B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6621/2019 U r t e i l v o m 2 6 . F e b r u a r 2 0 2 0 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Gérald Bovier, Richterin Daniela Brüschweiler, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), und die Tochter C._______, geboren am (…), Afghanistan, alle vertreten durch MLaw Olivia Eugster, HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 12. November 2019. D-6621/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführenden, zur Ethnie der Sadat gehörende afghanische Staatsangehörige schiitischen Glaubens, verliessen ihren Heimatstaat eige- nen Angaben zufolge im Januar 2013 und gingen in den Iran. Dort hielten sie sich fast drei Jahre lang auf, bevor sie über die Türkei und verschiedene europäische Staaten weiterreisten und am 29. Januar 2016 die Schweiz er- reichten. Am Folgetag stellt en sie im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ ein Asylgesuch. Daraufhin wurden A._______ (nachfol- gend Beschwerdeführer) und seine Ehefrau B._______ (nachfolgend Be- schwerdeführerin) am 8. Februar 2016 im Rahmen einer Befragung zur Person (BzP) zu ihren persönlichen Umständen, dem Reiseweg sowie summarisch zu ihren Asylgründen befragt. B. B.a Mit Verfügung vom 3. März 2017 trat das SEM auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein und ordnete die Wegweisung in den zu- ständigen Dublin-Staat (Deutschland) sowie den Vollzug an. B.b Die Beschwerdeführenden erhoben beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid. Im Rahmen des zweiten Schriften- wechsels hob das SEM am 27. Juni 2018 seine Verfügung vom 3. März 2017 auf und hielt fest, das Asylverfahren werde wiederaufgenommen und die Asylgesuche der Beschwerdeführenden würden in der Schweiz geprüft. Daraufhin schrieb das Bundesverwaltungsgericht das Beschwerdeverfah- ren mit Entscheid vom 18. Juli 2018 ab. C. Am 11. Dezember 2018 hörte das SEM die Beschwerdeführenden einläss- lich zu ihren Asylgründen an. Dabei machten sie geltend, sie hätten an ver- schiedenen Orten in E._______ gewohnt, zuletzt im Stadtteil F._______. Der Beschwerdeführer habe vier bis fünf Jahre die Schule besucht und als (…) gearbeitet, während die Beschwerdeführerin nie zur Schule gegangen und Hausfrau gewesen sei. Sie hätten drei Töchter und einen Sohn (G._______, N […]), der seit dem Alter von vier Jahren taubstumm sei. Die älteren beiden Töchter, H._______ und I._______, hätten in E._______ Kurse an einer privaten Schule besucht. Auf dem Weg dorthin sei ein Kom- mandant der Taliban namens J._______, der (…) Jahre alt gewesen sei, auf H._______ aufmerksam geworden. Er habe sich in sie verliebt und um ihre Hand angehalten. Sie hätten dies aber abgelehnt, da ihre damals (…)- jährige Tochter ihn nicht habe heiraten wollen und der Altersunterschied zu D-6621/2019 Seite 3 gross gewesen sei. Daraufhin habe J._______ H._______ auf dem Weg zur Schule entführt. Sie hätten sich deswegen zwar bei der Polizei respek- tive den Behörden gemeldet. Weil J._______ aber eine mächtige und ein- flussreiche Person gewesen sei, hätten diese nichts unternommen . Nach einiger Zeit habe H._______ mit der Beschwerdeführerin telefonisch Kon- takt aufnehmen können, da sie das Handy von K._______, dem Neffen von J._______, erhalten habe. Sie hätten einige Male miteinander gesprochen, dann habe H._______ ihr mitgeteilt, sie werde mit K._______ flüchten. Tat- sächlich seien die beiden kurz darauf zusammen durchgebrannt. Am Abend des folgenden Tages seien J._______ respektive dessen Leute zu ihnen nach Hause gekommen und hätten wissen wollen, wo sie H._______ versteckt hätten. Sie hätten sie auf schlimme Weise beschimpft, geschla- gen und damit gedroht, ihre Tochter I._______ sowie die Beschwerdefüh- rerin mitzunehmen. C._______ und I._______ sei es gelungen, zu ihrer Grossmutter, die in der Nähe gewohnt habe, zu fliehen. Von dort aus habe eine Schwester der Beschwerdeführerin die Mädchen zu ihrem Wohnort in L._______ mitgenommen. Die Gefolgsleute von J._______ seien in den nächsten Tagen noch mehrmals zu ihnen gekommen und hätten sie be- droht und beschimpft. Ihr Leben sei in Gefahr gewesen, weshalb sie ge- zwungen gewesen seien, (…) sowie ihr gesamtes Hab und Gut zu verkau- fen und wegzuziehen. Mithilfe eines Schleppers seien sie in den Iran ge- langt und hätten sich in M._______ niedergelassen. Einige Zeit nach der Ausreise hätten sie vom Bruder der Beschwerdeführerin erfahren, dass H._______ in N._______ gefunden und getötet worden sei. Schliesslich hätten e ines Tages paschtunisch sprechende Leute v ersucht, über die Mauer in ihren Hof zu gelangen. Zudem habe die Beschwerdeführerin ge- hört, wie jemand in einem Laden nach der Familie O._______ gefragt habe. Sie hätten nach diesen Vorfällen befürchtet, dass J._______ Leute sie im Iran aufspüren könnten. Ausserdem sei die Situation dort stets schwierig gewesen, weil sie keine Dokumente gehabt hätten. Aus diesen Gründen hätten sie den Iran ungefähr Ende 2015 verlassen. An der Grenze zur Türkei seien Schüsse gefallen, weshalb sie die Tochter I._______ und deren Ehemann verloren hätten und nicht wüssten, wo sie sich zurzeit be- finde. Als Beweismittel wurde n ein psychotherapeutischer Kurzbericht des (…) vom 20. September 2018 sowie verschiedene Reiseunterlagen zu den Akten gegeben. D. Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 12. November 2019 stellte das D-6621/2019 Seite 4 SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab und wies sie aus der Schweiz weg. Gleichzeitig ordnete es infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme an. E. Die Beschwerdeführenden erhoben – handelnd durch ihre Rechtsvertrete- rin – mit Eingabe vom 13. Dezember 2019 Beschwerde gegen diesen Ent- scheid und beantragten die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Anerkennung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen un d sie seien wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen, subeventualiter sei die angefochtene Verfügung in den Dis- positivziffern 1 – 3 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um unentgeltliche Rechtspflege, Verzicht auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses sowie Beiordnung einer amtlichen Rechtsbeiständin in der Person der unterzeichnenden Rechtsvertreterin. F. Mit Instruktionsverfügung vom 19. Dezember 2019 hiess das Bundesver- waltungsgericht das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut, verzich- tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete den Be- schwerdeführenden MLaw Olivia Eugster als amtliche Rechtsbeiständin bei. G. Das SEM liess sich mit Schreiben vom 27. Dezember 2019 zur Be- schwerde vom 13. Dezember 2019 vernehmen. H. Mit Eingabe vom 20. Januar 2020 re ichten die Beschwerdeführenden durch ihre Rechtsvertreterin eine Replik ein, unter Beilage einer aktualisier- ten Kostennote. D-6621/2019 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie- gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über gangsbe- stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsw eise Ände- rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen D-6621/2019 Seite 6 unerträglichen psychischen Druck bewirken . Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz begründete die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Ablehnung des Asylgesuchs im Wesentlichen damit, dass die Asylvorbringen nicht glaubhaft seien. So habe die Beschwerdeführerin bei ihrer BzP angegeben, nach H._______ Flucht sei deren "Mann" zu ihnen nach Hause gekommen und habe sie mit der Kalaschnikow bedroht. An- lässlich der Anhörung habe sie dagegen ausgeführt, J._______ sei nie per- sönlich zu ihnen nach Hause gekommen. Die abweichenden Angaben habe sie mit einer fal schen Übersetzung bei der BzP erklärt, was jedoch nicht überzeuge. Weiter habe die Beschwerdeführerin bei der Anhörung dargelegt, der letzte Kontakt mit H._______ sei ein Telefongespräch vor ihrer Flucht gewesen, während sie bei der BzP angegeben habe, ihre Toch- ter habe sie nach der Flucht angerufen und aufgefordert, ihrerseits aus E._______ zu fliehen. Sodann habe sie bei der BzP ausgesagt, ihr Bruder habe sie vor einem Jahr angerufen und mitgeteilt, dass H._______ umge- bracht worden sei. Demgegenüber habe sie bei der Anhörung erklärt, dass sie von ihrem Bruder ein Jahr nach der Ausreise über den Tod von H._______ in Kenntnis gesetzt worden sei. Dies ergebe angesichts des dreijährigen Aufenthalts im Iran eine zeitliche Differenz von rund einem Jahr. Die Angaben der Beschwerdeführenden seien nicht nur widersprüchlich, sondern auch pauschal ausgefallen. Es fehle an Einzelheiten, so dass nicht der Eindruck entstehe, dass sie das Geschilderte selbst erlebt hätten. Ins- besondere hätten sie keine konkreten Angaben zum Entführer von H._______ machen können. Sodann erscheine es unlogisch, dass es den Beschwerdeführenden nach H._______ Flucht zwar möglich gewesen sein soll, ohne das Wissen ihrer Verfolger die anderen beiden Töchter wegzu- schicken, während sie selber nic ht die Möglichkeit gehabt haben sollen, ebenfalls zur Schwester nach L._______ umzuziehen. Nachdem die Leute D-6621/2019 Seite 7 mehrmals bei ihnen vorbeigekommen sei en und sie beschimpft und ge- schlagen hätten, wäre zu erwarten gewesen, dass sie wenigstens nach dem zweiten Besuch ebenfalls zur Schwester – oder an einen anderen Ort – geflüchtet wären. Zwar hätten sie ausgesagt, dass sie unter Beobachtung gestanden hätten. Dies habe sie jedoch nicht davon abgehalten, (…) zu verkaufen und schliesslich zu flüchten. Aus diesen Gründen sei es nicht glaubhaft, dass ein einflussreicher Mann namens J._______ die Tochter respektive Schwester der Beschwerdefüh- renden mit Gewalt zur Frau genommen habe und diese dann geflüchtet sei, weshalb sie ihrerseits aufgrund der drohenden Verfolgung d urch J._______ Afghanistan hätten verlassen müssen. Nachdem die Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht standhielten, müsse deren Asylrelevanz nicht geprüft werden. 4.2 Auf Beschwerdeebene wurde der Sachverhalt dahingehend ergänzt, dass die Beschwerdeführerin von den Gefolgsleuten J._______ vergewal- tigt worden sei. Ihr Haus habe über zwei Stockwerke verfügt, wobei sich die Beschwerdeführerin beim Überfall im Erdgeschoss aufgehalten habe, während der Ehemann im ersten Stock gewesen sei. Als die Gefolgsleute am Abend nach H._______ Flucht ihr Haus gestürmt hätten, hätten sie den Beschwerdeführer geschlagen, während sich im Erdgeschoss zwei von ihnen an der Beschwerdeführerin vergangen hätten. Gegenüber der Rechtsvertreterin habe sie dargelegt, wie ihr die Kleider weggerissen und sie von beiden vergewaltigt worden sei. Im Gespräch sei ersichtlich gewe- sen, dass dieses Ereignis für sie mit grosser Scham verbunden sei; sie habe immer wieder stark geweint und ihr Gesicht mit den Händen bedeckt. Sie habe lediglich ihrer Tochter C._______ davon erzählt, während ihr Ehe- mann dies bis heute nicht wisse. Es erscheine daher nachvollziehbar, dass sie sich bei der Anhörung nicht in der Lage gefühlt habe, über die Verge- waltigung zu sprechen. Sodann treffe es nicht zu, dass die Beschwerdeführenden im Verlaufe des Verfahrens zu wesentlichen Punkten unterschiedliche Angaben gemacht hätten. H._______ habe sich sowohl vor als auch nach ihrer Flucht bei der Beschwerdeführerin gemeldet. Es handle sich somit nicht um einen Wider- spruch hinsichtlich des Zeitpunkts des Gesprächs, sondern um zwei ver- schiedene Telefongespräche. Weiter habe sich bei der Aussage der Be- schwerdeführerin an der BzP , wonach sie vor einem Jahr von H._______ Tod erfahren habe, ein klein er Übersetzungsfehler eingeschlichen. Sie D-6621/2019 Seite 8 habe ausgesagt "Nach einem Jahr rief uns mein Bruder an", während über- setzt worden sei "Vor einem Jahr rief uns mein Bruder an". Weiter seien die Angaben der Beschwerdeführenden zum Entführer ihrer Tochter vor al- lem an der BzP kurz gewesen, was jedoch daran liege, dass ihnen dabei keine Zeit gelassen worden sei, genauere Beschreibungen abzugeben. Bei der Anhörung hätten sie dagegen präzisierende Ausführungen gemacht, weshalb der Ansicht der Vorinstanz, ihre Aussagen seien pauschal ausge- fallen, nicht gefolgt werden könne. Die Beschwerdeführenden hätten auch nachvollziehbar dargelegt, dass ihre Töchter noch an jenem Abend, als das Haus das erste Mal gestürmt worden sei, von zu Hause hätten flüchten können. Danach seien s ie unter ständiger Beobachtung gestanden, wes- halb es der restlichen Familie nicht möglich gewesen sei, ebenfalls nach L._______ zu gehen. Zudem hätte die Gefahr bestanden, dass J._______ Leute ihnen gefolgt wären und somit Zugriff a uf ihre Töchter erhalten hät- ten. In diesem Zusammenhang sei auch darauf hinzuweisen, dass sich der Beschwerdeführer nicht persönlich um den Verkauf (…) gekümmert habe. Vielmehr hätten ihnen dabei Bekannte und Verwandte geholfen, ebenso bei der Organisation der Ausreise. Bei den Vorfällen in Afghanistan handle es sich um äusserst dramatische Erlebnisse für die Beschwerdeführenden. Dies lasse sich sowohl anhand der Anhörungsproto kolle – gemäss wel- chen sie beispielsweise mehrmals laut geweint hätten – als auch an den Kommentaren der Hilfswerkvertretungen erkennen. Angesichts der gros- sen emotionalen Belastung der Beschwerdeführenden sei es nicht weiter erstaunlich, dass es in ihren Erinnerungen minimale Abweichungen gebe. Die Schilderungen enthielten jedoch verschiedene Realkennzeich en und seien insbesondere detailliert, mit Emotionen gespickt sowie durch direkte Rede illustriert. Zusammenfassend erwiesen sich ihre Vorbringen als glaubhaft. Die Familie sei in Afghanistan mehrfach von J._______ Leuten bedroht worden. Es sei davon auszugehen, dass die Gefahr durch J._______ mit dem Tod von H._______ nicht beendet sei, nachdem dieser damit gedroht habe, anstelle von H._______ eine andere Tochter oder die Beschwerde- führerin mitzunehmen. Im Zeitpunkt der Ausreise habe daher eine begrün- dete Furcht vor einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG durch die Tali- ban bestanden. Diese hätten sich in Afghanistan als quasistaatliche Macht etabliert. Angesichts der unveränderten Sicherheits- und Verfolgungslage im Heimatstaat sei davon auszugehen, das s die Beschwerdeführenden auch künftig eine Verfolgung zu befürchten hätten. In Afghanistan stehe keine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung und D-6621/2019 Seite 9 eine innerstaatliche Fluchtalternative gebe es nicht. Somit erfüllten die Be- schwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft und es sei ihnen Asyl zu gewähren. Des Weiteren habe die Beschwerdeführerin im Gespräch mit der Rechts- vertreterin geschlechtsspezifische Fluchtgründe geltend gemacht. Da sie nicht in der Lage gewesen sei, bei der Anhörung über ihre Vergewaltigung zu sprechen, sei diese nicht in die Beurteilung des Asylgesuchs eingeflos- sen. Wenn psychisch belastende Ereignisse im Zusammenhang mit einer geschlechtsspezifischen Verfolgung verspätet geltend gemacht werden, könne deren Glaubhaftigkeit nicht ohne Weiteres von der Hand gewiesen werden. Vielmehr sei eine individuelle und nuancierte Überprüfung vorzu- nehmen, die in der angefochtenen Verfügung nicht habe erfolgen können. Subeventualiter sei die Sache deshalb zur erneuten Beurteilu ng an die Vorinstanz zurückzuweisen. 4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, es werde nicht in Ab- rede gestellt, dass Opfer einer Vergewaltigung möglicherweise erst nach einiger Zeit über das einschneidende Erlebnis sprechen könnten. Es sei nicht auszuschliessen, dass Betroffene an einer Anhörung nicht in der Lage seien, davon zu berichten. Die Vorbringen im Zusammenhang mit der Zwangsheirat und der Flucht der Tochter H._______ seien aber – unab- hängig von der nachträglich geltend gemachten Vergewaltig ung – als un- glaubhaft zu qualifizieren. Die in der angefochtenen Verfügung dargelegten Unglaubhaftigkeitselemente liessen sich durch die neu vorgebrachte Ver- gewaltigung nicht auflösen oder erklären. Eine Rückweisung der Sache zur Durchführung einer neuen Anhörung der Beschwerdeführerin rechtfertige sich daher nicht. Ergänzend sei festzuhalten, dass an dem nachträglichen Vorbringen zumindest Zweifel bestünden. Den Berichten des Beschwerde- führers oder seiner Tochter liessen sich keinerlei Hinweise au f die Verge- waltigung entnehmen. Es wäre aber zu erwarten gewesen, dass dem Be- schwerdeführer aufgefallen wäre, wenn sei ne Frau auf einem anderen Stockwerk missbraucht worden wäre und nach dem Vorfall zerrissene Klei- der gehabt hätte. Sodann sei der Vollständ igkeit halber darauf hinzuwei- sen, dass die geltend gemachten Ereignisse – selbst wenn sie sich so zu- getragen hätten – nicht asylrelevant seien, weil der Verfolgung kein Motiv nach Art. 3 Abs. 1 AsylG zugrunde liege. 4.4 In der Replik wurde ausgeführt, dass der Beschwerdeführer bis heute keine Kenntnis von der Vergewaltigung seiner Ehefrau habe, weshalb es D-6621/2019 Seite 10 nicht erstaune, dass sich seinen Befragungen keine Hinweise darauf ent- nehmen liessen. Die Tochter habe im Iran von der Verge waltigung erfah- ren, ihrer Mutter jedoch versprechen müssen, mit niemandem darüber zu reden. Sie habe sich deshalb nicht in der Lage gesehen, bei der Anhörung davon zu erzählen. Gemäss der Tochter leide die Beschwerdeführerin auch heute noch sehr unter diesem Ereignis und habe erst in der Schweiz einer der Familie nahestehenden Nonne von der Vergewaltigung erzählen kön- nen. Diese habe sie auf die Wichtigkeit aufmerksam gemacht, die Ge- schehnisse der Rechtsvertretung zu schildern. Sodann werde aus der Ver- nehmlassung nicht ersichtlich, weshalb und inwiefern hätte erwartet wer- den können, dass dem Beschwerdeführer aufgefallen wäre, wenn seine Ehefrau von J._______ Gefolgsleuten missbraucht worden wäre. Die Be- schwerdeführerin gebe hierzu an, ihr Mann sei nach dem Überfall ins un- tere Stockwerk gekommen und habe sie gefragt, was passiert sei. Sie habe ihm erzählt, dass sie versucht habe, die beiden Töchter zu retten, indem sie ihnen gesagt habe, sie sollen das Haus verlassen und sich in Sicherheit bringen. Daraufhin sei es zwischen ihr und den Gefolgsleuten, die dies be- merkt hätten, zu einem Handgemenge gekommen, bei dem ihre Kleidung zerrissen sei. Ihr Ehemann habe nach dem Überfall und den Schlägen un- ter Schock gestanden und nicht bemerkt, dass sie ihm nicht die Wahrheit erzählt habe. Beim Entführer von H._______ habe es sich um einen Angehörigen der Taliban gehandelt. Die Taliban verfügten im Gebiet, in dem die Beschwer- deführenden gewohnt hätten, über einen sehr grossen Einfluss. Aus Sicht von J._______ habe die Familie ihm seine "rechtmässig zustehende" Ehe- frau entzogen und Vorkehrungen getroffen, um ihre drei Töchter zu schüt- zen. Die hierzu vorgenommenen Handlungen stellten ein Merkmal dar, das die Beschwerdeführenden als andersartig kennzeichne und untrennbar mit ihnen verbunden sei. Aufgrund dies er Merkmale seien sie in Afghanistan von den Taliban verfolgt worden, womit ein asylrelevantes Verfolgungsmo- tiv vorliege. Des Weiteren habe die geltend gemachte Verfolgung darauf abgezielt, das weibliche Geschlecht zu unterdrücken. Von einem relevan- ten Verfolgungsmotiv sei auszugehen, wenn das Ausbleiben eines adäqua- ten Schutzes vor den Verfolgern in einer Diskriminierung aufgrund des Ge- schlechts begründet liege. Die vorliegende Zwangsheirat der Tochter, die Vergewaltigung der Beschwerdeführerin und die drohende zukünftige Ver- folgung – insbesondere der Tochter C._______ und der Beschwerdeführe- rin – seien als schwere Gefährdung ihrer physischen und psychischen In- tegrität anzusehen. Somit hätten die Beschwerdeführenden glaubhaft eine D-6621/2019 Seite 11 frauenspezifische Verfolgu ng geltend gemacht. In Bezug auf den Be- schwerdeführer liege zumindest eine Reflexverfolgung vor. 5. 5.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewiss e Einwände und Zweifel an den Vorbringen eines Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge- macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erleb- nisse betreffende, substanziierte, weitgehend widerspruchsfreie und kon- krete Schilderung der Vorkommnisse, die bei objektiver Betrachtung plau- sibel erscheint. Von unglaubhaften Ausführungen ist dagegen bei wech- selnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbrin- gen auszugehen. Entscheidend ist, ob bei einer Gesamtbeurteilung die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung der Beschwer- deführenden sprechen, überwiegen oder nicht. Demgegenüber rei cht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt eines Vorbringens zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Umstände wesentliche Elemente gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2013/11 E. 5.1). 5.2 Die Ausführungen der Beschwerdeführenden zu den Ereignissen in E._______ enthalten verschiedene Widersprüche. Die Beschwerdeführe- rin erklärte anlässlich ihrer BzP , der Mann ihrer Tochter sei – nachdem diese von ihm davongelaufen sei – zu ihnen nach Hause gekommen (vgl. A13 Ziff. 7.01). Demgegenüber bestritt sie bei der Anhörung, dass J._______ bei ihnen zu Hause gewesen sei, da er hierfür zu stolz gewesen wäre (vgl. A52, F51 und F66). Es seien denn auch seine Leute gewesen, die bei ihnen zu Hause um die Hand von H._______ angehalten hätten (vgl. A52, F34). Diese Angaben stehen jedoch im Widerspru ch zu jenen ihres Ehemannes, der ausdrücklich erklärte, J._______ sei zu ihnen nach Hause gekommen und habe um H._______ Hand angehalten. Ebenso führte er aus, dass J._______ nach der Entführung seiner Tochter mit sei- nen Leuten zu ihnen gekommen sei, um sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass er H._______ geheiratet habe (vgl. A51, F18). Aus diesen Angaben lässt sich schliessen, dass J._______ mehrmals persönlich bei den Be- schwerdeführenden zu Hause war. Dies ist wiederum nicht mit den Anga- ben der Beschwerdeführerin vereinbar, die auf die Frage, bei welcher Ge- legenheit sie J._______ persönlich getroffen habe, ausführte, sie habe ihn D-6621/2019 Seite 12 lediglich in der Ortschaft herumfahren sowie auf Bildern gesehen (vgl. A52, F35 f.). Sodann sprach der Beschwerdeführer davon, dass J._______ nach H._______ Flucht mit seinen Leuten zu ihnen nach Hause gekommen sei und gefragt habe, wo sie sich aufhalte. Daraufhin habe er J._______ gesagt, seine Tochter habe sich in seiner Obhut befunden, weshalb er diese Frage eigentlich ihm stellen sollte (vgl. A51, F18). Diese Schilderung deutet erneut klar darauf hin, dass J._______ persönlich anwesend war – was jedoch von der Beschwerdeführerin an ihrer Anhörung ausdrücklich verneint wurde (vgl. A51, F66) . Es ist darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um ein zentrales Element handelt, zumal J._______ und die Über- fälle durch dessen Leute die Ursache für die Ausreise der Beschwerdefüh- renden gewesen sein sollen. Folglich wäre zu erwarten gewesen, dass sie übereinstimmende Angaben zu dessen Anwesenheit in ihrem Haus und zur Frage, ob sie ihm persönlich begegnet sind, machen. Unterschiedlich äusserten sich die Beschwerdeführenden auch zur Frage, ob J._______ gewusst habe, dass H._______ mit seinem Neffen K._______ durchgebrannt sei. Gemäss der Beschwerdeführerin sei ihm dies anfangs nicht bekannt gewesen und er habe erst später davon erfah- ren (vgl. A52, F54). Hingegen gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, dass J._______ ihm gegenüber bereits beim ersten Besuch nach H._______ Flucht gesagt habe, seine Tochter habe seinen Neffen "verarscht" und sei mit ihm geflohen (vgl. A51, F18). Des Weiteren erweisen sich auch die Angaben der Beschwerdeführerin dazu, wann sie zuletzt mit ihrer Tochter in Kontakt gestanden sei, als un- einheitlich. Dem Protokoll der BzP lässt sich die Aussage entnehmen, dass H._______ nach P ._______ geflüchtet sei und sie dann angerufe n sowie aufgefordert habe, E._______ zu verlassen (vgl. A13 Ziff. 7.01). Anlässlich der Anhörung erklärte die Beschwerdeführerin dagegen, der letzte Kontakt mit H._______ sei vor ihrer Flucht gewesen (vgl. A52, F49). Auf Beschwer- deebene wird diesbezüglich dargelegt, dass es sich um zwei verschiedene Telefongespräche gehandelt habe, wovon eines vor und eines nach der Flucht der Tochter stattgefunden habe (vgl. Beschwerdeschrift S. 4). Dies erklärt jedoch nicht, warum die Beschwerdeführerin bei der Anhörung aus- drücklich angab, der letzte Kontakt zu H._______ sei vor deren Flucht ge- wesen, was gerade ausschliessen würde, dass diese sie danach nochmal angerufen hat. Zu Recht wies das SEM auch darauf hin, dass die Beschwerdeführerin den Zeitpunkt, wann sie vom Tod ihrer Tochter erfahren habe, unter schiedlich D-6621/2019 Seite 13 schilderte. Bei der Anhörung führte sie aus, ihr Bruder habe sie ein Jahr nach der Ausreise aus Afghanistan angerufen und berichtet, man habe H._______ in N._______ gefunden und getötet (vgl. A52, F55 f.). Demge- genüber gab sie anlässlich der BzP an, ihr Bruder habe sie vor einem Jahr angerufen und mitgeteilt, dass H._______ umgebracht worden sei (vgl. A13 Ziff. 7.01), was angesichts des dreijährigen Aufenthalts im Iran eine zeitliche Differenz von rund einem Jahr ergibt. Die Erklärung in der Be- schwerdeschrift, es handle sich bei der Aussage an der BzP um einen Übersetzungsfehler und sie habe damals gesagt, ihr Bruder habe sie nach einem Jahr angerufen, überzeugt dabei nicht. Die Beschwerdeführerin führte in der BzP bereits bei der Frage nach ihre n Kindern aus, dass ihre Tochter H._______ vor einem Jahr gestorben sei (vgl. A13 Ziff. 3.04). Es kann ausgeschlossen werden, dass an dieser Stelle des Protokolls der- selbe Übersetzungsfehler entstanden wäre, da die Aussage, ihre Tochter sei nach einem Jahr gestorben, im dortigen Zusammenhang keinen Sinn ergeben würde. 5.3 Sodann ist festzuhalten, dass das Verhalten der Beschwerdeführenden nach dem angeblichen Überfall von J._______ und dessen Leuten – ent- gegen der vom SEM vertretenen Auffassung – nicht als unlogisch angese- hen werden könnte. Sie gaben hierzu an, dass ihre Töchter noch am Abend des ersten Besuchs von J._______ Gefolgsleuten zur Grossmutter und von dort zu ihrer Tante nach L._______ hätten gehen können. Es ist nach- vollziehbar, dass die Beschwerdeführenden, wenn ihr Haus in der Folge unter Beobachtung von J._______ Leuten gestanden hätte, befürchteten, ihr eigener Umzug nach L._______ könnte von diesen bemerkt werden. Weiter soll die Vorbereitung der Ausreise und der Verkauf des (…) mithilfe von Fre unden respektive Verwandten erfolgt sein, mit welchen der Be- schwerdeführer telefonisch in Kontakt gestanden habe (vgl. A13 Ziff. 7.01; A51, F20; A52, F27 S.6). Es ist nicht ersichtlich, inwiefern dieses Vorgehen der Logik des Handelns zuwiderlaufen soll, weshalb diese Umstände nicht gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen sprechen. 5.4 Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung jedoch zutref- fend fest, dass die Angaben der Beschwerdeführenden zum Entführer von H._______ sehr pauschal ausgefallen sind. Im Wesentlichen beschränken sich diese darauf, dass er J._______ geheissen habe und es sich um einen einflussreichen Kommandanten der Taliban im Alter von (…) Jahren ge- handelt habe, der auf dem Schulweg auf ihre Tochter aufmerksam gewor- den sei. Es erstaunt, dass sie keine weitergehenden Ausführungen zu die-D-6621/2019 Seite 14 ser Person gemacht haben und insbesondere dessen Familiennamen res- pektive den Namen seines Vaters nicht nennen konnten (vgl. A52, F29 ff.). Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass Familienbande in Afghanis- tan in vielen Belangen von grosser Bedeutung sind und der Beschwerde- führer ausdrücklich vorbrachte, J._______ stamme aus einer sehr wohlha- benden und einflussreichen Familie (vgl. A14 Ziff. 7.01). Gemäss der Be- schwerdeführerin soll das ganze Quartier unter seinem Einfluss gestanden haben (vgl. A52, F35). Angesichts der grossen Bedeutung dieser Person – sowohl an ihrem Wohnort als auch für die Beschwerdeführenden selbst – wäre zu erwarten gewesen, dass sie mehr Informationen zu J._______ ge- ben können. 5.5 Auch die Ausführungen zu den Überfällen von J._______ respektive dessen Leuten erweisen sich als wenig substanziiert. Die Beschwerdefüh- rerin gab hierzu an, sie hätten ihren Ehemann, ihren Sohn und sie selbst mit Kabeln, Gewehrkolben sowie Stöcken geschlagen und gefragt, wo sie ihre Tochter versteckt hätten. Zudem seien sie auf schlimme Art und Weise beschimpft worden und man habe damit gedroht, die anderen Töchter mit- zunehmen (vgl. A52, F27). Auf konkrete Nachfrage beschrieb die Be- schwerdeführerin die Leute dahingehend, dass sie Bärte getragen hätten. Zudem machte sie Angaben zu ihrer Kleidung und führte aus, dass sie die Personen nicht gekannt habe und nicht wisse, ob jeweils dieselben Leute vorbeigekommen seien (vgl. A52, F51 ff.). Auch der Beschw erdeführer schilderte die betreffenden Ereignisse nur wenig detailliert, indem er aus- führte, J._______ sei mit seinen Leuten vorbeigekommen, habe gefragt, wo seine Tochter sei und gedroht, er werde sie suchen und töten (vgl. A51, F18). Auf entsprechende Na chfrage hin machte er einige Ergänzungen, namentlich, dass die Leute sie b eschimpft und geschlagen hätten, wobei sein Bein verletzt worden sei (vgl. A51, F64). Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Vorfälle im Zeitpunkt der Befragung schon mehrere Jahre zurücklagen, erscheinen diese Darstellungen von derart einschnei- denden Erlebnissen als detailarm und substanzlos. 5.6 Nach dem Gesagten ist im Rahmen einer Gesamtbetrachtung festzu- halten, dass die Elemente, die gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbrin gen der Beschwerdeführenden sprechen, überwiegen. Angesichts der wider- sprüchlichen Angaben, de r gravierenden Unterschiede zwischen den Schilderungen des Beschwerdeführers und der Beschwerdeführerin sowie der teilweise unsubstanziierten Ausführungen erschei nen diese nicht glaubhaft. Entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Auffassung handelt es sich dabei nicht um minimale Abweichungen, die sich mit der D-6621/2019 Seite 15 grossen emotionalen Belastung und den für die Beschwerdeführenden dramatischen Ereignissen begründen lassen. Es ist somit nicht davon aus- zugehen, dass die älteste Tochter respektive die Schwester der Beschwer- deführenden gegen den Willen der Familie zwangsverheiratet wurde und später mit dem Neffen ihres Ehemannes durchgebrannt s ei, weshalb sie vom Ehemann respektive dessen Leuten aufgesucht, geschlagen und be- droht worden seien. 5.7 Hinsichtlich der auf Beschwerdeebene erstmals geltend gemachten Vergewaltigung der Beschwerdeführerin durch J._______ Gefolgsleute stellte das SEM in seiner Vernehmlassung zutreffend fest, dass dieses nachträgliche Vorbringen nicht zu einer anderen Einschätzung der Glaub- haftigkeit zu führen vermöge. Ein solches Ereignis könnte die zahlreichen Ungereimtheiten und insbesondere die unterschiedlichen Angaben von Be- schwerdeführerin und Beschwerdeführer nicht erklären. Da nicht davon auszugehen ist, dass der angebliche Ehemann der ältesten Tochter nach deren Flucht bei ihnen zu Hause vorbeikam respektive seine Gefolgsleute vorbeischickte, ist auch nicht anzunehmen, dass die Beschwe rdeführerin in diesem Zusammenhang vergewaltigt worden ist. Es erübrigt sich daher, die Sache zur weitergehenden Abklärung dieses Vorbringens respektive Durchführung einer ergänzenden Anhörung der Beschwerdeführerin an die Vorinstanz zurückzuweisen. 5.8 Nachdem die Angaben der Beschwerdeführenden zu den Ereignissen vor ihrer Ausreise aus Afghanistan nicht glaubhaft sind, hat das SEM zu Recht darauf verzichtet, deren Asylrelevanz zu prüfen. Die Beschwerde- führenden erfüllen die Flüchtlingseigenschaft folglich ni cht und die Vor - instanz hat diese zutreffend verneint und ihre Asylgesuche abgelehnt. 6. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländer- rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). D-6621/2019 Seite 16 7. Die Vorinstanz hat infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden angeordnet. Da die Weg- weisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 8.4 [als Referenzurteil publiziert]; BVGE 2009/51 E. 5.4), erübrigen sich weitere Ausführungen zur Frage der Durchführbarkeit des Vollzugs. Die bereits verfügte vorläufige Aufnahme bleibt durch den vorliegenden Entscheid unberührt. 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist da- her abzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen ist angesichts des mit Instruktionsverfügung vom 19. Dezember 2019 gut- geheissenen Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung auf die Erhebung von Kosten zu verzichten. 9.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde den Beschwerdeführenden in der Person von MLaw Olivia Eugster eine unentgeltliche Rechtsbeistän- din beigeordnet. Folglich ist ihr ein amtliches Honorar auszurichten. Mit der Replik wurde eine Kostennote vom 20. Januar 2020 zu den Akten gereicht, in der ein zeitlicher Aufwand von 11.5 Stunden à Fr. 200.– (im Falle des Obsiegens) sowie Auslagen von Fr. 240.– (Dolmetscherkosten von Fr. 180.– sowie Auslagen für Porti, Telefon, Fax und Kopien) geltend ge- macht werden, insgesamt Fr. 2'540.–. Der zeitliche Aufwand erscheint an- gemessen, der Stundenansatz ist – wie bereits in der Zwischenverfügung vom 19. Dezember 2019 angekündigt – auf Fr. 150.– zu reduzieren. Das amtliche Honorar ist daher auf Fr. 1'965.– (inklusive Auslagen) festzuset- zen und geht zulasten der Gerichtskasse. (Dispositiv nächste Seite) D-6621/2019 Seite 17 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Der als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzten Rechtsvertreterin , MLaw Olivia Eugster, wird ein amtliches Honorar zulasten der Gerichtskasse von Fr. 1'965.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Regula Aeschimann Versand: