B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1417/2016 U r t e i l v o m 6 . M a i 2 0 16 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richterin Barbara Balmelli; Gerichtsschreiber Urs David. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl; Verfügung des SEM vom 3. Februar 2016 / N (…). E-1417/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reiste am (…) November 2014 zusammen mit sei- ner Mutter und seinen (…) Geschwistern auf dem Luftweg legal mit einem von der schweizerischen Vertretung in Istanbul ausgestellten Schengen- Visum in die Schweiz ein. A m 21. November 2014 ste llten sämtliche (…) Familienmitglieder – inklusive der Vater – im Empfangs- und Verfahrens- zentrum (EVZ) Basel Asylgesuche, wobei den beiden volljährigen Kindern eigene Verfahrensnummern zugewiesen wurden, so auch dem Beschwer- deführer. Anlässlich der im EVZ durchgeführten Be fragung zur Person (BzP) vom 5. Dezember 2014 und der Anhörung vom 2. Juni 2015 zu den Asylgründen machte dieser im Wesentlichen Folgendes geltend: Er sei ethnischer Kurde und stamme aus B._______, wo er stets mit seiner Familie gelebt habe. Sein Vater habe sich für kurdische Parteien engagiert und sei deshalb schon mehrfach in Haft gewesen. Er selber sei im (…) 2011 an Stelle seines Vaters festgenommen worden, weil die Behörden dessen nicht habhaft geworden seien. Nach einer (…)-tägigen, von Schlä- gen und Elektrofolter begleiteten Haft sei er freigelassen worden, weil sein Vater sich gestellt habe. Dieser sei nach (…) dann ebenfalls freigelassen worden. Im Jahre 2013 sei er mehrmals schriftlich zur Rekrutierung bezie- hungsweise zum Militärdienst aufgeboten und gesucht worden. Auch die PKK habe ihn zur Zusammenarbeit und zum Kampf in ihren Reihen aufge- fordert, beziehungsweise eine solche Zwangsrekrutierung habe er konkret befürchtet. Weil er gegen Waffengewalt sei, keiner der Konflik tparteien habe dienen wollen und wegen des in seiner Heimat herrschenden Krieges habe er sich zusammen mit der Familie zur Ausreise entschieden und bis dahin versteckt gehalten . Im Oktober 2013 habe er Syrien in Begleitung seiner Mutter, seiner Geschwister und eines Schleppers auf dem Landweg illegal in Richtung Türkei verlassen, während sein Vater aus organisatori- schen Gründen bereits früher ausgereist sei. Von dort sei er über ein Jahr später mit dem erwähnten Visum in die Schweiz gelangt. Weiter machte er auf ein angespanntes und nunmehr distanziertes Verhältnis seiner Familie zur PKK aufmerksam, seit sein in der Schweiz lebender und als Flüchtling anerkannter Onkel C._______ (N […]) mit dieser Organisation Probleme habe und von deren Leuten angeschossen worden sei. Über die Hinter- gründe und die Aktivitäten seines Vaters und seines Onkels für die PKK wisse er aber nichts Genaueres. Er selber sei politisch nicht aktiv gewesen. Für den weiteren Inhalt der Vorbringen wird auf die Akten verwiesen. E-1417/2016 Seite 3 Der Beschwerdeführer reichte als Beweismittel seine Identitätskarte, das in Istanbul ausgestellte "Laissez-Passer" und einen Marschbefehl ein. Ein Dienstbüchlein besitze er noch nicht, weil er es nach den Erlebnissen vom (…) 2011 und der Furcht vor einer Zwangsrekrutierung nicht gewagt habe, ein solches ordnungsgemäss bei der Behörde abzuholen. Sein Reisepass sei verloren gegangen; er habe ihn nie gebraucht. Weiter präsentierte er ein Foto seines verletzten Onkels. B. Mit Verfügung vom 3. Februar 2016 stellte das SEM fest, der Beschwerde- führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte dessen Asylge- such unter gleichzeitiger Anordnung der Wegweisung aus der Schweiz ab (Dispositivziffern 1 bis 3), gewährte ihm jedoch infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges die vorläufige Aufnahme (Dispositivziffern 4 bis 7). Die Asylgesuche der Eltern und Geschwister des Beschwerdeführers (N […] und N […]) sind bis zum heutigen Zeitpunkt erstinstanzlich beim SEM hängig. C. Mit Schreiben vom 24. Februar 2016 ersuchte der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter um vollständige Einsicht in die gesamten Asylakten, inklusive in interne Anträge und besonders in den internen Antrag auf Ge- währung der vorläufigen Aufnahme; letzterer sei ihm zumindest zu begrün- den. Ausdrücklich ersuchte er auch um Einsicht in die von ihm selber ein- gereichten Akten, insbesondere seine Beweismittel. Mit Begleitschreiben des SEM vom 26. Februar 2016 erhielt der Beschwer- deführer Einsicht in das Aktenverzeichnis und die dort aufgeführten Akten- stücke, mit Ausnahme von sechs als intern bezeichnete und somit nicht editionspflichtige Aktenstücke. Beim einen dieser internen Aktenstück e handelt es sich um den Antrag auf Gewährung der vorläufigen Aufnahme, wovon dem Beschwerdeführer jedoch der wesentliche Inhalt vom SEM mit- geteilt wurde (Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges aufgrund der aktuellen Lage in Syrien). D. Mit Eingabe vom 4. März 2016 (und Ergänzungen vom 7. und 9. März so- wie vom 4. April 2016) erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwal- tungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung. Darin beantragt er deren E-1417/2016 Seite 4 Aufhebung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollstän- digen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung sowie eventualiter die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. In prozessua- ler Hinsicht beantragt er vollumfängliche Einsicht in die Visa-Akten und die eingereichten Beweismittel (inkl. einer in der Anhörung angefertigten Skizze), eventualiter die Gewährung des rechtlichen Gehörs hierzu, nach- folgend die Einräumung einer angemessenen Frist zur Beschwerdeergän- zung sowie den Verzicht auf die Erhebung sowohl von Verfahrenskosten als auch eines Kostenvorschusses. E. Am 7. März 2016 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang der Beschwerde. F. Die vorinstanzlichen Akten gingen am 8. März 2016 beim Bundesverwal- tungsgericht ein. Die vom Gericht ebenso als Beizugsakten zur Überwei- sung erbetenen Asylverfahrensakten der Eltern, sämtlicher Geschwister und des in der Schweiz wohnhaften Onkels sowie die Visa -Akten sämtli- cher Familienmitglieder gingen bis zum 24. März 2016 beim Bundesver- waltungsgericht ein. G. Per E -Mail vom 15. März 2016 ersuchte das Bu ndesverwaltungsgericht das SEM um Beantwortung der Frage, ob der Asylentscheid N (…) in Kenntnis und nach Beizug der Akten der weiteren Familienmitglieder (N […] und N […]) sowie der Visumsakten getroffen worden sei, da die Ak- ten N (…) hierüber keinen Aufschluss gäben. Das SEM beantwortete die gestellte Frage gleichentags per Antwortmail dahingehend, dass die Dossiers der übrigen Familienmitglieder (N […] und […]) routinemässig bei der Entscheidungsfindung "konsultiert" worden seien und das SEM auch die Visumsakten "zur Kenntnis genommen" habe. E-1417/2016 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlich begründete und offensichtlich unbegründete Beschwer- den wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu be- gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. E-1417/2016 Seite 6 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen N achteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheides qualifizierte das SEM die geltend gemachten Verfolgungsvorbringen als den Anforderungen von Art. 7 AsylG an die Glaubhaftmachung eines Asyl begründenden Sach- verhalts nicht genügend, weshalb der Beschwerdeführer die Flüchtlingsei- genschaft nach Art. 3 AsylG nicht erfülle. So sei die Schilderung der Haft vom (…) 2011 und der dabei erlittenen Folterungen insbesondere wider- sprüchlich, substanzarm und ohne Realitätskennzeichen ausgefallen. Auch die Darlegung der Militärdienstaufgebote und -verweigerung präsen- tiere sich unsubstanziiert, stereotyp und konstruiert, an welcher Erkenntnis der eingereichte Marschbefehl nichts ändere, da solche Dokumente ohne weiteres unrechtmässig erworben werden könnten und dah er einen äus- serst geringen Beweiswert aufwiesen. Ebenso ermangele die geltend ge- machte Furcht vor einer zwangsweisen Rekrutierung durch die PKK einer vertieften Substanz und Nachvollziehbarkeit; diesbezüglich sei zudem kein von Art. 3 AsylG erfasstes Verfolgungsmotiv zu erkennen. Angesichts der auf bloss exemplarisch aufgeführten Ungereimtheiten beruhenden Un- glaubhaftigkeit der Vorbringen erübrige sich eine vertiefte re Prüfung ihrer Asylrelevanz. E-1417/2016 Seite 7 Für die detaillierte Entscheidbegründung wird auf die angefochtene Verfü- gung verwiesen. 5.2 In seiner Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer geltend, seine Ansprüche auf Akteneinsicht und rechtliches Gehör seien dadurch verletzt, dass das SEM die Visaunterlagen nicht beigezogen und die Frage nicht abgeklärt habe, ob im Rahmen dieser Gesuchstellung eine Befragung durchgeführt worden sei. Im Verfahren D-3242/2014 sei aufgrund des un- terlassenen Beizugs von Visaakten ebenfalls eine ungenügende Sachver- haltsabklärung erkannt und die angefochtene Verfügung kassiert worden. Ferner habe er im Rahmen der Anhörung eine Skizze angefertigt, die aber in Verletzung der Aktenführungs- und Paginierungspflicht nicht zu den Ak- ten genommen beziehungsweise nicht zur Einsicht gegeben worden sei. Der Anspruch auf Akteneinsicht und die Aktenführungs- und Paginierungs- pflicht seien zudem dadurch verletzt, dass die von ihm abgegebenen Be- weismittel (Marschbefehl, Identitätskarte und Laissez -Passer) nicht auf dem Beweismittelumschlag vermerkt und ihm wiederum nicht zur Einsicht gegeben worden seien. Diese Verletzungen des rechtlichen Gehörs müss- ten zwingend die Aufhebung der angefochtenen Verfügung zur Folge ha- ben. Sein Anspruch auf rechtliches Gehör sei gleichsam dadurch verletzt, dass das SEM eine Würdigung der Beweismittel in willkürlicher Weise weit- gehend unterlassen und diese ignoriert habe. Sodann habe das SEM meh- rere Vorbringen sachverhaltlich nicht erfasst, so unter anderem betreffend seine unter Folter preisgegebenen Informationen über den Verbleib seines Vaters, betreffend die Verbindung seines Vaters zur PKK und betreffend die Distanzierung seiner Familie von der PKK. Weiter rügt der Beschwer- deführer eine schwerwiegende Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör und der Abklärungspflicht insofern, als das SEM die Asylakten sei- ner Familienangehörigen und seines Onkels C._______ nicht beigezogen habe, obwohl er die verwandtschaftlichen Beziehungen bereits in der BzP offengelegt habe und ein enger Verfolgungszusammenhang untereinander bestehe. Von herausragender Bedeutung sei dabei insbesondere der of- fensichtliche und entscheidrelevante sachliche (Reflex-)Verfolgungszu- sammenhang mit seinem Vater; das SEM hätte den Ausgang von dessen Asylverfahren daher abwarten müssen. Dieser Umstand dränge die Aufhe- bung der angefochtenen Verfügung auf, wobei das SEM angewiesen wer- den müsse, die betreffenden Akten beizuziehen und ihm Einsicht in diesel- ben zu gewähren. Sodann sei eine Verletzung des Grundsatzes eines fai- ren Verfahrens und der Abklärungspflicht zu beanstanden, weil sowohl in der BzP als auch in der Anhörung offensichtliche Verständigungsschwie-E-1417/2016 Seite 8 rigkeiten mit dem Übersetzer aufgetreten seien und dennoch auf eine wei- tere Anhörung verzichtet worden sei. Die weitere Beschwerdeargumenta- tion richtet sich gegen die vorinstanzlich erkannte Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen – darin enthalten ist die Rüge der Verletzung der Begrün- dungspflicht betreffend den eingereichten Marschbefehl – und befasst sich mit der aus Sicht des Beschwerdeführers klar zu bejahenden Frage der flüchtlingsrechtlichen Beachtlichkeit der erlittenen beziehungsweise be- fürchteten Benachteiligungen. Diesbezüglich kann angesichts des aus for- mellen Gründen erfolgenden K assationsausganges dieses Beschwerde- verfahrens auf die Beschwerdeschrift verwiesen werden. Auch für den weiteren Inhalt der Beschwerde und der mit den Ergänzungs- eingaben nachgereichten Beweismittel ist einstweilen auf die Akten zu ver- weisen, soweit darauf nicht in den nachfolgenden Erwägungen besonders eingegangen wird. 6. 6.1 Der mit Grundrechtsqualität ausgestattete Grundsatz des rechtlichen Gehörs fordert, dass die verfügende Behörde die Vorbringen der Betroffe- nen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfin- dung berücksichtigt, was sich entsprechend in einer sachgerecht anfecht- baren Entscheidbegründung niederzuschlag en hat (Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29, Art. 32 Abs. 1 und Art. 35 Abs. 1 VwVG; EMARK 2004 Nr. 38 E. 6.3 und 2006 Nr. 24 E. 5.1). Dem Bundesverwaltungsgericht obliegt gemäss Art. 49 Bst. b VwVG (beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) eine umfassende Sachverhaltskontrolle (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.188). Ermittelt das Bundesverwaltungsgericht eine fehler - oder lü- ckenhafte Feststellung des Sachverhalts, hebt es die Verfügung auf und weist die Sache an die Vorinstanz zurück, damit diese den rechtserhebli- chen Sachverhalt neu und vollständig feststellt (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEU- BÜHLER, a.a.O., Rz. 2.191; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1155). Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des Ver- waltungs- beziehungsweise Asylverfahrens (Art. 12 VwVG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren not- wendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstän de abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten- widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder wenn die Vorinstanz nicht E-1417/2016 Seite 9 alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts prüfte, etwa weil sie die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneinte. Un- vollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wurden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043). Sodann besteht eine Aktenfüh- rungspflicht. Diese beinhaltet insbesondere die geordnete Ablage, die Pa- ginierung und die Registrierung der vollständigen Akten im Aktenverzeich- nis und ergibt sich aus dem Akteneinsichtsrecht des Gesuchstellers bezie- hungsweise Beschwerdeführers, welches in Art. 26 ff. VwVG geregelt ist und ebenfalls Teilgehalt des Anspruchs auf rechtliches Gehör darstellt (vgl. dazu ausführlich BVGE 2011/37 E. 5.4.1). Sie ist aber auch für die rekurs- instanzlichen Behörden von massgeblicher Bedeutung, weil im Falle einer Unkenntnis über die von der Vorinstanz tatsächlich herangezogenen Akten die Gefahr eines unrichtigen – wenngleich grundsätzlich revisionsfähigen – Urteils besteht, wodurch erneut der Anspruch des Betroffenen auf recht- liches Gehör verletzt wäre. Gegenstand der Aktenführungspflicht sind sämtliche Akten, wogegen massgeblich für den Einsichtsanspruch das grundsätzliche Potenzial zur Entscheidbeeinflussung ist. Eine allfällige Ein- schränkung des Akteneinsichtsre chts gegenüber dem um Einsicht Ersu- chenden ist grundsätzlich zulässig, muss aber nach Art. 27 VwVG konkret begründet sein und sich im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung auf das Erforderliche beschränken. Die genannten Grundsätze sind vorliegend in mehrfacher Hinsicht verletzt, wie sich aus nachfolgenden Erwägungen ergibt. 6.2 Der Beschwerdeführer ist, wie er bereits in der BzP (dort Ziff. 5.04) klar offengelegt hat, legal mit einem auf der Flucht erhältlich gemachten Visum in die Schweiz eingereist. Visumsakten (z.B. Befragungsakten im Zusam- menhang mit dem Ersuchen um ein humanitäres Visum) können potenziell Hinweise und Rückschlüsse auf asylbedeutsame Umstände liefern, müs- sen aber nicht. Aus den vorinstanzlichen Akten ist nicht ersichtlich, dass für seinen Asylentscheid die Visumsakten betreffend ihn und/oder der Restfa- milie beigezogen wurden. Es kann nun nicht Aufgabe des Gerichts sein, im Rahmen eines solchen Aktenbeizuges den Sachverhalt selber ergänzend festzustellen, zumal dem Beschwerdeführer dadurch eine Instanz verloren ginge. Sollten die Visumsakten keine Hinweise auf verfolgungsbedeut- same Sachverhaltselemente liefern, wäre dies im Asylentscheid festzuhal- ten. Es liegt somit bereits aus diesem Grund eine mangelhafte Sachver- haltsfeststellung und eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör vor (vgl. auch das Urteil E-3242/2014 vom 3. Dezember 2014 E. 5). Daran E-1417/2016 Seite 10 ändert der Umstand nichts, dass das SEM gemäss nachträglich eingehol- ter Auskunft die Visumsakten "zur Kenntnis" genommen habe, zumal diese Kenntnisnahme weder näher konkretisiert wird, noch Eingang in den ange- fochtenen Entscheid gefunden hat, noch in irgendeiner Form gewürdigt wurde. Die betreffende Rüge des Beschwerdeführers erweist sich als be- rechtigt. 6.3 Der soeben festgestellte Ma ngel akzentuiert sich im Zusammenhang mit der vom Beschwerdeführer gemachten Beanstandung eines durch das SEM unterlassenen Beizuges der Asylverfahrensakten seiner Familienan- gehörigen: Aus den Akten geht weder schlüssig hervor, dass die Akten tat- sächlich beigezogen wurden, noch wird in der E-Mail-Antwort vom 15. März 2016 konkretisiert, welcher Art die "routinemässige Konsultierung" dieser Akten gewesen sein soll. Jedenfalls aber geht das Ergebnis dieser Konsul- tierung nicht aus dem angefochtenen Entscheid hervor, weder sachverhalt- lich noch im Rahmen der Erwägungen. Dies wäre jedoch aufgrund des vom Beschwerdeführer in der BzP und in der Anhörung bereits deutlich ge- machten Verfolgungszusammenhanges erforderlich gewesen. Die Vorbrin- gen des Beschwerdeführers und eine grobe Durchsicht der vom Bundes- verwaltungsgericht beigezogenen Asylverfahrensakten der Familienange- hörigen (und ebenso des Onkels C._______) legen nahe, dass erstinstanz- liche Entscheide über die Asylgesuche nicht nur mit Vorteil zeitlich koordi- niert, sondern unabdingbar nur unter Beiziehung und sachverhaltlicher Er- fassung der konnexen Akten sowie nach rechtlicher Gesamtwürdigung hät- ten getroffen werden dürfen. Schon nur die potenzielle Möglichkeit, dass die (…) Inhaftierung des Vaters im (…) 2011 (vgl. Anhörung des Vaters vom 17. Juni 2015 F81 ff.) vom SEM als glaubhaft oder gar bewiesen erkannt werden könnte, müsste ein anderes Licht auf die Glaubh aftigkeitsbeurtei- lung der vom Beschwerdeführer zuvor angeblich verbüssten (…)-tägigen Haft mit Folterungen werfen. Auch die Mutter des Beschwerdeführers hat in ihrer Anhörung (vgl. dort F17 ff.) den Verfolgungszusammenhang aufge- zeigt. Der vorliegend angefochtene Entscheid lässt sich aber auch nicht losgelöst vom politaktivistischen Hintergrund des Vaters und allenfalls des Onkels beurteilen. Somit liegt auch hier eine Verletzung der Untersu- chungspflicht, eine mangelhafte Sachverhaltsabklärung und -feststellung, eine Verletzung der Begründungspflicht und gleichsam eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör vor. Es kann im Übrigen auf die Ausfüh- rungen des Bundesverwaltungsgerichts im von einer analogen Konstella- tion (familiärer Verfolgungs zusammenhang) geprägten Kassationsurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-8390/215 vom 15. März 2016 (dort insb. E. 6.3.3) verwiesen werden. E-1417/2016 Seite 11 6.4 Als offensichtlich begründet erweist sich im Weiteren die Rüge einer Verletzung der Aktenführungs- und Paginierungspflicht sowie des Akten- einsichtsrechts betreffend die während seiner Anhörung angefertigten Skizze des Beschwerdeführers (vgl. Akte A10 F70). Diese ist weder an das Protokoll angeheftet, noch befindet sie sich im Beweismittelcouvert oder anderswo in den Akten, noch wird sie aus dem Aktenverzeichnis ersicht- lich. Sie konnte somit auch nicht Gegenstand der gewährten Akteneinsicht sein. Weitergehende Erörterungen erübrigen sich. 6.5 Differenzierter ist die Rüge einer Verletzung des Anspruchs auf Akten- einsicht und der Aktenführungs- und Paginierungspflicht betreffend die vom Beschwerdeführer abgegebenen Beweismittel (Marschbefehl, Identi- tätskarte und Laissez -Passer) zu würdigen. Der Marschbefehl ist im Ge- gensatz zu den anderen beiden Dokumenten auf dem Beweismittelum- schlag (Akte A19) vermerkt. Erstaunen erweckt in diesem Zusammenhang aber die Klassifizierung des Aktenstücks mit Code E ("der gesuchstellen- den Person bekannte Akte"), denn das Couvert ist dem Beschwerdeführer mit Sicherheit nicht bekannt, da es vom SEM angefertigt wurde. Bekannt ist ihm bestenfalls der Inhalt des Couverts in Form des eingereichten Marschbefehls. Genau dieser wie auch die anderen beiden Dokumente – letztere sind erfasst in der BzP (dort Ziff. 4.01) und abgelegt in der Sichtta- sche des N -Dossiers – wurden dem Beschwerdeführer jedoch nicht zur Einsicht gegeben, obwohl er ausdrücklich und in aller Deutlichkeit darum ersuchte und hierauf einen uneingeschränkten Anspruch hat (vgl. Art. 27 Abs. 3 VwVG). 6.6 Die Rüge einer Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör dadurch, dass das SEM eine Würdigung der Be weismittel in willkürlicher Weise weitgehend unterlassen und diese ignoriert habe, trifft in dieser pau- schalen Form nicht zu. So wurde der Marschbefehl sowohl im Sachverhalt der angefochtenen Verfügung (dort Ziff. 3) zusammen mit der Identitäts- karte und dem Laissez-Passer erfasst. Der Marschbefehl wurde zudem in den Erwägungen (dort E. II/2 am Ende) gewürdigt. Ob diese Würdigung dem Anspruch an die Begründungspflicht genügt, kann einstweilen offen - bleiben, da die Sache infolge Kassation an das SEM zurück geht und die- ses den Sachverhalt neu abzuklären, festzustellen und rechtlich zu würdi- gen hat; darin werden auch die auf erst- oder zweitinstanzlicher Ebene vor- gelegten Beweismittel einzubeziehen sein. E-1417/2016 Seite 12 Mit der Rüge, das SEM habe mehrere Vorbringen sachverhaltlich nicht er- fasst, wird sich das SEM im Rahmen des wiederaufzunehmenden erstin- stanzlichen Verfahrens zu befassen haben. Der Beschwerdeführer ist im- merhin darauf aufmerksam zu machen, dass die Dichte der Sachverhalts- feststellung von der Frage der Entscheidr elevanz der einzelnen Sachver- haltselemente abhängig ist. Er unterlässt es aber weitgehend, die Bedeut- samkeit der einzelnen als unerfasst beanstandeten Sachverhaltselemente für die Entscheidfindung aufzuzeigen. Ebenso im Rahmen des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfah- rens wird sich die Vorinstanz mit der Frage der allfälligen Notwendigkeit der Durchführung einer weiteren Anhörung zu befassen haben. Das Ge- richt stellt immerhin fest, dass sich eine solche Notwendigkeit nicht schon aus den in der Beschwerde geltend gemachten, in der BzP und in der An- hörung angeblich aufgetretenen Verständigungsschwierigkeiten des Be- schwerdeführers mit dem Übersetzer ergibt. Die Protokolle wurden rück- übersetzt, seitens des Beschwerdeführers als korrekt und vollständig be- funden und die Anhörung blieb auch seitens der Hilfswerksvertretung un- beanstandet. Eine Verletzung des Grundsatzes eines fairen Verfahrens ist daher nicht ersichtlich, wenngleich die auf die Frage 67 der Anhörung be- zogene Kritik des Beschwerdeführers an der unterlassenen Aufklärung des dortigen offensichtlichen Missverständnisses eine punktuelle Berechtigung hat. 6.7 Soweit sich der weitere Beschwerdeinhalt gegen die vorinstanzlich er- kannte Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen und der Frage der flüchtlings- rechtlichen Beachtlichkeit der erlittenen beziehungsweise befürchteten Be- nachteiligungen befasst, ist angesichts des Kassationsausganges einst- weilen nicht weiter darauf einzugehen. Die betreffenden Ausführungen sind jedoch, wie auch die auf Beschwerdeebene vorgelegten neuen Beweismit- tel, vom SEM im Rahmen des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahrens zur Kenntnis zu nehmen. 7. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die angefochtene Verfügung mehrere, zum Teil schwerwiegende und nicht heilbare Sachverhaltsfest- stellungsfehler und Bundesrechtsverletzungen aufweist (Art. 106 Abs. 1 AsylG), die zwingend zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung führen. Die Beschwerde ist insoweit gutzuheissen und d ie Sache ist an die Vo- rinstanz zurückzuweisen . Das SEM ist gehalten, den rechtserheblichen Sachverhalt vollständig und richtig abzuklären, zu erfassen und gestützt E-1417/2016 Seite 13 darauf sowie unter Mitberücksichtigung des Inhalts der vorliegenden Be- schwerde (und Ergänzungseingaben) einen neuen Entscheid zu fällen. Es ist, auch angesichts der nach Art. 106 Abs. 1 AsylG eingeschränkten Kog- nition, vorliegend nicht Sache des Bundesverwaltungsgerichts, die Mängel und Versäumnisse selber zu heilen und als letzte Instanz einen neuen, un- ter Umständen negativen Entscheid zu treffen, da der Instanzenverlust eine Verletzung des Anspruchs des Beschwerdeführers auf rechtliches Ge- hörs bewirken würde (zur Frage der Heilbarkeit vgl. auch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-7452/2014 E. 6.5 mit weiteren Hinweisen). 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung von Verfahrenskosten nach Art. 65 Abs. 1 VwVG wird somit hinfällig. 8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens im Kassationsantrag in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschä- digung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre- chen. Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2'000.– (inkl. Auslagen und Mehr- wertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-1417/2016 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben und die Beschwerde inso- weit gutgeheissen. 2. Die Sache geht zur vollständigen und richtigen Feststellung des rechtser- heblichen Sachverhalts im Sinne der Erwägungen (vgl. E. 6) und zur Neu- beurteilung an die Vorinstanz zurück. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2'000.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Regula Schenker Senn Urs David Versand: