B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4232/2022 U r t e i l v o m 11 . O k t o b e r 2 0 2 2 Besetzung Richterin Constance Leisinger (Vorsitz), Richterin Esther Marti, Richterin Barbara Balmelli, Gerichtsschreiberin Kinza Brunner. Parteien A._______, geboren am (…), Somalia, vertreten durch MLaw Thierry Büttiker, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung (Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung sicherer Drittstaat - Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG); Verfügung des SEM vom 15. September 2022 / N (…). E-4232/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 3. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl nach. B. Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der europäi- schen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass er am (…) 2019 in Griechenland ein Asylgesuch gestellt hatte und ihm am (…) 2021 von den griechischen Behörden internationaler Schutz gewährt worden war. C. Am 7. Juni 2022 fand die Personalienaufnahme (PA) statt. D. Am 15. Juni 2022 erfolgte – im Beisein der dem Beschwerdeführer zuge- wiesenen und am 8. Juni 2022 mandatierten Rechtsvertretung – das per- sönliche Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsang ehörigen oder Staatenlosen in ei- nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Dem Beschwerdeführer wurde dabei das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) sowie zur Möglichkeit der Rückführung nach Griechenland ge- währt. Anlässlich des Dublin-Gespräches machte der Beschwerdeführer im We- sentlichen geltend, die Lebensbedingungen in Griechenla nd se ien sehr schlecht. Er sei bei seiner Ankunft in Griechenland verletzt und krank ge- wesen, aber es habe keine gesundheitliche Versorgung gegeben. Nach dem Brand im Camp, in welchem er sich aufgehalten habe, sei er auf eine Insel transferiert worden und dort etwas länger als ein Jahr gewesen. Nachdem er die Aufenthaltsbewilligung erhalten habe, habe er das Camp noch am selben Tag verlassen müssen. Ihm sei keine «AMKA»-Nummer ausgestellt worden, weshalb er keine Schmerzmittel erhalten habe. Trotz seiner Verletzung hätten ihm die Behörden nicht geholfen, weshalb er nach Athen gegangen sei. Dort habe er sich etwa ein halbes Jahr auf der Strasse E-4232/2022 Seite 3 aufgehalten. Von den Hilfsorganisationen habe er ebenfalls keine Hilfe er- halten. Es habe kaum zu Essen gegeben. E. Am 16. Juni 2022 ersuchte SEM die griechischen Behörden gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rats vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal anwesender Drittstaatsangehöriger (nachfolgend: Rückführungs-Richtlinie) und das Abkommen zwischen der Schweiz und Griechenland über die Rückübernahme von Personen mit ir- regulärem Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729) um Rück- übernahme des Beschwerdeführers. F. Die griechischen Behörden stimmten am 18. Juni 2022 dem Rückübernah- meersuchen des SEM zu und teilten mit, dass der Beschwerdeführer in Griechenland als Flüchtling anerkannt sei und er über eine bis am 26. Ok- tober 2024 gültige Aufenthaltsbewilligung verfüge. G. Mit Eingaben vom 19. August 2022 reichte die Rechtsvertretung des Be- schwerdeführers medizinische Unterlagen des BAZ B._______ vom 29. Juli 2022 und einen Arztbericht des C._______ vom 26. Juli 2022 zu den Akten. H. Am 13. September 2022 übermittelte das SE M der Rechtsvertretung den Entwurf des Entscheids betreffend Nichteintreten auf das Asylgesuch und Wegweisung des Beschwerdeführers nach Griechenland zur Stellung- nahme. I. Mit Stellungnahme vom 14. September 2022 teilte die Rechtsvertretung mit, der Beschwerdeführer könne nicht nach Griechenland zurückkehren, da insbesondere seine gesundheitlichen Probleme einer Wegweisung ent- gegenstehen würden. Der medizinische Sachverhalt sei nicht vollständig erstellt. J. Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 1 5. September 2022 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch E-4232/2022 Seite 4 des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Grie- chenland und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu v erlassen. Gleichzeitig wurde der Kanton D._______ mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt. Überdies wurden dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver- zeichnis ausgehändigt. K. Mit Eingabe vom 22. September 2022 erhob der Beschwerdeführer gegen die vorinstanzliche Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde und beantragte in materieller Hinsicht, die Verfügung vom 15. September 2022 sei aufzuheben, es sei festzustellen, dass der Weg- weisungsvollzug nach Griechenland unzulässig, unzumutbar und unmög- lich sei. Die Vorinstanz sei anzuweisen ihn vorläufig aufzunehmen. Even- tualtier sei die angefochtene Verfügung zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Garantien betreffend die adäquate Un- terbringung sowie den benötigten Zugang zur medizinischen Versorgung einzuholen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung ei- nes Kostenvorschusses. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Staates. Der Beschwerde lagen unter anderem drei Fotografien (…) des Beschwer- deführers sowie eine Dokumentation des erhaltenen Pflegematerials in der Schweiz bei. L. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 23. September 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Gleichentags bestätigte dieses den Eingang der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher E-4232/2022 Seite 5 zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Zwar wird im Rechtsbegehren 1 betreffend Aufhebung der angefochtenen Verfügung nicht präzisiert, auf welche Disposi tivziffer der angefochtenen Verfügung sich dieser Antrag konkret bezieht. Aus dem Rechtsbegehren 2 und insbesondere der Beschwerdebegründung ergibt sich indes hinrei- chend klar, dass die Anfechtung der Verfügung sich auf die Anordnung des Wegweisungsvollzugs beschränkt. Die Dispositivziffern 1 (Nichteintreten auf Asylgesuch) und 2 (Wegweisung) der Verfügung vom 15. September 2022 sind demnach in Rechtskraft erwachsen. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG). 5. 5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 5.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den E-4232/2022 Seite 6 Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG unzumut- bar sein, wenn der Ausländer oder die Ausländerin im Heimat - oder Her- kunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet ist. Der Vollzug ist nach Art. 83 Abs. 2 AIG nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Aus- länder weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Dritt- staat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 6. 6.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland sei zulässig, zumutbar und möglich. Der Bundesrat habe Griechenland als sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet. Griechenland habe die Richtlinie 2011/95/EU des europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezember 2011 (nachfolgend: Qualifikationsrichtlinie) umgesetzt. Ent- sprechend könnten sich Personen mit Schutzstatus in Griechenland auf die Garantien berufen, wonach sie griechischen Bürgerinnen und Bürg ern gleichgestellt seien in Bezug auf Fürsorge, den Zugang zu Gerichten und den öffentlichen Schulunterricht, medizinischer Versorgung, respektive gleichgestellt mit anderen Ausländern und Ausländerinnen, beispielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder die Gewährung einer Unterkunft. Unter- stützungsleistungen und weitere Rechte müssten direkt bei den zuständi- gen Behörden eingefordert werden, falls notwendig auf dem Rechtsweg, ergänzend bei einer der vor Ort tätigen Hilfsorganisationen. Dies dürfe vom Beschwerdeführer erwartet werden. Die in Griechenland allgemein schwie- rigen ökonomischen Lebensbedingungen sowie die herrschende Woh- nungsnot träfen die ganze Bevölkerung und vermöchten die Vermutung der Zulässigkeit und die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung nicht zu widerlegen. Der Beschwerdeführer könne aufgrund seines Flüchtlingssta- tus eine sogenannte «AMKA» -Sozialversicherungsnummer erhalten , da diese automatisch mit der Schutzgewährung ausgestellt werden sollte. Zu- dem stünde ihm auch die Möglichkeit offen, sich ergänzend an eine der vor Ort tätigen Hilfsorganisationen zu wenden. Das Bundesverwaltungsgericht gehe auch in seinem jüngsten Referenzurteil davon aus, dass der Vollzug der Wegweisung fü r Personen, die einen Schutzstatus erhalten hätten, trotz der bestehenden Schwierigkeiten grundsätzlich zulässig sei. Der Be- schwerdeführer habe nicht ausreichend dargelegt, welche Bemühungen er E-4232/2022 Seite 7 konkret unternommen habe, um Unterstützung zu erhalten. Seine Ausfüh- rungen würden nicht darauf schliessen lassen, dass er alles ihm zumutbare unternommen habe, um die ihm gestützt auf die Qualifikationsrichtlinie zu- stehenden Leistungen zu erhalten. Er sei gehalten, seine Ansprüche bei den griechischen Behörden, nötig enfalls auf dem Rechtsweg, geltend zu machen. Hinsichtlich seines Gesundheitszustands gehe aus den am 19. August 2022 eingereichten Arztberichten hervor, dass er für gelegent- liche Kopfschmerzen Reservemedikamente bei der Pflege des BAZ bezo- gen habe. Weiter sei er bei einer (…) gewesen, wo er Material erhalten habe. Er würde sich eine Beratung für eine (…) wünschen. Aus dem Bericht der Ärztin des BAZ vom 29. Juli 2022 gehe hervor, dass diesbezüglich al- lerdings keine Dringlichkeit bestünde . Weitere medizinisc he Unterlagen zum (…) und allfällig notwendigen Behandlungen lägen nicht vor. Betref- fend seine Beschwerden am Knie sei ihm am 26. Juli 2022 vom untersu- chenden Arzt eine Operation empfohlen worden. Es bestehe derzeit jedoch kein weiterer Abklärungs- oder Behandlungsbedarf. Deshalb werde auf das Abwarten weiterer medizinischer Abklärungen verzichtet. Seine gesund- heitlichen Beschwerden seien zwar bedauerlich; von einem gravierenden Krankheitsbild, welches die Annahme der Unzulässigkeit des Wegwei- sungsvollzugs im Sinne der erwähnten Rechtsprechung rechtfertigen würde, könne indessen nicht ausgegangen werden. Auch wenn nicht be- stritten werde, dass er in Griechenland mit schwierigen Bedingungen kon- frontiert gewesen sei, sei nicht davon auszugehen, dass er bei einer Rück- kehr dorthin einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK ausgesetzt wäre respektive ihm eine Notlage oder Verelendung drohe. Auch könne er nach Griechenland zurückkehren, ohne eine Rückschiebung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG befürchten zu müssen. 6.2 Der Beschwerdeführer hält dem in der Rechtsmitteleingabe entgegen, gestützt auf das Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts sei der Vollzug der Wegweisung von äusserst vulnerablen schutzberechtigten Per- sonen unzumutbar, ausser es lägen besonders begünstigende Umstände vor. Der Beschwerdeführer sei in einer sehr schlechten gesundheitlichen Verfassung. Die Vorinstanz habe seinen Gesundheitszustand nicht genü- gend abgeklärt. Er sei regelmässig und langfristig auf ärztliche bzw. pfle- gerische Unterstützung und insbesondere auf entsprechend adäquates Material zur selbständigen (…) angewiesen. Wegen seiner Krankheit sei er auch auf eine hygienische Umgebung angewiesen. In Griechenland habe er kein medizinisches Material zur (…) erhalten, obwohl er alles pro- biert habe, um die nötige medizinische Unterstützung zu erhalten. Dies sei E-4232/2022 Seite 8 ihm nicht gelungen. Er habe (…). Eine «AMKA»-Nummer habe er nie er- halten. Ausserdem trügen weitere individu elle Faktoren zu seiner beson- deren Vulnerabilität bei. Aufgrund seiner Situation könne er weder eine Un- terkunft noch eine Arbeitsstelle finden, da er (…). Begünstigende Faktoren seien offensichtlich nicht vorhanden. 7. Der Beschwerdeführer rügt, der medizinische Sachverhalt sei nicht voll- ständig erstellt worden. Die Rüge geht fehl. Die Vorinstanz ist nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts zu Recht davon ausgegangen, dass der medizinische Sachverhalt für die Beurteilung der Zulässigkeit und Z umut- barkeit einer Wegweisung nach Griechenland genügend erstellt ist. Dies- bezüglich ist auf die entsprechenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung sowie die bei den Akten befindlichen Arztberichte zu verweisen, auf welche sich die Vorinstanz bei ihrer Beurteilung gestützt hat (act. […]- 23/13 Ziffer II, […]-21/2, […]-22/2). Der Sachverhalt war unter dem Aspekt der angewandten Rechtsbestimmungen entscheidreif und die Vorinstanz nicht verpflichtet, weitere Nachforschungen anzustellen. Sie hat sodann alle wesentlichen Umstände in ihre Würdigung einbezogen und in ihrer Ver- fügung ihre Überlegungen dargelegt, aufgrund welcher sie – bezogen auf den vorliegenden Einzelfall – zum Schluss gekommen ist, es lägen keine Gründe vor, die gegen einen Wegweisungsvollzug sprächen. Sie hat sich mit den Diagnosen, den Umständen in Griechenland und dem Einwand, dass weitere Abklärungen des Gesundheitszustandes des Beschwerde- führers notwendig seien, genügend auseinandergesetzt. Der Begrün- dungspflicht wurde somit ebenfalls g enüge getan. Für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht demnach kein Anlass, womit der ent- sprechende Eventualantrag abzuweisen ist. 8. 8.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzliche Verfügung zu bestätigen ist und sich der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdefüh- rers nach Griechenland als zulässig, zumutbar und möglich erweist , res- pektive er es nicht vermag, die entsprechende Legalvermutung umzustos- sen. E-4232/2022 Seite 9 8.2 8.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 einlässlich mit der Situation für Schutzberechtigte in Griechenland auseinandergesetzt. Es hält an sei- ner bisherigen Rechtsprechung fest, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland für Personen, die dort einen Schutzstatus erhalten ha- ben, grundsätzlich zulässig ist. Das Gericht geht nicht von einer Situation aus, in der jeder Person mit Schutzstatus in Griechenland eine unmensch- liche oder erniedrigende Behandlung im Sinne einer Verletzung von Art. 3 EMRK droht. Trotz Schwachstellen kann nicht von einem dysfunktionalen Aufnahmesystem gesprochen werden. Es existierten gewisse Angebote, die auch für Schutzberechtigte offenst ehen, wenn auch die Kapazitäten kaum ausreichend sein dürften und Infrastrukturhilfen und Angebote bisher vor allem von internationalen Akteuren, zuvorderst der EU, dem Hohen Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) abhängen, die – in Zusammenarbeit mit der lokalen Zivilgesellschaft – Leistungen erbringen und finanzieren. Trotz dieser schwierigen Verhältnisse geht das Bundes- verwaltungsgericht davon aus, dass schutzberechtigte Personen grund- sätzlich in der Lage sind, ihre existenziellen Bedürfnisse abzudecken. Auch ist davon auszugehen, dass Rückkehrenden keine menschenunw ürdige Behandlung droht, weshalb für sie keine ernsthafte Gefahr einer völker- rechtswidrigen Behandlung besteht (a.a.O. E. 11.2). 8.2.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (a.a.O. E. 11.3). Die Legalvermutung gilt bezüglich Griechenland grund- sätzlich auch für vulnerable Personen, wie zum Beispiel für Schwangere oder Personen, die an gesundheitlichen Problemen leiden, die nicht als schwerwiegende Erkrankung einzustufen sind (vgl. a.a.O. E. 11.5.1). 8.2.3 Es obliegt der betroffenen Person, diese Legalvermutung umzustos- sen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die Be- hörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwen- digen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen aussetzen würden respektive, dass sie in Griechenland aufgrund von indi- viduellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. Referenzurteil a.a.O. E. 11.4). E-4232/2022 Seite 10 8.3 8.3.1 Der Beschwerdeführer hat in Griechenland den Flüchtlingsstatus er- halten. Demnach kann er sich grundsätzlich auf die Garantien der Qualifi- kationsrichtlinie berufen (insbesondere die Regeln betreffend den Zugang zu Beschäftigung [Art. 26], zu Bildung [Art. 27], zu Sozialhilfeleistungen [Art. 29], zu Wohnraum [Art. 32] und zu medizinischer Versorgung [Art. 30]), auf die sich Griechenland als EU -Mitgliedstaat behaften lassen muss. Aufgrund der Akten liegen auch keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür vor, dass er für den Fall einer Rückkehr nach Griechenland dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. 8.3.2 Der Beschwerdeführer führte zu seinem vorgängi gen Aufenthalt in Griechenland aus, dort unter unhygienischen Umständen in Camps und später in Athen auf der Strasse gelebt zu haben, wobei er medizinisch nicht angemessen behandelt worden sei. Zudem brachte er vor, es sei allgemein bekannt, dass Griechenland die Vorgaben für Asylsuchende beziehungs- weise anerkannte Flüchtlinge nicht erfüllen könne. Der Beschwerdeführer vermag jedoch – in Anerkennung der schwierigen Situation von Schutzbe- rechtigten in Griechenland – mit diesen allgemein gebliebenen Ausführun- gen nicht genügend darzutun, dass er bei einer Rückkehr nach Griechen- land aufgrund der Schwächen des griechischen Aufnahmesystems mit der notwendigen hohen Wahrscheinlichkeit Lebensbedingungen ausgesetzt wird, die die hohe Schwelle einer ernsthaften Gefahr im Sinne von Art. 3 EMRK erreichen und einer menschenrechtswidrigen Behandlung gleichkä- men. 8.3.3 Gestützt auf die heutige Aktenlage kann nicht von einem gravieren- den Krankheitsbild beim Beschwerdeführer ausgegangen werden, welches die Annahme der Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung rechtferti- gen würde. Der Beschwerdeführer hat nach einer Operation im Jahr 2015, welche nach einer Schussverletzung in seinem Heimatstaat erfolgt sein soll, nunmehr seit sieben Jahren einen (…). Bis zu seiner Ausreise im Jahr 2019 lebte er in seinem Heimatland Somalia mit diesem. Ein solches (…) bedarf zweifelsohne einer sor gfältigen Pflege und Versorgung. Jedoch handelt es sich bei einem (…) gerade nicht um eine schwerwiegende Er- krankung, die beispielsweise zu einer Arbeitsunfähigkeit führt oder kosten- intensiver Medikamente bedarf. Die ärztliche Konsultation in der Schweiz ergab keine Komplikationen oder Behandlungsnotwendigkeiten in Bezug auf das (…). Es wurde zwar eine (…) thematisiert, dieser Wunsch des Be- schwerdeführers aber offenbar nicht weiter verfolgt. Medikamentös wurden E-4232/2022 Seite 11 lediglich unspezifische Kopfschmerzen behandelt (act. […]-21/2). Wie der Beschwerdeführer selbst ausführt, ist er vor allem darauf angewiesen, dass er Material zur Pflege seines (…) erhält. Der Beschwerdeführer hat sodann einen Knorpelschaden am linken Knie nach einem Autounfall vor etwa ei- nem Jahr erlitten. Dieser führt zur Instabilität und soll mit einem operativen Eingriff behoben werden (act. […]-22/2). Ein solcher ist – sofern er nicht zwischenzeitlich in der Schweiz erfolgte – in Griechenland durchführbar. Ohne die Leiden des Beschwerdeführers verharmlosen zu wollen, handelt es sich bei den vorgebrachten Beschwerden mithin nicht um derart gravie- rende gesundheitliche Beeinträchtigungen, welche die ernsthafte Gefahr von Art. 3 EMRK zu begründen vermöchten. Es liegen somit auch keine konkreten Hinweise dafür vor, dass der Beschwerdeführer im Falle seiner Rückkehr nach Griechenland aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK ausgesetzt wäre. 8.4 8.4.1 Betreffend die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass Griechenland an die Qualifikationsrichtlinie gebunden ist. Auch wenn eine adäquate Eingliederung des Beschwerde- führers in die sozialen Strukturen Griechenlands mit nicht zu verkennenden Erschwernissen verbunden ist, vermögen seine Vorbringen die hohen An- forderungen an eine konkrete Gefährdung nicht zu erfüllen respektive ver- mag er damit nichts darzutun, um die Legalvermutung – ein Wegweisungs- vollzug nach Griechenland sei zumutbar – umzustossen. Es handelt sich bei ihm um einen jungen Mann, welcher bereits über zwei Jahre lang in Griechenland verbracht hat. Sofern der Beschwerdeführer angibt, er sei bei der Suche nach Unterstützung in Griechenland immer wieder abgewiesen worden, könne dies ab er nicht belegen, bleibt er damit substanziierte An- gaben darüber schuldig, welche Hilfsorganisationen oder Behörden er kon- kret um welche Unterstützungsleistungen angegangen habe. Auch unter Berücksichtigung seiner gesundheitlichen Beschwerden darf von ihm er- wartet werden, sich bei Unterstützungsbedarf an die griechischen Behör- den zu wenden und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern. Dies betrifft auch entsprechende Bemühungen um eine grie- chische Sozialversicherungsnummer («AMKA»-Nummer), welche wiederum Voraussetzung für den Zugang zu Sozialleistungen, zum Arbeitsmarkt und zur Gesundheitsversorgung ist ( a.a.O. E. 9.5). Es ist in diesem Zusammenhang festzustellen, dass der Beschwerdeführer sich bei seinem Vorbringen, eine solche sei ihm verwehrt worden, auf die Umstände im Camp beruft, mithin auf einen Zeitpunkt als er noch keinen E-4232/2022 Seite 12 internationalen Schutzstatus innehatte. Soweit der Beschwerdeführer gel- tend macht, nach Erhalt des Status nach Athen gereist zu sein, wo er ob- dachlos gewesen und lediglich durch einen Landsmann ab und an mit Es- sen und Schmerzmitteln versorgt worden sei, vermag er ebenfalls nicht zu substanziieren, dass er die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zum Erhalt von Leistungen ausgeschöpft hat. 8.4.2 Der Beschwerdeführer kann somit nicht als besonders verletzliche Person im Sinne der skizzierten Rechtsprechung gelten , wobei auch der entsprechende Subeventualantrag, es seien individuelle Garantien einzu- holen, abzuweisen ist. Zutreffend hat die Vorinstanz darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer medizinische Rückkehrhilfe in Anspruch neh- men kann. Schliesslich ist auch davon auszugehen, dass die Verwandten des Beschwerdeführers, bei welchen er in der Schweiz lebt und die die Schweizer Staatsbürgerschaft innehaben, ihn auch in Griechenland nöti- genfalls unterstützen können. 8.4.3 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die gesetzliche Vermutung, der Vollzug nach Grieche nland sei zumutbar, umzustossen (a.a.O., E. 11.4 f.). 8.5 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Griechen- land ist schliesslich möglich, da keine Vollzugshindern isse bestehen (Art. 83 Abs. 2 AIG), und die griechischen Behörden einer Rückübernahme ausdrücklich zugestimmt haben. 8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. E-4232/2022 Seite 13 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE; SR 173.320.2]). 10.2 Das Gesuch um Ge währung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist jedoch gutzuheissen, weil sich die Be- schwerde nicht als von vornherein aussichtslos erwiesen und der Be- schwerdeführer als mittellos zu gelten hat. Demzufolge sind keine Verfah- renskosten aufzuerlegen. 10.3 Der Antrag auf Verzicht der Erhebung eines Kostenvorschusses er- weist sich mit vorliegendem Urteil als gegenstandslos. (Dispositiv nächste Seite) E-4232/2022 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird gutge- heissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Kinza Brunner Versand: