<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 25 S.77</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">77</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>25</b></span> <span class="ft2"><b>§§ 164 Abs. 1 Satz 2, 198 Abs. 2 StPO; § 94 GOG. Kostenauflage beim</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Rückzug der Einsprache gegen einen Strafbefehl.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Bei einem Rückzug der Einsprache gegen einen Strafbefehl ist bei der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Bemessung der Gerichtsgebühr, die zusätzlich zu den Strafbefehlskos-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ten zu bezahlen ist, auf den bis zum Rückzug angefallenen Aufwand</b></span><br/> <span class="ft2"><b>abzustellen.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Kostenbefreiung i.S.v. § 164 Abs. 1 Satz 2 StPO kann wegen Rechts-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>unkenntnis nicht gewährt werden.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid der Inspektionskommission vom 25. April 2001 i.S. Z.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. Die Kostenauflage im Urteil des Bezirksgerichts Z. vom</span><br/> <span class="ft1">29. Juni 2000 stützt sich auf § 198 Abs. 2 StPO, wonach beim Rück-</span><br/> <span class="ft1">zug der Einsprache gegen einen Strafbefehl <i>die entstandenen Mehr-</i></span><br/> <span class="ft4"><i>kosten</i> dem Einsprecher aufzuerlegen sind. Vorliegend zu prüfen ist,</span><br/> <span class="ft1">ob die Gerichtsgebühr von Fr. 400.-- im Hinblick auf diese Bestim-</span><br/> <span class="ft1">mung gerechtfertigt ist.</span><br/> <span class="ft1">a) Der Beschwerdeführer bringt einerseits vor, die vom Be-</span><br/> <span class="ft1">zirksamt Z. verhängte Busse sei für sich allein schon viel zu hoch</span><br/> <span class="ft1">bemessen. Allein, die Beurteilung dieser Frage entzieht sich der Zu-</span><br/> <span class="ft1">ständigkeit der Inspektionskommission als Aufsichtsbehörde; dafür</span><br/> <span class="ft1">wäre der Rechtsmittelweg zu beschreiten. Durch den Rückzug der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Einsprache liess der Beschwerdeführer die Busse aber rechtskräftig</span><br/> <span class="ft1">werden. Es kann daher auch nicht darauf ankommen, dass die ,,Kos-</span><br/> <span class="ft1">tenauflage" als Ganzes (Beschwerde, S. 3), mithin die Busse und die</span><br/> <span class="ft1">Gerichtskosten zusammen, nach Ansicht des Beschwerdeführers zu</span><br/> <span class="ft1">hoch ist, auch wenn nicht zu verkennen ist, dass sich der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer letztlich an diesem Gesamtbetrag stösst. Zu überprüfen ist</span><br/> <span class="ft1">vorliegend nach dem Gesagten lediglich die Höhe der Gerichtskos-</span><br/> <span class="ft1">ten.</span><br/> <span class="ft1">b) (...)</span><br/> <span class="ft1">Dass im Strafverfahren in der Regel nur bei einem Freispruch</span><br/> <span class="ft1">Kostenbefreiung für den Angeklagten resultiert, entspricht sodann</span><br/> <span class="ft1">§ 164 StPO. Das Gericht kann allerdings aus besonderen Gründen</span><br/> <span class="ft1">auch bei einer Verurteilung von einer Kostenauflage ganz oder teil-</span><br/> <span class="ft1">weise absehen (§ 164 Abs. 1 Satz 2 StPO). Zu denken ist hier an</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmefälle; die Materialien zur StPO sprechen von Fällen zah-</span><br/> <span class="ft1">lungsunfähiger Verurteilter respektive von Verurteilten, die seit lan-</span><br/> <span class="ft1">gem von der öffentlichen Hand unterstützt werden (vgl. Protokoll der</span><br/> <span class="ft1">7. Sitzung der Grossrats-Kommission für das Gesetz über die Straf-</span><br/> <span class="ft1">rechtspflege vom 2. Juli 1956, S. 3, Bemerkungen zu § 159 des Ent-</span><br/> <span class="ft1">wurfes). Eine (teilweise) Kostenbefreiung wegen Rechtsunkenntnis</span><br/> <span class="ft1">aber lässt sich mit der ratio legis von § 164 Abs. 1 Satz 2 StPO nicht</span><br/> <span class="ft1">vereinbaren. Der Antrag des Beschwerdeführers, die Kosten der</span><br/> <span class="ft1">Urteilsbegründung seien auf die Staatskasse zu nehmen, ist daher</span><br/> <span class="ft1">abzuweisen.</span><br/> <span class="ft1">c) Der Beschwerdeführer rügt sodann, dass die Gerichtsgebühr</span><br/> <span class="ft1">sich im Vergleich zur Praxis an anderen Bezirksgerichten wie auch</span><br/> <span class="ft1">im Verhältnis zu anderen Fällen als übersetzt erweise. Als Beispiel</span><br/> <span class="ft1">führt er dabei das Bezirksgericht B. auf, welches für Einsprachen</span><br/> <span class="ft1">dieser Art Richtlinien erarbeitet habe, wonach bei Rückzug während</span><br/> <span class="ft1">der Hauptverhandlung (vgl. Berichtigung vom 7. November 2000)</span><br/> <span class="ft1">eine Gerichtsgebühr von nur Fr. 250.--, bei vollständiger Durchfüh-</span><br/> <span class="ft1">rung des Verfahrens aber eine Gebühr von Fr. 500.-- auferlegt werde.</span><br/> <span class="ft1">Die Praxis anderer Bezirksgerichte zur Festsetzung der Ge-</span><br/> <span class="ft1">richtskosten kann nicht ausschlaggebend sein. Das Verfahrenskos-</span><br/> <span class="ft1">tendekret vom 24.</span> <span class="ft1">November</span> <span class="ft1">1987/1.</span> <span class="ft1">Januar</span> <span class="ft1">1999 (VKD, SAR</span><br/> <span class="ft1">221.150) sieht für die Festsetzung der Gerichtsgebühr für das Straf-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">verfahren vor Bezirksgericht einen Kostenrahmen von Fr. 120.-- bis</span><br/> <span class="ft1">6'000.-- vor (§ 17 Abs. 1 VKD), wobei die Gebühr bei einem Rück-</span><br/> <span class="ft1">zug der Einsprache bis auf Fr. 24.-- gesenkt werden kann (§ 19</span><br/> <span class="ft1">VKD). Das Gericht ist in der Festlegung der Gerichtsgebühr weitge-</span><br/> <span class="ft1">hend frei. Immerhin darf aufgrund des verfassungsmässigen An-</span><br/> <span class="ft1">spruchs auf Rechtsgleichheit (Art. 8 BV; § 10 KV) sowie des An-</span><br/> <span class="ft1">spruchs auf willkürfreies staatliches Handeln (Art. 9 BV; § 22 KV)</span><br/> <span class="ft1">erwartet werden, dass ein Gericht für gleichgelagerte Fälle nach</span><br/> <span class="ft1">Massgabe der Gleichheit eine gleich hohe Gerichtsgebühr festsetzt</span><br/> <span class="ft1">respektive ungleiche Fälle nach Massgabe ihrer Ungleichheit kos-</span><br/> <span class="ft1">tenmässig ungleich behandelt (vgl. Häfelin/Müller, Grundriss des</span><br/> <span class="ft1">allgemeinen Verwaltungsrechts, 3. A., Zürich 1998, N 401, 410 f.).</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer rügt denn auch eine solche Gleichbehandlung</span><br/> <span class="ft1">zweier ungleicher Fälle. Einerseits rechtfertige sich eine volle Kos-</span><br/> <span class="ft1">tenauflage in casu deshalb nicht, weil dem Gericht durch den Rück-</span><br/> <span class="ft1">zug eine freie halbe Stunde für ein anderes Geschäft zur Verfügung</span><br/> <span class="ft1">gestanden habe, andererseits weil dadurch derjenige, der eine</span><br/> <span class="ft1">Einsprache zurückziehe, schlechter gestellt sei als derjenige, der auf</span><br/> <span class="ft1">der Durchführung des Verfahrens beharre, weil ersterer zusätzlich zu</span><br/> <span class="ft1">den (vollen) Gerichtskosten die rechtskräftig gewordenen Kosten des</span><br/> <span class="ft1">Strafbefehls zu bezahlen habe, wohingegen dem zweiten nur die</span><br/> <span class="ft1">Kosten des Gerichtsverfahrens anfielen.</span><br/> <span class="ft1">aa) Bei einem Rückzug der Einsprache sind die Kosten nach</span><br/> <span class="ft1">dem durch die Einsprache entstandenen (Mehr-)Aufwand zu verle-</span><br/> <span class="ft1">gen (§ 198 Abs. 2 StPO). Da bei einem Rückzug dem Gericht regel-</span><br/> <span class="ft1">mässig weniger Aufwand anfällt als bei vollständiger Durchführung</span><br/> <span class="ft1">des Verfahrens, rechtfertigt es sich in der Regel auch nicht, eine volle</span><br/> <span class="ft1">Gerichtsgebühr aufzuerlegen, wobei allerdings auf den Verfahrens-</span><br/> <span class="ft1">stand abzustellen ist. Im vorliegenden Fall ist dem Bezirksgericht Z.</span><br/> <span class="ft1">durch die Einsprache in Form des Aktenstudiums sowie der Ver-</span><br/> <span class="ft1">handlungsvorbereitung, der Besprechung über den zu fällenden Be-</span><br/> <span class="ft1">schluss und schliesslich der Ausfertigung des Urteils Aufwand ent-</span><br/> <span class="ft1">standen. Es steht im Ermessen des Bezirksgerichts, diese Umstände</span><br/> <span class="ft1">bei der Festsetzung der Gerichtsgebühr zu würdigen. Diesen Um-</span><br/> <span class="ft1">ständen hat das Bezirksgericht Z. bei seinem Entscheid vom 29. Juni</span><br/> <span class="ft1">2000 genügend Rechnung getragen, indem es ausführte, im Ergebnis</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">80</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">seien annähernd die gleichen Kosten entstanden wie bei einer Durch-</span><br/> <span class="ft1">führung der Verhandlung und Fällung eines Urteils, weshalb dem</span><br/> <span class="ft1">Angeklagten <i>keine weitere Reduktion</i> der Gerichtsgebühr gewährt</span><br/> <span class="ft1">werden könne (begründeter Beschluss vom 29. Juni 2000 Ziff. 2).</span><br/> <span class="ft1">Diesem Wortlaut ist zu entnehmen, dass entgegen der Annahme des</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführers eine gewisse Gebührenreduktion gewährt und</span><br/> <span class="ft1">daher dem Rechtsgleichheitsgebot durchaus entsprochen wurde. Da</span><br/> <span class="ft1">der Rückzug erst am Tag der Hauptverhandlung erfolgte, obwohl die</span><br/> <span class="ft1">Mandatierung bereits rund einen Monat zuvor stattgefunden hatte</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Mitteilung vom 30. Mai 2000/act. 17), ist die durch den Rück-</span><br/> <span class="ft1">zug enstandene Aufwandersparnis indessen gering. Dass dem Be-</span><br/> <span class="ft1">zirksgericht Z. vorliegend eine Pause entstand, die es anderweitig</span><br/> <span class="ft1">nutzen konnte, stellt im Weiteren eine reine Vermutung des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers dar.</span><br/> <span class="ft1">bb) Der weitere Einwand des Beschwerdeführers schiesslich, er</span><br/> <span class="ft1">sei massiv schlechter gestellt als bei vollständiger Verfahrensdurch-</span><br/> <span class="ft1">führung durch das Gericht, ist nicht zu hören. Die Materialien zur</span><br/> <span class="ft1">StPO vom 11. November 1958 enthalten keinen Hinweis, dass § 198</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 StPO in der Gesetzesberatung oder Vernehmlassung Grund</span><br/> <span class="ft1">zur Diskussion gegeben hätte. Eine historische Auslegung scheitert</span><br/> <span class="ft1">daher mangels entsprechender Aussagen. Also ist im Sinn einer te-</span><br/> <span class="ft1">leologischen Auslegung nach dem Sinn von § 198 Abs. 2 StPO zu</span><br/> <span class="ft1">forschen. Ratio dieser Bestimmung kann nur sein, dass der Ange-</span><br/> <span class="ft1">klagte, der durch die Einsprache gegen den Strafbefehl das gerichtli-</span><br/> <span class="ft1">che Verfahren selbst in Gang setzt und dann durch den Rückzug der</span><br/> <span class="ft1">Einsprache dennoch den Strafbefehl rechtskräftig werden lässt, für</span><br/> <span class="ft1">die dadurch entstehenden Kosten aufzukommen hat. Wie oben aus-</span><br/> <span class="ft1">geführt, ist dabei auf die bis dahin entstandenen Kosten abzustellen.</span><br/> <span class="ft1">Dass die Strafbefehlskosten bei dieser Konstellation zusätzlich zu</span><br/> <span class="ft1">bezahlen sind, entspricht der gesetzlichen Ordnung (§ 198 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">StPO).</span><br/> <span class="ft1">d) Der Vorwurf, dass das Bezirksgericht Z. vorliegend gegen</span><br/> <span class="ft1">das Rechtsgleichheitsgebot verstossen hätte, erweist sich somit als</span><br/> <span class="ft1">unbegründet. Den Gerichten kommt bei der Gebührenfestsetzung</span><br/> <span class="ft1">innert des weiten Rahmens gemäss VKD ein erhebliches Ermessen</span><br/> <span class="ft1">zu, in das das Obergericht nicht ohne Not eingreift. Dieses Ermessen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">81</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">hat das Bezirksgericht Z. weder überschritten noch missbraucht.</span><br/> <span class="ft1">Vielmehr steht die vom Bezirksgericht Z. bestimmte Gerichtsgebühr</span><br/> <span class="ft1">im Einklang mit dem Kostendeckungs- und Äquivalenzprinzip.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>