<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Übriges Verwaltungsrecht</span> <span class="page_no">317</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>50</b></span> <span class="ft1"><b>Betreuungsgesetz; ausländisches Pflegekind</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>§ 27 Abs. 2 des Betreuungsgesetzes (Elternbeiträge an stationäre</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Sonderschulen und Einrichtungen) ist auf Pflegeeltern nicht anwend-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>bar.</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Keine Verfügungskompetenz bezüglich der Verpflichtung der Pflege-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>eltern, für den Unterhalt eines ausländischen Pflegekindes in der</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Schweiz aufzukommen; im Falle einer Fremdplatzierung als Kindes-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>schutzmassnahme ist der Kostenersatzanspruch des Gemeinwesens</b></span><br/> <span class="ft1"><b>auf dem Weg der verwaltungsrechtlichen Klage geltend zu machen.</b></span><br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 3. November 2016 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen A. und B. gegen Stadt C. und Regierungsrat (WBE.2016.243).</span><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft5">1.</span><br/> <span class="ft5">Gemäss § 27 Abs. 2 des Gesetzes über die Einrichtungen für</span><br/> <span class="ft5">Menschen mit besonderen Betreuungsbedürfnissen vom 2. Mai 2006</span><br/> <span class="ft5">(Betreuungsgesetz; SAR 428.500) leisten die Eltern den stationären</span><br/> <span class="ft5">Einrichtungen gemäss § 2 Abs. 1 lit. b und c für den Aufenthalt ihrer</span><br/> <span class="ft5">Kinder eine vom Regierungsrat auf maximal Fr. 30.00 pro Kind und</span><br/> <span class="ft5">Nacht festgesetzte Pauschale, wobei der Regierungsrat diesen Eltern-</span><br/> <span class="ft5">beitrag auf Fr. 25.00 pro Übernachtung festsetzte (§ 54 Abs. 1 der</span><br/> <span class="ft5">Verordnung über die Einrichtungen für Menschen mit besonderen</span><br/> <span class="ft5">Betreuungsbedürfnissen vom 8. November 2006 [Betreuungsverord-</span><br/> <span class="ft5">nung; SAR 428.511]). Dabei haben alle Eltern von Kindern, Jugend-</span><br/> <span class="ft5">lichen und jungen Erwachsenen im Rahmen ihrer Unterhaltspflicht</span><br/> <span class="ft5">einen Beitrag an den Aufenthalt einer Einrichtung zu leisten (vgl.</span><br/> <span class="ft5">Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aargau an den Grossen</span><br/> <span class="ft5">Rat vom 28. September 2005, GR.05.256, S. 54 f.). Die Wohnsitz-</span><br/> <span class="ft5">gemeinden bevorschussen den Einrichtungen die Elternbeiträge und</span><br/> <span class="ft5">beziehen diese von den Eltern (§ 27 Abs. 3 i.V.m. § 25 Abs. 2</span><br/> <span class="ft5">Betreuungsgesetz).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">318</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">2.</span><br/> <span class="ft5">2.1.</span><br/> <span class="ft5">Die Beschwerdeführer bestreiten die Zuständigkeit des Regie-</span><br/> <span class="ft5">rungsrats zur Beurteilung dieser Streitsache. Dem Wortlaut des § 31</span><br/> <span class="ft5">Abs. 1 i.V.m. § 27 des Betreuungsgesetzes folgend, beziehe sich der</span><br/> <span class="ft5">Rechtsschutz nicht auf Streitigkeiten betreffend die Kostentragung</span><br/> <span class="ft5">zwischen nicht leiblichen Eltern (wie etwa Pflegeeltern) und der Ge-</span><br/> <span class="ft5">meinde. Grundlage von § 27 Betreuungsgesetz sei die gesetzlich</span><br/> <span class="ft5">geregelte Unterhaltspflicht der Eltern (Art. 276 ZGB). Zu Eltern</span><br/> <span class="ft5">werde man durch Geburt des Kindes, Ehelichkeitsvermutung des mit</span><br/> <span class="ft5">der Mutter verheirateten Mannes, Anerkennung der Vaterschaft,</span><br/> <span class="ft5">Vaterschaftsurteil oder Adoption. Andere Möglichkeiten gebe es</span><br/> <span class="ft5">nicht.</span><br/> <span class="ft5">2.2.</span><br/> <span class="ft5">Das BKS führte in seinem Entscheid aus, ihm komme keine</span><br/> <span class="ft5">Kompetenz zu, gestützt auf das Betreuungsgesetz gegenüber den</span><br/> <span class="ft5">Pflegeeltern Elternbeiträge zu verfügen, da D. weder der leibliche</span><br/> <span class="ft5">Sohn noch das Adoptivkind der Beschwerdeführer sei und diese so-</span><br/> <span class="ft5">mit nicht als Eltern im Sinne von § 27 Abs. 2 Betreuungssetz gälten.</span><br/> <span class="ft5">2.3.</span><br/> <span class="ft5">Für die Vorinstanz sind Konstellationen denkbar, in denen</span><br/> <span class="ft5">"Nicht-Eltern" in Bezug auf die Unterhaltspflicht gegenüber Kindern</span><br/> <span class="ft5">kraft einer rechtlichen Grundlage oder einer privatrechtlichen Verein-</span><br/> <span class="ft5">barung den leiblichen Eltern gleichgestellt sind. Das BKS sei daher</span><br/> <span class="ft5">von Gesetzes wegen nicht nur befugt, sondern auch verpflichtet, bei</span><br/> <span class="ft5">Streitigkeiten unter anderem über den Bestand von Beiträgen und</span><br/> <span class="ft5">Leistungspflichten im Sinne von § 27 Betreuungsgesetz materiell zu</span><br/> <span class="ft5">entscheiden.</span><br/> <span class="ft5">Die Vorinstanz führt in ihrem Entscheid zwar aus, dass aus dem</span><br/> <span class="ft5">Umstand, dass das Pflegeverhältnis während des Aufenthalts von D.</span><br/> <span class="ft5">im Internat X. noch bestand, kein Anspruch gegenüber den Pfle-</span><br/> <span class="ft5">geeltern auf Rückerstattung der bevorschussten Elternbeiträge im</span><br/> <span class="ft5">Sinne von § 27 Abs. 2 Betreuungsgesetz abgeleitet werden könne.</span><br/> <span class="ft5">Die Vorinstanz sieht aber in der von den Beschwerdeführenden am</span><br/> <span class="ft5">30. Januar 2001 unterzeichneten Verpflichtungserklärung im Sinne</span><br/> <span class="ft5">von Art. 6 Abs. 4 der Verordnung über die Aufnahme von Pflege-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Übriges Verwaltungsrecht</span> <span class="page_no">319</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">kindern vom 19. Oktober 1977 (Pflegekinderverordnung, PAVO;</span><br/> <span class="ft5">SR 211.222.338; alte Fassung) eine gültige Rechtsgrundlage für die</span><br/> <span class="ft5">Begründung der Leistungspflicht nach § 27 Abs. 2 Betreuungsgesetz</span><br/> <span class="ft5">und somit die Rechtsgrundlage für die Zuständigkeit des BKS und</span><br/> <span class="ft5">des Regierungsrats gemäss § 31 Abs. 1 Betreuungsgesetz. Da die</span><br/> <span class="ft5">Beschwerdeführer gemäss der genannten Verpflichtung "für sämt-</span><br/> <span class="ft5">liche Kosten des Unterhalts" aufzukommen hätten, seien sie den</span><br/> <span class="ft5">leiblichen Eltern im Sinne von § 27 Abs. 2 Betreuungsgesetz gleich-</span><br/> <span class="ft5">gestellt.</span><br/> <span class="ft5">2.4.</span><br/> <span class="ft5">Dieser Argumentation kann nicht gefolgt werden. Wie der</span><br/> <span class="ft5">Regierungsrat in einem anderen Entscheid richtig ausführte, wird die</span><br/> <span class="ft5">Elternschaft im ZGB indirekt mit den Bestimmungen über die Ent-</span><br/> <span class="ft5">stehung des Kindsverhältnisses definiert (Art. 252 ZGB). Somit gel-</span><br/> <span class="ft5">ten als Vater und Mutter und damit im rechtlichen Sinn als Eltern</span><br/> <span class="ft5">eines Kindes diejenigen Personen, zu denen ein zivilrechtliches</span><br/> <span class="ft5">Kindsverhältnis besteht. Pflege-, Tages-, Gross- und Stiefeltern so-</span><br/> <span class="ft5">wie jegliche in der Alltagssprache genannten Eltern gelten hingegen</span><br/> <span class="ft5">in zivilrechtlicher Hinsicht nicht als Eltern. Eine andere Definition</span><br/> <span class="ft5">des Wortes "Eltern" lasse sich weder dem Betreuungsgesetz noch der</span><br/> <span class="ft5">Botschaft entnehmen. Der Gesetzeswortlaut selber erwähne lediglich</span><br/> <span class="ft5">"die Eltern" und es folge kein Hinweis darauf, dass der verwendete</span><br/> <span class="ft5">Begriff "Eltern" weit auszulegen sei, so dass auch "Nicht-Eltern" da-</span><br/> <span class="ft5">runter fallen würden. Der Gesetzeswortlaut umfasse damit lediglich</span><br/> <span class="ft5">das zivilrechtlich definierte Elternpaar, d.h. die leiblichen Eltern, so-</span><br/> <span class="ft5">fern keine Adoptiveltern bestehen (Regierungsratsbeschluss</span><br/> <span class="ft5">Nr. 2010-000400 vom 17. März 2010, Erw. 2.3). Diesen Ausfüh-</span><br/> <span class="ft5">rungen des Regierungsrats ist zu folgen. Die Beschwerdeführer wa-</span><br/> <span class="ft5">ren die Pflegeeltern von D.. Das Vorgehen der Vorinstanz, die Pflege-</span><br/> <span class="ft5">eltern gestützt auf eine unterzeichnete Verpflichtungserklärung den</span><br/> <span class="ft5">zivilrechtlich definierten Eltern gleichzusetzen, ist nicht zulässig. Da</span><br/> <span class="ft5">die Beschwerdeführer nicht als Eltern im Sinne von § 27 Abs. 2 Be-</span><br/> <span class="ft5">treuungsgesetz zu qualifizieren sind, ist die Zuständigkeit des BKS</span><br/> <span class="ft5">und des Regierungsrats nach § 31 Abs. 1 Betreuungsgesetz nicht</span><br/> <span class="ft5">gegeben.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">320</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Über allfällige Ansprüche der Gemeinde C. gegenüber den Ehe-</span><br/> <span class="ft5">gatten A. und B. gestützt auf die Verpflichtungserklärung ist auf dem</span><br/> <span class="ft5">Klageweg zu befinden. Die Gemeinde macht einen vertraglichen An-</span><br/> <span class="ft5">spruch geltend (vgl. § 60 lit. a VRPG).</span><br/></div> </div> </body> </html>