B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4800/2014 / wiv U r t e i l v o m 1 . J u n i 2 0 1 5 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter William Waeber, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren (…), gemäss eigenen Angaben China (Volksrepublik), (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. Juli 2014 / N (…). D-4800/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Angaben am 31. März 2012 und gelangte nach Nepal. Von dort aus reiste er am 22. Oktober 2012 auf dem Luftweg Richtung Schweiz, wo er am 24. Oktober 2012 ankam und ein Asylgesuch stellte. Am 13. Dezember 2012 führte das damalige BFM (heute SEM) die Erstbefragung durch. A.b Dabei brachte der Beschwerdeführer vor, chinesischer Staatsangehö- riger tibetischer Ethnie zu sein. Er habe von Geburt an in B._______ gelebt. Im Dorf gebe es keine Adressen. Die nächste chinesische Verwaltung be- finde sich in C._______. Vor zwei Jahren habe er einmal Flugblätter ver- teilt. Die Chinesen hätten davon nichts erfahren, weshalb er keine Prob- leme bekommen habe. Am (…) des aktuellen Jahres habe er im Dorf bei den Gebetsmühlen ein Bild des Dalai Lama aufgestellt. Die Bewohner hät- ten dem religiösen Führer dort die Ehre erweisen können. In der Folge habe er zusammen mit anderen das Bild wieder wegge nommen. Die chi- nesischen Behörden hätten von dieser Aktion erfahren, weshalb er auf An- raten seiner Eltern ausser Landes geflohen sei. A.c Der Beschwerdeführer gab keine Identitätsdokumente zu den Akten. B. Die Anhörung gemäss Art. 29 AsylG fand am 14. April 2014 statt. Dabei wurden dem Beschwerdeführer Fragen zu heimatlichen Dokumenten und Kontaktmöglichkeiten vor Ort gestellt. Er legte dar, aus Angst, die Angehö- rigen zu gefährden, niemanden kontaktiert zu haben. Ausserdem wisse er nicht, wie so ein Kontakt h ätte zustande kommen sollen, da die Familie kein Telefon habe. Ferner beantwortete er Fragen zu seinen Sprachkennt- nissen, zum absolvierten Schulbesuch, zu seiner Arbeit in der Landwirt- schaft und zu geografischen Belangen Tibets auch im Zusammenhang mit der Ausreise. Als Fluchtgrund gab er wiederum seine Aktivitäten im Dorf zusammen mit einem Kollegen am (…) 2012 zu Protokoll. Sie hätten die Aktion als Demonstration für Religionsfreiheit und als Protest gegen die Schliessung eines Klosters verstanden. Die Meinungen über ihr Vorgehen seien geteilt gewesen. Einerseits habe man dieses gelobt. Andere hätten auf drohende Konsequenzen hingewiesen. Wegen Letzterem habe ihn sein Vater gebeten, das Land zu verlassen. D-4800/2014 Seite 3 C. Mit Verfügung vom 25. Juli 2014 – eröffnet am 28. Juli 2014 – wies das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegwei- sung aus der Schweiz sowie den Vollzug unter Ausschluss der Volksrepub- lik China an. D. Mit Eingabe vom 26. August 2014 focht der Beschwerdeführer den vor - instanzlichen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte die Aufhebung der Verfügung, die Rückweisung der Sache an das BFM zur Neubeurteilung, die Anordnung einer Herkunftsanalyse durch einen ge- richtlichen Sachverständigen (einen unabhängigen Tibe t-Experten), die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft verbunden mit der Asylgewäh- rung, eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit des Wegweisungs- vollzugs verbunden mit der vorläufigen Auf nahme als Flüchtling in der Schweiz wegen subjektiver Nachfluchtgründe, eventualiter die Feststellung der Unzu mutbarkeit und Unmöglichkeit des Vollzugs verbunden mit der vorläufigen Aufnahme, die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege samt Entbindung von der Vorschusspflicht sowie die Gewährung der auf- schiebenden Wirkung der Beschwerde. Er legte eine Bestätigung für seine prozessuale Bedürftigkeit sowie medizinische Unterlagen bei und stellte die Nachreichung von "Originalpapieren" aus dem Tibet in Aussicht. E. Mit Zwischenverfügung vom 2. September 2014 stellte die Instruktionsrich- terin die aufschiebende Wirkung der Beschwerde fest, ver zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und hiess das Ge such im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut. Ferner wurde dem Beschwerdeführer Frist zur Nachreichung von Beweismitteln – auch medizinischen, sollte er noch in Behandlung sein – angesetzt. F. Am 30. September 2014 (Datum der Postaufgabe) gab der Beschwerde- führer einen Arztbericht vom 23. September 2014 samt seinem Begleit- schreiben zu den Akten. In diesem verwies er unter anderem auf Schwie- rigkeiten bei der Beschaffung von Identitätsdokumenten und ersuchte um Fristverlängerung. Eine identische Eingabe ging am 2. Oktober 2014 beim Gericht ein. D-4800/2014 Seite 4 G. Am 6. Oktober 2014 hiess das Bundesverwaltungsgericht das Gesuch um Fristerstreckung gut. H. Mit Vernehmlassung vom 8. Dezember 2014 beantragte das BFM – unter Hinweis auf die aktuelle Rechtsprechung des Gerichts – die Abweisung der Beschwerde. I. In seiner Replik vom 29. Dezember 2014 hielt der Beschwerdeführer an den bisherigen Vorbringen fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 Verwaltungsgerichtsgesetz (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge- biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor- liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül- tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 Bundesgerichtsgesetz [BGG, SR 173.110]). Eine sol- che Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, wes- halb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. D-4800/2014 Seite 5 2. Mit Beschwerde kann im Asylbereich die Verletzung von Bundesrecht (ein- schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un- richtige und un vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver - halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund - sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali - tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le- bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy - chischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Zur Begründung seiner abweisenden Verfügung führte das BFM im Wesentlichen aus, die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Herkunft müsse bezweifelt werden. So habe er keine Reise- oder Identitätspapiere, welche die behauptete Identität oder den Reiseweg hä tten belegen kön- nen, zu den Akten gegeben. Seine Erklärung, weshalb er zur Beschaffung der angeblich zu H ause gebliebenen Identitätskarte nichts unternehmen könne, sei realitätsfern. Die Angaben zum Erscheinungsbild der ID -Karte seien nur teilweise zutreffend und diejenigen zum auf dem gesamten Ter- ritorium der Volksrepublik China gesetzlich standardisierten Ausstellungs- prozedere von diesen Dokumenten tatsachenwidrig. Zum Familienbüchlein habe er vage und unzutreffende Aussagen gemacht. Gemäss eigenem Be- kunden spreche er praktisch kein Chinesisch, was angesichts der Stellung dieser Sprache als Landessprache und ihrer Unentbehrlichkeit im Alltag sehr ungewöhnlich sei. Eine nachvollziehbare Erklärung für diesen Um-D-4800/2014 Seite 6 stand habe er nicht liefern können. Seine pauschalisierende, auswei- chende und die Tatsachen verkennende Antwort auf die Frage, welche Ver- änderungen er während der letzten Jahre des angeblichen Aufenthalts in Tibet festgestellt habe, sei nicht geeignet, den dortigen Aufenthalt glaubhaft zu ma chen. Ebenso wenig vermöchten seine seltsamen Schilderungen landwirtschaftlicher Belange entsprechende Tätigkeiten zu belegen. Ob- wohl er unbestrittenermassen tibetischer Ethnie sei, müsse nach dem Ge- sagten und in Anbetracht der unglaubhaften Asylgründe davon ausgegan- gen werden, dass die Sozialisation nicht im angegebenen Gebiet stattge- funden habe. Er habe im Verlaufe des Asylverfahrens hinsichtlich früherer Proteste und der geltend gemachten Aktion vom (…) 2012 abweichende Angaben gemacht. Er sei nicht in der Lage gewesen, eine schlüssige Be- gründung für die Aufstellung des Dalai -Lama-Bildes im Dorf zu geben. Schliesslich müssten auch seine Darlegungen zur Ausreise und Weiter- reise nach Europa als unglaubhaft erachtet werden. Nach dem Gesagten sei davon auszugehen, dass er vor der Ankunft in der Schweiz nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exiltibeti schen Diaspora gelebt habe. Da er aber keine konkreten und glaubhaf ten Hin- weise auf einen längeren Aufenthalt in einem Drittstaat geliefert habe, be- stünden keine flüchtlings - oder wegweisungsbeachtliche Gründe gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort (BVGE E-2981/2012 E. 5. 8 bis 5. 10). Den Vollzug der Wegweisung – mit Ausnahme in die Volksrepublik China – erachtete das BFM für zulässig, zumutbar und möglich. Die Prüfung die- ser Kriterien sei zwar von Amtes wegen vorzunehmen. Verletze aber eine asylsuchende Person – wie vorliegend – ihre Mitwirkungspflicht in grober Weise, sei diese Überprüfung praxisgemäss eingeschränkt. Eine relevante Gefährdung vor Ort sei nicht ersichtlich. 4.2 Der Beschwerdeführer macht demgegenüber geltend, immer die Wahr- heit gesagt und die Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwor- tet zu haben. Im Übrigen stütze sich der Entscheid lediglich auf die Befra- gungsprotokolle. Eine Begutachtung durch einen Tibet-Experten sei nie er- folgt und entsprechend nachzuholen. Er sei tibetisch -traditionell erzogen worden, was seine eher bescheidenen Kenntnisse der chinesischen Spra- che erkläre. Die Nachreichung der Identitätskart e aus dem Heimatland habe er wegen der damit verbundenen Gefährdung der Angehörigen bis- her nicht veranlasst. Er hoffe, entsprechende Schritte durch Bekannte in D-4800/2014 Seite 7 der Schweiz einleiten zu können. Er habe in keiner Weise die Mitwirkungs- pflicht vernachlässigt und dabei versucht, die Identität zu verschleiern. Die ihm angelasteten Ungereimtheiten bei der Schilderung der Ausstellungs- modalitäten der Identitätskarte und der Beschreibung des Familienbüch- leins bestünden nicht , beziehungsweise seien nicht im Sinne rele vanter Unglaubhaftigkeitselemente zu werten. Die Aktion mit dem Dalai -Lama- Bild habe er gemacht, um eine öffentliche Diskussion im Dorf im Zusam- menhang mit einem geschlossenen Kloster zu veranlassen. Allfällige Un- stimmigkeiten bei der Schilderung des Fluch twegs seien auf seine durch die Flucht hervorgerufene Traumatisierung zurückzuführen. In gesundheit- licher Hinsicht machte er geltend, an TB gelitten zu haben. Nach dem Ge- sagten sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und im Sinne der Pra- xis der (vormaligen) Beschwerdeinstanz Asyl oder zumindest die vorläufige Aufnahme – wegen der illegalen Ausreise aus dem Ti bet – zu gewähren. Ein Vollzug der Wegweisung würde gegen die relevanten gesetzlichen Bestimmungen verstossen. 5. Bislang hat die Vorinstanz bei Zweifeln an der Herkunft von Asylsuchenden in der Regel eine von den Befragungen zur Person und zu den Asylgründen unabhängige Herkunftsanalyse durchgeführt. Dabei wurden neben den landeskundlich-kulturellen Kenntnissen üblicherweise auch die sprachli- chen Fähigkeiten der asylsuchenden Person geprüft; diese sogenannten "Lingua-Analysen" wurden ausschliesslich von amtsexternen, von der Fachstelle Lingua der Vorinstanz beauftragten Sachverständigen mit den entsprechenden Sprach- und Länderkenntnissen durchgeführt. Die Fach- stelle Lingua hat in jüngster Zeit unter dem Titel "Evaluation des Alltagswis- sens" zudem vergleichbare Analysen, ebenfalls erstellt durch amtsexterne Sachverständige, aber beschränkt auf landeskundlich-kulturelle Elemente (ohne linguistische Komponente), in Auftrag gegeben (vgl. das zur Publi- kation vorgesehene Urteil D-3361/2014 vom 6. Mai 2015, E. 5.1). Im besagten Urteil wird im Weiteren festgehalten, die vom SEM gemäss seiner Vernehmlassung jetzt neu eingeführte n Methode der Herkunftsab- klärung für Asylsuchende tibetischer Ethnie im Rahmen der Anhörung sei unter den von der Rechtsprechung in vergleichbaren Fällen definierten Vo- raussetzungen grundsätzlich zur Plausibilitätsprüfung von Herkunftsanga- ben geeignet. Allerdings ergäben sich aus der Tatsache, dass es der neuen Praxis – im Unterschied zur Lingua-Analyse respektive der Lingua-Alltags- wissensevaluation – an der Einschätzung durch einen amtsexternen Sach- verständigen fehle, dessen Sachkompetenz mittels eines aktenkundigen D-4800/2014 Seite 8 Werdegangs für das Gericht anhand der Akten überprüfbar und folglich ein- schätzbar sei, zusätzliche, respektive anderweitige Anforderungen an eine Überprüfbarkeit der vorinstanzlichen Sachverhaltserhebung (a.a.O. E. 5.2.1). So sei die Vorinstanz – um dem Untersuchungsgr undsatz und dem An- spruch auf rechtliches Gehör gerecht zu werden – auch bei der neu einge- führten Methode der Herkunftsabklärung für Asylsuchende tibetischer Eth- nie zunächst verpflichtet, die Vorbringen der Betroffenen in einer für die Beschwerdeinstanz nachvollziehbaren Weise sorgfältig und ernsthaft zu prüfen. Dazu müsse sie nicht nur alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände – wozu auch die Asylsuchenden begünstigende Faktoren gehörten – vollständig abklären, sondern diese Abklärungen auch in einer für das Gericht transparenten Weise in den Akten festhalten. Andernfalls könne das Gericht weder überprüfen, ob die Vorinstanz ihrer Untersu- chungs- und Begründungspflicht tatsächlich nachgekommen ist, noch ob die vorinstanzliche Einschätzung bezüglich des Länder - und Alltagswis- sens vertretbar sei. Im Fall der Abklärung des Länder- und Alltagswissens von Asylsuchenden im Rahmen einer Anhörung durch die Vorinstanz müsse für das Gericht aus dem Dossier nicht nur erkennbar sein, welche Fragen die Vorinstan z der asylsuchenden Person gestellt und wie diese darauf geantwortet habe, sondern auch, welche Fragen wie hätten beant- wortet werden müssen und weshalb in Tibet sozialisierte asylsuchende Personen in einer vergleichbaren Situation wie die betroffene Person die zutreffenden Antworten hätten kennen sollen. Da bei der neu eingeführten Methode der Herkunftsabklärung für Asylsuchende tibetischer Ethnie kein amtsexterner Sachverständiger mitwirke, seien die zutreffenden Antworten zudem mit Informationen zum Herkunftsland zu belegen. Dabei habe sich die Vorinstanz an den grundlegenden Standards, die bei der Beschaffung, Aufbereitung und Präsentation von COI gälten, zu orientieren. In welcher Form die Vorinstanz dem Gericht die genannten Informationen offenlegen wolle, steht ihr indes frei. Zu denken sei beispielsweise an ein separates Aktenstück, dem die gestellten Fragen, die erhaltenen Antworten sowie – bei als von der Vorinstanz unzutreffend erachteten Angaben der asylsuchenden Person – die zutreffenden Antworten mit qualifizierter Quel- lenangabe und eine Begründung dafür, weshalb die asylsuchende Person diese Antworten hätte kennen müssen, entnommen werden könnten. D-4800/2014 Seite 9 Eine andere Frage sei die Offenlegung der Herkunftsabklärung an die asyl- suchende Person. So müsse die Vorinstanz einer Partei grundsätzlich Ein- sicht in jene Unterlagen gewähren, auf die sie ihren Entscheid stütze. Wie schon bei der Lingua-Analyse könne das SEM den Betroffenen aber auch im Rahmen der neu eingeführten Herkunftsabklärung für Asylsuchende ti- betischer Ethnie einen vollumfänglichen Einblick in die Untersuchung ver- weigern, sofern öffentliche Geheimhaltungsinteressen dem entgegenste- hen würden. Eine rechtsgenügliche Gewährung der Akteneinsicht verlange aber, dass der betroffenen Person der wesentliche Inhalt der Herkunftsun- tersuchung zur Kenntnis gebracht und ihr die Möglichkeit eingeräumt werde, sich insbesondere zu den als unzureichend eingestuften Antworten äussern zu können. Schliesslich müsse die Vorinstanz im Rahmen der neu eingeführten He r- kunftsabklärung für Asylsuchende tibetischer Ethnie auch das Recht einer asylsuchenden Person auf vorgängige Anhörung wahren. Dementspre- chend habe das SEM den Betroffenen die als tatsachenwidrig, falsch oder unzureichend erachteten Antworten, unter Angabe der dazugehörigen Fra- gen, anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs im Rahmen einer zu protokollierenden mündlichen Anhörung oder in einer aktenkundigen schriftlichen Notiz so detailliert aufzuzeigen, dass die betroffene Person hierzu konkrete Einwände anbringen könne. Dementsprechend genüge es nicht, die Schlussfolgerung der Herkunftsabklärung in einer pauschalen Zusammenfassung darzulegen, ohne der betroffenen Person die ihr konk- ret vorgeworfenen Falschangaben effektiv und in detaillierter Weise er- kennbar zu machen (a.a.O. E. 5.2.2). Seien diese Mindeststandards betreffend Gewährung des rechtlichen Ge- hörs respektive der Untersuchungspflicht der Vorinstanz im Rahmen ihrer neu eingeführten Methode der Herkunftsabklärung für Asylsuchende tibe- tischer Ethnie nicht erfüllt, sei der vorinstanzliche Entscheid in der Regel aufzuheben und die Sache zur korrekten Sachverhaltsabklärung und Neu- beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Davon ausgenommen seien jene Fälle, in denen die Vorbringen der asylsuchenden Person – auf- grund gänzlicher Unplausibilität, Substanzarmut oder Widersprüchlichkeit – offensichtlich unzulänglich und somit derart haltlos seien, dass deren Be- urteilung keiner weiteren fachlichen Abklärungen mehr bedürfe (a.a.O. E. 5.2.3). D-4800/2014 Seite 10 6. 6.1 Es ist mithin zu prüfen, ob die Vorinstanz die erwähnten Mindeststan- dards im vorliegenden Fall eingehalten hat. Dies ist offensichtlich nicht der Fall. 6.2 Die Antworten des Beschwerdeführers auf Fragen zum Länder - und Alltagswissen sind nicht derart unplausibel, sub stanzarm oder wider- sprüchlich ausgefallen, dass sie seine Herkunft aus Tibet bereits offensicht- lich ausschlössen und sich weitere fachliche Abklärungen somit erübrigt hätten. Er war anlässlich der Anhörung teilweise durchaus in der Lage, das Bild einer Person, welche mit den Gegebenheiten vor Ort in einem gewis- sen Ausmass vertraut ist, zu vermitteln (A 11/18 Antworten 8 ff.). Auch lässt sich alleine aufgrund seiner Angaben zu den Asylgründen, zum Reiseweg und zu den fehlenden Identitätspapieren nicht ableit en, dass er nicht aus dem angegebenen tibetischen Dorf stammt. Würden nämlich bereits diese Angaben alleine eine Herkunft aus Tibet/China ausschliessen, erübrigten sich weitere fachliche Abklärungen bezüglich des Länder- und Alltagswis- sens des Beschwerdeführers ebenfalls, da dann gar nicht auf seine Anga- ben im Rahmen der Herkunftsabklärung abgestellt werden müsste (a.a.O. E. 6.1). 6.3 Wie erwähnt muss aus den Akten nicht nur in für das Gericht nachvoll- ziehbarer Weise hervorgehen, welche Fragen die Vorinstanz de m Be- schwerdeführer gestellt hat und wie dieser darauf geantwortet hat, sondern auch, welche Fragen wie hätten beantwortet werden müssen und weshalb in Tibet sozialisierte Personen in einer vergleichbaren Situation wie der Be- schwerdeführer die zutreffenden Antworten hätten kennen sollen. Solche Hinweise beziehungsweise entsprechende Akten fehlen im vorinstanzli- chen Dossier. Es ist festzuhalten, dass dem Protokoll zur Anhörung zwar die gestellten Fragen und die Antworten des Beschwerdeführers entnom- men werden können. Allerdings enthalten die Akten keinerlei Ausführungen zu den vom BFM als unkorrekt erachteten Antworten, geschweige denn zu den Quellen, an denen sich die Befragungsperson zwecks Beurteilung der Erklärungen des Beschwerdeführers orientiert hat. Das Befragungsproto- koll erlaubt wiederholt nicht einmal eindeutige Rückschlüsse darauf, ob der Beschwerdeführer Fragen in zulänglicher Weise beantwortet hat bezie- hungsweise, wenn er die Antwort nicht wusste, ob und weshalb er diese hätte kennen sollen (A 11/18 Antworten 8 ff. und 22 ff.). Aus den Akten geht somit nicht hervor, welche Antworten des Beschwerdeführers richtig bezie- hungsweise falsch sind und wie im Falle unzutreffender Angaben die kor-D-4800/2014 Seite 11 rekte Antwort auf die gestellte Frage lauten würde. Folglich ist für das Ge- richt weder nachvollziehbar, ob die vorinstanzliche Einschätzung bezüglich des Länder - und Alltagswissens d es Beschwerdeführers vertretbar ist, noch ob die Vorinstanz ihren aus dem Untersuchungsgrundsatz und dem rechtlichen Gehör fliessenden Pflichten zur ernsthaften, sorgfältigen und vollständigen Abklärung der Vorbringen des Beschwerdeführers sowie aller weiteren rechtsrelevanten Sachumstände vorliegend tatsächlich nachge- kommen ist (vgl. a.a.O. E. 6.2.1). 6.4 Wie bereits ausgeführt, muss die Vo rinstanz dem Beschwerdeführer überdies den wesentlichen Inhalt der Herkunftsuntersuchung – insbeson- dere die als unzureichend eingestuften Antworten – so detailliert zur Kennt- nis bringen, dass er hierzu konkrete Einwände anbringen kann, und ihm die Möglichkeit einräumen, sich tatsächlich dazu zu äussern. Dies ist vor- liegend weitestgehend unterblieben. Die von der Befragungsperson nur vage formulierten Einwände zu seinen Aussagen können jedenfalls nicht als Gewährung des rechtlichen Gehörs im hier relevanten Sinne gewertet werden (vgl. u.a. A 11/18 Fragen 19, 43, und 56). In der Folge unterblieben weitere Instruktionsmassnahmen des BFM. 7. 7.1 Nach dem Gesagten steht fest, dass das BFM sowohl den Anspruch des Beschwerdeführers auf Einräumung des rechtlichen Gehörs als auch den Untersuchungsgrundsatz verletzt hat. 7.2 Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs führt grundsätzlich – das heisst ungeachtet der materiellen Auswirkungen – zur Aufhebung des daraufhin ergangenen Entscheides. Die Heilung einer Gehörsverletzung aus pro- zessökonomischen Gründen auf Beschwerdeebene kommt – unbesehen der Kognitionsbeschränkung der Beschwerdeinstanz – insbesondere auch deshalb nicht in Betracht, weil das BFM im Rahmen des vorliegenden Ver- fahrens eine neue Praxis anwandte, diese gemäss vo rstehenden Erwä- gungen in der gehandhabten Form aber nicht als rechtsgenüglich gewertet werden kann und demzufolge vom SEM im Lichte der gerügten Mängel zu verbessern ist. 8. Die angefochtene Verfügung ist deshalb aufzuheben und die Sache im Sinne der Erwägungen und in Gutheissung des Kassationsantrags an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das SEM ist gehalten, ge stützt auf den voll-D-4800/2014 Seite 12 ständig festgestellten rechtserheblichen Sachverhalt beziehungsweise un- ter Wahrung der Gehörsansprüche des Beschwerdeführers einen n euen Entscheid mit rechtsgenüglicher Begründung zu fällen. Bei dieser Sach- lage kann mangels Relevanz davon abgesehen werden, auf weitere Be- schwerdevorbringen näher einzugehen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei ist eine Parteientschädi- gung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre- chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom 21. Febru- ar 2008 über die Kosten und Entschädigun gen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da dem nicht vertretenen Beschwer- deführer keine solchen Kosten entstanden sein dürften, ist keine Entschä- digung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-4800/2014 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der angefochte- nen Verfügung beantragt wird. 2. Die Verfügung des BFM vom 25. Juli 2014 wird aufgehoben und die Sache zu neuer Entscheidfindung im Sinne der Erwägungen an die Vor instanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung entrichtet. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand: