B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-1065/2023 U r t e i l v o m 1 7 . M a i 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Daniela Brüschweiler, mit Zustimmung von Richterin Barbara Balmelli; Gerichtsschreiberin Regula Frey. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), Burundi, vertreten durch Kerstin Krüger, HEKS Rechtsschutz (…), Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 13. Februar 2023 / N (…). D-1065/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. A._______ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) suchte am 12. Oktober 2022 zusammen mit ihrer Tochter in der Schweiz um Asyl nach. Ein Ab- gleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerin mit der Eurodac-Daten- bank ergab, dass sie am (…) Oktober 2022 in Kroatien aufgegriffen worden war. Am 17. Oktober 2022 bevollmächtigte die Beschwerdeführerin die ihr zugewiesene Rechtsvertretung. Gleichentags fand die Personalaufnahme statt. B. B.a Am 1. Dezember 2022 gewährte das SEM der Beschwerdeführerin im Rahmen des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) das rechtliche Ge- hör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und einer Überstellung nach Kroatien, zu ihrem Gesundheitszustand sowie demjenigen ihrer Toch- ter. B.b Die Beschwerdeführerin gab zu Protokoll, sie hätten in Kroatien zu- nächst zwei Tage in einem Wald a usharren müssen, bevor sie auf einen Polizeiposten gebracht worden seien. Die Männer seien von den Polizisten geschlagen, die Frauen angegangen worden. Sie hätten während mehre- rer Tage nichts zu essen bekommen und auf dem Boden schlafen müssen. Man habe ihnen gesagt, um aus dem Gefängnis zu kommen, müssten sie ihre Fingerabdrücke abgeben. In der Folge hätten sie ein Dokument erhal- ten, wonach sie das kroatische Territorium innert sieben Tagen verlassen müssten. Es wäre besser zu sterben, als nach Kroatien zu rückzukehren. Ihre Tochter erwähne manchmal, dass sie in Kroatien auf dem Boden ge- schlafen und nichts zu essen bekommen hätten. In Kroatien würden die Menschen gnadenlos behandelt. Eine Polizistin habe ihnen gesagt, es gebe nichts zu essen, aber gleichzeit ig selber vor ihren Augen ein Sand- wich gegessen. Zu ihrem eigenen Gesundheitszustand gab die Beschwerdeführerin an, es gehe ihr gut. Allerdings habe sie (…), ihre vielen Erlebnisse könnten der Grund dafür sein. Sie sei deshalb noch nicht bei der Pflege gewesen, wün- sche sich aber jemanden zum Reden. Sie habe zudem (…) und warte auf D-1065/2023 Seite 3 Resultate der (…). Zudem habe sie chronisch (…). Zum Gesundheitszu- stand ihrer Tochter führte die Beschwerdeführerin aus, sie (…) im Moment nicht gut, da sie Probleme mit dem hier erhältlichen (…) habe. Teilweise leide sie unter (…), sie seien noch nicht bei der Pflege gewesen. C. Am 5. Dezember 2022 ersuchte das SEM die kroatischen Be hörden um Übernahme der Beschwerdeführerinnen gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin- III-VO. Am 3. Februar 2023 hiessen die kroatischen Behörden das Übernahmeer- suchen gut. D. Mit Verfügung vom 13. Februar 2023 (eröffnet am 16. Februar 2023) trat die Vorinstanz auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen nicht ein, verfügte ihre Überstellung nach Kroatien und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauf- tragte das SEM den Kanton C._______ mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte den Beschwerdeführerinnen die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. E. Mit Rechtsmitteleingabe an das Bundesverw altungsgericht vom 23. Feb- ruar 2023 beantragten die Beschwerdeführerinnen, die angefochtene Ver- fügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf ihre Asylgesu- che einzutreten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzu- führen. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsab- klärung und Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In verfahrens- rechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Erteilung der aufschiebenden Wir- kung, Erlass vorsorglicher Massnahmen und Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. F. Am 24. Februar 2023 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Über- stellung gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus. D-1065/2023 Seite 4 G. Mit Zwischenverfügung vom 28. Februar 2023 wurde der Beschwerde die aufschiebende Wirkung erteilt und festgehalten, die Beschwerdeführerin- nen dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Zudem wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG (SR 142.31) nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri- gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Die Beschwerde erweist sich – im Zeitpunkt der Urteilsfällung – als of- fensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zu- ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif- tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 3. Die Beschwerdeführerinnen rügen in formeller Hinsicht eine unvollständige und unrichtige Sachverhaltsermittlung sowie eine Verletzung des rechtli- chen Gehörs bez iehungsweise der Begründungspflicht. Das SEM habe sich nicht ausreichend mit den Verhältnissen in Kroatien, insbesondere mit den Zuständen in den Aufnahmezentren, auseinandergesetzt. Die Ausfüh- rungen der Vorinstanz zu den erlebten Misshandlungen der Beschwerde- führerinnen seien oberflächlich und textbausteinartig ausgefallen. Es sei D-1065/2023 Seite 5 keine individuelle Prüfung vorgenommen worden. Darüber hinaus sei der medizinische Sachverhalt nicht hinreichend abgeklärt worden. 3.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be- hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Die Behörde ist dabei jedoch nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zu- sätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie auf- grund der Aktenlage als angezeigt erscheinen. Ihre Grenze findet die Un- tersuchungspflicht in der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). Der Anspruch auf rechtliches Gehör (Ar t. 29 VwVG) umfasst das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines in seine Rechtsstellung ein- greifenden Entscheids zur Sache äussern zu können (Art. 30 Abs. 1 VwVG). Er verlangt von der Behörde, dass sie die Vorbringen des Betroffe- nen tatsächlich hört, ernsthaft prüft und in ihrer Entscheidfindung ange- messen berücksichtigt (Art. 32 Abs. 1 VwVG). 3.2 Das SEM hat den rechtserheblichen Sachverhalt hinreichend abgeklärt und sich unter Bezugnahme auf die Schilderungen der Beschwerdeführe- rin mit ihrer individuellen Situation, der von ihnen angeführten schlechten Behandlung in Kroatien, den ihnen offenstehenden Möglichkeiten, sich dort gegen eine rechtswidrige Behandlung zu wehren und ein Asylgesuch ein- zureichen, sowie der allgemeinen Situation inklusive der Pushbac k-Pro- blematik – unter Hinweis auf mehrere Abklärungen der Schweizer Vertre- tung in Kroatien – auseinandergesetzt. Auch die geltend gemachten ge- sundheitlichen Probleme hat die Vorinstanz erwähnt (vgl. angefochtene Verfügung, S. 3 f.). Angesichts der Angaben der Beschwerdeführerin und des Fehlens weiterer Informationen beziehungsweise Belege zu medizini- schen Problemen bestanden für das SEM keine Anhaltspunkte für zusätz- liche medizinische Abklärungen. Es ist deshalb nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz keine solchen getroffen hat. Die auf Beschwerdeebene er- hobene Rüge der unvollständigen Feststellung des medizinischen Sach- verhalts erweist sich somit als nicht stichhaltig. 3.3 Ebenso wenig liegt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor. So hat das SEM – entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerinnen – eine Einzelfallprüfung vorgenommen, indem es nach Prüfung und Würdigung D-1065/2023 Seite 6 der Parteivorbringen nachvollziehbar aufgezeigt hat, von welchen Überle- gungen es sich – gerade auch in individueller Hinsicht – leiten liess (vgl. angefochtene Verfügung, Ziff. II S. 2 ff.). Dabei musste es sich nicht aus- drücklich mit jeder tatbestandlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen, sondern durfte sich auf die wesentlichen Ge- sichtspunkte beschränken (BGE 143 III 65 E. 5.2). So finden sich in den Erwägungen der Vorinstanz Ausführungen zum Verhalten der kroatischen Sicherheitskräfte den Beschwerdeführerinnen gegenüber, zur Frage des Vorliegens von systemischen Mängeln im kroatischen Asyl - und Aufnah- mesystem sowie zu den Mö glichkeiten der Beschwerdeführerinnen, ein Asylgesuch einzureichen und sich gegen unkorrektes Verhalten zu weh- ren. Richtig ist, dass das SEM in Bezug auf medizinische Belange auf die vorhandene Gesundheitsversorgung in Kroatien verwies, ohne (nochmals) auf die von der Beschwerdeführerin genannten Beeinträchtigungen einzu- gehen. Es darf indessen im konkreten Fall davon ausgegangen werden, dass die Vorinstanz damit das Vorliegen wesentlicher Beeinträchtigungen, welche einer Überstellung entgegenstehen würden, implizit verneinte. Je- denfalls war es den Betroffenen ohne weiteres möglich, sich ein Bild über die Tragweite des vorinstanzlichen Entscheides zu machen und diesen sachgerecht anzufechten. Hinsichtlich des Kindeswohls kann auf die nach- folgenden Ausführungen verwiesen werden (vgl. E. 8.1 und 8.2). Dass die Beschwerdeführerinnen die Auffassung und Schlussfolgerungen der Vor - instanz hinsichtlich deren Erkenntnisse zu Kroatien und der Würdigung ih- rer Aussagen nicht teilen, ist keine Verletzung des rechtlichen Gehörs, son- dern betrifft die materielle Beurteilung der vorgebrachten Überstellungshin- dernisse. 3.4 Die formellen Rügen erweisen sich somit als unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache zur Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung an die Vor instanz zurückzuweisen. Das diesbezügliche Eventualbegehren ist daher abzuweisen. 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Diesbezüglich kommt die Dublin -III-VO zur Anwen- dung. 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III D-1065/2023 Seite 7 (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird. Wird festge- stellt, dass ein Antragsteller aus einem Drittstaat kommend die Land-, See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaats illegal überschritten hat, so ist dieser Mitgliedstaat für die Prüfung d es Antrags auf internationalen Schutz zu- ständig (Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO). 4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei - sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum z uständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Ge- mäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein an- derer Staat zuständig wäre. Der Selbsteintritt ist zwingend, wenn individu- elle völkerrechtliche Über stellungshindernisse vorliegen (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 5. Die Beschwerdeführerin wurde laut Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank am 5. Oktober 2022 in Kroatien aufgegriffen und dak- tyloskopisch registriert. Die kroatischen Behörden stimmten sodann ihrer Aufnahme (einschliesslich derjenigen ihrer Tochter) am 3. Februar 2023 gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO ausdrücklich zu. Damit ist die Zu- ständigkeit Kroatiens grundsätzlich gegeben, was in der Beschwerde auch nicht bestritten wird. D-1065/2023 Seite 8 6. 6.1 Die Beschwerdeführerinnen machen in ihrer Rechtsmitteleingabe je- doch systemische Mängel im Asyl- und Aufnahmesystem Kroatiens geltend und fordern mithin die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin- III-VO. 6.2 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellu ng der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass es seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf ausserdem davon ausgegangen werden, Kroatien anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäi- schen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge- meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna- tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. 6.3 Im Referenzurteil E-1488/2020 vom 22. März 2023 hat das Bundesver- waltungsgericht – unter Berücksichtigung der Kritik am Verhalten der kroa- tischen Behörden und der dortigen Verhältnisse, insbesondere auch der problematischen Push -Back-Praxis der kroatischen Behörden – die seit dem Referenzurteil D -1611/2016 vom 22. März 2016 bestehende Praxis der grundsätzlichen Zulässigkeit von Dublin-Überstellungen nach Kroatien bestätigt. Es stellte fest, dass nicht davon auszugehen sei, das Asylverfah- ren und die Aufnahmebedingungen in Kroatien wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf, die eine Überstellung von Gesuchstellenden generell als unzulässig er- scheinen lassen würden. Dies gelte sowohl für das Aufnahmeverfahren (Take-Charge) als auch für das Wiederaufnahmeverfahren (Take -Back, vgl. a.a.O. E. 9, insb. E. 9.5). 6.4 Vor diesem Hintergrund erübrigt sich eine weitere Auseinandersetzung mit den diesbezüglichen Beschwerdevorbringen und erweist sich eine An- wendung von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin -III-VO als nicht gerecht- fertigt. 7. Weiter ist der Frage nachzugehen, ob völkerrechtliche Vollzugshindernisse D-1065/2023 Seite 9 nach Art. 3 EMRK (oder einer anderen die Schweiz bindenden völkerrecht- lichen Bestimmung) bestehen, woraus sich zwingende Gründe für einen Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ergeben würden. 7.1 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt im Sinne der von den Be- schwerdeführerinnen während des Dublin-Gesprächs geschilderten Erleb- nisse und den in der Beschwerde gemachten generellen Ausführungen nicht, dass das Verhalten der kroatischen Grenzbehörden und die Behand- lung von Asylsuchenden im Rahmen der Erstaufnahme bis zur Gesuchstel- lung in Kroatien problematisch sein können. Die Beschwerdeführerinnen vermögen indessen mit ihren Vorbringen zu den Erlebnissen in Kroatien nicht darzutun, dass sie dort – nach legaler Rückkehr aus einem Dublin - Mitgliedstaat – kein faires Asylverfahren erhalten und sie ernsthaft Gefahr laufen würde n, bei einer Rückkehr dorthin unmenschlich im Sinne von Art. 3 EMRK behandelt zu werden. Sie werden sich nach der Dublin-Über- stellung in einer anderen Situation als bei ihrer ersten (illegalen) Einreise nach Kroatien befinden. Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass Kroatien grundsätzlich als Rechtsstaat mit einem funktionierenden Justizsystem einzustufen ist. Folglich ist von de r grundsätzlichen Schutz- willigkeit und Schutzfähigkeit dieses Staates auszugehen. Bei einer allfäl- ligen vorübergehenden Einschränkung der ihnen zustehenden Aufnahme- bedingungen könnten sie sich an die kroatischen Behörden wenden und ihre Rechte auf dem Rech tsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtli- nie). Daran vermag der Umstand, dass ein rechtliches Vorgehen möglich- erweise mit grösseren Hürden und Schwierigkeiten verbunden sein könnte als in der Schweiz, nichts zu ändern (vgl. Urteil des BVGer D -1686/2023 vom 5. April 2023 E. 6.3). Im Übrigen steht ihnen die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. 7.2 7.2.1 Was den medizinischen Sachverhalt angeht, so kann eine zwangs- weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Pro blemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Ein solcher würde voraussetzen, dass eine bereits schwer kranke Person durch die Abschiebung mit dem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund- heitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). D-1065/2023 Seite 10 7.2.2 Eine solche Situation liegt nicht vor. Für die von den Beschwerdefüh- rerinnen anlässlich des Dublin -Gesprächs vorgebrachten Beschwerden wird auf Bst. B vorstehend verwiesen. Mit der Beschwerde wurden weder weitere Beeinträchtigungen vorgebrac ht noch entsprechende Unterlagen eingereicht. Aus den elektronischen vorinstanzlichen Akten ergibt sich, dass dem SEM am 10. März 2023 betreffend die Beschwerdeführerin ein Bericht der Frauenklinik am Universitätsspital D._______ vom 23. Februar 2023 eingereicht wurde. Dieser führt folgende Diagnose auf: (…). Den Aus- sagen der Beschwerdeführerin und den aktenkundigen medizinischen Un- terlagen lassen sich somit bezüglich beider Beschwerdeführerinnen keine gesundheitlichen Probleme entnehmen, die eine Überstellung nach Kroa- tien im Sinne der vorstehend zitierten restriktiven Rechtsprechung als un- zulässig erscheinen liessen. Die geltend gemachten gesundheitlichen Be- schwerden sind auch nicht von einer derartigen Schwere, dass aus huma- nitären Gründen von einer Überstellung abgesehen werden müsste. 7.3 Im Übrigen verfügt Kroatien über eine ausreichende medizinische Inf- rastruktur. Es liegen keine Hinweise vor, wonach Kroatien den Beschwer- deführerinnen eine adäquate medizinische Behandlung verweigern würde. Darüber hinaus trägt die Vorinstanz bei der Organisation der Überstellung dem aktuellen Gesundheitszustand der Betroffenen Rechnung und infor- miert die zuständigen Behörden vor der Überstellung über den Gesund- heitszustand und eine allfällig notwendige medizinische Behandlung. 8. Die Beschwerdeführerinnen rügen schliesslich, die Vorinstanz habe das Kindeswohl nicht hinreichend berücksichtigt. In der angefochtenen Verfü- gung werde in keiner Weise Bezug auf das Kindeswohl genommen . Es müsse mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass die Wegweisung nach Kroatien zu einer Retraumatisierung des Kindes führen werde. 8.1 Kroatien ist Signatarstaat des Übereinkommens über die Rechte des Kindes (Kinderrechtskonvention [KRK]; SR 0.107) und kommt seinen dar- aus erwachsenen Verpflichtungen grundsätzlich nach, weshalb eine Über- stellung nach Kroatien keine Verletzung von Art. 3 KRK darstellt. Wie der vorinstanzlichen Verfügung zu entnehmen ist, hat das SEM die Situation der Tochter der Beschwerdeführerin nicht ignoriert. Zwar hat es den Begriff «Kindeswohl» nicht ausdrücklich erwähnt, es hat aber die von der Beschwerdeführerin genannten gesundheitlichen Beschwerden der D-1065/2023 Seite 11 Tochter angeführt. Weitere Ausführungen waren unter den konkreten Um- ständen dieses Einzelfalls nicht erforderlich. Aus der Kinderrechtskonven- tion kann kein Anspruch auf Aufenthalt im Staat mit den für ein Kind vorteil- haftesten Lebensbedingungen abgeleitet werden. Bei der Prüfung des Kin- deswohls steht vielmehr das grundlegende Bedürfnis von Kindern im Vor- dergrund, in möglichst engem Kontakt mit ihren Eltern aufwachsen zu kön- nen. Die (…)jährige Tochter der Beschwerdeführerin wird zusammen mit ihrer Mutter nach Kroatien überstellt und d en Akten sind keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass sie in Kroatien von der Mutter getrennt werden könnte. Aufgrund ihres Alters ist sie beziehungsmässig noch stark auf die Mutter fixiert. Angesichts der relativ kurzen Aufenthaltsdauer – auch wenn sie bereits die Schule besucht hat (vgl. SEM-Akten act. 1203094-30/1) und wohl noch besucht – kann sie noch nicht als hier verwurzelt gelten. Ge- mäss Aktenlage sind keine Umstände ersichtlich, die im Lichte des Kindes- wohls gegen eine Überstellung sprechen würden. 8.2 Nach dem Ausgeführten konnten die Beschwerdeführerinnen kein kon- kretes und ernsthaftes Risiko dartun, dass ihre Überstellung nach Kroatien die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. Ein not- wendiger Selbsteintritt gebietet sich daher nicht. 9. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfüg t das SEM bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hin- weise auf einen Ermessensm issbrauch oder ein Über - respektive Unter- schreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 10. Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes- sensklauseln von Art. 17 Dublin -III-VO. Somit bleibt Kroatien der für die Behandlung der Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen zuständige Mit- gliedstaat gemäss Dublin-III-VO. 11. Das SEM ist zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführe rinnen nicht eingetreten. Die Be- schwerde ist abzuweisen und die Verfügung des SEM zu bestätigen. D-1065/2023 Seite 12 12. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem aber mit Zwischenverfügung vom 28. Februar 2023 die unentgeltliche Pro- zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Ver- fahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite) D-1065/2023 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die zu- ständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Regula Frey Versand: