Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht vom 9. Februar 2022 (810 21 86) ____________________________________________________________________ Ausländerrecht Widerruf der Aufenthaltsbewilligung / Wegweisung / nachehelicher Härtefall Besetzung Vizepräsident Daniel Ivanov, Kantonsrichter Nikla us Ruckstuhl, Markus Clausen, Daniel Häring, Daniel Noll, Gerichtsschreiberin Elena Diolaiutti Beteiligte A.____ mit B.____ , Beschwerdeführerin , vertreten durch Suzanne Davet, Advokatin gegen Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft , 4410 Liestal , Beschwerdegegner Betreff Widerruf der Aufenthaltsbewilligung und Wegw eisung aus der Schweiz (RRB Nr. 389 vom 23. März 2021) A. Die äthiopische Staatsangehörige A.____, geboren am XX.XX.1984, heiratete am 6. Mai 2016 in Äthiopien den schweizerisch-italienischen Doppelb ürger C.____, geboren am XX.XX.1968. A.____ hat einen Sohn aus einer früheren Beziehung, B.____, geboren am XX.XX.2012, welcher ebenfalls äthiopischer Staatsangehö riger ist. Am 28. Juli 2019 reiste A.____ zusammen mit ihrem Sohn im Rahmen des Familien nachzugs in die Schweiz ein. Mit Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Verfügung vom 2. September 2019 wurde A.____ und ihr em Sohn eine Aufenthaltsbewilligung EU/EFTA zum Verbleib bei ihrem Ehemann bzw. bei seiner Mutter bis zum 27. Juli 2024 erteilt. B. Am 24. September 2019 teilte C.____ dem Amt für Migration und Bürgerrecht des Kan- tons Basel-Landschaft (AFMB) mit, dass A.____ und er sich bereits wieder getrennt hätten. Mit Schreiben vom 14. Oktober 2019 äusserte sich A.____ dahi ngehend, dass sie sich am 2. September 2019 von ihrem Ehemann getrennt habe. Eine Wiederaufnahme des Ehelebens könne sie sich aufgrund der Aggressivität des Ehemannes nicht vorstellen. Mit Eingabe vom 18. Oktober 2019 führte C.____ aus, da ss die Trennung ungefähr zwei Mona- te zuvor erfolgt sei. Er habe nie wirklich mit A.____ zu sammengelebt. Zur Eheschliessung sei es lediglich gekommen, weil die Schwester seiner Ehefra u ihn dazu gedrängt habe. Er sei grundsätzlich für eine Wiederaufnahme des Ehelebens bere it und habe mehrfach erfolglos ver- sucht, seine Ehefrau zu kontaktieren. Er gehe deshalb da von aus, dass es seiner Ehefrau nur um die Aufenthaltsbewilligung gegangen sei, weshalb er ihre Wegweisung gutheisse. Mit Verfügung vom 20. Dezember 2019 verfügte das Zivil kreisgericht Basel-Landschaft D.____ im Rahmen des Eheschutzverfahrens ein Kontaktverbot des Ehe mannes zu A.____. Mit Ent- scheid vom 17. Februar 2020 wurde C.____ verpflichtet, se iner Ehefrau einen monatlichen Un- terhaltsbeitrag von Fr. 1'200.-- zu bezahlen. C. Mit Schreiben vom 17. März 2020 gewährte das AFMB in Bezug auf einen allfälligen Widerruf der Aufenthaltsbewilligung und Wegweisung aus der Schweiz A.____ und C.____ das rechtliche Gehör. Mit Eingabe vom 23. April 2020 führte die Ehefrau, nachfolgend immer vertre- ten durch Suzanne Davet, Advokatin, aus, dass sich ihr Ehem ann während der kurzen Zeit des Zusammenlebens in der Schweiz komplett verändert habe. So habe der Ehemann sie ernied- rigt, sie habe das Haus nicht verlassen dürfen und sie und ihr Sohn hätten nicht genug zu es- sen bekommen. Zudem sei der Ehemann aggressiv gewesen un d sie vermute, dass er Kokain konsumiert habe. Sie sei von ihrem Ehemann mehrfach t ätlich angegriffen worden und habe sich um ihre körperliche Unversehrtheit und die ihres So hnes fürchten müssen. Nach einem Vorfall von häuslicher Gewalt am 2. September 2019 se i es zu einem Polizeieinsatz gekom- men. Seit diesem Vorfall lebe sie mit ihrem Sohn in einem Heim der E.____. A.____ führte wei- ter an, dass sich ihr Sohn in der Zwischenzeit gut in di e hiesigen Verhältnisse integriert habe. Ihnen sei die Rückkehr nicht zumutbar. C.____ erklärte in seiner Eingabe vom 4. Mai 2020 im Wesentlichen, dass es sich um eine Scheinehe gehandelt habe. Er habe seine Ehefrau nie g eschlagen. Bei diesen Anschuldigun- gen handle es sich um Falschaussagen. D. Mit Verfügung vom 16. Juni 2020 widerrief das AFMB die Aufenthaltsbewilligungen von A.____ und ihrem Sohn und wies sie aus der Schweiz we g. Des Weiteren erhob es eine Ge- bühr von Fr. 400.--. Zur Begründung führte das AFMB aus, dass die Ehegatten in der Schweiz lediglich etwas mehr als einen Monat zusammengelebt hät ten. Wichtige persönliche Gründe wie das Vorliegen von ehelicher Gewalt oder eine gefäh rdete Wiedereingliederung im Heimat- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht land seien ebenfalls nicht ersichtlich. Die Wegweisung erweise sich zudem als verhältnismässig und eine Berufung auf einen Härtefall sei nicht möglich. E. Gegen die Verfügung vom 16. Juni 2020 erhob A.___ _ mit Eingabe vom 26. Juni 2020 Beschwerde beim Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft (Regierungsrat). Darin begehr- te sie die Aufhebung der Verfügung des AFMB vom 16. Juni 2020 und die Feststellung, dass sie und ihr Sohn weiterhin im Besitze einer Aufenthal tsbewilligung seien. Eventualiter seien die Aufenthaltsbewilligungen zu verlängern. Alles unter o/ e-Kostenfolge, wobei ihr die unentgeltli- che Rechtspflege und Verbeiständung zu bewilligen seien . In der Beschwerdebegründung vom 21. August 2020 führte A.____ aus, dass sie und ihr Soh n nach dem von ihrem Ehemann aus- gehenden Vorfall häuslicher Gewalt am 2. September 20 19 in eine geschützte Unterkunft ge- bracht und durch die Opferhilfe unterstützt worden seien . Am 11. November 2019 habe sie ei- nen Strafantrag gegen ihren Ehemann gestellt, wobei dieser sämtliche Vorfälle abgestritten ha- be. Mit der Begründung fehlender Beweise sei das Strafverfahren gegen den Ehemann von der Staatsanwaltschaft mit Verfügung vom 2. Juli 2020 eing estellt worden, wogegen sie mit Einga- be vom 16. Juli 2020 Beschwerde erhoben habe. Ab dem 2. September 2019 habe sie in einem Heim der E.____ gewohnt. Seit dem 1. Juli 2020 lebe sie in einer eigenen Wohnung in F.____. Ihr Sohn B.____ gehe seit der Einreise in die Schweiz in F.____ in die Schule. Nach einigen Startschwierigkeiten habe er sich nach einem Wechsel in eine Kleinklasse nun gut integrieren können. Eine Rückkehr nach Äthiopien sei für ihren Sohn fatal. Aufgrund der in Äthiopien und in der Schweiz erlebten Gewalt des Ehemannes habe für B._ ___ eine Beistandschaft errichtet werden müssen. A.____ brachte weiter vor, dass es ihr al s alleinstehende und alleinerziehende Frau in Äthiopien nicht möglich sei, eine Unterkunft oder eine Arbeitsstelle zu finden. Ihre Mutter sei zudem krank, weshalb sie nicht mehr bei ihr wohnen k önne. Aufgrund der Situation im Zu- sammenhang mit dem Coronavirus und der politischen Lage in Äthiopien sei ihr und ihrem Sohn eine Rückkehr nicht zumutbar. Die erlebte häuslich e physische und psychische Gewalt durch den Ehemann sei trotz des kurzen Zusammenlebens in d er Schweiz sehr intensiv gewe- sen. Die angefochtene Verfügung halte zudem vor dem V erhältnismässigkeitsprinzip nicht Stand. In seiner Vernehmlassung vom 8. September 2020 entgegn ete das AFMB im Wesentlichen, dass die Intensität der geltend gemachten häuslichen Gewalt nicht ausreichend belegt sei. In ihrer Replik vom 30. September 2020 führte A.____ aus, dass sie sich aufgrund der erlittenen physischen und psychischen Gewalt in psychiatrische Behandlung habe begeben müssen. Zu- dem habe ihr Sohn Verhaltensauffälligkeiten gezeigt, weshalb er nun ebenfalls psychologisch abgeklärt werde. Mit Eingabe vom 22. Dezember 2020 reichte A.____ eine n ärztlichen Bericht der Psychiatrie Baselland, Erwachsenenpsychiatrie ZPG, Zentrum für psychi sche Gesundheit, vom 20. De- zember 2020 ein. Am 5. März 2021 reichte A.____ den Be schluss des Kantonsgerichts Basel- Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 22. September 2 020 ein, mit welchem dieses in Gutheis- sung der Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 2. Juli 2020 Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Einstellungsverfügung aufgehoben und die Sache zu r Fortsetzung des Strafverfahrens an die Staatsanwaltschaft zurückgewiesen hatte. F. Der Regierungsrat wies die Beschwerde mit Beschluss ( RRB) Nr. 2021-389 vom 23. März 2021 ab. Er verfügte, dass A.____ und ihr Soh n die Schweiz innert 30 Tagen nach Rechtskraft des Entscheids zu verlassen hätten. Zudem bewilligte er das Gesuch um unentgelt- lich Rechtspflege und Verbeiständung. Im Wesentlichen w urde der Entscheid damit begründet, dass die Vorkommnisse und die diesbezüglich vorhandenen Bel ege in ihrer Gesamtheit die verlangte Intensität der psychischen Zwangsausübung bzw. die Annahme systematischer Miss- handlung des Ehemannes gegenüber der Beschwerdeführe rin im Sinne der bundesgerichtli- chen Rechtsprechung nicht zu erhärten vermögen würden, weshalb nicht auf das Vorliegen von häuslicher Gewalt im Sinne eines nachehelichen Härtefal ls geschlossen werden könne. Zudem sei die Massnahme verhältnismässig. G. Gegen den RRB erhoben A.____ und ihr Sohn beim K antonsgericht, Abteilung Verfas- sungs- und Verwaltungsrecht (Kantonsgericht), mit Eingabe vom 6. April 2021 Beschwerde. Sie beantragten, es sei der RRB vom 23. März 2021 (bzw. die Verfügung des AFMB vom 16. Juni 2020) aufzuheben und es sei festzustellen, dass die Beschwerdeführer nach wie vor im Besitze einer Aufenthaltsbewilligung seien. Eventualiter sei der RRB vom 23. März 2021 (bzw. die Ver- fügung des AFMB vom 16. Juni 2020) aufzuheben und es s ei das AFMB anzuweisen, die Auf- enthaltsbewilligungen der Beschwerdeführer zu verläng ern; unter o/e Kostenfolge. Eventualiter sei den Beschwerdeführern die unentgeltliche Rechtspfleg e mit Suzanne Davet als unentgeltli- cher Rechtsbeiständin zu bewilligen. In der innert Fri st eingereichten ergänzenden Beschwer- debegründung vom 4. Juni 2021 wiederholten die Beschw erdeführer die bereits in der Be- schwerde beantragten Rechtsbegehren und ergänzten diese um das explizite Rechtsbegehren, es sei in allen Fällen die in der Verfügung des AFMB in der Höhe von Fr. 400.-- erhobene Ge- bühr aufzuheben. Die Beschwerdeführer machten geltend, es liege ein nachehelicher Härtefall vor. Des Weiteren sei die Massnahme nicht verhältnismässig, vo r allem, weil die Wiedereinglie- derung im Heimatland stark gefährdet sei und der Soh n der Beschwerdeführerin hier integriert sei. Der Regierungsrat beantragte in seiner Vernehmlassung vom 8. Juli 2021 die kostenfällige Ab- weisung der Beschwerde. Im Wesentlichen führte er aus, das Festhalten der Beschwerdeführe- rin an einer lediglich formell bestehenden Ehe sei rech tsmissbräuchlich. Er wies darauf hin, dass ihm die in der Zwischenzeit erstellte Diagnose ein er mittelgradigen depressiven Episode und die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstör ung, dessen Entstehung gemäss ärztlichen Berichten in einem klaren Kausalitätsverhältn is zu den Erfahrungen frauenspezifi- scher Gewalt durch den Ehemann in der Schweiz stehe, im Zeitpunkt des Erlasses seines Be- schlusses nicht bekannt gewesen seien. Vor dem Hintergrun d, dass die Ehe in der Schweiz lediglich rund fünf Wochen gedauert und bis auf den V orfall vom 2. September 2019 keine wei- teren Vorfälle aktenkundig seien, gelinge es der Besch werdeführerin dennoch nicht, die gefor- derte Intensität der psychischen Zwangsausübung bzw. die An nahme systematischer Miss- handlung glaubhaft darzustellen. Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht H. Mit präsidialer Verfügung vom 4. August 2021 über wies das Kantonsgericht den Fall der Kammer zur Beurteilung im Rahmen einer Parteiverhand lung. Des Weiteren verfügte es, dass die Beschwerdeführerin persönlich zur Parteiverhandlung zu erscheinen habe. Zudem wurde mit der Verfügung der Ehemann zur Parteiverhandlung g eladen und den Beschwerdeführern die unentgeltliche Prozessführung und Verbeiständung bewilligt und es wurden die Akten des Strafverfahrens MU1 19 3715 von der Staatsanwaltschaft beigezogen. Mit Eingabe vom 16. August 2021 erklärte die Beschwerd eführerin, dass sie seit Juni 2021 in einem Vollzeitpensum angestellt sei, und reichte verschiedene Lohnabrechnungen ein. I. An der Parteiverhandlung vom 10. November 2021 nah men die Beschwerdeführerin und ihre Rechtsvertreterin, G.____ als Vertreterin des Reg ierungsrats, H.____ (Amharisch) als Dol- metscher sowie C.____ als Auskunftsperson teil. Auf die Ausführungen der Teilnehmenden wird – soweit erforderlich – in den Urteilserwägungen eing egangen. Das Gericht kam nach der Be- fragung der Beschwerdeführerin und des Ehemannes zum S chluss, dass für die Beurteilung des Falles zusätzlich als Auskunftspersonen Dr. I.____, A ssistenzärztin, Psychiatrie Baselland, Erwachsenenpsychiatrie ZPG, Zentrum für psychische Gesundhe it, und die Schwester der Be- schwerdeführerin, J.____, anzuhören seien. Mit Verfügung vom 16. November 2021 wurde das Verfahren deshalb ausgestellt und eine zweite Parteiverhandlung angesetzt. J. An der heutigen zweiten Parteiverhandlung haben di e Beschwerdeführerin und ihre Rechtsvertreterin, G.____ als Vertreterin des Regierung srats, H.____ (Amharisch) als Dolmet- scher, sowie Dr. I.____ und J.____ als Auskunftspersonen t eilgenommen. Die Parteien halten an ihren Rechtsbegehren fest. Auf die Ausführungen wi rd – soweit erforderlich – in den Ur- teilserwägungen eingegangen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss § 43 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozess- ordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist gegen Verfügu ngen und Entscheide des Regie- rungsrats die verwaltungsgerichtliche Beschwerde beim Kan tonsgericht zulässig. Demnach ist das Kantonsgericht zur Beurteilung der vorliegenden Besch werde örtlich und sachlich zustän- dig. Die Beschwerdeführerin und ihr Sohn sind vom ang efochtenen Entscheid berührt und ha- ben ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung. Auch d ie weiteren formellen Voraus- setzungen sind erfüllt, sodass auf die Beschwerde einzutreten ist. 2. Mit der verwaltungsgerichtlichen Beschwerde können n ach § 45 Abs. 1 lit. a und b VPO Rechtsverletzungen einschliesslich Überschreitung, Unterschreitung oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Festste llung des Sachverhalts gerügt wer- den. Die Beurteilung der Angemessenheit ist dem Kanton sgericht dagegen – abgesehen von hier nicht vorliegenden Ausnahmefällen – untersagt (§ 45 Abs. 1 lit. c VPO e contrario). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Streitgegenstand bildet vorliegend die Frage, ob der Widerruf der Aufenthaltsbewilli- gung der Beschwerdeführer und deren Wegweisung aus der Schweiz zu Recht erfolgten. 4.1. Die Vorinstanz stellt sich auf den Standpunkt, dass mit der Trennung der Ehe der An- spruch der Beschwerdeführerin auf eine Aufenthaltsbewil ligung gemäss dem Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft ei nerseits und der Europäi- schen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseit s über die Freizügigkeit (FZA) erlo- schen sei. Ein Anspruch auf Aufenthaltsbewilligung gestü tzt auf Art. 50 Abs. 1 lit. a des Bun- desgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration [AIG] vom 16. Dezember 2005 sei nicht gegeben, weil die Ehegemeinschaft weniger als drei Jahre gedau- ert habe. Ein nachehelicher Härtefall sei nicht gegebe n, weil die systematische Misshandlung im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht ha be belegt werden können. Des Wei- teren sei die soziale Wiedereingliederung der Beschwer deführerin und ihres Sohnes bei einer Rückkehr in ihr Heimatland nicht gefährdet. Es bestehe a uch kein Anspruch gemäss Art. 8 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfrei heiten (EMRK) vom 4. November 1950. Die Nichtverlängerung sei überdies verhältnismässig. Auch liege kein Grund vor, die Auf- enthaltsbewilligung ermessensweise zu erteilen. 4.2. Die Beschwerdeführer stellen sich auf den Standpun kt, dass ein Anspruch auf Aufent- halt gestützt auf das FZA bestehe. Zudem liege ein Anspruch gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG vor, weil die Beschwerdeführerin Opfer ehelicher Gewal t geworden sei und weil die soziale Wiedereingliederung im Herkunftsland stark gefährdet er scheine. Ein Aufenthaltsrecht bestehe auch gestützt auf Art. 59 Abs. 3 lit. b des Übereinkom mens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewa lt (Istanbul-Konvention) vom 11. Mai 2011. 5.1.1. Eine ausländische Person ist zur Anwesenheit in d er Schweiz nur berechtigt, wenn sie eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung besitz t oder wenn sie keiner solchen bedarf (Art. 10 und Art. 1 AIG; vgl. auch Art. 2 AIG). Die zuständige kantonale Behörde entscheidet in den Fällen nach Art. 18 ff. und 27 ff. AIG – im Rahm en der gesetzlichen Vorschriften und Ver- träge mit dem Ausland – nach freiem Ermessen über die Zulassung zu einem Aufenthalt mit oder ohne Erwerbstätigkeit. Einen Rechtsanspruch auf die Erteilung einer Aufenthaltsbewilli- gung hat die ausländische Person somit grundsätzlich nic ht, es sei denn, das AIG oder völker- rechtliche Verpflichtungen sehen dies vor (BGE 135 II 1 E. 1.1; PETER UEBERSAX , in: Uebersax/ Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Auflage, Basel 2009, Rz 7.84 ff.). 5.1.2. Minderjährige haben grundsätzlich dem Inhaber der elterlichen Sorge und der fakti- schen Obhut (im Sinne einer überwiegenden Betreuung) zu folgen; das ausländische unmündi- ge Kind teilt schon aus familienrechtlichen Gründen reg elmässig das ausländerrechtliche Schicksal des sorge-/betreuungsberechtigten Elternteils; es hat das Land gegebenenfalls mit diesem zu verlassen, wenn er über keine Aufenthaltsberechtigung (mehr) verfügt (BGE 143 I 21 E. 5.4 m.w.H.; BGE 139 II 393 E. 4.2.3). Der Sohn d er Beschwerdeführerin ist minderjährig und steht unter der faktischen Obhut der Mutter. Aus diesem Grund teilt er grundsätzlich das aus- länderrechtliche Schicksal der Beschwerdeführerin. Demzufo lge ist vorerst zu prüfen, ob der Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Widerruf der Aufenthaltsbewilligung und die Wegweis ung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz rechtmässig sind. 5.2. Zunächst ist festzuhalten, dass zwischen der Schweiz un d Äthiopien keine staatsver- tragliche Vereinbarung besteht, welche den Beschwerdefü hrern einen Anspruch auf Aufenthalt in der Schweiz einräumen würde. 5.3.1. Der Ehemann der Beschwerdeführerin ist Schweizer und Italienischer Staatsbürger. Nach Art. 7 lit. d FZA i.V.m. Art. 3 Abs. 1 und Abs. 2 lit. a Anhang I FZA hat ein Ehepartner ei- ner Person, die Staatsangehörige einer Vertragsparte i ist und ein Aufenthaltsrecht hat, ein ab- geleitetes Aufenthaltsrecht in der Schweiz, welches gr undsätzlich nicht vom Zusammenleben des Paars abhängig gemacht werden darf, sondern allein an den formellen Bestand der Ehe anknüpft (vgl. BGE 130 II 113 E. 8; Urteile des Bun desgerichts [BGer] 2C_345/2019 vom 8. Juli 2019 E. 2.1; 2C_68/2017 vom 29. November 2017 E. 3.1; 2C_347/2013 vom 1. Mai 2013 E. 3.2.1). Dieses Recht steht unter dem Vorbehalt des Re chtsmissbrauchs (BGE 139 II 393 E. 2.1). Fehlt der Wille zur Gemeinschaft und dient d as formelle Eheband ausschliesslich dazu, die ausländerrechtlichen Zulassungsvorschriften zu umgehen, fällt der Anspruch dahin. Die vom originär anwesenheitsberechtigten EU-Bürger abgeleit ete Bewilligung des Drittstaatsangehöri- gen kann in diesem Fall mangels Fortdauerns der Bewill igungsvoraussetzungen gestützt auf Art. 23 Abs. 1 der Verordnung über den freien Person enverkehr zwischen der Schweiz und Eu- ropäischen Union und deren Mitgliedstaaten, zwischen de r Schweiz und dem Vereinigten Kö- nigreicht sowie unter den Mitgliedstaaten der Europäi schen Freihandelsassoziation (Verord- nung über den freien Personenverkehr, VFP) vom 22. Ma i 2002 i.V.m. Art. 62 Abs. 1 lit. d AIG (Nichteinhalten einer mit der Verfügung verbundenen Bedingung) widerrufen oder nicht (mehr) verlängert werden, da das Freizügigkeitsabkommen dies bezüglich keine eigenen abweichen- den Bestimmungen enthält (vgl. Art. 2 Abs. 2 AIG; BGE 139 II 393 E. 2.1; Urteil des Kantonsge- richts, Abteilung Verfassungs- und Verwaltungsrecht [KGE VV], vom 11. November 2020 [810 20 117] E. 5.3). 5.3.2. Die Beschwerdeführerin verfügte gestützt auf Art . 3 Abs. 1 Anhang I FZA über ein vom Aufenthaltsrecht seines Ehemannes abgeleitetes Aufenth altsrecht. Nach rund fünf Wochen ge- meinsamen Wohnens zog die Beschwerdeführerin am 2. Sept ember 2019 aus der ehelichen Wohnung aus. Gemäss Verfügung des Zivilkreisgerichts Basel-La ndschaft D.____ leben die Ehegatten seit dem 2. September 2019 getrennt. Die Beschwerdeführerin erklärte, dass sie sich eine Wiederaufnahme des Ehelebens nicht vorstellen könn e. An der heutigen Verhandlung teilt die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin mit, dass die Ehefrau in der Zeit zwischen den zwei Parteiverhandlungen vor Kantonsgericht die Scheid ungsklage eingereicht habe. Die Be- schwerdeführerin hat seit ihrem Auszug von ihrem Ehemann getrennt gelebt und nun die Scheidung beantragt. Sie will nichts mit ihm zu tun h aben und es besteht keinerlei Kontakt zwi- schen der Beschwerdeführerin und ihrem Ehemann. Der Eh ewille der Beschwerdeführerin hat damit bereits mit dem Auszug aus der ehelichen Wohnung als erloschen zu gelten. Wie in der Beschwerde an den Regierungsrat von der Beschwerdeführerin ausgeführt, ist von einer defini- tiven Trennung und einem definitiven Scheitern der Eh e auszugehen. Das Festhalten an der formellen Ehe in der Beschwerde an das Kantonsgericht i st vorliegend rechtsmissbräuchlich, Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht weshalb das gestützt auf das FZA abgeleitete Aufenthaltsr echt von den Vorinstanzen zu Recht widerrufen wurde. 5.3.3. Der nacheheliche Aufenthaltsanspruch ist im Frei zügigkeitsabkommen nicht geregelt, weshalb er sich aufgrund des Diskriminierungsverbots von Art. 2 FZA und im Sinne einer güns- tigeren ausländerrechtlichen Regelung gemäss Art. 2 Abs. 2 AIG grundsätzlich nach den Be- stimmungen richtet, die für Familienangehörige von Sc hweizerinnen und Schweizern gelten. Im Übrigen ist der Ehemann auch Schweizer Bürger, so dass sich der nacheheliche Aufenthalts- anspruch auch aus diesem Grund nach den Bestimmungen rich tet, die für Familienangehörige von Schweizerinnen und Schweizern gelten. Zu prüfen i st deshalb, ob die Beschwerdeführerin landesrechtlich einen nachehelichen Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung hat. 6.1. Nach der Auflösung der Ehe oder der Familiengeme inschaft besteht der Anspruch des Ehegatten und der Kinder auf Erteilung und Verlänge rung der bislang gestützt auf das Recht auf Familiennachzug (Art. 42 oder Art. 43 AIG) erteilten Aufenthaltsbewilligung weiter, wenn die Ehegemeinschaft mindestens drei Jahre bestanden hat u nd eine erfolgreiche Integration vor- liegt (Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG i.V.m. Art. 58a AIG) oder wenn wichtige persönliche Gründe einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen (Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG, "nachehelicher Härtefall"). Gemäss Bundesgericht ist der Zeitpunkt der Auflösung der Ehegemeinschaft – vor- behältlich eines hier nicht vorliegenden Getrenntlebe ns gestützt auf Art. 49 AIG – im Regelfall mit der Aufhebung der Haushaltsgemeinschaft gleichzusetzen. Freilich kann die Annahme einer trennungsbedingten Auflösung der Ehegemeinschaft nur gelten, wo das Zusammenwohnen überhaupt Bewilligungsvoraussetzung ist, was bei Famili engemeinschaften auf der Grundlage von Art. 42 Abs. 2 AIG oder im Geltungsbereich des FZA auf der Grundlage von Art. 3 Anhang I FZA nicht der Fall ist. Bei diesen stellt sich allenfa lls die Frage der rechtsmissbräuchlichen Be- rufung auf eine nur noch formell bestehende Ehe, was gemäss Art. 51 Abs. 1 lit. a AIG nament- lich zum Erlöschen des Verlängerungsanspruchs gemäss Art. 5 0 Abs. 1 lit. a AIG führt (M ARC SPESCHA , in: Spescha/Zünd/Bolzli/Hruschka/de Weck [Hrsg.], Komme ntar Migrationsrecht, 5. Auflage, Zürich 2019, Rz 5 zu Art. 51 AIG; Urteil des Kantonsgerichts, Abteilung Verwal- tungsrecht [KGE VV], vom 11. November 2020 [810 20 117] E. 5.5). Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Ehegemeinschaft der Beschwerdeführerin mit ihrem Ehemann drei Jahre gedauert hat oder ob sie vor Ablauf dieser Frist aufgelöst worden ist. 6.2. Für die Anrechnung der dreijährigen Frist gemäs s Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG ist gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung auf die in der Schweiz gelebte Ehegemeinschaft abzustellen (BGE 140 II 345 E. 4.1; BGE 136 II 113 E . 3.3.1). Massgeblicher Zeitpunkt für die retrospektive Berechnung der Dauer der ehelichen Gemein schaft ist gemäss der bundesge- richtlichen Rechtsprechung in der Regel die Aufgabe de r Haushaltsgemeinschaft (BGE 136 II 113 E. 3.2). Vorliegend kann die Dauer der Ehe jedoch nicht an der Dauer der Haushaltsge- meinschaft gemessen werden, weil Letztere gar nicht Bedi ngung des Aufenthaltsanspruchs war. In diesen Fällen kann erst eine Auflösung der Ehe gemeinschaft angenommen werden, wenn der Ehewille aufseiten des nachgezogenen Ehepartn ers erloschen ist. Dieser Tatbestand ist von der Behörde nachzuweisen, wobei der Nachweis als erbracht gelten kann, wenn die Ehe – im massgeblichen Zeitpunkt, d.h. vor Ablauf einer dr eijährigen formellen Ehedauer – aufgrund Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht der äusseren Umstände als "inhaltsleer" erscheint oder bloss noch formell bestand (vgl. SPESCHA , a.a.O., N 6 zu Art. 50 AIG; KGE VV vom 11. Novembe r 2020 [810 20 117] E. 5.6). Eine relevante Ehegemeinschaft liegt somit vor, solang e die eheliche Beziehung tatsächlich gelebt wird und ein gegenseitiger Ehewille besteht (B GE 138 II 229 E. 2; Urteil des BGer 2C_281/2017 vom 26. März 2018 E. 2.2). Die Frist nach Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG gilt absolut; bereits das Fehlen weniger Wochen oder Tage schliesst de n Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung aus (vgl. Urteile des BGer 2C_ 377/2020 vom 15. Juli 2020 E. 5.2; 2C_436/2020 vom 2. Juli 2020 E. 3.2; 2C_281/2017 vom 26. März 2018 E. 2.2). 6.3. Im vorliegenden Fall fand die Eheschliessung in Ät hiopien statt. Die Beschwerdeführe- rin reiste am 28. Juli 2019 in die Schweiz ein und gle ichentags erfolgte der Einzug in die ge- meinsame Wohnung in K.____. Die Dreijahresfrist hat demzufolge ab diesem Zeitpunkt begon- nen. Am 2. September 2019 und damit rund 5 Wochen da nach wurde das Getrenntleben auf- genommen. Die Beschwerdeführerin hat bereits in ihrem Schreiben vom 14. Oktober 2019 an das AFMB erklärt, dass sie sich eine Wiederaufnahme des Ehe lebens aufgrund der Aggressivi- tät des Ehemannes nicht vorstellen könne. Zwischen den Ehegatten bestand nach der Tren- nung keinerlei Kontakt mehr. In der Zwischenzeit hat di e Beschwerdeführerin die Scheidung beantragt. Die Ehegemeinschaft wurde folglich mit dem Auszug aus der ehelichen Wohnung aufgelöst und der Ehewille der Beschwerdeführerin gil t ab dem gleichen Zeitpunkt als erlo- schen. Wie in der Erwägung 5.3.2 hiervor ausgeführt, i st vorliegend die Berufung auf die nur noch formell bestehende Ehe rechtsmissbräuchlich. Dami t besteht – wie die Vorinstanzen rich- tig erkannt haben – kein Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG. 7.1. Zu prüfen ist, ob ein Aufenthaltsanspruch gestü tzt auf einen nachehelichen Härtefall gemäss Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG vorliegt. Nach Auflösun g der Ehe oder der Familiengemein- schaft besteht der Anspruch des Ehegatten und der Kinder auf Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung nach den Artikeln 42 und 43 A IG weiter, wenn wichtige persönliche Gründe einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz erforderlich machen (Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG). Wichtige persönliche Gründe nach Art. 50 Abs. 1 lit. b A IG können namentlich vorliegen, wenn die Ehegattin oder der Ehegatte Opfer ehelicher Gewa lt wurde oder die Ehe nicht aus freiem Willen geschlossen hat oder die soziale Wiedereinglieder ung im Herkunftsland stark gefährdet erscheint (Art. 50 Abs. 2 AIG). Die Aufzählung der wichtigen Gründe ist nicht abschliessend. Ein nachehelicher Härtefall setzt aufgrund der gesamten U mstände eine erhebliche Intensität der Konsequenzen für das Privat- und Familienleben voraus, die mit der Lebenssituation nach dem Dahinfallen der abgeleiteten Anwesenheitsberechtigung verbunden sein muss (vgl. S PESCHA , a.a.O., Rz 11 zu Art. 50 AIG; BGE 139 II 393 E. 6; KG E VV vom 31. Mai 2017 [810 16 69] E. 4.3.1). 7.2. Häusliche Gewalt bedeutet systematische Misshandlung m it dem Ziel, Macht und Kon- trolle auszuüben und nicht eine einmalige Ohrfeige od er eine verbale Beschimpfung im Verlauf eines eskalierenden Streits (vgl. Urteile des BGer 2C_91 5/2019 vom 13. März 2020 E. 3.3; 2C_1024/2019 vom 27. August 2020 E. 4.3; 2C_293/2017 vom 30. Mai 2017 E. 3.1; 2C_73/2013 vom 3. April 2014 E. 2). Dabei ist jede F orm ehelicher bzw. häuslicher Gewalt, sei Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht es körperlicher oder psychischer Natur, ernst zu nehmen ( vgl. BGE 138 II 229 E. 3.2.1), wobei die physische und psychische Zwangsausübung und deren Auswi rkungen von einer gewissen Konstanz bzw. Intensität sein müssen. Auch psychische bzw. sozi oökonomische Druckaus- übung wie dauerndes Beschimpfen, Erniedrigen, Drohen oder Einsperren kann einen für die Annahme eines nachehelichen Härtefalls relevanten Grad an unzulässiger Oppression errei- chen. Dies ist praxisgemäss der Fall, wenn die psychische Int egrität des Opfers bei einer Auf- rechterhaltung der ehelichen Gemeinschaft schwer beeinträ chtigt würde (vgl. Urteile des BGer 2C_1024/2019 vom 27. August 2020 E. 4.3; 2C_915/201 9 vom 13. März 2020 E. 3.4; 2C_1072/2014 vom 9. Juli 2015 E. 2.3). Es muss festste hen, dass die eheliche Gewalt die be- troffene Person so stark zu belasten droht, dass ihr die Fortführung der ehelichen Gemeinschaft nicht länger zugemutet werden kann. Nicht jede unglückliche, belastende und nicht den eigenen Vorstellungen entsprechende Entwicklung in einer Beziehung begründet indessen bereits einen nachehelichen Härtefall und ein weiteres Anwesenheitsr echt (vgl. Urteile des BGer 2C_915/2019 vom 13. März 2020 E. 3.4; 2C_73/2013 vom 3. April 2014 E. 2). Die anhaltende, erniedrigende Behandlung muss derart schwerwiegen, dass von der betroffenen Person bei Berücksichtigung sämtlicher Umstände vernünftigerweise nich t erwartet werden kann, dass sie einzig aus bewilligungsrechtlichen Gründen die Ehe aufr echterhält und in einer ihre Menschen- würde und Persönlichkeit verneinenden Beziehung verhar rt. Eine glaubhaft gemachte oppres- sionsbedingte Aufhebung der Hausgemeinschaft soll für die betroffene Person keine ausländer- rechtlichen Nachteile zur Folge haben, wenn sie durch das Zusammenleben in ihrer Persönlich- keit ernsthaft gefährdet wäre und ihr eine Fortführun g der ehelichen Gemeinschaft bei objekti- ver Betrachtungsweise nicht mehr zugemutet werden kann (B GE 138 II 229 E. 3.2.2 m.w.H.). Die Abhängigkeit des Opfers häuslicher Gewalt bzw. psychisch er Oppression vom Täter soll durch die Bewilligungsfrage nicht verstärkt und die gew altbetroffene nachgezogene Person nicht vor das Dilemma gestellt werden, in der Zwangssitu ation verbleiben oder den Verlust des Aufenthaltsrechts hinnehmen zu müssen. Dabei ist eine Ge samtbetrachtung vorzunehmen. Zwar können die eheliche Gewalt einerseits und die starke Gefährdung der sozialen Wiederein- gliederung im Herkunftsland andererseits praxisgemäss je f ür sich allein einen wichtigen per- sönlichen Grund im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG darstellen und sind die beiden Elemente nicht kumulativ zu verstehen; dies schliesst indessen nicht au s, im Einzelfall beide Elemente zu berücksichtigen und den Härtefall auch zu bejahen, wenn diese je für sich selber hierzu nicht genügen würden, ihre Kombination aber wertungsmässig e inem wichtigen persönlichen Grund im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG gleichkommt (BGE 138 II 229 E. 3.2.2 m.w.H.). Bei niedri- ger Intensität der Gewalterfahrung können zusätzlich private Interessen den weiteren Aufenthalt in der Schweiz gebieten, so etwa der Verlust hier geknüpfter sozialer Beziehungen oder eine im Vergleich zum Herkunftsland markant bessere wirtschaftliche Position in der Schweiz (SPESCHA , a.a.O., Rz 26 zu Art. 50 AIG). 7.3. Das Vorliegen eines wichtigen persönlichen Grundes im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AIG ist von der betroffenen Per son in geeigneter Weise glaubhaft zu ma- chen, wobei diese eine weitreichende Mitwirkungspflicht trifft (vgl. BGE 138 II 229 E. 3.2.3). Als Beweismittel für häusliche Gewalt kommen Arztberichte, psyc hologische oder psychiatrische Gutachten, Berichte von Fachstellen wie Frauenhäusern oder Opferhilfestellen, Polizeirapporte oder Zeugenaussagen von weiteren Angehörigen oder Nachbarn in Frage (Art. 77 Abs. 5, 6 und Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6bis der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwer bstätigkeit [VZAE] vom 24. Oktober 2007; vgl. Urteil des BGer 2C_451/2014 vom 24. Dezember 2014 E. 6.2). Allgemein gehaltene Behauptungen oder Hinweise auf punktuelle Spannungen genügen nicht; wird häusliche Gewalt in Form psychischer Oppression behauptet, muss vielmehr die Systematik der Misshandlung bzw. deren zeitliches Andauern und die daraus entstehend e subjektive Belastung objektiv nachvollziehbar konkretisiert und beweismässig unterlegt we rden. Der Beweis ist geleistet, wenn sich das Gericht in Anwendung des zutreffenden Bewe ismasses von deren Vorhanden- sein überzeugt hat; bei Anwendbarkeit des Beweismasses der Glaubhaftmachung ist ausrei- chend, dass die Möglichkeit eines Zutreffens der behaupt eten Tatsachen höher eingeschätzt wird als deren Gegenteil (vgl. Urteile des BGer 2C_102 4/2019 vom 27. August 2020 E. 4.5; 2C_915/2019 vom 13. März 2020 E. 3.5). Dasselbe gilt, soweit damit verbunden geltend ge- macht werden soll, bei einer Rückkehr erweise sich die sozi ale Wiedereingliederung als stark gefährdet. Auch hier genügen allgemeine Hinweise nicht ; die befürchtete Beeinträchtigung muss im Einzelfall aufgrund der konkreten Umstände glaubhaft erscheinen (vgl. Urteil des BGer 2C_1072/2014 vom 9. Juli 2015 E. 2.4). Umgekehrt zum strafrechtlichen in dubio-Grundsatz ist aus Gründen eines effektiven Opferschutzes migrationsrechtli ch im Zweifel oder in Grenzfällen zu Gunsten des mutmasslichen Gewaltopfers ein Verlängeru ngsanspruch zu bejahen (SPESCHA , a.a.O., Rz 28 zu Art. 50 AIG). 7.4. Im Zusammenhang mit dem Verständnis des Begriffes h äuslicher Gewalt ist Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG im Lichte der Istanbul-Konvention au szulegen. Diese ist für die Schweiz am 1. April 2018 in Kraft getreten. Gemäss Art. 1 Istanbu l-Konvention hat sich die Schweiz ver- pflichtet, jegliche Form von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt zu bekämpfen und einen Beitrag zur Beseitigung der Diskriminierung der F rau zu leisten, insbesondere was be- sonders schutzbedürftige Gruppen wie Migrantinnen anbe langt (Botschaft zur Genehmigung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frau- en und häuslicher Gewalt vom 2. Dezember 2016, BBl 2 017 185, 213). Zu dieser Gruppe ge- hört die Beschwerdeführerin ganz offensichtlich, weshalb die grundrechtlichen staatlichen Schutzpflichten (Art. 7 und Art. 35 Abs. 1 und 3 der B undesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft [BV] vom 18. April 1999; Art. 3 und Art. 8 EMRK; sowie Art. 5 und Art. 12 Istanbul-Konvention), insbesondere der Schutz vor unwür diger, erniedrigender Behandlung, es gebieten, nicht nur jede Form von Diskriminierung der F rau zu unterbinden, sondern auch an den Aufenthaltsanspruch von Migrantinnen, die häuslich e Gewalt erlitten, keine zu hohen An- forderungen zu stellen (vgl. Urteil des BGer 2C_915/2019 vom 13. März 2020 E. 5.2 m.w.H.). 8.1.1. Gemäss Polizeirapport vom 2. September 2019 ben achrichtigte ein Nachbar der Be- schwerdeführerin die Polizei. Er erklärte der Polizei, dass die Beschwerdeführerin und ihr Sohn drei Wochen zuvor eingezogen seien. Am 2. September 2019 um 04:10 Uhr sei es losgegan- gen. Er habe um 07:30 Uhr ein Geschrei und Geräusche g ehört, als ob jemand geschlagen werde. Um 10:30 Uhr habe er ein weiteres Geschrei und ein Kreischen von der Beschwerdefüh- rerin gehört und ein lautes Gepolter, als ob jemand d ie Treppe hinuntergestossen werde. Um 10:45 Uhr sei dann wieder Ruhe gewesen. Er habe dann umgehend die Polizei gerufen. Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.1.2. Die Polizei hält in ihrem Rapport vom 2. Sept ember 2019 fest, dass sie bei ihrem Eintref- fen die Beschwerdeführerin vor der Wohnungstür vorgefun den habe. Sie habe geweint und sei sichtlich mitgenommen gewesen und habe sich gegenüber de r Polizei anständig verhalten. Der Sohn sei in der Schule gewesen. Der Ehemann habe sich der Polizei gegenüber unkooperativ und unfreundlich verhalten. Er sei angetrieben gewese n. Eine Atemalkoholprobe habe nicht durchgeführt werden können, da er zu wenig lange habe pusten können. Es seien keine Anzei- chen für Alkoholkonsum erkennbar gewesen. Der Drogenschn elltest sei positiv gewesen. Bei der Beschwerdeführerin sei der Drogenschnelltest negati v ausgefallen. Die Atemalkoholprobe habe ein Ergebnis von 0.00 mg/l gezeigt. Die Beschwerdeführerin berichtete der Polizei, dass der Ehemann am Abend des 1. September 2019 Alkohol getrunken und Kokain konsumiert habe. Anschliessend habe er die Wohnung ver- lassen. Im Laufe der Nacht sei er wieder nach Hause gekom men. Sie habe die Türe zum Schlafzimmer abgeschlossen. Er habe gegen die Türe gehämm ert, viel Lärm gemacht und ihr gesagt, dass sei sein Haus und sie dürfe die Türe nicht schl iessen. Sie habe dann die Türe ge- öffnet und ihm gesagt, er solle wegen der Nachbarn ni cht so laut sein. Er habe sie dann aufs Bett geschubst. Sie habe versucht zu schlafen, aber ihr Eh emann sei die ganze Nacht in der Wohnung herumgelaufen und habe sie immer wieder gewe ckt und ihr gesagt, sie müsse die Wohnung verlassen, er würde sich eine andere Frau suche n. Das sei die ganze Nacht so wei- tergegangen und sie habe nicht schlafen können. Sie h abe am Morgen ihren Sohn zur Schule gebracht. Nachdem sie wieder zu Hause gewesen sei, habe sie sich ins Bett des Sohnes schla- fen gelegt, weil sie die ganze Nacht nicht habe schlafen können. Der Ehemann sei dann wieder zu ihr gekommen, habe sie am Arm gerissen und an ihrer rechten Seite (Höhe Hüfte/Nieren) gerissen. Darauf sei sie vor die Wohnung gegangen, wo ihre Nachbarn aufgrund des Lärms bereits gestanden hätten, und habe sie um Hilfe gebeten. Ihr Ehemann habe sie schon ein paar Tage vorher an der Schulter gepackt und geschüttelt. Ein mal sei er auch mit den Fäusten auf sie losgegangen. Er habe sie mit der rechten Faust auf ihren rechten Oberarm geschlagen. Der Ehemann führte gegenüber der Polizei aus, er sei drei Mal in Äthiopien gewesen, da sei die Ehefrau anders gewesen. Sie meine, hier könne sie "Ma dame spielen", und sie komme ihren ehelichen Pflichten nicht nach. Er habe sie gefragt, ob sie seinetwegen oder des Visums wegen hier sei. Sie habe geantwortet, es sei nicht wegen des V isums. Dann sei es zum Streit gekom- men. Er habe gewollt, dass sie gehe. Er habe sie auch a n der Hüfte gehalten und nach draussen führen wollen, da habe sie angefangen zu schre ien. Zu körperlichen Auseinanderset- zungen sei es nicht gekommen. Sie hätten sonst noch nie so einen Streit gehabt. Sie hätten beide weder Alkohol noch Drogen konsumiert. Nachdem er sie am Morgen an der Hüfte ange- fasst habe, sei sie gleich aufgesprungen und habe sich a n der Seite gehalten, habe eine Tür zugeknallt und habe die Wohnung verlassen. 8.1.3. In der Einvernahme vom 28. Januar 2020 erzählt e die Beschwerdeführerin, dass ihr Ehemann sie nicht vom Flughafen Frankfurt abgeholt habe, als sie von Äthiopien in die Schweiz eingereist sei. Als sie in der Wohnung des Ehemannes angekommen sei, hätten am Boden vie- le Zigarettenkrümel und Alkoholflaschen gelegen. Als sie sich kennen gelernt hätten, habe er angegeben, nicht zu rauchen und nicht zu trinken. Er se i plötzlich verändert gewesen, sei Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht nachts viel unterwegs gewesen und sie hätten kaum schla fen können. Er habe auch zu Hause Kokain konsumiert. Er habe ihren Sohn nicht mehr gewo llt und habe sich über dessen Verhal- ten beklagt. Sie habe Angst bekommen, dass er ihrem So hn etwas antue. Er habe nichts zu essen gekauft und habe ihr auch kein Geld gegeben, um e inzukaufen. Er habe sie beschimpft und zum Schluss sei er gewalttätig geworden, habe sie a n den Haaren gerissen, zu Boden ge- schubst und sie angespuckt. Das habe er immer wieder getan. Sie habe nicht mehr schlafen können, es habe nichts mehr zu essen gegeben. Er habe mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt und dann vor ihr mit anderen Frauen telefoniert und sei dann aus der Wohnung gegangen. Er habe sie aufgefordert, die Wohnung zu verlassen. Sie h at weiter angegeben, dass er eine Nacht lang Kokain konsumiert habe und sie nicht habe sc hlafen lassen. Er habe ihr gedroht, sollte sie jemandem von seinem Kokainkonsum erzählen. Er habe auch Tabletten genommen. Er habe sie immer wieder geschubst und auf den Rücken ge schlagen und ihr öfters ins Gesicht gespuckt. Sie habe das wegen ihres Sohnes über sich ergeh en lassen. Sie sei oft mit ihrem Sohn in den Park gegangen, um nicht in der Wohnung zu sein. Am 2. September 2019 habe er ihr die Hände nach hinten gedreht und sie in die Sei te auf der Höhe der Nieren geschlagen. Das sei sehr schmerzhaft gewesen. Sie habe dann angefangen zu weinen und zu schreien, danach habe die Nachbarin die Polizei angerufen. Sie habe dann der Polizei gesagt, dass sie die Situation nicht mehr ertrage und dass sie Angst um sich hätte, müsste sie in der Wohnung bleiben. 8.1.4. In der Einvernahme vom 27. Februar 2020 bestri tt der Ehemann die Darstellungen der Ehefrau. Er habe sie nie geschlagen, bespuckt oder belei digt. Sie habe keine Beweise, nicht einmal einen blauen Flecken. Sie habe nicht mit ihm reden wollen, habe mit ihrem Sohn im Bett geschlafen und habe den Haushalt nicht gemacht. Er ha be sich aufgeregt, wenn er abends nach Hause gekommen sei und sie nicht gekocht, nicht aufgeräumt und nicht gebügelt habe. Es sei wie in einer Wohngemeinschaft gewesen. Die Verständ igung sei schwierig gewesen, da beide schlecht Englisch könnten. Sie habe ihn nur wege n der Bewilligung geheiratet. Sie habe ihm vorgeworfen, dass er reden wolle. Er habe sie gehei ratet, um ihrer Schwester einen Gefal- len zu tun. Er habe Zweifel gehabt, deshalb habe er 3 Jahre mit der Antragstellung auf Vi- sumserteilung zugewartet. Er sei 14 Jahre lang mit seiner Exfrau verheiratet gewesen und habe drei erwachsene Töchter. Er habe weder seine Exfrau n och die Töchter geschlagen. Die Ehe sei auseinander, weil er zu viel gearbeitet habe. Er h abe ein gutes Verhältnis zu seinen Töch- tern. Die Beschwerdeführerin wisse nicht, wie eine Ehe funktioniere, sie sei direkt vom "Mutter- haus" gekommen. Er habe der Beschwerdeführerin gesagt, si e solle ein paar Tage zu ihrer Schwester gehen, damit er etwas Ruhe habe, und habe ih r die Koffer gepackt. Das habe er mit seinem Psychiater abgesprochen. Sie habe aber nicht gehe n wollen. Ihre Schwester habe ihm gesagt, er solle ihr nochmals eine Chance geben. Am 2. September 2019 habe er seine Ehe- frau nur umarmt, als diese auf dem Bett gesessen sei. S ie sei dann aufgesprungen und habe die Türe zugeschlagen. Dann sei sie zur Haustüre und habe geschrien. Er sei selber darüber erschrocken. 8.2. Aus dem Beschluss des Kantonsgerichts, Abteilung Stra frecht, vom 22. September 2020 geht hervor, dass die Beschwerdeführerin in ihrer Beschw erdeschrift vom 16. Juli 2020 geltend gemacht habe, seit ihrer Einreise in die Schweiz von ihrem Ehemann psychische und physische Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gewalt erlebt zu haben. Anlässlich ihrer Einvernahme vom 28. Januar 2020 habe sie unter an- derem unter Tränen geschildert, dass sich ihr Ehemann ve rändert habe. Er habe Kokain ge- kauft und konsumiert. Zuhause habe es kaum zu essen gegebe n. Aus Angst und Sorge habe sie kaum schlafen können. Der Ehemann habe sie beschimpft, ihr ins Gesicht gespuckt und sie zu Boden geschubst. Nur widerwillig habe sie mit ihrem Mann Geschlechtsverkehr gehabt. Gemäss Beschluss des Kantonsgerichts, Abteilung Strafrech t, bestreitet der Ehemann die Vor- würfe der Ehefrau. Er schildert, sie komme weder ihren ehelichen Pflichten nach, so koche sie nicht, räume nicht auf und bügle nicht, noch arbeite sie. Sie hätten am 2. September 2019 ge- stritten, er habe aber die Ehefrau nicht geschlagen. Se ine Frau sei verlogen, sie habe wohl zu viele Mafiafilme geschaut. Das Kantonsgericht, Abteilung Strafrecht, führt in sei nem Beschluss vom 22. September 2020 aus, dass in casu eine klassische Aussage-gegen-Aussage-Konstellation vorliege, sodass allein schon aus diesem Grund der oben erwähnte Grundsatz «in d ubio pro duriore» zur Anwendung gelange. Das Kantonsgericht, Abteilung Strafrecht, komm t – im Gegensatz zur Auffassung der Staatsanwaltschaft – zum Schluss, dass nach einer summarisch en Prüfung aller Aussagen die Depositionen der Privatklägerin insgesamt glaubhafter als diejenigen des Beschuldigten wirken würden. Während sich die Ausführungen des Beschuldigte n weitgehend rudimentär und un- stimmig, verbunden mit auffallend abschätzigen Bemerkung en zur Person der Privatklägerin, darstellen würden, würden die Depositionen der Privatkl ägerin eine Fülle von Realkennzeichen enthalten. So würden sich diese nicht nur plausibler und detaillierter als diejenigen des Be- schuldigten darstellen; sie würden auch keine unnötigen B elastungen desselben enthalten. Auch würden sich die Aussagen der Privatklägerin durch nach vollziehbare Beschreibungen ihres Gemütszustands sowie Nebensächlichkeiten auszeichnen, was ebenso für einen realen Erlebnishintergrund spreche. Insbesondere aber würden die Aussagen der Privatklägerin, ent- gegen der Ansicht der Staatsanwaltschaft, durch diverse weitere Indizien objektiviert. Wie im Beschluss ausgeführt, sei Überdies zu berücksichtigen, dass de r Beschuldigte laut eigenen Angaben unter einer bipolaren Depression leide und u. a. zum Stabilisieren Medikamente ein- nehmen müsse. Aus einer ärztlichen Bestätigung von Dr. me d. L._____, N.____, vom 5. No- vember 2019 gehe ebenfalls hervor, dass der Beschuldigte im Sommer 2019 an einer Stim- mungsinstabilität gelitten habe, die es ihm erschwert h abe, immer ruhig und überlegt zu han- deln. Zudem wird auf die Auflösung des Arbeitsverhäl tnisses mit der M._____ hingewiesen. Gemäss Schreiben der M._____ vom 23. August 2019 wurde C.____ per 23. August 2019 frei- gestellt und das Arbeitsverhältnis mit diesem per 30. S eptember 2019 aufgelöst. Die Abteilung Strafrecht des Kantonsgerichts weist weiter darauf hin, d ass der Beschuldigte bereits fünffach, unter anderem wegen Konsums von Betäubungsmitteln un d wegen Fahrens in alkoholisiertem Zustand, vorbestraft sei. Auch wenn all diese Umstände keinen direkten Beweis für die vorge- haltenen Delikte des Beschuldigten gegenüber der Privat klägerin liefern würden, würden sie doch wesentliche Indizien bilden, welche die von der Pri vatklägerin beschriebene Wesensvers- änderung des Beschuldigten, sei dies aufgrund einer Er krankung, sei dies aufgrund äusserer Umstände wie Drogenkonsum oder Verlust der Arbeitsstelle, unterstützen und damit die Glaub- haftigkeit der Aussagen der Privatklägerin in ihrer Ges amtheit verstärken würden. Schliesslich weise die Privatklägerin ebenfalls zu Recht darauf hin, dass der Beschuldigte anlässlich einer Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht polizeilichen Verkehrskontrolle vom 11. September 2019 gegenüber der Polizei selbst angege- ben habe, es sei ihm Anfang September "alles zu viel" g eworden und er habe zu Hause Kokain konsumiert. Auch habe er seine Frau geschlagen und die Polizei sei bei ihm erschienen. Nach Vorhalt dieser Aussage anlässlich der Einvernahme vom 27 . Februar 2020 habe der Beschul- digte jedoch bestritten, eine derartige Aussage gemacht zu haben, und wiederholt, er habe sei- ne Frau nie geschlagen. Das Kantonsgericht, Abteilung Strafrecht, kam zum Schl uss, angesichts des Dargestellten sei kein Fall gegeben, bei welchem mit Sicherheit oder mi t grosser Wahrscheinlichkeit mit einem Freispruch des Beschuldigten zu rechnen sei, wie dies di e Staatsanwaltschaft in ihrer Einstel- lungsverfügung begründe; hierfür stelle sich die Beweislage als viel zu unsicher dar. 8.3. Im Journal der Opferhilfe vom 10. September 2019 wird ausgeführt, was die Beschwer- deführerin zur Ehe und zum Ereignis vom 2. September 2019 bereits der Polizei mitgeteilt hatte. Darin wird auch festgehalten, dass sie in Äthiopien ausgebildete Krankenschwester sei. 8.4. Im Bericht der E.____ vom 18. August 2020 wird un ter anderem ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin Deutschkurse pflichtbewusst besucht h abe und besuche und ersichtliche Fortschritte erzielt habe. Des Weiteren spreche die Besc hwerdeführerin recht gut Englisch. Der Sohn habe sich in der Zwischenzeit nach Anfangsschwierigkei ten in einer Kleinklasse gut inte- griert und habe schon ziemlich gut Deutsch gelernt. Er h abe von Schlägen in der äthiopischen Schule berichtet und davon, dass er selbst Zeuge von Gewalt gegenüber seiner Mutter gewe- sen sei. 8.5. Dem Bericht vom 21. September 2020 der Akutambula nz Zentrum für Diagnostik der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) ist unte r dem Titel "Eintrittsumstände" zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin vom Hausarzt überwi esen worden sei. Die Be- schwerdeführerin habe wiederholt verbale und körperlich e Gewalt erfahren sowie einen Ge- waltexzess am 2. September 2019 mit Todesangst. Es wurde eine starke Belastung inklusive lebensmüder Ideationen beschrieben. Die Beschwerdeführe rin lebe nur noch für ihren Sohn. Des Weiteren wurden genannt: "Starke Schlafstörungen mit Früherwachen und Morgentief, Ver- folgungsängste, erhöhte Schreckhaftigkeit, Appetitverl ust und Gewichtsverlust. Freud-/Inte- ressenlosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten. Sich aufdrän gende Erinnerungen sowie teils angstvolle Träume aus Gewaltsituationen." Überdies wur den auch schwierige Erlebnisse mit dem Kindsvater in Äthiopien geschildert. Als psychische Bef unde wird ausgeführt: "Formalge- danklich eingeengt auf depressives Erleben, Grübeln, Ge dankenkreisen. Kein Hinweis auf in- haltliche Denkstörung, bis auf Gefühl des Verfolgtwerden s." Des Weiteren wird sie als affektiv niedergestimmt, labil, ängstlich, innerlich unruhig, ambivalent, antriebsarm beschrieben. 8.6. Nach zweimaliger Behandlung am 9. und am 22. Deze mber 2020 diagnostizieren O._____, Oberarzt, und Dr. I.____, Assistenzärztin, Psychiatrie Baselland, in ihrem Bericht vom 20. Dezember 2020 bei der Beschwerdeführerin eine mi ttelgradige depressive Episode, welche aufgrund schwerer und wiederholter zwischenmenschlicher Ge walterfahrungen im Rahmen einer Traumafolgestörung gewertet werde. Das zusätzli che Vorliegen einer Posttraumatischen Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht Belastungsstörung im engeren Sinne bedürfe aufgrund der kurzen Behandlungsdauer einer näheren Abklärung. Es wird ausgeführt, die Beschwerdef ührerin lebe nach schwerwiegender zwischenmenschlicher (und sexualisierter) Gewalterfahrung durch den Noch-Ehemann von die- sem getrennt. Es bestünden auch andeutungsweise Gewalterfahrungen mit dem Kindsvater. Es wird ausgeführt, dass im Falle einer Wegweisung der Be schwerdeführerin mit dem hohen Risi- ko einer psychischen Dekompensation zu rechnen wäre, was mi t akuter Suizidalität einherge- hen könne. Die Beschwerdeführerin sei als vulnerable Person zu betrachten. Dr. I.____ wird an der heutigen Verhandlung gebeten zu erklären, wie dieser Bericht vom 20. Dezember 2020 den Behandlungstermin vom späteren 22. Dezember 2020 ent halten könne. Sie antwortet, dass sie den Bericht wohl nach dem ersten Gespräch "eröffnet" un d nach dem zweiten Gespräch er- gänzt und fertig gestellt und dabei vergessen habe, das Datum zu korrigieren. 8.7. O._____ und Dr. I.____ führen in ihrem Bericht vom 31. März 2021 aus, dass die Diag- nosen einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD 10 : F32.1) und einer Posttraumatischen Belastungsstörung (ICD 1 0: F43.1) bestätigt worden seien. So weise die Beschwerdeführerin nebst einer Beeinträchtigung der Stimmung intrusives Er innerungserleben auf mit inhaltlichem Bezug zu den wiederholten Erfahrungen zwischenmenschliche r Gewalt durch den Ehemann (körperliche Gewalt; Einschliessen in einem Zimmer; Deprivation von Nahrungsmitteln). Ebenso weise die Beschwerdeführerin eine emotionale Übererreg theit aus, welche sich beispielsweise in Form von Schlafstörungen manifestiere, und ein Ver meidungsverhalten mit starkem zwi- schenmenschlichen Vertrauensschwierigkeiten. Die Indikation zu einer intensiven psychiatrisch- psychotherapeutischen Behandlung sei weiterhin klar gegeben, wobei eine störungsspezifische Behandlung im Sinne einer Traumatherapie indiziert sei. Mittels ergänzender Erhebung der bio- graphischen Anamnese habe inzwischen in Erfahrung gebrach t werden können, dass die Ent- stehung der Posttraumatischen Belastungsstörung in einem klaren Kausalitätsverhältnis zu den Erfahrungen frauenspezifischer Gewalt durch den Ex-Ehe mann in der Schweiz stehe. Der in Äthiopien lebende Kindsvater hingegen habe ihr nach Beendigung der Beziehung einmalig ei- nen Schlag versetzt, bis dahin aber nie körperliche Gewa lt gegen sie ausgeübt. Weiterhin wer- de davon ausgegangen, dass im Falle einer Wegweisung mit dem hohen Risiko einer psychi- schen Dekompensation zu rechnen wäre, was mit akuter Sui zidalität einhergehen könnte. Auch sei weiterhin anzunehmen, dass im Herkunftsland Äthiopi en keinerlei adäquate psychiatrisch- psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügun g stünden, einerseits aufgrund des aktuellen Bürgerkriegskontextes, andererseits aber vor a llem auch aufgrund der Notwen- digkeit einer sogenannten störungsspezifischen Therapie: So sei die Beschwerdeführerin auf- grund der traumatischen Erlebnisse, welche sie durch ihre n Ex-Ehemann in der Schweiz erfah- ren habe, für eine Heilung auf eine Traumatherapie angewiesen; das Angebot für diese spezifi- sche Psychotherapieform sei selbst in den hiesigen Verso rgungsverhältnissen sehr limitiert, sodass davon ausgegangen werden müsse, dass die Beschwerdefü hrerin in Äthiopien keine adäquate Versorgung in Anspruch nehmen könne. Ebenso sei relevant, dass die Beschwerde- führerin als alleinerziehende Mutter und Opfer frauen spezifischer Gewalt im Falle einer Rück- kehr nach Äthiopien ein hohes Risiko einer Retraumatisierung bzw. Reviktimisierung aufweise. 8.8 Die Schulleitung der Primarstufe F.____ führt in ihrem Bericht vom 4. August 2020 aus, dass es B.____ seit dem Klassenwechsel per 9. März 2020 in der Schule markant besser gehe. Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht Auch habe er in der Sozialkompetenz Fortschritte gemacht und sei allgemein ausgeglichener. B.____ scheine nun auf dem richtigen Weg zu sein. Es wä re fatal, wenn B.____ nun zurück nach Äthiopien müsste, da seine persönliche und schulische Entwicklung dadurch enorm ge- fährdet wären. 8.9. Dem Bericht des Tagesheims P._____ vom 29. Septembe r 2020 ist zu entnehmen, dass der Sohn der Beschwerdeführerin sich in kürzester Zeit mi t anderen Kindern angefreundet ha- be. Dabei spreche er Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. Er habe innerhalb von kurzer Zeit die Sprache gelernt. Dies sei für sein Alter aussergewöhnlich. Eine Rückführung in sein Heimat- land würde vermutlich bei ihm einen Schock und Unverständ nis auslösen. Dabei werde er von seiner neuen Heimat entwurzelt und dies würde sich negativ auf seine Entwicklung auswirken. 8.10. Anlässlich der heutigen Parteiverhandlung führt Dr. I.____ aus, dass die Therapiesitzun- gen in der Muttersprache mit immer derselben Dolmetsc herin stattfänden. Im März 2020 sei geplant gewesen, dass die Beschwerdeführerin wöchentlich eine Therapiesitzung habe. Sie habe aber im Juli 2021 die Arbeit aufgenommen und de shalb sei nur noch ein Termin im Monat möglich. Aufgrund der niedrigen Therapiefrequenz und des unsicheren Aufenthaltsstatus sei es schwierig, Fortschritt zu machen. In der Traumatherapie müsse die Patientin zuerst stabilisiert und ein geschützter Rahmen geschaffen werden, bevor beg onnen werden könne, die Patientin mit den Traumen zu konfrontieren, um diese "vom heiss en ins kalte Gedächtnis" überführen zu können. Anlässlich der Parteiverhandlung wird Dr. I.___ _ vom Vizepräsidenten darauf hinge- wiesen, sie habe im Bericht vom 31. März 2021 ausgeführ t, die Entstehung der Posttraumati- schen Belastungsstörung stehe in einem klaren Kausalitätsve rhältnis zu den Erfahrungen frau- enspezifischer Gewalt durch den Noch-Ehemann in der Sc hweiz. Dr. I.____ führt aus, dass es unter anderem aufgrund der geschilderten Flashbacks und Alpträume, welche typisch seien für Posttraumatische Belastungsstörungen, keinen Anlass gegebe n habe, an der Wahrheit der Schilderungen der Beschwerdeführerin zu zweifeln. Die Beschwerdeführerin habe ihr sehr plausibel erklären können, wie sie versucht habe, den So hn zu schützen, wie es gewesen sei, eingesperrt zu sein und nichts zu essen zu haben. Sie ha be ihr von der körperlichen Gewalt und dem nicht einvernehmlichen Sex erzählt. Auf die Fr age, weshalb sich die Beschwerdefüh- rerin erst ein Jahr nach dem Vorfall im September 201 9 in psychiatrische Behandlung begeben habe, antwortet Dr. I.____, dass die Beschwerdeführeri n zuerst in einem Frauenhaus gewohnt habe, dann sei sie in eine Sozialwohnung umgezogen. S ie nehme an, dass sich unter den Um- ständen vorerst Fragen des alltäglichen Überlebens stel len würden. Auf Frage des Gerichts antwortet Dr. I.____, dass sie die Beschwerdeführerin gefragt habe, ob der Kindsvater gewalttä- tig gewesen sei. Sie habe dies verneint und erklärt, er habe sie nur einmal im Affekt geohrfeigt. Es sei nicht mit dem vergleichbar gewesen, was sie hier in ihrer Ehe erlebt habe. Es gebe für sie keine Anhaltspunkte an dieser Aussage zu zweifeln. 8.11. Die Beschwerdeführerin schildert anlässlich der he utigen Verhandlung das Ereignis vom 2. September 2019, wie sie es bereits anlässlich der Anh örung vor der Polizei getan hat. Die Beschwerdeführerin führt heute auf Frage aus, dass sie n icht mehr sozialabhängig sei und ihr das Geld, das sie verdiene, zum Leben ausreiche. Sie habe sogar schon Geld an die Sozialhilfe zurückbezahlt. Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8.12. Die Schwester der Beschwerdeführerin erzählt an der heutigen Verhandlung, dass sie regelmässig mit der Beschwerdeführerin einkaufen gegan gen sei und das Essen auch bezahlt habe. Sie habe die Beschwerdeführerin zwei Mal im Park angetroffen, weil diese nicht in der Wohnung habe bleiben wollen, und die Beschwerdeführe rin habe auch einmal anschliessend mit ihrem Sohn bei ihr übernachtet. Auf Frage antwo rtet sie, sie habe ein- oder zweimal einen Streit zwischen ihrer Schwester und ihrem Ehemann mitgekommen. Einmal habe die Schwester ein Hämatom gehabt. Ihre Schwester habe ihr erzählt, beim letzten Mal habe er sie geschlagen. Es habe Streit gegeben, wenn er Drogen konsumiert ha be. Er habe sie zweimal eingeschlos- sen. 9.1. Als Beweismittel für häusliche Gewalt kommen Arztbe richte, psychologische oder psy- chiatrische Gutachten, Berichte von Fachstellen wie Fraue nhäusern oder Opferhilfestellen, Po- lizeirapporte oder Zeugenaussagen von weiteren Angehör igen oder Nachbarn in Frage (siehe E. 7.3 hiervor). Es liegen unter anderem vor: der Poli zeirapport über das Ereignis vom 2. September 2019, das Urteil des Kantonsgerichts, Abt eilung Strafrecht, vom 22. September 2020, welches die Aussagen der Beschwerdeführerin als g laubwürdiger einschätzt als jene des Ehemannes, und die Aussagen der Nachbarin und des Nachb arn der Beschwerdeführerin, wel- che am 2. September 2019 die Polizei alarmierten, und vor allem die zwei Berichte und die Aussagen von Dr. I.____ an der heutigen Verhandlung. 9.2. Das Zusammenleben der Beschwerdeführerin mit dem Ehemann hat sehr kurz gedau- ert. Eine derartig kurze Zeitdauer reicht – ausser be i schwerwiegender Gewalt – in der Regel nicht aus, um den Tatbestand des nachehelichen Härtefa lls zu erfüllen. Dr. I.____ erachtet die von der Beschwerdeführerin gemachten Ausführungen betr effend wiederholte Erfahrungen schwerwiegender zwischenmenschlicher und sexualisierter Gew alt durch den Ehemann (kör- perliche Gewalt; Einschliessen in einem Zimmer; Depriva tion von Nahrungsmitteln) als glaub- würdig und sieht die Entstehung der Posttraumatischen B elastungsstörung in einem klaren Kausalitätsverhältnis zu den Erfahrungen frauenspezifisch er Gewalt durch den Ehemann. Ge- mäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist ein besonderes A ugenmerk auch den Berichten von Fachexperten zu schenken, deren Aussagekraft nicht schon d adurch geschmälert wird, dass diese vorwiegend auf den Aussagen der Opfer beruhe n bzw. diese vom mutmasslichen Täter bestritten werden (vgl. Urteile des BGer 2C_102 4/2019 vom 27. August 2020 E. 5.3.1; 2C_915/2019 vom 13. März 2020 E. 5.7). Es gibt keine An haltspunkte dafür, an den Ausfüh- rungen von Dr. I.____, bei welcher die Beschwerdeführerin seit über zwei Jahren in Behandlung ist und die an der Verhandlung ihre Einschätzung klar e rläutert hat, zu zweifeln. Des Weiteren wirken gemäss Beschluss des Kantonsgerichts, Abteilung Str afrecht, vom 22. September 2020 die Depositionen der Beschwerdeführerin insgesamt glaubhafter als diejenigen des Beschuldig- ten. 9.3. Aufgrund der vorliegenden Akten kommt das Kantonsge richt – trotz einiger Widersprü- che zwischen den verschiedenen Aussagen – zum Schluss, dass di e Wahrscheinlichkeit wie- derholter psychischer und physischer Gewalt höher einzuschät zen ist als das Gegenteil und dass damit das Beweismass der Glaubhaftmachung erreicht ist. Des Weiteren ist aus den Ein- Seite 19 http://www.bl.ch/kantonsgericht schätzungen von Dr. I.____ zu folgern, dass die Gewaltaus übung trotz der kurzen Dauer inten- siv war und die subjektive Belastung der Beschwerdeführer in auch objektiv nachvollziehbar ist. Der Ehemann befand sich im Sommer 2019 in einer psychisch schwierigen Zeit, litt gemäss eigenen Angaben in der fraglichen Zeit an einer bipo laren Depression und nahm u.a. zum Sta- bilisieren Medikamente ein, litt gemäss ärztlicher Bestätigung von Dr. L._____ im Sommer 2019 zudem an einer Stimmungsinstabilität, die es ihm erschwerte, immer ruhig und überlegt zu han- deln, und wurde per 23. August 2019 von seiner damal igen Arbeitgeberin freigestellt. Auch die Aussage der Beschwerdeführerin, der Ehemann habe Kokain konsumiert, stimmt mit dem posi- tiven Resultat des Schelltests der Polizei vom 2. Septem ber 2019 überein. Diese Umstände führen dazu, dass die Wesensveränderung und die Stimm ungsumschwünge und die damit ein- hergehende Unberechenbarkeit der Handlungen des Ehema nnes, welche die Beschwerdefüh- rerin an den Verhandlungen mehrmals umschrieben hat, glaubhaft konkretisiert sind und daraus objektiv nachvollzogen werden kann, dass die Beschwerdefü hrerin um sich und ihren Sohn Angst hatte. Unter diesen Umständen war es der Beschwe rdeführerin nicht zumutbar, einzig aus bewilligungsrechtlichen Gründen mit dem Ehemann zu sammenzuleben. Die Gewaltintensi- tät ist im Vergleich zu anderen nachehelichen Härtefällen eher niedrig. Es rechtfertigt sich daher auch die privaten Interessen zu berücksichtigen (vgl. E. 7. 2 hiervor). Die Beschwerdeführerin, die arbeitstätig und nicht sozialhilfeabhängig ist, hat gewichtige persönliche Gründe, weiter in der Schweiz bleiben zu können. Sie kann die Traumathe rapie hier fortsetzen. Gemäss Dr. I.____ ist mit fehlenden adäquaten Behandlungsmög lichkeiten in Äthiopien zu rechnen. Selbst in der Schweiz ist das Angebot für Traumatherapi en beschränkt. Des Weiteren erklärt die Beschwerdeführerin an der Verhandlung, bei einer Rückkehr nicht in das Haus, in dem sie vor ihrer Einreise in die Schweiz gewohnt hat, zurückkehr en zu können, da nun ihr Bruder mit seiner Familie und ihre Mutter dort wohnten. Gemäss he utiger Aussage von Dr. I.____ hat die Beschwerdeführerin überdies ihrer Mutter aus Scham- und Schuldgefühlen nicht mitgeteilt, dass ihre Ehe gescheitert ist. Als alleinerziehende Mutter un d Opfer sexualisierter Gewalt ist die Be- schwerdeführerin, wie Dr. I.____ ausführt, zudem aus me dizinisch-psychiatrischer Sicht in Äthi- opien ganz grundsätzlich als vulnerable Person zu betrac hten. In Äthiopien herrschen überdies zur Zeit sehr schwierige politische Verhältnisse. Des Weiteren ist ihr Sohn mit 7.5 Jahren hier in die Schule eingetreten und hat jetzt über 3 Jahre hi er die Schule besucht. Er hat schnell Deutsch und Schweizerdeutsch gelernt und ist nach anfängli chen Schwierigkeiten nun in der Schule integriert. Eine Rückkehr würde auch für ihn gewichtige negative Folgen haben. 9.4. Das Kantonsgericht kommt zum Schluss, dass trotz de r sehr kurzen Dauer des Zusam- menlebens und der nicht vorhandenen körperlichen "Beweise" von Gewaltanwendung, aufgrund der gesamten Umstände ein nachehelicher Härtefall im Sinne von Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG i.V.m. Art. 50 Abs. 2 AIG zu bejahen ist. Die Beschwerde ist fol glich gutzuheissen und das AFMB an- zuweisen, den Beschwerdeführern eine Aufenthaltsbewilli gung gestützt auf Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG zu erteilen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens erübrigt sich die Prüfung, ob ein Anspruch auf Aufenthaltsbewilligung aufgrund der starken Gefäh rdung der sozialen Wiedereingliederung im Herkunftsland gegeben wäre. 10.1. Es bleibt über die Kosten des vorliegenden Verfa hrens zu befinden. Gemäss § 20 Abs. 1 VPO ist das Verfahren vor Kantonsgericht kostenpflichtig. Die Verfahrenskosten werden in der Seite 20 http://www.bl.ch/kantonsgericht Regel der unterliegenden Partei in angemessenem Ausmass auferlegt. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 3'000.-- sind dem Regierungsrat aufzuerlegen. 10.2. Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann für den Beizug eines Anwalts bzw. einer Anwältin eine angemessene Parteientschädigung zu gesprochen werden (§ 21 Abs. 1 VPO). Die Rechtsvertreterin der obsiegenden Beschwerdefüh rerin macht in ihrer Honorarnote vom 16. August 2021 für ihre Bemühungen in der Zeit v om 25. März 2021 bis 16. August 2021 einen Aufwand von 7.07 Stunden à Fr. 200.-- und eine n Aufwand für die Arbeit des Volontärs von 39.99 Stunden à Fr. 100.-- und Auslagen in der Hö he von Fr. 201.40 (alles exkl. MWST) geltend. Der Aufwand der Rechtsvertreterin in der Höhe von 7.07 Stunden und die Auslagen sind nicht zu beanstanden. Die geltend gemachten Stund en für die Arbeit des Volontärs sind nicht angemessen, zumal Teile der Beschwerdebegründung an der Sache vorbeigehen. Das Kantonsgericht erachtet einen Aufwand von 25 Stunden als angemessen. In der Honorarnote vom 9. Februar 2022 macht die Rechtsvertreterin der Besch werdeführerin für die Zeit vom 24. August 2021 bis zum 9. Februar 2022 einen Zeitauf wand von 9.84 Stunden, wobei die heu- tige und damit zweite Parteiverhandlung darin nicht en thalten ist, und Auslagen von Fr. 31.30 geltend (Fr. 2'153.25 inkl. MWST), was nicht zu beanst anden ist. Für die heutige Verhandlung wird der Rechtsvertreterin ein Zeitaufwand von 5.5 Stunden hinzugerechnet. Der Regierungsrat hat der Beschwerdeführerin somit eine reduzierte Parte ientschädigung in der Höhe von Fr. 7'770.25. (7.07 plus 9.84 plus 5.5 Stunden à jewe ils Fr. 200.-- plus 25 Stunden à 100.-- plus Auslagen von Fr. 201.40 und von Fr. 31.30, alles zuzügl ich 7.7 % MWST) zu bezahlen. Im Üb- rigen werden die Parteikosten wettgeschlagen. Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird der Regieru ngsratsbeschluss des Kantons Basel-Landschaft Nr. 389 vom 23. März 2021 aufgehoben und das Amt für Migration und Bürgerrecht angewiesen, de n Beschwerde- führenden eine Aufenthaltsbewilligung im Sinne der Erwägungen zu erteilen. 2. Die Angelegenheit wird zur Neuverlegung der Koste n des vorinstanzli- chen Verfahrens an den Regierungsrat des Kantons Basel -Landschaft zurückgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 3'000.-- werden dem Be- schwerdegegner auferlegt. 4. Der Beschwerdegegner hat der Beschwerdeführerin ein e Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 7'770.25 (inkl. Auslagen und 7.7 % Mehrwertsteuer) auszurichten. Im Übrigen werden die Pa rteikosten wettgeschlagen. Vizepräsident Gerichtsschreiberin