Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht, vom 23. August 2022 (460 21 210) ____________________________________________________________________ Strafrecht Versuchter Mord etc. / Schuldunfähigkeit Besetzung Präsident Dieter Eglin, Richter Stephan Gass (Ref.), Richter Christof Enderle, Ersatzrichterin Cornelia Friedli-Schuler, Richter Dominique Steiner; Gerichtsschreiber Pascal Neumann Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Hauptabteilung Allgemeine Delikte, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Anklagebehörde und Anschlussberufungsklägerin A.____ , vertreten durch Advokat Alain Joset, Gitterlistrasse 8, Postfach 215, 4410 Liestal, Privatkläger und Berufungskläger gegen B.____ , vertreten durch Advokat Johannes Mosimann, Zeughausplatz 34, Postfach 375, 4410 Liestal, substituiert durch Advokat Florian Jenal, Zeughausplatz 34, Postfach 375, 4410 Liestal, Beschuldigter und Berufungskläger Gegenstand Versuchter Mord etc. (Berufungen und Anschlussberufung gegen das Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 18. Juni 2021) Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 18. Juni 2021 wurde erkannt, dass B.____ im Zustand der Schuldunfähigkeit tatbestandsmässig und rechtswidrig eine mehrfache, teilweise geringfügige sowie eine qualifizierte Sachbeschädigung (Fälle 24-46, 48, 61 und 66-69 gemäss Anklageschrift), einen Hausfriedensbruch, eine Tätlichkeit, eine Drohung, eine versuch- te einfache Körperverletzung, eine versuchte einfache Kör perverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand sowie einen versuchten Mord begangen hat. Zufolge Vorliegens von Schuldunfä- higkeit nach Art. 19 Abs. 1 StGB wurde B.____ von den obgenannten Vorwürfen freigespro- chen, und es wurde die Einweisung in eine geeignete p sychiatrische Einrichtung oder Mass- nahmenvollzugseinrichtung angeordnet; dies unter Anrechn ung der ausgestandenen Untersu- chungs- und Sicherheitshaft von insgesamt 473 Tagen sowie in Anwendung von Art. 144 Abs. 1 (teilweise in Verbindung mit Art. 172 ter Abs. 1 StGB) und Abs. 3 StGB, Art. 186 StGB, Art. 12 6 Abs. 1 StGB, Art. 180 Abs. 1 StGB, Art. 123 Ziff. 1 und Ziff. 2 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 112 StGB in Verbindung mi t Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 19 Abs. 1 und Abs. 3 StGB, Art. 51 StGB, Art. 56 StGB sowie Art. 5 9 Abs. 1 und Abs. 2 StGB (Ziff. 1). In den übrigen Fällen wurde der Beschuldigte vom Vorwurf der mehrfachen, teilweise geringfügigen Sachbeschädigung freigesprochen (Ziff. 2). Des Weiteren wurde die am 19. Juni 2018 von der Staatsanwaltschaft Solothurn bedingt ausgesprochene Gel dstrafe von zehn Tagessätzen zu je CHF 30.-- für nicht vollziehbar erklärt (Ziff. 3) und von der Anordnung einer Landesverweisung gemäss Art. 66a bis StGB abgesehen (Ziff. 4). Ferner wurde festgehalten , dass der beschlag- nahmte Schnürsenkel beige/braun in Anwendung von Art. 69 StGB zur Vernichtung eingezogen wird, sowie dass das sich bei der Polizei Basel-Landschaft, Allgemeiner Ermittlungsdienst 1, befindliche Kinderfahrrad an B.____ zurückzugeben ist (Z iff. 5). Ausserdem wurden sämtliche Zivilforderungen zufolge Schuldunfähigkeit von B.____ abgewiesen (Ziff. 6). Sodann gingen die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vorverfahre ns in der Höhe von CHF 58'630.40, den Kosten des Zwangsmassnahmengerichts von CHF 3'450.--, den Expertise- kosten des gerichtlichen Verfahrens in Höhe von insgesamt CHF 1'634.80 sowie der Gerichts- gebühr von CHF 20'000.--, in Anwendung von Art. 419 StPO zu Lasten des Staates (Ziff. 7). Schliesslich wurde das Honorar des amtlichen Verteidige rs in der Höhe von insgesamt CHF 22'862.15 (wovon CHF 12'821.85 für den Aufwand vor Anklageerhebung sowie CHF 10'040.30 für den Aufwand danach, inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entrichtet (Ziff. 8). Auf die Begründung dieses Urteils sowie der nachfolgenden Eingaben der Parteien wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen des vorliegenden Entschei- des eingegangen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht B. Mit Eingabe vom 24. Juni 2021 meldete der Beschuldigt e die Berufung an und brachte sodann in seiner Berufungserklärung vom 9. September 20 21 an das Kantonsgericht Basel- Landschaft, Abteilung Strafrecht, die folgenden Recht sbegehren vor: In teilweiser Abänderung des angefochtenen Urteils sei B.____ vollumfänglich fre izusprechen (Ziff. 1), und es sei keine Massnahme nach Art. 56 ff. StGB anzuordnen (Ziff. 2); d ies unter o/e Kostenfolge zulasten des Staates (Ziff. 3). Weiter wurde begehrt, es sei festzu stellen, dass die notwendige und amtliche Verteidigung auch für das zweitinstanzliche Verfahren a ndauere, eventualiter sei diese für das Berufungsverfahren zu bewilligen. In seiner Berufungs begründung vom 13. Dezember 2021 hielt der Beschuldigte an seinen bereits vorgebrachten B egehren fest und beantragte darüber hinaus, es sei ihm für die vom 19. September 2021 bis z um 26. Oktober 2021 ausgestandene rechtswidrige Sicherheitshaft eine angemessene Entschädigu ng und Genugtuung zuzüglich Zins von 5 % zuzusprechen. C. Mit Schreiben vom 29. Juni 2021 meldete auch der Pri vatkläger die Berufung an, wobei er in seiner Berufungserklärung vom 9. September 2021 was folgt begehrte: Es werde das Urteil des Strafgerichts vom 18. Juni 2021 vollumfänglich ang efochten und beantragt, dass dieses aufzuheben bzw. insofern abzuändern sei, als der Beschuld igte des versuchten Mordes schul- dig zu sprechen und zu einer schuldangemessenen Freihei tsstrafe zu verurteilen sei. Allenfalls sei die ausgesprochene Freiheitsstrafe zugunsten eine r stationären therapeutischen Massnah- me nach Art. 59 StGB aufzuschieben. Gleichzeitig sei ge genüber dem Beschuldigten eine Lan- desverweisung anzuordnen, und dieser sei zu verpflichten , der Privatklägerschaft eine ange- messene Genugtuung zu bezahlen; dies alles unter o/e K ostenfolge. In seiner Berufungsbe- gründung vom 17. Januar 2022 hielt auch der Privatkläge r sinngemäss an seinen bereits ge- stellten Anträgen fest und begehrte zusätzlich den Beizug der vollständigen Krankengeschichte des Beschuldigten bei der Psychiatrie Baselland, insbesond ere die im Gutachten von Dr. med. C.____ vom 17. Juli 2020 referenzierten fünf Austrittsberichte. D. Die Staatsanwaltschaft erklärte mit Datum vom 22. Sep tember 2021 die Anschlussberu- fung mit folgenden Anträgen: Die Berufung des Beschul digten sei vollumfänglich abzuweisen (Ziff. 1). Demgegenüber sei in Gutheissung ihrer eige nen Anschlussberufung festzustellen, dass der Beschuldigte in Ergänzung von Ziffer 1 und un ter Aufhebung von Ziffer 2 des ange- fochtenen Urteils auch in den Fällen 1, 4, 6-23, 50-60 sowie 62-65 der rektifizierten Anklage- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht schrift vom 12. April 2021 tatbestandsmässig und rechtswid rig mehrfache, teilweise geringfügi- ge Sachbeschädigungen begangen habe (Ziff. 2). Im Ra hmen eines obiter dictum sei ausser- dem festzustellen, dass die Einvernahme von A.____ vom 20. April 2020 verwertbar sei und keine Teilnahmerechtsverletzung vorliege; eventualiter w erde beantragt, A.____ anlässlich der Berufungsverhandlung als Auskunftsperson zu befragen (Z iff. 3). In Gutheissung ihrer An- schlussberufung sei sodann in Aufhebung von Ziffer 4 des angefochtenen Urteils gegen den Beschuldigten gemäss Art. 66a bis StGB eine Landesverweisung für die Dauer von 15 Jahren auszusprechen (Ziff. 4). Im Übrigen sei das vorinstanzlic he Urteil zu bestätigen (Ziff. 5). Im Fol- genden verzichtete die Staatsanwaltschaft auf die Einreichung einer ergänzenden Anschlussbe- rufungsbegründung. E. Mit Schreiben vom 1. Oktober 2021 begehrte der Beschu ldigte, auf die Berufung des Pri- vatklägers sei insoweit nicht einzutreten, als dieser die ausgesprochene Sanktion anfechte. Weiter beantragte der Beschuldigte mit Berufungsantwo rt vom 21. März 2022 die Abweisung der Berufung des Privatklägers und namentlich auch die Abweisung dessen Begehrens um Beizug seiner Krankenakten. F. In ihrer Berufungsantwort vom 24. Januar 2022 teilte die Staatsanwaltschaft ihren Ver- zicht auf eine schriftliche Stellungnahme zur Berufungsbegründung des Beschuldigten mit. G. Auch der Privatkläger verzichtete in seiner Berufungsan twort vom 21. März 2022 auf eine Stellungnahme zur Berufungsbegründung des Beschuldigten. H. Mit Datum vom 9. August 2022 reichte die Psychiatrie B aselland einen aktuellen Ver- laufsbericht betreffend den Beschuldigten ein. Mit gl eichem Datum brachte überdies das Ge- fängnis Muttenz dem Kantonsgericht einen gegenwärtigen Führungsbericht bezüglich des Be- schuldigten zur Kenntnis; beides auf verfahrensleitende A nordnung des Kantonsgerichts vom 11. Juli 2022 hin. I. Mit neuerlicher Eingabe vom 11. August 2022 stellte der Beschuldigte unter dem Titel "Eintretensvoraussetzungen" folgende Rechtsbegehren: Es sei das Strafverfahren hinsichtlich der Fälle 12, 13, 14, 16, 17, 21, 22, 55 sowie 57 e inzustellen bzw. es sei der vorinstanzliche Freispruch zu bestätigen (Ziff. 1). Des Weiteren sei au f die Anschlussberufung der Staatsan- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht waltschaft hinsichtlich der Fälle 26, 29, 37-41, 48, 50 , 54, 56, 67 sowie 68 nicht einzutreten und das Strafverfahren bezüglich dieser Fälle einzustellen (Ziff. 2). Ferner sei auf das Rechtsbegeh- ren gemäss Ziffer 3 der Anschlussberufung der Staatsanwa ltschaft nicht einzutreten (Ziff. 3). Sodann sei auf die Berufung des Privatklägers hinsichtlic h des Zivilpunkts sowie bezüglich der beantragten Landesverweisung nicht einzutreten (Ziff. 4). J. Mit Verfügung des Kantonsgerichts vom 8. Oktober 2021 wurde festgestellt, dass die üb- rige Privatklägerschaft (neben dem Privatkläger A.____) weder Berufung noch Anschlussberu- fung erhoben hat. Ausserdem wurde dem Beschuldigten d ie amtliche Verteidigung für das zweitinstanzliche Verfahren bewilligt. Mit Entscheid vom 26. Oktober 2021 ordnete die Verfah- rensleitung des Kantonsgerichts die Fortdauer der Sicherh eitshaft gegenüber dem Beschuldig- ten für die Dauer des Berufungsverfahrens an. Gleichze itig wurde festgestellt, dass die Sicher- heitshaft zwischen dem 19. September 2021 und dem 26. Oktober 2021 mangels formgültigen Hafttitels rechtswidrig war. Mit weiterem Entscheid vom 8. April 2022 wurde das Haftentlas- sungsgesuch des Beschuldigten vom 25. März 2022 abgewiesen. Sodann wurde mit Verfügung vom 11. April 2022 der eventualiter gestellte Beweisan trag der Staatsanwaltschaft gemäss An- schlussberufungserklärung vom 22. September 2021, es sei A.____ anlässlich der Berufungs- verhandlung als Auskunftsperson zu befragen, abgewiesen. E benso wurde der Beweisantrag gemäss Berufungsbegründung des Privatklägers vom 17. Januar 2022, es sei bei der Psychiat- rie Baselland die vollständige Krankengeschichte betref fend den Beschuldigten, insbesondere die im Gutachten von Dr. med. C.____ vom 17. Juli 2020 referenzierten fünf Austrittsberichte, beizuziehen, abgewiesen. Ferner wurde mit Verfügung vom 15. August 2022 festgestellt, dass der Spruchkörper über die vom Beschuldigten im Rahme n der Eingabe vom 11. August 2022 aufgeworfenen Eintretensfragen anlässlich der Urteilsbe ratung entscheiden wird sowie dass sich die Staatsanwaltschaft und der Privatkläger vor den S chranken des Berufungsgerichts zu den Rechtsbegehren des Beschuldigten gemäss der genannte n Eingabe äussern können. Schliesslich wurde mit Verfügung vom 18. August 2022 der Privatkläger A.____ gestützt auf seinen Antrag vom selben Tag vom persönlichen Erscheinen vor dem Berufungsgericht dispen- siert. K. Anlässlich der Parteiverhandlung vom 22. August 2022 sind der Beschuldigte mit seinem Rechtsvertreter Advokat Florian Jenal, Evelyn Kern als Vertreterin der Staatsanwaltschaft sowie der Rechtsvertreter des Privatklägers A.____, Advokat Sil vio Bürgi, anwesend. Auf die Ausfüh- Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht rungen der Anwesenden wird wiederum, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Erwägungen 1. Formalien und Verfahrensgegenstand 1.1 Formalien a) Die Zuständigkeit der Fünferkammer des Kantonsgerichts, Abteilung Strafrecht, als Beru- fungsgericht zur Beurteilung der vorliegenden Rechtsmitt el ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit li t. b EG StPO. Nach Art. 398 Abs. 1 StPO ist die Berufung zulässig gegen Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abgeschlossen worden ist. Gemäss Abs. 3 von Art. 398 StPO können mit der Berufung gerügt werden: Rechtsverletzungen, einsc hliesslich Überschreitung und Miss- brauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (lit. a), die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhaltes (lit. b) sowie Unangemessenheit (lit. c), wobei das Berufungsgericht das Urteil in allen angefochtene n Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 398 Abs. 2 StPO). Nach Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Berufung dem erstinstanzlichen Gericht innert zehn Tagen seit Eröffnu ng des Urteils schriftlich oder mündlich anzumelden und danach dem Berufungsgericht innert 20 Tagen seit der Zustellung des be- gründeten Urteils eine schriftliche Berufungserklärung e inzureichen. Die Anschlussberufung ist Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO folgend innerhalb von 20 Tagen seit Empfang der Berufungserklä- rung schriftlich zu erklären. b) Die Legitimation des Beschuldigten zur Ergreifung de s Rechtsmittels wird in Art. 382 Abs. 1 StPO normiert. Nachdem in casu das angefochtene Urteil ein taugliches Anfechtungsob- jekt darstellt, der Beschuldigte berufungslegitimiert i st, zulässige Rügen erhebt und die Rechts- mittelfristen gewahrt hat sowie der Erklärungspflicht nachgekommen ist, ist im Folgenden ohne Weiteres auf dessen Berufung einzutreten. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht c) Das Recht des Privatklägers zur Erhebung der Berufung er gibt sich ebenfalls aus Art. 382 Abs. 1 StPO. Danach kann jede Partei, die ein rechtlic h geschütztes Interesse an der Aufhe- bung oder Änderung eines Entscheids hat, ein Rechtsmit tel ergreifen. Die Privatklägerschaft (und somit auch das Opfer) ist hingegen nicht legitim iert, den Endentscheid allein hinsichtlich der Sanktion (Strafe oder Massnahme) anzufechten, zumal diese in aller Regel keinen Einfluss auf die Beurteilung der Zivilansprüche hat. Lediglich wenn sie einen erstinstanzlichen Frei- spruch (oder einen ihres Erachtens auf unzutreffender re chtlicher Würdigung beruhenden Schuldspruch) anficht, kann sie insoweit auch eine Änder ung des Strafmasses beantragen (VIKTOR LIEBER , in: Zürcher Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessor dnung, 3. Auflage, Zürich / Basel / Genf 2020, N 17 zu Art. 382 StPO, mit Hinweisen). Im vorliegenden Fall ficht der Privatkläger das erstinstanzliche Urteil vollumfängli ch an und beantragt gemäss seinen Rechtsbegehren insofern dessen Aufhebung bzw. Abänderun g, als der Beschuldigte des ver- suchten Mordes schuldig zu sprechen und zu einer schuldange messenen Freiheitsstrafe zu verurteilen sei, wobei die ausgesprochene Freiheitsstr afe allenfalls zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme nach Art. 59 StGB aufzuschieb en sei; gleichzeitig sei gegenüber dem Beschuldigten eine Landesverweisung anzuordnen, und dieser sei zu verpflichten, dem Privatkläger eine angemessene Genugtuung zu bezahlen. Gemäss Art. 123 StPO ist die in der Zivilklage geltend g emachte Forderung nach Möglichkeit in der Erklärung nach Artikel 119 zu beziffern und, unter Angabe der angerufenen Beweismittel, kurz schriftlich zu begründen (Abs. 1). Bezifferung und B egründung haben spätestens im Par- teivortrag zu erfolgen (Abs. 2). Nach Art. 405 Abs. 1 StPO richtet sich die mündliche Berufungs- verhandlung nach den Bestimmungen über die erstinstanzliche Hauptverhandlung. Gestützt auf Art. 346 Abs. 1 StPO haben die Parteien ihre Anträge nach Abschluss des Beweisverfahrens zu stellen und zu begründen. Ob eine nachträgliche Begründung und Bezifferung im Berufungsver- fahren noch möglich ist, hat das Bundesgericht soweit er sichtlich bisher nicht entschieden (LIEBER , a.a.O., N 4 zu Art. 123 StPO; BGer 6B_75/2014 vom 30. September 2014 E. 2.4.4). In casu ergibt sich diesbezüglich aus den Akten, dass der Pr ivatkläger im Strafantrag vom 16. März 2020 (act. 1359) angekreuzt hat, die Höhe des Schadenersatzes bzw. der Genugtu- ung später anzugeben. Mit Schreiben der Staatsanwaltschaft vom 23. März 2020 (act. 1361) ist er in der Folge gebeten worden, bis spätestens am 6. A pril 2020 eine genaue Bezifferung der Ansprüche unter Beilage von Belegen, Quittungen, Rec hnungen etc. vorzubringen. Diesem Ersuchen ist der Privatkläger nicht nachgekommen. Mit Bewei sverfügung des Strafgerichtsprä- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht sidiums vom 10. September 2020 (act. S 73) ist der Pri vatkläger sodann aufgefordert worden, innert peremptorischer Frist bis zum 12. Oktober 2020 al lfällige Zivilforderungen begründet und belegt einzureichen. Auch dieser Aufforderung hat d er Privatkläger keine Folge geleistet. Aus- serdem ist er mit nämlicher Verfügung als Auskunftsperson zur Hauptverhandlung geladen worden. Trotz dieser Vorladung ist weder der Privatkläge r noch sein Rechtsvertreter zur straf- gerichtlichen Verhandlung erschienen (act. S 473). Bis zu diesem Zeitpunkt hat also keinerlei Bezifferung und Begründung der Zivilforderung stattgef unden. Schliesslich hat der Privatkläger sowohl in seinen Berufungsschriften als auch anlässlich de r Parteiverhandlung vor Kantonsge- richt ‒ soweit dies gestützt auf die vorgängigen Darlegungen nicht ohnehin bereits verspätet wäre ‒ seine Forderung weder beziffert noch diesbezüglich eine substantiierte Begründung vorgebracht. Dem Privatkläger ist es zwar grundsätzlich mög lich, den erstinstanzlichen Frei- spruch zufolge Schuldunfähigkeit anzufechten, weil dies Auswirkungen auf seine Zivilforderung hat; allerdings müssen dann entsprechende Ausführunge n hierzu folgen. Nachdem der Privat- kläger jedoch zu keinem Zeitpunkt des Verfahrens seine Zi vilforderung beziffert und substanti- iert begründet hat, erschöpft sich dessen Berufung nunm ehr ausschliesslich in der Anfechtung der Sanktionen, was aber nicht zulässig ist. Infolgedesse n ist auf die Berufung des Privatklä- gers nicht einzutreten. Selbst wenn im Übrigen hierauf einzutreten wäre, wäre diese gestützt auf die nachfolgenden Erwägungen abzuweisen gewesen (vgl. insbesondere unten E. 13.1). d) Die Legitimation der Staatsanwaltschaft zur Erklärung des Rechtsmittels wird in Art. 381 Abs. 1 StPO normiert. Nachdem in casu das angefochtene Urteil ein taugliches Anfechtungsob- jekt darstellt, die Staatsanwaltschaft anschlussberufungsle gitimiert ist, grundsätzlich zulässige Rügen erhebt und die Rechtsmittelfristen gewahrt hat s owie der Erklärungspflicht nachgekom- men ist, ist unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägun g auf deren Anschlussberufung einzu- treten. Nicht einzutreten ist hingegen mangels eines d iesbezüglichen aktuellen Rechtsschutzin- teresses auf das Begehren gemäss Ziffer 3 der Anträge, e s sei im Rahmen eines obiter dictum festzustellen, dass die Einvernahme von A.____ vom 20. Ap ril 2020 verwertbar sei und keine Teilnahmerechtsverletzung vorliege. 1.2 Verfahrensgegenstand a) Gegen das erstinstanzliche Urteil haben der Beschuldigt e, der Privatkläger und die Staatsanwaltschaft ein Rechtsmittel ergriffen, wobei au f dasjenige des Privatklägers wie vor- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht gängig dargelegt nicht einzutreten ist. Der Beschuldigt e richtet seine Berufung gegen sämtliche Feststellungen der Vorinstanz im Hinblick auf die nach de ren Auffassung tatbestandsmässig und rechtswidrig begangenen Straftaten sowie die Einw eisung in eine geeignete psychiatrische Einrichtung bzw. Massnahmenvollzugseinrichtung (Ziffer 1 d es Urteilsdispositivs). Demgegen- über begehrt die Staatsanwaltschaft, es sei festzustellen, dass der Beschuldigte auch in den Fällen 1, 4, 6-23, 50-60 und 62-65 der rektifizierte n Anklageschrift vom 12. April 2021 tatbe- standsmässig und rechtswidrig mehrfache, teilweise geringf ügige Sachbeschädigungen began- gen habe (Ziffern 1 und 2 des Urteilsdispositivs), sowie es sei gegen den Beschuldigten ge- mäss Art. 66a bis StGB eine Landesverweisung für die Dauer von 15 Jahren auszusprechen (Zif- fer 4 des Urteilsdispositivs). Gestützt auf Art. 404 Abs. 1 StPO bilden damit im vorliegenden Berufungsverfahren nur noch die vorgängig genannten Pu nkte Gegenstand der richterlichen Überprüfung (vgl. auch Art. 398 Abs. 2 StPO sowie Art. 399 Abs. 4 StPO). b) Namentlich nicht mehr zu prüfen sind damit die Anordn ung, wonach die am 19. Juni 2018 von der Staatsanwaltschaft Solothurn bedingt ausgesproc hene Geldstrafe von zehn Tagessät- zen zu je CHF 30.-- für nicht vollziehbar erklärt wird (Dispositiv-Ziffer 3), die Anordnungen über die beschlagnahmten Güter (Dispositiv-Ziffer 5), die Ab weisung der Zivilforderungen zufolge Schuldunfähigkeit des Beschuldigten (Dispositiv-Ziffer 6), die Verlegung der Verfahrenskosten zu Lasten des Staates (Dispositiv-Ziffer 7) und schliesslich die Festlegung der Entschädigung für den amtlichen Verteidiger, Advokat Johannes Mosimann (Dispositiv-Ziffer 8). 2. Parteistandpunkte 2.1 Ausführungen des Beschuldigten (...) 2.2 Ausführungen der Staatsanwaltschaft (...) Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3. Verfahrensgrundsätze, Beweiswürdigung und Sachver halt 3.1 Verfahrensgrundsätze (...) 3.2 Beweiswürdigung (...) 3.3 Sachverhalt (...) 4. Tatbestand der mehrfachen, teilweise geringfügig en sowie teilweise qualifizierten Sachbeschädigung (Ziffer 1 der Anklageschrift) 4.1 a) Die Vorinstanz hat in Bezug auf die Fälle 24-46, 48 , 61 und 66-69 der Anklageschrift fest- gestellt, dass der Beschuldigte tatbestandsmässig und rechtsw idrig eine mehrfache, teilweise geringfügige und eine qualifizierte Sachbeschädigung begangen habe. Demgegenüber sei er in den übrigen Fällen 1-23, 50-60 sowie 62-65 im Zweifel von den entsprechenden Vorwürfen frei- zusprechen. b) Der Beschuldigte ist der grundsätzlichen Ansicht, dass in a llen denjenigen Fällen, welche er nicht ausdrücklich eingestehe, der angeklagte Sachverha lt nicht erstellt sei (vgl. oben E. 2.1.a lit. dd und lit. ee sowie E. 2.1.c lit. dd und lit. ee). c) Die Staatsanwaltschaft begehrt ihrerseits, dass auch h insichtlich der angeklagten Fälle gemäss den Ziffern 1, 4, 6-23, 50-60 sowie 62-65 der rektifizierten Anklageschrift festzustellen Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht sei, dass der Beschuldigte tatbestandsmässig und rechtswidrig mehrfache, teilweise geringfügi- ge Sachbeschädigungen verübt habe (vgl. oben E. 2.2.a lit. aa und E. 2.2.b lit. bb). 4.2 a) aa) In seiner Eingabe vom 11. August 2022 hat der Beschuld igte überdies gerügt, dass die Eintretensvoraussetzungen bezüglich zahlreicher Tatvorwürfe gemäss der Auflistung in Ziffer 1 der Anklageschrift mangels rechtsgültiger Strafanträge b zw. zufolge eingetretener Verjährung nicht erfüllt seien, weshalb das Strafverfahren hinsich tlich der Fälle 12, 13, 14, 16, 17, 21, 22, 55 sowie 57 einzustellen bzw. der entsprechende vorinst anzliche Freispruch zu bestätigen sei und darüber hinaus auf die Anschlussberufung der Staa tsanwaltschaft hinsichtlich der Fälle 26, 29, 37-41, 48, 50, 54, 56, 67 sowie 68 nicht einzutreten und das Strafverfahren bezüglich dieser Fälle ebenfalls einzustellen sei (vgl. oben E. 2.1.b). Diese Beanstandungen sind in einem ersten Schritt im Einzelnen zu würdigen. bb) Die Staatsanwaltschaft vertritt die Ansicht, dass in säm tlichen Fällen rechtsgültige Straf- anträge vorlägen und keine Verjährung eingetreten sei (vgl. oben E. 2.2.b lit. aa). b) Der Strafantrag ist gemäss Art. 303 StPO als Prozessvorau ssetzung zu behandeln, wes- halb das Vorliegen eines rechtsgültigen Strafantrages stets von Amtes wegen zu prüfen ist. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung muss sich auf alle Vorausse tzungen einer Verurteilung beziehen, und dazu gehören auch die Prozessvoraussetzungen . Es ist also Sache der Ankla- gebehörde bzw. des Gerichts, das Vorliegen eines rechtsg ültigen Strafantrages nachzuweisen (Unschuldsvermutung als Beweislastregel), und es darf keine Verurteilung erfolgen, wenn er- hebliche Zweifel an der Gültigkeit des Strafantrages be stehen (Unschuldsvermutung als Be- weiswürdigungsregel). Fehlt es an einem Strafantrag, i st deshalb die Nichtanhandnahme (Art. 310 Abs. 1 lit. a StPO) bzw. ‒ nach bereits erfolgter Eröffnung einer Untersuchung ‒ die Einstellung des Verfahrens (Art. 319 Abs. 1 lit. d StPO) zu verfügen. Zum Strafantrag berechtigt ist, wer durch eine Straftat verletzt ist, d.h. wer Tr äger des unmittelbar betroffenen Rechtsguts ist. Der Begriff der verletzten Person gemäss Art. 30 Abs. 1 StGB ist insofern identisch mit dem- jenigen der geschädigten Person nach Art. 115 Abs. 1 StP O (BGE 141 IV 380 E. 2.3.4). Wurde eine juristische Person verletzt, so richtet sich die Zustän digkeit zur Antragstellung nach deren Organisation. Die jeweiligen Kompetenzen ergeben sich z unächst aus dem Handelsregister Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht bzw. aus den Statuten. Bei einer Aktiengesellschaft ist der Verwaltungsrat, bei einem Verein der Vereinspräsident antragsbefugt. Ein Vereinsmitglied ka nn dieses Recht einzig unter den Vo- raussetzungen eines zumindest faktischen Organ- oder Auftr agsverhältnisses ausüben. Das Faktotum ("Mädchen für alles") ist, so wichtig seine Funkt ion in Vereinen erscheinen mag, nicht zum Strafantrag berechtigt. Zulässig ist aber auch die Antragstellung durch eine Person, die (ohne im Handelsregister aufgeführt zu sein) ausdrücklich oder stillschweigend damit beauftragt ist, die konkret betroffenen Interessen der juristischen Pe rson zu wahren. Dabei darf es sich nicht um eine angestellte Person auf einer "hierarchisch untergeordneten Stufe" handeln und dieser muss "eine dauernde Zuständigkeit für gewisse, das Alltagsgeschäft generell überstei- gende Entscheide in eigener Verantwortung" zustehen. Vorausgesetzt ist aber allemal, dass der Antrag dem Willen der Gesellschaftsorgane nicht wider spricht und von diesen genehmigt wer- den kann. Ist ein Kanton oder eine Gemeinde verletzt, bestimmt sich die Zuständigkeit zur Aus- übung des Antragsrechts nach kantonalem und allenfalls kom munalem Recht. Fehlt eine ent- sprechende Zuständigkeitsregelung, ist jenes Organ für ko mpetent zu erachten, welches für das betreffende Rechtsgut zu sorgen hat (C HRISTOF RIEDO , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, N 21 ff. und N 39 ff. vor Ar t. 30 StGB sowie N 81 ff. und N 108 zu Art. 30 StGB, mit zahlreichen Hinweisen; BGer 6B_776/2016 vom 8. November 2016 E. 1.4.3). c) Nach Art. 144 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 172 ter Abs. 1 StGB handelt es sich bei einer geringfügigen Sachbeschädigung um eine Übertretung. Gestützt auf Art. 109 StGB verjäh- ren die Strafverfolgung und die Strafe bei Übertretu ngen nach Art. 103 ff. StGB in drei Jahren. Laut Art. 97 Abs. 3 StGB tritt die Verjährung nicht mehr ein, wenn vor Ablauf der Verjährungs- frist ein erstinstanzliches Urteil ergangen ist. Praxisgemä ss ist Art. 97 Abs. 3 StGB auch auf Übertretungen anwendbar (MATTHIAS ZURBRÜGG , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, N 50 zu Art. 97 StGB; BGE 135 IV 196). Der klare Wortlaut der fraglichen Norm unterscheidet nicht zwischen verurteilenden und freisprechenden Urteilen. Gemäss der neueren höchstrichterlichen Rechtsprechung ‒ wonach es keine sachlichen Gründe gibt, die erstinstanz- lich freigesprochene Person gegenüber der verurteilten Person zu privilegieren ‒ gelten als Ur- teile im Sinne von Art. 97 Abs. 3 StGB auch freisprech ende Urteile (BGE 139 IV 62 E. 1.5). Nachdem in casu das Strafgericht bezüglich sämtlichen ang eklagten Sachbeschädigungen un- abhängig der konkreten Schadenshöhe innerhalb der dre ijährigen Verjährungsfrist einen Ent- scheid gefällt hat, kann somit die Verfolgungsverjährun g entgegen der Auffassung des Be- schuldigten nicht mehr eintreten. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht d) Gestützt auf die Rügen des Beschuldigten und die vorsteh enden Darlegungen sind dem- nach folgende Fälle im Hinblick auf das Vorliegen der Eintretensvoraussetzungen einer näheren Betrachtung zu unterziehen (in Bezug auf die übrigen Fälle stellen sich derlei Fragen nicht): - Fall 12: Die strafantragstellende Person, D.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 3. Juli 2019 Geschäftsführer der E.____ AG (act. 2209, 2215, 2229). Bei einem Geschäftsführer han- delt es sich offensichtlich um eine angestellte Person, welche nicht auf einer hierarchisch unter- geordneten Stufe tätig ist, womit davon auszugehen ist, dass ihm das Alltagsgeschäft generell übersteigende Entscheide in eigener Verantwortung zuste hen und er folglich ausdrücklich oder zumindest stillschweigend damit beauftragt ist, die konkr et betroffenen Interessen der juristi- schen Person zu wahren. In Anbetracht der vorgängigen E rwägungen ist damit festzuhalten, dass D.____ zum Stellen eines Strafantrags berechtigt ge wesen ist, weshalb in casu ein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 13: Zufolge der identischen Geschädigten und de s nämlichen Strafantragstellers wie im Fall 12 liegt auch hier ein rechtsgültiger Strafantrag vor. - Fall 14: Die strafantragstellende Person, F.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 28. Mai 2019 Betriebsleiter der G.____ AG (act. 2249). Bei e inem Betriebsleiter handelt es sich eben- falls um eine angestellte Person, welche nicht auf einer hierarchisch untergeordneten Stufe tätig ist, womit davon auszugehen ist, dass ihm das Alltagsgesc häft generell übersteigende Ent- scheide in eigener Verantwortung zustehen und er folgl ich ausdrücklich oder zumindest still- schweigend damit beauftragt ist, die konkret betroffenen Interessen der juristischen Person zu wahren. Damit ist zu konstatieren, dass F.____ zum Stell en eines Strafantrags berechtigt ge- wesen ist, weshalb ein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 16: Die strafantragstellende Person, H.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 27. Mai 2019 Betriebsleiter der Garage I.____ AG (act. 2277) . Wie ausgeführt, handelt es sich bei ei- nem Betriebsleiter um eine angestellte Person, welche nicht auf einer hierarchisch untergeord- neten Stufe tätig ist, womit davon auszugehen ist, dass ihm das Alltagsgeschäft generell über- steigende Entscheide in eigener Verantwortung zustehen und er folglich ausdrücklich oder zu- mindest stillschweigend damit beauftragt ist, die konkre t betroffenen Interessen der juristischen Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht Person zu wahren. Damit ist H.____ zum Stellen eines St rafantrags berechtigt gewesen, wes- halb in casu ein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 17: Die strafantragstellende Person, J.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 29. Mai 2019 Leiter der Produktion der K.____ AG (act. 2303). Bei einem Produktionsleiter handelt es sich wiederum um eine angestellte Person, welche nicht auf einer hierarchisch untergeordneten Stufe tätig ist, womit davon auszugehen ist, dass ihm da s Alltagsgeschäft generell übersteigen- de Entscheide in eigener Verantwortung zustehen und er folglich ausdrücklich oder zumindest stillschweigend damit beauftragt ist, die konkret betrof fenen Interessen der juristischen Person zu wahren. Damit ist festzuhalten, dass J.____ zum Stellen eines Strafantrags berechtigt gewe- sen ist, weshalb ein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 21: Die strafantragstellende Person, L.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 23. Mai 2019 Hauswart bei der M.____ AG (act. 2345). Bei eine m Hauswart handelt es sich, so wichtig seine Funktion in einem Betrieb auch sein mag, offensi chtlich um eine angestellte Person auf einer hierarchisch untergeordneten Stufe ohne das Allt agsgeschäft übersteigende Kompeten- zen, womit L.____ nicht zum Stellen eines Strafantrags b erechtigt gewesen ist und folglich in casu kein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 22: Zufolge der identischen Geschädigten und de s nämlichen Strafantragstellers wie im Fall 12 liegt auch hier ein rechtsgültiger Strafantrag vor. - Fall 26: Die strafantragstellende Person, N.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 11. Juni 2019 Hauswart bei der O.____ AG (act. 2421). Bei eine m Hauswart handelt es sich wie ausge- führt um eine angestellte Person auf einer hierarchisch untergeordneten Stufe ohne das All- tagsgeschäft übersteigende Kompetenzen, womit N.____ n icht zum Stellen eines Strafantrags berechtigt gewesen ist und daher kein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 29: Die strafantragstellende Person, P.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 26. Juni 2019 Assistentin bei der Q.____ AG (act. 2447). Bei ei ner Assistentin handelt es sich, wie schon die Bezeichnung nahelegt, ebenfalls um eine angeste llte Person auf einer hierarchisch untergeordneten Stufe ohne das Alltagsgeschäft überste igende Kompetenzen, womit Seite 15 http://www.bl.ch/kantonsgericht P.____nicht zum Stellen eines Strafantrags berechtigt g ewesen ist und folglich in casu kein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 37: Die strafantragstellende Person, R.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 21. Mai 2019 Wirt des Restaurants S.____ (act. 2535). Bei ein em Wirt handelt es sich betreffend das eigene Restaurant zweifellos um diejenige Person, welc her das Alltagsgeschäft generell über- steigende Entscheide in eigener Verantwortung zustehen , womit R.____ zum Stellen eines Strafantrags berechtigt gewesen ist und deshalb ein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fälle 38-40: Die strafantragstellende Person, T._ ___, ist gemäss dem Polizeirapport vom 25. Mai 2019 Schreiner bei der Einwohnergemeinde U._ ___ (act. 2573, 2589). Weder im Ge- meindegesetz des Kantons Basel-Landschaft vom 28. Mai 19 70 noch im Organisations- und Verwaltungsreglement der Gemeinde U.____ vom 24. Sept ember 2012 oder in der Gemeinde- ordnung der Bürgergemeinde U.____ vom 20. Juni 1996 i st eine dahingehende Zuständigkeits- regelung vorgesehen, dass ein von der Gemeinde angeste llter Schreiner zur Ausübung des Strafantragsrechts kompetent wäre. Hieraus folgt, dass T.____ nicht zum Stellen eines Strafan- trags berechtigt gewesen ist und folglich in casu kein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 41: Die strafantragstellende Person, V.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 7. Juni 2019 Verwalterin bei der W.____ AG (act. 2657). Bei einer Verwalterin handelt es sich wiede- rum um eine angestellte Person, welche nicht auf einer hierarchisch untergeordneten Stufe tätig ist, womit davon auszugehen ist, dass ihr in Bezug auf die von ihr verwalteten Liegenschaften das Alltagsgeschäft generell übersteigende Entscheide in eigener Verantwortung zustehen und sie folglich ausdrücklich oder zumindest stillschweigend da mit beauftragt ist, die konkret be- troffenen Interessen der juristischen Person zu wahren. Damit ergibt sich, dass V.____ zum Stellen eines Strafantrags berechtigt gewesen ist, wes halb ein rechtsgültiger Strafantrag vor- liegt. - Fall 48: Die strafantragstellende Person, X.____, i st gemäss dem Polizeirapport vom 27. Mai 2019 Finanzleiter bei der Y.____ AG (act. 2783). Bei einem Finanzleiter handelt es sich, wie auch bei einem Produktions- oder Betriebsleiter, um eine angestellte Person, welche nicht auf einer hierarchisch untergeordneten Stufe tätig ist, wo mit davon auszugehen ist, dass ihm das Alltagsgeschäft generell übersteigende Entscheide in e igener Verantwortung zustehen und er Seite 16 http://www.bl.ch/kantonsgericht folglich ausdrücklich oder zumindest stillschweigend damit beauftragt ist, die konkret betroffe- nen Interessen der juristischen Person zu wahren. Damit ist festzuhalten, dass X.____ zum Stellen eines Strafantrags berechtigt gewesen ist, weshalb in casu ein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 50: Der vorliegende Tatzeitraum liegt zwischen d em 20. Mai 2019 und dem 24. Mai 2019. Indem die Vorderrichter mit Datum vom 18. Juni 2021 h ierüber ein erstinstanzliches Urteil ge- fällt haben, ist gestützt auf Art. 97 Abs. 3 StGB die Verfolgungsverjährung ausgeschlossen. - Fall 54: Der vorliegende Tatzeitraum liegt zwischen d em 23. Mai 2019 und dem 24. Mai 2019. Indem die Vorinstanz mit Datum vom 18. Juni 2021 auch hierüber ein erstinstanzliches Urteil gefällt hat, ist gestützt auf Art. 97 Abs. 3 StGB die Verfolgungsverjährung wiederum ausge- schlossen. - Fall 55: Die strafantragstellende Person, Z.____, i st gemäss dem Polizeirapport vom 31. Mai 2019 der Sohn des Geschädigten Z1.____ (act. 2873 ff. ). Gemäss Art. 30 Abs. 1 StGB kann jede Person, die durch ein Antragsdelikt verletzt worden ist, die Bestrafung des Täters beantra- gen. Nach einem Teil der Lehre ist ausser dem Rechtsgu tträger auch antragsberechtigt, wer an der Erhaltung des Rechtsgutes ein gleichartiges rechtlic h geschütztes Interesse hat (C HRISTOF RIEDO , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Base l 2019, N 12 zu Art. 30 StGB, mit Hinweisen). Im vorliegenden Fall existiert kein Strafan trag des Geschädigten und dessen Sohn hat weder eine entsprechende Vertretungsvollmacht eingereicht noch ein gleichartiges rechtlich geschütztes Interesse wie sein Vater geltend gemacht. Da mit liegt in casu kein rechtsgültiger Strafantrag vor. - Fall 56: Wie schon betreffend den Fall 54 liegt de r Tatzeitraum zwischen dem 23. Mai 2019 und dem 24. Mai 2019, und die Vorinstanz hat mit Dat um vom 18. Juni 2021 hierüber ein erst- instanzliches Urteil gefällt, weshalb gestützt auf Art. 97 Abs. 3 StGB die Verfolgungsverjährung ausgeschlossen ist. - Fall 57: Die strafantragstellende Person, Z2.____, ist gemäss dem Polizeirapport vom 25. Mai 2019 der Sohn des Geschädigten Z3.____ (act. 2901 ff.) . Auch in diesem Fall existiert kein Strafantrag des Geschädigten und dessen Sohn hat weder eine entsprechende Vertretungs- Seite 17 http://www.bl.ch/kantonsgericht vollmacht eingereicht noch ein gleichartiges rechtlich g eschütztes Interesse wie sein Vater gel- tend gemacht, womit kein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 67: Die strafantragstellende Person, Z4.____, i st gemäss dem Polizeirapport vom 27. Februar 2020 Bankkaufmann bei der Z5.____ Genossen schaft (act. 3045, 3065). Aus dem diesbezüglichen Handelsregisterauszug ergibt sich, dass Z4 .____ über Kollektivprokura zu zweien verfügt. Gestützt hierauf ist davon auszugehen, d ass er nicht auf einer hierarchisch un- tergeordneten Stufe tätig ist und ihm das Alltagsgeschäf t generell übersteigende Entscheide in eigener Verantwortung zustehen, in deren Folge er au sdrücklich oder zumindest stillschwei- gend damit beauftragt ist, die konkret betroffenen Interessen der juristischen Person zu wahren. Damit ist festzuhalten, dass Z4.____ zum Stellen eines S trafantrags berechtigt gewesen ist, weshalb in casu ein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. - Fall 68: Die strafantragstellende Person, Z6.____, i st gemäss dem Polizeirapport vom 17. März 2020 Filialleiterin bei der Z7.____ AG (act. 3135). Bei einer Filialleiterin handelt es sich, wie auch bei einem Finanz-, Produktions- oder Betr iebsleiter, um eine angestellte Person, welche nicht auf einer hierarchisch untergeordneten Stufe tätig ist, womit davon auszugehen ist, dass ihr in Bezug auf die von ihr geleitete Zweigstelle das Alltagsgeschäft generell übersteigen- de Entscheide in eigener Verantwortung zustehen und si e folglich ausdrücklich oder zumindest stillschweigend damit beauftragt ist, die konkret betrof fenen Interessen der juristischen Person zu wahren. Damit ist festzuhalten, dass Z6.____ zum Stell en eines Strafantrags berechtigt ge- wesen ist, weshalb ein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt. e) Im Sinne eines Zwischenfazits ist damit zu konstatiere n, dass in den Fällen 21, 26, 29, 38-40, 55 und 57 mangels Vorliegens eines rechtsgültige n Strafantrags das Strafverfahren be- treffend den Tatbestand der mehrfachen, teilweise ge ringfügigen Sachbeschädigung einzustel- len ist. In den übrigen Fällen hingegen steht der mat eriellen Beurteilung der angeklagten Tat- vorwürfe nichts im Wege. 4.3 a) Nach Art. 144 Abs. 1 StGB wird, auf Antrag, mit Fre iheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer eine Sache, an der ein fremd es Eigentums-, Gebrauchs- oder Nutz- niessungsrecht besteht, beschädigt, zerstört oder unbrauch bar macht. Als Beschädigen gilt je- Seite 18 http://www.bl.ch/kantonsgericht des Herbeiführen einer mehr als nur belanglosen Mangelhaftigkeit der Sache. Der Mangel kann durch erhebliche Verletzung der Substanz der Sache hervor gerufen werden sowie durch kör- perliche Einwirkung, welche entweder die bestimmungsge mässe Funktionsfähigkeit, die äusse- re Erscheinung oder den Zustand der Sache wesentlich be einträchtigt. Die Tat ist vollendet, wenn die vom Vorsatz des Täters erfasste Beschädigung zum indest teilweise eingetreten ist. Subjektiv erfordert die Sachbeschädigung Vorsatz, wobei Eventualvorsatz genügt (P HILIPPE WEISSENBERGER , in: Basler Kommentar, Strafrecht II, 4. Auflage, Ba sel 2019, N 22 ff. sowie N 80 ff. zu Art. 144 StGB, mit Hinweisen). b) Richtet sich die Tat nur auf einen geringen Vermögen swert oder auf einen geringen Schaden, so wird der Täter, auf Antrag, mit Busse bestr aft (Art. 172 ter Abs. 1 StGB). Für die Geringfügigkeit des Schadens gelten die gleichen Kriterien und der gleiche Grenzwert wie beim Vermögenswert (BGE 123 IV 113). Der geringe Schaden ist ein gewöhnliches objektives Tatbe- standsmerkmal. Das Bundesgericht hat die objektive Grenze fü r den geringen (Vermögenswert oder) Schaden auf je CHF 300.-- festgesetzt, unabhängi g von der Person und den Verhältnis- sen des jeweiligen Opfers (BGE 142 IV 129 E. 3.1). Bei Fehlvorstellungen über das Ausmass des Schadens sind die Vorstellung des Täters und sein Tatvo rsatz massgebend. Liegt die De- liktssumme unter dem Grenzwert von CHF 300.--, scheidet d ie Privilegierung aus, wenn der Vorsatz des Täters auf eine den Grenzwert übersteigende S umme gerichtet gewesen ist (WEISSENBERGER , a.a.O., N 25 ff. zu Art. 172 ter StGB, mit Hinweisen). c) Hat der Täter einen grossen Schaden verursacht, so kan n auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren erkannt werden, und die Tat wir d von Amtes wegen verfolgt (Art. 144 Abs. 3 StGB). Nach neuerer Rechtsprechung des Bundesge richts gilt ein Schaden in der Höhe von mindestens CHF 10'000.-- als gross (BGE 136 IV 117 E. 4.3.1, mit Hinweisen). Diese zah- lenmässige Grenze kann bei besonderen persönlichen Verh ältnissen des Betroffenen oder beim Vorliegen zusätzlicher immaterieller Schäden nach unten angepasst werden. Hingegen verbietet es sich, bei besonders komfortablen wirtschaftl ichen Verhältnissen des Geschädigten höhere Grenzbeträge festzulegen (WEISSENBERGER , a.a.O., N 102 zu Art. 144 StGB). 4.4 a) Dem Beschuldigten wird zur Last gelegt, zwischen dem 7. Mai 2019 und dem 27. Mai 2019 in insgesamt 60 Fällen sowie zwischen dem 10. Feb ruar 2020 und dem 2. März 2020 in Seite 19 http://www.bl.ch/kantonsgericht weiteren vier Fällen Sachbeschädigungen begangen zu hab en, wobei es sich dabei teilweise um geringfügige und in einem Fall (gemäss Ziffer 69 der Anklageschrift) um eine qualifizierte Tatbegehung handeln soll. b) Im Hinblick auf die Fälle 66-69, betreffend den Zeit raum vom 10. Februar 2020 bis zum 2. März 2020, ist den zutreffenden Erwägungen des Str afgerichts folgend festzustellen, dass der Beschuldigte geständig ist, zweimal die Scheiben be i der Z8.____ sowie je einmal bei der Z9.____ und beim Modegeschäft Z10.____ eingeschlagen zu haben, jedoch bestreitet, auch für die übrigen Tathandlungen verantwortlich zu sein (act. S 463; Protokoll KG S. 7). Betreffend die drei Vorfälle bei der Z8.____ vom 10. Februar 2020 ( Fall 66), 27. Februar 2020 (Fall 67) und 2. März 2020 (Fall 69) ergibt sich aus den Akten Folgen des: Im Fall 66 ist der Beschuldigte un- mittelbar nach dem Ereignis sitzend vor der Z8.____ von der Polizei angetroffen worden (act. 3047). Dabei hat er den Sachverhalt unterschriftl ich anerkannt (act. 3071 f.) und diesen auch anlässlich der Einvernahme vom 24. April 2020 (act. 3079) bestätigt. Im Fall 67 hat die Polizei den Beschuldigten im Nachgang zum Vorfall beim sich unmittelbar neben der Z8.____ befindlichen Bahnhof Z11.____ schlafend im Warteraum vorgefunden (act. 3087). Auch hier hat er den Sachverhalt unterschriftlich anerkannt (act. 3123 f.) und diesen anlässlich der Einver- nahme vom 24. April 2020 (act. 3131) bestätigt. Der d ritte Vorfall bei der Z8.____ (Fall 69) hat sich am 2. März 2020 kurz nach Mitternacht und somit zur sel ben Zeit ‒ und am gleichen Ort ‒ ereignet wie die Tätlichkeiten und die Drohung zum N achteil von Z12.____ (Ziffer 3 der Ankla- geschrift; vgl. nachfolgend E. 6 und E. 7) sowie die Sa chbeschädigungen bei der Z9.____, der Z13.____ (beide ebenfalls Fall 69) und der Z10.____ AG (Fall 68). Der Beschuldigte hat dies- bezüglich anlässlich der Einvernahme vom 1. Juli 2020 au sgesagt, er habe die Scheibe des Z10.____ Ladens eingeschlagen, bevor oder nachdem er au ch diejenige der Z8.____ einge- schlagen habe (act. 3155). Zudem ist der Beschuldigte auc h hier vor Ort durch die Polizei an- gehalten (act. 3163) und zusätzlich von der Videoüberwa chung vor der Bank aufgezeichnet worden (vgl. nachfolgend E. 7). Sämtliche (d.h. die zugestandenen und die bestrittenen) Sach- beschädigungen betreffend die Fälle 68 und 69 haben somit am 2. März 2020 zwischen 00:34 Uhr und 00:40 Uhr praktisch am selben Ort in Z11 .____ stattgefunden. Der Beschuldigte begründet sein Bestreiten der Tatvorwürfe lediglich d amit, dass es nicht einsichtig sei, weshalb er zu Unrecht seine Täterschaft negieren sollte, nachdem er die übrigen Tathandlungen zuge- geben habe. Dieses Argument ist offensichtlich nicht geei gnet, Zweifel an der erdrückenden Beweislage zu erheben. Der inkriminierte Sachverhalt i st entsprechend für jeden einzelnen der Seite 20 http://www.bl.ch/kantonsgericht Fälle 66-69 erstellt. Nicht fraglich ist sodann, dass dur ch das Einschlagen von Fenstern, Schei- ben und Glastüren mittels eines Steines der objektive Ta tbestand von Art. 144 Abs. 1 StGB erfüllt ist. Gleichermassen ohne Zweifel ist, dass der B eschuldigte dabei vorsätzlich gewirkt hat und keine Rechtfertigungsgründe vorhanden sind. Aufgrun d der jeweiligen Schadenshöhe han- delt es sich bei den Fällen 66-68 jeweils um eine gewöhnliche Sachbeschädigung und beim Fall 69 um eine qualifizierte Form. Folglich ist dem Beschuld igten anzulasten, dass er in den Fällen 66-69 tatbestandsmässig und rechtswidrig eine mehrfache so wie eine qualifizierte Sachbe- schädigung verübt hat. c) In Bezug auf die Fälle 1-65, welche sich im Zeitraum zw ischen dem 7. Mai 2019 und dem 27. Mai 2019 zugetragen haben, ist gestützt auf die zu treffenden Ausführungen der Vorinstanz Folgendes zu erwägen: Die Fälle 24-48 haben allesamt zw ischen dem 17. Mai 2019 und dem 18. Mai 2019 in den Gemeinden Z14.____, Z15.____ un d Z16.____ stattgefunden. Dies bein- haltet auch diejenigen Fälle, in welchen die Schäden erst mit Verspätung entdeckt und entspre- chend zur Anzeige gebracht worden sind. Diese Fälle stehen sowohl in örtlicher als auch in zeit- licher Hinsicht in einem überaus engen Zusammenhang. Be i dieser Serie ist in den Fällen 37 und 40 (act. 2569 und 2649) auf einem Stein am Tator t die DNA des Beschuldigten ohne jeden Zweifel nachgewiesen worden (vgl. Gutachten des Institu tes für Rechtsmedizin der Universität Basel [IRM], forensische Genetik, vom 22. August 2019 [act . 2563 ff.]). Nebst diesen DNA- Übereinstimmungen liegen in den Fällen 24, 42 und 46 ausserdem Depositionen von Personen vor, welche jeweils eine verdächtige Person, deren Beschreibung zwanglos auf den Beschuldig- ten zutrifft, zur Tatzeit am Tatort gesehen haben (vgl . act. 2397, 2689 und 2745). Diese Bewei- se und Indizien lassen in ihrer Gesamtheit keinen anderen Schluss zu, als dass der Sachverhalt hinsichtlich sämtlichen inkriminierten Sachbeschädigungen, welche sich in den Gemeinden Z14.____, Z15.____ und Z16.____ in der Nacht vom 17. Mai 2019 auf den 18. Mai 2019 ereig- net haben, rechtsgenüglich nachgewiesen ist. An diesen Feststellungen vermögen die pauscha- len Bestreitungen des Beschuldigten nichts zu ändern. N amentlich sein Einwand, er habe zu jener Zeit aufgrund eines von ihm eingenommenen Medi kamentes an erhöhtem Speichelfluss gelitten und deshalb häufig auf den Boden gespuckt, wod urch seine DNA möglicherweise auf die jeweiligen Tatwerkzeuge gelangt sein könnte, ist als derart lebensfremd zu bezeichnen, dass sich hierzu weitere Ausführungen erübrigen. Auch in diesen Fällen steht sodann ausser Frage, dass durch das Einschlagen von Fenstern, Scheiben u nd Glastüren mittels eines Stei- nes der objektive Tatbestand von Art. 144 Abs. 1 StGB er füllt ist, der Beschuldigte vorsätzlich Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht gehandelt hat und keine Rechtfertigungsgründe gegeben sind. Demnach ist festzustellen, dass der Beschuldigte in den Fällen 24-48 tatbestandsmässig und rechtswidrig eine mehrfache, teil- weise geringfügige (betreffend die Fälle 27, 28, 32 und 34) Sachbeschädigung begangen hat. Gleichermassen hat der Beschuldigte betreffend den Fall 61, bei welchem ebenfalls seine DNA sichergestellt worden ist (Gutachten IRM, forensische Gen etik, vom 22. August 2019 [act. 2973 ff.]), tatbestandsmässig und rechtswidrig eine geringfügige Sachbeschädigung ver- übt. d) Im Hinblick auf die übrigen Fälle gemäss Ziffer 1 der Anklageschrift (Fälle 1-23, 50-60 und 62-65) folgt das Kantonsgericht der Ansicht der Vorder richter, wonach in Beachtung der Maxi- me "in dubio pro reo" der inkriminierte Sachverhalt nicht ohne jeden vernünftigen Zweifel erstellt ist. Im Einzelnen ist dieses zu erwägen: Bezüglich der F älle 6 und 8 steht fest, dass beim Be- schuldigten eine benutzte rote Spraydose sichergestellt wo rden ist. Wenngleich dessen Be- hauptung, er habe mit seinem Sohn Bilder mit Spraydos en gemalt und dabei lediglich rote Far- be verwendet, nicht übermässig glaubhaft erscheint, lieg en auf der anderen Seite aber auch keine Hinweise darauf vor, dass es sich bei der Farbe auf den beschädigten Fahrzeugen um die identische Farbe wie jene aus der Spraydose des B eschuldigten gehandelt hat. Ausserdem ist die in diesem Zusammenhang stehende Vorgehensweise m it dem Besprühen von Fahrzeu- gen als atypisch zu bezeichnen, werden dem Beschuldigten doch in den übrigen Fällen jeweils Sachbeschädigungen mit Steinen zur Last gelegt. Insofer n kann nicht zweifelsfrei ausgeschlos- sen werden, dass ein anderer Täter für die fraglichen Tathandlungen verantwortlich ist. Bei den weiteren Sachbeschädigungen stützt sich die Anklage haupt sächlich auf den vergleichbaren modus operandi sowie die örtliche und zeitliche Nähe d er einzelnen Ereignisse untereinander. Dies allein vermag eine Täterschaft des Beschuldigten jed och nicht genügend nachzuweisen. Zu beachten ist dabei, dass sich insbesondere die Fälle 50-60 und 62-65 allesamt in Z17.____ zugetragen haben, und der Beschuldigte im Fall 53 spu rentechnisch ausdrücklich nicht als Tä- ter hat ermittelt werden können (act. 2861). Damit verbleiben nicht zu unterdrückende Zweifel an einer Täterschaft des Beschuldigten. Gleiches gilt im Ergebnis für die Fälle 1 sowie 4-23. Zwar haben einige Tathandlungen im ähnlichen Zeitrau m in der Nähe des Hotels Z18.____und damit dem damaligen Wohnort des Beschuldigten stattgefu nden, was sicherlich als auffällig bezeichnet werden muss. Ansonsten fehlt es jedoch an sti chhaltigen Indizien, welche auf eine Täterschaft des Beschuldigten hinweisen würden. Weder d ie Ortung des Mobiltelefons des Be- schuldigten im Bereich dessen damaligen Wohnorts in Z16. ____ noch die Tatsache, dass auf Seite 22 http://www.bl.ch/kantonsgericht seinem Mobiltelefon Fotos der dortigen beschädigten Me hrzweckhalle entdeckt worden sind, stellen in diesem Sinne belastende Indizien dar. Dies g ilt umso mehr, als der Beschuldigte in jener Zeit nicht als einzige Person in einer schwierige n Lebenssituation im Hotel Z18.____ un- tergebracht gewesen ist. Wenngleich die Staatsanwaltschaft zu Recht auf das Vorliegen einzel- ner belastender Indizien hinweist, verdichten sich diese in ihrer Gesamtheit nicht derartig zu einer geschlossenen Indizienkette, dass in den genannten F ällen 1-23, 50-60 und 62-65 in rechtsgenüglicher Weise von einer Täterschaft des Beschuldigten ausgegangen werden kann. e) Gemäss diesen Erwägungen ist die diesbezügliche Berufun g des Beschuldigten in dem Sinne teilweise gutzuheissen, als betreffend die Fälle 21, 26, 29, 38-40, 55 und 57 der Anklage- schrift das Strafverfahren mangels Vorliegens eines recht sgültigen Strafantrages einzustellen ist. Allerdings haben bezüglich der Fälle 1-23, 50-60 und 62-65 bereits die Vorderrichter er- kannt, dass der entsprechende Sachverhalt nicht erstellt ist, womit im Ergebnis lediglich hin- sichtlich der Fälle 26, 29 sowie 38-40 tatsächlich eine Ä nderung des angefochtenen Urteils er- folgt. Demgegenüber ist die diesbezügliche Anschlussb erufung der Staatsanwaltschaft vollum- fänglich abzuweisen. Im Ergebnis ist damit festzustellen , dass der Beschuldigte hinsichtlich der Fälle 24 und 25, 27 und 28, 30-37, 41-46, 48, 61 sowie 66-69 gemäss der Anklageschrift tatbe- standsmässig und rechtswidrig mehrfache, teilweise geringf ügige Sachbeschädigungen und in einem Fall eine qualifizierte Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 (teilweise in Verbindung mit Art. 172 ter Abs. 1 StGB) und Abs. 3 StGB begangen hat. 5. Tatbestand des Hausfriedensbruchs (Ziffer 2 der Anklageschrift) In Bezug auf den Fall 40 der Anklageschrift haben die Vorderrichter erkannt, dass der Beschul- digte tatbestandsmässig und rechtswidrig einen Hausfried ensbruch begangen habe. Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen des Kantonsgerichts, wo nach unter anderem betreffend die- sen Fall kein rechtsgültiger Strafantrag vorliegt (s. oben E. 4.2.d), ist nunmehr zu konstatieren, dass in entsprechender Gutheissung der diesbezüglichen Beru fung des Beschuldigten und demnach in Abänderung des angefochtenen Urteils das Stra fverfahren betreffend den Tatbe- stand des Hausfriedensbruchs gemäss Ziffer 2 der Anklageschrift einzustellen ist. Seite 23 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6. Tatbestand der Tätlichkeiten (Ziffer 3 der Ankla geschrift) a) Im Hinblick auf den rubrizierten Anklagepunkt hat das S trafgericht erwogen, der Beschul- digte habe den Tatbestand der Tätlichkeiten durch den Schlag mit dem Laptop gegen den Kör- per von Z12.____ erfüllt. Anlässlich der Parteiverhandlu ng vor dem Kantonsgericht (vgl. Proto- koll KG S. 7) hat der Beschuldigte in diesem Zusammen hang ‒ nachdem er in seinen Rechts- schriften noch einen vollumfänglichen Freispruch von allen Vorwürfen begehrt hatte ‒ ausdrück- lich zugestanden, mit seinem Laptop gegen den rechten O berarm des Betroffenen geschlagen zu haben. Ausserdem ist der in der Anklageschrift umschriebene Schlag auf der Videoaufzeich- nung der Z8.____ ersichtlich und entsprechende Screensh ots befinden sich ebenfalls in den Akten (act. 3179 f.). Gestützt hierauf ist der diesbezügl iche Sachverhalt gemäss Ziffer 3 der Anklageschrift ohne Weiteres erstellt. b) In Anwendung von Art. 126 Abs. 1 StGB wird, auf Ant rag, mit Busse bestraft, wer gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des Körpers oder der Gesundheit zur Fol- ge haben. Als Tätlichkeit gilt der geringfügige und f olgenlose Angriff auf den Körper oder die Gesundheit eines anderen Menschen. Praxisgemäss wird eine Tätlichkeit dann angenommen, wenn das allgemein übliche und gesellschaftlich geduldete Mass einer Einwirkung auf den Kör- per eines anderen überschritten, dabei aber noch keine Schädigung bewirkt wird. Subjektiv ist Vorsatz gefordert, wobei Eventualvorsatz genügt (A NDREAS ROTH / TORNIKE KESHELAVA , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 201 9, N 2 ff. und N 13 zu Art. 126 StGB, mit Hinweisen; BGE 134 IV 189). c) Indem der Beschuldigte in casu mit seinem Laptop gegen die Rippen (gemäss Anklage- schrift) bzw. gegen den Oberarm (gemäss seinem Geständnis) des Betroffenen geschlagen hat, hat er mit dieser Tathandlung zweifellos das allg emein übliche und gesellschaftlich gedul- dete Mass einer Einwirkung auf den Körper eines anderen überschritten. Dass der Beschuldigte dabei vorsätzlich gehandelt hat, bedarf keiner Erörteru ng. Ebenso klar ist, dass keine Rechtfer- tigungsgründe vorliegen. Infolgedessen ist zu konstatier en, dass der Beschuldigte in Bestäti- gung des angefochtenen Urteils tatbestandsmässig und rechtswidrig eine Tätlichkeit nach Ziffer 3 der Anklageschrift begangen hat. Seite 24 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7. Tatbestand der Drohung (Ziffer 3 der Anklageschr ift) 7.1 a) Weiter hat die Vorinstanz in Bezug auf Ziffer 3 der Anklageschrift dargelegt, dass der Be- schuldigte tatbestandsmässig und rechtswidrig eine Drohung begangen habe, indem er Z12.____ zunächst unvermittelt tätlich angegriffen un d diesen danach mit einem grösseren Stein in der Hand für einen kurzen Moment verfolgt habe. b) Hierzu führt der Beschuldigte in seiner Berufung aus, n achdem der Betroffene bereits die Flucht ergriffen gehabt habe, als er einen Stein behä ndigt habe, könne dieser hierdurch nicht in Angst und Schrecken versetzt worden sein (vgl. oben E. 2.1.c/cc). c) Die Staatsanwaltschaft begehrt eine vollumfängliche A bweisung der Berufung des Be- schuldigten und demnach eine Bestätigung des angefochtenen Urteils in diesem Punkt. 7.2 Gestützt auf Art. 180 Abs. 1 StGB wird, auf Antrag, mi t Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer jemanden durch schwere Drohu ng in Schrecken oder Angst versetzt. Der Angriff der Täterschaft zielt auf die Beeinträcht igung der Psyche einer Person. Sie verletzt den inneren Frieden bzw. das Sicherheitsgefühl ihres Opf ers durch die Erzeugung von Schre- cken oder Angst, indem sie ihm ein künftiges Übel ankündig t oder in Aussicht stellt, dessen Zu- fügung sie direkt oder indirekt als von sich abhängig hi nstellt. Der Tatbestand verlangt keine Willensbeeinträchtigung des Opfers. Das Gesetz versteht unt er einer Drohung nicht bloss eine ausdrückliche Erklärung des Drohenden, sondern jegliches Verhalten, durch welches das Opfer vom Drohenden bewusst in Schrecken oder Angst versetzt wi rd. Unwesentlich ist, ob der Dro- hende seine Drohung ernst meint, ob er zur Verwirklichun g des angedrohten Übels überhaupt in der Lage wäre oder ob er sich zur Drohung sonstwie e iner Täuschung bedient. Der Tatbe- stand ist vollendet, wenn das Opfer in seinem Sicherh eitsgefühl tatsächlich schwer beeinträch- tigt wird. Die Verfolgung eines weiteren Ziels wird nicht vorausgesetzt. Auf der subjektiven Seite erforderlich ist Vorsatz bzw. Eventualvorsatz. Wird die sc hwere Drohung erfolglos geäussert, weil das Opfer wider Erwarten nicht in Schrecken oder Angst verfällt, so handelt es sich um einen strafbaren Versuch (VERA DELNON / BERNHARD RÜDY , in: Basler Kommentar, Strafrecht II, 4. Auflage, Basel 2019, N 10 ff. zu Art. 180 StGB, mit Hinweisen). Seite 25 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3 a) Im Hinblick auf die Eruierung des rechtserheblichen Sa chverhalts sind folgende Beweise und Indizien massgeblich: aa) Z12.____ hat anlässlich seiner Einvernahme als Auskunftsp erson durch die Polizei, Mobi- le Polizei West, vom 9. März 2020 (act. 3223 ff.) zu Pro tokoll gegeben, als er am 2. März 2020 gegen 00:25 Uhr in Z11.____ aus dem Zug gestiegen sei, sei ihm ein Mann mit dunkler Haut- farbe entgegengekommen. Dieser habe in aggressivem To n gefragt: "Wieso guckst du so?" Er habe kein Wort gesagt. Plötzlich sei der Mann auf ihn zugekommen und habe ihn mit dem Lap- top auf die linke Körperseite bei den Rippen geschlage n. Er habe sich mit den Händen ge- schützt und ihn weggestossen. Den Blick des Mannes vergesse er nie mehr, es sei der Blick eines Teufels gewesen. Er habe grosse Angst um sein Leb en gehabt. Der Mann habe nämlich etwas gesucht und dann einen grossen Stein vom Boden gen ommen. Er habe diesen Moment genutzt und sei Richtung Bahnhof gerannt. Der Mann se i nur kurz nachgerannt und dann zu- rückgegangen und habe die Scheibe bei der Z8.____ eing eschlagen. Er sei in Panik gewesen und habe nicht gewusst, was machen. (...) Er sehe sich n och immer in dieser Situation und ha- be Angst, wenn er daran denke. Er sei einfach sehr fro h, dass der Mann ihn nicht mit einem Messer oder einem Stein angegriffen habe. bb) Der Beschuldigte hat im Rahmen der Voruntersuchung g enerell bestritten, einen Stein behändigt zu haben und damit Z12.____ nachgerannt zu sein (Einvernahme durch die Staats- anwaltschaft vom 24. April 2020 [act. 3235]). Gleicherm assen hat er anlässlich der erstinstanz- lichen Verhandlung deponiert, er habe den Betroffene n mit dem Laptop gegen den Oberarm geschlagen, weil dieser gelacht habe; bedroht habe er ihn jedoch nicht (act. S 465). Anlässlich der Parteiverhandlung vor dem Kantonsgericht hat der B eschuldigte sodann behauptet, ledig- lich mit dem Laptop gegen den rechten Oberarm des Bet roffenen geschlagen zu haben. Es stimme aber nicht, dass er einen Stein aufgenommen und damit gedroht habe; auch sei er dem Betroffenen nicht nachgerannt (Protokoll KG S. 7). cc) Auf den Videoaufnahmen der Z8.____ ist zu sehen, wie der Beschuldigte nach dem tätli- chen Angriff gegen den Betroffenen einen auf dem Bod en liegenden Stein aufnimmt und mit Seite 26 http://www.bl.ch/kantonsgericht diesem in der Hand dem zwischenzeitlich geflüchteten Z12 .____ hinterherrennt, wobei er nach wenigen Sekunden die Verfolgung abbricht und wieder im Bild erscheint. b) Gestützt auf die Videoaufnahmen sowie die Aussagen von Z12.____ verbleiben keine vernünftigen Zweifel am inkriminierten Sachverhalt. En tgegen den Behauptungen des Beschul- digten ist objektiv erstellt, dass er einen Stein vom Boden aufgenommen und mit diesem in der Hand zumindest für ein paar Sekunden in Richtung des geflüchteten Betroffenen gerannt ist. 7.4 Dem nachgewiesenen Sachverhalt folgend ist festzustellen, dass der Beschuldigte dem Be- troffenen, indem er diesen nach dem mittels eines Schl ages mit einem Laptop verübten tätli- chen Übergriff mit einem zuvor aufgehobenen Stein in der Hand für ein paar Sekunden rennend verfolgt hat, im Sinne der Praxis und herrschenden Lehre ein künftiges Übel in Aussicht gestellt hat, dessen Zufügung er direkt als von sich abhängig hat erscheinen lassen. Z12.____ ist denn auch durch das Verhalten des Beschuldigten tatsächlich in Angst und Schrecken versetzt wor- den. Unzweifelhaft ist ferner, dass der Beschuldigte hi erbei vorsätzlich gehandelt hat. Folglich sind in diesem Kontext sowohl der objektive wie auch de r subjektive Tatbestand erfüllt, womit von einem vollendeten Delikt auszugehen ist. Rechtfertig ungsgründe werden keine geltend ge- macht und sind offensichtlich auch keine gegeben. Gemäss diesen Erwägungen ist in Abweisung der diesbezüglichen Berufung des Beschuldigten und demnach in Bestätigung des angefochtenen Urteils festzustellen, dass der Berufungskläger tatbestandsmässig und rechtswidrig eine Drohung nach Art. 180 StGB begangen hat. 8. Tatbestand der versuchten einfachen Körperverlet zung sowie der versuchten ein- fachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegen stand (Ziffer 4 der Anklage- schrift) 8.1 a) Die Vorinstanz hat in diesem Zusammenhang erkannt, dass der Beschuldigte gegenüber Z19.____ tatbestandsmässig eine versuchte Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegen- stand und gegenüber Z20.____ tatbestandsmässig eine ver suchte Körperverletzung begangen Seite 27 http://www.bl.ch/kantonsgericht habe, indem er Ersterem mit dem Laptop zweimal auf de n Kopf und Letzterem einmal mit der Faust ins Gesicht geschlagen habe. Dabei habe weder eine Notwehr- noch eine Putativnot- wehrsituation vorgelegen, weshalb der Beschuldigte rechtswidrig gehandelt habe. b) Der Beschuldigte gesteht den inkriminierten Sachverhal t hinsichtlich der tätlichen Ausei- nandersetzung grundsätzlich ein, macht aber geltend, aufgrund der wiederholten Schikanen der beiden Betroffenen zumindest in Putativnotwehr gehand elt zu haben (vgl. oben E. 2.1.a/bb und E. 2.1.c/bb). c) Die Staatsanwaltschaft begehrt eine vollumfängliche A bweisung der Berufung des Be- schuldigten und demnach eine Bestätigung des angefochtenen Urteils auch in diesem Punkt. 8.2 a) Gestützt auf Art. 123 Ziff. 1 StGB wird, auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer vorsätzlich einen Menschen in anderer Weise an Körper oder Ge- sundheit schädigt. Art. 123 Ziff. 1 StGB erfasst alle Körperverletzungen, welche noch nicht als schwer im Sinne von Art. 122 StGB, aber auch nicht mehr als blosse Tätlichkeiten nach Art. 126 StGB zu werten sind. Die körperliche Integrität ist dan n beeinträchtigt, wenn innere oder äusse- re Verletzungen oder Schädigungen zugefügt werden, die mindestens eine gewisse Behand- lung und Heilungszeit erfordern, wie beispielsweise Quetschungen mit Blutergüssen und Schür- fungen, sofern sie um einiges über blosse Kratzer hinausg ehen. Auf blosse Tätlichkeiten ist umgekehrt zu erkennen, wenn Schürfungen, Kratzwunden, Quetschungen oder bloss blaue Flecken offensichtlich so harmlos sind, dass sie in kürzester Z eit vorübergehen und ausheilen. Gemäss Art. 123 Ziff. 2 (al. 1 und 2) StGB ist die St rafe Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe, und der Täter wird von Amtes wegen verfolg t, wenn er Gift, eine Waffe oder einen gefährlichen Gegenstand gebraucht. Ausschlaggebend, ob ein Gegenstand als gefährlich im Sinne des Gesetzes zu gelten hat, ist, ob er nach seiner B eschaffenheit so eingesetzt wird, dass die Gefahr einer schweren Körperverletzung herbeig eführt wird. So kann praktisch jeder Gegenstand von einiger Robustheit, Festigkeit und Härte in einer tätlichen Auseinandersetzung gefährlich werden, wenn er in entsprechender Weise ein gesetzt wird. Subjektiv ist Vorsatz ge- fordert, wobei Eventualvorsatz genügt (ANDREAS ROTH / ANNE BERKEMEIER, in: Basler Kommen- tar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, N 3 f., N 19 ff. und N 35 zu Art. 123 StGB, mit Hinwei- sen). Seite 28 http://www.bl.ch/kantonsgericht b) Wird jemand ohne Recht angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff bedroht, so ist der Angegriffene und jeder andere berechtigt, den Angrif f in einer den Umständen angemessenen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB). Ausser dem gegenwärti gen löst auch der unmittelbar dro- hende und bevorstehende Angriff das Notwehrrecht aus. Der Angegriffene braucht nicht zu war- ten, bis es zu spät ist, sich zu wehren. Verlangt werde n allerdings reale Anzeichen einer Ge- fahr, die eine Verteidigung nahelegen, was etwa gegeben ist, wenn der Angreifer eine drohende Haltung einnimmt, sich zum Kampf vorbereitet oder Bewe gungen macht, die in diesem Sinne gedeutet werden können. Unzulässig sind demgegenüber Han dlungen, die darauf gerichtet sind, einem zwar möglichen, aber noch unsicheren Angriff vorzubeugen. Zielt das Verhalten auf blosse Rache oder Bestrafung ab, liegt keine Selbstvert eidigung vor (S TEFAN TRECHSEL / CHRISTOPHER GETH , in: Trechsel / Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgeset zbuch, Praxiskom- mentar, 4. Auflage, Zürich / St. Gallen 2021, N 6 zu Art. 15 StGB, mit Hinweisen; BGer 6B_1171/2017 vom 12. April 2018 E. 3.1; 6B_130/2017 vom 27. Februar 2018 E. 3.1). Dem Angreifer zuvorkommen zu wollen und ihn vorsorglich kampfunfähig zu machen, fällt nicht unter die Notwehr (JULIAN MAUSBACH / PETER STRAUB , in: Graf [Hrsg.], Annotierter Kommentar StGB, Bern 2020, N 3 zu Art. 15 StGB, mit Hinweisen; BGer 6B_205/2019 vom 9. August 2019 E. 2.3.1; 6B_303/2018 vom 2. November 2018 E. 2.3). S tellt sich der Täter irrtümlich vor, er werde rechtswidrig angegriffen (Putativnotwehr), so gilt Art. 13 StGB (T RECHSEL / GETH , a.a.O., N 14 zu Art. 15 StGB; BGer 6B_569/2018 vom 20. März 2 019 E. 3.5.2; 6B_789/2018 vom 21. Januar 2019 E. 2.4). Art. 13 Abs. 1 StGB bestimmt , dass das Gericht die Tat zu Gunsten des Täters nach dem Sachverhalt beurteilt, den sich de r Täter vorgestellt hat, wenn er in einer irrigen Vorstellung über den Sachverhalt handelt. c) Führt der Täter, nachdem er mit der Ausführung eine s Verbrechens oder Vergehens be- gonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende od er tritt der zur Vollendung der Tat gehören- de Erfolg nicht ein oder kann dieser nicht eintreten , so kann das Gericht die Strafe mildern (Art. 22 Abs. 1 StGB). Nach dem Wortlaut der Norm mu ss der Täter mit der Ausführung der Tat begonnen haben. Dies erfordert implizit, dass er zuvor ei nen auf ihre Begehung gerichteten Entschluss gefasst hat. Vom vollendeten Delikt unterscheid et sich der Versuch dadurch, dass der objektive Tatbestand nur zum Teil verwirklicht wird, während der subjektive Tatbestand hier wie dort erfüllt sein muss. Zum Tatentschluss gehört stet s der Vorsatz, wobei Eventualvorsatz genügt. Erfordert der Tatbestand zusätzlich subjektive Un rechtsmerkmale, so müssen nach Seite 29 http://www.bl.ch/kantonsgericht einhelliger Auffassung auch sie gegeben sein. Gemäss de r Praxis des Bundesgerichts wird zum Beginn der Ausführung jede Tätigkeit gerechnet, d ie nach dem Plan, den sich der Täter gemacht hat, auf dem Weg zum Erfolg den letzten entscheidenden Schritt darstellt, von dem es in der Regel kein Zurück mehr gibt, es sei denn wegen ä usserer Umstände, die eine Weiterver- folgung der Absicht erschweren oder verunmöglichen (BGE 131 IV 100 E. 7.2.1; M ARCEL ALEXANDER N IGGLI / STEFAN MAEDER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Base l 2019, N 1 ff. zu Art. 22 StGB, mit Hinweisen). Art. 22 Abs. 1 StGB umfasst sowohl den taugli- chen wie auch den untauglichen Versuch und stellt alle Ve rsuchsarten in der Rechtsfolge gleich, mit Ausnahme des untauglichen Versuchs aus grobem Unverstand, welcher nach Art. 22 Abs. 2 StGB straflos bleibt (NIGGLI / MAEDER , a.a.O., N 44 zu Art. 22 StGB). 8.3 a) Im Hinblick auf die Bestimmung des rechtserheblichen Sac hverhalts liegen namentlich folgende Beweise und Indizien vor: aa) Der Beschuldigte hat anlässlich der Einvernahme durch di e Polizei, Mobile Polizei West, vom 7. März 2020 (act. 3355 ff.) zugegeben, zweimal mi t dem Laptop gegen den Kopf von Z19.____ und einmal mit der Faust gegen den Kopf von Z20.____ geschlagen zu haben. bb) Weiter hat der Beschuldigte anlässlich der Einvernahm e durch die Staatsanwaltschaft vom 24. April 2020 (act. 3409) eingestanden, Z19.____ zweimal mit dem Laptop geschlagen zu haben, bis dieser auf den Boden gefallen sei. Als Grund hat er angegeben, der Betroffene habe in den Warteraum gewollt, in welchem er geschlafen h abe. Dieser habe ihn provoziert. Als er ihn gesehen habe, habe er seinen Laptop bereitgehal ten, um ihm diesen über den Kopf zu schlagen. Als er Z19.____ zu Boden geschlagen habe, sei Z20.____ zu ihm gekommen. Er habe ihn gewarnt, dass dieser ihn nicht anfassen solle. Als der Betroffene es doch getan habe, habe er ihn einmal mit der Faust geschlagen. cc) Vor dem Strafgericht hat der Beschuldigte angegeben, er sei von Z19.____ im Zeitraum von rund vier Wochen mehrfach beschimpft und betatscht w orden, worauf er ihm gesagt habe, dass dieser "eins kassiere", wenn er einen schlechten Tag erwische. Dies sei dann passiert. So habe er Z19.____ einmal, als dieser Richtung Warterau m gegangen sei, den Laptop auf den Kopf geschlagen, worauf dieser umgefallen sei. Daraufhi n sei dessen Kollege zu ihm gelaufen Seite 30 http://www.bl.ch/kantonsgericht und habe ihn, trotz der Warnung, ihn nicht zu berühr en, gegen die Brust gestossen. In der Fol- ge habe er aus Reflex Z20.____ eine gehauen, woraufhi n auch dieser auf den Boden gefallen sei. Insofern würden die Anklagevorwürfe stimmen (act. S 467). dd) Anlässlich der Parteiverhandlung vor dem Kantonsgerich t hat der Beschuldigte schliess- lich ausgeführt, er sei von Z19.____ fast einen Monat la ng schikaniert worden, weshalb er ihn mit dem Laptop geschlagen habe. Z20.____ habe er an jenem Abend zum ersten Mal gesehen. Dieser habe ihn geschubst, obwohl er ihm gesagt habe, er solle ihn nicht berühren. Dies sei der Grund gewesen, weshalb er ihm einen Schlag versetzt ha be. Am fraglichen Tag sei er nicht provoziert worden, aber Z19.____ habe ihn vorher wochenlang schikaniert (Protokoll KG S. 7). ee) Gemäss dem Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Basel (IRM), fo- rensische Medizin und Verkehrsmedizin, vom 19. März 2020 (act . 3301 ff.) hätten bei Z19.____ vier Tage nach dem zur Diskussion stehenden Ereignis Haut unterblutungen am rechten Ober- arm sowie am rechten Oberschenkel mehrere Hautverkrustun gen festgestellt werden können. Weitere Hautverkrustungen an den Unterrändern der bei den Kniescheiben zeigten sich in fort- geschrittener Heilung, weshalb diese zeitlich nicht de m Ereignis zugeordnet werden könnten. Dagegen habe die mittig über der rechten Kniescheibe g elegene Hautverkrustung wie auch jene an der Aussenseite des linken Knies prinzipiell dem Ereignis zugeordnet werden können. Dasselbe gelte für die kleinfleckigen Hautverkrustungen an der rechten Hand, die Hautunterblu- tungen am rechten Oberschenkel und diejenigen am recht en Oberarm. Diese Verletzungen entstünden grundsätzlich durch stumpfe Gewalt, wobei ni cht gesagt werden könne, ob Schläge oder ein Sturz ursächlich gewesen seien. Betreffend S chläge auf den Kopf sind keine Befunde objektiviert worden. Ebenfalls nicht objektivierbar gewesen sind die von Z19.____ geschilderten Schmerzen im Bereich des rechten Rippenbogens. ff) Im Gutachten des IRM, forensische Medizin und Verkehrsmed izin, vom 23. März 2020 (act. 3337 ff.) betreffend Z20.____ wird zusammengefasst ausgeführt, dass es sich bei den fle- ckigen Hautrötungen am Oberkopf und der plaqueförmigen Hautrötung an der rechten Hinter- kopfregion in erster Linie um vorbestehende Hautverände rungen bzw. -erkrankungen handle. Ausserdem gebe es einen kleinen verschorften Hautdefekt an der Stirn, welcher beispielsweise durch das Einwirken eines Fingernagels erklärt werden könn e. Ob es sich bei den fleckigen Hautrötungen an der Stirn und am linken Wangenvorsprun g bzw. der linken Schläfe um Verlet- Seite 31 http://www.bl.ch/kantonsgericht zungsbefunde oder um vorbestehende Hautveränderungen bzw . -erkrankungen handle, könne nicht differenziert werden. Insgesamt sei eine eindeu tige Zuordnung der festgestellten Verlet- zungen hinsichtlich der Reihenfolge ihrer Entstehung ni cht zu treffen, wobei zumindest die Hautunterblutungen an den Beinen hinsichtlich des Entst ehungszeitpunktes mehrheitlich als älter (das heisst wenige bis mehrere Tage alt) eingesch ätzt würden. Aus der Aktennotiz der Staatsanwaltschaft vom 7. März 2020 betreffend ein glei chentags geführtes Telefonat mit dem IRM geht ferner hervor, dass bei Z20.____ keine typische n Verletzungen, die mit der Einwir- kung eines Laptops gegen den Kopf hätten erklärt werde n können, vorgefunden worden seien. Ausser einer frischen Hautrötung am Hinterkopf seien ver schorfte, ältere Verletzungen an der Stirne sowie überall am Körper verschiedene Hämatome vo rhanden gewesen (act. 3319). Ge- mäss dem forensisch-toxikologischen Gutachten des IRM vom 12. Mai 2020 ist bei Z20.____ eine Blutalkoholkonzentration von 2,96 ‰ festgestellt wo rden (act. 3351). b) Gestützt auf die vorstehend genannten Beweise und Indi zien ist der Sachverhalt gemäss Anklageschrift erstellt, was vom Beschuldigten grundsätzlich auch anerkannt wird. 8.4 a) Gemäss dem erstellten Sachverhalt hat der Beschuldigt e zunächst Z19.____ zweimal mit seinem Laptop gegen den Kopf geschlagen, bis dieser zu Bo den gestürzt ist, und danach Z20.____ einmal mit der Faust ins Gesicht gehauen, so d ass auch dieser zu Boden gegangen ist. Die in den beiden IRM-Gutachten beschriebenen Verl etzungen sind unspezifisch und kön- nen den Handlungen des Beschuldigten nicht direkt zugeor dnet werden, weshalb zumindest im Zweifel zu Gunsten des Beschuldigten davon auszugehen ist , dass die Schläge sowohl bei Z20.____ als auch bei Z19.____ zu keinen relevanten V erletzungen geführt haben. Ungeachtet hiervon ist ohne Zweifel, dass bei Schlägen gegen den Ko pf, sei dies mittels eines harten Ge- genstands wie eines Laptops oder mittels der Faust, ein e rhebliches Risiko für eine einfache Körperverletzung besteht. Ebenso klar ist, dass der Lapt op vom Beschuldigten so eingesetzt worden ist, dass die Gefahr einer schweren Körperverletzu ng bestanden hat, weshalb dieser als gefährlicher Gegenstand im Sinne des Gesetzes zu qua lifizieren ist. Schliesslich steht aus- ser Frage, dass der Beschuldigte vorsätzlich gehandelt hat. b) Bezüglich der vom Beschuldigten geltend gemachten Not wehr bzw. Putativnotwehr ist zu erwägen, dass der Berufungskläger mehrfach und unmissvers tändlich eingeräumt hat, am Tat- Seite 32 http://www.bl.ch/kantonsgericht tag von Z19.____ nicht provoziert worden zu sein. Dass er von diesem allenfalls in der voran- gegangenen Zeit zuweilen belästigt worden ist, ändert nichts daran, dass er jenen zum Zeit- punkt der inkriminierten Handlung unvermittelt angegr iffen hat. Seitens des Betroffenen hat of- fensichtlich kein gegenwärtiger Angriff stattgefunden, und es haben auch keine Hinweise vorge- legen, dass der Beschuldigte mit einem unmittelbar dro henden Angriff hätte rechnen müssen. Insofern hat keine Notwehrsituation bestanden. Vielmeh r hat der Beschuldigte entweder den Betroffenen vorsorglich angegriffen und kampfunfähig gemacht, damit dieser ihn nicht belästi- gen kann, oder er hat ‒ wie er dies selbst formuliert ‒ einen schlechten Tag erwischt und sich bei Z19.____ für die früheren Schikanen revanchiert. Gleichermassen hat keine Putativnot- wehrsituation vorgelegen, da sich der Beschuldigte nich t irrtümlich vorgestellt hat, angegriffen zu werden. Ganz im Gegenteil hat sein Verhalten auf R ache bzw. Bestrafung abgezielt, womit es von vornherein keine legitime Selbstverteidigung darste llen kann. Gleiches gilt im Ergebnis für sein Verhalten gegenüber Z20.____. Selbst wenn di eser ihn allenfalls kurz berührt haben mag, führt dies nicht zum Bestehen einer Notwehr- b zw. einer Putativnotwehrsituation, da we- der geltend gemacht wird noch ersichtlich wäre, dass der erheblich alkoholisierte Betroffene ihn in irgendeiner Weise bedroht hätte. Vielmehr ist es d em Beschuldigten auch in diesem Fall da- rum gegangen, sein Gegenüber entweder vorsorglich kampf unfähig zu machen, oder dafür zu bestrafen, dass er ihn berührt hat. Überdies ist in die sem Zusammenhang zu beachten, dass der Beschuldigte das Eingreifen von Z20.____ mit seinem vorgängigen tätlichen Übergriff ge- genüber Z19.____ provoziert hat. Demnach kann der Beschu ldigte keinen Rechtfertigungs- grund für sein Handeln vorbringen. Gemäss diesen Darlegungen ist festzustellen, dass der Beru fungskläger jeweils tatbestands- mässig und rechtswidrig eine versuchte Körperverletzung na ch Art. 123 Ziff. 1 StGB in Verbin- dung mit Art. 22 Abs. 1 StGB betreffend Z20.____ sowi e eine versuchte Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand gemäss Art. 123 Ziff. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB betreffend Z19.____ verübt hat, womit die diesbe zügliche Berufung des Beschuldigten in Bestätigung des angefochtenen Urteils abzuweisen ist. Seite 33 http://www.bl.ch/kantonsgericht 9. Tatbestand des versuchten Mordes (Ziffer 5 der A nklageschrift) 9.1 a) Im Hinblick auf den rubrizierten Anklagepunkt hat die V orinstanz erkannt, der Beschuldig- te habe den Privatkläger zunächst mit einem Schnürsenkel und danach auf dem Boden liegend mit seinen Armen in einer derartigen Intensität gewür gt, dass beim Angegriffenen eine akute Lebensgefahr bestanden habe. Der Beschuldigte habe vo rsätzlich gehandelt und der Tatent- schluss in Bezug auf eine Tötung habe vorgelegen. Gleichermassen sei der Beginn der Ausfüh- rungshandlungen zu bejahen. Für die Annahme der bes onderen Skrupellosigkeit spreche so- dann, dass der Beschuldigte heimtückisch, hartnäckig und oh ne hemmenden Gefühlsregungen vorgegangen sei und aus völlig nichtigem Anlass gehandel t habe. In einer Gesamtwürdigung sei deshalb festzustellen, dass der Beschuldigte den Tatbest and des versuchten Mordes tatbe- standsmässig und rechtswidrig erfüllt habe. b) Der Beschuldigte legt zur Begründung seines diesbezügli chen Rechtsmittels im Wesentli- chen dar, dass es nicht zu einer akuten Lebensgefahr beim Betroffenen gekommen sei und er zu keiner Zeit eine Tötungsabsicht gehabt habe, weshalb lediglich der Tatbestand der einfa- chen Körperverletzung in der qualifizierten Variante na ch Art. 123 Ziff. 2 StGB erfüllt sei. Selbst bei Annahme einer allfälligen Tötungsabsicht sei die Qualifikation der Tat als versuchter Mord nicht haltbar (vgl. oben E. 2.1.a/aa und E. 2.1.c/aa). c) Die Staatsanwaltschaft schliesst auf Abweisung der Beru fung des Beschuldigten und dementsprechend Bestätigung des angefochtenen Urteils (vgl. oben E. 2.2.b/cc). 9.2 a) Nach Art. 111 StGB wird mit Freiheitsstrafe nicht unt er fünf Jahren bestraft, wer vorsätz- lich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen Voraussetzungen der nachfolgen- den Artikel zutrifft. Geschütztes Rechtsgut ist das Lebe n eines Menschen, Angriffsobjekt ist ein anderer lebender Mensch. Als Tathandlung genügt jede A rt der Verursachung des Todes eines lebenden Menschen, wobei der Täter beliebige Tatmittel einsetzen kann. Der Erfolg kann durch physische oder psychische Einwirkung auf das Opfer bewirkt w erden. Auf Seiten des subjekti- ven Tatbestandes erforderlich ist der Vorsatz im Sinne vo n Art. 12 Abs. 2 StGB, der sich einzig auf die Herbeiführung des Todes beziehen muss. Eventualvo rsatz genügt gemäss der explizi- Seite 34 http://www.bl.ch/kantonsgericht ten Regelung von Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB. Die (versuch te) vorsätzliche Tötung geht der Ge- fährdung des Lebens vor, wenn das gleiche Angriffsobjekt b etroffen ist (C HRISTIAN SCHWARZENEGGER / JASMINE STÖSSEL , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Ba sel 2019, N 1 ff. vor Art. 111 StGB sowie N 4 ff. zu Art. 111 StGB, mit Hinweisen). b) Handelt der Täter besonders skrupellos, sind namentlic h sein Beweggrund, der Zweck der Tat oder die Art der Ausführung besonders verwerflich, so ist die Strafe lebenslängliche Frei- heitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren (Art. 112 StGB). Wer besonders skru- pellos handelt, hat keine moralischen Bedenken während der Tatausführung bzw. keine hem- menden Gefühlsregungen gegen das Auslöschen eines Menschen lebens. Nach der bundesge- richtlichen Rechtsprechung zeichnet sich der Mord durch ein e aussergewöhnlich krasse Miss- achtung fremden Lebens bei der Durchsetzung eigener Ab sichten aus. Für die Qualifikation verweist das Gesetz in nicht abschliessender Aufzählung bei spielhaft auf äussere (Ausführung) und innere Merkmale (Beweggrund, Zweck). Die für eine Mordqualifikation konstitutiven Ele- mente sind jene der Tat selber, während Vorleben und Verhalten nach der Tat nur heranzuzie- hen sind, soweit sie tatbezogen erscheinen und ein Bild der Täterpersönlichkeit geben. Das Gesetz erfasst mithin jenen Täter, den der Psychiater B INDER (ZStrR 67/1952 S. 307) beschrie- ben hat als gemütskalt, krass und primitiv egoistisch, ohne soziale Regungen, der sich zur Ver- folgung seiner eigenen Interessen rücksichtslos über das Leb en anderer Menschen hinweg- setzt. Dabei berechtigt nur eine Gesamtwürdigung aller äusseren und inneren Umstände des konkreten Falles zu diesem Rückschluss. Für Mord typische Fä lle sind etwa die Tötung eines Menschen zum Zwecke des Raubes, Tötungen aus religiösem o der politischem Fanatismus oder aus Geringschätzung (BGer 6B_305/2013 vom 22. Aug ust 2013 E. 4.4; BGE 127 IV 13 E. 1a, mit zahlreichen Hinweisen). Ein Mord kann auch dann bejaht werden, wenn das Tatmotiv im konkreten Fall gänzlich unklar bleibt, sich eine beson dere Skrupellosigkeit aber aus anderen Umständen ergibt. Zu den besonders verwerflichen Beweggründen gehört die Rache, wenn das Motiv völlig unnachvollziehbar und der Anlass für die Tat geringfügig ist (S CHWARZENEGGER , a.a.O., N 4 ff. zu Art. 112 StGB, mit Hinweisen; BGe r 6B_21/2010 vom 4. März 2010 E. 6.3; 6B_914/2010 vom 7. März 2011 E. 2.2; 6B_246/2014 vom 29. April 2014 E. 2.1; T RECHSEL / GETH , a.a.O., N 8 ff. zu Art. 112 StGB, mit Hinweisen). V erminderte Schuldfähigkeit schliesst nach der herrschenden Lehre eine besondere Skrupellosig keit nicht aus. Die Skrupellosigkeit kann aber ‒ zumindest nach dem Wortsinn von Art. 112 StGB ‒ auch Kennzeichen einer disso- zialen Persönlichkeitsstruktur und mangelhaften Steuerun gsfähigkeit sein, die nicht tatgebun- Seite 35 http://www.bl.ch/kantonsgericht den, sondern täterbezogen sind und damit in direktem Zusammenhang mit der Schuldfähigkeit stehen. In solchen Fällen lässt sich die Beurteilung der Skrupellosigkeit nicht von jener der Schuldfähigkeit trennen (SCHWARZENEGGER , a.a.O., N 28 zu Art. 112 StGB). c) In Anwendung von Art. 12 Abs. 1 StGB ist, soweit es d as Gesetz nicht ausdrücklich an- ders bestimmt, nur strafbar, wer ein Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich begeht. Gestützt auf Abs. 2 von Art. 12 StGB begeht ein Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich, wer die Tat mit Wis- sen und Willen ausführt, wobei bereits vorsätzlich han delt, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt. Angesichts der notorische n Unsicherheiten, welche der Ab- grenzung anhaften, beansprucht die Maxime "in dubio pro reo" hier erhöhte Beachtung, wes- halb Eventualvorsatz nicht leichthin anzunehmen ist (M ARCEL ALEXANDER NIGGLI / STEFAN MAEDER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Bas el 2019, N 62 zu Art. 12 StGB, mit Hinweisen). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung und der herrschenden Lehre kann Mord auch eventualvorsätzlich begangen werden. Mord un terscheidet sich von der vorsätzli- chen Tötung durch die besondere Skrupellosigkeit. Diese muss aus der Tat bzw. den Tatum- ständen hervorgehen und sie als besonders abstossend erscheinen lassen. Dass der Täter den Tod des Opfers lediglich in Kauf nimmt, schliesst nicht a us, dass die hinter der Tötung stehen- den Beweggründe und der Zweck der Tat einer besonders krassen Geringschätzung menschli- chen Lebens entspringen und besonders verwerflich sein kö nnen (BGer 6B_232/2012 vom 8. März 2013 E. 1.4.2, mit zahlreichen Hinweisen). Event ualvorsatz ist praxisgemäss (vgl. zum Ganzen BGer 6B_724/2017 vom 21. Juli 2017 E. 1.2) ge geben, wenn der Täter den Eintritt des Erfolgs beziehungsweise die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall des Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; 134 IV 26 E. 3.2.2; 131 IV 1 E. 2.2; 130 IV 58 E. 8.2; je mit Hinweisen). Wie vorstehend dargelegt, handelt bereits vorsätzlich, w er die Verwirklichung der Tat für mög- lich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StG B). Für den Nachweis der Inkaufnahme des tatbestandsmässigen Erfolgs kann sich das Gericht ‒ soweit der Täter nicht geständig ist ‒ regelmässig nur auf äussere Umstände und Erfahrungsregeln stützen, die Rückschlüsse auf die innere Einstellung des Täters erlauben. Dazu gehören d ie Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung und die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung. Je grös- ser beziehungsweise schwerer diese sind, desto eher darf gefolgert werden, der Täter habe die Seite 36 http://www.bl.ch/kantonsgericht Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 134 IV 26 E. 3.2.2; 130 IV 58 E. 8.4; je mit Hinweisen). Zu den relevanten Umständen können auch di e Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung gehören (BGE 130 IV 58 E. 8.4, mit Hinweisen). Das Gericht kann vom Wissen des Täters auf dessen Willen schliessen, wenn sich d em Täter der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufgedrängt hat, dass die Bereitschaf t, ihn als Folge hinzunehmen, ver- nünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3, mit Hinweisen; G ÜNTER STRATENWERTH , Schweizerisches Strafrecht, Allgemeiner Teil I, 4. Auflage, Bern 2011, § 9 N 103, mit Hinweisen). Eve ntualvorsatz kann indessen auch vorlie- gen, wenn der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs n icht in diesem Sinne sehr wahrschein- lich, sondern bloss möglich gewesen ist. Doch darf nicht al lein aus dem Wissen des Beschul- digten um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dess en Inkaufnahme geschlossen werden, vielmehr müssen weitere Umstände hinzukommen (BGE 133 IV 9 E. 4.1; 133 IV 1 E. 4.5). Sol- che Umstände sind beispielsweise darin zu sehen, dass der Täter das Tötungsrisiko in keiner Weise kalkulieren oder dosieren kann, das Ausbleiben des E rfolgs als zu einem grossen Teil von Glück und Zufall abhängig ist, oder das Opfer kei nerlei Abwehrchancen hat (BGer 6B_33/2012 vom 15. Februar 2013 E. 3.5; 6B_808/2013 vom 19. Mai 2014 E. 2.2.3). Der Um- stand, dass rückblickend für das Opfer zu keiner Zeit akute Lebensgefahr bestanden hat und die erlittenen Verletzungen nur leicht gewesen sind, schliesst einen Eventualvorsatz bezüglich einer Tötung nicht aus (BGer 6B_73/2015 vom 25. Novem ber 2015 E. 1.3.3; 6B_221/2016 vom 20. Mai 2016 E. 3.1; S CHWARZENEGGER , a.a.O., N 7 zu Art. 111 StGB, mit Hinweisen). Event u- aldolus ist exemplarisch zu bejahen, wenn der Täter das Opfer minutenlang würgt bzw. eine Bettdecke auf das Gesicht drückt (BGer 6B_422/2008 vom 31. Juli 2008 E. 2.2). Die Frage, ob der Täter mit Wissen und Willen gehand elt hat, ist von der Frage der Schuldfä- higkeit zu unterscheiden. Schuldunfähigkeit bedeutet ni cht, dass der Täter keinen tatbestands- mässigen Vorsatz bilden könnte; vielmehr kann auch der völlig Schuldunfähige vorsätzlich han- deln. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Steuerungsfähig keit als auch bezüglich der Einsichtsfä- higkeit. Ihr Gegenstand und derjenige des Vorsatzes unt erscheiden sich in wesentlicher Hin- sicht. Einsicht in das Unrecht der Tat setzt einen Akt nor mativer Wertung voraus, der Bestand und Geltung der Norm erfasst und dessen Vornahme aufg rund einer psychischen Störung aus- nahmsweise ausgeschlossen sein kann. Beim Vorsatz dagegen geh t um die Umsetzung eines Handlungsentschlusses in die Wirklichkeit auf der Grundlag e von sinnlich wahrgenommenen oder vorgestellten Tatumständen, was grundsätzlich auch bei fehlender Einsicht in das Unrecht Seite 37 http://www.bl.ch/kantonsgericht möglich ist, weil es dazu des entsprechenden Wertungsaktes nicht bedarf (F ELIX BOMMER / VOLKER DITTMANN , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Bas el 2019, N 19 zu Art. 19 StGB, mit Hinweisen). d) Hinsichtlich der theoretischen Erwägungen zum Versuch nach Art. 22 Abs. 1 StGB ist an vorliegender Stelle zwecks Vermeidung von Wiederholunge n auf die vorstehenden Ausführun- gen im Zusammenhang mit dem Tatbestand der versuchten Körperverletzung bzw. der ver- suchten Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegensta nd zu verweisen (siehe oben E. 8.2.c). e) Bezüglich der von der Staatsanwaltschaft aufgeworfene n Frage zur Verwertbarkeit der Einvernahme von A.____ vom 20. April 2020 sowie der Ver letzung von Teilnahmerechten ist bereits vorgängig (vgl. oben E. 1.1.d) entschieden worden, dass auf das diesbezügliche Begeh- ren nicht eingetreten wird. Gestützt auf die nachfolgenden Erwägungen ergibt sich sodann ohne Weiteres, dass diese Frage im vorliegenden Fall mangels R elevanz keiner materiellrechtlichen Klärung bedarf. 9.3 a) Bei der Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts sind folgende Beweise und Indi- zien zu würdigen: aa) Objektiviert wird das Geschehene in erster Linie durch e in Überwachungsvideo, aufge- nommen am 16. März 2020 im Untersuchungsgefängnis Z21.__ __. Auf dieser Videoaufzeich- nung ist zu sehen, wie sich der Beschuldigte – nachdem e r sich in der Stunde zuvor mehrfach alleine vom Spazierhof in die Zelle, den Aufenthaltsra um und das Bad begeben hatte – ab 09:29:02 Uhr dem Gefangenenbetreuer A.____, welcher ihm zuvor einen Entscheid des Zwangsmassnahmengerichts betreffend Anordnung von Unter suchungshaft ausgehändigt hat- te, genähert hat, sein Badetuch hat fallen lassen un d diesen, während sie zusammen in Rich- tung seiner Zelle gegangen sind, unvermittelt von hin ten angegriffen hat. Dabei hat der Be- schuldigte einen zuvor behändigten Schnürsenkel aus der linken Tasche seiner Jogginghose genommen und diesen dem Betroffenen mit beiden Händ en um den Hals gelegt und zugezo- gen. Weiter ist zu sehen, wie der Beschuldigte den Betr offenen um 09:29:16 Uhr mit der Hilfe von Tritten gegen dessen Beine zu Fall gebracht hat. I n der Folge hat der Beschuldigte den auf Seite 38 http://www.bl.ch/kantonsgericht dem Boden liegenden A.____ von seitlich hinten wiederum am Hals gepackt. Dabei hat der Be- schuldigte A.____ ungefähr ab 09:29:22 Uhr zunächst mit einem Arm und anschliessend mit beiden Armen um den Hals weiter gewürgt. Dem Angegri ffenen ist es um 09:29:29 Uhr gelun- gen, das an seinem Gurt befestigte Alarmgerät zu bedi enen. Ab 09:29:39 Uhr hat der Beschul- digte dem Betroffenen zusätzlich sein linkes Bein umgele gt. In der Zeitspanne zwischen 09:29:39 Uhr und 09:31:46 Uhr hat der Beschuldigte d en Betroffenen ununterbrochen von hin- ten im Bereich dessen Halses umklammert. Der Angegriffene hat in dieser Phase zeitweise sein rechtes Bein und seinen linken Arm bewegt, aber auch w ährend rund 50 Sekunden gar keine Reaktion mehr gezeigt. Ab 09:31:29 Uhr ist erkennbar, wie sich A.____ wieder vermehrt ge- wehrt hat. Um 09:31:46 Uhr hat schliesslich ein weiter er Gefangenenbetreuer den Zellengang betreten und ist dem Betroffenen zu Hilfe geeilt, wor auf der Beschuldigte von seinem Opfer ab- gelassen hat. bb) Im rechtsmedizinischen Gutachten des IRM, forensische Medi zin und Verkehrsmedizin, vom 29. April 2020 (act. 3519 ff.) ist Folgendes ausgef ührt: Etwas mehr als drei Stunden nach dem geltend gemachten Ereignis habe sich beim Privatkläge r hauptbefundlich eine streifige Hautrötung am Hals, die einen über dem Kehlkopf hori zontalen Verlauf und linksseitig einen fast senkrechten, teilweise doppelt konturierten Anstie g gezeigt habe, um anschliessend am Nacken wieder absteigend und annähernd horizontal nach vorne zu verlaufen, gezeigt. Die Konturierung und der streckenweise horizontale Verlauf seien grundsätzlich mit einer Strang- marke nach stattgehabtem Drosseln in Vereinbarung zu br ingen. Breite und Verlauf der gefun- denen Strangmarke legten ein dünnes, eher weiches Dross elwerkzeug nahe. Die Verwendung eines Schnürsenkels erscheine plausibel. Der Verlauf der Strangmarke weise darauf hin, dass die Schlinge um die rechte Halsseite gelegt und zur li nken oberen Nackenseite hin zugezogen worden sei. Die annähernd doppelt konturierte Rötung an der linken Halsseite könne einerseits als Hinweis auf ein mehrfaches Zuziehen gesehen werden, andererseits sei auch ein Zug an der getragenen Halskette möglich. Neben der Strangmarke hätten sich am Hals weitere Hautrö- tungen und Einblutungen gefunden, die sich durch die E inwirkung stumpfer Gewalt erklären liessen. Als Entstehungsmechanismus sei ein Würgen oder Z upacken möglich, sie könnten aber auch im Rahmen der Auseinandersetzung durch ein Z erren an der Kleidung und dem Schmuck entstanden sein. Am Hals sowie um und im linken Auge hätten weiter Punktblutungen festgestellt werden können. Solche Stauungsblutungen en tstünden bei ausgeprägter Kompres- sion des Halses durch das Zerreissen kleinster Blutgefässe und wiesen auf eine akute Lebens- Seite 39 http://www.bl.ch/kantonsgericht gefahr hin. Der Betroffene habe neben der sichtbaren Strangmarke am Hals auch Stauungsblu- tungen im Kopfbereich aufgewiesen, welche auf eine kre islaufrelevante Kompression der Hals- weichteile hinweisen würden. Zusammen mit dem bericht eten Bewusstseinsverlust hätte bei längerdauerndem Drosseln ohne Hilfeleistung eine unmi ttelbare Lebensgefahr bestehen kön- nen. Diese habe durch die rasche Intervention abgewende t werden können. Neben der lebens- bedrohlichen Gewalt gegen den Hals hätte es auch zu sch werwiegenden Verletzungen des linken Auges mit Verletzung des Augapfels bis hin zum Ver lust der Sehfähigkeit kommen kön- nen. cc) Gemäss telefonischer Auskunft von Dr. med. Z22.____, le itender Oberarzt IRM, vom 3. Juli 2020 (Aktennotiz der Staatsanwaltschaft vom g leichen Tag [act. 3533]) sei es beim Pri- vatkläger aufgrund der Befunde zu einem längeren Sauer stoffzufuhrmangel gekommen. Ob dieser bewusstlos gewesen sei, könne jedoch nicht gesagt werden. dd) Der Beschuldigte hat anlässlich seiner Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft vom 24. April 2020 (act. 3573 ff.) zusammengefasst zu Proto koll gegeben, er habe den Privatkläger verprügeln und nicht töten wollen. Er habe den Schnürse nkel dabeigehabt, und als er gemerkt habe, dass er ihn damit töten könnte, habe er es sein ge lassen, und ihn mit dem Arm gewürgt. Der Privatkläger habe seinen rechten Arm gepackt. Er hab e ihn nur schlagen wollen. Er habe es so empfunden, dass sich dieser vorher über ihn lustig g emacht habe. Er sei irritiert gewesen wegen des Vorfalls am Bahnhof, dass er deswegen ins Gefän gnis gekommen sei. Der Privat- kläger sei die ganze Zeit bei Bewusstsein gewesen. Er hab e nur den linken Arm um dessen Kopf gehabt. Er habe schnell begriffen, dass er den Pr ivatkläger mit der Schnur töten könnte und es dann sein lassen. Es habe nicht so geklappt, wie er es gewollt habe. Der Schnürsenkel sei von seinem Schuh. Er habe den Privatkläger damit nic ht gewürgt, er habe schnell wieder losgelassen, weil ihm bewusst geworden sei, dass er ihn damit töten könnte. Er habe mit dem Privatkläger eine Schlägerei anfangen wollen. Auf die Frage, weshalb er sich denn nicht mit dem Privatkläger geprügelt habe, wenn er das doch vorgeh abt habe, hat der Beschuldigte ge- antwortet, er habe gehofft, dass sie beide auf den Bo den fallen würden, damit er eine bessere Chance habe. Die Schnur sei nur ein Ablenkungsmanöver g ewesen, er habe dann wieder los- gelassen, damit er den Privatkläger nicht "kille". Der Betroffene sei besser trainiert gewesen als er, deshalb habe er mit dem Schnürsenkel angefangen, u m ihm einen Nachteil zu verschaffen. Dann sei ihm bewusst geworden, dass er dem Privatkläger mit dem Schnürsenkel das Leben Seite 40 http://www.bl.ch/kantonsgericht nehmen könnte, weshalb er den Bändel losgelassen habe , bevor sie auf den Boden gefallen seien. Dann habe er ihn mit dem linken Arm gehalten. Er habe den Betroffenen nicht von hinten angesprungen, er habe ihm die Schnur um den Hals geha lten. Dieser habe sich nach vorne gebückt, woraufhin er sofort losgelassen habe, weil er g emerkt habe, dass der Privatkläger sonst sein Leben verlieren würde. Er habe seinen Arm nur um dessen Hals gehalten. Dieser sei die ganze Zeit bei Bewusstsein gewesen. Er habe den Pri vatkläger schlagen wollen, weil sich dieser über ihn lustig gemacht habe. Schon bei seinem Eintritt ins Gefängnis habe sich der Be- troffene, so wie er geredet habe, über seine Situatio n lustig gemacht. Als er die Zelle mit dem Schnürsenkel verlassen habe, habe er sich entschieden, den Privatkläger damit anzugreifen. Er habe dann einfach so realisiert, dass er den Betroffenen mit dem Schnürsenkel hätte töten kön- nen, worauf er diesen weggelassen habe. Gleichermassen hat der Beschuldigte anlässlich der Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft vom 1. Juli 2020 (act. 3581 ff.) im Wesentlichen vorge bracht, er habe den Privatkläger mit dem Schnürsenkel zu Boden bringen, nicht aber töten wollen. Dieser habe beide zu Boden gezogen, woraufhin er den Schuhbändel sofort losgelassen habe. Er habe es nicht akzeptieren können, dass sich der Betroffene über ihn lustig gemacht habe. D er Privatkläger sei nie bewusstlos ge- wesen. Er habe sich gar nicht mehr bewegen müssen, weil er gewusst habe, dass bald jemand kommen und ihm helfen werde. Er habe sich das Ganze ni cht überlegt, er habe dem Privatklä- ger einfach weh machen wollen, jedoch ohne die Absich t, diesen zu töten. Er habe ihm dann den Finger ins Auge gedrückt, nachdem dieser es bei ihm versucht habe. Vor dem Strafgericht hat der Beschuldigte deponiert, er habe den Privatkläger überwältigen und schlagen wollen, weil dieser ihn nicht ernst genommen ha be. Er habe den Schuhbändel ge- nommen, um ihn zu überwältigen. Als er ihn dann von hinten gewürgt habe, habe er gedacht, dass er aufpassen müsse, ansonsten er ihn umbringen würde . Als sie gestürzt seien, habe er sofort losgelassen. Er habe ihm den Bändel um den Hals gezogen und gleich wieder losgelas- sen, weil er gemerkt habe, dass da etwas Schlimmes passieren könnte. Der Privatkläger sei nie ohnmächtig geworden, ansonsten er ihn ja hätte schlagen können (act. S 467 ff.). Vor dem Kantonsgericht hat der Beschuldigte sodann dargelegt, er habe sich beim Angriff nicht gross etwas überlegt, es sei ihm einfach so vorgekommen, dass er den Privatkläger überwin- den müsse. Alle seine schlechten Gedanken seien mit dem Haftschock schlimmer geworden. Seite 41 http://www.bl.ch/kantonsgericht Er sei von Anfang an nicht klargekommen mit dem Betro ffenen. Er habe diesen zu Boden brin- gen wollen, um ihn schlagen zu können. Es sei aber nie sein Gedanke gewesen, ihn umzubrin- gen. Als er gemerkt habe, dass dieser sterben könnte, h abe er ihn losgelassen. Wenn dieser ohnmächtig gewesen wäre, hätte er ihn schlagen können, er habe ihn aber nicht lange gewürgt. Ihm sei sehr schnell klar geworden, dass etwas Schlimmes passi eren könnte, weshalb er die Schnur sofort losgelassen habe. Daraufhin habe der Betroffene beide zu Boden gezogen, wo er nicht mehr weiter auf diesen eingewirkt habe (Protokoll KG S. 8 ff.). b) Gestützt auf die vorgängig wiedergegebenen Beweise und Indizien ist für das Kantonsge- richt objektiv erstellt, dass der Beschuldigte den Privatkl äger unvermittelt von hinten angegrif- fen, diesem einen Schuhbändel um den Hals gelegt und f ür mehrere Sekunden kräftig zugezo- gen hat. Nachdem die Beiden zu Boden gestürzt sind, h at der Beschuldigte sodann während rund zwei Minuten den Hals des Betroffenen von seitlich hinten umschlungen und diesen weiter gewürgt. Erkennbar abgelassen von seinem Opfer hat der Beschuldigte erst, als ein weiterer Gefangenenbetreuer diesem zu Hilfe geeilt ist. Aufgru nd dieser wiederholten Gewalteinwirkung gegen den Hals des Betroffenen ist es bei diesem zu ein em längeren Sauerstoffzufuhrmangel gekommen. In dessen Folge sind am Hals sowie um und im linken Auge Punktblutungen fest- gestellt worden. Der Betroffene hat neben der sichtbar en Strangmarke am Hals auch Stau- ungsblutungen im Kopfbereich aufgewiesen, welche auf e ine kreislaufrelevante Kompression der Halsweichteile hinweisen. Solche Stauungsblutunge n entstehen nach den medizinischen Erkenntnissen bei ausgeprägter Kompression des Halses durch das Zerreissen kleinster Blut- gefässe und weisen auf eine akute Lebensgefahr hin. En tgegen den Einwänden des Beschul- digten ist somit vom Vorliegen einer tatsächlichen Lebensgefahr beim Privatkläger auszugehen. Nicht zweifelsfrei erstellt ist hingegen in Beachtung der Maxime "in dubio pro reo", dass der Betroffene im Verlaufe der Auseinandersetzung bewusst los gewesen ist, obgleich dieser Schluss angesichts dessen dokumentierten Regungslosigkeit f ür eine Dauer von über 50 Se- kunden einigermassen naheliegt. Keine Stütze findet sod ann die Behauptung des Beschuldig- ten, er habe den Schnürsenkel bloss verwendet, um den Be troffenen zu Boden zu bringen und zu schlagen, weil er sich diesem körperlich unterlegen ge fühlt habe. So sind während den rund zwei Minuten Bodenkampf keinerlei Schläge seitens des Be schuldigten auf dem Videoband ersichtlich, obwohl dies dessen erklärtes Ziel gewesen sein soll. Nicht zutreffend ist in diesem Zusammenhang die Einrede, dass er vom Betroffenen derar t fixiert worden sei, dass er gar nicht mehr habe zuschlagen können. Vielmehr ist deutlich zu erkennen, dass der Beschuldigte Seite 42 http://www.bl.ch/kantonsgericht den Privatkläger auch auf dem Boden weiterhin zunächst mit einem Arm und anschliessend mit beiden Armen um den Hals weiter gewürgt bzw. umklamme rt hat. Statt den Betroffenen am Boden unablässig zu würgen bzw. zu umklammern wäre zu e rwarten gewesen, dass er diesen zu diesem Zeitpunkt schlägt, nachdem er ihn ja angebli ch bloss zu diesem Zweck zu Boden gebracht hat. Objektiviert ist somit eine anhaltende und mehrfache Gewalteinwirkung gegen den Hals des Betroffenen, zuerst im Stehen eine Drosselun g mit einem Schuhbändel während ein paar Sekunden und danach im Liegen ein Würgen mi t den Armen während rund zwei Minu- ten. 9.4 a) Im Hinblick auf die konkrete rechtliche Würdigung macht der Beschuldigte geltend, er ha- be keinen Tötungsvorsatz gehabt. Wie vorgängig dargeleg t (vgl. oben E. 9.2.c), kann sich das Gericht für den Nachweis der Inkaufnahme des tatbestand smässigen Erfolgs bei nicht gestän- digen Tätern nur auf äussere Umstände und Erfahrungsreg eln stützen, die Rückschlüsse auf die innere Einstellung des Täters erlauben. Dazu gehör en einerseits die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung und die Sch were der Sorgfaltspflichtverlet- zung. Andererseits darf das Gericht vom Wissen des Täters au f dessen Willen schliessen, wenn sich diesem der Eintritt des Erfolgs als so wahrschein lich aufgedrängt hat, dass die Be- reitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs aus- gelegt werden kann. Eventualvorsatz kann bereits dann vorliegen, wenn der Eintritt des tatbe- standsmässigen Erfolgs nicht sehr wahrscheinlich, sondern bl oss möglich gewesen ist. Aller- dings darf nicht allein aus dem Wissen des Beschuldigten um die Möglichkeit des Erfolgsein- tritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden, vielme hr müssen weitere Umstände hinzu- kommen, wie beispielsweise, dass der Täter das Tötungsrisiko in keiner Weise kalkulieren oder dosieren kann, das Ausbleiben des Erfolgs als zu einem g rossen Teil von Glück und Zufall ab- hängig ist, oder das Opfer keinerlei Abwehrchancen hat. b) Ungeachtet der Frage, welche Annäherung zu bevorzugen ist – ob man mit der vorherr- schenden Meinung des Bundesgerichts einig geht, wonach desto eher auf die Inkaufnahme der Tatbestandsverwirklichung geschlossen werden darf, je schwer er die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, oder ob man anderen Autoren folgt, nach welch en auf ein Einverständnis des Täters mit der Tatbestandsverwirklichung abzustellen ist, wenn sich diesem der Erfolg seines Verhaltens als so wahrscheinlich aufdrängt, dass ebendieses Verhalte n vernünftigerweise nur als Inkauf- Seite 43 http://www.bl.ch/kantonsgericht nahme des Erfolges ausgelegt werden kann – hat in casu der Beschuldigte unter den konkreten Umständen zweifellos damit rechnen müssen, dass das Opfer angesichts der anhaltenden, mehrfachen und heftigen Drosselungs- bzw. Würgevorgäng e in einem Zeitraum von mehreren Minuten hätte sterben können. Praxisgemäss darf das Wissen, mit minutenlangen Würgehandl ungen den Tod herbeiführen zu können, auch bei bescheidenem Bildungsgrad als allgemei n bekannt vorausgesetzt werden (vgl. BGer 6B_422/2008 vom 31. Juli 2008 E. 2.2). Im vorliegenden Fall sind beim Betroffenen zwar auch Hautrötungen sowie Kratzer an Armen, Beinen und am Rumpf dokumentiert worden, allerdings sind diese Verletzungen insgesamt als unspezi fisch eingestuft worden und zeugten gemäss dem rechtsmedizinischen Gutachten des IRM vom 29. April 2020 nicht von einer gro- ben äusseren Gewalteinwirkung. Demgegenüber sind hauptb efundlich eine Strangmarke nach stattgehabtem Drosseln sowie weitere Hautrötungen und Einblutungen am Hals gefunden wor- den. Zudem sind am Hals sowie um und im linken Auge Pu nktblutungen festgestellt worden, welche als Folge von Stauungsblutungen bei ausgeprägte r Kompression des Halses durch das Zerreissen kleinster Blutgefässe entstehen und auf eine akute Lebensgefahr hinweisen. In An- betracht dieser Verletzungsfolgen sowie des bildlich a ufgezeichneten Geschehensablaufes be- stehen keinerlei Zweifel, dass sich die von Seiten des B eschuldigten ausgegangene einseitige Gewalteinwirkung ausschliesslich von hinten wiederholt ge gen den Hals des Betroffenen ge- richtet hat und gerade nicht bloss Teil einer wechselsei tigen körperlichen Auseinandersetzung gewesen ist. Fest steht sodann, dass beim Privatkläger dur ch die Handlungen des Beschuldig- ten tatsächlich eine unmittelbare Lebensgefahr bestanden hat. Mit dem Erreichen dieses Status ist der weitere Verlauf für den Beschuldigten grundsä tzlich nicht mehr unter Kontrolle und das Tötungsrisiko in keiner Weise vorhersehbar. Selbst wenn im Übrigen rückblickend keine akute Lebensgefahr bestanden hätte und die erlittenen Verle tzungen nur leicht gewesen wären, wür- de dieser Fakt praxisgemäss einen Eventualvorsatz bezüglich einer Tötung nicht ausschliessen (vgl. oben E. 9.2.c). In casu hat es sich bei der durch d en Beschuldigten manifestierten Vorge- hensweise um eine heftige und länger andauernde Gewal teinwirkung auf den Hals im Rahmen eines von ihm initiierten Kampfes und nicht um einen ko ntrollierten Ablauf gehandelt. Unter die- sen Umständen hat der Beschuldigte die Tatherrschaft ver loren und nicht mehr darauf vertrau- en dürfen, dass der Tötungserfolg nicht eintritt. Der Beschuldigte hat das Tötungsrisiko mithin weder kalkulieren noch dosieren können, vielmehr ist da s Ausbleiben des Erfolgs einerseits zu einem grossen Teil von Glück und Zufall abhängig gewesen sowie andererseits der Gegenwehr Seite 44 http://www.bl.ch/kantonsgericht des Privatklägers und der raschen Hilfeleistung durch eine Drittperson zu verdanken, zumal der Beschuldigte von sich aus nicht vom Opfer abgelassen hat. Nicht zu folgen ist schliesslich dem Argument des Beschuldig ten, wonach er aus einem Haft- schock gehandelt habe. Abgesehen davon, dass dieser zum Ta tzeitpunkt nicht zum ersten Mal in Untersuchungshaft gewesen ist und ihm folglich die Umstände einer freiheitsentziehenden Massnahme bekannt gewesen sind, ist per se nicht substant iiert und in keiner Weise nachvoll- ziehbar, inwiefern die blosse Tatsache, in Haft zu sei n, für einen derartigen Gewaltakt ursäch- lich sein soll. Für das Kantonsgericht bestehen somit ke ine Zweifel, dass der Beschuldigte durch die mehrfachen und heftigen Drosselungs- bzw. Würge vorgänge in einem Zeitraum von mehreren Minuten den Tod des Betroffenen in Kauf gen ommen hat, womit der Eventualvorsatz hinsichtlich des Tatbestandes der vorsätzlichen Tötung zu bejahen ist. Nachdem sodann die übrigen Tatbestandselemente ebenso wenig zu Diskussionen Anlass ge- ben wie der Fakt, dass der Taterfolg offensichtlich ausge blieben ist, ist festzustellen, dass so- wohl der objektive wie auch der subjektive Tatbestand d er versuchten vorsätzlichen Tötung nach Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB erfüllt sind. Rechtfertigungsgründe werden keine geltend gemacht und liegen offensichtlich auch keine vor. c) aa) Um eine vorsätzliche Tötung als Mord zu werten, wird ein e besondere Skrupellosigkeit vorausgesetzt. Für diese Qualifikation verweist das Gesetz in nicht abschliessender Aufzählung beispielhaft auf äussere (Ausführung) und innere Merkm ale (Beweggrund, Zweck). Dabei be- rechtigt nur eine Gesamtwürdigung aller äusseren und i nneren Umstände des konkreten Falles zum Rückschluss, dass eine vorsätzliche Tötung als Mord zu qua lifizieren ist. Entgegen der Ansicht der Vorderrichter vertritt das Kantonsgericht die Auffassung, dass in casu kein versuch- ter Mord vorliegt, was sich wie folgt begründet: Zunä chst ist bereits an dieser Stelle auf die nachfolgend im Zusammenhang mit der Schuldfähigkeit und der Massnahmenbedürftigkeit des Berufungsklägers näher zu würdigenden Gutachten Bezug zu nehmen (vgl. dazu im Detail un- ten E. 10 und E. 11). Diesbezüglich hat Dr. med. C. ____ in seinem forensisch-psychiatrischen Gutachten vom 17. Juli 2020 (act. 70.1 ff.) festgehalt en, dass der Beschuldigte zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Straftaten unter der Erstmanife station einer kontinuierlich verlaufenen paranoiden Schizophrenie (ICD-10: F20.00) gelitten h abe, deren Bestehen längere Zeit ver- Seite 45 http://www.bl.ch/kantonsgericht kannt worden sei. Das Ausmass dieser schweren psychischen Stör ung sei erheblich bzw. inva- lidisierend. Aufgrund der Schwere seiner psychiatrischen S törung zum Zeitpunkt der ihm vor- geworfenen Straftaten sei der Beschuldigte nicht in der Lage gewesen, über Recht und Unrecht seiner Handlungen nachdenken zu können, weshalb von ein er aufgehobenen Fähigkeit, das Unrecht seiner Straftaten einsehen zu können, also der E insichtsfähigkeit, auszugehen sei. Der Beschuldigte sei im Sinne des Art. 19 Abs. 1 StGB schuld unfähig gewesen. Weiter hat der me- dizinische Experte in seinem forensisch-psychiatrischen Vora bgutachten vom 27. März 2020 (act. 53 ff.) ausgeführt, der Beschuldigte habe mehrfac h spontan, unvorhersehbar und nicht nachvollziehbar Menschen angegriffen, mit der klaren Absi cht, diese zu verletzen oder unter Umstände sogar zu töten, ohne sich die geringste Mühe zu g eben, diese Taten zu verbergen. Damit sei ein Zusammenhang mit seiner Störung aus foren sisch-psychiatrischer Sicht anzu- nehmen (act. 69). Der Gutachter stellt also erstens ein e Schuldunfähigkeit zufolge einer aufge- hobenen Einsichtsfähigkeit und zweitens einen Zusammenh ang zwischen der Krankheit und den Tathandlungen bzw. den entsprechenden Vorgehensweisen fest. Gemäss der überwiegenden Lehrmeinung ist trotz verminderter Schuldfähigkeit eine besondere Skrupellosigkeit möglich. Dies ist ohne Weiteres einsichtig . Nach Dafürhalten des Kantonsge- richts schliesst jedoch die komplette Schuldunfähigkeit als Folge des krankheitsbedingten Feh- lens der Einsichtsfähigkeit grundsätzlich ‒ d.h. vorbehältlich begründeter Einzelfälle im Hinblick auf das Vorliegen besonderer äusserer Umstände (Tatausf ührung) ‒ die Annahme des für den Tatbestand des Mordes vorausgesetzten qualifizierenden E lements der Skrupellosigkeit aus. Wem es aufgrund einer psychischen Störung verwehrt ist, im Sinne eines Aktes normativer Wertung über das Recht oder das Unrecht seiner Handlung en nachdenken zu können, dem darf in der logischen Konsequenz auch keine besondere Verwerflichkeit im Hinblick auf die in- neren Umstände, d.h. betreffend den Beweggrund oder Tatzweck, vorgeworfen werden. Dem- nach können die besonders verwerflichen Beweggründe, wie namentlich Habgier, Rache, extreme Geringschätzung des Lebens, Fanatismus, Mordlust u nd Gefühlskälte, wie auch der besonders verwerfliche Zweck von vornherein nicht zur An nahme der Mordqualifikation dienen. Damit verbleibt in casu als mögliches Mordmerkmal nur noch die besonders verwerfliche Art der Ausführung, wie exemplarisch die ausserordentliche Grausa mkeit oder die Heimtücke (vgl. SCHWARZENEGGER , a.a.O., N 9 ff. zu Art. 112 StGB, mit Hinweisen). Ausserordentliche Grau- samkeit bedeutet, dass der Täter dem Opfer an Intensität oder Dauer grössere physische oder psychische Schmerzen, Leiden oder Qualen zufügt. Heimtücke liegt vor, wenn der Täter zuerst Seite 46 http://www.bl.ch/kantonsgericht das Vertrauen des Opfers erschleicht, um es dann unter Au snützung seiner Arglosigkeit zu tö- ten (vgl. SCHWARZENEGGER , a.a.O., N 20 ff. zu Art. 112 StGB, mit Hinweisen). Im vorliegenden Fall hat bereits die Vorinstanz das Mordmerkmal der Grausamkeit nicht bejaht. Eine solche ist denn auch nicht ersichtlich. Im Gegensatz z um Strafgericht sieht das Kantons- gerichts aber auch die Heimtücke als nicht gegeben. Eine solche liegt nicht schon bei einem Angriff von hinten vor, sondern ist grundsätzlich nur da nn gegeben, wenn ein besonderes Ver- trauen des Opfers ausgenützt wird. Hiervon kann jedoc h bereits aufgrund des Umstandes, wo- nach es sich beim Opfer um einen Gefangenenbetreuer u nd beim Täter um einen Gefängnisin- sassen gehandelt hat, mangels anderweitiger Hinweise off ensichtlich nicht die Rede sein. Gleichermassen erachtet das Kantonsgericht die von der Vorinstanz gewertete grosse Hartnä- ckigkeit nicht als qualifizierendes Element, sondern im vorl iegenden Umfang als dem Grundtat- bestand der vorsätzlichen Tötung immanent, zumal sich in ca su der Tötungsversuch auf zwei verschiedene Tathandlungen (Drosseln mit einem Schnürsen kel und Würgen mit den Armen) innerhalb einiger Minuten beschränkt. bb) Selbst wenn im Übrigen trotz der krankheitsbedingt f ehlenden Einsichtsfähigkeit auch die inneren Merkmale (Beweggrund oder Tatzweck) grundsätzlich zu beachten wären, würden die- se in einer Gesamtwürdigung der äusseren und inneren Um stände nicht zu einer anderen Ein- schätzung führen. Namentlich die von der Vorinstanz aufge führten Argumente, wonach der Be- schuldigte seine Tat im Rahmen seiner eingeschränkten Möglichkeiten geplant habe, er sich am Betroffenen habe rächen wollen und keine hemmend en Gefühlsregungen ersichtlich gewe- sen seien, obwohl der Beschuldigte habe damit rechnen m üssen, dass irgendwann Hilfe kom- men werde, erachtet das Kantonsgericht im Rahmen der Gesamtbetrachtung nicht als geeignet, um die Tathandlung als (versuchten) Mord zu qualifizier en. So bildet jede (versuchte) Tötung per se einen überaus rücksichtlosen Akt gegenüber dem höchsten Rechtsgut und das Ergebnis einer in Anbetracht der vorhandenen Möglichkeiten me hr oder minder geplanten Tat, soweit keine Affekthandlung vorliegt. Dass die Tat allenfalls im Sinne einer Rache ausgeübt worden ist, stellt generell, nachdem kein fassbares Motiv für die Handlungen des Beschuldigten ersicht- lich ist, zwar durchaus einen ernsthaften Indikator für di e Qualifikation als Mord dar. Allerdings ist das Fehlen eines nachvollziehbaren Grundes in concr eto gerade als Ausdruck der paranoi- den Schizophrenie zu sehen. Gleiches gilt für die Abwe senheit der hemmenden Gefühlsregun- gen und das Handeln trotz des Wissens, dass die Tat aufflie gen wird. Diesbezüglich hat der Seite 47 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gutachter klar festgehalten, dass ein Zusammenhang zwischen der Krankheit und der Tathand- lung bestehe und sich der Beschuldigte aus diesem Grund nicht die geringste Mühe gebe, sei- ne Taten zu verbergen. Soweit also die fehlende Ein sichtsfähigkeit nicht von vornherein zu ei- ner Nichtbeachtung der inneren Mordmerkmale führen sol lte, wäre sie zumindest im Rahmen der Gesamtwürdigung der äusseren und inneren Umstände derart in die Abwägung einfliessen zu lassen, dass im Ergebnis nicht vom Vorliegen einer besond eren Skrupellosigkeit im Sinne des Art. 112 StGB auszugehen ist. Gemäss diesen Erwägungen ist in teilweiser Gutheissung der Berufung des Beschuldigten und dementsprechender Abänderung des angefochtenen Urte ils festzustellen, dass dieser tatbe- standsmässig und rechtswidrig eine versuchte Tötung nach Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB begangen hat. 10. Schuldfähigkeit 10.1 a) Nachdem die Vorderrichter in Bezug auf die vorstehend beurteilten Delikte festgestellt haben, dass der Beschuldigte die entsprechenden Tatbestände rechtswidrig erfüllt habe, haben sie in der Folge gestützt auf die Erkenntnisse des psychi atrischen Experten Dr. med. C.____, wonach der Berufungskläger an einer paranoiden Schizoph renie leide, erkannt, dass bei die- sem eine psychische Störung vorgelegen habe, aufgrund we lcher er nicht fähig gewesen sei, das Unrecht seiner Straftaten einzusehen. In Anbetracht hiervon sei der Beschuldigte hinsicht- lich sämtlicher von ihm tatbestandsmässig und rechtswidrig ve rübten Delikte als schuldunfähig im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB einzustufen und dementsprechend formell freizusprechen. b) Der Beschuldigte begehrt in diesem Zusammenhang, dass zwar von einer Schuldunfähig- keit seinerseits zu den Tatzeitpunkten im Frühjahr 2020 auszugehen sei, dies aber nicht auf eine paranoide Schizophrenie, sondern vielmehr auf ei ne psychische Störung mutmasslich aus den Bereichen Depression bzw. Anpassungs- und Belastung sstörung zurückzuführen sei (vgl. oben E. 2.1.a/ff). Seite 48 http://www.bl.ch/kantonsgericht c) Die Staatsanwaltschaft schliesst wiederum auf Abweisung der Berufung des Beschuldig- ten. 10.2 a) Nach Art. 19 Abs. 1 StGB ist der Täter nicht strafbar, wenn er zur Zeit der Tat nicht fähig gewesen ist, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder gemä ss dieser Einsicht zu handeln. Ist der Täter zur Zeit der Tat nur teilweise fähig gewe sen, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln, so mildert das Gericht die Strafe (Art. 19 Abs. 2 StGB). Ge- stützt auf Art. 19 Abs. 3 StGB können indessen Massnahmen n ach den Artikeln 59-61, 63, 64, 67, 67b und 67e getroffen werden. Die Beurteilung a kuter Stadien von Schizophrenien und wahnhaften Störungen bereitet forensisch kaum Probleme . Menschen, die den Realitätsbezug weitgehend verloren haben, die unter dem Einfluss eine s Wahns handeln und diesem mehr oder minder hilflos ausgeliefert sind, sind in der Re gel schuldunfähig. Affektive Störungen wie Depressionen und Manien führen hingegen relativ selten zu delinquentem Verhalten (BOMMER / DITTMANN , a.a.O., N 32 f. zu Art. 19 StGB). b) aa) Der medizinische Sachverständige Dr. med. C.____, fore nsischer Psychiater und Psycho- therapeut FMH, leitender Arzt der Psychiatrie Basellan d, hat in seinem forensisch- psychiatrischen Vorabgutachten vom 27. März 2020 (act. 53 ff.) dargelegt, es bestehe der hochgradige Verdacht, dass der Betroffene unter der E rstmanifestation einer chronisch parano- iden Schizophrenie (ICD-10: F20.9) leide. Er sei sich bewusst, dass er vor weniger als einem Jahr das Bestehen jeglicher manifester psychotischer Stör ungen verneint habe; dies aufgrund der Tatsache, dass vom Beschuldigten keine formalen Denkst örungen, keine Halluzinationen und keine Wahnsymptome angegeben worden seien. Retrospektiv müsse geschlossen werden, dass die zur Zeit vorhandene Symptomatik entweder noch n icht voll ausgeprägt gewesen sei, oder dass es dem Betroffenen damals gelungen sei, dies e im Sinne einer "doppelten Buchfüh- rung" zu verbergen. Unbehandelte Menschen mit der Erst manifestation einer paranoiden Schi- zophrenie begingen verglichen zur Normalbevölkerung sign ifikant mehr Gewalttaten. Dieses Risiko werde in casu durch das Vorliegen diverser Faktoren ‒ wie z.B. das Geschlecht, die kri- minelle Vorgeschichte und die lange Zeit ohne Behandl ung vor dem Indexdelikt ‒ verstärkt. Ein Zusammenhang zwischen den Angriffen und der Störung se i aus forensisch-psychiatrischer Sicht anzunehmen. Aufgrund der kombinierten Symptomatik des systematisierten Grössen- und Seite 49 http://www.bl.ch/kantonsgericht Verfolgungswahns mit möglicherweise imperativen Stimme n sei beim krankheitsuneinsichtigen Betroffenen von einer hochgradigen Fremdgefahr auszug ehen. Dieser Gefahr könne nur mit einer medikamentösen und psychiatrischen Behandlung in e inem gesicherten Setting begegnet werden. Hinzu komme, dass eine möglichst frühe medikame ntöse Behandlung dieser schwers- ten psychiatrischen Störung wichtig sei, um die langfristig e Prognose günstig zu beeinflussen. Erfahrungsgemäss müsse eine solche Behandlung während m ehrerer Monate, in der Regel aber wesentlich länger, durchgeführt werden. bb) In seinem forensisch-psychiatrischen Gutachten vom 17. Juli 20 20 (act. 70.1 ff.) hat Dr. med. C.____ ausgeführt, zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Straftaten habe der Beschuldig- te unter der Erstmanifestation einer kontinuierlich ver laufenen paranoiden Schizophrenie (ICD- 10: F20.00) gelitten, deren Bestehen längere Zeit ver kannt worden sei. Das Ausmass dieser schweren psychischen Störung sei erheblich bzw. invalidisierend. Aufgrund der Schwere seiner psychiatrischen Störung zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfen en Straftaten sei der Beschuldigte nicht in der Lage gewesen, über Recht und Unrecht seiner Handlungen nachdenken zu können, weshalb von einer aufgehobenen Fähigkeit, das Unrecht seiner Straftaten einsehen zu können, also der Einsichtsfähigkeit, auszugehen sei. Damit erübr ige sich die Erörterung der Intaktheit der Fähigkeit, gemäss dieser Einsicht handeln zu können , also der Steuerungsfähigkeit. Der Beschuldigte sei im Sinne des Art. 19 Abs. 1 StGB schu ldunfähig gewesen. Da sich während der gesamten Zeit des Begehens der Straftaten keine psyc hopathologischen Unterschiede er- kennen liessen, gelte die Einschätzung der aufgehobenen Schuldfähigkeit für alle vorgeworfe- nen Straftaten. Mit dem Scheitern der Beziehung bzw. d em Verlust der Arbeitsstelle sei es zum Auftreten einiger psychopathologischer Phänomene gekomm en, welche im Mai 2018 als Aus- druck einer möglichen Persönlichkeitsstörung und im Dezem ber 2018 als situativ bedingt im Sinne einer wahnhaften Störung interpretiert worden seien. Bei seiner forensisch- psychiatrischen Untersuchung im Mai 2019 habe er klinisch ke ine psychopathologische Symp- tomatik festgestellt. Die Verhaltensauffälligkeiten, we lche kurze Zeit später zum Verlust des Zimmers im Hotel Z18.____ geführt hätten, seien aber deutliche Hinweise auf Beeinträchti- gungsgefühle, wie sie für eine schizophrenieforme Psycho se typisch seien. Mindestens zu Be- ginn des Jahres 2019 habe der Betroffene mit Verfolgu ngswahn, akustischen Halluzinationen und Ich-Störungen typische und dabei nach dem Diagnostikm anual der WHO, der ICD-10, hin- reichend psychopathologische Symptome gezeigt, um die Dia gnose einer paranoiden Schizo- phrenie stellen zu können. Bemerkenswert sei der Umstand , dass der Betroffene ihm schon im Seite 50 http://www.bl.ch/kantonsgericht Mai 2019 gesagt habe, man wolle ihm eine Schizophreni e anhängen, was er nicht zulasse, da sonst seine Chancen auf die Weiterführung seiner Ausbild ung kompromittiert wären. Dies lege den Schluss nahe, dass er seine Symptomatik äusserst kompete nt zu dissimulieren wisse. Seit dem Frühjahr 2019 seien offenbar weitere Symptome aufgetreten, so zum Beispiel coenästheti- sche (körperbezogene) Halluzinationen, zu welchen das Gefü hl gehöre, eine Kamera im Kopf zu haben oder "Spy-Flies" in den Ohren implantiert bek ommen zu haben, sowie ein Verfol- gungs- und Grössenwahn, wenn er der Ansicht sei, seine G edanken seien so wichtig, dass die Regierung sie überwachen müsse. Aus fachärztlicher Sic ht sei es nicht nachvollziehbar, dass die mit aller Deutlichkeit geäusserten Symptome damals diagnostisch nicht berücksichtigt bzw. fehlinterpretiert worden seien. Die spezielle Problem atik des Betroffenen werde besonders deutlich, wenn selbst die Kollegen der forensisch-psychia trischen Abteilung Etoine in ihrem Austrittsbericht vom 9. Juni 2020 geschrieben hätten, da ss unter "Clopin" eine vollständige Re- mission habe erreicht werden können ohne Anhaltspunkte für inhaltliche Denkstörungen, Ich- Störungen oder Sinnestäuschungen. cc) Im Verlaufsbericht der Psychiatrie Baselland vom 15. Ap ril 2021 (act. A 15 ff.) wird eben- falls die Diagnose der paranoiden Schizophrenie (ICD-1 0 F20.0) und zusätzlich ein schädlicher Gebrauch von Cannabis (ICD-10 F13.1) festgestellt. Dabei wird ausgeführt, dass zu Beginn der Therapie sowohl inhaltliche Denkstörungen (Beeinträchti gungswahn, Wahnwahrnehmung) als auch Sinnestäuschungen (akustische Halluzinationen) und Ich-Störungen (Gedankenlautwer- den, Gedankenausbreitung) beständen hätten. Der Beschu ldigte habe über Beeinträchtigungs- ideen berichtet, wie etwa von der Regierung via "Spy-F liegen" beobachtet zu werden. Auch habe er berichtet, dass alles, was er durch den Tag ge sehen, gehört oder erlebt habe, täglich im Radio und Fernsehen übertragen werde. Weiter habe er akustische Halluzinationen im Sinne kommentierender Stimmen sowie Körperhalluzinationen i m Sinne eines coenästhetischen Erle- bens (Verletzungen aus der Vergangenheit, die nun als Implantationsstelle für sogenannte "Chips" verstanden würden) beschrieben. Es sei deutlich g eworden, dass ein zusammenhän- gendes Wahnsystem bestanden habe, in dessen Rahmen der Beschuldigte seine Umwelt inter- pretiert habe. Diese Symptome seien eindeutig pathognomonische Symptome einer paranoiden Schizophrenie. Aktuell liege nur noch die Überzeugung vo r, weiterhin "Spy-Fliegen" hinter den Ohren implantiert zu haben. Es bestehe aber weiterhin ein komplexes Wahnsystem, welches möglicherweise an Dynamik nachgelassen habe. Unter regelm ässiger und kontrollierter medi- kamentöser Therapie mit dem Antipsychotikum "Clopin" (Wi rkstoff "Clozapin") sei es zu einer Seite 51 http://www.bl.ch/kantonsgericht Stabilisierung gekommen. Beim Beschuldigten bestehe kein e Krankheitseinsicht, vielmehr er- kläre er seine Symptomatik als Folge einer Depression. dd) Anlässlich der Verhandlung vor dem Strafgericht (act. S 453 ff.) hat der medizinische Sachverständige Dr. med. C.____ dargelegt, er gehe wä hrend der ganzen Zeit von Schuldun- fähigkeit aus. Auf der Station Etoine habe man die gl eiche Diagnose gestellt und dem Beschul- digten deshalb das Medikament "Clopin" gegeben, welches das wirksamste sei für die Behand- lung der paranoiden Schizophrenie. Der Beschuldigte habe sich im Januar 2020 bei der Sozial- hilfe abgemeldet, nachdem zuvor das Bedrohungsmanage ment involviert gewesen sei, da von seiner Seite massive Drohungen stattgefunden hätten im Sinne von, dass es ein Blutbad geben würde, wenn die Kamera in seinem Kopf nicht entfernt würde. Es sei ihm absolut unverständ- lich, weshalb aufgrund dieser Drohungen und dem psychopa thologischen Befund damals keine Massnahmen getroffen worden seien. In der Folge sei e s dann zu den Übergriffen gekommen, bei welchen der Beschuldigte zweimal einen Passanten mit seinem Laptop angegriffen habe. Auch sei er zweimal bei einem Psychiater gewesen und hab e dort von den "Spy-Flies" gespro- chen, welche ihm implantiert worden seien und seine G edanken überwachen würden. Dies sei geradezu ein lehrbuchmässiges Beispiel einer schizophrenen Symptomatik. Es sei für ihn un- vorstellbar, wieso man diese Diagnose nicht gestellt habe, obwohl der Beschuldigte zweimal in der Klinik hospitalisiert gewesen sei. Als der Betroffe ne zum zweiten Mal in Untersuchungshaft gekommen sei, habe er ihn dort besucht. Er habe dabe i ein sehr ungutes Gefühl gehabt. Der Beschuldigte sei in einem katatonen Zustand gewesen, di e Halluzinationen seien derart stark gewesen, dass er wie gelähmt erschienen sei und kein Wort mit ihm geredet habe. Ein solcher Zustand bedeute höchste Gefahr. Er habe deshalb so rasch als möglich den Besuch abgebro- chen und in der Folge die Anwesenden gewarnt, dass de r Beschuldigte hoch gefährlich sei. Anschliessend habe er ihn bei zwei verschiedenen forensisch en Kliniken angemeldet. Dies sei am Freitagnachmittag gewesen, am Montagmorgen sei es dann zum Vorfall im Gefängnis ge- kommen. ee) Im aktuellen Verlaufsbericht der Psychiatrie Baselland vom 9. August 2022 werden un- verändert die Diagnosen einer paranoiden Schizophreni e (ICD-10 F20.0) sowie eines schädli- chen Gebrauchs von Cannabis (ICD-10 F13.1) gestellt. Se it ca. Mitte Oktober bzw. Anfang No- vember 2021 sei es zu einem deutlichen Nachlassen der ps ychopathologischen Symptomatik gekommen. Der Betroffene habe nicht mehr über Wahnid een berichtet, wie die hinter dem Ohr Seite 52 http://www.bl.ch/kantonsgericht implantierte "Spy-Fliege" oder die Ausspionierung dur ch die Regierung. Die Ich-Störungen wie Gedankenlautwerden oder Gedankenausbreitung und die akustischen Halluzinationen in Form von Stimmenhören hätten deutlich nachgelassen. Allerding s habe während der gesamten The- rapiedauer keine Verbesserung der Krankheitseinsicht e rreicht werden können und es bestehe keine dauerhafte intrinsische Behandlungsmotivation. Vi elmehr sei der Betroffene überzeugt, dass seine Symptome die Folge einer Depression seien. Es se i davon auszugehen, dass die Stabilisierung des psychopathologischen Zustands in einem engen Zusammenhang mit dem verabreichten Medikament "Clozapin" stehe. Es lasse sich von einer fortschreitenden Zustands- verbesserung und Reduzierung der psychotischen Symptomatik im Rahmen der eng strukturier- ten und kontrollierten gefängnispsychiatrischen Behandlu ng infolge einer dauerhaften antipsy- chotischen Medikation sprechen. c) Gestützt auf die vorgängig zitierten, lege artis erstel lten, übereinstimmenden und über- zeugenden Gutachten und medizinischen Berichte verbleibe n, wie dies schon die Vorinstanz zutreffend erwogen hat, keine Zweifel, dass der Beschul digte aufgrund einer kontinuierlich ver- laufenen paranoiden Schizophrenie (ICD-10: F20.00) z um Zeitpunkt sämtlicher ihm vorgewor- fenen Straftaten zufolge einer aufgehobenen Einsichts fähigkeit nicht in der Lage gewesen ist, über Recht und Unrecht seiner Handlungen nachdenken zu können, womit von einer Schuldun- fähigkeit im Sinne des Art. 19 Abs. 1 StGB auszugehen ist. Kein Raum verbleibt demnach für die Ansicht des Beschuldigten, wonach zwar eine Schuldunf ähigkeit anzunehmen sei, dies je- doch aufgrund einer Depression bzw. einer Anpassungs- o der Belastungsstörung. Abgesehen davon, dass eine solche Störung gerichtsnotorisch nicht zu einer kompletten Schuldunfähigkeit mangels Einsichtsfähigkeit geführt hätte, fehlt schlichtw eg jeder Ansatz für eine solche Diagno- se in den aktuellen medizinischen Unterlagen. Nach Art. 20 StGB kann aber die Schuldunfähig- keit nur durch einen Gutachter festgestellt werden, wor aus folgt, dass bei Wegfall der vorlie- gend festgestellten Schuldunfähigkeit zufolge einer par anoiden Schizophrenie mangels ander- weitiger medizinischer Erkenntnisse eine solche per se nich t zu begründen wäre. In casu legt der Sachverständige unmissverständlich, schlüssig und wid erspruchsfrei dar, dass das Beste- hen der paranoiden Schizophrenie längere Zeit verkannt worden und zunächst als Ausdruck einer möglichen Persönlichkeitsstörung bzw. im Sinne ein er wahnhaften Störung interpretiert worden sei. Dies ist offenbar begünstigt worden durch d ie Fähigkeit des Beschuldigten, seine Symptomatik äusserst kompetent zu dissimulieren. Spätesten s seit Beginn des Jahres 2019, als der Beschuldigte mit Verfolgungswahn, akustischen Halluzinationen und Ich-Störungen typi- Seite 53 http://www.bl.ch/kantonsgericht sche und hinreichend psychopathologische Symptome gezeigt h at, bestehen jedoch keine Zweifel mehr an der Diagnose der paranoiden Schizophr enie (vgl. hierzu den Rapport des Poli- zeihauptpostens Z11.____ vom 27. Februar 2020, in welch em festgehalten ist, dass auch der von der Polizei aufgebotene Notfallpsychiater Dr. med. Z23.____ am 10. Februar 2020 zum Schluss gekommen ist, dass eine paranoide Schizophrenie be stehe [act. 3047]). Würde der Beschuldigte im Übrigen bloss an einer Depression bzw. ei ner Anpassungs- oder Belastungs- störung leiden, so wäre nicht einsichtig, weshalb das ihm regelmässig und kontrolliert verab- reichte Antipsychotikum "Clopin", welches gemäss dem Guta chter das wirksamste Präparat für die Behandlung der paranoiden Schizophrenie darstellt , zu einer derart positiven Stabilisierung des psychopathologischen Zustands geführt haben sollte, wi e er im aktuellen Verlaufsbericht ausgewiesen wird. Demnach ist der Beschuldigte als Folge der bei ihm dia gnostizierten paranoiden Schizophrenie in Bezug auf sämtliche von ihm tatbestandsmässig und rechts widrig verübten Delikte als schuldunfähig nach Art. 19 Abs. 1 StGB zu qualifizieren , womit er von den Anklagen der mehr- fachen, teilweise geringfügigen Sachbeschädigung, der qualifizierten Sachbeschädigung, der Tätlichkeiten, der Drohung, der einfachen Körperverletzung, der einfachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand sowie der versuchten vorsätzlichen Tötung freizusprechen ist. 11. Massnahme 11.1 a) Nach Auffassung der Vorinstanz sind in casu sämtliche Vor aussetzungen für die Anord- nung einer stationären therapeutischen Massnahme nach Ar t. 59 StGB erfüllt, weshalb der Be- schuldigte in Anwendung von Art. 19 Abs. 3 StGB zur stationären Behandlung in eine geeignete psychiatrische Einrichtung oder Massnahmenvollzugseinrichtung im Sinne von Art. 59 Abs. 2 StGB einzuweisen sei. b) Der Beschuldigte bemängelt in diesem Zusammenhang, dass der Gutachter von diversen früheren Einschätzungen und sogar seiner eigenen Diagnose abweiche, ohne dies schlüssig zu erklären, dass nicht dargelegt werde, worin der Zusamm enhang zwischen der diagnostizierten paranoiden Schizophrenie und den begangenen Delikten bestehen soll, dass die negative Le- Seite 54 http://www.bl.ch/kantonsgericht galprognose nicht ausreichend begründet werde, sowie dass im Hinblick auf die Verhältnismäs- sigkeit nicht geprüft werde, ob eine ambulante Massnahm e ausreichend wäre (vgl. oben E. 2.1.a/ff und E. 2.1.c/ff). c) Die Staatsanwaltschaft schliesst wiederum auf Abweisung der Berufung des Beschuldig- ten (vgl. oben E. 2.2.b/dd). 11.2 a) Eine Massnahme ist nach Art. 56 Abs. 1 StGB anzuordnen, wenn eine Strafe allein nicht geeignet ist, der Gefahr weiterer Straftaten des Täters zu begegnen (lit. a); ein Behandlungsbe- dürfnis des Täters besteht oder die öffentliche Sicherhe it dies erfordert (lit. b); und die Voraus- setzungen der Artikel 59-61, 63 oder 64 erfüllt sind ( lit. c). Die Anordnung einer Massnahme setzt voraus, dass der mit ihr verbundene Eingriff in di e Persönlichkeitsrechte des Täters im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten nicht unverhältnismässig ist (Art. 56 Abs. 2 StGB). Laut Art. 56 Abs. 3 StGB stützt sich das Gericht beim Entscheid über die Anordnung einer Massnahme nach den Artikeln 59-61, 63 und 64 sowie bei der Änderung der Sanktion nach Art. 65 StGB auf eine sachverständige Beg utachtung. Diese äussert sich über die Notwendigkeit und die Erfolgsaussichten einer Beha ndlung des Täters (lit. a); die Art und die Wahrscheinlichkeit weiterer möglicher Straftaten (l it. b); und die Möglichkeiten des Vollzugs der Massnahme (lit. c). b) Ist der Täter psychisch schwer gestört, so kann das Gericht nach Art. 59 Abs. 1 StGB eine stationäre Behandlung anordnen, wenn der Täter ein Verbrechen oder Vergehen begangen hat, das mit seiner psychischen Störung in Zusammenhang steht ( lit. a); und zu erwarten ist, dadurch lasse sich die Gefahr weiterer mit seiner Störu ng in Zusammenhang stehender Taten begegnen (lit. b). c) Bei seinem Entscheid über die Anordnung einer Massnah me stützt sich das Gericht laut Art. 56 Abs. 3 StGB auf eine sachverständige Begutacht ung (vgl. BGE 134 IV 315 E. 4.3.1). Das Gutachten muss bezüglich der zu beantwortenden Frage n aktuell sein. Dabei ist nicht pri- mär auf das formelle Kriterium des Alters des Gutacht ens abzustellen. Es kommt vielmehr da- rauf an, ob Gewähr dafür besteht, dass sich die Ausgan gslage seit der Erstellung des Gutach- tens nicht gewandelt hat (vgl. S TEFAN TRECHSEL / BARBARA PAUEN BORER , Schweizerisches Seite 55 http://www.bl.ch/kantonsgericht Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 4. Auflage, Zürich / St. Gallen 2021, N 12 zu Art. 56 StGB; mit Hinweis auf BGE 134 IV 246; BGer 6B_1187/2015 vo m 12. September 2016 E. 5.2; 6B_1230/2014 vom 20. April 2015 E. 2.3.2). Das Guta chten hat sich über sämtliche tatsächli- chen Voraussetzungen der Massnahmen auszusprechen. Es muss sich zur Notwendigkeit und den Erfolgsaussichten einer Behandlung des Täters, Art und Wahrscheinlichkeit weiterer mögli- cher Straftaten und zu den Möglichkeiten des Vollzugs der Massnahme äussern. Es hat sich weiter über die möglichen Wirkungen der verschiedenen S anktionen vergleichend auszulassen und dazu Stellung zu nehmen, ob und inwiefern andere sichernde Massnahmen auszuschlies- sen sind (vgl. BGer 6B_28/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3 .3.3, m.w.H., insbesondere auf BGE 134 IV 315 E. 4.3.1; 118 IV 108 E. 2a; 100 IV 142 E . 3). Gutachten sind im Massnahmenrecht nach Art. 56 ff. StGB unabdingbar. Sie werden vom G esetzgeber und auch vom Bundesgericht in konstanter Praxis als zwingende Entscheidgrundlage bezeic hnet, sofern die Indikation einer Massnahme zu beurteilen ist. Dies gilt sowohl im positi ven (das Gericht ordnet eine Massnah- me an) wie auch im negativen Sinne (das Gericht verzi chtet auf eine Massnahme; vgl. BGer 6B_28/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.4, m.w.H., u.a. auf 6B_519/2015 vom 25. Januar 2016 E. 1.2). Bei der forensischen Begutachtung besteht im Grundsatz Methodenfreiheit. Die Wahl der Methode muss aber begründet sein. Die wissenschaftlichen Standards müssen eingehalten, der Befund und die diagnostische Bewertung klar voneina nder getrennt und die Schlussfolge- rungen transparent sowie für die Verfahrensbeteiligte n nachvollziehbar dargestellt werden (vgl. BGer 6B_232/2011 vom 17. November 2011 E. 2.3, unter Hinweis auf BGE 128 I 81 E. 2). d) Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung gemäss Art . 10 Abs. 2 StPO entschei- den die Organe der Strafrechtspflege frei von Beweisr egeln und nur nach ihrer persönlichen Ansicht aufgrund gewissenhafter Prüfung darüber, ob sie eine Tatsache für erwiesen halten. Der Grundsatz will sicherstellen, dass das Gericht nicht d urch starre Beweisregeln gebunden ist, etwas als erwiesen zu erachten, was es nach seiner Über zeugung nicht ist, oder umgekehrt etwas als unbewiesen anzusehen, über dessen Nachweis se iner Auffassung nach kein Zweifel besteht (vgl. BGE 133 I 33 E. 2.1). Die Strafbehörde prüft, ob sich aufgrund der übrigen Be- weismittel und der Parteivorbringen ernsthafte Einwände gegen die Schlüssigkeit der gutachter- lichen Darlegungen aufdrängen bzw. ob gewichtige, zuve rlässig begründete Tatsachen oder Indizien die Überzeugungskraft des Gutachtens ernstlich ersch üttern (ANDREAS DONATSCH , in: Zürcher Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 3. Auflage, Zürich / Basel / Genf 2020, N 21 zu Art. 189 StPO, mit Hinweisen). Au ch wenn das gerichtlich eingeholte Gut- Seite 56 http://www.bl.ch/kantonsgericht achten grundsätzlich der freien Beweiswürdigung unterli egt, darf das Gericht in Fachfragen nicht ohne triftige Gründe von ihm abrücken und muss A bweichungen begründen. Die rechts- anwendenden Behörden dürfen somit nur ausnahmsweise un d aus triftigen Gründen von den Erkenntnissen der Sachverständigen abweichen, da sie naturgemäss nicht über dieselbe Sach- kunde wie diese verfügen (vgl. BGE 136 II 539 E. 3.2). e) Gerichte haben bei Gutachten im Rahmen ihrer freien Beweiswürdigung zu prüfen, ob sie entsprechende Erörterungen für überzeugend halten o der nicht und ob sie dementsprechend den Schlussfolgerungen der Experten folgen sollen. D asselbe gilt für die Frage, ob ein Gutach- ten in sich schlüssig ist. Bei zweifelhafter Schlüssigkeit in wesentlichen Punkten sind ergänzen- de Beweise zur Klärung dieser Zweifel zu erheben (vgl. MARIANNE HEER , Juristische Anforde- rungen an psychiatrische Gutachten, Forum Justiz & Psychiatrie, Band Nr. 2 2017, S. 113). 11.3 a) aa) Wie vorstehend zitiert (vgl. oben E. 10.2.b), hat de r medizinische Sachverständige Dr. med. C.____ bereits in seinem forensisch-psychiatrischen V orabgutachten vom 27. März 2020 (act. 53 ff.) dargelegt, es bestehe der hochgradige V erdacht, dass der Betroffene unter der Erstmanifestation einer chronisch paranoiden Schizophre nie (ICD-10: F20.9) leide. Unbehan- delte Menschen mit der Erstmanifestation einer paranoi den Schizophrenie begingen verglichen zur Normalbevölkerung signifikant mehr Gewalttaten. Die ses Risiko werde in casu durch das Vorliegen diverser Faktoren ‒ wie z.B. das Geschlecht, die kriminelle Vorgeschichte un d die lange Zeit ohne Behandlung vor dem Indexdelikt ‒ verstärkt. Ein Zusammenhang zwischen den Angriffen und der Störung sei aus forensisch-psychiatrische r Sicht anzunehmen. Aufgrund der kombinierten Symptomatik des systematisierten Grössen- und Verfolgungswahns mit möglich- erweise imperativen Stimmen sei beim krankheitsuneinsichti gen Betroffenen von einer hoch- gradigen Fremdgefahr auszugehen. Dieser Gefahr könne nur mit einer medikamentösen und psychiatrischen Behandlung in einem gesicherten Setting b egegnet werden. Hinzu komme, dass eine möglichst frühe medikamentöse Behandlung diese r schwersten psychiatrischen Stö- rung wichtig sei, um die langfristige Prognose günstig zu beeinflussen. Erfahrungsgemäss müs- se eine solche Behandlung während mehrerer Monate, in der Regel aber wesentlich länger, durchgeführt werden. Seite 57 http://www.bl.ch/kantonsgericht bb) In seinem forensisch-psychiatrischen Gutachten vom 17. Juli 20 20 (act. 70.1 ff.) hat Dr. med. C.____ bestätigt, dass der Beschuldigte zum Zeit punkt der ihm vorgeworfenen Straftaten unter der Erstmanifestation einer kontinuierlich verlau fenen paranoiden Schizophrenie (ICD-10: F20.00) gelitten habe. Weiter hat der Sachverständig e ausgeführt, unbehandelt bestehe eine hohe Gefahr erneuter Straftaten. Dabei sei davon auszu gehen, dass der Beschuldigte erneut wahllos zufällig ihm begegnende oder in Austausch tret ende Passanten physisch gefährden werde. Es seien Straftaten von einer Erheblichkeit, auf grund derer die Anwendung des Art. 64 StGB (d.h. die Verwahrung) diskutiert werden müsste, du rchaus zu erwarten. Diese würden im Zusammenhang mit der anhaltenden schweren psychischen Stör ung stehen. Trotz angelaufe- ner Behandlung bestehe die diagnostizierte paranoide S chizophrenie nach wie vor. Diese habe überdies direkt mit den ihm vorgeworfenen Straftaten im Zusammenhang gestanden. Grundla- ge der Behandlung einer paranoiden Schizophrenie sei die konsequente Durchführung einer Behandlung mit antipsychotisch wirksamen Arzneimitteln, so genannten Neuroleptika. Flankiert werden müsse die Gabe dieser Arzneimittel durch psychothe rapeutische und psychoedukative Methoden, welche es dem Betroffenen erlaubten, die Sym ptome seiner psychischen Störung erkennen und im Sinne der Deliktprävention interpretie ren zu können. Der Beschuldigte sei zwar in Haft bereit, die ihm verordneten Arzneimittel einzunehmen, sehe aber den Zweck dieser Einnahme nicht ein, d.h. er sei nicht krankheitseinsi chtig. Die Erfahrung zeige allerdings, dass im Rahmen einer längerfristigen stationären Behandlu ng eine gewisse Krankheitseinsicht und Behandlungswilligkeit zu erreichen sei. Beim krankheit suneinsichtigen und nicht behandlungs- willigen Beschuldigten, welcher zudem über eine ausg eprägte Fähigkeit zur Krankheitsdissimu- lation verfüge, sei eine stationäre Behandlung unabd ingbar, um diese für die Allgemeinheit ge- fährliche psychische Störung behandeln zu können. Eine entsprechende Behandlung könne nur in einer spezialisierten stationären Einrichtung bzw. ei ner forensischen Spezialstation erfolgen. Beispiele einer derartigen Institution seien die fore nsisch-psychiatrische Klinik der UPK Basel, die forensisch-psychiatrische Abteilung der Psychiatrischen K linik Königsfelden oder die foren- sisch-psychiatrische Klinik Rheinau. cc) Ergänzend hat der medizinische Sachverständige Dr. med . C.____ anlässlich der Ver- handlung vor dem Strafgericht (act. S 453 ff.) dargel egt, wenn man den Beschuldigten reden höre, würde man nicht denken, dass er psychiatrisch schwer kr ank sei. Es handle sich hier um ein Phänomen, welches man bei einer Schizophrenie häuf ig sehe und "doppelte Buchführung" genannt werde. Der Beschuldigte könne sich sehr gut anp assen und sich normal geben, aber Seite 58 http://www.bl.ch/kantonsgericht es sei sehr schwierig zu sagen, wie es in ihm innen ausseh e. Wenn man ihn in die Freiheit ent- lassen würde, würde alles in sich zusammenfallen und die Symptomatik wäre wieder akut vor- handen. Er empfehle eine stationäre Behandlung in ei ner forensisch-psychiatrischen Klinik. Be- reits in der forensisch-psychiatrischen Abteilung Etoine d er UPK Bern sei die gleiche Diagnose gestellt worden, worauf dem Beschuldigten das Medikament "Clopin" verabreicht worden sei, welches das wirksamste gegen die Störung darstelle. Dem Beschuldigten gelinge es gut, auch Fachleute zu täuschen, was gefährlich sei. Wenngleich er sich in seinem Gutachten nicht aus- drücklich zum Zusammenhang zwischen der Störung und den Delikten geäussert habe, so liege für ihn auf der Hand, dass die Krankheit zur Deliktsbege hung geführt habe. Die Krankheit habe den Beschuldigten in die Situation gebracht. Die Ent stehung einer Schizophrenie sei ein Pro- zess, welcher sich über Jahre hinweg entwickle, bis die kla re Symptomatik bestehe. Bei den früheren Abklärungen habe man zwar von einer namhaften Störung gesprochen, was eine Di- agnose aus einem ähnlichen Spektrum bedeute, aber die Symptomatik sei erst im Jahre 2019 klar und zum bestimmenden Handlungsmotiv geworden, als der Beschuldigte von einer Kamera im Kopf gesprochen habe. Eine ambulante Massnahme, wie die Möglichkeit einer Depotspritze, wäre zur Zeit zu riskant. Soweit der Beschuldigte von seiner Krankheit als Depression spreche, zeige dies die fehlende Krankheitseinsicht. dd) Im Verlaufsbericht der Psychiatrie Baselland vom 15. Ap ril 2021 (act. A 15 ff.) wird be- schrieben, dass beim Beschuldigten noch die Überzeugung vorliege, weiterhin "Spy-Fliegen" hinter den Ohren implantiert zu haben. Es bestehe we iterhin ein komplexes Wahnsystem, wel- ches möglicherweise an Dynamik nachgelassen habe. Unter re gelmässiger und kontrollierter medikamentöser Therapie mit dem Antipsychotikum "Clopin " (Wirkstoff "Clozapin") sei es zu einer Stabilisierung gekommen. Beim Beschuldigten beste he unverändert keine Krankheitsein- sicht. ee) Im aktuellen Verlaufsbericht der Psychiatrie Baselland vom 9. August 2022 wird ausge- führt, die Ich-Störungen wie Gedankenlautwerden oder Gedankenausbreitung und die akusti- schen Halluzinationen in Form von Stimmenhören hätten b eim Beschuldigten deutlich nachge- lassen. Allerdings habe während der gesamten Therapie dauer keine Verbesserung der Krank- heitseinsicht erreicht werden können und es bestehe keine dauerhafte intrinsische Behand- lungsmotivation. Vielmehr sei der Betroffene überzeugt , dass seine Symptome die Folge einer Depression seien. Es sei davon auszugehen, dass die Stabilisierung des psychopathologischen Seite 59 http://www.bl.ch/kantonsgericht Zustands in einem engen Zusammenhang mit dem verabreichten Medikament "Clozapin" stehe. Es lasse sich von einer fortschreitenden Zustandsverbesserun g und Reduzierung der psychoti- schen Symptomatik im Rahmen der eng strukturierten und ko ntrollierten gefängnispsychiatri- schen Behandlung infolge einer dauerhaften antipsychotischen Medikation sprechen. ff) Im Führungsbericht des Gefängnisses Muttenz vom 9. August 2022 wird das Verhalten des Beschuldigten als einwandfrei beurteilt. b) aa) Bei der Würdigung des forensisch-psychiatrischen Gutachten s vom 17. Juli 2020 ist fest- zustellen, dass dieses formal korrekt erstellt worden ist un d die inhaltlichen Ausführungen zur Diagnose, zum Zusammenhang zwischen der festgestellten St örung und den Straftaten, zur Behandlungsbedürftigkeit und -möglichkeit sowie zur Ve rhältnismässigkeit unter Einbezug der übrigen medizinischen Berichte und Darlegungen des Sach verständigen anlässlich der Ver- handlung vor dem Strafgericht schlüssig, plausibel sowie widerspruchsfrei und damit inhaltlich überzeugend sind. Infolgedessen bestehen keine triftige n Gründe, von den Erkenntnissen des Sachverständigen abzuweichen. Dieser hat deutlich dargelegt, dass beim Beschuldigten sowohl zum Zeitpunkt der inkriminierten Taten als auch zum Zeitpunkt des erstinstanzlichen Urteils vom Vorliegen einer paranoiden Schizophrenie (ICD-10: F20 .00) auszugehen ist, wobei aus foren- sisch-psychiatrischer Sicht ein Zusammenhang zwischen der Störung und den vom Beschuldig- ten tatbestandsmässig und rechtswidrig verübten Verbrechen und Vergehen besteht. Weiter hat der Sachverständige ausgeführt, dass ohne Behandlung be im Beschuldigten eine hohe Gefahr erneuter Straftaten vorliegt. Es ist zu befürchten, da ss der Berufungskläger erneut wahllos zu- fällig ihm begegnende oder in Austausch tretende Passanten physisch gefährden könnte. Dabei sind Straftaten von einer Erheblichkeit, aufgrund derer sogar die Verhängung einer Verwahrung diskutiert werden müsste, zu erwarten. Auch diese stehen gemäss dem Experten im Zusam- menhang mit der anhaltenden schweren psychischen Störun g. Als Grundlage der Behandlung der beim Beschuldigten diagnostizierten paranoiden Schizophrenie sieht der Gutachter die kon- sequente Durchführung einer Therapie mit antipsychotisch wirksamen Arzneimitteln, welche flankiert werden muss durch psychotherapeutische und psychoedukative Methoden, die es dem Betroffenen erlauben, die Symptome seiner psychischen Stö rung erkennen und im Sinne der Deliktprävention interpretieren zu können. Zufolge de r fehlenden Krankheitseinsicht des Be- schuldigten ‒ welche er auch anlässlich der Verhandlung vor dem Kanto nsgericht deutlich ma- Seite 60 http://www.bl.ch/kantonsgericht nifestiert hat ‒ und der ausgeprägten Fähigkeit zur Krankheitsdissimulation ist gemäss den gut- achterlichen Feststellungen eine stationäre Behandlung in einer spezialisierten stationären Ein- richtung bzw. einer forensischen Spezialstation unabdingb ar, um die für die Allgemeinheit ge- fährliche psychische Störung behandeln zu können. Hieran ist ungeachtet einer allfälligen Stabi- lisierung des psychopathologischen Zustands mangels anderweitiger medizinischer Erkenntnis- se auch zum heutigen Zeitpunkt unverändert auszugehen. I m Verlaufe einer solchen längerfris- tigen Behandlung ist sodann erfahrungsgemäss zu erwart en, dass eine gewisse Krankheitsein- sicht und Behandlungswilligkeit zu erreichen sein wird . Dies gilt umso mehr, als sich der Be- schuldigte offenbar bereits jetzt im Rahmen der eng str ukturierten und kontrollierten gefängnis- psychiatrischen Behandlung auf die Einnahme einer dauerh aften antipsychotischen Medikation eingelassen hat, was prompt zu einer fortschreitenden Zustandsverbesserung und Reduzierung der psychotischen Symptomatik geführt hat. Trotz dieser in der Zwischenzeit erzielten Fort- schritte erscheint angesichts der nicht bestehenden dauerha ften intrinsischen Behandlungsmo- tivation zur Zeit eine ambulante Massnahme, wie die Mö glichkeit einer Depotspritze, klarer- weise zu riskant. Vielmehr ist zu befürchten, dass sich der Beschuldigte bei einer frühzeitigen Entlassung aus der stationären Therapie einer ambulan ten Massnahme entziehen würde, wo- rauf alles in sich zusammenfallen würde und die Symptomatik wieder akut akzentuiert wäre. Zusammenfassend ist damit festzustellen, dass der an einer p aranoiden Schizophrenie leiden- de Beschuldigte tatbestandsmässig und rechtswidrig Verbr echen und Vergehen verübt hat, welche im Zusammenhang mit seiner wahnhaften Störung stehen, dass ohne Behandlung die hohe Gefahr weiterer ganz erheblicher Gewaltdelikte be steht, eine im Hinblick auf die Vermin- derung dieser Gefahr notwendige und geeignete Behan dlung in Form einer stationären Thera- pie in einer entsprechenden spezialisierten Einrichtung möglich ist und schliesslich keine milde- re Massnahme zur Verfügung steht. bb) An diesem Resultat vermögen die Vorbringen des Beschuldi gten nichts zu ändern. Der Rüge, wonach der Gutachter von diversen früheren Einschä tzungen und sogar seiner eigenen Diagnose abweiche, ohne dies schlüssig zu erklären, ist zu entgegnen, dass dies so nicht zu- treffend ist. Vielmehr hat der Experte einlässlich ausg eführt, er sei sich bewusst, dass er selber vor weniger als einem Jahr das Bestehen jeglicher manifester psychotischer Störungen verneint habe; dies aufgrund der Tatsache, dass vom Beschuldigten keine formalen Denkstörungen, keine Halluzinationen und keine Wahnsymptome angegeben worden seien. Retrospektiv müsse Seite 61 http://www.bl.ch/kantonsgericht geschlossen werden, dass die momentan vorhandene Symptom atik entweder noch nicht voll ausgeprägt gewesen sei, oder dass es dem Betroffenen da mals gelungen sei, diese im Sinne einer "doppelten Buchführung" zu verbergen. Bemerkenswe rt sei diesbezüglich, dass der Be- troffene seine Symptomatik äusserst kompetent zu dissimulie ren gewusst habe. Auf jeden Fall sei das Bestehen der paranoiden Schizophrenie längere Z eit verkannt worden. Entgegen den Erkenntnissen anlässlich seiner forensisch-psychiatrischen Unter suchung im Mai 2019, als er klinisch keine psychopathologische Symptomatik festgestellt habe, habe der Beschuldigte be- reits zu Beginn des Jahres 2019 mit Verfolgungswahn, aku stischen Halluzinationen und Ich- Störungen typische und hinreichend psychopathologische Symptome gezeigt, um die Diagnose einer paranoiden Schizophrenie stellen zu können. Sei t dem Frühjahr 2019 seien offenbar wei- tere Symptome aufgetreten, so zum Beispiel coenästhetisc he (körperbezogene) Halluzinatio- nen, zu welchen das Gefühl gehöre, eine Kamera im Kopf zu haben oder "Spy-Flies" in den Ohren implantiert bekommen zu haben, sowie ein Verfolgungs- und Grössenwahn. Im Ergebnis legt der Gutachter nachvollziehbar und schlüssig dar, wie er zur Diagnose der paranoiden Schi- zophrenie gekommen und weshalb er von früheren Einschä tzungen abgewichen ist. Dem Ein- wand, es werde nicht ausgeführt, worin der Zusammenha ng zwischen der diagnostizierten pa- ranoiden Schizophrenie und den begangenen Delikten be stehen soll, kann ebenfalls nicht ge- folgt werden. So hat der Experte bereits im Vorabguta chten erklärt, dass ein Zusammenhang zwischen den Angriffen und der Störung aus forensisch-psych iatrischer Sicht anzunehmen sei. Diese Einschätzung hat er im Gutachten bestätigt, indem er darauf hingewiesen hat, dass die paranoide Schizophrenie direkt mit den dem Beschuldigte n vorgeworfenen Straftaten im Zu- sammenhang gestanden habe. Schliesslich hat der Gutachter nochmals vor dem Strafgericht dargelegt, es liege auf der Hand, dass die Krankheit z ur Deliktsbegehung geführt habe. In Be- zug auf die Rüge, wonach die negative Legalprognose n icht ausreichend begründet werde, ist zu erwägen, dass der Gutachter nachvollziehbar ausgeführt hat, dass trotz der angelaufenen Behandlung die diagnostizierte paranoide Schizophrenie nach wie vor bestehe und ohne weite- re Behandlung ganz erhebliche und im Zusammenhang mit der Störung stehende Delikte zu erwarten seien. Dabei bestehe die Möglichkeit, dass der B eschuldigte erneut wahllos zufällig ihm begegnende oder in Austausch tretende Passanten physi sch gefährden könnte, wobei Straftaten von einer Erheblichkeit, aufgrund derer sog ar die Verhängung einer Verwahrung dis- kutiert werden müsste, zu erwarten seien. Hinsichtlich d es Einwands, wonach im Hinblick auf die Verhältnismässigkeit nicht geprüft werde, ob eine a mbulante Massnahme ausreichend wä- re, ist festzuhalten, dass der Gutachter stringent erklär t hat, dass zur Zeit von einer hochgradi- Seite 62 http://www.bl.ch/kantonsgericht gen Fremdgefahr auszugehen sei und dieser nur mit ein er medikamentösen und psychiatri- schen Behandlung in einem gesicherten Setting begegnet werden könne. Angesichts der feh- lenden Krankheitseinsicht und der nicht bestehenden daue rhaften intrinsischen Behandlungs- motivation wäre zu befürchten, dass sich der Beschuldigte e iner ambulanten Massnahme ent- ziehen würde. cc) Gestützt auf diese Erwägungen ist der Beschuldigte in Abweisung seiner diesbezüglichen Berufung und demnach in Bestätigung des angefochtenen Urteils in Anwendung von Art. 19 Abs. 3 StGB, Art. 56 StGB sowie Art. 59 Abs. 1 und Ab s. 2 StGB zur stationären Behandlung in eine geeignete psychiatrische Einrichtung oder Massnahmenv ollzugseinrichtung einzuweisen. An diese stationäre therapeutische Massnahme ist gestützt a uf Art. 51 StGB die bisher ausge- standene Untersuchungs- und Sicherheitshaft im Umfang v on insgesamt 904 Tagen anzurech- nen (vgl. CHRISTOPH METTLER / NICOLAS SPICHTIN , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Aufla- ge, Basel 2019, N 45a zu Art. 51 StGB; BGE 141 IV 236). 12. Landesverweisung 12.1 a) In rubrizierter Angelegenheit hat die Vorinstanz zusam mengefasst festgehalten, dass eine Landesverweisung nicht zwingend erforderlich erscheine, um den Beschuldigten von der Bege- hung weiterer Delikte abzuhalten. Ausserdem sei bei der Abwägung der entgegenstehenden Interessen insbesondere die Beziehung zwischen dem Beschu ldigten und seinem Sohn von hoher Bedeutung. Dies gebe den Ausschlag dafür, dass von d er Anordnung einer fakultativen Landesverweisung abzusehen sei. b) Die Staatsanwaltschaft legt zur Begründung ihres diesb ezüglichen Rechtsmittels im We- sentlichen dar, die dem Beschuldigten vorgeworfene Tat wiege derart schwer, dass die von der Landesverweisung als Massnahme konzipierte Sicherheitsfun ktion in Bezug auf das öffentliche Interesse zum Tragen kommen müsse (vgl. oben E. 2.2.a/cc und E. 2.2.b/ee). c) Demgegenüber ist der Beschuldigte der Ansicht, dass ein schwerwiegendes Sicherheits- interesse nicht bejaht werden könne, da nicht ernstlich mit weiteren Delikten zu rechnen sei, Seite 63 http://www.bl.ch/kantonsgericht nachdem die Schuldunfähigkeit in einer psychosozialen Notsi tuation begründet sei und eine Entlassung aus der Massnahme ohnehin erst erfolge, wenn vo n ihm keine Gefahr mehr ausge- he (vgl. oben E. 2.1.a/gg und 2.1.c/gg). 12.2 a) Wenn der Täter schuldunfähig im Sinne von Art. 19 Ab s. 1 StGB ist, ergeht kein Schuld- spruch. Entsprechend kann in diesem Fall keine obligato rische Landesverweisung erfolgen, da hierfür eine Verurteilung vorausgesetzt ist (M ATTHIAS ZURBRÜGG / CONSTANTIN HRUSCHKA , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 20 19, N 6 zu Art. 66a StGB). Möglich ist hin- gegen eine nicht obligatorische Landesverweisung. Gestüt zt auf Art. 66a bis StGB kann das Ge- richt einen Ausländer für drei bis 15 Jahre des Landes verweisen, wenn er wegen eines Ver- brechens oder Vergehens, das nicht von Art. 66a StGB erf asst wird, zu einer Strafe verurteilt oder gegen ihn eine Massnahme nach den Artikeln 59-61 oder 64 angeordnet wird. Die Mög- lichkeit zur Verhängung einer fakultativen Landesverweisu ng bei der Anordnung einer freiheits- entziehenden Massnahme oder Verwahrung zielt in erster L inie auf schuldunfähige Täter im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB, bei denen die Verhäng ung einer obligatorischen Landesverwei- sung ausgeschlossen ist, wobei eine solche Anordnung regelmässig nicht verhältnismässig sein wird, da diesen Tätern die Tatbegehung nicht vorgewor fen werden kann. Einzig in seltenen, besonders sorgfältig individuell abzuwägenden und einl ässlich zu begründenden Fällen, in de- nen das auf der öffentlichen Ordnung und Sicherheit be ruhende Interesse an einer Entfernung und Fernhaltung aus der Schweiz besonders schwer wiegt, kann die Anordnung einer Landes- verweisung gegenüber einer schuldunfähigen Person unter Umständen als gerechtfertigt er- scheinen (ZURBRÜGG / HRUSCHKA , a.a.O., N 5 und N 13 zu Art. 66a bis StGB). Ein Teil der Lehre erachtet die fakultative Landesverweisung bei schuldunfä higen Tätern ‒ nachdem diesen nach dem Schuldprinzip die Tatbegehung nicht vorgeworfen werden kann ‒ sogar als äusserst heikel (LUZIA VETTERLI , in: Annotierter Kommentar StGB, Bern 2020, N 5 zu Art. 66a bis StGB). Hinzu- weisen ist sodann darauf, dass der die Schuldunfähigkeit regelnde Art. 19 StGB in Abs. 3 im Hinblick auf mögliche Massnahmen zwar auf die Artikel 59- 61, 63, 64, 67, 67b und 67e ver- weist, ausdrücklich nicht jedoch auf Art. 66a bis StGB. b) Aus der systematischen Einordnung von Art. 66a f. StGB b ei den Massnahmen, aber auch daraus, dass der Landesverweisung tatsächlich eine S icherungsfunktion zugeschrieben wird, lässt sich ableiten, dass diese den allgemeinen Pr inzipien über das Massnahmenrecht Seite 64 http://www.bl.ch/kantonsgericht untersteht. Das Massnahmenrecht ‒ unter Einschluss der "anderen" Massnahmen ‒ unterliegt insgesamt dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit (vgl. GERHARD FIOLKA / LUZIA VETTERLI , Die Landesverweisung nach Art. 66a StGB als strafrechtliche Sanktion, in: plädoyer 5/16, S. 82 ff., mit Hinweis u.a. auf M ARIANNE HEER , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, N 34 ff. zu Art . 56 StGB). Daraus hat sich zu ergeben, dass jede Massnahme zur Erreichung ihres Zwecks geeig- net, erforderlich und angemessen sein muss (F IOLKA / VETTERLI , a.a.O., unter Hinweis auf Art. 36 Abs. 3 BV). Gerade die Frage nach der Erford erlichkeit stellt sich in jedem Fall, wenn eine fakultative Landesverweisung nach Art. 66a bis StGB ausgesprochen werden soll (F IOLKA / VETTERLI , a.a.O.). Im Gegensatz zu Strafen, die schuldangemesse n zu sein haben, beziehen sich Massnahmen weder vom Grundsatz her noch in Bezug auf ihr Ausmass auf eine irgendwie geartete Schuld des Täters. Während sich Strafen vorne hmlich auf eine Tat beziehen, erfolgt bei Massnahmen hauptsächlich eine Orientierung an der P erson des Täters und dessen Sozi- algefährlichkeit (HEER , a.a.O., N 1 f. vor Art. 56 StGB; BGE 120 IV 1; vgl . zum Ganzen KGer 460 17 66 vom 25. Juli 2017 E. 4.3). 12.3 Im vorliegenden Fall ist in einem ersten Schritt zu er wägen, dass es sich bei der Anlasstat um eine versuchte vorsätzliche Tötung handelt, welche bei en tsprechender Verurteilung nach Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB eine Katalogtat für ein e obligatorische Landesverweisung darstellen würde. In casu kommt diesem Aspekt zufolge der Schuldunf ähigkeit jedoch keine entscheiden- de Bedeutung zu. Auch geht es in concreto nicht um eine fakultative Landesverweisung betref- fend einen Ausländer, der wegen eines Verbrechens oder Vergehens, das nicht von Art. 66a StGB erfasst wird, zu einer Strafe verurteilt wird, was eine gewisse Strenge noch als gerechtfer- tigt erscheinen mag (vgl. KGer 460 17 66 vom 25. Juli 2017 E. 4.4). Zu prüfen ist vielmehr, ob die angestrebte Massnahme verhältnismässig, d.h. geeigne t, erforderlich und angemessen ist. Wie vorstehend zitiert, geht die in diesem Punkt herrsche nde Lehre davon aus, dass bei schuldunfähigen Tätern die Verhängung einer fakultativ en Landesverweisung in genereller Weise nicht verhältnismässig ist und nur ausnahmsweise in denjenigen Fällen gerechtfertigt erscheint, in welchen das auf der öffentlichen Ordnung und Sicherheit beruhende Interesse an einer Entfernung und Fernhaltung aus der Schweiz beson ders schwer wiegt. Unabhängig da- von, ob dieser apodiktischen Auffassung zuzustimmen ist od er nicht, ist zumindest hinsichtlich des vorliegenden Falles keine Notwendigkeit für die Ve rhängung einer nicht obligatorischen Landesverweisung gegeben. In Berücksichtigung der vorgän gigen Erwägungen zu den einzel- Seite 65 http://www.bl.ch/kantonsgericht nen Tatbeständen steht zwar zweifellos fest, dass der Beschu ldigte tatbestandsmässig und rechtswidrig mehrere gegen Leib und Leben gerichtete H andlungen ‒ insbesondere eine ver- suchte vorsätzliche Tötung ‒ begangen hat. Ebenso ist unter Zugrundelegung des for ensisch- psychiatrischen Gutachtens und der weiteren medizinischen B erichte fraglos, dass von ihm aufgrund der weiterhin bestehenden Störung zur Zeit eine hohe Fremdgefahr ausgeht. Insofern besteht momentan ohne Frage ein grosses öffentliches In teresse an der Anordnung einer Lan- desverweisung, und eine solche ist auch ohne Weiteres im Hinblick auf den Sicherungszweck der Massnahme geeignet. Entscheidend ist in der Folge a ber, wie dies schon die Vorderrichter korrekt erkannt haben, dass mit vorliegendem Urteil betreffend den Beschuldigten eine stationä- re therapeutische Massnahme angeordnet wird. Diese ist in ihrer Gesamtheit von der Dauer her nicht beschränkt (Art. 59 Abs. 4 StGB) und erfolgt in einer geeigneten psychiatrischen Einrich- tung oder einer Massnahmenvollzugseinrichtung, bei Gefah r in einer geschlossenen Einrich- tung (Art. 59 Abs. 2 und Abs. 3 StGB). Eine Entlassung aus dem stationären Vollzug der Mass- nahme wird erst möglich sein, wenn dies durch den Zusta nd des Betroffenen gerechtfertigt ist, d.h. wenn eine positive Legalprognose vorliegt, wofür wiederum ein entsprechendes psychiatri- sches Gutachten vorliegen muss (Art. 62 StGB; H EER , a.a.O., N 20 zu Art. 62 StGB). Hinzu kommt, dass die freiheitsentziehenden Massnahmen vor dem Vollzug der Landesverweisung zu vollziehen sind (Art. 66c Abs. 2 und Abs. 3 StGB), was im Ergebnis bedeutet, dass die Landes- verweisung erst dann vollzogen werden könnte, wenn vom Be schuldigten aller Voraussicht nach keine Gefahr weiterer Straftaten mehr ausgeht. Zu diesem Zeitpunkt besteht jedoch kein öffentliches Interesse mehr an einer Landesverweisung. I nfolgedessen fehlt es an der voraus- gesetzten Erforderlichkeit, woraus erhellt, dass sich die Anordnung einer nicht obligatorischen Landesverweisung schon aus diesem Grund als nicht verhältn ismässig erweist, weshalb im Übrigen auf die Prüfung der Angemessenheit im Sinne einer Interessenabwägung verzichtet werden kann. Gestützt auf diese Erwägungen ist in Abweisung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft und demzufolge in Bestätigung des angefochtenen Urteil s von der Anordnung einer nicht obli- gatorischen Landesverweisung abzusehen. Seite 66 http://www.bl.ch/kantonsgericht 13. Zivilforderungen 13.1 Privatkläger A.____ Der Privatkläger macht in seinem Rechtsmittel geltend, der Beschuldigte sei zu verpflichten, ihm eine angemessene Genugtuung zu bezahlen. Wie berei ts vorgängig dargelegt (vgl. oben E. 1.1.c), ist aus formellen Gründen nicht auf die Berufung des Privatklägers einzutreten. Selbst wenn aber auf dessen Rechtsmittel einzutreten gewesen wäre, wäre dieses aus folgenden Überlegungen materiell abzuweisen und dementsprechend die Genugtuungsforderung auf den Zivilweg zu verweisen gewesen: So wird erstens der Beschu ldigte zufolge seiner Schuldunfä- higkeit vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung zu m Nachteil von A.____ freigespro- chen, womit im Adhäsionsverfahren lediglich eine Billig keitshaftung gestützt auf Art. 54 OR in Frage käme, welche aber angesichts der prekären finanzie llen Verhältnisse des Beschuldigten von vornherein nicht zur Anwendung gelangen würde. Z weitens ist zu konstatieren, dass der Privatkläger seine Forderung nicht einmal ansatzweise beziffert und begründet hat. Sind jedoch Begründung und Bezifferung der Zivilklage bis zum Abschlu ss der Hauptverhandlung nicht hin- reichend, so wird sie gemäss Art. 126 Abs. 2 lit. b StP O (ohne Weiteres) auf den Zivilweg ver- wiesen (vgl. A NNETTE DOLGE , in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnun g, 2. Auflage, Basel 2014, N 13 zu Art. 123 StPO). Vor behalten bleibt in diesem Fall die Auferle- gung von Verfahrens- und Gerichtskosten (LIEBER , a.a.O., N 6 zu Art. 123 StPO). 13.2 Beschuldigter a) In seinem verfahrensleitenden Haftentscheid vom 26. Okto ber 2021 hat das Kantonsge- richt erkannt, dass die vom Strafgericht mit Beschluss vom 1 8. Juni 2021 gegenüber dem Be- schuldigten um drei Monate bis zum 18. September 2021 verlängerte Sicherheitshaft erst am 26. Oktober 2021 formgültig weiter verlängert (bzw. ne u angeordnet) worden ist. Gestützt auf diesen Sachverhalt ist im Dispositiv des genannten Entscheid es vom 26. Oktober 2021 unter Verweis auf die bundesgerichtliche Praxis (vgl. BGer 1B_ 189/2021 vom 12. Mai 2021 E. 2.3) festgehalten worden, dass die Sicherheitshaft des Beschu ldigten zwischen dem 19. September 2021 und dem 26. Oktober 2021 mangels formgültigen Ha fttitels rechtswidrig gewesen ist. Gleichzeitig ist entschieden worden, dass über die in diesem Zusammenhang erfolgten Anträge des Beschuldigten, es sei ihm eine angemessene Entschädi gung und Genugtuung für die Seite 67 http://www.bl.ch/kantonsgericht rechtswidrig ausgestandene Sicherheitshaft zuzusprechen, im Endentscheid befunden wird. Folglich hat nunmehr ein entsprechender Entscheid zu ergehen. b) Gemäss der vorstehend zitierten Praxis ist bei Fehlen ein es gültigen strafprozessualen Hafttitels die Inhaftierung der betroffenen Person a ls formell rechtswidrig zu qualifizieren und die Unrechtmässigkeit von erstandener Haft im Dispositiv d es Haftprüfungsentscheides festzu- stellen, was nach Dargelegtem bereits erfolgt ist. Im Hinblick auf die Ausrichtung einer Haftent- schädigung ist zu unterscheiden zwischen ungerechtfertigter und rechtswidriger Haft. Rechts- widrig ist die Haft nur dann, wenn sie auf einer Verl etzung von Rechtsnormen beruht. Als unge- rechtfertigt wird die Haft bezeichnet, wenn sie rechtmä ssig angeordnet worden ist, sich aber hinterher beispielsweise wegen Freispruchs als strafprozess ual unbegründet erweist (Y VONA GRIESSER , in: Zürcher Kommentar zur Schweizerischen Strafprozesso rdnung, 3. Auflage, Zü- rich / Basel / Genf 2020, N 7b zu Art. 429 StPO sowie N 2 ff. zu Art. 431 StPO, mit Hinweisen). Im vorliegenden Fall ist zu konstatieren, dass der Besch uldigte im Zeitraum zwischen dem 19. September 2021 und dem 26. Oktober 2021 zufolge des fehlenden Hafttitels formell rechts- widrig, angesichts der mit vorliegendem Urteil erfolgte n Erkenntnisse ‒ wonach er im Zustand der Schuldunfähigkeit tatbestandsmässig und rechtswidrig un ter anderem eine versuchte vor- sätzliche Tötung begangen hat und hierfür in eine geei gnete psychiatrische Einrichtung oder Massnahmenvollzugseinrichtung eingewiesen wird ‒ jedoch materiell begründet und daher nicht ungerechtfertigt in Sicherheitshaft gewesen ist. Infolgedessen richtet sich der Anspruch des Beschuldigten auf Entschädigung und Genugtuung nach Art. 431 Abs. 1 StPO und nicht nach Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO. Bei rechtswidrig angewandten Zwangsmassnahmen besteht im Übrigen nicht nur aufgrund der Formulierung in Abs. 1 (von Art. 431 StPO), sondern auch ge- stützt auf Art. 5 EMRK ein Entschädigungs- bzw. Genugtuungsanspruch. In Bezug auf die Höhe desselbigen steht der Behörde ein Ermessen zu (GRIESSER , a.a.O., N 13 zu Art. 431 StPO). Da es bei rechtswidrigen Zwangsmassnahmen nicht auf den Ausga ng des Verfahrens oder ein allfälliges Selbstverschulden der beschuldigten Person an kommt, sind die so erlittenen Zwangsmassnahmen in jedem Fall zu entschädigen bzw. ist e ine Genugtuung zuzusprechen. Aus der unterschiedlichen Formulierung von Art. 431 Abs. 1 StPO und Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO ergibt sich, dass die für die Genugtuung erforderl iche schwere Persönlichkeitsverletzung im Falle rechtswidrig angeordneter Zwangsmassnahmen vermutet wird (STEFAN WEHRENBERG / FRIEDRICH FRANK , in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnu ng, 2. Auflage, Ba- sel 2014, N 3 ff. und N 9 ff. zu Art. 431 StPO, mit Hinweisen). Seite 68 http://www.bl.ch/kantonsgericht c) In casu erweist sich nach Ansicht des Kantonsgerichts unter Berücksichtigung der konkre- ten Umstände ‒ namentlich, dass der Beschuldigte aufgrund seiner vorbes tehenden Woh- nungs- und Arbeitslosigkeit durch den Freiheitsentzug wed er unmittelbare noch mittelbare fi- nanzielle Einbussen erlitten hat und zudem die bereit s vor dem 19. September 2021 bestehen- de und auch nach dem 26. Oktober 2021 andauernde Haft grundsätzlich materiell gerechtfertigt gewesen ist ‒, dass mangels eines erlittenen Schadens zwar keine Entschäd igung, hingegen eine Genugtuung auszurichten ist, wobei eine solche in der Höhe von CHF 100.-- pro Tag rechtswidriger Haft als angemessen zu bezeichnen ist. Som it wird dem Beschuldigten für die zwischen dem 19. September 2021 und dem 26. Oktober 202 1 ausgestandene, mangels form- gültigen Hafttitels rechtswidrige Sicherheitshaft eine Genugtuung in der Höhe von insgesamt CHF 3'800.-- zuzüglich Zins von 5 % seit dem 26. Oktober 2021 ausgerichtet. 14. Kostenfolge 14.1 Kantonsgericht a) Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Als unter liegend gilt auch die Partei, auf deren Rechtsmittel nicht eingetreten wird oder die da s Rechtsmittel zurückzieht. Gestützt auf den vorliegenden Verfahrensausgang rechtfertigt es sich, die ordentlichen Kosten des Beru- fungsverfahrens in der Höhe von CHF 33'000.-- (13 Stun den Hauptverhandlung zu jeweils CHF 2'500.--/h plus Auslagen von CHF 500.--) im Umfan g von 60 % (= CHF 19'800.--) dem Beschuldigten, im Umfang von 5 % (= CHF 1'650.--) de m Privatkläger A.____ und im Umfang von 35 % (= CHF 11'550.--) dem Staat aufzuerlegen, w obei der Anteil des Beschuldigten ge- stützt auf Art. 419 StPO ebenfalls zu Lasten des Staates geht. b) aa) Im Hinblick auf die ausserordentlichen Kosten des Berufu ngsverfahrens ist zu erkennen, dass dem Rechtsvertreter des Beschuldigten, Advokat Johan nes Mosimann, zufolge Bewilli- gung der amtlichen Verteidigung ein Honorar zu Lasten des Staates ausgerichtet wird. Die Hö- he dieses Honorars bemisst sich dabei auf einen pauschalen Betrag von insgesamt Seite 69 http://www.bl.ch/kantonsgericht CHF 16'155.-- (inklusive Hauptverhandlung, Nachbesprechun g, Auslagen und CHF 1'155.-- Mehrwertsteuer). Zur konkreten Bemessung dieses Betrags ist zu erwägen, dass sich die Ent- schädigung des amtlichen Verteidigers grundsätzlich an de ssen Honorarnote vom 22. August 2022 orientiert, worin eine Summe in der Höhe von CH F 19'243.60 (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer, exklusive Hauptverhandlung vor dem Kant onsgericht) ausgewiesen wird. Die- ser Betrag wird zunächst um den Aufwand für die Teilnahme an der Hauptverhandlung vor dem Kantonsgericht erhöht und sodann pauschal um rund einen Viertel auf CHF 15'000.-- (inklusive sechs Stunden Aufwand für Hauptverhandlung, Urteilseröf fnung und Nachbesprechung sowie Auslagen) gekürzt, wozu schliesslich 7,7 % Mehrwertsteuer im Umfang von CHF 1'155.-- hinzu- zurechnen ist. Dies begründet sich wie folgt: bb) Gemäss Art. 135 Abs. 1 StPO wird die amtliche Vertei digung nach dem Anwaltstarif des Bundes oder desjenigen Kantons entschädigt, in dem das St rafverfahren geführt worden ist. Im Kanton Basel-Landschaft ist dem amtlichen Verteidiger g estützt auf § 15 Abs. 2 in Verbindung mit § 17 Abs. 1 und Abs. 2 Anwaltsgesetz eine angemessen e Entschädigung nach Massgabe der basellandschaftlichen Tarifordnung für die Anwält innen und Anwälte auszurichten. Laut § 2 Abs. 1 TO wird die angemessene Entschädigung der amtlichen Verteidigung aufgrund des Zeit- aufwands festgelegt. Der Stundenansatz der amtlichen Ve rteidigung beträgt CHF 200.-- (§ 3 Abs. 2 TO). Zu vergüten sind zudem gemäss § 15 f. TO di e Auslagen und nach § 17 TO die Mehrwertsteuer. Der amtlichen Verteidigung steht ein A nspruch auf Entschädigung und Rück- erstattung ihrer Auslagen nur zu, soweit es zur Wahrun g der Rechte des Beschuldigten not- wendig ist. Entschädigungspflichtig sind danach nur jene Bemühungen, die in einem kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der Rechte im Strafverfa hren stehen, und die notwendig und verhältnismässig sind. Lediglich in diesem Umfang lässt es sich rechtfertigen, die Kosten aus der Staatskasse zu bezahlen. Allerdings muss das Honorar s o festgesetzt werden, dass der amtlichen Verteidigung ein Handlungsspielraum verbleibt und das Mandat wirksam und effektiv ausgeübt werden kann (BGE 141 I 124 E. 3.1; N IKLAUS OBERHOLZER , Grundzüge des Strafpro- zessrechts, 4. Auflage, Bern 2020, N 486). Es besteht in des kein Anspruch auf eine unverhält- nismässig teure und aufwändige amtliche Verteidigung (V IKTOR LIEBER , in: Zürcher Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 3. Auflage, Zü rich / Basel / Genf 2020, N 6 zu Art. 135 StPO, mit Hinweisen; BGE 117 Ia 22 E. 4b). Der Aufwand des Verteidigers muss mithin in einem vernünftigen Verhältnis zur erbrachten Leistun g stehen. Der anwaltliche Aufwand ist für die Bemessung des vom Staat zu vergütenden Honorar s nur insoweit von Belang, als er Seite 70 http://www.bl.ch/kantonsgericht vernünftigerweise zur pflichtgemässen Erfüllung der Aufgabe erforderlich gewesen ist. Ein über- triebener Aufwand sowie unnötige oder offensichtlich a ussichtslose Bemühungen begründen keinen Anspruch auf Entschädigung (BGer 6B_528/2010 vom 16. September 2010 E. 2.5.1; 6B_799/2007 vom 19. Juni 2008 E. 3.3.3). cc) In verfassungsmässiger Hinsicht besteht nach Art. 29 Abs. 3 BV ein Anspruch auf Ent- schädigung nur insoweit, als die Bemühungen zur Wahrung der Rechte der beschuldigten Per- son notwendig gewesen sind. Nach diesem Massstab bestimmt sich der Anspruch sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht, d.h. in Bezug auf den Umfang der Aufwendungen. Sowohl der Beizug eines Rechtsbeistands als auch der von d iesem betriebene Aufwand müs- sen sich als angemessen erweisen. Als Massstab bei der Bean twortung der Frage, welcher Aufwand für eine angemessene Verteidigung im Strafve rfahren nötig ist, hat der erfahrene An- walt zu gelten, der im Bereich des materiellen Strafr echts und des Strafprozessrechts über fun- dierte Kenntnisse verfügt und deshalb seine Leistungen von Anfang an zielgerichtet und effi- zient erbringen kann (BGE 142 IV 45 E. 2.1; 138 IV 19 7 E. 2.3.5; BGer 6B_950/2020 vom 25. November 2020 E. 2.3.1). Für die konkrete Honora rfestsetzung ist auf die Umstände des Einzelfalles abzustellen. Dabei spielen neben dem Zeit aufwand die tatsächlichen und rechtli- chen Schwierigkeiten der Strafsache, die Persönlichkeit der beschuldigten Person, ihr Umfeld und natürlich die Bedeutung der Sache für die beschuldi gte Person, insbesondere bei einem schweren Eingriff in die persönliche Freiheit, eine massgebende Rolle. Der Staat darf dabei von der amtlichen Verteidigung, die von ihm bezahlt wird, eine gewisse Speditivität und Konzentra- tion auf das Wesentliche erwarten (PETER ALBRECHT , Die Funktion und Rechtsstellung des Ver- teidigers im Strafverfahren, Handbücher für die Anwalt spraxis, Band VII, Strafverteidigung, S. 42 f.; vgl. auch N IKLAUS RUCKSTUHL , in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozess- ordnung, 2. Auflage, Basel 2014, N 3 zu Art. 135 StP O). Gestützt auf die dargelegten Grund- sätze werden beispielsweise der Zeitaufwand betreffend Mandatsübernahme, Sekretariatsar- beiten, Rechtsstudium, Bemühungen in parallelen Verfah ren, anwaltliche Kürzestaufwände so- wie soziale Betreuung (auch in Haftfällen) nicht entschädigt (RUCKSTUHL , a.a.O., N 3 zu Art. 135 StPO; LIEBER , a.a.O., N 4 zu Art. 135 StPO). dd) § 3 Abs. 2 TO setzt stillschweigend voraus, dass bei Fälle n amtlicher Verteidigung das Gebot der wirtschaftlichen Behandlung des Falles gilt; die Offizialverteidigung hat sich auf das Wesentliche und Notwendige zu beschränken. Es ist der aussagekräftige Grundsatz "so viel wie Seite 71 http://www.bl.ch/kantonsgericht nötig, so wenig wie möglich" zu beachten. Eine Entschädi gung von Aufwand, der als unverhält- nismässig erscheint, ist daher auch nach kantonalem Recht a usgeschlossen. Das Gericht kann den übermässigen Aufwand einer anwaltlichen Verteidigu ng im Rahmen seines Kostenent- scheides frei anhand der erwähnten Bemessungsgrundlagen würdigen und die Honorarrech- nung auf einen Betrag reduzieren, den es für angemesse n erachtet. Erscheint der Aufwand gesamthaft oder für einzelne Aufgabenbereiche als über mässig und erweist es sich als schwie- rig, die ungerechtfertigten konkreten Aufwandposten im Detail festzulegen, sind gemäss ständi- ger kantonaler Praxis pauschale Kürzungen zulässig. Eine vo rgenommene Kürzung ist aller- dings zu begründen (KGer 470 14 21 vom 8. April 2014 E. 2.5 sowie der betreffende BGer 6B_652/2014 vom 10. Dezember 2014 E. 2). Wird eine detaillierte Honorarnote eingereicht und steht der geltend gemachte Zeitaufwand zum Umfang un d der Schwierigkeit des Falles in ei- nem offensichtlichen Missverhältnis, darf nach der bundes gerichtlichen Rechtsprechung die Entschädigung pauschal bemessen werden (BGer 6B_224/2013 vom 27. Januar 2014 E. 2.5 f.; Verfügungen des Bundesstrafgerichts BB.2021.49 vom 13. Ok tober 2021 E. 3.1; BB.2019.256 vom 5. Februar 2020 E. 3.1). Der Anspruch auf rechtli ches Gehör verlangt nicht, dass der Ver- teidigung vor einer allfälligen Kürzung der Honorar note Gelegenheit zur Stellungnahme einge- räumt wird. Die Festsetzung erfolgt von Amtes wegen i n Anwendung der massgebenden ge- setzlichen Bestimmungen, welche als bekannt vorausgesetzt werden dürfen (Beschluss des Bundesstrafgerichts BB.2017.125 vom 15. März 2018 E. 6. 3 mit Hinweis auf BGer 6B_74/2014 vom 7. Juli 2014 E. 1.3.2). ee) Im vorliegenden Fall erweist sich der von der amtlich en Verteidigung ausgewiesene Auf- wand von insgesamt über 93 Stunden (inklusive sechs Stunde n für die Hauptverhandlung) an- gesichts der Komplexität sowie des Umfanges der Streit sache und namentlich auch der Einga- ben des Berufungsklägers als deutlich zu hoch. Zu bemänge ln ist neben der Tatsache, wonach unter anderem zahlreiche Kürzestaufwände im jeweiligen Umfang von fünf Minuten verrechnet worden sind, welche grundsätzlich nicht entschädigungspflichtig sind, vor allem, dass nur schon unter dem Titel "Aktenstudium" zwischen dem 5. Juli 2022 und dem 20. Juli 2022 über 23 Stun- den Aufwand verrechnet worden sind. Ferner ist unter dem Titel "Vorbereitung Berufungsver- handlung / Plädoyer" ein namhafter weiterer Aufwand von 15 Stunden geltend gemacht worden. Hierbei noch nicht eingerechnet ist der Aufwand für die diversen schriftlichen Eingaben und das in diesem Zusammenhang stehende Aktenstudium. Wenngleich nicht zu verkennen und in ei- nem gewissen Mass auch zu berücksichtigen ist, dass der bishe rige amtliche Verteidiger im Seite 72 http://www.bl.ch/kantonsgericht Verlaufe des Verfahrens krankheitsbedingt ausgefallen ist und ein neuer Rechtsvertreter (aus der nämlichen Anwaltskanzlei) dessen Aufgaben übernommen hat, muss der insgesamt geltend gemachte Aufwand für das Berufungsverfahren, in welche m die Akten grundsätzlich als be- kannt vorausgesetzt werden und die Aufgabe des Verteid igers in erster Linie darin besteht, das angefochtene erstinstanzliche Urteil zu rügen, als klar überhöht bezeichnet werden. Zufolge des notwendig gewordenen Verteidigerwechsels ist im Hinbli ck auf den Anspruch des Beschuldig- ten auf eine effektive Verteidigung zwar ein Teil die ses ausserordentlich entstandenen, zusätz- lichen Aufwandes vom Staat zu entschädigen, der Rest hinge gen ist im Sinne einer Unterneh- mensverantwortung von der Verteidigung selbst zu tra gen. Da in der Honorarnote nicht ausge- wiesen wird, welcher Aufwand vom bisherigen und welche r vom neuen amtlichen Verteidiger generiert worden ist, erscheint es als unmöglich, eine st ringente Trennung zwischen notwendi- gem und übermässigem Aufwand zu ziehen. Nach Auffassung des Kantonsgerichts erweist sich in Würdigung der sich in casu stellenden tatsächlichen und rechtlichen Schwierigkeiten, des schweren Eingriffs in die persönliche Freiheit des Beschul digten und der nötig gewordenen Bemühungen zur Wahrung der Rechte des Betroffenen ei ne Entschädigung des Verteidigers ‒ nach einem pauschalen Abzug von rund einem Viertel des geltend gemachten Aufwandes ‒ im Umfang von CHF 15'000.-- (inklusive sechs Stunden Aufwand für Hauptverhandlung, Urteilser- öffnung und Nachbesprechung sowie Auslagen plus CHF 1'5 55.-- Mehrwertsteuer) als ange- messen. Dieser Betrag entspricht immer noch einem Entgelt für über 72 Stunden Aufwand, was für ein Berufungsverfahren als ausserordentlich hoch zu qualifizieren ist. c) Der Privatkläger hat bei diesem Verfahrensausgang die Kosten seines Rechtsvertreters selbst zu tragen (Art. 433 Abs. 1 StPO). 14.2 Strafgericht Angesichts der mit vorliegendem Urteil zu bestätigenden Erkenntnisse der Vorderrichter besteht schliesslich keine Veranlassung, an der erstinstanzlichen Kost enverteilung eine Änderung vor- zunehmen. Seite 73 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichts Basel-Landschaft vo m 18. Juni 2021, auszugsweise lautend: "1. Es wird festgestellt, dass B.____ im Zustand der Schuldu nfä- higkeit tatbestandsmässig und rechtswidrig eine mehrfache , teilweise geringfügige sowie eine qualifizierte Sachbe schädi- gung (Fälle 24 bis 46, 48, 61 und 66 bis 69 gemäss Ankla ge- schrift), einen Hausfriedensbruch, eine Tätlichkeit, ein e Dro- hung, eine versuchte einfache Körperverletzung, eine versuch- te einfache Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegen- stand sowie einen versuchten Mord begangen hat. Zufolge Vorliegens von Schuldunfähigkeit nach Art. 19 A bs. 1 StGB wird B.____ von den obgenannten Vorwürfen frei ge- sprochen und es wird die Einweisung in eine geeignete p sy- chiatrische Einrichtung oder Massnahmenvollzugseinrichtung angeordnet, unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungs- und Sicherheitshaft von insgesamt 473 Tagen, in Anwendung von Art. 144 Abs. 1 (teilweise i.V.m. Ar t. 172 ter Abs. 1 StGB) und Abs. 3 StGB, Art. 186 StGB, Art. 12 6 Abs. 1 StGB, Art. 180 Abs. 1 StGB, Art. 123 Ziff. 1 und Zif f. 2 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 112 StGB i.V. m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 19 Abs. 1 und Abs. 3 StGB, Art. 51 StGB, Art. 56 StGB sowie Art. 59 Abs. 1 und Abs. 2 StGB. 2. B.____ wird in den übrigen Fällen vom Vorwurf der mehrfa- chen, teilweise geringfügigen, Sachbeschädigung freiges pro- chen. 3. Die am 19. Juni 2018 von der Staatsanwaltschaft Solo thurn bedingt ausgesprochene Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu j e Fr. 30.-- wird nicht für vollziehbar erklärt. 4. Eine Landesverweisung gemäss Art. 66a bis StGB wird nicht angeordnet. Seite 74 http://www.bl.ch/kantonsgericht 5. Der beschlagnahmte Schnürsenkel beige/braun (G79816) w ird in Anwendung von Art. 69 StGB zur Vernichtung eingezogen. Das sich bei der Polizei Basel-Landschaft, Allgemeiner Ermitt- lungsdienst 1, befindliche Kinderfahrrad wird an B.__ __ zu- rückgegeben. Dem Beschuldigten wird nach der Rechtskraft des Urteils vom Fund- und Verwertungsdienst, Oristalstr asse 100, 4410 Liestal – unter Androhung der Verwertung o der Vernichtung des Kinderfahrrads im Unterlassungsfalle – eine Frist gesetzt, um dieses dort abzuholen oder abholen zu las- sen. 6. (...). 7. Die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des Vor ver- fahrens in Höhe von Fr. 58'630.40, den Kosten des Zwa ngs- massnahmengerichts von Fr. 3'450.--, den Expertisekosten des gerichtlichen Verfahrens in Höhe von insgesamt Fr. 1'634.80 und der Gerichtsgebühr von Fr. 20'000.-- , gehen in Anwendung von Art. 419 StPO zu Lasten des Staates. 8. Das Honorar des amtlichen Verteidigers in Höhe von insg e- samt Fr. 22'862.15 (wovon Fr. 12'821.85 für den Aufwa nd vor Anklageerhebung sowie Fr. 10'040.30 für den Aufwand nach Anklageerhebung, inkl. Auslagen und 7.7 % MwSt.) wird aus der Gerichtskasse entrichtet." wird in teilweiser Gutheissung der Berufung des Beschuldigten u nd in Abweisung der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft, soweit darauf einzutreten ist, ‒ auf die Berufung des Privatklägers wird nicht eingetreten ‒ in den Ziffern 1 und 2 wie folgt geändert : 1. Es wird festgestellt, dass B.____ im Zustand der Schuldu nfä- higkeit tatbestandsmässig und rechtswidrig eine mehrfache , teilweise geringfügige sowie eine qualifizierte Sachbesc hädi- gung ( Fälle 24 und 25, 27 und 28, 30 bis 37, 41 bis 46, 48, 61 sowie 66 bis 69 gemäss Anklageschrift), eine Tätlich keit, eine Drohung, eine versuchte einfache Körperverletzung, eine Seite 75 http://www.bl.ch/kantonsgericht versuchte einfache Körperverletzung mit einem gefährli chen Gegenstand sowie eine versuchte vorsätzliche Tötung be- gangen hat. Zufolge Vorliegens von Schuldunfähigkeit nach Art. 19 A bs. 1 StGB wird B.____ von den obgenannten Vorwürfen frei ge- sprochen und es wird die Einweisung in eine geeignete p sy- chiatrische Einrichtung oder Massnahmenvollzugseinrichtung angeordnet, unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungs- und Sicherheitshaft von insgesamt 904 Tagen, in Anwendung von Art. 144 Abs. 1 (teilweise i.V.m. Ar t. 172 ter Abs. 1 StGB) und Abs. 3 StGB, Art. 126 Abs. 1 StGB, Art. 180 Abs. 1 StGB, Art. 123 Ziff. 1 und Ziff. 2 StGB i.V.m . Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, Art. 19 Abs. 1 und Abs. 3 StGB, Art. 51 StGB, Art. 56 StGB sow ie Art. 59 Abs. 1 und Abs. 2 StGB. 2. In den Fällen 21, 26, 29, 38-40, 55 und 57 wird das Verfah- ren mangels Vorliegens eines rechtsgültigen Strafan tra- ges eingestellt. In den übrigen Fällen wird B.____ vom Vor- wurf der mehrfachen, teilweise geringfügigen, Sachbesc hädi- gung freigesprochen. Im Übrigen wird das angefochtene Urteil bestätigt . II. Für die zwischen dem 19. September 2021 und dem 26. Oktober 2021 ausgestandene, mangels formgültigen Hafttitels rech tswidrige Sicherheitshaft wird dem Beschuldigten eine Genugtuun g in der Höhe von CHF 3'800.-- zuzüglich Zins von 5 % seit dem 26. Oktober 2021 ausgerichtet. III. Die ordentlichen Kosten des Berufungsverfahrens in der Höhe von CHF 33'000.-- (beinhaltend eine Gebühr von CHF 32'50 0.-- sowie Auslagen von CHF 500.--) werden im Umfang von 60 % Seite 76 http://www.bl.ch/kantonsgericht (= CHF 19'800.--) dem Beschuldigten, im Umfang von 5 % (= CHF 1'650.--) dem Privatkläger und im Umfang von 35 % (= CHF 11'550.--) dem Staat auferlegt, wobei der An teil des Be- schuldigten gestützt auf Art. 419 StPO ebenfalls zu Lasten des Staates geht. IV. Zufolge Bewilligung der amtlichen Verteidigung w ird dem Rechtsver- treter des Beschuldigten, Advokat Johannes Mosimann, ei n redu- ziertes Honorar in der Höhe von pauschal CHF 16'155.-- ( inklusive Hauptverhandlung, Nachbesprechung, Auslagen und CHF 1' 155.-- Mehrwertsteuer) zu Lasten des Staates ausgerichtet. Präsident Dieter Eglin Gerichtsschreiber Pascal Neumann Dieser Entscheid ist rechtskräftig.