B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-2212/2024 U r t e i l v o m 19 . A p r i l 2 0 2 4 Besetzung Einzelrichterin Susanne Genner, mit Zustimmung von Richter Manuel Borla; Gerichtsschreiber Jan Hoefliger. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch MLaw Mara Todeschini, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren Nordwestschweiz, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Ver- fahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 25. März 2024 / N (…). F-2212/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer (syrischer Staatsangehöriger, geb. […]) ersuchte am (…). Januar 2024 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Finger- abdrücke mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am (…). August 2023 in Bulgarien um Asyl ersucht hatte. B. Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 1. März 2024 das rechtli- che Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich- keit der Überstellung nach Bulgarien, dessen Zuständigkeit für die Behand- lung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. C. Die bulgarischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 4. März 2024 um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah- ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei- nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge- stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) am 8. März 2024 gut. D. Mit Verfügung vom 25. März 2024 (eröffnet am 4. April 2024) trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Über- stellung nach Bulgarien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. E. Mit Rechtsmitteleingabe vom 11. April 2024 gelangte der Beschwerdefüh- rer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf das Asylge- such des Beschwerdeführers einzutreten; eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vo- rinstanz zurückzuweisen. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien superprovisorisch anzuweisen, von einer Überstellung nach Bulgarien abzusehen, bis das Bundesverwal- tungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Es sei ihm die unentgelt liche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. F-2212/2024 Seite 3 F. Am 12. April 2024 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori- schen Vollzugsstopp an. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG (SR 142.31) nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri- gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 Abs. 1 VwVG]) sind e rfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari- scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. 3.1 Der Beschwerdeführer beantragt im Sinne eines Eventualbegehrens die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz. Dazu führt er an, die Vor- instanz habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt. Zudem habe sie sich nicht rechtsgenüglich mit seinen Erlebnissen in Bulgarien sowie mit der ak- tuellen Berichterstattung zur dortigen humanitären Lage von Asylsuchen- den auseinandergesetzt und damit die Begründungspflicht verletzt. 3.2 Der Untersuchungsgrundsatz (Art. 12 VwVG) betrifft die Abklärungs- pflicht der Behörde. Der entsprechende Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) ist erfüllt, wenn die Behörde den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt, od er nicht alle für den Entscheid wesentlichen F-2212/2024 Seite 4 Sachumstände berücksichtigt hat (vgl. BENJAMIN SCHINDLER, in: Kommen- tar zum VwVG, 2. Aufl. 2019, Art. 49 N. 29). Die Vorinstanz hat ihrem Entscheid die relevanten Tatsachen, sowohl in Bezug auf die Umstände in Bulgarien als auch auf die persönliche Situation des Beschwerdeführers, zugrunde gelegt. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern der Sachverhalt unrichtig oder unvollständig erhoben worden sein soll. Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes ist zu verneinen. 3.3 Die Vorinstanz hat ihren Entscheid ausführlich und in der Sache nach- vollziehbar begründet. Von einer Verletzung der Begründungspflicht (Art. 35 Abs. 1 VwVG) kann keine Rede sein. 3.4 Eine Rückweisung der Sache fällt nach dem Gesagten ausser Be- tracht, weshalb das Gericht in der Sache selbst zu entscheiden hat (Art. 61 Abs. 1 VwVG). 4. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 5. 5.1 Der Beschwerdeführer rügt sinngemäss, das bulgarisc he Asylsystem weise systemische Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter Unterabsatz Dublin-III-VO auf. Er macht geltend, bei einem ersten Grenzübertritt nach Bulgarien sei er von der Polizei aufgegriffen und – nachdem er sich habe ausziehen müssen, seine Sachen beschlagnahmt und er geschlagen wor- den sei – zurück an die türkische Grenze geschafft worden. Bei einem zweiten Grenzübertritt habe ihn die Polizei erneut aufgegriffen und in eine Art Korridor gebracht, wo er zwei Tage mit etwa 20 Personen habe aushar- ren müssen. Anschliessend sei er in einem Gefängnis während ungefähr einem Monat eingesperrt worden. Die hygienischen Zustände seien deso- lat gewesen und während seines zweiwöchigen Fiebers sei er medizinisch nicht betreut worden. Die Insassen seien täglich geschlagen und vom Per- sonal gedemütigt worden. Nach Abnahme der Fingerabdrücke und seiner Entlassung hätten ihn unbekannte, maskierte Personen entführt und in ein Haus gebracht. Nach fünf Tagen habe er schliesslich von dort fliehen kön- nen. F-2212/2024 Seite 5 5.2 In seinem Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 hat sich das Bundesverwaltungsgericht ausführlich mit dem bulgarischen Asylsys- tem und der Situation asylsuchender Personen in diesem Land auseinan- dergesetzt. Es hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die Aufnahmebedingungen zwar gewisse Mängel aufwiesen, diese aber nicht systemischer Natur seien, weshalb von Überstellun gen nach Bulgarien grundsätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien nicht sys- tembedingt unmöglich. Die tiefe Anerkennungsquote gegenüber Staatsan- gehörigen gewisser Länder rechtfertige es nicht, keine Überstellungen mehr vorzunehmen. Betroffene Personen könnten gegen einen negativen Asylentscheid ein wirksames Rechtsmittel einlegen. Zudem seien die Be- dingungen in den Aufnahme- und Haftzentren zwar prekär, könnten aber nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert werden. Auch bei be- sonders verletzlichen Personen sei eine Überstellung nicht per se ausge- schlossen. Bei solchen Asylsuchenden sei indessen im Einzelfall vertieft zu prüfen, ob die betroffene Person im Falle des Vollzugs der Überstellung einer menschenunwürdigen Behandlung ausgesetzt wäre. 5.3 Das Gericht geht trotz der aktuellen Belastung Bulgariens durch ukrai- nische Kriegsflüchtlinge weiterhin nicht von systemischen Mängeln im bul- garischen Asylverfahren aus. Auch unter Berücksichtigung de r auf Be- schwerdeebene zitierten Berichte der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 13. September 2022 und vom 6. August 2023 sowie der vom Be- schwerdeführer geschilderten Erlebnisse mit den bulgarischen Behörden während seines dortigen Aufenthalts ist – ungeachtet der Frage nach de r Glaubhaftigkeit der unbelegt gebliebenen Schilderungen – nicht davon auszugehen, Bulgarien verstosse zum heutigen Zeitpunkt systematisch gegen seine vertraglichen Verpflichtungen aus der EMRK, dem Überein- kommen vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un- menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht- linge (FK, SR 0.142.30) sowie dem Zusatzprotokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) als zuständiger Dublin -Mitgliedstaat im Falle einer Rücküberstellung von Asylsuchenden (vgl. in letzter Zeit auch Urteile des BVGer E-382/2024 vom 23. Januar 2024 E. 9.2; E-5259/2023 vom 17. Ok- tober 2023 E. 8 ; F-5486/2023 vom 16. Oktober 2023 E. 5 ; E-2395/2023 vom 28. September 2023 E. 8). Im Weiteren darf davon ausgegangen wer- den, Bulgarien kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer- kennung un d Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. F-2212/2024 Seite 6 Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. Prinzipiell ist davon auszu- gehen, dass der Zugang zu einer Asylunterkunft, zu Nahrungsmitteln sowie medizinischer Grundversorgung und psychologischer Betreuung für Asyl- suchende gewährleistet ist. 5.4 Entgegen den Ausführungen des Beschwerdeführers besteht auch kein Grund zur Annahme, die bulgarischen Behörden würden ihm nach ei- ner Überstellung den Zugang zum Asyl - respektive zu einem allfälligen Wiederaufnahmeverfahren unter Einhaltung der Regeln der Verfahrens- richtlinie verweigern. So haben die bulgarischen Behörden seiner Wieder- aufnahme gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO ausdrücklich zu- gestimmt. Der Beschwerdeführer wird die Wiederaufnahme seines Asyl- verfahrens beantragen und die ihm zustehenden Rechte wahrnehmen kön- nen (vgl. Urteile BVGer E -382/2024 vom 23. Januar 2024 E. 9.3.3; D-2559/2022 vom 17. Januar 2023 E. 13.1.2 m.w.H.). 6. 6.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in di eser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin -III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mi tgliedstaat zu einer Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylge- such «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür ge- mäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Entschei- dung darf das Bundesverwaltungsgericht sein eigenes Ermessen nicht an Stelle desjenigen des SEM setzen (BVGE 2015/9 E. 7.6 und E. 8.1 in fine). 6.2 Es kann angenommen werden, dass Bulgarien seinen völker- und ge- meinschaftsrechtlichen Verpflichtungen gegenüber Personen in der Situa- tion des Beschwerdeführers nachkommt. Diese Vermutung vermag der Be- schwerdeführer durch seine Ausführungen hinsichtlich der behaupteten Gewalterfahrungen seitens bulgarischer Sicherheitsbeamter nicht umzu- stossen. Im Falle einer Rücküberstellung würde er nämlich nicht als Neu- ankömmling behandelt, sondern direkt in die dortigen Asylstrukturen F-2212/2024 Seite 7 aufgenommen. Bei einer allfälligen v orübergehenden Einschränkung der ihm zustehenden Aufnahmebedingungen könnte er sich im Übrigen nöti- genfalls an die bulgarischen Behörden wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern. Dies gilt auch in Bezug auf ein allfälliges Fehlver- halten der bulgarischen Polizei. Des Weiteren steht ihm die Möglichkeit of- fen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. 6.3 Eine Verletzung von Art. 3 EMRK ist demnach nicht zu befürchten. Die Vorinstanz hat das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin -III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten, noch sind hu- manitäre Gründe ersichtlich, welche einen Selbsteintritt nahelegen würden. 7. Bulgarien ist verpfli chtet, den Beschwerdeführer wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO). 8. Die Beschwerde ist abzuweisen. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 12. April 2024 angeordnete Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos geworden. 9. Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um un- entgeltliche Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) abzuweisen ist. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh- rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750. – fest- zusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR173.320.2]). 11. Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). (Dispositiv nächste Seite). F-2212/2024 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz und die zu- ständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Susanne Genner Jan Hoefliger Versand: