Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 10. Juni 2020 (810 19 290) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Ersetzung durch eine Aufenthaltsbewilligung (Rückstufung) Besetzung Vizepräsident Daniel Ivanov, Kantonsrichter Clau de Jeanneret, Markus Clausen, Hans Furer, Niklaus Ruckstuhl , Gerichtsschreiber Martin Michel Beteiligte A.____ , Beschwerdeführer gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , Beschwerdegegner Betreff Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Er setzung durch eine Aufenthaltsbewilligung (Rückstufung) (RRB Nr. 1355 vom 15. Oktober 2019) A. Der türkische Staatsangehörige A.____ (geb. 1978) r eiste am 1. Juni 1981 im Alter von drei Jahren in die Schweiz ein und ist im Besitz einer Niederlassungsbewilligung. Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Nachdem A.____ mit Urteil des Strafgerichts Basel-Sta dt vom 12. November 2013 wegen versuchter Nötigung zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu Fr. 30.-- (bedingt voll- ziehbar) bei einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt worden war und im Betreibungsregister mit 29 offenen Verlustscheinen im Gesamtbetrag von Fr. 34'114.70 (Stand 22. Januar 2014) verzeichnet war, verwarnte ihn das Amt für Migration Base l-Landschaft (AfM; heute: Amt für Migration und Bürgerrecht Basel-Landschaft [AFMB]) mi t Verfügung vom 24. Januar 2014 aus- länderrechtlich. In der Verwarnung wies das AfM A.___ _ darauf hin, von ihm werde erwartet, dass er sich an die gesetzlichen Vorschriften halte und s omit in Zukunft nicht mehr straffällig werde und dass er keine neuen Schulden mehr generiere sowie die Bestehenden nach Mög- lichkeit zurückzahle. C. Mit Urteil des Ministère public du canton du Jura Porrentruy vom 13. März 2017 wurde A.____ wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln zu e iner Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu Fr. 30.-- (bedingt vollziehbar) verurteilt. Am 25. O ktober 2018 folgte eine Verurteilung durch die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt wegen Vergehen gege n das Bundesgesetz über die Betäu- bungsmittel und die psychotropen Stoffe (Betäubungsmitt elgesetz, BetmG) vom 3. Oktober 1951 zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 50.--. D. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs widerrief das A FMB mit Verfügung vom 29. März 2019 die Niederlassungsbewilligung von A.____ und ersetzte diese durch eine Aufent- haltsbewilligung. E. Die von A.____ dagegen erhobene Beschwerde wies der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft mit Regierungsratsbeschluss (RRB) Nr. 1355 vom 15. Oktober 2019 ab. F. Gegen den RRB vom 15. Oktober 2019 erhob A.____ mi t Eingabe vom 30. Oktober 2019 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Verfassu ngs- und Verwaltungsrecht (Kan- tonsgericht), mit dem sinngemässen Antrag, die Beschwe rde sei gutzuheissen und es sei ihm die Niederlassungsbewilligung zu belassen. G. Mit Vernehmlassung vom 4. Dezember 2019 schloss der R egierungsrat auf Abweisung der Beschwerde. H. Anlässlich der heutigen Parteiverhandlung wurde der Beschwerdeführer befragt. Die Parteien hielten an den schriftlich gestellten Anträgen fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kan tonsgericht zulässig. Da weder ein Ausschlusstatbestand nach § 44 VPO noch ein spezialgesetzl icher Ausschlusstatbestand vor- liegt, ist die Zuständigkeit des Kantonsgerichts zur Beu rteilung der Beschwerde gegeben. Die Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht weiteren formellen Voraussetzungen sind ebenfalls erfüllt, sodass auf die Beschwerde eingetre- ten werden kann. 1.2 Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können gemäss § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Festste llung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit des angefoch tenen Rechtsaktes ist dem Kantons- gericht dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegende n Ausnahmefällen – verwehrt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO e contrario). 2. Materiell umstritten ist, ob das AFMB zu Recht gestützt auf Art. 63 Abs. 2 des Bundes- gesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (Ausländer- und Integrationsgesetz, AIG) vom 16. Dezember 2005 die Nied erlassungsbewilligung des Be- schwerdeführers widerrufen und durch eine Aufenthaltsbewilligung ersetzt hat. 3.1 Am 1. Januar 2019 sind diverse neue Bestimmungen d es AIG in Kraft getreten (Ände- rung vom 16. Dezember 2016, Amtliche Sammlung [AS] 201 7 S. 6521 und 2018 S. 3171). Ins- besondere wurden die Bestimmungen zur Integration g rundlegend überarbeitet. Um die gesell- schaftliche Bedeutung der Integration zu unterstreichen, wurde das bis dahin geltende "Bundes- gesetz über die Ausländerinnen und Ausländer" (AuG) vom 16. Dezember 2005 in "Bundesge- setz über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration" (Ausländer- und Integra- tionsgesetz, AIG) vom 16. Dezember 2005 umbenannt (Botschaft zur Änderung des Ausländer- gesetzes [Integration] vom 8. März 2013, Bundesblatt [BBl] 2013 S. 2403). Mit der Gesetzesän- derung wurde eine neue ausländerrechtliche Massnahme geschaffen: die sogenannte Rückstu- fung von der Niederlassungsbewilligung zur Aufenthaltsb ewilligung (Art. 63 Abs. 2 AIG). Die Massnahme basiert ursprünglich auf der von Philipp Mülle r eingereichten parlamentarischen Initiative 08.406 "Rückstufung eines niedergelassenen int egrationsunwilligen Ausländers zum Jahresaufenthalter". Nachdem der Bundesrat unter ande rem unter Hinweis darauf, dass die Schaffung der Massnahme zu neuen, komplizierten und lang wierigen Verfahren führe, vorge- schlagen hatte, die Initiative nicht umzusetzen (vgl. Z usatzbotschaft zur Änderung des Auslän- dergesetzes [Integration] vom 4. März 2016, BBl 2016 S . 2822), wurde im Verlauf der parla- mentarischen Debatte ein gegenteiliger Antrag angenom men und die Rückstufung mit Art. 63 Abs. 2 AIG in der heute geltenden Form beschlossen und ins Gesetz aufgenommen. 3.2 Art. 63 Abs. 2 AIG sieht vor, dass die Niederlassung sbewilligung widerrufen und durch eine Aufenthaltsbewilligung ersetzt werden kann, wenn die Integrationskriterien nach Art. 58a AIG nicht erfüllt sind. Mit der Rückstufung soll erreicht werden, dass die betroffene Person zukünftig ihr Verhalten ändert und sich besser integrier t. Die Rückstufung hat somit auch einen präventiven Charakter (Staatssekretariat für Migration [SEM], Weisungen AIG, Stand 1. Novem- ber 2019, Ziff. 8.3.3). Die Rückstufung kann gemäss Art. 62a Abs. 1 der Verordnung über Zu- lassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) vom 24. Oktober 2007 mit einer Integrations- vereinbarung oder einer Integrationsempfehlung nach Art. 58b AIG verbunden werden. Wird die Verfügung nicht mit einer Integrationsvereinbarung od er Integrationsempfehlung verbunden, so muss sie gemäss Art. 62a Abs. 2 VZAE mindestens folgende E lemente enthalten: lit. a) die Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Integrationskriterien nach Art. 58a Abs. 1 AIG, die di e Ausländerin oder der Ausländer nicht er- füllt hat; lit. b) die Gültigkeitsdauer der Aufenthaltsbewilligung; lit. c) die Bedingungen, an die der weitere Verbleib in der Schweiz geknüpft wird (Art. 33 Abs. 1 AIG) und lit. d) die Folgen für den Aufenthalt in der Schweiz, wenn die Bedingungen nac h lit. c) nicht eingehalten werden (Art. 62 Abs. 1 lit. d AIG). 3.3 Mit der per 1. Januar 2019 in Kraft gesetzten Gese tzesänderung wurden die massge- benden Integrationskriterien neu auf Gesetzesstufe in A rt. 58a AIG explizit und abschliessend definiert. Gemäss Art. 58a Abs. 1 AIG berücksichtigt die zuständige Behörde bei der Beur- teilung der Integration folgende Kriterien: a. die Beachtung der öffentlichen Sicherheit und Ordnu ng; b. die Respektierung der Werte der Bundesverfassung; c. die Sprachkompetenzen; und d. die Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung. Der Situation von Personen, welche die Integrationskriterien von Art. 58a Abs. 1 lit. c und d AIG aufgrund einer Behinderung oder Krankheit oder anderen gewichtigen persönlichen Umständen nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen erfüllen können, ist gemäss Art. 58a Abs. 2 AIG angemessen Rechnung zu tragen. Die in Art. 58a Abs. 1 AIG genannten Integrationskriterien wurden in den verschiedenen migrationsrechtlichen Erla ssen (AIG, Asylgesetz [AsylG] vom 26. Juni 1998 und Bundesgesetz über das Schweizer Bürge rrecht [Bürgerrechtsgesetz, BüG] vom 20. Juni 2014) vereinheitlicht und aufeinander ab gestimmt (Botschaft zur Änderung des Ausländergesetzes [Integration] vom 8. März 2013, Bundesb latt [BBl] 2013 S. 2399). Die in Art. 58a Abs. 1 AIG genannten Integrationskriterien bi lden den Massstab zur Beurteilung der Integration im Hinblick auf Bewilligungserteilungen sow ie Änderungen des Aufenthaltsstatus. Die Integrationsbeurteilung hat immer im Rahmen ein er zukunftsgerichteten Gesamtbetrach- tung zu erfolgen. Defizite bei einzelnen Kriterien kön nen durch ausgeprägt vorhandene andere Kriterien aufgewogen werden (vgl. M ARC SPESCHA , in: Spescha/Zünd/Bolzli/Hruschka/de Weck [Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 5. Auflage, 2019, Art. 58a AIG N 1). 4.1 Das AFMB führte in der Rückstufungsverfügung aus, der Beschwerdeführer habe durch seine Straftaten erheblich und wiederholt gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz verstossen. Ferner sei er mit insgesamt 67 Ve rlustscheinen im Gesamtbetrag von Fr. 109'179.90 beim Betreibungsamt registriert. Darüber hinaus sei der Betroffene während eini- ger Zeit von der Sozialhilfe mit insgesamt Fr. 92'757.-- unterstützt worden. Folglich könne seine Niederlassungsbewilligung grundsätzlich widerrufen un d durch eine Aufenthaltsbewilligung er- setzt werden. Im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung kam das AFMB zum Schluss, dass sich hinsichtlich der beruflichen Integration ein zweise itiges Bild präsentiere. Der Beschwerde- führer sei gemäss den eingereichten Unterlagen zum grösst en Teil arbeitstätig gewesen. Dem- gegenüber habe er von April 2009 bis Juli 2010, von Ap ril 2012 bis Februar 2013 und von Januar 2017 bis Juli 2018 mit insgesamt Fr. 92'757.- - von der Sozialhilfe unterstützt werden Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht müssen. Aufgrund des bisherigen Sozialhilfebezugs und de r Verschuldung sei die berufliche Integration des Beschwerdeführers als gescheitert zu bet rachten, zumal es ihm nicht gelungen sei, dauerhaft einer existenzsichernden Erwerbstätigkeit n achzugehen. Mit der Rückstufung gehe eine Schwächung der Rechtsstellung des Betroffenen einher, weil die Aufenthaltsbewilli- gung im Gegensatz zur Niederlassungsbewilligung befriste t erteilt werde und mit Bedingungen verbunden werden könne. Eine Abwägung der relevanten Kriterien ergebe, dass das grosse öffentliche Interesse an der Rückstufung die relativ geringen privaten Interessen des Beschwer- deführers überwiegen würden. Der Widerruf der Nieder lassungsbewilligung bei gleichzeitiger Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung erweise sich so mit als verhältnismässig. Das AFMB ver- band in der Folge die von ihr auf 12 Monate befristete Aufenthaltsbewilligung mit den Bedingun- gen, dass der Beschwerdeführer keine Straftaten mehr begehe oder sonst nicht zu Klagen Anlass gebe, seinen finanziellen Verpflichtungen nachko mme, sich im Rahmen des Möglichen um die Sanierung der Schuldenlast kümmere und, sobald er wieder arbeitsfähig sei, sich um eine dauerhaft existenzsichernde Erwerbstätigkeit bemühe. Sollte der Beschwerdeführer diese Bedingungen nicht einhalten, so habe er mit dem Wide rruf oder der Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung sowie seiner Wegweisung aus der Schweiz zu rechnen. 4.2 Der Regierungsrat bestätigte den Widerruf der Ni ederlassungsbewilligung und die Er- setzung derselben durch eine Aufenthaltsbewilligung. In der Begründung führte der Regierungs- rat aus, der Rückstufung komme eine eigenständige, vom Wid erruf der Niederlassungsbewilli- gung nach Art. 63 Abs. 1 AIG unabhängige Bedeutung zu. Damit hätten die Migrationsbehörden die Möglichkeit, situationsgerechter und differenzierte r zu handeln, wenn nach Erteilung der bedingungslosen und unbefristeten Niederlassungsbewil ligung die Integrationskriterien nach Art. 58 Abs. 1 AIG nicht (mehr) erfüllt seien. Sei je doch im Einzelfall der Widerrufsgrund nach Art. 63 Abs. 1 AIG gegeben und verhältnismässig, bestehe kein Spielraum für eine Verwarnung oder eine Rückstufung. Der Beschwerdeführer habe aufgr und der ergangenen Verurteilungen seit 2009 die öffentliche Ordnung im Sinne von Art. 5 8a Abs. 1 lit. a AIG nicht beachtet und er- fülle damit das Integrationskriterium nicht. In Bezug auf das Integrationskriterium der Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung gemäss Ar t. 58a Abs. 1 lit. d AIG kam der Regierungsrat zum Schluss, dass der Beschwerdeführer mit la ngandauernden Unterbrüchen arbeitstätig gewesen sei und zeitweise von der Sozial hilfe gelebt habe. Am 1. Oktober 2019 habe er einen am 10. September 2019 abgeschlossenen unb efristeten Arbeitsvertrag nachge- reicht. Selbst wenn der Beschwerdeführer aktuell nun über eine Anstellung verfüge, könne noch nicht davon ausgegangen werden, er erfülle das Integra tionskriterium der Teilnahme am Wirt- schaftsleben. Entscheidend sei, dass er auf Dauer für sich selber sorgen könne. Der Beschwer- deführer räume in seiner Beschwerde selber ein, er b efinde sich in der Situation, dass seine Einkünfte oft nicht genügen würden, um seine und die Lebenshaltungskosten seiner Partnerin abzudecken, geschweige denn um die aufgelaufenen Ausstä nde zu begleichen. Er anerkenne damit selber, dass er nicht in der Lage sei, seinen Leb ensunterhalt selbständig zu bestreiten, und dass es ihm an der wirtschaftlichen Selbsterhaltungs fähigkeit fehle. Er erfülle somit das Integrationskriterium der Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb der Bildung nicht. Eine Abweichung von diesem Integrationskriterium sei m öglich, wenn der Ausländer diesen nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen erfüllen könne aufgrund von: a) einer körperli- chen, geistigen oder psychischen Behinderung; b) einer sch weren oder langandauernden Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Krankheit; c) anderer gewichtiger persönlicher Umstände, namentlich wegen einer ausgepräg- ten Lern-, Lese- oder Schreibschwäche, Erwerbsarmut od er der Wahrnehmung von Betreu- ungsaufgaben (vgl. Art. 77f VZAE). Der Beschwerdeführer rüge, das AFMB habe seine persön- lichen Lebensumstände nur ungenügend berücksichtigt. Die immer wiederkehrenden Schick- salsschläge und Unfälle (Schwerarbeit auf der Baustelle) hätten wie aus den Berichten der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) ersichtlich sei, seine Sozialhilfeabhängig- keit verursacht. Die Schulden hätten nichts mit seinem L ebensstil zu tun, sondern seien durch die Krankheit seiner Mutter, der Freundin und den To d beider Kinder in den ersten Tagen nach der Geburt begründet. Aus den Akten ergebe sich, dass d er Beschwerdeführer tatsächlich eini- ge Schicksalsschläge (Tod der Mutter, Verlust zweier Kind er, Krebsdiagnose der Partnerin) zu verkraften gehabt habe. Der Beschwerdeführer vermöge abe r nicht zu belegen, dass diese Schicksalsschläge ihn in seiner beruflichen Laufbahn entsc heidend beeinträchtigt hätten. Der Beschwerdeführer habe sich in den vergangenen Jahren oft temporär anstellen lassen, was aufgrund des Charakters der Anstellung erfahrungsgemäss häufiger als bei einer Festanstel- lung zu Arbeitsunterbrüchen führe. Zugute zu halten sei dem Beschwerdeführer, dass er sich laut dem Führungsbericht der Sozialhilfebehörde nach Kräften bemüht habe, die Sozialhilfeab- hängigkeit zu reduzieren. Im Ergebnis gelinge dem Beschwerdeführer der Nachweis nicht, dass ihm die Teilnahme am Wirtschaftsleben aufgrund gewicht iger persönlicher Umstände nicht möglich gewesen sei. Da der Beschwerdeführer nicht alle Integrationskriterien erfülle, könne die Niederlassungsbewilligung grundsätzlich widerrufen we rden und durch eine Aufenthaltsbewilli- gung ersetzt werden. 4.3 Der Beschwerdeführer bringt in seiner Beschwerde dag egen vor, er sei am 1. Juni 1981 im Alter von drei Jahren in die Schweiz eingereist . Er habe sein ganzes Leben hier ver- bracht und sei hier geprägt worden. Er spreche schweizerdeutsch und fühle sich als Schweizer. Die Frage nach seiner persönlichen Integration müsse nicht gestellt werden. Es sei unbestritten, dass er seit dem Jahre 2009 wegen Bagatelldelikten zu Klagen Anlass gegeben habe. Es möge auch zutreffend sein, dass diese Vorkommnisse, die er b edaure, in der Gesellschaft als un- schön betrachtet würden. Diese Klagen, die zum Teil Jahr e zurücklägen, würden nun vom AFMB verwendet, um eine unverhältnismässige Verfügung zu rechtfertigen. Es sei aktenkundig, dass er seine Mutter bis zu deren Ableben am 30. August 2008 gepflegt habe und dadurch aktiv zu einer grossen Ersparnis für die Öffentlichkeit beigetragen habe. Nach seiner Scheidung habe er seine an Krebs erkrankte Lebenspartnerin getroffen, mit welcher er auch heute noch zusam- menlebe. Der Umstand der Krankenpflege und Anhäufung weiterer Probleme habe dazu ge- führt, dass es ihm zeitweise unmöglich gewesen sei, eine r geregelten Arbeit nachzugehen. So sei er unverschuldet in eine Schuldenfalle geraten. Aus den Akten der Sozialhilfe ergebe sich zudem, dass er stets kooperationsbereit gewesen sei. Dem AFMB seien seine Lebensum- stände bestens bekannt, da seiner Lebenspartnerin seit Jahren die Aufenthaltsbewilligung lediglich aus humanitären Gründen provisorisch verlängert worden sei. Die Schulden hätten nichts mit seinem Lebensstil zu tun, sondern insbesonder e mit der Krankheitsgeschichte seiner Mutter, seiner Freundin sowie dem Tod seiner beiden K inder. Dies sei vom AFMB bei der Ver- hältnismässigkeit gar nicht berücksichtigt worden. Nach Jahr en der Krankheit sei seine Freun- din nun wieder gesund und arbeitstätig. Durch den Dop pelverdienst seien sie nun daran, die Schulden zu reduzieren. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5.1 Da die Niederlassungsbewilligung ihrer Rechtsnatu r nach unbefristet und nicht an Bedingungen geknüpft ist (Art. 34 Abs. 1 AIG), rechtfer tigen Integrationsdefizite eine Rückstu- fung nicht leichthin, sondern nur, wenn sie derart sind , dass auch ein Widerruf der Niederlas- sungsbewilligung samt Wegweisung aus der Schweiz ernsthaft in Betracht fällt (vgl. S PESCHA , a.a.O., Art. 63 AIG N 23). Voraussetzung für eine Rü ckstufung nach Art. 63 Abs. 2 AIG ist eine Prüfung der Integrationskriterien nach Art. 58a AIG i m Rahmen einer zukunftsgerichteten Gesamtbetrachtung. Im Rahmen dieser Gesamtbetrachtung sind alle vier in Art. 58a Abs. 1 AIG abschliessend genannten Kriterien zu prüfen. Erforderlich ist eine Gesamtwürdigung aller mass- geblichen Aspekte im Einzelfall (S PESCHA , a.a.O., Art. 58a AIG N 1; Urteil des Bundesverwal- tungsgerichts F-4152/2016 vom 27. Juni 2018 E. 4.5). E ine gleichartige Gesamtwürdigung ist auch im Einbürgerungsverfahren vorzunehmen (vgl. Urtei l des Bundesgerichts 1D_7/2019 vom 18. Dezember 2019 E. 3.4). Die Anforderungen an die Integration sind umso höher, je mehr Rechte einer ausländischen Person mit dem angestrebten Rechtsstatus verliehen werden. Sinn dieser Gesamtbetrachtung und Gesamtwürdigung ist, dass Defizite bei einzelnen Kriterien durch ausgeprägt vorhandene andere Kriterien aufgewoge n werden können. Im Gegensatz dazu muss beim Widerruf einer Niederlassungsbewilligung nach Art. 63 Abs. 1 AIG nur ein Widerrufsgrund geprüft und bejaht werden. Die Rückstufu ng setzt weiter voraus, dass die betroffene Person in der Lage ist, ihr Verhalten zu steuern, d.h. ihre Integration zu verbessern, was zum Beispiel im Falle von Sozialhilfeabhängigen dan n nicht der Fall ist, wenn der Sozial- hilfebezug aufgrund persönlicher Umstände im Sinne vo n Art. 77f VZAE entschuldbar erscheint (SPESCHA , a.a.O., Art. 63 AIG N 26). 5.2 Das AFMB führte in der Rückstufungsverfügung vom 29. März 2019 bei den Rück- stufungsgründen nur aus, dass der Beschwerdeführer durch seine Straftaten wiederholt und er- heblich gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung i n der Schweiz verstossen habe, 67 Ver- lustscheine vorhanden seien und der Beschwerdeführer währ end einiger Zeit auch Sozialhilfe bezogen habe. Folglich könne seine Niederlassungsbewilli gung grundsätzlich widerrufen und durch eine Aufenthaltsbewilligung ersetzt werden. Wed er das AFMB noch der Beschwerde- gegner haben jedoch eine Gesamtbetrachtung der Integrationskriterien von Art. 58a AIG vorge- nommen. Damit haben die Vorinstanzen nicht geprüft, ob die anderen Integrationskriterien und dabei insbesondere die Sprachkompetenz, der bei der I ntegration eine Schlüsselfunktion zu- kommt (vgl. Botschaft zur Änderung des Ausländergesetzes [In tegration] vom 8. März 2013, BBl 2013 S. 2405), die vorgebrachten Defizite bei de n anderen Integrationskriterien aufwiegen können. Dieser Mangel kann vorliegend nicht dadurch ge heilt werden, dass der Beschwer- degegner im Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung Aus führungen zu den Sprachkenntnis- sen des Beschwerdeführers und dessen Teilnahme am Wirtscha ftsleben macht. Der Regie- rungsrat prüfte im Gegensatz zum AFMB zwar auch noch das Integrationskriterium der Teilnah- me am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung und kommt dabei zum Schluss, dass keine wichtigen persönlichen Ausnahmeumstände vorliegen w ürden und damit auch das Inte- grationskriterium der Teilnahme am Wirtschaftsleben und am Erwerb von Bildung vom Be- schwerdeführer nicht erfüllt werde. Dieser Vorhalt wid erspricht jedoch den vom AFMB vorge- nommenen Abklärungen. Das AFMB hat im Rahmen seiner A bklärungen beim Sozialdienst der für die Ausrichtung der Sozialhilfe zuständigen Gemeind e zwei Führungsberichte über den Be-Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht schwerdeführer eingeholt. Aus dem ersten Führungsbericht vom 22. März 2017 ergibt sich in Bezug auf die dem Beschwerdeführer vom Regierungsrat e ntgegengehaltene Sozialhilfeabhän- gigkeit, dass diese ab Januar 2017 krankheits- oder unfal lbedingt war. In Bezug auf den Integ- rationsgrad wird im Führungsbericht sodann festgehalten, dass der Beschwerdeführer die deut- sche Sprache gut spreche und dass er gut integriert sei . Weiter wird dem Beschwerdeführer von der Sozialhilfebehörde attestiert, dass er sehr koope rationsbereit sei und sich nach Kräften bemühe, die Sozialhilfeabhängigkeit zu reduzieren (Führungsbericht vom 22. März 2017). Auch dem zweiten Führungsbericht vom 24. Januar 2019 ist zu entnehmen, dass der Beschwerde- führer jeweils sehr kooperationsbereit war. Zudem erg ibt sich daraus, dass die Sozialhilfeunter- stützung inzwischen beendet werden konnte und der Beschwe rdeführer aktuell wieder über eine Festanstellung verfügt. Unter diesen Voraussetzun gen kann den Ausführungen des Be- schwerdegegners zum Integrationskriterium "Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung" nicht gefolgt werden. Da die beiden Vor instanzen die Integrationskriterien nach Art. 58a AIG nicht korrekt geprüft und keine Gesamtbe wertung oder Gesamtwürdigung vorge- nommen haben, ist die Beschwerde bereits aus diesem Grund gutzuheissen und der angefoch- tene Entscheid aufzuheben. Bei diesem Ergebnis muss nich t näher auf die vom Regierungsrat vorgenommene Prüfung der Verhältnismässigkeit eingegangen werden. 6.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor dem Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten umfassen die Gerichtsgebühren und die Beweiskosten und werden in der Regel der unterlieg enden Partei in angemessenem Aus- mass auferlegt (§ 20 Abs. 3 VPO). Dem Ausgang des Verfa hrens entsprechend werden die Verfahrenskosten in der Höhe von insgesamt Fr. 1'800.-- dem unterliegenden Beschwerdegeg- ner auferlegt. Der geleistete Kostenvorschuss in der Höh e von Fr. 1'800.-- wird dem Beschwer- deführer zurückerstattet. 6.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann ge mäss § 21 Abs. 1 VPO für den Bei- zug eines Anwalts oder einer Anwältin eine angemessene Parteientschädigung zulasten der Gegenpartei zugesprochen werden. Mangels Beizug eines An walts oder einer Anwältin fällt die Zusprechung einer Parteientschädigung an den Beschwerde führer im kantonsgerichtlichen Beschwerdeverfahren ausser Betracht (§ 21 Abs. 1 VPO). Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Beschluss des Regierungs- rats Nr. 1355 vom 15. Oktober 2019 aufgehoben. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 1'800.-- g ehen zu Lasten des Beschwerdegegners. Der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'800. -- wird dem Beschwerdeführer zurückerstattet. 3. Die Parteikosten werden wettgeschlagen. Vizepräsident Gerichtsschreiber