<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 11 S.55</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">55</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Strafrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>11</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 69 StGB; Prinzip der Verfahrensidentität</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die Untersuchungshaft wird angerechnet, sofern sie in dem Verfahren</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ausgestanden wurde, das zur Ausfällung der Strafe führte.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Strafkammer, vom 22. April 2005</span><br/> <span class="ft4">in Sachen StA ca. S.B.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2. a) Der Angeklagte befand sich vom 26. Januar 2000 bis am</span><br/> <span class="ft6">7. Februar 2000 in Untersuchungshaft. Angeordnet wurde sie auf-</span><br/> <span class="ft6">grund der Beschuldigung der Hehlerei, als Haftgründe wurden Flucht</span><br/> <span class="ft6">- und Kollusionsgefahr genannt. Die Vorinstanz rechnete diese 12-tä-</span><br/> <span class="ft6">gige Untersuchungshaft auf die ausgefällte Strafe gemäss Art. 69</span><br/> <span class="ft6">StGB an.</span><br/> <span class="ft6">Der Angeklagte bringt hierzu im Wesentlichen vor, nach der</span><br/> <span class="ft6">bundesgerichtlichen Rechtsprechung bzw. dem geltenden Prinzip der</span><br/> <span class="ft6">Tatidentität könne die Untersuchungshaft nur insoweit angerechnet</span><br/> <span class="ft6">werden, als sie wegen einer Handlung ausgestanden worden sei, für</span><br/> <span class="ft6">welche der Beschuldigte bestraft werde. Zwar gebe es Ausnahmen</span><br/> <span class="ft6">von diesem Grundsatz (insbesondere bei der retrospektiven Konkur-</span><br/> <span class="ft6">renz im Sinn von Art. 68 Ziff. 2 StGB), diese seien vorliegend aller-</span><br/> <span class="ft6">dings ohne Belang. Die Lehre bezeichne diese Praxis als problema-</span><br/> <span class="ft6">tisch, wenn das Resultat der Unersetzlichkeit der persönlichen Frei-</span><br/> <span class="ft6">heit zu wenig Rechnung trage. Letzteres sei aber nur der Fall, wenn</span><br/> <span class="ft6">sich die Nichtanrechnung der Untersuchungshaft zum Nachteil des</span><br/> <span class="ft6">Verurteilten auswirke, weil die "ungenutzte" Untersuchungshaft nicht</span><br/> <span class="ft6">anderweitig abgegolten oder ausgeglichen werde. M.a.W. sei auch</span><br/> <span class="ft6">nach Ansicht der Lehre die Untersuchungshaft nach dem Grundsatz</span><br/> <span class="ft6">der Tatidentität und in Übereinstimmung mit der bundesgerichtlichen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">56</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Praxis nicht anzurechnen, wenn dies im Interesse des Verurteilten</span><br/> <span class="ft6">sei. Dies treffe vorliegend zu. Wenn die Untersuchungshaft an eine</span><br/> <span class="ft6">bedingt ausgefällte Strafe angerechnet werde, so werde der durch die</span><br/> <span class="ft6">Untersuchungshaft erlittene Nachteil nur ausgeglichen oder entschä-</span><br/> <span class="ft6">digt, falls die bedingte Strafe wegen einer neuen Straftat wider</span><br/> <span class="ft6">Erwarten vollstreckt werden müsse.</span><br/> <span class="ft6">b) aa) Gemäss der bisherigen bundesgerichtlichen Praxis ist die</span><br/> <span class="ft6">Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft gemäss Art. 69</span><br/> <span class="ft6">StGB nur möglich auf die Strafe für eine Tat, zu deren Verfolgung</span><br/> <span class="ft6">die Untersuchungshaft angeordnet und ausgestanden wurde. Für die</span><br/> <span class="ft6">Anrechnung der Untersuchungshaft gilt somit grundsätzlich das Prin-</span><br/> <span class="ft6">zip der Identität der Tat (BGE 104 IV 8 f.; BGE 85 IV 12 f.; BGE 77</span><br/> <span class="ft6">IV 6 f.; vgl. auch Trechsel, Schweizerisches Strafrecht, Kurzkom-</span><br/> <span class="ft6">mentar, 2. Aufl., Zürich 1997, N 15 zu Art. 69 StGB; Mettler, in:</span><br/> <span class="ft6">Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Strafgesetzbuch I,</span><br/> <span class="ft6">Basel 2003, N 41 zu Art. 69 StGB m.w.H.).</span><br/> <span class="ft6">bb) Diese Praxis wurde von der Lehre bereits seit mehreren</span><br/> <span class="ft6">Jahrzehnten regelmässig in Frage gestellt. Verlangt wurde respektive</span><br/> <span class="ft6">wird eine grundlegende Abkehr vom Prinzip der Tatidentität hin zum</span><br/> <span class="ft6">Prinzip der Verfahrensidentität, wonach es für die Anrechung der Un-</span><br/> <span class="ft6">tersuchungshaft lediglich darauf ankommen soll, ob sie in dem</span><br/> <span class="ft6">Verfahren ausgestanden wurde, das zur Ausfällung einer Strafe führte</span><br/> <span class="ft6">(so z.B. Waiblinger, in: ZBJV 90/1954, S. 448 f.; Dubs, Anrechnung</span><br/> <span class="ft6">der Untersuchungshaft auf die Strafe, in: ZStrR 76/1960, S. 185 ff.;</span><br/> <span class="ft6">Ruedin, Die Anrechnung der Untersuchungshaft nach dem Schweize-</span><br/> <span class="ft6">rischen Strafgesetzbuch, Diss. Zürich 1979, S. 134; Trechsel, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft6">N 15 zu Art. 69 StGB; Mettler, a.a.O., N 42 zu Art. 69 StGB). Schu-</span><br/> <span class="ft6">barth (Anrechnung von Untersuchungshaft auf eine ausgesprochene</span><br/> <span class="ft6">Strafe oder Entschädigung für ungerechtfertigte Untersuchungshaft?,</span><br/> <span class="ft6">in: ZStrR 116/1998, S. 113) geht sogar noch weiter, indem er eine</span><br/> <span class="ft6">Anrechnung solange zulassen will, als die ausgestandene Untersu-</span><br/> <span class="ft6">chungshaft noch nicht entschädigt wurde.</span><br/> <span class="ft6">cc) Diese letzte Lösung sieht auch Art. 51 nStGB des künftigen</span><br/> <span class="ft6">Allgemeinen Teils des Strafgesetzbuchs gemäss Bundesgesetz vom</span><br/> <span class="ft6">13. Dezember 2002 vor (BBl 2002, S. 8240 ff., 8255). Die Bestim-</span><br/> <span class="ft6">mung über die Anrechnung der Untersuchungshaft lautet: "Das Ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">richt rechnet die Untersuchungshaft, die der Täter während dieses</span><br/> <span class="ft6">oder eines anderen Verfahrens ausgestanden hat, auf die Strafe an.</span><br/> <span class="ft6">Ein Tag Haft entspricht 1 Tagessatz Geldstrafe oder 4 Stunden</span><br/> <span class="ft6">gemeinnütziger Arbeit." Art. 51 nStGB in der Fassung gemäss Bun-</span><br/> <span class="ft6">desgesetz vom 13. Dezember 2002 geht damit weiter als Art. 51 des</span><br/> <span class="ft6">bundesrätlichen Entwurfs. Dieser sah im Sinn des Grundsatzes der</span><br/> <span class="ft6">Verfahrensidentität Folgendes vor: "Das Gericht rechnet die Untersu-</span><br/> <span class="ft6">chungshaft, die der Täter während des Verfahrens ausgestanden hat,</span><br/> <span class="ft6">auf die Strafe an. Ein Tag Haft entspricht 1 Tagessatz Geldstrafe oder</span><br/> <span class="ft6">4</span> <span class="ft6">Stunden Arbeitsleistung" (siehe Botschaft und Entwurf des</span><br/> <span class="ft6">Bundesrats, BBl 1999, S. 1979 ff., 2063, 2298 ff., 2311; Urteil des</span><br/> <span class="ft6">Bundesgerichts 6S.264/2002 vom 10. Oktober 2003, Erw. 2.3).</span><br/> <span class="ft6">dd) Das Bundesgericht hat sich in seiner neueren Rechtspre-</span><br/> <span class="ft6">chung zurückhaltend dazu geäussert, welches der besagten Prinzipien</span><br/> <span class="ft6">zur Anwendung gelangen soll. So hielt es im Entscheid 6S.264/2002</span><br/> <span class="ft6">vom 10. Oktober 2003 (Erw. 2.3 m.w.H.) etwa fest, der Grundsatz</span><br/> <span class="ft6">der Tatidentität sei nie <i>ausdrücklich</i> aufgegeben worden. Allerdings</span><br/> <span class="ft6">würden Ausnahmen von diesem Prinzip gelten, insbesondere bei der</span><br/> <span class="ft6">retrospektiven Konkurrenz im Sinn von Art. 68 Ziff. 2 StGB. Es</span><br/> <span class="ft6">prüfte sodann die Möglichkeit der Anrechnung der Untersuchungs-</span><br/> <span class="ft6">haft unter dem Blickwinkel der Tatidentität und hielt abschliessend</span><br/> <span class="ft6">fest, die Anrechnung der Untersuchungshaft auf die ausgefällte</span><br/> <span class="ft6">Strafe verstosse "auch bei Anwendung des Grundsatzes der Tatidenti-</span><br/> <span class="ft6">tät nicht gegen Bundesrecht" (erwähntes Urteil, Erw. 2.4). Diese vor-</span><br/> <span class="ft6">sichtigen Formulierungen sowie die explizite Aussage, es gebe Aus-</span><br/> <span class="ft6">nahmen vom Prinzip der Tatidentität, lassen eine gewisse Lockerung</span><br/> <span class="ft6">der Praxis zugunsten des Prinzips der Verfahrensidentität erkennen.</span><br/> <span class="ft6">Bestätigt wird dies durch die allgemeine Feststellung des Bundesge-</span><br/> <span class="ft6">richts im Urteil 6S.782/2000 vom 20. Dezember 2000 (Erw. 2 c),</span><br/> <span class="ft6">wonach die Untersuchungshaft unter der Geltung des Grundsatzes</span><br/> <span class="ft6">der Tatidentität unter Umständen überhaupt nicht mehr angerechnet</span><br/> <span class="ft6">werden könne. Die Haftentschädigung sei nur subsidiärer Natur. Es</span><br/> <span class="ft6">sollte daher eine gesetzliche Lösung gewählt werden, welche die An-</span><br/> <span class="ft6">rechnung von jeder Untersuchungshaft gestatte, für die der Beschul-</span><br/> <span class="ft6">digte noch nicht entschädigt worden sei (vgl. in diesem Zusammen-</span><br/> <span class="ft6">hang auch Mettler, a.a.O., N 42 zu Art. 69 StGB).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">58</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">c) In Anbetracht der Kritik der Lehre am Prinzip der Tatidentität</span><br/> <span class="ft6">- sie besteht weitestgehend unabhängig von der Frage, ob die An-</span><br/> <span class="ft6">rechnung der Untersuchungshaft auf eine bedingt ausgesprochene</span><br/> <span class="ft6">Freiheitsstrafe dem Verurteilten je einmal praktisch von Vorteil sein</span><br/> <span class="ft6">wird -, der geplanten Gesetzesreform mit Art. 51 nStGB sowie der</span><br/> <span class="ft6">beim Bundesgericht festzustellenden Tendenz, den Grundsatz der</span><br/> <span class="ft6">Verfahrensidentität nicht mehr grundlegend auszuschliessen, sondern</span><br/> <span class="ft6">ihn zumindest fallweise neben demjenigen der Tatidentität zuzulas-</span><br/> <span class="ft6">sen, ist es angezeigt, im Sinn des Prinzips der Verfahrensidentität zu</span><br/> <span class="ft6">entscheiden und die vom Angeklagten ausgestandene Untersu-</span><br/> <span class="ft6">chungshaft auf die vorinstanzlich ausgefällte Freiheitsstrafe anzu-</span><br/> <span class="ft6">rechnen (Umstände im Sinn von Art. 69 Satz 1 StGB, welche die</span><br/> <span class="ft6">Anrechnung ausschliessen würden, liegen nicht vor). Daran ändert</span><br/> <span class="ft6">auch nichts, dass die Vorinstanz dem Angeklagten den bedingten</span><br/> <span class="ft6">Strafvollzug gewährt hat und ihm die Anrechnung (wie oben ange-</span><br/> <span class="ft6">tönt) daher praktisch erst "etwas nützen" wird, wenn und sofern die</span><br/> <span class="ft6">Strafe später widerrufen wird: Vorliegend geht es um den grundle-</span><br/> <span class="ft6">genden Entscheid über die Anrechnung der Untersuchungshaft. Die</span><br/> <span class="ft6">Beurteilung, ob der bedingte Strafvollzug gewährt werden soll, steht</span><br/> <span class="ft6">damit nicht in Zusammenhang und hat unabhängig davon zu erfol-</span><br/> <span class="ft6">gen. Entsprechend spielt es für den Anrechnungsentscheid keine Rol-</span><br/> <span class="ft6">le, ob die Anrechnung der Untersuchungshaft dem Verurteilten auch</span><br/> <span class="ft6">praktisch je von Vorteil sein wird</span> <span class="ft7">- formal ist sie es immer (vgl. in</span><br/> <span class="ft6">diesem Zusammenhang Trechsel, a.a.O., N 1 zu Art. 69 StGB, wo-</span><br/> <span class="ft6">nach ein Verurteilter eine nicht angerechnete Untersuchungshaft als</span><br/> <span class="ft6">zusätzliche Freiheitsstrafe empfinden muss). Eine Differenzierung</span><br/> <span class="ft6">nach Massgabe, ob dem Verurteilten der bedingte Strafvollzug ge-</span><br/> <span class="ft6">währt wurde oder nicht, ist daher nicht vorzunehmen (so im Resultat</span><br/> <span class="ft6">auch AGVE 1987 S. 81 ff.).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>