<h2>SubmittedText<h2><p>Die ersten Debatten zur Agrarpolitik AP 22+ haben deutlich gemacht, dass der Selbstversorgungsgrad der Schweiz bei den Lebensmitteln ein zentrales politisches Anliegen ist. Es wurden Befürchtungen geäussert, dass dieser Grad wegen bestimmter im Entwurf vorgesehener ökologischer Massnahmen sinken könnte. Es wäre tatsächlich wenig sinnvoll, wenn man die lokale Produktion verringern würde, um dafür über weite Distanzen hinweg Produkte aus dem Ausland zu importieren, die unter schlechten ökologischen Bedingungen hergestellt wurden. Es müsste aber möglich sein, in der Schweiz ein gutes Ertragsniveau und einen hohen Selbstversorgungsgrad aufrechtzuerhalten und gleichzeitig auch die Umwelt zu respektieren. Das setzt insbesondere voraus, dass Massnahmen bezüglich Effizienz getroffen werden.</p><p>Ich stelle dem Bundesrat daher die folgenden Fragen:</p><p>1. Berücksichtigen die Prognosen, die er im Rahmen der AP 22+ in Bezug auf den Ertrag und den Selbstversorgungsgrad macht, das grosse Potenzial der Innovation im Landwirtschaftsbereich (insbesondere Resistenzzüchtung, Einsatz von Robotern usw.)? Kann man diesbezüglich mit positiven Auswirkungen rechnen?</p><p>2. Der Bundesrat hat beschlossen, im Einklang mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung die Verschwendung von Lebensmitteln (Food Waste), von der gegenwärtig ein Drittel der produzierten Lebensmittel betroffen sind, bis 2030 zu halbieren. Welche Auswirkungen hat die Umsetzung dieses Beschlusses auf den Ertrag und auf den Selbstversorgungsgrad?</p><p>3. Mehr als die Hälfte der Ackerfläche wird für den Anbau von Tierfutter verwendet. Doch der Fleischkonsum sinkt seit einigen Jahren kontinuierlich, was ganz im Sinn der Empfehlungen der Schweizer Ernährungsstrategie 2017-2024 ist. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf den Ertrag und auf den Selbstversorgungsgrad? Welche Auswirkungen hätte eine Verstärkung der pflanzenbaulichen Produktion - die heute weniger stark unterstützt wird als die Tierproduktion - auf den Ertrag und den Selbstversorgungsgrad?</p><p>4. Heute wird der Selbstversorgungsgrad anhand der Kalorien berechnet, was sehr vereinfachend ist. Müsste die Berechnungsweise nicht verfeinert und ergänzt werden? Inwieweit ist der Selbstversorgungsgrad ein guter Indikator für die Ernährungssicherheit der Schweizer Bevölkerung? Müsste er nicht um andere Indikatoren ergänzt werden?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1. Modellbasierte Berechnungen von Agroscope zeigen, dass die Massnahmen der AP22+, die zur Senkung der Risiken von Pflanzenschutzmitteln und zur Reduktion der Nährstoffverluste beitragen, zu einem leichten Rückgang des Selbstversorgungsgrades (SVG) führen. Dies deshalb, weil ein reduzierter Pflanzenschutzmittel- und Düngereinsatz im Modell zu tieferen Erträgen führt. Bei den Berechnungen wurde der technologische Fortschritt nur teilweise berücksichtigt. Während Zuchtfortschritte beim Pflanzenbau in die Berechnungen eingeflossen sind, konnten technologische Entwicklungen wie der Einsatz von Drohnen, präzise Applikationstechniken für Pflanzenschutzmittel und Dünger oder digitale Technologien im Modell nicht abgebildet werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Entwicklungen dazu führen werden, dass in Zukunft ein reduzierter Pflanzenschutzmittel- und Düngereinsatz deutlich geringere Auswirkungen auf die Produktionsmengen hat als heute und entsprechend der SVG gegenüber der Prognose gemäss AP22+ wieder zunehmen wird.</p><p>2. Gemäss dem Sustainable Development Goal (SDG) 12.3 sollen bis 2030 die Lebensmittelabfälle pro Kopf auf Detailhandels- und Konsumebene halbiert und auf den vorgelagerten Stufen verringert werden. Gemäss einer Studie der ETH Zürich beträgt in der Schweiz der Anteil aller vermeidbarer Lebensmittelverluste von der Produktion bis zum Konsum 33 Prozent der verfügbaren Kalorien. Der SVG ist heute definiert als Anteil der Inlandproduktion (auf Stufe Grosshandel) am inländischen Gesamtverbrauch. Letzterer berechnet sich aus der Inlandproduktion (auf Stufe Grosshandel) zuzüglich der Importe und abzüglich der Exporte. Weiter werden die Veränderungen bei der Lagerhaltung berücksichtigt. Der Gesamtverbrauch setzt sich somit zusammen aus dem effektiven Konsum und den Lebensmittelabfällen auf Stufe Detailhandel und Konsum. Bei einer Reduktion der vermeidbaren Lebensmittelabfälle auf diesen Stufen sinkt der Gesamtverbrauch, was zu einem Anstieg des SVG führt. In welchem Umfang der SVG steigt, hängt davon ab, bei welchen Lebensmitteln die Abfälle reduziert werden und wie sich der sinkende Gesamtverbrauch auf die Inlandproduktion und die Importe bzw. Exporte auswirkt. Für eine Quantifizierung wären entsprechende Annahmen und umfangreiche Berechnungen mit dynamischen Modellen notwendig.</p><p>3. Für die Produktion einer tierischen Kalorie wird ein Vielfaches an pflanzlichen Kalorien in Form von Futter benötigt. Um den SVG zu erhöhen, müssten deshalb mehr pflanzliche Kalorien, die sich für die menschliche Ernährung eignen, direkt dem menschlichen Konsum zugeführt werden. Eine Konsumveränderung in Richtung weniger tierischer und mehr pflanzlicher Lebensmittel entspräche auch den Ernährungsempfehlungen des Bundes. Heute wird in der Schweiz auf mehr als der halben Ackerfläche Futter produziert. Die Strategie des Bundes sieht bei einer Versorgungskrise deshalb vor, vermehrt Kulturen zur direkten menschlichen Ernährung (Kartoffeln, Weizen, Raps, Zuckerrüben) anzubauen und die Veredelungsproduktion (Geflügel und Schweine) entsprechend zu reduzieren. Modellberechnungen zeigen, dass die Inlandproduktion im Falle fehlender Importe unter optimaler Nutzung der landwirtschaftlichen Nutzfläche ein durchschnittliches Energieangebot von 2340 Kilokalorien pro Person und Tag während einem halben Jahr zur Verfügung stellen könnte. Damit könnte das erforderliche Minimum von 2300 kcal pro Person und Tag während dieser Zeit gedeckt werden. Der SVG würde so auf rund 78 Prozent ansteigen. Der Anteil der pflanzlichen Produkte am Konsum wäre in diesem Fall deutlich höher als heute. Eine Produktionsverlagerung von tierischen zu pflanzlichen Nahrungsmitteln hätte in Normalzeiten ohne entsprechende Änderung des Konsumverhaltens indes zur Folge, dass die Importe von tierischen Produkten steigen und die Preise für inländische pflanzliche Produkte aufgrund des Überangebots sinken würden.</p><p>4. Für die Beurteilung der mittel- und langfristigen Versorgungssicherheit ist der SVG kein geeigneter Indikator, da er die nachhaltige Nutzung der Produktionsgrundlagen (z.B. fruchtbare Böden und Biodiversität) nicht berücksichtigt. Eine kurz- und mittelfristige Steigerung des SVG kann die langfristige Versorgungssicherheit sogar gefährden, wenn durch eine Intensivierung der Produktion die ökologische Tragfähigkeit überschritten und damit der langfristige Erhalt der Produktionsgrundlagen gefährdet wird. Weiter werden importierte Produktionsmittel wie Saatgut, Düngemittel oder Treibstoffe, die für die Inlandproduktion essenziell sind, im SVG nicht abgebildet. Hinzu kommt, dass der SVG auf der Basis der Energiewerte der einzelnen Lebensmittel berechnet wird und er die Zusammensetzung des Lebensmittelkorbes nicht berücksichtigt. So könnte der SVG beispielsweise durch eine Steigerung der Produktion von energiereichem Zucker erhöht werden, ohne dass damit die Versorgungssicherheit der Bevölkerung im Krisenfall sichergestellt werden könnte.</p>  Antwort des Bundesrates.