B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-5932/2022 U r t e i l v o m 3 . J a n u a r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Roswitha Petry, mit Zustimmung von Richterin Barbara Balmelli; Gerichtsschreiberin Regina Seraina Goll. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, BAZ (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 15. Dezember 2022 / N (…). E-5932/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am (…) September 2022 in der Schweiz um Asyl . Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (EURODAC) ergab, dass er am (…) 2022 in Österreich um Asyl ersucht hatte. B. Am (…) September 2022 bevollmächtigte er die ihm zugewiesene Rechts- vertretung. C. Anlässlich der Erstbefragung UMA (unbegleitete minderjährige Asylsu- chende) vom 19. Oktober 2022 (vgl. Protokoll SEM-Akten 1193880-14/13, nachfolgend A14) wurde der Beschwerdeführer unter anderem zu seinem Alter, seiner Reise in die Schweiz sowie summarisch zu seinen Asylgrün- den befragt und ihm wurde das rechtliche Gehör zum medizinischen Sach- verhalt gewährt. Dabei gab er an , am (…) geboren und somit minderjährig zu sein. Dies könne er nicht mit Dokumenten belegen, da seine Mutter seine Tazkira ver- brannt habe. Sie habe ihm aber vor ungefähr drei oder vier Jahren gesagt, wann er geboren sei. In Österreich habe er seine Fingerabdrücke abgege- ben. Er habe aber nicht gewusst, dass er damit ein Asylgesuch stelle. Hin- sichtlich seines Gesundheitszustands gab er an, es gehe ihm gut, er denke aber oft an seine Mutter. Aufgrund von Zweifeln an seiner Minderjährigkeit stellte das SEM ihm me- dizinische Zusatzfragen im Hinblick auf eine Altersabklärung. Anlässlich der Befragung reichte der Beschwerdeführer z wei Bestätigun- gen über die Teilnahme einer bestimmten Person an (…), eine Karte für Auszubildende im Distrikt von einer Person Namens B._______ sowie ein Dokument ein, das vom Dolmetscher nicht übersetzt werden konnte, da ein Teil auf Paschtu sei. Diese Dokumente wurden nicht zu den Akten genom- men und dem Beschwerdeführer zurückgegeben, da daraus nicht ersicht- lich sei, dass es sich dabei um seinen Vater handle. D. Ein vom SEM am 24. Oktober 2022 in Auftrag gegebenes Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen vom 2. November E-5932/2022 Seite 3 2022 ergab ein Mindestalter von (…) Jahren. Das angegebene Alter von 16 Jahren und circa drei Monaten sei nicht plausibel. E. E.a. Das SEM ersuchte die österreichischen Behörden am 3. November 2022 mit Ergänzung vom gleichen Tag (Ergebnis Altersgutachten) um Wie- deraufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra- tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be- stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). E.b. Die österreichischen Behörden nahmen inne rhalb der festgelegten Frist zum Übernahmeersuchen nicht explizit Stellung, liessen den schwei- zerischen Behörden aber ein Dokument vom 7. November 2022 zukom- men, gemäss welchem sie sämtliche Rückübernahmeersuchen prüfen, aber aus Zeitmangel keine expliziten Zustimmungen mehr versenden wür- den. F. Mit Schreiben vom 8. November 2022 gewährte das SEM dem Beschwer- deführer das rechtliche Gehör zum Altersgutachten, der beabsichtigten Än- derung des Geburtsdatums im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf d en (…) sowie der wahrscheinlichen Zuständigkeit Öster- reichs für die Behandlung seines Asylgesuchs. G. Mit Stellungnahme vom 11. November 2022 hielt der Beschwerdeführer an seiner Minderjährigkeit fest. Das Ergebnis des medizinischen Altersgutach- tens könne er nicht nachvollziehen und akzeptieren. Dieses habe lediglich einen geringen Beweiswert, zumal es auf lückenhafter wissenschaftlicher Grundlage erstellt worden sei, da den hinzugezogenen Studien keine Ver- gleichsgruppen zu seiner paschtunischen Ethnie zugrunde liegen würden. In Bezug auf die biographischen Angaben merkte er an, dass diese vor dem Hintergrund des angegebenen Geburtsdatums und unter Zugrunde- legung des afghanischen Kalenders – entgegen der Berechnung des SEM – keine Widersprüche aufwiesen. Er habe keinen Kontakt zu seiner Fami- lie, werde sich aber bemühen, diese zu kontaktieren und einen neuen Aus- zug aus seiner Tazkira zu organisieren. Entsprechend ersuchte er um Be- lassung seines Geburtsdatums vom (…) im ZEMIS, eventualiter sei das E-5932/2022 Seite 4 Geburtsdatum vom (…) mit einem Bestreitungsvermerk zu versehen und eine anfechtungsfähige ZEMIS-Verfügung respektive eine separate Dispo- sitivziffer im Entscheid zu erlassen. Hinsichtlich der Überstellung nach Ös- terreich merkte er an, er habe dort nie ein Asylges uch stellen wollen. Die Schweiz sei immer sein Ziel gewesen. H. Den Akten sind je ein ärztliches Zeugnis vom 23. November, 1. und 14. De- zember 2022 zu entnehmen, wonach er sich (…) verletzt habe. I. Gestützt auf das Ergebnis der obengenannten Altersabklärung wurde der Eintrag des Beschwerdeführers im ZEMIS am 14. Dezember 2022 mutiert und neu der (…) als sein Geburtsdatum erfasst. Dieser Eintrag wurde mit einem Bestreitungsvermerk versehen. J. Mit Verfügung vom 15. Dezember 2022 – tags darauf eröffnet – trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Österreich an und forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu ver- lassen. Gleichzeitig beauftragte es den zuständigen Kanton ( C._______) mit dem Vollzug der Wegweisung, ordnete die Aushändigung der editions- pflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an und stellte fest, einer allfälli- gen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wir- kung zu. Ausserdem hielt es fest, dass das Geburtsdatum des Beschwer- deführers im ZEMIS auf den (…) laute. K. Am 19. Dezember 2022 legte die zugewiesene Rechtsvertretung das Man- dat nieder. L. Mit Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht vom 22. Dezember 2022 beantragt der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfü- gung und die Prüfung seines Asylgesuchs in der Schweiz. Er sei als Flücht- ling anzuerkennen und es sei ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. Even- tualiter sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig, un- zumutbar und unmöglich sei, weshalb er vorläufig aufzunehmen sei. Im Fliesstext der Beschwerde beantragt er zudem, es seien Massnahmen zu ergreifen, damit er als Minderjähriger einen besonderen Schutz erhalte. E-5932/2022 Seite 5 In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht er um Gewährung der unentgelt- lichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus- ses sowie Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands . Ausserdem sei die aufschiebende Wirkung der Beschwerde wiederherzustellen. Der Beschwerde legte er diverse fremdsprachige Dokumente bei. M. Am 23. Dezember 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovi- sorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungs- gericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 105 AsylG (SR 142.31) i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundes- verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentschei de, mit denen es di e Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über- prüfen (Art. 31a Abs. 1 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz des Gerichts grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nich t eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft, der Gewährung von Asyl sowie der Anordnung der vorläufigen Aufnahme E-5932/2022 Seite 6 bilden demgegenüber nicht Gegenstand des angefoc htenen Nichteintre- tensentscheids und damit auch nicht des vorliegenden Verfahrens, wes- halb auf die entsprechenden Anträge nicht einzutreten ist. 2.3 Die Ziffer 6 des Dispositivs des Nichteintretensentscheids (Änderung des Geburtsdatums des Beschwerdeführers im ZEMIS) wird nicht explizit angefochten, weshalb diese Ziffer in Rechtskraft erwachsen ist. 2.4 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbeg ründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari- scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den K riterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi- gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin -III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). Vom Wiederaufnahmeverfahren ausgeschlossen sind unbegleitete Min- derjährige. Im Falle von unbegleiteten Minderjährigen ohne familiäre An- knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem der Minderjährige seinen An- trag gestellt hat (vgl. statt vieler Urteile BVGer E-5767/2022 vom 20. De- zember 2022 E. 7.5). E-5932/2022 Seite 7 3.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied- staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 3.4 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an- deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen ( Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 3.5 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin -III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29 a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 ( AsylV 1, SR 142.311) konkreti- siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu- manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III- VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 4. 4.1 Die Vorinstanz hielt in ihrem Entscheid fest, sie gehe aufgrund der va- gen, widersprüchlichen, ausweichenden und unglaubhaften Angaben des Beschwerdeführers sowie dessen äusseren Ers cheinungsbildes von des- sen Volljährigkeit aus. Diese Vermutung sei durch eine forensische Alters- abklärung bestätigt worden. Es spreche nichts gegen eine Überstellung des Beschwerdefüh rers nach Österreich, auch nicht seine gesundheitli- chen Beschwerden ([…]), welche bei Bedarf dort behandelbar wären. E-5932/2022 Seite 8 4.2 Dem entgegnete der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe – neben materiell-rechtlichen und somit vorliegend nicht relevanten Vor- bringen –, es sei nicht sicher, ob Österreich ihm Asyl gewähren würde, zu- mal in den letzten Jahren viele afghanische Asylbewerber durch die öster- reichischen Behörden abgeschoben worden seien. Aufgrund seiner Min- derjährigkeit müssten Massnahmen ergriffen werden, um ihm besonderen Schutz zukommen zu lassen und seine Rechte auf Schutz vor grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung, auf eine kindergerechte Entwicklung sowie auf Bildung zu wahren. 5. 5.1 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, sich vor seiner Einreise in die Schweiz in Österreich aufgehalten und Fingerabdrücke abgegeben zu ha- ben, indes habe er dort nicht um Asyl ersucht. Nachdem die österreichi- schen Behörden innerhalb der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz mittels eines Stan- dardschreibens implizit zugestimmt haben, ist die grundsätzlic he Zustän- digkeit Österreichs gegeben. Das Vorbringen des Beschwerdeführers, er habe in Österreich kein Asylgesuch stellen wollen, vermag daran nichts zu ändern. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3). 5.2 5.2.1 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, aufgrund seiner Min- derjährigkeit sei von der Zuständigkeit der schweizerischen Asylbehörden für sein Asylgesuch auszugehen, ist Folgendes festzustellen: 5.2.2 Die Beweislast für die behauptete Minderjährigkeit trägt grundsätzlich die asylsuchende Person (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3 und E. 4.2.3). Im Rah- men einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, die für oder gegen die Ric htigkeit der betreffenden Altersangaben spre- chen, vorzunehmen. Wesentlich sind dabei für echt befundene Identitäts- papiere oder eigene Angaben der betroffenen Person (vgl. Urteil des BVGer E-4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1, m.H.a. Entscheidun- gen und Mitteilungen der [vormaligen] Asylrekurskommission [ EMARK] 2004 Nr. 30). Das Resultat des Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der Beurteilung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Minderjährigkeit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.). E-5932/2022 Seite 9 Gemäss BVGE 2018 VI/3 sind von den in der Schweiz angewandten Me- thoden der medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein - respek- tive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch die Handknochenaltersanalyse und die ärztlic he körperliche Untersu- chung) zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Per- son geeignet. Eine medizinische Altersabklärung stellt ein starkes Indiz für die Volljährigkeit dar, falls das Mindestalter bei der Schlüsselbein- respek- tive Skelettaltersanalyse oder der zahnärztlichen Untersuchung über 18 Jahren liegt und die sich anhand der beiden Analysen ergebenden Alters- spannen überlappen (vgl. a.a.O. E. 4.2.1 f.; Urteil des BVGer E-2642/2022 vom 24. Juni 2022 E. 7.2.2). 5.2.3 Der Beschwerdeführer reichte keine Identitätspapiere ein. Auf dem Personalienblatt gab er sowohl den (…) als auch den (…) als Geburtsda- tum an (vgl. SEM-Akten 1193880-1/2). In der EURODAC-Datenbank wurde ebenfalls der (…) als Geburtsdatum des Beschwerdeführ ers erfasst (vgl. SEM-Akten 1193880-7/1). Seine Aussagen anlässlich der Erstbefragun g zu seinem Alter und familiären Umfeld sind – wie dies die Vorinstanz zu Recht festhält – auffallend vage und ausweichend ausgefallen. Das SEM hält zu Recht fest, dass die Berechnungen des Beschwerdeführers in sei- ner Stellungnahme vom 8. November 2022 hinsichtlich des Alters nicht überzeugten. Der Beschwerdeführer macht geltend im Alter von (…) Jah- ren eingeschult worden zu sein. Das Schuljahr beginnt in Afghanistan im März. Das heisst er wäre kurz vor seinem (…) Geburtstag eingeschult wor- den und im März 2022 – kurz vor seinem (…) Geburtstag – in die (…) Klasse gekommen. Da er dieses Schuljahr begonnen und bis zur 4.5 Mo- natsprüfung besucht habe, kann es nicht sein, dass er im Alter von (…) Jahren ausgereist ist (vgl. A14 Ziff. 1.06, Stellungnahme vom 8. November 2022 sowie Nichteintretensentscheid des SEM vom 15. Dezember 2022, S. 7 f.). Ausserdem hätten die Ereignisse, die ihn zur Ausreise veranlasst hätten ungefähr drei oder dreieinhalb Monate nach der Machtübernahme durch die Taliban (im August 2021), somit in seinem (…) Schuljahr, begon- nen (vgl. A14 Ziff. 7.02). Insgesamt sind diese Angaben nicht geeignet, das Gericht von seiner Min- derjährigkeit zu überzeugen beziehungsweise diese glaubhaft zu machen. Die forensische Lebensaltersschätzung des Beschwerdeführers stützt ihr Ergebnis im Gutachten vom 2. November 2022 auf eine körperliche Unter- suchung des Beschwerdeführers, die zahnärztliche Altersschätzung, die radiologische Altersschätzung des Handgelenks sowie der Schlüsselbeine. E-5932/2022 Seite 10 Hierbei ergab die Handknochenanalyse ein Mindestalter von (…) Jahren und die Schlüsselbeinanalyse ein Mindestalter von (…) Jahren; bei der zahnärztlichen Untersuchung wurde z war kein Mindestalter ange geben, aber ein Durchschnittsalter von circa (…) Jahren festgehalten. Zusammen- fassend ergab sich ein durchschnittliches Lebensalter von 18 bis 29 Jahren und ein Mindestalter von (…) Jahren. Die Altersspannen der zahnärztlichen sowie der Schlüsselbeinanalyse überlappen sich . Wie die Vorinstanz zu Recht festhält, setzt sich das Altersgutachten auch mit dem Einfluss der ethnischen Zugehörigkeit auseinander. Praxisgemäss stellen eindeutige Ergebnisse der in der Schweiz angewendeten Methoden z ur medizini- schen Altersbestimmung ein starkes Indiz für die Volljährigkeit dar (vgl. oben E. 5.3.2; BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2). 5.2.4 Nach dem Gesagten lassen weder die in den Akten befindlichen Be- weismittel – welche weder übersetzt noch in der Beschwerde erwähnt wer- den – noch die vagen Aussagen des Beschwerdeführers stichhaltige Rück- schlüsse auf sein wahres Alter und insbesondere auf die Frage seiner Min- der- oder Volljährigkeit im Zeitpunkt der Einreichung seines Asylgesuchs in der Schweiz zu. Demgegenüber stellt das Altersgutachten vorliegend ein starkes Indiz für seine Volljährigkeit dar. 5.2.5 Daher gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit zum Zeitpunkt seiner Gesuchsein- reichung in der Schweiz glaubhaft zu machen. 5.3 Das SEM ist daher zu Recht die österreichischen Behörden um Wie- deraufnahme des Beschwerdeführers ersucht. 6. 6.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesentli- che Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebe- dingungen für Asylsuchende in Österreich würden systemische Schwach- stellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi- genden Behandlung mit sich bringen würden. 6.2 Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, ist Österreich Signatar- staat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 E-5932/2022 Seite 11 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zu- satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, Österreich anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa- men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati- onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie), ergeben. Gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wieder- aufnahmeverfahren liegen im heutigen Zeitpunkt keine Gründe für die An- nahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antrag- stellende in Österreich wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin -III-VO auf (vgl. statt vi eler Urteil des BVGer D-4292/2022 vom 8. Dezember 2022 E. 5.1.2). 6.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin- III-VO nicht gerechtfertigt. 7. 7.1 Die Vermutung, dass Österreich als Mitglied des Gemeinsamen Euro- päischen Asylsystems und Vertragsstaat der vorstehend erwähnten völker- rechtlichen Abkommen die Menschenrechte beachtet, kann im Einzelfall widerlegt werden. Die antragstellende Person hat dazu jedoch konkret dar- zulegen beziehungsweise mindestens glaubhaft zu machen, dass eine ak- tuelle und ernsthafte Gefahr einer Verletzung einer direkt anwendbaren Norm des Völkerrechts droht (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.). In diesem Zu- sammenhang ist zu prüfen, ob allenfalls das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO (Art. 29a Abs. 3 AsylV 1) auszuüben ist. 7.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar- getan, wonach, die österreichischen Behörden sich weigern würden, ihn aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhal- tung der Regeln der erwähnten Richtlinien zu prüfen. Auch den Akten sind keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, dass seine Überstellung nach Österreich zu einer Kettenabschiebung führen würde, beziehungsweise die österreichischen Behörden in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein E-5932/2022 Seite 12 Land zwingen würden, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu wer- den. Die pauschalen Behauptungen des Beschwerdeführers, die österrei- chischen Behörden würden zahlreiche afghanische Staatsangehörige nach Afghanistan abschieben, vermögen das Gericht nicht vom Gegenteil zu überzeugen. Die der Rechtsmitteleingabe kommentarlos beigelegten fremdsprachigen Unterlagen ohne Übersetzung vermögen an diese r Ein- schätzung nichts zu ändern, zumal sich diese offensichtlich nicht auf die Asylpraxis Österreichs konzentrieren. 7.3 Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die An- nahme dargetan, Österreich würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnah- merichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übri- gen allenfalls mit Hilfe der vor Ort tätigen karitativen Organisationen an die dafür zuständigen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahme- bedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 der Aufnahme- richtlinie). Es sind keine konkreten Anhaltspunkte dafür ersichtlich, der Be- schwerdeführer geriete im Falle einer Überstellung wegen der dortigen Auf- enthaltsbedingungen in eine existenzielle Notlage. 7.4 Auch hinsichtlich der vom Beschwerdeführer im vorinstanzlichen Ver- fahren erwähnten medizinischen Probleme liegen keine Hinweise vor, wo- nach Österreich ihm eine adäquate mediz inische Behandlung verweigern würde, sollte er eine solche benötigen. Da er auf Beschwerdeebene keine gesundheitlichen Beschwerden mehr geltend macht , erübrigen sich wei- tere Ausführungen dazu. 7.5 Nach dem Ausgeführten besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO (Art. 29a Abs. 3 AsylV 1). So- mit bleibt Österreich der für die Behandlung des Asylgesuchs des Be- schwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. 7.6 Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat seine Wegweisung nach Österreich angeordnet. 8. Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind E-5932/2022 Seite 13 allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). 9. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. 10. Mit dem vorliegenden Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen, weshalb der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung sowie das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegen- standslos geworden sind. Der am 23. Dezember 2022 angeordnete Voll- zugsstopp fällt dahin. 11. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechts- pflege sowie rechtlichen Verbeiständung sind unbesehen der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers abzuweisen, da die Beschwerde ge- mäss den vorstehenden Erwägungen als aussichtslos zu bezeichnen ist und es daher an einer gesetzlichen Grundlage zu deren Gewährung fehlt. (Dispositiv nächste Seite) E-5932/2022 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist. 2. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und der rechtlichen Verbeiständung werden abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Roswitha Petry Regina Seraina Goll Versand: