<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 14 S.57</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>14</b></span> <span class="ft2"><b>§ 321 Abs. 2 ZPO.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Wer mit seiner auf Erfüllung periodischer Leistungen gerichteten Klage</b></span><br/> <span class="ft2"><b>vor Vorinstanz vollständig durchgedrungen ist, kann nach Ergreifen des</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Rechtsmittels durch die unterlegene Gegenpartei - ohne formelle Be-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schwer - in der Anschlussappellation auf dem Wege der Klageänderung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>neu, d.h. erst nach Erlass des angefochtenen Urteils, fällig gewordene Be-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>treffnisse geltend machen (Erw. 1).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Einfluss des Novenrechts (Erw. 3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Zivilkammer, vom 8. September</span><br/> <span class="ft3">2000 in Sachen R.B. gegen B.B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. Umstritten ist, ob mit der Appellationsantwort Anschlussap-</span><br/> <span class="ft1">pellation erhoben wurde oder nicht. Der neue Rechtsvertreter der</span><br/> <span class="ft1">Beklagten beantragt in seiner Stellungnahme vom 8. Mai 2000, auf</span><br/> <span class="ft1">die in der Appellationsantwort vorgenommene Klageerweiterung sei</span><br/> <span class="ft1">nicht einzutreten, mit der Begründung, dass in der Appellationsant-</span><br/> <span class="ft1">wort eine Anschlussappellation mit keinem Wort erwähnt sei. Indes-</span><br/> <span class="ft1">sen sind Rechtsschriften als Prozesshandlungen auszulegen (Vogel,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">58</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Grundriss des Zivilprozessrechts, 5. Aufl., Bern 1999, 9 N 49). Er-</span><br/> <span class="ft1">gibt die Auslegung einer Appellationsantwort, insbesondere wenn es</span><br/> <span class="ft1">sich um die Eingabe eines juristischen Laien handelt, dass auch der</span><br/> <span class="ft1">Appellat eine Abänderung zu seinen Gunsten gegenüber dem vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanzlichen Urteil will, ist dies sinngemäss als Anschlussappellation</span><br/> <span class="ft1">zu behandeln. Selbst wenn man gegenüber Anwälten strenger verfah-</span><br/> <span class="ft1">ren wollte, so muss auf jeden Fall genügen, wenn - wie hier - ein von</span><br/> <span class="ft1">der Begründung getrennter Antrag gestellt wird. Die Unterlassung</span><br/> <span class="ft1">des Wortes Anschlussappellation als solche schadet nicht.</span><br/> <span class="ft1">In besagter Stellungnahme wird sodann argumentiert, auf die</span><br/> <span class="ft1">Anschlussappellation sei mangels Beschwer nicht einzutreten. Dies-</span><br/> <span class="ft1">bezüglich ist vorab festzuhalten, dass durch die ausdrückliche Zulas-</span><br/> <span class="ft1">sung der Klageänderung im Sinne einer Klageerhöhung im Appella-</span><br/> <span class="ft1">tionsverfahren (§ 321 Abs. 2 in Verbindung mit § 185 Abs. 1 ZPO)</span><br/> <span class="ft1">die Rechtsmittelvoraussetzung der Beschwer unweigerlich durchbro-</span><br/> <span class="ft1">chen wird. Es ist zwar zuzugestehen, dass die Erhebung eines</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittels grundsätzlich einer Beschwer bedarf (Bühler/Edel-</span><br/> <span class="ft1">mann/Killer, Kommentar zur aargauischen Zivilprozessordnung,</span><br/> <span class="ft1">Aarau 1998, N 7 zu § 317 ZPO); so ist ausgeschlossen, dass der</span><br/> <span class="ft1">Gläubiger, der periodische Ansprüche eingeklagt hat und damit bei</span><br/> <span class="ft1">der ersten Instanz vollständig durchgedrungen ist, eigens zur Durch-</span><br/> <span class="ft1">setzung von weiteren Fälligkeiten Appellation erhebt. Anders muss</span><br/> <span class="ft1">es sich indessen verhalten, wenn die - beschwerte - Gegenpartei ap-</span><br/> <span class="ft1">pelliert hat, und der Prozess gestützt darauf weitergeführt wird. Dies-</span><br/> <span class="ft1">falls muss aus prozessökonomischen Gründen dem Appellaten, der</span><br/> <span class="ft1">vor der Vorinstanz vollständig obsiegt hat, die Möglichkeit gegeben</span><br/> <span class="ft1">sein, unter den Voraussetzungen von § 321 Abs. 2 in Verbindung mit</span><br/> <span class="ft1">§ 185 Abs. 1 ZPO eine Klageänderung vorzunehmen.</span><br/> <span class="ft1">2. (...)</span><br/> <span class="ft1">3. a) Mit Anschlussappellation hat der Kläger das Klagebegeh-</span><br/> <span class="ft1">ren auf Bezahlung der bis zum Zeitpunkt der Klageerhebung fälligen,</span><br/> <span class="ft1">um die seither fällig gewordenen Mietzinse erhöht. In der Stellung-</span><br/> <span class="ft1">nahme des neuen beklagtischen Rechtsvertreters wird geltend ge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">59</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">macht, diese Klageänderung sei unzulässig, weil ihr ein neuer Sach-</span><br/> <span class="ft1">verhalt zugrunde liege. Es ist zuzugestehen, dass der Zeitablauf, der</span><br/> <span class="ft1">periodisch neue Fälligkeiten bewirkt hat, eine neue Tatsache dar-</span><br/> <span class="ft1">stellt. Indessen darf der in § 185 verwendete Begriff des gleichen</span><br/> <span class="ft1">Lebenssachverhalts nicht derart eng ausgelegt werden, dass der Ein-</span><br/> <span class="ft1">tritt einer jeden neue Tatsache einen neuen Lebenssachverhalt dar-</span><br/> <span class="ft1">stellt. Vielmehr ist darunter ein umfassender Lebenssachverhalts-</span><br/> <span class="ft1">komplex zu verstehen, im vorliegenden Fall die als solche unbestrit-</span><br/> <span class="ft1">tene mietweise Überlassung des Miteigentumsanteils durch den Klä-</span><br/> <span class="ft1">ger an die Beklagte. Da zudem unbestritten ist, dass das Mietverhält-</span><br/> <span class="ft1">nis für eine feste Dauer von acht Jahren (ab 1. August 1992) abge-</span><br/> <span class="ft1">schlossen wurde, war der Eintritt der Fälligkeitsdaten bis und mit Juli</span><br/> <span class="ft1">2000 ohne weiteres vorhersehbar, so dass die Überlassung des Mitei-</span><br/> <span class="ft1">gentums während acht Jahren als ein und derselbe Lebenssachverhalt</span><br/> <span class="ft1">zu betrachten ist.</span><br/> <span class="ft1">Die vorliegende Problematik ist auch nicht mit der - in der Leh-</span><br/> <span class="ft1">re durchaus umstrittenen - Frage zu verwechseln, ob eine Leistungs-</span><br/> <span class="ft1">klage auf künftige wiederkehrende Leistungen über den Urteils-</span><br/> <span class="ft1">zeitpunkt hinaus zulässig ist, sofern es sich nicht um Renten bzw.</span><br/> <span class="ft1">Unterhaltsbeiträge handelt (Guldener, Schweizerisches Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft1">recht, 3. Aufl., Zürich 1979, S. 206; Vogel, a.a.O., 7 N 16; Bühler/</span><br/> <span class="ft1">Edelmann/Killer, a.a.O., N 2 der Vorbemerkungen zu §§ 167-170</span><br/> <span class="ft1">ZPO). Da es ein Merkmal der neuen Zivilprozessordnungen ist, dass</span><br/> <span class="ft1">das Urteil der wirklichen Rechtslage im Zeitpunkt der Urteilsfällung</span><br/> <span class="ft1">entsprechen soll (Vogel, a.a.O., 7 N 101), beurteilt sich die Frage, ob</span><br/> <span class="ft1">in einem Prozess neben bereits verfallenen periodischen Betreffnis-</span><br/> <span class="ft1">sen auch diejenigen geltend gemacht werden können, die zwischen</span><br/> <span class="ft1">der Stellung des Rechtsbegehrens und dem Urteilszeitpunkt erst fäl-</span><br/> <span class="ft1">lig werden, vielmehr nach den Bestimmungen über die Klageände-</span><br/> <span class="ft1">rung (vgl. oben). Einschränkungen ergeben sich allenfalls aus der</span><br/> <span class="ft1">Eventualmaxime. So ist im aargauischen Appellationsverfahren zu</span><br/> <span class="ft1">beachten, dass neue Angriffs- und Verteidigungsmittel (Noven)</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich nur bis zum Abschluss des zweitinstanzlichen Rechts-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">60</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schriftenwechsels (bis und mit Erstattung der Anschlussappellations-</span><br/> <span class="ft1">antwort) vorgebracht werden können, sofern dargetan wird, dass</span><br/> <span class="ft1">diese im erstinstanzlichen Verfahren nicht mehr vorgebracht werden</span><br/> <span class="ft1">konnten (§ 321 Abs. 1 ZPO). Daraus folgt, dass grundsätzlich nur bis</span><br/> <span class="ft1">zu diesem Zeitpunkt fällig gewordene Verbindlichkeiten berücksich-</span><br/> <span class="ft1">tigt werden können. Andernfalls würde dem Schuldner die Möglich-</span><br/> <span class="ft1">keit genommen, Einwendungen ins Verfahren einzubringen, denen</span><br/> <span class="ft1">ein Sachverhalt zugrunde liegt, der sich nach Abschluss des Rechts-</span><br/> <span class="ft1">schriftenwechsels zugetragen hat. Eine Ausnahme gilt aber für Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahren, auf die - wie das vorliegende (Art. 274d Abs. 3OR) - der</span><br/> <span class="ft1">Untersuchungsgrundsatz Anwendung findet.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>