B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4907/2019 U r t e i l v o m 2 6 . M ä r z 2 0 2 0 Besetzung Richter Lorenz Noli (Vorsitz), Richter Jürg Tiefenthal, Richter Markus König, Gerichtsschreiber Kevin Schori. Parteien A_______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. LL.M. Susanne Sadri, Asylhilfe Bern, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 21. August 2019. E-4907/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 27. Oktober 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich der Be fragung zur Person (BzP) vom 6. November 2015, der Erstanhörung (EA) zu seinen Asylgründen vom 12. Oktober 2017 sowie der ergänze nden Zweitanhörung (ZA) vom 14. November 2017 machte er im Wesentlichen Folgendes geltend: Er sei ethnischer B_______ und stamme aus dem Dorf C_______ in der Provinz D._______, wo er zuletzt zusammen mit seiner Ehefrau und seinen Kindern gelebt habe. Nach Abschluss des Gymnasiums habe er bei ver- schiedenen Firmen als Fahrer und Dolmetsc her sowie hauptsächlich für E._______ – ein amerikanisches Sicherheits - und Militärunternehmen , welches auch Polizisten ausgebildet habe – als «(…)» gearbeitet und sei gelegentlich als (…) zum Einsatz gekommen. (…) 2013 sei der Chef des Nachrichtendienstes, F._______, persönlich an ihn herangetreten und habe gewollt, dass er seinen Schwager in die Polizeiakademie reinbringe. Der Beschwerdeführer habe ihm erklärt, dass er als gewöhnlicher Mitar- beiter diese Berechtigung gar nicht habe, worauf ihm der Nachricht en- dienstchef F._______ dennoch mit Nachteilen gedroht habe. Nach der Schliessung von E._______ im (…) 2013 sei er eines Tages verhaftet wor- den. Als er nach dem Grund für die Verhaftung gefragt habe , habe man ihm gesagt, er solle warten, bis F._______ aus den Ferien zurückkehre. Dieser habe ihn bei seiner Rückkehr mit einem Elektroschlagstock ge- schlagen und ihm v orgeworfen, Generatoren von E._______ verkauft zu haben. Ein Handlanger von F._______ namens G._______ habe ihm an- geboten, ihn gegen Bezahlung freizulassen. Nach (…) Tagen Haft habe ein zufällig anwesender Elektriker namens H._______, welchen er von seiner Arbeit bei E._______ gekannt habe, dafür gesorgt, dass er freigelassen worden sei. In der Folge sei G._______ täglich bei ihm zuhause erschienen und habe Geld verlangt und ihm sinngemäss damit gedroht, i hn nächstes Mal nicht mehr freizulassen. Er sei in der Folge auch von den Taliban häufig bedroht worden und habe gar Drohbriefe bekommen, diese aber nicht ernst genommen. Zuletzt habe er für seinen Freund I._______ in einem (…) ge- arbeitet, wo er für das (…) und (…) zuständig gewesen sei. Eines Tages sei I._______ verschollen und er sei gemeinsam mit dessen Verwandten zu den Ausländern gefahren, um sie um Hilfe zu bitten. Auf dem Rückweg habe es plötzlich eine Explosion gegeben. Er sei erst im Krankenhaus wie- der zu sich gekommen; es sei alles voller Blut gewesen. Man habe ihm später gesagt, dass ein Attentat auf ihn verübt worden sei und wie durch E-4907/2019 Seite 3 ein Wunder hätten alle überlebt. Das Auto sei hierbei komplett zerfetzt wor- den. Gleichwohl sei er bereits nach 24 Stunden problemlos wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Nach ein paar Tagen habe sie der Staats- sicherheitsdienst kontaktiert, sie könnten die Leiche von I._______ nun bei den Taliban abholen. Sie hätten daraufhin zwei «Weissbärtige» geschickt, um die Leiche abzuholen. Nachdem sie ein paar Tage getrauert hätten, habe er Afghanistan Anfang (…) 2015 dann in Richtung Iran verlassen. Über die sogenannte Balkan route gelangte der Beschwerdeführer schliesslich in die Schweiz. Am (…) 2016 habe er eine Drohnachricht auf (…) erhalten. Seine Familie habe ihm gesagt, dass verschiedene, in Zivil gekleidete Leute einige Male nach ihm gefragt und der Familie gedroht hät- ten. Als seine Mutter diesen Leuten aber schliesslich ihr weisses Haupt entblösst und ihnen gesagt habe, sie sollen sie in Ruhe lassen, hätten die Belästigungen problemlos wieder aufgehört. Der Beschwerdeführer reichte seine Tazkira im Original, Arbeits- und Aus- bildungsbestätigungen sowie Fotos im Zusammenhang mit seinen berufli- chen Tätigkeiten und eines gänzlich zerstörten Autos ein. B. Mit Verfügung vom 21. August 2019 – eröffnet am 23. August 2019 – ver- neinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwe rdeführers (Dis- positivziffer 1) und lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2). Gleichzei- tig verfügte es seine Wegweisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3) , schob den Vollzug jedoch zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf (Dis- positivziffern 4 und 5). C. Mit Beschwerde vom 23. September 2019 an das Bundesverwaltungsge- richt beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfügung in den Dispositivziffern 1 bis 3 unter Feststellung seiner Flücht- lingseigenschaft und der Gewährung von Asyl , eventualiter die Feststel- lung der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs unter Gewährung der vorläufigen Aufnahme als Flüchtling. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. D. Mit Schreiben vom 2 5. September 2019 bestätigte das Bundesverwal- tungsgericht dem Beschwerdeführer den Eingang seiner Beschwerde. E-4907/2019 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül- tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG v om 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG ; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung E-4907/2019 Seite 5 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachw eisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Asylpunkt damit, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers w eder den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die Asylrelevanz noch denjenigen von Art. 7 AsylG an die Glaub- haftigkeit genügten. Seine angebliche Verhaftung durch F._______ sei nicht aus einem asylre- levanten, sondern aus einem rein kriminellen Motiv erfolgt. Dieser habe sich angeblich bloss dafür rächen wollen, dass der Beschwerdeführer sei- nem Schwager keine Stelle bei E._______ verschafft habe. Dies gelte auch für die weitere Verfo lgung durch F._______ respektive dessen Vertreter. Überdies erscheine seine Entlassung aus der Haft durch Vermittlung eines völlig zufällig dort beschäftigten Elektrikers von E._______ unwahrschein- lich, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente sei aufgrund der offensicht- lich fehlenden Asylrelevanz jedoch nicht einzugehen. Auch aus der von ihm im (…) 2016 erhaltenen Drohnachricht gehe keine gezielte Verfolgung gegen seine Person vor. Seine Schilderung, seit 2014 für weitere ausländische Firmen tätig gewe- sen zu sein, seien vage ausgefallen. Zu seiner letzten Anstellung beim (…) habe er lediglich zwei Fotos mit Wasserfiltern eingereicht, welche jedoch mangels Verweis auf seine Person oder das (…) als Beweis für seine Vor- bringen völlig untauglich seien. Im Weiteren habe er zwar eine mögliche Entführung und Tötung seines Vorgesetzten sowie die Suche nach diesem plausibel geschildert. Demge- genüber habe er eine eigene individuelle Verfolgung durch die Taliban nicht glaubhaft machen können. Es sei denn auch klar zu bezweifeln, dass der erwähnte Autounfall, hinter dem er ein Attentat vermute, überhaupt stattge- funden habe. Er habe Fotos eines gänzlich zerstörten Autos eingereicht zu E-4907/2019 Seite 6 dem er selber gesagt habe, es sei geradezu unglaublich und grenze an ein Wunder, dass überhaupt jemand überlebt habe. Selbst in diesem unwahr- scheinlichen Fall sei jedoch in keiner Weise nachvollziehbar, dass er dies- falls das Spital nach 24 Stunden bereits wieder habe verlassen und nur gerade wenige Tage später die beschwerliche Ausreise antreten können. Doch selbst noch unter Wahrunterstellung all dieser Vorbringen würde es ihnen dennoch an der Asylrelevanz fehlen. Es gäbe diesfalls keinerlei Hin- weise darauf, dass es sich hierbei um ein Attentat und nicht etwa um einen blossen Unfall gehandelt habe. Er habe sogar selber eingeräumt nicht zu wissen, wer dafür verantwortlich gewesen seien und ob – bei Annahme eines Anschlags – von den vier Insassen tatsächlich er selber das eigent- liche Ziel gewesen sei. 4.2 Der Beschwerdeführer bringt hiergegen vor, dass seine Entlassung aus der Haft durch Vermittlung eines vorher bei E._______ angestellten Elekt- rikers unter Berücksichtigung der vorhandenen Länderinformationen (Men- schenrechtsverletzungen begangen durch afghanische Sicherheitskräfte und Behörden, schwache Regierungsführung, verbreitete Korruption, Klima der Straflosigkeit, verbreitete Akzeptanz und Anwendung der Folter in der afghanischen Regierung und Gesellschaft) entgegen der Meinung des SEM als glaubhaft eingestuft werden müsste. Er habe sich ganz ein- fach bereits aufgrund der Präsenz der ausländischen Militärtruppen völlig sicher gefühlt und daher den Drohungen keinerlei Beachtung geschenkt. Aber nach deren Abzug sei die Situation gefährlicher geworden. Viele sei- ner Kollegen seien ins Ausland geflüchtet. Er hätte sein Heimatland und seine Familie sicherlich nie verlassen, wenn es nur bei den Drohungen ge- blieben wäre. Aufgrund seiner Beschäftigung und der Zusammenarbeit mit ausländischen Sicherheitskräften gehöre er einer Risikogruppe an. Auch seine letzte Tätigkeit für ein (…) und damit für eine ausländische Firma habe er seiner Auffassung zufolge glaubhaft dargelegt. Von seinen Eltern habe er erfahren, dass er von den Behörden gesucht werde. Man habe bei ihnen eine Razzia durchgeführt und nach ihm gefragt. Aufgrund der Missstände in Afghanistan könne er dort nicht mit einem fai- ren Verfahren rechnen und die Wahrscheinlichkeit, in unbegründeter und unverhältnismässiger Weise bestraft zu werden, sei vermutlich gross. Des Weiteren sei er traumatisiert . Er habe aber bis dato noch keine Be- handlung in Anspruch genommen. Während der Anhörung habe er aber E-4907/2019 Seite 7 Suizidabsichten geäussert. Nachdem er erfahren habe, dass seine Ehe- frau sich in Pakistan in einem Koma befinde und seine Kinder bei fremden Leuten platziert seien, habe er sich das Leben nehmen wollen. 5. 5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge- nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein, nicht der inneren Logik entbehren oder den Tatsa- chen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind sub- stantiiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderun- gen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer An- hörung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü- che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe- sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahre ns Vorbringen aus- wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir- kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2, BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asyl- verfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5). 5.2 Das Bundesverwaltu ngsgericht gelangt nach Prüfung der Akten in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwer- deführer nicht gelungen ist, eine asylbeachtliche Verfolgung im Sinne von Art. 3 und Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat die Akten sorgfältig geprüft und zu Recht festgestellt, dass die Ausführungen des Be- schwerdeführers betreffend die Behelligungen durch F._______ respektive dessen Vertreter sowie die Drohnachricht auf (…) nicht asylrelevant und die Ausführungen betreffend seine Tätigkeit für ein (…) und das angebliche E-4907/2019 Seite 8 Attentat unglaubhaft sind. Das Gericht schliesst sich somit den obenste- henden, vorinstanzlichen Ausführungen an (vgl. E. 4.1), welche weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht zu beanstanden sind. Die Rechts- mitteleingabe hält dem nichts Stichhaltiges entgegen , zumal darin zur Hauptsache auf die angeblichen Behelligungen durch die Behörden Bezug genommen und nicht aufgezeigt wird, inwiefern der Beschwerdeführer kon- kret durch die Taliban bedroht gewesen sei. Nachfolgend ist nach einer einleitenden Erläuterung zur Sicherheitslage in Afghanistan auf die einzelnen Vorbringen des Beschwerdeführers einzu- gehen. 5.3 5.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Urteil D -5800/2016 vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert) eine Lagebeurteilung zu Af- ghanistan vorgenommen. Zusammenfassend ergibt sich eine deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der ISAF über alle Regionen hinweg. Seit dem Übergang der Kontrolle von den ISAF -Kampftruppen auf die Afghan National Security Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr den Charakter eines Bürgerkrieges angenommen, wovon grosse Teile des Staatsgebiets direkt von Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen terroristische Anschläge in den von den offenen Gefechten weitgehend ausgenommenen urbanen Zentren. Im Visier stehen vor allem die Gross- städte Kabul und Kandahar, aber auch kleinere Städte wie J alalabad und Kunduz (vgl. dazu ausführlich E. 7.3 und E. 7.4). Diese Rechtsprechung hat nach wie vor Gültigkeit. Es erscheint unklar, ob sich die afghanischen Sicherheitskräfte gegen die regierungsfeindlichen Gruppierungen werden behaupten können, zumal die Desertions - und Abgangsrate sehr hoch, der Ausbildungsstand der Rekruten schlecht ist und eine Infiltrierung durch regierungsfeindliche Gruppierungen stattfindet. Zudem gilt die Afghan Local Police (ALP) in der afghanischen Bevölkerung als korrupt und wird für gravierende Menschen- rechtsverletzungen und Missbräuche verantwortlich gemacht. Hinzu kommt die Tatsache, dass Angehörige der ALP für die von ihnen begange- nen Vergehen nicht zur Rechenschaft gezogen werden und teilweise unter der Kontrolle lokaler Machthaber stehen (vgl. zum Ganzen Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Afghanistan: Update, Die aktuelle Sicherheitslage, Bern, 30. September 2016, S. 6 ff; Bertelsmann Stiftung, BTI 2016 – Af- ghanistan Country Report, < https://www.bti-project.org/fileadmin/files/BTI E-4907/2019 Seite 9 /Downloads/Reports/2016/pdf/BTI_2016_Afghanistan.pdf >, abgerufen am 31. Januar 2019; vgl. auch Urteil des BVGer E -552/2017 vom 30. Januar 2018 mit weiteren Verweisen). 5.3.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich sodann Gruppen von Personen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Perso- nen, welche der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemein- schaft einschliesslich den internationalen Militärkr äften nahestehen oder als Unterstützer derselben wahrgenommen werden sowie westlich orien- tierte oder der afghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entsprechende Personen (vgl. dazu UNHCR Eligibility Guidelines for Assessing the Internatio nal Needs of Asylum -Seekers from Afghanistan, 30. August 2018, A. Risk Profiles, S. 39 ff., sowie die beiden EASO Be - richte: "Country of Origin Information Report: Afghanistan: Individuals tar- geted by armed actors in the conflict" vom Dezember 2017; S. 34 f. und "Country Guidance: Afghanistan: Guidance note and common asylum ana- lysis", Juni 2018, S. 41-43). Gegenüber solchen Personen kommt es regel- mässig zu Vorfällen, worunter namentlich Entführungen und Angriffe fallen, bei denen die Betroffenen verletzt oder gar getötet worden sind (EASO Be- richt "Country Guidance: Afghanistan: Guidance note and common asylum analysis", Juni 2018, S. 44 f.). 5.4 5.4.1 Zu den geltend gemachten Problemen mit den afghanischen Behör- den beziehungsweise dem Nachrichtendienstchef F._______ und dessen Vertreter G._______ ist zunächst festzuhalten, dass es diesem Vorbringen sowohl an einem asylrelevanten Verfolgungsmotiv gemäss Art. 3 AsylG als auch am erforderlichen zeitlichen Kausalzusammenhang mit der Flucht mangelt. F._______ habe den Beschwerdeführer aufgrund gänzlich erfun- dener Anschuldigungen nach (…) 2013 verhaften lassen, da der Be- schwerdeführer ihm nicht habe helfen wollen, seinen Schwager in die Po- lizeiakademie reinzubringen. Die angebliche Verhaftung erfolgte somit aus kriminellen, allenfalls persönlichen Beweggründen. Im Weiteren ist kein kausaler Zusammenhang mit der erst im (…) 2015 – also rund 2 Jahre später – erfolgten Ausreise erkennbar. Der Beschwerdeführer führte dies- bezüglich zwar aus, dass F.______’s Handlanger nach seiner Freilassung noch eine gewisse Zeit lang bei ihm zu Hause aufgetaucht sei, ihn bedroht und Geld verlangt habe. Ansonsten habe er aber keinerlei weiteren Nach- teile oder gar eine zweite Verhaftung erfahren. Vor diesem Hintergrund ist E-4907/2019 Seite 10 nicht ersichtlich, weshalb ihm nun bei einer allfälligen Rückkehr noch gleichwohl asylrelevante Nachteile drohen sollten. 5.4.2 Die geltend gemachten Probleme mit dem Nachrichtendienstchef F._______ sind aufgrund der Substanzarmut sowie den bestehenden Wi- dersprüchen ohnehin für unglaubhaft und als wenig lebensnah einzustu- fen. Zunächst ist schlicht nicht nachvollziehbar, weshalb F._______ als Chef des Geheimdienstes persönlich auf die Hilfe des Beschwerdeführers – welcher als einfacher Angestellter bei E._______ tätig gewesen sei – an- gewiesen gewesen sein sollte, um seinem Schwager zu einer Anstellung zu verhelfen. Ein Funktionär in dieser hohen Stellung hätte problemlos den Einfluss und die Möglichkeiten, ein solches Ansinnen auf anderen Wegen umzusetzen. Es ist gänzlich lebensfremd, dass eine solch ranghohe Per- son auf die Hilfe und Unterstützung des Beschwerdeführers als einfachen Mitarbeiter angewiesen wäre und sich hierzu auch noch persönlich in die- ser Sache an ihn wenden und um Mithilfe bitten würde. Weiter war der Beschwerdeführer auch nicht in der Lage, die Örtlichkeiten und die Zeit seiner angeblichen Haft, die Umstände seiner Freilassung so- wie die darauffolgenden Nachstellungen von G._______ mit der zu erwar- tenden Substanz zu beschreiben. Seine Antworten auf entsprechende Fra- gen waren durchwegs ausweichend und knapp (vgl. A21, F7 -18, F23-29, F36-57) und stehen in starkem Kontrast zu seinen teils sehr ausführlichen Schilderungen zu anderen Sachverhaltselementen anlässlich der EA (vgl. z.B. A16, F97 f.) . Zudem verstrickte sich der Beschwerdeführer hierbei auch noch in Widersprüche. So gab er beispielsweise an, dass «einer» ihm angeboten habe, ihn für 500'000 Afghani (afg. Währung) freizulassen, «ein anderer» wiederum habe ihm angeboten, ihn für eine Million freizulassen (vgl. A21, F6 und F17). Demgegenüber gab er nur wenige Fragen später an, dass es einzig G._______ war, welcher für seine Freilassung sowohl 500'000 als auch eine Million Afghani verlangt habe (vgl. A21, F22). Ebenso erwähnte er zunächst nur einen Gefangenen, welchen er während seiner Haft angetroffen habe (vgl. A21, F13 ff.), um nur einige Fragen spä- ter zu sagen, dass es noch «ein paar» andere Gefangene gegeben habe (vgl. A21, F27 f.). Letztlich kann auch der knappen Argumentation in der Beschwerdeschrift nicht gefolgt werden. Zum einen wäre nach dem oben Ausgeführten auch der geltend gemachten Suche nach ihm nach seiner A usreise die Grund- lage entzogen. Zum anderen wäre dieses Vorbringen ohnehin nicht asylre-E-4907/2019 Seite 11 levant. Weshalb dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nun asylrele- vante Nachteile drohen sollen, nachdem ihm seitens staatlicher Organe bis zu seiner Ausreise über ein Jahr lang keine rlei Nachteile mehr zugefügt worden seien, ist nicht ersichtlich. 5.4.3 Dem Beschwerdeführer ist es insgesamt nicht gelungen, seine Inhaf- tierung durch F._______ sowie die darauffolgende Behelligung glaubhaft darzutun. Es besteht daher kein Grund zu der Annahme, dass er in seinem Heimatland bei einer Rückkehr asylrelevante Nachteile durch staatliche Organe zu befürchten hätte. 5.5 Auch die angebliche Drohnachricht unklarer Urheberschaft ist nicht ge- eignet, eine asylrelevante Verfolgung des Beschwerdeführers in Afghanis- tan nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. In der Beschwerdeschrift äussert sich der Beschwerdeführer denn auch nicht einmal mehr weiter hierzu. Unter Berücksichtigung dessen kann vollumfänglich auf die zutref- fenden Erwägungen der Vorinstanz (dort E. II, Ziff. 1, S. 4) verwiesen wer- den. 5.6 Der Beschwerdeführer hat angegeben, bis 2013 für verschiedene Aus- ländische Firmen, insbesondere E._______, tätig gewesen zu sein. Wie die Vorinstanz hierzu zu Recht feststellte, geht aus der Zeit bis Ende 2013 aber keinerlei gezielte Verfolgung seitens der Taliban aus seinen Schilde- rungen hervor. Mithin ist auch nicht davon auszugehen, dass der Be- schwerdeführer aufgrund dieser, im Zeitpunkt seiner Ausreise Ende (…) 2015 mehrere Jahre zurückliegender Tätigkeiten – eines einfachen Mitar- beiters – eine solchermassen exponierte Stellung innegehabt hätte, dass er gezielt ins Visier von extremistischen Organisationen geraten wäre oder Jahre später noch geraten könnte (vgl. oben E. 5.3.2). Seine Probleme hätten erst mit der Schliessung von E._______ (…) 2013 angefangen (vgl. A16, F102). In der Zeit bis zur Ausreise hätten sowohl er als auch sein Freund, welcher angeblich später getötet worden sei, Drohbriefe der Tali- ban bekommen. Diesen hätten sie jedoch überhaupt keine Beachtung ge- schenkt und diese einfach zerrissen und weggeworfen. Weitere Ausführun- gen hierzu machte der Beschwerdeführer indes nicht. Anstelle genauer An- gaben verlor er sich vielmehr ausweichend in der Schilderung seiner psy- chischen Probleme (vgl. A21, F78). Dieses Vorbringen blieb gänzlich un- substanziiert. Wie das SEM in seiner Verfügung ohnehin zu Recht fest- stellte, vermögen auch die eingereichten Fotos von Wasserfiltern seine An- stellung beim (…) seines Freundes nicht ansatzweise zu belegen. E-4907/2019 Seite 12 Im Weiteren sind auch seine Schilderungen des Unfall- beziehungsweise des angeblichen Attentatshergangs und der hierzu eingereichten Fotos des angeblich beim Attentat vollständig zerstörten Autos für unglaubhaft zu qualifizieren. Der Beschwerdeführer machte diesbezüglich geltend, dass seine Mitinsassen alle nach ein bis zwei Stunden bereits wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden seien, er habe jedoch für 24 Stunden dort bleiben müssen. Als er zu sich gekommen sei, sei alles voller Blut gewesen (vgl. A16, F98 S. 13 unten). Er könne nicht sagen, wer das Attentat verübt habe, auch nicht in welchem Monat oder an welchem Tag dieses überhaupt stattgefunden habe (vgl. A16, F131 f.). Bereits bei einfacher Betrachtung der vom Beschwerdeführer eingereich- ten Fotos des angeblich verunfallten Autos (vgl. A17, Beweismittel 14) ist in höchstem Masse erstaunlich, dass dieses Unglück sämtliche vier Insas- sen überlebt haben sollen, und dies zusätzlich auch noch angeblich ohne jeglichen bleibenden Verletzungen davongetragen zu haben. So ist die ge- samte vordere Wagenhälfte komplett zerstört. Die gesamte Fahrerkabine ist von allen Seiten teils bis tief zu den Sitzen hinab zusammengepresst. Insbesondere auf der Position hinter dem Fahrer, wo der Beschwerdefüh- rer gesessen haben will, ist das Dach des Autos bis auf Brusthöhe völlig eingedrückt, wobei verschiedenste Teile des Chassis ins Innere des Fahr- zeugs gepresst wurden. Der Beschwerdeführer sagte hierzu mehrmals, dass ihr Überleben ein schieres «Wunder» gewesen sein müsse (vgl. A16, F127, F130). Die Schilderungen des Beschwerdeführers sind indes mit den eingereichten Abbildungen des Wagens realistischerweise nicht in Ein- klang zu bringen. Wenig lebensnah erscheint überdies, dass der Be- schwerdeführer nicht einmal imstande war, dieses Ereignis zu datieren oder zumindest bloss den Monat zu nennen; dies zumal auf dem von ihm eingereichten Spitalbericht des « (…)» ( ohne die Echtheit dieses Doku- ments zu prüfen) der (…) 2015 als Eintrittsdatum angegeben wurde. Dem- gemäss wurde der Beschwerdeführer vordergründig wegen einer leichten Kopfverletzung beziehungsweise einer Gehirnerschütterung («mild head injury» beziehungsweise «trauma») behandelt (vgl. A17, Beweismittel 11). Insgesamt erscheint als lebensfr emd, dass er angeblich von den Taliban attackiert und sich wie vorgebracht in dem auf den eingereichten Fotos er- sichtlichen Auto befunden hat, ohne dass er oder seine Mitinsassen ernst- hafte Verletzungen davongetragen hätten. E-4907/2019 Seite 13 Doch selbst noch bei Wahrunterstellung dieses Vorbringen wäre eine asyl- relevante gezielte Verfolgung des Beschwerdeführers gleichwohl zu ver- neinen. So konnte der Beschwerdeführer selbst über Grund und Ziel des angeblichen Attentats – so seien auch zwei andere Mitinsassen für auslän- dische Unternehmen und Kräfte tätig gewesen – lediglich vage spekulieren (vgl. A16, F131 ff). Selbst bei Wahrunterstellung des entsprechenden Vor- falls wäre daher anzunehmen, dass seine Mitfahrenden und er vielmehr bloss zufällig Ziel eines Angriff s wurden. Insbesondere lässt sich daraus nicht auf einen gezielten, dem Beschwerdeführer gegoltenen Angriff schliessen. 5.7 Es ist nach dem Ausgeführten davon auszugehen, dass der Beschwer- deführer zum Zeitpunkt seiner Ausreise weder ein besonderes Gefähr- dungsprofil aufwies, noch ins Visier terroristischer islamischer Gruppierun- gen geriet. Somit ist nicht davon auszugehen, dass er über allfällige Be- drohungen hinaus keinen gegen ihn gerichteten gezielten Verfolgu ngs- handlungen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war. 6. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange- ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 21. August 2019 die Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs fests tellte und die vorläufige Auf- nahme anordnete, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. E-4907/2019 Seite 14 9. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend wären die Kosten dem mit seinen Begehren unterlegenen Beschwerdeführer zu überbinden (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Die in der Beschwerdeeingabe vom 23. September 2019 in Aussicht gestellte Fürsorgebestätigung wurde bis zum heutigen Datum nicht zu den Akten gegeben. Aufgrund der besonderen Ums tände des vorliegenden Einzelfalles ist indessen auf die Nachforderung einer sol- chen zu verzichten beziehungsweise ist von der Bedürftigkeit des Be- schwerdeführers auszugehen. Da sich zudem die Beschwerde zum Zeit- punkt der Einreichung nicht als aussichtslos präsentierte, ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen und auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu ver- zichten. (Dispositiv nächste Seite) E-4907/2019 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut- geheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Kevin Schori Versand: