200 18 281 IV ACT/FRN/SEE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Sozialversicherungsrechtliche Abteilung Urteil vom 18. Dezember 2018 Verwaltungsrichter Ackermann, Kammerpräsident Verwaltungsrichter Schütz, Verwaltungsrichter Schwegler Gerichtsschreiberin Franzen A.________ gesetzlich vertreten durch B.________ und D.________, vertreten durch Rechtsanwalt C.________ Beschwerdeführer gegen IV-Stelle Bern Scheibenstrasse 70, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin betreffend Verfügung vom 23. Februar 2018 Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 2 Sachverhalt: A. Der 2014 geborene A.________ (Versicherter bzw. Beschwerdeführer) leidet an mehreren Geburtsgebrechen des Urogenitalsystems (Ziff. 344, 345, 346, 348 und 351 des Anhangs zur Verordnung vom 9. Dezember 1985 über Geburtsgebrechen [GgV; SR 831.232.21]; vgl. Akten der IV- Stelle des Kantons Bern [IVB bzw. Beschwerdegegnerin; AB] 16) und be- zieht deswegen verschiedene Leistungen der Eidgenössischen Invaliden- versicherung (IV), unter anderem mit Wirkung ab Februar 2014 eine Hilflo- senentschädigung für Minderjährige wegen mittlerer Hilflosigkeit sowie ei- nen Intensivpflegezuschlag für einen Betreuungsaufwand von vier Stunden (AB 69). Anlässlich einer Revision von Amtes wegen gewährte die IVB mit Verfü- gung vom 27. September 2016 (AB 132) bis am 30. Juni 2016 unverändert eine Hilflosenentschädigung für Minderjährige wegen mittlerer Hilflosigkeit und vom 1. Juli 2016 bis 1. Februar 2017 eine Hilflosenentschädigung für Minderjährige wegen leichter Hilflosigkeit. Zusätzlich wurde ein Intensiv- pflegezuschlag für einen Betreuungsaufwand von mindestens vier Stunden bis am 1. Februar 2017 gewährt. B. Im Rahmen einer weiteren Revision von Amtes wegen veranlasste die IVB einen Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung für minderjährige Versi- cherte (AB 153 S. 2 ff.). Mit Vorbescheid vom 30. August 2017 (AB 155) stellte sie für die Zeit vom 1. Februar 2017 bis zum 1. August 2018 eine Hilflosenentschädigung für Minderjährige wegen leichter Hilflosigkeit sowie die Aufhebung des Intensivpflegezuschlags per 1. November 2017 in Aus- sicht. Dagegen liess der Versicherte, vertreten durch seine Eltern und diese wiederum vertreten durch Rechtsanwalt C.________, Einwand erheben (AB 156). Nachdem die IVB eine Stellungnahme ihres Abklärungsdienstes Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 3 (AB 160 S. S. 2 ff.) eingeholt hatte, verfügte sie am 23. Februar 2018 (AB 162) wie im Vorbescheid in Aussicht gestellt. C. Hiergegen erhob der Versicherte, vertreten durch seine Eltern, diese wie- derum vertreten durch Rechtsanwalt C.________, am 16. April 2018 Be- schwerde mit den folgenden Rechtsbegehren: 1. Die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 23. Februar 2018 sei betref- fend Hilflosenentschädigung aufzuheben. 2. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, dem Beschwerdeführer rück- wirkend für den Zeitraum vom 1. November 2016 bis 22. Februar 2018 ei- ne Hilflosenentschädigung wegen mittlerer Hilflosigkeit auszurichten. -Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen- Mit Beschwerdeantwort vom 17. Mai 2018 schloss die Beschwerdegegne- rin unter Hinweis auf die Stellungnahme des Abklärungsdienstes vom 14. Mai 2018 (AB 165 S. 2 ff.) auf Abweisung der Beschwerde. Mit Replik vom 20. Juni 2018 und Duplik vom 17. August 2018 hielten die Parteien an ihren Rechtsbegehren fest. Am 11. September 2018 orientierte der Instruktionsrichter in einer prozess- leitenden Verfügung aufgrund einer summarischen Prüfung der Sach- und Rechtslage über eine mögliche Rückweisung der Sache zu weiteren Ab- klärungen und dadurch allenfalls drohende Schlechterstellung (reformatio in peius) und bot Gelegenheit zur Stellungnahme resp. zum Rückzug der Beschwerde im Sinne von BGE 137 V 314. Mit Schreiben vom 13. Novem- ber 2018 hielt der Beschwerdeführer an der Beschwerde fest. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 4 Erwägungen: 1. 1.1Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversiche- rungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staats- anwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Der Beschwerdeführer ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträ- gen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]) und die Bestimmungen über die Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) sind eingehalten. Gestützt auf die Angaben der Beschwer- degegnerin, wonach die angefochtenen Verfügung vom 23. Februar 2018 (AB 162) nicht eingeschrieben zugestellt worden ist (Aktennotiz vom 22. Mai 2018; in den Gerichtsakten) ist auch die Einhaltung der Beschwer- defrist (Art. 60 ATSG) erstellt, womit auf die Beschwerde einzutreten ist. 1.2Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 23. Februar 2018 (AB 162). Streitig und zu prüfen ist allein der Anspruch auf eine Hilflosen- entschädigung und dabei insbesondere die Frage, ob eine dauernde Über- wachungsbedürftigkeit vorliegt. Nicht angefochten (Beschwerde S. 2 und 4; Replik S. 2) und deshalb nicht mehr streitig (BGE 125 V 413 E. 1b S. 414 f.) ist die Verneinung des Anspruchs auf einen Intensivpflegezuschlag. 1.3Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 5 1.4Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG). 2. 2.1Versicherte mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz, die hilflos (Art. 9 ATSG) sind, haben Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung (Art. 42 Abs. 1 IVG). Als hilflos gilt eine Per- son, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche Le- bensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen Überwa- chung bedarf (Art. 9 ATSG). Zu unterscheiden ist zwischen schwerer, mit- telschwerer und leichter Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 2 IVG). Massgebend für die Höhe der Hilflosenentschädigung ist das Ausmass der persönlichen Hilflosigkeit (Art. 42ter Abs. 1 Satz 1 IVG). 2.1.1Die Hilflosigkeit gilt als schwer, wenn die versicherte Person vollständig hilflos ist. Dies ist der Fall, wenn sie in allen alltäglichen Le- bensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies der dauernden Pflege oder der persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 1 der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). 2.1.2Die Hilflosigkeit gilt als mittelschwer, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln a. in den meisten alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist; b. in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf; oder c. in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter und überdies dauernd auf le- benspraktische Begleitung im Sinne von Art. 38 IVV angewiesen ist (Art. 37 Abs. 2 IVV). Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 6 Nach der Rechtsprechung ist im Rahmen von lit. a dieser Bestimmung Hilfsbedürftigkeit in mindestens vier alltäglichen Lebensverrichtungen vor- ausgesetzt (BGE 121 V 88 E. 3b S. 90). 2.1.3Die Hilflosigkeit gilt als leicht, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln a. in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist; b. einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf; c. einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders aufwändigen Pflege bedarf; d. wegen einer schweren Sinnesschädigung oder eines schweren kör- perlichen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen Dritter gesellschaftliche Kontakte pflegen kann; oder e. dauernd auf lebenspraktische Begleitung im Sinne von Art. 38 IVV angewiesen ist (Art. 37 Abs. 3 IVV). 2.2Nach der herrschenden Praxis (BGE 133 V 450 E. 7.2 S. 463) sind die folgenden sechs alltäglichen Lebensverrichtungen relevant: - Ankleiden, Auskleiden; - Aufstehen, Absitzen, Abliegen; - Essen; - Körperpflege; - Verrichtung der Notdurft; - Fortbewegung (im oder ausser Haus), Kontaktaufnahme. 2.3Die in Art. 37 IVV verwendeten Begriffe "Pflege" und "Überwa- chung" beziehen sich nicht auf die alltäglichen Lebensverrichtungen. Es handelt sich vielmehr um eine Art medizinischer oder pflegerischer Hilfe- leistung, welche infolge des physischen oder psychischen Zustandes der versicherten Person notwendig ist. "Dauernd" hat dabei nicht die Bedeu- tung von "rund um die Uhr", sondern ist als Gegensatz zu "vorübergehend" zu verstehen (BGE 107 V 136 E. 1b S. 139; SVR 2017 IV Nr. 43 S. 129 E. 2.2.2, 2015 IV Nr. 30 S. 93 E. 5.2.1; ZAK 1990 S. 46 E. 2c).Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 7 Die Notwendigkeit der persönlichen Überwachung ist beispielsweise dann gegeben, wenn eine versicherte Person wegen geistiger Absenzen nicht während des ganzen Tages allein gelassen werden kann. Es ist nur eine dauernde persönliche Überwachung von einer gewissen Intensität an- spruchsbegründend. Aus einer bloss allgemeinen und kollektiven Aufsicht (etwa im Rahmen einer Schule, eines Heims, einer Klinik oder einer Behin- dertenwerkstätte) kann keine rechtlich relevante Hilflosigkeit abgeleitet werden (BGE 107 V 136 E. 1b S. 139; SVR 2015 IV Nr. 30 S. 93 E. 5.2.1; ZAK 1990 S. 46 E. 2c; Entscheid des BGer vom 24. August 2009, 8C_310/2009, E. 8). Die dauernde persönliche Überwachung nach Art. 37 IVV muss nicht durch Medizinalfachpersonen ausgeübt werden, sie kann auch durch die Eltern der versicherten Person erbracht werden (SVR 2016 IV Nr. 6 S. 19 E. 4.2). Bei Minderjährigen ist nur der Mehrbedarf an Hilfe- leistung und persönlicher Überwachung im Vergleich zu nicht behinderten Minderjährigen gleichen Alters zu berücksichtigen (Art. 37 Abs. 4 IVV). 2.4 2.4.1Gemäss Art. 17 Abs. 2 ATSG wird – nebst der Rente – auch jede andere formell rechtskräftig zugesprochene Dauerleistung von Amtes we- gen oder auf Gesuch hin erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben, wenn sich der ihr zugrunde liegende Sachverhalt nachträglich erheblich verändert hat. Bei der Anpassung der Dauerleistungen ausserhalb des Rentenbereichs gelten die zur Rentenanpassung entwickelten Grundsätze analog (UELI KIESER, Kommentar zum ATSG, 3. Aufl. 2015, Art. 17 N. 68). 2.4.2Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen (BGE 141 V 9 E. 2.3 S. 10, 130 V 343 E. 3.5 S. 349). Dasselbe hat bei der Revision des Anspruchs auf Hilflo- senentschädigung zu gelten. 2.4.3Als zeitliche Vergleichsbasis ist einerseits der Sachverhalt im Zeit- punkt der ursprünglichen Verfügung und anderseits derjenige zur Zeit der streitigen Revisionsverfügung zu berücksichtigen (BGE 130 V 343 E. 3.5.2 S. 351, 125 V 368 E. 2 S. 369; SVR 2010 IV Nr. 53 S. 166 E. 3.1). Wurde die Dauerleistung zuvor bereits revidiert oder bestätigt, so ist als zeitliche Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 8 Vergleichsbasis die letzte rechtskräftige Verfügung heranzuziehen, sofern eine materielle Überprüfung des Leistungsanspruches tatsächlich stattge- funden hat (vgl. BGE 133 V 108 E. 5.4 S. 114; SVR 2013 IV Nr. 44 S. 135 E. 3.1.2). 2.4.4Liegt eine erhebliche Änderung des Sachverhalts vor, ist der Leis- tungsanspruch in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht allseitig, d.h. unter Berücksichtigung des gesamten für die Leistungsberechtigung ausschlag- gebenden Tatsachenspektrums neu und ohne Bindung an frühere Leis- tungsschätzungen zu prüfen (BGE 141 V 9 E. 2.3 S. 11, 117 V 198 E. 4b S. 200; SVR 2017 IV Nr. 40 S. 122 E. 5.2.2). 2.5Für den Beweiswert eines Abklärungsberichts sind verschiedene Faktoren zu berücksichtigen: Es ist wesentlich, dass der Bericht von einer qualifizierten Person verfasst wird, die Kenntnis der örtlichen und räumli- chen Verhältnisse sowie der aus den medizinischen Diagnosen sich erge- benden Beeinträchtigungen und Behinderungen hat. Weiter sind die Anga- ben der versicherten Person zu berücksichtigen, wobei divergierende Mei- nungen der Beteiligten im Bericht aufzuzeigen sind. Der Berichtstext schliesslich muss plausibel begründet und bezüglich der einzelnen Ein- schränkungen angemessen detailliert sein und in Übereinstimmung mit den an Ort und Stelle erhobenen Angaben stehen. Trifft all dies zu, ist der Ab- klärungsbericht voll beweiskräftig. Das Gericht greift in das Ermessen der die Abklärung tätigenden Person nur ein, wenn klar feststellbare Fehlein- schätzungen vorliegen. Das gebietet insbesondere der Umstand, dass die fachlich kompetente Abklärungsperson näher am konkreten Sachverhalt ist als das im Beschwerdefall zuständige Gericht (BGE 140 V 543 E. 3.2.1 S. 547, 130 V 61 E. 6.2 S. 63). Diese Rechtsprechung ist auf Abklärungsbe- richte für Ansprüche auf Hilflosenentschädigung analog anwendbar. Bei der Erarbeitung der Grundlagen für die Bemessung der Leistung ist eine enge, sich ergänzende Zusammenarbeit zwischen Arzt und Verwaltung erforder- lich (BGE 140 V 543 E. 3.2.1 S. 547, 130 V 61 E. 6.2 S. 63). 2.6Das Sozialversicherungsgericht beurteilt die Gesetzmässigkeit des angefochtenen Entscheides in der Regel nach dem Sachverhalt, der zur Zeit seines Erlasses gegeben war. Tatsachen, die jenen Sachverhalt seit- her verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwal-Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 9 tungsverfügung sein (BGE 131 V 242 E. 2.1 S. 243, 130 V 138 E. 2.1 S. 140). 3. 3.1Zu prüfen ist zunächst, ob im Vergleichszeitraum zwischen der Ver- fügung vom 27. September 2016 (AB 132) - anlässlich welcher die letzte materielle Überprüfung des Anspruchs auf eine Hilflosenentschädigung stattfand (vgl. E. 2.4.3 hiervor) - und der hier angefochtenen Verfügung vom 23. Februar 2018 (AB 162), eine Veränderung in den tatsächlichen Verhältnissen eingetreten ist, die geeignet ist, den Grad der Hilflosigkeit in einer für den Anspruch erheblichen Weise zu beeinflussen (vgl. E. 2.4.2 hiervor). 3.2Dem Beschwerdeführer wurde am 12. November 2016 eine Niere transplantiert (AB 133 S. 2 f.). Dies stellt einen Revisionsgrund dar. Die sich daraus ergebenden Auswirkungen sind im Folgenden zu prüfen. 3.3Den Akten ist zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer seit der Nierentransplantation während der Nacht Flüssigkeit nachsondiert wurde. Dabei war er an einen Sondomat angeschlossen, der die Flüssigkeit via Magensonde in den Magen pumpt. Bei Vorfällen gab der Sondomat jeweils einen Alarm ab (AB 153 S. 2 und 4). Die Beschwerdegegnerin erwog, dass eine dauernde persönliche Überwa- chung nicht mehr bejaht werden könne. Sie stützt sich für ihren Entscheid primär auf den Abklärungsbericht Hilflosenentschädigung für minderjährige Versicherte vom 29. August 2017 (AB 153 S. 2 ff.) sowie die Stellungnah- men des Abklärungsdienstes vom 4. Dezember 2017 (AB 160 S. 2 ff.) und 14. Mai 2018 (AB 165 S. 2 ff.). Sie macht insbesondere geltend, die Eltern seien sich im Gespräch nicht einig gewesen, wie oft sie pro Nacht aufste- hen müssten. Die Angaben im Einwandverfahren deckten sich nicht mit denjenigen während der Abklärung vor Ort. Alarmauslösende Vorfälle könnten mit entsprechenden Vorkehrungen vermieden oder auf ein Mini- mum reduziert werden. Weder bei den möglichen Unterbrechungssituatio- nen noch bei einer ungenügenden Befeuchtung habe je eine bedrohliche Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 10 Situation bestanden, so dass keine dauernde Überwachung im Sinne des Gesetzes bejaht werden könne. Der Beschwerdeführer gefährde weder sich selber noch Dritte, wenn die Flüssigkeitszufuhr unterbrochen würde (AB 160 S. 3; 165 S. 3). Dem kann nicht gefolgt werden. Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen, dass eine enge, sich ergänzende Zusammenarbeit zwischen Arzt und Verwaltung notwendig ist (BGE 133 V 450 E. 11.1.1 S. 468). Diese fehlte bei der Erarbeitung des Abklärungsbe- richts Hilflosenentschädigung für minderjährige Versicherte vom 29. August 2017 (AB 153 S. 2 ff.) und der Stellungnahmen des Abklärungsdienstes vom 4. Dezember 2017 (AB 160 S. 2 ff.) und 14. Mai 2018 (AB 165 S. 2 ff.). Zwar hat die Beschwerdegegnerin medizinische Berichte eingeholt (AB 133 S. 2 ff.; 138 S. 5 ff.; 138 S. 10 ff; 144 S. 2 ff.; 144 S. 7 f.; 146 S. 3 ff.; 146 S. 13 ff.), jedoch äussern sich diese nicht zur Frage der Überwachungsbe- dürftigkeit während der Nacht (vgl. Entscheid des Eidgenössischen Versi- cherungsgerichts [EVG; heute Bundesgericht] vom 23. Januar 2003, I 231/02, E. 4.1). Unklar ist zunächst die Notwendigkeit des Sondomats an sich, denn offenbar wird seit dem 22. Februar 2018, d.h. vor Verfügungser- lass und damit innerhalb des hier zu beurteilenden Zeitraumes (vgl. E. 2.6 hiervor), darauf verzichtet (Beschwerde, S. 9 Art. 8). Sollte der Sondomat nicht notwendig gewesen sein, entfällt eine Überwachungsbedürftigkeit von vornherein. Diese Frage wird auch nicht durch den neu eingereichten Be- richt der Klinik E.________ vom 9. Oktober 2018 (Beschwerdebeilage [BB] 8) beantwortet. Ebenfalls medizinisch nicht geklärt sind die gesundheitli- chen Folgen eines allfälligen Unterbruchs der Flüssigkeitszufuhr während der Nacht. Den Berichten der Klinik E.________ vom 5. Juni 2018 (BB 6) und 9. Oktober 2018 (BB 8) ist eine klare Antwort nicht zu entnehmen. Die Nephrologin verweist lediglich in allgemeiner Weise darauf, dass eine re- gelmässige und ausreichende Flüssigkeitszufuhr für die Dauer der Funkti- onstüchtigkeit der Transplantatniere wichtig sei (BB 8), während der Ab- klärungsdienst ausführt, es entstehe nie eine bedrohliche Situation (AB 160 S. 3; 165 S. 3 Ziff. 5), ohne sich jedoch auf medizinische Akten oder Be- gründungen zu stützen. Diese Frage muss jedoch medizinisch geklärt sein, denn je schwerer die Folgen eines Flüssigkeitsunterbruchs wiegen, desto eher ist grundsätzlich eine Intervention der Eltern notwendig und desto eher eine Überwachungsbedürftigkeit zu bejahen. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 11 3.4Unter diesen Umständen kann vorliegend keine abschliessende Beurteilung des Anspruchs auf eine Hilflosenentschädigung vorgenommen werden. Die Beschwerde ist deshalb gutzuheissen, die angefochtene Ver- fügung soweit den Anspruch auf Hilflosenentschädigung betreffend aufzu- heben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie die notwendigen Abklärungen vornehme – z.B. durch eine Aktenwürdi- gung durch den Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD), nachdem allfällige Protokolle des Sondomats sowie allenfalls bestehende Angaben der be- handelnden Ärzte betreffend Sondomat erhoben worden sind – und ansch- liessend über den Anspruch auf Hilflosenentschädigung neu verfüge. Bei diesem Ausgang des Verfahrens braucht über einen allfälligen An- spruchsbeginn einer allenfalls höheren Hilflosenentschädigung (Beschwer- de, S. 9 oben; Beschwerdeantwort, S. 3 Ziff. 7) sowie eine allfällige Melde- pflichtverletzung (AB 165 S. 3 f.) nicht entschieden zu werden. 4. 4.1Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Streitigkeiten um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festzulegen. Die Verfahrenskosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 800.--, hat bei diesem Ausgang des Verfahrens die unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG; BVR 2009 S. 186 E. 4). Der geleistete Kostenvor- schuss von Fr. 800.-- ist dem Beschwerdeführer nach Eintritt der Rechts- kraft des Urteils zurückzuerstatten. 4.2Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer An- spruch auf Ausrichtung einer Parteientschädigung. Die Kostennote von Rechtsanwalt C.________ vom 13. November 2018 ist nicht zu beanstan- den. Die Parteientschädigung wird auf total Fr. 4‘364.45 (Aufwand Fr. 4‘027.50, Auslagen von Fr. 24.90 und Mehrwertsteuer von Fr. 312.05) Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 12 festgesetzt. Diesen Betrag hat die Beschwerdegegnerin dem Beschwerde- führer zu ersetzen. Demnach entscheidet das Verwaltungsgericht: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Bern vom 23. Februar 2018 soweit den Anspruch auf Hilflo- senentschädigung betreffend aufgehoben und die Sache an die IV- Stelle Bern zurückgewiesen, damit sie nach Vornahme der Abklärun- gen im Sinne der Erwägungen über den Anspruch auf Hilflosenent- schädigung neu verfüge. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 800.-- werden der Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt. Der vom Beschwerdeführer geleistete Kos- tenvorschuss von Fr. 800.-- wird nach Rechtskraft des Urteils zurück- erstattet. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer die Parteikosten, gerichtlich bestimmt auf Fr. 4‘364.45 (inkl. Auslagen und MWSt.), zu ersetzen. 4. Zu eröffnen (R): - Rechtsanwalt C.________ z.H. des Beschwerdeführers - IV-Stelle Bern - Bundesamt für Sozialversicherungen Der Kammerpräsident: Die Gerichtsschreiberin:Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 18. Dez. 2018, IV/2018/281, Seite 13 Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Zustellung der schriftlichen Begrün- dung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, Beschwerde in öf- fentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des Bun- desgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) ge- führt werden.