B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-121/2018 U r t e i l v o m 3 1 . J u l i 2 0 2 0 Besetzung Richter Jürg Marcel Tiefenthal (Vorsitz), Richter David R. Wenger, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Gerichtsschreiber Daniel Merkli. Parteien A._______, geboren am (…), Staat unbekannt, vertreten durch lic. iur. Monika Böckle, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 5. Dezember 2017 / N (…). D-121/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 23. September 2015 ohne Einreichung von Identitätsdokumenten in der Schweiz um Asyl nach und gab unter an- derem an, am (...) geboren und damit noch minderjährig zu sein. B. In der Folge veranlasste das SEM am 24. September 2015 eine Handkno- chenanalyse, welche mit gleichentags erfolgtem Befund ein Skelettalter von 19 Jahren oder älter ergab. Im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) vom 1. Oktober 2015 machte der Beschwerdeführer geltend, (…) Jahre alt zu sein, jedoch das genaue G eburtsdatum nicht zu kennen (vgl. SEM-Protokoll A7 S. 3). Im Weiteren gab er an, ein aus B._______ oder C._______ in Afghanistan stammender ethnischer Hazara schiitischen Glaubens zu sein und seit der frühen Kindheit bis zum 16. Lebensjahr in D._______ zusammen mit seinen aus Afghanistan stammenden Adoptiv- eltern als Flüchtling illegal (und ohne Identitätspapiere) gelebt zu haben (vgl. A7 S. 3). Er sei Einzelkind und im Verlauf des letzten Jahres seien seine Adoptiveltern gestorben. Ausser einer in D._______ lebenden Tante habe er keine weiteren Verwandten. C. Am 12. Oktober 2015 beendete das SEM das eingeleitete Dublin -Verfah- ren. D. Am 12. Juni 2017 wurde ein Gespräch zwischen dem Beschwerdeführer und einer sachverständigen Person von LINGUA durchgeführt. Das am 13. Oktober 2017 erstellte Gutachten der Fachstelle LINGUA kommt zum Schluss, dass die Sozialisation des Beschwerdeführers in D._______ sehr wahrscheinlich nicht wie geltend gemacht im Milieu der rezenten Hazara - Flüchtlinge, sondern sehr wahrscheinlich im Milieu der dort lebenden ein- heimischen Hazara stattgefunden habe. E. Im Rahmen der Anhörung vom 2. November 2017 wurde dem Beschwer- deführer das rechtliche Gehör zur Lingua-Analyse gewährt. Der Beschwer- deführer beharrte darauf, «afghanischer Hazara» und nicht « D._______- (…)» zu sein. Er spreche den Hazara-Dialekt aus D._______, weil er dort lange gelebt habe. Zur Begründung seines Asylgesuches m achte er im Wesentlichen geltend, als Schiite und Hazara sei es in Pakistan sehr D-121/2018 Seite 3 schwierig zu leben. Er selbst sei von einigen Hazara beschimpft und be- lästigt worden und habe Angst davor, dass ihm Schlimmeres zustosse. F. Mit Verfügung vom 5. Dezember 2017 (Eröffnung am 12. Dezember 2017) stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei- genschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug. G. Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit handschriftlich ergänzter Formulareingabe vom 3. Januar 2018 beim Bundesverwaltungs- gericht sinngemäss Beschwerde im Asyl- und Wegweisungspunkt. In ver- fahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung samt Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses und die Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertretung ersucht. H. Mit Eingabe vom 9. Januar 2018 reichte der Beschwerdeführer einen Zwi- schenbericht des Zentrums für E._______ St. Gallen vom 8. Januar 2018 ein. I. Mit Zwischenverfügung vom 16. Januar 2018 wurde das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Gleichzeitig wurde der Be- schwerdeführer dazu aufgefordert, bis zum 31. Januar 2018 bekanntzuge- ben, welcher Rechtsvertreter oder welche Rechtsvertreterin ihm a mtlich beigeordnet werden solle. Über das Gesuch um Gewährung der amtlichen Rechtsverbeiständung nach Art. 110 a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142 .31) werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden. J. Mit Zwischenverfügung vom 17. April 2018 hiess der damals zuständige Instruktionsrichter das Gesuch um Gewährung der amtlichen Rechtsver- beiständung nach Art. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG gut und ordnete ihm die mit Eingabe vom 31. Jan uar 2018 vorgeschlagene Rechtsvertreterin lic.iur. Monika Böckle als amtliche Rechtsbeiständin bei. Die Vorinstanz wurde zur Vernehmlassung eingeladen mit der Bitte, sich zur möglichen Auswirkung D-121/2018 Seite 4 der Zugehörigkeit des Beschwerdeführers zur Minderheit der Hazara in Pa- kistan auf die Frage der Zumutbarkeit gemäss BVGE 2014/32 E. 9.4 zu äussern. K. In seiner Vernehmlassung vom 26. April 2018 beantragte das SEM die Ab- weisung der Beschwerde, wobei es im Zusammenhang mit BVGE 2014/32 festhielt, dass vorliegend ein über die schwierige Lage der Hazara hinaus- gehendes Gefährdungsindiz nicht gegeben sei. Im Weiteren wies es hin- sichtlich der psychischen Schwierigkeiten d es Beschwerdeführers darauf hin, dass dieser anlässlich der Befragungen keine gesundheitlichen Be- schwerden geltend gemacht und es unterlassen habe, das SEM über sei- nen gesundheitlichen Zustand zu informieren und entsprechende ärztliche Zeugnisse einzureichen. L. Mit Replik vom 17. Mai 2018 machte die neu mandatierte Rechtsvertretung geltend, eine erste ärztliche Konsultation habe bereits am 1. Oktober 2015 stattgefunden und reichte einen ärztlichen Zwischenbericht des Zentrums für Psychotraumatologie Gravita des SRK St. Gallen vom 8. Januar 2018 ein, worin festgehalten wird, dass die bisherige Anamnese und Verlaufsbe- obachtung nicht ausreichend sei, um eine befriedigende Beurteilung der psychischen Verfassung des Beschwerdeführers zu treffen. Hinweise für eine schwergradige Störung lägen nicht vor. Im Weiteren wurde geltend gemacht, dass der Beschwerdeführer entgegen der Auffassung im Lingua- Gutachten den Dialekt der in D._______ ansässigen Hazara nicht deshalb spreche, weil er ein ursprünglich Ansässiger sei, sondern, weil er faktisch im Geschäft seiner Adoptiveltern aufgewachsen sei und sich dort den regi- onalen Dialekt angeeignet habe. M. Mit Eingabe vom 14. März 2019 wurde ein ärztlicher Kurzbericht der F._______ vom 28. Februar 2019 eingereicht. N. Mit Zwischenverfügung vom 18. Juni 2020 wurde der Vorinstanz Gelegen- heit gegeben, sich im Rahmen einer zweiten Vernehmlassung zum ge- nannten ärztlichen Bericht vom 28. Februar 2019 und dem Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung für psychisch erkrankte Personen in Pakistan zu äussern. D-121/2018 Seite 5 O. In ihrer Vernehmlassung vom 24. Juni 2020 wies die Vorinstanz darauf hin, dass sich der Beschwerdeführer, sollte er tatsächlich an einer posttrauma- tischen Belastungsstörung leiden, in seiner Heimatstadt an Fachpersonen wenden und sich dort behandeln lassen könne. Solche Behandlungen seien erhältlich in den beiden öffentlichen Einrichtungen G._______ und H._______. P. In ihrer Duplik vom 16. Juli 2020 machte die Rechtsvertretung unter ande- rem geltend, dass sich der Beschwerdeführer bereits am 26. Juni 2017 erstmals um ärztliche Hilfe bemüht habe. Der Zugang zu medizinischen Dienstleistungen sei für den mittellosen Beschwerdeführer afghanischer Herkunft ohne Aufenthaltsrecht in Pakistan nicht möglich. Im Weiteren habe das SEM in der angefochtenen Verfügung aktenwidrig behauptet, dass der Beschwerdeführer keinen konstanten Einfluss eines anderen Di- alekts erfahren habe. Vielmehr sei ein solcher über die Kundschaft im Ge- schäft erfolgt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG ). Der Beschwerde- führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist ein- zutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein- schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un- richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Zusammenhang mit dem Wegweisungsvollzug kann zudem die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 49 VwVG; vgl. BVGE 2014/26 E. 5). D-121/2018 Seite 6 3. 3.1 Die Flüchtlingseigenschaft muss nachweisen oder zumindest glaubhaft machen, wer um Asyl nachsucht (Art. 7 AsylG). Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwie- gender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbeson- dere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massge- blich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in einem publizierten Entscheid dar- gelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3). 3.2 Asylsuchende sind verpflichtet, an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken. Sie müssen insbesondere ihre Identität offenlegen sowie Rei- sepapiere und Identitätsausweise abgeben (Art. 8 AsylG und Art. 2a Asyl- verordnung 1 über Verfahrensfragen [Asylverordnung 1, AsylV 1, SR 142.311]). Die verwaltungsrechtliche Offizialmaxime findet unter ande- rem ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht (Art . 8 AsylG; vgl. BVGE 2014/12 E. 6 S. 213 f.). 4. 4.1 Aufgrund des LINGUA-Gutachtens vom 17. Oktober 2017, worin fest- gehalten wird, dass die Sozialisation des Beschwerdeführers in D._______ sehr wahrscheinlich nicht wie geltend gemacht im Milieu der rezenten Ha- zara-Flüchtlinge, sondern sehr wahrscheinlich im Milieu der dort lebenden einheimischen Hazara stattgefunden habe, erachtete das SEM in der an- gefochtenen Verfügung die geltend gemachte afghanische Herkunft des Beschwerdeführers als nicht glaubhaft. Im Weiteren habe der Beschwer- deführer keine asylrelevanten Vorbringen geltend gemacht, weshalb er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle und dessen Asylgesuch abzulehnen sei. Schliesslich seien zwar die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Vollzugs (Art. 44 AsylG i.V.m. Art. 83 AuG) grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen, indessen finde diese Untersuchungspflicht nach Treu und Glauben ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht der beschwerdefüh- renden Person (Art. 8 AsylG; vgl. BVGE 2014/12 E. 5.9 und 6), die im Üb- rigen auch die Substan ziierungslast trage (Art. 7 AsylG). Es könne nicht Sache der Asylbehörden sein, nach allfälligen Wegweisungshindernissen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen (vgl. EMARK 2005 Nr. 1 E. 3.3.2 S. 4 f.). Aufgrund der entsprechenden unglaubhaften Angaben sei D-121/2018 Seite 7 es den Asylbehörden nicht möglich, sich in voller Kenntnis der tatsächli- chen persönlichen und familiären Verhältnisse des Beschwerdeführers zur Zulässigkeit und Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung zu äussern. 4.2 In seiner handschriftlich ergänzten Formularbeschwerde machte der Beschwerdeführer geltend, krank zu sein und nicht schlafen zu können. Er sei beim Zentrum für E._______ St. Gallen in Behandlung und werde ärzt- liche Berichte nachreichen. Aufgrund seine r Krankheit habe er anlässlich der Befragung von seinen Beschwerden nicht berichten können. Er habe sich wegen seines schlechten gesundheitlichen Zustands auch nicht gut ausdrücken können und habe die Fragen schlecht verstanden. Das SEM habe seine Situation nicht richtig beurteilen können, da es von seinen psy- chischen Leiden nichts gewusst habe. Im Weiteren hielt er daran fest, kein in D._______ ansässiger Hazara zu sein, sondern dort als afghanischer Flüchtling gelebt zu haben. Er habe sich aufgrund des frühen Todes seiner Mutter «stark in Pakistan assimiliert» und den Dialekt der dortigen Bevöl- kerung, das sogenannte Kotogi, wegen der Tätigkeit im Laden seines Va- ters angenommen. Im Weiteren wurde von der Rechtsvertretung auf Beschwerdeebene gel- tend gemacht, eine erste ärztliche Konsultation habe bereits am 1. Oktober 2015 stattgefunden; sie reichte einen ärztlichen Zwischenbericht des Zent- rums für E._______ vom 8. Januar 2018 ein, worin festgehalten wird, dass die bisherige Anamnese und Verlaufsbeobachtung nicht ausreichend sei, um eine befriedigende Beurteilung der psychischen Verfassung des Be- schwerdeführers zu treffen. Hinweise für eine schwergradige Störung lä- gen nicht vor. Dem mit Eingabe vom 14. März 2019 eingereichten ärztli- chen Kurzbericht der F._______ vom 28. Februar 2019 ist ohne weitere Ausführungen zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer aufgrund einer mittelgradig depressiven Episode mit auftretenden Suizidgedanken sowie Ein- und Durchschlafstörungen bei Verdacht auf eine posttraumati- sche Belastungsstörung seit dem 23. August 2018 in psychiatrisch-psycho- therapeutischer Behandlung im I._______ befinde. Im Weiteren machte die Rechtsvertretung in ihrer Duplik vom 16. Juli 2020 geltend, dass der Zu- gang zu medizinischen Dienstleistungen für den m ittellosen Beschwerde- führer afghanischer Herkunft ohne Aufenthaltsrecht in Pakistan nicht mög- lich sei. 5. 5.1 Vorab ist darauf hinzuweisen, dass der in Art. 12 VwVG statuierte Un- tersuchungsgrundsatz, wonach die Behörde den Sachverhalt von Amtes D-121/2018 Seite 8 wegen feststellt und sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel be- dient, seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden findet (Art. 8 AsylG). Dazu gehört, die Identität offenzulegen und vorhandene Identitätspapiere abzugeben, an der Festste llung des Sachverhaltes mit- zuwirken und die Asylgründe darzulegen, allfällige Beweismittel vollständig zu bezeichnen und unverzüglich einzureichen sowie bei der Erhebung der biometrischen Daten mitzuwirken (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4). Der Be- schwerdeführer hat weder Reise- noch Identitätspapiere – die geeignet wä- ren, etwas zur Klärung seiner Identität beziehungsweise Herkunft beizutra- gen – eingereicht. Die fehlende Beibringung eines Identitätsnachweises stellt eine Verletzung der ihm obliegenden Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG dar, auf welche die Vorinstanz ihn bereits anlässlich der Befragung zur Person explizit hinwies. 5.2 Hinsichtlich des Gutachtens der Fachstelle LINGUA ist festzuhalten, dass sowohl eine landeskundlich-kulturelle als auch eine ling uistische Analyse durchgeführt wurde, wobei die beauftragte Person über eine entspre- chende Befähigung verfügt. Bei einem solchen LINGUA-Gutachten handelt es sich zwar nicht um ein Sachverständigengutachten im Sinne von Art. 12 Bst. e VwVG (vgl. hierzu Art. 57–61 BZP [SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), sondern um eine schriftliche Auskunft einer Drittperson im Sinne von Art. 12 Bst. c VwVG. Das Bundesverwaltungsgericht misst diesen LIN- GUA-Analysen aber erhöhten Beweiswert bei, sofern bestimmte Anforde- rungen an di e fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Ex- perten sowie die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit gegeben sind, denen eine solche Prüfung zu entsprechen hat (so auch bei reinen LINGUA-Alltagswissensevaluationen, vgl. Urteil d es BVGer D -5625/2013 vom 29. September 2014 E. 4.4.1 f.). Diese Voraussetzungen sind hier er- füllt. Somit wird dem vorliegenden LINGUA -Gutachten erhöhter Beweis- wert beigemessen und von der inhaltlichen Richtigkeit und Vollständigkeit ausgegangen. Das SEM hat sich mit den Erklärungen des Beschwerdefüh- rers im Rahmen des rechtlichen Gehörs zum Ergebnis des LINGUA -Gut- achtens hinreichend auseinandergesetzt. Zur Vermeidung von Wiederho- lungen kann – mit nachfolgendem Vorbehalt – auf die zutreffenden Erwä- gungen der Vorinstanz verwiesen werden. Aufgrund der Tatsache, dass der Beschwerdeführer nach seinen eigenen Angaben i m Rahmen der Anhö- rung im Lebensmittelladen seines Vaters gearbeitet hat, ist nicht auszu- schliessen, dass er dabei auch Kontakt mit einheimischen Haza ra hatte und sich dadurch den Kotagi Dialekt, wenn auch nicht im behaupteten Aus- mass, hätte aneignen können. Die im Übrigen rudimentäre Argumentation D-121/2018 Seite 9 auf Beschwerdeebene ist nicht geeignet, das Ergebnis des LINGUA -Gut- achtens und die Schlussfolgerungen des SEM in Frage zu stellen. Schliesslich hat der Beschwerdeführer keine asylrelevanten Vorbringen geltend gemacht, weshalb das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und dessen Asylgesuch abgelehnt hat. 6. 6.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es nicht darauf ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). 6.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch able hnt oder darauf nicht ein- tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E.44; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 6.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration [AIG, SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 6.4 Wegweisungshindernisse sind grundsätzlich von Amtes wegen zu prü- fen. Diese Untersuchungspflicht findet jedoch nach Treu und Glauben ihre Grenzen in der Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers (Art. 8 AsylG), der im Übrigen auch die Substanziierungslast trägt (Art. 7 AsylG). Es kann daher nicht Sache der Asylbehörden sein, nach allfälligen Wegweisung s- vollzugshindernissen zu forschen (vgl. EMARK 2005 Nr. 1 E. 3.2.2 S. 4 f.). 6.5 Wie die Vorinstan z zutreffend ausgeführt hat, kann die geltend ge- machte Herkunft aus Afghanistan nicht geglaubt werden und es ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer seine wahre H erkunft und tat- sächlichen familiären Verhältnisse zu verschleiern versucht. Aufgrund des D-121/2018 Seite 10 LINGUA-Gutachtens kann mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausge- gangen werden, dass der Beschwerdeführer aus dem Milieu der in D._______ lebenden einheimischen Hazara stammt. Im Zusammenhang mit BVGE 2014/32 ist festzuhalten, dass vorliegend ein über die schwierige Lage der Hazara hinausgehendes Gefäh rdungsindiz nicht gegeben ist. Hinsichtlich des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers ist mit dem SEM festzuhalten, dass dieser anlässlich der Befragungen keine gesund- heitlichen Beschwerden geltend gemacht hat. Beim Vorbringen der Rechtsvertretung, es habe bereits am 1. Oktober 2015 eine erste ärztliche Konsultation stattgefunden, handelt es sich um eine nicht belegte Behaup- tung. Im Weiteren wurden bisher lediglich zwei ärztliche Zwischenberichte eingereicht, aus denen sich keine konkreten Anhaltspunkte auf gravie- rende psychische Schwierigkeiten ergeben, welche nicht auch am Her- kunftsort des Beschwerdefüh rers behandelt werden könnten, zumal der Beschwerdeführer gemäss dem letzten ärztlichen Bericht vom 28. Februar 2019 offenbar weder eine medikamentöse Behandlung benötigt noch je in stationärer Behandlung gewesen wäre und in der Replik vom 16. Juli 2020 auch keine Verschlechterung seiner psychischen Gesundheit vorgebracht wird. 6.6 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeichnen, weil es dem Beschwerdeführer obliegt, sich die für eine Rückkehr notwen- digen Reisedokumente bei der zuständigen Vertretung seines Heimat- staats zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu BVGE 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist möglich. 6.7 Die Vorinstanz hat den Vollzug demnach zu Recht als zulässig, zumut- bar und möglich erachtet. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen Auf- nahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106 AsylG). Zur Rückweisung besteht kein Anlass. Die Beschwerde ist abzuweisen. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahre ns sind die Kosten des Verfahrens grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). D-121/2018 Seite 11 Das Bundesverwaltungsgericht hat ihm mit Verfügung vom 17. April 2018 infolge Bedürftigkeit die unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltli- che Rechtsverbeiständung in der Person seiner Rechtsvertreterin gemäss Art. 110a AsylG gewährt. Aufgrund der Akten ist nach wie vor von der Be- dürftigkeit des Beschwerdeführers auszugehen, weshalb ihm keine Verfah- renskosten aufzuerlegen sind. 8.2 Der amtlichen Rechtsbeiständin ist ein Honorar auszurichten (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des Reg- lements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE SR 173.320.2]). Bei amtlic her Vertretung geht das Gericht in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte und von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht -anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wobei nur der notwendige Aufwand zu ent- schädigen ist. Die Rechtsvertreterin reichte am 16. Juli 2020 eine Honorarnote ein, in wel- che sie für Aktenstudium, Besprechung mit Mandanten und das Redigieren der Replik und Duplik einen zeitlichen Aufwand von 7,5 Stunden zuzüglich Auslagen von Fr. 25.– ausweist. Der geltend gemachte zeitliche Aufwand erscheint als angemessen. Hingegen ist der in der Kostennote verrechnete Stundenansatz auf Fr. 150.– zu reduzieren. Das Bundesverwaltungsge- richt hat der Rechtsvertreterin de mentsprechend ein Honorar von insge- samt Fr. 1’150.– (inkl. Auslagen von Fr. 25.–) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-121/2018 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Der amtlichen Rechtsvertreterin wird ein amtliches Honorar zulasten der Gerichtskasse in der Höhe von Fr. 1’150.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Jürg Marcel Tiefenthal Daniel Merkli Versand: