B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6508/2019 law/fes U r t e i l v o m 18 . D e z e m b e r 2 0 1 9 Besetzung Einzelrichter Walter Lang, mit Zustimmung von Richter Yanick Felley; Gerichtsschreiberin Sarah Ferreyra. Parteien A._______, geboren am (…), Äthiopien, vertreten durch MLaw Joana Mösch, HEKS Rechtsschutz Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 28. November 2019 / N (…). D-6508/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, gemäss eigenen Angaben eine äthiopische Staatsangehörige aus B._______ (Region C._______), verliess ihren Hei- matstaat mit ihrem Onkel und einem sudanesischen Schlepper im Auto Richtung Sudan, wo sie sich einen Monat beim Schlepper aufhielt. Von dort reiste sie mit dem Schlepper auf dem Luftweg in ein ihr unbekanntes Land, wo sie sich einen Tag im Haus eines anderen Sudanesen aufhielt. Von dort reiste sie mit dem Zug am 16. September 2019 in die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. B. Am 15. Oktober 2019 wurde die minderjährige Beschwerdeführerin in An- wesenheit ihrer zugewiesenen Rechtsvertreterin, welche gleichzeitig ihre Vertrauensperson ist, im Bundesasylzentrum D._______ zu ihrer Person und dem Reiseweg und summarisch zu ihren Ausreisegründen befragt. Am 19. November 2019 fand die Anhörung zu den Asylgründen wieder im Bei- sein ihrer Rechtsvertreterin und in einer Frauenrunde nach Art. 29 AsylG (SR 142.31) statt. Zur Begründung i hres Asylgesuches machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, ihre Grossmutter, bei der sie aufgewachsen sei, habe ihr mitgeteilt, dass ein älterer, mächtiger Herr sie (die Beschwerde- führerin) heiraten wolle. Sie sei aber damit nicht einverstanden gewesen. Daraufhin habe der Herr sie mit einer Waffe bedroht und ihr gesagt, wenn sie ihn nicht heirate, werde er sie umbringen. Ihr Onkel und ihre Grossmut- ter hätten auch Angst vor ihm gehabt. Ihre Grossmutter habe sich selbst retten wollen und sei deshalb mit der Heirat einverstanden gewesen. Man habe alles für die Hochzeit vorbereitet. Als sie gesehen habe, dass Frauen für die Hochzeit Teig kneten, habe sie ihrem Onkel mitgeteilt, dass sie sich umbringen würde, damit sie diesen Herrn nicht heiraten müsse. Ihr Onkel habe realisiert, dass sie dies ernst meine, weshalb er einen Schlepper or- ganisiert habe. Ihr Onkel sei mit ihr und dem Schlepper in den Sudan mit- gekommen. Ihr Onkel habe ihr im Sudan erklärt, dass sie einen Monat dort- bleiben müsse und nicht nach Hause zurückkehren dürfe. Sie sei im Haus des Schleppers eingesperrt worden und habe Angst gehabt. Mit d em Schlepper sei sie dann mit dem Bus zum Flughafen gefahren und von dort in ein ihr unbekanntes Land geflogen. Dort seien sie von einem anderen Sudanesen empfangen und mit einem Taxi zu ihm nach Hause gefahren D-6508/2019 Seite 3 worden, wo sie den Sonntag verbracht hätten. Sie hätten dort übernachtet und seien dann in der Nacht mit einem Zug in die Schweiz gefahren. C. Mit Schreiben vom 21. November 2019 teilte die Rechtsvertreterin dem SEM mit, dass im Rahmen der Anhörung deutlich geworden sei, dass die Beschwerdeführerin kaum über ihre Asylgründe habe sprechen können und dass es sich um eine vulnerable Person handle, für die sich das be- schleunigte Verfahren nicht eigne. Es werde vorliegend eine Traumatisie- rung dringend vermutet. Anlässlich der Anhörung, aber auch schon im Vor- bereitungsgespräch mit ihr , habe die Beschwerdeführerin mehrmals den gefassten Suizidwunsch erwähnt. Da die Beschwerdeführerin äusserst la- bil wirke, beantrage sie ein psychiatrisches Gutachten zur Abklärung, ob eine posttraumatische Belastungsstörung vorliege. Ausserdem beantrage sie, die Beschwerdeführerin dem erweiterten Verfahren zuzuweisen. Die Vulnerabilität sei offensichtlich gegeben. Es handle sich um eine unbeglei- tete minderjährige Asylsuchende (UMA), wobei vorliegend zusätzlich von einer Traumatisierung ausgegangen werde. Diesem Umstand könne in ei- nem getakteten Verfahren nicht entsprechend Rechnung getragen werden. D. Die Vorinstanz gab der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin am 22. November 2019 Gelegenheit, zum Entscheidentwurf Stellung zu neh- men. E. Die Rechtsvertreterin reichte am 26. November 2019 eine entsprechende Stellungnahme ein, worin sie ausführte, aus welchen Gründen sie mit dem Entscheidentwurf nicht einverstanden sei. F. Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 28. November 2019 stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte deren Asylgesuch vom 16. September 2019 ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. G. Am 2. Dezember 2019 wurde eine Gefährdungsmeldung bei der kantona- len Kindes - und Erwachsenenschutzbehörde KESB E._______ einge- reicht. D-6508/2019 Seite 4 H. Mit Eingabe vom 9 . Dezember 2019 (Datum Poststempel) erhob die Be- schwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungs- gericht Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei auf- zuheben und die Sache zur Neubeurteil ung an die Vorinstanz zurückzu- weisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht liess sie zudem beantragen, es sei ihr die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und von der Erhe- bung eines Kostenvorschusses abzusehen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Au snahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge- nommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundes verwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Die vorliegende Beschwerde erweist sich aufgrund nachfolgender Er- wägungen als offensichtlich begründet, weshalb das Bundesverwaltungs- gericht in einzelrich terlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG) entscheidet. D-6508/2019 Seite 5 3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. 4.1 Das SEM begründet seinen ablehnenden Asylentscheid im Wesentli- chen damit, dass die Beschwerdeführerin sämtlichen Fragen zu ihrer Her- kunft, zu ihren Familienverhältnissen und zu ihren Lebensumständen aus- weiche. Ihre Angaben zu ihrer Identität würden sich letztlich auf die Angabe ihres Namens und ihres Geburtsd atums beschränken. Als sie anlässlich der Anhörung mit diesem Umstand konfrontiert und gebeten worden sei, ihre Identität offen zu legen, habe sie erwidert: «Ich bin einfach ein Mäd- chen, das A._______ heisst und keine Familie hat.» . Ihre substanzlosen und teils auch widersprüchlichen und daher als unglaubhaft zu beurteilen- den biographischen Angaben liessen letztlich nur den Schluss zu, dass sie ihre wahre Identität zu verschleiern versuche. Gleichermassen substanzlos und schliesslich auch realitätsfremd wie ihre biographischen Angaben wür- den sich ihre Aussagen zu ihrer Asylbegründung präsentieren. Sie sei aus- serstande, die von ihr geschilderte Bedrohungssituation in einen zeitlichen Kontext zu setzen. Sodann würden sich ihre Angaben zu besagtem Herrn, mit dem man sie habe verheiraten wollen, auf die wenigen Hinweise, dass es sich dabei um einen dunklen, kleinen, dicken 50-jährigen Herrn handle, der viel Macht und eine Pistole besitze, beschränken. Schliesslich werfe auch die Schilderung ihrer Flucht aus dem H aus Fragen auf. In Gesamt- würdigung ihrer Aussagen und unter Berücksichtigung ihres jugendlichen Alters stelle das SEM fest, dass ihr weder ihre biographischen Angaben noch ihre Ausführungen zu ihrer Asylbegründung geglaubt werden könn- ten. Ihre Aussagen liessen keinerlei vernünftigen Rückschluss darauf zu, wer sie sei und was sie dazu bewogen habe, in der Schweiz ein Asylgesuch einzureichen. In der Stellungnahme mache die Rechtsvertretung darauf aufmerksam, dass die Erstbefragung in einem Männerteam und nicht, wie beantragt, in einem Frauenteam stattgefunden habe, es somit zu einem Handwechsel gekommen sei. Weiter sei die Fachspezialistin zugleich Pro- tokollführerin gewesen. Die Dolmetscherin sowie die Rechtsvertreterin hät- ten mehrfach darauf hinweisen müssen, dass Bemerkungen fürs Protokoll wie «GS weint», vermerkt würden. Auch seien viele Fragen, die bereits an- lässlich der Erstbefragung gestellt worden seien, erneut gestellt worden. Es sei auch zu wenig berücksichtigt worden, dass es sich bei der Be- schwerdeführerin um ein Kind handle, welches sich anlässlich der Anhö- rung nicht wohlgefühlt habe. Aufgrund der Tatsache, dass die Beschwer- deführerin über ihre familiären Verhältnisse keine Auskunft habe geben können, dürfe im Hinblick auf das Kindeswohl nicht auf ein «Ausweichen» D-6508/2019 Seite 6 beziehungsweise auf eine Verletzung der Mitwirkungspflicht geschlossen werden. Schliesslich mache die Rechtsvertretung geltend, es hätten Abklä- rungen vor Ort getätigt werden müssen, bevor eine Wegweisung als zu- mutbar erachtet werden könne. Daher sei die Beschwerdeführerin dem er- weiterten Verfahren zuzuweisen und es sei ein psychiatrisches Gutachten zu veranlassen, um abzuklären, ob eine posttraumatische Belastungsstö- rung vorliege. Betreffend diese Stellungnahme müsse festgehalten wer- den, dass, obwohl die Erstbefragung nicht in einem Frauenteam stattge- funden habe, die Anhörung zu den Asylgründen dann aber in einem reinen Frauenteam stattgefunden habe. Folglich hätte sie spätestens zu diesem Zeitpunkt die Gelegenheit gehabt, allfällige Aussagen, die sie in einem ge- mischten Team nicht habe äussern wollen, ansprechen. Des Weiteren müsse diesbezüglich angemerkt werden, dass ihre Rechtsvertreterin fest- gehalten habe, sie habe sich beim männlichen Fachspezialisten wohler ge- fühlt als bei der weiblichen Fachspezialistin. Dem Protokoll könne auch kein Hinweis entnommen werden, dass – obwohl die Fachspezialistin so- wohl die Fragen gestellt als auch Protokoll geführt habe – dieser die nötige Sorgfalt gefehlt habe beziehungsweise sie nicht in der Lage gewesen sei, ihr Verhalten zu beobachten und Zeichen nonverbaler Kommunikation zu beobachten. Dem Einwand ihrer Rechtsvertreterin, viele Fragen seien mehrfach gestellt worden, müsse entgegengehalten werden, dass der Sachverhalt nur vollständig erstellt werden könne, wenn ausreichend Fra- gen gestellt würden, falls eine gesuchstellende Person nicht von sich aus detailliert erzähle. Des Weiteren werde nicht bestritten, dass sie minderjäh- rig sei. Bei ihr handle es sich jedoch um eine Jugendliche und nicht um ein kleines Kind, in wenigen Tage werde sie (…) Jahre alt. Von einer Jugend- lichen dürfe erwartet werden, dass sie sich an ihre Familie, ihren Wohnort, ihre Schulbildung erinnern könne, dass sie in der Lage sei, zu erzählen, woher sie komme, mit wem sie gelebt habe, w er ihre Freunde gewesen seien. Bei solchen Fragen handle es sich nicht um komplexe Fragen, selbst ein Kind – umso mehr eine Jugendliche – dürfe in der Lage sein, solche zu beantworten. Deswegen komme das SEM nicht umhin, den Schluss zu zie- hen, dass sie ihre wahre Identität zu verschleiern versuche und damit ihre Mitwirkungspflicht verletze. Ihre Vorbringen würden den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten, weshalb deren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Es sei nach ständiger Recht- sprechung des Bundesverwaltungsgerichts nicht Aufgabe der Asylbehör- den, nach allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen zu forschen, wenn asylsuchende Personen, wie es vorliegend der Fall sei, ihre Identität ver- schleiern würden. Der Vollzug der Wegweisung erweise sich somit als zu-D-6508/2019 Seite 7 lässig. Nach konstanter Praxis sei der Vollzug der Wegweisung nach Äthi- opien in alle Regionen grundsätzlich zumutbar. Ihre substanzlosen, wider- sprüchlichen und realitätsfremden und damit als unglaubhaft zu beurteilen- den biographischen Angaben würden eine vernünftige Prüfung der Zumut- barkeit des Vollzugs ihrer Wegweisung verunmöglichen. Gleichzeitig wür- den sie den Schluss nahelegen, dass sie – als minderjährige Person – ihre Identität, ihre heimatliche Situation und ihre persönlichen Lebensumstände bewusst zu verschleiern versuche, um den Vollzug einer möglichen Weg- weisung in ihren Heimatstaat zu erschweren oder gar zu verunmöglichen. Es sei daher der Umkehrschluss zu ziehen, dass sie in ihrem Heimatstaat über ein intaktes familiäres Beziehungsnetz und damit auch über eine ge- sicherte Wohnsituation verfüge. Folglich sei auch davon auszugehen, dass sie nach ihrer Rückkehr von einer Familie aufgenommen werde, auf deren Schutz und Unterstützung sie zählen könne. Darüber hinaus sei mit Blick auf das Kindswohl ihre Rückkehr in das ihr vertraute Umfeld anzustreben. Sie habe in der Schweiz keine Verwandten oder Bezugspersonen; da sie sich erst seit kurzer Zeit in der Schweiz aufhalte, dürfe die hiesige Integra- tion als äusserst gering bezeichnet werden. Somit würden sich bei ihrer- seits bestätigtem gutem Gesundheitszustand aus den Akten keine indivi- duellen Gründe ergeben, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungs- vollzuges sprechen. 4.2 In der Beschwerde wird geltend gemach t, anlässlich der Anhörung seien bis zur Frage 81 lediglich die bereits anlässlich der Erstbefragung gestellten Fragen wiederholt worden. Es sei dabei deutlich geworden, dass die Beschwerdeführerin kaum über das Erlebte habe sprechen können. Auffällig sei gewesen, dass die Beschwerdeführerin – bei Fragen zu ihren familiären Verhältnissen – durchgehend habe weinen müssen und auch in den Pausen mit der Rechtsvertreterin kaum zu beruhigen gewesen sei, weshalb eine Traumatisierung vermutet werden müsse. Die Rechtsvertre- terin habe deswegen mit Schreiben vom 21. November 2019 eine medizi- nische Abklärung respektive die Erstellung eines psychiatrischen Gutach- tens sowie die Zuweisung ins erweiterte Verfahren beantragt, da es sich offensichtlich um eine vulnerable Person handle und weitergehende Abklä- rungen notwendig erschienen seien, um das Aussageverhalten der Be- schwerdeführerin einordnen zu können. Zu beiden Anträgen habe die Rechtsvertreterin bis zum Datum der Beschwerdeeinreichung keine Rück- meldung erhalten. Nach der Anhörung vom 19. November 2019 habe sich der psychische Zustand der Beschwerdeführerin stark verschlechtert. Of- fenbar sei zeitweise in der Unterkunft für die Beschwerdeführerin in den D-6508/2019 Seite 8 Nächten ein Spezialsetting notwendig gewesen. Davon habe die Rechts- vertreterin nicht durch die Vorinstanz, sondern von der Beschwerdeführerin selber erfahren. Auf Nachfrage hin sei es zu einem Austausch zwischen den Betreuungspersonen der Jugendlichen und der Rechtsvertreterin ge- kommen, wobei sich herausgestellt habe, dass die Vorinstanz von diesen Vorfällen und dem schlechten Zustand der Beschwerdeführerin Kenntnis gehabt habe. Der Rapport der Betreuungsperson sei bei der Vorinstanz zu edieren. Herr G._______ von der KESB E._______ habe der Rechtsver- treterin mit Telefonat vom 5. Dezember 2019 mitgeteilt, dass die Beschwer- deführerin der (…) zugewiesen werde. Es werde demnach ein psychiatri- sches Gutachten erstellt, welches die Rechtsvertreterin dem Bundesver- waltungsgericht nachreichen werde. Bezugnehmend auf das Protokoll der Anhörung werde festgehalten, dass die zuständige Sachbearbeiterin zu- gleich Protokollführerin und Befragerin gewesen sei. D er Umstand, dass die Sachbearbeiterin zeitgleich das Protokoll geschrieben habe, habe be- wirkt, dass diese kaum Gelegenheit gehabt habe, Blickkontakt zur Be- schwerdeführerin aufzunehmen und deren Aussageverhalten, Mimik sowie deren Zustand zu beobachten, weshalb sowohl die Rechtsvertreterin als auch die Dolmetscherin mehrfach auf Bemerkungen fürs Protokoll hätten hinweisen müssen. Dabei hätte die befragende Person, um eine kindsge- rechte Befragung durchführen zu können, stets das Verhalten der UMA be- obachten sollen, um auch alle Zeichen nonverbaler Kommunikation (Ges- ten, Schweigen) ins Protokoll einfliessen zu lassen. Folglich sei bereits das Setting in beiden Anhörungen nicht kindsgerecht gestaltet gewesen. Hin- sichtlich der Unvoreingenommenheit der befragenden Person habe sich das Bundesverwaltungsgericht dahingehend geäussert, dass diese eine freundliche Zuhörerin sein und neutral bleiben müsse, wobei der Blickkon- takt ebenfalls von grosser Bedeutung sei. Vorliegend habe die Sachbear- beiterin anlässlich der Anhörung mit Zwischenbemerkungen wie «Es sei offensichtlich, dass du ein waches Mädchen bist, das meine Fragen gut versteht. Es ist daher kaum nachvollziehbar, dass du so wenig über dich zu berichten weisst.» klargemacht, dass sie der Beschwerdeführerin nicht unvoreingenommen gegenübergestanden sei. In diesem Zusammenhang werde auf verzweifelte Aussagen der Beschwerdeführerin hingewiesen wie «Ich weiss von nichts – ich schwöre!» oder «Ich bin einfach ein Mädchen, das A._______ heisst und keine Familie hat (GS weint)», die deutlich auf- zeigen würden, dass die Beschwerdeführerin sich nicht ernstgenommen gefühlt habe. Hinzu komme, dass es – insbesondere, wenn Minderjährige über gewisse Ereignisse nicht sprechen könnten –, angezeigt sei, das Thema zu wechseln und später darauf zurückzukommen. Die Gefühle der Minderjährigen (insbesondere Schuld-, Scham- oder Angstgefühle) sowie D-6508/2019 Seite 9 die Möglichkeit, das gewisse Gewaltvorfälle nicht erwähnt beziehungs- weise geleugnet würden, müsse berücksichtigt werden (vgl. BVGE 2014/30 E. 2.3.3.2). Dem sei nicht Rechnung getragen worden. Es sei of- fenkundig, dass der Sachverhalt im getakteten Verfahr en – insbesondere hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts – nicht vollständig habe er- stellt werden können. Entgegen der Meinung der Vorinstanz gebe es ge- nügend Anhaltspunkte, dass es der Beschwerdeführerin gesundheitlich nicht gut gehe. Auch könne nich t allein aufgrund der Aussage einer Min- derjährigen, es gehe ihr gut und sie hätte keine gesundheitlichen Prob- leme, davon ausgegangen werden, dass keine weiteren medizinischen Ab- klärungen hätten getroffen werden müssen. Dass die Beschwerdeführerin psychisch angeschlagen sei, sei der Vorinstanz bekannt. Die Beschwerde- führerin sei in den Strukturen für UMA untergebracht, wo ihr eine sozialpä- dagogische Fachperson zugeteilt sei. Diese wiederum stehe i n engem Kontakt zur Vorinstanz und gebe vermutlich Berichte üb er die physische und psychische Gesundheit der Betreuten ab. Diese Rapporte seien der Rechtsvertreterin, die auch Vertrauensperson der UMA sei, nicht zugäng- lich und es erfolge keine aktive Information seitens der Vorinstanz. Damit habe die Rechtsvertreterin die Rolle als Vertrauensperson auch nicht wirk- sam wahrnehmen können. Es sei folglich festzuhalten, dass die Vorinstanz den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt habe, indem die Befragung nicht kindsgerecht durchgeführt worden sei. Bezüglich der familiären Ver- hältnisse stellt sich die Vorinstanz auf den Standpunkt, die Beschwerde- führerin sei den Fragen stets ausgewichen, womit sie ihre Mitwirkungs- pflicht verletzt habe. Dass die Vorinstanz bei blossem Nichtwissen auf Aus- weichen schliesse, erscheine mit Blick auf das Kindeswohl besonders stos- send. Nebst dem, dass diverse Fragen zu der nicht vorhandenen Familie anlässlich der Anhörung wiederholt gestellt worden seien, habe die Sach- bearbeiterin die Beschwerdeführerin mit weiterführenden und nicht alters- entsprechenden Fragen konfrontiert, die sie offensichtlich überfordert hät- ten – beispielsweise, weshalb sie nicht wüsste, wer ihre Eltern seien, oder weshalb sie nicht wisse, wo sie geboren sei. Derartige Fragen habe die Beschwerdeführerin stets mit «ich weiss es nicht» beantwortet. Zutreffend sei, dass eine erwachsene Gesuchstelleri n dieses Unwissen hätte sub- stantiieren können wie «Ich war damals noch zu klein, um mich daran er- innern zu können.» Von einer Minderjährigen könne diese Form von Selbs- treflexion schlicht nicht erwartet werden. Es werde auch nicht berücksich- tigt, dass die Beschwerdeführerin isoliert aufgewachsen sei, über fast keine Schulbildung verfüge und in einem Haushalt gelebt habe, in dem sie kein gesundes Selbstvertrauen habe entwickeln können. Es sei somit nicht an- gebracht, auf die Eloquenz und den Entwicklungsstand einer hiesigen (…)-D-6508/2019 Seite 10 Jährigen zu schliessen. Es werde seitens der Rechtsvertretung nicht be- stritten, dass die Beschwerdeführerin bei beiden Befragungen wortkarg ge- wesen sei, weshalb ein psychiatrisches Gutachten beantragt worden sei. Ausführungen im hier angefochtenen Entscheid zu besagten widersprüch- lichen Aussagen seien jedoch nirgends zu finden und insofern haltlos. Die Vorinstanz habe ferner keinerlei Nachforschungen angeordnet, um den Sachverhalt und die Identität der Beschwerdeführerin zu klären. Jedenfalls seien keine solchen Abklärungen durch die Schweizer Vertretung in Äthio- pien aus den Akten ersichtlich. Die Vorinstanz gebe die Verantwortung voll- umfänglich an die Minderjährige ab und mache eine Verletzung der Mitwir- kungspflicht geltend. Es liege somi t eine Verletzung des Untersuchungs- grundsatzes vor. Nach geltender Praxis des Bundesverwaltungsgerichts sei die Vorinstanz von Amtes wegen verpflichtet, spezifische Abklärungen der persönlichen Situation unter dem Blickwinkel des Kindeswohls vorzu- nehmen, widrigenfalls der Sachverhalt diesbezüglich als nicht korrekt und vollständig festgestellt gelte. Die Vorinstanz müsse konkrete Informationen über eine angemessene Aufnahme durch die Familien einholen. Das SEM müsse den UMA zum telefonischen Kontakt mit den Eltern sowie zu deren sozioökonomischen Situation befragen. Allenfalls seien weitere Abklärun- gen vorzunehmen hinsichtlich der effektiven Möglichkeit, bei der Rückkehr in adäquater Weise untergebracht und betreut zu werden. Diese konkreten Abklärungen inklusive der allfälligen Übernahmezusicherungen einer ge- eigneten Institution müssten vor Erlass einer wegweisenden Verfügung vorgenommen beziehungsweise eingeholt werden, damit sie einer gericht- lichen Überprüfung zugänglich seien. Vorliegend habe die Vorinstanz die Familiensituation nicht geklärt und es unterlassen, irgendwelche Abklärun- gen vorzunehmen. Der Vollständigkeit halber sei festzuhalten, dass selbst wenn man den Ausführungen der Vorinstanz folge und eine Verletzung der Mitwirkungspflicht annehme, die Vorinstanz bei der unbegleiteten minder- jährigen Beschwerdeführerin die obengenannten Abklärungen bezüglich der Frage des Vorhandenseins eines sozialen Netzes hätte tätigen müssen (vgl. BVGer -Urteil E -1279/2014 vom 7. September 2015 E. 5.3.2). Auf- grund der mangelhaften Anhörung sowie fehlender Abklärungen habe die Vorinstanz den rechtserheblichen Sachverhalt nicht korrekt und unvollstän- dig erhoben. Dabei verletze die Vorinstanz den Untersuchungsgrundsatz und damit den Anspruch auf rechtliches Gehör. Deshalb sei die angefoch- tene Verfügung wie beantragt aufzuheben und die Sache zur Neubeurtei- lung zurückzuweisen. D-6508/2019 Seite 11 5. 5.1 5.1.1 Das erstinstanzliche Asylverfahren hat im Fall unbegleiteter Minder- jähriger – wie der Beschwerdeführerin – gewissen Anforderungen zu ge- nügen, um d er speziellen Situation von Minderjährigen im Verfahren ge- recht zu werden. Gemäss Art. 17 Abs. 2bis AsylG werden Asylgesuche von unbegleiteten Minderjährigen prioritär behandelt und im Bundesasylzent- rum nimmt die zugewiesene Rechtsvertretung als Vertrauensperson die In- teressen der UMA wahr (vgl. Art. 17 Abs. 3 Bst. a AsylG und BVGE 2011/23 E. 5.3.1). Die Vertrauensperson muss über Kenntnisse des Asylrechts, des Rechts betreffend das Dublin-Verfahren und der Kinderrechte sowie über Erfahrung im Umgang mit Mi nderjährigen verfügen und begleitet und un- terstützt die unbegleitete minderjährige Person im Asyl - oder im Dublin - Verfahren und erfüllt folgende Aufgaben: Beratung vor und während den Befragungen; Unterstützung bei der Nennung und Beschaffung von Be- weismitteln; Beistand insbesondere im Verkehr mit Behörden sowie mit Einrichtungen des Gesundheitswesens (Art. 7 Abs. 3 AsylV 1). Sodann ha- ben Personen, die minderjährige asylsuchende Personen anhören, den besonderen Aspekten der Minderjährigkeit Rechnung zu tragen (Art. 7 Abs. 5 AsylV 1; vgl. hierzu BVGE 2014/30 E. 2.3). 5.1.2 Der Zweck der Massnahmen nach Art. 17 Abs. 3 AsylG und Art. 7 AsylV 1 liegt insofern auf der Hand, als minderjährige Personen, die aus ihrer geografischen, sprachlichen, kulturellen und sozialen Umgebung her- ausgerissen worden sind, sich deshalb in einer schwierigen Situation be- finden und gerade wegen ihres ju gendlichen Alters besonders verletzlich und meist mit ihrer Lage überfordert sind. Deshalb sollen sie während des Asylverfahrens durch eine Person ihres Vertrauens unterstützt werden, in- dem altersbedingte Erfahrungsdefizite ausgeglichen und die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden auf den Stand einer durchschnittlichen er- wachsenen asylsuchenden Person gebracht werden (vgl. Urteil des BVGer E-55256/2017 vom 9. Mai 2018 E. 6.2.1; D -2363/2016 vom 29. Mai 2017 E. 3.2; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs- kommission [EMARK] 2003 Nr. 1 E. 3). 5.2 Insofern in der Beschwerde geltend gemacht wird, es habe keine kinds- gerechte Anhörung stattgefunden, ist vorab festzustellen, dass die Be- schwerdeführerin im Zeitpunkt der Anhörung (…)-jährig gewesen ist und das SEM ohne vorgängige Abklärung von der Urteilsfähigkeit der Be- schwerdeführerin ausgegangen ist. Im Asylverfahren wird in der Regel ab D-6508/2019 Seite 12 dem 14. Altersjahr von der Urteilsfähigkeit der Gesuchstellenden ausge- gangen. Entscheidend für die Beurteilung der Urteilsfähigkeit ist jedoch, ob die betroffene minderjährige Person in der Lage ist, bezüglich der in einem Asylverfahren erforderlichen Mitwirkung vernunftgemäss zu handeln, ins- besondere die Verfolgungssituation nachvollziehbar zu schildern (vgl. JO- ANA MARIA MÖSCH, Multidisziplinäres Verfahren unbegleiteter minderjähri- ger Asylsuchender, in Jusletter vom 15. August 2016, Ziff. 1.1 S. 7). Vorlie- gend wird die Urteilsfähigkeit der minderjährigen Beschwerdeführerin nicht in Frage gestellt. Das SEM stel lte aber fest, dass die Minderjährigkeit of- fenkundig sei und die Beschwerdeführerin kindlich wirke. Insofern wäre es wichtig gewesen, diesem Umstand anlässlich der Anhörung gebührend Rechnung zu tragen, indem sich die Befragerin voll und ganz der Be- schwerdeführerin zugewandt hätte, ohne zusätzlich das Protokoll zu füh- ren. Zumindest ist mit der Unterstützung der Rechtsvertreterin und der Dol- metscherin die nonverbale Kommunikation im Protokoll festgehalten wor- den und es hat eine entsprechende Einleitung statt gefunden. Obwohl die Beschwerdeführerin sichtlich Mühe hatte, über ihre familiären Verhältnisse zu sprechen (vgl. Akte 1051233-13/15 [nachfolgend A13] F76 f.), stellte die Befragerin anfangs durchgehend Fragen zu diesem Thema . Dabei hätte die Befragerin merken müssen, dass die Beschwerdeführerin ständig Trä- nen in den Augen hat te oder weinte (vgl. A13 F18, F39, F41, F43, F56, F77, und entsprechend reagieren müssen, beispielsweise dahingehend, sich nach ihrem Befinden beziehungsweise dem Grund für das Weinen zu erkundigen, ihr ein Glas Wasser oder eine Pause an zubieten. Der erste Teil der Anhörung erweckt nach Durchsicht des Protokolls nicht den Ein- druck, die Beschwerdeführerin sei aufgrund der Befragungssituation in der Lage gewesen, sich frei zu äussern. Zudem wurde wiederholt nach Zeit- punkten und Zeitspannen gefragt, obwohl die Beschwerdeführerin bereits ausgesagt hatte, dass sie es nicht wisse. Sie sei in einem grossen Stress gewesen (vgl. A13 F31, F35 , F67-F72, F108, F109). Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Anhörung zwar nicht wie bei einem Er- wachsenen durchgeführt worden ist und dem Aspekt der Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin teilweise Rechnung getragen wurde , allerdings nicht hinreichend. Vor diesem Hintergrund kann nicht davon ausgegangen werden, die Beschwerdeführerin sei anlässlich der Anhörung in der Lage gewesen, ihre Gründe für das Asylgesuch genügend klar und vollständig darzulegen. 5.3 Schliesslich wurde das SEM drei Tage nach der Anhörung von der Rechtsvertreterin mit Schreiben vom 21. November 2019 darauf hingewie- sen, dass Abklärungen zum Gesundheitszustand angebracht wären und D-6508/2019 Seite 13 die Beschwerdeführerin dem erweiterten Verfahren zuzuweisen sei. Die Beschwerdeführerin gab zwar anlässlich der Erstbefragung und der Anhö- rung an, es ge he ihr gesundheitlich gut. Allerdings ist bei minderjährigen Personen zu berücksichtigen, dass psychische Beschwerden anders als die körperlichen Beschwerden für diese nicht leicht zu artikulieren sind. An- gesichts dessen, dass die Beschwerdeführerin anlässlich der Anhörung im- mer wieder weinen musste und die befragende Sachbearbeiterin es unter- lassen hatte, sie nach dem Grund und nochmals nach dem Befinden zu fragen, darf aus ihrer Aussage, gesund zu sein, nicht voreilig der Schluss gezogen werden, sie habe keine gesundheitlichen Beschwerden und des- halb auf jegliche Abklärungen ihres Gesundheitszustandes zu verzichten. In der Beschwerde wird darauf hingewiesen, die KESB habe nach Einlei- tung einer eventuellen Kindswohlgefährdung eine Abklärung des psychi- schen Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin veranlasst. Auf- grund der Mitteilungen der Vertrauensperson an das SEM und den Um- ständen anlässlich der Anhörung hätte für das SEM hinreichend Anlass be- standen, den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin weiter abzuklä- ren. 5.4 In der Beschwerde wird ein Rapport einer Betreuungsperson erwähnt, wonach die Beschwerdeführerin in der Unterkunft während der Nacht ein Spezialsetting benötigt habe. Ein solcher liegt den vorinstanzlichen Akten nicht bei. Sollte ein solcher oder gar mehrere tatsächlich existieren, ist das SEM anzuweisen, diese zu den Akten zu nehmen, ansonsten es seine Ak- tenführungspflicht verletzen würde. 5.5 5.5.1 Ferner wird in der Beschwerde gerügt, das SEM habe die Untersu- chungspflicht verletzt, indem es keine spezifischen Abklärungen betreffend den Wegweisungsvollzug vorgenommen habe. Das SEM führte betreffend die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus, die Beschwerdeführerin habe ihre Identität, ihre heimatliche Situation und ihre persönlichen Le- bensumstände bewusst zu verschleiern versucht und damit die Mitwir- kungspflicht verletzt. Es würden deshalb weder die in der tatsächlichen Herkunftsregion innerhalb Äthiopien s herrschende politische Situation noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit der Rückführung der Be- schwerdeführerin dorthin sprechen. 5.5.2 Sofern eine minderjährige Person noch sehr jung und nicht in der Lage ist, ihre Gründe für das Asylgesuch genügend klar und vollständig darzulegen, kann ihr grundsätzlich keine Verletzung der Mitwirkungspflicht D-6508/2019 Seite 14 vorgehalten werden (vgl. EMARK 1999 Nr. 2 E. 6d [in Bezug auf eine […] Jahre alte Person). Wie bereits festgestellt, konnte die Beschwerde- führerin anlässlich der Anhörung ihre familiären Umstände aufgrund ihrer psychischen Verfassung wie auch ihre Asylgründe nicht klar ausdrücken (vgl. E. 5.2). 5.5.3 Das SEM ist im Zusammenhang mit der Anordnung des Wegwei- sungsvollzugs von unbegleiteten Minderjährigen von Amtes wegen ver- pflichtet, spezifische Abklärungen der persönlichen Situation unter dem Blickwinkel des Kindeswohls v orzunehmen, widrigenfalls der Sachverhalt nicht als korrekt und vollständig festgestellt gilt. Die zuständige Behörde hat gemäss Art. 69 Abs. 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (Auslän- der- und Integrationsgesetz, AIG [SR 142.20]) vor einer Ausschaffung von unbegleiteten minderjährigen Personen zudem sicherzustellen, dass diese im Rückkehrstaat einem Familienmitglied, einem Vormund oder einer Auf- nahmeeinrichtung übergeben werden, welche den Schutz des Kindes ge- währleisten. Diese konkreten Abklärungen inklusive der allfälligen Über- nahmezusicherungen einer geeigneten äthiopischen Institution sind vor Er- lass einer wegweisenden Verfügung des SEM vorzunehmen respektive einzuholen, damit sie ein er gerichtlichen Überprüfung offenstehen (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.3). Das SEM durfte sich im vorliegenden Fall aufgrund der Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin nicht darauf beschränken, auf eine Verletzung der Mitwirkungspflicht zu verweisen und die im Gesetz vor- gesehenen spezifischen Abklärungen dem vollziehenden Kanton zu über- lassen. Vielmehr hat das SEM die Pflicht, von Amtes wegen konkreter ab- zuklären, ob die Beschwerdeführerin in Äthiopien in ein familiäres Umfeld zurückgeführt und wem sie dort anvertraut werden kann, beziehungsweise ob sie – wo dies nicht möglich ist oder dem Wohl des Kindes nicht ent- spricht – anderweitig untergebracht werden kann. In diesem Zusammen- hang wäre ein blosser allfälliger Hinweis auf eine Empfangnahme und Wei- tervermittlung durch die Schweizer Vertretung vor Ort respektive in Äthio- pien zu gegebenem Zeitpunkt im Lichte oben erwähnter Anforderungen als ungenügend zu erachten. Die Beschwerdeführerin gab sodann ihren Na- men, ihren Vornamen, das Geburtsdatum und ihren Wohnort übereinstim- men bekannt, weshalb es dem SEM möglich gewesen wäre, anhand dieser Angaben Abklärungen zu treffen. Das SEM ist den Anforderungen zur um- fassenden Würdigung sämtlicher für das Kindeswohl relevanten Kriterien mithin nicht gerecht geworden und es hat nicht geklärt, in wessen Obhut D-6508/2019 Seite 15 die Beschwerdeführerin beim angeordneten Wegweisungsvollzug in Äthi- opien übergeben werden und wie diese Empfangnahme im Heimatland konkret vonstattengehen soll. 5.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass im vorliegenden Fall zusätz- liche Abklärungen (gesundheitlicher Zustand der Beschwerdeführerin; er- neute Anhörung, welche den besonderen Aspekten der Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin Rechnung trägt; spezifische Feststellung der per- sönlichen Situation hinsichtlich Durchführba rkeit des Wegweisungsvoll- zugs) notwendig sind, und die Vorinstanz den Sachverhalt unvollständig erstellt, mithin Bundesrecht verletzt hat. 6. Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Im vorliegenden Fall ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, zumal die Erste llung des Sachverhalts weiterer Abklärungen bedarf und die oben genannten weiteren Untersu- chungsmassnahmen den Rahmen des Beschwerdeverfahrens sprengen würden. Dies rechtfertigt sich umso mehr, als vorliegend aufgrund einer mangelhaften Triage erstinstanzlich ein beschleunigtes Verfahren durch- geführt wurde, was offensichtlich nicht sachgerecht ist. Der Beschwerde- führerin bleibt auf diese Weise zudem der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als im Asylverfahren das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet (vgl. dazu BVGE 2009/53 E. 7.3, 2008/47 E. 3.3.4, 2008/14 E. 4.1). 7. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, die vorinstanzliche Verfügung vom 28. November 2019 aufzuheben und die Sache zur voll- ständigen und richtigen Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses werden damit gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-6508/2019 Seite 16 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die vorinstanzliche Verfügung vom 28. November 2019 wird aufge hoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur vollständige und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Ferreyra Versand: