B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4488/2020 law/gnb U r t e i l v o m 19 . O k t o b e r 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichter Walter Lang, mit Zustimmung von Richterin Nina Spälti Giannakitsas; Gerichtsschreiberin Barbara Gysel Nüesch. Parteien A._______, geboren am (…), sowie ihre Kinder B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), Afghanistan, alle vertreten durch lic. iur. Michael Steiner, Rechtsanwalt, Beschwerdeführerinnen, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 12. August 2020 / N (…). D-4488/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a A._______ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) – eine afghanische Staatsangehörige und ethnische Hazara – verliess gemäss eigenen Anga- ben zusammen mit ihren Kindern ihr Heimatland um den Jahreswechsel 2015/2016 (vgl. Akten SEM […]-16/12 Ziff. 5.01). In der Folge lebten die Beschwerdeführerinnen mehrere Jahre im Iran und gelangte n anschlies- send am (…) 2019 nach Griechenland. A.b Ihr Ehemann, E._______ (ebenfalls N […]), reiste bereits im Jahre 2015 in die Schweiz ein. Sein Asylgesuch wurde mit Verfügung des SEM vom 29. Oktober 2018 abgelehnt. Der Vollzug der gleichzeitig verfügte Wegweisung wurde indessen infolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben. Gegen diese Verfügung erhob der Ehemann Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, welche unter der Verfahrensnummer D-6787/2018 geführt wird. A.c Am 25. Oktober 2019 ersuchte Griechenland die Schweizer Behörden um Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 10 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö- rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter- nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin -III-VO). Nachdem sich der Ehemann im Rahmen des ihm gewährten rechtlichen Gehörs mit der Zusammenführung mit seiner Ehefrau und den drei Kindern einverstan- den erklärt hatte, stimmten die Schweizer Behörden dem Übernahmeersu- chen Griechenlands gestützt auf Art. 9 Dublin -III-VO am 16. Dezember 2019 ausdrücklich zu. In der Folge reiste die Beschwerdeführerin mit ihren Kindern am 8. Juli 2020 auf dem Luftweg in die Schweiz ein , wo sie am 13. Juli 2020 ei n Asylgesuch stellte. Am 16. Juli 2020 wurden im Bunde- sasylzentrum (BAZ) der Region F._______ ihre Personalien aufgenommen (Personalienaufnahme; PA). Am 31. Juli 2020 fand im Beisein der zuge- wiesenen Rechtsvertretung die Befragung nach Art. 26 A bs. 3 AsylG (SR 142.31) statt, wobei die Beschwerdeführerin die Gelegenheit erhielt, die Gründe für ihr Asylgesuch einlässlich darzulegen. A.d Dabei gab sie im Wesentlichen an, sie sei in G.______ aufgewachsen, habe jedoch nach der Heirat mit ihrem Ehemann im Distrikt H.______, Pro- vinz I._______, gelebt. In den Jahren (…), (…) und (…) seien ihre drei Kin- der geboren worden. Sie hätten ein gutes Leben gehabt. Ihr Ehemann, der D-4488/2020 Seite 3 in G.______ ein (…) betrieben habe, sei befreundet gewesen mit dem Po- lizeikommandanten J.______ (nachfolgend: J.______), der von den Tali- ban als Feind wahrgenommen worden sei . Die Taliban hätten deswegen ihrem Ehemann befohlen, den Kontakt zu J.______ abzubrechen, und ihn auch mehrmals bedroht. Wegen der Bedrohungen habe ihr Ehemann An- zeige gegen die Taliban erstattet, welche jedoch zu keinem Ergebnis ge- führt habe. Eines Abends habe jemand an die Tür geklopft, als sie und ihre Schwiegermutter zu Hause gewesen seien. Da ihr Ehemann damals noch nicht von der Arbeit zurückgekehrt sei, habe die Schwiegermutter die Türe geöffnet. Die Leute vor der Türe hätten nach ihrem Ehemann gefragt, wo- rauf die Schwiegermutter geantwortet habe, dieser sei nicht zu Hause. Die Schwiegermutter habe dann nach dem Schliessen der Türe gehört, wie die Leute untereinander auf Paschtu gesagt hätten, der Hazara habe Glück gehabt, dass er nicht zu Hause gewesen sei, ansonsten sie ihn umge- bracht hätten. Da habe sie (die Schwiegermutter) gewusst, dass es sich um Leute von den Taliban gehandelt habe. Darauf habe sie (die Beschwer- deführerin) ihrem Ehemann telefonisch über das Vorgefallene berichtet und gesagt, er solle an diesem Abend nicht nach Hause kommen , worauf dieser zu seiner Schwester nach G.______ gefahren sei. Sie, ihre Kinder und die Schwiegermutter seien ih m am nächsten Morgen dorthin gefolgt. Ihr Ehemann sei kurz darauf aus Afghanistan geflüchtet. In der Folge sei der Ehemann ihrer Schwägerin vor dessen Haus von den Taliban umge- bracht worden. J.______ und die Freunde ihres Ehemannes hätten gesagt, dies sei wegen der Flucht ihres Ehemannes geschehen. Sie hätten ihr empfohlen, das Land schnell zu verlassen, da ein Verbleib in Afghanistan ohne männlichen Schutz zu gefährlich sei. A.e Zum Beleg ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin für sich und die drei Kinder je eine Tazkara zu den Akten. B. Am 10. August 2018 gab das SEM der Beschwerdeführerin Gelegenheit, sich zum Entscheidentwurf zu äussern. Die Stellungnahme erfolgte mit Schreiben vom 11. August 2020. C. Mit Verfügung vom 12. August 2020 – gleichentags eröffnet – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerinnen würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Den Wegweisungsvollzug schob es jedoch infolge Unzu- mutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. D-4488/2020 Seite 4 D. Mit Schreiben vom 12. August 2020 erklärte die zugewiesene Rechtsver- tretung der Beschwerdeführerin, das Mandatsverhältnis sei beendet. E. Am 14. August 2020 wurden die Beschwerdeführerinnen dem Kanton K._______ zugewiesen. F. Mit Eingabe vom 10. August 2020 erhob die Beschwerdeführerin mittels des rubrizierten Rechtsvertreters gegen die Verfügung des SEM beim Bun- desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und die Sache dem SEM zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei der Entscheid aufzuheben und es sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr und ihren Kindern Asyl zu gewähren. Schliesslich wurde um Erlass der Verfah- renskosten und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht. Eventualiter sei eine angemessene Frist zur Bezahlung eines Ge- richtskostenvorschusses beziehungsweise zur Einreichung einer Sozialhil- febestätigung anzusetzen. Im Fliesstext der Beschwerde wurde schliess- lich um Vereinigung beziehungsweise Koordination des vorliegenden Be- schwerdeverfahrens mit demjenigen des Ehemannes (D -6787/2018) er- sucht. Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung, eine Vollmacht sowie zum Beleg der Bedürftigkeit eine Eingabe vom 2. September 2020 (mit Bei- lagen) die finanziellen Verhältnisse des Ehemannes betreffend bei. G. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 18. Septem- ber 2020 den Eingang der Beschwerde. D-4488/2020 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bunde sverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie- gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung vom 1. April 2020 über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [ COVID-19-Ver- ordnung Asyl, SR 142.318]; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung beson- ders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Be- schwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. Das vorliegende Verfahren wird antragsgemäss (vgl. Bst. F) mit jenem des Ehemannes der Beschwerdeführerin, E._______ (D-6787/2018), koordi- niert geführt. 4. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zwei ten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 5. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. D-4488/2020 Seite 6 6. 6.1 Die Beschwerdeführerin macht in formeller Hinsicht eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör (welche gleichzeitig eine Verletzung der Abklärungspflicht darstelle), der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und des Willkürverbots gel- tend. 6.2 Zunächst wird eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör gerügt, da das SEM die Stellungnahme der Rechtsvertretung vom 11. Au- gust 2020 nur sehr rudimentär erwähnt und gewürdigt habe. Dieser Auffas- sung kann nicht gefolgt werden. Im Gegenteil wurde die Stellungnahme in der angefochtenen Verfügung ausführlich wiedergegeben und gewürdigt (vgl. angefochtene Verfügung S. 6 f.). 6.3 Weiter wird moniert, das SEM habe die Akten des Ehemannes nicht beziehungsweise nicht vollständig beigezogen . Aus der Verfügung gehe nicht hervor, ob und inwiefern die Akten tatsächlich beigezogen worden seien. Dadurch sei der Anspruch auf das rechtliche Gehör verletzt worden. Dieser mangelhafte Beizug dürfte erklären, weshalb dem SEM offenbar entgangen sei, dass das Verfahren den Ehemann betreffend noch nicht rechtskräftig sei und es deshalb willkürlich sei, die angebliche Unglaubhaf- tigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin mit der Argumentation den Ehemann in dessen Verfahren betreffend zu begründen. Die Beschwerdeführerin und die Kinder wurden unter der gleichen N-Num- mer erfasst wie der Ehemann beziehungsweise Vater, weshalb über die Familie ein gemeinsames physisches Dossier geführt wird. Es drängte sich dem SEM unter diesen Umständen nicht auf, den Aktenbeizug explizit zu erwähnen. Dass die Akten des Ehemannes tatsächlich konsultiert wurden, ergibt sich zudem etwa aus der vorinstanzlichen Erwägung, den Akten des Ehemannes seien keine Glaubhaftigkeitselemente zu entnehmen, welche zu einer anderen Einschätzung führen würden (vgl. angefochtene Verfü- gung S. 5). Sodann handelte das SEM korrekt, als es bei der Begründung der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin auch seine eigene Einschätzung die Vorbringen des Ehemannes betreffend berück- sichtigte. Dass das Beschwerdeverfahren des Ehemannes zu jenem Zeit- punkt noch hängig war, ist nicht von Belang. Eine Verletzung des rechtli- chen Gehörs oder des Willkürverbots ist nicht zu erkennen. D-4488/2020 Seite 7 6.4 Zur Verletzung der Abklärungspflicht sei weiter festzuhalten, dass das SEM nicht detailliert abgeklärt habe, wann welche Ereignisse tatsächlich eingetreten seien. Es h abe es praktisch vollumfänglich unterlassen, sich nach Jahreszahlen der vorgebrachten Ereignisse zu erkundigen . Insbe- sondere falle auf, dass das SEM im Sachverhalt der Verfügung mit keinem Wort erwähnt habe, wann die Verfolgung und die Flucht erfolgt seien. Da- mit werde unterschlagen, dass zwischen der Flucht und der Anhörung über viereinhalb Jahre gelegen hätten. Die Rüge ist unbegründet. Zwar fehlen in der Verfügung in der Tat konkrete Datumsangaben die Verfolgung und Flucht betreffend und wurde in der An- hörung nicht nach genauen Daten gefragt. Jedoch erklärte die Beschwer- deführerin in der PA, sie habe Afghanistan "vor viereinhalb Jahren", im (…) Monat des afghanischen Kalenders, verlassen (vgl. Akten SEM […]- 16/12 Ziff. 5.01). In der Anhörung ist sodann beispielsweise die Rede von "vor fünf Jahren" im Zusammenhang mit der erhaltenen Empfehlung, das Land zu verlassen (vgl. Akten SEM […]-20/20 F53). Das SEM führte zudem im Sachverhalt seiner Verfügung auf, dass sich die Beschwerdeführerin und die Kinder nach ihrer Flucht aus Afghanistan rund vier Jahre im Iran aufgehalten hätten (vgl. Verfügung S. 2). Von einer Unterschlag ung des Zeitablaufs kann damit keine Rede sein. Das SEM konnte mit den vorhan- denen Informationen die geltend gemachten Ereignisse in zeitlicher Hin- sicht ausreichend einordnen. Dem zwischen der geltend gemachten Ver- folgung beziehungsweise Flucht und der Anhörung verstrichenen Zeitraum ist bei der Würdigung der Aussagen Rechnung zu tragen. 6.5 Eine weitere Verletzung der Abklärungspflicht wird darin erblickt, dass das SEM bei der Anhörung nicht konsequent die Gliederung der Anhörung berücksichtigt habe. Offiziell sei erst ab der Frage 43 nach den Asylgrün- den gefragt worden. Hingegen ge he aus Frage 20 hervor, dass die Be- schwerdeführerin bereits bei dieser Frage davon ausgegangen sei, ihre Fluchtgründe schildern zu müssen. Damit habe Unklarheit darüber ge- herrscht, wann sie ihre Vorbringen ausführlich schildern müsse. Diese Ver- wirrung ab der Frage 43 habe dazu geführt, dass es nicht mehr zu ei ner freien Schilderung der Vorbringen gekommen sei. Das SEM habe lediglich noch diverse Nachfragen gestellt. Es habe sich nicht mehr um das Konzept der freien Schilderung gehandelt. Allein aus dem Umstand, dass die freie Rede zur Verfolgungsgeschichte der Beschwerdeführerin spontan unter dem Titel "Aufenthalt" erfolgte (vgl. D-4488/2020 Seite 8 Akten SEM […]-20/20 F20), kann nicht auf eine Verletzung der Abklärungs- pflicht geschlossen werden. Die Beschwerdeführerin wurde bei der Frage 20 vom SEM nicht unterbrochen und legte die Ereignisse, welche zu ihrer Ausreise geführt hätten, ausführlich dar. Vor diesem Hintergrund ist ver- ständlich, dass der Beschwerdeführerin bei der Frage nach den Gesuchs- gründen zunächst nicht klar war, worüber sie berichten sollte, und weshalb in der Folge verschiedene Nachfragen seitens des SEM erfolgten (vgl. Ak- ten SEM […]-20/20 F43 ff.). Entscheidend ist, dass der Beschwerdeführe- rin ausreichend Gelegenheit gegeben wurde, sich zu ihren Asylgründen zu äussern, was vorliegend klarerweise der Fall war. 6.6 6.6.1 Weiter wird unter dem Titel der Verletzung der Abklärungspflicht ge- rügt, das SEM habe die Aussage der Beschwerdeführerin, sie werde trau- rig, wenn sie über die Vergangenheit rede, sowie ihren "offensichtlich nicht weiter protokollierten schlechten Gesundheitszustand" nicht gewürdigt. Die Beschwerdeführerin berichtete zwar, dass es ihr in der Türkei und in Griechenland psychisch schlecht gegangen und sie in Griechenland einen Monat lang in psychologischer Behandlung gewesen sei (vgl. Akten SEM […]-20/20 F99). Zu Beginn der Befragung gab sie jedoch an, es gehe ihr gut, und sie führte auf die Frage nach ihrem gesundheitlichen Zustand aus, sie sei nicht in medizinischer Behandlung und es gehe ihr besser als vorher (vgl. Akten SEM […]-20/20 F9 und F103). Auch dem Anhörungsprotokoll ist nicht zu entnehmen, dass der gesundheitliche beziehungsweise psychi- sche Zustand oder das Aussageverhalten der Beschwerdeführerin auffällig gewesen wären. Mit Ausnahme der Frage, ob die Beschwerdeführerin et- was bedrücke, des Hinweises auf die Möglichkeit, bei Bedarf Hilfe in An- spruch nehmen zu können (vgl. Akten SEM […]-20/20 F64 und F105), und des Verweises auf die stark belastende Fluchtreise (vgl. Stellungnahme S. 2) machte auch die damalige R echtsvertretung weder in der Anhörung selber noch in ihrer Stellungnahme irgendwelche diesbezüglichen Bemer- kungen. Vor diesem Hintergrund musste sich die Vorinstanz nicht veran- lasst sehen, weitere Abklärungen zum Gesundheitszustand vorzunehmen. Im Übrigen ist auf die Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG zu verweisen, in deren Rahmen es der Beschwerdeführerin oblegen hätte, relevante Arzt- dokumente einzureichen. Die Rüge ist daher