<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">441</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>89</b></span> <span class="ft2"><b>Akzessorische Normenkontrolle und Lärmschutz</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft2"><b>Zuständigkeit zur Vornahme einer akzessorischen Normenkontrolle</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft2"><b>Gesetzmässigkeit von Art. 31 Abs. 2 LSV</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Regierungsrats i.S. X. vom 13. Februar 2013 gegen</span><br/> <span class="ft6">den Entscheid des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (BVU)/Stadtrat Y.</span><br/> <span class="ft6">(RRB Nr. 2013-000100).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft10">4. Sachverhalt/Baubewilligungsentscheid</span><br/> <span class="ft10">(...)</span><br/> <span class="ft10">Die Abteilung für Baubewilligungen BVU erteilte dem Be-</span><br/> <span class="ft10">schwerdeführer eine befristete lärmschutzrechtliche Ausnahmebe-</span><br/> <span class="ft10">willigung nach Art. 31 Abs. 2 LSV und stimmte dem Baugesuch da-</span><br/> <span class="ft10">mit unter Auflagen zu.</span><br/> <span class="ft10">Der Stadtrat Y. vertritt in seinem Entscheid den Standpunkt,</span><br/> <span class="ft10">dass Art. 31 Abs. 2 LSV im Widerspruch zu Art. 22 USG stehe. Der</span><br/> <span class="ft10">Stadtrat Y. versagte Art. 31 Abs. 2 LSV die Anwendung und lehnte</span><br/> <span class="ft10">das Baugesuch auf Grund eines Verstosses gegen die Lärmschutzvor-</span><br/> <span class="ft10">schriften ab (Überschreitung der Immissionsgrenzwerte). (...).</span><br/> <span class="ft10">5. Zuständigkeit zur akzessorischen Normenkontrolle</span><br/> <span class="ft10">Der Regierungsrat und die Gerichte sind gehalten, Erlassen die</span><br/> <span class="ft10">Anwendung zu versagen, die Bundesrecht, kantonalem Verfassungs-</span><br/> <span class="ft10">oder Gesetzesrecht widersprechen (§§ 90 Abs. 5 und 95 Abs. 2 KV,</span><br/> <span class="ft10">§ 2 Abs. 2 VRPG). Anderen Behörden, insbesondere erstinstanzli-</span><br/> <span class="ft10">chen Verwaltungsbehörden, steht dagegen nur die Kontrolle von</span><br/> <span class="ft10">kommunalem Recht zu (§ 2 Abs. 2 Satz 2 e contrario VRPG). Der</span><br/> <span class="ft10">Gesetzeswortlaut bestimmt übereinstimmend mit dem Verfassungs-</span><br/> <span class="ft10">text, dass die kommunalen Behörden nicht berechtigt sind, Normen</span><br/> <span class="ft10">des kantonalen Rechts und des Bundesrechts zu überprüfen. Ver-</span><br/> <span class="ft10">fassungs- und Gesetzgeber wollten damit eine unkoordinierte Nor-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">442</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">menkontrolle jeder rechtsanwendenden Behörde verhindern. Festzu-</span><br/> <span class="ft10">halten ist jedoch, dass der verfassungsrechtlich statuierte Normen-</span><br/> <span class="ft10">kontrollauftrag des Regierungsrats im Rahmen eines beliebigen</span><br/> <span class="ft10">Hauptverfahrens verlangt werden kann. Ergeben sich in einem vor</span><br/> <span class="ft10">einer unteren Verwaltungsstelle hängigen Verwaltungsverfahren</span><br/> <span class="ft10">Zweifel an der Rechtmässigkeit einer von ihr anzuwendenden Be-</span><br/> <span class="ft10">stimmung, so ist dieses Verfahren zu sistieren und der Regierungsrat</span><br/> <span class="ft10">um Vornahme einer akzessorischen Normenkontrolle anzugehen</span><br/> <span class="ft10">(K</span><span class="ft6">URT</span> <span class="ft10">E</span><span class="ft6">ICHENBERGER</span><span class="ft10">, Verfassung des Kantons Aargau, Textaus-</span><br/> <span class="ft10">gabe mit Kommentar, Aarau und Frankfurt a.M. 1986, N. 18 ff. zu</span><br/> <span class="ft10">§ 90 KV).</span><br/> <span class="ft10">Dem Stadtrat Y. stand es deshalb nicht zu, die Gesetzmässigkeit</span><br/> <span class="ft10">von Art. 31 Abs. 2 LSV zu prüfen und im Ergebnis diesen Artikel</span><br/> <span class="ft10">nicht anzuwenden. Die gegenteiligen Argumente des Stadtrats Y. (...)</span><br/> <span class="ft10">widersprechen dem insoweit klaren Verfassungs- und Gesetzeswort-</span><br/> <span class="ft10">laut und erweisen sich damit als unberechtigt. Die vom Stadtrat Y.</span><br/> <span class="ft10">durchgeführte akzessorische Normenkontrolle verletzt § 90 Abs. 5</span><br/> <span class="ft10">KV und § 2 Abs. 2 VRPG. Die entsprechende Rüge des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft10">führers ist berechtigt (...).</span><br/> <span class="ft10">6. Gesetzmässigkeit von Art. 31 Abs. 2 LSV in Bezug auf den</span><br/> <span class="ft10">konkreten Anwendungsfall</span><br/> <span class="ft10">6.1</span><br/> <span class="ft10">Alle wichtigen rechtsetzenden Bestimmungen sind in der Form</span><br/> <span class="ft10">des Bundesgesetzes zu erlassen (Art. 164 Abs. 1 Satz 1 BV). Zu den</span><br/> <span class="ft10">wichtigen Bestimmungen gehören gemäss Art. 164 Abs. 1 Satz 2 BV</span><br/> <span class="ft10">insbesondere die grundlegenden Bestimmungen über die in Art. 164</span><br/> <span class="ft10">Abs. 1 Satz 2 lit. a-g BV ausdrücklich genannten Bereiche. Rechtset-</span><br/> <span class="ft10">zungsbefugnisse können durch Bundesgesetz übertragen werden, so-</span><br/> <span class="ft10">weit dies nicht durch die Bundesverfassung ausgeschlossen wird</span><br/> <span class="ft10">(Art. 164 Abs. 2 BV). Der Bundesrat erlässt rechtsetzende Bestim-</span><br/> <span class="ft10">mungen in der Form der Verordnung, soweit er durch Verfassung</span><br/> <span class="ft10">oder Gesetz dazu ermächtigt ist (Art. 182 Abs. 1 BV). Art. 164 Abs.</span><br/> <span class="ft10">1 BV soll sicherstellen, dass das Parlament die ihm zukommenden</span><br/> <span class="ft10">Gesetzgebungsaufgaben erfüllt und diesen nicht mittels Delegations-</span><br/> <span class="ft10">bestimmungen ausweicht. Er soll auch den Schutz der Volksrechte</span><br/> <span class="ft10">gewährleisten. Das Parlament darf grundsätzlich keinen wichtigen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">443</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">Regelungsbereich dem Bundesrat überlassen und auf diese Weise</span><br/> <span class="ft10">den direktdemokratischen Einflussmöglichkeiten entziehen. Bei der</span><br/> <span class="ft10">Beurteilung der Frage, ob eine Bestimmung im Sinne von Art. 164</span><br/> <span class="ft10">Abs. 1 Satz 1 BV wichtig ist und daher in der Form des Bundesgeset-</span><br/> <span class="ft10">zes erlassen werden muss, sind verschiedene Kriterien zu berück-</span><br/> <span class="ft10">sichtigen. Massgebend ist namentlich, ob die Bestimmung einen er-</span><br/> <span class="ft10">heblichen Eingriff in die Rechte und Freiheiten der Privaten vorsieht,</span><br/> <span class="ft10">ob von der Bestimmung ein grosser Kreis von Personen betroffen ist</span><br/> <span class="ft10">oder ob gegen die Bestimmung angesichts ihres Inhalts mit Wider-</span><br/> <span class="ft10">stand der davon Betroffenen zu rechnen ist (BGE 133 II 331 E. 7 und</span><br/> <span class="ft10">7.1 mit weiteren Hinweisen). Der Bundesrat darf jedoch, auch ohne</span><br/> <span class="ft10">entsprechende ausdrückliche gesetzliche Ermächtigung, direkt ge-</span><br/> <span class="ft10">stützt auf Art. 182 Abs. 1 BV das Gesetz vollziehende Verordnungen</span><br/> <span class="ft10">erlassen. Dem Vollziehungsverordnungsrecht des Bundesrates sind</span><br/> <span class="ft10">durch das Legalitäts- und Gewaltenteilungsprinzip in vierfacher Hin-</span><br/> <span class="ft10">sicht Schranken gesetzt. Eine Vollziehungsverordnung muss sich auf</span><br/> <span class="ft10">eine Materie beziehen, die Gegenstand des zu vollziehenden Geset-</span><br/> <span class="ft10">zes bildet (1.), darf dieses weder aufheben noch abändern (2.), muss</span><br/> <span class="ft10">der Zielsetzung des Gesetzes folgen und dabei lediglich die Rege-</span><br/> <span class="ft10">lung, die in grundsätzlicher Weise bereits im Gesetz Gestalt</span><br/> <span class="ft10">angenommen hat, aus- und weiterführen, also ergänzen und spezifi-</span><br/> <span class="ft10">zieren (3.) und darf dem Privaten keine neuen, nicht schon aus dem</span><br/> <span class="ft10">Gesetz folgenden Pflichten auferlegen (4.), und zwar selbst dann</span><br/> <span class="ft10">nicht, wenn diese Ergänzungen mit dem Zweck des Gesetzes in Ein-</span><br/> <span class="ft10">klang stehen (BGE 129 V 95 E. 2.1 mit weiteren Hinweisen). Noch</span><br/> <span class="ft10">nicht abschliessend geklärt ist die Frage, ob die Bundesversammlung</span><br/> <span class="ft10">im Rahmen ihrer Rechtssetzungsbefugnisse den Erlass von wichtigen</span><br/> <span class="ft10">Bestimmungen im Sinne von Art. 164 Abs. 1 Satz 1 BV durch eine</span><br/> <span class="ft10">Delegationsnorm im Bundesgesetz an den Verordnungsgeber übertra-</span><br/> <span class="ft10">gen darf oder nicht (BGE 133 II 331 E. 7.2.2 mit weiteren Hinwei-</span><br/> <span class="ft10">sen).</span><br/> <span class="ft10">6.2</span><br/> <span class="ft10">Gemäss Art. 22 Abs. 1 USG werden in lärmbelasteten Gebieten</span><br/> <span class="ft10">Baubewilligungen für neue Gebäude, die dem längeren Aufenthalt</span><br/> <span class="ft10">von Personen dienen, unter Vorbehalt von Absatz 2 nur erteilt, wenn</span><br/> <span class="ft10">die Immissionsgrenzwerte nicht überschritten werden. Sind die Im-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">444</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">missionsgrenzwerte überschritten, so werden Baubewilligungen für</span><br/> <span class="ft10">Neubauten, die dem längeren Aufenthalt von Personen dienen, nur</span><br/> <span class="ft10">erteilt, wenn die Räume zweckmässig angeordnet und die allenfalls</span><br/> <span class="ft10">notwendigen zusätzlichen Schallschutzmassnahmen getroffen wer-</span><br/> <span class="ft10">den (Abs. 2).</span><br/> <span class="ft10">Den Vollzug von Art. 22 Abs. 2 USG regelt der Bund in der</span><br/> <span class="ft10">LSV wie folgt: Sind die Immissionsgrenzwerte überschritten, so dür-</span><br/> <span class="ft10">fen Neubauten und wesentliche Änderungen von Gebäuden mit lärm-</span><br/> <span class="ft10">empfindlichen Räumen nur bewilligt werden, wenn diese Werte ein-</span><br/> <span class="ft10">gehalten werden können: (a.) durch die Anordnung der lärmempfind-</span><br/> <span class="ft10">lichen Räume auf der dem Lärm abgewandten Seite des Gebäudes;</span><br/> <span class="ft10">oder (b.) durch bauliche oder gestalterische Massnahmen, die das</span><br/> <span class="ft10">Gebäude gegen Lärm abschirmen (Art. 31 Abs. 1 LSV). Können die</span><br/> <span class="ft10">Immissionsgrenzwerte durch Massnahmen nach Absatz 1 nicht ein-</span><br/> <span class="ft10">gehalten werden, so darf die Baubewilligung nur erteilt werden,</span><br/> <span class="ft10">wenn an der Errichtung des Gebäudes ein überwiegendes Interesse</span><br/> <span class="ft10">besteht und die kantonale Behörde zustimmt (Abs. 2). Die Grundei-</span><br/> <span class="ft10">gentümer tragen die Kosten für die Massnahmen (Abs. 3).</span><br/> <span class="ft10">6.3</span><br/> <span class="ft10">6.3.1</span><br/> <span class="ft10">Art. 22 Abs. 2 USG enthält zwar keine direkte Ermächtigung an</span><br/> <span class="ft10">den Bundesrat, die Norm in einer Verordnung auszuführen. Der</span><br/> <span class="ft10">Gesetzestext verwendet aber mehrere unbestimmte Begriffe, welche</span><br/> <span class="ft10">es dem Bundesrat ohne weiteres erlauben, direkt gestützt auf Art. 182</span><br/> <span class="ft10">Abs. 1 BV und vor allem Art. 39 Abs. 1 USG (vgl. Ingress zur LSV)</span><br/> <span class="ft10">eine Art. 22 Abs. 2 USG vollziehende Verordnungsbestimmung zu</span><br/> <span class="ft10">erlassen. Ohnehin ist der Bundesrat beauftragt, Planungs-, Immissi-</span><br/> <span class="ft10">ons- und Alarmwerte festzulegen (Art. 13, 15, 19 und 23 USG). Die</span><br/> <span class="ft10">lärmschutzrechtliche Ausnahmebewilligung (Art. 31 Abs. 2 LSV)</span><br/> <span class="ft10">stellt inhaltlich keine besonders wichtige Bestimmung im Sinn von</span><br/> <span class="ft10">Art. 164 Abs. 1 BV dar, welche mindestens einer expliziten Er-</span><br/> <span class="ft10">mächtigung im Gesetz bedürfte bzw. welche eigentlich auf Stufe</span><br/> <span class="ft10">Bundesgesetz erlassen werden sollte. Der Erlass der Vollziehungs-</span><br/> <span class="ft10">verordnung verletzt damit das Gewaltenteilungsprinzip nicht.</span><br/> <span class="ft10">6.3.2</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">445</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">Das Legalitätsprinzip ist als weitere Schranke des Vollziehungs-</span><br/> <span class="ft10">verordnungsrechts des Bundesrats zu beachten. Damit kommt der</span><br/> <span class="ft10">Gesetzesauslegung und der Ermittlung des Sinns und Zwecks des</span><br/> <span class="ft10">Gesetzes massgebliches Gewicht zu.</span><br/> <span class="ft10">Dazu folgendes: In seiner ursprünglichen Fassung verlangte</span><br/> <span class="ft10">Art. 22 Abs. 2 aUSG (AS 1984 1122) bei überschrittenen</span><br/> <span class="ft10">Immissionsgrenzwerten, dass Baubewilligungen für Neubauten, die</span><br/> <span class="ft10">dem längeren Aufenthalt von Personen dienen, nur erteilt werden,</span><br/> <span class="ft10">wenn die notwendigen zusätzlichen Schallschutzmassnahmen getrof-</span><br/> <span class="ft10">fen und die Räume zweckmässig angeordnet werden.</span><br/> <span class="ft10">Aus den Materialien ergibt sich, dass diese Fassung von Art. 22</span><br/> <span class="ft10">Abs. 2 aUSG gestützt auf einen Abänderungsantrag der nationalrätli-</span><br/> <span class="ft10">chen Kommission in das Gesetz aufgenommen wurde, welcher die</span><br/> <span class="ft10">bundesrätliche Gesetzesvorlage aufweichte. Der Bundesrat wollte in</span><br/> <span class="ft10">seiner dem Parlament unterbreiteten Fassung in lärmbelasteten Ge-</span><br/> <span class="ft10">bieten nämlich nur die Errichtung von (unbewohnten) Gebäuden,</span><br/> <span class="ft10">welche entsprechend ihrer Nutzung weniger schutzbedürftig sind</span><br/> <span class="ft10">(z.B. Garagen, Geräteschuppen u.dgl.) erlauben (Botschaft 79.072 zu</span><br/> <span class="ft10">einem Bundesgesetz über den Umweltschutz USG, vom 31.Oktober</span><br/> <span class="ft10">1979, BBl 1979 III 749, S. 799, 842). Der Nationalrat beschränkte</span><br/> <span class="ft10">demgegenüber den Geltungsbereich des Artikels ausdrücklich auf</span><br/> <span class="ft10">Baubewilligungen für neue Gebäude, welche dem längeren Aufent-</span><br/> <span class="ft10">halt von Personen dienen, und sah zusätzlich die Erteilung von</span><br/> <span class="ft10">Baubewilligungen vor, falls die notwendigen Schallschutzmassnah-</span><br/> <span class="ft10">men getroffen und die Räume zweckmässig angeordnet werden</span><br/> <span class="ft10">(Amtliches Bulletin - Die Wortprotokolle von Nationalrat und Stän-</span><br/> <span class="ft10">derat, AB 1982 N S. 395 Votum Schmid). In der nationalrätlichen</span><br/> <span class="ft10">Debatte gab der zuständige Bundesrat darüber hinaus auf die Frage,</span><br/> <span class="ft10">ob der Errichtung neuer Gebäude wesentliche Umbauten und Erwei-</span><br/> <span class="ft10">terungen gleichgestellt sind, der Annahme Ausdruck, dass der Begriff</span><br/> <span class="ft10">"neue Gebäude" weit ausgelegt werden soll. "Vor allem dann, wenn</span><br/> <span class="ft10">ein neues oder altes Gebäude erweitert und sich vielleicht inskünftig</span><br/> <span class="ft10">in diesem Gebäude Personen aufhalten, was vorher im alten Gebäude</span><br/> <span class="ft10">nicht der Fall war; dann scheint mir eindeutig zu sein, dass die Aufla-</span><br/> <span class="ft10">gen, wie sie hier in Artikel 19 festgelegt sind eingehalten werden"</span><br/> <span class="ft10">(AB 1982 N S. 396 Votum Bundesrat Hürlimann). Der nationalrätli-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">446</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">che Vorschlag von Art. 22 Abs. 2 USG wurde vom Ständerat ohne in-</span><br/> <span class="ft10">haltliche Diskussion übernommen (AB 1983 S S. 267 f.).</span><br/> <span class="ft10">Die heute gültige Fassung von Art. 22 Abs. 2 USG beschloss</span><br/> <span class="ft10">die Bundesversammlung am 21. Dezember 1995, wobei die von der</span><br/> <span class="ft10">nationalrätlichen Kommission eingebrachte Änderung ohne Erläute-</span><br/> <span class="ft10">rung und Diskussion im Plenum angenommen wurde (AB 1995 N</span><br/> <span class="ft10">S. 1332 ff.; AB 1995 S S. 830). Die Gesetzesänderung vom 21. De-</span><br/> <span class="ft10">zember 1995 erfolgte im Übrigen bereits unter Geltung der vom</span><br/> <span class="ft10">Bundesrat im Jahr 1986 erlassenen LSV und damit auch in Kenntnis</span><br/> <span class="ft10">von Art. 31 Abs. 2 LSV.</span><br/> <span class="ft10">Aus den Gesetzesmaterialien folgt zusammengefasst, dass die</span><br/> <span class="ft10">Bundesversammlung die Anforderungen an die Erteilung von Baube-</span><br/> <span class="ft10">willigung in lärmbelasteten Gebieten gegenüber dem ursprünglichen</span><br/> <span class="ft10">bundesrätlichen Vorschlag in zwei Schritten abschwächte.</span><br/> <span class="ft10">6.3.3</span><br/> <span class="ft10">Wie bereits erwähnt lässt Art. 22 Abs. 2 USG Raum für eine</span><br/> <span class="ft10">bundesrätliche Vollziehungsverordnung. Der Bundesgesetzgeber</span><br/> <span class="ft10">überliess dem Bundesrat Gestaltungsspielraum bei der Ausfüllung</span><br/> <span class="ft10">der im Gesetzestext unbestimmten Begriffe "zweckmässige Anord-</span><br/> <span class="ft10">nung" und "allenfalls notwendigen Schallschutzmassnahmen". Dabei</span><br/> <span class="ft10">kommt insbesondere der erst im Jahr 1995 in den Gesetzestext aufge-</span><br/> <span class="ft10">nommenen Einschränkung der "notwendigen Schallschutzmassnah-</span><br/> <span class="ft10">men" durch das Wort "allenfalls" Bedeutung zu. Es darf davon</span><br/> <span class="ft10">ausgegangen werden, dass der Bundesgesetzgeber mit der damals</span><br/> <span class="ft10">vorgenommenen Abschwächung der gesetzlichen Anforderungen</span><br/> <span class="ft10">klarstellen wollte, dass die Ausnahmebewilligung gemäss Art. 31</span><br/> <span class="ft10">Abs. 2 LSV vom Gesetzestext noch gedeckt ist. Jedenfalls ist der</span><br/> <span class="ft10">Tatsache der damals bereits erlassenen LSV bei der Überprüfung der</span><br/> <span class="ft10">Gesetzesmässigkeit von Art. 31 Abs. 2 LSV erhebliches Gewicht bei-</span><br/> <span class="ft10">zumessen. Bezugnehmend auf G</span><span class="ft6">RIFFEL</span><span class="ft10">/R</span><span class="ft6">AUSCH</span> <span class="ft10">bedeutet diese</span><br/> <span class="ft10">grundsätzliche Bejahung der Gesetzeskonformität von Art. 31 Abs. 2</span><br/> <span class="ft10">LSV, dass der Ausnahmetatbestand einschränkend anzuwenden ist</span><br/> <span class="ft10">und dass die Kritik an der Anwendung des Ausnahmetatbestands als</span><br/> <span class="ft10">Regel durchaus ihre Berechtigung hat (A</span><span class="ft6">LAIN</span> <span class="ft10">G</span><span class="ft6">RIFFEL</span><span class="ft10">/H</span><span class="ft6">ERIBERT</span><br/> <span class="ft10">R</span><span class="ft6">AUSCH</span><span class="ft10">, Kommentar zum Umweltschutzgesetz, Ergänzungsband</span><br/> <span class="ft10">zur 2. Auflage, Zürich 2011, N 14 zu Art. 22). Überwiegende Inte-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">447</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">ressen sind deshalb grundsätzlich zurückhaltend anzunehmen und</span><br/> <span class="ft10">deren Annahme darf in keinem unlösbaren Widerspruch zu Sinn und</span><br/> <span class="ft10">Zweck des Gesetzes stehen (Erw. 6.2 und 6.4).</span><br/> <span class="ft10">Der Anspruch auf Erteilung einer dem Sinn und Zweck des Ge-</span><br/> <span class="ft10">setzes entsprechenden (Ausnahme-)Bewilligung kann im Übrigen</span><br/> <span class="ft10">auch aus dem Verhältnismässigkeitsprinzip (Art. 5 Abs. 2 BV) abge-</span><br/> <span class="ft10">leitet werden, welches sämtliches staatliches Handeln umfasst.</span><br/> <span class="ft10">Zusammengefasst kann damit festgehalten werden, dass Art. 31</span><br/> <span class="ft10">Abs. 2 LSV als Vollziehungsverordnungsbestimmung einer gesetzes-</span><br/> <span class="ft10">konformen Auslegung entspricht und insoweit auch angewendet wer-</span><br/> <span class="ft10">den kann und muss.</span><br/> <span class="ft10">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>