B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-83/2014/plo U r t e i l v o m 1 7 . O k t o b e r 2 0 1 4 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richter François Badoud, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______, geboren [...], gemäss eigenen Angaben Volksrepublik China (tibetischer Herkunft), vertreten durch Dipl.-Jur. Tilla Jacomet, HEKS-Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende, [...] Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 4. Dezember 2013 / N_______ D-83/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ist gemäss ihren eigenen Aussagen chinesische Staatsbürgerin tibetischer Ethnie und stammt aus dem Dorf B._______ im Kreis C._______ (andere Schreibweisen: [...]) im Regierungsbezirk Xiga- zê (Shigatse) in der Autonomen Region Tibet. G emäss eigenen Angaben verliess sie die Volksrepublik China am 18. November 2010 in Richtung Nepal, wo sie sich bis zum 9. Mai 2011 aufgehalten habe. Am 10. Mai 2011 reiste sie illegal in die Schweiz ein und stellte gleichentags beim Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen ein Asylgesuch. B. Das Bundesamt für Migration (BFM) befragte die Beschwerdeführerin am 23. Mai 2011 summarisch zu den Gründen ihres Asylgesuchs. In der Fo l- ge liess das BFM mittels eines vom 28. Juni 2011 datierenden LINGUA - Gutachtens die Herkunft der Beschwerdeführerin analysieren. Zu den E r- gebnissen dieses Gutachtens gewährte das Bundesamt der Beschwerde- führerin am 4. Juli 2011 im Rahmen einer mündlichen Befragung das rechtliche Gehör. Am 19. Juli 2011 führte das BFM eine eingehende A n- hörung der Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen durch. Anschlie s- send wurde sie für die Dauer des Asylverfahrens dem Kanton St. Gallen zugewiesen. C. Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin a n- lässlich der durchgeführten Befragungen i m Wesentlichen geltend, sie habe am 14. November 2010 auf der Strasse in B._______ einen Mönch getroffen. Dieser habe ihr gesegnete Halsbänder mit Amuletten gegeben, die den Dalai Lama gezeigt hätten. Diese Halsbänder habe sie gleiche n- tags an verschiedene Jugendliche verteilt. Noch am selben Tag sei sie durch eine Nachbarin gewarnt worden, sie werde durch die chinesische Polizei gesucht. Deshalb habe sie auf Anraten ihres Vaters in der folge n- den Nacht die Flucht ergriffen. D. Mit Verfügung vom 19. Juli 2011 lehnte das BFM das Asylgesuch der B e- schwerdeführerin ab und ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Dabei begründete es die Ablehnung des Asylg e- suchs im Wesentlichen damit, die vorgebrachten Asylgründe seien nicht glaubhaft. D-83/2014 Seite 3 E. Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin mit Eingabe ihrer Recht s- vertreterin vom 18. August 2011 beim Bundesverwaltungsgericht an. D a- bei beantragte sie die Aufhebung der Ziffern 1 und 3 bis 5 des Dispositivs der Verfügung vom 19. Juli 2011, die Feststellung – bei Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft – der Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegwe i- sung und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme. F. Mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 29. August 2011 wurde unter anderem festgestellt, dass sich das Be schwerdeverfahren angesichts der gestellten Anträge in materieller Hinsicht auf die Fragen der Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, der Wegweisung und des Vollzugs beschränke, während die Verfügung vom 19. Juli 2011 im Punkt der Ablehnung des Asylgesuchs in Rechtskraft erwachsen sei. G. Mit Urteil D -4561/2011 vom 12. Juni 2012 wurde die Beschwerde vom 18. August 2011 durch das Bundesverwaltungsgericht insofern gutge- heissen, als damit die Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt worden war. Des Weit eren wurde die Sache bezüglich der Punkte der Flüchtlingseigenschaft sowie des Wegweisungsvollzugs zur erneuten B e- urteilung an das BFM zurückgewiesen. Dies wurde im Wesentlichen d a- mit begründet, das Bundesamt habe entscheidwesentliche Rechtsfragen nicht re chtsgenüglich geprüft und den entscheidrelevanten Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt. H. Mit Schreiben ihrer Rechtsvertretung an das BFM vom 20. Juni 2013 e r- suchte die Beschwerdeführerin darum, das Asylverfahren weiterzuführen, wie mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts angeordnet. I. Mit Schreiben ihrer Rechtsvertretung an das BFM vom 9. Oktober 2013 teilte die Beschwerdeführerin mit, sie habe durch das Bundesamt noch keinerlei Anzeichen für die Weiterführung des Verfahrens erhalten, was aus ihrer Sicht einer erheblichen Rechtsverzögerung gleichkomme. J. Am 28. November 2013 wurde die Beschwerdeführerin durch das BFM erneut angehört, wobei das Schwergewicht der Befragung auf ihrer He r-D-83/2014 Seite 4 kunft aus Tibet, dem Zeitpunkt und den Umständen ihrer Ausreise au s Ti- bet beziehungsweise der Volksrepublik China sowie ihres Aufenthalts in Nepal lag. Auf die dabei gemachten Angaben wird, soweit für den En t- scheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. K. Mit Verfügung vom 4. Dezember 2013 (eröffnet am 5. Dezember 20 13) verneinte das BFM das Bestehen der Flüchtlingseigenschaft der B e- schwerdeführerin und ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Dabei begründete es die Verneinung der Flüchtlingse i- genschaft im Wesentlichen da mit, es sei nicht glaubh aft, dass die B e- schwerdeführerin in der Volksrepublik China gelebt und dort Probleme gehabt habe, und es lägen keine Anhaltspunkte dafür vor, die Anlass d a- für geben würden, die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 3 und 7 des Asylgesetzes (AsylG, SR 142.31) als Flüchtling zu anerkennen. Bezüglich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs führte das Bundesamt im W e- sentlichen aus, die Beschwerdeführerin habe ihre tatsächliche Staatsa n- gehörigkeit verheimlicht, woraus zu schliessen sei, dass die im Heima t- staat herrschende politische Situation nicht gegen die Zumutbarkeit des Vollzugs spreche. L. L.a Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin an das BFM vom 6. Dezember 2013 ersuchte die Beschwerdeführerin um Einsicht in die Verfahrensa k- ten. Diese wurde ihr durch das Bundesamt mit Schreiben vom 9. Dezem- ber 2013 gewährt, unter Ausschluss gewisser als der Geheimhaltung u n- terliegend erachteter Aktenstücke. L.b Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 19. Dezember 2013 ersuchte die Beschwerdeführerin darum, es sei ihr in Ergänzung zur mit d em Schreiben vom 9. Dezember 2013 gewährten Akteneinsicht auch Einblick in das im Dossier enthaltene LINGUA-Gutachten zu gewähren. L.c Mit Zwischenverfügung vom 23. Dezember 2013 lehnte das BFM die Akteneinsicht in das LINGUA-Gutachten ab. L.d Mit Eingabe ihrer R echtsvertreterin vom 31. Dezember 2013 präz i- sierte die Beschwerdeführerin ihren Antrag insofern, als sich dieser auf die Anhörung der sogenannten LINGUA-CD beziehe. L.e Diesem letztgenannten Antrag gab das Bundesamt mit Zwischenve r- fügung vom 6. Januar 2014 statt. D-83/2014 Seite 5 M. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 6. Januar 2014 focht die B e- schwerdeführerin die Verfügung des BFM vom 4. Dezember 2013 beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragte sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie die Feststellung ihrer Flüchtlingseige n- schaft und der Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung. In proze s- sualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Recht s- pflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG. Als Beweismittel wurde unter ande rem ein Bestätigungsschreiben einer Drittperson eingereicht. Auf die Begründung der Beschwerde und den Inhalt des genannten Schreibens wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. N. Aufgrund einer fehlerhaften Adressierung an den alten Standort des Bun- desverwaltungsgerichts ging die Eingabe vom 6. Januar 2014 zwar glei- chentags bei der schweizerischen Post ein, wurde jedoch nicht zugestellt, sondern an die Beschwerdeführerin retourniert. Mit Schreiben ihrer Rechtsvertreterin vom 7. Januar 2014 übergab die Beschwerdeführerin die genannte Eingabe erneut der schweizerischen Post. Mit weiterer Ei n- gabe der Rechtsvertreterin vom 9. Januar 2014 wurde die versehentliche Adressierung erläutert, mitsamt Couvert und Quittung der ersten Pos t- sendung. O. Mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 24. Januar 2014 wurde festgestellt, dass die Beschwerdefrist als eingehalten zu betrac h- ten ist. Des Weiteren wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltl i- chen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unter der Vorau s- setzung des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung bis zum 10. Feb- ruar 2014 gutgeheissen. Hingegen wurde der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG a b- gewiesen. P. Mit Eingabe der Rec htsvertreterin vom 6. Februar 2014 wurde eine Fü r- sorgebestätigung nachgereicht. Q. Mit Vernehmlassung vom 20. Februar 2014 hielt das BFM vollumfänglich D-83/2014 Seite 6 an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwer- de. R. Mit Zwischenverfügung vom 25. Februar 2014 wurde der Be schwerde- führerin in Bezug auf die Vernehmlassung das Replikrecht erteilt. S. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 7 . März 2014 äusserte sich die Beschwerdeführerin zur Vernehmlassung des Bundesamts. T. Mit Zwischenverfügung vom 25. Juni 2014 wurde die Beschwerdeführerin aufgefordert, sich zur Frage zu äussern, ob und inwiefern sich aus der mit dem zur Publikation vorgesehenen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-2981/2012 vom 20. Mai 2014 verbundenen Praxisänderung (bezüglich der Frage der chinesischen Staatsangehörigkeit von Asylsuchenden tib e- tischer Ethnie) für die von ihr geltend gemachten Beschwerdegründe konkrete Auswirkungen ergeben. U. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 8. Juli 2014 reichte die B e- schwerdeführerin eine ent sprechende Stellungnahme ein. Auf die dabei vorgebrachten Argumente wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht B e- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden gegen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das BFM erlassen worden sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Auslie- ferungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). D-83/2014 Seite 7 1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im A n- wendungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, ei n- schliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sac h- verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. Die Beschwerdeführerin ist legitimiert; auf ihre – wie mit Zwischenverf ü- gung vom 24. Januar 2014 festgestellt wurde – frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 3. Zunächst ist zu rekapitulieren, welche hauptsächlichen Feststellungen mit dem Urteil D-4561/2011 vom 12. Juni 2012 – das ausschliesslich die Fra- gen der Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, der Wegweisung und des Vollzugs zum Gegenstand hatte, nachdem die Verfügung des BFM vom 19. Juli 2011 im Punkt der Ablehnung des Asylgesuchs in Recht s- kraft erwachsen war – getroffen wurden. 3.1 Zum einen wurde durch das Bundesverwaltungsgericht die Einschä t- zung des BFM bestätigt, gestützt auf das im vorinstanzlichen Verfahren durchgeführte LINGUA-Gutachten könne nicht geglaubt werden, dass die Beschwerdeführerin, wie von ihr behauptet, von ihrer Geburt an bis zu i h- rer Ausreise aus der Volksrepublik China am 18. November 2010 im Dorf B._______ im Kreis C._______ im Regierungsbezirk Xigazê in der Aut o- nomen Region Tibet gelebt habe. Dabei wurde im Urteil vom 12. Juni 2012 ausgeführt, angesichts der äusserst mangelhaften landeskundlichen Kenntnisse der Beschwerdeführerin zu ihrer angeblichen Herkunftsregion sei es als offensichtlich zu erachten, dass sie nicht im geltend gemachten Zeitraum dort lebte und entsprechend sozialisiert wurde. Für die weitere diesbezügliche Begründung ist auf das genannte Urteil (E. 4) zu verwe i- sen. 3.2 Zum anderen wurde auf die dama ls gültige, auf Entscheide der vo r- maligen Schweizerisch en Asylrekurskommission (ARK) zurückgehende Rechtsprechung Bezug genommen, wonach Personen tibetischer Ethnie, die sich illegal aus Tibet nach Nepal oder Indien begeben hatten und, oh- ne sich dort während längerer Zeit aufgehalten zu haben, in die Schweiz weiter gereist waren, dort ein Asylgesuch gestellt hatten und über eine längere Zeit verblieben waren, im Falle einer Rückkehr nach China mit D-83/2014 Seite 8 Verfolgung im flüchtlingsrechtlich relevanten Sinne zu rechnen gehabt hätten (Entscheidungen und Mitteilungen der S chweizerischen Asylr e- kurskommission [EMARK] 2006 Nr. 1 E. 6.4). Gestützt auf diese damalige Praxis war die Frage zu stellen, ob der Beschwerdeführerin mögliche r- weise die Flüchtlingseigenschaft wegen subjektiver Nachfluchtgründ e gemäss Art. 54 AsylG zukomme. Des Weiteren wurde auf die damals gül- tige Rechtsprechung hingewiesen, wonach ausserdem bei exiltibetischen Gesuchstellern davon auszugehen war, dass sie in der Regel, auch wenn sie sich möglicherweise längere Zeit in Indien oder Nepal aufgehalten hatten, nicht unbekannter Staatsangehörigkeit seien, sondern die Staat s- angehörigkeit der Volksrepublik China besässen (EMARK 2005 Nr. 1 E. 4.3). 3.3 Im Zusammenhang mit den soeben genannten Fragestellungen wu r- de schliesslich festgestellt, das BFM habe es unterlassen, die Frage des Vorliegens von Vollzugshindernissen bezüglich China in rechtsgenügl i- cher Weise zu prü fen, beziehungsweise es seien nicht die erforderlichen konkreten Anhaltspunkte über die tatsächliche Herkunft der Beschwerd e- führerin vorhanden, die es zula ssen würden, die Frage des Vorliegens von Vollzugshindernissen abschliessend zu prüfen. Somit habe einerseits das BFM entscheidwesentliche Rechtsfragen nicht rechtsgenüglich g e- prüft, und andererseits sei der entscheidrelevante Sachverhalt nicht als vollständig abgeklärt zu erachten. 4. 4.1 Mit zur Publikation vorgesehenem Urteil des Bundesverwaltungsg e- richts E-2981/2012 vom 20. Mai 2014 wurde die ehemals gültige Praxis (gemäss EMARK 2005 Nr. 1 E. 4.1–4.3), wonach auf eine chinesische Staatsangehörigkeit zu schliessen sei, wenn im Einzelfall als erstellt ge l- te, dass eine asylsuchende Person tibetischer Ethnie sei, überprüft und aktualisiert. In einem weiteren Schritt wurde diese Rechtsprechung d a- hingehend präzisiert, dass bei Personen tibetischer Ethnie, die in Ver- letzung der Mitwirkungspflicht ihre wahre Herkunft verschleiern oder ver - heimlichen, vermutungsweise davon auszugehen ist, dass keine flücht - lings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an ih- ren bisherigen Aufenthaltsort bestehen (Urteil E-2981/2012 E. 5.8 ff., insb. 5.10). 4.2 Mit dem genannten Urteil wurde ausserdem festgehalten, dass die Abklärungspflicht der Asylbehörden ihre Grenze in der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person findet (a.a.O., E. 5.9). Verunmöglicht eine D-83/2014 Seite 9 asylsuchende Person tibetischer Ethnie durch die Verletzung ihrer Mitwir- kungspflicht die Abklärung, welchen rechtlichen Status (ausländerrechtl i- cher Aufenthaltstitel oder gegebenenfalls Staatsbürgerschaft) sie in den wahrscheinlichsten bisherigen Aufenthaltslä ndern, nämlich Nepal oder Indien (vgl. diesbezüglich a.a.O., E. 5.3), effektiv innehat, so kann n a- mentlich keine Drittstaatenabklärung im Sinne von Art. 31 a Abs. 1 Bst. c AsylG stattfinden. Durch die Verheimlichung und Verschleierung der wah- ren Herkunft wi rd ferner auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betreffenden Person in Bezug auf ihren tatsächlichen Heimatstaat veru n- möglicht. 4.3 Die hauptsächlichen Anträge der Beschwerdeführerin im vorliegenden Verfahren – die Feststellung ihrer Flüchtlingseigen schaft und der Unz u- lässigkeit des Vollzugs der Wegweisung, weil es sich bei ihr um eine ill e- gal aus China ausgereiste Tibeterin chinesischer Staatsangehörigkeit handle – sind zum heutigen Zeitpunkt auf der Grundlage der mit dem U r- teil E-2981/2012 vom 20. Mai 2014 erfolgten Praxisänderung zu beurte i- len. 4.4 4.4.1 Mit Zwischenverfügung vom 25. Juni 2014 wurde der Beschwerd e- führerin das rechtliche Gehör zur Frage gewährt, ob und inwiefern sich aus dieser Praxisänderung für die von ihr geltend gemachten Beschwe r- degründe konkrete Folgen ergeben. Mit Eingabe vom 8. Juli 2014 nahm sie dazu im Wesentlichen folgendermassen Stellung: Das Urteil E -2981/ 2012 vom 20. Mai 2014 habe nur indirekte Auswirkungen auf das vorli e- gende Verfahren. In jenem Urteil sei auf ein korrektes LINGUA-Gutachten abgestellt worden, dem ein entsprechender hoher Beweiswert zukomme. Hingegen halte die in Bezug auf die Beschwerdeführerin durchgeführte LINGUA-Analyse – wie bereits mit der Beschwerdeschrift ausgeführt worden sei – den Anforderungen an ein s olches Gutachten nicht stand. Den Ergebnissen der Analyse sei zu widersprechen, und es sei daran festzuhalten, dass die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrer Herkunft zutreffend seien. Sie habe ihre Mitwirkungspflicht nicht verletzt. 4.4.2 Hierzu ist zunächst festzuhalten, dass mit dem Urteil D-4561/2011 vom 12. Juni 2012 bereits abschliessend beurteilt wurde, ob die B e- schwerdeführerin, wie von ihr behauptet, nicht nur aus der Autonomen Region Tibet in der Volksrepublik China stammt, sondern aus ihrem He i- matstaat erst am 18. November 2010 ausgereist ist, bevor sie nach e i- nem halbjährigen Aufenthalt in Nepal in die Schweiz gelangte. Wie bereits D-83/2014 Seite 10 angemerkt wurde (zuvor, E. 3.1), hielt auch das Bundesverwaltungsg e- richt dafür, dass die von der Vorinstanz getroffene F olgerung, die B e- schwerdeführerin habe nicht im geltend gemachten Zeitraum in ihrer a n- geblichen Herkunftsregion gelebt, als zutreffend zu erachten ist. Nach- dem die Beschwerdeführerin bezüglich dieser Feststellung im vorliege n- den Verfahren keine Gründe vorge bracht hat, die allenfalls eine revis i- onsweise erneute Überprüfung rechtfertigen könnten, ist auf diese Frage nicht mehr weiter einzugehen. Der Vollständigkeit halber lässt sich i m- merhin noch anmerken, dass auch die am 28. November 2013 durchg e- führte erneute Anhörung der Beschwerdeführerin keine Erkenntnisse her- vorbrachte, welche die mit dem Urteil D -4561/2011 vom 12. Juni 2012 gezogenen Schlüsse in Bezug auf ihre Herkunft in Zweifel ziehen kön n- ten. 4.5 Im vorliegenden Fall ist zwar die Beschwerdeführerin unbes trittener- massen der tibetischen Ethnie zuzurechnen. Indessen hat sie zur Frage, in welchem Staat sie tatsächlich ihre Sozialisierung erfahren hat und wo sie sich in den letzten Jahren vor ihrer Einreise in die Schweiz aufgehal- ten hat, unglaubhafte Angaben gemacht. Insofern ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin vor ihrer Einreise in die Schweiz nicht in der Volksrepublik China – auch wenn eine allfällige frühe Erstsozialisation im tibetischen Kulturraum in China, so namentlich im Regierungsbezirk Xigazê in der Autonomen R e- gion Tibet, nicht ausgeschlossen ist –, sondern in der exiltibetischen D i- aspora, mutmasslich in Nepal oder Indien, gelebt hat. Die Verweigerung glaubhafter Informationen in Bezug auf den Aufen thaltsort der Beschwer- deführerin in den letzten Jahren vor ihrer Einreise in die Schweiz ist als Verletzung der Mitwirkungspflicht im Sinne des Urteils E -2981/2012 vom 20. Mai 2014 aufzufassen. Damit verunmöglicht die Beschwerdeführerin die Abklärung, welchen effektiven Status sie in Nepal oder in Indien inn e- hat, beziehungsweise die Prüfung, welche Staatsangehörigkeit sie b e- sitzt. Durch dieses Verhalten der Beschwerdeführerin ist ferner eine Pr ü- fung der Drittstaatenregelung im Sinne von Art. 31 a Abs. 1 Bst. c AsylG beziehungsweise eine Prüfung ihrer allfälligen Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf Nepal oder Indien verunmöglicht. Aus der Beschwerdeschrift und den weiteren Eingaben im vorliegenden Verfahren ergibt sich nichts, was diesbezüglich von entscheidwesentlicher Bedeutung sein könnte. 4.6 Die Beschwerdeführerin hat die Folgen ihrer fehlenden Mitwirkung i n- sofern zu tragen, als mangels konkreter anderweitiger Hinweise der D-83/2014 Seite 11 Schluss gezogen werden muss, es spreche nichts gegen eine Rückkehr in ihren bisherigen Aufenthaltsstaat, sei dieser nun Nepal oder Indien. 4.7 Angehörige der tibetischen Ethnie, welche zugleich chinesische Staatsangehörige sind, haben in Bezug auf die Volksrepublik China z u- mindest subjektive Nachfluchtgründe, weil sie nach einer ill egalen Ausrei- se aus China und entsprechendem Aufenthalt im Ausland als Unterstützer des Dalai Lama und damit als separatistisch gesinnte Oppositionelle b e- trachtet werden, und erfüllen insofern – wiederum in Bezug auf China – die Flüchtlingseigenschaft (vgl . BVGE 2009/29). Aufgrund dieser pote n- tiellen Gefährdung ist für alle Exil -Tibeterinnen und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung in die Volksrepublik China auszuschliessen (Urteil E-2981/2012 E. 5.11). Dies gilt ungeachtet der Frage, ob die chinesisc he Staatsangehörigkeit tatsächlich gegeben ist oder – wie im vorliegenden Fall – aufgrund einer Verletzung der Mitwirkungspflicht im Asylverfahren nicht überprüfbar ist, ob eine Person tibetischer Ethnie die Staatsangeh ö- rigkeit eines Drittstaats besitzt. 4.8 Die Beschwerdeführerin gehört unbestrittenermassen der tibetischen Ethnie an, womit die Möglichkeit nicht völlig auszuschliessen ist, dass sie trotz der unglaubhaften Angaben in Bezug auf ihre Herkunft die chines i- sche Staatsangehörigkeit besitzt. Nach dem Gesagten ist somit festz u- stellen, dass der Wegweisungsvollzug nach China ausgeschlossen ist. 5. Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt sowie den rechtserheblichen Sac h- verhalt richtig und vollst ändig feststellt (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten an sich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Indessen wurde der mit der Beschwerdeschrift gestellt e Antrag auf unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverf ü- gung vom 24. Januar 2014 gutgeheissen. Somit hat die Beschwerdefü h- rerin keine Verfahrenskosten zu tragen. D-83/2014 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es wird festgestellt, dass ein Vollzug der Wegweisung in die Volksrepublik China ausgeschlossen ist. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand: