B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6617/2023 U r t e i l v om 11 . D e z e m b e r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Jeannine Scherrer-Bänziger, mit Zustimmung von Richter Yannick Antoniazza-Hafner; Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren am (…), ohne Nationalität, vertreten durch Amer Sadaldin, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 23. November 2023. D-6617/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reichte am 19. September 2023 in der Schweiz ein Asylgesuch ein. B. Ein Abgleich mit der europäi schen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein- heit Eurodac) ergab, dass sie am 23. Mai 2023 in B._______ um Asyl nach- gesucht hatte. C. Beim Dublin-Gespräch vom 10. Oktober 2023 gab die Beschwerdeführerin an, Ende August 2022 sei sie nach B._______ gelangt, wo sie ein Asylge- such gestellt habe. Sie habe dort zwei Interviews gehabt. Im ersten Ge- spräch sei ihr erklärt worden, dass die (…) Behörden Schweden um ihre Übernahme ersuchen würden, da sie dort über einen Aufenthaltstitel ver- füge beziehungsweise verfügt habe. Anlässlich des zweiten Gesprächs sei ihr bestätigt worden, dass sie nach Schweden zurückkehren müsse. Sie habe sich eine Zeit la ng bei ihrem in B._______ lebenden Bruder aufge- halten. Sie sei nämlich am Ende gewesen und habe sich erholen müssen. Ihr Bruder habe sie schliesslich von B._______ in die Schweiz gebracht , wo ein weiterer Bruder lebe. Ihr Leben sei in Schweden und in B._______ in Gefahr gewesen. Die Beschwerdeführerin erklärte im Rahmen des ihr gleichzeitig gewährten rechtlichen Gehörs zur allfälligen Zuständigkeit Schwedens für die Durch- führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens beziehungsweise zur Weg- weisung dorthin, sie habe Todesangst vor ihrem Ehemann. Er werde be- stimmt versuchen, sie zu finden und umzubringen. Sie habe während circa sieben Monaten mit ihm in Schweden gelebt. Er habe sie schlecht behan- delt und geschlagen; das Leben mit ihm sei die Hölle gewesen. Anfang s habe er ihr versprochen, dass sie in Schweden studieren und arbeiten könne, später aber habe er ihr gar nichts erlaubt und sie gezwungen, zu Hause zu bleiben. Sie habe eigentlich im C._______ studiert und hätte gerne in Schweden weiterstudiert, aber ihre Familie sei dagegen gewesen. Ihre Familie habe gewollt, dass sie zu ihm gehe und ihn heirate. Sie habe sieben Monate lang sehr viel gelitten , weshalb sie schliesslich nach B._______ geflüchtet sei. Die (…) Behörden hätten sich jedoch gegen ihr Asylgesuch entschieden. Sie habe Todesangst, wieder nach Schweden zu- rückzukehren. Dort habe sie ständig in Angst gelebt und mehrmals ver- sucht, sich das Leben zu nehmen. Sobald sie zurückkehre, werde ihr D-6617/2023 Seite 3 Ehemann sie umbringen. Auf die Frage, weshalb sie sich dazu entschieden habe, Schweden und damit ihren Ehemann ausgerechnet nach sieben Mo- naten zu verlassen, gab die Beschwerdeführerin an, er habe ihr ihren Rei- sepass während diesen sieben Monaten weggenommen. Ohne den Ehe- mann an ihrer Seite habe sie das Haus nicht verlassen dürfen. Dann seien die Feiertage gekommen und er habe ihr vorgeschlagen, dass sie ihren Bruder in B._______ besuchen könnte, und ihr für diese Reise ihren Pass gegeben. Sie habe die Chance genutzt und sei aus Schweden ausgereist. Die Frage, ob sie in Schweden wegen der Situation mit ihrem Ehemann zur Polizei gegangen sei, verneinte sie. Er habe ihr verboten, alleine aus dem Haus zu gehen. Für den Fall, dass sie dies trotzdem tun sollte, habe er ihr gedroht, sie umzubringen. Sie habe nirgendwohin gehen können. D. Am 10. Oktober 2023 ersuchte das SEM die schwedischen Behörden um Übernahme der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b in Verbindung mit Art. 12 Abs. 1 respektive Art. 12 Abs. 4 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen P arlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio- nalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die schwedischen Behörden hiessen das Übernahmeersuchen am 17. Ok- tober 2023 gestützt auf Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO gut. E. Am 30. Oktober 2023 führte das SEM eine ergänzende Befragung der Be- schwerdeführerin durch. Sie bestätigte, sie habe – bevor sie nach B._______ gelangt sei – in Schweden etwa sieben Monate mit ihrem Ehe- mann zusammengelebt und dabei Gewalt erlebt. Sie habe wiederholt ver- sucht, sich das Leben zu nehmen, weil sie in ihrer Ehe viel Leid erlebt habe. Sie sei als Palästinenserin in Syrien geboren. Im Jahr (…) sei sie mit ihrer Familie nach C._______ geflüchtet. Im C._______ sei ihre Ehe vereinbart worden, weshalb sie schliesslich nach Schweden, wo ihr Ehemann gelebt habe, gereist sei. F. Es wurden – nebst einer Überweisung des D._______ vom 11. Oktober D-6617/2023 Seite 4 2023 zur konsiliarpsychiatrischen Abklärung – ärztliche Kurzberichte des- selben (…) vom 29. September 2023, 11. Oktober 2023, 23. Oktober 2023, 30. Oktober 2023 und 7. November 2023 zu den Akten gereicht. G. Mit Schreiben vom 4. November 2023 liess der in der Schweiz lebende Bruder der Beschwerdeführerin das SEM wissen, dass er bereit sei, seine Schwester zu unterstützen. H. Mit Verfügung vom 23. November 2023 – eröffnet am 24. November 2023 – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte die Weg- weisung nach Schweden, forderte sie – unter Androhung von Zwangsmit- teln im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Be- schwerdefrist zu verlassen, beauftragte den Kanton E._______ mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte der Beschwerdeführerin die e ditions- pflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine allfäl- lige Beschwerde gegen die Verfügung habe keine aufschiebende Wirkung. I. Die Rechtsvertretung teilte dem SEM m it Schreiben vom 24. November 2023 mit, dass das Mandatsverhältnis beendet sei. J. Mit Eingabe vom 28. November 2023 erhob die Beschwerdeführerin gegen die Verfügung des SEM vom 23. November 2023 Beschwerde an das Bun- desverwaltungsgericht. Sie beantragte, ihr Asylgesuch sei in der Schweiz zu behandeln. Der Beschwerde beigelegt waren eine Vollmacht, bereits beim SEM einge- reichte Unterlagen (ärztlicher Kurzbericht vom 30. Oktober 2023 und Schreiben des Bruders der Beschwerdeführerin vom 4. November 2023 inkl. dessen Aufenthaltsbewilligung B [alles in Kopie ]) sowie zwei an die Beschwerdeführerin adressierte Dokumente der Migrationsbehörde in F._______ (Schreiben vom 3. Juli 2023 [in Schwedisch] und eine E-Mail [in Englisch]) betreffend Abklärung eines möglichen Widerrufs der befristeten Aufenthaltserlaubnis. K. Die Instruktionsrichterin setzte am 30. November 2023 gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus. D-6617/2023 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch hier – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun- gen (Art. 5 VwVG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formge- recht eingereichte Beschwerde (Art. 105 und 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 2. 2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung de s rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungsk ompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelri chterli- cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs- weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu be gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften- wechsel verzichtet. 3. 3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg- weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). D-6617/2023 Seite 6 3.2 Besitzt der Antragsteller einen gültigen Aufenthaltstitel, so ist der Mit- gliedsstaat, der den Aufenthaltstitel ausgestellt hat, für die Prüfung des An- trags auf internationalen Schutz zuständig (Art. 12 Abs. 1 Dublin -III-VO). Der zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, einen Antragsteller, der wäh- rend der Prüfung seines Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen An- trag gestellt hat, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder auf- zunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO). 4. Beim Dublin-Gespräch erklärte die Beschwerdeführerin, die (…) Behörden hätten ihr gesagt, sie müsse aufgrund eines Aufenthaltstitels in Schweden dorthin zurückkehren. Das SEM ersuchte deshalb die schwedischen Be- hörden am 10. Oktober 2023 um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b in Verbindung mit Art. 12 Abs. 1 respektive Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO. Die schwedischen Behörden hiessen das Er- suchen am 17. Oktober 2023 gestützt auf Art. 12 Abs. 1 Dublin-III-VO gut, womit sie zum Ausdruck brachten, dass die Beschwerdeführerin zum Zeit- punkt ihres Asylgesuchs in der Schweiz über einen gültigen Aufenthaltstitel in Schweden verfügte. Somit ist die grundsätzliche Zuständigkeit Schwe- dens gegeben und die Beschwerdeführerin vermag aus den mit der Be- schwerde eingereichten Dokumenten aus Schweden im Zusammenhang mit einer Abklärung eines möglichen Widerrufs ihrer befristeten Aufent- haltserlaubnis nichts für sich abzuleiten. 5. Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen geltend gemacht, die Be- schwerdeführerin sei in Schweden wegen ihres Ehemannes einem sehr hohen physischen und psychischen Druck ausgesetzt gewesen. Sie sei von ihrer Familie gezwungen worden, zu heiraten. Sie habe wenig Le- benserfahrung und sei körperlich sehr schwach. Nun suche sie Zuflucht in der Schweiz, wo ihr Bruder lebe und sie Schutz und Unterstützung erhalten könne. Eine Überstellung nach Schweden würde ihr Leben und ihre Ge- sundheit gefährden, was gegen die Menschenrechte verstosse. Sie sei traumatisiert sowie körperlich und mental sehr müde. Ausserdem sei sie selbstmordgefährdet und benötige dringend psychiatrische Hilfe. Sie leide an einer schweren Depression und posttraumatischen Bela stungsstörung sowie Flashbacks, was medizinisch zu bestätigen sei. Viele Gründe wür- den gegen eine Überstellung nach Schweden sprechen, nicht nur die dort für Flüchtlinge allgemein schwierige Lage. Aufgrund der Unzumutbarkeit einer Überstellung nach Schwede n sei ein Selbsteintritt der Schweiz im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin -III-VO und Art. 29 a Abs. 3 AsylV 1 D-6617/2023 Seite 7 angebracht. Die Situation sei für verletzliche Personen besonders prekär. Die Beschwerdeführerin gehöre als traumatisierter Flüchtling aus Syrien einer besonders verletzlichen Personenkategorie an. Die Bedingungen ins- besondere in den Erstaufnahmezentren würden stark variieren und seien oftmals ungenügend. Da in den Zentren kaum mehr spezialisiertes Perso- nal anwesend sei, sei sowohl die Identifikation von vulnerablen Personen, namentlich traumatisierter Schutzsuchender, und folglich ihre Unterstüt- zung und Behandlung nur in Ausnahmefällen möglich. Die Anzahl spezia- lisierter Plätze für Personen mit physischen oder psychischen Beeinträch- tigungen sei seit Jah ren ungenügend. Die Beschwerdeführerin würde lie- ber sterben als nach Schweden zurückzukehren, wo sie erneut in eine le- bensgefährliche Situation geraten und an die schlimmen Erlebnisse erin- nert würde. Ihr Gesundheitszustand habe sich nach dem vorinstanzlichen Entscheid verschlimmert, sodass sie zur Beruhigung mehr Medikamente habe einnehmen müssen. Ihr junges Alter, die geringe Lebenserfahrung, der Umstand, dass sie noch nie etwas alleine gemacht habe und ihre Angst vor dem Verfahren in Schweden betreffend Aufenthalt müssten zu ihren Gunsten berücksichtigt werden. 6. 6.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu- ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei- sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand- lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin- gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Staat als zustän- dig bestimm t werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 6.2 Es gibt keine wesentlichen Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Schweden würden systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dub- lin-III-VO aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdi- genden Behandlung gemäss Art. 4 der EU -Grundrechtecharta mit sich bringen würden (vgl. etwa Urteile des BVGer D-6136/2023 vom 15. No- vember 2023 E. 4.6; F-535/2021 vom 8. März 2021 E. 7.1). So ist Schwe- den Vertragsstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri -D-6617/2023 Seite 8 gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in- ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist nach dem Gesagten nicht gerechtfertigt. 7. 7.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü - fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver- ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani- tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin -III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 7.2 Es gilt die Vermutung, dass Schweden – als Dublin-Mitgliedstaat – bei der Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens die einschlägi- gen völkerrechtlichen Verpflichtungen respektiert. Die Beschwerdeführerin bringt nichts Substanzielles vor, was diese Vermutung widerlegen könnte, und auch eine Durchsicht der Akten fördert keinerlei Hinweise auf das Be- stehen eines völkerrechtlichen Vollzugshindernisses im Sinne von Art. 3 EMRK – welches zwingend zu einem Selbsteintritt führen müsste – zutage. Es ist daher davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in Schwe- den ein faires Asyl- und Wegweisungsverfahren unter Beachtung des Non- Refoulement-Gebots erwarten kann und adäquate Unterstützung und Un- terbringung erhalten wird. Im Übrigen ist mit der Vorinstanz darauf hinzu- weisen, dass Schweden das Übereinkommen des Europarats vom 11. Mai 2011 zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und D-6617/2023 Seite 9 häuslicher Gewalt (sog. Istanbul -Konvention, SR 0.311.35) ratifiziert und umgesetzt hat. Diverse Nichtregierungsorganisationen betreiben «Anti-Ge- walt-Zentren» und Unterkünfte für Opfer häuslicher Gew alt, wo die Be- schwerdeführerin im Bedarfsfall Schutz und Sicherheit finden kann (vgl. angefochtene Verfügung, S. 6). Sollte sie sich weiterhin vor Übergriffen seitens ihres Ehemannes fürchten oder sogar solche erleiden, steht es ihr auch offen, behördliche n Schutz zu beanspruchen, zumal es sich bei Schweden um einen Rechtsstaat mit funktionierendem Polizei - und Jus- tizsystem handelt. Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass die Be- schwerdeführerin bei einer Überstellung nach Schweden in eine existenzi- elle Notlage geraten könnte. 7.3 7.3.1 Zum medizinischen Sachverhalt gab die Beschwerdeführerin beim Dublin-Gespräch vom 10. Oktober 2023 an, sie habe keine körperlichen Beschwerden, leide aber an psychischen Problemen. Nachts könne sie nicht schlafen. In der Unterkunft in der Schweiz sei sie zum Gesundheits- dienst gegangen, wo ihr zwei Medikamente abgegeben worden seien, um schlafen zu können. Am folgenden Tag habe sie einen Termin bei einem Psychiater. Auch anlässlich der ergänzenden Befragung vom 30. Oktober 2023 wies sie darauf hin, dass sie sich psychisch nicht wohl fühle. Den Termin beim Psychiater habe sie wahrgenommen. Der Arzt wisse, dass sie mehrmals an Suizid gedacht habe. Sie habe in Schweden und in B._______ versucht, sich das Leben zu nehmen. Aufgrund der Erlebnisse könne sie in der Nacht nicht schlafen, vielleicht höchstens zwei Stunden. Aus den vorliegenden medizinischen Unterlagen (SEM -act. 22/3, 24/4, 26/4, 29/2, 30/2, 32/1 ) ergibt sich, dass bei der Beschwerdeführerin die Notwendigkeit der Impfu ng gegen Virushepatitis, die Notwendigkeit der Impfung gegen Diphtherie-Pertussis-Tetanus mit Poliomyelitis, Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen sowie der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurden. Si e wurde geimpft und es wurden ihr verschiedene Medikamente ( Redormin, Relaxane und Quetiapin) verschrieben. Das D._______ führte in seinem Kurzbericht vom 11. Oktober 2023 unter anderem aus, dass bei der Be- schwerdeführerin Gedächtnisstörungen im Sinne von Flashbacks vorhan- den seien. Sie sei im Affekt deprimiert, ängstlich und innerlich unruhig. Wei- ter bestehe eine Störung der Vitalgefühle und auch der Nachtschlaf sei mit Albträumen gestört. Die Patientin erwähne Suizidgedanken und -vorhaben, sollte sie aus der Schweiz ausgewiesen werden. Zum aktuellen Untersu- chungszeitpunkt bestehe kein Anhalt für eine akute Selbst - und/oder D-6617/2023 Seite 10 Fremdgefährdung. Der ärztliche Kurzbericht des D._______ vom 7. No- vember 2023 hält als Procedere regelmässige Elektrokardiogramme (EKG) und Laborkontrollen sowie nach Möglichkeit eine ambulante psychi- atrisch-psychotherapeutische Behandlung fest. Abklärungen des SEM bei den zuständigen Gesundheitsdiensten der Bundesasylzentren (BAZ) (…) und (…) ergaben am 22. November 2023, dass die Beschwerdeführerin am 11. Oktober 2023 einen Termin beim Psychiater wahrgenommen habe. Es seien ihr psychische Beschwerden diagnostiziert worden und sie sei zwecks vertiefter Abklärung ihres Leidens und detaillierter Definierung ei- ner Psychopharmaka -Therapie zur Konsiliarpsychiatrie überwiesen wor- den. Aus Kapazitätsgründen habe das medizinische Fachpersonal der zu- ständigen Gesundheitsbetreuung des BAZ (…) entschieden, dass derzeit kein unmittelbarer dringlicher Bedarf für eine konsiliarpsychiatrische Abklä- rung gegeben sei. Der Beschwerdeführerin sei in Rücksprache mit dem Psychiater Quetiapin in Reserve verschrieben worden. Die körperliche Un- tersuchung sei am 13. Oktober 2023 und das EKG am 3. November 2023 nachgeholt worden. Die Resultate seien bei beiden U ntersuchungen un- auffällig gewesen. Am 8. November 2023 habe sich die Beschwerdeführe- rin letztmals bei der zuständigen Gesundheitsbetreuung des BAZ (…) ge- meldet, wobei sie über Angstzustände in der Nacht geklagt habe. Darauf- hin sei ihr erneut Quetiapin in R eserve abgegeben worden. Ausser den bereits eingereichten würden keine weiteren Arztberichte vorliegen. Auch seien zurzeit keine Arzttermine ausstehend. 7.3.2 Auch wenn die gesundheitlichen, namentlich die psychischen Prob- leme der Beschwerdeführerin nicht zu verharmlosen sind, so erweisen sie sich doch nicht als derart gravierend, dass gestützt auf Art. 3 EMRK von einer Überstellung nach Schweden abgesehen werden müsste (vgl. dazu Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] Papos- hvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Schweden verfügt über eine ausreichende medizini- sche Infrastruktur (vgl. etwa Urteil des BVGer D-6136/2023 E. 4.7.4) und ist verpflichtet, den Antragstellenden die erforderliche medizinische Versor- gung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Be- handlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie). Antragstellen- den mit be sonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich psychologischer Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Da die Beschwerdeführerin in Schwe- den eine gültige Aufenthaltsbewilligung besitzt, dürfte sie dort – wie bereits das SEM im angefochtenen Entscheid festgehalten hat – über einen D-6617/2023 Seite 11 gültigen Krankenversicherungsschutz verfügen. Sie kann sich nach dem Gesagten im Bedarfsfall an das zuständige medizinische Fachpersonal in Schweden wenden. Es liegen keine Hinweise vor, wonach dieses Land sei- nen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin -III-VO in medizinischer Hin- sicht nicht nachkommen würde. Hinsichtlich der in der Beschwerde er- wähnten Selbstmordgefährdung gilt es festzuhalten, dass gemäss bundes- gerichtlicher Rechtsprechung Suizidalität für sich allein kein Vollzugshin- dernis darstellt (vgl. Urteil des BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2), was auch der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. statt vieler Urteil des BVGer F -2034/2022 vom 23. Mai 2022 E. 9.5 m.H.). D ie mit der Überstellung beauftragten Behörden würden die besonderen Be- dürfnisse der Beschwerdeführerin – einschliesslich die der notwendigen medizinischen Versorgung – berücksichtigen, sollte dies erforderlich sein (vgl. Art. 31 Abs. 2 Dublin-III-VO). Ebenso hat die Vorinstanz dem aktuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin bei der Organisation der Überstellung nach Schweden Rechnung zu tragen, indem sie die schwedi- schen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig über den Gesundheitszustand und die notwendige medizinische Behand- lung zu informieren hat. Gemäss der angefochtenen Verfügung wird das SEM die schwedischen Behörden entsprechend informieren. 7.4 Gestützt auf die Ausführungen, wonach ein Bruder d er Beschwerde- führerin in der Schweiz lebe, ist sodann zu prüfen, ob die Anwesenheit die- ses Bruders (G._______, geb. […] [N (…)]) einer Überstellung im Rahmen des vorliegenden Dublin-Verfahrens entgegensteht. Vorab gilt es festzustellen, dass es sich bei Ge schwistern nicht um Fami- lienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO handelt. Im Weite- ren sind vorliegend die in Art. 16 Abs. 1 Dublin -III-VO erwähnten Ermes- sensdeterminanten (Schwangerschaft, neugeborenes Kind, schwere Krankheit, ernsthafte Beh inderung, hohes Alter), welche eine Unterstüt- zung des Bruders erfordern würden, nicht erfüllt. Ferner muss eine famili- äre Bindung – ungeachtet dessen, dass eine solche gemäss den Angaben der Beschwerdeführerin bereits im Herkunftsland bestanden hat (vgl. SEM- act. 23/12, S. 10 F64) – verneint werden, zumal sie erst am 19. September 2023 in die Schweiz einreiste, während ihr Bruder gemäss einem Eintrag im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) bereits am 30. Januar 2017 hierher gelangte. Dass der Bruder in der Schweiz über eine Aufent- haltsbewilligung verfügt und gemäss seinem Schreiben vom 4. November 2023 bereit ist, seine Schwester zu unterstützen, vermag zu keiner ande- ren Einschätzung zu führen. Auch im Lichte von Art. 8 EMRK besteht keine D-6617/2023 Seite 12 völkerrechtliche Verpflichtung der Schweiz zu einem Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO. 7.5 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vorinstanz sodann bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermes- sensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Ak- ten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über - res- pektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 7.6 Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ih- ren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen. An dieser Einschätzung kann der Wunsch der Beschwerdeführerin nach einem Verbleib in der Schweiz nichts ändern. Es liegen weder völkerrechtliche Vollzugshinder- nisse vor, welche die Schweiz zum Selbsteintritt verpflichten würden, noch Rechtsfehler bei der Ermessensbetätigung. Infolgedessen ist kein Grund für einen Selbsteintritt der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 i.V.m. Art. 17 Dublin-III-VO ersichtlich. Schweden bleibt zuständiger Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO und ist verpflichtet, die Beschwerdeführerin wieder- aufzunehmen. 8. Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten und hat ihre Überstellung nach Schweden verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Be- schwerde ist abzuweisen. 9. Der am 30. November 2023 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegen- dem Urteil dahin. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒ 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi- gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE , SR 173.320.2]) der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite) D-6617/2023 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Jeannine Scherrer-Bänziger Karin Schnidrig Versand: