19. März 1993 N 623 Interpellation Hafner Rudolf #ST# 92.3144 Interpellation Hafner Rudolf Mieterschreckstiftung Locacasa und Bundesamt für Wohnungswesen Fondation Locacasa et Office fédéral du logement Wortlaut der Interpellation vom 20. März 1992 Aus Presseberichten können Missstände zu Lasten der Mieter- schaft bei der als gemeinnützig anerkannten Stiftung Locacasa entnommen werden. Eine Publikation des «Schweizerischen Beobachters» weckt sogar die Frage, inwiefern die Geschäfts- tätigkeit noch als seriös bezeichnet werden darf. (Artikel «Sozia- les Wohnmodell als Mieterschreck» vom 20. März 1992). Da die Stiftung mit Bundesgeldern arbeitet und der Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen im Stiftungsrat invol- viert ist, besteht ein Interesse der Oeffentlichkeit und der Mie- terschaft an einer Bereinigung der aufgeworfenen Fragen. Der Bundesrat wird gebeten, folgende Fragen zu beant- worten: 1. Wieviel Geld hat der Bund der Stiftung Locacasa zur Verfü- gung gestellt? Unter welchen Titeln und Bedingungen? 2. Wie stellt sich der Bundesrat zur Aussage des Liegen- schaftsverwalters der Stadt Biel: «Locacasa überzahlt die Lie- genschaften bisweilen massiv.... weil die Stiftung Objekte vor- her nicht seriös begutachtet.» Ist der Bundesrat in Anbetracht der massiven Vorwürfe bereit, diesen und eventuell weitere Problempunkte durch eine vom Bundesamt für Wohnungswe- sen unabhängige Stelle überprüfen zu lassen? 3. Die Mieter sollen in der Regel Mieteigentümer werden und Darlehen gewähren. Sind diese Darlehen lückenlos durch Schuldbriefe oder vergleichbare Sicherheiten gedeckt? 4. Aus einem Brief vom 19. Dezember 1990 der Locacasa an die Mieter der Ringstrasse 5 in Ostermundigen kann folgen- des entnommen werden: «Die Stiftung Locacasa Bern wird von der Einwohnergemeinde Bern und sieben Berner Banken getragen und wird allen bisherigen Mietern eine Mischform von Miete und Eigentum anbieten ....» Ist der Bundesrat der Auffassung, eine Anpreisung einer sol- chen «Mischform» sei rechtlich korrekt und der Mieterschaft genügend transparent? Sind die Mieter effektiv Mieteigentü- mer laut Begriff der Locacasa, und welche eigentumsähnliche Rechte (Begriff Locacasa) haben sie? Ist die Stiftungsform der Locacasa geeignet für die behauptete Eigentumsform? Würde eine effektive Mitsprache der Mieterschaft nicht eine andere Rechtsform erfordern? 5. Wie stellt sich der Bundesrat zu den von der Locacasa ange- strebten zeitlich rückwirkenden Erhöhungen von Mietzinsen (z. B. perl. Februar 1991 in der Liegenschaft Vereinsweg 10a in Bern) in Anbetracht des Widerspruchs mit dem Mietrecht und aufgrund der Stiftungsratstätigkeit des Direktors des Bun- desamtes für Wohnungswesen? 6. Erachtet es der Bundesrat als richtig, dass die Stiftung Loca- casa bei einem Mieterwechsel den Wohnungswert und ent- sprechend den Mietzins an das aktuelle Marktniveau anpasst? Widerspricht eine solche Vorgehensweise nicht dem gemein- nützigen Ziel der Stiftung? 7. Kann der Bundesrat bestätigen, dass Charles M. Wyder, Geschäftsführer von Locacasa, ein ehemaliger Mitarbeiter des Bundesamtes für Wohnungswesen ist? Welches Gehalt und welche geldwerten Leistungen beziehen er und die Stiftungs- ratsmitglieder von der Locacasa? 8. Ist der Bundesrat der Auffassung, der Direktor des Bundes- amtes für Wohnungswesen nehme seine Aufsichtspflicht als Amtsdirektor respektive als Stiftungsrat der Locacasa in jeder Hinsicht wahr? 9. Welche Massnahmen gedenkt der Bundesrat anzuordnen, um die Ordnungsmässigkeit bei der Stiftung Locacasa wieder- herzustellen und die Rechte der Mieterschaft zu sichern? Texte de l'interpellation du 20 mars 1992 La presse fait état d'anomalies dont sont victimes des locatai- res membres de la fondation Locacasa, pourtant reconnue d'utilité publique. Le «Schweizerische Beobachter» a publié, le 20 mars 1992, un article intitulé «Soziales Wohnmodell als Mie- terschreck»; après l'avoir lu, on se demande si on peut encore qualifier de sérieuses ses activités. Comme elle travaille avec des fonds de la Confédération et que le directeur de l'Office fé- déral du logement est membre de son conseil de fondation, l'opinion publique et les locataires ont intérêt à ce que la lu- mière soit faite sur les problèmes ci-après. Je demande donc au Conseil fédéral de bien vouloir répondre aux questions suivantes: 1. Combien d'argent la Confédération a-t-elle mis jusqu'à pré- sent à la disposition de la fondation Locacasa? A quels titres et à quelles conditions? 2. Que pense le Conseil fédéral des propos de l'administra- teur des immeubles de la Ville de Bienne, lequel a dit que «Lo- cacasa achetait de temps à autre des immeubles à un prix surfait.... parce qu'elle ne procédait pas au préalable à une expertise sérieuse»? Vu le caractère grave de ces reproches, le gouvernement est-il disposé à faire examiner cet aspect, et éventuellement d'autres, par un organisme qui n'ait aucun lien avec l'Office fédéral du logement? 3. En règle générale, les locataires doivent devenir des pro- priétaires-locataires et fournir un apport personnel sous la forme d'un prêt Ces prêts sont-ils couverts en totalité par des lettres de gage ou d'autres titres du genre? 4. On peut lire dans une lettre de la fondation Locacasa, datée du 19 décembre 1990 et envoyée aux locataires de la Ringstrasse 5 à Ostermundigen, que «la fondation Locacasa de Berne est soutenue par la Commune des habitants de Berne et par sept banques bernoises, et qu'elle offrira à tous les locataires 'eine Mischform von Miete und Eigentum'», au- trement dit, une formule mixte entre la location et la propriété. Le Conseil fédéral pense-t-il qu'il soit correct, juridiquement parlant, de faire l'article pour une telle formule et estime-t-il qu'elle est suffisamment transparente pour les locataires? Les locataires sont-ils effectivement des propriétaires-locataires («Mieteigentümer» comme le dit la fondation Locacasa) et de quels droits de la «parapropriété» («eigentumsähnliche Rechte» dit la fondation Locacasa) disposent-ils? Une fonda- tion se prête-t-elle à cette prétendue forme de propriété? Un droit de codécision réel des locataires n'exigerait-il pas un au- tre statut juridique? 5. Que pense le Conseil fédéral des augmentations de loyer à effet rétroactif (au 1er février 1991 pour les locataires du Vereinsweg 10a à Berne) que la fondation Locacasa entend introduire, eu égard au fait qu'elles sont contraires au droit de bail et que le directeur de l'Office fédéral du logement est membre du conseil de cette fondation? 6. Pense-t-il qu'il soit juste que la fondation Locacasa profite d'un changement de locataire pour augmenter la valeur d'un appartement et, partant, adapter son loyer aux conditions du marché? Cette façon d'agir ne contredit-elle pas le caractère d'utilité publique de cette fondation? 7. Peut-il confirmer que M. Charles M. Wyder, actuel admini- strateur de la fondation Locacasa, est un ex-fonctionnaire de l'Office fédéral du logement? Quels appointements et autres prestations perçoit-il de la fondation Locacasa, lui et les mem- bres du conseil de fondation? 8. Pense-t-il que le directeur de l'Office fédéral du logement remplit à tout point de vue son devoir de surveillance en qualité de directeur dudit office et en tant que membre du conseil de fondation Locacasa? 9. Quelles mesures entend-il ordonner pour rétablir l'ordre au sein de la fondation Locacasa et assurer le respect des droits des locataires qui en sont membres? Mitunterzeichner-Cosignataires: Bär, Meier Hans, Thür (3) Schriftliche Begründung - Développement par écrit Der Urheber verzichtet auf eine Begründung und wünscht eine schriftliche Antwort.Interpellation Hafner Rudolf 624 N 19 mars 1993 Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 14. Dezember 1992 Rapport écrit du Conseil fédéral du 14 décembre 1992 a. Vorbemerkungen Schon die «Kommission Masset» hat im Jahre 1980 in ihrem Bericht zur Eigentumsförderung auf die Wünschbarkeit von Mischformen zwischen Miete und Eigentum hingewiesen. Auch der Bundesrat unterstützt in seinem im September 1991 verabschiedeten Paket zur Wohnungs- und Bodenpolitik die Schaffung entsprechender Wohnmodelle. Damit sollen die Vorteile beider Besitzesformen kombiniert und deren Nach- teile soweit als möglich eliminiert werden. Aus dem Mischcharakter folgt allerdings, dass die gängigen Vertrags- und Organisationsformen für die Realisierung sol- cher Modelle nur bedingt geeignet sind. In Form von Miete- Beteiligungsgesellschaften, Miete-Kauf-Konzepten, Stiftun- gen, Genossenschaften und verschiedensten Darlehensfor- men hat man daher in den siebziger und achtziger Jahren mit verschiedenen Konstruktionen experimentiert Das Bundes- amt für Wohnungswesen hat entsprechende Versuche in An- betracht des weitverbreiteten Bedürfnisses nach neuen Lö- sungen im Wohnbereich unterstützt. Dabei wurde ausdrück- lich davon abgesehen, irgendwelche Formen von Eigentums- förderung als staatliche Aufgabe zu formulieren. Es wurde ge- genteils privatwirtschaftlichen Lösungen der Vorzug gegeben. Dies hat zur Folge, dass der Bundesrat für die jeweilige Tätig- keit, insbesondere für diejenige der Locacasa, keine Verant- wortung trägt Anderseits bestätigt der Erfolg in sachlicher Hin- sicht die Richtigkeit der Bemühungen. Die «Stiftung Locacasa Bern für Mieteigentum» ist ein Mieter-Beteiligungsmodell. Zur- zeit gibt es in der Schweiz sechs derartige regionale Stiftun- gen, drei weitere sind in Gründung. Sie sind gemeinnützig, und ihre Tätigkeit hat sich den Zielsetzungen und Bestimmun- gen des Wohnbau- und Eigentumsförderungsgesetzes unter- geordnet. Sie sind demgemäss verpflichtet, ihr Handeln auf die Realisierung ihrer wohnungspolitischen Zielsetzungen zu konzentrieren und einen Liquidationsüberschuss gegebenen- falls wieder vollumfänglich dem gemeinnützigen Wohnungs- bau zur Verfügung zu stellen. Die verschiedenen Stiftungen wiederum sind gesamtschweizerisch in der Schweizerischen Vereinigung Locacasa zusammengefasst. Nach dem Wohnbau- und Eigentumsförderungsgesetz (WEG, SR 843) hat jeder Gesuchsteller, der die gesetzlichen Voraus- setzungen erfüllt, nach Massgabe der vorhandenen Mittel An- spruch auf Bundeshilfe. Dies gilt auch bezüglich der Loca- casa, die diese Voraussetzungen erfüllt b. Zu den einzelnen Fragen 1. Im Sinne der Artikel 51 und 52 WEG hat der Bund der Schweizerischen Vereinigung Locacasa bisher 10,75 Millio- nen Franken an zinsgünstigen Darlehen zur Verfügung ge- stellt Aus dem damit geäufneten Fonds de roulement flössen bisher 8,1 Millionen Franken an die Stiftung Locacasa Bern, welche mit ungefähr 1800 Wohneinheiten die grösste der re- gionalen Stiftungen ist Die Darlehen tragen vorwiegend zur teilweisen Ueberbrückung der Eigenkapitallücken zwischen dem Zeitpunkt des Liegenschaftserwerbs und jenem der Dar- lehensleistung der Bewohner bei. Als gemeinnützige Bauträgerin hat die Locacasa ferner An- spruch auf die üblichen Bürgschaften und Verbilligungsvor- schüsse des WEG. Diese erfolgen aber in Form blosser Garan- tieleistungen für einen Zeitraum von mindestens 25 Jahren. Sie stellen also keine Ausgaben dar. Die zurzeit beanspruch- ten Garantien belaufen sich auf rund 150 Millionen Franken. Bewohner von WEG-Objekten erhalten ferner nichtrückzahl- bare Zusatzverbilligungen, sofern sich ihre Einkommen und Vermögen innerhalb bestimmter Limiten bewegen. Diese sub- jektbezogenen Beiträge an Locacasa-Mieter machen bis heute rund 1,5 Millionen Franken aus. 2. Es ist nicht Sache des Bundesrates, sich zum Geschäftsge- baren der Locacasa zu äussern. Wesentlich ist, dass die ihr aufgrund des WEG zur Verfügung gestellten Mittel zweckent- sprechend eingesetzt werden. Im übrigen hat eine Sektion der Geschäftsprüfungskommission des Ständerates das Bundes- amt für Wohnungswesen inspiziert 3. Die Mieterdarlehen sind durch Grundpfänder sichergestellt. 4. Das WEG sieht in Artikel 47 neben der Förderung des Ei- gentums im engeren Sinn auch die Förderung eigentumsähn- licher Rechte ausdrücklich vor. Eine mögliche Form dieser Va- riante stellt das Locacasa-System dar. Für die im Locacasa-System bestehenden Rechte und Pflich- ten muss auf die entsprechenden Broschüren und Verträge der Stiftung verwiesen werden. 5. Es ist nicht Sache des Bundesrates, sich zu allfälligen zeit- lich rückwirkenden Erhöhungen von Mietzinsen durch die Lo- cacasa zu äussern. Dafür sind die Schlichtungsstellen und die Gerichte zuständig. Solange die Locacasa dem WEG-Modell untersteht, gelten die damit verbundenen Mietzinspläne. Der Umstand, dass Herr Direktor Guggenheim des Bundes- amtes für Wohnungswesen der Verwaltung der Schweizeri- schen Vereinigung Locacasa und der Stiftung Locacasa Bern angehört, verpflichtet den Bundesrat in keiner Weise, dafür verantwortlich einzustehen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bei der Ausübung des Amtes eines Stiftungsrates und desjeni- gen des Direktors des Bundesamtes Interessenkollisionen entstehen können. Es versteht sich von selbst, dass in diesen Fällen der Beamte bei der Ausübung seines Amtes in Aus- stand zu treten hat 6. Soweit und solange die Locacasa dem WEG-Modell unter- steht, gelten, wie erwähnt, die damit verbundenen Mietzins- pläne. Im übrigen stellt der vom Interpellanten skizzierte Me- chanismus einen der Kernpunkte des Locacasa-Modells dar, der die Mieter auch an den Vermögenswirkungen des Eigen- tums teilhaben lassen will. 7. Es trifft zu, dass der heutige Geschäftsführer von Locacasa früher Mitarbeiter des Bundesamtes für Wohnungswesen ge- wesen ist Die Auskunftspflicht der Locacasa gegenüber dem Bund erstreckt sich allerdings lediglich auf Sachverhalte, die mit der Bundeshilfe in direktem Zusammenhang stehen (Art 62 WEG). Der Bundesrat ist deshalb nicht in der Lage, über die Entschädigungen von Mitarbeitern und Stiftungsrats- mitgliedern Auskunft zu geben. Soweit Herr Direktor Guggen- heim als Stiftungsrat eine Entschädigung bezieht, wird dar- über die Eidgenössische Finanzkontrolle jährlich orientiert 8. Der Bundesrat ist der Auffassung, dass alles darangesetzt werden muss, um Interessenkollisionen bei der Ausübung der Aemter eines Direktors des Bundesamtes für Wohnungswe- sen einerseits und eines Stiftungsrates der Locacasa anderer- seits zu vermeiden. Diese Schlussfolgerung drängt sich auch im Zusammenhang mit zwei Aufsichtsbeschwerden auf, die zurzeit beim Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement hängig sind. Das Departement wird die erforderlichen Mass- nahmen treffen. 9. Wie bereits erwähnt, ist der Bundesrat lediglich dafür verant- wortlich, dass die aufgrund des WEG gewährten Mittel zweck- entsprechend verwendet werden. Er ist insbesonders nicht zu- ständig, Massnahmen bezüglich der Stellung der der Loca- casa angeschlossenen Mieter zu treffen. Präsident: Der Interpellant ist von der Antwort des Bundesra- tes nicht befriedigt und verlangt Diskussion. Abstimmung - Vote Für den Antrag auf Diskussion Dagegen Verschoben - Renvoyé offensichtliche Mehrheit MinderheitSchweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali Interpellation Hafner Rudolf Mieterschreck Stiftung Locacasa und Bundesamt für Wohnungswesen Interpellation Hafner Rudolf Fondation Locacasa et Office fédéral du logement In Amtliches Bulletin der Bundesversammlung Dans Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale In Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale Jahr 1993 Année Anno Band I Volume Volume Session Frühjahrssession Session Session de printemps Sessione Sessione primaverile Rat Nationalrat Conseil Conseil national Consiglio Consiglio nazionale Sitzung 16 Séance Seduta Geschäftsnummer 92.3144 Numéro d'objet Numero dell'oggetto Datum 19.03.1993 - 08:00 Date Data Seite 623-624 Page Pagina Ref. No 20 022 490 Dieses Dokument wurde digitalisiert durch den Dienst für das Amtliche Bulletin der Bundesversammlung. Ce document a été numérisé par le Service du Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale. Questo documento è stato digitalizzato dal Servizio del Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale.