<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 22 S.79</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>22</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 134 StGB, Angriff:</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Tatbestand kann - in Mittäterschaft - auch ohne äusserlich erkenn-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bare aktive Handlung erfüllt werden. Dies ist - generell ausgedrückt -</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dann der Fall, wenn der Mittäter sich in räumlicher Nähe zur Gruppe als</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verbindung zu dieser befindet und erkennbar die feindselige Absicht ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>genüber dem Opfer mitträgt.</b></span><br/> <br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">80</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 17. Mai 2004</span><br/> <span class="ft3">i.S. Staatsanwaltschaft gegen T.D.E.P.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Dem Urteil liegen zwei Vorfälle in der Nacht des 9. Dezember</span><br/> <span class="ft1">2001 zu Grunde: Der Angeklagte zog mit mehreren Kollegen von</span><br/> <span class="ft1">einem Restaurant los. Unterwegs traf die Gruppe auf drei Mädchen.</span><br/> <span class="ft1">Ein Teil der Gruppe, unter ihnen auch der Angeklagte, unterhielt sich</span><br/> <span class="ft1">in der Folge etwas abseits der übrigen Mitglieder mit diesen. Im</span><br/> <span class="ft1">Laufe dieses Gesprächs führten die anderen Gruppenmitglieder eine</span><br/> <span class="ft1">verbale Auseinandersetzung mit einem Dritten, in deren Verlauf sie</span><br/> <span class="ft1">diesen zusammenschlugen. Nach dem ersten Vorfall verliessen alle</span><br/> <span class="ft1">zusammen geschlossen den Tatort. Unterwegs traf die Gruppe auf</span><br/> <span class="ft1">eine weitere männliche Person. Auch mit diesem Mann kam es zu</span><br/> <span class="ft1">einer verbalen Auseinandersetzung, die erneut damit endete, dass</span><br/> <span class="ft1">einzelne Gruppenmitglieder diesen zusammenschlugen, während die</span><br/> <span class="ft1">übrigen - darunter auch der Angeklagte - in einem Kreis um das Op-</span><br/> <span class="ft1">fer, welches mit dem Rücken zum Geländer und einem Weiher stand,</span><br/> <span class="ft1">aufgestellt waren. Dem Angeklagten konnte bei beiden Vorfällen</span><br/> <span class="ft1">keine aktive Beteiligung (etwa Zurufen oder ähnliche anfeuernde</span><br/> <span class="ft1">Handlungen) nachgewiesen werden.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. a) Gemäss Art. 134 StGB macht sich strafbar, wer sich an ei-</span><br/> <span class="ft1">nem Angriff auf einen oder mehrere Menschen beteiligt, der den Tod</span><br/> <span class="ft1">oder die Körperverletzung eines Angegriffenen oder eines Dritten zur</span><br/> <span class="ft1">Folge hat. Angriff ist die einseitige, von feindseligen Absichten</span><br/> <span class="ft1">getragene, gewaltsame Einwirkung auf den oder die Körper eines</span><br/> <span class="ft1">oder mehrerer Menschen. Der körperliche Angriff muss von mehre-</span><br/> <span class="ft1">ren, mindestens zwei Personen ausgehen, wobei es aber genügen</span><br/> <span class="ft1">kann, wenn sich eine Person dem bereits gestarteten Angriff einer</span><br/> <span class="ft1">andern anschliesst. Damit von einem Angriff gesprochen werden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">81</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">kann, müssen mindestens zwei Personen körperlich attackieren. Ist</span><br/> <span class="ft1">diese Voraussetzung erfüllt, kann wie beim Raufhandel eine Beteili-</span><br/> <span class="ft1">gung auf jede Art erfolgen. Beteiligung kann auch eine sachlich un-</span><br/> <span class="ft1">terstützende, psychische oder verbale Mitwirkung zu Gunsten der</span><br/> <span class="ft1">angreifenden Partei sein (z.B. durch Zustecken von Kampfinstru-</span><br/> <span class="ft1">menten, Anfeuerungen, Ratschläge, Warnung vor Gefahren). Deshalb</span><br/> <span class="ft1">kann auch Täter sein, wer selber nicht schlägt (vgl. unten lit. b; a.M.</span><br/> <span class="ft1">Hans Schultz, ZStrR 108 [1991], S. 411, gemäss dessen Meinung</span><br/> <span class="ft1">eine verbale Mitwirkung lediglich zu einer Verurteilung wegen</span><br/> <span class="ft1">Teilnahme am Delikt führen kann). Der Tod oder die Körperverlet-</span><br/> <span class="ft1">zung eines Angegriffenen oder Dritten ist objektive Strafbarkeitsbe-</span><br/> <span class="ft1">dingung (Niggli/Wiprächtiger, Basler Kommentar, Strafgesetzbuch</span><br/> <span class="ft1">II, Basel/Genf/München</span> <span class="ft1">2003, N</span> <span class="ft1">5</span> <span class="ft1">ff. zu Art.</span> <span class="ft1">134; Straten-</span><br/> <span class="ft1">werth/Jenny, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil I, Bern</span><br/> <span class="ft1">2003, § 4 N 41 f.).</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">b) Wie oben ausgeführt, kann gemäss einem Teil der Lehre auch</span><br/> <span class="ft1">Täter sein, wer selber nicht schlägt. Als Beispiele dafür, wie auf</span><br/> <span class="ft1">diese Weise die tatbestandsmässigen Voraussetzungen erfüllt werden</span><br/> <span class="ft1">können, werden äusserlich erkennbare aktive Handlungen angeführt.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz geht einen Schritt weiter und bejaht die Beteiligung</span><br/> <span class="ft1">am Angriff ohne solche zusätzlichen Handlungsweisen mit der Be-</span><br/> <span class="ft1">gründung, die Mitglieder einer Gruppe fühlten sich durch die Präsenz</span><br/> <span class="ft1">weiterer Personen stärker und seien eher bereit, rücksichtslos Gewalt</span><br/> <span class="ft1">anzuwenden. Sie würden sich gegenseitig in ihrem Tun bestärken</span><br/> <span class="ft1">und gäben sich Rückendeckung, was ihre Gefährlichkeit erhöhe.</span><br/> <span class="ft1">Derjenige, welcher nicht selber Gewalt anwende, trage allein schon</span><br/> <span class="ft1">durch seine Präsenz dazu bei, eine Drohkulisse zu schaffen (Urteil</span><br/> <span class="ft1">S. 4 f.).</span><br/> <span class="ft1">Mit der Vorinstanz ist die Möglichkeit der Erfüllung der tatbe-</span><br/> <span class="ft1">standsmässigen Voraussetzungen durch Beteiligung auch ohne äus-</span><br/> <span class="ft1">serlich erkennbare eigene Handlungen zu bejahen. Dies ist - generell</span><br/> <span class="ft1">ausgedrückt - dann der Fall, wenn der Mittäter sich in räumlicher</span><br/> <span class="ft1">Nähe zur Gruppe als Verbindung zu ihr befindet und darüber hinaus</span><br/> <span class="ft1">die feindselige Absicht gegenüber dem Opfer mitträgt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">82</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">c) aa) Beim ersten Vorfall mangelt es bereits an der Erfüllung</span><br/> <span class="ft1">der objektiven Tatbestandsmerkmale. Es ist nicht nachgewiesen, dass</span><br/> <span class="ft1">der Angeklagte, der weder selbst Gewalt anwandte noch sich verbal</span><br/> <span class="ft1">oder durch andere Handlungsweisen am Geschehen beteiligte, die</span><br/> <span class="ft1">feindselige Absicht der aktiven Mitglieder der Gruppe mittrug bzw.</span><br/> <span class="ft1">unterstützte. Über eine Gruppendynamik ist nichts bekannt. Ebenso</span><br/> <span class="ft1">wenig ist nachgewiesen, dass die Gruppe in dieser Zusammenset-</span><br/> <span class="ft1">zung oft unterwegs ist. Zudem stand der Angeklagte im Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">der Tatausführung etwas abseits und unterhielt sich mit Drittperso-</span><br/> <span class="ft1">nen.</span><br/> <span class="ft1">Selbst wenn man jedoch davon ausginge, er habe sich in objek-</span><br/> <span class="ft1">tiver Hinsicht tatbestandsmässig verhalten, fehlte es an der Erfüllung</span><br/> <span class="ft1">der subjektiven Tatbestandsmerkmale. Auch wenn ihm die aggres-</span><br/> <span class="ft1">sive Stimmung bewusst war und er X. sagen gehört hatte, er habe</span><br/> <span class="ft1">schon lange keine Schlägerei mehr gehabt, kann ihm nicht nachge-</span><br/> <span class="ft1">wiesen werden, dass sein Wille auf eine Beteiligung an einem An-</span><br/> <span class="ft1">griff gerichtet gewesen wäre oder er einen solchen in Kauf genom-</span><br/> <span class="ft1">men hätte, denn er stiess erst leicht später, nachdem er seine Jacke</span><br/> <span class="ft1">aus dem Auto geholt hatte, zur Gruppe, stand am Tatort etwas abseits</span><br/> <span class="ft1">und unterhielt sich dort mit an der Sache unbeteiligten Mädchen.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">Der Angeklagte ist somit gestützt auf die obigen Erwägungen</span><br/> <span class="ft1">betreffend den ersten Vorfall von Schuld und Strafe freizusprechen.</span><br/> <span class="ft1">bb) Anders verhält es sich jedoch beim zweiten Vorfall. Nach</span><br/> <span class="ft1">der ersten Schlägerei hat sich der Angeklagte nicht von der Gruppe</span><br/> <span class="ft1">entfernt, sondern ist mit den anderen zusammen weggerannt. Als sich</span><br/> <span class="ft1">am Weiher erneut eine Schlägerei abzeichnete, ist der Angeklagte</span><br/> <span class="ft1">nicht weggegangen, sondern mit den anderen um das Opfer herum</span><br/> <span class="ft1">stehen geblieben. Damit hat er den Schlägern signalisiert, dass er ihre</span><br/> <span class="ft1">Handlungen billigte. Gleichzeitig hat er damit in äusserlich er-</span><br/> <span class="ft1">kennbarer Weise kundgetan, dass er deren feindselige Absicht mit-</span><br/> <span class="ft1">trug. Darüber hinaus wirkten die nicht schlagenden Mitglieder in</span><br/> <span class="ft1">äusserlich erkennbarer Weise unterstützend, indem sie einen Halb-</span><br/> <span class="ft1">kreis um das Opfer bildeten. Dadurch konnten die Schläger ungehin-</span><br/> <span class="ft1">dert vorgehen und das Opfer konnte nicht fliehen. Die ganze Gruppe</span><br/> <span class="ft1">funktionierte als Einheit: die einen schlugen, andere standen im</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">83</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Halbkreis um das Opfer und jemand warnte vor Passanten. In der</span><br/> <span class="ft1">Folge sind alle zusammen weggerannt. Dass sich einige Gruppen-</span><br/> <span class="ft1">mitglieder kurz vor dem Ende des Angriffs abgewendet haben und</span><br/> <span class="ft1">die letzten Schläge von Y. nicht mehr genau sehen konnten (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Aussagen des Angeklagten in act. 217 und von Z. in act. 238), ändert</span><br/> <span class="ft1">nichts an ihrer Beteiligung bis zu diesem Zeitpunkt.</span><br/> <span class="ft1">Insgesamt ist beim zweiten Vorfall von einem bewussten Zu-</span><br/> <span class="ft1">sammenwirken aller Gruppenmitglieder auszugehen. Es ist somit</span><br/> <span class="ft1">erstellt, dass der Angeklagte beim zweiten Vorfall den objektiven</span><br/> <span class="ft1">Tatbestand verwirklicht hat.</span><br/> <span class="ft1">Bezüglich des subjektiven Tatbestands führte der Angeklagte</span><br/> <span class="ft1">selber aus, es habe von Anfang an eine aggressive Stimmung ge-</span><br/> <span class="ft1">herrscht. Zudem wusste er, wozu die Schläger in der Gruppe fähig</span><br/> <span class="ft1">waren, hatten sie doch erst wenige Minuten vorher das erste Opfer</span><br/> <span class="ft1">zusammengeschlagen. Er hat billigend in Kauf genommen, dass der</span><br/> <span class="ft1">zweite Angriff erfolgte, und er wollte auch daran teilnehmen.</span><br/></div> </div> </body> </html>