<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2006 81 S.400</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">400</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>81</b></span> <span class="ft2"><b>Familiennachzug; Recht auf Achtung des Familienlebens gemäss Art. 8</b></span><br/> <span class="ft2"><b>EMRK</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verweigerung des Familiennachzuges i.c. gemäss nationalem Recht nicht</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zu beanstanden (Erw. II./3.4.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Eingriff in das durch Art. 8 EMRK geschützte Rechtsgut bejaht, da i.c.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>von den Betroffenen nicht verlangt werden kann, ihr Familienleben im</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Ausland zu führen (Erw. II./4.3.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>I.c. besteht kein überwiegendes öffentliches Interesse an der Bewilli-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gungsverweigerung (Erw. II./4.5. f.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Im Hinblick auf die Rechtsprechung des EGMR ist der Familiennachzug</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zu bewilligen (Erw. II./6.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom 12. Septem-</span><br/> <span class="ft3">ber 2006 in Sachen J.D. betreffend Familiennachzug (1-BE.2005.67).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">A. Der Beschwerdeführer reiste am 12. Februar 1993 in die</span><br/> <span class="ft1">Schweiz ein. Er ist seit dem 5. Januar 2002 mit einer italienischen</span><br/> <span class="ft1">Staatsangehörigen verheiratet. Beide haben die Niederlassungsbewil-</span><br/> <span class="ft1">ligung EG/EFTA. Am 11. Oktober 2004 stellte er ein Familiennach-</span><br/> <span class="ft1">zugsgesuch für seine aus einer früheren Beziehung stammende, in</span><br/> <span class="ft1">der Dominikanischen Republik lebende Tochter, die am 29. Septem-</span><br/> <span class="ft1">ber 1992 geboren wurde. Das Migrationsamt, Sektion Einreise und</span><br/> <span class="ft1">Arbeit, lehnte das Gesuch mit Verfügung vom 6. Dezember 2004 ab.</span><br/> <span class="ft1">B. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer am</span><br/> <span class="ft1">23. Dezember 2004 beim Rechtsdienst des Migrationsamtes (Vorin-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</span> <span class="page_no">401</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">stanz) Einsprache, welche durch die Vorinstanz am 24. November</span><br/> <span class="ft1">2005 abgewiesen wurde.</span><br/> <span class="ft1">C. Mit Eingabe vom 19. Dezember 2005 erhob der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer gegen den vorinstanzlichen Entscheid Beschwerde.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 3.4. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer zwar über das formelle Sorgerecht verfügt, zwischen ihm</span><br/> <span class="ft1">und seiner Tochter jedoch faktisch keine vorrangige familiäre Be-</span><br/> <span class="ft1">ziehung im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung besteht.</span><br/> <span class="ft1">Es ist erstellt, dass bisher eine altersadäquate Betreuung der Tochter</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers durch die Grossmutter erfolgt ist und der</span><br/> <span class="ft1">Gesamteindruck der Tochter und ihrer Lebensumstände vor Ort als</span><br/> <span class="ft1">positiv zu bezeichnen ist. Eine Änderung der Betreuungssituation</span><br/> <span class="ft1">erscheint nicht notwendig. Unter diesen Umständen sind die Voraus-</span><br/> <span class="ft1">setzungen für einen Familiennachzug nach nationalem Recht nicht</span><br/> <span class="ft1">erfüllt.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">4.3. Nachfolgend ist zu klären, ob die Verweigerung des Famili-</span><br/> <span class="ft1">ennachzugs effektiv zu einem Eingriff in das durch Art. 8 Ziff. 1</span><br/> <span class="ft1">EMRK geschützte Familienleben führt, was nicht der Fall wäre,</span><br/> <span class="ft1">wenn es den Betroffenen zumutbar ist, das Familienleben im Ausland</span><br/> <span class="ft1">zu führen.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer reiste im Februar 1993 in die Schweiz</span><br/> <span class="ft1">ein, wo er seither lebt. Im Januar 2002 heiratete er eine mit Nieder-</span><br/> <span class="ft1">lassungsbewilligung EG/EFTA in der Schweiz lebende italienische</span><br/> <span class="ft1">Staatsangehörige. Seit dem 2. Juni 2003 ist auch er im Besitz einer</span><br/> <span class="ft1">Niederlassungsbewilligung EG/EFTA. Der Beschwerdeführer, der</span><br/> <span class="ft1">ausser der nachzuziehenden Tochter keine weiteren Kinder hat, lebt</span><br/> <span class="ft1">somit bereits seit über 13 Jahren in der Schweiz. In dieser Zeit hat er</span><br/> <span class="ft1">den Akten zufolge zu keinen Beanstandungen Anlass gegeben. Auch</span><br/> <span class="ft1">beruflich sind er und seine Ehefrau gut integriert. Ob dem Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführer nach einem derart langen Aufenthalt in der Schweiz eine</span><br/> <span class="ft1">Rückkehr in sein Heimatland noch zuzumuten ist, kann vorliegend</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">402</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">aufgrund seiner Heirat offen bleiben. Zwar ist die Ehefrau des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers nicht Schweizerin, sondern Italienerin. Sie lebt je-</span><br/> <span class="ft1">doch seit Geburt in der Schweiz und ist hier aufgewachsen. Damit ist</span><br/> <span class="ft1">davon auszugehen, dass sie primär die Schweiz als ihre Heimat be-</span><br/> <span class="ft1">trachtet. Jedenfalls geht aus den Akten nicht hervor, dass sie eine</span><br/> <span class="ft1">nennenswerte Verbindung zum Heimatland des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">hätte. Unter diesen Gegebenheiten ist ihr eine Übersiedlung in die</span><br/> <span class="ft1">Dominikanische Republik nicht zuzumuten. Bei einer derartigen</span><br/> <span class="ft1">Sachlage wäre der Beschwerdeführer faktisch gezwungen, seine Ehe-</span><br/> <span class="ft1">frau zu verlassen, um das Familienleben mit seiner Tochter zu füh-</span><br/> <span class="ft1">ren. Es kann indessen von ihm nicht verlangt werden, dass er sich</span><br/> <span class="ft1">zwischen seiner Tochter und seiner Ehefrau entscheidet. Unter diesen</span><br/> <span class="ft1">Umständen ist dem Beschwerdeführer eine Rückkehr ins Heimatland</span><br/> <span class="ft1">zwecks Familienzusammenführung nicht zumutbar.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">4.5. Im vorliegenden Fall steht fest, dass dem Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">nicht zugemutet werden kann, die Schweiz zwecks Familienzusam-</span><br/> <span class="ft1">menführung mit seiner Tochter zu verlassen und in sein Herkunfts-</span><br/> <span class="ft1">land zurückzukehren. Die Verweigerung des Familiennachzugs</span><br/> <span class="ft1">würde somit zu einer (weiter andauernden) Trennung des Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführers und seiner Tochter führen, weshalb von einem sehr grossen</span><br/> <span class="ft1">privaten Interesse an der Bewilligung des Familiennachzugsgesuches</span><br/> <span class="ft1">auszugehen ist. Das gegenüberstehende öffentliche Interesse an der</span><br/> <span class="ft1">Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung resultiert - wie in den Fäl-</span><br/> <span class="ft1">len en und Tuquabo - einzig aus der Sicherstellung des (wirtschaft-</span><br/> <span class="ft1">lichen) Wohles des Landes. Zwar ist dieses grundsätzlich zweifellos</span><br/> <span class="ft1">erheblich. Als "abstraktes" öffentliches Interesse hat es jedoch gegen-</span><br/> <span class="ft1">über konkreten privaten Interessen in den Hintergrund zu treten. Dies</span><br/> <span class="ft1">umso mehr, als mit einer geeigneten Migrationspolitik das wirt-</span><br/> <span class="ft1">schaftliche Wohl des Landes genauso gut sichergestellt werden kann,</span><br/> <span class="ft1">ohne dass damit gegen die EMRK verstossen würde. Nicht in den</span><br/> <span class="ft1">Hintergrund treten müsste das öffentliche Interesse dann, wenn die</span><br/> <span class="ft1">Bewilligungsverweigerung z.B. aus der Straffälligkeit eines Betroffe-</span><br/> <span class="ft1">nen resultierte und es darum ginge, die öffentliche Sicherheit vor ei-</span><br/> <span class="ft1">ner konkreten Bedrohung zu schützen. Weitere Umstände, welche</span><br/> <span class="ft1">hier auf ein erhöhtes öffentliches Interesse an der Bewilligungsver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2006</span> <span class="title">Beschwerden gegen Einspracheentscheide des Migrationsamts</span> <span class="page_no">403</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">weigerung hindeuten würden, sind weder ersichtlich noch werden</span><br/> <span class="ft1">solche durch die Vorinstanz angeführt.</span><br/> <span class="ft1">4.6. Unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR</span><br/> <span class="ft1">besteht damit im vorliegenden Fall kein überwiegendes öffentliches</span><br/> <span class="ft1">Interesse an der Bewilligungsverweigerung.</span><br/> <span class="ft1">5. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Verweigerung</span><br/> <span class="ft1">des Familiennachzugs gemäss nationalem Recht nicht zu beanstan-</span><br/> <span class="ft1">den ist. Hingegen verstösst sie gegen Art. 8 EMRK. (...)</span><br/> <span class="ft1">6. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde im Hinblick auf die</span><br/> <span class="ft1">Rechtsprechung des EGMR zu Art. 8 EMRK gutzuheissen, da in</span><br/> <span class="ft1">casu die Familienzusammenführung ausserhalb der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">unzumutbar ist und für den mit der Bewilligungsverweigerung ver-</span><br/> <span class="ft1">bundenen Eingriff in das Familienleben kein überwiegendes öffentli-</span><br/> <span class="ft1">ches Interesse besteht.</span><br/> <span class="ft1">Das Migrationsamt ist unter diesen Umständen anzuweisen, das</span><br/> <span class="ft1">Familiennachzugsgesuch zu bewilligen und den Aufenthalt der Toch-</span><br/> <span class="ft1">ter des Beschwerdeführers zu regeln.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>