2013/12 Asyl 162 BVGE / ATAF / DTAF 12 Auszug aus dem Urteil der Abteilung IV i.S. A. gegen Bundesamt für Migration D‒649/2012 vom 26. März 2013 Asyl. Kollektivverfolgung von Christen im Zentralirak. Art. 3 AsylG. 1. Voraussetzungen der Kollektivverfolgung (E. 6). 2. Allgemeine Situation der christlichen Minderheit im Zentralirak (E. 5, 7 und 8). 3. Christen unterliegen im Zentralirak keiner Kollektivverfolgung im Sinne der Rechtsprechung (E. 9). Asile. Persécution collective des chrétiens au centre de l'Irak. Art. 3 LAsi. 1. Conditions de la persécution collective (consid. 6). 2. Situation générale de la minorité chrétienne au centre de l'Irak (consid. 5, 7 et 8). 3. Les chrétiens du centre de l'Irak ne subissent pas de persécution collective au sens de la jurisprudence (consid. 9). Asilo. Persecuzione collettiva dei cristiani nell'Iraq centrale. Art. 3 LAsi. 1. Condizioni per ammettere una persecuzione collettiva (consid. 6). 2. Situazione generale della minoranza cristiana nell'Iraq centrale (consid. 5, 7 e 8). 3. Nell'Iraq centrale i cristiani non subiscon o alcuna persecuzione collettiva ai sensi della giurisprudenza (consid. 9). Der Beschwerdeführer – ein armenisch-orthodoxer Christ aus Bagdad – stellte am 4. November 2009 in der Schweiz ein Asylgesuch. Zur Begründung seines Asylgesuches gab er im Wesent lichen an, er sei Christ. Zudem hätten er und sein Vater für die Amerikaner und seine Mutter für eine internationale Organisation gearbeitet. Wegen der Arbeit Asyl 2013/12 BVGE / ATAF / DTAF 163 der Mutter sei er mit der Familie nach Erbil gegangen und sechs Monate dort geblieben. Weil die S ituation schwierig gewesen sei, seien sie nach Bagdad zurückgekehrt. Zehn Tage beziehungsweise einen Monat nach ihrer Rückkehr hätten sie von der « Al-Mujaheddin » einen Drohbrief erhalten, dass auf Agententum und Verrat der Tod stehe und sie das Land verlassen sollten. Das Bundesamt für Migration (BFM) lehnte das Asylgesuch des Be - schwerdeführers mit Verfügung vom 30. Dezember 2011 ab, nahm ihn aber zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig auf. Das Bundesverwaltungsgericht he isst die gegen diese Verfügung am 3. Februar 2012 erhobene Beschwerde im Ergebnis wegen V orliegens individueller Verfolgung gut. Aus den Erwägungen: 5. Das Bundesverwaltungsgericht ging in seiner bisherigen Praxis nicht von einer Kollektivverfolgung von Christen im Irak aus (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E ‒3651/2011 vom 11. Oktober 2011 E. 3.2, D ‒2029/2008 vom 7. Oktober 2011 E. 4.2, E ‒3332/2009 vom 30. August 2011 E. 3, D‒3090/2008 vom 6. Mai 2010 E. 5.2). Wie nachfolgend dargelegt, gibt es keine Veranlassung, von dieser Beurtei - lung abzuweichen. Für die Analyse der aktuellen Situation vor Ort wurde im Wesentlichen auf die nachfolgend aufgeführten Quellen zurückgegriffen. Sofern andere Quellen in die Analyse einbezogen wurden, sind diese im Text benannt. - United Kingdom Home Office, Operational Guidance Note – Iraq, Dezember 2012 - United States Department of State, International Religious Freedom Report for 2011 – Iraq, Juli 2012 - United States Commission on International Religious Freedo m (USCIRF), 2012 Annual Report – Iraq, März 2012 - Human Rights Watch (HRW), Human Rights Watch World Report 2012 – Iraq, 22. Januar 2012 - International Organisation for Migration (IOM), IOM Emergency Needs Assessments – Update, Displacement of Christians to the North of Iraq, 31. Januar 2012 2013/12 Asyl 164 BVGE / ATAF / DTAF - United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR), UNHCR Eligibility Guidelines for Assessing the International Protection Needs of Asylum-Seekers from Iraq, 31. Mai 2012 6. Die Anforderungen an die Feststellung ei ner Kollektivver - folgung sind gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sehr hoch. Gemäss schweizerischer Asylpraxis zur Frage der Kollektiv - verfolgung reicht allein die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, welches in seinen spezifischen Eigenschaft en Ziel einer Verfolgungsmotivation ist, in der Regel nicht, um die Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Viel - mehr kommen auch bei geltend gemachter Verfolgung aufgrund der blossen Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kollektiv die Kriterien der ernsthaften N achteile oder der begründeten Furcht gemäss Art. 3 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (SR 142.31, AsylG) zur Anwendung. Als Erstes wird der Betroffene seine Zugehörigkeit zum entsprechenden Kollektiv nachweisen müssen. Sodann ist analog der Prüfung einer geltend gemachten Individualverfolgung zu prüfen, ob die gegen das Kollektiv erfolgte Massnahme gezielt auf dieses Kollektiv gerichtet ist, mithin über das hinausgeht, was andere Teile der Bevölkerung hinzu - nehmen haben. Sodann müssen die Massnahmen eine ge wisse Intensität aufweisen. Analog der Prüfung der Intensität einer individuell geltend gemachten Massnahme wird diese zu bejahen sein, wenn es sich um Eingriffe handelt, die das Leben gefährden, die körperliche Integrität verletzen sowie – im Fall von Fre iheitsbeschränkungen – von einer gewissen Dauer sind oder zumindest in ihrer Gesamtheit mit einer gewissen Häufigkeit vorkommen. Die gezielten und intensiven Nachteile müssen weiter zum Ziel haben, möglichst alle Mitglieder des Kollektivs zu treffen, und s ie müssen in Relation zur Grösse des Kollektivs eine bestimmte Dichte aufweisen. Erheblich ist eine solche Wahrscheinlich - keit vor Verfolgung dann, wenn in der Vergangenheit ein beträchtlicher Anteil des Kollektivs tatsächlich ernsthafte Nachteile zu erlei den hatte. So wird zum Beispiel in der deutschen Rechtsprechung im vorliegenden Kontext von einer genügenden Verfolgungsdichte ausgegangen, wenn ein Zehntel des Kollektivs von Verfolgung betroffen war (vgl. BVGE 2011/16 E. 5). 7. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich bereits in verschiedenen Entscheiden mit der schwierigen Situation religiöser Minderheiten im Irak auseinandergesetzt (vgl. BVGE 2008/4, BVGE 2008/12, BVGE 2011/16). Demnach seien nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein nichtmuslimische Reli gionsangehörige wie beispielsweise Asyl 2013/12 BVGE / ATAF / DTAF 165 Christen, Sabäer/Mandäer, Yeziden, Baha'i und Juden insbesondere im Zentralirak in zunehmendem Masse Opfer konfessioneller Gewalt geworden (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.4.3 f.). Die genannten Religions - gruppen würden als Bedroh ung für den islamischen Charakter des Irak oder als Unterstützer der US -geführten Truppen und der gegenwärtigen irakischen Regierung angesehen. Angehörige dieser Religionsgemein - schaften seien nicht nur Diskriminierungen, Drohungen und Gewalt ausgesetzt, s ie erlitten auch Einschränkungen in der Religionsausübung und in ihrer Bewegungsfreiheit. Dies betreffe vor allem auch weibliche Angehörige der genannten Religionsgemeinschaften, die zum Teil ge - zwungen seien, sich streng islamischen Verhaltens - und Beklei dungs- vorschriften anzupassen und einer sehr weitgehenden Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit unterlägen. Beispielhaft für die Gewalt gegen religiöse Minderheiten stehe der Anschlag vom 15. August 2007 westlich der Stadt Mosul, dem etwa 200 Angehörige der religiösen Minderheit der Yeziden zum Opfer gefallen seien und welcher in den Verantwortungs - bereich sunnitischer Rebellen oder Al -Qaïda fallen solle. Zu verzeichnen seien sodann interethnische und interreligiöse Spannungen zwischen den im Irak lebenden ethnischen und religiösen Gruppierungen (z.B. Kurden, Turkmenen, Arabern, Roma, Yeziden, Shabak, Assyrern, Chaldäern, Armeniern). In Gebie ten mit gemischt ethnischer oder religiöser Be - völkerungszusammensetzung berichteten Angehörige der Minderheits - gruppen von Diskriminierung, erzwungener Assimilation und Gewalt. Die Spannungen beträfen namentlich auch Gebiete, die zuvor im Fokus der Zwangs arabisierungspolitik des ehemaligen irakischen Regimes gestanden hätten, insbesondere die Provinzen Kirkuk, Ninive, Salah Al - Din oder Diyala, in denen sich kurdische Interessengruppen aktiv für eine Einbindung in die autonomen kurdischen Gebiete im Nordira k stark- machen würden. 8. 8.1 Heute leben im Irak circa 400 000 bis 600 000 Christen, während es im Jahr 2003 noch schätzungsweise 800 000 bis 1,4 Mil- lionen waren. Ungefähr zwei Drittel sind Chaldäer, annähernd ein Fünftel Assyrer und die Weiteren syrisch - und armenisch-orthodoxe Christen, Angelikaner und andere Protestanten. Die Hauptsiedlungsgebiete der Christen im Irak befinden sich in den Gebieten mit der grössten Gewaltdichte, wie Bagdad, Ninawa (Mosul und Ninawa -Ebenen), Kirkuk und Basra, sowie im Nordira k. Das historische Heimatland der Christen im Irak sind die Ninawa -Ebenen in der gleichnamigen Provinz, wo die Lage durch den Konflikt zwischen Kurden und Arabern um die 2013/12 Asyl 166 BVGE / ATAF / DTAF Zugehörigkeit von Teilen der Provinz zum Zentralirak oder zum kur - dischen Autonomiegeb iet geprägt ist. Zwischen diesen Fronten werden die Christen, aber auch andere Minderheiten wie die Yeziden und Turkmenen unter Druck gesetzt, dass sie sich als Araber oder Kurden identifizieren, um den jeweiligen Sieg bei einem allfälligen Referendum über die Zukunft der Provinz zu sichern. Die Kurden verfolgen dabei eine doppelte Strategie. Einerseits geben sie den Minderheiten Zuwen - dungen. Andererseits wenden sie repressive Methoden gegen Minder - heiten an, um diese unter Kontrolle zu halten (vgl. auch B VGE 2011/16 E. 7.2 f.). 8.2 Christen und andere Minderheiten besetzen hohe politische Positionen sowohl in der zentralen Regierung (Iraqi Council of Ministers, COM) als auch in der Kurdischen Regionalregierung (Kurdish Regional Government's Council of Minister s). So sind der irakische Umweltminister und der kurdische Minister für Kommunikation und Transport Christen. Im nationalen (Council of Representatives, COR) wie auch im kurdischen Parlament (Iraqi Kurdistan Parliament, IKP) sind fünf Sitze von 325 beziehu ngsweise von 111 für Christen reserviert. Weiter finanziert die nationale Regierung neben einer sunnitischen und einer schiitischen auch eine Stiftung für Christen und andere Religionen. Diese würde für die Bezahlung von Geistlichen und den Bau und Unterhalt von Kirchen aufkommen, die meisten Kirchen bevorzugen es aber, sich selber zu unterhalten. Die Stiftung konnte hingegen ein Drei - jahresprogramm zur Anstellung zusätzlicher Wächter aus Minderheiten - gruppen starten, um religiöse Stätten von Minderheiten z u schützen. Im Allgemeinen sind Minderheiten in politisch gewählten Ämtern, Regie - rungsposten und in der Verwaltung aber untervertreten und fühlen sich politisch isoliert. Dies gilt vor allem für die Provinzebene, wo sie im Provincial Council (3 von 440 Si tzen sind für Christen aus Bagdad, Ninawa und Basra reserviert) nicht adäquat vertreten sind. Jeder Versuch der Minderheiten, Druck auszuüben, um eine bessere politische Vertre - tung zu erreichen, löste heftige Reaktionen aus (Minority Rights Group International, Still Targeted: Continued Persecution of Iraq 's Minorities, Juni 2010, S. 23). Insbesondere sind Minderheiten aber in der öffentlichen Verwaltung proportional untervertreten, auch hier vor allem auf der Provinz - und Lokalebene. Dies wirkt sich insbe sondere im Bereich der Sicherheitskräfte negativ aus, wo es praktisch kein nicht - muslimisches Personal gibt. Asyl 2013/12 BVGE / ATAF / DTAF 167 8.3 In der irakischen Verfassung wird unter anderem festgehalten, dass jeder Iraker das Recht auf Religionsfreiheit hat, wobei die Reli - gionsfreiheit der Christen, Jeziden und Mandäer ausdrücklich garantiert wird. Diese verfassungsmässig verankerte Religionsfreiheit wurde durch die Regierung selber nicht verletzt, und das Recht der Mehrheit der Bürger auf Ausübung ihres Glaubens wurde respektiert. Weihn achten ist zum offiziellen Feiertag erklärt worden, und a uch die Osterfeiertage, wenn auch keine offiziellen Feiertage, konnten durch die Christen ungestört begangen werden. Trotzdem ist die Umsetzung der erwähnten Verfassungsbestimmungen in der Praxis und die gegenseitige Toleranz der Angehörigen der einzelnen Glaubensrichtungen noch ungenügend. So wird auch in jüngster Vergangenheit im Irak von gesellschaftlicher Schmähung und Diskriminierung gegenüber religiösen Minderheiten berichtet. So sehen sich Mitg lieder von nichtmuslimischen Minderheiten etwa gezwungen, sich den islamischen Regeln zu unterwerfen und beispielsweise einen Schleier zu tragen oder an Ramadan zu fasten. Eine Kombination aus konfessionsgebundener Anstellungspraxis, Korruption, ungleicher Rechtsanwendung und nachfolgend aufgezeigten gezielten Anschlägen hat einen nachteiligen ökonomischen Effekt auf nicht - muslimische Minderheiten und führte zur Flucht von einer signifikanten Anzahl Nichtmuslimen als Binnenvertriebene nach Ninawa und in den Nordirak sowie auch ins Ausland. 8.4 Auch wird immer noch von gewaltsamen Anschlägen gegen Christen berichtet. Wenn auch die Übergriffe im Vergleich zu früheren Jahren abgenommen haben, bleiben Christen Opfer von Bedrohungen, Einschüchterungen, Raub, Entführungen, Mordanschlägen und Angriffen auf ihre Häuser. Dabei sind vor allem auch geistliche Amtsträger Ziele von Anschlägen, und auch auf Kirchen wurden im 2011 wiederholt Bombenanschläge verübt. Zuverlässige diesbezügliche Gewaltstatistiken gibt es aber nicht. Hinter den Übergriffen stehen m eist Terroristen und Aufständische, wie erwähnt beschuldigen in Ninawa Nichtregierungs - organisationen aber auch die kurdischen Behörden der Übergriffe gegen Minderheiten. Insgesamt gilt es zwar zu beachten, dass Bürger aller ethnischen und religiösen Grupp en Opfer von terroristischen Gruppie - rungen werden und die meisten gross angelegten Terroranschläge Muslime betreffen. Minderheiten wie Christen verfügen aber über keine Milizen und Clanstrukturen, sodass Anschläge gegen diese regelmässig zur Flucht einer unverhältnismässig hohen Anzahl ihrer Mitglieder führen. Schwerste Bedenken gibt insbesondere die Sicherheitslage von Christen in den umstrittenen Gebieten und in Bagdad. Zu einer ersten 2013/12 Asyl 168 BVGE / ATAF / DTAF Fluchtwelle von mehr als 12 000 Christen kam es im Jahr 2008, nachdem in Mosul 14 ihrer Mitglieder getötet worden waren. Zwischen Oktober und Dezember 2009 flüchteten um die zehntausend Christen aus Angst vor Bombenangriffen und Einschüchterungen aus den Regionen um Kirkuk. Am 12. Juli 2009 explodierten sechs Bomben vor chr istlichen Kirchen in Bagdad, dabei wurden vier Menschen getötet und 16 verletzt (Los Angeles Times, Churches in Iraq targeted in bombings; 4 killed , 13. Juli 2009). Am 15. und 23. Dezember 2009 verübten bewaffnete Gruppierungen Bombenattentate auf Kirchen in Mosul (Amnesty Inter- national, Iraqi Christians fear spike in Christmas attacks , 20. Dezember 2010). In den Wochen vor den Wahlen vom 7. März 2010 wurden in Mosul zehn Christen getötet, was zu einem Massenexodus von um die 4 300 Christen führte. Im Mai 2010 sind in der Nähe eines Busses, der Christen zur Universität Mosul transportierte, zwei Bomben explodiert, ein Mensch starb, 80 bis 160 wurden verletzt (Compass Direct, Bomb Attack Seriously Injures Christian Students , 5. Mai 2010). In Bagdad ereignete sich am 31. Oktober 2010 ein Grossanschlag auf eine katholische Kirche, bei dem 40 bis 60 Gläubige ums Leben kamen und mehr als 60 verletzt wurden. 1 300 christliche Familien flüchteten daraufhin aus Bagdad, Mosul und Basra in den Nordirak, andere Regionen von Ninawa und ins Ausland. Die Al -Qaïda im Irak bekannte sich zu dem Anschlag. Im November 2010 kamen bei einem gezielten Bomben- und Granatenangriff auf von Christen bewohnte Häuser in Bagdad mindestens fünf Menschen ums Leben, 30 wurden verletzt. Am 30. Dezember 2010 trafen zehn Bombenattentate von Christen bewohnte Häuser in Bagdad, zwei Personen wurden verletzt, 20 getötet. Mehrere Christen wurden zudem im November und Dezember 2010 in Bagdad und Mosul erschossen (U.S. Commission on International Rel igious Freedom, Annual report , Mai 2011, S. 89). Trotz daraufhin erhöhter Anzahl Sicherheits -Checkpoints in ihrer Nachbarschaft veranlassten diese Attentate viele zur Flucht. Auch wurden in Bagdad christliche und yezidische Geschäfte, die als unislamisch a ngesehen werden, Opfer von Vandalenakten. 8.5 Die irakische Regierung rief weiterhin zu Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten auf, verurteilte Anschläge öffentlich und ver - sprach, die Opfer zu entschädigen und die Täter zu verfolgen. Nach Anschlägen auf christliche Glaubensstätten unterstützte die Regierung den Wiederaufbau und erhöhte die Sicherheitsmassnahmen rund um Kirchen und Glaubensstätten. Im Januar 2010 ergriffen die irakische und die kurdische Regierung eine Serie von Massnahmen, um die Sicherhe it Asyl 2013/12 BVGE / ATAF / DTAF 169 in den umstrittenen Gebieten zu erhöhen, unter anderem wurden Kontrollposten und Patrouillen eingerichtet. Im Jahr 2009 akzeptierte die irakische Regierung die Anstellung von 500 Christen und Sabäern/ Mandäern im Innenministerium, um ihr Gewicht im Sich erheitsbereich zu erhöhen (U.S. Department of State, International Religious Freedom Report 2010, Iraq, 17. November 2010). Zudem versuchen die Minder - heiten, sich selber zu schützen. Beispielsweise haben Christen in Tilkaif und Hamdaniyah Gräben um ihre D örfer gegraben, um Angriffe durch mit Sprengsätzen versehene Autos zu verhindern (IRIN, Iraq: minority communities in Nineveh appeal for protection , 15. November 2009). Im Februar 2010 haben die Führer irakischer Kirchen den « Council of Christian Church L eaders of Iraq » gegründet, um ihre Meinungen, Positionen und Entscheidungen gegenüber dem Staat zu einen. Damit wollen sie die Präsenz der Christen im Irak erhalten und stärken (Christian Today, Iraq church leaders to speak with common voice , 21. Februar 2010). Schliesslich haben gewisse Minderheiten in Ninawa und Kirkuk eigene bewaffnete Milizen gegründet, die zum Teil durch die kurdische Regierung finanziert werden (Minority Rights Group Inter - national, a.a.O., Juni 2010, S. 14). Trotz all diesen Bemühun gen und willkommenen Fortschritten in der Erhöhung der Sicherheit der Minder - heiten bleiben die Behörden in der Untersuchung von Anschlägen und der Ahndung der Straftaten weiterhin zurück, sodass diese oft ungestraft bleiben. Die Beurteilung in BVGE 2008/1 2 E. 6.7.3, wonach die Sicher- heitskräfte oft nicht in der Lage seien, effektiven Schutz zu gewähren, da Milizen und kriminelle Gruppierungen Verbindungen zu Teilen der Sicherheitskräfte unterhielten oder in diese infiltriert seien, wodurch die Sicherheitskräfte in ihrer Funktions - und Einsatzfähigkeit erheblich eingeschränkt und teilweise selbst Akteure von erheblichen Menschen - rechtsverletzungen seien , muss weiterhin aufrechterhalten werden (vgl. BVGE 2013/1 E. 6.3.3.1 letzter Abschnitt). 9. Zu prüfen gilt es nachfolgend, ob vor dem Hintergrund der dar - gestellten Lage von einer Kollektivverfolgung der Christen im Zentral - irak auszugehen ist. 9.1 V orauszuschicken ist dabei, dass Christen von staatlicher Seite keine ernsthaften Nachteile im Sinne von Art . 3 AsylG zu gewärtigen haben, zumal die oben beschriebenen Benachteiligungen und Schikanen von Seiten der Behörden die Intensität ernsthafter Nachteile jedenfalls nicht zu erreichen vermögen und sich im Übrigen auch nicht genügend häufen. In Betracht zu z iehen ist in diesem Zusammenhang nicht zuletzt 2013/12 Asyl 170 BVGE / ATAF / DTAF auch die Grösse der christlichen Gemeinschaft, die politische Vertretung, die ihnen zustehenden Rechte und die ernsthaften Bemühungen von staatlicher Seite, die Situation der Christen zu verbessern und ihnen Schutz zu gewähren. V or diesem Hintergrund vermag auch die gesell - schaftliche Schmähung und Diskriminierung durch die muslimische Mehrheit insgesamt keinen unerträglichen Druck zu begründen, der ein menschenwürdiges Leben der Christen im Zentralirak verunmö glichen würde. 9.2 Die Übergriffe auf Leib und Leben durch nichtstaatliche Grup - pierungen auf Christen müssen jedoch als genügend intensiv im Sinne von Art. 3 AsylG beurteilt werden; durch diese Angriffe verloren zahlreiche Christen ihr Leben oder wurden in ih rer physischen Integrität verletzt. Zwar haben sich nicht alle der registrierten Überfälle gezielt gegen die Betroffenen als Christen gerichtet, sondern vereinzelt lagen auch andere Motive zugrunde, insbesondere kriminelle. Dennoch kann den vorliegenden Qu ellen ohne W eiteres entnommen werden, dass die überwiegende Mehrheit der Übergriffe sich eben gegen die Christen als Glaubensgemeinschaft richteten und zum Ziele hatten, dieser zu schaden. Allein dass auch andere Bevölkerungsgruppen, ihrerseits gezielt weg en eines bestimmten Merkmals, ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind, ändert an der Gezieltheit der Verfolgung nichts. Als Zwischenergebnis ist daher festzuhalten, dass Christen von nichtstaatlichen Gruppierungen ausgehenden ernsthaften Nachteilen ausgesetzt waren, die gezielt und aus asylrechtlich relevanten Motiven gegen sie gerichtet waren. Gegen solche stand ihnen auch kein genügender Schutz zur Verfügung, sind doch, wie unter E. 8.8 ausgeführt wurde, die staatlichen Sicherheitskräfte im Zentralirak bis heute nicht in der Lage, wirksamen Schutz zu bieten. 9.3 Aus der Verfolgung einzelner zum Kollektiv gehörender Perso - nen lässt sich aber wie bereits erwähnt nur dann eine begründete Furcht vor Verfolgung für das ganze Kollektiv ableiten, falls eine genügende Verfolgungsdichte vorliegt, das heisst, wenn ein beträchtlicher Anteil des Kollektivs ernsthaften Nachteilen ausgesetzt wäre. Gemäss den vorlie - genden Statistiken wird die christliche Bevölkerung im Irak auf circa 400 000 bis 600 000 Personen geschätzt. G emäss den oben beispielhaft aufgezählten Ereignissen waren unter den Christen regelmässig Opfer von Gewalttaten zu beklagen. Zwar kann aufgrund fehlender Statistiken keine genaue Ziffer genannt werden, es ist jedoch davon auszugehen, dass Ereignisse mit gr össeren Opferzahlen bekannt geworden sind. Hinzuzuzählen sind zweifellos noch Übergriffe, die nicht öffentlich Asyl 2013/12 BVGE / ATAF / DTAF 171 wurden, weil sie weniger intensiv waren, aber dennoch als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu beurteilen sind. Angesichts des oben Gesagten und der dort genannten Zahlen kann jedoch selbst unter Berücksichtigung einer gewissen Dunkelziffer nicht davon ausgegangen werden, dass die asylrechtlich relevanten Übergriffe in Anbetracht der doch recht grossen Gruppe der christlichen Bevölkeru ng eine kritische Verfolgungsdichte erreichen, bei deren V orliegen eine Kollektivver - folgung zu bejahen wäre. Nur ein Bruchteil der christlichen Bevölkerung im Zentralirak wurde Opfer der Übergriffe. Auf der Grundlage der darge - stellten Erkenntnislage kann demnach nicht von der objektiv begründeten Furcht jedes im Zentralirak lebenden Christen ausgegangen werden, selbst Opfer von Verfolgung zu werden. Hinzu kommt, dass generell im Irak seit dem Jahr 2007 ein Rückgang der Anschläge und Morde zu verzeichnen i st. Auch wenn der Zentralirak also weiterhin als einer der unsichersten Orte der Welt gilt, kann diesen Erwägungen gemäss nicht davon ausgegangen werden, dass Christen allein aufgrund ihrer Zuge - hörigkeit zu dieser Religionsgemeinschaft mit beachtlicher Wa hrschein- lichkeit Opfer von asylrechtlich relevanter Verfolgung werden. Insgesamt kann somit eine Kollektivverfolgung der Angehörigen der Christen nicht bejaht werden. 9.4 Nach dem Gesagten ist nicht von einer Kollektivverfolgung von Christen im Zentralirak in dem Sinne auszugehen, dass allein aufgrund der Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft bereits auf eine begründete Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung zu schliessen wäre. Bei Christen aus dem Irak ist das V orliegen einer begründeten Furcht vor Verfolgung weiterhin im Rahmen einer Individualprüfung zu beurteilen; dabei ist insbesondere der Grad der Exponiertheit der betreffenden Person in religiöser, soz ialer, beruflicher oder politischer Hinsicht zu berücksichtigen (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E‒3651/2011 vom 11. Oktober 2011 E. 3.2, D ‒2029/2008 vom 7. Oktober 2011 E. 4.2, E ‒3332/2009 vom 30. August 2011 E. 3, D‒3090/2008 vom 6. Mai 2010 E. 5.2).