B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-718/2024 U r t e i l v o m 8. F e b r u a r 2 0 2 4 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richterin Contessina Theis; Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren am (...), Iran, vertreten durch Lea Hungerbühler, Rechtsanwältin, substituiert durch MLaw Michael Meyer, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 24. Januar 2024. F-718/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer ersuchte am (...) in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck -Da- tenbank (Zentraleinheit EURODAC) ergab, dass er am (...) in B._______ und am 27. September 2023 in Kroatien registriert worden war und dort gleichentags um Asyl ersucht hatte. A.b Am 5. Oktober 2023 beauftragte der Beschwerdeführer die ihm zuge- wiesene Rechtsvertretung mit der Wahrung seiner Rechte. A.a Am 10. Oktober 2023 fand die Personalienaufnahme und am 13. Ok- tober 2023 das persönliche Gespräch statt gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö- rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter- nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Dabei wurde dem Beschwerdeführer unter anderem das rechtliche Gehör zur allfälligen Zuständigkeit B._______ und Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gewährt. Zugleich wurde er nach seinem Ge- sundheitszustand befragt. Der Beschwerdeführer führte dazu aus, dass das Asylverfah ren in B._______ noch nicht begonnen habe. In Kroatien habe er k ein Asylge- such gestellt. Es seien ihm die Fingerabdrücke gegen seinen Willen abge- nommen worden. Anschliessend habe er ein Papier erhalten und er hätte sich innerhalb von 24 Stunden irgendwo in einem Camp melden sollen. Er sei von den kroatischen Polizisten unwürdig behandelt worden, zumal er geschlagen worden sei, ohne dass er etwas Schlimmes getan habe. Er habe dort lediglich durchreisen wollen. Er habe keine Beweismittel zu den erlittenen Misshandlungen, weil ihm sein Mobiltelefon weggenommen und kaputt gemacht worden sei. Er wisse nicht, inwiefern das SEM über die dortigen Missstände informiert sei. Insgesamt habe er drei Mal versucht durch Kroatien zu reisen, sei aber jedes Mal von der dortigen Polizei miss- handelt worden. Die ersten beiden Male sei er über die Grenze zurückge- schickt und das dritte Mal für eine Nacht festgenommen worden. Bezüglich einer Rückkehr nach B._______ gab er an, dass die Zustände in den dor- tigen, von Städten abgelegenen Asylcamps schlecht seien; die Flüchtlinge würden von den Behörden unwürdig behandelt. Es habe dort auch keine medizinische Versorgung gegeben. F-718/2024 Seite 3 Zum medizinischen Sachverhalt führte er aus, keine gesundheitlichen Be- schwerden zu haben. A.b Am 17. Oktober 2023 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Diese stimmten dem Gesuch am 31. Oktober 2023 zu. B. Mit Verfügung vom 24. Januar 2024 – eröffnet am 26. Januar 2024 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei- sung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Ferner beauftragte es den Kanton C._______ mit dem Vollzug der Wegweisung, ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen Akten an und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu. C. Der Beschwerdeführer focht die Verfügung des SEM mit Beschwerde vom 2. Januar 2024 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragt, es sei die angefochtene Verfügung vollumfänglich aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrecht- licher Hinsicht beantragt er, es sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren: So sei auf die Erhebung von Verfahrenskosten und insbeson- dere auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und Rechtsanwältin Lea Hungerbühler als amtliche Rechtsvertreterin einzuset- zen. Ferner sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren und die kantonalen Behörden seien entsprechend anzuweisen. Subeven- tualiter sei er zu seinen Erlebnissen in B._______ zu befragen sowie die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen von den zuständigen Behörden einzuholen bezüglich Unterbringung, Nahrung, adäquater und regelmässiger medizinischer sowie psychologischer Behandlung ab dem Zeitpunkt der Ankunft in Kroatien. D. Mit Verfügung vom 2. Februar 2024 setzte die Instruktionsrichterin den Voll- zug der Wegweisung per sofort einstweilen aus. F-718/2024 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwür- diges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist da- her zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver- fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weite- rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 4. 4.1. Der Beschwerdeführer bemängelt den angefochtenen Entscheid des SEM in formeller Hinsicht in verschiedenen Pun kten, so im Zusammen- hang mit systemischen Mängeln im kroatischen Asylverfahren, Push -F-718/2024 Seite 5 Backs und Kettenabschiebungen – auch nach B._______ –, Polizeigewalt und fehlender rechtlicher Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, Gesund- heitsversorgung und Unterbringungsmöglichkeiten für Asylsuchende sowie bezüglich des fehlenden Zugangs zum Asylverfahren. Die Vorinstanz habe in diesem Zusammenhang den Umständen des Einzelfalls nicht genügend Rechnung getragen und die humanitäre Situation ungenügend berücksich- tigt. Schliesslich sei es der Pflicht, seine gesundheitliche Situation hinrei- chend abzuklären und in den Erwägungen zu berücksichtigen, nicht nach- gekommen. Dadurch liege eine Verletzung des Untersuchungsgrundsat- zes und – sinngemäss – des rechtlichen Gehörs (Begründungspflicht) vor. Diese formellen Rügen sind vorab zu beurteilen. 4.2. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts kann nach Art. 106 Abs. 1 AsylG gerügt werden. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten- widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid we- sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT- SCHI, Verwaltungsver fahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Das SEM hat den rechtserheblichen Sachverhalt hinreichend abgeklärt. Es hat sich unter Bezugnahme auf die Schilderungen des Beschwerdeführers und den vorliegenden Unterlagen (vgl. SEM act. 1284446-21/14 [nachfol- gend: act. 2 1]) mit seiner individuellen Situation, dem Asylverfahren und den Aufnahmebedingungen in Kroatien, der von ihm angeführten Behand- lung nach seinem Grenzübertritt in Kroatien, den ihm offenstehenden Mög- lichkeiten, sich dort gegen ungerechte oder rechtswidrige Behandlung zu wehren und ein Asylgesuch einzureichen, der allgemeinen Situation inklu- sive der Push-Back-Problematik – unter Hinweis auf mehrere Abklärungen der Schweizer Vertretung in Kroatien – und der Möglichkeit, sich bei allfäl- ligen gesundheitlichen Problemen in Kroatien behandeln zu lassen, ausei- nandergesetzt. Das SEM hat sich in seiner Verfügung insbesondere auch mit dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers rechtsgenüglich auseinandergesetzt und dazu den medizinischen Sachverhalt gestützt auf seine Angaben im Dublin -Gespräch (keine gesundheitlichen Beschwer- den) und der Feststellung, dass bislang keinerlei Arztberichte zu den Akten gereicht worden seien, zusammengefasst (vgl. SEM act. 21, S. 2). Weitere medizinische Abklärungen hielt das SEM hingegen zu Recht nicht für er- forderlich. Mit Blick auf die Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers be- stand für die Vorinstanz unter diesen Umständen keine Notwendigkeit, den Gesundheitszustand weiter zu erforschen. Es w ird die in der F-718/2024 Seite 6 Beschwerdeschrift angeführte (Nennung Leiden) denn auch nicht ansatz- weise näher veranschaulicht. Es ist somit nicht ersichtlich, in welcher Hin- sicht im vorliegenden Verfahren konkretere weitere Abklärungen hätten vorgenommen werden müssen. Es ist somit keine Verletzung des Untersu- chungsgrundsatzes festzustellen. 4.3. Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, di e einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pfl icht der Be- hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei- nandersetzt und jedes ei nzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Dieser verfahrensrechtlichen Anforderung hat die Vorinstanz ebenfalls Ge- nüge getan. So hat sie eine Einzelfallprüfung vorgenommen, indem sie nach Prüfung sowie Würdigung der Parteivorbringen und Unterlagen nach- vollziehbar aufgezeigt hat, von welchen Überlegungen sie sich – gerade auch in individueller Hinsicht – leiten liess (vgl. act. 2 1 S. 3-7). Dabei musste sie sich nicht ausdrücklich mit jeder tatbestandlichen Behauptung und jedem re chtlichen Einwand auseinandersetzen, sondern durfte sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (BGE 143 III 65 E. 5.2), was sie vorliegend getan hat. So sind den Erwägungen der Vorinstanz Aus- führungen zur illegalen Einreise des Beschwerdeführers respektive zur da- mit im Zusammenhang stehenden Problematik von Push-Backs, zur Frage einer Kettenabschiebung und zu derjenigen des Vorliegens von systemi- schen Mängeln im kroatischen Asyl- und Aufnahmesystem sowie zu seinen Möglichkeiten, sich gegen unkorre ktes Verhalten zu wehren und medizi- nisch versorgt zu werden, zu entnehmen. Eine Verletzung der Begrün- dungspflicht ist auch deshalb zu verneinen, weil es dem Beschwerdeführer möglich war, sich ein Bild über die Tragweite des vorinstanzlichen Ent- scheides zu machen und diesen sachgerecht anzufechten. Dass er die Auffassung und Schlussfolgerungen der Vorinstanz hinsichtlich der Würdi- gung seiner Aussagen und der Aktenlage nicht teilt, ist keine Verletzung des rechtlichen Gehörs, sondern betrifft die materielle Beurteilung der vor- gebrachten Überstellungshindernisse. Soweit der Beschwerdeführer mit Blick auf die Gefahr einer Kettenabschie- bung moniert, die Vorinstanz habe sich nicht dazu geäussert, aus welchem F-718/2024 Seite 7 Grund sie eine direkte Rückweisung nach B._______ als unzumutbar er- achte, eine solche via Kroatien jedoch als vollends legitim und nicht einmal erwähnenswert ansehe, weshalb grobe Fehläusserungen vorlägen, die eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz notwend ig machen wür- den, ist Folgendes anzuführen: Der Be schwerdeführer erklärte zwar an- lässlich des Dublin -Gesprächs, er habe in Kroatien kein Asylgesuch ge- stellt und die Fingerabdrücke seien gegen seinen Willen abgenommen worden. Durch den Abgleich der Fingerabdrücke mit der Zentraleinheit Eu- rodac steht fest, dass er am 27. September 2023 in Kroatien als asylsu- chende Person registriert worden war. Das SEM machte die kroatischen Behörden im Rückübernahmeersuchen ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er am (...) in B._______ eingereist sei und das dortige Asylverfahren noch nicht begonnen und er noch keine Anhörung gehabt habe (vgl. SEM act. 1284446-17/5, S. 3). Die kroatischen Behörden stimmten mit diesem Wissen der Wiederaufnahme des Beschwerdeführers am 31. Oktober 2023 gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO ausdrücklich zu und wiesen gleichzeitig darauf hin, dass das Verfahren noch im Gange sei. Die grund- sätzliche Zuständigkeit Kroatiens ist somit gegeben. Daran vermag der Umstand, dass die Zustimmung Kroatiens gestützt auf Art. 20 Abs. 5 Dub- lin-III-VO, "in o rder to continue to determine responsibility for the above mentioned person" geschah, nichts zu ändern (vgl. hierzu Urteile des BVGer D-4160/2023 vom 10. August 2023 S. 11, D-4063/2023 vom 25. Juli 2023 S. 4 und F-1876/2023 vom 13. April 2023 S. 4 m.w.H.). Aus dem er- wähnten Hinweis ist lediglich zu schliessen, dass das kroatische Verfahren zur Bestimmung des für die Prüfung des Asylgesuchs des Beschwerdefüh- rers zuständigen Mitgliedstaats noch nicht abgeschlossen ist und nach der Überstellung fortgesetzt wir d. Es ist daher auch vor diesem Hintergrund nicht zu beanstanden beziehungsweise stellt keine Verletzung des rechtli- chen Gehörs dar, dass sich das SEM zu einer allfälligen Kettenabschie- bung nach B._______ nicht geäussert hat. 4.4. Die formellen Rügen erweisen sich somit als unbegründet. Es besteht keine Veranlassung, die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. Das diesbezü gliche Eventualbegehren (Rechtsbegehren Ziff. 3) ist abzuweisen. 5. 5.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. F-718/2024 Seite 8 Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat (respektive innert Frist auf die entsprechende Anfrage nicht geantwor- tet hat; vgl. Art. 22 Abs. 1 und 7 Dublin-III-VO), auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den im Kapitel III dargelegten Kri- terien (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). 6. Vorliegend sind sowohl die Antragsstellung in Kroatien als auch der Um- stand als erstellt zu erachten, dass das kroatische Verfahren zur Bestim- mung des für das Asylgesuch des Beschwe rdeführers zuständigen Mit- gliedstaates gemäss Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO noch nicht abgeschlossen wurde und nach seiner Rücküberstellung fortgesetzt wird (vgl. E. 4.3 hier- vor sowie Urteil des BVGer F-5023/2022 vom 23. November 2022 E. 4.4 f. m.H.). Unter diesen Umständen erübrigt es sich, ihn vorzuladen und zu seinen Erlebnissen in B._______ zu befragen. Ohnehin ist ein Anspruch auf mündliche Anhörung nur ausnahmsweise gegeben, wenn eine solche zur Abklärung des Sachverhaltes unumgänglich ist. Die Notwend igkeit ei- ner Anhörung ist vorliegend zu verneinen, da der Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene mit der Einreichung einer Rechtsmitteleingabe inklusive Beilagen Gelegenheit hatte, seine Sachverhaltsdarstellung und Beweisan- erbieten schriftlich einzubringen. Zudem wurde der Sachverhalt, wie vor- stehend dargelegt, hinreichend erstellt. Der entsprechende Beweisantrag ist somit abzuweisen. Sodann ist in grundsätzlicher Hinsicht festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihr en Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). Ferner sind sämtli- che Dublin -Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, Drittstaatsangehörige oder Staatenlose, die beim illegalen Überschreiten einer Aussengrenze aufge- griffen werden, zu registrieren (vgl. dazu Art. 14 Abs. 1 der Verordnung [EU] Nr. 603/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 [Eurodac-Verordnung]; Urteil des BVGer F -3304/2022 vom 15. Au- gust 2022 E. 3.2). 7. Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO ist sodann zu prüfen, ob es F-718/2024 Seite 9 wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf- nahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Art. 4 der EU -Grund- rechtecharta (entspricht Art. 3 EMRK) mit sich bringen würden. 7.1. Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver- pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner- kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt- linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber- kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie) ergeben. 7.2. Das Bundesverwaltungsgericht geht derzeit – auch unter Berücksich- tigung kritischer Berichte nationaler und internationaler Organisationen so- wie der diesbezüglich in der Rechtsmitteleingabe zitierten Quellenhinweise (vgl. S. 5 ff.) – nicht davon aus, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin- gungen in Kroatien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin -III-VO auf. Der Zugang zum dortigen Asylverfahren ist gewährleistet, und zwar unabhängig davon, ob die ge- suchstellende Person im Rahmen eines Aufnahme- oder eines Wiederauf- nahmeverfahrens nach Kroatien zu überstellen ist. Darüber hinaus besteht keine beachtliche Wahrscheinlichkeit einer Verletzung der aus dem Refou- lement-Verbot fliessenden Rechte (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1488/2020 vom 22. März 2023 E. 9 sowie insbesondere E. 9.4.2 m.H. auf die Rechtsprechung anderer Dublin-Staaten). Die nicht weiter belegten Ausführungen des Beschwerdeführers zu erlebter Polizeigewalt in Kroatien im Zusammenhang mit seiner illegalen Einreise (vgl. SEM act. 12 84446- 16/3 [nachfolgend: act. 16] S. 2) sind nicht geeignet, die Annahme zu wi- derlegen, wonach Kroatien seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen im Rahmen eines Asylverfahrens nachkommt (vgl. Referenzurteil E-1488/2020 E. 8 und E. 9.5). Gegen das Fehlverhalten von einzelnen Po- lizeibeamten könnte er im Übrigen rechtlich vorgehen, allenfalls mit Hilfe der vor Ort tätigen karitativen Organisationen. Der Umstand, dass dies F-718/2024 Seite 10 möglicherweise mit grösseren Hürden und Schwierigkeiten verbunden sein könnte als in der Sch weiz, weist nicht per se auf systemische Schwach- stellen im kroatischen Asylsystem hin (vgl. das Urteil des BVGer E - 5614/2022 vom 19. Dezember 2022 E. 5.2). 7.3. Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin- III-VO nicht gerechtfertigt. 8. 8.1. Weiter ist der Frage nachzugehen, ob völkerrechtliche Vollzugshinder- nisse nach Art. 3 EMRK (oder einer anderen die Schweiz bindenden völ- kerrechtlichen Bestimmung) bestehen, woraus sich zwingende Gründe für einen Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO ergeben würden (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 8.2. Mangels systemischer Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO kann vermutungsweise davon ausgegangen werden, dass Kroatien seinen völker- und gemeinschaftsrechtlichen Verpflichtungen gegenüber Perso- nen in der Situation des Beschwerdeführers nachkommt und insbesondere die Rechte respektiert und schützt, die sich aus der Verfahrens - und der Aufnahmerichtlinie ergeben (vgl. bspw. Urteile des BVGer E -1515/2023 vom 23. März 2023; E -5984/2022 vom 3. Januar 2023 E. 7.2; je m.H.). Diese Vermutung kann zwar im Einzelfall widerlegt werden. Hierfür bedarf es aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die vom Betroffenen glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5. 3.1). Der Beschwerdeführer vermag jedoch kein konkretes und ernsthaftes Risiko darzutun, die Behörden würden sich wei- gern, ihn aufzunehmen und einen allfälligen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kro- atien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missach- ten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land ge- zwungen zu werden. Die Behörden haben seiner Aufnahme explizit zuge- stimmt. Ausserdem hat er nicht dargetan, die ihn bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen seien derart schlecht, dass sie zu einer Verlet- zung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 Folter- konvention (SR 0.105) führen könnten. Bei einer allfälligen vorübergehen- den Einschränkung wäre er nötigenfalls gehalten, sich an die dortigen Be- hörden zu wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Re chtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Dies gilt F-718/2024 Seite 11 auch in Bezug auf das geltend gemachte Verhalten seitens der kroatischen Behörden, das sich im Übrigen auf Vorkommnisse nach seiner illegalen Einreise und nicht auf den Aufenthalt in den dortigen Aufenthaltsstrukturen bezieht. 8.3. Zu seinem Gesundheitszustand führte der Beschwerdeführer anläss- lich des Dublin -Gesprächs an, er bestünden keine gesundheitlichen Be- schwerden (vgl. SEM act. 16, S. 3). In seiner Beschwerdeschrift bringt er nun erstmals und ohne jegliche Belege eine (Nennung Leiden) vor (vgl. S. 10 unten). Auch stellt er die Nachreichung von diesbezüglich erhellen- den medizinischen Unterlagen nicht in Aussicht. Selbst bei Wahrunterstel- lung dieser gesundheitlichen Beeinträchtigung ist anzuführen, dass in Kro- atien eine ausreichende medizinische Infrastruktur zur Verfügung steht; zu- dem gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass ihm dort nach einer Überstel- lung eine allenfalls erforderliche medizinische Behandlung verweigert würde, zumal die Mitgliedstaaten zur entsprechenden Erbringung verpflich- tet sind (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Vor diesem Hintergrund kann auf die Nachforderungen eines entsprechenden ärztlichen Berichts verzichtet werden (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. BVGE 2008/24 E. 7.2 S. 357). Der medizinische Sachverhalt ist demnach als genügend a bgeklärt zu er- achten. Insgesamt droht keine Verletzung von Art. 3 EMRK, weshalb die Schweiz nicht zum Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflich- tet ist. Aufgrund der konkrete Ausgangslage ist es nicht angezeigt, die Vorinstanz zu verpflichten, bei den kroatischen Behörden individuelle Garantien hin- sichtlich Unterkunft, Nahrung und adäquater medizinischer Versorgung einzuholen. Der entsprechende Eventualantrag ( Rechtsmitteleingabe S. 11, Ziff. 32) ist abzuweisen. 8.4. Nach dem Ausgeführten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes Risiko dartun, dass seine Überstellung nach Kroatien die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. Ein notwendi- ger Selbsteintritt gebietet sich daher nicht. 9. 9.1. Bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 verfügt das SEM sodann über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Es bestehen vorliegend keine Hinweise auf eine Ermes - sensunterschreitung oder eine andere, nicht gesetzeskonforme Ausübung des Ermessens (Ermessensmissbrauch, Überschreitung des Ermessens). F-718/2024 Seite 12 Bei dieser Sachlage enthält sich das Gericht in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 9.2. Nach dem Gesagten bleibt Kroatien der für die Behandlung des Asyl- gesuchs des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin- III-VO. 10. Das SEM ist zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Die Überstel- lung nach Kroatien wurde in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet. 11. Die Beschwerde ist abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. 12. Mit dem Entscheid in der Hauptsache sind die Gesuche um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses gegenstandslos geworden. Der am 2. Februar 2024 verfügte einstweilige Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin. 13. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Einsetzung seiner Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständ- nin sind abzuweisen, da die Beschwerde gemäss den vorstehenden Erwä- gungen als aussichtslos zu bezeichnen war. Daher fehlt es, unbesehen der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers, an einer gesetzlichen Voraussetzung gemäss Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind ihm die Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) F-718/2024 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie Rechtsverbeiständung sind abzuweisen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Regula Schenker Senn Stefan Weber Versand: