B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-115/2018 U r t e i l v o m 5 . M ä r z 2 0 2 0 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richterin Mia Fuchs, Richter Grégory Sauder, Gerichtsschreiberin Sandra Bodenmann. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw El Uali Emmhammed Said, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Aargau, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 4. Dezember 2017. E-115/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer sein Heimatland Eritrea am 11. August 2014 und gelangte zu Fuss auf dem Landweg nach Kassala (Sudan) und anschliessend nach Tripolis (Libyen), wo er sich bis Mitte September 2015 aufhielt. Anschliessend gelangte er auf dem See- weg nach Italien. Am 24. September 2015 reiste er in die Schweiz ein und stellte gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Chiasso ein Asylgesuch. B. Am 30. September 2015 fand eine verkürzte summarische Befragung des Beschwerdeführers zur Person (BzP) statt. Am 22. Juni 2017 wurde er ein- lässlich zu seinen Asylgründen befragt. Dabei brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er sei eritrei- scher Staatsangehöriger tigrinischer E thnie und christlich -orthodoxen Glaubens. Er sei ledig, sei in B._______ geboren und habe seit Kindesalter bis zum 30. Juli 2014 in C._______, Zoba D._______ gelebt. Seine Mutter habe einen (…) geführt. Der Beschwerdeführer habe dabei ausgeholfen; die Einkünfte hätten nicht immer fürs Essen aus gereicht. Sie seien vom Vater nicht unterstützt worden. Er habe zudem in einem grossen (…)be- trieb gearbeitet. Er sei mit acht Jahren eingeschult worden und habe in C._______ die Ele- mentary, Junior und High School «E._______» bis zur 11. Klasse besucht. Als er seine Identitätskarte habe ausstellen lassen, habe er angegeben , zwei Jahre älter zu sein, weil er sonst nicht hätte arbeiten können; die ent- sprechenden Daten seien von der Schule übernommen worden. Er habe später behauptet, älter zu sein. Nach der Absolvierung der Schulprüfung sei er – gemäss seiner Identitäts- karte 23-jährig, in Wirklichkeit 21-jährig – am 30. respektive 31. Juli 2014 gemeinsam mit etwa 60 Personen während einer rund 10 -stündigen Bus- fahrt nach Sawa gefahren worden. Dort seien die Ankömmlinge von Leuten mit Stöcken empfangen worden. Jeder, der aus dem Bus ausgestiegen sei, sei auf den Rücken geschlagen und aufgefordert worden, sich auf den Bo- den zu legen, worauf andere aufgefordert worden seien, ihnen ihr "Haili" (Anmerkung des Gerichts: Kompanie) zu zeigen. Sie seien dann zwei Stun- den lang in der Sonne stehen gelassen worden ; man werde geschlagen unabhängig davon, ob die Anordnungen befolgt würden oder nicht. E-115/2018 Seite 3 Es gebe verschiedene "Hailis" und "Kifle Serawit (KS)" (Anmerkung des Gerichts: Divisionen). Er sei von seinen zwei Vorgesetzen F._______ und G._______ noch am Abend seiner Ankunft in Sawa der Einheit: (…). KS, (…). Brigade, (…). Bataillon, (…). Haili, (…). Ganta, (…). Mesre zugeteilt worden. Weil er körperlich etwas stärker gebaut gewesen sei als die ande- ren, habe man ihn zum Leiter der «Mesre» (Anmerkung des Gerichts: Trupp) gemacht und ihm dabei 22 Leute unterstellt. Er habe diese Verant- wortung zunächst nicht übernehmen wollen, sei dann aber geschlagen worden, weshalb er nachgegeben habe. Sie hätten Gebäude und Toiletten reinigen und Rohre in die Erde verlegen müssen und seien dabei geschla- gen worden. Der Beschwerdeführer sei wiederum von seinem Vorgesetz- ten G._______ an der Sonne liegengelassen und mit Zuckerwasser über- gossen worden. Am folgenden Morgen habe es eine Versammlung gege- ben, an welcher den Neuankömmlingen Anordnungen und Informationen abgegeben worden seien. Während den Trainingseinheiten habe er unter Durchfall gelitten und sei krank geworden. Nachts sei es schlimmer geworden. Er habe sich mor- gens um 2 Uhr beim Vorgesetzten gemeldet und um Medikamente gebe- ten, sei von diesem aber wütend zurechtgewiesen worden. Am nächsten Morgen sei er um 4 Uhr geweckt worden. Das Trainin g habe um 6 Uhr begonnen und er habe wiederum Durchfall gehabt. In der Folge sei er auf die Brust geschlagen worden, sei rückwärts gefallen, habe auf einem Stein aufgeschlagen und habe das Bewusstsein verloren. Von den anderen habe er erfahren, dass er 20 Minuten lang bewusstlos gewesen sei. Der Be- schwerdeführer sei um 10 Uhr beim Frühstück erschienen; am Abend habe es eine erneute Trainingseinheit gegeben. Er habe an Schmerzen gelitten, weshalb er sich wiederum beim Vorgesetzten gemeldet habe, da es sonst niemanden gegeben habe, an den er sich hätte wenden können. Er sei 24 Stunden lang an die Sonne gesetzt, gefesselt und seine Arme seien hinter seinem Rücken verschränkt worden. Zudem habe sein Vorgesetzter münd- liche Drohungen gegen ihn ausgestossen. Er habe sich von diesem Zeitpunkt an von den anderen abgesondert und sich ständig eingeredet, er sei nach Sawa gekommen, um seine Pflicht zu erfüllen, die Schule zu beenden und das höchste Schulniveau zu erreichen. Ihm sei eine Verantwortung aufgebürdet worden und er sei wegen des psy- chischen Stresses fast verrückt geworden. Er habe sich überlegt, auszu- reisen. Er habe keine Nacht ruhig in Sawa schlafen können. E-115/2018 Seite 4 Drei Tage nach dem Vorfall mit den Schlägen und seiner Bewusstlosigkeit, am (…), etwa um 20 Uhr, sei er nach dem Nachtessen zusammen mit wei- teren fünf Personen aus dem Camp geflohen. Sie hätten dabei die Schüler, die ein grosses Tor («Gate») mit Stöcken bewaffnet bewacht hätten, bei- seite geschoben und hätten das Tor passiert. Die vier wachhabenden Schüler hätten geschrien, weshalb in de r Folge Soldaten auf die Fliehen- den geschossen hätten. Keiner der fünf Flüchtenden sei verletzt worden. Sie seien anschliessend nach einem dreitägigen Fussmarsch nach Kas- sala (Sudan) gelangt und seien unterwegs Rashaidas begegnet, die sie hätten entführen wollen. Zudem seien sie von Sudanesen mit Macheten bedroht worden. In Kassala gebe es einen Ort, wo man ein Asylgesuch stellen könne. Sie seien dann ins Lager Shegereab gebracht worden, wo sie sich zwei Wochen lang aufgehalten hätten. Er habe nie einen R eisepass besessen; seine im Jahr 2011 ausgestellte und zeitlich unbeschränkt gültige Identitätskarte habe er zu Hause in C._______ zurückgelassen. Er habe Eritrea alleine deshalb verlassen, um nicht den Militärdienst absol- vieren zu müssen. Wenn er nach Eritrea zurückkehre, werde er im «Under» (Anmerkung des Gerichts: unterirdische Gefängniszellen) inhaftiert und umgebracht. Zu seinen familiären Verhältnissen gab er an, seine Eltern seien geschie- den und lebten seit seinem 2. Lebensjahr getrennt; sie seien beide Solda- ten gewesen. Seine Mutter und eine Schwester lebten in C._______; beide seien gesundheitlich angeschlagen. Sein Vater sei Soldat und lebe mit der zweiten Halbschwester sowie drei Halbbrüdern des Beschwerdeführers zusammen in H._______. Im Übrigen habe er weitere Verwandte, Onkel und Cousins in Eritrea. Die bei der Anhörung vom 22. Juni 2017 anwesende Hilfswerksvertretung hielt im Anschluss an die Protokollierung fest, der Beschwerdeführer habe von körperlicher und psychischer Misshandlung berichtet. Aufgrund der Er- lebnisse sei von einer Traumatisierung auszugehen. C. Am 14. April 2016 reichte der Beschwerdeführer seine eritreische Identi- tätskarte im Original nach. D. Mit Verfügung vom 4. Dezember 2017 – am 6. Dezember 2017 eröffnet – E-115/2018 Seite 5 hielt das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht. Sein Asylgesuch wurde abgelehnt, seine Wegweisung aus der Schweiz angeordnet und der Wegweisungsvollzug verfügt. Das SEM hielt dabei im Wesentlichen fest, der Beschwerdeführer habe un- substanziierte, stereotype und teilweise widersprüchliche Angaben ge- macht. Es entstehe deshalb der Eindruck, dass sich die Ereignisse in we- sentlichen Teilen nicht so zugetragen hätten, wie diese dargestellt worden seien. Den Schilderungen der Kernvorbringen fehle es insbesondere an Realkennzeichen. Der Bericht zu den bereits bei der Ankunft in Sawa vom Beschwerdeführer erlittenen Schlägen, die Reinigung der Toiletten, die Schläge, das Übergiessen mit Zuckerwasser, das Aussetzen an der Sonne, seine Absonderung von den anderen wirke an me hreren Stellen übertrieben und konstruiert. Auf Nachfragen hin habe der Beschwerdefüh- rer weder ausführlich e noch vertiefende Antworten gegeben, beispiels- weise hinsichtlich der Aufforderung, seine Ankunft in Sawa eingehend zu schildern. Hätte der Beschwerdeführer die geltend gemachte Ausnahmesi- tuation tatsächlich erlebt, wäre eine ausführliche und erlebnisgeprägte Schilderung seiner Erfahrungen zu erwarten gewesen. Im Weiteren habe sich der Beschwerdeführer bei Ver tiefungsfragen in mehrere Widersprüche verstrickt, namentlich bei seiner Auskunft über die Informationsversammlung und seine Ernennung als Truppführer. So habe er einerseits angegeben, dass noch keine Informationsveranstaltung statt- gefunden habe am Tag seiner Ankunft in Sawa. Erst nach dieser Veranstal- tung sei er zum Truppführer ernannt worden (A19, Frage 82). Bei der de- taillierteren Schilderung seiner Ernennung und Wahl zum Truppführer habe er sich dahingehend geäussert, dass er noch am Abend der Ankunft für diese Aufgabe auserwählt worden sei; die Informationsveranstaltung habe erst am folgenden Morgen seiner Ankunft in Sawa stattgefunden (A19, Fra- gen 91-95). Zudem habe er widersprüchliche Angaben zum Ablauf der auf- erlegten Strafen bei der Toilettenreini gung und zu seiner Erkrankung ge- macht. Die Ausführungen zu seiner Flucht von Sawa hätten zwar einen möglichen Ablauf seiner Flucht beschr ieben, wirkten jedoch insgesamt ausgespro- chen stereotyp und beinhalteten keine Elemente, die von tatsächlich Erleb- tem zeugen würden. Es wäre zu erwarten gewesen, dass der Beschwer- deführer die risikoreiche Situation und die damit verbundenen Gedanken- gänge und Emotionen vertieft hätte schildern können. Seine Angaben er- weckten den Eindruck, als hätte er bei der Präsentation einer auswendig E-115/2018 Seite 6 gelernten Geschichte die Übersicht verloren. Es könne daher nicht ge- glaubt werden, dass er für das zwölfte Schuljahr nach Sawa gegangen und von dort geflohen sei. Aufgrund des engen Sachzusammenhangs zwi- schen diesen Vorbringen und der unmittelbar darauffolgenden Ausreise in den Sudan sei auch die angeblich illegale Ausreise unglaubhaft. Schliesslich wurde der Wegweisungsvollzug als zulässig, zumutbar und möglich eingestuft . Dabei wurde insbesondere auf das soziale Bezie- hungsnetz des Beschwerdeführers in Eritrea verwiesen. E. Mit Eingabe seines damaligen Rechtsvertreters vom 5. Januar 2018 liess der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein- reichen. Dabei wurde beantragt, die Verfügung des SEM vom 4. Dezember 2017 sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu erteilen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuhe- ben und wegen Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzuges die vorläufige Aufnahme anzuordnen; subeventuali ter sei die Verfügung des SEM aufzuheben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurden die unentgeltliche Prozessfüh- rung und die Beiordnung des mandatierten Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand beantragt. Zur Begründung wurde ausgeführt, das SEM habe verkannt, dass die Aus- sagen des B eschwerdeführers zahlreiche Realkennzeichen aufweisen würden und inhaltlich kongruent seien. Er habe seine Erlebnisse in Sawa im Rahmen des freien Berichts ausführlich und detailliert und seine Erwar- tungen und Gefühle nachvollziehbar geschildert. Er habe ungewöhnliche Details genannt und in sprunghafter Weise berichtet, was für seine Glaub- würdigkeit spreche. Im Verlauf der Anhörung habe er Aussagen von betei- ligten Personen immer wieder in der direkten Rede wiedergegeben und beim Bericht über körperliche Beschwerden und Folter jeweils gestikuliert, um seinen Schilderungen Ausdruck zu verleihen. Er habe auch darum ge- beten, die Örtlichkeit in Sawa skizzieren zu dürfen, was die Vorinstanz nicht zugelassen habe (A19 , Antwort 84). Dennoch habe er nachvollziehbare örtliche Beschreibungen abgegeben. Er habe auch seinen inneren Konflikt beschrieben, nachdem er als Mesre-Leiter seinem Vorgesetzten vom Fehl- verhalten eines Kameraden berichtet habe. Diese Schilderungen zeigten eindrücklich, dass er sich in einer ausweglosen Situation befunden habe E-115/2018 Seite 7 und immer noch unter dem Erlebten leide. Wie die Hilfswerksvertretung festgehalten habe, weise das Verhalten des Beschwerdeführers auf eine Traumatisierung hin, was in der angefochtenen Verfügung überhaupt nicht berücksichtigt worden sei. Die Angaben zur Informationsveranstaltung und zur Ernennung zum Mesre-Leiter seien vom SEM zu seinen Ungunsten aus gelegt worden. Er habe widerspruchsfrei berichtet, dass a m Abend seiner Ankunft in Sawa eine kurze Versammlung stattgefunden habe, an welcher die Vorgesetzten vorgestellt worden seien und eine Arbeitszuteilung stattgefunden habe. Er habe weiter zu Protokol l g egeben, dass am Folgetag eine grosse Ver- sammlung durchgeführt worden sei, an welcher die neuen Schüler über die Verhaltensregeln und Vorschriften informiert worden seien ; seine eigene Ernennung zum Leiter der Mesre habe bereits am Vorabend stattgefunden. Auch der vom SEM vorgehaltene Widerspruch betreffend den Zeitpunkt seiner Erkrankung und de n Vorfall bei der Toilettenreinigung beruhe auf einem Missverständnis. Er habe in seinem freien Bericht zu Protokoll ge- geben, dass er nach den Bestrafungen krank geworden sei. Später habe er den Bericht ergänzt und angegeben, dass er etwa drei Tage nach seiner Ankunft in Sawa erkrankt sei und der Vorfall bei der Toilettenreinigung erst danach stattgefunden habe. Dieses Hinzuf ügen von Erinnerungsteilen müsse als Realkennzeichen gewertet werden und nicht als das Wiederho- len einer einstudierten Geschichte. Der Beschwerdeführer sei illegal, ohne entsprechende Reisepapiere, aus Eritrea ausgereist. Männer bis zum 54. Altersjahr würden grundsätzlich von der Visumserteilung ausgeschlossen. Wer das Land ohne Erlaubnis zu ver- lassen versuche, riskierte sein Leben, da die Grenzschutztruppen auf Be- fehl Fluchtversuche mit gezielten Schüssen verhinderten. Das eritreische Regime erachte das illegale Verlassen des Landes als ein Zei chen politi- scher Opposition gegen den Staat. Das SEM habe es unterlassen, zusätz- liche Anknüpfungspunkte im Sinne des Referenzurteils D -7898/2015 vom 30. Januar 2017 eingehend zu prüfen und sich darauf beschränkt, die ille- gale Ausreise als unglaubhaft zu bezeichnen. Der Beschwerdeführer habe im Heimatland in einem staatlichen Betrieb gearbeitet, er sei den eritrei- schen Behörden somit bekannt und es sei davon auszugehen, dass ihm die illegale Ausreise besonders angelastet werde. Es müsse zudem davon ausgegangen werden, dass d ie Rückschaffung d es Beschwerdeführers völkerrechtswidrig sei und insbesondere gegen Art. 3 und 4 EMRK verstosse. Zudem sei der Wegweisungsvollzug unzumutbar. Die finanzielle E-115/2018 Seite 8 Situation der Familie des Beschwerdeführers habe sich aufgrund seiner Flucht deutlich verschlechtert, er könn te seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten und würde in eine existenzielle Notlage geraten, weshalb die vorläufige Aufnahme anzuordnen sei. F. Mit Instruktionsverfügung vom 16. Januar 2018 hielt das Bunde sverwal- tungsgericht fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfah- rens in der Schweiz abwarten. Das Gesuch um Gewährung der unentgelt- lichen Rechtspflege wurde gutgeheissen und d er damalige, vom Be- schwerdeführer mandatierte Rechtsvertreter , MLaw Ru edy Bollack, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (…), wurde als amtlicher Rechts- beistand eingesetzt. G. In seiner Vernehmlassung vom 22. Januar 2018 hielt das SEM ohne er- gänzende Ausführungen an seinen Erwägungen fest. Diese Vernehmlas- sung wurde dem Beschwerdeführer am 24. Januar 2018 zur Kenntnis ge- bracht. H. Mit Eingabe vom 2. Februar 2018 reichte der damalige Rechtsvertreter eine detaillierte Kostennote zu den Akten. I. Mit Eingabe vom 17. Juli 2018 liess der Beschwerdeführer ergänzend aus- führen, er bef inde sich seit März 2018 bei den Psychiatrischen Dienste n I._______ in Behandlung. Die aktuelle Diagnose laute auf: «Anpassungs- störung F43.2 mit einer längeren depressiven Reaktion sowie einer depres- siven Episode F32.1». Des Weiteren bestehe ein dringender Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung F43.1 (PTBS). Gemäss den be- handelnden Ärzten erschienen die in den therapeutischen Sitzungen er- folgten Schilderungen des Beschwerdeführers über Erniedrigung sowie über physische und psychische Gewalt als glaubhaft. Der Beschwerdefüh- rer leide unter Wachträumen, wiederkehrenden Bildern im Kopf, Schreck- haftigkeit, Albträumen, Angstgefühlen und emotionaler Labilität. Er benö- tige weitere Behandlungen, vor allem wenn sich die Diagnose der PTBS stellen lasse. Laut Arztbericht sei zudem möglich, dass er sich bei den An- hörungen durch die Traumafolgestörungen nicht habe an schwer belas- tende Informationen erinnern können oder emotional distanziert und unbe- teiligt gewirkt habe. Deshalb erweise sich die Auffassung der E-115/2018 Seite 9 Vorinstanz, die Schilderungen seien unsubstan ziiert und widersprüchlich, als nicht haltbar. Eine Wegweisung des Beschwerdeführers würde zur Ein- berufung in den Nationaldienst führen, wo die medizinische Versorgung nur sehr elementar vorhanden sei, wozu auf die Urteile E -5022/2017 vom 10. Juli 2018 E. 5.2.2 sowie D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 17.2 verwiesen werde. Dieser Eingabe wurde ein Bericht der I._______ vom 29. Juni 2018 beige- legt. J. Mit Zwischenverfügung vom 5. März 2019 wurde MLaw El Uali Emmham- med Said, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (…), neu als amtlicher Rechtsbeistand des Beschwerdeführers eingesetzt, nachdem der bishe- rige Rechtsvertreter (MLaw Ruedy Bollack) gemäss Schreiben vom 28. Februar 2019 sein Arbeitsverhältnis bei derselben Rechtsberatungs- stelle per Ende Februar 2019 beendet hatte, um eine Überweisung eines allfälligen Honoraranspruchs an die Rechtsberatungsstelle ersucht hatte und in der Folge vom Bundesverwaltungsgericht aus seinem amtlichen Vertretungsmandat entlassen wurde. K. Mit Eingabe vom 25. März 2019 wurde ein weiter er Arztbericht der I._______ vom 20. März 2019 eingereicht, aus welchem insbesondere die Diagnosen einer PTBS (F43.1) und einer mittelgradigen bis schweren de- pressiven Episode (F32.1) sowie eine medikamentöse Behandlung hervor- gehen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). E-115/2018 Seite 10 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet be treffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Aus gerichtsinternen, organisatorischen Gründen im Geschäftsbetrieb der Abteilung V ist Instruktionsrichterin Christa Luterbacher seit 1. Januar 2020 für das vorliegende Beschwerdeverfahren neu zuständig und amtet daher als vorsitzende Richterin. 1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). E-115/2018 Seite 11 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein redu- ziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge- macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig ü berzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und ü berwiegende Umstände gegen die vorge- brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne ei- ner Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachver- haltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objek- tivierte Sichtweise abzustellen ( vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2012/5 E. 2.2, beide mit weiteren Verweisen, insbesondere auf: EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; sowie: ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die Recht- sprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig be- gründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 AsylG). Die Glaubhaftigkeit von Aussagen asylsuchender Personen kann im Rah- men eines inhaltsorientierten Ansatzes aufgrund sogenannter Realkenn- zeichen beurteilt werden. Die Realkennzeichen ermöglichen eine Differen- zierung zwischen erlebnisbasierten und erfundenen respektive verfälsch- ten Aussagen. Je mehr Realkennzeichen eine Aussage enthält, desto grös- ser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage auf eigenem Erleben be- ruht. Dabei sind immer die Fähigkeiten der aussagenden Person und die Komplexität des vorgebrachten Geschehens zu berücksichtigen. Zu den Realkennzeichen gehören insbesondere die logische Konsistenz, die un- geordnete, aber inhaltlich letztlich stimmige Darstellung, der qua ntitative Detailreichtum, raum -zeitliche Verknüpfungen, die Wiedergabe von Ge- sprächen, ausgefallene Einzelheiten, spontane Verbesserungen der eige- nen Aussagen, das Eingeständnis von Erinnerungslücken sowie die Schil- derung von Interaktionen, Komplikationen, Nebensächlichkeiten, unver- standenen Handlungselementen und eigenen psychischen Vorgängen E-115/2018 Seite 12 (vgl. ANGELIKA BIRCK, Traumatisierte Flüchtlinge, Wie glaubhaft sind ihre Aussagen?, Heidelberg 2002, S. 82 ff. und S. 139 ff.; REVITAL LUDEWIG/DAPHNA TAVOR/SONJA BAUMER, Wie können aussagepsychologi- sche Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, in: AJP 11/2011, S. 1423 ff.; vgl. auch BGE 129 I 49 E. 5 sowie BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1 und 2012/5 E. 2.2, jeweils m.w.H.). 4. 4.1 Das SEM begründete seine Verfügung vom 4. Dezember 2017 im We- sentlichen mit Zweifeln am Wahrheitsgehalt der Kernvorbringen des Be- schwerdeführers. Insbesondere seine Schilderungen zum vorgetragenen Aufenthalt und zu seinen Erlebnissen in Sawa, seine Flucht von dort und seine geltend gemachte, illegale Ausreise aus Eritrea in den Sudan seien nicht überzeugend und ohne Realkennzeichen dargelegt worden . (vgl. Sachverhalt oben, Bst. D). 4.2 Der Beschwerdeführer bestritt in seiner Rechtsmitteleingabe vom 5. Januar 2018 de n Vorhalt unsubstanziierter und widersprüchlicher Vor- bringen; er habe zu seiner Ankunft in Sawa, zu seinen Erwartungen an die Zeit als Schüler und Soldat in Sawa, zu seinem Einsatz bei den Militärtrai- nings und zur Flucht aus dem Militärcamp übereinstimmende und strin- gente Auskünfte gegeben . Zudem verwies er auf seine psychische Ge- sundheitssituation und die in diesem Zusammenhang eingereichten Arzt- berichte (vgl. Sachverhalt oben, Bst. E, I und K). Auch seinen Ärzten ge- genüber, bei denen er seit März 2018 in Behand lung ist, sprach der Be- schwerdeführer von gewaltsamen und traumatisierenden Erfahrungen im eritreischen Militärdienst. 4.3 Nachdem das SEM die Abweisung des Asylgesuches im Wesentlichen mit der fehlenden Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Desertion und der illegalen Ausreise aus Eritrea begründete, ist im Folgenden zu prüfen, ob sich das Bundesverwaltungsgericht diesen vorinstanzlichen Erwägun- gen anschliesst oder nicht. 5. 5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge- nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substan- ziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen E-115/2018 Seite 13 stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhö- rung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü- che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe- sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus- wechselt, steigert oder unbegründet nachsc hiebt oder die nötige Mitwir- kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Wie in E. 3.2 festgehalten, ist dabei auf eine objektivierte Sichtweise abzu- stellen. 5.2 Zur Frage der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers ist unter Beachtung der soeben in E. 5.1 und in E. 3.2 dargelegten Grund- sätze Folgendes festzustellen: 5.2.1 Das Gericht kommt nach einer umfassende n Prüfung der Verfah - rensakten zum Schluss, dass der Beschwerdeführer die Kernpunkte seiner Asylgründe – den Eintritt in das 12. Schuljahr respektive den Antritt des militärischen Trainings in Sawa, die dort erfolgte Einteilung in eine militäri- sche Einheit und die seitens seiner militärischen Vorgesetzten erlittenen Misshandlungen und menschenunwürdige Behandlung, seine Flucht aus dem Trainingscamp in Sawa und seine illegale Ausreise in den Sudan – im Wesentlichen widerspruchsfrei und ohne gravierende Unglaubhaftigkeits- elemente geschildert hat. Gewisse Ungereimtheiten bestehen zwar im Zusam menhang mit seinen Altersangaben. Der Beschwerdeführer gab an, er habe sich bei der Aus- stellung seiner Identitätskarte um zwei Jahre älter ausgegeben. Er wäre demnach nicht 1991 geboren, wie in der Identitätskarte vermerkt, sondern 1993; während des Aufenthalts in Sawa im Jahr 2014 sei er gemäss Iden- titätskarte 23, in Wirklichkeit 21 Jahre alt gewesen (vgl. A19 Antwort 100). Unstimmig bleiben hierbei die Aussagen, er sei bei der Ausstellung der Identitätskarte, im Jahr 2011, 16 Jahre alt gewesen (und habe s ich dem- nach als 18-jährig ausgegeben; vgl. A19 Antwort 98), was sich mit einem E-115/2018 Seite 14 Geburtsdatum im Jahr 1991 respektive 1993 nicht vereinbaren lässt. Auch die Aussagen zum Schulbeginn im Alter von 8 Jahren (vgl. A19 Antworten 42 und 99) erweisen sich als unsti mmig, wenn der Beschwerdeführer die 11. Klasse im Jahr 2014 beendet hat. Zu diesen Unstimmigkeiten hat das SEM indessen keinerlei klärende Nachfragen gestellt; sie erweisen sich letztlich auch nicht als ausschlaggebend. Gewisse Widersprüche hat ferner das SEM zu Recht festgestellt, was ei- nige zeitliche Abläufe in Sawa betrifft. So gab der Beschwerdeführer einer- seits bei der freien Darstellung seiner Erlebnisse in Sawa (A19 Antwort 65) an, dass nach jenem Vorfall, als er im Training geschlagen worden sei, ge- stürzt und bewusstlos geworden sei, später eine Zeit gekommen sei, in der er sich von den andern abgesondert habe; der Vorfall, bei dem er bewusst- los geworden sei, habe sich am nächsten Tag ereignet, nachdem die Durchfallerkrankung angefangen habe (A19 Antwort 65). Andererseits er- geben aber seine späteren Aussagen einen anderen Ablauf der Ereignisse; die Durchfallerkrankung habe drei bis vier Tage nach Ankunft in Sawa be- gonnen; der Vorfall, bei dem er bewusstlos geworden sei, habe sich am letzten Freitag seiner Zeit in Sawa ereignet, bevor er dann am darauffol- genden Montag die Flucht ergriffen habe (vgl. A19 Antworten 101 und 114 ff.). Wiederum hat das SEM auch in diesem Zusammenhang keine erhel- lenden Nachfragen gestellt oder dem Beschwerdeführer in der Befragung die Gelegenheit eingeräumt, zu den Unklarheiten Stellung zu nehmen. Von diesen Ungereimtheiten abgesehen erweisen sich aber die Aussagen des Beschwerdeführers als substanziiert und stimmig. In freier Darstellung seiner Asylgründe konnte er seine Erlebnisse detailliert und präzise darle- gen, ohne dass die Aussagen in freier Rede je den Eindruck von Auswen- diggelerntem erwecken würden; zutreffend wird in der Beschwerde (S. 5) insbesondere auf eine gewisse Sprunghaftigke it in der Erzählung hinge- wiesen, was als starkes Realkennzeichen zu gewichten ist. Die in freier Erzählung dargelegten Vorbringen konnte der Beschwerdeführer in der Folge in Beantwortung der zahlreichen vertiefenden Nachfragen stimmig und im Wesentlichen w iderspruchfrei vertiefen. Soweit, wie erwähnt, Un- gereimtheiten aufgetreten sind, können diese nicht als derart gewichtig gel- ten, als dass sie die zahlreichen für die Glaubhaftigkeit sprechenden Ele- mente (vgl. nachfolgend) zu überwiegen vermöchten. 5.2.2 Anlässlich der – gemäss eigener Feststellung des SEM – «sehr ver- kürzten» BzP wurde auf eine Erfassung der Asylgründe im EVZ Chiasso vollständig verzichtet. Der Beschwerdeführer gab jedoch bereits in dieser E-115/2018 Seite 15 BzP (Akte A5) bei den Angaben zur Schulbildung und sonstigen Tätigkeiten an, das 12. Schuljahr in Sawa begonnen zu haben (vgl. Ziff 1.17.0 4 und 1.17.05). Auch bei der Erfassung seiner bisherigen Aufenthalte im Heimat- staat trug er vor, er sei am 30. Juli 2014 nach Sawa gegangen und habe seine Ausreise aus Eritrea rund zwei Wochen später von dort begonnen (Ziff. 2.01 und 5.01). Bei der summarischen Schilderung seiner Ausreise gab er ebenfalls zu Protokoll, am 11. August 2014, abends um 20 Uhr, das Militärcamp von Sawa verlassen zu haben (Ziff. 5.01). Mit anderen Worten wies der Beschwerdeführer bereits bei der summarischen BzP insgesamt viermal auf seinen Aufenthalt in Sawa respektive im dortigen Militärcamp hin. 5.2.3 In der Anhörung vom 22. Juni 2017 machte er ausführlichere, inhalt- lich jedoch üb ereinstimmende Angaben zu seinem Aufenthalt i m Militär- camp in Sawa: Er gab insbesondere detaillierte Angaben zu seiner militä- rischen Einheit, zu den Kifle Serawit sowie konkrete Namen von zwei Vor- gesetzten zu Protokoll und beschr ieb seinen direkten Vorgesetzten G._______ (vgl. A19, insbesondere Antworten 84, 87-89 sowie 104 und 105). Er war auch in der Lage, zu den Tätigkeiten seiner Mesre, als deren Leiter er eingesetzt worden sei, substanziierte Angaben zu machen (A19, Fragen 103 und 107 ff.). Er schilderte den Tagesablauf seines kurzen Auf- enthalts im Camp , machte diesbezüglich konkrete Zeitangaben und be- schrieb das Innere des Camps in den Grundzügen (A19, Antworten 86, 93 und 95). 5.2.4 Entgegen dem von der Vorinstanz vertretenen Standpunkt (vgl. SEM- Verfügung vom 4. Dezember 2017, Ziff. II, S. 3 unten) schätzt das Gericht die Angaben des Beschwerdeführers zum Zeitpunkt seiner Ernennung als Leiter seiner Me sre und der Abhaltung der Informationsveranstaltung im Militärcamp als in den Grundzügen übereinstimmend ein und stellt diesbe- züglich keine Aussagewidersprüche fest. Die Reihenfolge der entsprechenden Ereignisse schilderte der Beschwer- deführer wie folgt: Nach ihrer Ankunft in Sawa hätten sich der Beschwer- deführer und die übrigen Ankömmlinge in einer Reihe aufstellen müssen. Der Vorgesetzte sei dann die Personenreihe durchgegangen und habe den Beschwerdeführer als Leiter «ausgewählt», worauf sich der Beschwerde- führer zunächst gewehrt habe (Antwort 92). Sie – die neuen Schüler res- pektive Soldaten – seien in Sawa noch am gleichen Abend ihrer Ankunft darüber informiert worden, wer ihre Vorgesetzten seien; es habe «zwei ge-E-115/2018 Seite 16 geben», die (hierarchisch) «über» dem Beschwerdeführer gestanden hät- ten: F._______ und G._______. G._______ sei der direkte Vorgesetzte des Beschwerdeführers gewesen und seinerseits F._______ unterstellt gewe- sen. Der Beschwerdeführer sei bereits an diesem Abend seiner Ankunft in Sawa von seinen beiden Vorgesetzten zum Leiter seiner Mesre eingesetzt worden (Antworten 89-93 und 137). Die Versammlung, die dazu gedient habe, die wichtigen Informationen und Anordnungen an die neu in Sawa angekommenen Schüler respektive Sol- daten weiterzugeben, habe am Folgetag stattgefunden (vgl. Antwort 93 i.V.m. Antwort 82). Auf die konkrete Nachfrage, ob diese Versammlung vor oder nach seiner Ernennung zum Truppführer stattgefunden habe, hielt der Beschwerdeführer in Antwort 93 zunächst fest, die Versammlung habe am «nächsten Tag» stattgefunden. Er wies anschliessend – und von sich aus – auf den Umstand hin, dass er «am Abend vorher», das heisst am Vor- abend der Informationsversammlung, als Leiter seiner Einheit ausgewählt worden sei. Für das Gericht bleibt angesichts dieser klaren Schilderungen des Be- schwerdeführers nicht nachvollziehbar, inwiefern das SEM in diesem Zu- sammenhang einen Widerspruch erkennt und festhält, der Beschwerde- führer habe geltend gemacht, erst nach dieser Informationsveranstaltung zum Truppenführer ernannt worden zu sein (vgl. Ziff. II, S. 7 letzter Ab- schnitt). Dieser Vorhalt des SEM erscheint konstruiert. Insbesondere ergibt sich nach Durchsicht des gesamten Protokolls ein solcher Widerspruch nicht aus der Antwort 82. Wie bereits ausgeführt, beschrieb der Beschwer- deführer in Antwort 82 den Inhalt der Informationsveranstaltung und führte aus, «Man erfährt, wer der Leiter ist. So, wie ich später der Leiter der Mesre wurde, bekommt man mit, wer einem die Befehle erteilt ». Bei einer Ge- samtwürdigung seiner Angaben zu dieser Versammlung muss festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer mit seinem Hinweis: «so, wie ich spä- ter der Leiter […] wurde» kaum ausdrücken wollte, dass er – im zeitlichen Verhältnis zur Versammlung – zu einem späteren Zeitpunkt zum Leiter der Mesre ernannt worden sei. Es muss viel mehr angenommen werden, dass er im Rahmen seiner Beschreibung der Versammlung zum Ausdruck brin- gen wollte, dass die Schüler/Soldaten bei diesem Anlass erfahren hätten, welche unter ihnen eine Führungsaufgabe zugeteilt erhalten hätten – wie sie der Beschwerdeführer « schliesslich» oder « dann auch» – erhalten habe, und welchen Personen keine entsprechende Führungsfunktion zu- gewiesen wurde. E-115/2018 Seite 17 Mit anderen Worten muss dieser Hinweis des Beschwerdeführers auf «später» – entgegen den Erwägungen des SEM – nicht zwingend einen späteren, der Informationsversammlung nachfolgenden Zeitpunkt oder Tag bedeuten. Dieser Verweis auf «später» hatte vielmehr mutmasslich zu be- deuten, dass der Beschwerdeführer selbst ja «sodann» auch eine solche Führungsfunktion innehatte. Zudem wäre eine einzige Unstimmigkeit innerhalb de r Aussagen des Be- schwerdeführers nicht verfahrensentscheidend, da seine Kernvorbringen , wie dargelegt, gesamthaft überwiegend konzise, detailreiche und überein- stimmende Angaben enthalten. Diese Unstimmigkeit würde für sich alleine die zugrundeliegenden Ereignisse nicht als überwiegend unwahrscheinlich erscheinen lassen. Hinzu kommt, dass ausgerechnet die Schilderungen des Beschwerdefüh- rers im Anschluss an die Antwort 82 (nämlich die nachfolgende Frage 83 und ein Teil von deren Antwort) im Protokoll durchgestrichen wurden (vgl. S. 10 unten). Auf der folgenden Seite (1 1) wurde der identische Wortlaut der (zuvor gestrichenen) Frage 83 wiederum protokollarisch festgehalten. Im Unterschied zum durchgestrichenen Text in Antwort 83 auf Seite 10 wird bei derselben Antwort auf Seite 11 der Begriff «Hamushay» mit «y» ge- schrieben. Zudem wurden die Ausführungen des Beschwerdeführers bei Antwort 83 auf Seite 11 mit «Anführungszeichen» in der direkten Rede pro- tokolliert, was bei der durchgestrichenen Frage 83 auf S eite 10 nicht der Fall war. Zudem ist der Text von Antwort 83 auf S. 11 länger als auf S. 10. Im Weiteren muss festgestellt werden, dass bei Frage 91, bei welcher der Beschwerdeführer aufgefordert wurde, genau darüber zu berichten, wie , von wem und wann er zum Leiter der Mesre ernannt worden sei, ganz of- fensichtlich nicht alles protokolliert wurde, was der Beschwerdeführer mündlich deponiert hatte: Bei Frage 91, Seite 11, letzte Zeile, fehlt ganz offensichtlich Text. Der Satz dort beginnt: «An dem Abend, an dem wir»… und bricht dann ab. Auf der nächsten S eite 12 wird eine neue Frage (Nr. 92) gestellt und protokolliert. Schliesslich muss der Vollständigkeit halber an dieser Stelle weiter festge- stellt werden, dass die befragende Person des SEM selbst Verwirrung ge- stiftet hat, indem sie in den Fragen 94 und 95 den Beschwerdeführer auf- forderte, sich zu einer «Versammlung bis 18 Uhr» zu äussern. Der Be- schwerdeführer hatte nirgends von einer Versammlung von «18 Uhr» abends berichtet; seine Zeitangaben bezogen sich vielmehr auf die Zeiten 4 Uhr und 6 Uhr morgens (so in A19 Antworten 93 und 95; vgl. auch schon E-115/2018 Seite 18 Antwort 65 S. 7). Bei Antwort 95 korrigierte der Beschwerdeführer denn auch von sich aus die gestellte Frage und hielt explizit fest: «Aber die Ver- sammlung ist ja am Morgen. Am Tag der Ankunft abends wurde ich ausge- wählt. Am nächsten Morgen gingen wir zur Stage, zur Versammlung». Im Weiteren präzisierte er, die Versammlung habe morgens von 6 Uhr bis 10 Uhr gedauert. Dieses Aussageverhalten spricht nach Auffassung des Ge- richts deutlich für die Glaubhaftigkeit der diesbezüglichen Vorbringen. Die Schilderungen des Beschwerdeführers lassen sich insgesamt ohne Weiteres miteinander vereinbaren und sie enthalten keine offensichtlichen inhaltlichen Widersprüche oder zeitliche Unvereinbarkeiten. Der vom Be- schwerdeführer geschilderte chronologische Ablauf am Tag seiner Ankunft in Sawa (Aufreihung der Ankömmlinge , anschliessende Ernennung des Beschwerdeführers zum Leiter der Mesre durch sein en Vorgesetzten G._______), und die abgehaltene Informationsveranstaltung am nächsten Morgen sind in sich schlüssig, nachvollziehbar und plausibel. Dasselbe gilt auch bezüglich der Schilderungen des Beschwerdeführers zur Durchfüh- rung von und seiner Teilnahme an mehreren Militärtrainings, zu den damit einhergehenden Misshandlungen und zu den verachtenden Behandlungen durch seinen Vorgesetzten. 5.3 Nach dem Gesagten kann festgestellt werden, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers insgesamt glaubhaft ausgefallen sind. Die Einschät- zung des SEM, es fehle an substanziierten Aussagen und Realkennzei- chen, überzeugt nicht. Es ist folglich davon auszugehen, dass er Ende Juli 2014 das 12. Schuljahr im Militärcamp Sawa angetreten hat, dort einer Mi- litäreinheit zugeteilt wurde, als Leiter einer Mesre an konkreten Militärtrai- nings teilgenommen hat und im Rahmen dieser Trainings von seinem Vor- gesetzten bis zum Eintritt der Bewusstlosigkeit misshandelt und auf men- schenunwürdige Weise behandelt wurde. 5.4 5.4.1 Das SEM hat den vom Beschwerdeführer geltend gemachten Aufent- halt in Sawa insgesamt in Zweifel gezogen und in der Folge keine Prüfung der Asylrelevanz seiner Vorbringen vorgenommen. Insbesondere äusserte sich das SEM z u den allfälligen Konsequenzen einer Absolvierung des 12. Schuljahres in Sawa und der damit verbundenen Frage nach einer all- fälligen Desertion des im Zeitpunkt seiner Ausreise 21-jährigen (gemäss Angaben in seinem Identitätsausweise 23-jährigen) Beschwerdeführers an keiner Stelle. E-115/2018 Seite 19 5.4.2 Im Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 setzte sich das Bundesverwaltungsgericht näher mit dem eritreischen Nationaldienst aus- einander (zum Nachfolgenden: vgl. D-2311/2016 E. 12 und 13.3 mit weite- ren Quellenangaben) Dabei wurde auf die beiden Zweige des militärischen National Service (Na- tionaldienst in militärischen Einheiten) und des National Service in zivilen Einheiten (ziviler Nationaldienst) verwiesen und es wurden die grundsätz- lich unbestimmte Dienstdauer und die Möglichkeiten, aus dem National Service entlassen zu werden, erörtert. Im vorliegend interessierenden Kontext hielt das Gericht im genannten Re- ferenzurteil zusammenfassend fest, dass es zwar regelmässig zu Entlas- sungen aus dem eritreischen Nationaldienst komme, insbesondere bei ver- heirateten Frauen, und dass im Weiteren von einer grundsätzlich mögli- chen Dienstentlassung nach 5 bis 10 Jahren auszugehen sei. 5.4.3 Der Beschwerdeführer verliess Eritrea im Alter von 23 Jahren. Es ist nicht davon auszugehen, dass er bereits in diesem jungen Alter aus der eritreischen Nationaldienstpflicht entlassen worden ist, nachdem – wie zu- vor festgehalten – eine Dienstentlassung grundsätzlich erst nach 5 bis 10 Jahren möglich ist. Aus den Akten gehen keine Hinweise hervor, die auf eine vorzeitige Ent- lassung des Beschwerdeführers aus seiner Dienstpflicht schliessen lies- sen. Es gibt daher keine Hinweise dafür, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise nicht mehr der Nationaldienstpflicht unterstan- den wäre. 5.4.4 Nachdem die eritreische Staatsbürgerschaft des Beschwerdeführers ausser Zweifel steht, kann im Sinne eines ersten Zwischenergebnisses festgehalten werden, dass es dem Beschwerdeführer gelungen ist, darzu- tun, dass er im fraglichen Zeitpunkt – im Sommer 2014 – der eritreischen Nationaldienstpflicht unterstand. 5.5 5.5.1 Die vom Beschwerdeführer geschilderte illegale Ausreise aus Eritrea und seine Weiterreise in den Sudan zog das SEM ebenfalls in Zweifel und hielt dazu fest, die entsprechenden Angaben seien ohne Realkennzeichen und ohne ergebnisgeprägte Einzelheiten zu Protokoll gegeben worden. E-115/2018 Seite 20 5.5.2 Das Bundesverwaltungsgericht kann auch dieser vorinstanzlichen Einschätzung nicht folgen. Vielmehr gelangt es zum Schluss, dass die vom Beschwerdeführer geschilderte Flucht aus dem Militärcamp in Sawa am 11. August 2014 auf persönlich Erlebtes schliessen lässt. 5.5.3 Der Beschwerdeführer hat auch hinsichtlich seiner Flucht aus dem Militärcamp konzise Angaben zu Protokoll gegeben. Hierzu ist vorweg festzuhalten, dass der Beschwerdeführer einige detail- lierte Angaben zum Ablauf seiner Flucht von Sawa machte. So gab er mehrfach an, es seien insgesamt fünf Personen an der Flucht aus dem Militärcamp beteiligt gewesen; sie seien nach dem Abendessen am Mon- tag, 11. August 2014, geflohen (vgl. Antworten 65, 69, 119 und 132). Diese Angabe präzisierte er in den Antworten 114-118 weiter, indem er die Ereig- nisse chronologisch mit konkreten Wochentagen einordnete. Zudem führte er aus, das grosse Tor («gate») des Militärcamps sei von vier Schülern be- wacht worden (vgl. Antwort 130); die Flüchtenden hätten diese vier Schüler beiseitegestossen und das Ausgangstor überwunden, worauf die herbeiei- lenden Soldaten auf sie – die Flüchtenden – geschossen hätten. Nach der Schussabgabe seien sie zu einem Fluss und anschliessend zu einem «Garten von Sawa» geraten (vgl. Antwort 131). Bei der Schilderung seiner Reise von Sawa nach Kassala beschrieb er, wie die Flüchtenden unter- wegs Eingeborene mit Tieren respektive «Rashaidas» getroffen hätten, die sie mit Macheten bedroht hätten (vgl. Antworten 126 -129). Er erwähnt e auch einen Hügel und führt dazu aus, sie hätten angenommen, «das könnte J._______» sein (vgl. Antwort 132). Das SEM anerkennt zwar einige dieser Angaben des Beschwerdeführers und hält dazu explizit fest, sie würden zwar «einen möglichen Ablauf» sei- ner Flucht beschreiben, hält dem Beschwerdeführer jedoch gleichzeitig entgegen, seine Angaben würden keine Realkennzeichen aufweisen und es wäre eine vertiefte Schilderung der Gedankengänge und Emotionen zur «risikoreichen Situation» zu erwarten gewesen. Konkrete Ausführungen dazu, inwiefern die Angaben angeblich ausgesprochen stereotyp ausgefal- len seien und weshalb sie «keine Elemente, die von tatsächlich Erlebte m zeugen würden» beinhalten sollen, begründet das SEM nur pauschal. Die Schilderungen des Beschwerdeführers zu seiner Flucht aus dem Mili- tärcamp mögen im Vergleich seiner Ausführungen zum Aufenthalt in Sawa knapper ausgefallen sein. Sie sind jedoch in sich schlüssig und ohne innere Widersprüche. E-115/2018 Seite 21 5.5.4 Auch der Vorhalt des SEM, der Beschwerdeführer habe keinerlei Ge- dankengänge zu Protokoll gegeben, trifft nicht zu. Er beschr ieb vielmehr eindrücklich und nachvollziehbar an mehreren Protokollstellen sein psychi- sches Befinden: Er habe sich gefragt, «was habe ich ihnen angetan, dass sie mich in meinem eigenen Land so behandeln» (vgl. Akte 19, Antwort 113). Weiter habe er sich gesagt: «wenn ich schon sterben sollte, dann würde ich lieber beim Fluchtversuch sterben. Denn da hätte ich wahr- scheinlich die Chance, dass ich entkomme» (vgl. Antwort 114). In Antwort 120 führte er weiter aus, wie er den Ort gehasst und «sehr schlimme Ge- danken» bezüglich seines Lebens gehabt habe; er wisse nicht, ob es mit der Hitze und dem Klima zu tun gehabt habe, es sei ihm jedenfalls nicht gut gegangen. Auch im Rahmen seines freien Berichts (vgl. Antwort 65) beschrieb er seine Gedankengänge während seines Aufenthaltes in Sawa und wie er mit der belastenden Situation umzugehen versucht habe. 5.6 Die Schilderungen des Beschwerdeführers fielen – entgegen dem von der Vorinstanz vertretenen Standpunkt – nicht überwiegend unpersönlich, unpräzise und ohne konkrete Hinweise auf persönlich Erlebtes aus. Sie enthalten vielmehr in den Kernvorbringen zahlreiche Realkennzeichen, so- wohl hinsichtlich der Beschreibung seines Aufenthaltes in Sawa, seiner Tä- tigkeiten und Teilnahme an Militärtrainings dort, als auch hinsichtlich seiner Flucht von Sawa. 5.7 Eine Gesamtwürdigung seiner Vorbringen ergibt, dass seine Angaben in den Kernvorbringen seiner Asylgründe in sich stimmig und somit im Er- gebnis als überwiegend glaubhaft zu qualifizieren sind. Soweit Ungereimt- heiten vorliegen, überwiegen diese nach Auffassung des Gerichts nicht und sind insgesamt nicht ausschlaggebend, um die Glaubhaftigkeit der Vorbrin- gen insgesamt in Frage zu stellen. Das Gericht erachtet es als überwie- gend glaubhaft dargetan, dass der Beschwerdeführer nach Abschluss der Grundschule und High School in C._______ sein 12. Schuljahr in Sawa Ende Juli 2014 antrat. Am 11. August 2014 gelang ihm zusammen mit wei- teren Personen die Flucht aus dem Militärcamp in Sawa, worauf er illegal aus Eritrea in den Sudan ausgereist ist. Es liegen keine Hinweise für die Entlassung des Beschwerdeführers aus seiner Nationaldienstpflicht vor. 6. In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob der vom Beschwerdeführer glaubhaft dargelegte Sachverhalt flüchtlingsrechtliche Relevanz aufweist. E-115/2018 Seite 22 6.1 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs- weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach- teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan- desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen dem Ausreisezeitpunkt und dem Zeitpunkt des Asylentscheids sind deshalb zu- gunsten und zulasten der Asylsuchenden zu berücksichtigen (vgl. dazu BVGE 2010/57 E. 2 m.w.H.). 6.2 Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermag für sich allein die Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit ande- ren Worten wenn die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienst- verweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen hat, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Die ge- setzgeberische Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG hat die Rechtslage dem- nach nicht verändert (vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 5.9). 6.3 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs- sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige- rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei- nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffe ne Person im aktiven Dienst stand und desertierte. In diesen Fällen droht nicht nur eine Haft- strafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten aus- gesetzt sind. Die Des ertion wird von den eritreischen Behörden als Aus- druck der Regimefeindlichkeit aufgefasst. Es ist daher davon auszugehen, dass die einem Deserteur drohende Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht dienen würde, was nach zu bestätigender Praxi s ‒ immer unter der Voraussetzung rechtsstaatlicher und völkerrechtskonformer Rah- menbedingungen ‒ grundsätzlich als legitim zu erachten wäre; vielmehr E-115/2018 Seite 23 wäre damit zu rechnen, dass die betroffene Person aufgrund ihrer Deser- tion als politischer Gegner qualifi ziert und als solcher unverhältnismässig schwer bestraft würde. Mit anderen Worten hätte ein Deserteur, sollte das staatliche Regime seiner habhaft werden, eine politisch motivierte Bestra- fung und eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich rele- vanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt (vgl. dazu bei- spielsweise das Urteil D -1359/2015 des Bundesverwaltungsgerichts vom 22. August 2017 E. 6.1, E -2058/2016 vom 11. Juli 2018 E. 7.3 , E-2830/2016 vom 31. August 2018 E. 6.3 und E-6507/2016 vom 24. Juni 2019 E. 6.3, jeweils mit Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3). 6.4 Vorliegend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer gemäss sei- nen als glaubhaft zu erachtenden Angaben in der Ausübung seiner Pflich- ten im Rahmen des eritreischen National Service stand. Er ist während seines Aufenthaltes im Militärcamp Sawa nach Auseinandersetzungen mit seinem Vorgesetzten und nach erlittenen Misshandlungen und verachten- der Behandlung während der Militärtrainings aus dem Camp geflohen. Er hat ohne Bewilligung der ihm vorgesetzten Militärbehörden seinen Dienst verlassen und ist in der Folge illegal aus Eritrea ausgereist. Der Beschwerdeführer ist nach dem Gesagten als Deserteur im Sinne der oben zitierten Rechtsprechung zu betrachten. Er hat demnach begründete Furcht, im Falle einer Rückkehr nach Eritrea zum heutigen Zeitpunkt ernst- haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. Eine innerstaatliche Fluchtalternative wür de ihm nicht offenstehen. Der Be- schwerdeführer erfüllt daher originär die Flüchtlingseigenschaft. 6.5 Der Beschwerdeführer ist als Flüchtling anzuerkennen. Vorliegend sind keine Asylausschlussgründe im Sinne von Art. 53 AsylG ersichtlich. Die Voraussetzungen für die Asylgewährung (Art. 3 und 7 AsylG) sind somit erfüllt. 7. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde gut- zuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben ist. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. E-115/2018 Seite 24 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Bei dieser Sachlage ist die mit Zwischenver- fügung vom 16. Januar 2018 gewährte unentgeltliche Rechtspflege obsolet geworden. 8.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG kann der obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen not- wendigen und verhältnismässig hohen Kosten zugesprochen werden (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Im vorliegenden Verfahren wurde mit Eingabe v om 2. Februar 2018 eine Kostennote des damaligen Rechtsvertreters eingereicht. Der heutige Rechtsvertreter arbeitet bei der selben Rechtsberatungsstelle; die in der Kostennote ausgewiesenen Aufwendungen können ohne weiteres der heutigen Festsetzung einer P arteientschädigung zu Grunde gelegt wer- den. In der Kostennote wurden ein Arbeitsaufwand von 7 h und 35 Minuten (bei einem Stundenansatz von Fr. 250. -) sowie Auslagen von Fr. 34.30, aus- machend total Fr. 1'930.15, ausgewiesen. Dieser bis zum 2. Februar 2018 geltend gemachte Aufwand erscheint angemessen und der Stundenansatz ist reglementskonform (vgl. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der seit dem 2. Februar 2018 angefallene Arbeitsaufwand im Zusammenhang mit der Beschaffung von Arztberichten zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers (vgl. Sachverhalt oben, Bst. I und J) ist ebenfalls zu entschädigen und auf 1,5 Stunden zu veranschlagen. Der ursprünglich vom Beschwerdeführer mandatierte Rechtsvertreter, wel- cher vom Gericht als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt wurde, hat dem Gericht mit Schreiben vom 28. Februar 2019 mitgeteilt, dass ein allfälliger Honoraranspruch an die Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende zu über- weisen sei, für welche Organisation auch der heutige Rechtsvertreter ar- beitet (vgl. Sachverhalt oben, Bst. J). Dem Beschwerdeführer ist somit eine Parteientschädigung für das ge- samte Beschwerdeverfahren von insgesamt 2'305. - (inklusive Auslagen) zu Lasten des SEM zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) E-115/2018 Seite 25 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des SEM vom 4. Dezember 2017 wird aufgehoben. 3. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführer gestützt auf Art. 3 AsylG als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. 4. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 5. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 2’305.- auszurichten. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Sandra Bodenmann Versand: