Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 20. Januar 2022 (720 21 196 / 14) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Angelegenheit wird an die IV-Stelle zurückgewiesen, damit diese zunächst die versicherungsmässigen Anspruchsvoraussetzungen prüft. Falls diese gegeben sind, hat sie den medizinischen Sachverhalt erneut abzuklären. Besetzung Präsidentin Doris Vollenweider, Kantonsrichter in Elisabeth Berger Götz, Kantonsrichter Christof Enderle, Gerichtsschreiberin Margit Campell Parteien A.____ , c/o KESB, Curt Götz-Strasse 2, 4102 Binningen, Beschwer- deführerin, vertreten durch Raffaella Biaggi, Advokatin, Advokatur Bi- aggi, St. Jakobs-Strasse 11, Postfach 2102, 4002 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109, 4102 Binningen, Be- schwerdegegnerin Betreff IV-Rente A.1 Die 1984 in X.____ geborene und aufgewachsene A. ____ reiste am 23. Juni 2010 mit ihrem Schweizer Ehemann und ihrer im Jahr 2009 gebo renen Tochter in die Schweiz ein. Die Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Ehe wurde im Jahr 2014 geschieden. In der Zeit vom September 2014 bis Dezember 2014 arbei- tete sie im Restaurant B.____ und bei der C.____ AG in Y.____. A.2 Am 28. Februar 2020 meldete sich A.____ unter Hin weis auf psychische und Verhaltens- störungen durch Alkohol, ein Abhängigkeitssyndrom, eine Bulimia nervosa und eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline Typs bei der Eidgenössischen Invalidenversiche- rung (IV) zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle Basel-Landschaft (IV-Stelle) untersuchte die er- werblichen und die gesundheitlichen Verhältnisse und holte bei Dr. med. D.____, Facharzt Psy- chiatrie und Psychotherapie, ein Gutachten ein, welches am 23. November 2020 erging. Gestützt auf diese Abklärungsergebnisse lehnte die IV-Stelle – nach Durchführung des Vorbescheidver- fahrens – mit Verfügung vom 15. Juni 2021 einen Rent enanspruch der Versicherten bei einem rentenausschliessenden Invaliditätsgrad von 0 % ab. Zur Begründung gab sie an, dass die Ver- sicherte in der angestammten Tätigkeit als Küchenhilfe oder Reinigungskraft nicht in der Arbeits- fähigkeit eingeschränkt sei. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokatin R affaella Biaggi, am 22. Juni 2021 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteil ung Sozialversicherungsrecht (Kan- tonsgericht). Sie beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die IV-Stelle sei zu verpflichten, ihr die gesetzliche Invalidenrente auszuzahlen. Eventualiter sei ein Gerichtsgutach- ten einzuholen. Subeventualiter sei die Sache zur gutach terlichen Abklärung des rechtserhebli- chen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen; unter o/e-Kostenfolge. In verfahrensrecht- licher Hinsicht beantragte sie die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass sich die IV-Stelle im angefochtene Entscheid auf unzu- reichende medizinische Unterlagen stütze. C. Mit Verfügung vom 28. Juni 2021 wurde der Beschwer deführerin die unentgeltliche Pro- zessführung und die unentgeltliche Verbeiständung mit Advokatin Raffaella Biaggi als Rechtsver- treterin bewilligt und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. D. Die IV-Stelle schloss in ihrer Vernehmlassung vom 1 1. August 2021 auf Abweisung der Beschwerde. Unter Hinweis auf die Ausführungen des Arztes des Regionalen Ärztlichen Diensts (RAD), Dr. med. E.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie sowie Allgemeine Innere Medizin, vom 15. Juli 2021 hielt sie an den im angefochtenen Entscheid geäusserten Standpunkten fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungs- gericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anf echtungsobjekt des vorliegenden Verfah- rens bildet eine Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft, sodass die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwer- den gegen Verfügungen der kantonalen IV-Stelle. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht vorliegenden Beschwerde zuständig. Auf die im Übrigen f rist- und formgerecht eingereichte Be- schwerde vom 22. Juni 2021 ist demnach einzutreten. 1.2 Am 1. Januar 2022 trat die vom Gesetzgeber am 19. Ju ni 2020 beschlossene Änderung des IVG ("Weiterentwicklung der IV", WEIV) in Kraft. D ie vorliegend angefochtene Verfügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V 354 E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 17. Januar 1961 sowie des Bundesgesetzes über den Allgemei- nen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Ok tober 2000 in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendbar (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Februar 2022, 8C_455/2021, E. 2). Sie werden im Folgenden jeweils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet. 2. Vorliegend ist streitig, ob die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Invalidenrente hat. Massgebend ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlas s der angefochtenen Verfügung vom 15. Juni 2021 entwickelt hat. Dieser Zeitpunkt bildet rechtsprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 129 V 4 E. 1.2 mit Hinweis). 3.1 Bevor die Frage eines allfälligen Rentenanspruchs der Beschwerdeführerin beurteilt wer- den kann, ist zu prüfen, ob sie die versicherungsmässigen An spruchsvoraussetzungen erfüllt. Gemäss Art. 6 Abs. 1 IVG haben schweizerische und ausländ ische Staatsangehörige sowie Staatenlose Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung. Versichert sind laut Art. 1b IVG Personen, die gemäss Art. 1a und Art. 2 des Bundesgesetze s über die Alters- und Hinterlas- senenversicherung (AHVG) vom 20. Dezember 1946 obligatorisch oder freiwillig versichert sind. Obligatorisch versichert sind unter anderem die natürli chen Personen mit Wohnsitz in der Schweiz (Art. 1a Abs. 1 lit. a AHVG). 3.2 Art. 6 Abs. 2 IVG bestimmt, dass ausländische Staatsan gehörige anspruchsberechtigt sind, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz haben und sofern sie bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben. Anspruch auf eine or- dentliche Rente haben Versicherte jedoch nur, wenn sie bei Eintritt der Invalidität während min- destens drei Jahren Beiträge geleistet haben (Art. 36 Abs. 1 IVG). Anspruch auf eine ausseror- dentliche Rente haben invalide Ausländer und Staatenlose, die als Kinder die Voraussetzungen von Art. 9 Abs. 3 IVG erfüllt haben (Art. 39 Abs. 3 IVG). 3.3.1 Gestützt auf die eingereichten IV-Akten steht fest, dass die Beschwerdeführerin am 23. Juni 2010 in die Schweiz eingereist ist (vgl. act. 11 ). Es ist daher davon auszugehen, dass sie sich im Juni 2020 während 10 Jahren in der Schweiz a ufgehalten hat und damit die Voraus- setzung von Art. 6 Abs. 2 IVG erfüllt. 3.3.2 Weiter ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin auch die Voraussetzungen von Art. 36 Abs. 1 IVG erfüllt und im Zeitpunkt des Eintritts der I nvalidität während drei Jahren Beiträge ge- leistet hat. Für die Berechnung der ordentlichen Rente n sind auch dafür die Bestimmungen des Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht AHVG sinngemäss anwendbar. Gemäss Art. 29 ter Abs. 2 AHVG gelten als Beitragsjahre Zeiten, in welchen eine Person Beiträge geleistet hat (lit. a), in welchen der Ehegatte gemäss Art. 3 Abs. 3 AHVG mindestens den doppelten Mindestbeitrag entrichtet hat (lit. b) oder für die Erziehungs- oder Betreuungsgutschriften angerechnet werden können (lit. c). 3.3.3 Gemäss den Angaben im Auszug des individuellen K ontos (IK-Auszug) der Beschwerde- führerin steht fest, dass sie die Voraussetzungen von Art. 29 ter Abs. 2 lit. a und lit. b AHVG nicht erfüllt. So leistete sie nicht während der erforderlichen Zeit persönliche Beiträge an die AHV, ging sie doch einzig in der Zeit von September 2014 bis Dezember 2014 aufgrund ihrer Tätigkeiten im Restaurant B.____ sowie der C.____ AG einer beitragsp flichtigen Beschäftigung nach. Zudem entrichtete auch der Ehemann nicht den doppelten Mindestbeitrag. Fraglich ist jedoch, ob die Erfüllung der Beitragszeit aufgrund der Erziehungsgutschriften zu be- jahen ist. Diese wird Versicherten für diejenigen Jahre angerechnet, in welchen ihnen die elterli- che Sorge für eines oder mehrere Kinder zusteht, die das 16. Altersjahr noch nicht erreicht haben (Art. 29 sexies Abs. 1 AHVG). Die Beschwerdeführerin ist Mutter einer Tochter, die am 25. Mai 2009 geboren wurde und die mit ihren Eltern im Juni 2010 in die Schweiz eingereist ist. Den Akten ist weiter zu entnehmen, dass die Tochter fremdplatziert ist (vgl. act. 13), wobei nicht festgestellt werden kann, ab wann dies der Fall war und ob die Be schwerdeführerin die elterliche Sorge trotzdem innehatte. Die elterliche Sorge über ihre To chter wurde ihr aber im Zeitpunkt, als ihre Ehe im September 2014 geschieden wurde, entzogen. Seither hat der Vater des Kindes das al- leinige Sorgerecht (vgl. act. 7). Diese Angaben in den eingereichten Akten reichen nach Auffas- sung des Gerichts nicht aus, um mit überwiegender Wahrscheinlichkeit feststellen zu können, ob die Beschwerdeführerin die dreijährige Mindesbeitrag szeit im Sinne von Art. 29 ter Abs. 2 lit. c AHVG erfüllt hat. 3.4 Zu beachten ist ferner, dass die Mindestbeitragszeit vor Eintritt der Invalidität geleistet werden muss (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 4. März 201 4, 8C_721/2013, E. 4.1). Ein An- spruch auf Rentenleistungen kann somit nur entstehen, wen n bei der um Leistungen nachsu- chenden Person der Versicherungsfall erst nach der Einreise in die Schweiz eingetreten