<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">463</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Gemeinderecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>94</b></span> <span class="ft2"><b>Gemeindeversammlung; Vollzugskompetenz des Gemeinderats.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Der Gemeinderat ist an den Sinn des zu vollziehenden Beschlusses ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bunden und darf keine Ergänzungen anbringen, die den eindeutigen, dem</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Beschluss zugrunde liegenden Motiven zuwiderlaufen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Departements Volkswirtschaft und Inneres, Gemeindeabtei-</span><br/> <span class="ft3">lung, vom 12. Juli 2010 in Sachen A. gegen die Einwohnergemeinde X.</span><br/> <span class="ft3">(73822/25.1)</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">Die Gemeinden X. und Y. hatten beschlossen, ihre Schiessakti-</span><br/> <span class="ft5">vitäten auf die Schiessanlage S. in X. zu konzentrieren. Für die Sa-</span><br/> <span class="ft5">nierung dieser Regionalen Schiessanlage legten sie ihren Gemeinde-</span><br/> <span class="ft5">versammlungen jeweils Kreditbegehren vor. Die Versammlungsteil-</span><br/> <span class="ft5">nehmenden der Einwohnergemeinde X. stimmten am 20. Juni 2008</span><br/> <span class="ft5">der Kreditvorlage zu. Im Rahmen der Umsetzung des gemeinsamen</span><br/> <span class="ft5">Projekts hat der Gemeinderat X. an seiner Sitzung vom 30. Novem-</span><br/> <span class="ft5">ber 2009 entschieden, bei der Sanierung der Schiessanlage vom Ein-</span><br/> <span class="ft5">bau der geplanten 14 Schiesstunnel abzusehen und den 300-Meter-</span><br/> <span class="ft5">Stand mit 8 Schiesstunneln und 6 Lamellenrastern auszustatten.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">1. Der Beschwerdeführer bringt vor, dass der Gemeinderat X.</span><br/> <span class="ft5">mit seinem Beschluss vom 30. November 2009 unzulässigerweise</span><br/> <span class="ft5">vom Willen des Stimmvolks abweiche und sein Vorgehen nicht mehr</span><br/> <span class="ft5">vom Gemeindeversammlungsbeschluss gedeckt sei. Damit macht er</span><br/> <span class="ft5">sinngemäss eine Verletzung seiner demokratischen Mitwirkungsrech-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">464</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">te geltend. Diese Rüge, es fehle einem Gemeindevorhaben die Ge-</span><br/> <span class="ft5">nehmigung durch die Stimmbürgerschaft, ist mit Gemeindebe-</span><br/> <span class="ft5">schwerde im Sinne von § 106 GG vorzubringen (vgl. AGVE 1984,</span><br/> <span class="ft5">S. 640 ff.). (...)</span><br/> <span class="ft5">2. a) Gemäss § 37 Abs. 2 lit. a GG obliegt der Vollzug der Ge-</span><br/> <span class="ft5">meindeversammlungsbeschlüsse dem Gemeinderat. Zwar ist die</span><br/> <span class="ft5">Exekutive bei der Verwirklichung dieser Aufgabe grundsätzlich an</span><br/> <span class="ft5">den Willen der Stimmberechtigten gebunden. Bei der Konkretisie-</span><br/> <span class="ft5">rung und Individualisierung dieses Willens besitzt der Gemeinderat</span><br/> <span class="ft5">jedoch einen gewissen Ermessensspielraum, indem es in seiner Be-</span><br/> <span class="ft5">fugnis steht, alle zweckentsprechenden Vorkehren anzuordnen und</span><br/> <span class="ft5">die Modalitäten des Vollzugs festzulegen. Ein Versammlungsbe-</span><br/> <span class="ft5">schluss kann in der Regel nicht alle Einzelheiten fixieren. Soweit da-</span><br/> <span class="ft5">durch das wesentliche Konzept nicht verändert wird, ist es Sache des</span><br/> <span class="ft5">Gemeinderats, selbständig Detailfragen zu lösen und die notwendi-</span><br/> <span class="ft5">gen Ergänzungen und Modifikationen vorzunehmen (vgl.</span><br/> <span class="ft5">AGVE 1982, S. 490 f.). Der Gemeinderat ist jedoch an Sinn und</span><br/> <span class="ft5">Geist des zu vollziehenden Beschlusses gebunden und darf keine</span><br/> <span class="ft5">Ergänzungen anbringen, die den eindeutigen, dem Beschluss zugrun-</span><br/> <span class="ft5">de liegenden Motiven zuwiderlaufen. Können wesentliche Punkte</span><br/> <span class="ft5">nicht befolgt werden, hat eine erneute Beschlussfassung durch das</span><br/> <span class="ft5">zuständige Gemeindeorgan zu erfolgen (vgl. Andreas Baumann,</span><br/> <span class="ft5">Aargauisches Gemeinderecht, 3. Auflage, Aarau 2005, S. 260 f.).</span><br/> <span class="ft5">b) Im vorliegenden Fall haben die beiden Gemeinden X. und Y.</span><br/> <span class="ft5">ein gemeinsames Sanierungsprojekt in Angriff genommen und ihre</span><br/> <span class="ft5">anteilsmässigen Kredite durch die Gemeindeversammlungen be-</span><br/> <span class="ft5">schliessen lassen. In der Versammlungsvorlage zur Einwohnerge-</span><br/> <span class="ft5">meindeversammlung X. vom 20. Juni 2008 ist das Projekt detailliert</span><br/> <span class="ft5">beschrieben worden. Die Aufwendungen von 60'000 Franken als</span><br/> <span class="ft5">Lärmschutzmassnahmen für die 14 Schiesstunnel sind klar ausge-</span><br/> <span class="ft5">wiesen. Erfolgt die Kreditgewährung demnach wie hier aufgrund ei-</span><br/> <span class="ft5">nes detaillierten Projekts, so befinden die Stimmberechtigten im Er-</span><br/> <span class="ft5">gebnis zugleich über das beantragte konkrete Projekt, weshalb die</span><br/> <span class="ft5">Exekutive alsdann daran gebunden ist und ohne triftigen Grund keine</span><br/> <span class="ft5">wesentlichen Änderungen mehr vornehmen darf.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Gemeinderecht</span> <span class="page_no">465</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Aus den Akten geht sodann klar hervor, dass mit der Sanierung</span><br/> <span class="ft5">auch die Lärmimmissionen für die Anwohnerinnen und Anwohner</span><br/> <span class="ft5">vermindert werden sollten (vgl. Protokoll der Einwohnergemeinde-</span><br/> <span class="ft5">versammlung vom 20. Juni 2008, S. 14). Sinn und Geist des Ver-</span><br/> <span class="ft5">sammlungsbeschlusses besteht somit unter anderem darin, innerhalb</span><br/> <span class="ft5">des finanziellen Rahmens mit dem technisch Machbaren einen mög-</span><br/> <span class="ft5">lichst grossen die Immissionen vermindernden Effekt zu erzielen</span><br/> <span class="ft5">(vgl. Beschluss des Gemeinderats vom 30. November 2009, unter</span><br/> <span class="ft5">II.). Der den Lärm reduzierenden Zielsetzung kommt damit eine we-</span><br/> <span class="ft5">sentliche Bedeutung zu. Wie sich aus den Lärmgutachten ohne Wei-</span><br/> <span class="ft5">teres ergibt, kann diese Wirkung mit den Schiesstunneln im Vergleich</span><br/> <span class="ft5">zu den Lamellen merklich besser erreicht werden. Demzufolge läuft</span><br/> <span class="ft5">der geplante Verzicht auf einen Teil der Schiesstunnel zu Gunsten</span><br/> <span class="ft5">einer Lösung mit Lamellen den Motiven der Versammlung eindeutig</span><br/> <span class="ft5">zuwider und überschreitet den dem Gemeinderat beim Vollzug von</span><br/> <span class="ft5">Versammlungsbeschlüssen zustehenden Ermessensspielraum. Dass</span><br/> <span class="ft5">die Variante mit den 8 Schiesstunneln und den 6 Lamellenrastern die</span><br/> <span class="ft5">bundesrechtlichen Vorgaben an den Lärmschutz ebenfalls erfüllen</span><br/> <span class="ft5">würde, kann hierbei keine Rolle spielen. Der Gemeinderat ist hier an</span><br/> <span class="ft5">die dem Beschluss zugrunde liegenden Motive gebunden. Um in</span><br/> <span class="ft5">Teilen auf den geplanten Einbau der Schiesstunnel verzichten zu</span><br/> <span class="ft5">können, ist somit ein erneuter Beschluss der Gemeindeversammlung</span><br/> <span class="ft5">zwingend notwendig. Diese Option steht dem Gemeinderat nach wie</span><br/> <span class="ft5">vor offen.</span><br/></div> </div> </body> </html>