<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Landwirtschaftsrecht</span> <span class="page_no">207</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IX. Landwirtschaftsrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>31</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 84 ff. DZV und § 37 VRPG</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Zielsetzung der Übergangsbeiträge: Sicherstellung eines sozialver-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>träglichen Übergangs vom alten zum neuen Direktzahlungssystem</b></span><br/> <span class="ft3"><b>durch temporären Ausgleich der Beitragsdifferenzen (Erw. 1.1).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Berechnung der Übergangsbeiträge anhand des Basiswerts</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. 1.2-1.4)</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Im von der Landwirtschaft Aargau verwendeten Programm</b></span><br/> <span class="ft3"><b>AGRICOLA waren die Grundlagen für die Bestimmung des Basis-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>werts falsch hinterlegt, woraus zu hohe Übergangsbeiträge resultier-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ten (Erw. 1.5 und 1.6).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Eine formell rechtskräftige Verfügung, worin zuhanden des Adressa-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ten ein fehlerhaft ermittelter Basiswert festgelegt wurde, kann nach</b></span><br/> <span class="ft3"><b>den Voraussetzungen von § 37 Abs. 1 VRPG widerrufen bzw. abge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ändert werden (Erw. 3.1).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Es besteht ein erhebliches öffentliches Interesse an der Korrektur des</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Basiswerts, der zu einer überhöhten Beitragszahlung zu Lasten an-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>derer Beitragsberechtigten führen würde (Erw. 3.2).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Mangels nachteiliger Dispositionen geniesst der Beschwerdeführer</b></span><br/> <span class="ft3"><b>keinen Vertrauensschutz, der einer Abänderung der Basiswertfest-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>stellungsverfügung entgegenstünde (Erw. 3.3).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Der Rechtssicherheit ist in der vorliegenden Konstellation kein we-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sentliches Gewicht beizumessen (Erw. 3.4).</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 20. August</span><br/> <span class="ft6">2015 in Sachen A. gegen das Departement Finanzen und Ressourcen, Land-</span><br/> <span class="ft6">wirtschaft Aargau (WBE.2015.22).</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft10">II.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">208</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">1.</span><br/> <span class="ft10">1.1.</span><br/> <span class="ft10">Am 1. Januar 2014 trat im Zusammenhang mit der Agrarpolitik</span><br/> <span class="ft10">14-17 die neue DZV Verordnung über die Direktzahlungen an die</span><br/> <span class="ft10">Landwirtschaft vom 23. Oktober 2013 (Direktzahlungsverordnung,</span><br/> <span class="ft10">DZV; SR 910.13) in Kraft und ersetzte die bisherige Verordnung</span><br/> <span class="ft10">vom 7. Dezember 1998. Das System der Direktzahlungen wurde</span><br/> <span class="ft10">durch die Agrarpolitik 14-17 komplett überarbeitet und neu gestaltet.</span><br/> <span class="ft10">Die Wirksamkeit und Effizienz der Direktzahlungen sollten dadurch</span><br/> <span class="ft10">verbessert werden, dass Massnahmen mit unspezifischer Zielausrich-</span><br/> <span class="ft10">tung durch zielgerichtete Instrumente ersetzt werden. Die früheren</span><br/> <span class="ft10">tierbezogenen Beiträge wurden deshalb in die Versorgungssicher-</span><br/> <span class="ft10">heitsbeiträge umgelagert und werden neu als flächenbezogene Zah-</span><br/> <span class="ft10">lungen unter Voraussetzung eines Mindesttierbesatzes ausgerichtet.</span><br/> <span class="ft10">Der allgemeine Flächenbeitrag wurde aufgehoben. Die dadurch frei</span><br/> <span class="ft10">werdenden Mittel werden einerseits für den Ausbau der Direktzah-</span><br/> <span class="ft10">lungsinstrumente in Bereichen mit Ziellücken (insbesondere im Hin-</span><br/> <span class="ft10">blick auf Biodiversität, Landschaftsvielfalt und ökologische Fort-</span><br/> <span class="ft10">schritte) und andererseits für die Übergangsbeiträge eingesetzt.</span><br/> <span class="ft10">Durch den Anstieg des Mittelbedarfs bei den zielorientierten Instru-</span><br/> <span class="ft10">menten im Lauf der Zeit wird sich im Gegenzug der Betrag, der für</span><br/> <span class="ft10">die Übergangsbeiträge zur Verfügung steht, reduzieren. Die Über-</span><br/> <span class="ft10">gangsbeiträge sollen so einen sozialverträglichen Wechsel vom alten</span><br/> <span class="ft10">auf das neue Direktzahlungssystem sicherstellen und innerhalb der</span><br/> <span class="ft10">nächsten voraussichtlich acht Jahre auslaufen (Botschaft Nr. 12.021</span><br/> <span class="ft10">vom 1. Februar 2012 zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik in den</span><br/> <span class="ft10">Jahren 2014-2017 [Agrarpolitik 2014-2017], in: BBl 2012 2075 ff.,</span><br/> <span class="ft10">S. 2190 ff., Ziff. 2.3.1).</span><br/> <span class="ft10">1.2.</span><br/> <span class="ft10">Die in Art. 84 ff. DZV vorgesehenen Übergangsbeiträge sollen,</span><br/> <span class="ft10">wie gesagt, die durch den Systemwechsel verursachten Beitragsdiffe-</span><br/> <span class="ft10">renzen reduzieren und damit einen sozialverträglichen Übergang si-</span><br/> <span class="ft10">cherstellen. Grundsätzlich wird der für die Übergangsbeiträge zur</span><br/> <span class="ft10">Verfügung stehende Betrag aufgrund der unter altem Recht ausge-</span><br/> <span class="ft10">richteten allgemeinen Direktzahlungen gesamtschweizerisch verhält-</span><br/> <span class="ft10">nismässig auf die Betriebe verteilt. Massgebend sind die Direktzah-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Landwirtschaftsrecht</span> <span class="page_no">209</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">lungen der Jahre 2011-2013, wobei für jeden Betrieb dasjenige Jahr</span><br/> <span class="ft10">mit den höchsten Beiträgen massgebend ist (Art. 86 Abs. 2 DZV).</span><br/> <span class="ft10">Die Summe der Direktzahlungen ergibt im Verhältnis zu den zur Ver-</span><br/> <span class="ft10">fügung stehenden Mitteln den Verteilfaktor. Eine Korrektur erfolgt</span><br/> <span class="ft10">allerdings dahingehend, dass von den altrechtlichen Direktzahlungen</span><br/> <span class="ft10">die neuen Kulturlandschafts- und Versorgungssicherheitsbeiträge,</span><br/> <span class="ft10">mit Ausnahme des Sömmerungsbeitrags, abgezogen werden (Art. 86</span><br/> <span class="ft10">Abs. 1 DVZ). Die Kulturlandschafts- und Versorgungsbeiträge be-</span><br/> <span class="ft10">rechnen sich aufgrund der Flächen und Tierbestände desjenigen Jah-</span><br/> <span class="ft10">res, welches für die Bestimmung der altrechtlichen Direktzahlungen</span><br/> <span class="ft10">ausschlaggebend ist. Für die Beitragsansätze ist dagegen das Jahr</span><br/> <span class="ft10">2014 massgebend (Art. 86 Abs. 3 DZV). Erst nach dieser Korrektur</span><br/> <span class="ft10">erfolgen die Berechnung des Verteilfaktors und die Aufteilung der</span><br/> <span class="ft10">Mittel.</span><br/> <span class="ft10">Die Differenz zwischen den altrechtlichen allgemeinen Direkt-</span><br/> <span class="ft10">zahlungen und den neuen Kulturlandschafts- und Versorgungssicher-</span><br/> <span class="ft10">heitsbeiträgen, mit Ausnahme des Sömmerungsbeitrags, ergibt pro</span><br/> <span class="ft10">Betrieb den Basiswert. Das gesamtschweizerische Total der Basis-</span><br/> <span class="ft10">werte im Verhältnis zu den insgesamt verfügbaren Mitteln ergibt den</span><br/> <span class="ft10">Verteilfaktor. Basiswert pro Betrieb und Faktor ergeben wiederum</span><br/> <span class="ft10">den Übergangsbeitrag für den einzelnen Betrieb. Die Übergangsbei-</span><br/> <span class="ft10">träge sind Teil der gesamten für die Direktzahlungen zur Verfügung</span><br/> <span class="ft10">stehenden Mittel. Die Zunahme des Mittelbedarfs bei den leistungs-</span><br/> <span class="ft10">bezogenen Direktzahlungen wird die für die Übergangsbeiträge ver-</span><br/> <span class="ft10">fügbaren Mittel im Laufe der Zeit sinken lassen, wobei von einem</span><br/> <span class="ft10">Zeithorizont von acht Jahren ausgegangen wird. Dementsprechend</span><br/> <span class="ft10">wird der Faktor für die Berechnung jährlich angepasst werden (Bot-</span><br/> <span class="ft10">schaft Agrarpolitik 2014-2017, BBl 2012 2075 ff., S. 2224 f.,</span><br/> <span class="ft10">Ziff. 2.3.11).</span><br/> <span class="ft10">1.3.</span><br/> <span class="ft10">Die Korrektur bei der Berechnung des Basiswerts um die Kul-</span><br/> <span class="ft10">turlandschafts- und Versorgungssicherheitsbeiträge ist dadurch be-</span><br/> <span class="ft10">gründet, dass die Übergangsbeiträge die Beitragsdifferenzen des Sys-</span><br/> <span class="ft10">temwechsels ausgleichen sollen. Wer neu (höhere) Kulturland-</span><br/> <span class="ft10">schafts- und Versorgungssicherheitsbeiträge erhält, soll nicht zusätz-</span><br/> <span class="ft10">lich auch von höheren Übergangsbeiträgen profitieren. Um dieses</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">210</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">Ziel zu erreichen, ist für die Bestimmung der massgebenden Flächen</span><br/> <span class="ft10">gemäss Art. 86 Abs. 3 DZV auf das massgebende Jahr der 3-Jahres-</span><br/> <span class="ft10">periode (2011-2013) abzustellen.</span><br/> <span class="ft10">Flächen mit Biodiversitätsbeiträgen nach Art. 55 DZV erhalten</span><br/> <span class="ft10">beispielsweise bei den Versorgungssicherheitsbeiträgen einen redu-</span><br/> <span class="ft10">zierten Ansatz (Art. 50 Abs. 2 DZV). Würde nun bei der Berechnung</span><br/> <span class="ft10">des Korrekturabzuges nach Art. 86 Abs. 1 DZV auf die Beitragsbe-</span><br/> <span class="ft10">rechtigung im Jahr 2014 abgestellt, wäre der entsprechende Korrek-</span><br/> <span class="ft10">turbetrag bei diesen Flächen tiefer, der Basiswert und damit auch der</span><br/> <span class="ft10">Übergangsbeitrag höher, als wenn auf die Beitragsberechtigung nach</span><br/> <span class="ft10">altem Recht abgestellt wird. Gleichzeitig profitieren diese Flächen</span><br/> <span class="ft10">aber von den neuen Biodiversitätsbeiträgen und wären somit doppelt</span><br/> <span class="ft10">begünstigt. Dies war nicht die Meinung des Gesetzgebers, weshalb,</span><br/> <span class="ft10">wie erwähnt, die Beitragsberechtigung in der alten Periode massge-</span><br/> <span class="ft10">bend ist, nicht diejenige im Jahr 2014.</span><br/> <span class="ft10">1.4.</span><br/> <span class="ft10">Die Basiswerte nach Art. 86 DZV für die Betriebe sowie die</span><br/> <span class="ft10">ebenfalls zu bestimmende Standardarbeitskraft nach Art. 93 DZV</span><br/> <span class="ft10">wurden im Kanton Aargau durch das System AGRICOLA berechnet</span><br/> <span class="ft10">und den Landwirten Mitte 2014 mitgeteilt, so auch dem Beschwerde-</span><br/> <span class="ft10">führer mit Verfügung vom 27. Juni 2014. Nachdem in der Folge</span><br/> <span class="ft10">sämtliche Abrechnungen der Kantone beim Bund eingegangen wa-</span><br/> <span class="ft10">ren, stellte das BLW fest, dass in den AGRICOLA-Kantonen zu</span><br/> <span class="ft10">grosse Differenzen bei den festgesetzten Basiswerten im Vergleich zu</span><br/> <span class="ft10">den aufgrund der Daten früherer Jahre erwarteten Zahlen bestanden.