<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 23" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 23</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">161</span> </div> <div class="page" id="S161"> <div role="main"> <span class="text"><b>VIII. Sozialhilfe </b></span><br/> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>23 </b> <b>Sozialhilfe; Bemessung der materiellen Hilfe </b></span><br/> <span class="text"><b>Reduktion des Grundbedarfs nach Massgabe einer besonderen</b></span><br/> <span class="text">Wohnform, bei der einzelne Ausgabenposten wegfallen (Erw. 2.1 f.) </span><br/> <span class="text"><b>Grundbedarf für junge Erwachsene, die in einem eigenen Haushalt</b></span><br/> <span class="text">leben (Erw. 2.3) </span><br/> <span class="text"><b>Existenzsicherung bei jungen Erwachsenen (Erw. 3) </b></span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 19. Februar</span><br/> <span class="text">2019, in Sachen A. gegen Gemeinderat B. und Departement Gesundheit und</span><br/> <span class="text">Soziales (WBE.2018.285).</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.</span><br/> <span class="text">2.1.</span><br/> <span class="text">Der Anspruch auf Sozialhilfe beinhaltet unter anderem die</span><br/> <span class="text">materielle Grundsicherung. Dazu gehört neben den anrechenbaren</span><br/> <span class="text">Wohnkosten und der medizinischen Grundversorgung der Grundbe-</span><br/> <span class="text">darf für den Lebensunterhalt (vgl. die gemäss § 10 Abs. 1 SPG i.V.m.</span><br/> <span class="text">§ 10 Abs. 1 SPV grundsätzlich verbindlichen SKOS-Richtlinien,</span><br/> <span class="text">4. Auflage, April 2005, in der Fassung vom 1. Januar 2017,</span><br/> <span class="text">Kap. A.3, B.1). Im Grundbedarf sind sämtliche alltäglichen Ver-</span><br/> <span class="text">brauchsaufwendungen von einkommensschwachen Haushalten ent-</span><br/> <span class="text">halten; er stellt somit das Mindestmass einer auf Dauer angelegten</span><br/> <span class="text">menschenwürdigen Existenz dar (SKOS-Richtlinien, Kap. B.2.1).</span><br/> <span class="text">2.2.</span><br/> <span class="text">Der ordentliche Grundbedarf bei einem Ein-Personen-Haushalt</span><br/> <span class="text">beträgt gemäss den SKOS-Richtlinien (Kap. B.2.2) Fr. 986.00 pro</span><br/> <span class="text">Monat. Im Einzelfall können jedoch Korrekturen des Grundbedarfs</span><br/> <span class="text">angezeigt sein, insbesondere wenn die unterstützte Person in einer</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">162</span> </div> <div class="page" id="S162"> <div role="main"> <span class="text">besonderen Wohnform lebt. Die Reduktion nach Massgabe der be-</span><br/> <span class="text">sonderen Wohnform setzt voraus, dass aufgrund der konkreten Ver-</span><br/> <span class="text">hältnisse Einsparungen in Bezug auf einzelne Ausgabenposten des</span><br/> <span class="text">Grundbedarfs klar ausgewiesen und nachgewiesen sind (vgl. VGE</span><br/> <span class="text">vom 12. Dezember 2012 [WBE.2012.316], Erw. II/1.3.4).</span><br/> <span class="text">Der Beschwerdeführer war im massgebenden Zeitraum in</span><br/> <span class="text">einem möblierten Zimmer des Restaurants C. notuntergebracht. Der</span><br/> <span class="text">Gemeinderat hat den Grundbedarf um Ausgabepositionen reduziert,</span><br/> <span class="text">welche bei der Miete des möblierten Zimmers nicht anfielen (im</span><br/> <span class="text">Einzelnen: Energieverbrauch, Internetbenutzung, Radio- und Fern-</span><br/> <span class="text">sehgebühren, Zeitungen, Toilettenartikel, Putzmittel und Abfall-</span><br/> <span class="text">säcke). Insgesamt ergab sich eine Reduktion des Grundbedarfs um</span><br/> <span class="text">18 %. Diese ist unter den Parteien unbestritten (für die Gewichtung</span><br/> <span class="text">der einzelnen Grundbedarfspositionen vgl. Handbuch Soziales,</span><br/> <span class="text">Kap. 7.1.2).</span><br/> <span class="text">2.3.</span><br/> <span class="text">Die SKOS-Richtlinien unterscheiden beim Grundbedarf für</span><br/> <span class="text">junge Erwachsene grundsätzlich zwischen denjenigen in Wohn- und</span><br/> <span class="text">Lebensgemeinschaften und denjenigen in Zweck-Wohngemein-</span><br/> <span class="text">schaften (vgl. SKOS-Richtlinien, Kap. B.4). Im vorliegenden Fall</span><br/> <span class="text">anerkannte der Gemeinderat ausdrücklich, dass der Beschwerde-</span><br/> <span class="text">führer aus zwingenden Gründen ausnahmsweise einen eigenen Haus-</span><br/> <span class="text">halt führen durfte (vgl. SKOS-Richtlinien, B.4-2 und B.4-3).</span><br/> <span class="text">Bei jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren, die in</span><br/> <span class="text">einem eigenen Haushalt leben, wird der Grundbedarf um 20 % redu-</span><br/> <span class="text">ziert, wenn sie nicht an einer auf die arbeitsmarktliche Integration</span><br/> <span class="text">ausgerichteten Ausbildung oder Massnahme teilnehmen, keiner an-</span><br/> <span class="text">gemessenen Erwerbstätigkeit nachgehen oder keine eigenen Kinder</span><br/> <span class="text">betreuen (SKOS-Richtlinien, Kap. B.4; Handbuch Soziales,</span><br/> <span class="text">Kap. 7.1.5). Der Beschwerdeführer war im massgebenden Zeitraum</span><br/> <span class="text">20 Jahre alt und hatte bereits zuvor seine Lehrstelle verloren. Daher</span><br/> <span class="text">hatte er lediglich Anspruch auf den um 20 % reduzierten Grundbe-</span><br/> <span class="text">darf. Bei dieser Gruppe stehen Bildungs- und Integrations-</span><br/> <span class="text">massnahmen im Fokus. Junge Erwachsene, die materiell unterstützt</span><br/> <span class="text">werden, sollen nicht besser gestellt werden als Gleichaltrige, die in</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">163</span> </div> <div class="page" id="S163"> <div role="main"> <span class="text">knappen finanziellen Verhältnissen leben und ihren Lebensunterhalt</span><br/> <span class="text">selber bestreiten (vgl. SKOS-Richtlinien, Kap. B.4).</span><br/> <span class="text">2.4.</span><br/> <span class="text">Der Gemeinderat hat zusätzlich eine Verrechnung der materiel-</span><br/> <span class="text">len Hilfe mit einer Rückforderung vorgenommen (im Zusammen-</span><br/> <span class="text">hang mit nicht wahrgenommenen Terminen beim D.). Diese Verrech-</span><br/> <span class="text">nung war in einem früheren Entscheid angeordnet worden. Der Be-</span><br/> <span class="text">stand der Forderung und deren Verrechenbarkeit mit der materiellen</span><br/> <span class="text">Hilfe sind unter den Parteien unbestritten.</span><br/> <span class="text">3.</span><br/> <span class="text">3.1.</span><br/> <span class="text">Bei der Kürzung der materiellen Hilfe ist die Existenzsicherung</span><br/> <span class="text">zu beachten. Kürzungen sind in der Regel zu befristen (§ 15 Abs. 1</span><br/> <span class="text">SPV [in der Fassung bis 31. Dezember 2017]). Die Existenzsiche-</span><br/> <span class="text">rung liegt bei 70 % des Grundbedarfs gemäss SKOS-Richtlinien.</span><br/> <span class="text">Diese Grenze darf auch bei der Kürzung gebundener Ausgaben, wie</span><br/> <span class="text">zum Beispiel Wohnungsmiete oder Versicherungsprämien, grund-</span><br/> <span class="text">sätzlich nicht unterschritten werden (vgl. § 15 Abs. 2 SPV [in der</span><br/> <span class="text">Fassung bis 31. Dezember 2017]). Entsprechend dem Handbuch So-</span><br/> <span class="text">zialhilfe wird bei jungen Erwachsenen in Einpersonenhaushalten und</span><br/> <span class="text">in einer Zweck-Wohngemeinschaft der maximale Kürzungsumfang</span><br/> <span class="text">von 30 % vom ordentlichen Grundbedarf aus berechnet (Kap.</span><br/> <span class="text">11.2.1). Auch das Sozialhilfe-Behördenhandbuch des Kantons Zürich</span><br/> <span class="text">sieht vor, dass Kürzungen bei jungen Erwachsenen in Einperso-</span><br/> <span class="text">nenhaushalten und Wohngemeinschaften maximal 30 % des ordentli-</span><br/> <span class="text">chen Grundbedarfs betragen dürfen und dieser daher nicht unter</span><br/> <span class="text">Fr. 690.00 gekürzt werden darf (vgl. Kap. 14.2.01). Diese Kürzungs-</span><br/> <span class="text">grenze ist auch für kumulierte Reduktionen und Kürzungen massge-</span><br/> <span class="text">bend und darf daher grundsätzlich nicht unterschritten werden. Die</span><br/> <span class="text">im Gemeinderatsbeschluss gewährte materielle Hilfe beachtet die</span><br/> <span class="text">Existenzsicherung nicht.</span><br/> <span class="text">In Bezug auf die vorinstanzlichen Erwägungen gilt es zusätzlich</span><br/> <span class="text">festzuhalten, dass die beschriebene Richtlinie im Handbuch Soziales</span><br/> <span class="text">der Überzeugung Ausdruck gibt, dass - unabhängig vom Alter und</span><br/> <span class="text">der konkreten Wohnform - unterhalb der Grenze von 70 % des</span><br/> <span class="text">Grundbedarfs dauerhaft keine menschenwürdige Existenz möglich</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">164</span> </div> <div class="page" id="S164"> <div role="main"> <span class="text">ist. Insofern stützt sich die Regelung sehr wohl auf sachliche Gründe.</span><br/> <span class="text">Nicht zu überzeugen vermag die Argumentation, der bereits um 20 %</span><br/> <span class="text">gekürzte Grundbedarf eines jungen Erwachsenen müsse um weitere</span><br/> <span class="text">30 % gekürzt werden können, damit bei Verstössen gegen Aufla-</span><br/> <span class="text">gen/Weisungen ein genügender Kürzungsumfang verbleibe. Immer-</span><br/> <span class="text">hin kann bei schwerwiegender Widerhandlung gegen Auflagen/Wei-</span><br/> <span class="text">sungen die materielle Hilfe unter die Existenzsicherung gekürzt oder</span><br/> <span class="text">sogar ganz eingestellt werden (§ 13b Abs. 2 und 3 SPG [in Kraft seit</span><br/> <span class="text">1. Januar 2018]).</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>