<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 13 S.56</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">56</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>13</b></span> <span class="ft1"><b>§ 116 ZPO</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Für die Kostenverteilung bei Gegenstandslosigkeit kann alternativ darauf</b></span><br/> <span class="ft1"><b>abgestellt werden, welche Partei Anlass zur Klage gegeben hat, wie der</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Prozess bei materieller Beurteilung mutmasslich ausgegangen wäre oder</b></span><br/> <span class="ft1"><b>bei welcher Partei die Gründe eingetreten sind, die zur Gegenstandslo-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>sigkeit geführt haben. Hat die Beklagte zwei dieser drei Kriterien zu ver-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>treten und erweist sich das dritte Kriterium als unpraktikabel, so sind sie</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Prozesskosten der Beklagten aufzuerlegen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Handelsgerichts vom 4. April 2001 in Sachen C.</span><br/> <span class="ft2">AG gegen X. Holding AG</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1. Das vorliegende Verfahren ist unstreitig gegenstandslos ge-</span><br/> <span class="ft4">worden. Streitig ist lediglich die Kostenverteilung. Gemäss § 116</span><br/> <span class="ft4">ZPO entscheidet der Richter bei Gegenstandslosigkeit eines Prozes-</span><br/> <span class="ft4">ses nach Ermessen über die Kostentragung. Nach der aargauischen</span><br/> <span class="ft4">Rechtsprechung zu dieser Bestimmung ist je nach der Lage des Ein-</span><br/> <span class="ft4">zelfalles für die Kostenverteilung auf unterschiedliche Kriterien ab-</span><br/> <span class="ft4">zustellen; nämlich darauf:</span><br/> <span class="ft4">- Welche Partei Anlass zur Klage gegeben hat.</span><br/> <span class="ft4">- Wie der Prozess bei materieller Beurteilung mutmasslich aus-</span><br/> <span class="ft4">gegangen wäre.</span><br/> <span class="ft4">- Bei welcher Partei die Gründe eingetreten sind, die zur Gegen-</span><br/> <span class="ft4">standslosigkeit geführt haben.</span><br/> <span class="ft4">(vgl. Bühler, in: Bühler/Edelmann/Killer, Kommentar zur aar-</span><br/> <span class="ft4">gauischen Zivilprozessordnung, 2. A., Aarau 1998, N 1 zu § 116)</span><br/> <span class="ft4">Diese drei Kriterien sind alternativ und entgegen der Auffas-</span><br/> <span class="ft4">sung der Beklagten nicht kumulativ anzuwenden. Dies bedeutet, dass</span><br/> <span class="ft4">der Richter sie je nach Sach- und Rechtslage des Einzelfalles unter-</span><br/> <span class="ft4">schiedlich gewichten und dem einen oder anderen Kriterium den</span><br/> <span class="ft4">Vorrang vor den beiden andern beimessen darf. Zu beachten ist über-</span><br/> <span class="ft4">dies, dass es mitunter schwierig sein kann, den mutmasslichen Pro-</span><br/> <span class="ft4">zessausgang verlässlich zu prognostizieren, sei es, dass dies - bei</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">unklarer Sach- oder Beweislage - überhaupt nur nach Durchführung</span><br/> <span class="ft4">eines Beweisverfahrens möglich ist, sei es, dass die sich stellenden</span><br/> <span class="ft4">Rechtsfragen per se heikel sind oder wegen der fehlenden sachlichen</span><br/> <span class="ft4">Klarheit noch gar nicht schlüssig beantwortet werden können.</span><br/> <span class="ft4">2. a) Im vorliegenden Fall hat die Beklagte sowohl zur Klage</span><br/> <span class="ft4">Anlass gegeben als auch die Gegenstandslosigkeit verursacht. Ein-</span><br/> <span class="ft4">mal hat sie bei ihrer Gründung mit dem Firmennamen ,,X. Holding</span><br/> <span class="ft4">AG" eine Firma gewählt, die mit derjenigen der Klägerin klarerweise</span><br/> <span class="ft4">kollidiert. Ob sie vorgängig die möglichen Kollisionen mit prioritäts-</span><br/> <span class="ft4">älteren Firmennamen sorgfältig abgeklärt hat oder nicht, ist belang-</span><br/> <span class="ft4">los, da die gemäss Art. 951 Abs. 2 OR verpönte Verwechselbarkeit</span><br/> <span class="ft4">von kollidierenden Firmen verschuldensunabhängig zu beurteilen ist.</span><br/> <span class="ft4">Die Gegenstandslosigkeit hat die Beklagte durch die im Laufe des</span><br/> <span class="ft4">Prozesses vorgenommene Umfirmierung verursacht. Dass die hiefür</span><br/> <span class="ft4">massgebenden Gründe nicht firmenrechtlicher Natur waren, ist eben-</span><br/> <span class="ft4">falls unerheblich.</span><br/> <span class="ft4">Was das Kriterium des mutmasslichen Prozessausganges be-</span><br/> <span class="ft4">trifft, liegt hier ein firmenrechtlicher Streit vor, dessen Ausgang nur</span><br/> <span class="ft4">schwer zu prognostizieren ist. Denn nicht zu Unrecht wird bereits die</span><br/> <span class="ft4">Firmenwahl als "Vabanquespiel" bezeichnet (Meier-Hayoz/Forstmo-</span><br/> <span class="ft4">ser, Schweizerisches Gesellschaftsrecht, 8. A., Zürich 1998, § 7</span><br/> <span class="ft4">N 147). Bei Durchsicht der Rechtsprechung zu Art. 951 Abs. 2 OR</span><br/> <span class="ft4">kommt man überdies hin und wieder nicht um den Eindruck herum,</span><br/> <span class="ft4">es wohne ihr ein aleatorisches Moment inne.</span><br/> <span class="ft4">Hat aber die Beklagte zwei der drei für die Kostenverteilung</span><br/> <span class="ft4">massgebenden Kriterien zu vertreten und erweist sich der Dritte der</span><br/> <span class="ft4">drei relevanten Gesichtspunkte im vorliegenden Fall als unpraktika-</span><br/> <span class="ft4">bel, so sind die Prozesskosten der Beklagten aufzuerlegen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>