<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">271</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zivilrecht (Zivilgesetzgebuch)</b></span><br/> <span class="ft2"><b>A. Familienrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>48</b></span> <span class="ft3"><b>Vorsorgeauftrag; Eignung des/ der eingesetzten Vorsorgebeauftragen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Art. 363 Abs. 2 ZGB)</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Bei der Prüfung der Eignung des Vorsorgebeauftragten bedürfen die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Kriterien aus Art. 400 ZGB einer Relativierung im Sinne des Vorrangs</b></span><br/> <span class="ft3"><b>der Selbstvorsorge: Die in Art. 363 Abs. 2 Ziff. 3 ZGB statuierte Voraus-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>setzung der pflichtgemässen Besorgnung der Aufgaben durch den Vorsor-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gebeauftragten, ist zu bejahen, wenn die Interessen der betroffenen Per-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>son weder gefährdet noch nicht mehr gewahrt sind.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Kindes- und Erwachse-</span><br/> <span class="ft4">nenschutz, vom 13. Dezember 2017, i.S. K.L. (XBE.2017.75)</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft6">2.</span><br/> <span class="ft6">2.1.</span><br/> <span class="ft6">2.1.1. Das neue Erwachsenenschutzrecht legt grossen Wert auf</span><br/> <span class="ft6">die Subsidiarität des staatlichen Eingriffs, wonach behördliche Mass-</span><br/> <span class="ft6">nahmen nur anzuordnen sind, wenn die Unterstützung der</span><br/> <span class="ft6">hilfsbedürftigen Person nicht ausreichend durch die Familie oder</span><br/> <span class="ft6">Dritte sichergestellt werden kann oder von vornherein nicht aus-</span><br/> <span class="ft6">reicht. Zusätzlich werden behördliche Massnahmen notwendig, wenn</span><br/> <span class="ft6">eine Person urteilsunfähig wird und keine oder keine ausreichende</span><br/> <span class="ft6">eigene Vorsorge getroffen wurde bzw. die Massnahmen von Gesetzes</span><br/> <span class="ft6">wegen (Art. 374 ff. ZGB) nicht genügen (Art. 389 ZGB). Auch wenn</span><br/> <span class="ft6">die Zweiteilung zwischen eigener privater Vorsorge einerseits und</span><br/> <span class="ft6">behördlichen Massnahmen andererseits im neuen Recht zentral ist,</span><br/> <span class="ft6">lassen sich die Institutionen nicht vollständig trennen. Eine gewisse</span><br/> <span class="ft6">staatliche Kontrolle ist auch bei der eigenen und privaten Vorsorge</span><br/> <span class="ft6">notwendig, um das mit dem Erwachsenenschutzrecht bezweckte</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">272</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Wohl und den Schutz hilfsbedürftiger Personen sicherzustellen</span><br/> <span class="ft6">(Art. 388 Abs. 1 ZGB; Urteil des Obergerichts Aargau vom 3. April</span><br/> <span class="ft6">2014 Erw. 4.3, XBE.2013.108, publiziert in CAN 2015 Nr. 1 S. 8).</span><br/> <span class="ft6">2.1.2.Gemäss Art. 363 Abs. 2 Ziff. 3 ZGB hat die vorsorge-</span><br/> <span class="ft6">beauftragte Person für ihre Aufgaben geeignet zu sein.</span><br/> <span class="ft6">Art. 400 ZGB definiert bei behördlichen Massnahmen die</span><br/> <span class="ft6">Geeignetheit der Beiständin und des Beistandes für die vorgesehenen</span><br/> <span class="ft6">Aufgaben mit persönlicher und fachlicher Eignung einerseits und der</span><br/> <span class="ft6">Verfügbarkeit der erforderlichen Zeit für eine persönliche Betreuung</span><br/> <span class="ft6">anderseits.</span><br/> <span class="ft6">Bei der Prüfung der Eignung des Vorsorgebeauftragten bedürfen</span><br/> <span class="ft6">diese Kriterien aber einer Relativierung im Sinne des Vorrangs der</span><br/> <span class="ft6">Selbstvorsorge. Die Prüfung der Geeignetheit im Sinne von Art. 363</span><br/> <span class="ft6">ZGB erhält damit eine andere Grundlage als in Art. 400 ZGB defi-</span><br/> <span class="ft6">niert ist. Die in Art. 363 Abs. 2 Ziff. 3 ZGB statuierte Voraussetzung</span><br/> <span class="ft6">der pflichtgemässen Besorgung der Aufgaben durch den Vorsorgebe-</span><br/> <span class="ft6">auftragen, ist zu bejahen, wenn die Interessen der betroffenen Person</span><br/> <span class="ft6">weder gefährdet noch nicht mehr gewahrt sind und der</span><br/> <span class="ft6">vorsorgebeauftragten Person deswegen die Befugnisse teilweise oder</span><br/> <span class="ft6">ganz zu entziehen wären (BOENTE, in: Zürcher Kommentar zum</span><br/> <span class="ft6">ZGB N. 111 zu Art. 363)</span><br/> <span class="ft6">Die Verfügbarkeit und zeitliche Disponibilität für die persön-</span><br/> <span class="ft6">liche Betreuung eines Vorsorgebeauftragten ist verhältnismässig</span><br/> <span class="ft6">leicht zu prüfen und wird zumindest bei ortsabwesenden Personen</span><br/> <span class="ft6">häufig einhergehen mit der fehlenden Bereitschaft zur Übernahme</span><br/> <span class="ft6">des Mandats an sich.</span><br/> <span class="ft6">Die persönliche Eignung des Vorsorgebeauftragten ist aufgrund</span><br/> <span class="ft6">des Wunsches der betroffenen Person zu vermuten oder gegeben. Der</span><br/> <span class="ft6">Wille der betroffenen Person, welche einen Vorsorgeauftrag errichtet</span><br/> <span class="ft6">hat, soll möglichst respektiert werden, ohne zusätzliche Kriterien ein-</span><br/> <span class="ft6">zuführen. Mit der privaten Vorsorge wurde dem Umstand Rechnung</span><br/> <span class="ft6">getragen, dass die betroffene Person den Vorsorgebeauftragten</span><br/> <span class="ft6">wissentlich und im Besitz ihrer geistigen Kräfte ausgewählt hat.</span><br/> <span class="ft6">Kannte die betroffene Person gewisse Schwächen des Vorsorge-</span><br/> <span class="ft6">beauftragten, hat sie diese i.d.R. bewusst in Kauf genommen. Bei der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">273</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Prüfung des Vorsorgebeauftragten bezüglich der persönlichen Eig-</span><br/> <span class="ft6">nung ist somit nur dann vom Willen des Auftraggebers abzuweichen,</span><br/> <span class="ft6">wenn offensichtlich ist, dass die bezeichnete Person nicht zur pflicht-</span><br/> <span class="ft6">gemässen Ausübung der ihr übertragenen Aufgaben geeignet ist</span><br/> <span class="ft6">(Botschaft vom 28. Juni 2006 zur Änderung des Schweizerischen Zi-</span><br/> <span class="ft6">vilgesetzbuches [Erwachsenenschutz, Personenrecht und Kindes-</span><br/> <span class="ft6">recht] BBl 2006 7001 ff., S. 7027). Dazu sind zumindest wenn finan-</span><br/> <span class="ft6">zielle Interessen im Raum stehen Betreibungs- und Strafregisteraus-</span><br/> <span class="ft6">züge einzuholen und v.a. allfällige Interessenkollisionen zu prüfen</span><br/> <span class="ft6">(BOENTE, in: Zürcher Kommentar zum ZGB N. 111 ff. zu Art. 363</span><br/> <span class="ft6">ZGB). Bis dahin darf die Erwachsenenschutzbehörde aufgrund des</span><br/> <span class="ft6">Selbstbestimmungsrechts der betroffenen Person als Auftraggeber</span><br/> <span class="ft6">von dessen Willen nicht abweichen bzw. nicht einschreiten, selbst</span><br/> <span class="ft6">wenn es besser geeignete Personen gäbe (RUMO-JUNGO, in: Basler</span><br/> <span class="ft6">Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 5. Auflage 2014, N. 25 zu Art. 363</span><br/> <span class="ft6">ZGB).</span><br/> <span class="ft6">Es ist damit noch der Teilbereich der fachlichen Eignung für die</span><br/> <span class="ft6">vorgesehenen Aufgaben des Vorsorgebeauftragten zu prüfen. Die</span><br/> <span class="ft6">übertragenen Aufgaben beinhalten beim Vorsorgeauftrag (Vorausset-</span><br/> <span class="ft6">zung Urteilsunfähigkeit in Bezug auf den durch den Vorsorgeauftrag</span><br/> <span class="ft6">umschriebenen Bereich!) oft eine umfassende Betreuung, allerdings</span><br/> <span class="ft6">je nach Schwächezustand mit unterschiedlichen Betreuungsschwer-</span><br/> <span class="ft6">punkten (medizinisch, gesundheitlichen Betreuung, Vermögenssorge,</span><br/> <span class="ft6">etc.). Auch die fachliche Eignung ist aufgrund des durch den Vorsor-</span><br/> <span class="ft6">geauftrag manifestierten Vertrauensverhältnisses vermutungsweise</span><br/> <span class="ft6">gegeben. Es ist davon auszugehen, dass die betroffene Person bei der</span><br/> <span class="ft6">Errichtung des Vorsorgeauftrages die Stärken und Schwächen des</span><br/> <span class="ft6">Vorsorgebeauftragten kannte. Allerdings kann kaum davon ausge-</span><br/> <span class="ft6">gangen werden, dass die betroffene Person die Erfordernisse an die</span><br/> <span class="ft6">Betreuung beim Inkrafttreten des Vorsorgeauftrages im Zeitpunkt ih-</span><br/> <span class="ft6">rer Urteilsunfähigkeit umfassend kennen konnte, insbesondere die</span><br/> <span class="ft6">Erfordernisse und die Ansprüche an gesundheitliche, betreuerische</span><br/> <span class="ft6">Aufgaben lassen sich im Zeitpunkt der Errichtung eines Vorsorgeauf-</span><br/> <span class="ft6">trages nicht abschliessend überblicken. Die fachliche Eignung ist zu-</span><br/> <span class="ft6">dem nicht nur die Akkumulation von Kenntnissen und Fähigkeiten,</span><br/> <span class="ft6">sondern vielmehr auch die kognitive Fähigkeit, das fachliche Wissen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2017</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">274</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">kritisch zu prüfen, zu gewichten sowie zu vertiefen und selbständig</span><br/> <span class="ft6">zu erweitern (HÄFELI, in: FamKommentar Erwachsenenschutz,</span><br/> <span class="ft6">N. 13 zu Art. 400 ZGB). Gerade das beim Vorsorgeauftrag i.d.R.</span><br/> <span class="ft6">gegebene Vertrauensverhältnis zwischen der betroffenen Person und</span><br/> <span class="ft6">der vorsorgebeauftragen Person kann aber auch den Blick und die</span><br/> <span class="ft6">Erkenntnis auf das fachlich Gebotene trüben und damit die fachliche</span><br/> <span class="ft6">Eignung in Frage stellen, insbesondere wenn der Beauftragte in den</span><br/> <span class="ft6">subjektiven Wünschen der betroffenen Person gefangen scheint und</span><br/> <span class="ft6">dadurch der Blick auf das objektiv Gebotene eingeschränkt wird.</span><br/> <span class="ft6">2.1.3. Im Rahmen der Eignungsprüfung sind die obgenannten</span><br/> <span class="ft6">Grundsätze zu berücksichtigen und gegebenenfalls die durch den</span><br/> <span class="ft6">Vorsorgeauftrag selbstbestimmt getroffene Vorsorge behördlich zu</span><br/> <span class="ft6">ergänzen und/oder zu korrigieren. Dies kann auf zwei Arten gesche-</span><br/> <span class="ft6">hen: Entweder ist der Vorsorgeauftrag mit konkreten Weisungen zu</span><br/> <span class="ft6">ergänzen und die allenfalls fehlende Regelung oder mangelhafte Eig-</span><br/> <span class="ft6">nung behördlich zu übersteuern (Art. 363 Abs. 2 Ziff. 4 ZGB oder</span><br/> <span class="ft6">Art. 368 ZGB) oder aber ist bei grösseren Mängeln die Eignung der</span><br/> <span class="ft6">beauftragten Person zu verneinen, dem Vorsorgeauftrag die Feststel-</span><br/> <span class="ft6">lung der Wirksamkeit zu versagen und durch eine behördliche Mass-</span><br/> <span class="ft6">nahmen zu ersetzen.</span><br/></div> </div> </body> </html>