ist. Vor- liegend ist der Zeitpunkt des Eintritts der leistungsspezifischen Invalidität unklar, was nachfolgend zu prüfen ist. 4.1 Als Invalidität gilt nach Art. 8 ATSG die voraussich tlich bleibende oder längere Zeit dau- ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von Geburtsgebre- chen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Unter Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be- einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Er- werbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden allge meinen Arbeitsmarkt zu verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksich- tigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem n ur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2). Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.2 Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psy chischen Gesundheitsbeeinträchtigung setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Diagnose nach einem wissenschaftlich anerkann- ten Klassifikationssystem voraus (BGE 131 V 49 E. 1.2 und 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Zu beto- nen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltenden psychischen Leiden belastenden psy- chosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen kein Krankheitswert zukommt. Ein inva- lidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat voraus, das die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit we- sentlich beeinträchtigt. Ist eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der weiteren Frage zentrale Bedeutung zu, ob und in wiefern, allenfalls bei geeigneter therapeu- tischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig erwartet wer- den kann, zu arbeiten und einem Erwerb nachzugehen (BG E 127 V 294 E. 5a mit Hinweisen). Zur Annahme einer durch eine psychische Gesundheitsbeeinträchtigung verursachten Erwerbs- unfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Pe rson nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehmen ist, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit sei ihr sozial- praktisch nicht mehr zumutbar oder – als alternative Vora ussetzung – sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; vgl. auch BGE 127 V 294 E. 4c in fine). 4.3.1 Zu ergänzen ist, dass das Bundesgericht im Entsche id 143 V 418 entschieden hat, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukt urierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind. Dieses Verfahren de finiert systematisierte Indikatoren, die – unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Be lastungsfaktoren einerseits und Kom- pensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – im Rege lfall erlauben, das tatsächlich erreich- bare Leistungsvermögen ergebnisoffen und symmetrisch zu beurteilen (BGE 141 V 281 E. 3.6). Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diagnostischen Einordnung des Leidens, ob es ge- lingt, auf objektivierter Beurteilungsgrundlage den Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tra- gen hat (BGE 143 V 409 E. 4.5.2 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2). 4.3.2 Das Bundesgericht hat mit BGE 145 V 215 weiter erkannt, dass auch fachärztlich ein- wandfrei diagnostizierten Abhängigkeitssyndromen und Sub stanzkonsumstörungen nicht zum vornherein jede invalidenversicherungsrechtliche Relevanz abgesprochen werden kann. Primäre Abhängigkeitssyndrome sind daher – wie sämtliche psychisc hen Erkrankungen – grundsätzlich einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen. Mithin fallen Suchter- krankungen als invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (p sychische) Gesundheitsschäden nunmehr ebenfalls in Betracht. Diese Rechtsprechungsän derung ist im Grundsatz sofort und überall anwendbar. Sie gilt nicht nur für künftige, sondern für alle im Zeitpunkt der Änderung hängigen Fälle, weshalb sie auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden ist (Urteil des Bundesgerichts vom 7. Mai 2018, 8C_756/2017, E. 4 mit Hinweisen). 5.1 Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und insbe sondere auch bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person ist die rechtsanwendende Behörde – die Verwal- tung und im Streitfall das Gericht – auf Unterlagen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurtei- len und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 133 E. 2, 114 V 310 E. 3c, 105 V 156 E. 1). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht Darüber hinaus bilden die ärztlichen Stellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, welche anderen Erwe rbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Person auf dem allgemeinen, ausgeglichenen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommenden Arbeitsmarkt zumutbarerweise noch verrichtet werden können (vgl. ULRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschätzung, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozialversiche- rung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 5.2 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach d em für den Sozialversicherungspro- zess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche B eweisregeln, sowie umfassend und pflicht- gemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversic herungsgericht alle relevanten Be- weismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprech enden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist demnach entschei dend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgeg eben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch- tet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind. Ausschlagge- bend für den Beweiswert ist somit grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gut- achten (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; AHI-Praxis 2001 S. 113 E. 3a). 5.3 Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem Gr undsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführlichen Zusammenstellungen dieser Richt- linien in BGE 125 V 351 ff. E. 3b und in AHI-Praxis 2 001 S. 114 E. 3b, jeweils mit weiteren Hin- weisen). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spe- zialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen so- wie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssi- gen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung voll e Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exp ertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4, 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen). I n Bezug auf Berichte von behandelnden Ärzten darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 125 V 351 E. 3b/cc). Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und von Begutachtungs- auftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits (BGE 124 I 170 E. 4) lässt nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass wei- terer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ä rzte zu anderslautenden Einschätzun- gen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht weil die behandelnden Ärzte wichtige – und nicht rei n subjektiver ärztlicher Interpretation ent- springende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Beg utachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteile des Bundesgerichts vom 26. Novem ber 2019, 8C_549/2019, E. 3.2 mit Hinweis, und vom 8. April 2020, 8C_60/2020, E. 3.2). 6. Das Administrativverfahren wie auch der kantonale So zialversicherungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben Verwal- tung und Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klar- heit besteht (Urteil des Bundesgerichts vom 6. Februar 2008, 8C_163/2007, E. 3.2). Was zu be- weisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist der Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über de n Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ents chieden werden kann (Urteil des Bun- desgerichts vom 7. März 2019, 9C_57/2019, E. 3.2). 7.1 Zur Beurteilung des vorliegenden Falls liegen vers chiedene medizinische Unterlagen vor, die vom Gericht gesamthaft gewürdigt wurden. Im Folgenden werden diejenigen Gutachten und Berichte wiedergegeben, welche sich als zentral erweisen. 7.2 Dr. D.____ diagnostizierte in seinem Gutachten vo m 23. November 2020 mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine kombinierte Persönlichkeitsstö rung mit emotional-instabilen und disso- zialen Anteilen sowie eine Abhängigkeit von Alkohol und Metamphetaminen, derzeit im geschütz- ten Rahmen abstinent, wobei ein erneuter Konsum von Suchtmitteln und somit ein Rückfall sehr wahrscheinlich sei. Unter den aktuellen Bedingungen (eines geschützten und hochstrukturierten Rahmens in der Justizvollzugsanstalt [JVA] Z.____) sei die Beschwerdeführerin aus gutachterli- cher Sicht sehr wohl in der Lage, einer Arbeitstätigkeit als Küchenhilfe oder Reinigungskraft (ent- sprechend ihren letzten Arbeitstätigkeiten) nachzugehen. Sie habe im Gutachtungszeitpunkt (19. Oktober 2020) in der JVA-internen Wäscherei gearbeitet und über keine diesbezüglichen Prob- leme berichtet. Es läge ein fast vollschichtiges Leistungsver mögen im Bereich des allgemeinen Arbeitsmarkts vor und die Beschwerdeführerin könne intell ektuell einfache Tätigkeiten im Rah- men einer engmaschigen Führung erledigen. Aktuell seien weder psychotische Symptome noch ausgeprägte affektive Auffälligkeiten feststellbar. Aus diesem Grund seien dauerhafte Einschrän- kungen der beruflichen Leistungsfähigkeit nur aufgrund der Abhängigkeitserkrankung für Tätig- keiten mit Gefährdungen, Durchführen und Bedienen kom plexer Maschinen und Fahrgeräten, Erklettern von Leitern und Gerüsten sowie Hantieren mit Gefahrstoffen festzustellen. 7.3 Zum Gutachten von Dr. D.____ liess sich der RAD-Arzt Dr. E.____ am 22. Januar 2021 verlauten. Er hielt im Wesentlichen fest, dass die Diagn osen sowie die daraus resultierende Ar- beitsfähigkeit plausibel begründet seien. Dr. D.____ habe korrekt zwischen krankheitsbedingten und invaliditätsfremden Faktoren differenziert. Auch habe er die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nachvollziehbar anhand des strukturierten Beweisverfahrens unter Berücksichtigung der bundes- gerichtlichen Vorgaben erläutert. Demnach lägen durcha us Ressourcen vor, indem die Be- schwerdeführerin unter geeigneten Umgebungsbedingunge n voll arbeite. Aus dem Gutachten gehe hervor, dass der Substanzentzug in einem äusserlich strukturierten Rahmen vollständig Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht problemlos gewesen sei und keine nennenswerten resp. kein e unbeherrschbaren Entzugser- scheinungen erwähnt worden seien. Damit müssen das Vorliegen einer schweren und therapie- resistenten Suchterkrankung sowie dauerhafte und invalidisierende Folgeschäden verneint wer- den. Der Suchtproblematik fehle damit zumindest betreffend die Arbeitsfähigkeit das wichtige Kri- terium der Dauerhaftigkeit und der Erheblichkeit, denn im Rahmen der JVA arbeite die Beschwer- deführerin annähernd vollzeitig. Hinzu komme, dass es ihr zumutbar sei, in der laufenden Be- handlung umfassend mitzuwirken, zumal sie im vollen Besi tz ihrer Urteils- und Handlungsfähig- keit sei. Im Ergebnis könne auf das Gutachten von Dr. D.____ vollumfänglich abgestellt werden. 7.4 In den Akten befindet sich auch der Bericht des die B eschwerdeführerin in der JVA be- handelnden Psychiaters Dr. med. F.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, Forensisch Psy- chiatrischer Dienst V.____, vom 15. März 2021. Er führt e aus, dass seinem Eindruck nach die psychischen Funktionen der Beschwerdeführerin deutlich schwerer beeinträchtigt seien, als dies im Gutachten von Dr. D.____ festgestellt worden sei. Gemäss Dr. F.____ handle es sich bei den kognitiven Defiziten um Langzeitfolgen des Alkoholkonsums un d des Metamphetamin-Ge- brauchs. Es sei davon auszugehen, dass die vorbestehende P ersönlichkeitsstörung durch den mehrjährigen, teilweise exzessiven Substanzmittelgebrauch sowie die daraus resultierenden fort- bestehenden Schädigungen und deren alltagspraktischen Auswirkungen massiv verstärkt werde. Dr. F.____ erachtete die gutachterlichen Untersuchungen als ungenügend und das Gutachten für die Feststellung des medizinischen Sachverhalts als unzurei chend. Gemäss seiner Einschät- zung, welche in Kenntnis der Aktenlage und unter Berücksichtigung der eigenen Untersuchungen sowie der gezeigten alltagspraktischen und beruflichen Funktionsfähigkeit der Beschwerdeführe- rin erfolgt sei, sei sie unter Berücksichtigung der Bedingungen in der freien Wirtschaft allerhöchs- tens teilarbeitsfähig. Diese Problematik sei nicht unmittelbar auf die Substanzwirkung zurückzu- führen, sondern sei sehr wahrscheinlich eine Kombinatio n aus den Auswirkungen der Persön- lichkeitsstörung und der substanzbedingten (weiterhin) pe rsistierenden Folgeschäden. Aus die- sem Grund seien weitere Abklärungen, insbesondere eine neuropsychologische Untersuchung und gegebenenfalls eine erneute psychiatrische Begutachtung, in Erwägung zu ziehen. 7.5 Dr. E.____ hielt am 10. Mai 2021 und am 15. Juli 2021 zum Bericht von Dr. F.____ und dessen Kritik am Gutachten von Dr. D.____ fest, dass es we der in den Akten noch in der gut- achterlichen Untersuchung Hinweise für neuropsychologische Defizite gebe, welche eine Arbeit in den in Frage kommenden Tätigkeiten als Küchenhil fe und Reinigungstätigkeit grundsätzlich einschränken könnten. Zwar sei die Konzentration der Beschwerdeführerin durch eine gewisse Sprunghaftigkeit etwas vermindert, doch habe die Beschwerdeführerin dem gutachterlichen Ex- plorationsgespräch einwandfrei folgen können. Als Küc henhilfe und in einer Reinigungstätigkeit seien die Konzentrationsanforderungen nicht derart h och, dass die Arbeitsfähigkeit durch eine gewisse Weitschweifigkeit beeinträchtigt werden würde. Zudem habe es in der Vergangenheit nie Arbeitsabbrüche aufgrund der Konzentrationsanforderu ngen gegeben, sondern aufgrund der Persönlichkeitsstörung und des Substanzmissbrauchs. Diese Diagnosen habe Dr. D.____ in sei- nem Gutachten aber berücksichtigt. Dass die Beschwerdeführerin im Rahmen des Aufenthalts in der JVA dysphorisch sei und eine niedergeschlagene Stimmu ng zeige, sei den äusseren Um- ständen des Freiheitsentzugs zuzuordnen sowie der Persönlichkeitsstörung, welche im Gutach- ten aber bereits hinlänglich beschrieben worden sei. Zusammenfassend komme er zum Schluss, dass sich aus dem Bericht von Dr. F.____ keine objektiven medizinischen Befunde, Sachverhalte Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht oder anderweitige Argumente entnehmen liessen, welche es erlauben würden, das Gutachten des forensischen Psychiaters Dr. D.____ grundlegend in F rage zu stellen. Auch könne daraus keine Indikation für eine neuropsychologische Untersuchung abgeleitet werden. 8.1.1 Die IV-Stelle Basel-Landschaft stützte ihre Verfü gung vom 15. Juni 2021 bei der Beurtei- lung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auf das Gutach- ten von Dr. D.____ vom 23. November 2020. Sie ging da von aus, dass die Versicherte keinen Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkei t aufweise und daher in den ange- stammten Tätigkeiten als Küchenhilfe und Reinigungsfac hfrau zu 100 % arbeitsfähig sei. Wie oben ausgeführt (vgl. E. 5.3 hiervor), ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht e rstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Be weiswürdigung volle Beweiskraft zu- zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertisen sprechen. Vorliegend ergeben sich unüberwindbare Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit des von der Beschwerdegegnerin als massgebend erachteten Guta chtens von Dr. D.____ vom 23. November 2020. So fällt bereits im Rahmen der Befunderhebung auf, dass der Gutachter sich in erster Linie auf die Ausführungen der Beschwerdeführerin stützte und diese unkritisch übernahm, ohne sie zu hinterfragen. Auch fehlt es an einer nach vollziehbaren Herleitung der gestellten Di- agnosen und an einer Auseinandersetzung mit der Frage der Komorbidität des Alkohol- und Me- tamphetaminkonsums sowie der anderen psychischen Störung. Die kombinierte Persönlichkeits- störung mit emotional-instabilen sowie dissozialen Antei len stützte Dr. D.____ nicht auf seine eigenen Untersuchungen, sondern in erster Linie auf die Angaben in den ihm zugänglichen me- dizinischen Berichten. In der Folge fehlt auch eine plausible Begründung, warum diese Diagnose – wie der Gutachter festhält – nicht im Vordergrund stehen soll. Er fokussierte sich dann auf die ebenfalls festgestellte Abhängigkeit von Alkohol und Metamphetaminen. Dazu liess er verlauten, dass die Beschwerdeführerin aktuell im geschützten Rahmen der JVA nicht oder nur unter er- schwerten Bedingungen an Suchtmittel gelange. Die Rückf allquote einer Abhängigkeitserkran- kung sei insgesamt sehr hoch und die Situation nach Beendigung der Haftstrafe sei sehr ungüns- tig. Dennoch attestierte er ihr auch für die Zeit nach der Entlassung aus der JVA eine vollständige Arbeitsfähigkeit in den angestammten Tätigkeiten, was nicht nachvollzogen werden kann. Dabei scheint der Gutachter zu verkennen, dass die Situation im Vollzug, welche er selbst als geschützt und hochstrukturiert bezeichnet, bei der Zumutbarkeitsbe urteilung nicht ohne weiteres auf den ersten Arbeitsmarkt übertragen werden kann. Er stützte si ch dabei auf die Angaben der Be- schwerdeführerin, wonach sie gerne in der Wäscherei arbeite und dort keine Probleme habe. Dr. D.____ hinterfragte diese Ausführungen nicht und über nahm sie unkritisch als Basis für seine Zumutbarkeitsbeurteilung im Gutachten. Zu beachten ist , dass diese Informationen der Be- schwerdeführerin diskrepant den Angaben im Bericht von Dr. F.____ vom 15. März 2021 wider- sprechen, der die Beschwerdeführerin seit Ende September 2020 während der stationären Mas- snahme in der JVA betreut. Seine Feststellungen ergeben ein differenzierteres als das vom Gut- achter vertretene Bild des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin. Dr. F.____ bringt vor, dass sich während seiner Behandlung eine deutlich schwerere Beeinträchtigung der Beschwer- deführerin gezeigt habe. Unter Berücksichtigung der Bedingungen in der freien Wirtschaft sei sie allerhöchstens teilarbeitsfähig. Auch wies er daraufhin, dass bei der Beschwerdeführerin deutli- che affektive Auffälligkeiten und kognitive Defizite vorliegen würden. Es habe sich gezeigt, dass Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht die Beschwerdeführerin den Anforderungen in der Wäsche rei nicht gewachsen gewesen sei, denn ihre Leistungen seien weder quantitativ noch qualitativ gut gewesen. Sie brauche eine 1:1 Betreuung und sei deshalb ins Werkatelier versetzt worden. Diese Ausführungen von Dr. F.____ stellen die gutachterlichen Erkenntnisse von Dr. D.____ in Frage und verursachen erhebliche Zweifel an seiner Beurteilung. Daran ändert nichts, dass auch spezialärztlich behandelnde Medi- zinalpersonen im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer Patienten oder Patientinnen aussagen (Urteil des Bundesgerichts vom 27. September 2017, 8C_295/2017, E. 6.4.2 mit Hinweisen) . Es ist unter diesen Umständen nicht nachvollziehbar, warum die Beschwerdegegnerin keine Stellungnahme von Dr. D.____ zum Be- richt von Dr. F.____ veranlasste und Dr. E.____ das Gutachten als beweistauglich bezeichnete. 8.1.2 Entgegen der Auffassung von Dr. E.____ (vgl. Be richt vom 22. Januar 2021, oben E. 7.3) enthält das psychiatrische Gutachten keine Indikatorenprüfung nach einem strukturierten norma- tiven Prüfungsraster. Es entspricht daher auch unter diesem Aspekt nicht den bundesgerichtli- chen Vorgaben an einen beweistauglichen ärztlichen Bericht. Eine solche wäre aber mit Blick auf das in BGE 145 V 215 publizierte Urteil des Bundesgeri chts vom 11. Juli 2019, 9C_724/2018, erforderlich gewesen. Wie zuvor erwähnt (vgl. oben E. 4.3.2), hat das Bundesgericht in diesem Urteil entschieden, dass auch Abhängigkeitssyndrome und Substanzkonsumstörungen dem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unte rziehen sind. Eine solche Überprü- fung fehlt im psychiatrischen Gutachten von Dr. D.____. Entsprechend der früheren Rechtspre- chung hat er es in seinem Gutachten vom 23. November 20 20 unterlassen, die Folgen der Suchterkrankung der Versicherten anhand der normativen Vorgaben eines strukturierten Beweis- verfahrens darauf hin zu überprüfen, ob und inwieweit sich das von ihm fachärztlich diagnosti- zierte Abhängigkeitssyndrom auf die Arbeitsfähigkeit ausw irkt. Unter diesen Umständen ist ins- besondere die Frage offengeblieben, ob die willentliche Natur eines fortgesetzten Substanzkon- sums durch die Versicherte vorbehaltlos bejaht werden kann. Damit wurde letztlich nicht geklärt, ob der Beschwerdeführerin eine Abstinenz, wie sie für die Verwirklichung ihrer Arbeitsfähigkeit vorausgesetzt wäre, überhaupt zumutbar ist. Das Gutachten von Dr. D.____ vom 23. November 2020 vermag daher auch mit Blick auf die neue Rechtsprec hung des Bundesgerichts nicht zu überzeugen. Die gesundheitlichen Verhältnisse der Versi cherten sind daher unter Berücksichti- gung einer Indikatorenprüfung erneut abzuklären. Dies drängt sich auch in Anbetracht der Tatsa- che auf, dass der Gutachter bei der Beschwerdeführerin das Vorliegen einer Simulation oder Aggravation nicht bestätigen konnten (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.2.1). 8.2 Zusammenfassend ist aufgrund der vorstehenden Ausfüh rungen festzustellen, dass das Gutachten von Dr. D.____ erhebliche Mängel aufweist. So fehlt eine seriöse Auseinandersetzung mit der Krankengeschichte sowie eine Beurteilung der Wechselwirkungen zwischen den erhobe- nen Befunden. Zudem fehlt eine Indikatorenprüfung im Sinne der in BGE 145 V 215 geänderten Rechtsprechung. Dies ist vorliegend unverständlich, denn der Gutachter betrachtete bei der Be- urteilung der medizinischen Situation und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin die Alko- hol- und die Metamphetaminabhängigkeit als zentral. Die IV-Stelle hätte daher vor Erlass des angefochtenen Entscheids und auch unter Berücksichtigung des Berichts von Dr. F.____ bei Dr. D.____ eine entsprechende Ergänzung des Gutachtens verlangen müssen. Indem sie sich dies- bezüglich einzig auf die nicht überzeugenden Angaben des RAD-Arztes Dr. E.____ vom 22. Ja- nuar 2021 stützte, fehlt es an einer lege artis durchgeführten Indikatorenprüfung, weshalb sie den Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht rechtserheblichen Sachverhalt ungenügend abgeklärt hat. Eine erneute Prüfung des Rentenbe- gehrens in Form ergänzender Abklärungen ist bei dieser Aktenlage unerlässlich. 8.3.1 Gemäss neuerer bundesgerichtlicher Rechtsprechu ng können die Sozialversicherungs- gerichte nicht mehr frei entscheiden, ob sie eine Streitsache zur neuen Begutachtung an die Ver- waltung zurückweisen. Die Beschwerdeinstanz hat vielmehr im Regelfall selbst ein Gerichtsgut- achten einzuholen, wenn sie einen im Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen Sachverhalt überhaupt für gutachtlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativexpertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Eine Rü ckweisung an die IV-Stelle bleibt hinge- gen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erheb ung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist oder wenn lediglich eine Klarstell ung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (BGE 137 V 210 E. 4.4.1). 8.3.2 Einer Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ste ht vorliegend nichts entgegen. Dabei hat die Beschwerdegegnerin – wie vorstehend ausgeführt (vgl. E. 3.3.3) – zunächst zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin die versicherungsmässigen Anspruchsvor aussetzungen erfüllt. Wenn diese gegeben sind, hat sie die im Verwaltungsverfahren versäumten medizinischen Abklärungen nachzuholen. Die IV-Stelle hat den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Versicherten nochmals umfassend durch einen in den Bereichen Persön lichkeitsstörungen und Suchterkran- kungen qualifizierten Facharzt oder eine qualifizierte Fachärztin der Psychiatrie gutachterlich ab- zuklären. Dabei wird auch die Frage zu untersuchen sein , seit wann und in welchem Ausmass die erhobenen Diagnosen attestiert werden können. Zudem wird diese Fachperson auch über die Notwendigkeit einer neuropsychologischen Abklärung zu en tscheiden haben. Gestützt auf die Ergebnisse dieser Aktenergänzung wird die IV-Stelle anschliessend über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu zu befinden haben. Nach erf olgter Abklärung im Sinne der Erwä- gungen hat sie über den Rentenanspruch der Beschwerdefüh rerin neu zu verfügen. Die vorlie- gende Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen. 9.1 Gemäss Art. 69 Abs. 1 bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Be- willigung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Verfahrensaufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Verfahrenskosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens einheitlich auf Fr. 800.-- fest. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei in angemes- senem Ausmass auferlegt. Vorliegend ist die IV-Stelle unterliegende Partei, weshalb die Verfah- renskosten ihr aufzuerlegen sind. 9.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und na ch der Schwierigkeit des Prozesses be- messen. Nach ständiger Praxis des Bundesgerichts genügt für den bundesrechtlichen Anspruch auf eine Parteientschädigung auch ein formelles Obsiegen in dem Sinne, dass der Beschwerde führenden Person durch die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und der Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Beurteilung alle Rechte im Hinblick Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht auf eine beanspruchte Leistung gewahrt bleiben (BGE 132 V 215 E. 6.2). Nachdem die Be- schwerde gutzuheissen und die Sache zur erneuten Abklärung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, hat diese der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung aus- zurichten. Ihre Rechtsvertreterin machte in der Honorarnote vom 17. August 2021 einen Zeitauf- wand von 10 Stunden und 45 Minuten geltend, welcher si ch in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen als angemessen erweist. Di ese Bemühungen sind zu dem in Sozialversicherungsprozessen praxisgemäss für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelan- genden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Ni cht zu beanstanden sind die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslagen von Fr. 127.80. Die IV-Stelle hat der Beschwerdeführerin somit eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'03 2.10 (10 Stunden und 45 Minuten à Fr. 250.-- plus Fr. 127.80 und 7.7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. 10. Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht zulässig ge- gen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbständig eröffnete Zwischenentscheide sind – mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zuständi gkeit und über Ausstandsbegehren (vgl. Art. 92 BGG) – nur mit Beschwerde in öffentlich- rechtlichen Angelegenheiten anfechtbar, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an den Versicherungsträger zur Aktenergänzung und an- schliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenent- scheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BGG. Dies gilt auch f ür einen Rückweisungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiell-rechtlichen Anspruchsvorausset- zungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich um solchen einen Zwischenentscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn eine Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Voraussetzungen zulässi g. Ob diese erfüllt sind, entscheidet das Bundesgericht. Die nachstehende Rechtsmittelbelehrun g erfolgt unter diesem ausdrückli- chen Vorbehalt. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen , als die angefochtene Verfügung der IV-Stelle Basel-Landschaft vom 15. Juni 2 021 aufgeho- ben und die Angelegenheit zur erneuten Abklärung im Sinne der Erwä- gungen und zum Erlass einer neuen Verfügung an die Vor instanz zu- rückgewiesen wird. 2. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 800.-- we rden der IV-Stelle Basel-Landschaft auferlegt. 3. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerdefü hrerin eine Partei- entschädigung in der Höhe von 3'032.10 (inkl. Auslagen und 7,7 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Vermerk eines allfälligen Weiterzugs