Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 7. Juli 2021 (810 20 261) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung (Härtefall) Besetzung Vizepräsident Daniel Ivanov, Kantonsrichter Nikla us Ruckstuhl, Markus Clausen, Jgnanz Jermann, Kantonsrichterin Helena Hess, Gerichtsschreiberin i.V. Giulia Kiefer Beteiligte A.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Marc Spescha, Rechtsanwalt gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , Beschwerdegegner Betreff Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewillig ung (Härtefall) (RRB Nr. 1374 vom 13. Oktober 2020) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Die türkische Staatsangehörige A.____ (geb. 1966) le bte bis zu ihrem 27. Lebensjahr in der Türkei. Im Jahr 1993 reiste sie zu Studienzwecken in die Schweiz ein. Sie absolvierte von Oktober 1994 bis Dezember 2004 an der Universität Züric h ein Studium (Psychologie, Sozio- logie und Kriminologie), das sie mit einer Lizentiatsa rbeit (B.____) abschloss. Anfang 2005 kehrte sie in die Türkei zurück, wo sie bis Juni 2006 leb te. Am 24. Juni 2006 reiste A.____ erneut zu Studienzwecken (Nachdiplomstudium am Europainsti tut der Universität Basel) in die Schweiz ein. Nachdem sie im September 2008 das Nachdiplo mstudium am Europainstitut der Universität in Basel abgeschlossen hatte, begann A.____ im Jahr 2009 mit einer Doktorarbeit an der Universität Zürich. B. Anfang 2012 zog A.____ in den Kanton Basel-Landscha ft und ersuchte am 22. Januar 2012 um einen Kantonswechsel. Das Amt für Migration un d Bürgerrecht Basel-Landschaft (AFMB) entsprach dem Gesuch am 2. Februar 2012 und er teilte A.____ eine Aufenthalts- bewilligung zu Studienzwecken. Mit Schreiben vom 23. Aug ust 2012 informierte A.____ das AFMB, ihre Dissertation zum Thema "C.____" definitiv im Juni 2014 abzuschliessen und im Anschluss eine Arbeitsstelle sowohl in der Türkei als auch im europäischen Raum zu suchen. Nachdem A.____ in der Folge Verzögerungen des Abschlusse s geltend gemacht hatte, verlän- gerte das AFMB A.____s Aufenthaltsbewilligung zu Studi enzwecken mehrmals. Am 2. November 2016 ersuchte A.____ bei der Sicherheitsdi rektion Basel-Landschaft (SID) um Einbürgerung in der Gemeinde D.____. Das Einbürgeru ngsgesuch zog sie später wieder zu- rück. C. Am 17. Oktober 2017 verfügte das AFMB die Nichtverl ängerung der Aufenthalts- bewilligung von A.____ sowie ihre Wegweisung aus der Schweiz, weil sie ihre Ausbildung nicht speditiv und zielgerichtet vorangetrieben habe und desha lb die Voraussetzungen für die aus- nahmsweise Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung nic ht mehr vorlägen. Eine von A.____, vertreten durch Mehmet Sigirci, Advokat, erhobene Beschwe rde wies der Regierungsrat mit Beschluss Nr. 2018-404 vom 20. März 2018 ab. Die von A. ____ dagegen erhobene Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilu ng Verfassungs- und Verwaltungs- recht (Kantonsgericht), schrieb das Kantonsgericht am 20. Mai 2019 als gegenstandslos ab, nachdem A.____ ihre Promotionsprüfung erfolgreich ab gelegt und ihre Beschwerde zurück- gezogen hatte. D. Am 30. April 2019 beantragte A.____, nunmehr vert reten durch Marc Spescha, Rechtsanwalt, beim AFMB die vorläufige Zulassung für d ie Dauer von sechs Monaten zur Stel- lensuche im Sinne von Art. 21 Abs. 3 des Bundesgesetzes ü ber die Ausländerinnen und Aus- länder und über die Integration (AIG) vom 16. Dezembe r 2005, welchem am 6. Mai 2019 ent- sprochen wurde. Infolge fehlender Arbeitsstelle teilte das AFMB A.____ am 1. November 2019 mit, dass sie die Schweiz bis zum 30. November 2019 verlassen müsse. E. A.____ reichte am 15. November 2019 beim AFMB ein Gesuch für eine Härtefall- bewilligung ein, wobei sie mit Schreiben vom 23. Deze mber 2019 ergänzte, bei der E.____ AG im Kanton F.____ eine Anstellung gefunden zu haben. A m 13. Februar 2020 wurde sie vom Amt für Migration F.____ darüber informiert, dass ih r das Einverständnis für den Stellenantritt Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht nicht erteilt werde. Mit Verfügung vom 2. Juni 2020 v erweigerte das AFMB A.____ eine Härte- fallbewilligung. F. Dagegen reichte A.____, vertreten durch Rechtsanwal t Marc Spescha, mit Eingabe vom 18. Juni 2020 beim Regierungsrat Beschwerde ein und beantragte die Aufhebung der an- gefochtenen Verfügung sowie die Erteilung einer Härtefallbewilligung. G. Mit Beschluss Nr. 2020-1374 vom 13. Oktober 2020 wies der Regierungsrat die Beschwerde ab. H. Mit Beschwerde vom 26. Oktober 2020 wendet sich A.___ _, weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt Marc Spescha, an das Kantonsgericht, mit de m Begehren, es sei der Beschluss Nr. 2020-1374 vom 13. Oktober 2020 aufzuheben und es sei ihr unter Vorbehalt der Zustim- mung durch das SEM eine Aufenthaltsbewilligung zu ert eilen; dies unter Zusprechung einer Parteientschädigung. I. Der Beschwerdegegner beantragt in seiner Vernehml assung vom 26. Januar 2021 unter Verweis auf die Erwägungen des angefochtenen Ent scheids die kostenfällige Abweisung der Beschwerde. J. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin reichte a m 5. März 2021 eine Replik und eine Honorarnote ein. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfüg ungen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kan tonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand nach § 44 VPO noch ein spezialgesetzl icher Ausschlusstatbestand vor- liegen, ist die Zuständigkeit des Kantonsgerichts zur Be urteilung der vorliegenden Beschwerde gegeben. Nach § 47 Abs. 1 lit. a VPO ist zur Beschwerd e befugt, wer durch die angefochtene Verfügung oder den angefochtenen Entscheid berührt is t und ein schutzwürdiges Interesse an dessen Änderung oder Aufhebung hat. Die Beschwerdeführ erin ist Adressatin des ange- fochtenen Entscheids und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung. Da auch die übrigen formellen Voraussetzungen erfüllt sind, kann auf die Beschwerde eingetreten werden. 1.2 Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können nach § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Festste llung des Sachverhalts gerügt werden. Die Beurteilung der Angemessenheit ist dem Ka ntonsgericht dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen – untersagt ( § 45 Abs. 1 lit. c VPO). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Streitgegenstand bildet die Frage, ob die Verweig erung der Härtefallbewilligung der Beschwerdeführerin zu Recht erfolgte. 3.1 Gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG kann von den Zul assungsvoraussetzungen nach Art. 18 - 29 AIG abgewichen werden, um einem schwerwiegenden persönlichen Härtefall Rech- nung zu tragen. Bei der Beurteilung, ob eine Aufent haltsbewilligung aufgrund eines schwerwie- genden persönlichen Härtefalles zu erteilen ist, sind nach Art. 31 Abs. 1 der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) vom 24. Oktober 2007 die Integration der gesuchstellenden Person anhand der Integrationskriterien nach Art. 58a Abs. 1 AIG (die Beach- tung der öffentlichen Sicherheit, die Respektierung der Werte der Bundesverfassung, die Sprachkompetenzen und die Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung), die Familienverhältnisse, die finanziellen Verhältnisse, die Dauer der Anwesenheit in der Schweiz, der Gesundheitszustand und die Möglichkeit für eine Wie dereingliederung im Herkunftsstaat zu beachten. 3.2 Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG stellt eine Ausnahmebe stimmung dar, deren Voraussetzungen restriktiv zu prüfen sind. Da es sich um eine Kann-Vorschrif t handelt, liegt die Erteilung der Bewilligung im Ermessen der Behörde (vgl. Art. 96 AIG ). Nach der bundesgerichtlichen Recht- sprechung wird vorausgesetzt, dass sich die ausländische Person in einer persönlichen Notlage befindet und die Verweigerung einer Aufenthaltsbewi lligung für die betroffene Person schwer- wiegende Nachteile zur Folge hat. Bei der Beurteilu ng sind alle Gesichtspunkte und Besonder- heiten des Einzelfalles zu berücksichtigen. Eine lange An wesenheit und fortgeschrittene Integration sowie klagloses Verhalten führen für sich all ein noch nicht zu einem persönlichen Härtefall. Ebenso wenig reicht es für dessen Annahme au s, wenn die während des Aufenthalts in der Schweiz geknüpften beruflichen, freundschaftliche n und nachbarschaftlichen Bezie- hungen aufgegeben werden müssen. Vielmehr muss die Bezi ehung zwischen der auslän- dischen Person und der Schweiz so eng sein, dass von ihr ni cht verlangt werden kann, in ein anderes Land, insbesondere das Herkunftsland, zu gehe n und dort zu leben. Insofern stellen Arbeits-, Freundschafts- oder Nachbarschaftsbeziehungen, we lche die ausländische Person während ihres Aufenthaltes in der Schweiz geknüpft ha t, grundsätzlich keine derart engen Bindungen zur Schweiz dar, dass sie den Ausnahmecharakte r von Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG rechtfertigen (vgl. zum Ganzen: BGE 130 II 39 E. 3; BGE 124 II 110 E. 3 je m.w.H.). 3.3 Die Vorinstanz hält fest, dass es sich bei der Beschwerd eführerin um keinen schwer- wiegenden persönlichen Härtefall handle, da sie ungeac htet ihres langandauernden Studien- aufenthalts keine relevante enge Bindung zur Schweiz aufweise. Weiter sei ihr die berufliche Wiedereingliederung in die Türkei ohne grosse Schwier igkeiten möglich. Ferner habe sie bei einer Rückkehr in ihren Heimatstaat keine persönlichen o der familiären Schwierigkeiten zu erwarten. Sodann könne ihre langandauernde Anwesenh eitsdauer nicht mit derjenigen eines Sans-Papiers verglichen werden. Schliesslich empfehle da s Ministerkomitee des Europarates den Regierungen der Mitgliedstaaten, jeden Auslände r als "langjährigen Einwanderer" anzu- erkennen, der sich gesetzlich und gewöhnlich seit mindest ens fünf und höchstens zehn Jahren auf seinem Gebiet aufhalte, ausser wenn er während di eser Zeit ausschliesslich einen Studen- tenstatus innegehabt habe (Empfehlung 2000/15 des Min isterkomitees des Europarats vom Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 13. September 2000 über den sicheren Aufenthalt von l angjährigen Einwanderern, Ziffer 1, lit. a, i) [Empfehlung des Europarats]). Die Beschwerde führerin habe folglich keinen Anspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung und habe um eine Hä rtefallbewilligung ersucht, deren Erteilung im Ermessen der Behörde liege. 3.4 Die Beschwerdeführerin wendet ein, Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG finde neben der Regu- lierung von Sans Papiers auch bei ausländischen Persone n mit bisher gültiger Aufenthalts- bewilligung Anwendung, sofern diese nicht mehr verlängert werde, da in einem solchen Fall der bisherige Aufenthaltszweck dahinfalle. Ob ein Härtefall vorliege, sei unter einer Gesamt- würdigung der Härtefallkriterien zu entscheiden. Dabei genüge es, wenn einzelne Kriterien oder gar ein Kriterium (besonders) ausgeprägt erfüllt sei ( MARC SPESCHA , in: Spescha/Zünd/Bolzli/Hruschka/Fanny de Weck [Hrsg.], Komment ar Migrationsrecht, 5. Aufl., Zürich 2019, N 13 zu Art. 30 AIG). Vorliegend habe d ie Vorinstanz den Sachverhalt unrichtig respektive unvollständig festgestellt sowie die Beurteilu ngskriterien verkannt. Indem die Vor- instanz eine relevante Bindung zur Schweiz verneint hab e, lägen zudem eine Ermessens- unterschreitung sowie Willkür vor. Sodann sei die Auffa ssung der Vorinstanz, wonach ihr die Wiedereingliederung in die Türkei ohne grosse Schwierig keiten möglich sei, nicht sachgerecht. Es sei korrekt, dass sie gegenüber den hiesigen Behörden w iederholt beteuert habe, die Schweiz nach Abschluss des Studiums zu verlassen. Daraus kö nne jedoch kein Verzicht geschlossen werden, nach Abschluss ihres Studiums unter de n dann vorliegenden Umständen ein Härtefallgesuch zu stellen oder ein Verbleiberecht geltend zu machen. Im Lichte dieser Pra- xis sei es offensichtlich willkürlich, bei ihr einen Härte fall zu verneinen. Ferner habe die Vor- instanz in diesem Zusammenhang die Praxis der Regularisie rung von Sans-Papiers referiert und qualifiziert. Es entspreche gefestigter Praxis, bei einem Aufenthalt von über zehn Jahren in zeitlicher Hinsicht einen persönlichen Härtefall zu bejahe n (vgl. S PESCHA , a.a.O., N 13 zu Art. 30 AIG m.w.H.). Die Entgegenhaltung der Vorinst anz sei daher willkürlich und verstosse gegen das Rechtsgleichheitsgebot, ohne Letzteres zu re chtfertigen. Die Verweisung der Vor- instanz auf die Empfehlung des Europarates sei zwar richt ig, gleichzeitig werde jedoch darauf hingewiesen, dass es jedem Mitgliedstaat freigestellt sei , die Definition eines "langjährigen Ein- wanderers" zu erweitern. Auch diese Einwendung der Vor instanz sei somit offensichtlich akten- widrig und willkürlich. 3.5.1 Zu prüfen ist zunächst das Kriterium der Aufenth altsdauer der Beschwerdeführerin (Art. 31 Abs. 1 lit. e VZAE) in der Schweiz. 3.5.2 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kommt d er bisherigen Aufenthaltsdauer eine erhebliche Bedeutung zu. Je länger jemand in ein em bestimmten Land lebt, desto enger werden im allgemeinen die Beziehungen sein, die er do rt geknüpft hat, und desto gewichtiger wird dieses Element in der Interessenabwägung. Auch in der bisherigen Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die Aufenthaltsdauer ein (gewichtiges) Element nebst anderen zur Beur- teilung, ob Art. 8 der Konvention zum Schutze der Me nschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) vom 4. November 1950 verletzt ist. In die glei che Richtung geht die Empfehlung des Europarats; dieser empfiehlt den Mitgliedstaaten des E uroparats, diejenigen Personen, die (ausser ausschliesslich zu Studienzwecken) rechtmässig ihren ge wöhnlichen Aufenthalt seit Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht mehr als fünf bis zehn Jahren auf ihrem Territorium haben, als langjährige Einwanderer zu betrachten, die ihr Aufenthaltsrecht nur unter bestimmt en Voraussetzungen verlieren. Die Empfehlungen des Europarats sind zwar nicht völkerrechtlich verbindlich. Sie können aber als Ausdruck eines vorherrschenden europäischen Rechtsverständni sses betrachtet und als solcher bei der Konkretisierung von Grundrechten berücksich tigt werden. Somit ist davon aus- zugehen, dass ab einer gewissen Anwesenheitsdauer das Auf enthaltsrecht nicht mehr ohne Weiteres entzogen werden kann; das Ermessen, das den Migr ationsbehörden ausserhalb von Anspruchsbewilligungen grundsätzlich zusteht, wird in diesem Sinne eingeschränkt (BGE 144 I 266 E. 3.9 m.w.H.). 3.5.3 Zu Gunsten der Beschwerdeführerin spricht ihre seh r lange Aufenthaltsdauer in der Schweiz, da sie sich seit 1993 – mit einem Unterbruch in den Jahren 2005 und 2006 – in der Schweiz aufhält. Der Beschwerdeführerin wurde der bisher ige und langjährige Aufenthalt jedoch unbestrittenermassen lediglich zu Studienzwecken bew illigt. Somit musste ihr stets bewusst sein, dass sie nach Abschluss ihrer Ausbildungen en tweder eine Zulassungs- voraussetzung nach dem AIG zu erfüllen oder andernfall s die Schweiz zu verlassen hat. Obschon die lange Aufenthaltsdauer der Beschwerdeführe rin unbestrittenermassen zu ihren Gunsten spricht, ist diese infolge des ausschliesslich zu Studienzwecken gewährten Aufenthalts zu relativieren. 3.6.1 In Bezug auf ihre Integration (Art. 58a Abs. 1 AIG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1 lit. a VZAE) bringt die Beschwerdeführerin vor, ihr engster Freundeskreis befinde sich in der Schweiz, zudem habe sie in den letzten Jahren einen äu sserst losen Kontakt zu ihrem Heimat- land gepflegt. Sodann erfülle sie aufgrund ihres – we nn auch nur vorübergehenden – Ausbil- dungsaufenthalts zweifellos das Kriterium des Erwerbs von Bildung (Art. 58a Abs. 1 lit. d AIG). Dem Erwerb von Bildung gleichgestellt sei die Teilnahm e am Wirtschaftsleben. Im Rahmen der Beurteilung eines Härtefalls seien die Erwerbsperspekti ven auf der Basis der erworbenen Aus- bildung von Belang, welche im vorliegenden Fall aufgr und ihrer akademischen Karriere und aktenkundigen Stellenofferte zweifellos und offenkundig intakt seien. Zusammenfassend sei sie in der Schweiz in überdurchschnittlichem Masse verankert. 3.6.2 Mit Eingabe vom 25. Januar 2021 reichte die Besch werdeführerin diverse Referenz- schreiben von in der Schweiz lebenden Verwandten und Fre unden ein, welche ihre soziale Verankerung in der Schweiz bestätigen und sie zusammenf assend als bestens integrierte Person und Bereicherung für die Schweiz bezeichnen (Refe renzschreiben vom 10. November 2020, 7. Dezember 2020, 15. Dezember 2020, 24. Dezember 2020 und 7. Januar 2021). Weiter hat sich die Beschwerdeführerin während ihrer Anwesen heit in der Schweiz aus- und weiter- bilden lassen, sich korrekt verhalten und sozial sowie sprachlich integriert. 3.6.3 Zusammenfassend kann aus den Akten geschlossen werden, dass sich die Be- schwerdeführerin während ihrer Anwesenheit in der Schw eiz ein überdurchschnittlich gutes soziales Netz aufgebaut hat und hierzulande entsprechend verankert ist. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.7.1 Hinsichtlich ihrer beruflichen und wirtschaftlichen Integration bzw. finanziellen Verhält- nisse (Art. 31 Abs. 1 lit. d VZAE) wendet die Beschwerde führerin ein, infolge eines gesetz- geberischen Versehens sei die Hürde für die effektive Zul assung von Hochschulabgängerinnen und Hochschulabgängern zum Arbeitsmarkt derart hochgeschraubt worden, dass die mit Art. 21 Abs. 3 AIG beabsichtigte erleichterte Zulassung von auslä ndischen Personen mit Schweizer Hochschulabschluss auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt weitgehend zum toten Buchstaben verkommen sei (MARC SPESCHA , Vom Geist der Abwehr und von toten Buchstaben des Ge set- zes, in: 40 Jahre Demokratische Jurist_innen Schweiz [DJS]: u nbequem, kritisch, engagiert, Bern 2018, S. 67 ff.). Nach P ETER UEBERSAX sei die praxisgemässe Verweigerung der Zulas- sung zur Erwerbstätigkeit trotz erfolgreicher Stellen suche "nachgerade widersprüchlich und gegen Treu und Glauben, unter Berufung auf das Ermesse n die eigentliche Anwesenheits- bewilligung zu verneinen, wenn im Rahmen der vorläufi gen Zulassung zwecks Stellensuche eine Erwerbstätigkeit gefunden wurde" (PETER UEBERSAX , Das AuG von 2005: Zwischen Erwar- tungen und Erfahrungen, in: Achermann/Caroni/Kälin/ Uebersax/Epiney/Amarelle [Hrsg.], Jahr- buch für Migrationsrecht 2011/2012, Bern 2012, S. 16) . Weiter habe die Vorinstanz ausge- blendet, dass sie während ihres Studiums regelmässig und nebenberuflich im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten gearbeitet habe und ihre Er werbsperspektiven in der Schweiz intakt seien, zumal bereits ein Arbeitsvertrag abgeschloss en worden sei. Der fragliche Bezug von Ergänzungsleistungen nach ihrer Pensionierung könne zwar nicht ausgeschlossen werden. Sie sei jedoch gewillt und in der Lage, über das orde ntliche Pensionsalter hinaus zu arbeiten und die Versicherungsjahre der Pensionskasse nachzuzahlen. Dementsprechend sei es realis- tisch, dass sie bis zur effektiven Pensionierung mit Leistu ngen aus der ersten und zweiten Säule ein existenzsicherndes Einkommen realisieren könne, ohne auf Ergänzungsleistungen angewiesen zu sein. 3.7.2 Den Akten kann entnommen werden, dass das AFMB der Beschwerdeführerin am 6. Mai 2019 eine Kurzaufenthaltsbewilligung bis zum 3 0. September 2019 zur Stellensuche erteilt hat. Ihre einzig belegte gefundene Stelle be i der E.____ AG im Kanton F.____ war im Gastrobereich und wurde ihr nicht bewilligt. Der Beschwerdeführerin wurde folglich die Möglich- keit der erleichterten Zulassung im Sinne von Art. 21 Ab s. 3 AIG gegeben, sie hat allerdings keine ihrer akademischen Ausbildung entsprechende Stelle gefunden. Schliesslich macht die Beschwerdeführerin mit der Replik geltend, dass sie – sol lte sie eine Härtefallbewilligung erhal- ten – in der Naturheilpraxis ihrer Nichte möglicherweise eine Stelle in einem anderen Bereich in Aussicht habe. Dabei verkennt sie, dass auch bei dieser St elle die Voraussetzungen nach Art. 21 Abs. 1 AIG erfüllt sein müssten. Trotz ihrer aka demischen Ausbildung in der Schweiz und ihrer darauffolgenden Kurzaufenthaltsbewilligung zur Stellensuche ist ihr hier keine beruf- liche Integration gelungen. Weiter ist zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin während des Doktorats von zwei in den USA lebenden Schwestern fi nanziell unterstützt werden musste. Angesichts ihres in der Schweiz erzielten Einkommens von F r. 4'647.-- (Auszug aus dem indivi- duellen Konto der SVA BL vom 7. September 2020) war es ihr nicht möglich, eine ausreichende Vorsorge aufzubauen, weshalb eine künftige Belastung de r Sozialwerke in Form von Ergän- zungsleistungen sehr wahrscheinlich ist. Daran vermag auch die Bereitschaft der Beschwerde- führerin, über ihr Pensionsalter hinaus zu arbeiten und dadurch einige Versicherungsjahre ein- zukaufen, nichts zu ändern. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.8 In Bezug auf die Familienverhältnisse (Art. 31 A bs. 1 lit. c VZAE) ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin nicht verheiratet ist, sich nicht i n einer Partnerschaft befindet und keine Kinder hat. In der Türkei leben aktuell noch drei ihrer Geschwister. Aus dem Referenzschreiben von G.____ vom 10. November 2020 erhellt, dass die Beschwerdeführerin nach wie vor Kontakt zu ihren Familienmitgliedern in der Türkei pflegt (vgl . Referenzschreiben von G.____ vom 10. November 2020). In der Schweiz leben namentlich zwei Nichten und ein Neffe. 3.9.1 Hinsichtlich ihres gesundheitlichen Zustands (Art. 3 1 Abs. 1 lit. f VZAE) bringt die Beschwerdeführerin vor, bei ihr sei im Jahr 2020 ein e rneuter, eventuell operativ zu entfernen- der Blasentumor festgestellt worden – wobei über eine n allfällig operativen Eingriff bis Mitte Mai 2021 entschieden werde –, was eine zusätzliche Belastun g für sie darstelle. 3.9.2 Diesbezüglich ist darauf zu verweisen, dass die Be schwerdeführerin in ihrer Replik die Möglichkeit einer allfälligen Tumoroperation in der T ürkei anerkennt. Somit ist eine angemes- sene medizinische Betreuung und Unterstützung der Beschw erdeführerin grundsätzlich auch in der Türkei gewährleistet. 3.10.1 Im Hinblick auf die Möglichkeiten der Reintegra tion im Herkunftsland (Art. 31 Abs. 1 lit. g VZAE) wendet die Beschwerdeführerin ein, im Falle einer Rückkehr in die Türkei würde sie – nach dem Tod ihrer 82-jährigen Mutter – keine Ange hörigen antreffen, da ihre restlichen Familienmitglieder, ihre drei verbliebenen Geschwister, kurz vor ihrer Auswanderung in die Ver- einigten Staaten stünden. Davon abgesehen blende die Vorinstanz die aktuellen und realen Verhältnisse in der Türkei aus, welche für sie, die in der Schweiz intellektuell sozialisiert sei, erhebliche Integrationshindernisse darstellten. Sie, di e mit dem demokratischen schweize- rischen Verfassungsstaat vertraut sei und sich damit identifiziere, müsste in ein äusserst autori- tär und antipluralistisch regiertes Land zurückkehren, in welchem Oppositionelle verfolgt und bereits kritische Äusserungen Intellektueller kriminalisie rt würden, was einem Kulturschock gleichkäme. Dass sie unter der Diktatur Erdogans als wes tlich sozialisierte Geisteswissen- schaftlerin und Intellektuelle von Anfang an unter Ver dacht stünde, sei naheliegend und entsprechend erschwert wäre auch ihre dortige wirtscha ftliche Integration. Es komme hinzu, dass ihre Erwerbsperspektiven unter den türkischen Verhält nissen trotz ihrer Ausbildung eben- so altersbedingt sehr ungünstig wären. Weiter komme sie aus einer liberalen alevitischen Fami- lie. Die alevitische Minderheit in der Türkei sei nich t nur hinsichtlich ihrer Religionsrechte diskri- miniert, sondern auch insofern, als sie in öffentlichen Diensten äusserst selten eine Anstellung bekomme. Dass ihre soziale und berufliche Wiedereinglied erung in der Türkei stark gefährdet erscheine, ändere sich auch nicht mit der Tatsache, dass si e in der Türkei Verwandte habe. Folglich sei entgegen der Vorinstanz Art. 31 Abs. 1 li t. g VZAE ausgeprägt erfüllt und spreche klar für die Bejahung eines Härtefalles. 3.10.2 Zu den Möglichkeiten der Integration im Herkun ftsstaat gilt es festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin angesichts ihrer Ausbildung in der Schweiz im Falle einer Rückkehr in die Türkei bessere berufliche Perspektiven hat. Ferner hat si e dort mehrere Familienmitglieder. Dass ihre Geschwister beabsichtigen, in die Vereinigten S taaten auszuwandern, ist aktuell ir-Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht relevant, da sie gegenwärtig noch in der Türkei leben u nd die allfällige Auswanderung noch nicht bewilligt ist. Sodann ist ihre Reintegration in die Türkei nicht besonders schwierig, da sie bis zu ihrem ersten Studienabschluss in der Türkei lebte , eine Erwerbstätigkeit in Ankara hatte und es ihr bei ihrer Rückkehr in die Türkei im Jahr 2 005 möglich war, sich dort beruflich zu integrieren. Weiter ist sie nach wie vor offensichtlich mit den dortigen Gepflogenheiten vertraut sowie der türkischen Sprache mächtig. Aus ihren wieder holten Beteuerungen gegenüber dem AFMB, die Schweiz nach Abschluss ihrer Ausbildung wieder z u verlassen, erhellt weiter, dass sie ein Leben in der Türkei nicht per se ausschliesst. Die s wird auch dadurch ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin während ihres Masterstudiums am E uropainstitut der Universität Basel eine Masterarbeit mit dem Titel "H.____" sowie im Nachgang an der Universität Zürich eine Dis- sertation mit dem Thema "C.____" schrieb und sich daher jahrelang sowie bewusst mit Themen in Verbindung mit ihrem Herkunftsstaat befasste. Hinzu ko mmt, dass sie ihre hiesigen Kontakte in der Schweiz mit modernen Kommunikationsmitteln oder gegenseitigen Besuchen ohne Wei- teres pflegen kann. Die von ihr wiederholt dargelegte politische Situation rechtfertigt schliesslich keine individuelle Notlage, da diese alle rückkehrpflic htigen türkischen Staatsangehörigen gleichermassen trifft. 3.11 In Gesamtwürdigung sämtlicher Umstände ist nach dem Gesagten festzustellen, dass die Beschwerdeführerin eine Rückkehr in ihre Heimat angesichts ihres langen Aufenthalts in der Schweiz zweifellos schwer trifft. Sie hat hier studiert un d doktoriert und während eines beinahe ununterbrochenen 28 Jahre langen Aufenthalts soziale K ontakte geknüpft. Da sie ihre Kinder-, Jugend- und jungen Erwachsenenjahre aber in ihrer Heim at verbracht hat, ist sie offenkundig mit den dortigen Gepflogenheiten vertraut und beherr scht die türkische Sprache. In Anbetracht dessen, dass sie keine engen familiären Beziehungen in d er Schweiz hat sowie ihre berufliche Integration als nicht gelungen angesehen werden muss, ist nicht ersichtlich, inwiefern der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in die Türkei dera rt schwere Nachteile drohen würden, dass von ihr nicht verlangt werden könnte, in ein andere s Land, insbesondere in ihr Herkunfts- land, zu gehen und dort zu leben, zumal sie gegenüber dem AFMB auch wiederholt geäussert hatte, die Schweiz nach der Ausbildung wieder zu verlassen. Nach dem Gesagten ist die Nicht- erteilung der Härtefallbewilligung durch die Vorinstanz als rechtens anzusehen. 4. Soweit sich die Beschwerdeführerin im Übrigen auf A rt. 8 EMRK (Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens) beruft, ist ihr zu entg egnen, dass – wie zuvor dargelegt – die Voraussetzungen, welche die Rechtsprechung für das Beste hen eines tatsächlich gelebten Familienlebens (BGE 135 I 143 E. 3.1) oder eines zehnj ährigen rechtmässigen Aufenthalts (ausser zu Studienzwecken) (BGE 144 I 266 E. 3.9 mit zahl reichen Hinweisen) aufstellt, nicht vorliegen. Deshalb ist nicht ersichtlich, dass Art. 8 EMRK der unverheirateten und kinderlosen Beschwerdeführerin, die sich ausschliesslich zu Studienzwe cken in der Schweiz aufgehalten hat und beruflich-wirtschaftlich nicht gut integriert i st, unter dem Aspekt des Familienlebens bzw. des Privatlebens einen Anspruch auf Erteilung ein er Aufenthaltsbewilligung vermitteln würde. 5. Nach dem Gesagten ist die Nichterteilung der Härtefa llbewilligung nicht zu beanstan- den. Die Beschwerde ist deshalb vollumfänglich abzuweisen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6. Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten u mfassen die Gerichtsgebühren so- wie die Beweiskosten und werden nach § 20 Abs. 3 VPO in der Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Die Beschwerdeführeri n unterliegt vollumfänglich, wes- halb ihr die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'40 0.-- aufzuerlegen und mit dem von ihr geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'400.-- zu verrechnen sind. Die Parteikosten sind ausgangsgemäss wettzuschlagen (§ 21 Abs. 1 VPO). Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr 1’400.-- w erden der Be- schwerdeführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kost envorschuss in der Höhe von Fr. 1'400.-- verrechnet. 3. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Vizepräsident Gerichtsschreiberin i.V. Gegen diesen Entscheid wurde am 14. Oktober 2021 Beschw erde beim Bundesgericht (Verfah- rensnummer 2D_43/2021) erhoben.