<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 39" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 39</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">246</span> </div> <div class="page" id="S246"> <div role="main"> <span class="text"><b>B. Erbrecht </b></span><br/> <span class="text"><b>39 </b> <b>Art. 554 Abs. 1 Ziff. 3 ZGB; Art. 555 Abs. 1 ZGB</b></span><br/> <span class="text">Für die Anordnung der Erbschaftsverwaltung nach Art. 554 Abs. 1 Ziff. 3</span><br/> <span class="text">ZGB und des Erbenrufs nach Art. 555 Abs. 1 ZGB wird mehr verlangt</span><br/> <span class="text">als die blosse tatsächliche Möglichkeit der Existenz weiterer Nachkom-</span><br/> <span class="text">men, die bei Personen im Erwachsenenalter grundsätzlich stets besteht.</span><br/> <span class="text">Erforderlich ist das Vorliegen objektiver Anhaltspunkte, die für die Exis-</span><br/> <span class="text">tenz weiterer Nachkommen sprechen. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Zivilkammer, vom 16. September</span><br/> <span class="text">2019 (ZSU.2019.151)</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">3.2.</span><br/> <span class="text">Gemäss Art. 551 Abs. 1 ZGB hat die zuständige Behörde von</span><br/> <span class="text">Amtes wegen die zur Sicherung des Erbganges nötigen Massregeln</span><br/> <span class="text">zu treffen. Zu diesen Sicherungsmassregeln gehören unter anderem</span><br/> <span class="text">die Anordnung der Erbschaftsverwaltung sowie des Erbenrufs. Die</span><br/> <span class="text">Erbschaftsverwaltung ist namentlich dann anzuordnen, wenn bei der</span><br/> <span class="text">zuständigen Behörde Ungewissheit darüber besteht, ob ihr alle Erben</span><br/> <span class="text">des Erblassers bekannt sind (Art. 554 Abs. 1 Ziff. 3 ZGB). Diesfalls</span><br/> <span class="text">hat ausserdem auch ein Erbenruf zu ergehen (vgl. Art. 555 Abs. 1</span><br/> <span class="text">ZGB). Da die Anordnung der Erbschaftsverwaltung und die Durch-</span><br/> <span class="text">führung eines Erbenrufs den Nachlass für mindestens ein Jahr</span><br/> <span class="text">blockieren, sind diese Massnahmen aber nur dann anzuordnen, wenn</span><br/> <span class="text">sie im Sinne von Art. 551 Abs. 1 ZGB nötig sind. Ob die Anordnung</span><br/> <span class="text">der Erbschaftsverwaltung und ein Erbenruf nötig sind, beurteilt sich</span><br/> <span class="text">stets im Einzelfall und unter Einhaltung des Verhältnismässigkeits-</span><br/> <span class="text">grundsatzes. Die Ermittlung von zivilstandsregisterlich ausgewiese-</span><br/> <span class="text">nen Nachkommen hat Vorrang vor einem Erbenruf und einer damit</span><br/> <span class="text">zusammenhängenden Erbschaftsverwaltung. Erst wenn die zustän-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">247</span> </div> <div class="page" id="S247"> <div role="main"> <span class="text">dige Behörde die üblichen Auskünfte bei den entsprechenden Ämtern</span><br/> <span class="text">eingeholt hat, kann sie beurteilen, ob eine Ungewissheit über die</span><br/> <span class="text">Erbberechtigung nach Art. 555 Abs. 1 ZGB (und nach Art. 554</span><br/> <span class="text">Abs. 1 Ziff. 3 ZGB) besteht. Besteht aus objektiven Gründen eine</span><br/> <span class="text">gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass zusätzlich zu den bekannten</span><br/> <span class="text">Nachkommen des Erblassers weitere, nicht durch zivilstandsregister-</span><br/> <span class="text">liche Anerkennung legalisierte Nachkommen vorhanden sind, ist die</span><br/> <span class="text">Anordnung eines Erbenrufs und einer Erbschaftsverwaltung zu be-</span><br/> <span class="text">fürworten. Dabei wird mehr verlangt als die blosse tatsächliche Mög-</span><br/> <span class="text">lichkeit der Existenz weiterer Nachkommen, die bei Personen im</span><br/> <span class="text">Erwachsenenalter grundsätzlich stets besteht (zum Ganzen OGer ZH</span><br/> <span class="text">LF180012 vom 20. März 2018 E. 3.3). Stattdessen muss eine eini-</span><br/> <span class="text">germassen erhebliche Möglichkeit bestehen, dass weitere Nach-</span><br/> <span class="text">kommen vorhanden sind (Emmel, in: Abt/Weibel [Hrsg.], Praxis-</span><br/> <span class="text">kommentar Erbrecht, 3. Aufl. 2015, N. 7 zu Art. 554 ZGB).</span><br/> <span class="text">3.3.</span><br/> <span class="text">Aufgrund von Art. 551 Abs. 1 ZGB i.V.m. Art. 554 Abs. 1</span><br/> <span class="text">Ziff. 3 ZGB traf die zuständige Behörde vorliegend von Amtes we-</span><br/> <span class="text">gen eine Pflicht, abzuklären, ob weitere Erben vorhanden sind. Dass</span><br/> <span class="text">die Vorinstanz bzw. die Gemeinde X daher Abklärungen traf, ob wei-</span><br/> <span class="text">tere gesetzliche Erben - namentlich auch vor- oder aussereheliche</span><br/> <span class="text">Nachkommen - bestehen, stellt keine Verletzung der Rechtsgleich-</span><br/> <span class="text">heit dar.</span><br/> <span class="text">Die bisher getätigten Abklärungen der Vorinstanz bzw. der Ge-</span><br/> <span class="text">meinde X haben ergeben, dass der Erblasser gemäss schwei-</span><br/> <span class="text">zerischem Ausweis über den registrierten Familienstand die vier</span><br/> <span class="text">Kinder A., B., C. und D. hinterlässt. Im Todesfallgespräch der Ge-</span><br/> <span class="text">meinde hat die Tochter A. - ohne Nachfrage, aber mit Nachdruck -</span><br/> <span class="text">sodann bestätigt, dass keine weiteren Nachkommen vorhanden seien.</span><br/> <span class="text">Da der Erblasser ursprünglich slowakischer Staatsangehöriger war,</span><br/> <span class="text">hat die Gemeinde X ausserdem eine Konsultation des Registers der</span><br/> <span class="text">Slowakischen Bürger veranlasst. Gemäss diesem Register hat der</span><br/> <span class="text">Erblasser keine Kinder registriert - dies obwohl die vier bekannten</span><br/> <span class="text">Kinder in der Slowakei geboren wurden. Vor diesem Hintergrund</span><br/> <span class="text">schlussfolgerten die Gemeinde X bzw. die Vorinstanz, dass nicht</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">248</span> </div> <div class="page" id="S248"> <div role="main"> <span class="text">ausgeschlossen werden könne, dass weitere vor- oder aussereheliche</span><br/> <span class="text">Nachkommen vorhanden seien.</span><br/> <span class="text">Diese Schlussfolgerung ist an sich korrekt. Allerdings müssen</span><br/> <span class="text">für die Anordnung der Erbschaftsverwaltung objektive Anhaltspunk-</span><br/> <span class="text">te vorliegen, die für die Existenz von weiteren Nachkommen spre-</span><br/> <span class="text">chen. Die blosse tatsächliche Möglichkeit der Existenz weiterer</span><br/> <span class="text">Nachkommen reicht nicht aus, weil eine solche bei erwachsenen Per-</span><br/> <span class="text">sonen grundsätzlich immer besteht. Aufgrund der vorhandenen Er-</span><br/> <span class="text">kenntnisse ist es zwar möglich, aber nicht als wahrscheinlich zu be-</span><br/> <span class="text">trachten, dass der Erblasser weitere Nachkommen hinterlassen hat.</span><br/> <span class="text">Denn es bestehen keine objektiven Anhaltspunkte für das Vorhan-</span><br/> <span class="text">densein weiterer Nachkommen. Von der Anordnung der Erbschafts-</span><br/> <span class="text">verwaltung wie auch des Erbenrufs ist daher abzusehen. Die Beru-</span><br/> <span class="text">fung ist damit in diesem Punkt gutzuheissen und der angefochtene</span><br/> <span class="text">Entscheid aufzuheben.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>