<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">196</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>37</b></span> <span class="ft3"><b>Sozialhilfe; Rechtsmissbrauch</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Rechtsmissbräuchliches Verhalten liegt nicht vor, wenn die mangelnde</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Kooperation der unterstützten Person mit der Invalidenversicherung auf</b></span><br/> <span class="ft3"><b>psychische Gründe zurückzuführen ist.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 28. August</span><br/> <span class="ft4">2017, i.S. A. gegen Gemeinderat B. und Departement Gesundheit und So-</span><br/> <span class="ft4">ziales (WBE.2017.145)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">197</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf Sozialhilfe besteht, sofern die eigenen Mittel</span><br/> <span class="ft1">nicht genügen und andere Hilfeleistungen nicht rechtzeitig erhältlich</span><br/> <span class="ft1">sind oder nicht ausreichen (§ 5 Abs. 1 SPG). Damit wird der Grund-</span><br/> <span class="ft1">satz der Subsidiarität der Sozialhilfe ausgedrückt. Die Hilfe suchende</span><br/> <span class="ft1">Person ist verpflichtet, sich nach Möglichkeit selbst zu helfen; sie</span><br/> <span class="ft1">muss alles Zumutbare unternehmen, um eine Notlage aus eigenen</span><br/> <span class="ft1">Kräften abzuwenden oder zu beheben (BGE 130 I 71, Erw. 4.3; vgl.</span><br/> <span class="ft1">auch SKOS-Richtlinien, A.4-1).</span><br/> <span class="ft1">Weder der Gemeinderat noch die Vorinstanz behauptet, dass die</span><br/> <span class="ft1">Anspruchsvoraussetzungen der materiellen Hilfe fehlen. Aus den</span><br/> <span class="ft1">Akten ergeben sich keine Hinweise für eine fehlende Bedürftigkeit</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers. Die blosse Möglichkeit, durch die Koopera-</span><br/> <span class="ft1">tion mit der Invalidenversicherung (IV) einen Anspruch auf eine IV-</span><br/> <span class="ft1">Rente zu erhalten, führt nicht zum Entfallen des Anspruchs auf</span><br/> <span class="ft1">Sozialhilfe (vgl. SKOS-Richtlinien, A.4-2). Der Anspruch auf mate-</span><br/> <span class="ft1">rielle Hilfe ist nicht verschuldensabhängig (vgl. BGE 131 I 166,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 4.3). Eine Leistungseinstellung wegen fehlender Anspruchs-</span><br/> <span class="ft1">voraussetzungen war somit nicht zulässig.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">2.2.1.</span><br/> <span class="ft1">Nach § 13 Abs. 1 SPG kann die Gewährung von materieller</span><br/> <span class="ft1">Hilfe mit Auflagen und Weisungen verbunden werden. Werden sol-</span><br/> <span class="ft1">che Auflagen und Weisungen nicht befolgt, können die Leistungen</span><br/> <span class="ft1">gekürzt werden, sofern sie unter Androhung der Folgen bei Missach-</span><br/> <span class="ft1">tung erlassen wurden (Abs. 2). Bei der Kürzung der materiellen Hilfe</span><br/> <span class="ft1">ist die Existenzsicherung zu beachten (§ 15 Abs. 1 SPV). Diese liegt</span><br/> <span class="ft1">bei 65 % des Grundbedarfs I gemäss SKOS-Richtlinien (§ 15 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">SPV in der bis zum 31. Dezember 2016 geltenden Fassung). Verhält</span><br/> <span class="ft1">sich die unterstützte Person rechtsmissbräuchlich, kann eine Kürzung</span><br/> <span class="ft1">der materiellen Hilfe auch unter die Existenzsicherung erfolgen oder</span><br/> <span class="ft1">die materielle Hilfe ganz eingestellt werden. Rechtsmissbrauch liegt</span><br/> <span class="ft1">insbesondere dann vor, wenn das Verhalten der unterstützten Person</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">198</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">einzig darauf ausgerichtet ist, in den Genuss von materieller Hilfe zu</span><br/> <span class="ft1">gelangen (§ 15 Abs. 3 Satz 2 SPV). Rechtsmissbrauch ist anzuneh-</span><br/> <span class="ft1">men, wenn jemand eine Notlage bewusst willentlich herbeiführt oder</span><br/> <span class="ft1">aufrechterhält, um so an Sozialhilfeleistungen zu gelangen (C</span><span class="ft4">LAUDIA</span><br/> <span class="ft1">H</span><span class="ft4">ÄNZI</span><span class="ft1">, Die Richtlinien der schweizerischen Konferenz für Sozial-</span><br/> <span class="ft1">hilfe, Basel 2011, S. 154). Auch die systematische Weigerung, Wei-</span><br/> <span class="ft1">sungen und Auflagen zu erfüllen, kann als rechtsmissbräuchlich</span><br/> <span class="ft1">qualifiziert werden (AGVE 2008, S. 242 ff., Erw. 2; VGE vom</span><br/> <span class="ft1">29. März 2007 [WBE.2006.319], S. 15).</span><br/> <span class="ft1">2.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Mit Entscheid vom 15. September 2014 erteilte der Gemeinde-</span><br/> <span class="ft1">rat dem Beschwerdeführer die Auflage/Weisung, eine teilstationäre</span><br/> <span class="ft1">Behandlung zu absolvieren. Werde die Therapie nicht angetreten</span><br/> <span class="ft1">oder abgebrochen, werde "der Grundbedarf I gemäss SKOS-Richt-</span><br/> <span class="ft1">linien 20 % über 6 Monate unter Wegfall des Grundbedarfs II ab No-</span><br/> <span class="ft1">vember 2014 gekürzt". Wegen Missachtens der Auflage/Weisung</span><br/> <span class="ft1">wurde im Entscheid vom 12. Januar 2015 der Grundbedarf I um</span><br/> <span class="ft1">Fr. 7.00 gekürzt und der Grundbedarf II gestrichen (für den Zeitraum</span><br/> <span class="ft1">von 6 Monaten).</span><br/> <span class="ft1">Am 19. Januar 2015 erteilte der Gemeinderat dem Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer die Auflage/Weisung, für die Abklärungen der Invalidenversi-</span><br/> <span class="ft1">cherung eng mit der IV-Stelle zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig</span><br/> <span class="ft1">wurde dem Beschwerdeführer angedroht, die Sozialhilfe wegen</span><br/> <span class="ft1">rechtsmissbräuchlichen Verhaltens einzustellen, falls die IV-Stelle</span><br/> <span class="ft1">das hängige Gesuch wegen mangelnder Kooperation erneut zurück-</span><br/> <span class="ft1">weist.</span><br/> <span class="ft1">Am 18. Januar 2016 verfügte der Gemeinderat - unabhängig</span><br/> <span class="ft1">von einer bestehenden Kürzung der Wohnkosten - eine Kürzung des</span><br/> <span class="ft1">Grundbedarfs I um 35 % ab Februar 2016 und für 12 Monate. Falls</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer in eine teil- bzw. stationäre Behandlung ein-</span><br/> <span class="ft1">trete, könne diese Kürzung überprüft bzw. aufgehoben werden. Einer</span><br/> <span class="ft1">allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid wurde die aufschie-</span><br/> <span class="ft1">bende Wirkung entzogen. Zur Begründung wurde auf zwei abgebro-</span><br/> <span class="ft1">chene Therapien verwiesen. Es bestehe der Eindruck, dass der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer nicht gewillt sei, seine psychische Erkrankung thera-</span><br/> <span class="ft1">pieren zu lassen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">199</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Nachdem die IV-Stelle am 8. Juni 2016 verfügt hatte, wegen</span><br/> <span class="ft1">fehlender Mitwirkung auf das Begehren des Beschwerdeführers nicht</span><br/> <span class="ft1">einzutreten, beschloss der Gemeinderat am 12. September 2016 die</span><br/> <span class="ft1">Einstellung der materiellen Hilfe.</span><br/> <span class="ft1">2.2.3.</span><br/> <span class="ft1">Die dargelegte Chronologie lässt ein rechtsmissbräuchliches</span><br/> <span class="ft1">Verhalten des Beschwerdeführers als naheliegend erscheinen. Er hat</span><br/> <span class="ft1">sich trotz angedrohten und vollzogenen Kürzungen sowie der ange-</span><br/> <span class="ft1">drohten Leistungseinstellung nicht dazu bewegen lassen, mit der IV-</span><br/> <span class="ft1">Stelle zu kooperieren. Gleichzeitig ist in Betracht zu ziehen, dass der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer mindestens seit 2004 psychisch auffällig ist. Ur-</span><br/> <span class="ft1">sprünglich wurde von einer "Depression mit Anpassungsstörungen</span><br/> <span class="ft1">bei einer unreifen Persönlichkeit mit zusätzlicher Überprotektion</span><br/> <span class="ft1">durch die Mutter" ausgegangen. Nach Einschätzung der behandeln-</span><br/> <span class="ft1">den Psychiaterin Dr. med. C., Fachärztin für Psychiatrie und Psycho-</span><br/> <span class="ft1">therapie, vom 26. Juni 2014 leidet er unter Angstzuständen und</span><br/> <span class="ft1">depressiven Stimmungen. Seine Ängste führten zu Blockaden, wes-</span><br/> <span class="ft1">halb er insbesondere eine vorgesehene Operation der Nasenscheide-</span><br/> <span class="ft1">wand wieder abgesagt habe. Lic. phil. D., Fachpsychologin für</span><br/> <span class="ft1">Psychotherapie FSP, diagnostizierte am 5. November 2015 eine sozi-</span><br/> <span class="ft1">ale Phobie (ICD-10 F40.1) sowie "sonstige näher bezeichnete Prob-</span><br/> <span class="ft1">leme verbunden mit der sozialen Umgebung: bis jetzt hat keine Ablö-</span><br/> <span class="ft1">sung von der Mutter stattgefunden, symbiotische Beziehung mit</span><br/> <span class="ft1">Mutter Z 60.8". Gemäss Schreiben von Dr. med. E. vom 15. März</span><br/> <span class="ft1">2017 leidet der Beschwerdeführer an einer depressiven Verstimmung</span><br/> <span class="ft1">mit mangelndem Selbstwertgefühl; zudem bestehe wohl eine vermin-</span><br/> <span class="ft1">derte zerebrale Kapazität. Unabhängig davon, dass eine genaue Diag-</span><br/> <span class="ft1">nose bis dato nicht möglich war, leidet der Beschwerdeführer offen-</span><br/> <span class="ft1">bar unter ernstzunehmenden psychischen Problemen. Es liegt nahe,</span><br/> <span class="ft1">dass diese Probleme, namentlich seine regelmässigen Angstzustände,</span><br/> <span class="ft1">eine wesentliche Ursache für die ungenügende Kooperation mit der</span><br/> <span class="ft1">IV waren. Daher darf nicht auf rechtsmissbräuchliches Verhalten ge-</span><br/> <span class="ft1">schlossen werden. Dem Beschwerdeführer kann nicht vorgeworfen</span><br/> <span class="ft1">werden, absichtlich eine Notlage aufrechtzuerhalten, um so an</span><br/> <span class="ft1">Sozialhilfeleistungen zu gelangen. Die Einstellung der materiellen</span><br/> <span class="ft1">Hilfe war somit unzulässig.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">200</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Als Ergebnis ist festzuhalten, dass eine Leistungseinstellung</span><br/> <span class="ft1">weder aufgrund fehlender Bedürftigkeit noch wegen rechtsmiss-</span><br/> <span class="ft1">bräuchlichen Verhaltens zulässig war. Entgegen der Darstellung des</span><br/> <span class="ft1">Gemeinderats hat sich der Beschwerdeführer insbesondere nicht</span><br/> <span class="ft1">rechtsmissbräuchlich verhalten, indem er Beschwerde erhoben hat.</span><br/></div> </div> </body> </html>