<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">331</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>68</b></span> <span class="ft2"><b>Ausschaffungshaft; Dublin-Verfahren; Unterbruch Überstellungsfrist.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die ursprüngliche Überstellungsfrist wird ex lege unterbrochen, wenn ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gen einen Wegweisungsentscheid des Bundesamtes für Migration (BFM)</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Beschwerde erhoben und der betroffenen Person gestattet wurde, den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Fortgang des Verfahrens in der Schweiz abzuwarten. Diesfalls beginnt die</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sechsmonatige Überstellungsfrist am Tag nach dem Beschwerdeentscheid</b></span><br/> <span class="ft2"><b>neu zu laufen (E. II./2.3.).</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">332</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">17. September 2010 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen Y.M.</span><br/> <span class="ft3">betreffend Haftüberprüfung (1-HA.2010.95).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II. 2.3. [...]</span><br/> <span class="ft1">Bezüglich der rechtlichen Hindernisse ist festzuhalten, dass die</span><br/> <span class="ft1">Haft nur so lange angeordnet werden darf, als eine Überstellung in</span><br/> <span class="ft1">die Tschechische Republik zulässig ist.</span><br/> <span class="ft1">Für die Überstellung in einen Dublin-Staat ist die auch für die</span><br/> <span class="ft1">Schweiz geltende Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates vom</span><br/> <span class="ft1">18. Februar 2003 (Dublin II-Verordnung; ABl. L 50 vom 25. Februar</span><br/> <span class="ft1">2003, S. 1 ff.) sowie die dazu gehörenden Ausführungsbestimmun-</span><br/> <span class="ft1">gen, insbesondere die Verordnung (EG) Nr. 1560/2003 der Kommis-</span><br/> <span class="ft1">sion vom 2. September 2003 (Dublin II-Durchführungsverordnung;</span><br/> <span class="ft1">ABl. L 222 vom 5. September 2003, S. 3 ff) massgebend (vgl. Ab-</span><br/> <span class="ft1">kommen vom 26. Oktober 2004 zwischen der Schweizerischen Eid-</span><br/> <span class="ft1">genossenschaft und der Europäischen Gemeinschaft über die Krite-</span><br/> <span class="ft1">rien und Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die</span><br/> <span class="ft1">Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder in der Schweiz gestellten</span><br/> <span class="ft1">Asylantrags [SR 0.142.392.68]).</span><br/> <span class="ft1">Anders als bei Rückführungen in den Heimatstaat ist eine Über-</span><br/> <span class="ft1">stellung in einen Dublin-Staat (Zielstaat) gestützt auf die Dublin II-</span><br/> <span class="ft1">Verordnung nur innert bestimmter Fristen möglich. Massgebend für</span><br/> <span class="ft1">die Fristberechnung ist insbesondere, wann der Betroffene illegal in</span><br/> <span class="ft1">den Zielstaat eingereist ist (Art. 10 Abs. 1 der Dublin II-Verordnung),</span><br/> <span class="ft1">welchen Status der Betroffene im Zielstaat hatte (Art. 16 Abs. 1 lit. a</span><br/> <span class="ft1">und b oder Art. 16 Abs. 1 lit. c bis e Dublin II-Verordnung), wann das</span><br/> <span class="ft1">Aufnahmegesuch gestellt wurde (Art. 17 Abs. 1 der Dublin II-Ver-</span><br/> <span class="ft1">ordnung), ob um dringliche Antwort ersucht wurde (Art. 17 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">der Dublin II-Verordnung), ob das Gesuch um Wiederaufnahme ge-</span><br/> <span class="ft1">stützt auf einen Eurodac-Treffer gestellt wurde (Art. 20 Abs. 1 lit. b</span><br/> <span class="ft1">der Dublin II-Verordnung) und ob der Zielstaat das Gesuch um Auf-</span><br/> <span class="ft1">nahme bzw. Wiederaufnahme beantwortet hat (Art. 18 Abs. 7 bzw.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">333</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Art. 20 Abs. 1 lit. c der Dublin II-Verordnung). In allen Fällen hat die</span><br/> <span class="ft1">Rückführung - vorbehältlich einer allfälligen Unterbrechung im</span><br/> <span class="ft1">Sinne von Art. 19 Abs. 3 bzw. Art. 20 Abs. 1 lit. d oder einer Ver-</span><br/> <span class="ft1">längerung nach Art. 19 Abs. 4 bzw. Art. 20 Abs. 2 der Dublin II-Ver-</span><br/> <span class="ft1">ordnung - innert sechs Monaten seit Zustimmung zur Rücküber-</span><br/> <span class="ft1">nahme zu erfolgen (Art. 19 Abs. 3 bzw. Art. 20 Abs. 1 lit. d der Dub-</span><br/> <span class="ft1">lin II-Verordnung). Für den Fristenbeginn ist zu beachten, dass der</span><br/> <span class="ft1">Tag, auf den die Handlung (z.B. das Aufnahmegesuch oder die Zu-</span><br/> <span class="ft1">stimmung des Zielstaates) bzw. das Ereignis (z.B. die Verfristung)</span><br/> <span class="ft1">fällt, nicht mitgerechnet wird (vgl. Art. 25 der Dublin II-Verord-</span><br/> <span class="ft1">nung).</span><br/> <span class="ft1">Ausgangspunkt für jede Überstellung im Rahmen der Dub-</span><br/> <span class="ft1">lin II-Verordnung ist das Gesuch um Aufnahme bzw. Wiederauf-</span><br/> <span class="ft1">nahme an den Zielstaat. Diesem ist zu entnehmen, gestützt auf wel-</span><br/> <span class="ft1">che gesetzliche Grundlage die Überstellung in den Zielstaat erfolgen</span><br/> <span class="ft1">soll und ob um dringliche Antwort ersucht wird. Antwortet der Ziel-</span><br/> <span class="ft1">staat nicht innert der erforderlichen Frist, wird angenommen, dass</span><br/> <span class="ft1">dem Gesuch um Aufnahme bzw. Wiederaufnahme zugestimmt wird</span><br/> <span class="ft1">(sogenannte Verfristung; vgl. Art. 18 Abs. 7 bzw. Art. 20 Abs. 1 lit. c</span><br/> <span class="ft1">der Dublin II-Verordnung). Die sechsmonatige Überstellungsfrist be-</span><br/> <span class="ft1">ginnt diesfalls mit ungenutztem Ablauf der Antwortfrist zu laufen.</span><br/> <span class="ft1">Antwortet der Zielstaat innerhalb der Frist, beginnt die sechsmona-</span><br/> <span class="ft1">tige Überstellungsfrist mit Annahme des Antrages (vgl. Entscheid</span><br/> <span class="ft1">des Rekursgerichts vom 2. Juli 2009, 1-HA.2009.79, E. II/2.3.1).</span><br/> <span class="ft1">Kann die Überstellung nicht erfolgen, weil der Aufenthaltsort eines</span><br/> <span class="ft1">Betroffenen unbekannt ist und wird dies dem Zielstaat verordnungs-</span><br/> <span class="ft1">konform angezeigt, verlängert sich die Frist automatisch um</span><br/> <span class="ft1">12 Monate auf 18 Monate. Eine explizite Zustimmung des Zielstaa-</span><br/> <span class="ft1">tes ist nicht notwendig (Art. 20 Abs. 2 Dublin II-Verordnung; vgl.</span><br/> <span class="ft1">auch Urteil des Rekursgerichts vom 4. Juni 2010, 1-HA.2010.61,</span><br/> <span class="ft1">E. 2.3).</span><br/> <span class="ft1">Die Schweiz ersuchte die Tschechische Republik am</span><br/> <span class="ft1">21. September 2009 um Aufnahme des Gesuchsgegners. Diesem Ge-</span><br/> <span class="ft1">such stimmte die Tschechische Republik am 12. November 2009 -</span><br/> <span class="ft1">innerhalb der zweimonatigen Frist von Art. 18 Abs. 1 der Dublin II-</span><br/> <span class="ft1">Verordnung - gestützt auf Art. 9 Abs. 2 der Dublin II-Verordnung zu.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">334</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Da der Gesuchsgegner gegen den Wegweisungsentscheid des BFM</span><br/> <span class="ft1">Beschwerde erhob und ihm in der Folge vom Bundesverwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richt gestattet wurde, den Fortgang des Verfahrens in der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">abzuwarten, wurde die ursprüngliche Überstellungsfrist unterbrochen</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Art. 19 Abs. 3 der Dublin II-Verordnung). Die sechsmonatige</span><br/> <span class="ft1">Überstellungsfrist begann daher am Tag nach dem Urteil des Bundes-</span><br/> <span class="ft1">verwaltungsgerichts, mithin am 4. Mai 2010, neu zu laufen. Die</span><br/> <span class="ft1">Überstellungsfrist wird in einer solchen Konstellation nicht erst mit</span><br/> <span class="ft1">der Anzeige an den Zielstaat, sondern ex lege unterbrochen (vgl.</span><br/> <span class="ft1">Christian Filzwieser/Andrea Sprung, Kommentar Dublin II-Verord-</span><br/> <span class="ft1">nung, 3. Auflage, Wien/Graz 2010, S. 167). Es spielt daher keine</span><br/> <span class="ft1">Rolle, dass das BFM die tschechischen Behörden erst nach Ab-</span><br/> <span class="ft1">schluss des Beschwerdeverfahrens über das Einlegen des Rechtsbe-</span><br/> <span class="ft1">helfs informierte. Da der Gesuchsgegner schliesslich vor seiner poli-</span><br/> <span class="ft1">zeilichen Anhaltung am 15. September 2010 unbekannten Aufent-</span><br/> <span class="ft1">halts war und das BFM der Tschechischen Republik am 22. Juni</span><br/> <span class="ft1">2010 das Untertauchen des Gesuchsgegners anzeigte sowie um Er-</span><br/> <span class="ft1">streckung der Überstellungsfrist auf 18 Monate ersuchte, ist die</span><br/> <span class="ft1">Überstellung des Gesuchsgegners in die Tschechische Republik bis</span><br/> <span class="ft1">zum 4. November 2011 möglich (vgl. Art. 19 Abs. 4 der Dublin II-</span><br/> <span class="ft1">Verordnung).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>