Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 14. Mai 2020 (755 18 95 / 103) ____________________________________________________________________ Militärversicherung Haftung der Militärversicherung für eine nachdienstlich festgestellte und gemeldete Ge- sundheitsschädigung Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter Beat Hersberger, Kantonsrichterin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiber Markus Schäfer Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch S ebastian Laubscher, Advokat, Greifengasse 1, Postfach 1644, 4001 Basel gegen Suva, Abteilung Militärversicherung , Service Center , Postfach , 6009 Luzern, Beschwerdegegnerin Betreff Leistungen A. Der 1994 geborene A.____ absolvierte vom 30. Juni 2 014 bis 2. April 2015 einen Mili- tärdienst, wobei er zuletzt ab 2. Februar 2015 als abverdienender Fourier in der Rekrutenschule im Einsatz war. Am 2. April 2015 wurde er ordentlich a us dem Dienst entlassen. Am 1. Juni 2015 unternahm A.____ zu Hause einen Suizidversuch mit seiner Armeepistole. Im Anschluss an diese Handlung erfolgten ein stationärer Aufenthal t im Spital B.____ und ab 23. Juni 2015 eine stationäre Rehabilitation in der Klinik C.____. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Am 3. November 2015 meldete Dr. med. D.___, Neurolog ie FMH, Klinik C.____, mit dem For- mular "Anmeldung MVG" A.____ bei der Militärversicherung (MV) an. Im Abschnitt "Beginn und Entwicklung der Krankheit" des Formulars wies sie darauf hin, dass der Versicherte während des Abverdienens des Fouriers im Winter/Frühling 2015 e ine schwere Depression entwickelt habe. Am 1. Juni 2015 habe er den Suizidversuch mit de r Armeepistole unternommen. Er habe sich in den Kopf geschossen und dabei schwere Hirnverletzungen erlitten. In einem Beiblatt zur Anmeldung listete Dr. D.____ sodann die folgenden Di agnosen auf: (1) Schussverletzung oro- temporal rechts in suizidaler Absicht (01.06.2015) mit/b ei (1.1) Verletzung des Hirnpara- enchyms fronto-temporal rechts, epiduralen, subduralen u nd subarachnoidalen Blutanteilen, Mittellinienverlagerung, unklarer Hernierung und begi nnender absteigender Hernierung, (1.2) dekompressiver Hemikraniektomie rechts mit Hämatomevakuat ion, Duraerweiterungsplastik und Einlage Hirndrucksonde, (1.3) Klinik bei Eintritt: Wach, zu allen Qualitäten orientiert, GCS 15, unsicherer Fussgänger, deutlich reduzierte Aufmerksamke itsspanne und Belastbarkeit, von Suizidalität distanziert, (1.4) Implantation eines Pat ient Specific Implant rechts frontal (15.10.2015) zur Kalottendeckung; (2) Komplexe Mittel gesichtsfraktur im Rahmen der Schuss- verletzung bei Dg. 1 mit (2.1) Trümmerfraktur rechts des harten Gaumens, des Sinus maxilliaris, aller Begrenzungen der Orbita, des Jochbogens und der Schädelkalotte fronto-temporo-parietal, (2.2) komplizierter Kronen-Wurzel-Fraktur Zahn 1/6 , ( 2.3) 1. Operation: Palatum Durum-Naht und Blutstillung enoral mittels Nasentamponade (01.06 .2015), (2.4) 2. Operation: Kieferhöhlen- revision rechts, Alveolarfortsatz-Osteosynthese rechts, E xtraktion/Osteotomie Wurzelrestzahn 1/6, Alginatabdruck, Verschluss MAV (12.06.2015); (3) Or ganisch affektive Störung nach ICD- 10 F06.3 (teilremittiert), F06.9; (4) Mittelgradige depressive Episode bei Status nach schwerer depressiver Episode ohne psychotische Symptome F33.3; (5) Re tinopathia sclopetaria mit traumatischem Makulaforamen rechts im Rahmen der Schussverle tzung mit/bei (5.1) Verdacht auf Oculomotoriusbeteiligung bei Ptose/Anisokorie, (5. 2) Makulopathie mit Pigmentverschie- bung/Retinopathia sclopetaria, (5.3) DD Status nach subretinaler Flüssigkeitsexsudation. Am 2. und 8. Dezember 2015 teilte auch Advokat Sebastian Laubscher, der Rechtsvertreter von A.____, der Suva, Abteilung Militärversicherung (im Fo lgenden: Suva-MV), mit, dass sein Man- dant während des Militärdienstes an einer schwerwiegende n Depression erkrankt sei. Diese habe zu seinem Suizidversuch geführt. Damit sei die Le istungspflicht der Militärversicherung erstellt. Gestützt auf ihre Abklärungen lehnte die Suv a-MV in der Folge - nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren - mit Verfügung vom 27. Dezember 2016 die Haftung für den von A.____ begangenen Suizidversuch vom 1. Juni 2015 und dessen Folg en ab. Die vom Versicherten hiergegen erhobene Einsprache wies die Suva-MV mit Ei nspracheentscheid vom 20. Februar 2018 ab. Gleichzeitig hielt sie im Dispositiv des Entscheids nochmals fest, dass die Haftung der Militärversicherung für den Suizidversuch und dessen Folgen abgelehnt werde. B. Gegen diesen Einspracheentscheid erhob Advokat Sebast ian Laubscher namens und im Auftrag von A.____ am 16. März 2018 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozial- versicherungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte er, es sei der angefochtene Einsprache- entscheid aufzuheben und es sei die Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin für die vom Be- schwerdeführer während des Dienstes erlittene Gesundheitsschädigung und deren Folgen fest- zustellen. Eventualiter sei ein gerichtliches Gutachten zur Frage der psychischen Erkrankung Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht während des Militärdienstes anzuordnen. Im Weiteren s ei eine Parteiverhandlung durchzufüh- ren und es sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege mit ihm, Advokat Sebas- tian Laubscher, als unentgeltlichem Rechtsbeistand zu gewähren; alles unter o/e-Kostenfolge. C. In ihrer Vernehmlassung vom 13. April 2018 beantra gte die Suva-MV die Abweisung der Beschwerde. D. Mit Verfügung vom 24. Mai 2018 bewilligte das Kant onsgericht dem Beschwerdeführer gestützt auf die eingereichten Unterlagen für das vorl iegende Verfahren die unentgeltliche Ver- beiständung mit Advokat Sebastian Laubscher als Rechtsvertreter. E. Anlässlich der Parteiverhandlung vom 9. August 2018 h örte das Kantonsgericht Herrn E.___, den Vater des Beschwerdeführers, an. Zudem befr agte es den Beschwerdeführer per- sönlich. In den anschliessenden Plädoyers hielten die Pa rteivertreter an ihren in den Rechts- schriften gestellten Anträgen und den darin vorgebrach ten wesentlichen Begründungen fest. In der nachfolgenden Urteilsberatung gelangte das Kantonsg ericht zur Auffassung, dass eine ab- schliessende Beurteilung der Beschwerde gestützt auf die vorhandene medizinische Aktenlage nicht möglich sei. Das Kantonsgericht beschloss deshalb, de n Fall auszustellen und zur weite- ren Klärung der medizinischen Sachlage ein psychiatrisches Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. Gleichzeitig gab es den Parteien Gelegenheit, sich gemeinsam auf eine Gutachterper- son zu einigen und einen gemeinsamen Fragenkatalog zu erstellen. F. In der Folge schlugen die Parteien gemeinsam vor, d as Gerichtsgutachten durch Prof. Dr. med. F.____, erstellen zu lassen, ebenso einigten s ie sich auf einen Fragenkatalog. Auf Anfrage des Kantonsgerichts hin erklärte Prof. Dr. F.____ jedoch, dass er nicht in der Lage sei, das Gutachten in absehbarer Zeit zu erstellen. Die Par teien erhielten deshalb mit Verfügung vom 8. November 2018 erneut Gelegenheit, sich gemeinsa m auf eine Gutachterperson zu eini- gen. Mit Schreiben vom 4. Dezember 2018 teilte die S uva-MV mit, dass sie und der Beschwer- deführer gemeinsam Prof. Dr. med. G.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Ärztlicher Direktor Klinik H.____, als Gerichtsgutachter vorschlagen würden. Am 19. Dezember 2018 be- auftragte das Kantonsgericht deshalb Prof. Dr. G.____ mit der psychiatrischen Begutachtung des Versicherten und mit der Beantwortung des von den P arteien gemeinsam erstellten Fra- genkatalogs. G. Am 16. Juli 2019 erstattete Prof. Dr. G.____ sein psychiatrisches Gerichtsgutachten. Die Parteien erhielten in der Folge Gelegenheit, si ch zum Inhalt des Gutachtens und zur Frage zu äussern, wie sich dessen Ergebnisse auf den Leistungs anspruch des Versicherten auswir- ken würden. Der Beschwerdeführer machte am 23. Juli 2 019 hiervon Gebrauch. Er vertrat die Auffassung, dass das Gutachten aufgrund der klaren Antwo rten des Experten auf die ihm un- terbreiteten Fragen zu einer Feststellung der Leistung spflicht der Beschwerdegegnerin für die Folgen der Erkrankung während des Militärdienstes ein schliesslich des Suizidversuchs führen müsse. Die Suva-MV wiederum stellte in ihrer Eingabe vo m 12. August 2019 in erster Linie die Notwendigkeit der erfolgten Begutachtung in Frage. So fern das Gericht seinen Entscheid trotz- dem auf das Gutachten abstützen wolle, seien bei Prof. D r. G.____ ergänzende Auskünfte ein- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht zuholen. Die Beschwerdegegnerin formulierte zu diesem Zweck elf Zusatzfragen, die dem Ge- richtsgutachter zu unterbreiten seien. In der Folge äu sserten sich der Beschwerdeführer am 21. August 2019 und die Suva-MV am 14. Oktober 2019 zu r jeweiligen Stellungnahme der Ge- genpartei. H. Nachdem der Beschwerdeführer in seiner Eingabe vom 21 . August 2019 noch die Auf- fassung vertreten hatte, es sei nicht erforderlich, dem Gerichtsgutachter die Zusatzfragen der Beschwerdegegnerin zu unterbreiten, kam er mit Schreibe n vom 22. Oktober 2019 auf seinen Standpunkt zurück und ersuchte neu darum, dem entspreche nden Antrag der Beschwerdegeg- nerin stattzugeben. Da diesbezüglich nunmehr ein überei nstimmender Verfahrensantrag der Parteien vorlag, entschied das Kantonsgericht mit Verfügung vom 28. Oktober 2019, diesem zu entsprechen. Es beauftragte deshalb den Gerichtsgutac hter Prof. Dr. G.____ am 30. Oktober 2019, zu den von der Beschwerdegegnerin formulierten elf Zusatzfragen Stellung zu nehmen. Am 24. Dezember 2019 reichte Prof. Dr. G.____ seine An tworten ein. In der Folge äusserten sich die Suva-MV am 20. Februar 2020 und der Beschwerd eführer am 24. Februar 2020 zu diesen ergänzenden Ausführungen des Gerichtsgutachters. Anschliessend wurde die Angele- genheit mit Verfügung vom 27. Februar 2020 erneut dem Gericht zur Beurteilung überwiesen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes ü ber den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, desse n Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetze s über die Militärversicherung (MVG) vom 19. Juni 1992 auf die Militärversicherung anwendbar sind, kann gegen Einspracheent- scheide der Suva-MV beim zuständigen kantonalen Versicherungsgericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Versicherungsgericht desjenigen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwerdeerhebung ih ren Wohnsitz hat. Vorliegend be- fand sich dieser zum genannten Zeitpunkt in I.____ (BL), weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtl iche Instanz des Kantons Be- schwerden gegen Einspracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die - im Übri- gen frist- und formgerecht erhobene - Beschwerde des Versicherten vom 16. März 2018 ist demnach einzutreten. 2.1 Gemäss Art. 4 Abs. 1 Satz 1 MVG haftet die Militär versicherung nach den Bestimmun- gen dieses Gesetzes für alle Schädigungen der körperlich en, geistigen oder psychischen Ge- sundheit des Versicherten und für die unmittelbaren wi rtschaftlichen Folgen solcher Schädigun- gen. 2.2 Nach Art. 5 Abs. 1 MVG erstreckt sich die Militärversich erung auf jede Gesundheits- schädigung, die während des Dienstes in Erscheinung tritt und gemeldet oder sonst wie festge- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht stellt wird. In diesen Fällen haftet die Militärversich erung grundsätzlich nach dem Kontemporali- tätsprinzip (BGE 111 V 370 E. 1a; vgl. dazu J ÜRG MAESCHI , Kommentar zum Bundesgesetz über die Militärversicherung [MVG] vom 19. Juni 1992, Be rn 2000, N 30 ff. Vorbemerkungen zu Art. 5 - 7 MVG). Sie haftet indessen nicht, wenn sie den Beweis erbringt, dass die Gesundheits- schädigung sicher vordienstlich ist oder sicher nicht während des Dienstes verursacht werden konnte (Art. 5 Abs. 2 lit. a MVG), und wenn sie zusätzli ch den Beweis erbringt, dass diese Ge- sundheitsschädigung sicher während des Dienstes weder verschl immert noch in ihrem Ablauf beschleunigt worden ist (Art. 5 Abs. 2 lit. b MVG). Wi rd der nach Absatz 2 Buchstabe a gefor- derte Beweis erbracht, dagegen nicht derjenige nach Ab satz 2 Buchstabe b, so haftet die Mili- tärversicherung für die Verschlimmerung der Gesundheitsschädigung (Art. 5 Abs. 3 MVG). 2.3.1 Wird die Gesundheitsschädigung erst nach Schluss des Dienstes durch einen Arzt, Zahnarzt oder Chiropraktor festgestellt und bei der Militärversicherung angemeldet oder werden Spätfolgen oder Rückfälle geltend gemacht, so haftet d ie Militärversicherung gemäss Art. 6 MVG nur, wenn die Gesundheitsschädigung mit überwiegen der Wahrscheinlichkeit während des Dienstes verursacht oder verschlimmert worden ist oder wenn es sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit um Spätfolgen oder Rückfälle einer versicherten Gesundheitsschädigung handelt. Die Haftung für nachdienstlich festgestellte und gemeldete Gesundheitsschädigungen richtet sich somit grundsätzlich nach dem Kausalitätsprinzip (JÜRG MAESCHI , a.a.O., N 32 Vor- bemerkungen zu Art. 5 - 7 MVG und N8 zu Art. 6 MVG). Zwischen der Gesundheitsschädigung und den Einwirkungen während des Dienstes muss ein nat ürlicher Kausalzusammenhang be- stehen. Ein solcher ist schon dann gegeben, wenn die E inwirkungen während des Dienstes eine wesentliche Teilursache für die Entstehung oder Ver schlimmerung der Gesundheitsschä- digung darstellen. Der Kausalzusammenhang muss darüber hinaus adäquat sein (J ÜRG MAESCHI , a.a.O., N 8 zu Art. 6 MVG mit Hinweisen). 2.3.2 Als ursächliche Einwirkungen während des Dienstes f allen alle gesundheitsschädigen- den Einflüsse in Betracht, denen der Versicherte währ end des Dienstes ausgesetzt war. Nicht erforderlich ist, dass es sich um dienstliche Einwirkungen handelt, die Gesundheitsschädigung somit durch den Dienst selbst verursacht oder verschlimmert worden ist. Die Militärversicherung haftet demnach nicht nur für Gesundheitsschädigungen, die in einem ursächlichen Zusammen- hang mit den Besonderheiten des Dienstes (wie Strapaze n, Witterungseinflüsse, psychische Belastung) stehen, sondern auch dann, wenn dienstuna bhängige Ursachen (z.B. Unfall im Ur- laub, Infektion durch Zivilperson) zu einer Gesundheitsschäd igung geführt haben. Insofern ge- nügt auch im Rahmen von Art. 6 MVG das zeitliche Zusamm enfallen von Gesundheitsschädi- gung und Dienst (JÜRG MAESCHI , a.a.O., N 9 zu Art. 6 MVG). Gemäss der Lehre ist des halb die Geltung des Kausalitätsprinzips bei der Haftung nach Art . 6 MVG zu relativieren. Es liegt inso- fern kein echtes Kausalitätsprinzip vor, als nicht eine Verursachung durch den Dienst vorausge- setzt ist. Die Haftung nach Art. 6 MVG lässt sich daher a uch als kausaltemporal bezeichnen (JÜRG MAESCHI , a.a.O., N 32 Vorbemerkungen zu Art. 5 - 7 MVG). 2.4 Ob die Haftungs- und Beweisregel des Art. 5 MVG o der des Art. 6 MVG zur Anwen- dung gelangt, bestimmt sich danach, ob eine behandlung sbedürftige oder die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigende Gesundheitsschädigung während des Di enstes in Erscheinung getreten und Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht gemeldet oder sonst wie festgestellt (Art. 5 Abs. 1 MVG) oder erst nach Schluss des Dienstes durch einen Arzt, Zahnarzt oder Chiropraktor festgestellt und bei der Militärversicherung ange- meldet worden ist (Art. 6 Abs. 1 MVG). Erst nach Beant wortung dieser Vorfrage (BGE 111 V 370 E. 1b, Urteil des Bundesgerichts vom 5. Juli 2 018, 8C_875/2017, E. 6.1) lässt sich beurteilen, welche Beweisregel im konkreten Fall zur Anw endung gelangt. Massgebend für die Wahl der zutreffenden Haftungs- und Beweisregel ist mi t anderen Worten primär der Zeitpunkt der Meldung (oder Feststellung durch eine andere Perso n) der Gesundheitsschädigung (J ÜRG MAESCHI , a.a.O., N 39 und 40 Vorbemerkungen zu Art. 5 - 7 MV G). Nach Massgabe der an- wendbaren Beweisregel bestimmt sich alsdann, ob grundsätzl ich eine Haftung der Militärversi- cherung besteht. Ist die Gesundheitsschädigung nicht ausschli esslich auf Einwirkungen wäh- rend des Dienstes zurückzuführen, stellt sich - im Rahmen v on Art. 5 MVG oder Art. 6 MVG - die Frage nach dem Mass der Bundeshaftung (Art. 64 MV G; JÜRG MAESCHI , a.a.O., N 39 Vor- bemerkungen zu Art. 5 - 7 MVG; vgl. zum Verhältnis v on Art. 64 MVG zu den Haftungsgrund- sätzen von Art. 5 ff. MVG auch das Urteil des Bundesge richts vom 11. Oktober 2019, 8C_185/2019, E. 5.4 mit Hinweisen). 2.5 Der Unterschied zwischen den Haftungsvoraussetzungen nach Art. 5 und Art. 6 MVG besteht namentlich darin, dass im ersten Fall der Kausalzusammenhang zwischen der Gesund- heitsschädigung und den Einwirkungen während des Dienste s vermutet wird und diese Vermu- tung nur durch den gegenteiligen Sicherheitsbeweis ausg eschlossen werden kann, während im zweiten Fall das Vorliegen kausaler Folgen der dienst lichen Gesundheitsschädigung mit dem im Sozialversicherungsrecht allgemein erforderlichen Bewe isgrad der überwiegenden Wahr- scheinlichkeit erstellt sein muss (Urteil des Bundesgerichts vom 5. Juli 2018, 8C_875/2017, E. 5 mit Hinweisen). 2.6 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass sich die Haftu ng der Militärversicherung grundsätzlich auf sämtliche Folgen erstreckt, die mit dem versicherten Ereignis in einem rechts- erheblichen Kausalzusammenhang stehen (Urteil des Bunde sgerichts vom 11. Oktober 2019, 8C_185/2019, E. 5.3; BGE 111 V 370 E. 2a). Dabei fi nden je nach der Ausgangslage die Haf- tungsgrundsätze bzw. Beweisregeln des Art. 5 MVG oder jen e des Art. 6 MVG auf die Gesamt- heit der Gesundheitsschädigung Anwendung (BGE 111 V 370 E. 2a). 3.1 Wie den Akten entnommen werden kann, hatte der V ersicherte vom 30. Juni 2014 bis zum 2. April 2015 Militärdienst geleistet. Rund sieben Monate nach Schluss dieses Dienstes, am 3. November 2015, meldete Dr. D.____ mit dem For mular "Anmeldung MVG" (samt Bei- blatt) ärztlicherseits bei der Militärversicherung eine G esundheitsschädigung des Versicherten an, die während der genannten Dienstleistung verursach t worden sei. Vor diesem zeitlichen Hintergrund steht fest, dass im vorliegenden Fall eine a llfällige Haftung der Militärversicherung nach den Haftungs- und Beweisregeln des Art. 6 MVG zu b eurteilen ist. In diesem Punkt sind sich denn auch die Parteien - zu Recht - einig. 3.2 Wie oben ausgeführt (vgl. E. 2.3 hiervor), haftet die Militärversicherung für erst nach- dienstlich festgestellte und bei der Militärversicherung angemeldete Gesundheitsschädigungen nur, wenn die Gesundheitsschädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit während des Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Dienstes verursacht oder verschlimmert worden ist. Zwischen der Gesundheitsschädigung und den Einwirkungen während des Dienstes müssen ein natürli cher und ein adäquater Kausalzu- sammenhang bestehen. 3.3 Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhang s sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Um- schreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzus ammenhangs nicht erforderlich, dass ein Ereignis die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis- tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt h at, das Ereignis mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetrete ne gesundheitliche Störung entfiele. Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesund heitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die rechtsanwendende Behörde - die Verwaltung oder im Streitfall das Gericht - im Rahmen der ihr obliegenden Beweiswürdigung (vgl. dazu E. 5.3 hiernach) zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs ge- nügt für die Begründung eines Leistungsanspruchs nicht (BG E 129 V 177 E. 3.1 mit Hinwei- sen). 3.4 Was den adäquaten Kausalzusammenhang betrifft, so hat nach der Rechtsprechung ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolgs zu g elten, wenn es nach dem gewöhnli- chen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenser fahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 1 77 E. 3.2 mit Hinweis). Der Voraus- setzung des adäquaten Kausalzusammenhangs kommt dabei die Funktion einer Haftungsbe- grenzung zu (BGE 125 V 462 E. 5c, 123 V 102 E. 3b mit Hinweisen). Ob bei Vorliegen eines natürlichen Kausalzusammenhanges zwischen dem versicherten Ereignis und der eingetrete- nen gesundheitlichen Schädigung auch der erforderliche adäquate, d.h. rechtserhebliche Kau- salzusammenhang besteht, ist eine Rechtsfrage, die nach den von Doktrin und Praxis entwi- ckelten Regeln vom Gericht zu beurteilen ist (BGE 112 V 30 E. 1b). 4. Suizid und Suizidversuch fallen in den sachlichen Gel tungsbereich der Militärversiche- rung, soweit sie die adäquate Folge einer versicherten G esundheitsschädigung (Unfall oder Krankheit) sind oder wenn sie selber die Merkmale eines Unfallereignisses aufweisen, was eine Urteilsunfähigkeit im Sinne von Art. 16 des Schweizerisch en Zivilgesetzbuchs (ZGB) vom 10. Dezember 1907 voraussetzt. Im letzteren Fall liegt meist jedoch eine psychische Störung mit Krankheitswert vor, sodass der Suizid oder Suizidversuch militärversicherungsrechtlich als Krankheitsfolge zu beurteilen ist (J ÜRG MAESCHI , a.a.O., N 21 zu Art.4 MVG). Bei Suizidhand- lungen als Krankheitsfolge ist zu unterscheiden zwischen Folgen versicherter organischer und Folgen versicherter psychischer Krankheiten. Im ersten Fall rechtfertigt sich eine analoge Ab- grenzung, wie sie nach der Rechtsprechung zu den psychische n Unfallfolgen gilt (vgl. dazu BGE 115 V 133 ff.). Erfolgt die Suizidhandlung im An schluss an eine versicherte psychische Krankheit (Depression, Suchterkrankung, Persönlichkeitsstörun g usw.), ist mit der natürlichen Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Kausalität in der Regel auch die Adäquanz zu bejahen ( JÜRG MAESCHI , a.a.O., N 23 zu Art.4 MVG). 5.1 Zwischen den Parteien ist vorliegend strittig, ob de r Beschwerdeführer im Zeitpunkt des Suizidversuchs, den er zwei Monate nach Schluss des Die nstes unternahm, an einer psy- chischen Gesundheitsschädigung litt und - bejahendenfalls - ob diese mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit während des Dienstes verursacht oder verschlimmert wurde. 5.2 Was als Gesundheitsschädigung im militärversicherungsr echtlichen Sinn zu gelten hat, wird im Gesetz nicht näher umschrieben. Aus Art. 4 MVG geht lediglich hervor, dass es sich um eine Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychisch en Gesundheit handeln muss. Als Schädigung der psychischen Gesundheit gelten alle psychischen Leiden, welchen Krankheits- wert zukommt (vgl. JÜRG MAESCHI , a.a.O., N 5 und 6 zu Art. 4 MVG). 5.3 Bei der Beurteilung der aufgeworfenen medizinisch en Fragen, ob der Beschwerdefüh- rer im Zeitpunkt des Suizidversuchs an einer psychischen Gesun dheitsschädigung litt und - bejahendenfalls - ob diese mit überwiegender Wahrschei nlichkeit während des Dienstes verur- sacht oder verschlimmert wurde, ist das Gericht auf verlässl iche medizinische Entscheidungs- grundlagen angewiesen (BGE 134 V 231 E. 5.1). Das Gericht hat diese nach dem für den Sozi- alversicherungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweisw ürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle anderen Beweismittel - frei, d.h. o hne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeu tet, dass das Sozialversiche- rungsgericht alle Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und da- nach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlage n eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohn e das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizini- sche These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, au f allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammen hänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussf olgerungen der Expertin oder des Ex- perten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 5.4 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). 5.4.1 So weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach de r Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen (BGE 143 V 269 E. 6.2.3.2 mit Hinweisen). Ein Grund zum Abweichen Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchli ch ist oder wenn ein vom Gericht ein- geholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt. Ab- weichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein , wenn gegensätzliche Meinungsäusse- rungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig gen ug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Ob erexpertise vom Ergebnis des Ge- richtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (B GE 125 V 351 E. 3b/aa mit Hinwei- sen). 5.4.2 Im Weiteren ist laut diesen Richtlinien den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens ein- geholten Gutachten externer Spezialärzte, welche aufgru nd eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht e rstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Be weiswürdigung volle Beweiskraft zu- zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuv erlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 6. März 2019, 9C_609/2018, E. 3.2.2). 5.4.3 Was schliesslich die Berichte und Gutachten versiche rungsinterner Fachpersonen be- trifft, so kommt diesen nicht derselbe Beweiswert zu wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten externer Fachpersonen oder gar w ie einem Gerichtsgutachten. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutacht ens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. B estehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinte rnen ärztlichen Feststellungen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 145 V 97 E. 8.5 am Ende, 142 V 58 E. 5.1 am Ende, mit Hinweisen). 6.1 Die Suva-MV holte zur Klärung der strittigen medi zinischen Fragen (vgl. E. 5.1 hiervor) die “Psychiatrische Beurteilung“ des Konsiliarpsychiaters D r. med. J.____, Psychiatrie und Psy- chotherapie FMH, Suva Versicherungsmedizin, vom 12. Februar 2018 ein. 6.1.1 In dieser Beurteilung erhob Dr. J.____ als psychia trische Diagnosen vor dem Suizid- versuch "eine pathologische Beziehung zu respektive eine m ehrmalige Überforderung durch Leistungsdruck" sowie einen Status nach - am ehesten mittelgradiger - depressiver Episode mit 17 Jahren (2011; ICD-10 F32.1). Bezüglich des aktuellen Zustands diagnostizierte er "sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, eher leichtgradig ausgeprägt (ICD-10 F07.8)", und eine leichte kognitive Störung (ICD-10 F 06.7) bei Hirnverletzung fronto-temporal rechts durch Suizidversuch am 01.06.2015. In seiner diagn ostischen Beurteilung hielt Dr. J.____ zum hier vorwiegend interessierenden Zustand vor dem Suizidversuch fest, es wirke auf der einen Seite erstaunlich oder gar bizarr, dass sich ein junger Mann umbringen wolle, oh- ne unter einer erheblichen psychiatrischen Erkrankung zu leiden. Andererseits wirkten die dies- bezüglichen Schilderungen des Versicherten glaubwürdig. Dazu komme, dass hier die Psycho- dynamik (starke Mühe mit jeglicher Art von Leistungsdruck) sehr stark zu gewichten sei. Diese habe bereits vor dem Militärdienst einmal zu einer psych ischen Dekompensation mit depressi- ver Symptomatik geführt. Es sei nicht möglich, diese Psychod ynamik in den Rahmen einer Di- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht agnose der ICD-10 zu stellen. Am ehesten würde noch ein e Persönlichkeitspathologie passen, aber insgesamt seien die Voraussetzungen für die Diagn ose einer Persönlichkeitsstörung nicht erfüllt gewesen. Für die Diagnose einer Persönlichkeit sakzentuierung sei der Versicherte noch zu jung. Er sei zum Zeitpunkt seines Suizidversuchs erst 21 Jahre alt gewesen und somit sei seine Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen gewesen. 6.1.2 Die Frage der Suva-MV, ob ein überwiegend wah rscheinlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Suizidversuch und dem geleisteten Militärdie nst bestehe, bejahte Dr. J.____. Aus versicherungsmedizinischer Sicht liege überwiegend wahr scheinlich ein natürlicher, teil- kausaler Zusammenhang vor. Der Suizidversuch am 1. Juni 2015 sei geplant gewesen und habe auf einer entsprechenden Absicht beruht, die bereits im Herbst 2014 erstmals aufgetreten sei und sich während der folgenden acht Monate gefestigt habe. Der Militärdienst, insbesondere das Abverdienen als Fourier, habe ganz wesentlich zur E ntwicklung der über Monate hinweg persistierenden Gewissheit, dass er sich umbringen würde, und schliesslich zum Suizidversuch beigetragen. Ohne den Militärdienst wäre es nicht in dieser Zeit und in dieser Weise zum Selbsttötungsversuch gekommen. 6.2.1 Nach dem Gesagten gelangte Dr. J.____ in seiner "Psychiatrischen Beurteilung" vom 12. Februar 2018 zur Auffassung, dass beim Versicherten - abgesehen von einer am ehesten mittelgradigen depressiven Episode im Jahr 2011 - vor und während des Militärdienstes sowie im Zeitpunkt des Suizidversuchs überwiegend wahrscheinlich k ein psychisch relevanter Zu- stand mit Krankheitswert vorgelegen habe. Die grossen Sch wierigkeiten, mit Leistung umzuge- hen, hätten wahrscheinlich schon vor dem Militärdienst be standen, diese seien aber nicht als psychiatrische Störung im eigentlichen Sinne zu beurteile n. Auf diese fachärztliche Einschät- zung kann nun aber nicht abgestellt werden. Wie oben au sgeführt, sind an die Beweiswürdi- gung strenge Anforderungen zu stellen, wenn ein Versich erungsfall ohne Einholung eines ex- ternen Gutachtens entschieden werden soll. Bestehen a uch nur geringe Zweifel an der Zuver- lässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergän- zende Abklärungen vorzunehmen (vgl. E. 5.4.3 hiervor und die dortigen Rechtsprechungshin- weise). Anlässlich der ersten in dieser Angelegenheit er folgten Urteilsberatung vom 9. August 2018 gelangte das Kantonsgericht zur Auffassung, dass hie r solche Zweifel an der Schlüssig- keit der Beurteilung des beratenden Konsiliarpsychiaters vorliegen würden. 6.2.2 Das Kantonsgericht erwog in seinem Beschluss vom 9. August 2018, ein wesentlicher Mangel an der Beurteilung von Dr. J.____ bestehe dari n, dass dieser keine fremdanamnesti- schen Abklärungen vorgenommen habe, was jedoch bei der vorliegenden Fragestellung klarer- weise angezeigt gewesen wäre und was deshalb den Beweisw ert seiner Einschätzungen er- heblich schmälere. Zweifel an der Schlüssigkeit der Beurt eilung von Dr. J.____ würden sich darüber hinaus aber auch aus dem ausführlichen Bericht des behandelnden Psychiaters Dr. med. K.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 13. März 2018 ergeben. Im Ge- gensatz zu Dr. J.____ diagnostiziere Dr. K.____ beim Versicherten ein erhebliches psychisches Leiden mit Krankheitswert, welches seines Erachtens während des Militärdienstes aufgetreten sei und bis zum Suizidversuch angedauert habe. Zudem be gründe Dr. K.____ seine abwei- chende Auffassung ebenso einlässlich und für den medizinischen Laien nicht weniger plausibel, Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht als der Konsiliarpsychiater Dr. J.____ seinen Standpunkt d arlege. Unter diesen Umständen könne bei der Würdigung des massgeblichen medizinischen S achverhalts der versicherungsin- ternen Beurteilung des Konsiliarpsychiaters Dr. J.____ ke ine ausschlaggebende Beweiskraft beigemessen werden. Nicht gefolgt werden könne ander seits aber auch dem Standpunkt des Beschwerdeführers, wonach bei der Beweiswürdigung abschli essend auf die Einschätzungen des behandelnden Psychiaters Dr. K.____ abzustellen sei. Dieser weise in seinen Ausführun- gen selber darauf hin, dass er „als behandelnder Arzt sich erlich keinen gutachterlich-neutralen Blick“ habe. Zudem habe auch Dr. K.____ keine fremdanam nestischen Abklärungen getätigt, sondern sich im Wesentlichen auf eine inhaltliche Ausein andersetzung mit den Feststellungen von Dr. J.____ beschränkt. Der Bericht von Dr. K.____ er fülle deshalb die von der Rechtspre- chung verlangten formalen und inhaltlichen Voraussetz ungen an eine medizinische Beurtei- lungsgrundlage (vgl. E. 5.3 hiervor) ebenfalls nicht in ausreichendem Masse. 6.2.3 Da die übrigen bei den Akten liegenden medizini schen Berichte ebenfalls keine ausrei- chende Grundlage für eine abschliessende Beurteilung der Beschwerde bildeten, entschied das Kantonsgericht in seinem Beschluss vom 9. August 2018, de n Fall auszustellen und die erfor- derliche zusätzliche Abklärung des medizinischen Sachverhalts im Rahmen eines psychiatri- schen Gerichtsgutachtens vornehmen zu lassen. Nachdem sich die Parteien in der Folge auf Prof. Dr. G.____ als Gutachterperson geeinigt und gem einsam einen Fragenkatalog erstellt hatten, erging der entsprechende Auftrag des Kantonsgerichts an den genannten Facharzt. 7.1 Am 16. Juli 2019 erstattete Prof. Dr. G.____ sein ausführliches Gerichtsgutachten. Dieses stützt sich auf zwei persönliche, insgesamt vierei nhalb Stunden dauernde ambulant- psychiatrische Untersuchungen und eine testpsychologische Abklärung des Exploranden sowie auf die gesamten Akten des Falls. Zudem holte der Gu tachter beim behandelnden Psychiater Dr. K.____, bei L.____, dem Kommandanten des Versicher ten während dessen Militärdienst- leistung, bei E.____, dem Vater des Versicherten, und bei M.____, die laut ihren eigenen Anga- ben bis kurz vor dem Suizidversuch eine enge Freundschaft mit dem Versicherten gepflegt hat- te, telefonisch Fremdauskünfte ein. 7.2 Im Rahmen seiner diagnostischen Beurteilung nahm P rof. Dr. G.____ vorerst eine Ein- schätzung der aktuellen Situation vor, anschliessend befa sste er sich mit der Situation vor dem Suizidversuch. 7.2.1 Aktuell zeige der Explorand, so der Gutachter, we der depressive noch manische Symptome. Bei einem Status nach einem schweren Schädelh irntrauma nach Schussverletzung könne aktuell die Diagnose einer organischen depressiven S törung (ICD-10 F06.32), die aller- dings zurzeit unter Behandlung remittiert sei, gestell t werden. Anamnestisch zeige der Explo- rand trotz des schweren Schädelhirntraumas erstaunlich wen ig kognitive Symptome und wenig offensichtliche Verhaltensauffälligkeiten. Dennoch zeigt en sich im Alltag klare Defizite, sodass eine Berufsattest-Lehre (EBA) im geschützten Rahmen hab e abgebrochen werden müssen. Der Explorand zeige Defizite, zielgerichtete Aktivitäten über längere Zeiträume durchzuhalten und möglicherweise eine verminderte Stress- und Frustr ationstoleranz. So habe er sich sehr über die Beurteilung seiner Vorgesetzten im Rahmen der IV-Massnahme geärgert. Diagnos- Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht tisch erfülle er nicht alle Kriterien für eine organisch e Persönlichkeitsstörung, die Symptomatik rechtfertige jedoch die Diagnose „sonstige organische Pe rsönlichkeits- und Verhaltensstörun- gen aufgrund eines Schädelhirntraumas" (ICD-10 F07.8). 7.2.2 In seiner diagnostischen Beurteilung für den Zei traum vor dem Suizidversuch befasste sich Prof. Dr. G.____ als erstes mit der Persönlichkeit des Exploranden. So hält er fest, dass dieser eine im Wesentlichen unauffällige kindliche und schulische Entwicklung gezeigt habe. Im Alter von neun Jahren habe der Explorand seine Mutt er verloren, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sei. Der Vater und die Grosseltern hätten sich sehr um den Versicherten und seine Geschwister bemüht und ihnen ein geregeltes Umfeld und gute Strukturen ermög- licht. Emotional habe der Explorand wahrscheinlich weni ger Unterstützung erlebt und einfach funktionieren müssen; für Trauer und Verarbeitung sei wenig Raum geblieben. Dies sei insofern für die aktuelle Beurteilung von Relevanz, als der Expl orand wahrscheinlich in seiner Kindheit die Erfahrung gemacht habe, dass über Trauer und Depr ession wenig gesprochen worden und gleichzeitig Leistung wichtig gewesen sei. Dies könne erklären, dass er auch später wenig Zu- gang zu seinen Gefühlen habe entwickeln können. Trotz de r schwierigen, erheblich belasten- den Situation nach dem Tod der Mutter habe sich der V ersicherte wieder auf die Schule kon- zentrieren können und durchschnittliche Leistungen erbr acht. Die weitere schulische und per- sönliche Entwicklung sei weitgehend unauffällig gewesen. Zwar sei der Explorand eher minima- listisch gewesen, aber wenn er für etwas Interesse entwickelt habe, habe er durchaus eine sehr gute Leistungsfähigkeit gezeigt. Der Explorand verfüg e sicher über eine durchschnittliche Intel- ligenz. Hinweise für eine Persönlichkeitsstörung, die in früheren Berichten diskutiert worden sei, würden sich keine finden. 7.2.3 Nachfolgend ging der Gutachter näher auf die psy chiatrische Entwicklung vor dem Mili- tärdienst ein. In der Exploration habe der Versicherte berichtet, dass er im Alter von 17 Jahren - während der FMS - einmal eine suizidale Krise erlebt h abe. Er sei damals unter sehr viel Druck (Schule und Nebenjobs) gestanden und habe sich überfordert gefühlt. Zudem habe es familiäre Spannungen gegeben. Im Alter von ca. 19 Jahren - Dr. J.____ habe in seiner Beurteilung dies- bezüglich ein Alter von 17 Jahren genannt - habe der Explorand eine Phase mit wenig von aus- sen gegebenen Strukturen erlebt. Er habe damals seine F achmaturaarbeit schreiben müssen und sich überfordert gefühlt. Der Versicherte beschreibe die damalige Situation mit einer ge- drückten Stimmung, Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit u nd Hoffnungslosigkeit; Suizidgedanken hätten jedoch keine bestanden. Seine Leistungsfähigkeit sei aber offenbar, so die Einschätzung des Gutachters, deutlich eingeschränkt gewesen, teilweise sei der Versicherte den ganzen Tag im Bett geblieben und habe nichts gemacht. Auch wenn der Explorand diese Episode in seinem Leben selber nicht als Depression eingestuft habe, kön ne aus heutiger Sicht wohl eine leicht- bis mittelgradige depressive Episode angenommen werden. Dies werde auch von Dr. J.____ in seiner Beurteilung so eingeschätzt. Bemerkenswert sei al lerdings, dass weder der Explorand noch seine nächste Umgebung den Zustand als krankhaft und/oder depressiv eingeschätzt hät- ten. In dieser Phase habe sich der Explorand selber als "faul" und demotiviert, aber nicht als depressiv erlebt. Erst auf genaueres Nachfragen würden sich denn auch klare Hinweise auf depressive Symptome ergeben. Auch der behandelnde Arzt D r. K.____ gehe davon aus, dass es sich damals um eine depressive Episode gehandelt habe. Beurteile man deren Ausmass Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht anhand der Kriterien einer depressiven Episode gemäss ICD-10, so habe der Explorand damals die Diagnosekriterien einer mittelgradigen depressiven Episode erfüllt. Hinweise für manische oder hypomanische Episoden vor dem Militärdienst würden sich hingegen keine finden. 7.2.4 Zur psychiatrischen Entwicklung während des Militärdienstes führt Prof. Dr. G.____ aus, der Explorand sei zu Beginn der Militärzeit während der RS sehr motoviert und engagiert gewesen. In der anschliessenden Fourier-Schule habe er im Theorie-Unterricht nicht alles so ernst genommen und er sei offenbar anfänglich recht unbeschwert gewesen. Im Laufe der Aus- bildung seien zunehmend Angst und Überforderung aufg etreten. Insbesondere während des Abverdienens habe sich der Explorand mehr und mehr unt er Druck gefühlt. Er berichte nach- vollziehbar, dass er sich mit seinen Aufgaben überfordert gefühlte habe, besonders die finanzi- elle Verantwortung habe schwer auf ihm gelastet, weil er da zu wenig "aufgepasst" habe wäh- rend des Theorie-Unterrichts. Sehr belastend sei zudem ein Vorgesetzter gewesen, der selber überfordert gewesen sei. Dieser habe ihn mit Aufträgen überschüttet und sich bis zu 60 Mal pro Tag sowie zu allen Tages- und Nachtzeiten telefonisch od er per SMS an ihn gewandt. Schlaf- mangel und Leistungsdruck seien immer belastender gewo rden und seine Leistungsfähigkeit habe abgenommen. Diese Schilderungen des Exploranden würden durch die Auskunft des Va- ters, der die Telefonanrufe/SMS des Vorgesetzten auf d em Mobiltelefon seines Sohnes gese- hen habe, gestützt. Auch von seinem damaligen Komman danten werde die Einschätzung ge- teilt, dass der fachliche Vorgesetzte selber überforder t und wenig kompetent gewesen sei. Der Vater beschreibe, dass sich der Explorand während der Fo urier-Schule und des Abverdienens verändert habe. Seine Begeisterung für das Militär sei plötzlich weg gewesen, er habe sehr viel über den überforderten Vorgesetzten geredet, sei kaum noch aus dem Bett gekommen am Wo- chenende und habe Mühe gehabt, nach dem Wochenende wi eder einzurücken. Er sei zurück- gezogen, unmotiviert und vor dem Einrücken deprimiert g ewesen. Er habe total "abgelöscht" gewirkt und sein Verhalten sei untypisch gewesen. Währe nd er sich früher eher überschätzt habe, habe er sich gar nichts mehr zugetraut. Der Explorand habe offenbar sehr hohe Ansprüche an sich selber gestellt und darunter gelitten, dass er diese (zumindest subjektiv) nicht habe erfüllen k önnen. Zudem habe er sich "zwischen den Fronten" zwischen seinen Untergebenen und den Vorge setzten erlebt und sich gleichzeitig für die Untergebenen verantwortlich gefühlt. Der Kommandant, der sich gut an den Exploranden erinnern könne, habe nicht bemerkt, dass dieser die Lei stung nicht erbracht habe. Wohl sei er noch jung und wenig erfahren gewesen, im Vergleich m it andern habe er aber durchaus gute Leistungen erbracht. Offensichtlich hätten hier Selbst- und Fremdwahrnehmung divergiert und der Explorand habe sich viel schlechter eingeschätzt a ls der Kommandant. Hier habe es sich klar um Insuffizienzgefühle (Gefühle des Versagens, die objektiv nicht gerechtfertigt erscheinen) gehandelt. Der Kommandant beschreibe den Exploranden als gewissenhaft, ruhig, manchmal "unsicher und etwas verdattert", er sei allerdings nie auf die Idee gekommen, dass er psychi- sche Probleme haben könnte. Sowohl die Beschreibung de s Vaters mit der Veränderung als auch die Beschreibung des Kommandanten, der den Explor anden von früher her nicht gekannt habe, würden auf eine deutliche depressive Entwicklung i n der Zeit schliessen lassen, auch wenn niemand das Verhalten als Depression eingestuft bzw. erkannt habe. Die Leistungsfähig- keit sei subjektiv klar eingeschränkt gewesen, objektiv hab e der Explorand noch lange gegen Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht aussen die Fassade aufrechterhalten und mit seiner Ge wissenhaftigkeit und mit Unterstützung seines Kollegen die Defizite kompensieren können. Dies sei ihm aber nur unter Aufbieten seiner letzten Reserven gelungen. Der Explorand habe ab Oktober 2014 zunehmend Suizidged anken entwickelt und ab Februar 2015 begonnen, regelmässig mit der ungeladenen Schusswa ffe zu hantieren und den Suizid "zu üben". Irgendwann habe sich beim Versicherten die Ge wissheit entwickelt, dass er sein Leben durch Suizid beenden werde. Für diese Zeit habe gemäss den ICD-10-Kriterien klar eine mittelschwere depressive Episode vorgelegen. In Anbetrach t, dass die objektive Leistungsfä- higkeit zumindest teilweise erhalten gewesen sei (Fremd auskunft des Kommandanten), habe es sich wahrscheinlich nicht um eine schwere depressive Episod e gehandelt. Da jedoch bereits früher mindestens eine depressive Episode beschrieben wor den sei, sei von einer rezidivieren- den depressiven Episode auszugehen. Es könne somit die Di agnose einer rezidivierenden de- pressiven Störung, mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1), für die Zeit des Militärdienstes gestellt werden. Diese Symptomatik habe auch nach dem Militärdienst angehalten. 7.2.5 In der Zeit nach Beendigung des Dienstes habe der Versicherte Phasen erh öhter Akti- vität und Hochstimmung gezeigt, die aber von aussen nicht adäquat erscheinen würden. Sein diesbezügliches Verhalten (erhöhter Bierkonsum, unverbin dliche sexuelle Kontakte, sorgloser Umgang mit Geld) sei durchaus erklärungsbedürftig. Ein erseits könne es darauf zurückgeführt werden, dass der Explorand, wie er es selber darstelle , durch seinen Entschluss und die Ge- wissheit, den Suizid durchzuführen, ein Stück weit eine E ntlastung erlebt habe und somit auch die depressive Symptomatik etwas in den Hintergrund gerückt sei. Das Phänomen, dass Men- schen nach dem Entscheid, den Suizid durchzuführen, von aussen als weniger depressiv erlebt würden und das Verhalten falsch interpretiert werde, sei bekannt (sog. "Ruhe vor dem Sturm"). Beim Exploranden habe sich allerdings keine Ruhe und E ntspannung gezeigt, sondern auch eine gewisse Agitation. Aber auch eine Agitiertheit mü sse nicht zwingend im Widerspruch zur Depression stehen. So spreche man auch häufig von einer a gitierten Depression. Ungewöhn- lich sei, dass sich diese Zustände über mehrere Wochen hi ngezogen hätten. Deshalb sei auch eine andere Erklärung für das schwer einfühlbare Verhal ten zu prüfen. Möglicherweise habe der Explorand - getriggert durch Schlafmangel - hypom anische oder manische Symptome ent- wickelt. Ob während und nach der Militärzeit hypomanische Phasen im raschen Wechsel mit depressiven Phasen aufgetreten seien und somit die Diagn ose einer bipolaren affektiven Stö- rung (ICD-10 F31) gerechtfertigt wäre, lasse sich heute nicht mit Sicherheit belegen, dies sei aber zumindest sehr wahrscheinlich. 7.3 Zum Aspekt der Kausalität führte Prof. Dr. G.___ _ aus, die depressive Episode habe sich klar während des Militärdienstes entwickelt, dabei sp iele es keine wesentliche Rolle, ob es sich um eine erstmalige oder um eine rezidivierende Depr ession handle. Bei rezidivierenden depressiven Störungen sei allerdings das Risiko erneuter d epressiver Episoden erhöht, somit habe beim Exploranden wohl eine erhöhte Vulnerabili tät vorgelegen. Der Suizidversuch könne klar auf die depressive Störung, die sich während des Mi litärdienstes entwickelt und darüber hinaus weiterbestanden habe, zurückgeführt werden. Ohne die Depression mit der dazugehöri- gen negativen Weltsicht, der Hoffnungs- und PerspektivIo sigkeit wäre es nie zu der suizidalen Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Handlung gekommen. Ob zwischenzeitlich im Wechsel mit de n depressiven Symptomen auch hypomanische Zustände aufgetreten seien, ändere an die ser Beurteilung nichts. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der depressiven Störung und dem Suizi dversuch könne klar bejaht werden. Anlässlich der Parteiverhandlung vom 9. August 2018 sei von Seiten der Suva-MV die Beziehung bzw. der Beziehungsabbruch mit der damaligen F reundin als ursächlich für den Sui- zidversuch bezeichnet worden. Der Explorand habe sich je doch nicht allzu sehr in die Bezie- hung einlassen können und wollen und auch von Seiten der Partnerin sei eine Ambivalenz vor- handen gewesen. Beide hätten sich in einer schwierigen Lebenssituation befunden. Der Explo- rand habe seine Freundin nicht zusätzlich belasten wollen und sie deshalb nicht über seine Ge- fühle und Pläne informiert. Der Entschluss, sich das Leb en zu nehmen, habe er ohnehin Wo- chen bis Monate im Voraus gefasst. Es scheine, dass die B eziehung und die Trennung in der ganzen Geschichte keine entscheidende Richtungsänderung bewirkt hätten. 7.4 Im Weiteren nahm Prof. Dr. G.____ auch zur abwei chenden Beurteilung von Dr. J.____ Stellung. Dieser anerkenne zwar, dass beim V ersicherten als depressive Symptome Suizidgedanken, Gefühle von Insuffizienz und Versagensängste in Bezug auf berufliche Aufga- ben vorgekommen seien. Zugleich seien aber, so Dr. J.____, die Stimmung nicht in anhaltender Weise bedrückt und der Antrieb nicht vermindert gewese n, weshalb insgesamt die Kriterien für eine depressive Episode nicht erfüllt gewesen seien. Dieser Einschätzung von Dr. J.____ könne nicht gefolgt werden. Insbesondere durch die fremdanamn estischen Angaben könnten die Symptome einer Depression sehr wohl bestätigt werden. Dr . J.____ beschreibe sodann weiter, dass der Explorand bereits während der letzten Zeit im Militärdienst als Ausgleich an den Wo- chenenden oberflächliche, kurzfristige Annehmlichkeiten des Lebens ausgekostet habe (Bier- konsum, unverbindliche sexuelle Kontakte). Die Fähigkeit zum Empfinden von Freude, Lust und persönlichen Interessen seien erhalten gewesen und der Explorand habe lediglich "genug von jeglicher Art von Leistungsdruck" gehabt. Dieses Verhalten habe er nach dem Ende des Abver- dienens fortgesetzt. Im Bewusstsein, sich ja ohnehin d emnächst umzubringen, habe er den im Militärdienst erzielten Lohn grosszügig ausgegeben. Wäh rend Dr. J.____ dieses Verhalten als nicht mit einem erheblich depressiven Zustand vereinbar sehe, zeige die aktuelle Exploration, so Prof. Dr. G.___, dass die Ursache des diesbezüglichen Verhaltens des Versicherten (AIko- holkonsum, unverbindliche sexuelle Kontakte, sorgloser U mgang mit Geld) keineswegs in des- sen Lebensfreude, sondern vielmehr in der negativen Zu kunftsperspektive und der subjektiv erlebten Ausweglosigkeit zu suchen sei. In seiner Beurteilung vertrete sodann auch Dr. J.____ die Auffassung, dass beim Versicherten früher, während der Zeit, als er seine Fachmaturarbe it habe schreiben müssen, eine mittelgra- dige depressive Episode vorgelegen habe, obwohl auch damals niemand von aussen und auch nicht der Explorand selber die Depression wahrgenommen hätten. Für die Zeit im Militär lege Dr. J.____ diesbezüglich nun aber offenbar höhere Massst äbe für die Diagnose an, was so nicht verständlich sei. Im Weiteren sei Dr. J.____ der Me inung, dass im Fall des Versicherten die Psychodynamik stark zu gewichten sei. Die grosse Mühe de s Versicherten mit jeglicher Art von Leistungsdruck habe, so der Administrativgutachter, bereits vor dem Militärdienst einmal zu einer psychischen Dekompensation mit depressiver Symptomatik geführt. Die Tatsache, dass laut Dr. J.____ die frühere Depression psychodynamisch zu v erstehen sei, erkläre nun aber Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht nicht, weshalb nunmehr in Bezug auf den Militärdienst - bloss weil dort wiederum eine Situation mit Leistungsdruck vorgelegen habe - keine Depression zu di agnostizieren sei. In der Konse- quenz würde dies bedeuten, dass eine erneute Depression, wenn man sie erklären könne, nicht diagnostiziert werden dürfe. Dies treffe nach den ICD-10-Kriterien nicht zu. 7.5 Am Schluss seines ausführlichen Gutachtens beantwortet e Prof. Dr. G.____ den von den Parteien gemeinsam erstellten Fragekatalog. Die Fr age, ob beim Versicherten während des Militärdienstes vom 30. Juni 2014 bis 2. April 2015 mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein psychisches Leiden mit Krankheitswert verursacht worden sei oder sich ein solches ver- schlimmert habe, bejahte er ausdrücklich. Auf die weite re Frage, welche Diagnose zu stellen sei, führte er aus, der Explorand habe eine mittelgra dige depressive Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10 F33.1) entwickelt. Rezidivierende depressive Stö- rungen könnten, wie es der Name sage, wiederholt im Leben auftreten. Die depressive Episode während des Militärdienstes sei aber nach einer länger en symptomfreien Phase aufgetreten. Wahrscheinlich habe auch eine bipolare affektive Störun g (ICD-10 F31) mit raschem Wechsel zwischen hypomanischen und depressiven Episoden und/oder ge mischten Episoden vorgele- gen. Die nächste Frage, ob der Suizidversuch vom 1. Juni 2015 überwiegend wahrscheinlich in einem Kausalzusammenhang mit der psychischen Erkrankung ste he, die beim Versicherten während des Dienstes verursacht worden sei resp. die si ch während des Militärdienstes ver- schlimmert habe, wurde vom Gutachter ebenfalls explizit bejaht. Der Experte hielt diesbezüglich fest, dass der Suizidversuch überwiegend wahrscheinlich in einem Kausalzusammenhang mit der depressiven Episode stehe. Ob eventuell noch eine od er mehrere kurze hypomanische Phasen aufgetreten seien, ändere nichts an der Beurteil ung. Schliesslich fragten die Parteien, ob es Verhaltensweisen von Vorgesetzten gegeben habe, d ie geeignet gewesen seien, eine psychische Erkrankung während der Dienstzeit zu begünstigten. Diesbezüglich antwortete Prof. Dr. G.____, dass sich der Explorand subjektiv überfordert gefühlt habe, wahrscheinlich habe auch eine objektive Überforderungssituation vorgelegen . Die Vorgesetzten seien teilweise sel- ber überfordert gewesen. Auf jeden Fall sei niemande m im Militär aufgefallen, dass der Explo- rand depressiv geworden sei. Da er sehr gewissenhaft ge wesen sei und seine objektiven Leis- tungen deutlich besser gewesen seien, als es der subjektiven Einschätzung entsprochen habe, sei der Explorand seinen Vorgesetzten nicht negativ aufgefallen. 7.6 Am 24. Dezember 2019 nahm Prof. Dr. G.____ zu den von der Suva-MV vorgelegten elf Zusatzfragen Stellung, wobei er wiederholt, statt die jeweilige Frage explizit zu beantworten, auf einzelne Passagen seines Gerichtsgutachtens verwies. I m Rahmen seiner Ausführungen betonte er nochmals, dass für die Zeit des Versicherten im Militär die Diagnose einer rezidivie- renden depressiven Störung, mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1), gestellt werden könne, und dass diese Symptomatik auch nach dem Militärdienst angeh alten habe. Zudem präzisierte er, dass er die Diagnose einer bipolaren affektiven Störu ng als wahrscheinlich, aber nicht als gesi- chert erachte. Wie im Gutachten aufgezeigt, sei dies f ür die Beurteilung allerdings nicht ent- scheidend. 8.1 Wie oben ausgeführt (vgl. E. 5.4.1 hiervor und die dortigen Rechtsprechungshinweise), weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach der Praxi s nicht ohne zwingende Gründe von Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Einschätzung der medizinischen Experten ab, deren Auf gabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um eine n bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüch- lich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Oberguta chten in überzeugender Weise zu an- dern Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende Beurteilu ng kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachex perten dem Gericht als triftig ge- nug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Ober- expertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht. Vor- liegend ist keiner dieser Gründe für ein Abweichen vo m psychiatrischen Gerichtsgutachten von Prof. Dr. G.____ vom 16. Juli 2019 ersichtlich. Es ist viel mehr festzuhalten, dass dieses die rechtsprechungsgemässen Voraussetzungen an eine medizini sche Beurteilungsgrundlage in jeder Hinsicht erfüllt: Es weist weder formale noch i nhaltliche Mängel auf, es ist - wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 5.3 hiervor) - für die streitigen Belange umfassend, es stützt sich auf zwei sorgfältige, insgesamt viereinhalbstündige p ersönliche Untersuchungen des Ex- ploranden, es berücksichtigt die geklagten Beschwerden, es i st in Kenntnis der Vorakten abge- geben worden und es beruht insbesondere auch auf verschiedenen - für die vorliegende Frage- stellung wichtigen - fremdanamnestischen Erhebungen. Inhaltlich ist es widerspruchsfrei und es leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge bzw. der Beurteilung der medizi- nischen Situation ein. Zudem setzt es sich einlässlich mit der vorhandenen (teilweise) abwei- chenden ärztlichen Beurteilung des Administrativgutacht ers Dr. J.____ auseinander und es ist in den Schlussfolgerungen überzeugend. Gestützt auf die Ergebnisse des Gerichtsgutachtens von Prof. Dr. G.____ vom 16. Juli 2019 ist deshalb mi t dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass der Versi cherte während des Militärdienstes vom 30. Juni 2014 bis 2. April 2015 aufgrund der Einw irkungen während des Dienstes eine mit- telgradige depressive Episode im Rahmen einer rezidivier enden depressiven Störung (ICD-10 F33.1) und somit eine Gesundheitsschädigung mit Krankhei tswert entwickelt hat und dass die- se auch nach dem Militärdienst bis zum Suizidversuch angeha lten hat. Zudem ist gestützt auf die Ausführungen des Gerichtsgutachters davon auszugehen, dass die während des Militär- dienstes entwickelte depressive Erkrankung und der Suizidve rsuch vom 1. Juni 2015 überwie- gend wahrscheinlich in einem natürlichen Kausalzusammenhang stehen. Letzteres - ein "natür- licher, teilkausaler Zusammenhang" zwischen dem Militärd ienst und dem Suizidversuch - ist bekanntlich auch vom Administrativgutachter Dr. J.____ i n seiner Beurteilung und von der Suva-MV im angefochtenen Einspracheentscheid anerkannt worden. 8.2 Während der Beschwerdeführer in seinen Stellungnah men zum Gerichtsgutachten dessen Schlussfolgerungen vollumfänglich teilt, ist die Suva-MV der Ansicht, dass auf dieses nicht abgestellt werden könne. Wie im Folgenden zu zei gen ist, sind die Einwände der Be- schwerdegegnerin jedoch nicht geeignet, die ausschlaggeb ende Beweiskraft des Gerichtsgut- achtens von Prof. Dr. G.____ in Frage zu stellen. 8.2.1 Die Suva-MV moniert, dass der Gerichtsgutachter se ine Beurteilungen weitestgehend auf die durch ihn erhobenen Fremdauskünfte und die pe rsönlich erhobene Anamnese des Ex- ploranden stütze. Diese Darstellung ist durchaus zutreffend, damit kann die Beschwerdegegne- Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht rin vorliegend aber nichts zu ihren Gunsten ableiten. G erade im Rahmen einer psychiatrischen Begutachtung, die sich im Gegensatz zu einer somatischen Expertise nicht auf zusätzliche bild- gebende Abklärungen stützen kann, kommt einer sorgfälti gen Anamneseerhebung und einer einlässlichen persönlichen Befragung des Exploranden sow ie der Einholung von fremdanam- nestischen Angaben eine zentrale und massgebliche Bedeutu ng zu. Dies zeigt der vorliegende Fall beispielhaft, hat doch der Gerichtsgutachter im G egensatz zum Administrativgutachter ver- schiedene sachdienliche Fremdauskünfte eingeholt, diese sorgfältig gewürdigt und in seine Be- urteilung miteinbezogen. Dadurch wird der Beweiswert seiner Expertise nicht etwa, wie es die Beschwerdegegnerin antönt, geschmälert, sondern vielmehr erheblich gesteigert. Als völlig un- haltbar erweist sich sodann die Aussage der Suva-MV in ihren Eingaben vom 14. Oktober 2019 und 20. Februar 2020, sie komme nicht um die Feststellun g umhin, dass sich der Gutachter anhand ausgewählter Mutmassungen seine Geschichte zurechtzu legen scheine. Wie oben ausgeführt, verhält es sich vielmehr so, dass die Schluss folgerungen seines Gutachtens auf einer sorgfältigen Erhebung, einem einlässlichen Studium und einer schlüssigen Würdigung der Aktenlage beruhen. 8.2.2 Die Suva-MV macht sodann geltend, dass in den (me dizinischen) Sanitätsakten des Versicherten keine psychischen Probleme verzeichnet seien. A uch sonst seien echtzeitlich kei- ne psychischen Schwierigkeiten dokumentiert und der für ihn zuständige Kommandant sowie der Schulkommandant hätten ebenfalls keine besonderen (Verhaltens-) Auffälligkeiten des Ver- sicherten festgestellt. Diese Schilderung trifft zwar zu, der Gerichtsgutachter erklärt dies aber nachvollziehbar damit, dass der Explorand im Militärdi enst trotz eingeschränkter Leistungsfä- higkeit objektiv noch lange in der Lage gewesen sei, ge gen aussen die Fassade aufrechtzuer- halten und mit seiner Gewissenhaftigkeit und mit Unt erstützung seines Kollegen die Defizite kompensieren zu können. Dies sei ihm aber nur unter Auf bieten seiner letzten Reserven gelun- gen. Dies deckt sich wiederum mit den Darstellungen des Versicherten und seines Vaters, wo- nach er, der Versicherte, während des Abverdienens am Wochenende kaum aus dem Bett ge- kommen sei und nach dem Wochenende mit dem Wiedereinrücken Mühe gehabt habe. 8.2.3 Laut der Suva-MV ergibt sich aus den Akten sodann zwanglos, dass der Beschwerde- führer seit ungefähr dem 9. Lebensjahr massiv Probleme i m Umgang mit Leistungsdruck ge- habt habe, welche zu einer schwierigen Beziehung zum Va ter und schliesslich zu mindestens einer früheren Depression und zu Suizidgedanken geführt hätten. Selbst wenn man also dem Versicherten zu Gute halten wolle, dass der Militärdienst eine gewisse psychische Belastung dargestellt habe, sei diese "dienstliche" Belastung mi t der ordentlichen Entlassung aus dem Dienst am 2. April 2015 zweifelsfrei weggefallen. Die s bestätige auch der Beschwerdeführer gleich selber, wenn er Dr. J.____ gegenüber angegeben habe, nach dem Ende des Militär- dienstes habe der ihn überfordernde Leistungsdruck in a nderer Form weiterhin angehalten. Auch diese Ausführungen vermögen die Ergebnisse, zu de nen der Gerichtsgutachter gelangt ist, nicht in Frage zu stellen. Dieser hat gestützt auf d as Studium der Akten, die Befragung des Versicherten und die fremdanamnestischen Abklärungen schlü ssig aufgezeigt, dass beim Be- schwerdeführer zu Beginn der Militärzeit keine psychischen Probleme manifest waren, dass er erst im Laufe des Militärdienstes - während der Fouri er-Schule und des Abverdienens - eine mittelgradige depressive Episode entwickelte und dass di ese nach der Entlassung aus dem Seite 19 http://www.bl.ch/kantonsgericht Dienst bis zum Suizidversuch angehalten hatte. Diesbezügl ich kann vollumfänglich auf die obi- gen Ausführungen (vgl. insbes. E. 7.2.1 - 7.2.5, E. 7.3 und E. 8.1 hiervor) verwiesen werden. Es verhält sich also gerade nicht so, dass die Belastung - u nd mit ihr die Gesundheitsbeeinträchti- gung - mit der ordentlichen Entlassung aus dem Dienst am 2. April 2015 zweifelsfrei weggefal- len ist. Zudem ist der Argumentation der Suva-MV entgegen zu halten, dass die Militärversiche- rung nicht nur für Gesundheitsschädigungen haftet, di e ihre Ursache ausschliesslich in den Be- sonderheiten des Dienstes (wie Strapazen oder eben eine r psychischen Belastung) haben, sondern auch dann, wenn dienstunabhängige Gründe die während der Dienstleistung eingetre- tene Gesundheitsschädigung (mit-) verursacht haben (vgl. dazu JÜRG MAESCHI , a.a.O., N 9 zu Art. 6 MVG). 8.2.4 Die Suva-MV weist sodann darauf hin, dass der Ve rsicherte den Suizidversuch zwei Monate nach Schluss des Dienstes unternommen habe. Dies i st ebenfalls richtig, soweit sie damit jedoch zum Ausdruck bringen will, dass diese Handlung deshalb auf neue, erst nach dem Militärdienst aufgetretene Probleme und Entwicklunge n zurückzuführen sein dürfte, kann ihr ebenfalls nicht gefolgt werden. Auch in diesem Punkt ka nn auf die schlüssige, anderslautende Beurteilung von Prof. Dr. G.____ verwiesen werden. So entkräftet er etwa die anlässlich der Parteiverhandlung vom 9. August 2018 von Seiten der Suva-MV geäusserte Annahme, der Sui- zidversuch könnte auf die Beziehung bzw. den nach Beendig ung des Dienstes erfolgten Bezie- hungsabbruch mit der damaligen Freundin zurückzuführen sein. Gestützt auf die Befragung des Exploranden einerseits und der Freundin andererseits zeigt Prof Dr. G.____ durchaus nachvoll- ziehbar auf, dass die erwähnte Beziehung und die Trenn ung in der ganzen Geschichte keine entscheidende Richtungsänderung bewirkt haben dürften. Auch diesbezüglich kann auf die obi- gen gutachterlichen Ausführungen (vgl. E. 7.3 hiervor) verwiesen werden. 9. Wie eingangs aufgezeigt (vgl. E. 3.2 hiervor), setzt eine Haftung der Militärversiche- rung für eine nachdienstlich festgestellte und bei der Militärversicherung angemeldete Gesund- heitsschädigung voraus, dass zwischen Letzterer und den Ein wirkungen während des Dienstes nicht nur ein natürlicher, sondern darüber hinaus auch e in adäquater Kausalzusammenhang besteht. Im angefochtenen Einspracheentscheid vertritt die Suva-MV die Auffassung, dass "der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Suizidversuch u nd dem Dienst von 2015" zu verneinen sei. Eine Haftung der Militärversicherung entf alle daher (auch) aus diesem Grund. In diesem Zusammenhang gilt es nun aber zu beachten, dass di e Beschwerdegegnerin eine Leis- tungspflicht bereits mit dem Argument abgelehnt hat, dass beim Versicherten während des Mili- tärdienstes gar kein psychisches Leiden mit Krankheitswert vorgelegen habe. Wie vorstehend aufgezeigt, ist diese Auffassung unzutreffend. Dies ist auch für die hier vorzunehmende Adä- quanzbeurteilung von Bedeutung. Erfolgt nämlich die Suizidhandlung wie vorliegend im An- schluss an eine versicherte psychische Krankheit, wird in der Lehre - zu Recht - die Auffassung vertreten, dass mit der natürlichen Kausalität in der Regel auch die Adäquanz zu bejahen ist (JÜRG MAESCHI , a.a.O., N 23 zu Art.4 MVG; vgl. auch E. 4 hiervor). Eine solche Konstellation liegt hier vor. Beim Beschwerdeführer entwickelte sich im Militärdienst eine mittelgradige de- pressive Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10 F33.1), die bis zum Suizidversuch angedauert hat. Zudem liegt ein natü rlicher Kausalzusammenhang sowohl zwischen der psychischen Erkrankung und den Einwirkungen währ end des Dienstes als auch Seite 20 http://www.bl.ch/kantonsgericht zwischen dem Suizidversuch und dieser psychischen Erkrankung v or. Somit ist nach dem Ge- sagten auch die Adäquanz ohne Weiteres zu bejahen. Im Ü brigen wäre aber auch von einem rechtserheblichen Zusammenhang auszugehen, wenn man di esen nach der allgemeinen Adä- quanzformel (vgl. E. 3.4 hiervor) prüft. Entgegen de r Auffassung der Suva-MV lagen beim Ver- sicherten während des Abverdienens nicht bloss Strapazen in einem Ausmass vor, die ein län- gerer Militärdienst üblicherweise mit sich bringt. Es bestand vielmehr eine besondere, das Mass des Gewohnten und des zu Erwartenden erheblich überstei gende Belastungssituation ("Dauer- besetzung" durch den überforderten direkten Vorgesetzten mit unzähligen täglichen Anrufen und SMS, teilweise fachliche Überforderung, die über spielt wurde, darauf zurückzuführende Insuffizienzgefühle und Schlafmangel bis hin zur Schlaflo sigkeit). Eine solche übermässige und andauernde Belastung ist nach dem gewöhnlichen Lauf de r Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung durchaus geeignet, einen Erfolg von der Art des eingetretenen - die Entwick- lung einer psychischen Erkrankung in Form einer mittelgra digen depressiven Episode - herbei- zuführen. Ebenso muss nach dieser allgemeinen Formel die Adäquanz zwischen dieser psychi- schen Erkrankung und dem anschliessenden Suizidversuch bejaht werden. 10.1 Nach dem Gesagten liegen sämtliche Voraussetzungen d es Art. 6 MVG für eine Haf- tung der Militärversicherung für die erst nach Schluss de s Dienstes ärztlicherseits festgestellte und bei der Militärversicherung angemeldete Gesundheit sschädigung des Versicherten vor. Da sich die Haftung der Militärversicherung auf alle Folgen erstreckt, die mit dem versicherten Er- eignis in einem rechtserheblichen Kausalzusammenhang ste hen (vgl. E. 2.6 hiervor), ist die Suva-MV grundsätzlich leistungspflichtig der für die wä hrend des Dienstes verursachte und nachdienstlich anhaltende psychische Erkrankung des Versich erten sowie für den daraus er- folgten Suizidversuch und dessen Folgen. 10.2 Gegenstand des heutigen Beschwerdeverfahrens bild et einzig die - nach dem Gesag- ten zu bejahende - Frage, ob grundsätzlich eine Haftun g der Militärversicherung für die im No- vember 2015 angemeldete Gesundheitsschädigung des Versich erten besteht. Die von der Suva-MV angesprochenen weiteren Aspekte, ob im Fall e des Beschwerdeführers eine Leis- tungskürzung wegen vorsätzlicher Herbeiführung der Gesund heitsschädigung in Frage kommt (vgl. Art. 21 ATSG bzw. Art. 65 MVG) oder ob allenfal ls eine Leistungskürzung wegen Teilhaf- tung (vgl. Art. 64 MVG) erfolgen kann, bilden hinge gen nicht Gegenstand des heutigen Prozes- ses. Es steht der Suva-MV frei, diese Punkte im Zusammen hang mit der Festsetzung der ge- setzlichen Versicherungsleistungen zu prüfen und, falls sie Kürzungsvoraussetzungen als erfüllt erachtet, diese entsprechend umzusetzen. 10.3 Zusammenfassend ist als Ergebnis festzuhalten, dass di e Beschwerde des Versicher- ten gutzuheissen, der angefochtene Einspracheentscheid der Suva-MV aufzuheben und festzu- stellen ist, dass die Suva-MV für die im November 2015 a ngemeldete Gesundheitsschädigung des Versicherten haftet. Die Angelegenheit ist demnach zur Festsetzung der gesetzlichen Ver- sicherungsleistungen an die Suva-MV zurückzuweisen. 11. Abschliessend bleibt über die Kosten des Verfahrens z u befinden. Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht 11.1 Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass der Prozess vor dem kantonalen Gericht für die Par- teien kostenlos zu sein hat. Es sind demnach für das vorlie gende Verfahren keine Kosten zu erheben. 11.2 Nach Art. 45 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträ ger die Kosten der Abklärung zu übernehmen, soweit er die Massnahmen angeordnet hat. Hat er keine Massnahmen angeord- net, so übernimmt er deren Kosten dennoch, wenn die M assnahmen für die Beurteilung des Anspruchs unerlässlich waren oder Bestandteil nachträglich zugesprochener Leistungen bilden. Wie das Bundesgericht in BGE 137 V 210 ff. entschieden h at, sind in den Fällen, in denen zur Durchführung der vom Gericht als notwendig erachteten Beweismassnahme an sich eine Rückweisung in Frage käme, eine solche indessen mit Blick au f die Wahrung der Verfahrens- fairness entfällt, die Kosten der durch das Gericht in Auftrag gegebenen Begutachtung dem Versicherer aufzuerlegen. Dies sei, so das Bundesgericht weiter, mit der zitierten Bestimmung von Art. 45 Abs. 1 ATSG durchaus vereinbar (BGE 137 V 2 65 f. E. 4.4.2). Vorliegend war das Gericht anlässlich seiner ersten Urteilsberatung vom 9. A ugust 2018 zum Ergebnis gelangt, dass ein Entscheid in der Angelegenheit gestützt auf di e damals vorhandene Aktenlage nicht möglich war. Es entschied deshalb, den Fall auszustellen und zur abschliessenden Klärung des medizinischen Sachverhaltes ein psychiatrisches Gerichtsguta chten in Auftrag zu geben, Wie sich anlässlich der heutigen Urteilsberatung gezeigt hat, war das in der Folge eingeholte Ge- richtsgutachten von Prof. Dr. G.____ vom 16. Juli 2019 für die weitere Beurteilung des Leis- tungsanspruchs des Versicherten unerlässlich. Im Lichte der geschilderten bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind demnach die Kosten der Begutachtung der Suva-MV aufzuerlegen. Diese Kosten belaufen sich insgesamt auf Fr. 16'839.--; sie set zen sich zusammen aus den beiden Honorarrechnungen von Prof Dr. G.____ vom 19. Juli 20 19 im Betrag von Fr. 14'875.-- für die Erstellung des Gutachtens bzw. vom 8. April 2020 in der Höhe von Fr. 1'800.-- für die Beantwor- tung der Zusatzfragen der Suva-MV sowie aus den Reiseko sten von Fr. 164.--, die dem Be- schwerdeführer im Zusammenhang mit den beiden ambulanten Begutachtungen in H.____ ent- standen sind. 11.3 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem obsiegenden Beschwerdeführer ist deshalb eine Parteientschädi- gung zu Lasten der Suva-MV zuzusprechen. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat in seiner Honorarnote vom 30. März 2020 für das vorliegend e Verfahren einen Zeitaufwand von 52,5 Stunden und Auslagen von Fr. 215.20 geltend gem acht. Während die ausgewiesenen Auslagen zu keinen Beanstandungen Anlass geben, muss der geltend gemachte Zeitaufwand als zu hoch bezeichnet werden. So erweisen sich nicht nur , aber insbesondere die ausgewie- senen Zeitaufwände für die Redaktion der Beschwerde (i nsgesamt 16 Stunden und 50 Minu- ten), für die Abklärungen im Zusammenhang mit und die Stellungnahme zum Gerichtsgutachten (insgesamt 7 Stunden und 20 Minuten) und für die Ste llungnahme vom 22. Oktober 2019 (2,5 Stunden) als übermässig. Es rechtfertigt sich daher , die Parteientschädigung vorliegend auf der Basis eines insgesamt als angemessen erachteten Zei taufwands von 35 Stunden fest- zusetzen. Die Bemühungen sind zu dem in Sozialversicherungsp rozessen praxisgemäss zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Dem Beschwerdefüh- rer ist somit eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 9'655.55 (35 Stunden à Fr. 250.-- Seite 22 http://www.bl.ch/kantonsgericht zuzüglich Auslagen von Fr. 215.20 + 7,7 % Mehrwertsteuer ) zu Lasten der Suva-MV zuzuspre- chen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der angefoch tene Einsprache- entscheid der Suva, Abteilung Militärversicherung, vom 2 0. Februar 2018 aufgehoben und es wird festgestellt, dass die Suva , Abteilung Militärversicherung, für die im November 2015 angemelde te Gesund- heitsschädigung des Versicherten haftet. Die Angelegenhe it wird zur Festsetzung der gesetzlichen Versicherungsleistungen an die Suva, Abteilung Militärversicherung, zurückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung in de r Höhe von Fr. 16'839.-- werden der Suva, Abteilung Militärversicherung, auferlegt. 4. Die Suva, Abteilung Militärversicherung, hat dem Be schwerdeführer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 9'655.5 5 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht