<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">541</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VI. Verwaltungsrechtspflege</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>103 Rückkommen auf einen Entscheid</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Abgrenzung von Wiedererwägung, Widerruf und Wiederaufnahme; zu-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ständige Instanz</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 19. Dezember 2012 i.S. X.</span><br/> <span class="ft3">(RRB Nr. 2012-001736).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">1.1</span><br/> <span class="ft5">Der Beschwerdeführer verlangt die Aufhebung des angefochte-</span><br/> <span class="ft5">nen Entscheids, weil dieser durch eine unzuständige Instanz getrof-</span><br/> <span class="ft5">fen worden sei. Es handle sich nämlich um einen Wiedererwägungs-</span><br/> <span class="ft5">entscheid, und eine Wiedererwägung könne rechtlich nur durch die-</span><br/> <span class="ft5">jenige Instanz erfolgen, welche den ursprünglichen Entscheid erlas-</span><br/> <span class="ft5">sen habe, d.h. vorliegend durch die Rechtsabteilung BVU und nicht</span><br/> <span class="ft5">durch die Abteilung für Umwelt BVU.</span><br/> <span class="ft5">1.2</span><br/> <span class="ft5">Die Wiedererwägung, die auf eine nochmalige Überprüfung ei-</span><br/> <span class="ft5">nes als mangelhaft gehaltenen, in der Regel bereits formell rechts-</span><br/> <span class="ft5">kräftigen Entscheids abzielt, ist in § 39 VRPG geregelt: Gemäss Abs.</span><br/> <span class="ft5">1 hat eine Wiedererwägung durch die erstinstanzlich zuständige Be-</span><br/> <span class="ft5">hörde zu erfolgen. Dies gilt auch für Rechtsmittelentscheide</span><br/> <span class="ft5">(vgl. Botschaft des Regierungsrats vom 14. Februar 2007 zur 1. Be-</span><br/> <span class="ft5">ratung des Verwaltungsrechtspflegegesetzes, S. 51). Solche Rechts-</span><br/> <span class="ft5">mittelentscheide sind gemäss Abs. 2 der genannten Bestimmung ei-</span><br/> <span class="ft5">ner Wiedererwägung allerdings nur zugänglich, wenn sich der dem</span><br/> <span class="ft5">rechtskräftigen Entscheid zugrunde liegende Sachverhalt oder die</span><br/> <span class="ft5">Rechtslage erheblich und entscheidrelevant geändert hat.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">542</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Mit der Wiedererwägung verwandt ist der Widerruf gemäss</span><br/> <span class="ft5">§ 37 VRPG: Formell rechtskräftige Entscheide, die der Rechtslage</span><br/> <span class="ft5">oder den sachlichen Erfordernissen nicht entsprechen, können geän-</span><br/> <span class="ft5">dert oder aufgehoben werden, wenn das Interesse an der richtigen</span><br/> <span class="ft5">Rechtsanwendung die Interessen der Rechtssicherheit und des Ver-</span><br/> <span class="ft5">trauensschutzes überwiegt (Abs. 1); vorbehalten bleiben Entscheide,</span><br/> <span class="ft5">die nach besonderen Vorschriften oder nach der Natur der Sache</span><br/> <span class="ft5">nicht oder nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zurückge-</span><br/> <span class="ft5">nommen werden können (Abs. 2). Im Unterschied zur Wieder-</span><br/> <span class="ft5">erwägung ist für den Widerruf allerdings nicht die erstinstanzlich zu-</span><br/> <span class="ft5">ständige Behörde, sondern gemäss § 37 Abs. 1 VRPG die den seiner-</span><br/> <span class="ft5">zeitigen Entscheid erlassende Behörde oder deren Aufsichtsbehörde</span><br/> <span class="ft5">zuständig.</span><br/> <span class="ft5">Ein Rückkommen auf einen Entscheid ermöglicht schliesslich</span><br/> <span class="ft5">die Wiederaufnahme gemäss den §§ 65 bis 69 VRPG: Auf Begehren</span><br/> <span class="ft5">einer Partei ist ein rechtskräftig erledigtes Verfahren wieder aufzu-</span><br/> <span class="ft5">nehmen, wenn nachgewiesen wird, dass erhebliche neue Tatsachen</span><br/> <span class="ft5">oder Beweismittel vorliegen, die zur Zeit des Entscheids wohl be-</span><br/> <span class="ft5">standen, den Behörden aber nicht bekannt waren (§ 65 Abs. 1 lit. a),</span><br/> <span class="ft5">bzw. wenn nachgewiesen wird, dass die Vorschriften über die recht-</span><br/> <span class="ft5">mässige Zusammensetzung der entscheidenden Behörde verletzt oder</span><br/> <span class="ft5">erhebliche, sich aus den Akten ergebende Tatsachen versehentlich</span><br/> <span class="ft5">nicht berücksichtigt wurden (§ 65 Abs. 1 lit. b) oder wenn schliess-</span><br/> <span class="ft5">lich der Beweis erbracht werden kann, dass der Entscheid durch Arg-</span><br/> <span class="ft5">list oder strafbare Handlung beeinflusst wurde (§ 65 Abs. 1 lit. c).</span><br/> <span class="ft5">Das Wiederaufnahmebegehren ist innert 3 Monaten seit Kenntnis des</span><br/> <span class="ft5">Wiederaufnahmegrundes zu stellen (§ 66 Abs. 1); nach Ablauf von</span><br/> <span class="ft5">10 Jahren nach Eröffnung des Entscheids ist eine Wiederaufnahme</span><br/> <span class="ft5">allerdings nur noch zulässig, wenn der Entscheid durch Arglist oder</span><br/> <span class="ft5">strafbare Handlung beeinflusst wurde (§ 66 Abs. 2). Zuständig für</span><br/> <span class="ft5">die Wiederaufnahme ist die letzte Instanz, die im wieder aufzuneh-</span><br/> <span class="ft5">menden Verfahren entschieden hat (§ 65 Abs. 1 und § 66 Abs. 1)</span><br/> <span class="ft5">Die wesentlichen Abgrenzungskriterien zwischen Wiederauf-</span><br/> <span class="ft5">nahme einerseits und Widerruf bzw. Wiedererwägung andererseits</span><br/> <span class="ft5">sind darin zu erblicken, dass es sich bei der Wiederaufnahme um ein</span><br/> <span class="ft5">förmliches Rechtsmittel handelt, welches fristgebunden ist; die Wie-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">543</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">deraufnahme mag sodann nicht das gesamte Mängelspektrum abzu-</span><br/> <span class="ft5">decken, sondern nur einzelne Segmente davon (namentlich unter</span><br/> <span class="ft5">Ausschluss der rechtlichen Würdigung) und kann nur auf Gründe ge-</span><br/> <span class="ft5">stützt werden, die bei der Fällung des früheren Entscheids schon be-</span><br/> <span class="ft5">standen, also nicht erst später eingetreten sind (vgl. zur Rechtslage</span><br/> <span class="ft5">gemäss dem inzwischen aufgehobenen Verwaltungsrechtspflegege-</span><br/> <span class="ft5">setz vom 9. Juli 1968, die Rechtslage ist nach dem geltenden VRPG</span><br/> <span class="ft5">unverändert: Rudolf Weber, Grundsätzliches zur Wiederaufnahme</span><br/> <span class="ft5">nach § 27 VRPG, in: Festschrift für Dr. Kurt Eichenberger zur Voll-</span><br/> <span class="ft5">endung seines 80. Lebensjahres, Aarau 1990, S. 345).</span><br/> <span class="ft5">Schwerer fällt die Abgrenzung zwischen Widerruf und Wieder-</span><br/> <span class="ft5">erwägung. Das Merkmal, das die Wiedererwägung vom Widerruf un-</span><br/> <span class="ft5">terscheidet, wird in der Lehre vorallem im Grund, welcher die erneu-</span><br/> <span class="ft5">te Prüfung einer Anordnung auslöst, gesehen: Im Falle des Widerrufs</span><br/> <span class="ft5">ist es stets das öffentliche Interesse, welches zwingend die Abände-</span><br/> <span class="ft5">rung der ergangenen Verfügung erfordert, währenddessen die Wie-</span><br/> <span class="ft5">dererwägung eher auf den privaten Interessen der vom Entscheid be-</span><br/> <span class="ft5">troffenen Personen beruht (vgl. Attilio R. Gadola, Das verwaltungs-</span><br/> <span class="ft5">interne Beschwerdeverfahren, Zürich 1991, S. 130). Dement-</span><br/> <span class="ft5">sprechend kann eine Wiedererwägung grundsätzlich nur auf Gesuch</span><br/> <span class="ft5">einer der vom in Frage stehenden Entscheid betroffenen Parteien vor-</span><br/> <span class="ft5">genommen werden, währenddem ein Widerruf auch von Amtes we-</span><br/> <span class="ft5">gen möglich ist.</span><br/> <span class="ft5">1.3</span><br/> <span class="ft5">Im vorliegenden Fall wurde das Verfahren, welches zum ange-</span><br/> <span class="ft5">fochtenen Entscheid geführt hat, durch ein Schreiben des Beschwer-</span><br/> <span class="ft5">deführers vom 6. Juli 2010 ausgelöst, mit welchem dieser geltend</span><br/> <span class="ft5">machte, die getroffene Vergleichslösung werde von J. L. nicht ein-</span><br/> <span class="ft5">gehalten; sinngemäss stellte er den Antrag, den seinerzeitigen Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheid vom 29. Mai 2002 zu vollstrecken. Der Beschwerdegegner J.</span><br/> <span class="ft5">L. liess sich hiezu am 26. September 2010 vernehmen; er teilte dabei</span><br/> <span class="ft5">u.a. mit, dass er zur Verbesserung des Lüftungssystems einen unab-</span><br/> <span class="ft5">hängigen Lüftungsexperten der Forschungsanstalt ART kontaktiert</span><br/> <span class="ft5">habe. Einen expliziten Antrag, den seinerzeitigen Entscheid vom</span><br/> <span class="ft5">29. Mai 2002 zu ändern bzw. anzupassen, stellte J. L. dagegen nicht.</span><br/> <span class="ft5">Angesichts dessen stellt sich grundsätzlich die Frage, ob es sich vor-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">544</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">liegend tatsächlich um ein Wiedererwägungsverfahren gehandelt hat,</span><br/> <span class="ft5">welches durch die erstinstanzlich zuständige Behörde zu behandeln</span><br/> <span class="ft5">gewesen wäre, oder nicht doch vielmehr um ein Widerrufsverfahren,</span><br/> <span class="ft5">welches in die Behandlungszuständigkeit der den seinerzeitigen Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheid erlassenden Behörde hätte fallen müssen.</span><br/> <span class="ft5">Aufgrund der Besonderheiten des vorliegenden Falles können</span><br/> <span class="ft5">diese Fragen allerdings letztlich offen bleiben. Zu berücksichtigen ist</span><br/> <span class="ft5">nämlich zweierlei: Massgebend ist einerseits, dass heute - nach dem</span><br/> <span class="ft5">Inkrafttreten des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über</span><br/> <span class="ft5">den Schutz von Umwelt und Gewässern (EG Umweltrecht, EG</span><br/> <span class="ft5">UWR) vom 4. September 2007 - nicht mehr der Gemeinderat, son-</span><br/> <span class="ft5">dern vielmehr das Departement BVU erstinstanzlich zuständige Be-</span><br/> <span class="ft5">hörde zur Entscheidung von nachbarlichen Streitigkeiten über über-</span><br/> <span class="ft5">mässige und damit unzulässige Geruchsimmissionen ist (vgl. § 28</span><br/> <span class="ft5">Abs. 1 EG UWR i.V. mit den §§ 57 f. der Verordnung zum EG UWR</span><br/> <span class="ft5">vom 14. Mai 2008). Aufgrund des klaren Gesetzeswortlauts von § 39</span><br/> <span class="ft5">Abs. 1 VRPG und entgegen der Argumentation des Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft5">rers wäre daher das BVU für eine Wiedererwägung zuständig.</span><br/> <span class="ft5">Andererseits handelt es sich beim Entscheid vom 29. Mai 2002</span><br/> <span class="ft5">nicht um einen "Entscheid der Rechtsabteilung BVU", sondern viel-</span><br/> <span class="ft5">mehr um einen "Entscheid des Departements BVU". Im Unterschied</span><br/> <span class="ft5">zu Ämtern und unselbständigen Staatsanstalten handeln nämlich die</span><br/> <span class="ft5">Abteilungen eines Departements nicht in eigenem Namen, sondern</span><br/> <span class="ft5">stets im Namen des Departements (vgl. § 32 Abs. 2 OrgG, e contra-</span><br/> <span class="ft5">rio). Zu Recht weist denn auch die Rechtsabteilung BVU darauf hin,</span><br/> <span class="ft5">dass der seinerzeitige Entscheid vom 29. Mai 2002 als Urheber aus-</span><br/> <span class="ft5">schliesslich das Departement und nicht die Rechtsabteilung BVU</span><br/> <span class="ft5">ausweist.</span><br/> <span class="ft5">Mit andern Worten besteht die Besonderheit des vorliegenden</span><br/> <span class="ft5">Falles darin, dass die den seinerzeitigen Entscheid erlassende Behör-</span><br/> <span class="ft5">de mit der heute für die Beurteilung von Geruchsimmissionsstreitig-</span><br/> <span class="ft5">keiten erstinstanzlich zuständigen Behörde identisch ist. Daher ist</span><br/> <span class="ft5">dieselbe Behörde - nämlich das Departement BVU - sowohl für eine</span><br/> <span class="ft5">Wiedererwägung des Entscheids vom 29. Mai 2002 als auch für des-</span><br/> <span class="ft5">sen Widerruf zuständig. Die Argumentation des Beschwerdeführers,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">545</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">es habe eine unzuständige Instanz entschieden, geht unter diesen</span><br/> <span class="ft5">Umständen in jedem Falle fehl.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/></div> </div> </body> </html>