<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 16 S.62</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">62</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>16 Untersuchungsmaxime im Verfahren über die unentgeltliche Rechts-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>pflege.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Geltung der Untersuchungsmaxime im Verfahren über die unentgelt-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>liche Rechtspflege bedeutet nicht, dass der Richter uneingeschränkt ver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>pflichtet ist, die nötigen Berichte einzuholen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Zivilkammer, vom 23. August 2001</span><br/> <span class="ft3">i.S. A.V. gegen J.B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.a) Im Verfahren über die unentgeltliche Rechtspflege gilt die</span><br/> <span class="ft1">Offizialmaxime (AGVE 1982, S. 67). Diese Prozessmaxime steht im</span><br/> <span class="ft1">Gegensatz zur Verhandlungs- und Eventualmaxime (Alfred Bühler,</span><br/> <span class="ft1">Das Novenrecht im neuen Aargauischen Zivilprozessrecht, 1986,</span><br/> <span class="ft1">S. 47). Sie besagt, dass die Sammlung des Prozessstoffs neben den</span><br/> <span class="ft1">Parteien auch dem Gericht obliegt. Das Gericht darf und soll die er-</span><br/> <span class="ft1">forderlichen Beweise von Amtes wegen erheben, insbesondere kann</span><br/> <span class="ft1">es auch von Amtes wegen Beweise auferlegen. Die Offizialmaxime</span><br/> <span class="ft1">(genauer: die Untersuchungsmaxime) ist indessen nicht dahin zu ver-</span><br/> <span class="ft1">stehen, dass sich die Parteien an der Sammlung des Prozessstoffs</span><br/> <span class="ft1">nicht beteiligen müssen. Auch unter dem Regime des Untersu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">63</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">chungsgrundsatzes haben vorrangig die Parteien das in Betracht fal-</span><br/> <span class="ft1">lende Tatsachenmaterial dem Gericht zu unterbreiten und die Be-</span><br/> <span class="ft1">weismittel zu nennen. So gesehen darf ihre Tragweite nicht über-</span><br/> <span class="ft1">schätzt werden (Max Guldener, Schweizerisches Zivilprozessrecht,</span><br/> <span class="ft1">3. A., Zürich 1979, S. 169).</span><br/> <span class="ft1">b) Dem Richter wird durch § 129 Abs. 1 ZPO die Befugnis ein-</span><br/> <span class="ft1">geräumt, unter anderem weitere Berichte einzuholen. Eine Verpflich-</span><br/> <span class="ft1">tung dazu besteht nach dem Gesetzeswortlaut und den obgenannten</span><br/> <span class="ft1">Grundsätzen indessen nicht uneingeschränkt. Der mit dem</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Prozessrecht vertraute Anwalt des Gesuchstellers weiss</span><br/> <span class="ft1">aufgrund seiner Praxis, welche Anforderungen an die Bewilligung</span><br/> <span class="ft1">der unentgeltlichen Rechtspflege gestellt werden. Es liegt nicht der</span><br/> <span class="ft1">Fall vor, dass eine unbeholfene, rechtsunkundige Partei ein Gesuch</span><br/> <span class="ft1">ohne Beilegung irgendwelcher Unterlagen einreichte.</span><br/> <span class="ft1">c) Der Beklagte hat mit der Einreichung der Appellation vom</span><br/> <span class="ft1">5. Februar 2001 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen</span><br/> <span class="ft1">Rechtspflege für das Appellationsverfahren nur rudimentär und un-</span><br/> <span class="ft1">genügend begründet und darauf verwiesen, dass das vollständig be-</span><br/> <span class="ft1">gründete Gesuch nach Erhalt der vollständigen Unterlagen separat</span><br/> <span class="ft1">nachgereicht würde. Dies hat er bis zum heutigen Tag unterlassen.</span><br/> <span class="ft1">Aus der Tatsache, dass der rechtskundige Anwalt für den Gesuchstel-</span><br/> <span class="ft1">ler ein derart rudimentäres Gesuch einreichte, ohne die in Aussicht</span><br/> <span class="ft1">gestellten Unterlagen nachzuliefern, ist zu schliessen, dass keine wei-</span><br/> <span class="ft1">teren Unterlagen existieren, welche die Bedürftigkeit des Gesuchstel-</span><br/> <span class="ft1">lers ausweisen. Es erübrigt sich folglich, dem Gesuchsteller Frist für</span><br/> <span class="ft1">die Einreichung zusätzlicher Unterlagen anzusetzen. Eine Verletzung</span><br/> <span class="ft1">des rechtlichen Gehörs ist hierin nicht zu erblicken.</span><br/> <span class="ft1">Der Verweis in der Appellation auf ein steuerbares Einkommen</span><br/> <span class="ft1">aus dem Jahre 1997/98 ist für die Feststellung der Bedürftigkeit im</span><br/> <span class="ft1">Jahre 2001 untauglich. Das Gesuch ist deshalb mangels Substanziie-</span><br/> <span class="ft1">rung abzuweisen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>