BRKE IV Nr. 0119/2008 vom 4. September 2008 in BEZ 2009 Nr. 13 Im Rahmen des Umbaus und der Erweiterung eines Bezirksgebäudes war vor- gesehen, den Erweiterungsbau nicht mit horizontalen Ebenen, sondern als spiral- förmigen Rampenbau zu erstellen. Behindertenor ganisationen beanstandeten in der Projektierungsphase die vorgesehenen Rampen als nicht behindertengerechten Ausbau. Dies veranlasste die Bauherrschaft, bei der kommunalen Baubehörde um einen Vorentscheid über die Frage nachzusuchen, ob e s zulässig sei, die Räume des Erweiterungsbaus über Rampen mit einer Steigung von bis zu 6 Prozent zu er- schliessen. Diese Frage wurde abschlägig beantwortet. Aus den Erwägungen: 4. In Bezug auf Bauten und Anlagen bezweckt das Behindertengleichstellung s- gesetz (BehiG), Menschen mit einer Behinderung den hindernisfreien Zugang zu ermöglichen. Eine Benachteiligung beim Zugang zu einer Baute liegt vor, wenn der Zugang für Behinderte aus baulichen Gründen nicht oder nur unter erschwerenden Bedingungen möglich ist (Art. 2 Abs. 3 BehiG). Die Verpflichtung zum behinderten- gerechten Bauen besteht gemäss Behindertengleichstellungsgesetz beim Bau und der Erneuerung von Bauten, soweit sie einem ordentlichen oder einfachen kanton a- len Bewilligungsverfahren unterstellt sind. Gem äss Art. 3 lit. d BehiG gilt das Gesetz für Gebäude mit mehr als 50 Arbeitsplätzen, f ür welche nach Inkrafttreten dieses Gesetzes eine Bewilligung für den Bau oder für die Erneuerung erteilt wird. (…) 5. 1 Gemäss Botschaft zum BehiG (S. 1779) muss bei Gebäuden mit mehr als 50 Arbeitsplätzen nur der Zugang zum Gebäude den Ansprüchen der behinderten entsprechen. Der Geltungsbereich des Gese tzesentwurfs erstreckt sich nicht auf das Gebäudeinnere. Allerdings relativiert die Botschaft sogleich diese Aussage, indem sie darauf hinweist, dass ein Arbeitgeber, der Behinderte beschäftige, schon unter dem alten Recht für die Anpassung des Arbeitsplatzes sowie der Arbeitsräume und der sanitären Einrichtungen sorgen müsse, damit alle Angestellten davon Gebrauch machen könnten. Diese Verpflichtung gründe auf anderen Bundesvorschriften über den Arbeitsnehmerschutz. Der Gesetzgeber ging somit offensichtlich davon aus, dass die Erstreckung des Geltungsbereiches des BehiG auf das Gebäudeinnere nicht notwendig sei. Ausserdem hält Art. 4 BehiG fest, dass das Gesetz weiterg e- henden Bestimmungen der Kantone zu Gunsten der Menschen mit Behinderungen nicht entgegensteht. Neben den bundesrechtlichen Normen über den Arbeitsneh- merschutz sind somit die kantonalrechtlichen Bestimmungen über die behinderten- gerechte Ausstattung im Gebäudeinnern zu berücksichtigen. - 2 - 5.2 Gemäss § 239 Abs. 4 PBG sind bei Bauten und Anlagen, die dem Publikum zugänglich sind, bei denen nach ihrer Zweckbestimmung sonst ein Bedarf besteht oder die das Gemeinwesen durch Beiträge unterstützt, hinsichtlich Gestaltung und Ausrüstung die Bedürfnisse von Behinderten und Betagten zu berücksichtigen. Bis zum Inkrafttreten der neuen Version von § 34 der Besonderen Bauverordnung I (BBV I), welche gestützt auf das Inkrafttreten des BehiG am 1. Januar 2005 erlassen wurde, lautete § 34 aBBV I, welcher § 239 Abs. 4 PBG näher konkretisierte, folge n- dermassen: «Als Bauten und Anlagen, bei denen hinsichtlich Gestaltung und Ausrüstung die Bedürfnisse von Behinderten und Betagten im erforderlichen Umfang zu b e- rücksichtigen sind, gelten: a) öffentliche Bauten und Anlagen im Sinne der Richtplanung b) … c) Bauten und Anlagen die durch Gemeinde-, Staats- oder Bundesbeiträge un- terstützt oder vom Gemeinwesen erstellt werden.» Die seit dem 1. Juli 2005 in Kraft stehende Version von § 34 BBV I lautet dag e- gen folgendermassen: «Das behindertengerechte Bauen richtet sich nach dem Behindertengleichstel- lungsgesetz des Bundes und dessen Ausführungsvorschriften sowie nach den Bestimmungen des kantonalen Rechts. Die Richtlinien und Normalien gemäss Anhang 2.5 sind zu beachten, insbeson- dere auch für das Innere der Gebäude.» Die Absicht des Gesetzgebers war dabei, durch die Revision von § 34 und § 35 BBV I Widersprüche zum neuen Bundesrecht aus der Welt zu schaffen. Im Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich vom 30. März 2005 (RRB Nr. 476/2005, insb. S. 8) hielt der Regierungsrat fest, das neue Bundesrecht schreibe klar vor, bei welchen Gebäuden und Anlagen und wie weit gehend die A n- liegen der Behinderten beim N eubau und bei baulichen Erneuerungen zu berück- sichtigen seien. Weiterhin seien jedoch die beachtlich erklärten Normen gemäss Anhang 2.51 und 2.52 der BBV I zu berücksichtigen, die sich insb esondere auch auf das Innere von W ohnungen bezögen und auf § 239 Abs. 4 PBG abgestützt seien. In § 34 Abs. 2 BBV I sei diese kantonalrechtliche Ausweitung gegenüber den bundes- rechtlichen Bestimmungen ausdrücklich festzuhalten. Damit ist offensichtlich klar gestellt, dass bei Anwendung des BehiG das kant o- nale Recht (§ 239 Abs. 4 PBG i.V.m. § 34 BBV I) weitergehend ist als das Bundes- recht und der kantonale Gesetzgeber damit beabsichtigt, dass insbesondere auch das Innere eines in den Anwendungsbereich des BehiG fallenden Gebäudes behi n- dertengerecht auszubauen ist. (…) 7.1 Da vorliegend das Behindertengleichstellungsgesetz gestützt auf Art. 3 lit. d BehiG zur Anwendung kommt, sind die Ausführungen des Rekurrenten, wonach ke i- ne Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen erfolge, bedeutungslos. Wie - 3 - bereits vorstehend festgehalten, handelt es sich vorliegend um ein Gebäude mit mehr als 50 Arbeitsplätzen. Schon deshalb ist grundsätzlich das gesamte Gebäude behindertengerecht auszubauen. Eine differenzierte Betrachtungsweise hinsichtlich der im ö ffentlich zugänglichen Bereich und den im ü brigen Bereich liegenden Ar- beitsplätze rechtfertigt sich aus diesem Grund nicht. Ob eine solche Betrachtungs- weise bei einem öffentlich zugänglichen Gebäude (vgl. Art. 3 lit. a BehiG) gerecht- fertigt wäre, muss an dieser Stelle deshalb nicht weiter abgeklärt werden. Zu beac h- ten ist alle rdings, dass in einem solchen Fall für Arbeitnehm ende mit einer Behinde- rung Arbeitsplätze lediglich in einem beschränkten Bereich des Gebäudes zur Ver- fügung stünden, was nicht ohne weiteres mit dem Gleichstellungsgedanken verein- bar wäre. (…) 7.2 Für die Anforderungen an das Innere von Gebäuden verweist § 34 Abs. 2 BBV I auf die Richtlinien und Normalien gemäss Anhang 2.5 zur Besonderen Bau- verordnung I. Gemäss Ziffer 2.51 des Anhangs findet die Norm SN 521 500, Behin- dertengerechtes Bauen, Ausgabe 1988 Anwendung. Im Vorwort hält die Norm SN 521 500 fest, dass sie Mindestanforderungen en thalte. Im Kapitel 2 «Aussenanlagen» äussert sich die Norm zu den Rampen im Aus- senbereich. Gemäss Ziffer 20.10 der Norm SN 521 500 soll die Steigung von Ram- pen so gering wie möglich, max. 6 Prozent betragen. Am Anfang und am Ende der Rampe sowie vor Türen ist eine horizontale Manövrierfläche vorzusehen. Schliess- lich ist eine Lösung mit Aufzug bzw. Hebebühne einer langen Rampe vorzuziehen. Zum Gebäudeinnern äussert sich die Norm SN 521 500 unter dem Kapitel 3 «Ge- bäude». Dabei unterscheidet die Norm unter anderem zwischen Ziffer 31 «Horizon- tale Verbindungen» und Ziffer 32 «Treppen». Die Norm geht also von einer her- kömmlichen Bauweise der Gebäude aus und unterscheidet dam it zwischen horizo n- talen Geschossen und der vertikalen Verbindung der verschiedenen Geschosse über Treppen. Hinsichtlich der Möglichkeit der Erstellung einer schiefen Ebene schweigt sich die Norm dagegen aus. Unter Ziffer 32 hält die Norm SN 521 500 fest, dass unvermeidbare Niveaudifferenzen mit Rampen, Treppenliften, Hebebühnen überwunden werden können. In Ziffer 32.02 hält die Norm SN 521 500 dagegen fest, dass alle wesentlichen Räume stufenlos bzw. mit rollstuhlgängigem Aufzug erreich- bar sein müssen. Zunächst ist festzuhalten, dass die Bestimmungen über den Aussenbereich nicht auf den Innenbereich von Gebäuden angewendet werden können. Im Aussen- bereich kommen Höhendifferenzen natürlich vor und sind gestützt auf das gewach- sene Terrain unvermeidlich. Dagegen bestehen nach der traditionellen Architektur gebaute Gebäude aus waagrechten übereinander geschichteten Geschossen, die unter einander in der Senkrechten über Treppen und Lifte erschlossen werden. Rampen sind dagegen in aller Regel nicht anz utreffen, auch wenn die Erschliessung der verschiedenen Geschosse unter einander mittels Rampen zwar keine völlig un- gebräuchliche Erscheinung ist. A nzutreffen ist eine solche in überwiegendem Masse bei Zweckbauten, wie etwa Parkhäusern, wo sie aber nur der Zufahrt der Fahrzeuge dienen. Es finden sich in der Architektur auch vereinzelte Beispiele von in schiefen Ebenen konstruierten Gebäuden (vgl. etwa den Rundetårn [Runden Turm] in Ko- penhagen, das Guggenheim-Museum des Architekten Frank Lloyd Wright in New York oder das Jüdische Museum vom Architekten Daniel Liebeskind in Berlin). - 4 - Die Bestimmungen der Norm SN 521 500 über Rampen im Aussenbereich kön- nen aus folgenden Gründen nicht ohne weiteres auf das Gebäudei nnere angewandt werden. Niveauunterschiede im I nnern von Gebäuden sind in den meisten Fällen geplant und nicht unvermeidbar. Rampen sind gemäss Ziffer 32 der Norm SN 521 500 im I nnern eines Gebäudes jedoch nur dann erlaubt, wenn unvermeidbare Ni- veaudifferenzen bestehen. Zu denken ist etwa an Niveauunterschiede, die sich bei einer internen Zusammenlegung von zwei selbstständigen Gebäuden zu einem ein- zigen Gebäude aufgrund der bestehenden unterschiedlichen Geschosshöhen in den ursprünglichen Gebäuden ergeben. Dagegen kann eine architektonisch motivierte, geplante Niveaudifferenz, wie sie im v orliegenden Neubauvorhaben innerhalb des Gebäudes und sogar des einzelnen Geschosses vorgesehen ist und zu einer insg e- samt rund 65 m langen Rampe führt, nicht als unvermeidbar betrachtet werden. Zwar ist diese interne Erschliessung gerade Herzstück des vorliegenden Projektes. Dadurch kann in Bezug auf das bestehende denkmalgeschützte bestehende Be- zirksgebäude aus architektonischer Sicht eine Situation geschaffen werden, durch welche der Neubau in der Lage ist, einen A kzent zu treffen, ohne das Hauptgebäude damit zu konkurrenzieren. Das Siegerprojekt hat den Wettbewerb aus dieser Sicht zu Recht gewonnen. Dennoch muss die interne Erschliessung mittels Rampen für einen Erweiterungsbau als vermeidbar betrachtet werden. Es sind andere gute Pro- jekte denkbar, welche ohne diese Besonderheit auskommen. Der rampenmässigen Erschliessung steht aber auch Ziffer 32.02 der Norm SN 521 500 entgegen, wonach alle wesentlichen Räume eines Gebäudes stufenlos, bzw. mit rollstuhlgängigem Lift erreichbar sein m üssen. Die vorgesehene Konstrukti- on stellt nun aber nichts anderes als die Ausnivellierung der einzelnen Stufen durch eine schiefe Ebene dar. Dies geht aus den Plänen hervor. Die einzelnen Büroräu m- lichkeiten sind in der Höhe versetzt zu einander angeordnet. Eine solche Massnah- me muss als Umgehung von Ziffer 32.02 der Norm SN 521 500 angesehen werden. Keine Rolle spielt diesbezüglich, ob, wie in der Variante vorgesehen, horizontale Poteste vor den einzelnen Bürotüren erstellt werden oder nicht. Zusätzlich werden entlang der rund 65 m langen Rampe aus feuerpolizeilichen Gründen auch noch Brandschutztüren anzubringen sein, welche die Benutzung der Rampe für Rollstuhlfahrende zusätzlich erschweren können. Auch hätten waagrec h- te Podeste vor und hinter diesen Türen eine grössere Rampenneigung zur Folge. Das Bauvorhaben ist behindertengerecht auszubauen. Es ist Sache der Bau- herrschaft, Lösungen zu suchen, damit das Siegerprojekt mit seiner hohen archite k- tonischen Qualität diesen Voraussetzungen gerecht werden kann und unter Beach- tung der Vorschriften im Zusammenhang mit dem 8. Behindertengleichstellungsg e- setz erstellt werden kann. 8. Zusammenfassend ist der Rekurs abzuweisen und der angefochtene Ent- scheid zu bestätigen.