Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 19. Dezember 2016 (715 14 241 / 340) ____________________________________________________________________ Arbeitslosenversicherung Der Wohnsitz bzw. der Aufenthalt des Beschwerdeführers im Sinne der Art. 8 lit. c und Art. 12 AVIG ist zu bejahen und zudem ist nicht von einer arbeitgeberähnlichen Stellung des Beschwerdeführers auszugehen, weshalb die Angelegenheit zur Prüfung der weite- ren Anspruchsvoraussetzungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist. Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter in Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Beat Hersberger, Gerichtsschreiber Daniel Gfeller Parteien A.____ eschwerdeführer gegen Öffentliche Arbeitslosenkasse Baselland , Bahnhofstrasse 32, Postfach, 4133 Pratteln, Beschwerdegegnerin Betreff Ablehnung der Anspruchsberechtigung A. Der 1950 geborene A.____ meldete sich am 6. Juni 2012 zur Arbeitsvermittlung und mit Formular vom gleichen Tag stellte er Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ab 5. Juni 2012. Auf dem Antragsformular gab A.____ an, er habe vom 1. Mai 2011 bis 4. Juni 2012 bei der B.____ in einem Arbeitsverhältnis gestanden. Das Ar beitsverhältnis sei per 4. Juni 2012 per sofort wegen Insolvenz der Arbeitgeberin aufgelöst worden. Die Öffentliche Arbeitslosenlosen- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht kasse Basel-Landschaft (Arbeitslosenkasse) eröffnete mit Tag geldabrechnung vom 11. September 2012 eine Rahmenfrist für den Leistungs bezug vom 5. Juni 2012 bis 30. No- vember 2015, wobei die ordentliche zweijährige Rahmen frist bis zum Pensionsalter verlängert wurde. Mit Verfügung vom 10. Januar 2014 lehnte die Arbeitslosenkasse die Anspruchsberech- tigung von A.____ ab 5. Juni 2012 wegen Wohnsitzes im Au sland ab. Die gegen diese Verfü- gung erhobene Einsprache wies die Einspracheinstanz des KIGA Baselland mit Entscheid vom 27. Juni 2014 ab. Als zusätzliche Begründung wurde ange führt, auch aufgrund seiner fakti- schen Organstellung sei die Anspruchsberechtigung von A.____ abzulehnen. B. Gegen diesen Einspracheentscheid erhob A.____ mit Schreiben vom 22. August 2014 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteil ung Sozialversicherungsrecht (Kan- tonsgericht), und beantragte sinngemäss die Aufhebung des Einspracheentscheids. C. Mit Vernehmlassung vom 19. September 2014 schloss di e Arbeitslosenkasse auf Ab- weisung der Beschwerde. D. Der Beschwerdeführer hielt mit Replik vom 17. Dezemb er 2014 an seinem Rechtsbe- gehren fest. E. Mit Duplik vom 20. Februar 2015 beantragte die Besc hwerdegegnerin weiterhin die Abweisung der Beschwerde. F. Nachdem die Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 12. Mai 2015 eine Aktennotiz betreffend eine Mitteilung des Dorfpolizisten von C.____ zu den Akten gereicht hatte, nahm der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 16. Mai 2015 dazu Stellung. G. Das Gericht fasste an der Urteilsberatung vom 6. Aug ust 2015 den Beschluss eine Parteiverhandlung durchzuführen, um ehemalige Nachbar n sowie den ehemaligen Arbeitgeber des Beschwerdeführers anzuhören. Die in der Folge auf d en 11. August 2016 angesetzte Par- teiverhandlung wurde mit Verfügung vom 8. August 2016 abgeboten, da der Beschwerdeführer aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Parteiverhandlung hätte teilnehmen können. H. Anlässlich der heutigen Parteiverhandlung werden der ehemalige Arbeitgeber D.____ sowie die ehemaligen Nachbarn E.____, F.____ und G.__ __ zur Angelegenheit befragt. Auf ihre Ausführungen wird – soweit erforderlich – in de n Erwägungen eingegangen. Die Parteien halten an ihren Rechtsbegehren und wesentlichen Begründungen fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obliga torische Arbeitslosenversi- cherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) vom 25. Ju ni 1982 in Verbindung mit den Art. 56 und 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil d es Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 kann gegen Einspracheentschei de aus dem Bereich der Arbeits- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht losenversicherung Beschwerde beim kantonalen Versicherungs gericht erhoben werden. Nach Art. 100 Abs. 3 AVIG in Verbindung mit den Art. 128 Abs. 1 und 119 Abs. 1 lit. a der Verord- nung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung un d die Insolvenzentschädigung (AVIV) vom 31. August 1983 richtet sich die örtliche Zuständigke it des kantonalen Versicherungsge- richts für die Beurteilung von Beschwerden gegen Einspra cheentscheide der Kassen, welche die Arbeitslosenentschädigung betreffen, nach dem Ort, wo die versicherte Person die Kontroll- pflicht erfüllt. Vorliegend erfüllte der Beschwerdefü hrer die Kontrollpflicht im Kanton Basel- Landschaft, weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kanto nsgerichts Basel-Landschaft zu beja- hen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Ka ntonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gege n Einspracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sa chlich zur Behandlung der vor- liegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Be- schwerde des Versicherten vom 22. August 2014 ist deshalb einzutreten. 2.1 Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungsverfahren un d der Sozialversicherungs- prozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen, aus eigener Ini tiative und ohne Bindung an die Vorbringen oder Beweisanträge der Parteien für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneinge- schränkt, er wird ergänzt durch die Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). Zu beachten ist jedoch , dass der Untersuchungsgrundsatz die Beweislast im Sinne der Beweisführungslast begriffsnot wendig ausschliesst, da es Sache der verfügenden Verwaltungsstelle bzw. des Sozialversicherungs gerichts ist, für die Zusammentra- gung des Beweismaterials besorgt zu sein. Im Sozialversi cherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Ent- scheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem u nbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift aller dings erst Platz, wenn es sich als unmög- lich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes au fgrund einer Beweiswürdigung ei- nen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen). 2.2 Das Kantonsgericht besitzt in Sozialversicherungssachen die vollständige Überprü- fungsbefugnis und ist in der Beweiswürdigung frei (vgl. § 57 VPO in Verbindung mit Art. 61 Satz 1 ATSG; Art. 61 lit. c ATSG). Die Verwaltung als verfü gende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache sodann nur dann als bew iesen annehmen, wenn sie von ih- rem Bestehen überzeugt sind (M AX KUMMER , Grundriss des Zivilprozessrechts, 4. Aufl., Bern 1984, S. 136). Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Ge- setz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahr- scheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines besti mmten Sachverhalts genügt den Be- weisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360 E. 5b, 125 V 195, 121 V 47 E. 2a, 208 E. 6b mit Hinweis). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Der Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung setzt nach Art. 8 Abs. 1 AVIG voraus, dass die versicherte Person ganz oder teilweise arbeitslos ist (lit. a), einen anrechenbaren Ar- beitsausfall erlitten hat (lit. b), in der Schweiz wo hnt (lit. c), die obligatorische Schulzeit zurück- gelegt und weder das Rentenalter der AHV erreicht ha t noch eine Altersrente der AHV bezieht (lit. d), die Beitragszeit erfüllt hat oder von der Erfüllung der Beitragszeit befreit ist (lit. e), ver- mittlungsfähig ist (lit. f) und die Kontrollvorschriften erfüllt (lit. g). Im vorliegenden Fall ist strittig und zu prüfen, ob de r Beschwerdeführer von den vorstehend genannten Anspruchsvoraussetzungen diejenige des Wohnsitzes i n der Schweiz (Art. 8 Abs. 1 lit. c AVIG) erfüllt. 3.1 Der Begriff des Wohnens in der Schweiz im Sinne vo n Art. 8 Abs. 1 lit. c AVIG ist nicht im Sinne des zivilrechtlichen Wohnsitzes, wie er in den A rt. 23 ff. des Schweizerischen Zivilge- setzbuches (ZGB) vom 10. Dezember 1907 definiert wird, zu verstehen, sondern er setzt den gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz voraus; verlang t werden der tatsächliche Aufenthalt in der Schweiz und die Absicht, diesen Aufenthalt während einer gewissen Zeit aufrechtzuerhalten und hier in dieser Zeit auch den Schwerpunkt der Leb ensbeziehungen zu haben (BGE 125 V 467 E. 2a, 115 V 449 E. 1b). Daran hat das auf den 1 . Januar 2003 in Kraft getretene ATSG nichts geändert, weil der in Art. 13 Abs. 1 ATSG umschr iebene Wohnsitzbegriff auf die Arbeits- losenversicherung nicht Anwendung findet. Mangels eines ge genteiligen gesetzgeberischen Willens hat die bisherige Praxis auch im Rahmen der An spruchsvoraussetzung von Art. 8 Abs. 1 lit. c AVIG weiterhin Geltung (Urteil des Bunde sgerichts vom 7. Dezember 2007, 8C_270/2007, E. 2.1 mit Hinweisen auf T HOMAS NUSSBAUMER , Arbeitslosenversicherung, in: Ulrich Meyer [Hrsg.], Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht , Band XIV, Soziale Sicherheit, 3. Auflage, Basel/Genf/München 2016, S. 2319 Rz. 180 ff. und UELI KIESER , ATSG-Kommentar, 2. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2009, Rz 23 zu Art. 13). 3.2 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung setzt da s Wohnen in der Schweiz im Sinne von Art. 8 Abs. 1 lit. c AVIG nicht einen ununt erbrochenen tatsächlichen Aufenthalt im Inland voraus. Es genügt der gewöhnliche Aufenthalt i n der Schweiz. Das Fortdauern des ge- wöhnlichen Aufenthalts in der Schweiz setzt aber unter a nderem voraus, dass trotz Unterbrü- chen des tatsächlichen Aufenthalts weiterhin eine enge Verbindung mit der hiesigen Arbeitswelt besteht (Urteil des Bundesgerichts vom 7. Dezember 2007, 8C_270/2007, E. 2.1 mit weiteren Hinweisen). 3.3 Die Vorinstanz kommt aufgrund verschiedener Indizien zum Schluss, dass der Be- schwerdeführer keinen Aufenthalt im Sinne der Arbeitslosenversicherung in der Schweiz hatte. Alle heute befragten Personen haben demgegenüber best ätigt, dass der Beschwerdeführer am H.____ in C.____ gewohnt habe. Insbesondere wurde festgehalten, dass der Beschwerdeführer auch Besuche empfangen hat, sein Auto mehrheitlich dor t parkiert war, er gelegentlich in der Waschküche beim „Wäschemachen“ angetroffen wurde. Die B eziehung zwischen dem Be- schwerdeführer und den Mitbewohnern der Liegenschaft s ei so gewesen, wie dies in einem Mehrfamilienhaus üblicherweise der Fall sei. Er sei g elegentlich vielleicht mal für eine Woche, Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht aber nie mehrere Monate abwesend gewesen. Die von der Vorinstanz angeführten Indizien, welche gegen einen Aufenthalt an der besagten Adresse sprechen würden, wurden vom Be- schwerdeführer alle plausibel entkräftet. In Bezug auf d ie Wohnsituation am H.____ erklärten sowohl der Beschwerdeführer als auch der ehemalige Arbeitgeber D.____, dass der Beschwer- deführer von Mai 2011 bis zum Abbruch der Liegenschaft dort gewohnt habe. Die Wohnung sei zwar klein, aber – wie von verschiedener Seite bestätigt – zum Wohnen geeignet gewesen. Der Beschwerdeführer hat denn auch mehrmals angegeben, dass die Mitbewohner bzw. die Mitbe- wohnerin der Liegenschaft dies bezeugen könnten. Die B. ____ hatte zwar ebenfalls ihren Sitz am H.____, dies spricht allerdings nicht gegen einen A ufenthalt des Beschwerdeführers an die- ser Adresse; ebenso wenig, dass D.____, welcher ebenfalls am H.____angemeldet war, sich gelegentlich dort aufhielt. D.____ gibt dazu an, dass er sich mehrheitlich im Ausland oder bei seiner Partnerin aufgehalten und nur ganz selten – vie lleicht fünf-, sechsmal pro Jahr – in C.____ übernachtet habe. Auch von den Zeugen wurde n icht vorgebracht, dass D.____ am H.____ gewohnt habe. Er sei allerdings ebenfalls geleg entlich angetroffen worden. Der Be- schwerdeführer hat sodann belegt, dass er eine Ausnahmeb ewilligung von der Krankenpflege- versicherungspflicht gehabt habe und während seines Auf enthalts in der Schweiz in Deutsch- land krankenpflegeversichert gewesen war. Auch die Unger eimtheiten in Bezug auf den Besitz eines Personenwagens mit deutschem Kennzeichen konnte d er Beschwerdeführer nachvoll- ziehbar erklären. Er habe den Wagen ausgeliehen – was v om Eigentümer bestätigt wurde – und später auf Aufforderung der Schweizer Behörden h in verzollt. Nachdem er später darauf hingewiesen worden war, dass er den Wagen umschreiben m üsse, habe er sich entschlossen, diesen dem Eigentümer zurückzugeben. Gestützt auf die heutige Befragung der Zeugen E.____ und G.____, der Zeugin F.____ und der Auskunftsperson D.____ sowie den Aussagen des Beschwerdefüh rers und der vorliegenden Unterlagen ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit dav on auszugehen, dass sich der Be- schwerdeführer jedenfalls im Zeitraum von Anfang 2012 b is zum Abbruch der Liegenschaft H.____ im Jahr 2014 an dieser Adresse aufgehalten ha t, weshalb das Erfordernis des Wohnsit- zes in der Schweiz gemäss Art. 8 Abs. 1 lit. c bzw. Art. 12 AVIG erfüllt ist. 4. Die Beschwerdegegnerin macht weiter geltend, dass d ie Ablehnung der Anspruchsbe- rechtigung des Beschwerdeführers auch aufgrund seiner fa ktischen Organstellung in der nun liquidierten B.____ bzw. in der I.____ gerechtfertigt sei. 4.1 Gemäss Art. 31 Abs. 3 lit. c AVIG haben Personen, d ie in ihrer Eigenschaft als Gesell- schafter, als finanziell am Betrieb Beteiligte oder als Mitglieder eines obersten betrieblichen Entscheidungsgremiums die Entscheidungen des Arbeitgeber s bestimmen oder massgeblich beeinflussen können, keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentsch ädigung. Der Grund für diese Re- gelung liegt darin, dass Arbeitgeber und arbeitgeberähnliche Personen über eine unternehmeri- sche Dispositionsfreiheit verfügen, kraft derer sie die M öglichkeit haben, die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung selbst he rbeizuführen. So können sie insbe- sondere auch die dafür nötigen Bescheinigungen selber a usstellen bzw. solche Bescheinigun- gen aus Gefälligkeit erlangen (vgl. R EGINA JÄGGI , Eingeschränkter Anspruch auf Arbeitslo- senentschädigung bei arbeitgeberähnlicher Stellung dur ch analoge Anwendung von Art. 31 Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Abs. 3 lit. c AVIG in: SZS 48/2004, S. 4). Mit der Re gelung in Art. 31 Abs. 3 lit. c AVIG wollte der Gesetzgeber somit verhindern, dass arbeitgeberähn liche Personen missbräuchlich Kurzar- beitsentschädigung erhalten. 4.2 Für den Bereich der Arbeitslosenentschädigung gibt es keine dem Art. 31 Abs. 3 lit. c AVIG entsprechende, unmittelbar anwendbare Norm. Wi e das damalige Eidgenössische Versi- cherungsgericht (EVG, ab 1. Januar 2007: Bundesgericht, sozialrechtliche Abteilungen) im Grundsatzentscheid 123 V 234 ff. erwog, kann Kurzarbeit nicht nur in einer Reduktion der Ar- beitszeit, sondern auch darin bestehen, dass der Betri eb für eine gewisse Zeit vollständig still- gelegt wird. Solange ein Arbeitnehmer mit arbeitgeb erähnlicher Stellung mit der betreffenden Unternehmung deshalb noch in einem Arbeitsverhältnis st eht, hat er aufgrund der Ausschluss- bestimmung in Art. 31 Abs. 3 lit. c AVIG keinen Anspru ch auf Kurzarbeitsentschädigung. Wird dieses Arbeitsverhältnis hingegen gekündigt, so gilt die arbeitgeberähnliche Person nach den Erwägungen im zitierten Entscheid nunmehr als arbeitslo s und kann somit unter den Voraus- setzungen der Art. 8 ff. AVIG Arbeitslosenentschädigung beanspruchen. Behält sie nach der Entlassung ihre arbeitgeberähnliche Stellung im Betrie b jedoch bei und kann sie dadurch des- sen Entscheidungen weiterhin bestimmen oder massgeblich b eeinflussen, so läuft die Bean- spruchung von Arbeitslosenentschädigung gemäss der Auffassu ng des höchsten Gerichts auf eine rechtsmissbräuchliche Umgehung von Art. 31 Abs. 3 lit. c AVIG hinaus, und es besteht auch bei grundsätzlich gegebenen Voraussetzungen nach Ar t. 8 ff. AVIG kein Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung. Das EVG begründete den Umgeh ungstatbestand im erwähnten Entscheid damit, dass die arbeitgeberähnliche Person über die Dispositionsfreiheit verfüge, den Betrieb jederzeit zu reaktivieren und sich bei Bedarf e rneut als Arbeitnehmer einzustellen (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 29. März 2007, C 32 /06, E. 4.2). Andererseits könne dann nicht mehr von einer Gesetzesumgehung gesprochen werden, wenn der Betrieb geschlossen werde und das Ausscheiden des betreffenden Arbeitnehmer s mit arbeitgeberähnlicher Stellung definitiv sei, oder wenn das Unternehmen zwar weiter fo rtbestehe, die arbeitgeberähnliche Per- son jedoch mit der Kündigung endgültig auch jene Eige nschaften verliere, weshalb sie bei Kurzarbeit aufgrund von Art. 31 Abs. 3 lit. c AVIG vom A nspruch auf Kurzarbeitsentschädigung ausgenommen wäre (vgl. BGE 123 V 238 f. E. 7b/bb). I n seiner nachfolgenden Judikatur strich das EVG wiederholt heraus, dass die Rechtsprechung zur ar beitgeberähnlichen Stellung nicht nur dem ausgewiesenen Missbrauch an sich, sondern bereits dem Risiko eines solchen begeg- nen wolle (vgl. Urteil des EVG vom 15. März 2006, C 278/05, E. 2.3 und die Urteile des Bun- desgerichts vom 20. Februar 2007, C 151/06, E. 3 und vom 29. März 2007, C 32/06, E. 4.2). Im Anwendungsbereich von Art. 31 Abs. 3 AVIG ist deshalb nicht individuell für den Einzelfall zu prüfen, ob tatsächlich eine rechtsmissbräuchliche Absicht besteht; vielmehr genügt bereits die Möglichkeit eines solchen Missbrauchs, um einen Leistungsaussc hluss zu rechtfertigen (vgl. JÄGGI , a.a.O., S. 6 ff.). 4.3 Die arbeitgeberähnliche Stellung kann auf drei Gr ünden beruhen: Auf der Eigenschaft als Gesellschafter, auf einer finanziellen Beteiligung am Betrieb oder auf der Teilhabe an der Betriebsleitung (vgl. NUSSBAUMER , a.a.O., S. 2405 Rz. 465). Was insbesondere die Teilhabe an der Betriebsleitung betrifft, fallen nicht nur die f ormellen Organe eines Arbeitgebers unter den Begriff des Mitglieds eines obersten, betrieblichen Gremiums. Es ist vielmehr von einem materi- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht ellen Organbegriff auszugehen, wonach jeweils im Einzel fall zu prüfen ist, welche Entschei- dungsbefugnisse dem Betroffenen aufgrund der betriebl ichen Struktur tatsächlich zukommen (vgl. BGE 122 III 227 E. 4b; 114 V 214). Massgebend ist mithin die faktische Einflussmöglichkeit im konkreten Betrieb. Die Grenze zwischen einem obersten, betrieblichen Entscheidgremium und der unteren Führungsebene lässt sich dabei nicht alleine anhand formaler Kriterien beurtei- len. Insbesondere kann etwa aus der Prokura noch nichts Zwingendes hinsichtlich der Stellung und ihrer Einflussmöglichkeit innerhalb des fraglichen Betriebs abgeleitet werden, weil damit nur die Verantwortlichkeiten im Aussenverhältnis betroffen werden. So ist beispielsweise ein Vizedi- rektor, der in organisatorischer Hinsicht als Fachspezialist oder als Ressortchef fungiert, trotz seiner hierarchischen Stellung anspruchsberechtigt, da ih m im internen Verhältnis eine nur be- schränkte Entscheidungsbefugnis zukommt (vgl. BGE 120 V 527 ). Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf das Beispiel eines einzelzeichnung sberechtigten Direktors eines Geldinstituts, dem die Anspruchsberechtigung ebenfalls zuerkannt worden war, weil ihm hin- sichtlich der eigentlichen Geschäftsführung keine Kompete nzen zugestanden worden waren und er im Kern lediglich für den Aufbau der internen Vermögensverwaltung zuständig gewesen war (vgl. Entscheid des Sozialversicherungsgerichts Zürich vom 16. Dezember 2009, AL 2009.00053). 4.4 Zu beachten bleibt umgekehrt, dass bei kleineren B etrieben mit wenig ausgeprägten Organisationsstrukturen unter Umständen ein massgebender Einfluss auf die Entscheidungen eines Unternehmens auch ohne formelle Zeichnungsberech tigung und ohne Handelsregis- tereintrag möglich ist. In jenen Einzelfällen muss ein e tatsächliche und insbesondere immer auch massgebende Einflussnahme (vgl. Art. 31 Abs. 3 li t. c AVIG) allerdings konkret nachge- wiesen werden können. Das EVG bejahte beispielsweise eine arbeitgeberähnliche Stellung des im väterlichen Baugeschäft mitarbeitenden Sohnes, der j eweils Offerten für Baumeisterarbeiten erstellt, Aufträge für Bankbürgschaften erteilt und a uch eine Kündigung eines leitenden Mitar- beiters ausgesprochen und Arbeitgeberbescheinigungen zu Handen der zuständigen Arbeitslo- senkasse ausgestellt hatte (vgl. Urteil des EVG vom 27. August 2003, C 273/01, E. 4). Was die faktische Einflussnahme einer versicherten Person betriff t, kann ein massgebender Einfluss allerdings nicht schon alleine aufgrund der verwandtschaftlichen Verhältnisse bejaht werden. So verneinte beispielsweise das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich in seinem Urteil vom 13. August 2008 (AL 2008.00169) das Vorliegen eine r massgebenden Einflussnahme der Mutter, die ihre Stammeinlagen auf ihre beiden Söhne übertragen hatte, mit der Argumentation, dass aufgrund der konkreten Verhältnisse keine Mitbeteilig ung dargetan sei. Auch im Fall einer versicherten Person, deren Sohn Präsident des Verwaltungsr ats und Geschäftsführer war, sah das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich keinen Gr und, aufgrund verwandtschaftli- cher Verflechtungen eine arbeitgeberähnliche Stellung der Mutter anzunehmen, obschon der ihr entrichtete Monatslohn für Sekretariatsarbeiten mit Fr. 6'950.-- relativ hoch bemessen und die Anspruchstellerin phasenweise gar die einzige Lohnbezügerin gewesen war (vgl. Urteil des So- zialversicherungsgerichts Zürich vom 22. März 2010, AL 2008.00295). 4.5 Die bundesgerichtliche Rechtsprechung darf auch nic ht in dem Sinn verstanden wer- den, dass Arbeitnehmer in arbeitgeberähnlicher Stellu ng stets und schlechthin vom Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung ausgeschlossen wären (vgl. Urteile des EVG vom 14. April Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2005, C 194/03, E. 2.3 und vom 6. Oktober 2000, C 1 6/00, E. 2b). Insbesondere könne dann nicht mehr von einer Gesetzesumgehung gesprochen werden, wenn der Betrieb geschlossen werde und das Ausscheiden des betreffenden Arbeitnehmer s mit arbeitgeberähnlicher Stellung mithin definitiv sei. Entsprechendes gilt für den Fall , dass das Unternehmen zwar weiterbeste- he, die arbeitgeberähnliche Person jedoch mit der Kü ndigung endgültig auch jene Eigenschaf- ten verliere, deretwegen sie bei Kurzarbeit aufgrund von Art. 31 Abs. 3 lit. c AVIG vom An- spruch auf Kurzarbeitsentschädigung ausgenommen wäre (vgl. BGE 123 V 238 E. 7b/bb). 5. Der Beschwerdeführer war weder in der liquidierte n B.____ noch in der I.____ als Ge- sellschafter oder Geschäftsführer eingetragen und er war auch nicht zeichnungsberechtigt. Eine tatsächliche und insbesondere auch massgebende Einflussn ahme auf die Entscheidungen der Gesellschaft durch den Beschwerdeführer ist nicht ersichtlich. Die Tatsache, dass er wesentlich mehr Lohn bezogen hat als der Geschäftsführer, D.____ , kann nicht als Indiz für eine arbeitge- berähnliche Stellung des Beschwerdeführers dienen. D.__ __ war faktisch der Arbeitgeber des Beschwerdeführers, oft aber abwesend und in leitender Funktion tätig. Sein Aufwand war si- cherlich geringer als derjenige des Beschwerdeführers. Dass der Beschwerdeführer, welcher vollzeitlich für die Firma tätig war, mehr als sein Arbe itgeber verdient hat, mag zwar ungewöhn- lich sein, erscheint aber auf Grund der Arbeitsteilung nicht abwegig. Gestützt auf die heutigen Ausführungen des ehemaligen Geschäftsführers ist zudem d avon auszugehen, dass dieser als allein Zeichnungsberechtigter seit Jahren das Unternehmen geführt und den Beschwerdeführer angestellt hat, um die Firma im SAP-Bereich zu etablieren. Da dies nicht realisiert werden konn- te und die B.____ in finanzielle Schwierigkeiten geri et, wurde der Beschwerdeführer entlassen und die Firma musste liquidiert werden. Weshalb der Be schwerdeführer es in der Hand haben sollte, die Geschicke der neu gegründeten I.____ zu bee influssen und sich bei Bedarf wieder anstellen zu lassen – wie dies von der Beschwerdegegnerin g eltend gemacht wird –, ist nicht ersichtlich. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass d er Antrag auf Arbeitslosenentschädi- gung und die Arbeitgeberbescheinigung in der gleichen Handschrift ausgefüllt wurden, was im Übrigen vom Beschwerdeführer bestätigt und auch erklärt wurde. Ebenso wenig spricht die Tat- sache, dass in der I.____ eine E-Mail-Adresse auf den Na men des Beschwerdeführers existiert hat bzw. immer noch existiert, für eine arbeitgeberähn liche Stellung des Beschwerdeführers bzw. für eine tatsächliche und insbesondere auch massgebe nde Einflussnahme auf die Gesell- schaft. Es ist nachvollziehbar, dass die Infrastruktur und d amit beispielsweise auch E-Mail- Adressen aus der liquidierten Gesellschaft soweit möglich auf die I.____ übertragen wurde. Der Beschwerdegegnerin ist zwar zuzustimmen, dass der Beschwerd eführer der alleinige IT- Spezialist der liquidierten Gesellschaft war. Daraus lässt sich jedoch keine massgebende Ein- flussnahme auf die Gesellschaft ableiten. Im Übrigen gi bt es darüber hinaus keinerlei konkrete Hinweise auf eine Verbindung zwischen dem Beschwerdeführ er und der I.____ und auch nicht auf eine massgebliche Einflussnahme des Beschwerdeführer s auf den Geschäftsgang dieser Gesellschaft. 6. Zusammenfassend ergibt sich, dass der Wohnsitz bzw. der Au fenthalt des Beschwer- deführers im Sinne der Art. 8 lit. c und Art. 12 AVI G zu bejahen ist und ausserdem nicht von einer arbeitgeberähnlichen Stellung des Beschwerdeführ ers – weder in der B.____ noch in der I.____ – ausgegangen werden kann. Demzufolge ist die B eschwerde in diesem Sinne gutzu- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht heissen und die Angelegenheit zur Prüfung der weiter en Anspruchsvoraussetzungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. 7. Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass das Verfahren vor dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vo rliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Die ausserordentlichen Kosten sind wettzuschlagen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen, der Einspracheentscheid vom 27. Juni 2014 aufgehoben und di e Angele- genheit zur Prüfung der weiteren Anspruchsvoraussetzung en an die Arbeitslosenkasse Baselland zurückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht