<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Gemeinderecht Gemeinderecht</span> <span class="page_no">467</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Gemeinderecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>82</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 4 Abs. 1 lit. b PAVO</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Familienpflege</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Emotionale Bindungen und die Aufrechterhaltung gewohnter Strukturen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>können einen stärkeren Einfluss auf das Wohlbefinden und die Entwick-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>lung der Kinder haben als die Grösse der Wohnung.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Departements Bildung, Kultur und Sport vom</span><br/> <span class="ft4">1. Juli 2014, i.S. L. B. und T. P. gegen Gemeinderat T. (BKSREC 14.35).</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft8">1. a)</span><br/> <span class="ft8">Gemäss Art. 4 Abs. 1 lit. b der Verordnung über die Aufnahme</span><br/> <span class="ft8">von Pflegekindern (Pflegekinderverordnung, PAVO) vom 19. Okto-</span><br/> <span class="ft8">ber 1977 (SR 211.222.338) benötigt eine Bewilligung, wer ein Kind</span><br/> <span class="ft8">während mehr als drei Monaten unentgeltlich in seinen Haushalt auf-</span><br/> <span class="ft8">nehmen will (sog. Familienpflege). Die Bewilligung darf gemäss Art.</span><br/> <span class="ft8">5 PAVO nur erteilt werden, wenn die Pflegeeltern und ihre Haus-</span><br/> <span class="ft8">genossen nach Persönlichkeit, Gesundheit und erzieherischer Eig-</span><br/> <span class="ft8">nung sowie nach den Wohnverhältnissen für gute Pflege, Erziehung</span><br/> <span class="ft8">und Ausbildung des Kindes Gewähr bieten und das Wohl anderer in</span><br/> <span class="ft8">der Pflegefamilie lebender Kinder nicht gefährdet wird. Dabei gilt</span><br/> <span class="ft8">indes nicht die bestmögliche Pflege als Massstab. Gerade wenn Ver-</span><br/> <span class="ft8">wandte oder gute Bekannte nicht erwerbsmässig, sondern unent-</span><br/> <span class="ft8">geltlich ein Kind betreuen, ist den konkreten Umständen erhöhte Be-</span><br/> <span class="ft8">achtung zu schenken. Emotionale Bindungen (Nestgefühl) und die</span><br/> <span class="ft8">Aufrechterhaltung gewohnter Strukturen können einen stärkeren Ein-</span><br/> <span class="ft8">fluss auf das Wohlbefinden und die Entwicklung der Kinder haben</span><br/> <span class="ft8">als die Grösse der Wohnung etc.. Solange das Kindeswohl nicht ge-</span><br/> <span class="ft8">fährdet erscheint, sind somit im Rahmen der Familienpflege unter</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">468</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Umständen auch Bewilligungen zu erteilen, die bei einer gewerbs-</span><br/> <span class="ft8">mässigen Betreuung (Tagespflege oder Heimpflege) möglicherweise</span><br/> <span class="ft8">nicht erteilt würden.</span><br/> <span class="ft8">Zuständig für die Erteilung der Bewilligung ist der Gemeinderat</span><br/> <span class="ft8">am Wohnort der Pflegeeltern (§ 55e Abs. 2 des Einführungsgesetzes</span><br/> <span class="ft8">zum Schweizerischen Zivilgesetzbuch und Partnerschaftsgesetz</span><br/> <span class="ft8">[EG ZGB] vom 27. März 1911 [SAR 210.100]). Dessen Entscheid</span><br/> <span class="ft8">kann innert 30 Tagen weitergezogen werden an das Departement</span><br/> <span class="ft8">Bildung, Kultur und Sport (§ 44 Abs. 1 und § 50 des Gesetzes über</span><br/> <span class="ft8">die Verwaltungsrechtspflege [Verwaltungsrechtspflegegesetz, VRPG]</span><br/> <span class="ft8">vom 4. Dezember 2007 [SAR 271.200] in Verbindung mit § 11 Abs.</span><br/> <span class="ft8">1 lit. b der Verordnung über die Delegation der Kompetenzen des Re-</span><br/> <span class="ft8">gierungsrats [Delegationsverordnung, DelV] vom 10. April 2013</span><br/> <span class="ft8">[SAR 153.113]).</span><br/> <span class="ft8">(...)</span><br/> <span class="ft8">2. a)</span><br/> <span class="ft8">V. lebt mit seiner Mutter, T. P. und seinen beiden älteren Halb-</span><br/> <span class="ft8">Schwestern (E. und R.) in W.. Er besucht seit Herbst 2013 das erste</span><br/> <span class="ft8">Kindergartenjahr in W.. Der Aufenthalt seines des Landes verwiese-</span><br/> <span class="ft8">nen Vaters ist unbekannt. Gestützt auf das Scheidungsurteil des Be-</span><br/> <span class="ft8">zirksgerichts B. vom (...) ernannte der Gemeinderat W. mit Be-</span><br/> <span class="ft8">schluss vom 5. Mai 2009 R. B. als Beistand von V..</span><br/> <span class="ft8">Da seine Mutter (Beigeladene) während der Nacht als Last-</span><br/> <span class="ft8">wagenführerin arbeitet, wird V. seit dem 16. November 2013 von</span><br/> <span class="ft8">Montag bis Freitag von 18.30 Uhr bis 7.20 Uhr sowie am kinder-</span><br/> <span class="ft8">gartenfreien Mittwoch während des ganzen Tages sowie während gut</span><br/> <span class="ft8">der Hälfte der Wochenenden von seiner Tante, L. B. (Beschwer-</span><br/> <span class="ft8">deführerin) in T. betreut. Er wurde bei der Beschwerdeführerin unter-</span><br/> <span class="ft8">gebracht, nachdem es zu Differenzen mit der bisherigen Pflegemutter</span><br/> <span class="ft8">gekommen war. Die Beschwerdeführerin lebt mit drei Kindern aus</span><br/> <span class="ft8">früheren Ehen (C. P., G. P. und S. B.) und einem in diesem Frühjahr</span><br/> <span class="ft8">geborenen Kind in einer Wohnung mit drei Schlafzimmern und</span><br/> <span class="ft8">einem Wohnzimmer. C. hat ein eigenes Zimmer. Gegen ihn läuft ein</span><br/> <span class="ft8">Ausweisungsverfahren beziehungsweise ist gemäss Auskunft der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführerin sein Auszug aus der Wohnung geplant, sobald er</span><br/> <span class="ft8">mündig ist. G. und S. teilen sich ein Zimmer. Nach dem Auszug von</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Gemeinderecht Gemeinderecht</span> <span class="page_no">469</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">C. wird G. sein Zimmer übernehmen. Das Baby übernachtet im Zim-</span><br/> <span class="ft8">mer der Beschwerdeführerin und für V. wird jeweils am Abend ein</span><br/> <span class="ft8">Bett aufgestellt. Die Beschwerdeführerin möchte gemäss eigener</span><br/> <span class="ft8">Aussage auch nach einer allfälligen Heirat nicht zum Vater ihres</span><br/> <span class="ft8">jüngsten Kindes ziehen. Für die Betreuung von V. bezahlt die Bei-</span><br/> <span class="ft8">geladene lediglich eine Aufwandsentschädigung und kein Pflegegeld.</span><br/> <span class="ft8">b) Der Gemeinderat T. macht im Wesentlichen geltend, dass die</span><br/> <span class="ft8">räumlichen Voraussetzungen ungenügend seien und die Lebensvor-</span><br/> <span class="ft8">aussetzungen der Beschwerdeführerin als nicht genügend konstant</span><br/> <span class="ft8">eingeschätzt würden.</span><br/> <span class="ft8">c) Die Beschwerdeführerin und die Beigeladene weisen im We-</span><br/> <span class="ft8">sentlichen darauf hin, dass sich V. bei der Beschwerdeführerin wohl</span><br/> <span class="ft8">fühle. So habe er nach drei Monaten 2,5 kg zugenommen und erleide</span><br/> <span class="ft8">keine Schwächeanfälle mehr. Er sei selbstbewusster und unbe-</span><br/> <span class="ft8">schwerter geworden. Der Mehrfachbelastung sei die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft8">führerin gewachsen und auch die Wohnung sei genügend gross.</span><br/> <span class="ft8">3.</span><br/> <span class="ft8">Bei der oben erwähnten Dauer und Häufigkeit handelt es sich</span><br/> <span class="ft8">klar um ein bewilligungspflichtiges Betreuungsverhältnis. Für die</span><br/> <span class="ft8">hiesigen Verhältnisse erscheinen die räumlichen Verhältnisse auf den</span><br/> <span class="ft8">ersten Blick in der Tat als eng. Dass sechs Personen in einer 4 oder</span><br/> <span class="ft8">4,5 Zimmerwohnung leben, war jedoch bis vor nicht allzu langer Zeit</span><br/> <span class="ft8">auch in der Schweiz nicht ungewöhnlich und kommt auch heute bei</span><br/> <span class="ft8">einkommensmässig bescheiden lebenden Familien nicht selten vor.</span><br/> <span class="ft8">Ebenso war es lange Zeit geradezu normal, dass sich Geschwister ein</span><br/> <span class="ft8">Zimmer teilen. Für die Entwicklung von V. erscheint es als weit we-</span><br/> <span class="ft8">sentlicher, dass er sich emotional aufgehoben fühlt und die Betreu-</span><br/> <span class="ft8">ung von einer gewissen Konstanz ist. Er selber erklärte gegenüber</span><br/> <span class="ft8">der Schulsozialarbeiterin, dass er sich bei der Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft8">wohl fühle. Gemäss Auskunft der Schulsozialarbeiterin habe die Kin-</span><br/> <span class="ft8">dergartenlehrperson berichtet, dass V. unruhig und unkonzentriert sei.</span><br/> <span class="ft8">Dies ist zweifellos ein ernst zu nehmendes Verhalten. Ob die Ursache</span><br/> <span class="ft8">dafür indes lediglich oder hauptsächlich an der Betreuung durch die</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführerin liegt, muss allerdings bezweifelt werden. V.</span><br/> <span class="ft8">erwähnte, dass er von seinen Halb-Schwestern, die tagsüber zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">470</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Hause auf ihn aufpassen, geschlagen werde. Dies bestätigte auch die</span><br/> <span class="ft8">Beigeladene, wobei sie anfügte, dass sie dies nun verboten habe.</span><br/> <span class="ft8">Dass die Lebenssituation der Beschwerdeführerin schwierig ist</span><br/> <span class="ft8">und die Nächte mit einem Baby vermutlich eher unruhig sind, ist</span><br/> <span class="ft8">nicht von der Hand zu weisen. Solange indes - wie im vorliegenden</span><br/> <span class="ft8">Fall - keine klaren Hinweise vorhanden sind, dass die Beschwer-</span><br/> <span class="ft8">deführerin derart überlastet ist, sodass eine Betreuung von V. als</span><br/> <span class="ft8">nicht mehr zumutbar erscheint, rechtfertigt es sich nicht, ihr die</span><br/> <span class="ft8">Bewilligung zu verweigern. Dies gilt umso mehr, als sich auch V.s</span><br/> <span class="ft8">Beistand dahingehend verlauten liess, dass es für V. wichtig sei, nicht</span><br/> <span class="ft8">schon wieder aus einer Pflegefamilie herausgerissen zu werden.</span><br/> <span class="ft8">Insgesamt betrachtet erscheint die Betreuungssituation von V.</span><br/> <span class="ft8">als nicht optimal. Eine konkrete Entwicklungsgefährdung kann je-</span><br/> <span class="ft8">doch nicht festgestellt werden, vielmehr erscheint die Betreuung bei</span><br/> <span class="ft8">der Beschwerdeführerin als die derzeit bestmögliche Lösung. Der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführerin ist daher eine Bewilligung für die Familien-</span><br/> <span class="ft8">pflege von V. zu erteilen. Eine fortlaufende Überprüfung der Bewilli-</span><br/> <span class="ft8">gung durch den Gemeinderat bleibt selbstverständlich vorbehalten.</span><br/> <span class="ft8">4.</span><br/> <span class="ft8">Offensichtlich ist, dass beide Familien grossen Belastungen aus-</span><br/> <span class="ft8">gesetzt sind. Was V.s ältere Halb-Schwestern anbelangt, muss auf-</span><br/> <span class="ft8">grund der vorhandenden Akten wohl von einer Überforderung ausge-</span><br/> <span class="ft8">gangen werden. Es ist nicht auszuschliessen, dass V. längerfristig un-</span><br/> <span class="ft8">ter dieser Belastungssituation leiden und seine Entwicklung gefähr-</span><br/> <span class="ft8">det sein könnte. So stellte die Schulsozialarbeiterin bei V. dringenden</span><br/> <span class="ft8">Förderbedarf im sozialen und kognitiven Bereich fest, der indes</span><br/> <span class="ft8">aufgrund der derzeitigen Belastungssituation nicht erreicht werden</span><br/> <span class="ft8">könne. Sie empfiehlt daher dringend, eine Familienbegleitung einzu-</span><br/> <span class="ft8">leiten, die Beistandschaft zu intensivieren und den Schulpsychologi-</span><br/> <span class="ft8">schen Dienst (SPD) oder den Kinder- und Jugendpsychiatrischen</span><br/> <span class="ft8">Dienst (KJPD) miteinzubeziehen. Der Gemeinderat T. unterstützt</span><br/> <span class="ft8">diese Empfehlung. Demgegenüber sieht V.s Mutter keinen Bedarf</span><br/> <span class="ft8">(...).</span><br/> <span class="ft8">Das BKS verfügt lediglich über die rechtliche Grundlage, um</span><br/> <span class="ft8">über die Bewilligung der Familienpflege zu entscheiden. Es ist insbe-</span><br/> <span class="ft8">sondere nicht befugt, den Auftrag des Beistands zu überprüfen und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Gemeinderecht Gemeinderecht</span> <span class="page_no">471</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">gegebenenfalls anzupassen beziehungsweise zu erweitern, eine</span><br/> <span class="ft8">Familienbegleitung einzuberufen, SPD oder KJPD (gegen den Willen</span><br/> <span class="ft8">der Sorgeberechtigten) zu beauftragen.</span><br/> <span class="ft8">Gestützt auf Art. 314 Abs. 1 i.V.m. Art. 443 Abs. 2 des</span><br/> <span class="ft8">Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB) vom 10. Dezember 1907</span><br/> <span class="ft8">(SR 210) ist das BKS folglich verpflichtet, der Kindes- und Erwach-</span><br/> <span class="ft8">senenschutzbehörde (Familiengericht B.) diesen Entscheid im Sinne</span><br/> <span class="ft8">einer Meldung zur Kenntnis zu bringen.</span><br/></div> </div> </body> </html>