<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">157</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>26</b></span> <span class="ft1"><b>Plakatierung</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Ersatz bestehender Plakatstellen: Ermessensspielraum der Gemeinde bei</b></span><br/> <span class="ft1"><b>der Auslegung eines kommunalen Bewilligungsverbots</b></span><br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 10. März 2014 in Sachen</span><br/> <span class="ft3">A. AG gegen Departement Bau, Verkehr und Umwelt sowie Gemeinderat B.</span><br/> <span class="ft3">(WBE.2013.66) und in Sachen Gemeinderat B. gegen A. AG und Departement</span><br/> <span class="ft3">Bau, Verkehr und Umwelt sowie Gemeinderat B. (WBE.2013.76).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft7">1.2.</span><br/> <span class="ft7">§ 46 BNO lautet:</span><br/> <span class="ft3">"(Abs. 1 u. 2).</span><br/> <span class="ft9"><sup>3</sup></span> <span class="ft3">Es werden grundsätzlich keine neuen Plakatstellen auf öffentlichen und</span><br/> <span class="ft3">privaten Grundstücken mehr bewilligt, ausgenommen sind Reklamen mit Ortsbezug.</span><br/> <span class="ft3">Der Ersatz bestehender Plakatwände ist gestattet.</span><br/> <span class="ft3">(Abs. 4)"</span><br/> <span class="ft7">1.3. (...)</span><br/> <span class="ft7">2. (...)</span><br/> <span class="ft7">3.</span><br/> <span class="ft7">3.1. (...)</span><br/> <span class="ft7">3.2.</span><br/> <span class="ft7">3.2.1.</span><br/> <span class="ft7">Entgegen der Vorinstanz wird die Auslegung des Gemeinderats</span><br/> <span class="ft7">von § 46 Abs. 3 Satz 2 BNO, den "Ersatz bestehender Plakatwände"</span><br/> <span class="ft7">nur am exakt vorbestehenden Ort zu bewilligen, durchaus vom Wort-</span><br/> <span class="ft7">laut des Gesetzes abgedeckt. Der Normtext selbst äussert sich nicht</span><br/> <span class="ft7">ausdrücklich zur örtlichen Dimension des Ersatzes, weshalb er Raum</span><br/> <span class="ft7">sowohl für restriktive als auch für weitere (wohl selbst von einem</span><br/> <span class="ft7">örtlichen Bezug losgelöste) Interpretationen bereithält. Auch kann</span><br/> <span class="ft7">der einschränkenden gemeinderätlichen Auslegung des "Ersatzes" im</span><br/> <span class="ft7">Normengefüge durchaus Sinn abgewonnen werden. So lässt sich das</span><br/> <span class="ft7">in § 46 Abs. 3 BNO verankerte System (Verbot neuer Plakatwände</span><br/> <span class="ft7">ohne Ortsbezug; Gestattung von Ersatzplakatstellen; konzeptbasierte</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">158</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Bewilligung zusätzlicher Plakatflächen als Ausnahme) durchaus als</span><br/> <span class="ft7">beabsichtigte Beschränkung der Fremdwerbungsträger auf die im Er-</span><br/> <span class="ft7">lasszeitpunkt konkret bestehenden - und in ihrem Bestand aber ge-</span><br/> <span class="ft7">schützten - Standorte im Interesse des Ortsbildschutzes (vgl. Margi-</span><br/> <span class="ft7">nalie zu § 46) verstehen. Auch die Begrifflichkeiten in den Sätzen 1</span><br/> <span class="ft7">und 3 des Absatzes ("keine neuen" bzw. "ausnahmsweise zusätzli-</span><br/> <span class="ft7">che" Plakatflächen) stehen der einschränkenden Rechtsauffassung</span><br/> <span class="ft7">des Gemeinderats zumindest nicht entgegen. Dass die Materialien</span><br/> <span class="ft7">zur Gesetzgebung die restriktive Auffassung des Gemeinderats nicht</span><br/> <span class="ft7">zu stützen vermögen, spricht entgegen der Vorinstanz ebenfalls nicht</span><br/> <span class="ft7">gegen diese, da sie auch für eine liberalere Auslegung keine Belege</span><br/> <span class="ft7">bieten.</span><br/> <span class="ft7">3.2.2.</span><br/> <span class="ft7">Die Gemeindeautonomie, auf welche sich der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft7">rer II beruft, besteht allerdings nur in den Schranken des Bun-</span><br/> <span class="ft7">desverfassungsrechts. Nicht in ihren Schutzbereich fällt demzufolge</span><br/> <span class="ft7">eine individuell-konkrete Verfügung gestützt auf ein Auslegungser-</span><br/> <span class="ft7">gebnis des kommunalen Rechts, welches die von der Beschwer-</span><br/> <span class="ft7">deführerin angerufenen Wirtschaftsfreiheit (Art. 27 BV) verletzt. Die</span><br/> <span class="ft7">Regelung des "Ersatzes" gemäss § 46 Abs. 3 Satz 2 BNO, welche an-</span><br/> <span class="ft7">wendbar bleibt, kann mit anderen Worten nur durch mit der Wirt-</span><br/> <span class="ft7">schaftsfreiheit vereinbare Baubewilligungsentscheide in verfassungs-</span><br/> <span class="ft7">konformer Auslegung konkretisiert werden.</span><br/> <span class="ft7">3.2.3.</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung geht ein undifferen-</span><br/> <span class="ft7">ziertes Verbot von Fremdreklamen zumindest auf privatem Grund</span><br/> <span class="ft7">über die im öffentlichen Interesse des Ortsbildschutzes erforderliche</span><br/> <span class="ft7">Beschränkung weit hinaus und ist unverhältnismässig (Urteil des</span><br/> <span class="ft7">Bundesgerichts vom 12. Mai 1998 [1P.122/1998], in: ZBl 2000,</span><br/> <span class="ft7">S. 135 ff., Erw. 4b; vgl. BGE 128 I 3, Erw. 4b mit Hinweisen; vgl.</span><br/> <span class="ft7">auch AGVE 2007, S. 152, wonach ein generelles, systematisches und</span><br/> <span class="ft7">undifferenziertes Verbot auf 95 % der Bauzonenfläche ein unverhält-</span><br/> <span class="ft7">nismässiger Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit darstellt). Zulässig ist</span><br/> <span class="ft7">dagegen etwa, wenn eine Gemeinde, um die Zahl der Reklamen aus</span><br/> <span class="ft7">ästhetischen Gründen in Grenzen zu halten, Fremdreklamen in schüt-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">159</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">zenswerten Gebieten und Ortsteilen generell verbietet (BGE 128 I 3,</span><br/> <span class="ft7">Erw. 4b; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 21. März 2007</span><br/> <span class="ft7">[2P.247/2006], Erw. 3).</span><br/> <span class="ft7">3.2.4</span><br/> <span class="ft7">Zwar enthält § 46 Abs. 3 BNO insofern kein absolutes und flä-</span><br/> <span class="ft7">chendeckendes Verbot von Fremdwerbungsplakatflächen, als zumin-</span><br/> <span class="ft7">dest der Ersatz bestehender Plakatflächen gewährleistet bleibt. Die</span><br/> <span class="ft7">Beschwerdeführerin I musste aber unbestrittenermassen neben zwei</span><br/> <span class="ft7">freistehenden Plakatträgern ihre Plakatträger in den fünf früheren</span><br/> <span class="ft7">(neu erstellten und nun gläsernen) Buswartehäuschen demontieren</span><br/> <span class="ft7">und aufgeben. Folglich kommt die restriktive Auslegung des</span><br/> <span class="ft7">Gemeinderats, wonach § 46 Abs. 3 BNO nur Ersatz-Plakatstellen am</span><br/> <span class="ft7">exakt gleichen Standort zulasse, für sie Ietztlich einem Verbot von</span><br/> <span class="ft7">ersatzweisen Fremdwerbungsträgern auf dem gesamten übrigen Ge-</span><br/> <span class="ft7">meindegebiet gleich, welche wirtschaftlich die Funktion der entfern-</span><br/> <span class="ft7">ten Flächen übernehmen könnten. Mit Recht weist die Beschwer-</span><br/> <span class="ft7">deführerin I darauf hin, dass bei Wegfall bestehender Standorte</span><br/> <span class="ft7">(insbesondere zufolge Bautätigkeit bzw. Vertragskündigungen durch</span><br/> <span class="ft7">den Eigentümer) wie hier ein im Sinne des Gemeinderats verstande-</span><br/> <span class="ft7">ner Ersatz ohne weitere Differenzierung ausgeschlossen erscheint.</span><br/> <span class="ft7">Zu Recht hält sie deshalb auch dafür, dass eine Handhabung von § 46</span><br/> <span class="ft7">Abs. 3 Satz 2 BNO im Sinne des Gemeinderats zumindest langfristig</span><br/> <span class="ft7">geeignet erscheint, faktisch auf die Untersagung jeglicher Fremdwer-</span><br/> <span class="ft7">bung auf dem Gemeindegebiet hinauszulaufen. Die Erwägungen des</span><br/> <span class="ft7">Gemeinderats (Erfordernis exakt gleichen Standorts) erweisen sich</span><br/> <span class="ft7">damit als zu absolut und die abweisenden Baubewilligungsent-</span><br/> <span class="ft7">scheide ohne Prüfung der konkreten Fälle somit als unverhältnismäs-</span><br/> <span class="ft7">sige Einschränkung der Wirtschaftsfreiheit. Seine Auslegung von</span><br/> <span class="ft7">§ 46 Abs. 3 Satz 2 BNO hält zumindest dann den verfassungsmässi-</span><br/> <span class="ft7">gen Anforderungen nicht stand, wenn das öffentliche Interesse am</span><br/> <span class="ft7">Schutz des bestehenden Orts- und Strassenbilds am Ersatzstandort im</span><br/> <span class="ft7">Vergleich zur vorbestehenden Stelle ebenfalls gewahrt und die Be-</span><br/> <span class="ft7">schränkung auf exakt denselben Standort dazu gar nicht erforderlich</span><br/> <span class="ft7">ist; oder wenn der Schutz des Orts- und Strassenbilds in keinem ver-</span><br/> <span class="ft7">nünftigen Verhältnis zur dazu notwendigen Freiheitsbeschränkung</span><br/> <span class="ft7">steht (Art. 36 BV).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">160</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">3.3</span><br/> <span class="ft7">3.3.1.</span><br/> <span class="ft7">Demgemäss hat die Vorinstanz im Ergebnis die Entscheide des</span><br/> <span class="ft7">Beschwerdeführers II betreffend Bauparzelle Nr. 217, Bauparzelle</span><br/> <span class="ft7">Nr. 993, Bauparzelle Nr. 618 zu Recht aufgehoben und die Verfahren</span><br/> <span class="ft7">an den Gemeinderat zu neuem Entscheid zurückgewiesen. Der Ge-</span><br/> <span class="ft7">meinderat ist beim erneuten Entscheid und bei der Auslegung von</span><br/> <span class="ft7">§ 46 Abs. 3 BNO an die Bundesverfassung und die Erwägungen des</span><br/> <span class="ft7">vorliegenden Urteils gebunden. Dabei erscheint ein Abweisungsent-</span><br/> <span class="ft7">scheid dann als unverhältnismässige Einschränkung der Wirtschafts-</span><br/> <span class="ft7">freiheit (Art. 27 BV), wenn sich der abgewiesene Ersatzstandort nur</span><br/> <span class="ft7">als geringfügige örtliche Verschiebung erweist und sich die ortsbild-</span><br/> <span class="ft7">bezogene Wirkung des Plakatträgers ob seiner Art, Grösse und Stel-</span><br/> <span class="ft7">lung von jener des vorbestehenden nicht erheblich unterscheidet.</span><br/> <span class="ft7">Dies ist in Bezug auf die genannten drei Gesuche gemäss den</span><br/> <span class="ft7">überzeugenden Überlegungen der Vorinstanz offensichtlich der Fall.</span><br/> <span class="ft7">3.3.2.</span><br/> <span class="ft7">Der angefochtene Entscheid ist auch insofern nicht zu beanstan-</span><br/> <span class="ft7">den, als er den gemeinderätlichen Abweisungsentscheid zum Bauge-</span><br/> <span class="ft7">such auf Parzelle Nr. 165 schützt, weil der quer zur Kantonsstrasse</span><br/> <span class="ft7">geplante Plakatträger über 300 m von der Landstrasse mit den aufge-</span><br/> <span class="ft7">hobenen Standorten entfernt in einem eigenständig wahrgenomme-</span><br/> <span class="ft7">nen Strassenraum liege. Es ist im konkreten Fall keinerlei verfas-</span><br/> <span class="ft7">sungswidrige Beschränkung der Wirtschaftsfreiheit darin zu erken-</span><br/> <span class="ft7">nen, dass für den Ersatzstandort ein verhältnismässiger örtlicher Be-</span><br/> <span class="ft7">zug zum bisher bestehenden Plakatträger verlangt und der Ersatz</span><br/> <span class="ft7">nicht beliebig auf dem gesamten Gemeindegebiet zugelassen wird.</span><br/> <span class="ft7">In Bezug auf das Baugesuch auf Parzelle Nr. 1024 stellt die</span><br/> <span class="ft7">Vorinstanz massgeblich auf die Stellung des Plakatträgers zur</span><br/> <span class="ft7">Strassenrichtung ab und verneint das Vorliegen eines Ersatzes (der</span><br/> <span class="ft7">gleich grossen Plakatwand im nahe gelegenen früheren Buswarte-</span><br/> <span class="ft7">häuschen), weil die Montage eines drei Meter näher an der Fahrbahn</span><br/> <span class="ft7">befindlichen (freistehenden) Plakatträgers neu quer zur Strasse ge-</span><br/> <span class="ft7">plant sei. Es ist zwar grundsätzlich denkbar, dass die konkrete Stel-</span><br/> <span class="ft7">lung zur Fahrbahn im Interesse des Ortsbildschutzes einen Eingriff in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Bau-, Raumentwicklungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">161</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">die Wirtschaftsfreiheit rechtfertigen und ausschlaggebend für den</span><br/> <span class="ft7">Abweisungsentscheid sein kann. Eine Beeinträchtigung des Strassen-</span><br/> <span class="ft7">bilds in einem solchen Ausmass ist aber gestützt auf die Akten nicht</span><br/> <span class="ft7">ausreichend erkennbar. Indes obliegt es in erster Linie den örtlichen</span><br/> <span class="ft7">und mit den lokalen Verhältnissen vertrauten Behörden, über den</span><br/> <span class="ft7">ortsbildschützerischen Aspekt zu wachen. Somit ist dem Begehren</span><br/> <span class="ft7">der Beschwerdeführerin I insofern zu entsprechen, als der Gemeinde-</span><br/> <span class="ft7">rat in nochmaliger Prüfung des Baugesuchs die ortsbildbezogene</span><br/> <span class="ft7">Wirkung des geplanten Plakatträgers zu beurteilen und zu erwägen</span><br/> <span class="ft7">hat, ob zur Wahrung des Ortsbildschutzes eine Einschränkung der</span><br/> <span class="ft7">Wirtschaftsfreiheit der Beschwerdeführerin I verhältnismässig er-</span><br/> <span class="ft7">scheint. Nur dann erscheint eine Auslegung des Ersatzbegriffs im</span><br/> <span class="ft7">Sinne der Vorinstanz verfassungsmässig.</span><br/></div> </div> </body> </html>