<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 25 S.78</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>B. Anwaltsrecht</b></span><br/> <br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>25</b></span> <span class="ft2"><b>Ungebührliche Urteilskritik</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Vorwurf, man werde "den Eindruck nicht los, es handle sich um ein</b></span><br/> <span class="ft2"><b>politisches, rassistisches und sexistisches Urteil", überschreitet die Gren-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zen der zulässigen Urteilskritik und verstösst gegen § 14 Abs. 1 AnwG.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid der Anwaltskommission vom 12. August 2002 i.S. R.</span><br/> <span class="ft3">(bestätigt durch Urteil des Verwaltungsgerichts vom 19. Dezember 2002)</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">4. d) Der beschuldigte Anwalt führte in seiner Beschwerde-</span><br/> <span class="ft5">schrift gegen das Urteil des Gerichtspräsidiums X aus (S. 2/3), es sei</span><br/> <span class="ft5">derart einseitig, emotional, ja geradezu gehässig, dass es sich gerade</span><br/> <span class="ft5">selber disqualifiziere. Im Übrigen werde man den Eindruck nicht los,</span><br/> <span class="ft5">es handle sich um ein politisches, rassistisches und sexistisches Ur-</span><br/> <span class="ft5">teil.</span><br/> <span class="ft5">aa)</span> <span class="ft5">In seinem Schreiben vom 28. Dezember 2001 stellte der</span><br/> <span class="ft5">beschuldigte Anwalt sich dann auf den Standpunkt, nicht behauptet</span><br/> <span class="ft5">zu haben, das Urteil sei politisch, rassistisch und sexistisch. Diese</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Argumentation ist spitzfindig und nicht überzeugend, da die in der</span><br/> <span class="ft5">Beschwerdeschrift gewählte Formulierung klar zum Ausdruck bringt,</span><br/> <span class="ft5">dass die Urteilskritik den Vorwurf, das Urteil sei ,,politisch, rassi-</span><br/> <span class="ft5">stisch und sexistisch", beinhaltetet. In seiner Stellungnahme vom</span><br/> <span class="ft5">22. Februar 2002 an die Anwaltskommission hält der beschuldigte</span><br/> <span class="ft5">Anwalt überdies fest, er habe nur die ,,relative und zweifellos</span><br/> <span class="ft5">erlaubte Empfindung" zum Ausdruck bringen wollen, dass man den</span><br/> <span class="ft5">entsprechenden Eindruck (nämlich, dass es sich um ein politisches,</span><br/> <span class="ft5">rassistisches und sexistisches Urteil handle) nicht loswerde. Durch</span><br/> <span class="ft5">die Formulierung (,,zweifellos erlaubte Empfindung", ,,man (...) den</span><br/> <span class="ft5">Eindruck nicht los werde") suggeriert der beschuldigte Anwalt, dass</span><br/> <span class="ft5">dieser Eindruck schlechthin gerechtfertigt sei. Er bringt damit aber</span><br/> <span class="ft5">auch zum Ausdruck, dass er selbst sehr wohl das angefochtene Urteil</span><br/> <span class="ft5">als politisch, rassistisch und sexistisch erachtet.</span><br/> <span class="ft5">bb)</span> <span class="ft5">Dies zeigt sich auch darin, dass er im Schreiben vom</span><br/> <span class="ft5">28. Dezember 2001 mitteilte, er habe sich stellvertretend bei seinem</span><br/> <span class="ft5">Klienten für das Urteil entschuldigt. Damit bringt er zum Ausdruck,</span><br/> <span class="ft5">dass sich seines Erachtens im Grunde Gerichtspräsident Y zu ent-</span><br/> <span class="ft5">schuldigen hätte. Der beschuldigte Anwalt wiederholt damit die an</span><br/> <span class="ft5">die Adresse von Gerichtspräsident Y in der Beschwerde erhobenen</span><br/> <span class="ft5">Vorwürfe. Dass er sich im Schreiben vom 28. Dezember 2001 an Ge-</span><br/> <span class="ft5">richtspräsident Y wohl formell entschuldigte, ist zudem nicht aus-</span><br/> <span class="ft5">schlaggebend, liess er doch klar durchscheinen, dass er seine Äusse-</span><br/> <span class="ft5">rung nicht zurückzunehmen bereit war, und erhob zusätzlich den</span><br/> <span class="ft5">neuen Vorwurf der Zensur. Das ,,Entschuldigungsschreiben" kann</span><br/> <span class="ft5">daher nicht als ein solches verstanden werden.</span><br/> <span class="ft5">cc)</span> <span class="ft5">Somit steht fest, dass die beanstandete Äusserung durch-</span><br/> <span class="ft5">aus als Urteilskritik des beschuldigten Anwaltes anzusehen ist.</span><br/> <span class="ft5">e) Damit stellt sich die Frage nach der (Un-)Gehörigkeit der ge-</span><br/> <span class="ft5">machten Äusserung. Der Vorwurf, ein Urteil sei einseitig und gehäs-</span><br/> <span class="ft5">sig respektive politisch, rassistisch und sexistisch wiegt schwer. Er</span><br/> <span class="ft5">beinhaltet den Verdacht auf Parteilichkeit und Befangenheit (aus po-</span><br/> <span class="ft5">litischen und gesellschaftlichen Motiven), aber auch den Vorwurf</span><br/> <span class="ft5">moralisch verwerflichen und allenfalls strafrechtlich relevanten Ver-</span><br/> <span class="ft5">haltens. Diese Vorwürfe wiegen umso schwerer, als das Angriffsub-</span><br/> <span class="ft5">jekt ein Richter ist, an dessen Integrität im Interesse einer funktionie-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">80</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">renden Rechtspflege und zur Durchsetzung der materiellen Wahrheit</span><br/> <span class="ft5">und Gerechtigkeit hohe Anforderungen zu stellen sind. Die durch den</span><br/> <span class="ft5">beschuldigten Anwalt gewählten Worte zweifeln letztlich diese Inte-</span><br/> <span class="ft5">grität von Gerichtspräsident Y an. Sie sind aufgrund der Schwere der</span><br/> <span class="ft5">darin enthaltenen Vorwürfe geeignet, auf ihn ehrverletzend zu wir-</span><br/> <span class="ft5">ken. Sie sind unsachlich, aggressiv, unnötig und verunglimpfend</span><br/> <span class="ft5">(vgl. ZR 1998 Nr. 93 S. 229, ZR 1999 Nr. 55 S. 273 ff.). Damit hat</span><br/> <span class="ft5">der beschuldigte Anwalt die Grenze der zulässigen Urteilskritik und</span><br/> <span class="ft5">damit des prozessualen Anstandes überschritten. Die Äusserungen</span><br/> <span class="ft5">sind ungehörig und eines seriös tätigen Anwaltes nicht würdig. Der</span><br/> <span class="ft5">beschuldigte Anwalt hat somit gegen § 14 Abs. 1 AnwG verstossen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>