<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">346</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3">[...]</span><br/> <span class="ft4"><b>74</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 12 lit. c BGFA</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Unzulässige Doppelvertretung in einem Verwaltungsstrafverfahren, Ver-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>stoss gegen Art. 12 lit. c BGFA</b></span><br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid der Anwaltskommission vom 30. Oktober 2017</span><br/> <span class="ft2">i.S. Aufsichtsanzeige (AVV.2016.54).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1. Dem beanzeigten Anwalt wird vorgeworfen, er habe gleich-</span><br/> <span class="ft1">zeitig mehrere Mitbeschuldigte im Verwaltungsstrafverfahren der</span><br/> <span class="ft1">Anzeigerin trotz Interessenkollision verteidigt (...). Es ist deshalb</span><br/> <span class="ft1">vorliegend zu prüfen, ob ein Verstoss gegen Art. 12 lit. c BGFA vor-</span><br/> <span class="ft1">liegt.</span><br/> <span class="ft1">2.2. (...)</span><br/> <span class="ft1">2.3. Eine Doppelvertretung liegt vor, wenn ein Anwalt gleich-</span><br/> <span class="ft1">zeitig verschiedene Parteien berät oder vor Gericht vertritt, deren</span><br/> <span class="ft1">Interessen sich widersprechen (vgl. F</span><span class="ft2">ELLMANN</span><span class="ft1">, BGFA-Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Art. 12 N 96). Nach Auffassung des Bundesgerichts besteht</span><br/> <span class="ft1">bei der Verteidigung mehrerer Angeschuldigter in einem Strafver-</span><br/> <span class="ft1">fahren in der Regel eine Interessenkollision, sodass Mehrfach-</span><br/> <span class="ft1">Verteidigungsmandate unzulässig sind. In Ausnahmefällen ist die</span><br/> <span class="ft1">Verteidigung verschiedener Angeschuldigter im Strafverfahren zuläs-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">347</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sig. Voraussetzung für ihre Zulässigkeit ist jedoch, dass sich die</span><br/> <span class="ft1">Angeschuldigten in der Darstellung des Sachverhalts, in dessen</span><br/> <span class="ft1">rechtlicher Würdigung und in ihrer Tatbeteiligung einig sind. Der</span><br/> <span class="ft1">Anwalt hat zu beachten, dass bei der Verteidigung mehrerer Personen</span><br/> <span class="ft1">im Strafprozess in vielen Fällen Interessenkollisionen anfänglich</span><br/> <span class="ft1">nicht erkennbar sind, weil sie sich erst im Verlauf der Untersuchung</span><br/> <span class="ft1">herausbilden. So kann ein Mittäter plötzlich den Mitangeklagten be-</span><br/> <span class="ft1">schuldigen oder so können Abhängigkeiten zutage treten, die eine ge-</span><br/> <span class="ft1">meinsame Vertretung ausschliessen. Ist absehbar, dass solche</span><br/> <span class="ft1">Differenzen auftauchen, ist eine Verteidigung mehrerer Angeschul-</span><br/> <span class="ft1">digter nicht zulässig (vgl. Urteil des Bundesgerichts 1B_7/2009 vom</span><br/> <span class="ft1">16. März 2009 E. 5.5; F</span><span class="ft2">ELLMANN</span><span class="ft1">, BGFA-Kommentar, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Art. 12 N 107). (...)</span><br/> <span class="ft1">2.4. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1 - 3.2. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.3.</span><br/> <span class="ft1">3.3.1. Aktenkundig ist, dass der beanzeigte Anwalt den</span><br/> <span class="ft1">Beschuldigten A. spätestens seit dem 25. Februar 2016 in der</span><br/> <span class="ft1">Strafuntersuchung Nr. X. wegen Widerhandlung gegen das Spielban-</span><br/> <span class="ft1">kengesetz verteidigte. Mit Schreiben vom 3. März 2016 teilte der</span><br/> <span class="ft1">beanzeigte Anwalt der Anzeigerin mit, dass er in der Strafunter-</span><br/> <span class="ft1">suchung Nr. X. die Interessen des Beschuldigten B. vertrete, und ver-</span><br/> <span class="ft1">langte gleichzeitig Akteneinsicht. In der Folge forderte die Anzeige-</span><br/> <span class="ft1">rin den beanzeigten Anwalt mit Schreiben vom 4. März 2016 auf, zu</span><br/> <span class="ft1">einem allfälligen Interessenkonflikt Stellung zu nehmen. Daraufhin</span><br/> <span class="ft1">teilte der beanzeigte Anwalt mit Schreiben vom 7. März 2016 mit,</span><br/> <span class="ft1">dass der Mitbeschuldigte B. künftig von Rechtsanwalt C. verteidigt</span><br/> <span class="ft1">werde. Gestützt auf die aktenkundigen Unterlagen und die obigen</span><br/> <span class="ft1">Ausführungen ist somit erstellt, dass der beanzeigte Anwalt im Zeit-</span><br/> <span class="ft1">raum vom 3. bis am 7. März 2016 sowohl den Beschuldigten A. als</span><br/> <span class="ft1">auch den Mitbeschuldigten B. verteidigt hat.</span><br/> <span class="ft1">3.3.2. (...) Zudem ergab sich aus dem erwähnten Schlussproto-</span><br/> <span class="ft1">koll, dass die beiden Beschuldigten unterschiedliche Sachverhalts-</span><br/> <span class="ft1">darstellungen lieferten (vgl. Beilage 1 zur Anzeige). Indem die Be-</span><br/> <span class="ft1">schuldigten jeweils angegeben haben, der andere sei zum Zeitpunkt</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">348</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">der Kontrolle der Spielautomaten verantwortlich gewesen, belasteten</span><br/> <span class="ft1">sie sich gegenseitig. Angesichts dieser Ausgangslage ist von diver-</span><br/> <span class="ft1">gierenden Prozessinteressen auszugehen. Demnach liegt auch kein</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmefall vor, bei welchem die Verteidigung verschiedener</span><br/> <span class="ft1">Angeschuldigter allenfalls zulässig gewesen wäre (vgl. oben</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 2.3, Ziff. 3.1.1).</span><br/> <span class="ft1">3.3.3. Für den beanzeigten Anwalt musste die Interessen-</span><br/> <span class="ft1">kollision damit bereits bei Mandatsannahme von B., somit spätestens</span><br/> <span class="ft1">am 3. März 2016, erkennbar gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt war</span><br/> <span class="ft1">er bereits der Verteidiger von A.. Die Mitbeschuldigten haben sich</span><br/> <span class="ft1">gegenseitig belastet, was, wie gezeigt, bereits anhand des dem bean-</span><br/> <span class="ft1">zeigten Anwalts vorliegenden Schlussprotokolls vom 18. Februar</span><br/> <span class="ft1">2016 ersichtlich war. Damit lag eine unzulässige Verteidigung</span><br/> <span class="ft1">mehrerer Angeschuldigter durch den beanzeigten Anwalt vor.</span><br/> <span class="ft1">3.4. Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass eine</span><br/> <span class="ft1">unzulässige Doppelvertretung durch den beanzeigten Anwalt vorlag,</span><br/> <span class="ft1">indem er gleichzeitig zwei Mitbeschuldigte im Verwaltungsstrafver-</span><br/> <span class="ft1">fahren verteidigt hatte. Der beanzeigte Anwalt hat somit die Berufs-</span><br/> <span class="ft1">regeln im Sinne von Art. 12 lit. c BGFA verletzt.</span><br/></div> </div> </body> </html>