B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4327/2015 mel U r t e i l v o m 5 . S e p t e m b e r 2 0 1 6 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Daniel Willisegger, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiberin Eva Zürcher. Parteien A._______, geboren am (…), Staat unbekannt, vertreten durch MLaw Vijitha Schniepper-Muthuthamby, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Aargau, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 8. Juni 2015 / N (…). D-4327/2015 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein chinesischer Staatsangehöriger tibetischer Eth- nie verliess sein Heimatland gemäss eigenen Aussagen illegal am 27. Ok- tober 2012 und begab sich zu Fuss und im Auto in Richtung B._______, von wo aus er auf dem Luftweg und danach im Zug am 27. März 2013 die Schweiz erreichte. Gleichentags stellte er ein Asylgesuch. Am 11. April 2013 fand die Befragung zur Person statt und am 29. April 2014 führte das SEM die Anhörung durch. Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei in C._______ in der Ge- meinde D._______ im Bezirk E._______ in der Provinz F._______ geboren worden, habe dort während siebzehn Jahren gelebt und gelegentlich No- madenarbeit verrichtet. Die Schule habe er nicht besucht. Anschliessend habe er bis zur Ausreise im Kloster G._______ im gleichen Bezirk und in der gleichen Provinz gelebt. Im August 2012 habe er eine dem Onkel gehörende DVD mit protibetischen Aufnahmen von einem Mönchskollegen mehrfach kopieren lassen und dreissig dieser Kopien im Kloster an betende Tibeter ve rteilt. Am 4. Sep- tember 2012 sei er von einem Kollegen darüber orientiert worden, dass die chinesischen Behörden herausgefunden hätten, wo die Datenträger ko- piert worden seien, worauf die für die Kopiergerätschaften verantwortliche Person festgenommen word en sei. Später hätten die Behörden den Be- schwerdeführer an seinem Wohnort gesucht, weshalb er das Heimatland verlassen habe. B. Mit Verfügung vom 12. Juni 2014 lehnte das SEM das Asylgesuch des Be- schwerdeführers ab und wies ihn nach unbekannt weg. Gegen diesen Ent- scheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 19. Juni 2014 Be- schwerde beim Bundesverwaltungsgericht, wo er ein chinesisches Famili- enbüchlein, eine Vereinsbestätigung, eine Klosterkarte und verschiedene Fotografien einreichte. Mit Verfügung vom 5. September 2014 hob das SEM seinen Entscheid vom 12. Juni 2014 auf und nahm das erstinstanzli- che Verfahren wieder auf. Mit Entscheid vom 10. September 2014 schrieb das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde vom 19. Juni 2014 ab. C. Am 7. Oktober 2014 füh rte eine sachverständige Person im Auftrag des D-4327/2015 Seite 3 SEM mit dem Beschwerdeführer ein telefonisches Interview durch und er- stellte ein landeskundliches und linguistisches Gutachten in Bezug auf die Sozialisation des Beschwerdeführers. Zum Resultat wurde ihm mit Schrei- ben vom 29. April 2015 das rechtliche Gehör und die Möglichkeit einer Stel- lungnahme innert Frist gewährt. Dem Schreiben wurde ein Informations- schreiben zum Werdegang und zur Qualifikation der sachverständigen Person beigelegt. Mit Eingabe vom 19. Mai 2015 nahm der Beschwerde- führer zum Gutachten Stellung. Mit Verfügung vom 8. Juni 2015 – eröffnet am 11. Juni 2015 – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdefüh- rers erneut ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Der Vollzug der Weg- weisung in die Volksrepublik China wurde ausgeschlossen. Auf die Einzel- heiten der Begründung wird in den nachfolgenden Erwägungen näher ein- gegangen. D. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 13. Juli 2015 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Gewährung von Asyl, eventualiter die Gewährung der vorläufigen Aufnahme infolge fehlender Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs, subeventualiter die Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung durch das SEM. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes in der Person der die Beschwerde Unterzeichnenden. Zur Begründung wird in den nach- folgenden Erwägungen Bezug genommen. E. Am 16. Juli 2015 wurde die Fürsorgebestätigung vom 14. Juli 2015 nach- gereicht. F. Mit Zwischenverfügung vom 21. Juli 2015 stellte das Bundesverwaltungs- gericht fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Beschwerdever- fahrens in der Schweiz abwarten könne. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wurde gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Das Gesuch um Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsvertreters wurde ebenfalls gutgeheissen und dem Beschwerdeführer MLaw Vijitha Schniepper-Muthuthamby als unentgeltli- che Rechtsbeiständin beigeordnet. D-4327/2015 Seite 4 G. Das SEM wurde mit gleicher Zwischenverfügung zur Vernehmlassung ein- geladen. H. In seiner Vernehmlassung vom 4. August 2015 stellte das SEM fest, dass keine neuen erheblichen Tatsachen und Beweismittel vorlägen, welche eine Änderung des Standpunktes rechtfertigen können. Es hielt vollum- fänglich an seiner Beschwerde fest. I. Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 11. August 2015 ohne Replikrecht zur Kenntnis gebracht. J. Mit Eingabe vom 18. August 2015 wurde insbesondere mitgeteilt, dass an den Rechtsbegehren vollumfänglich festgehalten werde. Der Eingabe wurde eine Kostennote beigelegt. K. Mit Verfügung vom 1. Juni 2016 wurde das SEM unter Hinweis auf die gel- tende Praxis zur zweiten Vernehmlassung eingeladen. L. In seiner zweiten Vernehmlassung vom 30. Juni 2016 hielt das SEM erneut vollumfänglich an seiner Beschwerde fest. M. Am 6. Juli 2016 wurde dem Beschwerdeführer ein Replikrecht zur zweiten Vernehmlassung eingeräumt. N. Mit Eingabe vom 3. August 2016 reichte der Beschwerdeführer eine Stel- lungnahme zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den D-4327/2015 Seite 5 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. In der Regel entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Besetzung mit drei Richtern oder drei Richterinnen. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgeset zt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die D-4327/2015 Seite 6 Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 In der angefochtenen Verfügung legte das SEM dar, dass es dem Be- schwerdeführer nicht gelungen sei, die Hauptsozialisierung in der Volksre- publik China und die geltend gemachten Asylgründe glaubhaft darzustel- len. Aufgrund von Zweifeln an der dargelegten Herkunft sei im Auftrag des SEM ein telefonisches Interview und gestützt darauf ein landeskundliches und linguistisches Gutachten erstellt worden. Die Angaben des Beschwer- deführers zum Heimatdorf und zur näheren Umgebung könnten nicht über- zeugen. So habe er unter anderem auch zwei Gemeinden aufgezählt, wel- che es in seinem Heimatkreis nicht zu geben scheine, während er eine ihm genannte nahegelegene Gemeinde nicht gekannt habe. Ferner hätten nicht alle von ihm genannten Stadtteile der Kreishauptstadt situiert werden können, und er habe von der sachverständigen Person angesprochen e Örtlichkeiten in der Umgebung nicht gekannt. Zwar habe er zwei benach- barte Kreise korrekt erwähnt, einen weiteren Kreis habe er aber auf Nach- frage hin falsch lokalisiert. Zudem weise er gewisse Wissenslücken in Be- zug auf das tibetische Schulsystem auf. A uch wenn er insgesamt einige landeskundliche Fragen zutreffend beantwortet habe, entsprächen seine Kenntnisse nicht denjenigen, welche von einer einheimischen Person mit dem vorgeblichen Alter und den geltend gemachten sozialen, ethnischen und beruflichen Hintergrund zu erwarten gewesen seien. Zudem seien ver- schiedene landeskundliche Angaben auch in öffentlichen Quellen leicht zu- gänglich und somit erlernbar. Hinsichtlich des linguistischen Teils der Gesprächsauswertung hielt das SEM fest, dass die Lhasa - und exiltibetischen Merkmale eindeutig domi- nant seien und sich nicht mit einem im Zeitpunkt des Interviews längeren Aufenthalt ausserhalb der Heimat erklären liessen. Der Beschwerdeführer weise auch Merkmale des Litha ng-Tibetischen beziehungsweise des Khambtibetischen Dialektes auf; diese seien ver mutlich auf einen familiä- ren Hintergrund oder einen Aufenthalt in früher Jugend in F._______ zu- rückzuführen. Ausserdem sei aus dem kurzen Dialog des Beschwerdefüh- rers mit der sachverständigen Person in chinesischer Sprache ersichtlich, dass er gewisse chinesische Ausdrücke in einer falschen Art und Weise verwendet habe. D-4327/2015 Seite 7 Insgesamt habe die Hauptsozialisation des Beschwerdeführers sehr wahr- scheinlich nicht im Kreis G._______ im Tibet, sondern in einer exiltibeti- schen Gemeinschaft ausserhalb Chinas stattgefunden, wobei ein vorüber- gehender oder früherer Aufenthalt in China nicht auszuschliessen sei. Die vom Beschwerdeführer eingereichte Stellungnahme im Zusammen- hang mit dem ihm gewährten rechtlichen Gehör und die eingereichten Be- weismittel vermöchten die Zweifel an der geltend gemachten Herkunft nicht zu beseitigen. So brachte er in seiner Stellungnah me vor, anlässlich der Befragung und der Anhörung sprachliche Probleme gehabt zu haben, was aber angesichts der vorbehaltlosen Unterschrift unter die Protokolle nicht gehört werden könne. Auch habe er von der Möglichkeit zur Korrektur von Aussagen anlässli ch der Rückübersetzung keinen Gebrauch gemacht. Ferner vermöchten die im Zusammenhang mit dem Telefongespräch vor- gebrachten sprachlichen Schwierigkeiten nicht zu überzeugen, zumal dem Gutachten keine solchen zu entnehmen seien und die sachverständige Person qualifiziert sei, Sprachanalysen Khamtibetischer Dialekte vorzu- nehmen. Die Ungereimtheiten in Bezug auf die geografischen Aussagen seien mit der erneuten und teils abweichenden Auflistung der Stadtteile der Kreishauptstadt G._______ in der Stellungnahme nicht erklärt worden. Zu- dem könnten die Wissenslücken und die mangelnden Chinesisch -Kennt- nisse nicht mit der fehlenden Schulbildung erklärte werden, zumal das Gut- achten unter Berücksichtigung der geltend gemachten Biografie erstellt worden sei. Den nachgereichten Beweismitteln komme kein hoher Beweis- wert zu. So sei das Familienbüchlein mangels Sicherheitsmerkmalen käuf- lich erwerbbar, und der Beschwerdeführer habe darüber hinaus nur vage Angaben zu diesem Beweismittel zu Protokoll geben können. Insbeson- dere seien ihm weder der Inhalt noch das Aussehen bekannt gewesen. Auch die Klosterkarte sei ein leicht fälschbares Dokument, weshalb ihm kein Beweiswert zugeschrieben werden könne. Gleiches gelte für das Schreiben des Vereins H._______, wobei aus diesem Beweis mittel nicht hervorgehe, aufgrund welcher Nachforschungen dieser Verein die Anga- ben des Beschwerdeführers vorbehaltlos bestätige. Ohne Beweiswert seien auch die eingereichten Fotografien. Bei einigen sei nicht ersichtlich, wo sie aufgenommen worden seien; die in I._______ entstandenen Bilder könnten auch anlässlich einer Reise in den Tibet aufgenommen worden sein. Überdies habe der Beschwerdeführer anlässlich der Befragung und der Anhörung sein Dorf, in welchem er sein Leben verbracht habe, und das Kloster, in welchem er vor der Ausreise gelebt habe, nur sehr oberflächlich D-4327/2015 Seite 8 beschreiben können. Zum Abt des Klosters habe er widersprüchliche An- gaben zu Protokoll gegeben. Den Aufenthalt im Kloster habe er nicht le- bensnah schildern können. Die Schilderung des Tag esablaufes sei allge- mein ausgefallen, so dass sie auch vom Nacherzählen her habe in Erfah- rung gebracht werden können. Obwohl er sich über das Fernsehen Chine- sisch-Kenntnisse erworben habe, sei es ihm nicht möglich gewesen, einen chinesischen TV-Sender zu nennen. Zudem kenne er den Gouverneur der Autonomen Region Tibet nicht, obwohl er politisch interessiert sei. Auch die Schilderung der Ausreise sei substanzlos und oberflächlich aus- gefallen. So habe er den fünftägigen Aufenthalt bei einer Familie nahe der nepalesischen Grenze nicht substanziiert dargelegt und einerseits ausge- sagt, dies sei in J._______ gewesen, während er andererseits den Ort nicht gekannt habe. Auch zum Grenzübertritt habe er nur kurze und oberflächli- che Antworten gegeben. Den Aufenthalt in B._______ und die Weiterreise in die Schweiz habe er nicht fundiert geschildert, wobei es insbesondere nicht plausibel sei, dass er den Ort der Ankunft in Europa nicht wisse. Auch dass er keine Angaben zu den Reisekosten habe geben können, sei nicht nachvollziehbar. Gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen spreche auch, dass der Be- schwerdeführer nicht habe darlegen können, woher das Original der DVD seines Onkels gekommen sei, zumal davon auszugehen sei, dass er von ihm anlässlich der gemeinsamen Ausreis e Einzelheiten in Erfahrung ge- bracht hätte. Ferner sei unklar geblieben, ob die DVD in einem Geschäft oder im Kloster kopiert worden sei, und widersprüchlich habe er angege- ben, innert welcher Zeit er die DVD habe kopieren lassen und zu welchen Tageszeiten er sie verteilt habe. Des Weiteren sei die Begründung, wie die chinesischen Behörden herausgefunden hätten, wo die DVD kopiert wor- den sei, unpräzise und wenig nachvollziehbar. Zudem habe er keine ge- nauen Ausführungen zur Festnahme des Verantwortlichen der Kopierge- rätschaften und dazu machen können, wie sein Freund von d ieser Fest- nahme erfahren habe. Zudem habe er die geltend gemachte Hausdurch- suchung durch die chinesischen Behörden erst anlässlich der Anhörung erwähnt, weshalb dieser Teil nachgeschoben sei. Insgesamt würden seine Vorbringen den Standardschilderungen vieler tibetischer asylsuchender Personen entsprechen und mangels subjektiver Prägung nicht den Ein- druck erwecken, auf eigenem Erlebten zu beruhen. Seine Asylvorbringen könnten deshalb nicht geglaubt werden. D-4327/2015 Seite 9 Aus den lückenhaften Länder- beziehungsweise Regionalkenntnissen, den sprachlichen Unstimmigkeiten, den fragwürdigen Angaben zu den Identi- tätspapieren sowie der unglaubhaften Darlegung des Reiseweges und der Asylgründe sei zu schliessen, dass der Beschwerdeführer trotz unbestrit- tenermassen tibetischer Ethnie nicht in der von ihm angegebenen Region sozialisiert worden sei, weshalb seine Staatsangehörigkeit als unbekannt gelte. Gestützt auf die Praxis des Bundesverwaltungsgerichts sei davon auszugehen, dass infolge seiner unglaubhaften Angaben über den Ort der Sozialisierung in der Volksrepublik China davon auszugehen sei, dass der Beschwerdeführer eine Aufenthaltsbewilligung oder eine Duldung in einem Drittstaat oder gar eine andere Staatsangehö rigkeit besitze. Somit sei zu prüfen, ob ihm in einem Drittstaat oder im effektiven Heimatland ernsthafte Nachteile im Sinne des Gesetzes drohen würden. Da der Beschwerdefüh- rer indessen in Verletzung der Mitwirkungspflicht die dafür nötigen Abklä- rungen verunmöglicht habe, müsse das SEM davon ausgehen, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort vorlägen. Da der Beschwerdeführer tibe- tischer Ethnie sei, könne indessen auch nicht ausgeschloss en werden, dass er die chinesische Staatsangehörigkeit besitze, weshalb ein Wegwei- sungsvollzug nach China ausgeschlossen werde. 5.2 Demgegenüber legte der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde dar, dass es unklar sei, um wen es sich bei der sachverständigen Person, wel- che das Interview mit ihm durchgeführt habe, handle und ob sie den Kham- Dialekt beherrsche. Letzteres werde von ihm verneint. Unter diesen Um- ständen seien Fehler und Missverständnisse entstanden, was nicht nach- vollziehbar sei. Folglich sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und an die Vorinstanz zur Nachbesserung zurückzuweisen. Zudem sei das rechtliche Gehör verletzt worden, indem die Vorinstanz weder Einsicht in das Lingua-Gutachten gewährt noch den wesentlichen Inhalt des Gutach- tens in anderer Weise preisgegeben habe. Sie habe bloss pauschal und in zusammenfassender Art dargelegt, dass der Beschwerdeführer zwar vie- les zutreffend ausgeführt und auch Dialoge auf Chinesisch habe führen können, indessen einzelne Antworten falsch gewesen seien. Um welche Antworten es sich handle, könne jedoch weder der angefochtenen Verfü- gung noch dem im Schreiben vom 29. April 2015 gewährten rechtlichen Gehör entnommen werden. So habe der Beschwerdeführer keine konkre- ten Einwände erheben können. Überdies sei die Vorinstanz mit der Formulierung, der Beschwerdeführer habe zwei Gemeinden erwähnt, welche es nicht zu geben scheine, selber D-4327/2015 Seite 10 nicht sicher, ob es die beiden Gemeinden tatsächlich gebe. Es handle sich damit um eine reine Behauptung. Auch bezüglich der Stadtteile der Kreis- hauptstadt G._______ sei nicht ersichtlich, welche falsch erwähnt worden seien. Im angefochtenen Entscheid habe das SEM bloss ausgeführt, die erneute Auflistung der Stadtteile in der Stellungnahme vom 19. Mai 2015 sei teils abweichend. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz sei die Vorinstanz indessen verpflichtet, den Sachverhalt von Amtes wegen fest- zustellen. Aus den Formulierungen, wonach der Beschwerdeführer zwei benachbarte Kreise korrekt und einen weiteren Kreis falsch lokalisiert habe, die Entfernung beziehungsweise Dauer der Überwindung von Stre- cken zwischen Ortschaften und zur Landwirtschaft zutreffend dargelegt habe, in Bezug auf das Schulsystem gewisse Wissenslücken bestünden, sei zu schliessen, dass er grösstenteils zutreffende Au skünfte gegeben habe. Mit der Argumentation der Vorinstanz, wonach die Angaben zu den gestellten Fragen in öffentlichen Quellen leicht zugänglich und damit er- lernbar seien, wolle die Vorinstanz offenbar die Glaubhaftigkeit der zutref- fenden Aussagen in Zweifel ziehen. Landeskundliche Fragen würden sich indessen erübrigen, wenn diese erlernbar seien. Zudem handle es sich bei der Auffassung der Vorinstanz um eine reine Vermutung , und es sei eine Gesamtbetrachtung vorzunehmen. Auch zur Argumentation der Vorinstanz bezüglich des linguistischen Teils des Gutachtens könne der Beschwerdeführer keine konkreten Einwände erheben, da auch diese sehr allgemein gehalten sei. Jedenfalls habe ein aus dem Exil stammender Dolmetscher bestätigt, dass der Beschwerde- führer einen ausgeprägten Kham-Dialekt spreche. Dass er einige Begriffe auf Chinesisch kenne, ergebe sich bereits aus der Befragung; dass er nicht alle Ausdrücke auf Chinesisch korrekt wiedergegeben habe, sei auf den fehlenden Schulbesuch zurückzuführen, denn er habe die chinesische Sprache vor allem von chinesisch -sprachigen DVDs erlernt. Unter diesen Umständen bestünden grosse Zweifel daran, ob das Gutachten – wie vom SEM behauptet – unter Berücksichtigung der geltend gemachten Biografie entstanden sei. Die eingereichten Beweismittel seien vom SEM pauschal als gefälscht be- trachtet worden, weil sie leicht fälschbar seien. Indessen genüge es nicht, den Beweiswert von eingereichten Dokumenten abzuerkennen, bloss weil es sich um leicht fälschbare Dokumente handeln könne. Vielmehr müssten klare und begründete Indizien bestehen, um den Beweiswert zu verneinen. Der Beschwerdeführer habe mit grosser Mühe und Gefahr seinen Vater kontaktiert, um die nötigen Dokumente zu erhalten, und habe zudem das D-4327/2015 Seite 11 Zustellcouvert im Original im damaligen Beschwerdeverfahren zu den Ak- ten gegeben. Ausserdem habe er – entgegen der Argumentation der Vor- instanz – anlässlich der Anhörung das Familienbüchlein gezeichnet und beschrieben (vgl. Akte A12/23 S. 3 F. 19 ff.), wobei diese Zeichnung den Akten nicht zu entnehmen sei, weshalb das SEM auch diesbezüglich das rechtliche Gehör verletzt habe. Zudem habe die Vorinstanz nicht begrün- det, warum das Familienbüchlein eine Fälschung darstelle. Es handle sich um eine reine Vermutung oder Behauptung der Vorins tanz. Auch bei der Argumentation, die in I._______ aufgenommenen Bilder könnten im Rah- men einer Reise in den Tibet entstanden sei n, handle es sich um eine blosse Vermutung. Insgesamt stütze sich somit die Argumentation der Vorinstanz oft auf Ver- mutungen und Behauptungen, und es sei nicht ersichtlich, welche Indizien für die Fälschung der Beweismittel sprechen würden. Mit Blick auf die Aussagen des Beschwerdeführers zum Dorf, zum Alltag im Kloster und zur Ausreise habe sich die Vorinstanz bloss auf einzelne Antworten konzentriert und keine Gesamtbetrachtung vorgenommen. Be- züglich der Daten, wann die DVD kopiert und die Kopien verteilt worden seien, habe sich zwar ein kleiner Widerspruch ergeben, auf welchen man sich indessen nicht abstützen könne, zumal der Beschwerdeführer wenig später die zuvor gemachten Angaben wiederholt habe und die Daten an- lässlich der Rückübersetzung der Befragung hätten korrigiert werden müs- sen, was auf Verständnisprobleme hinweise. Dass der Beschwerdeführer keine detaillierten Kenntnisse darüber, wie die chinesischen Behörden ihn hätten aufspüren können, gegeben habe, sei darauf zurückzuführen, dass er von einem Freund über das Erscheinen der chinesischen Behörden im Kloster und die Festnahme des Verantwortlichen aufgeklärt worden sei . Deshalb könne er nur vermuten, wie die Behörden ihm auf die Schliche gekommen sein könnten und wie der Freund von der Festnahme erfahren haben könnte. Der Freund und der Beschwerdeführer hätten sich zudem nach dieser Informationsübermittlung unmittelbar getrennt. Ferner habe der Beschwerdeführer mit seiner Aussage, er habe aus dem Fernsehen chinesische Grundkenntnisse erlernt, gemeint, dass er DVDs mit chinesi- schem Inhalt auf dem Fernsehgerät angeschaut habe, was er anlässlich der Anhörung erläutert habe, zumal der Empfang von chinesischem Fern- sehen schlecht und damit unmöglich gewesen sei. Insgesamt habe das SEM mehrmals das rechtliche Gehör verletzt, was zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung und zur Rückweisung der Sache D-4327/2015 Seite 12 an die Vorinstanz führen müsse. Im Übrigen habe er glaubhaft und nach- vollziehbar dargelegt, dass er infolge der Verteilung von DVDs mit protibe- tischem Inhalt einer flüchtlingsrechtlich relevanten und konkreten Gefahr ausgesetzt gewesen sei. Schliesslich habe er beweisen können, dass er chinesischer Staatsangehöriger sei und aus diesem Grund bei einer Rück- kehr ins Heimatland ernsthaften Nachteilen im Sinne des Gesetzes ausge- setzt sein würde. 5.3 In seiner ersten Vernehmlassung äusserte sich das SEM nicht einge- hend zu den Beschwerdebegehren. 5.4 In seiner Eingabe vom 18. August 2015 machte der Beschwerdeführer mit Hinweis auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D -3838/2014 vom 14. Juli 2015 geltend, dass von Asylsuchenden eingereichte Doku- mente nicht einfach ausser Acht gelassen werden dürften, nur weil sie als Kopien eingereicht worden seien und weil sie im Ausland gekauft werden könnten. Zudem genüge eine allgemeine Begründung nicht; vielmehr müssten Abklärungen bezüglich der Echtheit vorgenommen werden. Vor- liegend habe der Beschwerdeführer sogar Originale eingereicht; das SEM habe indessen pauschal festgehalten, dass diese Dokumente leicht fälsch- bar beziehungsweise käuflich erwerbbar seien. Substanzielles gegen die Echtheit der Beweismittel habe das SEM ebenso wenig vorgebra cht wie die Echtheit überprüft. 5.5 In seiner zweiten Vernehmlassung vom 30. Juni 2016 legte das SEM dar, dass die Einsicht in das Ergebnis von Lingua -Analysen aus Gründen überwiegender öffentlicher oder privater Interessen an der Geheimhaltung nicht zur Edition vorgesehen sei, wobei im Vordergrund die Verhinderu ng der missbräuchlichen Weiterverbreitung des Fragenkatalogs stehe. Die Er- haltung geeigneter Methoden zur Herkunftsabklärung zum Zweck der Ein- dämmung missbräuchlicher Asylgesuche stelle ein gewichtiges Interesse des Bundes dar. Deshalb müssten der asylsuchenden Person die Fragen und der wesentliche Inhalt der darauf gegebenen Antworten nur in zusam- menfassender Weise preisgegeben werden. Vorliegend sei das rechtliche Gehör hinreichend gewährt worden, da dem Beschwerdeführer alle ent- scheidrelevanten Punkte in zusammengefasster Form zur Kenntnis ge- bracht worden seien. Die Offenlegung weiterer Einzelheiten würde unwei- gerlich zu einer Auflistung der konkret gestellten Fragen und Antworten füh- ren und liesse sich mit dem öffentlichen Interesse nicht vereinbaren, we il damit der schriftliche beziehungsweise protokollierte Fragenkatalog veröf- fentlicht würde. Dies wiederum würde zu Lern- und Vorbereitungszwecken D-4327/2015 Seite 13 unter asylsuchenden Personen weiterverbreitet werden können. Damit würde der Wert von Lingua-Analysen, welche vom Bundesverwaltungsge- richt als taugliches Beweismittel betrachtet würden, drastisch gemindert. Darüber hinaus hätten weder der Beschwerdeführer noch seine Rechts- vertreterin vom Recht, die Aufzeichnung des Lingua -Gesprächs anzuhö- ren, Gebrauch gemacht. Unter diesen Umständen sei die Rüge, das SEM habe das rechtliche Gehör verletzt, als blosses Standard- und Schutzargu- ment zu betrachten. 5.6 In seiner Replik vom 3. August 2016 entgegnete der Beschwerdeführer, vorliegend seien die Mindeststandards betreffend Offenlegung des wesent- lichen Inhalts eben nicht eingehalten worden. Insbesondere genüge es nicht, die Schlussfolgerungen des Tests in einer Zusammenfassung darzu- legen, ohne der betroffenen Person die ihr vorgeworfenen Falschangaben effektiv erkennbar zu machen. Gestützt auf die Praxis müsse das SEM der asylsuchenden Person die von ihr im Rahmen des Tests als tatsachenwid- rig, falsch oder unzureichend erachteten Antworten so detailliert aufzeigen, dass diese im Einzelnen ihre Einwände anbringen könne. Zudem seien die Antworten des Beschwerdeführers auf die Fragen nicht derart unplausibel, substanzarm oder widersprüchlich ausgefallen, dass eine Herkunft aus dem Tibet offensichtlich ausgeschlossen werden könne und sich fachliche Abklärungen erübrigen würden. Auch das SEM habe in der angefochtenen Verfügung eingeräumt, dass der Beschwerdeführer in den landeskundli- chen Bereichen richtige Angaben gemacht habe und aufgrund des Kham- Dialekts ein familiärer Hintergrund oder ein Aufenthalt in der Jugend in Kham nicht auszuschliessen seien. Für die Sozialisation im Tibet spreche auch, dass er in der Lage sei, einen Dialog in chinesischer Sprache zu führen, wie das SEM ebenfalls festgestellt habe. Somit bestünden zahlrei- che Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer im Tibet geboren und dort aufgewachsen sei. Auch das im Original eingereichte Familienbüch- lein, die Fotos und die Klosterkarte könnten dies belegen. Es sei für ihn deshalb umso wichtiger zu erfahren, welche Fragen er falsch oder unvoll- ständig beantwortet habe. Nur so könne er konkrete Einwände vorbringen und von seinem Recht auf rechtliches Gehör effektiv Gebrauch machen. 6. 6.1 Vorab sind die formellen Rügen und der damit verbundene Rückwei- sungsantrag zu prüfen, welcher auf Beschwerdeebene vorgebracht wurde. 6.2 Der Beschwerdeführer machte – teilweise ausdrücklich und teilweise sinngemäss – geltend, das SEM habe den Untersuchungsgrundsatz, die D-4327/2015 Seite 14 Begründungspflicht, das Recht auf Akteneinsicht und das rechtliche Gehör verletzt. Insbesondere sei unklar, um wen es sich bei der sachverständigen Person, welche das Interview mit ihm durchgeführt habe, handle und ob diese den Kham -Dialekt beherrsche. Letzteres werde von ihm verneint. Unter diesen Umständen seien Fehler und Missverständnisse entstanden, was nicht nachvollziehbar sei. Zudem sei das rechtliche Gehör verletzt wor- den, indem die Vorinstanz weder Einsicht in das Lingua-Gutachten gewährt noch den wesentlichen Inhalt des Gutachtens in anderer Weise preisgege- ben habe, und die vom Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung ange- fertigte Zeichnung des Familienbüchleins nicht in den Akten aufgenommen habe. Auch habe das SEM an verschiedenen Stellen seine Verfügung nur allgemein oder pauschal begründet, so dass es dem Beschwerdeführer nicht möglich sei, konkrete Einwände zu erheben. 6.3 Im Verwaltungsverfahren im Allgemeinen und im Asylverfahren im Be- sonderen gilt der Untersuchungsgrundsatz. Danach stellt die Behörde den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. b As ylG). Die Bestimmung von Art. 13 VwVG beschränkt den Untersuchungsgrundsatz und hält fest, dass die Parteien verpflichtet sind, an der Feststellung des Sachverhalts mitzu- wirken. Eine im Vergleich zum Verwaltungsverfahren verstärkte Mitwir- kungspflicht ist in Art. 8 AsylG vorgesehen und detailliert umschrieben. Da- hinter steckt der Grundgedanke, dass die zuständige Behörde den Sach- verhalt nicht selber ermitteln muss, wenn ein Asylsuchender die erforderli- che Mitwirkung verweigert. 6.4 Für das erstinstanzliche Asy lverfahren bedeutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung und Feststellung des rechtser- heblichen Sachverhalts verpflichtet ist und Elemente, die zugunsten der asylsuchenden Person sprechen, ebenso zu ermitteln hat wie solche, die sich zu ihren Ungunsten auswirken. Sofern es zur Feststellung des Sach- verhalts notwendig ist und die gesetzlichen Mitwirkungspflichten durch die asylsuchende Person nicht verletzt worden sind, ist das SEM gesetzlich verpflichtet, über die Befragung hinaus weitere Abklärungen vorzunehmen (vgl. Art. 41 Abs. 1 AsylG). Die Notwendigkeit für weitere Abklärungen be- steht insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der asylsuchen- den Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen, die voraus- sichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden können. D-4327/2015 Seite 15 6.5 Weiter verlangt der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft v om 18. April 1999 [BV, SR 101], Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) unter anderem, dass die verfü gende Behörde die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder- schlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG; BVGE 2015/10 E. 3.3) . Ferner soll die Abfassung der Begründung der betroffenen Person ermöglichen, den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl die betroffene Person als auch die Rechtsmitte- linstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können, wo- bei sich die verfügende Behörde allerdings nicht ausdrücklich mit jeder tat- beständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Ein wand auseinander- setzen muss, sondern sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschrän- ken kann. Die Begründungsdichte richtet sich dabei nach dem Verfügungs- gegenstand, den Verfahrensumständen und den Interessen des Betroffe- nen (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2 S. 674 f. mit weiteren Hinweisen). 6.6 Darüber hinaus ist der verfahrensrechtliche Anspruch auf Akteneinsicht (vgl. Art. 26 VwVG) als weiterer Teilgehalt des rechtlichen Gehörs zu be- achten. So können sich die Betroffenen nur dann wirksam zur Sache äus- sern und geeignet Beweis führen, wenn ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird, die Unterlagen einzusehen, auf welche sich die entscheidende Be- hörde stützt. Das Recht auf Akteneinsicht kann eingeschränkt werden, wenn ein überwiegendes öffentliches oder privates Interes se an der Ge- heimhaltung der betreffenden Akten vorhanden ist (Art. 27 VwVG). Wird einer Partei die Einsichtnahme in ein Aktenstück verweigert, muss ihr die Behörde indessen von seinem wesentlichen Inhalt Kenntnis sowie die Ge- legenheit geben, sich dazu zu äussern und Gegenbeweismittel zu bezeich- nen (Art. 28 VwVG). Dabei hat jeder Beschränkung des Einsichtsrechts eine konkrete, sorgfältige und umfassende Abwägung der entgegenste- henden Interessen voranzugehen, wobei der Grundsatz der Verhältnis- mässigkeit zu be achten ist. Je stärker das Verfahrensergebnis von der Stellungnahme der Betroffenen zum konkreten Dokument abhängt und je stärker auf ein Dokument bei der Entscheidfindung (zum Nachteil der Be- troffenen) abgestellt wird, desto intensiver ist dem Akteneinsic htsrecht Rechnung zu tr agen (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.3 und dort zitierte weitere Praxis). 6.7 Der Anspruch auf rechtliches Gehör beinhaltet schliesslich auch, dass die Behörden alles in den Akten festzuhalten haben, was zur Sache gehört D-4327/2015 Seite 16 und entscheidwesentlich sein kann. Daraus resultiert die Pflicht, dass jeg- liche Abklärungen schriftlich festzuhalten, zu den Akten zu nehmen und aufzubewahren sind. Die Aktenführung hat geordnet, übersichtlich und voll- ständig zu sein und es muss ersichtlich sein, wer die Akten erstellt hat und wie sie zustande gekommen sind (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.3 und dort zi- tierte weitere Praxis). 6.8 Praxisgemäss ist der asylsuchenden Person im Rahmen der Lingua - Abklärung Herkunft, Dauer und Zeitraum des Aufenthalts der sachverstän- digen Person i m umstrittenen Herkunftsland oder –gebiet sowie deren Werdegang, auf den sich ihre Sachkompetenz abstützt, zur Kenntnis zu bringen, um dem Anspruch auf Gewährung des rechtlichen Gehörs Ge- nüge zu tun (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1). Aus der Akte A39/1 ergibt sic h, dass die sachverständige Person aus Westeuropa stammt, über analyse- relevante Sprachkenntnisse der tibetischen und chinesischen Sprache ver- fügt, einen Hochschulabschluss hat, sich mehrmals während längerer Zeit in Zentraltibet, Khamtibet und Amdotibet aufgehalten hat sowie in ständi- gem Kontakt mit Angehörigen des Tibet und deren Dialekten steht. Mit die- sen Angaben hat das SEM den Anspruch auf Gewährung des rechtlichen Gehörs nicht verl etzt, zumal dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom 29. April 2015 vollständig Einsicht in die Akte A39/1 – mithin in die Qualifi- kation und den Werdegang der sachverständigen Person – gegeben wurde (vgl. Akte A41/3); zudem wurde ihm das rechtliche Gehör dazu und die Möglichkeit einer Stellungnahme gewährt. Somit war der Beschwerdefüh- rer – entgegen den Ausführungen im Beschwerdeverfahren – grundsätzlich über die Qualifikation und den Werdegang der sachverständigen Person im Bild. Ausserdem sieht das Bundesverwaltungsgericht gestützt auf die in Akte A39/1 enthaltenen Angaben keinen Anlass daran zu zweifeln, dass die sachverständige Person als qualifiziert gilt, Herkunftsanalysen im Fall von Personen, welche angeben, aus dem Tibet zu stammen, vorzuneh- men. Auch wenn sich aus d ieser Akte nicht konkret ergibt, ob sie den Kham-Dialekt des Tibetischen beherrscht , ist aufgrund ihrer Qualifikation anzunehmen, dass sie diesen Dialekt von anderen tibetischen Dialekten unterscheiden und die entsprechenden sprachlichen Eigenheiten heraus- filtern kann. Die fundierte, ausführliche und nachvollziehbare Herkunfts- analyse (vgl. Akte A40/9) , in welche das Bundesverwaltungsgericht voll- ständig Akteneinsicht nehmen kann, bestätigt schliesslich einerseits die Qualifikation der sachverständigen Person und räumt andererseits die vom Beschwerdeführer erhobenen Zweifel am Verständnis für den Kham -Dia- lekt aus. An der fachlichen Qualifikation der sachverständigen Person be- stehen somit – entgegen der Darstellung im Beschwerdeverfahren – keine D-4327/2015 Seite 17 Zweifel. Die Darstellung des Beschwerdeführers, die sachverständige Per- son habe keinen Kham -Dialekt gesprochen und ihn nicht immer verstan- den, beziehungsweise er habe mehrmals nachfragen müssen, weil er sie nicht verstanden habe, kann angesichts der Feststellung in der Herkunfts- analyse, wonach keine Verständigungs probleme wahrnehmbar gewesen seien (vgl. Akte A40/9 S. 2), nicht gehört werden, sondern stellt einen un- tauglichen Erklärungsversuch dar. Weitere und konkretere Angaben zur sachverständigen Person wären mit dem überwiegenden privaten Inte- resse, nämlich dem Schutz der sachverständigen Person, und zudem mit dem überwiegenden öffentlichen Interesse nicht zu vereinbaren, weshalb dem SEM nicht vorgeworfen werden kann, es habe nur ungenügend Ein- sicht in die Qualifikation und in den Werdegang der sachverständigen Per- son gewährt. Ausserdem wurde dem Beschwerdeführer mit gleichem Schreiben des SEM die Möglichkeit einer Stellungnahme eingeräumt, wel- che er mit Eingabe vom 19. Mai 2015 wahrnahm. Somit vermögen die Ein- wände des Beschwerdeführers gegen die sachverständige Person nicht zu überzeugen, weshalb diesbezüglich keine Verletzung des rechtlichen Ge- hörs vorliegt. Vielmehr ist die eingeschränkte Bekanntgabe von Daten über ihre Person mit Art. 28 VwVG vereinbar. 6.9 Hinsichtlich der Rüge, das SEM habe nur insofern Einsicht in das Lin- gua-Gutachten gegeben, als es die daraus gewonnenen Erkenntnisse in pauschaler und allgemeiner Weise zur Kenntnis gebracht habe, so dass der Beschwerdeführer keine konkreten Einwände habe vorbringen können, ist Folgendes festzuhalten: 6.9.1 Bei der vom SEM in Auftrag gegebenen Sprach- und Herkunftsana- lyse wurden sowohl die sprachlichen Fähigkeiten als auch landeskundlich- kulturelle Kenntnisse des Beschwerdeführers geprüft. Bei einer solchen Lingua-Analyse handelt es sich zwar nicht um ein Sachverständigengut- achten im Sinne von Art. 12 Bst. e VwVG (vgl. hierzu Art. 57‒61 BZP [SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), sondern um eine schriftliche Auskunft einer Drittperson im Sinne von Art. 12 Bst. c VwVG.; das Bundesverwaltungsge- richt misst einer Lingua -Analyse jedoch erhöhten Beweiswert zu, sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Experten sowie die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvoll- ziehbarkeit erfüllt sind, denen eine solche Prüfung zu entsprechen hat (vgl. BVGE 2014/12 E. 4.2.1 und dort zitierte weitere Praxis). Wie bereits voran- gehend festgehalten, sind weder an der sachverständigen Person selber noch an der Herkunftsanalyse Zweifel angebracht. Vielmehr erscheint letz-D-4327/2015 Seite 18 tere differenziert, schlüssig, sorgfältig, gründlich und deckt zahlreiche Fa- cetten im Leben und in der Sprache des Beschwerdeführers ab. Sie ist somit fundiert und weitgehend mit einer überzeugenden Begründung ver- sehen, weshalb sie im Wesentlichen nicht zu beanstanden ist. An dieser Stelle ist immerhin anzumerken, dass der Experte AS19 offenbar davon ausging, der Beschwerdeführer habe sich bis vor einem Jahr vor dem In- terview im Tibet aufgehalten, während er tatsächlich bereits zwei Jahre im Ausland war. Ob dies die entsprechenden Schlussfolgerungen unter 3.4 der Analyse (vgl. A40/9 S. 8) wesentlich beeinflusst hatte, kann vom Ge- richt nicht beurteilt werden und ist an dieser Stelle offen zu lassen. 6.9.2 Die Rechtsprechung (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1 und dort zitierte wei- tere Praxis) definiert sodann Mindeststandards, denen die Gewährung des rechtlichen Gehörs und der Akteneinsicht betreffend Lingua -Analysen zu genügen hat. Danach stehen gemäss Art. 26 VwVG einer uneingeschränk- ten Offenlegung dieser Akte zwar grundsätzlich überwiegende öffentliche und private Geheimhaltungsinteressen entgegen, weshalb die vollumfäng- liche Akteneinsicht vom SEM zu Recht verweigert werden durfte (Art. 27 Abs. 1 VwVG). Im Vordergrund stehen einerseits der bereits vorangehend erwähnte Sicherheitsanspruch der sachverständigen Person und anderer- seits insbesondere die Verhinderung eines Lerneffekts und einer miss- bräuchlichen Weiterverbreitung des Fragekatalogs, wodurch ähnliche Ab- klärungen in zukünftigen Verfahren erschwert oder verunmöglicht würden. Zur Wahrung des Anspruchs auf rechtliches Gehör muss der asylsuchen- den Person indessen vom wesentlichen Inhalt des Gutachtens Kenntnis gegeben und die Möglichkeit, sich dazu zu äussern sowie Gegenbeweise zu bezeichnen, gewährt werden (Art. 28 und 30 VwVG). Dazu muss die Behörde der asylsuchenden Person in zusammenfassender Weise die von der Fachperson gestellten Fragen und den wesentlichen Inhalt der darauf erhaltenen Antworten sowie die weiteren in den Akten enthaltenen Bewei- selemente, auf welche sich die Einschätzung stützt, offenlegen, sei es in einer aktenkundigen schriftlichen Notiz, sei es anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs im Rahmen einer zu protokollierenden mündlichen Anhörung. 6.9.3 Die Lingua-Analyse enthält zahlreiche Sachkenntnisse, an deren Ge- heimhaltung die Asylbehörden ein grosses Interesse haben, zumal sie eine Weiterverwendung durch andere Asylsuchende verhindern wollen, um ähnliche Abklärungen in zukünftigen Verfahren nicht zu verunmöglichen. Wie auch in der Beschwerde anerkannt wurde, wird deshalb praxisgemäss D-4327/2015 Seite 19 – so auch vorliegend – keine vollständige Offenlegung der Herkunftsana- lyse vorgenommen , was gestützt auf die vorangehenden Erwägungen grundsätzlich nicht zu beanstanden ist. Andererseits ist bei der Gewährung des rechtlichen Gehörs zu einer Lingua -Anlayse den Mindeststandards Rechnung zu tragen. Damit befindet sich die Gewährung des rechtlichen Gehörs zu einer Lingua -Analyse im Spannungsfeld zwischen einerseits dem berechtigten öffentlichen Interesse der Asylbehörden an der Geheim- haltung von Informationen, welche bei Bekanntwerden missbräuchlich wei- terverwendet werden könnten, und andererseits dem ebenfalls berechtig- ten privaten Interesse der asylsuchenden Personen an der Bekanntgabe von Informationen, gestützt auf welche ihre Herkunft nicht geglaubt werden kann und gestützt auf welche sie Einwände beziehungsweise eine Stel- lungnahme zuhanden der Asylbehörden einreichen kann. In diesem Span- nungsfeld gilt es abzuwägen, welche Informationen in welchem D etaillie- rungsgrad bekanntgegeben werden dürfen und müssen. 6.9.4 Vorliegend wurde dem Beschwerdeführer mit Schreiben des SEM vom 29. April 2016 insofern Akteneinsicht in das Lingua -Gutachten ge- währt, als das SEM darlegte, seine Angaben zum Heimatdorf und der nä- heren Umgebung würden nicht überzeugen, weil er zwar sein Dorf und die meisten Nachbardörfer habe identifizieren können, es jedoch zwei Ge- meinden, die er aufgezählt habe, nicht zu geben scheine. Ausserdem sei ihm eine nahegelegene Gemeinde nicht bekannt gewesen. Ferner hätten nicht alle vom Beschwerdeführer bezeichneten Stadtteile der Kreishaupt- stadt situiert werden können, und andere, von der sachverständigen Per- son angesprochene Örtlichkeiten in der Umgebung habe er nicht gekannt. Zwei benachbarte Kreise habe er zwar korrekt benannt; indessen habe er auf Nachfrage hin einen weiteren Kreis falsch lokalisiert. Die Auskünfte des Beschwerdeführers zu den Entfernungen und die Dauer zur Überwindung der Strecken zwischen gewissen Ortschaften und zur Landwirtschaft seien zutreffend. Hingegen habe er Wissenslücken in Bezug auf das tibetische Schulsystem. Die von ihm vorgebrachten richtigen Angaben seien in öf- fentlichen Quellen leicht zugänglich und somit erlernbar. Die nachgewiese- nen Kenntnisse würden nicht jenen entsprechen, welche von einer einhei- mischen Person mit dem vorgeblichen Alter und dem gelten d gemachten sozialen, ethnischen und beruflichen Hintergrund zu erwarten gewesen seien. In seiner Sprache seien die Lhas a- und exiltibetischen Merkmale eindeutig dominant, weshalb sie sich nicht mit dem zweijährigen Aufenthalt ausserhalb des Tibets erklären liessen. Die in seiner Sprache ebenfalls auftretenden Merkmale des L ithang-Tibetischen beziehungsweise des Kham-Tibetischen seien vermutlich auf einen familiären Hintergrund oder D-4327/2015 Seite 20 einen Aufenthalt in früher Jugend in F._______ zurückzuführen. Der mit dem Beschwerdeführer durchgeführte kurze Dialog in Chinesisch habe er- geben, dass er gewisse chinesische Ausdrücke in einer f alschen Art und Weise verwendet habe. Gestützt auf die Analyse sei der Beschwerdeführer sehr wahrscheinlich nicht im Kreis G._______ im Tibet sozialisiert worden, sondern in einer exiltibetischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepub- lik China, wobei ein vorübergehender oder früherer Aufenthalt nicht auszu- schliessen sei. 6.9.5 Aus der Akteneinsicht des SEM ergibt sich, dass der Beschwerdefüh- rer einerseits zahlreiche Örtlichkeiten und Distanzen in dem von ihm gel- tend gemachten Herkunftsgebiet zutreffend erwähnte, was ebenso für die dargelegte Herkunft spricht wie die in seiner Sprache vorkommenden Ele- mente des Lithang -Tibetischen oder des Kham -Tibetischen. Hingegen ergab die Herkunfts- und Sprachanalyse auch, dass einige fehlende Kennt- nisse und die dominanten Merk male seiner Sprache nicht mit der vorge- brachten Herkunft zu vereinbaren sind. Bei seiner Argumentation im Zu- sammenhang mit der Gewährung des rechtlichen Gehörs und in der ent- sprechenden Erwägung der angefochtenen Verfügung hat sich das SEM auf die Darlegung zusammengefasster Erkenntnisse beschränkt. Im Be- schwerdeverfahren wurde gerügt, unter diesen Umständen könne der Be- schwerdeführer nicht konkret zu den Vorhalten Stellung nehmen. Insbe- sondere wisse er nicht, welche Gemeinden er falsch lokalisiert oder nicht gekannt habe, welche Stadtteile von ihm unzutreffend genannt worden seien, und welche von der sachverständigen Person erwähnten Örtlichkei- ten ihm unbekannt gewesen seien. 6.9.6 Zwar genügt es gemäss der in BVGE 2015/10 festgehaltenen Praxis des Bundesverwaltungsgerichts, dem Beschwerdeführer in zusammenfas- sender Weise die von der Fachperson gestellten Fragen und den wesent- lichen Inhalt der darauf erhaltenen Antworten sowie die weiteren in den Akten enthaltenen Beweiselemente, auf welche die Fachperson ihre Ein- schätzung stützt, offenzulegen (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1 S. 136). Dabei stellt sich die Frage, wie weit der Inhalt der Lingua-Analyse zusammenge- fasst werden darf, um dem Anspruch auf rechtliches Gehör zu genügen. Dem vorangehend erwähnten Urteil ist zu entnehmen, dass die in einem „Alltagswissen“ getesteten Fragen so detailliert aufzuzeigen sind, dass die betroffene Person im Einzelnen ihre Einwände anbringen kann (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1 S. 137). Auch wenn diese Feststellung nicht im Zusammen- hang mit einer Lingua -Analyse erfolgt ist, sondern sich auf Tests des All-D-4327/2015 Seite 21 tagswissens bezieht, ist der asylsuchenden Person der Inhalt der ihr an- lässlich eines Alltagswissenstest während der Lingua -Analyse gestellten Fragen und der von ihr erhaltenen Antworten soweit bekanntzugeben, dass sie im Rahmen des ihr gewährten rechtlichen Gehörs inhaltlich dazu Stel- lung nehmen und allfällige Gegenbeweismittel oder Einwände vorbringen kann. Das bedeutet, dass die der asylsuchenden Person bekannt gegebe- nen Inhalte soweit zu präzisieren sind, dass eine konkrete Stellungnahme und konkrete Einwände ermöglicht werden. 6.9.7 Nachfolgend werden diejenigen Elemente des rechtlichen Gehörs zur Lingua-Analyse im Schreiben des SEM vom 29. April 2015 näher be- leuchtet, welche den Anforderungen an die Gewährung des rechtlichen Gehörs nicht zu genügen vermögen: 6.9.7.1 So erwähnte das SEM zwei Gemeinden, welche der Beschwerde- führer aufgezählt habe, die es indessen in seinem Heimatkreis nicht zu ge- ben scheine. Diese Feststell ung des SEM erscheint zunächst insofern problematisch, als aus ihr nicht klar hervorgeht, ob es diese beiden vom Beschwerdeführer genannten Gemeinden in seinem Heimatkreis nun gibt oder nicht. Zudem ist nicht ersichtlich, welche beiden Gemeinden der Be- schwerdeführer fälschlicherweise erwähnt hat. Damit ist das SEM dem Er- fordernis, die vorgeworfenen Falschangaben effektiv erkennbar zu machen (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1 S. 137) nicht in genügender Weise nachgekom- men, zumal es dem Beschwerdeführer aufgrund dieser unklaren und unsi- cheren Feststellung sowie mangels Erwähnung der von ihm unzutreffend genannten Gemeinden nicht möglich ist, konkrete Einwände vorzubringen oder Klarheit zu schaffen. Diese Argument ation des SEM vermag somit nicht zu überzeugen, weshalb in diesem Punkt das rechtliche Gehör nicht in genügender Weise gewährt worden ist. 6.9.7.2 Des Weiteren wurde dem Beschwerdeführer mitgeteilt, eine ihm genannte naheliegende Gemeinde sei ihm nicht bekannt. Auch diese Aus- sage ist nicht konkret genug, um darauf in e iner Stellungnahme eingehen zu können. Insbesondere bleibt unklar, in Bezug auf was die erwähnte Ge- meinde naheliegen soll: In Bezug auf das Dorf, in welchem der Beschwer- deführer gelebt haben will oder in Bezug auf die Gemeinde, zu welchem sein Dorf gehört? Unter diesen Umständen kann auch dieses Argument nicht als genügende Gewährung des rechtlichen Gehörs betrachtet wer- den. D-4327/2015 Seite 22 6.9.7.3 Dem Beschwerdeführer wurde sodann vorgeworfen, er habe Stadt- teile der Kreishauptstadt erwähnt, welche nicht hätten situiert werden kön- nen, und im Gegenzug habe er Örtlichkeiten in der Umgebung nicht ge- kannt. Mit Blick auf das Interesse der Behörden, das rechtliche Gehör knapp zu halten, um dem Versuch einer missbräuchlichen Weiterverwen- dung von Informationen zu verhindern, hat das SEM zwar zu Recht dieje- nigen Örtlichkeiten nicht bekannt gegeben, welche dem Beschwerdeführer nicht bekannt waren. Indessen fehlen der Argumentation der Vorinstanz darüber hinaus diejenigen Konkretisierungen, welche es dem Beschwer- deführer ermöglicht hätten, eine konkrete inhaltliche Stellungnahme bezie- hungsweise konkrete Einwände zum Vorwurf, er habe Stadtteile der Kreis- hauptstadt erwähnt, welche es nicht gibt, darzulegen, weshalb auch dies- bezüglich das rechtliche Gehör nicht in genügender Weise gewährt worden ist. 6.9.7.4 Dem Beschwerdeführer wurde des Weiteren vorgeworfen, er habe zwar zwei benachbarte Kreise nennen können, indessen auf Nachfrage hin einen weiteren falsch lokalisiert. Auch in diesem Zusammenhang sind die im rechtlichen Gehör bekanntgegebenen Angaben zu allgemein, um inhalt- lich Stellung nehmen zu können. 6.9.8 Insgesamt ist somit festzuhalten, dass das SEM in mehreren Punkten das rechtliche Gehör zur Lingua-Analyse so allgemein formuliert hat, dass dem Beschwerdeführer eine sinnvolle materielle Stellungnahme in diesen Punkten mangels genügender konkreter Anhaltspunkte im rechtlichen Ge- hör verunmöglicht wurde. Damit hat das SEM das rechtliche Gehör nur for- mell gewährt. Dabei vermag die Argumentation des SEM in seiner zweiten Vernehmlassung vom 30. Juni 2016, wonach eine weitergehende Gewäh- rung des rechtlichen Gehörs dem öffentlichen Interesse an der Geheimhal- tung beziehungsweise an der Verhinderung der missbräuchlichen Weiter- verbreitung des Fragenkatalogs widersprechen würde, vorliegend nicht zu überzeugen, weil der Sinn und Zweck der Gewährung des rechtlichen Ge- hörs nicht nur formeller Art ist, sondern auch eine materielle Komponente miteinschliesst: Der betroffenen Person muss es möglich sein, mit den ihr preisgegebenen inhaltlichen Angaben im rechtlichen Gehör konkret inhalt- lich Stellung nehmen zu können. Sind diese – wie vorliegend – allzu allge- mein formuliert, wird dies verunmöglicht. Damit wird indessen die Gewäh- rung des rechtlichen Gehörs ausgehebelt, was mit dem Sinn und Zweck desselben nicht zu vereinbaren ist, zumal das aus Art. 29 Abs. 2 BV und D-4327/2015 Seite 23 aus Art. 29 ff. VwVG fliessende Recht des Beschwerdeführers auf Mitwir- kung im Verwaltungsverfahren unter diesen Umständen vereitelt wird (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2 und3.3 S. 133). 6.9.9 Folglich kann sich das SEM vorliegend nicht mit der Berufung auf das öffentliche Interesse an Geheimhaltung und Verhinderung missbräuchli- cher Weiterverwendung darauf beschränken, dem Beschwerdef ührer nur so allgemeine Informationen über den Inhalt des mit ihm durchgeführten Interviews zwecks Abklärung der Herkunft preiszugeben, dass er inhaltlich mangels konkreter Anhaltspunkte gar nicht Stellung nehmen kann. Viel- mehr muss das SEM einen Weg finde n, wie es einerseits dem vorange- hend erwähnten öffentlichen Interesse gerecht werden kann und anderer- seits auch das private Interesse des Beschwerdeführers an der Möglich- keit, sich konkret und materiell zu den ihm vorgeworfenen Unzulänglichkei- ten äussern und damit das ihm zustehende Mitwirkungsrecht aus zuüben, berücksichtigen kann. Vorliegend ist diesem privaten Interesse zu wenig Rechnung getragen worden, was vom SEM mit der Preisgabe von einigen konkreten Einzelheiten aus dem Lingua -Gutachten nachzuholen ist. Dies bedeutet nicht, dass das SEM den ganzen schriftlichen beziehungsweise protokollierten Fragenkatalog aufzulisten hat und die in allen Bereichen des Interviews gestellten Fragen sowie die dazu erhaltenen Antworten preisgeben muss. Vielmehr genügt e s, sich auf einige konkrete Angaben zu beschränken. So dürfte beispielsweise die Preisgabe derjenigen Anga- ben im Lingua -Bericht, welche vom Beschwerdeführer selbst dargelegt worden sind, aber beispielsweise unzulänglich oder falsch sind, den Lern- effekt kaum erhöhen. Dabei ist das SEM nicht verpflichtet, die dazuge- hörenden, sich aus dem Lingua-Bericht ergebenden richtigen oder zuläng- lichen Antworten in jedem Fall preisgeben zu müssen. Vielmehr ist der Fo- kus bei der Auswahl des Inhalts des rechtlichen Gehörs darauf zu richten, dass der Beschwerdeführer konkret Stellung nehmen kann. Im Übrigen ist, um dem privaten Interesse des Beschwerdeführers gerecht zu werden, al- lenfalls auch die eine oder andere Angabe mit dem Risiko eines möglichen Lerneffektes preiszugeben, zumal im vorliegenden Zusammenhang das öf- fentliche Interesse gegenüber dem privaten Interesse nicht unter allen Um- ständen Vorrang geniesst. Vielmehr sind die beiden Interessen von den Asylbehörden gegeneinander abzuwägen, und es ist beiden gerecht zu werden. Diese Einschätzung lässt sich im Übrigen durchaus mit der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts vereinbaren, wonach die im Rahmen des Alltagswissenstests als tatsachenwidrig, falsch oder unzureichend erach- teten Antworten so detailliert aufzuzeigen si nd, dass hierzu im Einzelnen Einwände vorgebracht werden können (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1 S. 137). D-4327/2015 Seite 24 Da dem Beschwerdeführer eine inhaltliche materielle Stellungnahme in den genannten Punkten verunmöglicht wurde, er mithin keine konkreten Einwände oder eine konkrete Stellungnahme abgeben konnte, kann nicht von einem vollständig erstellten Sachverhalt ausgegangen werden. 6.9.10 Schliesslich ist auch darauf hinzuweisen, dass der Lingua -Experte offenbar davon ausging, der Beschwerdeführer habe sich im Zeitpunkt des Gesprächs erst ein Jahr ausserhalb des Tibets aufgehalten (vgl. Akte A40/9 S. 8). Dies wurde im Rahmen des rechtlichen Gehörs vom SEM anders dargestellt (vgl. Akte A41/3 S. 2), was wiederum eine klare Verletzung des rechtlichen Gehörs darstellt. 6.10 Aus den vorangehenden Erwägungen ergibt sich, dass das SEM das dem Beschwerdeführer zustehende Recht auf Gewährung des rechtlichen Gehörs verletzt hat, indem die ihm preisgegebenen Vorhalte im Zusam- menhang mit der Lingua-Analyse zu wenig konkret erfolgt sind. Eine Ver- letzung des rechtlichen Gehörs führt grundsätzlich – das heisst ungeachtet der materiellen Auswirkungen – zur Aufhebung des daraufhin ergangenen Entscheides. 6.11 Zwar haben Beschwerden gegen Verfügungen des SEM über die Ver- weigerung des Asyls und die Wegweisung grundsätzlich reformatorischen und nur ausnahmsweise kassatorischen Charakter (Art. 105 Abs. 1 und Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 61 Abs. 1 VwVG). Reformatorische Entscheidungen set- zen indessen Entscheidungsreife voraus, wobei insbesondere eine genü- gende Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes darunter fällt, was vorliegend gestützt auf die vorangehenden Erwägungen nicht der Fall ist. 6.12 Die Heilung einer Gehörsverletzung aus prozessökonomischen Grün- den auf Beschwerdeebene ist zudem nur dann mög lich, wenn das Ver- säumte nachgeholt wird, die beschwerdeführende Person dazu Stellung nehmen kann und der Beschwerdeinstanz im streitigen Fall die freie Über- prüfungsbefugnis in Bezug auf Tatbestand und Rechtsanwen dung zu- kommt, sowie die festgestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist und die fehlende Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz mit vertret- barem Aufwand hergestellt werden kann (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f. mit weiteren Hinweisen). 6.13 Vorliegend hat das SEM in seiner Vernehmlassung vom 30. Juni 2016 zum Ausdruck gebracht, dass es an seinen Erwägungen vollumfänglich festhalten will, weil keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, D-4327/2015 Seite 25 welche eine Änderung des Standpunktes zu rechtfertigen vermöchten, vor- lägen. Damit hat es die Versäumnisse nicht nachgeholt, womit der rechts- erhebliche Sachverhalt nicht richtig und vollständig festgestellt worden ist. Es kann nicht Sinn des Beschwerdeverfahrens sein, ein mangelhaft ge- währtes rechtliches Gehör, welches im vorinstanzlichen Verfahren hätte vorgenommen werden müssen, nachzuholen, und für eine vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Demzufolge kann der vorliegende Mangel auf Beschwerdeebene nicht geheilt werden. Gegen eine Heilung des Verfahrensmangels spricht ferner auch der Um- stand, dass den Beschwerdeführenden andernfalls eine Instanz verloren ginge. 6.14 Unter diesen Umständen ist die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vo- rinstanz zurückzuweisen. Das SEM hat dem Beschwerdeführer das recht- liche Gehör zur Lingua-Analyse im Sinne obenstehender Erwägungen we- niger zusammenfassend und konkreter zu gewähren. Das SEM hat die Sa- che im Rahmen eines neuen beschwerdefähigen Entscheides einer recht- lichen Würdigung z u unterziehen. Die Beschwerde ist infolgedessen im Sinne der Erwägungen gutzuheissen und die angefochtene Verfügung auf- zuheben. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ausserdem wurde in der Zwischenverfügung vom 21. Juli 2015 in Gutheissung des Gesuchs auf Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung auf die Erhebung von Verfahrenskosten verzichtet. 8. Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine E ntschädigung für ihr erwach- sene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Beschwerdeführer obsiegt mit der Kassation. Somit ist ihm ein angemessenes Honorar auszurichten. Nur der notwenige Aufwand wird entschädigt (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der mit Eingabe vom 18. August 2015 beigelegten Kostennote ist ein zeitlicher Aufwand von 9.5 Stunden und ein Honorar von Fr. 2‘850. – ausgewiesen, was einem Stun- denansatz von Fr. 300.– entspricht. Dieser geltend gemachte Aufwand ist unangemessen und damit entsprechend zu reduzieren. Aufgrund der Akten D-4327/2015 Seite 26 lässt sich der Parteiaufwand hinreichend zu verlässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 in fine VKGE). Unter Berücksichtigung der massgebenden Bemes- sungsfaktoren (Art. 9 -13 VGKE) und der Entschädigungspraxis in Ver- gleichsfällen ist das SEM anzuweisen, dem Beschwerdeführer für das Rechtsmittelverfahren eine Parteientschädigung in der Höhe von pauschal Fr. 2‘000.– (inkl. Auslagen) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-4327/2015 Seite 27 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2. Die Verfügung vom 8. Juni 2015 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewie- sen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt 4. Das SEM hat dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundes- verwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 2‘000.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Eva Zürcher Versand: