Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 28. November 2019 (720 19 154 / 301) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente / Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter Beat Hersberger, Kantonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiber Markus Schäfer Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch E lisabeth Maier, Advoka- tin, Hauptstrasse 104, 4102 Binningen gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der 1966 geborene, zuletzt als LKW-Chauffeur tätig gewesene A.____ hatte sich am 25. März 2008 unter Hinweis auf die Folgen eines am 4. Juni 2007 erlittenen Berufsunfalls bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Bezug v on Leistungen angemeldet. Die IV-Stelle Basel-Landschaft klärte daraufhin die gesundhe itlichen und die erwerblichen Verhält- nisse des Versicherten ab, wobei sie ab 4. Juni 2008 (Abla uf des Wartejahres) einen Invalidi- tätsgrad von 100 % und ab 23. Januar 2012 einen solch en von 52 % ermittelte. Gestützt auf diese Ergebnisse sprach die IV-Stelle A.____ nach Durchf ührung des Vorbescheidverfahrens Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht mit Verfügung vom 16. Juli 2014 für den Zeitraum vom 1. Juni 2008 bis 30. April 2012 eine be- fristete ganze Rente und mit Wirkung ab 1. Mai 2012 ei ne unbefristete halbe Rente zu. Die von A.____, vertreten durch Advokatin Elisabeth Maier, geg en diese Verfügung erhobene Be- schwerde hiess das Kantonsgericht, Abteilung Sozialversich erungsrecht (Kantonsgericht) mit Urteil vom 24. Oktober 2014 (Verfahren-Nr. 720 14 268/254) in dem Sinne gut, als es die ange- fochtene Verfügung der IV-Stelle vom 16. Juli 2014 a ufhob und die Angelegenheit zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die IV-Stelle zurückwies. Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft. In Nachachtung dieses Urteils gab die IV-Stelle bei der Medizinischen Gutachtenzentrum Regi- on St. Gallen GmbH (MGSG) ein polydisziplinäres Gutachte n in Auftrag, welches am 10. März 2016 erstattet wurde. Zudem holte sie bei Dr. med. B. ____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, das psychiatrische Verlaufsgutachten vom 5. Juni 2018 ein. In der Folge ermittelte die IV- Stelle beim Versicherten neu Invaliditätsgrade von 0 % (ab 1. Juni 2008), von 2 % (ab 1. Juni 2010) und von 34 % (ab 1. Januar 2012). Gestützt auf diese Ergebnisse lehnte die IV-Stelle mit Verfügung vom 3. April 2019 einen Rentenanspruch von A.____ ab. B. Hiergegen erhob A.____, wiederum vertreten durch A dvokatin Elisabeth Maier, am 16. Mai 2019 Beschwerde beim Kantonsgericht. Darin bea ntragte er, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es seien ihm die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen; unter o/e- Kostenfolge. Überdies seien ihm die unentgeltliche Pro zessführung und die unentgeltliche Ver- beiständung mit seiner Rechtsvertreterin zu bewilligen. C. Mit Verfügung vom 29. Mai 2019 bewilligte das Kant onsgericht dem Beschwerdeführer gestützt auf die eingereichten Unterlagen für das vorl iegende Beschwerdeverfahren die unent- geltliche Prozessführung und die unentgeltliche Verbeist ändung mit Advokatin Elisabeth Maier als Rechtsvertreterin. D. In ihrer Vernehmlassung vom 8. Juli 2019 beantrag te die IV-Stelle, die Beschwerde sei teilweise gutzuheissen und es sei festzustellen, dass der B eschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Juni 2008 Anspruch auf eine Dreiviertelsrente habe. Gleichzeitig legte sie ihren Ausführun- gen eine Beurteilung von pract. med. C.____, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Re- gionaler Ärztlicher Dienst (RAD) beider Basel, vom 8. Juli 2019 bei. E. Mit Replik vom 6. September 2019 teilte der Beschwe rdeführer mit, dass er nach wie vor um Ausrichtung einer ganzen Rente ersuche. Eventual iter sei dem Antrag der IV-Stelle stattzugeben. Diese wiederum hielt in der Duplik vom 1. Oktober 2019 an ihrem Rechtsbegeh- ren fest, wonach die Beschwerde teilweise gutzuheissen un d dem Versicherten eine Dreivier- telsrente zuzusprechen sei. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die - im Übrigen frist- und formgerecht erhobene - Beschwerde der Versicherten vom 16. Mai 2019 ist demnach einzutreten. 2.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 2.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti- ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 2.3 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltend en psychischen Leiden belastenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen ke in Krankheitswert zukommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat vorau s, das die Arbeits- und Erwerbsfähig- keit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der weiteren Frage zentrale Bedeutung zu, ob u nd inwiefern, allenfalls bei geeigneter Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig er- wartet werden kann, zu arbeiten und einem Erwerb nach zugehen (BGE 127 V 294 E. 5a mit Hinweisen). Zur Annahme einer durch eine psychische Gesund heitsbeeinträchtigung verur- sachten Erwerbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehme n ist, die Verwertung der Arbeitsfä- higkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder - als alternative Voraussetzung - sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; vgl. auch BGE 127 V 294 E. 4c in fine). 3.1 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach de m Grad der Invalidität wie folgt ab- gestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 3.2 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs (BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Untervar ianten des Schätzungs- oder Prozent- vergleichs (BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausserordentlichen Methode (BGE 128 V 29). 4. Ausgangspunkt der Ermittlung des Invaliditätsgrades bildet die Frage, in welchem Ausmass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheit lichen Beeinträchtigungen arbeitsun- fähig ist. 4.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls a uch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 4.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 5.1 In Nachachtung des Rückweisungsentscheids des Kantonsgeri chts vom 24. Oktober 2014 holte die IV-Stelle das polydisziplinäre MGSG-Gutachten vom 10. März 2016 mit Untersu- chungen in den Fachbereichen Allgemeine Medizin, Ortho pädie, Psychiatrie und Neurologie ein. Darin hielten die beteiligten Fachärzte folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Ar- beitsfähigkeit fest: (1) Tendinits calcarea der Suprasp inatussehne mit Chondropathie Grad III bis IV des Glenoids distal und Bursitis subacromialis sowie mässiger Acromioclaviculargelenks- arthrose rechts; (2) Ellbogenarthrose rechts nach Debridement, Arthrolyse und Entfernung einer Gelenksmaus 3/2008; (3) Lumbovertebralsyndrom bei Diskush ernie L4/5 mit Affektion der Ner- venwurzeln L5 beidseits und möglicher Tangierung L4 lin ks sowie Diskushernie L5/S1 mit Ver- dacht auf Affektion der Nervenwurzel S1 rechts und L5 r echts sowie spinaler Enge; (4) Osteo- chondrosis dissecans des Talus lateral rechts; (5) Rezidivier ende depressive Störung, gegen- wärtig mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F33.1) ; (6) Schweres sensomotorisches, axo- nal demyelonisierendes Carpaltunnelsyndrom rechts; (7) Mittelschweres sensomotorisches, vorrangig axonales Sulcus ulnaris-Syndrom rechts mit Leitu ngsblockierung im distalen Sulcus- bereich; (8) Hochgradiger Verdacht auf eine zusätzliche Nervus radialis Neuropathie rechts in Höhe des Olecranons nach Abzweigung des sensiblen Ramus superficialis bei deutlicher moto- rischer Amplitudenminderung, DD im Rahmen einer Inakti vitätsatrophie bei Ableitung über den Musculus extensor digitorum indicis, unauffälliger sensibler Radialisneurographie mit/bei Ar- beitsunfall 06/2007 mit Ellbogenfraktur rechts, Arthroskopie mit Debridement, offener Arthrolyse und Resektion einer Gelenksmaus 03/2008 und posttraumatischer Cubitalarthrose. Zur Frage der Arbeitsfähigkeit führten die Gutachter im Rahmen ihrer polydisziplinären Kon- sensbeurteilung aus, aufgrund der rezidivierenden depr essiven Störung mit überwiegend mit- telgradigen depressiven Episoden und Beeinträchtigung d er emotionalen Belastbarkeit, der geistigen Flexibilität, des Antriebs, der Interessen, de r Motivation, der Kontakt- und Anpas- sungsfähigkeit und der Dauerbelastbarkeit sei der Ver sicherte als LKW-Chauffeur seit Juni 2007 vollständig arbeitsunfähig. Tätigkeiten ohne gewichtsbelastende und feinmotorische Arbei- ten der rechten oberen Extremität, wie zum Beispiel Aufsichtsarbeiten, könnten dem Exploran- den nach Abschluss der posttraumatischen Rekonvaleszenz ab Okto ber 2007 bei voller Stun- denpräsenz zu 100 % zugemutet werden. Ab Juni 2010 soll te es sich zudem um körperlich leichte Arbeiten in temperierten Räumen handeln, abw echslungsweise sitzend und stehend, ohne häufiges Gehen insbesondere auf Treppen, Leiter n und schrägen Ebenen, ohne häufige inklinierte, reklinierte und rotierte Körperhaltungen und ohne häufige Arbeiten über der Horizon- talen. Tätigkeiten ohne erhöhte emotionale Belastung, ohne Stressbelastung, ohne erforderli- che geistige Flexibilität, ohne vermehrte Kundenkonta kte und ohne überdurchschnittliche Dau- erbelastung und ohne Lenken eines Kraftfahrzeugs könnt en ihm aufgrund der psychiatrischen Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Diagnosen seit Juni 2012 (letzte gutachterliche Untersu chung) gesamthaft bei voller Stunden- präsenz zu 60 % zugemutet werden. 5.2 Da in der Folge aufgrund der Vorbringen des Versi cherten eine Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustands nicht ausgeschlossen werden kon nte, gab die IV-Stelle bei Dr. B.____ ein psychiatrisches Verlaufsgutachten in Auftrag, das dieser am 5. Juni 2018 erstat- tete. Darin diagnostizierte der genannte Facharzt als Leiden mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mit telschwere Episode mit somatischem Syndrom und Somatisierungstendenzen (ICD-10 F33.11) im Rahmen einer nicht vollständig remittierten posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F 43.1) im Sinne einer chronifizierten Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion. In der angestammten Tätigkeit als LKW- Chauffeur sei der Explorand seit dem inkriminierten U nfall vollständig arbeitsunfähig. In adap- tierten Tätigkeiten, die nicht mit allzu grossem Zeit- und Leistungsdruck, anspruchsvollem Pub- likumsverkehr oder besonderen Anforderungen an die Konzen trationsfähigkeit einhergehen würden, sei von einer Arbeitsfähigkeit von 40 % auszugehen. 5.3 In seiner Beurteilung vom 29. Januar 2019 (mit Ri chtigstellung vom 27. März 2019) befand der RAD-Arzt pract. med. C.____, dass im Verlauf sgutachten von Dr. B.____ im Ver- gleich zum vorausgegangenen MGSG-Gutachten keine namha fte, wesentliche Verschlechte- rung des psychiatrischen Gesundheitszustands des Versicherten ausgemacht werden könne. Es sei deshalb mit den MGSG-Gutachtern weiterhin von e iner vollständigen Arbeitsunfähigkeit im angestammten Beruf und von einer 60 %-igen Arbeits fähigkeit in einer Verweistätigkeit aus- zugehen. 5.4 Die IV-Stelle stützt sich in der angefochtenen Verf ügung vom 3. April 2019 bei der Be- urteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigk eit des Versicherten auf die Einschät- zungen der MGSG-Gutachter sowie auf die Stellungnahme des RAD-Arztes pract. med. C.____ und auf dessen Würdigung des psychiatrischen Verlaufsgutacht ens von Dr. B.____. Sie ging demzufolge davon aus, dass dem Versicherten nach Ablauf d es Wartejahres und auch im wei- teren Verlauf leichte Verweistätigkeiten vollschichtig z umutbar gewesen seien. Ab 2012 attes- tierte sie dem Beschwerdeführer dann bei einer zumutb aren Vollzeittätigkeit eine Leistungsein- schränkung von 40 %. 5.5 Aufgrund der Vorbringen des Versicherten in seine r Beschwerde ersuchte die IV-Stelle den RAD-Arzt pract. med. C.____ um eine erneute Stell ungnahme. In seiner Beurteilung vom 8. Juli 2019 gelangte dieser nach nochmaliger Würdigun g der gesamten medizinischen Akten- lage nunmehr zur Auffassung, dass in Berücksichtigung der somatischen Beschwerden aus gesamtmedizinischer Sicht rückwirkend ab dem Zeitpunkt des Unfalls von einer 60 %-igen Be- einträchtigung der Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit auszugehen sei. Diese aktuelle Ein- schätzung sei auch mit derjenigen von Dr. B.____ verein bar, der in seinem Gutachten vom 5. Juni 2018 ebenfalls eine 40 %-ige Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit als zumutbar er- achtet habe. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.6 Unter Hinweis auf diese aktuelle RAD-Beurteilung vom 8. Juli 2019 hielt die IV-Stelle in ihrer Vernehmlassung vom 8. Juli 2019 in Bezug auf de n massgebenden medizinischen Sach- verhalt neu fest, beim Versicherten sei - entgegen den Ausführungen in der angefochtenen Ver- fügung vom 3. April 2019 - nach Ablauf des Wartejahr es im Juni 2008 lediglich noch von einer 40 %-igen Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit auszugehen. In seiner Replik vom 6. Sep- tember 2019 schloss sich der Beschwerdeführer - konkludent - dieser aktuellen medizinischen Beurteilung der IV-Stelle an. Diese ist denn auch nich t zu beanstanden. Den Akten lassen sich jedenfalls keine abweichenden (fach-) ärztlichen Berichte oder Einschätzungen entnehmen, die geeignet wären, dieses neue Ergebnis der vorinstanzlichen Beweiswürdigung in Zweifel zu zie- hen. In Anbetracht der in dieser Hinsicht nunmehr über einstimmenden Parteistandpunkte kann an dieser Stelle von weiteren Erörterungen zum medizi nischen Sachverhalt abgesehen und stattdessen vollumfänglich auf die entsprechenden, nachvol lziehbaren Ausführungen der IV- Stelle in der Vernehmlassung vom 8. Juli 2019 verwiesen werden. 5.7 Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist somit festzuhal ten, dass beim Beschwerde- führer - abweichend von der Beurteilung, welche die IV-Stelle der angefochtenen Verfügung zu Grunde legte -, seit Ablauf des Wartejahres im Juni 20 08 von einer vollständigen Arbeitsunfä- higkeit im bisherigen Beruf als LKW-Chauffeur und von einer lediglich 40 %-igen Arbeitsfähig- keit in einer leidensadaptierten Verweistätigkeit auszugehen ist. 6. Der Beschwerdeführer macht in seiner Replik vom 6. Se ptember 2019 geltend, dass seine (Rest-) Arbeitsfähigkeit von 40 % auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr verwertbar sei. 6.1 Gemäss der oben (vgl. E. 3.2 hiervor) zitierten Be stimmung von Art. 16 ATSG ist bei der Ermittlung des Invaliditätsgrads von einer ausgeglich enen Arbeitsmarktlage auszugehen. Ein solcher Arbeitsmarkt ist gekennzeichnet durch ein ge wisses Gleichgewicht zwischen Ange- bot und Nachfrage nach Arbeitskräften; er weist einen F ächer verschiedenster Tätigkeiten auf und zwar sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflic hen und intellektuellen Voraussetzun- gen wie auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes. Dabe i ist nicht von realitätsfremden Ein- satzmöglichkeiten auszugehen. Es können nur Vorkehren verla ngt werden, die unter Berück- sichtigung der gesamten objektiven und subjektiven Gegeben heiten des Einzelfalles zumutbar sind. Anderseits sind an die Konkretisierung von Arbeitsge legenheiten und Verdienstaussichten keine übermässigen Anforderungen zu stellen (Sozialversiche rungsrecht - Rechtsprechung [SVR] 2008, IV Nr.62 E. 5.1 mit zahlreichen Hinweisen). 6.2 Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers sind ih m Tätigkeiten nicht nur in derart eingeschränkter Form möglich, dass sie der allgem eine Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder dass sie nur unter nicht realistischem Entgegen kommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers ausgeübt werden könnten. Aus ärztlicher S icht (vgl. E. 5 hiervor) kann der Versi- cherte - und zwar im Rahmen eines Vollpensums - körperli ch leichte Arbeiten in temperierten Räumen, abwechslungsweise sitzend und stehend, ohne häu figes Gehen insbesondere auf Treppen, Leitern und schrägen Ebenen, ohne häufige i nklinierte, reklinierte und rotierte Körper- haltungen und ohne häufige Arbeiten über der Horizon talen verrichten. Zusätzliche Limitierun- gen bestehen aus psychiatrischer Sicht dahingehend, dass von allzu grossem Zeit- und Leis- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht tungsdruck, von anspruchsvollem Publikumsverkehr und von besonderen Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit abgesehen werden sollte. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Einschränkungen etliche der grundsätzlich in Frage ko mmenden Verweistätigkeiten be- treffen. Nichtsdestotrotz stehen dem Versicherten aber auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt insgesamt nach wie vor verschiedenartige Stellen offen. Zu nennen sind etwa einfache Auf- sichts-, Prüf- oder Kontrolltätigkeiten. Es kann deshalb nicht gesagt werden, dass in seinem Fall von realitätsfremden und in diesem Sinne unmöglichen oder unzumutbaren Einsatzmöglichkei- ten ausgegangen wird. Die Voraussetzungen für die Anna hme einer gänzlichen Unverwertbar- keit der Restarbeitsfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen sind daher vorliegend nicht erfüllt. 7. Wie oben ausgeführt (vgl. E. 3.2 hiervor), ist der Invaliditätsgrad bei erwerbstätigen Versicherten aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimm en. Nachdem die IV-Stelle im Laufe des Beschwerdeverfahrens zu einer Neubeurteilung der (Rest-) Arbeitsfähigkeit des Ver- sicherten gelangt war (vgl. E. 5.6 hiervor), musste sie in ihrer Vernehmlassung vom 8. Juli 2019 einen neuen Einkommensvergleich vornehmen. Da der Beschw erdeführer seit Eintritt der ge- sundheitlichen Beeinträchtigungen keiner Erwerbstätigkeit mehr nachging, setzte die IV-Stelle das Invalideneinkommen zu Recht unter Beizug der Tabelle nlöhne der Schweizerischen Lohn- strukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik fest ( vgl. dazu BGE 126 V 75 E. 3b/bb mit Hinweisen und 124 V 321 E. 3b/aa). Auf diese Wei se errechnete sie - nunmehr auf der Ba- sis einer 40 %-igen (Rest-) Arbeitsfähigkeit - ein zumu tbares Invalideneinkommen in der Höhe von Fr. 23‘992.--. Auf diesem Betrag gewährte sie dem Versicherten sodann einen leidensbe- dingten Abzug vom Tabellenlohn (vgl. dazu BGE 134 V 32 2 E. 5.2 und 126 V 75 E. 5) von 20 %, was im Ergebnis zu einem massgebenden Invalidenei nkommen von Fr. 19'194.-- führte. Anschliessend stellte die diesen Betrag dem ebenfalls an hand der Tabellenlöhne der LSE er- mittelten Valideneinkommen von Fr. 59‘453.-- gegenübe r und gelangte so zu einem Invalidi- tätsgrad von 67,71 % bzw. gerundet (vgl. zur Rundungsp raxis: BGE 130 V 121 ff.) von 68 %. Diese (Neu-) Berechnung der IV-Stelle erweist sich als r echtens, sie wurde denn auch vom Be- schwerdeführer in seiner Replik vom 6. September 2019 n icht in Frage gestellt. Unter diesen Umständen kann hier von weiteren Erörterungen zum vorinst anzlichen Einkommensvergleich abgesehen und stattdessen auf die entsprechenden Ausführ ungen der IV-Stelle in der Ver- nehmlassung vom 8. Juli 2019 verwiesen werden. 8. Nach dem Gesagten ist die vorliegende Beschwerde in d em Sinne gutgeheissen, als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle vom 3. Apr il 2019 aufzuheben und festzustellen ist, dass der Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Juni 2008 A nspruch auf eine Dreiviertelsrente hat. 9. Abschliessend bleibt über die Kosten des Beschwerdever fahrens zu befinden. 9.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens- und der Parteikosten ist grund- sätzlich auf den Prozessausgang abzustellen. Vorliegend ist der Beschwerdeführer obsiegende und die IV-Stelle unterliegende Partei. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um d ie Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1000.-- festgel egt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstan den ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, wes- halb die Verfahrenskosten ihr zu auferlegen sind. 9.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschw erde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Da der Beschwerdeführer obsiegende Partei ist, ist ihm eine Parteient- schädigung zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Die Re chtsvertreterin des Beschwerdefüh- rers hat in ihrer Honorarnote vom 5. September 2019 für das vorliegende Verfahren einen Zeit- aufwand von 15,25 Stunden geltend gemacht, was sich in Anbetracht der sich stellenden Sach- verhalts- und Rechtsfragen und des Umstands, dass ein dop pelter Schriftenwechsel durchzu- führen war, als angemessen erweist. Die Bemühungen sin d zu dem in Sozialversicherungspro- zessen praxisgemäss zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von 250 Franken zu ent- schädigen. Nicht zu beanstanden sind die ausgewiesenen Au slagen von Fr. 114.90. Dem Be- schwerdeführer ist deshalb eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 4'229.60 (15,25 Stunden à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 114.90 zuzüglich 7,7 % Mehrwertsteuer) zu Las- ten der IV-Stelle zuzusprechen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 3. April 2019 aufgeho- ben und festgestellt wird, dass der Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Juni 2008 Anspruch auf eine Dreiviertelsrente hat. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat dem Beschwerdefü hrer eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 4‘229.60 (inkl. Ausla gen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht