<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Einbürgerungen</span> <span class="page_no">363</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Einbürgerungen</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>66</b></span> <span class="ft2"><b>Abstimmung der Gemeindeversammlung über eine ordentliche Einbür-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gerung. Begründungspflicht von Einbürgerungsentscheiden.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bei Abstimmungen an Gemeindeversammlungen entscheidet die ein-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>fache Mehrheit der Stimmenden. Nicht erforderlich ist damit die ab-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>solute Mehrheit der anwesenden Stimmberechtigten (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sind beim Entscheid über</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Einbürgerungsgesuche an die Grundrechte gebunden und verpflich-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tet, zu ihrer Verwirklichung beizutragen. Der Entscheid über ein</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Einbürgerungsgesuch ist zu begründen (Erw. 3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 21. November 2012 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">X. und Y. gegen die Einwohnergemeinde Z. (RRB Nr. 2012-001557).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">2. a)</span><br/> <span class="ft7">Gemäss § 27 Abs. 2 GG entscheidet bei Abstimmungen an Ge-</span><br/> <span class="ft7">meindeversammlungen die "Mehrheit der Stimmenden". Der Wort-</span><br/> <span class="ft7">laut dieser Bestimmung ist klar. Für Beschlüsse der Gemeindever-</span><br/> <span class="ft7">sammlung genügt die einfache Mehrheit der Stimmenden. Nicht</span><br/> <span class="ft7">erforderlich ist damit die absolute Mehrheit der anwesenden Stimm-</span><br/> <span class="ft7">berechtigten. Die Einführung eines derartigen Quorums auf Gemein-</span><br/> <span class="ft7">deebene für Beschlüsse der Gemeindeversammlung wäre denn auch</span><br/> <span class="ft7">unzulässig. Dementsprechend dürfen Stimmenthaltungen bei der</span><br/> <span class="ft7">Resultatsermittlung keine Rolle spielen. Das Verwaltungsgericht hat</span><br/> <span class="ft7">dazu auch ausdrücklich festgehalten, dass das kantonale Recht für</span><br/> <span class="ft7">Abstimmungen an Gemeindeversammlungen das Verfahren des ein-</span><br/> <span class="ft7">fachen Mehrs vorsieht. Dabei seien Enthaltungen lediglich eine</span><br/> <span class="ft7">rechnerische Grösse. Da den Enthaltungen keine Bedeutung zukom-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">364</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">me, müssten diese auch nicht ausgezählt werden (vgl. AGVE 2008,</span><br/> <span class="ft7">S. 491).</span><br/> <span class="ft7">b)</span><br/> <span class="ft7">Für den Beschluss der Gemeindeversammlung Z. (...) über das</span><br/> <span class="ft7">Einbürgerungsgesuch der Beschwerdeführenden ergibt sich daraus</span><br/> <span class="ft7">Folgendes: Gemäss dem Protokoll der Gemeindeversammlung wur-</span><br/> <span class="ft7">den 31 Ja- und 27 Nein-Stimmen sowie 23 Enthaltungen registriert.</span><br/> <span class="ft7">Damit wurde die Zusicherung des Gemeindebürgerrechts an die</span><br/> <span class="ft7">Beschwerdeführenden erteilt, da die 31 Ja-Stimmen die erforderliche</span><br/> <span class="ft7">Mehrheit bilden. Die Interpretation des Abstimmungsergebnisses</span><br/> <span class="ft7">durch den Gemeinderat als Ablehnung des Gesuchs widerspricht</span><br/> <span class="ft7">§ 27 Abs. 2 GG und ist zu korrigieren. Das Abstimmungsergebnis in</span><br/> <span class="ft7">der Gemeindeversammlung führt direkt zur Zusicherung des Ge-</span><br/> <span class="ft7">meindebürgerrechts an die Beschwerdeführenden. Eine nochmalige</span><br/> <span class="ft7">Traktandierung des Geschäfts beziehungsweise eine Wiederholung</span><br/> <span class="ft7">der Abstimmung ist weder erforderlich noch zulässig. Stattdessen ist</span><br/> <span class="ft7">der Gemeinderat Z. anzuweisen, das Abstimmungsergebnis als</span><br/> <span class="ft7">Zusicherung des Gemeindebürgerrechts an die Beschwerdeführenden</span><br/> <span class="ft7">zu interpretieren und für eine beförderliche Fortführung des Einbür-</span><br/> <span class="ft7">gerungsverfahrens zu sorgen.</span><br/> <span class="ft7">3. a)</span><br/> <span class="ft7">Obwohl die vorliegende Beschwerde bereits aus den oben</span><br/> <span class="ft7">stehenden formellen Gründen gutgeheissen werden muss, drängen</span><br/> <span class="ft7">sich auch mit Blick auf zukünftige Einbürgerungsverfahren die nach-</span><br/> <span class="ft7">folgenden Erwägungen auf.</span><br/> <span class="ft7">b) Gemäss Bundesgericht handeln die Stimmbürgerinnen und</span><br/> <span class="ft7">Stimmbürger, wenn sie über Einbürgerungsgesuche entscheiden, als</span><br/> <span class="ft7">Organ der Gemeinde und nehmen somit eine staatliche Aufgabe</span><br/> <span class="ft7">wahr. Sie sind daher gemäss Art. 35 Abs. 2 BV an die Grundrechte</span><br/> <span class="ft7">gebunden und verpflichtet, zu ihrer Verwirklichung beizutragen (vgl.</span><br/> <span class="ft7">BGE 1D_8/2008 vom 7. Juli 2009 E. 4.3; BGE 1P.228/2002 vom</span><br/> <span class="ft7">9. Juli 2003 E. 2.2.1 mit Hinweisen auf die Doktrin).</span><br/> <span class="ft7">Für die materiellen Voraussetzungen der Einbürgerung knüpft</span><br/> <span class="ft7">das KBüG, abgesehen von der Zusatzregelung betreffend das Wohn-</span><br/> <span class="ft7">sitzerfordernis (vgl. § 5 KBüG), allein an die bundesrechtlichen Vor-</span><br/> <span class="ft7">gaben im BüG an und stellt keine zusätzlichen Erfordernisse auf. Für</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Einbürgerungen</span> <span class="page_no">365</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">die ordentliche Einbürgerung wird neben der Beachtung der schwei-</span><br/> <span class="ft7">zerischen Rechtsordnung (Art. 14 lit. c BüG) sowie dem negativen</span><br/> <span class="ft7">Erfordernis der Nichtgefährdung der inneren und/oder äusseren Si-</span><br/> <span class="ft7">cherheit der Schweiz (Art. 14 lit. d BüG) eine erfolgreiche Integra-</span><br/> <span class="ft7">tion der Bewerberin oder des Bewerbers (Art. 14 lit. a BüG) verlangt.</span><br/> <span class="ft7">Zudem ist erforderlich, dass die gesuchstellende Person mit den</span><br/> <span class="ft7">schweizerischen Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuchen ver-</span><br/> <span class="ft7">traut ist (Art. 14 lit. b BüG).</span><br/> <span class="ft7">c)</span><br/> <span class="ft7">Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien Anspruch auf</span><br/> <span class="ft7">rechtliches Gehör. Darunter fällt auch der Anspruch auf Begründung</span><br/> <span class="ft7">eines von der Gemeindeversammlung gefällten Entscheids. Nach</span><br/> <span class="ft7">bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist der Begründungspflicht dann</span><br/> <span class="ft7">Genüge getan, wenn jene Gründe genannt werden, die für den Ent-</span><br/> <span class="ft7">scheid von tragender Bedeutung waren. Es müssen wenigstens kurz</span><br/> <span class="ft7">die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde (be-</span><br/> <span class="ft7">ziehungsweise in casu die Gemeindeversammlung) hat leiten lassen</span><br/> <span class="ft7">und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die Begründung muss dem</span><br/> <span class="ft7">Adressaten schliesslich die sachgerechte Anfechtung des Entscheids</span><br/> <span class="ft7">ermöglichen (vgl. zum Ganzen BGE 135 III 513 E. 3.6.5; BGE 134 I</span><br/> <span class="ft7">83 E. 4.1 mit weiteren Hinweisen).</span><br/> <span class="ft7">d)</span><br/> <span class="ft7">Gemäss Protokoll der Gemeindeversammlung (...) wurde bei</span><br/> <span class="ft7">der Abstimmung über das Gesuch der Beschwerdeführenden keine</span><br/> <span class="ft7">Diskussion geführt. Insbesondere wurde weder bei der Abstimmung</span><br/> <span class="ft7">noch auf Nachfrage hin von den Anwesenden eine Begründung</span><br/> <span class="ft7">abgegeben, warum der Antrag auf Zusicherung des Gemeindebür-</span><br/> <span class="ft7">gerrechts der Beschwerdeführenden abzulehnen sei. Gemäss Ein-</span><br/> <span class="ft7">schätzung des Gemeinderats sei die ablehnende Haltung der anwe-</span><br/> <span class="ft7">senden Stimmbürgerinnen und Stimmbürger vermutlich darauf zu-</span><br/> <span class="ft7">rückzuführen, dass Y. eine Kopfbedeckung getragen habe und dies</span><br/> <span class="ft7">mit einer fehlenden Integration verbunden worden sei.</span><br/> <span class="ft7">e)</span><br/> <span class="ft7">Obgleich die an der Gemeindeversammlung (...) anwesenden</span><br/> <span class="ft7">Stimmbürgerinnen und Stimmbürger vom Gemeinderat auf die Be-</span><br/> <span class="ft7">gründungspflicht und das den Beschwerdeführenden offen stehende</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2012</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">366</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Rechtsmittel hingewiesen worden sind, haben jene die Abgabe einer</span><br/> <span class="ft7">Begründung verweigert. Damit hat die Gemeindeversammlung die</span><br/> <span class="ft7">Begründungspflicht verletzt.</span><br/> <span class="ft7">Diese festgestellte Verletzung des grundrechtlich verankerten</span><br/> <span class="ft7">rechtlichen Gehörs hat jedoch keine weiteren Auswirkungen, da, wie</span><br/> <span class="ft7">oben dargelegt, das Einbürgerungsgesuch bereits aus formellen</span><br/> <span class="ft7">Gründen gutgeheissen werden muss.</span><br/></div> </div> </body> </html>