Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 19. Oktober 2017 (720 15 94 / 277) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Frage des Zeitpunkts der Prüfung der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit bei einer versicherten Person im fortgeschrittenen Alter Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Dan iel Noll, Kantonsrichter Dieter Freiburghaus, Gerichtsschreiberin Barbara Vögtli Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Monica Armesto , Advok a- tin, indemnis, Spalenberg 20, 4001 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. A.____, geboren 1950, bezieht aufgrund eines im September 1977 erlittenen Unfalls, bei dem er sich eine Calcaneusfraktur an der linken Fer se zuzog, seit 1978 eine Invalidenrente der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) bei einem IV-Grad von 20 %. Als Spätfolge des Unfalles erfolgte im März 2008 eine Arthrodese des unteren Sprunggelenks, d.h. das unte- re Sprunggelenk wurde operativ versteift. Mit Gesuc h vom 27. Februar 2009 meldete sich A.____ bei der IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stell e) unter Hinweis auf die Fersenoperation Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht sowie auf Beschwerden an Knie und Hüfte zum Leistungsbezu g an. Nach Abklärungen in Be- zug auf die gesundheitlichen und erwerblichen Verhältn isse sprach ihm die IV-Stelle mit Vorbe- scheid vom 8. November 2011 für die Zeit vom 1. Septem ber 2009 bis 31. August 2010 eine befristete ganze Rente und ab 1. September 2010 eine unbefristete Viertelsrente zu. Auf Ein- sprache des Versicherten hin veranlasste die IV-Stelle wei tere medizinische Abklärungen bzw. zog entsprechende Unterlagen der Suva bei, namentlich die Ergebnisse der in der Klinik B.____ durchgeführten Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL). Gestützt darauf bestätigte die IV-Stelle den Vorbescheid mit Verfügungen vom 27. Januar 2015 bzw. mit den rektifizierten Verfügungen vom 30. Januar 2015. Zur Begründung der V erfügungen wurde im Wesentlichen angeführt, dass die kreisärztliche Zumutbarkeitsbeurteilun g vom 21. Mai 2010 durch die EFL bestätigt worden sei. Demnach sei es dem Versicherten seit Mai 2010 zumutbar, ganztags ei- ner leichten Verweistätigkeit nachzugehen. B. Gegen diese Verfügungen erhob A.____, vertreten d urch Advokatin Monica Armesto, mit Eingabe vom 6. März 2015 Beschwerde ans Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht, mit den Begehren, die Beschwer degegnerin sei in Aufhebung der beiden angefochtenen Verfügungen zu verpflichten, ihm ab dem 1. September 2009 und über den 31. August 2010 hinaus eine ganze Invalidenrente auf der Basis eines IV-Grades von min- destens 70 % auszurichten, eventualiter seien die beiden angefochtenen Verfügungen aufzu- heben und das Verfahren an die Beschwerdegegnerin zurü ckzuweisen zur Vornahme weiterer Abklärungen und anschliessender Neuverfügung. In verfahren srechtlicher Hinsicht werde eine öffentliche Parteiverhandlung beantragt und dem Besch werdeführer sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, unter Kosten- und Entschädig ungsfolge zu Lasten der Beschwer- degegnerin. Zur Begründung der Begehren wurde im We sentlichen vorgebracht, dass die me- dizinischen Beurteilungsgrundlagen unvollständig seien, d a sich die Beschwerdegegnerin auf die medizinischen Unterlagen der Suva abgestützt habe, we lche aber nur die unfallkausalen Beschwerden abgeklärt habe. In Bezug auf die unfallfre mden Rücken- und Knieprobleme wie auch in Bezug auf die kardiologische Problematik der H erzinsuffizienz seien keine Abklärungen getätigt worden. Auch wenn mit der EFL eine globale Beurteilung der Leistungsfähigkeit vorge- nommen worden sei, so handle es sich dabei nur um eine Momentaufnahme vom März 2014, welche nichts über den Verlauf der Arbeitsunfähigkeit au ssage. Eine Schlussfolgerung auf die Zumutbarkeit ab Mai 2010 sei darum nicht zulässig. Fe rner seien die Ergebnisse der EFL nicht aussagekräftig, da die durch die Schlafstörung verursacht en kognitiven Einschränkungen nicht berücksichtigt worden seien. Ausserdem hätten der Klini k B.____ keine medizinischen Unterla- gen zu den Knie-, Rücken- und Herzleiden des Beschwerd eführers vorgelegen, so dass die EFL für eine gesamtmedizinische Beurteilung auf unvoll ständigen medizinischen Unterlagen beruhe und somit keinen Beweiswert habe. Grundsätzlich müssten daher ergänzende medizini- sche Abklärungen im Sinne einer polydisziplinären Beguta chtung vorgenommen werden, was aber insofern verzichtbar sei, als die Restarbeitsfähigkei t aufgrund des Alters des Beschwerde- führers nicht mehr verwertbar sei. Massgeblicher Zeitpunkt für die Beurteilung der Verwertbar- keit sei die Vornahme der EFL, also März 2014. In diesem Zeitpunkt habe der Beschwerdefüh- rer ein Jahr und drei Monate vor der Pensionierung gestanden. Angesichts dieser kurzen Dauer und der grossen Einschränkungen durch das Tätigkeitsprofil sei die Restarbeitsfähigkeit auch auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht mehr verwertbar. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht C. Mit Vernehmlassung vom 11. Mai 2015 schloss die Beschwerd egegnerin auf Abweisung der Beschwerde. D. Mit Verfügung vom 30. Juni 2015 wies die instruier ende Präsidentin der Abteilung Sozi- alversicherungsrecht des Kantonsgerichts das Gesuch um Bewill igung der unentgeltlichen Rechtspflege mangels prozessualer Bedürftigkeit ab. E. Mit Replik vom 9. Juli 2015 hielt der Beschwerdeführ er an seinen bisher geäusserten Anträgen und Argumenten fest und wies namentlich dara uf hin, dass erst nach durchgeführter EFL der Umfang der Restarbeitsfähigkeit festgestanden habe und nicht schon im Mai 2010. Für die Frage der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit sei daher auf den Zeitpunkt der EFL ab- zustellen. In der Zeit davor sei selbst der Kreisarzt von e iner geringeren Arbeitsfähigkeit ausge- gangen. F. Mit Duplik vom 27. Juli 2015 hielt auch die Beschwer degegnerin an ihren bisherigen Begehren und Vorbringen fest und wendete ein, dass das Testverfahren der EFL auch Ge- schicklichkeit und Konzentration überprüfe und allfällig e müdigkeitsbedingte Konzentrationsstö- rungen sich daher im Test niedergeschlagen hätten. G. Nach Beizug der Suva-Akten wies der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 11. Novem- ber 2015 darauf hin, dass aus den Berichten der Physioth erapeutin hervorgehe, dass die Zu- mutbarkeitsbeurteilung aufgrund der EFL unzutreffend sei. Die tatsächliche Leistungsfähigkeit sei deutlich geringer. H. Mit Eingabe vom 14. April 2016 teilte die Rechtsver treterin des Beschwerdeführers mit, dass im parallel laufenden unfallversicherungsrechtlichen Verfahren die Suva ein Gutachten in Auftrag gegeben habe, das die Unfallkausalität aller B eschwerden am Bewegungsapparat zum Gegenstand habe. Da das Ergebnis dieser Begutachtung Einfluss auf das vorliegende Verfah- ren habe, werde beantragt, das vorliegende Verfahren bis zum Vorliegen des Gutachtens zu sistieren. I. Trotz fehlendem Einverständnis der Beschwerdegegneri n ordnete die instruierende Prä- sidentin mit Verfügung vom 10. Mai 2016 die Verfahren ssistierung an. Diese wurde nach Ein- gang des Gutachtens auf entsprechenden Antrag des Beschw erdeführers hin mit Verfügung vom 7. Juni 2017 wieder aufgehoben. Gleichzeitig wurde der Beizug der seit August 2015 er- gangenen Suva-Akten angeordnet. Auf eine Vernehmlassun g zu den neu beigezogenen Un- fallakten haben in der Folge beide Parteien verzichtet. J. Anlässlich der heutigen Parteiverhandlung wurde der Beschwerdeführer zur Sache an- gehört. In ihren Schlussvorträgen haben beide Parteive rtreter an ihren bereits schriftlich geäus- serten Anträgen und Argumenten festgehalten. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über d ie Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV- Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VP O) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf d ie im Übrigen frist- und formgerecht erhobene Beschwerde vom 6. März 2015 ist demnach einzutreten. 2. In materieller Hinsicht umstritten ist der Leistungs anspruch des Beschwerdeführers. Der Beschwerdeführer ist der Ansicht, dass er ab 1. September 2009 und über den 31. August 2010 hinaus Anspruch auf eine ganze Invalidenrente habe. Ei nerseits könne auf die Zumutbarkeits- beurteilung der im Suva-Verfahren eingeholten ärztli chen Unterlagen nicht abgestellt werden, da sie nur die unfallkausalen Beeinträchtigungen berücksichtigen würden und daher abgesehen von weiteren Mängeln insofern unvollständig seien, al s sie die Knie-, Rücken- und Herzproble- me nicht einbezogen hätten, andererseits sei die Restarb eitsfähigkeit aufgrund des Alters des Beschwerdeführers ohnehin nicht mehr verwertbar, so dass sich weitere medizinische Abklä- rungen zur Zumutbarkeit erübrigen würden. 3.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 3.2 Als Invalidität gilt nach Art. 8 des Bundesgesetz es über den Allgemeinen Teil des Sozi- alversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 die vora ussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Ge- burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommende n allgemeinen Arbeitsmarkt zu ver- stehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 3.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach dem G rad der Invalidität wie folgt abge- stuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätig en Versicherten ist Art. 16 ATSG an- wendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach ist der Invalidi tätsgrad aufgrund eines Einkommensver- gleichs zu bestimmen (allgemeine Methode des Einkommensver gleichs; BGE 104 V 136 E. 2a und b). 3.5 Im Rahmen der Invaliditätsbemessung bei der Bestim mung des trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung zumutbarerweise erzielbaren Einkommen s darf nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten ausgegangen werden. Insbesondere kann dort nicht von einer Arbeitsge- legenheit gesprochen werden, wo die zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form mög- lich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch ni cht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbei tgebers möglich und das Finden einer entsprechenden Stelle daher zum vorneherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil des Bundesgerichts vom 17. Dezember 2008, 9C_854/2008, E. 2 .1; ZAK 1991 S. 318 E. 3b). Der ausgeglichene Arbeitsmarkt (Art. 16 ATSG) hält von sei ner Struktur her einen Fächer verschie- denartiger Stellen offen, und zwar sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und intel- lektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körpe rlichen Einsatzes (BGE 110 V 273 E. 4b S. 276; ZAK 1991 S. 318 E. 3b). Weder gestützt auf die Pflicht zur Selbsteingliederung noch im Rahmen der der versicherten Person auf einem au sgeglichenen Arbeitsmarkt offen stehenden Möglichkeiten der Verwertung ihrer Restarbei tsfähigkeit dürfen von ihr Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung der gesamte n objektiven und subjektiven Gege- benheiten des Einzelfalles nicht zumutbar sind (BGE 113 V 22 E. 4a mit Hinweisen). Es geht bei dieser Beurteilung somit um die Einschätzung der Chancen der versicherten Person, trotz der im Einzelfall einzuhaltenden Restriktionen bezüglich Arbeitsplatz, Arbeitshaltung, Arbeitszeit und Art der Tätigkeit von einem durchschnittlichen Ar beitgeber noch angestellt zu werden, das heisst um die für die versicherte Person realistischerweis e noch vorhandenen oder nicht mehr vorhandenen Arbeitsmarktchancen (Urteil des Bundesgericht s vom 17. Dezember 2008, 9C_854/2008, E. 3.2). Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor, die einen An spruch auf eine ganze Invalidenrente begründet (Urteil der EVG vom 21. August 2006, I 831/05, E. 4.1.1 mit Hinweisen). 3.6 Die höchstrichterliche Rechtsprechung hat das fortge schrittene Alter, obgleich an sich ein „invaliditätsfremder“ Gesichtspunkt (Urteil des EVG vom 29. August 2002, I 97/2000, E. 1.4), als Kriterium anerkannt, welches zusammen mit den weiteren persönlichen und beruflichen Ge- gebenheiten Rahmenbedingungen für die Beurteilung b ildet, ob die grundsätzlich denkbaren Erwerbsmöglichkeiten auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt realistischerweise noch nachge- fragt werden und ihre Verwertung auch gestützt auf di e Selbsteingliederungspflicht unter allen massgebenden Aspekten noch zumutbar ist (BGE 138 V 457, Ur teile des EVG vom 21. August 2006, I 831/2005, E. 4, vom 5. August 2005, I 376/05 , E. 4, vom 27. Mai 2005, I 819/2004, E. 2.2, vom 4. April 2002, I 401/2001, E. 4b). Der Ein fluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leistungsvermögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, lässt sich indessen nicht nach einer allgemeinen Regel bemesse n. Die Bedeutung des fortgeschrit- tenen Alters für die Besetzung entsprechender Stellen ergibt sich vielmehr aus den Umständen des Einzelfalls, die mit Blick auf die Anforderungen de r Verweisungstätigkeiten massgebend sind. Zu denken ist zunächst an die Art und Beschaffenh eit des Gesundheitsschadens und sei- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht ner Folgen. Angesichts der beschränkten Dauer verbleibend er beruflicher Aktivität ist sodann namentlich auch der absehbare Umstellungs- und Einarbe itungsaufwand zu bedenken, dessen Ausmass wiederum anhand von Kriterien wie der Persönli chkeitsstruktur, vorhandenen Bega- bungen und Fertigkeiten, Ausbildung und beruflichem Werdegang sowie der Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich abzuschätzen ist (Urteil des Bundesgerichts vom 28. Mai 2009, 9C_918/2008, E. 4.2.2 mit Hinweisen auf weitere Entscheide; Urteile des EVG vom 5. August 2005, I 376/2005, E. 4.1 und vom 23. Oktober 2003, I 392/2002, E. 2.3). 3.7 Zur Frage, ob ältere Menschen ihre Restarbeitsfäh igkeit wirtschaftlich noch verwerten können, hat das Bundesgericht eine reiche Rechtsprechun g entwickelt, die relativ hohe Hürden setzt. Von einem vorgerückten Alter ist – unter Berücksicht igung allfälliger Besonderheiten des Einzelfalles – in der Regel ab rund 60 Jahren auszugehe n (vgl. den Überblick im Urteil des Bundesgerichts vom 10. September 2013, 8C_345/2013, E. 4; U LRICH MEYER , Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, in: Rechtsprechung des B undesgerichts zum Sozialversiche- rungsrecht, Hrsg. Murer/Stauffer, 2. Aufl., Zürich 2010, S. 273). 3.8 Die bundesgerichtliche Praxis zur Unverwertbarkeit de r Restarbeitsfähigkeit wegen fort- geschrittenen Alters ist sehr streng. Liegt – wie im vorl iegenden Fall – eine attestierte Restar- beitsfähigkeit von 100 % in einer Verweistätigkeit vor, so nimmt das Bundesgericht eine Unver- wertbarkeit nur dann an, wenn die versicherte Person u nmittelbar vor ihrer Pensionierung steht und für einen allfälligen Berufswechsel kaum mehr Zei t verbleibt. Darauf beruft sich der Be- schwerdeführer, indem er der Meinung ist, als massgebliche r Zeitpunkt sei auf die Erstellung der EFL abzustellen und im März 2014 sei er nur noch e in Jahr und drei Monate vor der Pensi- onierung gestanden. Die Beschwerdegegnerin ist hingegen der Ansicht, dass der Zeitpunkt der kreisärztlichen Untersuchung vom 21. Mai 2010 massgeblich sei , damals sei der Beschwerde- führer 59 Jahre und 11 Monate alt gewesen. 3.9 Was den Zeitpunkt angeht, in dem zu beantworten ist , ob eine versicherte Person noch vermittelbar ist, hat das Bundesgericht entschieden, dass auf das Feststehen der medizinischen Zumutbarkeit einer Erwerbstätigkeit abzustellen ist. Al s ausgewiesen gilt die medizinische Zu- mutbarkeit einer Erwerbstätigkeit, sobald die medizinisch en Unterlagen diesbezüglich eine zu- verlässige Sachverhaltsfeststellung erlauben. Das ist in d er Regel der Zeitpunkt der Erstattung des Gutachtens, auf das bei der Leistungsbemessung abge stellt werden kann (BGE 138 V 457 E. 3.4; Urteil des Bundesgerichts vom 24. November 2016, 8C_665/2016, E. 5.3). 4.1 Um zu ermessen, ab wann die für den Beschwerdeführ er geltende Zumutbarkeitsbeur- teilung auf einer zuverlässigen medizinischen Sachverhalts grundlage stand, sind im Folgenden die entsprechenden medizinischen Berichte näher zu bele uchten. Unter den Parteien ist unbe- stritten, dass der Beschwerdeführer bis zur kreisärztlichen Untersuchung vom 21. Mai 2010 zu 100 % arbeitsunfähig war. 4.2 Im Bericht vom 21. Mai 2010 diagnostiziert der Kre isarzt Dr. med. C.____, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, einen fibulocalcanearen Konflikt links nach konsolidierter Arthrodese des unteren Sprunggelenks am 12. März 2008, Beschwerde n im Bereich des dorsalen Arthro- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht desenschraubenkopfes, funktionelle Kniebeschwerden links nach unklarem Überlastungssyn- drom, eine ischiocrurale Verspannung bei schmerzgestörtem Gangbild, eine unfallfremde medi- ale Überlastung des rechten Knies, eine Osteoporose sowi e den Verdacht auf Restless Legs- Syndrom. Die Kausalität der USG-Arthrodese, des later alen Engpasssyndroms und der Schraubenbeschwerden sei klar. Das Kondylenödem im link en Knie sei ungewöhnlich, sei aber wegen der geänderten Belastungsverhältnisse als indir ekte Unfallfolge einzustufen. Es sei eine Schmerzabklärung und eine neurologische Standortbestimmu ng geplant. Momentan sehe es aber nicht nach einer neurogenen Schmerzursache aus. De r aktuelle Befund erlaube eine ganztägige leichte vorwiegend sitzende Aktivität, nur kurzfristig auf ebenem Boden stehend oder gehend, ohne Knien oder Kauern und mit einem Tragelimit von gelegentlich 5 kg. Der Ver- sicherte sei damit einverstanden. Von kreisärztlicher Seit e gelte eine eher theoretische Arbeits- fähigkeit im Rahmen des Zumutbaren. 4.3 Dieser kreisärztliche Bericht definiert zwar einersei ts ein klares Zumutbarkeitsprofil, rela- tiviert ist aber die Verbindlichkeit einerseits durch d ie Anmerkung, dass eher eine theoretische Arbeitsfähigkeit im Rahmen des Zumutbaren bestehe, u nd andererseits durch die Notwendig- keit weiterer Abklärungen. Von einer zuverlässigen medizi nischen Sachverhaltsgrundlage kann in Bezug auf diesen Kreisarztbericht somit noch keine Rede sein. Dieser Einschätzung schliesst sich auch der RAD-Arzt Dr. med. D.____, Facharzt für ort hopädische Chirurgie, in seiner Beur- teilung vom 31. Mai 2012 an. In der Folge wurden die geplanten neurologischen Abklärungen in der Klinik E.____ durchgeführt und es wurden ein physiot herapeutischer Behandlungsplan so- wie Verlaufskontrollen beschlossen. Am 24. September 20 10 attestierte Dr. C.____ in unfallbe- dingter Hinsicht einen Endzustand und bestätigte die b ereits erfolgte Zumutbarkeitsbeurteilung, obwohl die von ihm am 13. Juli 2010 angeordnete med izinische Trainingstherapie von mindes- tens sechs Monaten noch nicht abgeschlossen war. 4.4 In ihrem Bericht vom 14. August 2012 diagnostizierte die SUVA-Kreisärztin Dr. med. F.____, Fachärztin für orthopädische Chirurgie und Tr aumatologie FMH, neben den bereits be- kannten Diagnosen Beschwerden im Bereich des Sitzbeines l inks, funktionelle Kniebeschwer- den links ohne strukturell verifizierbare Befunde, ein a ktiviertes lumbospondylogenes Syndrom links mit Übergangsanomalie L5/S1 links mit Teilassimilati on des Querfortsatzes links mit dem Os sacrum, eine Spondylarthrose L4/5 und L5/S1. Zur wei teren Stabilisierung des Sprungge- lenks wurde eine Massschuh-Versorgung empfohlen und weite rhin 2x pro Woche Physiothera- pie für ein weiteres Jahr. Aufgrund der aktuellen Unt ersuchung sei eine 50 %-ige Arbeitsfähig- keit mit nur kurzem Sitzen, Laufen und Stehen gegeben. Laufen sei nur auf ebenem Boden möglich, ohne Treppensteigen, Knien und Kauern. Da der Beschwerdeführer sich nur mit einem Stock vorwärts bewegen könne, könne er auch keine Lasten tragen. Es gelte somit eine theore- tische Arbeitsfähigkeit im Rahmen des Zumutbaren. Der Endzustand sei eingetreten. Der RAD- Arzt Dr. D.____ führt in seiner Beurteilung vom 5. D ezember 2012 dazu aus, dass eine Ver- schlechterung des Gesundheitszustandes beschrieben sei und ei ne Reduktion der Arbeitsfä- higkeit auf 50 % vorliege. Auf diese kreisärztliche Unte rsuchung könne abgestellt werden. Da der Verlauf aber nicht weiter dokumentiert sei, müsse b ei der Suva nachgefragt werden, wann die Verschlechterung eingetreten sei. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.5 Vom 17. Oktober 2012 bis 1. November 2012 war de r Beschwerdeführer wegen kardia- ler Probleme im Spital G.____ hospitalisiert. Im entsprechenden Bericht vom 1. November 2012 wurde eine Tachymyopathie bei ventrikulären Extrasystolen u nd ventrikulärer Tachykardie bei einem grenzwertig grossen Herz diagnostiziert. Die Linksh erzkatheteruntersuchung habe nor- male Koronararterien gezeigt sowie eine leicht eingesch ränkte linksventrikuläre Pumpfunktion. Die Rechtsherzkatheteruntersuchung habe eine Linksherzinsu ffizienz mit leicht erhöhten pul- monalarteriellen Druckwerten gezeigt. Ein halbes Jahr sp äter führte der behandelnde Kardiolo- ge Dr. med. H.____, FMH Kardiologie, in seinem Berich t vom 7. Februar 2013 aus, dass sich die initial erheblich eingeschränkte systolische Pumpfun ktion im Verlauf wieder praktisch nor- malisiert habe. Der Patient sei auch bezüglich der Dyspno e wieder beschwerdefrei geworden. Aus kardiologischer Sicht sei er aktuell nicht mehr arbeit sunfähig. Die Beurteilung von Dr. H.____ impliziert, dass zumindest vorübergehend eine Bee inträchtigung der Arbeitsfähigkeit aus kardiologischer Sicht bestand. 4.6 Nachdem die Kreisärztin Dr. F.____ im August 2012 e ine orthopädisch bedingte Reduk- tion der Arbeitsfähigkeit auf 50 % attestiert hatte, fragte die Beschwerdegegnerin bei der Suva nach, wann diese Reduktion eingetreten sei, worauf der Kreisarzt Dr. med. I.____ in seinem Bericht vom 4. Juni 2013 ausführte, dass die Verschlechter ung des Gesundheitszustandes nur schwer nachvollziehbar sei. Er schlage daher weitere medi zinische Abklärungen in Form einer stationären Rehabilitation oder einer EFL in der Klinik B.____ vor. 4.7 Am 7. und 8. Januar 2014 wurden die Leistungstests f ür die EFL durchgeführt. Im ent- sprechenden Bericht vom 12. März 2014 wurde ausgeführt, dass eine klare Trennung von un- fallkausal bedingten Einschränkungen und nicht unfallkau sal bedingten Einschränkungen schwierig sei. Die Beurteilung sei daher aus globaler S icht erfolgt. Trotz der grenzwertig gerin- gen Symptomausweitung – vorrangig aufgrund unfallfrem der Funktionsstörungen – würden ob- jektive Leistungseinschränkungen bestehen, so dass die bishe rigen Tätigkeiten mit mittel- schweren bis teilweise sehr schweren Belastungen nicht mehr zumutbar seien. Zumutbar sei dem Versicherten aber noch ganztags leichte wechselbelaste nde Arbeit mit Gewicht von 5- 10 kg ohne häufiges Stehen und Laufen. Zu vermeiden sei vorallem Laufen auf unebenem oder rutschigem Boden, Treppensteigen, lange andauerndes St ehen und Gehen sowie Knien oder Hockstellung. 5.1 Gestützt auf diese Einschätzung erliess die Beschwerdeg egnerin am 30. Januar 2015 die heute angefochtenen Verfügungen. Die Beschwerdeg egnerin stellt sich nun – gestützt auf die RAD-Einschätzung von Dr. D.____ vom 12. Juni 2014, wonach sich die aktuelle Zumutbar- keitsbeurteilung mit der Beurteilung vom Mai 2010 deck e, auf den Standpunkt, dass die mass- gebliche Zumutbarkeitsbeurteilung seit Mai 2010 Geltung habe und daher für die Vermittelbar- keit auf diesen Zeitpunkt abzustellen sei. Dieser Auffa ssung kann nicht gefolgt werden. Selbst wenn es retrospektiv Hinweise geben sollte, dass die aktuelle Zumutbarkeitsbeurteilung seit Mai 2010 bis heute ununterbrochen Bestand hatte, so genüg t dies nicht, um auch den massgebli- chen Zeitpunkt auf den Mai 2010 zurück zu beziehen. Massgeblich ist vielmehr der Zeitpunkt, in dem sich die Zumutbarkeitsbeurteilung auf eine zuverlässi ge Sachverhaltsgrundlage abstützen kann. Das war im Mai 2010, wie bereits erwähnt, noch nicht der Fall, da damals noch weitere Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht medizinische Abklärungen vorzunehmen waren. Auch die krei särztliche Beurteilung vom 24. September 2010 kann noch nicht als Grundlage diene n, da damals die auf mindestens sechs Monate ausgelegte medizinische Trainingstherapie noc h nicht beendet war. In der Folge stellte die Kreisärztin Dr. F.____ eine Verschlimmerung der Fussproblematik fest und attestierte eine Reduktion der Arbeitsfähigkeit auf 50 %. Kurze Zeit später tauchte die kardiologische Prob- lematik mit einer zumindest vorübergehenden Beeinträcht igung der Arbeitsfähigkeit auf. Schliesslich haben Zweifel an der Zumutbarkeitsbeurteilung von Dr. F.____ zur EFL vom Janu- ar 2014 geführt. Erst der Bericht zur EFL vom 12. März 2014 hielt erstmals eine Arbeitsfähigkeit von 100 % in einer angepassten Tätigkeit fest, ohne dass noch weitere Abklärungen geplant waren oder dass im weiteren Verlauf eine Korrektur od er Anpassung der Einschätzung vorge- nommen wurde. Somit kann erst der Bericht über die EFL als zuverlässige Sachverhaltsgrund- lage für eine überzeugende Zumutbarkeitsbeurteilung q ualifiziert werden. Die Restarbeitsfähig- keit des Beschwerdeführers hat mit anderen Worten erst i m März 2014 zuverlässig festgestan- den. 5.2 Für die Frage der Verwertbarkeit der Restarbeitsf ähigkeit ist also das Alter des Be- schwerdeführers im März 2014 massgeblich. Damals stand der Beschwerdeführer noch ein Jahr und drei Monate vor seiner ordentlichen Pensionieru ng. Das Bundesgericht nimmt zwar bei voller Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Täti gkeit nur sehr zurückhaltend eine Unver- wertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit an. Beim massgebl ichen Alter des Beschwerdeführers von fast 64 Jahren genügt aber klarerweise bereits das Alter allein, um von einer Unverwertbarkeit auszugehen. Aber auch weitere massgebliche Kriterien sin d erfüllt, so die Ausübung derselben Tätigkeit über lange Jahre an derselben Arbeitsstell e, so dass erhöhter Aufwand für Umschu- lung bzw. Einarbeitung erforderlich wäre. Im Weiteren spricht gegen die Verwertbarkeit das ärztlicherseits beschriebene Tätigkeitsprofil, auf das selbst auf dem theoretisch ausgeglichenen Arbeitsmarkt kaum eine Arbeitsstelle zugeschnitten ist. 5.3 Insgesamt ist damit zum Ergebnis zu gelangen, dass de r Beschwerdeführer seine Rest- arbeitsfähigkeit nicht mehr verwerten kann. Dies hat gemäss BGE 138 V 457 zur Folge, dass er mit Wirkung ab 1. September 2009 Anspruch auf eine ga nze Invalidenrente hat. Die Beschwer- degegnerin ist daher in Gutheissung der Beschwerde zu ve rpflichten, dem Beschwerdeführer ab 1. September 2009 eine ganze Invalidenrente auszurichten. 6.1 Es bleibt über die Kosten zu entscheiden. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis Satz 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV- Leis- tungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Nach § 20 Abs. 3 Satz 2 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterlie genden Partei in angemessenem Aus- mass auferlegt. Vorliegend ist die Beschwerdegegnerin u nterliegende Partei, weshalb sie grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tragen hätte. In di esem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass laut § 20 Abs. 3 Satz 3 VPO den Vorinsta nzen – vorbehältlich des hier nicht interessierenden § 20 Abs. 4 VPO – keine Verfahrenskosten auferlegt werden. Aufgrund dieser Bestimmung hat die Beschwerdegegnerin als Vorinstanz trotz Unterliegens nicht für die Verfah- renskosten aufzukommen. Es werden deshalb keine Verfahr enskosten erhoben und der vom Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss ist zurückzuerstatten. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person An- spruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verfa hrens entsprechend ist dem Be- schwerdeführer deshalb eine angemessene Parteientschädi gung zuzusprechen. Die Rechts- vertreterin des Beschwerdeführers hat in ihrer Honorarn ote vom 29. September 2015 einen Zeitaufwand von insgesamt 26 Stunden und 45 Minuten geltend gemacht, was im Hinblick auf die lange Verfahrensdauer und den sichtbar getätigten Aufwand als angemessen erweist. Damit ist dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 7‘516.50 (inkl. Ausla- gen und 8 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin zuzusprechen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde werden die Verfü gungen vom 30. Januar 2015 aufgehoben und es wird festgestellt, da ss der Be- schwerdeführer ab dem 1. September 2009 Anspruch auf e ine ganze IV-Rente hat. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der gele istete Kostenvor- schuss in der Höhe von Fr. 600.-- wird dem Beschwerdefüh rer zurück- erstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 7‘516.50 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht