Abteilung V E-3312/2007/ {T 0/2} U r t e i l v o m 1 0 . S e p t e m b e r 2 0 0 8 Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richterin Therese Kojic, Richterin Emilia Antonioni Gerichtsschreiberin Muriel Beck Kadima. A._______, geboren (...), Elfenbeinküste, vertreten durch Marino Di Rocco, Rechtsanwalt, (Adresse) Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Nichteintreten auf das Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 3. Mai 2007 / N _______. B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandE-3312/2007 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – mit Geburtsort Yamoussoukro/Elfenbeinküste und letztem Wohnsitz B._______/Guinea-Bissau – verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Angaben als Siebenjähriger, um sich mit seinem Onkel nach Guinea-Bissau zu begeben. Nach dem Hinscheiden seines Onkels habe er dessen Ehefrau (seine Tante) und deren Kind im Jahr 2006 nach Yamoussoukro/Elfenbeinküste begleitet, bevor er nach einem kürzeren Aufenthalt in Guinea-Bissau per Schiff den afrikanischen Kontinent verlassen habe. Am 7. August 2006 sei er illegal in die Schweiz gelangt, wo er am selben Tag am Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) des BFM in C._______ um Asyl nachsuchte. Am 24. August 2006 wurde der Beschwerdeführer im EVZ Chiasso sum marisch zu seinen Asylgründen befragt. Am 18. September 2006 wurde eine telefonische Herkunftsabklärung (Lingua-Analyse) durchgeführt und am 29. September 2006 wurde der Beschwerdeführer schliesslich einlässlich durch das BFM direkt angehört, wobei ihm auch das rechtliche Gehör zu den Ergebnissen der Lingua-Analyse gewährt wurde. B. Der Beschwerdeführer machte zur Begründung seines Asylgesuchs im Wesentlichen geltend, er habe seit seinem siebten Lebensjahr bei sei- nem Onkel in Guinea-Bissau gelebt. Im Jahr 2002 sei seine Mutter an- lässlich eines Schiffbruchs tödlich verunglückt. Im selben Jahr sei sein Onkel während des Krieges in Guinea-Bissau gefallen und im Jahr 2004 sein Vater bei einem Rebellenüberfall auf dessen Haus in Yamoussoukro verbrannt. Aus Angst vor Kriegen in der Elfenbeinküste und Guinea-Bissau, sowie weil er über keine Verwandten mehr in Gui- nea-Bissau verfüge und die Elfenbeinküste nicht kenne, sei er ausge- reist. Überdies wolle er eine Ausbildung absolvieren. Der Beschwerde- führer reichte zur Stützung seiner Vorbringen weder einen Identitäts- ausweis noch Beweismittel ein. C. Am 18. September 2006 wurde der Beschwerdeführer durch einen vom BFM beauftragten Experten der Fachstelle Lingua in einem telefo- nischen Gespräch, welches auf Tonband aufgenommen wurde, zur Er- mittlung seiner Herkunft sprachlich-länderkundlich befragt. Die Analy- se-Ergebnisse wurden im Bericht vom 21. September 2006 festgehal- Seite 2E-3312/2007 ten. Auf die Ergebnisse im Einzelnen wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. D. Mit Verfügung vom 3. Mai 2005 (recte: 2007) – eröffnet am 7. Mai 2007 – trat das BFM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. a des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht ein und ordnete gleichzeitig dessen Wegweisung aus der Schweiz und den Wegweisungsvollzug an. Das BFM begründete seinen Nichteintretensentscheid im Wesentli- chen damit, dass der Beschwerdeführer keine entschuldbaren Gründe für das Fehlen identitätsbelegender Papiere habe vorbringen können. Im Weiteren erachtete das BFM die Vorbringen des Beschwerdefüh- rers als unglaubhaft, da sie Widersprüche enthalten würden und zu wenig detailliert seien. Beispielsweise habe der Beschwerdeführer zu- erst angegeben, er sei 1989, sodann 1988 geboren. Auch hinsichtlich des Jahres, in welchem sein Onkel gestorben sein soll, habe er unter- schiedliche Angaben gemacht. Sodann habe er zu seinem angebli- chen Herkunftsland und -ort keine substantiierten Angaben machen können. Ferner habe er über die Gründe der Rückkehr der Frau seines Onkels nach Yamoussoukro keine Auskunft geben können. Weiter wi- derspreche es der allgemeinen Erfahrung und Logik, dass der Be- schwerdeführer sich in ein Land begebe – die Schweiz –, zu welchem er wenig Bezugspunkte habe, nachdem er vorgebracht habe, er habe die Elfenbeinküste und Guinea-Bissau verlassen, weil er dort nieman- den mehr habe. Schliesslich basiere die Begründung der Reise des Beschwerdeführers in die Schweiz vor allem auf dieser Aussage –, niemanden zu haben, der ihm helfen könne, beispielsweise eine Arbeit oder einen Beruf zu erlernen –, was gemäss Art. 3 und 7 AsylG nicht flüchtlingsrelevant sei. Zusätzliche Abklärungen zur Feststellung der Flüchtlingseingenschaft oder eines Wegweisungshindernisses seien aufgrund der Aktenlage somit nicht erforderlich. Im Übrigen erachtete das BFM den Vollzug der Wegweisung als zulässig, zumutbar und möglich, zumal der Beschwerdeführer in Yamoussoukro über Verwand- te verfüge. In der Elfenbeinküste, namentlich in Abidjan und den umlie- genden Gebieten, herrsche zudem keine Situation allgemeiner Gewalt, von der das ganze Staatsgebiet betroffen wäre und von der eine kon- krete Gefahr für die Bevölkerung ausgehen würde. Seite 3E-3312/2007 E. Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 14. Mai 2007 (Poststempel) beantragte der Beschwerdeführer über seinen Rechts- vertreter die Aufhebung der Verfügung des BFM und sinngemäss die Rückweisung der Sache zum Eintreten auf das Asylgesuch an die Vor- instanz, sowie in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Auf die Begründung wird, soweit wesentlich, in den nachfol- genden Erwägungen eingegangen. F. Mit Zwischenverfügung vom 22. Mai 2007 teilte das Bundesverwal- tungsgericht dem Beschwerdeführer mit, dass die Beschwerde ge- mäss Art. 55 VwVG grundsätzlich aufschiebende Wirkung hat und die- se vorliegend nicht entzogen worden war, weshalb sie weiterhin beste- he. Im Weiteren wurde das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen und das Gesuch um unent- geltliche Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG abgewie- sen. G. Das BFM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 27. Juni 2008 die Abweisung der Beschwerde und bemerkte bezüglich der Behauptung des Beschwerdeführers in seiner Rekursschrift, er sei zu seinen per- sönlichen Umständen und seiner politischen Gesinnung nicht befragt worden, dies sei unzutreffend. Der Beschwerdeführer sei sowohl in der Erstbefragung als auch in der Anhörung ausführlich zu seinen Ausrei- segründen befragt worden. H. Der Beschwerdeführer nahm sein Replikrecht nicht wahr. I. Am 26. August 2008 reichte der Rechtsbeistand des Beschwerdefüh- rers gemäss Aufforderung des Bundesverwaltungsgerichts seine Kos- tennote ein. Seite 4E-3312/2007 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet endgültig über Be- schwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des BFM betreffend das Nichteintreten auf ein Asylgesuch (Art. 105 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 31 - 34 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [BGG, SR 173.110]). 1.2 Die Beschwerde ist form- und fristgerecht eingereicht. Der Be- schwerdeführer ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Der Beschwerdeführer ist daher zur Einreichung der Be- schwerde legitimiert (Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Auf ein Asylgesuch wird nicht eingetreten, wenn Asylsuchende den Behörden nicht innerhalb von 48 Stunden nach Einreichung des Gesuchs Reise- oder Identitätspapiere abgeben (Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG). Diese Bestimmung findet jedoch keine Anwendung, wenn Asylsuchende glaubhaft machen können, sie seien dazu aus ent- schuldbaren Gründen nicht in der Lage (Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG), auf Grund der Anhörung sowie gestützt auf Art. 3 und 7 AsylG die Flüchtlingseigenschaft festgestellt wird (Art. 32 Abs. 3 Bst. b AsylG) oder sich auf Grund der Anhörung erweist, dass zusätzliche Abklärun- gen zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft oder eines Wegwei- sungsvollzugshindernisses nötig sind (Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG). Das Bun desverwaltungsgericht hat somit die Frage zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist, wobei im Rahmen einer summarischen Prüfung das offenkundige Fehlen der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und von Wegweisungs- vollzughindernissen zu beurteilen sind (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1). Im Wegweisungs punkt hat das Gericht volle Kognition, da sich die Vorins- tanz diesbezüglich gemäss Art. 44 AsylG in Verbindung mit Art. 83 des Seite 5E-3312/2007 Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20; ehemals Art. 14a des Bundesgeset- zes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der Auslän- der [aANAG, BS 1 121]) auch materiell zur Sache zu äussern hatte. 4. 4.1 Die Vorinstanz stellte in ihrem Entscheid fest, es lägen keine ent- schuldbaren Gründe vor, die es dem Beschwerdeführer verunmöglicht hätten, Reise- oder Identitätspapiere einzureichen. Ferner hielt sie die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner (ivorischen) Staatsangehö- rigkeit für unglaubhaft. Weiter hielt die Vorinstanz zuerst fest, die Asyl- relevanz der als unglaubhaft erachteten Vorbringen des Beschwerde- führers sei nicht zu prüfen, um sodann festzuhalten, dass er keine Ver- folgung im Sinne des Asylgesetzes geltend gemacht habe, weshalb er die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 und 7 AsylG nicht erfülle. Was die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges betrifft, verwies die Vorinstanz einerseits darauf, der Beschwerdeführer habe in Yamous- soukro Verwandte; andererseits hielt sie fest, eine Situation allgemei- ner Gewalt könne namentlich für Abidjan und die umliegenden Gebiete verneint werden. Die Vorinstanz ging davon aus, auf Grund der Akten- lage seien keine zusätzlichen Abklärungen zur Feststellung der Flücht- lingseigenschaft oder eines Wegweisungsvollzugshindernisses erfor- derlich. 4.2 Demgegenüber kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass das BFM zu Unrecht einen Nichteintretensentscheid nach Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG gefällt hat. Namentlich erscheinen die Sicherheitslage in Yamoussoukro sowie die Zumutbarkeit eines etwai- gen Wegweisungsvollzugs dorthin nicht als abschliessend abgeklärt (vgl. unten E. 5.3.3). 5. 5.1 Zunächst ist in Bestätigung des Bundesamts für Migration festzu- stellen, dass der Beschwerdeführer innerhalb von 48 Stunden nach Einreichung seines Asylgesuches keine Reise- oder Identitätspapiere zu den Akten reichte. Entschuldbare Gründe für das Nichteinreichen eines Reise- oder Identitätspapieres innerhalb von 48 Stunden seit der Gesuchseinreichung werden vom Beschwerdeführer nicht namhaft ge- macht. Es ergibt sich somit, dass der Beschwerdeführer innerhalb von 48 Stunden nach Einreichung seines Asylgesuches keine Reise- oder Identitätspapiere vorlegte und dafür keine entschuldbaren Gründe Seite 6E-3312/2007 glaubhaft machen kann. Um unter den dargelegten Umständen auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eintreten zu können, muss sich indessen überdies aufgrund der Anhörung erweisen, dass gestützt auf Art. 3 und 7 AsylG die Flüchtlingseigenschaft verneint werden kann und offensichtlich keine zusätzlichen Abklärungen zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft oder eines Wegweisungsvoll- zugshindernisses nötig sind (Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG). 5.2 Aus den Akten ist zu schliessen, dass der Beschwerdeführer ur- sprünglich aus der Elfenbeinküste stammt. Insbesondere dem Bericht vom 21. September 2007 des Lingua-Experten ist zusammenfassend zu entnehmen, dass die Hauptsozialisierung des Beschwerdeführers zwar höchst wahrscheinlich in Guinea-Bissau stattgefunden habe, ein regelmässiger Kontakt zur Elfenbeinküste oder mit Personen aus die- sem Land indessen als plausibel erscheint (vgl. A12, S. 7). Das sprachliche Profil des Beschwerdeführers bestätigt folglich dessen Schilderungen zu seiner ivorischen Staatsangehörigkeit. Das BFM ist in seinem Entscheid – trotz Zweifeln an der Staatsangehörigkeit – denn auch von dieser ausgegangen. 5.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Grundsatzurteil BVGE 2007/8 (E. 5.6.5. f.) festgestellt, dass der Gesetzgeber mit Art. 32 Abs. 2 Bst. a und Abs. 3 AsylG ein Summarverfahren geschaf- fen hat, in welchem über das Bestehen bzw. das Nichtbestehen der Flüchtlingseigenschaft abschliessend materiell zu entscheiden ist, so- weit dies im Rahmen einer summarischen Prüfung möglich ist. Kann auf Grund einer summarischen materiellen Prüfung nicht abschlies- send festgestellt werden, ob die asylsuchende Person offensichtlich Flüchtling ist oder offensichtlich nicht Flüchtling ist, ist auf das Asylge- such gestützt auf Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG zwecks weiterer, im or- dentlichen Verfahren vorzunehmender Abklärungen zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft – oder von Wegweisungsvollzugshindernis- sen – einzutreten. Ob die Flüchtlingseigenschaft oder die Wegwei- sungsvollzugshindernisse offenkundig fehlen, bemisst sich nicht zu- letzt daran, dass in solchen Fällen in der Regel eine 20-tägige Ent- scheidungsfrist und die summarische Entscheidbegründung genügen müssen (analog zu Art. 40 AsylG). Hingegen ist es ausgeschlossen, einen Nichteintretensentscheid zu fällen, wenn das Fehlen der Flücht- lingseigenschaft oder der Vollzugshindernisse eben nicht offenkundig ist, beziehungsweise wenn zusätzliche Abklärungen jeglicher Art nötig erscheinen oder der Entscheid einer einlässlichen Begründung bedarf. Seite 7E-3312/2007 Dies ergibt sich auch aus dem Umkehrschluss zu Art. 40 AsylG und in Anlehnung an Art. 41 AsylG. Der Gesetzgeber wollte damit sicherstel- len, dass insbesondere mit Blick auf das verkürzte Verfahren die Ge- fahr einer vorschnellen falschen Einschätzung einer Situation – in rechtlicher oder in sachlicher Hinsicht – ausgeschlossen werden kann. Zusätzliche Abklärungen in diesem Sinne sind also so zu definieren, dass ein Nichteintretensentscheid bereits dann ausgeschlossen ist, wenn weitere (auch interne) sachliche Abklärungen zum Beispiel zur politischen Lage in einem bestimmten Land, zur Situation einer be- stimmten Bevölkerungsgruppe oder zu einem bestimmten Ereignis nötig werden; aber auch dann, wenn sich in rechtlicher Hinsicht Fra- gen stellen, die nicht ohne weitere Prüfung beantwortet werden kön- nen. Solche Abklärungen müssen nicht zwingend einen Niederschlag in den Akten finden. Gemäss dieser Bestimmung ist auch der Bedarf weiterer Abklärungen zu Wegweisungsvollzugshindernissen zu prüfen. Sollte dieser bestehen, führt dies zu einem ordentlichen Verfahren. 5.4 Vorliegend ergibt sich aus den Akten, dass der Beschwerdeführer in Yamoussoukro geboren wurde, welches er im Alter von sieben Jah- ren verliess, um sich nach Guinea-Bissau zu begeben. Sein Vater, wel- cher offensichtlich in Yamoussoukro geblieben war, ist im Jahr 2004 verstorben (vgl. A1, S. 3; A16, S. 4 f.). Seine Mutter starb bereits im Jahr 2002. Der Beschwerdeführer gab weiter zu Protokoll, dass er eine Tante und deren Kind Anfang 2006 nach Yamoussoukro begleitet habe, indessen nicht wisse, ob sie sich noch dort aufhalten (vgl. A16, S. 3), sowie dass seine Schwester in Liberia wohne. In Abidjan sei er indes- sen noch nie gewesen (vgl. A16, S. 8). 5.5 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil D-4477/2006 vom 28. Januar 2008 eine Analyse der Lage in der Elfenbeinküste vor- genommen und ist zur Auffassung gelangt, dass dort zum heutigen Zeitpunkt kein Krieg, Bürgerkrieg oder eine Situation allgemeiner, flä- chendeckender Gewalt herrsche, aufgrund derer die zivile Bevölkerung generell gefährdet wäre (vgl. D-4477/2006 E. 8.2 und 8.3). Es ist dem Gericht allerdings bekannt, dass es in der Elfenbeinküste seit dem Jahr 2002 bis zur mit dem im Jahr 2007 abgeschlossenen Friedensab- kommen eingetretenen Beruhigung zu ethnischen Auseinandersetzun- gen gekommen ist, insbesondere weil Personen aus dem Norden des Landes als Rebellen beziehungsweise deren Komplizen galten. Dies kann auch heute noch zu ethnischen Diskriminierungen, beispielswei- se auf dem Arbeitsmarkt, von Personen aus dem Norden führen. Im Seite 8E-3312/2007 Weiteren scheint auch nach der Ablösung der „Zone de confiance“ – welche unter der Kontrolle der UNO (ONUCI: Opération des Nations Unies en Côte d'Ivoire) eine Pufferzone zwischen den Rebellen im Norden und den ivorischen Streitkräften im Süden des Landes bildete – durch eine „Ligne verte“ die Sicherheitslage nicht zufriedenstellend zu sein (vgl. UNHCR: Update of UNHCR's Position on the International Protection Needs of Asylum Seekers from Côte d'Ivoire, Juli 2007; Côte d'Ivoire: La suppression des zones de confiance n'a pas changé grand-chose, InfoSud Agence de Presse, 4. Juni 2007). Bis zu den Präsidentschaftswahlen, welche auf Ende November 2008 verschoben werden mussten, weil die Abrüstung der Rebellen Schwierigkeiten ge- boten habe, dürfte diese auch weiterhin unstabil bleiben (vgl. Premier tour de l'élection présidentielle ivoirienne le 30 novembre 2008, Afrik.com., 15. April 2008). Das Bundesverwaltungsgericht hat im oben zitierten Entscheid D-4477/2006 insbesondere die Situation und Sicherheitslage in Abid- jan geprüft und diesbezüglich befunden, der Vollzug der Wegweisung nach Abidjan könne für junge Männer ohne gesundheitliche Probleme, welche bereits vor ihrer Ausreise dort gelebt haben oder dort über ein familiäres Netz verfügen würden, als zumutbar erachtet werden. Gleichzeitig hielt das Bundesverwaltungsgericht aber auch fest, für aus den anderen Regionen des Landes stammende Personen dränge sich eine umfassendere Prüfung der Situation im Herkunftsgebiet und der persönlichen Umstände in jedem Einzelfall auf (vgl. a.a.O.; E. 8.3). 5.6 Aus dieser Rechtsprechung kann demnach nicht geschlossen wer- den, dass eine Rückkehr nach Yamoussoukro ebenfalls zulässig und zumutbar wäre. Auch die Vorinstanz geht in der angefochtenen Verfü- gung ja explizit lediglich davon aus, in Abidjan und den umliegenden Gebieten herrsche keine Situation allgemeiner Gewalt, ohne aber ent- sprechende Feststellungen auch für weitere Regionen des Landes zu machen. Vorliegend erscheinen somit sowohl Fragen betreffend die Flüchtlingseigenschaft (Fragen einer allfälligen Gefährdung aus ethni- schen, politischen, religiösen oder ähnlichen Gründen, der Schutzfä- higkeit und des Schutzwillens, des Bestehens allfälliger innerstaatli- cher Fluchtalternativen u.ä.) als auch Fragen betreffend die Zumutbar- keit eines etwaigen Wegweisungsvollzugs nach Yamoussoukro (zumal der Beschwerdeführer dort über kein tragfähiges familiäres Netz mehr zu verfügen scheint) nicht als abschliessend abgeklärt. Seite 9E-3312/2007 6. Zusammenfassend ergibt sich, dass das BFM zu Unrecht einen Nichteintretensentscheid gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG erlas- sen und damit Bundesrecht verletzt hat (vgl. Art. 106 AsylG). Die Be- schwerde ist daher gutzuheissen, die angefochtene Verfügung des BFM vom 23. April 2007 aufzuheben und die Sache im Sinne der vor- stehenden Erwägungen – in Anwendung von Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG – zur Neubeurteilung im ordentlichen Verfahren, an die Vorins- tanz zurückzuweisen. 7. Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens sind keine Verfah- renskosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8. 8.1 Einem obsiegenden Beschwerdeführer ist in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsge- richt (VGKE, SR 173.320.2) für die ihm erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten eine Parteientschädigung zuzuspre- chen. 8.2 An gesichts des aus den Akten ersichtlichen Aufwandes erscheint die Kostennote des Rechtsvertreters vom 26. August 2008 – worin ein zeitlicher Aufwand von 4 Stunden und 55 Minuten zu einem Stunden- ansatz von Fr. 200.-- beziffert wird – als angemessen. Die zu entschä- digenden Kosten der Partei sind alsdann auf der Basis des geltend ge- machten Stundenansatzes sowie unter Berücksichtigung der ausge- wiesenen Auslagen von Fr. 5.85 und der Mehrwertsteuer von Fr. 75.18 auf total Fr. 1'065.-- festzusetzen (Art. 9 Abs. 1 und Art. 12 VGKE). Die- ser Betrag ist vom BFM als Entschädigung für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht an den Beschwerdeführer zu entrichten (Art. 64 Abs. 2 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) Seite 10E-3312/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die Verfügung des BFM vom 3. Mai 2007 wird aufgehoben. 2. Die Sache wird zur materiellen Prüfung des Asylgesuchs im ordentli- chen Verfahren im Sinne der Erwägungen an das BFM zurückgewie- sen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1'065.-- zu entrichten. 5. Dieses Urteil geht an: - den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers (Einschreiben) - das BFM, Abteilung Aufenthalt und Rückkehrförderung, unter Hin- weis auf Dispositiv-Ziff. 2, mit den Akten Ref.-Nr. N _______ (per Kurier; in Kopie) - (kantonale Behörde) Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Muriel Beck Kadima Versand: Seite 11