B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3398/2011 U r t e i l v o m 2 3 . N o v e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter François Badoud, Richter Robert Galliker; Gerichtsschreiber Alfred Weber. Parteien A._______, geboren (…), Sri Lanka, vertreten durch Stefan Hery, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende St. Gallen/Appenzell, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 20. Mai 2011 / N (…). D-3398/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess eigenen Angaben zufolge den Heima t- staat am 26. Juli 2008 auf dem Luftweg und gelangte am 28. Juli 2008 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Nach einer Kurzbe- fragung in der Empfangsstelle (heute: Empfangs- und Verfahrenszentrum [EVZ]) B._______ vom 12. August 2008 wurde der Beschwerdeführer am 18. August 2008 vom BFM direkt zu seinen Asylgründen angehört. Im Wesentlichen machte er bei den Befragungen geltend, sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Ethnie zu sein und aus M., Distrikt Jaffna (Nordprovinz) zu stammen. Mitglieder der EPDP (Eelam People's Democ- ratic Party) hätten zwischen dem 13. und 15. Mai 2008 dreimal von ihm an seiner Arbeitsstelle (Angestellter im [Betrieb] des Cousins) Geld e r- presst. Am 19. Mai 2008 sei in dieser Lokalität eine Person erschossen worden, worauf sechs Personen und er, welche sich zur Tatzeit im Café aufgehalten hätten, in der Folge von der Polizei festgenommen worden seien. Man habe ihn 14 Tage im Polizeigefängnis von A. festgehalten und über die Umstände der Ermordung befragt. Mangels Beweisen sei er frei- gelassen worden. Er sei einer täglichen Meldepflicht unterstellt worden. Dieser sei er vom 3. b is 7. Juni 2008 nachgekommen. Auf dem Heimweg am 7. Juni 2008 sei er von fünf Personen einer unbekannten paramilitär i- schen Organisation entführt und in die Umgebung von V. gebracht wo r- den, wo man ihn drei Tage in einem Haus festgehalten habe. In dieser Zeit sei er verschiedenartig misshandel t worden. Auch seien ihm Fragen zum Mörder vom 19. Mai 2008 gestellt worden. Am Abend des dritten Ta- ges sei er freigelassen worden. Vor diesem Hintergrund habe er V. ve r- lassen, sei nach Colombo gegangen und schliesslich ausgereist. Für den Inhalt der weit eren Aussagen wird auf die Ak ten verwiesen. Das BFM verzichtete auf weitere Abklärungen. Für die Dauer des Verfahrens wurde der Beschwerdeführer in der Folge dem Kanton C._______ zuge- wiesen. B. Das BFM stellte mit Verfügung vom 20. Mai 2011 - eröffnet am – 24. Mai 2011 – fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Weg weisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und ordnete den Wegweisungs- vollzug an. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, die Vor- bringen des Beschwerdeführers genügten den Anforderungen an die D-3398/2011 Seite 3 Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht. Diese seien widersprüchlich (Angaben zu den Örtlichkeiten und den U mständen der 14 -tägigen Haft, Angaben zur Ör t- lichkeit seiner Festhaltung durch die Entführer und zu den erlittenen Misshandlungsarten, Angaben im Zusammenhang mit der Gelderpre s- sung durch Mitglieder der EPDP) und unsubstanziiert (Schilderungen rund um den Aufenthalt im Polizeigefängnis in A., Äusserungen zur "drei- tägigen Haft" bei einer paramilitärischen Organisation). Letztere Vorbri n- gen vermöchten nicht den Eindruck von persönlich Erlebtem zu vermi t- teln. Die Asylrelevanz der Darlegungen des Beschwerdeführ ers müsse daher nicht geprüft werden. Hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung wurde unter anderem ausgeführt, nach eingehender Prüfung der Entwick- lung der Lage in Sri Lanka und in Berücksichtigung der UNHCR - Richtlinien zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfs sri - lankischer Asylsuchender vom 5. Juli 2010 sei festzustellen, dass sich die allgemeine Sicherheitslage in Sri Lanka seit dem Ende des Bürgerkrieges deutlich entspannt habe. In den Gebieten, die bereits seit längerer Zeit unter Regierungsk ontrolle stünden, zum Beispiel auf der Halbinsel von Jaffna, herrsche weitgehend ein normales Alltagsleben. Der Beschwerde- führer stamme aus M., Distrikt Jaffna, Nordprovinz. Das BFM erachte den Vollzug der Wegweisung in den Heimatstaat daher als zumutbar, da we- der die vor Ort herrschende Sicherheitslage noch individuelle Gründe g e- gen eine Rückkehr sprechen würden. Ferner handle es sich beim B e- schwerdeführer um einen jungen, gesunden ledigen Mann mit mehrjähr i- ger Schulbildung, der an seinem Wohnort in M. übe r ein umfangreiches familiäres Beziehungsnetz verfüge. C. Mit Eingabe vom 16. Juni 2011 erhob der Beschwerdeführer beim Bu n- desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte unter Kosten - und Entschädigungsfolge die Aufhebung der angefochtenen Verfügung hin- sichtlich der Dispositivpunkte 1, 4 und 5. Dem Beschwerdeführer sei die Flüchtlingseigenschaft zuzusprechen, es sei die Unzulässigkeit des Vol l- zugs der Wegweisung festzustellen und deshalb die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Eventualiter sei die Unzumutbarkeit der Wegweisung festzu- stellen und deshalb die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Es sei dem Be- schwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschu s- ses zu verzichten. Auf die Begründung der Beschwerde wird, soweit en t- scheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D-3398/2011 Seite 4 D. Mit Zwischenverfügung vom 22. Juni 2011 verzichtete die Instruktionsrich- terin auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und forderte d en Be- schwerdeführer unter Fristansetzung auf, das Formular "Gesuch um u n- entgeltliche Rechtspflege" vollständig ausgefüllt dem Bundesverwa l- tungsgericht zu retournieren. Für den Fall der Unterlassung wurde ausge- führt, da ss das Beschwerdeverfahren gestützt auf die Akten fortgeführt und davon ausgegangen werde, der Beschwerdeführer sei nicht bedür f- tig. E. Der Aufforderung kam der Beschwerdeführer fristgerecht nach. F. In seiner Vernehmlassung vom 29. Oktober 2012 hielt das BFM an seiner Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht i st daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Ar t. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist D-3398/2011 Seite 5 durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änd e- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihre r politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, di e einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides massgebend. Dabei ist einerseits die Fr a- ge nach der im Zeitpunkt der Ausreise aktuell vorhandenen Furcht zu stellen und andererseits zu prüfen, ob d ie Furcht vor einer abseh baren Verfolgung (noch) begründet ist. So sind Veränderungen der ob jektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid zugunsten und zulasten des Gesuchstellers zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 f.; EMARK 2000 Nr. 2 E. 8a S. 20; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, B a-D-3398/2011 Seite 6 sel/Bern/Lausanne 2009, Rz. 11.17 und 11.18; W ALTER KÄLIN, Grun d- riss des Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a.M. 1990, S. 135 ff.). 4.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung unter Angabe der Fundstellen in den jeweiligen Protokollen schlüssig aufgezeigt, weshalb die Aussagen des Beschwerdeführers widersprüchlich, unsubstanziiert und deshalb unglaubhaft sind. Nach Prüfung der Akten best eht für das Bundesverwaltungsgericht keine Veranlassung, die vorinstanzlichen E r- wägungen und gezogenen Schlussfolgerungen zu beanstanden. Um Wie- derholungen zu vermeiden, kann daher auf die zutreffenden Ausführu n- gen des BFM in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. 4.3 Die Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe sind nicht geeignet, eine Änderung der angefochtenen Verfügung zu bewirken. Eine Auseinande r- setzung mit den dem Beschwerdeführer von der Vorinstanz vorgeworfe- nen Unglaubhaftigkeitselementen unterbleibt. Lediglich mit dem Hinweis auf die Publikation der Schweizerische n Flüchtlingshilfe (SFH) vom 1. Dezember 2010 (Rainer Mattern, Sri Lanka: Aktuelle Situation, Update) wird ausgeführt, der Beschwerdeführer würde gemäss dem SFH -Bericht zur beson ders gefährdeten Personengruppe gehören , die im Fall einer Rückkehr staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt wäre, weshalb ihm die Flüchtlingseigenschaft zuzusprechen sei . Allein mit diesem pau- schalen Verweis auf den erwähnten Bericht wird aber , insbes ondere in Beachtung des vom Beschwerdeführer geltend gemachten und als u n- glaubhaft erachteten Sachverhalts, nicht dargetan, inwiefern er einer Ri- sikogruppe im Sinne der Rechtsprechung (vgl. BVGE 2011/24 E. 8 S. 493 ff) zuzuordnen wäre. Mangels anderweitige r Hinweise oder Aufschlüsse für eine (asyl -) relevante Gefährdungssituation des Beschwerdeführers erübrigen sich daher weitere Erörterungen. 