B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4320/2022 U r t e i l v o m 5 . O k t o b e r 2 0 2 2 Besetzung Einzelrichter David R. Wenger, mit Zustimmung von Richterin Nina Spälti Giannakitsas; Gerichtsschreiberin Giulia Marelli. Parteien A._______, geboren am (…), und ihr Sohn, B._______, geboren am (…), Afghanistan, beide vertreten durch MLaw Meret Adam, HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 19. September 2022 / N (…). E-4320/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführer sind afghanische Staatsangehörige und ersuchten am 15. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich mit der Eurodac - Datenbank ergab, dass sie am (…) Mai 2022 in Kroatien daktyloskopisch erfasst worden waren und am selben Tag um Asyl nachgesucht hatten. Der Abgleich ergab zudem, dass die Beschwerdeführerin A._______ (Be- schwerdeführerin 1) am (…) November 2019 bereits in Griechenland ein Asylgesuch eingereicht hatte. B. Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin am 28. Juni 2022 im Rahmen des persönlichen Gesprächs das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Kro- atien. Das rechtliche Gehör in Bezug auf B._______ (Beschwerdeführer) wurde angesichts seines jungen Alters seiner Mutter im Rahmen von deren Gespräch gewährt. Die Beschwerdeführerin machte im Rahmen des rechtlichen Gehörs im Wesentlichen geltend, ihr am 21. November 2019 in Griechenland gestell- tes Asylgesuch sei abgelehnt worden, wobei sie nicht mehr in Besitz des negativen Entscheids sei. In der Folge habe sie erneut ein Asylgesuch ein- gereicht, das vor ungefähr einem Monat erneut abgelehnt worden sei. Sie habe sodann zweimal vergeblich versucht, nach Kroatien einzureisen, be- vor es ihr beim dritten Mal gelungen, sie jedoch gezwungen worden sei, ihre Fingerabdrücke abzugeben. Sie sei ungefähr zwei Wochen in Kroatien geblieben und habe keine Kenntnis vom St and ihres dort hängigen Asyl- verfahrens. Es sei jedoch nie ihre Absicht gewesen, in Kroatien zu bleiben, sondern sie habe von Anfang an in die Schweiz kommen wollen, um auch ihre restlichen Kinder holen zu können. In Kroatien sei sie zudem wieder- holt belästigt worden, auch von der Polizei. Auch die Kinder seien schlecht behandelt worden und sie habe Angst gehabt. Die kroatische Polizei habe sie zudem zweimal zurück nach Bosnien gebracht. In Bezug auf den Be- schwerdeführer gab sie an, nichts zu ergänzen zu haben. Zum medizinischen Sachverhalt brachte sie vor, grundsätzlich gesund zu sein, wobei sie ab und zu Kopfschmerzen habe und ihr Knie schmerze. Hinsichtlich der medizinischen Situation ihres Sohnes gab sie an, ihm gehe es gut. C. Mit Eingabe vom 5. Juli 2022 reichte die mit Vollmacht vom 21. Juni 2022 E-4320/2022 Seite 3 mandatierte Rechtsvertretung ein Schreiben mit dem Betreff «Rechtliches Gehör zu der Zuständigkeit von Kroatien und Antrag auf Selbsteintritt» ein. Darin führt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus, sie habe sich in Kroatien sehr schlecht gefühlt. Beim ersten Einreiseversuch sei sie von männlichen Polizisten durchsucht worden und habe sich bis auf die Unter- hose ausziehen müssen. Ihr sei zudem das Handy abgenommen und sie sei von der Polizei ausgelacht worden, bevor sie nach einer dreistündigen Fahrt der bosnischen Polizei übergeben worden sei. Auch beim zweiten Versuch, über die kroatische Grenze zu gelangen, sei sie erwischt worden und habe zurückkehren müssen. Beim dritten Versuch sei die Einreise schliesslich gelungen, wobei sie gezwungen worden sei, ihre Fingerabdrü- cke abzugeben. In der ersten Nacht sei sie mit ihrem Sohn in einem Zim- mer eingesperrt worden, wobei Verpflegung nicht bzw. nur gegen Bezah- lung erhältlich gewesen sei. Ihr Sohn habe Hunger gehabt und ununterbro- chen geweint. Sie habe grosse Angst vor der kroatischen Polizei und wolle auf keinen Fall nach Kroatien zurückkehren. Ihre drei weiteren Kinder be- fänden sich zudem nach wie vor in der Türkei bei ihrem Ehemann und sie wünsche, sie in Sicherheit zu bringen. Aus den genannten Gründen werde der Selbsteintritt und die Eröffnung des nationalen Verfahrens beantragt. D. Die kroatischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 13. Juli 2022 um Rückübernahme der Beschwerdeführer am 27. Juli 2022 gut. E. Mit Verfügung vom 19. September 2022 (eröffnet am 20. September 2022) trat das SEM auf das Asylgesuch der Beschwerdeführer nicht ein, ordnete deren Überstellung nach Kroatien an und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung, verfügte die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu. F. Mit Beschwerdeeingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 27. Sep- tember 2022 beantragten die Beschwerdeführer, die angefochtene Verfü- gung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen , auf ihr Asylgesuch einzutreten und in der Schweiz ein materielles Asylver fahren durchzufüh- ren. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklä-E-4320/2022 Seite 4 rung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens- rechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der aufschiebenden Wir- kung sowie – unter unverzüglicher Anweisung der Vollzugsbehörde – die Anordnung eines superprovisorischen Vollzugstopps. Ferner beantragten sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anders bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff VGG). Die übri- gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind offensichtlich erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf sei ne Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde- instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli- cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs- weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel verzichtet. E-4320/2022 Seite 5 3. 3.1 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht gerügt, die Vor instanz habe den Sachverhalt unzureichend abgeklärt und den Untersuchungs- grundsatz sowie die Begründungspflicht verletzt. Diese Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vo- rinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein- zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/ 35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behör- den, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nich t erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei- nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). 3.3 Die Beschwerdeführer machen geltend, die Vorinstanz habe gänzlich darauf verzichtet, eine Einzelfallprüfung vorzunehmen und sich mit der neusten Berichterstattung auseinanderzusetzen. Die Verfügung der Vo- rinstanz beziehe sich hauptsächlich auf die «Pushback-Problematik» und setze sich hingegen nur unzureichend damit auseinan der, ob individuelle Gründe vorliegen könnten, die eine Überstellung als unzulässig oder unzu- mutbar erscheinen liessen, wie etwa der Umstand, dass die Beschwerde- führer in der ersten Nacht in Kroatien ohne Essen und Trinken eingesperrt gewesen seien. Die Vorinstanz übergehe die Schilderungen der Beschwer- deführerin im Rahmen des rechtlichen Gehörs, die aufzeigten, wie schlecht Polizei und Cam pmitarbeiter die Asylsuchenden in Kroatien behandeln würden. Zudem habe es die Vorinstanz unterlassen, eine mögliche Kindes- wohlgefährdung durch die Wegweisung nach Kroatien gemäss Art. 3 KRK zu prüfen. Insgesamt sei der Sachverhalt insbesondere hinsichtlich des E-4320/2022 Seite 6 Kindeswohls nicht rechtsgenüglich abgeklärt und die Verfügung in Bezug auf die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht ausreichend be- gründet. 3.4 Entgegen der Vorbringen der Beschwerdeführer hat die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar dargelegt, weshalb sie eine Überstellung nach Kroatien als zuständigen Dublin-Mitgliedstaat als zuläs- sig erachtet und ist in ihren diesbezüglichen Ausführungen auch auf allfäl- lige Mängel im kroatischen Asylsystem, etwa die Aufnahmebedingungen, den Zugang zum Asylverfahren und die medizinische Versorgung sowie die Einhaltung der völkerrechtlichen Verpflichtungen durch Kroatien einge- gangen. Die Verfügung enthält auch – im angemessenen Rahmen der Be- gründung eines Nichteintretensentscheids – eine Darstellung des Sachver- halts, die ausreicht um nachzuvollziehen, weshalb die Vorinstanz zum Schluss kam, es lägen keine Elemente vor, aufgrund derer sie auf das Ge- such hätte eintreten müssen. Die Vorbringen des Dublin-Gesprächs vom 28. Juni 2022 sowie der schriftlichen Eingabe vom 5. Juli 2022 finden sich in der angefochtenen Verfügung wieder. Alleine der Umstand, dass die Be- schwerdeführer eine andere Auffassung vertreten, namentlich zur Situation von Asylsuchenden im kroatischen Asylsystem, begründet noch keine Ver- letzung von verfahrensrechtlichen Vorschriften. Sofern vorgebracht wird, die Vorinstanz habe insbesondere de n Aspekt des Kindeswohls nicht ge- prüft, bleibt das diesbezügliche Vorbringen in der Beschwerde gänzlich un- substantiiert, weshalb darauf – unter Verweis auf E. 7 – nicht näher einzu- gehen ist. Die Ausführungen der Beschwerdeführer tangieren denn auch im Wesentlichen materielle und nicht formelle Aspekte, die nachfolgend zu prüfen sind. Im Übrigen zeigt die Beschwerdeeingabe, dass eine sachge- rechte Anfechtung der vorinstanzlichen Verfügung ohne weiteres möglich war. Es liegt somit keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes oder der Begründungspflicht vor. 3.5 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un- begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfü- gung aufzuheben und die Sache an die Vorinstan z zurückzuweisen. Das entsprechende Rechtsbegehren ist somit abzuweisen. 4. 4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a E-4320/2022 Seite 7 Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kri- terien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zustä ndig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mit- gliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8 –15 Dublin- III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dublin- III-VO). Das Verfah ren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag ge- stellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahme- verfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zu- ständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Gan- zen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1). 4.3 Die Beschwerdeführer bestreiten nicht, in Kroatien ein Asylgesuch ein- gereicht zu haben. Nachdem die kroatischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin -III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit von Kroatien grund- sätzlich gegeben. 5. Die Beschwerdeführer bringen in ihrem Rechtsmittel in materieller Hinsicht im Wesentlichen vor, es sei keineswegs garantiert, dass sie bei einer Über- stellung nach Kroatien Zugang zu angemessener Unterbringung und Ver- sorgung hätten und ein faires Asylverfahren erhalten würde n. Verschie- dene in der Beschwerdeschrift zitierte Berichte nationaler und internationa- ler Organisationen aus den Jahren 2016, 2019, 2020 und 2021 wiesen da- rauf hin, dass im kroatischen Asylsystem Missstände und menschenunwür- dige Zustände herrschten und namentlich auch Mängel in Bezug auf den Zugang zum Asylverfahren sowie zu medizinischer Versorgung bestünden. 6. 6.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme- bedingungen für Antragsteller in diesem Mitglied staat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder E-4320/2022 Seite 8 entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte- charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied- staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu- stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit- gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 6.2 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass es sei- nen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf ausserdem davon ausgegangen werden, dass Kroatien die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parla- ments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati- onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wiederaufnahmeverfahren liegen zum heutigen Zeitpunkt keine Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin- gungen für Antragstellende in Kroatien würden systemische Schwachstel- len im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen (vgl. dazu beispielsweise die Urteile des BVGer F-1653/2022 vom 21. April 2022 E. 6.2; D -1404/2022 vom 30. März 2022; D -735/2022 vom 28. Februar 2022 E. 6.5.2; D-735/2022 vom 22. Februar 2022 E. 6.5.2). 6.3 Die Vorinstanz hat sodann in Beachtung des Referenzurteils des Bun- desverwaltungsgerichts E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 eine Einzelfallprü- fung vorgenommen und ist unter Verweis auf Abklärungen durch die Schweizer Botschaft in Kroatien zum Schluss gekommen, dass Personen, welche im Rahmen eines Dublin -Verfahrens nach Kroatien zurückgeführt werden, nicht von der problematisch en Pushback-Praxis betroffen sind (vgl. Urteil des BVGer F-1653/2022 vom 21. April 2022 E. 6.3 m.w.H.). E-4320/2022 Seite 9 6.4 Gestützt auf die vorangegangenen Erwägungen ist auch unter Berück- sichtigung der von den Beschwerdeführern geschilderten Erlebnisse nicht davon auszugehen, Kroatien verstosse systematisch gegen seine vertrag- lichen Verpflichtungen. Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. 7. 7.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat be- schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin -III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Be- stimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin -III-VO ein anderer Staat zu- ständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder- nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 7.2 Die Beschwerdeführer haben kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, sie wiederaufzu- nehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non -Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser- dem haben die Beschwerdeführer nicht substantiiert dargetan, die sie bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Kroatien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU -Grund- rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Im Zusammen- hang mit dem Kindeswohl des Beschwerdeführers ist festzuhalten, dass Kroatien ebenfalls Signatarstaat der des Übereinkommens vom 20. No- vember 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) ist. 7.3 Die Beschwerdeführer haben auch keine konkreten Hinweise für die Annahme dargetan, Kroatien würde ihnen dauerhaft die ihnen gemäss Auf- nahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnten sie sich so-E-4320/2022 Seite 10 dann nötigenfalls an die dortigen Behörden wenden und die ihnen zu- stehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Es steht ihnen ebenfalls offen, sich an die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu wenden. 7.4 7.4.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H. und Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 7.4.2 Die Akten enthalten zwei den Beschwerdeführer betreffende Arztbe- richte vom 4. August 2022 und vom 15. August 2022 (SEM-Akte […]), aus denen ersichtlich ist, dass bei diesem ein lokaler Infekt am Schienbein, der mutmasslich auf einen Insektenstich zurückzuführen ist, sowie Zahnkaries festgestellt wurden. Die Beschwerdeführerin hat im Rahmen des rechtli- chen Gehörs zum medizinischen Sachverhalt sodann angegeben, ihr und ihrem Sohn gehe es gesundheitlich gut, wobei sie unter Kopf - und Knie- schmerzen leiden würde, wofür sie Schmerztabletten erhalten habe. Psy- chische Leiden habe sie keine (SEM-Akte […]). Bei den Beschwerdefüh- rern handelt es sich mithin eindeutig nicht um schwer erkrankte Asylbewer- ber. 7.4.3 Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Kroatien grundsätzlich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt (Urteil des BVGer D- 735/2022 vom 28. Februar 2022 E. 6.7.3). Die Mitgliedstaaten sind zudem verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behand- lung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu- gänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sons- tige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen da- mit keine Hinweise vor, wonach das Land seinen Verpflichtungen im Rah- men der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde. 7.5 Die Schweiz war und ist damit nicht völkerrechtlich verpflichtet, im Rah- men eines Selbsteintritts auf das Asylgesuch einzutreten. E-4320/2022 Seite 11 7.6 7.6.1 Soweit die Beschwerdeführer das Vorliegen von "humanitären Grün- den" geltend machen, ist Folgendes festzuhalten: Gemäss Praxis des Bun- desverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der Anwendung der Kann - Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitionsbeschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Streichung der Angemessen- heitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts gemäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vo rinstanzlichen Verzicht der An- wendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung nunmehr im Wesentlichen da- rauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen we sentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). 7.6.2 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be- anstanden. Der Sachverhalt ist hinreichend erstellt, und den Akte n sind keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Auch eine Verletzung der Begründungspflicht muss sich die Vorinstanz in diesem Zusammenhang nicht vorwerfen lassen: In der angefochtenen Verfügung wurde hinreichend dargelegt, aus welchen Überlegungen von einem Selbsteintritt aus huma- nitären Gründen abgesehen wurde; im Übrigen kann um Wiederholungen zu vermeiden auf das unter E. 3 Gesagte verwiesen werden. 7.6.3 Das Gericht enthält sich unter diesen Umständen weiterer Äusserun- gen zur Frage eines Selbsteintritts aus humanitären Gründen (Art. 29a Abs 3 AsylV 1 i.V.m. Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). 7.7 Nach dem Gesagten bestand kein zwingender Grund für eine Anwen- dung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin -III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). 8. Die Vorinstanz ist angesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht auf das Asylgesuch der Beschwerdeführer nicht eingetreten und hat ihre Über- stellung nach Kroatien verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. E-4320/2022 Seite 12 9. 9.1 Mit vorliegendem Urteil ist das Be schwerdeverfahren abgeschlossen. Die Anträge betreffend aufschiebende Wirkung und V ollzugsaussetzung unter entsprechender Anweisung der Vollzugsbehörde sowie Befreiung von der Kostenvorschusspflicht sind damit gegenstandslos geworden. 9.2 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren der Beschwer- deführer – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen waren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. 9.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde- führern aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.- festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschä digungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) E-4320/2022 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.- werden den Beschwerdeführern aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen nach Versand des vorliegenden Ur- teils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: David R. Wenger Giulia Marelli Versand: