<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 57 S.308</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">308</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>57 Rechtliches</b></span> <span class="ft2"><b>Gehör.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Gewährung des rechtlichen Gehörs in dringenden Fällen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 15. September 2008 in</span><br/> <span class="ft5">Sachen X. gegen den Regierungsrat (WBE.2008.220).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeführerin macht eine Verletzung elementarer</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensrechte geltend und verlangt die Wiedererteilung der auf-</span><br/> <span class="ft1">schiebenden Wirkung wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs. Ihr</span><br/> <span class="ft1">sei keine Einsicht in sämtliche Akten gewährt worden und sie habe</span><br/> <span class="ft1">zur beabsichtigten Disziplinarmassnahme der Verwaltung nicht Stel-</span><br/> <span class="ft1">lung nehmen können. Die Eröffnung der Massnahme an "Ort und</span><br/> <span class="ft1">Stelle" könne nicht als Gewährung des rechtlichen Gehörs bezeichnet</span><br/> <span class="ft1">werden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">309</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Umfang des Anspruchs auf rechtliches Gehör wird zu-</span><br/> <span class="ft1">nächst durch die kantonalen Verfahrensvorschriften umschrieben.</span><br/> <span class="ft1">Erst wo sich dieser Rechtsschutz als ungenügend erweist, greifen die</span><br/> <span class="ft1">unmittelbar aus Art. 29 Abs. 2 BV folgenden bundesrechtlichen Mi-</span><br/> <span class="ft1">nimalgarantien Platz (BGE 129 I 232 Erw. 3.2 mit Hinweisen; 124 I</span><br/> <span class="ft1">241 Erw. 2; AGVE 2003, S. 155 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst insbesondere den</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf Anhörung vor Erlass einer Verfügung oder eines Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheids. Den Betroffenen ist Gelegenheit zu geben, sich in Kenntnis</span><br/> <span class="ft1">des Sachverhalts (§ 15 Abs. 2 VRPG) mündlich oder schriftlich zu</span><br/> <span class="ft1">äussern, wenn dies besonders vorgeschrieben ist oder wenn ihnen</span><br/> <span class="ft1">Nachteile erwachsen könnten, die durch nachträgliche Aufhebung</span><br/> <span class="ft1">der Verfügung oder des Entscheids nicht wieder zu beseitigen wären</span><br/> <span class="ft1">(§ 15 Abs. 1 VRPG). Der aus Art. 29 Abs. 2 BV abgeleitete Anspruch</span><br/> <span class="ft1">auf rechtliches Gehör umfasst die Rechte der Parteien auf Teilnahme</span><br/> <span class="ft1">am Verfahren und auf Einflussnahme auf den Prozess der Entscheid-</span><br/> <span class="ft1">findung. In diesem Sinne dient das rechtliche Gehör einerseits der</span><br/> <span class="ft1">Sachaufklärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes</span><br/> <span class="ft1">Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, der in die</span><br/> <span class="ft1">Rechtsstellung des Einzelnen eingreift. Dazu gehört auch das Recht,</span><br/> <span class="ft1">an der Erhebung wesentlicher Beweise mitzuwirken oder sich zumin-</span><br/> <span class="ft1">dest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den</span><br/> <span class="ft1">Entscheid zu beeinflussen (BGE 124 I 241 Erw. 2 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Das Äusserungsrecht hat eine Hinweis- und Warnfunktion, indem es</span><br/> <span class="ft1">vor überraschenden Entscheidungen schützt und so Ausdruck eines</span><br/> <span class="ft1">fairen Verfahrens ist (Michele Albertini, Der verfassungsmässige</span><br/> <span class="ft1">Anspruch auf rechtliches Gehör im Verwaltungsverfahren des</span><br/> <span class="ft1">modernen Staates, Bern 2000, S. 259 mit Hinweisen; AGVE 2003,</span><br/> <span class="ft1">S. 155; 2000, S. 292, je mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">1.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Inspektion fand am 20. Juni 2008 in der Praxis der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin statt. Sie begann um 09.00 Uhr und dauerte bis</span><br/> <span class="ft1">11.30 Uhr. Der Beschwerdeführerin wurde das Vorgehen bei Beginn</span><br/> <span class="ft1">erläutert und begründet. Die Beschwerdeführerin erklärte sich mit</span><br/> <span class="ft1">dem Vorgehen einverstanden. Nach der Besichtigung der Praxis-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">310</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">räumlichkeiten fand die Befragung der Beschwerdeführerin durch</span><br/> <span class="ft1">den Kantonsarzt statt, eine Juristin des Rechtsdienstes des DGS be-</span><br/> <span class="ft1">fragte die medizinische Praxisassistentin. Themen der Befragung der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführerin waren die Schwangerschaftsabbrüche in der</span><br/> <span class="ft1">Klinik Z. , die Operationen in der Praxis und in der Klinik sowie ein-</span><br/> <span class="ft1">zelne Operationsberichte. Die Beschwerdeführerin hat sich zu den</span><br/> <span class="ft1">Vorhalten geäussert und auch zur Missachtung des Operationsverbots</span><br/> <span class="ft1">Stellung genommen. Mündlich eröffnete der Kantonsarzt der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführerin anschliessend die Einleitung des Disziplinarverfah-</span><br/> <span class="ft1">rens und den vorsorglichen Entzug der Berufsausübungsbewilligung</span><br/> <span class="ft1">wie auch den Entzug der Suspensivwirkung einer allfälligen Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde.</span><br/> <span class="ft1">Die angefochtene (schriftliche) Verfügung vom 20. Juni 2008</span><br/> <span class="ft1">wurde der Beschwerdeführerin im Anschluss an die Praxisinspektion</span><br/> <span class="ft1">gleichentags per Fax zugestellt.</span><br/> <span class="ft1">1.4.</span><br/> <span class="ft1">Aus den vorstehenden Erwägungen folgt, dass die Verfahrens-</span><br/> <span class="ft1">garantien der Beschwerdeführerin gewahrt wurden. Sie konnte sich</span><br/> <span class="ft1">insbesondere zum massgeblichen Sachverhalt, die Missachtung des</span><br/> <span class="ft1">Verbotes jeglicher operativer Eingriffe, äussern und auch zum vor-</span><br/> <span class="ft1">sorglichen Berufsausübungsverbot Stellung nehmen. Angesichts der</span><br/> <span class="ft1">in Frage stehenden Missachtung eines rechtskräftigen Verbots zur</span><br/> <span class="ft1">Durchführung operativer Tätigkeiten ist auch nicht zu beanstanden,</span><br/> <span class="ft1">dass der Beschwerdeführerin die Praxisinspektion, deren Gegenstand</span><br/> <span class="ft1">und die allfällige Einleitung des Disziplinarverfahrens nicht vor dem</span><br/> <span class="ft1">20. Juni 2008 angekündigt wurde. Nachdem die Meldungen der</span><br/> <span class="ft1">Strafverfolgungsbehörden eindeutige Anhaltspunkte für eine Miss-</span><br/> <span class="ft1">achtung des Operationsverbots enthielten, war die Praxisinspektion</span><br/> <span class="ft1">unangemeldet durchzuführen. Für die Gewährung des rechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Gehörs und der Mitwirkungsrechte genügte es unter diesen Umstän-</span><br/> <span class="ft1">den, dass die Beschwerdeführerin an der Praxisinspektion teilnehmen</span><br/> <span class="ft1">und sich zu den Feststellungen des Kantonsarztes, zum vorgesehenen</span><br/> <span class="ft1">vorsorglichen Verbot der Berufsausübung sowie zum Entzug des</span><br/> <span class="ft1">Suspensiveffekts äussern konnte (vgl. BGE 113 Ia 81 Erw. 3a mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen; § 15 Abs. 1 VRPG).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">311</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Anlässlich der Praxisinspektion ergab sich, dass die Operation</span><br/> <span class="ft1">der Patientin U. am 25. Juni 2008 in der Praxis geplant war, sodass</span><br/> <span class="ft1">die Aufsichtsbehörde zu "raschem Handeln" verpflichtet war. Die</span><br/> <span class="ft1">mündliche Eröffnung der vorgesehenen Massnahme und die Zustel-</span><br/> <span class="ft1">lung der schriftlichen Verfügung - im Einverständnis der Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">deführerin mittels Telefax - am gleichen Tag sind daher nicht zu be-</span><br/> <span class="ft1">anstanden. Steht eine Gefährdung, insbesondere von polizeilichen</span><br/> <span class="ft1">Schutzgütern unmittelbar bevor, kann eine vorgängige Anhörung</span><br/> <span class="ft1">unterbleiben (§ 15 Abs. 3 VRPG; Albertini, a.a.O., S. 308 f. mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen).</span><br/></div> </div> </body> </html>