B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3661/2015 U r t e i l v o m 1 3 . M ä r z 2 0 1 7 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Simon Thurnheer, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren am (…), alias A._______, geboren am (…), alias A._______, geboren am (…), Eritrea, amtlich verbeiständet durch MLaw Daniela Candinas, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisung); Verfügung des SEM vom 12. Mai 2015 / N (…). E-3661/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin reiste am (…) April 2014 in die Schweiz ein und stellte am 15. April 2014 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ ein Asylgesuch. A.b Am 15. April 2014 beauftragte das SEM einen Arzt mit der Durchfüh- rung einer radiologischen Knochenaltersanalyse bei der Beschwerdefüh- rerin. Der Bericht des Arztes vom 22. April 2014 kam zum Ergebnis, dass das Knochenalter der Beschwerdeführerin (…) Jahre betrage. A.c Am 19. Mai 2014 fand die Kurzbefragung zur Person (BzP) im EVZ statt. A.d Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin am 2. Juni 2014 das rechtliche Gehör zu ihrem Ersuchen um Zuteilung in den Wohnkanton ihrer älteren Schwester C._______ und am 6. Juni 2014 zu festgestellten Un- stimmigkeiten zwischen ihren Altersangaben und denjenigen ihres Bruders D._______, der am 9. Mai 2014 in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt hatte (N […]). A.e Am 16. Januar 2015 fand die Anhörung der Beschwerdeführerin zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt. B. Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs im Wesentlichen vor, sie stamme aus E._______, F._______, wo sie die Schu- le bis zur achten Klasse besucht habe. Da nach sei sie mit ihrer Familie nach G._______ umgezogen, wo sie während zwei Jahren zur Schule ge- gangen sei. Neben der Ausbildung habe sie als (…) gearbeitet. Nachdem sie das zehnte Schuljahr abgeschlossen gehabt habe, habe ein junger Mann namens H._______, welcher zu dieser Zeit den Militärdienst absol- viert habe, um ihre Hand angehalten. Er habe zudem gewollt, dass sie die Schule abbreche. Sie habe sich jedoch sowohl der Heirat als auch dem Schulabbruch widersetzt, weshalb H._______, welcher über Einfluss ver- füge, sie zu Unrecht denunziert habe, der Pfingstgemeinde anzugehören. Am (…) September 2013 sei sie zusammen mit einer Arbeitskollegin bei der Rückkehr von der Arbeit von Sicherheitskräften festgenommen und auf die (…)-Polizeistation gebracht worden, wo sie inhaftiert worden seien. Es sei ihnen vorgeworfen worden, der Pfingstgemeinde anzugehören und de-E-3661/2015 Seite 3 ren Lehren zu verbreiten, und sie seien mit einer Peitsche geschlagen wor- den, um sie zu einem entsprechenden Geständnis zu bewegen. Nach drei Tagen habe ein Freund des Bruders ihrer Arbeitskollegin, der Beamter auf dieser Polizeistation gewesen sei, ihnen zur Flucht verholfen als er Wache gestanden sei. Sie sei anschliessend nicht nach Hause gegangen, sondern zu einer Schulfreundin, welche aus der Gegend in der Nähe der Landes- grenze stamme. Diese Freundin habe ihr zur Ausreise geraten und sich bereit erklärt, sie dabei zu unterstützen. Am (…) Oktober 2013 (Protokoll Anhörung A33 S. 8) beziehungsweise am Tag nach ihrer Flucht aus dem Gefängnis (A33 S. 12) sei sie zusammen mit ihrer Freundin per Bus nach I._______ gereist. Von dort aus hätten sie noch am selben Tag nachts zu Fuss den Grenzfluss J._______ überquert. Auf der äthiopischen Seite der Grenze seien sie von Soldaten aufgegriffen und nach „K._______“ ge- bracht worden. Von dort seien sie dann in ein ander es Camp in „L._______“ verlegt worden. Nach drei Monaten sei sie in den Sudan aus- gereist und von dort mithilfe eine s Schleppers durch die Sahara nach M._______, Libyen, gelangt. In einem Boot habe sie das Mittelmeer nach Italien überquert und sei von dort in die Schweiz weitergereist. Nach ihrer Ausreise sei ihre Mutter festgenommen und inhaftiert worden, obwohl sie gesagt habe, sie wisse nichts über ihren Verbleib. Nach der Freilassung der Mutter hätten die Behörden begonnen, ihren jüngeren Bruder (D._______) zu verfolgen, weshalb dieser kurze Zeit nach ihr ebenfalls aus Eritrea geflohen sei. C. Mit Verfügung vom 12 . Mai 2015 (eröffnet am 13. Mai 2015) stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, wies ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Hingegen verfügte es, dass der Vollzug der Wegweisung wegen Unzumut- barkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben werde. D. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung an das Bundesverwaltungsgericht vom 9. Juni 2015 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde gegen die Verfü- gung der Vorinstanz und beantragte, die Dispositiv -Ziffer 2 derselben sei aufzuheben, und es sei ihr Asyl zu gewähren, eventualiter die Flüchtlings- eigenschaft zuzuerkennen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie Verbeiständung unter Beiordnung ihrer Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechtsbeistän- din sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E-3661/2015 Seite 4 E. Mit Zwischenverfügung vom 19. Juni 2015 hiess der Instruktionsrichter die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und um Verbeiständung im Sinne von Art. 110a AsylG gut, ordnete der Beschwerdeführerin ihre Rechtsvertreterin als unentgeltliche Rechts- beiständin bei und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein- geladen F. Mit Eingabe ihrer R echtsbeiständin vom 23. Juni 2015 reichte die B e- schwerdeführerin drei Schulzeugnisse der Schuljahre 2010/2011, 2011/ 2012 beziehungsweise 2012/2013 zu den Akten. G. In ihrer Vernehmlassung vom 1. Juli 2015 hielt die Vorinstanz an ihrer Ver- fügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. H. Mit Eingabe vom 14. Juli 2015 machte die Beschwerdeführerin von dem ihr mit Instruktionsverfügung vom 6. Juli 2015 eingeräumten Replikrecht Gebrauch und hielt ihrerseits an den von ihr in der Besch werde vorge- brachten Begehren vollumfänglich fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. E-3661/2015 Seite 5 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psych ischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal- tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG). Ebenfalls keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat bestehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei der Gesetzgeber auch diesbezüglich die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) ausdrücklich vorbe- hält (Art. 3 Abs. 4 AsylG). E-3661/2015 Seite 6 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz stellte sich zur Begründung ihrer Verfügung auf den Standpunkt, die Vorbringen der Beschwerdeführerin seien unsubstanziiert und wenig realistisch. So habe sie keine präzisen Angaben zum Stationie- rungsort ihres Vaters und dazu, was er über den Nationaldienst erzählt habe, machen können. Ferner habe sie keine konk reten Aussagen dazu gemacht, bei wem der junge Mann, der sie habe heiraten wollen, sie de- nunziert habe. Sie habe nicht angeben können, wie viele (…)-Polizeistati- onen es gebe, und auch ihre Schilderungen der Haftzeit seien sehr stan- dardisiert und vage. Vor allem erscheine ihre Darstellung der Flucht aus dem Gefängnis wenig realistisch und stereotyp. Es sei kaum anzunehmen, dass eine Wachperson die mit der Unterstützung einer Flucht von Gefäng- nisinsassen für sie verbundenen Konsequenzen in Kauf genommen hätte. Die Vorbringen der Beschwerdeführerin zu ihrer Inhaftierung und an- schliessenden Flucht seien daher als konstruiert zu erachten. Diese Ein- schätzung werde dadurch verstärkt, dass sie sehr wenig Länderwissen zu Eritrea besitze und ihre diesbezüglichen Angaben wiederum sehr pauschal und stereotyp seien. Zusammenfassend müsse fe stgestellt werden, dass die Vorbringen der Beschw erdeführerin in zentralen Ber eichen wid er- sprüchlich, unsubstanziiert und r ealitätsfremd sei en und dass nicht ge- glaubt werden könne, sie habe die geltend gemachten Begebenheiten er- lebt. Vielmehr dränge sich der Verdacht auf, dass sie sich auf eine konstru- ierte Asylbegründung stütze. Anges ichts ihre s mangelhaften Länderwis- sens könne nicht geglaubt werden, dass sie Eritrea im angegebenen Zeit- punkt verlassen habe. Es sei vielmehr davon auszugehen, dass sie bereits viel früher oder unter anderen Umständen ausgereist sei. 4.2 4.2.1 Die Beschwerdeführerin argumentierte in ihrer Beschwerdeeingabe, ihre Aussagen anlässlich der Anhörungen seien als plausibel und glaubhaft zu erachten. Sie habe ihre Erlebnisse schlüssig dargestellt und alle ihr ge- stellten Fragen ohne Zögern beantwortet. Ihre Erzählungen würden keine Widersprüche, gesteigerte oder nachgeschobene Aussagen enthalten. E-3661/2015 Seite 7 4.2.2 Im Einzelnen werde den Argumenten der Vorinstanz Folgendes ent- gegengehalten: Es sei nicht nachvollziehbar, welche Relevanz die Einzel- heiten des Nationaldiensts ihres Vaters für die Beurt eilung der Glaubhaf- tigkeit ihrer Vorbringen habe. Sie habe nicht gewusst, auf welche Weise H._______ sie denunziert habe, weshalb sie keine näheren Angaben hierzu habe machen können. Unter den gegebenen Umständen, sei es für sie aber klar gewesen, dass er für die Anschuldigungen verantwortlich sei. Es könne ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass sie nicht alle (…)- Polizeistationen kenne; sie habe die ihr bekannten Standorte genannt. Zu- dem sei nicht einsichtig, inwiefern diese Frage für die Beurteilung ihrer Asylvorbringen relevant sei. Die Befragerin habe jeweils keine Nachfragen zu ihren Angaben betreffend die Umstände ihres Gefängnisaufenthalts ge- stellt, weshalb sie davon ausgegangen sei, ihre diesbezüglichen Aussagen seien hinreichend ausführlich. Die Frage nach der Anzahl der Insassinnen in der Gefängniszelle habe sie nicht präzise beantwortet , weil sie nicht mehr sicher gewesen sei, ob eine Frau erst später in die Zelle gekommen sei. Sie habe immerhin die räumlichen Gegeb enheiten des Arrestorts de- tailliert geschildert. Ihre Flucht aus dem Gefängnis und ihre anschliessen- den Schritte habe sie bei beiden Befragungen übereinstimmend geschil- dert. Die Vo raussetzungen zur B egründung der Asyleigenschaft seien demnach erfüllt. 4.2.3 Im Weiteren sei der Vorwurf der Vorinstanz, es müsse aufgrund ihres mangelhaften Länderwissens davon ausgegangen werden, dass sie Erit- rea schon früher als von ihr angegeben oder unter andern Umständen ver- lassen habe, nicht gerechtfertigt. Sie habe durchaus Kenntnis vom letzten Krieg, in welchem meh rere Angehörige gefallen seien. Sie sei aber zum Zeitpunkt des Krieges noch ein kleines Kind gewesen und interessiere sich nicht für Politik. Deshalb habe sie sich anlässlich der Anhörung nicht mehr an Details über den Krieg erinnern können und keine genauen An gaben zum eritreischen Präsidenten machen können. Dass sie die Internetcafés in G._______ nicht näher kenne sei dadurch zu erk lären, dass sie in der Schule das Internet manchmal habe benutzen können, was ihr genügt habe. Aus dem Anhörungsprotokoll gehe eind eutig hervor, dass sie den Begriff „Partei“ nicht verstanden habe. Da in allen ihr zum politischen Sys- tem in Eritrea gestellten Fragen dieser Begriff verwendet worden sei, könne ihr nicht vorgeworfen werden, dass sie dazu nichts habe sagen können. Die Frag e nach eritr eischen Märtyrern habe sie sehr wohl b eantworten können, habe sie doch auf ihre Onkel verwiesen, die im letzten Krieg ge- storben seien. Mit den nunmehr vorliegenden Schulzeugnissen könne sie E-3661/2015 Seite 8 ihren Aufenthalt in Eritrea bis und mit 2012 belegen. Ihre Aussagen anläss- lich der Anhörung zum Namen ihrer Schule in G._______ würden mit den Angaben auf den Schulzeugnissen überein stimmen. Ferner habe sie die verschiedenen Etappen ihrer Ausreise übereinstimmend beschrieben, und sie habe konkrete Begebenheit en des Grenzübertrittes ge schildert. Es seien keine Unstimmigkeiten oder Widersprüche in ihren diesbezüglichen Aussagen vorhanden und dementsprechend von der Vorinstanz auch nicht gerügt worden. Ihre illegale Grenzüberquerung sei vom SEM nicht bestrit- ten worden. Ausserdem wäre eine legale Ausreise wegen der Unmöglich- keit, ein Ausreisevisum zu beschaffen, ausgeschlossen gewesen. Auf- grund dieser Umstände sei davon auszugehen, dass sie im genannten Zeitpunkt im Oktober 2013 illegal aus Eritrea ausgereist sei. Aufgrund des- sen liege ein subjektiver Nachfluchtgrund vor, und es sei ihr daher die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. 4.3 In ihrer Verneh mlassung führte die Vorinstanz namentlich aus, die Schwierigkeit einer legalen Ausreise aus Eritrea reiche per se nicht aus, um von einer illegalen Ausreise auszugehen. Es obliege der gesuchstel- lenden Person, das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe zu beweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Dies sei der Beschwerdeführerin je- doch nicht gelungen. Die eingereichten Sc huldokumente vermöchten an der Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen nichts zu ändern. Solche Doku- mente könnten leicht gefälscht oder käuflich erworben werden. Es sei fer- ner nicht ersichtlich, warum die Beschwerdeführerin diese Beweismittel erst nachträglich eingereicht habe. 4.4 Die Beschwerdeführerin stellte sich in ihrer Replik auf den Standpunkt, die Vorinstanz habe die von ihr eingereichten Schuldokumente nicht rechtsgenüglich gewürdigt. Es könne diesen nicht mit dem blossen Hinweis darauf, derartige Dokumente könnten leicht gefälscht oder käuflich erwor- ben werden, der Beweiswert abgesprochen werden, insbesondere weil die Zeugnisse im Original eingereicht worden seien. Es sei ihr zudem im Zeit- punkt des erstinstanzlichen Verfahrens nicht bewusst gewesen, dass auch Schuldokumente für das Asylverfahren relevant sein könnten. 5. 5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge- nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wese ntlichen Punkten nicht widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss der E-3661/2015 Seite 9 Gesuchsteller persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, we nn er wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwirkung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für ge- wisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Ent- scheidend ist, ob die Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachverhalts- darstellung sprechen, überwiegen oder n icht. Dabei ist auf eine objekti- vierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; Entschei- dungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskom- mission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.). 5.2 5.2.1 Vorab ist festzustellen, dass die B eschwerdeführerin widersprüchli- che Angaben zu ihrem Alter gemacht hat. Auf dem Personalienblatt gab sie als Geburtsdatum „(…)“ an, während sie an der Befragung zur Person zu Protokoll gab, am (…) geboren zu sein. Angesprochen auf diesen Wider- spruch brachte sie die wenig überzeugende Erklärung vor , sie habe ge- glaubt, sie befinde sich noch in Italien (vgl. Protokoll BzP A14 S. 2 f.). Am 6. Juni 2014 wurde der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör dazu ge- währt, dass das von ihr bei der BzP angegebene Alter mit den Altersanga- ben ihres Bruders D._______, welcher zwischenzeitlich ebenfalls in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt hatte, nicht vereinbar sei. Dabei sagte sie aus, im Jahr e (…) geboren worden und (…) alt zu sein (vgl. Akten SEM A23/2). Diese Angaben stehen jedoch in klarem Widerspruch zu ihren vor- herigen Aussagen zu ihrem Alter. Aus den von ihr im Rahmen des Be- schwerdeverfahrens eingereichten Schulzeugnissen ergeben sich weitere Widersprüche. Während das Zeugnis des Schuljahres 2010/11 („Age […]“) mit dem von der Beschwerdeführerin im Rahmen des rechtlichen Gehörs angegebenen Geburtsjahr (…) vereinbar ist, lassen sich die beiden ande- ren Zeugnisse der Jahre 2011/12 („Age […]“) und 2012/13 („Age […]“) mit keiner ihrer Altersangaben in Einklang bringen. Ausserdem fällt auf, dass die Altersangaben in den Schulzeugnissen, welche aus drei aufeinander- folgenden Schuljahren stammen, nicht chronologisch sind. Aufgrund dieser Ungereimtheiten kann diesen Dokumenten kein relevanter Beweiswert bei- gemessen werden. E-3661/2015 Seite 10 5.2.2 Angesichts dieser Umstände ist davon auszugehen, dass die Be- schwerdeführerin offenkundig versucht, ihr wahres Alter vor den schweize- rischen Asylbehörden zu verschleiern. Dieses Verhalten ist geeignet, ihre generelle Glaubwürdigkeit zu beeinträchtigen. 5.2.3 Diese Zweifel w erden dadurch verstärkt, dass das Wissen der Be- schwerdeführerin über das politische System und die Geschichte Eritreas auffallend lückenhaft ist . Mit ihren Ausführungen in der Beschwerde - eingabe vermag sie diese Wissenslücken nicht überzeugend zu erklären. Angesichts des von ih r geltend gemachten zehnjährigen Schulbesuch s in Eritrea wären – auch unter Berücksichtigung eines fehlenden Interesses für die genannten Themen – von ihr präzisere diesbezügliche Angaben zu erwarten. Insbesondere ist schwer nachvollziehbar, dass die Beschwerde- führerin den Begriff „Partei“ augenscheinlich nicht kennt. Bei dieser Aus- gangslage erscheint die von der Vorinstanz geäusserte Vermutung, die Be- schwerdeführerin habe ihr Herkunftsland nicht erst im Jahre 2013 sondern schon viel früher verlassen, nicht unbegründet. 5.2.4 Im Weiteren teilt das Gericht die Auffassung der Vorinstanz, dass die Asylvorbringen der Beschwerdeführerin als unglaubhaft zu erachten sind. Ihre Aussagen anlässlich der Befragungen zu der angeblichen Denunzia- tion durch ihren Bekannten H._______ sowie insbesondere zu ihrer an- schliessenden Inhaftierung auf dem Polizeiposten sind wenig detailliert und konkret und vermitteln nicht den Eindruck einer Schilderung realer Erleb- nisse. Entgegen der Argumentation in der Beschwerdeeingabe wäre durchaus zu erwarten gewesen, dass sie auch ohne konkrete Nachfragen der befragenden Person hierzu substanziiertere Angaben hätte machen können. Zudem erachtete die Vorinstanz es – auch in Anbetracht der gra- vierenden Konsequenzen welche ein solches Verhalten für ihn gehabt hätte – zu Recht als unrealistisch, dass ein Gefängniswärter ihr und ihrer Freundin in der beschriebenen Art ein Entweichen aus dem Gefängnis er- möglicht haben soll. Die Einschätzung der Unglaubhaftigkeit der Vorbrin- gen der Beschwerdeführerin wird durch die erhe blichen Ungereimtheiten in den Angaben der Beschwerdeführerin betreffend die zeitliche Einord- nung der von ihr vorgebrachten Ereignisse verstärkt: Es fällt auf, dass sie anlässlich der Befragung zur Person grosse Mühe bekundete, den Zeit- punkt des angeblichen Heiratsantrags von H._______ zu nennen (vgl. Pro- tokoll BzP , A14 S. 11). Ferner nannte sie als Datum der Ausreise aus Erit- rea einerseits den (…) Oktober 2013 (vgl. A14 S. 14, A33 S. 8), führte an- dererseits aber aus, sie sei drei Tage nach der am (…) September 2013 erfolgten Inhaftierung aus dem Gefängnis geflohen, einen Tag darauf nach E-3661/2015 Seite 11 I._______ gereist und habe noch am Abend desselben Tages die Grenze überquert (vgl. A14 S. 14; A33, S. 12), was auf eine Ausreise am (…) Sep- tember 2013 schliessen lassen würde. 5.2.5 In Anbetracht dieser massiven Ungereimtheiten vermögen die Aus- führungen in der Beschwerdeeingabe, in welcher die Beschwerdeführerin auf etliche Kriterien hinweist, die nach ihrer Auffassung für die Glaubhaf- tigkeit ihrer Vorbringen sprechen würden, nic ht zu überzeugen und keine andere Einschätzung zu rechtfertigen. Schliesslich kann bei diesem Ergeb- nis auch die Darstellung der Beschwerdeführerin, ihre Mutter und ihr jün- gerer Bruder hätten wegen ihrer illegalen Ausreise Nachteile erlitten, nicht geglaubt werden. Überdies hat der Bruder D._______ dieses Vorbringen im Rahmen seiner Anhörungen nicht bestätigt, sondern andere Gründe für seine Ausreise genannt. 5.3 Nach dem Gesagten bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin we- gen ihrer angeblichen Ausreise aus E ritrea bei einer Rückkehr dorthin – mithin wegen subjektiver Nachfluchtgründe – befürchten müsste, ernst- haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. 6. 6.1 Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss Art. 54 AsylG kein A syl, werden aber als Flüchtlinge vorläufig aufgenom - men. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten insbesondere das illegale Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht), das Einreichen eines Asylgesuchs im Ausland oder exilpolitische Betätigungen, wenn sie die Ge- fahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Durch Republikflucht zum Flüchtling wird, wer wegen illegaler Ausreise Sanktionen des Heimatstaa- tes befürchten muss, die bezüglich ihrer Intensität ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen (BVGE 2009/29). 6.2 Gemäss der langjährigen bisherigen Praxis der schweizerischen Asylbehörden begründete bereits eine (glaubhaft gemachte) illegale Aus - reise aus Eritrea ohne weiteres die Flüchtlingseigenschaft. Das SEM ver - schärfte diese Praxis im Sommer 2016. 6.3 Das Bundesverwaltungsgericht befasste sich im Rahmen des – in sei- nen beiden Asylabteilungen kürzlich koordiniert entschiedenen – Urteils D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil zu publizieren) mit der Frage, ob Eritreerinnen und Eritreer, die ihr Land illegal verlassen ha- ben, allein deswegen bei einer Rückkehr Verfolgung zu befürchten haben. E-3661/2015 Seite 12 Dabei kam es zum Schluss, dass sich die bisherige Praxis nicht mehr auf- rechterhalten liess und vom SEM zu Recht angepasst worden war. Für die Entscheidfindung des Gerichts war auch die Tatsache von Bedeutung, dass seit einiger Zeit Personen aus der eritreischen Diaspora für kurze Auf- enthalte in ihren Heimatstaat zurückkehren und sich unter ihnen auch Per- sonen befinden, die Eritrea zuvor illegal verlassen hatten. Es ist mithin nicht mehr davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer uner - laubten Ausreise aus Eritrea eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung droht. Von der begründeten Furcht vor intensiven und asylrechtlich begrün- deten Nachteilen ist nur dann auszugehen, wenn zur illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukommen, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen (E. 5). 6.4 Im vorliegenden Fall sind solche zus ätzlichen Gefährdungsfaktoren nicht ersichtlich. Nachdem sich die von der Beschwerdeführerin vorge- brachten Vorfluchtgründe als unglaubhaft erwiesen haben liegen keine glaubhaften Hinweise für Anknüpfungspunkte vor, welche sie in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könn- ten. Wie bereits erwähnt, ver mag die illegale Ausreise allein keine Furc ht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfolgung zu begründen. 6.5 Die Frage der Glaubhaftigkeit der vo n der Beschwerdeführerin vorge- brachten illegalen Ausreise kann mangels asylrechtlicher Relevanz offen- bleiben. 7. 7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über ein e ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7.3 Da das SEM in seiner Verfügung vom 12. Mai 2015 die vorläufige Auf- nahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz anordnete, erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglich- keit des Wegweisungsvollzugs. E-3661/2015 Seite 13 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver fügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wär en der Beschwerdeführerin die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Zwischenverfügung vom 19. Juni 2015 ihr Gesuch um unentgeltliche Pro- zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle Lage seither ent- scheidrelevant verändert hätte, ist auf die Auflage von Verfahrenskosten zu verzichten. 10. Mit der Zwischenverfügung vom 19. Juni 2015 wurde das Gesuch der Be- schwerdeführerin um amtliche Verbeiständung gu tgeheissen (Art. 110 a Abs. 1 VwVG) und ihr ihre Rechtsvertreterin als Rechtsbeiständin zugeord- net. Das Honorar der amtlichen Rechtsbeiständin ist bei diesem Verfahren- sausgang durch die Gerichtskasse zu vergüten. Der in der Kostennote vom 9. Juni 2015 ausgewiesene zeitliche Vertretungsaufwand erscheint grund- sätzlich angemessen, doch wurde das Honorar mit einem Stundenansatz von Fr. 250.– berechnet. Bei amtlicher Vertretung geht das Bundesverwal- tungsgericht für nichtanwaltliche Vertreter praxisgemäss von einem Ansatz von Fr. 150.– aus (vgl. z.B. Urteile D -3921/2015 vom 5. August 2015, E-5071/2014 vom 15. Juni 2016, D-6493/2014 vom 11. April 2016 oder E-2879/2014 vom 16. November 2015). Demzufolge ist de r amtlichen Rechtsbeiständin – ausgehend vom zeitlichen Vertretungsaufwand ge- mäss Kostennote sowie unter Berücksichtigung des nach deren Einrei- chung zusätzlich entstandenen Aufwandes – ein Gesamtbetrag von Fr. 1850.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) vom Bundes - verwaltungsgericht auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-3661/2015 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das Honorar der amtlichen Rechtsbeiständin wird auf Fr. 1850.– bestimmt und durch die Gerichtskasse vergütet. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain