B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-3577/2020 U r t e i l v o m 3 . F e b r u a r 2 0 2 3 Besetzung Richterin Claudia Cotting-Schalch (Vorsitz), Richterin Susanne Genner, Richterin Jenny de Coulon Scuntaro, Gerichtsschreiber Mathias Lanz. Parteien A._______, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Einreiseverbot. F-3577/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Der kosovarische Staatsangehörige A._______ (geboren am […]) reiste erstmals am 24. März 1995 in die Schweiz ein und hielt sich anschliessend mit einer Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz auf . Nachdem er ab No- vember 2004 wieder im Kosovo gelebt hatte, kehrte er zusammen mit sei- nen vier Geschwistern am 12. Oktober 2007 in die Schweiz zurück und erhielt erneut eine Aufenthaltsbewilligung. B. Während seiner Anwesenheit in der Schweiz erwirkte der Beschwerdefüh- rer diverse strafrechtliche Verurteilungen (vgl. Akten des Migrationsamtes St. Gallen [SG-act.] 123 [Strafregisterauszug vom 8. April 2015], Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 13 [Strafregisterauszug vom 16. Juni 2020] sowie unten E. 4.1): - Urteil Jugendanwaltschaft St. Gallen vom 11. Februar 2009: 2 Tage Freiheitsentzug (Motorfahrzeug, alkoholisiert), bedingt vollziehbar, we- gen Fahrens in fahrunfähigem Zustand, pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall, Entwendung zum Gebrauch sowie Fahrens ohne Führeraus- weis; - Urteil Jugendanwaltschaft St. Gallen vom 8. November 2009: 14 Tage Freiheitsentzug, bedingt vollziehbar, und Busse Fr. 300.– sowie Anord- nung ambulante Behandlung wegen Diebstahls, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Verletzung der Verkehrsregeln, Entwendung zum Gebrauch, mehrfachen Fahrens ohne Führeraus weis, mehrfachen Fahrens ohne Fahrzeugausweis oder Kontrollschilder und mehrfachen Fahrens eines Motorfahrrades ohne Fahrzeugausweis oder Kontroll- schild; - Strafbefehl Untersuchungsamt St. Gallen vom 12. Juni 2012: Geld- strafe 10 Tagessätze zu Fr. 30.– und Busse Fr. 300.– wegen Tätlichkei- ten und Sachbeschädigung; - Strafbefehl Untersuchungsamt St. Gallen vom 4. Dezember 2012: Geldstrafe 70 Tagessätze zu Fr. 30.– und Busse Fr. 1'000.– wegen Tät- lichkeiten, Sachbeschädigung und Fahrens in fahrunfähigem Zustand (Motorfahrzeug, alkoholisiert und qualifizierte Blutalkoholkonzentra- tion); F-3577/2020 Seite 3 - Strafbefehl Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 9. April 2014: Geld- strafe 120 Tagessätze zu Fr. 30.– wegen Fahrens in fahrunfähigem Zu- stand (Motorfahrzeug, qualifizierte Atemalkohol - oder Blutalkoholkon- zentration); - Strafbefehl Staatsanwaltschaft Kreuzlingen vom 13. Mai 2014: Busse Fr. 40.– wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln; - Strafbefehl Untersuchungsamt St. Gallen vom 2. Juli 2014: Geldstrafe 180 Tagessätze zu Fr. 30.– wegen mehrfacher Begünstigung; - Entscheid Kreisgericht Rheintal vom 30. März 2016: Freiheitsstrafe 14 Monate, bedingte Geldstrafe 60 Tagessätze zu Fr. 70.– und Busse Fr. 1'050.– unter anderem wegen Vergehens gegen das Waffengesetz, mehrfachen Diebstahls, mehrfac her Sachbeschädigung, mehrfachen Hausfriedensbruchs, Urkundenfälschung, mehrfacher Übertretung des BetmG (SR 812.121) und mehrfacher Verletzung der Verkehrsregeln; - Entscheid Obergericht des Kantons Thurgau vom 18. März 2019: Frei- heitsstrafe fünf Jahre und acht Monate (im Zusatz zum Entscheid des Kreisgerichts Rheintal ), Geldstrafe 30 Tagessätze zu Fr. 30.– und Busse Fr. 1'200.– unter anderem wegen mehrfacher Gefährdung des Lebens, mehrfacher qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsre- geln, mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, mehrfacher Hinderung einer Amtshandlung, Fälschung von Ausweisen, einfacher Körperverletzung, mehrfachen Fahrens in fahrunfähigem Zu- stand, mehrfachen pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall (Führerflucht), mehrfacher Entwendung eines Motorfahrzeugs zum Gebrauch und Übertretung des BetmG. C. Das Migrationsamt des Kantons St. Gallen verwarnte den Beschwerdefüh- rer am 22. September 2014 und forderte ihn auf, sich inskünftig klaglos zu verhalten, ansonsten die Aufenthaltsbewilligung widerrufen oder nicht mehr verlängert und er zur Ausreise verhalt en werden könnte (vgl. SG- act. 84). D. Mit Verfügung vom 21. Juli 2016 verweigerte das Migrationsamt die Ver- längerung der Aufenthaltsbewilligung und wies den Beschwerdeführer auf den Termin der Haftentlassung aus der Schweiz weg (vgl. SEM-act. 14). F-3577/2020 Seite 4 E. Der Besc hwerdeführer verzichtete am 13. Juni 2020 auf eine Stellung- nahme zur geplanten Anordnung eines Einreiseverbots (SEM-act. 15). Mit Verfügung vom 17. Juni 2020 verhängte die Vorinstanz gegenüber dem Beschwerdeführer ein ab dem 2. Juli 2020 geltendes, zehnjähriges Einrei- severbot. Gleichzeitig ordnete sie die Ausschreibung des Einreiseverbots im Schengener Informationssystem (SIS II) an und entzog einer allfälligen Beschwerde vorsorglich die aufschiebende Wirkung (SEM-act. 16). F. Am 1. Juli 2020 wurde der Beschwerdeführer aus der Haft entlassen und in den Kosovo ausgeschafft (SEM-act. 19). G. Am 14. Juli 2020 gelangte der Beschwerdeführer mit einer Beschwerde gegen das Einreiseverbot an das Bundesverwaltungsgericht. Er bean- tragte, das Einreiseverbot in der Dauer "auf ein vertretbares Mass und Mi- nimum" zu kürzen und die Ausschreibung der Fernhaltemassnahme im SIS II zu löschen (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer -act.] 1 und 5). H. Mit Vernehmlassung vom 9. September 202 0 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 8). I. Die ihm mit Verfügung vom 18. September 2020 gewährte Gelegenheit zur Einreichung allfälliger Bemerkungen liess der Beschwerdeführer ungenutzt (BVGer-act. 9 f.). J. Ein Antrag des Be schwerdeführers auf Suspension des Einreiseverbots vom 8. Oktober 2021 lehnte die Vorinstanz am 15. Oktober 2021 ab. K. Aus organisatorischen Gründen hat die vorsitzende Richterin das Verfah- ren vom bisherigen Instruktionsrichter übernommen. F-3577/2020 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Verfügungen des SEM, die ein Einreiseverbot im Sinne von Art. 67 AIG (SR 142.20) zum Gegenstand haben, unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG). 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde le- gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er- messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb- lichen Sachverhaltes und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be- schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begrün- dung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent- scheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.). 3. 3.1 Das SEM kann Einreiseverbote gegen ausländische Personen erlas- sen, die gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen haben oder diese gefährden (Art. 67 Abs. 2 Bst. a AIG, in der hier anwendbaren, bis am 21. November 2022 gültig gewese- nen Fassung vom 18. Juni 2010 [AS 2010 5925] [nachfolgend: aAbs.]). Der Begriff der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ist weit zu fassen (BGE 147 IV 340 E. 4.7.7). Ein Verstoss dagegen liegt unter anderem vor, wenn gesetzliche Vorschriften oder behördliche Verfügungen missachtet werden (Art. 77a Abs. 1 Bst. a der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE, SR 142.201]). Von ei- ner Gefährdung ist auszugehen, wenn konkrete Anhaltspunkte dafür be- stehen, dass der Aufenthalt der betroffenen Person in der Schweiz mit F-3577/2020 Seite 6 erheblicher Wahrscheinlichkeit zu einer Nichtbeachtung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung führt (Art. 77a Abs. 2 VZAE). 3.2 Das Einreiseverbot ist keine Sanktion für vergangenes Fehlverhalten, sondern eine Massnahme zur Abwendung einer künftigen Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ( BVGE 2017 VII/2 E. 4.4; 2008/24 E. 4.2). 3.2.1 Soweit Art. 67 aAbs. 2 Bst. a AIG mit dem Verstoss gegen die öffent- liche Sicherheit und Ordnung unmittelbar an vergangenes Verhalten des Betroffenen anknüpft, steht die Gefahrenabwehr durch Generalprävention im Sinne der Einwirkung auf das Verhalten anderer Rechts genossen im Vordergrund (zur Generalprävention im Ausländerrecht vgl. etwa Urteil des BGer 2C_282/2012 vom 31. Juli 2012 E. 2.5 m.H.). 3.2.2 Die Spezialprävention im Sinne der Einwirkung auf das Verhalten des Betroffenen selbst kommt zum Tragen, soweit Art. 67 aAbs. 2 Bst. a AIG als alternativen Fernhaltegrund die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung durch den Betroffenen selbst nennt. Ob eine solche Gefähr- dung vorliegt, ist gestützt auf die gesamten Umstände des Einzelfalles im Sinne einer Prognose zu beurteilen, die sich in erster Linie auf das vergan- gene Verhalten des Betroffenen abstützen muss (vgl. BVGE 2017 VII/2 E. 4.4). 3.3 Das Einreiseverbot wird für eine Dauer von höchstens fünf Jahren ver- hängt (Art. 67 Abs. 3 erster Satz AIG). Die Anordnung e ines Einreisever- bots von mehr als fünf Jahren Dauer ist zulässig, wenn von der ausländi- schen Person eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht (Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AIG). 3.4 Eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ord- nung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AIG setzt mehr voraus als eine einfache Gefährdung nach Art. 67 aAbs. 2 Bst. a zweiter Halbsatz AIG. Verlangt wird eine qualifizierte Gefährdungslage, über deren Vorliegen nach Massgabe aller Umstände des Einzelfalles zu befinden ist. Eine sol- che Gefährdungslage darf nicht leichthin angenommen werden. Nach der Rechtsprechung kann sie sich beispielsweise aus der Hochwertigkeit des deliktisch bedrohten Rechtsguts ergeben (z.B. Leib und Leben, körperliche und sexuelle Integrität, Gesundheit), aber auch aus der Zugehörigkeit des drohenden Delikts zur besonders schweren Kriminalität mit grenzüber- schreitender Dimension (z.B. Terrorismus, Menschen- und Drogenhandel, F-3577/2020 Seite 7 organisierte Kriminalität), aus der wiederholten Delinquenz und ihrer zu- nehmenden Schwere oder aus dem Fehlen einer günstigen Prognose. Die zu befürchtenden Delikte müssen einzeln oder in ihrer Summe das Poten- zial haben, eine aktuelle und schwerwiegende Gefahr zu begründen (vgl. BGE 139 II 121 E. 6.3; BVGE 2014/20 E. 5.2). 4. Der Beschwerdeführer beantragt eine Kürzung der Fernhaltemassnahme in der Dauer. Folglich ist mit Blick auf die Überschreitung der regulären Obergrenze von fünf Jahren zu prüfen, ob von ihm ein e schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 3 AIG ausgeht. Die Rechtmässigkeit der Anordnung des Einreisever- bots an sich gestützt auf den von ihm gesetzten Fernhaltegrund des Verstosses gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung gemäss Art. 67 aAbs. 2 Bst. a AIG steht demgegenüber ausser Frage. 4.1 Strafrechtlich trat der Beschwerdeführer in der Schweiz im Wesentli- chen wie folgt in Erscheinung (siehe auch oben Bst. B): 4.1.1 Als Minderjähriger entwendete er am 20. Dezember 2008 ein Auto und lenkte dieses in alkoholisiertem Zustand. Später verlor der Mitinsasse damit bei übersetzter Geschwindigkeit die Kontrolle, sodass der Wagen mit Totalschaden auf dem Dach zu liegen kam . Der Beschwerdeführer ent- fernte sich unerlaubt vom Unfallort (SG-act. 26). 4.1.2 Am 4. Juni 2009 überquerte d er Beschwerdeführer mit einem als gestohlen gemeldeten Motorfahrrad, und ohne im Besitz eines Führeraus- weises zu sein, eine Sicherheitslinie, woraufhin er polizeilich angehalten wurde (vgl. SG-act. 36). 4.1.3 Zwischen dem 12. und dem 13. Juli 2009 brach der Beschwerdefüh- rer in eine Geschäftsliegenschaft ein und erbeutete Deliktsgut im Wert von Fr. 4'100.– (vgl. SG-act. 36). 4.1.4 Am 1. April 2012 versetzte der Beschwerdeführer einem Fussgänger nach verbaler Auseinandersetzung einen Faustschlag ins Gesicht, wodurch dessen Brille zu Bruch ging und dieser eine Prellung der linken Augenhöhle sowie zwei kleine Rissquetschwunden erlitt (vgl. SG-act. 61). 4.1.5 In der Nacht auf den 29. sowie am Morgen des 30. September 2012 lenkte der Beschwerdeführer zweimal ein Motorfahrzeug in alkoholisiertem Zustand (0.79 bzw. 1.09 mg Blutalkoholkonzentration). Zudem schlug er F-3577/2020 Seite 8 einem Mann nach dem Ausgang am 30. September 2012 zweimal die Faust ins Gesicht (vgl. SG-act. 63). 4.1.6 Im Juni 2013 begab sich der Beschwerdeführer mehrmals vor ein Un- tersuchungsgefängnis. Darin war sein Bruder wegen Verdachts auf Bege- hung eines Raubüberfalls auf ein Juweliergeschäft inhaftiert. Der Be- schwerdeführer half ihm, den Kontakt mit dessen Umfeld aus dem Gefäng- nis heraus aufrecht zu erhalten (vgl. SG-act. 79). 4.1.7 Am 29. Januar 2014 fuhr der Beschwerdeführer erneut ein Auto in alkoholisiertem Zustand (1.38 mg Blutalkoholkonzentration) (vgl. SG - act. 74). 4.1.8 Ende Mai/Anfangs Juni 2014 entwendete der Beschwerdeführer das Nummernschild eines Motorfahrrades, brachte es an seinem eigenen an und unternahm damit bis im Dezember 2014 mehrere Fahrten. Am 30. Januar 2015 begab sich der Beschwerdeführer auf ein Firmenareal , brach Fahrzeuge und Wohnmobile auf und entwendete darin befindliche Gegenstände. Rund eine Woche später entfernte er Kontrollschilder und brachte sie an seinem eigenen Motorfahrzeug an, das er im Februar 2015 mehrmals ohne gültigen Führerausweis sowie teilweise nach Konsum von Alkohol und M arihuana lenkte. Während einer Fahrt entzog er sich einer Polizeikontrolle. 4.1.9 Weil er ein Pistolenimitat mit sich führte, das auch von einer Fach- person nicht sofort als Imitationswaffe erkannt werden konnte, wurde er am 22. Februar 2015 im Zürcher Hauptbahnhof verhaftet (SG-act. 114). 4.1.10 Am 8. Dezember 2015 überholte der Beschwerdeführer mit einem entwendeten Fahrzeug in einer unübersichtlichen Kurve trotz Sicherheits- linie ein anderes Auto, sodass verschiedene Fahrzeuge abbremsen muss- ten, um eine Kollision mit dem Beschwerdeführer zu vermeiden. Gleichen- tags überschritt er die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts um 53 km/h und ausserorts um 91 km/h. In der Nacht auf den 9. Dezember 2015 fuhr der Beschwerdeführer dann nach Konsum von Cannabis mit sei- nem Fahrzeug in die Wand einer Unterführung und entfernte sich an- schliessend von der Unfallstelle (vgl. SG-act. 157 und 159). 4.1.11 Zwischen dem 12. und dem 1 6. Dezember 2015 entwendete der Beschwerdeführer diverse Kontrollschilder an Fahrzeugen. Am 16. Dezem- ber 2015 flüchtete er unter Verwendung eines entwendeten Kontrollschilds, F-3577/2020 Seite 9 ohne Führerausweis und nach Konsum von Marihuana vor der Polizei. Da- bei übertrat er die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten massiv, überfuhr diverse auf Rot gestellte Ampeln, überholte auf der Autobahn zwischen Fahrzeugen hindurch und auf dem Pannenstreifen, fuhr direkt auf Polizis- ten zu, die ihn auf der Fahrbahn anhalten wollten, umging eigens für ihn errichtete Strassensperren, setzte seine Fa hrt trotz zerborstenem Pneu des rechten Vorderrades auf der Autobahn mit 100 km/h fort und kollidierte schliesslich mit mehreren Fahrzeugen (vgl. SG-act. 157 und 159). 4.1.12 Aus der zwischenzeitlich angeordneten Haft am 17. Dezember 2015 entlassen, entwendete der Beschwerdeführer bereits am 18. Dezember 2015 wieder ein Fahrzeug , kurze Zeit später aus einem Firmenfahrzeug auch einen Ausländerausweis, worin er sein eigenes Foto einsetzte . Mit dem entwendeten Fahrzeug führte der Beschwerdeführer am 18. Dezem- ber 2015 ohne Führerausweis mehrere verkehrsregelwidrige, riskante Überholmanöver durch, wobei es unter anderem zu seitlichen Kollisionen mit anderen Fahrzeugen kam (vgl. SG-act. 157 und 159). 4.2 In Anbetracht der zahlreichen Verurteilungen erscheint e s offensicht- lich, dass der Beschwerdeführer eine sehr hohe kriminelle Energie a uf- weist. Während seiner Anwesenheit in der Schweiz seit Oktober 2007 de- linquierte er bis zu seiner Inhaftnahme am 20. Dezember 2015 notorisch. Unbelehrbar und unbeeindruckt von diversen Strafen gefährdete er durch sein rücksichtsloses Verhalten auf der Strasse über mehrere Jahre hinweg viele Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer an Leib und Leben. Gemäss dem Urteil des Obergerichts des K antons Thurgau vom 8. März 2019 brachte er in drei Fällen Polizeibeamte in unmittelbare Lebensgefahr und in 13 Fällen bestand das hohe Risiko eines Unfalles mit Schwerver- letzten oder Toten. In einem Fall sei ein Verkehrsteilnehmer tatsächlich, wenn auch ni cht schwer, verletzt worden (vgl. SEM -act. 10, S. 74 ). Die Schwere der Straftaten, das Gefährdungspotenzial und die deliktischen Ak- tivitäten des Beschwerdeführers nahmen bis im Dezember 2015 kontinu- ierlich zu (vgl. dazu Entscheid des Amts für Justizvollzug vom 11. Mai 2020 betreffend Prüfung der bedingten Entlassung [SEM -act. 12], S. 8) . Auf- grund der etlichen Verkehrsregelverstösse, mehrmals begangen unter er- heblichem Einfluss von Suchtmitteln, sowie der zahlreichen Delikte gegen das Eigentum liess der Beschwerdeführer unmissverständlich erkennen, dass er nicht gewillt ist, sich an die hiesige Rechtsordnung zu halten. F-3577/2020 Seite 10 4.3 4.3.1 Aus dem Entscheid des Amtes für Justizvollzug vom 11. Mai 2020 betreffend die Prüfung der bedingten Entlassung geht unter anderem her- vor, dass durch rückfallpräventive Gespräche mit der Sozialarbeiterin die Legalprognose derart habe verbessert werden können, dass nicht davon auszugehen sei, dass bei einer erneuten Straffälligkeit des Beschwerde- führers hochrangige Rechtsgüter Dritter betroffen seien (vgl. SEM-act. 12, S. 9 f. ). Diesbezüglich gilt es indes darauf hinzuweisen, dass im Auslän- derrecht mit Blick auf das im Vordergrund stehende Interesse an einer Wahrung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ganz allgemein ein strengerer Beurteilungsmassstab als im Straf- und Massnahmenrecht zum Tragen kommt (vgl. BGE 140 I 145 E. 4.3; 137 II 233 E. 5.2.2; BVGE 2021 VII/1 E. 7.1.2). Sind – wie vorliegend zutreffend – hochwertige Rechtsgüter wie Leib und Leben involviert und durch strafrechtl iche Aktivitäten gefähr- det, ist selbst ein geringes Restrisiko weiterer Beeinträchtigungen nicht in Kauf zu nehmen (vgl. BGE 139 I 31 E. 2.3.2; 139 I 16 E. 2.2.1). Die Ge- fährdung des Lebens (Art. 129 StGB) gehört denn auch zu denjenigen An- lasstaten, die vom Verfassungsgeber als besonders verwerflich betrachtet werden und zum Verlust eines jeden Aufenthaltsrechts sowie zu einem ob- ligatorischen Einreiseverbot von 5 bis 15 Jahren Dauer führen sollen (Art. 121 Abs. 3 Bst. a und Abs. 5 BV; vgl. auch Art. 66a Abs. 1 Bst. b StGB, der in Konkretisierung der genannten Verfassungsbestimmung auf den 1. Oktober 2016 in Kraft gesetzt wurde). Dieser Wertung ist in den Schranken des übrigen Verfassungs - und Völkerrechts vorliegend Rech- nung zu tragen (vgl. Urteile des BVGer F-2516/2021 vom 2. Februar 2022 E. 5.5; F-6018/2020 vom 23. September 2021 E. 6.2; F -2379/2020 vom 15. April 2021 E. 4.5). 4.3.2 Hinzu kommt, dass im erwähnten Bericht des Amtes für Justizvollzug relativierend und zusammenfassend festgehalten wird, die Legalprognose des Beschwerdeführers sei aufgrund der langjährigen, polymorphen Delin- quenz mit klarer Progredienz und mangelnder Beeindruckbarkeit durch Sanktionen eher belastetet. Ungünstig wirke sich zudem aus, dass er im Kosovo bei seinem Bruder wohnen werde, d er ebenfalls nach einer Ge- fängnisstrafe in der Schweiz in den Kosovo ausgeschafft worden sei (vgl. SEM-act. 12). Vorliegend kann deshalb nicht von einer günstigen Prognose ausgegangen werden. Nach wie vor geht vom Beschwerdeführer eine er- hebliche Rückfallgefahr aus. 4.4 Nach dem Gesagten ist in Würdigung aller Umstände eine schwerwie- gende Gefahr durch den Beschwerdeführer im Sinne von Art. 67 Abs. 3 F-3577/2020 Seite 11 AIG anzunehmen. Das gegen ihn am 17. Juni 2020 verhängte Einreisever- bot darf deshalb die Regelmaximaldauer von fünf Jahren überschreiten. 5. 5.1 Zu prüfen bleibt, ob das angefochtene Einreiseverbot als solches und in seiner Dauer in pflichtgemässer Ermessensausübung angeordnet wurde und vor dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit standhält. Erforderlich ist eine einzelfallbezogene Interessenabwägung unter Berücksichtigung sämtlicher wesentlicher Umstände. Ausgangspunkt der Überlegungen bil- den die Stellung der verletzten oder gefährdeten Rechtsgüter, die Beson- derheiten des ordnungswidrigen Verhaltens, die persönlichen Verhältnisse des Beschwerdeführers und das von ihm ausgehende, zukünftige Gefähr- dungspotenzial (vgl. Art. 5 Abs. 2 BV; Art. 96 AIG; BGE 139 II 121 E. 6.5.1; BVGE 2017 VII/2 E. 4.5; 2016/33 E. 9; 2014/20 E. 8.1). 5.2 Aufgrund der jahrelangen sowie regelmässigen strafrechtlichen Aktivi- täten vor allem im Bereich von Strassenverkehr und Eigentum sowie der damit oftmals verbundenen Gefährdung von Personen an Leib und Leben wiegt das Verschulden des Beschwerdeführers sehr schwer. Er wurde ins- gesamt zu sechs Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Nach wie vor geht von ihm eine schwerwiegende Gef ahr für die öffentliche Si- cherheit und Ordnung aus (vgl. oben E. 4). An einer langfristigen Fernhal- tung des Beschwerdeführers besteht daher ein erhebliches öffentliches In- teresse. Darüber hinaus soll er mit dem Erlass eines Einreiseverbots im Sinne der Spezialprävention ermahnt werden, sich bei künftigen Aufenthal- ten in der Schweiz an die Rechtsordnung sowie an behördliche Weisungen und Anordnungen zu halten. Berücksichtigt werden soll vorliegend aber auch das Motiv der Generalprävention. Die Einhaltung der Verkehrsregeln und mithin die Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit sind mit einer kon- sequenten Massnahmepraxis zu schützen. 5.3 5.3.1 Dem öffentliche n Fernhalteinteresse sind die Interessen des Be- schwerdeführers an einer Einreise in die Schweiz gegenüber zu stellen. Diesbezüglich führt er an, in der Schweiz geboren zu sein, hier die Schule sowie eine Berufslehre absolviert und immer gearbeitet z u haben. Seine Familie, seine Verwandtschaft und sein ganzes soziales Umfeld befinde sich in der Schweiz und im Schengenraum. Im Kosovo habe er ausser sei- nem Bruder niemanden und lebe dort in ständiger Angst vor einer Blutra- che. Er habe in seinem Leben Fehler gemacht, die er zutiefst bereue und nicht wiederholen werde . Er wolle fortan ein normales Leben führen und F-3577/2020 Seite 12 schnellstmöglich wieder Teil der Familie, der Gesellschaft und der Arbeits- welt in der Schweiz werden. 5.3.2 Das von ihm beabsichtigte Familien- und Berufsleben sowie die re- gelmässige Pflege sozialer Kontakte in der Schweiz scheitern bereits am fehlenden Aufenthaltsrecht des Beschwerdeführers in der Schweiz . Das Migrationsamt des Kantons St. Gallen verweigerte ihm nämlich mit Verfü- gung vom 21. Juli 2016 die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung (vgl. SEM-act. 14). Als Staatsangehöriger Kosovos benötigt er für bewilligungs- freie Kurzaufenthalte in der Schweiz somit ein Visum (vgl. Art. 8 Abs. 1 der Verordnung vom 22. Oktober 2008 über die Einreise und die Visumertei- lung [VEV, SR 142.204] i.V.m. Art. 3 Abs. 1 der Verordnung [EU] 2018/1806 vom 14. November 2018 [ABl. L 303/39 vom 28.11.2018] i.V.m. ihrem An- hang I Ziff. 2). Der Beschwerdeführer ist 29 Jahre alt. Mangels eines Ab- hängigkeitsverhältnisses im Sinne der Rechtsprechung werden s eine Be- ziehungen zur Mutter sowie zu den in der Schweiz verbliebenen Geschwis- tern vom Schutz von Art. 8 EMRK nicht umfasst (vgl. BGE 144 II 1 E. 6.1; 135 I 143 E. 3.1). Weiter werden seine privaten Interessen insoweit relati- viert, als das Einreiseverbot ausnahmsweise aus humanitären oder ande- ren wichtigen Gründen für kurze, klar begrenzte Zeit suspendiert werden kann. Besuchsaufenth alte bei Familienangehörigen sind deshalb nicht schlichtweg untersagt (vgl. Art. 67 Abs. 5 AIG; BVGE 2013/4 E. 7.4.3). 5.4 Trotz der engen Bindung des Beschwerdeführers zur Schweiz vermö- gen angesichts der langjährigen, regelmässigen und schweren Delinquenz gegen zum Teil hochwertige Rechtsgüter seine privaten Interessen das ge- wichtige öffentliche Interesse an einer lang andauernden Fernhaltemass- nahme nicht aufzuwiegen. Eine wertende Gewichtung der vorliegend invol- vierten Interessen ergibt daher, dass das auf zehn Jahre befristete Einrei- severbot sowohl im Grundsatz als auch in Bezug auf die Dauer eine ver- hältnismässige und angemessene Massnahme zum Schutz der öffentli- chen Sicherheit und Ordnung darstellt. 6. Inwiefern der Beschwerdeführer über ein soziales Umfeld oder über ander- weitige private Interessen im Schengenraum verfügt, legt er weder dar, noch kann dies den Akten entnommen werden. Demgegenüber hat er er- heblich gegen die schweizerische Rechtsordnung verstossen (vgl. oben Bst. B). Die Ausschreibung des Einreiseverbots im Schengener Informati- onssystem ist deshalb zur Wahrung der Interessen der Gesamtheit aller Schengen-Staaten notwendig, verhältnismässig und nicht zu beanstanden F-3577/2020 Seite 13 (vgl. Art. 21 und Art. 24 Abs. 2 Bst. a SIS II -Verordnung; Art. 21 der N-SIS-VO). 7. Die angefochtene Verfügung verletzt Bundesrecht nicht (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 8. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Verfahrenskosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Sie sind in Anwendung von Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) auf Fr. 1'000.– festzusetzen und durch den in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss gedeckt. Eine Parteientschädigung steht dem Beschwerdeführer nicht zu (Art. 64 Abs. 1 VwVG). 9. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache endgültig (vgl. Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG). (Dispositiv nächste Seite) F-3577/2020 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 1'000.– werden dem Beschwerdeführer auf- erlegt. Sie sind durch den in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss gedeckt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer und die Vorinstanz. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Claudia Cotting-Schalch Mathias Lanz Versand: