Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 17. Dezember 2020 (720 19 122 / 321) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung IV-Rente: Würdigung des medizinischen Sachverhalts Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Kan- tonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiber Markus Schäfer Parteien A.____, Beschwerdeführerin gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Die 1968 geborene, zuletzt bis Ende März 2012 als Se rviceangestellte in einem Res- taurant tätig gewesene A.____ hatte sich im März 2012 bei der Eidgenössischen Invalidenver- sicherung (IV) zum Bezug von Leistungen angemeldet. Mit Verfügung vom 30. Oktober 2012 lehnte die IV-Stelle Basel-Landschaft dieses Leistungsb egehren ab. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Am 4. Juli 2016 meldete sich A.____ unter Hinweis auf eine psychische Erkrankung erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an. Nach Abklärung der gesundheitlichen und erwerblichen Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Verhältnisse lehnte die IV-Stelle - nach durchgeführte m Vorbescheidverfahren - mit Verfügung vom 28. März 2019 einen Rentenanspruch von A.____ mit der Begründung ab, man habe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit feststellen können. B. Gegen diese Verfügung erhob A.____ am 9. April 2 019 Beschwerde beim Kantonsge- richt, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantragte sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Ausrichtung einer IV-Rente. Am 8. Mai 2019 ersuchte sie zudem um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung. Gleichzeitig legte sie dieser letzten Eingabe ein Schreiben der Sozialen Dienste B.____ bei, in welchem sich die zuständige Sozi- alarbeiterin aus ihrer Sicht zur aktuellen Situation der Versicherten äusserte. C. Mit Verfügung vom 9. Mai 2019 bewilligte das Kan tonsgericht A.____ gestützt auf die eingereichten Unterlagen für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Prozessführung. D. In ihrer Vernehmlassung vom 28. Mai 2019 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. E. Anlässlich der Urteilsberatung vom 25. Juli 2019 ge langte das Kantonsgericht zum Ergebnis, dass eine abschliessende Beurteilung der Angelegenheit gestützt auf die vorhandene medizinische Aktenlage nicht möglich sei. Das Kantonsgericht beschloss deshalb, den Fall aus- zustellen und zur Klärung der medizinischen Sachlage bei Dr. med. C.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, ein psychiatrisches Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. Im Anhang zu diesem Beschluss unterbreitete das Kantonsgericht den P arteien den Entwurf des entspre- chenden Auftrags und den vorgesehenen Fragenkatalog. D ie Parteien verzichteten darauf, Zu- satzfragen zu stellen. Die Beschwerdegegnerin ersuchte i n ihrer Stellungnahme vom 5. Sep- tember 2019 einzig darum, ergänzend verschiedene Labor untersuchungen zu veranlassen und bei Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung ein entspre chendes spezifisches Instrumentarium zur Diagnostik anzuwenden. Am 16. Oktober 2019 erging der entsprechende Begutachtungs- auftrag an Dr. C.____, wobei darin der Entscheid übe r die Erforderlichkeit der von der IV-Stelle vorgeschlagenen zusätzlichen Abklärungen der Gutachterin überlassen wurde. F. Am 17. April 2020 erstattete Dr. C.____ ihr psychia trisches Gerichtsgutachten. Die Parteien erhielten in der Folge Gelegenheit, sich zum Inhalt des Gutachtens und zur Frage zu äussern, wie sich dessen Ergebnisse auf den Leistungsansp ruch der Versicherten auswirken würden. Während A.____ auf eine Stellungnahme verzich tete, monierte die IV-Stelle in ihrer Eingabe vom 18. Mai 2020 unter Hinweis auf eine Beurteilung von Dr. med. D.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Regionaler Ärztlicher Dienst (RA D) beider Basel, vom 6. Mai 2020, dass sich Dr. C.____ nicht zum Beginn und zum Verlauf d er Arbeitsunfähigkeit in der ange- stammten Tätigkeit und in einer Verweistätigkeit geäusse rt habe. Man erachte diesbezüglich eine Rückfrage bei der Gutachterin als indiziert. Mit Schreiben 25. Mai 2020 bat das Kantonsge- richt deshalb Dr. C.____, in Ergänzung ihres Gutachten s zu den von der IV-Stelle aufgeworfe- nen Fragen nach dem Beginn und dem Verlauf der Arbei tsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit und in einer Verweistätigkeit Stellung zu nehmen. Mit Eingabe vom 17. Juni 2020 kam die Gutachterin diesem Ersuchen nach. Die Parteien erh ielten Gelegenheit, zu diesen ergän- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht zenden Ausführungen der Expertin Stellung zu nehmen. Während sich die Beschwerdeführerin nicht mehr äusserte, teilte die Beschwerdegegnerin am 21. Juli 2020 mit, dass sie auf eine Stel- lungnahme verzichte. Mit Verfügung vom 12. August 2020 überwies der instruierende Präsident die Angelegenheit dem Dreiergericht zur (erneuten) Beurteilung. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes üb er die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV -Stellen direkt vor dem Versiche- rungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werde n. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständig- keit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. La ut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO ) vom 16. Dezember 1993 beur- teilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als e inzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stel le. Es ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf di e Beschwerde der Versicherten vom 9. April 2019 ist demnach einzutreten. 2.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbs- fähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein- gliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittli ch mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). 2.2 Nach Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs- rechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 ist die Arbeitsunfähig keit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit be dingte, volle oder teilweise Unfä- higkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumut bare Arbeit zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in e inem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunf ähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geist igen oder psychischen Gesundheit verur- sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederun g verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom menden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti- ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 2.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG wird die Rente nach de m Grad der Invalidität wie folgt ab- gestuft: Die versicherte Person hat Anspruch auf eine ga nze Rente, wenn sie zu mindestens Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 40 % invalid ist. 2.4 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätige n Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchfüh- rung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eing liederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkom- men), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das si e erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Dies ist die allgemeine Methode des Einkom- mensvergleichs (BGE 141 V 15 E. 3.2) mit den Untervar ianten des Schätzungs- oder Prozent- vergleichs (BGE 114 V 310 E. 3a) und der ausserordentlichen Methode (BGE 128 V 29). 3.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und be i der Beurteilung der Arbeitsfä- higkeit der versicherten Person ist die Verwaltung (und i m Beschwerdefall das Gericht) auf Un- terlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beur- teilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind di e ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbe itsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren Hinweisen). 3.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a mit Hinweis). 3.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3.1 So weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach de r Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholt es Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt. Eine abw eichende Beurteilung kann ferner ge- rechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserung en anderer Fachexperten dem Ge- richt als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens a bweichende Schlussfolgerun- gen zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/aa mit Hinweisen). 3.3.2 Im Weiteren ist den im Rahmen des Verwaltungsver fahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund e ingehender Beobachtungen und Unter- suchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befun- de zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswür digung volle Beweiskraft zuzuer- kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). 4.1 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psych ischen Gesundheitsbeeinträchti- gung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Dia gnose nach einem wissenschaftlich an- erkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltend en psychischen Leiden belastenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen ke in Krankheitswert zukommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat vorau s, das die Arbeits- und Erwerbsfähig- keit wesentlich beeinträchtigt. Ist eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der weiteren Frage zentrale Bedeutung zu, ob u nd inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig er- wartet werden kann, zu arbeiten und einem Erwerb nach zugehen (BGE 127 V 294 E. 5a mit Hinweisen). Zur Annahme einer durch eine psychische Gesund heitsbeeinträchtigung verur- sachten Erwerbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehme n ist, die Verwertung der Arbeitsfä- higkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder - als alternative Voraussetzung - sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; vgl. auch BGE 127 V 294 E. 4c in fine). 4.2.1 Zu ergänzen ist, dass das Bundesgericht mit BGE 14 3 V 418 entschieden hat, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukt urierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind. Dieses Verfahren de finiert systematisierte Indikatoren, die - unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Bela stungsfaktoren einerseits und Kom- pensationspotentialen (Ressourcen) anderseits - im Reg elfall erlauben, das tatsächlich erreich- bare Leistungsvermögen ergebnisoffen und symmetrisch zu beurteilen (BGE 141 V 281 E. 3.6). Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diagnostische n Einordnung des Leidens, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht und Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen hat (BGE 143 V 409 E. 4.5.2 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2). 4.2.2 Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit b ei psychischen Gesundheitsbeeinträchti- gungen zu beachtenden Standardindikatoren hat das Bun desgericht wie folgt systematisiert: Der erste Indikatoren-Komplex steht unter dem Titel “Ge sundheitsschädigung“. Darunter sind die Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde, der Ge sichtspunkt Behandlungs- und Ein- gliederungserfolg oder -resistenz und die Komorbiditäten zu würdigen. Im zweiten, die “Persön- lichkeit“ betreffenden Indikatoren-Komplex wird nach de r Persönlichkeitsentwicklung und der Persönlichkeitsstruktur gefragt, und es sind die persönlic hen Ressourcen des Versicherten zu eruieren. Im dritten Indikatoren-Komplex schliesslich ist unter dem Titel “Sozialer Kontext“ eine Eruierung der Ressourcen anhand des sozialen Umfelds vo rzunehmen. Anhand der ermittelten Indikatoren ist schliesslich die “Konsistenz“ zu prüfen. Da runter fallen verhaltensbezogene Ka- tegorien wie die Indikatoren einer gleichmässigen Einsc hränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen und eines behandlungs- u nd eingliederungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdrucks (BGE 141 V 296 ff. E. 4). 5.1 Die IV-Stelle holte zur Abklärung des Gesundheitszusta nds und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten bei den Dres. med. E.____, Rheumatolo gie FMH und Innere Medizin FMH, und Urs F.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, ein b idisziplinäres (rheumatologisches/ psychiatrisches) Gutachten ein. 5.1.1 Im rheumatologischen (Teil-)Gutachten vom 15. Fe bruar 2018 erhob Dr. E.____ keine Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Al s somatische Leiden ohne Auswirkun- gen auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierte er (1) an amnestisch ein rezidivierendes Lumbover- tebralsyndrom mit/bei Fehlform (thorakal linkskonvexe Krü mmung mit Hohlkreuz) und degene- rativen Veränderungen (Chondrose L3/4 mit Retrolisthesi s L3/4 um 2 mm, Chondrose L4/5 mit Antelisthesis L4/5 um 2 mm [Röntgen LWS 13.02.2018]) u nd (2) eine Retropatellararthrose beidseits. Zur Frage der Arbeitsfähigkeit der Versicher ten hielt Dr. E.____ fest, die Explorandin sei aus rheumatologischer Sicht in jeglicher Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig. 5.1.2 Dr. F.____ gelangte in seinem psychiatrischen (T eil-)Gutachten vom 17. Januar 2018 zur Auffassung, dass sich bei der Versicherten keine psychi atrische Diagnose mit Auswirkun- gen auf die Arbeitsfähigkeit stellen lasse. Als Diagno sen, die sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirken würden, erhob er eine Alkoholabhängigkeit (IC D-10 F10.25), eine Cannabisabhän- gigkeit (ICD-10 F12.25) sowie eine Dysthymie (ICD-10 F34 .1). In seiner Beurteilung führte er zur letztgenannten Diagnose aus, da depressive Verstimmungen nur gelegentlich auftreten und diese die Explorandin im Alltag nicht einschränken wür den, seien sie im Rahmen einer Dysthy- mie einzuordnen. Es könne sich auch deshalb nicht um eine mittelgradige oder schwere de- pressive Erkrankung handeln, weil die Explorandin sich stri kt gegen die Durchführung einer antidepressiven Therapie stelle und folglich davon ausgeg angen werden könne, dass bei der Explorandin diesbezüglich kein hoher Leidensdruck bestehe. Würde nämlich eine schwere de- pressive Erkrankung vorliegen, dann wäre die Explorandin dazu bereit gewesen, eine pharma- kologische Therapie durchzuführen, um diesen hohen Lei densdruck zu mildern. In Bezug auf Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Arbeitsfähigkeit der Explorandin gelangte Dr. F. ____ aufgrund des Gesagten zum Schluss, dass aus psychiatrischer Sicht in jeder beruflichen Tätigkeit eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 100 % bestehe. 5.1.3 In ihrer bidisziplinären Konsensbeurteilung vom 13. Februar 2018 wiesen die Dres. E.____ und F.____ darauf hin, dass sowohl aus psychiatrisch er wie auch aus rheumatologi- scher Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 100 % für jegliche Tätigkeit bestehe. 5.2 Die IV-Stelle stützte sich in der angefochtenen Ve rfügung vom 28. März 2019 bei der Beurteilung des medizinischen Sachverhalts vollumfänglich auf die Ergebnisse, zu denen die Dres. E.____ und F.____ in ihrem bidisziplinären Gutach ten vom 17. Januar/15. Februar 2018 gelangt waren. Sie ging demzufolge davon aus, dass die Versicherte aus rheumatologischer und psychiatrischer Sicht und somit auch aus bidisziplinärer Optik in jeder beruflichen Tätigkeit vollständig arbeitsfähig sei. 5.3.1 Das Kantonsgericht gelangte anlässlich der ersten U rteilsberatung vom 25. Juli 2019 zum Schluss, dass die vorinstanzliche Beweiswürdigung nicht zu beanstanden sei, soweit es um die Auswirkungen der vorhandenen somatischen Gesundheitsbeeinträchtigungen auf die Arbeitsfähigkeit der Versicherten gehe. In dieser Hi nsicht habe sich die IV-Stelle in der ange- fochtenen Verfügung zu Recht auf die Einschätzung des Gutachters Dr. E.____ gestützt, wo- nach die Versicherte aus rheumatologischer Sicht in je glicher Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei. Diese Beurteilung erweise sich als schlüssig und über zeugend, sie werde denn auch von der Versicherten in ihrer Beschwerde nicht in Zweifel gezogen. 5.3.2 Soweit es um die Beurteilung des Gesundheitszusta nds und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten aus psychiatrischer Sicht ging, gelangte das Kantonsgericht jedoch zum Ergebnis, dass diesbezüglich nicht auf das Gutachten von Dr. F.____ vom 17. Januar 2018 abgestellt werden könne. Es erwog dazu in seinem Beschluss vom 25. Juli 2019, dass hinsichtlich der Beurteilung der depressiven Störung Diskrepanzen zwischen d em Gutachten von Dr. F.____ vom 17. Januar 2018 und den bei den Akten befindlichen Arztberichten bestünden. So hätten sowohl Dr. med. G.____, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, als auch die behandelnden Ärz- te der Klinik H.____ bei der Versicherten in ihren Berichten jeweils die Diagnose einer rezidivie- renden depressiven Störung (ICD-10 F33.0) gestellt. D azu komme, dass im Bericht der Sozia- len Dienste B.____ vom 23. April 2019 ein deutlich schl echteres Bild vom effektiven Zustand der Versicherten gezeichnet werde als im Gutachten von Dr. F.____. Die gesundheitliche Situa- tion werde als fragil beschrieben, die Versicherte wirke müde, zitternd und abgekämpft. Sie be- schwere sich über Schlafstörungen und starke Stimmungsschwan kungen. Sie habe starke Rückzugsbedürfnisse und sei nicht in der Lage, zu abgemach ten Terminen zu erscheinen oder sogar telefonisch erreichbar zu sein. Bereits die Anforde rungen des Alltags würden die Explo- randin an ihre Grenzen bringen. Diese aktuellen Schil derungen gäben, so das Kantonsgericht, berechtigten Anlass zur Annahme, dass der Gutachter den effektiven Zustand der Explorandin zu positiv und zu beschönigend dargestellt habe. Dazu komm e, dass sich Dr. F.____ nur unzu- reichend mit den anderslautenden Berichten auseinander gesetzt habe, die bestehenden Dis- krepanzen seien mit anderen Worten nicht hinreichend aufgelöst worden. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Die Ausführungen von Dr. F.____ seien zudem, so das Ka ntonsgericht in seinem Beschluss vom 25. Juli 2019 weiter, auch in einem anderen Punkt nicht überzeugend. So betone der Gut- achter, dass sich die Explorandin noch nie einer pharmako logischen Behandlung unterzogen habe, sondern eine solche ablehne. Laut Dr. F.____ z eige dies, dass die Explorandin nicht be- sonders unter den geklagten depressiven Symptomen leide. Dieser gutachterliche Schluss tref- fe so aber nicht zu, denn dem Abklärungsbericht der Klini k H.____ und dem Bericht der Sozia- len Dienste B.____ könne entnommen werden, dass sich di e Explorandin einer pharmakologi- schen Behandlung unterzogen, die Therapie aber aufgru nd der Nebenwirkungen abgebrochen habe. Zu beachten sei ferner, dass die (zeitweise) kokain -, cannabis- und alkoholabhängige Explorandin eine psychiatrische Behandlung - wenn immer m öglich - offenbar auch aufgrund der aus ihrer Optik zumindest ein Stück weit nachvollzi ehbaren Befürchtung meide, durch eine pharmakologische Behandlung in eine neue Abhängigkeit zu geraten. Allein aus der fehlenden pharmakologischen Behandlung könne vorliegend jedenfal ls nicht per se auf einen fehlenden Leidensdruck bzw. auf das Fehlen einer depressiven Erkrankung geschlossen werden. In Anbe- tracht aller genannten Aspekte vermöge deshalb die Sch lussfolgerung des Gutachters, wonach die Explorandin (auch) aus psychiatrischer Sicht in jeder Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei, nicht zu überzeugen. 5.3.3 Da die übrigen damals vorliegenden medizinischen Berichte ebenfalls keine ausrei- chende Grundlage für eine abschliessende Beurteilung d er Beschwerde bildeten, beschloss das Kantonsgericht, den Fall auszustellen und eine zusätzl iche Abklärung des medizinischen Sachverhalts im Rahmen eines psychiatrischen Gerichtsguta chtens vornehmen zu lassen. Mit dessen Erstellung wurde in der Folge Dr. C.____ beauftragt. 6.1 Am 17. März 2020 erstattete Dr. C.____ ihr ausführ liches Gerichtsgutachten. Darin erhob sie gestützt auf eine eingehende ambulant-psychiatrische Untersuchung der Explorandin, auf die von ihr beim Hausarzt und bei der für die Expl orandin zuständigen Sozialarbeiterin der Sozialen Dienste B.____ eingeholten Drittauskünfte sow ie auf die medizinische Aktenlage fol- gende Diagnosen: (1) eine rezidivierende depressive Stö rung, gegenwärtig anhaltende mittel- gradige Episode (ICD-10 F33.1), (2) eine vermeidend-se lbstunsichere Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.6) und eine paranoide Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.0) bzw. eine kombinier- te Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F61), (3) different ialdiagnostisch zusätzlich eine Somatisie- rungsstörung (ICD-10 F45.0) und (4) eine Abhängigkeit von multiplen Substanzen (ICD-10 F19.2). 6.2 In ihrer medizinischen Beurteilung nahm die Gutacht erin - anhand der Prüfung der massgebenden Standardindikatoren (vgl. dazu E. 4.2 hiervo r) - eine Einschätzung des von der Versicherten in Anbetracht der festgestellten psychischen Er krankungen noch erreichbaren Leistungsvermögens vor. 6.2.1 Im Indikatoren-Komplex “Gesundheitsschädigung" gi ng Dr. C.____ auf die Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde, die Behandlungen, d ie Eingliederungserfolge oder die Ein- gliederungsresistenz und auf die Komorbiditäten ein. S ie führte aus, aufgrund der vorliegenden Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Aktendokumentation (im Längsschnitt) und der aktuellen gu tachterlichen Untersuchung (Quer- schnitt) sei die rezidivierende depressive Störung unbestri tten. Sie sei überwiegend als mittel- gradig dokumentiert worden, die Verlaufsberichte wü rden erahnen lassen, dass es dazwischen auch zu schwereren Ausprägungen und auch Episoden mit l eichterer depressiver Symptomatik gekommen sei. Ob die depressive Verstimmung jeweils vollständig abgeklungen und es also zu klar abgrenzbaren Episoden gekommen sei, lasse sich nicht r ekonstruieren. Die gesamte Aus- prägung belaufe sich damit auf eine mittlere Schwere . Die Persönlichkeitsstörung sei mittel- schwer bis schwer ausgeprägt. Schon die Beziehungsgestaltung zu den Eltern scheine von Kindheit an problematisch gewesen zu sein. Die Versich erte beschreibe ihre Mutter als „ego- zentrisch", obwohl ihre Mutter sich seit Jahrzehnten um d ie Explorandin selbst sowie deren Töchter gekümmert habe und die Explorandin ohne sie i m Leben wahrscheinlich nicht zurecht- gekommen wäre, vor allem nicht in den schwersten Phasen ihrer Abhängigkeitserkrankung. Zudem hätte sie niemals ihre dritte Tochter behalten und aufziehen können, ohne dass die Mut- ter quasi ständig präsent gewesen wäre. Die Schilderun gen über die bedrohlichen Situationen, demütigenden, kränkenden und destruktiven Erfahrungen w ährend ihrer Zeit als Prostituierte einerseits und andererseits die Erklärung, die Arbeit an sich sei gar nicht so schlimm gewesen, würden darauf verweisen, dass die Explorandin auch hier nicht in der Lage gewesen sei, einen nüchternen Blick auf die Interaktionen zu werfen und sich entsprechend zu verhalten. Ansons- ten hätte sie sich spätestens nach der lebensbedrohlichen G ewalterfahrung aus diesem Milieu verabschiedet. Ferner berichte die Explorandin, dass sie selbst in der Kindheit nicht, in der Ado- leszenz ebenfalls nicht und bis in die Gegenwart nie engere Freunde gehabt habe. Ihre partner- schaftlichen Beziehungen seien ebenfalls nur von kurzer Da uer gewesen. Schliesslich sei die Abhängigkeitserkrankung über Jahre schwer ausgeprägt ge wesen, aktuell kompensiert, aber nach wie vor sei die Explorandin latent gefährdet, w as ihr nur partiell bewusst zu sein scheine. Dafür würden ihre Äusserungen zum Umgang mit Alkohol und der gegenwärtige Kokainkonsum sprechen. Gesamthaft sei die Einschränkung als mittelsch wer bis schwer einzuschätzen. Von psychiatrischer Seite bestehe insgesamt eine ausgeprägte Ko morbidität durch die depressive Störung, die Persönlichkeitsstörung und die Abhängigkeit serkrankung. Die Somatisierungsstö- rung stehe als zusätzliche Differenzialdiagose im Raum. D as Schmerzerleben und die weiteren Körperbeschwerden könnten aber durchaus auch der Persönl ichkeitsstörung, der depressiven Störung und - je nach Substanzkonsum - dem Konsum bzw. -e ntzug bei multiplem Substanz- gebrauch zugeordnet werden. Die Explorandin habe zwa r punktuell psychiatrisch- psychotherapeutische Hilfe gesucht, sie habe sich aber nicht wirklich auf sie einlassen können. In der aktuellen Untersuchung habe sie erklärt, jetzt ste he sie in Behandlung, es gehe ihr bes- ser und sie sei nun dazu bereit. Sie könne jetzt auch ei ne Massnahme kontinuierlich wahrneh- men. Die ergänzenden Informationen von Seiten der S ozialen Dienste B.____ und des Haus- arztes liessen jedoch Zweifel daran aufkommen, dass die Exp lorandin eine solche Massnahme stabil über längere Zeit durchhalten könnte. 6.2.2 Im Zusammenhang mit dem zweiten Indikatoren-Kom plex “Persönlichkeit“ hielt die Gutachterin zu den persönlichen Ressourcen fest, die Explo randin leide unter einer mittel- schweren bis schweren kombinierten Persönlichkeitsstörung. A ngesichts der Komorbidität mit der rezidivierenden depressiven Störung und der Abhängi gkeitserkrankung seien die Ressour- cen ausgesprochen spärlich bis nicht vorhanden. Immerhin ha be es die Versicherte aktuell ge- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht schafft, nach der Ankündigung der Abweisung des Leistung sbegehrens durch die IV Einwand und Beschwerde zu erheben. Ebenso sei es ihr - mit nachh altiger, zäher, beharrlicher Unter- stützung der Mutter und wohlwollender Unterstützung und Begleitung durch die Sozialen Diens- te - gelungen, das Sorgerecht für ihre dritte Tochter zu behalten und sie bei sich aufwachsen zu sehen. 6.2.3 Im dritten Indikatoren-Komplex “Sozialer Kontext “ wies Dr. C.____ darauf hin, dass die Explorandin keineswegs nur im beruflichen Bereich, sondern auch in ihrem sozialen Leben er- heblich eingeschränkt sei. Über Jahre sei es ihr nicht gel ungen, alleine zu leben, sie habe nur mit Unterstützung ihrer Mutter und wahrscheinlich auch durch begleitende Unterstützung bzw. Konfrontation mit ihren Töchtern und durch die wohl wollende Begleitung und aufmerksame Un- terstützung durch die Sozialen Dienste der Gemeinde funktionieren können. Die Explorandin sei all die Jahre nicht in der Lage gewesen, stabile Freu ndschaften oder intime Partnerschaften über längere Zeit zu pflegen. Hobbys scheine es nie gege ben zu haben. Aus den Schilderun- gen in der aktuellen Untersuchung sei herauszuhören ge wesen, dass ihr die Haushaltsführung über viele Jahre nicht möglich gewesen und wahrscheinlich auch aktuell nur eingeschränkt möglich sei. 6.2.4 Zur Frage der “Konsistenz“, die anhand der ermit telten Indikatoren zu prüfen ist, äus- serte sich die Gutachterin wie folgt: Die in den vorli egenden Berichten über die vergangenen Jahre beschriebenen Befunde und Verhaltensweisen der Ex plorandin würden in sich (mit Aus- nahme des Gutachtens von Dr. F.____) und mit den Befu nden und Untersuchungsergebnissen in der aktuellen Exploration gut übereinstimmen. Innerhalb der Angaben der Versicherten in der aktuellen Untersuchung zeigten sich aber einige Widersp rüche. Zu nennen seien die fast bil- derbuchhaft geschilderte Tagesstruktur auf der einen Sei te und die Andeutungen in anderem Kontext, dass es sowohl mit der Tagesstruktur als auch mit der Haushaltsbewältigung jetzt et- was bessergehe als die Jahre zuvor. Zu erwähnen sei ferne r die Aussage der Explorandin, dass sie keine Alkoholprobleme mehr habe und keinerlei Drogen konsumiere. Dies sei laut vor- liegendem Drogenscreening nicht der Fall und aufgrund der Hinweise des Hausarztes sei auch von einem höheren Alkoholkonsum auszugehen, als die Ve rsicherte angebe. Sodann würden auch ihre Schilderungen der Probleme an den früheren Arbeitsplätzen nicht ganz mit den weite- ren vorhandenen Informationen übereinstimmen. Anscheinend habe sie mit fast ausschliesslich unfairen Vorgesetzten zu tun gehabt und die Kündigun gen hätten nicht am Fehlverhalten ihrer- seits gelegen. Schliesslich habe die Versicherte standhaft negiert, angesichts der aktuellen Un- tersuchung nervös zu sein, später habe sie dies aber a nhand ihres Zitterns, des vermehrten Hustens und der Luftnot dann doch nebenbei eingeräumt. In den eingesetzten Selbstbeurtei- lungsinstrumenten seien die Kontrollskalen der BSCL una uffällig und der ADS auffällig gewe- sen, wobei bei der zweiten Skala vor allem der Verdach t auf Dissimulation bestehe, nicht zu- letzt, weil die Ergebnisse in der Selbsteinschätzung deut lich besser ausfallen würden als in der Fremdeinschätzung. Auch im Eppendorfer Schizophrenie-In ventar sei die Kontrollskala unauf- fällig gewesen. Abschliessend könne im Zusammenhang mi t der Konsistenzprüfung festgehal- ten werden, dass der Leidensdruck der Versicherten unstrittig sei. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.3 In ihrer Beurteilung der Arbeitsfähigkeit hielt die Gutachterin fest, dass die Explorandin zuletzt im Service gearbeitet habe. Übereinstimmend mit allen voruntersuchenden und behan- delnden Ärzten bestehe Einigkeit darin, dass die Versich erte nicht mehr im Service arbeiten sollte, weil die Gefährdung durch die ständige Verfüg barkeit von Alkohol zu hoch sei. Eine an- gepasste Tätigkeit könne aktuell nicht beschrieben werden. Schon die basalen Ausgangsbedin- gungen für ein Arbeitstraining seien bislang nicht gegeben gewesen. Auch wenn die Versicherte in der aktuellen Untersuchung ihre Bereitschaft mehrfa ch wiederholt habe, bestünden Zweifel daran, dass sie solch eine Massnahme stabil durchhalte kön nte. Empfehlenswert wäre eine solche Massnahme schon allein aufgrund der Tagesstrukturier ung. Dagegen spreche jedoch, dass die Explorandin nur mit Mühe - punktuell immer wi eder auch gar nicht - ihren Haushalt bewältigen, ihre Tagesstruktur einhalten und sich mehr oder weniger um ihre Tochter kümmern könne. Hier hätten ihres Erachtens die Angaben der f ür die Explorandin zuständigen Sozialar- beiterin der Sozialen Dienste B.____ grosses Gewicht. D iese berichte über eine ausgeprägte Instabilität und verweise vor allem darauf, dass die Ve rsicherte ihren Alltag ohne ihre Mutter (und auch ohne die Anforderungen durch die mit im Ha ushalt lebende Tochter) wahrscheinlich nicht bewältigen würde. Insofern sei davon auszugehen, dass die Versicherte nicht in der Lage sei, regelmässig einer Tätigkeit nachzugehen, schon gar nicht auf dem freien Arbeitsmarkt. Da- für spreche auch die Berufsbiografie, in der es der Exp lorandin nie gelungen sei, über längere Zeit kontinuierlich ein Arbeitsverhältnis aufrechtzuerhalten. 6.4 In ihrer Stellungmahne zu anderslautenden ärztlich en Beurteilungen wies die Gutach- terin darauf hin, dass Diskrepanzen einzig zum Gutachten von Dr. F.____ vom 17. Januar 2018 bestünden. Dessen Expertise lasse aber eine vertiefte Au seinandersetzung mit den Akten ebenso vermissen wie die einlässliche Erhebung der Vorge schichte und des Befundes. Dritt- auskünfte würden fehlen, ebenso die Persönlichkeitsdiagnostik. 7.1 Während die Beschwerdeführerin auf eine Stellung nahme zum Gerichtsgutachten von Dr. C.____ vom 17. März 2020 verzichtete, monierte die IV-Stelle in ihrer Eingabe vom 18. Mai 2020 unter Hinweis auf eine Beurteilung ihrer RAD-Är ztin Dr. D.____ vom 6. Mai 2020, dass sich Dr. C.____ nicht zum Beginn und zum Verlauf der Ar beitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit und in einer Verweistätigkeit geäussert habe . Man erachte diesbezüglich eine Rück- frage bei der Gutachterin als indiziert. Mit Schreiben 25. Mai 2020 bat das Kantonsgericht des- halb Dr. C.____, in Ergänzung ihres Gutachtens zu den vo n der IV-Stelle aufgeworfenen Fra- gen Stellung zu nehmen. 7.2 In ihren ergänzenden Ausführungen vom 17. Juni 2020 verwies Dr. C.____ hauptsäch- lich auf ihre bereits im Gutachten geäusserte Beurteilung, wonach sie davon ausgehe, dass die Explorandin nicht in der Lage sei, regelmässig einer Tätigkeit nachzugehen, schon gar nicht auf dem freien Arbeitsmarkt. Dafür spreche auch die Berufsb iografie, in der es der Explorandin nicht gelungen sei, über längere Zeit kontinuierlich ei n Arbeitsverhältnis aufrechtzuerhalten. Daraus ergebe sich, so die Gutachterin weiter, dass die Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit seit Beginn der Erkrankung, mindestens jedo ch seit 2012 gelte. Zur Arbeitsunfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit habe sie sich im Gutachten nicht mehr explizit geäussert. Sie sei Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht aber davon ausgegangen, dass sich diese aus der eingangs geäusserten Beurteilung ergebe. Die Arbeitsunfähigkeit bestehe somit auch in einer Verweistätigkeit seit mindestens 2012. 7.3 Mit Eingabe vom 21. Juli 2020 teilte die Beschwerd egegnerin mit, dass sie auf eine Stellungnahme zu diesen ergänzenden Ausführungen der Gutachterin verzichte. Die Be- schwerdeführerin liess sich ebenfalls nicht mehr vernehmen. 8.1 Nach den oben geschilderten Beweismaximen (vgl. E. 3.3.1 hiervor) weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Experten ab, deren Aufgabe es ist, ihre F achkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise w idersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerun- gen gelangt. Abweichende Beurteilung kann ferner ger echtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht al s triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, s ei es, dass es die Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Er- gebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerung en zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/aa mit Hinweisen). Vorliegend ist keiner dieser G ründe für ein Abweichen vom psychiatri- schen Gerichtsgutachten von Dr. C.____ vom 17. März 2020 ersichtlich. Es ist viel mehr festzu- halten, dass dieses die rechtsprechungsgemässen Vorausset zungen an eine medizinische Be- urteilungsgrundlage in jeder Hinsicht erfüllt: Es weist weder formale noch inhaltliche Mängel auf, es ist - wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 3.2 hiervor) - für die streitigen Belange umfassend, es stützt sich auf eine sorgfältige, insgesamt viereinhalbstündige persönliche Un- tersuchung der Explorandin, es berücksichtigt die geklagten Beschwerden, es ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden und es beruht auch auf fremdanamnestischen Erhebungen, die sich für die Klärung des medizinischen Sachverhalts als wertvoll erwiesen haben. Inhaltlich ist das Gutachten widerspruchsfrei und es leuchtet in d er Darlegung der medizinischen Zu- sammenhänge bzw. der Beurteilung der medizinischen Situa tion ein. Ebenso setzt es sich mit der - vollständig - abweichenden ärztlichen Beurteilung des Administrativgutachters Dr. F.____ auseinander und es zeigt auf, weshalb auf letztere nicht abgestellt werden kann. Das Gutachten erweist sich in den Schlussfolgerungen als überzeugend un d es nimmt insbesondere auch eine - mit der ergänzenden Stellungnahme vom 17. Juni 2020 nochmals bekräftigte - schlüssige Be- urteilung der Arbeitsfähigkeit der Versicherten vor. 8.2 Wie oben ausgeführt (vgl. E. 7.3 hiervor), verzich tete die IV-Stelle nach Eingang der ergänzenden Stellungnahme von Dr. C.____ vom 17. Juni 2 020 zum Beginn und zum Verlauf der Arbeitsunfähigkeit der Versicherten in der angestamm ten und in einer Verweistätigkeit auf zusätzliche Ausführungen. Dies lässt zweifellos den Schluss zu , dass die betreffenden Ergeb- nisse, zu denen die Gerichtsgutachterin gelangte, mittlerweile auch von der IV-Stelle - zu Recht - nicht (mehr) in Frage gestellt werden. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.3 Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist demnach festzuh alten, dass bei der Versi- cherten von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit sowo hl in der angestammten als auch in sämtlichen Verweistätigkeiten auszugehen ist. 9.1 Nach dem oben Gesagten (vgl. E. 2.4 hiervor) ist gemäss Art. 16 ATSG der Invalidi- tätsgrad bei erwerbstätigen Versicherten aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Da bei der Versicherten von einer vollständigen Arbeit sunfähigkeit in sämtlichen Tätigkeiten ausgegangen werden muss, ist sie nicht mehr in der Lage , einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und ein Invalideneinkommen zu erzielen. Somit ist auch kein Einkommensvergleich mehr vor- zunehmen und es ist stattdessen ohne Weiteres von einer v ollständigen Erwerbsunfähigkeit und somit von einem Invaliditätsgrad der Versicherten von 100 % auszugehen. 9.2 Bei einem Invaliditätsgrad von 100 % hat die Besch werdeführerin Anspruch auf eine ganze Rente. Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Ren tenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspru chs. Vorliegend hat die Versi- cherte diesen am 4. Juli 2016 geltend gemacht. Wie die Beschwerdegegnerin in ihrer Stellung- nahme vom 18. Mai 2020 zum Gerichtsgutachten zutreffen d ausführt, bedeutet dies, dass der Versicherten die halbe Rente nicht nach Ablauf des Warte jahres, sondern erst ab 1. Januar 2017 ausgerichtet werden kann. 9.3 Zusammenfassend ist als Ergebnis festzuhalten, dass die Beschwerde der Versicher- ten gutzuheissen ist. Die angefochtene Verfügung vom 28. März 2019 ist aufzuheben und es ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Januar 2017 Anspruch auf eine ganze Rente hat. 10. Abschliessend bleibt über die Kosten des Beschwerdeve rfahrens zu befinden. 10.1 Beim Entscheid über die Verlegung der Verfahrens - und der Parteikosten ist grund- sätzlich auf den Prozessausgang abzustellen. Vorliegend ist d ie Beschwerdeführerin obsiegen- de und die IV-Stelle unterliegende Partei. 10.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um d ie Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensau fwand und unabhängig vom Streit- wert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1000.-- festgel egt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstan den ist, setzt das Gericht die Verfah- renskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Par- tei in angemessenem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, wes- halb die Verfahrenskosten ihr zu auferlegen sind. 10.3 Nach Art. 45 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträ ger die Kosten der Abklärung zu übernehmen, soweit er die Massnahmen angeordnet hat. Hat er keine Massnahmen angeord- net, so übernimmt er deren Kosten dennoch, wenn die M assnahmen für die Beurteilung des Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Anspruchs unerlässlich waren oder Bestandteil nachträglich zugesprochener Leistungen bilden. Wie das Bundesgericht in BGE 137 V 210 ff. entschieden h at, sind in den Fällen, in denen zur Durchführung der vom Gericht als notwendig erachteten Beweismassnahme an sich eine Rückweisung in Frage käme, eine solche indessen mit Blick au f die Wahrung der Verfahrens- fairness entfällt, die Kosten der durch das Gericht in Auftrag gegebenen Begutachtung dem Versicherer aufzuerlegen. Dies sei, so das Bundesgericht weiter, mit der zitierten Bestimmung von Art. 45 Abs. 1 ATSG durchaus vereinbar (BGE 137 V 2 65 f. E. 4.4.2). Vorliegend war das Gericht anlässlich seiner ersten Urteilsberatung vom 25. J uli 2019 zum Ergebnis gelangt, dass ein Entscheid in der Angelegenheit gestützt auf die damals vorhandene Aktenlage nicht möglich war. Es entschied deshalb, den Fall auszustellen und zur a bschliessenden Klärung des medizi- nischen Sachverhalts ein psychiatrisches Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben, Wie sich an- lässlich der heutigen Urteilsberatung gezeigt hat, war d as in der Folge eingeholte Gerichtsgut- achten von Dr. C.____ vom 17. März 2020 für eine abschl iessende Beurteilung des medizini- schen Sachverhalts unerlässlich. Im Lichte der geschilder ten bundesgerichtlichen Rechtspre- chung sind demnach die Kosten der Begutachtung der IV-St elle aufzuerlegen. Diese Kosten belaufen sich insgesamt auf Fr. 8'224.50; sie setzen sich zu sammen aus den beiden Honorar- rechnungen von Dr. C.____ vom 17. März 2020 im Betrag von Fr. 7'575.-- für die Erstellung des Gutachtens bzw. vom 16. Juni 2020 in der Höhe von Fr. 100.-- für die Beantwortung der Zusatz- fragen der IV-Stelle sowie aus Laborkosten von Fr. 549 .50 gemäss Rechnung der I.____ AG vom 10. März 2020. 10.4 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Darunter sind die Kosten zu verst ehen, die einer Beschwerde führen- den versicherten Person im gerichtlichen Verfahren für d en Beizug einer Rechtsanwältin bzw. eines Rechtsanwalts entstanden sind. Vorliegend hat d ie Beschwerdeführerin zwar obsiegt, da sie sich jedoch nicht anwaltlich hat vertreten lassen, e ntfällt ein Anspruch auf Ersatz der Partei- kosten im Sinne der genannten Bestimmung. Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 28. März 2019 aufgehoben und es wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin ab 1. Janu ar 2017 An- spruch auf eine ganze Rente hat. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung in de r Höhe von Fr. 8'224.50 werden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. http://www.bl.ch/kantonsgericht