</span><br/> <span class="ft10">Die Überprüfung der Daten ergab, dass den verfügten Basiswerten</span><br/> <span class="ft10">falsche Detailzahlen zu Grunde lagen.</span><br/> <span class="ft10">1.5.</span><br/> <span class="ft10">Die Abklärungen des BLW deckten auf, dass die Grundlagen</span><br/> <span class="ft10">für die Berechnung der Basiswerte und in der Folge auch der Über-</span><br/> <span class="ft10">gangsbeiträge im Programm AGRICOLA falsch hinterlegt waren.</span><br/> <span class="ft10">Für die Bestimmung der Flächen, aufgrund welcher die neurechtli-</span><br/> <span class="ft10">chen Kulturlandschafts- und Versorgungssicherheitsbeiträge errech-</span><br/> <span class="ft10">net werden, wurde nicht nur auf den Beitragsansatz, sondern auch</span><br/> <span class="ft10">auf die Beitragsberechtigung im Jahr 2014 abgestellt. Dies führte</span><br/> <span class="ft10">dazu, dass Streueflächen, Hecken, Feld- und Ufergehölze, Buntbra-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Landwirtschaftsrecht</span> <span class="page_no">211</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">chen, Rotationsbrachen und Saum auf Ackerflächen fälschlicherwei-</span><br/> <span class="ft10">se, weil im Jahr 2014 nicht mehr beitragsberechtigt, nicht berück-</span><br/> <span class="ft10">sichtigt wurden. Für extensive Weiden wurde ausserdem ein zu tiefer</span><br/> <span class="ft10">Ansatz (Fr. 450.00 / ha anstatt Fr. 900.00 / ha) verwendet. In der Fol-</span><br/> <span class="ft10">ge wurden die neurechtlichen Kulturlandschafts- und Versorgungs-</span><br/> <span class="ft10">sicherheitsbeiträge zu tief berechnet (entscheidend wäre gewesen, ob</span><br/> <span class="ft10">sie altrechtlich beitragsberechtigt waren bzw. gewesen wären), was</span><br/> <span class="ft10">wiederum zu grosse Differenzen (altrechtliche Direktzahlungen ab-</span><br/> <span class="ft10">züglich neurechtliche Kulturlandschafts- und Versorgungssicher-</span><br/> <span class="ft10">heitsbeiträge), zu hohe Basiswerte und damit zu hohe Übergangs-</span><br/> <span class="ft10">beiträge zur Folge hatte.</span><br/> <span class="ft10">1.6.</span><br/> <span class="ft10">Auch beim Beschwerdeführer führte diese ursprünglich falsche</span><br/> <span class="ft10">Berechnung durch das Programm AGRICOLA zu einem zu hohen</span><br/> <span class="ft10">Basiswert. In der korrigierten Version ergab sich im November 2014</span><br/> <span class="ft10">ein Basiswert von Fr. -511.80 und somit keine Auszahlung von Über-</span><br/> <span class="ft10">gangsbeiträgen. Die Richtigkeit dieser Berechnung wird vom Be-</span><br/> <span class="ft10">schwerdeführer nicht bestritten. Ihm geht es vielmehr darum, dass</span><br/> <span class="ft10">durch die Abteilung Landwirtschaft nicht korrekt kommuniziert wor-</span><br/> <span class="ft10">den sei. Zudem erachtet er es als unzulässig, dass eine rechtskräftige</span><br/> <span class="ft10">Verfügung einfach wieder aufgehoben wurde.</span><br/> <span class="ft10">2.</span><br/> <span class="ft10">Gemäss § 37 Abs. 1 VRPG können Entscheide, die der Rechts-</span><br/> <span class="ft10">lage oder den sachlichen Erfordernissen nicht entsprechen, durch die</span><br/> <span class="ft10">erlassende Behörde oder die Aufsichtsbehörde geändert oder aufge-</span><br/> <span class="ft10">hoben werden, wenn das Interesse an der richtigen Rechtsanwendung</span><br/> <span class="ft10">die Interessen der Rechtssicherheit und des Vertrauensschutzes über-</span><br/> <span class="ft10">wiegt. Vorbehalten bleiben nach § 37 Abs. 2 VRPG Entscheide, die</span><br/> <span class="ft10">nach besonderen Vorschriften oder der Natur der Sache nicht oder</span><br/> <span class="ft10">nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zurückgenommen wer-</span><br/> <span class="ft10">den können.</span><br/> <span class="ft10">Im Unterschied zu Erkenntnissen von Zivil- und Strafbehörden</span><br/> <span class="ft10">und im Verwaltungsrecht tätigen Justizbehörden kommt Verwal-</span><br/> <span class="ft10">tungsverfügungen keine materielle Rechtskraft zu, sondern nur, aber</span><br/> <span class="ft10">immerhin, Rechtsbeständigkeit, was bedeutet, dass sie - nur noch -</span><br/> <span class="ft10">unter bestimmten Voraussetzungen einseitig aufgehoben oder zum</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">212</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">Nachteil des Adressaten abgeändert werden dürfen (P</span><span class="ft6">IERRE</span><br/> <span class="ft10">T</span><span class="ft6">SCHANNEN</span><span class="ft10">/U</span><span class="ft6">LRICH</span> <span class="ft10">Z</span><span class="ft6">IMMERLI</span><span class="ft10">/M</span><span class="ft6">ARKUS</span> <span class="ft10">M</span><span class="ft6">ÜLLER</span><span class="ft10">, Allgemeines</span><br/> <span class="ft10">Verwaltungsrecht, 4. Aufl., Bern 2014, § 31 N 8 f.). Wegen des Lega-</span><br/> <span class="ft10">litätsprinzips können Verwaltungsverfügungen nicht unumstösslich</span><br/> <span class="ft10">sein (BGE 100 Ib 299, Erw. 2; T</span><span class="ft6">SCHANNEN</span><span class="ft10">/Z</span><span class="ft6">IMMERLI</span><span class="ft10">/M</span><span class="ft6">ÜLLER</span><span class="ft10">,</span><br/> <span class="ft10">a.a.O., § 31 N 21; U</span><span class="ft6">LRICH</span> <span class="ft10">H</span><span class="ft6">ÄFELIN</span><span class="ft10">/G</span><span class="ft6">EORG</span> <span class="ft10">M</span><span class="ft6">ÜLLER</span><span class="ft10">/F</span><span class="ft6">ELIX</span><br/> <span class="ft10">U</span><span class="ft6">HLMANN</span><span class="ft10">, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl., Zürich/</span><br/> <span class="ft10">St. Gallen 2010, Rz. 994).</span><br/> <span class="ft10">Im Zusammenhang mit § 37 Abs. 2 VRPG kann ergänzend da-</span><br/> <span class="ft10">rauf hingewiesen werden, dass das Bundesgericht Fallgruppen von</span><br/> <span class="ft10">grundsätzlich nicht widerrufbaren Verfügungen gebildet hat, bei wel-</span><br/> <span class="ft10">chen das Interesse am Fortbestand der Verfügung in der Regel höher</span><br/> <span class="ft10">zu gewichten ist als das Interesse an der richtigen Durchsetzung des</span><br/> <span class="ft10">objektiven Rechts. Grundsätzlich nicht widerrufbar sind Verfügun-</span><br/> <span class="ft10">gen namentlich, wenn</span><br/> <span class="ft11">- darin ein subjektives Recht begründet wurde oder</span><br/> <span class="ft11">- sie in einem Verfahren ergangen sind, in dem die sich gegen-</span><br/> <span class="ft10">überstehenden Interessen allseitig zu prüfen und gegeneinan-</span><br/> <span class="ft10">der abzuwägen waren oder</span><br/> <span class="ft11">- der Private von einer eingeräumten Befugnis bereits Ge-</span><br/> <span class="ft10">brauch gemacht hat.</span><br/> <span class="ft10">Auch in diesen Fällen kommt aber ein Widerruf dann in Frage,</span><br/> <span class="ft10">wenn das entgegenstehende öffentliche Interesse besonders gewich-</span><br/> <span class="ft10">tig erscheint (vgl. BGE 137 I 69, Erw. 2.3; 121 II 273, Erw. 1a/aa).</span><br/> <span class="ft10">3.</span><br/> <span class="ft10">3.1.</span><br/> <span class="ft10">Der Basiswert wurde in der ursprünglichen Verfügung fehler-</span><br/> <span class="ft10">haft festgesetzt. Insbesondere aufgrund der Mitteilung des Vizedirek-</span><br/> <span class="ft10">tors des BLW vom 20. Oktober 2014 erscheint dies zweifellos erstellt</span><br/> <span class="ft10">und wird vom Beschwerdeführer auch nicht ernsthaft bestritten.</span><br/> <span class="ft10">Insofern ist die erste Voraussetzung eines Widerrufs gemäss § 37</span><br/> <span class="ft10">Abs. 1 VRPG ("Entscheide, die der Rechtslage oder den sachlichen</span><br/> <span class="ft10">Erfordernissen nicht entsprechen"), ohne weiteres erfüllt.</span><br/> <span class="ft10">3.2.</span><br/> <span class="ft10">Das öffentliche Interesse an der richtigen Rechtsanwendung ist</span><br/> <span class="ft10">in concreto als hoch zu bewerten. Da für die Übergangsbeiträge pro</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Landwirtschaftsrecht</span> <span class="page_no">213</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">Jahr ein bestimmter Maximalbetrag zur Verfügung steht, der auf die</span><br/> <span class="ft10">Kantone und weiter auf die berechtigten Betriebe verteilt wird, hat</span><br/> <span class="ft10">eine falsche Berechnung in einem oder mehreren Kantonen mit zu</span><br/> <span class="ft10">hohen Übergangsbeiträgen zur Folge, dass in den übrigen Kantonen</span><br/> <span class="ft10">für die dortigen Betriebe weniger Geld zur Verfügung steht. Zudem</span><br/> <span class="ft10">führt die ungleiche Anwendung der Verteilkriterien zu einer Un-</span><br/> <span class="ft10">gleichbehandlung der Betriebe. Die Nichteinhaltung der gesetzlichen</span><br/> <span class="ft10">Vorgaben (Legalitätsprinzip) hat demnach weitreichende Konsequen-</span><br/> <span class="ft10">zen für unzählige anspruchsberechtigte Betriebe in der gesamten</span><br/> <span class="ft10">Schweiz.</span><br/> <span class="ft10">3.3.</span><br/> <span class="ft10">3.3.1.</span><br/> <span class="ft10">Der in Art. 9 BV verankerte Grundsatz von Treu und Glauben</span><br/> <span class="ft10">verleiht einer Person Anspruch auf Schutz des berechtigten Vertrau-</span><br/> <span class="ft10">ens u.a. - wie im vorliegenden Fall - in eine Verfügung. Vorausge-</span><br/> <span class="ft10">setzt ist, dass die Person, die sich auf den Vertrauensschutz beruft,</span><br/> <span class="ft10">berechtigterweise auf diese Grundlage vertrauen durfte und gestützt</span><br/> <span class="ft10">darauf nachteilige Dispositionen getroffen hat, die sie nicht mehr</span><br/> <span class="ft10">rückgängig machen kann (BGE 137 I 69, Erw. 2.5.1, mit weiteren</span><br/> <span class="ft10">Hinweisen).</span><br/> <span class="ft10">3.3.2.</span><br/> <span class="ft10">Der Beschwerdeführer beantragt einerseits die Auszahlung der</span><br/> <span class="ft10">ursprünglich berechneten Übergangsbeiträge. Bei einem Basiswert</span><br/> <span class="ft10">von Fr. 4'008.50 und einem Umrechnungsfaktor von 0,4724 für das</span><br/> <span class="ft10">Jahr 2014 wären dies Fr. 1'893.60 gewesen. Berücksichtigt man auch</span><br/> <span class="ft10">die Auszahlungen in den folgenden Jahren (voraussichtlich ca. 8</span><br/> <span class="ft10">Jahre), wobei diese Auszahlungen degressiv sein werden, ergibt sich</span><br/> <span class="ft10">ein Gesamtbetrag, der nur geschätzt werden kann. Er dürfte aber</span><br/> <span class="ft10">vermutlich bei rund Fr. 8'000.00 bis Fr. 12'000.00 liegen.</span><br/> <span class="ft10">Der Beschwerdeführer macht anderseits geltend, die Abteilung</span><br/> <span class="ft10">Landwirtschaft habe nicht korrekt kommuniziert, weshalb ein Wider-</span><br/> <span class="ft10">ruf der Verfügung nicht zulässig sei. Die von ihm telefonisch im De-</span><br/> <span class="ft10">zember 2014 angeforderten Belege für die angeblich "ungenaue Ar-</span><br/> <span class="ft10">beit des Programms AGRICOLA" habe er nie erhalten. Das BLW</span><br/> <span class="ft10">habe ihm den Sachverhalt nicht so bestätigen können. Er sei zurück</span><br/> <span class="ft10">an den Kanton verwiesen worden. In der Replik ergänzte der Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">214</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">schwerdeführer, der Vertreter des Kantons Aargau in der Fachgruppe</span><br/> <span class="ft10">Betriebsberechnung habe es verpasst, den Beitragsberechnungsser-</span><br/> <span class="ft10">vice BBS 14 korrekt anzuwenden. Aus der Mail des Vizedirektors</span><br/> <span class="ft10">des BLW vom 20. Oktober 2014 gehe klar hervor, dass nicht die</span><br/> <span class="ft10">unterschiedliche Interpretation, sondern ein Versäumnis eines Ar-</span><br/> <span class="ft10">beitsgruppenmitglieds für den Fehler verantwortlich gewesen sei.</span><br/> <span class="ft10">3.3.3.</span><br/> <span class="ft10">Dem Beschwerdeführer wurde zwar mit Verfügung vom 27. Ju-</span><br/> <span class="ft10">ni 2014 der Basiswert für seinen Betrieb eröffnet. Dieser Basiswert</span><br/> <span class="ft10">sagt aber noch nichts aus über den genauen Betrag, den der Be-</span><br/> <span class="ft10">troffene als Übergangsbeitrag erhalten wird. Dieser Betrag kann erst</span><br/> <span class="ft10">errechnet werden, wenn dem BLW sämtliche Basiswerte aller Be-</span><br/> <span class="ft10">triebe in der Schweiz vorliegen. Erst gestützt auf diesen Gesamtwert</span><br/> <span class="ft10">kann, im Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden Mitteln, der Ver-</span><br/> <span class="ft10">teilfaktor festgelegt und anschliessend der individuelle Anspruch be-</span><br/> <span class="ft10">rechnet werden. Das BLW legt jeweils erst Ende Oktober diesen Fak-</span><br/> <span class="ft10">tor fest, nachdem ihm von den Kantonen sämtliche Basiswerte</span><br/> <span class="ft10">gemeldet wurden. Die Verfügung vom 27. Juni 2014 hat somit noch</span><br/> <span class="ft10">gar keinen (geldwerten) Anspruch des Beschwerdeführers begründet.</span><br/> <span class="ft10">Folglich konnte er gestützt auf diese Verfügung noch kaum konkrete</span><br/> <span class="ft10">Dispositionen tätigen; tatsächlich behauptet er auch nicht, solche ge-</span><br/> <span class="ft10">troffen zu haben. Insofern besteht von vornherein kein Anspruch des</span><br/> <span class="ft10">Beschwerdeführers, in seinem Vertrauen in die ursprüngliche Festle-</span><br/> <span class="ft10">gung des Basiswerts geschützt zu werden.</span><br/> <span class="ft10">3.3.4. (...)</span><br/> <span class="ft10">3.4.</span><br/> <span class="ft10">Der Grundsatz der Rechtssicherheit weist eine enge Verwandt-</span><br/> <span class="ft10">schaft mit dem Grundsatz des Vertrauensschutzes (vgl. hierzu</span><br/> <span class="ft10">Erw. 3.3 vorne) auf. Beide verlangen den Schutz der Privaten, die auf</span><br/> <span class="ft10">eine bestimmte Rechtslage vertraut haben. Während aber der Ver-</span><br/> <span class="ft10">trauensschutz im Sinne des Grundsatzes von Treu und Glauben das</span><br/> <span class="ft10">individuelle Vertrauen der Privaten schützt, das diese in einem kon-</span><br/> <span class="ft10">kreten Fall aus ganz bestimmten Gründen in ein Verhalten der Behör-</span><br/> <span class="ft10">den haben, dient die Rechtssicherheit dazu, allgemein die Vorausseh-</span><br/> <span class="ft10">barkeit, Berechenbarkeit und Beständigkeit des Rechts zu gewähr-</span><br/> <span class="ft10">leisten (H</span><span class="ft6">ÄFELIN</span><span class="ft10">/M</span><span class="ft6">ÜLLER</span><span class="ft10">/U</span><span class="ft6">HLMANN</span><span class="ft10">, a.a.O, Rz. 628).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Landwirtschaftsrecht</span> <span class="page_no">215</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">In concreto stehen - letztlich nicht sehr bedeutende - finanzielle</span><br/> <span class="ft10">Interessen auf dem Spiel. Zudem wurden diesbezüglich noch keine</span><br/> <span class="ft10">konkreten Beträge, sondern nur die individuellen Berechnungsgrund-</span><br/> <span class="ft10">lagen verfügt. Der Rechtssicherheit ist insofern kein wesentliches</span><br/> <span class="ft10">Gewicht beizumessen.</span><br/></div> </div> </body> </html>