenden und zur Beeinflus-</span><br/> <span class="ft1">sung oder gar Verfälschung des Wettbewerbs kommen kann. Die</span><br/> <span class="ft1">Gefahr, dass die Berücksichtigung verspäteter Offerten zu Wettbe-</span><br/> <span class="ft1">werbsverfälschungen führt, aktualisiert sich - nicht erst, aber ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">360</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schärft - im Zeitpunkt der Offertöffnung (§ 15 Abs. 2 SubmD). Ab</span><br/> <span class="ft1">diesem Zeitpunkt sind der Vergabestelle jedenfalls die Preise der</span><br/> <span class="ft1">rechtzeitig eingegangenen Angebote bekannt. Teilweise werden die</span><br/> <span class="ft1">Angebote auch bereits im Rahmen der Offertöffnung auf ihre Voll-</span><br/> <span class="ft1">ständigkeit kontrolliert, d.h. die Vergabestelle nimmt auch vom Of-</span><br/> <span class="ft1">fertinhalt Kenntnis. Die Bereinigung und Auswertung der Offerten</span><br/> <span class="ft1">nimmt somit nach erfolgter Öffnung ihren Anfang. Auf jeden Fall</span><br/> <span class="ft1">nach erfolgter Offertöffnung ist die Fristwiederherstellung ausge-</span><br/> <span class="ft1">schlossen. Andernfalls wäre die Transparenz des Submissionsverfah-</span><br/> <span class="ft1">rens nicht mehr gewährleistet. Nur so kann jegliche Manipulations-</span><br/> <span class="ft1">möglichkeit mit Sicherheit und von vornherein ausgeschlossen wer-</span><br/> <span class="ft1">den. Das Interesse an einem formell geordnet ablaufenden, nicht</span><br/> <span class="ft1">manipulierbaren, transparenten und die Gleichbehandlung gewähr-</span><br/> <span class="ft1">leistenden Submissionsverfahren geht dem Interesse des betroffenen</span><br/> <span class="ft1">Anbieters an der Berücksichtigung seines Angebots vor. Die Gleich-</span><br/> <span class="ft1">behandlung aller Anbietenden wäre aber auch schon vor der Of-</span><br/> <span class="ft1">fertöffnung nicht mehr sichergestellt, wenn die Eingabefristen wie-</span><br/> <span class="ft1">derhergestellt werden könnten. Im Wettbewerb des freien Markts</span><br/> <span class="ft1">präsentieren sich im Gegensatz etwa zu einem Rechtsmittelverfahren</span><br/> <span class="ft1">(wo die Fristwiederherstellung regelmässig gesetzlich geregelt ist)</span><br/> <span class="ft1">die Rahmenbedingungen täglich anders. Einem einzelnen Offertstel-</span><br/> <span class="ft1">ler kann unter Umständen aus der Tatsache, dass er seine Offerte -</span><br/> <span class="ft1">wenn auch unverschuldet - Tage später als seine Konkurrenten kal-</span><br/> <span class="ft1">kulieren kann, ein Vorteil erwachsen.</span><br/> <span class="ft1">ccc) Im Lichte der vorgenommenen Auslegung und insbeson-</span><br/> <span class="ft1">dere unter Hinweis auf Art. XIII Ziff. 2 des GATT-WTO-Überein-</span><br/> <span class="ft1">kommens - die Zulässigkeit einer Wiederherstellung kann ja letztlich</span><br/> <span class="ft1">nicht von den Schwellenwerten gemäss § 29 Abs. 1 SubmD abhän-</span><br/> <span class="ft1">gen - muss von einer stillschweigenden Anordnung im SubmD aus-</span><br/> <span class="ft1">gegangen werden, welche eine Fristwiederherstellung generell aus-</span><br/> <span class="ft1">schliesst. Ausgenommen sind diejenigen Fälle, in denen die Gründe</span><br/> <span class="ft1">für die Verspätung einer Eingabe ausschliesslich bei der Vergabe-</span><br/> <span class="ft1">stelle liegen (Art. XIII Ziff. 2 erster Satz des GATT-WTO-Überein-</span><br/> <span class="ft1">kommens).</span><br/> <span class="ft1">c) Trotz grundsätzlicher Unzulässigkeit der Wiederherstellung</span><br/> <span class="ft1">einer verpassten Eingabefrist bleibt die Berücksichtigung einer ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Submissionen</span> <span class="page_no">361</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">spätet eingereichten Offerte gestützt auf das Verbot des überspitzten</span><br/> <span class="ft1">Formalismus denkbar. Das aus Art. 29 Abs. 1 BV fliessende Verbot</span><br/> <span class="ft1">des überspitzten Formalismus wendet sich gegen prozessuale For-</span><br/> <span class="ft1">menstrenge, die als exzessiv erscheint, durch kein schutzwürdiges</span><br/> <span class="ft1">Interesse gerechtfertigt ist, zum blossen Selbstzweck wird und die</span><br/> <span class="ft1">Verwirklichung des materiellen Rechts in unhaltbarer Weise er-</span><br/> <span class="ft1">schwert oder gar verhindert (BGE 127 I 34; 118 Ia 15). Ein über-</span><br/> <span class="ft1">spitzter Formalismus ist jedoch, gerade wenn es um die Einhaltung</span><br/> <span class="ft1">von Fristen geht, nicht leichthin anzunehmen (Häfelin/Haller, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Rz. 834).</span><br/></div> </div> </body> </html>