<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">102</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>16</b></span> <span class="ft3"><b>Abzug behinderungsbedingte Kosten</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Definition der Behinderung im Rechtssinn (Erw. 3)</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Die Kosten einer In-vitro-Fertilisation sind nicht als behinderungs-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>bedingte Kosten steuerlich abzugsfähig (Erw. 4.2.3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Urteil des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 2. Mai 2012 in Sachen</span><br/> <span class="ft6">P.K. (WBE.2011.339).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">103</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.</span><br/> <span class="ft1">Art. 2 Abs. 1 BehiG definiert Menschen mit Behinderungen</span><br/> <span class="ft1">(Behinderte, Behinderter) als Personen, denen es eine voraussichtlich</span><br/> <span class="ft1">dauernde körperliche, geistige oder psychische Beeinträchtigung</span><br/> <span class="ft1">erschwert oder verunmöglicht, alltägliche Verrichtungen vorzuneh-</span><br/> <span class="ft1">men, soziale Kontakte zu pflegen, sich fortzubewegen, sich aus- und</span><br/> <span class="ft1">fortzubilden oder eine Erwerbstätigkeit auszuüben.</span><br/> <span class="ft1">3.2.</span><br/> <span class="ft1">Diese Definition enthält zunächst ein anthropologisch-medizini-</span><br/> <span class="ft1">sches Element, indem sie für das Vorliegen einer Behinderung eine</span><br/> <span class="ft1">körperliche, geistige oder psychische Beeinträchtigung verlangt.</span><br/> <span class="ft1">Diese darf nicht nur vorübergehend, sondern muss voraussichtlich</span><br/> <span class="ft1">dauernd sein. Als Beeinträchtigung ist dabei jedes erhebliche Defizit</span><br/> <span class="ft1">gegenüber einem als normal (bzw. nicht behindert empfundenen)</span><br/> <span class="ft1">körperlichen, geistigen oder psychischen Zustand einer Person zu</span><br/> <span class="ft1">verstehen. "Normalität" in diesem Sinn weist eine erhebliche Band-</span><br/> <span class="ft1">breite auf, d.h. sie reicht von der normal bzw. sogar der leicht unter-</span><br/> <span class="ft1">durchschnittlich begabten bis zur hochbegabten Person, vom Leis-</span><br/> <span class="ft1">tungssportler bis zur unsportlichen, aber grundsätzlich bewegungs-</span><br/> <span class="ft1">fähigen Person, vom ausgeglichenen bis zum launischen Menschen</span><br/> <span class="ft1">mit einer akzentuierten Persönlichkeit.</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">Für die Definition einer behinderten Person zentral ist indessen</span><br/> <span class="ft1">das zweite Begriffselement, nämlich die funktionale Komponente.</span><br/> <span class="ft1">Auch wenn eine Person gegenüber einem als Bandbreite vorgestell-</span><br/> <span class="ft1">ten Normalfall in ihrem körperlichen, geistigen oder psychischen</span><br/> <span class="ft1">Zustand erheblich beeinträchtigt ist, liegt eine Behinderung im</span><br/> <span class="ft1">Rechtssinn erst dann vor, wenn sich aus dieser Beeinträchtigung ein</span><br/> <span class="ft1">Funktionsverlust ergibt (vgl. Botschaft zum Entwurf des BehiG vom</span><br/> <span class="ft1">11. Dezember 2000, BBl 2001, S. 1777). Dabei betrachtet das Gesetz</span><br/> <span class="ft1">nicht jeden Funktionsverlust als Behinderung, sondern nur (aber</span><br/> <span class="ft1">immerhin) Funktionsverluste, die es erschweren oder verunmögli-</span><br/> <span class="ft1">chen, alltägliche Verrichtungen vorzunehmen, soziale Kontakte zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">104</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">pflegen, sich fortzubewegen, sich aus- und fortzubilden oder eine</span><br/> <span class="ft1">Erwerbstätigkeit auszuüben.</span><br/> <span class="ft1">Diese gesetzliche Definition umschreibt die Behinderung zum</span><br/> <span class="ft1">einen bewusst weiter als etwa der deutsche Gesetzgeber, welcher</span><br/> <span class="ft1">alterstypische Funktionsverluste bei betagten Menschen nicht als</span><br/> <span class="ft1">Behinderung auffasst. Die Definition umfasst insbesondere auch eine</span><br/> <span class="ft1">grössere Menschengruppe als die Invalidenversicherung, indem sie</span><br/> <span class="ft1">auch Personen umfasst, die noch nicht oder nicht mehr erwerbsfähig</span><br/> <span class="ft1">sind (vgl. Botschaft zum BehiG, BBl 2001, S. 1777). Andererseits</span><br/> <span class="ft1">stellt aber nicht jeder erhebliche Funktionsverlust infolge einer kör-</span><br/> <span class="ft1">perlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigung eine Behin-</span><br/> <span class="ft1">derung im Rechtssinn dar. Eine Behinderung muss vielmehr zu einer</span><br/> <span class="ft1">Erschwerung bzw. Verunmöglichung in bestimmten Bereichen</span><br/> <span class="ft1">menschlichen Verhaltens führen, nämlich bei der Vornahme alltägli-</span><br/> <span class="ft1">cher Verrichtungen, der Pflege sozialer Kontakte, bei der Fortbewe-</span><br/> <span class="ft1">gung sowie bei der Aus- und Fortbildung und bei der Fähigkeit zur</span><br/> <span class="ft1">Ausübung einer Erwerbstätigkeit.</span><br/> <span class="ft1">4.</span><br/> <span class="ft1">4.1.</span><br/> <span class="ft1">Zutreffend hat das Steuerrekursgericht festgestellt, dass Infer-</span><br/> <span class="ft1">tilität, soweit sie denn beim Beschwerdeführer besteht, eine körper-</span><br/> <span class="ft1">liche Beeinträchtigung darstellt. Es ist darüber hinaus notorisch, dass</span><br/> <span class="ft1">die Unmöglichkeit, infolge Infertilität einen bestehenden Kinder-</span><br/> <span class="ft1">wunsch zu erfüllen, bei den davon betroffenen Personen auch zu</span><br/> <span class="ft1">weiteren Beeinträchtigungen vor allem psychischer Natur (insbeson-</span><br/> <span class="ft1">dere Depressionen) führen kann.</span><br/> <span class="ft1">So hat denn auch der Supreme Court der USA anerkannt, dass</span><br/> <span class="ft1">die Möglichkeit, Nachwuchs zu zeugen ("reproduction and child</span><br/> <span class="ft1">bearing"), eine "major life activity" im Sinne des "Americans with</span><br/> <span class="ft1">Disability Act" von 1990 (ADA; United States Codes Annotated</span><br/> <span class="ft1">[U.S.C.A.], Band 42, Kapitel 126, § 12101 ff.) darstellt. Dementspre-</span><br/> <span class="ft1">chend ist Infertilität eine "disability" im Sinne von Section 3 des</span><br/> <span class="ft1">ADA, definiert diese Bestimmung "disability" doch unter anderem</span><br/> <span class="ft1">als "a physical or mental impairment that substantially limits one or</span><br/> <span class="ft1">more of the major life activities of such individual" (zitiert in der</span><br/> <span class="ft1">Botschaft zum BehiG, BBl 2001, S. 1777; vgl. dazu den Entscheid</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Kantonale Steuern</span> <span class="page_no">105</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">des Supreme Court vom 25. Juni 1998; Bragdon vs. Abbott et. al.,</span><br/> <span class="ft1">524 United States Reports [U.S.] 624 ff. [1998]; siehe dort aber auch</span><br/> <span class="ft1">die teilweise abweichende Meinung von Chief Justice William H.</span><br/> <span class="ft1">Rehnquist, der insbesondere den Charakter der Entscheidung für</span><br/> <span class="ft1">eigene Kinder als "major life acitivity" anzweifelte [524 U.S. 660]).</span><br/> <span class="ft1">Bereits in diesem Zusammenhang gilt es darauf hinzuweisen, dass</span><br/> <span class="ft1">der Begriff der "disability" gemäss ADA nicht mit jenem des Men-</span><br/> <span class="ft1">schen mit Behinderung gemäss Art. 2 Abs. 1 BehiG gleichgesetzt</span><br/> <span class="ft1">werden kann. Section 3 des ADA enthält nämlich anders als Art. 2</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 BehiG keinen (geschlossenen) Katalog der Verhaltensweisen,</span><br/> <span class="ft1">bei welchen die körperliche, geistige oder psychische Beeinträchti-</span><br/> <span class="ft1">gung zu einem Funktionsverlust führt, sondern definiert generell alle</span><br/> <span class="ft1">erheblichen Funktionsverluste (bzw. "substantial limitations"),</span><br/> <span class="ft1">welche eine "major life acitivity" betreffen als "disability".</span><br/> <span class="ft1">4.2.</span><br/> <span class="ft1">4.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Art. 2 Abs. 1 BehiG verlangt über das Vorliegen einer voraus-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich dauernden körperlichen, geistigen oder psychischen Beein-</span><br/> <span class="ft1">trächtigung hinaus, dass es der bzw. dem davon Betroffenen dadurch</span><br/> <span class="ft1">erschwert oder verunmöglicht ist, alltägliche Verrichtungen vorzu-</span><br/> <span class="ft1">nehmen, soziale Kontakte zu pflegen, sich fortzubewegen, sich aus-</span><br/> <span class="ft1">und fortzubilden oder einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Hier ist</span><br/> <span class="ft1">zu Recht nicht streitig, dass der Beschwerdeführer durch die behaup-</span><br/> <span class="ft1">tete bei ihm bestehende Infertilität weder bei der Pflege seiner sozia-</span><br/> <span class="ft1">len Kontakte noch bei der Ausübung seiner Erwerbstätigkeit noch</span><br/> <span class="ft1">gar in seiner Fortbewegung oder bei einer allfälligen Aus- bzw.</span><br/> <span class="ft1">Weiterbildung betroffen ist. Es stellt sich somit nur noch die Frage,</span><br/> <span class="ft1">ob die behauptete Infertilität dem Beschwerdeführer die Vornahme</span><br/> <span class="ft1">alltäglicher Verrichtungen erschwert bzw. sogar verunmöglicht.</span><br/> <span class="ft1">4.2.2. (...)</span><br/> <span class="ft1">4.2.3.</span><br/> <span class="ft1">Zu Recht hat es das Steuerrekursgericht abgelehnt, die Zeugung</span><br/> <span class="ft1">von Kindern unter den Begriff der alltäglichen Verrichtung gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 2 Abs. 1 BehiG zu subsumieren. Dabei hat es zu Recht offen</span><br/> <span class="ft1">gelassen, ob dieser Begriff mit jenem der alltäglichen Lebensverrich-</span><br/> <span class="ft1">tung gemäss Art. 9 ATSG identisch ist, der die Hilflosigkeit als das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">106</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Bedürfnis umschreibt, wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit</span><br/> <span class="ft1">für alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder</span><br/> <span class="ft1">der persönlichen Überwachung zu bedürfen. Selbst wenn der Begriff</span><br/> <span class="ft1">der alltäglichen Verrichtung gemäss Art. 2 Abs. 1 BehiG weiter sein</span><br/> <span class="ft1">sollte als jener der alltäglichen Lebensverrichtung gemäss Art. 9</span><br/> <span class="ft1">ATSG, ergibt sich bereits aus dem Wortsinn, dass das Zeugen von</span><br/> <span class="ft1">Kindern keine alltägliche Verrichtung ist. Das Zeugen eines Kindes</span><br/> <span class="ft1">ist eine erfolgsbezogene Handlung. Der Beschwerdeführer selbst</span><br/> <span class="ft1">behauptet nicht, er sei durch die bei ihm behauptetermassen</span><br/> <span class="ft1">bestehende Infertilität im Vollzug des Geschlechtsaktes oder sonst in</span><br/> <span class="ft1">seinem sexuellen Leben behindert. Es kommt bei ihm gemäss seiner</span><br/> <span class="ft1">Darstellung lediglich bei seiner Partnerin infolge seiner Infertilität zu</span><br/> <span class="ft1">keiner Schwangerschaft. An das Fehlen des Erfolges einer bestimm-</span><br/> <span class="ft1">ten Handlung bzw. Lebensverrichtung knüpft Art. 2 Abs. 1 BehiG</span><br/> <span class="ft1">aber nach seinem Wortsinn gerade nicht an. Dafür, dass der Erfolg</span><br/> <span class="ft1">bestimmter Handlungen als Teil der Fähigkeit zu deren Ausführung</span><br/> <span class="ft1">in Art. 2 Abs. 1 BehiG mitzuverstehen wäre, müssten, da eine solche</span><br/> <span class="ft1">Bedeutung weit ausserhalb des Wortsinns liegt, Hinweise in den</span><br/> <span class="ft1">Gesetzesmaterialien vorhanden sein. An solchen fehlt es aber, wird</span><br/> <span class="ft1">doch die Infertilitätsproblematik in der gesamten Botschaft zum Be-</span><br/> <span class="ft1">hindertengesetz nirgends angesprochen. Es ist daher davon auszuge-</span><br/> <span class="ft1">hen, dass der Gesetzgeber Infertilität nicht als Behinderung im</span><br/> <span class="ft1">Rechtssinn verstanden haben wollte. Kosten im Zusammenhang mit</span><br/> <span class="ft1">der Erfüllung eines Kinderwunsches infertiler Paare können daher</span><br/> <span class="ft1">nicht unter den Begriff der behinderungsbedingten Kosten gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 40 lit. i</span><span class="ft2"><sup>bis</sup></span><span class="ft1">StG bzw. Art. 9 Abs. 2 lit. h</span><span class="ft2"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">StHG subsumiert werden.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> </body> </html>