Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 6. Januar 2022 (725 21 189 / 05) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Die Versicherung hat ihre Leistungen für die noch b estehenden psychischen Probleme des Versicherten zu Recht eingestellt. Die psychisch en Beschwerden des Versicherten sind 13,5 Monate nach dem Vorfall nicht mehr adäqua t unfallkausal. Prüfung der Adä- quanz nach der allgemeinen Adäquanzformel bei sog. Schreckereignissen. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Kantonsrichter Beat Hersberger, Kantonsrichter Daniel Noll, Gerichtsschreiberin Katja Wagner Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch Andri Obrist, Rechtsan- walt , nigon Rechtsanwälte, Marktplatz 18, 4001 Basel gegen Suva , Rechtsabteilung, Postfach 4358, 6002 Luzern, Beschwerde- gegnerin Betreff Leistungen A. Der 1959 geborene A.____ war bei der B.____ GmbH als angestellter Taxifahrer tätig und in dieser Eigenschaft bei der Schweizerischen Unfal lversicherungsanstalt (Suva) obligato- risch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfäl len versichert. Am 15. Februar 2020 kam dem Versicherten während einer nächtlichen Einsatzfa hrt eine Person entgegen, welche Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht ihn mit entsprechender Geste dazu bewog, anzuhalten. Da der Versicherte davon ausging, dass die Person ein Taxi benötige, öffnete er das Fenste r der Fahrertür. Die Person trat an die Tür heran und forderte den Versicherten unter Vorhalt einer Faustfeuerwaffe auf, Geld heraus- zugeben. Nach der Behändigung des Serviceportemonnaies flüchtete der Täter. Der Versicher- te blieb unverletzt. Der erstbehandelnde Arzt diagnost izierte eine psychische Ausnahmesituati- on und attestierte ab 16. Februar 2020 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Die Suva anerkann- te dieses Ereignis als Unfall. Mit Verfügung vom 25. März 2021 sprach sie dem Versicherten bis zum 28. März 2021 die gesetzlichen Leistungen (Taggelder und Heilungskosten) zu. Gleichzei- tig verneinte sie einen Leistungsanspruch über diesen Zei tpunkt hinaus mit der Begründung, dass die anhaltend geklagten psychischen Beschwerden ab die sem Zeitpunkt nicht mehr adä- quat kausal durch das Unfallereignis vom 15. Februar 20 20 verursacht würden. Daran hielt sie auch auf Einsprache des Versicherten hin mit Einspracheentscheid vom 20. Mai 2021 fest. B. Gegen diesen Entscheid erhob der Versicherte, vertre ten durch Andri Obrist, Advokat, mit Eingabe vom 18. Juni 2021 Beschwerde beim Kantonsg ericht Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht). Darin beantr agte er, der Einspracheentscheid vom 20. Mai 2021 sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, ihm über den 28. März 2021 hinaus die gesetzlichen Versicherungsleistung en auszurichten. Eventualiter sei der Einspracheentscheid aufzuheben und die Sache zur wei teren Abklärung des rechtserhebli- chen Sachverhalts und zum Erlasse einer neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zu- rückzuweisen; unter o/e-Kostenfolge. Zur Begründung füh rte er im Wesentlichen an, dass die versicherungsinterne Beurteilung, auf welche sich die Le istungseinstellung stütze, keine ver- lässliche medizinische Entscheidungsgrundlage darstelle. C. In ihrer Vernehmlassung vom 13. Juli 2021 schloss die S uva auf Abweisung der Be- schwerde. Auf die Vorbringen der Parteien ist − soweit notwend ig − in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes ü ber den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, desse n Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetze s über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einspracheent- scheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen V ersicherungsgericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Ver sicherungsgericht desjenigen Kan- tons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwe rdeerhebung ihren Wohnsitz hat (Abs. 1). Befindet sich der Wohnsitz der versicherten Perso n oder des Beschwerde führenden Dritten im Ausland, so ist das Versicherungsgericht desjeni gen Kantons zuständig, in dem sich ihr letzter schweizerischer Wohnsitz befand oder in dem ih r letzter schweizerischer Arbeitgeber Wohnsitz hat; lässt sich keiner dieser Orte ermitteln, so ist das Versicherungsgericht desjenigen Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Kantons zuständig, in dem das Durchführungsorgan seine n Sitz hat (Abs. 2). Der Beschwerde- führer wohnt in Deutschland, womit bei der örtlichen Zuständigkeit der Wohnsitz des letzten schweizerischen Arbeitgebers massgeblich ist. Der Versichert e arbeitete zuletzt bei der B.____ GmbH in X.____, BL. Die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft ist somit zu bejahen. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwal- tungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurte ilt das Kantonsgericht als Versi- cherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kant ons Beschwerden gegen Einsprache- entscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 ATSG. E s ist somit auch sachlich zur Be- handlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die – im Übrigen frist- und formgerecht erhobene – Beschwerde des Versicherten vom 18. Juni 2021 ist demnach einzutreten. 2. Streitig und im Folgenden zu prüfen ist, ob die Be schwerdegegnerin ihre Versiche- rungsleistungen zu Recht per 28. März 2021 eingestellt hat. 3.1 Nach Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer in der obligatorischen Unfallversiche- rung, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Versicherungsleistungen bei Berufsunfäl- len, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten zu gewähren. 3.2 Als Unfall gilt gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozi- alversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 die plö tzliche, nicht beabsichtigte schädi- gende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen G esundheit oder den Tod zur Folge hat (BGE 134 V 72 E. 2.3). 3.3 Rechtsprechung und Lehre haben schreckbedingte plö tzliche Einflüsse auf die Psyche seit jeher als Einwirkung auf den menschlichen Körper (im Sinne des geltenden Unfallbegriffes) anerkannt und für ihre unfallversicherungsrechtliche Beha ndlung besondere Regeln entwickelt. Danach setzt die Annahme eines Unfalles voraus, dass es sich um ein aussergewöhnliches Schreckereignis, verbunden mit einem entsprechenden psychischen Schock, handelt; die seeli- sche Einwirkung muss durch einen gewaltsamen, in der unm ittelbaren Gegenwart der versi- cherten Person sich abspielenden Vorfall ausgelöst werden und in ihrer überraschenden Heftig- keit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen du rch Störung des seelischen Gleich- gewichts typische Angst- und Schreckwirkungen hervorzurufen. In jüngerer Zeit wurde diese Rechtsprechung bestätigt und dahingehend präzisiert, da ss auch bei Schreckereignissen nicht nur die Reaktion eines (psychisch) gesunden Menschen als Vergleichsgrösse dienen kann, sondern in diesem Zusammenhang ebenfalls auf eine "weit e Bandbreite" von Versicherten ab- zustellen ist. Zugleich hat das Gericht dabei relativieren d, unter Bezugnahme auf den massge- blichen Unfallbegriff, betont, dass sich das Begriffsmerkm al der Ungewöhnlichkeit definitions- gemäss nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber bezieht, weshalb nicht von Belang sein könne, wenn der äussere F aktor allenfalls schwerwiegende, un- erwartete Folgen nach sich zog (BGE 129 V 177; vgl. zum G anzen auch Urteil des Bundesge- richts vom 5. Dezember 2018, 8C_609/2018, E. 2.2). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4. Zwischen den Parteien nicht streitig ist, dass es sich be im Raubüberfall vom 15. Feb- ruar 2020 um ein Schreckereignis im Sinne der vorstehe nd zitierten Rechtsprechung und damit um einen grundsätzlich Versicherungsleistungen nach UVG au slösenden Unfall ge- mäss Art. 4 ATSG handelt. Streitig und zu prüfen ist h ingegen, ob aufgrund des Überfalls vom 15. Februar 2020 über den 28. März 2021 hinaus eine Leistungspflicht der Beschwerdegegne- rin für die vom Beschwerdeführer anhaltend geklagten psychischen Beschwerden besteht. Dies setzt voraus, dass die noch vorhandenen psychischen Leiden in einem natürlichen und adäqua- ten Kausalzusammenhang zum Unfallereignis vom 15. Februar 2020 stehen. 5.1 Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhan gs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Um- schreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzus ammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache g esundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis- tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, das Ereignis mit anderen Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetrete ne gesundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen). Ob zwischen eine m schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusamme nhang besteht, ist eine Tatfrage, wo- rüber die rechtsanwendende Behörde – die Verwaltung oder im Streitfall das Gericht – im Rah- men der ihr obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu b efinden hat. Die blosse Möglichkeit ei- nes Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leist ungsanspruches nicht (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen). 5.2 Zur Feststellung natürlicher Kausalzusammenhänge i m Bereich der Medizin ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unt erlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicher ungsprozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) − wie alle anderen Beweismittel − frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Bew eismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspru chs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe an zugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsich tlich des Beweiswertes eines Arztbe- richtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streit igen Belange umfassend ist, auf allsei- tigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwe rden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Dar legung der medizinischen Zusammen- hänge und in der Beurteilung der medizinischen Situati on einleuchtet und ob die Schlussfolge- rungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der einge- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht reichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 5.3 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung auf zustellen (vgl. die ausführliche Zusam- menstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu auch BGE 135 V 469 f. E. 4.4 und 4.5). So wird zur Frage der beweisrechtlichen Verwertbarkeit der Berichte und Gutachten versicherungsinterner Fachpersonen der Grundsatz betont, wonach ein Anstellungsverhältnis dieser Person zum Versicherung sträger alleine nicht schon auf man- gelnde Objektivität und Befangenheit schliessen lässt (BGE 125 V 353 E. 3b/ee). Diesen Be- richten kommt allerdings nicht derselbe Beweiswert wie einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten externer Fachpersonen oder gar wie einem Gerichtsgutachten zu, sie sind aber soweit zu berücksichtigen, als auch nicht gering e Zweifel an der Richtigkeit ihrer Schlussfolgerungen bestehen (BGE 135 V 471 E. 4.7). 6.1 In medizinischer Hinsicht stützte sich die Beschwerdegegn erin in ihrer leistungseinstel- lenden Verfügung vom 25. März 2021 bzw. im angefochten en Einspracheentscheid vom 20. Mai 2021 auf die Beurteilung ihres beratenden A rztes Dr. med. C.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 19. Januar 2021. Dieser führte d arin aus, den vorliegenden Unterla- gen sei zu entnehmen, dass die Bedrohungssituation anlässl ich des Ereignisses vom 15. Feb- ruar 2020 von kurzer Dauer gewesen sei. Ferner sei kei n strukturell objektivierbarer Schaden entstanden und der Versicherte auch nicht verletzt word en. Aus dem Bericht des Hausarztes vom 30. November 2020 lasse sich eine rezidivierende depr essive Störung, gegenwärtig mittel- gradig, und eine posttraumatische Belastungsstörung entne hmen. Das Ereignis selbst erkläre die vorliegende Symptomatik nunmehr fast ein Jahr nach dem Ereignis nicht. Es wäre zu erwar- ten, dass sich die gesundheitliche Situation längstens stabilisiert habe. 6.2 Der Beschwerdeführer beanstandet die versicherungsint erne Beurteilung als zu knapp und rudimentär. Dabei macht er insbesondere geltend, d ass es an einer Auseinandersetzung mit den Ausführungen seines behandelnden Psychiaters Dr . med. D.____, Facharzt für Psychi- atrie und Psychotherapie (D), mangle. 7.1 Es trifft zwar zu, dass die Beurteilung von Dr. C._ ___ nicht allzu ausführlich ausfiel, gleichwohl erging seine Kausalitätsbeurteilung in Kenntnis der gesamten Aktenlage sowie unter Bezugnahme auf die Ausführungen des behandelnden Arzt es des Versicherten. Demgegen- über sind den vom Beschwerdeführer angerufenen Bericht en keinerlei Äusserungen bezüglich einer möglichen (fortdauernden) Kausalität der geklagt en psychischen Beschwerden zu ent- nehmen. Dr. D.____ begnügte sich sowohl in seiner Beu rteilung vom 30. November 2020 als auch in jener vom 26. April 2021 im Wesentlichen mit der Aussage, wonach sich der Versicher- te aufgrund der Diagnosen einer rezidivierenden depressiven Störung sowie einer posttraumati- schen Belastungsstörung in seiner ambulanten Behandlung befinde. Ferner fehlt es den Berich- ten von Dr. D.____ auch an Ausführungen zum in Abweic hung zu den aktuellen Diagnosen im Anschluss an das Unfallereignis diagnostizierten psychischen A usnahmezustand. Wie es sich Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht mit der Frage nach der natürlichen Kausalität dieser Beschwerden im Detail verhält, braucht vorliegend – wie die Beschwerdegegnerin zutreffend er kannte – nicht abschliessend beantwor- tet zu werden. Nach der Rechtsprechung kann die Frage nach dem natürlichen Kausalzusam- menhang bei psychischen Beschwerden in jenen Fällen offen gelassen werden, in welchen der für die Bejahung einer Leistungspflicht erforderliche adäquate Kausalzusammenhang ohnehin verneint werden muss, was vorliegend – wie sogleich aufzuze igen ist – der Fall ist (SVR 1995 U 23 S. 68 E. 3c; ebenso: Urteil des Bundesgerichts vom 2. Juli 2010, 8C_182/2010, E. 3.2). 7.2.1 Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs zwischen einem Schreckereignis und den nachfolgend aufgetretenen psychischen Störungen beurtei lt sich nach der allgemeinen Formel (gewöhnlicher Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserf ahrung; BGE 129 V 177 E. 4.2). Diese Rechtsprechung trägt der Tatsache Rechnung, dass bei Sc hreckereignissen – anders als im Rahmen üblicher Unfälle – die psychische Stresssituation im Vordergrund steht, wogegen dem somatischen Geschehen keine (entscheidende) Bedeutung bei gemessen werden kann. Dabei ist gemäss Rechtsprechung nicht allein auf psychisch gesunde Versicherte, sondern auf eine weite Bandbreite von versicherten Personen abzustellen ( vgl. auch E. 3.3 hiervor). In diesem Rahmen bilden auch solche Versicherte Bezugspersonen fü r die Adäquanzbeurteilung, welche im Hinblick auf die erlebnismässige Verarbeitung eines U nfalles zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören, weil sie aus versicherungsmässiger Sicht auf einen Unfall nicht "optimal" rea- gieren (Urteile des Bundesgerichts vom 9. April 2021, 8 C_53/2021, E. 2.3 und vom 27. September 2018, 8C_847/2017, E. 2.2, jeweils mit Hinweis auf BGE 129 V 177). Daraus ergibt sich, dass für die Beurteilung der Frage, ob ein konkretes Unfallereignis als alleinige Ur- sache oder als Teilursache nach dem gewöhnlichen Lauf d er Dinge und der allgemeinen Le- benserfahrung geeignet ist, zu einer bestimmten psychische n Schädigung zu führen, kein allzu strenger, sondern im dargelegten Sinne ein realitätsg erechter Massstab angelegt werden muss (Urteil des Bundesgerichts vom 27. September 2018, 8C_ 847/2017, E. 2.2; vgl. dazu auch PETRA FLEISCHANDERL , Schreckereignis, in: Schweizerische Zeitschrift für Sozialve rsicherung und berufliche Vorsorge [SZS] 2019, S. 290 ff.). 7.2.2 An den – aufgrund der allgemeinen Adäquanzfor mel zu prüfenden – Kausalzusam- menhang zwischen psychischen Beschwerden und den sogenannt en Schreckereignissen im Speziellen werden jedoch hohe Anforderungen gestellt. Dabei stehen insbesondere der Beweis der Tatsachen, die das Schreckereignis ausgelöst haben, und die Aussergewöhnlichkeit des fraglichen Ereignisses sowie der entsprechende psychische Schock im Vordergrund (SVR 2019 UV Nr. 19 S. 67; Urteile des Bundesgerichts vom 9. Ap ril 2021, 8C_53/2021, E. 2.3 und vom 27. September 2018, 8C_847/2017, E. 2.3 mit Hinweise n) Nach der Rechtsprechung besteht die übliche und einigermassen typische Reaktion auf solch e Ereignisse erfahrungsgemäss da- rin, dass zwar eine Traumatisierung stattfindet, diese ab er vom Opfer in aller Regel innerhalb einiger Wochen oder Monate überwunden wird (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Mai 2016, 8C_167/2016, E. 4.2.1 mit Hinweis auf BGE 129 V 177). 7.3 Die Überfallsituation hat sich gemäss übereinstimmen der Aktenlage folgendermassen zugetragen: Während einer nächtlichen Einsatzfahrt mit dem Taxi kam dem Versicherten eine Person entgegen, welche ihn mit entsprechender Geste dazu bewog, anzuhalten. Da der Versi- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht cherte davon ausging, dass die Person ein Taxi benötige , öffnete er das Fenster der Fahrertür. Die Person trat an die Tür heran und forderte den Ve rsicherten unter Vorhalt einer Faustfeuer- waffe auf, Geld herauszugeben. Nach Aushändigung des Se rviceportemonnaies entfernte sich der Täter. 7.4 In Bezug auf die Adäquanzprüfung bei Schreckereig nissen gibt es eine umfangreiche Rechtsprechung des Bundesgerichts. Diese lässt sich untertei len in Entscheide, in denen die Adäquanz in zeitlicher Hinsicht unbegrenzt bejaht wurde, und Entscheide, in denen die Adä- quanz für eine beschränkte Dauer bestätigt wurde. Auf unbeschränkte Dauer bejahte das Bun- desgericht die Adäquanz ausschliesslich in Fällen, in dene n für die versicherte Person eine un- mittelbare reale Todesgefahr bestand oder ein schwerw iegender Eingriff in die körperliche In- tegrität erfolgte. So ging es in diesen Fällen um eine Vergewaltigung (Urteil des Bundesgerichts vom 5. November 2015, 8C_412/2015), um einen sexuellen Übergriff (Urteil des EVG vom 20. Oktober 2006, U 193/06), um einen Angriff mit ei ner Kettensäge und erheblichen Verletzun- gen (Urteil des Bundesgerichts vom 15. April 2014, 8C_480/2013), um einen Brandanschlag mit Todesopfern (Urteil des Bundesgerichts vom 3. März 2015, 8C_857/2014), um einen Verkehrs- unfall mit verschuldeter Todesfolge für die Ehefrau d es Versicherten (Urteil des Bundesgerichts vom 11. Dezember 2013, 8C_593/2013) sowie um einen Übe rlebenden des Tsunamis vom 26. Dezember 2004 (SVR 2008 U Nr. 7 S. 22). Dem zu beurteilenden Überfall vom 15. Februar 2020 ist eine gewisse Eindrücklichkeit nicht abzusprechen. Gleichwohl kann er nicht mit den vorgenannten Präjudizien verglichen werden. Das Gescheh en vom 15. Februar 2020 erscheint nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgeme inen Lebenserfahrung nicht geeignet, eine in zeitlicher Hinsicht unbegrenzte psychische Störung mit andauernder Arbeitsunfähigkeit auszulösen. 7.5 Die geschilderte Überfallsituation ist vielmehr mit Fällen vergleichbar, welche nach Auf- fassung des Bundesgerichts nicht geeignet waren, langjähri ge psychische Störungen mit an- dauernder Arbeitsunfähigkeit auszulösen. Die Beschwerdegeg nerin hat die Adäquanz während rund 13,5 Monaten als gegeben erachtet. In vergleichbaren Urteilen, in welchen von einer zeitli- chen Begrenzung der Adäquanz ausgegangen wurde, hat d as Bundesgericht Kriterien heraus- geschält, die sich eher verlängernd, und solche, die sich eher verkürzend auf die Adäquanz- dauer auswirken. So wirken sich einerseits die Dauer des Schreckereignisses und andererseits die Schwere der erlittenen Verletzungen auf die Dau er der Adäquanz aus. Je länger die Dauer des Schreckereignisses und je schwerer die dabei erlittene Verletzung ist, desto länger ist eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit adäquat kausal (Urteil des Bundesgerichts vom 4. Juni 2013, 8C_266/2013, E. 2). Überdies sprechen auch folge nde Elemente gemäss bundesgericht- licher Praxis eher für eine Verlängerung der Adäquanzd auer: Wenn der Überfall am Arbeitsort stattfindet, an welchem sich das Opfer geschützt fühlen darf; wenn sich das Opfer einer Mehr- heit von Tätern gegenübersieht; wenn der Täter eine Schusswaffe oder eine andere gefährliche Waffe einsetzt; wenn die Täterschaft maskiert ist; wenn die Täterschaft sexuelle Gewalt anwen- det oder androht; wenn die Täterschaft das Opfer fessel t oder auf eine andere Art wehrlos macht; wenn das Opfer eingesperrt wird oder wenn beim Opfer ein beeinträchtigter psychischer Vorzustand besteht (vgl. zum Ganzen: Urteile des Bundesg erichts vom 1. September 2008, Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 8C_522/2007, E. 4.3.4, vom 29. Februar 2016, 8C_2/2 016, E. 4.2 und vom 23. Mai 2016, 8C_167/2016, E. 4.2.3). 7.6 Ein Blick auf die im Zusammenhang mit deliktischen H andlungen wie Raub, Drohung oder Erpressung ergangenen vergleichbaren Fälle zeigt, d ass die Adäquanz jeweils für eine Zeitspanne zwischen acht Monaten und fünfeinhalb Jahren bestätigt wurde. So wurde bei einer Kioskverkäuferin, die hinter dem Verkaufstresen von zwei maskierten Männern bedroht wurde, wobei einer der Täter sie an der Schulter festhielt un d eine Pistole mit einem Abstand von etwa sieben bis zehn Zentimetern gegen ihre Stirn richtete, die Adäquanz nach drei Jahren und drei Monaten verneint (Urteil des Bundesgerichts vom 4. Ju ni 2013, 8C_266/2013, E. 3.2.1). Bei einem Tankstellenwart, der mit einer Pistole bedroht wurde und mit der Faust bzw. mit der Pis- tole Schläge gegen den Kopf erhielt, fiel die Adäqu anz nach fünfeinhalb Jahren weg (Urteil des Bundesgerichts vom 19. Mai 2015, 8C_44/2015, E. 3). Bei m Barkeeper, der bei Aufräumarbei- ten nach Betriebsschluss von zwei maskierten Männern mit Sch usswaffen bedroht sowie mit Faustschlägen ins Gesicht und Fusstritten in den Bauch traktiert wurde und danach im Büro des Betriebs eingeschlossen wurde, wurde die Adäquanz nach ein em Jahr und sieben Monaten verneint (Urteil des Bundesgerichts vom 14. April 2008, U 593/06, E. 3 und 4). Ferner verneinte das Bundesgericht die Angemessenheit einer länger als vie r Jahre dauernden psychischen Ge- sundheitsschädigung nach einem Überfall in einem Tankst ellen-Shop, anlässlich welchem ein mit einer Sturmhaube maskierter Täter die Angestellte mit einer Soft-Air-Waffe bedroht, ihr die- se in den Rücken gerammt und Geld verlangt hatte, wob ei der Täter dann im Shop überwältigt werden konnte (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Februar 2016, 8C_2/2016). Schliesslich wurde die Adäquanz im Fall der Betreiberin einer Bar , gegen deren Lebenspartner und dessen Ex-Frau seitens des Täters Drohungen ausgestossen wurden u nd dabei ein Schuss aus einer Pistole gezielt in die Luft abgegeben wurde, nach acht Monaten als nicht mehr gegeben erach- tet (Urteil des Bundesgerichts vom 23. April 2018, 8C_904/2017). 7.7 Aus dem sich in den Akten befindlichen Polizeirappo rt wird ersichtlich, dass der Vorfall vom 15. Februar 2020 gemäss eigenen Angaben des Versicherten lediglich eine Minute gedau- ert hat, womit die Bedrohungssituation von sehr kurzer Dauer war. Nach Behändigung des Gel- des hat sich der Täter umgehend entfernt. Sodann hat der Versicherte keinerlei physische Ver- letzungen erlitten. Es ist bei dem in Frage stehenden E reignis weder zu körperlicher Gewalt, noch zu Fesselungen, Misshandlungen oder zum Einsperren gekommen . Die Dauer des Schre- ckereignisses und die Schwere der Verletzungen wirken sic h demnach nicht verlängernd auf die Adäquanz aus. Für eine Verlängerung der Adäquanzdauer spricht vorlie gend einzig das Element, dass der Täter eine Schusswaffe eingesetzt hat. Dabei gilt es wiederum relativierend zu berücksichtigen, dass diese dem Versicherten kurz vors Gesi cht gehalten wurde, ohne den Versicherten dabei zu verletzen, und der Täter nicht maskiert war. 7.8 Unter Berücksichtigung aller Umstände sowie im Querve rgleich mit den vorstehend dargelegten Präjudizien erweist sich die Ausrichtung von Versicherungsleistungen während 13,5 Monaten als angemessen. Diese steht auch im Einklan g mit der Tatsache, dass sich der vorliegenden Aktenlage keine Hinweise auf einen beeinträchtigten psychischen Vorzustand des Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Versicherten entnehmen lassen (vgl. E. 7.5 hiervor). D ie adäquate Kausalität der über die Leis- tungseinstellung per 28. März 2021 hinaus geklagten Beschwerden ist somit zu verneinen. 8. Nach dem Gesagten können die vom Beschwerdeführer anhal tend geklagten psychi- schen Beschwerden sowie die über den 28. März 2021 hina usgehende Erwerbsunfähigkeit mit der Beschwerdegegnerin nicht mehr als angemessene und typische Reaktion auf den im Feb- ruar 2020 erlittenen Raubüberfall bezeichnet werden. Im Ergebnis ist der angefochtene Ein- spracheentscheid vom 20. Mai 2021 nicht zu beanstanden u nd die dagegen erhobene Be- schwerde daher abzuweisen. 9. Es bleibt über die Kosten zu befinden. Nach Art. 61 lit. f bis ATSG ist das Verfahren bei Streitigkeiten über Leistungen kostenpflichtig, wenn dies im jeweiligen Einzelgesetz vorgesehen ist. Da das UVG keine grundsätzliche Kostenpflicht vorsieht, sind für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Eine Parteientschädigung wird d em Ausgang des Verfahrens ent- sprechend nicht ausgerichtet. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Eine Parteientschädigung wird nicht ausgerichtet. Gegen diesen Entscheid wurde am 2. Mai 2022 Beschwerde beim Bundesgericht (Verfahren- Nr. 8C_255/2022 ) erhoben. http://www.bl.ch/kantonsgericht