4.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nicht darzutun vermochte, dass er einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war oder begründete Furcht hat, einer solchen aus gesetzt werden zu können. Er kann daher nicht als Flüchtling aner kannt werden. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch des Beschwerdefüh rers demnach zu Recht abgelehnt. 5. 5.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet D-3398/2011 Seite 7 den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer so l- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. EMARK 2001 Nr. 21). 6. 6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt g e- mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und seiner Vo r- gängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüch t- lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte B e- weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2; STÖCKLI, a.a.O., Rz. 11.148). 6.2 Im Zusammenhang mit dem Vollzug der Wegweisung ist vorab auf den Einwand einzugehen, wonach das BFM in unzulä ssiger Weise von der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts (BVGE 2008/2) abgewichen sei und im Sinne des Grundsatzurteils vom 20. Dezember 2010 (E - 5929/2006) sein Ermessen überschritten beziehungsweise missbraucht und damit eine Rechtsverletzung in Kauf genommen habe. Hierzu ist festzuhalten, dass das BFM in der angefochtenen Verfügung nachvol l- ziehbar und im Einzelnen hinreichend differenziert aufgezeigt hat, we s- halb es zum Schluss gelangt, dass sich die allgemeine Sicherheitslage in Sri Lanka nach Ende d es bewaffneten Konfliktes zwischen der sri - lankischen Regierung und den LTTE im Mai 2009 deutlich entspannt h a- be und sich die Lebensbedingungen insoweit verbessert hätten, dass e i- ne Rückkehr auch in den Norden und Osten Sri Lankas grundsätzlich wieder zumu tbar sei, während im ehemals von den LTTE kontrollierten Vanni-Gebiet die Lebensbedingungen nach wie vor als sehr schwierig einzustufen seien. Das BFM muss sich als Vorinstanz zwar auch hinsicht- lich der Frage der generellen Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung in Herkunftsländer abgewiesener Asylsuchender an die Praxis des Bu n-D-3398/2011 Seite 8 desverwaltungsgerichts halten, es ist aber sehr wohl befugt, mit einlässl i- cher Begründung von einer bestehenden Praxis abzuweichen, wenn es diese als anpassungsbedürftig erachtet ( vgl. BVGE 2010/54 E. 9.2.1 S. 801 f.). Dass das BFM den Vollzug der Wegweisung in die Nord - und Ostprovinz Sri Lankas aufgrund der jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka aus den in der Verfügung dargelegten Gründen als zumutbar einschätzt, ist daher nicht zu bestanden. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Übrigen kurz nach Erlass der angefochtenen Verfügung in seinem Urteil E-6220/2011 vom 27. Oktober 2011 (vgl. BVGE 2011/24) zur aktuellen Si- tuation in Sri Lanka geäussert und eine Anpassung seiner in BVGE 2008/2 publizierten Praxis vorgenommen, welche mit derjenigen des BFM im Ergebnis weitgehend übereinstimmt (vgl. E. 6.3.2 nachstehend). Inwie- fern das BFM mit seinem Vorgehen eine Rechtsverletzung in Kauf g e- nommen haben soll, ist in Anbetracht der insgesamt ausgewogenen und differenzierten Erwägungen in der angefochtenen Verfügung nicht ersicht- lich. Nach dem Gesagten besteht somit keine Veranlassung, die ang e- fochtene Verfügung im Vollzugspunkt (Ziff. 4 und 5 des Dispositivs) aus formellen Gründen aufzuheben. 6.3 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgen deiner Form zur Ausreise in ein Land g e- zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Ei d- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überei n- kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedr i- gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 6.4 D-3398/2011 Seite 9 6.4.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non -Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche G e- fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in de n Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 6.4.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde- führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall e i- ner Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschei n- lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen S trafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen G e- richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie je ner des UN -Anti- Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Der EGMR hat sich wiederholt mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine EMRK -widrige Behandlung für Tamilen befasst, die aus einem europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.4.2 S. 503 f. mit weiteren Hinweisen). Der Gerichtshof u n- terstreicht dabei, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe unmenschliche Behandlung; eine en t- sprechende Risikoeinschätzung müsse vielmehr verschiede ne Faktoren in Betracht ziehen, aus denen sich insgesamt im Einzelfall schliessen lasse, dass der Betreffende ernsthafte Gründe für die Befürchtung habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Befragung ein Interesse. Als derartige risikobegründende F aktoren nennt der EGMR namentlich Aspekte wie eine frühere Registrierung als verdächtigtes oder tatsächl i- ches LTTE -Mitglied, das Bestehen einer Vorstrafe oder eines offenen Haftbefehls, die Flucht aus der Haft oder aus Kautionsauflagen, die U n- terzeichnung eines Geständnisses oder ähnlicher Dokumente, die A n- werbung als Informant der Sicherheitskräfte, die Existenz von Körperna r- ben, die Rückkehr nach Sri Lanka von London oder von einem anderen Ort, welcher als LTTE -Finanzmittelbeschaffungszentrum gelte, das F eh-D-3398/2011 Seite 10 len von ID -Papieren oder anderen Dokumenten, die Asylgesuchstellung im Ausland oder die Verwandtschaft mit einem LTTE-Mitglied. Gleichzeitig hält der EGMR fest, dass dem Umstand gebührende Beachtung g e- schenkt werden müsse, dass diese einzelnen Faktoren, für sich alleine betrachtet, möglicherweise kein "real risk" darstellten, jedoch bei einer kumulativen Würdigung diese Schwelle erreicht sein könnte, namentlich unter der weiteren Berücksichtigung der aktuellen, gegebenenfalls erhö h- ten, Sicherheitsvorkehru ngen aufgrund der im Lande herrschenden al l- gemeinen Lage. 6.4.3 Hinsichtlich derartiger Risikofaktoren kann be züglich der Situation des Beschwerdeführers auf die vorangegangenen Erwägungen verwi e- sen werden, wo festgestellt wurde, dass er im Hinblick auf di e Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keiner Risikogruppe im Sinne der Rechtspr e- chung zugerechnet werden kann. Da er nicht glaubhaft machte, dass er befürchten müsse, bei einer Rückkehr ins Heimatland die Aufmerksa m- keit der sri -lankischen Behörden in eine m flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür, ihm würde aus demselben Grund eine menschenrechtswidrige Behan d- lung im Heimatland drohen. Weder die allgemeine Menschenrechtssitu a- tion in Sri Lanka noch individuelle Faktoren in Bezug auf seine Situation lassen demnach den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegwe i- sung sowohl im Sinne der asyl - als auch der völkerrechtlichen Besti m- mungen zulässig. 6.5 6.5.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkr et gefährdet sind . Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 6.5.2 Im Urteil BVGE 2011/24 nahm das Bundesverwaltungsgericht a n- gesichts der veränderten Lage nach dem Ende des sri -lankischen Bü r- gerkriegs im Mai 2009 eine vertiefte Beurteilung vor. Demzufolge ist seit dem Ende des bewaffneten Konflikts von einer erheblich verbesserten Menschenrechts- und Sicherheitslage auszugehen, wobei sich die Situ a- tion nicht in allen Land esteilen gleich präsentiert. In das sogenannte "Vanni-Gebiet" – die Distrikte von Kilinochchi und Mullaitivu und die nör d-D-3398/2011 Seite 11 lichen Teile der Distrikte von Mannar und Vavuniya sowie einen schmalen Landstreifen an der Ostküste des Jaffna -Distrikts südlich von N agarkovil umfassend – ist eine Rückkehr aufgrund der weitgehend zerstörten Infr a- struktur und der Verminung weiterhin unzumutbar. In das übrige Staat s- gebiet ist der Wegweisungsvollzug grundsätzlich zumutbar, wobei bei aus der Nordprovinz stammenden Personen – wie dem Beschwerdeführer – wie folgt zu differenzieren ist: Für Personen, die aus der Nordprovinz stammen und dieses Gebiet erst nach Beendigung des Bürgerkrieges im Mai 2009 verlassen haben, ist die Rückkehr als grundsätzlich zumutbar zu beurteilen, we nn davon ausgegangen werden kann, dass die betre f- fende Person auf die gleiche oder gleichwertige Lebens - und Wohnsitua- tion zurückgreifen kann, und dem Wegweisungsvollzug auch anderweitig nichts entgegensteht. Liegt der letzte Aufenthalt der betreffenden Pe rson in der Nordprovinz indessen längere Zeit zurück oder gehen konkrete Umstände aus den Verfahrensakten hervor, dass sich die Lebensu m- stände seit der Ausreise massgeblich verändert haben könnten, sind die aktuell vorliegenden Lebens- und Wohnverhältnisse sorgfältig abzuklären. Liegen keine begünstigenden Faktoren wie die Existenz eines tragfähigen Beziehungsnetzes und die konkrete Möglichkeit der Sicherung des Existenzminiums und der Wohnsituation in der Nordprovinz vor, ist die Zumutbarkeit einer innerst aatlichen Aufenthaltsalternative im übrigen Staatsgebiet, namentlich im Grossraum Colombo, zu prüfen (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1.1 – 13.3 S. 511 ff.). 6.5.3 Wie unter E. 6.2 erwähnt kann der Beschwerdeführer aufgrund der Abweichung des BFM von der damals herrschenden Rechtsprechung zu Sri Lanka (BVGE 2008/2) nichts zu seinen Gunsten ableiten. Den Akten zufolge lebte der Beschwerdeführer von seiner Geburt bis im April 2007 stets in M., Jaffna Distrikt , Nordprovinz. Ausser den erwähnten und als unglaubhaft e rachteten Verfolgungsvorbringen verneinte er ausdrücklich irgendwelche Probleme mit den heimatlichen Behörden , Parteien, Org a- nisationen oder Gruppierungen. Der Beschwerdeführer ist jung, – soweit aktenkundig – gesund und verfügt über eine solide Schulbildung (u.a. OL- Abschluss). Ab April 2007 ging er bei seinem Cousin in V. (Nordprovinz) bis kurz vor seiner Ausreise während mehr als einem Jahr einer Erwerbs- tätigkeit als (Betriebsangestellter) nach. Im Fall einer Rückkehr ins He i- matland kann er ausserdem auf ein familiäres Beziehungsnetz zurüc k- greifen. Ferner leben i n der Schweiz drei Onkel väterlicherseits . Es ist demnach davon auszugehen, dass ihm der Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz – allenfalls auch mit Hilfe der Familie und der in der Schweiz le- benden Verwandtschaft – möglich sein wird. Auch wenn er seit Ende Juli D-3398/2011 Seite 12 2008 und somit über vier Jahre lang landesabwesend war, bestehen ke i- ne konkreten Anhaltspunkte dafür, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in eine existenzielle Notlage geraten würde. Diese Einschätzung von begünstigenden Faktoren für einen Vollzug der Wegweisung wird nicht zuletzt dadurch erhärtet, als in der Beschwerde lediglich ein tragf ä- higes Beziehungsnetz in Bezug auf Colombo in Abrede gestellt wird, wo- von in der angefochtenen Verfügung jedoch mit keinem Wort die Rede ist. Die vorinstanzlichen Ausführungen hinsichtlich der für einen Vollzug der Wegweisung an den Herkunftsort des Beschwerdeführers sprechenden Aspekt bleiben indes unerwidert respektive unbestritten. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach nicht als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG. 6.6 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständ i- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 6.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 7. Aus d iesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist nach dem Gesagten abzuweisen. 8. Mit Zwischenverfügung vom 22. Juli 2011 wurde das Gesuch um Gewä h- rung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 VwVG) auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen und das Nachreichen des ausgefüllten Formulars "Gesuch unentgeltlichen Rechtspflege" verlangt (vgl. Bs t. D hiervor). Da der Beschwerdeführer gemäss den vorliegenden Akten akt u- ell nicht erwerbstätig ist, kann davon ausgegangen werden, dass er pr o- zessual bedürftig ist. Gleichzeitig müssen die Beschwerdebegehren als im Zeitpunkt der Einreichung als nicht auss ichtslos bezeichnet werden. Demnach ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspfl e-D-3398/2011 Seite 13 ge im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen und auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) D-3398/2011 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 VwVG) wird gutgeheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Contessina Theis Alfred Weber Versand: