<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Lawsearch Cache - AGVE 2011 2 S. 354</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">354</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>87</b></span> <span class="ft2"><b>Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung; eheliche Gewalt; wichtige</b></span><br/> <span class="ft2"><b>persönliche Gründe im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Bei Vorliegen ehelicher Gewalt im Sinne von Art. 50 Abs. 2 AuG be-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>darf es nur noch weniger zusätzlicher privater Interessen, damit ins-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gesamt der weitere Aufenthalt in der Schweiz aufgrund wichtiger</b></span><br/> <span class="ft2"><b>persönlicher Gründe im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG erfor-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>derlich ist. Sofern die durch das Bundesgericht in Bezug auf die ehe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>liche Gewalt geforderte Schwelle überschritten wird, kommt es auf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>das Ausmass der erlittenen Gewalt nicht mehr an (E. II./3.2.2.).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>I.c. offen gelassen, ob eheliche Gewalt derart gravierend war, dass</b></span><br/> <span class="ft2"><b>allein gestützt darauf von einem wichtigen Grund im Sinne von</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG auszugehen ist. Aufgrund weiterer Um-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>stände, die für einen Verbleib der Beschwerdeführerin in der</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">355</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>Schweiz sprachen, bestand ein Anspruch auf Verlängerung der Auf-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>enthaltsbewilligung (E. II./3.2.3. und 3.4.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 9. Juni 2011</span><br/> <span class="ft5">in Sachen S.T. betreffend Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung und</span><br/> <span class="ft5">Wegweisung (1-BE.2010.28).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II.</span><br/> <span class="ft1">3. [...]</span><br/> <span class="ft1">3.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Auch wenn jegliche Form von Gewalt in der Ehe zu verurteilen</span><br/> <span class="ft1">ist, stellt nicht jede Gewaltanwendung gegenüber Ehegatten einen</span><br/> <span class="ft1">wichtigen Grund im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG bzw. Art. 50</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 AuG dar. Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung muss die</span><br/> <span class="ft1">eheliche Gewalt derart intensiv sein, dass die physische oder psy-</span><br/> <span class="ft1">chische Integrität der Opfer im Fall der Aufrechterhaltung der ehe-</span><br/> <span class="ft1">lichen Gemeinschaft schwer beeinträchtigt würde. Es muss festste-</span><br/> <span class="ft1">hen, "dass die im Familiennachzug zugelassene Person durch das</span><br/> <span class="ft1">Zusammenleben in ihrer Persönlichkeit ernstlich gefährdet ist und ihr</span><br/> <span class="ft1">eine Fortführung der ehelichen Beziehung nicht länger zugemutet</span><br/> <span class="ft1">werden kann" (BGE 136 II 1, E. 5.1). So hat das Bundesgericht z.B.</span><br/> <span class="ft1">das Anschreien und Austeilen einer Ohrfeige durch einen Ehemann</span><br/> <span class="ft1">zwar als eheliche Gewalt bezeichnet, nicht aber als solche im Sinne</span><br/> <span class="ft1">von Art. 50 Abs. 2 AuG qualifiziert (BGE 136 II 1, E. 5.3 f.).</span><br/> <span class="ft1">Erreichen die erlittenen Nachteile die erforderliche Intensität,</span><br/> <span class="ft1">um als eheliche Gewalt im Sinne von Art. 50 Abs. 2 AuG berück-</span><br/> <span class="ft1">sichtigt zu werden, liegt nicht in jedem Fall bereits ein wichtiger</span><br/> <span class="ft1">Grund im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG vor. Zwar ist den von</span><br/> <span class="ft1">ehelicher Gewalt betroffenen Personen nicht zumutbar, in der ehe-</span><br/> <span class="ft1">lichen Gemeinschaft zu verharren. Ein Verbleibeanspruch gestützt</span><br/> <span class="ft1">auf Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG ist aber nur dann einzuräumen, wenn</span><br/> <span class="ft1">der Verbleib der betroffenen Person aufgrund der gesamten Um-</span><br/> <span class="ft1">stände des Einzelfalles erforderlich ist. Mit anderen Worten besteht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">356</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">keine Veranlassung, betroffenen Personen nach erlittener ehelicher</span><br/> <span class="ft1">Gewalt einen besonderen Schutz durch Erteilung einer eigenständi-</span><br/> <span class="ft1">gen Aufenthaltsbewilligung zukommen zu lassen, wenn es für sie bei</span><br/> <span class="ft1">objektiver Betrachtung ohne weiteres möglich ist, in ihr Heimatland</span><br/> <span class="ft1">zurückzukehren. Davon ist etwa dann auszugehen, wenn die Rück-</span><br/> <span class="ft1">kehr nicht mit nennenswerten Nachteilen verbunden ist und nicht</span><br/> <span class="ft1">dazu führt, dass in der Schweiz geknüpfte, wichtige Beziehungen</span><br/> <span class="ft1">verloren gehen oder eine im Vergleich zum Heimatland markant bes-</span><br/> <span class="ft1">sere wirtschaftliche Position wieder aufgegeben werden müsste. Von</span><br/> <span class="ft1">ehelicher Gewalt betroffene Personen sollen die Gewalt nicht weiter</span><br/> <span class="ft1">erdulden müssen, nur damit ihnen nicht aufgrund des Verlusts ihres</span><br/> <span class="ft1">Aufenthaltsrechts Nachteile widerfahren.</span><br/> <span class="ft1">Dem gesetzlich statuierten besonderen Schutz von Opfern ehe-</span><br/> <span class="ft1">licher Gewalt ist dadurch Rechnung zu tragen, dass an die weiteren</span><br/> <span class="ft1">Aspekte, die für einen Verbleib in der Schweiz sprechen, weniger</span><br/> <span class="ft1">strenge Anforderungen zu stellen sind. Mit anderen Worten bedarf es</span><br/> <span class="ft1">bei Vorliegen ehelicher Gewalt, welche die erforderliche Intensität</span><br/> <span class="ft1">erreicht, um als eheliche Gewalt im Sinne von Art. 50 Abs. 2 AuG</span><br/> <span class="ft1">berücksichtigt zu werden, nur noch weniger zusätzlicher privater In-</span><br/> <span class="ft1">teressen, damit insgesamt der weitere Aufenthalt in der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">aufgrund wichtiger persönlicher Gründe im Sinne von Art. 50 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">AuG erforderlich ist. Sofern die durch das Bundesgericht in Bezug</span><br/> <span class="ft1">auf die eheliche Gewalt geforderte Schwelle überschritten wird, kann</span><br/> <span class="ft1">es auf das Ausmass der erlittenen Gewalt überdies nicht mehr an-</span><br/> <span class="ft1">kommen. Dies auch wenn die geforderte Schwelle nur knapp über-</span><br/> <span class="ft1">schritten wird. Nur so kann dem durch den Gesetzgeber statuierten</span><br/> <span class="ft1">besonderen Schutz gewaltbetroffener Ehegatten gebührend Rech-</span><br/> <span class="ft1">nung getragen werden.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">3.2.3. [...]</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten steht fest, dass die Beschwerdeführerin er-</span><br/> <span class="ft1">heblich und über einen langen Zeitraum von ihrem Ehemann miss-</span><br/> <span class="ft1">handelt wurde und somit eheliche Gewalt im Sinne von Art. 50</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 AuG vorliegt. Ob diese derart gravierend war, dass allein ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt darauf von einem wichtigen Grund im Sinne von Art. 50 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">lit. b AuG auszugehen ist, kann offen gelassen werden, da im vorlie-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2011</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des M...</span> <span class="page_no">357</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">genden Fall weitere Umstände für einen Verbleib der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führerin in der Schweiz sprechen.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">3.4.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die erlittene eheliche</span><br/> <span class="ft1">Gewalt ein im Rahmen von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG bzw. Art. 50</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 AuG zu berücksichtigender wichtiger Grund darstellt. Die</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin hat sich in sprachlicher Hinsicht integriert und</span><br/> <span class="ft1">beruflich Fuss gefasst, wogegen ihr eine berufliche Wiedereingliede-</span><br/> <span class="ft1">rung im Heimatland nicht leicht fallen dürfte. Würde man hier das</span><br/> <span class="ft1">Vorliegen wichtiger Gründe im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AuG</span><br/> <span class="ft1">verneinen, stünde die Beschwerdeführerin vor dem Dilemma, entwe-</span><br/> <span class="ft1">der die hier erworbenen, namhaften Vorteile aufzugeben oder die</span><br/> <span class="ft1">widerfahrene eheliche Gewalt weiter zu erdulden, was der Absicht</span><br/> <span class="ft1">des Gesetzgebers widersprechen würde.</span><br/> <span class="ft1">Die Würdigung der Gesamtumstände ergibt somit, dass im vor-</span><br/> <span class="ft1">liegenden Fall wichtige persönliche Gründe im Sinne von Art. 50</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. b AuG vorliegen, die einen weiteren Aufenthalt der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin in der Schweiz erforderlich machen. Damit besteht</span><br/> <span class="ft1">ein entsprechender Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltsbe-</span><br/> <span class="ft1">willigung.</span><br/> <br/> <br/></div> </div> </body> </html>