A bteilung IV D -5457/2006 spn/w er {T 0/2} U rteil vom 20. A pril 2007 M itw irkung: R ichterin Spälti G iannakitsas, R ichterin Luterbacher, R ichter W espi G erichtsschreiber W eber X._______, geboren _______, Afghanistan, vertreten durch lic. iur. M ichael G uidon, _______, Beschw erdeführer gegen B undesam t für M igration (B FM ), Q uellenw eg 6, 3003 Bern, Vorinstanz betreffend Verfügung vom 23. M ai 2006 i.S. Vollzug der W egw eisung / _______ B u n d e s v e rw a ltu n g s g e ric h t T rib u n a l a d m in is tra tif fé d é ra l T rib u n a le a m m in is tra tiv o fe d e ra le T rib u n a l a d m in is tra tiv fe d e ra l2 D as B undesverw altungsgericht stellt fest: A. D er Beschw erdeführer verliess seinen H eim atstaat nach eigenen Angaben im Jahr 1999 und flüchtete nach Pakistan, w o er sich w ährend ungefähr fünf Jahren auf- hielt. Von Pakistan, dem Iran, der Türkei, G riechenland und ihm unbekannten Län- dern her kom m end gelangte er am 13. O ktober 2004 in die Schw eiz, w o er tags darauf um Asyl nachsuchte. Am 18. O ktober 2004 w urde er im Em pfangs- und Verfahrenszentrum _______ sum m arisch befragt. Am 18. N ovem ber 2004 führte die kantonale Behörde eine Anhörung im Beisein des R echtsvertreters des dam als noch m inderjährigen Beschw erdeführers durch. B. Anlässlich der Befragungen m achte der Beschw erdeführer - ein H azara aus _______ in der Provinz G hazni - im W esentlichen geltend, dass die Aufstän- dischen respektive die Taliban nach seinem H albbruder väterlicherseits gesucht hätten, w eshalb dieser nach Pakistan geflohen sei. D ie Suche sei m öglicherw eise w egen geologischer Kenntnisse des H albbruders (Bodenschätze in Afghanistan) erfolgt. Im H erbst 1999 sei der Beschw erdeführer im erw ähnten Zusam m enhang zusam m en m it seinem Vater zuhause festgenom m en w orden. M an habe sie nach Kandahar gebracht, inhaftiert und nach dem Verbleiben des G eologen gefragt. D urch Verm ittlung eines in Pakistan w ohnhaften O nkels seien sie nach zw ei W o- chen freigekom m en und hätten ins N achbarland fliehen können. Ihre w eiteren An- gehörigen hätten sich bereits in Q uetta aufgehalten. D ort seien der Vater und der H albbruder des Beschw erdeführers im Februar 2004 durch U nbekannte ver- schleppt w orden. Zw ei Tage später sei auch der obenstehend genannte O nkel ent- führt w orden. D ie Entführer hätten sich nach dem Aufenthaltsort des Beschw erde- führers erkundigt. Aus Angst, ebenfalls in die G ew alt dieser Personen zu geraten, habe er daraufhin Pakistan auf Anraten seiner M utter verlassen und sei in den W e- sten geflohen. C . M it Eingabe vom 24. N ovem ber 2004 ersuchte die Vertretung des Beschw erdefüh- rers um Akteneinsicht sow ie Fristeinräum ung zw ecks Stellungnahm e vor Ent- scheidfällung. D . Am 16. M ärz 2005 sow ie 2. August 2005 gab der Beschw erdeführer Bew eism ittel zu den Akten. Es handelte sich hierbei um frem dsprachige Schreiben sam t Ü ber- setzungen. E. Am 12. M ai 2006 gew ährte die Vorinstanz die am 24. N ovem ber 2004 beantragte Akteneinsicht. F. M it Verfügung vom 23. M ai 2006 - eröffnet am 24. M ai 2006 - stellte das Bundes- am t fest, der Beschw erdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. G leichzeitig verfügte es die W egw eisung des Beschw erdefüh- rers aus der Schw eiz und ordnete den Vollzug der W egw eisung an. Es begründete seinen ablehnenden Entscheid dam it, dass aktuell die Furcht vor asylrelevanter Verfolgung durch die Taliban in Afghanistan aufgrund der Lage vor O rt nicht m ehr gegeben sei. Auch den Vorfällen in Pakistan kom m e keine Asylrelevanz zu. Ferner könne im H azarajat - der H erkunftsregion des Beschw erdeführers - nicht von einer 3 perm anent instabilen Lage gesprochen w erden. D er Beschw erdeführer dürfte dort über ein grösseres soziales Beziehungsnetz verfügen. D ie Zum utbarkeit des W egw eisungsvollzugs sei som it gegeben. G . M it Beschw erde vom 21. Juni 2006 (Poststem pel) beantragte der Beschw erdefüh- rer bei der Schw eizerischen Asylrekurskom m ission (AR K) durch seine Vertretung die Aufhebung des angefochtenen Entscheids im Vollzugspunkt. Es sei die U nzu- m utbarkeit des W egw eisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahm e anzuordnen. Es sei von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen und die vorläufige Aufnahm e zu gew ähren. Zur Begründung w urde auf die instabile Sicherheitslage in Afghanistan verw iesen. D er Beschw erdeführer stam m e aus der Provinz G hazni; gem äss Praxis der AR K und entgegen den anderslautenden vorin- stanzlichen Erw ägungen kom m e der Vollzug der W egw eisung in diese Provinz vor- liegend nicht in Betracht. Eine innerstaatliche W ohnsitzalternative sei nicht ersicht- lich. D er Eingabe lag eine H onorarnote in Kopie bei. H . M it Zw ischenverfügung vom 30. Juni 2006 entsprach die AR K dem G esuch im Sinne von Art. 65 Abs. 1 Vw VG und verzichtete auf die Einforderung eines Kosten- vorschusses. I. M it Vernehm lassung vom 12. Juli 2006 hielt das Bundesam t an seiner Verfügung vollum fänglich fest und beantragte ohne detaillierte Erw ägungen die Abw eisung der Beschw erde. D iese Stellungnahm e der Vorinstanz w urde dem Beschw erdefüh- rer am 14. Juli 2006 ohne R eplikrecht zur Kenntnis gebracht. D as B undesverw altungsgericht zieht in Erw ägung: 1. 1.1 G em äss Art. 31 des Verw altungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VG G , SR 173.32) beurteilt das Bundesverw altungsgericht Beschw erden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. D ezem ber 1968 über das Verw altungs- verfahren (Vw VG , SR 172.021), sofern keine Ausnahm e nach Art. 32 VG G vorliegt. Als Vorinstanzen gelten die in Art. 33 und 34 VG G genannten Behörden. D azu gehören Verfügungen des BFM gestützt auf das Asylgesetz vom 26. Juni 1998 (AsylG , SR 142.31); das Bundesverw altungsgericht entscheidet in diesem Bereich endgültig (Art. 105 AsylG ; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BG G , SR 173.110]). 1.2 D as Bundesverw altungsgericht übernim m t, sofern es zuständig ist, am 1. Januar 2007 die Beurteilung der bei der ehem aligen AR K noch hängigen R echtsm ittel. D as neue Verfahrensrecht ist anw endbar (vgl. Art. 53 Abs. 2 VG G ). 1.3 M it Beschw erde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvoll- ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die U nangem essen- heit gerügt w erden (Art. 106 Abs. 1 AsylG ). 2. D ie Beschw erde ist form - und fristgerecht eingereicht; der Beschw erdeführer ist le- gitim iert (Art. 6 AsylG i.V.m . Art. 48 und 50 ff. Vw VG ). Auf die Beschw erde ist m it- hin einzutreten.4 3. M it seinen Begehren beantragt der Beschw erdeführer lediglich die Aufhebung der angefochtenen Verfügung im U m fang der Ziffern 4 und 5 des D ispositivs und die Anordnung der vorläufigen Aufnahm e in der Schw eiz. Infolgedessen ist festzustel- len, dass die Verfügung des Bundesam tes vom 23. M ai 2006 insow eit unangefoch- ten geblieben ist, als sie die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung des Asylgesuches und die W egw eisung als solche betrifft (D ispositivziffern 1 - 3). G egenstand des vorliegenden Beschw erdeverfahrens bildet som it einzig der Voll- zug der W egw eisung. 4. 4.1 G em äss Art. 44 Abs. 2 AsylG regelt das BFM das Anw esenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestim m ungen über die vorläufige Aufnahm e von Ausländern, w enn der Vollzug nicht m öglich, nicht zulässig oder nicht zum utbar ist. D er Vollzug ist nicht m öglich, w enn die ausländische Person w eder in den H erkunfts- oder in den H eim atstaat noch in einen D rittstaat verbracht w erden kann. Er ist nicht zuläs- sig, w enn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schw eiz einer W eiterreise der aus- ländischen Person in ihren H eim at-, H erkunfts- oder einen D rittstaat entgegenste- hen. N icht zum utbar kann der Vollzug der W egw eisung insbesondere sein, w enn er für die ausländische Person eine konkrete G efährdung darstellt (vgl. Art. 14a Abs. 2 - 4 des Bundesgesetzes vom 26. M ärz 1931 über Aufenthalt und N iederlassung der Ausländer [AN AG , SR 142.20]). 4.2 D ie erw ähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der W egw ei- sung (U nzulässigkeit, U nzum utbarkeit, U nm öglichkeit) sind alternativer N atur: So- bald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der W egw eisung als undurchführbar zu betrachten und die w eitere Anw esenheit in der Schw eiz gem äss den Bestim - m ungen über die vorläufige Aufnahm e zu regeln (vgl. Entscheidungen und M itteilungen der Schw eizerischen Asylrekurskom m ission [EM AR K] 2001 N r. 1 E. 6a S. 2, 2006 N r. 6 E. 4.2. S. 54 f.). 5. 5.1 Aus hum anitären G ründen, nicht in Erfüllung völkerrechtlicher Pflichten der Schw eiz, w ird auf den Vollzug der W egw eisung verzichtet, w enn die R ückkehr in den H eim atstaat für den Betroffenen eine konkrete G efährdung darstellt. Eine sol- che kann angesichts der im H eim atland herrschenden allgem einen politischen Lage, die sich durch Krieg, Bürgerkrieg oder durch eine Situation allgem einer G e- w alt kennzeichnet, oder aufgrund anderer G efahrenm om ente, w ie beispielsw eise des Fehlens einer notw endigen m edizinischen Behandlung, angenom m en w erden (vgl. Botschaft zum Bundesbeschluss über das Asylverfahren vom 22. Juni 1990, BBl 1990 II 668). 5.2 D er Beschw erdeführer ist - w ie erw ähnt - H azara und stam m t seinen Angaben zu- folge aus dem D istrikt _______ der Provinz G hazni, m itunter aus dem traditionellen Siedlungsgebiet der H azara, dem so genannten H azarajat, w as vom BFM nicht bestritten w orden ist. In einem unter EM AR K 2003 N r. 30 publizierten U rteil der AR K w urde unter Ausw ertung säm tlicher zur Verfügung stehenden Inform ationen festgestellt, dass eine R ückkehr abgew iesener Asylsuchender nach G hazni infolge der prekären N ahrungssituation, der M inenfelder, der ange- spannten Sicherheitslage und des oftm als erschw erten Zugangs zu H ilfeleistungen 5 der internationalen O rganisationen als generell unzum utbar zu qualifizieren ist. Bestätigt w urde diese Praxis im unter EM AR K 2006 N r. 9 publizierten U rteil. D ie entsprechende Lagebeurteilung behält auch heute ihre G ültigkeit. D ie generelle Sicherheitslage in Afghanistan kann auch aktuell kaum als stabilisiert bezeichnet w erden. So haben die N ato-Truppen am 6. M ärz 2007 eine breit angelegte Frühlingsoffensive eingeleitet. D as unm ittelbare Ziel sei die Verbesserung der Sicherheitslage. Es soll sich um die grösste Aktion der Truppen seit dem Jahr 2002 handeln (N ZZ vom 7. M ärz 2007). Es kom m t jedoch auch w eiterhin zu regelm ässigen gew altsam en Zw ischenfällen, denen zahlreiche Zivilisten zum O pfer fallen (vgl. N ZZ vom 14. M ärz 2007). D am it ist vorliegend - entgegen den Ausführungen der Vorinstanz - eine R ückkehr des Beschw erdeführers in seine H erkunftsregion zurzeit nicht zum utbar. 5.3 N ach dem G esagten bleibt zu prüfen, ob es dem Beschw erdeführer allenfalls zu- zum uten ist, sich in Kabul - oder gegebenenfalls einer anderen der in EM AR K 2006 N r. 9 erw ähnten Provinzen - niederzulassen, w o die Sicherheitslage und die hum anitäre Situation sich vergleichsw eise besser darstellt als in den übrigen G e- bieten Afghanistans. Zur Situation in Kabul w ird im U rteil EM AR K 2003 N r. 10 (vgl. auch EM AR K 2005 N r. 18, S. 166) festgehalten, es könne dort nicht von einer Si- tuation allgem einer G ew alt ausgegangen w erden. Angesichts der auch in Kabul herrschenden schw ierigen hum anitären und w irtschaftlichen Situation dränge sich jedoch eine zurückhaltende Prüfung der individuellen Kriterien auf, w obei insbe- sondere die Existenz eines tragfähigen Beziehungsnetzes sow ie konkrete M öglich- keiten zur Sicherung des Existenzm inim um s und der W ohnsituation m assgebend seien. Aus den Akten ergeben sich keine H inw eise darauf, dass sich der Beschw erdeführer in Kabul aufgehalten hätte oder dort über fam iliäre Beziehungen verfügen w ürde (A 1/8, S. 2 unten). D em zufolge kann offensichtlich nicht von einem tragfähigen fam iliären Beziehungsnetz oder einer gesicherten W ohn- situation ausgegangen w erden (vgl. auch dazu EM AR K 2003 N r. 30). N ach dem G esagten erw eist sich vorliegend auch eine R ückkehr nach Kabul oder eine andere relativ sichere Provinz als nicht zum utbar. 5.4 Zusam m enfassend ergibt sich, dass eine R ückkehr des Beschw erdeführers nach Afghanistan derzeit als unzum utbar zu qualifizieren ist. Aus den Akten ergeben sich sodann keine H inw eise auf eine Verletzung oder G efährdung der öffentlichen Sicherheit und O rdnung im Sinne von Art. 14a Abs. 6 AN AG . D ie Frage nach dem Vorliegen w eiterer Vollzugshindernisse kann bei dieser Sachlage offen bleiben. D ie Verfügung des Bundesam tes vom 23. M ai 2006 ist daher - sow eit sie nicht bereits in R echtskraft erw achsen ist und G egenstand des vorliegenden Verfahrens bildet (Ziffern 4 und 5 des D ispositivs) - aufzuheben. D as Bundesam t ist anzuw eisen, den Beschw erdeführer in der Schw eiz vorläufig aufzunehm en. Bei dieser Sachlage kann davon abgesehen w erden, auf die Beschw erdevorbringen detaillierter einzugehen. 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 Vw VG ). 6.2 O bsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteientschädigung für die ihnen erw achsenen notw endigen Kosten (Art. 7 Abs. 1 des R eglem ents vom 11. D ezem -6 ber 2006 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverw altungsge- richt [VG KE; SR 173.320.2]). D eren H öhe ist in Berücksichtigung der angem essen erscheinenden Kostennote vom 21. Juni 2006 antragsgem äss auf insgesam t Fr. 500.-- (inkl. Auslagen) festzusetzen. (D ispositiv nächste Seite)7 D em nach erkennt das B undesverw altungsgericht: 1. D ie Beschw erde w ird gutgeheissen. 2. D ie Ziffern 4 und 5 des D ispositivs der vorinstanzlichen Verfügung vom 23. M ai 2006 w erden aufgehoben. D er Beschw erdeführer w ird in der Schw eiz vorläufig aufgenom m en. 3. Es w erden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. D as BFM w ird angew iesen, dem Beschw erdeführer eine Parteientschädigung in der H öhe von Fr. 500.-- (inkl. Auslagen) zu entrichten. 5. D ieses U rteil geht an: - den Beschw erdeführer durch Verm ittlung seiner Vertretung, 2 Expl. (einge- schrieben) - das Bundesam t, Abteilung Aufenthalt und R ückkehrförderung, m it den vorin- stanzlichen Akten (Kopie; R ef.-N r. N _______) - _______ D ie R ichterin: D er G erichtsschreiber: N ina Spälti G iannakitsas Patrick W eber