unbegründet. D-4488/2020 Seite 9 6.6.2 Soweit implizit eine Verletzung der Abklärungsp flicht darin erblickt wird, dass das SEM bei der Würdigung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht berücksichtigt habe, dass die Beschwerdeführerin auf der Flucht vom Iran in die Türkei (…) sei, sie offensichtlich sehr stark unter den Folgen (…) leide und diese Traumatisierung einen grossen Einfluss auf ihre Fähigkeit, die Asylvorbringen zu schildern, gehabt habe, kann grundsätzlich auf die vorstehende Erwägung 6.6.1 verwiesen werden. Auch wenn es sich bei (…) zweifellos um einen schrecklichen Übergriff handelt, ist unbelegt und geht auch aus dem Befragungsprotokoll nicht hervor, dass die Beschwer- deführerin traumatisiert wäre. Schliesslich wird auch in der Beschwerde nicht weiter ausgeführt, inwiefern (…) Einfluss auf das Aussageverhalten der Beschwerdeführerin gehabt haben soll. Dass (…) in der vorinstanzli- chen Verfügung nicht thematisiert wird, ist mutmasslich darauf zurückzu- führen, dass die Beschwerdeführerin ausdrücklich festhielt, ihr Ehema nn dürfe davon nichts erfahren. 6.7 Ferner wird eine Verletzung der Abklärungspflicht moniert, da die An- hörung viel zu lange gedauert habe. Die Beschwerdeführerin habe bereits eine Stunde vor Beginn bereit sein und warten müssen. Die Anhörung begann wegen technischer Probleme statt um 10:00 Uhr erst um 11:00 Uhr und dauerte bis 16:55 Uhr, wobei neben einer Mittagspause von 50 Minuten zwei zusätzliche Pausen von 15 beziehungsweise 20 Mi- nuten eingelegt wurden, womit sich eine tatsächliche Anhörungsdauer von vier Stunden und 30 Minuten ergibt. Die einzelnen Anhörungsabschnitte zwischen den Pausen waren mit 60, 55 und 70 Minuten zudem recht kurz (vgl. Akten SEM […]-20/20). Im Übrigen ist festzuhalten, dass seitens de r Beschwerdeführerin kein Rechtsanspruch auf eine kurze Anhörung und ei- nen Abbruch besteht, wenn sich ein höherer Zeitbedarf abzeichnet. In ers- ter Linie ist massgebend, ob die angehörte Person in der Lage ist, der An- hörung zu folgen, was nicht vordringlich anhand von starren zeitlichen Kri- terien, sondern im Rahmen einer individuellen Einschätzung ihrer Befind- lichkeit zu beurteilen ist. Aus dem Anhörungsprotokoll sind keine Anhalts- punkte ersichtlich, die darauf hindeuten, dass aufgrund der Anhörungs- be- ziehungsweise Wartedauer die Konzentration der Beschwerdeführerin be- einträchtigt gewesen wäre. Es ist somit nicht ersichtlich, dass die Abklä- rungspflicht verletzt worden wäre. D-4488/2020 Seite 10 6.8 Nachdem sich die Rügen betreffend die Verletzung des rechtlichen Ge- hörs sowie der Abklärungspflicht als unbegründet erwiesen haben, stösst auch der Einwand ins Leere, damit liege zugleich eine Verletzung des Will- kürverbots sowie von Art. 7 AsylG vor. Soweit schliesslich behauptet wird, das SEM habe mit seinen willkürlichen Behauptungen Art. 7 AsylG sowie Art. 9 BV schwerwiegend verletzt, weshalb die Aufhebung der Verfügung und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz verlangt wird, wird verkannt, dass es bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit um die materielle Würdi- gung des Sachverhalts geht. 6.9 Nach dem Gesagten erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün- det. Es besteht keine Veranlassung, die Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das ent- sprechende Begehren ist abzuweisen. 7. 7.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nacht eilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 7.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 8. 8.1 Zur Begründung seines Entscheides führt das SEM aus, es sei zwar möglich, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin infolge seiner Bezie- hung zum Kommandanten J.______ in den Fokus der Taliban geraten sei. Es sei jedoch notorisch, dass die Taliban über ein dichtes Informationsnetz verfügen würden und für ihre rigorose Vorgehensweise gegen Personen, D-4488/2020 Seite 11 die sie als ihre Gegner wahrnehmen würden, gefürchtet seien. Es er- scheine deshalb unverständlich, weshalb die Taliban, die nach dem Ehe- mann der Beschwerdeführerin gesucht hätten, "unverrichteter Dinge" wie- der weggegangen seien , nachdem die Schwiegermutter ihnen gesagt habe, er sei nicht da, und lediglich verlangt hätten, ihnen mitzuteilen, wann er wieder zurück sei. Dieses zögerliche Vorgehen der Taliban gegen über dem Ehemann erscheine realitätsfremd. Viel naheliegender wäre gewe- sen, dass die Taliban das Wohnhaus einige Zeit beobachtet hätten, um die Ankunft des Ehemannes abzuwarten und dann zuzuschlagen. Zu ihrer be- ziehungsweise ihrer Schwiegermutter Reaktion auf diesen Vorfall befragt, habe die Beschwerdeführerin ihre damalige innere Befindlichkeit bloss in sehr allgemeiner Form beschrieben. Es würden sich darin keine persönlich gefärbten, individuell geprägten Emotionen und Empfindungen erkennen lassen, welche dieses Ereignis in ihr ausgelöst hätte, obwohl bekannt sei, dass sich weite Teile der Bevölkerung in Afghanistan durch die Taliban ter- rorisiert fühlen würden. Die Beschwerdeführerin selbst habe bemerkt, dass die Taliban skrupellos Menschen umbringen würden, als wären sie Tiere. Vor diesem Licht werfe Zweifel auf, dass sie sich auch nicht annähernd über die Art und Weise, wie ihr Ehemann von den Taliban bedroht worden sei, habe äussern können, und diese Ahnungslosigk eit damit begründet habe, afghanische Ha usfrauen wüssten über solche Sachen nicht Be- scheid. In diesem Zusammenhang erscheine auch nicht nachvollziehbar, weshalb sie, ihre Kinder und ihre Schwiegermutter noch eine Nacht allein an der regulären Wohnadresse verbracht hätten. Ihre Schilderungen zu den Umständen der geltend gemachten Suche der Taliban nach ihrem Ehemann würden somit kein lebendiges Bild entstehen lassen, das auf eine tatsächliche Begebenheit hindeuten würde. Ebenso generell und ohne persönlichen Bezug seien ihre Antworten darüber ausgefallen, was sie al- les über die näheren Umstände des Todes des Ehemannes ihrer Schwä- gerin, der von den Taliban umgebracht worden sei, wisse. Ihre diesbezüg- lichen Schilderungen würden eine unmittelbare Betroffenheit vermissen lassen und könnten ohne Weitere s auch von einer Person stammen, die bloss von einem solchen Ereignis gehört habe. Im Übrigen würden ihre Vorbringen, wonach der Ehemann der Schwägerin anstelle ihres Eheman- nes umgebracht worden sei, eine wesentliche Inkonsistenz enthalten. So habe sie zuerst noch ausgesagt, sie habe diese Information von J.______ beziehungsweise den Freunden ihres Ehemannes erhalten. J.______ habe ihr damals ausserdem mitgeteilt, sie könne nicht mehr in Afghanistan bleiben, da sie nun ohne einen männlichen Begleiter sei. Im Anschluss an diese Aussagen sei sie damit konfrontiert worden, dass aus den Asylvor- bringen ihres Ehemannes hervorgehe, da ss J.______ zum Zeitpunkt des D-4488/2020 Seite 12 gewaltsamen Todes des Ehemannes ihrer Schwägerin gar nicht mehr am Leben gewesen sei, da er zuvor von den Taliban umgebracht worden sei. Ohne näher auf diese gewichtige Diskrepanz einzugehen, habe sie ihre Aussagen dann ledigl ich angepasst, indem sie erklärte habe, dass nicht J.______, sondern Freunde beziehungsweise Kollegen ihres Ehemannes ihr dies berichtet hätten. Ihr Aussageverhalten in diesem Kontext lasse die Hintergründe, die zum gewaltsamen Tod des Ehemannes ihrer Schwägerin in G._______ geführt hätten, in einem äusserst fragwürdigen Licht erschei- nen. Ferner seien aus den Akten ihres Ehemannes keine Glaubhaftigkeit- selemente zu entnehmen, welche im Sinne einer Gesamtwürdigung ihrer Asylvorbringen zu einer anderen Einschätzung führen würden. Soweit sie vorbringe, sie habe Afghanistan verlassen, da sie keinen männlichen Schutz mehr gehabt habe, weshalb Schlimmes hätte passieren können, würden sich aufgrund ihrer Aussagen keine konkreten Hinweise ergebe n, die darauf schliessen liessen, ihr würden in absehbarer Zukunft solche be- fürchteten Nachteile widerfahren . Im Zusammenhang mit der Stellung- nahme der Rechtsvertretung wird festgehalten, die Vorbringen der Be- schwerdeführerin würden sich auf die geltend gemachten und als unglaub- haft befundenen Probleme ihres Ehemannes beziehen, weshalb bereits er- hebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der vorgebrachten Geschehnisse be- stünden. Diese Zweifel würden durch ihr Aussageverhalten erhärtet. Die Argumentation bezüglich der Vorgehensweise der Taliban werde durch entsprechende Berichte untermauert. Auch vor dem Gesichtspunkt des wesentlichen Widerspruchs zu den Aussagen ihres Ehemannes (betref- fend J.______; Anm. des Gerichts) und da bereits die Verfolgungssituation ihres Ehemannes vom SEM als k onstruiert und somit unglaubhaft einge- stuft worden sei, sei zu schliessen, dass auch die Vorbringen der Be- schwerdeführerin nicht erlebnisbasiert seien. 8.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, das SEM beschränke sich auf die schwächstmögliche Unglaubha ftigkeitsargumentation. D er Vorwurf der angeblich fehlenden Details lasse sich bereits aufgrund des langen Zeitablaufs zwischen den Ereignissen und der Anhörung erklären. Das SEM habe im Sachverhalt mit keinem Wort erwähnt, in welchem Jahr die entsprechenden Ereignisse vorgefallen seien. Mit diesem Vorgehen habe das SEM unterschlagen, dass die fluchtauslösenden Ereignisse jah- relang zurückliegen würden. Das SEM habe es auc h unterlassen, sich nach entsprechenden Jahreszahlen zu erkundigen. Es müsse bei der Wür- digung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen eingehend darauf Bezug ge- nommen werden, dass die fluchtauslösenden Ereignisse im Zeitpunkt der Anhörung über viereinhalb Jahre zurückgelegen hätten. Die Ausführungen D-4488/2020 Seite 13 der Beschwerdeführerin seien so ausführlich gewesen, wie es von ihr unter diesen Umständen habe erwartet werden können. Hinsichtlich der Ermor- dung des Ehemannes der Schwägerin sei irrelevant, ob deren Haus und der Tatort in der Nähe des Hau ses der Beschwerdeführerin lägen oder nicht. Afghanische Frauen würden (und sollten) das Haus ohne Begleitung von Männern nicht verlassen. Es sei absurd anzunehmen, die Beschwer- deführerin habe als Frau irgendetwas über die Ermordung des Ehemannes der Schwägerin vor der Haustür wahrnehmen können. Sie habe detailliert geschildert, dass sie die entsprechenden Informationen nur über Drittper- sonen erhalten habe. Sodann sei in Bezug auf den Besuch der Taliban zu Hause absurd, die angebliche Unglaubhaftigkeit mit dem angeblich unlogi- schen Verhalten der Taliban zu begründen. Bereits die Tatsache, dass eine Frau die Türe geöffnet habe , habe für die Taliban einen eindeutigen und glaubhaften Hinweis dargestellt, dass der Ehemann nicht zu Hause gewe- sen sei. Sodann habe sie ihre Gefühle so detailliert und ausführlich geschil- dert, wie es von ihr nach rund viereinhalb Jahren und angesichts der schwerwiegenden Traumatisierung habe erwartet werden können. Ihre Ausführungen würden in beispielhafter Weise Aufschlüsse über ihre innere Befindlichkeit und die Traumatis ierung zulassen. Weiter sei willkürlich, dass das SEM sie aufgefordert habe, "alles, was sie über die Taliban wisse", zu erzählen. Es sei absurd, aus den drei allgemeinen Fra gen zu den Taliban abzuleiten, sie habe keine detaillierten Aussagen gemacht. Sie habe auch konkret geschildert, wie es zu den Drohungen gegenüber ihrem Ehemann gekommen sei. Insbesondere habe sie genau beschrieben, wes- halb er überhaupt bedroht worden sei. Insofern sei die B ehauptung des SEM sogar aktenwidrig. Sodann habe das SEM zur Argumentation betref- fend das Verlassen des Hauses am Morgen nach der Suche durch die Ta- liban die Stellungnahme der früheren Rechtsvertretung nicht gewürdigt. Sie (die Beschwerdeführerin) habe glaubhaft geschildert, dass sie in die- sem Zustand noch nicht in der Lage gewesen sei, eine Entscheidung zu treffen, womit sie wohl auch das konkrete Handeln gemeint habe . Dies stelle ein wesentliches Realkennzeichen dar. Es sei absurd zu behaupten, ihre Ausführungen würden "kein lebendiges Bild entstehen" lassen, das auf eine tatsächliche Begebenheit hindeuten würde. Es sei sodann schlicht willkürlich, die angebliche Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen mit der Argu- mentation des SEM den Ehemann betreffend zu beg ründen, zumal jenes Beschwerdeverfahren noch hängig sei . Es sei weiter absurd, dass das SEM die angebliche Unglaubhaftigkeit der Vorbringen mittels eines Be- richts aus dem Jahr 2012 begründe. Das Argument der angeblich unglaub- haften "Verfolgerlogik" sei absurd und willkürlich. Die Beschwerdeführerin habe sodann glaubhaft geschildert, dass sie die Informationen zum Tod D-4488/2020 Seite 14 des Ehemannes ihrer Schwägerin nur durch die Schilderung Dritter erhal- ten habe. Die entsprechenden Ausführungen seien so detailliert, w ie es von ihr unter diesen Umständen habe erwartet werden können. Der vom SEM angeführte angebliche Widerspruch hinsichtlich der Information be- treffend die Ermordung des Ehemannes der Schwägerin anstelle ihres ei- genen Ehemannes sei sodann aktenwidrig. Ausserdem handle es sich da- bei um Informationen vom "Hörensagen", was das SEM trotz entsprechen- der Rüge in der Stellungnahme nicht gewürdigt habe. Weiter habe sie ein- deutig auf die Freunde verwiesen. Das SEM habe schliesslich bei der Wür- digung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht berücksichtigt, dass sie auf der Flucht – auf dem Weg vom Iran in die Türkei – (…) sei. Sie habe ge- schildert, dass ihr Ehemann dies nicht erfahren dürfe. Es sei offensichtlich, dass sie sehr stark unter den Folgen (…) leide. Diese Traumatisierung habe einen grossen Einfluss auf ihre Fähigkeit, die Asylvorbringen zu schil- dern. Dies hätte vom SEM gewürdigt werden müssen. Die Beschwerdefüh- rerin würde im Fall der Rückreise nach Afghanistan gezielt von den Taliban verfolgt, vergewaltigt oder umgebracht. Die Taliban würden sich an ihrem Ehemann rächen wollen, weshalb die ganze Familie ins Visier der Taliban geraten sei und gezielt asylrelevant verfolgt würde. Insbesondere sei der Ehemann der Schwägerin anstelle ihres Ehemannes ermordet worden. Es stehe fest, dass die Taliban die Familie aus Rache weiterhin verfolgen wür- den. Es handle sich heute faktisch um eine staatliche oder zumindest qua- sistaatliche Verfolgung, eventualiter um eine asylrelevante Verfolgung durch Dritte. Die afghanischen Behörden seien weder fähig noch willig, vor der Verfolgung durch die Taliban, welche ethnisch und politisch motiviert sei, zu schützen. 9. 9.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub - haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in versch iedenen Ent- scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D -5779/2013 vom 23. Februar 2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.). 9.2 Die Vorinstanz hat die Vorbringen der Beschwerd eführerin in der an- gefochtenen Verfügung im Grundsatz mit ausführlicher und überzeugender Begründung als unglaubhaft beziehungsweise nicht asylrelevant qualifi- ziert. Diesbezüglich kann, um Wiederholungen zu vermeiden, vorab auf die zutreffende Argumentatio n in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. In Ergänzung und Präzisierung dazu ist Folgendes festzustellen: D-4488/2020 Seite 15 9.3 Die Beschwerdeführerin begründet ihr Asylgesuch im Wesentlichen da- mit, dass ihr Ehemann wegen seiner Freundschaft zu J.______ von den Taliban verfolgt worden sei. Die Beschwerde des Ehemannes wird mit Ur- teil D-6787/2018 vom heutigen Datum abgewiesen, weil das Bundesver- waltungsgericht die Vorbringen des Ehemannes zur geltend gemachte n Verfolgung durch die Taliban als unglaubhaft qualifiziert. Bereits aus die- sem Grund bestehen grösste Zweifel am Wahrheitsgehalt der Vorbringen der Beschwerdeführerin. In diesem Zusammenhang ist erneut daran zu er- innern, dass das SEM trotz des hängigen Beschwerdeverfahrens D-6787/2018 berechtigt war, seine Einschätzung der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen des Ehemannes im Verfahren der Beschwerdeführerin zu be- rücksichtigen (vgl. E. 6.3). 9.4 Zwar ist grundsätzlich davon auszugehen, dass infolge Zeitablauf be- stimmte Daten und Details oftmals in den Hintergrund treten und die Erin- nerung nachlässt. Indes machte die Beschwerdeführerin in der Anhörung nicht geltend, sie könne sich nicht mehr an das Vorgefallene erinnern, und ihren Ausführungen ist auch im Übrigen nichts Entsprechendes zu entneh- men. Zudem ist davon auszugehen, dass eine asylsuchende Person auch mehrere Jahre nach der Ausreise in der Lage ist, prägende Ereignisse, welche zu ihrer Flucht aus dem Heimatland geführt haben, lebensnah wie- derzugeben. Dass das SEM im Sachverhalt keine Jahreszahl die vo rge- brachten Ereignisse betreffend erwähnte, ist mit Verweis auf die Erwägung 6.4 nicht relevant. Aus der angefochtenen Verfügung geht klar hervor, dass das SEM die geltend gemachten Ereignisse zeitlich korrekt einordnete (vgl. Verfügung S. 2). 9.5 Mit dem Verweis auf den Umstand, dass afghanische Frauen das Haus praktisch nicht ohne männliche Begleitung verlassen würden und sie Infor- mationen nur über Drittpersonen erhalten habe, vermag die Beschwerde- führerin nicht glaubhaft zu machen, der gewaltsame Tod des Ehemannes ihrer Schwägerin habe in ihrer unmittelbaren Nähe stattgefunden, sei we- gen ihres eigenen Ehemannes erfolgt und habe sie unmittelbar zur Aus- reise aus Afghanistan veranlasst (vgl. etwa Akten SEM […]-20/20 F45 ff.). Vielmehr wäre zu erwarten, dass sie wesentlich mehr über diese Tragödie zu erzählen wüsste, zumal die Nachbarschaft den Ehemann der Schwäge- rin vor der Tür gefunden und deshalb bei ihnen an die Tür geklopft habe. Auch sei an der Trauerfeier darüber gesprochen worden (vgl. Akten SEM […]-20/20 F57 f.). Aus dem Anhörungsprotokoll geht sodann hervor, dass die Beschwerdeführerin selbst Adressatin der Information, wonach der Ehemann der Schwägerin anstelle ihres Ehemanns umgebracht worden D-4488/2020 Seite 16 sei, gewesen sein dürfte: J.______ und die Freunde meines Eh emannes haben uns gesagt, dass er wegen meines Ehemannes ums Leben gekom- men ist. Erst dann haben wir erfahren, warum er getötet wurde" (vgl. Akten SEM […]-20/20 F51). Des Weiteren ist ihren Aussagen zu entnehmen, dass J.______ zu jenem Zeitpunkt gelebt habe (vgl. Akten SEM […]-20/20 F53), was in einem markanten Widerspruch zu den Aussagen ihres Ehe- mannes steht, wonach J.______ bereits zu einem früheren Zeitpunkt von den Taliban umgebracht worden sei. So führte die Beschwerdeführerin etwa auf die Frage, wann sie zum letzten Mal etwas von J.______ gehört habe, aus: "Vor fünf Jahren, als er uns empfohlen hat, das Land schnell zu verlassen, weil es für uns gefährlich war" (vgl. Akten SEM […]-20/20 F53). Der Einwand in der Beschwerde, die Beschwerdeführerin habe eindeutig auf Freunde verwiesen, überzeugt nicht. Bei der A ussage der Beschwer- deführerin, "nicht J.______ selbst, sondern seine Freunde, seine Kollegen haben uns das berichtet", handelt es sich offensichtlich um ein nachträgli- ches Anpassen ihrer Aussage (vgl. Akten SEM […]-20/20 F54). 9.6 Was den Besuch der Taliban zu Hause anbelangt, kann der Beschwer- deführerin das unlogische Verhalten von Drittpersonen nur bedingt entge- gengehalten werden. Die unplausiblen Aussagen im Zusammenhang mit der Suche zu Hause reihen sich jedoch vorliegend ein in eine insgesamt konstruiert erscheinende Fluchtgeschichte. Der vom SEM angeführte EASO-Bericht ("Afghanistan, Strategien der Aufständischen: Einschüchte- rung und gezielte Gewalt gegen Afghanen", Dezember 2012) ist durchaus geeignet, die Unplausibilität zu untermauern. Es gibt kein Anlass anzuneh- men, an der Aktualität des Berichts aus dem Jahr 2012 habe sich bis zur Ausreise der Beschwerdeführerin etwas geändert. Der Beschwerdeführe- rin ist insoweit zuzustimmen, dass der Umstand, dass eine Frau die Türe öffnet, darauf hinweisen dürfte, dass kein männliches Familienmitglied zu Hause ist. Indes führte sie auf die Frage, weshalb die Taliban geglaubt hät- ten, dass ihr Ehemann nicht zu Hause gewesen sei , aus: "Sie haben das geglaubt, weil das Auto meines Ehemannes nicht dort war. Wenn mein Ehemann da gewesen wäre, wäre auch das Auto da. Wenn er nach Hause gekommen wäre, hätten ihn alle gesehen" (vgl. Akten SEM […]-20/20 F87). Vor diesem Hintergrund wäre umso mehr zu erwarten gewesen, dass die Taliban die Heimkehr des Ehemannes abgewartet hätten. Der Aussage der Beschwerdeführerin, sie habe sich nach dieser Suche durch die Taliban schlecht gefühlt, "als ob jemand mich von oben nach unten geworfen hat", ist entgegen der Ansicht in der Beschwerde kein besonderes Realkennzei- chen zu entnehmen. Auch für eine Traumatisierung bestehen – mit Verweis D-4488/2020 Seite 17 auf die Erwägung 6.6 – keine Hinweise. Die Schilderungen der Beschwer- deführerin zu ihrer Reaktion beziehungsweise ihren Handlungen nach der Suche du rch die Taliban lassen insgesamt nicht darauf sc hliessen, sie habe das Vorgebrachte tatsächlich erlebt. Dass dies an der Art der Frage- stellung des SEM gelegen habe, überzeugt nicht, zumal die Beschwerde- führerin offensichtlich erkannte, dass sie (auch) von ihren Gefühlen berich- ten sollte (vgl. Akten SEM […]-20/20 F72 f.). 9.7 Inwiefern die Fragen des SEM nach den generellen Kenntnissen der Beschwerdeführerin zu den Taliban willkürlich gewesen sein sollen, er- schliesst sich nicht (vgl. Akten SEM […]-20/20 F83-85). Die Vorinstanz ging davon aus, die Beschwerdeführerin schätze die Taliban als skrupellos ein. Dass das SEM dies in die Begründung der Zweifel an den Vorbringen der Beschwerdeführerin miteinbezog, ist nicht zu beanstanden. 9.8 In Bezug auf die Drohungen gegenüber ihrem Ehemann machte die Beschwerdeführerin sodann zwar in der Tat Ausführungen zu deren Hinter- grund. Sie war jedoch – worauf in der Beschwerde mit keinem Wort einge- gangen wird – nicht in der Lage, etwas über die Art und Weise der Drohun- gen auszusagen (vgl. Akten SEM […]-20/20 F60 f.). 9.9 Das SEM hat schliesslich überzeugend begründet, dass es nicht nach- vollziehbar erscheine, weshalb die Beschwerdeführerin , ihre Kin der und ihre Schwiegermutter d em Ehemann erst am folgenden Tag nach G.______ gefolgt seien. Eine fehlende Würdigung der Argumentation in der Stellungnahme ist nicht auszumachen. An diesem Ergebnis ändert der Verweis auf den Zustand der Beschwerdeführerin, wonach sie noch nicht in der Lage gewesen sei, eine Entscheidung zu treffen, nichts. 9.10 (…) auf der Flucht ist mit Verweis auf die Erwägung 6.6.2 nicht geeig- net, die unsubstantiierten und unglaubhaften Verfolgungsvorbringen in ei- nem anderen Licht erscheinen zu lassen. 9.11 Soweit die Beschwerdeführerin eine ethnische Verfolgung als Hazara geltend macht, ist festzustellen, dass sich die vorgebrachte Ver folgung durch die Taliban als unglaubhaft erwiesen hat und im Weiteren die Zuge- hörigkeit zu den Hazara für sich allein keinen Asylgrund im Sinne von Art. 3 AsylG darstellt (vgl. etwa die Urteile des BVGer D -7433/2018 vom 5. De- zember 2019 E. 6.5. und D-1181/2017 vom 8. Januar 2019 E. 5.4). Die für die Annahme einer Kollektivverfolgung gestellten hohen Anforderungen D-4488/2020 Seite 18 (vgl. dazu ausführlich BVGE 2013/12 E. 6; 2013/11 E. 5.3.2) sind im Fall der Hazara in Afghanistan nicht erfüllt. 9.12 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die von der Beschwerdefüh- rerin geltend gemachten Asylgründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsre- levante Verfolgung oder eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu begrün- den. Eine Verletzung des Willkürverbots oder des Grundsatzes von Treu und Glauben sind nicht ersichtlich. Demnach hat das SEM zu Rech t die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder verneint und die Asylgesuche abgelehnt. 10. Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa- milie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 11. Aus diesen Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundes- recht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 12. Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli- chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG). Der Eventualantrag auf Fristansetzung zur Ein- reichung einer Sozialhilfebestätigung erweist sich mithin als gegenstands- los. 13. Die Verfahrenskosten sind somit gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG der Be- schwerdeführerin aufzuerlegen und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und D-4488/2020 Seite 19 der Eventualantrag auf Ansetzung einer Frist zur Bezahlung eines Kosten- vorschusses sind mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden. (Dispositiv nächste Seite) D-4488/2020 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tag en ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die zu- ständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Barbara Gysel Nüesch Versand: