<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 72 S.357</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">357</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>72</b></span> <span class="ft1"><b>Ursprünglicher Beitragsplan nach §§ 34/35 BauG</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Verhältnis des Verbots der reformatio in peius zu einer Neuauflage</b></span><br/> <span class="ft1"><b>eines Beitragsplans (Erw. 3.5.1. - 3.5.5.)</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Ein neuer Beitragsplan eröffnet dem betroffenen Eigentümer erneut</b></span><br/> <span class="ft1"><b>und in vollem Umfang den Rechtsmittelweg (Erw. 3.6.)</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid der Schätzungskommission nach Baugesetz vom 6. De-</span><br/> <span class="ft4">zember 2006 in Sachen F. gegen Einwohnergemeinde B.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">3.5.1. Es stellt sich somit die Frage, wie sich das Verbot der re-</span><br/> <span class="ft6">formatio in peius mit der Möglichkeit einer Neuauflage des berichti-</span><br/> <span class="ft6">gten Beitragsplans vereinbaren lässt. Das Gesetz schliesst die refor-</span><br/> <span class="ft6">matio in peius in § 43 Abs. 1 VRPG nicht aus, jedoch knüpft es sie</span><br/> <span class="ft6">an formelle und materielle Voraussetzungen. Verwaltungsbehörden</span><br/> <span class="ft6">können Verfügungen und Entscheide zum Nachteil der Beteiligten</span><br/> <span class="ft6">abändern oder aufheben, wenn sie der Rechtslage oder den sachli-</span><br/> <span class="ft6">chen Erfordernissen nicht entsprechen und wichtige öffentliche In-</span><br/> <span class="ft6">teressen es erfordern (§ 26 Abs. 1 VRPG). Zudem sind die Betroffe-</span><br/> <span class="ft6">nen zuvor anzuhören (§ 43 Abs. 1 VRPG). Die Neuauflage eines</span><br/> <span class="ft6">Beitragsplans stellt eine Widerrufssituation dar, weshalb zu prüfen</span><br/> <span class="ft6">ist, ob der Widerruf zulässig ist.</span><br/> <span class="ft6">3.5.2. Der Widerruf setzt zunächst voraus, dass die aufzuhe-</span><br/> <span class="ft6">bende Verfügung der Rechtslage nicht entspricht. Sodann hängt er</span><br/> <span class="ft6">von einer Interessenabwägung ab. Die aargauische Praxis legt diese</span><br/> <span class="ft6">Umschreibung so aus, dass die öffentlichen (und privaten) Interessen</span><br/> <span class="ft6">an der Durchsetzung des objektiven Rechts gegen das private (und</span><br/> <span class="ft6">öffentliche) Interesse an der Rechtssicherheit und am Fortbestand der</span><br/> <span class="ft6">bisherigen Ordnung im konkreten Fall (Vertrauensschutz) abzuwägen</span><br/> <span class="ft6">sind (AGVE 1996, S. 292).</span><br/> <span class="ft6">3.5.3. Als mögliche, einen Widerruf rechtfertigende öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Interessen im Bereich des Abgaberechts kommen namentlich die kor-</span><br/> <span class="ft6">rekte Durchsetzung der Abgabebestimmungen, die Gleichbehandlung</span><br/> <span class="ft6">aller Abgabeschuldner sowie finanzielle Überlegungen in Frage.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">358</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <br/> <span class="ft6">Entgegen einer älteren Lehrmeinung, wonach die fiskalischen,</span><br/> <span class="ft6">d.h. finanziellen Interessen des Staates nicht zu den öffentlichen Inte-</span><br/> <span class="ft6">ressen gehörten (darauf Bezug nehmend noch AGVE 1998, S. 204),</span><br/> <span class="ft6">wird heute die Auffassung vertreten, dass auch ein öffentliches Inte-</span><br/> <span class="ft6">resse daran besteht, den Staat mit den Mitteln auszustatten, die er für</span><br/> <span class="ft6">die Erfüllung seiner Aufgaben benötigt. Allerdings nehmen die</span><br/> <span class="ft6">fiskalischen Interessen insofern eine Sonderstellung ein, als sie</span><br/> <span class="ft6">grundsätzlich keine Eingriffe in Freiheitsrechte zu rechtfertigen ver-</span><br/> <span class="ft6">mögen (vgl. Ulrich Häfelin/Georg Müller, Allgemeines Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft6">recht, 4. Aufl., Zürich 2002, N 552; Yvo Hangartner, St. Galler Kom-</span><br/> <span class="ft6">mentar zur schweizerischen Bundesverfassung, Zürich/Basel/Genf</span><br/> <span class="ft6">2002, Art. 5 N 29). Ein öffentliches Interesse ist zu bejahen, wenn</span><br/> <span class="ft6">eine Gemeinde die ihr zustehenden geldwerten Ansprüche wirklich</span><br/> <span class="ft6">geltend macht und durchsetzt. Es gehört mit zur ordnungsgemässen</span><br/> <span class="ft6">und verantwortungsbewussten sowie sparsamen Führung des Finanz-</span><br/> <span class="ft6">haushalts (§ 116 der Verfassung des Kantons Aargau vom 25. Juni</span><br/> <span class="ft6">1980), dass gesetzlich vorgesehene Kausalabgaben erhoben werden</span><br/> <span class="ft6">und nicht zu Lasten des allgemeinen Steuersubstrats darauf verzich-</span><br/> <span class="ft6">tet wird. Unter diesen Umständen sind laut Verwaltungsgericht so-</span><br/> <span class="ft6">wohl Widersprüche zur bestehenden Rechtslage zu bejahen, als auch</span><br/> <span class="ft6">wichtige öffentliche Interessen berührt, selbst wenn es lediglich um</span><br/> <span class="ft6">kleinere Beiträge geht (so Verwaltungsgerichtsentscheid [VGE]</span><br/> <span class="ft6">III/23 vom 28. Februar 1991, Erw. II/4c). Etwas restriktiver hat das</span><br/> <span class="ft6">Verwaltungsgericht in AGVE 1998, S. 204, festgehalten, dass das fi-</span><br/> <span class="ft6">nanzielle Interesse des Gemeinwesens für sich allein kein überwie-</span><br/> <span class="ft6">gendes Interesse abzugeben vermag, da ihm regelmässig ein ebenso</span><br/> <span class="ft6">grosses finanzielles Interesse des Privaten entgegensteht. Es bedürfe</span><br/> <span class="ft6">vielmehr eines zusätzlichen öffentlichen Interesses zur Rechtferti-</span><br/> <span class="ft6">gung des Widerrufs. Als solch ein zusätzliches öffentliches Interesse</span><br/> <span class="ft6">fällt die rechtsgleiche Behandlung der Abgabenbelasteten in Be-</span><br/> <span class="ft6">tracht, da gerade im Bereich der Erschliessungsabgaben der gleich-</span><br/> <span class="ft6">mässigen Lastenverteilung grosses Gewicht zukommt (AGVE 1998,</span><br/> <span class="ft6">S. 204). Im Weiteren liegt das für den Bereich der Abwasserentsor-</span><br/> <span class="ft6">gung geltende Verursacherprinzip im öffentlichen Interesse (Art. 60a</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Schutz der Gewässer [Ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Erschliessungsabgaben</span> <span class="page_no">359</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">wässerschutzgesetz, GSchG; SR 814.20] vom 24. Januar 1991).</span><br/> <span class="ft6">Würde beispielsweise eine Anpassung des Beitragsplans Abwasser-</span><br/> <span class="ft6">versorgung immer zu Lasten der Gemeindekasse bzw. zu Lasten der</span><br/> <span class="ft6">Steuerzahler und Steuerzahlerinnen erfolgen, so widerspräche dies</span><br/> <span class="ft6">dem Gedanken der Kostenüberwälzung auf die Verursacher. Ebenso</span><br/> <span class="ft6">sind die Gemeinden im Zusammenhang mit dem Strassenbau ver-</span><br/> <span class="ft6">pflichtet - nicht nur berechtigt -, von den Grundeigentümern im</span><br/> <span class="ft6">Sinne des Bundesrechts nach Massgabe der diesen erwachsenden</span><br/> <span class="ft6">wirtschaftlichen Sondervorteile Beiträge zu erheben (§ 34 Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">BauG in Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 des Wohnbau- und Eigentums-</span><br/> <span class="ft6">förderungsgesetzes [WEG; SR 843] vom 4. Oktober 1974 und Art. 1</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 der Verordnung zum Wohnbau- und Eigentumsförderungsge-</span><br/> <span class="ft6">setzes [VWEG; SR 843.1] vom 30. November 1981).</span><br/> <span class="ft6">3.5.4. Das private Interesse an der Rechtssicherheit und am</span><br/> <span class="ft6">Fortbestand der bisherigen Ordnung ist daher im Zusammenhang mit</span><br/> <span class="ft6">der Auflage von Beitragsplänen gering, solange der Beitragsplan</span><br/> <span class="ft6">bzw. die Summe von Einzelverfügungen (...) noch nicht insgesamt</span><br/> <span class="ft6">rechtskräftig ist. Materielle Rechtskraft, d.h. Unabänderlichkeit von</span><br/> <span class="ft6">Beitragsverfügungen, kann grundsätzlich frühestens mit Eintritt der</span><br/> <span class="ft6">formellen Rechtskraft <i>aller</i> Einzelverfügungen in Erwägung gezogen</span><br/> <span class="ft6">werden.</span><br/> <span class="ft6">Unbestritten ist sodann, dass am 25. April 2003 eine Orientie-</span><br/> <span class="ft6">rung und Anhörung des Beschwerdeführers stattgefunden hat. Dabei</span><br/> <span class="ft6">war auch eine Erhöhung des Beitrags des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft6">thematisiert worden, allerdings konnte man sich über einen höheren</span><br/> <span class="ft6">Faktor nicht einigen (...). Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtli-</span><br/> <span class="ft6">ches Gehör ist unter diesen Umständen nicht gegeben.</span><br/> <span class="ft6">3.5.5. Aufgrund der vorangehenden Erwägungen wird deutlich,</span><br/> <span class="ft6">dass es einer Gemeinde offen steht, gemäss den Erkenntnissen aus</span><br/> <span class="ft6">dem Einspracheverfahren einen berichtigten Beitragsplan erneut auf-</span><br/> <span class="ft6">zulegen. Auch die unangefochten gebliebenen Beitragsverfügungen</span><br/> <span class="ft6">dürfen angepasst und gegebenenfalls heraufgesetzt werden, da die</span><br/> <span class="ft6">Widerrufsvoraussetzungen erfüllt sind. Ebenso hat die Gemeinde die</span><br/> <span class="ft6">Möglichkeit, in Verfahren, die nur wenige Grundeigentümer betref-</span><br/> <span class="ft6">fen, die öffentliche Auflage durch Einzelverfügungen mit Zustellung</span><br/> <span class="ft6">des Kostenverteilers zu ersetzen (§ 35 Abs. 1 BauG). Im Ergebnis ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Schätzungskommission nach Baugesetz</span> <span class="page_no">360</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">die Beschwerdegegnerin so verfahren, dass sie anstatt einer Neuauf-</span><br/> <span class="ft6">lage des Beitragsplans die Heraufsetzung des Beitrags des Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführers nach vorangehender Anhörung mittels ordentlich zugestell-</span><br/> <span class="ft6">ter Einzelverfügung vorgenommen hat. Dieses Vorgehen im Rahmen</span><br/> <span class="ft6">von Einsprachen anderer Grundeigentümer ist nicht zu beanstanden.</span><br/> <span class="ft6">Im Weiteren bleibt festzuhalten, dass unter diesen Umständen</span><br/> <span class="ft6">eine Rückweisung zur Durchführung eines Einspracheverfahrens</span><br/> <span class="ft6">(§ 35 Abs. 2 BauG) einen prozessualen Leerlauf und somit eine un-</span><br/> <span class="ft6">nötige Verlängerung des Verfahrens darstellen würde, hat doch be-</span><br/> <span class="ft6">reits eine Anhörung des Beschwerdeführers durch die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">gegnerin im Vorfeld der neuen Beitragsverfügung stattgefunden.</span><br/> <span class="ft6">3.6. Die Beschwerdegegnerin hat anlässlich der Verhandlung</span><br/> <span class="ft6">vorgetragen, dass auf die Beschwerdeanträge 2-4 gar nicht eingetre-</span><br/> <span class="ft6">ten werden dürfe. Mit der Nichtanfechtung des Beitragsplans vom</span><br/> <span class="ft6">3. März 2003 seien die Perimetergrenze und die Belastung der Par-</span><br/> <span class="ft6">zelle akzeptiert worden. Für den Beschwerdeführer müsse zumindest</span><br/> <span class="ft6">der erste Plan unverändert gelten (...).</span><br/> <span class="ft6">Dieser Ansicht kann nicht gefolgt werden. Es steht der Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinde wie gesagt offen, einen neuen Beitragsplan aufzulegen oder</span><br/> <span class="ft6">bei wenigen betroffenen Eigentümern neue Beiträge mittels Einzel-</span><br/> <span class="ft6">verfügungen festzulegen (...). In beiden Fällen werden neue Beiträge</span><br/> <span class="ft6">verfügt, deren Höhe von der Perimetergrenzziehung und der konkre-</span><br/> <span class="ft6">ten Belastung jeder einbezogenen Parzelle abhängt. Der neue Beitrag</span><br/> <span class="ft6">eröffnet dem betroffenen Eigentümer erneut und in vollem Umfang</span><br/> <span class="ft6">den Rechtsmittelweg, selbst wenn er bisher kein Rechtsmittel ergrif-</span><br/> <span class="ft6">fen hat. Wird nämlich der Beitrag zu seinen Ungunsten erhöht, so</span><br/> <span class="ft6">steht dies in unmittelbarem Zusammenhang mit der neu festgelegten</span><br/> <span class="ft6">Perimetergrenze und/oder den neu auf die anderen Grundstücke</span><br/> <span class="ft6">angewandten Bemessungskriterien (...). Der Beitragspflichtige ist</span><br/> <span class="ft6">unter diesen Umständen nicht an die Grundsätze des alten Beitrags-</span><br/> <span class="ft6">plans gebunden, vielmehr kann auch er - wie es ja auch dem</span><br/> <span class="ft6">Gemeinwesen durch die reformatio in peius im Rahmen des Wider-</span><br/> <span class="ft6">rufs zugestanden wird - eine Entlassung aus dem neuen Perimeter</span><br/> <span class="ft6">oder eine Reduktion seines neu festgelegten Beitrags (also eine refor-</span><br/> <span class="ft6">matio in melius) verlangen. Aus diesem Grund ist auf die Anträge 2-</span><br/> <span class="ft6">4 im Zusammenhang mit dem Strassenbaubeitrag einzutreten (...).</span><br/></div> </div> </body> </html>