<h2>SubmittedText<h2><p>Jedes Jahr sterben weltweit 25 Sprachen. Wenn sich diese Entwicklung im gleichen Rhythmus fortsetzt, dann werden - so der weltweit bekannte französische Linguist Claude Hagège - in hundert Jahren die Hälfte der derzeit 5000 gesprochenen Sprachen ausgestorben sein. Das Phänomen ist nicht neu. Vor zweitausend Jahren bereits hat die Verbreitung der lateinischen Sprache zum Verschwinden zahlreicher anderer Sprachen geführt. Heute aber führen die Globalisierung und die Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien dazu, dass Macht und Geschwindigkeit der Verbreitung von Sprachen wie dem Englischen ein historisch nie da gewesenes Ausmass erreichen. Der Vormarsch der englischen Sprache ist geschichtlich einzigartig.</p><p>Daher möchte ich dem Bundesrat folgende Fragen stellen:</p><p>1. Wie beurteilt er diese Entwicklung, die das ökolinguistische Gleichgewicht gefährdet?</p><p>2. Ist er bereit, zur Erhaltung des sprachlichen Weltkulturerbes einen Beitrag zu leisten?</p><p>3. Ist er nicht auch der Ansicht, dass die mehrsprachige Schweiz in diesem Bereich eine besondere Rolle spielen muss?</p><p>4. Teilt er nicht auch die Meinung, dass zwischen der Erhaltung des sprachlichen Weltkulturerbes und der Verteidigung der sprachlichen Vielfalt unseres Landes, die aufgrund der Omnipräsenz von Englisch zunehmend bedroht ist, gewisse Ähnlichkeiten bestehen?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>In den letzten Jahren hat die sprach- und verständigungspolitische Diskussion in der Schweiz an Bedeutung gewonnen. Nachdem der sprachpolitische Auftrag von Bund und Kantonen in der Bundesverfassung erweitert wurde, hat der Bundesrat dessen Bedeutung damit unterstrichen, dass er ihn zum Hauptziel seiner Regierungspolitik erklärt hat. Dieser politische Wille wird von einer grossen Zahl parlamentarischer Vorstösse mitgetragen.</p><p>Zurzeit besteht eine gewisse Sorge um die Veränderung des Sprachverhaltens der Schweizer Bevölkerung. Dies hängt mit den wachsenden Kommunikationsbedürfnissen einer weltweit vernetzten Gesellschaft zusammen, die sich hauptsächlich auf Englisch verständigt.</p><p>1. Diese Entwicklung kann je nach Standpunkt unterschiedlich beurteilt werden. Die weltweite sprachliche Evolution hat Gewinn und Verlust zur Folge. In manchen Kreisen wird sie durchaus positiv eingestuft, eröffnet sie doch beispielweise in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht unserer Gesellschaft manche neue Möglichkeiten. Auch aus kultureller Sicht kann man der modernen Kommunikationsgesellschaft positive Seiten abgewinnen. Es ist aber auch eine Tatsache, dass diese Entwicklung aus nationaler wie auch globaler Betrachtung auf Kosten der sprachlichen und kulturellen Vielfalt geht. Das sprachliche Gleichgewicht, verbunden mit der gegenseitigen Anerkennung unterschiedlicher Kulturen, ist eine wichtige Voraussetzung für die Erhaltung des sozialen Friedens und für das Zusammenleben im mehrsprachigen Staat wie auch in der mehrsprachigen Staatengemeinschaft.</p><p>2. Die Bereitschaft des Bundes, einen Beitrag zur Erhaltung des sprachlichen Weltkulturerbes zu leisten, kann aufgrund seines sprachpolitischen Engagements im eigenen Land beurteilt werden. Den grössten Beitrag kann die Schweiz durch die Förderung der Sprachenvielfalt und der individuellen Mehrsprachigkeit leisten. Um die sprachpolitischen Ziele des Bundes, wie sie in den Artikeln 4, 18 und 70 der Bundesverfassung umschrieben sind, zu erreichen, sowie zur Umsetzung zahlreicher parlamentarischer Vorstösse hat der Bundesrat die Vorbereitung eines Sprachengesetzes in Auftrag gegeben, zu dem er in der ersten Jahreshälfte 2001 die Vernehmlassung eröffnen will. Das Sprachengesetz bezweckt die Erhaltung der Viersprachigkeit des Landes und die Förderung der Mehrsprachigkeit als Voraussetzung für die interkulturelle Verständigung. Damit wird der Bund sein sprachpolitisches Engagement in Zusammenarbeit mit den Kantonen erweitern. Die bislang vorliegenden Resultate zeigen, dass noch viel Arbeit geleistet werden muss.</p><p>Der Bund engagiert sich nach Möglichkeit auch im internationalen Bereich, indem er z. B. entsprechende Initiativen des Europarates unterstützt. Er hat am 25. November 1997 die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (BBl 1997 I 1165) sowie am 21. Oktober 1998 das Rahmenabkommen zum Schutz der nationalen Minderheiten (BBl 1998 II 1293) ratifiziert. Die Schweiz ist mit der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) aktiv an den grossen sprachpolitischen Projekten des Europarates beteiligt, namentlich im Rahmen des Projet Langues Vivantes mit der Gestaltung des Europäischen Jahres der Sprachen 2001. Es sei auch auf die Bemühungen der EDK zur Koordination des Sprachunterrichtes in der Schweiz mit einem Gesamtsprachkonzept hingewiesen.</p><p>Die Schweiz unterstützt ferner auch internationale Bestrebungen der weltweit tätigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Organisationen, die sich für die globale Erhaltung der sprachlichen Vielfalt einsetzen. In diesem Zusammenhang sei auf die Resolution der Unesco Vollversammlung (187 Länder) vom 17. November 1999 hingewiesen, die zahlreiche Empfehlungen zur weltweiten Förderung und zum Gebrauch der Mehrsprachigkeit beinhaltet. Die Beteiligung der Schweiz an der Organisation internationale de la Francophonie gibt ihr die Möglichkeit, neben ihrer Tätigkeit für die Verbreitung des Französischen auch zur Förderung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt beizutragen.</p><p>3. Seit der Gründung des Bundesstaates gestaltet und entwickelt sich das Zusammenleben der vier Sprachgemeinschaften ohne schwerwiegende Konflikte. Das Bekenntnis zur Viersprachigkeit als einem Wesensmerkmal unseres Landes und die damit verbundene Rücksichtnahme und Toleranz gegenüber den Minderheiten bilden dafür eine wichtige Voraussetzung. Die Bemühungen um die Spracherhaltung und Sprachförderung, namentlich des Rätoromanischen und des Italienischen, gehören seit längerer Zeit zu den Hauptzielen der Sprachenpolitik des Bundes.</p><p>4. Mit der Frage ist die Konkurrenzsituation angesprochen, die sich für die Landessprachen infolge der wachsenden Beliebtheit des Englischen ergibt. Der Bundesrat hat sich bereits in seiner Antwort auf die Interpellation Hubmann 97.3459 vom 8. Oktober 1997, "Englisch als Kommunikationssprache in der mehrsprachigen Schweiz?", dazu wie folgt geäussert: "Die Schweiz ist, wie übrigens auch die Europäische Union, mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert: Einerseits muss sie die sprachliche und kulturelle Vielfalt erhalten, und andererseits muss sie ihren Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu den Informationen und Märkten der Welt ermöglichen. Der vermehrte Gebrauch des Englischen stellt zwar nicht eine unmittelbare Gefährdung der Sprachenvielfalt unseres Landes, aber eine zusätzliche Herausforderung für die mehrsprachige Schweiz dar. Es gilt, diese Herausforderung anzunehmen und geeignete Massnahmen zur Erhaltung und Förderung der Sprachkompetenz in den Landessprachen zu treffen, ohne dabei dem Erlernen des Englischen als globaler Kommunikationssprache grundsätzliche Hindernisse in den Weg zu stellen." Ferner hat der Bundesrat in seiner Antwort zur Interpellation der grünen Fraktion 00.3428 vom 19. September 2000, "Sprachenfrieden in Gefahr", die Ansicht vertreten, "dass die Vermittlung von Englischkenntnissen zu unseren Bildungsprogrammen gehören. Dies ist machbar, ohne die Landessprachen zu benachteiligen."</p>  Antwort des Bundesrates.