B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3761/2025 U r t e i l v o m 2 . J u n i 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn, mit Zustimmung von Richter Gregor Chatton; Gerichtsschreiberin Susanne Stockmeyer. Parteien A._______, geboren (…), (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Verfügung des SEM vom 19. Mai 2025. F-3761/2025 Seite 2 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass der Beschwerdeführer am 2. Februar 2025 in der Schweiz um Asyl nachsuchte (Akten der Vorinstanz [SEM act.] 5), dass er dem SEM neb st seinen gültigen (…) Identitätsdokumenten auch eine Identitätskarte (gültig bis 6. Juni 2033) , eine Krankenversicherungs- karte (gültig bis zum 24. Januar 2030) und eine Kopie einer Wohnsitzbe- stätigung (alles italienische Dokumente; SEM act. 6) einreichte, dass ihm am 26. Februar 2025 das rechtliche Gehör zur möglichen Zustän- digkeit Italiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gewährt wurde gestützt auf die Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Euro- päischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenl osen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO; SEM act. 17), dass er dort zusammenfassend ausführte, in Italien würden ihm psychische und physische Gewalt seitens der Behörden und Institutionen drohen, dass das SEM am 27. Februar 2027 ein Aufnahmeersuchen gestützt auf Art. 12 Abs. 1 oder 3 Dublin-III-VO an die italienischen Behörden richtete (SEM act. 18), zu welchem letztere innerhalb der festgesetzten Frist keine Stellung nahmen, dass das SEM mit Verfügung vom 19. Mai 2025 in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht eintrat, die Weg- weisung nach Italien anordnete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, und feststellte, eine allfällige Beschwerde habe keine aufschiebende Wir- kung (SEM act. 26), dass er mit Eingabe gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge- richt vom 23. Mai 2025 Beschwerde erhob und beantragte, die vorinstanz- liche Verfügung sei aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen unter Gewährung von Asyl , und zufolge U nzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen, F-3761/2025 Seite 3 dass er in prozessualer Hinsicht die unentgeltliche Prozessführung , den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und die Wiederher- stellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde beantragte, dass die Instruktionsrichterin mit Verfügung vom 26. Mai 2025 den Vollzug gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aussetzte, und zieht in Erwägung, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re- gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun- gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG), dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Inter esse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde – unter Vorbehalt nachfolgender Erwägung – einzutreten ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG, Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG), dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31 a Abs. 1 –3 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch n icht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1), dass die Begehren hinsichtlich Flüchtlingseigenschaft, Gewährung von Asyl sowie die vorläufige Aufnahme zufolge Unzulässigkeit, Unzumutbar- keit oder Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzuges eine unzulässige E r- weiterung des Streitgegenstands darstellen (BVGE 2011/9 E. 5), weshalb auf diese nicht einzutreten ist, dass der Entscheid in deutscher Sprache ergeht (vgl. Art. 33 a Abs. 2 VwVG), F-3761/2025 Seite 4 dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zu- ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist und auf einen Schriftenwechsel verzich- tet wurde (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG), dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG), dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi- gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird, wobei diese Kri- terien in der vorgegebenen Reihenfolge zu prüfen sind und nur zur Anwen- dung gelangen, sofern das vorangehende Kriterium im spezifischen Fall nicht anwendbar ist (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO), dass wenn ein Antragsteller einen gültigen Aufenthaltstitel besitzt, gemäss Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO derjenige Mitgliedstaat für die Prüfung des An- trags auf internationalen Schutz zuständig ist, der den Aufenthaltstitel aus- gestellt hat, dass der Beschwerdeführer anlässlich des Dublin -Gesprächs nicht nach seinen Asylgründen gefragt wurde, sondern lediglich nach den Gründen, die gegen eine Rückkehr nach Italien sprächen, dem Staat der möglich- weise zur Behandlung seines Asylgesuchs zuständig sei, dass er gemäss eigenen Aussagen im Alter von acht Jahren mit seiner Mutter dorthin gereist sei, da diese mit einem italienischen Staatsangehö- rigen verlobt gewesen sei und diesen später geheiratet habe (vgl. SEM act. 17), dass er sich bis zu seiner Einreise in die Schweiz am 2. Februar 2025 in Italien aufgehalten habe, wo er über eine unbeschränkt gültige Aufenthalts- bewilligung verfüge (vgl. SEM act. 17, Beschwerde S. 5), dass er des Weiteren (zusammenfassend) geltend machte, er habe in Ita- lien durch (…) Gewalt erleiden müssen , habe jedoch keinen Schutz F-3761/2025 Seite 5 bekommen, da die Behörden nur die Personen schützen würden, von de- nen die Gewalt ausgehe, dass er gemäss Abgleich seiner D aten mit der europäischen Fingerab- druck-Datenbank (Zentraleinheit EURODAC) in keinem anderen Dublin - Mitgliedstaat um Asyl ersucht hatte (SEM act. 8), dass aufgrund dieser Umstände davon ausgegangen werden muss, die gegen seine Überstellung nach Italien aufgeführten Gründe (im Wesentli- chen Unterlassung des Schutzes durch den italienischen Staat, Gerichte und Polizei sowie nicht gewährleisteter Schutz durch die italienischen Be- hörden) seien auch seine Asylgründe, dass sich dies auch aus seiner Beschwerde ergibt, in der er die vom (…) psychische und physische Gewalt ausführlich schildert und dazu (zusam- menfassend) vorbringt, der italienische Staat garantiere ihm und seiner Fa- milie kein würdiges Leben und habe auch keine Bereitschaft gezeigt, die Situation zu ändern, dass es sich folglich somit um ein Asylgesuch gegen Italien und also gegen einen Dublin-Mitgliedstaat handelt, dass im Verhältnis zum Dublin -Mitgliedstaat, der gemäss den Vorbringen eines Antragstellers der Verfolgerstaat ist, das Dublin -Verfahren nicht zur Anwendung gelangen kann (vgl. dazu Urteile des BVGer F-5269/2019 vom 16. Oktober 2019 S. 6, F-3010/2019 vom 26. Juni 2019 S. 5, F-4672/2018 vom 27. August 2018 S. 4, E -934/2015 vom 25. Februar 2015 E. 5.1 und E-6354/2013 vom 3. Dezember 2013 S. 5; siehe auch Urteil des BVGer F-839/2021 vom 4. März 2021 E. 4.2), dass daher in der vorliegenden Streitsache die Anwendung des Dublin - Verfahrens ausgeschlossen ist, dass sich somit die angefochtene, gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ergangene Verfügung als bundesrechtswidrig erweist (Art. 49 Bst. a VwVG), dass die Beschwerde gutzuheissen ist, soweit auf sie ei nzutreten ist, die Verfügungen vom 19. Mai 2025 aufzuheben und das SEM anzuweisen ist, das Asylverfahren in eigener Zuständigkeit durchzuführen (vgl. Urteil des BVGer E-6354/2013 vom 3. Dezember 2013 S. 6), F-3761/2025 Seite 6 dass mit dem vorliegenden, verfahrensabschliessenden Urteil der am 26. Mai 2025 angeordnete Vollzugsstopp dahinfällt und der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung gegenstandslos wird, dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Kosten aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 bis 3 VwVG), womit das G esuch um unentgeltliche Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1 VwVG gegenstandslos wird, dass de m nicht vertretenen Beschwerdeführer offensichtlich keine Parteikosten gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG erwachsen sind, weshalb keine Parteientschädigung zuzusprechen ist. (Dispositiv nächste Seite) F-3761/2025 Seite 7 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Verfügung vom 19. Mai 2025 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zur Durchführung eines Asylverfahrens in der Schweiz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Susanne Stockmeyer Versand: