Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 12. Juni 2023 (810 22 229) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung / Härtefalltatbestände ʺOpfer von Menschenhandelʺ und ʺschwerwiegender persönlicher Härtefallʺ Besetzung Präsidentin Franziska Preiswerk-Vögtli, Kantonsrichter Markus Clausen, Hans Furer, Daniel Ivanov, Stefan Schulthess, Gerichts- schreiber Sandro Jaisli Beteiligte A.____, c/o B.____, Beschwerdeführer, vertreten durch Raffaella Mas- sara, Rechtsanwältin, Bern gegen Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft, Vorinstanz Betreff Gesuch um Härtefallbewilligung (RRB Nr. 1514 vom 18. Oktober 2022) A. Der serbische Staatsangehörige A.____ (geboren 1988) wurde von der Opferhilfe beider Basel dem Schutzhaus des Vereins B.____ zugewiesen. Am 26. Juli 2021 stellte der Verein B.____ beim Amt für Migration und Bürgerrecht des Kantons Basel - Landschaft (AfMB) ein Gesuch um Gewährung einer Erholungs - und Bedenkzeit, weil es be-Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht gründete Hinweise gebe, dass A.____ Opfer von Menschenhandel geworden sei. Am 10. Au- gust 2021 gewährte das AfMB A.____ gestützt auf Art. 35 der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) vom 24. Oktober 2007 eine Erholungs- und Bedenkzeit bis am 26. August 2021, welche anschliessend bis am 9. September 2021 verlängert wurde. Aufgrund eines laufenden polizeilichen Ermittlungsverfahrens und der Kooperation von A.____ mit den Behörden erteilte ihm das AfMB am 11. Oktober 2021 eine bis am 30. November 2021 gültige Kurzaufenthaltsbewilligung. Mit Schreiben vom 16. Dezember 2021 teilte ihm das Af MB mit, dass die Kurzaufenthaltsbewilligung nicht mehr verlängert werde, da laut Ausk unft der Staatsanwaltschaft Basel -Landschaft (Staatsanwaltschaft) inzwischen habe ausgeschlossen werden können, dass es sich vorliegend um einen Fall von Menschenhandel handle. Zur Durch- führung einer Konfrontationseinvernahme im Strafverfahren gegen den mu tmasslichen Arbeit- geber von A.____ erstreckte das AfMB die Ausreisefrist jedoch bis zum 31. Januar 2022. B. Am 31. Januar 2022 ersuchte A.____, vertreten durch Raffaella Massara, Advokatin in Bern, das AfMB um Erteilung einer Härtefallbewilligung. Eventualiter sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig, evtl. unzumutbar sei, weshalb dem Staatssekretariat für Migration (SEM) die Anordnung seiner vorläufigen Aufnahme zu beantragen sei. Mit Verfügung vom 6. Mai 2022 lehnte das AfMB das Gesuch von A.____ sowohl im Haupt - als auch im Even- tualantrag ab und ordnete an, dass A.____ die Schweiz bis spätestens am 31. Mai 2022 zu ver- lassen habe. C. Die dagegen erhobene Besch werde wies der Regierungsrat des Kantons Basel - Landschaft (Regierungsrat) mit Beschluss (RRB) Nr. 1514 vom 18. Oktober 2022 ab und ent- schied weiter, dass A.____ die Schweiz spätestens 30 Tage nach Eintritt der Rechtskraft des Entscheids zu verlassen habe. D. Gegen diesen Entscheid erhob A.____, nach wie vor vertreten durch Raffaella Massa- ra, mit Eingabe vom 27. Oktober 2022 beziehungsweise nachgereichter Beschwerdebegrün- dung vom 28. Dezember 2022 beim Kantonsgericht Basel -Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht ( Kantonsgericht), Beschwerde mit den unter Kosten - und Entschädi- gungsfolge gestellten Anträgen: (1) Der Entscheid des Regierungsrates vom 18. Oktober 2022 sei aufzuheben. (2) Das Amt für Migration und Bürgerrecht sei an zuweisen, dem Beschwerde- führer unter Vorbehalt der Zustimmung des Staatssekretariats für Migration eine Aufenthalts- bewilligung zu erteilen. (3) Eventualiter sei festzustellen , dass der Vollzug der Wegweisung un- zulässig, evtl. unzumutbar ist, und beim Staatssekretariat f ür Migration die Anordnung der vor- läufigen Aufnahme des Beschwerdeführers zu beantragen. (4) Dem Beschwerdeführer sei der Aufenthalt in der Schweiz bis zum Abschluss des vorliegenden Beschwerdeverfahrens zu ge- statten und es sei von jeglichen Vollzugsmassna hmen abzusehen. (5) Dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. E. Mit Schreiben vom 23. Januar 2023 lässt sich der Regierungsrat unter Verweisung auf den angefochtenen RRB vernehmen und beantragt die kostenfällige Abweisung der Beschwer- de, soweit darauf eingetreten werden könne. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs - und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügungen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kantonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand nach § 44 VPO noch ein spezialgesetzlicher Ausschlusstatbestand vor- liegen, ist die Zuständigkeit des Kantonsgerichts zur Be urteilung der vorliegenden Beschwerde gegeben. Der Beschwerdeführer ist durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung. 1.2 Nach Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (Ausländer - und Integrationsgesetz, AIG) vom 16. Dezember 2005 kommt einer Beschwerde gegen eine abweisende Verfügung eines Gesuches um Erteilung einer Auf- enthaltsbewilligung von Bundesrechts wegen keine aufschiebende Wirkung zu, we il das ent- sprechende Verfahren grundsätzlich im Ausland abzuwarten ist. Mit Schreiben vom 19. Juli 2022 hat der Regierungsrat das AfMB allerdings aus Gründen der Verhältnismässigkeit aufge- fordert, von Vollzugshandlungen abzusehen, da der Fall spruchreif se i und in absehbarer Zeit mit einem materiellen Entscheid zu rechnen sei. In Ziffer 2 des angefochtenen RRB hält der Regierungsrat sodann fest, dass der Beschwerdeführer die Schweiz spätestens 30 Tage nach Eintritt der Rechtskraft des RRB zu verlassen habe. Indem der Beschwerdeführer dennoch be- antragt, es sei ihm der Aufenthalt in der Schweiz bis zum Abschluss des vorliegenden Be- schwerdeverfahrens zu gestatten und es sei von jegliche n Vollzugsmassnahmen abzusehen, hat er daran kein aktuelles Rechtsschutzinteresse mehr. Folglich ist auf dieses Rechtsbegehren nicht einzutreten. Im Übrigen sind die Sachurteilsvoraussetzungen erfüllt, sodass auf die Be- schwerde teilweise eingetreten werden kann. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können nach § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit ist dem Kantonsger icht dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen – untersagt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO). 3. Da es sich um einen klaren Fall handelt, wird vorliegend im Zirkulationsverfahren ent- schieden (§ 1 Abs. 4 VPO). 4. Streitgegenstand bildet die Frage, ob die Verweigerung der Härtefallbewilligung des Be- schwerdeführers und dessen Ausweisung aus der Schweiz zu Recht erfolgten. 5. Die Vorinstanz kommt in ihren Erwägungen zum eindeutigen Schluss, dass der Be- schwerdeführer nicht als Opfer von Menschenhandel qualifiziert werden könne. Zur Begrün- dung hält sie im Wesentlichen fest, dass im Strafverfahren gegen C.____ wegen Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern ohne Bewilligung – trotz eingehender Befragungen der Beteiligten – offensichtlich keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden worden seien, dass der Be-Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht schwerdeführer während seines bisherigen Aufenthalts in der Schweiz Opfer vo n Menschen- handel geworden sei. Vielmehr sei sogar ungeklärt geblieben, ob er, wie von ihm behauptet, überhaupt für C.____ tätig gewesen sei oder ob er sich auf eigene Rechnung mit dem Verkauf von alten Elektrogeräten ins Ausland betätigt habe. Zudem könne als gesichert angesehen werden, dass der Beschwerdeführer aus freien Stücken in die Schweiz eingereist sei. Entspre- chend habe die Staatsanwaltschaft das Verfahren mit V erfügung vom 3. Oktober 2022 einge- stellt. Damit bestehe kein Anspruch auf Bewilligung ei nes weiteren Aufenthaltes gestützt auf Art. 30 Abs. 1 lit. e AIG i.V.m. Art. 36 Abs. 6 VZAE. Nach einer ausführlichen Würdigung der einschlägigen Kriterien verneint der Regierungsrat ebenfalls das Vorliegen eines schwerwie- genden persönlichen Härtefalls im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG i.V.m. Art. 31 Abs. 1 VZAE. Daran ändere auch der ins Recht gelegte Therapiebericht vom 28. Dezember 2022 nichts, denn eine allfällige weitere psychotherapeutische Betreuung des Beschwerdeführers könne auch in dessen Her kunftsland stattfinden. Weil der Vollzug der Wegweisung möglich, zulässig und auch zumutbar sei, habe das AfMB schliesslich zu Recht darauf verzichtet, beim SEM einen Antrag auf vorläufige Aufnahme zu stellen. 6. Der Beschwerdeführer ist dagegen der Ansi cht, dass er Opfer von Menschenhandel geworden sei und auch ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliege. Allein aus dem Umstand, dass C.____ im strafrechtlichen Verfahren betreffend die Beschäftigung von Auslän- derinnen und Ausländern ohne Arbeitsbe willigung freigesprochen worden sei, könne ihm der Status als Opfer von Menschenhandel nicht abgesprochen werden. Zur Begründung führt er weiter aus, dass er während Jahren ein von Ausbeutung bestimmtes Leben unter menschen- unwürdigen Umständen habe führen müssen. Er sei für die Täter aufgrund seiner verminderten Urteilskraft sowie seiner wirtschaftlichen und sozialen Stellung ein leichtes Opfer gewesen. Von seiner Schwester hätten die Täter alle Details seiner Vergangenheit gekannt und von seinen gesundheitlichen Problemen gewusst. Er sei zudem ein gutmütiger, aber auch ein sehr leicht- gläubiger und leicht manipulierbarer Mensch, was ihn für die Täter zu einem leichten Opfer ge- macht habe. Es erstaune deshalb nicht, dass er darauf vertraut habe, dass ihm D.____ und C.____ als Entschädigung für seine Arbeit ein Haus in Serbien kaufen würden. In diesem Glau- ben habe er jahrelang für C.____ gearbeitet und abgesehen von Kost, Logis und etwas Ta- schengeld keine Gegenleistung für seine Arbeit erhalten. Nach dem Tod von D.____ sei das Leben bei C.____ und seiner neuen Ehefrau immer unerträglicher g eworden, weshalb er die Familie habe verlassen wollen. Um dies zu verhindern, habe man ihm seine Papiere wegge- nommen. Dadurch habe sich das bereits vorhandene Abhängigkeitsverhältnis und Machtgefälle zwischen dem Beschwerdeführer und C.____ akzentuiert. Die Prüfung der geschilderten Um- stände ergebe zudem glaubhaft, dass ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliege. Die mangelnden Deutschkenntnisse dürften ihm in diesem Zusammenhang nicht zum Nachteil an- gelastet werden. Betreffend die Wiedereingliederungschancen in Serbien hält der Beschwerde- führer fest, dass er dort über keine unterstützungsfähigen beziehungsweise unterstützungswilli- gen Familienmitglieder verfüge. Es bestehe zudem eine grosse Gefahr, dass ihn die ehemali- gen Täter zu Rechenschaft ziehen, zumal seine Schwester in Ser bien mit dem Täterumfeld in Kontakt stehe. Aufgrund des fehlenden Beziehungsnetzes bestehe auch keine Chance auf eine gesellschaftliche Eingliederung. Schliesslich verfüge Serbien weder über ein hinreichendes Ge- sundheitssystem für die notwendige langfristi ge medizinische Behandlung des Beschwerdefüh-Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht rers noch bestehe in seinem Heimatland ausreichend Schutz für (rückkehrende) Betroffene von Menschenhandel, weshalb ihm eine Rückkehr dorthin unzumutbar sei. 7. Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in d er Schweiz nur berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitzt oder wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 und 11 AIG; vgl. auch Art. 2 AIG). Die zuständige kantonale Behörde entscheidet ge- mäss Art. 18 ff. und 27 ff. AIG nach freiem Ermessen über die Zulassung zu ei nem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbstätigkeit. Einen Rechtsanspruch auf die Erteilung einer Aufenthaltsbewil- ligung hat die ausländische Person somit grundsätzlich nicht, es sei denn, das AIG oder völker- rechtliche Ve rpflichtungen sehen dies vor (BGE 133 I 189 E. 2.3; MARC SPESCHA, in: Spe- scha/Zünd/Bolzli/Hruschka/de Weck [Hrsg.] , Kommentar Migrationsrecht, 5. Auflage, Zür ich 2019, N 1 ff. zu Art. 3 AIG). Nach Art. 30 Abs. 1 AIG kann von den Zulassungsvoraussetzungen nach Art. 18 - 29 AIG unter anderem abgewichen werden, um einem schwerwiegenden persön- lichen Härtefall Rechnung zu tragen (lit. b) oder u m den Aufenthalt von Opfern von Menschen- handel zu regeln (lit. e). 8.1 Nachfolgend ist zunächst zu prüfen, ob dem Besc hwerdeführer der Status ʺOpfer von Menschenhandelʺ zukommt. Die Schweiz hat das Zusatzprotokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels, insbesondere des Frauen - und Kinderhandels zum Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminali- tät (UN-Zusatzprotokoll zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels) am 27. Oktober 2006 und das Übereinkommen des Europarates zur Bekämpfung des Menschenhandels (Über- einkommen des Europarates zur Bekämpfung des Menschenhandels) am 17. Dezember 2012 ratifiziert. Der Begriff ʺMenschenhandelʺ bezeichnet die Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen durch die An drohung oder Anwendung von Ge- walt oder anderen Formen der Nötigung, durc h Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit oder durch Gewährung oder Entgegen- nahme von Zahlungen oder Vortei len zur Erlangung des Ein verständnisses einer Person, die Gewalt über eine andere Pe rson hat, zum Zweck der Ausbeutung. Ausbeutung umfasst min- destens die Ausnutzung der Prostitution anderer oder andere Formen sexueller Ausbeutung, Zwangsarbeit oder Zwangsdienstbarkeit, Sklaverei oder sklavereiähnliche Praktiken, Leibeigen- schaft oder die Entnahme von Organen (Art. 4 lit. a des Übereinkommens des Europarates zur Bekämpfung des Menschenhandels und Art. 3 lit. a des UN-Zusatzprotokolls zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels). Nach Art. 182 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (StGB) vom 21. Dezember 1937 wird mit Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bestraft, wer als Anbie- ter, Vermittler oder Abnehmer mit einem Menschen Handel treibt zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, der Ausbeutung seiner Arbeitskraft oder zwecks Entnahme eines Körperorgans. 8.2 Artikel 14 Absatz 1 lit. a des Übereinkommens des Europarates zur Bekämpfung des Menschenhandels sieht die Erteilung eines verlängerbaren Aufenthaltstitels an Opfer von Men- schenhandel vor, wenn die zuständige Behörde der Auffassung ist, dass deren Aufenthalt auf- grund ihrer persönlichen Situation erforderlich ist. Gemäss Bundesgericht kann diese Bestim- mung einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung begründen, sofern der Status als Opfer von Menschenhandel von der zuständigen Behörde anerkannt ist. Auf der anderen Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Seite ist die Anerkennung des Status als Opfer von Menschenhandel für sich alleine für die Be- gründung des Anspruchs nicht ausreichend. Vielmehr muss sich der Aufenthalt der betroffenen Person auch aufgrund ihrer persönlichen No tlage als erforderlich erweisen (Urteil des Bundes- gerichts 2C_483/2021 vom 14. Dezember 2021 E. 4.3). 8.3 Die ausländerrechtlichen Instrumente für Opfer von Menschenhandel im Gesetz und in der Verord nung dienen dem Opferschutz ausgebeuteter Personen und sollen die Strafve rfol- gung der Täter erleichtern (Ziffer 5.7.1 der Weisungen und Erläuter ungen des SEM zum I. Ausländerbereich [Weisungen AIG ], Stand 1. März 2023). Nur mit einem multidisziplinären und koordinierten Vorgehen sowie einer effizienten Zusammenarbeit zwischen den Strafverfol- gungs- und Migrationsbehörden sowie den spezialisierten F achstellen kann Menschenhandel erfolgreich bekämpft und können die Opfer effizient geschützt werden. Die gegenseitige und vernetzte Wechselwirkung zwischen Strafverfolgungsbehörden, Migrationsbehörden und spezi- alisierten Fachstellen stellt deshalb eines de r wichtigsten Elemente im Kampf gegen Men- schenhandel dar und gewährleistet e inen optimalen Schutz der Opfer (Ziffer 5.7.2 Weisungen AIG). 8.4 Im Rahmen des Strafverfahrens gegen C.____ führte die Staatsanwaltschaft am 28. Januar 2022 aufgrund der widersprüchlichen Aussagen der Parteien eine Konfrontations- einvernahme durch (vgl. Sachverhalt lit. A. hiervor). Dabei hatte sie aufgrund entsprechender Mitteilungen durch das AfMB Kenntnis davon, dass sich der Beschwerdeführer selbst als Opfer von Menschenhandel bezeichnet hatte. Weil die zuständige Strafverfolgungsbehörde als Fach- stelle unstreitig über die nötigen Kenntnisse und Expertise verfügt, durfte und musste das AfMB für die Beurteilung der Frage, ob der Beschwerdeführer Opfer von Menschenhand el geworden ist, auf deren Erkenntnisse aus dem Strafverfahren abstellen. Dies gilt umso mehr unter Be- rücksichtigung der Tatsache, dass sich der Beschwerdeführer als Privatkläger konstituiert hatte und damit selber Partei des Strafverfahrens war. Trotz ein gehender Befragung der Parteien fand die Staatsanwaltschaft offensichtlich keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerde- führer während seines bisherigen Aufenthalts in der Schweiz Opfer von Menschenhandel ge- worden sein könnte . Zudem wurde d as Strafver fahren gegen C.____ mit Verfügung vom 3. Oktober 2022 eingestellt. Es ist deshalb festzuhalten, dass die Ergebnisse der Strafverfol- gungsbehörden die Behauptung des Beschwerdeführers, er sei Opfer von Menschenhandel geworden, in keiner Art und Weise erhärte t haben. Bei dieser klaren Ausgangslage liegt es am Beschwerdeführer, seinen behaupteten Opferstatus von Menschenhandel mit geeigneten Mit- teln glaubhaft nachzuweisen, wobei ihn dabei eine erhöhte Mitwirkungspflicht trifft (BGE 142 I 152 E. 6.2). 8.5.1 Aus den Verfahrensakten sind keine Hinweise ersichtlich, die Zweifel an der klaren Rechtsauffassung der Staatsanwaltschaft hervorrufen würden. Zudem sind auch keine ob jekti- ven Anhaltspunkte erkennbar, die darauf hindeuten, dass der Beschwerdeführer Opfer v on Menschenhandel im Sinne der zitierten Rechtsgrundlagen geworden ist. Vielmehr gibt der Be- schwerdeführer zu Protokoll , dass er im ungefähren Zeitraum von 2015 bis Mitte 2020 ʺeine gute Zeit ʺ bei C.____ und dessen Familie verbracht habe und deshalb drei o der vier Jahre ʺphänomenalʺ und ʺwirklich ein Genuss ʺ gewesen seien. Es habe ʺkeine Problemeʺ gegeben Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht und alles sei ʺin Ordnungʺ gewesen. Wo auch immer die damalige Ehegattin von C.____ und deren Tochter hingegangen seien, hätten sie ihn mitgenommen. Es habe ihm ʺan nichts gefehltʺ (Aussagen des Beschwerdeführers auf den Seiten 2, 5 und 16 des Protokolls seiner Einver- nahme vom 24. August 2021). In Bestätigung dieser Aussagen gab der Beschwerdeführer an- lässlich der Konfrontationseinvernahme vom 28. Januar 20 22 zu Protokoll, dass die Situation lange Zeit ʺsuperʺ gewesen sei und er sich bis im Januar 2021 ʺsehr gutʺ mit C.____ verstan- den habe. Mit diesen Worten beschreibt der Beschwerdeführer für die Situation vor dem Tod von D.____ ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Bezugspersonen in der Schweiz. 8.5.2 Aus der vorliegenden Beschwerde geht hervor, dass der Tod von D.____ den Be- schwerdeführer persönlich hart getroffen hat und dass sich das Zusammenleben mit der neuen Ehefrau von C.____ für ihn als schwierig herausgestellt hatte. Trotzdem habe er diese Situation hingenommen und weitergearbeitet. Dabei habe er zu gewissen Personen seines sozialen Um- feldes nach wie vor eine gute Beziehung unterhalten, weil er sich gegenüber der Familie der verstorbenen D.____ immer noch verpflichtet gefühlt habe. Die Ausführungen und Schilderun- gen betreffend die Verhältnisse nach dem Tod von D.____ lassen nach dem Gesagten aus ob- jektiver Sicht zwar eine Verschlechterung d er Beziehungen zwischen dem Beschwerdeführer und C.____ beziehungsweise dessen neuer Ehefrau erkennen, machen aber gleichzeitig deut- lich, dass der Beschwerdeführer nach wie vor eine gewisse Wahlfreiheit beziehungsweise Selbstbestimmtheit behalten und damit die veränderten Umstände im Ergebnis freiwillig toleriert hatte. 8.6 Der Regierungsrat zeigt zudem nachvollziehbar auf, dass es primär der Tod der ersten Ehefrau von C.____, mit welcher sich der Beschwerdeführer sehr gut verstanden habe, sowie die Umstände im Zusammenhang mit der temporären Rückkehr d es Beschwerdeführers nach Serbien waren, die dazu geführt haben, dass sich das Verhältnis zwischen dem Beschwerde- führer und C.____ verschlechtert hat. Nichts anderes ergibt sich aus der Beschwerde an das Kantonsgericht, in welcher der Beschwerdeführer darl egt, dass es – nachdem er im August 2020 nach rund einem Jahr Aufenthalt in Serbien in die Schweiz zurückgekommen sei – ab Anfang 2021 vermehrt zu ʺinnerfamiliären Spannungenʺ gekommen sei, welche sein Leben bei C.____ und dessen neuer Frau immer unerträglicher gemacht hätten. Dass sich diese Verände- rungen der zwischenmenschlichen Beziehungen aus der subjektiven Sicht der Betroffenen ge- gebenenfalls ungerecht, verletzend beziehungsweise frustrierend anfühlen, bedeutet mitnich- ten, dass darin gleichzeitig ein Fall von Menschendhandel gesehen werden kann. Selbst unter den Annahmen, dass der Beschwerdeführer tatsächlich für seinen mutmasslichen Arbeitgeber tätig war und für seine Arbeitsleistung eine in einem Missverhältnis stehende Entlöhnung (geld- werter oder anderer Art) erhalten haben sollte, ist aus neutraler Sicht nicht ersichtlich, inwiefern dadurch der Tatbestand des Menschenhandels erfüllt sein sollte. In diesem Zusammenhang hilft auch das Argument nicht weiter, dass nicht einseitig auf die Ergebnisse aus dem Strafver- fahren abgestellt werden dürfe, weil schlicht keine weiteren Umstände ersichtlich sind bezie- hungsweise glaubhaft aufgezeigt werden, die auf Menschenhandel hinweisen und deshalb hät- ten berücksichtigt werden müssen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.7 Weitere beziehungsweise konkretere Angaben zu den angeblichen Misshandlungen durch C.____ kann der Beschwerdeführer dagegen auch vor Kantonsgericht keine machen, da er dazu noch nicht in der Lage sei. Im Ergebnis ist deshalb festzuhalten, dass es dem Be- schwerdeführer nicht ansatzweise gelingt, substantiiert darzulegen und nachzuweisen, inwie- fern er ein Opfer von Menschenhandel im Sinne der aufgezeigten Rechtsgrundlagen geworden sein soll. Damit kommt er seiner beweisrechtlichen Mitwirkungspflicht klarerweise nicht nach. Seine diesbezüglichen Behauptungen und subjektiven Ansichten bleiben auch vor Kantonsge- richt unbewiesen. Entsprechend haben das AfMB und der Regierungsrat den Status des Be- schwerdeführers als Opfer von Menschenhandel zurecht verneint. 9.1 Damit bleibt das Vorliegen eines Härtefalls zu prüfen, und zwar aufgrund der Verneinung des Status als Opfer von Menschenhandel nicht anhand der privilegierten Voraussetzungen des Spezialtatbestandes nach Art. 36 Abs. 6 VZAE, sondern gemäss der allgemeinen Regelung des schwerwiegenden persönlichen Härtefalls nach Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG. Nach dieser Bestim- mung kann von den Zulassungsvoraussetzungen nach Art. 18 - 29 AIG abgewichen werden, um einem schwerwiegenden persönlichen Härtefall Rechnung zu tragen, wobei es sich um eine Ausnahmebestimmung handelt, deren Voraussetzungen restriktiv zu prüfen sind. Da es sich um eine Kann-Vorschrift handelt, liegt die Erteilung der Bewilligung schliesslich im Ermessen der Behörde (Art. 96 AIG). 9.2 Bei der Beurteilung, ob eine Aufenthaltsbew illigung aufgrund eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalles zu erteilen ist, sind nach Art. 31 Abs. 1 VZAE die Integration der ge- suchstellenden Person anhand der Integrationskriterien nach Art. 58a Abs. 1 AIG, die Familien- verhältnisse, die finanziellen Verhältnisse, die Dauer der Anwesenheit in der Schweiz, der Ge- sundheitszustand und die Möglichkeit für eine Wiedereingliederung im Herkunftsstaat zu beach- ten. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung wird vorausgesetzt, dass sich die ausländi- sche Person in einer persönlichen Notlage befindet und die Verweigerung einer Aufenthaltsbe- willigung für die betroffene Person schwerwiegende Nachteile zur Folge hat. Bei der Beurteilung sind alle Gesichtspunkte und Besonderheiten des Einzelfalles zu berücksichtige n. Eine lange Anwesenheit und fortgeschrittene Integration sowie klagloses Verhalten führen für sich allein noch nicht zu einem persönlichen Härtefall. Ebenso wenig reicht es für dessen Annahme aus, wenn die während des Aufenthalts in der Schweiz geknüpfte n beruflichen, freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Beziehungen aufgegeben werden müssen. Vielmehr muss die Bezie- hung zwischen der ausländischen Person und der Schweiz so eng sein, dass von ihr nicht ver- langt werden kann, in ein anderes Land, insbesondere das Herkunftsland, zu gehen und dort zu leben. Insofern stellen Arbeits -, Freundschafts - oder Nachbarschaftsbeziehungen, welche die ausländische Person während ihres Aufenthaltes in der Schweiz geknüpft hat, grundsätzlich keine derart engen Bindungen zur Schweiz dar, dass sie den Ausnahmecharakter von Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG rechtfertigen (BGE 130 II 39 E. 3 m.w.H.; Urteil des Kantonsgerichts, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht [KGE VV], vom 7. Juli 2021 [810 20 261] E. 3.2). 9.3 Der Beschwerdeführer hat sich als Drittstaatsangehöriger und wenig qualifizierte Ar- beitskraft – mit Ausnahme der im Rahmen der Erholungs - und Bedenkzeit gewährten Aufent- haltsduldung und der zwecks Teilnahme an einem laufenden Strafverfahren erteilten Kurz-Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht aufenthaltsbewilligung – durchgehend unrechtmässig in der Schweiz aufgehalten und damit die öffentliche Ordnung nicht beachtet . Bereits die Tatsache, dass er sich ohne Bemühungen um Erlangung der erforderlichen Aufenthalts - und Arbeitsbewilligung zum Zwecke der Erwerbstä- tigkeit in die Schweiz begeben hat, steht in grundsätzlicher Weise einer nachhaltigen Integration im Sinne des Gesetzgebers, wie sie in Art. 58a Abs. 1 AIG geregelt ist, entgegen. Daran ändern auch die geltend gemachten Sprachbemühungen nichts. S elbst wenn der Beschwerdeführer über bessere Deutschkenntnisse verfügen würde (aus den Akten wird dagegen ersichtlich, dass er nach wie vor nur rudimentär Deutsch spricht), könnten diese die Nichterfüllung der übrigen Integrationskriterien nicht kompensier en. Der Beschwerdeführer ist in der Schweiz weder wirt- schaftlich noch gesellschaftlich integriert im Sinne von Art. 58a Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 Abs. 1 lit. a VZAE. 9.4.1 Der Aufenthaltsdauer nach Art. 31 Abs. 1 lit. e VZAE kommt bei der Härtefallprüfun g gemäss Bundesgericht eine erhebliche Bedeutung zu (BGE 144 I 266 E. 3.9). Weil sich der Beschwerdeführer wie soeben dargelegt überwiegend unrechtmässig in der Schweiz aufgehal- ten hat, muss zur Eruierung und Beurteilung der Anwesenheitsdauer auf seine eig enen Aussa- gen abgestellt werden. Im Strafverfahren gegen C.____ gab der Beschwerdeführer an, seit dem Jahr 2015 bis zum Tod der ersten Ehefrau des Beschuldigten im April 2018 überwiegend in der Schweiz gelebt zu haben, bevor er nach einem mindestens einjährigen Aufenthalt in Serbien im August 2020 wieder hierhergekommen sei. Der Beschwerdeführer führt weiter aus, dass er vor diesem längeren Aufenthalt in seinem Heimatland in den ersten Jahren kaum nach Serbien zurückgekehrt sei und wenn, dann nur für einzel ne Tage, wobei er sich dann in der Regel im Haus von D.____ und C.____ im Stadtzentrum von E.____ aufgehalten habe. Aus diesen Schilderungen des Beschwerdeführers erhellt, dass sein (überwiegend illegaler) Aufenthalt in der Schweiz weder als besonders lang noch als ununterbrochen angesehen werden kann. 9.4.2 Für die Beurteilung der Härtefallkriterien ʺFamilienverhältnisseʺ gemäss Art. 31 Abs. 1 lit. c VZAE und ʺMöglichkeiten für eine Wiedereingliederung im Herkunftsstaat ʺ nach Art. 35 Abs. 1 lit. g VZAE ist ebenfalls auf die hiervor beschriebene kurze Aufenthaltsdauer in der Schweiz sowie auf die während dieser Zeit erfolgten Rückreisen nach Serbien hinzuweisen. Insbesondere der längere Aufenthalt in Serbien führte dazu, dass es nicht zu einer eigentlichen Entwurzelung zwischen dem Beschwerdeführer und seinem Heimatland gekommen ist, die nun durch eine Wiedereingliederung rückgängig gemacht werden müsste. Trotz der angeblich schwierigen familiären Verhältnisse in seinem Heimatland ist zu beachten, dass der Beschwer- deführer in der Schweiz weder sprachlich, sozial noch wirtschaftlich integriert ist und somit hier auf keinerlei Beziehungsnetz zurückgreifen kann. Auch wenn sich das Verhältnis zu seiner in Serbien lebenden Schwester unterdessen tatsächlich verschlechtert haben sollte (der jüngere Bruder sei verstorben und zum älteren Bruder habe er keinen Kontakt mehr), ändert dies nichts daran, dass der heute 35 -jährige, ledige und kinderlose Beschwerdeführer in Serbien, wo er praktisch sein ganzes Leben ve rbracht hat und sowohl mit der Sprache als auch mit der dort gelebten Kultur bestens vertraut ist, immerhin über Familienmitglieder und damit ein soziales Umfeld verfügt. Im Ergebnis ist deshalb festzuhalten, dass dem Beschwerdeführer eine Wie- dereingliederung in Serbien durchaus möglich und zumutbar ist, womit sich vorliegend auch aus Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht den Beurteilungskriterien ʺDauer der Anwesenheit in der Schweizʺ sowie ʺFamilienverhältnisseʺ kein schwerwiegender persönlicher Härtefall ergibt. 9.5.1 Nach Art. 31 Abs. 1 li t. f VZAE ist weiter das Beurteilungskriterium des Gesundheitszu- standes zu prüfen. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung können medizinische Grün- de je nach den Umständen zur Anerkennung eines Härtefalls führen, wenn der Betroffene be- weist, dass er an einem ernsthaften Gesundheitsschaden leidet, der während einer langen Zeit- spanne dauernde Behandlung oder punktuelle medizinische Notfallmassnahmen erfordert, die im Herkunftsland nicht verfügbar sind, so dass eine Ausreise aus der Schweiz schwer wiegende Folgen für seine Gesundheit nach sich ziehen könnte. Hingegen genügt der Umstand alleine, dass der Ausländer in der Schweiz in den Genuss besserer medizinischer Leistungen als die im Herkunftsland angebotenen erhalten kann, nicht, um eine Ausnahme von den Begrenzungs- massnahmen zu rechtfertigen (BGE 128 II 200 E. 5.3 m.w.H. ). Es handelt sich hierbei um kei- nen wichtigen persönlichen Grund, der einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich oder die Rückkehr in die früheren Verhältnisse unzumutbar machen würde (BGE 139 II 393 E. 6 m.w.H.). 9.5.2 Dem psychologischen Therapiebericht von F.____, Fachpsychologin für Psychotherapie und eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin, vom 28. Dezember 2022 ist zu entnehmen, dass sich die Beurteilung des Beschwerde führers nicht wesentlich verändert habe, weshalb sie bezüglich des Gesundheitszustandes im Wesentlichen auf den Bericht vom 31. Januar 2022 verweisen könne. Aufgrund der gemachten Erlebnisse in der Vergangenheit habe sich der Be- schwerdeführer nach wie vor nicht auf eine (indizierte) medizinische Behandlung einlassen können. Zudem befürchte er, dass sich sein ehemaliger Chef an ihm rächen könnte, was zu Alpträumen führe. F.____ führt weiter aus, dass im Berichtzeitraum aufgrund der schwierigen Situation des Beschwerdeführers einzig an seiner Stabilisierung habe gearbeitet werden kön- nen. Eine eigentliche Traumatherapie könne unter diesen Umständen und dem Aspekt der feh- lenden Planungssicherheit nicht vertreten und durchgeführt werden. Es sei zudem davon aus- zugehen, dass es dem Beschwerdeführer aufgrund seiner zahlreichen negativen Erfahrungen mit der stationären Psychiatrie in E.____ schwerfallen könnte, sich auf eine psychiatrische Be- handlung im Herkunftsland erneut einzulassen. Das Behandlungsangebot bei Trau ma- Folgestörungen sei auch in der Schweiz sehr spezifisch und nicht immer gut zugänglich, wes- halb zu befürchten sei, dass ein entsprechendes Angebot in Serbien nicht staatlich finanziert und somit für den Beschwerdeführer nicht verfügbar sein könnte. 9.5.3 Anhand der eingereichten Therapieberichte wird ersichtlich, dass der Beschwerdeführer an psychischen Problemen leidet und wohl auf eine nicht einfache beziehungsweise teilweise traumatische Kindheit zurückblicken muss. Zudem geht aus den Beurteilungen de r Therapeutin hervor, dass der Beschwerdeführer bisher grundsätzlich nur habe stabilisiert werden können und dass für eine nachhaltige Behandlung im Sinne einer eigentlichen Traumatherapie mit ei- nem langen Zeithorizont gerechnet werden müsse. Dagegen zeigt der Beschwerdeführer nicht auf, inwiefern ihm die von der Therapeutin aufgezeigte Behandlung in Serbien nicht gewährt werden könnte. Vielmehr macht bereits der Umstand des wiederholten Unterbruches des Auf- enthaltes des Beschwerdeführers in der Schweiz deu tlich, dass er an keinem ernsthaften Ge-Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht sundheitsschaden leidet, der aus medizinischen Gründen im Rahmen eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalls eine weitere Anwesenheit in der Schweiz erforderlich machen würde. Zudem gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, aufzuzeigen, welche konkreten schwerwiegen- den Folgen für die Gesundheit – im Sinne der aufgezeigten Rechtsprechung – eine Ausreise aus der Schweiz nach sich ziehen würde . Allein der Umstand, dass das medizinisch e Angebot in der Schweiz besser sein könnte als in Serbien beziehungsweise zu einem grösseren Teil von der öffentlichen Hand finanziert werden könnte, reicht – wie hiervor unter der Erwägung 9.5.1 aufgezeigt – auf jeden Fall nicht zur Annahme eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalls. Es ist deshalb im Ergebnis festzuhalten, dass für die vom Beschwerdeführer geltend gemach- ten psychischen Probleme in Serbien sehr wohl vergleichbare Behandlungsangebote bestehen, deren Wahrnehmung dem Beschwerdefü hrer möglich und zumutbar sind, weshalb vom Vorlie- gen eines medizinischen Härtefall s, der ein Abweichen von den allgemeinen Zulassungsvo- raussetzungen rechtfertigen würde, keine Rede sein kann. 9.6.1 Im Übrigen ist betreffend die berufliche und wirtschaftliche Integration sowie die finanziellen Verhältnisse nach Art. 31 Abs. 1 lit. d VZAE anhand der vom Beschwerdeführer eingereichten Unterlagen festzustellen, dass dieser absolut mittellos ist. Gemäss der Verfügung der Sozialhilfebehörde der Gemeinde G.____ vom 12. September 2022 bezieht der Beschwer- deführer seit dem 20. Oktober 2021 zudem Sozialhilfe. Damit kann er auch aus dem Kriterium der finanziellen Verhältnisse nichts zu seinen Gunsten ableiten. Vielmehr stehen einem weite- ren Aufenthalt in der Schweiz auch unter diesem Aspekt gewichtige öffentliche Interessen ent- gegen. 9.6.2 Sofern der Beschwerdeführer schliesslich eine Verletzung des rechtlichen Gehörs rügt, weil die Vorinstanz im Zusammenhang mit der Beurteilung der finanziellen Ver hältnisse seinen Gesundheitszustand nicht berücksichtigt und somit Art. 31 Abs. 5 VZAE nicht explizit geprüft habe, kann er nicht gehört werden. Einerseits hat sich die Vorinstanz an diversen Stellen ihres Entscheides mit der gesundheitlichen Situation des Beschwerdeführers auseinandergesetzt. Andererseits war die (legale) Teilnahme am Wirtschaftsleben nicht aufgrund des Gesundheits- zustandes des Beschwerdeführers nicht möglich, sondern einzig, weil dieser über keinen Auf- enthaltstitel beziehungsweise keine A rbeitsbewilligung verfügte. Aus gesundheitlicher Sicht konnte der Beschwerdeführer sehr wohl arbeiten, was sich darin zeigt, dass er sich im Rahmen seiner unrechtmässigen Arbeitstätigkeiten ausdrücklich darauf beruft, dass er stets von morgen früh bis spät am Abend habe durcharbeiten müssen. Entsprechend hält auch die behandelnde Psychologin im Therapiebericht fest, dass sich der Beschwerdeführer gewohnt sei, zu arbeiten, er gerne wieder arbeiten würde (was aber mangels Arbeitserlaubnis nicht möglich sei) u nd ihm ein geregeltes Arbeitsverhältnis eine Struktur geben würde, die sich positiv auf seinen psychi- schen Zustand auswirken würde. Es bestand deshalb vorliegend kein Anlass, dem gesundheit- lichen Zustand des Beschwerdeführers zusätzlich bei der Beurteilung dessen finanziellen Ver- hältnisse Rechnung zu tragen. Die geltend gemachte Gehörsverletzung erscheint damit als of- fensichtlich unbegründet, weshalb nicht weiter darauf einzugehen ist. 10.1 Eventualiter beantragt der Beschwerdeführer – ohne in der Begründ ung näher darauf einzugehen – die Feststellung, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig, eventuell unzu-Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht mutbar sei, weshalb beim Staatssekretariat für Migration seine vorläufige Aufnahme zu bean- tragen sei (vgl. Sachverhalt lit. D hiervor). Das SEM verfüg t nach Art. 83 Abs. 1 AIG die vorläu- fige Aufnahme, wenn der Vollzug einer Weg - oder Ausweisung nicht möglich, nicht zulässig oder nicht zumutbar ist. Die kantonale Behörde kann die vorläufige Aufnahme be antragen (Art. 83 Abs. 6 AIG). Nach Art. 83 Abs. 4 AI G kann der Vollzug für die Betroffenen unzumutbar sein, wenn sie in Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Not- lage im Heimat- oder Herkunftsstaat konkret gefährdet sind. 10.2 Es ist in grundsätzlicher Hinsicht festzuhalten, dass es sich bei der Republik Serbien um einen Staat handelt, in welchen eine Rückkehr derzeit zulässig und klarerweise auch möglich ist. Es ist zudem darauf hinzuweisen, dass Serbien ein Vertragsstaat sowohl des UN- Zusatzprotokolls zur Verhütung und B ekämpfung des Menschenhandels als auch des Überein- kommens des Europarates zur Bekämpfung des Menschenhandels ist (vgl. zu den beiden Staatsverträgen E. 8.1 hiervor). Die konkrete Härtefallprüfung hat zudem ergeben, dass dem Beschwerdeführer die Rückkehr nach Serbien klarerweise auch zumutbar ist. Damit liegen die Voraussetzungen der vorläufigen Aufnahme im Sinne von Art. 83 Abs. 1 AIG offensichtlich nicht vor, so dass das AfMB zu Recht darauf verzi chtet hat, dem SEM einen entsprechenden Antrag zu stellen. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde auch im Eventualantrag und damit vollum- fänglich abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden kann. 11.1 Im Folgenden ist noch über die Kosten für das Verfahren vor dem Kantonsgericht zu entscheiden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO werden in verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfah- ren grundsätzlich Verfahrenskosten erhoben. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsge- bühren und die Beweiskosten und werden in der Regel de r unterliegenden Partei in angemes- senem Ausmass auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). 11.2 Der Beschwerdeführer beantragt für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Rechtspflege. Das verfassungsrechtliche Institut der unentgeltlichen Rechtspflege nach Art. 29 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV) vom 18. April 1999 garantiert den Zugang zur Rechtspflege und prozessualen Rechtsverfolgung und nicht die Ent- lastung von entstandenen Prozesskosten schlechthin ( STEFAN MEICHSSNER, Das Grundrecht auf unentgeltliche Rechtspflege [Art. 29 A bs. 3 BV], Diss. Basel 2008, S. 175 f.; siehe dazu auch GEROLD STEINMANN, in: Ehrenzeller/Schindler/ Schweizer/Vallender [Hrsg.], Die schweize- rische Bundesverfassung, St. Galler Kommentar, 3. Auflage, Z ürich/St. Gallen 2014, N 62 zu Art. 29). Die unentgeltliche Rechtspflege wird nicht von Amtes wegen, sondern nur auf Antrag gewährt. Das Gesuch kann zu Beginn oder erst während des Verfahrens gestellt werden. Voraussetzung für den Anspruch auf unentgeltli che Rechtspflege ist erstens das Vorliegen von Bedürftigkeit des Betroffenen, zweitens die Nicht -Aussichtslosigkeit der Rechtssache und drit- tens die Notwendigkeit der Verbeiständung (Art. 29 Abs. 3 BV und § 22 Abs. 1 und 2 VPO). Die beiden ersten Bedingung en gelten für jegliche Form der unentgeltlichen Prozessführung, die dritte naturgemäss für die unentgeltliche Vertretung. Diese Voraussetzungen müssen kumulativ gegeben sein ( ADRIAN STAEHELIN/DANIEL STAEHELIN/PASCAL GROLLIMUND, Zivilprozessrecht, unter Einbezug des Anwaltsrechts und des internationalen Zivilprozessrechts, 3. Aufl., Zü- rich/Basel/Genf 2019, S. 264; KGE VV vom 20. Januar 2016 [810 15 304] E. 7.2). Ein Begehren Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht gilt nicht als aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungef ähr die Waa- ge halten oder jene nur wenig geringer sind als diese. Massgebend ist, ob eine Partei, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger Überlegung zu einem Prozess ent- schliessen würde. Eine Partei soll einen Prozess, den s ie auf eigene Rechnung und Gefahr nicht führen würde, nicht deshalb anstrengen können, weil er sie nichts kostet. Ob im Einzelfall genügende Erfolgsaussichten bestehen, beurteilt sich aufgrund einer vorläufigen und summari- schen Prüfung der Prozessaussichte n aufg rund der vorhandenen Akten ( BGE 142 III 138 E. 5.1; BGE 138 III 217 E. 2.2.4; MEICHSSNER, a.a.O., S. 106 f.). 11.3 Im Rahmen der Prüfung der Nicht-Aussichtslosigkeit der Rechtssache ist unter Verwei- sung auf die vorstehenden Erwägungen festzustellen, dass der Beschwerdeführer offensichtlich keinen Anspruch auf einen weiteren Verbleib in der Schweiz hat. Sein Härtefallgesuch ist unbe- gründet, weil er klarerweise einerseits kein Opfer von Menschenhandel wurde und andererseits kein schwerwiegender persönl icher Härtefall vorliegt. Auch die Voraussetzungen für eine vor- läufige Aufnahme sind offensichtlich nicht erfüllt. Bei diesem eindeutigen Verfahrensausgang kann keine Rede davon sein, dass sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese. Der Beschwerdeführer kann bei kei- ner der geltend gemachten Anspruchsgrundlagen substantiiert darlegen, inwiefern die jeweili- gen Anspruchsvoraussetzungen erfüllt sein sollen. Dagegen wurde ihm die klare Rechtsla ge bereits durch das AfMB und den Regierungsrat begründet dargelegt. In der vorliegenden Be- schwerde bringt der Beschwerdeführer weder neue Tatsachen noch Argumente vor, die Zweifel am Ergebnis des angefochtenen RRB aufkommen lassen würden. Damit erweist si ch die Be- schwerde als offensichtlich unbegründet, weshalb das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege zufolge Aussichtslosigkeit abzuweisen ist. Da die aufgezeigten Voraussetzungen der unentgelt- lichen Rechtspflege kumulativ erfüllt sein müssen, erübrigt sich eine Prüfung der übrigen An- spruchsvoraussetzungen. 11.4 Angesichts des Ausgangs des Verfahrens sind die Verfa hrenskosten in der Höhe von Fr. 1'200.-- dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Als unterliegende Partei hat der Be schwerde- führer keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (§ 21 Abs. 1 VPO). Die Parteikosten sind demzufolge wettzuschlagen. Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten werden kann. 2. Das Gesuch des Beschwerdeführers um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'200.-- werden dem Beschwerdeführer auferlegt. 4. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Präsidentin Gerichtsschreiber Gegen diesen Entscheid wurde am 24. August 2023 Beschwerde beim Bundesgericht (Verfah- rensnummer 2C_448/2023) erhoben.