B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-250/2013 U r t e i l v o m 1 0 . O k t o b e r 2 0 1 3 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Gérald Bovier; Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr. Parteien A._______, geboren (…), Äthiopien, vertreten durch (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 3. Januar 2013 / N (…). D-250/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am 7. Oktober 2009 in der Schweiz um Asyl nach. A.a Zur Begründung brachte sie im Rahmen der Erstbefragung im Em p- fangs- und Verfahrenszentrum B._______ vom 13. Oktober 2009 und der Anhörung nach Art. 29 Abs. 1 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) durch das BFM vom 1. Februar 2010 im Wesentl i- chen vor, sie sei in C._______ als uneheliches Kind zur Welt gekommen und von ihrer Mutter nach der Geburt verlassen worden. Ihren Vater ken- ne sie nicht. Sie sei bei ihrer Grossmutter und einer Tante mütterlicher- seits namens D ._______ aufgewachsen. E rst kurz vor dem Tod der Grossmutter im Jahr 2006 habe sie erfahren, dass ihre Mutter noch lebe; diese sei verheiratet und habe zwei weitere Kinder. Sie habe aber kein In- teresse, mehr über ihre Mutter zu erfahren, zumal diese sie nicht gewollt habe. Nach dem Tod der Grossmutter habe ihre Tante D._______ sie ge- gen ihren Willen mit einem ihr unbekannten Mann verheiraten wollen. Um der Zwangsheirat zu entgehen, sei sie zu einer entfernten Verwandte n namens E._______, die öfters bei der Tante D._______ zu Besuch gewe- sen sei, gegangen und habe sich dort etwa einen Monat lang aufgeha l- ten. Da E._______ jedoch in ärmlichen Verhältnissen gelebt habe, habe sie beschlossen, das Land zu verlassen. Nachdem sie mithilfe eines Stel- lenvermittlers die Ausreise organisiert habe, sei sie Ende April respektive anfangs Mai 2009 nach F._______ geflogen und habe dort fortan als Haus- und Kindermädchen gearbeitet. Im September 2009 sei sie mit der Familie, für die sie gearbeitet habe, in ein ihr unbekanntes e uropäisches Land gereist. Sie habe d iese Gelegenheit zur Flucht ergrif fen und sei in die Schweiz eingereist. Hier lebe eine Tante mütterlicherseits na mens G._______, mit der sie bereits Kontakt aufg enommen habe. In Äthiopien lebten nebst der besagten Tante D._______, die sie habe verheiraten wollen, und E._______ noch Geschwister der Grossmut ter. M it einer in C._______ lebenden Freundin namens H._______ stehe sie in telefoni- schem Kontakt. A.b Bezüglich der weiteren Aussagen beziehungsweise der Einzelheiten des rechtserheblichen Sachverhalts wird die auf die Protokolle bei den Akten verwiesen (vgl. vorinstanzliche Akten A4 und A23). B. D-250/2013 Seite 3 B.a Mit Verfügung vom 3. Januar 2013 – eröffnet am 7. Januar 2013 – stellte das BFM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseige n- schaft nicht erfülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die We g- weisung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz sowie den Wegwe i- sungsvollzug an. B.b Zur Begründung führte das BFM im Wesentlichen aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand. Die Beschwerdeführerin habe in den zentralen Punkten nur vage und sich teils widersprechende Angaben ge- macht. So habe sie sich bezüglich des Mannes, den sie hätte heiraten sollen, und hinsichtlich der Flucht nur unsubstanziiert geäussert. Auch habe die Beschwerdeführerin erst den Eindruck erweckt, die Tante habe sie eigentlich nicht verheiraten wollen, sondern auf Geheiss des Mannes gehandelt, dann aber bei der Anhörung den Eindruck vermittelt, die Tante habe bei den Ehevorbereitungen eine aktive Rolle eingenommen und viel Druck auf sie ausgeübt. Die angebliche Ausweglosigkeit hinsichtlich mög- licher Unterkunftsalternativen erscheine angesichts dessen, dass die Be- schwerdeführerin direkt zu der Verwandten E._______ gegangen und sich dort über einen Monat lang aufgehalten habe, wenig glaubhaft. Auch die Begründung, sie habe als Schülerin nicht gewusst, wie sie sich in C._______ hätte eigenständig versorgen können, sei angesichts der Tat- sache, dass sie innert kurzer Zeit eine Arbeitsstelle in F._______ habe organisieren können, als unzureichend einzustufen. Es müsse vielmehr davon ausgegangen werden, dass sie durchaus eine realistische inländi- sche Fluchtalternative gehabt hätte, selbst w enn tatsächlich eine Zwangsheirat bevorgestanden hätte. Die Vorbringen der Beschwerdefüh- rerin müssten deshalb als unglaubhaft eingestuft werden. Sie erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht. Das Asylgesuch sei folglich abzulehnen und die Wegweisung anzuordnen. Der Wegweisungsvollzug sei als zulässig, zumutbar und möglich zu erachten. Heute herrsche in Äthiopien weder Krieg noch Bürgerkrieg oder eine Situation allg emeiner Gewalt. Äthiopien habe am 12. Dezember 2000 mit Eritrea ein Friedensabkommen unte r- zeichnet. Seit dem Waffenstillstand vom Juni 2000 hätten beide Länder trotz sporadischen Wiederaufflackerns des Grenzkonflikts darauf verzic h- tet, ihre unterschiedlich en Standpunkte mit militärischer Gewalt durchz u- setzen. Aus den Akten ergäben sich auch keine individuellen Gründe, die den Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin nach Äthiopien als unzumutbar erscheinen lassen würden. Dank ihrer Verwandtschaft verfü- ge sie über ein tragfähiges Beziehungsnetz. Da sie auch eine (…-)jährige D-250/2013 Seite 4 Schulbildung vorweise, könnten ihre beruflichen und sozialen Reintegr a- tionsmöglichkeiten somit als positiv bewertet werden. C. C.a Mit Eingabe vom 17. Januar 2013 erhob die Beschwerdeführe rin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde, worin um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung im Vollzugspunkt und um Gewährung der vor- läufigen Aufnahme in der Schweiz ersucht wurde . In formeller Hinsicht wurde zudem um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwal tungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) und um Verzicht auf die Erh e- bung eines Kostenvorschusses ersucht, wobei diesbezüglich die Nac h- reichung einer Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung angekündigt wurde. C.b Zur Begründung machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, das Bundesverwaltungsgericht habe in BVGE 2011/25 eine all- gemeine Lagebeurteilung in Äthiopien vorgenommen und insbesondere die Rückkehrsituation alleinstehender Frauen geprüft. Demzufolge wü r- den nicht verheiratete und allein lebende Frauen von der Gesellschaft nicht akzeptiert und es sei für alleinstehende zurückkehrende Frauen nicht leicht, sozialen Anschluss zu finden. Eine Wohnung könne in der Regel nur über Bekannte gefunden werden. Werde eine alleinstehende Frau Opfer sexueller Gewalt, werde ihr die Schuld gegeben. Die Arbeits- losenquote von Frauen in Addis Abeba werde auf 40 bis 55% geschätzt. Ohne höhere Schulbildung, finanzielle Mittel, Unte rstützung durch ein so- ziales Netzwerk und Zugang zu Informationen blieben den Frauen oft nur Arbeiten, die gesundheitliche Risiken bergen würden (bspw. in der Prosti- tution oder in Haushalten, wo sie regelmässig Gewalt ausgesetzt seien). Sie verfüge in Äthiopien entgegen der Einschätzung des BFM nicht über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz. Sie kenne ihre Eltern nicht und ihre einzige Bezugsperson – die Grossmutter – sei verstorben. Zu der Tante D._______, die sie habe verheiraten wollen, habe sie seit drei Jah- ren keinen Kontakt mehr. Ob E._______ noch lebe und wo sich diese aufhalte, wisse sie nicht. Wäre E ._______ in der Lage gewesen, sie län- gerfristig bei sich aufzunehmen und zu unterstützen, hätte sie ihr Heimat- land nicht verlassen. Die einzige Verwandte, zu der sie Kontakt habe , sei ihre in I._______ lebende Tante G._______, mit der sie regelmässig tel e- foniere und die sie auc h mehrmals pro Monat besuche. Sie habe etwas mehr als (…) Jahre lang die Schule besucht. In Äthiopien sei sie nicht er- werbstätig gewesen, nur i n F._______ habe sie einige Monate als Hau s- mädchen gearbeitet. In der Schweiz ha be sie Deutsch gelernt und nach D-250/2013 Seite 5 einem (…-)jährigen Schulbesuch noch (…) absolviert. Im Hinblick auf die Berufslehre als (…), die sie voraussichtlich im (…) antreten könne, besu- che sie zurzeit einen (…-)kurs. Als alleinstehende Frau ohne Familienan- gehörige, welche sie bei der sozialen und wirtschaftlichen Wiedereingli e- derung in Äthiopien unterstützen könn ten, und mit zu wenig Berufserfah- rung, um sich allein in Äthiopien eine finanzielle Lebensgrundlage zu e r- arbeiten, sei ihr die Rückkehr in ihr Heimatland nicht zuzumuten. D. Mit Zwischenverfügung vom 23. Januar 2013 stellte der Instruktionsrich- ter fest, dass die Beschwerdeführerin den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfe. Gleichzeitig verschob er den Entscheid über die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung auf einen späteren Zei t- punkt und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E. Mit Eingabe vom 5. Februar 2013 reichte die Be schwerdeführerin eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung vom 31. Januar 2013 nach. F. In seiner Vernehmlassung vom 6. Februar 2013 beantragte das BFM die Abweisung der Beschwerde. Diese enthalte keine neuen erheblichen Tat- sachen oder Beweismittel, die eine Änderung seines Standpunkts rech t- fertigen könnten. Das tragfähige Bezi ehungsnetz ergebe sich aus den Angaben der Beschwerdeführerin. So habe sie anlässlich der Anhörung erklärt, sie habe telefonischen Kontakt zu einer ehemaligen Schulfreundin gehabt. Zudem habe sie bei der Frage nach Verwandten Geschwister ih- rer Grossmutter und die entfernte Verwandte E._______ genannt, bei der sie sich vor der Ausreise über einen Monat lang aufgehalten habe. Ange- sichts der mehrjährigen Schulzeit in C._______ sei zudem von einem er- weiterten Bekanntenkreis auszugehen. G. In ihrer Replik vom 12. Februar 2013 machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie halte sich seit bald drei Jahren nicht mehr in C._______ auf und habe den Kontakt zu ihren dortigen Verwandten un d Bekannten inzwischen verloren. Ihre Grossmutter sei verstorben und ob deren Geschwister noch leben würden und gegebenenfalls wo, wisse sie nicht. Auch ob E._______ noch lebe, sei ihr nicht bekannt. Sie wäre bei E._______ geblieben, hätte diese die Möglichkeit gehabt, sie auf Dauer bei sich aufzunehmen. Dies sei jedoch nicht der Fall gewesen. Zu ihrer in D-250/2013 Seite 6 der Schweiz lebenden Tante pflege sie einen engen Kontakt, was von der Vorinstanz unberücksichtigt geblieben sei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was in casu nicht zutrifft – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichts gesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwe r- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berüht und hat ein schutzwürd i- ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Die vorliegende Beschwerde richte t sich gegen den verfügten Wegwe i- sungsvollzug (Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung vom 3. Januar 2013). Die Vernei nung der Flüchtlingseigenschaft , die Ablehnung des Asylgesuchs und die Anordnung der Wegweisung (Dispositivziffern 1 bis 3 der Verfügung vom 3. Januar 2013) blieben hingegen unangefochten und sind damit in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des vorliegenden D-250/2013 Seite 7 Beschwerdeverfahrens bildet de shalb einzig die Frage, ob der Wegwe i- sungsvollzug vom BFM zu Recht als durchführbar bezeichnet wurde. 4. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Auslä n- dern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20). Massgeblich für die Beurteilung der Frage der Durchführbarkei t des Wegweisungsvollzugs ist die Situation im Zeitpunkt des Asyl- respek- tive des Beschwerdeentscheids. Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge - mäss ständiger Praxis der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüch t- lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte B e- weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/ 24 E. 10.2; Walter Stöckli, Asyl, in: UEBERSAX/RUDIN/HUGI YAR/GEISER [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 4.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 4.1.1 Keine Person darf in irg endeiner Form zur Ausreise in ein Land g e- zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Dieses flüchtlings- rechtliche Rückschiebungsverbot schützt nur Personen, die die Flüch t- lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG respektive Art. 1A FK erfüllen. Nachdem in der Verfügung des BFM vom 3. Januar 2013 rechtskräftig festgestellt wurde, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseige n- schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht erfüllt, kann das in Art. 5 AsylG veran- kerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Rückschiebungsverbots vorli e- gend nicht zur Anwendung gelangen. Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin nach Äthiopien ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. D-250/2013 Seite 8 4.1.2 Gemäss Art.25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überei n- kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR. 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konv ention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand in einen Staat ausgeschafft werden, in dem ihm Folter oder eine andere Art unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung droht. Weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin noch aus den Akten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Ausscha f- fung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefährdung ("real risk") nachweisen oder zumindest glaubhaft machen, das s ihr im Falle einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124-127, mit weiteren Hinweisen). Dies ist vorliegend nicht der F all. Es besteht kein konkreter Anlass zur Annahme, der Beschwerdeführerin würde bei einer Rückkehr in ihr Heimatland eine menschenrechtswidrige Behandlung drohen, zumal es ihr nicht gelungen ist, eine asylrechtlich beachtliche Verfolgung darzu- legen. Auch d ie allgemeine Men schenrechtssituation in Äthiopien lässt den Wegweisungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen. 4.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug der Wegweisung für Ausländerinnen oder Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat - oder Herkunfts staat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl . BVGE 2009/51 E. 5.5 S. 748, BVGE 2009/41 E. 7.1 S. 576 f.; Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 4.2.1 In Äthiopien herrscht weder Krieg noch Bürgerkrieg oder eine Situa- tion allgemeiner Gewalt, aufgrund derer die Bevölkerung konkret gefäh r- det wäre und eine Rückführung dorthin als generell unzumutbar erachtet D-250/2013 Seite 9 werden müsste. Der zweieinhalb Jahre dauernde Grenzkrieg zwischen Äthiopien und Eritrea wurde im Juni 2000 mit einem von der Organisation für die Einheit Afrikas (OAU) vermittelten Waffenstillstand und einem von beiden Staaten am 12. Dezember 2000 unterzeichneten Friedensa b- kommen beendet. Im heutigen Zeitpunkt ist nicht von einem offenen Kon- flikt im Grenzgebiet auszugehen, auch wenn eine Lösung der Grenzprob- lematik und eine Normalisierung zwischen den beiden Staaten nach wie vor nicht in Sicht ist (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3). Das Bundesverwa l- tungsgericht geht daher in konstanter Praxis von einer grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Äthiopien aus. 4.2.2 Hinsichtlich der sozioökonomischen Situation alleinstehender Frau- en in Äthiopien ist zu berücksichtigen, dass diese allgemein schwierig ist . Für alleinstehende Frauen, die nach Äthiopien zurückkehren, ist es nicht leicht, so zialen Anschluss zu finden. U nverheiratete und allein lebende Frauen geltend grundsätzlich als suspekt, da die kulturelle Norm für u n- verheiratete Frauen ein Leben in der Familie vorsieht. Eine Wohnung zu finden, ist in der Regel nur über Bekannte möglich. Die Arbeitslosigkeit von Frauen ist hoch, wobei b egünstigende Faktoren wie e ine höhere Schulbildung, das Le ben in der Stadt, finanzielle Ressourcen, Unterstüt- zung durch ein soziales Netzwerk sowie Zugang zu Informationen die Wahrscheinlichkeit erhöhen können, dass eine Frau in Äthiopien einer e i- genständigen Erwerbstätigkeit nachgehen kann (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.4). 4.2.3 Vorliegend spricht die persönliche Situation der Beschwerdeführerin nicht gegen die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung. Es ist zwar angesichts der trotz des Wirtschaftswachstums der letzten Jahre generell schwierigen Lebensbedingungen in Äthiopien nicht in Abre de zu stellen, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in ihr Heimatland mit gewissen Schwierigkeiten konfrontiert werden könnte . Aufgrund der A k- tenlage darf jedoch vom Vorliegen begünstigender Faktoren ausgegan- gen werden, die der jungen und, soweit aktenkundig, gesunden Be- schwerdeführerin die Reintegration in die äthiopische Gesellschaft er- möglichen sollten. Die Beschwerdeführerin stammt aus C._______, (…). Sie hat dort gemäss eigenen Angaben bis zu ihrer Ausreise im Mai 2009 immer zusammen mit Verwandten gelebt (erst mit der Grossmutter, die mittlerweile verstorben sei, und der Tante D._______, später mit der Ver- wandten E._______). Dies zeigt, dass sie in C._______ in ein verwandt- schaftliches und soziales Beziehungsnetz eingebunden war. Angesichts dessen, dass sich ihre Asylvorbringen , wonach ihre Tante D._______ sie D-250/2013 Seite 10 gegen ihren Willen habe verheiraten wollen, als unglaubhaft erwiese n haben, darf davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin bei ihrer Rückkehr auf ein nach wie vor tragfähiges Beziehungsnetz zu- rückgreifen kann , und zumindest zu Beginn verwandtschaftliche Unte r- stützung und eine Unterkunft vorfinden wird. Auch darf davon ausgegan- gen werden, dass sie von ihrer in der Schweiz le benden Tante G._______., mit der sie in engem Kontakt stehe, bei Bedarf finanzielle Unterstützung erhalten kann. Zwar weist die Beschwerdeführerin bisher nur wenig Arbeitserfahrung auf (Tätigkeit als Haus- und Kindermädchen in F._______), aber sie verfügt über eine gute Schulbildung (… ), die ihr zusammen mit den Fremdsprachen - und (…-)kenntnissen, die sie sich in der Schweiz zusätzlich angeeignet hat, beim künftigen Aufbau einer eige- nen Existenzgrundlage und dem Einstieg ins Erwerbsleben dienlich sein dürfte. Eine allfällige schweizerische Rückkehrhilfe kann ihr die Rei n- tegration in Äthiopien ebenfalls erleichtern (Art. 62 ff. der Asylveror d- nung 2 vom 11. August 1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]). Mit d er Bereitschaft, allein nach F._______ beziehungs- weise in die Schweiz zu reisen, zeigte die Beschwerdeführerin zudem ein beachtliches Mass an Selbständig keit und die Fähigkeit, sich an v erän- derte Verhältnisse anzupass en. Insgesamt liegen damit keine Anhalt s- punkte dafür vor, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in i h- ren Heimatstaat aus individuellen Gründen wirtschaftlicher oder sozialer Natur in eine existenzbedrohende Situation geraten würde. Im Übrigen genügen bloss soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölkerung im Allgemeinen betroffen ist (bspw. Mangel an Arbeitsplätzen), nicht, um eine konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG darzustellen (vgl. BVGE 2008/34 E. 11.2.2). 4.2.4 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin erweist sich somit sowohl in genereller als auch in individueller Hinsicht als zumutbar. 4.3 Der Wegweisungsvollzug ist schliesslich auch als möglich zu b e- zeichnen, da keine Vollzugshindernisse bestehen (Art. 83 Abs. 2 AuG), und es der Beschwerdeführerin obliegt, bei der allenfalls notwendigen Beschaffung gültiger Reisepapiere mitzuwirken (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ff.). 4.4 Der durch die Vorinstanz verfügte Wegweisungsvollzug ist damit zu bestätigen und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme der Beschwe r- deführerin fällt ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AuG). D-250/2013 Seite 11 5. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist somit abzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Sie hat j e- doch in der Beschwerdeeingabe vom 17. Januar 2013 um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ersucht und diesbezüglich am 5. Februar 2013 eine Fürsorgeabhängi g- keitsbestätigung vom 31. Januar 2013 nachgereicht. Da die Beschwerde nicht als von vornherein aussichtslos zu bezeichnen war, sind daher in Gutheissung des Gesuchs um Gew ährung der unentgeltlichen Prozes s- führung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG keine Kosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-250/2013 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Martin Zoller Susanne Burgherr Versand: