<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp313424"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>136 V 239<br/><br/><br/><div class="paraatf">29. Auszug aus dem Urteil der II. sozialrechtlichen Abteilung i.S. A. gegen Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich (Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten)</div> <div class="paraatf">9C_121/2010 vom 8. Juli 2010</div> <a name="idp315088"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf"><span class="artref">Art. 16b Abs. 3 EOG</span> und <span class="artref">Art. 29 lit. b EOV</span>; <span class="artref">Art. 9 Abs. 3, <artref id="CH/837.0/9^b/2" type="start"></artref>Art. 9b Abs. 2 und <artref id="CH/837.0/10/3" type="start"></artref>Art. 10 Abs. 3 AVIG</span><artref id="CH/837.0/9^b/2" type="end"></artref><artref id="CH/837.0/9/3" type="end"></artref>; Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung bei Arbeitslosigkeit. <div class="paratf">Damit die Mutter im Zeitpunkt der Geburt als arbeitslos gilt, ist nicht vorausgesetzt, dass sie beim Arbeitsamt angemeldet ist (E. 2.1). </div> <div class="paratf">Die für den Bezug eines Taggeldes nach dem AVIG erforderliche Beitragsdauer, deren Erfüllung Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung gibt, wenn die Mutter nicht bis zur Geburt des Kindes Taggelder der Arbeitslosenversicherung bezogen hat (<span class="artref">Art. 29 lit. b EOV</span>), muss während der ordentlichen zweijährigen Rahmenfrist für die Beitragszeit nach <span class="artref">Art. 9 Abs. 3 AVIG</span> zurückgelegt worden sein. Eine Verlängerung der Rahmenfrist analog zu <span class="artref">Art. 9b Abs. 2 AVIG</span> (bei Versicherten, die sich der Erziehung ihrer Kinder gewidmet haben), fällt ausser Betracht (E. 2.2-2.4). </div> </div> </div> <a name="idp331200"></a> <a name="idp347392"></a> <br/><div> <a name="idp363056"></a><span class="big bold" id="sachverhalt">Sachverhalt</span> <span class="small">ab Seite 240</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page240"></a><div class="center pagebreak">BGE 136 V 239 S. 240</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp364768"></a><span class="bold">A. </span>Die 1967 geborene A. arbeitete von Januar 1995 bis Ende Dezember 2007 bei der Firma P. GmbH, wobei sie vom 1. August 2006 bis 31. Dezember 2007 unbezahlten Urlaub bezogen hatte. Sie ist Mutter dreier Kinder. Nach der Geburt des dritten Kindes am 14. Januar 2008 meldete sie sich am 23. Januar 2008 für eine Mutterschaftsentschädigung an. Gestützt auf eine Auskunft des Staatssekretariates für Wirtschaft (SECO) vom 21. April 2008 lehnte die Ausgleichskasse des Kantons Zürich den Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung mit Verfügung vom 5. Mai 2008 mangels ausreichender Beitragsdauer für den Bezug von Taggeldern der Arbeitslosenversicherung ab, woran sie auf Einsprache von A. hin gestützt auf neuerliche Abklärungen beim SECO mit Entscheid vom 25. August 2008 festhielt.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp367072"></a><span class="bold">B. </span>Die von A. hiegegen eingereichte Beschwerde wies das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit Entscheid vom 17. Dezember 2009 ab.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp368448"></a><span class="bold">C. </span>A. führt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit dem Antrag, unter Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheides sei ihr Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung anzuerkennen. Ferner ersucht sie um die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung.</div> <div class="paraatf">Während die Ausgleichskasse auf eine Vernehmlassung verzichtet, schliesst das Bundesamt für Sozialversicherungen auf Abweisung der Beschwerde.</div> <div class="paraatf">Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab.</div> <br/><div> <a name="idp371136"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> </div> <br/><div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp372096"></a><span class="bold" id="consideration_1.">1. </span>Das EOG (SR 834.1) regelt unter Ziff. IIIa., eingefügt durch Ziff. I des Bundesgesetzes vom 3. Oktober 2003 (AS 2005 1429, 1432), in Kraft seit 1. Juli 2005, die Mutterschaftsentschädigung. Anspruchsberechtigt ist nach <span class="artref">Art. 16b Abs. 1 EOG</span> eine Frau, die:</div> <div class="paraatf citation">a) während der neun Monate unmittelbar vor der Niederkunft im Sinne des AHVG obligatorisch versichert war;</div> <div class="paraatf citation">b) in dieser Zeit mindestens fünf Monate lang eine Erwerbstätigkeit ausgeübt hat; und</div> <div class="paraatf citation">c) im Zeitpunkt der Niederkunft:</div> <div class="paraatf citation">1. Arbeitnehmerin im Sinne von <span class="artref">Art. 10 ATSG</span> ist;</div> <div class="paraatf citation">2. Selbstständigerwerbende im Sinne von <span class="artref">Art. 12 ATSG</span> ist; oder</div> <div class="paraatf citation">3. im Betrieb des Ehemannes mitarbeitet und einen Barlohn bezieht. <a name="page241"></a><div class="center pagebreak">BGE 136 V 239 S. 241</div> </div> <div class="paraatf">Nach Abs. 3 regelt der Bundesrat:</div> <div class="paraatf citation">(...) die Anspruchsvoraussetzungen für Frauen, die wegen Arbeitsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit:</div> <div class="paraatf citation">a) die Voraussetzungen von Absatz 1 Buchstabe a nicht erfüllen;</div> <div class="paraatf citation">b) im Zeitpunkt der Niederkunft nicht Arbeitnehmerinnen oder Selbstständigerwerbende sind.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp386896"></a><span class="bold" id="consideration_2.">2. </span>Die in <span class="artref"><artref id="CH/834.1/16^b/c" type="start"></artref><artref id="CH/834.1/16^b/1/c" type="start"></artref><artref id="CH/834.1/16^b/1/a" type="start"></artref>Art. 16b Abs. 1 lit. a-c EOG</span><artref id="CH/834.1/16^b/1/c" type="end"></artref><artref id="CH/834.1/16^b/c" type="end"></artref><artref id="CH/834.1/c" type="end"></artref> genannten Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein. Die Mutterschaftsentschädigung ist grundsätzlich auf Frauen beschränkt, die im Zeitpunkt der Niederkunft erwerbstätig waren, d.h. die bei der Niederkunft noch in einem gültigen privat- oder öffentlich-rechtlichen Arbeitsverhältnis oder Lehrverhältnis stehen oder als Selbstständigerwerbende im Zeitpunkt der Niederkunft von der AHV als solche anerkannt sind (<span class="artref">Art. 16b Abs. 1 lit. c EOG</span>; BBl 2002 7543 f.; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=13&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2010&amp;to_year=2010&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-V-73%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page73">BGE 133 V 73</a> E. 4.1 S. 77 f.; Urteil 9C_171/2008 vom 28. Mai 2008 E. 4.2). Ausnahmen sollen nur dann gemacht werden, wenn eine Frau wegen Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit im Zeitpunkt der Niederkunft nicht als erwerbstätig gilt (<span class="artref">Art. 16b Abs. 3 EOG</span>; BBl 2002 7544). Nach <span class="artref">Art. 29 EOV</span> (SR 834.11) hat eine Mutter, die im Zeitpunkt der Geburt arbeitslos ist oder infolge Arbeitslosigkeit die erforderliche Mindesterwerbsdauer nach <span class="artref">Art. 16b Abs.1 lit. b EOG</span> nicht erfüllt, Anspruch auf Entschädigung, wenn sie bis zur Geburt ein Taggeld der Arbeitslosenversicherung bezog (lit. a) oder am Tag der Geburt die für den Bezug eines Taggeldes nach dem AVIG erforderliche Beitragsdauer erfüllt (lit. b).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp404000"></a><span class="bold" id="consideration_2.1">2.1 </span>Gemäss Ingress von <span class="artref">Art. 16b Abs. 3 EOG</span> und <span class="artref">Art. 29 EOV</span> ist Voraussetzung für den ausnahmsweisen Leistungsanspruch trotz Fehlens einer Erwebstätigkeit, dass die Mutter im Zeitpunkt der Geburt arbeitslos ist. Nach <span class="artref"><artref id="CH/837.0/10/2" type="start"></artref><artref id="CH/837.0/10/1" type="start"></artref>Art. 10 Abs. 1 und 2 AVIG</span><artref id="CH/837.0/10/2" type="end"></artref><artref id="CH/837.0/2" type="end"></artref> (SR 837.0) gilt als ganz bzw. teilweise arbeitslos, wer in keinem oder nur einem teilzeitlichen Arbeitsverhältnis steht und eine Vollzeit- bzw. eine weitere Teilzeitbeschäftigung sucht. Gemäss <span class="artref">Art. 10 Abs. 3 AVIG</span> gilt der Arbeitsuchende erst dann als arbeitslos, wenn er sich beim Arbeitsamt zur Arbeitsvermittlung gemeldet hat. Die Vorinstanz hat gestützt auf diese Bestimmung erwogen, die Beschwerdeführerin sei gar nicht arbeitslos, weil sie, was unbestritten ist, im Zeitpunkt der Geburt ihres Kindes nicht beim Arbeitsamt zur Arbeitsvermittlung gemeldet gewesen sei. Nach der Entstehungsgeschichte von <span class="artref">Art. 16b Abs. 3 EOG</span> soll allerdings nicht verlangt werden, dass eine Frau <a name="page242"></a><div class="center pagebreak">BGE 136 V 239 S. 242</div>im Zeitpunkt der Niederkunft auch tatsächlich Arbeitslosenentschädigung bezieht. Ein Anspruch soll auch dann bestehen, wenn ohne Bezug von Arbeitslosenentschädigung im Zeitpunkt der Geburt eine Rahmenfrist für den Leistungsbezug eröffnet ist, unabhängig davon, ob unmittelbar vor der Niederkunft Arbeitslosenentschädigung bezogen wird, oder wenn unmittelbar vor oder unmittelbar nach der Niederkunft eine nach dem AVIG genügende Beitragszeit nachgewiesen ist oder ein Grund für die Befreiung von der Erfüllung der Beitragszeit vorliegt. Im Sinne einer konsequenten Leistungsabgrenzung und Koordination zwischen AVIG und EOG soll damit vermieden werden, dass sich Versicherte zur Wahrung ihrer Ansprüche auf Mutterschaftsentschädigung zum Bezug von Arbeitslosenentschädigung anmelden müssen. Eine solche Anmeldung könnte angesichts des starren Rahmenfristensystems in der Arbeitslosenversicherung zu einer massiven Beeinträchtigung ihrer Ansprüche im Falle einer späteren Arbeitslosigkeit führen. Zudem verlangt das Gebot der Gleichbehandlung eine solche Regelung, weil ansonsten die Kategorie der beitragsfrei versicherten Personen ungleich behandelt würde, je nachdem, ob im Zeitpunkt der Niederkunft ein Antrag auf Arbeitslosenentschädigung gestellt worden ist oder nicht (BBl 2003 1121 f.; vgl. auch AB 2003 S 541). Nach diesen Ausführungen ist also der Begriff "arbeitslos" gemäss <span class="artref">Art. 16b Abs. 3 EOG</span> und <span class="artref">Art. 29 EOV</span> nicht im Sinne von <span class="artref">Art. 10 Abs. 3 AVIG</span> zu verstehen. Eine Abweichung ist jedoch nur vom formellen Erfordernis der Anmeldung beim Arbeitsamt zulässig. Materiell muss Arbeitslosigkeit vorliegen.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp425328"></a><span class="bold" id="consideration_2.2">2.2 </span>Vorausgesetzt ist des Weiteren für die Mutter, die nicht bis zur Geburt ein Taggeld der Arbeitslosenversicherung bezogen hat (<span class="artref">Art. 29 lit. a EOV</span>), dass sie am Tag der Geburt die für den Bezug eines Taggeldes nach dem AVIG erforderliche Beitragsdauer erfüllt (<span class="artref">Art. 29 lit. b EOV</span>). Umstritten ist, ob dieses Erfordernis im Falle der Beschwerdeführerin erfüllt ist. Fest steht, dass sie innerhalb der ordentlichen Rahmenfrist für die Beitragszeit von zwei Jahren vor der Geburt (<span class="artref">Art. 9 Abs. 3 AVIG</span>) nicht während mindestens 12 Monaten eine beitragspflichtige Tätigkeit ausgeübt hat (<span class="artref">Art. 13 Abs. 1 AVIG</span>), da sie ab August 2006 keinen Lohn mehr bezog. Anrechnungen nach <span class="artref">Art. 13 Abs. 2 lit. d AVIG</span> werden nicht geltend gemacht. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die massgebliche Rahmenfrist nach <span class="artref">Art. 9b Abs. 2 AVIG</span> verlängert werden kann. Dieser Bestimmung zufolge beträgt die Rahmenfrist für die Beitragszeit von Versicherten, die sich der Erziehung ihrer Kinder gewidmet haben, vier Jahre, <a name="page243"></a><div class="center pagebreak">BGE 136 V 239 S. 243</div>sofern zu Beginn der einem Kind unter zehn Jahren gewidmeten Erziehung keine Rahmenfrist für den Leistungsbezug lief.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp463376"></a><span class="bold" id="consideration_2.3">2.3 </span>Nach dem Wortlaut von <span class="artref">Art. 29 lit. b EOV</span> ist nicht ohne weiteres klar, worauf sich die Beitragsdauer bezieht, d.h. in welchem Zeitraum sie erfüllt worden sein muss. Indessen ist die Verordnung gesetzeskonform auszulegen, mit Blick auf die in den neuen Bestimmungen des EOG zum Ausdruck kommende Grundsatzentscheidung des Gesetzgebers, wonach nur erwerbstätige Frauen Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung haben sollen. Diesen gleichgestellt sind Frauen, die <i>wegen</i> Arbeitslosigkeit (oder Arbeitsunfähigkeit) im Zeitpunkt der Niederkunft nicht erwerbstätig waren. Nur für diese Fälle ermächtigt <span class="artref">Art. 16b Abs. 3 EOG</span> den Bundesrat, von den in Abs. 1 genannten Voraussetzungen abzuweichen. Würde der Bundesrat die Anspruchsberechtigung auf weitere Fälle nicht erwerbstätiger Frauen ausdehnen, wäre die Verordnung gesetzwidrig (vgl. auch BBl 2003 1121).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp469664"></a><span class="bold" id="consideration_2.4">2.4 </span>Wer wie die Beschwerdeführerin seit längerer Zeit keine bezahlte Erwerbstätigkeit mehr ausübt, ohne sich bei der Arbeitslosenversicherung anzumelden, ist nicht <i>wegen</i> Arbeitslosigkeit nicht erwerbstätig, sondern aus anderen, beispielsweise familiären Gründen. Eine gesetzeskonforme Auslegung der Verordnung führt daher dazu, dass unter Beitragsdauer im Sinne von <span class="artref">Art. 29 lit. b EOV</span> nur diejenige, die in der ordentlichen zweijährigen Rahmenfrist zurückgelegt wurde, verstanden werden kann.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp473728"></a><span class="bold" id="consideration_3.">3. </span>In sachverhaltlicher Hinsicht kritisiert die Beschwerdeführerin, die Annahme der Vorinstanz, sie sei im Zeitpunkt der Niederkunft nicht auf Stellensuche gewesen, sei willkürlich. Bei der dargelegten rechtlichen Ausgangslage ist diese Rüge irrelevant.</div> </div></body></html>