B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1494/2020 U r t e i l v o m 2 6 . M ä r z 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichterin Contessina Theis, mit Zustimmung von Richter William Waeber, Gerichtsschreiberin Martina von Wattenwyl. Parteien A._______, geboren am (…), Iran, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 6. März 2020. D-1494/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer, ein iranischer Staatsangehöriger persischer Ethnie, aus B._______ stammend, Anfang Februar 2020 sein Heimatland. Am 7. Februar 2020 reiste er mit einem Vi- sum legal in die Schweiz ein und stellte am 17. Februar 2020 ein Asylge- such. B. Am 20. Februar 2020 wurde der Beschwerdeführer im Bundesasylzentrum BAZ der Region C._______ zu seinen Personalien befragt (Protokoll der Personalienaufnahme [PA]). Am 25. Februar 2020 fand die Anhörung zu den Asylgründen statt. Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er habe nach sei- nem Maturaabschluss sowie einer bestandenen Aufnahmeprüfung bis März 2019 an der Universität D._______ in E._______ (…) studiert. Er spiele zudem seit ungefähr zehn Jahren (…) und habe vertraglich für den Club F._______ gespielt. Er sei ledig und habe nicht gearbeitet. Er sei vom ehemaligen Geschäftspartner seines Vaters sowie vom iranischen Ge- heimdienst verfolgt worden. Da sein Vater Fehler begangen habe, habe dieser in der F olge flüchten müssen und habe in der Schweiz Asyl erhalten. Er, der Beschwerdeführer sei nicht über die Fehler seines Vaters informiert, da die Eltern nie darüber mit ihm gesprochen hätten. Nach dem Verschwinden des Vaters seien er, seine Mutter und seine Schwester zu seinen Grosseltern nach G._______ gezogen, wobei er weiterhin an der Universität studiert habe. Gegen Ende Dezember 2018 habe der ehemalige Geschäftspartner seines Vaters in Be- gleitung zweier seiner Brüder auf dem Gelände der Universität, an welcher er studiert habe, ihm aufgelauert. In der Folge sei er von diesem Geschäfts- partner vor den anderen Mitstudierenden als Gottloser beleidigt und da- nach zusammengeschlagen worden. Aus Höflichkeit und Respekt älteren Personen gegenüber habe er sich gegen die Angriffe nicht gewehrt. Dieser Vorfall sei ein einmaliges Ereignis gewesen und danach habe ihm dieser Mann keine weiteren Probleme mehr verursacht. Im März 2019 hätten ihm jedoch drei Personen von den Sicherheitsbehörden auf dem Gelände sei- ner Universität aufgelauert und ihn angesprochen. Zuerst hätten sie nach seinem Namen gefragt, um ihm danach eine Kiste über den Kopf zu stül- pen, ihn in ein Auto zu zerren und mit ihm wegzufahren. An einem ihm un- bekannten Ort sei er zuerst beschimpft sowie beleidigt und danach nach D-1494/2020 Seite 3 dem Verbleib seines Vaters befragt worden. Als er nicht habe zufrieden- stellend antworten können, sei er geschlagen worden und man habe ihn kopfüber in eine volle WC-Schüssel getaucht. Diese Festnahme habe ins- gesamt ungefähr vier bis fünf Stunden gedauert. Später sei er wieder frei- gelassen worden und habe die Anweisung erhalten, B._______ nicht zu verlassen und sich zu melden, sobald er wisse, wo sich sein Vater aufhalte. In der Folge habe er ohne das Wissen seiner Mutter sein Studium abge- brochen, im Quartier den Sportclub besucht und dort mit Kollegen (…) ge- spielt. Da er ein Ausreiseverbot gehabt habe, sei er mittels eines Schlep- pers illegal am 4. Februar 2020 über Orumie in die Türkei ausgereist und gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester mit einem Visum legal in die Schweiz eingereist. Er reichte einen Pass, sein Maturadiplom, eine Kopie eines Spielervertrags des (…) F._______, einen Ausweis des Schulsportteams, seinen Studen- tenausweis, Gewinnerzertifikate von verschiedenen (…) sowie eine Kopie seiner Melli-Karte ein. C. Am 4. März 2020 wurde dem Beschwerdeführer die angefochtene Verfü- gung im Entwurf zur Stellungnahme ausgehändigt, wozu er – handelnd durch seine Rechtsvertretung – am 5. März 2020 Stellung nahm. D. Mit Verfügung vom 6. März 2020 – gleichentags eröffnet – wies die Vo- rinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und stellte fest, dass er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Der Vollzug der Wegweisung wurde zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben. E. Am 10. März 2020 legte die Rechtsvertretung ihr Mandat nieder. F. Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe vom 11. März 2020 – eingegan- gen am 16. März 2020 – die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungs- gericht an und beantragte die Überprüfung des vorinstanzlichen Ent- scheids und stellte das Begehren, ihn als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl in der Schweiz zu gewähren. D-1494/2020 Seite 4 G. Die vorinstanzlichen A kten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 16. März 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes in Kraft getreten (AS 2016 3101), welche für das vorliegende Verfahren gilt (vgl. Abs. 2 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. D-1494/2020 Seite 5 3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. Die Beschwerde richtet sich vorliegend gegen die Ablehnung des Asylge- suchs und gegen die Feststellung, der Beschwerdeführer erfülle die Flücht- lingseigenschaft nicht, sowie die Anordnung der Wegweisung. Die Ausei- nandersetzung mit der Frage des Vollzugs der Wegweisung bildet hinge- gen nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens , da der Vollzug der Wegweisung zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufge- schoben wurde. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf kritisierte die Rechtsver- tretung des Beschwerdeführers, die Vorinstanz habe sich in keiner Weise D-1494/2020 Seite 6 mit einer allfälligen Reflexverfolgung bei einer möglichen Rückkehr in den Iran auseinandergesetzt. Da er bereits einmal durch iranische Geheim- dienstagenten mitgenommen und befragt worden sei, könne nicht ausge- schlossen werden, dass er erneut nach dem Verbleib seines Vaters, aber auch seiner restlichen Familie befragt werden würde. Ausserdem könne es im Iran gemäss der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung zu Reflexverfolgungen und zu Fällen von Sippenhaft kommen. Überdies hät- ten sowohl sein Vater als auch seine Mutter sowie die Schwester Asyl in der Schweiz erhalten und es sei offensichtlich, dass diese von den irani- schen Behörden als Gegner des iranischen Regimes angesehen würden. Dass er selber lediglich einmal befragt worden sei, liege nicht am fehlenden Interesse der iranischen Behörden, sondern daran, dass diese seinen Auf- enthaltsort nicht herausgefunden hätten. Eine erneute Verfolgung oder gar Inhaftierung im Sinne einer Sippenhaft du rch die heimatlichen Behörden bei einer allfälligen Rückkehr ins Heimatland könne nicht ausgeschlossen werden. Angesichts dessen würden sowohl objektive als auch subjektive Gründe für eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung vorliegen. 6.2 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid im Wesentlichen damit, die Probleme des Beschwerdeführers mit dem ehemaligen Geschäftspartner seines Vaters sowie die Furcht vor Verfolgung durch den iranischen Ge- heimdienst seien nicht glaubhaft. Zudem würden auch unter der Hypo- these, die Vorbringen seien als glaubhaft zu qualifizieren, diese den Anfor- derungen an die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht ge- nügen. Sein eigentlicher Fluchtgrund sei ein einmaliger Überfall des ehemaligen Geschäftspartners seines Vaters – rund ein Jahr vor der Ausreise – gewe- sen. Insbesondere sei es nicht nachvollziehbar, wieso er als (…) und auf- grund seiner körperlicher Überlegenheit nicht in der Lage gewesen sei n soll, sich gegen einen betagten und herzkranken Mann zu wehren. Zudem sei dieser Vorfall als einmaliges Ere ignis zu qualifizieren und die Verfol- gungshandlung als in sich abgeschlossen zu betrachten. Auch sei es in keiner Weise nachvollziehbar, dass er sich den Geheimdienstmitarbeitern habe lediglich dadurch entziehen k önnen, dass er der Universität fernge- blieben und zu seinen Grosselte rn in ein anderes Quartier in B._______ umgezogen sei. Zudem habe er sich nach der angeblichen Misshandlung und Befragung noch ungefähr zehn Monate problemlos im Heimatland auf- halten können, ohne dass der iranische Geheimdienst , welcher über grosse personelle Ressourcen verfüge , ihn erneut aufgesucht hätte . Fer- ner sei es nicht nachvollziehbar , dass er keine Ahnung bezüglich der D-1494/2020 Seite 7 Fluchtgründe seines Vaters gehabt habe. Seine diesbezüglichen Schilde- rungen seien lediglich ausweichend sowie vage ausgefallen. Da die ganze Familie in einem gemeinsamen Haushalt gelebt habe, erscheine seine Un- wissenheit unplausibel, zumal die Flucht seines Vaters als einschnei den- des Erlebnis für ihn zu betrachten sei. Bezüglich der Ausführungen in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf des Beschwerdeführers, dass der Aspekt einer allfälligen Reflexverfolgung nicht hinr eichend abgeklärt worden sei, weil seiner Mutter und seiner Schwester Asyl gewährt worden sei, sei anzumerken, dass diese lediglich aufgrund des Familienasyls im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG und nicht aufgrund dessen, als Regimegegner angesehen zu werden, die Flücht- lingseigenschaft erhalten hätten. Zudem hätten sie beide mangels eigener Asylgründe auf eine Anhörung verzichtet. Ferner gehe aus den Schilderun- gen seines Vaters nicht hervor, dass dieser vom iranischen Staat als Re- gimegegner angesehen worden wäre. Zudem sei davon auszugehen, dass wenn der Geheimdienst den Beschwerdeführer hätte ausfindig machen wollen, dies ein leichtes Unterfangen gewesen wäre, da er sich innerhalb der Provinz B._______ (wo er zuletzt auch offiziell registriert gewesen sei) aufgehalten habe und es somit naheliegend gewesen wäre, seinen Gros- seltern einen Besuch abzustatten um nach seinem Verbleib zu fragen. 6.3 Dagegen wendete der Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeein- gabe ein, er sei nach der Ausreise seines Vaters, welcher in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei und Asyl erhalten habe, von dessen ehemaligen Geschäftspartner sowie dem iranischen Geheimdienst verfolgt worden. In seiner Heimat würden im Sinne einer Sippenhaft die nächsten Angehörigen von behördlich gesuchten Personen an deren statt verfolgt. Im Iran sei die Verknüpfung von Staat und Religion sehr eng, weshalb da- von auszugehen sei, dass sein Vater trotz einer religiös geprägten Schuld vom Staat verfolgt werden würde. Weiter habe er aufgrund der im Iran ge- lebten sogenannten «Schamkultur» nichts von den Problemen seines Va- ters gewusst, weshalb er in der Anhörung nicht viel darüber habe erzählen können. Der von der Vorinstanz als nicht nachvollziehbar q ualifizierten Schilderung, dass er sich nicht gegen den ehemaligen Geschäftspartner gewehrt habe, sei zu widersprechen. So sei der Geschäftspartner einer- seits in der Begleitung zweier seiner Brüder gewesen, anderseits habe er sich trotz körperlicher Überlegenheit aus Respekt gegenüber älteren Per- sonen nicht wehren können. Schliesslich hätte er die volle Verantwortung übernehmen müssen, wäre diesem älteren Herrn durch seine Hand etwas D-1494/2020 Seite 8 zugestossen. Ferner werde im Entscheid argumentiert, die Geheimdienst- mitarbeiter hätten ihn nur zufälligerweise belästigt. Dies sei jedoch nicht so, da er wegen der Sippenhaft verfolgt werden würde und deshalb von einer Reflexverfolgung auszugehen sei . Schliesslich sei seine illegal erfolgte Ausreise kombiniert mit dem noch nicht absolvierten sowie obligatorischen Militärdienst bereits ein Grund zur Verhaftung. Zusammenfassend erfülle er die Flüchtlingseigenschaft und ihm sei, wie seinen Familienangehörigen, auch Asyl zu gewähren. 7. 7.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Ent- scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar- stellung der Gesuchstellerin sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits- gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn- zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins- besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach- geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg- lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen die Ge- suchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glau bhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um- stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2). 7.2 Der Argumentation der Vorinstanz, die Vorbringen des Beschwerdefüh- rers seien un glaubhaft, kann nicht gefolgt werden. Das Bundesverwal- tungsgericht kommt zu Schluss, dass seine Schilderungen zum Vorfall mit dem ehemaligen Geschäftspartner seines Vaters sowie ins besondere die Mitnahme durch Mitarbeitende des Geheimdienstes als durchwegs glaub- haft zu qualifizieren sind. Die Erklärung des Beschwerdeführers, er habe sich aus Respekt vor dem Alter nicht gewehrt, mag zwar auf den ersten D-1494/2020 Seite 9 Blick als eigenartig erscheinen. Vor dem soziokulturellen Hintergrund so- wie aufgrund allgemeiner Anstandsregeln, erscheint es jedoch durchaus nachvollziehbar, dass er sich aus Respekt älteren Menschen gegenüber nicht in einen körperlichen Streit eingelassen hat. Hinzu kommt seine über- zeugende realistische Einschätzung dieser Situation, nämlich, dass er sich aus Furcht vor möglichen Konsequenzen (etwa einer Anzeige) nicht ge- wehrt hat, obwohl er gegenüber dem ehemaligen Geschäftspartner körper- lich weit überlegen gewesen sein muss (vgl. Akte 1062131-15/18, F20, F21 und F93, nachfolgend SEM-Akte 15/18). Weiter fallen seine realitätsnahen Schilderungen bezüglich der Mitnahme durch die Mitarbeitenden des irani- schen Geheimdienstes auf. So gibt in der direkten Rede wieder, wie sie ihn mehrmals nach seinem Vater gefragt hätten, aber auch wie sie ihn und seine Familie als Ungläubige beschimpft haben, wobei er präzisierte, wie sie dabei die Pluralform benutzt hätten . Weiter ist die Schilderung seiner Mitnahme geprägt von verschiedenen Realkennzeichen sowie einer chro- nologisch logisch nachvollziehbaren Zeitabfolge (vgl. SEM -Akte 15/18, F23, F58, F109). Die Vorinstanz verkennt schliesslich in ihren Erwägungen, dass die Angst des Beschwerdeführers sich nicht nur auf die Verfolgung vor dem ehema- ligen Geschäftspartner seines Vaters beschränkt hat. Zwar erwähnte er, sich auch vor diesem gefürchtet zu haben. Jedoch geht aus den Anhö- rungsprotokoll hervor, dass er vor allem die weiteren Konsequenzen dieses Geschäftspartners gefürchtet hat und damit von dessen Beziehungen zu Personen aus dem Geheimdienst und auch von dessen Macht und Einfluss ausgegangen ist (vgl. SEM-Akte 15/18, F 22, F44-45, F77-78 und F125). Insofern ist es nicht ersichtlich, aus welchem Grund die Vorinstanz zum Schluss kommt, dass sein Ausreisegrund die Furcht vor dem ehemaligen Geschäftspartner gewesen sein soll. 7.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die Ereignisse im Zusammenhang mit der Bedrohung aber auch die weiteren möglichen Konsequenzen durch den ehemaligen Geschäftspartner seines Vaters sowie die Befragung und Mitnahme durch drei Geheimdienstmitar- beiter glaubhaft darlegen konnte. 8. 8.1 In einem nächsten Schritt gilt es zu prüfen, ob der Beschwerdeführer einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war, und, ob er auf- grund der Probleme seines Vaters einer Reflexverfolgung in seinem Hei- matstaat Iran ausgesetzt ist. D-1494/2020 Seite 10 8.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu- chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei- matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind, be- ziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2013/11 E.5.1, 2010/57 E.2 und 2008/12 E.5). Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunk t der Ausreise sein Studium mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zu- kunft 8.3 Staatliche Repressalien gegen Familienangehörige von politischen Op- ponenten können als sogenannte Reflexverfolgung flüchtlingsrechtlich er- heblich sein, wenn sie in asylrelevanter Intensität gezielt erfolgen oder mit erheblicher Wahrscheinlichkeit drohen; d ie gegen den politischen Oppo- nenten bestehende Verfolgungsmotivation wirkt sich in diesen Fällen auch gegen seine von Reflexverfolgung bedrohten Angehörigen aus. Begrün- dete Furcht vor künftiger Verfolgung liegt grundsätzlich dann vor, wenn auf- grund objektiver Umstände in nachvollziehbarer Weise subjektiv befürchtet wird, die Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.16; BVGE 2011/51 E. 6.2, D-2037/2016, E.4.3.2). 8.4 Nachdem der Beschwerdeführer im Dezember 2018 vom ehemaligen Geschäftspartner seines Vaters auf dem Universitätsgelände verprügelt worden war, wurde er im März 2019 – also rund zehn Mon ate vor seiner Ausreise aus dem Iran – von drei Mitarbeitern de s iranischen Geheim- dienstes einmal mitgenommen und bezüglich des Aufenthaltsortes seines Vaters befragt. Er machte zwar geltend, von diesen Mitarbeitern misshan- delt, jedoch nach vier bis fünf Stunden wieder freigelassen und seit diesem Zeitpunkt von niemandem mehr belästigt worden zu sein. Aufgrund dieses einmaligen Ereignisses und mangels weiterer behördlicher Behelligungen ist nicht davon auszugehen, dass die iranische n Behörden (der iranische Geheimdienst oder durch den ehemaligen Partner möglicherweise avi- sierte andere Behörden) ein weiteres Interesse am Beschwerdeführer ge- habt haben. Wäre ein Verfolgungsinteresse vorhanden gewesen, wäre er D-1494/2020 Seite 11 während dieser Zeit erneut behelligt, nach dem Verbleib seines Vaters be- fragt worden oder es wäre zu anderen Massnahmen gegen ihn gekommen. Entgegen der Argumentation des Beschwerdeführers , der Geheimdienst habe ihn nicht ausfindig machen können, weil er zu seinen Grosseltern ge- zogen sei, ist davon auszugehen, dass es gerade dem Geheimdienst ein Leichtes gewesen wäre, ihn auch an seinem neuen Aufenthaltsort ausfin- dig zu machen, zumal sie ihn bereits einmal vor der Universität, an welcher er studierte, aufgegriffen haben. Wird zudem die gemäss Google Maps re- lativ kurze Distanz von lediglich zwölf bis sechzehn Kilometer zwischen seinem offiziellen letzten Wohnsitz in H._______ und G._______, wohin er anschliessend umgezogen ist und sich frei hat bewegen können, berück- sichtigt, erscheint es wenig nachvollziehbar, dass die iranischen Behörden ihn bei einem aktuellen Verfolgungsinteresse nicht hätten ausfindig ma- chen können. 8.5 Die vom Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene geltend gemachte drohende Verfolgung aufgrund seines noch nicht absolvierten Militärdiens- tes ist asylrechtlich insofern nicht relevant, da die Pflicht zur Militärdienst- leistung als staatsbürgerliche Pflicht anzusehen ist und mögliche Sanktio- nen im Fal l einer Refraktion oder Desertion grundsätzlich als legitime Strafe anzusehen sind. Flüchtlingsrechtliche Relevanz einer Militärdienst- verweigerung ist dann vorhanden, wenn einem Wehrdienstpflichtigen aus einem der in Art. 3 AsylG genannten Gründen (Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische An- schauungen) ernsthafte Nachteile drohen (vgl. BVGE 2015/3 E. 5.9). Sol- che sind vorliegend nicht ersichtlich. Der Beschwerdeführer bringt lediglich vor, er habe seinen zweijährigen Militärdienst noch nicht absol viert und fürchte deswegen, bei einer Rückkehr Sanktionen in Form einer Haft aus- gesetzt zu sein. Es bleibt zu erwähnen, dass er bis zum heutigen Zeitpunkt noch keine Vorladung erhalten und sich deshalb somit auch keiner Pflicht entzogen haben kann . Zudem wäre im Falle eines allfälligen Verfahrens gegen ihn wegen Refraktion ein staatlich legitimes Interesse vorhanden , welches keine asylrechtliche Relevanz zu entfalten vermögen würde. 8.6 Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass dem Beschwerdeführer weder zum Zeitpunkt seiner Aus- reise noch zum heutigen Zeitpunkt oder in absehbarer Zeit eine begründete Furcht droht, weder aus persönlicher Sicht noch aufgrund der Probleme seines Vaters in asylrechtlich relevanter Weise in seinem Heimatland ver- folgt zu werden. D-1494/2020 Seite 12 9. 9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 9.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9.3 Abschliessend ist festzuhalten, dass der persönlichen Situation des Beschwerdeführers Rechnung getragen wurde und der Wegweisungsvoll- zug zugunsten einer vorläufige Aufnahme im Sinne Art. 83 Abs. 4 AIG auf- geschoben wurde. 10. Aus den vorangehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt , der rechtserhebliche Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit dies- bezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Regleme nts vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-1494/2020 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Martina von Wattenwyl Versand: