B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-4827/2021 U r t e i l v o m 1 3 . M ä r z 2 0 2 3 Besetzung Richterin Susanne Genner (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting-Schalch, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Fabienne Thoma-Hasler. Parteien 1. A._______, 2. B._______, 3. C._______, 4. D._______, 5. E._______, alle vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nationales Visum aus humanitären Gründen. F-4827/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin 1 (geb. […], Staatsangehörige von Eritrea) heira- tete am 21. April 2012 den eritreischen Staatsangehörigen F._______ (geb. […]; im Folgenden: Ehemann) im Rahmen einer kirchlichen Zeremonie im Sudan. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Beschwerdeführerin 1 bereits einen ausserehelichen Sohn, den Beschwerdeführer 2 (geb. […], Staatsangehö- riger von Eritrea). Die drei gemeinsamen Kinder (Beschwerdeführer 3 bis 5) kamen in den Jahren […] in Äthiopien zur Welt. B. Am 4. Dezember 2019 wurde de r Ehemann als Flüchtling anerkannt und ihm wurde in der Schweiz Asyl gewährt. C. Am 6. November 2020 wies das SEM das Gesuch des Ehemanns um Nachzug der Beschwerdeführenden im Rahmen des Familienasyls ab. D. Am 10. November 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin 1 für sich und ihre vier minderjährigen Kinder bei der schweizerischen Botschaft in Addis Abeba, Äthiopien (nachfolgend: Botschaft) , um Ausstellung humanitärer Visa. E. Mit Formularverfügung vom 27. April 2021 (eröffnet am 19. Mai 2021) ver- weigerte die Botschaft die Ausstellung der Visa. F. Am 4. Oktober 2021 wies das SEM (nachfolgend: Vorinstanz) die Einspra- che der Beschwerdeführenden gegen die Formularverfügung der Botschaft ab. G. Am 2. November 2021 gelangten die Beschwerdeführenden an das Bun- desverwaltungsgericht und beantragten die Aufhebung der vorinstanzli- chen Verfügung und die Erteilung humanitärer Visa. Zudem ersuchten sie um beschleunigte Behandlung des Verfahrens, unentgeltliche Prozessfüh- rung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und Ein- setzung des bevollmächtigten Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechts- beistand. F-4827/2021 Seite 3 H. Am 16. November 2021 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung gut. Gleichzeitig wies sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ab. I. In ihrer Vernehmlassung vom 13. Dezember 2021 beantragte die Vor - instanz die Abweisung der Beschwerde. J. In der Replik vom 12. Januar 2022 hielten die Beschwerdeführenden an ihren Anträgen fest. K. Die Beschwerdeführenden reichten sodann diverse Unterlagen beim Ge- richt ein: Am 14. März 2022 brachten sie ein Schreiben einer schweizeri- schen Bezugsperson ein. Am 7. April 2022 legten sie ein weiteres Schrei- ben derselben Bezugsperson sowie einen Arztbericht vom 3. März 2022 vor. Am 22. Juni 2022 reichten sie ein Gesuch des Ehemanns betreffend Verlängerung seines Aufenthalts in Äthiopien sowie einen Arztbericht vom 25. April 2022 ein. Am 8. Dezember 2022 legte die Beschwerdeführerin 1 sodann zwei sie betreffende Arztzeugnisse vom 3. und 8. November 2022 vor. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Einspracheentscheide des SEM betreffend humanitäre Visa sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG). 1.3 Die Beschwerdeführenden sind zur Beschwerde legitimiert (vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Die Vollmacht für den Rechtsvertreter ist zwar vom Ehe- mann und nicht von der Beschwerdeführerin 1 selbst unterzeichnet, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass sie damit einverstanden ist, zumal die Bevollmächtigung in ihrem Sinne ist. Auch die übrigen Sachurteilsvor-F-4827/2021 Seite 4 aussetzungen (Rechtsmittelfrist [Art. 50 Abs. 1 VwVG] und Form der Be- schwerde [Art. 52 Abs. 1 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG). 2. Mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er- messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb- lichen Sachverhaltes und die U nangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Be- gründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus an- deren als den geltend g emachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent- scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2). 3. 3.1 Die Beschwerdeführenden unterliegen als eritreische Staatsangehö- rige für die Einreise in die Schweiz der Visumspf licht. Sie beabsichtigen einen längerfristigen Aufenthalt in der Schweiz. Auf ihre Visagesuche ge- langt daher nicht Schengen-, sondern ausschliesslich nationales Recht zur Anwendung (vgl. Art. 4 Abs. 1 i.V.m. Art. 9 Abs. 1 der Verordnung vom 15. August 2018 über die Einreise und die Visumerteilung [VEV, SR 142.204]; BVGE 2018 VII/5 E. 3.5 und E. 3.6.1 m.H.). 3.2 Gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann in Abweichung von den allgemeinen Einreisevoraussetzungen (vgl. Art. 4 Abs. 1 VEV) in begründeten Fällen aus humanitären G ründen ein Visum für einen längerfristigen Aufenthalt erteilt werden. Ein solcher Fall liegt insbesondere dann vor, wenn die be- treffende Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet ist. 3.3 Praxisgemäss werden humanitäre Visa nur unter sehr restriktiven Be- dingungen ausgestellt (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.3 m.H.). Die Erteilung ei- nes Visums aus humanitären Gründen im Sinne von Art. 4 Abs. 2 VEV setzt voraus, dass bei einer Person aufgrund der konkreten Umstände offen- sichtlich davon ausgegangen werden muss, dass sie sich im Heimat- oder F-4827/2021 Seite 5 Herkunftsstaat in einer besonderen Notsituation befindet, die ein behördli- ches Eingreifen zwingend erforderlich macht und es rechtfertigt, ihr ein Ein- reisevisum zu erteilen. Dies kann etwa b ei akuten kriegerischen Ereignis- sen oder aufgrund einer konkreten individuellen Gefährdung gegeben sein. Befindet sich die betroffene Person bereits in einem Drittstaat oder ist sie nach einem Aufenthalt in einem solchen freiwillig in ihr Heimat - oder Her- kunftsland zurückgekehrt und hat sie die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in der Regel davon auszugehen, dass keine Ge- fährdung mehr besteht (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3 sowie statt vieler Ur- teile des BVGer F-3741/2021 vom 11. Februar 2022 E. 3 m.H.). 3.4 Das Visumsgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefähr- dung, der persönlichen Umstände der betroffenen Person und der Lage im Heimat- oder Herkunftsland zu prüfen. Dabei können auch weitere Krite- rien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die Integrations- aussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen Land um Schutz nachzusuchen, mitberücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3; Urteil des BVGer F-3278/2021 vom 10. Januar 2022 E. 3.3). Im Gegensatz zum Asylverfahren gilt für die Erteilung eines humanitären Visums ein er- höhtes Beweismass. Die Gefährdung muss offensichtlich sein; eine blosse Glaubhaftmachung genügt nicht (statt vieler: Urteile des BVGer F-5064/2021 vom 23. Januar 2023 E. 3.5; F -985/2022 vom 1. Dezember 2022 E. 3.5; F-34/2022 vom 8. November 2022 E. 4.4) 4. 4.1 Die Vorinstanz begründet die angefochtene Verfügung damit, dass sich die Beschwerdeführenden nicht in einer besonderen Notsituation befinden würden, die ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich mache. Es bestehe die Möglichkeit einer medizinischen Betreuung in Äthiopien, weshalb eine Einreise in die Schweiz zur Behandlung der gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin 1 nicht notwendig sei. Ihr Ehegatte befinde sich in der Schweiz und könne die Behandlu ng in Äthiopien wie bisher mit finanzieller Hilfe organisieren. Trotz der schwierigen Lebensumstände in Äthiopien sei keine unmittelbare, ernsthafte und konkrete Gefährdung an Leib und Leben gegeben. Die Beschwerdeführenden würden sich in einem sicheren Dr ittstaat befinden. Auch durch die Registrierung als UNHCR -Flüchtlinge gebe es keinen Anspruch auf Einreise in die Schweiz. Es sei zwar nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführenden zu ihrem Ehegatten und Vater ziehen wollten, jedoch seien die Voraussetzung en für die Erteilung eines humanitären Visums nicht erfüllt. F-4827/2021 Seite 6 4.2 Die Beschwerdeführenden bringen dagegen vor, die Beschwerdefüh- rerin 1 habe in den letzten Jahren wiederholt hospitalisiert und operiert wer- den müssen und habe erhebliche gesundheitliche Einschrän kungen erlit- ten: Im April und Mai 2019 habe sie zwei Herzschrittmacher erhalten, am 10. September 2019 habe sie einen Hirnschlag erlitten und sich bis zum 19. Oktober 2019 im Krankenhaus aufgehalten, Ende 2019 habe sie sich mit Malaria infiziert und unter akuten Herzproblemen gelitten, im März 2020 sei sie wieder in ein Koma gefallen und für 10 Tage an eine Herz-Lungen- Maschine angeschlossen worden. Erst nach mehreren neurologischen Therapien habe sie gewisse Erinnerungen wiedererlangt und habe ab Mai 2020 ihre Familie auf Fotos wiedererkannt. Auch die minderjährige Tochter, die Beschwerdeführerin 3, sei bereits im Alter von 3 Jahren operiert wor- den, was nur dank der Unterstützung von Helfern aus der Schweiz möglich gewesen sei. Bis Ende 2019 habe sie sich immer wieder im Krankenhaus aufgehalten, weil sie Probleme mit der Lunge und dem Magen habe, was zu wiederkehrendem Erbrechen bis zur Dehydrierung und psychischem Stress geführt habe. Am 15. November 2019 sei die Beschwerdeführerin 3 erneut operiert worden, wobei für das Kind Lebensgefahr bestanden habe. Seit Dezember 2019 reise der Ehemann immer wieder nach Äthiopien und betreue seine Familie. Die Beschwerdeführerin 1 sei selbst betreuungsbe- dürftig und könne sich nicht um die minderjährigen Kinder kümmern. Für eine erfolgreiche Genesung sei die Anwesenheit des Ehemanns erforder- lich. Dieser sei gezwungen, zwischen der Schweiz und Äthiopien zu pen- deln, was wiederum seine Integration in der Schweiz behindere. Langfristig könne keine Betreuung der Familie durch eine Drittperson sichergestellt werden. Die Kinder seien durch das Erlebte, die gegenwärtige Situation und die wiederholten Trennungen vom Vater massiv traumatisiert und auf ein stabiles und tragfähiges Umfeld angewiesen. Andernfalls werde das Wohl der Kinder, das gemäss Kinderrechtskonvention berücksichtigt wer- den müsse, missachtet. Zudem befinde sich Äthiopien gegenwärtig in ei- nem Bürgerkrieg, weshalb nicht von einem sicheren Drittstaat ausgegan- gen werden könne. Die Beschwerdeführenden würden Tigrinya spr echen und seien tigrinischer Ethnie, wodurch sie konkret gefährdet seien, Opfer von Übergriffen anderer ethnischer Gruppen zu werden, die den Aufstän- dischen in Tigray feindlich gegenüberstehen. Die ganze Familie sei unmit- telbar in ihrer Existenz bedroht und damit individuell-konkret und in beson- derem Masse gefährdet. 4.3 In ihrer Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, bis dato seien keine Unterlagen beigebracht worden, die eine gezielte Verfolgung der Be-F-4827/2021 Seite 7 schwerdeführenden in Äthiopien belegen würden. Der in d er Schweiz le- bende Ehemann und Vater könne angeblich (gemeint: anscheinend) ohne weiteres nach Äthiopien reisen, obwohl er im Rahmen des Asylverfahrens eine Verfolgung geltend gemacht habe. Die Ausführungen in der Be- schwerde würden in erster Linie die wirt schaftliche und beeinträchtigte si- cherheitsrelevante Situation in Äthiopien betreffen. Die Auswirkungen die- ser Situation würden jedoch alle in dieser Region lebenden Personen be- treffen. Die eingereichten ärztlichen Atteste würden belegen, dass eine ärztliche Grundversorgung in Äthiopien gewährleistet sei. Es bestehe keine unmittelbare, ernsthafte und konkrete Gefährdung der Beschwerdeführen- den in Äthiopien. 4.4 In der Replik bringen die Beschwerdeführenden vor, die regelmässigen Reisen des Ehemanns nach Äthiopien würden der im Rahmen seines Asyl- verfahrens geltend gemachten Verfolgung in seinem Heimatland Eritrea nicht widersprechen. Viele Menschen seien aus der Tigray-Region vertrie- ben worden und nach Addis Abeba geflüchtet. Es gebe mehrere Berichte darüber, dass Flüchtlinge gegen ihren Willen von Addis Abeba nach Tigray zurückgeschickt würden. Ausserdem würden die eritreischen Streitkräfte eritreische Flüchtlinge zur Rückkehr nach Eritrea zwingen oder entführen. Daher könne keinesfalls davon ausgegangen werden, dass sich eritreische Flüchtlinge in Äthiopien in einem sicheren Drittstaat befänden. Die Be- schwerdeführerin 1 sei aufgrund ihres schlechten gesundheitlichen Zu- stands und der immer wiederkehrenden Rückschläge auf eine umfassen- dere Versorgung als diejenige in einem Krisengebiet angewiesen. Die bis- herige Betreuung sei nur aufgrund der Unterstützung durch den Ehemann und dessen Helfer in der Schweiz möglich gewesen. Dies sei aber keine langfristige Lösung. Die Vorinstanz verkenne, dass gerade die wirtschaftli- che und sicherheitsrelevante Situation in Kombination mit der stark ange- schlagenen gesundheitlichen Verfassung der Beschwerdeführerin 1 und des fehlenden tragfähigen Beziehungsnetzes vor Ort eine besondere Not- situation hervorrufe. 5. 5.1 Aus den Akten ist ersichtlich, dass sich die Beschwerdeführenden min- destens seit Oktober 2013 in Äthiopien aufhalten. Im Jahr 2016 begab sich der Ehemann der Beschwerdeführerin alleine auf die Weiterreise und ge- langte schliesslich in die Schweiz, wo ihm Asyl gewährt wurde. Die Be- schwerdeführerin lebt somit seit knapp 7 Jahren mit den mittlerweile vier minderjährigen Kindern allein in Äthiopien. Die Sicherheitslage in Äthiopien ist seit Ausbruch des Tigray-Konflikts im November 2020, der sich in einen F-4827/2021 Seite 8 Bürgerkrieg ausgeweitet hat, insgesamt sehr volatil (Deutsches Auswärti- ges Amt, Äthiopien: Reise - und Sicherheitshinweise, < https://www.aus- waertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/aethiopiensicherheit/209504>, abgerufen am 10.02.2023). Auch wenn die neuesten Entwicklungen im Zu- sammenhang mit dem vereinbarten Friedensabkommen als positiv zu wer- ten sind, bleibt die Sicherheitslage in der Region Tigray und den benach- barten Regionen unsicher (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA, Reisehinweise für Äthiopien, <https://www.eda.ad- min.ch/eda/de/home/vertretungen-und-reisehinweise/aethiopien/reisehin- weise-fueraethiopien.html#edaefedf2>, abgerufen am 10.02.2023). Die Beschwerdeführenden halten sich jedoch in der Hauptstadt Addis Abeba und damit ausserhalb des zentralen Konfliktbereichs auf. Sie haben zudem keine konkrete individuelle Gefährdung aufgezeigt, die sie mehr als andere Personen betrifft. Auch wenn die Lage für Flüchtlinge in Äthiopien zweifels- ohne schwierig und belastend sein mag, führt dies nicht zur Annahme, die Beschwerdeführenden würden sich in einer besonders prekären Notlage befinden, welche ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich ma- chen würde. Hinsichtlich der geäusserten Befürchtung einer zwangswei- sen Rückführung nach Tigray oder Eritrea gilt es zu bedenken, dass sich die Beschwerdeführenden seit 2013 in Äthiopien aufhalten. Die Beschwer- deführenden 3 bis 5 wurden sogar dort geboren. Gemäss Bestätigung des UNHCR wurden die Beschwerdeführerin 1 und ihr Sohn (Beschwerdefüh- rer 2) am 24. Oktober 2013 als Flüchtlinge registriert, wobei die später ge- borenen Kinder (Beschwerdeführend e 3 bis 5) nachträglich ebenfalls re- gistriert wurden. Darüber hinaus ist aus der Bestätigung der äthiopischen «Agency for Refugee and Returnee Affairs» vom März 2020 ersichtlich, dass die Beschwerdeführenden in Addis Abeba als eritreische Flüchtlinge registriert und in einem Flüchtlingscamp aufgenommen worden sind. Auch wenn die entsprechende Aufenthaltserlaubnis inzwischen abgelaufen ist, ergibt sich dadurch nicht, dass sie danach gegen ihren Willen in ihr Hei- matland oder anderswohin zurückgeschickt werden, zumal es hierfür keine konkreten Hinweise gibt. 5.2 In Bezug auf die geltend gemachten gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführenden ist zunächst festzuhalten, dass die angeführten Operationen und Krankenhausaufenthalte der minderjährigen Tochter (Be- schwerdeführerin 3) nicht aktenkundig sind. Bezüglich der Beschwerdefüh- rerin 1 ergibt sich Folgendes: Die vorgebrachten gesundheitlichen Be- schwerden und Spitalaufenthalte von April 2019 bis März 2020 sind nicht belegt. In den vorinstanzlichen Akten finden sich lediglich handschriftliche Arztberichte vom 13. Juni 2020, 7. Juli 2020, sowie 24. und 29. Oktober F-4827/2021 Seite 9 2020. Aus diesen geht – soweit sie leserlich sind – hervor, dass die Be- schwerdeführerin 1 einen Schlaganfall erlitten hatte, wobei der linke Teil des Körpers betroffen war. Für weitere Untersuchungen und medizinische Behandlung war sie von Mitte Mai bis Juli 2020 hospitalisiert (Arztbericht vom 7. Juli 2020). Aus dem Bericht vom 24. Oktober 2020 ist das Wort «Herzfehler» ersichtlich sowie ein Klinikaufenthalt ab dem 3. Oktober 2020. Darüber hinaus ist vermerkt, dass die Beschwerdeführerin 1 die Un- terstützung durch ihre Familie benötige. Gemäss Bericht vom 29. Oktober 2020 leidet/litt sie an einer Nervenerkrankung am rechten Arm und Bein. Die weiteren Arztberichte, welche im Verlauf des Beschwerdeverfahrens eingereicht wurden, beinhaltenen folgende Befunde: Im Bericht vom 5. Ap- ril 2022, der sich auf eine Untersuchung vom 3. März 2022 bezieht, sind – soweit ersichtlich – keine neuen gesundheitlichen Probleme aufg eführt, sondern es handelt sich um eine Zusammenfassung sämtlicher gesund- heitlicher Beschwerden der Beschwerdeführerin 1. Dabei ist jedoch insbe- sondere nicht ersichtlich, wann der Schlaganfall («stroke») passiert sein soll und welche konkreten Einschränkungen für die Beschwerdeführerin 1 daraus resultieren. Es findet sich lediglich der allgemeine Hinweis, dass sie sich aufgrund ihres schwachen Zustands nicht um sich selbst kümmern könne und tägliche Physiotherapie benötige (soweit leserlich). Aus dem Bericht vom 25. April 2022 ergibt sich nichts anderes. Aus dem Arztbericht vom 3. November 2022 ist ersichtlich, dass sie ca. einen Monat im Spital verbracht hatte, weil sie an Typhus erkrankt war. Bei Ausstellung des Zeug- nisses war sie wieder genesen. Dem Arztzeugnis vom 8. November 2022 ist zu entnehmen, dass bei der Beschwerdeführerin 1 eine dreiwöchige Schwangerschaft festgestellt und eine Abtreibung durchgeführt worden war. 5.3 Auch wenn die vergangenen und aktuellen gesundheitlichen Be- schwerden der Beschwerdeführerin 1 teilweise ernste Erkrankungen dar- stellen mögen, handelt es sich dabei nicht um lebensbedrohliche Beein- trächtigungen. Abgesehen davon wird in den erwähnten Berichten nicht substantiiert dargelegt, welcher Behandlungen sie konkret bedürfte und warum diese nur im Ausland möglich sein sollten. Allein die Tatsache, dass das Gesundheitswesen in der Schweiz besser ist als in Äthiopien, begrün- det keinen Anspruch auf ein humanitäres Visum. Aus den zahlreichen ärzt- lichen Berichten ergibt sich, dass die medizinische Versorgung in Addis Ab- eba gewährleistet ist. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Ehemann die Familie vor Ort und mittels Helfern aus der Schweiz unter- stützt. Für die Ausstellung eines humanitären Visums braucht es konkrete F-4827/2021 Seite 10 Anhaltspunkte für das Bestehen einer unmittelbaren, ernsthaften und kon- kreten Gefährdung an Leib und Leben (E. 3.3). Bei der vorliegenden Sach- und Aktenlage kann nicht davon ausgegangen werden, dass eine Einreise in die Schweiz aus medizinischen Gründen zwingend erfor derlich sei. An dieser Einschätzung vermögen auch die wirtschaftliche und sicherheitsre- levante Lage in Äthiopien und das angeblich fehlende Beziehungsnetz vor Ort nichts zu ändern, zumal die Beschwerdeführenden keiner konkreten individuellen Gefährdung ausgesetzt sind, die sie mehr als andere Perso- nen betrifft. 5.4 Vor dem Hintergrund, dass Äthiopien das Übereinkommen vom 20. No- vember 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) ratifiziert hat, ist nicht ersichtlich, inwiefern durch die Verweigerung eines h umanitären Visums das Wohl der Kinder missachtet würde. Aus der räumlichen Tren- nung vom Vater können die Beschwerdeführenden nichts zu ihren Gunsten ableiten. 6. Zusammenfassend bringen die Beschwerdeführenden keine hinreichend substantiierten Gründe vor, di e auf eine unmittelbare, ernsthafte und konkrete Bedrohung bzw. eine besondere Notlage schliessen liessen. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen, unter denen ihnen ein nationales Visum aus humanitären Gründen ausgestellt werden könnte, zu Recht verneint. 7. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Be- schwerde ist demzufolge abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde- führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen die unentgeltliche Prozessführung gewährt worden ist, sind jedoch keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 65 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) F-4827/2021 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden und die Vorinstanz. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Susanne Genner Fabienne Thoma-Hasler Versand: