<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 121 S.568</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">568</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>121 Repressives Immissionsschutzverfahren bei einem bestehenden Kulturbe-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>trieb.</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Verfahrensbeteiligung im repressiven Immissionsschutzverfahren</b></span><br/> <span class="ft1"><b>(Erw. 4).</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Frage der Baubewilligungspflicht, wenn sich Art und Zahl der Kul-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>turveranstaltungen im Verlaufe der Zeit ändern. Verwirkung des</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Rechts auf Durchführung eines nachträglichen Baubewilligungsver-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>fahrens infolge langjähriger behördlicher Duldung (Erw. 5).</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Einschränkungen des Kulturbetriebes zur Vermeidung übermässiger</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Immissionen im Sinne eines angemessenen Ausgleiches zwischen dem</b></span><br/> <span class="ft1"><b>öffentlichen Interesse an einem attraktiven Kulturangebot und dem</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Ruhebedürfnis der Anwohnerschaft (Erw. 6).</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Behandlung einer altrechtlichen, ursprünglich nicht oder nur gering-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>fügig Lärm verursachenden, nun aber lärmigen Anlage als neue</b></span><br/> <span class="ft1"><b>ortsfeste Anlage im Sinne von Art. 25 USG und Art. 7 LSV, die ein</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Immissionsniveau einzuhalten hat, bei welchem nach richterlicher</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Beurteilung höchstens geringfügige Störungen auftreten. Gewährung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>von Erleichterungen wegen überwiegendem öffentlichem Interesse</b></span><br/> <span class="ft1"><b>an der Anlage (Erw. 6b).</b></span><br/> <span class="ft2">-</span> <span class="ft1"><b>Gewährung von Erleichterungen gemäss Art. 4 der Schall- und La-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>serverordnung zur Vermeidung einer übermässigen Einschränkung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>des Kulturbetriebes (Erw. 6c).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Regierungsrates vom 17. August 2005 i.S.</span><br/> <span class="ft2">Genossenschaft O. und Kulturverein O. gegen Stadtrat X.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen:</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">4. Verfahren</span><br/> <span class="ft5">a) Es stellt sich im vorliegenden Verfahren die Frage, ob nebst</span><br/> <span class="ft5">den beiden Anzeigern F. und T. allenfalls auch noch weiteren betrof-</span><br/> <span class="ft5">fenen Anwohnerinnen und Anwohnern schon bereits durch den</span><br/> <span class="ft5">Stadtrat X. hätte Gelegenheit eingeräumt werden müssen, sich am</span><br/> <span class="ft5">bisherigen Verfahren zu beteiligen, nicht zuletzt, um den Entscheid</span><br/> <span class="ft5">des Stadtrats für alle Betroffenen verbindlich werden zu lassen. Dies</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">569</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">zusätzlich unter dem Aspekt, dass wenn eine Baubewilligungspflicht</span><br/> <span class="ft5">für die Nutzung des O.-Saals nicht besteht bzw. das Recht zur Durch-</span><br/> <span class="ft5">führung eines nachträglichen Baugesuchsverfahrens als verwirkt</span><br/> <span class="ft5">anzusehen ist (vgl. Erw. 5 hiernach), auch keine Beteiligung von Be-</span><br/> <span class="ft5">troffenen über den Weg einer Baueinsprache möglich ist.</span><br/> <span class="ft5">b) Die zuständige Behörde ist verpflichtet, denjenigen Gelegen-</span><br/> <span class="ft5">heit zur Verfahrensbeteiligung einzuräumen, die darin schutzwürdige</span><br/> <span class="ft5">eigene Interessen geltend machen können oder sonstwie legitimiert</span><br/> <span class="ft5">sind, sowie diejenigen, die durch das Beschwerdebegehren oder den</span><br/> <span class="ft5">möglichen Entscheid betroffen werden, insbesondere einen Anspruch</span><br/> <span class="ft5">auf rechtliches Gehör besitzen; sonst wird für sie der in Frage ste-</span><br/> <span class="ft5">hende Entscheid nicht verbindlich (AGVE 1982 S. 284 ff.). Die</span><br/> <span class="ft5">allgemeinen Erfordernisse nach § 38 Abs. 1 VRPG haben nicht nur</span><br/> <span class="ft5">für die Beschwerdeverfahren, sondern ebenso für die Baueinsprache</span><br/> <span class="ft5">und die Berechtigung zur Anzeige wegen übermässiger Immissionen</span><br/> <span class="ft5">Geltung. Da nur formell beschwert ist, wer am vorinstanzlichen Ver-</span><br/> <span class="ft5">fahren beteiligt gewesen ist und dort seine ihm zustehenden Rechte</span><br/> <span class="ft5">wahrgenommen hat, jedoch mit seinen Begehren nicht oder nicht</span><br/> <span class="ft5">vollständig durchgedrungen ist, wird zur Einsprache oder Anzeige</span><br/> <span class="ft5">sinnvollerweise als legitimiert angesehen, wer nach Gesetz und Pra-</span><br/> <span class="ft5">xis auch im Beschwerdeverfahren zugelassen wird. Im erstinstanzli-</span><br/> <span class="ft5">chen Immissionsschutzverfahren ist daher zur Vermeidung des Vor-</span><br/> <span class="ft5">wurfs formeller Rechtsverweigerung zu prüfen, ob allenfalls weitere</span><br/> <span class="ft5">Berechtigte in das Verfahren einzubeziehen sind, die zur Beschwer-</span><br/> <span class="ft5">deerhebung legitimiert wären. Im Verfahren des repressiven Immis-</span><br/> <span class="ft5">sionsschutzes kann ein eigenes Interesse derjenige nachweisen, der</span><br/> <span class="ft5">in höherem Masse als andere oder die Allgemeinheit von einer</span><br/> <span class="ft5">Einwirkung betroffen ist. Als zur Verfahrensbeteiligung legitimierter</span><br/> <span class="ft5">Nachbar bzw. legitimierte Nachbarin gilt somit nur, wer in einer rele-</span><br/> <span class="ft5">vanten örtlichen Beziehung zur Immissionsquelle steht. Zur Verwirk-</span><br/> <span class="ft5">lichung eines umfassenden Vorsorgeprinzips ist es begrüssenswert</span><br/> <span class="ft5">und von enormer Bedeutung, dass im Fall von grossflächig wirken-</span><br/> <span class="ft5">den Immissionen der Begriff der Nachbarschaft nicht zu eng ausge-</span><br/> <span class="ft5">legt wird. Es erscheint als gerechtfertigt, dass sich alle von einer im-</span><br/> <span class="ft5">missionsreichen Anlage Betroffenen auf dem Einsprache- und Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeweg zur Wehr setzen können (vgl. Daniel Gfeller, Oeffent-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">570</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">lich-rechtlicher Immissionsschutz als Aspekt des Umweltschutzes,</span><br/> <span class="ft5">insbesondere im Kanton Aargau, Diss. Zürich 1984, S. 141 ff.).</span><br/> <span class="ft5">c) Demgemäss gelten für das repressive Immissionsschutzver-</span><br/> <span class="ft5">fahren die gleichen Voraussetzungen wie für das präventive im Rah-</span><br/> <span class="ft5">men eines Baubewilligungsverfahrens. Demzufolge hätte allen be-</span><br/> <span class="ft5">troffenen Anwohnerinnen und Anwohnerinnen die Möglichkeit gege-</span><br/> <span class="ft5">ben werden müssen, sich am Verfahren zu beteiligen. Dies erhöht</span><br/> <span class="ft5">gleichzeitig die Verbindlichkeit des Entscheides und weitere Verfah-</span><br/> <span class="ft5">ren sind - ausser bei wesentlichen Sachverhalts- oder Rechtsände-</span><br/> <span class="ft5">rungen - nicht zu befürchten. Nachdem der Stadtrat X. sich anläss-</span><br/> <span class="ft5">lich der Augenscheinsverhandlung dahingehend äusserte, damit ein-</span><br/> <span class="ft5">verstanden zu sein, dass der nun angefochtenen Verfügung nur vor-</span><br/> <span class="ft5">läufiger Charakter zukommt, kann der Einbezug aller Betroffenen</span><br/> <span class="ft5">geeigneterweise in einem weiteren erstinstanzlichen Verfahren -</span><br/> <span class="ft5">Baugesuchs- oder repressives Immissionsschutzverfahren (vgl.</span><br/> <span class="ft5">Erw. 5 hiernach) - erreicht werden.</span><br/> <span class="ft5">5. Baubewilligungspflicht</span><br/> <span class="ft5">a) Der Stadtrat X. verlangt in Ziff. 6 der angefochtenen Verfü-</span><br/> <span class="ft5">gung von den Beschwerdeführenden die Einreichung eines Bauge-</span><br/> <span class="ft5">suchs für die heutige Nutzung des O.-Saals. Demgegenüber bestrei-</span><br/> <span class="ft5">ten die Beschwerdeführenden, dass heute noch ein entsprechendes</span><br/> <span class="ft5">Baugesuch verlangt werden könne, nachdem dem Stadtrat X. seit</span><br/> <span class="ft5">mehr als 20 Jahren bewusst gewesen sei, dass der O.-Saal für Kultur-</span><br/> <span class="ft5">veranstaltungen genutzt werde; zudem erweise sich dieser zweifellos</span><br/> <span class="ft5">als zonenkonform und es würden auch keine baupolizeilichen Be-</span><br/> <span class="ft5">lange verletzt.</span><br/> <span class="ft5">b) Gemäss § 59 Abs. 1 BauG bedürfen alle Bauten und ihre im</span><br/> <span class="ft5">Hinblick auf die Anliegen der Raumplanung, des Umweltschutzes</span><br/> <span class="ft5">oder der Baupolizei wesentliche Umgestaltung, Erweiterung oder</span><br/> <span class="ft5">Zweckänderung sowie die Beseitigung von Gebäuden der Bewilli-</span><br/> <span class="ft5">gung durch den Gemeinderat. Wird eine Baute widerrechtlich, d.h.</span><br/> <span class="ft5">ohne die erforderliche Bewilligung erstellt, oder wird eine Baute be-</span><br/> <span class="ft5">willigungslos zweckentfremdet bzw. einer dem ursprünglich bewil-</span><br/> <span class="ft5">ligten Zweck zuwiderlaufenden Nutzung zugeführt und dies von der</span><br/> <span class="ft5">zuständigen Behörde über Jahre hinweg sanktionslos geduldet, so</span><br/> <span class="ft5">wird das Recht auf die ursprünglich widerrechtlich erstellte Baute</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">571</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">bzw. auf eine ursprünglich unzulässige Zweckänderung nach 30 Jah-</span><br/> <span class="ft5">ren insofern quasi "ersessen", als die Behörde die Durchführung</span><br/> <span class="ft5">eines nachträglichen Bewilligungsverfahrens und die Beseitigung des</span><br/> <span class="ft5">rechtswidrigen Zustandes nicht mehr verlangen kann. Dies hat in</span><br/> <span class="ft5">Analogie zum rechtmässigen Erwerb - beispielsweise einer Lie-</span><br/> <span class="ft5">genschaft durch die ausserordentliche Ersitzung nach Art. 662 ZGB -</span><br/> <span class="ft5">zur Folge, dass der ursprünglich widerrechtliche Status einer Baute</span><br/> <span class="ft5">oder einer Nutzung in einen rechtmässigen übergeht, es sei denn bei</span><br/> <span class="ft5">einer schwerwiegenden Verletzung öffentlicher Interessen bzw. zur</span><br/> <span class="ft5">Abwehr konkreter Gefahren für Polizeigüter: Eine Verjährung oder</span><br/> <span class="ft5">Verwirkung des Beseitigungsanspruchs ist dann ausgeschlossen,</span><br/> <span class="ft5">wenn der gesetzwidrige Zustand andauert und dadurch eine Gefahr</span><br/> <span class="ft5">geschaffen wird, die von den Behörden durch die Anwendung des</span><br/> <span class="ft5">Polizeirechts gerade vermieden werden soll; Massnahmen zur</span><br/> <span class="ft5">Abwehr von konkreten Gefahren für Polizeigüter dürfen von den</span><br/> <span class="ft5">Behörden jederzeit getroffen werden (vgl. BGE 107 Ia 121 ff., 114 Ib</span><br/> <span class="ft5">54; RRB Nr. ...). Bei von weitem gut wahrnehmbaren, offensichtlich</span><br/> <span class="ft5">rechtswidrigen Zuständen - d.h. in jenen Fällen, in welchen den</span><br/> <span class="ft5">zuständigen Behörden die Baugesetzwidrigkeit bekannt war oder</span><br/> <span class="ft5">diese bei Anwendung der gebotenen Sorgfalt hätte bekannt sein</span><br/> <span class="ft5">müssen - hat der Regierungsrat zudem in Analogie zur ordentlichen</span><br/> <span class="ft5">Ersitzung von Art. 661 ZGB zum Schutz von Treu und Glauben auch</span><br/> <span class="ft5">schon nach 10 Jahren behördlicher Duldung angenommen, das Recht</span><br/> <span class="ft5">der Behörde, ein nachträgliches Baubewilligungsverfahren durchzu-</span><br/> <span class="ft5">führen und allenfalls die Wiederherstellung des rechtmässigen Zu-</span><br/> <span class="ft5">standes zu verlangen, sei mangels entgegenstehender polizeilicher</span><br/> <span class="ft5">Interessen verwirkt (RRB Nr. ...; vgl. zum Ganzen auch Attilio</span><br/> <span class="ft5">Gadola, Verjährung und Verwirkung im öffentlichen Recht, in AJP</span><br/> <span class="ft5">1995 S. 51 ff.; AGVE 1994 S. 270 ff. und 439 ff.).</span><br/> <span class="ft5">c) aa) Die Beschwerdeführenden verweisen darauf, der O.-Saal</span><br/> <span class="ft5">werde seit 1882 als Wirtslokal und Tanzsaal genutzt. Seit 1882 habe</span><br/> <span class="ft5">keine relevante Nutzungsänderung stattgefunden. Sie machen zudem</span><br/> <span class="ft5">geltend, die heutige Nutzung quasi ,,ersessen" zu haben, da der Stadt-</span><br/> <span class="ft5">rat X. seit über 20 Jahren von der Nutzung als Konzertlokal Kenntnis</span><br/> <span class="ft5">habe.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">572</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Im Jahre 1981 bewilligte der Stadtrat X. die Nutzung des beste-</span><br/> <span class="ft5">henden O.-Saals als ,,Grafikeratelier", ohne die bisherige Nutzung</span><br/> <span class="ft5">anzugeben. Eine Aufnahme dieser neuen Nutzung erfolgte allerdings</span><br/> <span class="ft5">nie; vielmehr vermietete die Beschwerdeführerin 1 dem Kulturverein</span><br/> <span class="ft5">O. den Saal mit dem Zweck, diesen als ,,Tanzsaal" benützen zu dür-</span><br/> <span class="ft5">fen. Seit 1982 führt der Beschwerdeführer 2 darin einen Kulturbe-</span><br/> <span class="ft5">trieb, welcher sich vorwiegend an ein jugendliches Publikum richtet.</span><br/> <span class="ft5">Angeboten werden seit jeher nebst verschiedensten Konzerten und</span><br/> <span class="ft5">Discos etwa auch Theaterveranstaltungen, Lesungen oder Themenan-</span><br/> <span class="ft5">lässe. Seit 1984 unterstützt die Stadt X. den Kulturverein mit finan-</span><br/> <span class="ft5">ziellen Beiträgen. Bereits am 27. März 1985 bezeichnete der Stadtrat</span><br/> <span class="ft5">X. in einer Patenterteilung zur Führung des Restaurationsbetriebes</span><br/> <span class="ft5">,,Zum goldenen O." den ,,alten Tanzsaal" im 1. Obergeschoss</span><br/> <span class="ft5">(O.-Saal) als ,,Saal für kulturelle Anlässe"; ihm musste somit bekannt</span><br/> <span class="ft5">sein, dass der O.-Saal nicht als Grafikeratelier genutzt wurde. Klagen</span><br/> <span class="ft5">über (Lärm-)Immissionen des Betriebes und Forderungen an den</span><br/> <span class="ft5">Stadtrat, einzuschreiten, gab es sodann im Jahre 1989 und dann wie-</span><br/> <span class="ft5">der in etwa ab dem Jahre 2002; dem Stadtrat X. war also mindestens</span><br/> <span class="ft5">seit 1989, d.h. seit rund 16 Jahren bekannt, dass im O.-Saal zahlrei-</span><br/> <span class="ft5">che Musikveranstaltungen inklusive -konzerte - nebst anderen kultu-</span><br/> <span class="ft5">rellen Anlässen - durchgeführt werden.</span><br/> <span class="ft5">bb) Der Stadtrat X. stellt sich auf den Standpunkt, dass sich der</span><br/> <span class="ft5">Kulturbetrieb im Laufe der Zeit stark gewandelt habe, bis endlich</span><br/> <span class="ft5">seit ca. 2002 fast ausschliesslich nur noch sehr lärmintensive, ,,harte"</span><br/> <span class="ft5">Konzerte abgehalten worden seien, welche gesundheitsgefährdende</span><br/> <span class="ft5">Schalleinwirkungen gemäss der Verordnung über den Schutz des</span><br/> <span class="ft5">Publikums von Veranstaltungen vor gesundheitsgefährdenden Schall-</span><br/> <span class="ft5">einwirkungen und Laserstrahlen (Schall- und Laserverordnung) vom</span><br/> <span class="ft5">24. Januar 1996 mit sich brächten. Diese neuen Musikstile (,,Heavy</span><br/> <span class="ft5">metal" und dergleichen) hätten zu einer massiven Verschärfung der</span><br/> <span class="ft5">Situation geführt. Man könne zusammenfassend feststellen, dass sich</span><br/> <span class="ft5">in den 2000er-Jahren die Anzahl der Anlässe, die Art der Anlässe</span><br/> <span class="ft5">(fast nur noch Musikkonzerte), der Stil der Musik (,,Heavy metal",</span><br/> <span class="ft5">harter Sound), die Technik der eingesetzten Anlagen und die Anzahl</span><br/> <span class="ft5">der Besucher merklich verändert hätten; damit einhergehen würden</span><br/> <span class="ft5">die zunehmenden Reklamationen. Probleme bereiten heute gemäss</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">573</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Aussage des Stadtrats X. denn auch nur die Musikkonzerte, bei</span><br/> <span class="ft5">denen Lärmwerte erreicht würden, wie sie im Lärmgutachten vom</span><br/> <span class="ft5">20. Dezember 2004 (vgl. Erw. 6 hiernach) festgestellt worden seien.</span><br/> <span class="ft5">Der Beschwerdeführer 2 entgegnet, dass sich auch die Konzert-</span><br/> <span class="ft5">veranstaltungen seit Beginn des Kulturbetriebes vor rund 23 Jahren</span><br/> <span class="ft5">zahlenmässig praktisch immer in einem ähnlichen Rahmen bewegt</span><br/> <span class="ft5">hätten. Im vorliegenden Fall fällt auf, dass sich die Nachbarn erstma-</span><br/> <span class="ft5">lig im Jahre 1989 gegen die Immissionen zur Wehr gesetzt haben und</span><br/> <span class="ft5">zwar im Zusammenhang mit Musikkonzerten. Der Zusammenstel-</span><br/> <span class="ft5">lung der Entwicklung des Kulturangebots durch den Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft5">rer 2 kann denn auch entnommen werden, dass etwa auf diesen Zeit-</span><br/> <span class="ft5">punkt hin die Anzahl Konzerte von vorher rund 20-30 pro Saison in</span><br/> <span class="ft5">den Jahren 1988/89 auf knapp 50 gestiegen ist und bis ca. im Jahre</span><br/> <span class="ft5">2003 in etwa auf einem zahlenmässigen Niveau von rund 40 verblie-</span><br/> <span class="ft5">ben ist. Der Beschwerdeführer 2 gesteht zudem bezüglich der Art der</span><br/> <span class="ft5">Konzerte, zwar hätte sich der Musikstil der Konzerte zweifellos ge-</span><br/> <span class="ft5">wandelt (z.B. regelmässige Metal-Konzerte seit 1998); eine qualita-</span><br/> <span class="ft5">tive Veränderung der Musik-Angebotsstruktur, welche sich signifi-</span><br/> <span class="ft5">kant auf die Schallbelastung in der Nachbarschaft auswirken würde,</span><br/> <span class="ft5">könne aber nicht erkannt werden. Zudem hätte keine wesentliche</span><br/> <span class="ft5">Veränderung in der Zusammensetzung des Publikums stattgefunden.</span><br/> <span class="ft5">Auch der vom Stadtrat X. beigezogene Akustiker bestätigt, dass die</span><br/> <span class="ft5">gewählte Musikart kaum einen Einfluss auf die Lautstärke habe;</span><br/> <span class="ft5">relevant sei, ob ein Charakter- oder Funktionswechsel - z.B. von</span><br/> <span class="ft5">Discomusik ab CD zu Live-Musik - damit verbunden sei und im</span><br/> <span class="ft5">konkreten Fall liege kein solcher Wechsel vor. Hiefür spricht etwa</span><br/> <span class="ft5">auch, dass die Reklamationen aus dem Jahr 1989 in zwei Fällen auf</span><br/> <span class="ft5">Jazz-Musik und in einem Fall auf ein Rockkonzert zurückzuführen</span><br/> <span class="ft5">sind. Die Anzahl Besuchende dürfte sich nicht wesentlich verändert</span><br/> <span class="ft5">haben, hat aber jedenfalls sicherlich nicht massgebenden Einfluss auf</span><br/> <span class="ft5">die störenden Basstöne und die damit einhergehenden Reklamatio-</span><br/> <span class="ft5">nen. Im Übrigen kann aus technischer Sicht bei Live-Konzerten die</span><br/> <span class="ft5">Musik direkt von der Bühne und nicht über das Mischpult durch die</span><br/> <span class="ft5">Boxen kommen.</span><br/> <span class="ft5">cc) Die im Jahre 1998 ausgeführten Renovierungsarbeiten (neu-</span><br/> <span class="ft5">es Mischpult, neue Verbindungstüre, neue Elektroinstallationen, neue</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">574</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Stahlträger für Beleuchtungskörper, Sanieren der Gipserarbeiten, Er-</span><br/> <span class="ft5">gänzen fehlender Stuckaturen, Farbkonzept in Anlehnung an</span><br/> <span class="ft5">ursprüngliche Farbgebung, Parkettboden abschleifen, beizen und</span><br/> <span class="ft5">ölen, Sanieren der alten Flügeltüren und Beschläge) - welche offen-</span><br/> <span class="ft5">bar vom Stadtrat X. mit einem Beitrag von rund Fr. 15'000.-- unter-</span><br/> <span class="ft5">stützt wurden - und die damit verbundene Frage einer diesbezügli-</span><br/> <span class="ft5">chen nachträglichen Baubewilligungspflicht bilden nicht Gegenstand</span><br/> <span class="ft5">der angefochtenen Verfügung. Auch der seit 1989 im O.-Saal beste-</span><br/> <span class="ft5">hende Barbetrieb, für den 1998 ein neuer Korpus installiert wurde,</span><br/> <span class="ft5">bildet offenbar nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung, wird</span><br/> <span class="ft5">er darin doch in keiner Art und Weise erwähnt. Er war überdies be-</span><br/> <span class="ft5">reits vor den Renovierungsarbeiten bewilligt. Diese Fragen müssen</span><br/> <span class="ft5">daher vom Regierungsrat nicht beurteilt werden. Immerhin ist darauf</span><br/> <span class="ft5">hinzuweisen, dass offenbar der aus der Sicht der Baubewilligungsbe-</span><br/> <span class="ft5">hörde heikle Neubau einer Bar mit Theke eine bereits vorbestehende</span><br/> <span class="ft5">Bar mit Klapptisch ersetzte, womit der seit 1989 bestehende Barbe-</span><br/> <span class="ft5">trieb lediglich fortgesetzt wurde, und mit der Renovation keine gegen</span><br/> <span class="ft5">aussen wahrnehmbaren baulichen Massnahmen erfolgten. Im Hin-</span><br/> <span class="ft5">blick auf die Frage einer nachträglichen Bewilligungspflicht der</span><br/> <span class="ft5">Nutzungsänderung des O.-Saals kommt dieser Renovation keine</span><br/> <span class="ft5">massgebende Bedeutung zu; eine baupolizeilich wesentliche Umges-</span><br/> <span class="ft5">taltung, Erweiterung oder Zweckänderung des bestehenden Kultur-</span><br/> <span class="ft5">und Barbetriebes war damit nicht verbunden.</span><br/> <span class="ft5">d) Aufgrund der obenstehenden Ausführungen kommt der</span><br/> <span class="ft5">Regierungsrat zu folgenden Schlüssen: Dem Stadtrat X. war seit</span><br/> <span class="ft5">etwa 1984/1985 bekannt, dass der O.-Saal nicht wie bewilligt als</span><br/> <span class="ft5">Grafikeratelier, sondern als Saal für kulturelle Anlässe genutzt wird.</span><br/> <span class="ft5">Jedenfalls seit 1989 musste ihm auch bekannt sein, dass im O.-Saal</span><br/> <span class="ft5">Musikkonzerte und andere Musikveranstaltungen durchgeführt wer-</span><br/> <span class="ft5">den. Die Anzahl der Musikkonzerte bewegte sich seit ca. 1988/89 bis</span><br/> <span class="ft5">heute in einem ähnlichen Rahmen. Das Recht des Stadtrats X., nach</span><br/> <span class="ft5">rund 15-20 Jahren behördlicher Duldung noch ein Baugesuch für die</span><br/> <span class="ft5">Nutzung des O.-Saals als Saal für kulturelle Anlässe inklusive Mu-</span><br/> <span class="ft5">sikkonzerte einzuverlangen, ist somit verwirkt; insbesondere kann</span><br/> <span class="ft5">nicht gesagt werden, der Kulturbetrieb im O.-Saal stelle per se eine</span><br/> <span class="ft5">konkrete Gefahr für Polizeigüter, z.B. die öffentliche Gesundheit</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">575</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">oder Ruhe innerhalb der Altstadtzone (Empfindlichkeitsstufe III: zu-</span><br/> <span class="ft5">lässig sind mässig störende Betriebe) dar, die zwingend ein nach-</span><br/> <span class="ft5">trägliches Baubewilligungsverfahren erfordert; die in der jüngeren</span><br/> <span class="ft5">Vergangenheit erfolgte Verlagerung der gespielten Musikarten u.a.</span><br/> <span class="ft5">auf ,,härtere" Musikstile stellt keine baurechtlich relevante Nutzungs-</span><br/> <span class="ft5">änderung dar, zumal damit nicht zwingend eine Erhöhung der Laut-</span><br/> <span class="ft5">stärke und der Immissionen verbunden ist, wie auch der vom Stadtrat</span><br/> <span class="ft5">X. beigezogene Akustiker bestätigte. Zwar trifft es zu, dass einige</span><br/> <span class="ft5">der durchgeführten Veranstaltungen in lärmschutzrechtlicher Hin-</span><br/> <span class="ft5">sicht den Rahmen des Zulässigen übertreffen und die Anwohner und</span><br/> <span class="ft5">Anwohnerinnen in dieser Hinsicht vom anlässlich der Augenscheins-</span><br/> <span class="ft5">verhandlung anwesenden Akustiker als sehr tolerant bezeichnet wer-</span><br/> <span class="ft5">den (vgl. Erw. 6 hiernach); indes können diesbezügliche Massnah-</span><br/> <span class="ft5">men (wie z.B. betriebliche Einschränkungen) auf dem Weg eines (re-</span><br/> <span class="ft5">pressiven) Immissionsschutzverfahrens allein gestützt auf die</span><br/> <span class="ft5">Umweltschutzgesetzgebung des Bundes getroffen werden; der Stadt-</span><br/> <span class="ft5">rat X. und die Anwohnerschaft sind zur Wahrung der Immissions-</span><br/> <span class="ft5">schutzinteressen nicht auf ein Baubewilligungsverfahren angewiesen.</span><br/> <span class="ft5">Zum Schutz der Besuchenden verteilt der Beschwerdeführer 2 im</span><br/> <span class="ft5">Übrigen offenbar gratis Gehörschutzpfropfen (vgl. auch Art. 4 Abs. 2</span><br/> <span class="ft5">der Schall- und Laserverordnung).</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">6. Materielles / Einschränkungen des Kulturbetriebs</span><br/> <span class="ft5">a) Allgemeines</span><br/> <span class="ft5">Wie vorerwähnt, kommt der angefochtenen Verfügung nur vor-</span><br/> <span class="ft5">läufiger Charakter zu und es ist vor dem Stadtrat X. noch ein erstin-</span><br/> <span class="ft5">stanzliches umweltschutzrechtliches Verfahren zum Erlass von</span><br/> <span class="ft5">dauerhaften Anordnungen durchzuführen. Da - wie nachfolgend aus-</span><br/> <span class="ft5">geführt wird - allerdings feststeht bzw. davon auszugehen ist, dass</span><br/> <span class="ft5">sowohl bezüglich Innen- wie auch Aussenschall die massgebenden</span><br/> <span class="ft5">Vorschriften zur Zeit nicht eingehalten werden (können), hat der Re-</span><br/> <span class="ft5">gierungsrat für die Dauer dieses erstinstanzlichen Verfahrens die vom</span><br/> <span class="ft5">Stadtrat angeordneten Massnahmen zu prüfen, zu bestätigen oder</span><br/> <span class="ft5">nötigenfalls abweichende vorsorgliche Anordnungen zu treffen,</span><br/> <span class="ft5">nachdem die Beschwerdeführenden deren Aufhebung bzw. Minde-</span><br/> <span class="ft5">rung beantragen. Der Regierungsrat stützt sich dabei auf die in der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">576</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Hauptsache zur Anwendung kommenden materiellen Bestimmungen</span><br/> <span class="ft5">des eidgenössischen Umweltschutzrechts, deren Durchsetzung vor-</span><br/> <span class="ft5">läufig gesichert werden soll (vgl. Michael Merker, Kommentar zu</span><br/> <span class="ft5">den §§ 38-72 VRPG, Zürich 1998, N 2 f. und N 33 zu § 44;</span><br/> <span class="ft5">Christoph Schaub, Der vorläufige Rechtsschutz im Anwendungsbe-</span><br/> <span class="ft5">reich des Umweltschutzgesetzes, Zürich 1990, S. 44-46).</span><br/> <span class="ft5">b) Aussenschall</span><br/> <span class="ft5">aa) Der Stadtrat X. verfügte am 7. Februar 2005 Grenzwerte für</span><br/> <span class="ft5">den Luftschall und quantitative, qualitative sowie zeitliche Beschrän-</span><br/> <span class="ft5">kungen des Kulturbetriebes. Schliesslich entzog er gemäss § 44</span><br/> <span class="ft5">VRPG einer Beschwerde gegen die Ziffern ... die aufschiebende</span><br/> <span class="ft5">Wirkung (...).</span><br/> <span class="ft5">bb) Das USG bezweckt den Schutz der Menschen, Tiere und</span><br/> <span class="ft5">Pflanzen, ihrer Lebensgemeinschaften und Lebensräume gegen</span><br/> <span class="ft5">schädliche oder lästige Einwirkungen (Art. 1 Abs. 1). Zu solchen</span><br/> <span class="ft5">Einwirkungen gehören auch Lärm, Erschütterungen und Strahlen, die</span><br/> <span class="ft5">durch den Bau und Betrieb einer Anlage erzeugt werden (Art. 7 Abs.</span><br/> <span class="ft5">1 USG). Anlagen sind Bauten, Verkehrswege und andere ortsfeste</span><br/> <span class="ft5">Einrichtungen sowie Terrainveränderungen. Den Anlagen sind Ge-</span><br/> <span class="ft5">räte, Maschinen, Fahrzeuge, Schiffe und Luftfahrzeuge gleichgestellt</span><br/> <span class="ft5">(Art. 7 Abs. 7 USG). Der Lärm wird am Ort der Entstehung als</span><br/> <span class="ft5">Emission und dort, wo er stört, als Immission bezeichnet. Lärm</span><br/> <span class="ft5">muss, ebenso wie andere Einwirkungen, durch Massnahmen an der</span><br/> <span class="ft5">Quelle begrenzt werden (Art. 11 Abs. 1 USG) und zwar durch ein</span><br/> <span class="ft5">zweistufiges System. In einer ersten Stufe sind unabhängig von der</span><br/> <span class="ft5">bestehenden Umweltbelastung die Emissionen im Rahmen der Vor-</span><br/> <span class="ft5">sorge so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich mög-</span><br/> <span class="ft5">lich und wirtschaftlich tragbar ist (Art. 11 Abs. 2 USG). In einer</span><br/> <span class="ft5">zweiten Stufe werden die Emissionsbegrenzungen verschärft, wenn</span><br/> <span class="ft5">feststeht oder zu erwarten ist, dass die Einwirkungen unter Berück-</span><br/> <span class="ft5">sichtigung der bestehenden Umweltbelastung schädlich oder lästig</span><br/> <span class="ft5">werden (Art. 11 Abs. 3 USG). Dabei ist zu beachten, dass Art. 11</span><br/> <span class="ft5">USG nicht unterscheidet, ob eine Anlage bereits in Betrieb steht oder</span><br/> <span class="ft5">erst geplant ist; das Vorsorgeprinzip gilt somit für neue und beste-</span><br/> <span class="ft5">hende Quellen in gleicher Weise (BGE 120 Ib 436 Erw. 2a/aa</span><br/> <span class="ft5">S. 441).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">577</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Für den Bereich des Lärmschutzes ist weiter festzuhalten, dass</span><br/> <span class="ft5">es sich bei der in der LSV und ihren Anhängen enthaltenen Be-</span><br/> <span class="ft5">lastungsgrenzwerten, also den Planungswerten und den Immissions-</span><br/> <span class="ft5">grenzwerten, nicht um Emissionsbegrenzungen im Sinne von Art. 12</span><br/> <span class="ft5">USG handelt, sondern um Werte, welche die Immissionen begrenzen.</span><br/> <span class="ft5">Ihre Einhaltung belegt nicht ohne weiteres, dass alle erforderlichen</span><br/> <span class="ft5">vorsorglichen Emissionsbegrenzungen gemäss Art. 11 Abs. 2 USG</span><br/> <span class="ft5">getroffen worden sind. Eine Anlage vermag daher vor der Umwelt-</span><br/> <span class="ft5">schutzgesetzgebung nicht schon deshalb zu bestehen, weil sie die</span><br/> <span class="ft5">einschlägigen Belastungsgrenzwerte einhält. Vielmehr ist im Einzel-</span><br/> <span class="ft5">fall anhand der in Art. 11 Abs. 2 USG, Art. 7 Abs. 1 lit. a bzw. Art. 8</span><br/> <span class="ft5">Abs. 1 und 2 LSV genannten Kriterien zu prüfen, ob die Vorsorge</span><br/> <span class="ft5">weitergehende Beschränkungen erfordert. Dabei ist namentlich auch</span><br/> <span class="ft5">sicher zu stellen, dass auch bloss unnötige Emissionen vermieden</span><br/> <span class="ft5">werden. Dies ist allerdings nicht so zu verstehen, dass jeder im stren-</span><br/> <span class="ft5">gen Sinne nicht nötige Lärm absolut untersagt werden müsste; es gibt</span><br/> <span class="ft5">keinen absoluten Anspruch auf Ruhe. Vielmehr sind jedenfalls</span><br/> <span class="ft5">geringfügige, nicht erhebliche Störungen hinzunehmen. Die Lärm-</span><br/> <span class="ft5">schutzvorschriften des Umweltschutzgesetzes sind in erster Linie</span><br/> <span class="ft5">zugeschnitten auf Geräusche, die als unerwünschte Nebenwirkungen</span><br/> <span class="ft5">einer bestimmten Tätigkeit auftreten. Diese können mit geeigneten</span><br/> <span class="ft5">Massnahmen an der Quelle reduziert werden, ohne dass dadurch die</span><br/> <span class="ft5">entsprechenden Tätigkeiten als solche in Frage gestellt werden.</span><br/> <span class="ft5">Daneben gibt es jedoch auch Geräusche, welche den eigentlichen</span><br/> <span class="ft5">Zweck einer bestimmten Aktivität ausmachen, wie z.B. das Musizie-</span><br/> <span class="ft5">ren. Solche Lärmemissionen können nicht völlig vermieden werden</span><br/> <span class="ft5">und in der Regel auch nicht in der Lautstärke wesentlich reduziert</span><br/> <span class="ft5">werden, ohne dass zugleich der Zweck der sie verursachenden Tätig-</span><br/> <span class="ft5">keit vereitelt würde. Derartige Lärmemissionen als unnötig und</span><br/> <span class="ft5">unzulässig zu qualifizieren, würde bedeuten, die betreffende Tätig-</span><br/> <span class="ft5">keit generell als unnötig zu erachten. Die Rechtsprechung hat in der</span><br/> <span class="ft5">Regel derartige Emissionen zwar aufgrund des USG beurteilt, aber</span><br/> <span class="ft5">zugleich unter Berücksichtigung des Interesses an der Lärm verursa-</span><br/> <span class="ft5">chenden Tätigkeit diese nicht völlig verboten, sondern bloss</span><br/> <span class="ft5">einschränkenden Massnahmen unterworfen. Vorzunehmen ist eine</span><br/> <span class="ft5">Interessenabwägung zwischen dem Ruhebedürfnis der Bevölkerung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">578</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">und dem Interesse an der Lärm verursachenden Tätigkeit (vgl. Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheid des III. Verwaltungsgerichtshofs des Kantons Freiburg, 3A 01</span><br/> <span class="ft5">47, vom 12. April 2002; BGE 126 II 300 Erw. 4c/bb und cc S. 307 f.,</span><br/> <span class="ft5">130 II 32 ff.; BR 2002 S. 35 N 156; URP 2005 S. 40 ff.).</span><br/> <span class="ft5">cc) Dass es sich beim O.-Saal um eine ortsfeste Anlage nach</span><br/> <span class="ft5">Art. 7 Abs. 7 USG und Art. 2 Abs. 1 LSV handelt, ist unstreitig. Strit-</span><br/> <span class="ft5">tig ist allerdings, ob es sich um eine neue ortsfeste Anlage i.S.v.</span><br/> <span class="ft5">Art. 25 USG und Art. 7 LSV oder eine altrechtliche ortsfeste Anlage</span><br/> <span class="ft5">handelt. USG und LSV stellen nämlich unterschiedliche Anforderun-</span><br/> <span class="ft5">gen, je nachdem, ob es sich um eine bei Inkrafttreten dieser Erlasse</span><br/> <span class="ft5">bestehende, neue oder geänderte Anlage handelt: Während die Lärm-</span><br/> <span class="ft5">emissionen neuer Anlagen die Planungswerte grundsätzlich nicht</span><br/> <span class="ft5">überschreiten dürfen (Art. 25 Abs. 1 USG, Art. 7 Abs. 1 lit. b LSV)</span><br/> <span class="ft5">und wesentlich geänderte Anlagen die Immissionsgrenzwerte respek-</span><br/> <span class="ft5">tieren müssen (Art. 8 Abs. 2 LSV), ordnet die Vollzugsbehörde die</span><br/> <span class="ft5">Sanierung einer Altanlage nur an, wenn diese wesentlich zur Über-</span><br/> <span class="ft5">schreitung der Immissionsgrenzwerte beiträgt (Art. 13 Abs. 1 LSV).</span><br/> <span class="ft5">Wie in Erw. 5 lit. c ausgeführt, erteilte der Stadtrat X. im Jahre</span><br/> <span class="ft5">1981 eine Baubewilligung zur Nutzung des O.-Saals als Grafiker-</span><br/> <span class="ft5">atelier. Ein Nutzungsänderungsgesuch in einen Saal für kulturelle</span><br/> <span class="ft5">Anlässe wurde unbestrittenermassen nie gestellt bzw. beurteilt, ob-</span><br/> <span class="ft5">wohl der Stadtrat X. seit ca. 1984/85 davon Kenntnis hatte bzw. ha-</span><br/> <span class="ft5">ben musste, dass der O.-Saal in diesem Sinne - anlehnend an die frü-</span><br/> <span class="ft5">here altrechtliche Nutzung als eigentlicher Tanzsaal, welche aller-</span><br/> <span class="ft5">dings in den 1970er Jahren unterbrochen wurde - genutzt wurde. Seit</span><br/> <span class="ft5">1982 führt der Beschwerdeführer 2 im O.-Saal einen Kulturbetrieb</span><br/> <span class="ft5">mit verschiedensten Konzerten, Discos, Theaterveranstaltungen, Le-</span><br/> <span class="ft5">sungen usw. Im vorliegenden Fall fällt auf, dass sich die Nachbarn</span><br/> <span class="ft5">erstmalig im Jahre 1989 gegen die Immissionen zur Wehr gesetzt ha-</span><br/> <span class="ft5">ben, und zwar im Zusammenhang mit Musikkonzerten. Der Zusam-</span><br/> <span class="ft5">menstellung der Entwicklung des Kulturangebots durch den Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeführer 2 kann denn auch entnommen werden, dass etwa auf</span><br/> <span class="ft5">diesen Zeitpunkt hin die Anzahl Konzerte von vorher rund 20-30 pro</span><br/> <span class="ft5">Saison in den Jahren 1988/89 auf knapp 50 gestiegen ist und bis ca.</span><br/> <span class="ft5">im Jahre 2003 in etwa auf einem zahlenmässigen Niveau von rund</span><br/> <span class="ft5">40 verblieben ist. Auch wenn schon seit Beginn des Kulturbetriebes</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">579</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">im Jahre 1982 ,,laute" Konzerte durchgeführt wurden, lässt sich doch</span><br/> <span class="ft5">jedenfalls aufgrund des zahlenmässig grossen Unterschiedes</span><br/> <span class="ft5">vermuten, dass der Kulturbetrieb im O.-Saal in einer Art erweitert</span><br/> <span class="ft5">wurde, die einer Änderung von einer wenig oder selten lärmerzeu-</span><br/> <span class="ft5">genden in eine erheblich und regelmässig lärmerzeugende Anlage</span><br/> <span class="ft5">gleichkommt. In BGE 123 II 325 E. 4c/aa hat das Bundesgericht in</span><br/> <span class="ft5">Anknüpfung an seine frühere Rechtsprechung (BGE 116 Ib 435</span><br/> <span class="ft5">E. 5d/bb S. 443 f.) erwogen, der Grundsatz der Vorsorge (Art. 1</span><br/> <span class="ft5">Abs. 2 USG) spreche dafür, auch die Änderung einer bestehenden,</span><br/> <span class="ft5">nicht oder nur geringfügig Lärm verursachenden Anlage zu einer lär-</span><br/> <span class="ft5">migen Anlage grundsätzlich immer nach Art. 25 USG zu beurteilen.</span><br/> <span class="ft5">Die Bestandesgarantie bzw. der für das Sanierungsrecht massgeben-</span><br/> <span class="ft5">de Grundgedanke des Vertrauensschutzes stehe der Anwendung von</span><br/> <span class="ft5">Art. 25 USG auf die Änderung von Anlagen, die zwar altrechtlich</span><br/> <span class="ft5">geschaffen worden seien, indessen dabei die Planungswerte gemäss</span><br/> <span class="ft5">dem neuen Recht einhielten, nicht entgegen, da durch diese strengere</span><br/> <span class="ft5">Behandlung keine bereits getätigten Dispositionen beeinträchtigt</span><br/> <span class="ft5">würden. Zumindest bestehe diesbezüglich kein erheblicher Unter-</span><br/> <span class="ft5">schied zur Errichtung einer völlig neuen Anlage. Das Bundesgericht</span><br/> <span class="ft5">hat diese Ausführungen im seinem Urteil vom 20. November 1998</span><br/> <span class="ft5">(I. Oeffentlichrechtliche Abteilung; 1A.111/1998; publiziert in URP</span><br/> <span class="ft5">1999 S. 264 ff.) bestätigt. Es führt darin aus, es würde dem Sinn des</span><br/> <span class="ft5">Gesetzes widersprechen, wenn bestehende Anlagen, die beim In-</span><br/> <span class="ft5">krafttreten der massgeblichen Lärmschutzvorschriften noch keine</span><br/> <span class="ft5">störenden (insbesondere keine über die Planungswerte hinausgehen-</span><br/> <span class="ft5">den) Lärm verursachten, bei einem späteren Ausbau mehr Lärm</span><br/> <span class="ft5">erzeugen dürften als Anlagen, die nach dem Inkrafttreten der er-</span><br/> <span class="ft5">wähnten Vorschriften erstellt wurden. Im Übrigen wäre ohnehin frag-</span><br/> <span class="ft5">lich, ob auf die zwar seit 1982 bestehende, aber jedenfalls zum</span><br/> <span class="ft5">Zeitpunkt des Inkrafttretens des USG und der LSV nicht rechtskräf-</span><br/> <span class="ft5">tig bewilligte Anlage die Regeln der Art. 16-18 USG über die Sanie-</span><br/> <span class="ft5">rung von Anlagen überhaupt anwendbar wären (vgl. Wolf, in: Kom-</span><br/> <span class="ft5">mentar zum Umweltschutzgesetz, N 39 f. zu Art. 25).</span><br/> <span class="ft5">Aufgrund des Gesagten hat die Anlage die Planungswerte im</span><br/> <span class="ft5">Sinne von Art. 23 und 25 USG oder, soweit solche fehlen bzw. nicht</span><br/> <span class="ft5">angewendet werden können, ein Immissionsniveau einzuhalten, bei</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">580</span></div> <div class="page" id="S13"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">welchem nach richterlicher Beurteilung höchstens geringfügige Stö-</span><br/> <span class="ft5">rungen auftreten (BGE 123 II 325 E. 4d/bb S. 335). Besteht ein über-</span><br/> <span class="ft5">wiegendes öffentliches Interesse an der Anlage und würde die Ein-</span><br/> <span class="ft5">haltung der Planungswerte zu einer unverhältnismässigen Belastung</span><br/> <span class="ft5">führen, so können Erleichterungen gewährt werden. Dabei dürfen je-</span><br/> <span class="ft5">doch grundsätzlich die Immissionsgrenzwerte nicht überschritten</span><br/> <span class="ft5">werden (Art.</span> <span class="ft5">25 Abs. 2 USG, Art.</span> <span class="ft5">7 Abs. 2 LSV), d.h. die</span><br/> <span class="ft5">Lärmimmissionen dürfen die Bevölkerung in ihrem Wohlbefinden</span><br/> <span class="ft5">nicht erheblich stören (Art. 15 USG).</span><br/> <span class="ft5">dd) Für die durch den Kulturbetrieb im O.-Saal verursachten</span><br/> <span class="ft5">Lärmimmissionen fehlen unbestrittenermassen Belastungsgrenz-</span><br/> <span class="ft5">werte. Die Grenzwerte des Anhangs 6 der LSV (Industrie- und Ge-</span><br/> <span class="ft5">werbelärm) können auf Lärm der vorliegend streitigen Art - Musik</span><br/> <span class="ft5">und menschlichen Verhaltenslärm - weder unmittelbar angewendet</span><br/> <span class="ft5">noch sinngemäss herangezogen werden (BGE 123 II 325 E. 4d/aa</span><br/> <span class="ft5">und bb S. 333 ff.). Die Lärmimmissionen sind daher nach den</span><br/> <span class="ft5">gesetzlichen Kriterien bezüglich dieser Grenzwerte zu beurteilen</span><br/> <span class="ft5">(vgl. Art. 40 Abs. 3 LSV). Bei der Würdigung auf der Grundlage der</span><br/> <span class="ft5">Kriterien der Planungswerte - bzw. mit Erleichterungen auf der Basis</span><br/> <span class="ft5">der Immissionsgrenzwerte - muss auch der Charakter des Lärms, der</span><br/> <span class="ft5">Zeitpunkt und die Häufigkeit seines Auftretens sowie die Lärm-</span><br/> <span class="ft5">empfindlichkeit bzw. Lärmvorbelastung der Zone, in der die</span><br/> <span class="ft5">Immissionen auftreten, berücksichtigt werden. Dabei ist nicht auf das</span><br/> <span class="ft5">subjektive Lärmempfinden einzelner Personen abzustellen, sondern</span><br/> <span class="ft5">eine objektivierte Betrachtung unter Berücksichtigung von Personen</span><br/> <span class="ft5">mit erhöhter Empfindlichkeit (Art. 13 Abs. 2 USG) vorzunehmen.</span><br/> <span class="ft5">Dabei können unter Umständen fachlich genügend abgestützte aus-</span><br/> <span class="ft5">ländische bzw. private Richtlinien eine Entscheidungshilfe bieten,</span><br/> <span class="ft5">sofern die Kriterien, auf welchen diese Unterlagen beruhen, mit</span><br/> <span class="ft5">denjenigen des schweizerischen Umweltschutzrechts vereinbar sind</span><br/> <span class="ft5">(BGE 123 II 325 E. 4d/bb S. 334).</span><br/> <span class="ft5">Der Stadtrat X. stellt in diesem Zusammenhang im angefochte-</span><br/> <span class="ft5">nen Entscheid auf die Vollzugshilfe der Vereinigung kantonaler</span><br/> <span class="ft5">Lärmschutzfachleute (,,Cercle bruit") vom 10. März 1999 zur Ermitt-</span><br/> <span class="ft5">lung und Beurteilung der Lärmbelastung im Zusammenhang mit dem</span><br/> <span class="ft5">Betrieb öffentlicher Lokale (nachfolgend: Richtlinie des ,,Cercle</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">581</span></div> <div class="page" id="S14"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">bruit") ab und legt dementsprechend die Grenzwerte für Luftschall</span><br/> <span class="ft5">auf 40 dB(A) - zwischen 22.00 und 07.00 Uhr - bzw. 45 dB(A) -</span><br/> <span class="ft5">zwischen 19.00 und 22.00 Uhr - fest (Werte für Neuanlagen). Bei</span><br/> <span class="ft5">der Richtlinie des ,,Cercle bruit" handelt es sich um einen Entwurf</span><br/> <span class="ft5">zum Sammeln von Praxiserfahrungen. Sie ist zugeschnitten auf den</span><br/> <span class="ft5">Betrieb öffentlicher Lokale und gilt analog auch für die Beurteilung</span><br/> <span class="ft5">der Lärmbelastung im Zusammenhang mit Räumlichkeiten, in denen</span><br/> <span class="ft5">regelmässig Musik gespielt wird. Der Stadtrat X. stellt in seiner Ver-</span><br/> <span class="ft5">nehmlassung vom 28. April 2005 die Anwendbarkeit dieser Richt-</span><br/> <span class="ft5">linie im vorliegenden Fall allerdings bereits wieder selber in Frage,</span><br/> <span class="ft5">da bei einer Einschränkung der Anzahl Anlässe unklar sei, ob es sich</span><br/> <span class="ft5">noch um ein öffentliches Lokal handle, in dem regelmässig Musik</span><br/> <span class="ft5">gespielt werde (vgl. Urteil der I. öffentlichrechtlichen Abteilung des</span><br/> <span class="ft5">Bundesgerichts vom 11. Oktober 2004, 1A.39/2004, E. 3.3, in: URP</span><br/> <span class="ft5">2005 S. 46, in welchem die Anwendbarkeit dieser Richtlinie verneint</span><br/> <span class="ft5">wird bei einem Musikfest, das lediglich an einigen Tagen im Jahr</span><br/> <span class="ft5">stattfindet). Er gesteht zudem ein, dass mit Betriebseinschränkungen</span><br/> <span class="ft5">(Einschränkungen der Anzahl Anlässe und zeitliche Reduktion der</span><br/> <span class="ft5">Konzerte) die Grenzwerte der Richtlinie des ,,Cercle bruit" gar nicht</span><br/> <span class="ft5">eingehalten werden können; auch mit einer Reduktion der Lautstärke</span><br/> <span class="ft5">als Betriebseinschränkung könnten die verfügten Grenzwerte aus der</span><br/> <span class="ft5">Sicht des Stadtrats X. wohl kaum eingehalten werden, da das Mass</span><br/> <span class="ft5">der Überschreitung u.a. infolge der geringen Schalldämmung der Ge-</span><br/> <span class="ft5">bäudehülle zu hoch sei. Wie hoch die Lärmimmissionen nach der</span><br/> <span class="ft5">Realisierung verhältnismässiger baulicher und betrieblicher Mass-</span><br/> <span class="ft5">nahmen sein können, sei Gegenstand zusätzlicher Abklärungen und</span><br/> <span class="ft5">könne heute nicht gesagt werden.</span><br/> <span class="ft5">Unter diesen Umständen macht es von vornherein wenig Sinn,</span><br/> <span class="ft5">die Richtlinie des ,,Cercle bruit" vorliegend - zumindest zum jetzigen</span><br/> <span class="ft5">Zeitpunkt - anzuwenden, zumal der Betrieb im Sinne vorsorglicher</span><br/> <span class="ft5">Anordnungen tatsächlich gewisse Beschränkung zu gewärtigen hat</span><br/> <span class="ft5">und demnach nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden kann,</span><br/> <span class="ft5">dass selbst die Vorinstanz diese Richtlinie noch anwenden würde</span><br/> <span class="ft5">(vgl. lit. ee hiernach). Zudem kann davon ausgegangen werden, dass</span><br/> <span class="ft5">eine Anwendung dieser Richtlinie dazu führen würde, dass der Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeführer 2 den Betrieb der Musikveranstaltungen bereits jetzt</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">582</span></div> <div class="page" id="S15"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">gänzlich einzustellen hätte. Weiter kann bei unmittelbarer Anwend-</span><br/> <span class="ft5">barkeit dieser Grenzwerte der Lärmempfindlichkeit bzw. Lärmvorbe-</span><br/> <span class="ft5">lastung der Zone, in der die Immissionen auftreten, sowie der</span><br/> <span class="ft5">unbestrittenermassen kulturellen Bedeutung des O.-Saals (vgl. lit. ee</span><br/> <span class="ft5">hiernach) nicht oder nur eingeschränkt Rechnung getragen werden</span><br/> <span class="ft5">(vgl. Ziff. 4 der Richtlinien des ,,Cercle bruit").</span><br/> <span class="ft5">ee) Dass sich die von den Bässen ausgehenden tiefen Frequen-</span><br/> <span class="ft5">zen insbesondere nachts störend auf die in der Empfindlichkeitsstufe</span><br/> <span class="ft5">III befindliche Nachbarschaft auswirken, entspricht der allgemeinen</span><br/> <span class="ft5">Lebenserfahrung. Es ist denn auch aufgrund der vorgenommenen</span><br/> <span class="ft5">Schallmessungen grundsätzlich unstreitig, dass der bisherige Kultur-</span><br/> <span class="ft5">betrieb im O.-Saal mehr als nur geringfügige Störungen verursacht.</span><br/> <span class="ft5">Der Lärm führt dazu, dass die Anwohner und Anwohnerinnen nicht</span><br/> <span class="ft5">schlafen können bzw. dabei gestört werden. Damit werden sie in</span><br/> <span class="ft5">ihrem Wohlbefinden gestört. Diese Immissionen treten störend bei</span><br/> <span class="ft5">etwa einem ,,harten" Konzert pro Monat auf, und dies hauptsächlich</span><br/> <span class="ft5">dann, wenn die Konzerte bis ca. 01.00 Uhr dauern. Nach Ansicht ei-</span><br/> <span class="ft5">ner anderen Anwohnerin stören hauptsächlich die Heavy-Metal- bzw.</span><br/> <span class="ft5">Funk-Konzerte; nach deren Ansicht ist pro Monat ein Konzert an-</span><br/> <span class="ft5">nehmbar. Die Lärmbelastung der Disco-Musik ist für die Anwohner</span><br/> <span class="ft5">und Anwohnerinnen zweitrangig. Aus den Akten ist erstellt, dass die</span><br/> <span class="ft5">angeführten Konzerte die Anwohner und Anwohnerinnen beeinträch-</span><br/> <span class="ft5">tigen und stören. Zu den wichtigsten Arten von Störungen des</span><br/> <span class="ft5">Wohlbefindens der Bevölkerung als Folge von Lärmimmissionen</span><br/> <span class="ft5">gehören u.a. die Schlafstörung sowie die Störung der übrigen Ruhe</span><br/> <span class="ft5">und Erholung. Den nächtlichen Schlafstörungen kommt ein besonde-</span><br/> <span class="ft5">res Gewicht zu. Sie können die Wiederherstellung der am Tag bean-</span><br/> <span class="ft5">spruchten Kräfte zum Teil verhindern und damit über die Belästigung</span><br/> <span class="ft5">hinaus zu krankhaften Zuständen wie chronischen Ermüdungser-</span><br/> <span class="ft5">scheinungen führen (Christof Zäch, Kommentar zum Umweltschutz-</span><br/> <span class="ft5">gesetz, 2. A., Zürich 2004, Art. 15 N 12 mit Hinweisen). Zu beachten</span><br/> <span class="ft5">ist insbesondere, dass Lärmbekämpfungsmassnahmen nicht erst dann</span><br/> <span class="ft5">zu ergreifen sind, wenn die Umweltbelastung lästig oder gar</span><br/> <span class="ft5">schädlich wird; es sollen vielmehr auch die bloss unnötigen Emis-</span><br/> <span class="ft5">sionen, beispielsweise durch die Anordnung von Betriebs- oder an-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">583</span></div> <div class="page" id="S16"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">derweitigen Beschränkungen, vermieden werden (vgl. PVG 2000</span><br/> <span class="ft5">S. 191 ff.).</span><br/> <span class="ft5">Dem Betrieb des Beschwerdeführers 2 kommt für die Stadt X.</span><br/> <span class="ft5">andererseits unbestrittenermassen kulturelle Bedeutung zu. Die Stadt</span><br/> <span class="ft5">spricht jährlich Kulturbeiträge zu; zudem bildet der Kulturbetrieb</span><br/> <span class="ft5">Bestandteil des städtischen Jugendarbeitskonzepts. Ein solches über-</span><br/> <span class="ft5">wiegendes öffentliches Interesse an der Anlage kann bei der Anwen-</span><br/> <span class="ft5">dung von Art. 25 Abs. 2 USG geltend gemacht werden und es kön-</span><br/> <span class="ft5">nen Erleichterungen gewährt werden, wenn die Einhaltung der Pla-</span><br/> <span class="ft5">nungswerte zu einer unverhältnismässigen Belastung führen würde.</span><br/> <span class="ft5">Trotzdem verlangt auch diese Norm, dass die Immissionsgrenzwerte</span><br/> <span class="ft5">nicht überschritten werden: Wenn es also unverhältnismässig er-</span><br/> <span class="ft5">scheint, Betriebseinschränkungen festzulegen, die geeignet wären,</span><br/> <span class="ft5">jegliche Störung der Nachbarn während der Nacht zu verhindern, so</span><br/> <span class="ft5">muss dennoch darauf geachtet werden, dass es nicht zu empfindli-</span><br/> <span class="ft5">chen Beeinträchtigungen kommt (vgl. Pra 2005 Nr. 16). Vorliegend</span><br/> <span class="ft5">steht aufgrund der jahrelangen Reklamationen der Anwohner und</span><br/> <span class="ft5">Anwohnerinnen fest, dass diese hauptsächlich durch den Konzertbe-</span><br/> <span class="ft5">trieb erheblich in ihrem Wohlbefinden gestört werden; auch der an</span><br/> <span class="ft5">der Augenscheinsverhandlung anwesende Akustiker sowie der</span><br/> <span class="ft5">Vertreter der Abteilung für Umwelt des Baudepartements teilen diese</span><br/> <span class="ft5">Ansicht. Derartige Einwirkungen sind der Nachtruhe und Erholung</span><br/> <span class="ft5">suchenden Anwohnerschaft zumindest nicht im bisherigen zahlen-</span><br/> <span class="ft5">mässigen Ausmass zuzumuten. Der Stadtrat hat daher zu Recht im</span><br/> <span class="ft5">Sinne des Vorsorgeprinzips die Anzahl der Veranstaltungen für die</span><br/> <span class="ft5">Dauer des erstinstanzlichen Verfahrens im Sinne der Ziff. 7.1 und 7.2</span><br/> <span class="ft5">begrenzt und dabei vorläufig auf das von den Anwohnerinnen und</span><br/> <span class="ft5">Anwohnern angesprochene momentane Hauptstörungspotential</span><br/> <span class="ft5">(,,harte" Konzerte) Rücksicht genommen. Unter ,,ähnliche" Konzerte</span><br/> <span class="ft5">haben dabei zum Schutz der Anwohner auch Funk-Konzerte zu</span><br/> <span class="ft5">fallen. So ist es dem Beschwerdeführer 2 dennoch möglich - wie im</span><br/> <span class="ft5">Rahmen des laufenden Verfahrens gewünscht - 3 Konzerte pro Mo-</span><br/> <span class="ft5">nat durchzuführen. Und auch der geplanten dreimonatigen ,,Testpha-</span><br/> <span class="ft5">se" mit einem Heavy-Metal-Konzert und mit einer bis zwei Funk-</span><br/> <span class="ft5">discos steht mit diesen betrieblichen Auflagen nichts entgegen. Inso-</span><br/> <span class="ft5">fern liegt ein angemessener Ausgleich zwischen dem öffentlichen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">584</span></div> <div class="page" id="S17"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Interesse an einem attraktiven Kulturangebot für Jugendliche und</span><br/> <span class="ft5">dem Ruhebedürfnis der Anwohnerschaft vor.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">c) Innenschall</span><br/> <span class="ft5">aa) Gemäss Art. 3 der Schall- und Laserverordnung muss der</span><br/> <span class="ft5">Veranstalter oder die Veranstalterin die Schallemissionen so weit be-</span><br/> <span class="ft5">grenzen, dass die von der Veranstaltung erzeugten Immissionen den</span><br/> <span class="ft5">über 60 Minuten gemittelten Pegel LAeq von 93 dB nicht überstei-</span><br/> <span class="ft5">gen. Die Behörde gewährt Erleichterungen, wenn die Emissionsbe-</span><br/> <span class="ft5">grenzungen nach Art. 3 zu einer unverhältnismässigen Einschrän-</span><br/> <span class="ft5">kung der Veranstaltung führen würden (Art. 4 Abs. 1). In keinem Fall</span><br/> <span class="ft5">dürfen jedoch die Immissionen den Mittelungspegel LAeq von 100</span><br/> <span class="ft5">dB und den Maximalpegel LAFmax von 125 dB für die gesamte</span><br/> <span class="ft5">Dauer der Veranstaltung übersteigen (Art. 4 Abs. 2).</span><br/> <span class="ft5">bb) Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer 2 den an sich</span><br/> <span class="ft5">massgebenden Grenzwert von 93 dB anlässlich eines Grossteils der</span><br/> <span class="ft5">Konzerte (ca. 80%) nicht einhält bzw. nicht einhalten kann. Er bringt</span><br/> <span class="ft5">vor, bereits die Instrumente auf der Bühne würden allein schon mehr</span><br/> <span class="ft5">als 93 dB erzeugen und selbst mit einer unverstärkten Band käme er</span><br/> <span class="ft5">mit diesem Wert nicht aus. Damit der Kulturbetrieb nicht massiv ein-</span><br/> <span class="ft5">geschränkt werde, sei er daher auf die Gewährung von Erleichterun-</span><br/> <span class="ft5">gen gemäss Art. 4 der Schall- und Laserverordnung angewiesen. An-</span><br/> <span class="ft5">lässlich der Augenscheinsverhandlung konkretisierte der Beschwer-</span><br/> <span class="ft5">deführer 2 diesen Antrag für drei Anlässe pro Monat. Gleichzeitig</span><br/> <span class="ft5">führt er aus, dass selbst die mit den verfügten Betriebsbeschrän-</span><br/> <span class="ft5">kungen gemäss Ziff. 7.1 und Ziff. 7.2 noch zulässigen Konzerte im</span><br/> <span class="ft5">O.-Saal dann überhaupt nicht durchführbar wären, wenn der</span><br/> <span class="ft5">Grenzwert von 93 dB eingehalten werden müsste; die angefochtene</span><br/> <span class="ft5">Verfügung widerspreche sich insoweit selber.</span><br/> <span class="ft5">Die Ausführungen des Beschwerdeführers 2 erweisen sich als</span><br/> <span class="ft5">glaubhaft. Zudem hat der Stadtrat X. anlässlich der Augenscheinsver-</span><br/> <span class="ft5">handlung ausgeführt, es sei ihm daran gelegen, den Betrieb im Rah-</span><br/> <span class="ft5">men der gesetzlichen Vorschriften weiterlaufen zu lassen und nicht</span><br/> <span class="ft5">,,kaputt zu machen". Auch die anlässlich der Augenscheinsverhand-</span><br/> <span class="ft5">lung anwesenden Anwohner und Anwohnerinnen schliessen gewisse</span><br/> <span class="ft5">Erleichterungen nicht von vornherein aus; nicht zuletzt kann so im</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutz</span> <span class="page_no">585</span></div> <div class="page" id="S18"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Sinne eines ,,Versuchsbetriebs" festgestellt werden, welche Konzerte</span><br/> <span class="ft5">sich störend auf die Nachbarn auswirken. Im Sinne einer vorsorgli-</span><br/> <span class="ft5">chen Anordnung kann der Regierungsrat daher dem Antrag des Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeführers 2 zustimmen und für die Dauer des erstinstanzli-</span><br/> <span class="ft5">chen Immissionsschutzverfahrens drei Anlässen pro Monat Erleichte-</span><br/> <span class="ft5">rungen im Sinne von Art. 4 der Schall- und Laserverordnung gewäh-</span><br/> <span class="ft5">ren. Dies v.a. unter dem Aspekt, dass bei deren Nichtgewährung</span><br/> <span class="ft5">weitgehend keine Konzerte mehr im O.-Saal durchgeführt werden</span><br/> <span class="ft5">könnten, dass dem Kulturbetrieb im O.-Saal aber unbestrittenermas-</span><br/> <span class="ft5">sen kulturelle Bedeutung für die Stadt X. zukommt (was auch bezüg-</span><br/> <span class="ft5">lich des Aussenschalls ein temporär höheres Immissionsniveau zu-</span><br/> <span class="ft5">lässt) und dass andere Standorte in X. - zumindest kurzfristig bzw.</span><br/> <span class="ft5">während der Dauer des Immissionsschutzverfahrens - offenbar nicht</span><br/> <span class="ft5">verfügbar sind. Die Betriebszeiten und die Art der zulässigen Veran-</span><br/> <span class="ft5">staltungen richtet sich nach den im Rahmen dieses Entscheides zu</span><br/> <span class="ft5">bestätigenden Ziff. 7.1 bzw. 7.2 der angefochtenen Verfügung. Im</span><br/> <span class="ft5">Übrigen ist zu beachten, dass der Beschwerdeführer 2 dem Publikum</span><br/> <span class="ft5">einen Gehörschutz anzubieten und das Publikum in angemessener</span><br/> <span class="ft5">Weise auf die mögliche Schädigung des Gehörs aufmerksam zu ma-</span><br/> <span class="ft5">chen hat (Art. 4 Abs. 2 der Schall- und Laserverordnung).</span><br/></div> </div> </body> </html>