B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3809/2011 U r t e i l v o m 2 9 . J u n i 2 0 1 2 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richter Bendicht Tellenbach; Gerichtsschreiberin Eva Zürcher. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch lic. iur. Emil Robert Meier, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 1. Juni 2011 / N (…). D-3809/2011 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess eigenen Angaben zufolge sein Heimatland am 25. August 2008 und gelangte über B._______ und C.______ am 27. August 2008 in die Schweiz, wo er gleichentags ein Asyl gesuch ein- reichte. Am 3. September 2008 wurde er im Empfangs- und Verfahrens- zentrum D._______ summarisch befragt und am 15. September 2008 hörte ihn das BFM zu seinen Asyl gründen direkt an. Mit Verfügung vom 16. September 2008 wurde er für die Dauer des Asylverfahrens dem Kan- ton E.______ zugewiesen. Der Beschwerdeführer brachte vor, er sei Staatsangehöriger von Sri Lanka, tamilischer Ethnie, stamme aus F._______ bei G._______ und habe in Z._______ gewohnt. Im November 2002 sei er von den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) zwangsrekrutiert und ausg ebildet worden. Dabei habe man ihn an verschiedenen Orten wie in H._______, in I.______, in J._______ und in K ._______ versetzt, bis ihm im Mai 2005 die Flucht nach M._______ geglückt sei. Zwei Monate später habe er sich den LTTE gestellt, nachdem diese seinen Vater festgenommen hätten. Im Mai 2007 habe er aus K._______, wo er als Buchhalter für die LTTE im Einsatz gewesen sei, fliehen können. Er sei nach Hause gegangen, dort einen Monat später von der srilankischen Armee festgenommen und nach schweren Miss handlungen auf der Strasse liegen gelassen worden. Er habe sich in Spitalpflege begeben müssen. Noch im gleichen Jahr sei er von der Armee und zwei Mal von den LTTE in seiner Abwesenheit an sei- nem Wohnort gesucht worden. Im Juni 2008 sei er von M.______ nach N._______ geflogen, von wo aus er die Ausreise aus seinem Heimatland angetreten habe. Der Beschwerdeführer gab eine Geburtsurkunde und eine Identitätskarte aus Sri Lanka zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 1. Juni 2011 stellte das BFM fest, der Be - schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. Es begründete seinen ableh nenden Ent- scheid damit, dass die Vorbringen insgesamt den An forderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht genügten. Die Aussagen des Beschwerd e- führers müssten vor dem Hintergrund der allgemein angespannten Situ a- tion betrachtet werden, welche während des Bürgerkriegs geherrscht h a-D-3809/2011 Seite 3 be. Während im Sommer 2006 der inne rstaatliche bewaffnete Konflikt zwischen der srilankischen Armee und den LTTE wieder aufgeflammt sei und insbesondere die Bevölkerung im Norden und Osten des Landes h a- be leiden müssen, wobei Angehörige der tamilischen Ethnie von den lokal bedingten Verfolgungsmassnahmen besonders betroffen gewesen seien, stelle sich die Situation heute anders dar, weil der Krieg zwischen der sr i- lankischen Regierung und den separatistischen LTTE im Mai 2009 mit de- ren Niederlage zu Ende gegangen sei. Seither befinde sich das gesamte Land wieder unter Regierungskontrolle und es sei zu keinen terrorist i- schen Aktivitäten der LTTE mehr gekommen. Auch wenn die Sicherheits - und Menschenrechtslage noch nicht in allen Teilen des Landes zufrieden- stellend sei, habe die Anzahl von Gewalt ereignissen erheblich abgenom- men. Die geschlagenen LTTE würden nicht mehr über handlungsfähige Strukturen verfügen, weshalb sie für den Beschwerdeführer keine unmi t- telbare Bedrohung mehr darstellten. Aus objektiver Sicht müsse er nicht befürchten, heute mit asylrelevanter Verfolgung seitens der LTTE konfron- tiert zu sein. Ausserdem handle es sich um Verfolgungsmassnahmen sei- tens Dritter, welche von den srilankischen staatlichen Behörden geahndet würden, weshalb er sich zur Schutzsuche an die lokalen zuständi gen In- stanzen wenden könne. Gestützt auf die bestehende Aktenlage sei von der grundsätzlichen Schutzwilligkeit des Staates auszugehen. Zudem sei der Einfluss von bewaffneten Gruppierungen stark zurückgegangen. Auch wenn die srilankischen Behörden gegen ehe malige Kämpfer und Fü h- rungspersönlichkeiten der LTTE vorgingen, um ein Wiedererstarken der LTTE zu verhindern, müsse der Beschwerdeführer nicht mit entsprechen- den Massnahmen rechnen, da er nie geltend gemacht habe, ein führe n- des Mitglied der LTTE gewesen z u sein. Zudem sei er nach Mitte 2007 gestützt auf seine Aussagen nicht mehr gesucht worden und habe im Juni 2008 von M.______ nach N.______ fliegen können, woraus deutlich e r- sichtlich sei, dass er bereits zu diesem Zeitpunkt von den srilankischen Behörden nicht mehr ernsthaft verdächtigt worden sein könne. Gegen Personen, die ernsthaft im Verdacht stünden, eine Gefahr für die Siche r- heit des srilankischen Staates darzustellen, werde behördlicherseits ko n- sequent vorgegangen, was beim Beschwerdeführer nicht de r Fall gew e- sen sei. Angesichts seines geringen politischen Profils sei nicht davon auszugehen, dass er im heutigen Zeitpunkt mit erheblicher Wahrschei n- lichkeit von asylrelevanten Schwierigkeiten bedroht sei. Den Weg - weisungsvollzug erachtete die Vorinsta nz als zulässig, zumutbar und möglich. Insbesondere führte das BFM aus, dass aufgrund der deutlichen Entspannung der Sicherheitslage und der Verbesserung der Lebensb e- dingungen auch eine Rückkehr in den Norden und Osten des Landes D-3809/2011 Seite 4 grundsätzlich wieder als zumutbar zu erachten sei. Der Vollzug der We g- weisung des aus dem Norden Sri Lankas stammenden Beschwerdefü h- rers sei somit zumutbar. Zugunsten des Wegweisungs vollzugs spreche vorliegend ferner, dass er über eine gute Schulbildung, berufliche Erfa h- rungen als Buchhalter und ein soziales und familiäres Beziehungsnetz im Heimatland verfüge. C. Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 5. Juli 2011 beantrag- te der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihm Asyl zu ge währen sowie even- tualiter sei infolge Unzulässigkeit beziehungs weise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme zu verfügen. Zur Be grün- dung wurde insbesondere vorgebracht, dass die Sichtweise des BFM zu kurz grei fe. Da der Beschwerdeführer unzweifelhaft Mitglied der LTTE gewesen sei, über mehrere Jahre für sie in der Finanzabteilung gewirkt und dabei beste Einblicke in die Organisation, die Arbeits - und Funkt i- onsweise dieser Abteilung sowie in vertrauliche Akten d er Finanzierung der LTTE erhalten habe, müsse er auch heute noch als wichtige Inform a- tionsquelle für die srilankischen Behörden, welche alles unternähmen, um die LTTE endgültig "aufzuräumen", betrachtet werden. Zudem habe er sich in der von den LTTE kontrollierten Region aufgehalten. Aufgrund die- ser Umstände sei es verfehlt, dem Beschwerdeführer ein Profil zuz u- schreiben, welches ihn der Verfolgungsgefahr entziehe. Sein Profil sei für die srilankischen Behörden höchst interessant und abklärungswürdig, weshalb er im Fall einer Rückkehr in sein Heimatland nach wie vor staa t- licher Verfolgung ausgesetzt sei. Nachdem er schon einmal Opfer staatl i- cher Gewalt geworden sei, müsse davon ausgegangen werden, dass er im Fall einer Verhaftung erneut mit asylrelevanter Ver folgung rechnen müsse, zumal es in Sri Lanka immer noch zu Folter und "Killings" komme. Aus der Angabe, er sei nur einmal von den staatlichen Behörden gesucht worden, könne – entgegen der Argumentation der Vorinstanz – nicht der Schluss gezogen werden, er werde nicht mehr ernsthaft der aktiven U n- terstützung für die LTTE verdächtigt. Diesbezüglich sei nämlich festzuhal- ten, dass er von den Behörden mit einem mehrfachen Beinbruch und b e- wusstlos liegen gelassen worden sei, weshalb diese wohl von seinem Tod ausgegangen seien. Zudem habe er sich anschliessend – auch wegen der ärztlichen Versorgung – bei einem Freund und nicht an seinem Wohnort aufgehalten. Schliesslich hätten die Eltern bei der Nachfrage nach seiner Person angegeben, er sei "verschwunden". Unter d iesen Umständen sei es nachvollziehbar, dass die Behörden nur ein Mal nach D-3809/2011 Seite 5 ihm gesucht hätten. Auch vor dem Hintergrund der veränderten Verhäl t- nisse könne eine Verfolgung nicht ausgeschlossen werden, da unter dem Regime der Ausnahmegesetze selbst heute noch in Sri Lanka Personen verschwänden oder getötet würden. Weil die staatlichen Behörden au f- grund der verstärkten Informationsbeschaffung in der letzten Phase des Bürgerkrieges Kenntnisse von den LTTE -Aktivitäten des Beschwerdefüh- rers gewonnen hätten, beste he für ihn weiterhin die ernsthafte Gefahr, staatlich verfolgt zu werden. Zudem sei es für ihn undenkbar, in einem Land mit denjenigen Behörden leben zu können, welche ihn bereits ei n- mal fast getötet hätten und von welchen nicht anzunehmen sei, dass sie die tamilenfeindliche Haltung ablegen würden. Auch wenn der Einschä t- zung des BFM bezüglich der Verfolgung durch die LTTE zugestimmt wer- den könne, so seien Vorbehalte angebracht hinsichtlich der staatlichen Schutzgewährung, zumal der Beschwerdeführer als ehem aliges LTTE - Mitglied kaum zur Polizei gehen und diese um Hilfe ersuchen könne. In s- gesamt sei ihm somit Asyl zu gewähren. Auch die Würdigung des BFM bezüglich des Wegweisungsvollzugs erweise sich als falsch und una n- gemessen; vielmehr werde die Situation im Land beschönigend darg e- stellt. Gestützt auf mehrere Berichte würden Angehörige der tamilischen Minderheit unter der noch immer geltenden Ausnahmeregelung bei Ve r- dacht auf Zugehörigkeit zur LTTE festgenommen und behalten. Auch wenn die extrajudiziellen "Kil lings" abgenommen hätten, seien schwere Menschenrechtsverletzungen zu verzeichnen. Die singhalesische Regi e- rung sehe sich in ihrem Machtanspruch gestärkt und weigere sich, auf die berechtigten Anliegen der tamilischen Bevölkerung einzugehen, weshalb diese auch in Zukunft erheblicher Diskriminierung und Repression ausge- setzt sein werde und ihr der rechtsstaatliche Schutz verwehrt bleibe. G e- mäss neusten Meldungen würden zurückgeschaffte Asylbewerber bei i h- rer Ankunft in N.______ sofort festgenommen, befragt u nd misshandelt. Es bestehe somit auch Foltergefahr. Unter diesen Umständen müsse der Wegweisungsvollzug als unzulässig und unzumutbar betrachtet werden. Der Eingabe lagen Kopien eines kurzen ärztlichen Berichts vom 9. Juli 2010 aus der Schweiz, eines kurz en ärztlichen Attests vom 5. Juni 2007 aus Sri Lanka und einer undatierten Bestätigung seines Vaters (Affidavit) bei. D. Mit Zwischenverfügung vom 15. August 2011 wurde dem Be - schwerdeführer mitgeteilt, dass er den Ausgang des Beschwerde ver- fahrens in der S chweiz abwarten könne. Zudem wurde er aufge fordert, D-3809/2011 Seite 6 innert der ihm angesetzten Frist einen Kostenvorschuss zu be gleichen, verbunden mit der Androhung, im Unterlassungsfall werde auf seine B e- schwerde nicht eingetreten. E. Der Kostenvorschuss wurde fristgerecht einbezahlt. F. In seiner Vernehmlassung vom 5. Juni 2012 hielt das BFM vollumfänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der B e- schwerde. G. Die Vernehmlassung des BFM vom 5. Juni 2012 wurde dem Beschwe r- deführer am 6. Juni 2012 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das BFM ge- hört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Au s- nahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. D as Bundesverwa l- tungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden B e- schwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Sch utz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bunde s- gerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts andere s bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Mangels Lesbarkeit des Stempels auf dem Rückschein, welcher das Eröffnungsdatum der angefochtenen Verfügung festhalten würde, und D-3809/2011 Seite 7 gestützt auf den Eingangsstempel des Rückscheins beim BFM vom 7. Juni 2011 ist zugunsten des Beschwerdeführers davon auszugehen, er habe die angefochtene Verfügung am 6. Juni 2011 in Empfang geno m- men. Damit ist d ie Beschwerde vom 5. Juli 2011 frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehung s- weise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1. Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2. Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in s ich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. Im Hinblick auf die vorzunehmende Prüfung, ob die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgewiesen hat, ist in einem ersten Schritt zu untersuchen, D-3809/2011 Seite 8 ob die vorgetragenen Fluchtgründe, die zur Ausreise aus dem Heimatland geführt haben, gesamthaft als glaubhaft gemacht zu erachten sind. 4.1. Das BFM argumentierte in der angefochtenen Verfügung mit der feh- lenden Asylrelevanz der Vorbringen des Beschwerdeführers und erwäh n- te nur am Rande, dass unter diesen Umständen auf die Prüfung der Glaubhaftigkeit der dargelegten Asylgründe zu verzichten sei. 4.2. Die Aussagen des Beschwerdeführers zu seiner Zwangsrekrutierung bei den LTTE erscheinen insgesamt als glaubhaft. Er gab in nachvol l- ziehbarer Weise an, von wann bis wann er unter welchen Umständen und aus welchen Gründen in welchem Lager der LTTE gelebt habe. Ebenfa lls nachzuvollziehen sind die dargelegten Gründe, warum er sich jeweils dort aufgehalten habe, ausgefallen. Auch konnte er konkret und genügend de- tailliert darlegen, wie die Trainings abgelaufen seien, welche sportlichen Leistungen man verlangt habe und an welchen Waffen er ausgebildet worden sei. Zudem können seinen Aussagen keine hinreichenden A n- haltspunkte entnommen werden, aus welchen auf grobe Widersprüc h- lichkeiten oder andere, auf die fehlende Glaubhaftigkeit hinweisende Elemente zu schliessen wäre. Auch der von ihm vorgebrachte Grund, wa- rum er sich letztendlich zur Rekrutierung bereit erklärt habe, die Umstä n- de der geltend gemachten und zwei Mal erfolgten Flucht aus den Lagern der LTTE sowie die Beschreibung der Festnahme durch die Armee nach der zweiten Flucht erscheinen insgesamt als überzeugend. Die von der befragenden Person anlässlich der Anhörung erhobenen Zweifel an der Darstellung des Beschwerdeführers (vgl. Akte A10/19 S. 10 ff.), warum er – obwohl als Mitglied der LTTE identifiziert und mit d em Codenamen an- gesprochen – nicht mitgenommen, sondern verletzt liegen gelassen wor- den sei , vermögen im Hinblick auf die damaligen Verhältnisse nicht zu überzeugen. Zumindest kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Si- cherheitskräfte angesichts der dem Beschwerdeführer zugefügten schwe- ren Verletzung im Fall einer Mitnahme seiner Person Schwierigkeiten b e- fürchteten und ihn deshalb liegen liessen. In seinem damaligen Zustand – nämlich bewusstlos – dürfte er für die sri -lankischen Sicherheitskräfte nicht dienlich, sondern eher ein Problem gewesen sein. Die Angaben des Beschwerdeführers, er habe sich aus Angst, von den Sicherheitskräften gefunden zu werden, in einem kleinen und für die Operation nicht gee ig- neten Spital behandeln lassen, man habe für die Operation deshalb einen Spezialisten aus einem andern Spital zuziehen müssen und er habe sich nach der Entlassung aus dem Spital nicht an seinem Wohnort, sondern bei einem Freund versteckt aufgehalten, lassen sich durchaus in den D-3809/2011 Seite 9 Gesamtzusammenhang seiner Vorbringen integrieren, zumal es nac h- vollziehbar erscheint, dass die Sicherheitskräfte für den Fall seines Übe r- lebens oder Bekanntwerdens des Aufenthaltsortes erneut nach ihm s u- chen würden und er somit weitere Vorsichtsmassnahmen im Hinblick auf eine befürchtete erneute Festnahme durch sri-lankische Sicherheitskräfte in Betracht zog. Seine Befürchtungen, seine Tätigkeit für die LTTE in der Abteilung der Buchhaltung könne ihm zum Nachteil werden, sollte er in die Hände der sri-lankischen Sicherheitskräfte fallen, sind folglich im Zeit- punkt der Ausreise nachvollziehbar gewesen. Ebenso plausibel konnte er angeben, warum er in einem gewissen Zeitpunkt mit Verfolgungsmas s- nahmen zu rechnen hatte, während er in einem andern Zeitpunkt – näm- lich als sich die Situation zwischenzeitlich etwas beruhigt hatte – unbehel- ligt reisen konnte, zumal auch allgemein bekannt ist, dass der Konflikt in Sri Lanka nicht immer die gleiche Intensi tät aufwies und sich infolgede s- sen die Reisemöglichkeiten je nach Situation wieder veränderten. 4.3. Insgesamt ist deshalb für die Beurteilung des vorliegenden Falles von folgendem glaubhaften Sachverhalt auszugehen: Der Beschwerd e- führer wurde im November 2002 durch die LTTE zwangsrekrutiert, abso l- vierte mehrere sportliche und militärische Trainings bei den LTTE und ar- beitete für diese Gruppierung bis im Mai 2005 in der Buchhaltung. Nach seiner Flucht wurde sein Vater von den LTTE festgenommen bis sich der Beschwerdeführer bei den LTTE wieder stellte, worauf er eine Strafe ve r- büssen musste und in der Folg e weiterhin in der Buchhaltung der LTTE arbeitete, bis ihm im Mai 2007 erneut die Flucht gelang . Anschliessend begab er sich zu seiner kranken Mutter, wo er indessen von der sri - lankischen Armee festgenommen, misshandelt und auf der Strasse ve r- letzt und bewusstlos liegen gelassen wurde. Später haben sich die Armee und die LTTE nach seinem Verbleib bei den Eltern erkundigt, worauf ihn diese als verschollen bezeichnet haben. Er indessen hat sich bis zur Aus- reise versteckt aufgehalten. 5. In einem nächsten Schritt ist somit zu prüfen, ob die vom Beschwerdefüh- rer vorgebrachten Ausreisegründe zur Anerkennung als Flüchtling zu füh- ren vermögen. 5.1. In Berücksichtigung der neusten Praxis des Bundesverwaltungsg e- richts (vgl. BVGE 6220/2006 vom 27. Oktober 2011) und i nsbesondere in Beachtung des in diesem Urteil formulierten Gefährdungsprofils von b e- stimmten Risikogruppen (vgl. a.a.O. E. 8) sind vorliegend folgende Fakto-D-3809/2011 Seite 10 ren relevant: Der Beschwerdeführer stand – was auch von der Vorinstanz nicht bezweifelt wurde – vor seiner Ausreise während mehrerer Jahre mit den LTTE in Verbindung, indem er für sie buchhalterische Arbeiten erl e- digte, was den sri -lankischen Sicherheitskräften offenbar bereits vor se i- ner Ausreise bekannt wurde und zu entsprechenden Verfolgungsmas s- nahmen führte. Zudem wurde er, was aufgrund des eingereichten ärztl i- chen Attests und der in diesem Zusammenhang als glaubhaft zu erac h- tenden Aussagen als erwiesen gelten kann, Opfer einer schweren Kö r- perverletzung durch Angehörige der sri -lankischen Sicherheitskräfte, was in einem weiten Sinn auch als Menschenrechtsverletzung zu betrachten ist. Als Rückkehrer aus der Schweiz schliesslich kann nicht ausgeschlo s- sen werden, dass er anlässlich seiner Rückkehr ins Heimatland einer n ä- heren Überprüfung seiner Person unt erzogen würde, womit wiederum seine frühere und mehrjährige Tätigkeit für die LTTE ans Tageslicht g e- bracht würde. Alle diese Faktoren in Kombination erhöhen das Risiko, dass der Beschwerdeführer bereits anlässlich seiner Wiedereinreise in sein Heimatland mit einer eingehenden Prüfung seiner Person zu rech- nen hätte . Im Hinblick darauf, dass eine Verbindung seiner Person zur LTTE teilweise bekannt war und deshalb naheliegend erscheint – auch im Hinblick auf seinen mehrjährigen Aufenthalt in der Schweiz – ist er einer der im erwähnten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts definierten Ris i- kogruppe zuzuordnen. Dabei vermag es vorliegend keine Rolle zu spi e- len, ob sein Beitrag bei den LTTE eher untergeordnet – wie vom BFM eingeschätzt – oder von herausragendem Profil – wie in der Beschwerde- schrift dargelegt – ist. Massgeblich ist vielmehr, dass er mit Codenamen als Mitglied der LTTE identifiziert, aus diesem Grund festgenommen, misshandelt und später wieder von der sri -lankischen Armee gesucht wurde. Damit läuft er Gefahr, bereits anlässlich der Wiedereinreise nach Sri Lanka zur Zielscheibe behördlicher Ermittlungen zu werden, wobei nicht auszuschliessen ist, dass er in diesem Zusammenhang auch mis s- handelt würde. 5.2. Die subjektive Furcht des Beschwerdeführers vor weiteren Misshand- lungen im Fall einer Rückkehr in sein Heimatland und einer erneuten U n- terstellung unter die Herrschaft der sri -lankischen Behörden erfährt damit auch eine objektiv nachvollziehbare Komponente. Die in der angefocht e- nen Verfügung vertretene Einsc hätzung, dass der Beschwerdeführer im Hinblick auf die seit Kriegsende eingetretene Verbesserung der Siche r- heitslage im Land im heutigen Zeitpunkt nicht mehr im Interesse der sri - lankischen Sicherheitskräfte stehen könne, da er nie geltend gemacht habe, ei n führendes Mitglied der LTTE gewesen zu sein, sondern vie l-D-3809/2011 Seite 11 mehr nur dargelegt habe, er sei zu Tätigkeiten für die LTTE gezwungen worden und habe zwei Mal die Flucht ergriffen, vermag angesichts dieser Erwägungen nicht zu überzeugen. Ferner wirkt auch die A rgumentation, er sei nach Mitte 2007 nicht mehr gesucht worden, nicht überzeugend. Nachdem seine Familie angegeben hat, er sei verschollen, hatten weder die sri-lankischen Sicherheitskräfte noch die LTTE Anlass zu einer weit e- ren Suche nach seiner Person, w ie im Beschwerdeverfahren zu Recht dargelegt wurde. Seine Angabe, er sei im Juni 2008 von M._______ nach N._______ gereist, kann schliesslich nicht als Hinweis für ein fehlendes Interesse nach seiner Person durch die sri -lankischen Sicherheitskräfte interpretiert werden, da er die Reise – gestützt auf seine Aussagen – mit einem veränderten Aussehen und einem Dokument auf einen andern Namen angetreten haben will, was einerseits angesichts der geltend g e- machten Umstände nachvollziehbar erscheint und andererse its als pla u- sibler Grund, warum er bei der Reise nicht erwischt wurde, betrachtet werden kann. Es wäre nicht angemessen, aus diesen Vorsichtsmas s- nahmen des Beschwerdeführers den Schluss zu ziehen, er sei nicht mehr ernsthaft der LTTE-Tätigkeiten verdächtigt worden. 5.3. Insgesamt ist somit – in Berücksichtigung der neusten Praxis des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. BVGE E -6220/2006 vom 27. Oktober 2011) – festzuhalten, dass der Beschwerdeführer unter das in diesem Ur- teil definierte Risikoprofil fällt. 5.4. In Anlehnung an das zuvor erwähnte Urteil des Bundesverwaltung s- gerichts ist folglich festzustellen, dass der Beschwerdeführer begründete Furcht vor künftiger Verfolgung hat. Unter diesen Umständen erübrigt es sich, auf die weitere Argumentation des BFM, auf die im Beschwerdever- fahren vorgebrachten Einwände des Beschwerdeführers gegen die v o- rinstanzliche Verfügung und auf die einzelnen Beweismittel näher einz u- gehen. 6. Der Beschwerdeführer erfüllt nach dem Gesagten nicht nur die Vorau s- setzung für die Anerkennung der F lüchtlingseigenschaft, sondern es ist ihm mangels Verwirklichung eines Ausschlussgrunds auch Asyl zu g e- währen (Art. 49 AsylG), zumal allein aus seiner Tätigkeit für die LTTE in der Abteilung der Buchhaltung und aus dem bei dieser Organisation a b- solvierten Training nicht auf eine Handlung zu schliessen ist, welche den Anforderungen an Art. 53 AsylG genügen würde. D-3809/2011 Seite 12 7. Die Beschwerde ist gutzuheissen, die angefochtene Verfügung auf zu- heben und das BFM anzuweisen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren. 8. Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens sind keine Verfahren s- kosten zu erheben (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der vom Beschwerdefü h- rer am 20. August 2011 bezahlte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.- ist ihm zurückzuerstatten. 9. Dem Beschwerdeführer ist angesichts des Obsiegens im Beschwerdever- fahren in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine Parteientschä digung für die ihm erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Ko s- ten zuzusprechen (vgl. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver waltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter legte keine Kostennote zu den Akten. Gemäss Präsidentenkonferenz des Bundesverwaltungsgericht wird bei Anwältinnen und Anwälten und anderen Rech tsvertreterinnen und -vertretern, die ihren Vertretungsaufwand nicht unaufgefordert und rechtzeitig ausweisen, grundsätzlich keine Kostennote eingeholt, sondern der zu entschädigende Parteiaufwand geschätzt (vgl. den auf der Hom e- page des Bundesverwaltungsg erichts abgelegten Geschäftsbericht 2009 S. 75). Aufgrund des geringen Aktenumfangs lässt sich der Parteiaufwand zudem hinreichend zuverlässig abschätzen, weshalb die Entschädigung für das Beschwerdeverfahren gestützt darauf festzusetzen ist (Art. 14 Abs. 2 in fine VKGE). Unter Berücksichtigung der massgebenden B e- messungsfaktoren (Art. 9 -13 VGKE) und der Entschädigungspraxis in Vergleichsfällen ist das BFM anzuweisen, dem Beschwerdeführer für das Rechtsmittelverfahren eine Parteientschädigung in der Höhe vo n pa u- schal Fr. 1'000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) D-3809/2011 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 1. Juni 2011 wird aufgehoben. Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl in der Schweiz zu gewä h- ren 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der vom Beschwerdeführer bezahlte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.- ist ihm zurückzue r- statten. 4. Dem Beschwerdeführer sind vom BFM Parteikost en in der Höhe von Fr. 1'000.- zu vergüten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständ i- ge kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Eva Zürcher Versand: