<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 52 S.188</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">188</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>52</b></span> <span class="ft2"><b>Probeweise Aufhebung der fürsorgerischen Freiheitsentziehung unter</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Weisungen und Auflagen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Entlassung unter Auflage medizinischer Behandlung ist keine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Zwangsmassnahme; Anordnung der Behandlungsart gehört in den</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Fachbereich der Ärzte; Androhung der Wiedereinweisung bei Nicht-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>befolgung einer Auflage nicht zulässig.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Auflage betreffend Art der Medikation greift in Fachbereich der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Ärzte ein.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 31. Oktober 2000 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen S.F. gegen Verfügung des Bezirksamtes B.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">S.F. wurde mittels fürsorgerischer Freiheitsentziehung in die</span><br/> <span class="ft1">Klinik Königsfelden eingewiesen. Das einweisende Bezirksamt er-</span><br/> <span class="ft1">liess nach einer Besserung des Zustandes von S.F. eine Verfügung,</span><br/> <span class="ft1">mit welcher die fürsorgerische Freiheitsentziehung unter Bedingun-</span><br/> <span class="ft1">gen und Auflagen aufgehoben wurde, wobei S.F. weiterhin freiwillig</span><br/> <span class="ft1">in der Klinik verblieb.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. b) Die Weisung des Bezirksamtes B., der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft1">habe sich einer regelmässigen Depotmedikation - ähnlich dem "Clo-</span><br/> <span class="ft1">pixol" 200 mg - zu unterziehen und sich über die Einnahme auszu-</span><br/> <span class="ft1">weisen, ist daher auf ihre Zulässigkeit zu prüfen.</span><br/> <span class="ft1">aa) Vorweg ist festzuhalten, dass es sich bei Ziffer 2 lit. b der</span><br/> <span class="ft1">angefochtenen Verfügung nicht um eine Zwangsmassnahme gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 67e</span><span class="ft5"><sup>bis</sup></span> <span class="ft1">EG ZGB handelt, da solche klarerweise nur im Rahmen einer</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">189</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">rechtmässigen und uneingeschränkten fürsorgerischen Freiheitsent-</span><br/> <span class="ft1">ziehung mit stationärem Zwangsaufenthalt in der Psychiatrischen</span><br/> <span class="ft1">Klinik Königsfelden (PKK) zulässig sind. Nach konstanter Recht-</span><br/> <span class="ft1">sprechung sind Zwangsmassnahmen im ambulanten Rahmen nicht</span><br/> <span class="ft1">zulässig (ZBl 1996, S. 505 ff.), das gilt ebenso für Patienten, die sich</span><br/> <span class="ft1">wie der Beschwerdeführer freiwillig in der PKK aufhalten. Trotz</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich rechtmässig verfügter Auflage, darf eine neurolepti-</span><br/> <span class="ft1">sche Medikation nicht mit Zwang gegen den Willen des Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führers durchgesetzt werden, wenn und so lange die Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft1">einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung gemäss Art. 397a ZGB</span><br/> <span class="ft1">nicht vollumfänglich erfüllt sind.</span><br/> <span class="ft1">bb) Zum Inhalt der Auflage gemäss Ziffer 2 lit. b der ange-</span><br/> <span class="ft1">fochtenen Verfügung ist auf die Rechtsprechung des Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft1">richts bei Zwangsmassnahmen zu verweisen. Selbst in Fällen von</span><br/> <span class="ft1">rechtmässiger Zwangsmedikation im Rahmen einer fürsorgerischen</span><br/> <span class="ft1">Freiheitsentziehung gilt, dass das Gericht grundsätzlich nicht zur</span><br/> <span class="ft1">Beurteilung der konkreten ärztlichen Anordnungen zuständig ist. Die</span><br/> <span class="ft1">Wahl des Medikamentes, die Dosierung, die Behandlungsart, die</span><br/> <span class="ft1">Wahl der Abteilung etc., gehören in den Fachbereich der Ärzte</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 2000, S. 170 f.). Dies muss um so mehr bei der Formulie-</span><br/> <span class="ft1">rung von Weisungen gemäss § 67h EG ZGB Geltung haben. Weder</span><br/> <span class="ft1">das für die Entlassung zuständige Bezirksamt noch das Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">gericht haben den Ärzten Vorschriften über die Wahl des Medika-</span><br/> <span class="ft1">mentes und die Art der Verabreichung zu machen. Die aktuelle De-</span><br/> <span class="ft1">potmedikation mit Clopixol ist aufgrund der Erfahrung, dass der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer orale Medikamente in der Vergangenheit stets früher</span><br/> <span class="ft1">oder später wieder abgesetzt hat, sinnvoll. Dies hat denn auch zur</span><br/> <span class="ft1">Verbesserung des Zustandsbildes des Beschwerdeführers beige-</span><br/> <span class="ft1">tragen. Ob und wie lange diese konkrete Medikation aber im ambu-</span><br/> <span class="ft1">lanten Rahmen noch medizinisch indiziert und aufgrund der nachge-</span><br/> <span class="ft1">wiesenen Nebenwirkungen zu verantworten ist, muss alleine den</span><br/> <span class="ft1">zuständigen Ärzten überlassen werden - seien es während des frei-</span><br/> <span class="ft1">willigen Aufenthaltes in der PKK Klinikärzte oder danach externe</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">190</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Psychiater. Immerhin ist auch nicht ausgeschlossen, dass aufgrund</span><br/> <span class="ft1">eines Vertrauensverhältnisses zwischen dem Beschwerdeführer und</span><br/> <span class="ft1">einem Arzt eine verbesserte Krankheits- und Behandlungseinsicht</span><br/> <span class="ft1">und damit eine bessere Compliance eintritt. Dann könnte auf eine</span><br/> <span class="ft1">orale Medikation mit weniger unangenehmen Nebenwirkungen um-</span><br/> <span class="ft1">gestellt werden. Es ist zudem zu berücksichtigen, dass sich der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer ausdrücklich bereit erklärt hat, Zyprexa regelmässig</span><br/> <span class="ft1">einzunehmen.</span><br/> <span class="ft1">cc) Daraus ergibt sich, dass die Weisung gemäss Ziffer 2 lit. b</span><br/> <span class="ft1">der angefochtenen Verfügung, soweit sie die Art der Verabreichung</span><br/> <span class="ft1">(Depotmedikation) betrifft, zu stark in die Kompetenz der Ärzte ein-</span><br/> <span class="ft1">greift. Aufgrund der bisherigen Krankengeschichte und der Diagnose</span><br/> <span class="ft1">einer paranoiden Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.0) und später</span><br/> <span class="ft1">einer chronischen paranoiden Schizophrenie (ICD-10 F20.0), ist</span><br/> <span class="ft1">erstellt, dass der Beschwerdeführer als Bestandteil der notwendigen</span><br/> <span class="ft1">persönlichen Fürsorge auf regelmässige neuroleptische Medikation</span><br/> <span class="ft1">angewiesen ist. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich sein Zu-</span><br/> <span class="ft1">stand verschlechtert, was erneute Zwangseinweisungen nötig machen</span><br/> <span class="ft1">kann. Da zur Zeit keine Krankheits- und Behandlungseinsicht beim</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer erkennbar ist, rechtfertigt sich eine entsprechende</span><br/> <span class="ft1">Weisung. Der Beschwerdeführer hat sich daher einer psychiatrischen</span><br/> <span class="ft1">Behandlung mit regelmässiger Verabreichung neuroleptischer Medi-</span><br/> <span class="ft1">kamente zu unterziehen, welche nach dem Austritt aus der PKK in</span><br/> <span class="ft1">ambulantem Rahmen fortzusetzen ist. Die Wahl des Medikaments</span><br/> <span class="ft1">und der Behandlungsart ist Sache des jeweils zuständigen Arztes. Die</span><br/> <span class="ft1">angefochtene Weisung ist daher entsprechend neu zu formulieren.</span><br/> <span class="ft1">Zudem ist Absatz 2 von Ziffer 1 der angefochtenen Verfügung von</span><br/> <span class="ft1">Amtes wegen anzupassen, d.h. das freiwillige Verbleiben in der</span><br/> <span class="ft1">Klinik ist nicht von der regelmässigen Depotmedikation abhängig.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer hat sich, nicht zuletzt in seinem eigenen In-</span><br/> <span class="ft1">teresse, über die Behandlung und Medikation beim Bezirksamt B.</span><br/> <span class="ft1">auszuweisen, damit allfällige Änderungen an der Verfügung vorge-</span><br/> <span class="ft1">nommen oder diese gar gänzlich aufgehoben werden kann. Damit ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">191</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gewährleistet, dass das Bezirksamt B. auch davon Kenntnis erhält,</span><br/> <span class="ft1">wenn der Beschwerdeführer definitiv entlassen werden könnte.</span><br/> <span class="ft1">3. Von Amtes wegen ist Absatz 2 von Ziffer 2 lit. b der ange-</span><br/> <span class="ft1">fochtenen Verfügung aufzuheben. Er lautet:</span><br/> <span class="ft6">"Werden diese Weisungen durch S.F. nicht befolgt, so hat er mit einer</span><br/> <span class="ft6">Rückversetzung auf eine geschlossene Abteilung der Klinik K. zu</span><br/> <span class="ft6">rechnen."</span><br/> <span class="ft1">Die Androhung einer Rückversetzung auf eine geschlossene</span><br/> <span class="ft1">Abteilung der Klinik bei Nichteinhaltung der Weisungen entbehrt</span><br/> <span class="ft1">einer gesetzlichen Grundlage. Dies würde der Anordnung einer</span><br/> <span class="ft1">neuen fürsorgerischen Freiheitsentziehung gleichkommen, welche</span><br/> <span class="ft1">nur zulässig ist, wenn sämtliche Voraussetzungen gemäss Art. 397a</span><br/> <span class="ft1">ZGB erfüllt sind. Beim Beschwerdeführer würde das bedeuten, dass</span><br/> <span class="ft1">- unabhängig von der Einhaltung der Weisungen - eine Verschlechte-</span><br/> <span class="ft1">rung seines Gesundheitszustandes eintritt, so dass erneut eine statio-</span><br/> <span class="ft1">näre Behandlungsbedürftigkeit entsteht und zusätzlich die Zwangs-</span><br/> <span class="ft1">einweisung verhältnismässig ist. Dies hätte gegebenenfalls im</span><br/> <span class="ft1">ordentlichen Einweisungsverfahren durch die zuständige Einwei-</span><br/> <span class="ft1">sungsbehörde - unter Einhaltung sämtlicher Verfahrensvorschriften -</span><br/> <span class="ft1">geprüft zu werden.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>