<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">392</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>80</b></span> <span class="ft4"><b>Anschlussgebühren Abwasser</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Für Dach- und Hartflächen, die nicht an die Kanalisation angeschlossen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>sind, dürfen im Regelfall keine Anschlussgebühren erhoben werden.</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Spezialverwaltungsgerichts, Abteilung Kausalabga-</span><br/> <span class="ft6">ben und Enteignungen, vom 9. Juli 2014 in Sachen G.I. AG gegen Einwohner-</span><br/> <span class="ft6">gemeinde R. (4-BE.2012.19).</span><br/> <span class="ft8"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <span class="ft1">Die Gemeinde R. belastet Hart- und Dachflächen, welche direkt</span><br/> <span class="ft1">in einen Vorfluter entwässert werden, mit Anschlussgebühren.</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Kausalabgaben und Enteignungen</span> <span class="page_no">393</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">7.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Kanalisationsanschlussgebühr ist die einmalige Gegenleis-</span><br/> <span class="ft1">tung des Grundeigentümers dafür, dass er das Recht erhält, die</span><br/> <span class="ft1">öffentliche Kanalisation für die Ableitung des Abwassers zu benut-</span><br/> <span class="ft1">zen. Es handelt sich folglich um eine so genannte Kausalabgabe und</span><br/> <span class="ft1">somit um eine Geldleistung, welche der Private kraft öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Rechts als Entgelt für eine bestimmte staatliche Gegenleistung zu be-</span><br/> <span class="ft1">zahlen hat (U</span><span class="ft6">LRICH</span> <span class="ft1">H</span><span class="ft6">ÄFELIN</span><span class="ft1">/G</span><span class="ft6">EORG</span> <span class="ft1">M</span><span class="ft6">ÜLLER</span><span class="ft1">/F</span><span class="ft6">ELIX</span> <span class="ft1">U</span><span class="ft6">HLMANN</span><span class="ft1">,</span><br/> <span class="ft1">Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Auflage, Zürich 2010, N 2625).</span><br/> <span class="ft1">Die Anschlussgebühr ist dann geschuldet, wenn der Anschluss an die</span><br/> <span class="ft1">Kanalisation erfolgt und deren Benutzung möglich ist. (...) Hingegen</span><br/> <span class="ft1">ist nicht erforderlich, dass die tatsächliche Benutzung auch nachge-</span><br/> <span class="ft1">wiesen ist (BGE 106 Ia 242 Erw. 3.b). Das Vorliegen eines An-</span><br/> <span class="ft1">schlusses an Abwasserbeseitigungsanlagen und somit die Möglich-</span><br/> <span class="ft1">keit, diese zu benützen, ist Voraussetzung dafür, dass der Eigentümer</span><br/> <span class="ft1">einer Liegenschaft zur Bezahlung von Anschlussgebühren verpflich-</span><br/> <span class="ft1">tet werden kann. (...)</span><br/> <span class="ft1">Grundsätzlich richtet sich die Abwasseranschlussgebühr nach</span><br/> <span class="ft1">dem wirtschaftlichen Sondervorteil, der dem jeweiligen Grundstück</span><br/> <span class="ft1">durch den Anschluss erwächst.</span><br/> <span class="ft1">7.4.</span><br/> <span class="ft1">7.4.1.</span><br/> <span class="ft1">(...)</span><br/> <span class="ft1">Der Sondervorteil liegt bei den Anschlussgebühren im An-</span><br/> <span class="ft1">schluss an die Kanalisation. (...)</span><br/> <span class="ft1">7.4.2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss Verwaltungsgericht darf aus dem Umstand, dass eine</span><br/> <span class="ft1">Gemeinde einen Tatbestand als abgabepflichtig bezeichnet, nicht au-</span><br/> <span class="ft1">tomatisch auf das Vorliegen eines wirtschaftlichen Sondervorteils ge-</span><br/> <span class="ft1">schlossen werden (VGE WBE.2008.26 vom 5. Mai 2009</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2.2.5.). (...)</span><br/> <span class="ft1">Die Tatsache allein, dass die Beschwerdegegnerin in ihrem An-</span><br/> <span class="ft1">hang zum Abwasserreglement (AR) sämtliche Hart- und Dachflä-</span><br/> <span class="ft1">chen als anschlussgebührenpflichtig erklärt - unabhängig davon, ob</span><br/> <span class="ft1">diese an die Kanalisation angeschlossen sind oder nicht - begründet</span><br/> <span class="ft1">gemäss dieser Rechtsprechung also keinen Sondervorteil. (...)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">394</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">7.5.</span><br/> <span class="ft1">An dieser Beurteilung vermögen auch die Vorbringen der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdegegnerin in der Eingabe vom 4. April 2014 nichts zu än-</span><br/> <span class="ft1">dern.</span><br/> <span class="ft1">7.5.1.</span><br/> <span class="ft1">Zuvorderst postuliert die Beschwerdegegnerin die "Einheitlich-</span><br/> <span class="ft1">keit" des Abwasseranschlusses. Sie leitet aus dem unstrittig bestehen-</span><br/> <span class="ft1">den Schmutzwasseranschluss für das Streitobjekt ab, dass dieses</span><br/> <span class="ft1">insgesamt angeschlossen sei und es sich entsprechend bei der "Dach-</span><br/> <span class="ft1">wasserfrage" nur um eine "Bemessungsfrage" innerhalb eines beste-</span><br/> <span class="ft1">henden Anschlusses handle. Die im AR verwendeten Bemessungskri-</span><br/> <span class="ft1">terien seien zulässig und machten sachlich vertretbare Differenz-</span><br/> <span class="ft1">ierungen. Die getroffenen Schematisierungen seien unbestritten und</span><br/> <span class="ft1">würden auch vom SKE in seiner Rechtsprechung anerkannt. Es kön-</span><br/> <span class="ft1">ne daher nicht darauf ankommen, wenn ein Teilelement (wie "die</span><br/> <span class="ft1">Entwässerung z.B. einer Dachfläche") nicht zu einer Belastung der</span><br/> <span class="ft1">öffentlichen Infrastruktur führe.</span><br/> <span class="ft1">Dieser Ansatz geht über die nach Dafürhalten des Gerichts für</span><br/> <span class="ft1">die Einforderung einer Kausalabgabe zentrale Voraussetzung des Be-</span><br/> <span class="ft1">stehens eines Sondervorteils hinweg. Wenn kein Anschluss vorhan-</span><br/> <span class="ft1">den ist, fehlt es daran eben für die Erhebung einer Anschlussgebühr.</span><br/> <span class="ft1">Die Argumentation der Beschwerdegegnerin mag im Mischsys-</span><br/> <span class="ft1">tem, wenn also Schmutz- und Meteorwasser in gemeinsamen Leitun-</span><br/> <span class="ft1">gen abgeführt werden, etwas für sich haben. Selbst dort darf aber nur</span><br/> <span class="ft1">für Abwasser, das letztlich wirklich ins kommunale Abwassersystem</span><br/> <span class="ft1">gelangt, eine Anschlussabgabe erhoben werden. Im Übrigen wird seit</span><br/> <span class="ft1">einiger Zeit im Abwasserwesen von Bund und Kanton das Trennsys-</span><br/> <span class="ft1">tem verlangt (vgl. Art. 7 GSchG; Art. 11 GSchV; § 118 BauG). Für</span><br/> <span class="ft1">Schmutz- und Meteorwasser werden getrennte Entwässerungssys-</span><br/> <span class="ft1">teme aufgebaut (so auch gemäss GEP der Beschwerdegegnerin).</span><br/> <span class="ft1">Ein Grund dafür liegt in der Entlastung der Abwasserreini-</span><br/> <span class="ft1">gungsanlagen. Dieses Ziel wird gesamtkantonal üblich mit An-</span><br/> <span class="ft1">schlussgebührenrabatten gefördert, wenn das auf einer Liegenschaft</span><br/> <span class="ft1">anfallende Meteorwasser nur zum Teil ins kommunale Abwasser-</span><br/> <span class="ft1">system gelangt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Kausalabgaben und Enteignungen</span> <span class="page_no">395</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdegegnerin beruft sich in diesem Zusammenhang</span><br/> <span class="ft1">auf die "Gebäudeversicherungs"-Gemeinden, wo die "Dachwasser-</span><br/> <span class="ft1">frage" aufgrund des Bemessungssystems tatsächlich nicht einfach zu</span><br/> <span class="ft1">lösen ist und quer durch den Kanton auch sehr unterschiedlich ange-</span><br/> <span class="ft1">gangen wird. Dem Gericht sind indessen durchaus auch "Gebäude-</span><br/> <span class="ft1">versicherungs"-Gemeinden bekannt, welche zusätzlich zur Schmutz-</span><br/> <span class="ft1">wasseranschlussgebühr eine Dachwasser- und Hartflächenentwässe-</span><br/> <span class="ft1">rungsabgabe einziehen, wenn das kommunale Abwassersystem bean-</span><br/> <span class="ft1">sprucht wird (...). Vorliegend entbehrt das Argument von vornherein</span><br/> <span class="ft1">des Gehalts, weil es sich bei der Beschwerdegegnerin eben nicht um</span><br/> <span class="ft1">eine "Gebäudeversicherungs"-Gemeinde handelt. Das massgebliche</span><br/> <span class="ft1">und im Grundsatz tatsächlich nicht zu beanstandende Bemessungs-</span><br/> <span class="ft1">kriterium sind vorliegend Flächen.</span><br/> <span class="ft1">Wo sich abwasserverursachende Teilflächen klar abgrenzen las-</span><br/> <span class="ft1">sen und sich eine Inanspruchnahme des kommunalen Abwassersys-</span><br/> <span class="ft1">tems (Schmutz- und Meteorwasser) wie hier klar ausscheiden lässt,</span><br/> <span class="ft1">geht es eben nicht bloss um eine zu vernachlässigende Schematisie-</span><br/> <span class="ft1">rung innerhalb eines grösseren Ganzen, sondern es ist für jede zu be-</span><br/> <span class="ft1">lastende Teilfläche die Entwässerung resp. der Anschluss nachzuwei-</span><br/> <span class="ft1">sen. Wenn eine Variante erstellt ist, die das kommunale Netz nicht</span><br/> <span class="ft1">belastet, erbringt die Gemeinde keine Leistung und ist entsprechend</span><br/> <span class="ft1">nicht berechtigt, eine Anschlussgebühr zu erheben.</span><br/> <span class="ft1">Die Richtigkeit dieser Auffassung wird vorliegend übrigens</span><br/> <span class="ft1">auch faktisch durch das Gewicht der Abgabe belegt. Die für das nicht</span><br/> <span class="ft1">ins kommunale Netz entwässerte Meteorwasser geforderte Abgabe</span><br/> <span class="ft1">macht rund der gesamten Abwasseranschlussgebühren (inkl.</span><br/> <span class="ft1">Schmutzwasser und entwässerte Hartflächen) aus.</span><br/> <span class="ft1">7.5.2.</span><br/> <span class="ft1">Anders beurteilt das Gericht demgegenüber den Fall, wo ein</span><br/> <span class="ft1">Anschluss vorhanden ist, dieser voraussichtlich aber nur wenig ge-</span><br/> <span class="ft1">nutzt wird (Notüberlauf; ...). Es sieht zwischen den beiden Tatbe-</span><br/> <span class="ft1">ständen einen grundsätzlichen, qualitativen und nicht nur einen quan-</span><br/> <span class="ft1">titativen Unterschied. (...)</span><br/> <span class="ft1">7.5.3.</span><br/> <span class="ft1">Nach Wissen des Gerichts gibt es einen einzigen, übrigens nicht</span><br/> <span class="ft1">publizierten Entscheid, in dem das Verwaltungsgericht abweichend</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Spezialverwaltungsgericht</span> <span class="page_no">396</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">von den vorstehenden Grundsätzen eine Anschlussgebührenerhebung</span><br/> <span class="ft1">bei Direktableitung in den Vorfluter im Grundsatz, aber in der Höhe</span><br/> <span class="ft1">herabgesetzt, geschützt hat (BE.96.00324 vom 4. März 1999 in Sa-</span><br/> <span class="ft1">chen D.M. gegen Einwohnergemeinde M.). Voraussetzung für die</span><br/> <span class="ft1">Abgabenerhebung war dort die Wirkung des Zuflusses auf das kom-</span><br/> <span class="ft1">munale Abwassersystem. Vorliegend wird von der Beschwerdegeg-</span><br/> <span class="ft1">nerin nicht einmal behauptet, dass im Hinblick auf die bewilligte</span><br/> <span class="ft1">Direkteinleitung in den Vorfluter irgendwelche Massnahmen zulasten</span><br/> <span class="ft1">der Gemeinde ergriffen worden wären (GEP-Überarbeitung, Bach-</span><br/> <span class="ft1">ausbauten wie z.B. Hochwasserentlastungen, etc.). Der blosse Hin-</span><br/> <span class="ft1">weis auf den Umstand, dass der G-bach im GEP verzeichnet ist, bzw.</span><br/> <span class="ft1">die pauschale These, dass im dicht überbauten Gebiet jeder Zufluss</span><br/> <span class="ft1">Wirkungen auf das kommunale Abwassersystem habe, vermag unter</span><br/> <span class="ft1">diesem Titel nicht zu genügen. Es fehlt an der notwendigen</span><br/> <span class="ft1">Konkretisierung des Vorhalts, welche zur ausnahmsweisen Abwei-</span><br/> <span class="ft1">chung vom Grundsatz führen könnte (...). Gegen die Annahme eines</span><br/> <span class="ft1">Ausnahmefalls spricht im Übrigen auch die erwähnte Zuleitungs-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung, über welche die Beschwerdeführerin verfügt (...). Ob</span><br/> <span class="ft1">die Dinge nach deren Auslaufen anders zu beurteilen sein werden,</span><br/> <span class="ft1">braucht hier nicht entschieden zu werden.</span><br/> <span class="ft1">7.5.4.</span><br/> <span class="ft1">Unter dem Titel Gleichbehandlung ist darauf hinzuweisen, dass</span><br/> <span class="ft1">es beim Bauen zwischen den einzelnen Bauplätzen immer tatsächli-</span><br/> <span class="ft1">che oder rechtliche Unterschiede gibt, welche deren Nutzung unter-</span><br/> <span class="ft1">schiedlich aufwändig machen. Zu den faktischen Vorteilen dürfte die</span><br/> <span class="ft1">Möglichkeit gehören, Sauberwasser versickern zu lassen oder eben</span><br/> <span class="ft1">direkt in einen Vorfluter einzuleiten (wenn es denn bewilligt wird).</span><br/> <span class="ft1">Daraus kann indessen nicht abgeleitet werden, dass ein Grundeigen-</span><br/> <span class="ft1">tümer mit einer gegenleistungslosen Kausalabgabe belastet werden</span><br/> <span class="ft1">dürfte. Die Ausgangslage bei den für ein einzelnes Objekt festzu-</span><br/> <span class="ft1">legenden Anschlussgebühren ist eine andere als bei den über einen</span><br/> <span class="ft1">ganzen Perimeter (Erschliessungseinheit) zu erhebenden Baubeiträ-</span><br/> <span class="ft1">gen, wo der Solidaritätsgedanke schwerer wiegt (vgl. dazu</span><br/> <span class="ft1">AGVE 2005 S. 413). Schliesslich sei erwähnt, dass Vorteile meistens</span><br/> <span class="ft1">auch wieder mit Nachteilen verbunden sind (z.B. Hochwasserrisiken,</span><br/> <span class="ft1">etc.).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Abteilung Kausalabgaben und Enteignungen</span> <span class="page_no">397</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">7.6.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass für Hart- und</span><br/> <span class="ft1">Dachflächen, welche nicht an die Kanalisation angeschlossen sind</span><br/> <span class="ft1">und von welchen das Wasser auch nicht auf andere Weise in die</span><br/> <span class="ft1">Kanalisation gelangt ("verlaufen lassen"), mangels Sondervorteils</span><br/> <span class="ft1">keine Abwasseranschlussgebühr erhoben werden kann.</span><br/></div> </div> </body> </html>