Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 10. Januar 2018 (460 17 120) ____________________________________________________________________ Strafrecht Versuchte vorsätzliche Tötung Besetzung Präsident Dieter Eglin, Richter Peter Tobler (Ref.), Richterin Susan- ne Afheldt, Richter Stephan Gass, Richter Markus Mattle; Gerichts- schreiber Pascal Neumann Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Allgemeine Hauptabtei- lung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Anklagebehörde und Anschlussberufungsklägerin A.____ , vertreten durch Advokat Dr. Christoph Mettler, Advotech Advokaten, Burgunderstrasse 36, Postfach, 4009 Basel, Privatkläger gegen B.____ , vertreten durch Advokat Dr. Simon E. Schweizer, Hauptstrasse 40, Postfach 331, 4450 Sissach, Beschuldigter und Berufungskläger Gegenstand Versuchte vorsätzliche Tötung etc. (Berufung des Beschuldigten und Anschlussberufung d er Staatsan- waltschaft gegen das Urteil des Strafgerichts Basel -Landschaft vom 5. Januar 2017) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 5 . Januar 2017 wurde B.____ der ver- suchten vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen un d – unter Anrechnung der vom 16. Juni 2015 bis zum 7. Januar 2016 und vom 13. Juli 2016 b is zum 8. August 2016 ausgestandenen Untersuchungshaft sowie des vorzeitigen Strafvollzu gs vom 8. August 2016 bis zum 5. Januar 2017 von insgesamt 383 Tagen – zu einer Freiheitsst rafe von viereinviertel Jahren verurteilt; dies in Anwendung von Art. 111 StGB in Verbindung m it Art. 22 StGB, Art. 40 StGB und Art. 51 StGB (Ziffer 1). Demgegenüber wurde B.____ im Fall 1 von der Anklage des mehrfachen ver- suchten Diebstahls und im Fall 2 von der Anklage de r mehrfachen groben Verkehrsregelverlet- zung freigesprochen (Ziffer 2). Sodann wurde auf die Anklage betreffend den Vorwurf der einfa- chen Verkehrsregelverletzung (nach Art. 90 Abs. 1 S VG in Verbindung mit Art. 32 Abs. 2 SVG und Art. 4a Abs. 1 VRV) zufolge des vom Beschuldigt en im Rahmen der Auslieferung ange- brachten Spezialitätsvorbehaltes nicht eingetreten (Ziffer 3). Des Weiteren wurde B.____ bei seiner Erklärung behaftet, dem Privatkläger einen S chadenersatz in der Höhe von CHF 300.-- zuzüglich Zins von 5 % seit dem 16. Juni 2015 und e ine Genugtuung in der Höhe von CHF 1'000.-- zu bezahlen (Ziffer 5). Darüber hinaus wurde B.____ dazu verurteilt, dem Privat- kläger eine zusätzliche Genugtuung in der Höhe von CHF 4'000.-- sowie eine Entschädigung nach Art. 433 Abs. 1 SPO in der Höhe von CHF 11'558 .15 zu bezahlen (Ziffern 5 und 6). Schliesslich wurde der Beschuldigte verpflichtet, die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kos- ten des Vorverfahrens von CHF 8'776.--, den Kosten des Zwangsmassnahmengerichts von CHF 500.-- und der Gerichtsgebühr von CHF 8'000.--, in Anwendung von Art. 426 Abs. 1 StPO zu tragen (Ziffer 7). Auf die Begründung dieses Urt eils sowie der nachfolgenden Eingaben der Parteien wird, soweit erforderlich, im Rahmen der Erwägungen eingegangen. B. Gegen das Urteil des Strafgerichts vom 5. Januar 2 017 meldete der Beschuldigte mit Schreiben vom 9. Januar 2017 die Berufung an. In se iner Berufungserklärung vom 2. Juli 2017 stellte der Beschuldigte sodann die folgenden Recht sbegehren: Es sei der Berufungskläger in Abänderung von Ziffer 1 des angefochtenen Urteils v om Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung, eventualiter der versuchten schweren Körper verletzung, freizusprechen und stattdes- sen wegen Gefährdung des Lebens zu einer Freiheitss trafe von höchstens 30 Monaten zu ver- urteilen, dies unter Anrechnung von Untersuchungsha ft und vorzeitigem Strafvollzug (Ziff. 1). Ausserdem sei dem Berufungskläger die amtliche Vert eidigung mit Advokat Dr. Simon E. Schweizer als Rechtsvertreter für das Berufungsverfahren zu bewilligen (Ziff. 2); dies alles unter o/e Kostenfolge (Ziff. 3). Mit Schreiben vom 4. Aug ust 2017 teilte der Beschuldigte mit, dass er auf eine ergänzende Begründung der Berufung verzichte. C. Mit Eingabe vom 21. Juli 2017 erklärte die Staatsa nwaltschaft Basel-Landschaft, Allge- meine Hauptabteilung, die Anschlussberufung und ste llte dabei folgende Anträge: Es sei der Beschuldigte zusätzlich zu den vorinstanzlichen Schuldsprüchen im Fall 1 des mehrfachen ver- suchten Diebstahls und im Fall 2 der mehrfachen gro ben Verletzung der Verkehrsregeln schul- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht dig zu sprechen (Ziff. 1), und es sei die Strafe an gemessen zu erhöhen (Ziff. 2). Im Übrigen sei das Urteil der Vorinstanz zu bestätigen (Ziff. 3). D. Mit Schreiben vom 4. Oktober 2017 liess sich der P rivatkläger dahingehend vernehmen, dass er auf die Möglichkeit, zur Berufungserklärung des Beschuldigten Stellung zu nehmen, verzichte. E. Mit Verfügung des Kantonsgerichts Basel-Landschaft , Abteilung Strafrecht, vom 28. Juli 2017 wurde dem Beschuldigten die amtliche Verteidig ung mit Advokat Dr. Simon E. Schweizer für das zweitinstanzliche Verfahren bewilligt. Des Weiteren wurde mit Verfügungen vom 28. Juli 2017, 6. September 2017 und 18. Oktober 2017 festge stellt, dass der Privatkläger weder Beru- fung noch Anschlussberufung erhoben hat, dass der B eschuldigte und die Staatsanwaltschaft auf eine ergänzende Begründung der Berufungserkläru ng bzw. der Anschlussberufungserklä- rung verzichtet haben, sowie dass die Staatsanwalts chaft und der Privatkläger auf eine Stel- lungnahme zur Berufungserklärung des Beschuldigten bzw. dass der Beschuldigte und der Pri- vatkläger auf eine Stellungnahme zur Anschlussberuf ungserklärung der Staatsanwaltschaft verzichtet haben. Schliesslich wurde mit Verfügung vom 18. Oktober 2017 angeordnet, dass gestützt auf Art. 389 Abs. 3 StPO eine Einvernahme des Privatklägers als Auskunftsperson vor den Schranken des Berufungsgerichts durchgeführt wi rd und die Staatsanwaltschaft, der Be- schuldigte samt Rechtsvertreter und der Privatkläge r vor dem Berufungsgericht persönlich zu erscheinen haben, wohingegen der Rechtsvertreterin des Privatklägers die Teilnahme an der Berufungsverhandlung ins freie Ermessen gestellt wurde. F. Anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Kantonsger icht vom 9. Januar 2018 sind der Beschuldigte B.____ mit seinem Rechtsvertreter Advo kat Dr. Simon E. Schweizer, Pascal Pilet als Vertreter der Staatsanwaltschaft sowie der Privatkläger A.____ als Auskunftsperson mit sei- ner Rechtsvertreterin Advokatin Simone Wiegers anwe send. Auf die von den Anwesenden ge- tätigten Ausführungen wird wiederum, soweit erforde rlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Erwägungen 1. Formalien und Verfahrensgegenstand 1.1 Die Zuständigkeit der Fünferkammer des Kantonsgeri chts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, als Berufungsgericht zur Beurteilung de r vorliegenden Rechtsmittel ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 li t. a in Verbindung mit lit. b EG StPO. Nach Art. 398 Abs. 1 StPO ist die Berufung zulässig gege n Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit de- nen das Verfahren ganz oder teilweise abgeschlossen worden ist. Gemäss Abs. 3 von Art. 398 Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht StPO können mit der Berufung gerügt werden: Rechtsv erletzungen, einschliesslich Überschrei- tung und Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigeru ng und Rechtsverzögerung (lit. a), die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sac hverhaltes (lit. b) sowie Unangemessenheit (lit. c), wobei das Berufungsgericht das Urteil in allen angefochtenen Punkten umfassend über- prüfen kann (Art. 398 Abs. 2 StPO). Nach Art. 399 A bs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Be- rufung dem erstinstanzlichen Gericht innert zehn Ta gen seit Eröffnung des Urteils schriftlich oder mündlich anzumelden und danach dem Berufungsge richt innert 20 Tagen seit der Zustel- lung des begründeten Urteils eine schriftliche Beru fungserklärung einzureichen. Die Anschluss- berufung ist Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO folgend in nerhalb von 20 Tagen seit Empfang der Beru- fungserklärung schriftlich zu erklären. Die Legitim ation des Beschuldigten zur Ergreifung des Rechtsmittels wird in Art. 382 Abs. 1 StPO normiert und diejenige der Staatsanwaltschaft in Art. 381 Abs. 1 StPO. Nachdem in casu das angefocht ene Urteil ein taugliches Anfechtungsob- jekt darstellt, sowohl der Beschuldigte als auch di e Staatsanwaltschaft berufungs- bzw. an- schlussberufungslegitimiert sind, zulässige Rügen e rheben und die Rechtsmittelfristen gewahrt haben sowie der Erklärungspflicht nachgekommen sind, ist im Folgenden ohne Weiteres auf die beiden Rechtsmittel einzutreten. 1.2 Gegen das Urteil des Strafgerichts vom 5. Januar 2 017 haben sowohl der Beschuldigte als auch die Staatsanwaltschaft ein Rechtsmittel er griffen. Während der Beschuldigte einen Freispruch vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung bzw. vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung und eine Verurteilung led iglich wegen Gefährdung des Lebens, verbunden mit einer Reduktion des Strafmasses auf e ine Freiheitsstrafe von 30 Monaten, be- gehrt, beanstandet die Staatsanwaltschaft in ihrer Anschlussberufung die erstinstanzlichen Freisprüche von der Anklage des mehrfachen versucht en Diebstahls sowie der mehrfachen groben Verletzung der Verkehrsregeln und das damit im Zusammenhang stehende Strafmass. In Anwendung von Art. 404 Abs. 1 StPO sind nur die vorgängig genannten Punkte Gegenstand des Berufungsverfahrens. 2. Ausführungen der Parteien 2.1.1 (…) 2.1.2 (...) 2.2.1 (…) 2.2.2 (…) Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Tatbestand des (mehrfachen) versuchten Diebstahl s 3.1 Nachdem beim rubrizierten Anklagepunkt die inkrimi nierte Sachlage unter den Parteien unbestritten ist, ist gestützt auf die Anklageschri ft von folgendem massgeblichen Sachverhalt auszugehen: Am 16. Juni 2015 um ca. 13:30 Uhr ist d er Beschuldigte zusammen mit seiner Lebenspartnerin mit seinem Personenwagen in W.____ vom X.____platz und der Y.____strasse her kommend zunächst in die U.____gas se und anschliessend in die Z.____strasse gefahren. Unmittelbar nach dem Einbie gen in die Z.____strasse hat der Be- schuldigte am rechten Strassenrand angehalten, und die Mitfahrerin hat ihren Kopf aus dem Fenster gestreckt, um eine alte Frau, welche mit ei nem Gehstock unterwegs gewesen ist, an- zusprechen. Da die alte Frau aber nicht geantwortet hat, sind der Beschuldigte und seine Be- gleiterin weitergefahren. Etwas weiter vorne auf der Z.____strasse hat der Beschuldigte sodann sein Fahrzeug auf der linken Strassenseite angehalt en, wo sich ein älterer Mann mit einem Gehstock befunden hat. Auch diesen haben die beiden angesprochen, welcher aber wiederum das Gespräch nicht erwidert hat, worauf der Beschul digte und seine Lebenspartnerin weiterge- fahren sind. Die Staatsanwaltschaft sieht in diesem Verhalten den mehrfachen Versuch des Diebstahls. So hätten der Beschuldigte und seine Mi tfahrerin in der Absicht gehandelt, die alte Frau und den älteren Mann in ein Gespräch zu verwic keln, so dass sich diese nahe ans Fahr- zeug begeben hätten, um ihnen anschliessend entwede r durch einen Trick oder gewaltsam wertvollen Schmuck oder andere Wertgegenstände zu e ntwenden und sich daran unrechtmäs- sig zu bereichern. Der Beschuldigte macht demgegenü ber im Wesentlichen geltend, sie hätten die beiden Personen nur deshalb angesprochen, um di ese nach dem Weg zu fragen. Da es sich um ältere Personen gehandelt habe, seien sie d avon ausgegangen, dass diese mit den Örtlichkeiten besonders gut vertraut gewesen seien. 3.2.1 Nach Art. 139 Ziff. 1 StGB wird mit Freiheitsstraf e bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe be- straft, wer jemandem eine fremde bewegliche Sache z ur Aneignung wegnimmt, um sich oder einen anderen damit unrechtmässig zu bereichern. Führt der Täter, nachdem er mit der Ausfüh- rung eines Verbrechens oder Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende oder tritt der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht ein oder kann dieser nicht eintreten, so kann das Gericht die Strafe mildern (Art. 22 Abs . 1 StGB). Nach dem Wortlaut der Norm muss der Täter mit der Ausführung der Tat begonnen haben. Dies erfordert implizit, dass er zuvor einen auf ihre Begehung gerichteten Entschlus s gefasst hat. Vom vollendeten Delikt un- terscheidet sich der Versuch dadurch, dass der obje ktive Tatbestand nur zum Teil verwirklicht wird, während der subjektive Tatbestand hier wie do rt erfüllt sein muss. Zum Tatentschluss ge- hört stets der Vorsatz, wobei Eventualvorsatz genüg t. Erfordert der Tatbestand zusätzlich sub- jektive Unrechtsmerkmale, so müssen nach einhellige r Auffassung auch sie gegeben sein. Nach der Praxis des Bundesgerichts wird zum Beginn der Ausführung jede Tätigkeit gerechnet, die nach dem Plan, den sich der Täter gemacht hat, auf dem Weg zum Erfolg den letzten ent- scheidenden Schritt darstellt, von dem es in der Re gel kein Zurück mehr gibt, es sei denn we- gen äusserer Umstände, die eine Weiterverfolgung de r Absicht erschweren oder verunmögli- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht chen. Die Formel des Bundesgerichts bringt zum Ausdruck, dass sich der Beginn des Versuchs nur über eine Kombination objektiver und subjektive r Gesichtspunkte bestimmen lässt. Denn die Frage, ob eine Handlung den Versuch einer straf baren Handlung darstellt, lässt sich allein aufgrund ihres äusseren Erscheinungsbildes vielfach nicht entscheiden, sondern setzt die Kenntnis darüber voraus, wie der Täter hat vorgehen wollen. Die Einbeziehung der Vorstellung des Täters von der Tat ist daher für die Bestimmung des Versuchs genauso unabdingbar wie die Berücksichtigung objektiver Kriterien für die E ntscheidung der Frage, mit welcher Tätigkeit der Täter nach seinem Tatplan bereits zur Verwirklichung des Tatbestandes unmittelbar ansetzt (BGE 131 IV 100 E. 7.2.1; MARCEL ALEXANDER NIGGLI / STEFAN MAEDER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 3. Auflage, Basel 2013, N 1 ff. zu Art. 22 StGB, mit Hinweisen). 3.2.2 Die Vorinstanz hat das Vorliegen des angeklagten Ta tbestandes verneint und diesbezüg- lich zusammenfassend dargelegt, ohne Wissen um die Vorgeschichte stelle die Beobachtung der Polizeipatrouille eine zwar verdächtige, aber g rundsätzlich alltägliche Handlung dar. Es sei des Weiteren im Detail auch nicht bekannt, ob ein Diebstahl, ein Raubüberfall, ein Schmuckver- kauf oder tatsächlich nur die Einholung einer Ausku nft bezüglich des Weges hätte stattfinden sollen. Einzig aus der Kenntnis der Ereignisse in d er Vergangenheit sowie des getrübten Leu- mundes des Beschuldigten könne nicht geschlossen we rden, dass dieser am 16. Juni 2015 in W.____ zweimal versucht habe, Schmuck zu stehlen, z umal nicht er selbst, sondern seine Partnerin die beiden älteren Personen angesprochen habe. a) Das Kantonsgericht folgt zwar nicht vollumfänglich den Erwägungen des Strafgerichts, im Ergebnis aber trotzdem dessen Schlussfolgerungen, w as sich folgendermassen begründet: Nicht einig geht das Kantonsgericht zunächst mit de r apodiktischen Feststellung, wonach die Grenze zwischen Vorbereitung und Versuch generell o hne Berücksichtigung des Charakters des Täters und seines Vorlebens vorgenommen werden müsse. So ist nach Praxis und herr- schender Lehre unbestritten, dass sich der Beginn d es Versuchs nur über eine Kombination objektiver und subjektiver Gesichtspunkte bestimmen lässt, nachdem die Frage, ob eine Hand- lung den Versuch einer strafbaren Handlung darstell t, allein aufgrund ihres äusseren Erschei- nungsbildes vielfach nicht zu entscheiden ist und v ielmehr die Kenntnis darüber voraussetzt, wie der Täter hat vorgehen wollen. Für die Feststel lung, wie der Täter hat vorgehen wollen, er- scheinen aber der Charakter und insbesondere das Vo rleben des Beschuldigten als gewichtige Indizien, lassen sich doch hieraus zweifellos Schlü sse beispielsweise bezüglich des sogenann- ten "modus operandi" ziehen. In casu steht in diese m Zusammenhang denn auch fest, dass dem Beschuldigten zusammen mit seiner Partnerin und einer weiteren Person in S.____ im Kanton Jura vorgehalten worden ist, am 7. Juni 2015 zum Nachteil von C.____ einen Diebstahl begangen zu haben. Diesbezüglich wird dem Beschuldigten und seinen Begleiterinnen zur Last gelegt, mit dem Fahrzeug neben der Geschädigten ang ehalten, diese nach dem Weg zum Spi- tal gefragt, ihr Schmuck zum Kauf angeboten und ihr sodann eine Kette aus Gold gestohlen zu haben (act. 551 ff.). Ferner ist unbestritten, dass der Beschuldigte mit Urteil des Tribunal de Grande Instance de Mulhouse vom 8. Januar 2016 (act . 33 ff.) wegen Diebstahls zum Nachteil Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht einer verletzlichen Person, begangen am 14. Mai 201 5, 17. Mai 2015, 19. Mai 2015 und 14. Juni 2015, zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt worden ist. Hin- zu kommt, dass die Depositionen des Beschuldigten b ezüglich der Motivation, die beiden älte- ren Personen aus dem Auto heraus anzusprechen, sich mit den Aussagen seiner Partnerin wi- dersprechen. Während er behauptet hat, sie hätten l ediglich nach dem Weg gefragt (Protokoll KG S. 9, act. 849, 1129), hat sie vorgebracht, sie habe den angesprochenen Passanten Schmuck verkaufen wollen (act. 949). Nicht erstellt ist hingegen, was die Partnerin des Be- schuldigten zum fraglichen Zeitpunkt zu den beiden angesprochenen Personen tatsächlich ge- sagt hat, nachdem weder deren Aussagen noch diejeni gen der sie beobachtenden Polizeibe- amten vorliegen. Andererseits hat der Beschuldigte weder glaubhaft und nachvollziehbar darle- gen können, wie er den Vormittag des 16. Juni 2015 mit seiner Partnerin verbracht hat, noch hat er einen plausiblen Grund vorgebracht, weshalb sie überhaupt in den entsprechenden Quartierstrassen in W.____ herumgefahren sind, zuma l feststeht, dass sie sich entgegen ihren Depositionen bereits am Vormittag in V.____ aufgeha lten haben (act. 663, 767, 775), womit seine Behauptung, er sei bezüglich eines Reisepasse s nach Bern gefahren (Protokoll KG S. 9 f., act. 215, 887, 1131), offensichtlich unzutreffend ist. Aktenkundig ist sodann wieder, dass die beiden angesprochenen Personen sich auf kein Ge spräch mit dem Beschuldigten oder sei- ner Partnerin eingelassen und sich auch nicht deren Fahrzeug genähert haben. Im Sinne eines Zwischenresultats ist damit zu konstatieren, dass d urchaus einige Indizien bestehen, welche auf die von der Staatsanwaltschaft vertretene Rechtsauffassung hindeuten. b) Ungeachtet dessen ist nach Ansicht des Kantonsgeri chts die Schwelle von der straflosen Vorbereitungshandlung zum strafbaren Diebstahlsversuch im konkreten Fall dennoch aus zwei- erlei Gründen noch nicht überschritten worden. Erstens ist zufolge des Fehlens eines erkennba- ren Tatplanes nicht klar, ob der Beschuldigte und s eine Partnerin tatsächlich beabsichtigt ha- ben, die beiden angesprochenen Personen zu bestehle n, oder ob ihre Absicht nicht eher darin bestanden hat, diesen bloss gefälschten Schmuck zu verkaufen. Letzteres erscheint deshalb nicht bar jeder Möglichkeit, weil der Beschuldigte immerhin bereits mit Urteil des Strafgerichts- präsidiums Basel-Stadt vom 6. Februar 2009 (act. 15 ff.) wegen Warenfälschung rechtskräftig zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 30 Ta gessätzen zu jeweils CHF 10.-- (abzüglich einem Tagessatz für einen Tag Polizeigewahrsam), be i einer Probezeit von zwei Jahren, verur- teilt worden ist. Zweitens kann nach Dafürhalten de s Kantonsgerichts das blosse Ansprechen einer Person auf der Strasse aus einem Fahrzeug her aus, welche jedoch nicht im Geringsten darauf reagiert und in der Folge unbehelligt ihren Weg fortsetzt, nicht schon als letzter ent- scheidender Schritt auf dem Weg zum Erfolg qualifiz iert werden, von dem es in der Regel kein Zurück mehr gibt. Anders wäre allenfalls zu entsche iden gewesen, wenn sich die angesproche- nen Personen tatsächlich zum Fahrzeug des Beschuldi gten und seiner Partnerin begeben hät- ten und damit in dessen physischen Herrschaftsberei ch, in welchem auch faktisch die Bege- hung eines Diebstahls überhaupt erst möglich gewesen wäre. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gestützt auf diese Erwägungen ist der Beschuldigte in Abweisung der diesbezüglichen An- schlussberufung der Staatsanwaltschaft und demnach in Bestätigung des angefochtenen Ur- teils vom Vorwurf des mehrfachen versuchten Diebstahls freizusprechen. 4. Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung, eventualiter der versuchten schweren Körperverletzung, eventualiter der Gefährdung des Lebens 4.1.1 Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art . 10 Abs. 2 StPO) hat das urteilen- de Gericht frei von Beweisregeln und nur nach seine r persönlichen Überzeugung aufgrund ge- wissenhafter Prüfung darüber zu entscheiden, ob es eine Tatsache für bewiesen hält. Das Ge- richt trifft sein Urteil unabhängig von der Zahl de r Beweismittel, welche für eine bestimmte Tat- sache sprechen, und ohne Rücksicht auf die Form des Beweismittels (R OBERT HAUSER / ERHARD SCHWERI / KARL HARTMANN , Schweizerisches Strafprozessrecht, 6. Auflage, Ba sel 2005, § 54 N 3 f., mit Hinweisen). Nach der bundesg erichtlichen Rechtsprechung ist gemäss der aus Art. 32 Abs. 1 BV (bzw. Art. 4 aBV) fliesse nden und in Art. 6 Ziff. 2 EMRK verankerten Maxime „in dubio pro reo“ bis zum gesetzlichen Nach weis seiner Schuld zu vermuten, dass der wegen einer strafbaren Handlung Beschuldigte unschu ldig ist (Art. 10 Abs. 1 StPO). Als Be- weiswürdigungsregel besagt die Maxime ausserdem, da ss sich der Strafrichter nicht von der Existenz eines für den Beschuldigten ungünstigen Sa chverhalts überzeugt erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat (Art. 10 Abs. 3 StPO). Die Beweiswürdigungsregel ist verletz t, wenn der Strafrichter an der Schuld des Beschuldigten hätte zweifeln müssen. Dabei sind bloss abstrakte und theoretische Zweifel nicht massgebend, weil solche immer möglich sind und abso lute Gewissheit nicht verlangt werden kann. Es muss sich um erhebliche und nicht zu unter drückende Zweifel handeln, d.h. um sol- che, die sich nach der objektiven Sachlage aufdräng en (BGE 124 IV 87 E. 2a; mit Verweis auf BGE 120 Ia 31). Insgesamt steht dem Sachgericht im Bereich der Beweiswürdigung praxisge- mäss ein erheblicher Ermessensspielraum zu (BGE 134 IV 132 E. 4.2; 129 IV 6 E. 6.1). 4.1.2 Bei der Ermittlung des rechtserheblichen Sachverha lts sind folgende Beweise und Indi- zien zu würdigen: Die Depositionen des Beschuldigten anlässlich seiner Einvernahme durch die Gendarmerie Nationale, Compagnie de Mulhouse, vom 1 6. Juni 2015 (act. 875 ff.) und vom 17. Juni 2015 (act. 907 ff.), anlässlich seiner Ein vernahme durch die Staatsanwaltschaft Basel- Landschaft vom 20. Juli 2016 (act. 207 ff.) und vom 29. Juli 2016 (act. 71 ff., 829 ff.), vor dem Strafgericht (act. 1125 ff.) sowie vor dem Kantonsg ericht (Protokoll KG), die Aussagen von D.____ anlässlich ihrer Einvernahme durch die Genda rmerie Nationale, Compagnie de Mul- house, vom 16. Juni 2015 (act. 925 ff.) und vom 17. Juni 2015 (act. 945 ff.), die Darlegungen des Privatklägers als Auskunftsperson anlässlich se iner Einvernahme durch die Staatsanwalt- schaft Basel-Landschaft vom 17. Juni 2015 (act. 723 ff.) sowie vor dem Kantonsgericht (Proto- koll KG), die Ausführungen des Zeugen E.____ anläss lich seiner Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 16. Juni 20 15 (act. 713 ff.), diejenigen des Zeugen Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht F.____ anlässlich seiner Einvernahme durch die Staa tsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 17. Juni 2015 (act. 731 ff.) und vom 29. Juli 2015 (act. 789 ff.), diejenigen der Zeugin G.____ anlässlich ihrer Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 17. Juni 2015 (act. 737 ff.) und vom 21. Juli 2015 (act. 779 ff.) , diejenigen des Zeugen H.____ anlässlich sei- ner Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft Basel- Landschaft vom 17. Juni 2015 (act. 743 ff.), diejenigen des Zeugen I.____ anläss lich seiner Einvernahme durch die Staatsan- waltschaft Basel-Landschaft vom 18. Juni 2015 (act. 755 ff.), diejenigen des Zeugen J.____ anlässlich seiner Einvernahme durch die Staatsanwal tschaft Basel-Landschaft vom 29. Juli 2015 (act. 801 ff.), diejenigen des Zeugen K.____ a nlässlich seiner Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 12. August 2015 (act. 813 ff.), diejenigen von L.____ anlässlich seiner Einvernahme als Auskunftsperson d urch die Polizei Basel-Landschaft, Stütz- punkt Liestal, vom 17. Juni 2015 (act. 765 ff.), da s rechtsmedizinische Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Basel (IRM) vom 1 0. Juli 2015 (act. 691 ff.), das rechtsmedi- zinische Ergänzungsgutachten des IRM vom 15. Septem ber 2015 (act. 709 f.), die diversen Durchfahrtsberichte des Grenzwachtkorps (GWK) vom 1 6. Juni 2015 (act. 405 ff.), der Bericht der Polizei Basel-Landschaft, Verkehrsaufsicht 1, vom 18. Juni 2015 (act. 427 ff.), derjenige der Polizei Basel-Landschaft, Verkehrsaufsicht 2, vom 2 2. Juni 2015 (act. 421 ff.), die Aktennotiz der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft zur Berechnung der Durchschnittsgeschwindigkeit des Fluchtfahrzeugs vom 11. September 2015 (act. 459 ff .), der kriminaltechnische Untersuchungs- bericht der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt vom 28. Juli 2015 (act. 471 ff.), der Rapport der Kantonspolizei Jura vom 30. Juni 2015 (act. 551 ff. ) sowie die Anzeige der Polizei Basel- Landschaft, Fahndung, vom 17. Juni 2015 (act. 645 ff.). 4.1.3 Der inkriminierte Sachverhalt ist von Seiten des Beschuldigten dahingehend zugestanden, dass dieser vom Ort der polizeilichen Kontrolle beim Kreisel M.____ring in N.____ bis zur Gren- ze nach Frankreich mit dem sich am Fahrzeug festkla mmernden Privatkläger mehrere hundert Meter weit gefahren ist. Fraglich und daher nachfolgend zu prüfen ist nur noch, mit welcher Ge- schwindigkeit der Beschuldigte auf seiner Flucht vo r der Polizei gefahren ist, wie sich die Poli- zeikontrolle zugetragen hat, und ob sich der Privat kläger allenfalls selbstverschuldet in seine prekäre Situation gebracht hat bzw. ob er sich nich t früher vom Fahrzeug des Beschuldigten hätte lösen können. a) In Bezug auf die gefahrene Geschwindigkeit hat der Beschuldigte zu Protokoll gegeben, das Auto sei kaputt gewesen, er habe gar nicht schn eller als 50 km/h bis maximal 60 km/h fah- ren können (Protokoll KG S. 12), er könne sich nich t daran erinnern, aber er denke, er sei nicht mehr als 50 km/h gefahren, da sein Auto an jenem Ta g kaputt gegangen sei (act. 839 f.), er sei 30 km/h oder maximal 50 km/h gefahren (act. 1135) b zw. er sei im Maximum 20 km/h bis 30 km/h gefahren (act. 903). Gleichermassen hat sei ne Partnerin behauptet, sie seien lediglich so schnell gefahren, wie man in der Stadt fahre (ac t. 929). Objektivierte Beweise oder Indizien, welche diese Depositionen bestätigen würden, liegen keine vor. Immerhin hat der Zeuge E.____ bemerkt, als er das Fahrzeug erblickt habe, sei es sicher mit 50 km/h unterwegs gewe- Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht sen (act. 717). Demgegenüber haben die weiteren Zeu gen in diesem Zusammenhang Folgen- des ausgeführt: "Ich fuhr ca. 100 Meter in Richtung Kreisel, als ich plötzlich ein Auto um ein Polizeifahrzeug herum aus der Kontrollstelle fahren sah. Das ging zu wie auf einer Formel-1- Strecke, also aggressiv. Der Lenker dieses Fahrzeug s ging voll aufs Gas. Wenn ein normales Fahrzeug mir so entgegen gekommen wäre, dann hätte ich gedacht, dass der nicht ganz geba- cken ist. Ich nehme mal an, dass er zwischen 60 km/ h und 80 km/h fuhr, als ich ihn noch gese- hen habe" (Zeuge I.____ [act. 757]). "Ich habe auf den Tacho geschaut, die Nadel müsste zwi- schen 80 km/h - 90 km/h gewesen sein" (Zeugin G.___ _ [act. 785]). "Er hat massiv beschleu- nigt. Wir versuchten dranzubleiben, meine Fahrerin sagte noch, dass der spinne und er würde über 100 km/h schnell fahren. Ich selber habe nie a uf den Tachometer geschaut. Gefühlsmäs- sig waren 100 km/h gut möglich" (Zeuge F.____ [act. 795]). "Der Fahrer des englischen Autos hat Vollgas gegeben und ist ab. Er hat einfach Voll gas gegeben. Gedacht habe ich, um ganz ehrlich zu sein, das ist ein Arschloch" (Zeuge J.__ __ [act. 803 f.]). "Ich habe ganz kurz auf den Tachometer geschaut – auf welcher Höhe das war, kan n ich auch nicht sagen – und sah dabei die Geschwindigkeit 100 km/h. Ich weiss nicht mehr, in welchem Moment es war, als ich die 100 km/h auf meinem Tacho festgestellt habe. Ich ka nn also nicht sagen, ob das in der Aufhol- phase der Nachfahrt oder in der Phase der gleichmäs sigen Nachfahrt gewesen ist. Die Ge- schwindigkeit aber, mit welcher der Lenker des Fluc htfahrzeuges fuhr, war extrem" (Zeuge K.____ [act. 815 ff.]). Bekräftigt werden diese Aus sagen durch eine Geschwindigkeitsberech- nung der Staatsanwaltschaft. Danach ist gestützt au f deren Aktennotiz vom 11. September 2015 (act. 459) von einer vom Beschuldigten gefahre nen Durchschnittsgeschwindigkeit von 70,2 km/h auszugehen. Dies berechnet sich aufgrund der Distanz von 507 Metern von der Kon- trollstelle bis zur Aufzeichnung des Fluchtfahrzeug s durch das Grenzwachtkorps sowie der Zeit von 26 Sekunden zwischen der Meldung des Durchbruch s und dem Beginn der Aufzeichnung (507 m : 26 s = 19,5 m/s ͯ 3,6 = 70,2 km/h). Nachdem es sich hierbei um eine Durchschnittsge- schwindigkeit handelt, welche auch die Beschleunigu ngsphase zu Beginn der Flucht und das Abbremsen beim Zollübergang beinhaltet, ist es offe nsichtlich, dass die gefahrene Maximalge- schwindigkeit erheblich darüber gelegen hat. In die sem Zusammenhang steht des Weiteren gemäss dem Bericht der Polizei Basel-Landschaft, Ve rkehrsaufsicht 2, vom 22. Juni 2015 (act. 421 ff.) fest, dass das von G.____ gelenkte P atrouillenfahrzeug im Rahmen der Nacheile um 14:12 Uhr eine gefahrene Geschwindigkeit zwische n ca. 42 km/h und ca. 98 km/h (sowie um 14:09 Uhr zwischen ca. 20 km/h und ca. 81 km/h u nd um 14:10 Uhr zwischen ca. 30 km/h und ca. 91 km/h) aufgezeichnet hat. Wenngleich es sich bei den 98 km/h um die gefahrene Ma- ximalgeschwindigkeit der verfolgenden Polizei gehan delt hat und nicht um eine Durchschnitts- geschwindigkeit, so lässt die Tatsache, dass der Fl üchtende auf der Strecke von über 500 Me- tern von der Kontrollstelle bis zum Grenzübergang nicht hat eingeholt werden können, doch den Schluss zu, dass dieser mit einer ähnlich hohen Ges chwindigkeit gefahren sein muss. Im Re- sultat ist damit eine gefahrene Durchschnittsgeschw indigkeit von 70,2 km/h und – unter Be- rücksichtigung der diesbezüglichen Unsicherheiten i n den verschiedenen Zeugenaussagen so- wie in Anwendung der Maxime "in dubio pro reo" – ei ne Maximalgeschwindigkeit von mindes- tens 80 km/h als erstellt zu erachten. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht b) Bezüglich der Frage, wie sich die Polizeikontrolle zugetragen hat, hat der Beschuldigte zusammenfassend dargelegt, er habe gedacht, das sei en Banditen gewesen, die ihn hätten töten oder ausrauben wollen (Protokoll KG S. 11, ac t. 893, 1135), er sei in Panik gewesen, ha- be nicht erkannt, dass es sich um eine Polizeikontrolle gehandelt habe, und er habe auch keine Blaulichter bemerkt oder ein Martinshorn gehört (Pr otokoll KG S. 12, act. 833 f., 1133). Ebenso hat seine Partnerin ausgeführt, sie hätten grosse A ngst gehabt und geglaubt, sie würden von der Mafia überfallen (act. 927 ff.). Diesen Deposit ionen ist zu entgegnen, dass die Behauptung, aus Angst vor einem Überfall von Banditen geflüchte t zu sein, schon per se überaus unglaub- haft erscheint, da nicht einsichtig ist, weshalb au sgerechnet der Beschuldigte Opfer eines ir- gendwie gearteten Überfalls hätte sein sollen, zuma l sich der Vorfall am hellen Tage mitten auf der Strasse in einem belebten Siedlungsgebiet in An wesenheit zahlreicher Zeugen zugetragen hat. Vollends unglaubhaft werden die Rechtfertigung sversuche des Beschuldigten allerdings angesichts der Tatsache, dass das Flüchten vor Kont rollen offenbar seinem gängigen Muster entspricht, nachdem sich aus den Akten ergibt, dass dieser bereits am 7. Juni 2015 und damit nur wenige Tage zuvor ein praktisch deckungsgleiche s Verhalten an den Tag gelegt hat. So steht gestützt auf den Rapport der Eidgenössischen Zollverwaltung vom 7. Juni 2015 (act. 541 ff.) fest, dass der Beschuldigte zusammen mit seiner Partnerin und einer weiteren Person in O.____ im Kanton Jura gleichentags um 11: 15 Uhr versucht hat, einer Kontrolle durch den Grenzschutz zu entkommen, indem er auf ei n entsprechendes Haltezeichen des Grenzwächters sein Fahrzeug zunächst abgebremst und den Eindruck vermittelt hat, anhalten zu wollen, bevor er auf der Höhe der Beamten sein F ahrzeug plötzlich stark beschleunigt und die Flucht in Richtung Frankreich ergriffen hat (act. 547). Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Beschuldigte behauptet hat, er habe damals geglaubt, dass es sich hierbei um Bauar- beiter gehandelt habe (Protokoll KG S. 13). Geklärt wird indes nicht, weshalb er vor Bauarbei- tern in Richtung Frankreich hätte flüchten sollen. Hinzu kommt, dass die diversen Zeugen die Situation offenbar völlig anders wahrgenommen haben und insbesondere für die unbeteiligten Personen angesichts der Umstände klar gewesen ist, dass es sich um eine Polizeikontrolle ge- handelt hat. Namentlich haben diese Folgendes zu Pr otokoll gegeben: "Als ich abbog, sah ich leuchtende Blaulichter von Polizei oder Grenzwache vor mir. (…) Ich stellte sofort die Kontroll- stelle mit den Polizeifahrzeugen und den entspreche nden Blaulichtern fest" (Zeuge I.____ [act. 757]). "Als wir abbogen sah ich ein querstehe ndes ziviles Polizeifahrzeug mit einem Blau- licht auf dem Dach" (Zeuge H.____ [act. 745]. "Um c a. 14:10 Uhr sah ich ein Auto den M.____ring Richtung Zollamt mit Blaulicht und Sirene fahren. (…) Ca. 50 Meter vor dem Zollamt sah ich, dass das Blaulichtfahrzeug ein anderes Fah rzeug verfolgte. Die beiden Fahrzeuge wa- ren ziemlich dicht aufeinander" (Zeuge E.____ [act. 715]). "Plötzlich hat ein privates Fahrzeug quer auf der Strasse angehalten. Dann stieg sofort der Beifahrer aus und der Fahrer hat das Blaulicht auf das Auto getan, um die Situation zu s ichern. Dann ist der Beifahrer zum angehal- tenen PW gegangen und hat gesagt die Hände ans Lenkrad. In der Zwischenzeit hat hinter dem angehaltenen Fahrzeug wieder ein ziviles Fahrzeug m it Blaulicht auf dem Dach angehalten. (…) Als das Auto davon raste, ist das zweite Polize ifahrzeug mit Blaulicht und Sirene gefolgt. Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht (…) Beim ersten Polizeiauto wurde das Blaulicht dur ch den Fahrer auf das Dach gesetzt, als er sich vor das englische Auto gestellt hatte. Als dan n noch das zweite Polizeiauto hinterher kam und bereits das Blaulicht auf dem Dach hatte, war m ir sofort klar, dass hier die Polizei einen Einsatz hat. (…) Ich habe gehört, wie der Beifahrer des ersten Polizeifahrzeuges den Lenker des zu kontrollierenden Fahrzeuges zweimal aufgefor dert hat, seine Hände aufs Steuerrad zu legen. (…) Ich meine, dass bei der Verfolgung das B laulicht und das Martinshorn wahrschein- lich bei beiden Polizeiautos lief. (…) Mir kam es v or, dass der Engländer im Prinzip gewusst hat, dass etwas nicht stimmt und er kontrolliert wird. (…) Für mich war in dem Moment klar, dass es sich um Zivilfahnder handelt (Zeuge J.____ [act. 803 f.]). Die involvierten Polizeibeamten legten diesbezüglich zusammenfassend dar: "Das zivile Fahr zeug entschloss sich, in Gegenrichtung um den Kreisel zu fahren. Bei diesem Manöver haben sie schon das Blaulicht sowie das Horn eingeschaltet. (…) Wir nahmen die Verfolgung auf, d a haben wir natürlich das Blaulicht und das Horn eingeschaltet" (Zeugin G.____ [act. 781 f.]). "Es gelang ihm, das englische Fahrzeug an- zuhalten. (…) Zu diesem Zeitpunkt hatte das Fahrzeu g das Blaulicht auf dem Dach. Beide stie- gen aus, gaben klare Haltezeichen und haben sich al s Polizei zu erkennen gegeben. (…) Wir folgten mit Horn, ob wir das Blaulicht noch in der Schweiz oder erst in Frankreich auf das Dach des Fahrzeuges gebracht haben, kann ich nicht mehr sagen. (…) Für den Kontrollierten war es aufgrund des Blaulichts auf dem Dach des Fahrzeuges erkennbar, dass er durch die Polizei angehalten wurde. Dann haben sich K.____ und A.____ zumindest verbal als Polizei zu erken- nen gegeben (Zeuge F.____ [act. 791 f.]). "Ich habe kurz vor dem Aussteigen das Blaulicht auf das Dach gestellt und eingeschaltet. Ich sagte zum Kontrollierten "Halt Polizei", und A.____ forderte ihn auf, die Hände oben auf das Steuerrad zu legen. (…) Beide Warnvorrichtungen zusammen, also Horn und Blaulicht, waren erst ab der Verfolgung im M.____ring eingeschaltet. (…) Ich hatte meinen Ausweis um den Hals gehängt. D ie Aufschrift Polizei ist in weiss auf rotem Grund in Grossbuchstaben gehalten und gut sichtbar. (…) Für den Fahrer des kontrollierten Fahrzeugs war durch das Blaulicht auf unserem Fahrz eug, durch meine Ansprache und durch meinen Ausweis ersichtlich, dass er von der Polizei kontrolliert wird" (Zeuge K.____ [act. 815 ff.]). "Bei der Kontrolle war das Blaulic ht auf dem Dach. Ich habe dem Fahrer ein Hal- tezeichen gegeben, ich habe ihm auf französisch "po lice" gesagt, ich trug meinen Ausweis in einer Tasche über dem T-Shirt und ich hatte einen F unk montiert. Ich habe tausendmal "Stopp" gerufen während der Fahrt, zudem habe ich auf franz ösisch gesagt "vous allez me tuer", und ich habe auf englisch gesagt "you are going to kill me"." (Auskunftsperson A.____ [Protokoll KG S. 4 f.]). Nebenbei bemerkt hat selbst der Beschuld igte anlässlich der Verhandlung vor dem Kantonsgericht zugegeben, er habe deshalb angehalte n und die Scheibe bei der Kontrolle her- untergelassen, weil er zuerst gedacht habe, es sei die Polizei (Protokoll KG S. 14). Gestützt auf die zahlreichen und inhaltlich kohärenten Zeugenaus sagen ist im Sinne eines weiteren Fazits festzuhalten, dass es dem Beschuldigten angesichts der Umstände – Anhaltung auf offener Strasse, Blaulicht auf dem Dach des blockierenden F ahrzeuges, umgehängte Polizeiausweise und Ansprache der kontrollierenden Polizisten sowie seiner einschlägigen Erfahrungen und seiner eigenen Wahrnehmung von Anfang an, angesicht s der bei der Nacheile mehrfach akti- Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht vierten Blaulichter und Martinshörner spätestens ab diesem Zeitpunkt – klar gewesen sein muss, dass er Objekt einer polizeilichen Kontrolle gewesen ist. c) Im Hinblick auf die Möglichkeit des Privatklägers, sich früher vom Auto lösen zu können, ist unter Bezugnahme auf dessen überzeugenden Depos itionen sowie die vorgängigen Fest- stellungen zur gefahrenen Geschwindigkeit zu konsta tieren, dass sich ihm diese Option ganz offensichtlich nicht anerboten hat, nachdem der Bes chuldigte sehr unvermittelt geflüchtet ist und dabei sein Fahrzeug bis zu einer Maximalgeschwi ndigkeit von mindestens 80 km/h stark beschleunigt und erst wieder aufgrund der Schikanen beim Zollübergang nach einer Strecke von über 500 Metern abgebremst hat. Diesbezüglich h at der Privatkläger glaubhaft dargelegt, im Moment, als der Beschuldigte losgefahren sei, se i sein Arm im Fahrzeug drinnen gewesen. Er habe in das Fahrzeug gegriffen, weil ihm nicht m ehr wohl gewesen sei und er befürchtet ha- be, dieser könnte eine Waffe haben. Er könne mit Si cherheit sagen, dass er sich nicht absicht- lich festgehalten habe, vielmehr hätte er losgelass en, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Nachdem der Beschuldigte allerdings losgefah ren sei habe er nicht mehr loslassen kön- nen (Protokoll KG S. 4 ff.). d) Gestützt auf diese Darlegungen ist unter Verweis a uf die Anklageschrift der Staatsan- waltschaft von folgendem rechtserheblichen Sachverh alt auszugehen: Aufgrund des vorgängig beobachteten auffälligen Verhaltens des Beschuldigt en und seiner Partnerin haben vier zivile Patrouillen der Polizei beabsichtigt, diesen und de ssen Fahrzeug noch vor der Grenze zu Frankreich zu kontrollieren. Die zivile Patrouille mit den Polizisten A.____ und K.____ hat hier- für das Fahrzeug des Beschuldigten überholt, nachde m sie den Kreisel M.____ring in N.____ mit Blaulicht in der verkehrten Richtung befahren u nd eine Strassensperre anfangs M.____ring auf Höhe der Bushaltestelle erstellt hat, indem der Fahrer K.____ das Patrouillenfahrzeug schräg auf die Fahrbahn gestellt hat. Eventualiter haben die Polizisten A.____ und K.____ das Blaulicht erst aufs Dach gestellt, als sie die Stra ssensperre errichtet haben. Der Beschuldigte hat zunächst seine Fahrt verlangsamt und dann vor d em zivilen Polizeifahrzeug ganz angehal- ten. Die Polizisten A.____ und K.____ sind aus ihre m Fahrzeug ausgestiegen, A.____ ist auf das Fahrzeug des Beschuldigten zugegangen, hat ein Haltezeichen gemacht, auf Französisch „police“ gesagt, sich mit dem gut sichtbaren und um den Hals gehängten Polizeiausweis zu er- kennen gegeben und dem Beschuldigten signalisiert, er solle seine Hände auf das Lenkrad le- gen. Nachdem dieser nervös gewirkt und keine Anstalten gemacht hat, die Hände aufs Lenkrad zu legen, ist A.____ zum Beschuldigten an die recht e Seite zur Fahrertüre des rechtsgesteuer- ten Fahrzeugs gegangen, hat durch das ganz geöffnet e Fenster hinein gegriffen und die Hand des Beschuldigten auf das Lenkrad gesetzt. In diese m Moment ist der Beschuldigte plötzlich losgefahren, während A.____ immer noch seine Hand im Fahrzeug gehabt und diese kurzzeitig nicht heraus bekommen hat. Damit er nicht nachgeschleift wird, hat sich A.____ in der Folge an der Fahrertüre festgehalten, dies mit beiden Armen und angezogenen Knien, um möglichst kei- nen Bodenkontakt zu haben. Der Beschuldigte ist in aggressivem Fahrstil via Gegenfahrbahn um das vor ihm stehende Patrouillenfahrzeug herumge fahren, hat sein Fahrzeug mit dem un- Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht mittelbar neben ihm an der Fahrertüre hängenden A._ ___ bis auf eine Geschwindigkeit von mindestens 80 km/h (Durchschnittsgeschwindigkeit 70,2 km/h) beschleunigt und auf diese Wei- se eine Strecke von 507 Metern bis zum Grenzübergan g nach Frankreich zurückgelegt; dies obwohl A.____ ihm laut zugerufen hat, er solle anha lten, ansonsten er ihn umbringen werde, was er auch auf Französisch und Englisch wiederholt hat, da er davon ausgegangen ist, der Beschuldigte verstehe vielleicht kein Deutsch. Als sich der Beschuldigte dem Grenzübergang genähert hat, hat er aufgrund der dortigen verkehrs verlangsamenden Schikanen abbremsen müssen, worauf sich A.____ vom nunmehr langsamer fa hrenden Auto hat lösen können. Durch das Mitschleifen bei hoher Geschwindigkeit und das anschliessende Abspringen vom fahrenden Auto hat der Beschuldigte A.____ gemäss dem rechtsm edizinischen Gutachten des IRM vom 10. Juli 2015 folgende Verletzungen zugefügt: Oberh autabhebungen an drei Zehen am linken Fuss und an einem Zehen am rechten Fuss zur rechten Körperseite hin, an der linken Oberar- minnenseite winklig konfigurierte und kleinfleckige Hauteinblutungen und eine Hautunterblu- tung, kleinfleckige Oberhautabhebungen ellenbeugenn ah, Oberhautschürfungen und braune Hautunterblutungen im oberen Drittelpunkt der Obera rmbeugeseite am linken Ellenbogen, Oberhautläsionen mit kratzerartigen Läsionen sowie sekret-belegte kleinfleckige Hautläsionen mit umgebenden Hauteinblutungen an der linken Unterarmkleinfingerseite. 4.2.1 Nach Art. 111 StGB wird mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft, wer vorsätz- lich einen Menschen tötet, ohne dass eine der beson deren Voraussetzungen der nachfolgen- den Artikel zutrifft. Führt der Täter, nachdem er m it der Ausführung eines Verbrechens oder Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende oder tritt der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht ein oder kann dieser nic ht eintreten, so kann das Gericht die Strafe mildern (Art. 22 Abs. 1 StGB). Geschütztes Rechtsgu t ist das Leben eines Menschen, Angriffs- objekt ist ein anderer lebender Mensch. Als Tathandlung genügt jede Art der Verursachung des Todes eines lebenden Menschen, wobei der Täter beli ebige Tatmittel einsetzen kann. Erforder- lich ist der Vorsatz im Sinne von Art. 12 Abs. 2 St GB, der sich einzig auf die Herbeiführung des Todes beziehen muss. Eventualvorsatz genügt gemäss der expliziten Regelung von Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB. Die (versuchte) vorsätzliche Tö tung geht der Gefährdung des Lebens vor, wenn das gleiche Angriffsobjekt betroffen ist (C HRISTIAN SCHWARZENEGGER , in: Basler Kom- mentar, Strafrecht II, 3. Auflage, Basel 2013, N 1 ff. vor Art. 111 StGB sowie N 4 ff. zu Art. 111 StGB, mit Hinweisen). In Anwendung von Art. 12 Abs. 1 StGB ist, soweit es das Gesetz nicht ausdrücklich anders be- stimmt, nur strafbar, wer ein Verbrechen oder Verge hen vorsätzlich begeht. Gestützt auf Abs. 2 von Art. 12 StGB begeht ein Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt, wobei bereits vorsätzlich handelt, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt. Angesichts der notorischen Unsicherheiten, welche der Abgrenzung anhaften, beansprucht die Maxime "in dubio pro reo" erhöhte Beachtung, weshalb Eventualvor- satz nicht leichthin anzunehmen ist (vgl. M ARCEL ALEXANDER NIGGLI / STEFAN MAEDER , in: Bas- ler Kommentar, Strafrecht I, 3. Auflage, Basel 2013 , N 62 zu Art. 12 StGB, mit Hinweisen). Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht Nach der Praxis des Bundesgerichts ist für den Rück schluss vom Wissen auf den Willen neben dem Ausmass des dem Täter bekannten bzw. von ihm an genommenen Risikos auch auf die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung sowie die Be weggründe und die Art der Tathandlung abzustellen (vgl. NIGGLI / MAEDER , a.a.O., N 54 zu Art. 12 StGB, mit Hinweisen). Gem äss BGE 135 IV 12 E. 2.3.1 f. muss der Täter um die reale M öglichkeit der Verwirklichung des Tatbe- stands wissen und dessen Erfüllung wollen. Für die Willenskomponente des Vorsatzes gilt nach ständiger Rechtsprechung, dass nicht unbesehen vom Wissen des Täters auf dessen Willen geschlossen werden darf. Regelmässig kann sich der Nachweis des Vorsatzes bei ungeständi- gen Tätern nur auf äusserlich feststellbare Indizien stützen, die Rückschlüsse auf dessen innere Einstellung erlauben. Hierzu gehört unter anderem d ie Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung. Je schwerer diese wiegt, desto eher darf auf die In kaufnahme der Tatbestandsverwirklichung geschlossen werden. Dahinter steckt der anhand von Körperverletzungsdelikten entwickelte Gedanke, dass in der Missachtung elementarer Sorgfaltsregeln eine Gleichgültigkeit gegenüber Integritätsinteressen Dritter zum Ausdruck kommt, w elche in besonders krassen Fällen auch den Schluss auf die Inkaufnahme des Verletzungserfolgs zulässt. Nach der sogenannten Wahr- scheinlichkeitstheorie hat der Täter desto eher mit dem Eintritt des Erfolges zu rechnen, je nä- her er in seinen Augen liegt. Das Gericht hat hierb ei auf das Einverständnis mit der Tatbe- standsverwirklichung zu schliessen, wenn sich dem T äter der Erfolg seines Verhaltens als so wahrscheinlich aufdrängt, dass sein Verhalten vernü nftigerweise nur als Inkaufnahme dieses Erfolges ausgelegt werden kann (G ÜNTER STRATENWERTH , Schweizerisches Strafrecht, Allge- meiner Teil I, 4. Auflage, Bern 2011, § 9 N 103, mi t Hinweisen). S CHUBARTH ist der Ansicht, dass entscheidend für die Frage des Eventualdolus n icht ist, ob man die richtige Formel findet, sondern, ob auf Grund der Summe aller positiven und unter Berücksichtigung aller negativen Vorsatzindizien das Werturteil getroffen werden dar f, der Beschuldigte habe sich für die Rechtsgutverletzung entschieden (MARTIN SCHUBARTH , Aktuelle Juristische Praxis [AJP], 2008, S. 526 Rz. 30). Gemäss Art. 129 StGB macht sich der Gefährdung des Lebens schuldig, wer einen Menschen in skrupelloser Weise in unmittelbare Lebensgefahr bringt, wobei die Strafandrohung eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Ja hren beinhaltet. Tathandlung ist jedes Verur- sachen einer konkreten, unmittelbaren Lebensgefährd ung. Die Lebensgefährdung ist ein Zu- stand, aufgrund dessen nach dem gewöhnlichen Lauf d er Dinge die Wahrscheinlichkeit oder nahe Möglichkeit der Verletzung des geschützten Rec htsgutes besteht, wobei nicht eine ma- thematische Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 % vo rausgesetzt ist. Unmittelbarkeit liegt vor, wenn die Verwirklichung der Gefahr wahrscheinlich u nd die unvermittelte, akute Gefahr direkt dem Verhalten des Täters zuzuschreiben ist und nicht etwa aussen stehenden Ereignissen oder Handlungen von Drittpersonen (BGer 6S.467/2005 vom 7. Juni 2006 E. 2). Auf der subjektiven Seite des Tatbestandes wird Vorsatz und Skrupellosi gkeit verlangt. Dolus eventualis bezüglich der Gefährdung genügt nach der Praxis und der Lehre nicht. Der objektive Tatbestand verlangt die Verursachung einer unmittelbaren Lebensgefahr. Wer aber bloss eventualvorsätzlich han- delt, schafft keine unmittelbare, sondern höchstens eine mittelbare, bedingte Lebensgefahr. Der Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht Täter muss sich bewusst sein, dass er durch sein Ve rhalten eine unmittelbare Lebensgefahr direkt herbeiführt; er muss die Möglichkeit des Erf olgseintritts kennen. Im Unterschied zum Tö- tungsdelikt ist bei der Lebensgefährdung gefordert, dass zwar nicht der Erfolgseintritt, aber die unmittelbare Gefahrenlage gewollt ist. Mit der Skru pellosigkeit ist ein qualifizierter Grad der Vorwerfbarkeit, eine besondere Hemmungs- und Rücksichtslosigkeit des Täters in der Situation gemeint. Zu berücksichtigen sind die Tatmittel, die Tatmotive sowie die konkrete Tatsituation. Skrupellosigkeit liegt umso näher, je grösser die G efahr ist, die der Täter herbeiführt und je we- niger seine Beweggründe zu billigen oder zu versteh en sind. Skrupellosigkeit muss sich als Qualifikation der Tat ergeben. Vom Eventualvorsatz auf Tötung unterscheidet sich der Gefähr- dungsvorsatz dadurch, dass der Täter darauf vertrau t, der Tod des Opfers werde nicht eintre- ten. Dies setzt voraus, dass er annimmt, die drohende Gefahr könne durch sein eigenes Verhal- ten oder durch eine Reaktion der gefährdeten Person abgewendet werden. Je mehr die Ver- meidung der Todesfolge dem Zufall überlassen bleibt , desto eher ist eventualvorsätzliche Tö- tung oder der Versuch dazu anzunehmen (STEFAN MAEDER , in: Basler Kommentar, Strafrecht II, 3. Auflage, Basel 2013, N 44 ff. zu Art. 129 StGB, mit Hinweisen). 4.2.2 Hinsichtlich der konkreten rechtlichen Würdigung macht der Beschuldigte geltend, dass in casu lediglich der Tatbestand der Gefährdung des Le bens, nicht aber derjenige der versuchten vorsätzlichen Tötung erfüllt sei. Dieser Auffassung ist nicht zu folgen, was sich wie folgt be- gründet: a) Praxisgemäss unterscheidet sich der Gefährdungsvor satz von Art. 129 StGB vom Even- tualvorsatz auf Tötung nach Art. 111 StGB durch das Vertrauen des Täters, der Tod des Opfers werde nicht eintreten. Ein Anlass für ein solches V ertrauen kann aber nur vorliegen, wenn der Täter gestützt auf die konkreten Umstände davon aus gehen darf, die drohende Gefahr könne durch sein eigenes Verhalten oder durch eine Reakti on der gefährdeten Person abgewendet werden. In concreto ist es für das Kantonsgericht j edoch ohne Zweifel, dass angesichts der sachverhaltsmässig erstellten Umstände die Vermeidu ng der Todesfolge ganz überwiegend dem Zufall überlassen geblieben ist und der Beschuldigte keinerlei Anlass gehabt hat, darauf zu vertrauen, dass der Tod des Privatklägers nicht ein treten werde, zumal er selbst aus eigenem Antrieb nichts gegen die Gefahr unternommen hat. So gilt es als zweifellos nachgewiesen, dass der Beschuldigte während seiner Flucht durchschnitt lich 70,2 km/h gefahren ist (vgl. oben E. 4.1.3.a). Da es sich hierbei um eine Durchschnit tsgeschwindigkeit gehandelt hat, welche auch die Beschleunigungsentwicklung zu Beginn und d ie Verzögerung beim Grenzübertritt am Ende der gemessenen Strecke beinhaltet, muss der Be schuldigte während der Fahrt eine er- heblich höhere Maximalgeschwindigkeit als die dem e rstinstanzlichen Urteil zugrunde gelegten 60 km/h gefahren haben. Gestützt auf die Berechnung en der Staatsanwaltschaft sowie die vor- gängig wiedergegebenen Aussagen der diversen Zeugen muss im Ergebnis realistischerweise von einer gefahrenen Höchstgeschwindigkeit von mind estens 80 km/h ausgegangen werden. Das Ergänzungsgutachten des IRM vom 15. September 2 015 hält in diesem Zusammenhang zu den möglichen Verletzungsfolgen fest (act. 711), grundsätzlich hätte der Privatkläger beim Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht Loslassen des Fahrzeuges über die freie Fahrbahn ge schleudert oder gegen ein Hindernis wie eine Mauer oder einen Bordstein prallen können. Bei einem Sturz auf die freie Fahrbahn ohne Anprall gegen ein Hindernis sei in der Regel mit ni cht unmittelbar tödlichen Verletzungen zu rechnen. Bei grossen Verzögerungen durch einen Anpr all könnten zwanglos sehr schwere Ver- letzungen wie z.B. eine Halswirbelsäulenverletzung, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und Zerreissungen der grossen Organe oder Blutgefässe a uftreten, welche ein rasches Versterben zur Folge haben könnten. Bei einer Aufprallgeschwin digkeit von 60 km/h würden in der Regel schwerste, d.h. nicht mehr behandelbare, Verletzung en auftreten. Die Wahrscheinlichkeit, töd- lich verletzt zu werden, sei bei einem Anprall gege n ein Hindernis mit 70 km/h sehr hoch. Un- abhängigkeit von der Geschwindigkeit könnten Knoche nbrüche, Schürfungen und Wunden auf- treten. Zudem hätte der Privatkläger auch von einem der nachfolgenden Fahrzeuge überrollt oder überfahren werden können. Komme es zu einem Üb erfahren oder Überrollen einer am Boden liegenden Person, sei ebenfalls mit schweren Verletzungen wie z.B. grossflächigen Hautablederungen, Organverletzungen und Blutungen z u rechnen, welche zum Tod führen könnten. Zusammenfassend sei bei einer Fahrgeschwin digkeit von 60 km/h bis 100 km/h von einer potentiellen Lebensgefahr auszugehen. Aus die sen Feststellungen der medizinischen Experten erhellt, dass bei einer Durchschnittsgesch windigkeit von rund 70 km/h und einer Ma- ximalgeschwindigkeit von mindestens 80 km/h beim Loslassen bzw. einem Sturz vom Fahrzeug bei einem allfälligen Aufprall auf ein Hindernis mi t sehr hoher Wahrscheinlichkeit mit tödlichen Verletzungen zu rechnen gewesen wäre. Erschwerend kommt hinzu, dass der Privatkläger sich während einer Fahrt von rund 26 Sekunden und einer Strecke von über 500 Metern am Fahr- zeug des Beschuldigten hat festhalten müssen, bevor dieser einzig zufolge der Schikanen beim Grenzübergang seine Fahrt gezwungenermassen verlangsamt hat, was es dann dem Privatklä- ger ermöglicht hat, sich mit der Folge von oberflächlichen Verletzungen vom Fahrzeug zu lösen. Diesbezüglich ist in grundsätzlicher Weise zu konst atieren, dass es als überwiegend wahr- scheinlich gilt, dass sich eine durchschnittliche P erson bei der gefahrenen Geschwindigkeit von vornherein nicht so lange am Fahrzeug des Beschuldi gten hätte festhalten können. Ebenfalls relevant ist hierbei, dass es sich beim Fluchtfahrz eug um einen rechtsgesteuerten englischen Wagen gehandelt und der Privatkläger unbestrittener massen auf der Fahrerseite festgehangen hat, womit sich dieser während der gesamten Fahrt i n unmittelbarer Nähe zum Trottoirrand so- wie zu allfällig am Strassenrand parkierten Fahrzeu gen befunden hat (vgl. exemplarisch Foto act. 403). Die naheliegende Gefahr des Aufpralls au f den Randstein oder ein anderes immobi- les Hindernis beim Loslassen bzw. beim Sturz vom Fa hrzeug ist damit als evident zu qualifizie- ren; dies ganz abgesehen von der offensichtlichen G efahr, entweder vom Beschuldigten oder von nachfolgenden Fahrzeugen überrollt zu werden. S chliesslich ist auch ohne Aufprall gegen ein Hindernis bei einem simplen Sturz auf die Fahrb ahn bei einer Maximalgeschwindigkeit von mindestens 80 km/h das Risiko von tödlichen Verletzungen hoch. Nicht zu folgen ist diesbezüg- lich hingegen der Vorinstanz in deren Annahme, wonach erstellt sei, dass der Beschuldigte ver- sucht habe, die Türe zu öffnen bzw. diese sogar geöffnet habe, um den Privatkläger abzuschüt- teln, nachdem dieser Vorwurf durch keine weiteren B eweise oder Indizien belegt wird und vom Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht Privatkläger selbst anlässlich der Verhandlung vor dem Kantonsgericht relativiert worden ist (Protokoll KG S. 5). b) Wie vorgängig dargelegt (vgl. oben E. 4.2.1) exist ieren in der Lehre und Praxis verschie- dene Ansätze zur Bestimmung des Eventualvorsatzes. Während für das Bundesgericht die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung massgeblich ist, steht für Teile der Doktrin die soge- nannte Wahrscheinlichkeitstheorie im Vordergrund. U ngeachtet der Frage, welche Annäherung zu bevorzugen ist – ob man mit dem Bundesgericht ei nig geht, wonach desto eher auf die In- kaufnahme der Tatbestandsverwirklichung geschlossen werden darf, je schwerer die Sorgfalts- pflichtverletzung wiegt, oder ob man anderen Autore n folgt, nach welchen auf ein Einverständ- nis des Täters mit der Tatbestandsverwirklichung zu schliessen ist, wenn sich diesem der Erfolg seines Verhaltens als so wahrscheinlich aufdrängt, dass ebendieses Verhalten vernünftiger- weise nur als Inkaufnahme des Erfolges ausgelegt we rden kann – hat in casu der Beschuldigte unter den geschilderten Umständen mit der gefahrene n Geschwindigkeit von durchschnittlich rund 70 km/h und maximal mindestens 80 km/h, der zu rückgelegten Strecke von über 500 Me- tern, der Fahrdauer von 26 Sekunden und der Nähe des am Fahrzeug hängenden Privatklägers zum Randstein sowie anderen Hindernissen zweifellos damit rechnen müssen, dass das Opfer bei einem Loslassen bzw. Sturz vom Fahrzeug hätte s terben können. Für das Kantonsgericht bestehen somit keine Zweifel, dass der Beschuldigte bei seiner Flucht vor der Polizei die To- desfolge des an seinem Fahrzeug hängenden Privatklä gers in Kauf genommen hat, womit so- wohl nach allen herrschenden Theorien als auch nach dem von S CHUBARTH propagierten Wert- urteil der Eventualvorsatz hinsichtlich des Anklage punktes der vorsätzlichen Tötung ohne Wei- teres zu bejahen ist. Nachdem sodann die übrigen Ta tbestandselemente ebenso wenig zu Dis- kussionen Anlass geben wie der Fakt, dass der Tater folg offensichtlich ausgeblieben ist, ist der Beschuldigte in Abweisung seiner Berufung und demna ch in Bestätigung des angefochtenen Urteils der versuchten vorsätzlichen Tötung nach Ar t. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen. 5. Tatbestand der (mehrfachen) groben Verletzung de r Verkehrsregeln 5.1 Sachverhaltsmässig wird dem Beschuldigten unter di esem Tatbestand zweierlei zur Last gelegt: Erstens habe er die allgemeine Höchstgeschw indigkeit innerorts von 50 km/h um 25 km/h bis 49 km/h wissentlich und willentlich übe rschritten. Ferner habe er, als er die Kon- trollstelle durchbrochen habe und via Gegenfahrbahn am Polizeiauto vorbeigefahren sei, ein entgegenkommendes Fahrzeug (eventual-)vorsätzlich d erart gefährdet, dass dessen Fahrer sich veranlasst gesehen habe, sicherheitshalber auf das Trottoir auszuweichen. Gestützt auf die vorgängigen sachverhaltsmässigen Ausführungen bezüglich des Tatbestandes der versuch- ten vorsätzlichen Tötung (vgl. oben E. 4.1.2.d) ist für das Kantonsgericht erstellt, dass der Be- schuldigte auf seiner Flucht vor der Polizei mit ei ner Geschwindigkeit von durchschnittlich 70,2 km/h und maximal mindestens 80 km/h gefahren i st. Gleichermassen erstellt ist, dass er Seite 19 http://www.bl.ch/kantonsgericht beim Umfahren des ihn blockierenden Polizeifahrzeug es die Gegenfahrbahn beansprucht hat. Fraglich und prüfen ist hingegen, wie diese beiden Verhaltensmuster rechtlich einzuordnen sind. 5.2.1 Nach Art. 90 Abs. 1 SVG wird mit Busse bestraft, w er Verkehrsregeln dieses Gesetzes oder der Vollziehungsvorschriften des Bundesrates v erletzt. Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jah- ren oder Geldstrafe wird bestraft, wer durch grobe Verletzung der Verkehrsregeln eine ernstli- che Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft od er in Kauf nimmt (Art. 90 Abs. 2 SVG). Ge- stützt auf Art. 32 Abs. 2 SVG beschränkt der Bundes rat die Geschwindigkeit der Motorfahrzeu- ge auf allen Strassen. In Anwendung von Art. 4a Abs . 1 lit. a VRV beträgt die allgemeine Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge unter günstigen Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhält- nissen in Ortschaften 50 km/h. Art. 90 Abs. 1 SVG s etzt die Verletzung einer beliebigen Ver- kehrsregel des SVG oder der Vollziehungsvorschrifte n des Bundesrates voraus. Abs. 1 von Art. 90 SVG ist ein abstraktes Gefährdungsdelikt un d subsidiär zu den qualifizierten Tatbestän- den von Abs. 2 bis Abs. 4 von Art. 90 SVG. Nach Art . 100 Ziff. 1 SVG sind nicht nur vorsätzli- che, sondern auch fahrlässige Handlungen strafbar. Eine grobe Verkehrsregelverletzung nach Abs. 2 von Art. 90 SVG ist nach Auffassung des Bund esgerichts gegeben, wenn der Täter eine wichtige Verkehrsvorschrift in gravierender Weise m issachtet (objektive Seite) und ein rück- sichtsloses oder sonst schwerwiegend regelwidriges Verhalten an den Tag legt (subjektive Sei- te). Die Praxis versteht die ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer als erhöhte abstrakte Gefahr. Erhöhte abstrakte Gefährdungen zeichnen sic h gegenüber einfachen abstrakten Ge- fährdungen dadurch aus, dass die Handlungsweise des Täters typischerweise besonders ge- eignet ist, Verletzungen der geschützten Rechtsgüte r herbeizuführen. Im Bereich der Ge- schwindigkeitsüberschreitungen hat das Bundesgerich t eine sehr schematische Rechtspre- chung entwickelt, worin es die Anwendung von Art. 9 0 Abs. 2 SVG an bestimmte Schwellen- werte knüpft. Werden diese Schwellenwerte überschri tten, wird in der Regel ungeachtet der konkreten Umstände des Falles eine grobe Verkehrsre gelverletzung angenommen. Demnach begeht unter anderem eine grobe Verkehrsregelverlet zung, wer die zulässige Höchstgeschwin- digkeit innerorts um mehr als 25 km/h überschreitet. Dieser starre Schematismus wird nur punk- tuell über den subjektiven Tatbestand durchbrochen (BGer 6B_1028/2008 vom 16. April 2009 E. 2; G ERHARD FIOLKA , in: Basler Kommentar, Strassenverkehrsgesetz, Basel 2014, N 29 ff. zu Art. 90 SVG, mit zahlreichen Hinweisen). Subjektiv muss der Täter sowohl die grobe Verkehrs- regelverletzung als auch die Schaffung der Gefahr z umindest in Kauf nehmen, wobei Inkauf- nahme nicht Eventualvorsatz meint, sondern blosse g robe Fahrlässigkeit. Dies ist dann gege- ben, wenn der Täter um die allgemeine Gefährlichkei t seines Verhaltens weiss bzw. die Ge- fährdung anderer Personen pflichtwidrig gar nicht i n Betracht zieht (F IOLKA , a.a.O., N 93 zu Art. 90 SVG, mit Hinweisen). 5.2.2 Die Vorinstanz hat den Beschuldigten vom Vorwurf d er mehrfachen groben Verletzung der Verkehrsregeln freigesprochen mit der massgebli chen Begründung, es sei nicht erstellt, dass der Beschuldigte innerorts die allgemeine Höch stgeschwindigkeit von 50 km/h um über Seite 20 http://www.bl.ch/kantonsgericht 25 km/h überschritten habe, sondern einzig, dass er mindestens 60 km/h gefahren sei, und es sei des Weiteren auch nicht erstellt, dass er das e ntgegenkommende und von I.____ gelenkte Fahrzeug bzw. dessen Insassen derart gefährdet habe , dass dieser sich veranlasst gesehen habe, auf das Trottoir auszuweichen. a) Diesen Darlegungen vermag das Kantonsgericht im Hi nblick auf die inkriminierte Ge- schwindigkeitsüberschreitung nicht zu folgen. Gestützt auf den erstellten Sachverhalt (vgl. oben E. 4.1.2.d) ist von einer Durchschnittsgeschwindigk eit von 70,2 km/h und einer massgeblichen, tatsächlichen gefahrenen Maximalgeschwindigkeit von mindestens 80 km/h auszugehen und damit von einer konkreten Geschwindigkeitsüberschreitung von mindestens 30 km/h im Tempo- 50-Bereich. Dies stellt gemäss der vorgängig zitier ten Praxis des Bundesgerichts zufolge der massiven Überschreitung des von der Praxis definier ten Schwellenwertes sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht zweifellos eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln dar. b) Bezüglich des Vorwurfs der groben Verletzung der V erkehrsregeln zufolge des Befahrens der Gegenfahrbahn teilt das Kantonsgericht hingegen die Auffassung der Vorinstanz, wonach keine (konkrete oder zumindest erhöhte abstrakte) G efährdung des entgegenkommenden Fahrzeugs bzw. dessen Insassen stattgefunden hat. A bzustellen ist hierbei mangels anderwei- tiger Beweise oder Indizien auf die Wahrnehmungen d er beiden betroffenen Verkehrsteilneh- mer, welche offenbar durch das Verhalten des Beschu ldigten keine Gefährdung ihrer eigenen Person erkannt haben. So hat der Zeuge H.____ anläs slich seiner Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft vom 17. Juni 2015 (act. 743 ff.) Folgendes ausgesagt: (Auf die Frage "Wel- che Distanz hatte Ihr Fahrzeug zu dem Fluchtfahrzeu g, welches ausscherte und auf Ihrer Fahr- bahnseite entgegen kam?") "Oje, ich schätze so ca. 100 Meter. Das ist aber eine reine Schät- zung. Ich kann es nicht wirklich sagen" (act. 747). (Auf die Frage "Wenn Sie jetzt nicht Achtung geschrien hätten und der Chef nicht auf das Trottoi r ausgewichen wäre, wäre es dann zu einer Frontalkollision gekommen? Mit anderen Worten, fand eine konkrete Gefährdung statt?") "Nein, das Fluchtfahrzeug wich nur wegen dem quergestellte n Zivilfahrzeug auf die Gegenspur aus und bog dann wieder auf die richtige Spur ein. Wir waren zu weit weg für eine Frontalkollision" (act. 747). Gleichermassen hat auch der Zeuge I.___ _ anlässlich seiner Befragung durch die Staatsanwaltschaft vom 18. Juni 2015 (act. 755 ff.) eine konkrete Gefährdung verneint und da- bei Folgendes zu Protokoll gegeben: (Auf die Frage "Offenbar mussten Sie wegen des entge- genkommenden Tatfahrzeuges noch auf das Trottoir au sweichen. Was können Sie mir dazu sagen?") "Er war im Moment, als ich aufs Trottoir a uswich, sicher noch ca. 30 - 40 Meter von mir entfernt. Aber die Tatsache, dass da ein Mann – von mir aus gesehen links – am Fahrzeug hing, hat mich dazu bewogen, auszuweichen. Als er m ich kreuzte, war er praktisch wieder auf seiner Spur" (act. 758 f.). (Auf die Frage "Wurden Sie durch das entgegenkommende Tatfahr- zeug konkret gefährdet?") "Es war mir schon nicht w ohl, darum bin ich aufs Trottoir ausgewi- chen, und ich hatte noch etwas Angst, dass allenfal ls auf das Fahrzeug geschossen würde und ich mich somit im Schusskegel befinden könnte. Oder er hätte versuchen können, ihn abzu- schütteln. Ich bin auch darum ausgewichen. Nein, ko nkret gefährdet worden bin ich nicht, nein, Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht das wäre jetzt übertrieben" (act. 759). Gestützt au f diese Aussagen ist der Beschuldigte in Be- stätigung des angefochtenen Urteils vom Vorwurf der groben Verletzung der Verkehrsregeln durch Befahren der Gegenfahrbahn freizusprechen. Nach Ausgeführtem ist der Beschuldigte in teilweise r Gutheissung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft und demzufolge in teilweiser Abä nderung des angefochtenen Urteils im Hinblick auf den Vorwurf der Geschwindigkeitsübersc hreitung der (einmaligen) groben Verlet- zung der Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 32 Abs. 2 SVG und Art. 4a Abs. 1 lit. a VRV schuldig zu erklären, im Übrigen ist jedoch die diesbezügliche An- schlussberufung der Staatsanwaltschaft abzuweisen. 6. Strafzumessung 6.1.1 Nach Art. 47 StGB misst das Gericht die Strafe nac h dem Verschulden des Täters zu. Es berücksichtigt das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters (Abs. 1). Das Verschulden wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Ver werflichkeit des Handelns, den Beweg- gründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt , wie weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage gewesen ist, die Gefährdung oder Verletzung zu vermei- den (Abs. 2). Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für meh- rere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ih n das Gericht zu der Strafe der schwersten Straf- tat und erhöht sie angemessen (Art. 49 Abs. 1 StGB). 6.1.2 Praxisgemäss hat das Gericht ausgehend von der obj ektiven Tatschwere das Verschul- den zu bewerten. Es hat gestützt auf Art. 50 StGB – wonach das Gericht die für die Zumessung der Strafe erheblichen Umstände und deren Gewichtun g festzuhalten hat – im Urteil darzutun, welche verschuldensmindernde und welche verschulden serhöhende Gründe im konkreten Fall gegeben sind, um so zu einer Gesamteinschätzung des Tatverschuldens zu gelangen (BGE 136 IV 55 E. 5.5). Es liegt im Ermessen des Sachger ichts, in welchem Umfang es die verschie- denen Strafzumessungsfaktoren berücksichtigt. Es mu ss nicht auf Umstände ausdrücklich ein- gehen, die es – ohne dass dies ermessensverletzend wäre – bei der Strafzumessung als nicht massgebend oder nur von geringem Gewicht erachtet (BGer 6P.66/2006 vom 16. Februar 2007 E. 4). Auch ist das Gericht nicht gehalten, in Zahl en oder Prozenten anzugeben, wie es die ein- zelnen Strafzumessungskriterien berücksichtigt (BGE 136 IV 55 E. 5.6). Allerdings hat das Ge- richt das Gesamtverschulden zu qualifizieren und di e Gesamteinschätzung des Tatverschul- dens im Urteil ausdrücklich zu benennen, wobei von einer Skala denkbarer Abstufungen nach Schweregrad auszugehen ist (leicht, mittelschwer, s chwer, sehr schwer). In einem zweiten Schritt ist die (hypothetische) Strafe, die diesem Verschulden entspricht, innerhalb des zur Ver- fügung stehenden Strafrahmens zu bestimmen. Die so ermittelte Strafe kann dann gegebenen- falls in einem dritten Schritt aufgrund wesentliche r Täterkomponenten verändert werden (BGE Seite 22 http://www.bl.ch/kantonsgericht 136 IV 55 E. 5.7). Die tat- und täterangemessene St rafe ist grundsätzlich innerhalb des or- dentlichen Strafrahmens der schwersten anzuwendende n Strafbestimmung festzusetzen. Die- ser Rahmen ist vom Gesetzgeber in aller Regel sehr weit gefasst worden, um sämtlichen kon- kreten Umständen Rechnung zu tragen. Entgegen einer auch in der Praxis verbreiteten Auffas- sung wird der ordentliche Strafrahmen durch Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründe nicht automatisch erweitert, worauf dann innerhalb dieses neuen Rahmens die Strafe nach den übli- chen Zumessungskriterien festzusetzen wäre. Der ord entliche Rahmen ist nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die für die betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart oder zu milde erscheint ( BGE 136 IV 55 E. 5.8). Für die Bildung einer Gesamtstrafe hat das Gericht in einem ersten Schritt den Strafrahmen für die schwerste Straftat zu bestimmen und sodann die Einsatzstrafe für diese Tat, unter Einbezug aller straferhöhenden und strafmindernden Umstände, innerhalb dieses Stra frahmens festzusetzen. Bei der Bestim- mung des Strafrahmens für die schwerste Straftat is t von der abstrakten Strafandrohung aus- zugehen. In einem zweiten Schritt hat das Gericht diese Einsatzstrafe unter Einbezug der ande- ren Straftaten zu einer Gesamtstrafe zu erhöhen, wo bei es wiederum den jeweiligen Umstän- den Rechnung zu tragen hat. Die Bildung einer Gesam tstrafe ist nur bei gleichartigen Strafen möglich. Ungleichartige Strafen sind kumulativ zu v erhängen, da das Asperationsprinzip nur greift, wenn mehrere gleichartige Strafen ausgesprochen werden. Geld- und Freiheitsstrafe sind keine gleichartigen Strafen im Sinne von Art. 49 Ab s. 1 StGB. Das Gericht kann somit auf eine Gesamtfreiheitsstrafe nur erkennen, wenn es im konk reten Fall für jeden einzelnen Norm- verstoss eine Freiheitsstrafe ausfällen würde (BGE 138 IV 120 E. 5.2). Im Übrigen drängt das Bundesgericht in seiner Rechtsprechung vermehrt darauf, dass die Formulierung des Verschul- dens und die Festsetzung des Strafmasses auch begri fflich im Einklang stehen (BGer 6B_1096/2010 vom 7. Juli 2011 E. 4.2; vgl. auch BGe r 6B_859/2013 vom 2. Oktober 2014 E. 4.2 f.). 6.2.1 Hinsichtlich der konkreten Strafzumessung beantrag t der Beschuldigte eine Freiheitsstra- fe von 30 Monaten wegen Gefährdung des Lebens. Nachdem dieser allerdings wegen versuch- ter vorsätzlicher Tötung schuldig erklärt wird, ist von vornherein klar, dass seinem Begehren nicht gefolgt werden kann. Demgegenüber fordert die Staatsanwaltschaft unter Einbezug der zusätzlich begehrten Verurteilungen eine Erhöhung der erstinstanzlich ausgesprochenen Strafe auf eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Di e Tatsache, dass der Beschuldigte in teilwei- ser Gutheissung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft und dementsprechender Abän- derung des erstinstanzlichen Urteils zusätzlich der groben Verletzung der Verkehrsregeln schuldig zu sprechen ist, erhellt, dass von Seiten des Kantonsgerichts eine neue Strafzumes- sung vorzunehmen ist. Gemäss Art. 408 StPO fällt di e Berufungsinstanz ein neues Urteil, wel- ches das erstinstanzliche ersetzt. Dabei hat sie di e Strafe nach ihrem eigenen Ermessen fest- zusetzen und muss sich nicht daran orientieren, wie die erste Instanz die einzelnen Strafzu- messungsfaktoren gewichtet hat (vgl. BGer 6B_298/20 13 vom 16. Januar 2014 E. 6.2). Im vor- liegenden Fall ist der Beschuldigte gestützt auf da s Urteil des Strafgerichts vom 5. Januar 2017 und den vorliegenden Entscheid der versuchten vorsä tzlichen Tötung (Art. 111 StGB in Verbin- Seite 23 http://www.bl.ch/kantonsgericht dung mit Art. 22 StGB) sowie der groben Verletzung der Verkehrsregeln (Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 32 Abs. 2 SVG und Art. 4a Abs. 1 lit. a VRV) schuldig zu sprechen. Nach Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 40 Abs. 2 StGB liegt dabei der ordentliche Strafrahmen bei einer Freiheitsstrafe zwischen fünf und 20 Jahren. Die Deliktsmehrheit gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB führt zwar nicht zu einer Erhöhung des Strafra hmens, ist aber innerhalb des ordentlichen Rahmens strafschärfend zu gewichten. In Anwendung v on Art. 22 Abs. 1 StGB kann sodann der Versuch milder bestraft werden. 6.2.2 Den Vorgaben des Bundesgerichts folgend hat das Ka ntonsgericht für die Bildung einer Gesamtstrafe nunmehr in einem ersten Schritt den St rafrahmen – ausgehend von der abstrak- ten Strafandrohung – für die schwerste Straftat zu bestimmen und sodann die Einsatzstrafe für diese Tat, unter Einbezug aller straferhöhenden und strafmindernden Umstände, innerhalb die- ses Strafrahmens festzusetzen. In casu weist der Ta tbestand der versuchten vorsätzlichen Tö- tung offensichtlich die höchste Strafdrohung aus, w eshalb dieses Delikt die schwerste Straftat darstellt. Bei der Festlegung der Einsatzstrafe für die versuc hte vorsätzliche Tötung ist auf der Seite der objektiven Tatkomponenten verschuldenserhöhend zu w ürdigen, dass der Beschuldigte aus nichtigem Anlass – nämlich beim Versuch, sich einer Polizeikontrolle zu entziehen, von welcher er jedoch überhaupt nichts zu befürchten gehabt hät te, da er offenbar gar kein Deliktsgut mit sich geführt hat – das Leben eines Menschen extrem gefährdet und dessen Tod in Kauf ge- nommen hat, indem er den an seinem Fahrzeug hängend en Privatkläger über einen Zeitraum von rund 26 Sekunden und eine Fahrstrecke von über 500 Metern innerorts in Anwesenheit von anderen Verkehrsteilnehmern bei einer gefahrenen Ma ximalgeschwindigkeit von mindestens 80 km/h mitgeschleppt hat. Obgleich der Beschuldigt e mehrfach die Möglichkeit gehabt hätte, seine Fahrt zu unterbrechen, ist es dem Privatkläge r erst aufgrund der Schikanen beim Zoll- übergang und der dadurch erzwungenen Verlangsamung der gefahrenen Geschwindigkeit ge- lungen, sich aus seiner überaus misslichen Lage mit lediglich oberflächlichen Blessuren zu be- freien. Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz erachtet es das Kantonsgericht jedoch nicht als erstellt, dass der Beschuldigte die Fahrertüre geöffnet und dadurch versucht hat, den Privat- kläger vom Fahrzeug abzuschütteln. Obwohl es sich b ei Art. 22 Abs. 1 StGB bloss um eine so- genannte "Kann-Bestimmung" handelt, ist auf der anderen Seite praxisgemäss zu Gunsten des Beschuldigten zu werten, dass kein Taterfolg einget reten und es insofern lediglich beim Ver- such geblieben ist, wenngleich in casu der Beschuld igte hierfür nicht viel beigetragen hat und dieser Umstand vielmehr der guten Physis des Privat klägers, äusseren Begebenheiten – wie der Tatsache, wonach die Fahrt nach rund 500 Metern aufgrund der Schikanen beim Zollüber- gang stark hat abgebremst werden müssen – sowie nic ht zuletzt dem Zufall zu verdanken ist. Bei der Bewertung der subjektiven Tatschwere ist de m Beschuldigten zugute zu halten, dass ihm hinsichtlich des inkriminierten Tatbestandes ke ine direktvorsätzliche Willensrichtung ange- lastet werden kann. So hat sein Ziel nicht in der T ötung des Privatklägers, sondern darin be- standen, vor der Polizei zu flüchten, wobei er den Tod des ihn kontrollierenden Polizeibeamten Seite 24 http://www.bl.ch/kantonsgericht zweifellos in Kauf genommen hat. In Würdigung aller im vorliegenden sowie im erstinstanzli- chen Urteil geschilderten tatbezogenen Umstände erachtet das Kantonsgericht im Ergebnis wie bereits die Vorinstanz das Tatverschulden in Bezug auf den Tatbestand der versuchten vorsätz- lichen Tötung als nicht mehr leicht. Dies hätte in Anbetracht des abstrakten Strafrahmens zur Folge, dass dem vorgängig definierten Verschulden e ntsprechend eine Freiheitsstrafe im Be- reich von sechs Jahren zu verhängen wäre. Unter Berücksichtigung der Tatsache, wonach es in concreto lediglich beim Versuch geblieben ist, sowi e des Umstandes, dass dem Beschuldigten nur eine eventualvorsätzliche Tatbegehung anzulaste n ist, ist diese an und für sich angemes- sene Strafe um insgesamt zwei Jahre zu reduzieren, woraus im Sinne eines Zwischenergebnis- ses eine Einsatzstrafe von vier Jahren Freiheitsstrafe resultiert. 6.2.3 In einem zweiten Schritt hat das Kantonsgericht di ese Einsatzstrafe von vier Jahren unter Einbezug der weiteren Straftat zu einer Gesamtstraf e zu erhöhen, wobei es wiederum den je- weiligen Umständen Rechnung zu tragen hat. An diese r Stelle ist darauf hinzuweisen, dass für den Tatbestand der groben Verletzung der Verkehrsre geln die Verhängung einer Geldstrafe aufgrund der abstrakten Strafandrohung zwar möglich wäre, angesichts der an den Tag geleg- ten massiven kriminellen Energie des Beschuldigten und des engen zeitlichen und inhaltlichen Zusammenhangs der einzelnen Taten untereinander sow ie insbesondere unter Berücksichti- gung des Umstandes, wonach bei der Wahl der Sanktio n in casu auf die Zweckmässigkeit, die Auswirkungen auf den Beschuldigten sowie die präven tive Effizienz zu achten ist, für das Kan- tonsgericht jedoch nur die Ausfällung einer Freihei tsstrafe in Frage kommt, womit im Ergebnis das Asperationsprinzip zur Bildung einer Gesamtstra fe ohne Weiteres anwendbar ist. Im Hin- blick auf den Anklagepunkt der groben Verletzung de r Verkehrsregeln ist zu Lasten des Be- schuldigten zu gewichten, dass dieser innerorts in einem Tempo-50-Bereich mit mindestens 80 km/h gefahren ist und damit die zulässige Geschw indigkeitslimite um mindestens 30 km/h überschritten hat, was eine massiv erhöhte abstrakt e Gefährdung der übrigen Verkehrsteilneh- mer dargestellt hat. Ebenfalls negativ zu werten is t, dass er diese Verfehlung aus einem nicht nachvollziehbaren Grund begangen hat, nämlich um si ch einer Polizeikontrolle zu entziehen. Ausser Frage steht zudem, dass er dabei direktvorsätzlich gehandelt hat. Nicht zu verkennen ist jedoch, dass der vorliegende Tatbestand so eng mit demjenigen der versuchten vorsätzlichen Tötung verknüpft ist, dass sich unter dem Titel der Asperation lediglich eine leichte Straferhö- hung rechtfertigt. 6.2.4 In einem dritten Schritt ist sodann eine Anpassung aufgrund der besonderen Täterkom- ponenten, welche in casu für alle Straftaten gleichermassen gelten, vorzunehmen. In Bezug auf die persönlichen Verhältnisse, welche keine Auswirk ungen auf die Strafzumessung haben, kann dabei grundsätzlich auf die entsprechenden Erw ägungen der Vorinstanz (E. II. 3.2.1.1 S. 29 f.) verwiesen werden. Hinsichtlich des Vorlebens ist festzustellen, dass der Beschuldigte zwar nicht einschlägig, aber doch mehrfach vorbestraft ist. So ist er mit Urteil des Strafgerichts- präsidiums Basel-Stadt vom 6. Februar 2009 wegen Wa renfälschung zu einer bedingt vollzieh- baren Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu jeweils CHF 10.--, bei einer Probezeit von zwei Jahren Seite 25 http://www.bl.ch/kantonsgericht sowie unter Anrechnung der Untersuchungshaft von ei nem Tag, verurteilt worden (act. 8/1, 15 ff.). Des Weiteren ist der Beschuldigte mit Urte il des Tribunal de Grande Instance de Mul- house vom 8. Januar 2016 (act. 33 ff., 37 ff.) wegen Diebstahls zum Nachteil einer verletzlichen Person, begangen am 14. Mai 2015, 17. Mai 2015, 19. Mai 2015 und 14. Juni 2015, zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten verurt eilt worden. Die vom Beschuldigten in die- sem Zusammenhang vor dem Kantonsgericht vorgebrachte Behauptung, wonach er unschuldig sei und die Strafe nur deshalb akzeptiert habe, um möglichst rasch an die Schweiz ausgeliefert zu werden, ist so realitätsfern, dass sich weiterfü hrende Erwägungen hierzu erübrigen. Ebenso ist der Beschuldigte auch in Deutschland wegen vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis (Ur- teil des Amtsgerichts Duisburg vom 3. September 201 2, Geldstrafe 35 Tagessätze zu jeweils EUR 10.--; Urteil des Amtsgerichts Blomberg vom 17. Juli 2014, Geldstrafe 75 Tagessätze zu jeweils EUR 15.--; Urteil des Amtsgerichts Möncheng ladbach vom 26. September 2014, Geld- strafe 45 Tagessätze zu jeweils EUR 10.--) sowie we gen Diebstahls (Urteil des Amtsgerichts Aachen vom 7. August 2014, Geldstrafe 40 Tagessätze zu jeweils EUR 10.--) mehrfach vorbe- straft (act. 49 ff.). Insbesondere die rechtskräfti ge Verurteilung in Frankreich betreffend die an verletzlichen Personen begangenen Diebstähle offenbart eine sehr verwerfliche Gesinnung des Beschuldigten, womit sich dieser Faktor eindeutig z u dessen Lasten auswirkt. Im Hinblick auf das Verhalten im Strafverfahren ist dem Beschuldigten ferner keine Reue oder Geständigkeit zu Gute zu halten. Zwar hat der Beschuldigte anerkannt , den Privatkläger in Gefahr gebracht zu haben, andererseits hätte es auch nicht viel Sinn g emacht, diesen Umstand angesichts der zahlreichen Zeugen abzustreiten. Relevant ist in diesem Zusammenhang, dass der Beschuldig- te mit seinen Aussagen das Strafverfahren nicht erl eichtert hat, vielmehr sind seine Geständ- nisse offensichtlich rein prozesstaktischer Natur, hat er doch den Strafbehörden situativ immer wieder neue und teilweise abenteuerliche Geschichten aufgetischt. Zuzustimmen ist schliesslich der Vorinstanz, wonach in casu keine besondere Stra fempfindlichkeit auszumachen ist, wie sie vom Beschuldigten geltend gemacht wird. Vielmehr is t die Verbüssung einer Freiheitsstrafe für jeden arbeitstätigen und in ein familiäres Umfeld e ingebetteten Beschuldigten mit einer gewis- sen Härte verbunden; allerdings ist dies nichts meh r als die unmittelbare gesetzmässige Folge der Sanktion (vgl. H ANS WIPRÄCHTIGER / STEFAN KELLER , in: Basler Kommentar, Strafrecht II, 3. Auflage, Basel 2013, N 150 zu Art. 47 StGB, mit Hinweisen). Vorliegend existieren keine aussergewöhnlichen Umstände, welche eine Reduktion der Freiheitsstrafe aufgrund der familiä- ren Situation des Beschuldigten, welche im Übrigen keinesfalls zweifelsfrei eruiert worden ist, rechtfertigen würden. Insgesamt sind somit die Faktoren Vorleben, persönl iche Verhältnisse, Nachtatverhalten und Verhalten im Strafverfahren gestützt auf diese Darlegungen als klar negativ zu werten, weshalb sich aufgrund der besonderen Täterkomponenten eine weitere Erhöhung der tatbezogenen Einsatzstrafe aufdrängt. Im Ergebnis ist somit eine tat- und täterangemessene Strafe von vier- einhalb Jahren Freiheitsstrafe festzusetzen. Bei di esem Strafmass ist der bedingte Strafvollzug bereits aus formellen Gründen ausgeschlossen. Einer Anrechnung der ausgestandenen Unter- Seite 26 http://www.bl.ch/kantonsgericht suchungshaft bzw. des vorzeitigen Strafvollzugs ste ht nach Art. 51 StGB hingegen nichts im Wege. Demzufolge ist in Abweisung der Berufung des Beschuldigten und in teilweiser Gutheissung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft sowie in A bänderung des erstinstanzlichen Urteils B.____ der versuchten vorsätzlichen Tötung und der groben Verletzung der Verkehrsregeln schuldig zu erklären und – unter Anrechnung der vom 16. Juni 2015 bis zum 7. Januar 2016 und vom 13. Juli bis zum 8. August 2016 ausgestandenen Untersuchungshaft sowie des vorzei- tigen Strafvollzugs vom 8. August 2016 bis zum 10. Januar 2018 von insgesamt 753 Tagen – zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren zu verurteilen. 7. Kostenfolge Bei diesem Verfahrensausgang – indem einerseits die Berufung des Beschuldigten vollumfäng- lich abgewiesen und andererseits die Anschlussberuf ung der Staatsanwaltschaft in dem Sinne teilweise gutgeheissen wird, als in Abänderung des angefochtenen Urteils erstens ein zusätzli- cher Schuldspruch wegen grober Verletzung der Verke hrsregeln ergeht und zweitens die Frei- heitsstrafe von viereinviertel Jahren auf viereinha lb Jahre erhöht, darüber hinaus jedoch auch das Rechtsmittel der Staatsanwaltschaft abgewiesen wird – rechtfertigt es sich nach Art. 428 Abs. 1 StPO, die ordentlichen Kosten des Berufungsv erfahrens in der Höhe von CHF 25'200.-- (bestehend aus einer Gebühr von CHF 25'000.-- [zehn Stunden Verhandlung zu CHF 2'500.--/h] sowie Auslagen von CHF 200.--) im Umfang von 80 % ( = CHF 20'160.--) zu Lasten des Be- schuldigten und im Umfang von 20 % (= CHF 5'040.--) zu Lasten des Staates zu verteilen. Die Kosten der Dolmetscherin in der Höhe von CHF 653.10 gehen ebenfalls zu Lasten des Staates. Dem Rechtsvertreter des Beschuldigten, Advokat Dr. Simon E. Schweizer, wird sodann zufolge Bewilligung der amtlichen Verteidigung ein Honorar gemäss dessen Honorarnoten vom 8. Ja- nuar 2018 sowie unter Berücksichtigung des Aufwands für die Hauptverhandlung in der Höhe von insgesamt CHF 6'862.20 (30,803 Stunden Aufwand [inkl. 8 Stunden Aufwand für die HV] zu CHF 200.--/h plus Auslagen von CHF 201.60 und CHF 4 99.95 Mehrwertsteuer [CHF 267.65 für das Jahr 2017 zum Ansatz von 8 % und CHF 232.30 für das Jahr 2018 zum Ansatz von 7,7 %]) zu Lasten des Staates ausgerichtet. Der Beschuldigte wird zur Rückzahlung der Entschädigung der amtlichen Verteidigung im Umfang von 80 % (= CH F 5'489.75) an den Kanton Basel- Landschaft verpflichtet, sobald es seine wirtschaft lichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO). Gestützt auf den vorliegenden Verfahrensausgang hat das Kantonsgericht schliess- lich keine Veranlassung, eine Änderung am Kostenentscheid der Vorinstanz vorzunehmen. Seite 27 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichts Basel-Landscha ft vom 5. Januar 2017, auszugsweise lautend: "1. B.____ wird der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig ge- sprochen und verurteilt, zu einer Freiheitsstrafe von 4 ¼ Jahren, unter Anrechnung der vom 16. Juni 2015 bis 7. Janu ar 2016 und vom 13. Juli bis 8. August 2016 ausgestandenen Untersu- chungshaft sowie des vorzeitigen Strafvollzugs vom 8. August 2016 bis 5. Januar 2017 von insgesamt 383 Tagen, in Anwendung von Art. 111 StGB (i.V.m. Art. 22 StG B), Art. 40 StGB sowie Art. 51 StGB. 2. B.____ wird im Fall 1 von der Anklage des mehrfa chen versuch- ten Diebstahls und im Fall 2 von der Anklage der me hrfachen groben Verkehrsregelverletzung freigesprochen. 3. Auf die Anklage betreffend den Vorwurf der einfa chen Verkehrs- regelverletzung (Art. 90 Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 32 Abs. 2 SVG und Art. 4a Abs. 1 VRV) wird zufolge des vom Beschu ldigten im Rahmen der Auslieferung angebrachten Spezialitätsvo rbehaltes nicht eingetreten. 4. (…) 5. B.____ wird auf seiner Erklärung behaftet, A.___ _ einen Scha- denersatz in Höhe von Fr. 300.-- zzgl. Zins von 5 % seit dem 16. Juni 2015 und eine Genugtuung in Höhe von Fr. 1 '000.-- zu bezahlen. B.____ wird dazu verurteilt, A.____ zusätzlich ein e Genugtuung in Höhe von Fr. 4'000.-- zu bezahlen. 6. B.____ wird dazu verurteilt, A.____ gemäss Art. 433 Abs. 1 StPO eine Entschädigung in Höhe von Fr. 11'558.15 z u bezah- len. Seite 28 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7. B.____ trägt in Anwendung von Art. 426 Abs. 1 St PO die Ver- fahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vorverf ahrens von Fr. 8'776.--, den Kosten des Zwangsmassnahmenge richts von Fr. 500.-- und der Gerichtsgebühr von Fr. 8'000.--. 8. Das Honorar der amtlichen Verteidigung in Höhe v on insgesamt Fr. 9'825.95 (inkl. Auslagen) wird unter Vorbehalt der Rückzah- lungsverpflichtung von B.____ nach Art. 135 Abs. 4 StPO aus der Gerichtskasse entrichtet." wird in Abweisung der Berufung des Beschuldigten und in te ilweiser Gutheissung der Anschlussberufung der Staatsanwalts chaft in den Ziffern 1, 2 und 3 wie folgt geändert : 1. B.____ wird der versuchten vorsätzlichen Tötung sowie der groben Verletzung der Verkehrsregeln schuldig gesprochen und verurteilt zu einer Freiheitsstrafe von 4 ½ Jahren unter Anrechnung der vom 16. Juni 2015 bis zum 7. Januar 2016 und vom 13. Juli bis zum 8. August 2016 ausges tandenen Untersuchungshaft sowie des vorzeitigen Strafvollzu gs vom 8. August 2016 bis zum 10. Januar 2018 von insgesamt 753 Tagen in Anwendung von Art. 111 StGB (i.V.m. Art. 22 StG B), Art. 90 Abs. 2 SVG (i.V.m. Art. 32 Abs. 2 SVG und Art. 4a A bs. 1 lit. a VRV) , Art. 40 StGB sowie Art. 51 StGB. 2. B.____ wird im Fall 1 von der Anklage des mehrfa chen versuch- ten Diebstahls und im Fall 2 von der Anklage der gr oben Ver- kehrsregelverletzung freigesprochen. 3. Aufgehoben . Im Übrigen wird das angefochtene Urteil bestätigt . Seite 29 http://www.bl.ch/kantonsgericht II. Die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahren s in der Höhe von CHF 25'200.-- (beinhaltend eine Gebühr von CHF 25'0 00.-- sowie Auslagen von CHF 200.--) gehen zu 80 % (= CHF 20'16 0.--) zu Lasten des Beschuldigten und zu 20 % (= CHF 5'040.- -) zu Lasten des Staates. Die Kosten der Dolmetscherin in der Höhe von CHF 65 3.10 gehen zu Lasten des Staates. III. Zufolge Bewilligung der amtlichen Verteidigung wird dem Rechtsver- treter des Beschuldigten, Advokat Dr. Simon E. Schw eizer, ein Ho- norar in der Höhe von insgesamt CHF 6'862.20 (inkl. Auslagen und CHF 499.95 Mehrwertsteuer) zu Lasten des Staates ausgerichtet. Der Beschuldigte wird zur Rückzahlung der Entschädi gung der amtlichen Verteidigung im Umfang von 80 % (= CHF 5' 489.75) an den Kanton Basel-Landschaft verpflichtet, sobald es seine wirt- schaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO). Präsident Dieter Eglin Gerichtsschreiber Pascal Neumann