B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3986/2022 U r t e i l v o m 1 6 . S e p t e m b e r 2 0 2 2 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richterin Chrystel Tornare Villanueva; Gerichtsschreiberin Susanne Stockmeyer. Parteien X._______, geb. (…), (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 6. September 2022 / (…). F-3986/2022 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ersuchte am 30. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl (Akten der Vorinstanz (…) [SEM act.] 1). B. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass er am 20. Juni 2022 in Italien aufgegriffen und dort gleichentags dak- tyloskopisch erfasst worden war (SEM act. 7). C. Am 6. Juli 2022 wurden die Personalien des Beschwerdeführers aufge- nommen (SEM act. 1 3). Im Beisein seiner Rechtsve rtretung führte das SEM am 28. Juli 2022 mit ihm das persönliche Gespräch nach Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra- tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be- stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt- staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) und gewährte ihm das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigk eit Italiens für die Behandlung seines Asylgesuchs sowie zu seinem Gesund- heitszustand (SEM act. 15). D. Das SEM ersuchte die italienischen Behörden am 5. Juli 2022 um Über- nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO (SEM act. 10). Diese nahmen innerhalb der festgelegten Frist keine Stellung zum Übernahmeersuchen. E. Mit Verfügung vom 6. September 2022 (eröffnet am 7. September 2022 ) trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführer s nicht ein, verfügte seine Überstellung nach Italien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kanton Zürich mit dem Vollzug der Weg weisung, händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 25). F-3986/2022 Seite 3 F. Die bisherige Rechtsvertretung teil te mit Schreiben vom 7. September 2022 die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit (SEM act. 26). G. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 12. September 2022 beantragte der Beschwerdeführer sinngemäss die Aufhebung der an- gefochtenen Verfügung u nd die Anweisung an die Vorinstanz, auf sein Asylgesuch einzutreten (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer act.] 1). H. Am 13. September 2022 setzte die zuständige Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2). Gleichentags lagen die Akten der Vorinstanz in elek - tronischer Form vor. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs- gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu- ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist legiti- miert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde erweist sich, wie nachfolgend dargelegt, als offen- sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän- digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters bezie hungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). F-3986/2022 Seite 4 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über - prüfen (Art. 31a Abs. 1 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz des Gerichts grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Es erübrigt sich damit, auf die in der Beschwerde geschil- derten Vorkommnisse in Afghanistan und die in diesem Zusammenhang eingereichten Dokumente einzugehen. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung dieses Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan- trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens ("take charge") sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dub- lin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Hierarchie der Zu- ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dub- lin-III-VO). 3.3 Wird auf der Grundlage von Beweismitteln oder Indizien festgestellt, dass ein Antragsteller aus einem Drittstaat kommend die Land-, See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaats illegal überschritten hat, so ist dieser Mit- gliedstaat für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zuständig (vgl. Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO). F-3986/2022 Seite 5 3.4 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu- rodac"-Datenbank ergab, dass er am 20. Juni 2022 in Italien illegal in den Dublin-Raum eingereist und dort gleichentags daktyloskopiert worden war (vgl. SEM act. 8). Sofern er rechtsmittelweise geltend macht, er sei in Ita- lien zur Abgabe seiner Fingerabdrücke gezwungen worden, so gilt es da- rauf hinzuweisen, dass sich die Abnahme der Fingerabdrücke von illegal einreisenden ausländischen Personen und Asylsuchenden auf Art. 14 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 603/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 (Eurodac-Verordnung) stützt. Es steht dem Beschwerdeführer damit gerade nicht frei zu wählen, ob und wann seine Fingerabdrücke abgenommen und an die "Eurodac" -Datenbank übermittelt werden. Das Vorgehen der italienischen Behörden ist damit nicht zu beanstanden. 3.5 Weiter ersuchte die Vorinstanz die italienischen Behörden um Auf- nahme des B eschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin -III-VO. Diese liessen das Übernahmeersuchen der Vorinstanz innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie die Zu- ständigkeit des Landes implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Aufnahmezuständigkeit Italiens ist daher gegeb en. Nicht gehört werden kann in diesem Zusammenhang, dass das eigentliche Ziel des Beschwerdeführers die Schweiz gewesen sei und es seiner An- sicht nach das einzige Land sei, in dem er sich vorstellen könne, sicher zu leben sowie in welchem die Sicherheit und Gesundheit seiner Familie ge- währleistet sei; auch könne seine Tochter hier behandelt werden. Die Dub- lin-III-VO räumt denn auch kein Recht ein, den Antrag prüfenden Staat sel- ber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). 4. 4.1 Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO regelt, wie zu verfahren ist, wenn es sich als unmöglich erweist, einen Antragsteller an den zunächst als zuständig be- stimmten Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen würden, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäi- schen Union (EU -Grundrechtecharta, ABl. C 364/1 vom 18.12.2000) mit sich bringen würden. In einem solchen Fall setzt der die Zuständigkeit prü- fende Mitgliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt F-3986/2022 Seite 6 werden kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde vorgenommen werden, so wird der die Zuständigkeit prüfende M itgliedstaat zum zustän- digen Mitgliedstaat. 4.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da- von aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstel- len – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs . 2 zweiter Satz Dublin-III-VO aufweist (vgl. statt vieler Refere nzurteile des BVGer D-4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10; F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9, E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). An dieser Rechtspre- chung ist festzuhalten. Es steht dem Beschwerdeführer damit frei, in Italien um internationalen Schutz, mithin um Zugang sowie Integration ins italieni- sche Asylsystem zu ersuchen (vgl. Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO). Konkrete Hinweise darauf, Italien werde sich entgegen seiner Verpflichtung in Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin -III-VO (i.V.m. Art. 22 Abs. 7 Dublin -III-VO) weigern, den Beschwerdeführer aufzunehmen oder ihm dauerhaft die ihm zustehen- den minimalen Lebensbedingungen vorenthalten, sind vorliegend nicht er- sichtlich. 4.3 Für eine Übernahme der italienischen Zuständigkeit gestützt auf Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO besteht daher kein Anlass. 5. 5.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin -III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst- eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au- gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be- handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig ist. Liegen individuelle völkerrechtliche Über stellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 5.2 Der Beschwerdeführer bringt in seiner Rechtsmitteleingabe vor, seine Schwester, Cousine und Tante würden in der Schweiz (…) leben. Sie seien F-3986/2022 Seite 7 seine Familie und würden alles fü r ihn bedeuten . Mit ihrer Unterstützung sei er in die Schweiz gekommen. 5.3 Wie den vorinstanzlichen Akten zu entnehmen ist, wurden die vom Be- schwerdeführer anlässlich de r Personalienaufnahme genannten, angeb- lich in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannte Personen nicht im Zentralen Migrationsinformationssystem ZEMIS gefunden (SEM act. 13/4; Pkt. 3.01). Im persönlichen Gespräch gemäss Art. 5 Dublin -III-VO verwies er erneut auf seine hier lebenden Verwandten und gab zudem an, er habe seine Schwester lange ni cht gesehen; er habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihr gehabt, wolle in ihrer Nähe sein und bei ihr wohnen (SEM act. 15/2). Unabhängig vom Umstand, dass die Identität der genannten Verwandten nicht restlos geklärt ist , ist aufgrund der pauschalen Vorbringen des Be- schwerdeführers ohnehin nicht auf ein besonderes Abhängigkeitsverhält- nis zwischen ihm und seiner Schwester oder den anderen Verwandten zu schliessen, welches Art. 8 EMRK bei Verwandtschaftsverhältnissen aus- serhalb der eigentlichen Kernfamilie verlangt (vgl. dazu BGE 144 II 1 E. 6.1). Seine Ausführungen sind daher zum Vorherein nicht geeignet, die Zuständigkeit Italiens unter dem Gesichtspunkt von Art. 8 EMRK in Frage zu stellen. Aus dem gleichen Grund kann er sich auch nicht auf Art. 16 Abs. 1 Dublin -III-VO berufen (vgl. im Gegensatz dazu etwa Urteil des BVGer F-280/2021 vom 22. Juli 2021 E. 6 ff.). 5.4 Weiter macht der Beschwerdeführer rechtsmittelweise geltend, nach- dem das SEM auf sein Asylgesuch nicht eingetreten sei, fühle er sich psy- chisch krank. Würde er unter Zwang nach Italien zurückgeschickt werden, würde sich seine psychische Situation noch verschlimmern. Seit der Er- oberung Afghanistans durch die Taliban fühle er sich wegen seiner dort le- benden Familie psychisch krank. 5.4.1 Den vorinstanzlichen Akten ist zum Gesundheitszustand des Be- schwerdeführers Folgendes zu entnehmen: Gemäss einem ärztlichen Kurzbericht vom 21. Juli 2022 leide t der Be- schwerdeführer seit zirka einer Woche an Halsschmerzen, trockenem Hus- ten mit gel egentlichem Auswurf, laufender Nase und Magenschmerzen. Diagnostiziert wurde eine akute Bronchitis und Covid-19 (Virus nicht nach- gewiesen). Zur Verlaufskontrolle und Besprechung der Laborwerte wurde ein Folgetermin im (…) vereinbart; zudem wurden diverse Medikamente gegen die Erkältungssymptome und die Magenschmerzen verordnet (SEM act. 19). Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 28. Juli 2022 führte der Beschwer- deführer zu seinem Gesundheitszustand zusammenfassend aus, er sei vor F-3986/2022 Seite 8 zehn Jahren (…). Er habe deswegen mehrere Narben am Bein. Seine Fin- ger seien behandelt worden, seien aber noch schief. Psychisch leide er immer noch unter den Misshandlungen und könne kaum schlafen. Er denke immer wieder an diese Vorfälle und an die Probleme seiner Tochter. Er habe kaum Appetit und Probleme beim Essen. Weiter habe er Nasen- beschwerden und Ohrenschmerzen. Er habe diese Beschwerden beim Gesundheitsdienst des BAZ erwähnt und Medikamente bekommen, diese würden aber nicht helfen (SEM act. 15). Am 17. August 2022 erfolgte eine Folgekonsultation beim internen Arzt des (…). Dem Bericht zufolge war der Allgemeinzustand des Beschwerdefüh- rers gut, mit noch leichten Symptomen einer Sinusitis, auskultatorisch frei (SEM act. 20). Auf telefonische Nachfrage teilten die Gesundheitsdienste des (…) dem SEM am 6. September 2022 mit, dass der Beschwerdeführer bis anhin keine psychischen Probleme bei den zuständigen Gesundheits- betreuungen gemeldet hä tte. Nach einem Termin bei einem Psychiater habe der Beschwerdeführer nicht gefragt. Es würden zudem keine Arztter- mine anstehen (SEM act. 21). 5.4.2 Der gesundheitliche Zustand einer asylsuchenden Person kann der Dublin-Überstellung in den zu ständigen Mitgliedstaat entgegenstehen, wenn diese eine Verletzung von Art. 3 EMRK zur Folge hätte. Das ist nur ganz ausnahmsweise der Fall. Von einer Verletzung geht die Rechtspre- chung etwa dann aus, wenn sich die asylsuchende Person in einem fort- geschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäischen Ge- richtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine weitere vom EGMR defi- nierte Konstellation betrifft schwerkranke Personen, die durch die Abschie- bung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfront iert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes aus- gesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Ver- kürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). 5.4.3 Im Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 statuierte das Bundesverwaltungsgericht aufgrund des am 5. Oktober 2018 in Kraft ge- tretenen Gesetzesdekrets Nr. 113/2018 (Salvini-Dekret) strengere Krite- rien für die Dublin-Überstellungen von schwer erkrankten Asylsuchenden, F-3986/2022 Seite 9 die sofort nach der Ankunft in Italien auf lückenlose medizinische Versor- gung angewiesen sind. Es verpflichtete die Vorinstanz, individuelle Zusi- cherungen betreffend die Gewährleistung der nötigen medizinischen Ver- sorgung und Unterbringung bei den italienischen Behörden einzuholen (Referenzurteil E-962/2019 E. 7.4.3). In den Referenzurteilen D-4235/2021 vom 19. April 2022 und F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 analysierte das Bundesverwaltungsgericht die Un- terbringungs- und Versorgungssituation von Asylsuchenden, insbesondere von vulnerablen Personen und Alleinerziehenden mit minderjährigen Kin- dern, die im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien überstellt wurden. Das Gericht kam zum Schluss, seit dem Referenzurteil E -962/2019 habe die Rechts- und Sachlage in Italien wesentliche Änderungen erfahren. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzesdekretes Nr. 130/2020 am 20. Dezember 2020 sei das Zweitaufnahmesystem, welches neu Aufnahme- und Integra- tionssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazione) heisse, wieder al- len Asylsuchenden zugänglich gemacht worden. Familien und vulnerable Personen, darunter auch Personen mit Behinderungen oder schweren physischen oder psychischen Erkrankungen, würden bei der Überstellung in eine SAI-Unterkunft Vorrang geniessen. Selbst wenn sie vorübergehend in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht würden, könnten sie die not- wendigen Dienstleistungen, insbesondere medizinische und psychologi- sche Betreuung, in Anspruch nehmen (Referenzurteile D -4235/2021 E. 10.4.3; F-6330/2020 E. 10 und E. 11.2; ebenso: Urteil des EGMR M.T. gegen die Niederlande vom 23. März 2021, Nr. 46595/19, Ziff. 58–62). Asylsuchende, die noch keinen Asylantrag in Italien ges tellt haben (sog. «take charge»-Fälle bzw. Aufnahmeverfahren, Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin- III-VO) und daher vor ihrer Ausreise nicht in einem Erst- oder Zweitaufnah- mezentrum in Italien untergebracht worden seien, hätten daher grundsätz- lich ab ihrer Ankunft in Italien Zugang zu den notwendigen Dienstleistun- gen. In einem solchen Fall sei es daher nicht mehr erforderlich, vor der Überstellung von Asylsuchenden, die unter schwerwiegenden medizini- schen (physischen oder psychischen) Problemen litten, von den ita lieni- schen Behörden individuelle Zusicherungen einzuholen. Anders verhalte es sich bei Asylsuchenden, die in Italien bereits ein Asylgesuch gestellt hät- ten oder deren Asylgesuch abgelehnt worden sei (vgl. Referenzurteil D-4235/2021 E. 10.4.3.3 und E. 10.4.4; Urteile des BVGer F -2876/2022 vom 7. Juli 2022 E. 6.5, F -2431/2022 vom 14. Juni 2022 E. 11.5 und F-4471/2021 vom 4. Mai 2022 E. 6.4). F-3986/2022 Seite 10 5.4.4 Vorab kann festgestellt werden, dass es sich beim Beschwerdeführer nicht um eine schwerkranke Person handelt. Zwar erwähnte er anlässlich des Dublin -Gesprächs psychische Probleme, begab sich aber während seines gesamten Aufenthalts in der Schweiz nicht in psych iatrische Be- handlung und verlangte auch nicht nach einer solchen. Auch erwähnte er im Rahmen der ärztlichen Konsultationen keine entsprechenden (psychi- schen) Beschwerden. Es kann somit nicht davon ausgegangen werden, eine psychiatrische Behandlung sei (umgehend) erforderlich. Der Be- schwerdeführer hat sodann in Italien – wie bereits erwähnt – kein Asylge- such eingereicht und befindet sich damit in einer «take charge»-Konstella- tion im Sinne der oben dargelegten Rechtsprechung, die unabhängig von seinem Gesundheitszustand weder die Einholung einer Zusicherung und noch weniger den Selbsteintritt erfordert. Es steht ihm offen, in Italien eine psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen. Besondere Hinweise darauf, dass Italien gerade dem Beschwerdeführer die notwendige medizi- nische Behandlung verweigern könnte, sind nicht ersichtlich. Im Übrigen ist die Vorinstanz gehalten, die italienischen Behörden vor der Überstellung des Beschwerdeführers über seinen Gesundheitszustand und allfällige notwendige Behandlungen zu informieren (vgl. Art. 31 und 32 Dublin -III- VO). Es ist nicht davon auszugehen, das s eine Überstellung des Be- schwerdeführers nach Italien eine Verletzung von Art. 3 EMRK nach sich ziehen würde. 5.5 Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes- sensklausel von Art. 17 Dublin -III-VO beziehungsweise Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 vor. Weder ist die Schweiz verpflichtet, auf das Asylgesuch einzu- treten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt na- helegen würden. Das SEM ist daher zu Recht auf das Asylgesuch des Be- schwerdeführers nicht eingetreten und hat die Ü berstellung nach Italien angeordnet. 6. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Der angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Urteil dahin. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh- rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.- festzu- setzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). F-3986/2022 Seite 11 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.- werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen nach Versand des vorliegenden Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz und die kan- tonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Susanne Stockmeyer Versand: