B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung I A-4316/2020 U r t e i l v o m 2 3 . S e p t e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richter Jürg Steiger (Vorsitz), Richterin Annie Rochat Pauchard, Richter Keita Mutombo, Gerichtsschreiber Roger Gisclon. Parteien A._______ GmbH, Beschwerdeführerin, gegen Zollkreisdirektion I (Zoll Nord), Sektion Tarif und Veranlagung, handelnd durch die Oberzolldirektion, Eidgenössische Zollverwaltung EZV, Dienstbereich Grundlagen, Sektion Recht, Vorinstanz. Gegenstand Zoll; Tarifierung («Sugar coated Cashews, Peanuts») A-4316/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Die A._______ GmbH (Spediteurin) meldete am 16. April 2020 bei der Zoll- stelle Rheinfelden-Autobahn (Zollstelle) im EDV -Verfahren e-dec eine für die Firma B._______, Zürich, bestimmte Sendung zur Überführung in den zollrechtlich freien Verkehr mit Antrag auf provisorische Veranlagung an, weil noch Unklarheiten über die Tarifierung bestanden. B. Die provisorische Einfuhrzollanmeldung der Sendung lautete wie folgt: «Party Cashew-Erdnuss-Mix Ho/Sa, nicht dragiert, nur durch Zuckersirup gezogen, Z uckergehalt unter 30 Gewichtsp rozenten; Zolltarifnummer 1704.9020; Eigenmasse: 2304.0 kg, Rohmasse: 2671.3 kg; MWST -Wert CHF 13'833.-; Normal-Zollansatz CHF 55.- je 100 kg brutto; Versendungs- land: DE; Provisorischer Grund: Tarifierung». Das Selektionsergebnis durch das EDV-System lautete auf «gesperrt». C. Am 16. April 2020 nahm die Zollstelle eine Beschau der Sendung vor. Sie entnahm drei Einzelverkaufspackungen der Nussmischung à 150 g als Muster und unterbreitete diese für eine chemisch -technische Untersu- chung dem Eidgenössischen Institut für Metrologie (METAS). D. Die Zollstelle teilte der Spediteurin am 25. Mai 2020 mit, dass die Überprü- fung des Produkts eine Einreihung in die Tarifnummer 1704.9020 ergeben habe. Aufgrund dieser Veranlagung erfolgte die Freigabe. Gemäss Veran- lagungsverfügung war für die betreffende Position ein Zoll in der Höhe von CHF 1'469.20 geschuldet (CHF 55.- je 100 kg brutto). E. Am 25. Mai 2020 reichte die Spediteurin bei der Zollstelle Beschwerde ge- gen die Veranlagungsverfügung ein. Sie beantragte die Einreihung der Nussmischung in die Tarifnummer 2008. Die Zollstelle überwies die Be- schwerde zuständigkeitshalber an die Zollkreisdirektion I. F. Mit Beschwerdeentscheid vom 19. August 2020 wies d ie Zollkreisdirek- tion I (Zoll Nord, Vorinstanz) die Beschwerde ab und auferlegte der Spedi- teurin Verfahrenskosten in der Höhe von CHF 300.-. Zur Begründung legte die Vorinstanz im Wesentlichen dar, die Prüfung des Musters habe lau t A-4316/2020 Seite 3 dem Laborbefund des METAS ergeben, dass es sich beim fraglichen Pro- dukt um eine Mischung aus gerösteten Cashew - und Erdnusskernen mit einem vollständigen, zusammenhängenden Zuckerüberzug handle. Im Weiteren weise die Nussmischung alleine aufgrund des ent haltenen Zu- ckers und Honigs einen gesamten Zuckergehalt von mehr als 30 Gewichts- prozenten auf. In der Folge sei das Produkt in die Tarifnummer 1704.9010/20 einzureihen. G. Mit Eingabe vom 28. August 2020 führt die Spediteurin (Beschwerdeführe- rin) Beschwerde gegen den Entscheid der Vorinstanz vor dem Bundesver- waltungsgericht. Sinngemäss beantragt sie die Aufhebung des Entscheids und die Tarifierung des Produkts in die Tarifnummer 2008.1990. Zur Be- gründung macht sie im Wesentlichen geltend, entgegen dem Laborbefund seien die Nüsse teilweise und nicht vollständig mit einer Zuckerkruste be- haftet. Im Weiteren sei zu Tarifierungszwecken Honig nicht mit Zucker gleichzusetzen. Im Übrigen liege eine Zolltarifauskunft der Europäischen Union vor, die bei einem entsprechenden Produkt ebenfalls die Tarifierung in die Position 2008.19[..] bestätigt habe. H. In ihrer Vernehmlassung vom 8. September 2020 schliesst die Vorinstanz auf Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge. Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten sowie die Akten wird, soweit dies für den Entscheid wesentlich ist, im Rahmen der folgenden Erwägun- gen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Beschwerdeentscheide der Zollkrei sdirektionen können gemäss Art. 31 i.V.m. Art. 33 Bst. d VGG beim Bundesverwaltungsgericht ange- fochten werden. Im Verfahren vor dieser Instanz wird die Zollverwaltung durch die OZD vertreten (Art. 116 Abs. 2 des Zollgesetzes vom 18. März 2005 [ZG, SR 631.0]). Das Verfahren richtet sich – soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG) – nach den Vorschriften des VwVG. Die Beschwerdeführerin ist durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung (Art. 48 Abs. 1 VwVG). A-4316/2020 Seite 4 Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist demnach einzutreten. 1.2 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft den angefochtenen Ent- scheid grundsätzlich in vollem Umfang. Die Beschwerdeführerin kann mit der Beschwerde neben der Verletzung von Bundesrecht auch die unrich- tige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes sowie die Unangemessenheit rügen (vgl. Art. 49 VwVG). 2. 2.1 Jede Wareneinfuhr über die schweizerische Zollgrenze unterliegt grundsätzlich der Zollpflicht (vgl. Art. 7 ZG). Die Waren müssen nach dem ZG sowie nach dem Zolltarifgesetz vom 9. Oktober 1986 (ZTG, SR 632.10) veranlagt werden. Gemäss Art. 1 Abs. 1 ZTG sind alle Waren, die über die schweizerische Zollgrenze ein- und ausgeführt werden, nach dem Gene- raltarif zu verzollen, welcher in den Anhängen 1 und 2 des ZTG enthalten ist. 2.2 Unter dem Begriff Generaltarif (vgl. dazu auch Art. 3 ZTG) ist ein unter Beachtung der inländischen Gesetzgebung und unter Berücksichtigung der nationalen Bedürfnisse geschaffener Zolltarif zu verstehen. Er enthält die Tarifnummern, die Bezeichnungen der Waren, die Einreihungsvor- schriften, die Zollkontingente sowie die höchstmöglichen Zollansätze, wie sie grösstenteils im Abkommen vom 15. April 1994 zur Errichtung der Welt- handelsorganisation (GATT/WTO -Abkommen, SR 0.632.20, für die Schweiz in Kraft getreten am 1. Juli 1995) konsolidiert worden sind. Die Struktur des Generaltarifs basiert auf der Nomenklatur des internationalen Übereinkommens vom 14. Juni 1983 über das Harmonisierte System zur Bezeichnung und Codierung der Waren (nachfolgend: HS -Übereinkom- men, SR 0.632.11, für die Schweiz in Kraft getreten am 1. Januar 1988; vgl. statt vieler: Urteile des BVGer A-6248/2018 vom 8. Januar 2020 E. 3.2, A-5624/2018 vom 19. J uli 2019 E. 4.1, A -1635/2015 vom 11. April 2016 E. 5.1.1). Der Gebrauchstarif (vgl. dazu Art. 4 ZTG) entspricht im Aufbau dem Gene- raltarif und enthält die aufgrund von vertraglichen Abmachungen ermässig- ten Zollansätze. Er widerspiegelt die in Erlassen festgelegten gültigen Zoll- ansätze (vgl. zum Ganzen auch Botschaft vom 19. September 1994 zu den für die Ratifizierung der GATT/WTO -Übereinkommen [Uruguay -Runde] notwendigen Rechtsanpassungen, BBl 1994 IV 950 ff., 1004 f.; siehe auch A-4316/2020 Seite 5 Botschaft vom 22. Oktober 1 985 betreffend das Internationale Überein- kommen über das Harmonisierte System zur Bezeichnung und Codierung der Waren [HS] sowie über die Anpassung des schweizerischen Zolltarifs, BBl 1985 III 357, 377 f.). Der Gebrauchstarif, der für die Praxis primär re- levant ist, umfasst demnach neben den unverändert gebliebenen Ansätzen des Generaltarifs alle zu einem bestimmten Zeitpunkt handelsvertraglich vereinbarten Zollansätze und die autonom gewährten Zollpräferenzen. Der Gebrauchstarif enthält zudem auch die in besonderen Erlassen geregelten, aufgrund autonomer Massnahmen ermässigten Zollansätze (Urteile des BVGer A -6248/2018 vom 8. Januar 2020 E. 3.2, A -3404/2017 vom 16. März 2018 E. 2.2, A -1635/2015 vom 11. April 2016 E. 5.1.1; MICHAEL BEUSCH/MONIQUE SCHNELL LUCHSINGER, Wie harmonisiert ist das Harmo- nisierte System wirklich? in: Zollrevue, 1/2017 S. 12 ff., S. 12; vgl. THOMAS COTTIER/DAVID HERREN, in: Kocher/Clavadetscher [Hrsg.], Zollgesetz, 2009, Einleitung Rz. 103). 2.3 Der Generaltarif wird in der Amtlichen Samml ung des Bundesrechts (AS) nicht veröffentlicht. Die Veröffentlichung erfolgt durch Verweis (Art. 5 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 18. Juni 2004 über die Sammlungen des Bundesrechts und das Bundesblatt [PublG, SR 170.512]). Der Generaltarif kann jedoch mitsamt seinen Änderungen bei der OZD eingesehen oder im Internet abgerufen werden (www.ezv.admin.ch bzw. www.tares.ch). Das- selbe gilt für den Gebrauchstarif (Art. 15 Abs. 2 und Anhänge 1 und 2 ZTG). Trotz fehlender Veröffentlichung in der AS kommt dem Generaltarif Geset- zesrang zu (statt vieler: BGE 142 II 433 E. 5; Urteile des BVGer A-6248/2018 vom 8. Januar 2020 E. 3.3, A-3404/2017 vom 16. März 2018 E. 2.3, A -1635/2015 vom 11. April 2016 E. 5.1.2; BEUSCH/SCHNELL LUCHSINGER, a.a.O., S. 12). 2.4 2.4.1 Die Vertragsstaaten des HS -Übereinkommens – darunter die Schweiz – sind verpflichtet, ihre Tarifnomenklaturen mit dem Harmonisier- ten System in Übereinstimmung zu bringen und beim Erstellen der natio- nalen Tarifnomenklatur alle Nummern und Unternummern des Harmoni- sierten Systems sowie die dazugehörenden Codenummern zu verwenden, ohne dabei etwas hinzuzufügen oder zu ändern. Sie sind weiter verpflich- tet, die allgemeinen Vorschriften für die Auslegung des Harmonisierten Systems sowie alle Abschnitt-, Kapitel- und Unternummern-Anmerkungen anzuwenden. Sie dürfen den Geltungsbereich der Abschnitte, Kapitel, Nummern oder Unternummern des Harmonisierten Systems nicht verän- dern und haben seine Nummernfolge einzuhalten (Art. 3 Ziff. 1 Bst. a des A-4316/2020 Seite 6 HS-Übereinkommens; vgl. zum Ganzen: Urteil e des BVGer A -703/2019 vom 8. Juni 2020 E. 2.2.1, A -6248/2018 vom 8. Januar 2020 E. 3.4.1, A-1635/2015 vom 11. April 2016 E. 5.2.1; BEUSCH/SCHNELL LUCHSINGER, a.a.O., S. 14). 2.4.2 Die Nomenklatur des Harmonisierten Systems bildet somit die syste- matische Grundlage des schweizerischen Generaltarifs, dessen Kodierung durchwegs als achtstellige Tarifnummer pro Warenposition ausgestaltet und damit gegenüber der sechsstelligen Nomenklatur des Harmonisierten Systems um zwei Stellen verfeinert ist. Somit ist die schweiz erische No- menklatur bis zur sechsten Ziffer völkerrechtlich bestimmt. Die siebte und achte Position bilden schweizerische Unternummern, denen grundsätzlich ebenso Gesetzesrang zukommt, soweit sie mit Erlass des ZTG geschaffen worden sind. Da sowohl Bundesgesetze als auch Völkerrecht für die Zoll- verwaltung und alle anderen Rechtsanwender nach dem sog. Anwen- dungsgebot massgebendes Recht darstellen, ist diesfalls das Bundesver- waltungsgericht an die gesamte achtstellige Nomenklatur gebunden (Art. 190 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101]; vgl. statt vieler: Urteile des BVGer A-6248/2018 vom 8. Januar 2020 E. 3.4.2, A-5624/2018 vom 19. Juli 2019 E. 4.4; vgl. auch REMO ARPAGAUS, Zollrecht, 2. Auf. 2007, Rz. 578). 2.4.3 Die Vertragsstaaten des HS -Übereinkommens beabsichtigen eine einheitliche Auslegung der völkerrechtlich festgelegten Nomenklatur (vgl. Art. 7 Ziff. 1 Bst. b und c und Art. 8 Ziff. 2 des HS-Übereinkommens). Hierzu dienen unter anderem die «Avis de classem ent» (nachfolgend: Einrei- hungsavisen) und die «Notes explicatives du Système Harmonisé» (nach- folgend: Erläuterungen), welche vom Rat für die Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Zollwesens (Weltzollrat; heute: Weltzollorganisation) auf Vor- schlag des Ausschusses des Harmonisierten Systems genehmigt worden sind (Art. 1 Bst. e und f i.V.m. Art. 7 Ziff. 1 Bst. a-c i.V.m. Art. 8 Ziff. 2 und 3 des HS -Übereinkommens; Urteil des BVGer A -1635/2015 vom 11. April 2016 E. 5.2.2). Diese Vorschriften sind als internationales Staatsvertrags- recht für das Bundesverwaltungsgericht verbindlich. Die Vertragsstaaten haben einzig nach Art. 7 Ziff. 1 sowie Art. 8 Ziff. 1 und 2 des HS -Überein- kommens die Möglichkeit, die Überprüfung oder Änderung der Erläuterun- gen und der Einreihungsavisen zu veranlassen. Dennoch bleibt Raum für nationale Regelungen. So kann die OZD zum Beispiel zusätzlich sog. schweizerische Erläuterungen erlassen. Diese können unter www.tares.ch abgerufen werden. Die schweizerischen Erläuterungen sind als Dienstvor- schriften (ARPAGAUS, a.a.O., Rz. 579) bzw. Verwaltungsverordnungen für A-4316/2020 Seite 7 die Justizbehörden nicht verbindlich (zur Rechtsnatur und Bindungswir- kung von Verwaltungsverordnungen anstelle vieler: BGE 141 V 175 E. 2.1; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs- gericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.173 f.; zum Ganzen: Urteile des BVGer A-703/2019 vom 8. Juni 2020 E. 2.2.3, A -6248/2018 vom 8. Januar 2020 E. 3.4.3; BEUSCH/SCHNELL LUCHSINGER, a.a.O., S. 17 f.). 2.4.4 Hinsichtlich der Auslegung sehen die von den schweizerischen Zoll- behörden angewendeten «Allgemeinen Vorschriften für die Auslegung des Harmonisierten Systems» (nachfolgend: AV), welche mit den «Allgemeinen Vorschriften für die Auslegung des Harmonisierten Systems» des offiziellen Textes des HS-Übereinkommens übereinstimmen, in Ziff. 1 vor, dass für die Tarifeinreihung einer Ware der Wortlaut der Nummern und der Ab- schnitt- oder Kapitel-Anmerkungen sowie die weiteren Allgemeinen Vor- schriften, soweit diese dem Wortlaut der Nummern und der Anmerkungen nicht widersprechen, massgebend sind. Bei der Bestimmung der zutreffen- den Tarifnummer ist somit stufenweise in der gesetzlich bzw. staatsvertrag- lich festgelegten Reihenfolge (Tariftext - Anmerkungen - Allgemeine Vor- schriften) vorzugehen. Die nächstfolgende Vorschrift ist immer erst dann heranzuziehen, wenn die vorangehende Bestimmung nicht zum Ziel ge- führt, d.h. keine einwandfreie Tarifierung ermöglicht hat (Urteile des BVGer A-703/2019 vom 8. Juni 2020 E. 2.2.4, A -6248/2018 vom 8. Januar 2020 E. 3.4.4). 2.4.5 Für die Tarifeinreihung massgebend ist die Art und Beschaffenheit der Ware zum Zeitpunkt, in dem sie unter Zollkontrolle gestellt worden ist. Auf den Verwendungszweck ist demgegenüber nur dann abzustellen, wenn dies in den einzelnen Tarif positionen als Einreihungskriterium aus- drücklich festgehalten ist. Ist Letzteres nicht der Fall, kommt dem Verwen- dungszweck wie auch dem Preis, der Verpackung und der Bezeichnung durch den Hersteller oder Empfänger der Ware lediglich hinweisende, nicht aber ausschlaggebende Bedeutung zu (statt vieler: Urteile des BVGer A-6248/2018 vom 8. Januar 2020 E. 3.4.5, A-3045/2017 vom 25. Juli 2018 E. 2.5.1). 2.4.6 Kommen für die Einreihung von Waren zwei oder mehr Nummern in Betracht, so ist gemäss Ziff. 3 AV wie folgt vorzugehen: a) Die Nummer mit der genaueren Warenbezeichnung geht den Num- mern mit allgemeinerer Warenbezeichnung vor. A-4316/2020 Seite 8 b) Waren, die aus verschiedenen Stoffen oder Bestandteilen bestehen, werden nach dem Stoff oder Bestandteil eingereiht, der ihnen ihren wesentlichen Charakter verleiht. c) Die Ware ist der in der Nummernfolge zuletzt genannten gleichermas- sen in Betracht kommenden Nummer zuzuweisen. Die genannten Vorschriften sind in der aufgeführten Reihenfolge anzuwen- den, das heisst, die Vorschrift der Ziff. 3 b) AV ist nur dann anzuwenden, wenn die Vorschrift der Ziff. 3 a) für die Einreihung keine Lösung gebracht hat usw. Die Vorschriften finden zudem nur Anwendung, wenn sie dem Wortlaut der Nummern und der Abschnitt- oder Kapitel-Anmerkungen nicht widersprechen. Gemäss Ziff. 4 AV sind Waren, die aufgrund der vorstehen- den Vorschriften nicht eingereiht werden können, in die Nummer einzurei- hen, die für Waren zutrifft, denen sie am ähnlichsten sind (Urteil des BVGer A-7486/2016 vom 14. Dezember 2017 E. 3.3.2). 2.5 Die Tarifeinreihungen ausländischer Zollbehörden sind für die schwei- zerische Zollverwaltung formell nicht verbindlich. Allerdings müssen sach- lich überzeugende Gründe vorliegen, damit die schweizerische Zollverwal- tung ein identisches Produkt anders qualifiziert, als dies Zollverwaltungen der anderen Vertragsstaaten des HS-Übereinkommens tun. Auch das Bun- desverwaltungsgericht ist an die Tarifentscheide ausländischer Zollbehör- den oder Gerichte formell nicht gebunden, kann aber ausländische Ent- scheidungen berücksichtigen, soweit diese sachlich und rechtlich überzeu- gen (Urteile des BVGer A -5273/2018 vom 17. Juli 2019 E. 2.3.6, A-1635/2015 vom 11. April 2016 E. 5.9; BEUSCH/SCHNELL LUCHSINGER, a.a.O., S. 18). 3. 3.1 Strittig ist vorliegend die Einreihung der eingeführten Ware in die Tarif- nummer 1704.9020 oder in die Tarifnummer 2008.1990. 3.1.1 Die Tarifnummer 1704 gehört zum Kapitel 17 «Zucker und Zuckerwa- ren». Dem Schweizerischen Gebrauchstarif war im Zeitpunkt der Einfuhr des strittigen Produkts Folgendes zu entnehmen: 1704 Zuckerwaren ohne Kakaogehalt (einschliesslich weisse Schokolade): 1704.90 - andere A-4316/2020 Seite 9 1704.9020 - - Zuckerwaren aller Art mit Früchten, einschliesslich Fruchtpasten, Nougat, Marzipan und dergleichen Die Erläuterungen zur Tarifnummer 1704 halten fest, dass hierher die meis- ten Nahrungsmittelzubereitungen aus Zucker gehören, fest oder halbfest, die im Allgemeinen zum unmittelbaren Genuss geeignet sind und allge- mein als Zuckerwaren oder Confiseriewaren bezeichnet werden. Von die- sen Produkten sind u.a. zu nennen: Zubereitungen auf der Grundlage von Honig, als Zuckerwaren aufgemacht (z.B. «Halva»). Die schweizerischen Erläuterungen zur Tarifnummer 1704.9010/9020 lau- ten wie folgt: Nüsse, Früchte, Getreideprodukte u. dgl., mit Überzug aus Zucker, weisser Schokolade, Karamell- oder Toffeemasse, Nougat, Marzipan u. dgl.: Für die Abgrenzung gegenüber Waren der Nrn. 1904, 2008 usw. gilt folgende Regelung: - dragierte Nüsse, Früchte, Getreideprodukte u. dgl. 1704.9010/9020 - Erzeugnisse mit einem mehr oder weniger vollständigen, zusammenhängenden Überzug aus Zucker, weisser Schokolade, Karamell- oder Toffeemasse, Nougat, Marzipan u. dgl. 1704.9010/9020 - mit Zucker, weisser Schokolade, Karamell- oder Toffeemasse, Nougat, Marzi- pan u. dgl. gebundene oder agglomerierte Erzeugnisse 1704.9010/9020 - andere Erzeugnisse: - - mit einem Zuckergehalt von mehr als 30 Gewichtsprozent im Allgemeinen 1704.9010/9020 - - mit einem Zuckergehalt von 30 Gewichtsprozent oder weniger 1904, 2008 usw. 3.1.2 Die Tarifnummer 2008 gehört zum Kapitel 20 «Zubereitungen von Gemüse, Früchten oder anderen Pflanzenteilen». Dem Gebrauchstarif war zum Zeitpunkt der streitigen Einfuhr Folgendes zu entnehmen: 2008 Früchte und andere geniessbare Pflanzenteile, in anderer Weise zubereitet oder haltbar gemacht, auch mit Zusatz von Zucker oder anderen Süssstoffen oder von Alkohol, anderweit weder genannt noch inbegriffen: - Schalenfrüchte, Erdnüsse und andere Samen, auch untereinander gemischt: 2008.19 - - andere, einschliesslich Mischungen: 2008.1990 - - - andere A-4316/2020 Seite 10 Die Erläuterungen zur Tarifnummer 2008 halten u.a. fest, hierher gehörten insbesondere: Mandeln, Erdnüsse, Arekanüsse (oder Betelnüsse), Wal- nüsse und andere Schalenfrüchte, trocken oder in Öl oder Fett ger östet, auch Pflanzenfett, Salz, Aromastoffe, Gewürze und andere Zusätze enthal- tend. Nicht zu dieser Nummer gehörten hingegen Früchte und andere ge- niessbare Pflanzenteile, die zu Zuckerwaren der Nr. 1704 verarbeitet wor- den sind (einschliesslich solche auf der Grundlage von Honig). 3.1.3 Bei der Einfuhr entnahm die Zollstelle drei Einzelverkaufspackungen à 150 g als Muster und unterbreitete sie für eine chemisch-technische Un- tersuchung dem METAS. Dieses hielt in seinem Laborbefund vom 5. Mai 2020 Folgendes fest: «H oney Nuts, Zuckerware, Mischung aus Cashew- kerne 33%, Erdnüsse 32%, Zucker, Honig 3%, pflanzliche Öle (Sonnen- blume, Shea), Geliermittel: Gummi arabicum und Salz, in Kunststoffbeutel zu 150 g. Mischung aus gerösteten Ca shewkerne und Erdnusskerne mit einem vollständigen, zusammenhängenden Zuckerüberzug. Vorgeschla- gene Tarifnummer: 1704.9020». 3.1.4 Gemäss dem Laborbefund der METAS weisen die Nüsse demnach einen vollständigen, zusammenhängenden Zuckerüberzug auf. In der Folge kann die Nussmischung als Zuckerware ohne Kakaogehalt in die Ta- rifnummer 1704 eingereiht werden. Die Voraussetzungen der Erläuterun- gen zur Tarifnummer 1704 sind erfüllt. Die Nussmischung besteht als Nah- rungsmittelzubereitung u.a. aus Zucker, ist fest, zum unmittelbaren Genuss bestimmt und kann aufgrund ihres Überzugs mit Zucker und Honig als «Zu- ckerware» bezeichnet werden. Ebenfalls erfüllt sind die Voraussetzungen nach den schweizerischen Erläuterungen zur Tarifnummer 1704.9020, weil die Nüsse gemäss Laborbefund einen zusammenhängenden Überzug aus Zucker und Honig aufweisen. Die Vorinstanz hat folglich die Nussmischung zurecht nicht in die Tarifnum- mer 2008 eingereiht, weil dazu gemäss den diesbezüglichen Erläuterun- gen Pflanzenteile, die – wie vorliegend der Fall – zu Zuckerwaren der Nr. 1704 verarbeitet worden sind (einschliesslich solche auf der Grundlage von Honig), nicht gehören. Im Nachfolgenden ist auf die Einwände der Beschwerdeführerin einzuge- hen. A-4316/2020 Seite 11 3.2 3.2.1 Die Beschwerdeführerin legt dar, es sei unklar, wie das METAS zur Erkenntnis gekommen sei, die Nüsse seien mit einem vollständigen, zu- sammenhängenden Zuckerüberzug versehen. Die Nüsse seien teilweise und nicht vollständig mit einer Zuckerkruste behaftet. Es sei der Beschwer- deführerin sowieso nicht verständlich, was das METAS mit Lebensmittel zu tun habe. 3.2.2 Die Sektion Zolllabor der Zollverwaltung wurde per 1. Januar 2018 ins METAS überführt. Dieses erbringt wissenschaftlich-technische Dienst- leistungen für die Zollverwaltung; insbesondere führt es chemische Analy- sen durch (Art. 3 Abs. 1 Bst. b der Verordnung des Bundes über das Eid- genössische Institut für Metrologie vom 21. November 2012 [in der Fas- sung vom 1. Januar 2018] , SR 941.272). Es ist demnach nichts dagegen einzuwenden, dass die Zollverwaltung das METAS mit der L aboruntersu- chung beauftragt hat. Auf der Grundlage des Laborbefunds hat die Zollver- waltung plausibel dargestellt, unter welchen Tarif die Ware fällt. Damit ist die abgabebegründende bzw. -erhöhende Tatsache grundsätzlich erstellt. Damit ist es an der Beschwerdeführerin darzutun, weshalb die vorgenom- mene Tarifierung falsch sei und die Abgabe entsprechend reduziert werden müsste (vgl. Urteile des BVGer A -1727/2006 vom 12. Oktober 2010 E. 2.4.2, A-8527/2007 vom 12. Oktober 2010 E. 2.4.4). Die Beschwerdeführerin reicht zum Nachweis die Spezifikationen der Nussmischung ein (vgl. amtliche Akten Nr. 7). Gemäss ihren Angaben han- delt es sich beim fraglichen P rodukt zu 49.8% um «Sugar coated Ca- shews» und zu 48.9% um «Suga r coated Peanuts» (zudem Sonnenblu- menöl und Salz). Es kann also festgehalten werden, dass auch die Be- schwerdeführerin gemäss ihrer Spezifikation von Nüssen ausgeht, die «su- gar coated» d.h. mit Zucker überzogen sind. Im Übrigen hat die Beschwer- deführerin auch in der Zollanmeldung angegeben, dass die Nüsse «durch Zuckersirup gezogen» w orden seien. Der Schluss liegt nahe, dass sich durch diesen Vorgang der Überzug aus Zucker gebildet hat. Nach dem Gesagten kann davon ausgegangen werden, dass die Nüsse einen Überzug aus Zucker aufweisen. Es ist zu beachten, dass die schwei- zerischen Erläuterungen bloss einen «mehr oder weniger vollständigen », zusammenhängenden Überzug aus Zucker voraus setzen. Es kann dem- nach offenbleiben, ob der Überzug – entsprechend dem L aborbefund – vollständig zusammenhängend war, oder einzelne Lücken aufwies. A-4316/2020 Seite 12 3.2.3 Die Beschwerdeführerin legt im Zusammenhang mit dem Überzug noch dar, dieser bestehe nicht nur aus Zucker, sondern auch aus Honig. Gemäss dem Laborbefund und den Spezifikationen ist dies unbestrittener- massen der Fall. Die Erläuterungen zu 1704 legen indessen dar, dass unter diese Tarifnummer auch Zubereitungen auf der Grundlage von Honig fal- len, die als Zuckerwaren aufgemacht sind. Die schweizerischen Erläut e- rungen zur Tarifnummer 1704.902 0 führen entsprechend aus , dass der Überzug aus Zucker, weisser Schokolade, Karamell - oder Toffeemasse, Nougat, Marzipan «und dergleichen» bestehen muss. Zweifelsohne han- delt es sich bei Honig um ein Produkt, das unter Letzteres (d.h. «derglei- chen») fällt. Der Überzug der Nüsse bestand folglich aus Zucker und der- gleichen im Sinn der Tarifnummer 1704.9020. Im Übrigen enthält die Nuss- mischung gemäss den Spezifikationen der Beschwerdeführerin zu ca. 29% Zucker und bloss zu ca. 3% Honig. 3.2.4 Die von der Beschwerdeführerin ins Recht gelegte «verbindliche Zoll- tarifauskunft» des Hauptzollamts Hannover, Deutschland, vom 18. Sep- tember 2018 betrifft eine Mischung aus Cashew- und Erdnusskernen. Ge- mäss der genannten Zolltarifauskunft bestand die vorgelegten Warenprobe aus ganzen und halbierten Cashewkern en sowie ganzen und halbierten Erdnüssen, nicht vollständig mit einer Zuckerkruste ummantelt und mit an- haftenden Salzkristallen . Zusammensetzung: 50% Erdnüsse, 50% Ca- shewkerne. Aufgrund dieser sich aus der besagten Zolltarifauskunft erge- benden Produktangaben ist ein Vergleich mit dem vorliegend relevanten Produkt nicht möglich. Es fehlen insbesondere die genauen Spezifikatio- nen der Ware. Es ist demnach nicht nachgewiesen, dass die der Zolltarif- auskunft des Hauptzollamts Hannover zugrundeliegende Ware identisch mit dem Produkt der streitbetroffenen Einfuhr ist. In der Folge kann die ge- nannte Zolltarifauskunft für das vorliegende Verfahren von vornherein nicht ausschlaggebend sein. Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass einzig die konkrete Beschaffen- heit der eingeführten Ware zum Zeitpunkt der Zollkontrolle massgebend ist. Die streitbetroffene Einfuhr betraf Nussmischungen in Ku nststoffbeu- teln zu 150 g. Die von der Beschwerdeführerin dem Bundesverwaltungs- gericht eingereichten Warenmuster in Kunststoffbeuteln zu 200 g können demnach nicht von der Einfuhr vom 16. April 2020 stammen und sind somit für die Tarifierung ebenfalls nicht relevant. 3.3 Zusammenfassend ist die eingeführte Sendung Nussmischung bereits aufgrund des Überzugs der Nüsse mit Zucker (und Honig) der Tarifnummer A-4316/2020 Seite 13 1704.9020 und nicht derjenigen von 2008.1990 zuzuordnen. Es kann in der Folge offenbleiben, ob das Produkt einen Zuckergehalt von mehr als 30 Gewichtsprozenten aufweist, wie die Vorinstanz zur alternativen Be- gründung der entsprechenden Tarifeinreihung anführt. 4. Ausgangsgemäss sind die auf CHF 550.- festzusetzenden Verfahrenskos- ten der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfah- renskosten zu verwenden. 5. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet über Tarifstreitigkeiten im Sinne von Art. 83 Bst. l des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110) letztinstanzlich. (Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.) A-4316/2020 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von CHF 550.- werden der Beschwerdeführerin auf- erlegt. Der Kostenvorschuss in gleicher Höhe wird zur Bezahlung der Ver- fahrenskosten verwendet. 3. Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde) – die Vorinstanz (Ref-Nr. […]; Gerichtsurkunde) Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Jürg Steiger Roger Gisclon Versand: