Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 12. November 2014 (810 14 90) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung Besetzung Abteilungs-Vizepräsident Beat Walther, Ka ntonsrichter Markus Clausen, Christian Haidlauf, Niklaus Ruckstuhl , Edgar Schürmann, Gerichtsschreiber i.V. Sebastian Rieger Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch Alain Joset, Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal , Beschwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Familiennachzug (RRB Nr. 367 vom 18. März 2014) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Der türkische Staatsangehörige A.____ wurde am 26. November 1987 in der Schweiz geboren und besitzt eine Niederlassungsbewilligung. A.____ trat strafrechtlich mehrfach negativ in Erscheinung: Er wurde wegen grober Verletzung der V erkehrsregeln vom Bezirksamt Laufenburg am 28. Januar 2008 zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 100.-- bedingt vollziehbar mit einer Probezeit von zwei Jahren und eine r Busse von Fr. 1‘000.-- verurteilt. Der Strafbefehlsrichter Basel-Stadt verurteilte ihn am 17. Dezember 2008 wegen diverser Verkehrs- delikte zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 50.-- und einer Busse von Fr. 760.-- mit einer Probezeit von drei Jahre n. Mit Urteil vom 9. Februar 2009 verur- teilte das Bezirksstatthalteramt Arlesheim A.____ wegen Nötigung und Führens eines Fahr- zeugs ohne Führerausweis oder trotz Entzugs zu einer Gelds trafe von 50 Tagessätzen zu Fr. 120.--. Am 8. Juli 2009 wurde er vom Strafgericht spräsidenten Basel-Stadt wegen mehr- facher Drohung zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 150.-- verurteilt. Wegen Dieb- stahls wurde A.____ am 17. Februar 2011 durch die Staa tsanwaltschaft Basel-Landschaft zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu Fr. 30.-- verurtei lt. Am 18. März 2011 verurteilte die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis A.____ zu einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 30.-- wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln. Am 13. M ai 2011 wurde A.____ infolge seines strafrechtlich relevanten Verhaltens durch das Amt für Migration Basel-Landschaft (AfM) aus- länderrechtlich verwarnt. Gemäss den vorinstanzlichen Akten wurde A.____ mit (noch nicht rechtskräftigem) Strafbefehl vom 18. September 2013 weg en Veruntreuung und mehrfachen Führens eines Personenwagens trotz Entzugs des Führerausweises zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 30.-- verurteilt. B. Am 20. März 2012 stellte A.____ ein Gesuch um Famil iennachzug seiner in der Türkei geehelichten Partnerin B.____. Auf dieses Gesuch trat das AfM mit Verfügung vom 15. Oktober 2013 nicht ein. Zugleich widerrief das AfM die Nieder lassungsbewilligung von A.____ und ver- fügte seine Wegweisung aus der Schweiz. C. Die von A.____, vertreten durch Alain Joset, Advokat in Liestal, dagegen erhobene Beschwerde wies der Regierungsrat des Kantons Basel-Lan dschaft (Regierungsrat) mit Regie- rungsratsbeschluss (RRB) Nr. 367 vom 18. März 2014 ab. Sod ann lehnte der Regierungsrat sein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ab. D. Dagegen erhob A.____, weiterhin vertreten durch A lain Joset, am 31. März 2014 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht (Kantons- gericht) mit den Anträgen, es seien der Entscheid des Re gierungsrates vom 18. März 2014 sowie die Verfügung des AfM vom 15. Oktober 2013 aufzu heben und es sei das AfM anzu- weisen, dem Beschwerdeführer die Niederlassungsbewilligu ng zu belassen resp. diesem eine Niederlassungsbewilligung zu erteilen. Eventualiter sei dem Beschwerdeführer nach Aufhebung des RRB Nr. 367 vom 18. März 2014 und der Verfügung de s AfM vom 15. Oktober 2013 eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen. Es sei dem Beschwerd eführer zu gestatten, den Entscheid des Kantonsgerichts in der Schweiz abzuwarten. Alles unte r o/e-Kostenfolge. Zudem sei dem Beschwerdeführer im Falle eines Unterliegens die unent geltliche Prozessführung und Verbei- ständung zu bewilligen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht E. Mit Vernehmlassung vom 7. Juli 2014 beantragte der Regierungsrat die Abweisung der Beschwerde unter o/e-Kostenfolge. F. Am 21. August 2014 reichte der Beschwerdeführer auf forderungsgemäss zusätzliche Unterlagen zum Nachweis seiner Erwerbstätigkeit ein. G. An der heutigen Parteiverhandlung wurde der Vater des Beschwerdeführers befragt. Die Parteien hielten vollumfänglich an den gestellten Anträgen fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g: 1. Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- un d Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kan tonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand nach § 44 VPO noch ein spezialgesetzlich er Ausschlusstatbestand vorliegen, ist die Zuständigkeit des Kantonsgerichts zur Beurteilung der Angelegenheit gege- ben. Der Beschwerdeführer ist vom angefochtenen Entsche id berührt und hat ein schutzwür- diges Interesse an dessen Aufhebung. Auch die weitere n formellen Voraussetzungen sind erfüllt, sodass auf die Beschwerde eingetreten werden kann. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können nac h § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststel lung des Sachverhalts gerügt werden. Die Beurteilung der Angemessenheit ist dem Ka ntonsgericht dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen – untersagt ( § 45 Abs. 1 lit. c VPO). 3. Streitgegenstand bildet die Frage, ob der Widerru f der Niederlassungsbewilligung des Beschwerdeführers und dessen Wegweisung aus der Schweiz zu Recht erfolgten. 3.1 Gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Aus- länder (AuG) vom 16. Dezember 2005 ist ein Widerruf de r Niederlassungsbewilligung möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer in schwerwiege nder Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen hat oder diese gefährdet oder die innere oder die äussere Sicherheit gefährdet . Gemäss Art. 80 der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) vom 24. Oktober 2007 liegt ein Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung unter a nderem im Falle der Missachtung von gesetzlichen Vorschriften und behördlichen Verfügungen ( Abs. 1 lit. a) sowie bei mutwilliger Nichterfüllung der öffentlich-rechtlichen oder privatrechtlichen Verpflichtungen (Abs. 1 lit. b) vor. Anders als der Widerruf einer Aufenthaltsbewilligung (Art. 62 lit. c AuG), welcher voraussetzt, dass der Ausländer "erheblich oder wiederholt" gegen d ie öffentliche Sicherheit und Ordnung verstossen hat, bedingt ein Widerruf der Niederlassungsbewilligung im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG, dass ein solcher Verstoss "in schwerwiegender Weise" erfolgt ist. Daraus ergibt sich, Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht dass damit vergleichsweise erhöhte Anforderungen an di esen Bewilligungswiderruf gestellt werden (BGE 137 II 297 E. 3). Namentlich liegt ein solcher Verstoss in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung vor, wen n eine Person wiederholt, erheblich und unbeeindruckt von strafrechtlichen Massnahmen gegen die ö ffentliche Sicherheit und Ordnung unseres Landes verstossen hat. In solchen Fällen besteht a uch bei Personen mit Niederlas- sungsbewilligung ein grosses öffentliches Interesse an deren Entfernung und Fernhaltung (Bun- desblatt [BBl] 2002 3709, S. 3810). Hiervon ist auszu gehen, wenn die ausländische Person durch ihre Handlungen besonders hochwertige Rechtsgüter verletzt oder in Gefahr bringt, wie namentlich die körperliche, psychische oder sexuelle Integri tät. Ebenfalls ist von einem schwer- wiegenden Verstoss im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b A uG auszugehen, wenn sich die auslän- dische Person von strafrechtlichen Massnahmen nicht beeindrucken lässt und damit zeigt, dass sie auch künftig weder gewillt noch fähig erscheint, si ch an die hiesige Rechtsordnung zu hal- ten, was jeweils im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zu p rüfen ist (Urteil des Bundesgerichts 2C_867/2013 vom 1. Mai 2014 E. 2.1, m.w.H.). Dies bedeutet, dass auch eine Summierung von Verstössen, die für sich genommen für einen Widerruf ni cht ausreichen würde, einen Bewilli- gungsentzug rechtfertigen kann. Diesfalls ist nicht die Schwere der verhängten Strafen, sondern die Vielzahl der Delikte in einer Gesamtwürdigung entsch eidend (Urteil des Bundesgerichts 2C_160/2013 vom 15. November 2013 E. 2.1.1, m.w.H.). Der Widerrufsgrund nach Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG gilt auch für Personen, die sich seit mehr als 15 Jahren ununterbrochen und ordnungsgemäss in der Schweiz aufhalten (BGE 137 II 10 E. 4.1). 3.2 Der Regierungsrat führte im angefochtenen Beschlu ss aus, der vom Beschwerdeführer im Rahmen des rechtlichen Gehörs vom 8. Juli 2014 geäuss erten Ansicht, dass die Verfehlun- gen insbesondere in die schwierige Zeit nach dem Unfallt od seines Bruders (11. Januar 2009) gefallen seien, könne nicht gefolgt werden. Er habe b ereits zu dessen Lebzeiten Straftaten begangen. Insbesondere sei ein am 13. August 2008 er folgter Vorfall für das Verhalten des Beschwerdeführers bezeichnend. Bei der damaligen Tode sdrohung (Urteil des Strafgerichts- präsidenten Basel-Stadt vom 8. Juli 2009) habe sich die kriminelle Energie des Beschwerde- führers manifestiert und gezeigt, dass dieser auch beso nders hochwertige Rechtsgüter nicht respektiere. Zudem habe der Beschwerdeführer seit dem Jahr 2007 in regelmässigen Abstän- den gegen das Strassenverkehrsgesetz (SVG) vom 19. Dezemb er 1958 verstossen und dabei die körperliche Integrität anderer Personen gefährdet. Im Sinne einer Gesamtbetrachtung sei somit festzustellen, dass es sich beim Verhalten des Beschw erdeführers um eine Summierung von Verstössen handle, welche aufzeige, dass dieser nicht f ähig oder gewillt sei, sich an die hiesige Rechtsordnung zu halten und sich in die hier geltende Ordnung einzufügen. Dies bestä- tige auch das – nicht rechtskräftige – Urteil des Strafg erichtes Basel-Stadt vom 21. Mai 2014, in welchem der Urteilsspruch des Strafbefehls vollständig übe rnommen worden sei. Fraglich sei, weshalb sich der Beschwerdeführer in der Beschwerdebegründung vom 4. Juni 2014 nicht dazu äussere. Infolge der Anzahl strafrechtlicher Verurteilungen, die sich zum Teil auch gegen hoch- wertige Rechtsgüter gerichtet hätten, sei vorliegend d er Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG erfüllt. 3.3 Der Beschwerdeführer bringt dagegen im Wesentliche n vor, es seien nur die im Straf- registerauszug registrierten sechs Verurteilungen releva nt und damit beachtlich. Zusammen-Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht gezählt ergebe sich daraus eine Geldstrafe von insgesamt 175 Tagessätzen. In migrations- rechtlicher Hinsicht könne bei dieser Ausgangslage nicht von einem schwerwiegenden Verstoss gegen die öffentliche Ordnung und Sicherheit gesprochen werden. Der Vollständigkeit halber sei darauf hinzuweisen, dass der Strafbefehl vom 18. Se ptember 2013, welchem ebenfalls ein Strassenverkehrsdelikt zugrunde liege, nach wie vor nich t rechtskräftig sei, sodass dieses Vor- kommnis bei der Begründung des Widerrufsgrunds aufgrund der Unschuldsvermutung ausser Betracht bleiben müsse. Obwohl er der Auffassung sei, es sei bei korrekter Anwendung der gesetzlichen Vorgaben kein Widerrufsgrund gegeben, ha be er aus seinen Fehlern gelernt und sei seit dem 31. Juli 2013 regelmässig in therapeutischer Behandlung. 4. Der Beschwerdeführer wurde mit Urteil vom 28. Janua r 2008 wegen grober Ver- kehrsverletzung nach Art. 90 Abs. 2 SVG zu 20 Tagessätzen zu Fr. 100.-- und mit Urteil vom 17. Dezember 2008 wegen diverser Verkehrsdelikte verurt eilt. Mit Urteil vom 9. Februar 2009 wurde er wegen Nötigung und wegen Führens von nicht be triebssicheren Fahrzeugen ohne Führerausweis oder trotz dessen Entzugs zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu Fr. 120.-- verurteilt. Im gleichen Jahr hat sich der Beschwerdeführer auch wegen mehrfacher Drohung strafbar gemacht (Urteil des Strafgerichtspräsidenten B asel-Stadt vom 8. Juli 2009). Der Beschwerdeführer hat damit hochwertige Rechtsgüter ver letzt. Trotz der Anordnung einer Probezeit, in welcher der Beschwerdeführer angehalten w ar, sich wohl zu verhalten, hat er weiter delinquiert. So wurde der Beschwerdeführer am 18. November 2011 wegen grober Ver- letzung der Verkehrsregeln nach Art. 90 Abs. 2 SVG verur teilt. Die Verfehlungen sind mit Blick auf die Maximalstrafen und die tatsächlich verhängten S trafen im Einzelnen zwar nicht schwer- wiegend, die Summierung all dieser Verfehlungen erscheinen bei einer Gesamtbetrachtung des bisherigen Verhaltens, auch wenn das von der Vorinstanz i n der Vernehmlassung vom 7. Juli 2014 erwähnte, noch nicht rechtskräftige Strafurteil aufgrund der geltenden Unschuldsvermu- tung nicht berücksichtigt wird, als ausreichend, um vom Vo rliegen des Widerrufsgrundes nach Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG auszugehen. Damit ist der Wi derrufsgrund nach Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG aufgrund einer schwerwiegenden Gefährdung der öff entlichen Sicherheit und Ordnung in Folge der konstanten und wiederholten Delinquenz des Beschwerdeführers erfüllt. 5. Das Vorliegen eines Widerrufsgrundes ist Grundvorausset zung für den Widerruf der Bewilligung. Der Widerruf der Niederlassungsbewillig ung ist jedoch nur gerechtfertigt, wenn er sich gestützt auf eine im Einzelfall vorzunehmende Interess enabwägung als verhältnismässig erweist (Art. 96 Abs. 1 AuG). Dabei sind namentlich di e Schwere des Verschuldens, der Grad der Integration bzw. die Dauer der bisherigen Anwesen heit sowie die dem Betroffenen und seiner Familie drohenden Nachteile zu berücksichtigen (vg l. Urteile des Bundesgerichts 2C_11/2013 vom 25. März 2013 E. 3.1, 2C_50/2012 vom 2 8. September 2012 E. 5; BGE 135 II 377 E. 4.3; ANDREAS ZÜND /L ADINA ARQUINT HILL , in: Peter Uebersax/Beat Rudin/Thomas Hugi Yar/Thomas Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, Basel 2 009, N 8.31). Die Niederlassungsbe- willigung eines Ausländers, der sich schon seit langer Ze it hier aufhält, soll nur mit Zurückhal- tung widerrufen werden. Bei wiederholter bzw. schwerer Straffälligkeit ist dies jedoch selbst dann nicht ausgeschlossen, wenn der Ausländer hier gebo ren ist und sein ganzes bisheriges Leben im Land verbracht hat. Bei schweren Straftaten und bei Rückfall bzw. wiederholter Delin- quenz besteht regelmässig ein wesentliches öffentliches Interesse, die Anwesenheit eines Aus-Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht länders zu beenden, der dermassen die öffentliche Sicher heit und Ordnung beeinträchtigt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_486/2013 vom 4. November 2013 E. 3.2). 5.1 Der Regierungsrat erwog, dass die Wegweisung des Be schwerdeführers offensichtlich geeignet sei, die berechtigten sicherheitspolitischen In teressen der Schweiz zu verwirklichen. Zudem sei zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer tro tz mehrfacher Sanktionierung weiter teilweise gleichartige Delikte verübt habe. Der verfolgte Zweck könne sodann auch nicht durch eine weniger einschneidende Massnahme erreicht wer den, da eine bereits erfolgte aus- länderrechtlichen Verwarnung (13. Mai 2011) nicht den gewünschten Erfolg gezeigt habe. Eine erneute Verwarnung durch das AfM sei daher nicht zielfüh rend. Damit sei auch das Kriterium der Erforderlichkeit erfüllt. Bei der Prüfung der öff entlichen Interessen seien auch die Verfol- gung einer restriktiven Einwanderungspolitik, die demog rafische und soziale Entwicklung der Schweiz sowie die Interessen der Gesamtwirtschaft zu berü cksichtigen. Vorliegend habe der Beschwerdeführer mehrfach gegen die öffentliche Sicher heit und Ordnung der Schweiz verstossen und trotz Bemühungen der Behörden keine Besseru ng gezeigt. Der Beschwerde- führer sei in der Schweiz geboren worden, weshalb von einer langen Aufenthaltsdauer auszu- gehen sei, was als Ausländer der “zweiten Generation“ zu seinen Gunsten ausfalle. Hinsichtlich der persönlichen Beziehungen, die der Beschwerdeführer zur Schweiz habe, sei festzuhalten, dass seine Eltern und seine Schwester hier leben würden, wobei das Verhältnis zu diesen nicht als durchwegs problemfrei betrachtet werden könne. Der B eschwerdeführer pflege nach eigenen Angaben auch Kontakte zur Türkei. Insbesonde re würden seine Ehefrau und deren Familie in der Türkei wohnen. Die persönlichen Beziehu ngen des Beschwerdeführers zur Schweiz seien zweifellos vorhanden. Dennoch gelte es festzu halten, dass – vor allem unter Berücksichtigung, dass seine Ehefrau und ein Teil seiner Familie in der Türkei leben würden – eine Rückkehr den Beschwerdeführer nicht übermässig hart tr effen würde. In Bezug auf den Grad der Integration sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer in der Schweiz aufgewachsen sei und Deutsch spreche. Dies sei hingegen nicht Folge ei ner ausserordentlichen individuellen Leistung, sondern vielmehr Folge der integrativen Wirku ng der hier verbrachten Schulzeit. Daher könne nicht von einem hohen Grad an Integration ausgegangen werden. Ob der Wille des Beschwerdeführers zur Teilnahme am Wirtschaftsleben a ls gegeben betrachtet werden könne, müsse angesichts der Betreibungen und der unklaren Situation in seinem Erwerbsleben angezweifelt werden. Zwar habe er den Fähigkeitsausweis zur Führung eines Gastwirtschafts- gewerbes mit Alkoholausschank erlangt, es bestünden aber Verdachtsmomente, dass die Anstellung im väterlichen Gastronomiebetrieb eine Scheinerwerbstätigkeit sein könnte. Drohen- de Nachteile, die eine Wegweisung aus der Schweiz unzumu tbar machen würden, seien nicht ersichtlich. Ausgehend von der vorstehenden Gewichtung der gegenüberstehenden Interessen, sei mit Blick auf die überwiegenden sicherheitspolitische n Interessen der Schweiz gegenüber den privaten Interessen des Beschwerdeführers an einem Ver bleib, der Widerruf und die Weg- weisung verhältnismässig und damit zulässig. 5.2 Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, dass gem äss Rechtsprechung des Euro- päischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) die Messlatt e bei der Interessensabwä- gung hoch anzusetzen und die auf dem Spiel stehenden I nteressen sorgfältig abzuwägen seien. Sei die betroffene Person wegen Eigentums-, Ver mögens-, oder Verkehrsdelikten verur-Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht teilt worden, so setze sich die persönliche Bindung gegenü ber dem öffentlichen, auf spezial- präventiven Gründen beruhenden Ausweisungsinteresse durch. Auch bedürfe es bei jugend- lichen Straftätern bzw. bei solchen der “zweiten Genera tion“ sehr gewichtiger Gründe, die als letzter Ausweg anzusehen seien, um eine aufenthaltsbeen dende Massnahme zu rechtfertigen. Im Rahmen der Verhältnismässigkeit rechtfertige sich info lge der verletzten Rechtsgüter und infolge des jugendlichen Alters sowie des Umstandes, dass er ein Ausländer der “zweiten Generation“ sei, eine Wegweisung infolge Fehlens eine s hinreichenden öffentlichen Interesses nicht. Er habe am 11. Juli 2013 den Fähigkeitsausweis zur Führung eines Gastwirtschafts- betriebes erhalten und führe zusammen mit seinen Eltern einen Gastrobetrieb. Diese Tätigkeit verlange grossen Einsatz. Zwar sei lediglich sein Vater als Gesellschafter im Handelsregister eingetragen, die vom Vater gehaltene C.____ GmbH enthalte aber nicht zufällig seinen Namen. Dies zeige vielmehr, dass das Familienprojekt im Wesentliche n auf seiner Arbeitsleistung basiere. Auch gehe die D.____ von der Richtigkeit der eingereichten Lohnblätter aus. Es bes- tünden ganz gewichtige private Interessen am Verbleib in der Schweiz, insbesondere wegen der infolge seiner hiesigen Geburt äusserst langen Auf enthaltsdauer. Es bestünden sodann keine diese privaten Interessen überwiegenden öffentlich en Interessen, weshalb die fremden- polizeiliche Fernhaltemassnahme als unverhältnismässig erscheine. 5.3 Die vom Beschwerdeführer begangenen Delikte (siehe v orne Sachverhalt lit. A), sind hauptsächlich im Bereich der Strassenverkehrsdelikte anzusi edeln. Am 9. Februar 2009 wurde der Beschwerdeführer zudem wegen Nötigung zu einer Gel dstrafe von 50 Tagessätzen zu Fr. 120.-- und am 8. Juli 2009 wegen mehrfacher Drohung zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 150.-- verurteilt. Eine Drohung kann nach Art. 180 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs (StGB) vom 21. Dezember 1937 mit ein er Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden. Die Strafe für eine Verurteilung we gen Nötigung (Art. 181 StGB) beträgt ebenfalls maximal drei Jahre. Das Gericht bemisst gemäss A rt. 47 Abs. 1 StGB die Strafe nach dem Verschulden des Täters, wobei das Verschulden nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsgutes bestimmt wird ( Abs. 2). Die Verurteilungen zu 40 Tagessätzen zu Fr. 150.-- bzw. 50 Tagessätzen zu Fr. 120.-- erscheinen vor diesem Hinter- grund nicht als besonders hoch. Auch die Verurteilungen aufgrund grober Verletzungen der Verkehrsregeln zu Geldstrafen erscheinen mit Blick auf die mögliche Maximalstrafe von drei Jahren Freiheitsstrafe als nicht ausgesprochen hoch. Vielm ehr bewegen sich die Straftaten im unteren Bereich des Strafrahmens. Demnach kann nicht vo n einem schweren Verschulden ausgegangen werden. Die letzte rechtskräftige Verurteilung des Beschwerdeführers datiert vom 18. März 2011 wegen grober Verletzung der Verkehrsrege ln (Tatzeitpunkt: 30. Oktober 2010) und damit vor der ausländerrechtlichen Verwarnung vom 13. Mai 2011. Der Beschwerdeführer hat zwar wiederholt delinquiert, was es zu verurteilen gilt, ein schweres Verschulden ist mit Blick auf das Strafmass jedoch nicht anzunehmen. 5.4 Der Beschwerdeführer ist in der Schweiz geboren und verbrachte sein ganzes bis- heriges Leben hier. Er gilt damit als “Ausländer der zw eiten Generation“, wonach er infolge der langen Aufenthaltsdauer in der Schweiz ein grosses Inte resse an einem Verbleib in derselben hat. Dies fällt – wie vom Regierungsrat im Entscheid vo m 18. März 2014 richtigerweise ausgeführt – zu Gunsten des Beschwerdeführers aus. Die s findet auch im Umstand Ausdruck, Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht dass die Niederlassungsbewilligung eines Ausländers, der sich bereits seit einer langen Zeit in der Schweiz aufhält, nur mit Zurückhaltung entzogen werden soll. Der Beschwerdeführer spricht Deutsch, hat hier aktenkundig viele soziale Kontakte und ein soziales Beziehungsnetz. Anläss- lich der heutigen Parteiverhandlung führte der Beschwer deführer dazu aus, er habe das Patent zur Führung eines Gastronomiebetriebes mit Alkoholausschank erworben, um im Familien- betrieb des Vaters in E.____ tätig zu sein. Er sei auch mit diesem zusammen Teilhaber. Die Ausführungen wurden durch den Vater bestätigt und es si nd keine Gründe ersichtlich, weshalb von einer Scheintätigkeit ausgegangen werden müsste. Da her ist beim Beschwerdeführer von einem bei einem Ausländer “der zweiten Generation“ zwa r zu erwartenden, aber vorhandenen Grad an Integration auszugehen. 6.1 Der Regierungsrat hält die Wegweisung für zumutbar , da der Beschwerdeführer die türkische Landessprache beherrsche, aufgrund regelmässiger F erienbesuche sein Herkunfts- land kenne und insbesondere mit seiner dort lebenden Ehefrau auch soziale Kontakte habe. Lediglich anfänglich drohten wirtschaftliche Schwierigkeiten. 6.2 Dagegen führt der Beschwerdeführer aus, aufgrund der verletzten Rechtsgüter, des jugendlichen Alters und der Tatsache, dass er ein Auslä nder der zweiten Generation sei, lasse sich eine aufenthaltsbeendende Massnahme infolge Fehlens eines hinreichenden öffentlichen Interesses nicht rechtfertigen. 6.3 Im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung und der Frage nach der Zumutbarkeit der Wegweisung gilt es, die dem Beschwerdeführer und se iner Familie drohenden Nachteile zu berücksichtigen (BGE 135 II 377 E. 4.3). Eine Wegweisu ng würde den Beschwerdeführer hart treffen. Aufgrund der hiesigen familiären Verwurzelun g und aufgrund der langen Aufenthalts- dauer ist von einem gewichtigen privaten Interesse auszu gehen. Dazu kommt, dass anlässlich der heutigen Parteiverhandlung die Erwerbssituation de s Beschwerdeführers geklärt werden konnte, wobei sich insbesondere die vom Regierungsrat ange führten Verdachtsmomente, es handle sich bei der Anstellung des Beschwerdeführers um e ine Scheinerwerbstätigkeit, nicht erhärten liessen. Weiter gab der Beschwerdeführer anlä sslich der heutigen Parteiverhandlung zu Protokoll, dass das im vorinstanzlichen Verfahren geste llte Begehren um Familiennachzug seiner in der Türkei geehelichten Partnerin, infolge einer in der Türkei anhängig gemachten Scheidung, gegenstandslos geworden sei. Die Scheidung sei auf Wunsch der Ehefrau in der Türkei erfolgt. Im Rahmen der Frage nach der Zumutbarkeit der Wegweisung sind diese beiden Aspekte zu berücksichtigen. Demgemäss kann festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer aufgrund einer regelmässigen und wiederkehrenden Delin quenz die Voraussetzungen für den Widerruf der Niederlassungsbewilligung gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG erfüllt. Vor dem Hintergrund seiner Integration und seiner Verwurzelung in der Schweiz als “Ausländer der zweiten Generation“, der erwiesenen Erwerbstätigkeit im Familienbetrieb und der vergangenen Zeit seit der letzten rechtskräftigen Verurteilung erscheint ein Widerruf der Niederlassungsbewil- ligung jedoch als unverhältnismässig. Demgemäss ist die Besc hwerde gutzuheissen und die Niederlassungsbewilligung des Beschwerdeführers gilt weiter. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7. Bei diesem Ergebnis kann offengelassen werden, ob sich der Beschwerdeführer darü- ber hinaus auf den Schutz des Privat- und Familienleb ens nach Art. 8 Ziff. 1 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (Eur opäische Menschenrechtskonven- tion, EMRK) vom 4. November 1950 berufen kann. 8.1 Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das verwaltungsgerichtliche Verfahren vor dem Kantons- gericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen d ie Gerichtsgebühren sowie die Beweiskosten und werden gemäss § 20 Abs. 3 VPO in der R egel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt, wobei den Vorinstanzen – abgesehen von hier nicht vor- liegenden Ausnahmen – keine Verfahrenskosten auferlegt werden. Da vorliegend der Regie- rungsrat unterlegen ist, werden keine Verfahrenskosten erhoben. 8.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann gest ützt auf § 21 Abs. 1 VPO für den Beizug einer Anwältin oder eines Anwalts eine angemesse ne Parteientschädigung zu Lasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Der Rechtsvertret er macht in seiner Honorarnote vom 30. Oktober 2014 einen Zeitaufwand von 27.1 Stunden à Fr. 250.-- (inkl. drei Stunden für die Hauptverhandlung) geltend. Für die Ausarbeitung der Beschwerde weist der Rechtsvertreter zehn Stunden Aufwand aus, obwohl diese teilweise mit den vorinstanzlichen Eingaben überein- stimmt. Daher rechtfertigt sich eine Reduktion des ausg ewiesenen Stundenaufwandes um drei Stunden. Demnach wird dem obsiegenden Beschwerdeführ er eine reduzierte Parteientschädi- gung in der Höhe von insgesamt Fr. 6‘784.30 (24.1 Stu nden à Fr. 250.-- sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 229.-- zuzüglich Fr. 30.-- für die Akteneinsichtsgebühr und 8% Mehrwertsteuer) zu Lasten des Regierungsrates zugesprochen. 8.3 Was die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens anbel angt, so ist die Angelegenheit zu deren Neuverlegung an den Regierungsrat zurückzuweisen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Entscheid des Regie- rungsrates des Kantons Basel-Landschaft Nr. 367 vom 18. März 2014 betreffend Widerruf der Niederlassungsbewilligung aufgehoben. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Kosten des vorinstanz- lichen Verfahrens an den Regierungsrat des Kantons Basel- Landschaft zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben und der ge leistete Kosten- vorschuss in der Höhe von Fr. 2'100.-- wird dem Beschwerdef ührer zurückerstattet. 4. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat d em Beschwer- deführer eine reduzierte Parteientschädigung in der Hö he von Fr. 6‘784.30 (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Vizepräsident Gerichtsschreiber i.V.