B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1722/2025 U r t e i l v o m 1 9 . M ä r z 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichter Simon Thurnheer, mit Zustimmung von Richter Kaspar Gerber; Gerichtsschreiberin Michèle Fierz. Parteien 1. A._______, geboren am (…), 2. B._______, geboren am (…), 3. C._______, geboren am (…), 4. D._______, geboren am (…), 5. E._______, geboren am (…), 6. F._______, geboren am (…), alle vertreten durch MLaw Nadiia Alekseieva, Rechtsschutz für Asylsuchende, Bundesasylzentrum Region, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (sicherer Drittstaat - Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG); Verfügung des SEM vom 5. März 2025. D-1722/2025 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden suchten am 14. Februar 2025 in der Schweiz zusammen mit den beiden volljährigen Familienmitgliedern (N […] und N […]) um Asyl nach. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssys- tem (CS-VIS) ergab, dass ihnen in Italien ein für den 21. August 2021 gül- tiges Visum ausgestellt worden war. Ein Abgleich mit der europäischen Fin- gerabdruckdatenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass sie gleichen- tags in Italien um Asyl nachgesucht hatten, wo sie in der Folge als Flücht- linge anerkannt wurden. B. Am 21. Februar 2025 wurde den Beschwerdeführenden das rechtliche Ge- hör zum beabsichtigten Nichteintretensentscheid und zur Wegweisung nach Italien sowie zum medizinischen Sachverhalt gewährt. C. Mit Schreiben vom 26. Februar 2025 nahmen die Beschwerdeführenden Stellung. Dabei gaben sie an, die Familie sei bei der Machtübernahme der Taliban von den italienischen Behörden aus Afghanistan evakuiert worden. Nachdem sie in Italien als F lüchtlinge anerkannt worden seien, hätten sie eine Wohnung gemietet, welche zunächst von den italienischen Behörden bezahlt worden sei. Später hätten sie selbst für die Miete aufkommen müs- sen. Dies sei ihnen nicht möglich gewesen, da d er Beschwerdeführer 1 keine Arbeit gefunden habe. Da sie keine finanzielle Unterstützung erhal- ten hätten, hätten sie Italien verlassen müssen und seien sie in die Schweiz gekommen. Bei einer Rückkehr drohe ihnen eine existentielle Notlage. D. Am 28. Februar 2025 händigte das SEM den Beschwerdeführenden den Entscheidentwurf zur Stellungnahme aus. Diese ging am 3. März 2025 beim SEM ein. E. Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 5. März 2025 trat das SEM auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, w ies sie aus der Schweiz weg und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen; ansonsten könnten sie in Haft ge- nommen und unter Zwang nach Italien zurückgeführt werden. Gleichzeitig beauftragte die Vorinstanz den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. D-1722/2025 Seite 3 F. Mit Eingabe vom 12. März 2025 erhoben die Beschwerdeführenden gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie bean- tragten die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen Erstellung des Sachverhalts. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, die Beschwerdeführenden in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Subeventual itier sei die Vorinstanz anzuweisen, von den italienischen Behörden Zusicherungen betreffend den Zugang der Beschwerdeführenden zu Unterkunft und medizinischer Versorgung einzuholen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewäh- rung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. G. Mit Schreiben vom 13. März 2025 bestätigte das Bundesverwaltungsge- richt den Eingang der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). D-1722/2025 Seite 4 3. Die vorliegende Beschwerde erweist sich - wie nachstehend aufgezeigt - als offensichtlich begründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zustän- digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weiterungen und mit sum- marischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 4. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 5. 5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein- getreten, wenn die asylsuchende Person in einen sicheren Drittstaat nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG zurückkehren kann, in welchem sie sich vorher aufgehalten hat. Bei den Ländern der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) besteht die gesetzliche Ver- mutung, dass es sich um sichere Drittstaaten handelt (vgl. Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG. 5.2 In allen Fällen nach Art. 31a Abs. 1 AsylG ist erforderlich, dass hinsicht- lich des Vollz ugs eine Rückübernahmezusicherung des Drittstaates vor- liegt. Die tatsächliche Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs (und nicht nur der Weiterreise oder Rückkehr) ist Rechtmässigkeitsvoraussetzung für den Erlass eines Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs.1 AsylG; die Frage, ob die asylsuchende Person selbstständig beziehungsweise freiwil- lig in den Drittstaat zurückkehren könnte, ist für die Anwendung der Dritt- staatenregelung demnach nicht ausschlaggebend (vgl. Urteile des BVGer D-7483/2024 vom 13. Dezember 2024 E. 6; D-788/2021 vom 25. Novem- ber 2024 E 5.2; E-4427/2021 vom 28. November 2023 E. 4.2; CONSTANTIN HRUSCHKA in: Spescha et al. [Hrsg.], Kommentar zum Migrationsrecht, 5. Aufl. 2019, Art. 31a AsylG Rn. 3, vgl. auch BBl 2002 6845, 6850). 6. 6.1 Die Beschwerdeführenden rügen eine unvollständige Sachverhaltser- stellung. Sie machen geltend, die Vorinstanz habe keine Übernahmezusi- cherung bei den italienischen Behörden eingeholt, obwohl sie dazu D-1722/2025 Seite 5 verpflichtet gewesen wäre . Die Zusicherung des entsprechenden Dr itt- staats zur Rückübernahme der betreffenden Personen sei eine Vorausset- zung für den Erlass eines Nichteintretensentscheides. Da die Vorinstanz dies versäumt habe, sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. 6.2 Die Vorinstanz ist in ihrem Entscheid gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG nicht auf die Asylgesuche eingetreten und hat die Wegweisung nach Italien angeordnet. Sie hat sich diesbezüglich auf den Standpunkt gestellt, dass das Einholen einer solchen Rückübernahmezusicherung nicht nötig sei, da die Beschwerdeführenden über gültige Reisedokumente verfügen würden und in Italien als Flüchtlinge anerkannt worden seien, weshalb sie über einen Titel verfügen würden, der ihnen die Rückkehr nach Italien er- laube. 6.3 Diese Argumentation der Vorinstanz trifft jedoch ins Leere, da ein sol- cher Nichteintretensentscheid voraussetzt, dass der übernehmende Staat eine Rückübernahmezusicherung abgegeben hat. Vorliegend ist das SEM ohne die erforderliche Zusicherung der Rückübernahme der Beschwerde- führenden durch die zuständigen italienischen Behörden in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf die Asylgesuche nicht eingetreten. Der entscheidrelevante Sachverhalt im Hinblick auf die Frage, ob eine Über- stellung nach Italien rechtmässig sei, ist dem nach nicht rechtsgenüglich erstellt. 7. 7.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge- stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh- ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz- lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst herge stellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er- scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). 7.2 Aufgrund der vorzunehmenden Anfrage zur Rückübernahme ist es an- gezeigt, die angefochtene Verfügung aufzuheben un d die Sache zur voll- ständigen Sachverhaltsfeststellung (Einholen der erforderlichen Zusiche- rung der Rückübernahme der Beschwerdeführenden durch die zuständi- gen italienischen Behörden) sowie zu neuer Entscheidung an die Vorin - stanz zurückzuweisen. Die Beschwerde ist somit gutzuheissen. D-1722/2025 Seite 6 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwen digen Partei- kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 300.– zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-1722/2025 Seite 7 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der angefochte- nen Verfügung beantragt wird. 2. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben und die Sache zur vollstän- digen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts im Sinne der Erwä- gungen und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insge- samt Fr. 300.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Simon Thurnheer Michèle Fierz Versand: