B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4413/2011 U r t e i l v o m 4 . J u l i 2 0 1 3 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter William Waeber, Gerichtsschreiberin Gabriela Oeler. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren (…), C._______, geboren (…), alle Russland (Tschetschenien), vertreten durch Suzanne Stotz, (…), Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 14. Juli 2011 / N (…). E-4413/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden, russische Staatsangehörige tschetschen i- scher Ethnie aus D._______ (Tschetschenien), reisten eigenen, anläs s- lich der Befragung zur Person (BzP) vom 18. Januar 2010 g emachten Aussagen zufolge am 23. Februar 2007 aus dem Heimatland aus. Ziel der Reise sei E._______ [europ. Staat] gewesen, da sich dort ihr Sohn aufgehalten habe. In F._______ [europ. Staat] und G._______ [europ. Staat] seien sie daktyloskopiert und zum S tellen eines Asylgesuches g e- zwungen worden. Nach einer Weile seien sie via (…) nach E._______ [europ. Staat] gelangt, wo sie zweieinhalb Jahre geblieben seien. Am 12. Januar 2010 seien sie nach Ablehnung des Asylgesuches von E._______ [europ. Staat] in die Schweiz gelangt. Den Beschwerdeführenden wurde anlässlich der BzP mitgeteilt, dass gemäss den Eurodac -Treffern mög- lichweise F._______ [europ. Staat] , G._______ [europ. Staat] oder E._______ [europ. Staat] für die Durchführung der Asylverfahren zustä n- dig sei. Die Beschwerdeführenden gaben dazu an, auf keinen Fall dorthin zurückkehren zu wollen. Die beiden erstgenannten Länder seien nur Zw i- schenstationen gewesen und in E._______ [europ. Staat] hätten sie ja ei- nen negativen Asylentscheid erhalten. Sie hätten befürchtet, von den E._______ Behörden ausgeschafft zu werden. Die Beschwerdeführenden vermochten sich nicht auszuweisen. Sie gaben an, der Reisepass und der Inlandpass seien bei den F._______ beziehungsweise G._______ Behörden zurückgeblieben. Sie seien dort einfach davon gelaufen und hätten die Papiere nicht zurückverlangt. Zur Begründung des Asylges u- ches führte der Beschwerdeführer an, es sei im Jahre 2004 zu einer Ex p- losion in der Nachbarschaft gekommen, bei der zwei russische Soldaten getötet worden seien. Er sei einige Zeit später vernommen worden. Man habe ihm nicht geglaubt, dass er nichts gehört und beobachtet habe. Er sei deswegen zweimal inhaftiert worden. Beim dritten Versuch, ihn zu i n- haftieren, sei ihm die Flucht gelungen. Am nächsten Morgen hätten sie auch seinen Sohn abgeholt. Dieser sei mit einem Sack über dem Kopf an einen unbekannten Ort gebracht, verhört und geschlagen worden. Er h a- be daraufhin seine Familie nach E._______ [europ. Staat] geschickt. Er selbst sei bei den Behörden denunzie rt worden. Russen und Tschetsche- nen hätten ihn in der Folge zum Umstand befragt, dass er im ersten Tschetschenienkrieg den Rebellen geholfen habe (mittels Abgabe von Lebensmitteln sowie Begraben der Toten). Am 13. Februar 2005 sei auch er abgeholt und an e inen unbekannten Ort gebracht worden. Er sei z u- sammengeschlagen und am nächsten Tag in der Nähe eines Kranke n-E-4413/2011 Seite 3 hauses abgelegt worden. Passanten hätten ihn gefunden und ins Kra n- kenhaus gebracht. Betreffend diesen Krankenhausaufenthalt reichte der Beschwerdeführer ein ärztliches Attest zu den Akten. Die Ehefrau und die Tochter seien im Jahr 2006 zurückgekehrt und dann ebenfalls befragt worden. Man habe von ihnen wissen wollen, was sie im Ausland gemacht hätten. Auch er sei nicht in Ruhe gelassen worden. Er habe Angst gehabt, dass er beim nächsten Mal getötet werde. Deshalb hätten sie das Land verlassen. Abschliessend erwähnte der Beschwerdeführer, dass er im Jahr 1992 in (…) während eines Jahres in Untersuchungshaft gewesen sei. Die Beschwerdeführerin gab ihrerseits zu Protokoll, ihre Brüder hätten für die Rebellen gekämpft. Einer der Brüder sei im Jahr 2002 von den Ru s- sen abgeholt worden und nach seiner Freilassung zu Hause verstorben. Ein anderer Bruder sei am 9. Juli 2004 von den Russen verschleppt wo r- den. Weil sie und die Kinder den gleichen Namen wie der Bruder getr a- gen hätten, habe sie in der Folge ihre Ehe registrieren lassen und den Familiennamen geändert. Ihr Sohn sei im Oktober 2004 dennoch von den Russen abgeholt worden, nachdem sich in der Nähe des Ha uses eine Explosion ereignet habe, bei welcher russische Soldaten ums Leben g e- kommen seien. Beim Verhör sei der Sohn zusammengeschlagen worden. Er sei dann bewusstlos weggeworfen worden – wie Müll. Sie habe ihn zwei Tage später gefunden und bei sich zu Hause während zweier Mona- te versteckt. Während dieser Zeit hätten sie Reisepässe organisiert und seien nach E._______ [europ. Staat] gereist. Nach eineinhalb Jahren Aufenthalt in E._______ [europ. Staat], also im April 2006, seien sie wi e- der zurückgekehrt, na chdem sie erfahren hätten, dass die Mutter (der Beschwerdeführerin) im Sterben liege. Nachdem sie aus E._______ [eu- rop. Staat] zurückgekehrt seien, habe sie Besuch von russischen Bea m- ten erhalten. Sie hätten ihr viele Fotos gezeigt und wissen wollen, ob si e jemanden auf den Fotos in E._______ [europ. Staat] gesehen habe. Die Beamten hätten auch ihren Mann mitnehmen wollen, doch dieser habe es geschafft, fortzulaufen. Am 3. Dezember 2009 sei sodann das Haus ihrer Mutter angezündet worden, mit der Folge, dass diese fortan bei Verwand- ten habe leben müssen. Sie wolle auf keinen Fall nach Russland zurüc k- kehren, da sie Angst um ihre Kinder habe. Da ihr Mann und ihr Sohn mit den Rebellen sympathisierten, würden diese bestimmt von den Russen abgeholt, falls sie zurü ck müssten. Sie zweifle daran, dass sie sie dann jemals wiedersähe. E-4413/2011 Seite 4 Der Beschwerdeführerin wurde auf Darstellung des Reiseweges hin (vgl. Angaben des Ehemannes) ebenfalls das rechtliche Gehör zu einer allfä l- ligen Zuständigkeit eines anderen Staates ( F._______ [europ. Staat] , G._______ [europ. Staat] oder E._______ [europ. Staat] ) gewährt. Sie gab an, ausser nach E._______ [europ. Staat] in keinen der Transitsta a- ten zurückkehren zu wollen. Sie reichte E._______ Asylakten (einen B e- scheid sowie einen Beschlu ss [Ablehnung der Beschwerde]) zu den A k- ten und gab dazu an, sie habe in E._______ [europ. Staat] nicht erwähnt, dass ihre Brüder auch Rebellen gewesen seien; dies sei wahrscheinlich ein Fehler gewesen. Die Tochter führte – ihrerseits nach den Gründen der Ausreise aus Tsche- tschenien gefragt – an, ihr Bruder sei im Heimatland bedroht worden, von wem wisse sie nicht. Sie sei klein gewesen und wisse nur, dass ihr Br u- der abgeholt worden sei. Er sei zusammengeschlagen und irgendwo hi n- geworfen worden. Weiter habe ihr die Mutter erzählt, dass auch der Vater Probleme gehabt habe. Sie selbst habe demgegenüber persönlich gar keine Probleme gehabt. Sie glaube daher nicht, dass sie sich bei einer Rückkehr in Gefahr befinden würde. Ihr Vater und ihr Bruder dürften j e- doch nicht zurückkehren. Auch der Tochter wurde das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Zuständigkeit eines der Transitländer gewährt. Sie gab dazu an, sie würde gerne in E._______ [europ. Staat] leben. Sie wolle je- doch weder nach F._______ [europ. Staat] noch nach G._______ [europ. Staat] gehen, zumal ihr Vater in F._______ [europ. Staat] Probleme habe. Die Beschwerdeführenden wurden am 12. Januar 2010 mittels Merkblatt unter Androhung der Möglichkeit eines Nichteintretensentscheides aufge- fordert, gültige Reise- oder Identitätspapiere zu den Akten zu reichen. Die Beschwerdeführenden gaben an, ihre Ausweispapiere (Ausland - und In- landpässe) seien in F._______ [europ. Staat] und G._______ [europ. Staat] bei den Behörden zurückgeblieben. B. Gemäss den eingereichten Unterlagen eines E._______ [europ. Staat]ischen Krankenhauses war der Beschwerdeführer in E._______ [europ. Staat] vom 7. Dezember 2009 bis 7. Januar 2010 wegen Lunge n- tuberkulose hospitalisiert. Am 20. Januar 2010 wurden diesbezüglich wei- tere Abklärungen im Spital (…) getroffen. C. Am 1. März 2010 ersuchte das BFM das Dublin Office in F._______ [eu-E-4413/2011 Seite 5 rop. Staat] angesichts der Eurodac -Treffer aus (…) um Rückübernahme der Beschwerdeführenden im Rahmen des Dublin -Übereinkommens. Mit Antwortschreiben vom 11. März 2010 erklärte sich F._______ [europ. Staat] für unzuständig und betonte, die Zuständigkeit für das Asylverfa h- ren liege gestützt auf die Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung von Kriterien und V erfahren zur B e- stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines Asylantrags z u- ständig ist, den ein Staatsangehöriger eines Drittlandes in einem Mi t- gliedstaat gestellt hat (Dublin -II-Verordnung), bei G._______ [europ. Staat]. D. Am 11. März 2011 ersuchte das BFM auch das Dublin Office G._______ [europ. Staat] angesichts der Eurodac-Treffer aus (…) um Rückübernah- me der Beschwerdeführenden. Mit Antwortschreiben vom 19. März 2010 verneinte das Dublin Office G._______ [europ. Staat] seine Zuständigkeit aufgrund des Untertauchens der Beschwerdeführenden und deren zw i- schenzeitlicher Asylgesuchstellung in E._______ [europ. Staat] (innerhalb der noch laufenden Überstellungsfrist) und teilte mit, es erachte weiterhin F._______ [europ. Staat] als zuständig. E. Am 23. März 2010 richtete das Dublin Office Schweiz gestützt auf die Eu- rodac-Treffer vom 10. April und 19. August 2009 ein Übernahmeersuchen an die E._______ [europ. Staat] Behörden. Mit Antwortschreiben vom 20. April 2010 verneinte das [Behörde von E._______] seine Zuständigkeit. F. Am 12. Mai 2012 ersuchte das Dublin Office Schweiz die F._______ Be- hörden um Wiedererwägung ihres ablehnenden Entscheides betreffend Rückübernahme der Beschwerdeführenden. Mit Antwortschreiben vom 4. Juni 2010 hielten die F._______ Behörden an ihrem negativen Entscheid fest. Das BFM nahm in der Folge das inländische Verfahren auf. G. Am 5. Juli 2010 führte das BFM mit den Beschwerdeführenden eine ei n- lässliche Anhörung gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG durch. Der Beschwerde- führer gab dabei zu Protokoll, er habe (nur) im ersten Krieg die Rebellen unterstützt, indem er ihnen Lebensmittel und Unterkunft gewährt habe. Im April 2004 sei es zu einer Bombenexplosion in der Nähe seines Hauses gekommen, bei welcher zwei russische Soldaten verletzt und zwei getötet E-4413/2011 Seite 6 worden seien. Er und sein Sohn seien kurz darauf vom Militär und von tschetschenischen Untersuchungsrichtern befragt worden, welche ins Haus eingedrungen seien. Drei oder vier Tage später sei sein Sohn von uniformierten Tschetschenen frühmorgens entführt worden. Ein paar Tage später beziehungsweise am nächsten Tag beziehungsweise zwei Tage später sei er in einem Vorort, brutal zusammengeschlagen, gefunden und von irgendwelchen Leuten nach Hause gebracht worden. Die Entführer hätten vom Sohn w issen wollen, wer an der Explosion beteiligt gewesen sei. Seither seien sie regelmässig mittels Briefen mit dem Tod bedroht worden, für den Fall, dass sie weiterhin die Rebellen unterstützen wü r- den. An anderer Stelle gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, nur sein Sohn sei bedroht worden, letztmals im Jahre 2004. Er habe deshalb b e- schlossen, die Familie ins Ausland in Sicherheit zu bringen. Während die Familie nach E._______ [europ. Staat] gereist sei, habe er seine Wo h- nung verkauft, um damit seine eigene Ausreise zu finanzieren. Auch sei in dieser Zeit gerade seine Mutter verstorben. Die Frau und die Tochter se i- en im Sommer 2006 nochmals zurückgekehrt und danach seien sie z u- sammen ausgereist. Dem Beschwerdeführer wurde zu den zahlreichen Divergenzen, die sich aus dem Vergleich mit den Angaben anlässlich der Befragung zur Person (BzP) ergeben, das rechtliche Gehör gewährt. Er berief sich dabei jeweils auf Missverständnisse. Zur Untermauerung der Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden diverse E._______ Doku- mente ein. Die Beschwerdeführerin wies anlässlich der einlässlichen Anhörung da r- auf hin, dass sie Unterlagen abgegeben habe, die beweisen würden, dass einer ihrer Brüder zur Suche ausgeschrieben sei und von ihm jede Spur fehle. Auch ihre weiteren vier B rüder habe sie im Krieg verloren. Diese hätten in den Jahren 1995 und 1996 an der Seite von Zakaev g e- kämpft. Sie bitte darum, diesen Zakaev für weitere Informationen zu ko n- sultieren. Auch ihr Sohn habe in Tschetschenien Probleme gehabt, sei er doch im Oktober 2004 festgenommen worden. Von ihrem Mann habe sie erfahren, dass ihr Sohn zusammengeschlagen und in einem Vorort g e- funden worden sei. Nach Problemen ihres Mannes gefragt, gab die B e- schwerdeführerin an, sie wisse nicht viel darüber; von Verwandten habe sie erfahren, dass er mehrmals angehalten und misshandelt worden sei. Sie selbst habe in Tschetschenien mit keiner Gruppierung oder Behörde Probleme gehabt. Einzig als sie von E._______ [europ. Staat] zurückge- kehrt seien, seien sie in Dagestan an der Grenz e aufgefordert worden, Personen in Fotoalben als Rebellen zu identifizieren. Zu Hause seien ihr, entgegen ihren Aussagen in der BzP , nie irgendwelche Fotos von Rebel-E-4413/2011 Seite 7 len gezeigt worden. Nach dem Grund gefragt, weshalb sie und ihre Toc h- ter Tschetschenien ver lassen hätten, obwohl sie selbst keine Probleme gehabt hätten und ihr Mann seit der Spitalentlassung ein Jahr vor der Ausreise ebenfalls keine Schwierigkeiten mehr gehabt habe, führte die Beschwerdeführerin aus, sie habe ihren Sohn nicht alleine lassen wol len, da dieser sie brauche. Sie habe im Übrigen befürchtet, ihren Sohn zu ver- lieren, wenn dieser weiterhin im Land geblieben wäre. Die Tochter führte ihrerseits aus, sie habe Tschetschenien im Jahr 2004 zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter erstmals v erlassen, weil ihr Bruder damals Probleme gehabt habe. Im Jahr 2007 seien sie nach der vorherigen Rückkehr nach Tschetschenien erneut ausgereist, weil damals ihr Vater Schwierigkeiten gehabt habe. Sie selbst habe in Tschetschenien nie irgendwelche Probleme gehabt. Von den Problemen ihres Bruders habe sie nur eine Festnahme mitbekommen. Damals sei er mit der B e- gründung mitgenommen worden, es handle sich um eine Passkontrolle. Zwei Tage später sei er auf der Strasse gefunden und nach Hause g e- bracht worden. An konkrete Probleme des Vaters könne sie sich nicht e r- innern; sie wisse aber, dass dieser Probleme gehabt hätte, wenn sie we i- ter geblieben wären. H. Mit Entscheid vom 14. Juli 2011, eröffnet am 16. Juli 2011, wies das BFM die Asylgesuche der Beschwerdeführe nden ab und ordnete deren We g- weisung samt Vollzug an. Zur Begründung führte es aus, deren Vorbri n- gen vermöchten Art. 7 AsylG an die Glaubhaftigkeit nicht zu genügen. Zudem erweise sich der Wegweisungsvollzug als zulässig, zumutbar und möglich. Auf die Begründung wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. I. Mit Eingabe vom 10. August 2011 an das Bundesverwaltungsgericht e r- hoben die Beschwerdeführenden gegen den Entscheid des BFM vom 14. Juli 2011 durch ihre Rech tsvertreterin Beschwerde. Sie beantragten, der Entscheid des BFM sei in den Dispositivpunkten 3 und 4 (recte 4 und 5) aufzuheben. Es sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges festzustellen und die vorläufige Aufnahme an zu- ordnen. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten und es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren. Der Eingabe l a- gen eine Fürsorgebestätigung, und zwei ärztliche Berichte über den stati- onären Aufenthalt der Beschwerdeführerin in einer psychiatrischen Klinik E-4413/2011 Seite 8 vom 1. – 14. Juli 2011, datierend vom 14. und 21. Juli 2011 , und zur ge- sundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin bei. Auf diese wird in den nachstehenden Erwägungen eingegangen. J. Mit verfahrensleitender Verfügung der zus tändigen Instruktionsrichterin vom 16. August 2011 wurde den Beschwerdeführenden mit geteilt, sie könnten den Ausgang des Asylverfahrens in der Schweiz abwarten. S o- dann wurde festgestellt, die Verfügung des BFM sei mangels Anfechtung betreffend die Verneinu ng der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisungsanordnung als solche in Rechtskraft erwachsen. Gegen s- tand des vorliegenden Verfahrens sei einzig die Frage, ob das BFM den Wegweisungsvollzug zu Recht angeordnet habe. Sodann wurde auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet und das Gesuch um G e- währung der unentgeltlichen Prozessführung auf einen späteren Zei t- punkt verwiesen. Gleichzeitig wurde d as BFM zur Vernehmlassung zur Beschwerde eingeladen. K. In seiner Vernehmlassung vom 31. August 2011 beantragte das BFM die Abweisung der Beschwerde. L. Mit Eingabe vom 19. September 2011 nahmen die Beschwerdeführenden zur Vernehmlassung Stellung und reichten einen Schulbericht die Tochter betreffend zu den Akten. Am 28. September 2011 reichten sie ein en ärzt- lichen Bericht die Beschwerdeführerin betreffend vom 27. September 2011 nach. M. Am 2. März 2012 reichten die Beschwerdeführenden drei ärztliche B e- richte, datierend vom 23. und 25. Januar 2012 sowie 22. Februar 2012, zu den Akten. N. Mit Eingabe vom 2 1. Juni 2012 reichten die Beschwerdeführenden einen weiteren ärztlichen Bericht vom 26. April 2012 die Beschwerdeführerin betreffend zu den Akten. Diesem ist eine weitere stationäre Behandlung der Beschwerdeführerin in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für die Dauer vom 4. – 25. April 2012 zu entnehmen. E-4413/2011 Seite 9 O. Im Rahmen eines zweiten Vernehmlassungsverfahrens beantragte das BFM am 29. Juni 2012 erneut die Abweisung der Beschwerde. P. Mit Eingabe vom 18. Juli 2012 nahmen die Beschwerdeführenden durch ihre Rechtsvertreterin zur zweiten Vernehmlassung des BFM Stellung. Der Eingabe lag ein Schulbericht vom 9. Juli 2012 die Tochter der B e- schwerdeführenden betreffend bei. Q. Mit Eingabe vom 8. Oktober 2012 reichten die Beschwerdeführenden e i- nen Praktikumsvertrag die Tochter betreffend, datierend vom 21. August 2012, zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgerich t Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverw altungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet im Asylbereich endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsers u- chens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bun desgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine derartige Konstellation ist vorliegend nicht gegeben. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das AsylG und das VGG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2. Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorins tanz teilg e- nommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungswei- se Änderung; sie sind daher zur Einreichung der Besch werde legitimiert E-4413/2011 Seite 10 (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 4. Die Verfügung des BFM ist bezüglich der Frage des Asyls und der Anord- nung der Wegweisung als solche in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist einzig di e Frage, ob das BFM den We g- weisungsvollzug zu Recht angeordnet hat. 5. 5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestim mungen über die vorläufi ge Aufnahme von Au s- ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). 5.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflich tungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittst aat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge - zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerisc hen Eid- genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überei n- kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf niemand in einen Staat ausgeschafft werden, in dem ihm Folter oder eine andere Art unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung droht. E-4413/2011 Seite 11 Weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden noch aus den Akten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Ausscha f- fung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN -Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefährdung ("real risk") nachweisen oder zumindest glaubhaft machen, dass ihnen im Falle einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Dies ist ihnen mit der unglaubhaften D arstellung der Ausrei- segründe nicht gelungen. Auch sonst sind keine Anh altspunkte für eine menschenrechtswidrige Behandlung im Sinne von Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grun d- freiheiten (EMRK, SR 0.101) ersichtlich, die ihnen in Russland drohen könnte. Der Vollzug der Wegweisung erscheint daher in Betrachtung der mass - geblichen völker- und landesrechtlichen Bestimmungen als zulässig. 5.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Neben den im Gesetz be i- spielhaft aufgezählten Faktoren können namentlich auch die B eeinträch- tigung des Kindswohls bei minderjährigen Gesuchstellern oder eine Kombination von Faktoren wie Alter, Beeinträchtigung der Gesundheit, fehlendes Beziehungsnetz, keine ausreichenden wirtschaftlichen Pe r- spektiven etc. von Bedeutung sein, immer vorau sgesetzt, dass sie zu e i- ner konkreten Gefährdung führen. Wird eine solche festgestellt, ist unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Auslä n- der vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 5.3.1 Das BFM führte zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvol l- zugs aus, die Sicherheitslage in Tschetschenien habe sich in den letzten Jahren kontinuierlich und nachhaltig verbessert. Es herrsche heute keine Situation allgemeiner Gewalt meh r. Parallel zur Stabilisierung der Siche r- heit habe sich auch die Menschenrechtslage deutlich verbessert. Wahll o- se Personenkontrollen und Inhaftierungen durch das russische Militär E-4413/2011 Seite 12 kämen nicht mehr vor. Drastisch zurückgegangen seien vor allem auch die Fäll e von Verschwinden -Lassen und Entführungen von Personen. Nach Einschätzung der UNO und des Internationalen Komitees des R o- ten Kreuzes (IKRK) bestehe heute in Tschetschenien auch keine humani- täre Krise mehr. Die medizinische Grundversorgung sei mittlerweile wie- der gewährleistet. Aus Russland, aber auch aus Europa würden vermehrt Personen unterschiedlichen Profils freiwillig nach Tschetschenien zurück- kehren. Die Rückkehr von abgewiesenen Asylsuchenden nach Tsch e- tschenien sei daher grundsätzlich zumutbar. Zudem sprächen auch keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Den eingereichten Bestätigungen über einen Spitalaufenthalt des B e- schwerdeführers in E._______ [europ. Staat] im Dezember 2010 und im Januar 2011 sei keine Notlage i m Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu en t- nehmen, zumal die in E._______ [europ. Staat] abgeschlossene Behand- lung – sofern überhaupt noch nötig – ohne Weiteres auch im dessen Heimatland fortgesetzt werden könne. Zudem ergäben sich aus den A k- ten keine konkreten Anhaltspunkte, aufgrund derer allenfalls geschlossen werden könnte, die Beschwerdeführenden gerieten im Falle ihrer Rüc k- kehr in ihr Heimatland aus individuellen Gründen wirtschaftlicher , sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine ihre Existenz bedrohende Situation. Sie verfügten nämlich über mannigfaltige berufliche Erfahrungen auf ve r- schiedenen Gebieten. Es sei ihnen daher zuzumuten, sich wieder in i h- rem Heimatland niederzulassen, zumal aufgrund ihrer unglaubhaften A n- gaben davon auszugehen sei, dass sie ihr Heimatland aus anderen als den vorgebrachten Gründen verlassen hätten. Demnach sei vorliegend die Anordnung des Vollzugs der Wegweisung als zumutbar zu erachten. Ausserdem sei der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und pra k- tisch durchführbar. 5.3.2 In der Beschwerde vom 10. August 2011 nahm die Rechtsvertreterin einerseits zur Lage in Tschetschenien und andererseits zur individuellen Situation der Beschwerdeführenden Stellung. Sie führte aus, die ang e- führte Lagebeurteilung widerspreche derjenigen des Bu ndesverwaltungs- gerichts im Urteil vom 15. April 2011 in E-969/2007. In diesem Urteil habe sich das Bundesverwaltungsgericht sehr skeptisch zur politischen Situat i- on im Nordkaukasus, insbesondere der Republik Dagestan, geäussert, und von einer Verschlechter ung der Lage gesprochen. Aus dieser Ei n- schätzung gehe hervor, dass sich die Lage in Tschetschenien nicht w e- sentlich von derjenigen in Dagestan unterscheide. Die Rechtsvertreterin machte sodann Ausführungen zur gesundheitlichen Situation der B e- schwerdeführerin. Diese habe vor Kurzem wegen eines Suizidversuchs E-4413/2011 Seite 13 für zwei Wochen in einer Klinik hospitalisiert werden müssen. Ein beig e- legter Arztbericht schliesse einen weiteren Suizidversuch im Falle einer Belastungssituation nicht aus. Die Beschwerdeführerin leid e unter and e- rem unter einer starken Depression und einer posttraumatischen Bela s- tungsstörung. Zur Zeit sei sie regelmässig in therapeutischer Behandlung bei Dr. med. H._______ . Eine Rückkehr nach Tschetschenien würde aller Voraussicht nach den Gesundheits zustand der Beschwerdeführerin e r- heblich verschlechtern. Der Bericht der Klinik zeige auf, dass eine solche Stresssituation eine akute Suizidalität auslösen könne. Von Reisefähigkeit könne in einem solchen gesundheitlichen Zustand nicht ausgegangen werden. Es sei wichtig, dass die begonnene Psychotherapie weiter g e- führt werden könne. Es stelle sich die Frage, inwiefern die Beschwerd e- führerin in ihrem Herkunftsland Zugang zu adäquater medizinischer Hilfe hätte. Gemäss Einschätzung der Schweizerischen Flüchtl ingshilfe seien Menschen mit psychischer Erkrankung einer starken sozialen Stigmatisie- rung ausgesetzt. Deren Bericht beziehe sich auch auf Behandlungsmö g- lichkeiten in St. Petersburg und zeige auf, dass dort nur wenig Zugang zu therapeutischer Behandlung be stehe. Es sei kaum davon auszugehen, dass die Behandlungsmöglichkeiten beziehungsweise der Zugang dazu in Grosny besser seien. Auch wenn das BFM nicht von einer humanitären Krise in Tschetschenien ausgehe, so müsse genau geprüft werden, ob die Rückkehr im Einzelfall zumutbar sei. Die Beschwerdeführenden seien aufgrund des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin in einer schwierigen Situation. Dass sie sich ein menschenwürdiges Leben au f- bauen könnten, sei fraglich. Es werde der Beschwerdeführerin kaum möglich sei, mit ihrem gesundheitlichen Zustand ein ausreichendes Ei n- kommen zu generieren. Zudem sei zu berücksichtigen, dass die B e- schwerdeführenden seit 2004 nicht mehr in D._______ lebten und sie dort kaum über ein Beziehungsnetz verfügten, welches sie un terstützen könnte. Weiter sei vorliegend auch das Kindswohl zu berücksichtigen. Als die Beschwerdeführerin Tschetschenien mit ihren Kindern verlassen h a- be, sei die Tochter (…) Jahre alt gewesen. Abgesehen von der neunm o- natigen Rückkehr im Jahr 2006/2007 habe diese die prägenden Jahre der Pubertät nicht in Tschetschenien verbracht, sondern in E._______ [europ. Staat] und der Schweiz. Das Mädchen besuche hier die (…)schule und spreche fliessend Deutsch. Eine Wiedereingliederung in Tschetschenien würde sich sehr schwierig gestalten. Aus all diesen Gründen sei den B e- schwerdeführenden die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewä h- ren. E-4413/2011 Seite 14 5.3.3 In seiner Vernehmlassung vom 31. August 2011 beantragte das BFM die Abweisung der Beschwerde. Konkret führte es aus, aufgrund gesundheitlicher Probleme könne nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges geschlossen werden, wenn eine notwendige m e- dizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung stehe und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträcht igung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person führen würde. Dabei werde als wesentlich die allgemeine und dringende medizinische B e- handlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz absolut notwendig sei. Unzumutbarkeit li ege dann nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat die notwendige Behandlung sicher- gestellt sei. Zum Austrittsbericht der Klinik führte das BFM an, dieser vermöge an der Zumutbarkeit der Wegweisung nichts zu ändern, zumal sich die behandelnden Ärzte i n ihren Beurteilungen bezüglich der Urs a- chen der psychischen Probleme offenbar vollumfänglich auf die unverif i- ziert übernommenen, anamne stischen Angaben der Beschwerdeführerin abstützten. Der Beweiswert der erstellten psychiatrischen Diagnose sei deshalb, zumindest hinsichtlich der psychiatrischen Erkrankung der B e- schwerdeführerin, als gering zu bezeichnen. Angesichts der Unglaubha f- tigkeit des Sachvortrages bestehe keine schlüssige positive Indizienkette zwischen der erstellten psychiatrischen Diagnose und den Verfolgungs- vorbringen. Auffallend sei zudem, dass die Beschwerdeführerin ihre ps y- chischen Probleme im erstinstanzlichen Verfahren gar nicht erwähnt h a- be. Es sei deshalb davon auszugehen, dass ihre neulich aufgetretenen, psychischen Probleme in erster Linie auf den negativen Asylentscheid zu- rückzuführen seien. Die im Klinikbericht vom 21. Juni 2011 prognostizierte Retraumatisierung der Beschwerdeführerin im Falle des Vollzugs der Wegweisung sei vor diesem Hintergrund dahingehend zu relativieren, als dass nicht davon ausgegangen werden könne, eine allfällige Retraumat i- sierung stünde in einem ursächlichen Zusammenhang mit den angeg e- benen Übergriffen, wie dies die Ärzte anzunehmen schienen. Auch unter Berücksichtigung der zeitweiligen, offensichtlich mit der bevorstehenden Rückführung in den Heimatstaat zusammenstehenden Verschlimmerung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin sei von grundsätzl i- cher Behandelbarkeit ihrer Probleme im Heimatstaat auszugehen. N a- mentlich in D._______, wo die Beschwerdefüh rerin vor ihrer Ausreise mehrere Jahre gewohnt habe und über ein soziales Netz verfüge, sei s o- wohl ambulante als auch stationäre psychiatrische Behandlung gewäh r- leistet. Im Rahmen eines nationalen Projekts sei das Gesundheitssystem in Tschetschenien sodann konsolidiert worden und befinde sich die med i- zinische Versorgung bereits wieder auf Vorkriegsniveau. Die Europäische E-4413/2011 Seite 15 Kommission, welche seit 1999 Finanzmittel für humanitäre Hilfe und Wi e- deraufbau zur Verfügung gestellt habe, betrachte die Unterstützung d er medizinischen Grundversorgung als nicht mehr notwendig. Seit über zwölf Jahren seien verschiedene humanitäre und andere Nichtregi e- rungsorganisationen in der medizinischen Versorgung in Tschetschenien tätig. Gemäss allgemein zugänglichen Informationen kö nnten psychische Erkrankungen beispielsweise im Republikambulatorium in Grosny, im Re- publikkrankenhaus in Zakan -Jurt oder im Darbachi n- Republikkrankenhaus in Braguny behandelt werden. Zudem gebe es im benachbarten Dagestan 36 regionale Zentralkrankenhäuser , drei interre- gionale Krankenhäuser, 102 Distriktkrankenhäuser, fünf zentrale regiona- le Polikliniken sowie 175 Polikliniken. Aufgrund des eingereichten Arztb e- richtes sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in medik a- mentöser Therapie (Antidepressiva, Tranquilizer) und stützender Psycho- therapie stehe. Eine akute Suizidalität liege nicht vor. Angesichts der b e- stehenden medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung sei davon auszugehen, dass auf die befürchtete Suizidalität gleichfalls mit Medikamenten und anderen therapeutischen Massnahmen eingewirkt werden könne. Die medikamentöse Dämpfung allfälliger suizidaler Te n- denzen der Beschwerdeführerin könne mit einer adäquaten medizin i- schen Rückkehrhilfe gewährleistet werden, welche allenfalls mit eine r durch medizinisches Fachpersonal begleiteten Ausschaffung zu verbi n- den sei. Eine amtsärztlich bescheinigte, dauernde Reiseunfähigkeit liege jedenfalls nicht vor. Somit bilde auch eine allfällige Suizidalität der B e- schwerdeführerin kein völkerrechtliches Wegweisungshindernis. Anders zu entscheiden hiesse, dass ein vom Wegweisungsvollzug betroffener Ausländer es jederzeit in der Hand hätte, unter Berufung auf eine tatsäch- liche oder vermeintliche Suizidgefahr ein Aufenthaltsrecht zu erzwingen. Zukunftsängste und das Verfallen in Depressionen nach rechtskräftiger Vollzugsanordnung seien zudem nichts Aussergewöhnliches. Weiter führ- te das BFM aus, auch die somatisch bedingten Gesundheitsprobleme stellten kein Hindernis im Wegweisungsvollzug dar, da sie nicht lebensge- fährdend seien und eine adäquate Behandlung im Heimatland gewäh r- leistet sei. Insgesamt bestünden daher keine Anhaltspunkte für eine ko n- krete Gefährdung. An dieser Betrachtungsweise vermöchten auch die weiteren Ausführungen, namentlich diejenigen über die Tochter der B e- schwerdeführenden, nichts zu ändern. Eine Verwurzelung in der Schweiz könne zwar eine reziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem eine starke Assimilierung in der Schweiz eine Entwurzelung im Heim atstaat zur Folge haben könne, we l- che unter Umständen die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen E-4413/2011 Seite 16 lasse. Angesichts der bloss zweijährigen Aufenthaltsdauer liege eine mit dem Zumutbarkeitsgedanken beziehungsweise dem Kindswohl nicht zu vereinbarende Entwurzelungssituation aber nicht vor. 5.3.4 Auf Replikebene führte die Rechtsvertreterin dazu aus, die B e- schwerdeführerin sei bereits vor dem negativen BFM -Entscheid wegen ihrer psychischen Probleme hospitalisiert worden. Der vom BFM ang e- führte Zusammenhang zwischen dem negativen Entscheid und dem ps y- chischen Zusammenbruch der Beschwerdeführerin sei daher in Frage zu stellen. Betreffend Kindswohl sei sodann auf den Bericht der Sekunda r- schule zu verweisen, wonach sich die Tochter trotz vergleichsweise ku r- zem Aufenthalt in der Schweiz gut integriert habe und sehr motiviert die Schule besuche. Es sei zu bezweifeln, dass sie bei einer Rückkehr nach Tschetschenien ihre schulische Ausbildung beenden könne. 5.3.5 Die Rechtsvertreterin reichte am 28. September 2011 einen Berich t von Dr. med. H._______ , FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 27. September 2011 zu den Akten. Diesem ist zu entnehmen, dass die B e- schwerdeführerin bereits in E._______ [europ. Staat] in psychiatrischer Behandlung gewesen sei und eine solche in der Sc hweiz Mitte Mai 2011 wieder aufgenommen habe. Am 30. Juni 2011 habe die Beschwerdefü h- rerin einen Suizidversuch verübt, indem sie grosse Mengen des ihr ve r- ordneten Antidepressivums geschluckt habe. Sie habe in der Folge vom 1. – 14. Juli 2011 hospitalisiert werden müssen. Nach der Hospitalisierung sei allmählich eine Aufhellung der depressiven Stimmung erfolgt. Die B e- schwerdeführerin neige jedoch bei psychischen Belastungen zu dissozi a- lem Verhalten (sie laufe ohne Schuhe herum, erkenne die Angehörigen nicht mehr) und klage weiterhin über wiederkehrende quälende Erinn e- rungen an den Druck seitens der Sicherheitskräfte im Heimatland sowie an den Dauerzustand heftiger Angst um die Familienangehörigen. Die Ärztin diagnostizierte bei der Beschwerdeführerin eine Pos ttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und führte weiter aus, dass die Suizidgeda n- ken und die Neigung zu dissoziativem Verhalten bei kontinuierlicher B e- handlung aufgefangen und unter Kontrolle gehalten werden könnten. O h- ne Behandlung müsse mit einer sich s chnell verschlechternden depressi- ven Verfassung und einer im ambulanten Rahmen nicht kontrollierbaren Suizidalität gerechnet werden. Die Beschwerdeführerin benötige abges e- hen von der Medikation, die ihr auch von anderen Ärzten in einer anderen Lokalität abgegeben werden könne, eine relativ engmaschige psychoth e- rapeutische Führung, da sie schnell die Kontrolle verliere. Für den Fall der Rückkehr in ihr Heimatland sei mit einer massiven Verschlechterung E-4413/2011 Seite 17 ihres Zustandes zu rechnen, da sie sich erneut der dauernden Bedrohung durch Übergriffe der staatlichen Sicherheitskräfte ausgesetzt sähe. A b- schliessend erklärte sie die Beschwerdeführerin für nicht reisefähig hi n- sichtlich der Rückkehr in ihr Heimatland, da sie unter psychischer Bela s- tung schnell die Selbstkont rolle verliere. Ob Behandlungsmöglichkeiten im Heimatland bestünden, sei ihr nicht bekannt. 5.3.6 Am 2. März 2012 reichte die Beschwerdeführerin ein weiteres ärztli- ches Zeugnis zu den Akten, bei welchem es sich um einen vorläufigen Austrittsbericht aus dem Sana torium (…) handelt. Diesem ist zu entne h- men, dass sich die Beschwerdeführerin vom 13. bis zum 25. Januar 2012 dort in stationärer Behandlung befunden habe, als Folge einer erneuten Medikamentenintoxikation in suizidaler/appelativer Absicht am 12. Januar 2012, welche zuerst zu einer Einlieferung in ein Spital geführt habe. Als weitere Diagnosen wurden eine akute Belastungssituation mit passag e- rer, dissoziativer Amnesie sowie eine rezidivierende depressive Störung mit somatischem Syndrom in gegenwärtig mittel gradiger Episode und ein Verdacht auf PTBS gestellt. Als somatische Diagnosen enthält der Bericht eine Polysynovitis, ein thorako -lumbovertebrales Schmerzsyndrom, eine Euthyreote Strume nodosa, einen Status nach Autounfall im Jahre 1989, einen Status nach Diskushernien-Operation, einen Status nach Hepatitis B im Jahre 1989 und einen Status nach latenter Tuberkulose. Die B e- handlung im Sanatorium (…) sei in der Form von Krisenintervention, Pharmakotherapie, Abklärung und aktivierender Therapie erfolgt. Dem Bericht sind weiter folgende Hintergründe zur Situation der Beschwerd e- führerin vor ihrer Ausreise im Heimatland zu entnehmen: Sie sei in Tsche- tschenien zwangsverheiratet worden und habe viel Schlimmes erlebt. Diagnostisch sei von einer komplexen PTBS auszuge hen, gegebene n- falls mit einer Persönlichkeitsveränderung und einer rezidivierenden d e- pressiven Störung. Aktuell sei die Beschwerdeführerin psychisch deko m- pensiert gewesen, da ihr Sohn in E._______ [europ. Staat] von der Aus- schaffung nach Russland bedroht g ewesen und sie selber Opfer eines Diebstahls geworden sei. 5.3.7 Am 21. Juni 2012 reichte die Rechtsvertreterin einen weiteren B e- richt des Sanatoriums (…) zu den Akten, welchem zu entnehmen ist, dass die Beschwerdeführerin auf Zuweisung von Dr. med. H._______ hin dort erneut vom 4. bis zum 25. April 2012 hospitalisiert war. Die B e- schwerdeführerin habe angegeben, vermehrt unter der Trennung von i h- rem Sohn und dessen stattgefundener Ausschaffung nach Russland zu leiden. Sie neige zum Grübeln und leide an Schlaflo sigkeit. Zudem habe E-4413/2011 Seite 18 sie vermehrt Kopfschmerzen und eine ständige Angst. Von Suizidalität habe sie sich bei Eintritt klar distanziert. Der biographischen Anamnese ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin zweimal von Männern entführt und vergewaltigt wo rden sei. Einen dieser Männer habe sie he i- raten müssen. Sie sei beide Male schwanger geworden, das eine Kind habe sie mittels Wodka abgetrieben, das andere sei ihr weggenommen worden und bald gestorben. Die Familie habe sie dann mit dem jetzigen dritten Ma nn verheiratet, welche sie auch viel geschlagen, nicht für die Familie geschaut und nicht gearbeitet habe. Sie habe ihre Brüder in den Kriegen verloren, und als schliesslich auch ihr Sohn verschleppt worden sei, habe sie mittels Suiziddrohung die Ausreise nach E._______ [europ. Staat] bewirkt. Weil sie zur Pflege der Mutter wieder zurückgekehrt seien, hätten sie in E._______ [europ. Staat] ihre Aufenthaltsbewilligungen ver- loren. Unter dem Titel "Therapie und Verlauf" ist dem Austrittsbericht zu entnehmen, d ass sich der Allgemeinzustand der Beschwerdeführerin rasch verbessert habe. Neben Einzelgesprächen und Pharmakotherapie habe die Beschwerdeführerin an paramedizinischen Behandlungen wie einer Sport - und Bewegungstherapie teilgenommen. Zur Etablierung e i- ner Tagesstruktur sei ihr ein Aufenthalt in einer Tagesklinik oder der B e- such einer ambulanten Ergotherapiegruppe empfohlen worden. Diese Angebote habe sie jedoch unter anderem infolge Sprachbarrieren z u- rückgewiesen. Ein bevorzugter Sprachkurs sei ihr nicht b ezahlt worden. Aufgrund fehlender akuter Selbst- oder Fremdgefährdung und bei geäus- sertem Wohlbefinden habe die Beschwerdeführerin in stabilem Allg e- meinzustand in die häusliche Umgebung entlassen werden können. 5.3.8 In einer weiteren Vernehmlassung vom 29. Juni 2012 hielt das BFM fest, den eingereichten Arztberichten sei zu entnehmen, dass der stati o- nären Behandlung der Beschwerdeführerin ein rein situativ bedingter, in appellativer Absicht begangener Suizidversuch zu Grunde gelegen habe. Im zweiten Arztbericht sei ausdrücklich festgehalten, dass sich die B e- schwerdeführerin von Suizidalität klar distanziere und in einem stabilen Allgemeinzustand aus der Klinik entlassen worden sei. Die Beschwerd e- führerin sei offenbar bereit, die Suiziddrohung jeweils für die Err eichung ihrer Ziele einzusetzen. So sei dem Arztbericht vom 26. April 2012 zu entnehmen, dass sie die Flucht der ganzen Familie mit ebendieser Dr o- hung erzwungen habe. Es sei daher im vorliegenden Fall davon ausz u- gehen, dass die Suizidalität der Beschwerdef ührerin primär auf eine punktuelle Drucksituation und nicht auf eine psychische Erkrankung z u- rückzuführen sei. Allfälligen suizidalen Tendenzen im Rahmen einer Rückkehr könne medikamentös oder mit einer adäquaten medizinischen E-4413/2011 Seite 19 Begleitung begegnet werden. A uch einer allfälligen psychischen Deko m- pensation könne mit geeigneter psychiatrischer Betreuung im Zeitraum der Rückschaffung begegnet werden. Hinsichtlich der Behandlungsmö g- lichkeiten im Heimatland verwies das BFM auf seiner frühere Verneh m- lassung. 5.3.9 In der Stellungnahme vom 18. Juli 2012 brachte die Rechtsvertrete- rin vor, das BFM verkenne die gesundheitliche Situation der Beschwerde- führerin. Diese sei durch ihre psychische Erkrankung sehr instabil und neige bei Belastungen zu dissoziativem Verhalten, was är ztlicherseits bestätigt worden sei. Das BFM sei in seinen Vernehmlassungen nicht auf die Diagnose PTBS eingegangen. Die Beschwerdeführerin stehe noch immer bei Dr. med. H._______ in Behandlung. Laut dieser sei die Suiz i- dalität, deren Ursache einer PTBS zu zuordnen sei, ein stetes Thema in der Therapie und trete nicht nur punktuell auf. Der psychische Zustand der Beschwerdeführerin erfordere eine enge psychotherpeutische Begle i- tung und Therapie. Es sei noch einmal daran erinnert, dass der Selbs t- mordversuch vor dem negativen Asylentscheid ergangen sei und bei e i- ner Rückkehr mir einer massiven Verschlechterung der Situation und Retraumatisierung gerechnet werden müsse. Sodann ersuchte die Rechtsvertreterin darum, im vorliegenden Fall bezüglich der Tochter das Kindswohl zu berücksichtigen. Die Tochter habe Tschetschenien im Alter von (…) Jahren verlassen und habe sich seither, von einem kurzen U n- terbruch abgesehen, ausschliesslich im westeuropäischen Kulturraum aufgehalten und dort die prägenden Jahre ihrer Kindh eit verbracht. In der Schweiz habe sie sich sehr gut eingelebt und spreche fliessend Deutsch. Nun habe sie das (…)schuljahr abgeschlossen. Sie habe sich sehr um eine Lehrstelle bemüht – aufgrund ihres unsicheren Status jedoch ve r- geblich. Sie beginne nun ei n (…) praktikum. Von ihrem Lehrer habe sie gute Referenzen, wie dem beiliegenden Bestätigungsschreiben entno m- men werden könne. Es sei wichtig, dass sie hier eine berufliche Ausbi l- dung ergreifen könne. Im Heimatland habe sie kaum eine Chance dazu, zumal sie Integrationsschwierigkeiten haben würde. 5.3.10 Am 8. Oktober 2012 reichte die Rechtsvertreterin einen Prakt i- kumsvertrag die Tochter der Beschwerdeführenden betreffend zu den Ak- ten. Diesem ist zu entnehmen, dass die Tochter in einem (…) vom 3. September 2012 bis zum 31. August 2013 ein Praktikum absolvieren könne. 6. E-4413/2011 Seite 20 6.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach einlässlicher Ausein - andersetzung mit den Akten und gestützt auf die nachfolgend genannten Quellen zur sicherheits - und gesundheitspolitischen Lage in T schetsche- nien und im restlichen Russland zum Schluss, dass das BFM den We g- weisungsvollzug zu Recht auch als zumutbar bezeichnet hat und sich dieser auch weiterhin – unter Berücksichtigung der erst auf Beschwerd e- ebene geltend gemachten Vorbringen – als zumutbar präsentiert. Für die nachfolgende Analyse hat sich das Bundesverwaltungsgericht massgeblich auf folgende Berichte und Urteile abgestützt: Internationale Organisation für Migration/Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Deutschland), Länderinformationsblatt Russische Föderation, Juni 2012, http://www.bamf.de/SharedDocs/MILoDB/DE/Rueckkehrfoerderung/Laen derinformationen/Informationsblaetter/cfs-russland-download-deutsch.pdf ?_blob= publicationFile, abgerufen am 21.6.2013; LandInfo - Country of Origin Information Centre, Chechnya and Ingushetia: Health services, 26. Juni 2012, http://www.ecoi.net/file_upload/1226 _1363793751_2322- 1landinfo.pdf, abgerufen am 21.6.2013; Norwegian Refugee Council, Russian Federation, Struggling to integrate, Displaced people from Chechnya living in other areas of the Russian Federation, June 2008; Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH): Nordkaukasus, Sicherheits - und Menschenrechtslage, Tschetschenien, Dagestan und Inguschetien, Mi r- jam Grob, Bern, 12. September 2011; SFH, Tchétchénie: traitement des PTSD, Renseignement de l'analyse -pays de l'OSAR, Fiorenza Kuthan, Bern, 5. Oktober 2011; Republik E._______ [europ. Staat] , Bundesasylamt, Bericht zum Forschungsaufenthalt, Russische Föderation – Republik Tschetschenien, Wien, Dezember 2011; Danish Refugee Council, Chechens in the Russian Federation – residence regis- tration, racially motivated violence and fabricated criminal cases, Joint r e- port from the Danish Immigration Service's and Danish Refugee Council's fact finding mission to Moscow and St Petersburg, the Russian Feder a- tion, 23 May to 5 Jun e 2012, Copenhagen, August 2012; Amnesty Inte r- national (ai), Amnesty Report 2012, Russland; Urte il des Bundesverwaltungsgerichts E -969/2007 vom 15. April 2011, m.w.H., BVGE 2009/52, Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK), EMARK 2005/17. 6.1.1 Zur L age in Tschetschenien und der Zumutbarkeit des Wegwe i- sungsvollzugs ha t sich das Bundesverwaltungsgericht beziehungsweise die ARK in den oben erwähnten zwei publizierten Urteilen wie folgt g e- äussert: In EMARK 2005/17 vom 14. Juni 2005 kam die ARK aufgrund E-4413/2011 Seite 21 der damals vorherrschenden Lage trotz offizieller Beendigung des zwe i- ten Tschetschenienkriegs im Jahr 2000 zum Schluss, dass ein Wegwe i- sungsvollzug nach Tschetschenien generell noch nicht zumutbar sei und abgewiesenen tschetschenischen Asylsuchenden innerhalb der Russ i- schen Föderation nur unter bestimmten Voraussetzungen eine innerstaat- liche Aufenthaltsalternative zur Verfügung stehe. An die individuelle Zu- mutbarkeit solcher Alternativen stellte die ARK hohe Anforderungen (vgl. a.a.O, E. 8.3.2 und 8.3.3.). In BVGE 2009/52 kam das Gericht aufgrund der zwischenzeitlich verände rten Lage in Tschetschenien zum Schluss, dort herrsche nun keine Situation allgemeiner Gewalt mehr und der Wegweisungsvollzug sei in der Regel wieder zumutbar, es sei denn, die Betreffenden gehörten zu einem vulnerablen Personenkreis. Das Gericht definierte im genannten Entscheid Kategorien von Personen, welchen weiterhin Menschenrechtsverletzungen drohten, mit der Folge, dass b e- züglich dieser Kategorien der Wegweisungsvollzug weiterhin als unz u- mutbar qualifiziert wird (vgl. a.a.O. E. 10.2.5). Die Beschwerd eführenden können, nicht zuletzt auch aufgrund der unglaubhaften Ausreisegründe, keiner dieser Kategorien zugeordnet werden. Letzere Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts, wonach heute in Tschetschenien keine Situation allgemeiner Gewalt mehr herrscht und der Wegweisungsvollzug dorthin in der Regel zumutbar sei, hat nach wie vor Gültigkeit, auch wenn zutreffend ist, dass sich die Sicherheitslage in Tschetschenien weiterhin instabil präsentiert, Menschenrechtsverletzu n- gen nach wie vor verbreitet sind un d im Jahre 2012 noch keine Normal i- sierung der Lage eingetreten ist. Immerhin ist in den letzten Jahren ein Rückgang der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen russischen und tschetschenischen Sicherheitskräften auf der einen und bewaffneten Oppositionsgruppen auf der anderen Seite zu verzeichnen. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden an ihren Herkunftsort ist unter dem Sicherheitsaspekt gemäss geltender Praxis also grundsätzlich als zumutbar zu bezeichnen. Zu prüfen sind daher nachstehend die weiteren, in der Beschwerde gegen eine Rückkehr der Familie angeführten, n a- mentlich in der gesundheitlichen Versorgung im Heimatland liegenden sowie die für einen Verbleib der Tochter geltend gemachten Gründe. 6.1.2 Zum heutigen Standard der medizinischen Einrichtungen in der Herkunftsrepublik Tschetschenien kann Folgendes festgehalten werden: Nachdem die allgemeine Lage nach zwei verheerenden Kriegen als d e- saströs, die Städte und Dörfer als weitgehend zerstört und von medizini-E-4413/2011 Seite 22 schen Fachkräften verlassen bezeichnet werden mussten, konnte der Wiederaufbau der Tschetschenischen Republik in den letzten zehn Ja h- ren mehrheitlich durch mit föderalen Geldern geförderte Programme und Projekte vorangetrieben werden. Sowohl in die soziale als auch in die technische Infrastruktur wurd e investiert. Nach den massiven Zerstöru n- gen von bis zu 70% der medizinischen Infrastruktur ist der physische Wiederaufbau auch im Gesundheitswesen mittlerweile weit fortgeschri t- ten. Insgesamt gab es 2011 in Tschetschenien 368 medizinische Einric h- tungen, wie Bezirks- und Republiks-Krankenhäuser und Ambulatorien. In jeder Bezirkshauptstadt gibt es mindestens ein allgemeines Krankenhaus mit Betten. In Grosny finden sich auch spezialisierte Einrichtungen wie etwa Krankenhäuser für psychisch Kranke . Kriegsbedingt herrscht zwar noch immer ein Mangel an qualifiziertem medizinischem Personal, was man jedoch durch Ausbildungsmassnahmen, aber auch durch das A n- werben von Fachkräften aus anderen Teilen Russlands und aus dem Ausland zu verbessern versucht. Im Rahmen der Krankenpflichtversicherung können russische Staatsbü r- ger grundsätzlich eine kostenlose medizinische Grundversorgung in A n- spruch nehmen, wobei die unzureichende staatliche Finanzierung und Korruption diesen Grundsatz immer wieder aushebeln. Nach der Regis t- rierung im Versicherungssystem erhalten die Bürger die entsprechende Übereinkunft sowie eine Plastikkarte, wodurch ihnen der Zugang zur m e- dizinischen Versorgung auf dem Gebiet der Russischen Föderation g a- rantiert wird, unabhängig von ihrem Wohnort. Für etw aige Medikame n- tenkosten müssen sowohl Nichtversicherte wie Versicherte grundsätzlich selbst aufkommen, ausgenommen sind Personen, die einer der Kateg o- rien angehören, die einen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben sowie Patienten in Tageskliniken oder Behandlung von Notfällen. Auf der Liste betreffend Anspruch auf unentgeltliche staatliche Unterstützung st e- hen auch psychische Erkrankungen. Dadurch sind entsprechende Patien- ten berechtigt, Behandlungen – explizit auch in Sanatorien – sowie Medi- kamente kostenlos zu erhalten. Normative Grundlage für die medizin i- sche Betreuung von Menschen mit psychischen Problemen ist das G e- setz der Russischen Föderation „über psychiatrische Hilfe und Bürge r- rechte“. Dort sind die rechtlichen, organisatorischen und wir tschaftlichen Prinzipien der psychiatrischen Behandlung festgelegt. Demnach können Patienten insbesondere die folgenden, vorliegend möglicherweise int e- ressierenden Dienste kostenlos in Anspruch nehmen: psychiatrische Not- fallhilfe, Unterstützung bei der psychiatrischen Prophylaxe und Rehabilita- tion in Ambulanzen und Kliniken, sämtliche Formen der psychiatrischen E-4413/2011 Seite 23 Untersuchung, Bestimmung zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit, soziale Unterstützung und Beschäftigung von Menschen mit psychischen St ö- rungen, Vormundschaftsprobleme, Rechtshilfe in psychiatrischen Kliniken oder psychiatrische Unterstützung im Falle von Notfällen. Darüber hinaus besteht in Privatkliniken die Möglichkeit , sich entgeltlich psychotherapeu- tisch behandeln zu lassen. Grundsätzlich kostenfrei ist weiter auch die Behandlung in einem "Psy- choneurologischen Dispanser", einer speziellen Gesundheitseinrichtung, welche die Hauptform der ausserhalb eines Spitals angesiedelten psych i- atrischen Dienste in einem Bezirk, einer Stadt oder eine m Gebiet da r- stellt. Zur Einrichtung gehört eine poliklinische Abteilung mit ambulanter und stationärer Behandlung. Angeboten werden psychiatrische, psych o- logische, psychotherapeutische, neurologische und soziale Behandlu n- gen beziehungsweise Hilfeleistungen. Auch in Grosny gibt es gemäss öf- fentlich zugänglichen Quellen einen solchen Dispanser, wobei dieser tei l- weise von Medikamenten - und Personalmangel betroffen sei . Daneben stehen in Tschetschenien g emäss dem tschetschenischen Gesundheit s- ministerium weitere Gesundhei tseinrichtungen für die Behandlung von psychischen Krankheiten zu Verfügung, darunter ein psychiatrisches Spi- tal in Grosny mit 80 Betten. Schliesslich ist zu erwähnen, dass auch die Organisation International Medical Corps (IMC) gemäss ihrer Website in Tschetschenien im Bereich psychische Erkrankungen aktiv ist: IMC u n- terhält 70 stationäre und mobile Krankenstationen und Teams, welche vor allem in ländlichen Gebieten eine medizini sche Grundversorgung samt psychosozialer Betreuung anbieten (International Medical Corps, Russian Federation: Psychosocial Support & Mental Health Care, ohne Datum s- angabe, https://internationalmedicalcorps.org/sslpage.aspx?pid=1529, abgerufen am 21.06.2013). Für eine Gesundheitsversorgung, die in Grosny nicht verfügbar ist, b e- stünde sodann die Möglichkeit, zur Behandlung in eine andere russische Stadt zu reisen. Seit im Januar 2011 nämlich ein neues Gesetz über die obligatorische Krankenversicherung in Kraft getreten ist, können Vers i- cherte bei Vorweisen der jeweiligen Versicherungspolice in jeder Stadt des Landes – und nicht nur wie früher am ständigen Wohnsitz – medizini- sche Dienstleistungen erhalten, und zwar nicht nur in staatlichen und städtischen Gesundheitseinrichtungen, sondern auch in privaten, welche am Versicherungsprogramm beteiligt sind. E-4413/2011 Seite 24 Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen kommt das Bundesverwa l- tungsgericht zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin in ihrem Heima t- land sowohl hinsichtlich ihrer somatischen Beschwerden als auch ihrer psychischen Erkrankung ausreichend medizinisch versorgt werden kann, sie auch tatsächlich Zugang zu den zur Verfügung stehenden Behan d- lungsmöglichkeiten hat und sie diese weitestgehend unentgeltlich wird erhalten können. Da die geltend gemachten Ausreisegründe und damit eine Fortsetzung der Bedrohung durch die Sicherheitskräfte nicht glau b- haft gemacht wurden, muss im Übrigen nicht mit einer damit zusamme n- hängenden Verschlimmerung der Gesundheitssituation, wie sie in der Beschwerde geltend gemacht wurde (vgl. E. 4.5), gerechnet werden. Das Gericht geht vorliegend davon aus, dass die Beschwerdeführenden eine Rückkehr nach D._______ in Erwägung ziehen werden, wo sie vor ihrer Ausreise gewohnt und vom Handel gelebt haben. Auch wenn die El- tern verstorben sind, darf aufgrund des jahrelangen Aufenthalts vor der Ausreise auf ein Fortbestehen eines gewissen Beziehungsnetzes g e- schlossen werden. Auch ist davon auszugehen, dass die Beschwerdefüh- rerin noch über eine in D._______ wohnhafte Schwester verfügt, mit wel- cher sie auch während ihrer vorübergehenden Rückkehr engen Kontakt gehabt und sogar teilweise zusammengewohnt hat. Laut Akten ist auch der Sohn der Beschwerdeführerin in der Zwischenzeit nach Russland z u- rückgekehrt, und darf weiter auch auf eine mittelfristige Unterstützung der Eltern durch die volljährige Tochter abgestellt werden. Insgesamt ist daher davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden – selbst ohne Ei n- binden der erkrankten Beschwerdeführerin in den Erwerbs alltag – in D._______ wieder Fuss zu fassen vermögen, zumal vom Verkauf der Familienwohnung vor der Ausreise noch finanzielle Mittel vorhanden sein dürften. 6.1.3 Schliesslich vermögen die Beschwerdeführenden auch aus dem Übereinkommen vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (SR 0.107) kein Aufenthaltsrecht für die Familie abzuleiten. Die Tochter der Beschwerdeführenden hat zwischenzeitlich die Volljährigkeit erreicht. Auch hält sie sich – wie bereits seitens des BFM eingewendet wurde – nicht genügend lange in der Schweiz auf (die Besch werdeführenden sind erst vor drei Jahren eingereist), als dass von einer Entwurzelungssituat i- on wegen des Wegweisungsvollzugs gesprochen werden könnte. Dem vorliegend geltend gemachten Ausmass an Integration der Beschwerd e- führenden kann das Bundesverwaltungsgericht von Gesetzes wegen ke i-E-4413/2011 Seite 25 ne Rechnung tragen (vgl. Art. 14 AsylG). Daher vermag auch der eing e- reichte Praktikumsvertrag zu keinem anderen Ergebnis zu führen. 6.2 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung somit als zumutbar. Da aufgrund der bisherigen Entwicklungen nicht ausz u- schliessen ist, dass die Beschwerdeführerin durch die anstehende Rüc k- kehr einen erneuten Suizidversuch unternehmen könnte, werden die Voll- zugsbehörden aufgefordert, dieser Situation besondere Beachtung zu schenken un d die Beschwerdeführerin bereits vorgängig psychologisch und medikamentös auf die Rückkehr vorzubereiten sowie die Familie n ö- tigenfalls in Form einer adäquaten medizinischen Rückkehrhilfe auch zu begleiten. Auch diesbezüglich kann auch auf die ausführliche n Erwägun- gen des BFM in den Vernehmlassungen verwiesen werden. 7. Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustä n- digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 8. Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 9. Aus dies en Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer- de ist nach dem Gesagten abzuweisen. 10. Bei diesem Au sgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das noch hängige Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist aufgrund der Aktenlage jedoch gutzuheissen (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG). Auf die Erhebung von Verfahrenskosten ist daher zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) E-4413/2011 Seite 26 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gutgeheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Die Vollzugsbehörden werden angewiesen, die Rückkehr der Beschwe r- deführenden mittels flankierender medizinischer Massnahmen im Sinne der Erwägungen zu begleiten. 5. Dieses Urteil geht an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden, das BFM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Gabriela Oeler