B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-7104/2017 U r t e i l v o m 2 3 . O k t o b e r 2 0 1 9 Besetzung Einzelrichter David R. Wenger, mit Zustimmung von Richter Lorenz Noli; Gerichtsschreiberin Eliane Kohlbrenner. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw El Uali Emmhammed Said, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Aargau, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 14. November 2017 / N (…). E-7104/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ersuchte am 16. Mai 2015 in der Schweiz um Asyl. Anlässlich der Befragung zur Person vom 12. Juni 2015 und der Anhörung vom 4. Juli 2016 gab die Beschwerdeführerin im Wesentlichen an, sie habe zuletzt mit ihrer Familie in B._______, Zoba C._______, gelebt. Die neunte Schulklasse habe sie nach zwei Monaten im Jahr 2015 abgebrochen. Ihr Verlobter sei vom Militärdienst desertiert. In der Folge sei sie in D._______ inhaftiert und zum Verlobten befragt worden. Nachdem ihr Vater 100'000 Nakfa gezahlt beziehungsweise eine Bürgschaft geleistet habe, sei sie nach zwei respektive einer Woche entlassen worden. Die Behörden hätten sie danach nicht in Ruhe gelassen beziehungsweise es sei nichts mehr vorgefallen. Eine Woche später, insgesamt zwei Monate nach Schulabb- ruch, sei sie im Januar 2015 illegal aus Eritrea ausgereist. Die Soldaten seien zur Familie ihres Verlobten gegangen. Ihre Flucht habe für nieman- den in Eritrea Konsequenzen gehabt. Sie habe kein Militärdienstaufgebot erhalten. Bei einer Rückkehr drohe ihr wegen der illegalen Ausreise eine Verhaftung. Die Beschwerdeführerin reichte ihren Taufschein im Original und Fotos der Identitätskarten ihrer Eltern ein. B. Mit Verfügung vom 14. November 2017 (eröffnet am 15. November 2017) stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingsei- genschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. C. Auf Gesuch hin stellte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin am 24. No- vember 2017 eine Kopie des Aktenverzeichnisses sowie Kopien der Akten zu, soweit sie dem Akteneinsichtsrecht unterlagen. D. Mit Eingabe vom 15. Dezember 2017 erhob die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, es sei die Verfü- gung der Vorinstanz vom 14. November 2017 aufzuheben und die Vor - instanz anzuweisen, d ie Fl üchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Verfügung der Vorinstanz vom 14. November 2017 aufzuheben und wegen Unzulässig-E-7104/2017 Seite 3 keit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Auf- nahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Verfügung der Vorinstanz vom 14. November 2017 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung und der am tlichen Verbei- ständung. Die Beschwerdeführerin reichte eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung ein. E. Mit Zwischenverfügung vom 20. Dezember 2017 hiess der Instruktionsrich- ter die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. F. Am 11. Oktober 2018 wurde die Tochter der Beschwerdeführerin geboren. G. Auf Gesuch hin hiess der Instruktionsrichter mit Zwischenverfügung vom 14. März 2019 einen Wechsel der amtlichen Rechtsvertretung gut. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie- gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge- setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Ge- setzesbezeichnung verwendet. E-7104/2017 Seite 4 2. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverw altungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh- rerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 3. 3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrec ht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition im Bereich des Ausländerrechts richtet sich nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 3.3 Dass die Gesuche der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Prozess- führung und Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes gutgeheissen wurden, die Beschwerde also im Zeitpu nkt der Beschwerdeerhebung als nicht aussichtslos eingestuft wurde (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG), steht einer Abweisung der Beschwerde im Verfahren nach Art. 111 Bst. e AsylG in be- stimmten Konstellationen nicht entgegen. Dies ist namentlich dann der Fall, wenn sich die Beschwerde aufgrund neuer Erkenntnisse oder einer geän- derten Rechtsauffassung während des Beschwerdeverfahrens als offen- sichtlich unbegründet erweist (Urteil des BVGer E-8098/2015 vom 26. April 2016 E. 2.2.2). Dies ist vorliegend der Fall. 4. 4.1 Das Eventualbegehren der Beschwerdeführerin, die angefochtene Ver- fügung sei aufzuheben und die Sache sei zur Neubeurteilung an die Vor - instanz zurückzuweisen, wird in der Beschwerdeschrift damit begründet, die Vorinstanz habe es unterlassen, weitere Anknüpfungspunkte (nebst der illegalen Ausreise), welche sie in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, eingehend zu prüfen. E-7104/2017 Seite 5 4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be- hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Part eistandpunkten einlässlich ausei- nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspf licht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri- ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor- den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe- sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/ BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bun- des, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Die Vorinstanz hat die illegale Ausreise und den vorgebrachten Anknüp- fungspunkt, die Haft, geprüft und für unglaubhaft befunden. Es ist nicht ihre Aufgabe nach weiteren, nicht geltend gemachten Anknüpfungspunkten zu forschen. Es besteht deshalb keine Veranlassung, die Sache aus formellen Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entspre- chende Rechtsbegehren ist abzuweisen. 5. 5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Ar t. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). E-7104/2017 Seite 6 5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6. 6.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, die Beschwerdefüh- rerin habe widersprüchliche Angaben zur Dauer der Haft, zum Grund ihrer Ausreise, zu den Konsequenzen der Desertion ihres Verlobten für dessen Familie, zur illegalen Ausreise sowie zum Zeitpunkt der Ausreise ihrer Brü- der gemacht. Zudem seien die Schilderungen, insbesondere zum Zeit- punkt ihrer Ausreise, vage ausgefallen. Die Haft und die illegale Ausreise seien daher unglaubhaft. Der Wegweisungsvollzug sei zulässig, zumutbar und möglich. 6.2 Die Beschwerdeführerin macht g eltend, sie habe den Ablauf der Ver- haftung, die Räumlichkeiten des Elternhauses, die Zeit im Gefängnis und die illegale Ausreise äusserst detailliert beschrieben. Die Befragung habe kurz nach ihrer Einreise stattgefunden, weshalb sie nicht zur Beurteilung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen herangezogen werden könne. Die ille- gale Ausreise sei glaubhaft und stelle einen subjektiven Nachfluchtgrund dar. Unabhängig davon, ob ihre Vorbringen und die illegale Ausreise als glaubhaft betrachtet würden, drohe ihr bei einer Rückkehr nach Eritrea eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe. Die bevorstehende Einberufung in den Militärdienst stelle zudem eine Verletzung von Art. 4 EMRK dar. 7. 7.1 Die Vorinstanz hat zu Recht festgestellt, dass die Angaben der Be- schwerdeführerin zahlreiche Widersprüche aufweisen. An der Befragung gab sie an, sie sei zwei Wochen inhaftiert gewesen, während sie an der Anhörung nur von einer Woche sprach. Anlässlich der Befragung meinte sie, ihr Vater habe 100'000 Nakfa für ihre Freilassung gezahlt. An der An- hörung verneinte sie ausdrücklich, dass der Vater Geld gezahlt habe; er habe lediglich bürgen müssen. An der Befragung meinte sie, in der Woche zwischen ihrer Freilassung und der Ausreise sei sie nicht in Ruhe gelassen worden. Die Familie des Verlobten habe hingegen keine Probleme mit den Behörden gehabt. An der Anhörung verneinte sie irgendwelche Probleme E-7104/2017 Seite 7 nach ihrer Freilassung, gab aber an, die Behörden hätten danach die Fa- milie des Verlobten aufgesucht. Ihre Angabe, sie sei im Januar 2015 aus- gereist, ist zudem nicht vereinbar mit der Aussage, sie habe das neunte Schuljahr nach zwei Monaten, also circa im März 2015, abgebrochen und sei zwei Monate nach dem Abbruch, circa Mai 2015, ausgereist. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin ist die Schi lderung der Haft äusserst vage ausgefallen. Auf die Aufforderung, den Tagesablauf in der Haft detail- lierter zu schildern, führte sie lediglich aus, es habe Frauen - und Männer- räume sowie Häuser der Vorgesetzten gegeben. Sie seien dagesessen oder hätten gesc hlafen, hätten gegessen und miteinander gesprochen. Insgesamt ist die vorgebrachte Haft und Verfolgung wegen der Desertion ihres Verlobten als unglaubhaft einzustufen. Anzufügen bleibt, dass selbst wenn dies glaubhaft wäre, die Beschwerdeführerin nach eigenen Angaben, nach der Freilassung keine weiteren Probleme mit den eritreischen Behör- den hatte, womit es ohnehin an einem asylrelevanten Ausreisegrund fehlen würde. Die Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise kann aufgrund der Erwä- gung 7.3 offenbleiben. 7.2 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs- sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige- rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei- nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regel- mässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit auf- gefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht haben, einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinn von Art. 1A Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen (vgl. zum Ganzen Entscheidungen und Mitteilungen der ehemaligen Asyl- rekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3; jüngst bestätigt im Urteil des BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1). Die Beschwerdeführerin brachte nicht vor, sie habe sich einem Aufgebot zum Militärdienst widersetzt oder sei aus dem Militärdienst desertiert. Es E-7104/2017 Seite 8 ist somit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin von den eritrei- schen Behörden nicht als Dienstverweigerin angesehen wird. 7.3 Das Bundesverwaltungsgericht kam im Referenzurteil D -7898/2015 vom 30. Januar 2017 nach einer eingehenden Lageanalyse zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flücht- lingseigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Es sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrele- vante Verfolgung drohe. Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werde; ob eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von Art. 3 EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zulässigkeit bzw. Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Für die Begrün- dung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext bedürfe es neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevan- ten Verfolgungsgefahr führen könnten (E. 5.1 f.). Die geltend gemachte Haft und Verfolgung wurden für unglaubhaft befun- den (vgl. E. 7.1). Zudem hatte die Beschwerdeführerin keinerlei Kontakt mit der eritreischen Militärverwaltung. Es liegen somit nebst der angeblichen illegalen Ausreise keine zusätzlichen Anknüpfungspunkte vor, welche sie in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, beziehungsweise zu einer Schärfung ihres Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relev anten Verfolgungsgefahr führen könnten. Der Beschwerdeführerin ist es somit nicht gelungen, eine rele- vante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 respektive Art. 54 AsylG dar- zutun. Die Vorinstanz hat ihre Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint. 8. Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent- haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet. 9. 9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis E-7104/2017 Seite 9 nach den gesetz lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). 9.2 9.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AuG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent- gegenstehen. Vorliegend kommt der Beschwerdeführerin keine Flücht- lingseigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwend- bar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge- meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). 9.2.2 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK und Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigende r Strafe oder Behand- lung unterworfen werden. 9.2.3 Das Bundesverwaltungsgericht klärte im Grundsatzurteil BVGE 2018 VI/4 die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei dro- hender Einziehung in den eritreischen Nationaldienst unter den Aspekten des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2 EMRK), des Folterverbots und der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK). Das Bundesverwaltungsgericht stellte fest, die Bemessung der Dienst- dauer und die Gewährung von Urlauben im eritreischen Nationaldiens t seien für die Einzelperson kaum vorhersehbar. Die durchschnittliche Dienstdauer lasse sich nicht genau beziffern, auszugehen sei jedoch da- von, dass sie zwischen fünf und zehn Jahre betrage und in Einzelfällen darüber hinausgehen könne. Die Lebensbedingungen gestalteten sich so- wohl in der Grundausbildung als auch im militärischen und im zivilen Nati- onaldienst schwierig; der Nationaldienstsold reiche kaum aus, um den Le- bensunterhalt zu decken. Darüber hinaus komme es im eritreischen Natio- naldienst – insbesondere in der Grundausbildung und im militärischen Na- tionaldienst – zu Misshandlungen und sexuellen Übergriffen. Die Bedin- gungen im Nationaldienst seien folglich grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifizieren. Für die Annahme der Unzu- lässigkeit des Wegweisungsvollzugs reiche diese Einschätzung jedoch E-7104/2017 Seite 10 nicht aus. Vielmehr wäre hierfür erforderlich, dass durch die Einziehung in den eritreischen Nationaldienst das ernsthafte Risiko einer schwerwiegen- den Verletzung von Art. 4 Abs. 2 EMRK bestünde, mithin der Kerngehalt dieser Bestimmung verletzt würde. Eine solche Situation liege indessen nicht vor. Nicht erstellt sei zudem, dass die berichteten Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart systematisch stattfänden, dass jede Natio- naldienstleistende und jeder Nationaldienstleistende dem ernsthaften Ri- siko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden (vgl. a.a.O. E. 6.1, insbes. 6.1.5). 9.2.4 Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) müsste die Beschwe rdeführerin mit Blick auf Art. 3 EMRK eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung dro- hen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Nr. 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Im BVGE 2018 VI/4 wurde diesbezüglich ausgeführt, dass keine hinreichenden Belege dafür existieren, Misshandlungen und sexuelle Übergriffe würden im National- dienst derart flächendeckend stattfinden, dass jede Dienstleistende und je- der Dienstleistender dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst sol- che Übergriffe zu erleiden. Es besteht daher kein ernsthaftes Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle einer Einziehung in den eritreischen Nationaldienst (vgl. E. 6.1.6). 9.2.5 Aus den Akten ergeben sich keine weiteren Gründe für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. Der Wegweisungsvollzug ist folglich als zulässig zu betrachten. 9.3 9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. 9.3.2 Nach aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise ei- ner generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in einigen Be- reichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwie- rig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zu- gang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist E-7104/2017 Seite 11 seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die umfang- reichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Bevöl- kerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung aus- gegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle Fakto- ren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D -2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.). 9.3.3 Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich um eine junge und ge- sunde Frau. Sie hat ein einjähriges Kind. Sie besuchte bis zur neunten Klasse die Schule und hat danach auf dem familieneigen en Landwirt- schaftsbetrieb gearbeitet. In ihrer Heimat verfügt sie über ein familiäres Be- ziehungsnetz (Eltern, Bruder und Halbschwester). Zudem leben ein Bruder in der Schweiz, zwei Brüder in Israel und ein Bruder in England. Der Bruder in England unterstütze ihre Ausreise finanziell. Vor ihrer Ausreise lebte sie mit ihren Eltern und Geschwistern zusammen. Es ist davon auszugehen, dass sie mit ihrem Kind bei einer Rückkehr wieder bei ihrer Familie wohnen kann und die Familie in Eritrea sowie ihre Brüder im A usland sie bei ihrer sozialen und wirtschaftlichen Wiedereingliederung unterstützen werden. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch in individueller Hin- sicht als zumutbar. 9.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. E-7104/2017 Seite 12 11. 11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer- deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1 -3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfügung vom 20. Dezember 2017 wurden indes die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie amtliche Verbeiständung gutgeheis- sen. Der Beschwerdeführerin sind deshalb trotz Unterliegens keine Verfah- renskosten aufzuerlegen. 11.2 Der ehemalige Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, MLaw Ruedy Bollack, reichte keine Honorarnote ein. Der Aufwand lässt sich allerdings aufgrund der Akten zuverlässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In An- wendung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8–11 VGKE) ist das Honorar auf Fr. 900.– (inkl. Auslagen) festzusetzen. Da der ehemalige Rechtsvertreter – wie der jetzige Rechtsvertreter MLaw El Uali Emmhammed Said – bei der Rechtsberatungsstelle für Asylsu- chende Aargau tätig war, verbleibt der Honoraranspruch bei dieser Rechts- beratungsstelle. Demzufolge ist MLaw El Uali Emmhammed Said ein amt- liches Honorar von Fr. 900.– zu Lasten des Gerichts auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-7104/2017 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird zu Lasten der Gerichtskasse eine Ent- schädigung von Fr. 900.– entrichtet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: David R. Wenger Eliane Kohlbrenner