<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="last-modified"> <meta content="Mon, 09 Nov 2020 06:59:10 CET" http-equiv="date"/> <meta content="AGVE 2019 - Band 62" name="description"/> <title>AGVE 2019 - Band 62</title> </meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">385</span> </div> <div class="page" id="S385"> <div role="main"> <span class="text"><b>II. Gemeinderecht </b></span><br/> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>62 </b> <b>Gemeindeversammlung</b></span><br/> <span class="text">Antragsrecht bei einer Revision der allgemeinen kommunalen Nutzungs-</span><br/> <span class="text">planung; Auslegung des Begriffs einer wesentlichen Änderung nach Bau-</span><br/> <span class="text">gesetz. </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inneres, Ge-</span><br/> <span class="text">meindeabteilung, vom 15. April 2019 in Sachen Y. gegen die Einwohnerge-</span><br/> <span class="text">meinde B. (77384/23.3).</span><br/> <br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <br/> <span class="text">2.3.</span><br/> <span class="text">Die Gemeindeversammlung hat die Kompetenz, über die all-</span><br/> <span class="text">gemeine kommunale Nutzungsplanung abschliessende Beschlüsse zu</span><br/> <span class="text">fassen (vgl. § 25 des BauG). Insoweit ist nicht strittig, dass die Ge-</span><br/> <span class="text">meindeversammlung vom 22. November 2018 über den Antrag, die</span><br/> <span class="text">Landschaftsschutzzone auf die Parzelle 717 nicht nachträglich aus-</span><br/> <span class="text">zudehnen einen Beschluss fassen durfte. Es geht hier einzig um die</span><br/> <span class="text">Frage, ob dieser Beschluss ein direkter Entscheid ist, welcher sofort</span><br/> <span class="text">umzusetzen ist oder ob es sich dabei um einen Beschluss handelt,</span><br/> <span class="text">welcher an den Gemeinderat zur Überprüfung oder Überarbeitung</span><br/> <span class="text">geht, im Sinne einer Rückweisung nach § 25 BauG. Über die Frage,</span><br/> <span class="text">welcher Bezugspunkt für eine wesentliche Änderung in Relation zum</span><br/> <span class="text">Endresultat, also dem Gemeindeversammlungsbeschluss vom</span><br/> <span class="text">22. November 2018 zu nehmen ist - die Vorlage der öffentlichen</span><br/> <span class="text">Auflage oder die Vorlage der Gemeindeversammlung - ist bisher</span><br/> <span class="text">noch nicht entschieden worden.</span><br/> <span class="text">3.1.</span><br/> <span class="text">Nach § 25 Abs. 1 und 2 BauG werden allgemeine Nutzungsplä-</span><br/> <span class="text">ne durch das nach der Gemeindeorganisation zuständige Organ erlas-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">386</span> </div> <div class="page" id="S386"> <div role="main"> <span class="text">sen. Die Einwendungsentscheide des Gemeinderats sind dem zustän-</span><br/> <span class="text">digen Organ bekannt zu geben, binden es aber nicht. Der Gemeinde-</span><br/> <span class="text">rat orientiert das zuständige Organ über die von ihm vorgeschlagenen</span><br/> <span class="text">Abweichungen vom öffentlich aufgelegten Entwurf und begründet</span><br/> <span class="text">sie. Das zuständige Organ erlässt die Planung gesamthaft oder in Tei-</span><br/> <span class="text">len. Will es wesentliche Änderungen anbringen, weist es den be-</span><br/> <span class="text">troffenen Teil zur Überprüfung oder Überarbeitung an den Gemein-</span><br/> <span class="text">derat zurück. Dieser letztere Teil der Bestimmung wurde im Rahmen</span><br/> <span class="text">der Revision von 2009 ins Baugesetz eingefügt und ist seit dem</span><br/> <span class="text">1. Januar 2010 in Kraft.</span><br/> <span class="text">3.2.</span><br/> <span class="text">Da bezüglich der Anwendbarkeit der massgeblichen Bestim-</span><br/> <span class="text">mungen unterschiedliche Auffassungen bestehen, sind diese auszule-</span><br/> <span class="text">gen. Die Gesetzesauslegung hat auch im Verwaltungsrecht zum Ziel,</span><br/> <span class="text">den rechtsverbindlichen Sinn eines Rechtssatzes zu ermitteln. Ausle-</span><br/> <span class="text">gung ist notwendig, wo der Gesetzeswortlaut nicht klar ist oder wo</span><br/> <span class="text">Zweifel bestehen, ob ein scheinbar klarer Wortlaut den wahren Sinn</span><br/> <span class="text">der Norm wiedergibt. Für die Normen des Verwaltungsrechts gelten</span><br/> <span class="text">die üblichen Methoden der Gesetzesauslegung. Demnach bejahen</span><br/> <span class="text">Lehre und Rechtsprechung auch für das Verwaltungsrecht den Me-</span><br/> <span class="text">thodenpluralismus, der keiner Auslegungsmethode einen grundsätzli-</span><br/> <span class="text">chen Vorrang zuerkennt (Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines</span><br/> <span class="text">Verwaltungsrecht, 7. Auflage, Zürich 2016, N 235 ff.).</span><br/> <span class="text">3.3.</span><br/> <span class="text">Die Botschaft des Regierungsrats des Kantons Aargau an den</span><br/> <span class="text">Grossen Rat vom 5. Dezember 2007, Bericht und Entwurf zur 1. Be-</span><br/> <span class="text">ratung, stellt die Änderungen zu § 25 Abs. 2 BauG unter die Kern-</span><br/> <span class="text">punkte der Qualitätssicherung und der Verfahrensvereinfachung und</span><br/> <span class="text">enthält dazu folgende Ausführungen. Qualität der Nutzungspläne</span><br/> <span class="text">(Abs. 2): Ein abgesprochener Vorstoss an der Gemeindeversamm-</span><br/> <span class="text">lung kann dazu führen, dass die Versammlung spontan eine in mehr-</span><br/> <span class="text">jähriger Arbeit erstellte Planung in wesentlichen Punkten abändert.</span><br/> <span class="text">Solche Vorstösse können zu Rechtsungleichheiten führen, zum Bei-</span><br/> <span class="text">spiel bei Einzonung eines Grundstücks, während dem Grundstücke</span><br/> <span class="text">anderer Personen, die die Nutzungsplanung akzeptieren und keine</span><br/> <span class="text">Anträge an der Gemeindeversammlung stellen, nicht eingezont wer-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">387</span> </div> <div class="page" id="S387"> <div role="main"> <span class="text">den. Zudem werden durch solche Anträge meist jahrelange Planun-</span><br/> <span class="text">gen abgeändert, die ein öffentliches Verfahren mit Mitwirkung</span><br/> <span class="text">durchlaufen haben. Diese Verfahren werden dadurch in Frage ge-</span><br/> <span class="text">stellt. Der Entwurf sieht daher vor, dass für solche wesentliche Ab-</span><br/> <span class="text">änderungen der Zonenplanung die Gemeindeversammlung das Ge-</span><br/> <span class="text">schäft künftig an den Gemeinderat ganz oder in Teilen zurückweisen</span><br/> <span class="text">muss, bevor sie darüber dann in einer zweiten Gemeindeversamm-</span><br/> <span class="text">lung beschliessen kann. Dies sichert die demokratischen Spielregeln</span><br/> <span class="text">und bedeutet eine Stärkung der Demokratie und eine Qualitätssteige-</span><br/> <span class="text">rung. Die zeitliche Verzögerung bei einer Rückweisung beträgt rund</span><br/> <span class="text">ein halbes Jahr .</span><br/> <span class="text">3.4.</span><br/> <span class="text">In der Lehre wird die Frage der wesentlichen Änderungen im</span><br/> <span class="text">Kommentar zum Baugesetz des Kantons Aargau, Bern 2013, in</span><br/> <span class="text">Randziffer 20 zu § 25 BauG aufgegriffen. Christian Häuptli äussert</span><br/> <span class="text">sich im Kommentar wie folgt: Sollte es als Folge einer solchen</span><br/> <span class="text">Rückweisung zu einer Änderung der früher öffentlich aufgelegten</span><br/> <span class="text">Entwürfe kommen, hat eine neue öffentliche Auflage gemäss § 24</span><br/> <span class="text">Abs. 1 BauG zu erfolgen. Kommt es zu keiner Änderung, hat keine</span><br/> <span class="text">Auflage zu erfolgen, sondern der frühere öffentlich aufgelegte Ent-</span><br/> <span class="text">wurf wird dem zuständigen Organ erneut zum Beschluss vorgelegt.</span><br/> <span class="text">Der Kommentator vertritt also den Standpunkt, dass es durchaus we-</span><br/> <span class="text">sentliche Änderungen gibt, welche zum Zustand zurückführen, wie</span><br/> <span class="text">er öffentlich aufgelegen hat.</span><br/> <span class="text">3.5.</span><br/> <span class="text">Im Rahmen der Sachverhaltsabklärungen wurde der Fall dem</span><br/> <span class="text">BVU zur Stellungnahme unterbreitet. Die Fachleute des BVU äus-</span><br/> <span class="text">sern sich zum Fall wie folgt: Die Grenze wesentlich/unwesentlich</span><br/> <span class="text">wird in § 11 BauV definiert. Danach sind unwesentliche Änderungen</span><br/> <span class="text">in der Regel Anpassungen im Plan, nicht in der BNO. Die zusam-</span><br/> <span class="text">menhängende Fläche ist nach BauV § 11 kleiner als 200 m2. Eine</span><br/> <span class="text">BNO-Änderung ist unwesentlich, wenn es sich z.B. um eine rein</span><br/> <span class="text">sprachliche Präzisierung (Korrektur offenkundiger Versehen) han-</span><br/> <span class="text">delt. Besteht ein Zusammenhang zwischen beantragter Änderung und</span><br/> <span class="text">weiteren Inhalten der Nutzungsplanung, ist eine Änderung auch dann</span><br/> <span class="text">wesentlich, wenn sie unter den oben genannten Kriterien liegt (z.B.</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">388</span> </div> <div class="page" id="S388"> <div role="main"> <span class="text">Bedeutung des Volumen-/Substanzschutzes eines Gebäudes für das</span><br/> <span class="text">Ortsbild; ferner Fragen der Rechtsgleichheit). Landschaftsschutzzo-</span><br/> <span class="text">nen werden zur Umsetzung übergeordneter oder kommunaler</span><br/> <span class="text">Schutzinteressen ausgeschieden, namentlich zur Umsetzung der</span><br/> <span class="text">Landschaften von kantonaler Bedeutung und der Siedlungstrenngür-</span><br/> <span class="text">tel gemäss Richtplan (Kapitel L 2.3 und S 2.1). Weitere Zweckbe-</span><br/> <span class="text">stimmungen sind denkbar z.B. Vernetzungskorridore, wertvolle</span><br/> <span class="text">strukturierte Landschaftskammern und weitere kommunale Interes-</span><br/> <span class="text">sen. Ob ein Grundstück mit einer Landschaftsschutzzone überlagert</span><br/> <span class="text">ist oder nicht, hat nebst der grundsätzlichen Bedeutung für die Land-</span><br/> <span class="text">schaft auch für die Grundeigentümer und die Nachbarschaft wesent-</span><br/> <span class="text">liche Auswirkungen, schliesst die Landschaftsschutzzone die Bebau-</span><br/> <span class="text">barkeit doch weitgehend aus. Mit dem Verzicht auf die Ausscheidung</span><br/> <span class="text">einer Landschaftsschutzzone stellen sich auch Fragen der Rechts-</span><br/> <span class="text">gleichheit. Ein Verzicht ist daher nur aufgrund einer umfassenden In-</span><br/> <span class="text">teressenabwägung möglich. Bei der beschlossenen Änderung der</span><br/> <span class="text">Nutzungsplanung an der Gemeindeversammlung handelt es sich da-</span><br/> <span class="text">her um eine wesentliche Änderung im Sinne von § 25 BauG.</span><br/> <span class="text">3.6.</span><br/> <span class="text">Zu einer Abweisung der Beschwerde muss schliesslich auch die</span><br/> <span class="text">gemeinderechtliche Betrachtungsweise führen. Änderungsanträge in</span><br/> <span class="text">einer Gemeindeversammlung beziehen sich immer auf die Vorlage</span><br/> <span class="text">des Gemeinderats. Die Versammlungsteilnehmenden können ihre</span><br/> <span class="text">Änderungsanträge stellen, ohne den baurechtlich öffentlich aufgeleg-</span><br/> <span class="text">ten Entwurf kennen zu müssen. Im Rahmen der Durchführung der</span><br/> <span class="text">Gemeindeversammlung erfolgt eine eigene Auflage der Akten (vgl.</span><br/> <span class="text">§ 23 Abs. 1 GG).</span><br/> <span class="text">Ein Gemeindebeschwerdeverfahren kann sich sodann nur mit</span><br/> <span class="text">Verfahrensfragen befassen (vgl. § 106 Abs. 2 GG). Im vorliegenden</span><br/> <span class="text">Fall müsste die hier urteilende Instanz eine materielle Prüfung der</span><br/> <span class="text">Frage vornehmen, welche Auswirkungen einem im Gesamtkontext</span><br/> <span class="text">der allgemeinen Nutzungsplanung der Gemeinde B. vorgenommenen</span><br/> <span class="text">Verzicht auf die Landschaftsschutzzone in Bezug auf die Parzelle</span><br/> <span class="text">717 zuzumessen sind. Das BVU äussert sich zu dieser Problematik</span><br/> <span class="text">ebenso: Ob ein Grundstück mit einer Landschaftsschutzzone über-</span><br/> <span class="text">lagert ist oder nicht, hat nebst der grundsätzlichen Bedeutung für die</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 5 --> <div class="header"> <span class="year">2019</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">389</span> </div> <div class="page" id="S389"> <div role="main"> <span class="text">Landschaft auch für die Grundeigentümer und die Nachbarschaft we-</span><br/> <span class="text">sentliche Auswirkungen, schliesst die Landschaftsschutzzone die</span><br/> <span class="text">Bebaubarkeit doch weitgehend aus. Mit dem Verzicht auf die Aus-</span><br/> <span class="text">scheidung einer Landschaftsschutzzone stellen sich auch Fragen der</span><br/> <span class="text">Rechtsgleichheit. Ein Verzicht ist daher nur aufgrund einer umfas-</span><br/> <span class="text">senden Interessenabwägung möglich. Es kann vorliegend aber nicht</span><br/> <span class="text">Aufgabe der Beschwerdeinstanz sein, eine solche Beurteilung vorzu-</span><br/> <span class="text">nehmen. Vielmehr ist dies gerade die Aufgabe des Gemeinderats. Im</span><br/> <span class="text">Rahmen eines Gemeindebeschwerdeverfahrens ist es durchaus mög-</span><br/> <span class="text">lich zu beurteilen, ob eine wesentliche Änderung von der gemeinde-</span><br/> <span class="text">rätlichen Vorlage vorgenommen wurde. Hingegen ist es kaum mög-</span><br/> <span class="text">lich, bei einer allgemeinen Nutzungsplanung einen Vergleich zwi-</span><br/> <span class="text">schen jener in der öffentlichen Auflage befindlichen Fassung, mit der</span><br/> <span class="text">vom Legislativorgan später beschlossenen Endfassung vorzunehmen,</span><br/> <span class="text">ohne sich inhaltlich mit den damit verbundenen Auswirkungen aus-</span><br/> <span class="text">einanderzusetzen. Dies betrifft hier etwa die Frage der Rechtsgleich-</span><br/> <span class="text">heit des Verzichts. Der Gesetzgeber wollte aber keine materielle Be-</span><br/> <span class="text">urteilung von Streitsachen im Rahmen eines Gemeindebeschwerde-</span><br/> <span class="text">verfahrens.</span><br/> <span class="text">3.7.</span><br/> <span class="text">Aufgrund dieser Erwägungen ist im vorliegenden Fall von einer</span><br/> <span class="text">wesentlichen Änderung im Sinne von § 25 Abs. 2 BauG auszugehen.</span><br/> <span class="text">Dass die Änderung der Nichtausdehnung der Landschaftsschutzzone</span><br/> <span class="text">auf die Parzelle 717 dem Zustand der öffentlichen Auflage ent-</span><br/> <span class="text">spricht, erscheint im Gesamtkontext der vorgenommenen Änderun-</span><br/> <span class="text">gen der kommunalen Nutzungsordnung als untergeordnet. Geht man</span><br/> <span class="text">vom Hauptanliegen der massgebenden baurechtlichen Revision aus,</span><br/> <span class="text">nämlich der Qualitätssicherung, dann ist für den vorliegenden Fall</span><br/> <span class="text">eine Rückweisung zur nochmaligen Überprüfung der beschlossenen</span><br/> <span class="text">Änderung durchaus angebracht. Die Parzelle 717 umfasst schliess-</span><br/> <span class="text">lich eine grössere Fläche, als die in § 11 der BauV festgelegten</span><br/> <span class="text">200 m2. Damit ist die von der Gemeindeversammlung beschlossene</span><br/> <span class="text">Änderung betreffend der Parzelle 717 wesentlich.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>