B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3370/2021 U r t e i l v o m 2 9 . J u l i 2 0 2 1 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richterin Contessina Theis; Gerichtsschreiber Daniel Grimm. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan, vertreten durch MLaw Lejla Medii, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren Ostschweiz, Schöntalstrasse 2, 9450 Altstätten SG, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 13. Juli 2021 / (…). F-3370/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reichte am 18. April 2021 im Bundesasylzentrum Altstätten ein Asylgesuch ein. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass er am 31. Dezember 2020 in Rumänien und am 2. April 2021 in Österreich um Asyl nachgesucht hatte (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 13.). Im Bundesasylzentrum Altstätten machte er geltend, am (…) geboren und noch minderjährig zu sein. B. Am 7. Mai 2021 richtete die Vorinstanz an Rumänien ein Informationsersu- chen gemäss Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei- nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit- gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), welches sie am 18. Mai 2021 mit sachdienli- chen Unterlagen ergänzte (SEM act. 18 und 25). C. Nachdem die zugewiesene Rechtsvertretung das SEM darüber orientiert hatte, der Beschwerdeführer habe eingeräumt, kein unbegleiteter Minder- jähriger zu sein, setzte es das Geburtsdatum erst auf den (…) und nach der Personalienaufnahme auf den (…) fest (SEM act. 27 und 29). D. Im Rahmen des Dublin -Gesprächs gewährte die Vorinstanz d em Be- schwerdeführer am 2 6. Mai 2021 das rechtlic he Gehör zur Zuständigkeit Österreichs oder Rumäniens für die Durchführung des Asyl- und Wegwei- sungsverfahrens, einer allfälligen Rückkehr in einen der beiden Staaten sowie zum medizinischen Sachverhalt. Bezogen auf Rumänien erklärte er im Wesentlichen, bei seinen Versuchen, dieses Land zu durchqueren, stets von der Polizei aufgegriffen und weggeschickt beziehungsweise einmal nach Serbien ausgeschafft worden zu sein. Als ein Schlepper ihn mit fünf oder sechs anderen Personen nach Timisoara gebracht habe, habe man ihm die Fingerabdrücke abgenommen und ihn wohl als Asylsuchenden re- gistriert, obwohl er kein Asylgesuch habe stellen wollen. Die Polizisten hät- ten ihn jeweils geschlagen und ihm Taschen, Handy und Geld weggenom- men. Beim letzten Mal habe er eine Platzwunde am Kopf davongetragen , und es sei ihm seine Hand gebrochen worden. Des Weiteren führte er aus, dass sein Bruder von den Taliban getötet worden sei. Rumänien schaffe F-3370/2021 Seite 3 Asylsuchende nach Afghanistan aus. Er habe Angst, dass ihm das gleiche Schicksal widerfahren könnte. Zum medizinischen Sachverhalt gab er an, dass es ihm gesundheitlich gut gehe. Allerdings sei er wegen seiner Sor- gen vergesslicher geworden. Ein Betreuer habe ihn seelisch aufgebaut und mit ihm gesprochen, danach sei er wieder glücklich gewesen. Schlafprob- leme habe er keine und medizinische Betreuung bislang nicht beansprucht (SEM act. 33). E. Gestützt auf die «Eurodac»-Treffer ersuchte das SEM die österreichischen Behörden am 4. Juni 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers ge- stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin -III-VO. Diese lehnte das Ersuche n am 7. Juni 2021 ab (SEM act. 38 und 41). F. Am 17. Juni 2021 teilten die rumänischen Behörden auf ein Informations- ersuchen des SEM hin mit, dass der Beschwerdeführer sein Asylgesuch in Rumänien zurückgezogen habe und die entsprechende Akte nach seinem Untertauchen am 15. Februar 2021 geschlossen worden sei. Übernahme- ersuchen seitens der Slowakei und Österreichs habe Rumänien am 3. Feb- ruar 2021 bzw. 16. Juni 2021 zugestimmt (SEM act. 42). G. Am 21. Juni 2021 ersuchte die Vorinstanz die rumänischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dub- lin-III-VO (SEM act. 45). Diese stimmten dem Ersuchen am 5. Juli 2021 zu. Die Zustimmung erfolgte in Anwendung von Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III- VO (SEM act. 50). H. Wegen gesundheitlicher Probleme (Hämorrhoiden, Schilddrüsenknoten) unterzog sich der Beschwerdeführer im Juni 2021 mehrmals ärztliche n Konsultationen. Für eine Punktion des Schilddrüsenknotens wurde er am 30. Juni 2021 an die Nuklearmedizin der Klinik X._______ verwiesen (SEM act. 49). I. Mit Verfügung vom 13. Juli 2021 (eröffnet am 16. Juli 2021) trat die Vor - instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstellung nach Rumänien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der F-3370/2021 Seite 4 Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kan- ton Thurgau mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Beschwer- deführer die editionspflichtigen Akten gemäss Ak tenverzeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 51). J. Mit Rechtsmitteleingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 23. Juli 2021 beantragt der Beschwerdeführer, die ang efochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache wegen Verletzung der Untersuchungs- und Be- gründungspflicht zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Even- tualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, auf sein Asylgesuch einzutreten und in der Sch weiz ein materielles Asylverfahren durchzufüh- ren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht er um Erteilung der aufschie- benden Wirkung, Erlass vorsorglicher Massnahmen, Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses. Die Beschwerdeschrift war mit vier Arztberichten sowie einem Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 22. Februar 2021 zur Situa- tion für Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus in Rumänien ergänzt (BVGer act. 1). K. Am 26. Juli 2021 setzt die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2). Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten der Vor - instanz in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). F-3370/2021 Seite 5 1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwür- diges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist da- her zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver- fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch- führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskom petenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.H.). 4. 4.1 In formeller Hinsicht rügt die Parteivertreterin, die Vorinstanz sei ihrer Begründungspflicht weder mit Blick auf den medizinischen Sachverhalt noch in Bezug auf die persönlichen Angaben des Beschwerdeführers und die aktuelle Situation von Asylsuchenden in Rumänien nachgekommen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen der Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der Begründung niederschlagen muss. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass sich die Betroffenen über die Tragweite des Ent- scheids Rechenschaft geben und ihn in voll er Kenntnis der Sache an die F-3370/2021 Seite 6 höhere Instanz weiterziehen können. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt (BGE 137 II 266 E. 3.2; 136 I 229 E. 5.2; 136 V 351 E. 4.2). 4.2 Das SEM stellte sich in der angefochtenen Verfügung auf den Stand- punkt, dass sich Rumänien an die einschlägigen internationalen Verpflich- tungen halte und keine systemischen Mängel im Asylsystem vorlägen. Un- ter anderem unter Verweis auf zwei Urteile des Bundesverwaltungsgerichts hat es seine Ansicht begründet, weshalb es davon ausgehe, dass eine Überstellung des Beschwerdeführers im Rahmen der Dublin-III-VO zuläs- sig sei und ein Selbsteintritt nicht angezeigt erscheine. Auch mit den Schil- derungen des Beschwerdeführers und den ärztlichen Berichten hat sich die Vorinstanz auseinandergesetzt und dargetan, weshalb der medizinische Sachverhalt aus ihrer Sicht ausreichend erstellt ist und die geltend ge- machten Probleme mit Polizisten in Rum änien an der vorgenommenen Einschätzung nichts zu ändern vermöchten. Unter den dargelegten Um- ständen war für den Beschwerdeführer ohne weiteres erkennbar, von wel- chen Motiven sich das SEM bei seinem Entscheid leiten liess, und er war in der Lage, seine Par teirechte sachgerecht wahrzunehmen. Eine Verlet- zung der Begründungspflicht ist mithin nicht erkennbar, weshalb auch kein Anlass für eine Rückweisung an das SEM besteht. 5. 5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Pr üfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylge- suchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylge- such nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu- ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi- tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten F-3370/2021 Seite 7 Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit- punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit- gliedstaat gestellt hat, a uszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah- men eines Wiederaufnahmeverfahrens («take back») findet demgegen- über grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.). 5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, die antragstellende Person, welche ihren Antrag während der Antragsprü- fung zurückgezogen und in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge- stellt hat oder die sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wie- deraufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO). Die Dublin -III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 6. 6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Eu- rodac»-Datenbank ergab, dass er am 31. Dezember 2020 in Rumänien um Asyl nachgesucht hatte (SEM act. 13). Die rumänischen Behörden stimm- ten dem Übernahmeersuchen am 13. Mai 2021 zu. Die Zustimmung stützte sich auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO. Den begleitenden Bemerkungen hierzu ist zu entnehmen, dass die rumänischen Behörden das Asylverfah- ren als zurückgezogen erachteten, weil der Betroffene das Aufnahmezent- rum am 9. Januar 2021 verlassen hatte (SEM act. 50). Die grundsätzliche Zuständigkeit Rumäniens ist somit gegeben und wird auf Beschwerde- ebene auch nicht bestritten. 6.2 Nachfolgend ist demnach im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO zu prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Rumänien würden systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch- lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU - Grundrechtecharta mit sich bringen würden (E. 7) und ob nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist (E. 8). 7. 7.1 Rumänien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 F-3370/2021 Seite 8 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver- pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner- kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt- linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber- kennung des internatio nalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie) ergeben. Zwar ist den in der Beschwerdeschrift zitierten Pub- likationen zu entnehmen, dass die Situation von Asylsuchenden sowie Mig- rantinnen und Migranten in Rumänien teilweise problematisch ist. Dennoch geht das Gericht nicht davon aus, die bekannten Unzulänglichkeiten wür- den in einer Weise auftreten, welche da rauf schliessen liesse, Rumänien sei grundsätzlich nicht gewillt oder nicht fähig, Schutzberechtigten die ihnen zustehenden Rechte zu gewähren beziehungsweise dass diese An- sprüche bei Bedarf nicht auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden könn- ten. Bislang habe n weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Euro- päische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) – und im Übrigen auch nicht der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) – systemische Schwachstellen im rumänischen Asylsystem erkannt. Für eine Änderung der geltenden Rechtsprechung besteht unter Berücksichtigung der vom Beschwerdeführer gemachten Äusserungen zu seiner Behandlung in Ru- mänien ebenfalls keine Veranlassung (vgl. etwa Urteile des BVGer F-2570/2021 vom 7. Juni 2021 E. 7.1, F-1123/2021 vom 24. März 2021 E. 4.2, F-1186/2021 vom 24. März 2021 E. 4, E-350/2021 vom 1. Februar 2021 E. 8.1, E-5656/2020 vom 22. Januar 2021 E. 6.1, D-6557/2020 vom 7. Januar 2021 E. 9.3, F-6222/2020 vom 16. Dezember 2020 E. 7.3 oder F-5474/2020 vom 13. November 2020 E. 4.1). 7.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin - III-VO nicht gerechtfertigt. 8. 8.1 Der Beschwerdeführer fordert die Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO und von Art. 29 a Abs. 3 der Asylverord- nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311). Es ist daher zu prüfen, ob aufgrund seiner persönlichen Situation von einer Überstellung nach Ru- mänien abzusehen ist, weil sie für ihn das reelle und naheliegende Risiko einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand lung im Sinne von Art. 4 EU -Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würde (BVGE 2012/27 E. 6.4; 2010/45 E. 7.4; Urteile des BVGer F -7195/2018 F-3370/2021 Seite 9 vom 11. Februar 2020 E. 6.6.9; E-3356/2018 vom 27. Juni 2018 E. 4.2; Ur- teil des EGMR Tarakhel gegen Sch weiz vom 4. November 2014, Grosse Kammer 29217/12, § 104; Urteil des EuGH vom 19. März 2019 C-163/17 Jawo Rn. 76 ff.). 8.2 Die rumänischen Behörden stimmten der Wiederaufnahme des Be- schwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO zu und hiel- ten fest, dass das Asylverfahren am 15. Februar 2021 eingestellt bezie- hungsweise abgeschlossen worden sei, weil er das Aufnahmezentrum rund einen Monat zuvor verlassen habe. Als Dublin -Rückkehrer steht es ihm allerdings offen, ein Folgegesuch zu stellen. Ungeachtet der in diesem Zusammenhang unter Hinweis auf den Bericht der SFH gehegten Beden- ken obliegt es weiterhin den rumänischen Behörden, das (folgende) Asyl- verfahren bis zu einem allfälligen Wegweisungsvollzug b eziehungsweise einer Regelung des Aufenthalts im Einklang mit den völkerrechtlichen Ver- pflichtungen durchzuführen. Der Beschwerdeführer hat nicht hinreichend dargelegt, die rumänischen Behörden würden sich weigern, seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrens- richtlinie zu prüfen. Auch sind keine konkreten Anhaltspunkte ersichtlich, dass Rumänien den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen würde, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwun- gen zu werden. Hervorzuheben gilt es an dieser Stelle, dass der Beschwer- deführer in Rumänien – wenn auch angeblich gegen seinen Willen – als Asylsuchender registriert wurde, er das Land jedoch verlassen hat, bevor über sein Asylgesuch befunden wurde. Seine Ausreise erfolgte mit anderen Worten freiwillig und die rumänischen Behörden haben nicht versucht, ihn nach Afghanistan oder in ein anderes Land zu bringen. 8.3 Des Weiteren finden sich in den Akten keine konkreten Hinweise für die Annahme, Rumänien würde dem Beschwerdeführer dauerhaft die ihm ge- mäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vor- enthalten. Es kann offenbleiben, ob sein Vorbringen, gegen seinen Willen als Asylsuchender registriert und danach von Polizisten geschlagen wor- den zu sein, glaubhaft erscheint. Aus diesem Vorfall könnte jedenfalls nicht geschlossen werden, die ihn bei einer Rückführung zu erwartenden Bedin- gungen seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Was die behaupteten Missstände in den Asylunterkünften anbelangt, so finden sich hierzu keine konkreten Äusserungen seitens des Besch werdeführers F-3370/2021 Seite 10 (siehe Dublin-Gespräch, SEM act. 33). Abgesehen davon hat er gerade mal neun Tage in den rumänischen Asylstrukturen verbracht, weswegen den diesbezüglich erhobenen Rügen, losgelöst von sonstigen Ungereimt- heiten, schon deshalb die Grundlage ent zogen ist. Zudem steht ihm die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontak- tieren. Zu den geltend gemachten negativen Erfahrungen mit der Polizei (Wegnahme von Taschen, Handy und Geld, Schläge) schliesslich lässt sich festhalten, dass Rumänien ein Rechtsstaat ist und die Behörden grund- sätzlich gewillt und fähig sind, staatlichen Schutz zu gewähren, weshalb sich der Beschwerdeführer gegebenenfalls an die dafür zuständigen Stel- len beziehungsweise an die Justiz wenden kann. Es besteht daher kein Anlass, von der unter E. 7.1 skizzierten Rechtsprechung abzuweichen. 8.4 Was den medizinischen Sachverhalt angeht, so kann eine zwangs- weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art . 3 EMRK darstellen. Ein solcher würde voraussetzen, dass eine bereits schwer kranke Person durch die Abschiebung mit dem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund- heitszustandes ausgesetz t zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 8.5 Eine solche Situation liegt nicht vor. Der Beschwerdeführer erklärte an- lässlich des Dublin-Gesprächs vom 26. Mai 2021, dass es ihm gesundheit- lich gut gehe. Zwar sei er vergesslich geworden, was auch von seinen Sor- gen herrühre. Ein Betreuer habe ihn jedoch seelisch wiederaufgebaut. We- gen später aufgetretener Schmerzen unterzog er sich im darauffolgenden Monat mehrmals ärztlichen Kontrollen. Aktenkundig sind vier Arztberichte beziehungsweise Behandlungseinträge , woraus hervorgeht, dass beim Beschwerdeführer Hämorrhoiden und eine Schwellung am Hals (Schild- drüsenknoten) diagnostiziert wurden. Zur B ehandlung der Hämorrhoiden erhielt er eine Creme, zur Punktion des Schilddrüsenknotens wurde er in an die Nuklearmedizin der Klinik X._______ verwiesen (siehe SEM act. 37, 48 und 49 sowie Beschwerdebeilage 5 ). Dem Vorwurf der zugewiesenen Rechtsvertretung, das SEM verwende mit dem Begriff «Lymphadenopa- thie» eine nicht aktenkundige Krankheitsbeschreibung, gilt es zu entgeg- nen, dass dieser Begriff auf Seite 2 des Laborberichts vom 16. Juni 2021 der Radiologie des Spitals Thurgau figuriert (SEM act. 48); die Vorinstanz F-3370/2021 Seite 11 hat also keineswegs e ine Selbstdiagnose vorgenommen. Die diagnosti- zierten Beschwerden stellen keine derart gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen dar, dass im Falle der Überstellung nach Rumänien mit dem Risiko einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechte- rung des Gesundheitszustandes des Betroffenen gerechnet werden müsste. Eine Überstellung des Beschwerdeführers steht Art. 3 EMRK so- mit nicht entgegen. 8.6 Zu keinem anderen Ergebnis führt, dass das SEM die laut Beschwer- deschrift auf den 5. August 2021 terminierte Punktion des Schilddrüsen- knotens nicht abgewartet hat. Er wurde in der Schweiz, wie eben dargetan, medizinisch versorgt und behandelt. In Bezug auf das Vorliegen einer schwerwiegenden E rkrankung – gemäss Arztbericht vom 16. Juni 2021 liegt keine Lympfhadenopathie (dauerhafte krankhafte Schwellung von Lymphknoten) vor – wären von zusätzlichen medizinischen Abklärungen keine neuen Erkenntnisse zu erwarten gewesen (zur antizipierten Beweis- würdigung vgl. BGE 141 I 60 E. 3.3 oder BGE 136 I 229 E. 5.3). Sofern der Eingriff nicht wie geplant durchgeführt werden könnte, wäre eine Behand- lung dieses Leidens auch in Rumänien möglich. Ebenso wenig bedurfte es bei den Arztterminen aufgrund der Art und Schwere der gesundheitlichen Beeinträchtigungen stets der Anwesenheit einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers. Es ist deshalb nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz diesbezüglich keine weiteren Vorkehren getroffen hat und mit der an ge- fochtenen Verfügung nicht zuwartete. Somit liegt keine Verletzung des Un- tersuchungsgrundsatzes vor. Die auf Beschwerdeebene erhobene Rüge der nicht rechtsgenüglichen Abklärung des medizinischen Sachverhalts er- weist sich somit als nicht stichhaltig. 8.7 Im Üb rigen geht das Bundesverwaltungsgericht in ständiger Recht- sprechung davon aus, dass Rumänien über eine ausreichende medizini- sche Infrastruktur verfügt (vgl. etwa U rteile F-2570/2021 E. 8.7, F-1186/2021 E. 5.5.3, E-350/2021 E. 8.2.2 oder E-5656/2020 E. 6.3.2). Es liegen keine substantiierten Hinweise zur Annahme der Gefahr vor, dass Rumänien dem Beschwerdeführer im Falle der Überstellung eine adäquate medizinische Behandlung verweigern würde. Festzuhalten ist darüber hin- aus, dass die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der ange- fochten Verfügung beauftragt sind, allfällig bestehenden besonderen me- dizinischen Bedürfnissen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die rumä- nischen Behörden vorgängig darüber informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-F-3370/2021 Seite 12 VO). Dies ist vorliegend bereit geschehen, sind die beschriebenen Diagno- sen (Vergesslichkeit, Hämorrhoiden, Schilddrüsenprobleme) doch in den Überstellungsmodalitäten aufgelistet (SEM act. 52). 9. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hin- weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über - respektive Unter- schreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 10. Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes- sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Rumänien der für die Behandlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers zuständige Mit- gliedstaat gemäss Dublin-III-VO. 11. Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da er nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 12. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. 13. Der am 26. Juli 2021 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Ur- teil dahin. 14. Das in der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehen- den Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Somit sind die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt; die Verfahrens- kosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom F-3370/2021 Seite 13 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) F-3370/2021 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser B etrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Regula Schenker Senn Daniel Grimm Versand: F-3370/2021 Seite 15 Zustellung erfolgt an: – die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers (Einschreiben; Beilage: Einzahlungsschein) – das SEM, Bundesasylzentrum Altstätten – das Migrationsamt des Kantons Thurgau (in Kopie)