Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 12. November 2015 (715 15 247 / 301) ____________________________________________________________________ Arbeitslosenversicherung Nichteintretensentscheid der Vorinstanz wird aufgehoben, da das aktuelle Rechtsschutz- interesse der Versicherten an der Prüfung ihrer Einsprache zu Unrecht verneint wurde; in materieller Hinsicht aber Bestätigung der Verfügung, da die Vermittlungsfähigkeit von der Vorinstanz im Ergebnis zu Recht verneint wurde, da der Versicherten die Vermitt- lungsbereitschaft fehlte Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Kantonsrichter Dan iel Noll, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Gerichtsschreiberin Barbara Vögtli Parteien A.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Nicolai Fullin , Advokat , Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel gegen KIGA Baselland , Postfach , 4133 Pratteln 1 , Beschwerdegegnerin Betreff Vermittlungsfähigkeit / Eintreten A. A.____ war bis 31. August 2014 bei der B.____ Gm bH angestellt. Im Jahr 2013 erlitt sie einen Autounfall, bei dem sie sich eine HWS-Dis torsion zuzog. Ab dem 26. November 2013 war sie vollständig arbeitsunfähig. Ab diesem Zeitpunkt erbrachte die Sympany Versicherungen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht AG (Sympany) Leistungen als Krankentaggeldversicherer. M it Schreiben vom 12. November 2014 teilte die Sympany der Versicherten mit, dass ihr ge mäss Aktenbeurteilung des Vertrau- ensarztes ab sofort eine Arbeitstätigkeit von 50 % zugemu tet werden könne, weshalb ab dem 17. November 2014 noch Krankentaggelder im Umfang von 50 % erbracht würden. In der Folge meldete sich A.____ am 19. November 2014 zur Arbeitsve rmittlung an und erhob ab diesem Datum Anspruch auf Taggeldleistungen der Arbeitslosen versicherung. Nachdem sie dem RAV im Dezember 2014 ein Arztzeugnis vorgelegt hatte, das ih r bis 31. Januar 2015 eine Arbeitsun- fähigkeit von 100 % attestierte (vgl. Arztzeugnis von D r. med. C.____, Psychiatrie und Psycho- therapie FMH, vom 16. Dezember 2014), überwies das RAV die Angelegenheit der kantonalen Amtsstelle KIGA zur Prüfung der Vermittlungsfähigkeit. Mit Verfügung vom 19. Januar 2015 lehnte das KIGA die Vermittlungsfähigkeit und damit den Anspruch auf Arbeitslosenentschädi- gung ab dem 19. Dezember 2014 ab. Im Rahmen eines Be ratungsgesprächs am 4. Februar 2015 meldete sich die Versicherte im Hinblick auf die är ztlich attestierte Arbeitsunfähigkeit von weiterhin 100 % von der Arbeitslosenversicherung (ALV) unterschriftlich per 19. Dezember 2014 ab. Mit Eingabe vom 18. Februar 2015 erhob A.____, vertr eten durch Advokat Nicolai Fullin, Ein- sprache gegen die Verfügung und machte geltend, dass sie sich bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug angemeldet habe und die ALV vorlei stungspflichtig sei, sodass die Ver- mittlungsfähigkeit zu bejahen sei. In der Folge erklär te der Rechtsvertreter der Versicherten, dass er die Abmeldung der Versicherten rückgängig mache un d reichte ausserdem ärztliche Unterlagen ein, wonach die Versicherte zu 50 % bzw. 100 % arbeitsfähig sei. Mit Einsprache- entscheid vom 19. Juni 2015 trat das KIGA auf die Einsp rache nicht ein. In der Begründung wurde im Wesentlichen vorgebracht, dass das erforderliche aktuelle Rechtsschutzinteresse fehle, da sich die Versicherte rückwirkend per 19. Dezembe r 2014 von der ALV abgemeldet habe und damit rechtsgültig auf weitere Ansprüche ge genüber der ALV verzichtet habe. Die Rückgängigmachung der Abmeldung durch den Rechtsvertrete r sei nicht rechtwirksam und eine Neuanmeldung, welche persönlich durch die Versiche rte vorzunehmen sei, sei nie erfolgt. Im Übrigen habe die Versicherte auch persönlich betont, dass sie sich nicht in der Lage fühle zu arbeiten, so dass nicht nur die Vermittlungsfähigkeit, sondern auch die Vermittlungsbereitschaft zu verneinen sei. B. Hiergegen erhob A.____, wiederum vertreten durch A dvokat Nicolai Fullin, am 22. Juli 2015 beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilung S ozialversicherungsrecht (Kantonsge- richt) Beschwerde. Darin liess sie beantragen, es sei der angefochtene Einspracheentscheid aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichte n, ihr für die Zeit ab dem 19. De- zember 2014 weiterhin Arbeitslosenentschädigung zu leist en; unter o/e-Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin. In der Begründung wurde im We sentlichen geltend gemacht, dass die Beschwerdeführerin ihre Anmeldung im Vertrauen auf die behördliche Auskunft, dass sie zu 100 % arbeitsunfähig sei und daher keinen Leistungsansp ruch habe, zurückgezogen habe. Diese Auskunft sei aber nachweislich falsch gewesen, da der Gutachter des Krankentaggeld- versicherers eine Arbeitsfähigkeit von 50 % attestiert ha be und dieses Gutachten der Be- schwerdegegnerin bekannt gewesen sei. Nachdem der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin davon erfahren habe, habe er die Abmeldung sofort wi derrufen. Die Beschwerdeführerin habe Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht somit sehr wohl ein Rechtsschutzinteresse an der Klärung der Frage, ob eine Vermittlungsfä- higkeit gegeben sei oder nicht, und ihre Abmeldung hin dere einen solchen Anspruch auf Leis- tung nicht. Die Beschwerdegegnerin hätte daher auf die Einsprache eintreten und die Frage der Vermittlungsfähigkeit materiell prüfen müssen. Eventua liter sei festzustellen, dass die Be- schwerdeführerin noch Anspruch auf ALV-Taggeldleistungen bis zum 4. Februar 2015 habe, da in der Abmeldungserklärung nirgends vermerkt sei, dass die Abmeldung rückwirkend per 19. Dezember 2014 erfolge. Im Übrigen könne aus den Äusseru ngen der Beschwerdeführerin zu ihrer gesundheitlichen Befindlichkeit nicht auf eine f ehlende Vermittlungsbereitschaft geschlos- sen werden. Wesentlich sei in diesem Zusammenhang einzi g, ob die versicherte Person am Verfahren mitwirke, ihre Pflichten erfülle und bereit sei, eine Arbeitsstelle anzutreten. Diese Vo- raussetzungen erfülle die Beschwerdeführerin. C. Mit Vernehmlassung vom 30. September 2015 nahm die Beschwerdegegnerin zur Be- schwerde Stellung und beantragte deren Abweisung. Auf die einzelnen Vorbringen der Parteien wird – so weit notwendig – in den nachfolgenden Aus- führungen eingegangen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 100 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die o bligatorische Arbeitslosenver- sicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) vom 25. Jun i 1982 kann der Bundesrat die örtliche Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerichts i n Abweichung von Art. 58 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche rungsrechts (ATSG) vom 6. Ok- tober 2000 regeln. Gemäss Art. 128 der Verordnung üb er die obligatorische Arbeitslosenversi- cherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV) vom 31. Au gust 1983 richtet sich die Beurtei- lung der Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerich ts nach Art. 119 AVIV. Örtlich zu- ständig ist gemäss Art. 128 in Verbindung mit Art. 119 Abs. 1 lit. a AVIV das Gericht desjenigen Kantons, in dem die versicherte Person ihre Kontrollpflicht erfüllt. Die Beschwerdeführerin erfüll- te ihre Kontrollpflicht im Kanton Basel-Landschaft. Nach § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist das Kan- tonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht, als einzig e gerichtliche Instanz des Kantons Basel-Landschaft zur Behandlung von Beschwerden gegen Ve rfügungen gemäss Art. 100 AVIG zuständig. Auf die beim örtlich und sachlich zuständ igen Gericht frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde vom 22. Juli 2015 ist einzutreten. 2.1 Anfechtungsobjekt der vorliegenden Beschwerde ist ein Nichteintretensentscheid. Die Beschwerdegegnerin hat diesen damit begründet, dass ein aktuelles Rechtsschutzinteresse der Beschwerdeführerin an der Einsprache gegen die Verfügung vom 19. Januar 2015 fehle, da sie ihre Anmeldung zum Leistungsbezug am 4. Februar 201 5 rückwirkend per 19. Dezember 2014 zurückgezogen habe. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.2 Art. 52 ATSG regelt die Legitimation zur Einspr ache nicht ausdrücklich. Für das Be- schwerdeverfahren nennt Art. 59 ATSG ein schutzwürdiges I nteresse als Legitimationsvoraus- setzung. Diese Bestimmung ist gemäss Rechtsprechung und L ehre sinngemäss auch im Ein- spracheverfahren anzuwenden (Urteil des EVG vom 18. Mär z 2005, I 791/03, E. 2.1; vgl. auch HANSJÖRG SEILER , Rechtsfragen des Einspracheverfahrens in der Sozialversi cherung [Art. 52 ATSG], in: Sozialversicherungsrechtstagung 2007, Schaffha user/Schlauri [Hrsg.], S. 85). Ein schutzwürdiges Interesse liegt vor, wenn die tatsächliche od er rechtliche Situation der Be- schwerde führenden Person durch den Ausgang des Verfahre ns beeinflusst werden kann, das heisst, wenn ein praktischer Nutzen daraus gezogen werden kann (BGE 137 II 30 E. 2.2.2). Aktuell bedeutet, dass das schutzwürdige Interesse sowohl im Zeitpunkt der Rechtsmittelerhe- bung als auch im Zeitpunkt des Entscheids vorliegen muss (M ARTIN BERTSCHI in: Kommentar VRG, Alain Griffel [Hrsg.], 3. Aufl., Zürich 2014, § 21 N 24 mit Hinweis auf BGE 137 I 23 E. 1.3.1). 2.3 Der beigezogene Rechtsvertreter hat die Rückzugserkläru ng der Beschwerdeführerin noch während der Einsprachefrist revoziert. Damit hat er die Frage nach der Rechtswirksamkeit dieser Rückzugserklärung zum Gegenstand der Einsprache gem acht (vgl. Schreiben des Rechtsvertreters vom 26. Februar 2015 und vom 5. März 20 15). Alleine schon um diese Frage zu prüfen, hätte die Beschwerdegegnerin daher zumindest auf die Einsprache eintreten müs- sen, da ein aktuelles Rechtsschutzinteresse gegeben war. D ie Frage, ob die Rückzugserklä- rung rechtswirksam ist, hätte von der Beschwerdegegnerin i n materieller Hinsicht als An- spruchsvoraussetzung geprüft werden müssen. Der angefochte ne Einspracheentscheid vom 19. Juni 2015 ist deshalb aufzuheben. 3. Gegenstand der vorliegenden Beschwerde ist primär d ie Frage, ob die Beschwerde- gegnerin zu Recht von einem rechtswirksamen Rückzug der Anm eldung zum Leistungsbezug ausgegangen ist. Nachdem sich die Beschwerdegegnerin ab er unter Ziffer 3 der Erwägungen des Einspracheentscheids auch insofern materiell geäusser t hat, als sie von einer fehlenden Vermittlungsbereitschaft der Beschwerdeführerin ausgeh t, ist es zulässig, zunächst diese An- spruchsvoraussetzung zu prüfen. Sollte nämlich diese materi elle Anspruchsvoraussetzung tat- sächlich fehlen, würde sich eine Prüfung der Frage, ob d ie Anmeldung zum Leistungsbezug rechtswirksam zurückgezogen wurde, erübrigen. 4.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 lit. f AVIG in Verbindung mit Art. 15 Abs. 1 AVIG hat der Versi- cherte Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung, wenn er (unter anderem) vermittlungsfähig ist, d.h. wenn er bereit, in der Lage und berechtigt ist, eine zumutbare Arbeit anzunehmen und an Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen. Der Begriff de r Vermittlungs(un)fähigkeit als An- spruchsvoraussetzung schliesst graduelle Abstufungen aus. Ent weder ist die versicherte Per- son vermittlungsfähig, insbesondere bereit, eine zumutb are Arbeit (im Umfang von mindestens 20 % eines Normalarbeitspensums; vgl. Art. 5 AVIV und BGE 120 V 385 E. 4c/aa) anzuneh- men, oder nicht (BGE 126 V 124 E. 2, 125 V 51 E. 6a) . Die Vermittlungsfähigkeit kann sich da- bei beispielsweise auf ein kleineres Pensum beziehen, w ährend sie für ein höheres Pensum nicht gegeben sein kann; im Rahmen eines bestimmten (min destens 20%igen) Pensums kann Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Vermittlungsfähigkeit indessen nur erfüllt oder nicht erfüllt sein (Urteil des Bundesgerichts vom 3. März 2015, 8C_904/2014, E. 2.2.1 mit weiteren Hinweisen). 4.2 In diesem Zusammenhang hat das Bundesgericht in BG E 136 V 95 E. 5.2 weiter fest- gestellt, dass im Falle eingeschränkter Leistungsfähigkeit zwischen vorübergehend fehlender oder verminderter Arbeitsfähigkeit im Sinne von Art. 28 AVIG und den behinderten Versicherten im Sinne von Art. 15 Abs. 2 AVIG zu unterscheiden ist. Be ide Tatbestände sind Ausnahmen vom Grundprinzip der Arbeitslosenversicherung, wonach Leist ungen nur bei Vermittlungsfähig- keit der Versicherten in Betracht kommen. Über das Merkma l der vorübergehenden Einschrän- kung in der Arbeitsfähigkeit erfolgt die Abgrenzung z u den Behinderten im Sinne von Art. 15 Abs. 2 AVIG (BGE 126 V 124 E. 3a und b; T HOMAS NUSSBAUMER , Arbeitslosenversicherung, in: Soziale Sicherheit, SBVR Bd. XIV, 2. Aufl. 2007, Rz. 280). Bei länger andauernder gesundheit- licher Beeinträchtigung ist die Vermittlungsfähigkeit ( Art. 15 AVIG) massgebendes Abgren- zungskriterium. Nach Art. 15 Abs. 2 Satz 1 AVIG gilt de r körperlich oder geistig Behinderte als vermittlungsfähig, wenn ihm bei ausgeglichener Arbeit smarktlage, unter Berücksichtigung sei- ner Behinderung, auf dem Arbeitsmarkt eine zumutbare Arbeit vermittelt werden könnte. Die Kompetenz zur Regelung der Koordination mit der Invali denversicherung ist in Art. 15 Abs. 2 Satz 2 AVIG dem Bundesrat übertragen worden. Dieser h at in Art. 15 Abs. 3 AVIV festgelegt, dass ein Behinderter, der unter der Annahme einer aus geglichenen Arbeitsmarktlage nicht of- fensichtlich vermittlungsunfähig ist, und der sich bei der Invalidenversicherung (oder einer ande- ren Versicherung nach Art. 15 Abs. 2 AVIV) angemelde t hat, bis zum Entscheid der anderen Versicherung als vermittlungsfähig gilt. 4.3 „Offensichtlich“ vermittlungsunfähig bedeutet, dass d ie Vermittlungsunfähigkeit auf Grund der Akten der Arbeitslosenversicherung, allenfalls gestützt auf Ermittlungen anderer So- zialversicherungsträger oder auf Grund anderer Umstände o hne weitere Abklärungen ersicht- lich ist. Bei erheblichen Zweifeln an der Arbeitsfähi gkeit eines Arbeitslosen, kann die kantonale Amtsstelle eine vertrauensärztliche Untersuchung auf Koste n der Arbeitslosenversicherung an- ordnen (Art. 15 Abs. 3 AVIG). Wird eine solche nicht d urchgeführt oder ergibt sie keine offen- sichtliche Vermittlungsunfähigkeit, dann kommt – auch we nn Zweifel an der Vermittlungsfähig- keit bestehen – die Vermutung zum Tragen, wonach diese zu bejahen ist (Urteil des Bundesge- richts vom 3. März 2015, 8C_904/2014, E. 2.2.3 mit Hinweis). 4.4 Die Vermittlungsfähigkeit im Sinne von Art. 15 Ab s. 1 AVIG beschlägt drei Elemente, wovon die Arbeitsfähigkeit und die Arbeitsberechtigun g objektiver Natur sind, die Frage der Vermittlungsbereitschaft jedoch subjektiver Natur. Währe nd die Arbeitsberechtigung bei Neu- behinderten natürlich gleichermassen vorliegen muss wie b ei nicht behinderten Arbeitslosen, wird die Vermittlungsfähigkeit bei Neubehinderten b ezogen auf ein Ganztagespensum unter Umständen präsumtiv auch bei teilweiser Arbeitsunfähigke it bejaht. Weitere unverzichtbare Vo- raussetzung ist jedoch die Vermittlungsbereitschaft, we lche sich allerdings bei arbeitslosen Neubehinderten nur auf ein Pensum beziehen muss, welches der ärztlich attestierten Arbeitsfä- higkeit entspricht. Ist die Vermittlungsbereitschaft im Rahmen dieser (Rest-) Arbeitsfähigkeit erstellt, so besteht entsprechend Art. 15 Abs. 2 AVIG i n Verbindung mit Art. 15 Abs. 3 AVIV Anspruch auf eine ganze Arbeitslosenentschädigung, falls die versicherte Person bei voller Ge- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht sundheit eine Anstellung mit Ganztagespensum suchen würde. Arbeitslose Neubehinderte wer- den während des Verfahrens bei der Invalidenversicherung oder bei einer anderen Versiche- rung (Art. 15 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 15 Abs. 2 AVIG) mit nicht behinderten Arbeitslosen in dem Sinne gleich behandelt, dass beide eine volle Arb eitslosenentschädigung erhalten, wenn (aber nur dann) sie sich im Rahmen ihrer Arbeitsfähig keit dem Arbeitsmarkt vollumfänglich zur Verfügung stellen; von beiden wird nicht mehr geforder t, als sie leisten können. Will eine versi- cherte Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränk ung allerdings gar nicht mehr arbei- ten, oder schätzt sie sich selber als ganz arbeitsunfähig ei n, so ist sie vermittlungsunfähig. Selbst wenn in einem solchen Fall eine ärztliche Bestät igung vorliegt, wonach entgegen der subjektiven Einschätzung der neubehinderten Person eine ( teilweise) Arbeitsfähigkeit bestehe, bleibt es bei der Vermittlungsunfähigkeit mangels Vermi ttlungsbereitschaft. Unter diesen Um- ständen hat die versicherte Person keinen Anspruch auf ( Vor-) Leistungen der Arbeitslosenver- sicherung (Urteil des Bundesgerichts vom 3. März 2015, 8C_904/2014, E. 2.2.4 mit Hinweis auf BGE 136 V 95 E. 7.3). 4.5 Die Frage der Vermittlungsfähigkeit ist prospekti v und aufgrund einer gesamthaften Würdigung der für die Anstellungschancen im Einzelfal l wesentlichen, objektiven und subjekti- ven Faktoren zu beurteilen. Ausser dem Umfang des für di e versicherte Person in Betracht fal- lenden Arbeitsmarktes ist auch die Art der gesuchten zumu tbaren Arbeit von Bedeutung (Urteil des Bundesgerichts vom 1. Juli 2010, 8C_382/2010, E. 3. 2; BGE 120 V 387 E. 2 mit Hinwei- sen). 4.6 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass der Sozialversich erungsprozess vom Unter- suchungsgrundsatz beherrscht ist. Danach hat die Verwaltun g und im Beschwerdefall das Ge- richt von Amtes wegen für die richtige und vollständige A bklärung des rechtserheblichen Sach- verhalts zu sorgen (BGE 115 V 142 E. 8a). In beweisrechtl icher Hinsicht gilt der im Sozialversi- cherungsrecht übliche Beweisgrad der überwiegenden Wah rscheinlichkeit (T HOMAS NUSSBAUMER , a.a.O., Rz. 882). 5.1 Aus den Akten geht hervor, dass die behandelnde Psych iaterin Dr. C.____ der Be- schwerdeführerin vom 26. November 2013 bis 31. Januar 201 5 eine anhaltende Arbeitsunfä- higkeit von 100 % attestierte. Es sei offen, ab wann sie wieder voll arbeitsfähig sei (Bericht von Dr. C.____ vom 16. Dezember 2014). Die vom Krankentag geldversicherer beigezogene Konsi- liarärztin Dr. med. D.____ hingegen ging bereits am 8. November 2014 von einer Arbeitsfähig- keit von 50 % seit dem 17. September 2014 aus. Der Gut achter Dr. med. E.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, konnte sich in seinem Gutachten vom 2. Februar 2015 der Einschät- zung von Dr. D.____ anschliessen und hielt ausserdem fest, dass ab dem 21. Januar 2015 (Zeitpunkt der Untersuchung) keine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit mehr festgestellt wer- den könne. 5.2 Aufgrund des Umstands, dass für die Zeit ab Anmeldun g zum Leistungsbezug bei der Arbeitslosenversicherung, das heisst ab 19. November 2014, auch ärztliche Bestätigungen vor- liegen, die von einer Arbeitsfähigkeit von mehr als 20 % ausgehen, liegt keine offensichtliche Vermittlungsunfähigkeit vor (vgl. Erwägung 4.3 hiervo r). Damit ist die Vermittlungsfähigkeit der Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Beschwerdeführerin an sich grundsätzlich zu bejahen. Frag lich und zu prüfen ist aber, ob auch die subjektive Vermittlungsbereitschaft vorliegt. Die B eschwerdeführerin lässt in ihrer Be- schwerde zwar ausführen, sie sei ihrer Mitwirkungspflicht am Verfahren immer nachgekommen, sie habe an den Beratungsgesprächen teilgenommen, ha be die erforderlichen Unterlagen ein- gereicht und sich anwaltlich vertreten lassen. Damit hab e sie auch klar ihre Vermittlungsbereit- schaft zum Ausdruck gebracht. 5.3 Aus dem Protokoll des Erstgesprächs beim RAV vom 12. Dezember 2014 geht nun aber klar hervor, dass die Beschwerdeführerin nicht bereit war, eine Arbeitsstelle anzutreten. Auf die explizite Frage, ob sich die Stellensuchende in der Lage fühle, die gesuchte Tätigkeit bzw. das gesuchte Pensum auszuüben, hat die Beschwerdeführe rin klar mit „nein“ geantwortet und angemerkt, dass sie aufgrund eines Schleudertraumas un d einer psychischen Erkrankung seit dem 26. November 2013 zu 100 % arbeitsunfähig sei . Ferner wurde unter den allgemeinen Bemerkungen des Protokolls ausgeführt, dass sie weiterhin zu 100 % arbeitsunfähig sei und am 16. Dezember 2014 den nächsten Arzttermin habe. Der K rankentaggeldversicherer habe bis zum 16. November 2014 volle Krankentaggeldleistungen er bracht. Seit dem 17. November 2014 würde er nur Krankentaggelder basierend auf eine r 50 %-igen Arbeitsfähigkeit entrichten. Dies sei für sie und auch ihre Ärztin Dr. C.____ unverst ändlich. Aus dem Protokoll geht damit unmissverständlich einerseits hervor, dass sich die Beschwerde führerin bewusst war, dass sie zumindest von Seiten der Ärzte des Taggeldversicherers sei t dem 17. November 2014 wieder zu 50 % arbeitsfähig geschrieben war. Andererseits wird auch deutlich, dass die Beschwerde- führerin sich trotzdem nicht in der Lage fühlte, einer Arbeit nachzugehen. Entsprechend sind von der Beschwerdeführerin auch keinerlei Bemühungen un ternommen worden, eine Arbeits- stelle zu finden. Wie bereits in Erwägung 4.4 ausgefü hrt, gelten versicherte Personen, die sich aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkung selber a ls ganz arbeitsunfähig einschätzen, als vermittlungsunfähig. Dies gilt selbst dann, wenn eine ärztliche Bescheinigung vorliegt, die – entgegen der subjektiven Einschätzung der versicherten Per son – eine teilweise Arbeitsfähig- keit bestätigt. Damit ist die fehlende Vermittlungsb ereitschaft der Beschwerdeführerin mit über- wiegender Wahrscheinlichkeit erstellt und es fehlt an e iner wesentlichen Voraussetzung für den Bezug von Arbeitslosentaggeldleistungen. Weil der Lei stungsanspruch wegen fehlender Ver- mittlungsbereitschaft also ohnehin zu verneinen ist, kann die ursprünglich primäre Frage, ob die Beschwerdeführerin ihre Anmeldung zum Leistungsbezug rechtswirksam zurückgezogen hat, letztlich offen bleiben. Insgesamt ist daher zum Schluss zu k ommen, dass die Beschwerde ab- zuweisen ist. Die Verfügung vom 19. Januar 2015 ist in A ufhebung des Einspracheentscheids vom 19. Juni 2015 zu bestätigen. 6. Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass der Prozess vor de m kantonalen Versicherungsgericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorliegende Verfahren keine Ver- fahrenskosten zu erheben. Die ausserordentlichen Kosten sin d dem Prozessausgang entspre- chend wettzuschlagen. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen abgewiesen. Dem- nach wird der angefochtene Einspracheentscheid vom 19. Juni 2015 aufgehoben und die Verfügung vom 19. Januar 2015 bestätigt. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht