<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 28 S.87</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">87</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Strafrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>28</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 261</b></span><span class="ft3"><sup><b>bis</b></sup></span> <span class="ft2"><b>StGB, die Voraussetzung der Öffentlichkeit bei der Rassendis-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kriminierung; Zusammenfassung der Rechtsprechung.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Eingangsbereich eines Selbstbedienungsgeschäfts ist grundsätzlich</b></span><br/> <span class="ft2"><b>als öffentlich zu qualifizieren. Dies führt jedoch nicht dazu, dass jedes</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Gespräch an diesem Ort als an einen unbestimmten Adressatenkreis ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>richtet zu gelten hätte.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Urteil des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 17. September 2002</span><br/> <span class="ft4">i.S. StA gegen M.S.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">c) aa) Wer öffentlich durch Wort, Schrift, Bild, Gebärden,</span><br/> <span class="ft6">Tätlichkeiten oder in anderer Weise eine Person oder eine Gruppe</span><br/> <span class="ft6">von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion in einer gegen</span><br/> <span class="ft6">die Menschenwürde verstossenden Weise herabsetzt oder diskrimi-</span><br/> <span class="ft6">niert, wird mit Gefängnis oder mit Busse bestraft (Art. 261</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span> <span class="ft6">Abs. 4</span><br/> <span class="ft6">StGB). Die Vorinstanz hat in ihrem Urteil die Tatbestandsvorausset-</span><br/> <span class="ft6">zungen korrekt aufgeführt, und es kann darauf verwiesen werden</span><br/> <span class="ft6">(Urteil S. 3 f.).</span><br/> <span class="ft6">Die Verwirklichung des in Frage stehenden Tatbestands von</span><br/> <span class="ft6">Art. 261</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span> <span class="ft6">Abs. 4 StGB verlangt, dass die Herabsetzung oder Diskri-</span><br/> <span class="ft6">minierung öffentlich erfolgt. Öffentlich ist eine Äusserung nach all-</span><br/> <span class="ft6">gemeiner Auffassung, wenn sie von unbestimmt vielen Personen</span><br/> <span class="ft6">oder von einem grösseren, nicht durch persönliche Beziehungen zu-</span><br/> <span class="ft6">sammenhängenden Personenkreis wahrgenommen werden kann</span><br/> <span class="ft6">(BGE 123 IV 202 E. 3d S. 208; Trechsel, Schweizerisches Strafge-</span><br/> <span class="ft6">setzbuch, Kurzkommentar, 2. Aufl., Zürich 1997, N 3a zu Art. 259,</span><br/> <span class="ft6">N 3 zu Art. 261 und N 15 zu Art. 261</span><span class="ft7"><sup>bis</sup></span><span class="ft6">; BGE, Kassationshof, vom</span><br/> <span class="ft6">30. Mai 2002 i.S. R. B., S. 6 mit weiteren Hinweisen [6S.635/2001]).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">88</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Ob Öffentlichkeit gegeben ist, hängt von den gesamten Umständen</span><br/> <span class="ft6">ab, deren Tragweite unter Berücksichtigung von Sinn und Zweck der</span><br/> <span class="ft6">in Betracht fallenden Strafbestimmung und des dadurch geschützten</span><br/> <span class="ft6">Rechtsguts zu bewerten ist. Dazu gehören u.a. einerseits der Ort, an</span><br/> <span class="ft6">dem die Äusserung getätigt wird, und andererseits, bei Äusserung</span><br/> <span class="ft6">gegenüber einem bestimmten begrenzten Personenkreis, die Zahl der</span><br/> <span class="ft6">Adressaten und die Beziehung des Urhebers der Äusserung zu die-</span><br/> <span class="ft6">sen, wovon u.a. auch abhängt, wie hoch das Risiko einer Weiterver-</span><br/> <span class="ft6">breitung der Äusserung durch einzelne Adressaten ist (vgl. BGE 126</span><br/> <span class="ft6">IV 176 E. 2c-e S. 178 ff.; BGE 126 IV 20 E. 1d, S. 25 f.; BGE vom</span><br/> <span class="ft6">30. Mai 2002 i.S. R.B., a.a.O., S. 7). Eine Äusserung, die an einem</span><br/> <span class="ft6">Ort getan wird, wo sie von unbestimmt vielen Personen wahrgenom-</span><br/> <span class="ft6">men werden könnte, kann auch dann eine öffentliche sein, wenn sie</span><br/> <span class="ft6">tatsächlich nur von zwei Personen zur Kenntnis genommen wird</span><br/> <span class="ft6">(BGE 126 IV 176 E. 2c/aa, S. 178 f.; BGE vom 30. Mai 2002 i.S.</span><br/> <span class="ft6">R.B., a.a.O., S. 7). Da das Risiko der Weiterverbreitung nie ausge-</span><br/> <span class="ft6">schlossen werden, sondern nur grösser oder kleiner sein kann, ist</span><br/> <span class="ft6">eine an wenige Personen gerichtete Äusserung nicht schon dann öf-</span><br/> <span class="ft6">fentlich, wenn das Risiko gross ist, sondern nur, wenn die Äusserung</span><br/> <span class="ft6">tatsächlich an einen grösseren Personenkreis weiterverbreitet wird.</span><br/> <span class="ft6">Das Ausmass des Risikos selbst ist als solches nur für den subjekti-</span><br/> <span class="ft6">ven Tatbestand von Bedeutung (eingehend zur Frage des Risikos der</span><br/> <span class="ft6">Weiterverbreitung BGE 126 IV 176 E. 2e S. 180 f.)</span><br/> <span class="ft6">bb) (...)</span><br/> <span class="ft6">cc) (...) Richtig ist die Feststellung der Vorinstanz, der Ein-</span><br/> <span class="ft6">gangsbereich und der Einkaufsladen der Coop-Filiale in X. seien als</span><br/> <span class="ft6">öffentlich zu qualifizieren, falsch allerdings die Folgerung, dies be-</span><br/> <span class="ft6">deute, dass Gespräche, die an diesen Orten stattfinden, immer als</span><br/> <span class="ft6">öffentlich und an einen unbestimmten Adressatenkreis gerichtet zu</span><br/> <span class="ft6">bezeichnen wären, denn es kommt auch hier auf die konkreten Um-</span><br/> <span class="ft6">stände an. In aller Regel werden private Gespräche in oder um einen</span><br/> <span class="ft6">grösseren Selbstbedienungsladen, wie es der Coop in X. ist, abge-</span><br/> <span class="ft6">sehen von zusammenhangslosen Gesprächsfetzen, nur von den Be-</span><br/> <span class="ft6">teiligten wahrgenommen. Das Mitverfolgen durch Dritte bedürfte</span><br/> <span class="ft6">deren unmittelbare Nähe, z.B. beim Anstehen an der Kasse. Solche</span><br/> <span class="ft6">Umstände müssten sich jedoch aus dem Sachverhalt konkret erge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">89</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ben, und eine verallgemeinernde Aussage, wie sie die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft6">dazu gemacht hat, reicht zur Qualifikation als öffentliches Gespräch,</span><br/> <span class="ft6">d.h. dass unbestimmt viele Personen es verfolgen könnten, nicht aus.</span><br/> <span class="ft6">Grundsätzlich bleibt es somit dabei, dass Gespräche von verschiede-</span><br/> <span class="ft6">nen Personen in einem grösseren Selbstbedienungsladen nicht ohne</span><br/> <span class="ft6">Vorliegen besonderer Umstände als öffentlich bezeichnet werden</span><br/> <span class="ft6">können. Dies ist ohne weiteres dann der Fall, wenn das Gespräch</span><br/> <span class="ft6">lautstark geführt wird oder die Äusserungen gar in einem Ausrufen</span><br/> <span class="ft6">bestehen (vgl. BGE vom 30. Mai 2002 i.S. R.B., a.a.O. S. 8).</span><br/></div> </div> </body> </html>