B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6103/2018 U r t e i l v o m 1 3 . D e z e m b e r 2 0 1 8 Besetzung Richter David R. Wenger (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richterin Constance Leisinger, Gerichtsschreiberin Eliane Kohlbrenner. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, substituiert durch MLaw LL.M. Corinne Reber, Advokatur Kanonengasse, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Aufhebung vorläufige Aufnahme (Asyl); Verfügung des SEM vom 24. September 2018 / N (…). E-6103/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ersuchte am 1. August 2014 um Asyl in der Schweiz. Mit Verfügung vom 12. August 2015 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, welche aber wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf- geschoben wurde. Die Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. B. Mit Schreiben vom 24. April 2018 teilte die Vorinstanz der Beschwerdefüh- rerin mit, aufgrund der aktuellen Lageeinschätzung in Eritrea werde beab- sichtigt, die vorläufige Aufnahme aufzuheben und den Vollzug der Wegwei- sung anzuordnen. Es wurde ihr eine Frist zur Stellungnahme eingeräumt. C. Die Vorinstanz stellte der Beschwerdeführerin auf ihr Gesuch hin am 3. Mai 2018 eine Kopie des Aktenverzeichnisses sowie Kopien der Akten zu, so- weit sie dem Akteneinsichtsrecht unterlagen. D. Am 25. Mai 2018 reichte die Beschwerdeführerin eine Stellungnahme ein. Der Stellungnahme war ein Arztzeugnis von Dr. med. B._______ vom 22. Mai 2018 beigelegt. E. Mit Verfügung vom 24. September 2018 hob die Vorinstanz die vorläufige Aufnahme auf, forderte die Beschwerdeführerin auf, die Schweiz bis z um 20. November 2018 zu verlassen und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. F. Am 3. und 24. Oktober 2018 gewährte die Vorinstanz der Beschwerdefüh- rerin auf ihr Gesuch hin erneut Akteneinsicht. G. Mit Eingabe vom 25. Oktober 2018 erhob die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben. Es sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sach- verhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zu-E-6103/2018 Seite 3 rückzuweisen. Eventualiter sei die vorläufige Aufnahme aufgrund der Un- zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs anzuordnen. Subeventualit er sei die vorläufige Aufnahme aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs aufrecht zu erhalten. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten Es sei der Beschwerdeführerin lic. iu r. LL.M. Tarig Hassan als unentgeltli- cher Rechtsbeistand zu bestellen. Die Beschwerdeführerin reichte einen Erfahrungsbericht vom 24. Septem- ber 2018, ein Gutachten des GIG A Instituts vom 15. April 2018 , zwei Schreiben von Dr. med. C._______ vom 24. September 2014 respektive 7. Dezember 2014, eine E-Mail von Dr. med. C._______ vom 24. Oktober 2018 mit Beilage, ein Schreiben von Dr. med. D._______ vom 30. Januar 2015, sechs Kursbestätigungen von 2015–2018, ein Schreiben von Pfarrer E._______ vom 21. Oktober 2018 (inkl. Auszug aus der Broschüre „Riggi- asyl“ mit zwei Fotos der Beschwerdeführerin), ein Referenzschreiben einer Asylkoordinatorin und eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die Be- schwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung le- gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Be- schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. 2.1 Mit Beschwerde in As ylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Auslände r- rechts richtet sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). E-6103/2018 Seite 4 2.3 Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurd e verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs . Die Vorinstanz habe es unterlassen, auf ihren in der Stellungnahme vorge- brachten Hinweis, gegen das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2311/2016 vom 17. August 2017 sei eine Beschwerde beim UN Commit- tee Against Torture (CAT) hängig, einzugehen. Bei der Beurteilung der Zu- lässigkeit und Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs habe sie Art. 3 und Art. 4 EMRK, die Situation einer alleinstehen den kinderlosen Frau in Erit- rea sowie die medizinische Behandlung ihrer Hauterkrankung (Vitiligo) nicht angemessen abgeklärt und geprüft. Eine sachgerechte Anfechtung der vorinstanzlichen Verfügung sei daher nicht möglich gewesen. Bei die- sen Vorbringen handelt es sich um eine formelle Rüge, welche vorab zu beurteilen ist, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vo- rinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 3.2 Die Behörde stellt den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 12 VwVG). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwir- kungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Die unrich- tige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflic ht bildet einen Be- schwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver- haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach- verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein- zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin- gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Be- gründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1). E-6103/2018 Seite 5 3.3 Die Vorinstanz fasste zwar im Sachverhalt der Verfügung die Vorbrin- gen der Beschwerdeführerin betreffend die hängige CAT-Beschwerde zu- sammen, setzte sich jedoch in der Begründung nicht damit auseinander. Es liegt somit eine Verletzung der Begründungspflicht vor. Da dem Bun- desverwaltungsgericht bei der Prüfung des Wegweis ungsvollzugs volle Kognition zukommt, eine Rückweisung einen prozessualen Leerlauf dar- stellen würde und sich die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde noch- mals ausführlich zur hängigen CAT -Beschwerde geäussert hat, ist aus- nahmsweise eine Heilung der Gehörsverl etzung auf Beschwerdeebene (vgl. nachfolgende Erwägungen) angezeigt. Zu Art. 3 und Art. 4 EMRK hat sich die Vorinstanz fallbezogen und unter Verweis auf die aktuelle Recht- sprechung des Bundesverwaltungsgerichts geäussert. Ebenfalls hat sie sich zur Vitiligo Erkrankung der Beschwerdeführerin geäussert, wobei sie das im vorinstanzlichen Verfahre n eingereichte Arztzeugnis vom 22. Mai 2018 berücksichtigt hat. Im Rahmen der Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs hat die Vorinstanz gep rüft, ob individuelle Gründe dem Wegweisungsvollzug entgegenstehen würden. Dabei wurde berück- sichtigt, dass es sich bei der Beschwerdeführerin um eine alleinstehende Frau handelt. Der Beschwerdeführerin war es demnach möglich, die Ver- fügung sachgerecht anzufechten. Die weiteren Vorbringen zur Verletzung des rechtlichen Gehörs sind somit unbegründet. 3.4 Zusammengefasst besteht keine Veranlassung, die Sache aus formel- len Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das dies- bezügliche Rechtsbegehren ist abzuweisen. 4. 4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, regel t das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen ü ber die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Das S taatssekretariat überprüft nach erfolgter Anordnung einer vorläufigen Aufnahme periodisch, ob die Voraussetzunge n dafür noch gegeben sind (Art. 84 Abs. 1 AuG). Gemäss Art. 84 Abs. 2 AuG hebt es die vorläufige Aufnahme auf und ord- net den Vollzug der Weg- oder Ausweisung an, wenn die Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind, das heisst, wenn de r Vollzug der rechtskräftig angeordneten Wegweisung zulässig (Art. 83 Abs. 3 AuG) und es der aus- ländischen Person möglich (Art. 83 Abs. 2 AuG) und zumutbar (Art. 83 Abs. 4 AuG) ist, sich rechtmässig in ihren Heimat -, Herkunfts- oder einen Drittstaat zu begeben (Urteil des BVGer D-3085/2015 vom 20. März 2017 E. 4.1). E-6103/2018 Seite 6 4.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge- mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be- weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigst ens glaubhaft zu machen (BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 5. 5.1 Die Vorinstanz begründet die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme mit dem Fehlen konkreter Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführerin nach einer Rückkehr nach Eritrea mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine Be- handlung oder Strafe nach Art. 3 EMRK drohe. Aufgrund der Unglaubhaf- tigkeit der Vorfluchtgründe und der illegalen Ausreise könne eine drohende Verletzung von Art. 4 EMRK nicht geprüft werden und auch nicht von einer unmittelbaren Gefahr einer Einberufung in den eritreischen Nationaldienst ausgegangen werden, zumal die Beschwerdeführerin bereits 34 Jahre alt sei. Nach der aktuellen Lageeinschätzung könne in Eritrea heute nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt bezie- hungsweise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges ausgegangen werden. Es würden auch keine individuellen Gründe vorlie- gen, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen wür- den. Sie verfüge über ein familiäres Beziehungsnetz in Eritrea und sollte ein Einkommen in Eritrea generieren können. Ihre Hauterkrankung (Vitiligo) sei ungefährlich und es gebe keine wirksame Behandlung zur Rückfärbung der weissen Hautflecken. Gemäss Arztbericht benötige sie aktuell keine Medikamente; Medikamente zur Behandlung allfälliger Be- gleiterkrankungen seien in Eritrea verfügbar. Die Beschwerdeführerin lebe erst seit knapp vier Jahren in der Schweiz und weise keine ausseror- dentlich enge Beziehung zur Schweiz auf. Mit der heimatlichen Kultur sei sie nach wie vor vertraut. Der Vollzug der Wegweisung erweise sich auch als verhältnismässig. 5.2 Die Beschwerdeführerin bringt vor, gegen das Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2311/2016 sei eine CAT-Beschwerde hän- gig. Die Vorinstanz habe auf Antrag des CAT den Vollzug der Wegweisung für die Dauer des Verfahrens ausgesetzt. Die Vorinstanz könne nun nicht gestützt auf das Urteil D-2311/2016 den Wegweisungsvollzug für zumutbar erklären, solange der Entscheid des CAT noch ausstehe. Die Glaubhaf- tigkeit ihrer Aussagen im Asylverfahren sollten im vorliegenden Verfahren einer erneuten Prüfung unterzogen werden, zumal sie den ablehnenden Asylentscheid nicht angefochten habe. Selbst bei Unglaubhaftigkeit ihrer Angaben müsste davon ausgegangen werden, dass ihr der Einzug in den E-6103/2018 Seite 7 Militärdienst drohe, da sie im militärdienstpflichtigen Alter aus Eritrea aus- gereist sei und es keine Anhaltspunkte gebe, dass sie vom Militärdienst suspendiert oder entlassen worden sei oder diesen bereits absolviert hätte. Es sei unklar, woher die Vorinstanz die Angabe, das Höchstalter für den Einbezug in den Nationaldienst betrage 30 Jahre, habe; in dem von ihr zi- tierten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-5022/2017 werde keine Al- tersgrenze erwähnt. Mit Sicherheit drohe ihr der Einzug in die Volksarmee. Bei einer Rückkehr nach Eritrea bestehe ein „real risk“ einer unmenschli- chen Behandlung und Strafe im Sinne von Art. 3 und Art. 4 EMRK. Der Vollzug der Wegweisung sei folglich unzulässig. Als ledige, kinderlose Frau hätte sie in der patriarchalen eritreischen Gesellschaft einen schwierigen Stand. Sie sei nur vier Jahr zur Schule gegangen und habe keinen Schul- abschluss. Ihr Vater sei tot und ihr älterer Bruder gelte seit circa einem Jahr als verschwunden. Ihre Familie sei finanziell schlecht gestellt und könne sich mit den Erträgen aus der Landwirtschaft knapp ernähren. Die Aus- übung einer Erwerbstätigkeit ausserhalb der Landwirtschaft sei aufgrund der Abgelegenheit des Wohnortes fast unmöglich. Bei ihrer Hauterkran- kung handle es sich um eine chronische Erkrankung mit zum Teil schwe- rem Verlauf. Es sei unklar, wie sie sich in ihrem Heimatort vor drohendem Sonnenbrand bis hin zu Hautkrebs schützen könne. In E ritrea würde sie wegen der Krankheit stigmatisiert. Der Vollzug sei deshalb unzumutbar. Die eingereichten Kursbestätigungen und Referenzschreiben zeigten, dass sie um Integration in der Schweiz bemüht sei. 6. 6.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AuG ist der Vollzug nicht zul ässig, wenn völker- rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent- gegenstehen. Vorliegend kommt der Beschwerdeführerin keine Flücht- lingseigenschaft zu. Das flü chtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwend- bar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge- meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK und Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. E-6103/2018 Seite 8 6.1.1 Das Bundesverwaltungsgericht klärte im Koordinationsentscheid E-5022/2017 vom 10. Juli 2018 die Frage der Zulässigkeit des Wegwei- sungsvollzugs bei drohender Einziehung in den eritreischen Nationaldienst unter den Aspekten des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2 EMRK), des Folterverbots und der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK). Das Bundesverwaltungsgericht stellte fest, die Bemessung der Dienst- dauer und die Gewährung von Urlauben im eritreischen Nationaldienst seien für die Einzelperson kaum vorhersehbar. Die durchschnittliche Dienstdauer lasse sich nicht genau beziffern, auszugehen sei jedoch da- von, dass sie zwischen fünf und zehn Jahre betrage und in Einzelfällen darüber hinausgehen könne. Die Lebensbedingungen gestalteten sich so- wohl in der Grundausbildung als auch im militärischen und im zivilen Nati- onaldienst schwierig; der Nationaldienstsold reiche kaum aus, um den Le- bensunterhalt zu decken. Darüber hinaus komme es im eritreischen Natio- naldienst – insbesondere in der Grundausbildung und im militärischen Na- tionaldienst – zu Misshandlungen und sexuellen Übergriffen. Die Bedin- gungen im Nationaldienst seien folglich grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifizieren. Für die Annahme der Unzu- lässigkeit des Wegweisungsvollzugs reiche diese Einschätzung jedoch nicht aus. Vielmehr wäre hierfür erforderlich, dass durch die Einziehung in den eritreischen Nationaldienst das ernsthafte Risiko einer schwerwiegen- den Verletzung von Art. 4 Abs. 2 EMRK bestünde, mithin der Kerngehalt dieser Bestimmung verletzt würde. Eine solche Situation liege indessen nicht vor. Nicht erstellt sei zudem, dass die berichteten Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart systematisch stattfänden, dass jede Natio- naldienstleistende und jeder Nationaldienstleistende dem ernsthaften Ri- siko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erlei den (vgl. a.a.O. E. 6.1, insbes. 6.1.5). 6.1.2 Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) müsste die Beschwerdeführerin mit Blick auf Art. 3 EMRK eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ih r im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung dro- hen würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Nr. 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Im Grundsatzurteil E-5022/2017 wurde diesbezüglich ausgeführt, dass keine hi nreichenden Belege dafür existieren, Misshandlungen und sexuelle Übergriffe würden im Nationaldienst derart flächendeckend stattfinden, dass jede Dienstleis- tende und jeder Dienstleistender dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, E-6103/2018 Seite 9 selbst solche Übergriffe zu erleiden. Es besteht daher kein ernsthaftes Ri- siko einer Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle einer Einziehung in den eritreischen Nationaldienst (vgl. E. 6.1.6). 6.1.3 Die Vorinstanz lehnte das Asylgesuch der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 12. August 2015 ab. Sie führte darin aus, der Beschwerde- führerin sei es nicht gelungen, den Einzug in den Militärdienst und die spä- tere Desertion glaubhaft zu machen. Die Verfügung erwuchs unangefoch- ten in Rechtskraft. Eine nochmalige Prüfung der Glaubhaftigkeit ist dahe r ausgeschlossen, zumal dies auch nicht Gegenstand des vorliegenden Ver- fahrens ist. Die Beschwerdeführerin war zum Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Eritrea 27 Jahre alt. Nach Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts läuft die Rekrutierung in den Nationaldie nst in der Regel über das Schul- wesen. Alle Schülerinnen und Schüler werden für das zwölfte Schuljahr dem nationalen militärischen Ausbildungszentrum in Sawa zugeteilt, wo sie ein militärisches Training erhalten, ihre schulische Ausbildung beenden und ihr A bschlussexamen ablegen. Wer die Schule zu diesem Zeitpunkt nicht mehr besucht, kann ab dem achtzehnten Lebensjahr von der lokalen Verwaltungsbehörde direkt zum Nationaldienst aufgeboten werden (Urteil D-2311/2016 E. 12.2). Die Dienstpflicht beträgt in der Regel fünf bis zehn Jahre. Die Vorinstanz hat demnach zu Recht auf die Möglichkeit hingewie- sen, dass die Beschwerdeführerin vom Nationaldienst suspendiert, daraus entlassen worden ist oder ihn bereits ordentlich abgeschlossen hat. Die Gefahr eines Einbezug s in den Nationaldienst bei einer Rückkehr nach Eritrea ist aufgrund ihres Alters von 34 Jahren als gering zu betrachten. Zudem stellt eine drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst keine Verletzung von Art. 3 und 4 EMRK dar und steht somit der Zulässig- keit des Wegweisungsvollzugs nicht entgegen (vgl. Urteil E -5022/2017 E. 6.2). Auch liegen keine anderen Gründe für die Annahme vor, dass die Beschwerdeführerin mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit als zulässig. 6.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. 6.2.1 Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungs-E-6103/2018 Seite 10 weise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausge- gangen werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in ei- nigen Bereichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituatio n, der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Kon- flikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenz- bedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle Faktoren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (Urteil D-2311/2016 E. 16 f.). 6.2.2 Zunächst ist auf das Argument der Beschwerdeführerin einzugehen, gegen das Urteil D-2311/2016 sei eine Beschwerde beim CAT eingereicht worden, welcher die aufschiebende Wirkung gewährt worden sei. Die Be- schwerde beim CAT beinhaltet die Beurteilung eines Einzelfalls unter Be- rücksichtigung der spezifischen Umstände. Di e aufschiebende Wirkung wurde nur für jenes Verfahren gewährt und hat keine Auswirkungen auf das vorliegende Verfahren. 6.2.3 Die Beschwerdeführerin ist ledig und hat keine Kinder. Sie reiste im Jahr 2014 im Alter von 30 Jahren in die Schweiz ein und hält sich nun mehr vier Jahre in der Schweiz auf. Ihre prägenden Jahre hat sie in ihrem Hei- matland verbracht. In Eritrea leb en ihre Mutter, ihre Schwester und zwei Brüder. Die Angabe, der ältere Bruder sei verschleppt und vermutlich in den Militärdienst eingezogen worden, ist angesichts seines damaligen Al- ters von circa 31 Jahren anzuzweifeln. Aber selbst wenn dies zutreffen sollte, verfügt die Beschwerdeführerin noch immer über ein tragfähiges fa- miliäres Beziehungsnetz in Eritrea. Sie hat eine vier jährige Schulbildung, half zuerst ihrer Mutter zu Hause und arbeitete später als Hausangestellte in Asmara und nach der Ausreise im Sudan. Ihre Familie lebt von der Land- wirtschaft. Bei einer Rückkehr ist davon auszugehen, dass sie wieder bei ihrer Familie wohnen und eine Erwerbstätigkeit in der Landwirtschaft oder ausserhalb finden kann, zumal sie auch vor ihrer Ausreise auswärts gear- beitet hat. Gemäss den einreichten Arztberichten leidet die Beschwerde- führerin an der Hautkrankheit Vitiligo. Vitiligo ist eine ungefährliche, relativ häufig auftretende Pigmentstörung der Haut, wobei an den betroffenen E-6103/2018 Seite 11 Stellen weisse, scharf begrenzte Flecken entstehen. Abgesehen vom Son- nenbrandrisiko hat Vitiligo keine körperliche Beeinträchtigung der Betroffe- nen zur Folge. Indes kann Vitiligo für Erkrankte psychische Folgen haben (https://www.beobachter.ch/gesundheit/krankheit/vitiligo-weissflecken- krankheit >, abgerufen am 07.12.2018; < https://www.sprechzimmer.ch/ sprechzimmer/Krankheitsbilder/Vitiligo.php >, abgerufen am 07.12.2018 ). Die Beschwerdeführerin war wegen der Hautkrankheit nicht in medikamen- töser Behandlung und lehnte einen Besuch beim Psychiater ab ( vgl. Bei- lage zum E-Mail vom 24. Oktober 2018). Im Schreiben vom 7. Dezember 2014 ist festgehalten, die Patientin scheine keine Symptome zu haben, wie dies bei Vitiligo der Fall sei. Eine Vorbeugung gegen Sonnenbrand sollte auch in Eritrea möglich sein, ebenso wie eine allfällige Laboruntersuchung zur Feststellung von Begleiterscheinungen, welche nach dem Gesagten jedoch höchst unwahrscheinlich sind. D er Grad der Integration bildet grundsätzlich kein Kriterium für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG (BVGE 2009/52 E. 10.3; EMARK 2016 Nr. 13 E. 3.5). Die Beurteilung einer Härtefallsituation infolge fortgeschrittener Integration im Sinne von Art. 14 Abs. 2 Bst. c AsylG fällt in die Zuständigkeit der kan tonalen Migrationsbehörden ( BVGE 2009/52 E. 10.3). Auf die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Integra- tionsbemühungen ist deshalb nicht näher einzugehen . Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch in individueller Hinsicht als zumutbar. 6.3 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei- sungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet und die vorläufige Aufnahme zu Recht aufgehoben hat. Eine Weiterführung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 112 Abs. 1 AuG i.V.m. Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen. E-6103/2018 Seite 12 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer- deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihre Rechtsbegehren jedoch nicht von vornherein als aussichtslos betrachtet werden können und ihre Bedürftigkeit ausgewiesen ist, ist das Gesuch um Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten zu erheben. 9.2 Demgemäss ist auch das Gesuch um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes gestützt auf Art. 110a Abs. 1 AsylG gutzuheissen. Der amtliche Rechtsbeistand de r Beschwerdeführerin hat keine Kostennote eingereicht. Der Aufwand lässt sich allerdings aufgrund der Akten zuver- lässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Anwendung der massgebli- chen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8–11 VGKE) ist das Honorar auf Fr. 1‘800.– (inkl. Auslagen) festzusetzen. Dieser Betrag ist lic. iur. LL.M. Tarig Hassan als amtliches Honorar zu Lasten des Gerichts auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-6103/2018 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes werden gutgeheissen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dem amtlichen Rechtsbeistand wird zu Lasten der Gerichtskasse eine Ent- schädigung von Fr. 1‘800.– entrichtet. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: David R. 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