<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Kausalabgaben und Enteignungen</span> <span class="page_no">379</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Abteilung Kausalabgaben und Enteignungen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>A. Enteignungsrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>69</b></span> <span class="ft3"><b>Formelle Enteignung; Legitimation des Stockwerkeigentümers, Entschä-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>digungsbegehren zu stellen (Präzisierung der Rechtsprechung)</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Ein einzelner Stockwerkeigentümer ist beim Rechtserwerb für ein der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Liegenschaft insgesamt nützendes Werk (wie beispielsweise eine Lärm-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schutzwand oder ein Hochwasserschutzdamm) nicht zur individuellen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Rechtsmittelerhebung im Enteignungsverfahren legitimiert. Etwas ande-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>res kann nur gelten, wenn er grundsätzlich anders betroffen ist als der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Rest.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Kausalabga-</span><br/> <span class="ft4">ben und Enteignungen, vom 25. Mai 2016 in Sachen Kanton Aargau gegen A.</span><br/> <span class="ft4">(4-EV.2014.39).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">1.3.1.</span><br/> <span class="ft6">Die von der Enteignung betroffene Parzelle yyy steht im Stock-</span><br/> <span class="ft6">werkeigentum, welches eine Form des Miteigentums darstellt (vgl.</span><br/> <span class="ft6">Art. 712a Abs. 1 ZGB). Jeder Miteigentümer ist befugt, die Sache in-</span><br/> <span class="ft6">soweit zu vertreten, zu gebrauchen und zu nutzen, als es mit den</span><br/> <span class="ft6">Rechten der andern verträglich ist. Zur Veräusserung oder Belastung</span><br/> <span class="ft6">der Sache bedarf es der Übereinstimmung aller Miteigentümer, so-</span><br/> <span class="ft6">weit diese nicht einstimmig eine andere Ordnung vereinbart haben</span><br/> <span class="ft6">(Art. 648 ZGB). Vorbehältlich des Nachweises einer solchen anderen</span><br/> <span class="ft6">Ordnung hätte die Stockwerkeigentümergemeinschaft also grund-</span><br/> <span class="ft6">sätzlich mit einer Stimme aufzutreten. Nach der Praxis des SKE</span><br/> <span class="ft6">(AGVE 2001 S. 446 f.) sind aber auch einzelne Mitglieder von Mit-</span><br/> <span class="ft6">eigentumsgemeinschaften berechtigt, Entschädigungsbegehren zu</span><br/> <span class="ft6">stellen. Es bleibt indessen zu beachten, dass das Verfahren die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">380</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Rechtsposition der Stockwerkeigentümergemeinschaft insgesamt be-</span><br/> <span class="ft6">trifft.</span><br/> <span class="ft6">Soweit der Gesuchsgegner Begehren aus seiner persönlichen</span><br/> <span class="ft6">Sicht stellt, hat er darzulegen und nachzuweisen, inwiefern er von</span><br/> <span class="ft6">den geplanten Eingriffen im Gegensatz zu den übrigen Stockwerkei-</span><br/> <span class="ft6">gentümern anders, individuell betroffen ist. Ein allfälliger Entscheid</span><br/> <span class="ft6">über seine Begehren ist allen Stockwerkeigentümern zu eröffnen und</span><br/> <span class="ft6">beansprucht Geltung für die Stockwerkeigentümergemeinschaft ins-</span><br/> <span class="ft6">gesamt. Dieser Umstand ist von Bedeutung, wenn sich für die</span><br/> <span class="ft6">Stockwerkeigentümergemeinschaft unmittelbar oder mittelbar eine</span><br/> <span class="ft6">Änderung der Rechtslage ergibt. Das ist vorliegend - wie zu zeigen</span><br/> <span class="ft6">sein wird - nicht der Fall. Es kann deshalb auf eine Mitteilung an alle</span><br/> <span class="ft6">anderen Stockwerkeigentümer verzichtet werden.</span><br/> <span class="ft6">1.3.2.</span><br/> <span class="ft6">Der Gesuchsgegner ist als Miteigentümer der Parzelle yyy vom</span><br/> <span class="ft6">Bauprojekt betroffen und damit - unter Berücksichtigung des Gesag-</span><br/> <span class="ft6">ten - grundsätzlich ohne weiteres zur Einreichung von Begehren legi-</span><br/> <span class="ft6">timiert (§§ 151 und 152 BauG; § 42 Abs. 1 lit. a VRPG; M</span><span class="ft4">ICHAEL</span><br/> <span class="ft6">M</span><span class="ft4">ERKER</span><span class="ft6">, Rechtsmittel, Klage und Normenkontrollverfahren nach</span><br/> <span class="ft6">dem [aufgehobenen] aargauischen Gesetz über die Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft6">rechtspflege, Kommentar, Zürich 1998, § 38 N 129 ff.). So hat es das</span><br/> <span class="ft6">SKE im Laufe des Schriftenwechsels auch gehandhabt.</span><br/> <span class="ft6">1.3.3.</span><br/> <span class="ft6">Die erwähnte Alleinhandlungslegitimation (Erw. 1.3.1.) eines</span><br/> <span class="ft6">Stockwerkeigentümers beschränkt sich auf die Gemeinschaft fraglos</span><br/> <span class="ft6">entlastende Vorbringen (weniger Abtretung / höhere Entschädigung).</span><br/> <span class="ft6">Dies gilt indessen nicht, wo die Interessen der einzelnen Mitglieder</span><br/> <span class="ft6">der Gesamthandschaft nicht zwangsläufig parallel laufen (so hat das</span><br/> <span class="ft6">SKE die Alleinhandlungslegitimation eines Miterben in einem Bei-</span><br/> <span class="ft6">tragsstreit verneint; AGVE 2007 S. 299). Zu unterscheiden und</span><br/> <span class="ft6">selbstverständlich zulässig sind Vorbringen aus der eigenen Rechts-</span><br/> <span class="ft6">position, wenn der einzelne Stockwerkeigentümer vom vorgesehenen</span><br/> <span class="ft6">Eingriff anders und/oder stärker betroffen ist als die Allgemeinheit</span><br/> <span class="ft6">(z.B. Abtretung eines Gartenabschnitts im Sondernutzungsrecht).</span><br/> <span class="ft6">Die hier vorgesehene Lärmschutzwand dient mit Sicherheit ei-</span><br/> <span class="ft6">ner Mehrheit der Stockwerkeigentümer der Streitliegenschaft, was</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Kausalabgaben und Enteignungen</span> <span class="page_no">381</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">schon dadurch belegt wird, dass der vorgelegte Vertrag von allen</span><br/> <span class="ft6">anderen unterzeichnet wurde. Sie haben damit auch der praxisgemäss</span><br/> <span class="ft6">entschädigungslosen Begründung der Servitut zugestimmt. Da sich</span><br/> <span class="ft6">das Entschädigungsbegehren des Gesuchsgegners nicht aus einer be-</span><br/> <span class="ft6">sonderen, individuellen Betroffenheit, sondern aus einer behaupteten</span><br/> <span class="ft6">Beeinträchtigung der Gesamtliegenschaft herleitet, setzt er sich mit</span><br/> <span class="ft6">dem Begehren in Widerspruch zur Mehrheit der Stockwerkeigentü-</span><br/> <span class="ft6">mergemeinschaft. Das ist unzulässig. Es bleibt dabei zudem belang-</span><br/> <span class="ft6">los, welchen persönlichen Nutzen er aus der neuen Anlage zieht. Er</span><br/> <span class="ft6">ist hier zur Solidarität verpflichtet (analog z.B. der Parterrebewohner</span><br/> <span class="ft6">in Bezug auf die Kostentragung von Liftanlagen).</span><br/> <span class="ft6">Die Legitimationspraxis des SKE ist für zukünftige Fälle dahin</span><br/> <span class="ft6">zu präzisieren, dass ein einzelner Stockwerkeigentümer beim Rechts-</span><br/> <span class="ft6">erwerb für ein der Liegenschaft insgesamt nützendes Werk (wie bei-</span><br/> <span class="ft6">spielsweise eine Lärmschutzwand oder ein Hochwasserschutzdamm)</span><br/> <span class="ft6">nicht zur individuellen Rechtsmittelerhebung im Enteignungsverfah-</span><br/> <span class="ft6">ren legitimiert ist. Etwas anderes kann nur gelten, wenn er grundsätz-</span><br/> <span class="ft6">lich anders betroffen ist als der Rest.</span><br/></div> </div> </body> </html>