B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-5836/2020 U r t e i l v o m 1 4 . D e z e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Einzelrichterin Contessina Theis, mit Zustimmung von Richterin Déborah D'Aveni, Gerichtsschreiberin Martina von Wattenwyl. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, B._______, geboren am (…), Iran, C._______, geboren (…), Afghanistan, D._______, geboren am (…), Afghanistan, alle vertreten durch Gabriel Püntener, Rechtsanwalt, Advokaturbüro, (…) Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 20. Oktober 2020 / N (…). D-5836/2020 Seite 2 Sachverhalt: A. Eigenen Angaben zufolge verliessen die Beschwerdeführenden , afghani- sche respektive iranische Staatsangehörige tadschikischer respektive per- sischer Ethnie, alle mit letztem Wohnsitz in Teheran, am 13. Juni 2018 den Iran. Am 18. Juni 2018 reisten sie legal mit einem (…) Schengen Visum in die Schweiz ein und stellten am 25. Juni 2018 ein Asylgesuch. Am 12. Juli 2018 wurden die Beschwerdeführenden im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) in E._______ zu ihrer Person, ihrem Reiseweg und summarisch zu ihren Asylgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am 14. August 2019 fand die Anhörung der Beschwerdeführerin zu den Asylgründen statt. Der Beschwerdeführer wurde am 15., 16. sowie am 28. Januar 2019 zu seinen Asylgründen befragt. B. B.a Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er stamme aus der Provinz F._______, wo er nach sei- ner Geburt mit seinen Eltern und den Geschwistern gelebt habe. Aufgrund von Clanrivalitäten seien seine Eltern sowie andere Familienangehörige getötet und sein Bruder schwer verletzt worden. Die rivalisierende Familie habe sich mit den Taliban zusammen geschlossen und gegen sie g e- kämpft. Im Jahr 1999 sei er aufgrund dessen in den Iran geflüchtet, wo er in der Folge studiert und seit Februar 2010 in der (…) als (…) respektive (…) gearbeitet habe. Wegen der interethnischen Ehe mit seiner iranischen Ehefrau sei es zu familiären und behördlichen Problemen gekommen. Ins- besondere habe man während mehreren Jahren die Ehe im Iran nicht offi- ziell registrieren wollen. Schliesslich habe er durch Beziehungen den stell- vertretenden Chef des (…) in Teheran kontaktieren können. Dieser habe ihm angeboten, seine Probleme der Eheregistrierung sowie diejenigen mit dem Studienabschluss zu lösen, wenn er im Gegenzug für (…) (…) würde. Er habe die Angelegenheit unverzüglich seiner (…) gemeldet. In der Folge hätte seine (…) ihn aufgefordert, auch für sie (…) von (…) zu sammeln. Nach rund zwei Jahren habe der (…) von seiner (…) erfahren. Danach sei er wiederholt von den iranischen Behörden angehalten, verprügelt und zu mehrstündigen Verhören mitgenommen worden, man habe ihm mehrmals auch mit dem Tod gedroht. Sein Haus sei in seiner Abwesenheit durch- sucht worden und er sei unter dauernder Beobachtung gestanden. Zudem seien seine (…) gesperrt worden. Unter anderem habe er zudem erfahren, dass die (…) in direktem Kontakt zu (…) stünden. Aus diesem Grund habe D-5836/2020 Seite 3 er befürchtet, in Afghanistan von diesen getötet zu werden. Die (…) habe ihm bei Besuchen in seinem Heimatland mehrmals einen (…) zur Verfü- gung gestellt. Diesen (…) könne er jedoch nicht mehr erhalten, da man ihm (…) mit dem (…) unterstelle, deshalb sei er mit seiner Familie geflüchtet. Er befürchte einerseits, bei einer Rückkehr in den Iran, vom iranischen Ge- heimdienst umgebracht zu werden, anderseits bei einer Rückkehr nach Af- ghanistan ein Opfer der Taliban oder vom afghanischen Geheimdienst ver- haftet zu werden. B.b Die Beschwerdeführerin legte dar, sie sei iranische Staatsangehörige und habe (…) an der Universität in Teheran studiert. Danach habe sie als (…) für ein halbprivates Institut gear beitet, bis man ihr wegen ihrer Ehe- schliessung mit einem afghanischen Staatsangehörigen gekündigt habe. Sie selber sei nur einmal, dies vor der offiziellen Registrierung ihrer Ehe, vom (…) verhört worden. Neben familiären Problemen mit ihrer Familie, mit welcher sie seit der Eheschliessung keinen Kontakt habe, habe sie keine individuellen Probleme. Sie sei wegen ihrem Ehemann ausgereist. Dem Gesuch wurden folgende Beweismittel beigelegt (die in den Klam- mern erw ähnten Beweismittel [BM] sind nach der Reihenfolge des vor - instanzlichen N-Dossiers bezeichnet): - (…) Pass des Beschwerdeführers (BM 1) - Iranischer Pass der Beschwerdeführerin (BM 1) - Zwei afghanischer Pässe der Kinder der Beschwerdeführenden (BM 1) - Tazkera des Beschwerdeführers (in Kopie [BM 2]) - Iranische identitätskarte der Beschwerdeführerin (in Kopie [BM 3]) - Geburtszertifikat der Beschwerdeführerin (in Kopie mit Übersetzung [BM 4]) - Auszug aus dem afghanischen Familienregister (in Kopie [BM 5]) - Zwei (…) Identitätskarten des Beschwerdeführers (in Kopie [BM 6]) - Je ein Geburtszertifikat der Kinder (in Kopie [BM 7]) D-5836/2020 Seite 4 - Verschiedene Unterlagen im Zusammenhang mit dem Studium des Be- schwerdeführers (BM 8) - Zwei Besitzerurkunden von iranischen Grundstücken (mit Übersetzung [BM 9]) - Kontoauszug und Kreditkarten aus dem Iran (in Kopie [BM 10]) - Formular der iranischen (…) (in Kopie [BM 11]) - Diverse Unterlagen im Zusammenhang mit der Heirat der Beschwer- deführenden (BM 12) - Verschiedene Unterlagen im Zusammenhang mit Visaanträgen und Reisen (BM 13) - Mailadresse und (…) zur Kommunikation mit den (…) (in Kopie [BM 14]) - Iranische (…) (in Kopie [BM 15]) - Erste Seite des Passes der Ehefrau des afghanischen (…) (in Kopie [BM 16]) - Arztbericht des Beschwerdeführers (in Kopie [BM 17]) - Dokument im Zusammenhang mit der Haft eines Mitarbeiters des Be- schwerdeführers (in Kopie [BM 18]) - Dokument im Zusammenhang mit der Arbeit des Beschwerdeführers (in Kopie [BM 19]) - Führerausweis und Foto des Autos des Beschwerdeführers (BM 20) - Diverse Fotos des afghanischen rivalisierenden Clanoberhaupts (in Ko- pie [BM 21]) - Fünf Fotos des Beschwerdeführers mit dem ehemaligen (…) (in Kopie [BM 22]) - Ein Foto des Beschwerdeführers mit (…) (in Kopie [BM 23]) D-5836/2020 Seite 5 - Diverse Skizzen von (…) (in Kopie [BM 24]) - Verschiedene Fotos mit Bewaffneten im Iran (in Kopie [BM 25]) - Liste mit Namen und Aufgabengebieten von acht Mitarbeitern des (…) (…) (in Kopie [BM 26]) - Drei Fotos eines (…) Ausbildungszentrums (in Kopie [BM 27]) - Ein Dokument im Zusammenhang mit den Aufgaben des afghanischen (…) (in Kopie [BM 28]) - Ein Foto des Quartiers G._______ (in Kopie [BM 29]) - Ein Foto von afghanischen Märtyrern im Syrienkrieg (in Kopie [BM 30]) - Ein Dokument mit der Aufstellung der Aufgaben des Beschwerdefüh- rers für den afghanischen (…) (in Kopie [BM 31]) - Persönliche Verpflichtungserklärung des Beschwerdeführers (in Kopie [BM 32]) - Ein USB-Stick (BM 33) - Offizielles Schreiben der (…) (…) betreffend gewalttägiger Angriff der Beschwerdeführenden in der Region (…) vom 17. Juni 2017 (in Kopie und Übersetzung [BM 34]) - Zwei afghanische Identitätsdokumente sowie eine identitätskarte von Herrn H._______(in Kopie [BM 35]) - Zeitungsartikel der The Times im Zusammenhang mit der Ausbildung von Taliban im Iran (in Kopie [BM 36]) - Zwei Verfügungen sowie eine Bestätigung der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit ihrer Arbeit im Iran (in Kopie [BM 37]) - Bestätigung einer Arbeitsdispensation der Beschwerdeführerin (BM 38) - Ein Dokument des letzten Freiwilligeneinsatzes der Beschwerdeführe- rin (in Kopie [BM 39]) D-5836/2020 Seite 6 - Iranischer Führerausweis des Beschwerdeführers (mit Übersetzung [BM 40]) C. Mit Verfügung vom 20. Oktober 2020 – eröffnet am 21. Oktober 2020 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingsei- genschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug. D. Die Beschwerdeführenden fochten mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 20. November 2020 (Datum Poststempel) die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragte n, die Verfügung der Vor - instanz sei aufgrund der Verletzung des Anspruchs auf das rechtliche Ge- hör sowie wegen Verletzung der Begründungspflicht aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und zur richtigen sowie vollständigen S achverhaltserhebung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Als weitere Eventualanträge wurde die Begehren gestellt, es sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdefüh- renden festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren oder die Unzulässigkeit alternativ die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen. Weiter wurde Akteneinsicht in die das BM 33 (USB-Stick) beantragt, da lediglich eine Papierkopie des Sticks, jedoch nicht deren Inhalt vorliege. Des Weiteren sei ihnen nach gewährter Einsicht in die Akten eine ange- messene Nachfrist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung zu ge- währen. Ferner sei bekannt zu geben, welches Spruchgremium für den vorliegenden Fall zusammengesetzt worden und wie dieses entstanden sei. Zudem habe das Bundesverwaltungsgericht die objektiven Kriterien bekannt zu geben, nach welchen die Gerichtspersonen ausgewählt wor- den seien und hierzu die Einsicht in die Software des Gerichts zu gewäh- ren. Der Beschwerde wurden ein Bericht zu Liwa Fatemiyoun (Auszug aus Wi- kipedia) sowie fünfzehn Zeitungsartikel beigelegt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den D-5836/2020 Seite 7 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht für die Be- urteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlic h begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfol- gend aufgezeigt wird, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 4. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 5. 5.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs- grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen- digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu- klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei beschrän- ken sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene Umstände, wel- che die Betroffenen belasten, sondern haben auch die entlastenden Mo- mente zu erfassen. Die Behörde hat alle sach- und entscheidwesentlichen D-5836/2020 Seite 8 Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak- tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheb- lichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich nicht alle ent- scheidwesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft werden, oder weil Beweise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die Sachver- haltsfeststellung demgegenüber, wenn nicht alle für den Entscheid rechts- relevanten Sachumstände berücksichtigt wurden. Dies ist häufig dann der Fall, wenn die Vorinstanz gleichzeitig den Anspruch der Parteien auf recht- liches Gehör verletzt hat (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). 5.2 Nach Art. 8 AsylG hat die asylsuchende Person demgegenüber die Pflicht (und unter dem Blickwinkel des rechtlichen Gehörs im Sinne von Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizeri- schen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101] auch das Recht) an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken. Sofern die ge- setzlichen Mitwirkungspflichten durch die asylsuchende Person nicht ver- letzt worden sind, muss die Behörde insbesondere dann weitere Abklärun- gen ins Auge fassen, wenn aufgrund der Vorbringen der asyls uchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen, die voraus- sichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden können (vgl. BVGE 2009/50, E. 10.2; BVGE 2008/24, E. 7.2.; BVGE 2007/21, E. 11.1). 5.3 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien eines Verfahrens An- spruch auf rechtliches Gehör. Dieser Grundsatz wird in den Art. 29 ff. VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert. Er dient einerseits der Aufklärung des Sachverhalts, andererseits stellt er ein persönlichkeitsbe- zogenes Mitwirkungsrecht der Partei dar. Der Anspruch auf rechtliches Ge- hör verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder- schlagen muss (BVGE 2015/10 E. 3.3 m.w.H.). 5.4 Die Vorinstanz begründete ihre ablehnende Verfügung im Wesentli- chen damit, die geltend gemachten Clanstreitigkeiten in Afghanistan sowie die Angst vor weiteren Ansc hlägen durch die rivalisierende Familie seien stereotyp, vage sowie repetitiv ausgefallen. Da er bereits im Jahr 1998 ge- flüchtet und nie persönlich angegriffen worden sei, sich jedoch regelmässig in (…) aufgehalten habe sowie seine engen Familienangehörigen problem-D-5836/2020 Seite 9 los in Afghanistan haben leben können, sei von keiner konkreten diesbe- züglichen Gefahr auszugehen. Die hierzu eingereichten Beweismittel seien ungeeignet, eine Verfolgung durch Personen dieses Clans darzulegen. Die Probleme aufgrund der interethnischen Ehe seien zwar zu bedauern, jedoch seien diese zwischenzeitlich gelöst worden und stünden nicht im Zusammenhang mit der Ausreise im Jahr 2018, weshalb ihnen die Asylre- levanz abzusprechen sei. Hinsichtlich seiner Vorbringen im Zusammenhang mit seiner (…) sei fest- zustellen, dass diese jeder Logik widersprechen würden. So erscheine es einerseits paradox, dass der (…) das Risiko auf sich genommen haben soll, den Beschwerdeführer bei einem ersten Treffen für (…) (…) zu haben, obwohl dieser über keinerlei diesbezügliche Erfahrung verfügt habe und ihnen zudem unbekannt gewesen sei. Vielmehr sei davon auszugehen, dass er nur für den (…) (…) habe. Ferner sei es zu Widersprüchen bezüg- lich seiner Aussagen der gefälschten (…) gekommen. Weiter sei es abwe- gig davon auszugehen, dass ihn der (…) an den (…) (…) verraten haben soll, zumal Letzterer angeblich selber unter Verdacht gestanden habe, für (…) zu arbeiten. Überdies seien die (…) bereits über die Tätigkeiten des Beschwerdeführers informiert gewesen. Weiter sei es nicht nachvollzieh- bar, dass er zwar mehrmals von den iranischen Behörden festgenommen und bedroht worden, jedoch wieder freigelassen worden sei. Wäre er eine wichtige Person gewesen, hätten sie ihn nach den erfolgten Verhören nicht wieder freigelassen oder ihn mit seiner Familie legal ausreisen lassen. Zu- dem widerspreche die Behauptung, er habe aufgrund seines (…) gar nicht (…) gesetzt werden können, jeglicher Logik. Insgesamt würden seine Vor- bringen den Anforderungen an Art. 7 AsylG nicht standhalten. Ausgenom- men die eingereichten Identitätsdokumente, seien die restlichen Eingaben keiner materiellen Prüfung unterzogen worden, weil Beweismittel leicht käuflich oder leicht f älschbar seien und deshalb ihre Echtheit nicht über- prüft werden könnte. Hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung in den Iran sei anzufügen, dass die Beschwerdeführerin iranische Staatsangehörige sei und nach bereits erfolgter offizieller Anerkennung der Ehe für den Beschwerdeführer und die gemeinsamen Kinder, welche über die afghanisc he Staatsbürgerschaft verfügen, die Möglichkeit bestehe, den Aufenthalt im Iran legalisieren zu lassen. Überdies sei es seit kurzem möglich, als iranische Staatsangehö-D-5836/2020 Seite 10 rige ein Einbürgerungsgesuch bei den zuständigen Behörden für die Kin- der einzureichen. Andere Wegweisungshindernisse seien keine vorhan- den. 5.5 Die Beschwerdeführenden monierten neben unvollständiger Aktenein- sicht, die Verletzung der Gewährung des rechtlichen Gehörs ebenso wie die Verletzung der Begründungspflicht. Zudem verstosse die Vorinstanz gegen das Willkürverbot und habe den rechtserheblichen Sachverhalt we- der vollständig noch richtig abgeklärt. Indem die Vorinstanz es unterlassen habe, zahlreiche Beweismittel , wel- che teilweise nicht einmal einzeln aufgelistet worden seien, einer materiel- len Prüfung zu unterziehen, verstosse sie gegen verschiedene v erwal- tungsrechtliche Prinzipien. Zudem gehe aus den bindenden Richtlinien des SEM klar hervor, dass die befragende Person jedes einzelne vorgelegte Beweismittel einer Vorprüfung zu unterziehen habe, bevor diese als rele- vant eingestuft und zu den Akten gelegt würden. Bei Ablehnung bestimmter Beweismittel habe eine Begründung zu erfolgen. Vorliegend sei die Vorge- hensweise der Vorinstanz willkürlich und verletze den Anspruch auf das rechtliche Gehör. Ferner sei dadurch auch der Sachverhalt unvollständig festgestellt und in der Folge die behördliche Begründungspflicht verletzt worden. Sodann falle auf, dass die befragende Person die Anhörungen weder ob- jektiv oder sachlich noch unvoreingenommen durchgeführt habe. Der Be- schwerdeführer habe sich nicht frei äussern können. An mehreren Stellen habe er dies zu Protokoll gegeben. Zudem falle auf, dass die befragende Person voreing enommene, konfrontative und besserwisserische Fragen gestellt habe. Ebenso sei ihm mehrmals während der Anhörung vorgewor- fen worden, er beantworte die ihm gestellten Fragen nicht korrekt, die Ant- worten seien sinnlos oder er führe einen Monolog. Diese offensichtliche persönliche sowie negative Überzeugung der befragenden Person habe sich nicht nur auf die gestellten Fragen, sondern auch auf das gesamte Aussageverhalten des Beschwerdeführers ungünstig ausgewirkt. Insge- samt sei der Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt worden und die Vor - instanz habe es unterlassen, sich tatsächlich mit seinen (…) Aktivitäten auseinanderzusetzen, obwohl der Beschwerdeführer an mehreren Stellen im Protokolls darauf aufmerksam gemacht habe. Überdies seien die Fa- temiyoum-Brigaden, welche der Beschwerdeführer mehrmals anl ässlich den Anhörungen erwähnt habe, in der angefochtenen Verfügung mit kei- nem Wort erwähnt worden. Im historischen und politischen Kontext sei die D-5836/2020 Seite 11 diesbezügliche Auseinandersetzung jedoch brisant und hätte berück sich- tigt werden müssen, da dies vorliegend einen wesentlichen Einfluss auf die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen sowie auf die Flüchtlingseigenschaft und die Unzulässigkeit respektive die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs habe. Schliesslich sei die sich verschlechternde menschenrechtliche Situation im Iran zu berücksichtigen. Weiter wurde der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers und seiner beiden Kinder als afghanische Staatsangehörige in den Iran mo- niert. Zwar gebe es ein Gesetz, welches die Möglichkeit biete, die iranische Staatsbürgerschaft zu erlangen, handle es sich dabei jedoch um einen the- oretischen Anspruch , zumal aus der iranischen Gesetzgebung kein Rechtsanspruch auf die iranische Staatsangehörigkeit abgeleitet werden könne. 5.6 In der Beschwerde wird eingangs in formeller Hinsicht beantragt, be- kannt zu geben, unter welchen Umständen das Spruchgremium für den vorliegenden Fall entstanden und zusammengesetzt worden sei. Des Wei- teren seien die objektiven Kriterien bekannt zu geben, nac h welchen die Gerichtspersonen ausgewählt worden seien und hierzu die Einsicht in die Software des Gerichts zu gewähren. Der Antrag auf Bekanntgabe des Spruchgremiums ist mit diesem Urteil gegenstandslos geworden. Da der Antrag auf Gewährung der Einsicht in die Datei der Software des Bundes- verwaltungsgerichts wiederum auf die Bekanntgabe der Art und Weise der Bildung des Spruchkörpers zielt , ist dieses Begehren ebenfalls gegen- standslos geworden. Der Antrag auf vollständige Akteneinsicht erübrigt sich desgleichen mit dem Ergehen dieses Urteils. Jedoch ist anzumerken, dass die Vorinstanz dazu angehalten gewesen wäre, nicht nur eine Papier- kopie des sich in den vorinstanzlichen Akten befindenden USB-Sticks, son- dern Einsicht in deren Inhalt zu gewähren, andernfal ls deren Inhalt dem Beschwerdeführer nicht zugänglich gemacht werden kann. 5.7 Weiter wird gerügt, der Sachverhalt sei aufgrund fehlender materieller Prüfung zahlreicher Beweismittel ungenügend abgeklärt worden. Sodann seien die Anhörungen in ungeeigneter und voreingenommener Weise durchgeführt worden. Bei der Durchsicht der Akten fällt auf, d ass die zahlreichen zu den Akten gelegten Beweismittel nicht vollständig sowie nicht alle einzeln aufgeführt sind. Es ist Aufgabe der zuständigen Behörde, jedes Beweismittel korrekt und einzeln zu erfassen. Es erschliesst sich dem Gericht nicht, weshalb die D-5836/2020 Seite 12 Vorinstanz die materielle Prüfung der Beweismittel unterlassen hat, zumal es sich vorliegend um einen komplexen Sachverhalt handelt und die Be- weismittel zur Erhellung des Sachverhalts respektive der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen hätten beitragen können. Ferner wäre es angebracht ge- wesen, die relevanten Beweismittel übersetzen zu lassen. Deren genauer Inhalt bleibt unklar. Mit dieser Vorgehensweise hat die Vorinstanz – wie in der Beschwerdeschrift richtigerweise festgehalten wurde – den rechtser- heblichen Sachverhalt unvollständig festgestellt und in der Folge auch ihre Begründungspflicht verletzt. Da sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene Umstände, welche die Betroffenen belasten, zu beschränken haben, sondern auch die entlastenden Momente zu erfassen sind , kann vorliegend nicht von der vollständigen Erhebung des rechtserheblichen Sachverhalts ausgegangen werden. Unter den genannten Umständen ist es dem Gericht nicht möglich, abschliessend zu beurteilen, ob die vorhan- denen Beweismittel bedeutsam oder unwesentlich für das Asylgesuch der Beschwerdeführenden sind. Hinsichtlich der bemängelten Anhörung ist Folgendes zu bemerken: Ge- mäss dem Handbuch des SEM hat die befragende Person während der ganzen Anhörung objektiv zu bleiben und muss vorgefasste Meinungen, Stereotypen sowie Vorurteile vermeiden. Die persönliche Überzeugung der befragenden Person wirkt sich nicht nur auf deren Haltung und auf die ge- stellten Fragen aus, sie beeinflusst auch das Verhalten und die Antworten der angehörten Person. Ausserdem soll die befragende Person jeden An- flug von Belehrung oder Werturteil vermeiden, selbst wenn die asylsu- chende Person ein nachweislich unangemessenes Verhalten an den Tag legt, ihre Mitwirkungspflicht verle tzt oder eine offensichtlich unglaubhafte Darstellung der Ereignisse liefert. Die asylsuchende Person soll sich frei ausdrücken und eine aktive Rolle einnehmen können, indem sie unaufge- fordert möglichst umfassende und genaue Informationen wiedergeben kann. Offene Fragen sind während der ganzen Anhörung zu bevorzugen, um eine freie und spontane Erzählung zu fördern. Diese Technik erlaubt der asylsuchenden Person, sich völlig frei zu äussern, unaufgefordert und ohne Beeinflussung durch die ihr gestellten Fragen Einzelheiten zu nennen sowie ihre Originalität und Persönlichkeit unter Beweis zu stellen – Ele- mente, die im Hinblick auf die Kriterien der Glaubhaftigkeit gewürdigt wer- den können (vgl. https://www.sem.admin.ch/dam/sem/de/data/asyl/verfah- ren/hb/c/hb-c62-d.pdf.download.pdf/hb-c62-d.pdf, S.27-28, abgerufen am 7. Dezember 2020). Ebenso impliziert der Anspruch auf das rechtliche Ge- hör, dass die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen tatsäch-D-5836/2020 Seite 13 lich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft sowie in der Entscheidfindung be- rücksichtigt, was sich auch in der Entscheidbegründung niederzuschlagen hat. Dem Beschwerdeführer wurde diese Möglichkeit nicht vollumfänglich gewährt, zumal er mehrmals unterbrochen sowie dazu angehalten wurde, nicht jedes Detail zu erwähnen (vgl. act. A15/25, F42, F78, F112, F125, F136, F147, F151f., F226-229, F271). Weiter stechen einige Bemerkungen der befragenden Person in s Auge, welche den Eindruck einer gewissen Ungeduld sowie Voreingenommenheit erwecken. So kann es beispiels- weise nicht angehen, einer asylsuchenden Person zu unterstellen, sie wolle lediglich ihre gesamte Lebensgeschichte loswerden oder einzelne ihrer Vorbringen gar als sinnlos oder als Monolog abzustem- peln (vgl. act. A15/25, F120, F137, F271, F285). Ebenso hat di e befra- gende Person persönliche Meinungen zur Glaubhaftigkeit der Ausführun- gen der asylsuchenden Person während einer Anhörung zu unterlassen. Die vorliegenden Mängel sind jedoch nicht in dem Masse gravierend, als dass das Anhörungsprotokoll aus dem Recht gewiesen werden müsste. 5.8 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge- stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh- ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz- lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er- scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Vorliegend kann es nicht am Bundesverwaltungsgericht liegen, systematische Fehler des SEM auf Beschwerdeebene zu beheben und damit die Vorinstanz gleichsam von einer sorgfältigen Verfahrensführung zu entbinden, zumal den Betroffenen durch ein solches Vorgehen eine Insta nz verloren ginge. Somit fällt eine Heilung der festgestellten Mängel in der angefochtenen Verfügung nicht in Betracht (vgl. zum Ganzen BVGE 2009/53 E. 7.3). 5.9 Zusammenfassend stellt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass für die Beurteilung der Glaubhafti gkeit der Asylvorbringen des Beschwerde- führers die eingereichten Beweismittel zu übersetzen, beizuziehen und an- schliessend zu beurteilen sind. Insbesondere sind die Beweismittel 18, 26, 31 und 35 eingehend zu prüfen. Anschliessend ist dem Beschwerdeführer hierzu das rechtliche Gehör zu gewähren. D-5836/2020 Seite 14 5.10 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die vorinstanzliche Verfügung aufzuheben und zur erneuten Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung ist damit gegenstandslos geworden. 7. Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihre s Obsiegens in Anwendung von Ar t. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2 ) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. 7.1 Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Par- teikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten der Vori nstanz eine Parteientschädigung v on insgesamt Fr. 3’050.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-5836/2020 Seite 15 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Der Entscheid vom 20. Oktober 2020 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewie- sen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Die Vorinstanz wird angewiesen, den Beschwerdeführenden eine Partei- entschädigung in der Höhe von Fr. 3’050.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die zustän- dige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Martina von Wattenwyl Versand: