B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5923/2018 U r t e i l v o m 1 7 . A u g u s t 2 0 2 0 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richterin Barbara Balmelli, Richterin Claudia Cotting-Schalch, Gerichtsschreiberin Regula Frey. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______ (recte: D._______), geboren am (…), E._______, geboren am (…), alle Afghanistan, alle vertreten durch Melanie Aebli, Rechtsanwältin, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 18. September 2018 / N (…). D-5923/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden suchten am 11. Oktober 2015 in der Schweiz um Asyl nach. Am 23. Oktober 2015 erfolgten die Befragungen zur Person (BzP) und am 10. Februar 2017 wurden die vertieften Bundesanhörungen (BA) durchgeführt. Am 12. September 2018 fand eine ergänzende Anhö- rung von A._______ (nachfolgend: Beschwerdeführer) statt. B. Am (…) wurde die Tochter E._______ geboren. C. C.a Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er sei Tadschike und in F._______ (Distrkit G._______, Provinz Baghlan) a ufgewachsen. Nach Abschluss des Gym- nasiums habe er eine Arbeitsstelle in Kabul gefunden. Dort habe er in ver- schiedenen Camps für amerikanische Arbeitgeber (…) verlegt. Weil er mit Ausländern – mit «Ungläubigen» – zusammengearbeitet habe, sei en er wie auch Familienangehörige wiederholt getadelt und bedroht worden. Er solle aufhören, mit den Ungläubigen zusammenzuarbeiten. Aufgrund die- ser Behelligungen habe er sich an seinen Arbeitgeber gewandt. Dieser habe ihm keinen Schutz gewähren können u nd ihn an die Pol izei verwie- sen, die aber auch nichts habe tun können . Eines Tages, als er mit zwei Arbeitskollegen im Auto seines Vaters von Kabul unte rwegs nach G._______ gewesen sei, seien sie von mehreren Taliban angehalten und durchsucht worden. Bei seinen Kollegen hä tten sie d eren Arbeitskarten vorgefunden. Bei ihm seien sie nicht fündig geworden, da er auf Anraten seines Vaters keine Dokumente auf sich getragen habe, welche einen Hin- weis auf seinen Arbeitgeber erlaubten. Seine Arbeitskollegen seien von den Taliban gefesselt und mit dem auf den Kopf gerichteten Gewehrlauf bewacht worden. Ihm sei von einem Taliban mit dem Gewehrkolben ins Gesicht geschlagen worden, nachdem er wiederholt angegeben habe, keine Karte zu besitzen und lediglich als Sammeltaxifahrer unterwegs ge- wesen zu sein. Danach habe er keine Erinnerungen mehr und könne auch nicht sagen, wie lange er bewusstlos gewesen sei. Als er wieder bei Be- wusstsein gewesen sei, seien weder die Taliban noch seine Kollegen vor Ort gewesen. Auch sein beziehungsweise das Auto seines Vaters habe nicht mehr dort gestanden. Er habe sich kaum mehr bewegen können, sein rechtes Auge habe gebrannt und er habe geblutet. Er habe einen LKW an- gehalten, der ihn einen Teil der Wegstrecke zu seinen Eltern mitgenommen D-5923/2018 Seite 3 habe. Als er bei seinen Eltern angekommen sei, habe er seinem Vater von dem Vorfall berichtet. Sein Vater habe in der Folge die Angehörigen der verschwundenen Arbeitskollegen über den Vorfall informiert. Diese hätten den Beschwerdeführer offenbar beschuldigt, die Arbeitskollegen den Tali- ban ausgeliefert zu haben, weshalb er a m Abend von Polizisten festge- nommen und auf den Bezirksposten gebracht worden sei. Sie hätten ihn beschuldigt, ein Ungläubiger geworden zu sein und zwei junge Leute den Taliban ausgeliefert zu haben. Am Folgetag sei er aus der Haft befreit wor- den und kurz darauf gemeinsam mit seiner Frau und dem Sohn geflüchtet. Sein Vater habe die Freilassung mittels Geldleistung erwirkt und auch seine Ausreise in die Wege geleitet. Im Weiteren gab der Beschwerdefüh- rer zu Protokoll, dass er nach seiner Ankunft in der Schweiz vom gewalt- samen Tod seines Bruders erfahren habe und glaube, dass die Tötung sei- nes Bruders im Zusammenhang mit ihm beziehungsweise den vorerwähn- ten Geschehnissen stehe. Sodann sei seine Schwester Anfang 2018, ver- mutlich von den Taliban, entführt worden. Er habe seither keine weiteren Informationen über ihren Verbleib erhalten. C.b Die Asylgründe der Beschwerdeführerin stützen sich im Wesentlichen auf die Asylvorbringen ihres Ehemannes. Sie bestätigte sein e Angaben, wonach er eines Tages verletzt zu Hause angekommen und in der Folge von der Polizei dort abgeholt worden sei. Sie habe Angst, ihr Mann würde hingerichtet. Überdies gab sie zu Protokoll, dass vor ihrer Heirat mit dem Beschwerdeführer ein anderer (viel älterer) Mann, der (…) des Dorfes, um ihre Hand angehalten gehabt habe. C.c Die Beschwerdeführenden reichten verschiedene Beweismittel , unter anderem eine Tazkira und deren Übersetzung (je in Kopie) sowie verschie- dene Dokumente die Arbeitstätigkeit des Beschwerdeführers betreffend, zu den Akten. D. Mit Verfügung vom 18. September 2018 – eröffnet am 19. September 2018 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlings- eigenschaft nicht, lehnte deren Asylgesuche ab und ordnete die Wegw ei- sung aus der Schweiz an. Weil der Vollzug der Wegweisung zurzeit nicht zumutbar sei, wurde die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden angeordnet. E. Mit Eingabe vom 16. Oktober 2018 reichten die Beschwerdeführenden D-5923/2018 Seite 4 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragten die Auf- hebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingsei- genschaft und die Gewährung von Asyl. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie sinngemäss um Ansetzung einer Frist zur Nachreichung von im Heimatland angeforderten Beweismitteln, um Gewährung der unentgelt- lichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerdeschrift lag eine Fürsorgebestätigung (datiert vom 16. Ok- tober 2018) bei. F. Mit Schreiben vom 18. Oktober 2018 bestätigte das Bundesverwaltungs- gericht den Eingang der Beschwerde. G. Mit Zwischenverfügung vom 25. Oktober 2018 hiess die Instruktionsrichte- rin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig wurden die Beschwerdeführenden aufgefordert, innert angesetzter Frist den Namen des von ihnen bestimmten Rechtsbeistands oder der Rechts- beiständin mitzuteilen und eine entsprechende Vollmacht einzur eichen, verbunden mit dem Hinweis, dass über das Gesuch um Beiordnung einer unentgeltlichen Rechtsvertretung nach Ablauf der besagten Frist entschie- den werde. Sodann setzte sie zur Nachreichung weiterer Beweismittel eine Frist von 30 Tagen ab Erhalt der Zwischenverfügung an, mit dem Hinweis, dass das Verfahren bei ungenutzter Frist aufgrund der Aktenlage weiterge- führt werde. H. Mit Eingabe vom 7. November 2018 erklärte Rechtsanwältin Melanie Aebli ihre Bereitschaft zur Übernahme der amtlichen Rechtsverbeiständung und ersuchte gleichzeitig um Erstreckung der Frist zur Nachreichung von Be- weismitteln. I. Mit Zwischenverfügung vom 12. November 2018 hiess die Instruktionsrich- terin das Gesuch um Gewährung der amtlichen Rechtsverbeiständung gut und ordnete Rechtsanwältin Melanie Aebli den Beschwerdeführenden als unentgeltliche Rechtsbeiständin bei. Das Gesuch um Erstreckung der Frist D-5923/2018 Seite 5 zur Nachreichung weiterer Beweismittel wurde – unter Hinweis auf Art. 32 Abs. 2 VwVG – abgewiesen. J. Am 26. N ovember 2018 reichten die Beschwerdeführenden weitere Be- weismittel zu den Akten. K. Am 30. November 2018 wurden die Akten dem SEM zur Vernehmlassung übermittelt. L. In ihrer Vernehmlassung vom 17. Dezember 2018 schloss die Vorinstanz sinngemäss auf Abweisung der Beschwerde. M. Mit Instruktionsverfügung vom 8. Januar 2019 wurde den Beschwerdefüh- renden die vorinstanzliche Vernehmlassung zugestellt und ihnen Gelegen- heit zur Einreichung einer Replik eingeräumt. N. Innert (zweimalig erstreckter) Frist nahmen die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 20. Februar 2019 zur Vernehmlassung des SEM Stellung. O. Am 13. Mai 2019 wurde eine fachärztliche Bescheinigung betreffend den Beschwerdeführer nachgereicht. P. Am 29. Juli 2019 reichten die Beschwerdeführenden ein aktualisiertes (Be- schwerde-)Beilagenblatt, eine psychiatrische Stellungnahme betreffend den Beschwerdeführer sowie eine Kostennote zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). D-5923/2018 Seite 6 1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführenden ha ben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerd e legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei- sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz d ie Be- schwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen hat. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nac hteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge- fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Eine asylsu chende Person erfüllt die Flüch tlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat be- ziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu- kunft begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; vielmehr D-5923/2018 Seite 7 müssen konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen re- alistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss gemäss Art. 7 AsylG die Flüchtlingsei- genschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Abs. 1). Glaub- haft gemacht ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhan- densein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge geben hält (Abs. 2). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismit- tel abgestützt werden (Abs. 3). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft- machen der Vorbringen in einem publizierten Entscheid dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.). 5. 5.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor- bringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaub- haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, weshalb deren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. 5.2 In seinem Entscheid stellte das SE M zunächst fest, dass die Identität des Beschwerdeführers nicht feststehe, dies jedoch eine unabdingbare und zentrale Voraussetzung für die Abklärung des Sachverhalts darstelle. Die Aktenlage deute darauf hin, dass er möglicherweise beabsichtige, den Asylbehörden seine Identität zu verheimlichen, was erste Zweifel am Wahr- heitsgehalt seiner Asylbegründung wecke. Weiter führte die Vorinstanz aus, im Kontext von Afghanistan sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht zu erwarten, dass sich eine von den Taliban bedrohte Person immer wieder an den Ort der Bedrohung begeben würde. S owohl der Vater als auch der Bruder des Beschwerdeführers seien in der Wohnregion in der Provinz Baghlan von geistlichen Würdenträgern und anderen Personen verschiedentlich wegen seiner Arbeit für amerikanische Unternehmen kri- tisiert und gewarnt worden. Diese geistlichen Würdenträger hätten mit den Taliban sympathisiert. Auch habe er selbst während eines Aufenthalts in der Provinz Baghlan einen Droh brief erhalten. In Anbetracht dieser War- nungen und Drohungen hätte er damit rechnen müssen, angesichts deren D-5923/2018 Seite 8 nachrichtendienstlichen Möglichkeiten von den Taliban im Heimatdorf beo- bachtet, aufgespürt und festgenommen zu werden. Dies gelte umso mehr, als die Provinz Baghlan seit längerem im Einflussbereich der Taliban liege. Diese Unstimmigkeiten seien weitere Anzeichen dafür, dass seine Asylbe- gründung fingiert sein könnte. Sodann seien seine Aussagen zu den an- geblichen Drohungen in mehrfacher Hinsicht widersprüchlich ausgefallen und die Schilderungen bezüglich Anzahl und Fahrzeuge der Taliban beim Überfall wie auch bezüglich der behaupteten Mitnahme durch die Polizei würden zahlreiche Unstimmigkeiten aufweisen. Auf Vorhalt sei er nicht im- stande gewesen, die Widersprüchlichkeiten überzeugend aufzulösen. Die festgestellten Ungereimtheiten würden in einer Gesamtwürdigung zum Schluss führen, dass er sich auf eine konstruierte Asylbegründung ab- stütze, weshalb es sich erübrige, auf weitere Unstimmigkeiten näher ein- zugehen. Weiter sei zu bemerken, dass die Vorbringen, wonach sein Bru- der nach seiner Ausreise getötet worden sei und man von seiner Schwes- ter – welche im Jahr 2018 mutmasslich von den Taliban entführt worden sei – keine Informationen erhalten habe, selbst unter Wahrunterstellung nicht geeignet seien, eine begründete Frucht im flüchtlingsrechtlichen Sinne zu attestieren. So liege einerseits das Motiv für die Tötung seines Bruders im Dunkeln und andererseits sei die Entführung junger Frauen in Afghanistan ein weitverbreitetes Phänomen. Die Vorbringen hielten den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. Bezüglich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Probleme mit dem (…) im Jahr 2006 beziehungsweise 2007 erachtete die Vorinstanz die Voraussetzungen an einen Kausalzusammenhang in zeitli- cher und sachlicher Hinsicht als nicht erfüllt. 5.3 Auf Beschwerdeebene wurde im Wesentlichen an der Glaubhaftigkeit der gemachten Angaben festgehalten. Bezüglich der nichtbelegten Identi- tät des Beschwerdeführers wurde die Nachreichung der Tazkira im Original sowie weiterer Originaldokumente (Badge-Karten, eine Arbeitsbestätigung sowie ein Empfehlungsschreiben) in Aussicht gestellt. Die abweichenden Angaben zu seinem Geburtsdatum würden sich aus dem Umstand erklä- ren, dass bei seiner Geburt in Afghanistan chaotische Zustände geherrscht hätten, weshalb er über kein Dokument verfüge, aus w elchem sein Ge- burtsdatum ersichtlich sei. Auch seine Mutter könne sein Geburtsdatum nicht sicher angeben. Da er über kein entsprechendes Dokument verfüge, sei bei der Ausstellung seines Personalausweises ein «Geburtsdatum nach Gutdünken» eingetragen worden. Daraus ergebe sich die Differenz zwischen der von ihm vorgetragenen Lebensgeschichte und dem auf der D-5923/2018 Seite 9 Tazkira aufgeführten Geburtsdatum « (…)». Bezüglich de n von der Vo- rinstanz angeführten Unstimmigkeiten in seinen Aussagen sei sodann auf das eingereichte psychiatrische Zeugnis zu verweisen, welches ihm unter anderem eine schwere posttraumatische Belastungsstörung attestiere. Er habe während der Anhörung mehrfach darauf hingewiesen, dass es für ihn sehr schwierig sei, sich unter diesen Umständen zu konzentrieren und ihm das Erinnern ausgesprochen schwerfalle. Zudem sei er bei der ergänzen- den Anhörung explizit angewiesen worden, sich kurz zu fassen. Als Folge des Übergriffs leide er noch heute an schweren Schlafstörungen, Migrä- nen, Erinnerungslücken sowie Sch uldgefühlen, weil er seinen Kollegen nicht habe helfen können. Es sei ein bekanntes Phänomen, dass sich trau- matisierte Personen nicht immer gleich präzise an die traumatisierenden Ereignisse erinnern könnten. Zudem hätten sich die Befragungsmodi der ersten und der zweiten Anhörung erheblich unterschieden. Die so entstan- denen Differenzen in seinen Darstellungen als Widersprüche zu taxieren, welche auf eine erfundene Fluchtgeschichte schliessen liessen, sei des- halb eine inakzeptable Unterstellung, die einer n äheren Prüfung nicht standhalte. Sodann sei, entgegen der Einschätzung der Vor - instanz, glaubhaft, dass sich der Beschwerdeführer mit seinen Fahrten von Kabul zu seiner Familie nach Baghlan einer Gefahr – der Bedrohung durch die Taliban – bewusst ausgesetzt habe. Aus der Inkaufnahme dieses Risikos zu schliessen, dass sein Verhalten dem erwartbaren, logischen Handeln widerspreche und seine Fluchtgründe deshalb als fingiert zu werten seien, sei unhaltbar. Bezüglich der vorinstanzlichen Zweifel, dass zwi schen den gegen den Beschwerdeführer ausgesprochenen Drohungen seitens der Taliban, dem Mord an seinem Bruder und der Entführung seiner Schwester ein Zusammenhang bestehe, w urde auf Beschwerdeebene entgegnet, dass im Einzelnen zutreffen möge, dass Frauen in Afghanistan allgemein einem erhöhten Risiko ausgesetzt seien, entführt zu werden, allerdings sei die Häufung der Gewalttaten gegen Mitglieder der Familie (…) auch für afghanische Verhältnisse auffällig. 5.4 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten. Die Beweismittel Nr. 3, 4 und 5 seien bereits im ordentlichen Verfahren eingereicht worden und dem Beweismittel Nr. 6 komme kein ausreichender Beweiswert zu, da nicht von der Hand zu weisen sei, dass es sich dabei um ein Gefälligkeits- schreiben handeln könnte. Das Beweismittel Nr. 3 (ein Be richt über Dro- hungen vom 22. Dezember 2014) stamme vom Beschwerdeführer selbst D-5923/2018 Seite 10 und die darin enthaltenen Angaben seien vom ebenfalls bereits eingereich- ten (undatierten) Empfehlungsschreiben übernommen worden. Auch den beiden letztgenannten Beweismitteln komme kein genügender Beweiswert zu, da wiederum nicht mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen wer- den könne, dass es sich bei der Empfehlung um ein Gefälligkeitsschreiben handeln könnte. Im Übrigen sei auf die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung zu verweisen, an denen vollumfänglich festgehalten werde. 5.5 In ihrer Replik wendeten die Beschwerdeführenden im Wesentlichen ein, die Stellungnahme des SEM sei sehr knapp ausgefallen und es sei weder auf die Vorbringen noch auf die Beweismittel hinreichend eingegan- gen worden. Es sei richtig, dass die Beweismittel Nr. 3, 4 und 5 bereits im erstinstanzlichen Verfahren eingebracht worden seien, diese würden nun aber im Original vorliegen, was den Beweiswert erhöhe und die Glaubhaf- tigkeit der Aussagen untermauere. Bezüglich der neu eingereichten Be- weismittel Nr. 2 und 6 sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zur Be- schaffung dieser im Original eingereichten Beweismittel ein grosses Risiko auf sich genommen habe. Er habe nämlich seinen Vater gebeten, die vor- genannten Beweismittel, welche sich noch im Büro des Camps befunden hätten, wo er zuletzt gearbeitet habe, zu beschaffen. Entgegen der ent- sprechenden Qualifizierung durch die Vorinstanz handle es sich um keine Gefälligkeitsschreiben, sondern um Beweismittel welche bestätigten, dass der Beschwerdeführer für ein ausländisches Unternehmen gearbeitet habe und in seiner Funktion bedroht worden sei. Sodann ermögliche die Beibrin- gung der «englischen Tazkira im Original» seine Identifikation, womit der vom SEM erwähnte Mangel aufgehoben und eine Untermauerung des Wahrheitsgehaltes seiner Aussagen darstelle. Darüber hinaus wird der be- reits aktenkundige Sachverhalt wiederholt aufgeführt und auf sein hohes Risikoprofil aufgrund seiner Tätigkeiten für ausländische Unternehmen ver- wiesen. Neu wird vorgebracht, dass der Vater des Beschwerdeführers, nachdem er die vorerwähnten Beweismittel im Camp beschaftt habe, ver- schwunden sei. Es sei anzunehmen, dass auch er von den Taliban entführt worden sei. 6. 6.1 Die Beschwerdeführenden verwe isen unter Ziffer 3 der Beschwerde- schrift darauf, der Beschwerdeführer habe in der ergänzenden Anhörung ein psychiatrisches Zeugnis vorgelegt, welches ihm eine schwere posttrau- matische Belastungsstörung attestiere. Er habe während der Anhörung mehrfach darauf hingewiesen, dass ihm die Aussagen zu diesem Vorfall D-5923/2018 Seite 11 grosse Probleme verursache, es schwierig für ihn sei, sich zu konzentrie- ren und ihm das Erinnern deshalb ausgesprochen schwerfalle. 6.2 Auch wenn weder die Beschwerdeschrift noch die Replik eine aus- drückliche formelle Rüge diesbezüglich beinhalten, erscheinen dennoch folgende Anmerkungen angezeigt. 6.2.1 Richtig ist, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der ergänzenden Anhörung auf gesundheitliche Beschwerden hinwies und zu Protokoll gab, er sei seit drei oder vier Wochen bei einer Psychiaterin in Behandlung (vgl. A34/19 zu F6 f.). Ein entsprechendes Terminkärtchen gab er zu den Akten. Entgegen der Darstellung in der Beschwerde reichte er indessen (der Vor- instanz) kein ärztliches Zeugnis ein. In der Folge kontaktierte der Befrager – mit dem Einverständnis des Beschwerdeführers (vgl. A34/19 zu F10) und auf Anregung der Hilfswerkvertretung (vgl. Unterschriftenblatt) die behan- delnde Psychiaterin (vgl. A35). Gemäss deren Auskunft ist der Beschwer- deführer seit Ende (…) 2018 in Behandlung, es habe vier Termine gegeben und er erhalte ein Antidepressiva. Die Symptome würden auf eine Post- traumatische Belastungsstörung (PTBS) hindeuten. Eine engmaschige Be- treuung sei angedacht. Allein dies lässt noch nicht auf eine eingeschränkte Befragungs- beziehungsweise Aussagefähigkeit des Beschwerdeführers schliessen; dies umso weniger als es bei den Befragungen im Wesentli- chen darum geht, über selbst Erlebtes zu berichten (vgl. nachstehende Ausführungen). 6.2.2 Aus den drei Protokollen (BzP , erste und zweite Anhörung) sind keine Auffälligkeiten erkennbar, die auf krankheitsbedingt herabgesetzte Kon- zentrations- und Verständigungsschwierigkeiten oder andere krankheits- bedingte Schwierigkeiten zur Bewältigung der Anhörungen hinweisen wür- den. Sodann machte der Beschwerdeführer weder während der BzP noch der ersten Anhörung zu irgendeinem Zeitpunkt geltend, aufgrund psychi- scher Probleme den gestellten Fragen nicht folgen oder diese unvollstän- dig oder nur in rudimentärer Weise beantworten zu könn en. Auch erklärte er sowohl im Rahmen der BzP als auch der ersten Anhörung explizit, er sei gesund beziehungsweise es gehe ihm gut (vgl. A7/11 S. 7 und A28/19 S. 2). Er bestätigte denn auch am Schluss der Befragung im EVZ respektive am Ende der ersten Anhörung mit seiner Unterschrift die Wahrheit und Kor- rektheit beziehungsweise bezüglich der Anhörung auch die Vollständigkeit seiner Asylgründe, nachdem ihm die Protokolle rückübersetzt worden wa- ren (vgl. A7/11 S. 8; A28/19 S. 17) und er anlässlich der Rückübersetzung teilweise auch die Möglichkeit nutzte, Ergänzungen oder Verbesserungen D-5923/2018 Seite 12 am Protokoll anzubringen (vgl. A28/19 S. 17). Die anwesende Hilfswerks- vertretung fand denn auch keinen Anlass zum Vermerk von Einwänden o- der Anregungen. Anlässlich der ergänzen den Anhörung machte der Be- schwerdeführer erstmals gesundheitliche Probleme geltend und verwies auf eine laufende Gesprächstherapie mit einer Psychiaterin. Grund der ge- sundheitlichen Probleme seien die vor ungefähr acht Monaten erhaltenen Informationen über Geschehnisse in seinem Heimatland (mutmassliche Entführung seiner Schwester sowie Umzug seiner Familie nach H._______ aufgrund von Problemen). Seitdem sei er sehr vergesslich, leide unter Stress und mache sich ständig Sorgen (vgl. A34/19 S. 3). Eine Überp rü- fung des Protokolls der ergänzenden Anhörung lässt jedoch keine Anzei- chen erkennen, die auf Schwierigkeiten bei der Befragung aufgrund ge- sundheitlicher Gründe hindeuten würden, die an der Verwertbarkeit dieses Protokolls ernsthafte Zweifel aufkommen lassen müssten. Der Beschwer- deführer zeigte sich in der Lage, die diversen vertiefenden Nachfragen zu den aktuellsten Vorfällen bezüglich seiner Familie, seinem Arbeitgeber, so- wie zu seinen Asylgründen zu beantworten. Auch weiterführende Fragen im Zusammenhang mit festgestellten Abweichungen in seinen Aussagen vermochte er zu beantworten und die Umstände zu begründen, welche zu den Abweichungen führten (vgl. A34/19 S. 16 f.). Sodann bestätigte er auch im Anschluss an die erfolgte Zweitanhörung die Vollständigkeit und Wahrheit der protokollierten Aussagen mit seiner Unterschrift (vgl. A34/19 S. 18). Die anwesende Hilfswerksvertretung wies auf die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers hin und regte die Einholung eines Arzt- berichts der behandelnden Psychiaterin an, ohne aber zu bemängeln, der Beschwerdeführer sei in seiner Fähigkeit nachhaltig beeinträchtigt, bei der Anhörung sachgerecht mitzuwirken. 6.3 Nach dem Gesagten bestand für die Vorinstanz weder Anlass zur Vor- nahme weiterer Abklärungen, noch steht die Verwertbarkeit der Protokolle in Frage. Formelle Mängel sind nicht zu erkennen. Ob und inwiefern die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers bei der Würdigung sei- ner Aussagen zu berücksichtigen war, stellt eine Frage der Beweiswürdi- gung dar. 7. 7.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 3 AsylG gestützt auf die geltend gemachten Vorfluchtgründe zu Recht verneint hat. D-5923/2018 Seite 13 7.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie genügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen Schilde- rungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemeinen Er- fahrung widersprechen. Vorbringen sind substantiiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen stützen. Als schlüssig gel- ten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhörung, zwischen Befragungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprüche aufweisen. Kleine, marginale Widersprüche sowie solche, die nicht die zentralen Asyl- vorbringen betreffen, können zwar in die Gesamtbetrachtung einfliessen, sollten jedoch nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaub- haftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegrün- det nachschiebt oder die nötige Mitwirkung am Verfahren verweigert. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we- sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver- haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H. sowie ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfah- ren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge- richts, Asyl 2/2015 S. 5). 7.3 Vorab ist festzustellen, dass die Vorinstanz die verschiedenen Arbeits- tätigkeiten des Beschwerdeführers für amerikanische Arbeitgeber nicht be- zweifelt. Angesichts der substantiierten, von Detailreichtum und Realkenn- zeichen geprägten Ausführungen zu seiner beruflichen Tätigkeit, den An- gaben zum Gehalt und der erfolgten Gehaltserhöhung, den Sicherheitsvor- kehrungen in den Camps, den Leibesvisitationen sowie den diversen ein- gereichten Beweismitteln – Arbeitsbestätigungen und Empfehlungsbrief – erachtet auch das Bundesverwaltungsgericht die diesbezüglichen Anga- ben als glaubhaft. D-5923/2018 Seite 14 7.4 7.4.1 Die Vorinstanz qualifiziert die Identität des Beschwerdeführers auf- grund fehlender rechtsgenüglicher Identitätspapiere als unbelegt, wodurch Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Asylgründe geweckt würden . Diesbe- züglich ist festzuhalten, dass vorliegend die afghanische Staatsangehörig- keit aufgrund der Schilderungen des Beschwerdeführers sowie der einge- reichten Beweismittel nicht in Zweifel zu ziehen ist. Allerdings trifft zu, dass der Beschwerdeführer zu seinem Geburtsdatum unterschiedliche Angaben gemacht hat. Es ist indessen notorisch, dass afghanische Staatsangehö- rige in Unkenntnis ihres exakten Geburtsdatum s oft ungefähre Daten an- geben. Ebenso wird auf den afghanischen Tazkiras nicht selten nur ange- geben, wie alt die betroffene Person im Zeitpunkt der Ausstellung des Pa- piers war, ohne den Tag und Monat des Geburtsjahres zu nennen. Sodann stehen die vom Beschwerdeführer beigebrachten, teilweise mit Foto ver- sehenen Beweismittel (Badges, Tazkira und Bestätigu ngsschreiben) in Übereinstimmung mit seinen Aussagen . Entgegen der vorinstanzlichen Auffassung vermögen die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner Iden- tität (vgl. Art. 1a Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]) keine Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Asylgründe zu rechtfertigen. 7.4.2 In der angefochtenen Verfügung beschränkt sich die vorinstanzliche Beurteilung der Glaubhaftigkeit im Wesentlichen darauf, dass das Verhal- ten des Beschwerdeführers nicht der Logik entspreche. So sei mit über- wiegender Wahrscheinlichkeit nicht zu erwarten, dass sich eine von den Taliban bedrohte Person immer wieder an den Ort der Bedrohung begeben würde. Sowohl der Vater als auch der Bruder des Beschwerdeführers seien wiederholt wegen seiner Arbeit für amerikanische Unternehmen kritisiert und g ewarnt worden. In Anbetracht dieser Warnungen und Drohungen hätte er damit rechnen müssen, von den Taliban im Heimatdorf beobachtet, aufgespürt und festgenommen zu werden. D ieser vorinstanzlichen Ein- schätzung ist entgegenzuhalten, dass nicht als realitätsfremd zu werten ist, dass sich der Beschwerdeführer im Wissen um mögliche durch die Taliban sporadisch und zufällig durchgeführte Strassenkontrollen bewusst einem gewissen Risiko ausgesetzt hat, um die Strecke zwischen seinem Arbeits- ort und dem Wohnort seiner Familie zurückzulegen . Bezeichnenderweise hat er diesbezüglich auch zu Protokoll gegeben, sein Vater habe ihn in be- stimmten Fällen angerufen und gesagt, er solle nicht nach Hause kommen (vgl. A28/19 zu F63). Zudem hat der Beschwerdeführer wiederholt darauf hingewiesen, aus Sicherheitsgründen stets darauf geachtet zu haben, während der Fahrt nie seinen Badge oder Identitätsdokumente auf sich zu D-5923/2018 Seite 15 tragen, um bei Strassenkontrollen durch die Taliban keine Rückschlüss e auf seine Identität und seinen ausländischen Arbeitgeber zu ermöglichen. Der Beschwerdeführer hat damit nachvollziehbar dargelegt, dass und wel- che Vorkehrungen er zur Wahrung seiner Sicherheit getroffen hat. Sodann ist festzuhalten, dass ein Grossteil der im Einflussbereich der Taliban le- benden Bevölkerung den Behelligungen seitens dieser – insbesondere im Rahmen von Strassenkontrollen – ausgesetzt ist. Wie der Beschwerdefüh- rer zu Recht moniert, kann aus der I nkaufnahme dieses Risikos nicht der Schluss gezogen werden, sein Verhalten widerspreche dem erwartbaren, logischen Handeln. Insofern erachtet es das Bundesverwaltungsgericht als glaubhaft, dass der Beschwerdeführer während seiner Erwerbstätigkeit zwischen Kabul und seinem Herkunftsort hin und her gereist ist, um seine Familie zu besuchen . Ebenso nachvollziehbar und plausibel erscheinen seine Schilderungen bezüglich des geltend gemachten Übergriffs seitens der Taliban. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass es das SEM unterlassen hat, in seinen Erwägungen die zahlreichen Elemente, die für die Glaubhaf- tigkeit der Darstellung des Beschwerdeführers sprechen, genügend zu würdigen. So hat der Beschwerdeführer den erlittenen Vorfall beziehungs- weise die Strassenkontro lle und die Misshandlung durch die Taliban wie auch das Wiedererlangen des Bewusstseins und sein Nachhausekommen umfassend und erlebnisgeprägt dargelegt. Seine Schilderungen weisen zahlreiche Details, direkte Rede, persönlichen Emotionen sowie weitere Realkennzeichen auf. Ebenso brachte er seine gesundheitliche Ver- schlechterung, sobald er sich an das Geschehen zurückerinnern müsse, deutlich und nachvollziehbar zum Ausdruck . Schliesslich ergeben sich auch keine Unstimmigkeiten zwischen den Angaben des Beschwerdefüh- rers im Asylverfahren und den eingereichten medizinischen Dokumenten. Insgesamt gelangt das Bundesverwaltungsgericht somit zum Ergebnis, dass wesentliche und zentrale Umstände für die Glaubhaftigkeit der ge- schilderten Strassenkontrolle, der damit verbundenen Misshandlungen des Beschwerdeführers durch die Taliban, der Mitnahme seiner Arbeitskollegen nach Entdeckung deren Arbeitskarten sowie deren Tötung sprechen. 7.5 Hingegen vermögen seine Ausführungen zu den Ereignissen nach der Rückkehr zu seiner Familie nicht vollständig zu überzeugen. Die Vorinstanz hat diesbezüglich zu Recht auf Unstimmigkeiten in den Aussagen des Be- schwerdeführers hingewiesen. Sodann haben sich seine Aussagen bezüg- lich seines Aufenthalts im Polizeiposten in rudimentären und unsubstanzi- ierten Angaben erschöpft. Den diesbezüglichen Erwägungen vermag der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe nichts Substanzielles ent- gegenzusetzen. D-5923/2018 Seite 16 7.6 Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist somit nach den vorstehenden Ausführungen davon auszugehen, dass die Vorbringen des Beschwerde- führers, wegen seiner beruflichen Tätigkeit durch die Taliban bedroht und Opfer von Misshandlungen durch diese geworden zu sein, glaubhaft sind. 8. 8.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu- chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch- ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter V erfolgungsmotive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu - gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen (BVGE 2010/57 E. 2.5). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutztheo- rie ist somit die flüchtlingsrechtliche Relevanz einer nichtstaatlichen Verfol- gung vom Vorhandensein eines adäquaten Schutzes durch den Heimat- staat abhängig. Dieser Schutz ist als hinreichend zu qualifizieren, wenn die betroffene Person effektiven Zugang zu einer funktionierenden und effi- zienten Schutzinfrastruktur hat und ihr die Inanspruchnahme eines solchen innerstaatlichen Schutzsystems individuell zu mutbar ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3). 8.2 Mit Urteil E-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publi- ziert) hat das Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass sich bei der Be- urteilung der Sicherheitslage Afghanistans Gruppen von Personen definie- ren lassen, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsri- siko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, welche der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft inklusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer dersel- ben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der afghani- schen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entsprechende D-5923/2018 Seite 17 Personen (vgl. dazu: UN High Commissioner for Refugees [UNHCR]), Eli- gibility Guidelines for A ssessing the International Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 30. August 2018, https://www.ref- world.org/docid/5b8900109.html, S. 40 ff. [abgerufen am 12. August 2020] sowie die beiden Berichte des European Asylum Office [EASO] «Country of Origin Information Report: Afghanistan: Individuals targeted by armed actors in the conflict » vom Dezember 2017, S. 34 f. und «Country Guid- ance: Afghanistan: Guidance note and common analysis» vom Juni 2018, S. 41 ff.). Auch andere Quellen berichten von gezielten Angriffen auf Mitar- beiter der afghanischen Regierung oder internationaler Organisationen und einem erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – insbeson- dere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Australian Department of Foreign Affairs and Trade [DFAT]: «Country Information Re- port Afghanistan» vom 18. September 2017, Ziff. 3.19 und 3.23; Schweize- rische Flüchtlingshilfe [SFH]: «Afghanistan: Die aktuelle Sicherheitslage » vom 12. September 2018, insbesondere S. 9; ACCORD: «Aktuelle Sicher- heitslage in Afghanistan und Chronologie für Kabul » vom 11. September 2018, Kapitel 1.2). 8.3 Demnach ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zu einer Perso- nengruppe gehört, für welche ein erhöhtes Gefährdungsrisiko nicht ausge- schlossen werden kann. Er hat glaubhaft dargelegt, während längerer Zeit als (…) in verschiedenen amerikanischen Camps in Kabul und damit für ausländische Arbeitgeber gearbeitet zu haben. Des Weiteren hat er glaub- haft machen können, dass er selber wegen dieser beruflichen Tätigkeit von den Taliban bereits bedroht worden war und sich auch sein Vater diesbe- züglich Vorhaltungen machen lassen musste. Auch wenn dem Beschwer- deführer als (…) keine überaus exponierte Stellung zugesprochen werden kann, ist er dennoch bereits ins Visier der Taliban geraten. In subjektiver Hinsicht hat er glaubhaft machen können, dass er miterleben musste, wie zwei seiner Arbeitskollegen von den Taliban entführt und später tot aufge- funden wurden, nachdem ihre berufliche Verbindung zu ausländischen Ar- beitgebern wegen des Mitführens ihrer Arbeitskarten im Rahmen der Stras- senkontrolle aufgedeckt geworden war. Es ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer dem gleichen Schicksal nur deshalb zu entgehen ver- mochte, weil den die Kontrolle durchführenden Talibanangehörigen seine eigene Arbeitstätigkeit im damaligen Zeitpunkt nicht bekannt war. Vor die- sem Hintergrund hatte der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Ausreise sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht begründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen im Sinne von Art. 3 AsylG seitens der Taliban. Nachdem sich die Sicherheitslage in Afghanistan seit seiner Ausreis e im D-5923/2018 Seite 18 Jahr 2015 keineswegs verbessert, sondern über alle Regionen hinweg wei- ter verschlechtert hat (siehe E. 7.8.1), ist anzunehmen, dass er im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan begründeterweise auch zum heutigen Zeitpunkt künftige Übergriffe seitens der Tal iban oder ihr nahestender Gruppierungen zu befürchten hat. Ob sich Familienmitglieder des Be- schwerdeführers – wie von ihm geschildert beziehungsweise vermutet – nach seiner Ausreise ebenfalls Verfolgungshandlungen ausgesetzt sahen, muss bei dieser Sachlage nicht abschliessend geprüft werden. Schliesslich ist die Inanspruchnahme von staatlicher Schutzinfrastruktur zu verneinen, namentlich steht auch in Kabul keine funktionierende und effiziente Schutz- infrastruktur zur Verfügung (vgl. dazu Urteile des BVGer D-2879/2018 vom 7. Mai 2020 E. 7.6 sowie E -4454/2017 vom 10. Oktober 2019 E. 6.3.4). Eine innerstaatliche Schutzalternative fällt sodann ausser Betracht, nach- dem die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug als unzumutbar erachtet hat. 9. Aus diesen Erwägungen ergib t sich, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Da den Akten keine Hinweise zu entnehmen sind, die auf das Vorliegen von Ausschluss- gründen (Art. 53 AsylG) hindeuten, ist ihm in der Schweiz Asyl zu gewäh- ren (vgl. Art. 49 AsylG). Hinsichtlich der (eigenen) Asylvorbringen der Be- schwerdeführerin kann vollumfänglich auf die zutreffenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Ihr und den gemein- samen Kindern ist gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG die Flüchtlingseigen- schaft zuzuerkennen und ihnen ist Asyl zu gewähren, zumal sich aus den Akten keine besonderen Umstände ergeben, die der Anwendung von Art. 51 Abs. 1 AsylG entgegenstehen könnten. Die Beschwerde ist dem- nach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom 18. September 2018 aufzuheben und das SEM anzuweisen, den Beschwerdeführenden Asyl zu gewähren. 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 10.2 Den vertretenen Beschwerdeführe nden ist angesichts ihres Obsie- gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. D-5923/2018 Seite 19 Die Rechtsvertreterin hat mit Eingabe vom 29. Juli 2019 eine Kostennote zu den Akten gereicht, die einen zeitlichen Vertretungsaufwand von 11.9 Stunden ausweist, was nicht vollumfänglich angemessen erscheint. Der für die Replik geltend gemachte Aufwand von 300 Minuten ist ange- sichts des Umfanges der Eingabe (einschliesslich d es Fristerstreckungs- gesuches) auf 240 Minuten zu kürzen. Die Parteientschädigung – welche von der Vorinstanz zu leisten ist – ist demnach auf Fr. 3'017.45 (inkl. Aus- lagen und Mehrwertsteueranteil) festzusetzen und das SEM ist anzuwei- sen, den Beschwerdeführenden diesen Betrag zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite) D-5923/2018 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die Verfügung vom 18. September 2018 wird aufgehoben. 2. Der Beschwerdeführer erfüllt die Flüchtlingseigenschaft und das SEM wird angewiesen, ihm Asyl zu gewähren. 3. Das SEM wird angewiesen, die Beschwerdeführerin und die Kinder in die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers einzubeziehen und ihnen Asyl zu gewähren. 4. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 5. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insge- samt Fr. 3'017.45 auszurichten. 6. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Regula Frey Versand: