Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 11. Mai 2016 (810 15 194) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung Besetzung Abteilungs-Vizepräsident Beat Walther, Ka ntonsrichter Stefan Schulthess, Markus Clausen, Christian Haidlauf, Niklaus Ruckstuhl , Gerichtsschreiberin Chiara Piras Beteiligte A.____ , vertreten durch Daniel Wagner , Advokat gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal , Be- schwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung (RRB Nr. 1038 vom 23. Juni 2015) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Der 1986 in B.____ (SG) geborene serbische Staatsan gehörige A.____ reiste mit seiner Familie am 14. Dezember 1991 aus Frankreich in d ie Schweiz ein. Am 1. Juli 1999 zog er mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und seinen H albgeschwistern von B.____ nach Pratteln, wo er die letzten Jahre der obligatorischen Schule besu chte. Nachdem er vom 30. November 2003 bis 1. September 2004 unbekannten Aufenthaltes war, stellte ihm der Kan- ton Basel-Landschaft am 25. Oktober 2004 eine Niederlassungsbewilligung aus. B. A.____ trat als Jugendlicher ein erstes Mal strafrecht lich in Erscheinung als ihn die Jugendanwaltschaft Basel-Landschaft am 13. Oktober 2004 zu einer Arbeitsleistung von vier Tagen verurteilte. Zwischen 2005 und 2009 wurde er w egen diverser Vergehen, mehrheitlich gegen das Betäubungsmittelgesetz, zu mehreren Freiheitsstr afen in der Höhe von 14, 16 und 45 Tagen sowie fünf Monate, Geldstrafen von insgesamt 8 4 Tagessätzen à Fr. 30.-- bzw. Fr. 10.-- und Bussen in der Gesamthöhe von Fr. 2‘610. -- verurteilt. Aus diesem Grund, aber auch wegen offenen Verlustscheinen in der Höhe von Fr. 19‘448.35, wurde er am 7. Oktober 2009 vom Amt für Migration des Kantons Basel -Landschaft (AfM) ein erstes Mal er- mahnt. Kurz danach, am 19. Oktober 2009, verurteilte ihn das Strafgericht Basel-Landschaft wegen versuchter Gewalt und Drohung gegen Behörden un d Beamte und wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zum Zweck des Konsums zu einer Geld- strafe von 60 Tagessätzen à Fr. 10.-- sowie einer Busse von Fr. 300.--. Gleichzeitig wurde eine, später aufgrund Aussichtslosigkeit aufgehobene, ambulante suchtspezifische Massnahme und eine Bewährungshilfe angeordnet. Wegen der bis dahin bezogenen Sozialhilfeunterstützung von Fr. 81‘500.-- und offenen Verlustscheinen in der H öhe von Fr. 16‘647.25 verwarnte ihn das AfM am 28. Oktober 2011 ein zweites Mal. Daraufhin wur de A.____ mit Strafbefehl vom 18. September 2013 wegen mehrfachen Vergehens gegen d as Betäubungsmittelgesetz sowie mehrfacher Übertretung desselben zu einer Freiheitsstrafe von 180 Tagen und einer Busse von Fr. 300.-- verurteilt. C. Nachdem es A.____ zweimal verwarnt und ihm am 14. Fe bruar 2014 das rechtliche Gehör gewährt hatte, widerrief das AfM mit Verfügung vom 11. September 2014 dessen Nieder- lassungsbewilligung. Das AfM ordnete auch A.____’s Wegwe isung aus der Schweiz an, wobei die Ausreise bis spätestens 15. November 2014 zu erfolgen habe. Zur Begründung wurde im Wesentlichen dargetan, dass A.____ mehrmals verurteilt w orden sei, unter Anderem zu Frei- heitsstrafen von insgesamt 13,5 Monaten. Damit seien d er Widerrufsgrund der längerfristigen Freiheitsstrafe sowie derjenige des schwerwiegenden Verst osses gegen die öffentliche Sicher- heit und Ordnung gegeben. A.____ könne sich auch nicht auf das Recht auf Achtung des Pri- vat- und Familienlebens berufen. Er sei auch weder ge sellschaftlich noch wirtschaftlich beson- ders integriert. Folglich erscheine seine Wegweisung als verhältnismässig. D. Die von A.____ gegen die Verfügung des AfM erhoben e Beschwerde wies der Re- gierungsrat des Kantons Basel-Landschaft (Regierungsrat) m it Beschluss Nr. 1038 vom 23. Juni 2015 ab. Der Regierungsrat verfügte weiter, dass A.____ die Schweiz innert 30 Tagen ab Rechtskraft des Regierungsratsbeschlusses zu verlassen hab e. Zur Begründung wurde ausgeführt, dass A.____ in der Vergangenheit 14 Mal, mehrheitlich wegen Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, verurteilt wurde. Auch wenn es sich bei den A.____ vorge- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht worfenen Straffälligkeiten nicht um gravierende Straft aten handle, sei bei einer Gesamtwürdi- gung seines Verhaltens, insbesondere angesichts seiner kontinuierlichen Missachtung der Rechtsordnung und der gemäss Betreibungsregisterauszug vom 17. April 2015 bestehenden Betreibungen in der Höhe von Fr. 39‘027.95 und offen en Verlustscheinen im Gesamtwert von Fr. 23‘652.70, der Widerrufsgrund des schwerwiegenden Verstosses gegen die öffentliche Si- cherheit und Ordnung in der Schweiz erfüllt. Aufgrund der ausgesprochenen Verwarnungen und der seither erneuten strafrechtlichen Verurteilungen bestehe kein Spielraum für die Anwendung einer milderen Massnahme. Weiter führte der Regierungsrat aus, dass das öffentliche Interesse an einer Wegweisung von A.____ sein privates Interesse a n einem weiteren Verbleib in der Schweiz überwiege. E. Gegen den Beschluss des Regierungsrates vom 23. Juni 2 015 erhob A.____ mit Eingabe vom 3. Juli 2015 Beschwerde beim Kantonsgeric ht, Abteilung Verfassungs- und Ver- waltungsrecht (Kantonsgericht). Er beantragt, es sei de r regierungsrätliche Beschluss vom 23. Juni 2015 aufzuheben und auf den Widerruf der Ni ederlassungsbewilligung zu verzichten; unter o/e-Kostenfolge. In der Beschwerdebegründung vom 4. September 2015 hielt der Be- schwerdeführer, nunmehr vertreten durch Daniel Wagner , an seinen Rechtsbegehren fest und stellte den Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. F. In seiner Vernehmlassung vom 27. Oktober 2015 stellte der Regierungsrat das Be- gehren auf kostenfällige Abweisung der Beschwerde. G. Mit Präsidialverfügung vom 17. November 2015 wurde der Fall der Kammer über- weisen und dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Pro zessführung und Verbeiständung be- willigt. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss § 47 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfa ssungs- und Verwaltungspro- zessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist zur Beschwerde befugt, wer durch den ange- fochtenen Entscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Inte resse an dessen Änderung oder Aufhebung hat. Da der Beschwerdeführer Adressat des an gefochtenen Entscheides ist und ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Abänderung hat, die übrigen formellen Vo- raussetzungen erfüllt sind und sowohl die örtliche wie a uch die sachliche Zuständigkeit des Kantonsgerichtes gegeben sind, kann auf die vorliegende Beschwerde eingetreten werden. 2. Bei der Beurteilung der vorliegenden verwaltungsge richtlichen Beschwerde ist die Kognition des Kantonsgerichtes gemäss § 45 Abs. 1 lit. a u nd b VPO darauf beschränkt, den angefochtenen Entscheid hinsichtlich allfälliger Rechtsver letzungen zu überprüfen bzw. zu prü- fen, ob der Beschwerdegegner ein allfälliges Ermessen re chtsfehlerhaft ausgeübt hat. Im Wei- teren kann beurteilt werden, ob dieser den Sachverhalt unrichtig oder unvollständig festgestellt hat. Die Überprüfung der Angemessenheit dagegen ist d em Kantonsgericht verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit c VPO e contrario). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob der Widerruf der Niederlassungsbewilligung des Beschwerdeführers und die damit einhergehende Wegweisung zu Recht erfolgten. 3.1 Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in der Schweiz berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitz t oder wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 und 11 des Bundesgesetzes über die Ausländeri nnen und Ausländer [AuG] vom 16. Dezember 2005; vgl. auch Art. 2 AuG). Die zuständ ige kantonale Behörde entscheidet ge- mäss Art. 18 ff. und 27 ff. AuG – im Rahmen der gesetzl ichen Vorschriften und Verträge mit dem Ausland – nach freiem Ermessen über die Zulassung zu einem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbstätigkeit. Einen Rechtsanspruch auf die Gewähru ng einer Anwesenheitsbewilligung hat die ausländische Person grundsätzlich nicht, es sei denn, das AuG oder völkerrechtliche Ver- pflichtungen sehen dies vor (vgl. BGE 133 I 185 E. 2.3; Marc Spescha, in: Spe- scha/Thür/Zünd/Bolzli/Hruschka [Hrsg.], Kommentar Migrat ionsrecht, 4. Aufl., Zürich 2015, Rz. 1 ff. zu Art. 3 AuG). Gemäss Art. 3 Abs. 2 AuG wi rd Ausländerinnen und Ausländern der Aufenthalt in der Schweiz bewilligt, wenn völkerrechtl iche Verpflichtungen, humanitäre Gründe oder die Vereinigung der Familie es erfordern. 3.2 Aus dem Niederlassungs- und Konsularvertrag zwischen der Schweiz und Serbien vom 16. Februar 1888 (SR 0.142.118.181) lässt sich kein selbständiger staatsvertraglicher Auf- enthaltsanspruch zugunsten des Beschwerdeführers ableiten (vgl. BGE 132 II 65 E. 2.2; Urteil des Bundesgerichtes 2C_1064/2014 vom 26. November 2014 E. 2.1). Es sind entsprechend die Bestimmungen des AuG, vorbehältlich anderer völkerrechtlicher Verträge, anwendbar. 3.3 Gemäss Art. 34 Abs. 1 AuG verleiht die Niederlassung sbewilligung ihrem Inhaber grundsätzlich einen zeitlich unbefristeten und unbedingt en Anspruch auf Anwesenheit in der Schweiz. Es ist somit von einem grundsätzlichen gesetzlichen Anspruch des Beschwerdefüh- rers auf Aufenthalt in der Schweiz auszugehen. 3.4 Im vorliegenden Fall ist der Beschwerdegegner zu R echt davon ausgegangen, dass sich der Beschwerdeführer als in der Schweiz geborene und aufgewachsene ausländische Per- son der zweiten Generation neben den durch die Nieder lassungsbewilligung im Rahmen des Ausländergesetzes gewährten Rechtsanspruches auf Aufent halt in der Schweiz auch auf eine kombinierte Garantie des Privat- und Familienlebens des Art. 8 Ziff. 1 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) vo m 4. November 1950 und Art. 13 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen E idgenossenschaft (BV) vom 18. April 1999 berufen kann (vgl. BGE 130 II 281 E. 3.2.2; BGE 129 II 193 E. 5.4; Urteil des Bundesgerichtes 2C_480/2013 vom 24. Oktober 2013 E. 4.4 .1; Urteil des Europäischen Ge- richtshofes für Menschrechte [EGMR] M.P.E.V. et al. gege n die Schweiz [3910/13] vom 8. Ju- li 2014 § 32; Urteil des EGMR Maslov gegen Österreich [1638/03] vom 23. Juni 2008 § 63). 4.1 Indes gelten weder der gesetzliche Anspruch auf Au fenthalt nach Art. 34 Abs. 1 AuG noch der grundrechtliche Anspruch auf Privat- und Fam ilienleben absolut. Der Widerruf der Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Niederlassungsbewilligung ist selbst dann möglich, wenn die ausländische Person in der Schweiz geboren wurde und ihr ganzes Leben hier verbrach t hat (vgl. BGE 138 I 31 E. 2.3.1; BGE 139 I 16 E. 2.2.1). 4.2 Gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 62 lit. b AuG kann die Niederlassungsbewilli- gung widerrufen werden, wenn die Ausländerin oder de r Ausländer zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe verurteilt worden ist. Das Bundesgericht hat das Kriterium der Längerfristigkeit der Strafe in diesem Kontext dahingehend konkretisiert, dass es einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr bedarf. Dabei dürfen mehrere unterjähr ige Strafen bei der Berechnung nicht kumuliert werden (BGE 137 II 297 E. 2; BGE 135 II 37 7 E. 4.2). Der Beschwerdeführer ist nie zu einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr verurteil t worden, weshalb der Widerrufsgrund einer längerfristigen Freiheitsstrafe vorliegend nicht erfüllt ist. 4.3.1 Ein Widerruf ist auch möglich, wenn die ausländi sche Person in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstos- sen oder diese gefährdet hat (vgl. Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG). 4.3.2 Die „öffentliche Sicherheit und Ordnung“ bilde t den Oberbegriff der polizeilichen Schutzgüter: Die öffentliche Ordnung umfasst die Gesamthe it der ungeschriebenen Ordnungs- vorstellungen, deren Befolgung nach der herrschenden sozialen und ethischen Anschauung als unerlässliche Voraussetzung eines geordneten menschlichen Zusammenlebens anzusehen ist. Die öffentliche Sicherheit bedeutet die Unverletzlichkei t der objektiven Rechtsordnung, der Rechtsgüter der Einzelnen (Leben, Gesundheit, Freihei t, Eigentum, usw.) sowie der Einrichtun- gen des Staates. Eine Verletzung der öffentlichen Sich erheit und Ordnung ist somit namentlich gegeben bei erheblichen oder wiederholten Verstössen g egen gesetzliche Vorschriften oder behördliche Verfügungen sowie bei Nichterfüllung der öffentlich-rechtlichen (z.B. Steuern, Kran- kenkassenprämien) oder privatrechtlichen Verpflichtungen (z.B. Mietzinse, Prämien privater Versicherungen; vgl. Art. 80 Abs. 1 lit. a und b der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE] vom 24. Oktober 2007). Im Gegensatz zum Widerruf einer Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 62 lit. c AuG, welcher voraussetzt, dass die Ausländerin oder der Ausländer „erh eblich oder wiederholt“ gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung verstossen hat, setzt d er Widerruf der Niederlassungsbewil- ligung nach Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG voraus, dass ein s olcher Verstoss „in schwerwiegender Weise“ erfolgt ist. Damit werden vergleichsweise erhöhte Anforderungen an einen Bewilli- gungswiderruf gestellt, was sich eindeutig aus dem französischen Wortlaut der genannten Best- immungen ergibt. Während Art. 62 lit. c AuG von einem Verstoss „de manière grave ou répétée“ spricht, wird in Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG die qualifi zierte Formulierung „de manière très grave“ verwendet (BGE 137 II 297 E. 3.2). Zur Abgrenzung zwi schen Art. 62 lit. c und Art 63 Abs. 1 lit. b AuG ist in erster Linie auf den Stellenwert de s beeinträchtigten Rechtsgutes abzustellen. Die Praxis geht bei Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG von der Erfüllung der qualifizierten Formulierung aus, wenn die ausländische Person mit ihrem Handeln beso nders hochwertige Rechtsgüter namentlich die körperliche, psychische und sexuelle Integr ität eines Menschen verletzt oder in Gefahr gebracht hat. Indes können auch vergleichswei se weniger gravierende Pflichtverletzun- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht gen als „schwerwiegend“ im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG bezeichnet werden (BGE 137 II 237 E. 3.3). Namentlich kann auch eine Summierung von Verstössen, die für sich genommen für einen Widerruf nicht ausreichen würden, einen Bewilligungsentzug rechtfertigen. Diesfalls ist nicht die Schwere der verhängten Strafen, sondern die Vielzahl der Delikte ent- scheidend. Ein Widerruf der Niederlassungsbewilligung soll auch dann möglich sein, wenn sich eine ausländische Person von strafrechtlichen Massnahmen nicht beeindrucken lässt und damit zeigt, dass sie auch zukünftig weder gewillt noch fähig i st, sich an die Rechtsordnung zu halten (vgl. Botschaft des Bundesrates vom 8. März 2002 zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer, BBl 2002 3709, 3809 f.). Ob eine Auslä nderin oder ein Ausländer willens und in der Lage ist, sich in die hier geltende Ordnung einzufügen, ist anhand einer Gesamtbetrachtung ihres bzw. seines Verhaltens zu beurteilen (BGE 137 II 297 E. 3.3; Urteil des Bundesgerichtes 2C_160/2013 vom 15. November 2013 E. 2.1.1; vgl. auch Andreas Zünd/Ladina Arquint Hill, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 8.29; Silvia Hunziker, in: Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Bundesg esetz über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG], Bern 2010, Rz. 19 zu Art. 63 AuG; S pescha, a.a.O., Rz. 10 zu Art. 63 AuG). Gemäss Art. 63 Abs. 2 AuG gilt der Widerrufsgrund auch für Niederlassungsbewilligungen von Ausländerinnen und Ausländern, die sich seit mehr als 1 5 Jahren ununterbrochen und ord- nungsgemäss in der Schweiz aufhalten. 5.1 Der vorliegend angefochtene Entscheid stützte sich a uf Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG: Die Vorinstanz wies zwar darauf hin, dass es sich trotz der beach tlichen Anzahl bei den dem Be- schwerdeführer vorgeworfenen Straftaten grundsätzlich n icht um gravierende Delikte handle. Neben der Vielzahl und der Natur der Delikte sei jedoch zu beachten, dass die innerhalb von zwei Jahren ausgesprochenen ausländerrechtlichen Verwar nungen den Beschwerdeführer nicht zu beeindrucken vermocht und ihn nicht zur Besserung seines Verhaltens veranlasst ha- ben. Hinzu komme, dass der Beschwerdeführer mit 42 Betre ibungen über einen Gesamtbetrag von Fr. 39‘027.95 und 20 Verlustscheinen in der Höhe vo n insgesamt Fr. 23‘652.70 registriert sei. Aus der Vielzahl dieser Delikte und Schulden hat di e Vorinstanz auf eine Gleichgültigkeit und Respektlosigkeit gegenüber der Rechtsordnung geschl ossen. Auf Unbelehrbarkeit liesse insbesondere schliessen, dass der Beschwerdeführer mit de m Strafbefehl vom 18. September 2013 wegen Delikten bestraft wurde, die er früher ber eits wiederholt begangen hatte. Im Rah- men der vorzunehmenden Gesamtbetrachtung, sei aufgrund der über viele Jahre hinweg ent- standenen Summe der Verfehlungen davon auszugehen, da ss der Beschwerdeführer auch in Zukunft nicht fähig sei, sich an die geltende Rechtsordn ung zu halten, weshalb der Beschwer- degegner zum Schluss kam, dass der Widerrufsgrund nach Ar t. 63 Abs. 1 lit. b AuG gegeben sei. 5.2 Dem entgegnete der Beschwerdeführer, dass es sich bei den von ihm begangenen Straftaten grösstenteils um Verstösse gegen das Betäubung smittelgesetz und hierbei meist um reine Konsumdelikte handle. Er habe auch nie andere Menschen in ihren hochwertigen Rechts- gütern verletzt oder in Gefahr gebracht bzw. noch nie e in Delikt gegen Leib und Leben began- gen und sei auch nie gewalttätig gewesen. Aus seinem Ve rhalten könne deshalb keine Gefähr- dung für die öffentliche Sicherheit abgeleitet werden. Sein Verhalten sei vielmehr vollständig auf seine Drogenabhängigkeit und auf eine kürzlich diagnostizierte ADHS-Erkrankung zurückzufüh- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht ren. Er habe erkannt, dass er sein Verhalten ändern müss e und sich hierfür freiwillig in psychi- atrische Behandlung begeben, in dessen Rahmen seine Erkr ankung nun mit dem Medikament Ritalin behandelt werde. 5.3 Aus den Akten ist erstellt, dass der Beschwerdeführer früh aus dem Elternhaus aus- gezogen, mit illegalen Drogen in Kontakt gekommen und dadurch mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Er wurde im Alter zwischen 19 und 23 Jahre n neun Mal wegen Delikten gegen das Betäubungsmittelgesetz, einmal wegen Vergehen gegen d as Waffengesetz, zweimal wegen Benützung eines öffentlichen Verkehrsmittels ohne gülti gen Fahrausweis und je einmal wegen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung und versucht er Gewalt und Drohung gegen Be- hörden und Beamten verurteilt. Eine letzte Verurteilu ng wegen mehrfachen Vergehens und mehrfacher Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz erfolgte im 2013 und somit im Alter von 26 Jahren. Im Vordergrund stehen demnach Vergehen und Übertretungen gegen das Be- täubungsmittelgesetz, die er überwiegend in jungen Jahren begangen hat. Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer zwei Mal frem denpolizeilich ermahnt wurde: Nach der ersten, am 7. Oktober 2009 erfolgten, Ermahnung w urde der Beschwerdeführer mit Urteil vom 19. Oktober 2009 wegen versuchter Gewalt und Drohu ng gegen Behörden und Beamte sowie wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubu ngsmittelgesetz zum Zweck des Konsums zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à Fr. 10. -- und einer Busse von Fr. 300.-- verurteilt. Die dieser Verurteilung zugrunde liegenden Tathandlungen ereigneten sich allerdings noch vor der ersten Ermahnung. Zwei Jahre später, am 28. Oktober 2011, folgte die zweite Er- mahnung, sich fortan wohl zu verhalten und insbesonder e künftig keine weiteren Schulden mehr zu machen. Strafrechtlich ist der Beschwerdeführer nicht mehr in Erscheinung getreten bis zu den vom Mai 2012 bis März 2013 begangenen Vergehe n und Übertretungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, die mit dem Strafbefehl vom 18 . September 2013 geahndet wurden. Entgegen der Betrachtungsweise der Vorinstanz, kann dem Beschwerdeführer im Vergleich zu seinem früheren Verhalten insoweit nicht vorgehalten werden, dass die beiden Ermahnungen völlig wirkungslos geblieben wären. Sodann wiegen die ze itlich nach den Ermahnungen began- genen Delikte für sich allein nicht besonders schwer. Der Beschwerdeführer hat sich seither auch nichts mehr zu Schulden kommen lassen. Demnach st eht auch fest, dass keine sich zu- sehends verschlechternde (kriminelle) Situation besteht bzw. dass der Beschwerdeführer mit der deliktischen Tätigkeit nicht mehr fortgefahren ist und sich keineswegs immer schwerere Straftaten zu Schulden hat kommen lassen (vgl. Urteil d es Bundesgerichtes 2C_745/2008 vom 24. Februar 2009 E. 4.2 m.w.H.). Insgesamt ist aus den Akten ersichtlich, dass es sich bei den dem Beschwerdeführer vorgewor- fenen Straftaten mehrheitlich um Strafverfügungen mi t verhältnismässig geringen Bussen im Rahmen zwischen Fr. 50.-- und Fr. 1‘000.-- und Freihei ts- und Geldstrafen zwischen 14 und 180 Tagen bzw. zwischen 20 und 60 Tagessätzen à Fr. 10.-- und Fr. 30.-- handelt, welche nicht als besonders schwerwiegend bezeichnet werden können. Ange sichts der Art und des Umfan- ges der begangenen Delikte sowie der verhängten Strafen kann das Verschulden des Be- schwerdeführers nicht als schwer eingestuft werden. Zu sei nen Gunsten ist zudem zu berück- sichtigen, dass die Verurteilungen vorwiegend in jungen Jahren erfolgten, die Widerhandlungen Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht gegen das Betäubungsmittelgesetz im Zusammenhang mit de m eigenen Drogenkonsum stan- den und sich somit teilweise auch im Rahmen der Beschaff ungskriminalität ereigneten. Die De- likte wiesen keine zunehmende Schwere auf und deuteten n icht auf besonders verwerfliche Begehung oder organisierte Kriminalität hin. Bei einer Gesamtwürdigung der Umstände wird deshalb festgestellt, dass der Unrechtsgehalt der begangenen Delikte nicht dem Widerrufsgrund im Si nne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG zu entsprechen vermag. Dabei ist vor allem die Tatsache ausschlaggebend, dass die überwiegend gewählten Strafarten (Bussen und Geldstrafen) und das jeweilige Strafmass insgesamt deutlich machen, dass es sich bei den vom Beschwerdeführer begangenen Straftaten um relativ gering- fügige Delinquenz im unteren Bereich der Kriminalität handelt. 6.1 Weiter zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer durch mutwillige Nichterfüllung seiner öffentlich-rechtlichen oder privatrechtlichen Verpflich tungen in schwerwiegender Weise gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz verstossen hat. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung vermag Schulden wirtschaft für sich allein den Widerruf der Niederlassungsbewilligung nicht zu rechtfe rtigen, sondern es bedarf erschweren- der Merkmale. Blosse Liederlichkeit rechtfertigt einen solchen Widerruf nicht mehr. Die Ver- schuldung muss vielmehr selbstverschuldet und qualifiziert vorwerfbar sein (vgl. BGE 137 II 297 E. 3.3; Urteile des Bundesgerichtes 2C_160/2013 vom 15. November 2013 E. 2.1.1; 2C_1124/2012 vom 27. August 2013 E. 3; 2C_273/2010 vom 6. Oktober 2010 E. 3.3 m.w.H.). Zu beachten ist überdies, dass bei ausländischen Personen, die sich wie der Beschwerdeführer seit mehr als 15 Jahren ununterbrochen und ordnungsgemäss in der Schweiz aufhalten, der Widerrufsgrund der Sozialhilfeabhängigkeit nicht Anwe ndung finden darf (vgl. Art. 63 Abs. 2 i.V.m. mit Art. 63 Abs. 1 lit. c AuG). Diese Einschrän kung gilt zwar beim Widerrufsgrund des schwerwiegenden Verstosses gegen die öffentliche Ordnung und Sicherheit nach Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG nicht. Soll das Gesetz aber eine ausgewogen e Anwendung finden, rechtfertigt es sich, nicht leichthin von der Mutwilligkeit des Schulde nmachens auszugehen (Urteil des Bun- desgerichtes 2C_273/2010 vom 6. Oktober 2010 E. 3.3 m.w.H.). 6.2 Der Regierungsrat erwog, dass der Beschwerdeführer nicht nur strafrechtlich gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung verstossen habe . Hinzu komme, dass er mit 42 Betrei- bungen und 20 Verlustscheinen registriert sei. Damit se i er über einen längeren Zeitraum sei- nen öffentlich-rechtlichen und privatrechtlichen Verpflichtungen nicht nachgekommen. 6.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, dass er in der Zwischenzeit keine neuen Schulden angehäuft habe und nur aufgrund seiner gesun dheitlichen Situation bis anhin nicht in der Lage gewesen sei, einen Schuldenabbau in Angriff zu nehmen. 6.4 Mit Bezug auf die finanziellen Verhältnisse des Be schwerdeführers ergibt sich aus dem im vorinstanzlichen Verfahren eingeholten Betreibu ngsregisterauszug vom 17. April 2015, dass gegen den Beschwerdeführer 42 Betreibungen für ei nen Gesamtbetrag von Fr. 39‘027.95 und 20 Verlustscheine in der Höhe von insgesamt Fr. 23‘ 860.55 registriert sind. Seit dem Wi- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht derruf der Niederlassungsbewilligung durch die Verfügun g des AfM vom 11. September 2014 wurden gegen den Beschwerdeführer zwei neue Forderunge n in der Höhe von insgesamt Fr. 700.-- in Betreibung gesetzt. Der überwiegende A nteil der betriebenen Forderungen rührt aus der deliktischen Vergangenheit des Beschwerdeführers. Ebenfalls ausstehend sind öffent- lich-rechtliche Forderungen (Steuern, Krankenkassenprämien und Spitalkosten) sowie einzelne, von Inkassogesellschaften geltend gemachte Beträge, deren Ursprung unklar ist. Im angefochtenen Entscheid legt der Beschwerdegegner n icht dar, inwiefern die vom Be- schwerdeführer geäufneten Schulden als mutwillige oder zumindest leichtfertige Nichterfüllung finanzieller Verpflichtungen im Sinne von Art. 80 Abs. 1 lit. b VZAE zu qualifizieren seien. Aus den Verfahrensakten ergeben sich ebenfalls keine Indizie n dafür, dass der Beschwerdeführer seine Schulden mutwillig herbeigeführt hat. Es bleibt darauf hinzuweisen, dass der überwiegen- de Anteil der betriebenen Forderungen auf seine frühere Delinquenz zurückzuführen ist. Es sind zwar gegenwärtig keine signifikanten Sanierungsbemühungen aktenkundig, zugunsten des Be- schwerdeführers spricht jedoch die (noch) überschaubare Hö he der Verschuldung sowie sein junges Alter, weshalb davon auszugehen ist, dass er in de r Lage ist, die Schulden zu tilgen bzw. einen weiteren Schuldenanstieg zu verhindern. Beim Beschwerdeführer kann folglich nicht von einer mutwilligen Nichterfüllung von öffentlich- rechtlichen bzw. privatrechtlichen Verpflich- tungen ausgegangen werden, weshalb auch unter diesem Gesichtspunkt der Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG nicht erfüllt ist. 7. Es kann zusammenfassend festgestellt werden, dass der Wi derruf der Niederlas- sungsbewilligung bereits am Vorliegen des Widerrufsgrund es scheitert. Das Verhalten des Be- schwerdeführers darf zwar nicht verharmlost werden, erwei st sich aber nach dem Gesagten nicht als schwerwiegende Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. So sind auch in einer Gesamtbetrachtung die begangenen Verfehlungen im vorliegenden Fall nicht ausrei- chend, um einen Widerruf der Niederlassungsbewilligun g zu rechtfertigen. Damit ist bereits der Widerrufsgrund im Sinne von Art. 63 Abs. 1 lit. b AuG nicht erfüllt und die Vorinstanz hat den Widerruf der Niederlassungsbewilligung und die Wegwei sung des Beschwerdeführers durch das AfM zu Unrecht bestätigt. Demgemäss ist die Beschwerde gutzuheissen und der angefoch- tene Entscheid ist aufzuheben. 8.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 A bs. 1 VPO ist das Verfahren vor Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten u mfassen die Gerichtsgebühren und die Beweiskosten und werden in der Regel der unterlieg enden Partei in angemessenem Aus- mass, nicht jedoch der Vorinstanz, auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Da vorliegend der Beschwer- degegner als Vorinstanz unterlegen ist, werden keine Verfahrenskosten erhoben. 8.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann fü r den Beizug eines Anwalts bzw. einer Anwältin eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers macht in seiner Honorarrechnung vom 15. Dezember 2015 einen Zeitaufwand von 8 Stunden à Fr. 200.-- sowie 6,5 Stunden à Fr. 120.-- geltend. Dazu beantragt er den Ersatz von Auslagen in der Höhe von Fr. 26.--. Für weitere, seither entstandene Aufwendungen macht er m it Schreiben vom 2. Mai 2016 einen Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht zusätzlichen Aufwand von 1,5 Stunden à Fr. 200.-- gelte nd, was nicht zu beanstanden ist. Demzufolge hat der Beschwerdegegner dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine Par- teientschädigung in der Höhe von insgesamt Fr. 2‘922. 50 (inkl. Auslagen und 8% Mehrwert- steuer) zu bezahlen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Regieru ngsratsbeschluss Nr. 1038 vom 23. Juni 2015 aufgehoben. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat d em Beschwer- deführer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr . 2‘922.50 (inkl. Auslagen und 8% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Vizepräsident Gerichtsschreiberin