<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 14 S.59</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">59</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>14</b></span> <span class="ft1"><b>§ 9 ZPO.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Privatrechtliche Streitsache.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Der Streit um die Ausweisung des Wohnungsinhabers aus einer diesem</b></span><br/> <span class="ft1"><b>durch die Gemeinde im Rahmen der Sozialhilfe zur unentgeltlichen Be-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nutzung zugewiesenen Wohnung ist keine privatrechtliche Streitsache</b></span><br/> <span class="ft1"><b>und nicht durch Mietausweisungsentscheid des Zivilrichters, sondern</b></span><br/> <span class="ft1"><b>durch beschwerdefähigen Räumungsentscheid der Sozialbehörde der</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Gemeinde (§ 44 Abs. 2 SPG) zu erledigen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 4. Zivilkammer, vom 11. Juli 2003 in</span><br/> <span class="ft2">Sachen Gemeinde R. gegen R. S.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">Die Gemeinde R. wies vor zehn Jahren der damals bedürftigen</span><br/> <span class="ft4">Beklagten St. im Rahmen der Sozialhilfe eine gemeindeeigene Woh-</span><br/> <span class="ft4">nung zur unentgeltlichen Benutzung zu. Sie erachtete anfangs 2000</span><br/> <span class="ft4">die Bedürftigkeit nicht mehr als gegeben und forderte die Beklagte</span><br/> <span class="ft4">zur Räumung der Wohnung und Bezahlung eines monatlichen Woh-</span><br/> <span class="ft4">nungskostenanteils von Fr. 100.-- bis zum Auszug auf, kündigte, als</span><br/> <span class="ft4">die Beklagte der Räumungsaufforderung nicht nachkam, am 28. Ok-</span><br/> <span class="ft4">tober 2002 mit amtlichem Formular (Art. 266l Abs. 2 OR) die Woh-</span><br/> <span class="ft4">nung auf den 31. März 2003 und reichte am 1. Mai 2003 beim Ge-</span><br/> <span class="ft4">richtspräsidium B. ein Mietausweisungsbegehren ein.</span><br/> <span class="ft4">Das Gerichtspräsidium B. erledigte dieses Begehren in Erwä-</span><br/> <span class="ft4">gung, dass kein privatrechtliches Mietverhältnis vorliege und daher</span><br/> <span class="ft4">der Rechtsweg nicht offen stehe, durch Nichteintretensentscheid vom</span><br/> <span class="ft4">21. Mai 2003. Das Obergericht, 4. Zivilkammer, hat diesen Nichtein-</span><br/> <span class="ft4">tretensentscheid in Abweisung der Beschwerde der Gemeinde R. mit</span><br/> <span class="ft4">Entscheid vom 11. Juli 2003 bestätigt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">60</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1. Die Zivilgerichte sind zuständig, privatrechtliche Streitigkei-</span><br/> <span class="ft4">ten zu entscheiden (§ 9 Abs. 1 ZPO). Die Zulässigkeit des Rechts-</span><br/> <span class="ft4">wegs ist als Prozessvoraussetzung von Amtes wegen zu prüfen (§ 72</span><br/> <span class="ft4">Abs. 2 ZPO; Bühler/Edelmann/Killer, Kommentar Zivilprozessord-</span><br/> <span class="ft4">nung, N 29 zu § 9 und N 8 zu § 72).</span><br/> <span class="ft4">2. Die Gemeinde R. hat der Beklagten die Wohnung auf Grund-</span><br/> <span class="ft4">lage und im Rahmen der Sozialhilfegesetzgebung zugewiesen.</span><br/> <span class="ft4">a) Materielle Hilfe wird regelmässig durch Geldleistungen ge-</span><br/> <span class="ft4">währt (§ 9 Abs. 1 des Gesetzes vom 6. März 2001 über die öffentli-</span><br/> <span class="ft4">che Sozialhilfe und die soziale Prävention [Sozialhilfe- und Präven-</span><br/> <span class="ft4">tionsgesetz, SPG; SAR 851.200]; § 14 altSozialhilfegesetz vom</span><br/> <span class="ft4">2. März 1982 [altSHG; AGS Bd. 11 Nr. 5]), kann aber unter besonde-</span><br/> <span class="ft4">ren Umständen auch auf andere Weise erbracht werden (§ 9 Abs. 2</span><br/> <span class="ft4">SPG; § 14 altSHG), namentlich durch Direktzahlungen oder Sach-</span><br/> <span class="ft4">leistungen (§ 8 Abs. 3 der Sozialhilfe- und Präventionsverordnung</span><br/> <span class="ft4">vom 28. August 2002 [SPV; SAR 851.211]; § 16 altSozialhilfever-</span><br/> <span class="ft4">ordnung vom 18. April 1983 [altSHV; AGS 11 Nr. 6]). In der Regel</span><br/> <span class="ft4">wird der Anspruch auf Obdach (§ 3 Abs. 1 SPV) als Teil des An-</span><br/> <span class="ft4">spruchs auf Existenzsicherung (Kathrin Amstutz, Das Grundrecht auf</span><br/> <span class="ft4">Existenzsicherung, Diss. Bern 2002, S. 212 ff.) dadurch sicherge-</span><br/> <span class="ft4">stellt, dass die Sozialbehörde die erforderlichen Kosten für die Miete</span><br/> <span class="ft4">einer Wohnung bei der Bemessung der materiellen Hilfe berücksich-</span><br/> <span class="ft4">tigt und Geldleistungen gewährt, welche der unterstützten Person die</span><br/> <span class="ft4">Miete einer angemessenen Wohnung auf dem Wohnungsmarkt erlau-</span><br/> <span class="ft4">ben.</span><br/> <span class="ft4">b) Möglich ist aber auch die Unterbringung in einer gemeinde-</span><br/> <span class="ft4">eigenen Wohnung. Dabei ist denkbar, dass die Gemeinde einerseits</span><br/> <span class="ft4">einen privatrechtlichen Mietvertrag mit der unterstützten Person mit</span><br/> <span class="ft4">einem marktkonformen Mietzins abschliesst und andererseits die</span><br/> <span class="ft4">Mietkosten im Sozialhilfebudget berücksichtigt. Diesfalls läge ein</span><br/> <span class="ft4">Mietverhältnis vor, das dem Obligationenrecht unterliegt. Davon ab-</span><br/> <span class="ft4">gekoppelt würde die Sozialhilfe durch Geldleistung erbracht, was der</span><br/> <span class="ft4">unterstützten Person die Bezahlung der Miete in der gemeindeeige-</span><br/> <span class="ft4">nen Wohnung erlaubt. Wenn in einem solchen Fall die Voraussetzun-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">61</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">gen der materiellen Hilfe nicht mehr gegeben sind, so hätte dies kei-</span><br/> <span class="ft4">nen Einfluss auf das Mietverhältnis, das fortbestehen würde und nur</span><br/> <span class="ft4">unter den mietrechtlichen Voraussetzungen des Obligationenrechts</span><br/> <span class="ft4">geändert oder gekündigt werden könnte.</span><br/> <span class="ft4">c) Vorliegend wurde mit der Beklagten aber kein Mietvertrag</span><br/> <span class="ft4">abgeschlossen. Vielmehr wurde ihr eine Wohnung zugewiesen, ohne</span><br/> <span class="ft4">dass sie dafür eine Entschädigung leisten musste. Sozialhilferechtlich</span><br/> <span class="ft4">wurde der Beklagten Obdach durch Sachleistung gewährt. Ein pri-</span><br/> <span class="ft4">vatrechtliches Vertragsverhältnis wurde nicht begründet. Einen An-</span><br/> <span class="ft4">teil an die Nebenkosten verlangte die Klägerin erst, nachdem sie die</span><br/> <span class="ft4">Beklagte aufgefordert hatte, sich nach einer neuen Wohnung umzuse-</span><br/> <span class="ft4">hen, weil die Voraussetzungen der Gewährung von materieller Hilfe</span><br/> <span class="ft4">nicht mehr erfüllt seien.</span><br/> <span class="ft4">d) Damit aber liegt, wie das Gerichtspräsidium B. zutreffend er-</span><br/> <span class="ft4">kannt hat, keine zivilrechtliche Streitigkeit über die Beendigung ei-</span><br/> <span class="ft4">nes Mietvertrags vor, sondern ein öffentlich-rechtlicher Streit da-</span><br/> <span class="ft4">rüber, ob die Klägerin der Beklagten weiterhin Obdach zu gewähren</span><br/> <span class="ft4">hat und ob, falls dies nicht mehr der Fall ist, die Beklagte die Woh-</span><br/> <span class="ft4">nung räumen muss. Darüber aber hat die Sozialbehörde zu entschei-</span><br/> <span class="ft4">den (§ 44 Abs. 2 SPG), deren Entscheid beim Bezirksamt und dem</span><br/> <span class="ft4">Verwaltungsgericht angefochten werden kann (§ 58 SPG).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>