<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">118</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>23 Berufskostenabzug für notwendige Mehrkosten für Verpflegung aus-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>serhalb der Wohnstätte und bei Schichtarbeit.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Mehrkosten für auswärtige Verpflegung sind nur abziehbar, wenn diese</b></span><br/> <span class="ft1"><b>notwendigerweise mit der Erwerbstätigkeit verknüpft sind (Erw. 2.2).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Urteil des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 16. Juni 2010, in Sachen</span><br/> <span class="ft2">KStA gegen G. (WBE.2009.382).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">1.3.</span><br/> <span class="ft4">Auch Mehrkosten für Verpflegung ausserhalb der Wohnstätte</span><br/> <span class="ft4">werden vom Reineinkommen nur abgezogen, sofern sie notwendige</span><br/> <span class="ft4">Berufskosten darstellen (§ 35 Abs. 1 lit. b StG). Dabei wird von Un-</span><br/> <span class="ft4">selbstständigerwerbenden wie dem Beschwerdegegner nicht der</span><br/> <span class="ft4">Nachweis verlangt, dass sie sich tatsächlich auswärts verpflegten</span><br/> <span class="ft4">(VGE II/17 vom 5. März 2007 [WBE.2006.350], Erw. 3.3, publiziert</span><br/> <span class="ft4">in StE 2007 B 22.3 Nr. 92). Der Abzug für Mehrkosten der auswär-</span><br/> <span class="ft4">tigen Verpflegung setzt indes voraus, dass der Steuerpflichtige wegen</span><br/> <span class="ft4">zu grosser Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsstätte oder wegen</span><br/> <span class="ft4">kurzer Essenspause oder Schichtarbeit eine Hauptmahlzeit nicht zu</span><br/> <span class="ft4">Hause einnehmen kann (§ 35 Abs. 2 StG i.V.m. § 12 StGV sowie</span><br/> <span class="ft4">Art. 6 Abs. 1 der Verordnung über den Abzug von Berufskosten der</span><br/> <span class="ft4">unselbstständigen Erwerbstätigkeit bei der direkten Bundessteuer</span><br/> <span class="ft4">vom 10. Februar 1993 [Berufskostenverordnung; SR 642.118.1]).</span><br/> <span class="ft4">2.</span><br/> <span class="ft4">2.1.</span><br/> <span class="ft4">2.1.1.</span><br/> <span class="ft4">Nach bisheriger Praxis der Vorinstanz galt die Verpflegung zu</span><br/> <span class="ft4">Hause als zumutbar, wenn die nach Abzug der Wegzeit verbleibende</span><br/> <span class="ft4">Aufenthaltsdauer daheim mindestens 75 Minuten beträgt, sofern die</span><br/> <span class="ft4">steuerpflichtige Person die Mittagsmahlzeit selbst zubereiten muss.</span><br/> <span class="ft4">Muss sie dies nicht, ist ein Aufenthalt in den eigenen Räumen von</span><br/> <span class="ft4">mindestens 45 Minuten erforderlich (Entscheid des Steuerrekursge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">KantonaleSteuern</span> <span class="page_no">119</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">richts vom 26. April 2007 [3-RV.2006.224, Erw. 4.2]; AGVE 1995,</span><br/> <span class="ft4">S. 443 ff., AGVE 1981, S. 338).</span><br/> <span class="ft4">2.1.2.</span><br/> <span class="ft4">Im angefochtenen Entscheid hat die Vorinstanz dem Beschwer-</span><br/> <span class="ft4">degegner den Abzug für die Mehrkosten der Verpflegung zugestan-</span><br/> <span class="ft4">den. Zur Begründung führte sie an, dass an ihrer bisherigen Recht-</span><br/> <span class="ft4">sprechung nicht festzuhalten sei. Es sei eine Tatsache, dass sich die</span><br/> <span class="ft4">Gepflogenheiten im Arbeitsalltag verändert hätten. Während früher</span><br/> <span class="ft4">die mittägliche Rückkehr nach Hause die Regel gewesen sei, könne</span><br/> <span class="ft4">dies in der heutigen Berufswelt nicht mehr gelten. Ein Grossteil der</span><br/> <span class="ft4">Berufstätigen lege im Hinblick auf einen frühen Feierabend eine</span><br/> <span class="ft4">kurze Mittagspause ein und verpflege sich am Arbeitsort. Hinzu</span><br/> <span class="ft4">komme, dass nach gängiger Veranlagungspraxis ein beantragter Ab-</span><br/> <span class="ft4">zug auswärtiger Verpflegungskosten regelmässig ohne nähere Über-</span><br/> <span class="ft4">prüfung gewährt werde, sofern eine Rückkehr über Mittag nicht ge-</span><br/> <span class="ft4">radezu auf der Hand liege. Deshalb erscheine es sachgerecht, von der</span><br/> <span class="ft4">bisherigen Praxis insofern abzuweichen, als das strikte Erfordernis</span><br/> <span class="ft4">der beruflichen Notwendigkeit zu lockern und bei glaubhaft gemach-</span><br/> <span class="ft4">ten Mehrkosten der auswärtigen Verpflegung ein Abzug zu gewähren</span><br/> <span class="ft4">sei. Der Beschwerdegegner habe glaubhaft dargetan, sein Mittag-</span><br/> <span class="ft4">essen jeweils im Restaurant eingenommen zu haben, weshalb sein</span><br/> <span class="ft4">Rekurs gutgeheissen werde.</span><br/> <span class="ft4">2.2.</span><br/> <span class="ft4">In Übereinstimmung mit der Rechtsauffassung des KStA ergibt</span><br/> <span class="ft4">sich aus den steuergesetzlichen Regelungen zu den Berufskosten</span><br/> <span class="ft4">nach wie vor klar, dass solche nur dann zum Abzug zuzulassen sind,</span><br/> <span class="ft4">wenn sie mit der Erwerbstätigkeit notwendigerweise verknüpft sind.</span><br/> <span class="ft4">Art. 6 Abs. 1 der Berufskostenverordnung macht die Abzugsfähigkeit</span><br/> <span class="ft4">der Mehrkosten auswärtiger Verpflegung ausschliesslich davon ab-</span><br/> <span class="ft4">hängig, dass der Steuerpflichtige eine Hauptmahlzeit nicht zu Hause</span><br/> <span class="ft4">einnehmen kann. Dabei sind gemäss Wortlaut der Bestimmung nur</span><br/> <span class="ft4">konkrete, sich auf den einzelnen Steuerpflichtigen beziehende Sach-</span><br/> <span class="ft4">umstände massgebend, welche die Länge des Arbeitswegs beeinflus-</span><br/> <span class="ft4">sen oder gewisse Regelungen der Arbeitszeit (Essenspause, Schicht-</span><br/> <span class="ft4">arbeit) betreffen. Zwar mag es im Sinne der vorinstanzlichen Aus-</span><br/> <span class="ft4">führungen zutreffen, dass sich die Verpflegungsgewohnheiten im Ar-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">120</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">beitsalltag im Laufe der Zeit verändert haben und sich heute ein er-</span><br/> <span class="ft4">heblicher Teil der Berufstätigen am Arbeitsort verpflegt. Es entsprä-</span><br/> <span class="ft4">che indessen nicht einer am Gebot der vertikalen Steuerharmo-</span><br/> <span class="ft4">nisierung orientierten Auslegung der einschlägigen kantonalen Nor-</span><br/> <span class="ft4">men, wenn jedwelche glaubhafte Verpflegungskosten, die mit allge-</span><br/> <span class="ft4">mein veränderten Alltagsgewohnheiten einhergehen, ohne weitere</span><br/> <span class="ft4">Voraussetzungen zum Abzug zugelassen würden. Es fehlen denn</span><br/> <span class="ft4">auch jegliche Hinweise dafür, dass der kantonale Gesetzgeber im</span><br/> <span class="ft4">Sinne der vom Steuerrekursgericht vertretenen Auffassung eine vom</span><br/> <span class="ft4">Bundesrecht abweichende Lösung hätte treffen wollen. Entschei-</span><br/> <span class="ft4">dendes Kriterium für die Gewährung eines Abzugs für auswärtige</span><br/> <span class="ft4">Verpflegungsmehrkosten bleibt daher auch bei allfällig veränderten</span><br/> <span class="ft4">gesellschaftlichen Verhältnissen einzig, ob die Aufwendungen - auf-</span><br/> <span class="ft4">grund der geschilderten Sachumstände im Einzelfall - mit der Ein-</span><br/> <span class="ft4">kommenserzielung in unvermeidbarer Weise verbunden sind.</span><br/> <span class="ft4">3.</span><br/> <span class="ft4">3.1.</span><br/> <span class="ft4">Das Verwaltungsgericht hat zur Zumutbarkeit der mittäglichen</span><br/> <span class="ft4">Heimkehr bisher keine konkreten zeitlichen Umschreibungen hin-</span><br/> <span class="ft4">sichtlich der Gesamtdauer der Mittagspause oder der erforderlichen</span><br/> <span class="ft4">Aufenthaltsdauer daheim getroffen.</span><br/> <span class="ft4">Das Bundesgericht wies in seinem Entscheid vom 12. Mai 2003</span><br/> <span class="ft4">(StE 2003 B 22.3 Nr. 76, Erw. 4.3) darauf hin, dass die kantonalen</span><br/> <span class="ft4">Behörden unter Berücksichtigung der regionalen bzw. lokalen Bege-</span><br/> <span class="ft4">benheiten Zeitpauschalen festlegen könnten, innerhalb welcher die</span><br/> <span class="ft4">Rückkehr nach Hause zur Mittagsverpflegung als zumutbar gelte. Es</span><br/> <span class="ft4">billigte dabei die Praxis der Steuerverwaltung Graubünden, wonach</span><br/> <span class="ft4">die Verpflegung zu Hause zumutbar sei, wenn für das Mittagessen zu</span><br/> <span class="ft4">Hause inklusive Hin- und Rückweg nicht mehr als 90 Minuten benö-</span><br/> <span class="ft4">tigt werden und die Aufenthaltsdauer am Mittagstisch mindestens 30</span><br/> <span class="ft4">Minuten beträgt. Im konkreten Fall erachtete das Bundesgericht - für</span><br/> <span class="ft4">einen alleinstehenden Steuerpflichtigen mit flexiblen Arbeitszeiten -</span><br/> <span class="ft4">einen Zeitaufwand von 85 Minuten für das Mittagessen inklusive</span><br/> <span class="ft4">Hin- und Rückreise bei einer Aufenthaltsdauer daheim von</span><br/> <span class="ft4">50 Minuten zur Zubereitung und Einnahme der Mahlzeit als aus-</span><br/> <span class="ft4">reichend.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">KantonaleSteuern</span> <span class="page_no">121</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">3.2.</span><br/> <span class="ft4">In seiner Rekurseingabe an die Vorinstanz vom 7. Dezember</span><br/> <span class="ft4">2009 brachte der Beschwerdegegner vor, zu den normalen Büro-</span><br/> <span class="ft4">zeiten zwischen 08.00 Uhr und 12.00 Uhr sowie von 13.00 Uhr bis</span><br/> <span class="ft4">17.00 Uhr "plus minus eine Viertelstunde" im Betrieb anwesend sein</span><br/> <span class="ft4">zu müssen, da er sowohl für andere interne Abteilungen als auch ex-</span><br/> <span class="ft4">tern erreichbar sein sollte. Bereits aus der Formulierung des Be-</span><br/> <span class="ft4">schwerdegegners ("plus minus eine Viertelstunde") geht indes her-</span><br/> <span class="ft4">vor, dass es sich hierbei nicht um zwingende Fixzeiten handelt. Der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdegegner räumte denn im Rekursschreiben auch ein, über</span><br/> <span class="ft4">gleitende Arbeitszeit zu verfügen. In seiner Einsprache vom 7. Sep-</span><br/> <span class="ft4">tember 2009 an die Steuerkommission führte er noch aus, er verfüge</span><br/> <span class="ft4">über "grundsätzlich gleitende Arbeitszeit ohne Fixstunden", wobei er</span><br/> <span class="ft4">keine Präsenzzeiten erwähnte. Überdies ist - wie das KStA zu Recht</span><br/> <span class="ft4">geltend macht - aus der Zeiterfassungstabelle 2007 ersichtlich, dass</span><br/> <span class="ft4">der Beschwerdegegner nicht selten vor 12.00 Uhr - teilweise auch</span><br/> <span class="ft4">vor 11.45 Uhr - die Mittagspause beginnt und nach 13.00 Uhr - zu-</span><br/> <span class="ft4">weilen auch nach 13.15 Uhr - die Arbeit wieder aufnimmt. Demnach</span><br/> <span class="ft4">verfügt der Beschwerdegegner über flexible Arbeitszeiten.</span><br/> <span class="ft4">3.3.</span><br/> <span class="ft4">Mit dem Fahrrad benötigt der Beschwerdegegner höchstens</span><br/> <span class="ft4">neun Minuten für seinen 2 km langen Arbeitsweg. Legt er diesen mit</span><br/> <span class="ft4">dem Auto oder einem seiner zwei Motorräder zurück, nimmt dies</span><br/> <span class="ft4">rund vier Minuten in Anspruch (Twixroute). Mit dem Bus, den er</span><br/> <span class="ft4">nach eigenen Angaben bei Schnee und kaltem Wetter benützt, beläuft</span><br/> <span class="ft4">sich die Fahrtdauer auf rund fünf Minuten zuzüglich einiger Minuten</span><br/> <span class="ft4">Fussweg. Der Ansicht des Beschwerdegegners, die sich infolge der</span><br/> <span class="ft4">stündlichen Busfahrzeiten ergebende Mittagspause von eineinhalb</span><br/> <span class="ft4">Stunden sei untragbar, kann nicht gefolgt werden. Vielmehr ergibt</span><br/> <span class="ft4">sich aufgrund seines kurzen Arbeitswegs und seiner flexiblen Ar-</span><br/> <span class="ft4">beitszeiten, dass eine Rückkehr am Mittag - im Lichte der bundes-</span><br/> <span class="ft4">gerichtlichen Rechtsprechung - ohne weiteres als zumutbar er-</span><br/> <span class="ft4">scheint.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">122</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">4.</span><br/> <span class="ft4">Demgemäss ist die Beschwerde des KStA gutzuheissen und</span><br/> <span class="ft4">dem Beschwerdegegner der Abzug für die Mehrkosten auswärtiger</span><br/> <span class="ft4">Verpflegung zu verwehren.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>