<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">139</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Migrationsrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>20</b></span> <span class="ft3"><b>Durchsetzungshaft; Haftüberprüfung; Konsumation Wegweisungsent-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>scheid; Subsidiarität der Durchsetzungshaft</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Verlässt ein Betroffener die Schweiz nachdem gegen ihn eine Weg-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>weisungsverfügung erging und wird er später wegen rechtswidriger</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Einreise verurteilt, gilt der entsprechende Wegweisungsentscheid als</b></span><br/> <span class="ft3"><b>konsumiert und kann nicht mehr als Grundlage für eine migrations-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>rechtliche Administrativhaft dienen.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Liegt zwischen den letzten Ausschaffungsversuchen und der Anord-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nung der Durchsetzungshaft eine erhebliche Zeitspanne (hier rund</b></span><br/> <span class="ft3"><b>vier Jahre), ist ein Vollzugshindernis im Sinne von Art. 78 Abs. 1</b></span><br/> <span class="ft3"><b>AuG erst dann anzunehmen, wenn erneut unbegleitete und gege-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>benenfalls begleitete Ausschaffungsversuche gescheitert sind.</b></span><br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft5">vom 12. August 2016, in Sachen Amt für Migration und Integration gegen A.</span><br/> <span class="ft5">(WPR.2016.131).</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft7">3.</span><br/> <span class="ft7">3.1.</span><br/> <span class="ft7">Zu prüfen ist, ob ein rechtskräftiger Weg- oder Ausweisungsent-</span><br/> <span class="ft7">scheid vorliegt.</span><br/> <span class="ft7">Wegweisungsverfügungen stellen im Gegensatz zu anderen</span><br/> <span class="ft7">migrationsrechtlichen Verfügungen wie z.B. dem Einreiseverbot,</span><br/> <span class="ft7">keine Dauerverfügungen dar. Kommt eine betroffene Person der Ver-</span><br/> <span class="ft7">fügung nach oder wird die Verfügung zwangsweise vollzogen, gilt</span><br/> <span class="ft7">sie als konsumiert. Reist die betroffene Person erneut in die Schweiz</span><br/> <span class="ft7">ein, ist somit eine neue Wegweisungsverfügung zu erlassen, die in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">140</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Rechtskraft zu erwachsen hat, ehe gestützt darauf eine Durch-</span><br/> <span class="ft7">setzungshaft angeordnet werden kann.</span><br/> <span class="ft7">3.2.</span><br/> <span class="ft7">Am 8. Juni 2011 trat das BFM auf das Asylgesuch des Gesuchs-</span><br/> <span class="ft7">gegners nicht ein und wies ihn auf den Tag nach Eintritt der Rechts-</span><br/> <span class="ft7">kraft des Entscheids aus der Schweiz weg. Gegen diesen Entscheid</span><br/> <span class="ft7">erhob der Gesuchsgegner beim Bundesverwaltungsgericht Be-</span><br/> <span class="ft7">schwerde, welche mit Entscheid vom 16. Juni 2011 abgewiesen</span><br/> <span class="ft7">wurde. In der Folge erwuchs der Entscheid des BFM in Rechtskraft.</span><br/> <span class="ft7">3.3.</span><br/> <span class="ft7">Der Gesuchsteller legt der angeordneten Durchsetzungshaft die</span><br/> <span class="ft7">Wegweisungsverfügung des BFM vom 8. Juni 2011 zugrunde. Mit</span><br/> <span class="ft7">Urteil vom 17. Juli 2013 verurteilte die Bundesanwaltschaft den Ge-</span><br/> <span class="ft7">suchsgegner unter anderem wegen rechtswidriger Ein- oder Ausreise</span><br/> <span class="ft7">(Art. 115 Abs. 1 lit. a AuG), da dieser zu einem nicht bekannten Zeit-</span><br/> <span class="ft7">punkt wieder in die Schweiz eingereist ist. Gemäss eigenen Angaben</span><br/> <span class="ft7">hielt sich der Gesuchsgegner gelegentlich in Frankreich auf, um auf</span><br/> <span class="ft7">einem Bauernhof zu arbeiten.</span><br/> <span class="ft7">Nach Auffassung des Gesuchstellers wurde die Wegweisungs-</span><br/> <span class="ft7">verfügung trotz zwischenzeitlichen Verlassens der Schweiz nicht</span><br/> <span class="ft7">konsumiert. Der Gesuchsgegner habe sich nur jeweils kurzzeitig im</span><br/> <span class="ft7">Grenzgebiet Frankreich-Schweiz aufgehalten. Ein längerer Aufent-</span><br/> <span class="ft7">halt im Ausland sei nicht erstellt.</span><br/> <span class="ft7">3.4.</span><br/> <span class="ft7">Dem kann nicht gefolgt werden. Verlässt ein Betroffener die</span><br/> <span class="ft7">Schweiz nachdem gegen ihn eine Wegweisungsverfügung erging und</span><br/> <span class="ft7">wird er später wegen rechtswidriger Einreise verurteilt, wäre es</span><br/> <span class="ft7">widersprüchlich, im migrationsrechtlichen Verfahren davon auszu-</span><br/> <span class="ft7">gehen, er habe die Schweiz nicht verlassen. Nach dem Gesagten ist</span><br/> <span class="ft7">davon auszugehen, dass der Gesuchsgegner die Schweiz verlassen</span><br/> <span class="ft7">hat, nachdem er durch das BFM aus der Schweiz weggewiesen wor-</span><br/> <span class="ft7">den war. Der entsprechende Wegweisungsentscheid wurde damit</span><br/> <span class="ft7">konsumiert und kann nicht erneut Grundlage für eine migrations-</span><br/> <span class="ft7">rechtliche Administrativhaft bilden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">141</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">3.5.</span><br/> <span class="ft7">Da bislang keine weitere Wegweisung gegen den Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft7">ner erging, ist die angeordnete Durchsetzungshaft bereits mangels</span><br/> <span class="ft7">rechtskräftigen Wegweisungsentscheids nicht zu bestätigen.</span><br/> <span class="ft7">4.</span><br/> <span class="ft7">Im Übrigen wäre die Anordnung einer Durchsetzungshaft auch</span><br/> <span class="ft7">aufgrund ihres subsidiären Charakters zur Anordnung einer Aus-</span><br/> <span class="ft7">schaffungshaft zu verweigern.</span><br/> <span class="ft7">Wie die Vorinstanz richtig bemerkt hat, scheiterte die Ausschaf-</span><br/> <span class="ft7">fung des Gesuchsgegners sowohl mittels unbegleiteten wie auch be-</span><br/> <span class="ft7">gleiteten Rückflugs. Zudem musste ein bereits gebuchter Rückflug</span><br/> <span class="ft7">annulliert werden, da der Gesuchsgegner seine Bereitschaft zur</span><br/> <span class="ft7">Rückkehr widerrufen hatte.</span><br/> <span class="ft7">Aufgrund der erheblichen Zeitspanne, die zwischen den letzten</span><br/> <span class="ft7">Ausschaffungsversuchen und der Anordnung der Durchsetzungshaft</span><br/> <span class="ft7">liegt, kann auf die Ausschaffungsversuche im heutigen Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft7">nicht mehr abgestellt werden. Vielmehr ist zunächst erneut zu ver-</span><br/> <span class="ft7">suchen, den Gesuchsgegner mittels unbegleiteten und gegebenenfalls</span><br/> <span class="ft7">begleiteten Rückflugs auszuschaffen. Erst wenn dies aufgrund des</span><br/> <span class="ft7">persönlichen Verhaltens des Gesuchsgegners scheitert, liegt ein Voll-</span><br/> <span class="ft7">zugshindernis im Sinn von Art. 78 Abs. 1 AuG vor und ist die Anord-</span><br/> <span class="ft7">nung einer Durchsetzungshaft gerechtfertigt.</span><br/></div> </div> </body> </html>