Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 15. November 2012 (720 11 135) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Anspruch auf eine Invalidenrente aufgrund der Folgen einer erlittenen Frühsommer- Meningoenzephalitis (FSME) Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter Micha el Guex, Kantons- richter Daniel Noll, Gerichtsschreiberin Gisela Wartenweiler Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch M onica Armesto, Advoka- tin, indemnis, Spalenberg 20, 4001 Basel gegen IV-Stelle Basel-Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Beschwerdegegnerin Betreff IV-Rente A. Der 1963 geborene A.____ arbeitete vom 9. Juli 2 003 bis 31. März 2008 als Chauffeur bei der Firma B.____ in X.____ und war durch die Ar beitgeberin bei der Schweizerischen Un- fallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrank- heiten versichert. Im Mai 2005 zog er sich bei der Arbeit drei Zeckenstiche zu. Die SUVA aner- kannte ihre Leistungspflicht und erbrachte die gesetzli chen Leistungen. Mit Verfügung vom 7. Januar 2010 stellte die SUVA ihre Versicherungsleistu ngen per 31. Januar 2010 ein, da kei- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht ne Unfallfolgen mehr vorliegen würden. Die dagegen e rhobene Einsprache wies die SUVA mit Entscheid vom 4. November 2010 ab. B. Am 16. April 2006 meldete sich der Versicherte unte r Hinweis auf die Folgen diverser Zeckenbisse (Störung des Sprachzentrums und Hirnhautentzü ndung) bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Nach Abklä rung der erwerblichen, berufli- chen und gesundheitlichen Verhältnisse lehnte die IV-St elle am 24. Februar 2011 nach durch- geführtem Vorbescheidsverfahren gestützt auf einen Inva liditätsgrad von 33 % einen Renten- anspruch des Versicherten ab. C. Gegen diese Verfügung erhob A.____, vertreten dur ch Rechtsanwältin Monica Armesto, am 28. März 2011 fristgerecht Beschwerde ans Kantonsgeri cht, Abteilung Sozialversicherungs- recht. Darin beantragte er, es sei die angefochtene Ve rfügung aufzuheben und die IV-Stelle sei zu verpflichten, ihm mit Wirkung ab 1. Juni 2006 eine g anze Invalidenrente nach Massgabe eines Invaliditätsgrades von mindestens 70 % auszurichten ; unter o/e Kostenfolge. Ausserdem sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen . In der Begründung beanstandete er im Wesentlichen die Zuverlässigkeit des Gutachtens der C.___ _ vom 28. Juni 2010. Zudem habe sich der gesundheitliche Zustand seit der Begutachtung d er C.____ massiv verschlechtert, so dass gegenwärtig von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen sei. D. Mit Verfügung vom 5. Mai 2011 bewilligte das Kant onsgericht dem Beschwerdeführer für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Prozessführung und Verbeiständung. E. In ihrer Vernehmlassung vom 16. Juni 2011 beantra gte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. F. Am 21. Juli 2011 reichte der Versicherte durch sein e Rechtsvertreterin die Verfügung der Vormundschaftsbehörde X.____ vom 28. April 2011 e in, aus welcher hervorgeht, dass eine Beistandschaft für ihn errichtet wurde. G. Auf Anfrage des Kantonsgerichts vom 27. Juni 2011 bes tätigte die D.____ am 2. August 2011, dass der Versicherte seit 2005 im Anschluss an die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) in Behandlung stehe. Eine derart lange Behandl ungsdauer sei sehr unüblich und sei auf die psychische Instabilität des Versicherten zurückzuführen. H. In der Stellungnahme vom 17. August 2011 hielt di e Rechtsvertreterin namens und im Auftrag des Versicherten an ihren bisherigen Rechtsbegehr en und Ausführungen fest. Zudem beantragte sie die Durchführung einer gerichtlichen med izinischen Oberexpertise, falls das Ge- richt zum Schluss komme, der Sachverhalt sei nicht genügend abgeklärt. I. Die IV-Stelle schloss in ihrer Eingabe vom 31. Augu st 2011 unter Hinweis auf die Stel- lungnahme von Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psych otherapie, Regionaler ärztlicher Dienst (RAD), weiterhin auf Abweisung der Beschwerde. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht J. Am 12. September 2011 stellte sich das Kantonsgericht a uf den Standpunkt, dass die vom Versicherten vorgebrachten Einwände gegen die Zuverlä ssigkeit des Gutachtens der C.____ vom 28. Juni 2010 sowie deren Stellungnahme vom 4. Februar 2011 nicht von der Hand zu weisen seien. Da die übrigen medizinischen Bericht e auch keine verlässliche Ent- scheidgrundlage bildeten, sei zur abschliessenden Klärung der medizinischen Sachlage ein Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. Es ordnete in der Folge ein polydisziplinäres Gutachten bei der F.____ an. K. Mit Abklärungsbericht vom 2. Mai 2012 informierte d ie behandelnde Ärzteschaft der G.____, dass der Versicherte vom Juli 2006 bis Juli 2010 i n der G.____ psychiatrisch- psychotherapeutisch behandelt worden sei und sich nun sei t 20. Februar 2012 im Tageszent- rum befinde. L. In ihrem Gutachten vom 12. Juli 2012 hielten die E xperten der F.____ als Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine schwergradige de pressive Episode, eine extensive Ta- gesmüdigkeit, überwiegend nicht authentische, formal leichte bis schwere neuropsychologische Defizite und eine medialbetonte Gonarthrose fest. Aufg rund dieser Leiden sei der Versicherte weder in seiner angestammten noch in einer Verweistäti gkeit arbeitsfähig. Eine Arbeitsfähigkeit bestehe nach Durchführung bestimmter medizinischer Massnah men nur im Rahmen eines Ar- beitstrainings. M. Die IV-Stelle führte am 8. August 2012 aus, dass di e durch die Gutachter der F.____ vorgenommene aktuelle Einschätzung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit nachvollzogen werden könne. Einzig die Beurteilung des B eginns der Arbeitsfähigkeit seit Juni 2005 sei zu pauschal, ungenau und nicht ausreichend beg ründet. Unter Verweis auf den RAD- Bericht vom 3. August 2012 stellte sie sich auf den Stan dpunkt, dass im Juni 2005 noch keine schwere, sondern allenfalls eine leichte bis mittelgradige depressive Störung vorgelegen habe. N. Mit Eingabe vom 29. August 2012 machte die Rechtsver treterin des Versicherten gel- tend, dass dieser gestützt auf das Gutachten der F.____ vom 12. Juli 2012 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente ab 1. Juni 2006 habe. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Vorliegend ist zu prüfen, ob der Versicherte Anspru ch auf eine Invalidenrente hat. 1.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die In- validenversicherung (IVG) vom 1. Juni 1959 Versicherte, d ie ihre Erwerbsfähigkeit oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmass- nahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt nach Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht vom 6. Oktober 2000 die voraussichtlich bleibende oder l ängere Zeit dauernde ganze oder teil- weise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der kör- perlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursacht e und nach zumutbarer Behand- lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allgemeinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigke it sind Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliess- lich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Er- werbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objekti ver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). 1.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person A nspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie zu mindestens 50 % und auf e ine Viertelsrente, wenn sie zu min- destens 40 % invalid ist. 2.1 Ausgangspunkt der Ermittlung eines Rentenanspruch s bildet die Frage, in welchem Ausmass die versicherte Person aufgrund ihrer gesundheit lichen Beeinträchtigungen arbeitsun- fähig ist. Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die durch eine Beeinträchtigung der kör- perlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbei t zu leisten (Satz 1). Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem andern Ber uf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Satz 2). 2.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und insb esondere auch bei der Beur- teilung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde - die Verwaltung und im Streitfall das Gericht - auf Unterl agen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkei- ten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen S tellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, we lche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Perso n auf dem allgemeinen, ausgegliche- nen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frag e kommenden Arbeitsmarkt zumutbar- erweise noch verrichtet werden können (U LRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschätzung, in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der So- zialversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 2.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach de m für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung ( vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle an- deren Beweismittel - frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht statten. Bei der Beurteilung der Frage, ob und allenfalls in welchem Umfang bei einer versicher- ten Person eine Arbeitsunfähigkeit besteht beziehungswe ise wie die verbleibende Arbeitsfähig- keit verwertet werden kann, sind die Gerichte regelmässig auf entsprechende fachärztliche Ein- schätzungen und Stellungnahmen angewiesen. Widersprechen sich medizinische Berichte, darf das Gericht den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nich t auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitig en Untersuchungen beruht, auch die ge- klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakt en (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizini- schen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerung en der Expertin oder des Experten be- gründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 2.4 Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtspr echung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf be stimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung au fzustellen. So führte das Bundesgericht zu den Gerichtsgutachten aus, dass das Gericht "nicht ohne zw ingende Gründe" von den Ein- schätzungen des medizinischen Experten abweicht, dessen Aufga be es ist, seine Fachkennt- nisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um ei nen bestimmten Sachverhalt medizi- nisch zu erfassen (BGE 125 V 352 f. E. 3b/aa). Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn e in vom Gericht eingeholtes Ober- gutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolge rungen gelangt. Abweichende Beur- teilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensät zliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig genug erscheinen, d ie Schlüssigkeit des Gerichtsgutach- tens in Frage zu stellen, sei es, dass er die Überprüfung durch einen Oberexperten für ange- zeigt hält, sei es, dass er ohne Oberexpertise vom Ergeb nis des Gerichtsgutachtens abwei- chende Schlussfolgerungen zieht (BGE 118 V 290 E. 1b, 112 V 32 f. mit Hinweisen). 3.1. Vorliegend stellte das Kantonsgericht im Instruk tionsverfahren am 12. September 2011 fest, dass die medizinische Aktenlage insbesondere das Gutach ten der C.____ vom 28. Juni 2010 keine verlässliche Entscheidgrundlage für die Beurte ilung des Rentenanspruchs des Ver- sicherten bilde. Es beauftragte deshalb die F.____ mit der Begutachtung des Versicherten. In der Folge wurde der Versicherte bei der F.____ in meh reren Fachrichtungen (internistisch, psy- chiatrisch, orthopädisch, neurologisch und neuropsychologisch) begutachtet. In ihrem Gutach- ten vom 12. Juli 2012 hielten die Experten als Diagno sen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine schwergradige depressive Episode, eine extensive Tage smüdigkeit, wahrscheinlich multi- faktorieller Genese, überwiegend nicht authentische, formal leichte bis schwere neuropsycholo- gische Defizite, möglicherweise auf dem Boden leichter echter kognitiver Minderleistungen und eine medialbetonte Gonarthrose fest. Aufgrund der psyc hischen Beeinträchtigungen, der ver- minderten kognitiven Belastbarkeit und der vermehrten Tagesmüdigkeit sei er weder in seinem angestammten Beruf als Chauffeur noch in einer alterna tiven Tätigkeit auf dem freien Arbeits- markt arbeitsfähig. Diese Arbeitsunfähigkeit bestehe seit Juli 2005. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.2 Das Gutachten der F.____ vom 12. Juli 2012 erfül lt grundsätzlich sämtliche rechtspre- chungsgemässen Voraussetzungen an ein Gutachten. Es weist weder formale noch inhaltliche Mängel auf, es ist - wie dies vom Bundesgericht verlangt wird (vgl. E. 2.3 hiervor) - für die strei- tigen Belange umfassend, es beruht auf allseitigen Unt ersuchungen, es berücksichtigt die ge- klagten Beschwerden, es ist in Kenntnis der Vorakten abge geben worden, es leuchtet in der Beschreibung der medizinischen Zusammenhänge bzw. der Be urteilung der medizinischen Si- tuation ein und es ist in den Schlussfolgerungen überzeugend. Es enthält eine ausführliche Dar- legung und eingehende Würdigung der medizinischen Aktenlage. Da keine zwingenden Gründe zu erblicken sind, von den Schlussfolgerungen der Experten der F.____ abzuweichen, kommt dem vom Gericht angeordneten Gutachten voller Beweiswert zu (vgl. Erwägung 2.4). 3.3 Die IV-Stelle bestreitet die Diagnosestellung un d ihre Auswirkungen auf die Arbeitsfä- higkeit des Versicherten nicht. Strittig ist dagegen de r von den Gutachtern der F.____ festge- setzte Beginn der Arbeitsunfähigkeit per Juni 2005. Im Gutachten der F.____ wurde in der Kon- sensbeurteilung dazu ausgeführt, es sei davon auszugehe n, dass das Zusammentreffen der durch die FSME bedingten Einschränkungen, der vorbestehenden Problemen (Müdigkeit , kog- nitive Minderleistungen) und der massiven psychosozialen Üb erforderung (Übernahme der Betreuung der dementen Mutter im eigenen Haushalt) z u einer in Form einer negativ verstär- kenden Spirale zunehmenden depressiven Entwicklung geführt habe, welche die Arbeitsfähig- keit seit Juni 2005 im freien Arbeitsmarkt aufgehoben h abe. Der entsprechenden psychiatri- schen Beurteilung von Dr. med. H.____, FMH Psychiatrie un d Psychotherapie, ist zu entneh- men, dass der Versicherte durch die FSME ein postenzepha litisches Syndrom entwickelt habe, welches mit einer Residualsymptomatik bis heute noch anhalte. Diese zeige sich in einer deutli- chen Ermüdbarkeit und Langsamkeit sowie starken Konzen trations- und Aufmerksamkeitsstö- rungen. Die früh eingetretene depressive Symptomatik ste he in Wechselwirkung mit dem postenzephalitischen Syndrom. Die IV-Stelle stellte sich gestützt auf den RAD-Bericht von Dr. E.____ vom 3. August 2012 auf den Standpunkt, dass die durch die Gutachter der F.____ vorgenommene retrospektive Einschätzung des Beginns der Ar beitsunfähigkeit zu pauschal und deshalb nicht nachvollziehbar sei. Insbesondere seie n psychosoziale Belastungsfaktoren berücksichtigt worden, welche für die Begründung der A rbeitsunfähigkeit nicht einzubeziehen seien. Gestützt auf das Gutachten der C.____ vom 28. Juni 2010 müsse davon ausgegangen werden, dass im Juni 2010 keine schwere, sondern höchste ns eine leichte bis mittelgradige depressive Störung vorgelegen habe. 3.4.1 Entgegen der Ansicht der IV-Stelle erweisen sic h die Ausführungen der Gutachter der F.____ zum Beginn der Arbeitsunfähigkeit nicht als undifferenziert. Dr. H.____ beschreibt den Krankheitsverlauf seit den Zeckenbissen im Mai 2005 ausführlich in seinem psychiatrischen Teilgutachten vom 14. Juni 2012. In der Gesamtschau wi rd deutlich, dass der Versicherte seit- her an den Folgen der erlittenen FSME leidet. Zu Be ginn standen vorwiegend starke Kopf- schmerzen, Fieber und ausgeprägte Müdigkeit im Vordergru nd. Aufgrund dieser Beschwerden erfolgten Hospitalisationen im I.____ (Aufenthalte vom 5. bis 9. Juni 2005 und vom 27. Juni bis 26. Juli 2005) und unmittelbar danach ein Rehabilita tionsaufenthalt im J.____ vom 26. Juli bis 28. September 2005. Dabei zeigten sich neuropsychologische Defizite mit schwerer Beeinträch- tigung der Aufmerksamkeitsflexibilität, grosse Konzentra tionsschwankungen und starke Müdig- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht keit mit Schlafstörungen. Aufgrund der Leistungsdefizite im Bereich der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses sowie der vermehrten Müdigkeit bestand keine Arbeitsfähigkeit (vgl. Berich- te des I.____ vom 28. Juli 2005 und des J.____ vom 11. Juli 2005 [neuropsychologischer Be- richt] und 20. Juli 2005). Mit dem stationären Rehabil itationsaufenthalt verbesserten sich die kognitiven Einschränkungen leicht. Nach wie vor bestanden aber eine mittelschwer ausgepräg- te retroaktive Interferenzneigung und eine eingeschrä nkte Fähigkeit im längerfristigen verbalen Wiedererkennen. In psychischer Hinsicht wurde erstmals eine reaktive Depression diagnosti- ziert. Eine Arbeitsfähigkeit war nicht gegeben (vgl. Be richte des J.____ vom 12. und 20. Okto- ber 2005). In der Folge wurde der Versicherte für ei ne weitere neuropsychologische und psy- chiatrische Betreuung in die Tagesklinik der D.____ überw iesen (vgl. Berichte des J.____ vom 12. Oktober 2012 und der D.____ vom 20. Oktober 2012) . Auch die Ärzteschaft der D.____ stellte die Diagnosen einer FSME mit neuropsychologischen Defiziten und eine depressive Epi- sode (Berichte der D.____ vom 20. Dezember 2005 und 2 1. Februar 2006), welche die Arbeits- fähigkeit des Versicherten zu 100 % einschränkten. Die depr essive Symptomatik verdeutlichte sich zunehmend und erschwerte die neurologische Rehabilitation (vgl. Berichte der D.____ vom 1. September 2006 und 20. Februar 2007). Die behand elnde Ärztin der G.____ stufte die de- pressive Störung seit Behandlungsbeginn per 26. Juni 2006 als mittelgradige depressive Episo- de ein. Sie empfahl einen stationären Aufenthalt in der D.____, welcher vom 20. Oktober 2006 bis 17. November 2006 stattfand. Anschliessend wurde die B etreuung im Neurologischen Ta- geszentrum in der D.____ wieder aufgenommen (vgl. Ber ichte der G.____ vom 11. Oktober 2006 und der D.____ vom 27. November 2006). 3.4.2 Da vor Behandlungsbeginn in den G.____ den med izinischen Akten keine Angaben zum Schweregrad der Depression zu entnehmen sind, mag es zutreffen, dass gemäss der An- sicht der IV-Stelle nach den Zeckenbissen im Mai 2005 le diglich eine leichte bis mittelgradige depressive Störung bestand. In dieser Zeitspanne hindert en den Versicherten aber vor allem die neuropsychologischen Einschränkungen wie die psychomot orische Verlangsamung, die Hypersomnolenz, die verstärkte Reizbarkeit und die Funktions beeinträchtigung sowie starke Befindlichkeitsschwankungen, einer regelmässigen Tätigkeit nachzugehen. Dies zeigt sich auch darin, dass sämtliche Arbeitsversuche abgebrochen werden mussten. Während sich die neuro- psychologischen Beschwerden verbesserten, verschlechterte sich im Laufe der Zeit das psychi- sche Beschwerdebild, so dass heute eine schwergradige dep ressive Störung vorliegt. Dr. H.____ sprach von einer Wechselwirkung zwischen der de pressiven Symptomatik und dem postenzephalitischen Syndrom, welche die Leistungsfähigkeit des Versicherten einschränke. Er erklärte, dass der Versicherte nachgewiesenermassen an einem postenzephalitischen Syndrom leide, welches mit einer Residualsymptomatik (deutliche Ermüdbarkeit und Langsamkeit sowie starke Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen) noch heute anhalte. Aus psychopatho- logischer Sicht bestehe eine schwergradige depressive Episode , welche die Arbeitsfähigkeit hochgradig beeinträchtige. Differentialdiagnostisch s ei entsprechend der Vorerkrankung eine organische, schwere depressive Episode in Erwägung zu zieh en. Die Aufhebung der Multitas- kingfähigkeit, die ausgeprägte Lärmempfindlichkeit und die affektive Labilität seien auffällig und wegweisend für eine Organizität einer psychiatrischen E rkrankung. In diesem Zusammenhang ist hier erklärend anzuführen, dass unter einer organisch e Depression ein Krankheitsbild zu verstehen ist, das ursprünglich mit einer Hirnfunktionsst örung im Zusammenhang steht. Dabei Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht ist bekannt, dass eine Enzephalitis das Risiko für das Auftreten depressiver Störung erhöht (vgl. INTERNATIONALE KLASSIFIKATION PSYCHISCHER STÖRUNGEN , ICD-10 Kapital V, Klinisch- diagnostische Leitlinien, Bern 2011, S. 93 ff.). Aufgrund der Ausführungen von Dr. H.____ ist zu schliessen, dass die im Mai 2005 erlittene FSME und dere n Folgen sowie die depressive Sym- ptomatik verantwortlich für die heutigen psychischen Ein schränkungen des Versicherten sind. Ob es sich nun um eine organische Depression oder eine We chselwirkung zwischen dem postenzephalitischen Syndrom und der depressiven Störung handelt, ist unerheblich. In beiden Fällen ist davon auszugehen, dass nach den Zeckenbissen zu B eginn die neuropsychologi- schen Beeinträchtigungen die Arbeitsfähigkeit des Versicherten vollständig aufhoben, während- dem die psychischen Einschränkungen damals noch im Hintergr und standen. Erst als sich die neuropsychologische Symptomatik zurückzubilden begann, nahm en die psychischen Beein- trächtigungen zu und beeinflussten die Arbeitsfähigkeit immer stärker. Aufgrund dieses Verlaufs gelang es dem Versicherten nicht, eine Arbeitstätigkeit auszuüben. So attestierten die behan- delnden Ärzte der G.____ und der D.____ stets eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit. Unter diesen Umständen kann der Auffassung der IV-Stelle bzw. des zust ändigen RAD-Arztes Dr. E.____, dass die von der F.____ bestimmte 100%ige Arbeitsunfähig keit seit Juni 2005 nicht begründet sei, nicht gefolgt werden. 3.4.3 Daran ändert auch der Hinweis von Dr. E.____ au f die Feststellungen der Gutachter des C.____ vom 28. Juni 2010 nichts. Dr. H.____ setzte sich a uf Seite 10 seines Teilgutachtens ausführlich und kritisch mit der Zumutbarkeitsbeurteilun g des C.____ auseinander. So wies er überzeugend darauf hin, dass die Einschätzung der Experten der C.___, wonach der Versicher- te aufgrund der von ihnen diagnostizierten Neurastheni e als Chauffeur nicht mehr arbeitsfähig sei, aber in einer Verweistätigkeit uneingeschränkt zu 70 % ausüben könne, widersprüchlich sei. Bei der Neurasthenie würden die Gutachter eine ver mehrte Müdigkeit nach geistiger An- strengung, häufig verbunden mit abnehmender Arbeitsle istung oder Effektivität bei der Bewälti- gung täglicher Aufgaben, eine geistige Ermüdbarkeit mi t starker Konzentrationsschwäche und ein allgemein ineffektives Denken beschreiben. Es sei nich t nachvollziehbar, dass der Versi- cherte mit dieser Symptomatik in seiner angestammten Tät igkeit vollständig arbeitsunfähig sei, aber in einer Verweistätigkeit eine 70%ige Arbeitsfäh igkeit bestehen sollte. Den von Dr. H.____ geäusserten Zweifeln ist zuzustimmen. Die Ausführungen des RAD-Arztes sind somit nicht ge- eignet, die ausschlaggebende Beweiskraft des Gutachtens d er F.___ in Zweifel zu ziehen. Da- mit ist festzustellen, dass der Versicherte seit Juni 2005 zu 100 % in seiner Arbeitsfähigkeit ein- geschränkt ist und demnach der Beginn des nach Ablauf ein es Jahres einsetzenden Rentenan- spruchs (Art. 29 Abs. 1 lit. b IVG) auf den 1. Juni 2006 zu setzen ist. 3.4.4 Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Res terwerbsfähigkeit, liegt eine vollständi- ge Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze Invalidenrente begründet (Urteile des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 21. Aug ust 2006, I 831/05, E. 4.1.1, vom 7. November 2003, I 246/02, vom 26. Mai 2003, I 462/02, und vom 4. April 2002, I 401/01). In Gutheissung der Beschwerde ist demgemäss festzustellen, dass der Versicherte ab 1. Juni 2006 gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 100 % Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.1 Gemäss Art. 26 Abs. 2 ATSG werden die Sozialversicher ungsträger für ihre Leistungen nach Ablauf von 24 Monaten nach der Entstehung des Ansp ruchs, frühestens aber 12 Monate nach dessen Geltendmachung verzugszinspflichtig, sofern d ie versicherte Person ihrer Mitwir- kungspflicht vollumfänglich nachgekommen ist. Dieser im AT SG geregelte Grundsatz ist im je- weils in Frage stehenden Sozialversicherungszweig nur anwen dbar, wenn dieser dessen An- wendung nicht ausdrücklich ausschliesst. Das IVG schliesst die Anwendbarkeit von Art. 26 Abs. 2 ATSG nicht aus, weshalb für den Leistungsbereich eine Verzugszinspflicht besteht. Die Auslegung von Art. 26 Abs. 2 ATSG ergibt, dass mit der Angabe des Zeitpunktes von 24 Monaten der Fälligkeitstermin festgesetzt wird. Damit tritt mit dem Fälligkeitstermin für sämt- liche in diesem Zeitpunkt noch nicht ausgerichteten Leistun gen eine Verzugszinspflicht ein, de- ren Zinssatz gemäss Art. 7 Abs. 1 der Verordnung über d en Allgemeinen Teil des Sozialversi- cherungsrechts (ATSV) vom 11. September 2002 5 % pro Jahr beträgt (vgl. U ELI KIESER , ATSG-Kommentar, Zürich/Basel/Genf 2009, Art. 26 N 17 ff.). 4.2 Im vorliegenden Fall sind keine Anhaltspunkte ersichtl ich, wonach der Versicherte sei- ner Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen wäre. Da er seit 1. Juni 2006 rentenberechtigt ist, hat ihm die IV-Stelle auf den Invalidenleistungen ab 1. Juni 2008 einen Verzugszins von 5 % zu bezahlen. 5.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG sind Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweige- rung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungs gericht kostenpflichtig. Die Verfah- renskosten werden gestützt auf § 20 Abs. 3 des kantonale n Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 in der Regel in angemesse- nem Ausmass der unterliegenden Partei auferlegt; gegen über den Vorinstanzen bzw. den kan- tonalen Behörden werden indessen grundsätzlich keine Ve rfahrenskosten auferlegt. Da vorlie- gend die IV-Stelle unterlegen ist, ist auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. 5.2 Gemäss bundesgerichtliche Rechtsprechung sind die Ko sten für ein Gerichtsgutachten als ordentliche Abklärungskosten zu behandeln, welche de r IV-Stelle aufzuerlegen sind. Das Bundesgericht führte im BGE 137 V 210 in Erwägung 4.4 .2 zur Begründung aus, dass Art. 45 Abs. 1 ATSG und Art. 78 Abs. 3 der Verordnung über di e Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 eine Kostentragung der IV-Stelle auc h für Abklärungsmassnahmen vorsehe, welche die IV-Stelle zwar nicht angeordnet habe, welche jedoch für die Beurteilung des Leis- tungsanspruchs unerlässlich seien (vgl. dazu auch IV-Rundsch reiben Nr. 314). Diese Voraus- setzung ist vorliegend gegeben, nachdem das Kantonsgeri cht mit Beschluss vom 12. Septem- ber 2011 zum Schluss kam, dass eine abschliessende Beurteilung gestützt auf die bis zu jenem Zeitpunkt vorgelegene Aktenlage nicht möglich sei. Die Bemühungen des F.____ für das poly- disziplinäre Gerichtsgutachten belaufen sich gemäss Honora rrechnung vom 12. Juli 2012 auf Fr. 9'000.-- (inkl. Rechnung des Universitätsspitals Zürich vom 30. Dezember 2011 in Höhe von Fr. 165.--), welche demgemäss der IV-Stelle zu überbinden sind. 5.3 Nach Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwe rde führende Person Anspruch auf Ersatz ihrer Parteikosten. Dem Ausgang des Verfahr ens entsprechend ist dem Beschwer- deführer deshalb eine Parteientschädigung zu Lasten de r IV-Stelle zuzusprechen. Seine Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Rechtsvertreterin wies in ihrer Honorarnote vom 9. Okto ber 2012 einen Stundenaufwand von insgesamt 22 Stunden sowie Auslagen von Fr. 367.50 aus, was umfangmässig nicht zu be- standen ist. Ihre Bemühungen sind zu dem in Sozialversicher ungsprozessen für durchschnittli- che Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Damit ist dem Versicherten für das vorliegende Beschwerdeverfahren eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 6'336.90 (22 Stunden à Fr. 250.-- und zuzüglich Auslagen in der Höhe von Fr. 367.50 und 8 % Mehrwertsteuer) zu Lasten der IV-Stelle zuzusprechen. Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. In Gutheissung der Beschwerde wird die angefoc htene Verfügung vom 24. Februar 2011 aufgehoben und es wird festgestellt, dass der Be- schwerdeführer mit Wirkung ab 1. Juni 2006 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat. 2. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat die rückwirkend n achzuzahlenden Rentenleistungen mit Wirkung ab 1. Juni 2008 zu 5 % pr o Jahr zu verzinsen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Die Kosten für die gerichtliche Begutachtung bei de r F.____ in Höhe von insgesamt Fr. 9'000.-- werden der IV-Stelle Basel- Landschaft auferlegt. 5. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat dem Beschwerdefü hrer eine Partei- entschädigung in Höhe von Fr. 6'336.90 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht