B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-6531/2018 U r t e i l v o m 1 5 . J u n i 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichterin Constance Leisinger, mit Zustimmung von Richterin Contessina Theis, Gerichtsschreiberin Natassia Gili. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Advokatur Kanonengasse, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 16. Oktober 2018 / N (…). E-6531/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine eritreische Staatsangehörige tigrinischer Ethnie, verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge Mitte 2014 und reiste über den Sudan, Libyen und Italien am 2. Sep tember 2015 in die Schweiz ein. Am 3. September 2015 ersuch te sie im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ um Asyl. Am 15. September 2015 wurde sie im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) summarisch zu ihrer Person, dem Reiseweg und ihren Asylgründen befragt und am 24. Mai 2017 vertieft zu diesen angehört. Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte sie im Wesentlichen aus, in C._______ geboren und aufgewachsen zu sein und die Schule bis zur 7. Klasse besucht zu haben. Sie habe die Schule abbrechen müssen, da ihr Vater zu seiner militärischen Einheit mitgenommen worden und ihr e Mutter erkrankt sei. Sie habe nach dem Schulabbruch ihre Eltern zu Hause unterstützt und in der (…) gearbeitet. Im Januar 2014 habe sie geheiratet. Ihr Ehemann sei damals bereits im Militärdienst gewesen. Er habe im April 2014 Eritrea illegal verlassen, weil er nach der Heirat von seiner militäri- schen Einheit gesucht worden sei. Gemäss ihren Ausführungen an der BzP habe sie ihren Heimatstaat verlassen, weil sie, nachdem ihr Ehemann aus- gereist sei, keinen Sinn mehr darin gesehen habe, al leine zu leben. Sie habe keinen Militärdienst geleistet, da es keinen Zwang für Frauen gebe. Gemäss ihren Schilderungen an der Anhörung sei sie ausgereist, weil sie nach der Flucht ihres Ehemannes unter Druck gesetzt worden sei und stän- dig Soldaten bei ihr aufgetaucht seien. Sie sei von ihnen bedroht und auf- gefordert worden, ihren Ehemann beizubringen. Ausserdem sei sie mit Stö- cken geschlagen, getreten und misshandelt worden. Sie habe des Weite- ren im Mai beziehungsweise Juni 2014 ein Militärdienstaufgebot erhalten. Nachdem sie im Juni 2014 von ihrem Wohnort nach Äthiopien geflohen sei, sei sie in den Sudan gereist, wo sie von den Rashaidas während drei er Monate festgehalten worden sei. Ihre Familie habe durch eine Geldzahlung ihre Freilassung veranlassen können und auch ihre Reise in die Schweiz finanziert. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen und ihrer Identität reichte sie einen Taufschein, einen Eheschein und Kopien der Identitätskarten ihrer Eltern zu den Akten. E-6531/2018 Seite 3 B. Mit Verfügung vom 16. Oktober 2018 – eröffnet am 17. Oktober 2018 – verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung sowie den Wegwei- sungsvollzug aus der Schweiz an. C. Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin – handelnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter – am 16. November 2018 beim Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der vorin - stanzlichen Verfügung und die Rückweisung der Sache zur rechtsgenügli- chen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung an die Vo- rinstanz. Eventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr Asyl zu gewähren, subeventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuord- nen. In formeller Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung ihres Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand. D. Mit Zwischenverfügung vom 22. November 2018 wurde die Beschwerde- führerin zur Einreichung einer Fürsorgebestätigung aufge fordert. Gleich- zeitig wurde auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet und die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen. E. Mit Vernehmlassung vom 29. November 2018 hielt die Vorinstanz mit er- gänzenden Ausführungen an ihren Erwägungen fest. F. Mit Eingabe vom 4. Dezember 2018 wurde eine Fürsorgebestätigung vom 28. November 2018 nachgereicht. G. Mit Zwischenverfügung vom 11. Dezember 2018 hiess das Bundesverwal- tungsgericht die Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege und um Beiord- nung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlicher Re chtsbeistand gut und brachte der Beschwerdeführerin gleichzeitig die Vernehmlassung der Vorinstanz zu Kenntnis mit der Möglichkeit, im Rahmen einer Replik Stel- lung zu nehmen. E-6531/2018 Seite 4 H. Mit Eingabe vom 20. Dezember 20 18 liess die Beschwerdeführerin eine Replik einreichen. I. Mit Eingabe vom 11. Februar 2019 reichte die Beschwerdeführerin zwei Dokumente als Beweismittel zu den Akten: ein Schreiben vom 30. Juni 2014 des Einwohnermeldeamtes des Bezirks D._______ der Regionalver- waltung E._______ an den Vater der Beschwerdeführerin, wonach er eine Busse zahlen müsse, weil seine Tochter, die Beschwerdeführerin, es ver- säumt habe, ihren wegen Desertion und illegaler Ausreise gesuchten Ehe- mann beizubringen, sowie ein Schreiben vo m 3. Dezember 2014 der Fi- nanzabteilung der genannten Behörde, wonach der Vater die Zahlung ge- leistet habe. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 2. Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Die E-6531/2018 Seite 5 Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 4. Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu- ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summa- risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 5. 5.1 In der Beschwerde wird gerügt, dass der rechtserhebliche Sachverhalt unvollständig und unrichtig abgeklärt worden sei. Diese formelle Rüge ist vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vor- instanzlichen Verfügung zu bewirken. 5.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri- ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor- den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe- sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT- SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). 5.3 Zur Begründung der formellen Rüge wird in der Beschwerde ausge- führt, dass die Beschwerdeführerin sowohl an der BzP als auch an der An- hörung sehr aufgewühlt gewesen sei und immer wieder in Tränen ausge- brochen sei. Es sei offensichtlich, dass sie von ihren Erlebnissen im Hei- matstaat und auf der Flucht stark traumatisiert sei. In der BzP sei jedoch E-6531/2018 Seite 6 nicht nach ihrer psychischen Verfassung, sondern nur allgemein na ch ih- rem Gesundheitszustand gefragt worden. Auch der an der Anhörung an- wesende Hilfswerksvertreter habe vermerkt, dass die Beschwerdeführerin fast während der gesamten Anhörung geschluchzt, geweint und emotional gesprochen habe. Sie sei sichtlich bewegt gewesen und habe ihre Erzäh- lungen wegen der mehrfachen Weinkrämpfe teils unterbrechen müssen. Der Hilfswerksvertreter habe ausserdem nach der Anhörung die Ansicht geäussert, dass die Beschwerdeführerin geschlechtsspezifische Flucht- gründe geltend gemacht habe. Tatsächlich sei sie, angesprochen auf die Gründe ihrer Flucht, von einem heftigen Weinanfall geschüttelt worden. Sie sei nach der illegalen Ausreise ihres Ehemannes von Soldaten unter Druck gesetzt worden. Diese seien zu ihr nach Hause gekommen, hätten sie be- droht, mit Stöcken geschlagen, getreten und misshandelt, so dass sie sich bei ihrer Nachbarin habe verstecken müssen. Der Sachbearbeiter habe so- dann in der Anhörung gefragt, ob sie Dinge erlebt habe, die sie lieber mit Frauen besprechen wolle, was sie mit «Okay» beantwortet habe. Sodann sei sie erneut gefragt worden, ob sie lieber mit Frauen sprechen wolle, was sie erneut mit «Ja, okay» beantwortet habe. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen sei diese eindeutige Antwort nicht umgehend akzeptiert worden, sondern der Beschwerdeführerin sei ein drittes Mal die Frage gestellt wor- den, ob die Anhörung abgebrochen und i n einem Frauenteam fortgesetzt werden soll. Sichtlich verunsichert habe die Beschwerdeführerin darauf ge- antwortet, dass es kein Problem sei und sie davon erzählen könne. Der Hilfswerksvertreter habe es als offensichtlich erachtet, dass dieses Einver- ständnis, die Anhörung in einem reinen Männerteam fortzusetzen, durch den Druck einer weiteren Anhörung entstanden sei. Der Hinweis des Be- fragers – welcher im Übrigen nicht protokolliert worden sei – es sei unge- wiss, wann die nächste Anhörung stattfinden würde, h abe dazu geführt, dass die Beschwerdeführerin eine weitere Vorladung zu einer Anhörung und die damit verbundene Wartezeit als grosse, für sie unerträgliche Be- lastung empfunden habe und daher die Anhörung im reinen Männerteam fortgesetzt habe. Gemäss dem Pr otokolleintrag des Hilfswerksvertreters habe er in der Pause den Abbruch der Anhörung angeregt, da die Be- schwerdeführerin Mühe gehabt habe, über die erlebten Misshandlungen zu berichten. Sie habe immerzu von «Druck» gesprochen. Der relevante Sachverhalt habe nicht vollständig abgeklärt werden können, weshalb der Hilfswerksvertreter eine weitere Befragung in einem gleichgeschlechtli- chen Team angeregt habe. Ausserdem hätte, wie dies auch der Hilfswerks- vertreter festgehalten habe, bereits der Hinweis der Besch werdeführerin, E-6531/2018 Seite 7 sie sei im Sudan von Rashaida entführt und drei Monate festgehalten wor- den, dazu führen müssen, dass sie von einem gleichgeschlechtlichen Team angehört werde. Auch während der BzP seien nur Männer anwesend gewesen, so dass es nicht erstaunlich sei, dass die unter Stress stehende Beschwerdeführerin sich so kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz nicht getraut habe, von den Misshandlungen durch die Soldaten zu berichten. In der BzP sei sie zudem mehrmals daran erinnert worden, ihre Asylgründe nur summarisch anzugeben. Bereits an der BzP habe die Beschwerdefüh- rerin als Ausreisegrund ausgeführt, unter psychischem Druck gestanden zu haben, den sie nicht näher habe in Worte fassen können, der aber – gemäss Hilfswerksvertreter – klar aufgrund der erlittenen sexuellen Gewalt entstanden sei. 5.4 In der Vernehmlassung nahm das SEM zur Frage, ob die Beschwerde- führerin in einem reinen Frauenteam hätte angehört werden sollen, wie folgt Stellung: Aus dem Protokoll ergebe sich, dass sie sich hierzu unter- schiedlich geäussert habe. Sowohl auf das ausführliche rechtliche Gehör als auch auf die diesbezüglichen Ergänzungen des Hilfswerksvertreters hin habe sie aber explizit angegeben, sie könne ihre Probleme vor den anwe- senden Personen darlegen. Weder aus dem Protokoll noch aus dem Un- terschriftenblatt des Hilfswerksvertreters gehe hervor, dass durch die Be- fragungssituation Druck auf die Beschwerdeführerin ausgeübt worden sei oder das Protokoll fehlerhaft beziehungsweise unvollständig sei. Die in der Beschwerde einzig auf einer Einschätzung des Hilfswerksvertreters basie- rende Schlussfolgerung, die angeblich nicht protokollierten Aussage, wo- nach die nächste Anhörung möglicherweise erst in vier oder fünf Wochen stattfinden könne, habe von der Beschwerdeführerin als eine unerträgliche Belastung empfunden werden müssen, könne nicht geteilt werden. 5.5 In der Replik wurde hierzu ausgeführt, dass sich der Hilfswerksvertreter insbesondere aufgrund der fehlenden Protokollierung der Bemerkungen des Befragers zu einer potentiell langen Wartezeit bis zur nächsten Anhö- rung verpflichtet gefühlt habe, die Beschwerdeführerin über ihre Rechte aufzuklären. Die betreffende Stelle im Protokoll sei offensichtlich ein Text- baustein. In der Folge sei die Aussage des Befragers eindeutig nicht pro- tokolliert worden. Ausserdem erstaune es, dass die Vorinstanz das Proto- koll des Hilfswerksvertreters derart anzweifle. Im vorliegenden Fall habe der Hilfswerksvertreter jedoch zusätzlich noch die Aufgabe übernehmen müssen, die Beschwerdeführerin neutral über ihre Rechte aufzuklären und das vom Befrager in Bezug auf den Abbruch der Anhörung vermittelte, ne- gative Gefühl zu relativieren. Eindeutig sei der Befrager im vorliegenden E-6531/2018 Seite 8 Fall seinen Pflichten im Zusammenhang mit den geltend gemachten frau- enspezifischen Fluchtgründen nicht nachgekommen. 6. Zu den in der Beschwerde geltend gemachten formellen Rügen ist Folgen- des festzustellen: 6.1 Gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG in Verbindung mit Art. 6 AsylV 1 (SR 142.311) wird die asylsuchende Person von einer Person gleichen Ge- schlechts befragt, wenn konkrete Hinweise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen. Geschlechtsspezifisch ist die Verfolgung dann, wenn sie in der Form sexueller Gewalt stattfindet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen soll (hierzu und zum Folgenden BVGE 2015/42 E. 5.2, unter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asyl- rekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 2 E. 5a c). Das Geschlecht soll nach Möglichkeit auch bei der Auswahl der Personen, die als Dolmetscher ein- gesetzt werde n und das Protokoll führen, berücksichtigt werden. Art. 6 AsylV 1 – diese Bestimmung findet bei Frauen und Männern gleichermas- sen Anwendung – ist eine Ausgestaltung des rechtlichen Gehörs, mithin eine Schutzvorschrift, deren Zweck es ist, dass asylsuchende Personen ihre Vorbringen angemessen vortragen, das heisst, konkret erlittene Über- griffe möglichst frei und unbeeinträchtigt von Schamgefühlen schildern können. Gleichzeitig dient sie dazu, die Richtigkeit der Sachverhaltsabklä- rung zu gewährleisten. Da diese Schutzvorschrift nicht bloss ein Recht der asylsuchenden Person beinhaltet, eine solche Befragung zu verlangen, sondern die Behörde dazu verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzu- gehen, sobald entsprechende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzuwenden. In der genannten, immer noch Gültigkeit entfaltenden, Rechtspraxis wurde sodann festgehalten, dass ein Verzicht – wenn über- haupt – jedenfalls nur dann angenommen werden könne, sofern ein sol- cher ausdrücklich erklärt werde. Andernfalls werde de r Schutzzweck der Norm ihres Sinnes beraubt (a.a.O. E. 5c, vgl. in diesem Sinne auch Urteil des BVGer D-6857/2016 vom 15. Februar 2018 E. 4.1 m.w.H.). 6.2 Im vorliegenden Fall hat die Beschwerdeführerin erst im Laufe der ein- lässlichen Anhörung vorgebracht, dass sie nach der illegalen Ausreise ih- res Ehemannes von Soldaten zu Hause aufgesucht und geschlagen, ge- treten und misshandelt worden sei (act. A18/18 F82). Die Vorinstanz wird allerdings nicht von den Vorgaben in Art. 6 AsylV 1 entbunden, wenn sich Anknüpfungspunkte für das Vorliegen geschlechtsspezifischer Gewalt nicht schon im Vorfeld einer Bundesanhörung sondern erst während dieser E-6531/2018 Seite 9 ergeben. Gerade in solchen Konstellationen ist besondere Rücksicht da- rauf zu nehmen, dass Betroffene sexueller beziehungsweise geschlechts- spezifischer Gewalt oft nicht von Beginn an in der Lage sind, offen über Erlebtes zu berichten. Den Akten lässt sich entnehmen, dass im vorliegen- den Fall alle an der Anhörung Anwesenden männlichen Geschlechts waren (act. A18/18 F83). Das Verhalten des Befragers im Anschluss an die erst- malige Erwähnung des Vorfalls mit den Soldaten offenbart auch die wün- schenswerte Sensibilität für die eingangs beschriebene Thematik. Sobald sich die Beschwerdeführerin an der Anhörung zum ersten Mal zu i hrem Vorbringen geäussert hatte, wurde sie von ihm gefragt, ob sie Dinge erlebt habe, die sie nicht erzählen möchte. Er fragte, «[w]ir sind alle Männer. Gibt es Dinge, die Sie lieber mit Frauen besprechen möchten?», worauf sie mit «Okay» antwortete (act. A18/18 F83). Der Befrager erkundigte sich im An- schluss an diese Antwort erneut, «Also Sie sagen ‘okay’. Verstehe ich Sie richtig, dass Sie lieber mit Frauen sprechen möchten?», worauf die Be- schwerdeführerin antwortete: «Ja, okay.» (act. A18/18 F84). Bereits auf- grund dieser beiden Antworten der Beschwerdeführerin hätte die Anhörung abgebrochen werden sollen. Stattdessen wurde die Beschwerdeführerin erneut sowohl vom Befrager als auch vom Hilfswerksvertreter auf die Mög- lichkeit, die Anhörung abzubrechen und ei nen neuen Anhörungstermin in einem Frauenteam anzusetzen, hingewiesen, woraufhin sie ausführte, «Nein, es ist kein Problem, ich kann davon erzählen» (act. A18/18 F85) beziehungsweise erwiderte, «Für mich seid ihr alle gleich, ich kann von meinen Problemen erzählen.» (act. A4/11 F86). Diese Aufklärung der Be- schwerdeführerin über ihr Recht, von einem gleichgeschlechtlichen Team befragt zu werden vermag dennoch nicht aufzuwiegen, dass die Vorinstanz in casu ihre amtliche Pflicht zur Befragung im Einklang mit A rt. 6 AsylV 1 verletzt hat. Aus der Rechtsprechung ergibt sich zwar – wie bereits erwähnt – die Möglichkeit der ausdrücklichen Verzichtserklärung auf eine Befra- gung durch ein gleichgeschlechtliches Team . Die Reaktion en der Be- schwerdeführerin auf die bezeic hnete Rechtsbelehrung (act. A18/18 F85 und F86) kann aber unter Berücksichtigung ihrer vorhergehenden Antwor- ten (act. A18/18 F83 und F84) nicht als ausdrücklicher Verzicht aufgefasst werden. Es ist zudem zu bezweifeln, dass die emotional stark angeschla- gene Beschwerdeführerin ein umfassendes Verständnis von der Proble- matik hatte, mit welcher sie der Befrager und der Hilfswerksvertreter kon- frontierten. Diese Einschätzung wird auch vom Hilfswerksvertreter geteilt, der auf dem Unterschriftenblatt vermerkte, da ss die Beschwerdeführerin Mühe hatte, über die erlebten Misshandlungen zu sprechen und sichtlich bewegt war. Er habe eine Befragung in einem gleichgeschlechtlichen Team E-6531/2018 Seite 10 angeregt, weil die Beschwerdeführerin seiner Ansicht nach geschlechts- spezifische Verfolgung geltend gemacht habe und ihr Einverständnis zur Fortführung der Anhörung durch den Druck einer weiteren Anhörung zu- stande gekommen sei (act. A18/18 S. 18). 6.3 Indem das SEM trotz Hinweisen auf eine geschlechtsspezifische Ver- folgung die Beschwerdeführerin nicht durch ein reines Frauenteam zu den Asylgründen anhörte, wurde deren Anspruch auf rechtliches Gehör ver- letzt, der rechtserhebliche Sachverhalt unrichtig beziehungsweise unvoll- ständig festgestellt und damit Bundesrecht verletzt. Das SEM ist daher auf- zufordern, die entsprechenden Massnahme, namentlich eine erneute An- hörung in einem Frauenteam, durchzuführen und gestützt auf deren Er- gebnisse das Asylgesuch neu zu beurteilen. 7. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als mit ihr die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Rückweisung der Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung beantragt wird. Die vorinstanzliche Verfügung vom 16. Ok tober 2018 ist aufzuheben und die Sache ist in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständigen Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen ans SEM zurückzuweisen. 8. Auf die im Beschwerdeverfahren in reformatorischer Hinsich t gestellten Rechtsbegehren und deren Begründung sowie auf die bisher , insbeson- dere mit Eingabe vom 11. Februar 2019 eingereichten Dokumente ist bei diesem Verfahrensausgang im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht einzugehen, da es Sache des SEM sein wird, sich im Rahmen der Neube- urteilung damit zu befassen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu erhe- ben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 10. Der im Beschwerdeverfahren vertretenen Beschwerdeführerin ist ange- sichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-E-6531/2018 Seite 11 gen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Ent- schädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzu- sprechen. Die am 11. Februar 2019 eingereichte aktualisierte Kostennote weist einen zeitlichen Vertretungsaufwand von 14.70 Stunden zu einem Stundenan- satz von Fr. 300.- aus, was jedoch dem Aufwand des Verfahrens nicht an- gemessen sondern zeitlich überhöht scheint . Insgesamt wird der Vertre- tungsaufwand auf 10 Stunden gekürzt. Die geltend gemachten Auslagen betreffen sodann Übersetzungskosten im Zusammenhang mit den am 11. Februar 2019 eingereichten Beweismitteln in der Höhe von Fr. 140 .. Diese Kosten sind jedoch weder ausgewiesen noch ist ersichtlich, dass die Übersetzung von einem Übersetzungsbüro vorgenommen wurde. Diese Auslagen sind daher von vornherein nicht entschädigungspflichtig. Das SEM hat dem Rechtsvertreter dementsprechend ei n Honorar von insge- samt Fr. 3252. (inklusive weiteren geltend gemachte Auslagen und Mehr- wertsteuerzuschlag) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-6531/2018 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben und die Sache wird im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Partei entschädigung von insgesamt Fr. 3252.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Natassia Gili Versand: