Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 25. November 2021 (720 19 395 / 311) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Gerichtsgutachten; Verwertung der Restarbeitsfähigkeit des Versicherten verneint Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Christof Enderle, Kan- tonsrichter Daniel Noll, Gerichtsschreiberin Barbara Vögtli Parteien A.____ , Beschwerdeführer, vertreten durch Stephan Müller, Advokat, c/o Procap Schweiz, Frohburgstrasse 4, Postfach, 4601 Olten gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. A.____, geboren 1958, arbeitet seit 1981 als selbst ändig Erwerbender in seiner Firma B.____, die auf die Montage und Wartung von Kühlanl agen spezialisiert ist. Am 11. November 2013 meldete er sich bei der IV-Stelle Basel-Landschaf t (IV-Stelle) zum Bezug von Leistungen an und verwies auf seit 2012 vorhandene "taube" Fussba llen und Zehen, Knieschmerzen, Schmerzen vom Becken ins linke Bein herabstrahlend sowie Konzentrationsstörungen und Lust- losigkeit. Zur Abklärung des medizinischen Sachverhalts ordnete die IV-Stelle die polydisziplinäre Begutachtung des Versicherten durch das Ärztliche Begutachtu ngsinstitut ABI an (Gutachten Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht vom 27. Januar 2015; vgl. Empfehlung von Dr. med. C.____, Facharzt für Orthopädie und Fach- arzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Regionaler ärztlicher Dienst beider Basel RAD, vom 18. September 2014). Mit Vorbescheid vom 2. September 2015 stellte die IV-Stelle die Zu- sprache einer befristeten ganzen Rente vom 1. Mai 2014 bis 31. Oktober 2014 in Aussicht. Nach- dem der Versicherte dagegen Einwände erhoben hatte, ordnete die IV-Stelle die Einholung eines polydisziplinären Verlaufsgutachtens beim ABI an (Gutac hten vom 23. Oktober 2017). In der Folge wurde vom ABI auf Wunsch des RAD noch ein neurop sychologisches Gutachten erstellt (Gutachten vom 16. April 2018). Schliesslich erfolgte durch den RAD eine weitere Rückfrage ans ABI (Antwort des ABI vom 19. November 2018). Mit Verfügung vom 11. November 2019 sprach die IV-Stelle A.____ vom 1. Juni 2014 bis 31. Januar 2015 eine ganze Invalidenrente zu. B. Dagegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Steph an Müller, Procap, mit Eingabe vom 12. Dezember 2019 Beschwerde beim Kantonsgericht Base l-Landschaft, Abteilung Sozial- versicherungsrecht, und beantragte unter o/e-Kostenfolge die Aufhebung der angefochtenen Ver- fügung vom 11. November 2019 und die Abklärung des med izinischen Sachverhalts mit Hilfe eines polydisziplinären Gerichtsgutachtens; eventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren me- dizinischen Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen . Des Weiteren sei ihm auf- grund des neu ermittelten Invaliditätsgrads ab 1. Juni 2014 eine unbefristete Invalidenrente zu- zusprechen. In der Beschwerde wurde im Wesentlichen geltend gemacht, auf die Beurteilung des ABI könne nicht abgestellt werden, da es ihr an Bewei swert mangle. Das Gutachten mit seinen Ergänzungen sei nicht nachvollziehbar begründet sowie unvollständig, ausserdem sei es bereits zwei Jahre alt und damit im Verfügungszeitpunkt veraltet gewesen. C. Die Beschwerdegegnerin ersuchte mit Vernehmlassung vo m 29. Januar 2020 um Ab- weisung der Beschwerde. Sie hielt an ihrer Auffassung fest, wonach die Einschätzungen des ABI nicht zu beanstanden seien und der Beschwerdeführer sowohl in der angestammten als auch in einer seiner Leiden angepassten Tätigkeit zu 20 % arbeitsunfähig sei. D. Mit Verfügung vom 5. Februar 2020 wurde die Ange legenheit der Dreierkammer zur Be- urteilung überwiesen. E. Im Rahmen der Urteilsberatung vom 23. April 2020 gelangte das Kantonsgericht zum Schluss, dass aufgrund der vorhandenen medizinischen Aktenl age kein abschliessender Ent- scheid betreffend die Restarbeitsfähigkeit gefällt werden könne, weshalb ein bidisziplinäres Ge- richtsgutachten zu erstellen sei. Das Kantonsgericht bestim mte als Begutachtungsstelle die MEDAS Zentralschweiz und liess den Parteien den Entwurf des Auftrags sowie des Fragekata- logs zur Stellungnahme zukommen. F. In der Folge erklärten sich die Parteien mit der W ahl der Gutachterstelle einverstanden, wobei der Beschwerdeführer keine Ergänzungsfragen hat te (Stellungnahme des Beschwerde- führers vom 15. Juni 2020). Demgegenüber brachte die Beschwerdegegnerin gewisse Präzisie- rungen am Fragekatalog vor (Stellungnahme der Beschwe rdegegnerin vom 25. Mai 2020 inkl. Aktennotiz von Dr. C.____ vom 25. Mai 2020). Diese wurd en bei der Auftragserteilung an die MEDAS Zentralschweiz teilweise berücksichtigt (vgl. Auftra g vom 23. Juni 2020 zuhanden der Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht MEDAS Zentralschweiz und das gleichentags erstellte Schreiben des Kantonsgerichts an die Be- schwerdegegnerin). G. Mit Eingabe vom 4. November 2020 liess der Beschwerd eführer dem Kantonsgericht weitere medizinische Unterlagen zukommen, die er der ME DAS Zentralschweiz bereits direkt zugestellt hatte. H. Am 7. Dezember 2020 ging das bidisziplinäre neurolog ische/orthopädische Gutachten der MEDAS Zentralschweiz vom 4. Dezember 2020 beim Kan tonsgericht ein. Mit Eingabe vom 23. Dezember 2020 stellte der Beschwerdeführer dem Kantonsgericht weitere medizinische Un- terlagen zu und teilte mit, dass die Krebsbehandlung wieder habe aufgenommen werden müssen. In der Folge räumte die instruierende Präsidentin d en Parteien mit Verfügung vom 4. Januar 2021 die Möglichkeit ein, sich zum Gerichtsguta chten vom 4. Dezember 2020 und zu den Auswirkungen auf den Rentenanspruch zu äussern. Gleichzeitig wurden die Parteien aufge- fordert, zum Umstand der Wiederaufnahme der Krebstherapie Stellung zu nehmen. I. Mit Eingabe vom 18. Januar 2021 reichte die Besch werdegegnerin einen Bericht von Dr. C.____ vom 15. Januar 2021 ein. Dr. C.____ und gestützt darauf die Beschwerdegegnerin stell- ten sich auf den Standpunkt, dass sich aus den jetzt vorliegenden medizinischen Unterlagen erst ab Ende 2019 neue Erkenntnisse ergeben würden. Aufgrund der Wiederaufnahme der onkologi- schen Therapie sei ab 25. November 2020 von einer 100 %-igen Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten auszugehen. Von Dezember 2019 bis April 2 020 bestehe ebenfalls eine 100 %-ige Arbeitsunfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit. Da es aber an einer Verlaufsbeurteilung der Arbeitsunfähigkeit fehle, würden sich entsprechende Rückfragen an die Gutachter aufdrän- gen. J. Der Beschwerdeführer liess sich am 3. Februar 2021 ver nehmen. Nach Rücksprache mit dem Hausarzt könne festgehalten werden, dass die beiden Teilgutachten plausibel begründet worden und die Schlussfolgerungen der Gutachter nicht zu beanstanden seien. Die sechsmona- tige Wartefrist sei per 1. Mai 2014 abgelaufen. In der angefochtenen Verfügung sei die Beschwer- degegnerin zu Recht von einem Invaliditätsgrad von 100 % ab 1. Juni 2014 ausgegangen. Ab November 2014 sei eine Verbesserung der Arbeitsfähigke it eingetreten, wobei gestützt auf die Beurteilung der MEDAS Zentralschweiz ab diesem Zeitpu nkt von einer Unzumutbarkeit der an- gestammten Tätigkeit bzw. einer vollen Zumutbarkeit ein er angepassten Tätigkeit auszugehen sei. Für die Bestimmung des Invalideneinkommens sei zu ber ücksichtigen, dass der Beschwer- deführer als Handwerker nur noch leichte, wechselbelastende Tätigkeiten ausführen könne, also Hilfsarbeiten. Gestützt auf die Tabellenlöhne der Sch weizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) aus dem Jahr 2014, Tabelle TA1, Anforderungsniveau 4, Total Männer, resultiere ein Jahresein- kommen von Fr. 66'453.--. In Berücksichtigung eines leide nsbedingten Abzugs von 15 % auf- grund des Umstands, dass der Beschwerdeführer nur noch leichte Arbeiten ausführen könne und er während rund 40 Jahren als selbständig Erwerbender gearbeitet habe, ergebe sich ein Invali- deneinkommen von Fr. 56'485.--. Verglichen mit dem Va lideneinkommen von Fr. 157'343.-- er- gebe dies einen Invaliditätsgrad von 64 %. Zu beachten sei aber schliesslich auch, dass der Be- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht schwerdeführer im Zeitpunkt der Feststellung der massgebenden Arbeitsunfähigkeit der Gerichts- gutachter bereits 63 Jahre alt gewesen sei. Er müsse sich deshalb beruflich neu orientieren, was ihm nicht zumutbar sei, weshalb nicht von einer verwer tbaren Arbeitsfähigkeit gesprochen wer- den könne. Die im November 2014 eingetretene Verbesser ung der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit habe somit keine Auswirkungen auf den Anspruch auf eine ganze Invalidenrente. Demgemäss stehe ihm durchgehend ab 1. Juni 2014 eine ganze Invalidenrente zu. K. In der Folge stellte das Kantonsgericht der MEDAS Z entralschweiz eine Rückfrage be- treffend den Verlauf der Arbeitsfähigkeit, die von den Gerichtsgutachtern mit Bericht vom 20. April 2021 beantwortet wurde. Mit Verfügung der instruierenden Präsidentin wurde den Par- teien Gelegenheit gegeben, sich dazu zu äussern. L. Mit Eingabe vom 3. Mai 2021 hielt die Beschwerdege gnerin unter Hinweis auf die Stel- lungnahme von Dr. C.____ fest, dass die Beurteilung der MEDAS Zentralschweiz betreffend den Verlauf der Arbeitsunfähigkeit in der angestammten w ie auch in einer angepassten Tätigkeit für den Zeitraum von November 2014 bis Ende 2019 nicht zu üb erzeugen vermöge. Für den Fall, dass das Kantonsgericht auf eine weitere Rückfrage bei den Gutachtern verzichte, so sei auf die Einschätzungen von Dr. C.____ betreffend Verlauf abzustellen. M. Der Beschwerdeführer brachte mit Eingabe vom 19. M ai 2021 keine weiteren Bemer- kungen zum Schreiben der MEDAS Zentralschweiz vom 20. April 2021 vor. N. Mit Verfügung der instruierenden Präsidentin vom 2 5. Mai 2021 wurde auf weitere Rück- fragen an die MEDAS Zentralschweiz verzichtet und der Fall wurde der Dreierkammer erneut zur Beurteilung überwiesen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Auf die beim örtlich und sachlich zuständigen Gericht und im Weiteren form- und fristge- recht eingereichte Beschwerde vom 12. Dezember 2019 trat das Kantonsgericht bereits anläss- lich der ersten Urteilsberatung vom 23. April 2020 ein. 2.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder l ängere Zeit dauernde ganze oder teil- weise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsun fähigkeit ist der durch Beeinträchti- gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglich- keiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Ar beitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge- sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). 2.2 Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnah- men wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), die während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % a rbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewe- sen (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 4 0 % invalid sind (lit. c). Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Invali- ditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invalidi tätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG). Für die Bemessung d er Invalidität von erwerbstätigen Versi- cherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). 3.1 Die Verwaltung als verfügende Instanz und im Beschwer defall das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ih rem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Ab- weichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Gesche- hensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360 E. 5b, 121 V 47 E. 2a, 115 V 142 E. 8b, je mit Hinweisen). 3.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerde- fall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fach- leute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arzte s oder der Ärztin ist es, den Gesund- heitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Aus- künfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung de r Frage, welche Arbeitsleistungen der ver- sicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen). 3.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle ande- ren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmli che Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass alle Bewe ismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen sind und danach zu entscheide n ist, ob die Unterlagen eine zuver- lässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten . Insbesondere darf bei einander widersprechenden medizinischen Berichten der Prozess nich t erledigt werden, ohne dass das gesamte Beweismaterial gewürdigt wird und die Gründe angegeben werden, warum auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abgestellt wird. 3.4 Schliesslich bleibt darauf hinzuweisen, dass das Adm inistrativverfahren und der kanto- nale Sozialversicherungsprozess vom Untersuchungsgrundsatz be herrscht sind (Art. 43 Abs. 1 ATSG und Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die Verwaltung und das Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des strei- tigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Kla rheit besteht (Urteil des Bundesge- richts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.1 Zwischen den Parteien ist der Rentenanspruch des Besch werdeführers ab 1. Februar 2015 umstritten. Bei der Beurteilung des medizinischen Sachverhalts stützte sich die Beschwer- degegnerin in der vorliegend angefochtenen Verfügung auf die ABI-Gutachten, die ergänzenden Abklärungen des ABI sowie die Einschätzungen ihres RAD. Sie ging davon aus, dass dem Be- schwerdeführer ab 1. November 2014 sowohl die angestammte als auch eine Verweistätigkeit in einem Pensum von 80 % zumutbar sei. Anlässlich der Urteilsberatung vom 23. April 2020 erach- tete es das Kantonsgericht als erforderlich, ein bidiszi plinäres neurologisch-orthopädisches Ge- richtsgutachten in Auftrag zu geben. Im gleichentags erlassenen Beschluss wurden die medizini- schen Unterlagen eingehend gewürdigt, weshalb an dieser Stelle auf diesbezügliche Wiederho- lungen verzichtet und auf den Beschluss vom 23. April 2020 verwiesen wird. Das Kantonsgericht gelangte zum Schluss, dass die Ergebnisse des ABI in allgemein-internistischer, psychiatrischer und neuropsychologischer Hinsicht verlässlich seien. Insbesonde re der Umstand, dass der Be- schwerdeführer aus psychiatrischer Sicht um 20 % in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt sei, bedürfe keiner weiteren gutachterlichen Abklärung. Die se medizinischen Beurteilungen waren denn zwischen den Parteien auch nicht umstritten. In Be zug auf die Abklärung des orthopädi- schen und neurologischen Gesundheitszustands und der Einschä tzung der Arbeitsfähigkeit stellte das Kantonsgericht jedoch erhebliche Mängel in der Sachverhaltsabklärung durch die Be- schwerdegegnerin fest. 4.2.1 Das bidisziplinäre Gutachten der MEDAS Zentralsch weiz datiert vom 4. Dezember 2020. Dr. med. D.____, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie FMH, diagnostiziert in seinem or- thopädisch-traumatologischen Gutachten vom 9. November 2 020 mit Auswirkungen auf die Ar- beitsfähigkeit: • Schmerzhaft eingeschränkte HWS-Beweglichkeit und intermi ttierendes zerviko-vertebrales Syn- drom bei: o ausgeprägter degenerativer Veränderung der HWS von C3 bis C5 • Eingesteifte BWS bei: o spangenförmigen Osteophyten von Th2 bis Th12 o leichter Skoliose links-konvexer Skoliose • Lumbo-Vertebral-Syndrom bei: o degenerativen Veränderungen mit ventralen Osteophyt en L2 bis L5 o Bandscheiben Protrusionen Segmente L2/3 bis L5/S1 o Streckhaltung und aufgehobener Lordose • Lumbo-Ischialgie rechts betont bei: o medio-lateraler Diskushernie L5/S1 mit Wurzelkompress ion S1 rechts • Symptomatische Varus-Gonarthrose beidseits nach: o medialer Meniscectomie links am 13. Dezember 2010 o medialer Meniscectomie rechts am 25. Februar 2013 • Femoro-Patellar-Arthrose beidseits • Schmerzhafte Arthrosen des Daumensattelgelenks beidse its mit verminderter Faustschlusskraft. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gebe es keine. Klinisch und bildgebend seien die degenerativen Veränderungen der BWS und der LWS gut dokumentiert. Die pathologi- sche, vornüber geneigte Haltung mit aufgehobener Lende nlordose sei fixiert und könne wegen der weitgehenden Einsteifung der BWS und teilweise de r LWS nicht kompensiert werden. Es handle sich demnach nicht um eine Haltungsinsuffizienz, s ondern um eine pathologische Fehl- stellung der Wirbelsäule. Damit seien die Schmerzen un d die Verspannungen hinreichend zu erklären. Der Zustand habe sich seit 2015 stetig verschle chtert. Zusätzlich sei im Jahr 2015 der Befund einer Diskushernie L5/S1 hinzugekommen. Die Diskushernie führe zu einer Wurzelkom- pression L5 vorwiegend rechts und damit zu intermittie renden ischialgieformen Ausstrahlungen ins rechte Bein. Auch die Veränderungen der HWS seien klinisch und bildgebend dokumentiert. Es würden serienweise degenerative Veränderungen der Segmente C3 bis C7 vorliegen. Dadurch komme es zu nachvollziehbaren Schmerzen und Bewe gungseinschränkungen der HWS. Die Arthrosen an den Knien hätten belastungsabhängige Schmerzen, ein Streckdefizit und eine verkürzte Gehstrecke zur Folge. Weiter sei der Faustschluss beidseits aufgrund der Arthro- sen der Daumensattelgelenke eingeschränkt. Unter Ziffer 7.2 des Gutachtens nimmt Dr. D.____ zur Ar beitsfähigkeit im angestammten Beruf Stellung und verweist für die rückwirkende Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auf die echtzeitli- chen Einschätzungen der behandelnden Ärzte. Gestützt auf seine eigenen Untersuchungen schliesst Dr. D.____ darauf, dass der Versicherte im angestammten Beruf als selbständiger Käl- tetechniker somatisch multipel eingeschränkt sei. So seien das Tragen und Heben von Lasten wegen des Wirbelsäulenleidens stark eingeschränkt. Auch l ängeres Stehen verstärke die Ischi- algien. Entlastung der eingeengten Foramina entstehe durch Kyphosierung der LWS, somit im Sitzen. Die HWS-Problematik schränke das Arbeiten über Kopf ein. Wegen der Kniearthosen seien die Gehleistung und das Arbeiten in Kauerstellung oder auf den Knien oder das Besteigen von Leitern eingeschränkt. Die Arthrosen der Daumensatt elgelenke würden das Arbeiten mit schweren Gegenständen oder Geräten beeinträchtigen. Unter Verweis auf den Abklärungsbericht Selbständigerwerbende vom 16. Juli 2015 (iv-act. 71) hält Dr. D.____ fest, dass der Versicherte vor der Erkrankung zu 35 % grössere Montagearbeiten mit mittel bis schweren Belastungen aus- geführt habe. Zu 45 % habe er Service-Arbeiten mit eb enfalls mittelschweren bis schweren Be- lastungen verrichtet. Diese Service-Arbeiten seien vor allem mit Arbeiten in engen Verhältnissen, in kniender oder kauernder Stellung oder mit Verdrehung des Rumpfes verbunden. 12 % hätten Kundenberatungen und 8 % die Administration und Inka sso-Arbeiten in Anspruch genommen. Wenn der Versicherte nur noch Arbeiten im oben beschriebenen Umfang ausführen könne, dann würden nur noch leichte handwerkliche Arbeiten an Kleingeräten, die vorwiegend sitzend ausge- führt werden könnten, sowie administrative Tätigkeiten übrigbleiben. Logischerweise schrumpfe bei reduziertem Leistungsangebot auch die Administration. Insgesamt sei daher die Arbeitsfähig- keit aus orthopädischer Sicht im angestammten Beruf mit hauptsächlich mittelschweren oder schweren handwerklichen Tätigkeiten zu mindestens 80 % eingeschränkt. Aus orthopädischer Sicht zumutbar seien regelmässige leich te Tätigkeiten im Sitzen und wech- selbelastende Tätigkeiten sitzend-stehend-gehend mit Gehstrecken bis 500m. Dabei bestünden Einschränkungen beim Heben und Tragen von Lasten und be i längeren gehenden Tätigkeiten und bei knienden und kauernden Tätigkeiten. Nicht zumu tbar seien mittelschwere und schwere Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Arbeiten, rein stehende oder gehende Arbeiten, häufige kniende oder kauernde Stellungen, He- ben und Tragen von über 10kg, regelmässiges Überkopfarbe iten und Arbeiten auf Leitern und Gerüsten. Bei Einhaltung dieses Profils bestehe eine 100 %-ige Arbeitsfähigkeit. 4.2.2 Dr. med. E.____, Neurologie FMH, hält in ihre m neurologischen Gutachten vom 28. Ok- tober 2020 als Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit die folgenden fest: • Periphere Polyneuropathie o ätiologisch wahrscheinlich bei Status nach Chemotherap ie 2012 • Status nach rezidivierender Lumboischialgie o Status nach lumbo-radikulärem Reizsyndrom S1 rechts 202 0  bei mediolateraler Diskushernie L5/S1 rechts (MRI 20 . Mai 2020)  erfolgreiche Nervenwurzelinfiltration S1 rechts im Ma i 2020 o Status nach Lumboischialgie rechts 2015  bei degenerativen LWS-Veränderungen • Intermittierendes zerviko-vertebrales Syndrom o bei degenerativen HWS-Veränderungen (30. Juni 2017) o Status nach zerviko-spondylogener Ausstrahlung rechts im Juni 2017 Keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit hätten die Diagnose eines CTS beidseits (anamnes- tisch), ein diffuses grosszelliges B-zell-Lymphom Stadium II AE der rechten Axilla 2012 sowie ein Prostatakarzinom Stadium pT3b pN0 Pn1 G3R0 2012. In Bezug auf die funktionellen Auswirkun- gen der Befunde und Diagnosen hält Dr. E.____ fest, dass aufgrund der peripheren Polyneuro- pathie eine Einschränkung für Tätigkeiten auf Gerüsten mit Einsatz beider Hände bzw. für das Tragen von grösseren Gegenständen insbesondere auf Treppen bzw. unebenem Boden bestehe. Aufgrund des Status nach radikulärem Reizsyndrom S1 bei einer Diskushernie L5/S1 seien mit- telschwere körperliche Tätigkeiten nur sehr begrenzt und schwere körperliche Tätigkeiten nicht mehr zumutbar. Bezüglich Einschränkungen im Rahmen des chronischen lumbovertebralen Syn- droms sowie des intermittierenden zervikovertebralen Sy ndroms werde auf das orthopädische Teilgutachten verwiesen. Aus neurologischer Sicht würden sich keine Hinweise für relevante In- konsistenzen ergeben. Die unscharfen Angaben über die B eschwerden in den früheren Jahren und den Verlauf könnten nicht als Inkonsistenzen beurteil t werden. Bei nur wenigen medizini- schen Akten sei eine Beurteilung des Verlaufs aus neurologischer Sicht, insbesondere in Bezug auf die Lumboischialgie, jedoch erschwert. In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit verweist Dr. E.____ ebenfalls auf den Abklärungsbericht Selb- ständigerwerbende vom 16. Juli 2015 (iv-act. 71) und die entsprechende Aufteilung der Arbeiten im eigenen Betrieb. Aus rein neurologischer Sicht bestü nden Einschränkungen für Tätigkeiten auf Leitern und Gerüsten und mit der Anforderung an das Gleichgewicht (zum Beispiel auch das Tragen grösserer Gegenstände auf unebenem Boden). Von Ende Mai 2019 bis Mai 2020 habe aufgrund des damals akuten lumboradikulären Reizsyndroms eine 100 %-ige Arbeitsunfähigkeit vorgelegen. Seither bestehe auch für mittelschwere bis schwere körperliche Tätigkeiten eine voll- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht umfängliche Arbeitsunfähigkeit. Aus rein neurologischer Sicht sei eine körperlich leichte nur sel- ten mittelschwere wechselbelastende, häufiger im Sitzen als im Stehen und Gehen auszufüh- rende Arbeit Vollzeit möglich. 4.2.3 Im Rahmen der Konsensbeurteilung vom 4. Dezemb er 2020 kommen Dr. E.____ und Dr. D.____ zum Schluss, dass in der bisherigen Tätigkeit aus orthopädischer und neurologischer Sicht mindestens eine 80 %-ige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Eine leidensangepasste Tätigkeit sei Vollzeit möglich. 4.2.4 Im Rahmen der Beantwortung der Rückfrage des Ka ntonsgerichts vom 16. März 2021, die sich auf die von der Beschwerdegegnerin aufgeworfene Frage nach dem Verlauf der Arbeits- fähigkeit in der angestammten und in einer angepassten Tätigkeit bezogen hatte, weisen die bei- den Gutachter sowie Dr. med. F.____, Allgemeine Inn ere Medizin FMH, Chefarzt der MEDAS Zentralschweiz, im Schreiben vom 20. April 2021 darauf hin, dass Dr. D.____ bereits begründet habe, weshalb die Frage nach dem Verlauf der Arbeitsfähigkeit in der Vergangenheit nicht beant- wortet werden könne. Die entsprechenden Angaben der b ehandelnden Ärztinnen und Ärzte zur Arbeitsunfähigkeit zum jeweiligen Zeitpunkt seien von diesen gestützt auf ihre Erkenntnisse aus den Untersuchungen des Versicherten getroffen worden. Die entsprechenden Angaben zur Ar- beitsfähigkeit in der angestammten und in einer Verweistätigkeit seien für die unterzeichnenden Gutachter aufgrund der medizinischen Berichte nachvollziehbar. Eine zweite Indizien-Basis seien die Bild-Dokumente, auch diese würden die von den behandelnden Ärztinnen und Ärzte attestier- ten Arbeitsunfähigkeiten nachvollziehbar begründen. Demgemäss sei der Versicherte in der an- gestammten Tätigkeit vom 12. Januar 2012 bis 17. März 2013 abwechselnd zu 100 % oder 50 % arbeitsunfähig gewesen. Vom 1. Januar 2013 bis 25. März 2013 habe eine volle Arbeitsunfähig- keit und vom 26. März 2013 bis 31. August 2013 eine 50 %-ige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Ab 1. September 2013 habe eine 75 %-ige Arbeitsunfähigkeit und ab November 2014 eine 80 %-ige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Von Ende 2019 bis Ende Mai 2020 habe eine 100 %-ige Arbeits- unfähigkeit bestanden. Zur Zumutbarkeit in einer ange passten Tätigkeit in der Vergangenheit würden verschiedene nachvollziehbare Berichte vorliegen, die den jeweiligen Verschlechterun- gen des Gesundheitszustands Rechnung tragen würden: die Berichte von Dr. med. G.____, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, vom 30. Dezember 2013 und vom 17. Juli 2014, der Abklä- rungsbericht Selbständigerwerbende vom 16. Juli 2015 und das ressourcenorientierte Eingliede- rungsprofil REP vom 21. März 2018. 4.3 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist ent scheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Be- schwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anam nese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa- tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der E xpertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E . 1c). Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Fachperson ab, deren Aufgabe es ist, dem Gericht ihre Fachkenntnisse zur Verfügung zu stellen, um einen be- stimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder ein vom Ge richt eingeholtes Obergutachten in Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht überzeugender Weise zu anderen Schlussfolgerungen gelan gt. Eine abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachexper- ten als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass die Überprüfung durch einen Oberexperten für an gezeigt gehalten wird, sei es, dass ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen ge- zogen werden (BGE 125 V 351 E. 3b/aa mit Hinweisen). 4.4.1 Dr. D.____ und Dr. E.____ haben ihre Beurteil ungen nach umfassender Darstellung der Akten, nach persönlicher Untersuchung des Beschwerdeführers, nach gründlicher Anamneseer- hebung, unter anderem mit Beschreibung der bisherigen Berufstätigkeit, sowie nach eigener Be- funderhebung verfasst. Das Gutachten erfüllt damit die formellen Anforderungen der bundesge- richtlichen Praxis. Festzustellen ist jedoch, dass die Gerichtsgutachter ihre Stellungnahme nicht unter Berücksichtigung der (unbestritten gebliebenen) Sch lussfolgerungen des ABI abgegeben haben, obwohl sie dazu im Auftrag aufgefordert wurde n. Insbesondere haben sie die psychiat- risch bedingte Einschränkung von 20 % im Rahmen der Konsensbesprechung nicht kommentiert. Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen werden, kommt diesem Umstand bei der Beurteilung des Rentenanspruchs aber keine ausschlaggebende Bedeutung zu. 4.4.2 Die Parteien sind sich einig, dass auf das Geric htsgutachten im Grundsatz abzustellen ist, lediglich die Beurteilung des Verlaufs der Arbeits fähigkeit durch die MEDAS Zentralschweiz blieb umstritten. Diesbezüglich vertreten die Parteie n aber insofern die gleiche Auffassung, als für sämtliche Tätigkeiten bis Ende Oktober 2014 keine zumutbare Arbeitsfähigkeit vorlag. Ebenso sind sie sich einig, dass von Dezember 2019 bis Mai 2020 und seit November 2020 für alle Tä- tigkeiten eine 100 %-ige Arbeitsunfähigkeit bestand bzw. besteht. Zu beurteilen gilt es daher die Zeiträume von November 2014 bis November 2019 und von Juni 2020 bis Oktober 2020. Die Beschwerdegegnerin vertritt die Auffassung, dass diesbezüglich nicht auf das Gerichtsgutachten abgestellt werden könne. 4.4.3 Gestützt auf den nachvollziehbaren Teil der ABI-B eurteilung ist zunächst davon auszu- gehen, dass in den umstrittenen Zeitphasen zumindest eine 20 %-ige Arbeitsunfähigkeit in allen Tätigkeiten aufgrund des psychischen Leidens bestand. Aufgrund der nachvollziehbaren Äusse- rungen von Dr. D.____ auf S. 12 seines Gutachtens kann zudem mit guten Gründen davon aus- gegangen werden, dass in der angestammten Tätigkeit seit 2015 eine mindestens 80 %-ige Ar- beitsunfähigkeit vorliegt. Diesbezüglich hält er zunächst fest, dass die Einschätzung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit eine ärztliche Tätigkeit sei, die eine zeitnahe Untersuchung des Patienten voraussetze. Eine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ex post nach Jahren sei aus medizinisch wis- senschaftlicher Sicht unzulässig. Die Gutachter des ABI hätten die Arthrosen der Wirbelsäule und der Kniegelenke als Diagnosen ohne Einwirkung auf die Arbeitsfähigkeit aufgelistet. Weiter hätten sie festgehalten, dass aus orthopädischer Sicht eine volle Arbeitsfähigkeit in der angestammten und in einer anderen, leichten bis mittelschweren Tätigkeit bestehe. Er könne diese Einschätzung des ABI, die vor knapp sechs Jahren abgegeben worden sei , nicht kommentieren, aber auch nicht nachvollziehen. Zwei medizinische Einschätzungen im gleichen Zeitraum stünden im Wi- derspruch zum ABI-Gutachten. Zudem gehe aus dem Abkläru ngsbericht für Selbständigerwer- Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht bende vom 2. März 2015 (recte 16. Juli 2015) hervor, da ss der Versicherte damals zu 67 % ar- beitsunfähig gewesen sei. Prof. Dr. med. H.____ hab e sodann im Schreiben vom 21. Juli 2016 (iv-act. 108) festgehalten, dass der Patient im Moment vo n Seiten des Prostatakarzinoms und von Seiten des Lymphoms Ruhe habe und keine Behandlung angezeigt gewesen sei. Aber we- gen der multiplen degenerativen Beschwerden sei der Patient beruflich stark handicapiert und derzeit zu 100 % arbeitsunfähig. Dr. G.____ habe sodann im ressourcenorientierten Eingliede- rungsprofil REP vom 21. März 2018 (iv-act. 175) ein det ailliertes Zumutbarkeitsprofil erhoben, das die Knie- und Wirbelsäulenbeschwerden berücksichtigt habe. Nach dessen Auffassung seien es diese Leiden, die eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründen würden, was im Gegen- satz zu den Einschätzungen im ABI-Gutachten stehe. Es sei davon auszugehen, dass Dr. G.____ seine Beurteilung auf zeitnahe Untersuchungen stütze. Anders sehe es der Teamleiter Einglie- derung SVA, der im Bericht vom 16. Juli 2019 (iv-act. 201) von iv-fremden Faktoren berichte, die zum geringen Pensum führen würden. Namentlich erwähne er einen sekundären Krankheitsge- winn und eine subjektive Krankheitsüberzeugung, die ei ne Verwertung der Restarbeitsfähigkeit verhindere. Worauf sich diese problematischen und den V ersicherten kompromittierenden Aus- sagen stützen würden, gehe aus dem Bericht nicht hervor . Weiter halte der Teamleiter fest, die grosszügig ausgelegte Leistungseinbusse von 20 % sei auf eine leichte depressive Störung zu- rückzuführen. Hierbei stütze er sich auf den RAD, der si ch wiederum auf das 3 1/2 Jahre zuvor erstellte ABI-Gutachten abgestützt habe. 4.4.4 Gestützt auf diese schlüssigen Ausführungen von Dr. E.____ und unter Berücksichti- gung der ergänzenden Stellungnahme der Gerichtsgutacht er vom 20. April 2021 ist damit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass d er Beschwerdeführer bereits seit 2015 in der angestammten Tätigkeit zu 80 % arbeitsunfähig ist. Gestützt auf das Gerichtsgutach- ten ist zudem davon auszugehen, dass von November 2014 bis Dezember 2019 aus somatischer Sicht eine 100 %-ige Arbeitsfähigkeit in einer leiden sangepassten Tätigkeit bestand. Dasselbe gilt für den Zeitraum zwischen Juni bis Oktober 2020. Diese Einschätzungen blieben unbestritten. Zu berücksichtigen ist dabei die 20 %-ige Einschränkung aus psychiatrischer Sicht. 5.1 Zu klären bleiben die erwerblichen Auswirkungen der Restarbeitsfähigkeit von 80 % in einer den Leiden angepassten Tätigkeit ab November 2014. Der Beschwerdeführer stellt sich in der Eingabe vom 3. Februar 2021 auf den Standpunkt, dass er im Zeitpunkt des Gerichtsgutach- tens bereits 63 Jahre alt gewesen sei, weshalb nicht mehr von einer Verwertung der Restarbeits- fähigkeit ausgegangen werden könne. Die im November 201 4 eingetretene Verbesserung der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit habe daher keine Auswirkungen auf den Anspruch auf eine ganze Invalidenrente. 5.2 Das fortgeschrittene Alter wird in der Rechtsprech ung als Kriterium anerkannt, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Faktor, welches zusammen mit weiteren persönlichen und berufli- chen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten Person verbliebene Rester- werbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt real istischerweise nicht mehr nachgefragt wird und ihr deren Verwertung auch gestützt auf die Selbsteingliederungslast nicht mehr zumut- bar ist. Der Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leistungsvermögen Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Re- gel bemessen, sondern hängt von den Umständen des Einze lfalls ab. Massgebend können die Art und Beschaffenheit des Gesundheitsschadens und seine r Folgen, der absehbare Umstel- lungs- und Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusamme nhang auch Persönlichkeitsstruktur, vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher Werdegang oder Anwendbar- keit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich se in. Hinsichtlich des dafür massge- blichen Beurteilungszeitpunkts ist dabei das Alter relevant, in welchem das Eingliederungspoten- tial der rentenbeziehenden Person medizinisch feststeht (B GE 145 V 2 E. 5.3.1, 138 V 457 E. 3.1, Urteile des Bundesgerichts vom 25. September 2018, 8C_290/2018, E. 5.3, und vom 1. März 2017, 8C_678/2016, E. 2.2). 5.3 Die Rechtsprechung geht seit BGE 138 V 457 konst ant davon aus, dass auf den Zeit- punkt des Feststehens der medizinischen Zumutbarkeit abzustellen ist, um den Faktor vorgerück- tes Alter zu bestimmen. Vorliegend war eine zuverlässige Zumutbarkeitsbeurteilung, insbeson- dere mit Blick auf die angestammte Tätigkeit, erst aufg rund des Gerichtsgutachtens vom 4. Dezember 2020 möglich. Der vorliegende Fall ist damit vergleichbar mit dem Sachverhalt, den das Bundesgericht im Urteil vom 30. Juli 2014, 9C_272/2014, zu entscheiden hatte. 5.4 Der Beschwerdeführer war im Zeitpunkt des Gerichtsg utachtens 63 Jahre alt. Erst zu diesem Zeitpunkt stand endgültig fest und war auch dem Beschwerdeführer klar, dass er die bisherige Tätigkeit seit 2015 nicht mehr ausüben kann. Es verblieb ihm somit eine Aktivitätsdauer von nur noch zwei Jahren bis zum Erreichen des AHV-Alter s. Die Aufgabe der Einzelfirma ist nicht von einem Tag auf den anderen zu bewerkstelligen und eine Umschulung erscheint auch nicht mehr als zielführend. Eine Umstellung von der selbständigen zur unselbständigen Erwerbs- tätigkeit war somit medizinisch-theoretisch zwar zumutbar. Es ist aber völlig unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer nach so langer Selbständigkei t kurz vor Eintritt ins AHV-Alter noch eine Anstellung gefunden hätte, zumal er gesundheitl ich doch stark eingeschränkt ist. Hinzu kommt, dass er ab November 2020 anerkanntermassen zu 100 % arbeitsunfähig ist. Insgesamt fehlt es damit an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, weshalb die im Novem- ber 2014 eingetretene Verbesserung der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit in einer lei- densangepassten Tätigkeit keinen Einfluss auf den Rentenanspruch hat. Die Einstellung der In- validenrente per 31. Januar 2015 war damit nicht rechtmässig. 6. Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass der Beschwe rdeführer ab 1. Juni 2014 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat. Die Beschw erde wird gutgeheissen und die ange- fochtene Verfügung vom 11. November 2019 wird aufgehoben. 7.1 Es bleibt über die Kosten des Verfahrens zu befinde n. Da es vorliegend um die Bewilli- gung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts- kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1 bis IVG) und praxisgemäss auf Fr. 800.-- anzusetzen. Dem Ve rfahrensausgang entspre- chend sind sie von der Beschwerdegegnerin zu tragen. Der vo m Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.-- wird ihm zurückerstattet. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.2 Wie im Beschluss des Kantonsgerichts vom 23. April 2020 ausführlich begründet, lag der angefochtenen Verfügung ein in medizinischer Hinsicht ungenügend abgeklärter Sachverhalt zugrunde. Somit rechtfertigt es sich aufgrund der Verle tzung des Untersuchungsgrundsatzes nach Art. 43 ATSG, die Kosten für das Gerichtsgutachten in der Höhe von insgesamt Fr. 14'309.30 der Beschwerdegegnerin zu auferlegen ( BGE 140 V 75 E. 6.1 und 139 V 502 E. 4.4). 7.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist dem Beschwerdeführer deshalb eine Parteientschädigung zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Der Rechtsvertre- ter des Beschwerdeführers hat in seinen Honorarnoten vom 7. Februar 2020 und vom 8. Juni 2021 für das vorliegende Beschwerdeverfahren einen Zeitaufwand von insgesamt 16.10 Stunden geltend gemacht, was angesichts der sich stelle nden Sachverhalts- und Rechtsfragen sowie des Aktenumfangs angemessen ist. Dasselbe gilt für die geltend gemachten Auslagen in der Höhe von insgesamt Fr. 150.05. Praxisgemäss sind die Bemühungen nach dem für durch- schnittliche Fälle in Sozialversicherungsprozessen zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Damit ist dem Beschwerdeführer für das vorliegende Beschwer- deverfahren eine Parteientschädigung in der Höhe von insgesamt Fr. 4'496.55 (16.10 Std. à Fr. 250.-- und plus Auslagen von Fr. 150.05 zuzüglich Mehrwe rtsteuer von 7,7 %) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung vom 11. November 2019 aufgehoben und festg estellt wird, dass der Beschwerdeführer ab 1. Juni 2014 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat. 2. Die Verfahrenskosten im Umfang von Fr. 800.-- sowie die Kosten für das bidisziplinäre Gutachten der MEDAS Zentralschweiz vom 4. Dezember 2020 im Betrag von insgesamt Fr. 14'309.30 (Fr. 12'209.30 für das Gut- achten und Fr. 2'100.-- für die ergänzende Stellungnahme vom 20. April 2021) werden der Beschwerdegegnerin auferlegt. 3. Der vom Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.-- wird ihm zurückerstattet. 4. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer e ine Parteient- schädigung in der Höhe von insgesamt Fr. 4'496.55 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht