<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 12 S.58</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">58</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>12</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 80 Ziff. 2 StGB</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Vorzeitige Löschung des Eintrags im Strafregister. Der für das</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Wohlverhalten relevante Zeitraum bestimmt sich nach Massgabe der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Einreichung des Gesuchs um vorzeitige Löschung resp. der Beurteilung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dieses Gesuchs, indem von diesem Zeitpunkt aus die entsprechenden Lö-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schungsfristen zurückgerechnet werden.</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">59</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 2. Strafkammer, vom 26. Mai 2005 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen E.S. gegen Staatsanwaltschaft</span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. a) Gemäss Art. 80 Ziff. 2 StGB kann der Richter die vorzeiti-</span><br/> <span class="ft1">ge Löschung eines Strafregistereintrags verfügen, wenn das Verhal-</span><br/> <span class="ft1">ten des Verurteilten dies rechtfertigt und er den gerichtlich oder</span><br/> <span class="ft1">durch Vergleich festgestellten Schaden, soweit es ihm zuzumuten</span><br/> <span class="ft1">war, ersetzt hat, die Busse bezahlt, abverdient oder erlassen und das</span><br/> <span class="ft1">Urteil bezüglich der Nebenstrafen vollzogen ist. Die Frist für die Lö-</span><br/> <span class="ft1">schung beträgt bei den nach Art. 37</span><span class="ft6"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">Ziff. 1 StGB vollziehbaren Ge-</span><br/> <span class="ft1">fängnisstrafen von nicht mehr als drei Monaten und der Busse als</span><br/> <span class="ft1">Hauptstrafe zwei Jahre (Art. 80 Ziff. 2 Abs. 2 al. 3 StGB). Die Frist</span><br/> <span class="ft1">läuft ab Vollstreckung des Urteils. Die Löschungsfristen sind vom</span><br/> <span class="ft1">Entscheid des Richters an zurückzurechnen, was das Wohlverhalten</span><br/> <span class="ft1">betrifft (Trechsel, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Kurzkommentar,</span><br/> <span class="ft1">2. A., Zürich 1997, N 14 f. zu Art. 80). Gemäss Giger im Basler</span><br/> <span class="ft1">Kommentar (Niggli/Wiprächtiger, Strafgesetzbuch</span> <span class="ft1">I, Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">Basel/Genf/München 2003, N 15 zu Art. 80) prüft der Richter das</span><br/> <span class="ft1">Wohlverhalten des Verurteilten seit der Verurteilung, auf deren Ein-</span><br/> <span class="ft1">trag im Register sich das Gesuch bezieht, und selbstverständlich auch</span><br/> <span class="ft1">nach Einreichung des Gesuchs.</span><br/> <span class="ft1">Bezüglich der Löschung des Eintrags einer Zuchthausstrafe</span><br/> <span class="ft1">führte das Bundesgericht in BGE 76 IV 221 aus, dass unter dem Ver-</span><br/> <span class="ft1">halten des Verurteilten, das die Löschung rechtfertigen müsse, nur</span><br/> <span class="ft1">das Verhalten während einer Frist zu verstehen sei, die so lange sei</span><br/> <span class="ft1">wie die Zeit, die abgelaufen sein müsse, ehe das Löschungsgesuch</span><br/> <span class="ft1">gestellt werden könne. Stelle der Verurteilte das Löschungsgesuch</span><br/> <span class="ft1">nicht sofort, nachdem die massgebliche Frist (im zitierten Fall:</span><br/> <span class="ft1">15 Jahre) seit Vollzug des Urteils verstrichen sei, so müsse er sich in</span><br/> <span class="ft1">den letzten 15 Jahren vor der Stellung des Gesuchs wohl verhalten</span><br/> <span class="ft1">haben. Würde in einem solchen Fall verlangt, dass sich das Wohlver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">60</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">halten über die ganze Zeit zwischen dem Vollzug des Urteils und der</span><br/> <span class="ft1">Beurteilung des Löschungsgesuchs erstrecke, so wäre einem Verur-</span><br/> <span class="ft1">teilten die Löschung ein- für allemal verwehrt, wenn er sich nach der</span><br/> <span class="ft1">Verurteilung einen Fehler zuschulden kommen lasse. Solche Strenge</span><br/> <span class="ft1">könne nicht im Sinne des Gesetzes liegen. Wer nach der Verurteilung</span><br/> <span class="ft1">eine Handlung begehe, die der Löschung bei Ablauf der fünfzehn-</span><br/> <span class="ft1">jährigen Frist seit Vollzug des Urteils im Wege stehen würde, solle</span><br/> <span class="ft1">die Möglichkeit haben, später die Löschung doch zu erwirken, wenn</span><br/> <span class="ft1">er sich in den letzten 15 Jahren vor Beurteilung seines Gesuchs</span><br/> <span class="ft1">nichts mehr zu Schulden kommen lasse. Andererseits genüge es</span><br/> <span class="ft1">nicht, wenn der Verurteilte, der vom Vollzug des Urteils an mehr als</span><br/> <span class="ft1">15 Jahre verstreichen lasse, ehe er das Löschungsgesuch stelle, sich</span><br/> <span class="ft1">in den ersten 15 Jahren nach Vollzug gut aufführe, später dagegen</span><br/> <span class="ft1">sich schlecht verhalten habe. Rehabilitiert werden sollten nur</span><br/> <span class="ft1">Verurteilte, deren künftiges Verhalten voraussichtlich zu keinen</span><br/> <span class="ft1">Beanstandungen mehr Anlass gebe. Diese Voraussetzung sei nur er-</span><br/> <span class="ft1">füllt, wenn das Verhalten in den letzten 15 Jahren vor Beurteilung</span><br/> <span class="ft1">des Löschungsgesuchs gut gewesen sei.</span><br/> <span class="ft1">b) Wie die Vorinstanz richtig ausführte, hätte der Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft1">das Gesuch um vorzeitige Löschung bereits am 9. Oktober 1998 stel-</span><br/> <span class="ft1">len können. Der für das Wohlverhalten relevante Zeitraum bestimmt</span><br/> <span class="ft1">sich jedoch einzig nach Massgabe der tatsächlichen Einreichung des</span><br/> <span class="ft1">Gesuchs. Das Gesuch wurde am 29. Juni 2004 gestellt, weshalb ge-</span><br/> <span class="ft1">mäss oben zitierter bundesgerichtlicher Rechtsprechung ausgehend</span><br/> <span class="ft1">von diesem Zeitpunkt zwei Jahre zurückzublenden ist (so auch die</span><br/> <span class="ft1">Entscheide der Strafkammer des Obergerichts des Kantons Solothurn</span><br/> <span class="ft1">vom 9. August 2002</span> <span class="ft2">[SOG 2002 Nr. 10], sowie des Obergerichts des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Obwalden vom 5. Dezember 2001</span> <span class="ft2">[in: Rechtsprechung in</span><br/> <span class="ft1">Strafsachen 2003, S. 70 Nr. 379</span><span class="ft2">]).</span><br/> <span class="ft1">Die Staatsanwaltschaft stützt sich in ihrer Argumentation mass-</span><br/> <span class="ft1">geblich auf Giger im Basler Kommentar ab, wonach der Richter das</span><br/> <span class="ft1">Wohlverhalten <i>seit der Verurteilung</i>, auf deren Eintrag im Register</span><br/> <span class="ft1">sich das Gesuch beziehe, und selbstverständlich auch nach Einrei-</span><br/> <span class="ft1">chung des Gesuchs prüfe. Giger (a.a.O.) verweist an dieser Stelle un-</span><br/> <span class="ft1">ter anderem auf Stratenwerth (Schweizerisches Strafrecht, Allgemei-</span><br/> <span class="ft1">ner Teil II, Bern 1989, § 14 N 124). Dort finden sich indessen keine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Strafrecht</span> <span class="page_no">61</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Hinweise auf den massgeblichen Zeitraum. Trechsel (a.a.O., N 10 zu</span><br/> <span class="ft1">Art. 80), auf welchen im Basler Kommentar ebenfalls verwiesen</span><br/> <span class="ft1">wird, führt aus, es sei auch das Verhalten nach Einreichung des Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchs zu berücksichtigen (es wird dabei auf das Journal des Tribu-</span><br/> <span class="ft1">naux</span> <span class="ft2">[JdT] 1958 IV 32 verwiesen). Aus beiden Zitatstellen ergibt</span><br/> <span class="ft1">sich die von Giger aufgeführte Meinung, wonach das Verhalten <i>seit</i></span><br/> <span class="ft5"><i>der Verurteilung</i> bis nach Gesuchseinreichung massgebend sein soll,</span><br/> <span class="ft1">jedoch nicht. Im Gegenteil führt etwa Trechsel einige Abschnitte spä-</span><br/> <span class="ft1">ter aus (a.a.O., N 14 zu Art. 80), was das Wohlverhalten anbetreffe,</span><br/> <span class="ft1">seien die Löschungsfristen vom Entscheid des Richters an zurückzu-</span><br/> <span class="ft1">rechnen. Zusammenfassend ist das im Basler Kommentar Ausgeführ-</span><br/> <span class="ft1">te als Grundsatzfeststellung zu verstehen, dass auf das Wohlverhalten</span><br/> <span class="ft1">seit der Verurteilung abzustellen ist, ohne dass dabei der Zeitraum</span><br/> <span class="ft1">genauer eingrenzt bzw. auf spezielle Umstände wie im vorliegenden</span><br/> <span class="ft1">Fall, in welchem das Gesuch erst Jahre nach Ablauf der Löschungs-</span><br/> <span class="ft1">frist gestellt wird, eingegangen wird.</span><br/> <span class="ft1">Bezüglich des zitierten Bundesgerichtsentscheids ist zu beden-</span><br/> <span class="ft1">ken, dass zum damaligen Zeitpunkt die alte Fassung von Art. 80</span><br/> <span class="ft1">StGB in Kraft war, welche die Löschung von Amtes wegen (heute</span><br/> <span class="ft1">Ziff. 1) noch nicht kannte (vgl. alte Fassung in der bereinigten</span><br/> <span class="ft1">Sammlung der Bundesgesetze und Verordnungen 1848-1947, Band 3</span><br/> <span class="ft1">Kapitel VI, S. 226). Eine neuerliche Verurteilung hatte damals also</span><br/> <span class="ft1">weitreichendere Konsequenzen, weil keine automatische Löschung</span><br/> <span class="ft1">vorgesehen war. Die Beibehaltung der Rechtsprechung rechtfertigt</span><br/> <span class="ft1">sich jedoch auch unter dem neuen Recht. Es ist nicht ersichtlich,</span><br/> <span class="ft1">weshalb einem erneut straffällig gewordenen Verurteilten nicht die</span><br/> <span class="ft1">vorzeitige Löschung gewährt werden sollte, wenn er sich danach -</span><br/> <span class="ft1">und zwar zurückgerechnet vom Zeitpunkt der Stellung des Gesuches</span><br/> <span class="ft1">resp. von dessen Beurteilung aus - in der vom Gesetz vorgeschriebe-</span><br/> <span class="ft1">nen Frist wohl verhalten hat. Denn dieses Wohlverhalten bietet</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich Gewähr für künftiges Wohlverhalten. (...)</span><br/> <span class="ft1">Zwar hat sich der Gesuchsteller seit Vollzugsende nicht</span><br/> <span class="ft1">durchgehend bewährt, wie das Urteil des Obergerichts aus dem Jahr</span><br/> <span class="ft1">2001 zeigt. Seither sind jedoch mehr als vier Jahre vergangen, mithin</span><br/> <span class="ft1">die doppelte Zeitspanne der vorgesehenen Löschungsfrist. Während</span><br/> <span class="ft1">dieser Zeit hat der Gesuchsteller - wie der aktuelle Strafregisteraus-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">62</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zug zeigt - keinen Anlass mehr zu Klagen gegeben. Aus seinem</span><br/> <span class="ft1">Wohlverhalten während dieser relativ langen Zeitspanne darf</span><br/> <span class="ft1">geschlossen werden, er werde künftig zu keinen Beanstandungen</span><br/> <span class="ft1">mehr Anlass geben. Da auch die übrigen Voraussetzungen erfüllt sind</span><br/> <span class="ft1">(es wurde weder eine Busse ausgesprochen noch war ein Schaden zu</span><br/> <span class="ft1">ersetzen; die damaligen Verfahrenskosten wurden dem Gesuchsteller</span><br/> <span class="ft1">erlassen), steht der vorzeitigen Löschung nichts im Wege.</span><br/></div> </div> </body> </html>