B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2427/2011/sed U r t e i l v o m 2 6 . M ä r z 2 0 1 2 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. März 2011 / N (…). D-2427/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a. Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer seinen Hei- matstaat Anfang November 2010 und gelangte (…) am 8. Dezember 2010 in die Schweiz, wo er am gleichen Tag ein Asylgesuch stellte. Dazu wurde er am 20. Dezember 2010 summarisch befragt. Am 4. Januar 2011 führte das BFM eine Anhörung durch. A.b. Dabei machte der Beschwerdeführer geltend, aus der Provinz B._______ zu stammen und der Ethnie der Hazara anzugehören. Er sei am (…) geboren worden und demnach noch minderjährig. Vor un gefähr fünf Jahren sei er mit seiner Familie nach Kabul gezogen . Er habe unter prekären Lebensbedingungen gelitten. Es gebe weder Sicherheit, Freiheit noch Arbeit. Im Weiteren sei ihm bereits während der Kind heit ein Mä d- chen für die spätere Heirat in Aussicht g estellt worden. Die Fa milie des besagten Mädchens sei ebenfalls nach Kabul umgezogen. Das Mädchen sei im Jahr 2007 aber einer Person aus einer anderen, reichen Familie in Kabul zugesprochen worden. Während eines Jahres habe er versucht, die Heirat zu ver hindern. Dabei habe er den Bräutigam be droht. In der Folge hätten sich die Mitglieder der Familie des Mädchens bei seinen E l- tern entschuldigt und sie gebeten, ihn von Vorkehrungen zur Verhind e- rung der Heirat abzuhalten. Seine Mutter habe ihn inständig dar um gebe- ten, auf das Mädchen zu verzichten. Die Heirat habe daraufhin im März 2008 stattgefunden. Im Herbst 2008 seien zwei Brüder des Bräutigams misshandelt und in einen Brunnen geworfen worden. Man habe ihn b e- schuldigt, die Tat begangen zu haben. Einmal sei er auf offener Strasse beinahe überfahren worden. Im Jahre 2009 habe er Afghanistan erstmals verlassen und sei nach C._______ gelangt. Etwa ein hal bes Jahr später sei er indes wieder ins Heimatland zurückgekehrt. Aus Angst vor Rach e- akten der Familie sei er im November 2010 erneut ins Ausland geflohen. A.c. Im Rahmen einer Knochenaltersbestimmung wurde beim Beschwe r- deführer am 13. Dezember 2010 ein wahrscheinliches chronologi sches Alter von 19 Jahren oder mehr festgestellt. A.d. Als Beweismittel gab der Be schwerdeführer ein afghanisches Identi- tätsdokument zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 28. März 2011 – eröffnet am 30. März 2011 – stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei genschaft D-2427/2011 Seite 3 nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegwei- sung aus der Schweiz. Die Vorinstanz legte dar, die vom Beschwerdefüh- rer geltend gemachte generell schwierige Lage vor Ort sei nicht als asy l- relevanter Nachteil zu qualifizieren. Der von ihm ferner erwähnte Vor fall mit den Brüdern des Bräutigams habe sich mehr als zwei Jahre vor der Ausreise zugetragen und könne in zeitlicher und sachlicher Hinsicht nicht als kausal für die Flucht angesehen werden. Im Weiteren bestünden au f- grund seines Aussageverhaltens beziehungsweise der A kten erhebliche Zweifel an der vorgebrachten Minderjährigkeit. Überdies habe er die erste Ausreise aus Afghanistan verbunden mit einem mehrmonatigen Auf - enthalt in C._______ vorerst verschwiegen. Von diesem Land sei er frei - willig wieder ins Heimatland zurückgekehrt. Den Vollzug der Wegweisung nach Kabul, wo die Lage vergleichsweise sicher sei, erachtete das BFM – auch in Berücksichtigung der geltend gemachten Minderjährigkeit des Beschwerdeführers – für zulässig, zumutbar und möglich. Er verfüge über Arbeitserfahrung und ein weitgefächertes Beziehungsnetz in Afghanistan. Alle nahen Familienangehörigen lebten seit mindestens fünf Jahren in Kabul. Es bestehe eine wirtschaftliche Lebensgrundlage. C. Mit Eingabe vom 27. April 2011 beantragte der Beschwerdefüh rer beim Bundesverwaltungsgericht die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung seiner Flüchtlingsei genschaft, die Asylgewährung, eve n- tualiter die Feststellung der Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumut - barkeit des Wegweisungsvollzugs verbunden mit der Anordnung der vo r- läufigen Aufnahme in der Schweiz sowie in prozessualer Hinsicht die u n- entgeltliche Pro zessführung (Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungs verfah- rensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021]) samt En t- bindung von der Vorschusspflicht. Zur Begründung wies er darauf hin, er müsse wegen der ihm angelasteten Misshandlung der beiden Brüder sei - nes Rivalen mit Racheakten rechnen. Er habe in Afghanistan keinen Zu - gang zu einer Schutzinfrastruktur im Zusammenhang mit der erwähn ten Verfolgung durch private Dritte. Unter Bezugnahme auf ein Positionspa - pier der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) und weitere Pub - likationen machte er geltend, der Wegweisungsvollzug von abgewiesenen Asylsuchenden nach Afghanistan und damit auch nach Kabul sei generell unzumutbar. D. Mit Zwischenverfügung vom 2. Mai 2011 verzichtete das Bundesver wal-D-2427/2011 Seite 4 tungsgericht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und hiess das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut. E. Mit Vernehmlassung vom 18. Mai 2011 beantragte das BFM die Ab wei- sung der Beschwerde. Das Verhalten des Beschwerdeführers lasse nicht darauf schliessen, dass er befürchte, Opfer von Racheakten privater Drit - ter zu werden. Er sei trotz dieser angeblichen Gefährdung im Jahre 2010 von C._______ aus freiwillig ins Heimatland zurückgekehrt. In Kabul habe er sich bis zur erneuten Ausreise Anfang November 2010 wieder im E l- ternhaus aufgehalten. Er habe gearbeitet und ein normales Leben ge - führt. Bezeichnenderweise sei er seit März 2008 keinen Behell igungen seitens der Brüder des Bräutigams ausgesetzt gewesen. Entgegen seiner Sichtweise sei sodann die Zumutbarkeit des Vollzugs nach Kabul in A n- betracht der für ihn günstigen Voraussetzungen nach wie vor gegeben. Ferner wies die Vorinstanz erneut darauf hin, dass die Aussagen des Be - schwerdeführers als wenig glaubhaft einzustufen seien, was aus seinen offensichtlich falschen Angaben zu vorherigen Auslandaufenthalten sowie zu seinem Alter hervorgehe. F. Mit Replik vom 29. Juni 2011 hielt der Beschwerdeführer an seinen bishe- rigen Darlegungen fest. Falls er sich nach der Rückkehr aus C._______ in Kabul tatsächlich sicher gefühlt hätte, wäre er kein zwei tes Mal gefl o- hen. Betreffend Zumutbarkeit des Vollzugs verwies er insbe sondere auf das erga ngene Länderurteil des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. BVGE 2011/7) sowie eine beiliegende Stellungnahme der SFH vom 23. Juni 2011. Gemäss dieser Stellungnahme sei auch der Vollzug nach Ka bul unzumutbar. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bunde sverwaltungs- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-D-2427/2011 Seite 5 rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwer deführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwa l- tungsgericht endgültig entscheidet. 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht , die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Die Vorinstanz hat am angegebenen Geburtsdatum des Beschwerdefüh - rers (…) Zweifel geäussert. Die Glaubhaft igkeit der von ihm gel tend ge- machten damaligen Minderjährigkeit dürfte in der Tat zumin dest nicht o f- fenkundig gewesen sein. Es wurde ihm indes eine Vertrauens person zu- geordnet, welche an der Anhörung teilnahm (vgl. A 14/12 S. 12). Entspre- chend sind seine Aussagen selbst bei angenommener damaliger Minder- jährigkeit unter verfahrensrechtlich korrekten Umstän den protokolliert worden. Im Entscheid ging das BFM gemäss Rubrum aber offenbar gleichwohl vom (...) als Geburtsdatum und mithin von der damals noch andauernden Minderjährigkeit aus und machte – wenn auch keine fallbe- zogenen – Erwägungen zur Situation Min derjähriger. Das vom B e- schwerdeführer geltend gemachte Geburtsdatum ist im Übrigen auch im System Zemis vermerkt. Da er aber im jetzigen Zeitpunkt vo lljährig ist, kann er aus der vormaligen Minderjährig keit ohnehin nichts mehr zu se i- nen Gunsten ableiten. D-2427/2011 Seite 6 4. 4.1. Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2. Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli - chen Punkten zu wenig begr ündet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver - fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1. Die Vorinstanz äusserte erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers beziehungsweise der Glaubhaftigkeit seiner Aus- sagen. Diese Einschätzung ist zu bestätigen. 5.2. So erwecken bereits die relativ ausführlichen Schilderungen des Be - schwerdeführers anlässlich der Erstbefragung zu den angeblich befürc h- teten Racheakten seiten s der Familie seiner Nebenbuhlers kaum den Eindruck von realen Geschehnissen oder Befürchtungen. Auch bei der Anhörung war er in keiner Weise in der Lage, d ie Konsequenzen des Gewaltvorfalls, bei welchem die Brüder nach der Heirat seines Nebe n- buhlers Opfe r gewesen seien, angemessen zu substanziieren (A 14/12 Antwort 42). Realkennzeichen können den Darlegungen nicht ent - nommen werden. Seine Angaben, weshalb er für den Vorfall verantwort - lich gemacht worden sei beziehungsweise wie er davon erfahren habe, muten ausgesprochen stereotyp und vage an (A 8/12 S. 7; A 14/12 An t- worten 45 ff.). Seine Kernvorbringen sind entsprechend als blosses Kon - strukt zu werten. Stichhaltige Beschwerdevorbingen, welche allenfalls e i- ne andere Sichtweise rechtfertigen würden, fehl en. Zwar macht er gel - tend, in Afghanistan Angriffen durch Dritte schutzlos ausgeliefert zu sein. Betreffend eine allfällige Schutzinfrastruktur vor Ort würden sich in der Tat Fragen stellen. Das BFM weist aber zurecht darauf hin, das Verhalten D-2427/2011 Seite 7 des Beschwerdeführers lasse nicht darauf schliessen, dass er befürchte, Opfer von Racheakten privater Dritter zu werden; auch sei er seit März 2008 gar keinen Behelligungen seitens der Brüder des Bräutigams au s- gesetzt ge wesen und habe nach der Rückkehr aus dem A usland ein normales Leben geführt (vgl. dazu Bst. E vorstehend). Soweit er in di e- sem Zusammenhang vorbringt, einmal auf der Strasse beinahe überfa h- ren worden zu sein, kann in Anbetracht der wiederum substanzlosen Schilderungen nicht auf die implizit geltend gemachte Verfolgungsmotiva- tion seiner Geg ner geschlossen werden (A 14/12 Antworten 52 ff). En t- sprechend ist er auf grund seiner unglaubhaften diesbezüglichen Vorbri n- gen auf eine Schutzgewährung durch den Staat gar nicht angewiesen. 5.3. Unter Berücksichtigung der gesamten Umstände folgt, dass der Be - schwerdeführer keine Gründe nach Art. 3 AsylG nachweisen oder glaub - haft machen konnte. Das BFM erwog auch zutreffend, dass die generell schwierige Situation in Afghanistan nicht als asylrelevanter Nachteil quali- fiziert werden könne. Die Vorinstanz hat die Flüchtlingseigen schaft dem- nach zu Recht verneint und das Asylgesuch abgelehnt. An dieser Ei n- schätzung vermögen weder die weiteren , überwiegend die allgemeine Lage vor Ort thematisierenden Beschwerdevor bringen noch das beige - brachte Beweismittel etwas zu ändern. 6. 6.1. Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ord- net den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol - chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 7. 7.1. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). D-2427/2011 Seite 8 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge - mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts un d seiner Vo r- gängerorganisation ARK der gleiche Beweisstandard wie bei der Flücht - lingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte B e- weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebers ax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Au s- länderrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts - oder ei nen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land g e- zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus ei nem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eid- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überein - kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Kon vention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigen- der Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3. Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend dar- auf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non -Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be- schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr - dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus - schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei -D-2427/2011 Seite 9 ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand - lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei - sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Dies ist ihm ge - mäss vorstehenden Erwägungen nicht gelungen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Kabul lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als generell unzulässig erscheinen. Dies ergibt sich unter anderem au s dem bereits zitierten BVGE 2011/7. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl - als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr- dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vor- läufige Aufnahme zu gewähren. 7.4.1. Im erwähnten Urteil BVGE 2011/7 skizziert das Bundesverwa l- tungsgericht ein äusserst düsteres Bild der aktuellen Lage in Afghanistan, und zwar über alle Regionen hinweg. Das Gericht kommt zum Schluss, dass in weite n Teilen von Afghanistan – ausser allenfalls in den Gros s- städten – eine derart schlechte Sicherheitslage und derart schwie rige humanitäre Bedingungen bestehen, dass die Situation als exis - tenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren ist. Von dieser allgemeinen Feststellung sei die Situation in der Hauptstadt Ka bul zu unterscheiden. Angesichts des Umstandes, dass sich dort die Si - cherheitslage im Verlauf des vergangenen Jahres nicht weiter verschlech- tert habe und die humanitäre Situation im Vergleich zu den übri gen Ge- bieten etwas weniger dramatisch sei, könne der Vollzug der Wegweisung nach Kabul unter Umständen als zumutbar qualifiziert wer den. Solche Umstände könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückke hrer um einen jungen, gesunden Mann handle. A n- gesichts der konstanten Verschlechterung der Lage über die ver - gangenen Jahre hinweg und der auch in Kabul schwierigen Situation ver - stehe es sich aber von selbst, dass die bereits von der vormaligen Be - schwerdeinstanz in EMARK 2003 Nr. 10 formulierten strengen Bedingun -D-2427/2011 Seite 10 gen in jedem Einzelfall sorgfältig geprüft und erfüllt sein müssten, um ei - nen Wegweisungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu qualifizieren. Un - abdingbar sei in erster Linie ein soziales Netz, da s sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrers als tragfähig er- weise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in eine exis - tenzielle beziehungsweise lebensbedrohende Situation führen. Für einen Rückkehrer aus Europa bestehe aufgrund der Vermutung, dass er Devi - sen auf sich trage, gleich nach seiner Ankunft in Kabul ein erhöhtes Ri si- ko, entführt oder überfallen zu werden. Verfüge er auf der anderen S eite über keine genügenden finanziellen Mittel, hätte er ohne soziale Vernet - zung kaum Aussicht auf eine zumutbare – das heisst winterfeste und mit minimaler sanitärer Einrichtung ausgestattete – Unterkunft. Auch bei der Arbeitssuche sei die Einstellung, selbst von unqualifizierten Arbeitskräf - ten, regelmässig von persönlichen Beziehungen abhängig. Eine die G e- sundheit nur einigermassen garantierende Ernährung wäre ohne die Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich und der Zu gang zu saubere m Trinkwasser schwierig; Unterstützungsmassnahmen der Regierung oder internationaler Organisationen könnten laut zuverlässigen Quellen daran nichts ändern. Kämen in einer solchen Situa tion noch g e- sundheitliche Umstellungsschwierigkeiten hinzu, geriete auch ein junger gesunder Mann ohne soziale Vernetzung unweigerlich in nert absehbarer Zeit in eine existen zbedrohende Situation. Im Übrigen be tone auch der schweizerische Botschafter in D._______ die vorrangige Be deutung e i- nes tragfähigen sozialen Netzes für einen Rückkehrer zur Ver meidung unüberbrückbarer Schwierigkeiten (vgl. E. 9.3 ff.). 7.4.2. Der Beschwerdeführer lebte vor der Ausreise in Kabul mit seinen Angehörigen in einer E._______. Er habe als F._______ und später mit den Brüdern im G._______ gearbeitet. Die Familie verfügt offen bar über gewisse ökonomische Lebensgrundlagen. So erklärte er denn auch, in wirtschaftlicher Hinsicht in Afghanistan leben zu können (A 8/12 Antwor- ten 2 ff.; A 14/12 Antworten 15 ff., 39 und 78). Er ist jung und leidet offen- bar nicht an gravierenden behandlungsbedürftigen Krankheiten. Auch in Anbetracht der geschilderten Situation in der Hauptstadt er scheint der Vollzug nach Kabul im vorliegenden Einzelfall mithin als zumutbar. 7.5. Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi - gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch D-2427/2011 Seite 11 BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.6. Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnu ng der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be - schwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfü gung vom 2. Mai 2011 gutgeheissen wurde und sich seine finanzielle Situation gemäss Ak- tenlage nicht entscheidwesentlich verändert hat, ist von der Kostenauf - lage abzusehen. (Dispositiv nächste Seite) D-2427/2011 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zustän - dige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand: